PRIMS Full-text transcription (HTML)
[I]
Geſchichte der franzoͤſiſchen Revolution bis auf die Stiftung der Republik.
Leipzig,Weidmann’ſche Buchhandlung. 1845.
[II][III]

Vorwort.

Sollte Einer dieſe Schrift als eine Ergänzung meines Buches über die engliſche Revolution betrach - ten wollen, ſo finde ich wenig dagegen einzuwenden. Es iſt dasſelbe Thema, nur unſerer Gegenwart näher geführt und von einer weit unmittelbarer europäiſchen Bedeutung. Freilich habe ich meine Feder gerade an dem Zeitpuncte der franzöſiſchen Revolution nieder - gelegt, da der Welttheil anfängt von ihr ergriffen zu werden, allein, wie mir doch ſcheint, an einem Orte, welcher zur verweilenden Betrachtung einladet; weiter gehend hätte ich kaum früher abzubrechen ge - wußt als mit dem Ausgange des Zeitalters Napo - leon Bonaparte’s. Das aber wäre vor der Hand ſelbſt für das Wagniß einer kürzeren Darſtellung zu weit - ausſehend geweſen. Zu meiner eigenen BeruhigungIV wünſche ich vielmehr ſchon jetzt die Zeit herbei, da ich dieſes Buch wie ein fremdes zu betrachten im Stande ſein werde, um von mir ſelbſt zu erfahren, ob meine Auffaſſung denn tief und eigenthümlich ge - nug iſt, um es zu rechtfertigen, daß die büchervolle Welt hier mit einem neuen Werke über dieſen ſo un - zählige Male behandelten Gegenſtand heimgeſucht wird.

Bonn, 5. Auguſt 1845.

F. C. Dahlmann.

[1]

Erſtes Buch. Die Vorſpiele der Revolution.

Franzöſiſche Revolution. 1[2][3]

1. Die Verhaͤltniſſe.

Es ſind nicht mehr als ſiebzig Jahre ſeit der ſechzehnte Ludwig den Thron ſeiner Väter beſtieg, und noch leben hie und da Menſchen, welche ſich der Zeit entſinnen, da er jung und voll gutherziger Hoffnung war: wenn es aber eine Kunſt gäbe die Weltgeſchichte nach Erfahrungen aus - zumeſſen, ſo lägen viele Jahrhunderte zwiſchen ihm und uns, zwiſchen ſeinem Märtyrerthum und wohl auch dem unſrigen. Unſere Jugend hat ganz Recht, wenn ſie von ihren Alten verlangt, ſie ſollen ihr dieſe ſchwierige Zeit auslegen helfen, den Weg ihr zeigen, welchen ſie ſelber in den Jahren der Kraft, manchmal abirrend, aber mit Ehre gingen. Sie will zu jenen Standpuncten hinauf gefördert ſeyn, wo die düſter verworrenen Trümmerhaufen zurück - treten vor den ernſten Grundzügen eines Neubaues der Geſchichte, welchen eine unbegreiflich hohe Waltung unter Wehgeſchrei zur Welt bringt. Wer auf dieſem Pfade ſich irgendwie entzieht, nach Art der Buhlerinnen halb zeigt und halb verbirgt, da aufhört wo er anfangen ſollte, Ereigniſſe1*4häuft wo es ſich darum handelt die herbe Frucht der Selbſterkenntniß zu pflücken, der mag bequem ſich im Va - terlande betten und überall wo es hoch hergeht hochwill - kommen ſeyn, allein ein ächter Jünger der Geſchichte, ein Mann der Wahrheit, ein Freund Deutſchlands iſt er nicht.

Der Franzoſe verdankt ſeinem Erbkönigthum ein nicht genug zu preiſendes Gut, ſeine Staatseinheit. Was ſie bedeute lernte er früh genug dem Deutſchen gegenüber ſchätzen, ſtieg gewaltig, während dieſer tief und tiefer in Zerſtückelung verſank, und brachte dem wohlthuenden Machtgefühle rings umher im großen Staatenkreiſe nicht unwillig das Opfer vieler inneren Freiheit. Das unbe - wußte Streben über die Verſchränkungen des Lehnweſens hinaus zu dem Ziele der Staatseinheit ehrte er ſchon an ſeinem heiligen Ludwig, und wenn er vergleichend nach - wog, was ihm Ludwig XI. und der große Staatsmann Ludwigs XIII. gegeben und was beide ihm dafür genom - men hatten, er hätte es am Ende doch nicht viel anders gemocht. Denn Frankreich war einmal in ſeinem Über - gewichte auf dem Feſtlande durchaus an die Stelle unſres armen Deutſchlands getreten, und das blieb unverkennbar das Werk ſeiner einheitlichen Königsmacht. Allein ein großes Gelingen der Menſchen und ihr Übermuth ſind, wie es ſcheint, für immer unzertrennliche Wandnachbaren. Der vierzehnte Ludwig verſtieg ſich übermüthig in das Ge - biet der nicht mehr beherrſchbaren Dinge, verlangte auch Glaubenseinheit in ſeinem Reiche und trieb die Anders -5 gläubigen fort. Daneben rundete er auf deutſche Unkoſten ſein Frankreich vollends ab; weil er aber gar nicht auf - hören wollte zu erwerben, bewaffnete er am Ende den Welttheil wider ſich und vereitelte die Arbeit ſeiner Mini - ſter, welche unermüdet fortfuhren neue Quellen des Wohl - ſtandes zu eröffnen. Bei dem Allen ſtand der Herr doch zuletzt auch in der Abendſonne ſeines Lebens ſtrahlend da, ſchied ungebeugt von ſeinem Hofadel, welcher ihm das Volk bedeutete und der in dankbarer Vergeltung auch nie müde ward fern von ſeinen Landſitzen dem Winke herri - ſcher Augenbrauen zu dienen. Nach der inneren Wunde des Gemeinweſens hatte Niemand ein Recht zu fragen als der majeſtätiſche Greis, der nicht danach fragte. Einmal verrieth ſie ſich zwar in den Worten, welche der König we - nige Tage vor ſeinem Ende zu ſeinem Urenkel, der ihm folgen ſollte, ſegnend ſprach: Ahme mir nicht nach in der Luſt an Krieg und Bauten, trachte die Laſten deines Volks zu erleichtern; es iſt mein Unglück, daß ich es nicht konnte. Das will ſagen: daß ich es nicht der Mühe werth hielt. Denn niemals durfte bei dem Prunke ſeiner Feſte, auch in den letzten trüben Jahren nicht, da der Tod Ludwigs Haus verödete, etwas davon durchblicken, daß damals in den Staatscaſſen das Geld für die Nothwen - digkeiten der Verwaltung fehlte. Wo freilich der Staat in ſeinem Fürſten enthalten iſt, da iſt der Überfluß am Hofe die erſte Nothwendigkeit und die letzte, alles Andere gilt für Nebenwerk. Ganz in der Stille ſtiehlt ſich indeß6 vielleicht ein ernſter Einzelner bei Seite, mißt die Schäden des Gemeinweſens nach ihrem Umfange aus und ſenkt die Sonde in ihre Tiefen. Fenelon ſchrieb zur Zeit des ſpa - niſchen Erbfolgekrieges: Wir leben nur durch ein Wun - der fort; es iſt eine abgängige Maſchine, die allein aus Gewohnheit noch fortgeht und bei dem erſten Anſtoße zer - brechen muß. Ich fürchte unſer größeſtes Übel beſteht darin, daß Niemand unſerm Staate auf den Grund ſieht, ja man iſt entſchloſſen es nicht thun zu wollen, man ſchließt gefliſſentlich die Augen, öffnet die Hand ſtets um zu nehmen, ohne zuzuſehen, ob auch etwas da iſt, wovon man nehmen könne. Das Wunder von heute muß für das Wunder von geſtern einſtehn, und dieſes Wunder muß ſich morgen wiederholen, bis es dann endlich zu ſpät ſeyn wird. Das Volk führt kein menſchliches Leben mehr, es iſt ein Zigeunerleben. Fenelons Herzensmeinung, die er vor ſeinem ehemaligen Zögling, dem Herzog von Bour - gogne, der damals der Krone am nächſten ſtand, keines - wegs verſteckte, war: man müſſe, um einen Boden für die Zukunft zu gewinnen, die Notabeln von Frankreich zu Ra - the ziehen, gründlicher noch würden Reichsſtände helfen, allein es ſey auch mehr Gefahr dabei. Die Nation, ſchrieb er, muß ſich ſelber retten.

Seit dem Tode Ludwigs XIV. behauptete die aus - wärtige Politik Frankreichs nur kurze Zeit ihren hohen Standpunct und der Abgrund der Finanzen that ſich dro - hender auf. Jener nicht unedle Stolz des Franzoſen auf7 ſeine europäiſche Bedeutung verlor plötzlich allen Halt un - ter einem Regiment der Lüſte, und auch wer dieſe theilte verzieh den Machthabern die dem Vaterlande angethane Kränkung nicht. Unter dem Verſtorbenen gab es keine Oppoſition, jetzt erhub ſich eine, zu einer Zeit da in der Hauptſtadt die alte celtiſche Unzucht ſich mit keinem Schleier mehr deckte, ſeit der König ſelber mit dem Bei - ſpiele voranging, während leichtſinnig begonnene Kriege das Capital eines Waffenruhmes ohne Gleichen vergeu - deten. Man war überhaupt in ein Zeitalter getreten, da eine öffentliche Meinung über die weltlichen Dinge in der erſten Entfaltung ſtand; man meinte und unterſuchte nicht ſowohl in jedem Volk für ſich mehr, als gemeinſchaftlich in allen Völkern von Bildung; weit entfernte Denker be - kämpften oder unterſtützten ſich lebendiger als je zuvor in Fragen der unmittelbaren Gegenwart. So ziemlich überall befand man daß die Staatsrechte, welche behan - deln was in jedem Staate für ſich rechtmäßig iſt, nicht mehr ausreichten; man verſtieg ſich in das weitläuftige Gebiet des Zweckmäßigen, in welchem die Politik ihre Heimat hat, und Frankreich beſtand ungünſtig in der Probe politiſcher Vergleichung. Montesquieu verlieh in ſeinem Geiſte der Geſetze an England, den Erbfeind ſeines Vaterlandes, den Preis der beſten Verfaſſung, Rouſſeau flüchtete ſich aus den Verderbniſſen der Zeit in die Nach - barſchaft eines Naturzuſtandes, welcher aller höheren Bil - dung den Krieg erklärt, und ſpendete mit freigebiger Hand8 den Völkern ſo das Recht wie die Pflicht ſich eine natur - gemäße Regierung einzurichten. Solche weitausſehende Feldzüge gegen den praktiſchen Beſtand der gern genießen - den Welt liebte nun zwar Voltaire nicht, beſchränkte ſich auf den kleineren Krieg, welchen er mit unvergleich - licher Behendigkeit gegen das vaterländiſche Herkommen in Staat und Kirche führte. Mit den Fortſchritten der Naturwiſſenſchaften vertraut, behauptete er gar leicht das Feld im Kampfe gegen die Altgläubigen, wo dieſe auf der Geſchichtſchreibung des Schöpfungswerkes in den Büchern Moſe oder auf der Sonne Joſua’s bauten. Den gefähr - lichſten Angriffspunct auf die Kirchenverfaſſung zeigte ihm aber die freche Verderbtheit der höhern Geiſtlichkeit ſelber an, von welcher ein ehrlicher Pfarrer die treuherzige Ver - ſicherung gab: vier oder fünf von ihnen glauben wohl noch an Gott. Den Glauben an Gott nun ließ Voltaire ebenfalls beſtehen, aber zertrümmerte um ſo unbarmherziger Alles was darüber hinausging. Daneben dichtete er, ein hingegebener Freund der Macht, Loblieder auf jeden Mai - treſſenminiſter, der gerade am Ruder ſtand, und zog ſeinen Nutzen davon, ohne daß ſich ſein Urtheil gefangen gab; denn mit derſelben geiſtreichen Feder entſchädigte er ſich dann wieder durch einen Brief an einen Vertrauten, in welchem er von einem unvermeidlich drohenden großen Umſturze ſchrieb und etwa[ſeufzend] hinzuſetzte: Wie Schade daß ich nicht mehr Zeuge davon ſeyn kann! Glückliche Jugend, die die tolle Wirthſchaft erleben wird! 9Faßt man aber dieſe drei hervorragenden Köpfe zuſammen und fügt noch als vierten Mann den genialen Diderot hinzu, der noch mehr ätzende Elemente im Geiſte trug, ſo erkennt man recht deutlich, daß der vierzehnte Ludwig bei weitem höhere Güter als bloß induſtrielle antaſtete, da - mals als er ſeine fleißigen Reformirten ausſtieß. Denn er ſchnitt mit ihnen das Aſyl für eine unabwendbare Ent - wickelung der menſchlichen Geiſteskräfte ab, welche ſich in dieſer bedächtig prüfenden Glaubensform unſchädlich hätte ablagern können. Der Proteſtantismus iſt ja nun einmal begnügt, wo man ihn auch allenfalls bloß duldet, der Katholicismus dagegen will die Alleinherrſchaft führen, und Ludwigs Dragoner verhalfen ihm dazu. Aber herrſcht denn am Ende eine Kirche wirklich, von welcher ſich die erſten Köpfe der Nation mit Trotz und Geringſchätzung abwenden? Ganz anders ſtand auch dieſe Sache im deut - ſchen Reiche. Denn in demſelben achtzehnten Jahrhundert trug der deutſche Reichsboden vier groß begabte Männer, welche ihr gediegenes Weſen aufrichtig hinſtellen durften wie es war, unbekümmert darum, wie es zu den Glau - bensſatzungen ſtehe, welchen der weſtphäliſche Frieden Schutz verleiht: Winckelmann, Leſſing, Goethe und Schil - ler. Pflanzen dieſer edeln Gattung konnten allein auf einem Boden gedeihen und ihre unſterblichen Früchte zeiti - gen, auf welchem der Proteſtantismus ein Recht des Da - ſeyns hat und ſich zugleich mit dem Katholicismus friedlich eingewöhnen und ausgleichen ſoll, da dann der unwider -10 ſtehliche Werth ſolcher höheren Naturen den ſeichten Ver - ketzerungstrieb nach beiden Seiten zu Boden wirft. Was dieſe deutſchen Männer, nicht ohne heißen Kampf zwar, aber ohne Verbitterung ihres lichten Inneren überwanden, die Hinderniſſe, welche dumpfer Glaubenseifer einer edeln Geiſtesbildung entgegenſetzt, an dieſen Klippen ſcheiterten jene ſtarken Geiſter Frankreichs, und es ſchlug hier die verwandte Richtung in den Witz des Grimmes und eine giftige Leichtfertigkeit um, weil ſie keinen erlaubten Boden fand. Das Werk von Montesquieu erlebte im erſten Jahre ſeines Erſcheinens zwölf Auflagen und keine einzige von dieſen durfte Frankreich angehören. Was geiſtreich war, war auch umwälzend, durfte in der Heimat nicht erſchei - nen, allein je ärger man es trieb, um ſo größer die Ge - wißheit überall im Vaterlande geleſen zu werden. Vol - taire und Diderot, nicht zufrieden mit der Bekämpfung des Klerus, kündigten dem Chriſtenthum Krieg an und ſchnit - ten ſich hiemit ſelber einen tiefſinnigeren Bildungsgang und den beruhigten Blick auf die Entwickelung des Men - ſchengeſchlechtes ab. Und keine Frage mehr, der Blitz, der aus immer ſchwerer überhängendem Gewölk Frankreichs Thron bedrohte, mußte zugleich ſeinen Kirchenſtaat treffen. Denn die Schriften dieſer Männer drangen überall ein, nicht bloß in die höheren und mittleren Lagen der Geſell - ſchaft, auch die höchſten Perſonen ſchwelgten in dem Reize dieſer verbotenen Ideen. Während König Ludwig XV. jede Entwürdigung des Lebens erſchöpfte, ging es in einem11 ſtillen Flügel ſeines Schloſſes nachdenklich zu. Hier lebte in Abgeſchiedenheit ſein Sohn, der Dauphin, mit ſeiner ſächſiſchen Gemahlin in frommer ehelicher Eintracht. Be - ruhigt bei dem Glauben der Väter, nicht einmal den Je - ſuiten gram, ſtudirte man hier nicht minder eifrig ſeinen Montesquieu und verhandelte über die unabweislichen Forderungen einer guten Staatsverfaſſung, tadelte auch im Kreiſe weniger Vertrauten dieſen unwürdigen Anſchluß des verſailler Cabinets an Öſterreich, von einer ſchlauen Maitreſſe geſtiftet, die ſich nothwendig machen wollte. In dieſen prunkloſen Räumen fand Preußens Friedrich wäh - rend des ſiebenjährigen Krieges ſeine begeiſterten Bewun - derer, und wenn, wie das regelmäßig geſchah, die fran - zöſiſchen Officiere zu Ende jedes Sommers nach Paris zu - rückſtrömten, um die Winterfreuden der Hauptſtadt ja nicht zu verfehlen, gar nicht mehr bei dem Heere draußen zu halten waren, da fand es ſich, daß deren Held eben auch dieſer Friedrich, ihr Beſieger, war, und die Hauptſtadt gab ihnen Recht. Aber der Dauphin ſtarb früh, erſt ſechs und 1765. Dec. 20. dreißigjährig. Als ſein älteſter Sohn erwuchs, der nach - herige Ludwig XVI., ließ er ſich freilich eine Gemahlin aus Öſterreich gefallen, allein der Gegenſatz der Geſin - nung blieb. Auch in den Gemächern des neuen Dauphins beſprach man die Schriften der Denker, die nicht auf kirch - lichem Grunde bauten, oder der ſogenannten Philoſophen, eines Voltaire, Rouſſeau, Diderot, Helvetius, und der junge Fürſt trug eine Färbung derſelben davon, aus wel -12 cher er ſich in ſpäteren Tagen ein Gewiſſen machte. Ein Kreis von jungen Leuten von gehobenerer Lebensart aus den erſten Familien, den Noailles, den Dillons, den Se - gurs, den Lafayettes tauſchte hier kühne Freiheitsideen aus und es fiel den argloſen Jünglingen nicht ein, daß, wenn dieſe ſich einmal verwirklichten, es keine Obriſten von ſieben Jahren in ihrer Verwandtſchaft mehr geben werde. Die veränderte Grundrichtung der Zeit ließ ſich nicht verheimlichen, ſie brach aller Orten hervor, war Lud - wig dem XV. ſelber ehemals in ſeiner Liebhaberei für die Ökonomiſten nahe getreten, und dieſer ruchloſe Greis, deſſen natürliche Gaben nie ganz erſtarben in dem Schlamme der Lüſte, dachte ſicherlich nicht allein an ſeine vier Milliarden Schulden und ſein großes jährliches De - ficit bei einer Einnahme wie kein anderes Reich in der Welt ſie beſaß, wenn er in ſeiner letzten Zeit manchmal wiederholte: Nun ich komme ſchon durch, ich alter Mann, aber mein Enkel mag ſich in Acht nehmen.

Dieſer Enkel ward am 23. Auguſt 1754 geboren, ſeine Mutter Maria Joſepha, Tochter des Kurfürſten Frie - drich Auguſt II. von Sachſen, der als König von Polen der dritte Auguſt hieß. Am 10. Mai 1774 folgte er ſei - nem Großvater auf dem Throne, kaum zwanzigjährig, nur funfzehn Jahre älter als der Knabe, der junge Corſe, wel - cher dereinſt ſein Nachfolger werden ſollte.

An dem wohlwollenden Charakter, der Sittenreinheit des jungen Königs zweifeln auch ſeine Widerſacher nicht;13 aber von Anfang her verlautet die Klage über ſeine ver - drießliche, ungefällige Außenſeite, die keine Spur von königlicher Haltung trägt. Wie prächtig erſchien die welt - gebietende Geſtalt Ludwigs XIV., wie gewinnend Lud - wig XV., ſobald er es ſeyn wollte! Allein wie dieſer in ſeinem wüſten Leben ſeine Töchter verabſäumte, ſo auch ſeine männliche Nachkommenſchaft. Es war ein Reſt von Scham, der ihn abhielt die Erben ſeines Thrones in die unmittelbare Nähe ſeiner niedrigen Lüſte zu bringen. Die Geſtalt des jungen Königs war nicht unedel, aber Gang und Haltung unbehülflich; er iſt ein ſo ſchwerfälliger Reiter, die ganze Perſon vernachläſſigt, das Haar unor - dentlich, die Hände manchmal geſchwärzt durch ſeine Vor - liebe für Schloſſer - und Schmiedearbeit. Auch ſein Organ war ungebildet und im Eifer kreiſchend. Die Hofleute er - zählten ſich, wie er manchmal ſo gar roh auffahre, was ſie ſeine Rüſſelſchläge nannten. Im Übrigen ein leidlich un - terrichteter Herr, großer Freund der Geographie, trefflich geeignet eine wohlbehaltene Erbherrſchaft lange Jahre zu führen und weiter zu vererben. Später hat man, nach Vorbedeutungen lüſtern, Gewicht darauf gelegt, daß er am Tage vor dem Jahrestage jener alten blutigen Bartholo - mäusnacht geboren worden, ſeine Gemahlin aber, mit welcher ihn die Politik verband, ſogar am Tage des Erd - bebens von Liſſabon, am 2. November 1755.

Es war Marie Antonie von Öſterreich, die Toch - ter Marien Thereſiens und des Kaiſers Franz, deſſen14 Stammland Lothringen durch das einzige politiſche Ge - lingen zur Zeit Ludwigs XV. an Frankreich kam. Die zärtliche Mutter erniedrigte ſich vor der Pompadour, um ihrer Tochter die Hoheit eines Thrones und eines Blut - gerüſtes zu bereiten. Die Ehe ward 1770 geſchloſſen. Man übergab die junge funfzehnjährige Dauphine an der Rheingränze zu Straßburg an Frankreich. Unſer großer Goethe, derzeit als Jüngling zu Straßburg verweilend, gewahrte auch hier die traurigſte Vorbedeutung; denn auf den zum Empfange des jungen Paares feſtlich ausgeſpann - ten Teppichen ſah man die Hochzeit Jaſons mit Medeen abgebildet. Aber eine andere ernſthaftere Ungeſchicklichkeit verwandelte die prächtigen Vermählungsfeſte, die nun in Verſailles und Paris ſich drängten, in eine Trauerfeier. Ein Feuerwerk ſoll auf dem Platze Ludwigs des Funfzehn - ten, welcher eben erſt mit der Statue dieſes Königs geziert iſt, abgebrannt werden; aus übel angewandter Sparſam - keit ſind ſchlechte Anſtalten gegen das Gedränge getroffen. Da bricht in den Gerüſten Feuer aus und über hundert Menſchen werden erdrückt, wohl tauſend ſtarben an den Folgen. Es war der 30. Mai 1770. Auf dieſem Platze fiel zwei und zwanzig Jahre darauf das Haupt des - nigs und der Königin.

Der König, mit einem körperlichen Gebrechen behaftet, welches erſt ſpäter geheilt ward, ſchien ſeine junge Ge - mahlin zu Anfang mit Kälte zu betrachten. Einer ſeiner Brüder, der Graf von Artois, war früh beerbt, die könig -15 liche Ehe ward erſt im dritten Jahre vollzogen. Marie Antoinette, jung, reizend, lebensluſtig, ernſthafter Bildung und Lectüre abgeneigt, konnte ſich in das ſteife Hofceremo - niell nicht finden, beſeitigte ſo viel davon als möglich und ſuchte die bequemere Hausweiſe, die durch den lothringi - ſchen Fürſtenſtamm an den wiener Hof gekommen war, einzuführen. Sie brachte zuerſt ſtatt der ſchwerfälligen alten Pracht den raſchen Wechſel in Kleidung und Woh - nung auf, der freilich um ſo koſtſpieliger ausfiel. Ein Misgriff war es, daß ſie ihren Umgang und ihre Luſt - barkeiten zu häufig von den einförmigen Liebhabereien ihres Gemahls trennte, dem die Jagd unentbehrlich war, an welche ſich ſorgfältig geführte Tagebücher über ſeine Hunde und die Summe des erlegten Wildpretts ſchloſſen. Die Königin fand an prachtvollen Kopfzeugen von beiſpielloſer Höhe, mit gewaltigen Federn geſchmückt, Gefallen, welche unter ihrem Vorgange den Kopf der Da - men verrückten, indem ſie ihn in die Mitte ihrer Geſtalt verpflanzten. Dieſe Hofcirkel waren voller Wechſel, Mun - terkeit und Scherz, man ſang, man tanzte, recitirte Ge - dichte, fein und unfein wie der Tag ſie brachte, maskirte ſich, bewunderte die Königin, wenn ſie im engen Cirkel auf dem Theater ihre Grazie zeigte: ein luftiges Eingehen in die Schlüpfrigkeit des verderbteſten Welttones konnte da nicht ausbleiben, wenn auch jede ernſtere Verirrung vermieden ward. Die Künſte und die Wiſſenſchaften fan - den hier keinen Zutritt und Frankreich empfand das. Der16 König übte gegen dieſes Treiben eine Art kleiner Oppo - ſition; auf ſeine Veranlaſſung erſchien auf dem Schloß - theater in Gegenwart der Königin der Harlekin Carlin mit einer ungeheuren Pfauenfeder auf der Mütze und blieb ungeſtraft; vollends mislang ſeiner Gemahlin jeder Ver - ſuch, der franzöſiſchen Politik wieder eine öſterreichiſche Wendung zu geben. Denn hier widerſtand der König, ließ ſie überhaupt nicht tief in die Karten ſehen, gab ſei - nen Miniſtern Recht, die in den alten Pfad, welchen Bernis und Choiſeuil zum Nachtheile des Reiches verlie - ßen, wieder einlenkten. Hatte doch ſchon die Maitreſſe des verſtorbenen Königs, Gräfin Dubarry, ſich ein Vergnügen daraus gemacht, der Welt zu zeigen, daß eine öſterreichi - ſche Dauphine und eine an Öſterreich hingegebene Politik nicht nothwendig zuſammengehörten. Das Miniſterium des Herzogs von Choiſeuil überlebte jene Heirath, die ſein Werk, nur kurze Zeit, und all ſein Bemühen, ſich jetzt wieder nothwendig für das Auswärtige zu machen, ſchei - terte. So oft er an den Hof kam, er mußte immer wieder unverrichteter Sache zurück auf ſeinen Landſitz zu Chan - teloup.

Der jüngſte Bruder des Königs, Graf von Artois, überbot die Königin in glänzenden Luſtbarkeiten und weihte ſich jeder Art modiſcher Ausgelaſſenheit, in Pferde - rennen und Anzug nach engliſchem Muſter ein Original, eben ſo originell im Aufwande weit über ſeine Einkünfte hinaus. Dem Könige erlaubte er von Jahr zu Jahr ſeine17 Schulden zu decken und gab ihm kaum einen Dank dafür. Der hat im Jahre 1781, in einer Zeit ſchon großen Dran - ges, anderthalb Millionen Livres für ihn bezahlt, das Jahr darauf vier Millionen, das dritte Jahr zwei Millio - nen, und gleichwohl blieben noch vierzehn bis funfzehn Millionen zu zahlen übrig. Auf die Vorwürfe eines Mi - niſters erwiederte Artois: Was kann der König mir thun? Und als nun das Gewitter näher kam und Alles auf Sparſamkeit und ein anderes Regierungsprincip drang, ſah man bei Niemand ſonſt höhnenderen Stolz und ein ſo trotziges Verſchmähen jeder Verbeſſerung. Den Finanzmann Necker, auf den man doch in Geldſachen zäh - len konnte, ſchalt er gerade ins Geſicht, ſchimpfte ihn einen elenden Bürgerlichen, drohte ihm, erzählt man, ſo - gar mit dem Tode. Die Misſtimmung zwiſchen ihm und dem Könige wuchs ohne eigentlichen Bruch. Der ältere Bruder, Monſieur, Graf von Provence, war eben wie Artois mit einer ſardiniſchen Prinzeſſin verbunden, wel - cher er jedoch wenig Zuneigung bewies. Monſieur zog ſich mehr zurück vom Hofe, ohne ihn aus den Augen zu verlieren. Ein glückliches Gedächtniß unterſtützte ſeine ge - ſchichtlichen Studien, er galt für einen gewiegten Poli - tiker, nicht ohne Grund, wie er das zu ſeiner Zeit als Herrſcher über Frankreich dargethan hat. Auf den König, ſeinen Bruder, ſchien er wenig zu geben, und als die erſten Ausbrüche erfolgten, beargwohnte der König ihn, fürch - tete, er möchte auf die Seite der Neuerer treten. EineFranzöſiſche Revolution. 218Schweſter war an den Thronerben von Sardinien verhei - rathet, die andere, Eliſabeth, ein Kind von zehn Jahren. In Zurückgezogenheit vom Hofe lebten die Tanten des - nigs, Töchter Ludwigs XV., welche die junge Königin ſchon als Öſterreicherin nicht liebten und an ihren neuen Weiſen ein Ärgerniß nahmen; man vernachläſſigte ſich wechſelſeitig. Von der Seitenlinie der Orleans hielt man ſich in alter Eiferſucht getrennt. Der jetzige König der Franzoſen ſtand in ſeinem erſten Lebensjahre.

Alſo auch in ſeiner Familie fand der junge König keine haltbare Stütze; fand er ſie bei ſeinen Miniſtern? Ludwig dachte beſcheiden von ſeinen Kräften, ſah ſich nach einem erſten Miniſter um und fiel zuerſt auf Machault, einen ſtrengen und einſichtig ſparſamen Mann, deſſen früheres Miniſterium ein Opfer des öſterreichiſchen Syſtems ge - worden war. Allein der älteſten Tante Adelaide, die eini - gen Einfluß über den König feſthielt, misfiel an Machault, daß er überall, wo Staat und Kirche zuſammentrafen, un - beugſam auf des Staates Seite ſtand; ſie brachte den Grafen Maurepas in Vorſchlag, als einen Mann, mit dem ſich reden ließ. Gewiß auch er gehörte nicht zu der Zahl der Frommen, aber er war frivol, mithin kein Mann von läſtigen Grundſätzen; zu ſeinem Lobe gereichte, daß er ein Miniſterium, welches ihm im ſiebzehnten Lebens - jahre zufiel, gleich zu Anfang der Maitreſſenwirthſchaft durch die Frau von Pompadour verloren hatte. Jetzt ward er dreiundſiebzigjährig, am Ende doch nicht älter als19 weiland Cardinal Fleury, zum zweiten Male Miniſter und erſter Miniſter. Seine Neider meinten, er ſey das eine Mal zu frühe, das andere Mal zu ſpät zur Macht gelangt; allein Maurepas war der in dieſen Regionen Alles ver - mögenden bequemen Formen mächtig, und als er inne ward daß ſein Gebieter mit dem unſchuldigen Ernſte der Jugend nach ein Paar rechtſchaffenen Männern verlangte, welche ihm den Druck des Volks erleichtern hülfen, gab er dieſer Schwäche nach, willigte in die Ernennung von Turgot und Malesherbes, deren Charakter und Einſicht in allgemeiner Achtung ſtand, wenn ſchon ſie nicht für kirchlich gelten konnten. Auf die Frage des Königs: Aber iſt es wahr daß Turgot nie in die Meſſe geht? antwortete Maurepas: Sire, ich weiß nur daß der Abbé Terray jeden Tag hinein ging. Terray hatte neuerdings das Finanzweſen zu Grunde gerichtet und ſich aus dem Elende der unteren Claſſen ſchamlos bereichert; man baute auf Turgot. Das Heerweſen lag in tiefem Verfalle und man berief in das Kriegsminiſterium den Grafen St. Germain, der nach einer langen Ungnade jetzt wieder zu Ehren kam.

Wirklich ſtand es ſo, daß nach allen Seiten ſchleunig eingeſchritten werden mußte, wenn das morſche Band, welches hier 25 Millionen Menſchen auf 10,000 Qua - dratmeilen zuſammenhielt, noch länger in alter Weiſe dauern ſollte, ſo gar übel war es mit Menſchen und Sachen rings beſtellt. Gewöhnlich aber gewinnen ver -2*20derbte Ordnungen erſt von dem Augenblicke an, da die Hand eines ehrlichen Mannes ſich hineinmiſcht, ein recht verlorenes Anſehn. Licht und Schatten treten bei der Un - terſuchung greller auseinander, und es iſt mit den verfal - lenen Staatsſachen nun einmal von Grund aus anders bewandt, als etwa mit einem verfallenden Ritterſchloſſe, von welchem man einen beliebigen Theil ſeinem Schickſal überläßt, einen andern beliebigen ſich wohnlich ausbaut. Mit dem Staate geht es wie mit dem menſchlichen Kör - per, ein verletztes Organ zieht das andere in die Mitlei - denheit. Man konnte die jährliche Einnahme der Krone damals auf 400 bis 430 Millionen Livres anſchlagen. Damit ließen ſich alle Ausgaben für die verſchiedenen Zweige des öffentlichen Dienſtes bequem beſtreiten, und man hätte auf einen jährlichen Überſchuß rechnen können, wenn die Staatsſchuld nicht geweſen wäre, deren Höhe niemand ſo eigentlich kannte, die ſich aber von Jahr zu Jahr durch ihre Zinsforderung in Erinnerung brachte. So lange nun Terray in den Finanzen ſchaltete, zahlte er, ſo - bald das Geld ihm ausging, keine Zinſen, keine Leib - renten, ſetzte den ohnehin ſehr ungleichartigen Zins will - kürlich herab, hielt zugleich die Generalpächter an, die Auflagen ausbündiger zu erheben und ſchärfer einzutreiben als bisher, was dieſe gern thaten. Der ſo vermehrte Er - trag kam aber nicht den Pächtern allein zu gute, ſie muß - ten nach ihren Contracten, wenn der Mehrertrag eine ge - wiſſe Gränze überſchritt, den Vortheil mit der Krone21 theilen. Dergeſtalt half Terray ſich rüſtig durch, ward ein vielbeliebter Mann, und bloß das Volk litt. Jetzt aber wollte man von Terray nichts mehr wiſſen; es ſollte dem Volke geholfen werden, in die verwohnten Gemächer der Willkür ſollte die Gerechtigkeit einziehen. Mit andern Worten: Man wollte das Volk erleichtern, alſo weniger von ihm einnehmen, man wollte zu gleicher Zeit mehr ausgeben, weil man die Staatsgläubiger zu befriedigen dachte. Das durch ſo edle Vorſätze zu vergrößernde De - ficit konnte allein durch tief greifende Erſparungen gedeckt werden. Alle Koſten ſparenden Einrichtungen führen aber zu jeder Zeit den Haß des mächtigen Theiles der Bevölke - rung herbei, welcher ſein Leben bisher von Misbräuchen gefriſtet hat; ihre Entwickelung iſt langſam, koſtſpielig ſogar, nur durch Leidensjahre, nur durch vielen Unfrieden hindurch darf ein ſtandhafter Sinn hoffen zum Frieden zu gelangen. Ein beſonderer Umſtand erſchwerte noch die finanziellen Schwierigkeiten. Die Rechtspflege im Reiche hatte bis dahin der Krone ſehr wenig gekoſtet, denn ſeit König Franz dem Erſten waren alle königlichen Richter - ſtellen käuflich, in der Art daß die Krone die eingezahlte Kaufſumme den Käufern verzinſte. Von dieſen Zinſen lebten dann die Richter und bezogen daneben nur unbedeu - tende Beſoldungen. Die Staatsſchuld freilich war dadurch um über 300 Millionen Livres vermehrt und ganz aus - drücklich war zugeſagt daß im Falle der Aufhebung einer Richterſtelle das Kaufgeld zurückgezahlt werden ſolle. Nun22 aber begab es ſich daß König Ludwig XV. mit den ſämmtlichen höchſten Gerichtshöfen ſeines Reiches, funf - zehn an der Zahl, von welchen dreizehn den Namen Par - lament führten, in wiederholten, zuletzt unverſöhnlichen Zwieſpalt gerieth. Alle dieſe Gerichtshöfe, und das pa - riſer Parlament vor allen, rühmten ſich nämlich des Rech - tes, der königlichen Geſetzgebung gegenüber ein Veto ein - legen zu dürfen. Wirklich erlangten neue Geſetze nicht frü - her ihre Gültigkeit, als bis ſie in die Regiſter der Parla - mente eingetragen waren, und dieſer Eintragung weiger - ten ſie ſich nicht ſelten, ließen dieſe keineswegs als eine lediglich für die Publication der Geſetze erforderliche Förm - lichkeit gelten. Wenn der Rechtsgrund ihres Anſpruches zur Frage kam, ſo machten ſie ſich gern als Reichsſtände im Kleinen geltend, welche von den eigentlichen Reichs - ſtänden, deren Ausfluß ſie wären, das Recht überkommen hätten, die von dem Könige ihnen zugeſandten Geſetze zu beglaubigen und als Beweis der Zuſtimmung einzuzeich - nen; als aber im Jahre 1614 die Reichsſtände wirklich beiſammen waren, und zwar zum letzten Male, behaup - teten die Parlamente ihr Recht an der Geſetzgebung darum nichts deſto weniger üben zu müſſen. Nun verſtand Ludwig XIV. vortrefflich ſolche Anforderungen zum Schweigen zu bringen: ſie ſollen eintragen ohne Auf - ſchub, mögen ihre Bedenken hinterher ſchicken; und dem pariſer Parlament blieb nichts übrig, als ſich an ſeinem Teſtament zu rächen, indem es daſſelbe aufhob. Allein23 unter Ludwig XV. lebte der Widerſtand der Parlamente um ſo heftiger wieder auf, je ſchimpflicher die Maßregeln der Regierung waren, und der Franzoſe freute ſich daß es doch noch irgendwo im Staate ein Recht des Widerſtan - des gebe, mochte es mit ſeiner Begründung ausſehen wie es wollte. Als ſich indeſſen im Jahre 1770 alle Par - lamente des Reiches mit einander verbündeten und in idealer Auffaſſung ihres Verhältniſſes als Gliedmaßen eines und desſelben Körpers angeſehen ſeyn wollten, hob ſie der König mit einem Schlage ſämmtlich auf. Jetzt1771. fragte es ſich aber nicht allein um die Gehalte für die neu errichteten höchſten Gerichtshöfe, womit eine neue Staats - laſt geſchaffen war, ſondern zugleich um die Verzinſung und Rückzahlung jener Kaufgelder an die entſetzten und verwieſenen Parlamentsmitglieder. Der letzte Punct konnte nun freilich einen Mann wie Terray wenig anfech - ten; er that ſelbſt aus Grundſatz wenig für dieſe Leute, als in verdienter Ungnade ſtehend. Nach ſeiner Entfer - nung kam das allerdings in Frage, da wieder von Recht und Unrecht die Rede ſeyn ſollte. Es konnte ſogar zwei - felhaft ſcheinen, ob es nicht gerathen ſey die alten Parla - mente wieder herzuſtellen, deren rauhe Stimme dem Ohr des Franzoſen wohlthat, ihn tröſtete über den Verluſt ſei - ner Reichsſtände. Von der anderen Seite aber war gerade ihr mürriſcher und ſelbſtſüchtiger Widerſtand zu fürchten, wenn vielleicht für die Wiederherſtellung der Finanzen zur Aufhebung von Steuerfreiheiten geſchritten werden müßte. 24Eine Maßregel dieſer Art ging beſonders die Geiſtlichkeit an; und da war es nun wiederum keine kleine Aufgabe ſich zwiſchen den Stufen des Altars und den Büchern der Philoſophen durchzuwinden, welche durchaus von keinen ſolchen Privilegien mehr und am wenigſten zu Gunſten des Klerus wiſſen wollten, und deren Lehren in jedermanns Munde waren. Lag es aber nicht ohnehin in der Natur der Sache daß man im Volk ſich nach der Wurzel der Misbräuche erkundigte, an welche die Art gelegt werden ſollte? In ei - ner noch hoffnungsloſen Zeit, als man neuerlich die Par - lamente aufhob, erſchienen hunderte von Flugſchriften; in vielen derſelben wurden Reichsſtände verlangt und die Verfaſſer behaupteten, das Volk habe ein Recht darauf. Eine dieſer Schriften forderte die Franzoſen auf die Steuern zu verweigern, bis die Nation wieder im Beſitze ihrer Rechte ſey.

Wenn von dieſer grauſamen Verkettung der Verhält - niſſe auch nur einige wenige Kettenglieder dem Auge des jungen Königspaares vorſchwebten, ſo begreift ſich leicht, wie ihm in jener ernſten Stunde zu Muthe ſeyn mußte, als ein plötzliches Gewoge im Schloſſe, das Gedonner vieler nahenden Schritte beiden die Verkündigung gab, nun ſey der alte König todt. Sie warfen ſich nieder auf die Kniee und beteten laut: Mein Gott, leite und behüte uns! wir ſind noch zu jung zu herrſchen!

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2. Das Schickſal der Reformen.

Nach und nach räumten alle Miniſter der vorigen Re - gierung ihre Plätze, der despotiſche Kanzler Maupeou, welcher die Parlamente geſtürzt hatte, der freche Finanz - mann Terray, die übel berüchtigten Herzoge von Aiguillon und von Vrilliere. Von den neu eintretenden ſtanden Males - herbes und Turgot in der erſten Linie der öffentlichen Mei - nung, ohne Nebenmann in ganz Frankreich. Sie waren von frühher vertraut, tauſchten verwandte Anſichten aus, die gleichwohl durch die Verſchiedenheit ihrer Natur und Laufbahn ſich mannigfach abweichend bedingten. Lamoignon de Malesherbes ging ſeinem Freunde an Jahren und in ſeiner Stellung voran. Körperlich unbeholfen und ſchwer - fällig war er als junger Mann die Verzweiflung ſeines Tanzmeiſters, den ſein Gewiſſen ſogar trieb ſich eines Tages bei dem Vater ſeines Zöglings, dem damaligen Parlamentspräſidenten Lamoignon eine förmliche Audienz zu erbitten. Herr Präſident, ſprach er, ich bin es dem Vertrauen, mit welchem Sie mich beehrt haben, ſchuldig26 Ihnen zu erklären, nicht allein daß Ihr Herr Sohn nie - mals gut tanzen wird, ſondern auch daß er unfähig iſt in der Magiſtratur oder in der Armee ſeinen Weg zu machen. Wie ſein Gang leider beſchaffen iſt, kann er es höchſtens in der Kirche zu etwas bringen. Nichts deſto weniger ließ der Vater, als er 1750 zum Kanzler von Frankreich ſtieg, ſeine Stelle als erſter Präſident des Oberſteuercol - legiums auf ſeinen kaum dreißigjährigen, aber ſchon als Parlamentsrath bewährten Sohn übergehen und vertraute ihm zugleich die Aufſicht über das Bücherweſen. Beide Ämter verwaltete dieſer nicht auf die gewöhnliche Weiſe. Es ſchien ihm ſchimpflich für ſein Vaterland, daß Werke wie der eben erſt in Genf ans Licht getretene Geiſt der Ge - ſetze im Auslande erſcheinen mußten, um hernach durch eine Hinterthüre hereinzuſchlüpfen, und er gab ſich alle mögliche Mühe, um dem freien Worte über alle Theile der inneren Verwaltung Raum zu verſchaffen, die Cenſur auf Angriffe gegen die Religion, die Sitten und die königliche Würde zu beſchränken. Allein ſeine Denkſchriften über dieſen Ge -1758. genſtand, fünf an der Zahl, kamen doch am Ende nicht über die Gemächer des damaligen Dauphins hinaus, und die lange Liſte der Verbote franzöſiſcher Claſſiker, an deren Spitze Fenelons Telemach ſtand, in welchem man von jeher eine Satire auf die Regierung Ludwigs XIV. witterte, wuchs mit jedem Werke von Voltaire, Rouſſeau, Hel - vetius, Mably, Condillac, und dehnte ſich bis auf die franzöſiſche Überſetzung von Hume’s engliſcher Geſchichte27 aus. Als in ſpäteren Jahren unter Betheiligung von1762. Malesherbes ein Abdruck von Rouſſeau’s Emil in Paris gewagt ward, zog dieſer dem Verfaſſer eine Verurtheilung durch das pariſer Parlament und einen Verhaftsbefehl zu, welchem Rouſſeau ſich durch die Flucht entzog. Als Präſi - dent der Oberſteuerkammer ſuchte Malesherbes die bedräng - ten Steuerpflichtigen inſoweit mindeſtens der Willkür der Generalpächter zu entziehen, daß ſie mit Beſtimmtheit er - führen, was ſie zu zahlen hätten, die öffentlich ausliegen - den Steuerrollen einſehen dürften. Allein ſein Bemühen ſcheiterte an dem Widerſtande der Geldmänner und ihres Beſchützers Terray, und von einem Könige, der insge - heim für eigene Rechnung Kornhandel trieb, war kein of - fenes Ohr für die Bedrängniß der kleinen Leute zu hoffen. Mit eben ſo wenigem Erfolg, aber nicht minder freimüthig erhob er an der Spitze ſeines Collegiums die Stimme für den Fortbeſtand der Parlamente und wagte an Reichs - ſtände zu erinnern. Der Ausgang war daß die Steuer - kammer das Schickſal der Parlamente theilte, Aufhebung, und Verweiſung ihrer Mitglieder. Innerlich getroſt zog ſich Malesherbes in ſein Familienleben und die menſchen - freundliche Verwaltung ſeiner Güter zurück.

Unterdeſſen hatte Turgot in beſchränkteren Verhältniſſen große Dinge ausgerichtet. Zu Paris geboren, Sprößling1727. eines altadlichen Geſchlechtes aus der Normandie, hatte er ſich für den geiſtlichen Stand beſtimmt und machte ſeine theologiſchen Studien in der Sorbonne durch. Hierauf28 aber wandte er ſich der Rechtsgelehrſamkeit und zugleich den Naturwiſſenſchaften zu und machte ſich, ſchon Parla - mentsrath, einen gewiſſen Namen dadurch daß er am 8. Januar 1760 einen Kometen im Orion mit unbewaff - netem Auge entdeckte. Damals nämlich hatte er das prie - ſterliche Gewand ſeit vielen Jahren abgelegt und nach dem Beiſpiele ſeines Vaters und Großvaters den Weg zur Ma - giſtratur eingeſchlagen. Von ſeinen erſten Studien aber blieb ihm die Vorliebe für die großen Alten, welche er in den Urſprachen las und in metriſchen Überſetzungen in ſeine Mutterſprache übertrug, ohne ſelbſt vor der Nachbil - dung des Hexameters zu erſchrecken. Er war ſchon maître des requêtes als er deutſch lernte, und mit ſo gutem Er - folge, daß durch ihn ſeine Landsleute in die Bekanntſchaft mit Geßners Idyllen und theilweiſe auch dem Klopſtockſchen Meſſias eingeführt werden konnten. Wie nun dieſe Rich - tung ſeines Geiſtes, unterſtützt von einer edeln Erſchei - nung und feinen Sitten, ihn der Frauenwelt ungemein em - pfahl, ſo unterſchied er ſich von faſt allen ſeinen Zeitge - noſſen durch die Zartheit, mit welcher er dieſes Verhält - niß behandelte. Niemals auch konnte er ſich mit der Art befreunden, wie man in Frankreich die Ehe unter den höheren Ständen als ein Handelsgeſchäft, mit Geburt und Reichthum marktend vollbrachte, wovon die erkältende Wir - kung auf die Kinder des Hauſes vererbte; und er blieb un - vermählt. Für ſeine früh begonnenen ſtaatswirthſchaftlichen Studien nahm er den Vater der Ökonomiſten Quesnay29 zum Leiter, lernte durch ihn perſönlich und durch ſeine Werke die natürliche Quelle des Reichthums und der Auf - lagen kennen, aber vor der erdrückenden Einſeitigkeit ſeines Syſtems bewahrte ihn eine enge Befreundung mit dem Herrn von Gournay, der als ein Vorläufer Adam Smith’s betrachtet werden darf. Er begleitete Gournay häufig auf den Reiſen, welche dieſer als Intendant des Handels zu machen hatte, und ſchrieb ſeine Lobrede, als er ſtarb. Nicht lange aber, ſo fand ſich die Gelegenheit für Turgot ſeine Grundſätze und Kenntniſſe in Ausübung zu bringen, er ward zum Intendanten der Generalität Limoges ernannt:1761. ein Steuerbezirk von anſehnlicher Ausdehnung, aber ein armes Gebirgsland, nur zwei bedeutendere Städte Limoges und Angouleme darin. Die Bevölkerung zahlte ihre Hauptſteuern nach einem vor mehr als zwanzig Jahren ſchlecht ausgearbeiteten Kataſter ohne alle fortlaufende Be - richtigung, zu den Wegebauten wurden die armen Land - leute zwei bis drei (fr.) Meilen weit her entboten, um mit Niedergeſchlagenheit eine Arbeit zu verrichten, die ſie nicht verſtanden. Schlimmer als Alles war das allgemeine Mistrauen; man zitterte vor jeder Verwaltungsmaßregel, wies aus unbeſtimmter Furcht ſelbſt die helfende Hand zu - rück. War doch nicht einmal derjenige ſicher, welcher ſeine Steuern redlich getilgt hatte! Denn der Steuerbeamte hatte das Recht, ſobald in einem Kirchſpiele ein Reſt blieb, die vier Höchſtbeſteuerten des Kirchſpiels gefangen zu ſetzen, bis der Ausfall erſetzt war, einerlei ob ſie perſönlich et -30 was ſchuldig waren oder nicht. Der neue Intendant rief die Pfarrer zu Hülfe, die in redlicher Armuth ihrer Seelſorge warteten. Sie gaben ihm Auskunft, und eine gleichmäßigere Vertheilung der Steuern, eine verbeſſerte Heberolle ſchuf einen kleinen Anfang von Vertrauen. Hieran ſchloß ſich der Plan, die Wegelaſt in eine Geldabgabe zu verwan - deln und dem mindeſt fordernden Gemeindemitgliede die Arbeit zuzuſchlagen. Auch hier ſtemmte ſich Anfangs die Furcht, die Regierung möchte ſich der Gelder zu anderen Zwecken bemächtigen, der beabſichtigten Verbeſſerung ent - gegen. Dennoch bequemten ſich endlich alle Gemeinden der Generalität zu gleichmäßigen Beiträgen, ohne Rück - ſicht darauf, wer gerade zu bauen hatte, nur daß freilich die Privilegirten nicht herbeigezogen werden durften. Genug ſchon ohnehin daß die Regierung die Änderungen des In - tendanten duldete, ohne ſie mit Geſetzes Kraft zu verſehen. Die jährliche Wegelaſt ſchwankte zwiſchen 40,000 und 100,000 Thalern, aber jedermann fühlte ſich erleichtert und die Straßen in dieſer ſchwierigen Gebirgsgegend wa - ren niemals ſo gut geweſen als jetzt. Ähnlich ward es mit den Kriegsfuhren eingerichtet. Zu einem beſonders glän - zenden Siege über träges Herkommen durfte aber Turgot ſich Glück wünſchen, als ihm gelang den an ſeine Gerſte, ſeinen Buchweitzen und ſeine Kaſtanien ſo ge - wöhnten Landmann, daß er von Weitzen nichts wiſſen wollte, zum Kartoffelbau zu bewegen. Manche weit vor - theilhaftere und vornehmere Intendantur hatte Turgot31 ſchon ausgeſchlagen und ſich zum Lohne nur die Schonung ſeiner Einrichtungen erbeten, als ihn der junge König zu ſich nach Verſailles entbot. Denn Ludwig entſann ſich daß Turgot einſt gegen eine drückende Steuerforderung Ter - ray’s unerſchrocken proteſtirt und am Ende ſeinen Ab - ſchied gefordert hatte. Maurepas ſtellte nichts in den Weg. Der alte Herr hatte durch die Entlaſſung von Aiguillon und Vrilliere höchſt ungern zwei Verwandte der öffentlichen Meinung zum Opfer gebracht; zu einigem Erſatze gelang es ihm an Maupeou’s Stelle einen dritten Verwandten einzuſchwärzen, indem er dem Miromenil, einem Manne gemeinen Schlages, die Würde des Siegelbewahrers ver - ſchaffte, allein mit den Finanzen, ſo viel ſah er ein, ließ ſich nun einmal nicht länger ſcherzen. Inzwiſchen war der - zeit Terray noch nicht ganz beſeitigt und Turgot mußte einſt - weilen als Seeminiſter eintreten. Schon hatte er neues Le -1774. Jul. 20. ben in die Kriegshäfen gebracht, indem er den Arbeitern achtzehnmonatliche Rückſtände auszahlte; ſchon war, denn die Colonien gehörten ſeinem Miniſterium an, ein Plan für die Verbeſſerung des Zuſtandes der Negerſclaven zum Zwecke ihrer allmähligen Befreiung ausgearbeitet, als ihn nach nur 35 Tagen die Entfernung Terray’s in die Finan - zen rief. Dem unwürdigſten Manne folgte ein CharakterAug. 24. von antiker Einfachheit und Stärke, redlich entſchloſſen die ganze Kraft ſeines Willens an die Wiederherſtellung einer ehrenhaften Staatswirthſchaft zu ſetzen. Kein Staatsbankerutt, weder zugeſtanden noch verdeckt, keine32 neue Steuern, kein Anleihen; das waren die Grund - ſätze, welche er vor dem Könige mündlich bekannte und ſchriftlich dann ihm wiederholte; Alles ſoll durch Wirth - ſchaftlichkeit, durch eine billigere Vertheilung der Steuern, durch Beflügelung des Gewerbes verbeſſert werden. Nur vor allen Dingen keine Halbheit und Schwäche bei der Ausführung! Ihre Güte ſelber, Sire, muß Sie gegen Ihre Güte bewaffnen, ſchrieb er. Man gefällt ſich dar - in dieſen ſeltenen Mann ſo geradehin unter die Ökono - miſten zu ſtellen, und ſeiner Theorie der Abgaben, wie ſie ſich in ſeinen Schriften entwickelt, möchte ſchwerlich beizutreten ſeyn, allein den praktiſchen Staatsmann ſoll man überhaupt nicht weiter nach ſeinem Syſtem bemeſſen als er es zur Anwendung bringt, und wir erblicken ihn nirgend dadurch beengt. Turgot fand unvollſtändige Fi - nanzrechnungen vor, ein directes Deficit von über 22 Mil - lionen, 78 Millionen Steuern waren ſchon vorwegge - nommen, und jeder Verwaltungszweig ſteckte in Schulden. Von der andern Seite konnte gerade die Fülle von Mis - bräuchen, welche auf der Beſteurung laſtete, für einen Sparpfennig gelten, ſobald es nur gelang ſie abzuſtellen. Seiner Entwürfe froh wünſchte Turgot den Malesherbes zum Helfer, dieſen Biedermann, voll Erfahrung im Steuerfache und ſeinen Freund. Gleichwohl gab es einen Punct von erſter Wichtigkeit, in welchem beide Staats - männer aus einander gingen.

Malesherbes lebte noch fern von Geſchäften froh und33 friedlich in ſeinem ländlichen Exil, als im Miniſterrathe des Königs zur Frage kam, ob man die alten Parlamente wie - derherſtellen ſolle. Turgot und die Mehrzahl der Miniſter war dagegen; ohne die despotiſchen Maßregeln Maupeou’s zu billigen, glaubten ſie, man dürfe Nutzen aus dem einmal Geſchehenen ziehen. Turgot zumal ſah in der Wiederkehr der Parlamente den Widerſtand gegen die Reformen orga - niſirt, deren umfaſſenden Plan er im Kopfe trug; auch die Theorie mußte ihm Recht geben wenn er behauptete, eine ſolche Verbindung der geſetzgebenden Gewalt mit der geſetzanwendenden, wie ſie ſich in den Parlamenten Frank - reichs gebildet hatte, ſey gefährlich für den Staat. Soll die geſetzgebende Gewalt des Königs beſchränkt ſeyn, ſo muß es durch Reichsſtände geſchehen wie vor Alters. Zu den Reichsſtänden nun bekannte ſich ſeit lange Malesherbes, ja er hatte noch ganz kürzlich von ſeinem Landſitze her eine Denkſchrift, die zu ihrer Berufung rieth, an den Grafen Maurepas gerichtet: Turgot wünſchte weder das Eine noch das Andere, wollte ſein Werk weder Parlamenten noch Reichsſtänden vertrauen; auch hätte er die letzteren bei dem Könige, wie das Wetterglas der Grundſätze da - mals ſtand, nicht durchzuſetzen gewußt. Sein Plan war, das was ihm in dem beſchränkten Kreiſe ſeiner Intendan - tur, vielfach gekreuzt von Oben, dennoch zum Verwun - dern in dreizehnjähriger Thätigkeit geglückt war, jetzt im großen Maßſtabe zu vollbringen. Er dachte die Laſt der Steuern zunächſt lediglich durch eine angemeſſenere Ver -Franzöſiſche Revolution. 334theilung im Kreiſe der anerkannt Pflichtigen und eine wohl - feilere Erhebung zu vermindern, und wollte beide Ge - ſchäfte in die Hand von Grundbeſitzern legen, welche zu dem Ende in jeder Gemeine frei gewählt werden ſollten. Auf dieſe ſoll auch das Armenweſen übergehen und es wird mit dieſer Schöpfung zugleich der Weg zur Wieder - herſtellung freier Municipalitäten angebahnt. In der That brauchte man ja nur in der Zeit eine gewiſſe Strecke zurückzugehen und man fand in den meiſten Provinzen ſolche Einrichtungen in Thätigkeit, welche die Willkür der letzten Regierungen zuerſt untergraben, dann niedergetreten hatte. Turgot wollte von Gemeinderäthen zu Kreisräthen, von da zu Provinzialſtänden allmählig übergehen. Als letztes Ziel ſchwebten auch ihm im Stillen Reichsſtände vor, keine mittelalterliche Generalſtaaten freilich, die wie - der in drei Stände unbehülflich aus einander liefen; und der unerläßliche vierte Stand bäuerlicher Grundbeſitzer mußte ja erſt recht eigentlich von vorneher erſchaffen wer - den; wenn es auch nur in einigen Provinzen eigentliche Leibeigene gab, deren Zahl man im Ganzen auf Mil - lionen anſchlug. Auch ſeinen Lieblingsplan die Grund - ſteuer über alle Claſſen der Grundbeſitzer auszudehnen und der Steuerkraft entſprechend anzuordnen, ſtellte Turgot noch zurück. An den Verſuch die zum Theil in Pacht ge - gebenen allgemeinen Auflagen aus den Händen der Päch - ter zu reißen, wenn auch nur ſo, daß man die bisherigen Pächter allein auf die Erhebung beſchränkt hätte, ließ ſich35 vorläufig gar nicht denken. Die Generalpächter und ihre Beamten kannten faſt allein praktiſch dieſen Zweig der Ver - waltung, weßhalb man ſie gern zur Erhebung auch der - jenigen Steuern heranzog, welche nicht in Pacht gegeben waren. Ein Sturm auf dieſes Gebiet hätte alle Ariſto - kratien verletzt. Dieſe zitterten ſchon und murmelten von einem Attentat auf die Krone, als ſie vernahmen, der neue Miniſter habe nicht allein die ungeheure Liſte von Penſionen, die beſonders den Hofadel anging, dem - nige vorgelegt und darin eine jährliche Ausgabe von 28 Millionen aufgedeckt, ſondern auch ein Verzeichniß der ſo - genannten Croupiers hinzugefügt, welche ihren Namen von dem Gewinnantheile (croupe) führten, den ihnen die Generalpächter auszuzahlen angewieſen waren, und wie der König im Hamlet, mit einem weinenden und einem lachen - den Auge auszahlten; denn wenn dadurch ihr Gewinn ſich verkürzte, ſo wurden doch von der anderen Seite die hohen Herren Theilnehmer mächtig dafür intereſſirt, daß die Pachtungen in denſelben Händen ſich verlängerten und un - ter den vortheilhafteſten Bedingungen, die denn freilich für das Volk der Steuerpflichtigen um ſo nachtheiliger ausfielen.

Nun war der neue Miniſter des Auswärtigen, Herr von Vergennes, ſonſt kein Liebhaber menſchenfreundlicher Satzungen, inſofern mit Turgot einverſtanden, daß er ſich mit Entſchiedenheit gegen die Herſtellung der Parla - mente erklärte. Vergennes war nach Diplomaten-Art ein Verehrer unumſchränkter Königsmacht und hatte dem über3*36die Gebühr gekränkten Königthum neuerdings in Schwe - den weſentliche Dienſte geleiſtet, indem er den Staats - ſtreich Guſtavs III. unterſtützte. Von den Prinzen er - klärte ſich Monſieur ebenfalls in einem ſchriftlichen Gut - achten gegen die Parlamente. Die übrigen Prinzen und Pärs, namentlich die Orleans, dachten ſchon anders; ſie erblickten in der Vernichtung des pariſer Parlaments, in welchem ihnen Sitz und Stimme zuſtand, eine Beein - trächtigung ihrer Rechte. Auch die Königin redete der Her - ſtellung der alten guten Unordnung eifrig das Wort; dem Könige aber fiel ein Stein vom Herzen, als der Siegel - bewahrer, welcher ſelber früherhin Parlamentspräſident in Rouen geweſen war, einen Plan der Wiederherſtellung unter gewiſſen Cautelen einreichte, welchen Maurepas ſeine Zuſtimmung gab. Ihre Pflicht iſt einzuzeichnen, auch in dem Falle daß ſie widerſprechen, ein Verbrechen wäre es wenn je ſie wieder wagten ihre Amtsthätigkeit einzu - ſtellen, und ſchon hat man dafür Sorge getragen einen Gerichtshof zu beſtimmen, der in ſolch unverhofftem Falle ohne Weiteres für ſie eintreten ſoll. Die Herſtellung des pariſer Parlaments erfolgte am 12ten November 1774 in einem ſogenannten Throngericht (lit de justice). Dieſelbe feierliche Handlung, welche ſo oft ſchon als letztes Mittel den hartnäckigen Widerſtand dieſer Körperſchaft gebrochen hatte: der König, vom Throne, dieſem höchſten Richter - ſtuhle, herab ſeinen unumſchränkten Willen verkündigend, beging jetzt ihre Wiedereinſetzung. Man erblickte in der37 Hauptſtadt mit Entzücken dieſe ſcharlachrothen, mit Her - melin gefütterten Röcke, dieſe alterthümlichen Mörſerhau - ben wieder, das Abzeichen der Präſidenten der großen Kammer, und wenn der alte Geiſt des Ablehnens und Pro - teſtirens ſich gleichfalls wieder einfand, nur um ſo erwünſch - ter für die Pariſer. Der König und ſein Mentor hatten in - zwiſchen kein kleines Gefallen daran, daß ihnen, ſo oft ſie ins Theater traten, der Jubel des Publicums entgegen - ſcholl; und Turgot hatte ſeine erſte große Erfahrung gemacht.

Dem pariſer Parlamente folgte die Wiedereröffnung auch der übrigen Parlamente von Frankreich auf dem Fuße nach; die Herſtellung auch der Oberſteuerkammer rief den Malesherbes in die Hauptſtadt zurück. Alsbald widmete er ſeine ganze Kraft einer ſchwierigen Ausarbeitung, welche alle Misbräuche des bisherigen Steuerweſens aufdeckt, ein Werk voll Ernſtes und Gewiſſenhaftigkeit. Wir leſen darin die Krankheitsgeſchichte des franzöſiſchen Gemein - weſens, und es lohnt der Mühe daß man ſie leſe.

Der Verfaſſer hebt mit der Klage an daß ſein Colle - gium hier reden müſſe, welches ſo gern die Pflicht dieſe traurigen Wahrheiten auszuſprechen Anderen überlaſſen hätte. Allein die Eiferſucht der Miniſter hat ſeit länger als einem Jahrhundert die Stände der Monarchie zum Schweigen gebracht: es iſt der Nation unmöglich gemacht zu ihrem Könige zu reden; nur der Magiſtratur iſt dieſe Befugniß noch verblieben. So muß es denn geſagt ſeyn: Es giebt kein Recht in Frankreich dem Generalpächter ge -38 genüber. Der Vornehme mag noch allenfalls Mittel finden ſich dieſer willkürlichen Gewalt zu erwehren, Genug - thuung zu erlangen, aber der gemeine Mann nimmer. Der Oberſteuerhof (cour des aides) und die ihm unterge - ordneten Gerichtshöfe ſollen ihrer Beſtimmung nach Rich - ter über alle Steuern ſeyn, allein man hat die meiſten Steuerſachen den Intendanten der Provinzen zugewendet, und in den Sachen, die ihm noch geblieben ſind, wird ſein Erkenntniß von dem Generalpächter an die Finanz - verwaltung gebracht und dort caſſirt. Nimmt man dazu die Unbeſtimmtheit der Vorſchriften über die Rechte der Pächter, die ihren Unterbedienten freigelaſſenen Unter - ſuchungen auf den Landſtraßen und Hausſuchungen, be - ſonders wegen Schmuggelei, wobei ein Theil der Straf - gelder dieſen Unterbedienten zufällt, ſo bleibt kein Zweifel: der Pächter iſt der höchſte Geſetzgeber über die Gegenſtände ſeines eigenen perſönlichen Intereſſes. Um ihrer ſpähen - den Habſucht zu entgehen, ſchließt man heimliche Verträge über manche Geſchäfte, welche der gerichtlichen Beglaubi - gung bedürften, entgeht ſo vielleicht der Abgabe, aber legt den Grund zu einer Menge unabſehlicher Rechtshän - del, und die Angeberei im Lande iſt ohne Ende. Das ſind die Mittel, durch welche mehr als 150 Millionen jährlich in die königliche Caſſe kommen. Nicht um Wohl - wollen fragt es ſich, ſondern um Gerechtigkeit. Sicher - lich, dieſe ſchweren Auflagen ſind nothwendig, mit wel - chen die Unterthanen fortfahren die Siege der Vorfahren39 Eurer Majeſtät zu bezahlen, aber mögen Sie es wagen, Sire, wie Ludwig XII. im Munde Ihrer Hofleute für geitzig zu gelten, ſo peinlich es ſeyn mag, da die Früchte einer königlichen Freigebigkeit ſtets in der nächſten Nähe des Thrones bleiben, die Früchte königlicher Spar - ſamkeit dagegen ſich in eine ſchwer erkennbare Ferne verſtreuen. Zunächſt aber iſt es Pflicht des Königs den Schutz der Geſetze ſeinem Volk zu gewähren, welches, ohne die gänzliche Aufhebung des Pachtweſens für jetzt zu begehren, nur Sicherheit gegen ſeine weitere Ausdehnung und vor der Abrufung der Beſchwerden von den Gerichts - höfen verlangt, Übel, welche neuerdings bis zum Äußer - ſten geſteigert ſind. Muß man übermäßige Steuern tra - gen, ſo müſſen die Steuergeſetze ſtreng ſeyn, aber dieſes verhindert nicht daß ſie genau ſeyen, daß die Belaſtung der verſchiedenen Provinzen gleichmäßig ſey, daß die Zoll - linien im Innern aufhören, durch welche jede Provinz zu einem Staate für ſich wird, von einem ſtehenden Heere von Zöllnern umſtellt. So weit die Forderung der Ge - rechtigkeit. Freilich gab es eine Zeit, da die Franzoſen ihren Königen gegenüber nicht bloß von Gerechtigkeit, da ſie von Freiheit ſprachen. Seit aber die Waffengewalt von den Vaſallen auf die Krone übergegangen iſt, ſteht das anders, ſtändiſche Beſchwerden werden als gefährlich betrachtet. Immerhin! wenn nur nicht dafür in Frank - reich eine Regierungsform, würdig des Orients, aufge - kommen wäre: die geheime Verwaltung. Ihr40 Werk iſt dieſe allgemeine Verwaltungs-Despotie, welche ſelbſt die Thränen des Volks nicht dulden will. Man hat auf dieſem Wege zuerſt die Generalſtaaten vernichtet, welche ſeit nun 160 Jahren nicht verſammelt ſind, nachdem man ſie früher ſelber berufen und faſt überflüſſig gemacht hatte; denn man ſchrieb ohne ihre Einwilligung Steuern aus. Nicht beſſer iſt es den meiſten Provinzen mit ihren beſonderen Ständen ergangen, und wo man ſie gelaſſen hat, da ſetzt man ihnen immer engere Schranken. Der Despotismus macht täglich neue Eroberungen. Die Provinzen, welche ihre Stände einbüßten, behielten doch als ſogenannte Wahllande (pays d’élection) noch einen Reſt der ehemali - gen Freiheiten übrig, indem ihnen erlaubt ward die Ver - theilung mindeſtens ihrer Auflagen durch Mitbürger ihrer eigenen Wahl beſorgen zu laſſen: allein nur der Name iſt davon übrig geblieben; die Provinz erwählt jene Be - vollmächtigten nicht mehr, ſie ſind zu bloßen Werkzeugen der Intendanten herabgeſunken. Ebenmäßig iſt auch jeder Gemeinde ihr natürliches Recht ihre eigenen Angelegen - heiten zu verwalten, entzogen, der geringſte Dorfbeſchluß iſt von der Genehmigung der Unterbeamten des Intendan - ten abhängig. Man hat der ganzen Nation Vormünder gegeben. Vorſtellungen aus der Provinz, welche ſich auf die Rechte derſelben oder auf die der ganzen Nation beziehen, werden, ſobald ſie von einem Einzelnen aus - gehen, als eine ſtrafbare Verwegenheit, wenn von Meh - reren unterzeichnet, als eine unerlaubte Verbindung be -41 handelt. Nach der Vernichtung der wahren Volksvertreter haben die Könige allerdings erklärt, die Gerichtshöfe wür - den die Vertreter des Volks ſeyn, allein jeder Gerichtshof iſt auf ſein Gebiet beſchränkt und auf die Gerichtspflege. Dergeſtalt können alle möglichen Misbräuche in der Ver - waltung begangen werden ohne daß der König etwas da - von erfährt, weder durch die Volksvertreter, denn in den meiſten Provinzen giebt es keine, noch durch die Gerichts - höfe, denn in Bezug auf alle Gegenſtände der Verwaltung er - klärt man ſie für incompetent, noch durch Einzelne, denn ſie ſind durch Beiſpiele der Strenge belehrt, daß es ein Verbre - chen iſt ſich an die Gerechtigkeit ſeines Souveräns zu wenden. So ſchwer laſtet überall das Geheimniß der Verwaltung. Einen Beleg dazu geben die Wegefrohnen, die kein Geſetz des Königreiches genehmigt, und keine Laſt, über welche das Volk mehr ſeufzt als dieſe. Eben ſo der Zwanzigſte, welcher ſeit 40 Jahren beſteht, und kein Pflichtiger darf die Heberollen einſehn. Das ward dem verſtorbenen - nige 1756 vorgeſtellt und die Miniſter mußten es einge - ſtehen, worauf der König die Niederlegung der Heberollen zur öffentlichen Einſicht befahl; allein gleich die folgenden Miniſter wußten einen Widerruf dieſes Befehles zu be - wirken. So liegt es fortwährend in der Hand der Be - amten einen Pflichtigen, welchem ſie wohlwollen, zu be - günſtigen, was natürlich auf Koſten Anderer geſchieht, deren Beitrag vermehrt wird, um den Ausfall zu decken, und den Verletzten bleibt alle Möglichkeit der Beſchwerde -42 führung abgeſchnitten, weil ſie die Heberolle nicht kennen. Und wenn ſie ſie kennten, tritt ihnen nicht ſofort eine an - dere Heimlichkeit, die der Perſonen, eben ſo hemmend entgegen? Denn keinen Unterbeamten giebt es, der nicht der Form nach im Namen eines Höheren verführe, wel - cher ſeine Vollmacht unterzeichnet hat, ohne ihre Grund - lagen zu unterſuchen. Darum wagt man im Dorfe nicht ſich gegen den Unterbeamten zu beſchweren, denn er hat ſeine Vollmacht vom Intendanten, in der Stadt nicht gegen den Intendanten, denn er ſtützt ſich auf eine Cabi - netsorder; und wenn ſelbſt eines der höchſten Collegien ſich erkühnt Gegenvorſtellungen gegen miniſterielle Befehle, deren Inhalt vielleicht nur ihren Commis deutlich bekannt iſt, zu verſuchen, ſo heißt man ihn einen Verwegenen, denn dieſe Befehle ſind vom König ſelbſt unterzeichnet. Die Sachen ſtehen ſo als hätte die Regierung ihren Beam - ten von jeder Abſtufung erklärt: Dieſe Summe Geldes bedürfen wir, nehmt ſie von wem ihr wollet, ihr ſeyd für nichts verantwortlich, als daß ihr ſie anſchaffet.

Drei directe Abgaben beſtehen: die Taille, die Kopf - ſteuer und der Zwanzigſte. Ich unterbreche aber hier für eine Weile den Gang der Denkſchrift, um zu bemer - ken, daß die Taille die einzige Steuer war, welche er - höht werden konnte, ohne einer Einzeichnung von Seiten der Parlamente zu bedürfen. Sie war, nach ihrem Haupt - ertrage bemeſſen, eine Grundſteuer, welche in einigen Steuerbezirken des Südens bloß das gemeine Grundeigen -43 thum traf, das der beiden privilegirten Stände ganz frei ausgehen ließ. In dem übrigen Frankreich aber wurde dieſes mit herbeigezogen, zunächſt unter der Form einer Benutzungsſteuer, welche der Pächter zu zahlen hat; aber auch die ſelbſtbewirthſchafteten privilegirten Grundſtücke blieben nur dann frei, wenn nicht mehr als vier Pflüge zu ihrer Bearbeitung verwandt wurden. Hier ward auch das bewegliche Vermögen nebſt Capitalien und Gewerben taillepflichtig gemacht, jedoch nicht bedeutend davon er - griffen. Die Kopfſteuer traf in ihrer urſprünglichen Form allein die ärmere Claſſe, bei den bürgerlichen Grundbe - ſitzern machte man den Anſchlag nach Verhältniß ihres Beitrages zur Taille, bei dem Adel, dem Militär, den Beamten ward nach Rang und Titel gefragt u. ſ. w. Die Abgabe des Zwanzigſten kam im Jahre 1749 auf; ſie war ſonach die dritte Grundſteuer, welche der nicht privilegirte Grundbeſitzer zu tragen hatte, ward übrigens von allen Grundſtücken und Häuſern im Königreiche, mit alleiniger Ausnahme der geiſtlichen, nach dem Maßſtabe ihres Wer - thes entrichtet. Nicht lange, ſo verdoppelte man die Ab - gabe durch einen zweiten Zwanzigſten, verwandelte ferner durch einen nochmaligen Zuſatz dieſen Zehnten in einen Neunten und eine Zeitlang wurden von einigen Gegenſtänden ſogar drei Zwanzigſte erhoben. Keine dieſer drei Hauptabga - ben war verpachtet; ihr Geſammtertrag blieb nicht gar weit hinter der Hälfte der jährlichen Staatseinnahmen zurück.

Die Denkſchrift bemerkt über ſie: Die Taille gilt für44 unveränderlich, allein in Wahrheit wird ſie jedes Jahr erhöht, durch Hinzufügung von verſchiedenen Abgaben, die nicht dazu gehören. Die Grundſätze ihrer Vertheilung über die Provinzen und demnächſt über die einzelnen Ge - meinden und vollends die Individuen ſind für die Einzel - nen ein völliges Geheimniß, in welches einzudringen ſo - gar der Oberſteuerhof vergeblich verſucht hat. Nur durch freigewählte Provinzialverſammlungen ließe ſich hier Beſ - ſerung ſchaffen. Wie es mit der Kopfſteuer ſtehe, mag das Eine beweiſen, daß Intendanten ſich oftmals gerühmt haben, ſie hätten die Einwohner ihrer Generalität be - droht, ſie auf den doppelten Satz zu bringen, falls ſie ſich gegen gewiſſe Anordnungen der Regierung ſperrten. Die ganze Abgabe müßte beſeitigt werden. Der Zwanzigſte aber hat von jeher die meiſten Gegenvorſtellungen erweckt, weil er am allerwillkürlichſten angelegt iſt, und auf dieſer fehlerhaften Grundlage immerfort erhoben und erhöht wird. Hier müßte ein Kataſter in die Mitte treten.

Die Summe von Allem iſt: Es kommt nicht auf die Abſchaffung einzelner Misbräuche an, ſondern auf die Umſchaffung der Verwaltung und daß dieſer Schöpfung die Dauer geſichert ſey über des Königs Regierung hin - aus. Das Vertrauen auf die gegenwärtige Verwaltung (Turgot) darf unſern Mund nicht ſchließen. Iſt es denn wahr, was man zu wiederholen liebt, daß König und Mi - niſter ſtets daſſelbe Intereſſe haben? Wo es ſich vom Ruhme der Waffen, von der Geltung der königlichen Macht nach45 Außen und Innen handelt, da gewiß. Allein in vielen Fällen wird das königliche Anſehn nur zum Vorwand ge - nommen, unter welchem die Herrſchaft des Miniſters das kleinſte Detail ſich vorbehält, um überall Freunde fördern, Feinde verfolgen, ſich an der eigenen Machtvollkommen - heit weiden zu können. Darum ſeine Neigung für die Heimlichkeit der Verwaltung, ganz im Widerſpruch mit dem königlichen Intereſſe. Denn des Königs Intereſſe iſt hell zu ſehen über ſeine Miniſter, das der Miniſter aber nicht ſelten das Licht zu meiden. Das Volk hat ſtets das - ſelbe Intereſſe mit ſeinem Könige, allein die Großen und Alles was Zutritt zum Könige hat, theilt das Intereſſe ſeiner Miniſter, woraus folgt daß dieſer Bund faſt im - mer den Sieg über das vereinigte Intereſſe des Königs und des Volks davonträgt. Es kommt alſo darauf an daß König und Nation ſich einander nähern, daß ſie dieſe doppelten Schranken durchbrechen lernen. Wie aber könnte das geſchehen? Das einfachſte und der Verfaſſung dieſer Monarchie gemäßeſte Mittel wäre die verſammelte Nation ſelbſt zu hören oder mindeſtens Verſammlungen in jeder Provinz zu geſtatten. Es darf Ihnen nicht verhehlt wer - den, Sire, daß der einmüthige Wunſch der Nation auf Ge - neralſtaaten oder mindeſtens Provinzialſtände gerichtet iſt. Und doch hat ſich ſeit länger als einem Jahrhundert die Eiferſucht der Miniſter und vielleicht auch die der Hofleute den Nationalverſammlungen (assemblées nationales) wi - derſetzt, und wenn Frankreich ſo glücklich ſeyn ſollte daß46 Ew. Majeſtät ſich dazu eines Tages entſchlöſſe, ſehen wir vorher, daß man unendliche Formſchwierigkeiten er - ſchaffen wird, die ſich doch gar leicht heben laſſen, ſobald Ew. Majeſtät es wollen wird; denn ſie ſind nicht von der Art ein wirkliches Hinderniß dem entgegenzuſetzen, was durch die glühenden Wünſche eines Volks, welches Sie lieben, von Ihnen geheiſcht wird. Wir wiſſen recht gut, daß unſere Vorſchläge eine Neuerung ſind, allein es giebt nützliche und oftmals nothwendige Neuerungen. Hätte man beharrlich alle Neuerungen verworfen, ſo leb - ten wir noch unter der Herrſchaft der Tyrannei, der Un - wiſſenheit und Barbarei.

So weit Malesherbes und ſein Oberſteuerhof. Turgot war einverſtanden, nur daß er die Freude ſeines Freundes über die Herſtellung der Parlamente nicht theilte, nur daß er die Reichsſtände mehr in den Hintergrund geſtellt wünſchte. Malesherbes meinte daß die Reichsſtände aus Grundbeſitzern, ohne Rückſicht auf den Adel, aus Bür - gerlichen, nicht aus Prieſtern erwachſen müßten, aber in ſeiner Denkſchrift iſt darüber nichts enthalten. Dieſe ward am 5. Mai 1775 eingegeben und erweckte dem Grafen Maurepas und ſeinem Vertrauten dem Siegelbewahrer nicht geringe Sorge. Auf den Rath Beider erwiederte der - nig, welchen gerade in denſelben Tagen Aufläufe wegen einer Getraidetheurung beunruhigten, in ausweichender Faſſung, man dürfe nicht zu Vielerlei auf einmal ändern, und es floß ſogar der Zweifel ein, ob denn wirklich Mis -47 bräuche ſtattfänden. Auf dieſen Beſcheid nahm Males - herbes ſeinen Abſchied und zog ſich wieder in ſein geliebtes Landleben zurück. Hier fand ihn nach nur wenig Mo - naten die dringende Bitte ſeines Freundes Turgot, zurück - zukehren und das Miniſterium des königlichen Hauſes, aus welchem Vrilliere wie aus einer Feſtung mit Noth und Mühe endlich vertrieben war, zu übernehmen. Für Malesherbes, den kein Gelüſte nach Gewalt beherrſchte, hatte die Ausſicht wenig Reiz für Hoffnungen zu arbeiten, die ſich ſchon entblättert hatten. Es war ziemlich klar, der König wünſchte wackere Männer in ſeiner Nähe, allein ihre Entwürfe durften ihn nicht gerade beläſtigen. Schon begann der Dunſtkreis, welcher die Throne umhüllt, ſeine Wirkung zu üben, die unumgänglichſten Verbeſſerungen ſchienen nicht ganz ſo dringend mehr. Gleichwohl gab Ludwig Turgots Bitten um Malesherbes willig nach, und Maurepas, beunruhigt durch die Einmiſchung der Köni - gin, die durchaus dieſes Mal das Vergnügen haben wollte einen Miniſter zu ſchaffen, und irgend einen unbe - deutenden Menſchen protegirte, verzichtete ſchnell auf jeg - liche Einwendung. Erſt auf die dritte Einladung nahm Malesherbes ſeine Weigerung zurück, behielt ſich lediglich volle Freiheit zurückzutreten vor. In ſeine neue Lauf -Jul. bahn begleiteten ihn zwei Lieblingsplane; ſie mindeſtens ſchienen nicht überſpannt zu ſeyn. Zu dem Miniſterium des königlichen Hauſes, welches man jetzt Miniſterium des Innern nennt, gehörten auch die Kirchenſachen; Ma -48 lesherbes ſchmeichelte ſich mit der Hoffnung, der bedrängten Lage der franzöſiſchen Reformirten ein Ende machen, einer halben Million Franzoſen endlich die Freiheit wieder ver - ſchaffen zu können Gott auf ihre Weiſe zu verehren, ihnen ſo vielfache Leiden zu vergüten. Dieſe Sache der Menſch - heit mußte das gütige Herz des Monarchen gewinnen, nur ſchien es nicht gerade rathſam mit ihr anzufangen; erſt vor wenig Wochen war ja der König gekrönt und er hatte es doch über ſein Herz nicht zu bringen vermocht, daß aus ſeinem Krönungseide die Worte geſtrichen würden, welche ihn zur Ausrottung der Ketzer verpflichteten. Allein ein Anderes griff der neue Miniſter raſch an, das Unweſen der Haftbriefe, welches er ſchon in jener Denkſchrift mit ſittlicher Entrüſtung gerügt hatte. Sein Vorgänger war über ein halbes Jahrhundert im Amte geweſen und man konnte auf jedes Jahr wohl tauſend lettres de cachet rech - nen. Da war kein hoher Beamter, kein Biſchof, der nicht einen Vorrath davon empfing, aber auch niedere Be - hörden, namentlich die unteren Steuerbeamten, die Com - mis der Generalpächter wurden reichlich damit ausgeſtattet. Malesherbes nahm die großen Staatsgefängniſſe perſön - lich in Augenſchein, und mancher unſchuldig Verhaftete verdankte ihm ſeine Freiheit; ſchwieriger war es eine für die Dauer ſicherſtellende Maßregel auszufinden, vornämlich jenem tief eingewurzelten Misbrauche gegenüber, welcher die Ertheilung von Verhaftsbriefen an Hausväter höheren Standes geſtattete, die dann gegen Mitglieder ihrer49 Familie beliebigen Gebrauch davon machten, wenn es, wie man das nannte, galt, die Ehre des Hauſes zu retten. Malesherbes erbat ſich bei dem Könige ſeltenes Bei - ſpiel von einem Miniſter! eine Verminderung ſeiner Macht. Keine Verhaftung ſolcher Art, daß ſie weder Unterſuchung noch Strafe zur Folge hat, ſoll künftig ſtatt - finden können, ohne daß beide Theile vorher von einer zu dem Ende niederzuſetzenden Behörde vernommen ſind. Dieſe ſoll verpflichtet ſeyn auch in anderen Verhaftungs - fällen ohne Aufſchub ein erſtes Verhör anzuſtellen. Der König hielt in dem Jahrhundert, in welchem wir leben einen mäßigen Gebrauch der Verhaftsbriefe für eine der Krone unentbehrliche Sicherheitsmaßregel; jene Behörde billigte er, ohne ſie einzuſetzen.

Da zogen denn nun zwei Männer mit einander an dem - ſelben Joche, beide ſo einſichtig, erfahren, treu, uneigen - nützig, ſo frei von gegenſeitiger Eiferſucht wie der begehr - lichſte Wunſch es nur verlangen kann; und allen ihren edeln Vorſätzen wird die Spitze abgebrochen, aus dem einfachen Grunde weil das wahr iſt was Malesherbes ein - mal gegen den König ausſprach: Die Urſache alles Un - glückes iſt, Sire, daß Ihre Nation keine Verfaſſung hat. Die treibende Kraft im Staate geht durch eine Natur der Dinge, die ſich nicht ſpotten läßt, nun einmal vom Volke aus, ungefährlich, wenn charakteriſtiſche Formen für ſeine Thätigkeit gefunden ſind. In Frankreich, wo dieſe For - men theils freventlich zerbrochen, theils abgeſchliſſenFranzöſiſche Revolution. 450waren, mußten da die Noth drängte wider die Natur der Dinge die Miniſter die Treiber ſeyn; denn das Volk durfte nicht und war allenfalls gedurft hätte, der gefiel ſich in den Misbräuchen; der König aber war bloß wohlwollend, und der alte ſelbſtſüchtige Mann, welchen er ſeinen wei - ſen Maurepas zu nennen pflegte, war ein ſeichter Witz - ling ohne Gewiſſen und Grundſatz. Turgots ſtarkes Ge - müth ließ ſich inzwiſchen durch keine ungünſtige Vorbedeu - tung irren. Ein Diener der Wahrheit ging er ſeinen ſteti - gen Weg, ohne ſich durch die Ungewißheit, wie lange ſeine Macht dauern werde, zu Übereilungen hinreißen zu laſſen. Er unterſuchte und beſchränkte die Ausgabeetats ſämmtlicher Miniſterien, mit Ausnahme der auswärtigen Angelegenheiten, verminderte in Einverſtändniß mit Ma - lesherbes die Ausgaben des königlichen Hofhalts, nach einem Plane, der, ohne gleich zu ſcharf einzuſchneiden, allmählig beſchränken und binnen neun Jahren in gänz - liche Vollziehung treten ſollte, kündigte hochverzinste Staatsſchulden auf und traf Anſtalt an ihre Stelle wohl - feilere Anleihen, zu vier vom Hundert, zu ſetzen, zu wel - chen Holland dem zuverläſſigen Verwalter Hoffnung gab. Wenn nun für die Zukunft die Penſionsliſte, wie ſich be - rechnen ließ, durch Todesfälle jährlich um eine halbe Mil - lion entlaſtet ward, wenn die von der Krone ſelbſt erhobe - nen Steuern durch Verminderung der Hebungsbeamten minder koſtſpielig eingingen, ſo vermehrten ſich eben da - durch die Einnahmen ohne einen Zuwachs des Druckes,51 und man hatte angefangen ſich einer verderblichen Groß - muth zu entäußern. Künftig auch ſollte, das war ſchon laut ausgeſprochen, von keinen Anweiſungen auf Antheile an dem Gewinne der Generalpächter, von fünf oder gar von zwanzig Procenten, zum Vortheil gewiſſer Günſtlinge, mehr die Rede ſeyn, wenn man gleich die einmal erwor - benen Anſprüche dieſer Art beſtehen ließ. Da nun auch der Finanzminiſter alle herkömmlichen Geſchenke von Sei - ten der Generalpächter zurückwies, mochten dieſe nun ein für allemal mit 400,000 Livres oder jährlich mit deren 50,000 entrichtet werden, ſo konnten in Zukunft die Pacht - contracte vortheilhafter für die Finanzen und im Geiſte der Milde gegen die Unterthanen abgeſchloſſen werden. Tur - gots allgemeiner Plan war, durch zu errichtende Provin - zialſtände das ganze Steuerweſen allmählig in dem Sinne umzugeſtalten, daß zwar, inſoweit die alten Steuern bei - behalten würden, alle bisherigen Exemptionen fortbeſtän - den, bei neu anzulegenden Steuern dagegen wegfielen. Nun aber ſollten alle Steuern, welche den gemeinen Mann hart belaſteten, als namentlich die Salzſteuer, demnächſt aufhören und durch neue, mithin allgemeine er - ſetzt werden. So wenig indeß war ihm die Vermehrung der königlichen Einkünfte die Hauptſache, daß er ſich der Einführung eines Lotto beharrlich widerſetzte. Um ſo mehr verſprach er ſich von einer ſchärferen Controle, und vor allen Dingen von einem beſchleunigten Rechnungsweſen. Bei dem Regierungsantritte des jetzigen Königes gab es4*52Caſſen, deren Rechnungen um fünf Jahre zurückſtanden, manche ſogar um zwölf und dreizehn Jahre. Von nun an ſoll im Laufe jedes Jahres der Finanzetat des vorhergehenden Wirthſchaftsjahres zum vollſtändigen Abſchluſſe kommen.

Im Übrigen ward dem Landmanne gleich jetzt eine große Erleichterung durch die Aufhebung der Kriegsfuhren gegen eine mäßige Abfindung zu Theil. Eben ſo ſollen die Wegebauten überall im Reiche zu Gelde angeſchlagen wer - den und nach den Vorſchriften der natürlichen Billigkeit von dem gedrückten beſitzloſen Landvolk ohne Weiteres auf die Grundbeſitzer übergehen, mit alleiniger Ausnahme des geiſtlichen Grundbeſitzes, der freilich beinahe ein Sechstel des ganzen Reichsbodens betrug, aber aus all - gemeinen Gründen verſchont ward. Turgot dachte die Zeit walten zu laſſen, zunächſt durch Beſeitigung des Zunftzwanges die tiefe Kluft zwiſchen Städter und Land - mann auszufüllen, und vor allen Dingen dem letzteren die leidigen Frohnen abzunehmen. Der König wird hierin auf ſeinen Domänen mit gutem Beiſpiele voran gehen, die Frohnen ablösbar ſtellen und außerdem jeden Vaſallen, der auf ſeine Lehnsrechte zum Beſten ſeiner Eingeſeſſenen verzichtet, dadurch entſchädigen daß er ihn ſeiner Pflich - ten gegen den Oberlehnsherrn enthebt.

Turgot hatte freilich ſchon bei einer früheren Veran - laſſung erfahren, in welcher traurigen Vereinſamung ein Staatsmann daſteht, der zu großen Umgeſtaltungen be - rufen, keine öffentlichen Organe zur Stütze findet. Er iſt,53 wenn nicht zur Schwäche, ſo zur Despotie verurtheilt. Vielleicht in keinem Betracht war Frankreich ſo ſehr einem beſchränkten Herkommen unterthan geworden als in Bezug auf den Vertrieb des Getraides. Man glaubte ſeit Col - bert Miniſter war, dieſem wichtigſten Nahrungsmittel die angeſtrengteſte Sorge der Polizei widmen zu müſſen. Nicht nur daß jede Provinz ihre eigene Zolllinie beſaß, die ſich höher und höher gegen die Ausfuhr hob, ſobald der Preis Miene machte ſich zu ſteigern, man privilegirte gewöhnlich in jeder irgend bedeutenden Stadt eine Anzahl Perſonen für dieſen Handel, wies ihrer Geſellſchaft zu - gleich einen abgegränzten Landbezirk an, binnen welches Bezirkes ſie allein aufkaufen und durch ebenfalls privile - girte Auf - und Ablader ihr Getraide in privilegirte ſtädti - ſche Mühlen bringen laſſen durfte. Wenn nun das für eine ſolche Geſellſchaft im gewöhnlichen Laufe der Dinge einen unverhältnißmäßig großen Gewinn brachte, ſo war ſie dagegen, ſobald eine Beſorgniß großer Theurung ein - trat, aller Willkür von Oben preisgegeben. Man viſitirte, man ſchrieb Preiſe vor und ſtrafte als Wucherpreis was über den Maßſtab hinausging, welchen eine kurzſichtige Behörde ſich gebildet hatte. Daneben öffnete man dann zugleich die theils königlichen theils ſtädtiſchen Maga - zine, welche mit unmäßigen Koſten beſtändig gefüllt wur - den und deren meiſt ſchlecht beſtellter Inhalt doch der wirk - lichen Noth ſo wenig gewachſen war. Um ſo augenſchein - licher ward der Muth der Kornhändler, dieſer natürlichen54 Magaziniers, durch den Mithandel der Regierung gelähmt, und ſelbſt Ludwig XV. gab der Schule der Ökonomiſten, welche eine unbedingte Freiheit des Getraidehandels ver - langte, hin und wieder in ſo weit nach, daß er die läſtig - ſten Beſchränkungen aufhob. Allein jede ungünſtige Erndte führte auch zu den altherkömmlichen Misverſtändniſſen zu - rück. Als im Jahre 1770 dergleichen wieder im Werke war, erhob ſich Turgot als Intendant kräftig dagegen; aber jenem gewiſſenloſen Terray und einem Könige gegen - über, welcher ſelbſt ganz gern auf den Hunger ſeiner Un - terthanen ſpeculirte, ſcheiterten ſieben gründliche und be - redte Vorſtellungen. Jetzt da Turgot am Ruder ſaß, ging er keineswegs ſo weit als ſein Syſtem, trug im Miniſter - rathe nicht auf freie Ausfuhr ins Ausland an, ihm ge - nügte die hergeſtellte Freiheit des inneren Verkehrs und daß die Magazine auf Staatsrechnung aufhörten. Zum Unglück aber fiel gerade die nächſte Erndte ungünſtig aus und die Kornpreiſe fingen an zu ſteigen. Mehrerer Orten erhuben ſich Unruhen, und als ein Schwarm Bauern nach Verſailles und an das Schloß kam, war der König ſchwach genug ihnen vom Balcon herab wohlfeileres Brod zu ver -1775. Mai 2. ſprechen. Nichts deſto weniger zog die Bande weiter in die Hauptſtadt, Bäckerläden wurden in Paris erſtürmt, Ge - traideſchiffe auf der Seine geplündert. Auffallend war es dabei daß die Thäter ganz wohlgemuth einherzogen, Brod und Getraide nicht raubten, ſondern in den Koth und ins Waſſer warfen, dagegen Gerſtenbrod mit Kleie und Aſche55 vermiſcht unter die Leute brachten. Zu gleicher Zeit gingen Adreſſen ohne Unterſchrift an den König ein, und eine da - von, welche die Zurückberufung Terray’s erbat, kam ſogar durch die Königin an den König. Dieſer aber ließ ſich durch Turgot überzeugen daß ein Verſprechen wohlfeilen Brodes mehr enthalte als was ein König erfüllen könne, und als hierauf die bewaffnete Macht freie Hand bekam, kehrte die öffentliche Ruhe bald zurück. Nur zwei Hinrichtungen er - folgten. Da man aber bei den Verhafteten reichliches Sil - bergeld und zum Theil bedeutende Summen in Goldſtücken fand, ſo gewann die Meinung Beſtand, der ganze hauptſtäd - tiſche Tumult ſey künſtlich angeſtellt, um Turgot zu verder - ben. Turgot ſelbſt hatte außer einigen Parlamentsmitglie - dern den Prinzen von Conti, das Haupt der vierten Linie des Königshauſes, im Verdacht der Anſtiftung, und aller - dings kannte man dieſen Herrn ſo, daß er, verliebt in jeden Skandal, am liebſten doch dem Könige und ſeinen Miniſtern wehe that.

Die unfreundliche Geſinnung des pariſer Parlaments that ſich ſchon während des Tumultes kund; es wollte die ganze Unterſuchung gegen die Meuter an ſich ziehen und bewies zugleich einige Sympathie mit ihnen, indem es um niedrigere Kornpreiſe bat. Ein lit de justice mußte ſeine Einmiſchung zurückweiſen. Um ſo gewiſſer ſah der Miniſter voraus daß ſeine Veränderungen in den Froh - nen, dem Zunftweſen, der Grundſteuer, wie ſie ſich nun in ſieben gleichzeitigen Edicten kundgaben, den lebhafteſten56 Widerſtand erfahren würden; er bereitete den König auf die Nothwendigkeit eines abermaligen lit de justice vor. Ludwig gab ſeine Einwilligung, und als das Parlament eine Gegenvorſtellung nach der anderen machte, ſogar eine Schrift verbrennen ließ, welche der Ablöſung der Frohnen das Wort redete, erzwang der Spruch vom Throne die1776. März 12. Einzeichnung der Edicte. Das war aber auch die letzte Kraftanſtrengung des Königs; nur zwei Monate ver - gingen und Turgot war nicht mehr im Amte. Denn als nun die Königin, verdrießlich über dieſe langweilige Spar - ſamkeit, in den Chorus der ſchwelgeriſchen Hofleute ein - ſtimmte; als der Klerus, zwar noch unverletzt, aber klug vorausſehend, welch ein Sturm ſeine 130 Millionen Livres jährlicher Einkünfte bedrohe, alle Minen ſpringen ließ gegen den Mann, der an Gott glaubte und nicht in die Meſſe ging; als ſogar in Leichenreden ſich Verwünſchungen gegen die Ökonomie und ihr Syſtem einmiſchten und man mit heller Stimme öffentlich fang:

Der König iſt bereits belehrt
Daß er ſelbſt zu den Misbräuchen gehört;

als endlich alle Miniſter, außer den beiden Verbündeten, die Neuerungen mit kalten Blicken maßen, da war es kin - derleicht für den Grafen Maurepas die letzte Arbeit zu thun. Denn dieſem ſchwoll längſt die Bruſt vor Unwillen gegen den Verwegenen, der ihn behandelte als ob er gar nicht da wäre, der, wenn Alles aufs Beſte ging, ihn entbehr - lich machen mußte. Und ſchwindelte nicht ohnedieß dem57 Könige ſchon der Kopf, ſo oft ihm Turgot eine neue Denk - ſchrift mitbrachte? So war es denn doch wirklich nicht ge - meint geweſen. Auch Ludwig arbeitete wohl zu Zeiten mit der Feder und hatte noch kürzlich über die Kaninchengehege der Grundherren und über den Schaden, welchen ſie in Saaten und Weinſtöcken ſtiften, eine gründliche Ausar - beitung geliefert, allein ganz andere Gebiete waren es ja, auf welche ihn Turgot tagtäglich führte, ihm fürder keine Ruhe ließ. Ludwig überzeugte ſich, ſeine beiden Miniſter die Philoſophen würden ihn am Ende ins Unglück brin - gen, wenn ſchon wohlmeinend, wollten ſie doch höher hin - aus als die monarchiſche Form es ertrage. Die Träume eines ehrlichen Mannes, meint der König, dürfen nicht den Staat beherrſchen, und giebt dem Maurepas darin Recht daß Turgot viel zu eigenwillig iſt. Er unterzeich - net ſeine Entlaſſung. Gern zwar hätte er den biegſameren und manchmal nicht ganz regelrechten Malesherbes um ſeine Perſon noch feſtgehalten; allein dieſer hat ſchon längſt, auf ein Beſſerwerden verzichtend, zu wiederholten Malen ſeinen Abſchied erbeten. Jetzt iſt nun vollends ſei - nes Bleibens nicht mehr. Sie Glücklicher, ſprach ge - rührt der Monarch, Sie können abdanken! Am 12. Mai 1776 ſchied Turgot aus dem Miniſterium, in wel - chem er ein Jahr und nicht volle neun Monate geſeſſen. Sofort wurden durch ein Edict die Wegefrohnen wieder - hergeſtellt.

Etwas länger hielt ſich ein dritter Reformator, der58 neue Kriegsminiſter Graf St. Germain, im October 1775 ernannt. Dieſer merkwürdige Mann fand ſeine Jugend - bildung bei den Jeſuiten. Siebzehnjährig warf er das Or - denskleid von ſich und trat als Unterlieutenant ein. Eine Ehrenſache vertrieb ihn aus Frankreich, er nahm Dienſte bei einem deutſchen Fürſten nach dem andern, bis ihn der Marſchall von Sachſen zur Rückkehr in ſein Vaterland be - wog. Hier machte er in ſchon hohen Graden den ſieben - jährigen Krieg mit; die Achtung vor ſeiner Fähigkeit war ſo verbreitet wie der Ruf von ſeiner biſſigen und unhof - männiſchen Gemüthsart. Die Frau von Pompadour nannte ihn nur den ſchlechten Patron und dieſe Titulatur fand Beifall als er mitten im Kriege ſeinen Befehl am Niederrhein aufgab, haſtig austrat, Alles aus Unzu - friedenheit mit ſeinem Oberbefehlshaber dem Herzog von Broglie. Der Hof war froh den Bären los zu ſeyn, man ſchickte ihm ſeinen Abſchied nach und hatte nichts dagegen daß er in die Dienſte der Krone Dännemark als Feldmarſchall und Präſident des Kriegscollegiums trat; dort nämlich be - durfte man eines kräftigen Armes, um ein verfallenes Kriegs - weſen raſch wiederherzuſtellen. Denn Kaiſer Peter III. von Rußland drohte für ſchwere Unbilden, die ſein Stamm in Schleswig-Holſtein erlitten, unverſöhnliche Rache zu neh - men; ſein Gedanke war, den König Friedrich V. von Dän - nemark allernächſtens nach Trankebar an die Küſte Koro - mandel zu verpflanzen. Da war nun St. Germain ganz an ſeiner Stelle, ſchuf ein Heer, bemannte die Flotte und59 als es an Geld gebrach, ward die erſte Anwendung ſeiner Kriegsmacht gegen die Stadt Hamburg gemacht; ſie mußte einen Theil ihrer Reichthümer daran ſtrecken. Schon ſtan - den beide Heere einander kampffertig auf meklenburgiſchem Boden in der Nähe von Wismar gegenüber als der Tod des Kaiſers die größeſte Gefahr abwandte, in welcher Dännemark jemals geſchwebt hat. Der Vielgewanderte hätte ſich nun wohl am Ende hier zur Ruhe begeben; vom Könige Chriſtian VII. entlaſſen bezog er einen Gnadenge - halt; allein die blutige Kataſtrophe des Miniſters Struen - ſee, dem er zugethan war, vertrieb ihn auch von hier. Man findet ihn mit 100,000 Thalern ab, die er in Ham - burg unterbringt; er zieht ſich auf ein Dorf im Elſaß zu - rück, wo er den Acker baut. Und er muß das bald im ei - gentlichſten Sinne des Wortes thun, da ſein hamburger Banquier ſeine Zahlungen einſtellt. St. Germain wäre in die tiefſte Armuth verſunken, hätten ſich nicht alle Of - ficiere der deutſchen Regimenter in franzöſiſchen Dienſten zuſammengethan und einen Jahrgehalt dem Greiſe ausge - worfen, der von den Höheren gehaßt, allenthalben die Liebe ſeiner Untergebenen zu gewinnen verſtand. So ward denn auch die Regierung faſt gezwungen ſich ſeiner wieder zu erinnern; ſie trat mit einem Jahrgehalt ins Mittel. Seitdem hält er es nun aber auch für ſeine Pflicht den al - ten Maurepas mit Denkſchriften zu beläſtigen, die von der elenden Einrichtung des franzöſiſchen Heeres handeln. Damals ſtanden noch die Reformpläne in ihrer Blütenzeit;60 der Platz des Kriegsminiſters war gerade durch einen To - desfall erledigt, auf den Betrieb von Malesherbes trat St. Germain an die Stelle. Was dem alten Herrn be - ſonders misfiel war das ſogenannte königliche Haus im Heere; denn dieſe königlichen Haustruppen oder Garden bedeuteten in der Armee ungefähr das was die Parlamente in der bürgerlichen Ordnung, eine Art Staat im Staate, bei welchem an die gewöhnliche Disciplin gar nicht zu denken war. Das war nun zwar im geringeren Grade bei dem Fußvolk der Fall, welches aus ſechs Bataillons fran - zöſiſcher Garden und vier Bataillons Schweizergarden be - ſtand, im höchſten Grad aber bei der Reiterei, deren Kern acht Escadrons Gardes du Corps bildeten. Denn alle Gemeinen der berittenen Haustruppen waren Edelleute mit Lieutenants-Rang. An dieſe am meiſten bevorrechte - ten Haustruppen ſchloſſen ſich dann wieder andere Truppen - abtheilungen an, als Grenadiere zu Pferde, Gensdarmen, Carabiniers, deren Officiere höheren Rang hatten als die übrigen des Heeres. Durch das ganze Heer ging aber ein tief greifender Misbrauch: die Officierſtellen waren der großen Mehrzahl nach käuflich und wurden eben darum ohne Maß vervielfältigt; man konnte auf drei Gemeine einen Officier zählen, die Unterofficiere mitgerechnet. Man hatte 60,000 Officiere im Heere. Dieſe üble Weiſe ſtammte von den letzten unglücklichen Kriegsjahren Lud - wigs XIV. her, da jede Hülfsquelle benutzt ward, die der erſchöpften Staatscaſſe aufhelfen konnte. Denn nun machte61 man für Geld jedweden der ſich anbot eine Compagnie zu errichten, zum Kapitän und ließ ihm frei die niederen Grade zu verkaufen, damit er ſeiner Auslage nachkomme. So boten Eitelkeit und Gewinnſucht einander die Hand, um die Zahl der Officiere möglichſt anſchwellen zu laſſen. Dieſen Krebs des Heeres auszurotten und alle Abthei - lungen einer gleichmäßigen Disciplin zu unterwerfen ohne Bevorrechtung, war der Plan des neuen Kriegsminiſters. Ein Alter von achtundſechzig Jahren ließ ihn keine lange Wirkſamkeit hoffen; ſein Plan war fertig und abgerundet, nichts fehlte als ihn ſchleunig in ſeiner ganzen Ausdeh - nung in Vollzug zu ſetzen. Denn eine gleichzeitig durch - greifende Umgeſtaltung bietet ſtets den Vortheil daß ſie eine Schaar Zufriedener der Schaar von Misvergnügten, die nie ausbleibt, gegenüberſtellt; und ein geſundes Staatsprincip, an die Stelle eines morſchen, faulenden geſetzt, erfriſcht zugleich den Blutumlauf im ganzen Volks - körper. Allein wir kennen ſchon den König und ſeinen Hofmeiſter, und St. Germain ließ mit ſich handeln. Allmählige Verbeſſerungen waren das Wiegenlied des Ho - fes; ich weiß nicht ob man dergleichen damals ſchon Ent - wickelung nannte. Aber die Entwickelung eines baufälli - gen Hauſes iſt ſein Umſturz. Jetzt wurden einige bevor - zugte Corps aufgehoben, andere vermindert, allein das falſche Princip blieb und wucherte. Man hatte hier Un - willen erregt, dort die geſteigerte Erwartung unbefriedigt gelaſſen. Ein öffentlich aufgeſtellter Grundſatz ward durch62 Ausnahmen herabgewürdigt, und nun gab es bald keinen Halt mehr. Der Kriegsminiſter hatte verkündigt, aller Stellenverkauf im Heere ſolle aufhören, für die eingezahl - ten Summen werde Entſchädigung erfolgen; das aber hielt den König nicht ab, auf einen Schlag hundert Ka - pitäne für Geld zu machen. Als St. Germain nun vol - lends Luſt bezeigte die Stockſchläge im Heere einzuführen und Hiebe mit der flachen Klinge wirklich in Ausführung brachte; als er unbedachter Weiſe das Ehrendenkmal Lud - wigs XIV., das pariſer Invalidenhaus antaſtete, da ver - lor er auch in den unteren Ordnungen der Krieger ſeine frühere Geltung. Auch ſeine umſtändlichen Andachts - übungen in alter Jeſuitenweiſe, ſeine Seminarien für Feldprieſter entſprachen der Zeitrichtung nicht. Schließlich1777. Sept. ſchüttelte man ihn ganz ab, er aber, der, je ſchlechtere Geſchäfte er machte, ſich um ſo feſter an ſein Miniſterium 1778. Jan. 15. klammerte, ſtarb an ſeiner Ungnade nach wenig Monaten.

So feierte die Hofpartei nach allen Seiten Triumphe. Malesherbes erzählte manchmal von dieſen Dingen im vertrauten Kreiſe: Wir hatten für uns den König, Turgot und mich, allein der Hof war uns entgegen, und die Höf - linge ſind weit mächtiger als die Könige.

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3. Die holden Jahre der Selbſttaͤuſchung.

Frankreich führte mit krankem Blicke das Leben eines Geſunden fort; man entſchlug ſich der Sorgen zu einer Zeit, da der ewig junge Weltgeiſt ſeine Flügel prüfte, ſich dann aufſchwang und bald von ſeinen Thaten zu reden gab. In den letzten Jahren Ludwigs XV. verſchlief das Cabinet von Verſailles das ſchlimme Wetter der Politik, merkte nichts von der erſten Theilung von Polen bis ſie völlig zu Stande war; allein der Lärm, den jetzt Nord - amerika im alten Welttheile machte, als es plötzlich auf ſeine Füße gerichtet ſich mitten unter die bejahrten eben - bürtigen Häupter ſtellte, hätte Siebenſchläfer wecken müſſen.

Turgot war noch am Ruder als dieſe Frage weltge - ſchichtlich ward. Er ſah den jungen kriegeriſchen Adel Frankreichs brennend vor Luſt am Kampfe theilzunehmen, häßliche vaterländiſche Scharten auf Koſten Englands aus - zuwetzen; niemand bewunderte dieſes Volk unerſchrockener Republikaner aufrichtiger als Turgot; der lateiniſche Vers64 unter dem Bilde Benjamin Franklins, welcher die Ver - dienſte dieſes ſeltenen Bürgers um die Menſchheit eben ſo kurz als eigenthümlich preiſt:

Eripuit coelo fulmen, sceptrumque tyrannis,
Dieſer entriß dem Himmel den Blitz, den Tyrannen das Scepter,

wird ihm zugeſchrieben; allein ſeine Denkſchrift an den König über Frankreichs Stellung zu dieſem inhaltsſchwe - ren Ereigniß mußte freilich andere Bahnen gehn. Sie iſt wenig Wochen vor ſeiner Entlaſſung verfaßt. Turgot er - kennt in dem ganzen Vorgange einen großen und unver - meidlichen Wendepunct der Zeit: nichts natürlicher als daß Kinder, die ſich der elterlichen Leitung entwachſen fühlen, ihren eigenen Weg verſuchen, und in dem Falle daß die Eltern nicht verſtändig genug ſind ihnen eine ihrer Kraft entſprechende freie Bewegung zu geſtatten, ſich wohl gar völlig losreißen. Er ſieht voraus daß die Colonien der übrigen Reiche unſeres Welttheiles dieſem Beiſpiele folgen werden, und meint, Spanien ins Beſondere werde weiſe thun, ſich auf eine gänzlich veränderte Colonial - Politik zu rüſten; übrigens ſey es ein Irrthum zu glau - ben daß die gelungene Losreißung Englands Macht und Wohlfahrt zu Grunde richten müſſe. Seine Meinung in Bezug auf Frankreich iſt: Ein Staat, welcher ein fort - laufendes Deficit von 20 Millionen hat, und deſſen er - ſtes Bedürfniß iſt durch eine tiefgreifende Reform die Laſten des Volks zu erleichtern, muß die vielleicht unwiederbring - liche Zeit zu dieſem Zwecke benutzen, darf einen ſolchen65 Krieg nicht führen. Die franzöſiſche Flotte iſt in Ver - fall, man kann die Ausgaben zu ihrer Wiederherſtellung nicht beſtreiten zu einer Zeit, da die einzige Rettung in der Sparſamkeit zu finden iſt. Uns unſerer gegenwärtigen Stärke bedienen hieße unſere Schwäche verewigen. Dieſe Anſicht drang damals durch und ward eine Weile feſtgehalten, auch nachdem die Reformen ſchon aufgege - ben waren.

Wie weiſe das nun ſeyn mochte, die franzöſiſche Ju - gend fühlte ſich nicht überzeugt und fand einen mächtigen Halt an dem erſten Staatsmanne der Zeit, welcher von Anfang her auf der Seite der Nordamerikaner ſtand, wie - wohl ſein Vaterland ihr Bedränger war. Es iſt kaum möglich, einem Mitbürger einen größeren Zuwachs an materieller Macht und geiſtiger Erfriſchung zu verdanken als England ſeinem großen Chatham, ſo lange er an der Spitze der Verwaltung ſtand; und derſelbe Mann erblickte von Anfang her in dem was gegen jene Provinzen geſchah eine Verletzung der jedem Engländer angeborenen Rechte, zugleich aber auch der Rechte, die jedem Menſchen ge - bühren. Schon 1765 ſprach er ein Wort von langem Widerhall in Frankreich: ich freue mich daß Amerika widerſtand. Drei Millionen Menſchen, ſo abgeſtorben für jede freiheitliche Regung, daß ſie ſich gutwillig zu Sclaven machen laſſen, würden geeignete Werkzeuge ge - weſen ſeyn auch die übrigen in Sclaverei zu ſtürzen. Und nicht müde wird er in den nächſten Jahren zu wiederholen:Franzöſiſche Revolution. 566 Das Recht Steuern aufzulegen und das Recht Repräſen - tanten zu ſchicken iſt unzertrennlich. Alle Zeit iſt der Satz von den Bürgern dieſes Reiches heilig gehalten, daß was ein Mann rechtlich erworben hat, ſein unbedingtes Eigen - thum iſt, welches er nach freiem Willen geben, das ihm aber niemand nehmen kann ohne ſeine Einwilligung . 1774.Kurz vor dem völligen Bruche ſprach er: Ich will den Grundſatz in mein Grab nehmen: Ihr habt kein Recht1775. Amerika zu beſteuern, und als man ſchon kriegte: Han - delt, wie ein guter liebreicher Vater einen theuern Sohn behandelt. Statt der harten und ſtrengen Gebote erlaſſet eine Amneſtie für alle ihre jugendlichen Irrthümer, um - faſſet ſie noch einmal freundlich, und ich wage zu behaup - ten daß Ihr in ihnen Kinder finden werdet, würdig ihres Vaters. Bald darauf aber ward die Rechtloſigkeit der deutſchen Unterthanen-Verhältniſſe Urſache, daß das Band zwiſchen Mutter - und Tochterland unwiederherſtellbar brach. Denn als unſere Landesväter von Braunſchweig1776. und Heſſen-Caſſel, Anſpach und Waldeck 20,000 Deut - ſche der engliſchen Regierung verkauften, die oft vergeblich widerſtrebenden zwangen ſich für Nordamerika einſchiffen zu laſſen, wobei der Erbprinz von Heſſen-Caſſel noch ſei - nen beſonderen Profit aus verhandelten Hanauern zog, ſeit - dem galten die Bande des Bluts zwiſchen England und Ame -1777. rika nichts mehr. Abermals aber vernahm man Chathams Stimme über dieſes Handeln und Markten mit jedem kläglichen kleinen deutſchen Fürſten, der ſeine Unterthanen67 für die Schlachtbank eines Auslandes los werden möchte. Dieſe erkaufte Hülfe, der Ihr vertrauet, entzündet einen unheilbaren Groll im Gemüthe Eurer Widerſacher, die ihr mit den feilen Söhnen des Raubes und der Plünde - rung überſchwemmet, ſie und ihr Eigenthum grauſamen Miethlingen opfernd. Wäre ich Amerikaner wie ich Eng - länder bin, ſo lange bewaffnete Fremdlinge bei mir lande - ten, ich legte nimmer die Waffen nieder, nimmer! nim - mer! nimmer! Mit noch gewaltigeren Worten ſtrafte er daß die Miniſter ſelbſt die wilden Eingeborenen, die ro - then Häute zu Hülfe gerufen hätten.

Damals geſchah es daß der Graf Suffolk dem Redner einwarf, es ſey einmal nothwendig ſich der Wilden als Helfer zu bedienen und man mache billig gegen ſeine Feinde von allen Mitteln Gebrauch, welche Gott und die Natur in unſere Hände gelegt haben. Da ſtand Lord Chatham noch einmal auf: Ich bin erſtaunt, empört ſolche Grundſätze in dieſem Hauſe, dieſem Lande bekennen zu hören, Grund - ſätze, eben ſo verfaſſungswidrig als unmenſchlich und un - chriſtlich. Mylords! Es war nicht meine Abſicht noch einmal Ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch zu nehmen, aber ich kann meinen Unwillen nicht unterdrücken, ich fühle mich getrie - ben durch jede Pflicht. Mylords, es iſt unſer Aller Schul - digkeit als Mitglieder dieſes Hauſes und als Chriſten ein - zuſprechen, damit ſolche Grundſätze dem Throne nicht nahen, das Ohr der Majeſtät beflecken. Die Gott und die Natur in unſere Hände legte! Ich weiß nicht, welche5*68Begriffe dieſer Lord von Gott und Natur haben mag, al - lein ich weiß daß ſolche verabſcheuungswürdige Grund - ſätze der Religion und der Menſchlichkeit im gleichen Maße widerſtreiten. Wie! die heilige Weihe Gottes und der Na - tur den Schlachtungen des indianiſchen Skalpiermeſſers beilegen! dem kannibaliſchen Wilden, der die verſtüm - melten Schlachtopfer ſeines hinterliſtigen Überfalles fol - tert, mordet, röſtet und verzehrt, wörtlich, Mylords, verzehrt! Solche ſcheußliche Grundſätze widerſprechen je - dem Gebot der Religion, der göttlichen und der natür - lichen, und jedem edeln Gefühl der Menſchlichkeit, und, Mylords, ſie empören jedes Ehrgefühl; ſie empören mich als Freund des ehrlichen Krieges, als Feind der grauſa - men Mordluſt. Dieſe verdammenswerthen Grundſätze und dieſes noch verdammlichere Ausſprechen derſelben fordern daß der Abſcheu laut werde. Ich rufe die ehrwürdige Bank auf, die heiligen Hüter des Evangeliums, die from - men Diener unſerer Kirche, ich beſchwöre ſie die Hand zum heiligen Werk zu bieten und die Religion ihres Gottes zu behaupten! Ich appellire an die Weisheit und das Ge - ſetz dieſer gelehrten Bank, daß ſie die Gerechtigkeit ihres Landes vertheidige und rette. Ich fordere die Biſchöfe auf in ihrem fleckenloſen Gewande, die gerechten Richter in ihrem Hermelin, daß ſie ſich und uns ſchützen vor dieſer Beſudelung. Ich rufe die Ehre Eurer Herrlichkeiten an, daß Ihr die Würde Eurer Vorfahren achtet und die Eure wahret. Ich rufe den Geiſt und die Menſchlichkeit meines69 Vaterlandes zum Schutze unſerer Volksthümlichkeit auf, beſchwöre den Genius unſerer Conſtitution. Von den Wänden dieſer Halle herab (man erblickte damals noch an ihnen die Zerſtörung der Armada durch Lord Howard von Effingham), von den bunten Teppichen dieſer Halle her - ab zürnt der unſterbliche Ahnherr dieſes edeln Lords, un - willig über die Schmach ſeines Landes. Umſonſt führte er Eure ſiegreichen Flotten gegen die prangende Armada Spa - niens, umſonſt vertheidigte er die Ehre, die Freiheiten, die Religion, die proteſtantiſche Religion dieſes Landes gegen die willkürlichen Grauſamkeiten des Papſtthums und der Inquiſition, wenn dieſe mehr als papiſtiſchen Grauſamkeiten und inquiſitoriſchen Miſſethaten unter uns gebilligt und zur Satzung werden, aufgeboten inmitten unſerer alten Genoſſen, Freunde und Verwandte; die er - barmungsloſen Kannibalen losgelaſſen, die da dürſtet nach dem Blute des Mannes, des Weibes und des Kindes! die ungläubigen Wilden getrieben gegen wen? Gegen Eure proteſtantiſchen Brüder! ihr Land zu verwüſten, in ihre Häuſer zu brechen, ihr Geſchlecht, ihren Namen zu zerſtö - ren durch dieſe furchtbaren Höllenhunde der Wildniß! Höl - lenhunde der Wildniß, ſage ich. Spanien ließ ſeine Blut - hunde los, um die unglücklichen Völkerſchaften Amerikas zu vernichten, und wir übertreffen noch das Beiſpiel ſpa - niſcher Grauſamkeit! Wir hetzen dieſe wilden Höllenhunde gegen unſere Brüder und Landsleute in Amerika, die mit uns eine Sprache, ein Geſetz, eine Freiheit und Religion70 haben, die unſer ſind durch das Band der heiligſten menſch - lichen Gefühle. Mylords, ich bin alt und ſchwach, und jetzt nicht im Stande weiter zu ſprechen, aber mein Gefühl und mein Unwille waren zu ſtark, als daß ich weniger hätte ſagen können. Ich hätte dieſe Nacht keine Ruhe fin - den können in meinem Bette, hätte mein Haupt nicht auf mein Kiſſen niederlegen können, wenn ich nicht meinem ewigen Abſcheu gegen ſo ausgeartete, ungeheure Grund - ſätze Luft gemacht hätte.

Wohl verſuchte man die Einwendung, und es geſchah das mit ſchadenfroher peinlicher Gründlichkeit, es habe ja Chatham in den Tagen ſeiner Gewalt, damals als er Hand in Hand mit dem großen Friedrich ging, und es für ihn Canada galt, jene Wildenhülfe gleichfalls nicht verſchmäht. Wäre dem wirklich ſo, was Chatham indeß entſchieden abläugnete, ſo ließ ſich erwiedern, daß dieſes Mittel da - mals gegen den Erbfeind Englands angewendet ward und daß dieſer zuerſt Gebrauch davon machte; aber eine andere Entgegnung wäre vielleicht noch zutreffender geweſen, welche auf den erſten Anblick trivial ſcheinen kann, dieſe nämlich, daß verſchiedene Zeitalter verſchiedene Grund - ſätze gebären. Denn erſt ſeit dem pariſer und hubertsbur - ger Frieden ſchlug zugleich mit dem endlich durchdringen - den Sinne für kirchliche Duldung jene höhere Geſittung Wurzel, welche ein Gebiet der allgemeinen Menſchheit feſthält, das durch die Zertrennung in zwiſtige Staaten nicht verloren gehen darf.

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Ein Engländer, der im Jahre 77 Paris beſuchte, ſchreibt in ſeinem Reiſeberichte: Man ſpricht jetzt hier in allen Kaffeehäuſern und in allen Geſellſchaften von natio - naler und politiſcher Freiheit ſo freimüthig wie nur irgend in einem britiſchen Parlament oder in einem londoner Kaf - fechauſe oder in einem Club der Oppoſitionspartei. Der Hof ſieht hiebei durch die Finger und denkt nicht an das bekannte alte Sprüchwort: mutato nomine de te fabula narratur. Man ſuchte und fand ſeine Ideale jenſeit des Oceans im Weſten, und ſelbſt die kühlere Geſellſchaft gab ihren Bei - trag, verließ ihre Whiſttiſche, ſpielte Boſton, den tapfe - ren Boſtonern zu Ehren, die das Panier des Widerſtandes zuerſt erhuben. Da kam die Botſchaft von der Capitulation eines engliſchen Heeres bei Saratoga, und jetzt trat der Boſtoner Benjamin Franklin ſchon öffentlich in den könig - lichen Gemächern von Verſailles auf, der ſiebzigjährige Greis, ſo anſpruchslos und doch ſo vielſagend ſeine Er - ſcheinung; denn ſie bezeugte das Wunder ſeines Lebens, den armen Buchdruckerjungen von ehemals und jetzt unter den Stiftern eines der größeſten Staaten der Welt nach Waſhington den Ruhmgekrönteſten. Seiner einfachen Un - terhaltung über die Probleme des Staates und der großen Natur, welcher er mit Apparaten, die jedem Kinde zu Gebote ſtehen, die Zunge gelöſt hatte, kam in dieſen ari - ſtokratiſchen Kreiſen volle Hingebung entgegen. Denn über - all ſchmachtet der Menſch nach einem heimlichen Trunke Begeiſterung, woran er in der langen Lebensſteppe ſich72 labe. Nun widerſtand auch das franzöſiſche Cabinet nicht länger, erkannte die Unabhängigkeit der nordamerikani -1778. Febr. ſchen Provinzen an, ſchloß einen Freundſchaft - und Han - delstractat mit ihnen. Auf die Nachricht gaben die Führer der Oppoſition in beiden Häuſern des engliſchen Parla - ments die Erklärung, die Pflicht der Regierung ſey dem Beiſpiele Frankreichs zu folgen, den unausbleiblichen dop - pelten Krieg zu vermeiden. Lord Chatham dachte anders. Am 7. April 1778 erſchien er im Oberhauſe, entſchloſſen neben ſeinen alten Gegnern im Hauſe nun auch ſeine bis - herigen Anhänger zu bekämpfen. England ſollte den Muth von ihm lernen nach beiden Seiten zugleich die Spitze zu bieten. Als ſein Freund der Herzog von Richmond den Antrag machte, den König um die Entfernung ſeiner Mi - niſter und zugleich um die Entfernung aller See - und Landtruppen aus Nordamerika zu erſuchen, ſtand Chatham auf, an zwei Freunde gelehnt, dieſelben die ihn mühſam auf Krücken in den Saal hineingeleitet, ein ſterbender Mann, von deſſen abgemagertem Geſichte unter ſeiner mäch - tigen Perüque kaum ein Zug weiter unterſchieden ward als neben der großen Adlernaſe dieſes durchdringende Augen - paar. Er hob die Hand von einer Krücke auf, ſah gen Himmel und es ward als er die Lippen zu leiſer Rede öff - nete, ſo ſtill im Saale, daß man, nach dem Ausdrucke Eines der dabei war, das Fallen eines Taſchentuches würde haben hören können. Ich danke Gott, ſprach er, daß ich im Stande geweſen bin heute hieher zu kom -73 men, um meine Schuldigkeit zu erfüllen und über einen Gegenſtand zu reden, der mir ſo innig am Herzen liegt. Ich bin alt und ſchwach, habe einen Fuß, mehr als einen Fuß im Grabe; ich bin aus dem Bette aufgeſtanden, um in der Sache meines Vaterlandes hier zu ſtehen, vielleicht um niemals mehr in dieſem Hauſe zu reden. Mylords, ſprach er mit allmählig ſteigender Kraft, ich freue mich daß das Grab mich noch nicht eingeſchloſſen hat, daß ich noch lebe, um meine Stimme zu erheben gegen die Zerſtückelung dieſes alten herrlichen Reiches. Niedergedrückt von Gebre - chen wie ich bin reicht meine Kraft wenig aus zum Beiſtande für mein Vaterland in dieſer gefährlichen Zeitlage; allein, Mylords, ſo lange ich meiner Sinne und meines Gedächt - niſſes mächtig bin, werde ich nimmermehr meine Stimme dazu geben, den königlichen Sproſſen des Hauſes Braun - ſchweig, die Erben der Prinzeſſin Sophia ihres ſchönſten Erbtheiles zu berauben. Wo iſt der Mann, der zu ſolch einer Maßregel rathen kann? Mylords! Seine Majeſtät iſt Erbfolger in einem Reiche, ſo mächtig an Ausdehnung als unbeſcholten an ſeinem Rufe. Sollen wir den Glanz dieſer Nation durch eine ſchimpfliche Übergabe ihrer Rechte und ſchönſten Beſitzthümer beflecken? Soll dieſes große Königreich, welches die däniſchen Beutezüge, die ſchotti - ſchen Einfälle und die