PRIMS Full-text transcription (HTML)
Carl May's geſammelte Reiſeromane.
Band II: Durchs wilde Kurdiſtan.
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Freiburg i. B. Verlag von Friedrich Ernſt Fehlenfeld.
Durchs Wilde Kurdiſtan
Reiſeerlebniſſe
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Freiburg i. B.Verlag von Friedrich Ernſt Fehlenfeld.

Inhalt des zweiten Bandes.

  • Erſtes Kapitel. Der Opfertod des Heiligen Seite1
  • Zweites Kapitel. Dojan 109
  • Drittes Kapitel. In der Feſtung 148
  • Viertes Kapitel. Aus der Feſtung…221
  • Fünftes Kapitel. Unter Bluträchern 373
  • Sechſtes Kapitel. Bären - und Menſchenjagd 440
  • Siebentes Kapitel. Der Geiſt der Höhle 533
1

Erſtes Kapitel.Der Opfertod des Heiligen.

Wir kehrten von dem Beſuche des Häuptlings der Badinankurden zurück. Als wir auf der letzten Höhe ankamen und das Thal der Teufelsanbeter überblicken konnten, bemerkten wir ganz in der Nähe des Hauſes, welches dem Bey gehörte, einen ungeheuern Haufen von Reisholz, der von einer Anzahl von Dſcheſidi immer noch vergrößert wurde. Pir Kamek ſtand dabei und warf von Zeit zu Zeit ein Stück Erdharz hinein.

Das iſt ſein Opferhaufen, meinte Ali Bey.

Was wird er opfern?

Ich weiß es nicht.

Vielleicht ein Tier?

Nur bei den Heiden werden Tiere verbrannt.

Dann vielleicht Früchte?

Die Dſcheſidi verbrennen weder Tiere noch Früchte. Der Pir hat mir nicht geſagt, was er verbrennen wird, aber er iſt ein großer Heiliger, und was er thut, wird keine Sünde ſein.

Noch immer ertönten von der gegenüberliegenden Höhe die Salven der ankommenden Pilger, und noch immer wurde denſelben im Thale geantwortet: und doch bemerkte ich, als wir unten ankamen, daß dieſes Thal kaum noch mehr Menſchen zu faſſen vermöge. Wir über -II. 12gaben unſere Tiere und gingen nach dem Grabmale. An dem Wege, welcher zu demſelben führte, lag ein Spring - brunnen, der von Platten eingefaßt war. Auf einer der - ſelben ſaß Mir Scheik Khan und ſprach mit einer An - zahl von Pilgern, die in ehrerbietiger Haltung und Ent - fernung vor ihm ſtanden.

Dieſer Brunnen iſt heilig, und nur der Mir, ich und die Prieſter dürfen auf dieſen Steinen ſitzen. Zürne alſo nicht, wenn du ſtehen mußt! ſagte Ali zu mir.

Eure Gebräuche werde ich achten.

Als wir uns nahten, gab der Khan den Umſtehenden ein Zeichen, worauf ſie Platz machten, ſo daß wir zu ihm kommen konnten. Er erhob ſich, kam uns einige Schritte entgegen und reichte uns die Hände.

Willkommen bei eurer Rückkehr! Nehmt Platz zu meiner Rechten und Linken!

Er deutete dem Bey zur Linken, ſodaß mir die rechte Seite übrig blieb. Ich ſetzte mich auf die geheiligten Steine, ohne daß ich bei einem der Anweſenden den ge - ringſten Verdruß darüber bemerkt hätte. Wie ſehr ſtach ein ſolches Verhalten gegen dasjenige ab, welches man bei den Mohammedanern zu beobachten hat!

Haſt du mit dem Häuptling geſprochen? fragte der Khan.

Ja. Es iſt alles in der beſten Ordnung. Haſt du den Pilgern bereits eine Mitteilung gemacht?

Nein.

So wird es Zeit ſein, daß die Leute ſich verſam - meln. Gieb den Befehl dazu!

Ich bin der Regent des Glaubens, und alles andere iſt deine Sache. Ich werde dir den Ruhm, die Gläu - bigen beſchützt und die Feinde beſiegt zu haben, niemals verkürzen.

3

Auch dies war eine Beſcheidenheit, welche bei den mohammedaniſchen Imams niemals zu finden iſt. Ali Bey erhob ſich und ſchritt von dannen. Während ich mich mit dem Khan unterhielt, bemerkte ich eine Bewegung unter den Pilgern, welche mit jeder Minute größer wurde. Die Frauen blieben an ihren Plätzen ſtehen, die Kinder ebenſo; die Männer aber ſtellten ſich am Bache entlang auf, und die Anführer der einzelnen Stämme, Zweige und Ortſchaften bildeten einen Kreis um Ali Bey, der ihnen die Abſichten des Muteſſarif von Moſſul bekannt machte. Dabei herrſchte eine Ruhe, eine Ordnung, wie bei der Parade einer europäiſchen Truppe, ganz verſchieden von dem lärmenden Durcheinander, welches man ſonſt bei orientaliſchen Kriegern zu ſehen und zu hören gewohnt iſt. Nach einiger Zeit, in welcher die Anführer den Ihrigen die Mitteilung und die Befehle des Bey überbracht hatten, ging die Verſammlung ohne Unordnung wieder auseinan - der, und ein jeder begab ſich an den Platz, den er vorher inne gehabt hatte.

Ali Bey kam zu uns zurück.

Was haſt du befohlen? fragte der Khan.

Der Gefragte ſtreckte den Arm aus und deutete auf einen Trupp von vielleicht zwanzig Männern, die den Pfad emporſtiegen, auf dem wir vorhin herabgekommen waren.

Siehe, das ſind Krieger aus Aïran, Hadſchi Dsho und Schura Khan, welche dieſe Gegend ſehr gut kennen. Sie gehen den Türken entgegen und werden uns von deren Kommen rechtzeitig benachrichtigen. Auch gegen Baadri hin habe ich Wachen ſtehen, ſo daß es ganz unmöglich iſt, uns zu überraſchen. Bis es Nacht wird, iſt noch drei Stunden Zeit, und das genügt, um alles Ueberflüſſige nach dem Thalde Idiz zu bringen. Die Männer werden aufbrechen, und Selek wird ihnen den Weg zeigen.

4

Werden ſie bei dem Beginne der heiligen Hand - lungen zurückgekehrt ſein?

Ja; das iſt ſicher.

So mögen ſie gehen!

Nach einiger Zeit ſchritt ein ſehr, ſehr langer Zug von Männern, welche Tiere mit ſich führten oder ver - ſchiedene Habſeligkeiten trugen, an uns vorüber, wo ſie, immer einer nach dem andern, hinter dem Grabmale ver - ſchwanden. Dann kamen ſie über demſelben auf einem Felſenpfade wieder zum Vorſcheine, und man konnte von unſerm Sitz aus ihren Weg verfolgen, bis derſelbe oben in den hohen, dichten Wald verlief.

Jetzt mußte ich mit Ali Bey gehen, um das Mahl einzunehmen. Nach demſelben trat der Baſchi-Bozuk zu mir.

Herr, ich muß dir etwas ſagen!

Was?

Uns droht eine große Gefahr!

Ah! Welche?

Ich weiß es nicht; aber dieſe Teufelsmänner haben mich ſeit einer halben Stunde mit Augen angeſehen, welche ganz fürchterlich ſind. Es ſieht grad ſo aus, als ob ſie mich töten wollten!

Da der Buluk Emini ſeine Uniform trug, ſo konnte ich mir das Verhalten der von den Türken bedrohten Dſcheſidi ſehr leicht erklären; doch war ich vollſtändig überzeugt, daß ihm nichts geſchehen werde.

Das iſt ſchlimm! meinte ich. Wenn ſie dich töten, wer wird dann den Schwanz deines Eſels bedienen?

Herr, ſie werden den Eſel auch mit erſtechen! Haſt du nicht geſehen, daß ſie die meiſten Büffel und Schafe, die vorhanden ſind, bereits getötet haben?

Dein Eſel iſt ſicher, und du biſt es auch. Ihr gehört zuſammen, und man wird euch nicht auseinanderreißen.

5

Verſprichſt du mir dies?

Ich verſpreche es dir!

Aber ich hatte Angſt, als du vorhin abweſend warſt. Gehſt du wieder fort von hier?

Ich werde bleiben; aber ich befehle dir, ſtets hier im Hauſe zu ſein und dich nicht unter die Dſcheſidi zu miſchen, ſonſt iſt es mir unmöglich, dich zu beſchützen!

Er ging, halb und halb getröſtet, von dannen, der Held, den der Muteſſarif mir zu meinem Schutze mit - gegeben hatte. Aber es kam auch noch von einer andern Seite eine Warnung: Halef ſuchte mich auf.

Sihdi, weißt du, daß es Krieg geben wird?

Krieg? Zwiſchen wem?

Zwiſchen den Osmanly und den Teufelsleuten.

Wer ſagte es?

Niemand.

Niemand? Du haſt doch wohl gehört, was wir heute früh in Baadri bereits davon geſprochen haben?

Nichts habe ich gehört, denn ihr ſpracht türkiſch, und dieſe Leute ſprechen die Sprache ſo aus, daß ich ſie nicht verſtehen kann. Aber ich ſah, daß es eine große Verſammlung gab und daß nach derſelben alle Männer die Waffen unterſuchten. Nachher haben ſie ihre Tiere und Güter fortgeſchafft, und als ich zu Scheik Moham - med hinauf auf die Plattform kam, war er beſchäftigt, die alte Ladung aus ſeinen Piſtolen zu nehmen, um ſie gegen eine neue zu vertauſchen. Sind dies nicht genug Zeichen, daß man eine Gefahr erwartet?

Du haſt recht, Halef. Morgen früh beim Anbruch des Tages werden die Türken von Baadri und auch von Kaloni her über die Dſcheſidi herfallen.

Und das wiſſen die Dſcheſidi?

Ja.

6

Wie hoch zählen die Türken?

Fünfzehnhundert Mann.

Es werden viele von ihnen fallen, da ihr Plan ver - raten iſt. Wem wirſt du helfen, Sihdi, den Türken oder den Dſcheſidi?

Ich werde gar nicht kämpfen.

Nicht? erwiderte er getäuſcht. Darf ich nicht?

Wem willſt du helfen?

Den Dſcheſidi.

Ihnen, Halef? Ihnen, von denen du glaubteſt, daß ſie dich um das Paradies bringen würden?

O Sihdi, ich kannte ſie nicht; jetzt aber liebe ich ſie.

Aber es ſind Ungläubige!

Haſt du ſelbſt nicht ſtets jenen geholfen, die gut waren, ohne ſie zu fragen, ob ſie an Allah oder an einen andern Gott glauben?

Mein wackerer Halef hatte mich zum Moslem machen wollen, und jetzt ſah ich zu meiner großen Freude, daß er ſein Herz für ein ganz und gar chriſtliches Gefühl ge - öffnet hatte. Ich antwortete ihm:

Du wirſt bei mir bleiben!

Während die andern kämpfen und tapfer ſind?

Es wird ſich für uns vielleicht Gelegenheit finden, noch tapferer und mutiger zu ſein, als ſie.

So bleibe ich bei dir. Der Buluk Emini auch?

Auch er.

Ich ſtieg hinauf auf die Plattform zu Scheik Moham - med Emin.

Hamdullillah, Preis ſei Gott, daß du kommſt! ſagte er. Ich habe mich nach dir geſehnt wie das Gras nach dem Tau der Nacht.

Du biſt ſtets hier oben geblieben?

7

Stets. Es ſoll mich niemand erkennen, weil ich ſonſt vielleicht verraten werden möchte. Was haſt du neues er - fahren?

Ich teilte ihm alles mit. Als ich geendet hatte, deutete er auf ſeine Waffen, welche vor ihm lagen.

Wir werden ſie empfangen!

Du wirſt dieſer Waffen nicht bedürfen.

Nicht? Soll ich mich und unſere Freunde nicht ver - teidigen?

Sie ſind ſtark genug. Willſt du vielleicht in die Hände der Türken, denen du kaum entgangen biſt, fallen, oder ſoll dich eine Kugel, ein Meſſerſtich treffen, damit dein Sohn noch länger in der Gefangenſchaft von Amadijah ſchmachtet?

Emir, du ſprichſt wie ein kluger, aber nicht wie ein tapferer Mann!

Scheik, du weißt, daß ich mich vor keinem Feinde fürchte; es iſt nicht die Angſt, welche aus mir ſpricht. Ali Bey hat von uns verlangt, daß wir uns vor dem Kampfe hüten ſollen. Er hegt übrigens die Ueberzeugung, daß es gar nicht zum Kampfe kommen werde, und ich bin ganz derſelben Meinung wie er.

Du denkſt, die Türken ergeben ſich ohne Widerſtand?

Wenn ſie es nicht thun, ſo werden ſie zuſammen - geſchoſſen.

Die Offiziere der Türken taugen nichts, aber die Soldaten ſind tapfer. Sie werden die Höhen ſtürmen und ſich befreien.

Fünfzehnhundert gegen vielleicht ſechstauſend Mann?

Wenn es gelingt, ſie zu umzingeln!

Es wird gelingen.

So müſſen wir alſo mit den Frauen nach dem Thale Idiz gehen?

8

Du, ja.

Und du?

Ich werde hier zurückbleiben.

Allah kerihm! Wozu? Das würde dein Tod ſein!

Das glaube ich nicht. Ich bin im Giölgeda padi - ſchahnün, beſitze die Empfehlungen des Muteſſarif und habe einen Buluk Emini bei mir, deſſen Anweſenheit ſchon genügend wäre, mich zu ſchützen.

Aber was willſt du hier thun?

Unheil vermeiden, wenn es möglich iſt.

Weiß Ali Bey davon?

Nein.

Oder der Mir Scheik Kahn?

Auch nicht. Sie erfahren es noch immer zur rechten Zeit.

Ich hatte wirklich große Mühe, den Scheik zur Billigung meines Vorhabens zu überreden. Endlich aber gelang es mir.

Allah il Allah! Die Wege des Menſchen ſind im Buche vorgeſchrieben, meinte er; ich will dich nicht be - wegen, von dieſem Vorhaben abzulaſſen, aber ich werde hier bei dir bleiben!

Du? Das geht nicht!

Warum?

Sie dürfen dich nicht finden.

Dich auch nicht.

Ich habe dir bereits auseinandergeſetzt, daß ich keine Gefahr laufe; dich aber, wenn du erkannt wirſt, erwartet ein anderes Loos.

Das Ende des Menſchen ſteht im Buche verzeichnet. Soll ich ſterben, ſo muß ich ſterben, und dann iſt es gleich, ob es hier geſchieht oder dort in Amadijah.

Du willſt in dein Unglück rennen, aber du vergiſſeſt, daß du auch mich darein verwickelſt.

9

Dies ſchien mir der einzige Weg, ſeiner Hartnäckigkeit beizukommen.

Dich? Wieſo? fragte er.

Bin ich allein hier, ſo ſchützen mich meine Firmans; finden ſie aber dich bei mir, den Feind des Muteſſarif, den entflohenen Gefangenen, ſo habe ich dieſen Schutz ver - loren und verwirkt. Dann ſind auch wir verloren, du und ich, alle beide!

Er blickte nachdenklich vor ſich nieder. Ich ſah, was ſich in ihm gegen den Rückzug nach dem Thale Idiz ſträubte, aber ich ließ ihm Zeit, einen Entſchluß zu faſſen. Endlich ſagte er mit halber, unſicherer Stimme:

Emir, hältſt du mich für einen Feigling?

Nein. Ich weiß ja, daß du tapfer und furchtlos biſt.

Was wird Ali Bey denken?

Er denkt ganz ſo wie ich, ebenſo Mir Scheik Khan.

Und die andern Dſcheſidi?

Sie kennen deinen Ruhm und wiſſen, daß du vor keinem Feinde flieheſt. Darauf kannſt du dich verlaſſen!

Und wenn man an meinem Mute zweifeln ſollte, wirſt du mich verteidigen? Wirſt du öffentlich ſagen, daß ich mit den Frauen nach Idiz gegangen bin, nur um dir zu gehorchen?

Ich werde es überall und öffentlich ſagen.

Nun wohl, ſo werde ich thun, was du mir vorge - ſchlagen haſt!

Er ſchob reſigniert die Flinte von ſich fort und wendete ſein Angeſicht wieder dem Thale zu, das ſich bereits in den Schatten des Abends zu hüllen begann.

Grade jetzt kamen die Männer zurück, welche vorher nach Idiz gegangen waren. Sie bildeten einen Zug ein - zelner Perſonen, der ſich im Thale vor uns auflöſte.

Da erſcholl vom Grabe des Heiligen her eine Salve,10 und zu gleicher Zeit kam Ali Bey herauf zu uns mit den Worten:

Es beginnt die große Feier am Grabe. Es iſt noch nie ein Fremder dabei zugegen geweſen, aber der Mir Scheik Khan hat mir im Namen aller Prieſter die Ge - nehmigung erteilt, euch einzuladen.

Das war nun allerdings eine ſehr hohe Ehre für uns; aber Scheik Mohammed Emin lehnte ſie ab:

Ich danke, dir, Herr; aber es iſt dem Moslem verboten, bei der Anbetung eines andern als Allah zu - gegen zu ſein.

Er war ein Moslem; aber er hätte dieſe Abweiſung doch in andere Worte kleiden können. Er blieb zurück, und ich folgte dem Bey.

Als wir aus dem Hauſe traten, bot ſich uns ein ſelt - ſamer, unbeſchreiblich ſchöner Anblick dar. So weit das Thal reichte, flackerten Lichter unter und auf den Bäumen, am Waſſer unten und auf jedem Felſen in der Höhe, um die Häuſer herum und auf den Plattformen derſelben. Das regſte Leben aber herrſchte am Grabmale des Heili - gen. Der Mir hatte an der ewigen Lampe des Grabes ein Licht angebrannt und trat damit heraus in den innern Hof. An dieſem Lichte zündeten die Scheiks und Kawals ihre Lampen an; von dieſen liehen wieder die Fakirs ihre Flammen, und nun traten ſie alle heraus in das Freie, und Tauſende ſtrömten herbei, um ſich an den heiligen Feuern zu reinigen.

Wer den Lichtern der Prieſter nahe zu kommen ver - mochte, fuhr mit der Hand durch die Flamme derſelben und beſtrich dann mit dieſer Hand die Stirn und die Gegend des Herzens. Männer ſtrichen dann zum zweiten - mal durch die Flamme, um den Segen derſelben ihren Frauen zu bringen. Mütter thaten ganz dasſelbe für ihre11 Kinder, welche nicht die Kraft beſaßen, durch die dichte Menge zu dringen. Und dabei herrſchte ein Jubel, eine Freude, die gar nichts Anſtößiges hatte.

Auch das Heiligtum wurde illuminiert. In jede der zahlreichen Mauerniſchen kam eine Lampe zu ſtehen, und über die Höfe hinweg zogen ſich lange Guirlanden von Lampen und Flammen. Jeder Zweig der dort befindlichen Bäume ſchien der Arm eines rieſigen Leuchters zu ſein, und Hunderte von Lichtern liefen an den beiden Türmen bis zu den Spitzen derſelben empor, zwei rieſige Giran - dolen bildend, deren Anblick ein zauberiſcher war.

Die Prieſter hatten jetzt, zwei Reihen bildend, im inneren Hofe Platz genommen. Auf der einen Seite ſaßen die Scheiks in ihren weißen Anzügen und ihnen gegenüber die Kawals. Dieſe letzteren hatten Inſtrumente in der Hand, abwechſelnd je einer eine Flöte und der andere ein Tamburin. Ich ſaß mit Ali Bey unter der Rebenlaube. Wo Mir Scheik Khan war, konnte ich nicht bemerken.

Da ertönte aus dem Innern des Grabes ein Ruf, und die Kawals erhoben ihre Inſtrumente. Die Flöten begannen eine langſame, klagende Melodie zu ſpielen, wozu ein leiſer Schlag auf das Tamburin den Takt angab. Dann folgte plötzlich ein lang ausgehaltener viertöniger Akkord; ich glaube, es war ein Terzquartſextakkord, zu welchem auf den Tamburins mit den Fingerſpitzen ge - trillert wurde, erſt pianiſſimo, dann piano, ſtärker, immer ſtärker bis zum Fortiſſimo, und dann fielen die Flöten in ein zweiſtimmiges Tonſtück ein, für welches keiner unſerer muſikaliſchen Namen paßt, deſſen Wirkung aber doch eine ſehr angenehme und befriedigende war.

Am Schluſſe dieſes Stückes trat Mir Scheik Khan aus dem Innern des Gebäudes heraus. Zwei Scheiks be - gleiteten ihn. Der eine trug ein hölzernes Geſtell vor ihm12 her, das einem Notenpulte glich; dieſes wurde in die Mitte des Hofes geſetzt. Der andere trug ein kleines Gefäß mit Waſſer und ein anderes, offenes, rundes, worin ſich eine brennende Flüſſigkeit befand. Dieſe beiden Ge - fäße wurden auf das Pult geſtellt, zu dem Mir Scheik Khan trat.

Er gab mit der Hand ein Zeichen, worauf die Muſik von neuem begann. Sie ſpielte eine Einleitung, nach welcher die Prieſter mit einer einſtimmigen Hymne einfielen. Leider konnte ich mir ihren Inhalt nicht notieren, da dies aufgefallen wäre, und der eigentliche Wortlaut iſt meinem Gedächtniſſe entſchwunden. Sie war in arabiſcher Sprache verfaßt und forderte zur Reinheit, zum Glauben und zur Wachſamkeit auf.

Nach derſelben hielt Mir Scheik Khan eine kurze Anſprache an die Prieſter. Er ſchilderte in kurzen Worten die Notwendigkeit, ſeinen Wandel von jeder Sünde rein zu halten, Gutes zu thun an allen Menſchen, ſeinem Glauben ſtets treu zu bleiben und ihn gegen alle Feinde zu verteidigen.

Dann trat er zurück und ſetzte ſich zu uns unter den Weinſtock. Jetzt brachte einer der Prieſter einen lebenden Hahn herbei, der mittels einer Schnur an das Pult befeſtigt wurde; zur Linken von ihm wurde das Waſſer und zur Rechten das Feuer geſtellt.

Die Muſik begann wieder. Der Hahn hockte in ſich gekehrt am Boden; die leiſen Klänge der Flöten ſchien er gar nicht zu beachten. Da wurden die Töne ſtärker, und er lauſchte. Den Kopf aus dem Gefieder ziehend, blickte er ſich mit hellen, klugen Augen im Kreiſe um und be - merkte dabei das Waſſer. Schnell fuhr er mit dem Schnabel in das Gefäß, um zu trinken. Dieſes freudige Ereignis wurde durch ein helles, jubelndes Zuſammenſchlagen der13 Tamburins verkündet. Dies ſchien das muſikaliſche Inter - eſſe des Tieres zu erregen. Der Hahn krümmte den Hals und horchte aufmerkſam. Dabei bemerkte er, daß er ſich in einer gefahrvollen Nähe von der Flamme befand. Er wollte ſich zurückziehen, konnte aber nicht, da er feſtgehalten wurde. Darüber ergrimmt, richtete er ſich auf und ſtieß ein lautes Kik-ri-kih! hervor, in welches die Flöten und Tamburins einfielen. Dies ſchien in ihm die Anſicht zu erwecken, daß man es auf einen muſikaliſchen Wettſtreit abgeſehen habe. Er wandte ſich mutig gegen die Muſikan - ten, ſchlug die Flügel und ſchrie abermals. Er erhielt dieſelbe Antwort, und ſo entwickelte ſich ein Tongefecht, welches den Vogel ſchließlich ſo erzürnte, daß er unter einem wütenden Gallicinium ſich losriß und in das Innere des Grabens floh.

Die Muſik begleitete dieſe Heldenthat mit dem aller - ſtärkſten Fortiſſimo; die Stimmen der Prieſter fielen jubelnd ein, und nun folgte ein Finale, welches allerdings ganz geeignet war, ſowohl die Muſikanten als auch die Sänger zu ermüden. Am Schluß des Stückes küßten die Kawals ihre Inſtrumente.

Sollte dieſes laute, ſtürmiſche Finale auf irgend eine Weiſe einmal Gelegenheit gegeben haben, die Dſcheſiden mit den unlautern Cheragh Sonderan, oder wie es in kurdiſcher Sprache lautet, Tſcherah ſonderahn*)Lichtauslöſcher. zu ver - wechſeln? Das religiöſe Gefühl eines Chriſten ſträubt ſich allerdings gegen die Vorführung dieſes Vogels, aber etwas Immoraliſches habe ich dabei nicht beobachten können.

Jetzt ſollte der Verkauf der Kugeln erfolgen, von denen ich bereits geſprochen habe. Vorher aber traten die Prieſter herbei und machten Ali Bey und mir ein Ge - ſchenk davon. Er erhielt ſieben und ich ſieben. Sie waren14 vollſtändig rund und mit einem arabiſchen Worte verſehen, das man mit einem ſpitzigen Inſtrumente eingegraben hatte. Von meinen ſieben Kugeln zeigten vier das Wort El Schems , die Sonne.

Der Verkauf fand im äußeren Hofe ſtatt, während im Innern des ummauerten Raumes die Inſtrumente und der Geſang noch ertönten. Ich verließ das Heilig - tum. Ich dachte, daß das Thal von der Höhe aus einen wundervollen Anblick bieten müſſe, und ging, um mir Halef zur Begleitung zu holen. Ich fand ihn auf der Plattform des Hauſes bei dem Buluk Emini ſitzen. Sie ſchienen ſich in einem ſehr animierten Geſpräch zu be - finden, denn ich hörte ihn ſagen:

Was? Ein Ruſſe wäre es geweſen?

Ja, ein Ruſſikow, dem Allah den Kopf abſchneiden möge; denn wenn er nicht geweſen wäre, ſo hätte ich meine Naſe noch! Ich haute wie wütend um mich; dieſer Kerl aber holte nach meinem Kopfe aus; ich wollte ausweichen und trat zurück. Der Hieb, welcher den Kopf treffen ſollte, traf bloß die

Hadſchi Halef! rief ich.

Es machte mir wirklich Spaß, die berühmte Geſchichte von der Naſe auch einmal unterbrechen zu können. Die beiden ſprangen auf und traten auf mich zu.

Du ſollſt mich begleiten, Halef; komm!

Wohin, Sihdi?

Dort hinauf zur Höhe, um zu ſehen, wie ſich die Illumination des Thales ausnimmt.

O Emir, laß mich mit dir gehen! bat Ifra.

Ich habe nichts dagegen. Vorwärts!

Wir ſtiegen die nach Baadri zu gelegene Höhe hinan. Ueberall trafen wir Männer, Frauen und Kinder mit Fackeln und Lichtern, und von allen wurden wir mit einer15 wirklich kindlichen Freude begrüßt und angeredet. Als wir die Höhe erreichten, bot ſich uns ein geradezu unbe - ſchreiblicher Anblick dar. Mehrere der Dſcheſidi waren uns gefolgt, um uns zu leuchten: ich aber bat ſie, zurück - zugehen oder ihre Fackeln zu verlöſchen. Wer den Genuß vollſtändig haben wollte, mußte ſich ſelbſt im Dunkeln befinden.

Da unten im Thale flutete Flamme an Flamme. Tauſend leuchtende Punkte kreuzten, hüpften und ſchlüpften, tanzten, ſchoſſen und flogen durcheinander, klein, ganz klein tief unten, je näher aber zu uns, deſto größer werdend. Das Heiligtum wallte förmlich von Glanz und Licht, und die beiden Türme leckten empor in das Dunkel der Nacht wie flammende Hymnen. Dazu ertönte von unten herauf zu uns das dumpfe Wogen und Brauſen der Stimmen, oft unterbrochen von einem lauten, nahen Jubelrufe. Ich hätte ſtundenlang hier ſtehen und mich an dieſem An - blicke weiden und ergötzen können.

Was iſt das für ein Stern? ertönte da neben mir eine Frage in kurdiſcher Sprache.

Einer der Dſcheſidi hatte ſie ausgeſprochen.

Wo? fragte ein anderer.

Siehe die Rea kadiſahn*)Milchſtraße da rechts!

Ich ſehe ſie.

Unter ihr flammte ein heller Stern auf. Jetzt wie - der! Siehſt du ihn?

Ich ſah ihn. Es iſt der Kjale be ſcheri**)Wörtlich: der Alte ohne Kopf (große Bär.).

Die vier Sterne, welche in unſerm Sternbilde den Rücken des Bären bilden, heißen nämlich bei den Kurden der Alte . Sie meinen, daß ſein Kopf hinter einer be - nachbarten Sternengruppe verſteckt ſei. Die drei Sterne, welche bei uns den Schwanz des großen Bären bilden16 (oder die Deichſel des Wagens , wie dieſes Sternbild auch genannt wird), heißen bei ihnen die zwei Brüder und die blinde Mutter des Alten .

Der Kjale be ſcheri? Der hat doch vier Sterne! meinte der erſte Frager. Es wird Kumikji ſchiwan*)Venus. ſein.

Der ſteht höher. Jetzt leuchtet es wieder. Ah, wir ſind irr; es iſt ja im Süden! Es wird Meſchin**)Waage. ſein.

Meſchin hat auch mehrere Sterne. Was meinſt du, Herr, daß es iſt?

Dieſe Frage war an mich gerichtet. Mir ſchien das Phänomen auffällig.

Die Fackeln und Lichter unter uns warfen einen Schein in die Höhe, der es uns unmöglich machte, die Sterne genau zu erkennen. Der Glanz aber, welcher von Zeit zu Zeit da drüben aufblitzte, um ſofort wieder zu verſchwin - den, war intenſiv. Er glich einem Irrlichte, das plötz - lich aufleuchtete und augenblicklich wieder verlöſchte. Ich beobachtete noch eine Weile und wandte mich dann zu Halef:

Hadſchi Halef, eile ſofort hinab zu Ali Bey und ſage ihm, daß er ſehr ſchnell zu mir heraufkommen möge! Es handle ſich um etwas Wichtiges.

Der Diener verſchwand mit ſchnellen Schritten, und ich trat noch eine Strecke weiter vor, teils, um den ver - meintlichen Stern beſſer beobachten zu können, teils auch, um allen weiteren Fragen zu entgehen.

Glücklicherweiſe hatte Ali Bey gehört, daß ich herauf - gegangen ſei, und den Entſchluß gefaßt, mir zu folgen. Halef traf ihn eine nur kleine Strecke unter uns und brachte ihn zu mir.

Was willſt du mir zeigen, Emir?

Ich ſtreckte den Arm aus.

17

Blicke feſt dorthin! Du wirſt einen Stern aufblitzen ſehen. Jetzt!

Ich ſehe ihn.

Er iſt wieder fort. Kennſt du ihn?

Nein. Er liegt ſehr tief und gehört zu keinem Bilde.

Ich trat an einen Buſch und ſchnitt einige Ruten ab. Die eine davon ſteckte ich in die Erde und ſtellte mich dann einige Schritte vorwärts von ihm auf.

Kniee genau hinter dieſer Rute nieder. Ich werde in der Richtung in welcher der Stern wieder blitzt, eine zweite aufſtecken. Sahſt du ihn jetzt?

Ja. Ganz deutlich.

Wohin ſoll die Rute? Hierher?

Einen Fußbreit weiter nach rechts.

Hierher?

Ja; das iſt genau.

So! Nun beobachte weiter!

Jetzt ſah ich ihn wieder! meinte er nach einer kleinen Weile.

Wo? Ich werde eine dritte Rute ſtecken.

Der Stern war nicht am alten Platze. Er war viel weiter links.

Wie weit? Sage es!

Zwei Fuß von der vorigen Rute.

Hier?

Ja.

Ich ſteckte die dritte Rute ein, und Ali Bey beob - achtete weiter.

Jetzt ſah ich ihn wieder, meinte er bald.

Wo?

Nicht mehr links, ſondern rechts.

Gut! Das war es, was ich dir zeigen wollte. Jetzt magſt du dich wieder erheben.

II. 218

Die andern hatten meinem ſonderbaren Gebaren mit Verwunderung zugeſehen, und auch Ali konnte den Grund desſelben nicht einſehen.

Warum läſſeſt du mich dieſes Sternes wegen rufen?

Weil es kein Stern iſt!

Was ſonſt? Ein Licht?

Nun, wenn es nur ein Licht wäre, würde es ſchon merkwürdig ſein; aber es iſt eine ganze Reihe von Lichtern.

Woraus vermuteſt du dies?

Ein Stern kann es nicht ſein, weil es tiefer ſteht, als die Spitze des Berges, der dahinter liegt. Und daß es mehrere Lichter ſind, haſt du ja aus dem Experimente geſehen, das wir vorgenommen haben. Da drüben gehen oder reiten viele Leute mit Fackeln oder Laternen, von denen zuweilen die eine oder die andere herüberblitzt.

Der Bey ſtieß einen Ausruf der Verwunderung aus.

Du haſt recht, Emir!

Wer mag es ſein?

Pilger ſind es nicht, denn dieſe würden auf dem Wege von Baadri nach Scheik Adi kommen.

So denke an die Türken!

Herr! Wäre es möglich?

Das weiß ich nicht, denn dieſe Gegend iſt mir un - bekannt. Beſchreibe ſie mir, Bey!

Hier grad aus geht der Weg nach Baadri, und hier weiter links der nach Aïn Sifni. Teile dieſen Weg in drei Teile; gehe das erſte Drittel, ſo haſt du dieſe Lichter dann dir zur Linken nach dem Waſſer zu, welches von Scheik Adi kommt.

Kann man am Waſſer entlang reiten?

Ja.

Und auf dieſe Weiſe nach Scheik Adi kommen?

Ja.

19

So iſt ein großer, ein ſehr großer Fehler vorge - kommen!

Welcher?

Du haſt Vorpoſten geſtellt nach Baadri und Kaloni hin, aber nicht nach Aïn Sifni zu.

Dorther werden die Türken nicht kommen. Die Leute von Aïn Sifni würden es uns verraten.

Aber wenn die Türken nicht nach Aïn Sifni gehen, ſondern bei Dſcheraijah den Khauſſer überſchreiten und dann zwiſchen Aïn Sifni und hier das Thal zu erreichen ſuchen? Mir ſcheint, ſie würden dann dieſelbe Richtung nehmen, in der ſich dort jene Lichter bewegen. Siehe, ſie ſind bereits wieder nach links vorgerückt!

Emir, deine Vermutung iſt vielleicht die richtige. Ich werde ſofort mehrere Wachen vorſchicken!

Und ich werde mir einmal dieſe Sterne näher be - trachten. Haſt du einen Mann, der dieſe Gegend genau kennt?

Niemand kennt ſie beſſer als Selek.

Er iſt ein guter Reiter; er ſoll mich führen!

Wir ſtiegen ſo ſchnell wie möglich hinab. Der letztere Teil der Unterredung war von uns leiſe geführt worden, ſo daß niemand, und beſonders auch der Baſchi-Bozuk nicht, etwas davon vernommen hatte. Selek war bald ge - funden; er erhielt ein Pferd und nahm ſeine Waffen zu ſich. Auch Halef mußte mit. Ich konnte mich auf ihn mehr als auf jeden andern verlaſſen. Zwanzig Minuten ſpäter, nachdem ich den Stern zuerſt geſehen hatte, jagten wir auf dem Wege nach Aïn Sifni dahin. Auf der nächſten Höhe blieben wir halten. Ich muſterte das Halbdunkel vor uns und ſah endlich das Aufleuchten wieder. Ich machte Selek auf dasſelbe aufmerkſam.

Emir, das iſt kein Stern, das ſind auch keine20 Fackeln, denn dieſe würden einen umfangreicheren Schein verbreiten. Das ſind Laternen.

Ich muß hart an ſie heran. Kennſt du die Gegend genau?

Ich werde dich führen; ich kenne jeden Stein und jeden Strauch. Halte dich nur hart hinter mir und nimm dein Pferd ſtets hoch!

Er wandte ſich von dem Waſſer nach rechts, und nun ging es über Stock und Stein im Trabe vorwärts. Es war ein ſehr böſer Ritt, aber bereits nach einer reich - lichen Viertelſtunde konnten wir genau mehrere Lichter unterſcheiden. Und nach einer zweiten Viertelſtunde, während welcher uns dieſelben hinter einem vor uns liegenden Bergrücken verſchwunden waren, langten wir auf dem letzteren an und ſahen nun ſehr deutlich, daß wir einen ziemlich langen Zug vor uns hatten. Von wem derſelbe gebildet wurde, war von hier aus nicht zu unterſcheiden; das aber bemerkten wir, daß er plötzlich verſchwand und nicht wieder erſchien.

Giebt es dort wieder einen Hügel?

Nein. Hier iſt Ebene, antwortete Selek.

Oder eine Vertiefung, ein Thal, in welchem dieſe Lichter verſchwinden können?

Nein.

Oder ein Wald

Ja, Emir, fiel er ſchnell ein. Dort, wo ſie ver - ſchwunden ſind, liegt ein kleines Olivenwäldchen.

Ah! Du wirſt mit den Pferden hier bleiben und auf uns warten. Halef aber begleitet mich.

Herr nimm mich auch mit, bat Selek.

Die Tiere würden uns verraten.

Wir binden ſie an!

Mein Rappe iſt zu koſtbar, als daß ich ihn ohne21 Aufſicht laſſen dürfte. Und übrigens verſtehſt du auch das richtige Anſchleichen nicht. Man würde dich hören oder gar ſehen.

Emir, ich verſtehe es!

Sei ſtill! meinte da Halef. Auch ich dachte, ich verſtände es, mich mitten in ein Duar zu ſchleichen und das beſte Pferd wegzunehmen; aber als ich es vor dem Effendi machen mußte, habe ich mich ſchämen müſſen, wie ein Knabe! Aber tröſte dich, denn Allah hat nicht ge - wollt, daß aus dir eine Eidechſe werde!

Wir ließen die Gewehre zurück und ſchritten voran. Es war grad ſo licht, daß man auf fünfzig Schritte einen Menſchen ſo leidlich erkennen konnte. Vor uns tauchte nach vielleicht zehn Minuten ein dunkler Punkt auf, deſſen Dimenſionen von Schritt zu Schritt zunahmen das Olivenwäldchen. Als wir ſo weit heran waren, daß wir es in fünf oder ſechs Minuten zu erreichen vermocht hätten, hielt ich an und lauſchte angeſtrengt. Nicht der mindeſte Laut war zu vernehmen.

Gehe genau hinter mir, daß unſere Perſonen eine einzige Linie bilden!

Ich hatte nur Jacke und Hoſe an, beide dunkel; auf dem Kopfe trug ich den Tarbuſch, von dem ich das Turbantuch abgewunden hatte. So war ich nicht ſo leicht vom dunklen Boden zu unterſcheiden. Mit Halef war ganz dasſelbe der Fall.

Lautlos glitten wir weiter. Da vernahmen wir das Geräuſch knackender Aeſte. Wir legten uns nun auf die Erde nieder und krochen langſam vorwärts. Das Knacken und Brechen wurde lauter.

Man ſammelt Aeſte, vielleicht gar um ein Feuer zu machen.

Gut für uns, Sihdi! flüſterte Halef.

22

Bald erreichten wir den hinteren Rand des Gehölzes. Das Schnauben von Tieren und Männerſtimmen wurden hörbar. Wir lagen ſoeben hart neben einem dichten Buſch - werke. Ich deutete auf dasſelbe und ſagte leiſe: Verbirg dich hier und erwarte mich, Halef.

Herr, ich verlaſſe dich nicht; ich folge dir!

Du würdeſt mich verraten. Das unhörbare Schleichen iſt in einem Walde ſchwieriger als auf offenem Felde. Ich habe dich nur mitgenommen, um mir den Rückzug zu decken. Du bleibſt liegen, ſelbſt wenn du ſchießen hörſt. Wenn ich dich rufe, ſo kommſt du ſo ſchnell wie möglich.

Und wenn du weder kommſt noch rufeſt?

So ſchleichſt du dich nach einer halben Stunde vor - wärts, um zu ſehen, was mit mir geſchehen iſt.

Sihdi, wenn ſie dich töten, ſo ſchlage ich alle tot!

Dieſe Verſicherung hörte ich noch, dann war ich fort; aber noch hatte ich mich nicht ſehr weit von ihm entfernt, ſo hörte ich eine laute, befehlende Stimme rufen:

Et ateſch brenne an, mache Feuer!

Dieſe Stimme kam aus einer Entfernung von vielleicht hundert Fuß. Ich konnte alſo unbeſorgt weiter kriechen. Da vernahm ich das Praſſeln einer Flamme und bemerkte zugleich einen lichten Schein, der ſich zwiſchen den Bäumen faſt bis zu mir verbreitete. Das erſchwerte mir natürlich mein Vorhaben bedeutend.

Taſchlar ateſch tſchewreſinde lege Steine um das Feuer! befahl dieſelbe Stimme.

Dieſem Befehle wurde jedenfalls ſofort Folge geleiſtet, denn der lichte Schein verſchwand, ſo daß ich nun beſſer vorwärts konnte. Ich ſchlich mich von einem Stamme zum andern und wartete hinter einem jeden, bis ich mich überzeugt hatte, daß ich nicht bemerkt worden ſei. Glück - licherweiſe war dieſe Vorſicht überflüſſig; ich befand mich23 nicht in den Urwäldern Amerikas, und die guten Leute, welche ich vor mir hatte, ſchienen nicht die mindeſte Ahnung zu haben, daß es irgend einem Menſchenkinde einfallen könne, ſie zu belauſchen.

So avancierte ich immer weiter, bis ich einen Baum erreichte, deſſen Wurzeln ſo zahlreiche Schößlinge getrieben hatte, daß ich hinter denſelben ein recht leidliches Verſteck zu finden hoffte. Wünſchenswert war dies beſonders des - halb, weil ganz in der Nähe des Baumes zwei Männer ſaßen, auf die ich es abgeſehen hatte, zwei türkiſche Offiziere.

Mit einiger Vorſicht gelang es mir, mich hinter den Schößlingen häuslich niederzulaſſen, und nun konnte ich die Scene vollſtändig überblicken.

Draußen vor dem kleinen Gehölze ſtanden vier Gebirgskanonen oder vielmehr zwei Kanonen und zwei Haubitzen, und am Saume des Gehölzes waren ungefähr zwanzig Maultiere angebunden, die zum Transporte dieſer Geſchütze erforderlich geweſen waren. Man braucht zu einem Geſchütze gewöhnlich vier bis fünf Maultiere; eins muß das Rohr, eins die Lafette und zwei bis vier müſſen die Munitionskäſten tragen.

Die Kanoniere hatten es ſich bequem gemacht; ſie lagen auf dem Boden ausgeſtreckt und plauderten leiſe miteinander. Die beiden Offiziere aber wünſchten Kaffee zu trinken und ihren Tſchibuk zu rauchen; darum war ein Feuer gemacht worden, über welchem ein kleiner Keſſel auf zwei Steinen ſtand. Der eine der beiden Helden war ein Hauptmann und der andere ein Lieutenant. Der Hauptmann hatte ein recht biederes Ausſehen; er kam mir grade ſo vor, als ſei er eigentlich ein urgemütlicher, dicker deutſcher Bäckermeiſter, der auf einem Liebhaber - theater den wilden Türken ſpielen ſoll und ſich dazu für anderthalbe Mark vom Maskenverleiher das Koſtüm ge -24 liehen hat. Mit dem Lieutenant war es ganz ähnlich. Juſt ſo wie er mußte eine ſechzigjährige Kaffeeſchweſter ausſehen, die auf den unbegreiflichen Backfiſchgedanken geraten iſt, in Pumphoſen und Osmanly-Jacke auf die Redoute zu gehen. Es war mir ganz ſo, als müſſe ich jetzt hinter meinem Baume hervortreten und ſie über - raſchen mit den geflügelten Worten:

Schön guten Abend, Meiſter Mehlhuber; 'pfehle mich, Fräulein Lattenſtengel;' was Neues? Danke, danke, werde ſo frei ſein!

Freilich waren die Worte, welche ich zu hören be - kam, etwas weniger gemütlich. Ich lag ihnen ſo nahe, daß ich alles hören konnte.

Unſere Kanonen ſind gut! brummte der Hauptmann.

Sehr gut! flötete der Lieutenant.

Wir werden ſchießen, alles niederſchießen!

Alles! ertönte das Echo.

Wir werden Beute machen!

Viel Beute!

Wir werden tapfer ſein!

Sehr tapfer!

Wir werden befördert werden!

Hoch, äußerſt hoch!

Dann rauchen wir Tabak aus Perſien!

Tabak aus Schiras!

Und trinken Kaffee aus Arabien!

Kaffee aus Mokka!

Die Dſcheſidi müſſen alle ſterben!

Alle!

Die Böſewichter!

Die Buben!

Die Unreinen, die Unverſchämten!

Die Hunde!

25

Wir werden ſie töten!

Morgen früh gleich!

Natürlich, das verſteht ſich!

Ich hatte nun genug geſehen und gehört; darum zog ich mich zurück, erſt langſam und vorſichtig, dann aber raſcher. Ich erhob mich dabei ſogar von der Erde, wor - über Halef ſich nicht wenig wunderte, als ich bei ihm ankam.

Wer iſt es, Sihdi?

Artilleriſten. Komm; wir haben keine Zeit!

Gehen wir aufrecht?

Ja.

Wir erreichten bald unſere Pferde, ſtiegen auf und kehrten zurück. Die Strecke nach Scheik Adi wurde jetzt natürlich viel ſchneller zurückgelegt, als vorhin. Wir fanden dort noch dasſelbe rege Leben.

Ich hörte, daß Ali Bey ſich beim Heiligtum befinde, und traf ihn mit dem Mir Scheik Khan in dem inneren Hofe desſelben. Er kam mir erwartungsvoll entgegen und führte mich zum Khan.

Was haſt du geſehen? fragte er.

Kanonen!

Oh! machte er erſchrocken. Wie viele?

Vier kleine Gebirgskanonen.

Welchen Zweck haben ſie?

Scheik Adi ſoll damit zuſammengeſchoſſen werden. Während die Infanteriſten von Baadri und Kaloni an - greifen, ſoll die Artillerie jedenfalls da unten am Waſſer ſpielen. Der Plan iſt nicht ſchlecht, denn von dort aus läßt ſich das ganze Thal beſtreichen. Es handelte ſich nur darum, die Geſchütze unbemerkt über die Höhen zu bringen; dies iſt gelungen; man hat ſich der Maultiere bedient, mit deren Hilfe die Kanonen in einer Stunde26 von dem Lagerplatze aus bis nach Scheik Adi gebracht werden können.

Was thun wir, Emir?

Gieb mir ſofort ſechzig Reiter mit und einige La - ternen, ſo ſiehſt du binnen zwei Stunden die Geſchütze mit ihrer Bedienung hier in Scheik Adi!

Gefangen?

Gefangen!

Herr, ich gebe dir hundert Reiter!

Nun wohl, gieb mir ſofort achtzig und ſage ihnen, daß ich ſie unten am Waſſer erwarte.

Ich ging und traf Halef und Selek noch bei den Pferden.

Was wird Ali Bey thun? fragte Halef.

Nichts. Wir ſelbſt werden thun, was gethan werden ſoll.

Was iſt das, Sihdi? Du lachſt! Herr, ich kenne dein Geſicht; wir holen die Kanonen?

Allerdings! Ich möchte aber die Kanonen haben, ohne daß Blut vergoſſen wird, und darum nehmen wir achtzig Reiter mit.

Wir ritten dem Ausgange des Thales zu, wo wir nicht lange warten durften, bis die achtzig kamen.

Ich ſandte Selek mit zehn Mann voran und folgte mit den andern eine Strecke hinter ihnen. Wir erreichten, ohne einen Feind zu ſehen, die Anhöhe, auf der Selek vorhin auf uns gewartet hatte, und ſtiegen ab. Zunächſt ſandte ich einige Leute aus, welche für unſere eigene Sicher - heit zu wachen hatten; dann ließ ich zehn Mann bei den Pferden zurück und gebot ihnen, den Platz ohne meinen Befehl nicht zu verlaſſen, und nun ſchlichen wir andern auf das Wäldchen zu. In paſſender Entfernung vor demſelben angekommen, wurde Halt gemacht, und ich ging27 allein vorwärts. Wie vorher gelangte ich auch diesmal ohne Hindernis zu dem Baume, unter dem ich bereits gelegen hatte. Die Türken lagen in einzelnen Gruppen beiſammen und plauderten. Ich hatte gehofft, daß ſie ſchliefen. Die militäriſche Wachſamkeit und die Erwartung des bevorſtehenden Kampfes ließen ſie jedoch nicht ſchlafen. Ich zählte mit den Unteroffizieren und den beiden Offi - zieren vierunddreißig Mann und kehrte zu den Meinen zurück.

Hadſchi Halef und Selek, geht und holt eure Pferde! Ihr reitet einen Bogen und kommt an der andern Seite des Wäldchens vorüber. Man wird euch anhalten. Ihr ſagt, daß ihr euch verirrt habt und zu dem Feſte nach Scheik Adi kommen wollt. Ihr werdet ſo die Aufmerk - ſamkeit der Osmanly von uns ab - und auf euch lenken. Das übrige iſt unſere Sache. Geht!

Die übrigen ließ ich zwei lange, hintereinander - ſtehende Reihen bilden, die den Zweck hatten, das Ge - hölz von drei Seiten zu umfaſſen. Ich gab ihnen die nötige Anweiſung, worauf wir uns zu Boden legten und vorwärts krochen.

Natürlich kam ich am ſchnellſten voran. Ich hatte meinen Baum wohl bereits ſeit zwei Minuten erreicht, als laute Hufſchläge erſchallten. Das Feuer brannte noch immer; darum war es mir möglich, die ganze Scene leidlich zu überblicken. Die beiden Offiziere hatten wahr - ſcheinlich während der ganzen Zeit meiner Abweſenheit geraucht und Kaffee getrunken.

Scheik Adi iſt ein böſes Neſt! hörte ich den Haupt - mann ſagen.

Ganz bös! antwortete der Lieutenant.

Die Leute beten dort den Teufel an!

Den Teufel; Allah zerhacke und zerquetſche ſie!

28

Das werden wir thun!

Ja, wir werden ſie zerreißen!

Ganz und gar!

Bis hierher konnte ich die Unterhaltung vernehmen, dann aber hörte man das erwähnte Pferdegetrappel. Der Lieutenant hob den Kopf empor.

Man kommt! ſagte er.

Auch der Hauptmann lauſchte.

Wer mag das ſein? fragte er.

Es ſind zwei Reiter; ich höre es!

Sie erhoben ſich, und die Soldaten thaten dasſelbe. In dem Scheine, den das Feuer hinauswarf, wurden Halef und Selek ſichtbar. Der Hauptmann trat ihnen entgegen und zog ſeinen Säbel.

Halt! Wer ſeid ihr? rief er ſie an.

Sie waren ſofort von den Türken umringt. Mein kleiner Halef betrachtete ſich die Offiziere vom Pferde herunter mit einer Miene, welche mich erraten ließ, daß ſie auf ihn den gleichen Eindruck machten, den ſie auch auf mich hervorgebracht hatten.

Wer ihr ſeid, habe ich gefragt! wiederholte der Hauptmann.

Leute!

Was für Leute?

Männer!

Was für Männer?

Reitende Männer!

Der Teufel verſchlinge euch! Antwortet beſſer, ſonſt erhaltet ihr die Baſtonnade! Alſo wer ſeid ihr?

Wir ſind Dſcheſidi, antwortete jetzt Selek mit klein - lauter Stimme.

Dſcheſidi? Ah! Woher?

Aus Mekka.

29

Aus Mekka? Allahil Allah! Giebt es dort auch Teufels-Anbeter?

Grad fünfmalhunderttauſend.

So viele! Allah kerihm; er läßt viel Unkraut unter dem Weizen wachſen! Wohin wollt ihr?

Nach Scheik Adi.

Ah, habe ich euch? Was wollt ihr dort?

Es wird dort ein großes Feſt gefeiert.

Ich weiß es. Ihr tanzt und ſingt mit dem Teufel und betet dabei einen Hahn an, der durch das Feuer der Dſchehennah ausgebrütet worden iſt. Steigt ab! Ihr ſeid meine Gefangenen!

Gefangen? Was haben wir gethan?

Ihr ſeid Söhne des Teufels. Ihr müßt geprügelt werden, bis euer Vater von euch gewichen iſt. Herunter von den Pferden!

Er griff ſelbſt zu, und die beiden Männer wurden förmlich von den Pferden heruntergezogen.

Gebt eure Waffen her!

Ich wußte, Halef würde das nie thun, ſelbſt unter den gegenwärtigen Verhältniſſen nicht. Er ſah ſuchend nach dem Feuer hin, und ſo hob ich den Kopf ſo weit empor, daß er mich erblickte. Nun wußte er, daß er ſicher ſein könne. Aus dem vielen leiſen Raſcheln hinter mir hatte ich bereits erkannt, daß die Meinen das Lager voll - ſtändig umſchloſſen hatten.

Unſere Waffen? fragte Halef. Höre, Jüs Baſchi, erlaube, daß wir dir etwas ſagen!

Was?

Das können wir nur dir und dem Mülaſim mit - teilen.

Ich mag nichts von euch erfahren!

Es iſt aber wichtig, ſehr wichtig!

30

Was betrifft es?

Höre!

Er flüſterte ihm einige Worte in das Ohr, welche den augenblicklichen Erfolg hatten, daß der Hauptmann einen Schritt zurücktrat und den Sprecher mit einer ge - wiſſen achtungsvollen Miene muſterte. Später erfuhr ich, daß der ſchlaue Halef geflüſtert hatte: Euern Geldbeutel betrifft es!

Iſt das wahr? fragte der Offizier.

Es iſt wahr!

Wirſt du darüber ſchweigen?

Wie das Grab!

Schwöre es mir!

Wie ſoll ich ſchwören?

Bei Allah und dem Barte des doch nein, ihr ſeid ja Dſcheſidi. So ſchwöre es mir beim Teufel, den ihr anbetet!

Nun wohl! Der Teufel weiß es, daß ich nachher nichts ſagen werde!

Aber er wird dich zerreißen, wenn du die Unwahr - heit ſagſt! Komm, Mülaſim; kommt, ihr beiden!

Die vier Männer traten zum Feuer herbei; ich konnte jedes ihrer Worte vernehmen.

Nun, ſo rede! gebot der Hauptmann.

Laß uns frei! Wir werden dich bezahlen.

Habt ihr Geld?

Wir haben Geld.

Wißt ihr es nicht, daß dieſes Geld bereits mir ge - hört? Alles, was ihr bei euch führt, iſt unſer.

Du wirſt es nie finden. Wir kommen von Mekka her, und wer eine ſolche Reiſe macht, der weiß ſein Geld zu verbergen.

Ich werde es finden!

31

Du wirſt es nicht finden, ſelbſt wenn du uns töteſt und alles ganz genau durchſuchen läſſeſt. Die Teufels - anbeter haben ſehr gute Mittel, ihr Geld unſichtbar zu machen.

Allah iſt allwiſſend!

Aber du biſt nicht Allah!

Ich darf euch nicht freilaſſen.

Warum?

Ihr würdet uns verraten.

Verraten? Wie ſo?

Seht ihr nicht, daß wir hier ſind, um einen Kriegs - zug zu unternehmen?

Wir werden dich nicht verraten.

Aber ihr wollt nach Scheik Adi gehen!

Sollen wir nicht?

Nein.

So ſende uns, wohin es dir beliebt!

Wolltet ihr nach Baaweiza gehen und dort zwei Tage warten?

Wir wollen es.

Wie viel wollt ihr uns für eure Freiheit zahlen?

Wie viel verlangſt du?

Fünfzehntauſend Piaſter*)Dreitauſend Mark ungefähr. für jeden.

Herr, wir ſind ſehr arme Pilger. So viel haben wir nicht bei uns!

Wie viel habt ihr?

Fünfhundert Piaſter können wir dir vielleicht geben.

Fünfhundert? Kerl, ihr wollt uns betrügen!

Vielleicht bringen wir auch ſechshundert zuſammen.

Ihr gebt zwölftauſend Piaſter und keinen Para weni - ger. Das ſchwöre ich euch bei Mohammed. Und wollt ihr32 nicht, ſo laſſe ich euch ſo lange prügeln, bis ihr ſie gebt. Ihr habt geſagt, daß ihr Mittel beſitzt, euer Geld un - ſichtbar zu machen; ihr habt alſo viel bei euch, und ich habe das Mittel, eure Piaſter wieder ſichtbar zu machen!

Halef that, als erſchrecke er.

Herr, thuſt du es wirklich nicht billiger?

Nein.

So müſſen wir es dir geben!

Ihr Schurken, jetzt ſehe ich, daß ihr viel Geld bei euch habt! Nun werdet ihr nicht für zwölftauſend Piaſter frei, ſondern ihr müßt das geben, was ich zuerſt verlangte, nämlich fünfzehntauſend.

Verzeihe, Herr, das iſt zu wenig!

Der Hauptmann ſah den kleinen Hadſchi Halef ganz erſtaunt an.

Wie meinſt du das, Kerl?

Ich meine, daß ein jeder von uns mehr wert iſt, als fünfzehntauſend Piaſter. Erlaube, daß wir die fünf - zigtauſend geben!

Menſch, biſt du verrückt?

Oder hunderttauſend!

Der Bäckermeiſter-Jüs Baſchi blies ganz ratlos die Backen auf, blickte dem Lieutenant in das hagere Geſicht und fragte ihn:

Lieutenant, was ſagſt du?

Dieſer hatte den Mund offen und geſtand freimütig:

Nichts, ganz und gar nichts!

Ich auch nichts! Dieſe Menſchen müſſen ungeheuer reich ſein!

Dann wandte er ſich wieder zu Halef:

Wo habt ihr das Geld?

Mußt du es wiſſen?

Ja.

33

Wir haben einen bei uns, der für uns bezahlt. Du kannſt ihn aber nicht ſehen.

Allah beſchütze uns! Du meinſt den Teufel!

Soll er kommen?

Nein, nein, niemals! Ich bin kein Dſcheſidi, ich verſtehe nicht, mit ihm zu reden! Ich würde tot ſein vor Schreck!

Du wirſt nicht erſchrecken, denn dieſer Scheitan kommt in der Geſtalt eines Menſchen. Da iſt er ſchon!

Ich hatte mich hinter dem Baume erhoben, und mit zwei ſchnellen Schritten ſtand ich vor den beiden Offi - zieren. Sie fuhren entſetzt auseinander, der eine nach rechts und der andere nach links. Da ihnen aber meine Geſtalt doch nicht ganz und gar ſchrecklich vorkommen mochte, ſo blieben ſie ſtehen und ſtarrten mich wortlos an.

Jüs Baſchi, redete ich ſie an, ich habe alles gehört, was ihr heute abend und heute morgen geſprochen habt. Ihr ſagtet, Scheik Adi ſei ein böſes Neſt!

Ein ſchwerer Atemzug erſcholl als einige Antwort.

Ihr ſagtet, Allah möge dort die Leute zerhacken und zerquetſchen.

Oh, oh! ertönte es.

Ihr ſagtet ferner, ihr wolltet die Böſewichter, die Buben, die Unreinen, die Unverſchämten, die Hunde nieder - ſchießen und große Beute machen!

Der Mülaſim war halb tot vor Angſt, und der Jüs Baſchi konnte nichts als ſtöhnen.

Ihr wolltet dann befördert werden und Tabak aus Schiras rauchen!

Er weiß alles! brachte der dicke[Hauptmann] angſt - voll hervor.

Ja, ich weiß alles. Ich werde euch befördern. Weißt du, wohin?

II. 334

Er ſchüttelte den Kopf.

Nach Scheik Adi, zu den Unreinen und Unverſchäm - ten, die ihr töten wolltet. Jetzt ſage ich zu euch das, was ihr vorhin zu dieſen beiden Männern ſagtet: Ihr ſeid meine Gefangenen!

Die Soldaten konnten ſich den Vorgang nicht er - klären; ſie ſtanden in einem dichten Knäuel beiſammen. Der Wink, den ich bei meinen letzten Worten gab, genügte. Die Dſcheſidi brachen hervor und umringten ſie. Nicht ein einziger dachte daran, Widerſtand zu leiſten. Alle waren ganz verblüfft. Die Offiziere aber ahnten nun doch den wahren Sachverhalt und griffen in den Gürtel.

Halt, keine Gegenwehr! ermahnte ich ſie, indem ich den Revolver zog. Wer zur Waffe greift, wird augen - blicklich niedergeſchoſſen!

Wer biſt du? fragte der Hauptmann.

Er ſchwitzte förmlich. Der brave Fallſtaff dauerte mich einigermaßen, und die Don Quixote-Geſtalt neben ihm gleichfalls. Um ihre Beförderung war es nun geſchehen.

Ich bin euer Freund und wünſche deshalb, daß ihr nicht von den Dſcheſidi niedergeſchoſſen werdet. Gebt eure Waffen ab!

Aber wir brauchen ſie doch!

Wozu?

Wir müſſen damit die Geſchütze verteidigen!

Dieſer beiſpielloſen Naivität war nicht zu widerſtehen, ich mußte laut auflachen. Dann beruhigte ich ſie:

Seid ohne Sorgen; wir werden die Kanonen behüten!

Es ward zwar noch einiges hin und her geſprochen, dann aber ſtreckten ſie doch die Waffen.

Was werdet ihr mit uns thun? fragte jetzt der be - ſorgte Jüs Baſchi.

Das kommt ganz auf euer Verhalten an. Vielleicht35 werdet ihr getötet, vielleicht aber auch erlangt ihr Gnade, wenn ihr gehorſam ſeid.

Was ſollen wir thun?

Zunächſt meine Fragen der Wahrheit gemäß beant - worten.

Frage!

Kommen noch mehr Truppen hinter euch?

Nein.

Ihr ſeid wirklich die einzigen hier?

Ja.

So iſt der Miralai Omar Amed ein ſehr unfähiger Menſch. In Scheik Adi halten mehrere tauſend Bewaff - nete, und hier ſchickt er dreißig Männer mit vier Kanonen gegen ſie. Er mußte euch wenigſtens einen Alai Emini mit zweihundert Mann Infanterie als Bedeckung mit - geben. Dieſer Mann hat gemeint, die Dſcheſidi ſeien ſo leicht zu fangen und zu töten, wie die Fliegen. Welche Befehle hat er euch gegeben?

Wir ſollen die Geſchütze unbemerkt bis an das Waſſer ſchaffen.

Und dann?

Und dann an demſelben aufwärts gehen, bis eine halbe Stunde vor Scheik Adi.

Weiter!

Dort ſollen wir warten, bis er uns einen Boten ſendet. Darauf müſſen wir bis zum Thale vorrücken und die Dſcheſidi mit Kugeln, Kartätſchen und Granaten be - ſchießen.

Das Vorrücken iſt euch geſtattet; ihr werdet ſogar noch weiter kommen als nur bis zum Eingange des Thales. Das Schießen aber werden andere übernehmen.

Nun es einmal geſchehen war, ergaben ſich die Türken als echte Fataliſten ganz ruhig in ihr Schickſal. Sie36 mußten zuſammentreten und wurden von den Dſcheſidi eskortiert. Die Geſchützſtücke waren auf die Maultiere geladen worden und folgten unter Bedeckung. Natürlich machten wir uns wieder beritten, als wir bei den Pferden ankamen.

Eine halbe Stunde vor dem Thale von Scheik Adi ließ ich die Kanonen unter dem Schutze von zwanzig Mann zurück. Es geſchah dies um des Boten willen, welcher von dem Miralai erwartet wurde.

Gleich an dem Eingange zum Thale trafen wir auf eine bedeutende Menſchenmenge. Das Gerücht von unſerer kleinen Expedition hatte ſich ſehr bald unter den Pilgern verbreitet, und man hatte ſich hier verſammelt, um das Ergebnis ſo bald wie möglich zu vernehmen. Infolge - deſſen war auch jedwedes Schießen im Thale eingeſtellt worden, ſodaß nun eine tiefe Stille herrſchte. Man wollte die Schüſſe hören, falls es zwiſchen uns und den Türken zu einem ernſtlichen Kampfe kommen ſollte.

Der erſte, welcher mir entgegenkam, war Ali Bey.

Endlich kommſt du, rief er ſichtlich erleichtert; dann ſetzte er beſorgt hinzu: aber ohne Kanonen! Und auch Leute fehlen!

Es fehlt kein Mann, und auch kein einziger iſt ver - wundet.

Wo ſind ſie?

Bei Halef und Selek draußen bei den Geſchützen, die ich zurückgelaſſen habe.

Warum?

Dieſer Jüs Baſchi hat mir erzählt, daß der Miralai an die Stelle, wo die Kanonen ſtehen, einen Boten ſenden werde. Sie ſollen dann vorrücken und Scheik Adi mit Vollkugeln, Kartätſchen und Granaten beſchießen. Haſt du Leute, welche ein Geſchütz zu bedienen verſtehen?

37

Genug!

So ſende ſie hinaus. Sie mögen mit den Türken die Kleidung wechſeln, den Boten gefangen nehmen und dann ſofort einen Schuß löſen. Dies wird für uns das ſicherſte Zeichen ſein, daß der Feind nahe iſt, und dieſen ſelbſt wird es zu einem übereilten Angriff verleiten. Was thuſt du mit den Gefangenen?

Ich ſchicke ſie fort und laſſe ſie bewachen.

Im Thale Idiz?

Nein. Dieſen Ort darf keiner ſehen, der nicht ein Dſcheſidi iſt. Aber es giebt eine kleine Schlucht, in der es möglich iſt, die Gefangenen nur durch wenige Leute feſtzuhalten. Komm!

In ſeinem Hauſe erwartete mich ein ſehr reichliches Nachteſſen, wobei mich ſeine Frau bediente. Er ſelbſt war nicht zugegen, denn er mußte die Umkleidung der Ge - fangenen beaufſichtigen, welche dann abgeführt wurden. Diejenigen, welche die Uniformen der Türken erhielten, waren geſchulte Kanoniere und rückten bald ab, um ſich zu den Geſchützen zu begeben.

Die Sterne begannen bereits zu erbleichen, als Ali Bey zu mir kam.

Biſt du bereit, aufzubrechen, Emir?

Wohin?

Nach dem Thale Idiz.

Erlaube, daß ich hier bleibe!

Du willſt mitkämpfen?

Nein.

Dich uns nur anſchließen, um zu ſehen, ob wir tapfer ſind?

Ich werde mich euch auch nicht anſchließen, ſondern hier in Scheik Adi bleiben.

Herr, was denkſt du!

38

Ich denke, daß dies das Richtige ſein wird.

Man wird dich töten!

Nein. Ich ſtehe unter dem Schutze des Großherrn und des Muteſſarif.

Aber du biſt unſer Freund; du haſt die Artilleriſten gefangen genommen; das wird dir das Leben koſten!

Wer wird das den Türken erzählen? Ich bleibe hier mit Halef und dem Baſchi-Bozuk. So kann ich für euch vielleicht mehr thun, als wenn ich in euren Reihen kämpfe

Du magſt recht haben, Emir; aber wenn wir ſchießen, kannſt auch du verwundet oder vielleicht gar ge - tötet werden!

Das glaube ich nicht, denn ich werde mich hüten, mich euern Kugeln auszuſetzen.

Da öffnete ſich die Thüre, und ein Mann trat herein. Er gehörte zu den Poſten, welche Ali Bey ausgeſtellt hatte.

Herr, meldete er ihm, wir haben uns zurückge - zogen, denn die Türken ſind bereits in Baadri. In einer Stunde ſind ſie hier.

Kehre zurück und ſage den Deinen, daß ſie immer in der Nähe der Türken bleiben, ſich aber von ihnen nicht ſehen laſſen ſollen!

Wir gingen vor das Haus. Die Frauen und Kinder zogen an uns vorüber und verſchwanden hinter dem Heilig - tume. Da kam ein zweiter Bote atemlos gelaufen und meldete:

Herr, die Türken haben Kaloni längſt verlaſſen und marſchieren durch die Wälder. In einer Stunde können ſie hier ſein.

Poſtiert euch jenſeits des erſten Thales und zieht euch, wenn ſie kommen, zurück. Die Unſerigen werden euch oben erwarten!

39

Der Mann kehrte zurück, und der Bey entfernte ſich auf einige Zeit. Ich ſtand am Hauſe und ſah auf die Geſtalten, die an mir vorüberzogen. Als die Frauen und Kinder vorbei waren, ſchloſſen ſich ihnen lange Reihen von Männern an, zu Fuße und zu Pferde; aber ſie ver - ſchwanden nicht hinter dem Heiligtume, ſondern erſtiegen die nach Baadri und Kaloni gelegenen Höhen, um den Türken das Thal freizugeben. Es war ein eigentümliches Gefühl, das ich beim Anblick dieſer dunklen Geſtalten empfand. Ein Licht nach dem andern wurde ausgeblaſen; eine Fackel nach der andern erloſch, und nur das Grabmal mit ſeinen beiden Türmen ſtreckte ſeine flammende Doppel - zunge noch immer zum Himmel empor. Ich war allein hier. Die Angehörigen des Bey waren fort; der Buluk Emini ſchlief droben auf der Plattform, und Halef war noch nicht zurück. Da aber hörte ich den Galopp eines Pferdes. Halef ſprengte heran. Als er abſaß, erdröhnten von unten herauf zwei ſtarke, krachende Schläge.

Was war das, Halef?

Die Bäume ſtürzen. Ali Bey hat befohlen, ſie zu fällen, um unten das Thal zu ſchließen und die Kanonen gegen einen Angriff der Türken zu ſchützen.

Das iſt klug gehandelt! Wo ſind die andern von den zwanzig?

Sie mußten auf Befehl des Bey bei den Geſchützen zurückbleiben, und er hat außerdem noch dreißig andere Männer zu ihrer Bedeckung beordert.

Alſo zuſammen fünfzig Mann. Dieſe könnten ſchon einen Angriff aushalten.

Wo ſind die Gefangenen? fragte Halef.

Bereits fort unter Aufſicht.

Und dieſe Männer hier ziehen ſchon zum Kampfe?

Ja.

40

Und wir?

Bleiben hier zurück. Ich bin begierig, die Geſichter der Türken zu ſehen, wenn ſie bemerken, daß ſie in die Falle geraten ſind.

Dieſer Gedanke ſchien Halef zu befriedigen, ſodaß er nicht über unſer Hierbleiben murrte. Er mochte ſich auch ſagen, daß dieſes Bleiben wohl gefährlicher ſei, als der Anſchluß an die Streiter.

Wo iſt Ifra? fragte Halef noch.

Er ſchläft auf der Plattform.

Er iſt eine Schlafmütze, Sihdi, und darum wird ihm ſein Hauptmann den Eſel gegeben haben, welcher die ganze Nacht hindurch ſchreit. Weiß er bereits etwas von dem, was geſchehen wird?

Ich glaube nicht. Er ſoll auch nicht wiſſen, wie weit wir dabei beteiligt waren; verſtehſt du?

Da kam Ali Bey noch einmal zurück, um ſein Pferd zu holen. Er machte mir noch allerlei Vorſtellungen, die aber nichts fruchteten, und ſo war er gezwungen, mich zu verlaſſen. Er that dies mit dem herzlichſten Wunſche, daß mir nichts Böſes geſchehen möge, und ver - ſicherte wiederholt, er würde alle fünfzehnhundert Türken niederſchießen laſſen, wenn ich von ihnen ein Leid erdulden müſſe. Zuletzt bat er mich, das große weiße Tuch, das in der Stube hing, auf die Plattform des Hauſes, die er von der Höhe ganz gut überblicken konnte, zu legen, zum Zeichen, daß ich mich wohl befinde. Sollte das Tuch fortgenommen werden, ſo werde er ſchließen, daß ich mich in Gefahr befinde, und werde ſofort dem ge - mäß handeln.

Nun ſtieg er auf und ritt davon, der letzte von all den Seinen.

Der Tag begann zu grauen; der Himmel lichtete ſich,41 und wenn man zu ihm emporblickte, vermochte man bereits die einzelnen Aeſte der Bäume zu unterſcheiden. Droben an der gegenüberliegenden Thalwand verhallten die Huf - ſchläge von Ali Beys Pferd. Ich war nun, da auch mein Dolmetſcher mich verlaſſen mußte, mit den beiden Dienern ganz allein in jenem viel beſprochenen Thale eines geheim - nisvollen und auch jetzt mir immer noch rätſelhaften Kul - tus. Allein? Ganz allein? War es wirklich ſo, oder hörte ich nicht Schritte dort in dem kleinen, El Schems geweihten Hauſe?

Eine lange, weiße Geſtalt trat hervor und blickte ſich um. Da ſah ſie mich und kam auf mich zu. Ein langer, ſchwarzer Bart hing ihr über die Bruſt herab, während das Haupthaar ſchneeweiß über den Rücken wallte. Es war Pir Kamek; ich erkannte ihn jetzt.

Du noch hier? fragte er, als er vor mir ſtand, mit beinahe harter Stimme. Wann folgeſt du den andern nach?

Ich bleibe hier.

Du bleibſt? Warum?

Weil ich euch hier mehr nützen kann, als auf andere Weiſe.

Das iſt möglich, Emir; aber dennoch ſollteſt du gehen!

Ich richte dieſelbe Frage an dich: Wann geheſt du den andern nach?

Ich bleibe!

Warum?

Haſt du dort den Scheiterhaufen nicht geſehen? antwortete er finſter. Er hält mich zurück.

Warum er?

Weil es nun an der Zeit iſt, das Opfer zu bringen, wegen deſſen ich ihn errichten ließ.

Die Türken werden dich ja ſtören!

42

Sie werden mir ſogar das Opfer bringen, und ich werde heute den wichtigſten Tag meines Lebens feiern.

Faſt wollte es mir unheimlich werden bei dem Klange dieſer hohlen, tiefen Stimme. Ich überwand jedoch dieſes Gefühl und fragte:

Wollteſt du nicht heute noch mit mir über dein Buch ſprechen, welches mir Ali Bey geliehen hatte?

Kann es dir Freude machen und Nutzen bringen?

Gewiß!

Emir, ich bin ein armer Prieſter; nur dreierlei ge - hört mir: mein Leben, mein Kleid und das Buch, von dem du redeſt. Mein Leben bringe ich dem Reinen, dem Mächtigen, dem Erbarmenden zurück, der mir es geliehen hat; mein Kleid überlaſſe ich dem Elemente, in welchem auch mein Leib begraben wird, und das Buch ſchenke ich dir, damit dein Geiſt mit dem meinigen ſprechen könne, wenn Zeiten, Länder, Meere und Welten uns voneinander trennen.

War dies nur eine blumige, orientaliſche Ausdrucks - weiſe, oder ſprach aus ihm wirklich die Ahnung eines nahen Todes? Es überlief mich ein Schauder, den ich nicht abſchütteln konnte.

Pir Kamek, deine Gabe iſt groß; faſt kann ich ſie nicht annehmen!

Emir, ich liebe dich. Du wirſt das Buch erhalten, und wenn dein Blick auf die Worte fällt, die meine Hand geſchrieben hat, ſo denke an das letzte Wort, wel - ches dieſe Hand ſchreiben wird in das Buch, darinnen verzeichnet ſteht die blutige Geſchichte der Dſcheſidi, der Verachteten und Verfolgten.

Ich konnte nicht anders, ich mußte ihn umarmen.

Ich danke dir, Pir Kamek! Auch ich liebe dich, und wenn ich dein Buch öffne, ſo wird vor mich treten deine43 Geſtalt, und ich werde hören alle Worte deines Mundes, die du zu mir geſprochen haſt. Jetzt aber ſollteſt du Scheik Adi verlaſſen, denn noch iſt es nicht zu ſpät!

Sieh dort das Heiligtum, in welchem Der begraben liegt, welcher verfolgt und getötet wurde. Er iſt nie ge - flohen. Steht nicht auch in deinem Kitab, daß man ſich nicht fürchten ſoll vor jenen, die nur den Leib töten kön - nen? Ich bleibe hier, da ich weiß, daß die Osmanly mir nicht zu ſchaden vermögen. Und wenn ſie mich töteten, was wäre es? Muß nicht der Tropfen emporſteigen zur Sonne? Stirbt nicht El Schems, die Glänzende, täglich, um auch täglich wieder aufzuerſtehen? Iſt nicht der Tod der Eingang in eine lichtere, in eine reinere Welt? Haſt du jemals gehört, daß ein Dſcheſidi von einem andern ſagt, daß er geſtorben ſei? Er ſagt nur, daß er verwan - delt ſei; denn es giebt weder Tod noch Grab, ſondern Leben, nichts als Leben. Darum weiß ich auch, daß ich dich einſt wiederſehen werde!

Nach dieſen Worten ſchritt er ſchnell davon und kam hinter der Außenmauer des Grabmales außer Sicht.

Ich trat in das Gebäude und ging nach der Platt - form. Droben vernahm ich Stimmen. Halef und Ifra redeten miteinander.

Ganz allein? hörte ich den letzteren fragen.

Ja.

Wohin ſind die andern, die vielen, die Tauſende?

Wer weiß es!

Aber warum ſind ſie fort?

Sie ſind geflohen.

Vor wem?

Vor euch.

Vor uns? Hadſchi Halef Omar, ich verſtehe nicht, was du ſageſt!

44

So will ich dir es deutlicher ſagen: Sie ſind ge - flohen vor deinem Muteſſarif und vor deinem Miralai Omar Amed.

Aber warum denn?

Weil der Miralai kommt, um Scheik Adi zu über - fallen.

Allah akbar, Gott iſt groß, und die Hand des Muteſſarif iſt mächtig! Sage mir, ob ich bei unſerem Emir bleiben darf, oder ob ich unter dem Miralai kämpfen muß!

Du mußt bei uns bleiben.

Hamdullilah, Preis und Dank ſei Allah, denn es iſt gut ſein bei unſerm Emir, den ich zu beſchützen habe!

Du? Wann haſt du ihn denn beſchützt?

Stets, ſo lange er unter meinem Schirme wandelt!

Halef lachte und erwiderte:

Ja, du biſt der Mann dazu! Weißt du, wer der Beſchützer des Emir iſt?

Ich!

Nein, ich!

Hat ihn nicht der Muteſſarif ſelbſt in meine Obhut gegeben?

Hat er ſich nicht ſelbſt unter meinen Schutz be - geben? Und wer gilt da mehr, der Sihdi oder dein Nichts - nutz von Muteſſarif?

Halef Omar, hüte deine Zunge! Wenn ich dieſes Wort dem Muteſſarif ſage!

Glaubſt du, ich werde mich dann vor ihm fürchten? Ich bin Hadſchi Halef Omar Ben Hadſchi Abul Abbas Ibn Hadſchi Dawuhd al Goſſarah!

Und ich heiße Ifra, gehöre zu den tapfern Baſchi - Bozuk des Großherrn und wurde für meine Heldenthaten zum Buluk Emini ernannt! Für dich ſorgt nur eine45 Perſon, für mich aber ſorgt der Padiſchah und der ganze Staat, den man den osmaniſchen nennt!

Ich möchte wirklich wiſſen, welchen Vorteil du von dieſer Fürſorge haſt!

Welchen Vorteil? Ich will es dir auseinander - ſetzen! Ich erhalte einen Monatsſold von fünfunddreißig Piaſtern und täglich zwei Pfund Brot, ſiebzehn Lot Fleiſch, drei Lot Butter, fünf Lot Reis, ein Lot Salz, anderthalb Lot Zuthaten nebſt Seife, Oel und Stiefelſchmiere!

Und dafür verrichteſt du Heldenthaten?

Ja, ſehr viele und ſehr große!

Die möchte ich ſehen!

Was? Du glaubſt das nicht! Wie bin ich da zum Beiſpiel um meine Naſe gekommen, welche ich nicht mehr habe! Das war nämlich bei einem Streite zwiſchen den Druſen und Maroniten des Dſchebel Libanon. Wir wur - den hingeſchickt, um Ruhe und Achtung der Geſetze zu erkämpfen. In einer dieſer Schlachten ſchlug ich wie wütend um mich herum. Da holte ein Feind nach meinem Kopfe aus. Ich wollte ausweichen und trat zurück und nun traf der Hieb ſtatt meinen Kopf meine Na oooh aaah was war das?

Ja, was war das? Ein Kanonenſchuß!

Halef hatte recht; es war ein Kanonenſchuß, der den kleinen Buluk Emini um den Schluß ſeiner intereſſanten Erzählung gebracht hatte. Das war jedenfalls der Signal - ſchuß, den unſere Artilleriſten abgegeben hatten, um uns anzuzeigen, daß der Adjutant des Miralai von ihnen ge - fangen genommen worden ſei. Die beiden Diener kamen ſofort von oben herunter geeilt.

Sihdi, man ſchießt! rief Halef, nach den Hähnen ſeiner Piſtolen ſehend.

Mit Kanonen! fügte Ifra hinzu.

46

Schön! Holt die Tiere herein und ſchafft ſie nach dem innern Hof!

Auch meinen Eſel?

Ja. Dann ſchließt ihr die Thür!

Ich ſelbſt holte den weißen Shawl und breitete ihn oben auf der Plattform aus. Dann ließ ich mir einige Decken kommen und legte mich in der Weiſe darauf, daß ich von unten nicht bemerkt werden konnte. Die beiden Diener nahmen ſpäter unweit von mir Platz.

Es war mittlerweile ſo licht geworden, daß man ziemlich deutlich ſehen konnte. Der Nebel wallte bereits im Thale auf; aber noch immer brannten die Lichter und Flammen des Heiligtums, ein Anblick, der dem Auge wehe zu thun begann.

So vergingen fünf, ja zehn erwartungsvolle Minuten. Da hörte ich drüben am Abhange ein Pferd wiehern, noch eins, und dann antwortete ein drittes hüben von der andern Seite. Es war klar: die Truppen rückten zu gleicher Zeit an beiden Seiten in das Thal hernieder. Die Befehle des Miralai wurden mit großer Pünktlichkeit befolgt.

Sie kommen! meinte Halef.

Ja, ſie kommen! beſtätigte Ifra. Herr, wenn ſie uns nun für Dſcheſidi halten und auf uns ſchießen?

Dann läſſeſt du deinen Eſel hinaus, an welchem ſie dich ſofort erkennen werden!

Kavallerie war jedenfalls nicht dabei; die Pferde, welche gewiehert hatten, waren Offizierspferde. Man hätte das Pferdegetrappel hören müſſen. Nach und nach aber ließ ſich ein Geräuſch bemerken, das immer hörbarer wurde. Es war der Tritt vieler Menſchen, die näher kamen.

Endlich ertönten Stimmen von dem Grabmale her,47 und zwei Minuten ſpäter vernahmen wir den Marſch - ſchritt einer geſchloſſenen Kolonne. Ich erhob den Kopf und ſchaute hinab. Es waren vielleicht zweihundert Arnauten, prächtige Geſtalten mit wilden Angeſichtern, angeführt von einem Alai Emini und zwei Hauptleuten. Sie zogen in geſchloſſenen Gliedern das Thal hinab. Hinter ihnen aber kam eine Bande Baſchi-Bozuk, die ſich nach rechts und links zerſtreute, um die unſichtbaren Bewohner des Thales aufzuſuchen. Dann folgte eine kleine Kavalkade von lauter Offizieren: zwei Jüs Baſchi, zwei Alai Emini*)Regimentsquartiermeiſter oder Rang-Major., zwei Bimbaſchi**)Major oder Bataillons - chef., ein Kaimakam***)Oberſtlieutenant., mehrere Kol AgaſſiStabsoffizier, Adjutant. und an der Spitze der Truppe ein langer, hagerer Menſch, mit einem außerordentlich grob zugehackten Geſichte, in der reichen, von Gold ſtrotzenden Uniform eines Regimentskommandeurs.

Das iſt der Miralai Omar Amed! meinte Ifra in achtungsvollem Tone.

Wer iſt der Civiliſt an ſeiner Seite? fragte ich.

An der Seite des Oberſten nämlich ritt ein Mann, deſſen Züge höchſt auffällig waren. Ich weiß, daß man einen Menſchen nicht mit einem Weſen aus dem Tier - reiche vergleichen ſoll; aber es giebt wirklich menſchliche Phyſiognomien, welche ganz unwillkürlich an beſtimmte Tiere erinnern. Ich habe Geſichter geſehen, die etwas Affen -, Bullenbeißer - und Katzenartiges hatten; ich habe bei gewiſſen Geſichtsſchnitten ſofort an einen Ochſen, einen Eſel, eine Eule, ein Wieſel, ein Rüſſeltier oder einen Fuchs oder Bären denken müſſen. Mag man nun Phre - nolog und Phyſiognomiker ſein oder nicht, man wird doch bald bemerken, daß auch die Haltung, der Gang, die Aus - drucksweiſe, das ganze Thun und Treiben eines ſolchen48 Menſchen eine gewiſſe Aehnlichkeit mit der Art und Weiſe des Tieres beſitzt, an das man durch die Phyſiognomie erinnert wurde. Das Geſicht des Mannes nun, den ich jetzt ſah, hatte etwas Raubvogelähnliches; es war ganz das eines Stößers.

Es iſt der Makredſch*)Vorſteher des Gerichtshofes. von Moſſul, der Vertraute des Muteſſarif, antwortete der Buluk Emini.

Was wollte, oder was ſollte dieſer Makredſch mit den Truppen hier? Ich konnte meinen Vermutungen darüber nicht nachhängen, denn jetzt ertönte plötzlich ein Kanonenſchuß und noch einer. Ein wirres Heulen, Schreien und Rufen erſcholl, und dann hörte ich ein Stampfen, als ob viele Menſchen im Galoppe herbeige - ſprungen kämen. Die Kavalkade hatte grad unter meinem Beobachtungspoſten angehalten.

Was war das? rief der Miralai.

Zwei Kanonenſchüſſe! antwortete der Makredſch.

Sehr richtig! bemerkte der Oberſt ſpöttiſch. Ein Offizier wäre wohl ſchwerlich auf dieſe Antwort gekom - men. Aber, Allah, was iſt das!

Die Arnauten, welche ſoeben erſt vorüber marſchiert waren, kamen in größter Unordnung und ſchreiend zurück - geflohen; viele unter ihnen blutig und zerfetzt, alle aber von höchſtem Schreck ergriffen.

Halt! donnerte der Oberſt. Was iſt geſchehen?

Man hat mit Kartätſchen auf uns geſchoſſen. Der Alai Emini iſt tot und ebenſo einer der Hauptleute; der andere liegt verwundet dort.

Allah onlari boza-uz Allah vernichte ſie! Auf ihre eigenen Leute zu feuern! Ich laſſe ſie alle totpeitſchen. Naſir Agaſſi, reite vor und kläre dieſe Hunde auf!

Dieſer Befehl war an einen der Kol Agaſſi gerichtet,49 die ſich in ſeinem Gefolge befanden. Es war derſelbe, den ich am Bache von Baadri überraſcht und dem ich dann wieder zu ſeiner Freiheit verholfen hatte. Er gab ſeinem Pferde die Sporen, kehrte aber in kürzeſter Zeit wieder zurück.

Herr, es ſind nicht die Unſerigen, ſondern es ſind Dſcheſidi, welche geſchoſſen haben. Sie ließen mich heran - kommen und riefen es mir zu.

Wo ſind unſere Geſchütze?

Die befinden ſich in ihren Händen; mit ihnen haben ſie geſchoſſen; ſie haben die Geſchütze heute nacht dem Jüs Baſchi abgenommen.

Der Oberſt ſtieß einen fürchterlichen Fluch hervor.

Dieſer Halunke ſoll es mir büßen! Wo iſt er?

Gefangen mit allen ſeinen Leuten.

Gefangen? Mit allen? Alſo ohne ſich gewehrt zu haben!

Er ſtieß ſeinem Pferde vor Wut die Sporen ſo in die Weichen, daß es kerzengerade emporſtieg, dann fragte er weiter:

Wo ſind die Dſcheſidi, die Teufelsmänner, dieſe Giaurs unter den Giaurs? Ich wollte ſie fangen, peitſchen, töten, aber keiner läßt ſich ſehen! Sind ſie verſchwunden? Man wird ſie finden. Vorher aber holt mir die Geſchütze zurück! Die von Diarbekir haben ſich geſchloſſen. Vor - wärts mit ihnen, und dann die Hunde von Kjerkjuk hinterher!

Der Kol Agaſſi ſprengte zurück, und ſofort ſetzten ſich die Infanteriſten von Diarbekir in Bewegung. Der Oberſt ging mit ſeinem Stab zur Seite. Sie marſchierten an ihm vorüber. Weiter konnte ich nichts ſehen, da das Thal eine Wendung machte; aber kaum war eine Minute vorüber, ſo dröhnte ein Kanonenſchuß, ein zweiter, dritterII. 450und vierter, und dann erfolgte ganz dieſelbe Scene wie vorher: die Verſchonten und Leichtverwundeten kamen zurückgeflohen, indem ſie die Toten und Schwerverwundeten hinter ſich ließen. Der Oberſt ritt mitten unter ſie hinein und züchtigte ſie mit der flachen Klinge ſeines Säbels.

Steht, ihr Feiglinge; ſteht, ſonſt ſchicke ich euch mit eigener Hand in die Dſchehennah! Agaſſi, die Dragoner herunter!

Der Adjutant eilte davon. Die Flüchtigen ſammelten ſich, und viele der Baſchi-Bozuk kamen herbei, um zu melden, daß ſie alle Gebäude leer gefunden hätten.

Zerſtört die Neſter, brennt alles nieder und ſucht mir Spuren. Ich muß wiſſen, wo dieſe Ungläubigen hin - gekommen ſind!

Jetzt war es Zeit für mich, wenn ich überhaupt hier etwas nützen ſollte.

Halef, wenn mir etwas Uebles geſchieht, ſo nimmſt du dieſes weiße Tuch hinweg. Es iſt ein Zeichen für Ali Bey!

Nach dieſen Worten richtete ich mich empor und wurde ſofort bemerkt.

Ah, rief der Miralai, da iſt ja einer! Komm herunter, du Sohn eines Hundes; ich will Auskunft haben!

Ich nickte und trat zurück.

Halef, du verſchließeſt die Thüre hinter mir und läſſeſt ohne meine Erlaubnis niemand ein. Wenn ich deinen Namen rufe, öffneſt du ſofort!

Ich nahm ihn mit hinab und trat vor das Haus; die Thüre ſchloß ſich hinter mir. Sofort hatten die Offi - ziere einen Kreis um mich gebildet.

Wurm, der du biſt, antworte auf meine Fragen, ſonſt laſſe ich dich ſchlachten! befahl mir der Oberſt.

51

Wurm? fragte ich ruhig. Nimm und lies!

Er blitzte mich wütend an, ergriff aber doch den groß - herrlichen Ferman. Als er das Siegel erblickte, drückte er das Pergament an ſeine Stirn, aber nur leicht und beinahe verächtlich, und überflog den Inhalt.

Du biſt ein Franke?

Ein Nemtſche.

Das iſt gleich! Was thuſt du hier?

Ich kam, um die Gebräuche der Dſcheſidi zu ſtu - dieren, antwortete ich, indem ich den Paß wieder in Empfang nahm.

Wozu das! Was geht mich dieſes Bu-djeruldi an! Warſt du in Moſſul beim Muteſſarif?

Ja.

Haſt du von ihm die Erlaubnis, hier zu ſein?

Ja. Hier iſt ſie.

Ich reichte ihm das zweite Blatt entgegen; er las es und gab es mir wieder.

Das iſt richtig: aber

Er hielt inne, denn es praſſelte jetzt drüben am Ab - hange ein ſehr kräftiges Gewehrfeuer los, und zu gleicher Zeit vernahmen wir den Hufſchlag ſchnell gehender Pferde.

Scheïtan! Was iſt das da oben?

Dieſe Frage war halb an mich gerichtet; daher ant - wortete ich:

Es ſind die Dſcheſidi. Du biſt umzingelt, und jeder Widerſtand iſt vergebens.

Er richtete ſich im Sattel auf.

Hund! brüllte er mich an.

Laß dieſes Wort, Miralai! Sagſt du es noch ein - mal, ſo gehe ich!

Du bleibſt!

Wer will mich halten? Ich werde dir jede Auskunft52 erteilen, aber wiſſe, daß ich nicht gewohnt bin, mich unter einen Miralai zu ſtellen. Ich habe dir gezeigt, unter welchem Schutze ich ſtehe, und ſollte dies nicht helfen, ſo weiß ich mich ſelbſt zu ſchützen!

Ah!

Er erhob die Hand, um nach mir zu ſchlagen.

Halef!

Mit dieſem lauten Rufe drängte ich mich zwiſchen die Pferde hindurch; die Thüre öffnete ſich, und kaum hatte ich ſie hinter mir zugeſchoben, ſo knirſchte die Kugel einer Piſtole im Holze. Der Miralai hatte auf mich geſchoſſen.

Das galt dir, Sihdi! meinte Halef beſorgt.

Komm herauf!

Noch während wir die Treppe erſtiegen, vernahmen wir draußen ein wirres Rufen, untermiſcht mit Roſſe - geſtampf, und als ich oben anlangte, ſah ich die Nachhut der Dragoner hinter der Krümmung des Thales verſchwin - den. Es war der reine Wahnſinn, ſie gegen die Geſchütze zu jagen, die nur durch einen Schützenangriff von den Seiten des Berges aus hätten zum Schweigen gebracht werden können. Der Miralai war ſich über ſeine Situa - tion ja gar nicht klar, und ein Glück war es für ihn, daß Ali Bey das Leben der Menſchen ſchonen wollte; denn droben am Heiligtume und auf den Pfaden bis zur halben Höhe des Berges ſtanden die Türken ſo dicht, daß jede Kugel der Dſcheſidi ein oder gar mehrere Opfer finden mußte.

Da erdröhnte der Donner der Kanonen von neuem. Die Kartätſchen und Granaten mußten, wenn gut gerichtet war, eine fürchterliche Verwüſtung unter den Reitern hervorbringen, und dies beſtätigte ſich nur gar zu bald; denn der ganze untere Teil des Thales bedeckte ſich mit53 fliehenden Reitern, laufenden Dragonern und reiterloſen Pferden.

Jetzt war der Miralai ganz ſteif vor Wut und Ent - ſetzen; aber es mochte ihm dabei die Erkenntnis kommen, daß er anders zu handeln habe. Er bemerkte meinen Kopf, der nach unten ſchaute, und winkte mir. Ich er - hob mich wieder.

Komm herab!

Wozu?

Ich habe dich zu fragen.

Und auf mich zu ſchießen?

Es galt nicht dir!

Nun wohl, ſo frage! Ich werde dir von oben ant - worten; du hörſt dann meine Worte ebenſo deutlich, als wenn ich bei dir ſtünde. Aber und dabei gab ich Halef, der mich ſofort verſtand, einen Wink aber ſiehſt du dieſen Mann? Er iſt mein Diener; er hat die Büchſe in der Hand und zielt auf dich. Sobald ſich eine einzige Waffe gegen mich erhebt, erſchießt er dich, Mira - lai, und dann werde ich grad ſo ſagen wie du, nämlich: Es galt nicht dir!

Halef kniete hart am Rande der Plattform und hielt ſeine Büchſe auf den Kopf des Oberſten gerichtet. Dieſer wechſelte die Farbe, ob vor Angſt oder vor Wut, das weiß ich nicht.

Thut das Gewehr fort! rief er.

Es bleibt!

Menſch, ich habe faſt zweitauſend Soldaten hier; ich kann dich zermalmen!

Und ich habe dieſen einen bei mir; ich kann dich mit einem Winke zu deinen Vätern ſenden!

Die Meinen würden mich fürchterlich rächen!

Es würden viele von ihnen zu Grunde gehen, ehe54 es ihnen gelänge, in dieſes Haus zu dringen. Uebrigens iſt das Thal von viertauſend Kriegern umſchloſſen, denen es ein Leichtes iſt, euch innerhalb einer halben Stunde aufzureiben.

Wie viele, ſagſt du?

Viertauſend. Schau hinauf auf die Höhen! Siehſt du nicht Kopf an Kopf? Dort ſteigt ein Mann hernieder, der mit ſeinem weißen Turbantuche weht. Es iſt gewiß ein Bote des Bey von Baadri, der mit dir verhandeln ſoll. Gewähre ihm ein ſicheres Geleite und empfange ihn der Sitte gemäß; das wird zu deinem Beſten dienen!

Ich brauche deine Lehren nicht. Die Rebellen ſollen nur kommen! Wo ſind die Dſcheſidi alle?

Laß dir erzählen! Ali Bey hörte, daß du die Pilger überfallen ſollteſt. Er ſandte Boten aus und ließ die Truppen aus Moſſul, Diarbekir und Kjerkjuk beobachten. Die Frauen und Kinder wurden in Sicherheit gebracht. Er ſtellte deinem Anzuge nichts in den Weg, aber er ver - ließ das Thal und ſchloß dasſelbe ein. Er iſt dir weit überlegen an Anzahl der Krieger und auch in Beziehung auf das Terrain. Er befindet ſich in Beſitz deiner Artillerie mit ihrer ganzen Munition. Du biſt verloren, wenn du nicht freundlich mit ſeinem Abgeſandten verhandelſt!

Ich danke dir, Franke! Ich werde erſt mit ihm verhandeln und dann auch mit dir. Du haſt das Bu - djeruldi des Großhern und den Ferman des Muteſſarif und machſt doch gemeinſchaftliche Sache mit ihren Fein - den. Du biſt ein Verräter und wirſt deine Strafe finden!

Da drängte Naſir Agaſſi, der Adjutant, ſein Pferd zu ihm heran und ſagte ihm einige Worte. Der Oberſt deutete auf mich und fragte:

Dieſer wäre es geweſen?

Er war es. Er gehört nicht zu den Feinden; er iſt zufällig ihr Gaſt und hat mir das Leben gerettet.

55

So werden wir weiter darüber reden. Jetzt aber kommt in jenes Gebäude!

Sie ritten nach dem Tempel der Sonne, ſtiegen vor demſelben ab und traten ein.

Mittlerweile war der Parlamentär, von Fels zu Fels ſpringend, in grader Linie herab in das Thal und über den Bach herübergekommen. Er trat auch in den Tempel ein. Kein Schuß fiel; es herrſchte Ruhe, und nur der Schritt der Soldaten ertönte, welche ſich von dem oberen Teile des Thales, wo ſie ſich zu ſehr bloßgeſtellt ſahen, mehr nach unten ausbreiteten.

Wohl über eine halbe Stunde verging. Da trat der Parlamentär wieder in das Freie, aber nicht allein, ſon - dern er wurde geführt. Man hatte ihn gebunden. Der Miralai, welcher auch am Eingange des Gebäudes er - ſchien, blickte ſich um, ſah den Scheiterhaufen und deutete auf denſelben. Es wurden zehn Arnauten herbeigerufen; dieſe nahmen den Mann in ihre Mitte und ſchleppten ihn zum Holzſtoß. Während mehrere ihn hielten, griffen die andern nach ihren Gewehren er ſollte erſchoſſen werden.

Halt! rief ich zum Oberſten hinüber. Was willſt du thun? Er iſt ein Abgeſandter, alſo eine unverletzliche Perſon!

Er iſt ein Rebell, wie du. Erſt er, dann du; denn nun wiſſen wir, wer die Artilleriſten überfallen hat!

Er winkte; die Schüſſe krachten; der Mann war tot. Da aber geſchah etwas, was ich nicht erwartet hatte: durch die Soldaten drängte ſich ein Mann. Es war der Pir Kamek. Er erreichte den Scheiterhaufen und kniete bei dem Toten nieder.

Ah, ein zweiter! rief der Oberſt und ſchritt hinzu. Erhebe dich und antworte mir!

Weiter konnte ich nichts hören, denn die Entfernung56 wurde zu groß. Ich ſah nur die feierlichen Geſten des Pir und die zornigen des Miralai. Dann bemerkte ich, daß der erſtere die Hände in den Haufen ſteckte, und einige Sekunden ſpäter züngelte eine Flamme blitzſchnell an demſelben empor. Eine Ahnung durchzuckte mich. Großer Gott, ſollte er ein ſolches Opfer, eine ſolche Strafe, eine ſolche Rache an dem Mörder ſeiner Söhne und ſeines Weibes gemeint haben!

Er wurde ergriffen und von dem Haufen weggeriſſen, aber bereits war es zu ſpät, die Flamme zu löſchen, die in dem Erdpeche eine furchtbare Nahrung gefunden hatte. In der Zeit von kaum einer Minute war ſie bereits zur hellen Lohe geworden, welche hoch zum Himmel ſchlug.

Der Pir ſtand umringt und feſtgehalten; der Miralai ſchien den Platz verlaſſen zu wollen. Da aber kehrte er um und ging zu dem Prieſter zurück. Sie ſprachen zu - ſammen, der Oberſt erregt, der Pir aber ruhig und mit geſchloſſenen Augen. Doch plötzlich öffnete er ſie, warf die zwei, welche ihn hielten, von ſich und packte den Oberſt. Mit der Körperkraft eines Rieſen hob er ihn empor zwei Sprünge, und er ſtand vor dem Scheiterhaufen; noch einer ſie verſchwanden in der lohenden Glut, die über ihnen zuſammenſchlug. Eine Bewegung im Innern derſelben ließ vermuten, daß die beiden dem Flammen - tode Geweihten miteinander kämpften; der eine, um ſein Leben zu retten, der andere, um ihn ſterbend feſtzuhalten.

Es war mir, als ſei ich bei der grimmigſten Winter - kälte in das Waſſer geſtürzt. Alſo darum war dieſer Tag der wichtigſte ſeines Lebens , wie er, der Prieſter, zu mir geſagt hatte! Ja, der wichtigſte Tag des Lebens iſt derjenige, an welchem man dieſes Leben verläßt, um ſich den brandenden Fluten der Ewigkeit anzuvertrauen. Alſo dieſe fürchterliche Rache an dem Miralai war das57 letzte Wort , welches ſeine Hand verzeichnen ſollte in jenes Buch, darinnen verzeichnet ſteht die blutige Ge - ſchichte der Dſcheſidi, der Verachteten und Verfolgten? Alſo dieſes Feuer war das Element , in dem ſein Leib begraben werden ſollte, und dem er darum auch ſein Kleid überlaſſen wollte?

Schrecklich! Ich ſchloß die Augen. Ich mochte nichts mehr ſehen, nichts mehr wiſſen; ich ging hinunter in die Stube und legte mich auf das Polſter, mit dem Geſicht an die Wand. Noch einige Zeit lang war es draußen verhältnismäßig ruhig, dann aber begann das Schießen von neuem. Mich ging das nichts an. Wenn mir Gefahr drohte, würde mich Halef ganz ſicher benachrichtigen. Ich ſah nur die langen weißen Haare, den wallenden ſchwarzen Bart und die goldblitzende Uniform in dem Brodem des Scheiterhaufens verſchwinden. Mein Gott, wie wertvoll, wie unendlich koſtbar iſt ein Menſchenleben, und dennoch dennoch dennoch !

So verging eine geraume Zeit; da hörte das Schießen auf, und ich vernahm Schritte auf der Treppe. Halef trat ein.

Sihdi, du ſollſt auf das Dach kommen!

Weshalb?

Ein Offizier verlangt nach dir.

Ich ſtand auf und begab mich wieder hinauf. Ein einziger Blick belehrte mich über den Stand der Dinge. Die Dſcheſidi hielten nicht mehr die Höhen beſetzt, ſie waren vielmehr nach und nach hernieder geſtiegen. Hinter jedem Stein, hinter jedem Baum oder Strauch hielt ſich einer verborgen, um aus dieſer ſichern Stellung ſeine Kugel zu verſenden. Im untern Teile des Thales hatten ſie ſogar, durch die Geſchütze gedeckt, bereits die Sohle erreicht und ſich in dem Gebüſch am Bache eingeniſtet. 58Es fehlte nur noch eins: wenn die Geſchütze nur eine kurze Strecke noch herauf avancieren, ſo konnten mit einigen Salven ſämtliche Türken vernichtet werden.

Vor dem Hauſe ſtand Naſir Agaſſi.

Herr, wirſt du noch einmal mit uns ſprechen? fragte er.

Was habt ihr mir zu ſagen?

Wir wollen einen Boten zu Ali Bey ſenden, und weil der Miralai, dem Allah das Paradies ſchenken möge er deutete dabei nach dem noch immer qualmenden Scheiterhaufen den Boten der Dſcheſidi getötet hat, ſo kann keiner von uns gehen. Willſt du es thun?

Ich will. Was ſoll ich ſagen?

Der Kaimakam wird es dir befehlen. Er führt jetzt das Kommando und iſt in jenem Hauſe. Komm herüber!

Befehlen? Euer Kaimakam hat mir nicht das min - deſte zu befehlen. Was ich thue, das thue ich freiwillig. Der Kaimakam mag kommen und mir ſagen, was er mir zu ſagen hat. Dieſes Haus ſteht ihm offen, aber nur ihm und höchſtens noch einer zweiten Perſon. Wer ſich ſonſt naht, den laſſe ich niederſchießen.

Wer iſt außer dir im Hauſe?

Mein Diener und ein Kawaß des Muteſſarif, ein Baſchi-Bozuk.

Wie heißt er?

Er iſt der Buluk Emini Ifra.

Ifra? Mit ſeinem Eſel?

Ja, lachte ich.

So biſt du der Fremdling, welcher den arnautiſchen Offizieren die Baſtonnade erlaſſen hat und die Freund - ſchaft des Muteſſarif erlangte?

Ich bin es.

59

So warte ein wenig, Herr! Der Kaimakam wird gleich kommen.

Es währte wirklich nur kurze Zeit, ſo trat der Kai - makam drüben aus dem Tempel und kam auf das Haus zu. Nur der Makredſch begleitete ihn.

Halef, öffne ihnen und führe ſie in die Stube. Die Thür ſchließeſt du wieder, und dann kehrſt du hierher zu - rück. Sollte ſich ein Unberufener dem Hauſe nähern, ſo ſchießeſt du auf ihn!

Ich ging hinab. Die beiden Männer traten ein. Sie waren hohe Beamte; das durfte mich jedoch nicht kümmern; ich empfing ſie daher in ſehr gemeſſener Haltung und winkte ihnen nur, ſich niederzulaſſen. Als ſie dies gethan hatten, fragte ich, ohne ſie beſonders willkommen zu heißen:

Mein Diener hat euch eingelaſſen. Hat er euch ge - ſagt, wie man mich zu nennen hat?

Nein.

Man nennt mich hier Hadſchi Emir Kara Ben Nemſi. Wer ihr ſeid, weiß ich. Was habt ihr mir zu ſagen?

Du biſt ein Hadſchi? fragte der Makredſch.

Ja.

Du warſt alſo in Mekka?

Ja. Siehſt du nicht den Kuran an meinem Halſe hangen und das kleine Fläſchchen mit dem Waſſer des Zem-Zem?

Wir glaubten, du ſeiſt ein Giaur!

Seid ihr gekommen, mir dies zu ſagen?

Nein. Wir bitten dich, in unſerem Auftrage zu Ali Bey zu gehen.

Werdet ihr mir ſicheres Geleite geben?

Ja.

60

Mir und meinen Dienern?

Ja.

Was ſoll ich ihm ſagen?

Daß er die Waffen ſtrecken und zum Gehorſam gegen den Muteſſarif zurückkehren möge.

Und dann? fragte ich, neugierig, was noch kommen werde.

Dann ſoll die Buße, welche der Gouverneur über ihn verhängt, ſo gnädig wie möglich ſein.

Du biſt der Makredſch von Moſſul, und dieſer Mann iſt Kaimakam und Befehlshaber der Truppen, welche hier ſtehen. Er iſt es, welcher mir ſeine Aufträge zu erteilen hat, nicht aber du.

Ich bin bei ihm als Beauftragter des Muteſſarif.

Der Mann mit der Stößerphyſiognomie warf ſich bei dieſen Worten ſo viel wie möglich in die Bruſt.

Haſt du ſchriftliche Vollmacht?

Nein.

So giltſt du hier ſo wenig wie jeder andere!

Der Kaimakam wird es mir bezeugen!

Nur eine ſchriftliche Vollmacht kann dich legitimieren, ſonſt nichts. Gehe und hole dir dieſelbe. Der Muteſſarif von Moſſul wird nur einem Manne von Kenntniſſen er - lauben, ihn zu vertreten.

Willſt du mich beleidigen?

Nein. Ich will nur beſtätigen, daß du kein Offizier biſt, von militäriſchen Dingen nichts verſtehſt und hier alſo ſchweigſt.

Emir! rief er, indem er mir einen wütenden Blick zuwarf.

Soll ich dir die Wahrheit meiner Worte beweiſen? Ihr ſeid ſo eingeſchloſſen, daß kein einziger von euch entkommen kann; es bedarf nur einer kleinen halben Stunde,61 ſo ſeid ihr hilflos in die Erde hineingeſchoſſen. Und bei einem ſolchen Stande der Dinge ſoll ich dem Bey ſagen, daß er die Waffen ſtrecken ſoll? Er würde mich für wahnſinnig halten. Der Miralei, dem Allah gnädig und barmherzig ſein möge, hat fünfzehnhundert wackere Krieger durch ſeine Unvorſichtigkeit in das Verderben geführt. Dem Kaimakam fällt die ehrenvolle Aufgabe zu, ſie dieſem