PRIMS Full-text transcription (HTML)
[I][II]
Biologie, oder Philosophie der lebenden Natur für Naturforscher und Aerzte.
Sechsten Bandes erste Abtheilung.
Göttingen,beyJohann Friedrich Röwer. 1821.
[III]
Biologie, oder Philosophie der lebenden Natur für Naturforscher und Aerzte.
Sechster Band.
Göttingen,beyJohann Friedrich Röwer. 1822.
[IV][V]

Inhaltsverzeichniſs des sechsten Bandes.

  • Geschichte des physischen Lebens. Neuntes Buch. Verbindung des physischen Lebens mit der intellectuellen Welt. S. 3.
  • Erster Abschnitt. Gebiet und Stufenfolge des Beseelten in der lebenden Natur. S. 5.
  • Zweyter Abschnitt. Verhältnisse der Seelen - kräfte zu den organischen Kräften der thierischen Natur. S. 28.
  • Dritter Abschnitt. Verhältnisse der Seelen - kräfte zur Form und Mischung des Organi - schen. S. 64.
  • Erstes Kapitel. Allgemeine Bemerkungen. S. 64.
  • Zweytes Kapitel. Vergleichende Bildungsgeschichte der Organe des geistigen Lebens. S. 74.
  • Drittes Kapitel. Versuch einer Bestimmung des Ver - hältnisses der verschiedenen Hirnorgane zu den verschiedenen Aeuſserungen des geistigen Le - bens. S. 110.
  • Zehntes Buch. Die äuſsern Sinne. S. 171.
  • Erster Abschnitt. Allgemeine Bemerkungen über die äuſsern Sinne. S. 175.
  • Zweyter Abschnitt. Das Getast. S. 202.
  • Dritter Abschnitt. Der Geschmack. S. 225.
  • Vierter Abschnitt. Der Geruch. S. 251.
  • Erstes Kapitel. Der Geruch im Allgemeinen. Geruchssiun des Menschen und der Säug - thiere. S. 251.
  • Zweytes Kapitel. Geruchssinn der Vögel, Amphi - bien und Fische. S. 286.
  • VI
  • §. 1. Die Vögel. S. 286.
  • §. 2. Die Amphibien. S. 292.
  • §. 3. Die Fische. S. 297.
  • Drittes Kapitel. Geruchssinn der wirbellosen Thiere. S. 307.
  • Fünfter Abschnitt. Das Gehör. S. 321.
  • Erstes Kapitel. Modifikationen des Schalls und Empfänglichkeit der verschiedenen Thiere für hörbare Eindrücke. S. 321.
  • Zweytes Kapitel. Eintheilung der Thiere nach der Verschiedenheit ihrer Hörwerkzeuge. S. 342.
  • Drittes Kapitel. Aufnahme und Fortpflanzung der hörbaren Eindrücke durch die Werkzeuge des Gehörs. S. 361.
  • §. 1. Organische Bedingungen der Gradationen des Gehörs. Das äuſsere Ohr. S. 368.
  • §. 2. Der äuſsere Hörgang, das Trommelfell und die Gehörknöchel chen. S. 36.
  • § 3. Die Trommelhöhle und die Eustachische Röhre. S. 382.
  • §. 4. Das Labyrinth. S. 395.
  • Sechster Abschnitt. Das Gesicht. S. 421.
  • Erstes Kapitel. Das Sehen im Allgemeinen. Stu - fenleiter der Ausbildung des Gesichtswerkzeugs im Thierreiche. S. 421.
  • Zweytes Kapitel. Das Sehen von der objektiven Seite. S. 440.
  • §. 1. Das Sehen in Beziehung auf die Nähe und Ferne der Gegenstände. S. 440.
  • §. 2. Schärfe des Gesichts. S. 465.
  • §. 3. Einrichtungsvermögen des Auges nach den verschiedenen Entfernungen der Gegenstände. S. 496.
  • §. 4. Richtungsvermögen des Auges nach der ver - schiedenen Lage der Gegenstände. S. 543.
  • Drittes Kapitel. Das Sehen von der subjektiven Seite. S. 554.
Ge -[1]

Geschichte des physischen Lebens.

Neuntes Buch.

VI. Bd. A[2][3]

Neuntes Buch. Verbindung des physischen Lebens mit der intellektuellen Welt.

Wir nähern uns wieder einem Gebiet, worüber tiefe Dunkelheit liegt. Manche suchten dasselbe bey Betrachtung des physischen Lebens zu um - gehen. Aber die Seitenwege, die sie einschlu - gen, führten nicht zum letzten Ziel der Biologie. Andere drangen, der Dunkelheit und des schwan - kenden Bodens nicht achtend, rasch und zuver - sichtlich vor, und geriethen in das Land der Träume, des Aberglaubens und der Schwärme - rey. Möge ein günstigerer Stern unsere Schritte lenken!

Es giebt eine doppelte Ansicht der Verbin - dung des Physischen mit dem Intellektuellen. Entweder geistige und materielle Kräfte sind ein - ander ganz ungleichartig; am Körper des Beseel -A 2ten4ten ist der Geist als ein fremdartiges Wesen ge - fesselt. Oder das Geistige und das Körperliche sind nicht nur mit, sondern auch durch einan - der. Beyde Hypothesen sind mehrerer Modifika - tionen fähig. Wir können für jetzt dieselben unerörtert lassen und uns begnügen, die Voraus - setzung zum Grunde zu legen, daſs der Cha - rakter alles Beseelten Bewuſstseyn seiner Exi - stenz und Freyheit seiner Handlungen ist. Ob diese Freyheit von moralischer Seite vielleicht nur scheinbar ist, braucht uns nicht zu küm - mern. Es reicht für uns hin, wenn die Hand - lungen in physischer Rücksicht frey genannt werden können. An jene Voraussetzung knüpfen sich die Fragen: Wie weit sich das Gebiet des Beseelten in der lebenden Natur erstreckt? Wel - che Stufenfolge in diesem Gebiet statt findet? Und in welchem Verhältniſs die Seele zu den organischen Kräften der thierischen Natur und zur Organisation steht? Mit diesen Fragen ist uns der Weg bey unsern Untersuchungen vor - gezeichnet.

Erster5

Erster Abschnitt. Gebiet und Stufenfolge des Beseelten in der lebenden Natur.

Der Ursprung alles Lebens liegt in einem Prin - cip, dessen Wesen Selbstthätigkeit ist.

Diese Selbstthätigkeit äuſsert sich ursprüng - lich als Bildungstrieb und ist blos immanent.

Sie dauert auch an dem schon gebildeten Organismus fort und äuſsert sich durch fernere Ausbildung und Erhaltung desselben.

Mit der Entstehung einer individuellen Form des Lebens treten aber Wirkungen auf die äuſsere Welt ein, die zugleich Bedingungen der Fortdauer jener Form sind. Diese Wirkungen geschehen nicht ohne vorhergegangene äuſsere Einflüsse. Insofern also das Leben nicht blos ein immanenter Zustand ist, besteht es nicht in reiner Selbstthätigkeit.

Jene Einflüsse sind von dreyerley Art:

1) Reitze, Einflüsse, die unmittelbar Reak - tionen veranlassen, mit deren geringern oderA 3gröſsern6gröſsern Stärke die denselben zum Grunde lie - gende Empfänglichkeit des lebenden Körpers für eben diese Eindrücke (die Reitzbarkeit) zu - oder abnimmt.

2) Exaltirende und deprimirende Po - tenzen, Ursachen, welche die Beziehungen der Reitzbarkeit auf die Auſsenwelt und die Wir - kungsart der Bildungskraft abändern.

3) Dynamische Einwirkungen. Ein - flüsse, denen der lebende Körper insofern aus - gesetzt ist, als er ein Glied in dem Organismus der ganzen lebenden Natur ist. Gegen diese reagirt er nicht nach den Gesetzen der Reitzbar - keit. Alle Thätigkeit, die er in Beziehung auf sie äuſsert, hat, gleich der des ursprünglichen Bildungstriebs, den Charakter der Zweckmäſsig - keit und scheinbarer Selbstbestimmung zum Han - deln.

Diese Autonomie ist der thierischen Natur eigen, und das ihr zum Grunde liegende Prin - cip ist der Instinkt, im allgemeinsten Sinne genommen. Der Organismus, der sie besitzt, handelt vermöge derselben mit dem Schein des Bewuſstseyns und der Freyheit, und doch unbe - wuſst und nach nothwendigen Gesetzen.

Es läſst sich nicht bestimmen, wie weit sich dieser Mangel an Bewuſstseyn im Thierreiche er -streckt.7streckt. Nur in uns selber kennen wir mit vol - ler Gewiſsheit ein bewuſstes Leben. Bey den übrigen thierischen Wesen nimmt die Wahr - scheinlichkeit, daſs sie Bewuſstseyn ihres Daseyns haben, desto mehr ab, je mehr ihre Lebens - äuſserungen blos automatischer Art sind, und je weniger sie ihre instinktartigen Handlungen nach den äuſsern Umständen zu modifiziren ver - mögen.

Allenthalben im Thierreiche aber, wo dieses Modifikationsvermögen zugegen ist, findet eine, schon von Aristotelesa)Hist. animal. L. IX. c. 10. der Toulouser Ausg. anerkannte und für jeden, der die Natur mit unbefangenen Sinnen beobachtet, unverkennbare, psychologische Aehn - lichkeit stattb)Man vergl. Autenrieth’s Bemerkungen in Wie - demann’s Archiv für Zoologie und Zootomie. B. 3. St. 1. S. 225.. Diese Analogie ist die einzige Grundlage, worauf sich bey Untersuchungen über das Gebiet und die Stufenfolge des Beseelten im Thierreiche bauen läſst. Wir finden bey man - chen Thieren unter ähnlichen Umständen ein verschiedenes Verhalten, doch nur dann, wenn die Verschiedenheit ihrer Organisation eine ab - weichende Handlungsweise nothwendig macht. Man vergleiche den Affen mit dem Menschen;manA 48man lese die Nachrichten zuverlässiger Beobach - terc)Wie F. Cuvier’s in den Annales du Mus. d’Hist. nat. T. XVI. p. 46. und Tilesius’s in Krusenstern’s Reise um die Welt. Th. 3. S. 109. von den Geistesfähigkeiten des Orang-Ou - tang: den Abstand zwischen diesem und dem Menschen wird man allerdings groſs finden. Aber den Besitz ähnlicher, wenn auch weit mehr be - schränkter, geistiger Kräfte, als dem Menschen verliehen sind, wird man dem Affen nicht ab - sprechen können.

Das Thier scheint zu suchen und zu mei - den, zu begehren und zu verabscheuen, zu lie - ben und zu hassen, wie der Mensch. Diese Aeuſserungen lassen sich vielleicht ohne Voraus - setzung einer andern, als einer bewuſstlos wir - kenden Kraft erklären. Aber das Thier erinnert sich auch des Vergangenen, welches ohne Be - wuſstseyn der Existenz nicht möglich wäre, und handelt da, wo der Instinkt allein dasselbe nicht leiten kann, mit Ueberlegung und Wahl der Mit - tel, also mit Freyheit. Die Bienen suchen im Frühlinge den Ort wieder auf, wo sie im Herbst mit Honig gefüttert sindd)F. Huber Nouv. observat, sur les abeilles. Ed. 2. T. II. p. 375.. Beyspiele von einer Klugheit dieser Thiere, die sich nicht aus dem bloſsen Instinkt erklären läſst, enthält fast jededer9der vielen Schriften über die Haushaltung der - selben. Der Sperling und die Schwalbe bauen bey uns, wo sie von Affen, Schlangen und an - dern kletternden und kriechenden Thieren nichts zu fürchten haben, ihre Nester offen. Im süd - lichen Afrika umzäunt jener sein Nest mit Dor - nen, und diese verfertigt unter den Dachrinnen oder in den Felsenritzen einen röhrenförmigen Zugang zu ihrem Nest, welcher sechs bis sieben Zoll in der Länge hate)Barrow’s Reisen in das Innere von Südafrika in den J. 1797 u. 1798. (Leipz. 1801.) S. 399.. Die Bieber richten ihren Bau nach der verschiedenen Tiefe des Wassers ein. In einem kleinen Bach, dessen Zuflüsse durch den Frost leicht erschöpft werden, ziehen sie in einer gewissen Entfernung von ih - ren Wohnungen einen sehr festen Damm queer über das Wasser; in tiefern Gewässern bauen sie sich blos Wohnungen. Hat das seichte Wasser wenig Zug, so ist der Damm beynahe gerade; ist der Strom stärker, so macht der Damm ei - nen Bogen, dessen convexe Seite der Richtung des Stroms entgegenstehtf)Hearne’s Reise nach dem nördl. Weltmeere. Uebers. von M. C. Sprengel. S. 157..

Was der Mensch vor dem Thiere als den - kendes Wesen voraus hat, ist das Vermögen,allge -A 510allgemeine Begriffe zu bilden, Wahrheit und Recht zu erkennen und ein Uebersinnliches zu ahnen. Nicht die Sprache giebt ihm diesen Vorzug. Sie ist Folge, nicht Ursache desselben. Auch der Papagey, die Elster und der Rabe bil - den artikulirte Töne und doch ist ihnen die Sprache ein unnützes Werkzeug. Leibnitz sahe sogar einen Hund, der seinem Herrn Wörter nachzusprechen gelernt hatte, damit aber nicht klüger als andere Hunde geworden warg)Hist. de l’Acad. des sc. de Paris. A. 1715. p. 4. der Octav-Ausgabe.. Der Mensch würde, wenn ihm das Vermögen zu sprechen versagt wäre, sich anderer willkührli - cher Zeichen für seine Begriffe bedienen. Dem taub und blind Gebornen J. Mitchell hatte dessen Schwester Zeichen für seine Tastorgane erfunden, durch die sie ihn zurechtweisen und sein Betragen leiten konnte. Er drückte dage - gen seine Wünsche und Gefühle durch Gebehr - den aush)History of J. Mitchell, a boy born blind and deaf etc. by J. Wardrop. Edinb. 1813. Stewart in den Transact. of the royal Society of Edinburgh. Vol. VII. p. 1.. Das Thier läſst sich zwar ebenfalls durch willkührliche Zeichen leiten. Aber seine Begierden und Gefühle giebt es nur durch un - willkührliche Bewegungen zu erkennen.

Rora -11

Rorarius schrieb einen Beweis, daſs die Thiere oft vernünftiger handeln als der Menschi)H. Rorarii quod animalia bruta saepe ratione utantur melius homine libri II. Helmstadii 1729.. Seine Abhandlung ist das Werk eines guten Red - ners, aber nicht eines tiefen Denkers. Man würde ihm Recht geben müssen, wenn er manche Thiere in Betreff einer gewissen Art von Klug - heit über den Menschen erhoben hätte. Auch würde er die Wahrheit auf seiner Seite haben, wenn er behauptet hätte, unter vielen Tausen - den des Menschengeschlechts und in vielen Men - schenaltern würde oft nicht Einer geboren, der sich aus eigener Kraft zu allgemeinen Ideen zu erheben vermöchte, der zur klaren Einsicht des Rechts und der Wahrheit gelangte, in welchem die Ahnung des Ewigen und Unendlichen er - wachte. Aber daſs von Zeit zu Zeit in Einzel - nen der göttliche Funke zur Flamme auflodert, daſs das Feuer dieser Einzelnen sich Andern mittheilt, von Geschlecht zu Geschlecht weiter angefacht wird: eben dies beweist, daſs jeder Mensch, stehe er auf einer noch so niedrigen Stufe der geistigen Bildung, ein höheres Etwas, wenn auch nicht als Kraft, doch als Vermögen zur Mitgift erhielt.

Unter12

Unter den Individuen des Menschengeschlechts giebt es eine unendliche Mannichfaltigkeit in Betreff der Qualität sowohl, als des Grades der geistigen Kräfte. Bey den Thieren unterschei - den sich nur die Arten in der verschiedenen Qualität dieser Kräfte; die Individuen einer und derselben Art weichen blos in der Verschiedenheit des Grades derselben von einander ab. Jene Qualität ist aber auch bey jeder einzelnen Thier - art weit beschränkter als beym Menschen. Jede zeichnet sich nur durch Eine der Eigenschaften aus, deren viele dem Menschen angehören. Dies war es ohne Zweifel, was Aristotelesk)A. a. O. L. IX. c. 1. meinte, wenn er sagt: die Thiere, deren Sitten wir näher kennten, schienen eine gewisse, den ein - zelnen Fähigkeiten der Seele entsprechende Kraft zu besitzen, wie Klugheit, Einfalt, Muth, Feig - heit, Sanftmuth, Bosheit u. dergl. Und hierin liegt der Grund, warum der Mensch einer viel - seitigen Bildung, das Thier nur einer einseitigen Abrichtung fähig ist.

Bey den Thieren läſst sich jedoch nicht im - mer bestimmen, welche Handlungen durch ein Princip hervorgebracht werden, das sich seiner Thätigkeit bewuſst ist, und welche von dem bloſsen Instinkt herrühren. Es hält daher schwer, sie unter sich und mit dem Menschen in Be -treff13treff der Seelenkräfte zu vergleichen. Wer z. B. die Rückkehr der wandernden Vögel nach der nämlichen Gegend, wo sie im vorigen Jahr ih - ren Aufenthalt hatten, blos für Wirkung des Ge - dächtnisses und Erinnerungsvermögens hielte, würde vielleicht unrichtig urtheilen. Daſs aber diese mitwirkend bey jener Rückkehr und be - sonders beym Wiederauffinden des Nestes sind, leidet auf der andern Seite auch keinen Zwei - fell)Daſs die Schwalben im Frühjahr zu ihren alten Nestern zurückkehren, beweisen Frisch’s und An - derer, in Buffon’s Hist. nat. des oiseaux (T. XII. p. 265. 275. der Octav-Ausgabe) angeführte Beob - achtungen..

Gedächtniſs und Erinnerungsvermögen sind überhaupt die am weitesten in der thierischen Natur verbreiteten Seelenkräfte. Selbst die In - sekten geben deutliche und zum Theil auffal - lende Beweise von dem Besitz derselben, wie unter andern die Bienen bey ihrer schon erwähn - ten Rückkehr im Frühjahr zu den Stellen, wo sie im Herbste gefüttert wurden.

Erinnerungsvermögen ist nicht ohne repro - duktive Einbildungskraft denkbar. Diese muſs daher ebenfalls den Thieren zukommen. Ob sie auch produktive Einbildungskraft besitzen, ist eine Frage, die mit einer andern zusammen -hängt,14hängt, nämlich der, ob die Thiere, welche Kunst - triebe besitzen, die Werke, die sie hervorbrin - gen, auszuführen vermöchten, wenn nicht ein Bild ihres Kunstprodukts mit dem Erwachen des Triebes in ihnen aufstiege und ihnen bey ihrer Arbeit vorschwebte? Entweder wir müssen auf jede Erklärung der thierischen Kunstprodukte Verzicht thun, oder wir müssen sie aus diesem Gesichtspunkte betrachten. Entsteht denn auch auf andere Weise das Werk des Künstlers? Und ist es nicht erlaubt, aus Aehnlichkeit in allen Aeuſserungen auf eine analoge Ursache zu schlieſsen? Mit Recht sagte ein Denker, der die Selbstthätigkeit des Princips alles lebendigen Daseyns erkannt hatte: selbst das Regen eines Wurms, dessen dumpfe Lust und Unlust, könn - ten nicht entstehen ohne eine, nach den Gesetzen seines Lebensprincips verknüpfende, die Vorstel - lung seines Zustandes erzeugende Einbildungs - kraftm)Jaconi an Fichte S. 61.. Zwischen dem thierischen Kunsttrieb und der schaffenden Kraft des Künstlers bleibt doch darum ein sehr weiter Abstand. Jener wirkt unwillkührlich, erschöpft sich an einem einzigen Produkt, welches für alle gleichartige Individuen stets das nämliche ist, und vollbringt nur das Zweckmäſsige. Diese kann der Wille wecken und lenken; ihre Wirkungen sind dauernd und der mannichfaltigsten Richtungen fähig, undin15in ihnen spiegelt sich das Ewige und Unend - liche.

Jene Bilder der produktiven Einbildungs - kraft sind in gewisser Rücksicht für das Thier, was für den Dichter und Künstler dessen Ideale. Sie flieſsen jenem nicht aus der Sinnenwelt zu, sondern gehen der Erfahrung vorher und bilden eine eigene Welt, in deren Anschauung die See - lenkräfte schon einen gewissen Grad von Uebung erlangt haben, bevor noch das Thier mit der äuſsern Natur genau bekannt geworden ist. Da - her die groſse Sicherheit in allen Handlungen, die sich auf den Kunsttrieb beziehen, und die frühe Aeuſserung dieser Sicherheit in einer Le - bensperiode, wo bey dem Menschen alle geistige Kräfte noch sehr wenig entwickelt sind.

Bey diesen Bildern, diesen Lebensidealen, ist mit dem Erwachen des Instinkts zugleich der Gegenstand desselben im Geiste vorhanden. An - dere Triebe, z. B. der Geschlechtstrieb, sind auf ein noch unbekanntes Etwas gerichtet, das aber als entsprechend demselben gleich erkannt wird, sobald es in der Wirklichkeit vorkommt, und dessen Gegenwart in manchen Fällen nicht blos einen einzigen, sondern jeden der äuſsern Sinne auf eine dem Triebe angemessene Weise auf - regt. Einen Beweis für diese Art der Aufregunggeben16geben unter andern die von Higgins im Edin - burgher Philosophical Journal (1819. Nro. 1. June p. 171.) mitgetheilten Beobachtungen über den taub und blind Gebornen David Tate, ei - nen fünf und zwanzigjährigen, zu Fetlar, einer der Shetländischen Inseln, lebenden jungen Men - schen, der auf einer so niedrigen Stufe des menschlichen Daseyns stand, daſs er selbst die aufrechte Stellung nicht anders als gezwungen annahm, und dessen ganze Gemeinschaft mit der äuſsern Welt nur durch den Tastsinn vermittelt wurde. Bey ihm geschahe durch diesen Sinn die Einwirkung auf den Trieb, womit sonst bey dem Menschen der Sinn des Gesichts, bey den meisten Säugthieren der des Geruchs, und bey den Inseken der den Fühlhörnern eigene Sinn in Beziehung stehtn)Genitalia ipsa, sagt Higgins von jenem Unglück - lichen, solito ampliora videbantur Mater confite - tur, se saepius admiratam esse, qua cupiditate ma - nus ejus muliebribus cruribus adhaerent, et quanta maxima celeritate per summam omnem cutem, haud vestimentis earumdem contectam tactuique ideo sub - jectam, digiti aberrarent; interea in miseri corpore notae veneris mare desideratae (scilicet priapismus) in oculos parentis vel adstantium sese manifestas darent..

In der Befriedigung beyder Arten von Trie - ben findet das Thier den Zweck seines Daseyns. Ist17Ist es ihm unmöglich gemacht, die Ideale sei - nes Lebens auſser sich darzustellen, oder den Gegenstand seines Instinkts zu erreichen, so äuſsert sich bey ihm blos noch das sinnliche Be - gehrungsvermögen im Allgemeinen, und selbst dieses ist oft dann erstorben. Für die mehrsten Thiere ist jene Darstellung oder Erreichung an eine gesellschaftliche Verbindung, oder an Zeiten und Umstände gebunden. Manche, die im Zu - stande der Freyheit Klugheit verrathen, sind deswegen höchst stumpfsinnig in der Gefangen - schaft. Ein eingesperrter Bartgeyer, über wel - chen Scheidlin Beobachtungen mitgetheilt hato)Annalen der Wetterauischen Gesellsch. für die ge - sammte Naturk. B. IV. S. 109.. verhielt sich oft wie völlig stupide. Selbst einer der mächtigsten Triebe bey den Thieren, die Liebe für die Jungen, hängt bey einigen Arten, z. B. den Schwalben, von localen Verhältnissen abp)Buffon a. a. O. T. XII. p. 304.. Die Wachtel bauet im Käfig kein Nest mehr, wenn ihr auch aller Stoff dazu gegeben ist, und läſst ihre Eyer fallen, ohne dafür wei - ter zu sorgen. Nur der Wanderungstrieb er - wacht bey ihr zur Frühlings - und Herbstzeit auch in der Gefangenschaft mit der gröſsten Heftigkeitq)Buffon ebendas. T. IV. p. 198. 180..

DerVI. Bd. B18

Der Naturtrieb bestimmt ursprünglich, un - angeregt von noch nicht gefühlter Lust und Un - lust, ohne Einmischung der Urtheilskraft, die zur Darstellung oder Erreichung seines Gegen - standes nöthige Art von Selbstthätigkeit. Sobald aber Hindernisse eintreten, deren Wegräumung oder Umgehung zur Ausübung dieser Thätigkeit nothwendig ist, verräth sich bey den Thieren auch Urtheilskraft. In solchen Fällen, wo Maaſs - regeln gegen den Zufall zu nehmen sind, kann nicht mehr der Instinkt, sondern nur Urtheils - kraft das Thier leiten. Aber dieses verfährt dann oft ohne Anleitung und ohne Erfahrung, und doch ist kein Urtheil ohne allgemeine Be - griffe möglich. Besitzt also etwa das Thier ur - sprüngliche, nicht aus der Erfahrung abgeleitete Begriffe? Ohnstreitig hat dasselbe, so gut wie das Kind, reine Verstandesbegriffe. Warum wür - den beyde einem Gegenstande ihres Verlangens nicht in einer krummen Linie zueilen, wenn nicht der Begriff der geraden Linie, als der kür - zesten zwischen zwey Punkten, ihre Bewegun - gen bestimmte? Aber das Thier hat noch mehr als das Kind; es besitzt auch ererbte Erfahrungs - begriffe. Denn von welchen andern Ursachen als solchen Begriffen ist es abzuleiten, daſs bloſse Varietäten einer und derselben Thierart, z. B. der Hühnerhund, das Windspiel, der Dachs -hund19hund u. s. w. sich unter gleichen Umständen so ganz verschieden benehmen?

In allen diesen Eigenschaften ist zwar der Mensch verschieden von dem Thier, doch auch nicht so verschieden, daſs alle Aehnlichkeit zwi - schen beyden aufgehoben wäre. Er besitzt, gleich dem Thier, angeborne Triebe, und diese äuſsern sich bey ihm um so heftiger, je mehr das moralische Gefühl bey ihm unentwickelt bleibt. Es giebt Thiere, welche morden um zu morden, verwüsten um zu verwüsten, und da - mit Werkzeuge zu höhern Zwecken der physi - schen Weltordnung sind. Das Menschenge - schlecht bringt nicht selten ähnliche Unglückliche hervor, die, obgleich Auswürfe der moralischen Welt, doch mit ihren Trieben dem Organismus der Natur dienen. Diese Fälle gehören zwar unter die Seelenkrankheiten. Sie beweisen aber darum nicht weniger eine Aehnlichkeit des Men - schen mit den Thieren in geistiger Hinsicht. Ein solches lebendiges und regelmäſsiges Er - wachen jener Bilder, die wir Lebensideale ge - nannt haben, wie mit mehrern Trieben der Thiere verbunden ist, findet zwar beym Men - schen nicht statt. Doch Jeder wird mit Anlagen und Neigungen geboren, zwischen welchen und jenen Trieben der Unterschied nicht so groſs ist, wie er obenhin angesehen scheinen mag. B 2Jeder20Jeder empfängt beym Eintritte in das Leben von der Natur ein Pfund, womit er zu wuchern hat. Nur Wenige werden sich dieser Gabe in dem Drange und der Noth des Lebens bewuſst, und deſswegen ist das Daseyn der Meisten wie das zwecklose Umherirren einer zerstreuten Bie - nenschaar. Bey Einigen erwacht das Bewuſst - seyn ihrer Mitgift vor der Zeit der Reife, und diese eben zeugen für das Angeborne gewisser Lebensideale bey dem Menschen wie bey vielen Thieren, obgleich sonst ihre frühreifen Früchte selten oder nie des Aufhebens werth sindr)Hierher gehören unter andern William Crotch, das musikalische, und Zarah Colburn, das arith - metische Wunderkind. Jenes (geboren am 5. July 1775) äuſserte an einem Abend im August 1776, als es die Orgel spielen hörte, eine ungewöhnliche Unruhe, die nicht eher aufhörte, als bis man es zur Orgel trug, deren Claves es mit einer Art von Entzücken schlug. Als es am folgenden Tage wie - der davor hingesetzt war, spielte es zum Erstaunen der Eltern ganze Verse aus Liedern, die es von Andern hatte spielen hören. Nach dem Antritt des zweyten Jahrs spielte es fast täglich, lernte mehrere Stücke und fing an, mitunter etwas von seinen ei - genen Compositionen einzumischen (Lichtenbero’s vermischte Schriften. B. IV. S. 433.). Zarah Col - burn, ein amerikanisches Kind, welches 1812 in London lebte und damals acht Jahre alt war, be -saſs,Ob21Ob übrigens nicht auch in den Träumen der Jugendzeit Ideale aufsteigen, die uns unbewuſst den gröſsten Einfluſs auf das ganze künftige Le - ben haben, ist eine Frage, die sich mit mehr Wahrscheinlichkeit bejahend als verneinend beant - worten läſst. Stutzte doch selbst ein so kalter Forscher, wie Boerhaave war, bey Erwägung der Beyspiele von Menschen, die ihr Leben an die Aufsuchung einer Traumgestalt setztens)Exempla sunt, historica fide comprobata, quod homines dormientes impressionem acceperint ima - ginationis pulchrae foeminae, quam adeo deperie - bant, ut non potuerint sanari, nisi inventa foemina, isti imagini quam simillima. Boerhaave praelect. de morbis nervorum. p. 342..

Wie

r)saſs, ohne je Unterricht in der Arithmetik erhalten zu haben, ja ohne nur die Zeichen der Zahlen zu kennen, die merkwürdige Gabe, die schwersten arithmetischen Fragen beantworten zu können. Es wuſste keinen Bescheid von seiner Rechnungsweise zu geben, sondern erklärte, daſs ihm die Antwor - ten unmittelbar, wie durch Inspiration zukämen. In Nicholson’s Journal of natur. Philosophy (Januar. 1813.) sind auffallende Beyspiele von der Fertigkeit des Kindes angeführt und mehrere achtungswürdige Gewährsmänner für die Wahrheit der Erzählung ge - nannt. Man vergleiche auch Schweigger’s neues Journal für Chemie und Physik. B. XI. H. 1. S. 96.

B 322

Wie bey dem Thier, so treten ferner auch bey dem Menschen manche Wirkungen des selbst - thätigen Princips nur im Zustande des geselligen Lebens hervor. Der isolirte Mensch würde nie eine Sprache erlangt haben. Diese kann nur in gesellschaftlicher Verbindung entstanden seyn, ob - gleich der gesellige Mensch so wenig als der iso - lirte sie erfinden konnte und Niemand die Art ihrer Entstehung anzugeben im Stande ist. Sie steht in naher Verbindung mit dem moralischen Gefühl, welches ebenfalls nur in der Gesellig - keit sich ganz entwickelt und wovon selbst in die wildesten der Thiere zuweilen Funken von ihm überzugehen scheinen, sobald sie durch Wohlthaten an ihn gefesselt sind und Genossen seiner Wohnung werdent)Des Taubgebornen, der in spätern Jahren plötzlich das Gehör erhielt und dessen Geschichte in der Hi - stoire de l’Acad. des sc. de Paris (A. 1703. p. 22. der Octav-Ausgabe) von Felibien erzählt ist, be - mächtigten sich gleich, nachdem seine Genesung be - kannt geworden war, die Geistlichen und prüften ihn über Gott, die Seele, die Moralität der Hand - lungen u. dergl. Man fand aber bald, daſs er gar keine Begriffe von diesen Sachen hatte, obgleich es ihm nicht an Geist fehlte und die Gebräuche der katholischen Kirche von ihm mechanisch mit - gemacht waren. Der.

Wie23

Wie bey dem Thier, so ist endlich auch bey dem Menschen die Wirkungsart des selbstthäti - gen Princips von Zeit und Umständen mehr oder weniger abhängig. Aretäusu)De causis et signis diuturn. morborum. L. I. erzählt von ei - nem Zimmermann, der ganz vernünftig und ein geschickter Arbeiter war, so lange er sich in seiner Werkstätte befand, der aber wahnsinnig wurde, sobald er diese verlieſs und nach dem Forum oder einem andern öffentlichen Platz ging. Marcus Herz, der bekannte Arzt und Schrift -steller,t)Der Geschichten von wilden Thieren, welche Menschen zugethan wurden und Dankbarkeit gegen diese zu äuſsern schienen, giebt es viele, denen es aber zum Theil sehr an Beglaubigung fehlt. Zu - verlässiger und mit mehr Umsicht gemacht sind die in Buffon’s Histoire natur. des oiseaux, T. XI. p. 86. der Octav-Ausgabe, mitgetheilten Beobachtun - gen über einen zahmen Bussard (Falco Buteo), ei - nen Vogel, den man der Anhänglichkeit au den Menschen und des Begriffs von fremdem Eigenthum nicht für fähig halten sollte, und welcher doch deutliche Zeichen von beyden äuſserte, indem er zu seinem Herrn immer zurückkehrte, obgleich ihm die Freyheit nicht genommen war, auf dessen Pfei - fen hörte und dieses beantwortete, nie dem Feder - vieh desselben schadete, wohl aber oft die Haus - vögel fremder Höfe tödtete, und keinen andern Raubvogel in der Gegend seines Hofes duldete.B 424steller, wurde in dem Augenblick von einem nach einer schweren Krankheit zurückgebliebe - nen Delirium befreyet, als man ihn in sein Stu - dirzimmer brachtev)Brandis über psychische Heilmittel u. Magnetis - mus. S. 82.. So groſs wie in diesen Fällen ist der Einfluſs der gewohnten Umgebun - gen zwar nicht auf den gesunden Menschen. Aber ganz unabhängig ist davon Keiner. Die Verhältnisse, in welchen der Mensch aufgewach - sen ist, verlieren ihre Macht über ihn erst nach der überstandenen Krankheit des Heimwehs.

Man hat die Stufen, die der Mensch von seinem Entstehen an bis zu seiner vollendeten Ausbildung in physischer Rücksicht durchläuft, mit den allgemeinen Entwickelungsstufen des Thierreichs von den Infusorien an bis zum Men - schen verglichen. Es läſst sich eine ähnliche Vergleichung zwischen jenen und diesen Stufen auch in Betreff der geistigen Kräfte anstellen. Das Zoophyt ist in dieser Hinsicht, was der Mensch vor seiner Geburt ist, und über den Zu - stand, worin sich seine Seelenkräfte befinden, ehe er der Sprache mächtig wird, erhebt sich von gewissen Seiten keines der übrigen Thiere und selbst nicht derer, die ihm in der Organi - sation am nächsten stehen.

Diese25

Diese Vergleichung ist indeſs in Betreff des Geistigen wie des Physischen nur von einer ein - zigen Seite passend. Es giebt so wenig in je - nem als in diesem eine einfache Stufenleiter. Der Abstand zwischen dem Menschen und den Säugthieren ist noch weit gröſser im Geistigen als im Körperlichen. Bey den Säugthieren, und nächst diesen bey den Vögeln, finden wir im All - gemeinen eine vielseitigere Ausbildung der See - lenkräfte als im übrigen Thierreiche. Aber ein - zelne Arten derselben stehen hierin auf einer so niedrigen Stufe, daſs Niemand Bedenken tragen wird, sie unter den Bienen und manchen andern Arten aus der Classe der Insekten herabzusetzen. Die Amphibien und Fische lassen sich ebenfalls nicht über die Insekten, und die Raubthiere im Allgemeinen nicht über die Herbivoren stellen. Die Classe der Amphibien enthält keine Arten, die irgend eine hervorstechende, geistige Eigen - schaft besitzen. Die Schlangen stehen zwar im Ruf der Klugheit. Sie haben aber ihren Ruhm wie manche Menschen, ohne daſs jemand sagen kann, woher und warum. Das Höchste von Klugheit, was man den Fischen nachgerühmt hat, ist die Art, wie einige, und namentlich die Froschfische, sich ihrer Bartfasern bedienen sol - len, um andere Fische herbeyzulocken. Eine sehr alte Erzählungw)Aristotelis Hist. animal. L. IX. c. 48., und doch wohl nur einMähr -B 526Mährchen! Unter den Raubthieren der beyden höhern Thierclassen sind zwar manche durch List und Schlauheit bekannt. Aber blos diese Eigenschaften können nur Dem Kennzeichen ei - ner höhern Intelligenz seyn, welchem Lebens - klugheit das Höchste in der moralischen Welt ist. Hingegen gehören in allen Thierclassen die - jenigen Arten, die sich durch die kunstreich - sten Werke auszeichnen, meist zu den Herbi - voren. Ein System der Thiere nach ihren gei - stigen Kräften ist also sehr verschieden von ei - nem natürlichen, auf ihrem Körperbau begrün - deten System. Daher ist es nicht ganz wahr, was man gesagt hat, das Thier sey durchaus mit seinem Leibe Eines und Dasselbe, so daſs Seyn und Bewuſstseyn in ihm auf das voll - kommenste in einander fallen, und man eher von ihm sagen dürfe, sein Leib regiere die Seele, als seine Seele den Leibx)Jacobi von den göttlichen Dingen und ihrer Of - fenbarung. S. 163.. Auch das Thier besitzt gleich dem Menschen eine Kraft, die selbstthätig und nicht durchaus abhängig von der Organisation ist. Auch im Thiere ist Weissagung und nur eine höhere im Menschen. So schrieb derselbe Weise, der den vorigen Ausspruch thaty)Ebendas. S. 18., und er übersah, daſs erhiermit27hiermit seine vorige Behauptung widerlegte. Doch wir brechen von diesem Gegenstande ab, um weiter unten an einem passendern Orte darauf zurückzukommen.

Zwey -28

Zweyter Abschnitt. Verhältnisse der Seelenkräfte zu den orga - nischen Kräften der thierischen Natur.

Aus den Untersuchungen, die wir im vorigen Buchez)Biologie, Bd. 5. S. 429 fg. über das Verhältniſs des Instinkts zur bildenden und erhaltenden Kraft des thierischen Körpers, und im vorigen Abschnitt über das Wir - ken der Seelenkräfte bey den instinktartigen Handlungen angestellt haben, geht als Resultat hervor, daſs es die nämliche Kraft ist, die den Körper aus formloser Materie bildet, als erhal - tende und heilende Kraft der Natur nach seiner Bildung in ihm wirkt, sich als Instinkt äuſsert und von geistiger Seite als produktive Einbil - dungskraft die Erzeugerin der Ideen ist. Es giebt scheinbare Schwierigkeiten bey dieser Hy - pothese. Man wird fragen: Wo die Beweise für einen Einfluſs bloſser Ideen auf das Wirken der bildenden Kraft im Körperlichen sind? Wie eine Kraft, deren uns bewuſste Wirkungen re -gellos29gellos und unzweckmäſsig sind, sobald sie nicht von dem Verstande und der Vernunft beherrscht werden, ohne unser Bewuſstseyn unendlich zweckmäſsiger als unter Leitung der höhern See - lenkräfte wirken kann? Warum Bilder, die sich auf den innern Zustand des Körpers, oder auf das Verhältniſs desselben zur äuſsern Welt be - ziehen und wodurch zweckmäſsige Handlungen veranlaſst werden, bey dem Thier im gesunden, bey dem Menschen aber nur im krankhaften Zu - stande, oder in seltenen Fällen ohne Zuthun der höhern Seelenkräfte entstehen? Dem, der die erste dieser Fragen thut, können wir auf die im vorigen Buchea)Biologie. Bd. 5. S. 465 fg. enthaltenen Bemerkungen über Muttermäler verweisen, und für Den, welchem Beweise für ein geistiges Wirken der Mutter auf die Bildung der Frucht hier nicht hinrei - chend sind, führen wir folgende Beyspiele an.

Hoffmann schrieb eine eigene Ahhandlungb)Morbus convulsivus a viso spectro. Jenae 1680. über einen jungen Menschen, der nach dem ver - meinten Anblick eines Gespensts Convulsionen mit Geistesverwirrung bekam, wobey der son - derbare Umstand statt fand, daſs der Fuſs, woran er von dem Gespenst ergriffen zu seyn glaubte, entzündet wurde und in Eiterung überging.

Tissot30

Tissotc)Traité des nerfs. T. 3. erzählt von einem Bauer, der, als er von einer Schlange träumte, die sich um seinen Hals geschlungen hatte, eine heftige Be - wegung machte und von dieser Zeit an täglich Zuckungen in dem nämlichen Arm hatte.

Parryd)Elements of Pathology and Therapeutics. Vol. I. p. 284. kannte eine Frau, in deren Brüsten eine starke Absonderung von Milch eintrat, so oft sie ein Kind schreyen hörte, obgleich sie schon lange nicht mehr gestillt hatte.

Eine Frau, die schon dreyzehn mal geboren hatte, glaubte, wie Klein erzählte)Hufeland’s und Harles’s Journal der praktischen Heilkunde. 1815. St. 9. S. 65., alle Symp - tome der Schwangerschaft wieder an sich zu spüren, litt an allen den Unpäſslichkeiten, die sie sonst unter diesen Umständen gehabt hatte, und bekam genau am Ende ihrer Rechnung die stärksten, mit Convulsionen verbundenen Wehen, die augenblicklich aufhörten, als zwey Geburts - helfer ihr erklärten, daſs sie gar nicht schwan - ger sey.

Wesener versichertf)Ebendas. 1818. St. 4. S. 28., eine Kranke zu ken - nen, die am Morgen die deutlichsten Striemenauf31auf dem Rücken und den Armen zeigte, nach - dem ihr Nachts geträumt hatte, sie sey heftig geschlagen worden.

Den nämlichen Grund haben alle sympathe - tische Curen, die Heilungen schwerer Krankhei - ten durch Aerzte und Arzneyen, die nichts - ren ohne den festen Glauben der Einfalt, und der Tod in der festen Erwartung des Sterbens. Diese und ähnliche Ereignisse sind gewiſs noch weit häufiger und auffallender unter den Natur - menschen als den cultivirten Völkern; nur gehen sie bey jenen meist für den Beobachter verloren. Merkwürdig ist in dieser Hinsicht Hearne’sg)A. a. O. S. 152. Erzählung von den Wirkungen des unter den Wilden des nördlichen Amerika herrschenden Glaubens an die Wunderkraft ihrer Zauberer. Das Zutrauen zu dem guten Willen der letztern heilt sie von den schwersten Krankheiten, und die Furcht vor der Bosheit derselben stürzt sie in Krankheiten, die oft ihrem Leben ein Ende machen. Einer der Wilden, Matonabbi, der auch Hearne’n im Besitz übernatürlicher Kräfte glaubte, ersuchte diesen, einen Menschen, auf den er einen Haſs geworfen hatte, durch Be - zauberung zu tödten. Hearne, um ihm gefäl - lig zu seyn und ohne übele Folgen zu ahnen, zeichnete verschiedene Figuren auf ein Papierund32und gab dieses an Matonabbi mit der Weisung, dasselbe so bekannt wie möglich zu machen. Der Feind Matonabbi’s, der sich vollkommen wohl befand, hatte kaum von dem Papier ge - hört, als er trübsinnig wurde, sich weigerte Nah - rung zu nehmen und in wenig Tagen starb. Gebt mir einen festen Punkt, sagte Archime - des, und ich will die Erde bewegen! Gleich ihm kann der Unwissendste unter den Aerzten sprechen: Gebt mir eine Handvoll Sand und den festen Glauben der Menschen, dieser Sand sey eine Panacee, und ich will mit jedem Korn desselben eine schwere Krankheit heilen!

Auch bey den Thieren beobachten wir die - ses Gesetz der physischen Wirkungen fixer Ideen. Eine Folge desselben ist es, was Aristotelesh)A. a. O. L. IX. c. 75. bemerkte, daſs in manchen Fällen die Neigungen der Thiere sich nach gewissen Handlungen ver - ändern, so wie sonst ihre Handlungen sich nach ihren Neigungen richten, und daſs jene Verän - derung zuweilen selbst einen Einfluſs auf die Organisation hat. Dies, sagt der Stagirit, ist vorzüglich bey den Vögeln der Fall. Hühner, die einen Hahn überwunden haben, krähen, und versuchen nach Art der Männchen andere Hühner zu besteigen. Auch wächst ihnen der Kamm und der Schwanz, so daſs man nicht mehr33 mehr leicht unterscheiden kann, ob sie Weib - chen sind. Bey einigen sah man sogar kleine Spornen entstehen. Man hat auch Hähne beob - achtet, die, nach dem Verlust der Mutter, für die Jungen mütterliche Sorge trugen, sie her - umführten und fütterten, und aufhörten so - wohl zu krähen, als sich zu begatten. Auf dem nämlichen Gesetz beruht endlich auch die, durch J. Hunter’s Versuche bestätigte Erfahrung, daſs bey der Eselin die Absonderung der Milch nur in Gegenwart ihres Füllens fortdauert, nach der Wegnahme desselben aber aufhörti)Journal of science and the arts. Vol. I. p. 165..

Die zweyte der obigen Fragen, welche die Zweckmäſsigkeit des unbewuſsten und das Regel - lose des bewuſsten, nicht durch Verstand und Vernunft gezügelten Wirkens der bildenden Kraft betrifft, läſst sich aus den im vorigen Buchek)Biologie. Bd. 5. S. 451 fg. enthaltenen Lehren über die dynamische Wech - selwirkung, worin alle lebende Organismen ge - gen einander stehen, beantworten. Wie jene Kraft als Erzeugerin der Ideen durch den Ver - stand und die Vernunft beschränkt und geleitet wird, so ist der dynamische Einfluſs, den die übrige lebende Natur auf sie äuſsert, das Re - gelnde und Bestimmende für sie bey ihrem ma -teriellenVI. Bd. C34teriellen Wirken. In diesem herrscht um so mehr Gleichförmigkeit und Beständigkeit, je viel - seitiger jener Einfluſs ist, wie bey den höhern Thieren. Die materiellen Produkte der bildenden Kraft werden den Produkten der ungezügelten Phantasie um so ähnlicher, je weniger Berüh - rungspunkte sie mit den übrigen lebenden We - sen hat, wie bey den Infusorienl)Die obige Frage warf schon J. C. Scalicer auf, der sich in seinen Exercitat. de subtilitate als den Vorgänger Stahl’s zeigt, indem er die Seele zur wirkenden Ursache aller körperlichen Veränderun - gen macht, und, um die unbewuſsten und doch zweckmäſsigen Handlungen dieses Princips zu er - klären, zwischen Ratio und Ratiocinatio unterschei - det. Einen ähnlichen Unterschied nahm Stahl zwischen λόγος (Intellectus simplex, simplicium, imprimis autem subtilissimorum) und λογισμὸς (Ra - tiocinatio atque comparatio plurium et insuper qui - dem per crassissimas circumstantias sensibiles, vi - sibiles atque tangibiles notorum) an (Theoria me - dic. vera. p. 266.). Gegen diese dunkele Unterschei - dung läſst sich aber erinnern, daſs von Vernunft (Ratio, λόγος) so wenig als von Urtheilen (Ratio - einatio, λογισμὸς) die Rede seyn kann, wo nicht Bewuſstseyn zugegen ist, daſs indeſs wohl eine von der Vernunft verschiedene, jedoch gemeinschaft - lich mit dieser wirkende Kraft unabhängig von der Vernunft Wirkungen hervorbringen kann, dieden.

Frägt35

Frägt man weiter, warum die bildende Kraft nur bey den Thieren im gesunden Zustande ohne Zuthun der höhern Seelenkräfte Vorstellun - gen erzeugt, die sich auf ein zweckmäſsiges Wirken derselben im Materiellen beziehen, bey dem Menschen aber solche Vorstellungen selten anders als in Krankheiten entstehen, so ist die Antwort, weil das Sensorium des Thiers in ei - nem andern Verhältniſs zur äuſsern Welt als das des Menschen steht. Der innere Sinn des letztern ist im gewöhnlichen Zustande blos durch die äuſsern Sinne zugänglich für Eindrücke der Auſsenwelt. Bey dem Thier giebt es in diesem Zustande einen unmittelbaren, dynamischen Ein - fluſs der äuſsern Welt auf den innern Sinn; es wirken Eindrücke auf diesen, wodurch die pro - duktive Einbildungskraft zur Erzeugung von Bildern veranlaſst wird, die ihrer äuſsern Ur - sache entsprechen, denen aber die Objektivität der Sinnesvorstellungen mangelt. Dem Schla - fenden entfällt die Decke, und er träumt von kal - ten Winden, die ihn anwehen, oder von Ver - sinken in beeistem Wasser. Wie hier zu einem sinnlichen Eindruck, dessen sich die Seele nichtbewuſstl)den Schein von Werken der Vernunft haben, in - dem sie nur das Zweckmäſsige hervorzubringen ihrer Natur oder ihren äuſsern Verhältnissen nach gezwungen ist.C 236bewuſst ist, die Phantasie sich ein Bild schafft, das der Ursache des Eindrucks ähnlich ist, so könnte es auch Fälle geben, wo ein äuſserer, nicht zum Bewuſstseyn gelangender Eindruck die Entstehung eines Bildes veranlaſste, das der einwirkenden Ursache nicht blos ähnlich, son - dern selbst gleich wäre. Solche Fälle finden im Schlafwandel statt, und diesem ist der Zustand des instinktmäſsig handelnden Thiers verwandt. Dem innern Sinn des Schlafwandlers schweben seine Umgebungen vor, obgleich seine äuſsern Sinne verschlossen sind: denn er handelt auf gleiche Weise und selbst mit gröſserer Sicher - heit, wie der Hörende und Sehende. So sieht der Vogel, in welchem der Wanderungstrieb er - wacht, das ferne Land vor dem innern Auge, ohnerachtet seine äuſsern Sinne von keinen Ein - drücken getroffen werden, welche dieses Gesicht verursachen könnten. Sein Zustand ist der des Heimwehs, aber des Sehnens nach einer Hei - math, die er, wenn jener Trieb zum ersten mal in ihm erwacht, nur aus traumartigen Bildern kennt. Seine äuſsern Sinne schlafen zwar nicht, wie die des Schlafwandlers, während er den ihm vorschwebenden Phantasien gemäſs handelt. Aber sein Handeln bezieht sich auch nicht, wie das des letztern, auf die Gegenwart, sondern auf die Zukunft, und es ist nicht unwahrschein - lich, daſs auch bey dem Vogel und überhauptbey37bey den Thieren die innere Erscheinung, die den Antrieb zu instinktartiger Thätigkeit aus - macht, zuerst im schlafenden, oder in einem schlafähnlichen Zustande vor den innern Sinn tritt.

Im Schlafwandel findet eine gänzliche Ab - weichung des Lebensverhältnisses der Organe ge - gen einander und gegen die Sinnenwelt von dem gewöhnlichen Zustande statt. Diese ist bey dem Menschen krankhaft, weil gröſsere Kraft und Selbstständigkeit des geistigen Princips das Entstehen derselben im gesunden Zustande ver - hindert. Bey dem Thiere ist ein periodisches Eintreten einer solchen Abweichung dem gesun - den Zustande gemäſs, weil ein weniger mächti - ges und selbstständiges geistiges Princip ihr ent - gegenwirkt. Die Abweichung selber tritt vor - züglich zwischen der Lebensthätigkeit des Sen - soriums und der Zeugungsorgane ein. Ein Vo - gel, der sein Nest gebauet und eine gewisse Zahl Eyer gelegt hat, beschäftigt sich fortan nur mit dem Ausbrüten und Aufziehen seiner Jun - gen, ohne in dieser Zeit weiter zu legen. Wird sein Nest nebst seinen Eyern zerstört, so bauet er jenes von neuem und fängt wieder an zu legen, und wiederholt dieses selbst zum dritten mal, wenn auch die zum zweyten mal gelegtenC 3Eyer38Eyer verloren gehenm)Buffon a. a. O. T. I. p. 55.. Hier ist ein Wechsel von Kraftäuſserungen, die theils physischer, theils geistiger Art sind, ein Wechsel, der die nahe Verwandtschaft und die enge Verbindung des körperlichen und geistigen Zeugungsvermögens auſser Zweifel setzt. So ist auch nur der ge - schlechtslosen Biene und Ameise Kunsttrieb ei - gen. Er fehlt gänzlich der Bienenkönigin und der Drohne, die Zeugungsvermögen und Zeu - gungstrieb besitzen.

Wir haben das Beyspiel der Schlafwandler zur Unterstützung unserer Meinung angeführt. Ehe wir weiter gehen, wird eine Rechtfertigung der Befugniſs, aus mehrern Erscheinungen des Schlafwandels Schlüsse in Beziehung auf unsern Gegenstand herzuleiten, nicht überflüssig seyn.

Es giebt einen von selbst entstehenden, und einen durch Kunst, vermittelst des sogenannten thierischen Magnetismus, zu erregenden Schlaf - wandel. Beyde sind im Wesentlichen nicht ver - schieden. Man findet bey den Schlafwandlern der erstern Art die nämlichen Erscheinungen, welche denen der letztern Art eigen sind, man - che von diesen aber auch in andern Nerven - krankheiten wieder. Ich selber habe eine Kranke zu behandeln gehabt, die, während der Ent -wickelungs -39wickelungsperiode von Convulsionen befallen, nach und nach ohne Anwendung des thierischen Magnetismus in so hohem Grade Schlafwandle - rin wurde, daſs sie fünf Tage und Nächte in diesem Zustande zubrachte, ohne weder zu er - wachen, noch in den natürlichen Schlaf zu ver - fallen.

In allen diesen Fällen von Somnambulismus und besonders in denen, die künstlich hervor - gebracht sind, ist der Mensch mit allen seinen Schwachheiten, Fehlern und Lastern der Gegen - stand der Beobachtung. Die Reinheit der letz - tern wird unfehlbar bald getrübt, indem sich, vorzüglich beym weiblichen Geschlecht, Eitelkeit mit ins Spiel mischt. Männer, die durch Be - schäftigung mit Physik, Chemie und ähnlichen Wissenschaften, wo Strenge der Beobachtung unerläſslich ist, die Erfordernisse sicherer Erfah - rungen kennen gelernt hatten, haben daher die Realität vieler Erscheinungen des Somnambulis - mus bezweifelt, und manche ihrer Zweifel sind allerdings gegründet. Indeſs, die Bedingungen der Erfahrung sind andere für den Arzt, als für den Physiker und Chemiker. Dieser kann die Natur auf die Probe stellen, jener sie nur be - lauschen. Wer da meint, mit dem Menschen umgehen zu können, wie mit dem Teufelchen des Cartesius, das mit dem Kopf oder mit denC 4Füſsen40Füſsen ins Wasser gesteckt immer wieder auf - taucht, hat keinen Begriff von der Erfahrung in der Physiologie. Der Arzt kann nur auf dem Wege der Induktion zu Resultaten gelangen, und für die Sicherheit seiner Erfahrungen kann ihm nur die Beständigkeit der Erscheinungen bey ver - schiedenen Individuen und unter verschiedenen Umständen bürgen. Nach diesen Kennzeichen geprüft, stehen viele Erfahrungen über den Som - nambulismus so fest, wie irgend eine der Heil - kunde. Wer die zahllose Menge der vorhande - nen magnetistischen Beobachtungen gröſstentheils für leere Spreu erklärt, hat gewiſs das Recht auf seiner Seite; wer dem thierischen Magnetis - mus als Heilmittel einen weit eingeschränktern Werth beylegt, als demselben zugeschrieben ist, hat ebenfalls wohl nicht Unrecht; wer aber alle Erscheinungen jenes Zustandes bezweifelt, oder aus den dürftigen Lehren eines psychologischen Compendiums erklären zu können glaubt, würde nicht glauben, wenn er auch selber zum Hell - seher gemacht würde, oder hat von der physi - schen und geistigen Natur des Menschen sehr enge Begriffe. Man hat gemeint, jene Erschei - nungen erklärt zu haben, wenn man sie für Wirkungen einer exaltirten Einbildungskraft aus - gab. Allerdings sind sie dies zum Theil auch, nur nicht Wirkungen der beschränkten Kraft, die gewöhnlich Einbildungskraft heiſst, sondern einerKraft,41Kraft, welche die Erzeugerin der Ideen im Gei - stigen, wie des Organischen im Körperlichen ist; die von der Auſsenwelt durch die Sinnesorgane Eindrücke empfängt, aber nicht leidend diese aufnimmt, sondern selbstthätig ein Inneres her - vorbringt, was dem Aeuſsern entspricht; auf die es in gewissen Zuständen einen andern, unmit - telbaren Einfluſs, als durch die äuſsern Sinne, sowohl der materiellen als der geistigen Auſsen - welt giebt, und welche bey ihrem, nicht durch die Sinneswerkzeuge vermittelten Wirken, auf andere Weise als im gewöhnlichen Zustande ab - hängig von Zeit und Raum ist.

Diese Sätze machen die Basis einer Psycho - logie aus, die für die Naturgeschichte des phy - sischen Lebens Werth hat. Wir werden für jede derselben unsere Gründe angeben.

1. Die produktive Einbildungskraft ist das erzeugende Princip der Ideen im Geistigen wie des Organismus im Körperlichen.

Ueber diesen Punkt haben wir uns schon im Vorhergehenden hinreichend erklärt.

2. Diese Kraft wirkt selbstthätig bey der Aufnahme aller Eindrücke, die sie aus der Sinnenwelt empfängt.

C 5Wie42

Wie die Einbildungskraft die Bilder der Ver - gangenheit reproducirt, so schafft sie auch die der Gegenwart. Daſs wir den letztern Objek - tivität beylegen, hat seinen Grund in dem durch eigene Organe vermittelten Ursprung der - selben. Aber bey dieser Entstehung ist doch Al - les, was sich als Gemeinschaftliches der Vorstel - lung mit dem vorgestellten Gegenstande nach - weisen läſst, blos Gleichheit der Bilder bey Gleichheit der äuſsern Eindrücke. Die Seele sieht nicht das Gemählde auf der Netzhaut wie der Zuschauer die Gestalten in der Camera ob - scura, empfängt nicht die Vorstellung des Schalls von den zitternden Bewegungen des Labyrinth - wassers wie der Zuhörer von den Schwingungen der Saiten einer Zitter. Oft treten selbst Phan - tome vor den innern Sinn, die allen Schein der Objektivität haben und welchen dennoch nichts Objektives entspricht. Ein Trugbild beschied den Brutus zum Wiedersehen bey Philippi; mit einem Trugbilde unterhielt sich Tasso im Kerker. Warum waren diese und ähnliche Er - scheinungen Täuschungen? Doch nur, weil die Vernunft in ihnen die Gesetze der Succession und der Causalität nicht erkannte, unter welchen alle Erscheinungen der Sinnenwelt stehen. Also nur Verstandesbegriffe unterscheiden Wirklichkei - ten von Truggestalten. Jene sind nicht minder als diese Erzeugnisse der schaffenden Einbil -dungs -43dungskraft, aber Erzeugnisse, die nach allgemei - nen, für alle Individuen gleichen Gesetzen ent - stehen, dauern, sich verändern, verschwinden, und von andern veranlaſst, begleitet und ver - drängt werden. An diese Gesetzmäſsigkeit ist das Bewuſstseyn einer Auſsenwelt und einer Ob - jektivität jener Erzeugnisse geknüpft. Die Auſsen - welt bedingt nur das Schaffen der produktiven Kraft im Geistigen wie im Körperlichen; sie ist so wenig Erzeugerin der Vorstellungen, als des körperlichen Organismus.

3. Nicht alles Wissen von der sinnli - chen Welt gelangt zum vorstellenden Princip durch diejenigen äuſsern Sinne, vermittelst welcher wir ein solches Wissen im gewöhnlichen Zustande er - langen. Es giebt Zustände des Men - schen und der Thiere, wo Sinnesvor - stellungen, die objektive Gültigkeit ha - ben, von der produktiven Einbildungs - kraft erzeugt werden, ohne durch die ihnen sonst entsprechenden Sinnesein - drücke erregt zu seyn.

Neue Meinungen, Entdeckungen und Wahr - heiten, die nicht mit den, Generationen hindurch herrschend gewesenen Grundsätzen und Ansich - ten übereinstimmten, hatten immer das Schick -sal,44sal, lange und von allen Seiten angefochten zu werden. In diesem Sträuben gegen das Neue liegt nichts, was der menschlichen Natur zur Unehre gereicht. Durch dasselbe wird mancher Irrthum im Entstehen unterdrückt, und der Sieg der Wahrheit nur aufgehalten, nicht verhindert. Aber es giebt ein anderes Verfahren gegen das Neue in den Wissenschaften, das sich nicht so rechtfertigen läſst: die Gründe des Gegners un - beachtet lassen, oder sogar diese ohne nähere Prüfung als widerlegt behandeln. So benahm man sich gegen die obige Lehre, und so be - nimmt sich Mancher noch gegen sie. Wien - holtn)Ueber den natürlichen Somnambulismus in dessen Heilkraft des thierischen Magnetismus. Th. 3. Ab - theil. 1. S. 1. gab Beweise für sie, die nicht umge - stoſsen sind und denen sich schwerlich erheb - liche Einwürfe entgegensetzen lassen. Und doch ist in den meisten physiologischen und anthro - pologischen Lehrbüchern nicht die Rede von ihr!

In dem sowohl mit, als ohne Hülfe der Kunst entstandenen Somnambulismus werden Handlun - gen von dem Schlafwandler vorgenommen, die den Gebrauch der äuſsern Sinneswerkzeuge, be - sonders des Auges, vorauszusetzen scheinen, und wobey doch jede Möglichkeit dieses Ge - brauchs aufgehoben ist. Er legt weite Wege mitUm -45Umgehung aller ihm aufstoſsenden Hindernisse, und oft rascher als im Wachen zurück. Er be - steigt Mauern, Dächer und andere gefährliche Oerter, worauf den Wachenden schwindeln würde. Er macht Sprünge, Tänze und andere Bewegun - gen mit einer Kraft und Behendigkeit, die weit gröſser als im natürlichen Zustande sind, und an Stellen, die er wachend nicht zu betreten wagen würde. Er unterscheidet Farben, schreibt Aufsätze, Briefe und Musiknoten, und das nicht etwa wie der Sehende, dem die Augen verbun - den sind, mit wankender Hand, sondern gerade, leserlich und mit Beobachtung des gehörigen Zwischenraums der Zeilen, sieht die beendigte Schrift durch und fügt die nöthigen Verbesse - rungen hinzu. Bey diesen und ähnlichen Hand - lungen ist das Auge entweder offen, oder ver - schlossen, aber in beyden Fällen der Augapfel krampfhaft umgewälzt, so daſs nur der Rand der Iris unter dem obern Augenliede hervor - scheint, die Pupille erweitert, und die Netzhaut unempfindlich selbst gegen die heftigsten Reitz - mittel. Kehrte auch auf Augenblicke das Sehe - vermögen zurück, oder fände, wie in der Ver - zuckung, nur Empfänglichkeit des Sehenerven für diejenigen Eindrücke statt, die dem jedesma - ligen Wirkungskreise der Phantasie gerade ent - sprechen, so würde ein solches Sehen doch zur Vollziehung so anhaltender, mannichfaltiger undsicherer46sicherer Handlungen, wie die Schlafwandler wirk - lich vollziehen, ganz unnütz seyn.

Nicht weniger als im Auge ist bey manchen Schlafwandlern auch in den übrigen Sinnesorga - nen alle Reitzbarkeit aufgehoben. Bey andern verhält es sich zwar nicht so. Aber wenn auch das Gehör, das Gefühl u. s. w. in allen Fällen nicht nur ungeschwächt bliebe, sondern selbst noch so sehr an Feinheit zunähme, so würde doch keiner dieser äuſsern Sinne den Schlafwand - ler bey seinen Handlungen leiten können, so lange jener auf die dem Zustande des Wachens gemäſse Art wirkte. Ein Sinn läſst sich durch einen andern bis auf einen gewissen Grad er - setzen, aber bey dieser Wirkungsart nicht plötz - lich, sondern nur allmählich und nach langer Uebung. Der Blinde wird mit dem feinsten Ge - fühl, Gehör u. s. w. auf unbekannten Wegen immer tappend gehen. Der Gang des Schlaf - wandlers aber ist kein Herumtappen, und seine übrigen Handlungen verrathen nichts Erlerntes.

Alles dies ist schon von Wienholt in sei - ner angeführten Schrift weitläuftiger ausgeführt. Ihm schienen auch die Handlungen mancher Thiere, denen die Augen fehlen, oder welche dieser beraubt sind, auf einem ähnlichen Grund wie die des Schlafwandlers zu beruhen. Einigeder47der Beyspiele, die er anführt, lassen wohl eine andere Erklärung zuo)Daſs, wie Wienholt (a. a. O. S. 83.) sagt, das Auge des Maulwurfs nach meinen Untersuchungen eine undurchsichtige, einfache Masse sey, ist eine auf einem Miſsverständniſs beruhende Angabe.. Manche, auf die wir im folgenden Buch zurückkommen werden, sind aber allerdings den Erscheinungen des Somnam - bulismus verwandt.

Welche Erklärung dieser Thatsachen man auch aufsucht, bey keiner wird man volle Be - friedigung finden können. In allen jenen Fällen ist ein Theil der Wirkungen hyperphysischer Art, also einem Gebiet angehörig, in welchem keine Erklärungen möglich sind. Wienholt glaubte eine solche in der Voraussetzung einer den lebenden Körpern eigenen Wirkung in die Ferne, einer Lebenssphäre, gefunden zu haben. Allein diese Hypothese erklärt nicht mehr, als was sich auch erklären läſst, wenn man nicht blos dem lebenden Körper, sondern jeder Materie einen, sich über ihre körperlichen Gränzen hin - aus erstreckenden Wirkungskreis zuschreibt. Nur so viel ist wahrscheinlich, daſs bey jenen Er - scheinungen das veränderte Gefühl auf eine un - gewöhnliche Art von sinnlichen Gegenständen gerührt wird, diese aber nicht der Rührung, son - dern dem Eindrucke gemäſs, den sie unter an -dern48dern Umständen auf ein anderes, für sie jetzt verschlossenes Sinnesorgan hervorgebracht haben würden, vorgestellt werden. Es können z. B. Nerven des Getastes Empfänglichkeit für die Schallschwingungen der Luft erhalten. So lange das Verhältniſs des Organismus zur äuſsern Na - tur im Uebrigen nicht verändert ist, wird der Eindruck des Schalls auf solche Nerven nur als Rührung des Tastsinns empfunden werden. Fin - det aber eine Veränderung jenes Verhältnisses statt, so wird die Seele die Vorstellungen, die sie auf diesem Wege erhält, von Einwirkungen auf den Sinn des Gehörs ableiten, ohne sich je - doch des Ursprungs derselben bewuſst zu seyn.

4. Unter den Thieren besitzen viele in gewissen Perioden, unter den Men - schen manche zu einigen Zeiten, vor - züglich im Schlafwandel, eine Ahnung des Fernen und des Zukünftigen, und ein Wissen dessen, was im gesunden Zustande zu ihrer oder ihrer Nachkom - men Erhaltung, oder in Krankheiten zu ihrer Heilung zu suchen und zu meiden ist.

Niemand hat jene Ahnung und dieses Ge - fühl den Thieren abzusprechen gewagt. Man begriff beyde unter dem Worte Instinkt, denman49man anerkannte, ohne ihn schärfer ins Auge zu fassen. Aber beym Menschen hielt man das Ge - biet desselben für so beschränkt, daſs man kaum seiner in der Naturlehre des menschlichen Organismus Erwähnung zu thun nöthig fand. Indeſs gab es doch schon der Beobachtungen viele von auffallenden Aeuſserungen des Instinkts in Krankheiten des Menschen, und an diese reihete sich eine groſse Zahl der wunderbarsten Erscheinungen seit der Entdeckung des thieri - schen Magnetismus als eines Mittels zur Hervor - bringung des Schlafwandels. Es ist jetzt keiner Widerrede mehr unterworfen, daſs auch im Men - schen unter gewissen Umständen ein höchst re - ger Instinkt erwachen kann. Nur über die Grän - zen dieser Kraft können noch Zweifel statt fin - den. Man kann fragen: Ob bey dem Erwachen derselben Empfindungen, Gefühle und Ahnungen entstehen können, denen nie analoge Erregun - gen der äuſsern Sinne vorhergingen? Ob Rüh - rungen des innern Sinns von Gegenständen mög - lich sind, die sich in einer, weit über die Grän - zen der äuſsern Sinne hinaus liegenden Ferne befinden? Ob sich die Möglichkeit wahrer Vor - empfindungen von künftigen Ereignissen darthun läſst?

Wenn es wahr ist, daſs es noch einen an - dern Zugang der äuſsern Welt zum Empfin -VI. Bd. Ddungs -50dungs - und Vorstellungsvermögen als durch die äuſsern Sinne giebt, und wenn sich aus der Thierwelt Beyspiele von einem Wissen ohne vor - hergegangene Erfahrung, von Empfindungen, die sich auf Dinge in einer Entfernung beziehen, wohin das schärfste Sinnesorgan nicht reichen kann, und von Vorgefühlen des Künftigen an - führen lassen, so ist die Möglichkeit ähnlicher Erscheinungen auch bey dem Menschen bewie - sen, und die Glaubwürdigkeit mancher Beobach - tungen über diese Phänomene gerechtfertigt. Ein solches Beyspiel giebt aber der Wanderungstrieb der Vögel. Das Erwachen dieses Triebes läſst sich aus den Evolutionsgesetzen des thierischen Organismus ohne sonstige Voraussetzungen ab - leiten. Aber daſs derselbe, unangeregt von Einflüssen aus dem Kreise der Umgebungen des Thiers, Handlungen verursacht, die sich nicht nur auf entfernte Gegenstände, sondern auch auf Ereignisse, welche noch nicht vorhanden sind, beziehen, läſst sich nicht ohne ein Ahnungsver - mögen des Fernen und des Künftigen erklären.

Hiernach kann auch über die Möglichkeit von Empfindungen des den Gränzen der äuſsern Sinne Entrückten, von Vorstellungen ohne frü - here analoge Erfahrungen, und von Vorgefühlen beym Menschen keine Frage mehr seyn. Eine andere Frage ist: Ob die vielen Erfahrungen,welche51welche die Wirklichkeit dieser Erscheinungen beym Menschen beweisen sollen, eine strenge Kritik aushalten? Zu einer solchen Prüfung ist hier natürlich der Ort nicht, und ein groſser Theil jener Beobachtungen verdient dieselbe auch nicht. Im Allgemeinen scheint mir so viel ge - wiſs, daſs es keinen zuverlässigen Beweis für Vorgefühle dessen giebt, was ganz der Sphäre des Zufälligen angehört. Das Thier hat keine Vorempfindungen künftiger Ereignisse als nur solcher, welche durch die Gegenwart schon be - dingt sind. Bey dem Menschen verhält es sich wahrscheinlich nicht anders. Doch was zufällig und nicht zufällig ist, wird freylich immer eine schwer zu beantwortende Frage seyn, und daher läſst sich auch nicht jede Erfahrung von Vor - empfindung des scheinbar Zufälligen für ver - werflich erklären.

Es ist ferner wahrscheinlich, daſs das Ein - treffen vieler, den Gang der Krankheit, den Ein - tritt der Paroxysmen und die Zeit der Heilung betreffender Vorhersagungen der Schlafwandler und einiger anderer Kranken aus dem körperli - chen Einfluſs fixer Ideen zu erklären sind; daſs das Vorgefühl nicht durch das künftige Ereigniſs, sondern das letztere durch jenes bestimmt wird. Diese, schon von Brandisp)A. a. O. S. 102. 107. 116. geäuſserte MeinungistD 252ist aber gewiſs nur in vielen, nicht in allen Fäl - len richtig. Manche körperliche Veränderung ist zwar von Ideen abhängig; oft kann die Hei - lung der ganzen Krankheit durch diese gesche - hen. Aber Manches, worauf sich Vorgefühle in Krankheiten beziehen, ist so sehr durch äuſsere Einflüsse bedingt, daſs zwischen der Ahnung und diesen Einflüssen ein Causalverhältniſs statt finden muſs.

Es ist endlich auch nicht zu läugnen, daſs das Wissen gewisser Dinge und der Trieb zu gewissen Handlungen, wozu es nichts Analoges unter den Erfahrungen des vergangenen Lebens giebt, nur aus der Einwirkung des Geistigen auf das Geistige verschiedener Individuen erklärt werden kann. Man hat diese Meinung, die zuerst Villers als einen Erklärungsgrund vieler psychischer Erscheinungen des künstlichen Schlaf - wandels benutzte, ausschweifend genannt. Aber was man auch dagegen einwenden mag, es bleibt doch wahr, daſs viele Kranke in diesem Zu - stande bey ihren Vorhersagungen, Verordnungen und Erklärungen von den Meinungen und dem Sy - stem dessen geleitet werden, unter dessen Einfluſs sie stehen, und zwar geleitet werden, ohne jene aus mündlichen oder schriftlichen Aeuſserungen kennen gelernt zu haben. Und findet denn nicht auch etwas Aehnliches bey den Thierenin53in dem Uebergange der Neigungen, Triebe und Fertigkeiten der Eltern auf die Jungen statt? Woher sonst die gänzliche Verschiedenheit der geistigen Anlagen und Fähigkeiten unter den ver - schiedenen Hunderaçen bey deren gemeinschaft - licher Abkunft von einem einzigen Stamm, der ursprünglich gewiſs ganz andere Naturtriebe hatte? Der Neufundländische Hund hat eine nicht zu zähmende Begierde, Schaafe zu wür - gen und deren Blut zu trinkenq)Annals of Philosophy, by Thomson. 1819. Decbr. p. 473.. Und doch waren seine Voreltern die nämlichen, wie die des treuen Bewahrers der Schaafheerden, des Schäferhundes. Es läſst sich einwenden, daſs es in diesen und ähnlichen Fällen nur Anlagen, Nei - gungen und Fähigkeiten, nicht aber Vorstellun - gen sind, die von den Erzeugern auf die Er - zeugten fortgepflanzt werden. Allein es giebt keine Anlage und Neigung ohne ursprüngliche, obgleich dunkele Vorstellungen. Der Ente, die sich beym ersten Anblick des Wassers in dieses ihr Element stürzt, wenn sie auch von einer Henne aufgezogen und mit deren Jungen auf - gewachsen ist, muſs schon, ehe sie noch ihr Element jemals erblickt hat, ein dunkeles Bild desselben vorschweben: denn nur das Wahrneh -menD 354men dieses Bildes in der Wirklichkeit kann es seyn, wovon es herrührt, daſs sie sich nicht versuchsweise, sondern mit voller Zuversicht ei - nem, bisher ihr fremdartigen Elemente hingiebt.

5. Aus dem Schlafwandel und jedem andern Zustande, wo die Seele, von den äuſsern Sinnen geschieden, in einer Ideenwelt lebt, findet entweder gar keine, oder nur eine dunkele Erinne - rung im gewöhnlichen Sinnenleben statt. Hingegen ist umgekehrt die Erinnerung aus dem letztern im Schlafwandel nicht nur ungeschwächt, sondern selbst oft erhöhet.

Der Schlafwandel des höhern Grades ist be - ständig von dem wachenden Zustande so ganz getrennt, daſs nichts aus demselben in diesen übergeht. Im Somnambulismus des niedern Gra - des findet dieser Mangel an Erinnerung nicht immer statt. Es giebt hier Anomalien, die sich bis jetzt noch nicht unter ein Gesetz bringen las - sen. Das Traumleben und der Zustand der Ek - stase zeigen ähnliche Erscheinungen. Von Ho - ven erzählt in seinem Versuch über die Ner - venkrankheiten (S. 116.) eine Geschichte von ei - nem in der Entwickelungsperiode befindlichen Studirenden, der mehrere Wochen lang, sobalder55er eingeschlafen war, laut zu reden anfing. Der Gegenstand seiner Reden war ein zusammenhän - gender Traum, der in der folgenden Nacht im - mer da wieder anfing, wo er in der zunächst vorhergehenden stehen geblieben war. Der junge Mensch lebte in diesem Traum ein eigenes, von dem wirklichen ganz verschiedenes Leben. Nach dem Erwachen wuſste er sich nichts aus dem Traum zu erinnern. Der Zustand, wobey er übrigens gesund zu seyn schien, verlor sich mit dem Aufhören der Entwickelungsperiode.

Wir kommen jetzt auf unsere Hauptlehre zu - rück, daſs die Kraft, die in uns Ideen erzeugt, die nämliche ist, welche den Bieber seine Dämme, den Vogel sein Nest, die Biene ihre Zellen bauen heiſst, die des Herzens steten Schlag und des Bluts immerwährenden Kreislauf unterhält, die den Embryo aus formloser Materie bildet und denselben nach mannichfaltigen Verwandlun - gen seiner ursprünglichen Gestalt zur höchsten Stufe des physischen Lebens erhebt. Aus den angeführten Thatsachen folgt, daſs die Wirkun - gen dieser Kraft dreyfacher Art sind: physische, die sich blos auf den Organismus beziehen und nicht zum Bewuſstseyn gelangen; physiche, de - ren sich das denkende Princip bewuſst wird, und geistige, die der Sphäre des letztern ange - hören. Auf den Wirkungen der zweyten ArtD 4beruht56beruht der Instinkt. Ob auch jede Wirkung der ersten Art unter gewissen Umständen Gegenstand des Bewuſstseyns werden kann, läſst sich weder bejahen noch verneinen. Auf keine aber, deren sich das denkende Ich bewuſst wird, hat dieses einen unmittelbaren Einfluſs. Es läſst sich ein Zustand als möglich annehmen, wo eine krank - hafte Funktion des Darmcanals, der Leber u. s. w. ihrer Art nach der Seele bewuſst wird. Aber die heilenden Bestrebungen der Natur werden dennoch in diesem Falle, wie in allen übrigen, unabhängig von Schlüssen und Urtheilen erfolgen. Aller unmittelbare Einfluſs des überlegenden, wollenden, begehrenden und verabscheuenden Princips auf den Organismus besteht in Reitzun - gen und in Veränderungen des Grades oder der Qualität der Reitzbarkeit. In dieser Hinsicht ist die moralische Welt eben so wohl etwas Aeuſse - res für den lebenden Körper als die physische. Doch sind ihre Einwirkungen allerdings in meh - rern Beziehungen von einer eigenen Art, die eine nähere Betrachtung verdient.

Jede reitzende Einwirkung des denkenden Princips auf den Körper geschieht durch den Willen. Bloſse Vorstellungen haben keinen Ein - fluſs auf den Organismus, als insofern durch sie Affekten oder Leidenschaften erregt werden, wel - che erhöhend, herabstimmend und qualitativ ver -ändernd57ändernd auf die Reitzbarkeit und auf die Thä - tigkeit der Bildungskraft wirken, und zwar vor - züglich oder ausschlieſslich auf die Reitzbarkeit und Bildungskraft einzelner, für jede Art von Gemüthsbewegung verschiedener Organe. Dieses ist das allgemeine Gesetz, nach welchem alles Wirken des denkenden Ichs auf den Organismus geschieht.

Als Reitz wirkt der Wille auf ähnliche Art wie alle übrige Irritamente. Doch besitzt er das, keinem äuſsern chemischen oder mechani - schen Reitz eigene Vermögen, die ihm unterwor - fenen Muskeln in einem bestimmten Grade von Zusammenziehungr)Force de situation fixe des molécules des fibres musculaires vivantes von Barthez (Nouveaux Elé - ments de la science de l’homme. T. I. p. 77.) ge - nannt. zu erhalten. Nur gewisse innere Reitze wirken auf ähnliche Weise im Te - tanus und der Catalepsie.

Alles willkührliche Wirken auf den Organis - mus findet nur da statt, wo das Resultat des - selben als etwas Objektives durch die äuſsern Sinne zum Bewuſstseyn gelangt. Auf Verände - rungen, die blos subjektiv und nicht Gegen - stände der äuſsern Sinne sind, hat zwar derWilleD 558Wille auch einen Einfluſs, doch nur einen mit - telbaren, indem er Aufmerksamkeit und Erwar - tung erregt. Diese Spannung des innern Sinns ist ein Affekt, der in dem Theil, worauf die Aufmerksamkeit gerichtet ist, eine Erhöhung der Reitzbarkeit und so eine Veränderung bewirkt, die zwar in ihrem Erfolg den Schein der Will - kühr haben kann, aber in ihrer Entstehung von den eigentlichen willkührlichen Handlungen ver - schieden ist. Auf diese Weise entstehen alle die innern Veränderungen der Sinnesorgane, welche zum Zweck haben, die letztern dem von ihnen aufzunehmenden Eindrucke anzupassen. Nie - mand ist sich der Anspannung der Muskeln des innern Ohrs beym Horchen auf leise oder ent - fernte Töne, sondern blos des Horchens bewuſst. Den Vögeln hat man das Vermögen zugeschrie - ben, ihre Pupille willkührlich zu verengern und zu erweitern. Das Wahre aber ist, daſs die Iris dieser Thiere sich in einer beständigen Oscilla - tion befindet, worauf jeder Affekt einen weit gröſsern Einfluſs als bey den Säugthieren hat.

Den Affekten und Leidenschaften sind zu - nächst die Organe des vegetativen Lebens, wie dem Willen die dem sensitiven Leben dienen - den Muskeln unterworfen. Jene wirken also auf Theile, die dem Einfluſs der Nervenreitze durch Ganglien entzogen sind. Es ist schon aus die -sem59sem Grunde nicht wahrscheinlich, daſs ihre Ein - wirkung von reitzender Art ist. Die Umwand - lungen, die sie in der Stimmung der Empfin - dungsorgane hervorbringen, beweisen aber auch deutlich, daſs die Reitzbarkeit selber von ihnen verändert wird. Von dem Geschlechtstriebe wird die Reitzbarkeit der Zeugungsorgane, von der Eſslust die der Zungenwärzchen erhöht. Man spricht von getrübten Sinnen, und es giebt in der That eine, zuweilen von körperlichen, öfte - rer aber von Affekten und Leidenschaften ver - ursachte Stimmung der Sinneswerkzeuge, worin kein Schall in seiner Reinheit gehört, kein Ge - genstand in seiner wahren Gestalt erblickt, kurz jeder Reitz anders als im gesunden Zustande empfunden wird.

Jede Gemüthsbewegung wirkt auf den Blut - umlauf und das Athemholen, und zwar entwe - der excitirend oder deprimirend. Beyde Wirkun - gen erstrecken sich entweder auf die Empfäng - lichkeit für Reitze, oder auf das Reaktionsver - mögen, und die Depression tritt entweder un - mittelbar nach dem Affekt, oder als Folge der vorhergegangenen Excitation ein. Eine dauernde Excitation beyder Faktoren der Reitzbarkeit wird von Frohsinn und Hoffnung, eine vorübergehende, welche Depression nach sich zieht, von über - mäſsiger Freude und Zorn hervorgebracht. Schrecken60Schrecken schwächt sowohl die Empfänglichkeit für Reitze, als das Rückwirkungsvermögen; durch Furcht, Kummer und Gram wird dieses eben - falls geschwächt, jene aber oft erhöht. Die Wir - kungen des Schreckens auf die Bewegung des Herzens haben eine merkwürdige Aehnlichkeit mit dem Einfluſs, den das plötzliche Einstoſsen eines Griffels in das Rückenmark auf diese Be - wegung äuſsert. Von der erstern sowohl als der letztern Ursache ist der Erfolg erst Hem - mung des Herzschlags, und dann Abnahme der Stärke desselhen.

Nach dieser Analogie zu schlieſsen würde die Einwirkung der Affekten auf die hämatodi - schen und anapnoischen Bewegungen von den Nerven unmittelbar auf die Reitzbarkeit der zur Hervorbringung dieser Bewegung dienenden Muskeln geschehen. Zum Theil findet eine sol - che unmittelbare Veränderung auch wohl statt. Doch zum Theil scheint jene Einwirkung mit - telbar als Folge einer Abweichung der bildenden Kraft des Bluts und der übrigen thierischen Säfte von ihrer regelmäſsigen Thätigkeit einzutreten. Diese steht ohne allen Zweifel unter dem di - rekten Einfluſs der Gemüthsbewegungen. Von dem Zorn, dem Aerger und Verdruſs wird die Absonderung der Galle, von der Wuth die des Speichels, von der Traurigkeit die der Thränen,und61und von der Furcht die der Darmsäfte ver - mehrt. Hierauf allein beschränkt sich aber nicht die Wirkung der Affekten. Auch die abgeson - derten Säfte selber erleiden Veränderungen, und zwar nicht blos in ihrer Mischung, sondern auch in ihren dynamischen Eigenschaften, Ver - änderungen, bey welchen in manchen Fällen ein Uebergang des Geistigen in das Materielle nicht zu läugnen ist. Dieser zeigt sich deutlich bey der Fortpflanzung der Gemüthseigenschaften des Vaters auf die Kinder. Eine ähnliche Uebertra - gung der Idee auf das Körperliche scheint es aber auch zu seyn, wodurch der Speichel - thender Thiere und selbst des Menschen in ein Gift verwandelt wird, das in dem Gebissenen die Wasserscheu zu verursachen geeignet ists)So erzählt Pouteau, daſs ein Mensch einen andern in heftigem Zorn gebissen habe, der darauf wasser - scheu geworden sey, und die Philosophical Trans - actions enthalten einen Fall von einem Menschen, der an der Wuth starb, nachdem er sich nach ei - nem Spiel, worin ihm Alles verloren gegangen war, aus Verzweifelung in die Hand gebissen hatte..

Stahl sah in den körperlichen Wirkungen der Affekten und Leidenschaften Bestrebungen der thierischen Natur, den nachtheiligen Folgen der Gemüthsbewegungen vorzubeugen, oder dem Einfluſs der letztern eine günstige Richtung fürden62den Organismus zu geben. Unter seinen Lehren ist es vorzüglich diese, die, so allgemein ausge - drückt, wie sie von ihm vorgetragen wurde, sich am leichtesten angreifen läſst und auch am häu - figsten angegriffen ist. Doch, auf gewisse Weise modifizirt, läſst sie sich rechtfertigen. Viele jener Wirkungen, die in einigen Thierfamilien für das Individuum, worin sie vorgehen, zwecklos oder selbst nachtheilig sind, haben in andern Familien allerdings eine Beziehung auf die Erhaltung des Individuums oder der Gattung. Der von Zorn oder Wuth in ein heftiges Gift verwandelte Gei - fer mancher Thiere dient ihnen als Mittel, sich zu vertheidigen, oder ihrer Beute habhaft zu wer - den. Die Lähmung aller Kräfte, die von der Furcht verursacht wird, ist bey einigen Thieren eine Art von Scheintod, wodurch sie sich ihren Verfolgern entziehen, und vermöge des Einflus - ses, den eben dieser Affekt auf die vermehrte Ab - sonderung und Ausscheidung der Darmsäfte hat, excerniren andere eine Flüssigkeit, die ihnen zum Schutz und zur Wehr gegen ihre Feinde dient. Die Wirkung ist also im Thierreiche überhaupt, aber die Zweckmäſsigkeit derselben nur bey ein - zelnen Familien oder Gattungen vorhanden. Es verhält sich mit diesen Erscheinungen auf glei - che Weise, wie mit vielen andern der lebenden Natur. Was die bildende Kraft bey gewissen Formen als Mittel zu bestimmten Zwecken her -vor -63vorbrachte, ist von ihr in geringerm Grade auch verwandten Formen verliehen, obgleich oft bey diesen jene Zwecke dadurch nicht erreichbar sind. Sie gab auch dem Manne die für denselben zwecklosen Brustwarzen. Der Grund liegt in der nothwendigen Beschränktheit alles indivi - duellen Lebens, womit nur relative Zweckmäſsig - keit bestehen konnte, und wobey die Hervorbrin - gung des Zweckmäſsigen dem Gesetz der Bil - dung und Entwickelung des Organischen nach gewissen Urformen untergeordnet ist.

Drit -64

Dritter Abschnitt. Verhältnisse der Seelenkräfte zur Form und Mischung des Organischen.

Erstes Kapitel. Allgemeine Bemerkungen.

Jeder ist geneigt, von dem Aeuſsern auf das Innere zu schlieſsen. Niemand kann sich ent - halten, über den Charakter und die Fähigkeiten eines Unbekannten Vermuthungen nach dessen Gesichtsbildung zu wagen. Wir finden uns oft in diesen Muthmaſsungen getäuscht, und doch läſst sich der Hang zu denselben nicht ganz unterdrücken. Eine Art zu schlieſsen, die unse - rer Natur so gemäſs ist, muſs auf etwas Wah - rem beruhen. Aber bey den vielen Irrthümern, wozu sie verleitet, kann doch die Befugniſs zu jenem Schluſs nicht anders als sehr beschränkt seyn. Es wäre Sache einer wissenschaftlichen Physiognomik, jenes Wahre aufzusuchen, unddiese65diese Beschränkung näher zu bestimmen. Doch alle Versuche, eine solche zu begründen, waren bisher fruchtlos und muſsten es seyn, weil Mit - telglieder zwischen dem Aeuſsern und Innern vorhanden sind, deren Beziehungen auf beyde vorher zu bestimmen gewesen wären, aber un - bestimmt blieben. Unter diesen Mittelgliedern ist das erste und wichtigste das Gehirn nebst dem Rückenmark und den Nerven. Giebt es einen treuen Ausdruck der Kraft in der Bildung des Organs, so muſs derselbe in diesen unmittelba - ren Seelenorganen zu suchen seyn. Manche Gründe unterstützen auch die Hoffnung, ihn hierin zu finden. In der Form und Mischung, kann man sagen, offenbart sich jede Kraft ihrer Art und Energie nach. Das geistige Princip mag sich gegen den Organismus als Ursache oder als Wirkung verhalten, so wird doch des - sen Thätigkeit durch diesen immer bedingt seyn. Die Neigungen und Anlagen der Eltern gehen auf die Kinder über, welches ohne eine Abhän - gigkeit des Geistigen vom Materiellen nicht ge - schehen könnte. Manche Menschen besitzen An - lagen und Fähigkeiten, die offenbar mit gewis - sen Krankheiten, z. B. der Rachitis, in dem Ver - hältniſs von Ursache und Wirkung stehen. Ver - änderungen in der Organisation des Gehirns und der Nerven haben auf das geistige Princip einen Einfluſs, sie mögen von innern oder von äuſsernVI. Bd. EUrsachen66Ursachen herrühren. Die Seele entwickelt sich mit ihren Organen, altert mit denselben und wird mit denselben zerrüttet. Mit den verschie - denen geistigen Eigenschaften der verschiedenen Thierarten sind Verschiedenheiten in der Bil - dung des Gehirns und Nervensystems verbun - den. So läſst sich eine Hoffnung rechtfertigen, deren Erfüllung für die Biologie von hohem Werthe seyn würde, und von ähnlichen Grün - den gingen Gall und Spurzheim bey ihrer Schädellehre aus.

Indeſs, je mehr wir zu hoffen haben, um so gerathener ist es, die Stützen der Hoffnung streng zu prüfen, ehe wir dieser ganz vertrauen und uns den Gefahren der Täuschung hingeben. Eine nähere Untersuchung jener Gründe wird also auf jeden Fall ein verdienstliches Werk seyn, sollte auch der Gewinn mehr in negativen als in positiven Resultaten bestehen.

Zuvörderst ist bey dieser Prüfung zwischen dem sinnlich Erkennbaren und Nicht-Erkennba - ren zu unterscheiden. Wenn man auch ein - räumt, daſs die Form mit der Mischung, und die letztere mit der Kraft in genauer Verbindung steht, so ist doch der Schluſs von dem sinnlich Erkennbaren in der Form und Mischung auf die Kraft noch nicht gerechtfertigt. MehrereBey -67Beyspiele stehen dieser Folgerung entgegen. Selbst in der todten Natur, im Mineralreiche, entspricht nicht immer der Mischung die Form und der Kraft die Mischung, und noch mehr ist dies im Pflanzenreiche der Fall. Unter den Solaneen und den Schirmpflanzen (Umbelliferae), zwey Familien, die zu den natürlichsten des Sy - stems der Vegetabilien gehören, stehen die gif - tigsten Kräuter neben den mildesten. Ist es hier schon so unsicher, von dem Aeuſsern auf das Innere zu schlieſsen, um wie viel gröſser muſs nicht diese Unsicherheit da seyn, wo es die Be - stimmung geistiger Kräfte nach der äuſsern Bil - dung gilt!

Fände aber auch im Mineral - und Pflanzen - reiche allenthalben eine für uns wahrnehmbare, enge Verbindung zwischen dem Aeuſsern und den inwohnenden Kräften statt, so ist doch die Entfernung der intellektuellen Welt von der leb - losen Natur und dem Reiche des unbewuſsten Lebens so groſs, daſs nichts unerlaubter seyn kann, als darum anzunehmen, die erstere müsse sich in der Bildung des Gehirns und der Ner - ven offenbaren. Das Princip des bewuſsten Le - bens steht nicht in einem leidenden Verhältniſs gegen die äuſsere Natur. Daſs diese Kraft Ein - drücke der Sinnenwelt empfängt, und gegen die - selben zurückzuwirken vermag, ist Folge derE 2Organi -68Organisation. Aber daſs sie die äuſsern Ein - drücke nicht aufnimmt und nicht zurückwirft, wie der todte Spiegel die Strahlen der äuſsern Gegenstände, ist Folge einer Selbstthätigkeit, die keine Analogie von der Organisation abzuleiten gestattet.

Allein auch dies bey Seite gesetzt, so blei - ben doch noch andere groſse Schwierigkeiten übrig. Bey den mehrsten der übrigen Organe auſser dem Gehirn giebt es mechanische Zwecke, für welche die Form vorhanden ist. Beym Ge - hirne fehlen diese ganz. Nirgends ist deshalb die Mischung so sehr das Höhere, und die Form das Untergeordnete, als bey diesem Eingeweide. Aber die Mischung desselben kennen wir selbst im Allgemeinen nur höchst oberflächlich, und ihre Verschiedenheit bey den verschiedenen Ar - ten der Thiere und in den verschiedenen Thei - len des Gehirns dürfen wir kaum hoffen, je so weit kennen zu lernen, als nothwendig seyn würde, um irgend ein erhebliches Resultat aus dieser Kenntniſs abzuleiten. Daher ist die Form das Einzige, woraus sich beym Gehirn etwas folgern läſst; aber daher werden auch diese Folgerungen immer sehr beschränkt bleiben. Es ist ferner möglich, daſs im Gehirn und Nerven - system, wie in andern Theilen, gewisse Bildun - gen bey einigen Thieren Folgen von Verwandt -schafts -69schaftsgesetzen sind, welchen die bildende Kraft bey ihrer Thätigkeit unterworfen ist, ohne daſs diese Formen mit denjenigen Funktionen in ge - nauer Beziehung stehen, wofür sie bey andern Thieren bestimmt sind, wie z. B. mit den Brustwarzen des männlichen Geschlechts der Fall ist. Die Bestimmung dieses Verhältnisses muſs weit mehr Schwierigkeiten beym Gehirn wie bey allen übrigen Theilen haben, und so wird die physiologische Erforschung des letztern auch von dieser Seite erschwert seyn.

Wir wissen nichts von den wechselseitigen Einwirkungen des selbstthätigen Princips ver - schiedener Individuen. Deswegen läſst sich auch von dem Angeerbten in den Fähigkeiten und Neigungen kein Beweis für eine Abhängigkeit der letztern von der Organisation hernehmen. Es ist eben so wohl möglich, daſs eine unmittel - bare Einwirkung der Seele des Vaters und der Mutter auf die Seele des Erzeugten beym Zeu - gungsakt, und selbst nach demselben noch statt findet, als daſs dieser Einfluſs mittelbar, durch das Materielle, geschieht.

Die frühere und stärkere Entwickelung der Geisteskräfte in gewissen Krankheiten beweist ebenfalls nichts für eine enge Verbindung des Geistigen mit der Materie; sie läſst sich viel -E 3mehr70mehr zum Beweise des Gegentheils anwenden. Ist die Psyche nichts ohne den Körper, so kann sie nur im gesunden Zustande des letztern mit voller Energie wirken. Besitzt sie eine von diesem unabhängige Selbstthätigkeit, so läſst sich einsehen, wie sie da, wo ihre Wirksamkeit we - niger auf das Organ gerichtet ist, freyer in der Ideenwelt ihre Flügel schwingen kann.

Wichtiger sind die Gründe, die sich von der, mit der Ausbildung und dem Altern des Gehirns in gleichem Verhältniſs fortschreitenden Zu - und Abnahme der Geisteskräfte, von der Zerrüttung der letztern bey Verletzungen des Gehirns, und von der Verschiedenheit der Bil - dung dieses Eingeweides bey den verschiedenen Thierarten hernehmen lassen. Indeſs auch diese Thatsachen lassen sehr verschiedene Folgerungen zu. Es ist eine Annahme, die keiner Erfahrung widerspricht, womit sich im Gegentheil manche Erscheinungen des Schlafwandels in Ueberein - stimmung bringen lassen, daſs der Mensch in seinem irdischen Zustande ein zweyfaches Le - ben führt, ein Leben in der Sinnenwelt wäh - rend des Wachens, und ein anderes in der Welt der Ideen während des tiefen, von Träu - men freyen Schlafs. Die Mittelstufe zwischen beyden ist das Träumen. Aus dem einen Da - seyn findet keine Erinnerung in dem andern,wie71wie aus dem Zustande des Hellsehens der Schlaf - wandler keine im Wachen, statt. Vor dem Le - ben in der Ideenwelt hängt eine nie gelüftete Decke. Vielleicht ist dieses um so reicher, je mehr sich die Seele im Alter von der Sinnen - welt zurückzieht. Dieſs ist zwar nur eine Mög - lichkeit, aber eine solche, der sich nur Möglich - keiten wieder entgegensetzen lassen, und welche hinreicht, um die Voraussetzung einer Selbst - thätigkeit des geistigen Princips zu rechtfertigen, eine Voraussetzung, womit alle Schlüsse von der Organisation der Seelenorgane auf die Seele selber unzuverlässig werden. Den pathologischen Erscheinungen, die sich weiter anführen lassen, um die Abhängigkeit der Seele von dem Ge - hirne darzuthun, stehen eben so viele entgegen, wo die bedeutendsten Verletzungen dieses Ein - geweides ohne bedeutende Störung der Geistes - verrichtungen zugegen waren, so wie andere, wo bey den schwersten Seelenkrankheiten keine Veränderungen der Organisation des Gehirns zu entdecken waren, und noch andere, wo nach Geisteskrankheiten, die Jahre lang gedauert hatten und mit den gröſsten organischen Zer - rüttungen des Gehirns verbunden waren, plötz - lich vor dem Tode oder allmählig in Fie - bern Bewuſstseyn und Vernunft zurückkehrten, von welcher Rückkehr unter andern Scheuch -E 4zer,72zert)Annal. phys. med. Vratislav. Tent. 24., Marshalu)Untersuchungen des Gehirns im Wahnsinn und in der Wasserscheu. Uebers. von Romberg S. 99. und S. Tookev)Zeitschrift für psychische Aerzte, herausgegeben von Nasse. 1820. 3tes Viertelj. S. 677. Beyspiele aufgezeichnet haben. Die Form des Gehirns ist allerdings verschieden bey den verschiedenen Thierarten. Allein diese Verschiedenheiten ste - hen in näherm Zusammenhang mit der übrigen körperlichen Bildung, besonders mit der Struk - tur der Sinneswerkzeuge, als mit den höhern geistigen Kräften. Die Aehnlichkeit der Thiere unter sich von psychologischer Seite ist in man - cher Hinsicht gröſser, und in anderer geringer, als man nach der Aehnlichkeit oder Unähnlich - keit ihres Hirnbaus erwarten sollte.

So wäre denn jedes Forschen nach der Ver - bindung des Geistigen mit der Organisation ein eitles Beginnen? Diese Folgerung würde zu voreilig seyn. Immer bleibt es doch wahr, daſs gewisse Formen der geistigen Thätigkeit mit ge - wissen Bildungen des Gehirns und Nervensy - stems bey den verschiedenen Thiergattungen ver - bunden sind. Wir können allerdings hoffen, auf jenem Felde positive Wahrheiten zu entdecken. Nur ist es nothwendig, nie die Selbstthätigkeit der Kraft, deren Verhältnisse zur Organisationwir73wir zu bestimmen wagen, aus den Augen zu lassen, nie zu vergessen, daſs diese Verhältnisse nur in so weit bestimmbar sind, als jene Kraft bey ihrer organischen Thätigkeit von der Sin - nenwelt abhängig ist, nicht aber in so fern sie sich selber zur Thätigkeit anzuregen vermag. Was z. B. der Mensch als Art in Vergleichung mit den übrigen Thieren nach seiner sinnlichen Natur ist, wird sich vielleicht aus der Bildung seines Gehirns und seiner Nerven erklären las - sen. Aber schwerlich wird es je gelingen, hier - aus die Stufe zu bestimmen, die er als Indivi - duum seinen geistigen Anlagen und Fähigkeiten nach einnimmt; und gelänge auch dies, so würde es doch nur möglich seyn, anzugeben, was der einzelne Mensch ist, nicht aber, was aus ihm werden kann und werden wird. Welches aber auch das Ziel dieser Forschungen seyn mag, so wird ihnen immer eine vergleichende Geschichte der Bildung des Gehirns und Nervensystems auf den verschiedenen Stufen der thierischen Natur zur Grundlage dienen müssen.

E 5Zwey -74

Zweytes Kapitel. Vergleichende Bildungsgeschichte der Organe des geistigen Lebens.

Die räthselhaften Gestalten der geheimen Kam - mer, worin die geistigen Kräfte der thierischen Natur weben und wirken, sind für den Natur - forscher, was die Hieroglyphen der grauen Vorzeit sind für Den, der die Dunkelheit des Alterthums zu erhellen sucht. Dieser steht sinnend vor ei - ner Schrift, mit deren Entzifferung ein Licht in der Geschichte der Vergangenheit angezündet seyn würde; er sucht ihren Schlüssel, und kann nicht ablassen, ihn zu suchen, wie verborgen derselbe auch seyn mag. So reitzen auch jene Gestalten immerfort zu ihrer Betrachtung Den, der sie ein mal hat kennen gelernt. Auch ich habe lange und angestrengt nach ihrer Deutung geforscht. Was mir in Betreff derselben ausge - macht scheint, werde ich hier so gedrängt mit - theilen, als es bey der Schwierigkeit des Ge - genstandes möglich seyn wird. Wegen einiger Punkte, deren umständliche Auseinandersetzung mehr Raum erfordern würde, als die Gränzendieses75dieses Werks zulassen, sey es mir erlaubt, auf meine Untersuchungen über den Bau und die Funktionen des Gehirns, der Ner - ven und der Sinneswerkzeuge in den verschiedenen Classen und Familien des Thierreichsw)Im 3ten Theil der Vermischten Schriften anato - mischen und physiologischen Inhalts von G. R. und L. C. Treviranus. zu verweisen; dagegen werde ich manche andere hier mittheilen, die ich erst seit der Herausgabe dieses Werks bey fortgesetzter Zergliederung des Gehirns verschie - dener Thiere gemacht habe.

Je mehr eine Funktion thierischer Art ist, desto mehr steht sie mit der Organisation des Gehirns und Nervensystems in Verbindung. Je mehr sie dem Gebiet des bewuſsten Lebens an - gehört, desto weniger genau ist sie mit dieser verbunden. Von der Beziehung der Organisation auf die thierischen Funktionen werden daher un - sere Untersuchungen ausgehen müssen.

Diese Funktionen sind theils vegetativer, theils sensitiver Art. Die vegetative Sphäre hat ihre eigenen Nerven, die sensitive ebenfalls. Das Gehirn gehört gröſstentheils dieser an. Das verlängerte Mark und das Rückenmark sind die Verbindungsorgane zwischen dem Nervensystemder76der vegetativen Sphäre und den Hirnorganen und Nerven des sensitiven Lebens.

Das Nervensystem der vegetativen Sphäre hat zwey Hauptstämme. Den einen bildet der sympathische Nerve, den andern der Stimm - nerve. Gleichartig mit diesen wirken diejenigen Nervenzweige, die mit ihnen durch Knoten oder Geflechte verbunden sind. Zum System des sympathischen Nerven gehören daher auch alle mit demselben in organischem Zusammenhange stehende Zweige der Nerven des fünften, sechs - ten, siebenten und zwölften Paars, so wie zu dem des Stimmnerven vorzüglich der Zungen - schlundnerve und der Beynerve, nächst diesem aber auch zum Theil der Antlitznerve und der Zungenfleischnerve. Beyde Systeme sind auch unter einander durch Knoten und Geflechte ver - einigt. Die aus diesen Verbindungen entstehen - den Aeste gehören beyden Systemen gemein - schaftlich an.

Der sympathische Nerve hat bey den Wir - belthieren im Rückenmark, der Stimmnerve im verlängerten Mark seine Wurzeln. Jener ist in den obersten Classen dieser Thiere ausgebildeter und weiter verbreitet, als in den niedern Classen. Dieser ist von gröſserer Ausdehnung bey den Fischen, als bey den übrigen Wirbelthieren.

Eine77

Eine ganz andere Bildung tritt bey den wir - bellosen Thieren ein. Die Spinalganglien bey - der Seiten vereinigen sich hier unter sich und mit dem Rückenmark, indem sie in Verglei - chung mit allen übrigen Theilen ein weit gröſse - res Volumen als bey den höhern Thieren erhal - ten, das Rückenmark hingegen in einen bloſsen Verbindungsstrang dieser Knoten verwandelt wird. Der sympathische Nerve bildet nur noch im Kopfe und im Vordertheile des Rumpfs ein eigenes, doch sehr beschränktes System, dessen Stamm der, zuerst von Swammerdamm bey den Insekten unter dem Namen des rücklaufen - den beschriebene Nerve ist. Das Stimmnerven - system besteht aus mehrern Nervenpaaren des verlängerten Marks, deren Gröſse und Verbrei - tung in den verschiedenen Classen und Familien der wirbellosen Thiere sehr verschieden ist.

Die Organe der sensitiven Sphäre gehören mehrern Stufen an. Die niedrigste Sphäre be - greift die Nerven des bloſsen Gefühls und der willkührlichen Bewegung. Diese gehen gemein - schaftlich mit den Nerven des vegetativen Le - bens aus allen Theilen des verlängerten Marks und Rückenmarks hervor. Eine höhere Stufe nehmen die, aus dem verlängerten Mark ent - springenden Nerven der Zunge ein. Einer noch höhern Sphäre gehören die Nerven des Geruchs,Gesichts78Gesichts und Gehörs an, deren Entstehungsort das Gehirn selber ist.

Bey den wirbellosen Thieren entspringen diese höhern Sinnesnerven mit den übrigen des Kopfs aus einem Fortsatz des verlängerten Marks, welcher, als Hirnring, den Schlund umfaſst. Bey den Würmern und den niedrigern Familien der Mollusken ist dieses Gehirn eine noch we - nig ausgebildete und von den Spinalganglien nur wenig an Gröſse verschiedene Masse. Mehr ausgebildet zeigt sich dasselbe in der Familie der Sepien und bey den Insekten. Bey denen Arten der letztern, die Kunsttriebe besitzen, be - sonders den Hymenopteren, besteht dasselbe aus mehrern Anschwellungen von verschiedener Gröſse und Gestalt, deren jede einem Sinnes - nerven zum Ursprunge dient, und die sich in zwey gröſsern Hemisphären vereinigenx)M. vergl. Biolog. Bd. 5. S. 336.. Diese Halbkugeln flieſsen unmittelbar mit einander zu - sammen, ohne durch ähnliche Commissuren, wie die Hemisphären des Gehirns der Wirbelthiere enthalten, unter sich verbunden zu seyn. Sie haben keine Ventrikel wie die letztern, und je - der sinnesnerve empfängt nur einen einzigen Nerven, der bey einigen Insektenlarven ein bloſser Zweig eines andern Stamms ist. Es ist hiernach zu vermuthen, daſs die sämmtlichenHirn -79Hirnnerven der wirbellosen Thiere den Zweigen des fünften Nervenpaars der Wirbelthiere zu vergleichen sind, welches zum Theil aus dem Mittelpunkte der niedrigsten Sphäre des sensiti - ven Lebens, aus dem verlängerten Marke, ent - springt, und welches bey allen Wirbelthieren ebenfalls zu den sämmtlichen Sinnesorganen geht, indem aber hier auſserdem noch jedes von diesen einen eigenen Hauptnerven aus dem groſsen Gehirne empfängty)M. vergl. Verm. Schriften von. G. R. und L. C. Tr. Th. 3. S. 57..

In der Lage, Gestalt, Verbindung und Gröſse der verschiedenen Theile des Nervensystems der wirbellosen Thiere finden eben so groſse Ver - schiedenheiten wie in dem Bau ihres ganzen Körpers statt, und jene stehen immer mit die - sem in sehr genauer Beziehung. Das Gehirn ist immer auf beyden Seiten von symmetrischer Bildung. In der Lage, Verbindung und Gestalt der Spinalganglien findet ebenfalls Symmetrie bey den Insekten und Würmern statt, nicht aber bey den Mollusken. Bey den letztern ha - ben auch nicht alle, auf beyden Seiten des Ge - hirns entspringende Nerven, sondern nur dieje - nigen, die zu symmetrischen Organen gehen, z. B. in der Familie der Sepien und Schnecken die Sehenerven, eine gleiche Bildung. Die Lageund80und Verbindung der Spinalganglien richtet sich immer nach der Gestalt des Rumpfs. In denje - nigen Familien der Insekten und Würmer, die einen cylindrischen, aus gleichartigen Ringen be - stehenden Rumpf besitzen, machen diese Kno - ten in ihrer Vereinigung einen geraden Strang aus, der eben so viele Knoten hat, als es Ringe giebt. Bey den Spinnen und Phalangien, deren Körper sich in der Gestalt dem Oval oder der Kugel nähert, und nicht gegliedert ist, liegen sie entweder strahlenförmig um einen gemein - schaftlichen Hauptknoten, oder paarweise zu beyden Seiten des Körpers. Alle Insekten und Würmer haben auch Spinalganglien, die gleich dem ganzen Körper aus symmetrischen Hälften bestehen. In der Classe der Mollusken hingegen fehlt auch diese Symmetrie an mehrern jener Ganglien.

So weit steht die Form des Nervensystems bey den wirbellosen Thieren mit der Beschaffen - heit der übrigen Organisation in Verbindung. Aus der Zahl und Gröſse der Sinnesnerven, der gröſsern oder geringern Ausbildung und der Ver - schiedenheit der Anschwellungen des Gehirns, woraus sie entspringen, dem Verhältniſs dieser Theile gegen die Centralmasse des letztern, und des ganzen Gehirns gegen die Knoten und Ner - ven des Rückenmarks, besonders gegen die Ner -ven81ven des vegetativen Lebens, läſst sich auch im Allgemeinen auf die Stufe schlieſsen, die das Thier in Betreff der sensoriellen Fähigkeiten ein - nimmt. Aber die Art, wie diese Fähigkeiten bey jeder Gattung modifizirt sind, ist hieraus nicht für uns erkennbar.

Bey den Wirbelthieren treten Veränderungen des ganzen Nervensystems ein, die gröſser als in einem der übrigen organischen Systeme sind. Die Spinalganglien sondern sich vom Rücken - marke ab, und jeder einzelne trennt sich in zwey verschiedene Knoten, die auſserhalb dem Canal der Wirbelsäule zu beyden Seiten derselben ihre Stelle erhalten. Sie bekommen zugleich ein sehr geringes, dem, welches sie bey den wir - bellosen Thieren hatten, ganz entgegengesetztes Verhältniſs gegen das Rückenmark. Dieses wird zu einem unmittelbaren, von keinen ungleichar - tigen Theilen unterbrochenen Fortsatz des ver - längerten Marks, und bekömmt nebst den Spi - nalganglien seine Lage nicht mehr unterhalb dem Darmcanal, sondern längs dem Rücken. Der sympathische Nerve, der bey den wirbellosen Thieren sich nur bis zum Magen erstreckt und mit den Spinalganglien des Bauchs keinen Zu - sammenhang hat, verbreitet sich durch den gan - zen Rumpf und tritt mit jedem dieser Knoten in Verbindung. Das Gehirn bildet nicht mehrVI. Bd. Feinen82einen Ring, durch welchen der Schlund dringt, sondern liegt ganz oberhalb demselben und be - steht aus mehrern ungleichartigen Theilen, die mit einander so verbunden sind, daſs sie Höh - lungen (Ventrikel) einschlieſsen. Alle Wirbel - thiere haben wenigstens fünf solcher Haupttheile: zwey vordere Hemisphären, zwey hintere, und ein kleines Gehirn. Mit der Basis des Gehirns ist ein Hirnanhang, mit der obern Seite eine Zirbel verbunden. Von den gleichartigen Thei - len beyder Hirnhälften stehen mehrere durch eigene Verbindungsorgane (Commissuren) mit einander in Zusammenhang. Jedes Sinnesorgan, mit Ausnahme der Organe des Getastes, erhält auſser Zweigen des fünften Nervenpaars noch einen eigenen, blos für dasselbe bestimmten Nerven, von welchen der des Geruchs an den vordern Hemisphären, der des Gesichts an den hintern Hemisphären, und der des Gehörs in der Nähe des kleinen Gehirns entspringt.

Diese gemeinschaftlichen Charaktere sind nach der höhern oder niedrigern Stufe, auf welcher jede Familie und Gattung der Wirbel - thiere steht, verschiedentlich abgeändert. Das verlängerte Mark nimmt in Verhältniſs gegen das übrige Gehirn desto mehr sowohl an Um - fang als an Masse ab, je höher diese Stufe ist, und unter den Dimensionen jener Organe ist esbey(Zu S. 83. Note z)). Erste Tafel. Gewichtsverhältnisse der Haupttheile des Gehirns, und des Rückenmarks verschiedener Thiere, nach des Verfassers Abwägungen.

(Zu S. 83. Note z)). Zweyte Tafel. Dimensionen der Haupttheile des Gehirns verschiedener Thiere, nach des Verfassers Ausmessungen.

83bey den meisten die Breite, bey einigen aber auch die Länge, deren Veränderungen den Ver - änderungen ihrer Masse vorzüglich entsprechenz)Belege zu diesen Sätzen und zu dem, was ich über das Verhältniſs der verschiedenen Hirntheile und des Rückenmarks zum verlängerten Mark noch weiter bemerken werde, enthalten die beyden, zur gegenwärtigen Seite gehörigen Tafeln. In beyden ist bey allen Thieren das Hinterhauptsloch für die hintere, und bey den Säugthieren ein senkrechter, durch den hintern Rand der Brücke gemachter Durchschnitt für die vordere Gränze des verlänger - ten Marks angenommen. Ferner ist bey den Säug - thieren die Brücke mit zum groſsen Gehirn gerech - net, und das Gewicht aller Theile nach möglichst sorgfältiger Absonderung ihrer Hänte und der aus ihnen entspringenden Nerven bestimmt. Die Thiere sind darin nach ihren Classen, und in jeder Classe nach dem Gewichtsverhältniſs des verlängerten Marks zum übrigen Gehirn geordnet, doch mit einigen Ausnahmen bey den Vögeln, wo dieses Verhältniſs nach dem Alter und Geschlecht sehr wechselt. Die erste senkrechte Zahlenreihe der ersten Tafel ent - hält das absolute Gewicht des verlängerten Marks in Granen Nürnberger Apothekergewichts. In den acht folgenden Reihen ist, zur Ersparung des Raums, blos das relative Gewicht der übrigen Hirn - organe in Decimaltheilen des = 1 gesetzten Ge - wichts des verlängerten Marks angegeben. In den eilf ersten, senkrechten Zahlenreihen der zweytenTafel. MitF 284Mit jener Abnahme wird der Fortgang der Hirn - schenkel in den hintern und vordern Hemisphä - ren immer mehr unterbrochen. Bey den nie - drigsten Gattungen der Fische haben diese Halb - kugeln das Ansehn von bloſsen Seitenanhängen der Hirnschenkel; bey den Säugthieren sind die letztern mit denjenigen Organen, welche an die Stelle jener Hemisphären treten, gänzlich ver - flochten. Auf den untern Stufen der Wirbel - thiere hat jeder einzelne Hirntheil eine Höhlung: aber alle zusammen schlieſsen nicht eine ge -