PRIMS Full-text transcription (HTML)
Problematiſche Naturen.
Problematiſche Naturen.
Roman
Vierter Band.
Berlin. Verlag von Otto Janke. 1861.
[1]

Erſtes Kapitel.

Baron Felix war angekommen mitten in der Nacht. Er war bei guter Zeit von dem Fährdorfe in ſeinem eignen Wagen aufgebrochen, als es dem Kammerdiener ſchwer aufs Herz fiel, der Toilette¬ kaſten ſeines Herrn möchte ſich nicht bei dem übrigen Gepäck befinden, da er denſelben unter die Bank des Bootes zwiſchen ſeine Füße geſtellt, und wahrſchein¬ lich ſtehen gelaſſen hatte. Schüchterne Hindeutung Jean's auf die Möglichkeit dieſes Falls großer Zorn von Seiten des Baron Felix und Androhung von Ohrfeigen, Stockprügeln und Entlaſſung auf offener Heerſtraße angeſtellte Nachforſchung ſchlie߬ lich, da ſich das corpus delicti wirklich nicht fand, Umkehr. Leider war unterdeſſen das Fährboot mit dem hochwichtigen Kaſten unter der Bank bereits ab¬ geſegelt. Bis es wieder an der Landungsbrücke an¬ legte, vergingen mehre Stunden, denn es war unter¬F. Spielhagen, Problematiſche Naturen. IV. 12deſſen eine gänzliche Windſtille eingetreten und die Leute hatten ſich mit den ſchweren Rudern zur Verzweiflung des Baron Felix, der ſie vom Strande aus durch ein Taſchenteleskop beobachtete Zoll um Zoll hinüber arbeiten müſſen. So war der Abend bereits tief hereingeſunken, als der Baron zum zweiten Male diesmal mit dem Kaſten von dem Fährdorfe aufbrach. Er war in einer fürchter¬ lichen Laune. Er hatte verſprochen, heute noch auf Grenwitz einzutreffen, da er den Augenblick, ſeine ſchöne Couſine zu ſehen, nicht erwarten könne. Eine Verzögerung ſeiner Ankunft konnte ihm leicht übel ausgelegt werden. Beſſer alſo, in tiefer Nacht, als gar nicht kommen. Auf der andern Seite aber war eine nächtliche Fahrt durch Wald und feuchtes Moor noch dazu in einem offnen Wagen keineswegs nach dem Geſchmacke des jungen Ex-Lieutenants, der jedenfalls in Folge der ungeheuren Strapazen auf dem Exercierplatze und bei den Paraden ſehr an Rheumatismus litt und eine Erkältung wie die Peſt fürchtete. Er wählte alſo von den zwei Uebeln, ſich dem Verdacht der Gleichgültigkeit, oder der Gefahr einer Erkältung auszuſetzen, das kleinere und drohte nur ſeinem Jean, daß er (Baron Felix) von der Größe ſeines Schnupfens morgen früh die Größe der3 Strafe für ſeine (Jean's) Nachläſſigkeit werde ab¬ hängen laſſen.

Es war deshalb eine nicht unbedeutende Beruhi¬ gung für Jean, als ſein Herr am nächſten Morgen (man hatte die nächtliche Ruhe des Schloſſes ſo wenig wie möglich geſtört und ſich von einem der heraus¬ gepochten Bedienten die ſchon längſt bereit ſtehenden Zimmer anweiſen laſſen) mit ſehr guter Laune er¬ wachte, ſeinen Cacao wie gewöhnlich im Bett zu trinken begehrte und nachdem er ſich halb hatte an¬ kleiden laſſen die zweite, wichtigere Hälfte beſorgte er eigenhändig ihn fortſchickte, um Herrn Timm, deſſen Anweſenheit auf dem Schloſſe er erfahren hatte, bitten zu laſſen, ihn auf ein paar Minuten auf ſeinem Zimmer zu beſuchen.

Ah voilà, lieber Timm, wie geht es Ihnen? ſagte Baron Felix, das letzte Wort auffallend marki¬ rend, als der Angeredete bald darauf eintrat. Sie entſchuldigen, daß ich Ihnen ſo früh läſtig falle: aber ich zum Teufel, nun hat der Eſel von Jean wie¬ der heißes ſtatt warmes Waſſer gebracht entſchul¬ digen Sie! Jean, warmes Waſſer, Nilpferd! nun ſagen Sie, wie geht es Ihnen, lieber Timm? freue mich, Sie hier ſo zufällig zu treffen. Wie geht es Ihnen? und der Baron ſtreckte dem Angeredeten1*4einen der Finger ſeiner linken Hand, die er eben ab¬ getrocknet hatte, entgegen.

Danke, Baron, paſſabel! ſagte Albert, den dar¬ gebotenen Finger ſehr flüchtig, denn ſich durch vor¬ nehme Grobheit imponiren zu laſſen, gehörte nicht zu Alberts Schwächen, mit etwa zwei Fingern ſeiner Hand berührend; ich glaubte ſchon, Sie (mit Beto¬ nung) würden mich bis auf den Namen vergeſſen haben.

Bewahre, ſagte Felix, fiel mir heute Morgen ſogleich auf, als Jean mir die Geſellſchaft hier her¬ zählte. Aber wie gottvoll Sie ſich in Civil aus¬ nehmen! hahaha! wenn Sie ſo die Kameraden ſähen! wirklich gottvoll, auf Ehre! und Felix blieb, eine Bürſte in der einen und einen kleinen Toilettenſpiegel in der andern Hand, vor Albert ſtehen, ſich ihn von Kopf bis zu den Füßen wie ein fremdes merkwürdi¬ ges Thier anſehend.

Meinen Sie? ſagte Albert trocken; freut mich! kann Ihnen leider das Compliment nicht zurückgeben, da ich erſt die folgenden Stadien Ihrer Toilette ab¬ warten muß. Aber das Eine kann ich Ihnen ſagen jünger ſind Sie unterdeſſen nicht geworden. Haben Sie nicht noch eine Cigarre? oder iſt die Havana, die Sie rauchen, die letzte Ihres Geſchlechts?

5

Dort auf dem Tiſch! ſagte Felix; in dem Ebenholzkäſtchen Sie müſſen die Feder nach unten drücken nicht jünger geworden? aber hoffentlich doch auch nicht älter, ich meine auffallend zum wenigſten erfreue ich mich, wie Sie ſehen noch meiner ſämmtlichen Zähne und zum mindeſten fünf Sechſtel meiner Haare und Felix bürſtete mit unendlichem Wohlgefallen die allerliebſten natürlichen kurzen brau¬ nen Locken, die wirklich noch ziemlich üppig ſeinen wohlgeformten Kopf bedeckten.

Nun, mit den Haaren mag's noch gehen, ſagte der unbarmherzige Albert, der jetzt auf einem Sopha Platz genommen hatte und dem vor dem Spiegel eifrig beſchäftigten Felix mit heimlicher Schadenfreude muſterte; aber wo haben Sie nur alle die Falten in ihrem Geſicht her bekommen? die ſcharfe Morgen¬ beleuchtung iſt wirklich nichts mehr für Sie. Ich machte Ihnen früher das Compliment, Sie hätten eine frappante Aehnlichkeit mit Byron; aber jetzt ſehen Sie wenigſtens wie Byron's Vater aus. Und dann Sie waren niemals durch Fülle ausgezeichnet, jetzt ſind Sie wirklich auf ein Minimum reducirt.

Je ſchlanker, deſto eleganter, meinte Felix; und übrigens kommt das wieder; ich wurde in der letzten Zeit von meinem Doctor etwas knapp gehalten.

6

Das alte Leiden?

Nun wenigſtens eine neue Auflage.

Vermehrt und verbeſſert?

Es ging noch; aber damit iſt es jetzt vorbei. Wir ſind ſolid geworden; wir werden uns zur Ruhe ſetzen wie finden Sie dieſe Beinkleider? iſt es nicht eine geiſtreiche Combination des militairiſchen und des Civilſchnitts? ganz meine Erfindung! wir werden heirathen

Das ſollten Sie bleiben laſſen, Baron!

Weshalb?

Wenigſtens ſollten Sie eine ältere, verſtändige Dame heirathen.

Weshalb?

Weil Sie, fürchte ich, über kurz oder lang doch einer mütterlichen Freundin bedürftiger ſein werden, als einer anſpruchsvollen jungen Gemahlin.

Pah, mon cher, ich habe die Ehre, aus einer Familie zu ſtammen, in der man ungeſtraft liederlich ſein darf. Ein bischen Rheumatismus das iſt das Aeußerſte. Was ſagen Sie zu dieſem Rock?

Gar nichts; Sie wiſſen, ich war nie ein Kenner in dieſen Dingen.

Freilich, Sie waren ſtets das unſaubere Gefäß, in welches ſich die Schale des Zorns unſeres guten7 Obriſten leerte. Wiſſen Sie, daß ſich der arme Teufel erſchoſſen hat?

Nein, weshalb?

Die Einen ſagen, Schulden halber; die Andern, weil er die Schande nicht hat überleben wollen, daß bei der letzten großen Parade eine ganze Compagnie von ſeinem Regiment mit Tuchhoſen ſtatt mit weißen Hoſen angerückt kam, und er deshalb vom Comman¬ direnden über dieſe Schweinerei zur Rede geſtellt wurde.

Gott hab ihn ſelig!

Amen. Apropos! wie lange ſind Sie denn ſchon hier auf Grenwitz? ich höre, ſchon ſeit Wochen; da müſſen Sie die Geſellſchaft ja aus - und inwendig kennen. Ja, was ich eigentlich wiſſen wollte: Wie befindet ſich denn mein würdiger Onkel und meine vortreffliche Frau Tante? und wie ſieht denn meine Couſine haben Sie ſchon eine ſolche Uhr geſehen? doppelter Secundenzeiger der Zeiger oben zeigt Monat und Datum direct aus London ich glaube, es iſt die erſte, die auf dem Continent ge¬ tragen wird. Apropos! wer kann denn heute Nacht das hübſche, ſchwarzäugige, kleine Ding geweſen ſein, das wir auch aufgeſtört hatten und das im allerlieb¬ ſten Nachtcoſtüm über den Flur huſchte es ſchien8 eine Art Wirthſchafterin oder dergleichen. Ihr habt doch keinen Beſuch weiter auf dem Schloſſe?

Nein

Alſo ganz en famille? Wollen Sie gefälligſt die Klingel über Ihrem Kopfe ziehen? Ich dächte, ich ſähe heute ganz ausnehmend wohl aus Jean! hab ich Dir nicht geſagt, Kameel, daß Du dieſen Rock hier nicht tragen ſollſt gleich zieh 'den neuen an! und dann geh' und frage bei der gnädigen Herrſchaft an, ob ich jetzt meine Aufwartung machen dürfe.

Der Herr Baron haben ſchon zweimal nach dem Herrn Baron gefragt.

Nun, dann ſag ', ich würde gleich kommen. Au revoir, lieber Timm. Ich hoffe. Sie an der Mittagstafel zu ſehen und Felix warf noch einen letzten Blick in den Spiegel, goß etwas Eau de Co¬ logne auf ſein feines weißes Taſchentuch und ſchritt durch die Thür, welche ihm Jean pflichtſchuldigſt öff¬ nete, davon, ohne ſich weiter nach Albert, der ihm auf dem Fuße folgte, umzuſehen.

Dieſer ſchaute dem Enteilenden mit einem höhni¬ ſchen Lächeln auf den ſchmalen feinen Lippen nach: lieber Timm, murmelte er; ich will Dir den lieben Timm und das Sie anſtreichen, Du Affe! ...

9

Es war am Abend deſſelben Tages. Man hatte ſo eben die Mahlzeit, die bei gutem Wetter jetzt ſtets auf der Terraſſe eingenommen wurde, beendet und bereitete ſich zu einem gemeinſchaftlichen Spaziergange vor, den man, auf den Vorſchlag der Baronin, durch den Buchwald nach dem Strande machen wollte. Os¬ wald hätte ſich ausſchließen mögen, da ihm in ſeiner augenblicklichen Stimmung die Geſellſchaft wirklich peinlich war, aber Felix, der ein großes Gefallen an dem ſchweigſamen, ernſten Mann zu finden ſchien, hatte ihn ſo lange gebeten, kein Störenfried und Spiel¬ verderber zu ſein, daß er ſich endlich, zu Bruno's großer Freude, zum Mitgehen entſchloß. So brach man denn auf und gelangte bald in den ſchönen Wald, wo in den grünen Zweigen noch die rothen Abend¬ lichter ſpielten und die Vögel ſangen. Felix hatte der Baronin den Arm gegeben; Fräulein Helene ging an ihres Vaters Seite; Oswald, Albert und die Kna¬ ben und Mademoiſelle Marguerite gingen voran oder folgten, bald einzeln, bald paarweiſe, wie der ſchmale Waldweg es eben erlaubte. Felix, den ſein Arzt be¬ ſonders vor Erkältung gewarnt hatte, fand es im Wald doch kühler und feuchter, als er vermuthet, und er wünſchte im Stillen ſehnlichſt, daß die Partie ſich nicht zu ſehr in die Länge ziehen möchte. Indeſſen10 hielt er es natürlich für gerathener, dieſen ſeinen ge¬ heimen Wünſchen keine Worte zu leihen, ſondern dem reizenden Einfall dieſes romantiſchen Spaziergangs ein Compliment zu machen.

Es freut mich, wenn ich damit Ihrem Geſchmack entſprochen habe, lieber Felix, ſagte Anna-Maria; ich geſtehe, ich hätte Ihnen ſo viel Sinn für die ein¬ fachen Freuden des Landlebens nicht zugetraut. Wie gut trifft es ſich, daß auch Helene dieſen Geſchmack theilt. Ihr werdet einmal ein recht verſtändiges, ſolides Leben führen, wie es ſich für eure Verhält¬ niſſe ſchickt.

Nun, meine Verhältniſſe, liebe Tante

Werden ſich beſſern, ich bin davon überzeugt; aber Sie werden viel zu thun haben, lieber Felix, bis Sie ganz frei aufathmen können. Wie lange hat es gedauert, bis ſelbſt wir nur die allergrößten Hinder¬ niſſe aus dem Wege geräumt hatten! und von einer wirklichen Beherrſchung der Situation können wir erſt in ein paar Jahren ſprechen, wenn Stantow und Bärwalde uns hoffentlich nicht länger vorenthalten werden können und die übrigen Güter in neue und, ich denke, beſſere Pacht kommen. Sie ſollten Ihre Güter auch neu vermeſſen laſſen, lieber Felix. Sie finden in Timm einen fleißigen und geſchickten Arbeiter. 11Ich bin ganz überraſcht, daß Sie den jungen Mann ſchon von früher her kennen; von der Cadettenſchule, nicht wahr?

Ja, liebe Tante; er war ein großer

Liebling ich glaube es gern; iſt er es doch auch hier bei uns Allen.

Das wollte ich nun eigentlich nicht ſagen ver¬ ſetzte Felix lachend; indeſſen man hatte ihn allerdings im Allgemeinen ſehr gern. Er war der unermüd¬ lichſte Spaßmacher; und wenn es ſich um einen Genie¬ ſtreich handelte, ſo ſtand er ſicher an der Spitze. Indeſſen, man thut gut, ihm den Daumen etwas auf's Auge zu halten; er gehört zu den Leuten, die, wenn man ihnen den kleinen Finger giebt, die ganze Hand nehmen.

In der That! ſagte Anna-Maria, die Augen¬ brauen in die Höhe ziehend; ich habe den jungen Menſchen bis jetzt ſtets für die Beſcheidenheit ſelbſt gehalten; für viel beſcheidener, als z. B. unſern Herrn Stein.

Wirklich? meinte Felix; ich hätte nun gerade gedacht, daß Herr Stein ſich ſeiner Stellung voll¬ kommen bewußt iſt.

Nun, Sie werden ihn noch näher kennen lernen. 12Er iſt einer der arroganteſten Menſchen ſeines Stan¬ des, die mir je vorgekommen ſind.

Wir wollen ihm das austreiben, ſagte Felix, ſeinen äußerſt winzigen Schnurrbart drehend; mit ſolchen Leuten muß man kurzen Prozeß machen. Ich kenne das. Dieſe Bürgerlichen ſind ſich Alle gleich. Sobald ſie merken, daß wir ſein wollen, was wir von Rechtswegen ſind die Herren im Staat und im Haus kriechen Sie zu Kreuz. Sie werden nur übermüthig durch unſere Schuld. Man muß ſie fortwährend in dem Bewußtſein ihrer Stellung halten. Sie ſind zu gut gegen den Menſchen geweſen: das iſt Alles. Ich wunderte mich, offen geſtanden, ſchon heute Mittag, mit welcher Nachſicht ſich Fräulein Helene ſeine Zurechtweiſung ich weiß nicht mehr, um was es ſich handelte gefallen ließ.

Nun Helene iſt ſonſt nicht gerade ſeine Freundin; wie ſie denn überhaupt eine wahrhaft ariſtokratiſche Antipathie gegen alles Plebejiſche hat. Nähren Sie dieſe Grundſätze ja! ich glaube, Sie werden ſo den nächſten Weg zu ihrem Herzen finden.

Nun, ich denke, dieſer Weg wird ja wol nicht ſo übermäßig ſchwer zu entdecken ſein; ſagte Felix mit ſelbſtgefälligem Lächeln: ich habe einige Erfahrung in dieſem Capitel, ma chère tante!

13

Die Sie in dieſem Falle brauchen werden; lieber Felix. Helene iſt ein ſehr eigenthümlicher, ſchwer zu berechnender Charakter. Ich geſtehe, daß ich noch nicht gewagt habe, ihr unſer Project offen darzulegen. Ich wollte erſt die Wirkung abwarten, die Sie ohne Zweifel auf ihr Herz hervorbringen werden. Sie haben hier die beſte Gelegenheit, ſich ihr in dem liebenswürdigſten Lichte zu zeigen; ja nicht einmal einen Nebenbuhler haben Sie zu fürchten. Wir leben ſehr zurückgezogen, und ich werde mit Eiferſucht dar¬ über wachen, daß dieſe Zurückgezogenheit auch wäh¬ rend Ihres Aufenthalts ſo wenig wie möglich geſtört wird.

Verzeihen Sie, liebe Tante, wenn ich in dieſem Punkte anderer Meinung bin, ſagte Felix; ich müßte mir wahrlich mein theures Lehrgeld wiedergeben laſſen, wenn ich den Vergleich mit den jungen Standesge¬ noſſen hier auf dem Lande ſcheuen zu müſſen glaubte. Im Gegentheil; ich bin äußerſt begierig, mit dieſen Gelbſchnäbeln in die Schranken zu treten! Jeder, den ich aus dem Sattel hebe, iſt ein Schritt näher zu meinem Ziele, wenn es denn wirklich ſo ſehr weit geſteckt ſein ſollte. Nein! bitten Sie ſo viel Geſell¬ ſchaft wie möglich. Machen Sie meine und Helene's Anweſenheit zu einer Veranlaſſung, kleine Diners,14 Soupers, Thees u. dgl. zu geben; und hernach faſſen wir Alles in einem großen Balle zuſammen, auf wel¬ chem dann unſere Verlobung der ganzen Geſellſchaft mitgetheilt wird, die dann natürlich über ein Ereig¬ niß, das ſie ſeit Wochen erwartet hat, in ein obligates Staunen geräth.

Sie ſind kühn, lieber Felix, ſagte die Baronin, der dieſe Methode, auch beſonders der Koſtſpieligkeit wegen, nur halb gefiel.

Wozu hätte ich denn ſonſt des Königs Rock ſo lange Jahre getragen? erwiederte Felix, ſeiner Tante galant die Hand küſſend.

Während deſſen von der Baronin und Felix ſo ruhig über Helene's Schickſal debattirt wurde, hatte zwiſchen dieſer und ihrem Vater ein Geſpräch ſtatt¬ gefunden, das die feingeſponnenen Pläne der Baronin und den vermeintlich raſchen Siegeslauf des jungen Ex-Lieutenants auf eine gar eigenthümlich naive Weiſe durchkreuzte.

Der alte Baron liebte ſeine ſchöne Tochter mit aller Liebe, deren ſein braves Herz fähig war, liebte ſie um ſo mehr, als er über die Gerechtigkeit der Beſtimmungen, welche das junge Mädchen von dem Majoratsvermögen ausſchloſſen, von jeher nicht geringe Zweifel gehabt hatte. Dazu kam, daß er die Zurück¬15 ſetzung, welche die Tochter von Seiten der Mutter bis dahin erfahren hatte, ſehr wol empfand, wenn er auch zu ſchwach geweſen war, Maßregeln dagegen zu ergreifen, und vor allem der Hamburger Verban¬ nung ein Ende zu machen. Auch dem Heirathsproject hatte er ſeine Zuſtimmung nur gegeben, weil ihm Anna-Maria eingeredet hatte, ſo könne die Ungleich¬ mäßigkeit in dem Schickſal der beiden Kinder am beſten ausgeglichen werden, da Helene, als die Gattin Felix ', nach Malte's etwaigem Tode, dann doch ge¬ wiſſermaßen zur Erbſchaft gelangte, wenigſtens in den vollen Genuß des Vermögens käme. Aber auch hier hatte er Helene's vollkommen freie Zuſtimmung als unumgängliche Bedingung ſtipulirt, wogegen er ſich wieder verpflichtet hatte, die Leitung der Angelegen¬ heit den geſchickten Händen ſeiner Gemahlin zu über¬ laſſen und vor allem ſich vor einer vorzeitigen Ent¬ hüllung des Planes in Acht zu nehmen.

Nun aber hatten die Eindrücke der letzten Zeit an dieſen Vorſätzen und Entſchlüſſen arg gerüttelt. Zuerſt war ihm in Hamburg, als ihn ein plötzlicher Fieber¬ anfall auf das Krankenlager warf, der Gedanke ge¬ kommen, er könnte in nächſter Zeit ſterben und He¬ lene dann ganz verlaſſen daſtehen, ohne ſeinen Rath, ohne ſein Veto, das er im äußerſten Falle der Ausfüh¬16 rung der Pläne Anna-Maria's entgegenzuſetzen feſt entſchloſſen war. Er hatte ſeine Tochter immer ge¬ liebt, aber jetzt betete er ſie an. Sie war ſo ſchön, ſo ſtolz, und gegen ihn, den alten Vater, ſo freund¬ lich beſcheiden, daß ſein Herz, wenn er dachte, er könnte aus dem Leben gehen, ohne das Schickſal dieſes ſeines Lieblings ſicher geſtellt zu haben, Angſt und Trauer zugleich empfand. Wäre nun Felix der Mann geweſen, wie er ſich den Gemal ſeiner Tochter wünſchte, ſo hätte noch Alles gehen mögen. Aber das war Felix keineswegs. Der alte Baron war ſeiner Zeit auch ein junger Baron und war, wie Felix, Offizier geweſen. Er wußte ſehr wohl, welchen Verſuchungen ein junger und reicher Edelmann in dieſer Lage ausgeſetzt iſt; er ſelbſt war dieſen Ver¬ ſuchungen nicht immer entgangen und hatte in ſeinem reiferen Alter, als ſein von jeher ernſt geſtimmter Geiſt ſeine naturgemäße Richtung erlangt hatte, mit bitterer Reue die Sünden ſeiner heißblütigen Jugend beklagt. Er hatte an ſeinem Vetter Harald das le¬ bendige Beiſpiel gehabt, wohin die ungezügelten Lei¬ denſchaften zuletzt führen, und ſein durch die Liebe zu ſeiner Tochter und durch die Erfahrung in dieſem einen Falle doppelt ſcharfes Auge erkannte ſofort, daß ſein Neffe Felix in einem hohen Grade der Sclave17 dieſer Leidenſchaften geweſen ſein mußte, vielleicht noch war. Er hatte den jungen Mann vor ein paar Jahren geſehen, als dieſer eben die Cadettenſchule verließ. Damals hatte er eine angenehme Erinnerung an den ſchlanken, kräftig gebauten Jüngling mit dem friſchen hübſchen Geſicht und den lebhaften hellen Augen davongetragen; jetzt ſah er von dieſer aller¬ liebſten Erſcheinung nur noch einen traurigen Schat¬ ten. Eine geſpenſtige Magerkeit, tiefe Furchen in dem jugendlich-alten Geſicht, die großen blauen Augen gläſern oder von einem fieberhaften Glanze leuchtend und ſtets mit dem ſtarren, frechen Blick, der deut¬ licher ſpricht, als eine lange Lebensbeſchreibung die Bewegungen haſtig und fahrig, offenbar in der Abſicht, die innere Mattigkeit und Schlaffheit zu ver¬ decken die Rede vorlaut und über Alles mit der¬ ſelben ſouveränen Oberflächlichkeit weghuſchend das ganze Weſen von einer krankhaften Eitelkeit wie zerfreſſen ſo oder ungefähr ſo erſchien Felix dem beſorgten Vater, trotzdem deſſen Menſchenfreundlichkeit hier wie überall die ſchlimmſten Flecken des Bildes gutmüthig vertuſchte.

Es that ihm leid, daß er ſich von ſeiner Gemalin das Verſprechen hatte abnehmen laſſen, in dieſer An¬ gelegenheit nicht ſelbſtſtändig handelnd aufzutreten. EsF. Spielhagen, Problematiſche Naturen. IV. 218kam ihm vor, als ob er ſich mit dieſem Verſprechen doch übereilt habe, und auf jeden Fall hielt er dafür, daß eine geſchickte Sondirung, wie denn Helene ſelbſt in dieſem Punkte denke, kein Bruch des Verſprechens ſei. So ſagte er denn, nachdem ſie eine Weile ſchwei¬ gend nebeneinander hergegangen waren, ihren Arm in den ſeinen legend:

Wie befindeſt Du Dich, meine Tochter?

Ich danke, Vater, gut; weshalb? erwiederte Fräulein Helene, etwas überraſcht über dieſe plötz¬ liche Frage.

Ich dächte, Du ſäheſt etwas blaß aus.

Das kommt wohl nur von der ungünſtigen Be¬ leuchtung hier unter den grünen Bäumen, antwor¬ tete das junge Mädchen heiter; ich befinde mich aber wirklich ganz wohl.

Ich fürchtete immer, der plötzliche Wechſel der Luft, der Lebensweiſe, des Umgangs würde Dir ſchädlich ſein. Du biſt zu lange vom Hauſe fortge¬ weſen.

Das iſt nicht meine Schuld, lieber Vater.

Ich weiß es wol, ich weiß es wol; aber meine Schuld iſt es auch nicht; ich habe ſtets der Abkürzung der Penſionszeit das Wort geredet, aber

Nun, ich bin ja endlich hier und wir wollen das19 Verſäumte möglichſt nachholen. Wir wollen recht viel zuſammen ſpazieren gehen; ich will Dir aus Deinen Lieblingsbüchern vorleſen; es ſoll ein reizendes ſtill¬ vergnügtes Leben werden, und das junge Mädchen nahm die Hand ihres Vaters und führte ſie an ihre Lippen.

Du biſt ein liebes gutes Kind, ſagte der Baron und ſeine Stimme zitterte etwas: gebe Gott, daß ich mich Deiner noch recht lange zu erfreuen habe.

Aber, beſter Vater, ſchon wieder ſolche hypochon¬ driſche Gedanken! Du biſt ja jetzt, Gott ſei Dank, wieder ſo rüſtig, wie immer. Weshalb ſollten wir nicht noch lange glücklich zuſammen leben!

Aber wenn Du uns verließeſt.

Ich ſterbe fürs erſte noch nicht, deshalb ſei nur ganz unbeſorgt; ſagte Fräulein Helene lachend.

Das wolle auch Gott verhüten! aber die Kinder werden ja nicht blos durch den Tod von den Eltern getrennt. Wenn Du nun heiratheſt, ſo müſſen wir uns doch darauf gefaßt machen, Dich abermals zu verlieren, nachdem wir Dich kaum wieder gewonnen haben.

Aber, Papa, Du ſprichſt ja gerade, als ob ich wo möglich morgen ſchon heiraten ſoll! Ich denke ja gar nicht daran. Auch die Mutter fing geſtern2*20von dieſem Capitel an. Wollt Ihr mich denn wirk¬ lich ſo gerne wieder los ſein?

So, ſo, alſo Deine Mutter hat ſchon mit Dir geſprochen, hm, hm! ſagte der Baron, der natürlich nicht anders dachte, als daß die Baronin, mit dem längſt beſprochenen und vorbereiteten Plan endlich hervorgetreten ſei, und der die Zeit, den Tag vor Felix 'Ankunft, auch ganz paſſend gewählt fand; ſo, ſo! hm, hm! Nun, und wie gefällt Dir denn Dein Couſin?

Wer? Felix? fragte Helene, die für den Augen¬ blick in ihrer Unbefangenheit den Zuſammenhang dieſer Frage mit dem Vorhergehenden nicht einmal ahnte.

Ja.

Er kommt mir vor, wie der Champagner, den wir heute Mittag tranken. Die erſten Tropfen ſchmeckten recht gut, als ich das Glas eine Weile hatte ſtehen laſſen, fand ich den Wein ſehr fade und abgeſchmackt. Aber Ihr habt mich doch nicht etwa für Couſin Felix beſtimmt? fragte Fräulein Helene, der dieſer Gedanke jetzt erſt durch den Kopf ſchoß, mit großer Lebhaftigkeit.

Bewahre, das heißt: ganz, wie Du willſt; ich will ſagen: es wird Deinem Willen in dieſer Hinſicht nie21 ein Zwang auferlegt werden, erwiederte der alte Baron, der weder die Wahrheit ſagen durfte, noch lügen wollte, mit ziemlicher Verwirrung.

Helene antwortete nicht; aber der angeregte Ge¬ danke arbeitete in ihrem lebhaften Geiſte weiter. Sie verglich das geſtrige Geſpräch, das ſie auf ihrem Zimmer mit ihrer Mutter gehabt hatte, mit dem ſo¬ eben geführten ... es bedurfte nicht einmal eines ſo ſcharfſinnigen Kopfes, als der ihre war, um den Zu¬ ſammenhang zwiſchen dieſen beiden Unterredungen und den Sinn der hingeworfenen Andeutungen zu entdecken. Ihr ſtolzes Gemüth empörte ſich, wenn ſie dachte, daß man, ohne ſie zu fragen, ohne ihre Meinung ein¬ zuholen, im Voraus über ihr Schickſal entſchieden und ihre Hand verſprochen habe; daß dieſer Felix, vor dem ihr reines keuſches Herz ſie inſtinctiv warnte, vielleicht ſchon in dieſem Augenblick ſie als die ſeine betrachtete! Dieſe Gedanken nahmen ſie ſo ganz in Anſpruch, daß ſie nicht einmal in das bewundernde: Ah, wie ſchön! wie herrlich! einzuſtimmen vermochte, in das die übrige Geſellſchaft ausbrach, als man einige Minuten ſpäter aus dem Walde auf den Rand des hohen Ufers hinaustrat.

In der That war das Schauſpiel das ſich den Blicken darbot, wol der Bewunderung werth. Die22 Sonne war ſoeben in das Meer geſunken und ſchien die in allen Schattirungen von Roth und Gold pran¬ genden Wolken wie in einem Strudel hinter ſich her¬ zuziehen. Von dem Punkte, wo ſie untergegangen war, ſchoſſen lichte Streifen durch die Wolken nach allen Seiten bis hoch hinauf in den durchſichtig blauen Himmel. Die See war nach dem Horinzonte hin ein Feuermeer, und auf einzelnen höheren Wellen zitterten die goldenen Funken bis zum Strand herüber. Das hohe vielfach zerklüftete Kreideufer und der Buchwald, der es krönte, waren von dem rothen Abendſchein, wie von einer bengaliſchen Flamme angeſtrahlt. Rings umher tiefe feierliche Stille, nur unterbrochen von dem dumpfen Rauſchen der Wogen unten auf den Kieſeln des Strandes, und dann und wann von dem grellen Schrei einer Möve, die über den erregten Waſſern flatterte.

Die Geſellſchaft ſtand, in Betrachtung des herrlichen Schauſpiels, das mit jedem Augenblicke wechſelte, verloren, gruppenweis da. Oswald, dem die ewigen Ach's und Oh's, an denen ſich beſonders die Baronin und Felix überboten, nachgerade langweilig wurden, hatte ſich etwas von den Uebrigen entfernt und ſich auf die bloß liegende Wurzel einer mächtigen Buche geſetzt.

23

Haben Sie noch einen Platz für mich? fragte Helene, die ihm gefolgt war.

Ich räume Ihnen gern den meinigen ein, ſagte Oswald aufſtehend.

Nur für ein paar Augenblicke; ich weiß nicht, der Spaziergang hat mich außergewöhnlich müde ge¬ macht.

Sie ſind heute Morgen vielleicht zu lange im Garten geweſen.

Nein, aber Apropos, wie kommt es, daß ich Sie heute und auch ſchon geſtern nicht geſehen habe?

Bloßer Zufall.

Das freut mich.

Weshalb?

Ich fürchtete, aufrichtig geſtanden, ich hätte Sie aus dem Garten vertrieben; ich dachte, dies ewige Sichbegegnen mit derſelben bewußten Perſon wäre Ihnen unleidlich geworden.

Sie denken in der That äußerſt beſcheiden von der bewußten Perſon.

Nein, ſpotten Sie nicht; ich dachte es im Ernſt ja und noch mehr! Sie ſind ſeit vorgeſtern Abend ſehr ſtill und, wie mir vorkam, beſonders kurz gegen mich. Sie haben mir auch geſtern meine Literatur¬24 ſtunde, auf die ich mich ſo freute, nicht gegeben. Bin ich vielleicht unwiſſentlich die Veranlaſſung

Wie meinen Sie?

Nun, ich rede manchmal, was vielleicht hart oder anmaßend klingt; wenigſtens iſt mir dieſer Vorwurf oft gemacht worden; aber ich meine es wirklich nicht ſo

Und Helene blickte mit ihren großen dunkeln Augen freundlich zu Oswald empor, der in Bewun¬ derung ihrer Schönheit und in Erſtaunen über dieſe plötzliche und unerklärliche Milde und Theilnahme ver¬ loren, vor ihr ſtand.

Was ſehen Sie mich ſo verwundert an?

Daß ſich ſo viel Güte hinter ſo viel Stolz ver¬ ſtecken kann!

Iſt es denn die Welt werth, daß wir ihr unſer Herz zeigen?

Eine ſonderbare Frage in dem Munde eines ſo jungen Mädchens.

Freilich, wir dürfen ja über nichts nachdenken. Wir ſind, wenn's hoch kommt, hübſche Puppen, mit denen man ſpielt und die man an den erſten Beſten verſchenkt, der merken läßt, daß er uns gern haben möchte.

25

Couſine, rief Felix, wir wollen zum Strande hinabgehen; wollen Sie mit?

Nein! ſagte Helene, ohne ſich nach dem Sprechen¬ den umzuwenden.

Es iſt eine reizende Partie; rief Felix.

Möglich; erwiederte das junge Mädchen kurz, ohne ihre Stellung zu verändern.

Aber Felix war nicht der Mann, ſich ſo leicht ab¬ weiſen zu laſſen. Er kam zu dem Platze, auf dem ſich Oswald und Helene befanden, herüber und ſagte:

Aber Helene, Sie werden doch dieſe erſte Bitte, die ich an Sie richte, nicht abſchlagen?

Weshalb nicht? erwiederte dieſe und der Ton ihrer Stimme klang eigenthümlich ſcharf und bitter: ich kann das Bitten und die Bittenden nicht leiden, das können Sie nicht früh genug lernen.

Haben Sie ſich den Fuß vertreten, theuerſte Cou¬ ſine? fragte Felix.

Weshalb?

Weil Sie ſo unbeweglich ſitzen und in ſo ſchau¬ derhafter Laune ſind; erwiederte Felix lachend und ging ohne ein Zeichen, daß ihn das Benehmen He¬ lene's irgend verletzt habe, zu den Uebrigen.

Wollen Sie ſich nicht der Geſellſchaft anſchließen, Herr Doctor? fragte Helene, auf deren Wangen26 noch die Erregung der letzten kleinen Scene brannte, als jetzt die Andern den ziemlich ſteilen Weg, der zum Strand führte, hinabzuſteigen begannen.

Sie wünſchen allein zu ſein?

Nicht doch; im Gegentheil, ich freue mich, wenn Sie hier bleiben wollen. Nach der geiſtreichen Un¬ terhaltung von heute Mittag und heute Abend fühlt man das Bedürfniß, endlich einmal ein verſtändiges Wort zu ſprechen. Sie haben mir noch immer nicht geſagt, ob ich Ihnen, ohne es zu wiſſen und zu wollen, durch irgend eine unvorſichtige Bemerkung vielleicht, weh gethan habe?

Nein, durchaus nicht. Ich habe vorgeſtern Abend eine Nachricht erhalten, die mich ſehr betrübt ... Er¬ innern Sie ſich des Profeſſor Berger von ihrer Bade¬ reiſe nach Oſtende vor drei Jahren?

Ei gewiß! wie könnte man den vergeſſen! Mir iſt, als ob ich ihn geſtern geſehen hätte, ſo deutlich ſteht er vor mir mit ſeinen hellen Augen unter den buſchigen Brauen und ſtets mit einem Bonmot auf den Lippen. Was iſt mit ihm? er iſt doch nicht gar todt?

Nein, ſchlimmer als das er iſt wahnſinnig geworden.

Um Gotteswillen! der Profeſſor Berger dieſes27 Bild der Klarheit und Geiſteshoheit! Wie iſt das möglich? Wiſſen es die Eltern ſchon?

Nein, und bitte, ſagen Sie auch nichts; ich könnte es jetzt nicht ertragen, daß darüber geſprochen würde.

Sie hatten den Profeſſor wol recht lieb?

Er war mein beſter, vielleicht mein einziger Freund.

Wie beklage ich Sie, ſagte Helene, und auf ihrem ſchönen Antlitz war die Theilnahme, die ſie empfand, deutlich zu leſen; ein ſolcher Verluſt muß fürchterlich ſein. Und Sie ſtehen hier ganz allein mit ihrem Kummer, und Keiner nimmt Theil an Ihrem Schmerz.

Ich bin das von jeher gewöhnt geweſen.

Haben Sie denn keine Eltern, keine Geſchwiſter, Verwandte?

Meine Mutter ſtarb, als ich noch ein Kind war; mein Vater vor mehren Jahren; Geſchwiſter habe ich nie gehabt; Verwandte, wenn ich welche habe, nie gekannt.

Helene ſchwieg und zeichnete mit der Spitze ihres Sonnenſchirms Linien in den Sand.

Plötzlich hob ſie den Kopf und ſagte in einem Ton, der halb wie eine Klage und halb wie eine Herausforderung klang:

28

Wiſſen Sie, daß man Eltern und Geſchwiſter ja! und ſelbſt Verwandte, haben und doch recht allein ſein und ſich recht einſam fühlen kann? Und Sie haben es noch immer gut; Sie ſind ein Mann; Sie können für ſich ſelbſt handeln, während

Das junge Mädchen brach ab, als fürchtete ſie, ſich von ihren Empfindungen zu weit hinreißen zu laſſen. Sie ſtand auf und trat einige Schritte von Oswald weg dicht an den Rand des ſteilen Ufers. Es war ein wunderſam ſchönes Bild, dieſe ſtolze, ſchlanke Geſtalt auf dem lichten Hintergrunde des goldenen Abendhimmels, der ihr herrliches Haupt, mit deſſen dunklen Locken der Seewind ſpielte, wie mit einem Glorienſchein umgab. Und wie ein Engel des Himmels erſchien ſie Oswald, in deſſen krankes Herz ihre guten mitleidigen Worte wie milder Regen auf eine welke Blume gefallen waren. Und nun zum erſten Male erinnerte er ſich wieder des Geſpräches, das er am Tage ſeiner Zurückkunft von Saſſitz mit dem Doctor gehabt hatte. Alſo wirklich! dies holde, herrliche Geſchöpf ſollte auch verkauft werden, wie Melitta verkauft worden war! Sie ſagte es ſelbſt! aus ihrem eigenen Munde hatte er es nur eben ge¬ hört: ſie hatte keinen Freund! ſie ſtand allein da in der Welt! ſie konnte nicht für ſich ſelbſt handeln! 29Und ſie hatte noch Mitleid und Troſt für ihn, ſie, die ſelbſt des Mitleids und des Troſtes nein, thä¬ tiger Hülfe ſo ſehr bedurfte! Die Schwachen, die Hülfloſen zu ſchützen iſt das Recht und die Pflicht des Mannes es hätte wol wenig kühne Abenteuer gegeben, in welche ſich Oswald in dieſem Augenblicke nicht ohne Zögern für die ſchöne Verfolgte geſtürzt hätte. Er dachte nicht daran, daß des Ritters erſte Pflicht die Treue gegen die Dame ſeines Herzens iſt, und daß für eine Andere eine Lanze brechen, während er in Gefahr ſchwebt, jene zu verlieren, weder von Weisheit noch von Edelmuth zeugt.

Da gellte von dem Strande, auf dem die Uebrigen jetzt angekommen waren, ein Schrei empor und wie Helene, die ſich von Schwindel ganz frei wußte, noch einen Schritt näher an den Rand trat und ſich über den Abhang beugte, ein zweiter, noch geller, noch ſchriller, noch angſtvoller.

Um Himmelswillen, rief Helene; was kann denn da geſchehen ſein? Mir däucht, es war Bruno's Stimme. Laſſen Sie uns ſo ſchnell wie möglich hin¬ abeilen!

Der Weg zum Strande, der ſich im Zickzack an dem Kreidefelſen hinwand, war trotz ſeiner Steilheit im Nu von den jungen Leuten zurückgelegt. Als ſie30 athemlos unten ankamen, ſahen ſie Bruno ohnmäch¬ tig, von Albert gehalten, während die Anderen rath¬ los umherſtanden.

Holen Sie Waſſer, ſchnell! ſagte Oswald, Al¬ bert den Knaben abnehmend und dieſem das Hals¬ tuch abknüpfend und die Kleider öffnend, woran noch Niemand gedacht hatte.

Wie iſt denn dies gekommen? fragte Helene, die kalten Hände Bruno's in ihre Hände nehmend und angſtvoll in ſein ſchönes blaſſes Geſicht ſtarrend.

Es weiß Niemand von uns, ſagte die Baronin.

Es wird ein Anfall von Schwindel ſein, meinte Felix.

Unterdeſſen hatte Oswald von dem Waſſer, welches Albert in Bruno's Hut gebracht hatte, des Knaben Stirn und Schläfen und Bruſt reichlich be¬ netzt. Helene erinnerte ſich, daß ſie ein Fläſchchen Eau de Cologne bei ſich führe, und half Oswald in ſeinen Bemühungen. Es gelang ihnen in Kurzem, den Ohnmächtigen wieder zu ſich zu bringen. Er ſchlug langſam die großen Augen auf, ſein erſter Blick fiel auf Helene, die ſich über ihn beugte.

Biſt Du todt, ganz todt? murmelte er, die Augen wieder ſchließend.

Man glaubte, er habe den Verſtand verloren.

31

Komm zu Dir, Bruno! ſagte Helene, dem Kna¬ ben mit leiſer Hand über Stirn und Augen ſtreichelnd.

Bruno ergriff dieſe Hand und drückte ſie feſt auf ſeine Augen, durch deren geſchloſſene Wimpern ſich zwei große Thränen drängten. Dann richtete er ſich mit Oswald's Hülfe vollends auf.

Mir iſt wieder ganz wohl! ſagte er; ich bin wol gar ohnmächtig geweſen? Wie lange habe ich ſo gelegen?

Nur ganz kurze Zeit, ſagte Oswald, Bruno's Geſicht mit ſeinem Taſchentuche abtrocknend und den Anzug wieder in Ordnung bringend.

Du haſt uns einen rechten Schrecken verurſacht; was hatteſt Du denn nur? fragte die Baronin.

Ich weiß es nicht, antwortete der Knabe, deſſen blaſſe Wangen plötzlich hohe Purpurgluth bedeckte; es kam ganz plötzlich. Danke, danke, ich glaube, ich kann jetzt mit Herrn Stein's Hülfe ganz gut weiter kommen.

Wir wollen wieder umkehren, ſagte die Baronin. Daß einem doch jedes, auch das beſcheidenſte Ver¬ gnügen durch irgend einen Unfall verleidet wird!

Man ſtieg langſam das Ufer wieder hinauf und trat, ziemlich einſilbig und verſtimmt, den Rückweg durch den Wald an. Felix, der ſich zu erkälten fürch¬32 tete, ermahnte zu größerer Eile; Oswald bemerkte trocken, er wolle die übrige Geſellſchaft nicht aufhalten, man möge ihm indeſſen erlauben, mit Bruno langſam zu folgen. Helene erklärte, daß ſie bei Bruno bleiben würde; der alte Baron, der bei dem ganzen Vorfall eine große, wenn auch thatloſe Theilnahme an den Tag gelegt hatte, ſchlug vor, die Geſellſchaft ſolle ſich in einen Vortrab und einen Nachtrab theilen, er ſelbſt wolle den letzteren führen.

Du wirſt Dir den Schnupfen holen, lieber Gren¬ witz, ſagte die Baronin; ich dächte, Du kämeſt mit uns.

Nein, ich werde bei den Anderen bleiben, ſagte der alte Baron mit einer Beſtimmtheit, die Alle, viel¬ leicht ihn ſelbſt, überraſchte.

Er gab ſeiner Tochter den Arm, blieb aber in der Nähe Oswald's und Bruno's, eine harmloſe Unterhaltung, wie er ſie liebte, mit ihnen führend und ſich von Zeit zu Zeit nach des Patienten Be¬ finden erkundigend.

Ich befinde mich wohl, ganz wohl, verſicherte dieſer ein Mal über das andere; doch fühlte Oswald, daß er ſich feſt auf ſeinen Arm ſtützte und daß ſeine Hände kalt waren.

Sie kamen, lange nach den Anderen, auf dem33 Schloſſe an. Der alte Baron wünſchte gute Beſſe¬ rung, als Oswald ſich ſofort mit Bruno auf deſſen Zimmer begab, wo er den Knaben ſich ſogleich zu Bett legen ließ.

Du biſt kränker, Bruno, als Du zugeben willſt, ſagte er, ſich zu ihm auf's Bett ſetzend, nicht wahr, Du haſt Deine alten Schmerzen?

Ja, ſagte Bruno, deſſen Zähne zuſammenſchlu¬ gen und auf deſſen Stirn der kalte Schweiß ſtand.

Oswald beeilte ſich, die alten Hausmittel, wie jenes erſte Mal, herbeizuſchaffen; und es gelang ſeinen Bemühungen auch jetzt, das Uebel zu heben, wenig¬ ſtens die Schmerzen in kurzer Zeit zu lindern.

Wirſt Du auch mir nicht ſagen, Bruno, was Dich ſo bewegt hat? fragte Oswald da.

Doch! ſagte der Knabe, ich wollte es nur nicht in der Anderen Gegenwart, weil ich ihr albernes Ge¬ lächter ſchon im voraus hörte. Ich war etwas hinter den Anderen zurückgeblieben und durch einen Vorſprung des Ufers von ihnen getrennt. Ich dachte immer, ihr würdet nachkommen und deshalb ging ich ſo langſam und blickte oft nach oben. Da ſah ich plötzlich Helene ganz nahe an den Rand des Ufers treten, das an dieſer Stelle wol hundert Fuß und darüber lothrecht hinabfällt. Ich ſchrie laut auf inF. Spielhagen, Problematiſche Naturen. IV. 334entſetzlicher Angſt, da trat ſie noch näher bog ſich ſogar herüber und da wurde mir es ſchwarz vor den Augen nun und das Uebrige weißt Du ja. Aber ich höre Malte kommen. Gute Nacht, Oswald.

Gute Nacht, Du Wilder!

Oswald küßte ſeinen Liebling auf die Stirn und ging nachdenklich auf ſein Zimmer. Er lehnte ſich in das offene Fenſter und ſchaute lange, in Sinnen und Brüten verloren, in den Garten hinab. Die Nacht war finſter; nur hier und da ſchimmerte ein Stern auf Augenblicke durch den Wolkendunſt. Manch¬ mal rauſchten die Bäume lauter auf, als ſprächen ſie ängſtlich in einem wirren, unruhigen Schlaf; der Brun¬ nen der Najade plätſcherte dazwiſchen, leiſe und ab¬ gebrochen, als erzähle er eine alte unheimliche Ge¬ ſchichte.

Dein Leben gleicht dieſer Nacht, ſprach Oswald bei ſich: hier und da ein Stern, der ſo bald wieder verſchwunden iſt, und ſonſt Alles chaotiſches Dunkel. Du haſt recht, guter Berger: unſer Leben iſt ein hohles Nichts, und wer nur überhaupt einen Ver¬ ſtand zu verlieren hat, muß ihn darüber verlieren. Wollteſt Du bewirken, daß Dir Dein Schüler ſobald als möglich nachfolgen könnte, als Du mich hierher ſchickteſt? Da biſt Du nun an demſelben Orte, wo35 Melitta iſt und auch Oldenburg. Vielleicht ſiehſt Du ſie, wenn ſie Arm in Arm an Deiner Zelle vorüber¬ gehen; vielleicht kommt Dir bei der Gelegenheit der Verſtand wieder, den andere Leute bei dem Anblick verlieren würden. Ich könnte ja auch eine kleine Reiſe nach N. machen, meine guten Freunde zu beſuchen; wer weiß? vielleicht gefällt mir der Ort ſo ſehr, daß ich gleich da bleibe.

Wie geht es Bruno? tönte eine Stimme aus dem Garten herauf. Es war Helene's Stimme. Os¬ wald ſah ihr helles Gewand durch das Dunkel her¬ aufſchimmern.

Ich danke, gut! antwortete er hinab.

Schlafen Sie wohl!

Und das helle Gewand verſchwand in den Büſchen.

Nein, das Leben iſt mehr wie ein hohles Nichts, murmelte Oswald, indem er das Fenſter ſchloß; hätte Berger dieſes Mädchen geſehen, er hätte wieder an das Leben geglaubt. Und doch! er hat ſie ja geſehen, geſehen und bewundert und beſungen, und iſt doch wahnſinnig geworden ... o, es iſt ein ſchauerliches Ding, dieſes Leben öde und dunkel und geſpenſtiſch und das einzige Reelle eine holde, freundliche Stimme, die uns ſchlafen gehen heißt.

3*
[36]

Zweites Kapitel.

Es kommen im Familienleben, genau wie im Leben der Völker, gewiſſe Zeiten, wo Alle mehr oder weniger deutlich fühlen, daß ſich etwas Großes, Außerordent¬ liches vorbereite; wo die dunkle Zukunft ihren drohen¬ den Schatten weit hineinwirft in die Gegenwart, die Gemüther der Einen verdüſtert, die der Andern mit vagen Hoffnungen erfüllt, überall aber eine wühlende Unruhe in den Geiſtern erzeugt, die dann ihrerſeits wiederum dazu beiträgt, das Hereinbrechen deſſen, was dieſe fürchten und Jene herbeiwünſchen, zu be¬ ſchleunigen.

Eine ſolche Zeit fieberhafter Spannung war denn jetzt auch für die vor Kurzem noch ſo ſtille Geſell¬ ſchaft auf Schloß Grenwitz hereingebrochen. Bruno's plötzlicher Unfall, von dem er ſich übrigens ſchon am nächſten Tage erholte, hätte für die Scharfſichtigeren ein Symptom von dem ſein können, was da Alles37 unter der glatten Hülle geſelliger Höflichkeit und pein¬ lich genau beobachteter Formen in der Tiefe gährte und kochte: geheime Liebe und tief verſteckter Haß! Feindſchaften unter der Maske trefflichſten Einver¬ nehmens und guter Kameradſchaft! herzliche Sym¬ pathien, die ſich unter dem Anſchein von Gleichgültig¬ keit, ja Abneigung verbargen! Selbſt die Phyſiogno¬ mie des äußeren Lebens war verändert. Die tiefe, faſt beängſtigende Stille, die ſonſt in dem weiten Raume, welchen der Schloßwall einſchloß, herrſchte, wurde jetzt gar vielfach geſtört. Baron Felix, der zum Anachoreten ſehr wenig Talent beſaß, mochte es ſich nicht verſagen, wenigſtens einer oder der andern ſeiner gewohnten Beſchäftigungen in der Einſamkeit von Schloß Grenwitz nachzuhängen. Am Tage nach ſeiner Ankunft waren ſeine beiden ſchönen Reitpferde glücklich angelangt, und ſo konnten bei den weiteren Ausflügen der Geſellſchaft, die zu Wagen unternommen wurden, wenigſtens zwei der Herren beritten gemacht werden. In einem entlegeneren Theile des Gartens war unter ſeiner Leitung ein kleiner Schießſtand hergerichtet wor¬ den, und in den ſpäteren Nachmittagsſtunden ertönte jetzt ſehr oft (zu der Baronin geheimem Entſetzen) der kurze, ſcharfe Knall gezogener Piſtolen bis in die ge¬ heiligte Stille der nach dem Garten gelegenen Wohn¬38 gemächer. Da Reiten, Schießen und Jagen Vergnü¬ gungen ſind, die durch Gemeinſamkeit weſentlich erhöht werden, ſo waren Oswald, Albert und ſelbſt Bruno in keinem Augenblick vor Felix ſicher, der fortwährend auf der Jagd nach einem Gefährten zu dieſer oder jener Unternehmung war, und ſtets ſo lange bat und quälte, bis man ſich wol oder übel ſeinen Wünſchen accommodirte. Felix gehörte zu den Menſchen, die niemals müßig ſind, ohne doch eigentlich jemals wirk¬ lich beſchäftigt zu ſein, mochte er nun ſtundenlang bei ſeiner Toilette zubringen und zwiſchendurch die Chan¬ ſons von Béranger, oder ein paar Capitel aus den liaisons dangéreuses (ſeinen Lieblingsbüchern) leſen; mochte er ſich mit der zweckmäßigſten Conſtruction einer Angelruthe die Zeit vertreiben oder die mangel¬ hafte Dreſſur ſeines Hühnerhundes vervollſtändigen, oder von ein paar Muſikſtücken die erſten Takte ſpie¬ len, um mit keinem zu Ende zu kommen er war ſtets und zu jeder Zeit der geſchäftige Müßiggänger, der die vortrefflichſten Naturanlagen in der Verfol¬ gung von lauter frivolen und oberflächlichen Zwecken vergeudete. Denn Felix war eine ſehr begabte Natur, deren nachhaltige Kraft ſelbſt ein überaus wüſtes und leichtſinniges Leben nicht gänzlich hatte vernichten kön¬ nen. Ein Streben nach dem Höheren, die Ahnung39 des Ideals war in der fieberhaften Raſtloſigkeit, mit der er ſich auf alles Neue warf, in dem Ehrgeiz, welcher ihn trieb, überall der Erſte zu ſein, oder wenigſtens als ſolcher zu erſcheinen, ja ſelbſt in ſeiner maßloſen Eitelkeit und in der unglaublichen Sorgfalt, die er auf ſeine äußere Erſcheinung verwandte, unver¬ kennbar. Hätte er jemals den Ernſt des Lebens ken¬ nen gelernt, hätte er nur einmal ſein Brod mit Thrä¬ neu eſſen müſſen, er wäre vielleicht zu retten geweſen. So ließ er ſich, ohne jemals über ſeine Lage nach¬ denken zu wollen oder zu können, von dem Strudel ſeiner Leidenſchaften näher und immer näher an den Punkt treiben, wo er, wenn nicht ein Wunder da¬ zwiſchen trat, unfehlbar verſinken mußte.

Ob es ihm mit der Aenderung ſeines Lebens, über die er mit der Baronin ſo viel correſpondirt hatte, Ernſt war? wol ſchwerlich. Das[Garniſonsleben] war ihm langweilig geworden; die Schaar der Gläu¬ biger immer dringender und ſeine Situation der Art, daß, als er betreffenden Orts um längeren Urlaub einkam, man ihm zu verſtehen gab, er thäte, wenn ſeine Geſundheit wirklich ſo angegriffen ſei, vielleicht beſſer, ſogleich ſeinen Abſchied zu nehmen. Gerade in dieſer kritiſchen Zeit machte ihm die Baronin Gren¬ witz ihre Anerbietungen betreff Helene's. Felix, der40 hier einen Ausweg fand, an den er noch gar nicht gedacht hatte denn Anna-Maria's Gemüthloſigkeit in Geldangelegenheiten war ihm aus Erfahrung be¬ kannt griff mit beiden Händen zu, obgleich eine Heirat nicht eben nach ſeinem Geſchmack war. In¬ deſſen war er bereit, ſich auf jeden Fall auch in dieſe Bedingung zu fügen. Wie angenehm war er deshalb überraſcht, als ihm in ſeiner Couſine, die er bis da¬ hin nicht gekannt hatte, ein Weſen entgegentrat, ſchö¬ ner, anmuthiger, als irgend eine der Damen, die er bisher mit ſeiner Neigung beehrt hatte ein Weſen, das die Seine zu nennen, den Stolzeſten der Stolzen entzückt haben würde. So waren denn nicht zwei Tage vergangen, als Felix für ſeine ſchöne Couſine in ſeinem Herzen eine Leidenſchaft fühlte, die freilich, genau betrachtet, bloße Eitelkeit war, ihm ſelbſt aber wie ein ganzes Wunder vorkam. Selbſtiſche Menſchen ſind auf Alles eitel, ſelbſt auf die natürlichſten Ge¬ fühle, und ſo konnte denn Felix nicht müde werden, die Baronin von ſeiner Liebe, wie von einem achten Wunder der Welt, zu unterhalten und ſich auch gegen die Uebrigen, beſonders Oswald, über die Herr¬ lichkeit eines auf das Höchſte gerichteten Strebens auszulaſſen. Ob ſeine Leidenſchaft erwiedert wurde? Felix zweifelte nicht einen Augenblick daran. Hatte41 er nicht bis jetzt noch überall reüſſirt? war ſein Glück bei den Frauen nicht ſprichwörtlich ſelbſt unter den Kameraden, von denen ſich doch ſo ziemlich jeder Einzelne für einen Paris hielt? und hatte er nicht ſchon ſo oft erfahren, daß ſich die Liebe hinter dem Anſchein der Gleichgültigkeit, ja der Abneigung ver¬ birgt? Freilich trieb ſeine ſchöne Couſine die Komödie ziemlich weit; freilich behandelte ſie ihn mit einer Kälte, einer Geringſchätzung, die manchmal gradezu beleidigend war aber er ließ ſich dadurch in dem felſenfeſten Glauben an ſeine unwiderſtehliche Liebens¬ würdigkeit nicht beirren und verſpottete die Baronin, wenn dieſe ihn wieder und immer wieder zur Vor¬ ſicht ermahnte. Denn Anna Maria ſah, da keine per¬ ſönliche Eitelkeit die Klarheit ihres Blickes trübte, in dieſer Angelegenheit viel ſchärfer als Felix. Sie, die an ſich ſelbſt die Energie des Charakters ſo hoch ſchätzte, mußte im Stillen die conſequente Gleich¬ mäßigkeit in Helene's Betragen, die beſcheidene Feſtig¬ keit, mit der ſie ihre Anſichten ausſprach und be¬ hauptete. bewundern. Es war ein Etwas in der ſtolzen Schönheit ihrer Tochter, wovor ſie ſich unwill¬ kürlich beugte - ein Lichtglanz aus einer höheren Welt, als die Welt durchaus egoiſtiſcher Intereſſen, in welcher ſie ſelbſt ſich bewegte. Helene ſelbſt42 war nach jenem Abend am Strande wo möglich noch ſtiller und zurückhaltender geworden. Sie flüchtete, wenn ſie irgend konnte, in die Einſamkeit ihres Zim¬ mers. Wenn ſie in der Geſellſchaft war, ſchloß ſie ſich am liebſten an ihren Vater an, oder ſuchte es auf den Spaziergängen ſo einzurichten, daß Bruno ihr Begleiter war. Sie hatte ſtets einen kleinen Dienſt für ihn; bald mußte er ihr den Hut, bald die Man¬ tille tragen, bald hatte er ihr eine Blume zu pflücken, die auf der andern Seite des Grabens wuchs, bald ihr an einer ſteileren Stelle des Ufers die Hand zu reichen. Bruno unterzog ſich dieſem Dienſte mit einem milden Ernſt, der freilich den Spott des Baron Felix zuweilen herausforderte, für Jeden aber, der ſich für den Knaben intereſſirte, und die wilde Un¬ bändigkeit ſeiner Natur kannte, etwas unendlich Rüh¬ rendes hatte. Sein Weſen ſchien, ſobald Helene's Blick auf ihn ruhte, wie umgewandelt. Er war dann ſanft und freundlich, dienſtfertig und zuvorkommend; ein Wort von ihr, nur ein Wink ihrer langen, dunkeln Wimpern genügte, ihn, wenn er ſich ja einmal von ſeiner alten Heftigkeit hinreißen ließ, ſofort zu be¬ ſänftigen. Dieſe Heftigkeit machte ſich vor allem gegen Felix Luft, gegen den er einen Haß und eine Ver¬ achtung, die er ſich kaum zu verbergen bemühte,43 empfand. Stets hatte er ein höhniſches, bitteres Wort für ihn in Bereitſchaft; die mancherlei kleinen Blößen, die jener ſich in ſeiner maßloſen Eitelkeit der Geſellſchaft gegenüber gab, fanden in Bruno einen unerbittlichen, grauſamen Verfolger, der um ſo läſtiger war, als ſeine Jugend ihn nicht als ebenbürtigen Gegner erſcheinen ließ, gegen den man mit anderen Waffen kämpfen konnte, als höchſtens mit einem von oben herab geführten Hiebe, der meiſtens ganz vor¬ trefflich parirt wurde. Felix ſelbſt empfand dies einigermaßen, und wenn ihm der Knabe auch nicht gefährlich ſchien, ſo war er ihm doch im hohen Grade unbequem. Wo Helene war, da war auch Bruno, und traf es ſich ja einmal auf den Spaziergängen, daß ſie allein zurückgeblieben war, und war Felix eben im beſten Zuge, von der Liebe im Allgemeinen denn weiter war er noch nicht gekommen zu ſprechen, ſo geſellte ſich wie auf Verabredung Bruno zu ihnen, und Felix, der von Botanik und Minera¬ logie nicht das Mindeſte verſtand, blieb nichts übrig, als die Beiden ihren naturwiſſenſchaftlichen Beſtre¬ bungen zu überlaſſen. Wie würde er ſich gewundert haben, wenn er gehört hätte, daß dieſe Verhandlun¬ gen abgebrochen wurden, ſobald er aus dem Gehör¬ kreiſe war, daß Bruno, die Blume, über die ſie ſo44 eben geſprochen hatten, zerraufend, durch die Zähne ſagte: Sieh, Helene, ſo zerreißeſt Du mein Herz, wenn Du ſchwach genug biſt, dieſen Felix zu lieben! Das alte Lied, Bruno? Ja, das alte Lied; und ich will Dir es ſingen, ſo lange ich noch, Athem in der Bruſt habe! Meinſt Du, ich weiß nicht, was es bedeutet, wenn Tante und Felix die Köpfe zuſammen ſtecken und von Zeit zu Zeit verſtohlen auf Dich blicken? O! mein Auge iſt ſcharf, und mein Ohr iſt es nicht minder. Geſtern, als ich an ihnen vorüber¬ ſtrich, meinte der ſaubere Herr: ſie wird ſchon zur Vernunft kommen! ſie das biſt Du: und zur Ver¬ nunft kommen, heißt: ſie wird allen Stolz ſo weit vergeſſen, und einen ſolchen jämmerlich eitlen Pfauen, wie ich einer bin, heiraten. Aber, wie kommſt Du nur auf dieſe Gedanken, Bruno? Nun, ich dächte, ſie lägen nahe genug; und Dir gehen ſie auch durch den Kopf, oder weshalb blickteſt Du oft ſo in Dich verſunken vor Dich hin und dann plötz¬ lich zu Felix oder zu Oswald hinüber, als ob Du ſie mit einander verglicheſt. Ja, vergleiche ſie nur immer! Du wirſt dann den Unterſchied entdecken zwiſchen einem Manne und einem Affen. Du haſt wol Herrn Stein ſehr lieb, Bruno? Iſt er denn immer ſo ſtill und traurig, wie jetzt? Bewahre45 er kann ſo ausgelaſſen ſein, wie ein Füllen, ich weiß nicht, was ihm fehlt, oder ich weiß es wol, aber Aber? Aber ich darf es nicht ſagen; oder ja, Dir darf ich es ſagen, denn Du biſt nicht wie die anderen Menſchen. Mir iſt immer, als müßteſt Du mir ins Herz ſehen dürfen, wie ſie ſagen, daß uns Gott ins Herz ſchaut; als dürfe man vor Dir, wie vor Gott keine Geheimniſſe haben. Aber ich will nicht, daß Du ein Geheimniß verräthſt. Ich ver¬ rathe nichts, denn Oswald hat mir nie ein Wort ge¬ ſagt. Ich weiß nur, daß er ſo ſtill und traurig iſt, ſeitdem Tante Berkow fort iſt. Es wurde doch heute Mittag darüber geſprochen, wie lange ſie wol noch fortbleiben, ob ſie wol nach Herrn von Berkow's Tode wieder heiraten würde, und da ſah ich, wie Oswald ſich entfärbte und während des ganzen Ge¬ ſpräches die Augen nicht von ſeinem Teller hob. Und dann, als Felix meinte: daß Baron Oldenburg, der ja auch, wie er ganz zufällig durch einen Freund erfahren, nach N. gereiſt ſei, vielleicht darüber nähere Auskunft geben könnte, hob er ſchnell, mit einem zor¬ nigen Blick zu Felix hinüber, den Kopf und öffnete den Mund, als ob er etwas ſagen wollte; aber er ſagte nichts und biß ſich in die Lippen; und heute Abend iſt er noch ganz beſonders verſtimmt. Und46 das Alles heißt? Das Alles heißt, daß Oswald Tante Berkow ſehr lieb hat und daß er nicht mag, wenn über ſie geſprochen wird; eben ſo wenig wie ich es mag, wenn Tante und Felix über Dich ſprechen. Ach, Du weißt ja nicht, was Du redeſt. Natür¬ lich, das iſt immer das Ende vom Liede; ich weiß nichts; ich bin ein dummer Junge; heiſa, heiſa, hopſaſa! ich habe keine Ohren, zu hören, keine Augen, zu ſehen? warum? weil ich erſt ſechszehn Jahre alt bin und mein Bart noch einiges zu wünſchen übrig läßt.

Wie Helene dieſe Mittheilung aufnahm? ob ſie im Stillen nicht doch eine Art von Enttäuſchung em¬ pfand? ob ſie die Melancholie in Oswald's großen blauen Augen nicht doch anders erklärt hatte? viel¬ leicht hätte ſie ſelbſt ſich darüber keine Rechenſchaft zu geben vermocht; auf jeden Fall aber wurde das Intereſſe, welches ſie ſeit dem Abend am Strande für Oswald zu empfinden begonnen hatte, noch be¬ deutend erhöht. Sie fing an, ihn noch genauer als vorher zu beobachten; ſie war aufmerkſam auf jedes ſeiner Worte; ſie ſang und ſpielte vorzugsweiſe gern die Lieder und Muſikſtücke, die ſeinen Beifall hatten; ſie freute ſich, als er wieder, wie früher, des Mor¬ gens in den Garten kam, und empfand es mit einiger47 Genugthuung, daß der jetzt ſo ſchweigſame bei dieſen Gelegenheiten ſtets gute freundliche Worte für ſie hatte und auf jedes von ihr angegebene Thema, bald ernſt, bald launig, immer aber mit dem herzlichen Ton eines älteren Bruders, der einer lieben Schweſter gern von ſeinem reicheren Wiſſen mittheilt, einging. Uebte der Zauber von Oswald's Perſönlichkeit ſeinen Einfluß auf das ſtolze, aber für alles Schöne und Edle tief empfängliche Herz des jungen Mädchens? war es Eiferſucht? war es nur eine Art von Oppo¬ ſition gegen die ihr immer deutlicher werdenden Pläne ihrer Mutter, die ſie gerade jetzt an einem Mann, über welchen ihr ariſtokratiſches Auge ſonſt wol weg¬ geblickt hätte, ein ſolches Intereſſe nehmen ließ? ... Die verſchiedenartigſten Empfindungen bekämpften ſich in ihrem Herzen, wie oft an einem tiefblauen Som¬ merhimmel leichte, graue Wolken durcheinander trei¬ ben und fließen bis der Sturm in ſeiner Vollgewalt hereinbricht.

[48]

Drittes Kapitel.

Die Baronin hatte dem von Felix geäußerten Rath, an dem geſelligen Leben des Adels der Umge¬ gend in ſeinem Intereſſe einen lebhafteren Antheil zu nehmen, nach reiflicher Ueberlegung folgen zu müſſen geglaubt, und es dauerte nicht lange, als faſt kein Tag verging, an welchem nicht die Familie entweder in die Nachbarſchaft gebeten war, oder, was noch häufiger geſchah, ſelbſt Beſuch zu empfangen hatte. Man ſchien entzückt, daß Schloß Grenwitz, früher we¬ gen ſeiner Gaſtlichkeit mit Recht weit und breit be¬ rühmt, wieder, wie ſonſt, der Vereinigungspunkt der geſchäftigen Müßiggänger werden ſollte; man billigte höchlichſt Anna-Maria's Entſchluß, das klöſterlich ſtille Leben, das ſie bis dahin geführt, mit einem neuen glänzenderen und einer ſo alten ruhmreichen Familie würdigeren zu vertauſchen; man ſagte ihr ſo viele Schmeicheleien über ihre Unterhaltungsgabe,49 über ihr Talent, große Geſellſchaften zu arrangiren, daß ſie die Koſten, welche dieſe ihr ganz ungewohnte Gaſtfreundſchaft veranlaßte, vor ihrem eigenen, in Geldangelegenheiten äußerſt ſtrengen und zarten Ge¬ wiſſen durch die unumgängliche Nothwendigkeit der Maßregel, ſo gut es gehen wollte, zu entſchuldigen ſuchte.

Oswald hatte auf dieſe Weiſe ſchon mehre der ihm vom Balle in Barnewitz her bekannten Geſichter wieder geſehen; aber noch keines von denen, die ihm ein vorzüglicheres Intereſſe abgewonnen hatten. Es war ein eigenthümlicher Zufall, daß an einem Nach¬ mittage, theils gebeten, theils ungebeten, ſich beinahe Alle zuſammenfanden, die damals für ihn mehr oder weniger merkwürdig geworden waren, bis andere Er¬ eigniſſe und andere Perſonen in den Vordergrund traten und jene verdrängten. Mit ſehr verſchiedenen Empfindungen ſah er nach und nach von Barnewitz mit ſeiner Gemalin Hortenſe, Herrn von Cloten, den Grafen Grieben und Andere eintreten und ſein In¬ tereſſe wurde geradezu ein peinliches, als zuletzt, ganz unerwartet noch ein Wagen vorfuhr, aus welchem Adolf und Emilie von Breeſen und die Tante Breeſen, deren zahnloſen Mund und ſpitze Zunge Oswald noch ſehr wohl in[Andenken] hatte, ſtiegen.

F. Spielhagen, Problematiſche Naturen. IV. 450

Hierher, mein feiner, junger Herr! rief die alte Dame, als ſie nach den erſten Begrüßungen ihn er¬ blickte; warum ſind Sie nicht uns zu beſuchen ge¬ kommen, wie Sie verſprochen hatten? habe ich Sie deshalb meinem ungerathenen Neffen als das Muſter eines wohlerzogenen jungen Mannes, der da weiß, was er alten Damen ſchuldig iſt, vorgeſtellt? habe ich deshalb Ihre Ausſprache des Franzöſiſchen mei¬ ner naſeweiſen Nichte als muſtergültig gerühmt? Schämen Sie ſich! ich beehre Sie mit meiner Un¬ gnade!

Ich verdiene dieſe durchaus nicht, gnädige Frau! ſagte Oswald. Ich konnte nicht kommen, wie ich wollte, und geſetzt, ich hätte wirklich eine Unterlaſſungs¬ ſünde begangen, ſo bin ich doch wahrlich, auch ohne Ihre Ungnade, ſchwer genug beſtraft.

Ja, ja ſchöne Redensarten, daran fehlt es Ihnen nicht. Sind Sie auch nicht weniger unartig, wie die andern jungen Leute, ſo ſind Sie doch ein wenig weniger plump, und ſchon deshalb muß ich Ihnen verzeihen. Hier haben Sie meine Hand, und nun ſehen Sie zu, wie Sie mit meiner Nichte fertig werden, ohne daß ſie Ihnen die hübſchen Augen auskratzt.

Damit wandte die alte lebhafte Dame Oswald den51 Rücken, und ließ ihn in einem von ſeiner Seite ſehr wenig erwünſchten tête à tête mit der hübſchen Emilie, die, ohne die Augen von dem Boden zu erheben, mit leicht gerötheten Wangen und unruhig wogendem Buſen vor ihm ſtand.

Oswald war feſt entſchloſſen, das kindiſche und doch gefährliche Spiel mit dem leidenſchaftlichen Mäd¬ chen nicht wieder zu beginnen. Er wünſchte und hoffte, daß ſie ſelbſt zur Beſinnung gekommen ſein möge. Er ſah es deshalb nicht ungern, als Fräulein Emilie einige gleichgültige Worte, die er an ſie rich¬ tete, ſcheinbar unbefangen beantwortete und ſich ſodann zu einer Gruppe junger Mädchen geſellte, die ſich um Helene geſchaart hatte, um den modiſchen Schnitt eines weißen Kleides, das ſie heute zum erſten Male trug, zu bewundern.

Auch ſeine Begegnung mit Herrn von Cloten war weniger unerquicklich, als er nach ihrem letzten un¬ verhofften Zuſammentreffen auf Oldenburg's Solitüde erwarten konnte. Der junge Edelmann that ſehr er¬ freut, ihn nach ſo langer Zeit wieder zu ſehen; er¬ kundigte ſich angelegentlich nach Oldenburg, erinnerte an das Piſtolenſchießen in Barnewitz und fragte, ob Oswald ihm heute Revanche geben wollte.

Oswald war einigermaßen geſpannt, zu ſehen, wie4 *52ſich Cloten und Barnewitz gegen einander benehmen würden. Zu ſeiner nicht geringen Verwunderung ſchien zwiſchen dieſen beiden Herrn das vollſtändigſte Einvernehmen zu herrſchen. Oldenburg hatte ſich in dieſer Angelegenheit als ein ausgezeichneter Diplomat gezeigt. Er hatte Jedem der Beiden weiß gemacht, daß der Andere nach ſeinem Blute lechze, und ſo die beiden Männer, die, nicht ohne alle Urſache, das Le¬ ben, das ſie führten, viel zu behaglich fanden, um ohne gewichtige Veranlaſſung daraus zu ſcheiden, für ſeine Vermittlungsvorſchläge geneigt gemacht. Herrn von Barnewitz hatte er Cloten's Liebeshandel mit Hortenſe als eine ganz unſchuldige Tändelei dargeſtellt, und ge¬ ſchworen, wie er überzeugt ſei, daß dieſer junge Mann mit jener Dame zu keiner Zeit in einem intimeren Verhältniß geſtanden habe, als viele andere Bekannte, zum Beiſpiel er ſelbſt eine arge Zweideutigkeit, die indeſſen von dem nicht ſehr ſcharfſinnigen Ehemanne als ein Argument für die Unſchuld ſeiner Frau an¬ geſehen wurde. Dem jungen ländlichen Don Juan dagegen hatte er den Rath gegeben, in Barnewitz 'Gegenwart ein paar Mal ungezogen und grob gegen Hortenſe zu ſein, und vor allem ſich irgend eine der Damen ihres Cirkels auszuwählen, um ihr möglichſt auffallend den Hof zu machen. Cloten äußerſt froh,53 ſich ſo leichten Kaufs aus dem fatalen Handel zu zie¬ hen, hatte Oldenburg's Rath pünktlich befolgt und von Stund an begonnen, Fräulein von Breeſen zum Gegenſtand ſeiner Huldigungen zu machen. Er war indeſſen bisher in ſeinen Bemühungen ſehr wenig glücklich geweſen. Im Gegentheil. Er hatte viel Spott und Hohn aus dem Munde des übermüthigen Mädchens über ſich ergehen laſſen müſſen; ſeine Lie¬ besverſicherungen wurden mit ironiſchen Bemerkungen zurückgewieſen und ſeine Ritterdienſte mit einer Gleich¬ gültigkeit entgegen genommen, die ihn, wenn es ihm wirklich Ernſt geweſen wäre, zur Verzweiflung ge¬ bracht haben würden. Und es war ihm, wie es in ſolchen Dingen zu gehen pflegt, nach und nach wirk¬ lich Ernſt mit der anfänglich ſo leichtſinnigen Tän¬ delei geworden. Fräulein Emilie gehörte nicht zu den Damen, mit welchen man ungeſtraft ſpielen und tän¬ deln kann. Sie war ſo reizend ſelbſt in ihrem Ueber¬ muth, ſo liebenswürdig ſelbſt in ihrer Ungezogenheit, daß der unglückliche Vogelſteller ſich von Tag zu Tag tiefer in die Netze, die er ſelbſt gelegt hatte, ver¬ ſtrickte, und jetzt Alles darum gegeben haben würde, ein freundliches Wort aus dem angebeteten Munde zu erhalten. Wie überraſcht war er deshalb, wie außer ſich vor Entzücken, als ihm Fräulein Emilie,54 die er kaum noch anzureden wagte, heute mit der größten Freundlichkeit entgegenkam, ihn auf dem Spa¬ ziergang, den man durch den Garten machte, zum Be¬ gleiter erwählte, ihren Sonnenſchirm von ihm tra¬ gen, ſich Blumen von ihm pflücken, ein im Saale vergeſſenes Taſchentuch von ihm holen ließ, mit einem Worte, ſcheinbar Alles that, die ihm in den letzten Wochen zugefügten Beleidigungen in einer Stunde wieder gut zu machen.

Cloten ſchwamm in einem Meere von Seligkeit; ſeine waſſerblauen Augen ſtrahlten; er drehte ohne Aufhören ſeinen kleinen blonden Schnurrbart und lächelte dumm vergnügt, ſo oft ihm eine Aeußerung, wie: nun, Cloten, kann man gratuliren? oder: recht ſo, Cloten nur nicht ängſtlich! und ähnliche in's Ohr getuſchelt wurden.

Oswald wußte nicht, was er von dieſer Komödie denken ſollte. Im Anfang glaubte er, Emilie wolle ihm nur zeigen: ſieh! es fehlt mir nicht an Bewun¬ derern! Er konnte nicht annehmen, daß ein ſo geiſt¬ volles und mochten ihre Fehler ſein, welche ſie wollten immerhin liebenswürdiges, und jedenfalls ſehr hübſches Mädchen ſich ernſtlich für einen ſo faden Menſchen, wie Cloten, intereſſiren könnte. Als der Abend aber hereinbrach, die Geſellſchaft ſich55 aus dem Garten allmälig in die nach dem Raſenplatz führenden Zimmer zurückzog, und zuletzt nur noch Emilie mit Herrn von Cloten unermüdlich draußen promenirten, mußte er ſich wohl der Meinung der Geſellſchaft, daß die Verlobung zwiſchen Cloten und Fräulein von Breeſen nicht mehr lange auf ſich warten laſſen werde, anſchließen. Es that ihm leid um das Mädchen, das ſich ſo wegwerfen konnte; dann aber dachte er wieder: Du brauchteſt Dir wahrlich wegen eines ſo leichtſinnigen Geſchöpfes keine ſo großen Ge¬ wiſſensbiſſe zu machen. Sie ſind im Grunde Eines des Andern vollkommen würdig. Ob ſich dieſer Cloten nicht ſchämt, vor den Augen der Frau, die er liebte, ein ſolches Schauſpiel aufzuführen?

Er wandte ſich zu Hortenſe von Barnewitz, die in einer Fenſterniſche des Saales ganz allein ſtand. Die hübſche Blondine ſchien, ſehr gegen ihre Gewohnheit denn ſie war eine der gefeiertſten und verwöhn¬ teſten Damen dieſe Vernachläſſigung von Seiten der Herren heute gern zu ſehen.

Werden Sie heute nicht tanzen, gnädige Frau? fragte Oswald.

Soll denn getanzt werden? antwortete Hortenſe, wie aus einem Traum erwachend.

Gewiß. Die Baronin läßt ſoeben das Klavier56 in den Saal ſchaffen. Herr Timm hat ſich erboten, zu ſpielen; ich wollte mir erlauben, die gnädige Frau um den erſten Tanz zu bitten, im Fall Sie ſich noch nicht verſagt haben.

Ich mich verſagt? Bewahre! die Zeiten ſind vor¬ über, wo ich auf Wochen voraus zu jedem Tanz en¬ gagirt war. Ich überlaſſe das jetzt den Jüngeren.

Sie belieben zu ſcherzen.

Keineswegs. Sie ſind der Erſte und weil ich fürchte, daß Sie auch der Letzte ſein werden, will ich lieber gar nicht anfangen, ſondern Sie bitten, ſich ein wenig zu mir zu ſetzen, und die Zeit, die Sie mit mir vertanzen wollten, in aller Ruhe zu verplaudern. Iſt es Ihnen recht?

Die Frage beantwortet ſich ſelbſt, ſagte Os¬ wald, Hortenſe einen Stuhl herbeiziehend.

Setzen Sie ſich auch! ſagte dieſe. Ich höre, Herr Doctor; Sie haben ein großes Talent zur Sa¬ tire; laſſen Sie mich eine Probe dieſes Talentes hören; an Stoff kann's Ihnen ja nicht fehlen, wenn Sie von unſerem Standpunkt aus einen Blick auf die Ge¬ ſellſchaft hier im Saale werfen. Welche von den Damen halten Sie für die hübſcheſte?

Sie meinen die am wenigſten häßliche?

Sie Spötter! Freilich, außer einigen erträglichen57 Toiletten iſt nicht viel Hübſches wahrzunehmen. Wie finden Sie Helene Grenwitz?

Ich finde ſie gar nicht, trotzdem ich ſie überall mit den Blicken ſuche.

Dort, rechts von der Thür. Sie ſpricht mit ihrem Couſin Felix. Wie ſteht denn die Angelegen¬ heit? hat Felix ſich noch immer nicht erklärt?

Jedenfalls noch nicht gegen mich.

Das glaube ich gern. Aber glauben Sie, daß er ſich, erklären wird?

Nein.

Weshalb?

Weil ich die ganze Sache für unerklärlich halte.

Schwärmen Sie etwa für Fräulein Helene?

Ganz unendlich.

Sie intereſſiren ſich überhaupt wohl beſonders für junge Mädchen, die eben aus der Penſion kommen?

Nur, wenn ſie wirklich intereſſant ſind.

Nicht immer; oder Sie wollen doch nicht be¬ haupten, daß Emilie Breeſen dies Beiwort verdient?

Ich habe auch nie für Fräulein von Breeſen ge¬ ſchwärmt.

Deſto mehr die Kleine für Sie. Lisbeth von Meyen iſt die Vertraute von Emilien's Liebeskummer58 geworden und Lisbeth hat natürlich die ganze Sache ausgeplaudert.

Aber das iſt ja unmöglich!

Beruhigen Sie ſich nur! Sie ſehen ja, das gute Kind hat ſich ſchnell genug wieder getröſtet. Heute ſchwärmt ſie für Cloten; ein ander Mal wird ſie für einen Andern ſchwärmen. Die Kleine hat Talent, ſie kann es noch einmal weit bringen. Mich dauert nur der arme Cloten.

Aber weshalb begiebt er ſich in die Gefahr?

Freilich, und noch dazu ohne ſeinen Mentor.

Wer iſt das?

Baron Oldenburg. Er wird den Rath ſeines edlen Freundes mißverſtanden haben und die kleine Emilie aus purem Mißverſtändniß heirathen.

Sie belieben in für mich unergründlichen Räth¬ ſeln zu ſprechen, gnädige Frau.

Ich bitte um Verzeihung ... Sagen Sie, ſind Sie wirklich, wie die Fama ſagt, in der kurzen Zeit der Buſenfreund des Barons geworden?

Die Fama hat in dieſem Falle wie ſtets aus der Mücke einen Elephanten gemacht.

Glauben Sie, daß ich es gut mit Ihnen meine? ſagte Hortenſe und ſie blickte Oswald voll in die Augen.

59

Ich habe keinen Grund, das Gegentheil anzu¬ nehmen; antwortete dieſer, den das Geſpräch, wel¬ ches er ganz abſichtslos angeknüpft hatte, auf eigen¬ thümliche Weiſe zu intereſſiren begann.

So folgen Sie meinem Rath: hüten Sie ſich vor dem Baron, wie vor ihrem ſchlimmſten Feind!

Weshalb?

Weil er falſch iſt bis ins innerſte Herz hinein.

Sie kennen den Baron genau?

Ganz genau.

Und verzeihen Sie mir, wenn ich eine ſo ſchwere Beſchuldigung eines Mannes, den ich ich ich geſtehe es bis jetzt hoch geachtet habe, nicht ſofort zu glauben vermag haben Sie Beweiſe von des Barons Falſchheit?

Tauſend für einen.

Geben Sie nur einen!

Es bleibt unter uns, was ich Ihnen erzählen werde?

Das verſpreche ich.

So hören Sie. Sie kennen meine Couſine Me¬ litta. Nun, ſie hat ihre Schwächen wie wir Alle, aber ſie iſt doch im Grunde eine charmante Frau, die ich ſehr lieb habe, und um die es mir leid thun ſollte, wenn ſie ſich, wie es den Anſchein hat, wieder in60 dieſelben ſchlechten Hände giebt, aus denen ich ſie mit ſo viel Mühe glücklich erlöſt zu haben glaubte. Wenn Melitta nicht ſo gut iſt, wie ſie ſein könnte Ol¬ denburg allein hat es auf dem Gewiſſen. Er hat ihr, als ſie noch ein junges Mädchen war, mit ſeinen tollen Ideen den Kopf verdreht, daß ſie zuletzt nicht mehr Recht von Unrecht unterſcheiden konnte. Er hat, als ſie endlich die ausgezeichnete Partie mit Herrn von Berkow gemacht hatte, das ganze, im An¬ fang ſo ſchöne Verhältniß zerſtört; und wenn Berkow zuletzt vor Eiferſucht toll geworden iſt, es kann Nie¬ manden verwundern, der es, wie ich, mit angeſehen hat, wie es die Beiden trieben. Endlich gelang es mir, bei Melitta auszuwirken, daß ſie Oldenburg auf einige Zeit wenigſtens fortſchickte. Er ging; aber, als wir vor ein paar Jahren Italien bereiſten, ſtellte ſich Oldenburg wieder ein ob zufällig, ob von Melitta herbeigerufen ich laſſe es unentſchieden. Nach ihrem Benehmen ſollte ich freilich das Letztere ver¬ muthen. Das alte Lied begann von Neuem. Ein¬ ſame Promenaden, Austauſch von Liebesſchwüren, wo¬ bei ſie ſich ſelbſt durch die Anweſenheit dritter Per¬ ſonen nicht geniren ließen mit einem Worte: es war für Jemand, die, wie ich, etwas ſtreng in ſolchen Sachen denkt und die, wie ich, Melitta noch dazu ſo61 aufrichtig liebte, ein recht häßliches Schauſpiel. Ver¬ gebens bat und beſchwor ich Melitta, an ihren kranken Gemal, an ihr Kind zu denken. Ich predigte tauben Ohren. Da entſchloß ich mich zu einem verzweifelten Mittel. Um ihr Oldenburgs Treuloſigkeit von der mir von anderen Seiten die fabelhafteſten Dinge erzählt waren zu beweiſen, ließ ich mich herbei, ihn glauben zu machen, ich ſelbſt liebte ihn. Es ge¬ hörte dazu nicht viel, denn der Baron iſt eben ſo eitel, wie er verrätheriſch und zügellos in ſeinen Lei¬ denſchaften iſt. Bald verfolgte er jetzt mich mit ſeinen Huldigungen natürlich, ohne ſich Melitta gegen¬ über zu verrathen. Dabei ſprach er ſo lieblos, ſo ſchlecht von meiner armen Couſine, daß ich kaum im Stande war, die Maske, die ich vorgenommen hatte, feſtzuhalten. Und doch mußte ich es, bis Oldenburg, von ſeiner Leidenſchaft hingeriſſen, blind in das Netz rannte, das ich ihm ſtellte. Ich wußte es ſo einzu¬ richten, daß er es war im Garten der Villa Serra di Falco bei Palermo mir eine feurige Liebeser¬ klärung machte, während Melitta ſechs Schritte davon hinter einem Myrthengebüſche ſtand. Die Arme! es war eine ſchmerzliche Operation, aber ich konnte ihr nicht anders helfen. Oldenburg war natürlich am nächſten Morgen verſchwunden. Ich ſuchte Melitta62 zu zerſtreuen, ſo gut es ging, und ich muß geſtehen, ſie zeigte ſich gefaßter, als ich nach einer ſo ſchmerz¬ lichen Enttäuſchung, einer ſo tiefen Demüthigung für möglich gehalten hätte. Ich hoffte, daß die grauſame Lehre, die ſie empfangen, ihr ein für alle Mal über Oldenburg die Augen geöffnet hätte; hoffte es um ſo mehr, als der Baron ihr durch mehrjährige Abweſen¬ heit Zeit genug zur Beſinnung ließ. Da plötzlich taucht er vor einigen Wochen ganz unerwartet wieder auf. Mir ahnte ſofort nichts Gutes denn das Erſcheinen dieſes Mannes iſt immer von etwas Außer¬ gewöhnlichem begleitet. Wie er es angefangen hat, ſich wieder Melitta's Gunſt zu erwerben, wie es möglich iſt, daß Melitta ſchwach genug ſein konnte, ihm wieder ihre Gunſt zu gewähren ich weiß es nicht denn Beide haben in einem hohen Grade das Talent, ihre Handlungen den Blicken der Men¬ ſchen zu entziehen. So viel ſteht feſt: eine Ausſöh¬ nung von der wir bei einem ſo erfahrenen Paare annehmen müſſen, daß ſie eine vollſtändige war kam zu Stande, und damit die Feier dieſer Ausſöh¬ nung möglichſt geheim bleibe, machen ſie eine gemein¬ ſchaftliche Badereiſe; und wohin? nach N., dem Orte, wo der Gemal Melitta's ſeit ſieben Jahren krank liegt! Wahrlich, ich bedaure Melitta. Wenn ſie dar¬63 auf ausging, ihren Ruf zu ruiniren, ſie hätte es hier bequemer haben können. Denn geſetzt auch, Berkows tödtliche Krankheit iſt nicht fingirt, was hat denn Ol¬ denburg, der dieſe Krankheit jedenfalls mit veranlaßt hat, dabei zu thun? und glaubt denn Melitta, daß der Baron ſie nach dem Tode Berkows heirathen wird? Du lieber Himmel! wenn Oldenburg alle Frauen heirathen ſollte, denen er in ſeinem Leben Liebe geſchworen, er müßte ſich ein Serail anlegen, in welchem alle Stände von der Herzogin bis zur Kammerjungfer, alle Nationen und ich glaube auch alle Racen vertreten wären. Aber, mein Gott, was iſt Ihnen? Sie ſehen ja wie eine Leiche aus! Sind Sie nicht wohl?

Es iſt nur die übergroße Hitze, ſagte Oswald, ſich erhebend; ich bitte um Verzeihung, wenn ich Sie ſo plötzlich verlaſſe. Ich will verſuchen, ob die friſche Abendluft mich wieder herſtellt.

Er machte Hortenſe eine ſehr förmliche Verbeugung und entfernte ſich, ohne ihre Antwort abzuwarten.

Nun, was bedeutet denn das? fragte dieſe, in¬ dem ſie dem Forteilenden verwundert nachſah. Hat meine vortreffliche Couſine auch hier eine Eroberung gemacht? und habe ich, ohne es zu wiſſen und zu wollen, zwei Fliegen mit einer Klappe geſchlagen? 64Eigentlich wollte ich blos Oldenburg einen Freund rauben, wenn ich Melitta bei der Gelegenheit auch um einen Bewunderer ärmer gemacht habe deſto beſſer. Ich glaube, aus dem jungen Menſchen wäre etwas zu machen. Freilich ich muß jetzt etwas vorſichtig ſein, denn Barnewitz iſt nach der letzten Affaire mit Cloten ein wahrer Othello da kommt er ja ... nun, lieber Barnewitz, ſiehſt Du Dich auch einmal nach Deiner verlaſſenen kleinen Frau um? ich ſitze hier nun ſchon den ganzen Abend und ſchmachte nach Dir.

Warum tanzt Du denn nicht?

Meinſt Du, daß es mir Vergnügen macht, wenn Du nicht dabei biſt?

Ich habe mit dem jungen Grieben und Anderen ein kleines Jeu arrangirt; aber ich kann ſchon einmal mit Dir herumſpringen. Komm! ſie fangen eben einen Walzer an. Das iſt ſo meine Force!

Und das glückliche Paar trat in die Reihe der Tanzenden.

Unterdeſſen irrte Oswald in dem Garten umher, ruhelos, wie ein von furchtbaren Schmerzen Gepei¬ nigter. Aus den offenen Fenſtern und Thüren der Zimmer ſtrahlten die Lichter; um den Raſenplatz herum hatte Anna-Maria Laternen von buntem Papier auf¬65 ſtellen laſſen, die der helle Mondſchein allerdings ziem¬ lich überflüſſig machte. Von Zeit zu Zeit traten ein¬ zelne Paare auf den Platz hinaus und promenirten in der balſamiſchen Nachtluft. Es war eine feſtliche, heiter ſchöne Scene, die Oswald's verdüſtertes Ge¬ müth beleidigte, wie wenn ein Freund zu unſeren Qualen lächelt. Er erſtieg den Wall, ſetzte ſich auf eine Bank und ſtarrte, den Kopf in die Hand ge¬ drückt, in das Waſſer des Grabens, auf dem die Mondesſtrahlen unheimlich glitzerten.

Wäre es nicht beſſer, Du machteſt Deinem elen¬ den Daſein ein ſchnelles Ende, murmelte er, als daß Du Dir zur Qual und Keinem zur Freude die Bürde des Lebens weiter ſchleppſt? Willſt Du denn fortvegetiren, bis Dir jede Illuſion zerſtört iſt, bis Du Alles und Jedes, was Du werth und heilig hieltſt, über Bord geworfen haſt, über Bord haſt werfen müſſen? willſt Du denn warten, bis Dir die Geduld vollends ausgeht, wie dem edlen, großherzigen Berger? So alſo ſieht das Bild der Frau aus, vor der Du wie vor einer Heiligen gekniet haſt? das iſt der Mann, deſſen Hand in der Deinen zu halten, Dir eine Ehre ſchien? Du warſt ihr nichts als ein Spielball ihrer hochadligen Laune, und er hat ſeinen allerliebſtenF. Spielhagen, Problematiſche Naturen. IV. 566freiherrlichen Scherz mit Dir getrieben? Aber das iſt ja nicht möglich! nicht möglich? warum denn nicht? iſt die Welt, in der ſich dieſe Menſchen bewegen, nicht durch und durch verfault und verrottet? iſt ihr ganzes Leben nicht eine gemeine Intrigue? betrügt hier nicht die Gattin den Gatten? und dieſer jene? verkauft nicht der Vater ſeine Tochter? verkuppelt nicht die Mutter ihr eigen Fleiſch und Blut? verräth nicht der Freund den Freund? plaudert eine Kokette nicht die Geheimniſſe der andern aus? weshalb wähnſt Du denn, ſie würden mit Dir, dem Plebejer, dem Arbeiter für Lohn und Brot, beſſer verfahren? Und doch, und doch! es iſt entſetzlich! Das Weib, das Du angebetet, wie eine Gottheit, die Maitreſſe eines Anderen, ihn betrügend, Dich betrügend, um von ihm wieder betrogen zu werden! Und Du, gutmüthiger Narr, kämpfſt wie ein Wahnſinniger mit Deiner Lei¬ denſchaft für das holde, herrliche Geſchöpf, die einzig Reine in dieſem Hexenſabbath! denn ſie iſt rein und gut, oder es giebt nichts Reines auf dieſer Welt. Nein, nein! und wenn Alles um Dich her Lug und Trug iſt, und ſchwarzer, tückiſcher Verrath auf dieſen einen hohen Stern willſt Du Dein Auge hef¬ ten es iſt Dein Stern! denn nur das unerreichbar Hohe iſt Deiner Liebe werth! um die Irrlichter, die67 auf dem Sumpfe tanzen, mögen ſich die Molche mit den Kröten zanken.

Ein leichtes Geräuſch an ſeiner Seite machte ihn aus ſeiner gebückten Stellung auffahren. Eine ſchlanke Frauengeſtalt in einem weißen Gewande ſtand vor ihm. Durch eine Lücke in dem Laubdache oben fiel ein Mondenſtrahl auf die ſchlanke, weiße Geſtalt.

Es war Emilie von Breeſen.

Still! ſagte ſie, als Oswald ſich mit einem leiſen Ruf der Verwunderung erhob; bleiben Sie ſitzen! Ich ſah Sie aus dem Saale gehen; ich bin Ihnen gefolgt, weil ich Sie ſprechen will, ſprechen muß. Ich werde Sie nicht lange aufhalten. Es be¬ darf nur eines Wortes ... eines einzigen Wortes, das über mein Leben entſcheiden ſoll. Liebſt Du mich? ja? oder nein?

Das junge Mädchen hatte Oswald's Hand er¬ griffen, die ſie mit krampfhafter Heftigkeit preßte. Ja? oder nein? wiederholte ſie in einem Tone, der die Leidenſchaft, die in ihr wühlte, deutlich genug verrieth.

Aber Oswald's Ohr war taub gegen dieſen Ton; ſein Herz verſchloſſen, wie das Haus eines Mannes, den die Diebe in der Nacht zuvor beſtohlen haben.

Sie irren ſich ohne Zweifel in der Perſon, 5*68ſagte er mit ſchneidendem Hohne. Ich heiße Os¬ wald Stein; Herr von Cloten iſt, ſo viel ich weiß, drinnen im Saale; und er ſuchte ſeine Hand aus der des Mädchens loszumachen.

Habe ich das verdient? ſagte dieſe mit von Thrä¬ nen faſt erſtickter Stimme, und ſie ließ die Arme wie in Verzweiflung ſinken.

Die Nacht iſt kühl, ſagte Oswald, der ſich er¬ hoben hatte; der Thau beginnt zu fallen; Sie werden ſich in dem leichten Anzug erkälten. Darf ich die Ehre haben. Sie in den Saal zurückzubegleiten?

O mein Gott, mein Gott! murmelte Emilie, das ertrage ich nicht! Oswald, ſtoße mich nicht ſo von Dir! wie hab 'ich mich nach dieſem Augenblicke geſehnt! wie habe ich mir tauſend - und tauſendmal wiederholt, was ich Dir Alles ſagen wollte! wie habe ich gehofft, daß Du mich wieder in die Arme nehmen würdeſt, o, mein Himmel, was rede ich? Oswald, habe Mitleid mit mir! Du kannſt meinen Uebermuth von heute Abend nicht ſo grauſam ſtrafen wollen. Ich wollte Dich ein wenig necken; ich dachte jeden Augenblick, Du würdeſt zu mir treten, und dann wollte ich Dir Alles ſagen. Aber Du kamſt und kamſt nicht; und ich mußte die Komödie weiter ſpielen, ſo ſchwer es mir wurde.

69

Sind Sie ſicher, mein Fräulein, daß Sie nicht ſelbſt noch in dieſem Augenblick Komödie ſpielen?

Emilie antwortete nicht. Sie ſank mit einem leiſen Stöhnen auf die Bank, preßte ihr Geſicht in die Hände und ſchluchzte, als ob ihr das Herz brechen wollte.

Oswald gehörte nicht zu den Männern, die un¬ gerührt ein Weib können weinen ſehen. Er trat dicht vor die Unglückliche und ſagte in viel milderem Ton:

Wollen Sie mir ein paar Augenblicke ruhig zu¬ hören?

Emilien's einzige Antwort war ein krampfhaftes Schluchzen.

Glauben Sie mir, fuhr Oswald fort; ich be¬ daure von ganzem Herzen, daß eine ſolche Scene wie dieſe möglich wurde, und ich fühle, daß ich einzig und allein die Schuld davon trage. Hätte ich Ihnen an jenem Abend geſagt, was ich Ihnen heute ſagen muß, Ihr Stolz würde Alles längſt entſchieden haben. Ich kann Sie nicht lieben; das klingt ſehr wunderlich gegenüber einem ſo holden, liebenswürdigen Geſchöpf, aber es iſt dennoch wahr. Warum wollen Sie nun Ihre Liebe an Jemand verſchwenden, der ſich des koſtbaren Geſchenkes ſo ganz unwürdig zeigt? warum nicht Jemand damit beglücken, der mehr Talent zum Glücklichſein und Beglücktwerden hat, als ich? Ich70 bin gerade jetzt in einer ſehr gedrückten Stimmung, die mich wol noch mehr wie gewöhnlich unfähig macht, die Dinge und die Menſchen in dem rechten Lichte zu ſehen. Verzeihen Sie mir daher, wenn ich Sie vorhin durch bittere, unüberlegte Worte gekränkt habe, zu denen ich kein Recht hatte und die ich nicht hätte brauchen dürfen, ſelbſt wenn ich im Recht geweſen wäre. Ich bitte, ich beſchwöre Sie: vergeſſen Sie, was zwiſchen uns vorgefallen iſt! und laſſen Sie ſich vor Allem durch dieſe Kränkung nicht zu Entſchlüſſen verleiten, die Sie ſpäter und zu ſpät bereuen würden. Sie haben geſehen, was es heißt, ſeine Liebe einem Unwürdigen ſchenken. Sollte Ihnen dieſe Erfahrung künftig in der Wahl, die Sie über kurz oder lang treffen werden, zu Statten kommen, ſo will ich gern für den Augenblick von Ihnen verkannt ſein, gern Ihren Haß, ſelbſt Ihre Verachtung auf mich geladen haben.

Emilie hatte, während Oswald ſprach, allmählig zu weinen aufgehört. Jetzt ſtand ſie auf und ſagte in beinahe ruhigem Ton:

Es iſt genug! Ich danke Ihnen, Sie haben mir die Augen geöffnet. Sie ſollen nie wieder von mir beläſtigt werden. Sagen Sie mir nur noch dies Eine: werde ich einer Anderen geopfert? lieben Sie eine Andere?

71

Ja, ſagte Oswald nach kurzem Bedenken.

Es iſt gut! Und nun hören Sie dies! Wie ich Sie geliebt habe, mit aller Gluth meines Herzens, ſo haſſe ich Sie jetzt; und wie ich noch vor wenigen Minuten mein Leben freudig für Sie dahingegeben haben würde, ſo heiß wünſche ich jetzt, mich für dieſe Schmach an Ihnen zu rächen. Und ich werde mich rächen; ich werde

Wiederum brach ſie in leidenſchaftliches Weinen aus; aber ſie bezwang ſich ſogleich wieder.

Sie ſind es nicht werth, daß ich ſo viel Thränen um Sie weine. Nun ſetzen Sie Ihrem Benehmen die Krone auf und folgen Sie mir auf dem Fuße in den Saal, damit doch ja die Welt erfahre, welche Närrin ich geweſen bin!

Und ſie eilte von Oswald fort, den Wall hinab, an dem Raſenplatze vorüber nach dem Saal, wo noch immer eifrigſt getanzt wurde. Von Cloten, der ſie überall in den Zimmern vergeblich geſucht hatte und jetzt melancholiſch an einen Thürpfoſten gelehnt ſtand, erblickte ſie ſofort und kam eiligſt auf ſie zu.

Mein gnädiges Fräulein! haben mich in wahre Todesangſt verſetzt! war bei Gott au désespoir! glaubte wahrhaftig, der Himmliſchen Einer habe Sie mir entführt.

72

Ich habe in aller Stille über das, was Sie mir vorhin ſagten, nachgedacht, Herr von Cloten, ant¬ wortete Emilie.

Wahrhaftig! Sie ſind ein Engel! und ich darf hoffen! fragte von Cloten, der die gerötheten Augen¬ lieder und das aufgeregte Weſen des jungen Mädchens natürlich zu ſeinen Gunſten auslegte.

Gehen Sie zu meiner Tante!

Wirklich? wahrhaftig? ich kann es nicht glauben! rief der junge Mann, und ſein freudiger Schrecken war keineswegs gemacht.

So gehen Sie nicht hin! antwortete Fräulein Emilie in einem Ton, der jeden Unbefangenen um die Feſtigkeit des Bundes, der hier geſchloſſen werden ſollte, bange gemacht hätte.

Mein Gott, Emilie, Engel, zürnen Sie nicht! ich eile, ich fliege

Und Herr von Cloten entfernte ſich in augen¬ ſcheinlichſter Verwirrung, um Emiliens Tante aufzu¬ ſuchen.

Emilie blieb auf demſelben Platze ſtehen, bleich, die Arme verſchränkt, die großen Augen ſtarr auf die Gruppen der Tanzenden geheftet, ohne mehr zu ſehen, als wenn ſie die Blicke in's Leere gerichtet hätte.

73

Sie ſind klüger, wie wir Andern! ſagte eine Stimme dicht neben ihr.

Es war Felix von Grenwitz; er hatte ſich auf einen Stuhl geworfen und trocknete ſich mit einem Battiſttaſchentuche die naſſe Stirn.

Lächerlich, bei der Hitze herumzuſpringen; ich dächte wir hörten endlich einmal auf. Und nun hat noch gar Helene Herrn Timm am Klavier abgelöſt; das Mädchen hat doch wahrlich wunderliche Einfälle. Meinen Sie nicht auch, Fräulein Emilie?

Vielleicht fehlt es ihr an einem Tänzer.

Unmöglich.

Nun, vielleicht an dem rechten Tänzer.

C'est à dire?

An dem, mit welchem ſie gern tanzt.

Ich bin ſtets hier geweſen.

Sie bilden ſich doch nicht etwa ein, daß Sie der Glückliche ſind?

Wer denn ſonſt?

Wiſſen Sie nicht, wo Herr Stein geblieben iſt?

Nein, weshalb?

Ich frage nur Fräulein Helenen's halber. Be¬ merken Sie nicht, wie ſie die großen, ſtolzen Augen fortwährend ruhig, aber unaufhörlich durch den Saal ſchweifen läßt?

74

Das kann doch unmöglich Ihr Ernſt ſein?

Weshalb denn nicht? Iſt Herr Stein nicht eine ſehr hübſcher Mann? und hat nicht Helene, wie Sie ſelbſt ſagen, wunderliche Einfälle?

Mein Fräulein, ſagte Felix ernſt; wollen Sie mir die Gnade erweiſen, mir zu ſagen, ob Sie be¬ ſondere Gründe zu dieſer eigenthümlichen Vermuthung haben?

Natürlich habe ich beſondere Gründe.

Und wollen Sie die Güte haben, mir dieſe Gründe zu nennen?

Das kann ich nicht.

In dieſem Augenblick kam Herr von Cloten mit vor Freude ſtrahlendem Geſicht.

Mein gnädiges Fräulein, ſagte er; Ihre Frau Tante wünſcht Sie zu ſprechen. Darf ich die Ehre haben, Sie zu ihr zu begleiten?

Sogleich! ſagte Emilie, und dann zu Felix: Verlaſſen Sie ſich auf das, was ich Ihnen ſagte; ich habe ſcharfe Augen und Ohren.

Sie nahm Cloten's Arm.

Der Sache muß ich auf den Grund kommen, ſagte Felix bei ſich, als die Beiden ſich entfernt hatten. Helenen's Benehmen in den letzten[Tagen] iſt wirklich auffallend.

75

Er trat an das Klavier: Soll ich Ihnen die Blätter umſchlagen, Helene?

Danke! antwortete Helene trocken; ich ſpiele aus dem Kopf.

Nach einer kleinen Pauſe: Bitte, Couſin, gehen Sie fort; es ängſtigt mich, wenn Jemand ſo dicht hinter mir ſteht.

Ich dächte, Doctor Stein hätte geſtern eine halbe Stunde lang hinter Ihnen geſtanden, ohne daß Sie irgend welche Angſt verrathen hätten.

So werde ich aufſtehen; ſagte Helene, griff ein paar ſchnelle Schlußaccorde und ging, ohne das Ah! der mitten im beſten Tanze Geſtörten zu beachten, von dem Klavier fort.

Das iſt doch ſtark; ſagte Felix bei ſich.

Weshalb hörte denn Helene ſo plötzlich auf zu ſpielen? fragte die Baronin, welche die Scene aus der Entfernung beobachtet hatte, herantretend.

Ich weiß es nicht; ſie wird mir wohl etwas übel genommen haben. Sie iſt doch eigenſinniger und launiſcher, als ich dachte. Meinen Sie nicht auch, Tante, daß der Menſch, der Stein, mit ſeinen cor¬ rupten Anſichten doch einen ſchädlichen Einfluß nicht bloß auf Bruno, ſondern auch auf Helene ausübt?

76

Ich habe Ihnen ja immer geſagt, daß ich dem Menſchen nicht im mindeſten traue.

So jagen Sie ihn doch fort.

Ohne alle Veranlaſſung?

Pah, die findet ſich. Wollen Sie mir die Er¬ laubniß geben, eine zu ſuchen?

Aber ohne, daß ein Scandal daraus wird.

Laſſen Sie mich nur machen.

Es muß ſo eingerichtet werden, daß er ſelbſt um ſeine Entlaſſung bittet.

Weshalb?

Ich habe meine Gründe und Felix, ſagen Sie Grenwitz nichts davon. Er iſt in der letzten Zeit ſo rechthaberiſch und eigenſinnig geworden! Ich fürchte ſogar, er ſinnt darauf, unſer Project mit Helene zu ſtören. Ich bitte Sie, Felix, ſeien Sie vorſichtig! Ich wäre außer mir, wenn die Sache ſich zerſchlüge, nachdem ich ſie ſchon unter der Hand nach allen Seiten als ein fait accompli dargeſtellt habe.

Pah! Tante, ſchon wieder ängſtlich? Vertrauen Sie mir: ich pflege zu Ende zu bringen, was ich anfing.

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Viertes Kapitel.

Als Oswald, nach der peinlichen Scene mit Emilie von Breeſen auf ſein Zimmer kam denn zur Geſellſchaft zurückzukehren, war ihm unmöglich ſah er auf ſeinem Tiſche ein Packet liegen, das wäh¬ rend ſeiner Abweſenheit dort hingelegt ſein mußte. Schon der Zuſatz zur Adreſſe: Hierbei die bewußten Bücher mit vielem Danke zurück. Ihr getreuer B. ſagte ihm: von wem dieſes Packet gebracht war, und was es enthielt. Und ſeltſam! er zögerte, das Band, welches es umſchloß, zu löſen. Es war ihm, als ob er kein Recht mehr zu Melitta's Briefen habe, ſeit¬ dem ſein Herz ihr nicht mehr ganz gehörte, als ob vor allem ſie, deren Herz er nie vollſtändig beſeſſen, nie das Recht gehabt, ihm dieſe Zeichen der Liebe zu geben. Endlich, faſt mechaniſch, öffnete er das Packet. Es waren drei Bücher darin. Aus dem mittleren78 fielen zwei Briefe der eine von Melitta, der andere von Bemperlein. Melitta's Brief enthielt nur wenige herzliche Worte, die über die lange Trennung, in welcher ſich mit dem weiten Raum auch noch ſo vieles Andere zwiſchen die Herzen, die einſt voller Seligkeit aneinander geſchlagen, drängen könnte, klagten; und ſchließlich die Hoffnung eines recht baldigen Wieder¬ ſehens ausdrückten. Der Brief trug keine Unterſchrift. Er könnte ja in fremde Hände fallen; ſagte Os¬ wald bitter. Ich will noch großmüthiger ſein, ich will dieſen Zeugen eines Verhältniſſes, deſſen ſie ſich zu ſchämen beginnt, vernichten; und verbrannte das Papier an der Flamme des Lichtes. Der Brief von Bemperlein war ausführlicher, aber er handelte faſt nur von Profeſſor Berger. Bemperlein war während ſeines kurzen Aufenthalts in Grünwald ſehr viel in der Geſellſchaft des Profeſſors, an welchen ihn Os¬ wald ſo warm empfohlen hatte, geweſen, und hatte ſich die Gunſt des wunderlichen Mannes im hohen Grade erworben, ebenſo wie er ſich ſeinerſeits für den genialen Gelehrten begeiſterte. Man kann ſich daher ſein Entſetzen vorſtellen, als Dr. Birkenhain ihm eines Tages mittheilte, ſo eben ſei der Profeſſor Berger in das Krankenhaus abgeliefert worden. Bemperlein ſchrieb Oswald, daß er ſogleich um die Erlaubniß79 gebeten habe, Berger beſuchen zu dürfen; daß ihm dieſe Erlaubniß gegeben ſei, und daß er ſeitdem jeden Tag viele Stunden bei dem Kranken zugebracht habe, der ſeine Geſellſchaft jeder andern vorziehe. Berger ſpreche größtentheils vollkommen vernünftig, nur komme er bei der geringſten Veranlaſſung auf ſeine fixe Idee des Nichts zurück. Er finde es ganz in der Ord¬ nung, daß man ihn in eine Irrenanſtalt gebracht habe, denn ſage er, der Unterſchied zwiſchen den Leuten draußen und denen drinnen beſtehe nur darin, daß jene das werden könnten und reſpective werden würden und eigentlich werden müßten, was dieſe ſchon ſeien. Wenn z. B. Dr. Birkenhain nur gefälligſt einmal ſeinen Kopf auseinander nehmen wollte, ſo würde er die abſolute Hohlheit deſſelben mit eigenen Augen wahrnehmen und ſich in ſeinem Hauſe ein behagliches, ſonniges Zimmer anweiſen laſſen, um in aller Stille über das große Ur-Nichts nachzudenken. Bemperlein ſchrieb, daß Dr. Birkenhain Berger's Wahnſinn nur für temporär halte und die beſtimmte Hoffnung habe, den ausgezeichneten Mann in kurzer Zeit ſeinen Freun¬ den und Schülern geheilt zurückzuſenden.

Was uns ſelbſt angeht, ſchloß Bemperlein, ſo wird Ihnen die gnädige Frau ja wol Alles der Ord¬ nung gemäß berichtet haben. Ich füge nur noch hinzu,80 daß unſers Verbleibens hier, Gott ſei Dank, nun wol nicht mehr lange ſein wird. Herr von Berkow wird täglich ſchwächer; die Schwindſucht macht reißende Fortſchritte. Birkenhain giebt ihm nur wenige Tage. Wir bleiben auf jeden Fall, bis Alles entſchieden iſt. Ich ſehe dieſem Augenblick mit einer Ungeduld ent¬ gegen, die ganz rein von Selbſtſucht iſt. Aus dem Tode dieſes Unglücklichen, der nun ſchon ſeit Jahren kaum noch zu den Lebenden gehört, wird für zwei Menſchen ein neues Leben erblühen zwei Menſchen, die mir unendlich werth und theuer ſind.

Wirklich? ſagte Oswald, den Brief auf den Schooß ſinkend laſſend. Biſt Du deſſen ſo gewiß, guter Bemperlein? Freilich, was ahnt Dein reines Herz von adligem Verrath und freiherrlicher Tücke? [Und] doch! weshalb erwähnt auch er Oldenburg's Anweſenheit nicht? was hat er davon, ein Factum zu verſchweigen, von dem er wiſſen mußte, daß es mich intereſſiren würde? So iſt auch er in dem Com¬ plott? Wohl; ſo willſt du fortan dich auf Niemand verlaſſen, als auf dich ſelbſt! Unter den Wölfen muß man heulen, und der iſt ein Narr, der unter Betrü¬ gern und Lügnern den ehrlichen Mann ſpielen will. Heuchelt Ihr ich kann es auch; ſpielt Ihr Komö¬ die ich will nicht im Parterre ſitzen; lacht Ihr81 Euch ins Fäuſtchen ich werde nicht weinen, und wer zuletzt lacht, lacht am beſten. Ha, ha, ha!

Ich freue mich, Sie in ſo ausgezeichneter Laune zu treffen; ſagte eine Stimme hinter ihm.

Oswald fuhr von ſeinem Stuhle empor und ſtarrte die lange Geſtalt, die plötzlich, wie aus dem Boden gewachſen, vor ihm ſtand, erſchrocken an.

Es was Baron Oldenburg.

Ich bitte um Entſchuldigung, ſagte er, Oswald die Hand, welche dieſer zögend ergriff, entgegenſtreckend daß ich ſo unangemeldet und wie Nikodemus in der Nacht bei Ihnen erſcheine. Aber ich komme dieſen Augenblick erſt von meiner Reiſe zurück und hörte von einem Bedienten, der mit einem Präſentirbrett voll Gläſer und Taſſen an mir vorbeirannte, Sie ſeien auf Ihr Zimmer gegangen. Der Mann hatte eben nur noch Zeit, mir den Weg zu beſchreiben, und klapperte mit ſeinen Gläſern weiter. Und da bin ich denn nun, und, wie geſagt, freue mich, Sie in guter Stimmung zu finden, denn ſonſt hätte ich kaum den Muth, Ihnen zu ſagen, weshalb ich da bin. Wiſſen Sie, wo wir heute Nacht vor einem Monat waren? Es iſt die Nacht, welche uns die braune Gräfin zum Rendezvous beſtimmte. Nehmen Sie noch ſo viel Intereſſe an mir und unſerer kleinen Pflege¬F. Spielhagen, Problematiſche Naturen. IV. 682befohlenen, um mich zu dem bewußten Platze zu be¬ gleiten?

Ich ſtehe in einigen Minuten zu Ihrer Verfü¬ gung, ſagte Oswald; erlauben Sie nur, daß ich mich ein wenig zu unſerer Fahrt zurecht mache.

Er nahm eins der beiden Lichter, die auf dem Tiſche brannten und ging in die Nebenſtube.

Ziehen Sie ſich ja warm an; rief ihm Olden¬ burg nach; es iſt jetzt ſehr kühl gegen Morgen, noch dazu im Walde.

Hm! "murmelte er, als Oswald verſchwunden war; er ſieht bleich und angegriffen aus, und war weniger freundlich, als ſeine Gewohnheit iſt. Er wird doch nichts von meinem Aufenthalte in N., den ich ihm ſo ſorgfältig verheimlichte, erfahren haben? Ich muß ihn ein wenig aushorchen. Es wäre fatal, denn ich ſpreche mit Niemanden gern über mein Ver¬ hältniß zu Melitta, mit ihm am wenigſten.

Unterdeſſen ſagte Oswald, während er ſich um¬ zog, vor ſich hin: Jetzt gilt es klug ſein, wie die Schlange. Spielt Ihr mit mir, ſo will ich mit Euch ſpielen.

Er trat wieder ins Zimmer.

Ich bin bereit.

So wollen wir aufbrechen. Mein Wagen hält83 vor dem Thor; ſagte der Baron, während ſie die Treppe, die nach dem Garten führte, hinunterſtiegen; die Czika ſitzt, in meinem Mantel gehüllt, darin. Meinen Sie nicht auch, daß es gerathen iſt, das Kind zu der Zuſammenkunft mitzunehmen? Wenn die Zigeunerin wirklich des Kindes Mutter iſt, ſo ſind wir ihr wol dieſe Aufmerkſamkeit ſchuldig. In jedem Fall kann ſie ſich überzeugen, daß das Kind lebt und geſund iſt und ſich in ſeinen neuen Verhältniſſen wohl befindet. Aber was bedeutet denn dies rege Leben im Schloß? Anna-Maria iſt doch ſonſt keine Freun¬ din von Feſtgelagen. Iſt Malte vielleicht fortgelaufen geweſen und wieder zurückgekehrt und wird dem Kalbe jetzt ein Kalb geſchlachtet?

Es handelt ſich nicht um einen verlornen Sohn, ſondern um eine wiedergefundene Tochter, ſagte Os¬ wald, ſich zu einem ſcherzhaften Tone zwingend; Fräulein Helene iſt aus der Penſion zurück. Seit¬ dem reiht ſich Feſt an Feſt.

Tempora mutantur; lachte Oldenburg; das muß ja eine Circe von Mädchen ſein, die ſolche Metamorphoſen zu Wege bringen kann. Iſt ſie ſchön?

Mir erſcheint ſie ſo.

Laſſen Sie uns einmal an die Fenſter treten, 6*84ſagte Oldenburg, als ſie jetzt quer über den Raſenplatz ſchritten; ich bin unendlich neugierig, dies Wunder zu ſehen. Es wird uns ja Niemand bemerken.

Er ſchritt nach der Treppe, die auf den Perron hinaufführte. Oswald folgte. Die Thüren waren jetzt, wo es draußen kühler wurde, geſchloſſen, auch die Fenſter; aber die Vorhänge waren nicht herunterge¬ laſſen; man konnte von dieſem Standpunkte aus Alles beobachten, was in den blendend hell erleuchteten Zim¬ mern vorging.

Als ſie an das Fenſter traten, ſaß ihnen gerade gegenüber Helene am Clavier, Felix ſtand hinter ihrem Stuhl. Er beugte ſich über ſie und ſchien eifrig mit ihr zu ſprechen. Oldenburg's falkenſcharfes Auge hatte ſogleich die Gruppe erfaßt:

Wer iſt der junge Mann? fragte er.

Als Oswald nicht antwortete, warf der Baron den Blick auf ihn und ſah, daß er die Unterlippe zwiſchen die Zähne gepreßt hatte und die ſtarren Au¬ gen nicht von den Beiden am Clavier wegwandte. Felix beugte ſich noch tiefer; Oswald preßte die Lippe, daß das Blut durch die Haut ſprang. Da ſtand He¬ lene plötzlich auf, und