PRIMS Full-text transcription (HTML)
Problematiſche Naturen.
Problematiſche Naturen.
Roman
Zweiter Band.
Berlin.Verlag von Otto Janke. 1861.
[1]

Erſtes Kapitel.

Es waren ſeit dieſem Abend einige Tage verfloſſen.

Bemperlein war mit Julius nach Grünwald ab¬ gereiſt und hatte von dort aus ſchon an Melitta und an Oswald geſchrieben, der Erſteren, um zu melden, daß ſein Zögling in der ſehr liebenswürdigen Familie eines Beamten, der zwei Söhne faſt in demſelben Alter, wie Julius, habe, glücklich untergebracht ſei, an Oswald, daß er eine höchſt intereſſante Unter¬ redung mit Profeſſor Berger gehabt habe, deren In¬ halt er ſeinem neuen Freunde mittheilen wolle, wenn er in nächſter Woche nach Berkow zurückkäme, um definitiv Abſchied zu nehmen. Nur ſo viel wolle er ſagen, daß er in ſeinem Entſchlüſſe feſter wie je ſei und kaum die Zeit erwarten könne, ſich Hals über Kopf in ſeine neuen Studien zu ſtürzen.

Den Tag nach Herrn Bemperlein's Abreiſe war der Geometer von Grünwald in Grenwitz angekommen. F. Spielhagen, Problematiſche Naturen. II. 12aber nur ein paar Stunden geblieben, um mit dem Baron und der Baronin zu conferiren, und dann nach dem zweiten Gute, das vermeſſen werden ſollte, ge¬ fahren, wo er für's erſte ſein Wigwam aufſchlagen müßte, wie er zu Oswald ſagte. Oswald hatte in dem Geometer einen ſehr lebhaften, witzigen und wie es ſchien, ſehr beleſenen und vielfach gebildeten, noch jungen Mann kennen gelernt, und er freute ſich, dieſe Bekanntſchaft fortſetzen zu können, da Herr Timm in kurzer Zeit nach Grenwitz kommen mußte, um die Karten und Pläne zu zeichnen. Schon waren von der ſtets weit vorausſchauenden Baronin zwei Zimmer in demſelben Flügel des Schloſſes, in welchem Oswald wohnte, für ihn beſtimmt und mit großen Tiſchen u. ſ. w. ſchicklich eingerichtet.

Auf den Sonntag waren die Herrſchaften von Grenwitz nebſt Herrn Doctor Stein zu Herrn von Barnewitz, dem Vetter Melitta's, eingeladen. Oswald hatte große Luſt gehabt, dieſe Einladung rundweg auszuſchlagen, und hatte ſich nur auf Melitta's Zu¬ reden bewegen laſſen, von der Partie zu ſein.

Was ſoll ich dort? hatte er zu Melitta geſagt, man ladet mich nur ein, entweder weil es an Tän¬ zern fehlt, oder um dem alten Baron eine Höflichkeit zu erweiſen, in keinem Fall um meiner ſelbſt willen. 3Ich werde in der Geſellſchaft wie ein Mohikaner unter den Irokeſen, wie ein Spion im Lager an¬ geſehen werden. Ich kenne den Adel. Der Adlige iſt nur höflich und liebenswürdig gegen den Bürger¬ lichen, ſo lange er mit ihm allein iſt; ſind mehre Adlige bei einander, ſo fließen ſie zuſammen wie Queckſilber und kehren gegen den Bürgerlichen den esprit de corps heraus. Ich ſage Dir, Melitta, ich kenne die Adligen und ich haſſe die Adligen.

Aber Du liebſt doch mich, Oswald, und ich ge¬ höre doch auch zu der verfehmten Klaſſe.

Leider, ſagte Oswald, und es iſt das der einzige Fehler, Du Holde, den ich an Dir habe ent¬ decken können. Aber dann biſt Du ſo engelgut und lieb, und da gehſt Du durch dieſen Schwefelpfuhl, ohne auch nur den Saum Deines leuchtenden Ge¬ wandes zu beflecken. Und ſo ſehr Du auch im Ver¬ gleich mit dieſen eitlen, dummen Pfauen gewinnen mußt, ſo fürchte ich doch, daß von dem feurigen Haß, den ich gegen die ganze Sippſchaft habe, unverſehens auch ein Funken auf Dich ſpritzen könnte. Jetzt biſt Du mir eine Königin, eine Chatelaine, die aus ihrem Schloß ſich weggeſtohlen hat, den Herzallerliebſten flüchtig zu umarmen, und ich vergeſſe Deinen Rang, Deine Hoheit hier in dieſer traulichen Waldeinſamkeit. 1*4Du biſt mir nur das geliebte angebetete Weib, die Krone der Schöpfung, biſt, was Du mir auch im Ge¬ wande der Bettlerin ſein würdeſt dort aber im kerzenerhellten Saale, umgeben von Deinen Granden, von Allen gehuldigt und gefeiert, kann ich meine Augen vor dem Glanze nicht verſchließen, und werde ſchmerz¬ lich daran erinnert werden, daß ich aus meiner Nie¬ drigkeit nicht hätte wagen ſollen, ſie zu ſolcher Höhe zu erheben.

Sieh, Oswald, ſagte Melitta, und ihre Augen ruhten feſt in den ſeinen; iſt das nun gut von Dir? Spotteſt Du nicht meiner, indem Du ſo ſprichſt? Höre ich es nicht in dem herben Ton Deiner Stimme, ſehe ich es nicht an dem unruhigen Blitzen Deiner Augen, das ſo ſeltſam mit ihrem ſonſtigen tiefen, klaren Licht contraſtirt, daß Du recht wohl fühlſt, wie Du traft Deines Geiſtes, kraft Deiner ſtolzen männlichen Schönheit und Stärke unter uns Anderen einher¬ ſchreiteſt, wie der geborene Herrſcher? Ich habe mich Dir ergeben mit Leib und Seele, Du biſt mein Herr und Gebieter, ich würde mich ſelbſt Deiner tollſten Laune willig fügen, ich würde von Dir das Bitterſte ertragen, von Deiner Hand würde mir der Tod nicht grauſig ſein aber weshalb auch nur einen Tropfen Wermuth in den Kelch der Liebe miſchen,5 aus dem ich mit ſo vollen, durſtigen Zügen ſchlürfe. Oswald ſpotte meiner nicht!

Ich ſpotte Deiner nicht, Melitta; ich bin von Deiner Liebe überzeugt, trotz dem, daß ich ſie, weiß Gott, wenig verdiene; ich weiß, daß Deine Liebe de¬ müthig iſt, wie es die Liebe iſt, die Alles duldet und Alles glaubt, und nimmer aufhören wird aber ſieh, Du Theure, das iſt ja eben der Fluch dieſer ver¬ ruchten Inſtitutionen, daß ſie Haß und Zwietracht und Mißtrauen ſäen in die Herzen der Menſchen, ſelbſt in ſolche Herzen, die von Gott für einander geſchaffen ſcheinen. Und dieſer giftige Samen wuchert auf und überwuchert der Liebe rothe Roſen. Ich ſchelte Dich nicht, daß dem ſo iſt, ich ſchelte überhaupt keinen Einzelnen, der ja, ohne es vielleicht zu wiſſen, unter dieſer naturwidrigen Trennung ebenſo leidet wie ich. Aber daß dem ſo iſt, davon ſei überzeugt. Nie wird der Katholik in dem Proteſtanten, nie der Adlige in dem Bürgerlichen, nie der Chriſt in dem Juden und umgekehrt wahrhaft ſeines Gleichen ſehen ſeinen Bruder! Nathan's frommer Wunſch, daß es dem Menſchen doch endlich genügen möchte, ein Menſch zu ſein, iſt noch lange nicht erfüllt, wer weiß, ob er in Jahrhunderten erfüllt ſein, ob er ſich auch nur jemals erfüllen wird.

6

Und bis dahin, ſagte Melitta in ihrem gewöhn¬ lichen ſchalkiſchen Ton, Oswald das Haar aus der Stirn ſtreichend, bis dahin, Du träumeriſcher Träu¬ mer und unverbeſſerlicher Weltverbeſſerer, wollen wir die kurzen Augenblicke genießen, und deshalb mußt Du morgen nach Barnewitz kommen. Bitte, bitte, lieber Oswald, ich will auch nur mit Dir ſprechen, nur mit Dir tanzen ich muß in dieſe eine Geſellſchaft gehen, um das Recht zu gewinnen, zehn andere auszuſchlagen, in denen ich in denen ich mich weniger frei fühlen würde, wie gerade in dieſer. Und ohne Dich habe ich nicht den mindeſten Genuß davon, im Gegen¬ theil, ich werde traurig ſein, wie ein Vögelchen, das man der Freiheit beraubt und in ein enges Bauer geſteckt hat. Wenn Du aber da biſt, liebes Herz, ſo will ich fröhlich ſein, und tanzen und ſingen nein, ſingen nicht, aber hübſch will ich ſein ſehr hübſch, und Alles Dir zu Ehren; ſoll ich weiß ge¬ hen? mit einer Camelie im Haar, oder einer Roſe? Du haſt mir noch gar nicht geſagt, wie Du mich am liebſten ſiehſt? Gott, welch 'hölzerner Ritter Du biſt.

Am nächſten Tage, es war ein Sonntag, Nach¬ mittags um 5 Uhr, hielt der Staatswagen vor dem Portale des Schloſſes in Grenwitz. Die ſchwerfälligen7 Braunen hatten das beſte Geſchirr mit den neuſilbernen Beſchlägen aufgelegt bekommen, der ſchweigſame Kut¬ ſcher ſeine Galalivree angezogen; der Baron den ſchwarzen Frack, in deſſen Knopfloch das Band des Ordens, den er bei irgend einer geheimnißollen Ge¬ legenheit von irgend einem der deutſchen Duodezfürſten bekommen hatte, und die Baronin ſelbſt ausnahms¬ weiſe eine Toilette gemacht, die ſie denn doch nur fünf Jahre älter erſcheinen ließ, als ſie wirklich war. Nachdem der nöthige Ballaſt von Mänteln und Shawls für die Rückfahrt eingenommen war, und die Baronin noch einmal vom Wagen aus Mademoiſelle Marguerite, die, wie es Oswald ſchien, viel lieber mitgefahren wäre, feierlich mit der Würde einer Caſtellanin belehnt und ein kurzes Examen von zehn Minuten angeſtellt hatte, um zu prüfen, ob die hübſche kleine Franzöſin auch noch alle die Verhaltungsmaßregeln für gewiſſe, genau ſtipulirte Fälle ordentlich im Kopfe habe ſetzte ſich das Fuhrwerk mit demjenigen Tempo in Bewegung, welches dieſer feierlichen Gelegenheit, dem Temperament der Braunen und den Grundſätzen des ſchweigſamen Kutſchers entſprach. Als ſie unter der Brücke wegfuhren, brachte Bruno, der Malten und ein paar Bauerknaben, die im Garten Unkraut gäte¬ ten, hier poſtirt hatte, den Davonziehenden ein ſo¬8 lennes dreimaliges Hurrah, ein Einfall, der ſelbſt die Lippen der Baronin zu einem Lächeln zu bewegen ver¬ mochte. Ueberhaupt war dieſe Dame, wahrſcheinlich um ſich auf die Geſellſchaft vorzubereiten, heute in der beſten und mittheilſamſten Stimmung. Sie fand das Wetter herrlich, nur ein wenig zu warm, den Weg vortrefflich, nur ein wenig zu ſtaubig; ſie freute ſich ſchon auf die Abendkühle beim Heimwege, nur fürchtete ſie, daß ſich bis zu der Zeit ein Gewitter zuſammengezogen haben würde, da ihr eine Wolke am weſtlichen Horizont ein ſehr verdächtiges Ausſehen zu haben ſchien. Darauf wurde die Frage erörtert, ob Fräulein Marguerite, wenn wirklich ein Gewitter aus¬ brechen ſollte ein Fall, für den ſie keine Inſtruc¬ tionen hatte wol die Fenſter in den Geſellſchafts¬ räumen im oberen Stock ſchließen laſſen, und über¬ haupt ihre Schuldigkeit thun würde. Da es nicht möglich war, eine Stimmenmehrheit zu erzielen, indem die Baronin die aufgeworfene Frage entſchieden ver¬ neinte, Oswald ſie eben ſo entſchieden bejahte, und der alte Baron ſich keine beſtimmte Anſicht zu bilden vermochte, ſo gab man die Debatte über dieſen Punkt auf und ging zur Erörterung des nicht weniger wich¬ tigen Punktes über, ob ſich der Graf Grieben von ſeinem akuten Rheumatismus wol ſo weit erholt haben9 würde, um an dem heutigen Zauberfeſt in Barnewitz Theil zu nehmen, oder nicht. Von dem Rheumatis¬ mus des Grafen Griebenk kam man dann auf die Gicht des Barons von Trantow und von dieſer ganz allmälig in den allbekannten Familienklatſch, der unter dem hohen und niedrigen Adel eben ſo im Schwunge iſt, wie bei Gevatter Schneider und Handſchuhmacher, nur daß man dort über von Hinz und von Kunz und hier ſchlechtweg über Hinz und Kunz ſpricht. Oswald hatte ſonſt die Gewohnheit, ſobald das Geſpräch auf dies beliebte Thema kam, nicht länger aufzumerken, und er hatte es in dieſer wichtigen Kunſt, zu hören und doch nicht zu hören, während der kurzen Zeit ſeines Aufenthaltes in Grenwitz ſchon zu einer be¬ deutenden Fertigkeit gebracht; heute aber, da er die Perſönlichkeiten, von denen er ſchon ſo oft gehört hatte, ſelber ſehen ſollte, war dies Thema nicht mehr ſo ganz unintereſſant für ihn, wie ſonſt, um ſo we¬ niger als Melitta's Namen zu wiederholten Malen genannt wurde. Er erfuhr bei dieſer Gelegenheit, daß Herr von Barnewitz und Melitta Geſchwiſterkinder wären, Melitta's Vater, der Bruder des alten Herrn von Barnewitz, welcher Herrn Bemperlein die Pfarre zugedacht hatte, Offizier in ſchwediſchen Dienſten ge¬ weſen, als ſolcher die Feldzüge gegen Napoleon mit¬10 gemacht und bald nach der Vermählung Melitta's mit Herrn von Berkow geſtorben ſei.

Uebrigens weißt Du, Grenwitz, ſagte die Baro¬ nin, Melitta wird heute nicht da ſein.

Oswald horchte hoch auf.

Woher weißt Du das, liebe Anna-Maria? ent¬ gegnete der Baron.

Ich habe mir von dem Bedienten die Einladungs¬ liſte geben laſſen, wie ich das immer thue, um zu wiſſen, wen man denn finden wird, und ſie ſorgfältig durchgeleſen. Frau von Berkow war nicht darauf verzeichnet.

Das wird ein Verſehen geweſen ſein.

Ich glaube nicht; Du weißt, Melitta und ihre Couſine ſind gerade nicht die größten Freundinnen, es wäre nicht das erſte Mal, daß man Melitta über¬ gangen hätte; aber dafür wird eine andere merk¬ würdige Perſönlichkeit zu finden ſein; rathe einmal, Grenwitz.

Der Fürſt von P., ſagte der alte Baron halb erſchrocken, und bedauerte ſchon heimlich, nicht den Orden ſelbſt und blos das Ordensband angelegt zu haben, doch nicht der Fürſt von P.?

Nein! Rathen Sie einmal, Herr Doctor.

Der Mann aus dem Monde?

11

Eine beinahe nicht weniger merkwürdige Perſon: der Baron Oldenburg; ſein Name ſtand, wie es ſich gehört, auf der Liſte gleich nach unſerem Namen.

Die Oldenburg's ſind ein alter Adel? fragte Oswald, der den Sinn jener Reihenfolge ſchon ver¬ muthete.

Die Oldenburg's ſind nach den Grenwitzen's der älteſte Adel hier im Lande, ſagte die Baronin mit einem unendlichen Selbſtgefühl. Die Grenwitzen's können ihren Stammbaum bis in den Anfang des zwölften Jahrhunderts verfolgen, die Oldenburg's ſind erſt aus dem Ende des dreizehnten Jahrhunderts, wo Adalbert, der Stammvater des Geſchlechts, von dem Kaiſer zum Reichbaron erhoben wurde.

Woher der Name Oldenburg? fragte Oswald.

Den Oldenburg's fehlt blos die Legitimität, um heut zu Tage ſo gut ſouverän zu ſein, wie viele Andere, die urſprünglich auch nur reichsfrei waren, wie wir.

Und was macht den Baron, abgeſehen von ſeiner erlauchten Abſtammung, zu einer ſo merkwürdigen Per¬ ſönlichkeit? fragte Oswald.

Die Baronin kam durch dieſe Frage einigermaßen in Verlegenheit. Das, was in ihren Augen vor allem merkwürdig am Baron erſchien, nämlich ſeine ſouve¬ räne Verachtung gegen Rang und Stand, ſein ſar¬12 kaſtiſches, höhniſches Weſen, ſeinen Standesgenoſſen gegenüber, deren Verehrung vor ſeinem altehrwür¬ digen Adel dadurch manchmal auf eine harte Probe geſtellt wurde dieſer merkwürdige, ja in ihren Augen geradezu unnatürliche Zug eignete ſich nicht zum Gegenſtand der Unterhaltung mit einem Bürger¬ lichen. Sie begnügte ſich alſo mit der vieldeutigen Antwort:

Der Baron hat über die meiſten Dinge die ſon¬ derbarſten Anſichten von der Welt, ſo daß man manch¬ mal wirklich für ſeinen Verſtand bange wird.

In dieſem Augenblick kam ein Reiter im Galopp aus einem Seitenwege heraus und parirte ſein Pferd vor dem vorbeifahrenden Wagen. Er war ein junger Mann mit hübſchem, braunem Geſicht, dem ein blon¬ der Schnurrbart ſehr gut ſtand.

Ah, gnädige Frau, Herr Baron freue mich unendlich, rief er, den Hut ziehend und an den Wagenſchlag heranreitend habe in[] einer Ewig¬ keit nicht das Vergnügen gehabt

Das kommt daher, mon cher, ſagte die Baronin mit holdeſtem Lächeln, weil Sie ſich ſeit einer Ewig¬ keit nicht bei uns auf Grenwitz ſehen ließen.

Ah, ſehr gütig, gnä ge Fra', ſehr gütig; gnä ge Fra' hatten noch nicht die Gnade, mich mit dem Herrn13 bekannt zu machen Baron Felix? nicht wahr? fuhr der Dandy fort, den Hut gegen Oswald lüftend.

Herr Doctor Stein, ſagte die Baronin, der Erzieher meines Sohnes Herr von Cloten

Ah, ah, in der That, ſagte Herr von Cloten freue mich außerordentlich ja, ja, was ich ſagen wollte, gnä ge Fra', wohin geht es? wenn man fragen darf?

Nach Barnewitz

Ah, wollte ebenfalls dorthin ruhig Robin, ruhig!

Aber Herr von Cloten, es iſt große Geſellſchaft, ſagte die Baronin, auf des Junkers Stulpenſtiefel und Jagdrock anſpielend.

Unmöglich, gnä ge Fra'; Barnewitz ſagte mir geſtern, als ich ihn zufällig traf, ich möchte zu einer Partie Boſton hinüberkommen, aber von einer Geſell¬ ſchaft hat er kein Wort geſagt.

Es iſt ein Scherz von Barnewitz; verlaſſen Sie ſich darauf.

Ah, ja, ſehr wahrſcheinlich; Barnewitz hat immer ſo tolle Einfälle; ruhig Robin! Teufelskerl, der Barnewitz ſich ſchon gefreut, mich in Stulpen¬ ſtiefeln in Salon treten zu ſehen Freude ver¬ derben Beſchwöre Sie, gnä ge Fra', meine Herren,14 erzählen Sie Niemand, daß Sie mich geſehen haben. In einer Viertelſtunde in Barnewitz. Au revoir!

Damit warf der junge Mann ſein Pferd herum und ſprengte in voller Carrière in der Richtung fort, aus der er gekommen war.

Bald darauf fuhr der Wagen über einen etwas holperigen Steindamm, der quer über den Gutshof von Barnewitz bis zu dem kiesbeſtreuten Platze vor dem Herrenhauſe führte.

Ein Diener trat an den Wagen, den Schlag her¬ unterzulaſſen; in der Thür erſchien die Geſtalt eines breitſchultrigen, bärtigen Mannes, der ſchön zu nennen geweſen wäre, wenn nicht Wohlleben und Indolenz die Harmonie der regelmäßigen Züge weſentlich be¬ einträchtigt hätte. Es war Malitta's Vetter, Herr von Barnewitz.

Sie ſind die Allererſten, wie Sie ſehen, ſagte er, die Gäſte in einen dreifenſtrigen Saal rechts vom Flure führend, wo ſie von Frau von Barnewitz, einer hübſchen Blondine, begrüßt wurden.

Sie wiſſen, daß ich die Pünktlichkeit über Alles liebe, erwiederte die Baronin, den ihr angebotenen Platz auf dem Sopha einnehmend.

Vortreffliche Eigenſchaft das, antwortete Herr von Barnewitz, ganz mein Grundſatz ſtets ge¬15 weſen im Leben und auf der Jagd die Haupt¬ ſache Schnepfe aufgeſtoßen Baff liegt pünktlich Ha ha ha.

Wie iſt es? ſagte die Baronin, zur Frau von Barnewitz gewendet, werden wir heute eine zahlreiche Geſellſchaft haben?

Nun vierzig bis fünfzig höchſtens.

Das heißt ſo ziemlich unſer ganzer Cirkel.

So ziemlich, ja.

Und wir ſprachen ſchon unterwegs darüber wird Ihre liebe Couſine erſcheinen?

Da müſſen Sie meinen Mann fragen, der die Einladungen beſorgt hat.

Ha, ha, ha, lachte Herr von Barnewitz. Köſt¬ licher Spaß, meine Herrſchaften, muß Ihnen erzählen, bevor die Andern kommen. Sie wiſſen, daß wir mit Melitta durch Italien reiſten, und daß ſich uns dort der Baron Oldenburg anſchloß. Wir lebten ſehr ver¬ gnügt zuſammen denn Oldenburg kann ſehr liebens¬ würdig ſein, wenn er will. Auf einmal war das gute Einvernehmen zum Teufel! entſchuldigen, gnädige Frau der Eine ging hier hin, der Andere dort hin. Melitta und Oldenburg ſagten ſich nur noch Malicen, und eines ſchönen Morgens war mein Ol¬ denburg fort verſchwunden Billet zurückgelaſſen:16 er fände die Luft in Sicilien zu drückend als an¬ gehender Schwindſüchtiger, und wollte einen kleinen Abſtecher nach Aegypten machen. Seit der Zeit ſind drei Jahre verfloſſen; jetzt iſt Oldenburg wieder hier; iſt aber nur bei mir geweſen, um mir, wie er ſagte, oder meiner Frau, wie ich ſage

Aber Karl .

Nun, liebe Hortenſe, unter Freunden muß ein Scherz erlaubt ſein; alſo um uns Beiden ſeine Auf¬ wartung zu machen. Als ich ihn neulich vorläufig einlade, ſagt er: ja, wenn Deine Couſine nicht kommt; als ich vor ein paar Tagen Melitta begegne und ſie frage, antwortete ſie: ja, wenn Dein Freund Olden¬ burg nicht kommt. Natürlich verſicherte ich Beiden, daß ſie ganz ruhig ſein könnten, ſie würden dem Ge¬ genſtande ihrer Abneigung nicht begegnen. Um die Sache noch glaublicher zu machen, ſchicke ich zwei Kerls aus mit zwei verſchiedenen Liſten, auf deren einer Melitta und der andern Oldenburg ſtand. Und nun kommen ſie alle Beide, iſt das nicht ein Haupt¬ ſpaß? Entſchuldigen Sie, meine Herrſchaften, ich höre ſo eben einen Wagen vorfahren.

Allmählig füllte ſich der Saal und die daran ſto¬ ßende Flucht hoher, ſchöner Zimmer, die auf der Hinterſeite des Hauſes wieder in einen Saal endigte,17 aus dem zwei Flügelthüren ein paar Stufen hinab in den Garten führten, mit Gäſten.

Oswald hatte ſich, nachdem er einigen Herren und Damen vorgeſtellt war, die ſeine Verbeugung mit jener kühlen Höflichkeit erwiederten, deren ſich der Adlige gegen einen Bürgerlichen, noch dazu in der untergeordneten Stellung, die er in den Augen dieſer Leute einnahm, ſtets befleißigt, in eine der Fenſterniſchen des Saales geſtellt, von wo aus er die Ankommenden draußen und die Geſellſchaft drinnen zugleich beobachten konnte. Ein junger Mann mit einnehmenden hübſchen Zügen und blauen freundlichen Augen geſellte ſich zu ihm.

Ich habe das Vergnügen, mit Herrn Doctor Stein zu ſprechen? Oswald verbeugte ſich.

Mein Name iſt von Langen. Ich höre, daß Sie während der letzten Jahre in Berlin ſtudirten. Haben Sie dort vielleicht die Bekanntſchaft eines Herrn P. gemacht? Er war Philolog und von der Schule her mein ſehr intimer Freund; es intereſſirt mich ſehr, zu erfahren, was aus ihm geworden iſt.

Zufällig kannte Oswald den Betreffenden, und konnte ſo Herrn von Langen die gewünſchte Auskunft geben. Die aufrichtige Theilnahme, die dieſer junge Mann für einen Menſchen an den Tag legte, der,F. Spielhagen, Problematiſche Naturen. II. 218wie Oswald wußte, außer vortrefflichen Anlagen und einem raſtloſen Fleiß keine anderen Empfehlungen auf Erden hatte, machte auf Oswald einen ſehr angenehmen Eindruck. Er ſah es daher, trotz ſeiner inneren Un¬ ruhe, nicht ungern, daß Herr von Langen große Luſt zu haben ſchien, das angefangene Geſpräch fortzuſetzen; auch that es ihm wohl, in dieſer Menge unbekannter Menſchen Einen zu haben, der ſeine Bekanntſchaft geſucht hatte.

Wie wär's, Herr von Langen, ſagte er nach einigem Hin - und Herreden, wenn Sie mir für die gute Auskunft, die ich Ihnen über einen Abweſenden geben konnte, Auskunft über einige Anweſende gäben. Wer iſt zum Beiſpiel der alte Herr dort im blauen Frack mit den weißen Haaren und dem rothen Geſicht, der ſo entſetzlich ſchreit, als ob er ſich Jemand, der auf der andern Seite eines toſenden Wildbachs ſteht, verſtändlich machen wollte?

Das iſt Graf Grieben, einer unſerer reichſten Edelleute. Sie kennen doch die hübſche Anecdote, die ihm vor einigen Jahren mit dem Landesherrn paſ¬ ſirt iſt?

Nein, wollen Sie ſie mir erzählen?

Der Landesherr beſucht auf einer Reiſe die nahe Hafenſtadt. An der Landungsbrücke, wo ſich die19 Spitzen der Behörden, der Adel und ſo weiter zu ſeinem Empfange eingefunden haben, hält des Grafen mit ſechs herrlichen Braunen beſpannte Equipage, auf jedem der Sattelpferde ein Jockey in der gräflichen Livree. Der König bewundert die ſchönen Thiere. Alles eigene Zucht, Majeſtät, ſchreit der Graf mit einer kühnen Handbewegung. Die Jockeys auch? antwortet der witzige Monarch.

Nicht übel, ſagte Oswald, und wer iſt die große ſtarke Dame mit den männlich-kühnen Zügen, die eben mit den drei ſchönen Mädchen in den Saal tritt?

Eine Baronin von Nadelitz mit ihren Töchtern. Sie iſt eine Katharina von Rußland im Kleinen. Ur¬ ſprünglich hütete ſie die Gänſe des Barons, ihres nachherigen Gemals. Sie ſoll ſo wunderbar ſchön geweſen ſein, daß ſich jeder Mann in ſie verlieben mußte, und dabei ſo guten Herzens, daß nicht leicht Jemand, ohne gehört zu werden, von ihr ging. So ſoll die Ehe nicht die glücklichſte geweſen ſein.

Die Töchter ſind auf alle Fälle ſehr hübſch, ſagte Oswald. Der Baron iſt alſo todt?

Ja; ſeitdem hat ſie, wie man zu ſagen pflegt, die Hoſen angezogen, das heißt diesmal in des Wortes ernſteſter Bedeutung. Ich ſelbſt habe ſie in Stulpen¬2*20ſtiefeln und Inexpreſſibeln mit ihrem Inſpector auf einem Felde gehen ſehen, auf dem man bei jedem Schritt bis über die Knöchel einſank.

Wer ſind die beiden hübſchen Mädchen, die eben Arm in Arm durch den Saal kommen?

Emilie von Breeſen und Lisbeth von Meyen; ſie ſind erſt letzte Oſtern eingeſegnet, und tragen, ſo viel ich weiß, heute zum erſten Mal lange Kleider. Soll ich Sie vorſtellen?

Oswald antwortete nicht; denn in dieſem Augen¬ blick ging die Thür auf und von Herrn von Barne¬ witz begleitet, deſſen Geſicht in der Erwartung der von ihm ſo fein eingefädelten Ueberraſchung vor Freude glänzte, trat ein Mann in den Saal, deſſen Erſchei¬ nung offenbar einige Senſation erregte. Die laute Stimme des Grafen Grieben verſtummte, einzelne Herren ſteckten die Köpfe zuſammen, und in dem Kreiſe der Damen um Frau von Barnewitz auf dem Sopha wurde es verhältnißmäßig ſtill. Der Ankömmling war ein Mann von hohem, aber allzu ſchlankem Wuchs, deſſen äußerſt nachläſſige Haltung das Mißverhältniß zwiſchen Höhe und Breite nur noch mehr hervortreten ließ. Auf dem langen Leibe ſaß ein kleiner Kopf, deſſen wohlgerundeter Schädel mit einem kurzen, ſtar¬ ren, ſchwarzen Haar bedeckt war. Ein Bart von der¬21 ſelben Beſchaffenheit zog ſich um Kinn und Wangen und Mund, ſo daß nur die obere Hälfte ſeines Ge¬ ſichts dem Phyſiognomen zur ungehinderten Beobach¬ tung blieb. Aber auf dieſer Hälfte ſtand ſchon des Räthſelhaften genug. Die Stirn war eher hoch als breit, aber von außerordentlich zarten und zugleich kühnen Linien umſchrieben. Ein Paar wie mit dem Pinſel gezeichnete Brauen zogen ſich in einer leichten Krümmung über einem Paar grauer Augen hin, deren Ausdruck in dieſem Momente wenigſtens, wo ſie raſch über die Verſammlung flogen, mindeſtens nicht an¬ genehm war, eben ſo wenig wie das Lächeln, das wie Wetterleuchten an der feinen, geraden Naſe mit den beweglichen Flügeln hinzuckte, und des Mannes ganze Antwort auf das luſtige Geſchwätz zu ſein ſchien, mit dem Herr von Barnewitz ihn überſchüttete, wäh¬ rend er ihn von der Thür bis zu dem Platze der Dame vom Hanſe auf dem Sopha begleitete. Frau von Barnewitz erhob ſich, den Ankömmling zu be¬ grüßen, der ihr die Hand küßte und nach einer leichten Verbeugung gegen die anderen Damen ſich auf einen leeren Stuhl neben ihr ſinken ließ und alsbald, ohne die Uebrigen weiter zu beachten, eine lebhafte Unter¬ haltung mit ihr begann.

Oswald hatte den Ankömmling mit dem Auge des22 Indianers, der den Spuren ſeines Todfeindes nach¬ ſpürt, beobachtet, denn er hatte auf den erſten Blick jenen Reiter wieder erkannt, der ihm und Bemperlein im Walde begegnete. Es war Baron Oldenburg.

Nun geben Sie Acht, ſagte Herr von Barnewitz, auf Oswald zutretend und ſich vergnügt die Hände reibend.

Ich bin ganz Auge, ſagte Oswald mit einem nicht eben ſehr natürlichen Lächeln.

Worauf ſollen Sie Acht geben? fragte Herr von Langen, während Barnewitz ſich zu einer andern Gruppe wandte.

Herr von Barnewitz hatte die Güte gehabt, mich auf Baron Oldenburg, der eben eintrat, als auf einen höchſt intereſſanten Mann aufmerkſam zu machen.

Ah, iſt das Oldenburg, ſagte Herr von Langen, ich kannte ihn noch nicht.

Da fuhr ein Wagen vor und Oswald erkannte in der Dame, die ausſtieg, Melitta. Es war ein Glück für ihn, das Herr von Langen in dieſem Augenblicke die Sopharegion lorgnettirte, denn er hätte unmöglich ſeine Aufregung verbergen können. Die paar Minuten, die Melitta in dem Toilettenzimmer zubrachte, erſchienen ihm wie eine Ewigkeit. Endlich trat ſie durch die offene Thür herein, und Oswald ſchien plötzlich der23 ganze Saal mit Licht und Roſen angefüllt. Melitta trug ein weißes Kleid, das Buſen und Schultern züchtig verhüllte, und den ſchlanken, ſchönen Hals in einer leichten Krauſe umſchloß. Ein Shawl lag leicht auf den runden Schultern. Eine dunkelrothe Camelie im Haar, das war ihr ganzer Schmuck. Aber welches Schmuckes bedarf Schönheit und Anmuth und Melitta's Erſcheinung war ſo ſchön und anmuthig, daß ihr Eintreten eine noch größere Senſation erregte, als Oldenburg's. Die älteren Herren unterbrachen ihr Geſpräch, ſie mit Herzlichkeit zu begrüßen; einige jüngere Herren eilten ihr entgegen, um womöglich den zweiten Walzer, die erſte Polka nur einen Tanz, gleich viel welchen, zu erbetteln, und ſie lächelte Alt und Jung freundlich zu, beantwortete hier eine Frage, verwies dort einen Stürmiſchen zur Geduld während ſie quer durch den Saal nach dem Sopha ging, ſich den andern Damen anzuſchließen. Baron Oldenburg war, als Frau von Barnewitz aufſtand, ihrer Couſine entgegenzugehen, ruhig, und ohne ſich nach dem Gegenſtand der allgemeinen Senſation umzu¬ ſehen, den einen Arm über die Stuhllehne gelegt, ſitzen geblieben. Da mußte Melitta's Name, von einer der Damen am Sopha ausgeſprochen, ſein Ohr getroffen haben; denn er ſprang in die Höhe, wandte ſich um24 und ſtand Melitta, die von ihrer Couſine an der Hand geführt wurde, Angeſicht gegen Angeſicht gegen¬ über. Oswald war wie von einer magnetiſchen Kraft aus der Fenſterniſche bis nahe an die Stelle gezogen worden, ſo daß ihm kein Wort, kein Blick entging. Er ſah, daß Melitta erblaßte und ihre dunkeln Augen wie im Zorn aufflammten, als Oldenburg ſich tief vor ihr verbeugte.

Ah, gnädige Frau, ſagte er mit einem eigen¬ thümlichen Lächeln: als wir uns zuletzt ſahen, ſchien uns die Sonne Siciliens, und jetzt

Scheint der Mond wollen Sie ſagen, ent¬ gegnete Melitta, und um ihre Lippen ſpielte ein höhniſch¬ bitterer Zug, den Oswald noch nicht an ihr geſehen hatte umgekehrt, lieber Baron, als wir uns zu¬ letzt ſahen, ſchien der Mond; wiſſen Sie wohl noch in dem Garten der Villa Serra di Falco bei Palermo? und da wir uns wiederſehen, ſcheint die Sonne mir wenigſtens.

Der Sinn dieſer letzten Worte mußte wohl Jedem verborgen bleiben, nur nicht dem, für welchen ſie ge¬ ſprochen waren. Melitta hatte, indem ſie ſich halb umwandte, Oswald bemerkt, und ihm ſo freundlich zugelächelt, daß Herr von Barnewitz, der neben ihm ſtand, ſich an der Ueberraſchungsſcene, die er ſo mühſam25 arrangirt hatte, zu weiden, ihn fragte: Kennen Sie meine Couſine ſchon?

Ja, ſagte Oswald, von ihm weg auf Melitta zutretend, und ſie ehrfurchtsvoll begrüßend.

Ah! Herr Doctor, rief Melitta mit vortrefflich geſpielter Ueberraſchung, das iſt ja köſtlich, daß ich Sie hier finde. Denken Sie, Bemperlein hat ſchon geſchrieben, Julius befindet ſich ſehr wohl aber ſetzen Sie ſich doch zu mir, daß ich Ihnen in aller Muße erzählen kann Julius befindet ſich vortrefflich und iſt in den fünf Tagen, wie Bemperlein ſchreibt, ein vollkommener Dandy geworden. Er hat ſchon einen großen Kinderball mitgemacht und mit der ſchönſten Dame, das heißt, derjenigen, die ihm am beſten gefiel, den Cotillon getanzt, den Cotillon merken Sie wohl! trotz des heftigen Widerſpruchs von einem halben Dutzend junger Herren.

Der Unglückliche, lachte Oswald; er wird ſich dadurch eben ſo viele Duelle zugezogen haben.

Möglich, aber Sie wiſſen, Julius iſt tapfer, wie ein Löwe, und wird für die Dame ſeines Herzens Alles wagen. Ah, Herr von Cloten! Sind Sie es wirklich? Ich hörte ja, Sie und Robin hätten ſich auf der letzten Fuchsjagd die Hälſe gebrochen!

Quelle idée, gnä'ge Fra! Jedenfalls wieder Er¬26 findung von Barnewitz. Teufelskerl der Barnewitz! Befinde mich vortrefflich. Ah! ja wollte gnä'ge Fra um einen Tanz bitten, wo möglich Cotillon. Muß noch einen Verſuch machen, ob gnä'ge Fra nicht bewegen kann, mir den Brownlock zu verkaufen.

Non, mon cher, zu dieſem liebenswürdigen Zweck bekommen Sie keinen Tanz, am wenigſten den Cotillon. Wenn Sie mir aber den Brownlock in Frieden laſſen wollen, ſo ſollen Sie den erſten Con¬ tretanz haben. Zum Cotillon bleibe ich ſo wahr¬ ſcheinlich nicht hier. Sind Sie zufrieden?

Ah! gnä'ge Fra zufrieden! quelle idée! glücklich ſelig.

Mein Gott, Herr von Cloten, beruhigen Sie ſich nur. Haben Sie ſchon ein vis-à-vis?

Nein! gnä'ge Fra gleich ſuchen!

Hier, bitten Sie den Doctor Stein Erlauben die Herren, daß ich Sie

Ah, hatte ſchon das Vergnügen, ſagte der Dandy, Oswald, der einen Schritt von ihm entfernt geſtanden hatte, ſcheinbar zum erſten Male bemerkend.

Deſto beſſer, ſagte Melitta die Herren ſind alſo einig?

Von Cloten und Oswald verbeugten ſich gegen¬ einander, und dann vor Melitta, die ſie mit einer27 graziöſen Handbewegung verabſchiedete, um ſich mit den zunächſt ſitzenden Damen in ein tiefſinniges Ge¬ ſpräch über die neueſten Moden einzulaſſen.

Oswald war wieder zu Herrn von Langen getreten, der ihm zu der Bekanntſchaft mit Melitta gratulirte: Ich bewundre Sie, ſagte der junge Mann, daß Sie ſo ungenirt mit ihr ſprechen können; ich hätte nicht den Muth dazu.

Sie ſcherzen.

Auf Ehre, nein. Die Frau hat etwas in ihrem Blick und in ihrer Stimme, was einem um das Heil ſeiner Seele bange machen möchte. Ich weiß, es geht mir nicht allein ſo.

Vielleicht bin ich um das Heil meiner Seele weniger bekümmert, ſagte Oswald.

Unterdeſſen hatte Oldenburg, während er ſich un¬ befangen mit einigen Herren zu unterhalten ſchien, in einem hohen Spiegel die Gruppe um Melitta genau beobachtet.

Sieh da, Cloten! wie geht's, mon brave! ſagte er, ſich ſchnell zu dem Angerufenen umwendend, als dieſer in ſeine Nähe kam.

Baron Oldenburg! Auf Ehre, hätte Sie kaum erkannt mit dem horribeln Bart.

Horribel, mon cher! Machen Sie mich nicht28 unglücklich; ich pflege ihn nun ſchon drei Jahre und habe ihn mich wenigſtens eine Million koſten laſſen.

Ah, Spaß, ſagte der Dandy, ſeinen blonden Schnurrbart ſtreichend.

Upon my word and honour, ſagte Olden¬ burg; die Sache iſt einfach die: Ich lernte in Kairo eine engliſche Familie kennen, mit der ich noch mehr¬ mals auf dem Nil zuſammentraf; ich war ſo glücklich, ihr einige nicht unweſentliche Dienſte leiſten zu können. Die Familie beſtand aus Vater, Mutter und einer einzigen Tochter aber welcher Tochter! mon cher, ich ſage Ihnen

Ah, ja, verſtehe! ſagte Herr von Cloten; reines Vollblut. Dieſe engliſchen Miſſes jottvoll ſchön ſah mal eine in Baden-Baden, werde mein Lebtag nicht vergeſſen.

Gerade ſo ſah meine Mary auch aus, ſagte Oldenburg.

Nicht möglich!

Verlaſſen Sie ſich darauf. Alle engliſchen Miſſes gleichen ſich wie eine Lilie der andern. Eh bien! Das Mädchen verliebt ſich in den Retter ihres Lebens. Der Vater iſt mir geneigt, die Mutter günſtig. Ich war zwar kein Millionär, wie Mr. Brown, dafür war er aber auch nur ein in Ruheſtand getretener29 Eiſenhändler; und ich ein alter deutſcher, weiland reichsfreier Baron. Genug, wir werden Handels einig. Da ſagt Mary eines Abends es iſt mir, als wäre es heute wir ſaßen im Mondenſchein auf der Ter¬ raſſe des Tempels von Philä und blickten träumend über den ſtillen Fluß und leerten Tropfen um Tro¬ pfen den diamantengeränderten Becher der Liebe. Da ſagte ſie, ihre weichen Arme um mich ſchlingend, o Gott, wie deutlich ich noch immer dieſe Stimme höre! Adalbert, ſagte ſie. Was, Holde? ſagte ich. Adalbert, pray, dearest love, cut off your horrible beard it's so vulgar.

Ah, ja, jottvoll, jottvoll dieſe engliſchen Miſſes; aber was heißt's denn eigentlich?

Es heißt: Adalbert, mein Junge, laß Dir den Bart ſcheeren; Du ſiehſt ſchauderhaft gemein darin aus.

Verdammt.

Das ſagte auch ich. Sie bat, ſie beſchwor mich; endlich lag ſie ſogar vor mir auf den Knieen. Ich blieb feſt, wie der Koloß Memnons. Da ſprang ſie empor, und ſich bewaffnend mit dem ganzen Stolze Englands, die Hand zum ſternengeſchmückten Himmel erhebend, rief ſie: Sir, either you will cut off your beard, or I must cut your acquaintance.

Then, cut my acquaintance! ſagte ich.

30

Famos, ſagte von Cloten; was ſagte ſie?

Mein lieber Herr, ſagte ſie, Sie ſcheeren ſich entweder den Bart, oder Sie ſcheeren ſich zum Teufel.

Verdammt; und Sie?

Ich ſagte: Fräulein, ich habe geſchworen, daß ich das Weib verachten und mit dem Mann auf Leben und Tod kämpfen will, der mir mit Worten oder in Wirklichkeit an meinem Barte zupft.

Merkwürdig; das Alles ſagten Sie in den drei Worten?

Ja, die engliſche Sprache, wiſſen Sie, iſt wun¬ derbar kurz. Apropos, wer iſt denn der junge Mann, mit dem Sie vorhin ſprachen, er ſteht jetzt dort an der Thür zum andern Zimmer mit dem alten Grenwitz.

Ja, rathen Sie einmal!

Wie kann ich das rathen? Ich vermuthe, daß es Felix von Grenwitz, ſein Neffe, iſt.

So dachte auch ich. Und nun denken Sie, cher Baron, der Menſch iſt ein Bürgerlicher, heißt Stein, Doctor Stein, glaube ich, und iſt, nun rathen Sie einmal!

Nach dem Entſetzen, das ſich in Ihren Zügen malt, zu ſchließen, vermuthe ich, daß der junge Mann der Scharfrichter von Bergen iſt.

Scharfrichter! Quelle idée! Welch 'ſonderbare31 Einfälle Frau von Berkow und Sie immer haben. Nein Hauslehrer bei Grenwitz iſt das nicht wunderbar?

Ich kann nichts beſonders Wunderbares in der Sache finden. Es muß auch Hauslehrer geben, wie es Arbeiter in den Arſenikgruben geben muß, obgleich ich für mein Theil weder das Eine noch das Andere ſein möchte.

Aber der Menſch ſieht beinahe genteel aus?

Beinahe genteel? Lieber Freund, er ſieht nicht nur beinahe genteel aus, ſondern ausnehmend genteel, genteeler wie irgend einer der Herren hier im Saale, Sie ſelbſt und mich nicht ausgenommen.

Ah, Baron, Sie ſind heute einmal wieder in einer jottvollen Laune.

Meinen Sie? freut mich. Das verhindert mich indeſſen nicht, den Mann ausnehmend genteel aus¬ ſehend zu finden. Ja, was in Ihren Augen wol noch mehr iſt, er hat nicht nur das Charakteriſtiſche, wel¬ ches die gebornen Vornehmen auf der ganzen Erde auszeichnet, ſondern den ſpeciellen Typus des Adels dieſer Gegend.

O, in der That, ich denke Typus iſt eine Krankheit.

Typhus, mon cher! Typus iſt, wenn mehre Leute dieſelben Naſen, Stiefel, Augen und Handſchuhe haben. 32Nun ſehen Sie ſelbſt, ob nicht Alles und noch mehr bei dieſem Doctor Stein ſtimmt; zum Beiſpiel im Vergleich mit Ihnen, der Sie doch gewiß alles Spe¬ cifiſche des Adels in der höchſten Potenz in und an ſich entwickelten. Er iſt ſchlank und gut gewachſen, wie Sie, nur einen halben Kopf höher und ein paar Zoll breiter in den Schultern, er hat daſſelbe hell¬ braune gelockte Haar, nur daß Sie ſich Ihre Haare entſchieden brennen laſſen und die ſeinen, wie mir ſcheint, natürlich gelockt ſind; er hat blaue Augen, wie Sie, und Sie werden ſelbſt zugeben, daß dieſe Augen groß und ausdrucksvoll ſind.

Ah, ja, ich gebe zu, daß er ein verdammt hübſcher Kerl iſt, ſagte der ärgerliche Dandy, einen ſchelen Blick auf den Gegenſtand ſeiner unfreiwilligen Bewunderung werfend.

Nun, und was ſein Auftreten anbelangt, fuhr Oldenburg fort, ſo gäbe ich meinestheils eins meiner Güter darum, wenn ich mich mit dieſem Anſtande, dieſer Grazie bewegen könnte.

Das iſt ſtark, weshalb?

Weil die Weibſen in einen ſchmalen Fuß, ein wohlgeformtes Bein und ſo weiter vernarrt ſind. Solche hübſche Puppen, wie der Doctor, ſind geborne33 Alexander; ſie ſtiegen von einer Eroberung zur andern und ſterben auch meiſtens jung zu Babylon.

Gott, Baron, welch 'liebenswürdiger Menſch Sie ſein würden, wenn Sie nur nicht ſo ſchauderhaft ge¬ lehrt wären!

Meinen Sie? Möglich! Es iſt ein Erbfehler; meine ſelige Mutter hat während ihrer Schwanger¬ ſchaft außer dem Rennkalender des betreffenden Jahres auch noch, einen oder den andern Roman geleſen. So erklären ſich die paar menſchlichen Züge in meiner Natur.

Wollt Ihr Herren meine neuen Piſtolen mit einſchießen helfen? fragte Herr von Barnewitz, der eben herantrat.

Ich denke, es ſoll getanzt werden, antwortete Cloten.

Später. Du kommſt doch mit, Oldenburg?

Verſteht ſich! Du kennſt ja meinen Wahlſpruch: aux armes, citoyens!

F. Spielhagen, Problematiſche Naturen. II. 3
[34]

Zweites Kapitel.

Die jetzt vollſtändig verſammelte Geſellſchaft hatte ſich allmälig aus den Zimmern in den Garten be¬ geben, da der herrliche Sommernachmittag unwider¬ ſtehlich ins Freie lockte. Die älteren Herren und Damen promenirten in den ſchattigen Gängen, oder beſichtigten die prächtigen Gewächshäuſer; die jungen Leute ſuchten auf einem ſchönen runden Raſenplatze, der zum Theil von hohen breitkronigen Bäumen über¬ ſchattet war, geſellſchaftliche Spiele zu arrangiren, aus einer Ecke des Parkes, wo ein Schießſtand eingerichtet war, ertönte von Zeit zu Zeit der ſcharfe Knall der neuen Piſtolen. Melitta hielt ſich, eingedenk der alten Regel, daß der Ruf junger Frauen in der Geſellſchaft von den alten Damen gemacht wird, und wohl wiſſend, daß ſie die Freiheiten, die ſie ſich während des Balls zu nehmen gedachte, durch einige vorhergehende Opfer erkaufen müſſe, in der Geſellſchaft der Gräfin Grie¬35 ben, der Baronin Trantow, der Frau von Nadelitz, der Baronin Grenwitz und der andern ältern Damen. Oswald hatte ſich zuerſt der Jugend angeſchloſſen, bei der ihn Herr von Langen einführte, und mit einigen Reminiscenzen aus den Geſellſchaften in der Reſidenz und einigen geſchickten Combinationen verſchiedene ge¬ ſellſchaftliche Spiele befürwortet und arrangirt, die mit allgemeinem Beifall angenommen und mit ſicht¬ licher Zufriedenheit der Theilnehmer ausgeführt wur¬ den. Als er aber ſah, daß Melitta, gegen ſeine Hoff¬ nung, ſich durchaus nicht in den Kreis der Spielenden miſchen wollte, benutzte er eine ſchickliche Gelegenheit, ſich ſelbſt aus demſelben zurückzuziehen. Herr von Langen war ihm gefolgt und holte ihn in einem Hecken¬ gange ein, wo Oswald ſich der harmloſen Beſchäf¬ tigung des Stachelbeerpflückens hingab.

Gott ſei Dank, ſagte Herr von Langen, Oswalds Beiſpiele folgend und einen Johannisbeerbuſch, der voll dunkelrother Früchte hing, plündernd. Dem Unheil wären wir glücklich entronnen. Fluch dem Erſten, der geſellſchaftliche Spiele erfand. Sind die Stachelbeeren reif?

Köſtlich.

Sie müſſen mich auf jeden Fall in nächſter Zeit beſuchen. Mein Gut liegt nur ein Stündchen von3*36Grenwitz. Meine Frau, die mich erſt vor ein paar Wochen mit einem allerliebſten kleinen Mädchen be¬ ſchenkt hat, und ſich noch nicht kräftig genug fühlt, ſo große Geſellſchaften mitzumachen, wird ſich freuen, Sie kennen zu lernen. Wenn Sie mir einen Tag beſtimmen wollen, ſchicke ich Ihnen meinen Wagen.

Ich nehme Ihre Einladung mit Dank an, ſagte Oswald, der ſich einigermaßen durch die liebenswür¬ dige Freundlichkeit eines Mannes aus dem von ihm ſo ſehr gehaßten Stande beſchämt fühlte. Sollen wir ſagen, nächſten Sonntag?

Sie ſind jeder Zeit willkommen; wenn Sie die Knaben mitbringen wollen, thun Sie es ja; ich habe ein Paar Ponys, die den Jungen beſſer gefallen wer¬ den, als Cornel und Ovid zuſammen. Ach, Herr des Himmels! Incidit in Scyllam, qui vult vitare Charybdim! Dort biegt die Gräfin Grieben an der Spitze ihrer Suite um die Ecke. Sauve qui peut!

Die jungen Männer ſchlugen einen andern Gang ein, der den erſten rechtwinklig durchſchnitt, und waren bald den herankommenden Damen aus den Augen. Oswald ſeinerſeits wäre eben ſo gern geblieben, denn er hatte in der Suite auch Melitta bemerkt und gehofft, wenigſtens im Vorübergehen einen Blick von ihr zu erhaſchen; aber er hielt es für ſeine Pflicht,37 gute Kameradſchaft mit ſeinem neuen Freunde zu halten, der ihm im Laufe des Nachmittags ſchon mehr als eine Gefälligkeit erwieſen hatte.

Sie ſcheinen die Geſellſchaft nicht beſonders zu lieben, Herr von Langen, ſagte er lächelnd über die Eilfertigkeit des jungen Mannes.

Die große Geſellſchaft nein! Ich bin in faſt abſoluter Einſamſeit aufgewachſen. Mein Vater, der nicht eben reich war, ſchloß ſich in dem Intereſſe ſeiner Kinder von dem geſelligen Leben des hieſigen Adels faſt gänzlich ab. Hernach kam ich auf die Schule. Ich hätte gern ſtudirt; aber der Vater be¬ durfte meiner für die Wirthſchaft, welche er bei zu¬ nehmendem Alter nicht mit derſelben Rüſtigkeit leiten konnte; ſo mußte ich denn von der Schule abgehen, als ich ein Jahr in Prima geſeſſen hatte. Seitdem iſt der gute Vater geſtorben und ich habe die paterna rura, die ich für mich und meine jüngern Geſchwiſter verwalte, kaum verlaſſen. Sind Sie Jäger?

Nein, ich habe bis jetzt nicht die mindeſte Ge¬ legenheit gehabt, die Nimrodnatur, die möglicherweiſe in mir ſchlummert, zu cultiviren.

Ah, das iſt ſchade; aber das lernt ſich wir haben eine recht hübſche Hühner - und Haſenjagd. Sie ſollten vorläufig etwas mit der Piſtole ſchießen. 38Man lernt dabei viſiren und bekommt eine ſichere Hand.

Nun mit Piſtolenſchießen habe ich im Leben leider ſchon beinahe zu viel Zeit verbracht, antwortete Os¬ wald. Mein Vater, ein Sprachlehrer und im Uebri¬ gen ſehr friedfertiger Mann, hatte eine wahre Leiden¬ ſchaft für das Piſtolenſchießen; es war ſeine einzige Erholung. Er ſchoß, wie ich nie im Leben wieder Jemand habe ſchießen ſehen, mit einer faſt wunder¬ baren Geſchicklichkeit. Ich habe nie den Grund dieſer ſeltſamen Leidenſchaft erfahren können. Einmal fiel es mir ein, ihn zu fragen, wie er dazu gekommen ſei? Ich werde den Ton nie vergeſſen, in welchem er mir antwortete: Es gab eine Zeit, wo ich hoffte, mich durch eine Kugel an einem Manne rächen zu können, der mich tödtlich beleidigt hatte. Als ich meines Zieles vollkommen ſicher war ſtarb der Mann. Seitdem ſchieße ich in Gedanken auf ihn; jedes , das meine Kugel trifft, iſt ſein falſches, grauſames Herz. Ich drang in ihn, mir den Mann zu nennen. Das kann ich nicht, antwortete er; aber wenn Du Dir auch etwas bei der Sache denken willſt, nimm an, jedes ſei das Herz irgend eines belie¬ bigen Adligen.

Mon Dieu! ſagte Herr von Langen; und39 haben Sie dieſen fanatiſchen Haß Ihres Vaters gegen meinen Stand geerbt?

Nur zum Theil, ſagte Oswald, ebenſo wie ich auch nur einen Theil ſeiner Fertigkeit mit der Piſtole geerbt habe. Wollen wir einen Augenblick nach dem Schießſtande gehen? ich höre an dem Knall, daß wir ganz in der Nähe ſein müſſen.

Bravo, bravo! erſchallte es von dem Schie߬ ſtande herüber. Cloten, ich parire auf Sie.

Ich parire auf Breeſen, rief eine andere Stimme.

Sie fanden auf dem Schießplatze ein halbes Dutzend Herren etwa, alle in größtem Eifer, mit Ausnahme des Baron Oldenburg, der, die Hände in den Taſchen ſeiner Beinkleider, an einen Baum gelehnt, die Schützen beobachtete, und Strophen aus der Marſeillaiſe dazu zwiſchen den Zähnen ſummte.

Bravo, Cloten, wieder Centrum der Kerl ſchießt verteufelt, ſchallten die Stimmen durchein¬ ander.

Hat ſonſt Jemand von den Herren Luſt zu pariren? ſagte Herr von Cloten, mit einem wunder¬ bar ſelbſtgefälligen Lächeln ſich umſehend.

Ich, wenn Sie erlauben, ſagte Oswald.

40

Sie? erwiderte der Dandy mit einem Blick ſprachloſen Erſtaunens.

Ich parire einen Louis auf den Herrn, ſagte Baron Oldenburg grinſend. Wer hält?

Ich, ich! riefen mehrere Stimmen.

Ich halte Alles, ſagte Oldenburg, dem die Sache einen köſtlichen Spaß zu machen ſchien.

Unſer Einſatz iſt bisher ein Thaler geweſen; es iſt Ihnen doch recht? ſagte Herr von Cloten zu Oswald.

Natürlich.

Aber Doctor Stein kennt die Piſtolen nicht, rief von Langen, und Cloten muß ſich bereits voll¬ ſtändig eingeſchloſſen haben. Die Partie iſt ungleich.

Wenn nur mein Geld auf dem Spiele ſtände, ſagte Oswald, ſo würde ich den Verſuch wagen. Da aber auf mich gewettet iſt, ſo möchte ich bitten, mir vorher einen Schuß zu erlauben.

Natürlich, rief Herr von Breeſen; das ver¬ ſteht ſich von ſelbſt, Herr von Barnewitz.

Wird nicht viel helfen, ſagte von Cloten leiſe zu einem Andern.

Sehen Sie den Tannenzapfen dort, Herr von Langen? ſagte Oswald, nachdem ihm eine geladene41 Piſtole gereicht war, den an dem äußerſten Ende des Zweiges.

Ja, aber das iſt mindeſtens funfzig Fuß. Thut nichts. Dieſe Piſtolen ſcheinen mir noch auf weitere Diſtancen einen ſichern Schuß zu er¬ lauben.

Oswald hob die Piſtole. Aller Augen waren ge¬ ſpannt auf den Tannenzapfen gerichtet.

Ja ſo, ſagte Oswald, die erhobene Piſtole ſinken laſſend. Wollen Sie nicht die Güte haben, Herr von Barnewitz, mich dem Herrn vorzuſtellen, der ein ſo günſtiges Vorurtheil für meine ſehr frag¬ liche Fertigkeit im Schießen an den Tag gelegt hat.

Hatte ganz vergeſſen; bitte um Entſchuldigung. Baron Oldenburg Doctor Stein.

Ah, Baron Oldenburg! ſagte Oswald, mit der linken Hand den Hut abnehmend. Sie ſehen doch den Tannenzapfen, Herr Baron.

Vollkommen deutlich, ſagte Oldenburg, ſich höflich verbeugend.

Oswald hob die Piſtole wieder, zielte eine Se¬ cunde der Tannenzapfen kam in Stücken zur Erde.

Famos! ſchrie Herr von Barnewitz; Cloten, Du findeſt Deinen Meiſter.

42

Nous verrons, ſagte Herr von Cloten. Sie haben den erſten Schuß, Herr Doctor.

Oswald nahm die andere Piſtole, und ſchoß, ohne ſcheinbar auch nur zu zielen.

Centrum! ſchrie der Bediente an der Scheibe eine Reverenz nach dem Schützen machend, bevor er das Loch mit einem Pflaſter verklebte.

Cloten, zahlen Sie Reugeld! rief Oldenburg, mit dem Gelde in ſeiner Taſche klappernd.

Centrum! ertönte es von der Scheibe.

Sehen Sie? ſagte von Cloten, Herrn von Bar¬ newitzens Jäger die Piſtole zum Laden gebend.

Ich denke, wir nehmen eine größere Diſtance, oder ein anderes Ziel, "ſagte Oswald, bei dieſem thalergroßen Centrum auf vierzig Schritt werden Herr von Cloten und ich wohl noch lange ohne Ent¬ ſcheidung fortſchießen können. Sind keine Karten zur Hand?

Ich bin's zufrieden, ſagte von Cloten.

Haſt Du Karten mitgebracht, Friedrich? rief von Barnewitz.

Ja, Herr!

Nimm die Scheibe ab und nagle ein an den Baum!

43

Natürlich gilt nur die Kugel, die durch das ſchlägt oder es wenigſtens berührt hat, ſagte Oswald.

Natürlich, ſagte von Cloten.

Jetzt kommt die Sache in Gang, rief der junge Breeſen und rieb ſich vor Vergnügen die Hände.

Cloten zahlen Sie Reugeld, ſagte Oldenburg wieder und durch die Zähne murmelte er:

Tannenzapfen Herzenaß
Ei, mein Schätzchen, merkſt Du was?
Iſt es Liebe? iſt es Haß?

Von Cloten zielte lange, aber ſei es, daß das neue Ziel ihn verwirrte, ſei es, daß ſeine Hand ſchon unruhig geworden war ſeine Kugel traf nur den oberen Rand der Karte. Oswald trat vor; ſein Auge ſchweifte über die Schaar der Edelleute, die um ihn herum ſtand. Denke Dir, daß ſei das Herz irgend eines beliebigen Adligen, hörte er eine wohlbekannte Stimme flüſtern ... Sein Schuß krachte. An der Stelle des Aſſes war das Loch der Kugel in der Karte.

Tröſten Sie ſich, Cloten, ſagte Oldenburg. Non semper arcum tendit Apollo zu deutſch: Vorbeiſchießen muß auch ſein.

Wirklich meiſterhaft, ſagte von Barnewitz, die Karte herumzeigend; das rein herausgeſchoſſen.

44

Wollen Sie Revanche haben, Herr von Cloten?

Nein, danke, ein andermal. Fühle, daß meine Hand nicht mehr ſicher

Warum haben Sie nicht Reugeld gezahlt, Cloten? lachte Oldenburg, das gewonnene Geld in die Taſche ſteckend.

Hier ſind ſie! hier ſind ſie! riefen da auf ein¬ mal helle Mädchenſtimmen, und um das Gebüſch herum, das den Schießſtand vom Wege trennte, kamen Emilie von Breeſen, ihre Couſine Lisbeth von Meyen und eine von den jungen Fräulein von Na¬ delitz, wie eben ſoviel weiße Schmetterlinge.

Sie ſind allerliebſte Herren Spielverderber im Augenblick kommen Sie wieder zurück ſo ſchallten die Stimmchen durcheinander.

Du könnteſt auch etwas Beſſeres thun, Adolf, als hier den ganzen Nachmittag bei dem alten dummen Schießen zubringen, ſagte Emilie von Breeſen zu ihrem Bruder.

Er muß auch mit, rief Lisbeth, wir nehmen ſie gefangen. Du Emilie, nimm den Doctor, Du biſt die Stärkſte und er iſt der Rädelsführer Na¬ talie, Natalie, halt Herrn von Langen feſt! er will davon laufen.

Meine Herren, rief Oswald, jeder Widerſtand45 wäre Hochverrath! Meine Damen! wir ergeben uns auf Gnade und Ungnade, und er bot Fräulein von Breeſen den Arm.

Die beiden andern Herren folgten ſeinem Beiſpiele; die drei hübſchen Pärchen eilten lachend und ſcherzend davon.

Eine Entführung in optima forma, grinſte Oldenburg.

Wir gehen auch wohl, Ihr Herren, rief Bar¬ newitz; denn ich fürchte, wenn wir warten wollen, bis wir von den jungen Damen abgeholt werden, ſo können wir lange warten.

Allons enfants de la patrie! ſang Oldenburg in möglichſt falſchen Tönen mit einer Stimme, die weſentlich dem Krähen eines heiſern Hahns an einem regneriſchen Tage glich, und faßte von Cloten unter den Arm.

Cloten, mon brave, wir werden alt, ſagte er, während ſie in einiger Entfernung hinter den Andern dem Hauſe zuſchritten. Wenn wir nicht bald machen, daß wir unter die Haube kommen, ſo iſt uns jede Hoffnung auf eheliches Glück, legitime Vaterfreuden und ein ſeliges Ende, Amen, abgeſchnitten.

Ah, Spaß! Baron, Sie ſind mindeſtens fünf Jahre älter wie ich.

46

Das hindert nicht, daß die jungen Damen einen wie den andern en canaille behandelt haben.

Die kleine Emilie iſt ein verdammt hübſcher Backfiſch.

Si signore, und was für ein Paar große, graue, verliebte Augen ſie dem Doctor machte! Mit ſechs¬ zehn Jahren! wahrhaftig alles Mögliche!

Verdammte Puppe!

Wer? Fräulein Emilie?

Ah, der Menſch, der Doctor!

Ja, ſo! Ich hab's Ihnen ja gleich geſagt? Die Mägdelein reißen ſich um ihn! Und wie der Kerl ſchießt. Cloten! Möchte ihm nicht auf fünf Schritte Barriere, und zehn Diſtance gegenüberſtehen?

Ah! danke für ein Duell mit ſo einem Bürger¬ lichen. Partie iſt zu ungleich. Meinen Sie nicht auch, Baron?

Vielleicht iſt der Mann die Frucht einer Liaiſon zwiſchen einem Sohne des Himmels und einer Tochter der Erde.

Was heißt das?

Wiſſen Sie nicht, daß in der alten Zeit die Kinder von Adligen mit Bürgermädchen ſo bezeichnet wurden?

Nein, habe nie gehört! Sohn des Himmels famos! Uebrigens traue Schrift nicht. Müſſen doch47 ſelbſt zugeben, Baron, dieſe Idee, alle Menſchen von einem Paare abſtammen zu laſſen Adlige und Bür¬ gerliche geradezu abgeſchmackt, horribel lächer¬ lich! Habe mir immer gedacht: daß Schrift von dieſen Bürgerlichen in ihrem Intereſſe zurecht gemacht iſt. Hat mich ſtets geärgert, wenn Hauslehrer mir die alte Geſchichte erklären wollte.

Cloten, ſagte Oldenburg ſtehen bleibend und ſeinem Begleiter die Hand auf die Schulter legend! Cloten, Sie ſind ein großer Mann. Dieſer Ge¬ danke bringt Sie in eine Reihe mit den tiefſinnigſten Denkern aller Jahrhunderte.

Ah, wah reden Sie nun im Ernſt, Baron, oder ſcherzen Sie, wie gewöhnlich?

Lieber Cloten, ſagte Oldenburg, ſeinen Arm wieder unter den ſeines Begleiters ſteckend und weiter gehend; laſſen Sie ſich ein für alle Mal geſagt ſein, daß es mir immer um das, was ich ſage, fürchter¬ licher Ernſt iſt, und der Gegenſtand, von dem wir ſprechen, iſt wahrlich von zu ungeheurer Bedeutung, als daß er eine ſcherzhafte Behandlung vertrüge. So hören Sie denn aber machen Sie keinen unge¬ eigneten Gebrauch von der Sache, Cloten

Gott bewahre parole d'honneur!

So hören Sie denn, daß dieſelbe Frage, deren48 richtige Beantwortung Sie mit dem ſichern Tacte des Genies ſofort fanden, mich jahrelang beſchäftigt hat. Auch ich ſagte mir: der Unterſchied zwiſchen Adligen und Bürgerlichen iſt kein bloßer Unterſchied des Na¬ mens, des Standes er iſt ein Unterſchied des Blutes, des Gemüthes, der Seele enfin: der ganzen Natur. Wie können nun zwei ſo verſchiedene Weſen von demſelben Menſchenpaare abſtammen? Wo bleibt der Unterſchied, wenn ſie von einem Menſchen¬ paare abſtammen? Der Geiſt verwirrt ſich in dieſem ſchauderhaften Widerſpruch.

Gott, Baron, endlich ſprechen ſie doch einmal wie

Wie ein Baron. Hören Sie weiter. Dieſe Frage beſchäftigte mich ſo unausgeſetzt, daß ich endlich be¬ ſchloß, ſie zu löſen, es koſte, was es wolle. Ihr habt Alle über mein einſames Leben, über mein Stu¬ diren und ſo weiter geſpottet. Wiſſen Sie, Cloten, was ich ſtudirte, während Ihr Euch auf der Jagd, oder beim Pharao amüſirtet?

Nein auf Ehre .

Aramäiſch, chaldäiſch, ſyriſch, meſopotamiſch, hin¬ doſtaniſch, gangobramaputraiſch ſanscrit

Herr Gott des Himmels! Das iſt ja ſchauder¬ haft! Wozu?

49

Weil ich die feſte Ueberzeugung hatte, daß ſich in den Klöſtern Armeniens, in den Katakomben Aegyp¬ tens, oder ſonſt irgendwo im Orient eine alte Hand¬ ſchrift, welche die Sache aufklärte, entdecken laſſen müſſe. Als ich alle jene Sprachen und Dialecte ſo fertig wie deutſch und franzöſiſch ſprach, trat ich vor drei Jahren meine letzte große Reiſe nach dem Orient an. Im Vorübergehen durchſtöberte ich die Biblio¬ theken Italiens. In Rom traf ich Barnewitzens. Dies Zuſammentreffen war mir im Grunde ſehr un¬ angenehm. Aus Höflichkeit mußte ich ſie bis Sicilien begleiten. In Palermo aber machte ich, daß ich da¬ von kam.

Ah, das erklärt Ihr plötzliches Verſchwinden das unterbrochene Opferfeſt, ha, ha, ha!

Unterbrochenes Opferfeſt der Ausdruck ſtammt nicht von Ihnen, Cloten.

Nein, auf Ehre iſt 'ne Erfindung von Hor¬ tenſe, wollte ſagen von der Barnewitz, verbeſſerte ſich der junge Edelmann. Sie behauptet entre nous, Baron, daß Ihr Zuſammentreffen in Rom gar nicht ſo abſichtslos von Ihrer Seite und die ganze Reiſe von Rom nach Palermo heißt ja wol, Pa¬ lermo? ein reiner Triumphzug für die BerkowF. Spielhagen, Problematiſche Naturen. II. 450geweſen ſei; Opferfeſt unterbrochenes Opferfeſt! Ha! ha!

Aber ich verſtehe Sie gar nicht, Cloten.

Na, entre nous, Hortenſe weiß von der Reiſe allerlei Geſchichten zu erzählen. So eine Scene auf der Ueberfahrt von Ciproda.

Procida, "verbeſſerte Oldenburg.

Procida, meinetwegen, der Teufel mag all' die verrückten Namen behalten, von Procida alſo nach

Neapel. Nun?

Aber zum Teufel, Baron, Sie fragen Einem auch die Seele aus dem Leibe. Sie hatten einen kleinen Fiſcherkahn, und es kam ein richtiger Sturm auf die Wellen gingen haushoch, und Sie mußten jeden Augenblick erwarten, daß das Boot kenterte. Da ſollen Sie auf italieniſch

Die Barnewitz verſteht kein Wort italieniſch, ſo viel ich weiß , ſagte Oldenburg.

Hortenſe nicht, aber die Schiffer, die ſie hernach ausgefragt hat

Hm! murmelte Oldenburg. Nun?

Da ſollen Sie zu der Berkow geſagt haben: Liebe Seele, mit Dir zuſammen zu ertrinken, iſt mehr51 werth, als mit Deiner Couſine, oder irgend einer andern Frau hundert Jahr zuſammen zu leben.

In der That? Erzählt Hortenſe ihren guten Freunden ſo hübſche Geſchichten? Nun, Cloten, ich will Ihnen einen guten Rath geben: Glauben Sie jedem Kuß, den Sie von Hortenſe's Mund ſchon ge¬ küßt haben, oder noch küſſen werden

Ah, dummes Zeug, Baron, ſagte der Dandy mit jenem Lächeln, das beſcheiden ſein ſoll und doch ſo entſetzlich unverſchämt iſt.

Aber glauben Sie keinem Wort, das aus ihrem Munde geht. Können Sie wirklich denken, daß ich nichts Beſſeres zu thun hatte, als Melitta von Berkow den Hof zu machen, während ſo ernſte, ja ſo zu ſagen heilige Dinge meine Seele beſchäftigten? Laſſen Sie ſich erzählen: Ich reiſte alſo von Sicilien nach Aegyp¬ ten hinauf bis Abu Simbul, zurück nach Kairo, von da nach Paläſtina, Perſien, Indien; durchſuchte jeden Tempel, jede Ruine, jede Felſenſpalte ich fand nicht, was ich ſuchte. Endlich als ich ſchon an dem Erfolge verzweifelte, als ich ſchon auf der Rückreiſe war, da in der Bibliothek des Kloſters auf dem Vorgebirge Athos

Wo iſt das, Baron?

Zwiſchen dem Indus und dem Oregon dort4*52in der Kloſter-Bibliothek entdeckte ich endlich das lang geſuchte Manuſcript. Da ſtand denn die ganze Ge¬ ſchichte.

Was ſtand da?

Da ſtand im reinſten Hoch bramaputraiſch, daß ich überſetze das nun Alles in unſere modernen Begriffe und Ausdrücke

Ja machen Sie's um's Himmelswillen ſo, daß ich es verſtehe.

Daß gleich von vornherein zwei Menſchenpaare geſchaffen wurden, wie es ja auch gar nicht anders ſein kann: ein adliges und ein bürgerliches. Der Name dieſes erſten adligen Geſchlechts iſt aus dem Manuſcript nicht erſichtlich. Gerade an der einen Stelle, wo er ausgeſchrieben geſtanden hat, iſt ein großer Klex. So viel iſt ſicher, Oldenburg hat es nicht geheißen; es war noch ganz deutlich ein C zu er¬ kennen, und in der Mitte ein t.

Vielleicht Cloten, ſagte der Andere.

Es iſt möglich, aber beſchwören kann ich es nicht. Auch was für eine Geborne ſeine Gemahlin geweſen iſt, die ſchlechtweg Fräulein genannt wird, iſt nicht erſichtlich.

Aber ich denke, ſie iſt aus der Rippe des Mannes gemacht und gar nicht geboren.

53

Ah, laſſen Sie ſich doch kein dummes Zeug ein¬ reden, Cloten. Sie wird ausdrücklich Fräulein genannt, dann muß ſie doch auch ein Fräulein von ſo und ſo geweſen ſein.

Das iſt ja aber eine verflucht verwickelte Ge¬ ſchichte.

Gar nicht ſo ſehr, wie Sie glauben. Genug, der Herr und das Fräulein, das bald genug zur gnädigen Frau wurde, hatten ein Landgut, welches Paradies hieß; warum ſoll ein Landgut nicht Paradies heißen, Cloten?

Verdammt ſchnurriger Name, indeſſen!

Warum? Nennt doch einer ſeinen Landſitz Soli¬ tude, der Andere Sansſouci, der Dritte Bellevue, warum ſoll nicht einmal Einer das ſeine Paradies genannt haben? Eh bien! Der Bediente des Herrn hieß Adam. Vortrefflicher Name für einen Bedienten. Als er ſteif und lahm wurde, ſchimpften ſie ihn den alten Adam haben Sie je von einem Adligen gehört, der Adam geheißen hätte, Cloten?

Im Leben nicht.

Sehen Sie, da haben Sie wieder den ſchönſten Beweis. Er rief alſo ſeinen Kerl Adam, und die Zofe ſeiner Gemahlin Eva, Evchen allerliebſter Kammerzofenname das. Meine Mutter hatte ein54 Kammermädchen Evchen , ein bildhübſches Ding. Der Adam war aber ein großer Schlingel, wie die Bedienten das bekanntlich bis auf den heutigen Tag ſind. Das Ding, die Eva, war auch nicht viel beſſer. Zuletzt trieben es die Beiden zu arg. Schließlich er¬ griff der Herr denn einmal die Hetzpeitſche und jagte die Beiden vom Hofe. In das Geſindebuch ſchrieb er: Entlaſſen wegen Unehrlichkeit, Putzſucht und Ar¬ beitsſcheu. Das iſt ſo in großen Umriſſen der eigent¬ liche Verlauf der Geſchichte.

Wirklich merkwürdig ganz famös, auf Ehre! Haben Sie das Buch mitgebracht, Baron?

Nein; aber eine von dem dortigen Landrath be¬ glaubigte Abſchrift.

Giebt's denn dort auch Landräthe?

Aber, lieber Freund, wie kann denn ein Land ohne Landräthe beſtehen?

Natürlich; aber es wäre doch beſſer, wenn wir das Buch ſelbſt hätten.

Vielleicht macht es ſich. Die Mönche ſind ent¬ ſetzlich obſtinat; ich hatte ſchon vor, ſie alle mit Blau¬ ſäure zu vergiften. Wahrſcheinlich thue ich das auch noch, wenn ich wieder in die Gegend komme. Bis dahin müſſen wir uns mit der Copie begnügen.

Hören Sie, Baron, können Sie mir nicht auch55 ſo eine Copie geben? ich meine natürlich in deutſcher Ueberſetzung, nicht in bramaputraiſch, oder wie der verdammte Jargon heißt.

Hm; aber verſprechen Sie mir, es Niemand zu zeigen.

Verlaſſen Sie ſich d'rauf!

Höchſtens Einem oder dem Andern aus unſerem Cirkel.

Das alſo darf ich?

Meinetwegen; aber nennen Sie meinen Namen nicht. Sagen Sie, es wäre eine bloße Hypotheſe von Ihnen

Eine was?

Eine bloße Vermuthung, die noch der Beſtätigung bedürfe; wenn wir denn hernach das Original in die Hände bekommen, ſo iſt das Ihr Triumph und der Triumph der guten Sache zu gleicher Zeit.

[56]

Drittes Kapitel.

Die Sommerſonne war bereits ſeit einer Stunde hinter den Bäumen des Parks untergegangen; dunkle Schatten lagerten ſich in den dichteren Boskets, hier und da zirpte noch ein Vogel, ehe er zur Ruhe das Köpfchen unter den Flügel ſteckte; ſonſt war es ſtill geworden in dem vor kurzer Zeit noch ſo belebten Garten. Aber deſto lauter war es jetzt im Schloſſe. Das blendende Licht von hundert Wachskerzen auf Kronleuchtern und Girandolen ſtrahlte aus den Fenſtern auf den weiten Raſenplatz vor dem Gartenſaale. Muſik erſchallte aus den geöffneten Flügelthüren, und an Thüren und Fenſtern vorüber ſahen die Dorfleute, die ſich in ehrfurchtsvoller Ferne im Park hielten, die Paare der Tanzenden ſchweben. In den Zimmern, die an den Tanzſaal ſtießen, waren für die älteren Herrſchaften Spieltiſche arrangirt, und des Grafen von Grieben kreiſchende Stimme wurde mehr als ein57 mal vernommen, wenn der alte Baron Grenwitz, der nur ein ſehr mittelmäßiger Boſtonſpieler war, auf drei Aſſe zum Mitgang gepaßt, oder ſonſt durch ſeine Zaghaftigkeit verleitet, einen jener horribeln Fehler begangen hatte, die das Gemüth eines metho¬ diſchen Spielers ſo ſchmerzlich berühren. Herr von Barnewitz und ſeine Gemahlin wechſelten im Spiele ab, damit ſtets eines von ihnen entweder bei den Tanzenden oder Spielenden war und ſich ſo jede Partei gleicher Gunſt erfreute. Hortenſe hatte ur¬ ſprünglich den ganzen Ball mitmachen wollen; aber ſchon nach den erſten beiden Tänzen ärgerte ſie ſich ſo über die Huldigungen, die ihrer ſchönen Couſine von allen Seiten gezollt wurden, daß ſie ihrem Ge¬ mahl jenes Arrangement vorſchlug, in welches er ſich um ſo williger ſchickte, als er trotz ſeiner Corpulenz gern und gut tanzte, und auf alle Fälle ein ſehr eif¬ riger Bewunderer hübſcher Mädchen und Frauen in Balltoilette war. Und an ſolchen fehlte es in dem Saale wahrlich nicht. Es war ein Kranz von lieb¬ lichen und ſchönen Geſtalten, der auch wohl ein ſin¬ nigeres Auge, als das des wüſten Edelmannes ent¬ zückt haben würde. Die lieblichſte und ſchönſte aber war nach dem ausgeſprochenen oder ſchweigenden Ur¬ theil aller Herren wenigſtens die Anſicht der Damen58 über dieſen Punkt war allerdings ſehr getheilt Melitta. Die ſonſt etwas bleichen Wangen vom leb¬ haften Tanz geröthet, die großen Augen ſtrahlend von Licht und Leben, die ſchlanken elaſtiſchen Glieder der herrlichen Geſtalt mit wunderbarer Anmuth in rhyth¬ miſchem Schwunge bewegend ſo ſchwebte ſie über den glatten Boden des Saals wie die Muſe des Tanzes ſelbſt. Neben dieſer blendenden Erſcheinung wurden die hübſchen Frauen ihres Alters zu Wachs¬ figuren und die jüngeren Mädchen zu allerliebſten Marionetten. So dachte wenigſtens Oswald, wenn er ſie im Walzer an ſich vorbeifliegen ſah oder ſie ihm Contretanze entgegen ſchwebte. Ein wunderbares Gemiſch widerſprechendſter Empfindungen erfüllte ſeine Seele. Seit jenem Augenblick, wo er in Melittas Album das Bild des Baron Oldenburg zum erſten Mal geſehen hatte, war er unabläſſig von dem Ge¬ danken verfolgt worden: in welchem Verhältniß ſtand ſie zu dieſem Mann? Aber ſo oft auch ſchon die Frage auf ſeinen Lippen geſchwebt hatte, nie hatte er ſie auszuſprechen gewagt, und je höher die Sonne ſeiner Liebe ſtieg, deſto blaſſer war der drohende Schatten geworden. Heute aber hatte Barnewitzens Erzählung, das Erſcheinen des[Mannes] ſelbſt, Me¬ littas Benehmen in der erſten Begegnung die halb59 entſchlafenen Zweifel furchtbar geweckt. Wieder drängte ſich das Wort auf ſeine Lippen, und immer wieder kroch es ſcheu zum Herzen zurück. Er zürnte Melitta, daß ſie ihn dieſe Qualen dulden ließ; er zürnte ſich ſelbſt, daß er ſich von der Geliebten hatte beſtimmen laſſen, ihr in dieſe Geſellſchaft zu folgen, dieſe Junker¬ welt, in die er nicht gehörte, in welcher er ſich nur geduldet wußte, in dieſe Welt frivolen Genuſſes und hochmüthigen Dünkels, dieſe lärmende blendende Welt, die ſo grauſam mit der Romantik ſeiner Liebe con¬ traſtirte, und der wonnigen, liebeverklärten Waldein¬ ſamkeit von Melitta's Kapelle Hohn zu ſprechen ſchien. Es kam ihm wie ein halb verklungenes Märchen vor, daß dies wunderbare Weib in ſeinen Armen geruht, daß er wie oft ſchon! ſeinen Mund auf dieſe ro¬ ſigen Lippen gedrückt hatte. Sie erſchien ihm ſo fremd, ſo ganz verwandelt; er konnte ſich nicht überreden, daß dies Melitta ſei, ſeine Melitta, ſie, die dort mit dem jungen Breeſen lachte und ſchwatzte, die dort die faden Complimente von Cloten's mit ſo huldvoller Miene beantwortete und dann wieder, wenn ihr leuchtendes Auge das ſeine traf, wenn ihre Hand bei den Touren des Contretanzes ſeine Hand ſo traulich drückte, wenn bei dieſer Gelegenheit ein: ſüßes Herz! Du Lieber! ihm nur vernehmbar geflüſtert, ſein60 Ohr traf ja, dann war es doch wieder Melitta, ſeine Melitta ... Und immer wieder jagten ſich Zwei¬ fel, die ſich zu wahnſinniger Angſt ſteigerten, und Ge¬ wißheit, die ihn mit unſäglichem Entzücken erfüllte, durch ſeine Seele, wie tiefdunkle Schatten und heller Sonnenſchein über eine Sommerlandſchaft jagen, und um dieſer ſüßen Qual, dieſer bittern Wonne zu ent¬ gehen, ſchlürfte er mit haſtigen, gierigen Zügen den berauſchenden Trank, der, aus blendenden Lichtern, jubelnden Tönen und wollüſtigen Düften ſo ſeltſam gemiſcht, in einem Ballſaal die Sinne der Tanzenden bis zum bacchantiſchen Taumel aufregt und das Ge¬ hirn umnelbelt.

Oswald lachte und ſcherzte wie von der tollſten Laune ergriffen: hier ein übermüthiges keckes Wort, dort eine feine Schmeichelei; hier eine ſatyriſche Be¬ merkung, dort eine Sentimentalität ... Die Damen ſchienen vollkommen vergeſſen zu haben, daß ein ſo unermüdlicher und gewandter Tänzer, ein ſo hübſcher Mann, der ihnen ſo viele hübſche Sachen zu ſagen wußte, doch nur ein Bürgerlicher ſei, der auf alle dieſe Vorzüge eigentlich gar keinen Anſpruch machen durfte, und wenn ja eine der hochadligen Mütter dem Töchterchen ihr unpaſſendes Benehmen mit dem jungen Menſchen, dem Doctor Stein, verwies, ſo fiel das61 goldene Wort diesmal auf ganz unfruchtbaren Boden, und die hübſche Kleine beruhigte ihr aufgeſchrecktes adliges Gewiſſen mit dem tröſtlichen Gedanken: es iſt ja nur für heute Abend ... Es ſteht ſehr zu vermuthen, daß das Glück, welches Oswald an dieſem Abend bei den Damen machte, mehr als ein junker¬ liches Gemüth auf das Tiefſte indignirte; aber der Ausdruck dieſer feindſeligen Stimmung beſchränkte ſich auf einige höhniſche Worte, von denen aber keins bis zu Oswalds Ohr drang, und auf einige ärgerliche Blicke, die, wenn er ſie bemerkte, nur zu Erhöhung ſeiner tollen Laune beitrugen. Daß er ſich auf einem ſehr glatten Boden bewegte, wußte er ſehr gut; aber die Nähe der Gefahr, welche die ſchwachen Geiſter lähmt, läßt ſtarke Herzen nur deſto muthiger pochen; und das Bewußtſein, wie er ſich jeden Augenblick einer impertinenten Beleidigung verſehen könne, gab ſeinem Benehmen den Junkern gegenüber eine Kühn¬ heit, ſeinem Auftreten eine Sicherheit, die, wenn ſie einerſeits den Unwillen dieſer Herren herausforderte, andererſeits für ſie die Kluft zwiſchen Wollen und Vollbringen geradezu unüberſteiglich machte. Und übrigens muß zur Ehre dieſer jungen Adligen be¬ merkt werden, daß ſich in einer Schaar von zwölf oder vierzehn denn doch zwei oder drei fanden, welche62 von Vorurtheilen nicht ſo ſehr befangen waren, daß ſie Oswalds ritterliches Weſen nicht gern hätten gelten laſſen. So Herr von Langen, welcher ſeinen Arm vertraulich unter den Oswalds ſchob, und in der Pauſe mit ihm im Saale freundlich plaudernd, auf - und abſchritt; ſo der junge von Breeſen, der hübſcheſte und gewandteſte von der Schaar, welcher Oswald bat, ihm ein paar Lectionen im Piſtolen¬ ſchießen zu geben, und als ſeine Schweſter durch Un¬ achtſamkeit eine Verwirrung im Tanz angerichtet hatte, zu ihm kam, ihn im Namen der jungen Dame um Entſchuldigung bat und ihn zu ihr führte, damit ſie ſich ſelbſt entſchuldigen könne; ſo endlich ſelbſt¬ redend Baron Oldenburg, der die Tugenden Oswalds als Tänzer und Schütze gegen mehr als Einen bis in den Himmel erhob, wobei es nur nicht ganz er¬ ſichtlich war, ob er dies aus aufrichtiger Ueberzeugung oder mehr in der Abſicht that, ſeine jungen Standes¬ genoſſen gründlich zu ärgern.

Dieſer dankbaren Aufgabe konnte er ſich mit um ſo größerem Behagen unterziehen, als er auf Herrn von Barnewitzen's Frage, ob er ſpielen wolle, geant¬ wortet hatte: ja, wenn Pharo geſpielt wird; und auf Lisbeths von Meyen Bemerkung, ob er denn nicht zu tanzen gedenke, geäußert hatte: Meine Gnä¬63 dige, in dieſem Augenblick bedaure ich es zum erſten Male in meinem Leben, daß mich mein Tanzlehrer nie dahin bringen konnte, die erſte Poſition von der zweiten, und mein Muſiklehrer ebenſo wenig, einen Walzer von einem Choral zu unterſcheiden. So trieb er ſich denn bald zwiſchen den Spieltiſchen um¬ her, und weckte den leicht erreglichen Zorn des Grafen von Grieben dadurch, daß er in alle Karten der Reihe nach ſah, und Jedem guten oder vielmehr möglichſt ſchlechten Rath ertheilte; bald war er im Tanzſaal und ſchaute mit den Augen eines gutge¬ launten Katers, der weiße und ſchwarze Mäuschen auf der Scheundiele munter ſpielen ſieht, auf die tan¬ zenden Paare. In dieſer angenehmen Beſchäftigung ſtörte ihn Herr von Barnewitz, der eilfertig zur Thür des Tanzſaales hereinkam.

Oldenburg, da Du ja doch hier nichts zu thun haſt

Nein, guter Freund, ich habe in der That hier nichts zu thun.

So komm mit hinauf in den Speiſeſaal und hilf mir beim Arrangiren der Plätze. Willſt Du?

Das Vertrauen, welches Du zu meinen organi¬ ſatoriſchen Talent haſt, ehrt mich hoch, mon ami; ſagte Oldenburg und folgte dem Voraneilenden über64 den Flur, die breite mit Teppichen belegte Treppe hinauf in den glänzend erleuchteten Speiſeſaal, wo die Bedienten eben mit der Herrichtung der Tafel fertig geworden waren.

Hier, Oldenburg, ſind die Zettel, alle ſchon aus¬ geſchrieben; nun ſage mir, ſollen wir

Werthgeſchätzteſter, ſagte der Baron zu einem Bedienten, könnten Sie mir wohl, behufs der Ent¬ korkung dieſer Flaſche das paſſende Inſtrument be¬ ſorgen? So, danke! Festina lente, Barnewitz, auf deutſch: Du ſollſt dem Ochſen, der da driſcht, das Maul nicht verbinden. Auf Dein Wohl, mein Junge! dieſer Knabe Cliquot gehört zu den tugend¬ hafteren ſeines weit verbreiteten Geſchlechts. Wirklich genießbar, und dabei ſchlürfte er ein Glas nach dem andern. So, jetzt ſtehe ich vorläufig zu Deinen Dienſten. Stellen Sie die Flaſche dort auf den kleinen Tiſch, lieber Treſſenrock! es ſind noch ein paar Gläſer drin. Gräfin von Grieben Baron Oldenburg, Baronin von Nadelitz, biſt Du des Teufels, Barnewitz? Ich ſoll zwiſchen den alten Schachteln zwei Stunden lang eingeklemmt ſitzen? lieber will ich mit aufwarten helfen! Nein! wir wollen die Sache ſo machen. Die ganze alte Litanei ſetzen wir an das eine Ende des Tiſches und das65 junge Deutſchland an das andre. Geh 'Du mit Deiner Heerde von Widdern und Mutterſchaafen nach Oſten, und ich will mit den Böcklein und Zicklein nach Weſten gehen.

Das wird auch wohl das Beſte ſein, ſagte Barne¬ witz; hier ſind Deine Zettel.

Die Bedienten hatten den Saal verlaſſen; die bei¬ den Herren fingen, jeder auf ſeinem Ende, an, die Zettel zu vertheilen.

Fräulein Klauß, ſagte Oldenburg, einen Zettel in die Höhe haltend; wer, bei allen Olympiern iſt Fräulein Klauß?

Unſre Erzieherin. Haſt Du ſie nicht bemerkt, das hübſche kleine Ding mit den hochverrätheriſchen Augen? ſagte Barnewitz eifrig ſortirend. Wir konn¬ ten ſie nicht in ihrer Kinderſtube laſſen. Herr des Himmels, da ſitzen ja ſchon wieder Mann und Frau zuſammen! weil ſonſt eine Tänzerin zu wenig ge¬ weſen wäre. Du kannſt ſie mit dem Doctor Stein zuſammen ſetzen. Gleich und gleich geſellt ſich gern.

Schön, ſagte Oldenburg und grinſte.

Wer ſoll denn die Berkow führen?

Zum Kuckuck, laß mich in Ruhe! Du meinet¬ wegen.

F. Spielhagen, Problematiſche Naturen. II. 566

Bon, ſagte Oldenburg und trank ein Glas Cham¬ pagner.

Nach einer kurzen Pauſe eifrigen Arrangirens:

Wer ſoll die Ehre haben, bei Deiner Frau zu ſitzen?

Heilige Kreuz ja freilich, das iſt wichtig. Weißt Du was, Oldenburg, nimm den Unbedeutend¬ ſten; dagegen kann Niemand etwas einwenden.

Will's ſchon machen , ſagte Oldenburg und ſuchte unter den Zetteln, bis er den rechten gefunden hatte. Dir will ich Deine unverbürgten Schiffernachrichten einträcken, murmelte er zwiſchen die Zähne.

Biſt Du fertig, Oldenburg?

Gleich So!

Nun, weißt Du was, Baron, geh 'Du in den Tanzſaal und ſage jedem Herrn, welche Damen er führen ſoll; ich will daſſelbe bei den Spielern thun.

Ainsi soit-il, lachte Oldenburg, dem Davon¬ eilenden folgend.

Als er in den Ballſaal trat, fing man ſo eben einen Contretanz zu arrangiren an. Unmittelbar nach dieſem Tanze ſollte geſpeiſt werden.

Die Gelegenheit iſt günſtig, murmelte er und ging, einem ſchwarzgefiederten langbeinigen Vogel zu vergleichen, der ſich auf der Wieſe Fröſche ſucht, mit67 wunderbarer Gravität hinter der Linie der Tanzenden hin, den ſchicklichen Moment benutzend, jedem der Herren den Namen der Dame, die er ihm zugetheilt hatte, in's Ohr zu flüſtern. Oswald tanzte mit Frau von Barnewitz, die in aller Eile für Fräulein Klauß eingetreten war, welche noch ſchnell eine Commiſſion in die Küchenregion auszurichten hatte, vis-à-vis Melitta und Herrn von Cloten. Oldenburg hatte ſchon ſämmtlichen Herren ihr Schickſal verkündet, das Allen mehr oder weniger günſtig zu ſein ſchien, denn Jeder nickte mit zufriedener Miene. Ganz zu aller¬ letzt trat er zu Cloten und raunte ihm zu:

Cloten, ich habe Ihnen die Barnewitz gegeben.

Dann zu Oswald: Herr Doctor, Sie werden Frau von Berkow führen.

Darauf entfernte er ſich eiligſt.

Hortenſe, flüſterte der überglückliche Cloten dieſer Dame zu: Weißt Du, wer Dich führen wird?

Doch nicht Du, Arthur? rief dieſe erſchreckend.

Ja, mein Engel.

Unmöglich, Arthur. Du gehſt gleich hernach zu Oldenburg und ſagſt, daß Du mich nicht haben willſt.

Aber

St! nicht ſo laut Du biſt ein Narr, ich5*68ſage Dir, daß Barnewitz unſer Verhältniß mehr als ahnt; dies fehlte noch gerade.

Changez les dames!

Melitta, ich werde Dich zu Tiſch führen.

Unmöglich, Oswald. Du mußt das zu redreſ¬ ſiren ſuchen.

Weshalb? flüſterte Oswald, und ſeine Augen¬ brauen zogen ſich zuſammen.

Sieh nicht ſo finſter aus, liebes Herz! Ich will Dir Alles erklären.

Fräulein Klauß erſchien in dem Nebenzimmer. Sobald Oldenburg ſie bemerkte, trat er auf ſie zu und ſeine hohe Geſtalt ehrfurchtsvoll neigend, ſagte er in einem Ton, deſſen Milde ſonderbar mit der ſonſtigen Herbheit ſeiner Rede contraſtirte:

Mein Fräulein, ich werde das Vergnügen haben, Sie zu Tiſch zu führen.

Die arme Kleine ſtand wie vom Blitz getroffen. Baron Oldenburg, der ſtolze unheimliche Baron, ſie zu Tiſche führen.

Mit einem wunderbar fragenden Geſicht blickte ſie zu ihm auf.

Ich habe die Plätze ſelbſt arrangirt, mein Fräu¬ lein; wenn ſie einen beſondern Wunſch haben, ſprechen69 ſie ihn frank und frei aus; ich würde mich glücklich ſchätzen, Ihnen gefällig ſein zu können.

Gott bewahre, Herr Baron

Eh bien, nous voilà d'accord. Wollen Sie mir Ihren Arm geben; ich ſehe die Paare arangiren ſich.

In dieſem Augenblick kam Cloten athemlos herbei.

Auf ein Wort, Oldenburg. Sie verzeihen, Fräulein. Oldenburg, Du mußt mir eine andere Dame verſchaffen; ich kann unmöglich Hortenſe führen.

Pourquoi pas, mon cher?

Weil zum Henker, weil

Je suis au désespoir, mon brave, aber Barne¬ witz hat Sie ſelbſt vorgeſchlagen.

Iſt das gewiß?

Verlaſſen Sie ſich darauf.

Mit vor Freude ſtrahlendem Geſicht eilte der An¬ dere zu ſeiner Dame zurück.

Oswald, ſagte Melitta, ich hab 'mir's überlegt. Es iſt doch beſſer ſo aber mit der Ausſicht auf den Cotillon iſt es vorbei. Nun komm, gieb mir Deinen Arm und ſei wieder gut.

Die älteren Herrſchaften waren zuerſt in den Speiſeſaal getreten, und hatten ſich bereits hinter ihren Stühlen gereiht; die Geſellſchaft aus dem Tanz¬70 ſaal kam hinterdrein. Herr von Barnewitz kam für einen Augenblick von jener Seite herüber, zu ſehen, ob Alles in Ordnung war. Seine Stirn verdüſterte ſich, als er ſeine Frau an Cloten's Arm, Melitta neben Oswald ſtehend bemerkte, und endlich Olden¬ burg ſelbſt, ſeine kleine Dame wie eine Prinzeß von Geblüt führend, in den Saal trat.

Oldenburg, zum Teufel, was haſt Du denn da angerichtet, flüſterte Barnewitz heftig. Ich will nicht, daß Cloten meine Frau führt, Sie reden ſchon genug über die Beiden.

Ja, lieber Freund, Du ſagteſt, ich ſollte den Un¬ bedeutendſten wählen; da war ja gar keine Wahl.

Und Melitta mit dem Doctor, Du mit der Klauß das iſt ja geradezu lächerlich.

Ja, Barnewitz, das iſt nun einmal geſchehen; und nun würdeſt Du mir einen ausnehmenden Ge¬ fallen erweiſen, wenn Du nicht desavouirteſt, was ich in Deinem Auftrage gethan habe, und Dich ruhig an Deinen Platz verfügteſt; die Gräfin Grieben ſucht Dich überall mit ihren großen Eulenaugen.

Ich waſche meine Hände in Unſchuld, grollte Barnewitz, davon eilend.

Und ich will eine Flaſche Champagner auf meinen gelungenen Staatsſtreich trinken, grinſte Oldenburg,71 an der Seite der kleinen Erzieherin, gegenüber Os¬ wald und Melitta, in unmittelbarer Nähe von Cloten und Hortenſe Platz nehmend.

Meine Damen und Herren, ſagte er; ich hoffe, daß Sie mit mir in ein ſtilles begeiſtertes Hoch auf das Wohl des Mannes einſtimmen werden, der Jedem von uns ſeinen Platz anwies, und der, während er nur das Gemeinwohl vor Augen zu haben ſchien, doch die geheimen Wünſche jedes Einzelnen zu erfüllen wußte. Ich gebe Ihnen zu bedenken, meine Damen und Herren, daß ein Mangel an Enthuſiasmus in dieſem feierlichen Augenblick nicht nur die Gefühle jenes Mannes ſchmerzlich berühren, ſondern auch die Em¬ pfindungen eines Ihrer Nächſten auf's Tiefſte verletzen würde, Ihres Nächſten, den mindeſtens wie ſich ſelbſt zu lieben, Sie ſchon die Religion der Liebe ver¬ pflichtet, zu der wir uns ja Alle ohne Ausnahme be¬ kennen. Meine Damen und Herren, trinken Sie mit mir auf das Wohl Ihres und meines beſten Freundes, auf das Wohl Adalberts von Oldenburg.

Man kann ſich denken, daß, ſo weit als des Barons mäßig erhobene Stimme ſchallte. Wenige Luſt hatten und Niemand es wagte, ſich von dieſem ironiſchen Toaſt auszuſchließen. Die kryſtallenen Gläſer klangen aneinander, und bald flackerte die lebhafteſte Unter¬72 haltung um den ganzen Tiſch herum auf, wie das Feuer in einem Haufen Stroh, der an allen Ecken und Enden zugleich angezündet iſt; jene ſchwirrende, ſummende, kichernde, lachende, lärmende, flüſternde Unterhaltung, wo der geiſtreichſte Einfall und die al¬ bernſte Bemerkung zuletzt als gleich werthvolle oder werthloſe Münze courſiren.

Achte auf Deine Augen, Oswald, ſagte Melitta, in jener rapiden Weiſe, wo die Rede ſich kaum vom Hauch unterſcheidet und doch jede Silbe deutlich ge¬ hört wird. Deine holden Liebesbriefe werden von profanen Augen unterwegs aufgefangen, erbrochen und geleſen.

Von Cloten hatte Hortenſe vergeblich zu über¬ reden geſucht, es ſei ihres Gemahls eigener Wunſch geweſen, daß er ſie zu Tiſche führe.

Sei doch nicht ſo einfältig, Arthur, ſagte die junge Frau. Es iſt eine Intrigue von Oldenburg, verlaß Dich darauf. Haſt Du je mit Oldenburg über mich geſprochen?

Nein, Hortenſe parole d'honneur.

Ich bin überzeugt, Du haſt es gethan; Du wirſt mich noch unglücklich machen mit Deiner albernen Schwatzhaftigkeit.

Aber, Hortenſe

73

Still, Oldenburg beobachtet uns fortwährend.

Cloten! rief der Baron.

Was, Baron?

Wollen Sie in dieſem Herbſt mit mir nach Italien reiſen? Sie wiſſen, in der bewußten Angelegenheit.

Ginge raſend gerne mit, Baron; aber Sie wiſſen, tauſend Gründe dagegen; erſtens Jagd, zweitens Pferderennen, drittens haſſe Reiſen, viertens, verſtehe kein Wort italieniſch.

Nun, das iſt das Wenigſte. Was man noth¬ wendig wiſſen muß, beſchränkt ſich auf Si signore, Anima mia dolce, das Andere läßt man ſich von den Schiffern ſagen.

Von Cloten erröthete bis in die Stirn hinauf, denn, wie Oldenburg dieſe Worte lachend ſprach, fühlte er Hortenſes Fuß auf dem ſeinen und hörte ihre von inneren Thränen faſt erſtickte Stimme: Siehſt Du, Arthur; habe ich es nicht geſagt?

Auch Melitta, die ſeitdem ſie den Baron ſich ge¬ rade gegenüber ſah, ſehr ſtill geworden war, ſchien über dieſe Bemerkung ſichtlich betroffen. Sie ſenkte plötzlich die langen Wimpern, wie wenn ſie verbergen wollte, was jetzt in ihrer Seele vorging.

Ich rufe Sie zum Zeugen auf, gnädige Frau, 74rief Oldenburg. Hat Ihnen Ihr Italieniſch viel genützt?

Im Gegentheil, ſagte Melitta, und ihre dunklen Augen flammten auf; ich habe ſo nur manches al¬ berne, lügneriſche Wort mit anhören müſſen, das mir ſonſt unverſtändlich geblieben wäre.

Ja, ja, die Italiener lügen viel, lachte der Baron.

Sagen wir lieber, es wird in Italien viel gelogen, replicirte Melitta.

Zum zweiten Mal abgefallen, murmelte der Baron. Das Weib iſt noch immer ſchön, wie ein Engel und klug wie die Schlange. Ja, ſie iſt ſchöner, als früher. Ihre Augen ſind noch größer und leuch¬ tender, ihre Schultern noch runder; ihre Stimme iſt noch weicher und wohllautender und das Alles in majorem Dei Gloriam, das heißt dem hübſchen Fant an ihrer Seite zu Liebe! Hm! Herr Doctor, wollen Sie mir die Ehre erweiſen, ein Glas Cham¬ pagner mit mir zu trinken? Ich dächte, es läge eine Wolke auf ihrer Stirn. Verſcheuchen Sie dieſelbe. Sie wiſſen: dulce est desipere in loco.

Was für eine verzweifelte Sprache iſt denn das nun wieder, Baron? rief von Cloten.

Platt bramaputraiſch mon cher. Auf Ihr Wohl, Cloten!

75

Je mehr ſich die Mahlzeit ihrem Ende nahte, und je ſchneller ſich die von den Bedienten ſtets wieder ge¬ füllten Champagnergläſer leerten, deſto lärmender und wüſter wurde die Unterhaltung, ſo daß ſelbſt die Stimme des Grafen Grieben, die man bisher wie das Kreiſchen eines großen Papagei's in einer Me¬ nagerie immer durchgehört hatte, übertönt wurde. Der dünne Firniß äußerlicher Cultur, aus welchem die ganze ſogenannte Bildung dieſer bevorrechtigten Klaſſe beſtand, begann von den Strömen Weines, die unaufhörlich floſſen, in einer erſchreckenden Weiſe her¬ untergeſpült zu werden, und die nackte, troſtlos dürf¬ tige Natur kam überall zum Vorſchein. Die jungen Herren erzählten den jungen Damen ihre Abenteuer auf der Jagd, bei den Pferderennen, ihre Heldenthaten während ihrer militairiſchen Dienſtzeit, oder gefielen ſich in Unterhaltungen, die ſcherzhaft und galant ſein ſollten, und die für jedes feinere weibliche Gemüth einfach plump und zweideutig waren. Indeſſen ſchienen die jungen Damen leider an dieſe Sorte Unterhaltung viel zu ſehr gewöhnt zu ſein, als daß dieſelbe irgend einen unangenehmen Eindruck auf ſie hätte hervor¬ bringen können. Im Gegentheil, ſie ließen ſich ein Glas Champagner nach dem andern aufnöthigen, ſie wollten ſich todtlachen über die reizenden Einfälle der76 jungen Herren, beſonders des jungen Grafen Grieben, eines ſehr langen, ſehr dünnen und ſehr blonden Jünglings, deſſen Erſcheinung flüchtig an eine Giraffe erinnerte, und der, wenn er wie diesmal nicht in un¬ mittelbarer Nähe Oldenburg's ſich befand, gern den ſtarken Geiſt ſpielte und eine gewiſſe Autorität über ſeine Kameraden ausübte. Oldenburg ſelbſt ſchien entweder ein feuriger Verehrer des Gottes Bacchus zu ſein, oder ein ganz beſonderes Vergnügen darin zu finden, den bacchantiſchen Taumel um ſich her ge¬ fliſſentlich zu vermehren; denn er trank und ſprach unaufhörlich und forderte die Andern unausgeſetzt zum Trinken auf. Beſonders hatte er dabei von Cloten im Auge, der im Anfang der Mahlzeit, durch Hor¬ tenſe's Vorwürfe aufgeſchreckt, ſehr ſtill und verlegen geweſen war, kaum aber eine Flaſche getrunken hatte, als er die ſchönen Vorſichtsmaßregeln, die ihm ſeine Geliebte in aller Eile für dieſen kritiſchen Fall ge¬ gegeben, vergaß, und ihre abwehrenden Blicke mit deſto feurigeren, und ihr geflüſtertes: Aber Arthur, nimm Dich doch zuſammen! mit einem faſt hörbaren: Aber, Kind, was willſt Du nur? es achtet kein Menſch auf uns, beantwortete. Ja, der junge Edelmann trieb die Unvorſichtigkeit ſo weit, bei einer Gelegen¬ heit, unter dem Vorwande ein Tuch aufzuheben, Hor¬77 tenſe's herabhängende Hand zu küſſen, ein andermal ihr Glas mit dem ſeinen zu vertauſchen; mit einem Worte, er benahm ſich ſo, daß, wer das Verhältniß der Beiden noch nicht kannte, es heute Abend kennen lernen, und wer es ahnte, in ſeinem Verdacht beſtätigt werden mußte.

Ich werde ſogleich nach Tiſche fahren, Oswald, ſagte Melitta zu dieſem, der in der letzten Viertel¬ ſtunde ſich faſt nur mit Emilie von Breeſen, ſeiner Nachbarin auf der andern Seite, unterhalten hatte.

Ich wollte, Du wärſt gar nicht gekommen, oder hätteſt mich zu Hauſe gelaſſen, ſagte der junge Mann bitter.

Schilt mich nur noch, ſagte Melitta, und ſchmerz¬ lich zuckte es um den reizenden Mund. Ach, Os¬ wald, ich wollte, ich könnte Dich mitnehmen für jetzt und für immer.

Hoffentlich erlaubt es Baron Oldenburg, ant¬ wortete Oswald, der bemerkte, wie die grauen Augen des Barons, während er ſich lebhaft mit dem kleinen Fräulein Klauß unterhielt, unausgeſetzt Melitta und ihn ſelbſt beobachteten.

Melitta antwortete nicht, aber die Thräne, die plötzlich an ihren dunklen Wimpern erglänzte und die78 ſie mit einer ſchnellen Bewegung ihres feinen Taſchen¬ tuchs ſogleich trocknete, war Antwort genug.

Verzeih 'mir, Melitta, murmelte Oswald, aber ich bin ſehr unglücklich.

Ich bin es nicht minder, vielleicht noch mehr und darum gerade möchte ich, daß Du ganz glücklich wäreſt, wünſchte ich, ich könnte Dich ganz glücklich machen.

Du kannſt es durch ein Wort!

Was iſt es, Oswald?

Sage, daß Du mich liebſt.

Oswald, ſo fragt die Liebe nicht, ſo fragt die Eiferſucht.

Giebt es eine Liebe ohne Eiferſucht?

Ja, die echte Liebe, die nichts fürchtet, und Alles glaubt.

So wäre meine Liebe nicht die echte? Freilich, wie können wir, die wir nicht vom Adel ſind, auch Anſpruch auf irgend etwas Echtes machen! Unſere Mütter und Schweſtern tragen böhmiſches Glas ſtatt Diamanten, wir ſelbſt haben keine echte Ehre, keine echte Liebe das iſt ja ſonnenklar.

Wenn Oswald, indem er dieſe wahnſinnigen Worte ſprach, in Melitta's Herz hätte ſehen können, ja wenn79 er nur einen Blick in ihr Geſicht geworfen hätte, er würde vor Scham haben vergehen müſſen. Melitta antwortete nicht; ſie weinte auch nicht, ſie blickte nur ſtarr vor ſich hin, als könne ſie das Ungeheure nicht begreifen, daß die Hand, die zu küſſen ſie ſich nieder¬ beugte, ſie in's Antlitz geſchlagen; daß der Fuß, den mit Narden zu ſalben, ſie niedergekniet war, ſie grau¬ ſam zurückgeſtoßen habe ... Wie hatte ſie ſich gefreut auf dieſen Abend, wie ſchön hatte ſie es ſich gedacht, mitten im Lärm der Geſellſchaft allein zu ſein mit dem Geliebten, ſeinen Worten zu lauſchen, ſeine Hand verſtohlen zu drücken, und während hübſche Frauen und reizende Mädchen mit ihm coquettirten, in ſeinen Augen zu leſen: Ich liebe doch nur Dich, Melitta! Und über dieſen Abend hinaus hatte eine roſige Zu¬ kunft ſich vor ihren Blicken aufgethan ein Land der Hoffnung nicht in deutlichen Umriſſen, aber voll Ruhe und Liebe und Sonnenſchein ... Aber da hatte ſich ihre Vergangenheit herangewälzt, wie ein grauer giftiger Nebel, und hatte das ſonnige Land der Zukunft immer dichter und dichter verſchleiert ... Und jetzt erſchien ihr durch den giftigen Nebel das Antlitz des Geliebten wie von Haß verzerrt, und ſeine Stimme drang ſeltſam fremd zu ihrem Ohr. War das ſein Antlitz? war das ſeine Stimme, die jetzt die Worte80 ſprach: Gnädige Frau, man hebt die Tafel auf, darf ich um Ihren Arm bitten?

Während ſie in den Reihen der Uebrigen die Treppe hinunterſchritten, ſprach Melitta kein Wort; auch Oswald nicht. Als ſie unten im Saale ange¬ kommen waren, verbeugte er ſich tief vor ihr, und als er den Kopf hob, ſchaute er auf einen Augenblick in ihr Antlitz. Er ſah, wie ſchmerzlich es um ihre Lippen zuckte; er ſah, welch 'rührende Klage aus ihren großen dunkeln Augen ſprach aber ſein Herz war verſchloſſen, und er wandte ſich zu einer Gruppe junger Mädchen und Herren, die das abgebrochene über¬ müthige Tiſchgeſpräch noch eine Weile fortſetzen zu wollen ſchienen. Melitta ſah ihm noch für einen Mo¬ ment nach, ſah, wie die hübſche Emilie von Breeſen ſich lebhaft zu ihm wandte, wie er ihr mit einem Scherze entgegentrat, ſie lachend etwas erwiderte und ihn mit ihrem Fächer auf den Arm ſchlug. Weiter ſah ſie nichts mehr; als ſie ſich wiederfand, ſaß ſie in der Ecke ihres Wagens. Auf die Bäume und Hecken an der Wegſeite, die an dem Fenſter vorübertanzten, fiel das helle Licht aus den Laternen, aber Melitta ſah Alles nur wie durch einen Nebelflor, denn ihr Herz und ihre Augen waren voll Thränen.

[81]

Viertes Kapitel.

Mit Melitta ſchien der gute Genius aus der Ge¬ ſellſchaft gewichen und allen Dämonen freies Spiel gegeben. Immer lauter kreiſchten die Geigen, immer feuriger wurden die Blicke der Herren, immer fri¬ voler ihre Rede, immer üppiger und leidenſchaftlicher die Bewegungen der Tänzerinnen. Und noch immer floß der Champagner in Strömen. Friſche Lichter waren während des Abendeſſens überall auf den Kronleuchtern der Säle und rings in den Zimmern aufgeſteckt es ſchien, als ob die Luſt kein Ende nehmen ſolle, nehmen könne. Auch die älteren Herr¬ ſchaften hatten ſich wieder an die Spieltiſche begeben; aus einem kleinen Nebenzimmer, in welches fünf oder ſechs Herren ſich zurückgezogen hatten, hörte man das Klingen von Goldſtücken und ein gelegentliches: Faìtes votre jeu, messieurs!

Oswald hatte ſich vor dem Beginn des zweitenF. Spielhagen, Problematiſche Naturen. II. 682Tanzes nach Herrn und Frau von Grenwitz umgeſehen, denn er hatte nicht bemerkt und erfuhr erſt jetzt, daß dieſe die Geſellſchaft ſchon vor dem Abendeſſen ver¬ laſſen hatten, und daß der Wagen wiederkommen würde, ihn abzuholen. Er hatte Melitta, da ſie nicht in dem Ballſaal erſchienen war, in einem der andern Zimmer vermuthet. Ein Diener, der mit einem Prä¬ ſentirbrette voll Weingläſern an ihm vorübereilte, antwortete auf ſeine Frage, ob er Frau von Berkow nicht geſehen habe? die gnädige Frau iſt ſoeben fort¬ gefahren. Befehlen Limonade oder Champagner? Oswald nahm ein Glas Wein und leerte es auf einen Zug. Fortgefahren ohne Abſchied! Vortrefflich, murmelte er, indem er ſich in den Ballſaal zurückbegab.

Und immer nächtiger wurde es in ſeiner Seele. Jetzt zürnte er nicht mit ſich, daß er die Geliebte ſo ſchnöde gekränkt und ſie ſo gekränkt hatte ziehen laſſen, ſondern ihr, daß ſie fortgegangen war, ohne ihm Gelegenheit zu geben, ſie um Verzeihung zu bitten. Ihm war zu Muthe, wie einer Seele zu Muthe ſein könnte, die in ihren Sünden zur Hölle gefahren iſt, weil ſie des Prieſters Abſolution verſchmähte, und die nun gegen ſich ſelbſt und gegen den unſchuldigen Prieſter wüthet. Tolle Gedanken wirbelten durch ſein überreiztes Gehirn es wäre ihm eine Wolluſt83 geweſen, wenn einer von dieſen jungen Adeligen, durch ſeinen Uebermuth beleidigt, ihm feindlich entgegen¬ getreten wäre. Ja, er legte es darauf an, er witzelte und ſpöttelte auf die übermüthigſte Weiſe; aber ent¬ weder verſtanden die Halbberauſchten ihn nicht oder ſie hatten noch ſo viel Verſtand behalten, einzuſehen, daß ein Duell mit einem Manne, deſſen Kugel unfehlbar war, eine Sache ſei, die wohl bedacht ſein wolle. Er ſuchte ſich zu überreden, daß von den anweſenden Damen mehr als eine vollkommen ſo ſchön und liebens¬ würdig ſei wie Melitta daß es lächerlich ſei, ſich um die Abweſende zu grämen, da ihm hier mehr wie ein feuriges Auge zu entſchädigen verſprach ... Warum ſollte er ſich nicht in Emilie von Breeſen verlieben? Warum nicht? Sie war eine Knospe, die zu einer wundervollen Roſe aufblühen mußte. Warum ſollte er nicht den erſten Blick in dieſes ſchwellende Knospen¬ leben thun? ſich nicht zuerſt an dem Duft dieſer friſchen Blume berauſchen? Und war ſie nicht ſchlank und geſchmeidig wie ein Reh? und war ihr roſiger Mund nicht ſchon zu einem wollüſtigen Kuſſe halb geöffnet, und blickte ſie nicht mit ſo großen, grauen, halb ſcheuen, halb kecken, halb neugierigen und halb verſtändnißklaren Augen zu ihm auf, wie er jetzt über die Lehne ihres Stuhls gebeugt mit ihr ſchwatzte? ...

6*84

Sie müſſen uns ja beſuchen, Herr Stein! Ich lade Lisbeth noch dazu, und dann reiten wir zuſammen ſpazieren.

Laſſen Sie Fräulein von Meyen nur zu Hauſe. Ich ziehe die Duetts den Terzetts bei weitem vor.

Iſt das wahr? Aber meine Couſine iſt ein ſehr hübſches Mädchen. Finden Sie nicht?

Fräulein Lisbeth iſt ein reizendes Weſen, das nur den einen Fehler hat, Sie zur Couſine zu haben, und nur den einen Fehler begeht, ſich zu häufig neben Sie zu ſtellen.

Warten Sie, das ſage ich ihr wieder

Sie würden mich dadurch dem Haß der jungen Dame ausſetzen und mir dafür eine Entſchädigung ſchuldig ſein.

Und liegt dieſe Entſchädigung in meiner Macht?

Nein, in Ihren Augen.

Sie Spötter, kommen Sie, die Reihe iſt an uns.

Oswald hatte ſich in der folgenden Pauſe zwecklos in den Zimmern umhergetrieben. Als er in den Ball¬ ſaal zurückkam, ſah er ſich vergeblich nach Emilie von Breeſen um. Halb und halb ſie ſuchend und auch wieder ohne Plan, von ſeinen böſen Gedanken gejagt, weiter irrend, gerieth er in eine andere Flucht von Zimmern, die an der den Spielzimmern entgegenge¬85 ſetzten Seite an den Ballſaal ſtieß und in welchen er bis jetzt noch nicht geweſen war. Nur hier und da brannte noch ein halb verlöſchendes Licht auf einem Wandleuchter oder vor einem Spiegel, und zeigte ihm wie in einem böſen Traum ein altes verbräuntes Fa¬ milienportrait oder ſein eigenes bleiches Geſicht. Die Stühle ſtanden wirr durcheinander. Die Fenſter waren mit Vorhängen verhüllt. Durch die Spalten ſchim¬ merte der Mond, der jetzt aufgegangen war, herein und zeichnete hier und da einen hellen Streifen auf die Teppiche des Fußbodens, Oswald trat, um friſche Luft zu ſchöpfen, an eins dieſer Fenſter. Als er den dunkelrothen, ſchweren Vorhang zurückſchlug, fuhr eine weiße Geſtalt, die in der tiefen Niſche des Fenſters auf einem niedrigen Rohrſeſſel geſeſſen und den Kopf in die Hand geſtützt hatte, ſcheu empor und ſtieß einen leiſen Schrei der Ueberraſchung aus. Oswald wollte den Vorhang wieder fallen laſſen und ſich zurückziehen, als die