PRIMS Full-text transcription (HTML)
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Geſchichten Helleniſcher Staͤmme und Staͤdte
Dritter Band. Die Dorier, zweite Abtheilung.
Breslau,im Verlage von Joſef Max und Komp.1824.
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Die Dorier.
Vier Buͤcher
Zweite Abtheilung. Drittes und viertes Buch.
Breslau,im Verlage von Joſef Max und Komp.1824.
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Drittes Buch. Staat der Dorier.

1.

1.

Indem wir vom Doriſchen Staate ſprechen, muͤſ - ſen wir gleich vornweg die Begriffe der Neuern uͤber Urſprung, Weſen und Zweck des Staats bei Seite ſetzen, nach denen derſelbe, wenn man den Meiſten folgt, eine Sicherungsanſtalt der Exiſtenz und Rechte der in ihm enthaltenen Individuen iſt. Der alten Vor - ſtellung davon kommen wir naͤher, wenn wir uns be - gnuͤgen, den Staat als eine im Bewußtſein der Indi - viduen anerkannte und durch Thaͤtigkeiten, die auf das Ganze Bezug haben, ausgeſprochene Einheit zu faſſen. Dieſe Einheit kann aus keiner andern hervorgegangen ſein als einer durch Natur gegebenen, alſo der des Volkes oder eines Stammes oder eines noch geringern Gliedes deſſelben: wenn auch durch geſchichtliche Um - bildung die Begriffe Staat und Volk mehr auseinan - der treten. Je ſtrenger die Einheit iſt, um deſto mehr Thaͤtigkeit wird gemeinſam, um deſto praͤgnanter der Begriff des Staates. Wie er dieſes bei den Griechen[i]m Allgemeinen weit mehr war als bei den Neuern, ſo6 war er es vielleicht nirgends ſo ſehr als bei den Doriern, deren nationale Anſicht vom Staatsleben in der Ver - faſſung Sparta’s am ſchaͤrfſten ausgeſprochen iſt. Hier beſtimmt die Einheit die Vielheit der Perſoͤnlichkeiten am durchgreifendſten, und darum iſt hier das Leben in ſeinen meiſten Kreiſen ein oͤffentliches und gemeinſa - mes. Die hohe Freiheit des Spartiaten wie des Hel - lenen uͤberhaupt war eben nichts als ein lebendiges Glied des Ganzen zu ſein, waͤhrend was man in neuerer Zeit gewoͤhnlich Freiheit nennt, darin beſteht, vom ge - meinen Weſen moͤglichſt wenig in Anſpruch genommen zu werden; oder mit andern Worten: den Staat nach ſeinem Theile moͤglichſt aufzuloͤſen. Der Dorier ſuchte im Staate den κόσμος, die Einigung des Mannig - faltigen. Es iſt ein Grundgedanke dieſes Volkſtammes, den Koͤnig Archidamos bei Thukydides ausſpricht12, 11.: Das iſt das ſchoͤnſte und das beſtaͤndigſte, daß die Vielheit einem Κόσμος dienend ſich zeige. Und dar - um feiern die Spartiaten den Lykurgos ſo ſehr, weil er den beſtehenden Kosmos eingerichtet2Herod, 1, 65., und nannten ehrend den Sohn deſſelben Eukosmos3Pauſ. 3, 16, 5. Vgl. oben Bd. 2. S. 63, 1.. Auch hieß deswegen bei den Kretern der hoͤchſte Magiſtrat Kos - mos, bei den Epizephyriſchen Lokrern Kosmopolis. So bezeichnet dieſes praͤgnante Wort wie der Doriſchen Muſik und Philoſophie (des Pythagoreismus), ſo des Doriſchen Staats innerſten Geiſt.

Mit dieſem Streben nach ſtrenger Einheit iſt noth - wendig das nach Beſtaͤndigkeit verbunden. Denn iſt eine ſolche Einheit einmal Zuſtand geworden, ſo ſucht man das ſie ſtoͤrende zu entfernen, und erſtickt dadurch den Samen zu Umwaͤlzungen: obgleich freilich7 das Beſtreben, allen Wechſel auszuſchließen, nie voͤllig ſein Ziel erreicht, da theils die Nationalitaͤt ſelbſt nach innern Geſetzen allerlei verſchiedene Bildungen durch - geht, theils die von außen zudraͤngenden Umſtaͤnde und Verhaͤltniſſe Modiſicationen veranlaſſen. Andere Staa - ten dagegen, die der Vielheit vornweg mehr Raum laſſen, ſtellen auch, wenn jene ein unverruͤcktes Sein, ſo mehr ein mannigfach bewegtes Leben dar, nehmen von Zeit und Ort Dargebotenes bereitwillig auf, ja haſchen leidenſchaftlich nach Anlaͤſſen von Veraͤnderung. Dieſe vielbewegten Staaten werden allerdings bald alle Feſtigkeit und allen Charakter verlieren und ſich innerlich aufloͤſen; aber auch jene ſtetigen muͤſſen end - lich, nachdem ſie lange als Ruinen in fremdartiger Umgebung geſtanden haben, dem allgemeinen Fluß der Dinge weichen, und es pflegt ihrem Untergange die voͤlligſte Zerruͤttung vorauszugehn.

2.

Dieſer Gegenſatz bezeichnet, wenn auch etwas zu ſtark, den des Doriſchen und Joniſchen Stammes. Jene hatten unter allen Hellenen am meiſten Ehrfurcht vor der alten Zeit, und nicht ſchlechter zu ſein als die Vaͤter, war fuͤr Spartiaten die hoͤchſte Ermahnung1Thuk. 2, 11. vgl. 1, 70. 71. Athen. 14, 624 c. Ag.; dieſe dagegen waren neoteriſtiſch in jeglichem Thun und fuͤr fremde Mittheilung ausnehmend empfaͤnglich, daher ſie auch ihre Staͤdte uͤberall ſeelaͤndiſch, die Dorier lieber binnenlaͤndiſch anlegten. Mit welcher Sorge dieſe, namentlich die Spartiaten, den reinen Dorismus, der Vaͤter Sitte, zu erhalten ſuchten, zeigt am meiſten das ihnen mit den Kretern gemeinſame Reiſeverbot2Platon Protag. 342 c. Xenoph. Laked. Staat 14. Plut. Inst. Lac. p. 252., beſonders Iſokr. Buſiris 8. Die Spart. ἐνδημότα - τοι, Thuk. 1, 70. Genaueres unten K. 12. und die Xenelaſia, obgleich davon ſchon8 die Alten ſehr fabelhafte Vorſtellungen hegten1Aus Th. 1, 144. vgl. mit Plut. Agis ſieht man, daß die ξενηλασὶα blos gegen Staͤmme von fremdartigen Sitten, fremder δὶαιτα, galt, z. B. meiſt gegen Athener. Doch war Sparta an den Gymnopaͤdien (Plut. Ageſ. 29. vgl. Kimon 10. Xenoph. Denkw. Sokr. 1, 2, 61.) und andern Feſten voll von Fremden. Cragius de rep. 3. p. 213. Dichter, wie Thaletas, Terpandros, Nym - phaͤos von Kydonia, Theognis (der die freundliche Aufnahme in dem ἀγλαὸν ἄοτυ ruͤhmt, V. 785.), Philoſophen, wie Pherekydes und Anaximandros und der Skythe Anacharſis, wurden gern aufgenom - men; andere Claſſen von Geſchaͤften ausgeſchloſſen. So gab es uͤber Perſonen und Zeit Beſtimmungen. Vgl. noch Plut. Lyk. 27. der ſich auf Th. 2, 44. bezieht. Ariſt. Voͤgel 1013. und Schol. (aus Theopomp. ) und zu Frieden 622. Suid. διειϱωνόξενοι, ξενη - λατεῖν. Theophil. Instit. l. 1. tit. 2. vgl. de la Nauze Mem. de l’Ac. d. I. T. 12. p. 159.. Es mag zur Schaͤrfung dieſer Maaßregeln wohl leicht, wie Plutarch meint, der aus dem entgegengeſetzten Verfah - ren hervorgegangene Verfall aller Zucht und Sitte un - ter den Joniern beigetragen haben; bei denen ſchon in den fruͤheſten Zeiten Verkehr mit den aſiatiſchen Nach - barn die groͤßte Verweichlichung und Erſchlaffung her - beigefuͤhrt hatte. Denn in wie alten Zeiten war hier ſchon das Helleniſche Familienverhaͤltniß zur Sklaverei des Weibes herabgeſunken; wie feig, weichlich und luxu - rioͤs ſtellen ſie ſchon ihre alten Poëten, Kallinos2p. 100. bei Franck. und Aſios3S. Naͤke’s Choerilus p. 74., dar; und wenn die Sage ſchon die Tochter des Kolonieenfuͤhrers Neleus ſo uͤberaus ſittenlos ſchildert4Archiloch. p. 226 Liebel. Lykophr. 1385 u. Tzetz. Etym. s. v. ἀσελγαὶνειν. Ἐλεγηΐς. Ueber die Weichlichkeit der Kodriden, Herakl. Pont. 1., wie mochte es ſein, da die Frauen der Jonier unter Lydiſchen Dirnen gebuhlt hatten! Solcher Beiſpiele warnende Stimme konnte die alten Geſetzgeber wohl anmahnen, das eherne Band der Sitte nur deſto feſter anzuziehen.

9

3.

Aber bei allem Unterſchiede der Staͤmme, aus denen das Griechiſche Volk beſtand, gab es doch in der Entwickelungsgeſchichte der Griechiſchen Verfaſſungen einen gemeinſamen Gang, der auch auf ſolche, wel - che fruͤhere Momente mit Anhaͤnglichkeit zum Alten feſt - hielten, einen gewiſſen Einfluß aͤußerte. Indem wir hier verſuchen wollen, dieſen Gang im Allgemeinen nachzu - weiſen, beginnen wir bei der durch Homer ſo anſchau - lich dargeſtellten Verfaſſung heroiſcher Zeit. Dieſe koͤnnen wir kaum anders als Ariſtokratie nennen, weil darin fuͤr das Staatsleben nichts bedeutender iſt, als die genaue Trennung der Edeln (ἂϱιστοι, ἀριστεῖς, ἂνακτες, βασιλεῖς, ἐπικρατέοντες, κατακοιϱανέοντες) und des Volks. Aus jenen werden die Rathsverſamm - lungen und die Gerichte beſetzt1S. uͤber die Geronten unten K. 6., und wenn mit bei - den eine Gemeindeverſammlung (ἀγορὰ) verbunden zu ſein pflegt, ſo treten doch darin nur ſtets Edle als vorſchlagend, berathend, ſtimmengebend auf, und das verſammelte Volk iſt nur da, um zu hoͤren und ſeine Stimmung etwa im Ganzen zu aͤußern, auf welche Aeußerungen alsdann Fuͤrſten von milder Geſinnung achten moͤgen2Beſonders muß man auf die Verſammlung Odyſſ. 2. achten, wo indeß Men - tor V. 239. eine eigentlich nicht verfaſſungsmaͤßige Erklaͤrung des Volkes veranlaſſen will. Daß die Homer. Ἀγοϱὰ aber fuͤr ſich Regierungsrechte ausuͤbe, kann ich Platnern de notione juris ap. Hom. p. 108. und Tittmann Griech. Staatsverf. S. 63. nicht zu - geben. Sondern ſie iſt eine Art Wittenagemote, wo nur die Thane Stimmrecht haben, wie bei den Sachſen in England. Das Volk darin bildet eine concio, aber keine comitia. Mehr kann ich mit Wachsmuth Jus gent. ap. Graecos p. 18 sq. hierin uͤberein - ſtimmen.. Der Herrſcher ſelbſt iſt eigentlich von gleichem Stande mit den uͤbrigen Edlen, und nur durch die ihm verliehene Auktoritaͤt, Anſehn im Rathe und10 Gewalt im Kriege, uͤber ſie erhoben. Dieſe Ver - faſſung dauerte in Joniſchen, Achaͤiſchen, Aeoliſchen Staaten noch eine geraume Zeit fort, wie ſich an man - chen Spuren nachweiſen laͤßt, nur daß die Macht der Herrſcher allmaͤlig ſank und dann ganz hinweggethan wurde. Bei den Doriern aber fand das Eigene ſtatt, daß ſie wenig eigentlichen Adel hatten, denn die Hera - kliden koͤnnen bei ihnen ziemlich allein als ſolcher be - trachtet werden: dagegen trat durch die Eroberung ein ganzes Volk Waffenehre mit Unabhaͤngigkeit durch Grundbeſitz vereinigend an die Stelle deſſelben.

4.

Als aber um die dreißigſte Olympiade Handel und Verkehr mit dem Auslande gewoͤhnlicher, und dadurch ein geſteigerter Lebensgenuß Beduͤrfniß wurde, ſtieg das Vermoͤgen im Werth gegen die Ehre des Ge - ſchlechts. Zwar blieb der groͤßte Grundbeſitz noch fort - waͤhrend in den Haͤnden des Adels: da aber jetzt Ver - ſchwendung des Ererbten leichter moͤglich, und auch dem Unbeguͤterten Ausſicht auf Erwerb geoͤffnet war, war das Vermoͤgen mehr ploͤtzlichen Veraͤnderungen ausgeſetzt. Daß die Geomoren der Joniſchen Samos, wie die Hippoboten der ebenfalls Joniſchen Chalkis, deren Anſehn ſich auf Adel und Landbeſitz gruͤndete, auch den bedeutenden Handel beider Staͤdte getrieben, iſt wahrſcheinlich: ſonſt haͤtte wohl bald der Reichthum des Kaufmanns den des Grundbeſitzers uͤberwachſen. Auch in den Doriſchen Staaten, die am Handel lebhaften Antheil nahmen, zu Korinth, Aegina u. ſ. w., ſuchte man Plutokratie und Ariſtokratie zu vereinigen1Aeginet. p. 133.. Aber daß man auf das Vermoͤgen groͤßern Werth zu legen anfing, veranlaßte ſchon zur Zeit der Sieben Weiſen den Argeier Ariſtodem zu ſagen: χρήματα χρήματ᾿11 ἀνὴρ1Pindar J. 2, 11. vgl. Diſſen Expl. p. 493. Alkaͤos bei den Schol. und Zenob. Prov. , und ſpaͤter klagt Theognis der Megarer, daß das Streben nach Reichthum niederes und hoͤheres Ge - ſchlecht vermiſche, und die Achtung der Menſchen da - von abhange2V. 190.. Griechenlands alte Geſetzgeber achte - ten die Gewalt des Geldes das bewegliche Mo - ment in dem Staatshaushalte, wie der Grundbeſitz das feſte iſt hoͤchſt gefaͤhrlich fuͤr die Ordnung der Staa - ten, und ſuchten mannigfach, durch Unterdruͤckung des Handelsſtandes wie durch gebotene Unveraͤußerlichkeit des Grundbeſitzes, der Gefahr zu ſteuern, der ſie doch nicht ganz ausweichen konnten. Nur Sparta blieb durch die eherne Conſequenz ſeiner Einrichtungen von dieſen Veraͤnderungen unberuͤhrt. Dagegen wollte So - lons Geſetzgebung einen Moment fixiren, der an ſich voruͤbergehend war, indem ſie die Reſte der Ariſtokra - tie, namentlich den politiſchen Verband der Geſchlech - ter, ſtehen ließ, aber die Timokratie, in der das Maaß des Vermoͤgens den Antheil an der Regierung beſtimmt, zum Princip ſetzte, und zugleich in dem geringen An - ſatz des dazu erforderlichen Vermoͤgens einen demokra - tiſchen Sinn bewies. Denn Solon preist auch als Dichter den Mittelſtand vor allen, wie Phokylides, und ſuchte ihn ebenſo politiſch zu heben3bei Ariſtot. Pol. 4, 8, 7. 10.. Aber die gewaͤhlte Temperatur war zu fein, um zu dauern, und die Soloniſche Verfaſſung hat in der Hauptſache nur wenige Jahre beſtanden. Auch in andern Joniſchen Staͤdten waren aͤhnliche Ausgleichungen verſucht ohne Feſtigkeit zu gewinnen4vgl. Huͤllmann Staatsrecht S. 103.. Die Zeit wollte unverkennbar auf Demokratie hinaus, und wenn in Athen Solon als Mann des Volks einen allmaͤligen Uebergang eingelei -12 tet hatte: ſo traten ſich anderwaͤrts die Richtungen ſchaͤrfer gegenuͤber, wie dies in Milet der Kampf der Partheien Πλοῦτις und Χειρομάχα recht deutlich ausſpricht1Plut. Qu. Gr. 32. Die Emd. Πλοῦτις wird durch Ver - gleichung von Athen. 12, 524. noch wahrſcheinlicher..

5.

Aber in Athen wie faſt uͤberall gohr aus die - ſen demokratiſchen Bewegungen zuerſt die Tyrannis hervor, welche man als einen heftigen Krampf betrach - ten kann, der einer gaͤnzlichen Umwaͤlzung vorhergehen ſollte. Es iſt oben nachgewieſen, wie die Tyrannen von Korinth, Sikyon, Megara und Epidauros anfaͤng - lich dem Doriſchen Adel feindliche Anfuͤhrer einer Volks - parthei waren, Demagogen nach Ariſtoteles Ausdruck: daher auch Sparta als Schirmerin der Ariſtokratie ſie insgeſammt, ſo weit ſein Arm reichte, vernichtete. In Jonien und Sicilien fanden die Tyrannen eine oli - garchiſche Timokratie vor, die aber gewoͤhnlich mit der Demokratie im Streit lag2Haupt - ſtelle Ariſt. 5, 8, 1. ἐκ τῶν τιμῶν, e censu. vgl. 5, 10, 4. Pa - naͤtios von Leontini war Demagog in einem vorher oligarchiſchen Staate, deſſen Verfaſſung der der Hippoboten aͤhnlich. Vgl. Polyaͤn 5, 47.; Einzelne, wie Gelon, er - griffen wohl auch Parthei gegen die letztere. Um die Zeit der Perſerkriege hatte bei den Joniern die Demo - kratie ſchon tiefe Wurzel geſchlagen, und Mardonios, der Perſer, ſtellte ſie in ihren Staͤdten, nach Vertrei - bung der Tyrannen, als die gewuͤnſchte Regierungsform her3Herod. 6, 43. Pind. P. 2, 87. kennt drei Ver - faſſungen, Thrannis, Herrſchaft der ſtuͤrmiſchen Gemeinde und Re - giment der Weiſen.. In Athen hatte Kleiſthenes die Verbindung der Geſchlechter, die letzte Stuͤtze der Ariſtokratie, ihrer politiſchen Bedeutung beraubt, aber erſt Ariſteides mußte, durch die Umſtaͤnde gezwungen, die Timokratie13 ganz in Demokratie verwandeln. Denn in der Perſer - noth hatten die gemeinen Leute beſonders auf den Schiffen einſehn gelernt, wie auf ihren Faͤuſten das Heil des Geſammten beruhe, und ließen ſich nun auch den Antheil an der hoͤchſten Gewalt nicht mehr vor - enthalten. Die Demokratie bluͤhte, ſo lange große Maͤnner durch eine impoſante Perſoͤnlichkeit ſie zu len - ken verſtanden, und die Beſſeren zu handeln wagten; ſie ſank, als, durch ſchmaͤhlichen Lohn angelockt, der gierige und muͤſſige Poͤbel ſich uͤberall vordraͤngte. Wir wollen das Bild der Ochlokratie nicht weiter ausfuͤh - ren, in welcher eigentlich aller innere Organismus aufgeloͤst, und der Staat ganz der ſchnoͤdeſten Will - kuͤhr preis gegeben wird.

6.

Wir haben die letzten dieſer Veraͤnderungen, welche der ſogenannte Geiſt der Zeit herbeifuͤhrte, an der Geſchichte Athens nachgewieſen, obgleich derſelbe Gang auch an andern, ſelbſt urſpruͤnglich Doriſchen Staaten dargeſtellt werden kann. So fand in Am - brakia, ziemlich zur ſelben Zeit wie in Athen, ein all - maͤliger Uebergang von der Timokratie zur Demokratie ſtatt1Ariſt. 5, 2, 9. 3, 6. mit Schneiders Anm., und auch in Argos kam damals die Demo - kratie auf. In den Doriſchen Staaten Kreta’s herrſchte zur Zeit des Polybios die Volksgemeinde ſo unum - ſchraͤnkt, daß dieſer Schriftſteller ſich ſelbſt verwundert, wie ſeine Beſchreibung derſelben mit allen fruͤhern ſo ganz im Widerſpruche ſtehe26, 46.. Indeſſen koͤnnen dieſe Veraͤnderungen, zumal da ſie gewoͤhnlich die Doriſchen Familien vom Ruder draͤngten, und den Dorismus auf - hoben, unſere Aufmerkſamkeit nicht ſo in Anſpruch neh - men, als das eigentliche Weſen des Doriſchen Staa - tes, welches in der altkretiſchen und Lakedaͤmoniſchen14 Verfaſſung am beſtimmteſten ausgedruͤckt iſt, von de - nen die letztere, wenn auch in vielen Punkten den For - derungen der Zeit weichend und ſich anpaſſend, doch im - mer fuͤnf ganze Jahrhunderte im Weſen fortbeſtand1Plut. Vrgl. Lykurgs 4. Nach Liv. 38, 34. 700 Jahre bis 190 v. C. Ganz anders rechnet ebenfalls 700 Jahre Cie. pro Flacco 26. und durch ihre Feſtigkeit Sparta allein unter allen Staͤdten von Hellas vor Revolutionen und Revolu - tionsgraͤueln bewahrte2Iſokr. Panath. 100..

7.

Aber, werden immer noch Einige fragen, wel - ches Recht haben wir uͤberhaupt, von einer Doriſchen Verfaſſung zu ſprechen, und dieſe in Sparta mehr als in andern Staͤdten dieſes Stammes verwirklicht zu glauben. Kann nicht Lykurg aus Reflexionen uͤber den Zuſtand ſeines Volkes und deſſen Beduͤrfniſſe, oder auch aus reinem Eigenſinne ſeine Geſetzgebung erſchaf - fen, und dadurch Sparta erſt den Charakter aufge - druͤckt haben, den es von nun an als innerſten Geiſt bewahrte3So iſt beſonders Schiller, Thalia Heft 10, voll von Erbitterung[gegen] den Geſetzgeber, daß er ſein Volk ſo eigenwillig fuͤr immer dazu beſtimmt habe, was ſeinem einſeitigen und beſchraͤnkten Geiſte als das Hoͤchſte erſchien, und weiter geht in voͤlliger ἀνιστοϱησία nur etwa noch Schloͤzer: Lykurg ſchuf 12000 Bauern zu ſo viel Don Quixoten um u. ſ. w.? Wir wollen gegen dieſe gar nicht ſelten ausgeſprochene Meinung ſtatt allgemeiner Gruͤnde lie - ber gleich die wahre Anſicht aus dem Munde des Pin - dar4P. 1, 61. vgl. Boͤckhs Expl. hoͤren, der von Grund und Urſprung alter Ver - faſſungen doch ſicherlich eine weit tiefere Anſchauung hatte, als Ephoros oder Plutarch. Er ſpricht davon, daß Hieron, der Syrakuſier, die neue Stadt Aetna, in welcher außer 5000 Syrakuſiern eben ſo viel Pelo - ponneſier wohnten, ganz nach aͤchtdoriſchen Formen15 conſtituiren wollte: ſo wie ſpaͤter Dion in Syrakus ſelbſt eine Lakoniſche oder Kretiſche Conſtitution wuͤnſch - te1Plut. Vergl. Timol. 2. Dion 53. Λακωνικὸν σχῆμα κοσμεῖν. Er war ſelbſt Buͤrger von Sparta, Plut. Dion. 17. 49.. Er gruͤndete ſie mit gottgebaueter Freiheit nach den Geſetzen der Hylliſchen Richtſchnur naͤmlich nach dem Muſter der Verfaſſung Sparta’s. Denn es wollen die Nachkommen des Pamphylos und der He - rakliden ſelbſt, ſo am Abhange des Taygetos wohnen, ſtets auf den Doriſchen Satzungen des Aegimios be - harren. Dieſe Stelle enthuͤllt um deſto mehr, je ge - nauer man ſie entwickelt. Sie zeigt, daß erſtens Sparta’s Geſetzordnung als die wahrhaft Doriſche an - geſehen, und zweitens, daß deren Urſprung mit dem des Volkes uͤberhaupt fuͤr identiſch gehalten wurde. Sie zeigt, daß die Spartaniſchen Νόμοι die wahren Doriſchen Νόμιμα waren, wie denn bei keinem Volke der Unterſchied zwiſchen Herkommen und Geſetz unbe - deutender war; woraus von ſelbſt erhellt, wie wenig der Geſetzgeber hier neu zu ſchaffen Gelegenheit hatte, da Herkommen nie eines Einzelnen Werk ſein koͤnnen. Aus dieſer Anſicht erklaͤrt es ſich auch, wie Hellanikos, der aͤlteſte Schriftſteller uͤber Sparta’s Verfaſſung2Doch muß ihn Herodot noch nicht gekannt haben, da er zu - erſt daruͤber zu ſchreiben glaubt. Herod. 6, 55., des Lykurg dabei mit keinem Worte gedachte, woruͤber ihn Ephoros mit einſeitiger Kritik tadelt3Str. 8, 366. Den Ephoros dagegen meint wohl beſonders Herakl. Pont. 2. τὴν Λακεδαιμονίων πολιτείαν τινὲς Λυκούϱγῳ πϱοσἀπτονσ - πᾶσαν., und den erſten Koͤnigen, Prokles und Euryſthenes, alle ſog. Lykurgi - ſchen Einrichtungen beilegen konnte. Daraus folgt aber wieder, daß, wenn Herodot die Spartiaten vor Lykurg als hoͤchſt anarchiſch (κακονομωτάτους) ſchil -16 ſchildert11, 65. So nennt auch Ariſtot. Pol. 5, 10, 3. die Koͤnige von Sp. vor Lyk. Tyrannen. Dagegen Str. 8, 365. Die Dorier von Sp. καὶ κατ ἀϱχὰς μὲν ἐσωφϱόνουν u. ſ. w. Auch Iſokr. Συμμαχ. 32. widerſpricht indirekt. Aber Panath. 73. folgt er dem Thuk. 1, 18.: στασιάσαι φασὶν αὐτοὑς οἱ τὰ ἐκείνων ἀκϱιβοῦντες ὡς οὐδένας ἄλλους τῶν Ἑλλἠνων., dies fuͤr uns nur ſo viel heißen kann, daß die urſpruͤngliche Verfaſſung (die τεϑμοὶ Αἰγιμίου) durch aͤußere Verhaͤltniſſe und Umſtaͤnde geſtoͤrt und verwirrt war, bis ſie Lykurgos wieder erneuerte und herſtellte. Lykurgos, uͤber deſſen geſchichtliche oder un - geſchichtliche Exiſtenz oben geſprochen iſt2S. 132. 137., mußte ſchon darum eine mythiſche Perſon ſein, weil er einen Tempel, jaͤhrliche Opfer, uͤberhaupt einen Cultus hat - te3Her. 1, 65. Ephoros bei Str. 8, 366. Plut. 31.. Nun iſt es aber Geſetz der mythiſchen Erzaͤh - lungsart, eine geſammte geiſtige Richtung in einer Perſon darzuſtellen. Somit iſt mit dem Namen einer Lykurgiſchen Einrichtung eigentlich uͤber Urſprung und Urheber derſelben ſehr wenig Geſchichtliches ausgeſagt.

8.

Zur Unterſtuͤtzung der Lykurgiſchen Geſetzgebung boten aber, nach alten Erzaͤhlungen, Kreta und Del - phi die Hand, deren Cultusconnex hier ſonach auch in die politiſche Geſchichte hineinwirkt. Die in Kreta uͤberall herrſchende Verfaſſung hat ihren Grund, nach allgemeinem Zeugniß der Alten, in Minoiſcher Zeit; und daß in dieſer die Herrſchaft der Dorier ſchon durchgedrungen und die Inſel doriſirt war, dafuͤr ge - ben die vorigen Buͤcher die Beweiſe4S. 31. vgl. 216.. Hier alſo hatte ſich die in dem Geiſte des Stammes begruͤndete Ver - faſſung zuerſt zu innerer Feſtigkeit und Conſequenz aus - gebildet, aber noch einfacher und alterthuͤmlicher als ſpaͤter in Sparta5nach Ariſt. Pol. 2, 7, 1. Wenn dieſer Schriftſteller zu meinen ſcheint, daß die Dorier dieſe Geſetze von den fruͤhern. So konnte denn Lykurg, ohne17 ſeinem Staate etwas Fremdartiges aufzudraͤngen, die fruͤher entwickelten Inſtitute von Kreta zum Muſter nehmen, ſo daß nun Kreta’s und Svarta’s Verfaſſun - gen wie Geſchwiſter waren1Platon Ge - ſetze 3, p. 685.. Und wenn ein Kreti - ſcher Paͤanenſaͤnger und Suͤhnprieſter, Thaletas von Elyros2Dieſe Angabe ſcheint richtiger, als die von Gorthna od. Knoſſos. Vgl. Meurſ. Creta 4. c. 12., auf Pythiſchen Befehl herbeigeholt, durch die Kraft ſeiner Muſik Unruhen und Streitigkeiten in Sparta geſchlichtet haben ſoll, und darum ſelbſt Ly - kurgs Lehrer genannt wird3S. bei Ariſtot. Pol. 2, 3, 5. Aelian V. G. 12, 50. Diog. Laert. 1, 38. Plut. Lyk. 3. philos. cum princ. 4. p. 88. Pauſ. 1, 14, 3. Philodem. de mus. col. 18. 19. Boeth. de mus. 1, 1. p. 174. Sext. Empir. adv. math. p. 68 b. Suid. 2. p. 163. vgl. oben S. 344.: ſo iſt das letztere zwar offenbar eine unchronologiſche Zuthat, aber die Ein - wirkung Kretiſcher Muſik auf die Anordnung politiſcher Verhaͤltniſſe ganz im Geiſte einer Zeit und eines Stam - mes, in der und bei dem Religion, Kunſt und Geſetz noch weit mehr als ſonſt zu einem Ziele arbeiteten, und in einem geiſtigen Sein ihre Wurzel hatten.

9.

Auf der andern Seite war es der Stolz der Spartiaten, daß ihre Geſetze von dem Orakel des Gottes zu Pytho ausgegangen, πυϑόχϱηστοι, waren4Xenoph. Laked. Staat 10., nach welchem Lykurg den Gott gefragt haͤtte: εἰ λῷον καὶ ἄμεινον εἴη τῇ Σπάϱτῃ ohne Zweifel ein solemnis formula. Damit gehoͤrt der Ausſpruch der Pythia zuſammen bei Plut. Quaest. Rom. 28. p. 329., wie Tyrtaͤos in der Eunomia5bei Plut Lyk. 6. Frank Tyrtaͤus p. 173. ſagt: Phoͤ - bos Stimme vernehmend von Pytho brachten zur Hei - mat Sie die vollkommenen Wort und das Orakel des5Einw. erhalten haͤtten, weil die Perioͤken ſie damals noch am mei - ſten beibehalten hatten, ſo muͤſſen wir nach dem Zuſammenhange unſerer Darſtellung dieſe Meinung verwerfen.III. 218Gotts. Pflegen gebeut er des Rathes den goͤtterbe - gnadeten Fuͤrſten u. ſ. w. Es iſt wahrſcheinlich, daß dieſe Geſetze wirklich ſo abgefaßt waren, als wenn ſie vom Pythiſchen Gotte an Lykurg oder das Volk gerich - tet waͤren1ſ. Bd. 2, 134. Spaͤtere Hiſtoriker hielten aus einſeitiger Auf - klaͤrung den ganzen Verkehr fuͤr eine Luͤge oder einen Betrug Ly - kurgs. Polyaͤn 1, 16, 1. Juſtin 3, 3.. Aber das Orakel behielt auch fortwaͤh - rend die Oberaufſicht uͤber die Verfaſſung, namentlich durch die Pythier (lakon. Ποίϑιοι)2Photios Lex. p. 322.: vier von den Koͤ - nigen ſelbſt erwaͤhlte Abgeordnete nach Pytho, die die Orakel treu und redlich an die Koͤnige bringen3Daß dies die ϑεοπϱόποι nicht immer thaten, ſieht man aus Theognis V. 783., und mit ihnen darum wiſſen ſollten. Darum waren ſie Beiſitzer der Koͤnige und der Geruſia4Dies ſchließe ich mit Cragius ziemlich uͤbereinſtimmend aus Cic. de div. 1, 13. Vgl. Herod. 6, 57. Xenoph. a. O. 15., und ſonſt der erſtern beſtaͤndige Tafel - und Zeltgenoſſen. Vermuth - lich hatten einſt die drei Ἐξηγηταὶ πυθόχρηστοι von Athen, die außer der Erklaͤrung der Orakel oͤffentliche und haͤusliche Suͤhnungen beſorgten5S. beſonders Timaͤos Lex. Plat. s. v. , in gleichem An - ſehn geſtanden, ob ſie gleich fruͤh ihre Bedeutung ver - loren. Auch die Theoren von Aegina, Mantineia, Meſ - ſenien, Troͤzen, Thaſos, welche eigene Collegien bilde - ten, zuſammen ſpeiſeten und nicht wie die Atheniſchen fuͤr einzelne Theorieen erwaͤhlt wurden, ſondern ſtehende Magiſtrate waren, muͤſſen mit dieſen Pythiern ver - glichen werden6S. Aeginet. p. 135. vgl. Diſſen Expl. Pind. N. 3. p. 376. Beim Theation von Troͤzen waren Suͤhnun - gen, oben S. 228, 4. In Thaſos heißen ſie Θεῦϱοι, Inſchr. bei Choiſeul Gouff. Voy. pitt. 1, 2. p. 156. Sie ſtanden auch da in Verbindung mit dem T. des Ap. Pythios..

19

10.

Dieſe Verbindung fuͤhrt wieder auf den Satz zuruͤck, daß in der aͤchtdoriſchen Verfaſſung Ideen an der Spitze ſtanden, die dem Volkſtamme national, und im Apolliniſchen Cultus nach einer andern Seite hin ausgedruͤckt waren: die der harmoniſchen Ordnung (τὸ εὔκοσμον), der innern Regelung und Maaßhal - tung (σωφϱοσύνη) und der ſtets geruͤſteten Mannhaf - tigkeit (ἀρετή)1Vgl. indeß Thuk. 1, 84. Platon Alkib. I c. 38.. Dazu iſt die Verfaſſung eine Er - ziehung des Alters wie der Jugend, wie denn uͤber - haupt die Erziehung ein wichtigeres Kapitel im Dori - ſchen Staate iſt, als die Regierung. Daher mußten denn auch alle Verſuche, den Lykurgiſchen Staat aus partiellen Zwecken und Abſichten zu erklaͤren, miß - gluͤcken. Daß aͤußeres Gluͤck und Genuß nicht das Ziel dieſer Einrichtungen war, ſah man leicht. Aber man glaubte Alles mit Ariſtoteles27, 2, 5. Engel de rep. milit. Spart. Goͤttinger Preisſchr. 1790., wo Koſacken, Spartiaten und Kreter zuſammengeſtellt werden. Vgl. Heyne de Spartan. rep. Commentat. Gotting. T. IX. p. 8. aus dem Endzweck herleiten zu koͤnnen, die Spartiaten zu tapfern Krie - gern und den Staat zu einem herrſchenden und er - obernden zu machen: da doch Sparta faſt niemals Kriege ſuchte, ſelten Siege verfolgte, und in der gan - zen Zeit ſeiner Bluͤthe keine eigentliche Eroberung machte. Sondern der Doriſche Staat iſt ein Kunſtwerk, wie es menſchliches Handeln ſtets wird, wo es, von einem Prinzip beſeelt, ſich zu einem Organismus geſtaltet, ein Kunſtwerk, welches die geſammte Nation in ihrer Einheit fortwaͤhrend ſchafft und darſtellt.

2*20

Ehe wir aber zur weitern Betrachtung dieſes Or - ganismus kommen, muͤſſen wir ein Verhaͤltniß aus - einander ſetzen, das gewiſſermaßen deſſen Baſis bildet, ein Verhaͤltniß, das er in aͤlteren Zeiten gebieteriſch zu ſeiner Exiſtenz erheiſchte, das der Unterthaͤnig - keit gewiſſer Staͤnde.

21

2.

1.

Am buͤndigſten redet von der Unterthaͤnigkeit nach Doriſchen Grundſaͤtzen Braſidas, der Spartiat, in der Rede an die Peloponneſier bei Thukydides14, 126.: Ihr kommt von ſolchen Staaten, in denen Wenige uͤber Viele herrſchen, die auf keine andere Weiſe die Herrſchaft erlangt haben, als durch Sieg in der Schlacht. Es war das ſchlimme Recht der Erobe - rer, nach welchem die Dorier die Achaͤer die indeß ſelbſt in den Peloponnes mit Gewalt eingedrungen wa - ren verdraͤngten, und gleichſam eine Fortſetzung der heroiſchen Zeit, die ohne Herrſchaft von Krieger - ſtaͤmmen uͤber Landbauer gar nicht beſtehen konnte. Indeſſen ſcheinen Vertraͤge das Verhaͤltniß zwiſchen Doriern und Achaͤern genauer beſtimmt zu haben, da jene, nur langſam die Oberhand gewinnend, den Bei - tritt jeder Stadt gewiß gern mit billigen Verwilligun - gen erkauften, was vielleicht noch mehr in Meſſenien der Fall geweſen war2Pauſ. 4, 3, 3. συγχωϱοῦσιν ἀναδάσα - σϑαι πϱὸς τοὺς Λωϱιέας τὴν γῆν. Indeß bedient ſich Pauſ. die - ſes Ausdrucks ſehr oft, und oft auch wohl ohne hiſtoriſchen Grund.. Dieſe ſo in Abhaͤngigkeit ge - kommenen fruͤhern Einwohner ſind die Περίοικοι3Daß ich hier auf Ephoros Darſtellung keine weitere Ruͤck - ſicht nehme, habe ich Bd. 2. S. 94 ff. gerechtfertigt. Tittmann a.. 22Der Stammunterſchied wurde feſt gehalten, da die Scheidewand nicht wie anderswo einſank. Die Perioͤ - ken wurden fortwaͤhrend als Achaͤer angeſehn, weil dieſe der fruͤher herrſchende Theil dieſer Volksmaſſe geweſen waren. So hießen die Einwohner der Seeſtadt Aſopos noch ſpaͤter Ἀχαιοὶ οἱ παρακυπαϱίσσιοι1Pauſ. 3, 22, 7.. Spaͤter, als Sparta’s Macht laͤngſt gebrochen, und ſeine Frei - heit dem Tyrannen Nabis erlegen war, loͤste Titus Quinctius die fruͤher πόλεις, jetzt κῶμαι, vici, genann - ten Ortſchaften von allem Verbande mit Sparta, und ſtellte ſie unter den Schutz des Achaͤiſchen Bundes. Auguſtus beſtaͤtigte 24. Lakoniſchen Staͤdten unter dem Namen Eleutherolakonen ihre Unabhaͤngigkeit, ſo daß ſie nun auch von den Geſetzen Sparta’s ganz losgebun - den ihren eigenen folgten3αὐτόνομοι Pauſ. 3, 21, 6., und einen kleinen Bun - desſtaat fuͤr ſich bildeten. Alles dies beweist, daß ſie auch vorher eine gewiſſe Selbſtſtaͤndigkeit bewahrt und geſchloſſene Gemeinden gebildet hatten. Von jenen 24 Staͤdten werden 18 genannt: Gerenia, Alagonia, Tha - lamaͤ, Leuktra, Oetylos, Kainepolis, Pyrrhichos, Las, Teuthrone, Gytheion, Aſopos, Akriaͤ, Boͤaͤ, Zarax, Epidauros Limera, Praſiaͤ, Geronthraͤ, Marios43, 21, 6. vgl. 26, 6. Die fehlenden ſechs waren naͤmlich zu Pauſ. Zeit entweder wieder zu Meſſenien geſchlagen, wie Pharaͤ, das Auguſt zu Lakonien gefuͤgt hatte, Pauſ. 4, 30, 2., nachdem es ſich mit Thuria und Abea ſchon fruͤher von Meſſenien abgeſondert, Polyb. 25, 1, 1, oder eingegangen und nun unbewohnt, wie Peph - nos, Helos, Kyphanta, Leukaͤ. Ob Abea, von dem noch aus der Zeit Hadrians ein ſog. Dekret da iſt, Aug. auch zu Lakonien ſchlug, iſt zweifelhaft, aber der Lage des Ortes nach wahrſcheinlich. Dann; nur3O. S. 589. gruͤndet auf ſie ſeine Anſicht, der am Ende Bra - ſidas und allen Spartiaten zum Trotz den Perioͤken gleichen Rang mit ihnen geſtattet.2Polyb. 20, 12, 2. mit Schweigh. Anm. Liv. 34, 29. 38, 30.23 ein kleiner Theil der Kuͤſte um Kardamyle blieb da - mals Spartiatiſch1Pauſ. 3, 26, 5. Wohl damit Sp. doch irgend einen Aus - weg nach der See habe.. Allein die Orte der Perioͤken la - gen nicht bloß an der Kuͤſte, ſondern auch im innern Lande, z. B. Thuria u. Aethaͤa im ehemaligen Meſſe - nien2Thuk. 1, 101. Die Θουϱιᾶτα - von Thuria bei Kalamaͤ. Αἰϑαία will Welcker (Alkman p. 67.) bei Theognis 1216 Bekk. fuͤr Ληϑαίῳ hineinbringen.. Dieſes Aethaͤa wird aber zu den Hundert - Staͤdten Lakoniens gerechnet3An - drotion bei Steph. B. s. v. , welche Androtion in der Atthis und daraus wohl noch der Byzantier Ste - phanos4S. noch s. v. Αἰτωλία. Auch Str. 8, 362. (Euſt. Il. 2. p. 293, 19. zu Dion. P. 418.) erwaͤhnt ſie. Aber die Hekatomboia haͤngen damit gewiß nicht zuſammen; da auch Argos das Feſt hatte. vollſtaͤndig genannt hatte, jetzt finden ſich in dem Auszuge ſeines Werks nur noch Aethaͤa, Amy - klaͤ, Krokeaͤ, Epidauros Limera, Dyrrhachion, Te - nos, Aulon, Anthana. Da nun zwei von dieſen uns ſonſt als Perioͤkenſtaͤdte bekannt ſind: ſo koͤnnen wir vielleicht ſchließen, daß alle hundert zu dieſen gehoͤrten. Die runde Zahl der Hundert kann aber nicht fruͤher feſtgeſetzt worden ſein, als da erſtens ganz Meſſenien bis zur Neda, an welcher Aulon liegt, und dann auch Kynuria, wozu Anthana (Athene) gehoͤrt, unter die dauernde Botmaͤßigkeit Sparta’s gekommen war, alſo nach Olymp. 585S. oben S. 158. Auch Lyſias bei Harpokr. nennt Anthana als Lakon. Stadt. vgl. Aegin. p. 46 q. 185 v. Siebelis zu Pauſ. 2, 38, 6.. Nach dieſer Epoche alſo muß Sparta die Zahl ſeiner Perioͤkenſtaͤdte genauer beſtimmt und mit einiger Willkuͤhr auf hundert geſetzt haben, wie ja auch Kleiſthenes in Athen die Anzahl der De -2iſt die Zahl 24 voll. Dies Dekret und ein Ehrendenkmal von Gy - theion fuͤr T. Quinctius ſ. bei Paciaudi Mon. Pelop. 2. p. 77. 145.24 men Attika’s durch welche Mittel iſt freilich unbe - kannt ebenfalls auf hundert zu bringen wußte.

Von einer andern Eintheilung Lakoniens als der in Gemeinen haben wir oben ſchon1S. 94 f. Rechenſchaft gege - ben, und nachgewieſen, daß die Perioͤken in dieſem Lande ehemals in fuͤnf Diſtrikten gewohnt haben, deren Hauptorte Amyklaͤ, Las, Epidauros Limera (oder Gy - theion), Aegys und Pharis waren; wie Meſſenien, außer dem von Doriern bewohnten Weichbild der Stadt, vier Landſchaften, Pylos, Rhion, Meſola und Hya - mia, enthielt. Wie lange aber dieſe Abtheilungen ſich erhielten, und wie ſie ſich zu der Eintheilung in hun - dert Ortſchaften verhalten, iſt nicht mehr zu beſtimmen.

2.

Wir fragen nun weiter nach den politiſchen Rechten und Verhaͤltniſſen der Perioͤken. Der Haupt - ſache nach giebt dieſe Ephoros gewiß richtig an. Sie waren Sparta tributaͤr, (συντελεῖς) und hatten kein gleiches Buͤrgerrecht, (ἰσοτιμία, ἰσονομία). Nimmt man dieſe Worte genau, ſo muß man es auch laͤug - nen, daß die Perioͤken zu der groͤßern geſetzgebenden Verſammlung der Buͤrgerſchaft gehoͤrt haͤtten. Und in Wahrheit beſagen die Stellen, welche neuere Schrift - ſteller, um einen Antheil derſelben daran zu beweiſen, angezogen haben, Nichts2S. Manſo Sparta 1. S. 93. Titt - mann Bd. 1. S. 89. Daß ſelbſt das Lakedaͤmoniſche πλῆϑος die Perioͤken nicht enthaͤlt, zeigt unter andern Polyb. 4, 34, 7., wo es den Bund der Aetoler ausſchlaͤgt, beſonders wegen der Zumu - thung des ἐξανδϱαποδίζεσϑαι τοὺς Πεϱιοίκους. Der Name Λα - κεδαιμόνιοι, der alle, Perioͤken u. Spart., und oft auch jene, als die aͤltern Einw., im Gegenſatz dieſer bezeichnet, beweist fuͤr poli - tiſche Gleichheit ſo wenig als Θεσσαλοὶ fuͤr Freiheit der Peneſten.. Vielleicht uͤberzeugt man ſich auch bald von der Unſtatthaftigkeit ſolcher allgemei - nen Verſammlungen durch folgende Betrachtungen. 25Haͤtte die Spartaniſche Verfaſſung große und zwar entſcheidende Verſammlungen des geſammten Volks zu - gelaſſen: ſo waͤre ſie im Grunde ſchon durchaus demo - kratiſch geweſen, und haͤtte es immer mehr werden muͤſſen, nach dem nothwendigen Gange der Dinge. Aber man denke ſich die Perioͤken in die Naͤhe Spar - ta’s zwiſchen die Babyka und den Knakion zuſammen - ſtroͤmend. Wo ſollten die, welche mehrere Tage brauch - ten, um von Kyphanta, Pylos, Taͤnaron anzulangen, Wohnung und Unterkommen finden; und wie konnten ſie uͤberhaupt bereit ſtehn, Heimat und Gewerbe bei ſolchem Aufgebote zu verlaſſen. Es hielt ja ſelbſt ſchwer, ein bewaffnetes Heer der Perioͤken in der Schnelle zuſammenzubringen. Gewiß gehoͤrt uͤberall zur Volksverſammlung eine Stadtgemeine, daher in der Atheniſchen und jeder aͤhnlichen Demokratie je - der Buͤrger auch in der Stadt auf irgend eine Weiſe anſaͤſſig und ſo zu ſagen eingepfarrt ſein mußte1Mit πεϱίοικος iſt wohl χωϱίτης einerlei, wie oͤfter auch Laked. heißen, Aelian V. G. 9, 27. Val. χωϱίτιδες Βάκχαι oben Bd. 2. S. 374, 1. aus Heſych. Οἱ ἀπὸ τῆς χώϱας werden bei Athen. 15, 674 a. aus Soſibios τοῖς ἐκ τῆς ἀγωγῆς παισὶν (den in Sparta erzogenen) entgegengeſetzt. Vgl. Caſaub. Die Perioͤken - erziehung war alſo von der Spartiatiſchen ganz verſchieden..

3.

Hat man ſich aber einmal uͤberzeugt, daß die Lage und Stellung der Perioͤken einen Antheil an der Geſammtregierung nicht wohl zuließ: ſo wird man das Verhaͤltniß derſelben zu den Spartiaten nicht allzudruͤ - ckend finden. Sie theilten mit ihnen das ehrenvolleſte Geſchaͤft der Kriegfuͤhrung, und zwar auch als Schwer - bewaffnete oder Linientruppen2Iſokrates, Panath. 73. nachdem die Laked. die Perioͤken κατ̕ ἄνδϱα ἠνάγκαζον συμπαϱατάττεσϑαι σφίσιν αὐτοῖς, verwechſelt ſchmaͤhlig die Perioͤken und Heloten, wie auch im Folgenden.. Bei Plataͤaͤ ſtanden26 5000 Hopliten der Dorier und gleich viel der Perioͤken; auf Sphakteria wurden 172 vor jenen, von dieſen 120 gefangen1Spaͤter kommen oft andere Verhaͤltniſſe vor, z. B. ſehr wenig Spartiaten beim Heere, wenn die Stadt ihre eigentlichen Buͤr - ger brauchte, und nicht in die Ferne ſenden wollte, oder aus an - dern Gruͤnden.. Wie haͤtte es Sparta wagen koͤnnen, ſo große Heere eines unterdruͤckten Volks zuſammen - zurufen, und warum haͤtten die Perioͤken den bewun - dernswuͤrdigen Heldenmuth jener kleinen Schaar ge - theilt, wenn ihnen nicht der Sieg und die Ehre Spar - ta’s faſt eben ſo am Herzen gelegen haͤtte wie jenen. So ſagte der Koͤnig Demarat2nach Herod. 7, 234.: Sparta hat achttau - ſend Spartiaten zu Einwohnern, welche alle gleich ſind an Tapferkeit; die andern Lakedaͤmonier in vielen Staͤd - ten umher ſtehen ihnen zwar nach, aber ſind auch brav. Auch hoͤren wir von keinem Aufſtande der Perioͤken, wenn man den Abfall zwei Meſſeniſcher Staͤdte Ol. 78. ausnimmt, bis in die Zeit des Verfalls der Verfaſ - ſung3Aus Thukyd. 4, 8. geht kein Ungehorſam der Perioͤken hervor. Dem Epa - meinondas fielen einige Perioͤken zu Xen. 6, 5, 25. 32.. Wie moͤchte man ferner bei Annahme einer druͤckenden Unterthaͤnigkeit erklaͤren, daß die Aſinaͤer und Nauplier, als ſie von den Argeiern der Autono - mie beraubt waren, nach Lakonien flohen, um hier die Seeſtaͤdte Mothone und Aſine, verſteht ſich als Perioͤ - ken, zu bewohnen. In den Haͤnden der Seeſtaͤdte war aller Handel, deſſen Lakonien nie entbehren konnte. Bei den Perioͤken von Kythera landeten Kauffahrer aus Libyen und Aegypten4Thuk. 4, 53. Vgl. 7, 57.; u. fuͤr dieſe war auch die Purpur - fiſcherei eine reiche Quelle von Erwerb5S. Plin. 9, 36, 60. 21, 8. 36, 5. vgl. Meurſ. Misc. Lac. 2, 19. Mitſcherlich ad Hor. Carm. 2, 18, 7.. Alle Hand -27 werke, welche nicht von Sklaven in Sparta betrieben wurden, waren in den Haͤnden dieſes Standes, da kein Spartiat, bis die Achaͤiſche Verfaſſung eingefuͤhrt wurde, irgend einem Gewerbe obliegen durfte1Plut. Lyk. 4. Aelian V. G. 6, 6. Nikol. Damaſc. u. Aa.. Denn eine geringe Achtung des Erwerbs lag uͤberhaupt in alt - helleniſcher Sitte und Denkart begruͤndet, von der unter den Doriern ziemlich allein die Korinthier abwichen, wel - chen die Eintraͤglichkeit der Gewerbe auch hoͤhere Schaͤtzung derſelben gelehrt hatte2Herod. 2, 167. Vgl. Cic. de rep. 2, 4. Corinthum per - vertit aliquando hic error ac dissipatio civium, quod mercandi cupiditate et navigandi, et agrorum et armorum cultum reliquerant. Vgl. Huͤllmann Staatsr. S. 128.. Und doch waren in ihrer Colonie Epidamnos wieder blos oͤffentliche Knechte Handwerker3Ari - ſtot. 2, 4, 13., was Diophant in Athen umkehren, und alle Handwer - ker zu Knechten machen wollte. Auch ſcheinen die Spartiaten nur landbauende Perioͤken zu Hopliten genommen zu haben, gewerbtreibende zu leichtbewaffne - ten4Dies folgt aus Xenoph. Laked. Staat 11. καὶ ἱππεῦσι καὶ ὁπλίταις, ἔπειτα καὶ τοῖς χειϱοτέχναις., wie ehemals in Athen die Theten, zu denen die Handwerker gehoͤrten, auch nur als ſolche dienten. So waͤren denn die 5000 Perioͤken, welche bei Plataͤaͤ eben - ſoviel Hopliten als ψιλοὶ beigeordnet waren, zum Theil Handwerker geweſen. Indeß hatte die Gering - achtung der Gewerbe nicht ſo nachtheilige Folgen fuͤr deren fleißigen Betrieb, als man denken ſollte. Denn ebenſo, wie mehrere Naturprodukte in Lakonien in vor - zuͤglicher Guͤte gewonnen wurden, ſo brauchte und ſuchte man viele Lakoniſche Fabrikate auch im uͤbrigen Griechenlande. Der Kothon Lakonikos, ein Trinkge - ſchirr zum Gebrauche des Lagers und Marſches5Kritias Λακεδ. πολιτ. b. Athen. 11, 483 b. und Plut. Lyk. 9. Pollux 6, 46, 97. Heſych. Suid. Xenoph. Kyrop. 1, 2, 8., der28 Krater1Athen. 5, 198 d. 199 e. , die Becher2κὐλιξ Λάκαινα, He - ſych Χῖον., die Tiſche, Seſſel, Lehn - ſtuͤhle3Plut. Lyk. a. O., Thuͤren4Meurſ. 2, 17. und Wagen5Theophr. H. Pl. 3, 17, 3., der Lakoniſche Stahl6Daimachos bei Steph. B. Λακεδ., daraus Euſt. Il. 294, 5 Rom. , die Schluͤſſel7Salmaſ. Exerc. Plin. p. 653 b. Moſer in Creuzers Init. philos. 2. p. 152. vgl. noch Liban. Or. p. 87 e cod. August. Reiske., Schwerdter, Helme, Aexte und andere Eiſenwaaren8Xenoph. Hell. 3, 3, 7. Plin. H. N. 7, 56. ξυήλη Λακ. Pollux, 1, 10, 137. ἐγχειϱίδιον 1, 10, 149. ferrei annuli Plin. 33, 4. μάστι - γες Steph. Euſt. a. O., die Schuhe von Amyklaͤ9Theokr. 10, 35. Schol. Athen. 11, 483 b. 5, 215 c. Stevh. a. O. Heſych Ἀμυκλαΐδες, Λακω - νικὰ ύποδήματα. vgl. ἐννήυσκλοι. Vgl. die Schuhe der Amykl. Prieſterinnen auf dem Monument von Amyklaͤ bei Walpole Me - moirs p. 454. Sonſt oͤſter Lakoniſche Mannsſchuhe (ἄπλαῖ) er - waͤhnt, Ariſtoph. Thesmoph. u. Weſpen. Schol. u. Suidas, Kri - tias a. O. Pollux 7, 22, 80. vgl. Meurſ. 1, 18., die Lakoniſchen Maͤntel10Λά - κωνες ἐΰπεπλοι Epigr. bei Suid. Λακωνικαί. Athen. 5, 198. 11, 483 b. vgl. unten B. 4, 2., und die mit einheimiſchem Purpur gefaͤrbten Gewaͤnder, die den ausziehenden Krieger und den blutigen Todten gleich ſchoͤn bedeckten, ſprechen fuͤr einen regen Kunſtfleiß und zugleich einen eigenthuͤmlichen Sinn von Zweckmaͤßigkeit und Ange - meſſenheit, der mehrere dieſer Waaren und Geraͤthe in beſtaͤndigen Gebrauch brachte. Beſonders beſchaͤf - tigten[wohl] Eiſenbergwerke und Haͤmmer viele Men - ſchen11Dieſe Bergwerke ſind zwar nirgends erwaͤhnt, aber man muß ſolche aus der Menge der Eiſen - fabrikate und aus der Wohlfeilheit des Eiſens (ſ. Kap. 10.) ſchließen.; auch die Steingruben von Taͤnaron waren ſeit alter Zeit benutzt12Die Steingruben auf dem Taygetos hatten nach Str. 8, 367. dagegen erſt die Roͤmer eroͤffnet. vgl. Xenoph. a. O. Pollux 7, 23, 100. Intpp. Juven. 11, 173. Meurſ. 2, 18. Plin. erwaͤhnt auch Lakon. cotes und smaragdi. . Daß ſich dieſer Gewerbfleiß auch29 zur eigentlichen edlen Kunſt erhob, bezeugt die Schule Lakoniſcher Toreuten und Erzgießer, welche ſich wahr - ſcheinlich an die Kretiſche als ein Zweig derſelben an - ſchloß, und zu der Chartas, Syadras, Dontas, Do - rykleidas und Medon, Theokles, Gitiadas, Kratinos gehoͤren1Vgl. Thierſch uͤber die Kunſtepochen Abh. 2. S. 51., die wahrſcheinlich alle fuͤr Perioͤken zu hal - ten ſind, wenn ſie auch Pauſanias, den genaueren Un - terſchied vernachlaͤſſigend, Spartiaten nennt. Ueber - haupt duͤrfen wir annehmen, daß die Doriſche Herr - ſchaft das geiſtige Leben der abhaͤngigen Voͤlkerſchaften nicht eben laͤhmte und ertoͤdtete, ſondern es in ſich fort - beſtehen und ſich entwickeln ließ. Myſon, den Manche den ſieben Weiſen beizaͤhlten, war nach einigen, viel - leicht den glaubwuͤrdigſten, Nachrichten ein Ackersmann aus der Lakoniſchen Stadt Etia und zu Chen im ſelben Lande wohnend. Selbſt die hoͤchſte Ehre der Helle - nen, der Olympiſche Sieg, wurde den Lakedaͤmoniern nicht verweigert; man fand einen Akriaten in den Li - ſten der Olympioniken3Pauſ. 3, 22, 4., worin ein Beweis gegeben iſt, daß man die Perioͤken von Sparta auch ſonſt uͤber - all in Hellas als buͤrgerlich Freie gelten ließ. Auch muͤſſen allerdings die Perioͤken buͤrgerliche Rechte aus - geuͤbt haben, aber das nur in den Gemeinen, zu de - nen ſie zunaͤchſt gehoͤrten, und die gar nicht Πόλεις heißen konnten, wenn ſie nicht in vieler Art fuͤr ſich beſtehende Ganze waren. Freilich ſagt Iſokrates4in einer ganz rhetoriſchen Stelle Panathen. 73.,2Ich glaube naͤmlich, daß in dem Orakel (Diog. Laërt. 1, 106. vgl. Caſaub. u. Menag.) Ἠτεῖος die richtige alte Lesart war, wo - fuͤr aber zeitig aus Unkunde Οἰταῖος geſetzt wurde. Die Sache war im Alterthum ſchon fruͤhzeitig ſtreitig; ſchon Platon Protag. 343. ſcheint den Myſon nicht fuͤr einen Lakedaͤmonier zu halten. Sonſt ſ. Diod. de virt. et vit. p. 551. Pauſ. 10, 24, 1. Klem. Al. Str. 1. p. 299 Sylb. Steph. B. Χὴν, Ἠτία.30 daß ſie mindere Freiheit und Macht beſaͤßen, als die einzelnen Demen Attika’s, aber mit dieſen koͤnnen ſie uͤberhaupt nicht wohl verglichen werden. Ihre unmit - telbaren Obrigkeiten mochten ſie indeß wohl durch Wahl beſetzen; doch wurde nach Kythera ein Spartiat als Oberrichter (Κυϑηροδίκης) geſandt1Thuk. 4, 53. 54. Heſ. Κυϑηϱοδ.. So war es wohl auch im Felde. Wir finden das Amt eines Be - fehlshabers zur See einem Perioͤken uͤbertragen2Th. 8, 22. Manſo Sp. 2. S. 576., ohne Zweifel, weil die Spartiaten dies minder achteten, und der Bewohner der Kuͤſtenſtaͤdte im Seeweſen ge - uͤbter und erfahrener ſein mochte, als der binnenlaͤn - diſche Dorier. Ueber den Tribut der Perioͤkenſtaͤdte fehlen uns alle genauern Angaben.

4.

Wenn auch im Ganzen die fruͤhern Einwoh - ner durch die Doriſche Eroberung auf das Land ge - draͤngt waren, ſo gab es doch Geſchlechter derſelben, welche mit den Spartiaten die Stadt bewohnten, und den Doriern gleich ſtanden, wie auch in Athen manche Geſchlechter der Ureinwohner die Ehre der Eupatriden genoſſen zu haben ſcheinen. So die Talthybiaden. Das Heroldsamt war in Sparta, wie in der mythi - ſchen Zeit, erblich, und wurde nicht wie ſonſt in Grie - chenland durch Wetteifer errungen3Herod. 6, 60. οὐ κατὰ λαμπϱο - φωνὶην (in den ἀγῶνες κηϱὑκων, vgl. Faber Agoniſt. 2, 15. Boͤckh Staatshaush. 2. S. 359.) ἐπιτιϑέμενοι ἄλλοι σφέας παϱακληΐουοι ἀλλὰ κατὰ τὰ πάτϱια ἐπιτελέονσι.. Die angeblichen Nachkommen des Mykenaͤiſchen Herolds Talthybios, der auch bei den Achaͤern zu Aegion beſondere Verehrung genoß4Pauf. 3, 12, 6. 7, 23, 7., welche doch, abgeſehen von der Richtigkeit ih - res Stammbaums, wahrſcheinlich zum Achaͤiſchen Stamme gehoͤrten, hatten alle Botſchaften außerhalb31 Sparta zu verwalten1Herod. 7, 134. τοῖσι αἱ κηϱυκηΐαι αἱ ἐκ Σπάϱτης πᾶσαι γέϱας δέδονται., und nahmen auch an heiligen Sendungen Theil2Θεοκήϱυκες γένος τὸ αἰπὸ Ταλϑυβίου πα - ϱὰ Ἐλευθεϱίοις. Heſych. Viell. Ἐλευθεϱολάκωσι. Hemſterh. denkt an Eleutherna in Kreta. Der allgemeine Name des Herolds in Sp. Μούσαξ. S. Valck. Adoniaz. p. 379.. Die Ehre ihres Amtes war ohne Zweifel ſehr groß, beſonders wenn Sparta auch hierin die Homeriſche Sitte feſthielt, nach der die Herolde die Fuͤrſten mit: liebe Soͤhne, anreden. An Vermoͤ - gen und Guͤtern gehoͤrten ſie zu den erſten Spar - tiaten3Herod. a. O.: wenn Sperthias und Bulis, welche ſich dem Perſerkoͤnige zur Suͤhne fuͤr den Mord der Geſandten darboten4Herod. 137., Talthybiaden waren, wie es ſcheint.

Wie das Amt der Herolde, ſo waren zu Sparta faſt alle Gewerbe und Beſchaͤftigungen erblich. So das der Fleiſchkoͤche (ὀψοποιοὶ), Baͤcker, Weinmiſcher, Floͤtenſpieler56, 60. Ueber die ὀψοποιοὶ Agatharch. bei Athen. 12, 550 c. Perizon zu Aelian V. G. 14, 7.. Jene hatten ihre eigenen Heroen Daͤ - ton, Matton, Keraon, deren Statuen in der Hyakin - thiſchen Straße ſtanden6Vgl. Athen. 2, 39 c. mit 4, 173 f. . Wie ſehr dieſe Forterbung jeder Thaͤtigkeit die Feſthaltung alter Sitte beguͤnſtigte, iſt leicht einzuſehen. In der That, Sparta haͤtte nicht ſo viele Jahrhunderte mit der ſchwarzen Blutſuppe vorlieb genommen, wenn ſeine Koͤche nicht die Berei - tung derſelben von Jugend auf gelernt und nach Weiſe der Vaͤter fortgeuͤbt haͤtten, oder wenn man dies Amt denjenigen willkuͤhrlich haͤtte ertheilen koͤnnen, welche den Sinn auf das angenehmſte reizten. Es iſt aber wahrſcheinlich, daß alle dieſe Geſchlechter undoriſch und aus der Zahl der Perioͤken genommen waren; auch32 koͤnnen ſie nicht wohl, wie die Talthybiaden, Spartia - tiſches Buͤrgerrecht erhalten haben1Auch an Kolonien Sparta’s, z. B. der von Herakleia Trachinia, nahmen Perioͤken Theil, wo ſie hernach wohl zu den πολλοῖς gehoͤrten. Th. 3, 92. 93..

33

3.

1.

Wir trennen von dem Stande der Perioͤken aufs genaueſte das ganz verſchiedene Verhaͤltniß der Helo - tie; fuͤr welches wir keinen andern Ausdruck haben, als Leibeigenſchaft, mit der das der Perioͤken nicht die geringſte Verwandtſchaft hat1Ueber die Helotie vgl. außer den bekannteren Schr. Ca - peronnier Mem. de l’Ac. d. J. 23. p. 271. Schlaͤger Dissert. Helmſt. 1730.. Ueber die Entſtehung dieſes Verhaͤltniſſes ſagt die gewoͤhnliche Nachricht: die Einwohner der Seeſtadt Helos ſeien nach einem Aufſtande gegen die ſchon herrſchenden Dorier zu Sparta in dieſe Erniedrigung gerathen2Ephor. bei Str. 8. S. 365. nach Valkenaers Aenderung. Theopomp bei Athen. 6, 272. Schon Hellanikos bei Harpokr. εἱλωτεύειν 15 S. 54 St.; indeß iſt es zweifelhaft, ob die Etymol. dort aus Hellan. iſt. vgl. Steph. Byz.. Allein dieſe beruht blos auf einer Etymologie, und einer we - nig probabeln, da man von Ἕλος auf keine Weiſe einen Gentilnamen Εἵλως ableiten kann. Dieſes Wort iſt vielmehr deutlich ein altes Perfectparticip von ΕΛΩ in paſſiver Bedeutung, und bezeichnet alſo die Gefan - genen3Man kannte dieſe Ableitung im Alterthum z. B. Schol. Plat. Alkib. I. p. 78 R. Apoſtol. 7, 62. Εἵλωτες οἱ ἐξ αἰχμαλώτων δοῦλοι. So kommt auch Δμῶς von δαμάω (ΔΕΜΩ). Denn die δμῶες, die in großer Anzahl (μύϱιοι, Od. 17, 422. 19, 78.) zu dem οἶκος jedes ἄναξ gehoͤren (1, 397. 7,. Vielleicht die mit dem Schwerdt in der HandIII. 334unterjochten, da die Perioͤken ſich durch Vertraͤge uͤber - geben hatten, wenigſtens nennt ſie Theopomp1bei Athen. 6, 265. Achaͤer, wie die andern. Doch iſt mir wahrſcheinli - cher, daß ſie ein alter, ureinwohnender und ſchon ſehr fruͤh unterjochter Stamm waren, welche ſchon als Knechte auf die Doriſchen Eroberer uͤbergingen.

Fuͤr die Betrachtung der Helotie wollen wir das ſtaatsrechtliche Verhaͤltniß indeß von der moraliſchen Be - handlung des Standes ſcheiden, obgleich beides ſehr nahe zuſammenhaͤngt. Das erſtere war durch Geſetz und Herkommen gewiß ſehr genau beſtimmt, wenn auch die Ausdruͤcke der Schriftſteller zum Theil ziemlich unbe - ſtimmt ſind. Sie waren in gewiſſer Hinſicht Staats - knechte, ſagt Ephoros2bei Str. 8, 365. Eben ſo nennt Pauſ. 3, 20, 6. alle Heloten δούλους τοῦ κοινοῦ. vgl. Herod. 6, 70., wo die ϑεϱάποντες Heloten ſind.; der Beſitzer konnte ſie weder befreien, noch uͤber die Graͤnzen verkaufen. Darnach galt offenbar der Grundſatz, daß ſie eigent - lich dem Staate angehoͤrten, der ihren Beſitz den Ein - zelnen gewiſſermaßen geſtattete und zutheilte, und ſie allein freilaſſen konnte. Aber ſie außer Landes zu ver - kaufen, ſtand auch dem Staate nicht zu, und kam, ſo viel wir wiſſen, nie vor. Dem Einzelnen war aller Wahr - ſcheinlichkeit nach uͤberhaupt nicht geſtattet, ſie zu verkau - fen, weil ſie groͤßtentheils zu liegenden Gruͤnden gehoͤrten,3225. Il. 19, 333.) und zum groͤßten Theile das Land bauen, koͤn - nen auf keinen Fall im Ganzen gekaufte Sklaven ſein (denn die einzelnen Beiſpiele davon ſind mehr Ausnahmen), weil dies einen ſehr lebhaften Sklavenhandel vorausſetzen wuͤrde; auch koͤnnen es nicht blos einzeln Geraubte oder Gefangene ſein, weil ſich ſo ſchwer - lich die Menge derſelben in jedem οἶκος erklaͤren wuͤrde, ſondern es ſind wahrſcheinlich mit dem Grund und Boden ſelbſt eroberte Leute. Die Stelle 1, 298. οὕς μοι ληΐσσατο, laͤßt ſich verſchieden benutzen. Ueber die Etymologie von Εἵλως vgl. Lenneps Ety - mol. p. 257.35 und dieſe als unveraͤußerlich galten. Sie hatten hier ihre eigenen Wohnungen, und ihre Dienſte und Leiſtun - gen waren feſtgeſetzt1Epheros a. O. Ilotae sunt jam inde antiquitus ca - stellani, agreste genus. Liv. 34, 27.. Sie zinsten ein beſtimmtes Maaß von Getraide, aber nicht wie die Perioͤken an den Staat, ſondern an ihre Herren. Weil jenes Maaß ſeit alter Zeit ein fuͤr allemal feſtgeſetzt war, denn den Zins zu erhoͤhen, war mit ſchweren Verwuͤn - ſchungen belegt2Plut. Instit. Lac. p. 255., wo μισϑῶσαι ungenau geſagt iſt., es betrug aber von jedem Kleros jaͤhrlich 82 Medimnen Gerſte3Plut. Lyk. 8. 70 an den Mann, 12 an die Hausfrau. vgl. K. 24. und eine entſprechende Quantitaͤt Oel und Wein: ſo kam ihnen eben ſo wohl der groͤßere Gewinn bei guter, als der Verluſt bei ſchlechter Erndte zu, wodurch, wie Lakedaͤmons Acker - kultur beweist4S. Bd. 2. S. 69. vgl. deſ. Polyb. 5, 19. Heſiod Poet der Helo - ten nach dem Apophthegma des Spartiaten., ein lebhafter Antheil am Ackerbau und ein fleißiger Betrieb erhalten wurde. Theils durch einen reichlichen Ertrag des Landes, theils im Kriege5Herod. 9, 80. ſammelten ſie mitunter ein nicht unbedeutendes Ver - moͤgen6Plut. Kleomenes 23. Manſo 1. S. 134., wozu dem Spartiaten faſt jeder Weg ver - ſchloſſen war. Man moͤchte fragen, wie viel den He - lotenfamilien ungefaͤhr blieb, wenn ſie 82 Medimnen von einem Kleros abgegeben hatten. Tyrtaͤos ſcheint einige Auskunft zu geben, wo er das Schickſal der Meſſeniſchen Leibeigenen ſchildert7Frgm. p. 168. Franck. Die Stelle giebt in Proſa wieder Aelian V. G. 6, 1.:

Gleich Packeſeln von ſchwer laſtender Buͤrde gedruͤckt
Zinſeten ihren Gebietern von jeglicher Frucht ſie die Haͤlfte,
Welche dem Land entſprießt, weichend der traurigen Noth.
3 *36
Auch den Koͤnig betrauerten ſie ſammt Weibern und Kindern,
Raffte das Trauergeſchick einen des Todes hinweg.
1Das letzte wird als Pflicht der Perioͤken aber auch der Heloten erwaͤhnt. Herod. 6, 58.
1

Darnach wuͤrden die Helotenfamilien, deren mehrere zu einem Kleros gehoͤrten, nur 82 Medimnen im Durch - ſchnitt behalten haben, und der ganze haͤtte 164 ge - tragen. Allein dies kann nicht die Einrichtung ſein, von der Plutarch redet, und Tyrtaͤos beſchreibt einen durch die Umſtaͤnde vergroͤßerten Druck. Denn wenn man annimmt, wie ſich unten als wahrſcheinlich zeigen wird, daß die Guͤter der Spartiaten zwei Drittel des Lakoniſchen Gebiets betrugen, welches man auf 180 Quadratmeilen anſchlagen kann, und davon fuͤr Berg, Wald, Viehweiden, Weinland und Baumpflanzungen ſelbſt drei Viertel abrechnen mag: ſo erhaͤlt man doch 30 Quadratmeilen fuͤr die 9000 Ackerlooſe der Spar - tiaten, von welchen alſo jedes 1 / 300 Meile, oder 192 Plethren betraͤgt, welche leicht 400 Medimnen Ertrag geben2vgl. Boͤckh Staatshaush. 1. S. 87. Von 400 iſt 82 etwa das Fuͤnſtel. In Athen zinsten die ϑῆτȣς, πελάται an die Eupatriden ein Sechstel des Ertrags. (Gewiß die richtige Annahme.) S. Plut. Sol. 13. vgl. Hemſterh. zu Heſych ἐπὶμοϱτος., von denen nach Abzug der 82 noch 21 Men - ſchen mit dem taͤglichen Brodte, einem Choͤnix, dop - pelt verſorgt werden koͤnnen. Wenigſtens ſieht man ein, daß jeder Kleros ſechs oder ſieben Helotenfamilien recht wohl ernaͤhren konnte. Indeſſen muß man ſich nicht uͤberreden, daß jene Abgabe fuͤr alle Portionen des Spartiatiſchen Landes ganz dieſelbe geweſen ſei. Eine ſo ſtreng durchgefuͤhrte Gleichheit die uͤberdies alles Intereſſe des Beſitzes aufgehoben haͤtte machte ſchon die verſchiedene Beſchaffenheit des Landes unmoͤg - lich. Wir wiſſen ja, daß viele Spartiaten Heerden37 hatten, und davon junge Thiere zu den Gemeinmahlen gaben1Athen. 4, 141 d. aus Molpis Δακεδ. πολιτ.. Auch von den Aeckern erhielten die Beſitzer außer dem Antheil der Erndte zu gewiſſen Zeiten Fruͤchte des Jahres2Sphaͤ - ros ebd. 141 c. Vgl. noch Myron bei Athen. 14, 657. παϱαὰόν - τες αὐτοῖς τὴν χώϱαν ἔταξαν μοῖϱαν ἣν αὐτοῖς ἀνοίσουσιν αἰεί, und Heſych: γαβεϱγός (i. e. ΓΑϜΕΡΓΟΣ γεωϱγὀς) ἔϱγου μισϑωτός (zu verſtehn wie in der Stelle oben S. 35, 2.) Αἀκωνες..

Im Ganzen konnte indeſſen nicht viel Verkehr und Verbindung zwiſchen den Spartiaten als Beſitzern der Landguͤter und ihren Leibeigenen auf dem Acker ſtatt finden. Denn wie wenig mochte ſich der Spar - tiat, welcher die Stadt ſelten und nur auf Tage ver - ließ3Daß indeſſen zu Xenophons Zeit auch Spartia - ten auf den κλήϱοις lebten, ſ. Hell. 3, 3, 5. Zu Ariſtoteles Zeit, Pol. 2, 2, 11., gaben ſich Einzelne ſchon mit Ackerbau ab; zu Maxim. Tyr. diss. 13. p. 139. waren Spartiaten und Kreter im Ganzen γεωϱγοὶ., um den Heloten kuͤmmern, der vielleicht bei Mothone wohnte. Indeſſen lag den Heloten nicht blos die Bebauung des Ackers, ſondern auch die Bedienung der Herren z. B. beim Mahle ob4Plut. Vgl. Numa’s 2. Nepos Pauſ. 3., welche dieſe nachdem Lakoniſchen Grundſatze einer gewiſſen Guͤtergemeinſchaft ſich auch unter einander uͤberließen5Xen. Laked. Staat 6, 3. Ariſtot. Pol. 2, 2, 5. Plut. Inst. Lac. p. 252.. Auch zu oͤffent - lichen Verrichtungen brauchte der Staat gewiß eine große Anzahl derſelben.

2.

Im Felde dienten die Heloten nur in außer - ordentlichen Faͤllen als Hopliten, und hoͤrten dann ge - meiniglich auf es zu ſein6vgl. Thuk. 7, 19. mit 4, 30. u. 5, 34.. Sonſt zogen ſie als Leicht - bewaffnete (ψιλοὶ) aus; in wie großer Anzahl, ſieht man aus der Schlacht bei Plataͤaͤ, wo 5000 Spar -38 tiaten 35,000 Heloten bei ſich hatten1Herod. 9, 10. 28.. So wenig ſie nun die Ehre der ſchwerbewaffneten Krieger theilten, ſo wenig traf ſie dieſelbe Gefahr. Denn wenn jene den Anfall der Feinde mit Lanze und Schild in feſtge - ſchloſſener Reihe aufnahmen, ſo waren dieſe mit Schleu - der und Wurfgeſchoß eben ſo ſchnell hinter als vor der Reihe: wie Tyrtaͤos ſehr anſchaulich das Verhaͤltniß des Leichtbewaffneten (γύμνης) zum Hopliten beſchreibt. Daß Sparta ſeine Heloten leichtſinnig aufgeopfert ha - be, laͤßt ſich von der beſſern Zeit gar nicht nachweiſen. Sie waren den einzelnen Spartiaten beigeordnet2Herod. 9, 28. Thuk. 3, 8.; bei Plataͤaͤ waren um jeden ſieben von ihnen. Die ihrem Herrn beigeordneten hießen wahrſcheinlich ὰμπίτ - ταρες3i. q. ἀμφιστάντες. Heſych s. v. vgl. Voſſ. Valcken. Adoniaz. p. 289.. Von dieſen war aber einer vorzugsweiſe der ϑεράπων ſeines Herrn, wie in der Geſchichte, wo der erblindete Spartiat ſich von ſeinem Heloten in das Gewuͤhl des Kampfes von Thermopylaͤ fuͤhren laͤßt, und, waͤhrend dieſer flieht, mit den uͤbrigen Helden faͤllt4Her. 7, 229. vgl. die Stellen bei Sturz Lex. Xenoph. ϑεϱάπων.. Θεϱάπων iſt der eigentliche, und zwar ſehr ehrenvolle, Ausdruck, mit dem die Dorier, namentlich in Kreta, den waffentragenden Knappen bezeichneten5Θεϱάπων δοῦλον ὁπλοφόϱον δηλοῖ κατὰ τὴν Κϱητῶν γλῶτταν. Euſt. zur Il. p. 1240, 32. Bas. zu Dion. Perieg. 533.; in Sparta hießen ſolche ſonſt noch wahrſcheinlich ἐρυ - κτῆρες, in ſo fern ſie den Verwundeten aus der Kampf - reihe zu ziehen (ἐϱύκειν) verpflichtet waren6Athen. p. 271 f. aus Myron. Sie ſind es, von denen Xen. Hell. 4, 5, 14. τούτους ἐκέλευον τοὺς ὑπασπιστὰς ἀϱαμένους ἀποφέϱειν.. Sonſt ſcheint es, daß die Heloten im Felde unter naͤherem und unmittelbarerem Befehl des Koͤnigs ſtanden, als39 das uͤbrige Heer1Herod. 6, 80. 81. vgl. 75.. Auf der Flotte verſahen wohl die Heloten beſonders den Matroſendienſt, wozu man in Athen die niedern Buͤrger und Sklaven nahm; als ſolche hießen ſie, ſcheint es, δεσποσιοναῦται.

Dieſe Angaben bezeichnen ziemlich das Verhaͤltniß der Heloten zum Doriſchen Staate von Sparta: wel - ches Verhaͤltniſſes ethiſche oder politiſche Critik hier gar nicht in unſerm Zwecke liegt. Nur ſo viel: die Griechiſchen Staaten hatten entweder Leibeigene, wel - che wir ziemlich bei allen Doriern nachweiſen koͤnnen, oder Sklaven, welche durch Raub oder Handel aus den Laͤndern der Barbaren herbeigeholt waren, oder keins von beiden. Das letztere fand bei den Phokeern, Lokrern und andern Griechen ſtatt2Bd. 1. S. 242., allein dieſe Volk - ſtaͤmme entwickelten ſich auch, vom Beduͤrfniß eingeengt, nie ſo frei und kraͤftig, als Sparta und Athen. Die Sklaverei war die Baſis aller Handelsſtaaten, und haͤngt mit dem Verkehr mit dem Auslande zuſammen; aber abgeſehn davon, daß ſie ein ſtets fortgeſetztes und erneuertes Unrecht iſt, bringt ſie dem Staate im Gan - zen, namentlich im Kriege, wenig Vortheil, und der Sitte und Ordnung in den Staaten, nach der Lehre alter Politiker, Gefahr und Nachtheil. Auch muß man wohl bedenken, daß unter den Sklaven Athens wenig Familienverhaͤltniß exiſtiren konnte, dem die Leibeigenſchaft dagegen keinen Eintrag thut, und daß in dieſer mehr die allgemeine Sitte, in jener die Will - kuͤhr Einzelner herrſcht. Indeſſen hatte auch Sparta fremde Sklaven, aber nur in geringer Anzahl. So war Alkman, Knecht des Ageſidas3nach Herakl. Pont., Sohn eines Skla - ven aus Sardis4Welcker Alcm. frgm. p. 6., welchen vielleicht der Kretiſche Han - del an die Kuͤſten Lakonikas gebracht hatte.

40

3.

Schwieriger iſt es, ſich von der Behandlung und Lebensweiſe der Heloten einen deutlichen Begriff zu machen, weil der rhetoriſche Geiſt der ſpaͤtern Ge - ſchichtsſchreibung, ſich beſonders in Deklamationen fuͤr die Humanitaͤt gefallend, und die Unkenntniß eigen - thuͤmlicher Verhaͤltniſſe Vieles verwirrt und entſtellt hat. Myron von Priene mahlte in ſeinem Roman uͤber den Meſſeniſchen Krieg Sparta ſehr ſchwarz, und ſuchte durch Schilderung des Schickſals, welches die Ueber - wundenen traf, am Ende zu ruͤhren. Den Heloten befehlen die Spartiaten, ſagt er1bei Athen. 14, 657 d. Die κυνῆ wird wohl auch als zur Helotentracht gehoͤrig bezeichnet in der Geſchichte des Antiochos von Phalanths Signal zur Verſchwoͤrung (Str. 6, 278.), obgleich An - dere (Aeneas Poliore. 11.) einen πῖλος an die Stelle ſetzen., jedes ſchimpfliche Geſchaͤft. Sie zwingen ſie eine Hundsfellmuͤtze (κυνῆ) zu tragen, einen Schaafpelz (διφϑέρα) umzuhaͤngen, und Jahr fuͤr Jahr ſchuldios Schlaͤge zu empfangen, damit ſie nie verlernen Sklaven zu ſein. Dazu haben ſie denen, welche durch Groͤße und Schoͤnheit ſich uͤber die Gebuͤhr eines Knechtes erheben, Todesſtrafe be - ſtimmt, und ſtrafen den Beſitzer, welcher nicht die mannhafteſten unter ihnen ſchlaͤgt. Die gaͤnzliche Ver - faͤlſchung alles ruhigen Urtheils liegt gleich in der erſten Angabe offen da. Denn jene Ledermuͤtze mit breitem Rande und den Schaafpelz trugen die Heloten aus kei - nem andern Grunde, als weil es die alteinheimiſche Landtracht war, welche auch die Arkader aus alter Sitte beibehalten hatten2Κυνᾔ ̓ Αϱκάς, Sophokl. Inachos bei Schol. Ariſt. Voͤg. 1203. Valcken. zu Theokr. Adoniaz. S. 345, einerlei mit πῖλος Αϱκ. Polyaͤn 4, 14. galerus Arcad. Stat. Theb. 4, 299. 7, 39. Κυνῆ Βοιωτἱα als Tracht des Landlebens, Heſych. Arkader in Ziegen - und Schaaffellen zu Felde ziehend. Pauſ. 4, 11, 1.; wie auch Laertes, Odyſ -41 ſeus Vater, als Landmann eine ſolche Muͤtze aus Zie - genfellen traͤgt1Od. 24, 230.. Die Alten unterſchieden naͤmlich ge - nau zwiſchen der Landtracht und ſtaͤdtiſchen Kleidung. Als daher die Sikyoniſchen Tyrannen das muͤſſige Volk, deſſen Menge ſie fuͤrchteten, an das Landleben gewoͤh - nen wollten, zogen ſie ihnen die κατωνάκη an, welche unten einen Vorſtoß von Fellen hatte2Pollux 7, 4, 68. vgl. Heſych, Suid. s. v. κατωνάκη. Theopomp und Menaͤchmos ἐν τοῖς Σικυωνιακοῖς bei Athen. 6, 271 d. (vgl. Schweigh. ) kennen die Κατωνακο - φόϱοι als Sikyoniſche Leibeigene. Vgl. Ruhnken. ad Tim. p. 212.. Auch die Pei - ſiſtratiden3Ariſtoph. Lyſiſtr. 1157. vgl. Palmer. Exercit. p. 506. nahmen genau dieſelbe Maaßregel. So be - ſchreibt auch Theognis die Landbauer von Megara uͤber deren Aufnahme unter die Buͤrgerſchaft er ſich beklagt als die Seite mit abgeriebenen Ziegenfellen deckend, und ſcheuen Hirſchen gleich um die Stadt wohnend4V. 53 Bekk.. Und ſo bezeichnete denn alſo auch die Diphthera der Heloten nichts Schmaͤhlicheres und Schimpflicheres als die Beſtimmung zur Landarbeit. Da aber Myron dieſe ſo augenfaͤllig mißdeutete, ſo mag es ſich eben ſo mit ſeinen uͤbrigen Vorwuͤrfen und aͤhnlichen Anklagen an - derer Schriftſteller verhalten. Wenn Plutarch erzaͤhlt, daß die Heloten zur Warnung der Spartiatiſchen Ju - gend ſich betrinken und unanſtaͤndige Taͤnze tanzen mußten5Lykurg 28. u. ſonſt.: ſo ſtraͤubt ſich der natuͤrliche Sinn gegen eine ſo wahnwitzige Erziehungsmethode. Wie konnte man denn Menſchen ſo entwuͤrdigen, die man als Paͤ - dagogen uͤber die juͤngeren Knaben ſetzte; Helotinnen waren auch im koͤniglichen Hauſe die Ammen6Duris bei Plut. Ageſ. 3., und genoſſen ſicher aller Pietaͤt, mit der das Alterthum die Waͤrterinnen der fruͤheſten Jugend ehret. Daß aber42 die Doriſchen Geſetze der ſtrengen Maͤßigkeit die Knechte nicht banden, iſt gewiß1Theopomp bei Athen. 14, 657 c. , und ſo konnten Beiſpiele der Trunkenheit unter ihnen zur Empfehlung der Nuͤch - ternheit dienen. Auch war es in der Ordnung, daß die Spartiatiſchen Nationallieder und Nationaltaͤnze den Heloten unterſagt waren2Plut. a. O., dagegen hatten ſie eigene mehr ausgelaſſene und poſſenhafte, welche zu jener Erzaͤhlung Veranlaſſung gaben3μόθων φοϱτικὸν ὄϱχημα Pollux 4, 14, 101.. Man muß dabei immer bedenken, daß die meiſten Fremden, wel - che Sparta beſuchten und uͤber deſſen Einrichtungen Nachricht gaben, Einzelnes, was ſie fluͤchtig geſehn, aufgriffen und, ohne den Zuſammenhang zu kennen, nach falſchen Vorausſetzungen combinirten.

4.

Aber muͤhen wir uns nicht umſonſt, den ſchlim - men Eindruck der Darſtellung Myrons zu mindern, da das einzige fuͤrchterliche Wort Kryptie das un - gluͤckliche Schickſal der Heloten und die Grauſamkeit ihrer Herren genugſam bezeichnet? Man verſteht dar - unter eine jaͤhrlich zu beſtimmter Zeit von der Jugend Sparta’s angeſtellte Jagd der Heloten, welche bei Nacht meuchelmoͤrderiſch angefallen oder auch bei Tage foͤrmlich gehetzt werden, um ihre Anzahl zu vermin - dern und ihre Kraft zu ſchwaͤchen4Plutarch c. 28. Vgl. Numas 1. Ueber die Kryptie Manſo 1, 2. S. 141. Heyne in den Commentat. Gotting. T. 9. p. 30.. Von ihr ſpricht Iſokrates ſehr verwirrt und nach bleßem Geruͤcht5Pana - then. 73. vgl. oben S. 25, 2.; aber Ariſtoteles, wie Heraklides vom Pontos6bei Plut. Lyk. 28. Heraklid. Polit. 2., legen ſie geradezu dem Lykurg bei, und ſtellen ſie als einen Krieg vor, welchen die Ephoren ſelbſt bei dem Antritt ihres jaͤhrlichen Amtes den Heloten ankuͤndigen. Alſo43 eine foͤrmlich geſetzliche Niedermetzelung, um ſo grauen - voller, da ſie von den ungluͤcklichen Schlachtopfern vor - aus geſehen werden konnte. Und doch haͤtte dieſe, die in manchen Gegenden ganz fuͤr ſich lebten, die Verzweifelung nicht zu gemeinſamer Abwehr vereinigt, und nicht alle Jahre einen blutigen Vernichtungskrieg durch ganz Lakonika entzuͤndet? In ſo unbegreifliche Schwierigkeiten verwirren wir uns bei der gewoͤhnlichen Vorſtellungsweiſe: deren Loͤſung nach meiner Meinung die Rede des Spartiaten Megillos in Platons Geſetzen giebt11, 633 c. Von derſelben Sache Juſtin 3, 3.: pueros puberes non in forum, sed in agrum dednci praecepit, ut primos annos non in luxuria, sed in opere et laboribus age - rent, neque prius in urbem redire quam viri facti es - sent. Faſt daſſelbe, nur mit einigen Abweichungen, Schol. Plat. Geſ. 1, 225 Ruhnk., welcher dort die Abhaͤrtung ſeiner Landsleute ruͤhmt. Auch giebt es eine ſogenannte Κρυπτεία bei uns, welche wunderbar muͤhſelig zu ertragen iſt, Unbe - ſchuhtheit im Sturm, und Lagersentbehrung und Selbſt - bedienung ohne Knecht, wenn ſie des Nachts und bei Tage durch das ganze Land herumſchweifen. Noch deutlicher eine andere Stelle26, 763 b. vgl. Barthelemy Anach. T. 4. S. 461., wo der Philoſoph an - ordnet: in ſeinem Staate ſollten ſechzig Agronomen oder Phylarchen jeder zwoͤlf Juͤnglinge von 25 bis 30 Jah - ren waͤhlen, und dieſe als Waͤchter alle einzelnen Di - ſtrikte nach der Reihe durchziehen, um fuͤr die Befeſti - gung, den Wegbau, die oͤffentlichen Gebaͤude im Lande zu ſorgen, wozu ſie ſich der Sklaven frei bedienen duͤrften. Dabei ſollten ſie ſelbſt hart und kaͤrglich le - ben, keine Dienſtleiſtung der Knechte und Ackerbauer fuͤr ſich begehren, aber ohne Raſt das ganze Land Win - ter und Sommer in Waffen durchſtreifen. Man koͤnne44 dieſelben Κρυπτοὶ oder Ἀγϱονόμοι nennen. Wie haͤtte Plato den Namen der Kryptie hier brauchen moͤ - gen, wenn ſie einen heimlichen Helotenmord bezeichnete, und wenn nicht vielmehr zwiſchen ſeiner und dieſer Ein - richtung, ſei auch die letztere haͤrter und roher gewe - ſen, im Weſen eine Uebereinſtimmung ſtatt fand? Auch Sparta’s Juͤnglinge wurden theils zu eigener Uebung und Abhaͤrtung, theils zur Aufſicht des ziemlich aus - gedehnten Landes unter eigenen Obrigkeiten1Damoteles ein Spartiate ἐπὶ τῆς κϱυπτεὶας τεταγμὲνος, Plut. Kleom. 28. ausge - ſchickt, und hatten vermuthlich ein beſonderes Augen - merk auf die Heloten, welche Sparta ſchon deswegen fuͤrchten mußte, weil ſie meiſt fuͤr ſich allein und ab - geſondert wohnten. Daß Willkuͤhr und Haͤrte davon nicht genugſam ausgeſchloſſen waren, wird man zugeben muͤſſen; nur war der Zweck des Inſtituts ein anderer: das Thukydides24, 80. indeſſen auch ſo mit zu den Einrich - tungen rechnen mag, welche die Spartiaten zur Bewa - chung ihrer Helotie getroffen.

Es bedarf kaum einer Nachbemerkung, daß dieſe ſtehende Einrichtung der Krypteia nicht mit einzelnen Maaßregeln zuſammenhaͤngt, zu welchen ſich Sparta in verzweifelten Umſtaͤnden genoͤthigt glaubte. Thuky - dides laͤßt das Schickſal der 2000 Heloten errathen, welche, zum Kriege geweihet, ploͤtzlich verſchwanden. Es war dies der Fluch der Leibeigenſchaft, welche auch Plato die haͤrteſte in Hellas nennt3Geſetze 6, 776. eitirt von Plut. Lyk. 28. Athen. 6, 164. Auch Kritias der Athener ſagt, aber mehr witzig als wahr, in Sparta ſeien die Freien am meiſten Freie (vgl. Diogen. Prov. 4, 87. Apoſtol. 8, 12.), die Sklaven am mei - ſten Sklaven, bei Liban. or. 24. T. 2. p. 85 R., daß ſie ihre Her - ren gerade da verließ, wo ſie ihrer Huͤlfe am meiſten bedurften, und ſie ſelbſt noͤthigte, ſich fremden Bei -45 ſtand gegen die eigenen Unterthanen in Buͤndniſſen zu bedingen1Thuk. 1, 118. 5, 14, 23. vgl. Ariſtot. Pol. 2, 6, 2..

5.

Eine beſſere Seite dieſes Inſtituts dagegen iſt, daß den Heloten ein geſetzlicher Weg zur Freiheit, ſelbſt zum Buͤrgerrecht offen ſtand2Obgleich es Dio Chryſ. Or. 36. p. 448 b. laͤugnet. Vergl. Manſo 1, 2. S. 153. und 1, 1. S. 234.. Die vielen Mittelſtu - fen uͤberzeugen uns von einem kuͤnſtlich organiſirten Uebergangsverhaͤltniß. ’Αργεῖοι hießen die Heloten, die man eines beſondern Vertrauens wuͤrdigte3Heſych s. v. ; wie es im Kriege die ἐρυκτῆρες genoſſen; die ἀφέται waren wohl aus aller Pflicht entlaſſen. Die δεσποσιοναῦται, die auf der Flotte dienten, aͤhnelten wahrſcheinlich den Attiſchen Freigelaſſenen, die χωϱὶς οἰκοῦντες hießen4Boͤckh Staatsh. 1. S. 281.. Mit der voͤlligen Freiheit wurde auch die Erlaubniß gegeben, zu wohnen wo jeder wolle5Th. 5, 34. vgl. 4, 80., und da - mit wohl auch ein Stuͤck Land außer dem Kleros ihrer vorigen Herren. Nachdem ſie die Freiheit einige Zeit beſeſſen, ſcheint man ſie Neodamoden genannt zu haben67, 58. δὺναται δὲ τὸ νεοδαμῶδες ἐλεύθεϱον ἤδη εἶναι. Der Gegenſatz iſt δαμὠσεις (Steph. ΔΑΜΩΛΕΙΣ) δημόται οἱ ἐντελεῖς παϱὰ Λακ. Heſych., deren Zahl bald der der Buͤrger nahe kam7vgl. Plut. Ageſ. 6.. Auch die Mothonen oder Mothaken waren nicht Perioͤken von deren Uebergang in Spartiaten uͤber - haupt nichts berichtet wird ſondern Heloten, die durch gemeinſame und gleiche Erziehung mit jungen Spartiaten (wie die des Eumaͤos im Hauſe des Odyſ - ſeus) Freiheit ohne Buͤrgerrecht erhielten8Athen. 6, 271 e. Schol. Ariſt. Plut. 279. Harpokr. Heſych. Die Ableitung von der Stadt Mothone iſt wie die der Heloten von Helos. Die Τϱόφιμοι ſind aus ξένοις durch Erziehung Spartiaten geworden, Xenoph.. Denn Μό -46 θων bezeichnet einen Hausſklaven, verna, und nie koͤn - nen Perioͤken ſo heißen, die in keiner Abhaͤngigkeit von einzelnen Spartiaten ſtanden1Bei Athen. heißen ſie Freie in Bezug auf das, was ſie werden, nicht was ſie waren. Vgl. Hemſterhuis bei Lennep Etymol. 1. p. 575.. Die Abkoͤmmlinge der Mothaken muͤſſen auch das Buͤrgerrecht erhalten haben, wenn Lyſandros, Kallikratidas, Gylippos Mo - thakiſcher Abkunft waren2Athen. Aelian V. G. 12, 43. Zwei σύντϱοφοι oder μόϑακες Kleomenes des III. bei Plut. Kleom. 8. Dieſe wie Lyſandros waren Heraklidiſche Mothaken.. Epeunakten heißen, der Etymologie nach, ſolche Buͤrger, die die Wittwe eines Geſtorbenen aus einer Pflicht des alten Erbrechts eheligten; daß man dazu einmal Knechte genommen habe, beſagt Theopomp3bei Athen. 6, 271 d., wo die Vergleichung mit den Katonakophoren (ſ. oben S. 41, 2.) nicht hinlaͤnglich begruͤndet ſcheint. Vgl. Caſaub. ad Athen. 6, 20. Intpp. Hes. s. v. ἐνευν..

6.

Die Zahl der Heloten koͤnnen wir ziemlich aus der Angabe des Plataͤiſchen Heeres abnehmen. Hier ſtanden 5000 Spartiaten, 35,000 Heloten, 10,000 Pe - rioͤken4Bei Thermo - pylaͤ lagen, nach dem Epitaph Herod. 7, 228. vgl. 8, 25., 4000 Streiter begraben, naͤmlich 300 Spartiat., 700 Thespiſche Hopli - ten, und 3000 ψιλοὶ, wovon 2100 Heloten geweſen ſein moͤgen.. Wenn vun ſonſt die Zahl ſtreitbarer Spar - tiaten 8000 betrug: ſo muͤſſen wir in demſelben Ver - haͤltniſſe 56,000 waffenfaͤhige Heloten rechnen, und die geſammte Volksmenge derſelben gegen 224,000. Wenn alſo die Stadt Sparta 9000 Ackerlooſe beſaß: ſo ka - men auf jedes 20 Menſchen, deren es, wie wir oben ſa - hen, wohl mehr ernaͤhren konnte5, und es blieben noch 44,000 fuͤr den Dienſt des Staats und der Ein - zelnen. Die Nachricht des Thukydides, daß die Chier8Hell. 5, 3, 9. Auf dieſe geht wohl die verwirrte Nachricht Plut. Lacon. Inst. p. 252.47 fuͤr eine Stadt die meiſten Sklaven haͤtten nach den Lakedaͤmoniern18, 40., noͤthigt nicht hoͤher hinaufzugehen, weil die groͤßere Sklavenmenge ſich von Aegina mit der Freiheit verloren hatte, und Athen waͤhrend des Krie - ges auch gewiß nicht 200,000 beſaß. Die Anzahl der waffenfaͤhigen Perioͤken wuͤrde nach der angegebenen Proportion nur 16,000 betragen, aber man wird hier annehmen muͤſſen, daß eine groͤßere Anzahl derſelben im Peloponnes zuruͤckgeblieben war: denn da ihnen 30,000, freilich weit kleinere, Looſe zugetheilt waren: ſo muͤſſen doch auch ziemlich eben ſo viel Familien gewe - ſen ſein, und wir erhalten wenigſtens gegen 120,000 Menſchen, im Ganzen aber fuͤr die 170 oder 180 Quadratmeilen Lakoniens eine angemeſſene Bevoͤlkerung von 380,000 Seelen.

Aus dieſer Berechnung folgt aber zugleich, daß nach der zu ernaͤhrenden Volksmenge die Guͤter der Spartiaten (πολιτικὴ χώϱα)2Polyb. 6, 45. gegen zwei Drittel des geſammten Ackerlandes betragen mußten. Dies konn - ten ſie ſeit der Eroberung des fruchtbaren Meſſeniens ſehr wohl, nach welcher die Anzahl der κλῆροι ver - doppelt3nach der wahr - ſcheinlichſien Angabe bei Plut. Lyk. 8. nach der Lykurg 4500 Looſe macht, und Polydoros eben ſo viel., der Umfang vielleicht verhaͤltnißmaͤßig noch mehr ausgedehnt wurde. Denn als die Spartiaten die Doriſchen Meſſenier, wie es ſcheint, vertrieben und das Land erobert hatten: traten zwar einige See - und Landſtaͤdte (Aſine, Mothone, Thuria, Aethaͤa) in das Perioͤken-Verhaͤltniß, aber der ſchoͤnſte Theil des an Aeckern, Baumpflanzungen und Viehweiden ſo rei - chen Landes4Platon Alkib. I. 122 d. Tyrtaͤos bei dem Schol. p. 78 Ruhnk. und zu Geſetz. 1. p. 220. vgl. Bd. 2. S. 70. Die Ebene am Pamiſos giebt an manchen Stel - wurde Spartiatiſch; und die zuruͤckge -48 bliebenen Landbauer Heloten1Pauſ. 4, 24, 2. τὴν μὲν ἄλλην πλὴν τῆς Ασιναίων αὐτοὶ διελὰγχανον. vgl. 3, 20, 6. Zenob. 5, 39. Apoſtol. 7, 33. δου - λότεϱος Μεσσηνίων. vgl. Etymol. Εἵλωτες. Etym. Gudian. 167, 32.. Dieſe waren es vor - zugsweiſe, welche Ol. 78, 4. bei dem großen Erdbeben nebſt den zwei letztgenannten Perioͤkenſtaͤdten ſich erho - ben, die alte Feſte Ithome verſchanzten, und hernach zum Theil auswanderten2Thuk. 1, 100. πλεῖστοι δὲ τῶν Εἱλώτων ἐγένοντο οἱ τῶν παλαιῶν Μεσσηνίων τότε (ſchr. ποτὲ) δουλωϑέντων ἀπόγο - νοι. Plut. Kimon 16. Lyk. 28. Diodor 11, 53 sq. unterſcheiden dabei die Heloten faͤlſchlich von den Meſſeniern, vgl. Bd. 2. S. 189.. Waͤre aber dieſer Aufſtand allen Heloten allgemein geweſen, wie Diodor vorgiebt: wie haͤtten dann die Spartiaten die Empoͤrer aus dem Lande ziehen laſſen koͤnnen, ohne es der Bebauer gaͤnzlich zu berauben? Auch nach der Schlacht von Leuktra fielen nicht die Lakoniſchen, nur die Meſſeniſchen Heloten ab3vgl. Xen. Hell. 7, 2, 2. mit 6, 5, 27., und waren ohne Zweifel die hauptſaͤch - lichſten Erneuerer Meſſeniens, welche in der neuen Stadt ein demokratiſches Buͤrgerrecht erhielten4Po - lob. 7, 10, 1. vgl. 4, 32, 1. und Manſos 3, 2. S. 80. Exeurs uͤber Meſſeniens Erneuerung..

7.

In Lakonien ſelbſt gehoͤrte den Spartiaten nach Agis Rhetra, die wahrſcheinlich nur den fruͤheren Zu - ſtand erneuern ſollte, das Mittelland, welches vom Taygetos gegen Weſten, dem Fluͤßchen von Pellene und Sellaſia gegen Norden begraͤnzt war, und ſich gegen Oſten auf Malea hin erſtreckte5Plut. Agis 8. Μαλἐαν iſt vielleicht verdorben., und dies bebauten alſo damals die Heloten. Hiebei entſteht die Frage: wer denn die in dieſem Diſtrikt gelegenen Ortſchaften, wie z. B. Amyklaͤ, Therapne, Pharis, bewohnte. Die He -4len die Erndte 30 mal wieder, und wird zweimal des Jabrs beſaͤt. Sibthorp in Walpole’s Memoirs p. 60.49 loten gewiß nicht allein, da es z. B. eine bedeutende Anzahl Hopliten von Amyklaͤ im Lakedaͤmoniſchen Heere gab1Xen. Hell. 4, 5, 11., die alſo entweder Spartiaten oder Perioͤken waren. Ob nun die Letztern hier mitten im Weichbilde der Stadt kleine Diſtrikte bewohnten, oder Spartiaten auch außerhalb der Stadt auf den Landſtaͤdten wohn - ten, iſt nicht voͤllig zu entſcheiden. Jenes iſt wahr - ſcheinlicher, da es doch auch Perioͤken ganz in der Naͤhe der Stadt gab2Thuk. 4, 8. οἱ ἐγγύτατα τῶν πεϱιοίκων.; und von den Andern zwar erwaͤhnt wird, daß ſie auf dem Lande3ἐπ̕ ἀγϱῷ, ἐν τοῖς χωϱίοις. vgl. oben S. 37, 3. Wohnungen, nie aber daß ſie in andern Staͤdten Haͤuſer hatten außer Spar - ta und einigen umliegenden Komen.

Dies fuͤhrt uns wieder darauf, die Loͤſung der ſchwierigen Aufgabe zu verſuchen: was denn eigentlich jene Phylen, wie ſie die Grammatiker bisweilen nen - nen4Steph. V. Μεσόα τόπος Λακωνικῆς. φυλὴ Λα - κωνική. Heſych Κυνόσουϱα φυλὴ Λακωνική. vgl. Schol. Kallim. auf Art. 94. Heſych Πιτάνη φυλή., Pitana, Limnae od. Limnaͤon, Meſoa und Kynoſura, bedeuten, die auch Pauſanias auf dieſe Weiſe als Abtheilungen des Volkes verbindet53, 16, 6.. Pauſanias nun nennt ſie als Abtheilungen der Spartiaten, und es ſcheint, daß man ihm folgen muͤſſe. Denn wenn in einer Amyklaͤiſchen Inſchrift6aus Fourwonts Nachlaß mitgetheilt von Raoul-Roch. sur l’authent, des inscr. de Fourmont p. 131. ein Epimelet fuͤr die Fremden zu Amyklaͤ Damatrios ein Meſoat genannt, und in einer andern ein Gymna - ſiarch aus Roͤmiſcher Zeit als aus der Phyle der Ky - noſureer bezeichnet wird7Auch aus Fourmonts Papieren, wo eigentlich ſteht: ΑΙΙΟ ΦϒΛΗΣ ΚϒΝΟΟϒΡΕΩΝ. Ebd. kommt ein διαβετης Λιμναιων (ob διοικητης Λιμνατων) vor.: ſo kann man ſich dieſe Per -III. 450ſonen gewiß nicht als Perioͤken denken1Auch wird Thraſybulos (Epigr. Plut. Apophth. Lac. p. 242. Anthol. Palat. 7, 229.), offenbar ein Spartiat, nach Pitana zuruͤckgebracht, und ſo iſt auch Archias, der Pitanat, bei Herod. 3, 55., ſicher ein Spartiat. Vgl. noch Str. 5, 250.. Und wenn Alkman nach glaublicher Nachricht ein Meſoat war2Suid. Frgm. 2 Welcker.: ſo kann man auch darunter einen Buͤrger Sparta’s (wenn auch von einem niedern Grade) verſtehen, ohne mit Herodot in Widerſpruch zu kommen, der nur laͤug - net, daß irgend ein Fremder außer Tiſamenos u. He - gias Spartiat geworden ſei39, 35. Indeß ſagt auch Heraklid. Pont. von Alkman blos: ἠλευθεϱώθη.. Ferner iſt klar, daß Pitana, Limnaͤ, Meſoa und Kynoſura Namen von Or - ten waren, wie aus der Zuſammenſtellung der Nach - richten uͤber ſelbige hervorgeht. Am meiſten wiſſen wir von Pitana, einem alten ohne Zweifel vordoriſchen Orte4Pindar O. 6, 28. Eurip. Troad. 1116. Μενέλαος Πιτανάτης bei Heſych., der ſo bedeutend war, daß er eigene gymni - ſche Agonen hatte5Heſych Πι - τανάτης., und einen eigenen Lochos Pitana - tes ſtellte6Her. 9, 53. Thuk. 1, 20. kannte ihn nicht mehr. Aber noch Caracalla bildete ſich aus Nachaͤffung des Alterthums aus Spart. einen λόχος Πιτανάτης. Herodian 4, 8.. Herodot, der ſelbſt da war, nennt ihn einen Demos73, 55., und zwar wiſſen wir, daß er in der Naͤhe des Tempels und feſten Ortes Iſſorion8Polyaͤn 2, 1, 14. vgl. Plut. Ageſ. 32. lag, der nach Pauſanias Topographie Sparta’s am weſtli - lichſten Ende der Stadt gelegen haben muß9Pauſ. 3, 14, 2. In der Naͤhe lag Oenus nach Athen. 1, 31 c. und auch dies nahe bei der Stadt. Plut. Lyk. 6. Vgl. die Karte.. Auch erwaͤhnt dieſer Schriftſteller in dieſer Gegend die Halle (λέσχη) der Krotanen, welche eine Abtheilung der Pitanaten waren. So wiſſen wir denn, daß Pitana weſtlich von Sparta lag, außerhalb der Stadt nach51 Herodot1Auch nach Plut. de exil. 6., innerhalb, wie es ſcheint, bei Pauſanias. So war auch Limnaͤ nach Strabon eine Vorſtadt von Sparta28, 363 a. Ohne Zweifel die Sumpfgegend am Eurotas, der hier oͤfter uͤbertritt. Vgl. oben Bd. 2. S. 74., aber zugleich ein Theil der Stadt, wie auch nach demſelben Meſoa3364 a. vgl. Tzſchucke p. 184., wohin doch nach Pauſ. der Achaͤer Preugenes das den Doriern zu Sparta entriſſene Bild der Artemis brachte47, 20, 4.. Aus allen dem ſich blos ſcheinbar widerſprechenden folgt, daß dieſe Orte nichts anders als die Komaͤ waren, aus welchen nach Thukydides51, 10. die Stadt Sparta beſtand, und die um die eigentliche πόλις nach allen Seiten herum la - gen, aber von einander durch Zwiſchenraͤume getrennt waren, bis man ſie ſpaͤter, wohl zur Zeit, da Sparta in Makedoniſcher Periode ummauert wurde, zuſammen - zog und vereinigte.

4 *52

4.

1.

Nachdem wir ſo die beiden Staͤnde der Unterthaͤ - nigkeit in dem Doriſchen Normalſtaate Sparta auseinan - der geſtellt haben, werden wir die Spuren derſelben oder aͤhnlicher Verhaͤltniſſe in vielen der uͤbrigen Staa - ten dieſes Volksſtammes nachweiſen. Da nun in Kreta das Doriſche Leben zuerſt feſt gegruͤndet wurde, indem hier gluͤckliche Umſtaͤnde dem Stamme einen reichlichen Landbeſitz und eine ungefaͤhrdete Herrſchaft verſchafft hatten: ſo muͤſſen auch die Verhaͤltniſſe zu den Landes - einwohnern hier am fruͤheſten zu einer ſtetigen Ordnung geregelt worden ſein, fuͤr die es ein guͤnſtiges Vorur - theil erwecken muß, wenn Ariſtoteles von keiner Em - poͤrung der Knechte gegen die Herren erfuhr12, 6, 3. Ueber die Sklaven Kreta’s Manſo Sparta 1, 2. S. 105. Ste Croix sur la legisl. de Crète p. 373. hat Alles verwirrt.. Der Doriſche Sinn forderte hier wie anderswo Freiheit von jedem Nahrungsgeſchaͤft, welchen Hybrias, der Kreter, in ſeinem Skolion offen und keck ſo ausſpricht, daß er mit Lanze, Schwerdt und Tartſche ackere, erndte und winzere und darum Herr der Mnoia heiße2Aehnlich ſagten die Lakedaͤmonier nach Cic. de rep. 3, 9. (vgl. Plut. Lak. Apopht. p. 179. 201. ) ſpruͤchwoͤrtlich suos omnes agros, quos spiculo possent attingere. . Aber auch hier mußten verſchiedene Claſſen von Unter -53 thanen ſtatt finden. Soſikrates und Doſiadas, glaub - wuͤrdige Schriftſteller uͤber Kreta, nennen drei Claſſen, die Staatsknechtſchaft, (κοινὴ δουλεία) von den Kretern Μνοἆα genannt, die Knechte der einzelnen Buͤrger, Ἀφα - μιώτας, u. die Perioͤken, Ὑπηκόους. Nun wiſſen wir im Einzelnen, daß die Aphamioten ihren Namen von der Beſtellung der Aecker der Privaten (kretiſch ἀφαμίαι) hatten, und ſonach landbauende Leibeigene waren1Athen. 6, 263 e. Heſych. Euſt. Il. 15, 1024 R. Ruhnken ad Tim. p. 283.. Mit ihnen treffen zuſammen die von jenen Schriftſtel - lern eben darum nicht ſpeciell erwaͤhnten Klaroten, denn wenn auch die gewoͤhnliche Namenserklaͤrung ſie von dem uͤber die Kriegsgefangenen geworfenen Looſe benennen laͤßt, leitet man den Namen doch gewiß na - tuͤrlicher von den einzelnen Ackerlooſen oder Guͤtern der Buͤrger, den κλήροις, ab. Aber nach jeder dieſer Erklaͤrungen ſind ſie immer den einzelnen Buͤrgern an - gehoͤrige Leibeigene; und Klaroten wie Aphamioten werden daher ganz richtig mit den Heloten verglichen2Strabo 15, 701. Etym. M. πενέσται. Photios p. 124 und 300. Lex. Seguer. 1. p. 292. emd. von Meineke Eupher. p. 142., und wie von dieſen die Lakoniſchen, ſo waren von jenen die Kretiſchen Perioͤken grundverſchieden: ob - gleich Ariſtoteles den von den Kretiſchen Schriftſtellern genau beobachteten Unterſchied vernachlaͤſſigt3Pol. 2, 7, 3. vgl. 2, 2, 13. Schneider.. Zwei - tens wird die Μνοῖα (μνῷα) von denen, welche genauer reden, eben ſo von dem Stande der Perioͤken als der Eigenknechte unterſchieden, und als eine Staatsfrohne bezeichnet; wornach anzunehmen iſt, daß jeder Staat in Kreta ein Gemeinland beſaß, welches die Mnoten in denſelben Verhaͤltniſſen bebauten, wie die Aphamio - ten die abgetheilten Grundſtuͤcke. Indeſſen wird ſehr54 oft dieſer Name auf alle Frohnknechte ausgedehnt, wie ſchon in dem Liede des Hybrias1So auch bei Str. 12, 542 c.: die Knechte der Hera - kleoten dienen nach denſelben Bedingungen wie Μνῷα σύνοδος ἐϑήτευεν. Vgl. Hermon bei Athen. 6, 267 b., wo Euſt. Il. 15, 1024 Rom. μνῷται οἱ ἐγγενεῖς οἰκέται, (die Eingebornen im Gegenſatze der Gekauften) die richtige Lesart bewahrt zu haben ſcheint. vgl. zur Il. 13, 954. Heſych 2. S. 611. Pollux 3, 8, 83. κλαϱῶται και μνωΐται. Steph. Χίος: (aus derſelben Quelle, wo Pollux) οὗτοι δὲ πϱῶτοι ἐχϱήσαντο ϑεϱάπουσιν ὡς Λακεδαιμόνιοι τοῖς εἵλωσι καὶ Ἀϱγεῖοι τοῖς γυμνησίοις καὶ Σικυώνιοι τοῖς κοϱυνηφόϱοις καὶ Ἰταλιῶται τοῖς Πελασγοῖς (daraus erklaͤrt ſich Cicero de fin. 2, 4. wie ſchon Victor. Varr. lectt. 1, 10. geſehn,) καὶ Κϱῆτες δμωΐ - ταις. Schreibe μνωΐταις, in der weitern Bedeutung des Wortes. Eben ſo Euſt. zu Dion. P. 5, 33., den ſchon Meineke a. O. corri - girt hat.. Die Perioͤken end - lich bildeten wohl in Kreta, wie in Lakonien, abhaͤngige und tributaͤre Gemeinden: ihre Abgabe wurde ſo wie der Ertrag des Gemeinlandes zum Theil auf die oͤffentli - chen Mahlzeiten gewandt2Ariſtot. a. O. ἐκ τῶν δημοσίων καὶ φόϱων οὓς φέϱουσιν οἱ πεϱίοικοι.; zu denen auch noch nach Doſiadas3bei Athen. 4, 143 a. in Lyktos jeder Knecht einen Aeginetiſchen Stater beiſteuerte: wobei man an Perioͤken nicht den - ken darf, weil dieſe der genaue Schriftſteller nicht Knechte nennen konnte, auch nicht an die vom Aus - lande gekauften und in den Staͤdten dienenden Sklaven, (χρυσώνητοι in Kreta), weil bei dieſen auf ein eige - nes Vermoͤgen nicht mit Sicherheit gerechnet werden konnte; endlich auch an die Mnoten nicht, weil dieſe als Staatsknechte außer Zuſammenhang mit den Ein - zelnen, und alſo auch mit dieſen Speiſegeſellſchaften ſtanden. Alſo ſind es die Klaroten (Aphamioten), wel - che ihren Herren außer der Abgabe in Naturalien auch noch dieſen Geldbeitrag ſchuldig waren, mit welchem wahrſcheinlich das noͤthige Geraͤth beſtritten wurde. 55Uebrigens iſt nicht wohl daran zu denken, daß die Leibeigenen an der taͤglichen Mahlzeit Theil genommen haͤtten1An den Hermden indeß ſpeisten die Sklaven oͤffentlich, und ihre Herren bedienten ſie ſogar, wie zu Troͤzen im Mon. Ge - raͤſtion, Karyſtios bei Athen. 14, 639 b. vgl. 6, 263 f. In Sparta luden die Herren die Knechte an den Hyakinthien zu Gaſte, Poly - krates bei Ath. 4, 139 b. .

Vielleicht war aber in keinem griechiſchen Staate der unfreie Stand minder gedruͤckt als in Kreta. Es war ihnen im Allgemeinen jede Thaͤtigkeit und jedes Geſchaͤft geſtattet, mit Ausnahme der Eymnaſien und des Waffenfuͤhrens2Ariſtot. Pol. 2, 2, 1. Daher hielten auch die Perioͤken ſo feſt an der alten Minoiſchen Geſetzgebung, daß ſie dieſelbe auch dann noch beobachteten, als die Dorier der Stadt Lyktos davon abgewichen waren3Pol. 2, 8, 5.. Ueber - haupt war Kreta unter allen Doriſchen Staaten darin am gluͤcklichſten, daß es ſeine Inſtitute ohne bedeutenden Widerſtand mit Kraft und Ruhe durchſetzen konnte, obgleich durch das gefahrloſe Gluͤck und den weitver - breiteten Verkehr auch zeitiger Verfall der alten Sitte herbeigefuͤhrt wurde. Das Umgekehrte fand in Argos ſtatt, deſſen Doriſche Einwohner von allen Seiten bedraͤngt, ſich darum am Ende des Dorismus entaͤu - ßern und mit den alten Landeseinwohnern verſchmelzen mußten. Daher wir zwar auch hier anfangs Unter - thanen und Leibeigene geſchieden, aber ſchon fruͤh das Verhaͤltniß verwirrt und eine ganz veraͤnderte Stellung eingeleitet finden.

2.

Argos hatte Leibeigene, die mit den Heloten verglichen und Gymneſioi genannt werden4Heſych a. O. Pollux u. Steph. B. a. O.. Der Name buͤrgt fuͤr die Richtigkeit der Vergleichung. Denn er bezeichnet dieſe Knechte als leichtbewaffnete Beglei -56 ter ihrer Herren (γύμνητες). Daher hieß auch dieſelbe Klaſſe Dienſtleute in Sikyon Korynephoren, weil ſie nur Keule und Knittel, nicht Schwerdt und Lanze tru - gen, wie die geharniſchten Dorier. Auf dieſe Gymne - ſier bezieht ſich die Erzaͤhlung Herodots16, 83.: Als durch Kleomenes, Koͤnig Sparta’s, in der Schlacht am Siebenten ſechstauſend27, 148. Dort wird die Schlacht gegen die obige, Bd. 2. S. 172, auf Pauſ. gegruͤndete Rechnung, ganz nah vor Anfang des Perſerkrieges geruͤckt, wie nicht blos aus dem νεωστὶ, ſondern ſchon daraus hervorgeht, daß die Arg, einen 30jaͤh - rigen Frieden verlangen, damit die Kinder der Erſchlagenen heran - wachſen koͤnnen. Darnach muͤßten die Gymneſier ſich erſt nach dem Perſerkriege, von Argos vertrieben, der Stadt Tiryns bemaͤch - tigt haben, (denn daß ſie waͤhrend deſſelben nicht da waren, kann man aus Herod. 9, 28. ſchließen,) und die endliche Beſiegung der - ſelben traͤfe dann wohl mit der Eroberung von Tiryns (Bd. 2. S. 174.) zuſammen. Waͤre das Orakel 6, 19. genau (καὶ τότε) in Erfuͤllung gegangen: ſo muͤßte die Schlacht Ol. 70, 3. treffen, aber darauf wird man keine Rechnung gruͤnden wollen. Buͤrger von Argos gefallen waren: bemaͤchtigten ſich die Knechte des Staats, und verwalteten und beherrſchten ihn ſo lange, bis die Soͤhne der Erſchlagenen herangewachſen waren. Wir ſehen, daß die Zahl der Argeiiſchen Dorier durch den Fall von 6000 ziemlich erſchoͤpft war, und daß zunaͤchſt um die Stadt nur Leibeigene wohnten, weil die Herr - ſchaft ſonſt nicht haͤtte in deren Hand fallen koͤnnen. An gekaufte Sklaven aus Barbarenlaͤndern darf man hier gar nicht denken, weil dieſe einen Hellenen-Staat wohl ſo wenig regieren konnten, als die Affen in der Fabel das Schiff3Es gilt derſelbe Schluß wie von den Sklaven, die ſich Volſinii’s be - maͤchtigten, ſ. Niebuhrs R. G. 1. S. 82.. Hernach wurden die Knechte von der herangewachſenen Jugend nach Tiryns vertrieben,57 dann nach langem Kriege, wie es ſcheint, auch von da verjagt, oder von neuem unterworfen1Von der Freilaſſung Argeiiſcher Knechte ſpricht die Stelle Heſych s. v. ἐλείθεϱον ὕδωϱ: ἐν Ἄϱγει ἀπὸ τῆς Συναγεέας (ob ΦϒΣΑΔΕΙΛΣ, vgl. Kallim. Bad der Pall. 47. Euphorion Fr. 19 Meineke) πίνουσι κϱήνης ἐλευθεϱούμενοι τῶν οἰκετῶν..

Aber auch Perioͤken hatten die Argeier2Ariſt. Pol. 5, 2, 8., welche mit einem beſondern Namen Orneaten genannt wurden. So hießen eigentlich die Einwohner einer Stadt Orneaͤ in den Graͤnzgebirgen gegen Mantinea, welche, lange unabhaͤngig, doch endlich, etwa gegen Olymp 50.3Bd. 2. S. 159., von den Argeiern unterworfen wurde; und dann von dieſem Orte die ganze Claſſe von Perioͤken. Dieſe Or - neaten oder Perioͤken bildeten alſo Gemeinden fuͤr ſich, wie die Lakoniſchen, und zwar bis gegen den Perſi - ſchen Krieg. Denn zu dieſer Zeit zogen die Argeier, wie oben nachgewieſen, die umliegenden Perioͤkiſchen Gemeinden4nicht die Gymne - ſier ſ. Bd. 2. S. 174, 1. zur Ergaͤnzung und Vermehrung ihrer eigenen Zahl an ſich, und machten ſie zu Stadtbuͤr - gern: womit eine ganz neue Periode in der Argeiiſchen Verfaſſungsgeſchichte anhebt, deren Verhaͤltniſſe als bekannter oͤfter mit Unrecht auf die fruͤhern Zeiten uͤbergetragen worden ſind. So ſagt Iſokrates5Panathen. 73. vgl. 99. So glaube ich auch, daß ſich Pauſ. taͤuſchen laſſen, wenn er 2, 19. den Arg. ſeit der aͤlteſten Zeit Liebe zur Iſegorie und Volksfreiheit bei - ſchreibt., daß die Dorier von Argos, wie von Meſſene, die fruͤhern Landeseinwohner (als συνοίκους) mit in die Stadt aufgenommen, und ihnen mit Ausnahme der Ehren - ſtellen gleiches Buͤrgerrecht gegeben haͤtten, und ſtellt damit das Verfahren der Spartiaten in einen Gegen - ſatz, der, wie nunmehro Jeder ſieht, durchaus nichtig58 iſt. Die nun eingeleitete Umwaͤlzung der Verfaſſung in Argos war etwa eben ſo groß, als wenn in Lako - nika die geſammte Volksmenge der Perioͤken ſich zur ſouve - raͤnen Gemeinde erklaͤrt haͤtte. Denn dieſe in die Stadt aufgenommenen Neubuͤrger ſcheinen bald das voͤllige Buͤrgerrecht der alten verlangt und erhalten zu haben, daher ſeit der angegebenen Epoche in Argos die De - mokratie maͤchtig uͤberhand nimmt. Sie konnte nicht ohne das Verſchwinden des eigentlichen Dorismus ein - treten, das ſich auch durch verringerte Waffenkunde bekundet; daher die Volksgemeinde hernach ſelbſt dar - auf verfiel, ein ſtehendes Heer von tauſend Buͤrgern edler Familien unter Heerfuͤhrern von großer Civilge - walt zu bilden, welches aber ſogleich wieder eine druͤ - ckende Oligarchie einzufuͤhren ſtrebte, bis es der zu maͤchtig gewordenen Demokratie erlag. Doch davon unten weiter2Zur Vergleichung dient auch die Eleiſche Πεϱιοι - κἱς. So hieß alles Land, welches die Eleer zu ihrem eigentlichen Beſitz, der ΚοιλὴἨλις, hinzuerobert hatten (Thuk. 2, 25. Xen. Hell. 3, 2, 23.); aber auch dieſes war in Land-Phylen getheilt, die durch Landgewinn oder Verluſt zu - oder abnahmen. Pauſ. 5, 9, 5. Die Zahl der Hellanodiken, obgleich dieſe vom herrſchenden Stamme waren, (Pind. O. 3, 21.) richtete ſich nach der der Phylen. Pauſ. vgl. Ariſtodem von Elis bei Harpokr. Ἑλλαν. Etym. M. 331, 20..

Es iſt nicht bekannt, wie lange die Evidaurier den Unterſchied zwiſchen Stadtbewohnern und Acker - bauern feſthielten. Der Name Κονίποδες, Staubfuͤße, mit welchem das niedere Volk ehemals belegt wurde, bezeichnet ſein Landleben3Plut. Qu. Gr. 1. Heſych., und iſt wohl nicht blos1S. Thukyd. 5, 67. 72. Diod. 12, 80. Plut. Alkib. 15. Pauſ. 2, 20, 1., wo der Anfuͤhrer der 1000 λογἀδες Bryas heißt, beſonders Ariſt. Pol. 5, 4. vgl. Manſo 2. S. 432. Ein Beitrag zur Kenntniß der Verfaſſung von Argos mit den Gegenbemerkungen von Tittmann S. 602.59 Spottname. Daß es aber auch hier, wie in Argos, Buͤrger gab, die von Urſprung Nicht-Dorier waren, erweist das Vorkommen einer vierten Phyle außer den drei Doriſchen1K. 5..

3.

In Korinth und Sikyon ſcheint keine voll - kommene Scheidung der Dorier und Nicht-Dorier durchgeſetzt worden zu ſein. Beſonders in der erſtge - nannten Stadt mußten ſich die Einwohner mit den aͤltern Beſitzern vergleichen, und wurden wohl nur zum Mitbeſitz des Landes durch neue Vertheilung (ἐπ̕ ἀνα - δασμῷ) aufgenommen. Daher kommt es, daß in Ko - rinth nicht bloß die drei Doriſchen Phylen, von denen bald die Rede ſein wird, ſondern im Ganzen acht wa - ren, welche alle die Stadt bewohnten2Πάντα ὀκτώ. Suidas (in Schotts Prov. 11, 64.) Apoſtol. 15, 67.. Auch waren ſelbſt die Kypſeliden keine Dorier, und doch ſchon, ehe ſie Tyrannen wurden, angeſehene Buͤrger. Einen Ko - rinthiſchen Helotenſtand kann man in den Kynophaloi finden3Heſych. Nach Iſ. Voſſ. Κυνό - φυλοι., denen die Hundsmuͤtze der Peloponneſiſchen</