PRIMS Full-text transcription (HTML)
[I]
Boͤrne's Mittheilungen aus dem Gebiete der Laͤnder - und Voͤlkerkunde.
Zweiter Theil.
[II][III]
Mittheilungen aus dem Gebiete der Laͤnder - und Voͤlkerkunde
Zweiter Theil.
Offenbach, BeiL. Brunet. 1833.
[IV][V]
Geſammelte Schriften
Zwölfter Theil.
Offenbach, BeiL. Brunet. 1833.
[VI][VII]

Inhalt.

  • Sechzehnter BriefSeite 1
  • Siebzehnter Brief 12
  • Achtzehnter Brief 22
  • Neunzehnter Brief 45
  • Zwanzigſter Brief 53
  • Ein und zwanzigſter Brief 64
  • Zwei und zwanzigſter Brief 76
  • Drei und zwanzigſter Brief 93
  • Vier und zwanzigſter Brief 97
  • Fünf und zwanzigſter Brief 113
  • VIII
  • Sechs und zwanzigſter BriefSeite 131
  • Sieben und zwanzigſter Brief 210
  • Acht und zwanzigſter Brief 216
  • Neun und zwanzigſter Brief 228
  • Dreißigſter Brief 236
  • Ein und dreißigſter Brief 243
[1]

Sechzehnter Brief.

D r. Rießer in Hamburg hat für mich gegen mei¬ nen Eduard geſchrieben; aber weder in Hamburg noch in Altona wollte die Cenſur den Druck der Schrift erlauben. Sie wird jetzt in Braunſchweig gedruckt. So ſind die deutſchen Regierungen! So ſchaamlos iſt ihre Cenſur! So ſind die freien Städte welche die Monarchen nur darum fort¬ beſtehen ließen, um republikaniſche Regierungs¬ formen lächerlich und verächtlich zu machen, um zu zeigen, daß ein Senat von Bürgern ſo knechtiſcher Geſinnung ſeyn[könne], als ein Staatsrath von Edelleuten. Der nehmliche[Cenſor], der es doch ge¬ ſchehen ließ, daß eine Schrift voll der unerhörteſten Schimpfreden gegen mich erſchien, deren Titel ſchon eine Beleidigung war, verbot die Schrift, die meineIV. 12Vertheidigung übernahm! Und ſolche Regierungen ver¬ langen noch, daß man ſie achte! Campe ſchreibt mir ferner: denken Sie ſich die Tollheit der Menſchen, einige behaupten ſteif und feſt, Sie hätten dieſe Briefe im öſtreichiſchen Solde geſchrieben, damit man der Preſſe beikommen könne. Iſt das erhört? Glauben Sie mir, ſo dumm das iſt, ſo giebt es doch Menſchen, die noch dümmer ſind als das, und es iſt darum gar nicht unmöglich, daß irgend ein Lohnbedienter irgend eines Kommis-Voyageurs der Diplomatie ein ſolches Gerücht vorſätzlich in den Gang gebracht.

Sechszehnmal iſt Campe ſchon verhört worden. Ich habe eine Vorſtellung davon, was ſie ihn alles ausfragen. So oft ſtand Louvel nicht vor Gericht. Es koſtet viele Arbeit, bis man in Deutſchland ge¬ hängt wird. Der Artikel gegen meine Briefe, deſſen ich geſtern erwähnt, ſteht in der Zeitung von Bern, wie ich Ihnen ſchon geſchrieben, einen Trödelmarkt, wo die ariſtokratiſchen Lumpen von ganz Europa auf¬ gehäuft liegen. Er lautet wie folgt: Noch ein Urtheil über Börne's Briefe. Die Mann¬ heimer Zeitung ſchließt eine kurze Kritik dieſer po¬ litiſchen literäriſchen Monſtroſität folgendermaaßen: Was hier mit dürren Worten, von allen hochtra¬ benden Phraſen befreit, geſagt wird, iſt leider die Geſchichte der heutigen Tage. Geld - und Ehrgeiz3 bilden die Grundlage der Börneſchen Ausfälle, und erwecket in ihm den tödtlichen Haß, welcher ſich auf jeder Seite ausſpricht. Weil er nicht Hof¬ rath, Staatsrath, Miniſter iſt, haßt er alle Be¬ amten; weil er ſelbſt kein Geld hat, ſo trifft ſein Haß alle Begüterte, Banquiers oder wohlhabende Bürger, und weil er endlich nie Fürſt werden kann, ſo fällt das größte Gewicht ſeines Haſſes auf die Großen dieſer Erde. Was er auszuſprechen, in ſo furchtbarer Wahrheit laut zu denken wagt, ver¬ zehrt im Stillen Tauſende. Es iſt daher die Wuth ganz begreiflich, mit der alle ſeine Geiſtesverwandten über den Unverſchämten herfallen, welcher in ſo ganz unbegreiflich naiven Geſtändniſſen der Zeit ver¬ gißt, und den Schleier lüftet, welchen bisher ein erkünſtelter Patriotismus ſo fein gewoben hatte. Es war daher nur ein Schrei des Entſetzens unter ſeinen Freunden, als ſie ihr klug bewahrtes Geheim¬ niß ſo leichtſinnig verrathen, und alle die zarten Fäden aufgedeckt ſahen, mit denen ſie ihre Pläne umſponnen. Sie mußten, und wohl nicht mit Un¬ recht, fürchten, daß, iſt einmal die Maske gefallen, ſich die öffentliche Meinung, welche ſie bisher ſchlau für ſich benutzt, ſich gegen ſie richten, und ſo den Nimbus zerſtören würde, der ſie umgiebt. Solche Fingerzeige bleiben für den Triumph der guten Sache nicht verlohren! Es iſt daher Börne's Werk1*4 ein lehrreiches und nützliches Buch! Das merkt euch, Kinder, und ſtellt die Pariſer Briefe neben eure Andachtsſtunden!

Mein Kamin raucht nicht mehr, er iſt ge¬ heilt worden, und gründlich. Ich habe da wieder erfahren, daß man gegen dieſe ſpitzbübiſchen Fran¬ zoſen, will man ſein Recht behaupten oder erlangen, grob ſeyn muß. Iſt man artig, wird man beſiegt, denn ſie verſtehen noch artiger zu ſeyn als wir. Dieſe ihre Waffen wiſſen ſie ſo geſchickt zu gebrau¬ chen; ſie geben uns freundliche Worte, ſüße Ver¬ ſprechungen, um uns einzuſchläfern und unſere An¬ ſprüche zu entwaffnen. Ich aber, der das kannte, ließ mich nie irre führen, und wußte durch periodiſch¬ abgemeſſene, regelmäßig wiederkehrende Grobheit im¬ mer zu erlangen, was mir gebührte. Acht Tage lang ſchickte ich täglich viermal den Conrad zum Hausherrn mit der Ermahnung, für den Kamin zu ſorgen. Da dies nichts half, kündigte ich das Logis auf. Das wirkte.

Herold's Artikel in den Zeitſchwingen hat mir ſehr gut gefallen. Darin iſt jugendlicher Muth und Uebermuth, wie ihn der Kampf dieſer Zeit er¬ fordert. So eine Butter-Seele wie dieſer Alexis, will es ja nicht beſſer, als geſchmiert zu werden freilich mit goldenen Meſſerchen, von zarter Hand, auf zartgeröſtetes Weisbrödchen. Nun kömmt eine5 tüchtige Bürgerfauſt, und ſchmiert ſie mit einem Kochlöffel auf Haberbrod; das wird der Berliner Butter-Seele ihre Schmiegſamkeit etwas verleiden.

Ob ich die Wiener Gedichte kenne? Wie ſollte ich ſie nicht kennen! Sie wohnen ſeit zwei Monaten in meinem Herzen, und ich ſehe und höre ſie täglich. Aber zanken muß ich mit Ihnen, daß Sie durch ſolches unzeitiges Fragen mich in meiner Druckerei ſtören. Ich wollte nächſtens mit Ihnen davon zu ſprechen anfangen, ich wollte Sie fragen: Haben Sie die Spaziergänge eines Wiener Poeten geleſen? und dann, trott, trott, weiter. Jetzt muß ich erſt zu vergeſſen ſuchen, daß ſie Ihnen bekannt ſind. Wenn das noch einmal geſchieht, wenn Sie noch einmal durch ungerufenes Entgegenkommen mir meine ſchüchterne Schriftſtellerei verwirren, laſſe ich künftig Ihre eigenen Briefe ſtatt der meinigen drucken. Da wird ſich auch wohl für Sie ein weib¬ licher Eduard finden, und dann wollen wir ſehen, wie Sie mit dieſer Hamburger Megäre fertig werden.

Der Conſtitutionel, ſeit vielen Jahren das mächtigſte Blatt der Oppoſition, iſt jetzt in Caſimir Perriers Hände gefallen. Er hat ihn für eine halbe Million Aktien gekauft und kann daher mit ihm ver¬ fahren, wie ihm beliebt. Sie müſſen das bekannt machen, und die andern ſollen es auch weiter ver¬6 breiten, damit ſich keiner täuſchen laſſe. Es wird noch einige Zeit dauern, bis der Conſtitutionel ſeine Maske völlig abwirft. Das Blatt hat ſeit vier Wochen ſchon viertauſend Abbonenten ver¬ lohren.

7

So eben verläßt mich ein Beſuch, deſſen Ver¬ anlaſſung mir ſehr erfreulich war, deſſen Erfolg noch erfreulicher werden kann. Es war ein junger freund¬ licher Menſch, aus Hof in Baiern gebürtig, ſeit einigen Jahren in einer hieſigen Handlung als Kom¬ mis angeſtellt. Er ſagte, daß er im Namen ſeiner zahlreichen Freunde käme, die erſt kürzlich aus der Zeitung erfahren, daß ich in Paris ſey, um mir zu danken für den Eifer, den ich in meinen Schriften für die Sache des Vaterlandes an den Tag gelegt und ſo fort. Ich ſuchte das abzukürzen. Dar¬ auf weiter: er ſey beauftragt, mich um Rath zu fragen. Er, ſeine Freunde und Kameraden, wohl zwei bis dreihundert an der Zahl, alle junge Kaufleute, hätten ſich vorgenommen, an die Bairi¬ ſchen und Badiſchen Stände eine Adreſſe zu erlaſſen, um ihnen für den Muth und die Beharrlichkeit, mit welcher ſie für Recht und Freiheit geſtritten, die Ge¬ fühle ihrer Bewunderung und ihrer Erkenntlichkeit auszudrücken. Auf meine Bemerkung, daß eine ſolche Adreſſe zu ſpät käme, weil in wenigen Tagen die Stände in München und Carlsruhe auseinander ge¬ hen würden, erwiederte man mir: daran läge nichts; es wäre ihnen ja blos darum zu thun, auch ihrer¬8 ſeits ihre Geſinnung öffentlich kund zu thun. Der ausdrücklichen Bitte zuvorkommend, erklärte ich, daß ich herzlich gern eine ſolche Adreſſe aufſetzen würde. Ich bemerkte: der Schritt, den ſie zu machen däch¬ ten, würde von den heilſamſten Folgen ſein. Uns Andern, aus dem Stande der Gelehrten und Schrift¬ ſteller, ſo oft wir von verfaſſungsmäßigen Rechten, von Freiheit und Staatsreformen ſprächen, machte man den Vorwurf der Unruheſtiftung und heilloſen Zerſtörungsſucht, und wo man einmal ſo gnädig ſey, uns milder zu betrachten, ſpottete man unſerer lufti¬ gen Schwärmereien, die mit dem wahren Glück des Volkes, das auch für ſolche hohe Ideen nirgends Sinn habe, in gar keiner Verbindung ſtünde. Jetzt aber kämen ſie, alle Kaufleute, die durch Stand, Gewerbe und tägliche Beſchäftigung an das Poſitive gewieſen, ja durch Maas, Gewicht und Zahlen an die Wirklichkeit, wenn ſie ſie je vergeſſen möchten, ſtündlich erinnert würden, und wünſchten und forder¬ ten das Nehmliche. Sie ſprächen es aus, daß die materiellen Intereſſen, wo die Sorge für dieſelbe löblich wäre, innigſt an die moraliſchen Intereſſen gebunden wären, und daß nach Allem das ſinnliche Wohlbefinden und Wohlbehagen der Menſchen nicht ihre höchſte Beſtimmung ſey. Dieſes würde eine große Wirkung machen und die ewigen Feinde der9 Freiheit in Verwirrung bringen, die, deren Freunde um ſo leichter zu beſiegen, den Stand der Handels¬ leute und den der Gelehrten zu entzweien ſuchten ... In dieſem Sinn werde ich nun für die jungen Leute die Adreſſe abfaſſen.

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Dreimal leſe ich Ihren Brief. Aber wie kann ich auf Alles antworten? Ein Frauenzimmer frägt mehr, als hundert Männer beantworten können.

Von Schlegels Epigrammen habe ich einige vor¬ leſen hören, keine gegen Arndt, aber welche gegen Menzel. Ganz erbärmlich. Der Geck iſt jetzt hier. Solche Leute ſchickt ſeit der Revolution die preußiſche Regierung eine Menge hierher. Aber ſtatt zu ſpio¬ niren, welches ihre Sendung iſt, werden ſie ſpionirt. Die franzöſiſche Regierung erſpart dadurch Geld, Spione in Berlin zu beſolden. Bequemer und beſ¬ ſer kann man es nicht haben. Schlegel wohnt, aus alter Freundſchaft von der Staël her, bei deren Schwiegerſohn, dem Herzog von Broglie, und wird dort, wie man mir erzählt, zum Beſten gehabt, und en bas behandelt.

Die Damen hier und eine große Zahl von Künſtlern haben ſich vereinigt, Handarbeiten, kleine Kunſtwerke zu verfertigen, und ſie zum Vortheile der Polen auszuſpielen. Die Gegenſtände der Lotterie werden bis zur Ziehung in einem Saale öffentlich ausgeſtellt. Der Zettel koſtet zwei und einen halben Frank. Wie gewöhnlich bei ſolchen Unternehmungen, ſtehen die Namen der Frauenzimmer in der Zeitung,11 bei welchen die Looſe zu haben ſind. Frau von *** iſt dieſesmal nicht dabei. Es iſt keine legitime Barm¬ herzigkeit, und Revolutionärs verhungern zu ſehen, thut auch einem ſanften weiblichen Herzen wohl. Die ſchöne Dame in ihrem Boudoir denkt, wie es einer zärtlichen Gattin ziemt, an den Mann auf dem Bü¬ reau, und begreift, daß an einer Anleihe für Könige mehr zu verdienen ſey, als an einer für den Himmel.

[12]

Siebzehnter Brief.

Ihre Frage wegen der Simoniſten möchte ich Ihnen gern klar und genau beantworten; aber ich weiß nicht viel davon. Da ich mich nicht ſchämte, unwiſſend hierin zu bleiben, will ich mich auch nicht ſchämen, meine Unwiſſenheit zu geſtehen. Sie iſt um ſo weniger zu entſchuldigen, da mir bekannt, daß der Simonismus eine der wichtigſten Erſcheinungen, ja noch mehr iſt: der Inbegriff von vielen wichtigen Erſcheinungen dieſer Zeit. Das ſchwebte vor mir in der Luft und genauer unterſuchte ich es nicht. Es iſt nicht zu ändern. Hier in Paris braucht man nur einen halben Magen; denn der gefällige Koch¬ topf übernimmt die Hälfte der Verdauung. Hier in Paris braucht man gar kein Herz; denn da alle öffentliche Gedanken in öffentliche Empfindungen über¬ gegangen, iſt das Klima davon warm geworden und13 man braucht die Bruſt nicht einzuheitzen. Aber tau¬ ſend Beine braucht man hier, um nach allen Merk¬ würdigen zu gehen, tauſend Augen und Ohren, alles Merkwürdige zu ſehen und zu hören, und tauſend Köpfe, um alles aufzufaſſen, ſich anzueignen und zu verarbeiten.

Die Simoniſten halten jeden Sonntag öffent¬ liche Vorleſungen, in welchen ſie ihre Lehren zuſam¬ menſtellen und erläutern. Ich habe aber dieſen Pre¬ digten nie beigewohnt. Man muß zwei Stunden vorher da ſeyn, um Platz zu finden, und ſo viele Zeit mochte ich nicht darauf verwenden. Aus gleichem Grunde war ich auch noch nie in einer Kammerſitzung, bei den Verhandlungen der Aſſiſen, noch in einer der öffentlichen Verſammlungen, die hier faſt jede Woche gehalten werden. Das bürgerliche Leben, das in ſeinem ganzen Umfange und in allen ſeine Stockwer¬ ken öffentlich geworden, hat die Architektur hinter ſich gelaſſen, die monarchiſch und ariſtokratiſch geblieben. Es giebt in Paris kein öffentliches Gebäude, das ſelbſt für das beſcheidenſte Bedürfniß einer Volksver¬ ſammlung Raum genug hätte. Es iſt lächerlich, wie wenige öffentliche Sitze in der Deputirtenkammer ſind. Die Regierungen, wenn ſie die Freiheit mit keinen moraliſchen Schranken mehr umziehen dürfen, engen ſie wenigſtens ſo viel und ſo lang als möglich mit Steinmauern ein. Der Saal, den die Simoniſten14 haben, der iſt nun beſonders klein und ich glaube, daß ſie ihn aus Schelmerei ſo gewählt, damit die Zu¬ hörer um ſo begieriger herbeiſtrömen. Wo die Pa¬ riſer keinen Platz finden, da eilen ſie am liebſten hin, beſonders die Frauenzimmer; es iſt ihre Wonne, ge¬ ſtoßen und gedrückt zu werden.

Was mich bis jetzt von einer nähern Bekannt¬ ſchaft, nicht mit den Grundſätzen, ſondern mit den Lehren der Simoniſten, abgehalten, iſt die monarchi¬ ſche Verfaſſung ihrer Kirche. Sie haben einen Papſt; vor ſolchem kreuze ich mich, wie vor dem Satan. Sie haben eine Autorität; die fürchte ich noch mehr, als den Räuber im[finſtern] Walde. Ich laſſe mich von keiner Wahrheit gern einſchränken; ich trinke, wie der goldgelockte Felix im Wilhelm Meiſter, am liebſten aus der Flaſche. Wenn ein Pabſt mir ſagt: zwei mal zwei iſt vier glaube ich es ihm nicht, und habe ich es früher gewußt, fange ich an, daran zu zweifeln. Zwar weiß ich recht gut, daß keine neue Kirche der monarchiſchen Leitung entbehren kann; das Chriſtenthum ſelbſt blieb ſchwach, ward verfolgt und geſchlagen, ſo lange es republikaniſch war, und wurde erſt ſtark, ſiegend und erobernd, als es einen höchſten Biſchof an ſeine Spitze ſtellte. Jedem Staate iſt die monarchiſche Gewalt in ſeiner Kindheit die Laufbank, in ſeinem Greiſenalter eine Krücke; Freiheit gehört dem Jüng¬15 lingsalter und den männlichen Jahren. Aber, ob ich auch das begreife, verabſcheue ich doch die Monar¬ chie für jedes Verhältniß und für jede Zeit. Ein junger Staat ſoll lieber auf allen Vieren kriechen und etwas ſpäter gehen lernen, ſoll lieber, ſobald er das Greiſenalter erreicht, ſich freiwillig den Tod geben, als gemächliche und ſchnellere Entwickelung ſeiner Glieder, als einige Jahre Friſt jämmerlichen Daſeins mit der Freiheit bezahlen. Wie einem die Regierung oft alle bürgerliche Geſellſchaft, das Syſtem die ſchönſte Philoſophie verleiden kann; ſo verleidet ei¬ nem die Kirche jeden Glauben. Muß ich ſelig ſeyn im Paradieſe, dann will ich lieber in der Hölle lei¬ den. Es liegt gar nicht ſo viel daran, daß eine neue Wahrheit ſich ſchnell und weit umher verbreite; ſie wird leicht an Würde verlieren, was ſie an Macht, im Werthe verlieren, was ſie im Preiſe gewinnt.

Sie fragen mich: ob die Simoniſten etwa das reine Chriſtenthum herzuſtellen ſuchen? Ich glaube es. Aber was heißt reines Chriſtenthum? Es giebt nur eine reine Quelle des wahren Glau¬ bens, und aus dieſer fließen die mannigfaltigen Ströme der Religionen, die nach und nach den Schlamm der Ufer abſpülen, und ſich mit Allem be¬ ſudeln, was die ſchmutzigen Menſchen hineingeworfen. Die Simoniſten mögen wohl in Frankreich ſeyn, was die Carbonari in Italien ſind. Was dieſe wol¬16 len, weiß ich zwar auch nicht klar; doch daß ſie einen edlen Zweck haben, daß ſie ſuchen Licht in das dunkle Lügengebäude des Papſtthums zu bringen, und die Zwingburgen der Gewalt niederzureißen: das erfahre ich von der unbeſchreiblichen Wuth, mit welcher die geiſtliche und weltliche Macht in Italien den Carbo¬ narismus verfolgt.

Der hier erſcheinende Globe iſt das Apoſtel - Blatt der Simoniſten; eine Art hauſirende Bibel, die alle Tage den wahren Glauben friſch und warm in die Häuſer bringt. Doch ich kann keine Milch vertragen und leſe darum das Blatt nicht. Von den drei ſtereotypen Lehren, die der Globe als Motto's täglich hinter ſeinem Titel hat, kann ich nur die erſte annehmen; die zweite iſt mir zu trivial; die dritte finde ich falſch, und eine vierte; mir die erſte, mangelt gänzlich. Erſte Grundlehre. Les in¬ stitutions sociales doivent avoir pour but l'amé¬ lioration du sort moral, physique et intellectuel de la classe la plus nombreuse et la plus pauvre. Daß die bürgerliche Geſellſchaft nur für die Mehrzahl, nur für die ärmeren Claſſen zu ſor¬ gen habe, dieſem Grundſatze kann man dann erſt beitreten, nachdem man ſtillſchweigend angenommen, daß die Minderzahl der Geiſt - und Güterbegabten, daß jene Glücklichen, für welche ſchon die Natur ge¬ ſorgt, den Schutz und den Beiſtand der bürgerlichen17 Geſetze entbehren können. Dann aber bleibt in jenem Grundſatze die reinſte, heiligſte und unverletzlichſte Vorſchrift, wie der Sittlichkeit, ſo der Religion übrig. Weil ſie rein iſt, wird ſie von allen beſudelt; weil ſie heilig iſt, wird ſie verſpottet; weil unverletzlich, täglich übertreten. Doch ich mag nicht davon ſprechen. Wer nur etwas gelebt hat und nur einen Tag nicht ſich allein, der konnte wahrnehmen, wie man überall und zu allen Zeiten das niedre Volk als unorgani¬ ſches Produkt betrachtet, als Erde, Steine, Sand, Waſſer von Gott, dem Hofarchitekten der Vor¬ nehmen und Reichen, herbeigeſchafft, dieſen das Le¬ ben wohnlich und angenehm zu machen. Aber der Tag wird kommen, wo der zum Himmel geſtiegene Thränendunſt aller der Millionen Unglücklichen als Sündfluth niederſtürzen, und die Reichen mit allen ihren aufgeſparten Gütern bedrohen wird, und dann werden Schrecken und zu ſpäte Reue die hohle Bruſt der Hartherzigen ausfüllen, und ſie werden das Er¬ barmen, deſſen Rufe ſie nie gefolgt, ſelbſt anrufen. Zweite Grundlehre. Tous les privilèges de la naissauce, sans exception, seront abolis.

Werden hier die alterthümlichen bekannten Privilegien gemeint, wie die des Adels, der Pairs, oder ſonſt eines bevorrechteten Standes, ſo iſt das eine ſo ent¬ ſchiedene Wahrheit, ein ſo feſt gegründetes Recht, das man durch ein ſchadenfrohes Erwähnen derſelbenIV. 218nicht die Anmaßung des Widerſpruchs herausfordern ſollte. Nicht die Vernunft iſt auf der Seite der Gleichheit, ſondern auf der Seite der Ungleichheit iſt der Wahnſinn. Aber der Vernunft ziemt es nicht, dem Wahnſinn entgegen zu treten, ihm den Weg zu verſperren; ſondern ſie ſoll warten bis er herbei kömmt, bis er losbricht. Dann ſoll ſie ihn beſpre¬ chen, heilen, und wenn er ſich unheilbar zeigt, ihn an die Kette legen und unſchädlich machen. Jedes Wort, noch ferner gegen den Adel geſprochen, iſt ein Schwertſtreich dem Schlachtfelde entzogen; die Zeit des Redens iſt vorüber.

Dritte Grundlehre. A chacun selon sa ca¬ pacité, à chaque capacité selon ses oeuvres. Eine heilloſe Irrlehre! Die Wahrheit iſt ganz auf der entge¬ gengeſetzten Seite. Jemehr Verdienſt, je weni¬ ger Lohn; das iſt die Regel der Vernunft. Verdienſt iſt die reine Vorausbezahlung, welche die Natur ſol¬ chen Menſchen leiſtet, denen ſie vertraut, und der, dem ſie geworden, hat keinen weitern Lohn zu for¬ dern. Bezahlung werde dem Verdienſtloſen, der nichts von der Natur geerbt. Jeder Capacität nach ihren Werken, iſt auch falſch. Was der Menſch iſt, beſtimmt ſeinen Werth, und alſo ſeinen Preiß, nicht das, was er thut. Iſt das, was er thut ſei¬ ner Natur gemäß, iſt es blos Lebensäußerung, Selbſt¬ erhaltungstrieb, und er hat dafür keinen Lohn zu for¬19 dern; iſt es ſeiner Natur zuwieder, kann es nichts Gutes ſeyn. Dieſe Irrlehre der Simoniſten ent¬ ſpringt aus einer andern, zu welcher ſie ſich beken¬ nen, der von einer Gütergemeinſchaft, eine Lehre der verderblichſten Art, weil ſie den Menſchen nicht allein in der bürgerlichen Geſellſchaft, ſondern auch in ſeinen reinmenſchlichen Verhältniſſen zu Grunde richtet. Freiheit und Gleichheit beſtehen darin, daß jeder einzelne Menſch in ſeiner Lebens¬ ſphäre, ſey nun dieſer Kreis ſo eng gezogen als man wolle, Despot ſeyn darf; nicht aber darin, daß man alle dieſe Perſönlichkeiten zerſtört, und dar¬ aus einen allgemeinen Menſchenteig knetet, den man Staat, Kirche, Gemeinde, Volk nennt. Wenn die Lebensgüter gemeinſchaftlich ſind, wenn das Recht ſich Alles nehmen darf, was bleibt dann noch dem ſchö¬ nen Vertrauen zu fordern, was der Liebe zu geben übrig? Man wirft den Simoniſten vor ob der Vorwurf gegründet, weiß ich nicht ſie wollten die Ehe aufheben. Es fällt mir ſchwer, das zu glauben. Manche Religionen, mancher politiſche Bund, haben im Verlaufe ſpäterer Entartung ſittenverderbliche Grundſätze angenommen; aber eine neue Religion, eine neue Gemeinde, wurden nie auf Sittenloſigkeit gegründet. Doch einen andern Grundſatz ſprechen die Simoniſten deutlich aus: den der Emancipa¬ tion der Weiber. Wollen ſie damit täuſchen,2*20oder täuſchen ſie ſich ſelbſt ich weiß es nicht. Vielleicht heucheln ſie dieſen Grundſatz, um die Frauen für ihre Sekte zu gewinnen. Iſt es ihnen aber Ernſt, dann ſind ſie in einem Wahne befangen, der nur darum nicht verderblich iſt, weil er nie zur Wirklichkeit werden kann. Bei einer flüchtigen Be¬ trachtung ſcheint es zwar Gewinn, wenn das weib¬ liche Geſchlecht emancipirt würde, wenn es gleiche ſittliche, gleiche politiſche Rechte mit den Männern erhielte; der Kreis der Menſchheit, ſcheint es, würde dadurch erweitert werden. Aber es iſt Täuſchung. Selbſtſtändigkeit des Weibes würde nicht allein die Beſtimmung des weiblichen, ſondern auch die des männlichen Geſchlechts vereiteln. Nicht das Weib, nicht der Mann allein drücken die menſchliche Natur aus; nur Mann und Frau vereinigt bilden den voll¬ kommenen Menſchen. Nur in der Ehe, nur im Fa¬ milienleben wird der Zweck der Menſchheit erreicht.

[21]

Achtzehnter Brief.

Wie können Sie nur glauben, ich wünſchte darum nicht, daß meine Briefe in das Franzöſiſche überſetzt würden, weil ich fürchte, der Regierung zu misfallen? Wie ſollte ich ſimpler Bürgersmann die Anmaßung haben, mich zu fürchten? Das iſt jetzt ein Prärogativ der Krone, ein Regal der Fürſten. Ich wäre eine Art Falſchmünzer, wenn ich mich mit Fürchten beſchäftigte; das könnte mich den Kopf ko¬ ſten. Es wäre mir darum unlieb, hier überſetzt zu werden, weil mir Angſt iſt, die Arbeit, von irgend einem ökonomiſchen Buchhändler aus Gewinnſucht veranſtaltet, möchte in die wohlfeilen Hände eines Taglöhners fallen, und ich verunſtaltet werden. Mein kleiner weicher Geiſt iſt leicht außer Form gebracht. Wenn aber ein Mann, wie der Profeſſor Willms in Straßburg, der Bruchſtücke aus meinen ältern22 Schriften in der Revüe Germanique ſo vortreff¬ lich überſetzt hat, auch die Briefe franzöſiſch heraus geben wollte, würde ich mich ſehr darüber freuen.

Wäre Herr von Raumer darum aus der preußiſchen Cenſurbande getreten, um die Schande, Mitglied derſelben geweſen zu ſeyn, abzuwaſchen auch dann würde ihm das nicht zur Ehre gereichen; denn ſein Ruf ſtünde immer nur auf dem Gefrier¬ punkte der Tadelloſigkeit. Aber nein, nicht aus Buße, nicht um der beleidigten Menſchheit Abbitte zu thun, hat er aufgehört Cenſor zu ſeyn; ſondern aus gereizter Eitelkeit, weil er ſich perſönlich gekränkt fühlte, daß die Cenſur ſein Werk über Polen anzu¬ zeigen verboten, that er den angſtzitternden Schritt. Ich begreife es nicht, ich werde es niemals faſſen, wie ein Mann, der ſich nur ein wenig ſelbſtachtet, der nicht ſchaamlos ſeine ganze Menſchenwürde von ſich geworfen, um nackt wie ein Thier im warmen Stalle zu lagern, dort ſeinen Bauch zu füttern oder bei gutem Wetter auf der Gunſt der großen Glücks¬ pächter herum zu graſen wie ein ſolcher Mann ſich dazu verſtehen kann, ein Cenſor, ein Henker zu werden nein, ſchlimmer als ein Henker, denn dieſer tödtet nur die ſchuldig Gerichteten ein Meuchelmörder der Gedanken, der im Dunkeln lauert und trifft, der das Einzige, was göttlich iſt am Menſchen: die Freiheit des Geiſtes, zerſtört,23 daß nichts an ihm übrig bleibe, als das blöde Vieh, das vor der Peitſche ſeiner Treiber hergeht, und kaut und wiederkaut, was ihm ſeine Herren in die Krippe geworfen! Und auch hier wieder wie immer, empört ſich mein Herz gegen die Dummheit des Volks überall, das gar ſeine Macht und Uebermacht nicht kennt; das gar nicht ahnet, daß es nur zu wollen braucht, um jede verhaßte Tyrannei umzu¬ ſtoßen. Wenn unter den Tauſenden in jeder Stadt, welche die Cenſur als einen ſchändlichen Uebermuth verabſcheuen, als eine erbärmliche Feigheit verachten, ſich nur zwanzig angeſehene Familienhäupter zu dem Bunde vereinigten, jeden Cenſor als einen ehrloſen Menſchen zu betrachten und zu behandeln, unter kei¬ nem Dache mit ihm zu wohnen, an keinem Tiſche mit ihm zu eſſen, ſeine Umgebungen nicht zu berüh¬ ren, ihn zu fliehen wie einen Verpeſteten, ihn immer¬ fort mit Verachtung zu beſtrafen, mit Spott zu necken dann würde ſich bald kein Mann von Ehre mehr finden, der Cenſor würde ſeyn wollen; ja ſelbſt der Gefühlloſe, wenn er nur von einem ge¬ wiſſen Range iſt, würde nicht den Muth haben, der öffentlichen Meinung zu trotzen, und die Regierungen würden genöthigt ſeyn, ihre Cenſur den Schinders¬ knechten anzuvertrauen, und der Anger vor dem Thore würde bedeckt werden mit Pferdeknochen, Schaafſchädeln und confiscirten Büchern. Aber wie24 die Menſchen zum Guten vereinigen? Das iſt der Jammer. In jedem Lande, in jeder Stadt, in jeder Gemeinde, in jeder Regierung und in jeder Amts¬ ſtube giebt es edle Menſchen genug; aber jeder glaubt, er ſey allein gut geſinnt, und ſo fürchtend, Alle ge¬ gen ſich zu haben, wagt es Keiner mit ſeiner Stimme hervorzutreten, und der Sieg bleibt den Schlechten die ſich beſſer errathen, ſich leichter finden. Das iſts, was mir vor vielen Andern den Muth giebt, für Recht und Freiheit ſo laut das Wort zu führen: daß ich weiß, ich ſtehe nicht allein, daß ich weiß, es giebt Tauſende, die ſo gut und beſſer ſind als ich, die meinem Rufe folgen und ſich mir anſchließen. Wüßte ich das nicht, glaubte ich im ſelbſtverliebten Dünkel allein zu ſtehen im Vaterlande, wahrlich, ich wäre nicht der Thor, einer dummen, feigen und un¬ dankbaren Menge meine Ruhe fruchtlos aufzuopfern, und ich ſchwiege und duldete wie die Andern alle.

Gleich nach Empfange Ihres Briefes ſchrieb ich nach Stuttgardt, und beſtellte dort das Hofblatt, das die Donau - und Neckarzeitung gewaſchen hat. Ich behalte mir vor, es zu bläuen und zu bügeln. Erwünſchter konnte mir nichts kommen. Da finde ich den General-Stab und das Genie-Corps der Süddeutſchen Miniſterial-Armee auf einem Flecke beiſammen. In Würtemberg bereitet man ſich auf die ſchrecklich drohende unvermeidliche Landplage der25 Stände mit einer Bedächtigkeit vor, zu der in unſern Tagen die Cholera alle deutſche Regierungen gewöhnt hat. Die beſten Aerzte gegen den Liberalismus, die um ſo beſſer ſind, weil ſie die Krankheit ſelbſt über¬ ſtanden, werden herbei gerufen und Rathe gezo¬ gen. Die Doktoren Münch, Pahl, Lindner, von Wangenheim werden am Ständelazarehte an¬ geſtellt. Da die Regierung den Liberalismus nicht für contagiös hält, ſondern miasmatiſch, wird ſie die Angeſtellten keiner ſtrengen Abſonderung unterwerfen, und ſich darum dem Eintritte in die Kammer von liberalen Männern wie Uhland, Pfizer und Schott nicht allzuängſtlich widerſetzen. Um aber den üblen Folgen einer ſolchen Gemeinſchaft zwiſchen Geſunden und Kranken zu begegnen, will die Regierung in einigen Punkten freiwillige Verbeſſerungen vor¬ ſchlagen, und hofft dadurch, der zweiten Kam¬ mer die Gelegenheit zu benehmen, ſich auf Koſten der leitenden Staatsgewalt eine un¬ ruhige Popularität zu erwerben. Kurz es iſt zum Todtlachen, und alle die komiſchen Präſer¬ vative gegen die Cholera ſind erhaben dagegen. Die allgemeine und die Stuttgardter Zeitung ſind die zwei großen Rauchfäſſer, aus welchen in einem fort Chlor-Wolken ſich erheben. Herr Münch iſt der Lindenblüthen-Thee, deſſen Heilſamkeit gegen Erkältung er im feuchten Holland oft erprobt; Herr Lindner iſt26 die Kupfer-Platte auf dem Magen, ein Minimum von diplomatiſchem Gifte, das homöopatiſch heilt; Herr von Wangenheim wird wohl reiben, und wenn nichts hilft, wird die Bundesverſammlung den wür¬ temberger Ständen das Dampfbad bereiten. Die Cholera-Politik! Ich bekomme Leibſchmerzen, wenn ich nur daran denke.

Die Stuttgardter Hof - und Cholera-Zeitung gehört dem Herrn von Cotta, und das auch kömmt mir ſehr gelegen. Mit dem Vater der allgemeinen Zeitung habe ich ohnedies ein ernſtes Wort zu ſpre¬ chen. Seine unverſchämte Tochter ſprach neulich ein freches Wort gegen mich aus, und hätte ich etwas darauf erwiedern wollen, wäre es vom zärtlichen Vater zurück gewieſen worden, wie vor Kurzem Heine es erfahren. Nun aber werde ich nicht län¬ ger mehr der Thor ſeyn, aus prunkender Großmuth den Vortheil der allgemeinen Sache zu vernachläſſi¬ gen, weil zufällig mein eigner damit verbunden iſt. Dann brauchte ja jeder ſchlechte Schriftſteller, jeder feile Zeitungsſchreiber mich nur zu beleidigen, um vor meinem Urtheile ſicher zu ſeyn! Ich kenne die geheime Lebensgeſchichte der allgemeinen Zeitung ſehr genau, von den Jahren des franzöſiſchen Direktori¬ ums bis zum Untergange Warſchaus; und es hängt blos von mir ab, ihr den Namen der deutſchen Phryne zu verſchaffen. Die allgemeine Zeitung iſt27 freilich ohne Vorliebe die gefällige Allgemeine für Alle, die bezahlen; aber das Recht hat ſelten Geld und das Unrecht immer, und wenn das Recht ja einmal die Gunſt der Allgemeinen bezahlen kann, iſt die Schöne ſo ſchlau, ehe ſie das Recht einläßt, das Unrecht durch die Hinterthüre zu entlaſſen, da¬ mit die beiden Nebenbuhler ſich nie begegnen, ſich meſſen, und die Schöne auffordern können, endlich einmal zwiſchen ihnen zu wählen.

Die Briefe von Cormenin habe ich noch nicht geleſen. Sind ſie aber wirklich ſo herrlich, als Sie ſie gefunden, dann werde ich, Ihrem Rathe folgend, ſie überſetzen und mit deutſchen Bemerkun¬ gen verzieren. Ich begehe jedes Staatsverbrechen, wozu Sie mich anreitzen, mit tauſend Freuden. Kann mir denn etwas erwünſchter ſeyn, als früher oder ſpäter auf der Frankfurter Hauptwache Ihre ſchöne und gute Geſellſchaft zu genießen? Zwar hat dieſe freie Stadt Frankfurt keine Civil-Liſte zu bezahlen, aber unſere Regierung muß ihr Contingent zu jeder Bundes-Tyrannei ſtellen, und der Senat würde meine Gottesläſterungen über die großen Königs-Magen ſo ſtreng beſtrafen, als ob er ſelbſt ein König wäre. Ja wohl iſt die Sache von der größten Wichtigkeit. Nicht darauf kömmt es an, ob man einem Fürſten für ſeine ungemeine Gefällig¬ keit zu regieren einige Millionen mehr oder weniger28 giebt man gebe ihm ſo viel er braucht, ſo viel er wünſcht, daß er zufrieden ſey und uns zufrieden laſſe; denn die üblen Launen eines Fürſten ſind dem Lande verderblich, und zu allen Zeiten mußte das Volk ſein Glück und ſeine Freiheit erkaufen. Son¬ dern das iſt zu bedenken: jeder überflüſſige Sold, den ein Volk ſeinem Fürſten giebt, den dieſer nicht für ſich und ſeine Familie verwenden kann, wird dazu gebraucht, einen Hof zu bilden und zu nähren, der als giftiger Nebel ſich zwiſchen Fürſt und Volk hinzieht, und eine traurige Thronfinſterniß hervor¬ bringt. Vielleicht iſt es wahr, was die Fürſtengläu¬ bigen behaupten: eine Krone ſey etwas himmliſches, eine Art Sonne, die im reinſten Lichte ſtrahle; aber woher wollen wir Bürger das wiſſen? Man zer¬ ſtreue den Hofdunſt, der jede Krone umgiebt, und dann werden wir ſehen, was daran iſt. Dann iſt zu überlegen, daß man ganz falſch rechnet, wenn man blos die Millionen, die man einem Fürſten als Civilliſte bewilligt, zählt. Dieſe Millonen ſind nur das Saatkorn, das dreißigfachen Ertrag giebt; dieſe Civilliſte iſt nur die Waffe, womit ein Fürſt ſich Alles erbeutet von ſeinem Volke, wornach ihm gelü¬ ſtet. Ludwig XVIII. hatte fünf und dreißig Millio¬ nen; aber mit dieſen fünf und dreißig Millionen holte er ſich tauſend andere, womit er ſich und ſeine Creaturen für den durch die Emigration erlittenen29 Verluſt entſchädigte. Hätte er keine fünf und dreißig Millionen gehabt, ſondern nicht mehr als er zu ſei¬ nem Unterhalte bedurfte, hätte er die Kammer nicht beſtechen können, und das heilloſe Geſetz der Emi¬ granten-Entſchädigung wäre nicht angenommen wor¬ den. Louis Philipp, der Pflaſter-König, hat zwölf Millionen jährlicher Einkünfte aus ſeinem Privatver¬ mögen, und doch verlangt er eine Civil-Liſte von achtzehn Millionen. Die Einwohner der Stadt Bourgs haben der Kammer eine Bittſchrift überſendet, worin ſie darauf antragen, man möchte dem Könige nicht mehr als eine halbe Million geben. Das iſt nach meiner Geſinnung eine halbe Million zu viel, ich würde ihm gar nichts geben. Wer die Ehre haben will, ein großes Volk zu regieren, der mag es ſich etwas koſten laſſen. Frankreich konnte unter ſechs Millionen Bürgern einen König wählen; aber König Philipp konnte ſich kein Volk wählen; die Völker ſind ſelten. Die Kommiſſion der Kammer war in ihren Anſichten getheilt. Vier Mitglieder derſelben ſtimmten für vierzehn Millionen, die vier andern für zwölf und eine halbe, und das neunte Glied, eben Ihr verehrter Cormenin, ſtimmte für eine ſo kleine Summe, daß der miniſterielle Bericht - Erſtatter der Commiſſion ſich ſchämte, ſie in der Kammer laut anzugeben. Dem Kronprinzen wurde überdies, daß ihm die Zeit nicht lange werde, bis30 er den Thron beſteigt, eine Million bewilligt. Nichts empört mich mehr, als dieſe unverſchämte Apanagi¬ rung der Erbprinzen überall. Mein Gott, wer giebt denn dem armen Volke Warte-Geld, wenn es auf den Tod eines böſen Fürſten ängſtlich harrt? Aber die Höfe ſorgen dafür, daß die Kronprinzen ſchon in ihrer früheſten Jugend an Verſchwendung gewöhnt werden; ſie fürchten: in den reifern Jahren der Thronbeſteigung möchten ſie vielleicht für das Laſter nicht genug Empfänglichkeit mehr haben.

Der jetzige König wird alſo vierzehn Millionen bekommen, eine Civilliſte, die jedem Deutſchen, der, wenn auch mit ſeinen Füßen, doch nie mit ſeinem Kopfe Deutſchland verlaſſen, ſehr winzig erſcheinen muß. Und nach dieſer Vergleichung iſt ſie es auch. Das Budget von Frankreich beträgt vierzehnhundert Millio¬ nen, die Civilliſte mit vierzehn Millionen würde alſo den hundertſten Theil der Staatsausgaben betragen. Das Budget von Baiern beträgt ſieben und zwanzig Millionen, und die Civilliſte des Königs drei Millio¬ nen, alſo den neunten Theil des ganzen Staats¬ haushalts. Wenn der König von Frankreich im gleichem Verhältniſſe, wie der König von Baiern ausgeſtattet wäre, würde ſeine Civilliſte auf 155 Millionen ſteigen; und wenn der König von Baiern dem Könige von Frankreich gleich geſetzt würde, ſänke ſein Einkommen auf 270,000 Gulden31 herab. Und wäre das nicht genug? Die ungeheu¬ ren Summen, die der König von Baiern verſchwen¬ det, ſeinen Wohnort zum neuen Athen zu machen, könnten erſpart werden: München war die Stadt der Nachteule, ſchon ehe es Statüen und Gemählde beſaß. Iſt es nicht ein herzzerreißender Jammer, daß der arme Häusler im Speſſart, der ſich glück¬ lich ſchätzt, wenn ihm nur drei Tage in der Woche die Kartoffeln mangeln, den Schweiß ſeiner Hände verſilbern muß, damit in einer ſechzig Stunden ent¬ fernten Stadt, die er nie geſehen, wohin er nie kom¬ men wird, eine Klypthothek, eine Pinothek, ein Odeon Dinge, deren Namen er nicht einmal kennt die eitle Ruhmſucht eines Königs befriedige? Und dieſer kunſtliebende König, der Zögling des alten freien Griechenlands, der Nacheiferer eines Perikles, hat den Stellvertretern des baieriſchen Volks ſagen laſſen: Er würde ſie auseinander treiben, wenn ſie ſich unterſtänden, ihm noch ſo wenig von ſeiner Civilliſte zu ſtreichen! Und er hat ſpäter ſeiner Adelskammer kund gethan, er wolle ſich mit drei Millionen begnügen! und die Miniſter dieſes Königs haben in öffentlicher Sitzung der Kammer zu verſtehen gegeben: ihr Herr würde der Kammer manche Forderung bewilligen, wenn ſie ſich gegen die Civilliſte billig zeigten! Sie Königin der Unglücklichen, wenn dieſe ſich je ihren Herrſcher32 wählen dürften haben Sie das auch wohl ver¬ ſtanden? Der König von Baiern ließ ſeinem Volke ſagen, er würde ihm dieſes und jenes Recht gewäh¬ ren, dieſe und jene Freiheit bewilligen, die man doch unmöglich geſchenkt verlangen könnte, wenn man ſie ihm bezahlte bezahlte! Und was hat die Kammer geantwortet? und was hat die badiſche[ge¬ than]? und .... doch davon ſpäter. Ich will war¬ ten, bis die von Caſſel auch dazu kommt, noch eine kurze Zeit warten. Und dann? Nun dann werde ich trauern, daß ich Recht behalten. Ich werde nicht Triumph! Triumph! rufen, wie es der feurige Wel¬ ker ſchon vor dem Siege, ja ſchon vor dem Kampfe gethan! Nicht für meine Eitelkeit, für mein Vater¬ land habe ich die Stimme erhoben, und darum weh¬ klagt mein Herz über den Sieg, den mein Geiſt er¬ rungen .....

Ich habe es vergeſſen: wir glücklichen Deut¬ ſchen haben einige und dreißig Fürſten, einige und dreißig Civilliſten. Rechnen Sie, was das koſtet, und athmen Sie dabei, wenn Sie können. Und Tau¬ ſende wandern jährlich nach Amerika aus, wandern ge¬ dankenlos vorüber an einigen und dreißig duftenden Küchen, und ſchiffen ſich ein, um in einem fremden Welttheile ihren Hunger zu ſtillen! .... Ich will noch einmal zur Civilliſte des Königs von Frankreich zurückkehren, um Ihnen zu zeigen, wie Unrecht Sie33 hatten, als Sie mich ſo oft einen Verſchwender ge¬ nannt Vergleichen Sie meinen Haushalt mit dem Louis Philipps, und Sie werden erfahren, wer von uns ökonomiſcher iſt. Die Verſchiedenheit der Ver¬ hältniſſe mögen Sie immer dabei berückſichtigen. Freilich iſt Louis Philipp König und ich bin keiner, und habe auch, wie die Mannheimer Zeitung meynt, wenig Hoffnung einer zu werden. Freilich hat König Philipp eine Frau und ſieben Kinder, und ich bin, Gott ſey Dank unverheirathet. Aber auf der an¬ dern Seite hat König Louis Philipp freie Woh¬ nung, und ich muß die meinige bezahlen; er hat freies Holz aus ſeinen Wäldern; er hat eine Frau, die ihm die Wirthſchaft führt, und ich muß Alles ſelbſt beſorgen und werde geprellt. Alſo das gleicht ſich aus. jetzt ſtellen Sie unſere Bedürfniſſe nebeneinander. Die meinigen ſind Ihnen bekannt, ich brauche Ihnen alſo blos die des Königs mitzu¬ theilen, wie ſie vor einiger Zeit bekannt gemacht wurden. Für Doktor und Apotheker jährlich 80,000 Fr. Ich bin viel krank das Jahr durch und weiß, was es koſtet nicht geheilt zu werden. Der Hofſtaat des Königs ſoll aus tauſend Perſonen beſtehen (doch das iſt viel zu viel). Nun wird ange¬ nommen, daß unter tauſend Menſchen einer das ganze Jahr durch krank iſt. Ich will zugeben, daß die Hofkrankheiten immer von der gefährlichſten ArtIV. 334ſeyen, die täglich zwei ärztliche Viſiten erfordern. Jede Viſite zu 10 Fr. gerechnet, alſo[täglich] 20 Fr., macht das jährlich 7,900 Fr. Arztlohn. Täglich für 2 Fr. Medizin, beträgt jährlich 730 Fr., alſo Arzt und Apotheker zuſammen koſten jährlich 8,630 Fr., woher nun 80,000? Das iſt Verſchwendung. Livrée-Bediente, 200,000 Fr., zu viel. Be¬ ſoldete Tagediebe von Rang, 650,000 Fr., unerhört! Küche 780,000 Fr., davon werde ich in meinem künftigen Werke: von den Königs-Ma¬ gen weitläufiger ſprechen. Keller 180,000: die Flaſche zu 5 Fr. gerechnet, käme auf das Jahr 36,000 Flaſchen, und auf den Tag 100. Können Mann und Frau und Schweſter und ſieben Kinder, meiſtens Frauenzimmer, täglich 100 Flaſchen Wein trinken? Und denken Sie nicht etwa, daß darunter der Gebrauch für fremde Tiſchgäſte mitbegriffen ſey, denn die Ausgabe für dieſe werden unter dem Arti¬ kel Feten beſonders mit 400,000 Fr. berechnet. Für 300 Pferde jährlich 900,000 Fr.; alſo jedes Pferd 3,000 Fr. Ein Pariſer Blatt bemerkte: Tauſende in Paris würden ſich glücklich ſchätzen, wenn ſie zu ihrem Lager das Stroh jener Pferde hätten. Und erinnern Sie ſich noch des herrlichen Marſtalles in Hannover, des dortigen Muſeums, das alle Reiſende, alle neugierigen Damen beſuchen? Einige hundert Pferde zum Gebrauche eines Königs,35 der ſeit hundert Jahren nicht in Hannover reſidirte, werden dort gefüttert mit dem Brode, getränkt mit dem Schweiße der unglücklichen Unterthanen, damit die Majeſtät des Thrones auch in Abweſenheit des Königs ſichtbar werde. Und wenn es kalt iſt in Hannover, aber recht kalt, ſo daß die Thränen der Unglücklichen zu Eis werden, dann wird in der Nacht Stroh geſtreut auf dem Steinboden des Mar¬ ſtalles, quer über die durchlaufende trübe Goſſe ge¬ legt, und die armen Leute, die kein Holz haben und kein Bett und keine Suppe haben, ihre erfrornen Glieder zu wärmen, dürfen dahin kommen und dort ſchlafen zwiſchen den königlichen Pferden bis der Tag graut. Es iſt keine Verſchwendung, wie man ſie oft den Höfen vorwirft; o nein. Das Stroh kann man den andern Tag für die Pferde gebrauchen, und den Stellvertretern der königlichen Majeſtät iſt der warme Dunſt ſo vieler Menſchen ohnedies gedeihlich. Gott, Gott! nein, Teufel! Teufel! Da wir doch keine Heiden mehr ſeyn dürfen, welche die menſch¬ lichen Götter anriefen!

Weiter. Für Heitzung 250,000 Fr. Da¬ mit könnte man ganz Sibirien wärmen, und das Holz wäre dort beſſer verwendet, damit unſere armen Polen nicht erfrieren. Uebrigens ſteht die ganze Ausgabe betrügeriſch da, da der König ſein Holz aus ſeinen Domainen-Waldungen zieht, und es alſo nicht3 *36zu bezahlen braucht. Beleuchtung 370,000 Fr., und trotz den vielen Kerzen lebt König Philipp wie jeder König, immer im Dunkeln! Wäſche 160,000 Fr. Rechnen Sie mir aus, wie das möglich iſt. Mu¬ ſik, Theater, 300,000 Fr. Reiſen eine Mil¬ lion; Geſchenke, 160,000 Fr. Ein Fürſt hat gut ſchenken! Und alle dieſe Ausgaben zuſammen nennt man an den Höfen: die kleinen Vergnü¬ gungen der Fürſten, les menus plaisirs. Was koſten ihnen nicht erſt ihre großen Freuden, Kriege, Eroberungen, Mätreſſen, Leibgarden, Günſt¬ linge, Beſtechungen, geheime Polizei! Und fragen Sie vielleicht, aber im Ernſte, wie ſind ſolche große unmögliche Bedürfniſſe nachzuweiſen? iſt die Ant¬ wort: höchſtens der vierte Theil dieſer Summe wird zu angegebnem Gebrauche verwendet; drei Viertheile werden geſtohlen, kommen in die Hände einiger be¬ günſtigten Lieferanten, die den Vortheil mit dem Hof¬ miniſter theilen. Aber nicht der König, das Volk wird betrogen, welches die Civilliſte bezahlen muß.

Neulich las ich einige merkwürdige Beiſpiele von Hof-Gaunereien. Die Kaiſerin Katharina von Rußland, welche ihren Haushalt ſelbſt überſah, fand einmal in der Rechnung 28,000 Fr. für Talglichter angeſetzt. Dieſe große Summe fiel ihr um ſo mehr auf, da ſie den ſtrengſten Befehl gegeben hatte, daß an ihrem Hofe kein Talglicht gebrannt werden ſollte. 37Sie ſtellte Unterſuchungen an, und da fand ſich, daß der junge Prinz, nachmaliger Kaiſer Alexander, ſich ein Talglicht hatte kommen laſſen, um damit ſeine aufgeſprungene Lippe zu beſtreichen. Der Lakai, der das Licht kaufte, ſtellte vier Pfund in Rechnung, der Vorgeſetzte über ihn machte eine Summe von 300 Fr. daraus, und ſo von Diener zu Diener hinaufſteigend, ſchwoll die Summe immer höher an, bis endlich der Oberhof-Intendant die runde Summe von 28,000 Fr. zu Papier brachte. Ludwig XVIII. hat berechnet, daß ihm jedes friſche Ei, das er verzehre, auf 30 Fr. zu ſtehen komme Es iſt wahr, die Hof¬ diebe treiben ihr Handwerk mit großer Genialität, und ich ſelbſt, wenn ich Richter wäre, würde mich bedenken, ſolche große Künſtler an den Galgen zu bringen. Solche Geſchichten wären ſehr ſpashaft, ſehr unterhaltend, wenn nur das Volk den theuern Spaß nicht bezahlen müßte.

38

Geſtern war in dieſem Winter der erſte Abend bei ***. Das ganze Perpetuum Mobile der Kammer war da; Odillon-Barrot, Pagès, Clauzel, Lamarque, Mauguin, und wie ſie ſonſt alle heißen. Auch die Generale Romarino und Langermann, Lele¬ well und noch viel andere confiscirte Polen. Wenn man denn Lelewell ſieht und hört, ſollte man es ihm nicht zutrauen, daß er den Geiſt und Muth hätte, vor einer Revolution herzugehen. Er ſieht ſo zer¬ quetſcht aus, ſpricht ſo matt und gebrochen, hat ein ſo furchtbares Organ, daß man ihn für einen deut¬ ſchen Stubengelehrten halten ſollte. Doch vielleicht hat ihn das Unglück ſeines Vaterlandes niedergewor¬ fen; vielleicht auch (und das iſt das Wahrſcheinlichſte, iſt er bedenklich, an öffentlichen Orten frei zu ſpre¬ chen. Denn ein anderer Pole klagte mir, es wäre ein Jammer und eine Schande, wie viele Spione es unter ihnen in Paris gäbe. Unter den anweſen¬ den Deutſchen war auch Börne, der Verfaſſer der berüchtigten Briefe aus Paris, wie ſie die berühmte allgemeine Zeitung nur allzugelinde nennt. Er mußte mich wohl für einen Franzoſen gehalten haben; denn er unterhielt ſich mit einem Deutſchen über Dinge, die gewiß keiner hören ſollte, und es hinderte ihn39 gar nicht, daß ich ganz nah dabei ſtand. Und ſo habe ich denn gehört, wie dieſer Freiheitsheld, dieſer Demagog, dieſer Fürſtenknacker, zu dem andern ſagte: er verſpräche, wenn er ihm ein Pfund Rauch¬ tabak und ein halbes Pfund Schnupftabak aus Deutſch¬ land verſchaffte, dafür ſeinen Fürſten, ſo viel und ſo lange er wolle, öffentlich zu loben. Und für einen ſo heilloſen Menſchen, der für anderthalb Pfund Ta¬ bak ſein Gewiſſen verkauft, können Sie eingenom¬ men ſeyn? Der Deutſche, dem er dieſes Anerbieten machte, war Herr von *** aus ***.

Es herrſchte eine beſonders große Bewegung in der Geſellſchaft. Die Herren waren noch ganz heiß von der Kammerſitzung, in der an dieſem Tage ein heftiger Aufruhr ſtatt fand, weil Montalivet die Franzoſen Unterthanen des Königs genannt. Sie werden das in der Zeitung geleſen haben. *** ließ die ſeitdem bekannt gewordene Proteſtation in der Geſellſchaft circuliren, welche die anweſenden Depu¬ tirten unterſchrieben. Um Mitternacht rief mich *** in ein abgelegenes Cabinet, wo ich ***, den Gene¬ ral *** und *** an einem Tiſche mit Schreiben beſchäftigt fand. Die deutſchen Angelegenheiten kamen da zur Sprache. Was dort verhandelt worden, wage ich nicht dem Papiere anzuvertrauen, und es in un¬ ſere Sprache zu überſetzen, habe ich heute keine Zeit. Doch eine wichtige Aeußerung des Generals ***40 muß ich Ihnen mittheilen. (P. 414. T. 4. Mo¬ nat 18.) Soli Branz, Resseo pariam vorum catibis, press ar littotas massica plissos, voris¬ silo caruss ab itanis. Os? pervens politan. Ciro! navira canti babus sirneos romarinos; vertel. Cassus iran poplita poplites, varina faessionibus. Venamos pur? valemi naro inoi¬ tamentamus. Pasti? marmorum quesitan. Cass ab, papiron gash. Ich fragte ***, welche Garantie man den Deutſchen gäbe? Darauf brach er in ein lautes und boshaftes Lachen aus, und ſprach: Ihr ſeyd ein Volk und verlangt Garantie? Ich ſchämte mich meiner Uebereilung und um meine Ver¬ legenheit zu verbergen, erzählte ich ihm eine bekannte deutſche Anekdote. Kaiſer Joſeph errichtete zwei Regimenter von lauter Juden. Als dieſe einmal in Friedenszeiten Nachts durch einen Wald marſchiren ſollten, baten ſie den General, er möchte ihnen Be¬ deckung mitgeben, weil, wie das Gerücht ging, Räu¬ ber den Wald unſicher machten. Praxas kuhu, praxas kuhu ſagte ich noch. Mündlich das Nähere.

Heute ſchickte mir der hieſigen Geſandte der freien Städte ein Protokoll der frankfurter Poli¬ zei mit, das ihm für mich zugeſchickt worden war. Ich habe es aber auch gar zu gut und bequem in dieſer Welt, über die alle Menſchen klagen, und41 mein Hotel des menus-plaisirs iſt viel reicher ver¬ ſorgt, wie das des Königs. Wie glücklich war ich, als ich den guten alten Kanzlei-Styl wieder ſah! Ich drückte ihn an mein Herz, ich küßte ihn. Ein Ruf zu einem Staatsamte in Form eines Steckbrie¬ fes abgefaßt! Das Protokoll iſt geſchrieben in Gegenwart Sr. Hochwohlgeboren des wohlregierenden jüngern Herrn Bürgermeiſters Herrn Senatoris Dris Miltenberg; S. T. Herrn Senatoris Dris Beh¬ rends; S. T. Hofs. des Raths, und meiner des Actuarii Münch. Herr, wird meinem Namen niemals vorgeſetzt, ſondern ich heiße immer der Dr. Ludwig Baruch modo Boerne. Das Herr, das ſie mir geſtohlen, ſchenkten ſie dem jüngern Bür¬ germeiſter, ſo daß dieſer zweimal Herr vor ſeinem Namen hat. Er hätte es nicht annehmen ſollen. Heißt das wohl regieren? Ich mußte in Gegen¬ wart meiner, des Dris Ludwig Baruch modo Boerne, herzlich lachen über das Polizei-Protokoll. Es hat 57 Zeilen und nur ein einziges Punktum. Es fängt an: als vorkam, daß des zufolge, und endet: zu ſiſtiren habe. Hat man je eine Schrift geleſen, die anfängt: als vorkam, daß des zu¬ folge? Konnte da je etwas Gutes daraus werden? In der Mitte des Protokolls heißt es: Nach dem Reichs-Deputations-Schluß von 1803, müſſe ich als Penſionir ein Amt annehmen, und nach meiner42 Vorſtellung an den Senat von 19. Juli 1815, wollte ich eines annehmen. Da ich nun zugleich müßte und wollte, ſollte ich mich ſiſtiren, um der frankfurter Polizei in ihrer großen Verlegenheit auszuhelfen; denn ſie könnte ohne mich länger nicht mehr fertig werden. Ich ſchicke morgen dem Dr. Reinganum das Protokoll, und bei dem können Sie es leſen. Bringen Sie aber einige Punkte hin¬ ein, es könnte ſonſt ihrer Bruſt ſchaden. Sieben und funfzig Zeilen und ein Punktum! Es iſt gräulich, wie Eduard Meier in Hamburg ſagt; und, was zu arg iſt, iſt zu arg, wie er ebenfalls ſagt; und, da muß einem die Geduld reißen, wie er nicht minder ſagt. Sieben und funfzig Zeilen und ein Punktum! Das iſt ja noch ärger wie Falſtaffs Wirthshaus-Rechnung. Ein Penny für Brod, und dreißig Schilling für Sekt. O Herr Aktuarius Münch, warum haben Sie nichts von mir profitirt? Ich war drei Jahre Ihr College, und Sie hätten von mir lernen können, wie man Punkte ſetzt, Fallen ſtellt, Schlingen legt.

Dem *** werde ich nicht ſchreiben, das habe ich mir ſchon früher vorgenommen. Glauben Sie doch ja nicht, daß mir ſolche Dinge Gemüthsbewe¬ gung machen. Unangenehme Berührungen von Men¬ ſchen weiß ich leicht zu heilen. So oft mir ein Narr oder ein Böſewicht vorkömmt, erhebe ich ihn43 zu einem Narrenkönig, oder zu einem Könige der Böſewichter. Dann ſehe ich ſein ganzes Volk hinter ihm, und mit der Menſchheit darf man nicht rechten. Gott hat ſie geſchaffen, wie ſie iſt, und hat allein alles zu verantworten. *** iſt mir ein ſolcher Narrenkönig. Ich kann dich nur beklagen kömmt das nicht in einer Oper, ich glaube in der Zauberflöte vor? Nun, ich ſage dem ***: Ich kann dich nur beklagen, eitler Narrenkönig!

Den Cormenin, und was Sie ſonſt wünſchen, werde ich Ihnen durch die erſte Gelegenheit ſchicken, Drei Briefe ſind erſchienen, und jetzt in einer Bro¬ chüre vereinigt herausgekommen. Den dritten Brief habe ich geleſen. Es iſt die Weisheit in Zahlen und iſt die Thorheit in Zahlen. So, und nur ſo allein muß man die Menſchen belehren; denn ſie ſind ſo dumm, daß ſie nichts begreifen, was ſie nicht zählen können. Sie ſind gar zu dumm, die Menſchen! Wenn ſie nur einen einzigen Tag wollten, oder nur einen einzigen Tag nicht wollten, dann wäre wenig¬ ſtens allen Leiden ein Ende gemacht, die von den Menſchen kommen, und blieben dann nur noch Ueber¬ ſchwemmungen, Erdbeben, Krankheiten übrig, welche Plagen nicht viel bedeuten. Aber wollen! Das iſts. Nicht wollen; das iſts noch mehr. Kaiſer Maximilian hatte einen Hofnarren, der ſagte ihm einmal: Wenn wir nun Alle einmal nicht44 mehr wollen, was willſt du dann thun? Ich weiß nicht, was der Kaiſer darauf geantwortet; aber der Narr, der ſchon vor länger als drei Jahrhun¬ derten einen ſolchen großen Gedanken haben konnte, mußte ein erhab'ner Geiſt geweſen ſeyn.

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Neunzehnter Brief.

Geſtern war ein ſchönes Concert im italieniſchen Theater, wobei mir, wie gewöhnlich, das letzte Muſik¬ ſtück am beſten gefiel; denn ich bin immer froh, wenn ein Concert zu Ende iſt. Es iſt mit dem Kunſtgenuſſe, wie mit dem ſinnlichen: Ohr, Auge, die Seele habe einen Punkt der Sättigung, den, er¬ reicht, alles weitere nicht mehr mundet, noch gut be¬ kömmt. Die vielen und beſonders verſchiedenartigen muſikaliſchen Gerichte, eines nach dem andern vorge¬ ſetzt, ſtumpfen die Empfänglichkeit ab, und richten das Urtheil ganz zu Grunde. Es iſt eine abſcheu¬ liche Ueppigkeit, die den Menſchen endlich empfin¬ dungsarm macht. Dieſes im Vorbeigehen; denn man ſoll jede Gelegenheit benutzen, einer Freundin etwas Philoſophie in Verwahrung zu geben. Die46 Zeit kann kommen, daß man ſie bei ihr braucht, und dann iſt der überraſchende Vorrath ſehr angenehm.

Meine Malibran hatte einen ſtarken Huſten und ſang ſchlecht. Das verzieh ich ihr auf der Stelle. Aber ſie trug ein Kleid von rothem Sam¬ met, das einen reifrockartigen Umfang hatte, und das konnte ich ihr anfänglich nicht verzeihen. Als aber darauf Herr von Berriot erſchien, verzieh ich ihr das auch. Es iſt das liebenswürdigſte Geſicht, das mir je an einem Manne vorgekommen, Er iſt beſcheiden, ſinnig, voll Geiſt und Gemüth. So iſt auch ſein körperlicher Anſtand und ſo ſein Spiel. Paganini's Humor hat er nicht, vielleicht auch nicht ſeine Tiefe; aber ſeine Höhe und eine Harmonie, die Paganini nicht hat. Grazie möchte ich in ſeinem Spiel nicht nennen, was ein beſſeres Wort verdiente; denn mit Grazie verbindet man doch immer die Vorſtellung einer weiblichen Kraftloſigkeit; doch weiß ich nicht, wie ich es nennen ſoll. Was mir an Berriot am meiſten gefiel, war ſeine Anſpruchloſigkeit ſowohl in ſeinem Vortrage, als in ſeiner Kompoſition. Ich habe an andern großen Komponiſten und Virtuoſen oft bemerkt, daß ſie ihrer gelungenſten Stellen ſich ſelbſt bewußt ſind, und wenn ſie an dieſe kommen, gleichſam zur Bewunderung herausfordern. Berriot bleibt ſich immer gleich, giebt keinem Theile ſeines Spieles und ſeiner Kompoſition einen Vorzug vor47 dem andern, und fordert keinen für ihn. Kurz, Berriot iſt ein Nebenbuhler, der meiner würdig iſt, und da Madame Malibran das Unglück hat, mich gar nicht zu kennen, konnte ſie keine beſſere Wahl[treffen].

Schon ſeit zehn Jahren komme ich nach Paris, und erſt vor vierzehn Tagen habe ich die berühmte Mars zum erſtenmal ſpielen ſehen. Aber das Sie ja meine Ungeſchicklichkeiten keinem verrathen! Ich hätte Ihnen früher über jenen Abend geſchrieben, aber ich wußte nicht, was ich Ihnen ſagen ſollte, und ich weiß es heute noch nicht was ich davon den¬ ken ſoll. Die Sache iſt: ich habe alle Uebung im Kunſturtheile verloren. In frühern Jahren war ich, wie mich mehrere dramatiſche Dichter und Schau¬ ſpieler, deren Stücke und deren Spiel ich gelobt, verſichert haben, ein ſehr guter Theaterkritiker; aber ſeitdem hat das unverſchämt proſaiſche Europa mich aus aller Aeſthetik geworfen. Ich glaube, daß die Mars die größte Künſtlerin iſt, als welche ſie den Ruhm hat; aber ich weiß es noch nicht. Doch weiß ich auch nichts im geringſten, was dieſen Glau¬ ben ſchwankend machen könnte. So viel merkte ich wohl, daß ſie in den gewöhnlichen Momenten des Spiels ſehr ökonomiſch iſt mit ihren Mitteln, und man darum, den Reichthum ihrer Kunſt zu beurthei¬ len, erſt jene Feierlichkeiten des Herzens abwarten48 ſoll, in welchem ſich Glanz und Aufwand zeigen muß. Zu ſolchen Feierlichkeiten boten aber die beide Stücke, in welchen ſie auftrat, keinen Anlaß. Es waren: l'Ecole des Vieillards von Delavigne, und les faus¬ ses confidences von Marivaux. Mir behagen die neuen Luſtſpiele nicht, auch nicht die Beſſern. Die alten guten Komödien gaben uns Federzeichnungen, geiſtreiche Umriſſe von Charakteren, die Leſer, Zu¬ hörer, und Schauſpieler ausmalten Das beſchäftigte den Geiſt, und gab der Kunſt Beſchäftigung. Die neuen Komödiendichter aber, ohne Geiſt und ohne Erfindung wie ſie ſind, zeigen ihre Kunſt nur in den Farben, und darum bleibt dem Schauſpieler nichts weiter übrig, als ein Stück, das ihm nichts zu er¬ gänzen gelaſſen, zu kopiren. Das Drama Delavig¬ nes iſt ſolcher modernen Art, und ſelbſt eine Mars konnte die Feinheit ihrer Rolle nicht noch feiner aus¬ ſpinnen, und wer daher, wie ich das Stück geleſen und gut verſtanden, erfuhr nichts Neues von ihr. In dem alten Luſtſpiele les fausses confidences, fand ich die Mars zu modern. Was allen männli¬ chen Rollen in dem Stücke gelang, ihren Empfindun¬ gen etwas Perückenartiges zu geben, mußte einem ſchönthuenden Frauenzimmer mislingen. Thut denn die Mars ſchön? werden Sie mich vielleicht mit Verwunderung fragen? Doch vergeſſen Sie nicht, daß es zehn Jahre ſind, daß Sie ſie geſehen, und49 zehn Jahre ſind ein Jahrhundert im Leben eines Frauenzimmers. Ich will es bekennen, daß die Mars mir nicht gefiel, weil ſie alt iſt. Zu meinem Unglücke ſaß ich ihr ganz nahe, und glaubte über¬ dies meinem boshaften Vergrößerungs-Glaſe, das ſelbſt eine Hebe verläumdet. O die Runzeln, dieſe Särge ohne Deckel! Und das graudämmernde Lä¬ cheln, das mit dem letzten Strahle der untergegan¬ genen Schönheit gemiſcht iſt! Lächeln aber iſt die ganze Kunſt einer Schauſpielerin in dieſen[modernen] Komödien, wo Tugend und Laſter, Treue und Ver¬ rath, Liebe und Haß, Kraft und Mattigkeit, zu dem bequemen und leicht verdaulichen Ragout, das man geſellſchaftliches Leben nennt, zuſammengelächelt ſind. Die Schauſpielerin, die nicht mehr gut lächeln kann, ſoll die Medea ſpielen, die Clytemneſtra oder die Antigone, aber nicht die junge Frau eines alten Mannes, in dieſem reconvalescirenden noch ſchwachen Jahrhunderte. Ach die Weiber, welchen höchſtens der Spiegel ſagt, daß ſie alt geworden, aber nie das Herz! Und wenn nun die müden alten Züge des Geſichts der Empfindung nicht mehr nachkommen können es iſt gar zu traurig. Ich hätte der alten Mars gern die Jugend und Schönheit meiner acht¬ zehnjährigen Geliebten auf den Abend geliehen, und hätte mit einer zahnloſen Braut den ganzen Abend gekoſ't; ſo gerührt war ich. Die abſcheulichen Run¬IV. 450zeln! Ich könnte darüber weinen, wenn ich nicht lachen müßte, daß ich ein Mann geworden. Und wenn ich den Spiegel küßte, ich ſehe keine Runzeln in meinem Geſichte. Und doch ſind ſie da; aber wir Männer haben keine Augen dafür. Ja die Weiber haben keinen beſſern Freund als mich, und einen der ſeltenſten Art; einen Freund in der Noth und nur in der Noth, nicht im Glücke. An euern Freuden will ich nicht Theil haben, ich habe keinen Sinn da¬ für; aber euere Leiden von verrathener Liebe bis zum Schmerze eines beſiegten Hutes: ſie ſind mir alle heilig.

Die Mars hatte wegen Krankheit ſeit einem Jahre nicht ſpielen können, und da ſie nun zum Erſtenmale wieder auftrat, wurde ſie mit lebhaftem, aber doch nicht mit jenem ſtürmiſchen Beifalle emp¬ fangen, welcher im Anfange des Winters der Mali¬ bran zu Theil ward, als ſie von einer Kunſtreiſe von einigen Monaten, die ſie in Geſellſchaft des Herrn von Berriot gemacht, zurückkehrte. Jugend und Schönheit haben Kredit, die alte Mars mußte den Beifall mit ihrem Spiele baar vorauszahlen. Nicht wegen, aber trotz der Mars hätte ich mich dieſen Komödien-Abend ſehr gelangweilt, hätte nicht Monroſe mitgeſpielt in Marivauxs Stücke. Mon¬51 roſe iſt ein unvergleichlicher Schauſpieler für alle ſpitzbübiſche Bedienten, welche in neuerer Zeit, durch die Konkurrenz ihrer Herren, ganz zu Grunde gerich¬ tet worden. Die Schelmerei iſt ſo wenig ſchändlich mehr, daß man die vertrauten Bedienten nicht mehr braucht; denn man thut alles ſelbſt, und öffentlich. Auch dadurch hat die neue Komödie viel verloren. Monroſe iſt ein herrliches antikes Kunſtwerk. Der König war auch im Theater. Den vorigen Winter ſah ich ihn in den Fourberies de Scapin nicht den König, ſondern Monroſe und erſtaunte über ſein Talent. Er wurde mit Beifalls-Aeußerungen empfangen nicht Monroſe, ſondern der König der Zorn über meine dicke Dinte hat mich ganz ver¬ wirrt gemacht, und ich weiß gar nicht, was ich ſchreibe aber es waren einſtudirte Choriſten, das merkte man gleich.

Von den Briefen eines Verſtorbenen im Morgenblatte habe ich die, welche mich betreffen, aber nur flüchtig geleſen; die andern noch gar nicht. Ich werde ſie mir zu verſchaffen ſuchen, und dann auch darüber ſprechen. Ich glaube, daß ſie Ro¬ bert geſchrieben. Der unglückliche Robert, der an den Ufern der Oos trauert, daß in den Stürmen der Julirevolution ſeine nicht aſſekurirten4 *52Vaudevilles untergegangen! Dort ſinnt und ſinnt er, wie zu machen, daß von ihm geſprochen werde. Dem Manne kann geholfen wer¬ den, ſage ich, wie Karl Moor in den Räubern.

[53]

Zwanzigſter Brief.

Geſtern war ich wieder bei dem monatlichen encyclopädiſchen Diner. Die Geſellſchaft war gut, das Eſſen ſchlecht. Es compenſirt ſich alles; bei den Ariſtokraten ſpeißt man beſſer. Ich habe mich viel mit Polen unterhalten, mit den Generalen Lan¬ german und Uminski. Letzterer war erfreut, mich kennen zu lernen; er hatte in Strasburg meine Briefe geleſen. Mehreren Anweſenden wurde ich vorgeſtellt als ein Allemand très destingué. Bei Tiſche wieder die gewöhnlichen Toaſts auf alle Völ¬ ker des Erdenrundes und die Deutſchen zuletzt, wie immer. Jullien hat eine halbe Stunde ſehr ſchön geſprochen. Der Trink-Refrain à l'union des peuples kettete Volk an Volk, und nahm ſich in der Wiederholung recht muſikaliſch aus. Und wäre es auch blos eine Komödie iſt nicht die Bühne eine54 Beglaubigung des Lebens? Von den Mitgliedern der letzten polniſchen Revolutions-Regierung waren auch zwei[anweſend], der Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten, und der der Finanzen. Der Letz¬ tere war ſehr freundlich gegen mich, und wird mich beſuchen. *** war poetiſch und hat ihm erzählt: jedes Wort in meinen Briefen wäre ein Thräne, den Polen geweint. Und das geſchah vor dem Eſſen, da er noch nicht getrunken! Die Thränen machten Eindruck auf einen Finanz-Miniſter; iſt das nicht merkwürdig? Bei dem Toaſte auf die Deutſchen, wurde des Herrn Bo-erne des Allemand distingué und ſeiner Lettres de Paris gedacht. Zum Glücke für uns Deutſche haben auch mehrere andere Natio¬ nen auf die Geſundheit nicht geantwortet, und man bemerkte unſere Blödigkeit nicht. Nach dem Toaſte auf die Spanier wurde ein Gedicht l'Espagne et Torrijos, à Ferdinand VII. von Barthelemy geleſen. Barthelemy und Mery geben ſeit einem Jahre eine politiſche Wochenſchrift in Verſen unter dem Namen Némésis heraus. Der ſchändliche Mord des Torrijos und fünfzig ſeiner Unglücksgefähr¬ ten, die kürzlich in Malaga erſchoſſen wurden, gab Stoff zu erwähntem Gedichte. Da Sie es in Frankfurt ſicher nicht haben, will ich Ihnen diejeni¬ gen Stellen mittheilen, die von der Verſammlung mit ſtürmiſchem Beifalle aufgenommen wurden.

55
Voilà ce roi chrétien, que sa mère appellait
Ferdinand coeur de tigre et tête de Mulet:
C'est le type incarné de l'absolu pouvoir.
D'un clergé despote[orgueilleux] mannequin,
Je pare le gibet d'un cordon Franciscain,
L'Espagne est pour l'Europe une place de Grève.
Chose horrible! on dirait que depuis neuf années,
Comme sur des gradins, assise aux Pyrenées,
L'Europe, par plaisir, contemple avec effroi
La liberté qui meurt sous les griffes d'un roi.
Et nous, pour admirer ce long[martyrologe],
Nous nous sommes placés dans la première loge
Et nous, nous peuple fier qui, sous le grand drapeau,
Chassons les rois mauvais comme un lâche troupeau,
Nous qui pouvons si bien leur tendre une main forte,
Nous souffrons qu'on les pende au seuil de notre porte,
Et les pieds convulsifs de ceux qui sont mourir
Sont comme les marteaux qui nous disent d'ouvrir!
Et quel est donc le Dieu, le Baal espagnol,
Pour qui fume ce sang repandu sur le sol?
Quel est l'homme assez fort pour que dans ses domaines
On recrute pour lui des victimes humaines?
Eh bien! connaissez donc le monarque puissant
Qui reçoit en tribut l'holocauste de sang.
C'est un Bourbon qui suit de ses aeux la trace
Imbécille héritier d'une stupide race;
Un roi caputchonné qui dans une oraison
Mêle un verset d'église avec la pendaison;
56
Comme Charles son père, en hurlant il dévore
Les boeufs amoncelés qui palpitent encore.
*)Les Bourbons sont des rois mangeurs. On sait quelle énorme consommation de viandes, faisait en Angléterre Louis-le-désiré. Charles IV. a surpassé par sa voracité tous les rois de sa race. Nous l'avons vu à Marseille et nous avons même assisté à ses repas; au moment l'on apportait les filets de boeuf saignant, il s'agitait avec con¬ vulsion sur son fauteuil et poussait des rugisse¬ mens ranques comme ceux du tigre. Son fils Ferdinand n'a pas dégénéré; il conserve encore ce royal appétit.
*)
Signe de son instinct, il a sous un front chauve
Le cerveau déprimé, comme une bête fauve.
Roi fangeux, que le ciel pétrit dans sa colère
Voilà pourtant celui que l'Europe tolère!
Triste peuple, cadavre empoisonné d'ulcères
La vermine du cloître a rongé ses viscères.
Dans les jours solennels, courbé sur son chemin
L'ambassadeur Français va lui baiser la main;
Tr!!! par son envoyé, quand cet affront la touche,
La France avec horreur doit essuyer la bouche;
La main de l’Egorgeur! la main de Ferdinand!
II n'est rien de plus vil dans tout le continent!
Oh! des peuples souffrans la justice est tardive
Elle a le pied boiteux, mais enfin elle arrive;
Le peuple est patient car il est éternel,
Nos pleures ont coulé sur le sang fraternel!
57
Je ne peux pas juger le roi par contumace,
La France contre Lui doit se lever en masse;
Cette fois nous avons le droit d'intervenir,
Oui, quand un criminel si grand est à punir;
Quand son nom fait bouillir la haine universelle,
Il faut le reclamer du sol qui le recèle;
Si cet infame roi, fuyant de son palais,
Court chercher un asile au Gibraltar anglais,
II faudra, par pudeur, qu'on nous le restitue,
Car il faut voir la fin d'un règne de forfaits;
Les peuples de l'Espagne, une fois satisfaits
Epouvantant les rois d'un juste régicide
Suspendront son cadavre aux colonnes d'Alcide.
58

Wie war ich mit Ihrem geſtrigen Briefe über¬ raſcht, ehe ich ihn geöffnet! Aber als ich ihn las, mußte ich heulen wie ein Kind, das ſich ein Loch in den Kopf gefallen. Schreiben Sie mir keine ſolchen Briefe mehr; man kann nicht Mann genug ſeyn in dieſer kriegeriſchen Zeit ... Wollen Sie ſich denn Ihre Aengſtlichkeit niemals abgewöhnen? Habe ich Ihnen nicht erſt kürzlich erklärt, wie es jetzt ein Majeſtäts-Verbrechen geworden, ſich zu fürchten, weil es ein Eingriff in die Rechte der Krone iſt? Die engliſchen Blätter leſe ich nicht; ich kann alſo nicht ſagen, ob Ueberſetzungen meiner Briefe darin angekündigt, oder überhaupt davon geſprochen worden. Aber hier in Paris erſcheinen zwei Ueberſetzungen. Die eine iſt im Courrier von geſtern angezeigt. Le¬ ſen Sie ſelbſt was dabei geſagt iſt. Welcher Buch¬ händler die andere herausgiebt weiß ich nicht. Im Literaturblatte, (der Beilage zum Morgenblatte vom 19. Dezember 1831) ſagt Menzel bei Gele¬ genheit einer Beurtheilung über Wilhelm Müllers Schriften etwas über mich, das Sie erfreuen wird. Leſen Sie es ja. Er vergleicht die Verfolgungen,59 die ich jetzt von den Philiſtern zu ertragen habe, mit denen, welchen Lord Byron ausgeſetzt war, und wie wir beide aus gleichem Grunde verkannt werden. Ich bin dem Menzel für ſeinen guten Willen und ſeine ſchmeichelhafte Zuſammenſtellung ſehr großen Dank ſchuldig; aber die Vergleichung muß ich zu¬ rückweiſen, ich habe ſie weder verdient noch verſchul¬ det. So zerriſſenen Herzens bin ich nicht wie By¬ ron. So wie er habe ich nie an der Menſchheit verzweifelt. Sie iſt mir klar und darum iſt ſie mir ſchuldlos. Gott iſt in ihr, der Teufel nur in ihren Quälern. Und gegen dieſen ſich nicht blos zu be¬ kreuzigen, ſondern ihm mit Wort und Schwert ent¬ gegen zu treten; denn er hat ein Ohr, das man ſchrecken, Fleiſch und Bein, das man treffen kann dazu muntere ich die Schläfrigen auf, dazu mache ich die Abergläubigen beherzt. Auch an Deutſchland verzweifle ich nicht, wie Menzel glaubt. Man ſchilt keinen Bettler wegen ſeines Geizes, den Reichen ſchilt man. Ein Volk iſt ein einziges Kind. Auch mit Liebe im Herzen muß man es ſchelten; ſchelten über jeden Fehler, und wenn der Fehler auch der Dorn einer Tugend wäre. Es iſt nicht meine Schuld, es iſt mein Verdienſt, wenn ich ein beſſerer Pädagog bin, als es mancher Andere iſt. Es giebt nachtwan¬ delnde Völker: aber die Nacht eines Volkes iſt lang, ſehr lang, ſie zählt Tage und Jahre und Jahrhun¬60 derte und beſſer, daß man ſolch ein nachtwandelndes Volk anrufe, und könnte auch geſchehen, daß es den Hals darüber bräche, als es ſo fort dämmern zu laſ¬ ſen, in ſchwankender Mitte zwiſchen Thier und Pflanze, in ſchwankender Mitte zwiſchen Schlaf und Tod.

61

Nachfolgendes Gedicht von Berenger zirkulirt in der Handſchrift. Dem guten Manne mag es in St. Pelagie nicht gefallen haben, und darum läßt er es wohl nicht drucken.

La Paix.
J'aime la paix, je hais la guerre,
La guerre ne va qu'aux héros;
Et moi par goût, par caractère
Je cherche avant tout le repos.
Les seuls conseils de la prudence
Doivent me régler désormais.
Pour moi d'abord et pour la France
Je veux la paix.
Grace a mes flatteurs, je l'avoue,
J'ai de la gloire à bon marché
Et de maint exploit on me loue
Ou mon courage a trébuche
Aussi de Valmy, de Jemapes
Pour ne point gâter les hauts faits
Gardons bien qu'on re m'y rattrape,
Je veux la paix
De l'empire on veut les frontières,
On veut l'agrandir, et pourquoi?
Mon dieu! la France de nos pères
Est déja trop grand pour moi.
62
Si quelque voisin le propose
De grand coeur ici je permets
Qu'on en rogne encore quelque chose;
Je veux la paix.
Un conquérant dans sa manie
Fit une France exprès pour lui,
Aussi vaste que son génie.
Il en faut une autre aujourd'hui.
Formons loin des champs de bataille
Sans jaloux, sans peine, sans frais,
Un petit royaume à ma taille.
Je veux la paix.
D'un oeil sec j'ai vu la Belgique
Briser le sceptre de Nassau,
Je vois la Pologne héroique
Lutter au bord de son tombeau;
L'Italie en vain nous appelle,
Tranquille au fond de mon palais
Qu'autour de moi le sang ruisselle;
Je veux la paix.
Oui je redoute les alarmes,
J'abhorre le bruit du canon,
Et je vous ai donné pour armes
Non pas un coq, mais un chapon.
Ma couronne est mieux affermie
Et même ...........
Je veux la paix.

Viele Verſe im heutigen Briefe. C'est pour former le coeur et l'esprit aux jeunes Alle¬63 mands. Der Schatten an der Oos ſchrieb in das Morgenblatt: ich hätte die Briefe eines Verſtorbe¬ nen (das Buch) benutzt. Sollte er wohl damit meinen, daß ich den leichten Briefſtyl nachzuahmen geſucht? Nun, iſt es nicht geſchehen, ſo kann ich es noch thun. Adieu, ma bonne amie, je dévore un oeuf. Sur ce, n'ayant plus rien à dire Salut, fraternite, ou la mort. Ach! ich plumper Bürgersmann kann die Freiheit keine zwei Zeilen lang ertragen. Gott zum Gruß, und wann kömmt mein Kanaſter?

[64]

Ein und zwanzigſter Brief.

O, es iſt himmliſch! Ich hatte vermicelle, cotelettes de veau aigre-doux, épinards nein, in allen Dingen die Wahrheit; ich hatte keine épi¬ nards, ſondern choucroûte garnie; mögen mich die Diplomaten immerhin verachten und poulet au cresson. Ich war in reiner kalter Luft lange ſpa¬ zieren gegangen und hatte einen herrlichen Hunger mit nach Hauſe gebracht. Und als ich mit dem Eſ¬ ſen fertig war, blieb noch ein kleiner Hunger übrig, und es that mir leid, daß ich nicht auch omelette ſoufflée beſtellt hatte. Da ſchickte Freund D. ... ein Zeitungsblatt mit Empfehlung, die allgemeine Zeitung von Stuttgart und darin fand ich: Rap¬ ſodien, veranlaßt durch Herr Börne's Briefe, von Pittſchaft. Da hatte ich meine omelette soufflée! Es iſt nicht der Philoſoph Pitt¬65 ſchaft, der im Tollhauſe ſitzt; denn er ſitzt nicht mehr im Tollhauſe, weil er ſich erhängt hat. Es iſt deſ¬ ſen Bruder, der Medizinalrath Pittſchaft in Baden an der Oos. Hätte ich nur meinen Himmel mit Ihnen theilen können; die andere Hälfte iſt noch groß genug. Mein Tiſchchen ſchwankte unter der Laſt des aufgehäuften Deſerts; mein Salzfaß ward ſüß davon. Zuerſt: Während der Jahre, die ich in Halle bei Reil wohnte, erſchien das bekannte Buch dieſes großen Arztes: Rapſodien über die pſy¬ chiſche Behandlung der Wahnſinnigen. Lange vor und nach Erſcheinung dieſes Werkes, das ſeinem Verfaſſer beſonders lieb war, hörte ich alle Tage von Rapſodien ſprechen, ſo daß ſeitdem und bis heute, ſo oft ich das Wort Rapſodien leſe oder höre, ich gleich an verrückte Menſchen denke. Ferner: Ich dachte, wie viel zweckmäßiger es wäre, wenn ſtatt meiner Herr Pittſchaft ſich am Frankfurter Polizeiamte anſtellen ließe, weil dann Polizei-Amt und Medizi¬ nalrath ſich wechſelſeitig ihren Styl verbeſſern könn¬ ten. Von dem Polizei-Protokoll neulich habe ich, wie Sie aus meinem Briefe mit Kummer erſehen haben werden, das Aſthma bekommen, wegen gänz¬ lichen Mangels an Punkten, und an den Rapſodien des Herrn Pittſchaft wäre ich beinahe erſtickt, wegen des Ueberfluſſes an Punkten. Nein, ſo ein pünkt¬ licher Mann iſt mir noch gar nicht vorgekommen.

IV. 566

Nur folgende kurze Stelle: Es kann dem Kenner¬ auge nicht entgehen, daß der Teufel ſich nur durch ſeine Klugheit hält. Der Teufel ſelbſt verſtellt ſich in einen Engel des Lichts. So ſagt der Apoſtel. Dem Schlechten ſtehen viel mehr Waffen zu Gebote, als dem Edlen. Dieſer muß zur Erreichung ſeines Zweckes ſich ſelbſt einſetzen. Jener ſetzt Andere ein. Jede Geburt hat ihre Wochen. Wenn nur das Kind beim Leben bleibt und zu einem großen kräf¬ tigen Manne heranwächſt. Unſere Zeit leidet an einem ungebührlichen Heishunger. Macht ſie es doch wie Saturn und verzehrt die eignen Kinder. Wenn ſie nicht mäßiger wird, wird ſie ſich den Magen überladen, Sancho Panſa hat nicht mehr Sprichwörter und nicht mehr Punkte; und ſo geht es in einem fort. Dann fand ich ſo ſchön, daß Pitt¬ ſchaft und der Schatten Robert Beide in Baden woh¬ nen, und ich konnte mir ſo herrlich ausmalen, wie der Medizinalrath, der im Winter keine Kranke hat, und Robert der in keiner Jahreszeit Leſer hat, ſich gegenſeitig in dieſen langen Ferien mit einem Kran¬ ken und einem Leſer ausgeholfen, und wie ſie beide auf dem Berge und auf dem Sopha einander gegen¬ über ſaßen, und Robert dem Medizinalrathe ſeine verſtorbenen Briefe vorgeleſen, und dabei vor und nach jedem Komma einen prüfenden Blick auf ihn ge¬ worfen, um zu unterſuchen, ob er nicht außer ſich67 gekommen; und wie der Medizinalrath wirklich außer ſich gekommen vor Ungeduld, und nach Hauſe ge¬ gangen, ſeine Rapſodien gegen mich geſchrieben, den andern Tag wiedergekommen, und ſie aus Rache dem Robert auch vorgeleſen iſt das nicht Alles ſchön vom Anfange bis zum Ende, mit Ausnahme der Punktarmuth im langen Satze, welcher erſt die Hälfte ſeines Wegs zurückgelegt, die ich aber vor¬ ſetzlich mildthätig aufgenommen, um mich auf das Polizei-Amt würdig vorzubereiten, und dann den Medizinalrath, ſeine Vollpünktlichkeit nämlich, damit homöopatiſch zu heilen, und ihn dabei an das zu er¬ innern, was Horaz ſagt in ſeiner Poeten-Kunſt: omne tulit punctum qui miscuit utile dulci, welches auf Deutſch heißt für Frauenzimmer: Punkte ſind nützlich und angenehm, doch nicht zu viel und nicht zu wenig? Und fragen Sie mich nicht, was das Fragezeichen bedeute am Ende des Satzes, ich habe es vergeſſen; und fragen Sie mich gar nichts, bis ich mich ausgeruht, .... Jetzt fragen Sie, aber nicht was Herr Pittſchaft eigentlich will? denn ich weiß es nicht. Er ſagt: Ich wäre eine Leuchte, und ein Prophet, und ein brennender Buſch, und ein Repräſentant der ſieben fetten Kühe, (Ach, hätten alle Volksvertreter nur ſolche fette Committenten, dann brauchte man gar keine reprä¬ ſentative Verfaſſungen!) und ein Dornbuſch. Und5*68ich wäre darum ein Dornbuſch, weil ich haben wollte daß etwas von den Andern daran hängen bliebe. Freilich bin ich ein Dornbuſch, und von den Flocken, die an mir hängen geblieben, könnte ich mir einen weiten Schaafpelz machen laſſen. Aber wer hieß den Medizinalrath mir ſo nahe kommen? Und wenn etwas von ihm hängen geblieben, iſt das meine Schuld? Der Dornbuſch ſteht, die Heerde geht; ſie kann ausweichen. Ferner wäre ich der Engel mit dem Schwerte und ein Würgeengel. Dann ſpricht er von Schuhen und vom Schuhputzen. Er¬ ſtens ſagt er: ich verlangte, die Deutſchen ſollten ihre Schuhe vor mir ausziehen, und zweitens ſagt er: Ich ſähe Deutſchland für eine Kratzbürſte an, und putzte meine Schuhe daran ab. Jedermann weiß, daß ich nie Schuhe trage. Sie ſehen, Pitt¬ ſchaft iſt ein Demagog, er will das Volk aufklären, er ſchreibt für Stiefelputzer. Wie oft habe ich Ih¬ nen zu Baden geſagt: dieſer Ort iſt ein wahres Carbonaro-Neſt; aber Sie wollten mir es nicht glau¬ ben. Was macht Robert dort? Warum kehrt er nicht zum Königſtädtiſchen Theater zurück? Warum iſt er kein unſchuldiger Waldfrevler geblieben? Warum iſt er der Macht der Verhältniſſe untreu geworden; und liebäugelt jetzt mit allen deutſchen Mächten? Warum hat er ſeine ſchmerzſtillenden Didaskalien unterbrochen? Zehen aufrühreriſche Völker hätte69 man dabei beruhigen können. Diebitſch hätte ſie ins Polniſche überſetzen laſſen, und hätte dann Warſchau im Schlafe überrumpelt. Noch einmal: was hat Robert in Baden zu thun? Thöricht, das zu fragen. Wer hat die Badener Bürger aufgehetzt, bei der Ständeverſammlung eine Bittſchrift um Preßfreiheit einzureichen? Wer hat dieſe Bittſchrift verfaßt? Das hat der Nehmliche gethan, der auch die Ber¬ liner Briefe in den Meſſager geſchickt. O, ich habe das gleich verſtanden! Ich durchſchaute Den und Jenen und Manchen und gar Viele. Ich ließ mich nicht von ihren ehrlichen Geſichtern irre führen; es täuſchte mich nicht, daß ſie ſich für Polizei-Spione ausgaben; ich erkannte ſie auf der Stelle als geheime Carbo¬ nari. Und jetzt ſchreibt Robert gegen mich; aber ich bedanke mich dafür; ich will nicht ſeine Maske ſein, ich mag nicht ſein Geſicht berühren. Und Pitt¬ ſchaft geſellt ſich ihm bei; der undankbare Medizi¬ nalrath! Undank! Undank! Wenn er den Deutſchen ſagt: Ihr habt immer den Saft zu dem Punſche hergeben müſſen, womit ſich An¬ dere gütlich gethan von wem hat er das gelernt? Er rede! Wer gab ihm den Muth, Deutſchland zu warnen für Rußlands Joche? Er rede! Wer gab ihm den Muth, ſchon im Sommer für die Contagioſität der Cholera zu ſchreiben, und der preußiſchen Regierung zu trotzen? Er rede. 70Und was nützt ihm die Heuchelei. Seine ruſſiſche Praxis iſt ihm auf immer verlohren, denn er hat Rußland geläſtert. Seine franzöſiſche Praxis iſt ihm auch verlohren, denn er hat Frankreich ge¬ läſtert. Seine preußiſche Praxis iſt ihm auch verlohren, denn er hat Preußen für anſteckend erklärt; und was ihm von deutſchen Bundeskrankhei¬ ten noch übrig bleibt, wird ihm zur Strafe entzogen werden, weil er, ein badiſcher Unterthan, ein Staats¬ diener, ein Medizinalrath, ſich erlaubt hat, von Po¬ litik zu ſprechen, ehe er zweitauſend Gulden Cau¬ tion geleiſtet hat. Darum werfe er ſich ganz in meine Arme; er hat ſich mir verſchrieben, mein iſt er und mir gehört er zu. Es wäre nicht dazu ge¬ kommen, wenn ihn Robert nicht verführt.

Daß Beide mich getadelt, kann ich ihnen ver¬ zeihen; aber daß ſie mich gelobt, das verzeihe ich ihnen nie. Sie rühmen meine Unbeſtechlichkeit. Pitt¬ ſchaft ſagt: Er wolle nicht glauben, daß die Heraus¬ gabe der Briefe eine Geldſpekulation geweſen, und Robert verbürgt ſich, daß ich nicht feil bin. Wer wird eine ſolche Bürgſchaft verſchmähen? Auch danke ich ſchön für die gute Meinung. Aber das Lob der Unbeſtechlichkeit muß man keinem Freunde öffentlich geben; das iſt ein Tadel für Tauſende, erweckt den Neid und ruft nur den Widerſpruch her¬ vor. Nun werden meine Gegner ſagen: Er iſt71 wohl feil; (ich thue es, um zu zeigen, daß ich ſelbſt einen Affen nachäffen kann,) aber wohlfeil iſt er nicht. Er würde ſich nie ſo geringe ſchätzen, in den Hundstagen jedes Jahres um zwanzig Friedrichsd'or ſeine Ehre zu vermiethen .... Der unglückſelige Robert! Eine Welt hätte er ſetzen ſollen zwiſchen ſich und mir, und jetzt, das Glück verſchmähend, daß ich ihn vergeſſe, ſucht er mich auf, und zwingt mich, ſeiner zu gedenken. Was gab ihm den kecken Muth, mich herauszufordern? Iſt es etwa, daß ich ein Herz habe, und ſeine eigne Bruſt nichts zu durch¬ bohren darbietet? Iſt es, daß er ſeine Brieftaſche, ſeine polniſchen Looſe gut verſchloſſen weiß, und daß ich ſie nicht durchlöchern kann und ſeine Seele nicht berühren? Das der Unglückſelige es wagt, den tief¬ begrabnen Schmerz aus meiner Bruſt heraufzuwüh¬ len; daß jener Würmer einer, die von Polens Leiche ſchmaußen, über meinen Weg zu kriechen wagt! Wenn ich der Polen gedenke, und des Sommers und Badens, und wie oft ich dort aus dem Leſezimmer in das nahe Gebüſch wankte, meinen Schmerz oder mein[Entzücken] auszuweinen; und wie ich mit krampf¬ bewegtem Herzen der Stunde entgegenſah, welche die Zeitung brachte; und wenn ich nun endlich das Blatt in meiner zitternden Hand hielt und es nicht zu leſen wagte; nicht zu erfahren wagte das Ur¬ theil jener furchtbaren, namenloſen Macht, die größer72 als das All, höher als der Himmel, älter als die Ewigkeit; den Richterſpruch: ob es einen Gott giebt oder nicht und kam dann jener Robert, riß mir das Blatt aus der Hand, bat, um Got¬ teswillen nur eine Minute, wendete das Blatt herum, ſah unten nach dem Courszettel; War¬ ſchau war gefallen, und die polniſchen Looſe waren geſtiegen, und ein Höllenſchein verklärte ſein ſilber¬ graues Geſicht wenn Wünſche Dolche wären, er lebte nicht mehr! Und jetzt wagt es ſolch ein vermaledeiter Goldanbeter, der die Blätter der Ge¬ ſchichte ungeleſen und verächtlich überſchlägt, um am Ende vor dem Courszettel niederzufallen und ihn an¬ zubeten; der ſeinen Blick von dem ſchönen Geſichte der Zeit, ſo voll erhabnen Lächlens, ſchöner Trauer und blinkender Thränen, abwendet, um ſie herum¬ gehet und ihren ...... küßt ein ſolcher Menſch wagt es, ungerufen vor mir zu erſcheinen und zu ſagen: Da bin ich!

73

In der nämlichen Stuttgarter Zeitung, in wel¬ cher Herr Pittſchaft ſein Herz erleichtert, ſtanden auch kurz vorher zwei Briefe, welche Herr Wurm, der Redakteur der Börſenhalle, einer der verlornen Vorpoſten der feindlichen Armee, und Herr Mebold, Redakteur der Stuttgarter Zeitung, wegen meiner gewechſelt. Herr Mebold hatte früher etwas zu meiner Vertheidigung gegen Herrn Wurm, ſeinen al¬ ten Freund und Dutzbruder, in ſeinem Blatte ge¬ ſchrieben. Herr Wurm beklagt ſich darüber und frägt ſeinen alten Freund: wie er ihn nur verkennen möge, ihn einen freiſinnigen Mann, einen Patrioten, der gegenwärtig an einem Kommentar über Preßgeſetzgebung nach engliſchen und ame¬ rikaniſchen Grundſätzen arbeitet? Iſt das nicht wieder recht ſchön deutſch; während die Frei¬ heit ſich auf dem Schlachtfelde verblutet, ſtatt ſie zu verbinden und zu rächen, an einer Chirurgie nach engliſchen und amerikaniſchen Grundſätzen zu ſchrei¬ ben? Auch Herr Dr. Schott in Stuttgart, ein ſehr achtungswürdiger freiſinniger Mann, Chef der dortigen liberalen Parthei, ſchrieb ſeinem Freunde Wurm einen Brief, den ich Ihnen mittheilen will. Mein lieber Freund! da Sie in dem Schreiben an74 unſern Freund Mebold meiner mit Namen und zu¬ gleich des Umſtands erwähnen, daß Sie mir die Kritik über Börne zugeſendet, ſo glaube ich, Börne, den ich perſönlich kenne und deſſen Talent ich be¬ wundere, die Erklärung ſchuldig zu ſeyn, daß ich, für meine Perſon, Ihre Kritik ſeiner Briefe nicht billigen kann. Wie iſt denn Ariſtophanes mit den Athenienſern und mit Sokrates, dem edelſten aller Menſchen umgegangen? Und was hat Swift dem engliſchen Volk und ſeinen Machthabern nicht geboten? Deſſenungeachtet ſind und werden ſie die Bewunderung aller Zeiten bleiben. Beide, wenn ſie lebten, würden Börne als ebenbürtig anerkennen. Sein ausgezeichnetes Talent darf da nicht mit der moraliſchen, und noch weniger mit der politiſchen Elle gemeſſen werden. Das deutſche Vaterland ſollte es ſich vielmehr zur Ehre rechnen, daß an ſeinem literariſchen Himmel ein ſolcher Stern der Satyre und des Humors aufgegangen iſt. Bei dieſer Ueberzeugung konnte ich für meine Perſon dieſes Blatt Ihrer Zeitſchrift nicht als Probeblatt auf dem Muſeum auflegen.

Es kömmt mir ſpaßhaft vor, daß man in Deutſch¬ land ſchon einige Monate lang von meinen Briefen ſpricht und ſchreibt; daß ich faſt ſo berühmt ge¬ worden, wie die Sontag. Und dabei gebrauchen alle[meine] Gegner den Polizeipfiff, zu ſagen: es ver¬75 lohne ſich gar nicht der Mühe, des Buches zu er¬ wähnen. Auch Robert gebraucht ihn. Er ſagt: die Briefe wären zu platt, für Deutſchland verführeriſch zu ſeyn; das Buch wäre gar nicht der Rede werth. Aber warum ſpricht er davon? Warum reden die Andern davon? Das iſt leicht zu erklären. Bei ſtürmiſchem Wetter ſetzen ſich die Mücken auf den Rücken des Wanderers, um wärmer, ſchneller, und ſicherer fortzukommen. Ich mag deren Tauſende auf dem Rücken haben, aber ich ſpüre es gar nicht.

[76]

Zwei und zwanzigſter Brief.

Laſſen Sie die Leute immerhin ſprechen von meiner Heftigkeit, die nicht nütze, die nur ſchade; das ſind alles Worte ohne Sinn, wären ſie auch noch ſo gut gemeint. Wer nützt? Wer ſchadet? Die See geht hoch, der Wind iſt gut und Gott ſitzt am Steuer. Ich armer Schiffsjunge ſchwanke oben im Maſtkorbe und rufe: Klippe und Sandbank und feindliche Segel und Land herab. Als wenn ich mit dem Rücken gelehnt ſtünde an der Mauer der Welt, und nur ſo vor mir mich zu bewegen brauchte, wie und wohin ich wollte! Ich habe keine Freiheit hinter mir, und darum keine vor mir. Ich treibe, weil ich werde getrieben, ich reize, weil ich werde gereizt. Der Wind iſt heftig, der mich ſchüttelt; iſt das meine Heftigkeit? Habe ich den Wind ge¬ macht? Kann ich ihn ſchweigen heißen? Giebt es77 Menſchen ohne Bruſt, die nicht zu athmen brauchen gut für ſie; aber ſie mögen nicht rechten mit mir; ich brauche die Lebensluft der Freiheit, um fortzudauern. Und wenn ſie wieder einmal von ei¬ nem meiner guten Freunde ſagen hören: er dauert mich, er darf es gar nicht wieder wagen, nach Deutſch¬ land zu kommen, er würde in jeder Geſellſchaft, an jedem öffentlichen Orte beſchimpft werden ſo mis¬ trauen Sie dem Herzen oder dem Kopfe dieſes gu¬ ten Freundes. Er iſt entweder Einer jener Goſſen, welche die Verläumdungen der Polizei weiter ſchwem¬ men, oder iſt ein matſcher Schwamm, der jedes, worin man ihn getaucht, gedankenlos aufnimmt und es bei der Berührung behaglich wieder abtröpfelt. Wir haben das gleich vom Anfange bemerkt und ver¬ ſtanden, wie jene, die ich in das Herz getroffen, das Volk gegen mich aufzuwiegeln ſuchen. Alle Hunde, die ihren Hof bewachen, haben ſie von der Kette los¬ gelaſſen; alle hungrigen Zeitungſchreiber mußten ein Geſchrei erheben, ehe man ihnen die Schüſſel füllte, und dieſes Gebell und dieſes Geſchrei ſollen das Conzert der öffentlichen Meinung bilden! Seyen Sie nur ruhig, wie ich es auch bin; ich bin ganz der Mann, ſolche Gauklerkünſte zu vereiteln. Die Ari¬ ſtokraten möchten den Streit aus ihrem Gebiete ent¬ fernen, denn ſie wiſſen recht gut, daß er ſie gilt und nicht das Volk; aber wir kennen das und ſpotten78 ihrer vergebenen Liſt. Das Vaterland herabwürdi¬ gen! Deutſches Volk beſchimpfen! Hätte ich wirk¬ lich gethan, was ſie durch ihre Ausrufer mich be¬ ſchuldigen laſſen die Hände küßten ſie mir dafür! Vaterland, Volk, Ehre, Schande, das ſind den Ari¬ ſtokraten nur mythologiſche Geſchöpfe, und ſie hätten mich glücklichen Jäger bewundert, dem ſolche Fabel¬ thiere einmal wirklich in den Schuß gekommen, und der ſie getroffen und dann abgethan. Ihr Vater¬ land iſt der Hof; ihre Ehre iſt in der Unterwürfig¬ keit des Volks; ihre Schande in deſſen Freiheit, und das Volk iſt nichts, ein Stuhl, ein Tiſch, ein Ofen, das man weder ſchänden noch ehren kann. Vor ſolchen Menſchen ſoll ich mich fürchten? Sie, ohne Herz und ohne Gott, was vermögen ſie mir gegenüber, der ich liebe und glaube? Mit einem einzigen Worte durchbreche ich den Nebel ihrer Ver¬ läumdungen; mit einer einzigen Zeile zünde ich ihre Lügenbände an, und verbrenne ſie zu Aſche. Ich erwarte ſie, wenn ich nach Deutſchland komme.

Geſtern las ich wieder in hieſigen Blättern von Mauthzerſtörungen im Heſſiſchen, ich weiß aber nicht, ob das die alten oder neuen Geſchichten ſind. Indeſſen wahrſcheinlich das Erſtere, da Sie mir in Ihren letzten Briefen von keinen ſpätern Vorfällen ſchreiben. Das ſind recht traurige Verhältniſſe, und am traurigſten iſt, daß ſich die Regierungen nicht zu79 helfen wiſſen. Immer Gewalt, immer Blutver¬ gießen! Warum ſuchen ſie das Volk über die wahre Beſchaffenheit der Mauth, ihre Nothwendigkeit und Nützlichkeit nicht aufzuklären? Warum ſuchen ſie es nicht durch Sanftmuth zu beruhigen, durch Ueberre¬ dung zu gewinnen? Warum tragen ſie den Geiſt¬ lichen nicht auf, von der Kanzel herab ihre Gemein¬ den im Zollweſen zu unterrichten? Wäre ich Pfar¬ rer von Fechenheim, Bergen oder Bockenheim, hätte ich am erſten Sonntage nach dem monarchiſchen Ge¬ metzel an der Mainkur ohngefähr folgende Predigt gehalten, und dadurch gewiß zur Erhaltung der Ruhe mehr beigetragen, als zehn Schwadronen Huſaren im Stande ſind.

Liebe Gemeinde!

Am Freitag wart Ihr wieder rechte Eſel ge¬ weſen, und habt Euch todſchießen laſſen. Wißt Ihr warum? Ich will die ganze Woche keinen Tropfen Wein trinken, wenn Ihr es wißt. Dummköpfe ſeyd Ihr und Schwerenöther! Ihr jammert über die Mauth, Ihr wollt keine Mauth bezahlen! Wißt Ihr denn, was die Mauth iſt heut zu Tage? Wißt Ihr, was ſie ſonſt geweſen? Begreift Ihr denn gar nicht, wie viel beſſer Ihr es jetzt habt, als in frü¬ hern Zeiten? Nun, ſo gebt Acht; ich will Euch eine Laterne in den Kopf hängen.

80

Viele von Euch ſind doch ſchon einmal den Rhein hinabgefahren; der Hans dort, das weiß ich, iſt oft als Floßknecht nach Holland gekommen, ehe er ſich ein Frau genommen ein kreuzbraves Weib, ſie hat mir geſtern eine fette Gans geſchickt. Und wer von Euch nicht am Rhein war, der iſt doch ein¬ mal in Königſtein geweſen und am Falkenſtein vor¬ beigekommen. Nun, das iſt alle eins. Oben auf den Bergen an beiden Seiten des Rheins, da ſehet Ihr viele verfallene alte Schlöſſer, die man Burgen nennt. Sie waren aber nicht immer ſo öde und verfallen, wie ſie jetzt ſind. Ehemals waren es prächtige Schlöſſer, worin die Ritter wohnten, und es ging luſtig daher. Liebe Kinder! Die Ritter, das waren prächtige Leute! An denen hatte doch der liebe Herrgott noch ſeine Freude. Wenn ſie ſich recht wild herumtummelten in ihres Vaters Garten, und er lag am Sonnenfenſter und ſah zu, wie ſie ſpielten, lachte er und ſagte: Jugend hat keine Tu¬ gend, das will ſich austoben; aber es iſt mein Herz und mein Blut. Wenn aber der liebe Herrgott uns jämmerliche Wichte ſiehet, ſeine jüngſten Kinder, die den ganzen Tag hinter den Büchern hocken und heu¬ len, wenn ſie der geſtrenge Herr Schulmeiſter mit ſeinem Lineal anrührt, dann ſchämt er ſich, unſer Vater zu ſein, ſchlägt das Fenſter zu und brummt: Ja, ja, ich bin alt geworden! So ein Ritter war81 kerngeſund, ſtark wie ein Stier, und wenn er ſein Kreuz gegen den Teufel geſchlagen hatte, fürchtete er ſich vor nichts in der Welt. So ein Kerl hat Euch den Tag zehn Pfund Roth - und Schwarz¬ wildpret gegeſſen, ſechs Pfund Hammelfleiſch, ein ſchön Stück Schinken, einen großen Roſinenkuchen, aber wenig Brod. Dazu hat er getrunken zwei Eimer Bacharacher oder Rüdesheimer, und Abends vor dem Schlafengehen ein paar Maas warmen Gewürzwein. Ich ſage Euch Kinder, es iſt nichts geſünder als warmer Wein mit Zucker, Nelken und Zimmt angemacht. Geſtern hatte ich einen ſtarken Schnupfen, und ich legte mich früh zu Bette. Wie ich nun das Licht auslöſchen wollte, wer kömmt herein? Meine Haushälterin. Sie hatte mir kein Wort davon geſagt, war in die Küche gegangen und hatte mir eine Kumpe Glühwein gemacht. Den ſetzt ſie vor mein Bett und ſagt: Herr Paſtor, das wird Euch gut thun. Ich habe den Glühwein getrunken, habe tüchtig geſchwitzt, und heute morgen war der Schnupfen weg. Merkt Ihr noch was davon? Seht Ihr, ſolch ein luſtig Leben haben die alten Ritter geführt: gut gegeſſen, gut getrunken und gut geſchlafen. Und die übrige Zeit haben ſie gejagt und ſich untereinander herumgebalgt. Das war aber kein Kriegführen wie heute, es war ein wahrer Spaß. Man ſchlug ſich einander auf Helm und Schild,IV. 682und war einer tüchtig getroffen, ſo ging er zum Schmidt und den andern Tag war alles wieder gut. Das hundsföttiſche Pulver war noch nicht erfunden.

Nun hört weiter. Die Ritter hatten zwar große Schlöſſer, ſchöne Pferde, viele Jagdhunde und Knechte; aber ſie hatten kein Geld. Woher wollten ſie Geld haben? Sie arbeiteten niemals und ver¬ dienten alſo nichts. Aber alle Menſchen ſind Got¬ tes Kinder, und wenn es einen Menſchen giebt, der nichts arbeitet, iſt es Chriſtenpflicht, daß der Andere, welcher arbeitet, ihn ernährt. Die frommen Ritter, welche Gottes Gebot kannten und ehrten, richteten ſich auch darnach, und ſo oft ſie Geld brauchten, nahmen ſie es von den Arbeitsleuten, die welches hat¬ ten; und das machten ſie ſo. Auf die hohen Thürme ihrer Burgen ſtellten ſie einen armen Knecht mit ei¬ nem Horn, der mußte Tag und Nacht Acht geben, und umher ſchauen, und ſobald ein Schiff mit Waa¬ ren den Rhein hinauffuhr, oder ein Wagen auf der Chauſſee kam, um ihre Ladung auf die Frankfurter Meſſe zu bringen, ſtieß der Knecht ins Horn. Die Ritter, die das Zeichen verſtanden, ſprangen darauf vom Tiſche oder aus dem Bette auf, ergriffen ihr Schwert und eilten die Burg hinab. Schiff und Wagen wurde angehalten, Schiffer, Fuhrleute und Kaufherren wacker durchgebläut, Kiſten und Kaſten83 aufgeſchlagen, und Alles herausgenommen. Darauf ſagten die Ritter: Viel Glück zur Frankfurter Meſſe, Ihr Herren; und kehrten mit ihrem Fange jubelnd zur Burg zurück. Und weil ſie auf dieſe Art ihr Brod verdienten, nannte man ſie Raubritter. Die Waaren verkauften ſie dann um einen Spottpreis an Juden, und ſo hatten ſie Geld. Die Juden ver¬ kauften den geplünderten Kaufleuten ihre eigenen Waaren wieder und darauf zogen ſie zur Frankfur¬ ter Meſſe, und alles war gut. So iſt die Mauth entſtanden, und was damals die Raubrit¬ ter waren, das ſind heute die Zöllner.

Jetzt gebt weiter Acht. Die Kaufherren über¬ legten endlich bei ſich: Wäre es nicht geſcheidter, wir gäben den Rittern lieber gleich ſo viel baar Geld, als ſie für unſere Waaren von den Juden bekommen? Dieſe Spitzbuben laſſen ſich von uns zweimal ſo viel bezahlen, als ſie ſelbſt bezahlten. So wäre die Hälfte Profit und die Prügel wären auch geſpart. Sie ſchickten alſo dem Ritter Kunz eine Deputation, die trug ihm vor: Herr Ritter, Ihr ſeyd ein ehrlicher Mann, Ihr habt uns nie etwas zu leid gethan; aber Euer Nachbar, der Ritter Ruprecht, iſt ein Spitzbube und ein Räuber, der, ſo oft wir vor bei¬ kommen, uns mishandelt und beraubt. Wir kommen alſo, Euch einen Vorſchlag zu machen. So oft wir an Eure Burg kommen, begleitet uns mit einem6 *84Fähnlein bis vor der Burg Eures böſen Nachbarn vorüber, beſchützt uns und duldet nicht, daß er uns beraube und zu Grunde richte. Für Euern guten Willen geben wir Euch jedesmal hundert Goldgulden. Ritter Kunz erwiederte: Ihr ſeyd kluge Leute und ich will es bedenken, heute Abend gebe ich meinen Nachbarn einen Schmaus: Habt Ihr nicht vielleicht ein Fäßchen Bacharacher auf Euerem Schiff? Die Kaufleute holten das Fäßchen, gingen darauf zu Rit¬ ter Ruprecht und ſagten ihm: Herr Ritter, Ihr ſeyd ein ehrlicher Mann, Ihr habt uns nie etwas zu Leid gethan; aber Euer Nachbar der Ritter Kunz, iſt ein Spitzbube und ein Räuber, der, ſo oft wir vorbeikommen, uns mishandelt und beraubt. Wir kommen alſo Euch einen Vorſchlag zu machen. So oft wir an Eure Burg kommen, begleitet uns mit einem Fähnlein bis vor der Burg Eures böſen Nach¬ barn vorüber, beſchützt uns und duldet nicht, daß er uns beraube und zu Grunde richte. Für Euern guten Willen geben wir Euch jedesmal hundert Gold¬ gulden. Ritter Ruprecht erwiederte: Ihr ſeyd kluge Leute und ich will es bedenken; morgen Mittag gebe ich meinen Nachbarn einen Schmaus, habt Ihr nicht vielleicht einige gute Schinken auf Euerm Wagen? Die Kaufherren holten die Schinken und gingen dar¬ auf zum Ritter Eberſtein, und ſo gingen ſie von einem Ritter zum andern von Rüdesheim bis nach85 Bonn und ſprachen mit allen auf die nehmliche Weiſe. Und wie Abends viele Ritter zum Ritter Kunz zum Schmauſen kamen, und jeder ſeinem Nachbarn er¬ zählte, wie die Kaufherren ihn ins Geſicht einen ehr¬ lichen Mann geſcholten, und ſeinen Nachbarn als Spitzbuben gelobt, lachten ſie Alle ganz unbändig und zechten bis der Morgen graute. Die Handels¬ leute hatten es aber jetzt viel beſſer als früher.

So währte das einige Jahrhunderte lang. Endlich merkten die Kaiſer, Könige, Herzöge, Für¬ ſten, Landgrafen, die Vorfahren unſerer gnädigſten Landesherren, daß ſie lang dumm geweſen. Sie dach¬ ten: Ei, die Ritter verdienen ein ſchön Stück Geld an den Bürgers - und Landleuten, ſind wir nicht rechte Narren, daß wir es nicht ſelbſt verdienen? Wer iſt Herr im Lande, wir oder die Ritter? Das muß anders werden. Sie ſagten alſo den Kaufleu¬ ten: Ihr unterſteht Euch nicht mehr, Euch von den Rittern loszukaufen; das Geld, das Ihr ihnen ge¬ geben, gebt Ihr künftig uns ſelbſt, und dagegen be¬ ſchützen wir Euch gegen jede Gewalt. Die Kauf¬ leute mußten das zufrieden ſeyn, und den Rittern wurde von den Landesherren unterſagt, ſie zu beun¬ ruhigen. Dieſe ließen ſich aber nicht wehren, und wenn die Kaufleute vorüber kamen und nicht bezahl¬ ten, wurden ſie wie früher geplündert und todtgeſchla¬ gen. Sie mußten alſo, wollten ſie Ruhe haben, die86 Ritter auch bezahlen. Unſere gnädigſten Landesherren erfuhren dies und dachten bei ſich: Unſere Kaufleute geben für jede Ladung Waare den Rittern hundert Goldgulden, und uns hundert Goldgulden, wäre es nicht klüger, ſie geben uns zweihundert Goldgulden und den Rittern gar nichts? Sie ließen alſo die Kaufleute rufen und ſagten ihnen: Ihr gebt uns künftig zweihundert Goldgulden für jede Fuhre und den Rittern gar nichts; und dieſe wollen wir ſchon das Handwerk legen. Auch hielten ſie Wort, zerſtör¬ ten alle Raubburgen, nahmen die Ritter gefangen und führten ſie an ihren Hof, wo ſie durch gutes Futter bald zahm gemacht wurden. Den Kaufleuten aber gaben ſie das Geleit, ſo oft ſie auf die Meſſe zogen. Als es nun keine Ritter und keine Räube¬ reien mehr gab, und die Kaufherren keine Furcht mehr hatten,