PRIMS Full-text transcription (HTML)
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[I]
Rahel.
Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde.
ſtill und bewegt. (Hyperion.)
Erſter Theil.
Mit Rahel’s Bildniß.
Berlin,1834. BeiDuncker und Humblot.
[II][III]

Vorwort.

Ehrwürdige gewichtvolle Stimmen fordern laut und dringend eine öffentliche Herausgabe dieſes Buches, das als ein Buch des Andenkens für Freunde bisher nur im Stillen ausgetheilt wurde. Dieſe Bezeichnung darf indeß auch jetzt, da jenem Verlangen nachgegeben wird, im vollen Sinne fortdauern; denn noch immer ſind es weſentlich die Freunde, für welche der neue Abdruck Statt findet, nur daß den im Leben gekannten jetzt auch die nach dem Scheiden erworbenen und künftigen ſich anſchließen. Hiernach iſt auch der Geſichtspunkt feſtzuhalten, nach welchem ſowohl die erſte Auswahl des Mitgetheilten, als auch deſſen jetzige Vermehrung, bei - nah auf das Dreifache des früheren Umfanges, ſich be - ſtimmen mußte. Die Perſönlichkeit ſelbſt, ihr Karakter, ihr Schickſal, ihr Sinn und ihre Begegniſſe, ſind vor allen andern Gegenſtänden dem Antheil und der Zunei - gung der Leſer lieb und wichtig geworden, und jedes Blatt, welches dieſe Beziehung hatte, durfte zuläſſig undIV willkommen ſcheinen, wenn auch der Stoff, in welchem und vermittelſt deſſen ſie hervortrat, bisweilen ſonſt ge - ringfügig oder auch ungewöhnlich dünken konnte. So war auch oft Lob und Tadel weniger ſeines Gegenſtan - des wegen, als um ſeiner Geſtalt und Geſinnung willen, aufzunehmen, und in dieſem Betreff durfte kleinliche Scheu ſo wenig als eitle Abſicht hier vorwalten. Manches lag auf dem Wege, war nicht zu umgehen; ſo wurde denn darüber hingeſchritten; und länger als nöthig dabei ſte - hen zu bleiben, wäre die Schuld des Leſers. Der Wiederabdruck machte die Berichtigung und Ergänzung mancher Stellen möglich, wo vorher nur ungenaue Ab - ſchriften und Auszüge gedient hatten, nunmehr aber die Urſchriften zur Hand waren. Freilich bleiben auch jetzt noch immer Auslaſſungen und Lücken genug, indem vieles Geſchriebene verloren oder noch nicht eingeſammelt, anderes mit Abſicht zurückbehalten iſt; aber die Möglichkeit voll - ſtändiger Mittheilung wird hier durch Erforderniſſe be - dingt, denen nur in einer größeren Zahl von Bänden und erſt in vielen Jahren zu entſprechen ſein dürfte.

Berlin, im December 1833.

[1]

Rahel Antonie Friederike Varnhagen von Enſe, geborne Rahel Levin, nachher unter dem Familiennamen Robert be - kannt, wurde geboren zu Berlin, am erſten Pfingſtfeiertage des Jahres 1771. Sie ſtarb daſelbſt am 7. März des Jah - res 1833, noch nicht zweiundſechszig Jahr alt, und erſt im neunzehnten unſrer durch die tiefſte und feſteſte Liebe geknüpf - ten Vereinigung.

Welches einzige Glück, welchen edlen Schatz und reichen Troſt ich mit der ewig theuren Gattin verloren, iſt den Freun - den wohlbekannt; meine Trauer braucht es ihnen nicht zu ſa - gen; ſie fühlen meinen Verluſt in demjenigen mit, der auch ſie ſelbſt, in mannigfacher Abſtufung und Richtung, aber ge - wiß Alle zu ſchmerzlich hoher Würdigung, durch dieſes Schei - den betroffen hat. Und wenn auch der volle Reichthum die - ſes von Geiſt und Liebe beſeelten Gemüthes nicht unmittelbar jedem Auge ganz entfaltet lag, ſo bekennen doch Alle, die auch nur Momente dieſes in Wohlwollen und Wahrheits - eifer ſtets erregten Lebens angeſchaut, daß ſie von dieſer Er - ſcheinung einen ſeltenen und ahndungsvollen Eindruck der eigenthümlichſten Kraft und Anmuth empfangen haben, der jeder freigebigſten Vorausſetzung Raum giebt, und Alle mit - fühlend unſrer Wehklage beiſtimmen läßt.

I. 12

Von vielen Seiten, aus einem weiten Kreiſe edler Freunde und trauter Bekannten, werde ich dringend aufgefordert, ihrem treuen und beeiferten Antheil einige Nachrichten über die letz - ten Zeiten der geliebten Freundin zu geben, und auch vielfach wird von Nahen und Entfernten der lebhafte Wunſch ausge - ſprochen, dieſer Gabe zugleich eine Auswahl denkwürdiger Zeugniſſe von der Geiſtes - und Sinnesart hinzuzufügen, durch welche die Dahingeſchiedene ihnen ſo bedeutend und werth geworden.

Zur Erfüllung beider Wünſche drängt mich das eigne Herz, wiewohl ich vorausempfinde, daß ich dieſem am wenig - ſten werde genügen können. Da, wo ein Lebensglück erlo - ſchen iſt, ein würdiges Andenken aufzurichten, bedarf es andrer Stimmungen und Kräfte, als mir jetzt vergönnt ſind.

Indeß will ich gern auch das, was der Augenblick er - laubt, dem freundlichen Verlangen entgegenbringen. Es wird noch immer eine reiche Darbietung ſein, wenngleich ſie mir in Verhältniß zu dem, was zu ſagen und zu geben wäre, arm erſcheint. Aus einem unendlichen Vorrath von Briefen, Tagebüchern, Denkblättern und Aufzeichnungen aller Art, die ich von Rahels Hand beſitze, will ich einige Proben liefern, die zwar kein Ganzes ſein können, aber doch auf ein ſolches hindeuten. Man wird aus ihnen wenigſtens ermeſſen, was in dieſer Art einem künftigen Zeitpunkt einſt vollſtändiger auf - zuſchließen vorbehalten bleibt. Eben ſo viel und vielleicht mehr noch, als ich beſitze, liegt in der Welt weit umher zer - ſtreut, welches ich möglichſt einzuſammeln, oder doch ſorgfäl - tiger Aufbewahrung zu empfehlen wünſche!

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Die Auswahl ſelbſt werde ich bei den Freunden nicht erſt rechtfertigen dürfen. Nur Freunden aber iſt dieſe Mit - theilung beſtimmt. Wer ſie als Unbekannter und Fremder empfängt, möge den Inhalt aufnehmen, wie den eines gefun - denen Briefes, der an ihn zwar nicht geſchrieben iſt, aber grade deßhalb von ihm billig und beſcheiden behandelt zu werden hofft. Wiſſentlich habe ich kein Blatt gewählt, das für Le - bende verletzend ſein könnte; daß nicht jeder Tadel als ſolcher es ſein müſſe, verſteht ſich von ſelbſt. Die nicht ausgeſpro - chenen Namen wolle man nicht deßhalb immer auf lebende oder ſehr bekannte Perſonen beziehen; das Errathen würde zu - weilen um des Gegentheils willen ſchwer ſein; öfters iſt auch die Beſcheidenheit der Andeutung gar nicht auf Verhüllung abgeſehn. In Betreff Rahels ſelbſt glaubte ich ihre eigne Wahrheitsliebe und Aufrichtigkeit zur Richtſchnur nehmen zu müſſen; ſie hat aus ihrem Leben und ihren Anſichten und Empfindungen nie ein Geheimniß gemacht, und in keinem Fall anders ſcheinen wollen, als ſie wirklich war; auch kann ſie in der That bei allen Edeln und Unbefangenen nur ge - winnen, je vollſtändiger der Grund ihres Innern erkannt wird, der den Begegniſſen und Aufgaben des Lebens ein ſo fruchtbarer Boden ſein mußte. Der Mangel der Vollſtändig - keit in dieſen Darlegungen könnte das einzige ſein, was die Mittheilungen vereinzelter Bekenntniſſe für jetzt noch bedenk - lich machen dürfte, wenn in dem Sinn und Geiſte derer, welche hier nicht nur als geneigte, ſondern auch als vertraute Leſer gedacht werden, nicht die ſicherſte Gewähr der Beruhi - gung läge.

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Dem gewünſchten Bericht über die letzten Zeiten und den ſeligen Heimgang meiner geliebten Rahel habe ich einige Blätter vorangehen laſſen, welche mein früheſtes Begegnen und Bekanntwerden mit ihr in kurzen Zügen ſchildern; ſie gehören einer Reihe von Denkblättern über mein eignes Le - ben an, und lagen ſchon eine längere Zeit fertiggeſchrieben, ohne daß jedoch die theure Freundin, der ſonſt alles unver - züglich mitzutheilen mir Bedürfniß und Gewohnheit war, ſie geleſen hätte. Ich hoffe auch mit dieſen Blättern mir den Dank der Freunde zu verdienen, wiewohl ſie nur ein ſchwa - cher Verſuch ſind, den Eindruck eines Weſens zu ſchildern, welches vollkommen vor Augen zu ſtellen doch jede Schrift und jede Kunſt unzulänglich bleibt, vielmehr das unwieder - bringlich dahingeſchwundene Leben ſelbſt auf die Erde zurück - kehren müßte!

Aus Varnhagen’s Denkwürdigkeiten.

Hier iſt nun auch eines perſönlichen Erſcheinens zu ge - denken, deſſen erſter Eindruck mir in jener Zeit wurde. Eines Abends, da ich den zum Thee Verſammelten nus Wieland einiges vorlas, wurde Beſuch gemeldet, und bei dem Namen entſtand ſogleich die Art von Bewegung, welche ſich der Er - wartung von Ungewöhnlichem und Günſtigem verknüpft. Es war Rahel Levin oder Robert, denn auch den letztern Na - men führte ſie ſchon damals. Oft ſchon hatte ich ſie nennen5 hören, von den verſchiedenſten Seiten her, und immer mit einem ſo beſondern Reize der Bezeichnung, daß ich mir dabei nur das außerordentlichſte, mit keinem andern zu vergleichende Weſen denken mußte. Was von ihr inſonderheit Graf Lippe und Frau von Boye mir geſagt, deutete auf ein energiſches Zuſammenſein von Geiſt und Natur in urſprünglichſter, rein - ſter Kraft und Form. Auch wenn man einigen Tadel gegen ſie verſuchte, mußte ich im Gegentheil oft das größte Lob daraus nehmen. Man hatte von einer grade jetzt waltenden Leidenſchaft viel geſprochen, die, nach den Erzählungen, an Größe und Erhebung und Unglück alles von Dichtern Beſun - gene übertraf. Ich ſah in geſpannter Aufregung, den Andern zum Lächeln, dem nahen Eintritt der Angekündigten entge - gen. Es erſchien eine leichte, graziöſe Geſtalt, klein aber kräf - tig von Wuchs, von zarten und vollen Gliedern, Fuß und Hand auffallend klein; das Antlitz, von reichem, ſchwarzen Haar umfloſſen, verkündigte geiſtiges Übergewicht, die ſchnel - len und doch feſten dunkeln Blicke ließen zweifeln, ob ſie mehr gäben oder aufnähmen, ein leidender Ausdruck lieh den klaren Geſichtszügen eine ſanfte Anmuth. Sie bewegte ſich in dunkler Kleidung faſt ſchattenartig, aber frei und ſicher, und ihre Begrüßung war ſo bequem als gütig. Was mich aber am überraſchendſten traf, war die klangvolle, weiche, aus der innerſten Seele herauftönende Stimme, und das wunder - barſte Sprechen, das mir noch vorgekommen war. In leich - ten, anſpruchsloſen Äußerungen der eigenthümlichſten Geiſtes - art und Laune verbanden ſich Naivetät und Witz, Schärfe und Lieblichkeit, und allem war zugleich eine tiefe Wahrheit6 wie von Eiſen eingegoſſen, ſo daß auch der Stärkſte gleich fühlte, an dem von ihr Ausgeſprochenen nicht ſo leicht etwas umbiegen oder abbrechen zu können. Eine wohlthätige Wärme menſchlicher Güte und Theilnahme ließ hinwieder auch den Geringſten gern an dieſer Gegenwart ſich erfreuen. Doch kam dies alles nur wie ſchnelle Sonnenblicke hervor, zum völ - ligen Entfalten und Verweilen war diesmal kein Raum. Kleine Neckereien mit Graf Lippe, der kürzlich bei ihr nicht war angenommen worden, und deßhalb böſe thun wollte, er - ſchöpften ſich bald; der ganze Beſuch war überhaupt nur kurz - und ich wüßte mich eigentlich keines beſtimmten Wortes zu erinnern, in welchem etwas ausgeprägt Geiſtreiches, Paradoxes oder Schlagendes ſich zur Bewahrung dargeboten hätte, aber die unwiderſtehliche Einwirkung des ganzen Weſens empfand ich tief, und blieb davon ſo erfüllt, daß ich nach der baldigen Entfernung des merkwürdigen Beſuchs einzig von ihm reden und ihm nachſinnen mußte, Man ſcherzte darüber, und weil der Scherz faſt verdrießlich wurde, ſo trotzt ich ihm deſto eif - riger durch Niederſchreiben eines Gedichts, das den empfange - nen Eindruck begeiſtert ſchildern wollte, und das ich die Drei - ſtigkeit hatte, eben weil man ſie mir bezweifelte, am andern Tage vrrſiegelt abzuſchicken, ohne daß ich weiterhin etwas von der Sache gehört, oder ihr nachgefragt hätte, Rahel Levin ſelbſt wiederzuſehen, war mir darauf Jahre lang nicht beſchieden. Ihr Namen aber blieb mir als ein ungeſchwäch - ter Zauber in der Seele, nur ahndete ich auf keine Weiſe, daß mit jenem frühen Begegnen und jenen vorlauten Zeilen ein erſter Ring gefügt worden, an welchem viele folgende ſich7 einſt anreihen und die entſcheidenſte Wendung und die dau - erndſte Vereinigung meines Lebens geknüpft ſein ſollte.

Unter den mancherlei Perſonen, die wir in dieſem Kreiſe oft beziehungsreich nennen oder ſchildern hörten, waren die angeſehenſten Männer und die merkwürdigſten Frauen, mit welchen jedes edle Intereſſe unſrer Bildung ſich verknüpft fand. Kein Name jedoch war vielfältiger und bedeutender genannt, als der von Rahel Levin; das Verlangen, ſie ken - nen zu lernen, wurde deßhalb oftmals rege. Die Dame des Hauſes, wo wir zuſammen kamen, ſprach von ihr immer als von etwas Einzigem, Unvergleichbaren, und wenn auch in das ſtrömende Lob hin und wieder einiger Tadel einfloß, z. B. daß zuweilen mehr Bedacht auf äußern Schein und mehr Einklang, wenn auch nur verſtellter, mit der gewöhnli - chen Welt zu wünſchen wäre, ſo hatte ſie es doch in keiner Weiſe hehl, daß ſie vor ihr ſonſt in jeder weſentlichen Be - ziehung ſich beuge und ihr unterordne. Wenn eine Frau, die ſelber ſo gebildet, ſo kenntnißreich, ſo fein und ſittig vor un - ſern Augen ſtand, daß ſie uns für alles Frauenweſen faſt ein höchſtes Muſter zu ſein ſchien, in ſolcher Weiſe von einer an - dern ſprach, und ſie unbedingt über jede Vergleichung erhob, ſo war das freilich ſehr auffallend, und Harſcher insbeſondere drang darauf, jene möchte ihre Freundin einmal mit uns zu - ſammen einladen, wo er denn doch die Vergleichung zu Gun - ſten der erſtern ausfallen zu ſehen im voraus entſchloſſen war,8 und dies offen genug bekannte. Der Beſuch wurde verabredet, Rahel erſchien, aber nur auf eine Stunde, da ſie nicht ganz wohl war, und alſo wenig dazu geſtimmt, den etwas befan - genen Zuſchnitt der kleinen Geſellſchaft abzuändern. Harſcher gewann ihr keine Aufmerkſamkeit ab, und als S. kam, und gkeich erfreut und ermuntert ſich neben ſie ſetzte, und mit ihr in lebhaftes Geſpräch einging, wurde jede andre Anknüpfung unmöglich. Wir waren nicht wenig erſtaunt, ſowohl im Scherzen als im Ernſte S. nur in zweiter Rolle zu ſehen, indem er willig jede Unterordnung anzunehmen ſchien, und wirklich ein paarmal wie geſchlagen verſtummte, oder doch gar ſehr zu kurz kam. Als nach raſchem Verlauf eines ſelt - ſamen Geſprächs ihr Wagen ihr gemeldet wurde, und ſie mit dem Verſprechen künftigen längeren Beſuches ſich wegbegab, bot S. mit Beeiferung ſich zum Begleiter an, brachte ſie zu ihrem Wagen, und konnte, als er zurückgekehrt war, ihres Rühmens kein Ende finden; mehr aber, als die Worte, zeugte ſeine Stimmung für den guten Eindruck, denn ſie blieb aufge - weckt und gekräftigt für den ganzen Abend. Für uns war das ein doppeltes Phänomen, wir hatten ihn noch niemals unter - geordnet, und ſeit langer Zeit nicht ſo belebt geſehen. Die Dame des Hauſes ſuchte vergebens bei Harſcher den Dank für ihre bereitwillige Veranſtaltung, er war mißvergnügt, daß al - les gleichſam nur für S. geweſen, und dann verſchwunden war, ihn ärgerte ſogar deſſen fortdauernde Munterkeit, und gern hätte er die ganze Erſcheinung verneint oder verkleinert, deren Übergewicht er doch zu fühlen genöthigt, und deren vollen Werth zu ahnden er gewiß fähig war. Ich theilte ſeine Miß -9 empfindung, allein in ganz anderm Bezuge, denn ich wünſchte ſehnlich, mit dieſem wunderbaren Weſen näher bekannt zu werden, gegen welches die andern ſo ſchnell verblaßten, und ſchon ſah ich insgeheim mich mit ihm einverſtandener und zu - ſammengehöriger, als mit allen dieſen.

Unter den Zuhörern Fichte’s, der ſeine Reden an die deutſche Nation damals hielt, fand ich Ludwig Robert, mit dem ich die faſt abgebrochene Bekanntſchaft erneuerte, auch ſeine Schweſter Rahel ſah ich mit ihm regelmäßig eintreffen, und ich widmete ihrer anziehenden Erſcheinung die lebhafteſte Aufmerkſamkeit, wobei doch ein ſo nah und leicht unter ſol - chen Umſtänden ſich ereignendes Anknüpfen des Geſprächs diesmal durch Eigenſinn des Zufalls unterbleiben ſollte.

In dieſer Stimmung, ſo vorbereitet, ſo empfänglich, reif und bedürftig in Geiſt und Gemüth für neuen Reiz und neuen Troſt, begegnete ich eines Nachmittags in noch ſchneeigem Frühligswetter unter den Linden Rahel; ihre Begleiterin war mir wohlbekannt, ich redete dieſe an, und indem ich eine Strecke mitging, ergab ſich, ſo unbefangen als erwünſcht, auch ein Ge - ſpräch mit Rahel ſelbſt. Ich fand mich außerordentlich angezo - gen, und bot all meinen Witz auf, um die ſchöne Gelegenheit nicht ungenutzt vergehen zu laſſen; ich wußte unter andern eines10 ihrer eigenthümlich ausdrucksvollen Worte, das auf Umwegen bis zu mir gelangt war, mit Bedeutung ſo hinzuwerfen, daß darin halb eine ſchmeichelhafte Aufmerkſamkeit, halb ein nek - kender Angriff lag. Sie bemerkte beides, ſah mich durchdrin - gend an, gleichſam mein Unterſtehen an mir ſelber abzumeſ - ſen, und erwiederte dann, ſie könne es wohl vertragen, daß man ſie citire, aber nicht füglich zugeben, daß es falſch ge - ſchehe; ſie hatte in der That einiges in der Äußerung, welche als die ihrige gegeben war, zu berichtigen. Ich entſchuldigte mich, daß ich die Ächtheit deſſen, was ich leider ſo weit von ſeinem Urſprunge nach Gunſt des Zufalls auffangen müſſe, nicht verbürgen könne, und die Folge meiner artigen Wen - dung war der Rath, mich lieber ſelbſt bei der Quelle ſolcher Äußerungen einzufinden. Gleich in den nächſten Tagen machte ich von dieſer Erlaubniß den erſehnten Gebrauch. Rahel wohnte damals in der Jägerſtraße, der Seehandlung ſchräg gegenüber, in Obhut und Fürſorge der trefflichen Mutter, de - ren altwürdiges und reichliches Hausweſen den ſchönſten ge - ſelligen Verhältniſſen von jeher offen ſtand. Zuweilen hatte ich, um Ludwig Robert zu beſuchen, dieſe Wohnung betreten; mit wie aufgeregten Erwartungen und Geſinnungen, und zu welch andern Geiſteseinflüſſen, betrat ich ſie jetzt!

In einzelnen Menſchen, oder in einer Gemeinſamkeit zuſammengehöriger, und einander ſich ergänzender und über - tragender Perſönlichkeiten, war mir ſchon einigemal das Heil widerfahren, mich durch das bloße Lebensbegegniß, ohne müh - ſames Streben und Verdienſt, ohne Pein der Allmähligkeit, ſondern im Schwunge des vollen Glückes, und gleichſam11 durch Einen Ruck, auf ein erhöhtes Lebensfeld verſetzt zu ſehen, wo ſchon die Luft, die ich athmete, die Sinneseindrücke, die mir zukamen, das lebendige Spiel der umgebenden Ele - mente, mir ein neues Daſein erſchloſſen und mich einer neuen Bildung theilhaft machten, wo dann weiterhin wohl Eifer und Mühe folgerecht und nachhaltig mitwirkten, und den Gewinn ordnen und bewahren konnten, ihn ſelbſt aber nim - mermehr hervorzubringen vermocht hätten. Solcher geſteiger - ten Lebensſtufen zählte ich bis dahin hauptſächlich drei, das erſte Andringen allgemeinen geiſtigen Lebens im Beginn mei - ner Studien zu Berlin, das Freiwerden eines ſich ſelbſt be - ſtimmenden und lebensthätigen Daſtehens, und die kräftigende Weihe der akademiſchen Herrlichkeit zu Halle. Jetzt kam, acht Jahre nach jener erſten, die vierte Stufe hinzu, durch das Bekanntwerden mit Rahel; ein Wiederaufnehmen, ein Zuſam - menfaſſen und ein Abſchließen aller früheren, ja der ganzen Erlebungsweiſe, denn wie viel Neues, Großes und Uner - wartetes auch ferner mir in einem wechſelvollen Leben be - gegnet iſt, wie mancherlei Gutes und Liebes ſich mir ent - wickelt und angeeignet hat, ſo iſt doch in dieſen vierundzwan - zig Jahren, die ich ſeit jenem Zeitpunkte zähle, mir kein Begegniß, keine innere noch äußere Lebenserfahrung mir wie - dergekehrt, die ich jener genannten anreihen, und mit ihr und den vorhergegangenen in gleichen Werth ſtellen könnte. So iſt mir noch heute*)Geſchrieben im Sommer 1832. Rahel das Neueſte und Friſcheſte mei - nes ganzen Lebens, und indem ich aufzeichnen will, von wel -12 chen Umſtänden und Stimmungen unſer beginnendes Ver - hältniß begleitet war, darf ich den warmen und zarten Hauch jener ſchönen Tage in meiner Vorſtellung nicht erſt künſtlich hervorrufen, denn ich fühle ihn und freue mich ſeiner noch wie damals, aber zu fürchten hab ich gleichwohl, daß meine Schilderung ſich durch die Bekümmerniß verdüſtert, welche, während ich dieſes ſchreibe, meiner Seele in vielfacher Sorge um die geliebte, von ſtürmiſchen Leiden hart befallene Freun - din angſtvoll auferlegt iſt! Welch tröſtlichſter Rückblick wird hier zum ſchmerzlichſten gewandelt!

Ich darf hier keine Schilderung meiner geliebten Rahel verſuchen; ſie ganz zu kennen und zu würdigen, kann ich niemanden zumuthen, der nicht in anhaltender Fortdauer und in allen Beziehungen ihr vertrauter Lebensgenoſſe war; denn ſelbſt ihre Briefe, wie reich und eigenthümlich auch die Quel - len ihres Geiſtes und Gemüthes dort ſprudeln, geben nur ein unvollkommenes Bild von ihrem Weſen, deſſen Hauptſache grade die urſprüngliche, unmittelbare Lebendigkeit iſt, wo alles ganz anders ausſieht, leuchtet und ſchattet, erregt und fortreißt, begütigt und verſöhnt, als irgend Bericht oder Dar - ſtellung wiederzugeben vermag. Ich will nur unternehmen, in kurzen Zügen den Eindruck zu bezeichnen, welchen dies Weſen damals auf mich machte.

Zuvörderſt kann ich ſagen, daß ich in ihrer Gegenwart das volle Gefühl hatte, einen ächten Menſchen, dies herrliche Gottesgeſchöpf in ſeinem reinſten und vollſtändigſten Typus vor Augen zu haben, überall Natur und Geiſt in friſchem Wechſelhauche, überall organiſches Gebild, zuckende Faſer,13 mitlebender Zuſammenhang für die ganze Natur, überall ori - ginale und naive Geiſtes - und Sinnesäußerungen, großartig durch Unſchuld und durch Klugheit, und dabei in Worten wie in Handlungen die raſcheſte, gewandteſte, zutreffendſte Gegenwart. Dies alles war durchwärmt von der reinſten Güte, der ſchönſten, ſtets regen und thätigen Menſchenliebe, der lebhafteſten Theilnahme für fremdes Wohl und Weh. Die Vorzüge menſchlicher Erſcheinung, die mir bisher einzeln begegnet waren, fand ich hier beiſammen, Geiſt und Witz, Tiefſinn und Wahrheitsliebe, Einbildungskraft und Laune, verbunden zu einer Folge von raſchen, leiſen, graziöſen Lebens - bewegungen, welche, gleich Goethe’s Worten, ganz dicht an der Sache ſich halten, ja dieſe ſelber ſind, und mit der ganzen Macht ihres tiefſten Gehaltes augenblicklich wirken. Neben allem Großen und Scharfen quoll aber auch immerfort die weibliche Milde und Anmuth hervor, welche beſonders den Augen und dem edlen Munde den lieblichſten Ausdruck gab, ohne den ſtarken der gewaltigſten Leidenſchaft und des hef - tigſtens Aufwallens zu verhindern.

Ob man ſich in dieſer Miſchung von entgegenſtehenden Gaben und ſtreitigen Elementen, wie ich ſie anzudeuten ver - ſucht habe, ſogleich zurechtfinden wird, bezweifle ich faſt. Mir wenigſtens war es beſchieden, erſt vermittelſt mancher Ungewißheit und manches Irrthums auf die rechte Bahn zu kommen, indem ich nur in Einem auf der Stelle beſtimmt und auf immer feſt war, daß mir der außerordentlichſte und werthvollſte Gegenſtand vor Augen ſei. Irgend ein Vor - urtheil, wie das mißfällige Gerede der Leute aus den ver -14 ſchiedenſten Kreiſen und Standpunkten ſeit ſo langer Zeit mir wohl hätte aufbürden mögen, hatte ich nicht, auch wäre das - ſelbe an ihrer Gegenwart ſogleich zerſchellt; der ſchlichte, na - türliche Empfang, die harmloſe Klarheit und das anſpruchs - loſe Wohlbehagen des anfänglich nur auf Gleichgültigkeiten fallenden Geſprächs, mußten jede mitgebrachte Spannung auf - löſen, und nach und nach erhob ſich dagegen eine neue, die ganz dem Augenblicke ſelber angehörte, und ſchon darin be - gründet lag, daß jedes Wort, rein und lauter wie der friſche Quell aus dem Felſen, auch dem Gleichgültigſten einen Reiz des Lebens, einen Karakter von Wahrheit und Urſprünglich - keit gab, welche durch die bloße Berührung jedes Gewöhnliche zu Ungewöhnlichem verwandelten. Ich empfand auf dieſe Weiſe eine neue Atmoſphäre, die mich wie Poeſie anwehte, und zwar durch das Gegentheil deſſen, was gemeinhin ſo heißt, durch Wirklichkeit anſtatt der Täuſchung, durch Ächtheit an - ſtatt des Scheins. Es konnte jedoch nicht fehlen, daß unſer Geſpräch, dem nach allen Seiten ſo viele Wege vollkommen vorbereitet waren, ſehr bald auf bedeutendere Dinge überging - und endlich ganz in Beziehungen des innern Lebens verweilte, zu welchen Bücher, Perſonen und Verhältniſſe, die jeder von ſeiner Seite kannte, und auch dem andern bekannt wußte, den ergiebigen Stoff nicht mangeln ließen. Wir ſprachen von Friedrich Schlegel, von Tieck, von Frau von Staël, von Goethe, theils in litterariſcher, theils in geſellſchaftlicher Hin - ſicht, und unſre eigne Sinnesweiſe konnte ſich an dieſen be - deutenden Anknüpfungspunkten ſehr gut entfalten und un -15 gewöhnliche Bekenntniſſe mit vieler Freiheit wagen, ohne die Zurückhaltung einer erſten Bekanntſchaft zu überſchreiten.

Nicht gar zu lange waren wir allein geblieben, ſo fand ſich andre Geſellſchaft ein. Die Geſellſchaft war un - gemein belebt, in größter Freiheit und Behaglichkeit; jeder gab ſich als das, was er ſein konnte; es war kein Grund noch Hoffnung des Gelingens, hier einen Schein zu heucheln; die Unbefangenheit und gute Laune Rahels, ihr Geiſt der Wahrheit und des Geltenlaſſens, walteten ungeſtört; alles ging leicht und harmlos dahin; jeder zu herbe Ernſt wurde von Witz und Scherz aufgefangen, die ihrerſeits wieder, bevor ſie ausarten konnten, von Wahrheit und Verſtand er - griffen wurden, und ſo blieb alles belebt zugleich und ge - mäßigt; ein wiederholter Anflug von Muſik, wozu das offne Fortepiano einlud, Rahel war ſinnvolle Kennerin und in früherer Zeit fertige Meiſterin, vollendete das Ganze, und man trennte ſich noch bei guter Zeit, in erhöhter und klarer Stimmung, die ich für mich allein dann unter dem reinen Sternenhimmel noch eine Weile nachgenoß, indem ich ver - gebens in meinen bisherigen Erinnerungen einen ähnlichen Abend ſuchte.

Wenige Tage nur ließ meine Ungeduld einem wieder - holten Beſuche vorangehen, und ſchon mit dieſem wuchs das Vertrauen ſo ſchnell, daß ich nun täglich zu kommen mich berechtigt hielt. Ich war begierig, dieſe neuen Anſchauungen zu verfolgen, dieſen eigenthümlichen Wahrheiten und groß - artigen Aufſchlüſſen, welche ſich mit jedem Schritte glänzender vor mir ausbreiteten, noch näher zu treten, und dieſe neuen,16 von Einſicht durchſtrömten Empfindungen zu genießen, deren ich gewahr wurde. Unendlich reizend und fruchtbar war dieſe Erſtlingszeit eines begeiſterten Umganges, in welchem auch ich die beſten Güter zum Tauſche brachte, die ich beſaß, und in - ſofern kaum geringere, als ich empfing. Hier fand ich das Wunder anzuſtaunen, daß Rahel, in gleichem Maße, als Andre ſich zu verſtellen ſuchen, ihr wahres Innere zu enthüllen ſtrebte, von ihren Begegniſſen, Leiden, Wünſchen und Erwar - tungen, mochten ihr dieſelben auch zum Nachtheil auszulegen ſein, ja ihr ſelber als Gebrechen und Fehl erſcheinen, mit eben ſolcher Unbefangenheit und tiefen Wahrheit ſprach, als hätte ſie nur Günſtiges und Schmeichelhaftes anzuführen, ſich nur der ſchönſten Glückesfülle zu rühmen gehabt. Dieſe Aufrich - tigkeit, derengleichen ich nie in einem andern Menſchen wieder - geſehen habe, und deren ſogar J. J. Rouſſeau nur in ſchrift - licher Mittheilung fähig geweſen zu ſein ſcheint, konnte mich ſogar einigermaßen bedenklich und irre machen, indem oft ſcharfe Härten aus den leidenſchaftlichen Bekenntniſſen hervor - ſprühten, und in dem Erlebten, wie in dem darüber Gedachten ein eignes Element aufwogte, das als gewaltſam und ſcho - nungslos leicht Mißempfindungen weckte, beſonders wenn man vorausſetzte, daß, nach der gewöhnlichen Weiſe, auch hier neben dem Ausgeſprochenen noch Verſchwiegenes im Hinter - grunde liege. Dies war aber hier der Fall keineswegs; Rahel ſagte in Betreff ihrer ſelbſt rückſichtslos die ganze Wahrheit, und würde auch die beſchämendſte und nach - theiligſte, wäre eine ſolche vorhanden geweſen, demjenigen nicht verhehlt haben, der im Bezeigen edlen Vertrauens undein -17einſichtiger Theilnahme ſie darum befragt hätte. Sie glaubte, indem ſie wahr ſei, niemals ſich etwas zu vergeben, noch durch Verſchweigen etwas zu gewinnen, und ein ſolches höch - ſtes, ausgleichendes, verſöhnendes Intereſſe für die Mitthei - lung der Wahrheit, welches ſie empfand, ſetzte ſie für deren Würdigung auch bei Andern ſtets, wiewohl leider meiſt fälſch - lich, immer aufs neue voraus. Ich ſah nun Rahel nach und nach in ihrem ganzen Lebens - und Umgangskreiſe. Hier mußte mir nun ſofort ein unermeßlicher Abſtand klar werden, der zwiſchen ihr und ihrer Umgebung lag. Sie ſtand in der Mitte eines großen Kreiſes gänzlich allein; nicht verſtanden, nicht anerkannt, nicht gehegt, nicht geliebt, wie ſie es be - durfte und verdiente, ſondern gleichgültig außer Acht gelaſſen, oder auch eigenſüchtig benutzt und mißbraucht, wenn die Ge - legenheit ſich anbot; ihre außerordentlichen Gaben, ſofern ſie als Thatſachen auch äußerlich hervortraten, konnte man ihr nicht abſprechen, eigenthümliche Denk - und Sinnesart, Ge - müthskraft, Geiſt, Witz und Laune mußte man ihr zugeſtehen, aber leicht glaubten die Andern davon wenigſtens ebenſoviel zu haben, und noch dazu die größere Beſonnenheit und Ruhe, wofür ſie ſich die nüchterne Selbſtſucht und theilnahmsloſe Mattigkeit anrechneten. Mit dem, was Rahel ihnen groß - müthig lieh und als Almoſen ſpendete, glaubten ſie ihr über - legen zu ſein. Von der Flamme edler Begeiſterung, von dem Triebe menſchlich-reinen Mitgefühls, von dem heiligen Dienſte der Wahrheit, welche Rahels Inneres erfüllten, ihre Eigen - ſchaften beſeelten und bewegten, von dieſem innern Weſen wußten die Meiſten nichts. Sie ſelbſt aber ſetzte alles, wasI 218in ihr war, bei Allen voraus, nahm jeden Funken von Gabe und Willen, von Sinn und Leiſten, mit höchſter Anerkennung, mit entzückter Güte auf, und konnte es nicht begreifen, wenn die weitern Äußerungen und Handlungen dann mit dem ſo günſtig Gedeuteten nur allzu bald nicht mehr übereinſtimmen wollten. Aus dieſem Gegenſatz und Irrthum entſtanden na - türlich viele Unrichtigkeiten und Nachtheile, deren Folgen ſich ſpäterhin traurig genug darſtellten; die Sache ſelbſt aber war mir ſchon damals deutlich, und ich wollte mein Einſehen nicht einmal ſehr verhehlen. Ich glaubte Iphigenien unter den Barbaren in Tauris aufzufinden, und fühlte mich nun um ſo ſtärker zu ihr hingezogen, als ich mir bewußt war, ihr einen Erſatz anbieten zu können, ihr eine Gebühr darbringen zu dürfen, die ihr nur allzu oft verſagt wurde.

Unſer Vertrauen wuchs mit jedem Tage. Gar zu gern theilte ich alles mit, was ich als wichtigſten und daher auch in mancher Art geheimſten Ertrag meines bisherigen Lebens wußte, und dem ich keine edlere Stätte finden konnte, keine, wo ein ſo lebhafter, einſichtsvoller und wahrheitfriſcher Sinn ihm entgegengekommen wäre. Weit entfernt, Billigung für alles zu finden, vernahm ich manchen Tadel, und andres Miß - fallen konnt ich auch unausgeſprochen errathen; nur fühlte ich wohl, daß die Theilnahme für mich dabei nicht litt, ſon - dern eher wuchs, und bei dieſem Gewinn konnte mir alles Übrige nichts anhaben. Auch wurde ich mir ſelbſt gleichſam entrückt in der gewaltigen Anziehung der außerordentlichen Gebilde, welche zum Austauſche ſich vor mir ausbreiteten. Mir war vergönnt, in das reichſte Leben zu blicken, wie nur19 der Mund der Wahrheit und die Hand der Darſtellung das - ſelbe aus der nahen Vergangenheit herauf zu beſchwören ver - mochten. Das Leben war reich in ſeinen äußern Verhältniſſen, unendlich reicher aber durch ſeinen innern Gehalt, dem jene ſich gänzlich unterordneten. Prinz Louis Ferdinand, der ge - niale, heldiſche Menſch, den ſein hoher Standpunkt leider mehr für ſeine Fehler, als für ſeine großen und ſchönen Eigen - ſchaften, begünſtigte, hatte hier ſeine reinſten Empfindungen, ſein innigſtes Streben und Denken, ſeine edelſten Erhebungen, im Genuß einer geiſtesregen gemüthvollen Freundſchaft ge - nährt, einer Freundſchaft, deren ſtarkem Vertrauen ebenſo ſein politiſches Sinnen wie ſeine verliebte Leidenſchaft und jede Wendung des bedrängten Geiſtes und Herzens ſich erſchließen durfte, des Antheils gewiß, wie ſonſt nur die mitergriffene Neigung ihn hervorzubringen pflegt. Männer, wie Gentz und Friedrich Schlegel und beide Humboldt, waren dieſem Kreiſe beeifert zugethan, bald um Blüthen und Früchte von daher zu ſammeln, bald um deren zu bringen, und immer ihren beſten Beifall hier zu finden. Graf Tilly, Guſtav von Brinckmann, Hans Genelli, von Burgsdorf, Major von Gual - tieri, Ludwig und Friedrich Tieck, Graf Caſa-Valencia, Fürſt Reuß, Navarro, und ſo viele andre Diplomaten, Militairs, Gelehrten und Künſtler, hatten ſich eingefunden, und mit höherem Sinn und erregtem Bedürfniß geiſtigen Behagens ſich angeſchloſſen und einheimiſch gemacht. Von ausgezeich - neten Frauen wären viele zu nennen, aus den verſchiedenſten Lebensſphären, doch ſämmtlich darin gleich, daß kein ſchein - ſamer und müſſiger, ſondern irgend ein ächter und wahrer2 *20Bezug dem Verhältniſſe zum Grunde lag. Eine herrliche Bildergalerie, durch welche ich unter lebenſprühenden Erklä - rungen geleitet wurde! Die Bilder nämlich allein waren noch gegenwärtig, der Kreis ſelber jetzt durch die Zeitverhältniſſe völlig aufgelöſt, nachdem ſchon die einzelnen Menſchengeſchicke durch Tod, Entfernung und andre Wandelbarkeit die dichten Reihen gelockert hatten.

Aber nicht nur dieſe reiche Sammlung bedeutender Bild - niſſe wurde mir gezeigt, ſondern noch ein andrer Schatz auf - geſchloſſen, der das antheilvolle Gemüth ungleich ſtärker an - ſprach. Rahel gehörte zu den ſeltenen Weſen, denen die Natur und das Geſchick die Gabe zu lieben nicht verſagt hatten. Was dazu gehörte, was daraus entſtehen mußte, wenn die Weihe der höchſten Empfindung dieſen Geiſt und dieſen Sinn vereinend ergriff, ſie emporzuheben, ſie zu zer - ſchmettern, das konnte ein Dichtungskundiger ahnden; doch übertrafen die Einblicke, die mir wurden, alles was ich zu ahnden fähig geweſen war. Die Gluth der Leidenſchaft hatte hier überſchwänglich die edelſte Nahrung gefunden und auf - gezehrt; andres Leid und andrer Untergang erſchien dagegen gering und kaum noch mitleidswerth. Die Briefe und Tage - blätter, welche mir aus einziger Gunſt des Vertrauens zum Leſen gegeben wurden, enthielten eine Lebensfülle, an welche das, was von Goethe und Rouſſeau in dieſer Art bekannt iſt, nur ſelten hinanreicht; ſo mögen die Briefe an Frau von Houdetot geweſen ſein, deren Rouſſeau ſelbſt als unvergleich - bar mit allem andern erwähnt, ein ſolches Feuer der Wirk - lichkeit mag auch in ihnen gebrannt haben! Dieſe Papiere,21 nachdem ſie lange in meiner Verwahrung geweſen, ſind leider im Jahre 1813 verloren und wahrſcheinlich vernichtet worden, bis auf wenige, die kein genügendes Bild geben. Es ſcheint, als ſolle dergleichen nicht zum litterariſchen Denkmal werden, ſondern heimgehen mit den Perſonen, denen es unmittelbar gehörte. Nächte lang ſaß ich über dieſen Blättern, ich lernte kennen, wovon ich früher keinen Begriff gehabt, oder vielmehr, was in meiner Ahndung geſchlummert, wurde mir zur wachen Anſchauung. Nur das dünkte mich ein Traum, daß ich zu dieſen Schriften gekommen war, und an ſolchem Daſein ſo nahen Antheil gewann.

Die Fülle und Kraft perſönlicher Lebensentwicklung wa - ren mit der Schönheit und Erhebung dichteriſchen und philo - ſophiſchen Geiſtlebens in engem Bündniſſe, ſie bewegten ſich beiderſeits in bezugvoller Übereinſtimmung. Schon ſehr früh, weit früher, als irgend eine litterariſche Meinung der Art ſich gebildet hatte, war Rahel von Goethe’s Außerordentlichkeit getroffen, von der Macht ſeines Genius eingenommen und bezaubert worden, hatte ihn über jede Vergleichung hinaus - geſtellt, ihn für den höchſten, den einzigen Dichter erklärt, ihn als ihren Gewährsmann und Beſtätiger in allen Einſich - ten und Urtheilen des Lebens enthuſiaſtiſch angeprieſen. Jetzt erſcheint das ſehr leicht und natürlich, und niemand will Goe - the’s hohes Hervorragen verneinen, denn ſogar im Bemühen ſie einzuſchränken giebt man die Bejahung zu, allein damals, wo der künftige Heros noch in der Menge der Schriftſteller mitging, und an Rang und Ruhm ganz Andre weit voran - ſtanden, wo die Nation über den Gehalt und ſogar über die22 Form der geiſtigen Erzeugniſſe noch ſehr im Trüben urtheilte, und meiſt an kleinlichen Nebenſachen und äußerlichen Über - einkommniſſen hing, damals war es kein Geringes, mit ge - ſundem Sinn und Herzen aus dem Gewirr von Täuſchungen und Überſchätzungen ſogleich das Ächte und Wahre heraus - zufühlen und mit freiem Muthe zu bekennen. Die Liebe und Verehrung für Goethe war durch Rahel im Kreiſe ihrer Freunde längſt zu einer Art von Kultus gediehen, nach allen Seiten ſein leuchtendes, bekräftigendes Wort eingeſchlagen, ſein Name zur höchſten Beglaubigung geweiht, ehe die beiden Schlegel und ihre Anhänger, ſchon berührt und ergriffen von jenem Kultus, dieſe Richtung in der Litteratur feſtzuſtellen unter - nahmen. Gedenkenswerth erſcheint es, daß, während dieſe Männer ihre Anbetung doch nicht ohne einige Abſicht auf Ertrag und Lohn ausübten, Rahel ihrerſeits dabei mit völli - gem Selbſtvergeſſen verfuhr; ſie hatte Goethe’n im Karlsbade perſönlich kennen gelernt, und er mit Aufmerkſamkeit und Antheil ihres Umgangs gepflogen, wie auch noch ſpäterhin deſſelben mit Hochſchätzung gedacht, ohne daß ſie im gering - ſten eine Verbindung feſtgehalten, einen Briefwechſel veran - laßt hätte, im Gegentheil, ſie erwähnte wenig der Perſon, deſto beeiferter aber des Genius, und nicht die zufällige Be - kanntſchaft, ſondern die weſentliche, die das Leſen ſeiner Schriften gab, genoß und zeigte ſie mit Stolz und Freude. In der Philoſophie ſtand ihr gleicherweiſe der edle Fichte voran, für deſſen Geiſteskarakter ſie ſtets in gleicher Vereh - rung blieb, wenn auch ſein Geiſtesgehalt bei weitem nicht alles abſchloß, was ihr Gedankenflug forderte oder geſtalten23 mochte. Friedrich Schlegel, Novalis, Schleiermacher, ja ſelbſt Schelling und Steffens, waren ihr theils perſönlich, theils den Schriften nach bekannt und werth. In der Muſik waren ihre Lieblinge Gluck, Mozart und Righini; die italiäniſche Schule im Geſang, und nebenher auch im Tanze, allem andern vor - ausgeltend. Und damit dem Schätzen und Lieben auch der Gegenſatz des Mißachtens und Verwerfens nicht fehlte, ſo waren ihr eben ſo früh und ſo entſchieden, wie jene im Gu - ten, die damals beliebten Bühnenherrſcher Kotzebue und Iff - land im Schlechten bemerkt, lange vorher, ehe noch die zum Bewußtſein erwachende litterariſche Kritik ihre muthigen An - griffe gegen dieſe Götzen der Menge gerichtet hatte. Na - mentlich klagte ſie, daß Iffland, abgerechnet ſein großes per - ſönliches Talent, das doch dem ächten Genius eines Fleck nicht zu vergleichen war, durch ſein wachſendes Anſehen und Einwirken die Bühne und Schauſpielkunſt in Berlin auf weithinaus zu Grunde richte, in’s Gemeine und Manierirte hinabziehe, und der leitenden Behörde, wie ſelbſt dem Publi - kum, die falſcheſten Maximen und Urtheile einflöße und ver - härte. Dieſe Polemik hat Wurzel gefaßt, und ſich in der Folge durch namhafte Autoritäten ausgebreitet, doch lange nicht ſo ſehr, daß nicht noch heutiges Tages das Verdienſt der richtigen Vorausſetzung durch vielfältigen Augenſchein lei - der bewährt ſtünde.

Ich war nicht ſobald in dieſen neuen Lebensſtrom ein - gegangen, als ich ſchon eilte, auch meinen Freunden eifrigen Bericht zu geben, ihnen Schritt für Schritt den neuen Ge - winn aufzuzeigen, und ihnen alles zu gönnen, was ſie davon24 ſich anzueignen Fähigkeit und Neigung haben möchten. Sie ließen anfangs manchen Zweifel und Unglauben ſpielen, der mich ſcherzend verwirren ſollte, mußten aber bald den Ernſt meiner Überzeugung erkennen, und ſich zuletzt der durch hun - dert unabweisliche Zeugniſſe ſprechenden Geiſtesmacht beugen. Eine Freundin war verwundert und wollte nicht begreifen, wie Rahel und ich uns auf die Dauer verſtehen könnten, meinte jedoch lächelnd, intereſſant und original würde ich nach - her nicht leicht eine Frau mehr finden. Ein hartnäckiger Wi - derſacher blieb mir Harſcher, wiewohl ich grade ihm die ein - dringlichſten und häufigſten Mittheilungen machte. Er war ſehr fähig anzuerkennen und zu bewundern, und zeigte ſich oft ganz hingeriſſen von tiefen und reichen Einzelnheiten, die ich ihm berichtete, ſo daß er die Andern ſchalt und beſchämte, welche bei ihm Tadel und Widerſpruch gehofft hatten, und es gab wohl Fälle, wo er ſtaunend ausrief: Hier iſt alle Tiefe der Schleiermacher’ſchen Ethik, was ſag ich? hier iſt mehr als Schleiermacher, denn hier iſt die Wiſſenſchaft in Form des Lebens ſelbſt! Doch dergleichen Entflammung dauerte nicht lange, ſondern gab unvermerkt wieder einem Mißwollen und einer Übellaune Raum, welche tief in ſeinem Gemüthe lagen, und gegen ein ſo freies und geſundes Weſen, wie ſich in Rahel darſtellte, um ſo bitterer ausbrachen, als dies mit ſeinem krankhaften und zerknitterten im hellſten Gegenſatze war. Er konnte etwas ſo Selbſtſtändiges, aus dem Ganzen Lebendes, und, ohne Kunſt und Anſtrengung, Wahrheit und Schönheit Produzirendes ſchlechterdings nicht vertragen, ja eine Art Neid und Eiferſucht ergriff ihn, und er wandte al -25 les an, um mich von dem neuen Verhältniſſe wieder abzu - ziehen. Er ſelbſt folgte mir zwar zu Rahel, erfuhr die lieb - reichſte Aufnahme, genoß der belebendſten Geſpräche, und konnte des Staunens und Betrachtens kein Ende finden; al - lein grade das verdroß ihn wieder, er wollte ſich nicht über - boten ſehen, und blieb wieder weg, weil er den Zauber, wie er ſagte, nicht wollte Herr über ſich werden laſſen. Seine ernſtlichen Erörterungen aber, ſeine ſpöttiſchen Launen, und was er ſonſt verſuchte, nichts hatte diesmal die geringſte Ge - walt auf mich, er ſah es ſelber ein, und ließ mich meiner Wege gehen, zufrieden, daß ich neben der neuen Hinneigung auch unſrem alten Verhältniſſe nach wie vor die treuſte Be - fliſſenheit widmete, und mich nach dieſer Seite ebenſowenig wie nach jener irre machen ließ.

Rahel bezog im Laufe des Sommers eine ländliche Wohnung in Charlottenburg, und ich ließ mir angelegen ſein, ſie dort ſo oft als möglich zu beſuchen. Meine Arbeiten drängte ich zuſammen auf den früheren Theil des Tages, meinen ſon - ſtigen Umgang ſchränkte ich mehr und mehr ein, und wenn der Nachmittag mir noch nicht frei wurde, ſo ließ ich ſelbſt den dunkelnden Abend mich nicht abhalten, die Stunde Weges zu Wagen oder zu Fuß eilig zu durchmeſſen, um den meiſt drangvollen Tag in der labendſten Erholung zu beſchließen. Die größere Einſamkeit, in welcher ich die Freundin hier ſah, gab unſerm Geſpräch und ganzen Zuſammenſein einen freieren Gang und reicheren Ertrag; der heimliche Schattenplatz vor der Thüre des kleinen Hauſes in der abgelegenen Schloßſtraße, die kühlen Spaziergänge, in den duftenden Gartenwegen,26 durch die breiten bäumereichen Straßen des damals überaus ſtillen Ortes, längs des Ufers der Spree und über die Brücke, dieſe Reize der Örtlichkeit, oft noch erhöht durch die Pracht des Mond - und Sternenhimmels, ſind mir in der Erinnerung unauflöslich verwebt mit den erhebendſten Geiſtesflügen und den zarteſten Schwingungen des erregten Gemüths, welches denn doch zugleich leidenſchaftlichen Spannungen und geſelli - gem Widerſtreite genugſam eröffnet blieb, und daher von ſen - timentaler Verweichlichung gar nicht bedroht war.

Theils mit ſich ſelber als mächtiger Gegenwart erfüllt, theils zur unbeſtimmten Zukunft gewaltſam hinausſtrebend, war die ſchöne Sommerzeit verfloſſen, und während der Fe - rien mußten die Entſcheidungen ausgeführt werden, welche wir gefaßt hatten. Jemehr der Zeitpunkt der Trennung heran - nahte, deſto inniger fühlten Rahel und ich den Werth und das Glück unſrer Verbindung. Wir ſuchten den Schmerz durch Geiſtesſtärke zu verſcheuchen, aber mitten in aller Freu - digkeit, daß wir noch zuſammen ein Glück empfanden, dem auch die Trennung ſein Weſen laſſen mußte, überſchlich uns die trauervollſte Wehmuth. Es ſchien Thorheit, Wahnſinn, daß wir uns trennten, und doch blieben die gefaßten Vorſätze unverändert, und durchaus einwilligend ſtimmte Rahel mir bei. Wir hatten den Muth, uns zu trennen, geſtärkt durch die Kraft des Zuſammenſeins. Meine Lebensentwicklung war noch unvollſtändig ſogar in ihren Umriſſen, deren Geſtalt ſich abſchließen, ſich nach vielen Seiten über viele Lücken hin er - gänzen mußte. Wie hätte ich bleiben ſollen, in welcher Stel - lung, in welcher Richtung? Der ſtrebenden Thätigkeit hätte27 kein Glück mich entſagen laſſen, im ruhigen Genuſſe weicher Tage wäre ich nur unglücklicher geweſen. Ich mußte fort, um als ein Andrer wiederzukommen, und mußte immer wieder fort, bis nach genugſamen Kämpfen und Stürmen das innere Leben ſich zu dem äußern in gehöriges Verhältniß gebracht hatte. Ich fühlte dieſe unwiderſtehliche Nothwendig - keit, ohne derſelben klar bewußt zu ſein, und alle entgegenge - ſetzten Verſuche mußten mißlingen, bis die rechte Zeit gekom - men war. Der gewonnene Schatz aber blieb mir fortan ge - wiß, der Wechſel des Lebens und die Vielgeſtalt der Welt vermochten über ihn nichts; auch wußten wir beide dies mit ſtärkſter Gewißheit, und in der hiedurch gewährten Herzens - freudigkeit erſchien ſelbſt die Trennung nur als Nebenſache, die ſich nur jetzt nicht ändern ließe, künftig aber unfehlbar weichen werde. Bis zuletzt nahmen zerſtreuende Thätigkeiten uns in An - ſpruch. Als die Tage des Scheidens nun wirklich eintraten, ich mir vorſtellen mußte, daß ich dieſe Augen bald nicht mehr ſe - hen, dieſe Hand nicht mehr küſſen, dieſe Stimme nicht mehr hören ſollte, da mußt ich gleichwohl verzagen, und das nahe Bild der verlaſſen zurückbleibenden Freundin brachte mich zur Verzweif - lung, aus der nur die Gelübde des Wiederſehens ſich um ſo ſtärker emporhoben, und einigen Troſt gewährten.

Ich war damals vierundzwanzig Jahr alt, Rahel um mehr als die Hälfte dieſer Jahre älter, und dieſer Umſtand, welcher unſre ganze Lebensſtellung weit auseinander zu rücken ſchien, hätte dies vielleicht wirklich vermocht, wäre er in ſich28 ſelber wahr geweſen. Allein er beſtand nur als Zufälliges, und war in allem Weſentlichen aufgehoben und vernichtet. Dieſes edle Leben, dem ſchon ſo mannigfache Weltanſchauung geworden, ein ſo großer Reichthum von Glücks - und Leidens - looſen zugetheilt geweſen, dieſes Leben erſchien unzerſtörbar jung und kräftig, nicht nur von Seiten des mächtigen Gei - ſtes, der in freier Höhe über den Tageswogen ſchwebte, ſon - dern auch das Herz, die Sinne, die Adern, das ganze leibliche Daſein, waren wie in friſche Klarheit getaucht, und die reinſte, erquickendſte Gegenwart ſtand herrſchend mitteninne zwiſchen erfüllter Vergangenheit und hoffnungsreicher Zukunft. Eine dauernde Vereinigung mußte uns jedoch damals noch verſagt ſein. Meine Univerſitätsjahre waren noch nicht abgelaufen, der Verſuch in das bürgerliche Leben einzutreten durfte nicht unterbleiben, und kaum an der Schwelle von dieſem ſah ich mich durch innere Unruhe und den Drang der Zeiten zu dem mannigfachſten Wechſel der Verhältniſſe fortgeriſſen. Zwei - maliger Kriegsdienſt, Reiſen, Zerſtreuung in glänzender Welt, Lockungen des Ehrgeizes, Neigungen und Mißverſtändniſſe, zu welchen die langwierige Entfernung Anlaß geben wollte, nichts konnte jemals in meinem Innern das feſte Band berüh - ren, das mich mit Rahel verknüpft hielt, die tiefe Überzeu - gung, daß ich mein Lebensglück gefunden wiſſe, erſchüttern, und das unermüdete Hinſtreben zu dieſem Ziel auch nur einen Augenblick ſchwächen. Sechs Jahre vergingen auf dieſe Weiſe, nur unterbrochen durch kurze Zeiten des Wiederſehens, in wel - chen die Vorſätze und Hoffnungen ſich neu beſtärkten. End - lich, nach erfolgtem Umſchwunge der allgemeinen Verhältniſſe,29 nach erlangtem Sieg und Frieden des deutſchen Vaterlandes, von Paris, wo ich ſchwer krank gelegen, unter glücklichen Zei - chen heimkehrend, konnte ich aller Hemmungen frei, die ge - liebte Freundin in Böhmen wiederfinden, den ſchönſten Som - mer mit ihr verleben, und darauf in Berlin, am 27. Septem - ber 1814, mein Lebensloos für immer dem ihren anſchließen.

Die neunzehnjährige Zeit unſres ſodann wenig unter - brochenen, zu ſtets erneutem Bewußtſein des Glückes erhobe - nen und an innerer Entwicklung reichen Zuſammenlebens zu ſchildern, darf ich vielleicht in ſpäterer Zeit, wenn die Fort - ſetzung der begonnenen Denkſchriften mich wieder anziehen kann, mit geſtärkten Kräften zu unternehmen hoffen. Hier liegt mir nur noch ob, den viel zu frühen Ausgang dieſer entſchwundenen Zeit zu betrachten, und von den letzten Krank - heits - und Gemüthszuſtänden der dahingeſchiedenen Freundin näheren Bericht zu geben.

Rahels Organiſation war von der Natur kräftig und ſtark angelegt, dieſer Anlage jedoch im Beginne ſchon auch widerſprochen worden. Die Mutter brachte, nach vielen zu frühzeitigen Niederkunften, ſie als das erſte lebende Kind zur Welt, welches aber ſo klein und zart war, und ſo ſchwach ſchien, daß man daſſelbe in Baumwolle gehüllt eine Zeit lang in einer Schachtel aufbewahrte.

Die Kinderjahre vergingen unter vielerlei Krankheitslei - den, welche vielleicht durch zweckmäßige Behandlung und an - gemeſſene Lebenseinrichtung damals zu beſeitigen geweſen -30 ren, aber unter entgegengeſetzten Umſtänden ſich befeſtigten, und die Grundlage vieler ſpäteren Krankheiten wurden. Eine außerordentlich frühe Entwickelung der Gemüths - und Geiſtes - kräfte begleitete den raſchen Gang der körperlichen Ausbil - dung. Die reizbarſten Nerven, die feinſte Empfindlichkeit für alle Verhältniſſe der Luft und des Wetters, die leiſeſte und ſchärfſte Thätigkeit der Sinne, die erregbarſte Theilnahme des Herzens, alles wirkte vereint, um dieſe Organiſation den un - berechenbarſten Einflüſſen zu überliefern, mit welchen ſie fort - während zu ringen hatte.

Dennoch erhob ſich unter allem Widerſtreite der Umſtände eine im Ganzen kräftige und geſunde Jugend. Dieſelben Gaben, welche empfänglich machten, wirkten auch lebhaft zu - rück; die geiſtige Lebenskraft war überall ſo ſtärkend gegen - wärtig, daß bei ſolcher Hülfe die Natur auch die größten Bürden nur leicht zu tragen ſchien. Einzelne bedeutende Krankheiten, von eigenthümlicher Geſtalt und Heftigkeit, wichen neubelebtem Wohlſein, und die hergeſtellten Kräfte durf - ten getroſt mit neuen Tagereihen neue Schickungen aufnehmen.

Erſt in ſpäteren Jahren, nach vielen Stürmen und Lei - den, die dem feinen und zarten Gewebe dieſes Körpers, in welchem die Seele ſchon immer ſchweſterlich aushalf, aber ihrerſeits eine Stütze nicht wiederfand, endlich vielfache Be - ſchädigung gebracht hatten, mußte die Geſundheit ein Gegen - ſtand ernſtlicher und ununterbrochener Sorgfalt werden; die jedoch durch williges Selbſtvergeſſen, wo es galt für Andre thätig und liebreich zu ſein, ſo wie durch unvermeidliche neue Erſchütterungen, nur allzu oft geſtört wurde.

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In den letzten vier Jahren beſonders erkrankte Rahel mehrmals ernſtlich. Die Herſtellung gelang meiſt nur auf kürzere Zeit. Rheumatiſche und gichtiſche Schmerzen, dann Beklemmungen und krampfhafte Anfälle der Bruſt, bildeten ſich zu ſtehenden Übeln aus, die nur ſelten ganz unterdrückt ſchienen. Die Zwiſchenzeiten des Beſſerbefindens, in welchen ſie mit großer Schnellkraft bis zu einem gewiſſen Grade ſich zu erholen pflegte, wurden nach und nach kürzer, die Erho - lung ſelbſt unvollkommener. Für Andre war noch oft genug die völlige Täuſchung einer wahren Geneſung möglich; ſie ſelbſt auch gab willig den ſchönen Hoffnungen Gehör, die ſich ihr nahten, und mochte gern den guten Augenblick feſthalten, um frohen Muthes aller vergangenen und drohenden Leiden zu vergeſſen, wie ſie denn auch niemals ängſtlichen und düſtern Vorſtellungen über ihren eignen Zuſtand nachhing. Allein ſie kannte dieſen beſſer, als ſie es ſagte, oder als ſie dafür, wenn ſie es ſagte, Glauben fand; denn dieſer gute Willen, dieſe freundliche Regſamkeit, dieſer heitre Eifer, die jeder guten Stunde ſogleich wieder entquollen, mußten immer neue Zuverſicht gewähren. So wie nur eine menſchliche Ge - genwart ſie in Anſpruch nahm, eine Geiſtesregung, ein Ge - müthsantheil ſie ergriff, eine wenn auch noch ſo gering ſchei - nende Beſchäftigung ihr oblag, ein wohlwollendes, oft kaum gefordertes, und vielleicht unerkanntes, aber von ihrem Herzen gebotenes und in der Sache richtiges Leiſten ihr eröffnet war: ſogleich erſchien ſie geſund und ſtark, und ihr inneres Leben bedeckte durch überſtrömende Liebe den zunehmenden Verfall des äußern.

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Die Krankheitsleiden warfen ſich hauptſächlich auf die Nächte, in deren einſamer Stille ſie großentheils verborgen blieben, und in ganzem Umfange nur der treuen Pflegerin Dore bekannt wurden. Heftige Anfälle von Bruſtkrämpfen, welche bei ſchnellſter und wirkſamſter Hülfe doch nur lang - ſam wichen, und immer große Schwäche zurückließen, waren nur die Steigerung eines Zuſtandes, der mehr oder minder ſchon als der gewöhnliche gelten mußte.

Die Aufregungen der Zeit, die Unruhen, welche ausbrachen oder drohten, die furchtbare Krankheit aus dem Orient, die Schreck - bilder, in denen ihr Herannahen angekündigt wurde, die Sor - gen, Theilnahmen und Mühen, welche ihr Erſcheinen auferlegte, endlich die Trennung von dem theuern Bruder Ludwig Robert, der einen entfernten Aufenthalt wählte, um für ſeine Thätig - keit friedliche Ruhe und Muße zu finden, alles dieſes mußte die ſchon vielfach angeſtrengten, und immer auf’s neue nur allzu bereitwilligen Kräfte in übergroße Spannung ſetzen.

Im Sommer 1832 überſtand Rahel unter den größten Leiden eine Krankheit, welche jederzeit als eine mit Lebensge - fahr verbundene erachtet wird, und die zu überſtehen man ihrer ſo anhaltend beſtürmten Organiſation kaum noch zu - traute. Sie überſtand dieſelbe jedoch wunderbar, und die hie - bei ſichtbar gewordene Lebenskraft erſchien uns als ein gün - ſtiges Zeichen, daß ihr noch eine ganze Reihe von Jahren beſtimmt ſein könne. Allein nach einiger Zeit ſchon fanden ſich die alten Krankheitszuſtände wieder ein, und die wirk - liche Schwäche wurde um ſo auffallender, als ſie auf den Anſchein gewonnener Stärke folgte. Große Widerwärtigkei -ten,33ten, deren ihr leicht und tief erregtes Gemüth oft von Andern ungeahndete oder doch unbegriffene zu tragen hatte, der ihr lange verhehlte, aber endlich eröffnete Trauerfall, daß in der Ferne der geliebte Bruder, und nach kurzer Friſt auch deſſen Gattin, unerwartet durch Krankheit dahingerafft worden, die Zerſtörung ſo manches Wunſches und Troſtes: dies alles ver - eint, war ein zu gewaltſamer Angriff, dem ſie nicht meht verhältnißmäßigen Widerſtand entgegenzuſtellen hatte.

Der Winter brachte, wie gewöhnlich, manche Verſchlim - merung, und beſchränkte mehr und mehr die Thätigkeit und den Antheil, den ſie, mehr noch für Andre als für ſich ſelbſt, an den Darbietungen des Tages zu nehmen pflegte. Selte - ner fuhr ſie aus, in das Theater gar nicht mehr, zu Beſuchen nur bei beſonderein Anlaß und als kurze Erſcheinung, die letztenmale, am 20. und 21. Januar, in den Thiergarten, um Luft und Sonne zu genießen. Gar oft mußte ſie auch der gewohnten Geſelligkeit häuslicher Abende entſagen, oder die Unterhaltung abbrechen und ſich zurückziehen, um in ſtiller Ruhe ihre Leiden abzuwarten oder neue Kräfte zu gewinnen. Kehrte ſie dann zurück, ſo wollte ſie des Über - ſtandenen nicht mehr gedenken, nahm das gehemmte Geſpräch heiter wieder auf, und zeigte, wie in den beſten Tagen, den liebenswürdigſten Eifer, in allen Richtungen Gutes und Er - freuliches hervorzurufen.

Wenn ſie nur ihre gewöhnlichen Beſchwerden hatte, ſuchte ſie es mir häufig zu verbergen, und Schmerz und Leid im Stillen für ſich abzumachen. In heftigeren Anfällen aber war das nicht möglich, ſie wünſchte dann auch meinen Bei -I. 334ſtand, und begehrte, man ſollte ihr zureden und ſie tröſten. Doch nur ſelten vermochte man das; ſie ſelbſt vielmehr erhob ſich zu dem höchſten Troſte, ſprach die ſchönſten Empfindungen und reichſten Ahndungen aus, und freute ſich dankbar gegen Gott, daß ſie doch gute Gedanken habe, tröſtliche, erquickende Vorſtellungen, ein offenes Herz, ein reines Vertrauen. So ſagte ſie zu mir eines Morgens, nach einer ſchrecklichen Nacht, mit dem ſo eindringenden Ton ihrer liebevollen Stimme: O ich bin doch ganz vergnügt, ich bin ja Gottes Geſchöpf, er weiß von mir, und ich werde ſchon noch einſehen, wie es mir gut und nöthig war, ſo zu leiden; ich ſoll gewiß etwas dadurch lernen, jeder Schmerz wird in der gewonnenen Ein - ſicht zur Freude werden, jedes Leid als Glorie daliegen! Und bin ich nicht ſchon jetzt glücklich in dieſem Vertrauen, und in all der Liebe, die ich habe und finde?

Ihre häusliche Geſelligkeit war ſchon längere Zeit auf einen kleinen Kreis erwünſchter Perſonen beſchränkt, der ſo - wohl altbewährte, ſeit zwanzig und dreißig Jahren ihr un - verändert gebliebene Freunde, als auch jüngere und noch ganz neue Bekanntſchaften umfaßte. Sie wußte den verſchieden - artigſten Eigenſchaften einen ſchicklichen Spielraum, jedem richtigen Anſpruch eine billige Befriedigung zu verſchaffen, und auch für ſich ſelbſt jederzeit eine ſolche zu gewinnen. Alles Ächte, Gute und Liebliche, das ihr begegnete, war ihr gleich ein Entzücken. So war es ein tiefer und froher Ein - druck, den ſie noch in den letzten Wochen durch die Bekannt - ſchaft mit einer edlen und liebenswürdigen Dame empfing, in welcher ſie beſtätigt fand, was ſchon der Namen ihr ver -35 heißen hatte; dann darf ich des innigen Glückes gedenken, welches ſie eines Abends genoß, da die theure Schwägerin Erneſtine Robert nicht ermüdete, mit ſeelenvoller Stimme ihr die ſchönſten Geſänge vorzutragen, nicht ahndend, daß dies die letzte Freude ſolcher Art ſein würde, deren die leidenſchaft - liche Muſikfreundin hier genießen ſollte! Rahel durfte noch öftere Wiederholung dieſes Genuſſes hoffen, ſie war noch thä - tig, dieſe zu beſprechen, zu bereiten. Allein grade in dieſer Zeit griffen die Krankheitsbeſchwerden ſtärker und ſtärker in ihre Tage und Stunden ein, und ſie mußte mit Betrübniß ſich eingeſtehen, daß ſie immer weniger Verfügung darüber habe, immer andaurender von ihren Leiden abhängig werde.

Rahel fühlte wohl, daß ihre Lage ſich nicht günſtig ver - änderte. Die Schranken der Arzneikunde waren ihr nur zu wohl bekannt, als daß ſie hätte von daher unbedingt Hülfe erwarten wollen; in früheren Zeiten hatten berühmte Ärzte viel bei ihr verſehen, ſich gröblich geirrt, und wenn ihr dieſe Beſorgniß jetzt auch fern lag, und ſie in entſcheidenden Au - genblicken nie Mangel an Vertrauen zeigte, ſo mußte ſie doch das Gefühl, welches ſie von ihrer Krankheit hatte, mit den Äußerungen, welche ſie darüber vernahm, in weitem Abſtande finden. Sie mochte kaum noch auf Heilung rechnen. Aber Zeiten der Erholung, längere, wiederholte Friſten, und ſelbſt Jahre eines ſolchen Wechſels, durften ihr zuweilen möglich ſcheinen, und ſie hörte nicht ſelten in dieſem Sinne die be - ſtimmteſten Hoffnungen ausſprechen. Beſcheidene Plane, die ſie mit einer lieben Freundin für den Sommer lange voraus als angenehme Heimlichkeit verabredet hatte, ſchwebten er -3 *36freuend vor ihrer Seele, und es machte ihr Vergnügen, in vertraulichen Augenblicken davon zu ſprechen, wobei ſie doch zugleich mit Ergebung alles den Umſtänden unterwerfen wollte. Allein auch Vorſtellungen ganz andrer Art, beſchäftigten ſie, und meiſtentheils war ihr Gemüth zu geiſtigen Richtungen hingewandt.

Zu allen Zeiten, in der Jugend wie im Alter, in ganz geſunden, wie in kranken Tagen, waren die höchſten Aufgaben des Menſchen, die Thatſachen der geiſtigen Welt, und die Empfindungen und Ahndungen eines hohen Zuſammenhanges, für Rahel die liebſten Gegenſtände der Betrachtung, der immer wiederkehrende Inhalt des Geſprächs. In Heiterkeit und mit Laune, wie mit Ernſt und in Erhebung, ſprach ſie oft vom Tode, auch dem eignen, den ſie nicht fürchtete, ſondern mit faſt neugieriger Forſchung anzuſchauen pflegte. Bei täglichen Anläſſen, in unerwarteten Ausbrüchen, heißen Gebeten, und tiefen, eigenthümlichen Gedankenblitzen, zeigte ſich ihr gott - ergebener, ſtarker Sinn nach dieſer Richtung offen und frei hingewandt. Wir waren es gewohnt, Gegenſtände und Be - ziehungen dieſer Art täglich und ſtündlich von ihr angeregt und erörtert zu ſehen. Allein wir mußten zu dieſer Zeit bald gewahr werden, daß die Richtung zu dem Unſichtbaren in Rahel nicht nur entſchiedener vorwaltete, ſondern auch in ih - ren Äußerungen eine durchaus erhöhte, perſönlichere Bedeu - tung empfing.

In ſolcher Weiſe ſprach ſie eines Tages unter andern mit heitrer Innigkeit von einem ſchönen Traum, der ihr von Kindheit an tröſtlich geweſen. In meinem ſiebenten Jahre , ſagte ſie,37 träumte mir einmal, ich ſähe den lieben Gott ganz nahe, er hatte ſich über mir ausgebreitet, und ſein Mantel war der ganze Himmel; auf einer Ecke dieſes Mantels durfte ich ruhen, und lag in beglücktem Frieden zum Entſchlummern da. Seit - dem kehrte mir dieſer Traum durch mein ganzes Leben immer wieder, und in den ſchlimmſten Zeiten war mir dieſelbe Vor - ſtellung auch im Wachen gegenwärtig, und ein himmliſcher Troſt: ich durfte mich zu den Füßen Gottes auf eine Ecke ſeines Mantels legen, und da jeder Sorge frei werden; er erlaubte es. Wie oft noch in der Folge hörte ich ſie dann mit dem ihr ganz eigenen, rührenden Stimmenlaute bei und nach den angſtvollſten Leiden vertrauend ſagen: Ich lege mich auf Gottes Mantel, er erlaubt es. Wenn ich auch leide, ich bin doch glücklich, Gott iſt ja bei mir, ich bin in ſeiner Hand, und er weiß alles am beſten, was mir gut iſt, und warum es ſo ſein muß! Die erhabenſten Gedanken und die lieblichſten Kindervorſtellungen waren ihr von jeher in gleichem Maße angehörig und mit einander verknüpft.

Auch in Betreff naher und ferner Perſonen zeigten Rahels Äußerungen eine erhöhte Innigkeit, jedes liebreiche und herz - liche Verhältniß wurde ihr angelegener, jedes herbe und widrige entrückter oder milder. Verſöhnung lag in ihr zu allen Zeiten ſchon immer für alles Geſchehene bereit, ihr guter Wille war ſchon begnügt, wenn nur der Andre ſein Unrecht zu vergeſſen ſchien; jetzt wollte ſie für alles und jedes wechſelſeitige Ver - zeihung ausgeſprochen wiſſen. Beſtätigt und geſegnet aber ſollte ihr jedes Wahre und Gute ſein, und ſie verhehlte es nicht, daß jedes ächte Gebild ihres Lebens, jede wahre und38 tiefe Verknüpfung mit geliebten Menſchen, ihr die Andeutung und Bürgſchaft eines hier nicht auszuforſchenden, weſentliche - ren Zuſammenhanges ſei.

Sie hatte mitten in ihren Leiden auf dieſe Weiſe glück - liche Stunden, in den beſſern Zwiſchenräumen auch fortwäh - rend die freudigſten Geiſtesgenüſſe. Die Sprüche von Ange - lus Sileſius waren ihr faſt immer zur Hand; in Fichte’s Staatslehre ſuchte ſie manches ihr Wichtige, z. B. über den Karakter der Franzoſen, zu nochmaligem Betrachten wieder auf; in Wilhelm Meiſters Wanderjahren las ſie hin und wie - der mit ernſtem Nachdenken, und ſchrieb noch einige Bemer - kungen darüber; daneben erfreute ſich ihr antheilvoller Sinn auch an den wohlgeſchriebenen Theaterberichten der franzöſi - ſchen Zeitungen, ſo wie an manchen andern Aufſätzen der Ta - gesblätter, wie ſie denn von jeher für jedes Talent der ſchö - nen, gediegenen und treffenden Darſtellung eine leidenſchaft - liche Bewunderung hatte. Ein paarmal fügte es ſich, daß ich ihr, was ſie ſonſt nicht liebte noch vertragen konnte, man - ches vorlas, kürzere Sachen von Goethe, auch aus Angelus Sileſius, was ſie in wahre Freudigkeit, ja in Entzücken ver - ſetzte, und ſie drückte ihre Befriedigung beſonders auch dar - über aus, daß ſie alles dies auf ſolche Weiſe von mir jetzt höre, und ſich unſrer Gemeinſchaft und Einigkeit dabei ſo innig bewußt ſein könne.

In dieſer Zeit war der Herzog von Lucca nach Berlin gekommen, und mit ihm ſein Leibarzt. Dr. von Necher, dem in der homöopathiſchen Heilkunſt die glücklichſten Erfolge zu - geſchrieben wurden. Eine verehrte Freundin, ſo ausgezeichnet39 durch Geiſt wie durch wohlwollenden Eifer, drang in Rahel, dieſe Gelegenheit nicht zu verſäumen, und den trefflichen, menſchenfreundlichen, ganz uneigennützig jedem Hülfeſuchenden zugänglichen Arzt über ihre Krankheit zu Rath zu ziehen, oder wenigſtens ſeine Bekanntſchaft zu machen. Nach einigen Erörterungen wurde vorläufig nur das letztere feſtgeſtellt, und mittlerweile der Werth der neuen Heilmethode, ſo wie das Vertrauen, welches ſie fordern dürfe, mannigfach beſprochen.

Am 16ten Februar empfing Rahel den erſten Beſuch des Dr. von Necher, welchen Frau von Arnim (geb. Bren - tano) bei ihr einführte. Seine Perſönlichkeit machte einen durchaus vortheilhaften Eindruck, der ſich durch ſeine Reden und ſein Benehmen mit jedem Augenblick verſtärkte. Seine lebhafte Theilnahme, ſeine umſichtigen Fragen, ſein kluges Beobachten, und die feſte Beſtimmtheit deſſen, was er ſagte, waren dem Gemüth eben ſo wohlthätig, als ſie dem Geiſte Vertrauen einflößten. Nach anderthalbſtündigem Geſpräch war die Kranke aus eigenem Antriebe ſchon ganz entſchieden, unter der Leitung dieſes Arztes die neue Heilart zu verſuchen. Weil jedoch die Wirkung der bisher genommenen Arzneien erſt ganz aufgehört haben ſollte, bevor die homöopathiſchen Mittel gebraucht würden, ſo mußte der Beginn der Kur noch um fünf Tage aufgeſchoben bleiben; nur wurden die nach den Grundſätzen der Homöopathie nicht zuläſſigen Nahrungs - und Reizmittel ſchon jetzt ſorgfältig entfernt.

Der Arzt hatte die Kranke in günſtigen Augenblicken ge - ſehen, ſie war angeregt, freudig faſt, und in ihrem Vertrauen daher um ſo raſcher und kräftiger; auch gab er in der That40 anfangs gute Hoffnung, nicht zwar eines völligen Geneſens, aber doch eines zu gewinnenden Zuſtandes bedeutender Linde - rung, in welchem noch eine ganze Reihe guter Jahre hinge - hen könnten. In den folgenden Tagen, bei wiederholtem For - ſchen und Prüfen, mußte dieſe Hoffnung freilich um vieles herabgeſetzt werden, doch wurde ſie im Ganzen nicht aufgege - ben, und ſpäterhin, bei erneuten günſtigen Zeichen, ſogar wieder erhöht. Dr. von Necher kam nun täglich, und mei - ſtens mehr als Einmal, wobei das Vertrauen zu ſeiner Hülfe, ſo wie der gute Eindruck ſeiner Gegenwart nur immer zu - nahmen. Da jedoch ſeine Anweſenheit in Berlin von unge - wiſſer Dauer war, ſo brachte er ſchon jetzt auch den hieſigen homöopathiſchen Arzt, Dr. Stüler, mit, der die angefangene Kur weiterhin fortſetzen ſollte.

Die neue Lebensordnung wurde für Rahel dadurch be - ſchwerlich und hart, daß alle gewohnten Reize und Erquickun - gen, welche ihren ſelten ganz ruhenden Leiden eine wenn auch nur vorübergehende Linderung oder Ablenkung zu bewirken pflegten, jetzt unterſagt waren. In Vertrauen und Geduld fügte ſie ſich dieſen Entbehrungen aller Art, empfand ſie aber ſchmerzlich, und es war uns oft jammervoll, ſie den Wunſch nach irgend einem gewohnten Labſal, zugleich ſelbſt aber auch deſſen Verneinung ausſprechen zu hören. Als nach begonne - ner Kur eine allgemeine Aufregung der Beſchwerden eintrat, und dieſe zum Theil auch den genommenen Mitteln zuzu - ſchreiben ſchien, wurde jene Entbehrung nur noch peinlicher, und die Kranke konnte dann, in ihrer geängſteten Unruhe, für die kein linderndes Eingreifen Statt fand, zuweilen den41 mißmuthigen Seufzer nicht unterdrücken, daß ſie dieſe Kur, wenn man ihr deren harten Verlauf vorausgeſagt hätte, ſchwerlich würde unternommen haben. Ihr Vertrauen zu dem Arzte und ſeiner eifrigen Bemühung blieb indeß unerſchüttert daſſelbe, und ſie betrauerte nur ſein damals befürchtetes baldi - ges Fortreiſen.

Die Nächte waren ſchlimm; ſie wurden meiſt ſchlaflos und oft unter großen Beängſtigungen und harten Anfällen hingebracht, und dieſe Leiden gingen auch ſchon mehr und mehr in die Tagesſtunden über. Rahel fühlte ſich ernſtlich krank und im Innerſten gebeugt; ſie ſagte einmal insgeheim zu Doro, die ihr vom Sommer ſprach: Ach, wenn du wüß - teſt, was ich denke! ich denke, ich komme nicht über den März hinaus. Allein in andern Augenblicken faßte ſie doch wieder Muth, dachte mit Vergnügen an die kommende beſſere Jahreszeit, nahm ſich zuſammen, war in alter Weiſe thätig und theilnehmend, ordnete mit gewohnter Pünktlichkeit und arbeitſamem Fleiß wirthſchaftliche Rechnungen, ſorgte mit Überlegung und Vorausſicht für Nothleidende, die ſie als ihr zugewieſene anſehen wollte, und war wie immer liebevoll be - dacht, mehreren Perſonen ihres näheren Bereichs Angenehmes und Gefälliges zu erweiſen, ihnen kleine Geſchenke zu berei - ten, freundliche Mittheilungen zu machen, wie es grade der Sinn oder die Umſtände fügten.

Am 1. März hatte ſie zum zweitenmal homöopathiſche Arznei empfangen, und den Tag ſehr unruhig, unter wechſeln - den Leiden hingebracht. In der Nacht zum 2. ſteigerten42 ſich dieſe zu einem ſo furchtbaren Bruſtkrampfe, wie bisher noch keiner geweſen war. Sie glaubte zu ſterben, und litt einige Stunden lang ganz unſäglich. Doch unter dem ſorg - ſamen Beiſtande des herbeigeholten Dr. Stüler gewann ſie nach und nach etwas Linderung, der Anfall wich, und es blieb ein Zuſtand übrig, der zwar noch immer Aufregung zeigte, aber endlich doch eine Lage zum Ruhen und ſogar, wiewohl bei fortdauernd angeſtrengtem Athemholen, einigen Schlaf erlaubte.

Die folgenden Tage und Nächte rangen mit vielem Un - gemach; die Spannung ſtieg nicht, minderte ſich aber auch nicht genug; eine leidliche Lage, die ſich nach vielen Mühen auf Augenblicke gewinnen ließ, wurde nur allzuſchnell wieder durch Beklemmungen geſtört. Die Kräfte verhielten ſich da - bei noch über Erwarten gut; wir ſprachen ihr wiederholt un - ſer tröſtendes Erſtaunen aus, wie viel ihre urſprünglich ſtarke Natur auszuhalten vermöge, und wie ſchnell ihr Körper, gleich dem Gemüth, wieder in alter Faſſung ſei, ſobald ihm nur ein Augenblick dazu freigegeben werde. Sie ſtimmte wohl in dieſe Meinung ein, aber ſah deßhalb ihren Zuſtand für nicht weniger bedenklich an, und fürchtete beſonders die Wie - derkehr des Anfalls, deſſen ſchreckliche Angſt und Qual ihr ſchaudervoll im Sinne lag.

Die liebevollen Worte, die ſie während dieſer Zeit im - mer an uns richtete, die troſtreichen Rückblicke, welche ſie auf die Vergangenheit warf, und die gerührten Erhebungen, in denen ihr[tiefſtes] Herz aufwogte, vermag ich nicht im Ein -43 zelnen zu wiederholen. Wir genoſſen in dieſer trüben Zeit Stunden des reinſten Entzückens, der innigſten Verſtändigung, und fühlten die volle Gewißheit eines unzerſtörbar begründe - ten, wechſelſeitigen Angehörens. Merkwürdig ſind auch die folgenden Worte, die ich gleich am 2. März, unmittelbar und genau, wie ſie von Rahel geſprochen waren, mir auf - ſchreiben mußte: Welche Geſchichte! rief ſie mit tie - fer Bewegung aus, eine aus Ägypten und Paläſtina Geflüchtete bin ich hier, und finde Hülfe, Liebe und Pflege von euch! Dir, lieber Auguſt, war ich zugeſandt, durch dieſe Führung Gottes, und du mir! Mit erhabenem Entzücken denk ich an dieſen meinen Urſprung und dieſen ganzen Zu - ſammenhang des Geſchickes, durch welches die älteſten Erin - nerungen des Menſchengeſchlechts mit der neueſten Lage der Dinge, die weiteſten Zeit - und Raumfernen verbunden ſind. Was ſo lange Zeit meines Lebens mir die größte Schmach, das herbſte Leid und Unglück war, eine Jüdin geboren zu ſein, um keinen Preis möcht ich das jetzt miſſen. Wird es mir nicht eben ſo mit dieſen Krankheitsleiden gehen, werd ich einſt nicht eben ſo mich freudig an ihnen erheben, ſie um kei - nen Preis miſſen wollen? O lieber Auguſt, welche tröſtliche Einſicht, welch bedeutendes Gleichniß! Auf dieſem Wege wol - len wir fortgehen! Und darauf ſagte ſie unter vielen Thrä - nen: Lieber Auguſt, mein Herz iſt im Innerſten erquickt; ich habe an Jeſus gedacht, und über ſein Leiden geweint; ich habe gefühlt, zum erſtenmal es ſo gefühlt, daß er mein Bru - der iſt. Und Maria, was hat die gelitten! Sie ſah den ge -44 liebten Sohn leiden, und erlag nicht, ſie ſtand am Kreuze! Das hätte ich nicht gekonnt, ſo ſtark wäre ich nicht geweſen. Verzeihe mir es Gott, ich bekenne es, wie ſchwach ich bin.

Am 5. März war in keiner Hinſicht eine Verſchlimme - rung merkbar; im Gegentheil, es zeigte ſich auf Rücken und Schultern ein Ausſchlag, demjenigen ähnlich, durch den ſchon in früheren Jahren ein gefahrvoller Zuſtand ſich zum glück - lichen Ausgange gewendet hatte. Wir konnten neue Hoffnung faſſen, der Arzt bezeigte ſeine große Zufriedenheit, Rahel - chelte freundlich ob den guten Verheißungen, ſie fand das Le - ben wünſchenswerth, und ohne die höheren Gedankenreihen, in denen ſie ergeben und getroſt weilte, zu verlaſſen, wandte ſie von daher den Blick auch mit Liebe den nächſten Darbie - tungen des Tages zu. Ein ſchöner Fliederbaum, den ihr im vorigen Sommer die von ihr ſehr geliebte Gräfin von Yorck geſchenkt hatte, trieb unerwartet in dieſen Tagen junge Knos - pen; man brachte ihn vor das Bette der Kranken, die ihn tiefathmend und entzückt betrachtete, und das zarte Grün wie - derholt küßte; das erſte für ſie und das letzte dieſes neuen Frühjahrs! Ihre Sanftmuth und Hingebung in dieſen Tagen war unausſprechlich. Wir wollen einander alles verzeihen, ſagte ſie mehrmals, und: Wir ſchleppen einander wechſel - ſeitig mit, ihr mich, ich euch; ferner: Im Himmel ſehen wir uns Alle wieder. Als Dore einmal von ihr ſprach, und dabei die gewöhnliche Benennung gnädige Frau anwandte, rief ſie wohlbehaglich, und als ob ſie ſich von einer Laſt be - freite: Ach was! es hat ſich aus gegnädigefraut! nennt mich45 Rahel. Sie ſprach dies nicht in dem Sinn eines nahen Ab - ſchiedes, ſondern in dem eines Aufgebens von Schein und Tand, wie ihr auch für das Weiterleben zu Muthe ſei und bleiben ſolle. Eine ſolche erhöhte Stimmung zeigte ſich über - haupt in der faſt wehmüthigen Herzlichkeit, welche ſie ihren Nächſten und den Freunden bewies, deren Beſuch ſie empfing. Die Gegenwart ihres jüngſten und nur noch einzigen Bruders Moritz Robert, den ſie immer beſonders geliebt hatte, war ihr jedesmal ein erquickender Troſt; um ihn aufzumuntern, ver - ſicherte ſie ihm freundlich, es gehe ihr gar nicht ſchlecht, und wenn er ſie vorwärts niedergebeugt ſitzend fände, ſo ſei das bloß, weil es ihr ſo für den Augenblick bequem ſei; ſie könne ſich recht wohl grade halten, aber habe nur jetzt keinen Grund es zu thun. Auch erfreute ſie der Anblick des lieben Nichten - Kindes Eliſe, das noch auf Augenblicke zum Beſuch an ihr Bette kam. Theure Freunde und Freundinnen nahten ihr grüßend und heilwünſchend, unter dieſen noch am Abend der Fürſt und die Fürſtin von Carolath, die am andern Morgen abreiſen wollten.

Der 6. März kam heran, die Beſchwerden waten groß - die Entbehrung jedes Labſals ungemein peinlich, das Verlan - gen nach Erquickung und Ruhe ſprach ſich in geſteigerten Klagen aus. Die fleißigen Beſuche des Dr. von Necher, der mehrmals im Tage wiederkam, und immer neuen Aufſchub ſeiner Abreiſe verkündigte, erfreuten ſie jedesmal. Sie nahm auch an dieſem Tage noch jeden gewohnten Antheil an allem, was vorging und geſprochen wurde, und die ungeſchwächte46 Belebung ihres Herzens bewies ſich auch in den ſchmerzlichſten Ausrufungen über die Herzogin von Berry, in deren Geſchick ſie nur die Tiefe des Leidens ſehen wollte, zu welchem der Menſch gebeugt werden könne. Sie verlangte alles zu wiſſen, was die Zeitungen von der unglücklichen Fürſtin meldeten, und hörte nicht auf, ſie zu bedauern.

Ein Verſuch aufzuſtehen und einige Schritte im Zimmer zu machen, zeigte noch reichliche Kräfte, und ſie ſelbſt wie auch wir Andern hatten davon einen guten Eindruck. Über - haupt ſtimmten die Verſicherungen der Ärzte, auch nicht-homöo - pathiſcher, ſämmtlich darin überein, daß eine dringende Gefahr jetzt nicht vorhanden, der ganze Zuſtand aber und ſeine fernere Entwicklung dennoch mit größter Beſorgniß zu betrachten ſei. Bald aber wurde bemerkt, daß der Ausſchlag ſich an Umfang und Stärke gemindert zeige; doch ſchien ein freiwillig einge - tretener Schweiß ihn wieder hervorzutreiben, und die Unter - haltung dieſes Schweißes wurde angelegentlich empfohlen. Die Ärzte hatten Rahel zu Mittag beſucht; der Bruder eben - falls, die Schwägerin kam gegen Abend, und auch der Bruder wollte wiederkommen, wurde aber durch die Nachricht abge - halten, es habe ſich nicht verſchlimmert, und man wünſche die Kranke ruhen zu laſſen. Sie fragte einigemal nach ihm, weil er ihr geſagt hatte, daß er noch wiederkommen würde, doch hatte ihre Erwartung, ihn zu ſehen, durchaus nichts Un - gewöhnliches. Mit einem Gruße des Arztes, der neuen Auf - ſchub ſeiner Abreiſe melden ließ, kam noch am ſpäten Abend Frau von Arnim, verweilte einen Augenblick am Fuße von47 Rahels Bette, und wurde von ihr mit den Worten angeredet, ſie komme ſtets als ein minister of heaven, dann aber wie - der mit Dank und Freundlichkeit entlaſſen.

Beim Eintritt der Nacht, und als der Schweiß aufgehört hatte, empfand Rahel ein unwiderſtehliches Bedürfniß, ſich umzukleiden; da ſie es ſich nicht ausreden ließ, ſo geſchah es, aber mit größter Vorſicht. Sie ſelbſt war dabei lebhaft thä - tig, und bezeigte eine außerordentliche Befriedigung, dies er - langt und vollbracht zu haben. Sie fühlte ſich höchſt erquickt, und hoffte nun auch eine Lage zu finden, in der ſie etwas ſchlummern könnte. Sie ſagte mir deßhalb gute Nacht, und hieß mich gleichfalls ſchlafen gehen. Auch Dore ſollte ſich niederlegen und ſchlafen, die aber nicht geneigt war noch Zeit hatte, dieſer Weiſung zu folgen.

Es mochte nach Mitternacht ſein, und ich lag noch wach, als Dore mich rief, ich möchte kommen, es ſei ſehr ſchlimm. Seit dem Augenblicke, daß ich weggegangen war, hatte Rahel, anſtatt die gehoffte Ruhe zu finden, mit ſtets anwachſenden Beſchwerden zu ringen gehabt, die jetzt in völligen Bruſt - krampf übergegangen waren. Ich fand ſie in einem Zuſtande, der wenig geringer ſchien, als der vor ſechs Tagen. Die für ſolchen Fall, den man zwar nicht wahrſcheinlich, aber doch möglich erachtet hatte, dagelaſſenen Mittel wurden eifrig an - gewandt, allein diesmal mit minderem Erfolg. Der ſchreck - liche Kampf dauerte fort, und die theure Leidende, in Dore’s Armen ſich windend, rief mehrmals, der Andrang gegen die Bruſt ſei nicht auszuhalten, es ſtoße ihr das Herz ab; fürch -48 terlich rang dabei das Athemholen. Nachdem ſie geklagt, duß es ihr auch den Kopf angreife, daß ſie darin wie eine Wolke fühle, lehnte ſie ſich zurück; eine Täuſchung, daß Lin - derung eintrete, blitzte nur auf, um für immer zu erlöſchen, die Augen waren gebrochen, der Mund verzogen, die Glieder gelähmt! In dieſem Zuſtande fanden ſie die herbeigerufenen Ärzte; ſie verſuchten ihr noch einige Mittel einzuflößen, allein der Nervenſchlag, der ſie getroffen hatte, machte jede Hülfe vergeblich. Nach anderthalb Stunden bewußtloſen Daliegens, während deſſen nur noch die Bruſt ſich in gewaltſamen Zügen regte, hauchte dies edle Leben den letzten Athem aus. Der Anblick, den ich kniend an ihrem Bette faſt leblos aufnahm, drückte ſich glühend für ewig in mein Herz!

Wir ſtarrten betäubt die entſetzliche Gewißheit an. Das oft genug Befürchtete hatte uns dennoch grauſam überraſcht; nicht in dieſer Woche, nicht an dieſem Tage, ſelbſt in der letzten Stunde noch nicht, hatten wir dieſe Wendung erwarten dürfen, denn bevor der Nervenſchlag hinzutrat, war kein Zei - chen ſchlimmer und bedenklicher, als bei den vor ſechs Tagen erlittenen Zufällen, die denn doch, wenn auch nach hartem Kampfe, wieder nachgelaſſen hatten. So entſchwand uns die Theure ohne Wort und Blick des Abſchieds, aber auch, wir dürfen es hoffen, ohne Gefühl des letzten Kampfes und ohne Bewußtſein des Scheidens!

Eine ſeltne Theilnahme in allen Klaſſen wurde durch die Nachricht dieſes Trauerfalles erregt, in den höchſten wie in den unterſten Kreiſen zeigte ſich tiefes, herzliches Bedauernund49und würdigende Anerkennung. Die edlen Eigenſchaften der unverſiegbaren Güte, des einſichtigen Wohlthuns und eines allgemein erfreuenden Benehmens, wurden auch von den Leu - ten des niedrigſten Standes herzlich geprieſen, denen die reichen Gaben des Geiſtes als ſolche nicht erkennbar ſein konnten. Der weite Kreis der Freunde, der älteſten wie der jüngſten, Alle ſtimmten beeifert in dem klagevollen Bekennt - niß überein, daß ihnen ein reichſtes und bedeutendſtes Le - bensbild, ein höchſtes Ziel, zu welchem ſich Gedanken und Erinnerungen immer neu vertrauend hingezogen fanden, da - hingeſunken ſei.

Die Beſtattung erfolgte am 14. März in einem Grab - gewölbe auf dem Kirchhofe vor dem halliſchen Thore, wo der Prediger Dr. Marheineke das Andenken der Entſchlafenen durch eine würdige und inhaltvolle Rede feierte, und damit die erhabenen Tröſtungen des geiſtlichen Wortes vereinigte.

Eine Frau, die nicht durch Stand und Namen, noch durch Schönheit und glänzende Verhältniſſe, die Blicke der Welt hat auf ſich ziehen, noch durch ſchriftſtelleriſche oder künſtle - riſche Verdienſte berühmt werden können, ſondern einzig durch das unbefangene gleichmäßige Walten einer in ſich ſtets wah - ren, und dabei gütigen und erweckenden Perſönlichkeit, durch ihr einfaches tägliches Leben, auf die umgebende Welt gewirkt, und dabei gleichwohl den Beſten ihrer Zeit gleichgeſtanden, überall ſo tiefen und eigenthümlichen Eindruck gemacht, und eine ſo beharrliche Aufmerkſamkeit und zuneigungsvolle Ach - tung, ja eine ſo allgemeine Wohlgeſinnung erworben, eineI. 450ſolche Frau wird zu allen Zeiten als eine ſeltne und werthe Erſcheinung gelten dürfen.

Mögen die nachfolgenden Blätter durch ihre treuen Züge den Freunden das ganze Lebensbild glücklich erneuen helfen!

K. A. Varnhagen von Enſe.

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An Markus Theodor Robert, in Breslau.

Lieber Markus. Meiner Rechnung nach biſt du mir eine Antwort ſchuldig; ich hätte dir auch nicht geſchrieben, wenn ich dich nicht um etwas bitten, fragen und beſchwören wollte. Donnerstag ſind Papa und Mama hier angekommen. (Bei dieſem Wort bekomme ich deinen Brief. Ich bitte dich noch Einmal, bedenk uns und die Folgen; ſei nur aufmerk - ſamer! ) Ich gab Mama gleich einen Brief, den die Dienstags-Breslauer-Poſt mitgebracht hat, verſteht ſich heim - lich; der Inhalt dieſes Briefs iſt: etwas von unſren Geſchich - ten: und dann eine Klage über dich (genau was es iſt, hat er nicht geſchrieben) und die Bitte, dich zu ermahnen; ſonſt müßt er es Papaen melden. Du kannſt dir denken, was das auf unſre gedrückte Mutter für Eindruck machen muß. Be - queme dich, ich bitte dich um Gottes willen, nur noch eine kurze Zeit: ſoll ich dir ſchreiben, daß ſich Alle bequemen müſ - ſen, und alle die Moral und vernünftige Sachen, die du mir unzähligemal ſelbſt geſagt haſt? und die du wirklich fühlſt, denn ich kenne dich, obgleich du der ganzen Welt dunkel biſt. Verſtand haſt du; und ein gutes Herz auch; an was kann4 *52es dir fehlen. Unſer Zuſtand muß dir nur nicht lebhaft genug mehr ſein; denk dir, wenn Klage an Papa kommt, ob nicht alles Leiden auf Mama zurückkommt: Nun hat er uns alles verſchüttet, ich habe es wohl vorher geſagt, zu allem laſſ ich mich überreden, du biſt an allem ſchuld; ſiehſt du, auf Mama kommt alle Schuld; und noch unzählige Sachen, die du dir nicht denken kannſt die du dir denken mußt. Bedenk nur uns, was wir leiden müſſen: du kannſt es nicht faſſen, denn ich kann es nachher immer nicht nach der Reihe denken; und du willſt dich nicht ein bischen ſchicken. Du wirſt auch ſagen, Mama hat mich hergeſprengt (denn ich kenne deine raſche Art zu denken); wie war es zuletzt bei uns? Du weißt es ſelbſt. Ihre Herzensmeinung war gewiß dabei gut; und hat ſie doch gefehlt,? ſo mußt du es, mußt du es gut machen, durch eine kurze Geduld wieder gut machen. Unſre Mutter iſt ſchwach, ſie hat viel gelitten, muß noch viel leiden, ſtürbe ſie uns, ſo wäre dem Verſtand nach gewiß der Tod auch für uns das Beſte, ich wenigſtens würde ihn wäh - len. Laß dich nicht von meinem Brief ängſtigen, du weißt ich bin etwas ängſtlich. Ich beſchwöre dich, brauch nur deine Vernunft. Fehlet es dir an etwas, mach mich zu deiner Ver - trauten, Geld oder alles andre in der Art ſollſt du haben. Wir können überhaupt glücklich leben, wenn wir hinkommen, und du uns auch Freude machſt. Du haſt ein gutes Herz du haſt das meinige ganz geſehen; und kannſt auch glau - ben, daß ich dich liebe.

Grüß die Gad, Betty und Zadig; mit der Gad haſt du Recht, ich werde ihr ſchreiben: mach die Gad und Betty be -53 kannt, ſie verdienen es beide (die Gad in Ehren), ich kenne ſo ein gewiſſes kleines Vorurtheil . Grüß die Gad nochmahl.

Anmerk. Der frühſte von Rahels Briefen unter den bewahrt ge - bliebenen. Als Sechszehnjährige drückt ſie darin ſchon den Karakter, die Stellung und Stimmung, ſo wie die Wirkungsweiſe ihres ganzen Le - bens aus.

An David Veit, in Göttingen.

So eben hab ich Ihren Brief ausgeleſen.

Wüßt ich nur wieder auch Ihnen was recht Angeneh - mes zu ſchreiben, was Sie auch ſo intereſſirt! Sie glauben gar nicht, wie gern ich mich bedanken möchte! Das Einzige, was ich thun kann, iſt Ihnen gleich zu antworten, damit Sie ſo den ganzen völligen Eindruck ſehen; und das thu ich auch, während daß meine Schwägerin ſich friſiren läßt, denn, iſt die fertig, ſo muß ich daran. Wir fahren zu Bouché, die Hyazinthen ſollen ſchon im Freien blühen. Wiſſen Sie nur, ich weiß recht, was Sie an mir gethan haben, erſtlich das ſchreckliche Anſehen und Beſehen (wovon Sie aber, glau - ben Sie mir, auch Ihren Nutzen haben werden) und das Be - ſchreiben ohne alle Beſchreibung; ich weiß es, glauben Sie mir ich weiß es, wie es unterwegs iſt, jede Minute iſt ver - rückt, alles macht Mühe, die Zeit hätten Sie prächtig anwen - den können, es wird ſo ſchwer, Details zu beſchreiben, wenn man ſie auch noch ſo gut geſehen hat, im Gegentheil, darum nur um ſo viel ſchwerer. Alſo den ganzen Brief, und alles was drin ſteht, haben Sie mir zu Gefallen gethan, gemacht54 und gedacht: bloß mir ein Vergnügen, eine Satisfaktion zu geben. Mehr kann ich nicht thun; ich thu Ihnen wieder einmal ſo was. Denn ich weiß gewiß einmal etwas, das Sie gern wiſſen wollen, und kann es gut beſchreiben, und will es thun, ich opfere Ihnen gern die Zeit. Glauben thu ich Ihnen alles, auf ein Haar.

Sie wiſſen doch ſonſt immer gern ſo genau was ich denke; und das iſt auch ein Vergnügen zu wiſſen, wenn man Leute fände, die einem das ſagten, dann könnte man klug werden. Ich will Ihnen aber diesmal über Ihren Brief alles ſo ſagen, Sie ſollen Ihre Freude dran haben. Ich fange mit einer gräßlichen Thorheit an, zeig Ihnen alſo mein Innerſtes; ich habe nicht geglaubt, daß Goethe ſo ſubaltern antik (Sie ſe - hen, ich weiß kein Wort) angezogen geht, denn ein Menſch, der alles weiß, weiß auch dies, und warum ſollt er ſich nicht ein bischen apprivoiſirter kleiden, noch dazu da er am Hofe lebt und in den neueſten Geſellſchaften iſt, das käme ganz natürlicherweiſe von ſelbſt, ſo wie ich jetzt glauben muß, er geht mit Bedacht anders, und das begreif ich nicht. Nun iſt es aber wohl noch ganz anders, er mag aus Bequemlich - keit ſo gehen, mag lange nicht nach ſo etwas geſehen haben, mag ſo etwas ſeinen Leuten überlaſſen; und dann, er weiß nur alles, und er mag ſo ſein. Was Sie mir übrigens ſchrei - ben, iſt mir gar nicht aufgefallen, die Leute machen einen immer irr, und wenn die einen nicht zurechtweiſen wollten, wäre man ſchon längſt klug. Natürlich hat man ſich ihn ungefähr ſo denken müſſen, und warum ſollt er anders ſein,55 wer hat ein größeres Privilegium zum Mies-ſein, als er? Aber da kommen die gleich mit ihren Querſachen von Stolz und anderem Dummen, kurz ſo dumm, als ſie ſelbſt ſind. Das linke Hand antrauen verſteh ich auch nicht; vielleicht hat die Perſon gewollt, und überhaupt verſteh ich den Werth und die Wirkung dieſer Ceremonie nicht. Ignorance, mais tout de bon. Ich glaube Ihnen in allem ganz, und glau - ben Sie mir, ich habe Ihnen die Mühe der ringsum abge - hauenen Vorurtheile aller Art wohl angeleſen; Sie haben ſo einfach nur erzählt, was da war, wie in Goethe’s Karne - val. Das iſt eine erſchreckliche Mühe, ich weiß es, weil man da nur thut, was man ſchon gethan hat, was das einzige iſt, was man thun muß, ſehen, und ehe man vorurtheilt und ſich etwa verurtheilt; das muß ein jeder thun, und dies noch einmal zu thun iſt ſehr langweilend. Sie haben mir die prächtigſte Satisfaktion ſeit langer Zeit gegeben (nun frag ich gar keinen mehr darüber aus), und fragen noch lange, ob Sie ſo fortfahren ſollen: Herr Gott! das wäre zu viel, ſo exakt brauchen Sie nicht zu ſein, ich will ſchon ver - ſtehen, aber hören Sie ja nicht auf, alles zu beſehen, und unmenſchlich zu fragen, das iſt das Wahre.

Wie können Sie aber nur ſo grauſam ſein, und mich ermahnen, ich ſolle oder müſſe das alles ſehen! Wiſſen Sie denn nicht, daß ich vergehe, ganz vergehe, wie etwas, das aufhört: iſt es einem ordentlichen Menſchen möglich, Berlins Pflaſter ſich für die Welt ausgeben zu laſſen (dies abſcheu - liche, windige Klima nur! ſeit vorgeſtern hat’s zum erſten - male geregnet, und heut iſt gut Wetter) und kann ein Frauen -56 zimmer dafür, wenn es auch ein Menſch iſt? Wenn meine Mutter gutmüthig und hart genug geweſen wäre, und ſie hätte nur ahnden können, wie ich werden würde, ſo hätte ſie mich bei meinem erſten Schrei in hieſigem Staub erſticken ſollen. Ein ohnmächtiges Weſen, dem es für nichts gerechnet wird, nun ſo zu Hauſe zu ſitzen, und das Himmel und Erde, Menſchen und Vieh wider ſich hätte, wenn es weg wollte, (und das Gedanken hat, wie ein anderer Menſch) und richtig zu Hauſe bleiben muß, das, wenn’s mouvements macht, die merklich ſind, Vorwürfe aller Art verſchlucken muß, die man ihm mit raison macht; weil es wirklich nicht raison iſt zu ſchütteln, denn fallen die Gläſer, die Spinnrocken, die Flore, die Nähzeuge weg, ſo haut alles ein. (Jettchen war eben hier, die und die Veit ſind auch enchantirt von Ihnen mais vraiment enchantées, ſie goutiren ganz die Sim - plizität, die Mühe und Aufmerkſamkeit, und daß keine Frage übrig bleibt). Hören Sie aber nur um Gottes willen nicht auf, mir beſonders von der Schönheit der Örter zu ſchreiben, und bleiben Sie (überhaupt) ſich gleich, wo möglich!

Was Sie mir von Wieland mittheilen, war mir nicht weniger äußerlich angenehm, und noch mehr über meine Er - wartung hübſch, was er hübſch über ſeine jetzigen Geſchriften (nicht Schriften und nicht Geſchreibe) ſagt, Bravo! und wie er angezogen geht, recht prälatenartig außer Ornat; und dann ſeine Geduld alles zu ſehen gefällt mir auch, recht Wielan - diſch; ſchön weiß er gewiß iſt ſchön, indeſſen klebt es aller Orten, nehme man’s wo es ſitzt, was man zu Hauſe hat, hat man feſt; und alt iſt er auch, was ſoll er machen, ſo ein57 ſachtes Amuſement! Von Herder müſſen Sie der Ungenüg - ſamen doch noch etwas ſchreiben, wann Sie wollen und wie Sie wollen.

Es iſt mir als ſähe ich das doch alles noch einmal, es wird mir nie einkommen, daß ich ein Schlemihl und eine Jüdin bin, da es mir nach den langen Jahren und dem vielen Den - ken darüber nicht bekannt wird, ſo werd ich’s auch nie recht wiſſen. Darum naſcht auch der Klang der Mordaxt nicht an meiner Wurzel , darum leb ich noch. Das hab ich Ihnen doch noch alles nicht geſagt, darum ſchreib ich’s Ih - nen, daß Sie Vergnügen daran haben ſollen. Lieber Veit, ſchicken Sie mir doch Ihre Adreſſe, ich möcht Ihnen gern auf meine eigene Hand ſchreiben, das Einlegen iſt mir fatal. Er - breche man immer unſere Briefe, die verſteht doch kein Menſch, und Intereſſe hat’s für kein Weſen (wenn Sie ſie erſt gele - ſen haben).

Was ſoll ich Ihnen von uns, von hier ſchreiben. Wir ſprechen nicht einmal davon. Glauben Sie nicht, daß das Verachtung ſein ſoll; was nur halbwege iſt und vorgeht, ſollen Sie wiſſen. Jetzt iſt aber wirklich gar nichts, nichts in der Stadt, und nichts bei uns. Meine Familie grüßt Sie und Mad. Liman auch, die haben mit goutirt. Herrn Simon Veit dank ich für ſeine Theilnahme. Ein andermal reiſ ich mit Ihnen, Herr Veit, und mach mir aus der ganzen Welt nichts, aber im Ernſt. Vorgeſtern war Jonas den ganzen Tag bei mir, ich hab ihn mit zu Hauſe genommen; ich bin oft bei Mad. Veit, ſie und ich nehmen den größten Antheil an Ihrem Vergnügen. Haben Sie’s doch, wenn wir’s nicht58 haben können. Mad. Veit geht faſt gar nicht aus und ſtillt beſtändig, befindet ſich aber à merveille! Jonas war wirklich charmant, und iſt es immer, wenn ſie ihn nicht verderben. Adieu, Herr Veit.

Leben Sie wohl, lieber Veit, und haben Sie recht Ver - gnügen, denn Sie haben’s für mich mit, weil ich welches da - von habe. Wann kommen Sie wieder wie iſt das, ſo etwas will ich wiſſen. Vielen Dank.

Apropos, lieber Veit, ich habe mir für vier Groſchen ein halb Buch fein Papier gekauft, und ſchneide mir mit Ihrem Federmeſſer die Feder ſelbſt. Imaginez.

An Guſtav von Brinckmann, in Berlin.

Heute, Herr von Brinckmann, hab ich Ihren Brief mit den Verſen erhalten, ihn geleſen, auf den Brunnen gegangen, der Fr. geleſen, zu Haus gegangen, und nun die Verſe gele - ſen, mit denen ich dieſen Augenblick fertig bin; ich hab ver - geſſen, welche Sie für die beſten halten, und Ihren Brief hab ich nicht. (Ich verſprech Ihnen, es ſoll ſie keiner als höchſtens die Fr. leſen.) Ich denke alſo in meinem Sinn, die an den Grafen Hatzfeldt und die von der Roſe ſind die be - ſten; doch kann ich mich ſehr irren, Sie wiſſen, Geſchriebnes leſ ich das erſtemal ſehr flüchtig. Der Brief aber, den Sie in meinem Sinn und Namen gedichtet haben, iſt meiſterhaft und ſo würd ich die Dinge gewiß ausdrücken, wenn ich im Stande wär, manche zu denken, die Sie, ich weiß es wohl,59 nicht ohne Bedacht geſchrieben haben; ſoll ich ſagen par déli - catesse? Welt finesse oder ſo etwas oder weil Sie doch nicht ganz aus ſich herausgehen wollten denn mich hätten Sie gewiß noch beſſer attrappiren können, ich will nicht erreichen ſchreiben. Sie haben aber Recht, wo ſollt ich die Art des Danks her kriegen, für dieſen gro - ßen Brief und für dieſe vielen Verſe; und Sie wollten mir’s dadurch erleichtren, daß ich auch eine faſt angemeßne Klage gegen Sie führen kann, darum beſchenken Sie mich, und be - ſchuldigen mich in ein - und demſelben Athem, daß ich dieſes Geſchenk nicht werth wäre, denn hieße das eigentlich nicht, nicht werth ſein, wenn ich’s nicht verſtünde, wider Willen Ihre Briefe geleſen hätte, und mich nicht ſo damit freute, als man ſoll, und ich wohl kann? Wir ſind alſo quitt; Sie haben mich außerordentlich beſchenkt, und ich weiß es und bedanke mich ſo ſehr als ich kann; mehr kann ich nicht thun, um mich meiner Dankbarkeit zu entledigen, ich müßte Ihnen denn das Geſchenk und den guten Willen zurückgeben können. So lang ich nur das Gedächtniß behalte, wird es ein regret für mich bleiben, daß Sie nicht hier ſind, denn mir vor ſichtlichen Au - gen etwas Gutes entziehen laſſen, iſt bei mir unverſchmerzlich, ja ich ſeh’s was Sie hier thäten, und Sie können nicht her kommen; dieſe Umſtände können ſich nie wieder treffen, und ich weiß deutlich, was es geweſen wäre, was ich mir nicht denken kann, und was ich verloren habe. Ihnen die ganze Urſache detaillant zu ſchreiben, wäre zu weitläufig, und (was halt ich nicht für riskant) in einem Brief vielleicht zu riskant. Ich muß mich alſo drüber wegſetzen.

60

Ich komme wieder vom Brunnen, und kann Ihnen in dieſem Brief nicht mehr viel ſchreiben, denn ich höre, die Poſt geht heut ab; und heut ſind meine Menſchen gekom - men, mit denen ich ſehr beſchäftigt bin, doch muß ich Ihnen noch ſagen, was ich ſeit geſtern ſchon weiß, daß ich mich näm - lich nicht geirrt habe, denn der Herr hat geſtern bei Tiſch, wo ich nicht war, deutlich erzählt, er könne mich nicht leiden. (Sie kennen mein Schickſal, was ich alles erfahre; alſo hab ich auch das erfahren, und dem Erzähler verſprochen, daß es ein Geheimniß bleiben ſoll; Sie wiſſen alſo, was Sie zu thun haben. ) Ein andermal, mein lieber Herr von Brinckmann, ſchreib ich Ihnen was Beſſres als eine leidige Geſchichte; doch kann Ihnen mein Brief nicht gleichgültig ſein, Sie wer - den’s ihm ſchon anſehen, wie er gemeint iſt, und die offenher - zige Zutraulichkeit iſt auch was werth. Leben Sie wohl. Daß Ariſtokraten liebenswürdig ſind, daran hab ich nie ge - zweifelt, ſie müßten denn abſcheulich ſein. Es thut mir leid, daß ich die hübſche Frau nicht geſehen habe. Vive l’esprit! wie ſchmacht ich eigentlich. Wenn es möglich iſt, grüßen Sie den Herrn von Humboldt recht ſehr von mir. Natürlich hab ich Unglück, ſie nicht kennen zu lernen. Adieu, ich muß diniren.

Alles grüßt Sie. R. L.

An Guſtav von Brinckmann.

Sie wiſſen mich und Ihre Handſchrift nie zu beurtheilen; hätt ich noch ein Wort nicht leſen können! ſelbſt die mytho -61 logiſchen Wörter waren mir deutlich; ſo wiſſen Sie auch nie, wann ich zu Hauſe bin, kommen hundertmal, wenn ich aus bin, und nicht Einmal, bin ich zu Hauſe, das gilt von geſtern; wenn Sie nicht engagirt waren, da ſaß ich zu Haus, und hoffte ordentlich Sie zu ſehen. Sie können einen mit den abſcheulichſten Wörtern ausſöhnen, mit Und, was verbindet dieſes Wort nicht manchmal! nur zu nehmen: Mad. die und die und ihr Mann, und tauſend Etcetera. Und glauben Sie denn, daß ich ganz dumm bin, mir dabei zu ſchreiben, die Beiden in den Gedichten wären nicht Eine Perſon, ich wäre alſo dumm genug zu glauben, es könne eine und die - ſelbe ſein ſo ſchöne Gedichte und ſo ſchlechte Vermuthun - gen, ſo beleidigt und ſich noch bedanken zu müſſen wie ich muß.

An Guſtav von Brinckmann.

Ich hab es wohl gedacht, daß Sie krank ſind, und war auch mehr als Einmal im Begriff, Sie zu fragen, dann kam’s mir wieder ſo anmaßend vor, Sie zu fragen, ich glaubte es mal wieder nicht, und wurde auch gar verhindert. Sie ſind in einem abſcheulichen Zuſtand! nicht eſſen, leſen, ſchla - fen können, und mir hilft all Ihre gute Laune und Witz nicht, ich weiß, daß Sie doch ausſtehen. Müſſen denn ſolche Menſchen auch Zahnweh haben? ich denke, die wiſſen doch genug von ihrer Exiſtenz. Ich weiß, das Ärgerniß wird Ih - nen von dem, was ich Ihnen ſage, nicht bleiben; Sie werden62 lieber ſo recht völlig an die Schönheit denken bleiben. Ihr Billet bekam ich heute Morgen, wie die Baranius bei mei - ner Schwägerin war, aber Sie kamen nicht, und hätten tau - ſendmal mehr Vergnügen gehabt, als das Billet. Nein, wie ſie ſchön war! noch hab ich Kopfſchmerzen davon, ſo paradox das klingt; es war das kleine Zimmer, und unſer ganzes Haus und Mad. Liman und Scholz und ich und meine Mutter drängten ſich ihr nah, ich am nächſten, und achtete Hitze und gelinde Kopfſchmerzen nicht, aber das Plaiſir zu ſehr, und das vermehrte ſie bis halb zwei Uhr, daß ſie ging. Und da reden die dummen Menſchen noch lange ſchlecht davon, als wenn dies Drängen nicht eben ſo natürlich, als das Luftſchöpfen wäre, und anders thut ſie doch nichts, als ſie läßt ſich drängen. Sie verſtehen’s nur gar nicht, Ehre verdient ſo etwas, opfern müßten ſie; und bei dem Reden drängen ſie, und bei dem Drängen reden ſie. Die Schiefge - zauberten, uns zur Laſt Verkehrten! Mich ſollen ſie nicht wegkriegen. Sie war ſo ſchön! und erzählte ſo was Schönes, wozu man nicht dumm ſein kann, und wohl Gefühl haben muß; und die hübſche Art! Wenn ich Sie ſehe, will ich’s Ihnen wieder erzählen. Meine Mutter ſagte ihr, daß ſie ſchön ſei, ſie bat ſie nämlich mit Tournüre, einen großen Hut - ſtrich raufzuſchlagen! und andren Menſchen verdenkt man das. Wenn ich nur ein Haus allein ausmachte, es ſollte gewiß ein neck’ſches ſein, nichts als Schönes ſollte man drin ſehen; und fragen Sie noch, ob Sie eine geſchmackvolle Ge - ſellſchaft drin fänden! Schonen Sie ſich nur, und kommen Sie derweile in mein paſſables, wo manchmal was drin63 vorfällt, und wo ein tüchtiger guter Wille wohnt, und Ihnen nicht unſichtbar iſt. Wenn ich ein Mann wäre, würd ich Sie beſuchen; rühmen Sie die Einrichtungen, wenn ſie kön - nen, ich kann nicht. Damit ein ſchlechtes Mädchen nicht dumm handeln kann, ſoll ein gutes eingeſchränkt ſein? Gut ausgedacht! Adieu, damit wir ohne bittre Galle ſcheiden, den - ken wir an die ſchöne Baranius.

Adieu. R. L.

An David Veit, in Göttingen.

Aber darin haben Sie groß Recht, man kann nicht mit wenig genug Menſchen über Dinge ſprechen, und über nicht wenig genug Dinge mit dieſen. Freilich werden wir uns verändern, ich gewiß; und wenn nichts geſchieht, ſo werde ich dreiſter, ſicherer, feſter, und, ſo Gott will, wohl durchgreifen - der, und will Minerva, härter gegen meine eigene Weichlich - keit, und immer gefaßt ohne Störung auf allgemeine Ge - meinheit und Schlechtigkeit, ſtark genug, einen Guten oder etwas Gutes einmal unter dem verbreiteten Gewimmel von Schlechten leiden zu laſſen! Amen! wie Timon im Shakes - peare! Nichts bleibt. Und iſt man nicht veränderlich, ſo muß man ſich ſo machen. Ich war die ganze Zeit her neu - gierig, wann ich wohl und wie ich wieder das erſte Ver - gnügen haben würde; geſtern hatt ich’s; O! Schade; daß ich’s Ihnen nicht vorſtellen kann! ich weiß es, und ich laſſ es doch nicht! Ich habe die Marchetti geſtern kennen lernen;64 ſie hat mir vorgeſungen; ſie iſt eine einzig liebenswürdige Frau; jede Bewegung iſt ein Reiz, ein Zauber, ein Wahn - witz zum Lachen und zum Weinen. Zum Glück ſeh ich nun ihre Blicke immerfort, und geſtern hatt ich immer die Angſt, ich würde ſie nicht behalten. Der Geſang; dieſes Girren, der Ausdruck; es giebt nur Einen Ausdruck! Dieſe Güte und Lieblichkeit, o wahrer Zauber! anerkannter, wirklicher; das heißt Paſſion, das heißen Geſchenke von den Göttern; das heißt Muſik; das heißt Schönheit. Empfinden Sie’s, ſo iſt es gut für Sie, ſo können Sie es auch einmal genießen, wenn Sie ihm begegnen. Geſchrieben habe ich nur für mich!

An David Veit, in Göttingen.

Nun will ich Ihnen genau ſagen, was ich von mei - nem unrichtigen Schreiben weiß, ohne mich im geringſten ent - ſchuldigen zu wollen; weil ich mich durch ihre Frage gar nicht angeklagt fühle.