PRIMS Full-text transcription (HTML)
REIGEN
ZEHN DIALOGE
GESCHRIEBEN WINTER 1896 97 BUCHSCHMUCK VON BERTHOLD LÖFFLER
WIENER VERLAGWIEN VND LEIPZIG1903

K. U. K. HOFBUCHDRUCKER FR. WINIKER & SCHICKARDT, BRÜNN

[1]

REIGEN ZEHN DIALOGE PERSONEN

  • DIE DIRNE
  • DER SOLDAT
  • DAS STUBENMÄDCHEN
  • DER JUNGE HERR
  • DIE JUNGE FRAU
  • DER EHEGATTE
  • DAS SÜSSE MÄDEL
  • DER DICHTER
  • DIE SCHAUSPIELERIN
  • DER GRAF
Reigen. 1
[2][3]

DIE DIRNE UND DER SOLDAT

[4][5]
Spät Abends. An der Augartenbrücke.
Soldat
(kommt pfeifend, will nach Hause).
Dirne.

Komm, mein schöner Engel.

Soldat
(wendet sich um und geht wieder weiter).
Dirne.

Willst du nicht mit mir kommen?

Soldat.

Ah, ich bin der schöne Engel?

Dirne.

Freilich, wer denn? Geh, komm zu mir. Ich wohn gleich in der Näh.

Soldat.

Ich hab keine Zeit. Ich muß in die Kasern!

6
Dirne.

In die Kasern kommst immer noch zurecht. Bei mir is besser.

Soldat
(ihr nahe).

Das ist schon möglich.

Dirne.

Pst. Jeden Moment kann ein Wachmann kommen.

Soldat.

Lächerlich! Wachmann! Ich hab auch mein Seiteng’wehr!

Dirne.

Geh, komm mit.

Soldat.

Laß mich in Ruh. Geld hab ich eh kein’s.

Dirne.

Ich brauch kein Geld.

Soldat
(bleibt stehen. Sie sind bei einer Laterne).

Du brauchst kein Geld? Wer bist denn du nachher?

7
Dirne.

Zahlen tun mir die Zivilisten. So einer wie du, kann’s immer umsonst bei mir haben.

Soldat.

Du bist am End die, von der mir der Huber erzählt hat.

Dirne.

Ich kenn kein Huber nicht.

Soldat.

Du wirst schon die sein. Weißt in dem Kaffeehaus in der Schiffgassen von dort ist er mit dir z Haus gangen.

Dirne.

Von dem Kaffeehaus bin ich schon mit gar vielen z Haus gangen oh! oh!

Soldat.

Also geh’n wir, geh’n wir.

Dirne.

Was, jetzt hast’s eilig?

8
Soldat.

Na, worauf soll’n wir noch warten? Und um Zehn muß ich in der Kasern sein.

Dirne.

Wie lang dienst denn schon?

Soldat.

Was geht denn das dich an? Wohnst weit?

Dirne.

Zehn Minuten zum geh’n.

Soldat.

Das ist mir zu weit. Gib mir ein Pussel.

Dirne
(küßt ihn).

Das ist mir eh das liebste, wenn ich einen gern hab!

Soldat.

Mir nicht. Nein, ich geh nicht mit dir, es ist mir zu weit.

Dirne.

Weißt was, komm morgen am Nachmittag.

9
Soldat.

Gut is. Gib mir deine Adresse.

Dirne.

Aber du kommst am End nicht.

Soldat.

Wenn ich dir’s sag!

Dirne.

Du, weißt was wenn’s dir zu weit ist heut Abend zu mir da da

(weist auf die Donau).
Soldat.

Was ist das?

Dirne.

Da ist auch schön ruhig jetzt kommt kein Mensch.

Soldat.

Ah, das ist nicht das rechte.

Dirne.

Bei mir is immer das rechte. Geh, bleib10 jetzt bei mir. Wer weiß, ob wir morgen noch ’s Leben haben.

Soldat.

So komm aber g’schwind!

Dirne.

Gib obacht, da ist so dunkel. Wennst aus - rutsch’st, liegst in der Donau.

Soldat.

Wär eh das Beste.

Dirne.

Pst, so wart nur ein bissel. Gleich kommen wir zu einer Bank.

Soldat.

Kennst dich da gut aus.

Dirne.

So einen wie dich möcht ich zum Geliebten.

Soldat.

Ich tät dir zu viel eifern.

11
Dirne.

Das möcht ich dir schon abgewöhnen.

Soldat.

Ha

Dirne.

Nicht so laut. Manchmal is doch, daß sich ein Wachter her verirrt. Sollt man glauben, daß wir da mitten in der Wienerstadt sind?

Soldat.

Daher komm, daher.

Dirne.

Aber was fällt dir denn ein, wenn wir da ausrutschen, liegen wir im Wasser unten.

Soldat
(hat sie gepackt).

Ah, du

Dirne.

Halt dich nur fest an.

Soldat.

Hab kein Angst ....

12
Dirne.

Auf der Bank wär’s schon besser gewesen.

Soldat.

Da oder da .... Na, krall aufi.

Dirne.

Was laufst denn so

Soldat.

Ich muß in die Kasern, ich komm eh schon zu spät.

Dirne.

Geh, du, wie heißt denn?

Soldat.

Was interessiert dich denn das, wie ich heiß?

Dirne.

Ich heiß Leocadia.

Soldat.

Ha! So an Namen hab ich auch noch nie gehört.

13
Dirne.

Du!

Soldat.

Na, was willst denn?

Dirne.

Geh, ein Sechserl für’n Hausmeister gib mir wenigstens!

Soldat.

Ha! Glaubst, ich bin deine Wurzen Servus! Leocadia

Dirne.

Strizzi! Fallott!

(Er ist verschwunden.)
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[14][15]

DER SOLDAT UND DAS STUBENMÄDCHEN

[16][17]
Prater. Sonntag Abend. Ein Weg, der vom Wurstelprater aus in die dunkeln Alleen führt. Hier hört man noch die wirre Musik aus dem Wurstelprater; auch die Klänge vom Fünfkreuzer - tanz, eine ordinäre Polka, von Bläsern gespielt. Der Soldat. Das Stubenmädchen.
Stubenmädchen.

Jetzt sagen S mir aber, warum S durchaus schon haben fortgehen müssen.

Soldat
(lacht verlegen, dumm).
Stubenmädchen.

Es ist doch so schön gewesen. Ich tanz so gern.

Soldat
(faßt sie um die Taille).
Stubenmädchen
(läßt’s geschehen).

Jetzt tanzen wir ja nimmer. Warum halten S mich so fest?

Reigen. 218
Soldat.

Wie heißen S? Kathi?

Stubenmädchen.

Ihnen ist immer eine Kathi im Kopf.

Soldat.

Ich weiß, ich weiß schon .... Marie.

Stubenmädchen.

Sie, da ist aber dunkel. Ich krieg so eine Angst.

Soldat.

Wenn ich bei Ihnen bin, brauchen S Ihnen nicht zu fürchten. Gott sei Dank, mir sein mir!

Stubenmädchen.

Aber wohin kommen wir denn da? Da ist ja kein Mensch mehr. Kommen S, gehn wir zurück! Und so dunkel!

Soldat
(zieht an seiner Virginierzigarre, daß das rote Ende leuchtet).

’s wird schon lichter! Haha! O, du Schatzerl!

19
Stubenmädchen.

Ah, was machen S denn? Wenn ich das gewußt hätt!

Soldat.

Also der Teufel soll mich holen, wenn eine heut beim Swoboda mollerter gewesen ist als Sie, Fräul’n Marie.

Stubenmädchen.

Haben S denn bei allen so probiert?

Soldat.

Was man so merkt, beim Tanzen. Da merkt man gar viel! Ha!

Stubenmädchen.

Aber mit der blonden mit dem schiefen Gesicht haben S doch mehr ’tanzt als mit mir.

Soldat.

Das ist eine alte Bekannte von einem meinigen Freund.

2*20
Stubenmädchen.

Von dem Korporal mit dem auf’drehten Schnurrbart?

Soldat.

Ah nein, das ist der Zivilist gewesen, wissen S, der im Anfang am Tisch mit mir g’sessen ist, der so heis’rig red’t.

Stubenmädchen.

Ah, ich weiß schon. Das ist ein kecker Mensch.

Soldat.

Hat er Ihnen was ’tan? Dem möcht ich’s zeigen! Was hat er Ihnen ’tan?

Stubenmädchen.

Oh nichts ich hab nur geseh’n, wie er mit die andern ist.

Soldat.

Sagen S, Fräulein Marie ....

Stubenmädchen.

Sie werden mich verbrennen mit Ihrer Zigarrn.

21
Soldat.

Pahdon! Fräul’n Marie. Sagen wir uns Du.

Stubenmädchen.

Wir sein noch nicht so gute Bekannte.

Soldat.

Es können sich gar viele nicht leiden und sagen doch Du zueinander.

Stubenmädchen.

’s nächstemal, wenn wir Aber, Herr Franz

Soldat.

Sie haben sich meinen Namen g’merkt?

Stubenmädchen.

Aber, Herr Franz ....

Soldat.

Sagen S Franz, Fräulein Marie.

Stubenmädchen.

So sein S nicht so keck aber pst, wenn wer kommen tät!

22
Soldat.

Und wenn schon einer kommen tät, man sieht ja nicht zwei Schritt weit.

Stubenmädchen.

Aber um Gotteswillen, wohin kommen wir denn da?

Soldat.

Sehn S, da sind zwei g’rad wie mir.

Stubenmädchen.

Wo denn? Ich seh gar nichts.

Soldat.

Da vor uns.

Stubenmädchen.

Warum sagen S denn: zwei wie mir?

Soldat.

Na, ich mein halt, die haben sich auch gern.

Stubenmädchen.

Aber geben S doch acht, was ist denn da, jetzt wär ich beinah g’fallen.

23
Soldat.

Ah, das ist das Gatter von der Wiesen.

Stubenmädchen.

Stoßen S doch nicht so, ich fall ja um.

Soldat.

Pst, nicht so laut.

Stubenmädchen.

Sie, jetzt schrei ich aber wirklich. Aber was machen S denn aber

Soldat.

Da ist jetzt weit und breit keine Seel.

Stubenmädchen.

So gehn wir zurück, wo Leut sein.

Soldat.

Wir brauchen keine Leut, was, Marie, wir brauchen .... dazu .... haha.

Stubenmädchen.

Aber, Herr Franz, bitt Sie, um Gotteswillen,24 schaun S, wenn ich das .... gewußt .... oh .... oh .... komm! ....

Soldat
(selig).

Herrgott noch einmal .... ah ....

Stubenmädchen.

.... Ich kann dein G’sicht gar nicht sehn.

Soldat.

A was G’sicht .....

Soldat.

Ja, Sie, Fräul’n Marie, da im Gras können S nicht liegen bleiben.

Stubenmädchen.

Geh, Franz, hilf mir.

Soldat.

Na, komm zugi.

Stubenmädchen.

Oh Gott, Franz.

25
Soldat.

Na ja, was ist denn mit dem Franz?

Stubenmädchen.

Du bist ein schlechter Mensch, Franz.

Soldat.

Ja, ja. Geh, wart ein bissel.

Stubenmädchen.

Was laßt mich denn aus?

Soldat.

Na, die Virginier werd ich mir doch an - zünden dürfen.

Stubenmädchen.

Es ist so dunkel.

Soldat.

Morgen früh ist schon wieder licht.

Stubenmädchen.

Sag wenigstens, hast mich gern?

26
Soldat.

Na, das mußt doch g’spürt haben, Fräul’n Marie, ha!

Stubenmädchen.

Wohin geh’n wir denn?

Soldat.

Na, zurück.

Stubenmädchen.

Geh, bitt dich, nicht so schnell!

Soldat.

Na, was ist denn? Ich geh nicht gern in der finstern.

Stubenmädchen.

Sag, Franz, hast mich gern?

Soldat.

Aber grad hab ich’s g’sagt, daß ich dich gern hab!

Stubenmädchen.

Geh, willst mir nicht ein Pussel geben?

27
Soldat
(gnädig).

Da .... Hörst, jetzt kann man schon wieder die Musik hören.

Stubenmädchen.

Du möcht’st am End gar wieder tanzen geh’n?

Soldat.

Na freilich, was denn?

Stubenmädchen.

Ja, Franz, schau, ich muß zu Haus geh’n. Sie werden eh schon schimpfen, mei Frau ist so eine .... die möcht am liebsten, man ging gar nicht fort.

Soldat.

Na ja, geh halt zu Haus.

Stubenmädchen.

Ich hab halt ’dacht, Herr Franz, Sie werden mich z’hausführen.

Soldat.

Z’hausführen? Ah!

28
Stubenmädchen.

Geh’n S, es ist so traurig, allein z’haus geh’n.

Soldat.

Wo wohnen S denn?

Stubenmädchen.

Es ist gar nicht so weit in der Porzellan - gasse.

Soldat.

So? Ja, da haben wir ja einen Weg .... aber jetzt ist’s mir zu früh jetzt wird noch ’draht, heut hab ich über Zeit ..... vor zwölf brauch ich nicht in der Kasern zu sein. I geh noch tanzen.

Stubenmädchen.

Freilich, ich weiß schon, jetzt kommt die Blonde mit dem schiefen Gesicht d’ran!

Soldat.

Ha! Der ihr G’sicht ist gar nicht so schief.

29
Stubenmädchen.

Oh Gott, sein die Männer schlecht. Was, Sie machen’s sicher mit einer jeden so.

Soldat.

Das wär z’viel!

Stubenmädchen.

Franz, bitt schön, heut nimmer, heut bleiben S mit mir, schaun S

Soldat.

Ja, ja, ist schon gut. Aber tanzen werd ich doch noch dürfen.

Stubenmädchen.

Ich tanz heut mit kein mehr!

Soldat.

Da ist er ja schon ..

Stubenmädchen.

Wer denn?

Soldat.

Der Swoboda! Wie schnell wir wieder da30 sein. Noch immer spielen s das tadarada tadarada

(singt mit)

.... Also wannst auf mich warten willst, so führ ich dich z’haus .... wenn nicht Servas

Stubenmädchen.

Ja, ich werd warten.

(Sie treten in den Tanzsaal ein).
Soldat.

Wissen S, Fräul’n Marie, ein Glas Bier lassen’s Ihnen geben

(Zu einer Blonden sich wen - dend, die eben mit einem Burschen vorbeitanzt, sehr hochdeutsch:)

Mein Fräulein, darf ich bitten?

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[31]

DAS STUBENMÄDCHEN UND DER JUNGE HERR

[32][33]
Heißer Sommernachmittag. Die Eltern sind schon auf dem Lande. Die Köchin hat Ausgang. Das Stubenmädchen schreibt in der Küche einen Brief an den Soldaten, der ihr Geliebter ist. Es klingelt aus dem Zimmer des jungen Herrn. Sie steht auf und geht ins Zimmer des jungen Herrn. Der junge Herr liegt auf dem Divan, raucht, und liest einen französischen Roman.
Das Stubenmädchen.

Bitt schön, junger Herr?

Der junge Herr.

Ah ja, Marie, ah ja, ich hab geläutet, ja was hab ich nur ja richtig, die Rouletten lassen S herunter, Marie Es ist kühler, wenn die Rouletten unten sind .... ja ....

(Das Stubenmädchen geht zum Fenster und läßt die Rouletten herunter.)
Der junge Herr
(liest weiter.)

Was machen S denn, Marie? Ah ja. Jetzt sieht man aber gar nichts zum Lesen.

Reigen. 334
Das Stubenmädchen.

Der junge Herr ist halt immer so fleißig.

Der junge Herr
(überhört das vornehm).

So, ist gut.

(Marie geht.)
Der junge Herr
(versucht weiter zu lesen; läßt bald das Buch fallen, klingelt wieder).
Das Stubenmädchen
(erscheint).
Der junge Herr.

Sie, Marie .... ja, was ich habe sagen wollen .... ja .... ist vielleicht ein Cognac zu Haus?

Das Stubenmädchen.

Ja, der wird eingesperrt sein.

Der junge Herr.

Na, wer hat denn die Schlüssel?

Das Stubenmädchen.

Die Schlüssel hat die Lini.

35
Der junge Herr.

Wer ist die Lini?

Das Stubenmädchen.

Die Köchin, Herr Alfred.

Der junge Herr.

Na, so sagen S es halt der Lini.

Das Stubenmädchen.

Ja, die Lini hat heut Ausgang.

Der junge Herr.

So .....

Das Stubenmädchen.

Soll ich dem jungen Herrn vielleicht aus dem Kaffeehaus ....

Der junge Herr.

Ah nein .... es ist so heiß genug. Ich brauch keinen Cognac. Wissen S, Marie, bringen Sie mir ein Glas Wasser. Pst, Marie aber laufen lassen, daß es recht kalt ist.

(Das Stubenmädchen ab.)
3*36
Der junge Herr
(sieht ihr nach, bei der Thür wendet sich das Stubenmädchen nach ihm um; der junge Herr schaut in die Luft. Das Stubenmädchen dreht den Hahn der Wasserleitung auf, läßt das Wasser laufen. Während dem geht sie in ihr kleines Kabinett, wäscht sich die Hände, richtet vor dem Spiegel ihre Schneckerln. Dann bringt sie dem jungen Herrn das Glas Wasser. Sie tritt zum Divan).
Der junge Herr
(richtet sich zur Hälfte auf, das Stuben - mädchen gibt ihm das Glas in die Hand, ihre Finger berühren sich).
Der junge Herr.

So, danke. Na, was ist denn? Geben Sie acht; stellen Sie das Glas wieder auf die Tasse ....

(Er legt sich hin und streckt sich aus.)

Wie spät ist’s denn?

Das Stubenmädchen.

Fünf Uhr, junger Herr.

Der junge Herr.

So, fünf Uhr. Ist gut.

Das Stubenmädchen
(geht; bei der Tür wendet sie sich um; der junge Herr hat ihr nachgeschaut; sie merkt es und lächelt).
37
Der junge Herr
(bleibt eine Weile liegen, dann steht er plötzlich auf. Er geht bis zur Tür, wieder zurück, legt sich auf den Divan. Er versucht wieder zu lesen. Nach ein paar Minuten klingelt er wieder).
Das Stubenmädchen
(erscheint mit einem Lächeln, das sie nicht zu verbergen sucht).
Der junge Herr.

Sie, Marie, was ich Sie hab fragen wollen. War heut Vormittag nicht der Doktor Schüller da?

Das Stubenmädchen.

Nein, heut Vormittag war niemand da.

Der junge Herr.

So, das ist merkwürdig. Also der Doktor Schüller war nicht da? Kennen Sie über - haupt den Doktor Schüller?

Das Stubenmädchen.

Freilich. Das ist der große Herr mit dem schwarzen Vollbart.

Der junge Herr.

Ja. War er vielleicht doch da?

38
Das Stubenmädchen.

Nein, es war niemand da, junger Herr.

Der junge Herr
(entschlossen).

Kommen Sie her, Marie.

Das Stubenmädchen
(tritt etwas näher).

Bitt schön.

Der junge Herr.

Näher .... so .... ah .... ich hab nur geglaubt .....

Das Stubenmädchen.

Was haben der junge Herr?

Der junge Herr.

Geglaubt .... geglaubt hab ich Nur wegen Ihrer Blusen .... Was ist das für eine .... Na, kommen S nur näher. Ich beiß Sie ja nicht.

Das Stubenmädchen
(kommt zu ihm).

Was ist mit meiner Blusen? G’fallt sie dem jungen Herrn nicht?

39
Der junge Herr
(faßt die Bluse an, wobei er das Stubenmädchen zu sich herabzieht).

Blau? Das ist ganz ein schönes Blau.

(Einfach.)

Sie sind sehr nett angezogen, Marie.

Das Stubenmädchen.

Aber junger Herr ....

Der junge Herr.

Na, was ist denn? ....

(er hat ihre Bluse geöffnet. Sachlich):

Sie haben eine schöne weiße Haut, Marie.

Das Stubenmädchen.

Der junge Herr tut mir schmeicheln.

Der junge Herr
(küßt sie auf die Brust).

Das kann doch nicht weh tun.

Das Stubenmädchen.

O nein.

Der junge Herr.

Weil Sie so seufzen! Warum seufzen Sie denn?

40
Das Stubenmädchen.

Oh, Herr Alfred ....

Der junge Herr.

Und was Sie für nette Pantoffeln haben ....

Das Stubenmädchen.

.... Aber .... junger Herr .... wenn’s draußen läut

Der junge Herr.

Wer wird denn jetzt läuten?

Das Stubenmädchen.

Aber junger Herr .... schaun S .... es ist so licht ....

Der junge Herr.

Vor mir brauchen Sie sich nicht zu genieren. Sie brauchen sich überhaupt vor nieman - dem .... wenn man so hübsch ist. Ja, meiner Seel; Marie, Sie sind .... Wissen Sie, Ihre Haare riechen sogar angenehm.

Das Stubenmädchen.

Herr Alfred ....

41
Der junge Herr.

Machen Sie keine solchen Geschichten, Marie .... ich hab Sie schon anders auch geseh’n. Wie ich neulich in der Nacht nach Haus gekommen bin, und mir Wasser ge - holt hab; da ist die Tür zu Ihrem Zimmer offen gewesen .... na ....

Das Stubenmädchen
(verbirgt ihr Gesicht).

Oh Gott, aber das hab ich gar nicht ge - wußt, daß der Herr Alfred so schlimm sein kann.

Der junge Herr.

Da hab ich sehr viel gesehen .... das und das .... und das .... und

Das Stubenmädchen.

Aber, Herr Alfred!

Der junge Herr.

Komm, komm .... daher .... so, ja so

Das Stubenmädchen.

Aber wenn jetzt wer läutet

42
Der junge Herr.

Jetzt hören Sie schon einmal auf .... macht man höchstens nicht auf ....

(Es klingelt.)
Der junge Herr.

Donnerwetter .... Und was der Kerl für einen Lärm macht. Am End hat der schon früher geläutet und wir haben’s nicht gemerkt.

Das Stubenmädchen.

Oh, ich hab alleweil aufgepaßt.

Der junge Herr.

Na, so schaun S endlich nach durchs Guckerl.

Das Stubenmädchen.

Herr Alfred .... Sie sind aber .... nein .... so schlimm.

Der junge Herr.

Bitt Sie, schaun S jetzt nach ....

43
Das Stubenmädchen
(geht ab).
Der junge Herr
(öffnet rasch die Rouleaux).
Das Stubenmädchen
(erscheint wieder).

Der ist jedenfalls schon wieder weggangen. Jetzt ist niemand mehr da. Vielleicht ist es der Doktor Schüller gewesen.

Der junge Herr
(ist unangenehm berührt).

Es ist gut.

Das Stubenmädchen
(nähert sich ihm).
Der junge Herr
(entzieht sich ihr).

Sie, Marie, ich geh jetzt ins Kaffeehaus.

Das Stubenmädchen
(zärtlich).

Schon .... Herr Alfred.

Der junge Herr
(streng).

Ich geh jetzt ins Kaffeehaus. Wenn der Doktor Schüller kommen sollte

Das Stubenmädchen.

Der kommt heut nimmer.

44
Der junge Herr
(noch strenger).

Wenn der Doktor Schüller kommen sollte, ich, ich .... ich bin im Kaffeehaus.

(Geht ins andere Zimmer.)
(Das Stubenmädchen nimmt eine Zigarre vom Rauchtisch, steckt sie ein und geht ab.)
[figure]
[45]

DER JUNGE HERR UND DIE JUNGE FRAU

[46][47]
Abend. Ein mit banaler Eleganz möblierter Salon in einem Hause der Schwindgasse. Der junge Herr ist eben eingetreten, zündet, während er noch den Hut auf dem Kopf und den Überzieher an hat, die Kerzen an. Dann öffnet er die Tür zum Neben - zimmer und wirft einen Blick hinein. Von den Kerzen des Salons geht der Lichtschein über das Parkett bis zu einem Himmelbett, das an der abschließenden Wand steht. Von dem Kamin in einer Ecke des Schlafzimmers ver - breitet sich ein rötlicher Lichtschein auf die Vorhänge des Bettes. Der junge Herr besichtigt auch das Schlaf - zimmer. Von dem Trumeau nimmt er einen Sprayapparat und bespritzt die Bettpolster mit feinen Strahlen von Veilchenparfüm. Dann geht er mit dem Sprayapparat durch beide Zimmer und drückt unaufhörlich auf den kleinen Ballon, so daß es bald überall nach Veilchen riecht. Dann legt er Überzieher und Hut ab. Er setzt sich auf das blausammtene Fauteuil, zündet sich eine Zigarette an und raucht. Nach einer kleinen Weile erhebt er sich wieder und vergewissert sich, daß die grünen Jalousien geschlossen sind. Plötzlich geht er wieder ins Schlafzimmer, öffnet die Lade des Nachtkästchens. Er fühlt hinein und findet eine Schildkrothaarnadel. Er sucht nach einem Ort, sie zu verstecken, gibt sie endlich in die Tasche seines Überziehers. Dann öffnet er einen48 Schrank, der im Salon steht, nimmt eine silberne Tasse mit einer Flasche Cognac und zwei Likörgläschen heraus, stellt alles auf den Tisch. Er geht wieder zu seinem Überzieher, aus dem er jetzt ein kleines weißes Päckchen nimmt. Er öffnet es und legt es zum Cognac; geht wieder zum Schrank, nimmt zwei kleine Teller und Eßbesteke heraus. Er entnimmt dem kleinen Paket eine glasierte Kastanie und ißt sie. Dann schenkt er sich ein Glas Cognac ein und trinkt es rasch aus. Dann sieht er auf seine Uhr. Er geht im Zimmer auf und ab. Vor dem großen Wandspiegel bleibt er eine Weile stehen, richtet mit seinem Taschenkamm das Haar und den kleinen Schnurrbart. Er geht nun zur Vorzimmertür und horcht. Nichts regt sich. Dann zieht er die blauen Portièren, die vor der Schlafzimmertür angebracht sind, zusammen. Es klingelt. Der junge Herr fährt leicht zusammen. Dann setzt er sich auf den Fauteuil und erhebt sich erst, als die Tür geöffnet wird und die junge Frau eintritt.
Die junge Frau
(dicht verschleiert, schließt die Thür hinter sich, bleibt einen Augenblick stehen, indem sie die linke Hand aufs Herz legt, als müsse sie eine gewaltige Erregung bemeistern).
Der junge Herr
(tritt auf sie zu, nimmt ihre linke Hand und drückt auf den weißen, schwarz tamburierten Handschuh einen Kuß. Er sagt leise:)

Ich danke Ihnen.

Die junge Frau.

Alfred Alfred!

49
Der junge Herr.

Kommen Sie, gnädige Frau .... Kommen Sie, Frau Emma ....

Die junge Frau.

Lassen Sie mich noch eine Weile bitte .... oh bitte sehr, Alfred!

(Sie steht noch immer an der Tür).
Der junge Herr
(steht vor ihr, hält ihre Hand).
Die junge Frau.

Wo bin ich denn eigentlich?

Der junge Herr.

Bei mir.

Die junge Frau.

Dieses Haus ist schrecklich, Alfred.

Der junge Herr.

Warum denn? Es ist ein sehr vornehmes Haus.

Die junge Frau.

Ich bin zwei Herren auf der Stiege begegnet.

Reigen. 450
Der junge Herr.

Bekannte?

Die junge Frau.

Ich weiß nicht. Es ist möglich.

Der junge Herr.

Pardon, gnädige Frau aber Sie kennen doch Ihre Bekannten.

Die junge Frau.

Ich habe ja gar nichts gesehen.

Der junge Herr.

Aber wenn es selbst Ihre besten Freunde waren, sie können ja Sie nicht erkannt haben. Ich selbst wenn ich nicht wüßte, daß Sie es sind .... dieser Schleier .

Die junge Frau.

Es sind zwei.

Der junge Herr.

Wollen Sie nicht ein bischen näher? .... Und Ihren Hut legen Sie doch wenigstens ab!

51
Die junge Frau.

Was fällt Ihnen ein, Alfred? Ich habe Ihnen gesagt: Fünf Minuten .... Nein, länger nicht .... ich schwöre Ihnen

Der junge Herr.

Also den Schleier

Die junge Frau.

Es sind zwei.

Der junge Herr.

Nun ja, beide Schleier ich werde Sie doch wenigstens sehen dürfen.

Die junge Frau.

Haben Sie mich denn lieb, Alfred?

Der junge Herr
(tief verletzt).

Emma Sie fragen mich ....

Die junge Frau.

Es ist hier so heiß.

Der junge Herr.

Aber Sie haben ja Ihre Pelzmantille an Sie werden sich wahrhaftig verkühlen.

4*52
Die junge Frau
(tritt endlich ins Zimmer, wirft sich auf den Fauteuil).

Ich bin totmüd.

Der junge Herr.

Erlauben Sie:

(Er nimmt ihr die Schleier ab; nimmt die Nadel aus ihrem Hut, legt Hut, Nadel, Schleier beiseite).
Die junge Frau
(läßt es geschehen).
Der junge Herr
(steht vor ihr, schüttelt den Kopf).
Die junge Frau.

Was haben Sie?

Der junge Herr.

So schön waren Sie noch nie.

Die junge Frau.

Wieso?

Der junge Herr.

Allein .... allein mit Ihnen Emma

(Er läßt sich neben ihrem Fauteuil nieder, auf ein Knie, nimmt ihre beiden Hände und bedeckt sie mit Küssen).
53
Die junge Frau.

Und jetzt .... lassen Sie mich wieder gehen. Was Sie von mir verlangt haben, hab ich getan.

Der junge Herr
(läßt seinen Kopf auf ihren Schoß sinken).
Die junge Frau.

Sie haben mir versprochen, brav zu sein.

Der junge Herr.

Ja.

Die junge Frau.

Man erstickt in diesem Zimmer.

Der junge Herr
(steht auf).

Noch haben Sie Ihre Mantille an.

Die junge Frau.

Legen Sie sie zu meinem Hut.

Der junge Herr
(nimmt ihr die Mantille ab und legt sie gleichfalls auf den Divan).
Die junge Frau.

Und jetzt adieu

54
Der junge Herr.

Emma ! Emma!

Die junge Frau.

Die fünf Minuten sind längst vorbei.

Der junge Herr.

Noch nicht eine!

Die junge Frau.

Alfred, sagen Sie mir einmal ganz genau, wie spät es ist.

Der junge Herr.

Es ist punkt viertel sieben.

Die junge Frau.

Jetzt sollte ich längst bei meiner Schwester sein.

Der junge Herr.

Ihre Schwester können Sie oft sehen ....

Die junge Frau.

Oh Gott, Alfred, warum haben Sie mich dazu verleitet.

55
Der junge Herr.

Weil ich Sie .... anbete, Emma.

Die junge Frau.

Wie vielen haben Sie das schon gesagt?

Der junge Herr.

Seit ich Sie gesehen, niemandem.

Die junge Frau.

Was bin ich für eine leichtsinnige Person! Wer mir das vorausgesagt hätte… noch vor acht Tagen… noch gestern…

Der junge Herr.

Und vorgestern haben Sie mir ja schon ver - sprochen…

Die junge Frau.

Sie haben mich so gequält. Aber ich habe es nicht tun wollen. Gott ist mein Zeuge ich habe es nicht tun wollen… Gestern war ich fest entschlossen… Wissen Sie, daß ich Ihnen gestern Abends sogar einen langen Brief geschrieben habe?

56
Der junge Herr.

Ich habe keinen bekommen.

Die junge Frau.

Ich habe ihn wieder zerrissen. Oh, ich hätte Ihnen lieber diesen Brief schicken sollen.

Der junge Herr.

Es ist doch besser so.

Die junge Frau.

Oh nein, es ist schändlich… von mir. Ich begreife mich selber nicht. Adieu, Alfred, lassen Sie mich.

Der junge Herr
(umfaßt sie und bedeckt ihr Gesicht mit heißen Küssen).
Die junge Frau.

So… halten Sie Ihr Wort…

Der junge Herr.

Noch einen Kuß noch einen.

Die junge Frau.

Den letzten.

(Er küßt sie; sie erwidert den Kuß; ihre Lippen bleiben lange aneinandergeschlossen.)
57
Der junge Herr.

Soll ich Ihnen etwas sagen, Emma? Ich weiß jetzt erst, was Glück ist.

Die junge Frau
(sinkt in ein Fauteuil zurück).
Der junge Herr
(setzt sich auf die Lehne, schlingt einen Arm leicht um ihren Nacken).

.... oder vielmehr ich weiß jetzt erst, was Glück sein könnte.

Die junge Frau
(seufzt tief auf).
Der junge Herr
(küßt sie wieder).
Die junge Frau.

Alfred, Alfred, was machen Sie aus mir!

Der junge Herr.

Nicht wahr es ist hier gar nicht so un - gemütlich… Und wir sind ja hier so sicher! Es ist doch tausendmal schöner als diese Rendezvous im Freien…

Die junge Frau.

Oh, erinnern Sie mich nur nicht daran.

58
Der junge Herr.

Ich werde auch daran immer mit tausend Freuden denken. Für mich ist jede Minute, die ich an Ihrer Seite verbringen durfte, eine süße Erinnerung.

Die junge Frau.

Erinnern Sie sich noch an den Industriellen - ball?

Der junge Herr.

Ob ich mich daran erinnere…? Da bin ich ja während des Soupers neben Ihnen gesessen, ganz nahe neben Ihnen. Ihr Mann hat Champagner…

Die junge Frau
(sieht ihn klagend an).
Der junge Herr.

Ich wollte nur vom Champagner reden. Sagen Sie, Emma, wollen Sie nicht ein Glas Cognac trinken?

Die junge Frau.

Einen Tropfen, aber geben Sie mir vorher ein Glas Wasser.

59
Der junge Herr.

Ja… Wo ist denn nur ach ja…

(Er schlägt die Portière zurück und geht ins Schlafzimmer).
Die junge Frau
(sieht ihm nach).
Der junge Herr
(kommt zurück mit einer Karaffe Wasser und zwei Trinkgläsern).
Die junge Frau.

Wo waren Sie denn?

Der junge Herr.

Im… Nebenzimmer.

(Schenkt ein Glas Wasser ein).
Die junge Frau.

Jetzt werde ich Sie etwas fragen, Alfred und schwören Sie mir, daß Sie mir die Wahrheit sagen werden.

Der junge Herr.

Ich schwöre.

Die junge Frau.

War in diesen Räumen schon jemals eine andere Frau?

60
Der junge Herr.

Aber Emma dieses Haus steht schon zwanzig Jahre!

Die junge Frau.

Sie wissen, was ich meine, Alfred… Mit Ihnen! Bei Ihnen!

Der junge Herr.

Mit mir hier Emma! Es ist nicht schön, daß Sie an so etwas denken können.

Die junge Frau.

Also Sie haben .... wie soll ich .... Aber nein, ich will Sie lieber nicht fragen. Es ist besser, wenn ich nicht frage. Ich bin ja selbst schuld. Alles rächt sich.

Der junge Herr.

Ja, was haben Sie denn? Was ist Ihnen denn? Was rächt sich?

Die junge Frau.

Nein, nein, nein, ich darf nicht zum Bewußt - sein kommen… Sonst müßte ich vor Scham in die Erde sinken.

61
Der junge Herr
(mit der Karaffe Wasser in der Hand, schüttelt traurig den Kopf).

Emma, wenn Sie ahnen könnten, wie weh Sie mir tun.

Die junge Frau
(schenkt sich ein Glas Cognac ein).
Der junge Herr.

Ich will Ihnen etwas sagen, Emma. Wenn Sie sich schämen, hier zu sein wenn ich Ihnen also gleichgiltig bin wenn Sie nicht fühlen, daß Sie für mich alle Selig - keit der Welt bedeuten so geh’n Sie lieber.

Die junge Frau.

Ja, das werd ich auch tun.

Der junge Herr
(sie bei der Hand fassend).

Wenn Sie aber ahnen, daß ich ohne Sie nicht leben kann, daß ein Kuß auf Ihre Hand für mich mehr bedeutet, als alle Zärtlichkeiten, die alle Frauen auf der ganzen Welt .... Emma, ich bin nicht wie die anderen jungen Leute, die den Hof machen können ich bin vielleicht zu naiv .... ich ....

62
Die junge Frau.

Wenn Sie aber doch sind wie die anderen jungen Leute?

Der junge Herr.

Dann wären Sie heute nicht da denn Sie sind nicht wie die anderen Frauen.

Die junge Frau.

Woher wissen Sie das?

Der junge Herr
(hat sie zum Divan gezogen, sich nahe neben sie gesetzt).

Ich habe viel über Sie nachgedacht. Ich weiß, Sie sind unglücklich.

Die junge Frau
(erfreut).

Ja.

Der junge Herr.

Das Leben ist so leer, so nichtig und dann, so kurz so entsetzlich kurz! Es gibt nur ein Glück .... einen Menschen finden, von dem man geliebt wird

Die junge Frau
(hat eine kandierte Birne vom Tisch genommen, nimmt sie in den Mund).
63
Der junge Herr.

Mir die Hälfte!

(Sie reicht sie ihm mit den Lippen).
Die junge Frau
(faßt die Hände des jungen Herrn, die sich zu verirren drohen).

Was tun Sie denn, Alfred .... Ist das Ihr Versprechen.

Der junge Herr
(die Birne verschluckend, dann kühner).

Das Leben ist so kurz.

Die junge Frau
(schwach).

Aber das ist ja kein Grund

Der junge Herr
(mechanisch).

Oh ja.

Die junge Frau
(schwächer).

Schauen Sie Alfred, und Sie haben doch versprochen, brav .... Und es ist so hell ....

Der junge Herr.

Komm, komm, du einzige, einzige ....

(Er hebt sie vom Divan empor).
Die junge Frau.

Was machen Sie denn?

64
Der junge Herr.

Da d’rin ist es gar nicht hell.

Die junge Frau.

Ist denn da noch ein Zimmer?

Der junge Herr
(zieht sie mit).

Ein schönes .... und ganz dunkel.

Die junge Frau.

Bleiben wir doch lieber hier.

Der junge Herr
(bereits mit ihr hinter der Portière, im Schlafzimmer, nestelt ihr die Taille auf).
Die junge Frau.

Sie sind so .... oh Gott, was machen Sie aus mir! Alfred!

Der junge Herr.

Ich bete dich an, Emma!

Die junge Frau.

So wart doch, wart doch wenigstens ....

(Schwach.)

Geh .... ich ruf dich dann.

65
Der junge Herr.

Laß mir dich laß dir mich

(er verspricht sich)

.... laß .... mich dir helfen.

Die junge Frau.

Du zerreißt mir ja alles.

Der junge Herr.

Du hast kein Mieder an?

Die junge Frau.

Ich trag nie ein Mieder. Die Odilon trägt auch keines. Aber die Schuh kannst du mir aufknöpfeln.

Der junge Herr
(knöpfelt die Schuhe auf, küßt ihre Füße).
Die junge Frau
(ist ins Bett geschlüpft).

Oh mir ist kalt.

Der junge Herr.

Gleich wird’s warm werden.

Die junge Frau
(leise lachend).

Glaubst du?

Reigen. 566
Der junge Herr
(unangenehm berührt, für sich).

Das hätte sie nicht sagen sollen.

(Entkleidet sich im Dunkel).
Die junge Frau
(zärtlich).

Komm, komm, komm!

Der junge Herr
(dadurch wieder in besserer Stimmung).

Gleich

Die junge Frau.

Es riecht hier so nach Veilchen.

Der junge Herr.

Das bist du selbst .... Ja

(zu ihr)

du selbst.

Die junge Frau.

Alfred .... Alfred!!!!

Der junge Herr.

Emma ....

Der junge Herr.

Ich habe dich offenbar zu lieb .... ja .... ich bin wie von Sinnen.

67
Die junge Frau

......

Der junge Herr.

Die ganzen Tage über bin ich schon wie verrückt. Ich hab es geahnt.

Die junge Frau.

Mach dir nichts draus.

Der junge Herr.

Oh gewiß nicht. Es ist ja geradezu selbst - verständlich, wenn man ....

Die junge Frau.

Nicht .... nicht .... Du bist nervös. Be - ruhige dich nur ....

Der junge Herr.

Kennst du Stendhal?

Die junge Frau.

Stendhal?

Der junge Herr.

Die psychologie de l’amour.

5*68
Die junge Frau.

Nein, warum fragst du mich?

Der junge Herr.

Da kommt eine Geschichte drin vor, die sehr bezeichnend ist.

Die junge Frau.

Was ist das für eine Geschichte?

Der junge Herr.

Das ist eine ganze Gesellschaft von Kavallerieoffizieren zusammen

Die junge Frau.

So.

Der junge Herr.

Und die erzählen von ihren Liebesabenteuern. Und jeder berichtet, daß ihm bei der Frau, die er am meisten, weißt du, am leiden - schaftlichsten geliebt hat .... daß ihn die, daß er die also kurz und gut, daß es jedem bei dieser Frau so gegangen ist, wie jetzt mir.

69
Die junge Frau.

Ja.

Der junge Herr.

Das ist sehr charakteristisch.

Die junge Frau.

Ja.

Der junge Herr.

Es ist noch nicht aus. Ein einziger be - hauptet .... es sei ihm in seinem ganzen Leben noch nicht passiert, aber, setzt Stend - hal hinzu das war ein berüchtigter Bramarbas.

Die junge Frau.

So.

Der junge Herr.

Und doch verstimmt es einen, das ist das Dumme, so gleichgiltig es eigentlich ist.

Die junge Frau.

Freilich. Überhaupt weißt du .... du hast mir ja versprochen, brav zu sein.

70
Der junge Herr.

Geh, nicht lachen, das bessert die Sache nicht.

Die junge Frau.

Aber nein, ich lache ja nicht. Das von Stendhal ist wirklich interessant. Ich habe immer gedacht, daß nur bei älteren .... oder bei sehr .... weißt du, bei Leuten, die viel gelebt haben ....

Der junge Herr.

Was fällt dir ein. Das hat damit gar nichts zu tun. Ich habe übrigens die hübscheste Geschichte aus dem Stendhal ganz ver - gessen. Da ist einer von den Kavallerie - offizieren, der erzählt sogar, daß er drei Nächte oder gar sechs .... ich weiß nicht mehr, mit der Frau zusammen war, die er durch Wochen hindurch verlangt hat desirée verstehst du und die haben alle diese Nächte hindurch nichts getan als vor Glück geweint .... beide ....

Die junge Frau.

Beide?

71
Der junge Herr.

Ja. Wundert dich das? Ich find das so begreiflich gerade wenn man sich liebt.

Die junge Frau.

Aber es gibt gewiß viele, die nicht weinen.

Der junge Herr
(nervös).

Gewiß .... das ist ja auch ein exceptio - neller Fall.

Die junge Frau.

Ah ich dachte, Stendhal sagte, alle Kavallerieoffiziere weinen bei dieser Ge - legenheit.

Der junge Herr.

Siehst du, jetzt machst du dich doch lustig.

Die junge Frau.

Aber was fällt dir ein! Sei doch nicht kindisch, Alfred!

Der junge Herr.

Es macht nun einmal nervös .... Dabei habe ich die Empfindung, daß du ununter -72 brochen daran denkst. Das geniert mich erst recht.

Die junge Frau.

Ich denke absolut nicht daran.

Der junge Herr.

Oh ja. Wenn ich nur überzeugt wäre, daß du mich liebst.

Die junge Frau.

Verlangst du noch mehr Beweise?

Der junge Herr.

Siehst du immer machst du dich lustig.

Die junge Frau.

Wieso denn? Komm, gib mir dein süßes Kopferl.

Der junge Herr.

Ach, das tut wohl.

Die junge Frau.

Hast du mich lieb?

73
Der junge Herr.

Oh, ich bin ja so glücklich.

Die junge Frau.

Aber du brauchst nicht auch noch zu weinen.

Der junge Herr
(sich von ihr entfernend, höchst irritiert).

Wieder, wieder. Ich hab dich ja so ge - beten ....

Die junge Frau.

Wenn ich dir sage, daß du nicht weinen sollst…

Der junge Herr.

Du hast gesagt: Auch noch zu weinen.

Die junge Frau.

Du bist nervös, mein Schatz.

Der junge Herr.

Das weiß ich.

Die junge Frau.

Aber du sollst es nicht sein. Es ist mir74 sogar lieb, daß es .... daß wir sozusagen als gute Kameraden…

Der junge Herr.

Schon wieder fangst du an.

Die junge Frau.

Erinnerst du dich denn nicht! Das war eines unserer ersten Gespräche. Gute Kame - raden haben wir sein wollen; nichts weiter. Oh, das war schön ..... das war bei meiner Schwester, im Jänner auf dem großen Ball, während der Quadrille .... Um Gottes - willen, ich sollte ja längst fort sein .... meine Schwester erwartet mich ja was werd ich ihr denn sagen ....... Adieu, Alfred

Der junge Herr.

Emma ! so willst du mich verlassen!

Die junge Frau.

Ja so!

Der junge Herr.

Noch fünf Minuten ....

75
Die junge Frau.

Gut. Noch fünf Minuten. Aber du mußt mir versprechen .... dich nicht zu rühren? Ja? Ich will dir noch einen Kuß zum Abschied geben ..... Pst .... ruhig .... nicht rühren, hab ich gesagt, sonst steh ich gleich auf, du mein süßer süßer

Der junge Herr.

Emma .... meine ange ........

Die junge Frau.

Mein Alfred

Der junge Herr.

Ah, bei dir ist der Himmel.

Die junge Frau.

Aber jetzt muß ich wirklich fort.

Der junge Herr.

Ach, laß deine Schwester warten.

Die junge Frau.

Nach Haus muß ich. Für meine Schwester76 ist’s längst zu spät. Wie viel Uhr ist es denn eigentlich?

Der junge Herr.

Ja, wie soll ich das eruieren?

Die junge Frau.

Du musst eben auf die Uhr sehen.

Der junge Herr.

Meine Uhr ist in meinem Gilet.

Die junge Frau.

So hol sie.

Der junge Herr
(steht mit einem mächtigen Ruck auf).

Acht.

Die junge Frau
(erhebt sich rasch).

Um Gotteswillen .... Rasch, Alfred, gib mir meine Strümpfe. Was soll ich denn nur sagen? Zu Hause wird man sicher schon auf mich warten acht Uhr ....

Der junge Herr.

Wann seh ich dich denn wieder?

77
Die junge Frau.

Nie.

Der junge Herr.

Emma! Hast du mich denn nicht mehr lieb?

Die junge Frau.

Eben darum. Gib mir meine Schuhe.

Der junge Herr.

Niemals wieder? Hier sind die Schuhe.

Die junge Frau.

In meinem Sack ist ein Schuhknöpfler. Ich bitt dich, rasch ....

Der junge Herr.

Hier ist der Knöpfler.

Die junge Frau.

Alfred, das kann uns beide den Hals kosten.

Der junge Herr
(höchst unangenehm berührt).

Wieso?

78
Die junge Frau.

Ja, was soll ich denn sagen, wenn er mich fragt: Woher kommst du?

Der junge Herr.

Von der Schwester.

Die junge Frau.

Ja, wenn ich lügen könnte.

Der junge Herr.

Na, du mußt es eben tun.

Die junge Frau.

Alles für so einen Menschen. Ach, komm her .... laß dich noch einmal küssen.

(Sie umarmt ihn.)

Und jetzt laß mich allein, geh ins andere Zimmer. Ich kann mich nicht anziehen, wenn du dabei bist.

Der junge Herr
(geht in den Salon, wo er sich ankleidet. Er ißt etwas von der Bäckerei, trinkt ein Glas Cognac).
Die junge Frau
(ruft nach einer Weile).

Alfred!

79
Der junge Herr.

Mein Schatz.

Die junge Frau.

Es ist doch besser, daß wir nicht geweint haben.

Der junge Herr
(nicht ohne Stolz lächelnd).

Wie kann man so frivol reden?

Die junge Frau.

Wie wird das jetzt nur sein wenn wir uns zufällig wieder einmal in Gesellschaft begegnen?

Der junge Herr.

Zufällig einmal .... Du bist ja morgen sicher auch bei Lobheimers?

Die junge Frau.

Ja Du auch?

Der junge Herr.

Freilich. Darf ich dich um den Kotillion bitten?

80
Die junge Frau.

Oh, ich werde nicht hinkommen. Was glaubst du denn? Ich würde ja

(sie tritt völlig angekleidet in den Salon, nimmt eine Chokoladebäckerei)

in die Erde sinken.

Der junge Herr.

Also morgen bei Lobheimer, das ist schön.

Die junge Frau.

Nein, nein .... ich sage ab; bestimmt

Der junge Herr.

Also übermorgen .... hier.

Die junge Frau.

Was fällt dir ein?

Der junge Herr.

Um sechs ....

Die junge Frau.

Hier an der Ecke stehen Wagen, nicht wahr?

Der junge Herr.

Ja, so viel du willst. Also übermorgen hier81 um sechs. So sag doch ja, mein geliebter Schatz.

Die junge Frau.

.... Das besprechen wir morgen beim Ko - tillion.

Der junge Herr
(umarmt sie).

Mein Engel.

Die junge Frau.

Nicht wieder meine Frisur ruinieren.

Der junge Herr.

Also morgen bei Lobheimers und über - morgen in meinen Armen.

Die junge Frau.

Leb wohl ....

Der junge Herr
(plötzlich wieder besorgt).

Und was wirst du ihm heut sagen?

Die junge Frau.

Frag nicht .... frag nicht .... es ist zu schrecklich. Warum hab ich dich soReigen. 682lieb! Adieu. Wenn ich wieder Men - schen auf der Stiege begegne, trifft mich der Schlag. Pah!

Der junge Herr
(küßt ihr noch einmal die Hand).
Die junge Frau
(geht).
Der junge Herr
(bleibt allein zurück. Dann setzt er sich auf den Divan. Er lächelt vor sich hin und sagt zu sich selbst).

Also jetzt hab ich ein Verhältnis mit einer anständigen Frau.

[figure]
[83]

DIE JUNGE FRAU UND DER EHEMANN

[84][85]
Ein behagliches Schlafgemach. Es ist halb elf Uhr Nachts. Die Frau liegt zu Bette und liest. Der Gatte tritt eben, im Schlafrock, ins Zimmer.
Die junge Frau
(ohne aufzuschauen).

Du arbeitest nicht mehr?

Der Gatte.

Nein. Ich bin zu müde. Und außerdem

Die junge Frau.

Nun?

Der Gatte.

Ich hab mich an meinem Schreibtisch plötz - lich so einsam gefühlt. Ich habe Sehnsucht nach dir bekommen.

Die junge Frau
(schaut auf).

Wirklich?

86
Der Gatte
(setzt sich zu ihr aufs Bett).

Lies heute nicht mehr. Du wirst dir die Augen verderben.

Die junge Frau
(schlägt das Buch zu).

Was hast du denn?

Der Gatte.

Nichts, mein Kind. Verliebt bin ich in dich! Das weißt du ja!

Die junge Frau.

Man könnte es manchmal fast vergessen.

Der Gatte.

Man muß es sogar manchmal vergessen.

Die junge Frau.

Warum?

Der Gatte.

Weil die Ehe sonst etwas unvollkommenes wäre. Sie würde .... wie soll ich nur sagen .... sie würde ihre Heiligkeit ver - lieren.

87
Die junge Frau.

Oh ....

Der Gatte.

Glaube mir es ist so .... Hätten wir in den fünf Jahren, die wir jetzt miteinan - der verheiratet sind, nicht manchmal ver - gessen, daß wir ineinander verliebt sind wir wären es wohl gar nicht mehr.

Die junge Frau.

Das ist mir zu hoch.

Der Gatte.

Die Sache ist einfach die: wir haben viel - leicht schon zehn oder zwölf Liebschaften miteinander gehabt ..... Kommt es dir nicht auch so vor?

Die junge Frau.

Ich hab nicht gezählt!

Der Gatte.

Hätten wir gleich die erste bis zum Ende durchgekostet, hätte ich mich von Anfang an meiner Leidenschaft für dich willenlos88 hingegeben, es wäre uns gegangen wie den Millionen von anderen Liebespaaren. Wir wären fertig miteinander.

Die junge Frau.

Ah .... so meinst du das?

Der Gatte.

Glaube mir Emma in den ersten Tagen unserer Ehe hatte ich Angst, daß es so kommen würde.

Die junge Frau.

Ich auch.

Der Gatte.

Siehst du? Hab ich nicht recht gehabt? Darum ist es gut, immer wieder für einige Zeit nur in guter Freundschaft miteinander hinzuleben.

Die junge Frau.

Ach so.

Der Gatte.

Und so kommt es, daß wir immer wieder89 neue Flitterwochen miteinander durchleben können, da ich es nie drauf ankommen lasse, die Flitterwochen ....

Die junge Frau.

Zu Monaten auszudehnen.

Der Gatte.

Richtig.

Die junge Frau.

Und jetzt ...... scheint also wieder eine Freundschaftsperiode abgelaufen zu sein ?

Der Gatte
(sie zärtlich an sich drückend).

Es dürfte so sein.

Die junge Frau.

Wenn es aber .... bei mir anders wäre.

Der Gatte.

Es ist bei dir nicht anders. Du bist ja das klügste und entzückendste Wesen, das es gibt. Ich bin sehr glücklich, daß ich dich gefunden habe.

90
Die junge Frau.

Das ist aber nett, wie du den Hof machen kannst von Zeit zu Zeit.

Der Gatte
(hat sich auch zu Bett begeben).

Für einen Mann, der sich ein bischen in der Welt umgesehen hat geh, leg den Kopf an meine Schulter der sich in der Welt umgesehen hat, bedeutet die Ehe eigentlich etwas viel geheimnisvolleres als für euch junge Mädchen aus guter Fami - lie. Ihr tretet uns rein und .... wenigstens bis zu einem gewissen Grad unwissend ent - gegen, und darum habt ihr eigentlich einen viel klareren Blick für das Wesen der Liebe als wir.

Die junge Frau
(lachend).

Oh!

Der Gatte.

Gewiß. Denn wir sind ganz verwirrt und unsicher geworden durch die vielfachen Erlebnisse, die wir notgedrungen vor der Ehe durchzumachen haben. Ihr hört ja91 viel und wißt zu viel und lest ja wohl eigentlich auch zu viel, aber einen rechten Begriff von dem, was wir Männer in der Tat erleben, habt ihr ja doch nicht. Uns wird das, was man so gemeinhin die Liebe nennt, recht gründlich widerwärtig gemacht; denn was sind das schließlich für Geschöpfe, auf die wir angewiesen sind!

Die junge Frau.

Ja, was sind das für Geschöpfe?

Der Gatte
(küßt sie auf die Stirn).

Sei froh, mein Kind, daß du nie einen Einblick in diese Verhältnisse erhalten hast. Es sind übrigens meist recht bedauernswerte Wesen werfen wir keinen Stein auf sie.

Die junge Frau.

Bitt dich dieses Mitleid Das kommt mir da gar nicht recht angebracht vor.

Der Gatte
(mit schöner Milde).

Sie verdienen es. Ihr, die ihr junge Mädchen aus guter Familie wart, die ruhig unter Obhut euerer Eltern auf den Ehrenmann warten92 konntet, der euch zur Ehe begehrt; ihr kennt ja das Elend nicht, das die meisten von diesen armen Geschöpfen der Sünde in die Arme treibt.

Die junge Frau.

So verkaufen sich denn alle?

Der Gatte.

Das möchte ich nicht sagen. Ich mein ja auch nicht nur das materielle Elend. Aber es gibt auch ich möchte sagen ein sittliches Elend; eine mangelhafte Auf - fassung für das, was erlaubt, und insbe - sondere für das, was edel ist.

Die junge Frau.

Aber warum sind die zu bedauern? . Denen geht’s ja ganz gut?

Der Gatte.

Du hast sonderbare Ansichten, mein Kind. Du darfst nicht vergessen, daß solche Wesen von Natur aus bestimmt sind, immer tiefer und tiefer zu fallen. Da gibt es kein Auf - halten.

93
Die junge Frau
(sich an ihn schmiegend).

Offenbar fällt es sich ganz angenehm.

Der Gatte
(peinlich berührt).

Wie kannst du so reden, Emma. Ich denke doch, daß es gerade für euch, anständige Frauen, nichts Widerwärtigeres geben kann, als alle diejenigen, die es nicht sind.

Die junge Frau.

Freilich, Karl, freilich. Ich hab’s ja auch nur so gesagt. Geh, erzähl weiter. Es ist so nett, wenn du so red’st. Erzähl mir ’was.

Der Gatte.

Was denn?

Die junge Frau.

Nun, von diesen Geschöpfen.

Der Gatte.

Was fällt dir denn ein?

Die junge Frau.

Schau, ich hab dich schon früher, weißt du, ganz im Anfang hab ich dich immer94 gebeten, du sollst mir aus deiner Jugend ’was erzählen.

Der Gatte.

Warum interessiert dich denn das?

Die junge Frau.

Bist du denn nicht mein Mann? Und ist das nicht geradezu eine Ungerechtigkeit, daß ich von deiner Vergangenheit eigentlich gar nichts weiß?

Der Gatte.

Du wirst mich doch nicht für so ge - schmacklos halten, daß ich Genug, Emma ...... das ist ja wie eine Ent - weihung.

Die junge Frau.

Und doch hast du .... wer weiß wie viel andere Frauen gerade so in den Armen gehalten, wie jetzt mich.

Der Gatte.

Sag doch nicht » Frauen «. Frau bist du.

95
Die junge Frau.

Aber eine Frage mußt du mir beantworten sonst .... sonst .... ist’s nichts mit den Flitterwochen.

Der Gatte.

Du hast eine Art, zu reden .... denk doch, daß du Mutter bist .... daß unser Mäderl da drin liegt…

Die junge Frau
(an ihn sich schmiegend).

Aber ich möcht auch einen Buben.

Der Gatte.

Emma!

Die junge Frau.

Geh, sei nicht so freilich bin ich deine Frau .... aber ich möchte auch ein bissel .... deine Geliebte sein.

Der Gatte.

Möchtest du? ....

Die junge Frau.

Also zuerst meine Frage.

96
Der Gatte
(gefügig).

Nun?

Die junge Frau.

War .... eine verheiratete Frau unter ihnen?

Der Gatte.

Wieso? wie meinst du das?

Die junge Frau.

Du weißt schon.

Der Gatte
(leicht beunruhigt).

Wie kommst du auf diese Frage?

Die junge Frau.

Ich möchte wissen, ob es .... das heißt es gibt solche Frauen .... das weiß ich. Aber ob du

Der Gatte
(ernst).

Kennst du eine solche Frau?

Die junge Frau.

Ja, ich weiß das selber nicht.

97
Der Gatte.

Ist unter deinen Freundinen vielleicht eine solche Frau?

Die junge Frau.

Ja wie kann ich das mit Bestimmtheit behaupten oder verneinen?

Der Gatte.

Hat dir vielleicht einmal eine deiner Freundinen .... Man spricht über gar manches, wenn man so die Frauen unter sich hat dir eine gestanden ?

Die junge Frau
(unsicher).

Nein.

Der Gatte.

Hast du bei irgend einer deiner Freundinen den Verdacht, daß sie ....

Die junge Frau.

Verdacht ..... oh ..... Verdacht.

Der Gatte.

Es scheint.

Reigen. 798
Die junge Frau.

Gewiß nicht Karl, sicher nicht. Wenn ich mir’s so überlege ich trau es doch keiner zu.

Der Gatte.

Keiner?

Die junge Frau.

Von meinen Freundinen keiner.

Der Gatte.

Versprich mir etwas, Emma.

Die junge Frau.

Nun.

Der Gatte.

Daß du nie mit einer Frau verkehren wirst, bei der du auch den leisesten Verdacht hast, daß sie ...... kein ganz tadelloses Leben führt.

Die junge Frau.

Das muß ich dir erst versprechen?

99
Der Gatte.

Ich weiß ja, daß du den Verkehr mit solchen Frauen nicht suchen wirst. Aber der Zufall könnte es fügen, daß du ..... Ja, es ist sogar sehr häufig, daß gerade solche Frauen, deren Ruf nicht der beste ist, die Gesell - schaft von anständigen Frauen suchen, teils um sich ein Relief zu geben, teils aus einem gewissen .... wie soll ich sagen ..... aus einem gewissen Heimweh nach der Tugend.

Die junge Frau.

So.

Der Gatte.

Ja. Ich glaube, daß das sehr richtig ist, was ich da gesagt habe. Heimweh nach der Tugend. Denn, daß diese Frauen alle eigentlich sehr unglücklich sind, das kannst du mir glauben.

Die junge Frau.

Warum?

Der Gatte.

Du fragst, Emma? Wie kannst du denn7*100nur fragen? Stell dir doch vor, was diese Frauen für eine Existenz führen! Voll Lüge, Tücke, Gemeinheit und voll Gefahren.

Die junge Frau.

Ja freilich. Da hast du schon Recht.

Der Gatte.

Wahrhaftig sie bezahlen das bischen Glück ..... das bischen .....

Die junge Frau.

Vergnügen.

Der Gatte.

Warum Vergnügen? Wie kommst du darauf, das Vergnügen zu nennen?

Die junge Frau.

Nun, etwas muß es doch sein ! Sonst täten sie’s ja nicht.

Der Gatte.

Nichts ist es ..... ein Rausch.

101
Die junge Frau
(nachdenklich).

Ein Rausch.

Der Gatte.

Nein, es ist nicht einmal ein Rausch. Wie immer teuer bezahlt, das ist gewiß!

Die junge Frau.

Also ..... du hast das einmal mitgemacht nicht wahr?

Der Gatte.

Ja, Emma. Es ist meine traurigste Er - innerung.

Die junge Frau.

Wer ist’s? Sag! Kenn ich sie?

Der Gatte.

Was fällt dir denn ein?

Die junge Frau.

Ist’s lange her? War es sehr lang, bevor du mich geheiratet hast?

Der Gatte.

Frag nicht. Ich bitt dich, frag nicht.

102
Die junge Frau.

Aber Karl!

Der Gatte.

Sie ist tot.

Die junge Frau.

Im Ernst?

Der Gatte.

Ja ..... es klingt fast lächerlich, aber ich habe die Empfindung, daß alle diese Frauen jung sterben.

Die junge Frau.

Hast du sie sehr geliebt?

Der Gatte.

Lügnerinnen liebt man nicht.

Die junge Frau.

Also warum ....

Der Gatte.

Ein Rausch ....

103
Die junge Frau.

Also doch?

Der Gatte.

Sprich nicht mehr davon ich bitt dich. Alles das ist lang vorbei. Geliebt hab ich nur eine das bist du. Man liebt nur, wo Reinheit und Wahrheit ist.

Die junge Frau.

Karl!

Der Gatte.

Oh, wie sicher, wie wohl fühlt man sich in solchen Armen. Warum hab ich dich nicht schon als Kind gekannt? Ich glaube, dann hätt ich andere Frauen überhaupt nicht angesehen.

Die junge Frau.

Karl!

Der Gatte.

Und schön bist du! .... schön! .... Oh komm ....

(Er löscht das Licht aus).

104
Die junge Frau.

Weißt du, woran ich heute denken muß?

Der Gatte.

Woran, mein Schatz?

Die junge Frau.

An .... an .... an Venedig.

Der Gatte.

Die erste Nacht ....

Die junge Frau.

Ja .... so ....

Der Gatte.

Was denn ? So sag’s doch!

Die junge Frau.

So lieb hast du mich heut.

Der Gatte.

Ja, so lieb.

Die junge Frau.

Ah .... Wenn du immer ....

105
Der Gatte
(in ihren Armen).

Wie?

Die junge Frau.

Mein Karl!

Der Gatte.

Was meintest du? Wenn ich immer ....

Die junge Frau.

Nun ja.

Der Gatte.

Nun, was wär denn, wenn ich immer ?

Die junge Frau.

Dann wüßt ich eben immer, daß du mich lieb hast.

Der Gatte.

Ja. Du mußt es aber auch so wissen. Man ist nicht immer der liebende Mann, man muß auch zuweilen hinaus ins feindliche Leben, muß kämpfen und streben! Das vergiß nie, mein Kind! Alles hat seine Zeit in der Ehe das ist eben das Schöne. Es gibt106 nicht viele, die sich noch nach fünf Jahren an ihr Venedig erinnern.

Die junge Frau.

Freilich!

Der Gatte.

Und jetzt .... gute Nacht, mein Kind.

Die junge Frau.

Gute Nacht!

[figure]
[107]

DER GATTE UND DAS SÜSSE MÄDEL

[108][109]
Ein Kabinet particulier im Riedhof. Behagliche, mäßige Eleganz. Der Gasofen brennt. Der Gatte. Das süße Mädel. Auf dem Tisch sind die Reste einer Mahlzeit zu sehen; Obersschaumbaisers, Obst, Käse. In den Weingläsern ein ungarischer weißer Wein.
Der Gatte
(raucht eine Havannazigarre, er lehnt in der Ecke des Divans).
Das süße Mädel
(sitzt neben ihm auf dem Sessel und löffelt aus einem Baiser den Obersschaum heraus, den sie mit Behagen schlürft).
Der Gatte.

Schmeckt’s?

Das süße Mädel
(läßt sich nicht stören).

Oh!

Der Gatte.

Willst du noch eins?

110
Das süße Mädel.

Nein, ich hab so schon zu viel gegessen.

Der Gatte.

Du hast keinen Wein mehr.

(Er schenkt ein.)
Das süße Mädel.

Nein .... aber schaun S, ich laß ihn ja eh stehen.

Der Gatte.

Schon wieder sagst du Sie.

Das süße Mädel.

So? Ja wissen S, man gewöhnt sich halt so schwer.

Der Gatte.

Weißt du.

Das süße Mädel.

Was denn?

Der Gatte.

Weißt du, sollst du sagen; nicht wissen S. Komm setz dich zu mir.

111
Das süße Mädel.

Gleich .... bin noch nicht fertig.

Der Gatte.
(steht auf, stellt sich hinter den Sessel und umarmt daß süße Mädel, indem er ihren Kopf zu sich wendet).
Das süße Mädel.

Na, was ist denn?

Der Gatte.

Einen Kuß möcht ich haben.

Das süße Mädel
(giebt ihm einen Kuß).

Sie sind .... oh pardon, du bist ein kecker Mensch.

Der Gatte.

Jetzt fällt dir das ein?

Das süße Mädel.

Ah nein, eingefallen ist es mir schon früher .... schon auf der Gassen. Sie müssen

Der Gatte.

Du mußt.

112
Das süße Mädel.

Du mußt dir eigentlich was schönes von mir denken.

Der Gatte.

Warum denn?

Das süße Mädel.

Daß ich gleich so mit Ihnen ins chambre separée gegangen bin.

Der Gatte.

Na, gleich kann man doch nicht sagen.

Das süße Mädel.

Aber Sie können halt so schön bitten.

Der Gatte.

Findest du?

Das süße Mädel.

Und schließlich, was ist denn dabei?

Der Gatte.

Freilich.

113
Das süße Mädel.

Ob man spazieren geht oder

Der Gatte.

Zum spazieren gehen ist es auch viel zu kalt.

Das süße Mädel.

Natürlich ist zu kalt gewesen.

Der Gatte.

Aber da ist es angenehm warm; was?

(Er hat sich wieder niedergesetzt, umschlingt das süße Mädel und zieht sie an seine Seite.)
Das süße Mädel
(schwach).

Na.

Der Gatte.

Jetzt sag einmal .... Du hast mich schon früher bemerkt gehabt, was?

Das süße Mädel.

Natürlich. Schon in der Singerstraßen.

Der Gatte.

Nicht heut, mein ich. Auch vorgestern undReigen. 8114vorvorgestern, wie ich dir nachgegangen bin.

Das süße Mädel.

Mir geh’n gar viele nach.

Der Gatte.

Das kann ich mir denken. Aber ob du mich bemerkt hast.

Das süße Mädel.

Wissen S .... ah .... weißt, was mir neulich passiert ist? Da ist mir der Mann von meiner Cousine nachg’stiegen in der Dunkeln und hat mich nicht ’kennt.

Der Gatte.

Hat er dich angesprochen?

Das süße Mädel.

Aber was glaubst denn? Meinst, es ist jeder so keck wie du?

Der Gatte.

Aber es kommt doch vor.

Das süße Mädel.

Natürlich kommt’s vor.

115
Der Gatte.

Na, was machst du da?

Das süße Mädel.

Na, nichts Keine Antwort geb ich halt.

Der Gatte.

Hm .... mir hast du aber eine Antwort gegeben.

Das süße Mädel.

Na sind S vielleicht bös?

Der Gatte
(küßt sie heftig).

Deine Lippen schmecken nach dem Obers - schaum.

Das süße Mädel.

Oh, die sind von Natur aus süß.

Der Gatte.

Das haben dir schon viele gesagt?

Das süße Mädel.

Viele!! Was du dir wieder einbildest!

8*116
Der Gatte.

Na, sei einmal ehrlich. Wie viele haben den Mund da schon geküßt?

Das süße Mädel.

Was fragst mich denn? Du möcht’st mir’s ja doch nicht glauben, wenn ich dir’s sag!

Der Gatte.

Warum denn nicht?

Das süße Mädel.

Rat einmal.

Der Gatte.

Na, sagen wir, aber du darfst nicht bös sein?

Das süße Mädel.

Warum sollt ich denn bös sein?

Der Gatte.

Also ich schätze .... zwanzig.

Das süße Mädel
(sich von ihm losmachend).

Na warum nicht gleich hundert?

117
Der Gatte.

Ja, ich hab eben geraten.

Das süße Mädel.

Da hast du aber nicht gut geraten.

Der Gatte.

Also zehn.

Das süße Mädel
(beleidigt).

Freilich. Eine, die sich auf der Gassen anreden läßt und gleich mitgeht ins chambre separée!

Der Gatte.

Sei doch nicht so kindisch. Ob man auf der Straßen herumläuft oder in einem Zimmer sitzt .... Wir sind doch da in einem Gast - haus. Jeden Moment kann der Kellner her - einkommen da ist doch wirklich gar nichts dran ....

Das süße Mädel.

Das hab ich mir eben auch gedacht.

Der Gatte.

Warst du schon einmal in einem chambre separée?

118
Das süße Mädel.

Also, wenn ich die Wahrheit sagen soll: ja.

Der Gatte.

Siehst du, das g’fallt mir, daß du doch wenigstens aufrichtig bist.

Das süße Mädel.

Aber nicht so wie du dir’s wieder denkst. Mit einer Freundin und ihrem Bräutigam bin ich im chambre separée gewesen, heuer im Fasching einmal.

Der Gatte.

Es wär ja auch kein Malheur, wenn du ein - mal mit deinem Geliebten

Das süße Mädel.

Natürlich wär’s kein Malheur. Aber ich hab kein Geliebten.

Der Gatte.

Na geh.

Das süße Mädel.

Meiner Seel, ich hab keinen.

119
Der Gatte.

Aber du wirst mir doch nicht einreden wollen, daß ich ....

Das süße Mädel.

Was denn? .... Ich hab halt keinen schon seit mehr als einem halben Jahr.

Der Gatte.

Ah so .... Aber vorher? Wer war’s denn?

Das süße Mädel.

Was sind S denn gar so neugierig?

Der Gatte.

Ich bin neugierig, weil ich dich lieb hab.

Das süße Mädel.

Is wahr?

Der Gatte.

Freilich. Das mußt du doch merken. Erzähl mir also.

(Drückt sie fest an sich.)
Das süße Mädel.

Was soll ich dir denn erzählen?

120
Der Gatte.

So laß dich doch nicht so lang bitten. Wer’s gewesen ist, möcht ich wissen.

Das süße Mädel
(lachend).

Na ein Mann halt.

Der Gatte.

Also also wer war’s?

Das süße Mädel.

Ein bissel ähnlich hat er dir gesehen.

Der Gatte.

So.

Das süße Mädel.

Wenn du ihm nicht so ähnlich schauen tät’st

Der Gatte.

Was wär dann?

Das süße Mädel.

Na also frag nicht, wennst schon siehst, daß ....

121
Der Gatte
(versteht).

Also darum hast du dich von mir anreden lassen.

Das süße Mädel.

Na also ja.

Der Gatte.

Jetzt weiß ich wirklich nicht, soll ich mich freuen oder soll ich mich ärgern.

Das süße Mädel.

Na, ich an deiner Stell tät mich freuen.

Der Gatte.

Na ja.

Das süße Mädel.

Und auch im Reden erinnerst du mich so an ihn .... und wie du einen anschaust ....

Der Gatte.

Was ist er denn gewesen?

Das süße Mädel.

Nein, die Augen

122
Der Gatte.

Wie hat er denn geheißen?

Das süße Mädel.

Nein, schau mich nicht so an, ich bitt dich.

Der Gatte
(umfängt sie. Langer, heißer Kuß).
Das süße Mädel
(schüttelt sich, will aufstehen).
Der Gatte.

Warum gehst du fort von mir?

Das süße Mädel.

Es wird Zeit zum Z’haus’geh’n.

Der Gatte.

Später.

Das süße Mädel.

Nein, ich muß wirklich schon zuhaus gehen. Was glaubst denn, was die Mutter sagen wird.

Der Gatte.

Du wohnst bei deiner Mutter?

123
Das süße Mädel.

Natürlich wohn ich bei meiner Mutter. Was hast denn geglaubt?

Der Gatte.

So bei der Mutter. Wohnst du allein mit ihr?

Das süße Mädel.

Ja freilich allein! Fünf sind wir! Zwei Buben und noch zwei Mädeln.

Der Gatte.

So setz dich doch nicht so weit fort von mir. Bist du die älteste?

Das süße Mädel.

Nein, ich bin die zweite. Zuerst kommt die Kathi; die ist im G’schäft, in einer Blumen - handlung, dann komm ich.

Der Gatte.

Wo bist du?

Das süße Mädel.

Na ich bin z’haus.

124
Der Gatte.

Immer?

Das süße Mädel.

Es muß doch eine z’haus sein.

Der Gatte.

Freilich. Ja, und was sagst du denn eigentlich deiner Mutter, wenn du so spät nach Haus kommst?

Das süße Mädel.

Das ist ja so eine Seltenheit.

Der Gatte.

Also heut zum Beispiel. Deine Mutter fragt dich doch?

Das süße Mädel.

Natürlich fragt s mich. Da kann ich Obacht geben so viel ich will wenn ich nach Haus komm, wacht s auf.

Der Gatte.

Also was sagst du ihr da?

125
Das süße Mädel.

Na, im Theater werd ich halt gewesen sein.

Der Gatte.

Und glaubt sie das?

Das süße Mädel.

Na, warum soll s mir denn nicht glauben? Ich geh ja oft ins Theater. Erst am Sonn - tag war ich in der Oper mit meiner Freundin und ihrem Bräutigam und mein älter’n Bruder.

Der Gatte.

Woher habt ihr denn da die Karten?

Das süße Mädel.

Aber, mein Bruder ist ja Friseur:

Der Gatte.

Ja, die Friseure ...... ah, wahrscheinlich Theaterfriseur.

Das süße Mädel.

Was fragst mich denn so aus?

126
Der Gatte.

Es interessiert mich halt. Und was ist denn der andere Bruder?

Das süße Mädel.

Der geht noch in die Schul. Der will ein Lehrer werden. Nein .... so ’was!

Der Gatte.

Und dann hast du noch eine kleine Schwester?

Das süße Mädel.

Ja, die ist noch ein Fratz, aber auf die muß man schon heut so aufpassen. Hast du denn eine Idee, wie die Mädeln in der Schule verdorben werden! Was glaubst! Neulich hab ich sie bei einem Rendezvous erwischt.

Der Gatte.

Was?

Das süße Mädel.

Ja! mit einem Buben von der Schul vis-à-vis ist sie Abends um halber acht in der Strozzi - gasse spazieren gegangen. So ein Fratz!

127
Der Gatte.

Und, was hast du da gemacht?

Das süße Mädel.

Na, Schläg hat s kriegt!

Der Gatte.

So streng bist du?

Das süße Mädel.

Na, wer soll’s denn sein? Die ältere ist im G’schäft, die Mutter tut nichts als raunzen; kommt immer alles auf mich.

Der Gatte.

Herrgott, bist du lieb!

(Küßt sie und wird zärt - licher.)

Du erinnerst mich auch an wen.

Das süße Mädel.

So an wen denn?

Der Gatte.

An keine bestimmte .... an die Zeit .... na, halt an meine Jugend. Geh, trink, mein Kind!

128
Das süße Mädel.

Ja, wie alt bist du denn? .... Du .... ja ich weiß ja nicht einmal, wie du heißt.

Der Gatte.

Karl.

Das süße Mädel.

Ist’s möglich! Karl heißt du?

Der Gatte.

Er hat auch Karl geheißen?

Das süße Mädel.

Nein, das ist aber schon das reine Wunder das ist ja nein die Augen .... Das G’schau ....

(schüttelt den Kopf).
Der Gatte.

Und wer er war hast du mir noch immer nicht gesagt.

Das süße Mädel.

Ein schlechter Mensch ist er gewesen das ist g’wiß, sonst hätt er mich nicht sitzen lassen,

129
Der Gatte.

Hast ihn sehr gern g’habt?

Das süße Mädel.

Freilich hab ich ihn gern g’habt?

Der Gatte.

Ich weiß, was er war, Lieutenant.

Das süße Mädel.

Nein, bei Militär war er nicht. Sie haben ihn nicht genommen. Sein Vater hat ein Haus in der .... aber was brauchst du das zu wissen?

Der Gatte
(küßt sie).

Du hast eigentlich graue Augen, anfangs hab ich gemeint sie sind schwarz.

Das süße Mädel.

Na sind s dir vielleicht nicht schön genug?

Der Gatte
(küßt ihre Augen).
Das süße Mädel.

Nein nein das vertrag ich schon garReigen. 9130nicht .... oh bitt dich oh Gott .... nein, laß mich aufsteh’n .... nur für einen Moment bitt dich.

Der Gatte
(immer zärtlicher).

Oh nein.

Das süße Mädel.

Aber ich bitt dich, Karl ....

Der Gatte.

Wie alt bist du? achtzehn, was?

Das süße Mädel.

Neunzehn vorbei.

Der Gatte.

Neunzehn .... und ich

Das süße Mädel.

Du bist dreißig ....

Der Gatte.

Und einige drüber. Reden wir nicht davon.

131
Das süße Mädel.

Er war auch schon zweiundreißig, wie ich ihn kennen gelernt hab.

Der Gatte.

Wie lang ist das her?

Das süße Mädel.

Ich weiß nimmer .... Du, in dem Wein muß ’was d’rin gewesen sein.

Der Gatte.

Ja, warum denn?

Das süße Mädel.

Ich bin ganz .... weißt mir dreht sich alles.

Der Gatte.

So halt dich fest an mich. So ....

(Er drückt sie an sich und wird immer zärtlicher, sie wehrt kaum ab.)

Ich werd dir ’was sagen, mein Schatz, wir könnten jetzt wirklich geh’n.

Das süße Mädel.

Ja .... nach Haus.

9*132
Der Gatte.

Nicht g’rad nach Haus .....

Das süße Mädel.

Was meinst denn? Oh nein, oh nein ich geh nirgends hin, was fallt dir denn ein

Der Gatte.

Also hör mich nur an, mein Kind, das nächste Mal, wenn wir uns treffen, weißt du, da richten wir uns das so ein, daß

(Er ist zu Boden gesunken, hat seinen Kopf in ihrem Schoß.)

Das ist angenehm, oh, das ist an - genehm.

Das süße Mädel.

Was machst denn?

(Sie küßt seine Haare.)

....

Du in dem Wein muß ’was drin gewesen sein so schläfrig .... du, was g’schieht denn, wenn ich nimmer aufsteh’n kann? Aber, aber, schau, aber Karl .... und wenn wer hereinkommt .... ich bitt dich .... der Kellner.

Der Gatte.

Da .... kommt sein Lebtag .... kein Kellner .... herein ....

133
Das süße Mädel
(lehnt mit geschlossenen Augen in der Divanecke).
Der Gatte
(geht in dem kleinen Raum auf und ab, nach - dem er sich eine Zigarette angezündet).
Längeres Schweigen.
Der Gatte
(betrachtet das süße Mädel lange, für sich).

Wer weiß, was das eigentlich für eine Person ist Donnerwetter .... So schnell .... War nicht sehr vorsichtig von mir .... Hm ....

Das süße Mädel
(ohne die Augen zu öffnen).

In dem Wein muß ’was d’rin gewesen sein.

Der Gatte.

Ja warum denn?

Das süße Mädel.

Sonst ....

Der Gatte.

Warum schiebst du denn alles auf den Wein? ....

134
Das süße Mädel.

Wo bist denn? Warum bist denn so weit? Komm doch zu mir.

Der Gatte
(zu ihr hin, setzt sich)
Das süße Mädel.

Jetzt sag mir, ob du mich wirklich gern hast.

Der Gatte.

Das weißt du doch ....

(Er unterbricht sich rasch.)

Freilich.

Das süße Mädel

Weißt .... es ist doch .... Geh,[] sag mir die Wahrheit, was war in dem Wein?

Der Gatte.

Ja, glaubst du ich bin ein .... ich bin ein Giftmischer?

Das süße Mädel.

Ja, schau, ich versteh’s halt nicht. Ich bin doch nicht so .... Wir kennen uns doch erst seit .... Du, ich bin nicht so ....135 meiner Seel und Gott, wenn du das von mir glauben tät’st

Der Gatte.

Ja was machst du dir denn da für Sorgen. Ich glaub gar nichts schlechtes von dir. Ich glaub halt, daß du mich lieb hast.

Das süße Mädel.

Ja ....

Der Gatte.

Schließlich, wenn zwei junge Leut allein in einem Zimmer sind, und nachtmahlen und trinken Wein .... es braucht gar nichts d’rin zu sein in dem Wein.

Das süße Mädel.

Ich hab’s ja auch nur so g’sagt.

Der Gatte.

Ja warum denn?

Das süße Mädel
(eher trotzig).

Ich hab mich halt g’schämt.

136
Der Gatte.

Das ist lächerlich. Dazu liegt gar kein Grund vor. Umsomehr als ich dich an deinen ersten Geliebten erinnere.

Das süße Mädel.

Ja.

Der Gatte.

An den ersten.

Das süße Mädel.

Na ja ....

Der Gatte.

Jetzt möcht es mich interessieren, wer die anderen waren.

Das süße Mädel.

Niemand.

Der Gatte.

Das ist ja nicht wahr, das kann ja nicht wahr sein.

137
Das süße Mädel.

Geh bitt dich, sekier mich nicht.

Der Gatte.

Willst eine Zigarette?

Das süße Mädel.

Nein, ich dank schön.

Der Gatte.

Weißt du, wie spät es ist?

Das süße Mädel.

Na?

Der Gatte.

Halb zwölf.

Das süße Mädel.

So!

Der Gatte.

Na .... und die Mutter? Die ist es gewöhnt, was?

138
Das süße Mädel.

Willst mich wirklich schon z’haus schicken?

Der Gatte.

Ja, du hast doch früher selbst

Das süße Mädel.

Geh, du bist aber wie ausgewechselt. Was hab ich dir denn getan?

Der Gatte.

Aber Kind, was hast du denn, was fällt dir denn ein?

Das süße Mädel.

Und es ist nur dein G’schau gewesen, meiner Seel, sonst hätt’st du lang .... haben mich schon viele gebeten, ich soll mit ihnen ins chambre separée gehen.

Der Gatte.

Na, willst du .... bald wieder mit mir hieher .... oder auch wo anders

Das süße Mädel.

Weiß nicht.

139
Der Gatte.

Was heißt das wieder: Du weißt nicht.

Das süße Mädel.

Na, wenn du mich erst fragst?

Der Gatte.

Also wann? Ich möcht dich nur vor allem aufklären, daß ich nicht in Wien lebe. Ich komm nur von Zeit zu Zeit auf ein paar Tage her.

Das süße Mädel.

Ah geh, du bist kein Wiener?

Der Gatte.

Wiener bin ich schon. Aber ich lebe jetzt in der Nähe ....

Das süße Mädel.

Wo denn?

Der Gatte.

Ach Gott, das ist ja egal.

Das süße Mädel.

Na, fürcht dich nicht, ich komm nicht hin.

140
Der Gatte.

Oh Gott, wenn es dir Spaß macht, kannst du auch hinkommen. Ich lebe in Graz.

Das süße Mädel.

Im Ernst?

Der Gatte.

Na ja, was wundert dich denn daran?

Das süße Mädel.

Du bist verheiratet, wie?

Der Gatte
(höchst erstaunt).

Ja, wie kommst du darauf?

Das süße Mädel.

Mir ist halt so vorgekommen.

Der Gatte.

Und das würde dich gar nicht genieren?

Das süße Mädel.

Na, lieber ist mir schon, du bist ledig. Aber du bist ja doch verheiratet!

141
Der Gatte.

Ja, sag mir nur, wie kommst du denn da darauf?

Das süße Mädel.

Wenn einer sagt, er lebt nicht in Wien und hat nicht immer Zeit

Der Gatte.

Das ist doch nicht so unwahrscheinlich.

Das süße Mädel.

Ich glaub’s nicht.

Der Gatte.

Und da möchtest du dir gar kein Gewissen machen, daß du einen Ehemann zur Untreue verführst?

Das süße Mädel.

Ah was, deine Frau macht’s sicher nicht anders als du.

Der Gatte
(sehr empört).

Du, das verbiet ich mir. Solche Bemer - kungen

142
Das süße Mädel.

Du hast ja keine Frau, hab ich geglaubt.

Der Gatte.

Ob ich eine hab oder nicht man macht keine solche Bemerkungen.

(Er ist aufgestanden.)
Das süße Mädel.

Karl, na Karl, was ist denn? Bist bös? Schau, ich hab’s ja wirklich nicht gewußt, daß du verheiratet bist. Ich hab ja nur so g’redt. Geh komm und sei wieder gut.

Der Gatte
(kommt nach ein paar Sekunden zu ihr).

Ihr seid wirklich sonderbare Geschöpfe, ihr .... Weiber.

(Er wird wieder zärtlich an ihrer Seite.)
Das süße Mädel.

Geh ..... nicht ..... es ist auch schon so spät.

Der Gatte.

Also jetzt hör mir einmal zu. Reden wir143 einmal im Ernst miteinander. Ich möcht dich wieder sehen, öfter wiedersehen.

Das süße Mädel.

Is wahr?

Der Gatte.

Aber dazu ist notwendig .... also verlassen muß ich mich auf dich können. Aufpassen kann ich nicht auf Dich.

Das süße Mädel.

Ah, ich pass schon selber auf mich auf.

Der Gatte.

Du bist .... na also, unerfahren kann man ja nicht sagen aber jung bist du und die Männer sind im allgemeinen ein gewissenloses Volk.

Das süße Mädel.

Oh jeh!

Der Gatte.

Ich mein das nicht nur in moralischer Hinsicht. Na, du verstehst mich sicher.

144
Das süße Mädel.

Ja, sag mir, was glaubst du denn eigentlich von mir?

Der Gatte.

Also wenn du mich lieb haben willst nur mich so können wir’s uns schon ein - richten wenn ich auch für gewöhnlich in Graz wohne. Da wo jeden Moment wer hereinkommen kann, ist es ja doch nicht das rechte.

Das süße Mädel
(schmiegt sich an ihn).
Der Gatte.

Das nächste Mal werden wir wo anders zusammen sein, ja?

Das süße Mädel.

Ja.

Der Gatte.

Wo wir ganz ungestört sind.

Das süße Mädel.

Ja.

145
Der Gatte
(umfängt sie heiß).

Das andere besprechen wir im Nachhaus - fahren.

(Steht auf, öffnet die Thür.)

Kellner .... die Rechnung!

[figure]
Reigen. 10[146][147]

DAS SÜSSE MÄDEL UND DER DICHTER

[148][149]
Ein kleines Zimmer, mit behaglichem Geschmack ein - gerichtet. Vorhänge, welche das Zimmer halbdunkel machen. Rote Stores. Großer Schreibtisch, auf dem Papiere und Bücher herumliegen. Ein Pianino an der Wand. Das süße Mädel. Der Dichter. Sie kommen eben zusammen herein. Der Dichter schließt zu.
Der Dichter.

So, mein Schatz

(küßt sie).
Das süße Mädel
(mit Hut und Mantille).

Ah! Da ist aber schön! Nur sehen tut man nichts!

Der Dichter.

Deine Augen müssen sich an das Halb - dunkel gewöhnen. Diese süßen Augen

(küßt sie auf die Augen).
Das süße Mädel.

Dazu werden die süßen Augen aber nicht Zeit genug haben.

150
Der Dichter.

Warum denn?

Das süße Mädel.

Weil ich nur eine Minuten dableib.

Der Dichter.

Den Hut leg ab, ja?

Das süße Mädel.

Wegen der einen Minuten?

Der Dichter
(nimmt die Nadel aus ihrem Hut und legt den Hut fort).

Und die Mantille

Das süße Mädel.

Was willst denn? Ich muß ja gleich wieder fortgehen.

Der Dichter.

Aber du mußt dich doch ausruh’n! Wir sind ja drei Stunden gegangen.

Das süße Mädel.

Wir sind gefahren.

151
Der Dichter.

Ja nach Haus aber in Weidling am Bach sind wir doch drei volle Stunden herumge - laufen. Also setz dich nur schön nieder, mein Kind .... wohin du willst; hier an den Schreibtisch; aber nein, das ist nicht bequem. Setz dich auf den Divan. So.

(Er drückt sie nieder.)

Bist du sehr müd, so kannst du dich auch hinlegen. So.

(Er legt sie auf den Divan.)

Da das Kopferl auf den Polster.

Das süße Mädel
(lachend).

Aber ich bin ja gar nicht müd!

Der Dichter.

Das glaubst du nur. So und wenn du schläfrig bist, kannst du auch schlafen. Ich werde ganz still sein. Übrigens kann ich dir ein Schlummerlied vorspielen ..... von mir ....

(Geht zum