PRIMS Full-text transcription (HTML)
Die deutſche Literatur
Zweiter Theil.
Stuttgart,bei Gebrüder Franckh.1828.

Inhalt des zweiten Theils.

  • Seite
  • Natur1
  • Kunſt45
  • Kritik290
[1]

Natur.

Der rege Naturſinn der alten Deutſchen hat ſich zur Naturwiſſenſchaft geſteigert, wie alles Leben un¬ ter den Begriff gebracht worden iſt. Es iſt aber nicht zu verkennen, daß die alte Liebe und innige Befreundung mit der Natur noch jetzt die wiſſenſchaft¬ lichen Abſtractionen erwaͤrmt und beſeelt. Selbſt die poetiſche Gluth, die man an den Naturphiloſophen zu tadeln pflegt, zeugt von der tiefen Innigkeit un¬ ſerer Naturanſchauung. Es gibt kein Volk, das an der Natur mit ſolcher Inbrunſt haͤngt und mit ſol¬ cher Genialitaͤt ihre Myſterien enthuͤllt hat, als das deutſche. Die Naturphiloſophie der neuern Deutſchen ſteht wie ihre Geiſtesphiloſophie einzig und erhaben uͤber der ganzen Sphaͤre der Literatur aller Voͤlker.

Darin aber kommen alle gebildeten Nationen der neuern Zeit uͤberein, daß die Naturwiſſenſchaft die Grundlage aller Cultur iſt, und es iſt ein unerme߬ licher Fortſchritt des menſchlichen Geſchlechts, daß es von der ſchwindelnden Hoͤhe des Geiſtes immerDeutſche Literatur. II. 12mehr zur Natur zuruͤckkehrt. Der alte Aberglaube ward gebaͤndigt durch die genaue Kenntniß der Na¬ turkraͤfte; die Roheit und Armuth des geſelligen Le¬ bens ward in Schoͤnheit, Fuͤlle und friedlichen Ge¬ nuß verwandelt durch die Anwendung jener Kennt¬ niſſe; die Poeſie iſt an der Hand der Natur aus ih¬ ren gelehrten Verirrungen zuruͤckgekehrt, und ſelbſt die Philoſophie hat durch die Naturwiſſenſchaft ihre Reinigung und Verjuͤngung erlebt. Alle großen Ent¬ wicklungen der neuern Zeit knuͤpfen ſich an große Entdeckungen in der Natur, und alle wahrhaft hu¬ mane Bildung und aller phyſiſche und geiſtige Wohl¬ ſtand des juͤngſten Geſchlechtes iſt darin begruͤndet.

Immer auf doppelte Weiſe wird durch Natur¬ kunde die Befreiung des menſchlichen Geſchlechts be¬ foͤrdert, durch die Aufklaͤrung des Geiſtes uͤber die Naturkraͤfte und durch den oͤkonomiſchen Gebrauch derſelben. Die Aſtronomie und die Entdeckung der fremden Welttheile ging der Reformation, die Che¬ mie, Phyſiologie und große mechaniſche Entdeckungen gingen der Revolution vorher. Der Sinn, der an die engſte Gegenwart gefeſſelt war, wurde frei durch den großen Blick ins Univerſum; die dumpfe Angſt vor geheimnißvollen Naturkraͤften verſchwand vor der Erkenntniß des einfachen Naturgeſetzes; das Kraft¬ gefuͤhl wurde geſtaͤrkt durch die Herrſchaft uͤber die ungeheuern Gewalten der Natur. Zugleich aber be¬ gruͤndete die Naturkunde einen neuen Handel, Indu¬ ſtrie aller Art und in ihrem Gefolge einen neuen3 Wohlſtand der Voͤlker. Der Weltverkehr, die Rei¬ ſen, die Thaͤtigkeit und der Genuß wohlerworbener Guͤter trugen mehr als kriegeriſche Siege oder gei¬ ſtige Speculationen zur wahren Aufklaͤrung und zum Freiheitsſinn der Voͤlker bei. An Handel und In¬ duſtrie iſt immer die Freiheit geknuͤpft.

Betrachten wir den Antheil, welchen die Deut¬ ſchen an den Entdeckungen im Naturgebiet genom¬ men, ſo iſt derſelbe weit groͤßer, als die Vortheile, die ſie dadurch errungen haben. Es iſt bewunde¬ rungswuͤrdig, daß wir mit ſo wenigen Mitteln und ohne auf große Vortheile rechnen zu koͤnnen, doch ſo viel fuͤr die Naturkunde geleiſtet haben. Der Deut¬ ſche war ſeit dem Verfall der Hanſa auf ſein Bin¬ nenland beſchraͤnkt, und beſaß nichts von jenen Colo¬ nien, welche die Beherrſcher der See eben ſo zur Naturforſchung auffordern, als dieſelbe belohnen mu߬ ten. Auf Ackerbau und Viehzucht beſchraͤnkt und vom Welthandel ausgeſchloſſen, waren ihm die Naturwiſ¬ ſenſchaften nie eigentlich Angelegenheit des Staats, wie den Englaͤndern und Franzoſen, und ſeine Fuͤr¬ ſten waren nicht reich genug, um große naturhiſto¬ riſche Unternehmungen auszuruͤſten, oder es fehlte der Sinn dafuͤr. Dennoch haben die Deutſchen das Moͤg¬ liche geleiſtet. Sie haben mit ihren ſchwachen Kraͤf¬ ten ſogar in Entdeckungsreiſen mit den Fremden ge¬ wetteifert, und Martin Behaim, Niebuhr, die beiden Forſter, Humboldt ꝛc. waren Deutſche. Sollten uns aber auch die Fremden im Allgemeinen im Sammeln1 *4und Anhaͤufen von Thatſachen der Natur uͤbertreffen, und geben wir den Englaͤndern noch den praktiſchen Sinn fuͤr die Anwendung der Naturkraͤfte, den Fran¬ zoſen die feine Beobachtungsgabe fuͤr einzelne Natur¬ gegenſtaͤnde voraus, ſo bleiben die Deutſchen doch unuͤbertroffen in der tiefen Combination der empiri¬ ſchen Thatſachen, die einerſeits zu unſterblichen neuen Entdeckungen, andrerſeits zu einer Philoſophie der Natur uͤberhaupt fuͤhrt.

Die Naturwiſſenſchaft dient den Zwecken des Le¬ bens, daruͤber hinaus aber iſt ſie ihr eigner Zweck. Dieſer Zweck iſt das, was wir die Naturphiloſophie nennen, die Erkenntniß der Einheit in der Mannig¬ faltigkeit der Natur, die Ergruͤndung des Weſens in allen ihren Erſcheinungen. Die empiriſche Naturfor¬ ſchung iſt nur das Mittel dazu.

Die Natur bietet uns nichts als Erfahrungen, doch jede Sammlung derſelben bleibt ungenuͤgend, wenn der ſpeculative Geiſt des Menſchen in der un¬ endlichen Mannigfaltigkeit nicht die Einheit entdeckt, und die Theile dem Ganzen, die Wirkungen den Ur¬ ſachen verbindet. Auf der andern Seite aber ſind dem menſchlichen Geiſte Schranken gezogen, durch die er nie in die geheimſte Werkſtaͤtte der Natur hinuͤber¬ blicken kann. Demnach haben die deutſchen Natur¬ forſcher in zwei Parteien ſich getheilt. Die Einen erkennen die Nothwendigkeit einer alles umfaſſenden, durchdringenden und aufklaͤrenden Naturphiloſo¬ phie, und der den Deutſchen ſo eigenthuͤmliche Tiefſinn5 und geiſtige Heldenmuth, der vor keiner Schranke zuruͤckbebt, treibt ihre groͤßten Geiſter an, das letzte Raͤthſel der Natur zu loͤſen. Die Andern bleiben bei der Empirie ſtehn, und ſuchen die gewonnenen Erfah¬ rungen nach dem Beiſpiel der Fremden auf das prak¬ tiſche Leben anzuwenden, weil ſie entweder unuͤber¬ ſteigliche Schranken anerkennen und leere Hypothe¬ ſen wie billig abweiſen, oder erſt des einmal gewon¬ nenen ſich recht bemaͤchtigen wollen, ehe ſie weiter gehn, oder weil ſie nicht Geiſt genug beſitzen, um zu combiniren, daher nur gedaͤchtnißmaͤßig ſummiren und beſchreiben.

Das Beſtreben, die Natur in ein Syſtem zu bringen, ſie als ein Einiges, Ganzes und Lebendi¬ ges in allen Theilen zu begreifen, iſt ſo alt, als die Naturwiſſenſchaft uͤberhaupt. Aus ihm ſind die alten Kosmogonien hervorgegangen, und was man auch gegen die religioͤſen und poetiſchen Einmiſchungen in die Naturwiſſenſchaft ſagen mag, die pantheiſtiſche Anſicht war derſelben guͤnſtig, und der ſpaͤtere Poly¬ theismus und Monotheismus hat unſtreitig der Wiſ¬ ſenſchaft geſchadet, die bereits zu ſo großer Vollkom¬ menheit gediehen war. Die lebendige Naturanſicht der alten Voͤlker war aber uͤberhaupt nicht die Wir¬ kung, ſondern die Urſache des Pantheismus. Sie ging aber unter, als die Thatkraft und die Selbſtbetrach¬ tung des Geiſtes die Menſchen allmaͤhlig von der Natur entfernte, und jene ein Goͤtterheer, dieſe den einigen uͤberſinnlichen Gott erkannte. Die Einheit6 und die Lebendigkeit der pantheiſtiſchen Naturanſicht hat ſehr viel vor den ſpaͤtern Verſuchen voraus, die Natur im Einzelnen und als todten Leichnam zu ſe¬ ciren. Dagegen iſt die ſpaͤtere Trennung der Wiſ¬ ſenſchaft von der Religion ein nothwendiger und we¬ ſentlicher Fortſchritt. Die neueſte Naturphiloſophie hat das Gute von beiden Richtungen zu vereinigen geſucht, die Natur wieder als ein großes Organon lebendig aufgefaßt, und doch nicht Glauben und Poeſie, ſondern die Thatſachen der Erfahrung dabei zu Grunde gelegt. Ein religioͤſes und poetiſches Intereſſe hat ſich dabei von ſelber eingefunden, wie es bei einer lebendigen Naturanſicht nicht anders ſeyn kann, und die Empiriker machen ſich nur laͤcherlich, wenn ſie eine gewiſſe Trockenheit und Kaͤlte zum Kriterium der Wiſſenſchaft machen wollen, und eine tiefe Wahr¬ heit von vorn herein blos darum verdaͤchtigen, weil ſie zugleich poetiſch iſt. Indeß laͤßt ſich nicht laͤug¬ nen, daß an jenen Schranken, die der Wiſſenſchaft von der Natur ſelbſt gezogen ſind, theils die religioͤſe Gemuͤthlichkeit, theils die Phantaſie ein nichtiges Spiel von Hypotheſen begonnen hat, gegen welche die Empiriker mit Recht ſich ereifern. Dieſe Hypo¬ theſen moͤgen wir aufopfern, wenn nur die große philoſophiſche Anſicht der Natur ſelbſt gerettet wird.

Wir erkennen in dreifacher Richtung unuͤberſteig¬ liche Graͤnzen der Naturwiſſenſchaft, in der Richtung, welche von unſrem Sonnenſyſtem ins Univerſum fuͤhrt, in der, welche von den ſinnlichen Erſcheinungen in¬7 waͤrts zu dem geheimſten Weſen der Materie fuͤhrt, und in der Richtung, welche von den phyſiſchen Er¬ ſcheinungen im Menſchen zu den pſychiſchen fuͤhrt. In allen dieſen Richtungen reicht die menſchliche Er¬ kenntniß nur bis zu einer gewiſſen Graͤnze und jen¬ ſeit derſelben beginnt ſtatt der Wiſſenſchaft die Hy¬ potheſenjaͤgerei oder die Poeſie, an deren Reſultate man nur noch einen aͤſthetiſchen Maaßſtab anlegen kann, die aber allerdings zu den reizendſten Dichtun¬ gen gehoͤren.

In drei Richtungen graͤnzt das Reich des Wiſ¬ ſens an ein unbekanntes Reich, wo nur die Ahnung eindringt. Zuerſt in der Aſtronomie. Wir haben nur einen Punkt, von wo aus unſer ſchwacher, kur¬ zer Blick eine verhaͤltnißmaͤßig nur enge Sphaͤre in der Unermeßlichkeit des Weltalls uͤberſchaut; und was wir ſchauen, ſind nur Wirkungen unbekannter Urſachen, und ihre Erkenntniß iſt durch das relative Verhaͤltniß unſres Planeten und unſres Erkenntni߬ vermoͤgens bedingt. Nur in der kleinen Sphaͤre un¬ ſres Sonnenſyſtems iſt es uns moͤglich, die Erſchei¬ nungen der darin begriffenen Himmelskoͤrper zu er¬ kennen, und ſofern dieſelben regelmaͤßig erfolgen, iſt es uns moͤglich, auch dieſe Regel zu begreifen. Die wahre Urſache dieſer Erſcheinungen aber, wie das Unregelmaͤßige daran, z. B. der Cometen, bleibt uns ein Raͤthſel. Endlich bleibt uns alles, was jenſeits unſers Sonnenſyſtems liegt, ewig verborgen. Wir ſehn einige benachbarte Fixſterne, wir bemerken hin8 und wieder eine kleine Veraͤnderung an einem Stern oder Nebelfleck; aber alles dies laͤßt keinen Schluß auf das wahre Verhaͤltniß des großen Weltgebaͤudes zu. Hier gelten nur Hypotheſen und ſchwankende Analogien, die wir von unſerm kleinen Sonnenſyſtem auf das Weltall uͤbertragen. Die Empiriker bleiben gern bei der einfachen Wahrnehmung ſtehn und glau¬ ben die Welt mit einer unendlichen Menge fixirter Sonnen erfuͤllt, um welche die Planeten und Kometen ſich bewegen. Die Philoſophen theilen aber dieſe Sonnen wieder in hoͤhere Syſteme und ſchreiben ih¬ nen hoͤhere Bewegungen zu. Die kuͤhnſten und geiſt¬ reichſten Hypotheſen daruͤber haben Eſchenmaier und Goͤrres aufgeſtellt.

In der Chemie geht es uns nicht beſſer, als in der Aſtronomie. Wir muͤſſen billig uͤber die Kraft des menſchlichen Geiſtes erſtaunen, der es gelingt, ſo große Entdeckungen zu machen, als wir ſeit Kep¬ ler in der Sternkunde und namentlich in den neue¬ ſten Zeiten in der Chemie gemacht; aber hier gilt der ſokratiſche Spruch: je mehr wir wiſſen, je mehr ſehen wir ein, daß wir nichts wiſſen. Seit Baſilius Valentinus haben wir nach dem Ausdruck dieſes tief¬ ſinnigen Moͤnches geſtrebt « die Natur von einander zu legen »; wir haben die Materie in immer fluͤchti¬ gere Beſtandtheile zerlegt, aber zu ihrem innerſten Grunde, zu ihrem erſten Keime ſind wir nicht hin¬ durchgedrungen. Er entſchwindet unſern Sinnen, denn unſer Auge kann den Punkt ſo wenig erfaſſen, als9 das Unermeßliche. Durch die Schranken unſerer Sinne gefeſſelt, erkennen wir immer nur den gemiſchten Stoff; das Gewordene, nicht das urſpruͤngliche We¬ ſen; die Wirkung, nicht die Urſache.

Die Phyſiologie bleibt vor gleichen Schranken ſtehn. Sie laͤßt ſich verfolgen bis in die ſinnlichen Organe des Menſchen, hier aber graͤnzt ſie an die unbekannte Welt des Geiſtes, wo eine neue Reihe von Hypotheſen beginnt. Der Zuſammenhang von Koͤrper und Geiſt bleibt ein ewiges Raͤthſel, und die Philoſophen und Naturforſcher ſtreiten ſich nur um den Vorrang, vor dieſer Sphinx zum Spott zu wer¬ den. Als Extreme aller hierhin einſchlagenden Hy¬ potheſen ſind die materialiſtiſche und idealiſtiſche An¬ ſicht ſich entgegengeſetzt. Jene macht den Geiſt von der Materie abhaͤngig und erklaͤrt ihn als eine hoͤhere Sublimation der Organe, als Bluͤthe der materiellen Pflanze; dieſe ſetzt den Geiſt als das Abſolute und trennt ihn entweder von der Natur oder laͤugnet die objective Wirklichkeit der Natur und betrachtet die¬ ſelbe nur als ſubjective Vorſpiegelung des Geiſtes. Alle dieſe Hypotheſen ſind fruchtlos, denn die Wahr¬ heit koͤnnten wir nur ſchauen, wenn wir uns auf einem Punkt außerhalb der Einheit von Koͤrper und Geiſt befaͤnden; da wir uns aber uͤberall im Mittel¬ punkt dieſer Einheit ſelbſt befinden, wird ſie uns niemals objectiv.

Abgeſehn aber von dieſen dreifachen Schranken unſrer Naturerkenntniß iſt eine ſtrenge Naturwiſſen¬10 ſchaft innerhalb derſelben moͤglich und wirklich. So weit unſre Wahrnehmung unter den ſubjectiven Be¬ dingungen unſrer Sinne und unſres Geiſtes reicht, iſt ihr die Natur nicht verſchloſſen und bleibt ſich immer gleich, ſo daß wir allmaͤhlich ihren Umfang in den vorgeſchriebnen Graͤnzen, ſo wie ihre ewige Ge¬ ſetzmaͤßigkeit erkennen und die Wahrnehmung zur voll¬ endeten Wiſſenſchaft erheben koͤnnen. Das Hemmende fuͤr dieſe Wiſſenſchaft iſt nicht mehr das menſchliche Unvermoͤgen, ſondern nur die Mannigfaltigkeit des Stoffes und die Langſamkeit, mit welcher theils un¬ ſer Organ fuͤr die Wahrnehmung geſchaͤrft, theils das Wahrgenommene combinirt wird. Erſt mußten mechaniſche Erfindungen unſern Sinnen ein hoͤheres Wahrnehmungsvermoͤgen verleihen; wir mußten uns mit Teleſkopen und Mikroſkopen, mit Meßtiſch und Compaß bewaffnen, ehe wir die Hinderniſſe des Rau¬ mes uͤberwinden konnten, und wir mußten die chemi¬ ſchen Apparate der Natur entdecken, womit ſie ſich ſelbſt in ihre Beſtandtheile aufloͤſt, bevor wir in das Geheimniß ihrer Werkſtaͤtte zu dringen vermochten. Sodann mußte Jahrhunderte lang ein emſiges Ge¬ ſchlecht die Oberflaͤche und die Tiefe der Erde durch¬ fahren, um die Schaͤtze der Natur zu ſammeln, und ein langer Fleiß mußte dieſe ordnen, bevor geniale Geiſter die Combinationen derſelben entdeckten.

Zwar gab es ſchon lange vorher eine Naturphi¬ loſophie, denn von jeher ſtrebte der menſchliche Geiſt, im Zerſtreuten und Mannigfaltigen die Einheit zu11 erfaſſen. Doch hatte ſich die Naturerfahrung mit der Speculation noch nie recht vereinigen wollen. Auf eine religioͤſe, myſtiſche oder phantaſtiſche Weiſe ſuchte man eine Harmonie der irdiſchen Erſcheinungen, Kos¬ mogonien, allegoriſche Perſonificationen der Natur¬ kraͤfte, ſpielende Anagramme der Natur, und wenn dem Glauben, dem Gefuͤhl und der Phantaſie, oder dem Witz Genuͤge geleiſtet war, ſo bekuͤmmerte man ſich um die objective Wahrheit nicht viel. Man er¬ probte die Syſteme nur an dem wenigen, was man von der Natur wußte, und dem man haͤufig eine willkuͤrliche Deutung oder Zuſammenſtellung gab. Nachdem ſich eine unpoetiſche und unreligioͤſe, rein em¬ piriſche Wiſſenſchaft der Natur von jenen Philoſo¬ phemen losgeriſſen, gingen beide geſonderte Wege. Aber ſie mußten an einem beſtimmten Punkt dennoch wieder zuſammentreffen. Die Speculation mußte ſich der Naturerfahrung anſchmiegen, und die Erfahrung ſich zuletzt durch ihre Vollſtaͤndigkeit von ſelbſt ſyſte¬ matiſiren.

Unter allen Weiſen der Natur war Schelling dazu berufen, beide Wege zu vereinigen. Bei ſeinem erſten Auftreten war die aͤltere Naturphiloſophie von Pythagoras bis auf Jakob Boͤhme gaͤnzlich verachtet. Er fand nur eine empiriſche Naturwiſſenſchaft, nur eine unzuſammenhaͤngende Menge von einzelnen Be¬ obachtungen, große Sammlungen von naturhiſtori¬ ſchen Thatſachen, die man kuͤmmerlich nach oberflaͤch¬ lichen Kennzeichen zu ordnen ſuchte, ſcharfſinnige Ent¬12 deckungen von Phaͤnomenen, deren Urſache man nicht kannte. Hoͤchſtens hatte man je fuͤr einzelne Zweige der Naturwiſſenſchaft ſogenannte Principe geſucht, um in die Lehre derſelben einigen Zuſammenhang zu bringen, war aber dabei ſehr willkuͤrlich verfahren, und hatte bei der Betrachtung der einen Seite die mancherlei uͤbrigen Seiten nicht zu Rathe gezogen. Man hatte hier die Mathematik oder Formenlehre der Natur, dort die Chemie oder Stofflehre unab¬ haͤngig von einander behandelt und nicht gewagt, eine auf die andre zu beziehn, wenn auch Stoff und Form in der Natur uͤberall zugleich erſcheinen. Man hatte hier die Aſtronomie, dort die Phyſiologie fuͤr ſich durchzubilden unternommen, aber wem fiel es ein, im menſchlichen Makrokosmus den Mokrokosmus nachzuſuchen? Man hatte die Botanik ſtudirt, ohne ihr Wechſelverhaͤltniß zur Zoologie zu ahnen, und beide fuͤr ſich verfolgt, ohne ſie auf den Typus des menſchlichen Organismus zuruͤckzufuͤhren. Auf der andern Seite gab es allerdings Ahnungen uͤber die eine, untheilbare, alles bewegende Seele der Natur, aber es waren nur unvollkommene Erinnerungen aus mythologiſch gewordenen Philoſophen der alten Welt oder verrufenen Theoſophen und Pantheiſten der ſpaͤ¬ tern Zeit, denen es zuweilen an nichts fehlte, als an der empiriſchen Erprobung ihres Syſtems, was aber freilich im wiſſenſchaftlichem Sinne ſo viel als alles war. Jeder neue Naturphiloſoph, der es wagte, ein Geſetz im Ganzen der Natur nachzuweiſen, mußte13 mehr oder weniger Pythagoras, Jakob Boͤhme, Spi¬ noza ſeyn, aber es kam darauf an, daß er zugleich entweder ein Copernikus, Gallilei, Kepler, Newton, Linné, Franklin, Haller, Buffon, la Place, Cuvier, Mesmer, Stahl, Gall, Werner, Orſtede, Hum¬ boldt ꝛc. war, oder wenigſtens die Naturerfahrung ſolcher Maͤnner ſeiner Philoſophie zu Grunde legte. Es kam darauf an, aus der todten Empirie den le¬ bendigen Geiſt zu wecken, und der geſpenſterhaft leeren nebelhaften Seele eines naturphiloſophiſchen Traums den lebendigen Leib zu gewinnen, kurz die Empirie durch Philoſophie zu regeln, und die Philoſophie auch Empirie zu beſtaͤtigen.

Schelling war der Erſte, der die alte Naturphi¬ loſophie durch die wiſſenſchaftlichen Erfahrungen der neuern Zeit bewahrheitet, oder, was eben ſo viel iſt, die Naturwiſſenſchaft der Neuern zur Philoſophie erhoben hat. Es waͤre jedoch ein uͤbermenſchliches Wunder, das die Naturphiloſophie ſelbſt nicht zuge¬ ben kann, wenn Schelling's unſterbliche Leiſtung nicht große Einſchraͤnkungen erlitte, wenn er die Philoſo¬ phie der Natur beſchloſſen und vollendet haͤtte. Im Gegentheil, er hat nur den erſten kleinen Anfang gemacht, aber eben das iſt ſeine Groͤße. Er hat ei¬ nen Weg betreten, den vor ihm niemand gegangen iſt, und den nach ihm jeder gehen muß; das Ziel ſelbſt aber iſt weder erreicht, noch wird es jemals zu erreichen ſeyn, weil es jenſeits der drei oben be¬ zeichneten Graͤnzlinien aller Naturforſchung liegt. In¬14 deß hat Schelling das unſterbliche Verdienſt, den Schluͤſſel zu dieſer Forſchung innerhalb jener Graͤnzen gefunden zu haben. Wir haben in der That noch nicht ſo viele Muße uͤbrig, uns mit dem zu beſchaͤf¬ tigen, was wir nicht wiſſen koͤnnen; es iſt noch un¬ endlich viel zu lernen, was wir moͤglicherweiſe wiſ¬ ſen koͤnnen, aber eben noch nicht wiſſen. In dieſem Sinn muß man Schelling's Lehre nehmen. Er fuͤhrt die dummen gaffenden Zuſchauer nicht vor das Wun¬ der der abſoluten Wahrheit, und ſagt: Da iſt es, nun ſeht euch ſatt daran! ſondern er fuͤhrt nur die lernbegierigen und geiſtesthaͤtigen Schuͤler auf eine gewiſſe Anhoͤhe und zeigt ihnen von da die unerme߬ liche Ausſicht in die ganze Runde der Natur und heißt ſie nun ſelber weiter forſchen und ſuchen. Schel¬ ling hat die hoͤhere Wiſſenſchaft der Natur nicht be¬ ſchloſſen, ſondern vielmehr erſt eroͤffnet, und man kann von ihm nicht lernen, bis wohin die Forſchung, ſondern wovon ſie ausgeht.

Schelling hat gefunden, daß alle Erſcheinungen der Natur, die er kennt, Gegenſaͤtze bilden, und daraus den Schluß gezogen, daß uͤberhaupt der Ge¬ genſatz die einzige Form iſt, in welcher die Natur ſich dem Menſchen offenbart. Es komme daher nur darauf an, dieſen Gegenſatz durch alle Stufen und Reiche der Natur conſequent durchzufuͤhren, ſo weit uͤberhaupt die Natur erkennbar iſt. Da alles im Ge¬ genſatz begriffen ſey, ſo koͤnne weder ein einzelner Gegenſtand der Natur, noch auch eine allgemeine15 Naturkraft oder ein allgemeiner Naturſtoff fuͤr ſich beſtanden haben, ſondern er muͤſſe der Gegenſatz ei¬ nes andern ſeyn, und die unermeßliche Reihe von einzelnen Gegenſaͤtzen muͤſſe ſich in einen allgemeinen Hauptgegenſatz der ganzen Natur verlieren. Einheit ſey in der Natur nur die hoͤhere Bindung zweier ent¬ gegengeſetzter Kraͤfte, oder einer Polariſation gleich der des Magneten, welcher eins iſt, aber ent¬ gegengeſetzte Pole hat. So ſey auch die ganze Na¬ tur gleichſam ein großer Magnet, mit dem einen ab¬ ſtoßenden, ausſtrahlenden Pole, der bewegenden, tren¬ nenden, zerreißenden Kraft, und mit dem andern anziehenden Pole, der bindenden, zuruͤckhaltenden, ſammelnden Kraft. Schelling maßt ſich nicht an, den Gegenſatz dieſer Kraͤfte durch die ganze Natur durch¬ gefuͤhrt zu haben, dies iſt ein Werk fuͤr Jahrhun¬ derte, und uͤberhaupt nur innerhalb gewiſſer Graͤn¬ zen auszufuͤhren. Daß aber dieſer Gegenſatz der Schluͤſſel zur einzig moͤglichen Naturerkenntniß, daß er die allgemeine und unveraͤnderliche Form ſey, un¬ ter welcher ſich uns alles in der Natur offenbart, bleibt unwiderſprechlich wahr. Die Verwandtſchaft aller natuͤrlichen Dinge laͤßt ſich nur darin, wenn nicht erklaͤren, doch erkennen, daß in allem der Ge¬ genſatz zweier Urkraͤfte ausgeſprochen liegt.

Schelling's Syſtem charakteriſirt ſich demzufolge durch eine ſtrenge Durchfuͤhrung erſtens einer allge¬ meinen Polariſation oder Entgegenſetzung zweier Ur¬ kraͤfte der einen Natur, und zweitens einer allgemei¬16 nen Paralleliſirung aller natuͤrlichen Dinge, je nach¬ dem ſie an den einen oder andern Pol oder in die bindende Mitte fallen. Drittens aber wird dieſes Syſtem durch die Gradation charakteriſirt, in wel¬ cher es die natuͤrlichen Dinge an jenen Polen ablau¬ fen laͤßt.

Der Grundſatz des ganzen Syſtems iſt ſehr ein¬ fach, wie es jede Wahrheit zu ſeyn pflegt, aber be¬ quem und nachlaͤſſig iſt ſie nur denjenigen erſchienen, welche von der ungeheuern Aufgabe, die noch darin liegt, keine Ahnung haben, und mit dem daraus ent¬ ſpringenden Paralleliſiren ein blos witziges Spiel trie¬ ben, oder den Empirikern, welche vor Naturalien¬ kabinetten und Experimenten nie zur Natur kommen koͤnnen, wie die Philologen vor Buͤchern und Wor¬ ten nicht zum Geiſt, die ſich verachten wuͤrden, wenn der muͤhſame Fleiß ihres ganzen Lebens ſich ſtatt auf Folianten auf ein Kartenblatt ſchreiben ließe, und deren Ehrgeiz es iſt, nicht das Schwierige leicht, ſondern das Leichte ſchwierig zu machen.

So einfach der Grundſatz jenes Syſtems iſt, ſo laͤßt es doch nach innen und nach außen noch eine unendliche Entwicklung zu. Die Einheit der Natur muß in ihrer ganzen Tiefe, der Gegenſatz in ſeiner ganzen Schaͤrfe verfolgt und aus die Thatſachen der Natur in ihrem ganzen Umfang angewendet werden. Tiefſinn, Scharfſinn, Combinationsvermoͤgen auf der einen, Beobachtungsgabe, Fleiß und Erfahrung in der praktiſchen Naturerforſchung auf der andern Seite17 werden im hoͤchſten Grade angeſpornt, eine Lehre weiter zu entwickeln, von der kaum etwas mehr, als eine erſte Formel vorhanden iſt. Daher hat Schel¬ ling's einfaches Wort die Geiſter der Nation nicht eingeſchlaͤfert und mit ſuͤßen ſpielenden Traͤumen er¬ goͤtzt, gleich ſo manchem andern Philoſophem, ſon¬ dern zur lebendigſten Thaͤtigkeit aufgeweckt, und es hat ſich ihm aus den geiſtreichſten Maͤnnern der Na¬ tion eine Schule gebildet, wie ſie noch kein Philo¬ ſoph gefunden hat. Von dem Einfluß ſeiner Lehre auf das deutſche Leben uͤberhaupt iſt ſchon oben die Rede geweſen. Hier will ich nur noch Einiges von dem erwaͤhnen, was feine Schuͤler im Sinn ſeines Syſtems fuͤr die Naturwiſſenſchaft geleiſtet.

In der Richtung, die in die Tiefe der Natur¬ einheit fuͤhrt, haben Goͤrres und Steffens die Lehre Schelling's weiter als dieſer ſelbſt gefuͤhrt. In der ſcharfen und conſequenten Durchfuͤhrung des einfachen Gegenſatzes, als eines ſolchen, hat Wagner das groͤßte Verdienſt errungen. Oken aber hat im weite¬ ſten Umfang die an dem Gegenſatz ablaufenden Gra¬ dationen in der unendlichen Mannigfaltigkeit der Na¬ tur nachgewieſen. Gehn wir mehr aufs Einzelne, ſo offenbart ſich erſt in dem was geleiſtet iſt, die uner¬ ſchoͤpfliche Fuͤlle deſſen, was noch zu leiſten uͤbrig iſt. Jeder Schuͤler Schelling's iſt im Grunde nur von einer, oder doch nur von wenigen einzelnen Theilen der Naturwiſſenſchaft ausgegangen, worin er haupt¬ ſaͤchlich bewandert war, und hat von dort aus die18 ganze Lehre beleuchtet. Steffens ging mehr von der Geognoſie, Wagner von der Chemie, Goͤrres von der Phyſiologie, Oken von der Anatomie, Schubert von der Pſychologie aus. Nothwendigerweiſe kann auch nur immer eine Theilwiſſenſchaft die andre er¬ klaͤren, aber die Vergleichungen aller ſind noch lange nicht vollſtaͤndig und genau ausgefuͤhrt worden.

Hat man einmal die Parallele zwiſchen Makro¬ kosmus und Mikrokosmus geahndet, ſo iſt der Ver¬ gleichung ein unermeßliches Feld eroͤffnet, und jede neue Entdeckung im Geiſt und Gemuͤth des Menſchen fordert auf, das correſpondirende Äquivalent in der Natur nachzuweiſen, und umgekehrt. Darum iſt die Lehre nie zu ſchließen, und wird unzulaͤnglich blei¬ ben, bis alles in der Natur wie im Geiſt erforſcht iſt, alſo ſo lange, als die Menſchen Menſchen blei¬ ben, wenn auch die Formel des Parallelismus und die Regel jenes allgemeinen Gegenſatzes in der Na¬ tur an ſich unumſtoͤßlich iſt. Wir wuͤrden wahrſchein¬ lich gar keine Wahrheit haben, wenn jede in jeder Hinſicht ihre Anwendung erproben muͤßte. Hat der Menſch Anlagen zu allem, und vermag ſie doch nicht alle und im hoͤchſten Grade auszubilden, warum ſoll er nicht unbeſtreitbare Wahrheiten ſich zu eigen ma¬ chen koͤnnen, die er doch nie im ganzen Umfang ih¬ rer Anwendbarkeit nachweiſen kann.

Die Maͤngel der neuern Naturphiloſophie werden ſich dahin beſtimmen laſſen. Ausgehend vom richtig¬ ſten und einfachſten Grundſatz findet ſie doch in der19 Natur ſelbſt drei Graͤnzen, die ſie niemals uͤberſchrei¬ ten, jenſeits welcher ſie ihren Grundſatz nicht mehr anwenden kann, wenn ſie gleich wohl weiß, daß in dieſem Jenſeits noch die ganze Unendlichkeit hinter einem Schleier fuͤr uns verborgen iſt. Wir kennen bereits dieſe Graͤnzen. Sodann wird der an ſich richtige Grundſatz auch auf das, was in der Natur uns zugaͤnglich iſt, oft falſch oder mangelhaft ange¬ wendet, weil wir noch nicht genug empiriſche Kennt¬ niſſe beſitzen, oder weil die menſchliche Berechnung uͤberhaupt dem Irrthum unterworfen iſt. Es iſt nicht unintereſſant in dieſer Hinſicht die neueſten naturphi¬ loſophiſchen Werke mit den aͤltern zu vergleichen, z. B. Steffens Anthropologie mit den fruͤhern Wer¬ ken andrer Philoſophen, ja mit ſeinen eignen. Wie manches nahm damals eine ganz andre Stelle ein, als jetzt, wie viele neu entdeckte Mittelglieder haben das getrennt, was man verbunden waͤhnte, und das verbunden, worin man keine Verwandtſchaft ahndete, z. B. das Zuſammenfallen des magnetiſchen, elektri¬ ſchen und galvaniſchen Prozeſſes. Neben den unver¬ ſchuldeten Irrthuͤmern haben aber einige Naturphilo¬ ſophen auch Fehler offenbart, die ihrem Leichtſinn und ihrer Eitelkeit zugerechnet werden duͤrfen. Wie haͤtte man auch hier nicht faſeln ſollen, wo ſo reich¬ lich Gelegenheit ſich darbot. Die Naturphiloſophie hat es mit der Religion gemein, daß ſie das Tiefſte und Heiligſte, aber auch das Thoͤrichtſte im Men¬ ſchen hervorzurufen vermag.

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Die Empiriker und Philoſophen haben ſich wech¬ ſelſeitig und ſehr zur Unehre der Wiſſenſchaft aufs Bitterſte angefeindet. Beide haben einander die groͤb¬ ſten Irrthuͤmer vorgeworfen, und nicht mit Unrecht. Blind heißt der Empiriker, ein Viſionair der Philo¬ ſoph. Jener ſieht nichts, was er nicht mit Haͤnden greifen kann, dieſer glaubt zu greifen, was er nicht einmal ſehen kann.

Der Empiriker begeht auf einem ſcheinbar ſehr ſichern Boden doch ſo grobe Fehler, als immer der Phi¬ loſoph. Auch er muß oft erklaͤren, was ſich nicht ge¬ rade von ſelbſt verſteht, und fuͤr bekannte Erſchei¬ nungen die unbekannten Urſachen ſuchen. Dann ſteht er aber gewoͤhnlich hinter dem Philoſophen weit zu¬ ruͤck, weil es ihm gar nicht darauf ankommt, die eine Erſcheinung im Zuſammenhang mit allen andern zu begreifen, ſondern weil er nur fuͤr den einen Fall nach der erſten beſten Wahrſcheinlichkeit greift. Man koͤnnte ein ganzes Buch voll der albernſten Erklaͤrun¬ gen ſolcher Empiriker ſammeln, und es den Eulen¬ ſpiegel der Naturforſcher tituliren. Statt hunderten moͤge hier nur eine ſtehn, die aber ſehr geeignet iſt, das ganze Verfahren zu charakteriſiren. Viele, faſt alle und ſelbſt ſehr beruͤhmte Empiriker erklaͤren das Entſtehn der Vegetation auf eben erſt uͤber das Meer erhobenen Coralleninſeln oder uͤberhaupt an Orten, wo ſich kein Same dazu vorfindet, beſtaͤndig dadurch, daß Winde oder Voͤgel, viele hundert Meilen weit den Samen dazu herbeigetragen haͤtten, und dies21 ſcheint ihnen weit weniger wunderbar, als eine fort¬ dauernde generatio aequivoca, welche die Philoſophen behaupten. In dieſer Weiſe ſuchen ſie aber uͤberall die groͤbſten, augenfaͤlligſten, mechaniſchen Urſachen, wenn ſie auch bei den Haaren herbeigezerrt werden muͤſſen, um nur ja keine dynamiſchen, unſichtbaren Urſachen gelten zu laſſen, wenn ſie auch noch ſo ein¬ fach vorliegen.

Der Empiriker muß auch zuweilen das Ganze der Natur uͤberblicken, aber er ſtellt dann nur die Er¬ ſcheinungen in Reih und Glied auf, nach ihren aͤu¬ ßern Kennzeichen, ohne die eine heilige Naturkraft, die in allen waltet, erkennen zu wollen; oder er taͤuſcht ſich uͤber die ungeheure Aufgabe, die dem menſchlichen Forſchungsgeiſt noch jenſeits des Anſchau¬ baren und Handfeſten geboten iſt, mit frommer klein¬ muͤthiger Selbſtbeſchraͤnkung und ſpricht von goͤttli¬ chen Wundern. Schon Lichtenberg ſagt: je weniger ein Naturforſcher ſeine eigne Groͤße darthun kann, deſto lauter preist er die Groͤße Gottes.

Immerhin aber iſt die Naturerfahrung der Bo¬ den, auf dem auch die Naturphiloſophie allein gedei¬ hen kann. Die getreueſte und zuſammenhaͤngendſte Erfahrung hat unmittelbar zur Philoſophie gefuͤhrt, und die beſten Philoſophen ſind der Natur treu ge¬ blieben, waͤhrend nur die einſeitige und grobe Em¬ pirie allem philoſophiſchen Geiſt widerſprochen und nur der Wahnſinn einiger Philoſophen von aller Na¬ turwahrheit ſich entfernt hat.

22

Die großartige Naturanſicht unſres Humboldt iſt rein aus Erfahrung hervorgegangen, aber aus einer unermeßlichen Erfahrung, deren Boden der Erdkreis, nicht blos ein enges Studierzimmer geweſen iſt; der zweite groͤßte Empiriker unſrer Tage, der ſcharfſin¬ nige Örſted iſt mit ſeinen Entdeckungen den kuͤhnſten Schluͤſſen der Philoſophen vorangeeilt und um das Zuſammenwirken einer gruͤndlichen Empirie und Phi¬ loſophie am augenfaͤlligſten zu erkennen, duͤrfen wir nur an Oken denken. Wer mag behaupten, daß ſeine große zoologiſche Lehre mehr aus Erfahrung oder aus Speculation entſprungen ſey?

Die Naturerfahrung hat ſich nach allen Richtun¬ gen ausgebildet, und eben dadurch iſt erſt die Natur¬ philoſophie moͤglich geworden. In allen einzelnen Na¬ turreichen iſt unermeßlich geforſcht, entdeckt, geſam¬ melt worden, und andre Nationen haben darin mit den Deutſchen gewetteifert oder ſind ihnen Muſter geweſen. Von der großen europaͤiſchen Gelehrten¬ republik ſind vorzugsweiſe nur die Naturforſcher gleich¬ ſam als ein Ausſchuß zuruͤckgeblieben, und ſcheinen zu warten, bis ſich die andern Fakultaͤten wieder mit ihnen vereinigen werden. Nur ſie ſind ſich vertraut und verwandt geblieben in allen Laͤndern, darum ha¬ ben ſie aber auch fuͤr ihre Wiſſenſchaft, ſtark durch den Verein, mehr geleiſtet, als fuͤr irgend eine an¬ dre Wiſſenſchaft geleiſtet werden konnte. Man kann nicht ſagen, daß in unſrem Zeitalter das eine oder andre Gebiet der Naturkunde mehr angebaut worden23 waͤre, alle haben unzaͤhlige und die beſten Bearbei¬ ter gefunden. Nicht allein diejenigen Theile der Na¬ turwiſſenſchaft, welche ſchon von den Alten und vom Mittelalter gepflegt wurden, ſind gelaͤutert, erwei¬ tert und von hundert und aber hundert ſcharfſinnigen Entdeckern und fleißigen Sammlern ins Unendliche bereichert und vervollkommnet worden, ſondern man hat auch durch ganz neue Entdeckungen ganz neue Wiſſenſchaften begruͤndet, wie z. B. die vom Mag¬ netismus.

Sucht man indeß nach etwas Charakteriſtiſchem, was die Naturforſchung unſrer Zeit beſonders aus¬ zeichnet, ſo wird man es wohl in folgenden drei Mo¬ menten finden. Zuerſt in dem philoſophiſchen Cha¬ rakter, dem ſich die Naturkunde je laͤnger je weniger entziehen kann, in der Beziehung, in welche je eine Seite der Naturwiſſenſchaft zu der andern tritt, und in der Zuruͤckfuͤhrung aller einzelnen Forſchungen auf die Entdeckung eines einigen letzten Naturgeſetzes. So¬ dann iſt nicht zu verkennen, daß die Anthropologie unter allen uͤbrigen Naturwiſſenſchaften diejenige iſt, die jetzt im Gegenſatz gegen fruͤhere Zeiten als die vorherrſchende betrachtet werden darf, und unſer Zeit¬ alter deßfalls charakteriſirt. Die fruͤhere Naturfor¬ ſchung ging mehr darauf aus, die aͤußre Welt, den Kosmos zu ſtudiren, als den Menſchen, den Mikro¬ kosmos. Die Alten wußten viel von Aſtronomie, auch von der Kunde der Elemente, Metalle, Pflanzen und Thiere, doch wenig von Anatomie und noch we¬24 niger von Phyſiologie und Pſychologie. Wie ſich nun uͤberhaupt der Menſch allmaͤhlig immer freier und ſelbſtaͤndiger von der ihn umgebenden Natur abgeloͤst hat, und waͤhrend er ſonſt alles auf ein Äußeres, auf Gott, die Natur, den Staat, das Volk bezog, ſo jetzt alles auf ſich bezieht, hat auch die Natur¬ wiſſenſchaft dem allgemeinen Zuge folgen muͤſſen und iſt mehr im Innern des Menſchen eingekehrt. End¬ lich verdient es Beachtung, daß wir auch allmaͤhlich angefangen haben, die Natur als ein Gewordenes, in ihrer Entwicklung in der Zeit zu ſtudiren, waͤh¬ rend ſie bisher faſt immer nur als ein Gegebenes im Raum in ihrer gegenwaͤrtigen Erſcheinung aufge¬ faßt worden war. In Frankreich hat Cuvier, unter den Deutſchen vorzuͤglich Werner und Steffens die¬ ſes Feld der Unterſuchung eroͤffnet und gelaͤutert, und ihre Forſchungen uͤber die Urzeit und uͤber die fruͤ¬ hern Revolutionen der Erde, begruͤndet auf allge¬ meine Naturerfahrungen und Geſetze, haben das voͤl¬ lig leere oder nur mit mythiſchen Hypotheſen beſchrie¬ bene Blatt vor dem Buch der Natur auszufuͤllen verſucht.

Übrigens wird nicht nur zwiſchen Philoſophen und Empirikern, ſondern auch unter den Empirikern ſelbſt unendlich viel geſtritten. Beinah in jedem un¬ tergeordneten Gebiet der Naturwiſſenſchaften gibt es entgegengeſetzte Anſichten. Man kann indeß dieſe Strei¬ tigkeiten kaum unter den ckarakteriſtiſchen Erſcheinun¬ gen unſrer Zeit anfuͤhren, da man uͤber die Natur25 von jeher geſtritten hat. Der Streit iſt fruchtbar, da er wiſſenſchaftlichen Wetteifer hervorruft, und er fuͤhrt nothwendig immer zuletzt zur Naturphiloſophie. Die Art, wie die Naturforſcher zanken, iſt aber nicht immer erbaulich. Sie haben darin etwas mit den Tonkuͤnſtlern gemein, die auch ganz bitterboͤſe werden koͤnnen, und doch ſind ſie beide an eine ſo unſchuldige und heitre Welt gewieſen.

Die Polemik iſt ein giftiges Unkraut in den Schrif¬ ten der Naturforſcher. Dieſe Schriften haben aber noch manches andre, was gerechten Tadel verdient. In einigen finden wir einen gehaͤſſigen Materialis¬ mus gepredigt, der ſchielende boͤsartige Blicke auf alles ſogenannte Wunderbare wirft, und uns allen myſtiſchen Zauber der Natur in baare nackte Proſa aufloͤſen moͤchte. In andern wird dagegen der Name Gottes gemißbraucht, und der triviale Gedanke, daß Gott in Sonnen und auch im kleinſten Wurme ſich offenbare, bis zum Ekel wiederholt. Beſonders geſchieht dies in den populaͤren Schriften, die uͤber¬ haupt beſſer abgefaßt ſeyn koͤnnten. Oken's Natur¬ geſchichte ſteht einſam unter einer Suͤndfluth der fa¬ deſten Schulbuͤcher, welche der Jugend den geſunden Blick in die Natur verwirren und den Geſchmack daran verleiden.

Da die Deutſchen als ein Binnenvolk auf ſich ſelbſt beſchraͤnkt ſind, ſo haben ſie in der Erdkunde das nicht leiſten koͤnnen, was die Franzoſen und Eng¬ laͤnder. Sie reiſten nicht in andre Welttheile undDeutſche Literatur. II. 226eroberten ſie nicht. Die geographiſche Kenntniß der¬ ſelben kam ihnen alſo nur von den Fremden zu. In¬ deß haben ſie ſich doch in der neueſten Zeit auch in der Geographie außerordentlich ausgezeichnet und kein Geograph in der Welt kommt unſrem Ritter gleich, und die juͤngſt erſchienene Berghauſiſche Charte von Afrika uͤbertrifft an Kunſt alles, was in dieſem Fach bisher geleiſtet worden, England nicht ausgenommen. Es ſcheint aber, daß auch hier wieder, wie in allen Sachen der Deutſchen, neben dem Beſten das Schlech¬ teſte ſich befindet, denn ſo elende Chartenfabriken, als in Deutſchland, kann man auch wohl nirgend finden.

Die Geographie hat es mit einer doppelten Kennt¬ niß der Erde zu thun. Sie betrachtet die Erde in ihrem urſpruͤnglichen, natuͤrlichen und bleibenden Zu¬ ſtand, oder in dem wechſelnden Zuſtand, dem ſie in Bezug auf die Voͤlker und Staaten unterworfen iſt. Von Rechtswegen iſt jetzt die erſte Betrachtungsart in das ihr gebuͤhrende Recht eingeſetzt worden. Die phyſiſche Geographie iſt jeder andern uͤbergeordnet. Sie greift mit der Kenntniß aller Naturreiche un¬ mittelbar zuſammen, da alle dieſe von der Lage der Zonen und wieder der Continente, Gebirge, Stroͤme und Meere abhaͤngen. In dieſer Weiſe iſt die Geo¬ graphie einer der wichtigſten Theile der Naturwiſſen¬ ſchaft geworden und dient nicht mehr blos der Sta¬ tiſtik und Politik, wie fruͤher. Doch hat auch die phyſiſche Geographie ihre beßre Ausbildung vorzuͤg¬27 lich dem Beduͤrfniß der nautiſchen und militairiſchen Terrainkunde zu danken. Manche Kenntniſſe dieſer Art, welche bisher von den Kriegs - und See-Mi¬ niſterien als ſtrenges Geheimniß bewahrt wurden, werden jetzt gemein gemacht und die bekannte Her¬ tha theilt ſeit kurzem viele dieſer Schaͤtze mit. Die ſtatiſtiſch-politiſche Geographie iſt fuͤr den Hausbe¬ darf der Staaten natuͤrlich von der groͤßten Wich¬ tigkeit und vorzugsweiſe fleißig ausgebildet worden. Am wenigſten hat fuͤr die hiſtoriſche oder alte Geo¬ graphie geſchehen koͤnnen, weil ſie das wenigſte In¬ tereſſe auf ſich zog, doch hat Ritter auch hier eine ſchoͤne Bahn gebrochen. In Betreff der geographi¬ ſchen Schulbuͤcher muß ich mir wieder eine tadelnde Bemerkung erlauben. Sie ſind in der Regel doch gar zu geiſtlos. Was ſoll doch die liebe Jugend mit den Quadratmeilen und mit der Einwohnerzahl an¬ fangen, und mit den tauſenderlei ſtatiſtiſchen Notizen, die ſich ſo ſchwer in ein Buch zuſammenordnen laſſen, und niemals in einen Kopf?

Auch an Reiſebeſchreibungen ſind wir nicht ſo arm, als unſre von der großen Heerſtraße der Welt ſo iſolirte Lage vorausſetzen laͤßt. Im Dienſt frem¬ der Staaten oder der eignen haben deutſche Maͤnner die ganze Welt bereist und ihre Nachrichten in deut¬ ſcher Sprache niedergeſchrieben. So fruͤher Martin Behaim, Olearius, ſpaͤter die allen Nationen ach¬ tungswuͤrdigen Reiſenden Niebuhr, die beiden For¬ ſter, Humbold, Kruſenſtern, Klaproth, der Prinz von2 *28Neuwiedt ꝛc. An Reiſen in alle Gegenden Europas und unſers Deutſchlands ſelbſt ſind wir aber uͤber¬ reich. Nur muͤſſen wir bekennen, daß die Mehrzahl dieſer Reiſebeſchreibungen etwas abgeſchmackt iſt. Der ſyſtematiſche Deutſche hat auch die fremden Merk¬ wuͤrdigkeiten unter ein gewiſſes Syſtem gebracht, und einen orbis pictus davon angefertigt, den alle neuen Reiſenden immer wieder von vorn durchblaͤttern, wie Kinder. Doch haben in der neueſten Zeit theils Wißbegier in allen moͤglichen Faͤchern, theils die Luſt am Neuen eine große Menge Reiſende fuͤr die verſchiedenſten Zwecke auf bisher weniger betretne Wege gefuͤhrt.

Die Medicin erfreut ſich einer unermeßlichen Literatur, die ſich leider noch in keine Bibel hat zu¬ ſammenziehn laſſen. Confeſſionen, Sekten zaͤhlt ſie genug, und wie ſich die theologiſchen am Ende doch im Glauben vereinigen, ſo vereinigen ſich die medi¬ ciniſchen hoͤchſtens im Unglauben. Nirgends herrſcht ſo viel Verwirrung und Widerſpruch unter den ent¬ gegengeſetzten Parteien, nirgends ſo viel Unſicherheit in jeder Partei ſelbſt. Wie ſich die Vernunft zur Noth berechnen laͤßt, die Dummheit aber nie, ſo laͤßt der geſunde Zuſtand des Koͤrpers, aber nicht der kranke ſich berechnen. Dies iſt die gefaͤhrliche Klip¬ pe, woran das conſequenteſte Syſtem und die laͤngſte Erfahrung noch immer geſcheitert ſind.

Der Menſch hat die Natur von außen in ihren unermeßlichen Raͤumen nnd Maſſen bezwungen, nur29 in ſich ſelbſt vermag er die dunkle Gewalt nicht zu meiſtern, und je mehr man draußen die wilden Kraͤfte bezaͤhmt, deſto zorniger ſcheinen ſie in dem innern Schlupfwinkel rege zu werden. Kaum laͤßt die Iro¬ nie der Natur ſich verkennen, die uns mit der Beute der ausgepluͤnderten Tropenlaͤnder, und mit jener raſtloſen Arbeit, die uͤber und unter der Erde wuͤhlt und graͤbt, loͤst und bindet, trotzend gegen jedes Ele¬ ment und gegen Gift und Tod, um dem grollenden Naturgeiſt den verborgnen Schatz abzuzwingen, jenes Heer von Krankheiten geſendet hat, das dem alten Fluche gleich, der den Hort der Niebelungen ver¬ folgt, den Beſitzer alles Reichthums durch den Beſitz ſelbſt zu verderben droht. Die Europaͤer waren viel geſuͤnder, als ſie noch aͤrmer und auf den Genuß der Produkte beſchraͤnkt waren, die ihnen die Natur auf ihrem eignen Boden freiwillig darbot. Welches in¬ deß auch die Urſachen der jetzt ſo allgemein geword¬ nen Krankheiten ſeyen, wie viel dazu die ſitzende Lebensart ſo vieler Millionen und die Luͤderlichkeit beigetragen haben mag, genug, die Thatſache ſelbſt laͤßt ſich nicht verkennen. Es herrſchen jetzt bei wei¬ tem mehr Krankheiten, als fruͤher. Der Arzt iſt in unſrer Zeit unentbehrlicher geworden, als es der Prieſter im Mittelalter war.

Gegen dieſen uͤbermaͤchtigen Feind haben ſich nun die Menſchen aufgemacht, und lange Schlachtlinien gebildet, doch iſt keine Einigkeit unter den Fuͤhrern, und die Waffen fehlen oder der Feind weiß ſich un¬30 ſichtbar zu machen und zu verſtellen. Der Proteus Krankheit entſchluͤpft immer wieder. Man weiß, daß man die Natur nur durch ſich ſelbſt bezwingen kann. Wohlthaͤtig hat ſie jedem Gift ein Gegengift gege¬ ben. Aber es iſt ſchwer, in der unendlichen Tiefe des Organismus die wahre Urſache, Stelle und Ei¬ genheit einer Krankheit, noch ſchwerer, im unendli¬ chen Umkreis der Natur das einzige Mittel dagegen zu entdecken. Zwei Wege fuͤhren dazu, Theorie und Empirie. Die Medicin folgt dem Gange der allge¬ meinen Naturkenntniß. Die Erfahrung iſt immer das, wovon man ausgeht, die Theorie das, wohin man gelangt. Eine Menge von Erfahrungen reihen ſich von ſelbſt in ein Syſtem, und der ſpeculirende Ver¬ ſtand weiß nach der Analogie das Bekannte, das Un¬ bekannte zu entraͤthſeln. Hier iſt aber das Gebiet der Erfahrung unermeßlich und die Thatſachen taͤu¬ ſchen, indem ſie ſich den Sinnen entziehn und unend¬ liche Modificationen erleiden. Kennt man aber auch die Natur einer Krankheit, ſo iſt es noch um die Hauptſache, um das Mittel der Heilung zu thun. Die guten alten Hausmittel, durch eine lange Tra¬ dition bewahrt, haben nicht mehr ausgereicht. Man verſuchte nachher auf allerlei Weiſe, und ſcharfſinnige Combinationen oder das gute Gluͤck fuͤhrten auf neue Mittel. Man verdankte die wichtigſten mediciniſchen Entdeckungen Zufaͤllen. Zuletzt wurden die Theorien und Methoden Mode, welche theils aus der Combi¬ nation der Erfahrungen von ſelbſt hervorgingen, theils31 aus der Naturphiloſophie entlehnt wurden. Im All¬ gemeinen hat nur die Chirurgie gleichen Schritt mit der Anatomie gehalten, und iſt, weil ſie den aͤußer¬ lichſten, materiellſten Theil der Heilkunde umfaßt, am gluͤcklichſten ausgebildet worden; die Kenntniß der innern Krankheiten aber iſt, wie die Phyſiologie und Pſychologie, noch weit zuruͤck und voll Widerſpruͤche. Dort behauptet ſich die Erfahrung unerſchuͤtterlich, hier herrſchen vorzuͤglich Theorien, ſchwankend aber und wechſelnd. Die Pharmacie endlich laborirt ſehr am Materialismus. Man kann ſich noch immer nicht gehoͤrig von den groben ſinnlichen Heilmitteln los¬ reißen, und die Curen vermittelſt der Stoffe herr¬ ſchen noch uͤber die ſympathetiſchen. Das Mangel¬ hafte dieſer Wiſſenſchaft laͤßt ſich beſonders darin erkennen, daß ſie im ganzen Umfange der Natur nur gewiſſe Heilmittel zu finden weiß, nicht alle Dinge in der Natur in der mediciniſchen Eigenſchaft er¬ kennt, die ihnen ſo gewiß zukommt, als eine mathe¬ matiſche, mechaniſche, chemiſche Eigenſchaft.

Übrigens verfehlt es die mediciniſche Wiſſenſchaft eben darin, worin es die juridiſche verfehlt. Sie kaͤmpft nur gegen den Schaden, wenn er da iſt, ohne ihn mit der Wurzel in ſeinem Urſprung auszurotten, ohne der Entſtehung deſſelben vorzubeugen. Man lebt in den Tag hinein, wie man mag, und wird man krank, dann ſoll der Arzt helfen. Gerade ſo handelt man als Glied der buͤrgerlichen Geſellſchaft unbekuͤmmert fort, und geſchieht etwas Unrechtes, ſo32 ſollen die Juriſten den Schaden zuflicken oder beſtra¬ fen. Man kennt nur eine Krankheitslehre, keine Ge¬ ſundheitslehre, ſo wie man nur das Unrecht zu ſtra¬ fen, nicht das Recht zu befoͤrdern weiß. Dadurch ſieht ſich in beiden Faͤllen das Volk unbedingt an eine Kaſte gewieſen, von der es berathen und be¬ herrſcht wird, ohne ſich ſelber rathen und helfen zu koͤnnen. Man hat dem Volk zwar auch populaͤre Vorſchriften fuͤr die Geſundheit in die Hand gegeben, dem Bauer das Noth - und Huͤlfsbuͤchlein, dem Vor¬ nehmern Hufeland's Kunſt, lange oder vielmehr, wie Steffens ſagt, langweilig zu leben; im Ganzen haben aber die gutgemeinten Buͤcher nichts gefruchtet.

Die mathematiſchen und mechaniſchen Wiſſen¬ ſchaften ſind in Deutſchland nicht ſo vorherrſchend wie in England, doch auch verhaͤltnißmaͤßig ausge¬ bildet worden. Im entſchiednen Contraſt mit der Medicin iſt die Mathematik durchaus lichthell und klar, ſie ſtellt die Tagſeite der Naturwiſſenſchaften dar, wie die Medicin die Nachtſeite. Doch hat man auch in ſie Dunkelheit hineingetragen durch eine un¬ geſchickte, pedantiſche Behandlung. Man hat haͤufig, namentlich in Lehrbuͤchern, die Regeln auf das un¬ foͤrmlichſte auf einander gehaͤuft, den Überblick und Zuſammenhang erſchwert und das Gedaͤchtniß der Schuͤler uͤbermaͤßig mit Einzelheiten angeſtrengt, die in einer lichtvollen und uͤberſichtlichen Anordnung ſehr leicht zu behalten waͤren. Selbſt die klarſte unter den Wiſſenſchaften hat in unſyſtematiſchen Koͤpfen33 etwas Dunkles angenommen. Auch hier hat man be¬ ſtimmte Regeln, ſummirt, ſtatt einen Begriff und Satz aus dem andern zu entwickeln. Indeß hat eben auch hier, wie uͤberall, das Entdecken und Sammeln dem Ordnen und Waͤhlen vorhergehn muͤſſen.

In der Mechanik ſtehn wir, wie alle uͤbrigen Voͤlker, den Englaͤndern nach, doch haben auch bei uns geniale Koͤpfe ſehr ſinnreiche und wichtige Er¬ findungen gemacht, und wir lernen von den Fremden, was wir nicht ſelbſt erſinnen. Die Mechanik dient dem Nutzen ſo ausſchließlich, daß der Geſchmack nicht einmal in der Baukunſt den ihm gebuͤhrenden Antheil geltend machen kann. Unſre Baukunſt bringt durch¬ aus keine Werke hervor, die mit den alten in Ab¬ ſicht auf Geſchmack wetteifern koͤnnten, und wenn wir auch den antiken oder gothiſchen Geſchmack nachah¬ men, ſo ſind dies vereinzelte Verſuche, die gewoͤhn¬ lich zum Ganzen unſrer uͤbrigen Bauweiſe nicht paſ¬ ſen. Wir ſehn griechiſche Rundels und gothiſche Spitzen mitten unter unſern gemeinen viereckigen Haͤu¬ ſern, und die barocke Miſchung des Geſchmacks hebt den Totaleindruck auf. Selbſt der materielle Theil der Baukunſt iſt vernachlaͤſſigt. Jene große kunſt¬ fertige Gilde der Maurer und Steinmetzen iſt ver¬ ſchwunden, und die neuern Handwerker beſitzen nicht mehr die Arkana, vermittelſt welcher jene Alten die dauerhafteſten Werke gruͤndeten.

In den militaͤriſchen Wiſſenſchaften iſt, vor¬ zuͤglich ſeit Napoleons Kriegsherrſchaft auch in Deutſch¬34 land unermeßlich viel geleiſtet worden. Gegen das altpreußiſche Syſtem erhoben unter uns zuerſt Buͤ¬ low und Baͤrenhorſt die Stimme, doch wurden ſie ſo lange verkannt, bis die Erfahrung ſelber einſtimmte. Unter allen groͤßern Armeen der deutſchen Bundes¬ ſtaaten haben ſich ſeitdem geiſtvolle Offiziere gefun¬ den, welche die Kriegswiſſenſchaft nach allen ihren Richtungen theoretiſch und praktiſch gelehrt und da¬ bei die Muſter der Fremden, namentlich der Fran¬ zoſen, zu Rathe gezogen haben. Napoleon hat die¬ ſer Wiſſenſchaft in jeder Hinſicht den Schwung ge¬ geben. Seine Thaten, wie ſeine Fehler ſind das offene Lehrbuch der Kriegskunde geworden und man orientirt ſich darin uͤber alle ihre Zweige von der Garniſon bis zum Schlachtfeld und vom Gemeinen bis zum Feldherrn. Über die Uniformirung, die Waf¬ fen und das Exerzitium iſt nicht weniger geſchrieben worden, als uͤber die hoͤhere Taktik und Strategik. Man ſtreitet daruͤber. Man findet den gemeinen Soldaten noch immer nicht gaͤnzlich von der uͤber¬ fluͤſſigen und ſchaͤdlichen Quaͤngelei des Kamaſchen¬ dienſtes befreit. Man ſchlaͤgt Verbeſſerungen in der Bewaffnung vor und ſucht dem Princip der Land¬ wehr und der allgemeinen Volksbewaffnung ein Über¬ gewicht zu geben. Dieſes Princip ſpielt uͤberhaupt eine bedeutende Rolle auch in der hoͤhern Kriegs¬ kunde. Noch hat es ſich mit dem Princip der ſte¬ henden Heere nicht voͤllig ausgeglichen. Praktiſch iſt ein Mittelzuſtand eingetreten, der aus dem Verfolg35 der letzten Kriege hervorgegangen iſt. Die Voͤlker haben ſich unter die Soldaten miſchen muͤſſen, der Volkskrieg hat den Soldatenkrieg entſcheiden helfen. Jetzt wird in militaͤriſcher Hinſicht dieſelbe Frage aufgeworfen, welche die Politiker ſo emſig beſchaͤftigt, ob das Volkselement ſeinen Einfluß behaupten und erweitern duͤrfe? In Buͤchern wird dieſe Frage mehr bejaht, im Leben ſelbſt mehr verneint. Es herrſcht Frieden, und im Frieden, beſonders in monarchiſchen Staaten, muß nothwendig das ſtehende Heerweſen ein Übergewicht bekommen. Erſt in neuen allgemei¬ nen Kriegen kann die Volksbewaffnung wieder ihre Nothwendigkeit praktiſch geltend machen. Auch dieſe Frage kann, wie ſo manche andre, nur von der Zu¬ kunft beantwortet werden.

Die techniſchen Wiſſenſchaften, die der Induſtrie und Ökonomie dienen, haben ſeit kaum fuͤnfzig Jah¬ ren eine unuͤberſehbare Literatur geſchaffen, zum Be¬ weis, wie ſehr man auf den Nutzen und aͤußern Wohlſtand bedacht iſt. Man ſehe jeden Meßkatalog an, hundert und aber hundert Buͤcher handeln von Landbau, Viehzucht, Haushalt und Fabrikation aller Art. So lange die Deutſchen noch mehr im Gemuͤth lebten, alſo im ganzen Mittelalter bis zum Ausgang der Reformation, herrſchte das theokratiſche Syſtem. Seitdem der Verſtand herrſchend geworden iſt, iſt an die Stelle jenes fruͤhern das phyſiokratiſche Syſtem getreten. Damals lebte man in Gott, und Weltent¬ ſagung war das Hoͤchſte, wornach man ſtrebte. Jetzt36 umklammert man mit allen Sinnen die Natur, und Weltgenuß iſt das Hoͤchſte geworden. Der Verſtand hat es ſich zur dringendſten Aufgabe gemacht, dem Sinnengenuß, darum auch dem phyſiſchen Wohlſtande zu dienen. Allen Scharfſinn und alles Combinations¬ vermoͤgen wenden wir auf, die Natur zu benutzen, ihr die Schaͤtze und Genuͤſſe abzuzwingen, die uns erfreuen ſollen. Dieſes Streben iſt natuͤrlich und loͤblich, wenn uͤber den irdiſchen Guͤtern die hoͤhern des Geiſtes nicht gaͤnzlich verabſaͤumt werden.

Melioration iſt die Abſicht der Phyſiokraten. Sie wollen die Zeugungskraft der Natur verſtaͤrken und veredeln, ihre Produkte vermehren und verfei¬ nern. Die Aufgabe iſt doppelt. Man noͤthigt der Na¬ tur theils ihre einfachen Produkte ab, theils veredelt man ſie durch kuͤnſtliches Verarbeiten. Landbau, im weiteſten Sinn des Wortes, und Fabrikation ſind die beiden Hauptzweige der Induſtrie. In beiden hat die Intelligenz Wunder gethan. Die Erziehungs¬ kunſt der Erde hat reichere Fruͤchte getragen, als die der Menſchen. Der Boden, die Pflanzen - und Thier¬ welt haben der Veredlung ſich willig und dankbar gefuͤgt. Des Menſchen Anſtrengung und Kunſt ſtrebt die rauhe Erde, die Adam zuerſt beſtellte, wieder in ein Paradies umzuſchaffen. Auf der Staͤtte, wo Sumpf und Wuͤſten waren, erheben ſich bluͤhende Gaͤrten, mit fremden und edlen Fruͤchten und Thie¬ ren angefuͤllt. Landbau und Viehzucht haben die Na¬ tur erzogen und gebildet, ihre Kraͤfte bis zum hoͤch¬37 ſten Grad entwickelt und ihr auch da, wo ſie ſchwach und arm erſchien, durch Inoculation den fremden Segen mitgetheilt. Durch Verpflanzen, Pfropfen und Vermiſchen iſt die Vegetation wie die Thierwelt in unſern rauhen Gegenden bereichert und verfeinert worden; ſo wie gleichzeitig der Menſch durch die Aufnahme fremder Geiſtesprodukte gebildet wurde. Wie aber unſer eignes geiſtiges Schaffen und Wir¬ ken umfaſſender und wichtiger iſt, als jener fremde Unterricht, ſo iſt auch in materieller Hinſicht die Fa¬ brikation, die kuͤnſtliche Verarbeitung der Naturerzeug¬ niſſe das wichtigſte. Die Naturprodukte erhalten ih¬ ren hoͤhern Werth erſt durch den Gebrauch, den man davon zu machen weiß. Hier entſteht durch die Kunſt eine zweite Natur zum naͤhern, feinern, zum mehr geiſtigen Dienſt des Menſchen. Durch die Fabrikate werden uns nicht nur Genuͤſſe verſchafft, die uns die Natur unmittelbar nicht darbieten kann, ſondern die menſchliche Kraft und Einſicht wird dadurch auch auf unendliche Weiſe verſtaͤrkt, und ſomit zugleich die Vervollkommnung des Geſchlechts befoͤrdert. Ohne jene Fabrikate, die dem Geiſt nach allen Richtungen ſeiner Thaͤtigkeit Werkzeuge leihen, wuͤrde die Cultur ſtets unvollkommen bleiben. Ohne ſie waͤre die Wiſ¬ ſenſchaft und Kunſt in ihren herrlichſten Erſcheinungen ganz unmoͤglich. Wir brauchen zu unſern Erkenntniſſen und Kunſtwerken theils Inſtrumente, theils kuͤnſtlich be¬ reitete Stoffe, ohne welche wir nichts ausrichten koͤnnen. Nicht nur der Genuß des Lebens, auch die Bildung38 und Veredlung des Geiſtes haͤngt von jener mate¬ riellen Cultur ab. Die ſo hoch geſteigerte und alles umfaſſende Pflege derſelben in unſern Tagen iſt alſo unſer groͤßter Ruhm und Gewinn.

An dieſe materielle Cultur ſchließt ſich unmittel¬ bar der Handel an indem er den Umtrieb und Austauſch der gewonnenen Natur - und Kunſtprodukte bezweckt. Wie alles beſprochen und beſchrieben wird, ſo hat auch der Handel eine Literatur gefunden. Er iſt in ein wiſſenſchaftliches Syſtem gebracht und zu¬ gleich in ſeinen hiſtoriſchen Erſcheinungen gewuͤrdigt worden. Das meiſte hat man jedoch uͤber ſeine Maͤn¬ gel, Hemmungen und nothwendigen Verbeſſerungen geſchrieben.

Urſpruͤnglich beruht der Handel in einem bloßen Auſtauſch der Produkte, die ein Land im Überfluß erzeugte, und andern Laͤndern, welche daran Mangel litten, mittheilte. Daran knuͤpfte ſich ſodann die Gewinnſucht, indem ein Land theils ſeine Produkte hoͤher ſchaͤtzte, als die es dagegen eintauſchte, theils ſich mit Gewalt ein Monopol der Production und Ausfuhr verſchaffte, theils bei ſeinen Abnehmern ein ſteigendes Beduͤrfniß nach ſeinen Produkten kuͤnſtlich erzeugte. In dieſer Handelspolitik waren ſchon die Phoͤnizier ſehr gewandt, jetzt ſind es die Englaͤnder. Endlich verlor man den urſpruͤnglichen Zweck des Handels gaͤnzlich aus den Augen und machte den reinen Gewinn dergeſtalt zur Hauptſache, daß der Handel ein bloßes Gluͤckſpiel der Individuen wurde. 39Nunmehr wurde der Begriff eines Handelsartikels von den Gegenſtaͤnden des Beduͤrfniſſes, die ein Land entbehrte, das andre im Überfluß beſaß, auf alle moͤgliche Gegenſtaͤnde ausgedehnt. Alles wurde uͤber¬ fluͤſſig, ſobald der Verkauf deſſelben einen Vortheil brachte, und alles wurde Beduͤrfniß, deſſen Ankauf denſelben Vortheil gewaͤhrte. Die Kunſt beſtand jetzt nur noch darin, alles Vermoͤgen beweglich zu machen, es zur Waare zu ſtempeln, den Vertrieb derſelben zu befoͤrdern. Das Mittel dazu war das Geld, worein man jeden andern Beſitz verwandeln konnte. Durch Geld wurde jeder Beſitz veraͤußerlich, zum Austauſch geſchickt, beweglich, zugleich aber trat an die Stelle ſeines natuͤrlichen und dauernden Werthes ein kuͤnſt¬ licher und wechſelnder, und auf dieſes Steigen und Fallen des Werthes wurden die Speculationen des Kaufes und Verkaufes berechnet. Um das Handels¬ ſyſtem zu vollenden, bedurfte es nur noch eines Schrit¬ tes, und man that ihn, indem man den Credit die weiteſte Ausdehnung gab. Nachdem man alle nur erdenklichen phyſiſchen und ſogar geiſtigen Guͤter zu Waare gemacht und in ein baares Vermoͤgen ver¬ wandelt hatte, durfte man dieſes baare Vermoͤgen nur noch durch ein kuͤnſtliches ins Unendliche vermeh¬ ren, um dem Handelsverkehr den groͤßtmoͤglichen Um¬ fang und die groͤßtmoͤgliche Schnelligkeit zu geben. Mit dem geborgten Vermoͤgen konnte man die unge¬ heuerſten Speculationen machen, und mit hundertfach verſtaͤrkten Mitteln den hundertfachen Gewinn errei¬40 chen. Zugleich aber wurde durch das Syſtem der Intereſſen den Verleihern im Gelde ſelbſt ein neuer ſicherer Handelsartikel eroͤffnet, der ins Große getrie¬ ben, im Syſtem der Staatsanleihen wieder jeden an¬ dern Handel verdunkelt. Der Triumph des moder¬ nen Handels wurde darin erreicht, daß man mit ge¬ borgtem Vermoͤgen wieder durch Ausleihen gewann, und aus Nichts Etwas machte.

Der urſpruͤngliche und natuͤrliche Produktenhan¬ del leidetn atuͤrlich unter dieſem Geldhandel ausneh¬ mend, indem der durch ihn redlich gewonnene Ge¬ winn ſogleich wieder in jenem zweiten hoͤhern Handel zur Waare und einem neuen Riſico ausgeſetzt wird. Hundertmal verrinnt im Geldhandel wieder, was durch den Produktenhandel gewonnen war, und jener zehrt beſtaͤndig von dieſem, wie alles kuͤnſtliche Vermoͤgen vom natuͤrlichen, aller Scheinwerth vom wahren Werthe zehrt. So viel die Geldſpeculanten aus dem Nichts, womit ſie anfangen, gewinnen, ſo viel wird den urſpruͤnglichen Beſitzern von ihrem Etwas ent¬ zogen. Ein reicher Geldhaͤndler macht zehn und hundert arme Waarenhaͤndler. Der Produktenhandel leidet in Deutſchland auch noch durch andre Beſchraͤn¬ kungen. Wir Deutſche produciren theils ſelbſt, theils ſind wir durch unſre Lage in der Mitte von Europa zu einem ſehr eintraͤglichen Tranſitohandel berufen. Aber gerade dieſer verhaͤltnißmaͤßig geringe Vortheil, deſſen wir uns im Vergleich mit den Seeſtaaten zu erfreuen haben, wird uns verkuͤmmert durch die Han¬41 delsſperren mitten in unſrem Binnenlande. Der große Vortheil des Volks wird dem kleinen des Fiscus aufgeopfert.

Die moraliſche Wirkung des phyſiokratiſchen und des Handels-Syſtems iſt unermeßlich und bezeichnet den Charakter des jetzt lebenden Geſchlechts mehr als alles andre. Das ganze Dichten und Trachten einer unzaͤhlbaren Mehrheit der Menſchen laͤuft auf phyſi¬ ſchen Genuß, oder auch nur auf den Erwerb der dazu erforderlichen Mittel hinaus. Alles will durch Induſtrie oder Handel Geld erwerben, um zu genie¬ ßen, oder gar nur, um zu haben, denn gemeine See¬ len verwechſeln nur zu oft den bloßen Reichthum mit dem Genuß, den ſie ſich dadurch verſchaffen koͤnnten. Wenn allerdings der Reichthum jedes Schoͤne und Große zu unterſtuͤtzen geeignet iſt, ſo dient er doch nur als Mittel. Wenn er aber nur dient, den gemeinen Ge¬ nuͤſſen und Luͤſten zu froͤhnen, oder gar zum Zweck erhoben wird, iſt er durchaus verderblich. Der jetzt herrſchende Luxus und die Genußſucht, die ſich faſt aller Staͤnde bemaͤchtigt hat, iſt ein geringeres Übel, als die Habgier. Dieſe iſt ganz gemein und ſchaͤnd¬ lich, und verderbt die Menſchen von Grund aus. Verſchwenderiſch und luxurioͤs waren die Menſchen von jeher, ſobald ſie etwas hatten, aber ſo habgie¬ rig und wucheriſch ſind ſie noch nie geweſen, als jetzt. Nicht das Genießen iſt jetzt die Hauptſache, ſondern nur das Erwerben. Über dem Eifer, zum Beſitz zu gelangen, vergißt man ganz den Genuß.

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Daher iſt nichts ſo ingenioͤs, als die Erwerbsarten in unſrer Zeit, und nichts abgeſchmackter und nichts¬ wuͤrdiger, als die Weiſe, des Erworbenen ſich zu erfreuen, die Vergnuͤgungen des Reichthums. Die Anſtrengung, den Fleiß, das Genie der Erwerben¬ den muͤſſen wir bewundern, den Gebrauch, den ſie vom Erworbenen machen, muͤſſen wir meiſtens nur belaͤcheln. Übrigens hat dies zum Theil ſeinen Grund in dem Umſtande, daß wirklich die meiſten Menſchen mehr erwerben, um dem Übel der Armuth zu entgehn, als um das Gluͤck des Reichthums zu genießen. Ihr Streben iſt mehr negativ gegen die Armuth, als po¬ ſitiv fuͤr den Reichthum berechnet. Es ſind verhaͤlt¬ nißmaͤßig nur wenige, die wirklich zum Genuß ge¬ langen die meiſten muͤſſen ſich nur des Mangels er¬ wehren, daher iſt die Arbeit wichtiger und intereſſan¬ ter, als der Erfolg.

Daß aber alles menſchliche Treiben jetzt auf Er¬ werb ausgeht, ausgehen muß, iſt gewiß im Vergleich mit fruͤhern Zeiten eine ſehr traurige Eigenthuͤmlich¬ keit der unſern. Man kann einmal nicht leben ohne Geld, man muß zu erwerben ſuchen, um nicht un¬ terzugehn; man muß ein Mehr zu gewinnen ſuchen, weil ein Weniger leicht mit dem buͤrgerlichen Tode droht. Darum wird von fruͤh auf ſchon den Kindern eingepraͤgt, daß ſie in dieſer Welt nur dazu berufen ſind, ihr Unterkommen zu ſuchen, den Erwerb als das hoͤchſte Lebensziel zu betrachten. Schon die Er¬ ziehung druͤckt ihnen den Stempel eines Laſtthieres43 auf, das ſein Brod verdienen muß. Das Schlimmſte iſt, daß jedes Mittel geheiligt erſcheint, ſobald es dem Zweck des Erwerbs dient. Nur das Criminal¬ geſetz enthaͤlt die Ausnahmen von der Regel; Aus¬ nahmen, welche die Moral zu machen haͤtte, werden ſelten beachtet. Die Erwerbſucht rottet das heiligſte Gefuͤhl im Herzen aus und die meiſten Ehen werden nur wie ein Handel abgeſchloſſen. Man fraͤgt nach dem Gelde, nicht nach dem Liebreiz und der Tugend der Braut. Die Menſchenliebe und Ehrlichkeit lei¬ den am meiſten bei dieſem Jagen nach Gelde. Man ruinirt den Nebenmenſchen, um ſelbſt zu gewinnen, man betruͤgt auf geſetzlichem Wege, und begeht eine Menge ganz unſcheinbarer, aber nicht minder ſchlimmer Mordthaten durch geſchickte Verdraͤngung der Concur¬ renten. Selbſt die Gefuͤhle der Ehre, des Patrio¬ tismus und der Froͤmmigkeit werden vergiftet durch die Ruͤckſicht auf das Geld. Nicht das gemeine und alte Übel der Beſtechung kommt hier in Frage, ſon¬ dern ein ganz neues allgemein verbreitetes und weit gefaͤhrlicheres Übel. Faſt alle Staatsdiener, ſogar die Prieſter machen ſich ihre Beſoldung zum Haupt¬ augenmerk. Ja die Staaten ſelbſt muͤſſen erwerben und Handel treiben, weil ſie ohne Geld nicht mehr exiſtiren koͤnnen. Dadurch iſt das Privatleben wie das oͤffentliche von Grund aus umgeſtaltet worden.

Fruͤher achtete man den Menſchen, jetzt nur noch das Geld. Die Gewalt ſelbſt borgt ihre Mittel nur noch vom Gelde, und um die heiligſte Autoritaͤt ſteht44 es ſchlecht, wenn ſie kein Geld hat. Aller Glauben und Aberglauben, auf welchen in fruͤhern Zeiten die Macht, Wuͤrde und Legitimitaͤt beruhten, iſt jetzt in den einzigen an das Geld zuſammengeſchmolzen. Der reichſte Staat iſt der ligitimſte und der reichſte Pri¬ vatmann der nobelſte. Das Geld duldet keinen an¬ dern Unterſchied, als den ſeiner Beſitzer. Es ent¬ waffnet jede andere Macht, uͤberſtrahlt jeden andern Glanz. Darum hat es aber auch jenes Phantom der Ideologen, die allgemeine Gleichheit, wirklich ins praktiſche Leben eingefuͤhrt, ſo weit dies moͤglich iſt. Geld iſt der Schluͤſſel zu allem, und jeder Menſch kann ihn finden. Die Gleichheit des Geldreichthums oder des Geldmangels hat alle Staͤnde gemiſcht. Der reiche Jude wird baroniſirt, der arme Baron wird ein Kornjude, ja es gibt Fuͤrſten, die von Penſionen leben, und Juden, die ſie bezahlen.

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Kunſt.

So weit wir die Geſchichte unſers Volkes ver¬ folgen koͤnnen, geht durch daſſelbe ein tief poetiſcher Zug. In der aͤltern Zeit war das Leben ſelbſt ſchoͤ¬ ner, in der neuern hat die Poeſie ſich aus dem Le¬ ben in den betrachtenden und bildenden Geiſt gefluͤch¬ tet und ihre Wunder in einer Kunſtwelt offenbart, die uͤber dem Leben ſteht. Nie iſt die Schoͤnheit voͤl¬ lig von uns gewichen, ſie war ein Erbtheil der Na¬ tur, das uns unveraͤußerlich zugeeignet worden. Wir ſprachen ſie urſpruͤnglich in Thaten aus, ſpaͤter im Glauben, zuletzt in der Betrachtung. Allen Denk¬ malen unſrer Kunſt liegt ein tief poetiſcher Sinn des Volks zu Grunde, der ſich gerade da am innig¬ ſten ins Leben ſelber verliert, wo uns die Denkmale fehlen. Dieſe ſind daher nur ein ſchwacher Abdruck der das Volk durchdringenden Poeſie, und ſie er¬ ſcheinen immer duͤrftiger, je weiter wir in der Ge¬ ſchichte zuruͤckgehn, weil in demſelben Maaße das Schoͤne mehr dem Leben ſelbſt angehoͤrte und mit ihm46 unterging. Was wir Herrliches von dem reinen ſin¬ nigen Familienleben, von der Heldenkunſt und Hel¬ denpoeſie der Germanen vernehmen, iſt mit ihnen ſelbſt von der Zeit verſchlungen worden. Erſt das Mittelalter hinterließ uns unſterbliche Denkmaͤler der Kunſt, weil in ihm die Poeſie aus dem Leben ſchon in die Beſchaulichkeit uͤberging, doch war es vorzuͤg¬ lich die bildende Kunſt, der die Deutſchen damals ſich ergaben, weil ſie die erſten gewaltigen Zuͤge der innern poetiſchen Welt in der rieſenhaften und ewi¬ gen Steinſchrift der Natur entwerfen mußten. Die neueſte Zeit iſt von dieſen einfachen Zuͤgen abgewi¬ chen, wie immer mehr die Betrachtung zu dem Man¬ nigfaltigen und Widerſprechenden ſich fortgeriſſen ſah und der unermeßlichen gaͤhrenden Geiſterwelt konnten nur noch die redenden Kuͤnſte dienen, die den kuͤhn¬ ſten und verwickelſten Labyrinthen des Gedankens und der Phantaſie zu folgen im Stande ſind.

Darum herrſcht die Dichtkunſt jetzt vor allen an¬ dern Kuͤnſten, und ihre Traͤgerin wird mit der Spra¬ che die Literatur. Schoͤne Kunſt und ſchoͤne Literatur oder Belletriſtik iſt daher beinahe gleichbedeutend ge¬ worden. Ehe wir aber die Dichtkunſt betrachten, wol¬ len wir einen Augenblick bei der ziemlich duͤrftigen Literatur verweilen, welche das Schoͤne und die Kunſt im Allgemeinen und die uͤbrigen Kuͤnſte, außer der Dichtkunſt, behandelt.

Die Äſthetik oder Wiſſenſchaft vom Schoͤnen hat die Deutſchen auf doppelte Weiſe immer mehr47 intereſſiren muͤſſen, theils in rein philoſophiſcher Hin¬ ſicht, theils um bei den widerſprechenden Anſichten und Manieren in der Kunſt aufs Reine zu kommen. Der Philoſoph, der Alles wiſſen wollte, mußte die Bedeutung des Schoͤnen zu erkennen ſtreben, und die Kuͤnſtler und Dichter hatten alle Urſach, nach einer aͤſthetiſchen Geſetzgebung zu verlangen, nachdem ſie uͤber das Schoͤne in die mannigfachſten Widerſpruͤche gerathen waren. Je mehr das Schoͤne aus dem Le¬ ben an die Bildung des todten Stoffes, oder an die Kunſt, und die Kunſt wieder aus der Natur an die Sprache uͤberging, verlor ſich immer mehr der ein¬ fache Naturtrieb und eine vielſeitige, alles beruͤckſich¬ tigende und doch nie fertig werdende, hier feſtgehal¬ tene, dort ins Ungewiſſe hinausgetriebene, immer mit ſich ſelbſt ſtreitende Reflexion nahm uͤberhand. Die irrenden Begriffe ſuchten wieder, was das ſichre Naturgefuͤhl gewaͤhrt hatte. In der Kunſt ſo wenig als in der Wiſſenſchaft, konnten die Geiſter einig bleiben und die aͤſthetiſchen Anſichten widerſprachen ſich nicht weniger, als die religioͤſen, philoſophiſchen und politiſchen, und dem zufolge herrſchten auch man¬ nigfache Maximen in Betreff der Kunſtpraxis. Jeder Widerſpruch ſucht aber die Aufloͤſung, jede Mannig¬ faltigkeit die ihr insgeheim zu Grunde liegende Ein¬ heit und ſo hat man auch die Äſthetik in theoretiſcher und praktiſcher, oder philoſophiſcher und techniſcher Hinſicht in ein evidentes Syſtem zu bringen geſucht.

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Im Ganzen iſt dieſes loͤbliche Beſtreben noch nicht weit gediehen. Die Philoſophen ſtehn den techniſchen Empirikern entgegen. Jene wollen die Kunſt aus ei¬ ner Idee des Schoͤnen oder aus dem Organ des menſchlichen Kunſttriebes herleiten; dieſe ziehen aus der Erfahrung, aus den Kunſtſchaͤtzen, Regeln ab, die ſo unvollkommen oder unzuſammenhaͤngend ſind, wie die noch nie vollendete Kunſtwelt ſelbſt. Jene wollen den Kuͤnſtler belehren, nicht von ihm lernen, und ſie kommen immer nur von der Philoſophie zur Äſthetik, wie umgekehrt. Alle wollen das Schoͤne aus dem Zuſammenhang der uͤbrigen Welt erklaͤren, noch keiner iſt vom Schoͤnen ausgegangen und hat aus ihm auf das Übrige geſchloſſen. Die Empiriker dagegen laſſen die Philoſophie auf ſich beruhn und bleiben bei Thatſachen ſtehn, die immer etwas Frag¬ mentariſches bleiben, ſo lange die Kunſtwelt nicht vollendet iſt.

Wer den guten Geſchmack, oder nur den deut¬ ſchen, aus unſern Lehrbuͤchern der Äſthetik kennen lernen wollte, wuͤrde fehl gehn. Ich will nicht ſa¬ gen, daß ein andres Volk beſſere Lehrbuͤcher beſitzt, ich halte vielmehr alles, was dafuͤr von Ariſtoteles bis auf Gripenkerl geleiſtet worden, verhaͤltnißmaͤßig fuͤr ſehr unerheblich. Denn, wenn auch Einzelne tiefe Blicke in das Weſen der Kunſt gethan, ſo ſind da¬ durch nur Schlaglichter in das dunkle Land geworfen worden, und an eine allgemeine Aufklaͤrung iſt noch nicht zu denken geweſen. Das Beſte, was uͤber die49 Kunſt geſagt worden, finden wir zerſtreut bei Phi¬ loſophen und Dichtern. Es hat ſich aber noch immer in kein eigentliches Lehrbuch vereinigen laſſen. Dieſe Lehrbuͤcher muͤſſen vielmehr in der Regel alle Tiefe aufopfern, um in der Breite wenigſtens die Faͤcher auseinanderzulegen, in welche man die Gegenſtaͤnde der Kunſt zu ordnen pflegt. Wie der goͤttliche Plato, ſo haben Winkelmann, Herder, Leſſing, Schiller, Schelling, die Bruͤder Schlegel, Novalis, Goͤrres, Tieck und andre die tiefſten Ideen uͤber die Kunſt ausgeſprochen, die Philoſophen haben ſie auch in ein philoſophiſches Syſtem gebracht, aber eine praktiſche Äſthetik iſt daraus noch nicht erwachſen, und wer ſie verſucht hat, iſt entweder wie Jean Paul vorſichtig genug geweſen, nur Fragmente geben zu wollen, oder hat ein trocknes Regiſter geliefert wie Sulzer, oder ein noch kuͤmmerlicheres Fachwerk, wie Bouterweck, Eberhard, Schreiber und andre.

Die beſte Äſthetik gehoͤrt freilich ſo ſehr zu den Idealen, wie die beſte Philoſophie, und die beſte Darſtellung der Geſchichte. Doch ſind unſre philoſo¬ phiſchen und hiſtoriſchen Werke ohne allen Zweifel beſſer, als die aͤſthetiſchen und deßhalb ſind wir auch uͤber gewiſſe philoſophiſche Wahrheiten und geſchicht¬ liche Begebenheiten weit beſſer unterrichtet, als ſelbſt uͤber die Rudimente der Kunſt. Nirgends herrſcht ſo ſehr Willkuͤr und Beſchraͤnktheit, als in den Ur¬ theilen uͤber einzelne Kunſtwerke oder das ganze Ge¬ biet der Kunſt. Freilich muß das aͤſthetiſche UrtheilDeutſche Literatur. II. 350immer auf einer gewiſſen Willkuͤr der individuellen Eigenthuͤmlichkeit und der aͤſthetiſche Genuß immer auf einer gewiſſen Selbſtbeſchraͤnkung beruhen, doch auch dafuͤr gibt es allgemeine Geſetze und dieſe wer¬ den eben nicht erkannt. Man raiſonnirt, verwirft, und vergoͤttert, wie das Gefuͤhl es eingibt, aber ein Gefuͤhl, das faſt nie gebildet iſt, und ſelten ſich gleich bleibt, wenn ihm irgend ein Andrer, den man fuͤr einen Kenner haͤlt, eine andre Richtung gibt. Aus dieſem Hin - und Herſchwanken der Gefuͤhle und aus dieſem Hin - und Herraiſonniren der angeblichen Kenner iſt eine Anarchie des aͤſthetiſchen Urtheils ent¬ ſprungen, die den wahren Kenner unterdruͤckt, den Kuͤnſtler bald durch Lob, bald durch Tadel verdirbt und dem Publikum ſtatt eines wahren und dauernden Genuſſes nur die berauſchenden Freuden einer ewig wechſelnden Modeluſt gewaͤhrt.

Über die einzelnen bildenden Kuͤnſte iſt nach und nach Einiges geſchrieben worden, meiſt von Dillettanten. Die hiſtoriſchen Studien uͤber die alten Kunſtwerke ſind davon das Beſte, wiewohl auch hie¬ fuͤr noch weit mehr geſchehen koͤnnte. Noch immer iſt die bildende Kunſt zu ſehr blos eine Angelegenheit der Gelehrten und Vornehmen, das Volk in Maſſe nimmt zu wenig Theil daran. Sodann ſind die Kraͤfte zu ſehr an die verſchiednen Akademien vertheilt und nicht ſelten unter ein einſeitiges Intereſſe derſelben gebracht, ſo daß alle Thaͤtigkeit fuͤr die bildende Kunſt fragmentariſch bleibt. Doch gibt es einige treffliche51 Studien und Sammlungen im Einzelnen. Weniger wollen die techniſchen Lehrbuͤcher bedeuten, da ſie erſt allmaͤhlig mit der Kunſtpraxis ſelbſt ſich ausbilden koͤnnen und dieſe bekanntlich außer in der Muſik die Muſter der Alten noch nicht wieder erreicht hat. Alle bildenden Kuͤnſte ſind ſeit der Reformation in Ver¬ fall gerathen, und die Bilderſtuͤrmerei des Proteſtan¬ tismus hat nothwendig dazu fuͤhren muͤſſen. Erſt im vorigen Jahrhundert begann mit dem großen Winkel¬ mann von Seiten der Dillettanten eine Reformation der Anſicht uͤber die bildenden Kuͤnſte, der aber die Kuͤnſtler und ihre Maͤcenaten erſt allmaͤhlich huldig¬ ten, ſo daß die Verjuͤngung dieſer Kuͤnſte erſt noch im Werden iſt. Winkelmann, Leſſing, Fernow wie¬ ſen auf die plaſtiſchen Muſter der Alten zuruͤck, woran ſich auch beßre Anſichten von der antiken Baukunſt anſchloſſen. Dadurch wurde der Berniniſche Geſchmack, der dem Zeitalter der Jeſuiten und des Louis XIV. angehoͤrte, dieſe Schule des Schwulſtes und der Fratze, ſiegreich bekaͤmpft. Herder, Heinſe, Goͤthe erweiter¬ ten den Blick uͤber das ganze Gebiet der Kunſt und retteten zuerſt die Ehre des Mittelalters. Die Schle¬ gel'ſche Schule, wenn man ſie ſo nennen darf, und vorzuͤglich Tieck, pries die Muſter der alten Malerei und Poeſie, womit auch der Sinn fuͤr die gothiſche Baukunſt wieder belebt wurde. Durch alle dieſe Be¬ ſtrebungen wurde der deutſche Kunſtſinn aufs tiefſte ergriffen und gelaͤutert, die falſche Nachahmung und Verzerrung der Antike, der ſteife franzoͤſiſche Geſchmack,3 *52die engherzigen Vorurtheile mußten am Ende dem reinen Gefuͤhl der echten Kunſt weichen, und eine neue Schule junger Plaſtiker und Maler verſuchte die alten Muſter zu erreichen. So freudige Hoffnun¬ gen ſie aber erregt, ſo iſt doch alles erſt im Beginn und wie es bei jeder Reſtauration zu geſchehen pflegt, Widerſpruͤche, Einſeitigkeiten, Manieren und Über¬ treibungen konnten nicht fehlen. Das Antike und das Gothiſche, die italieniſche und deutſche Schule woll¬ ten ausſchließlich gelten und wieder uͤberſchaͤtzte man einzelne Namen und uͤberbot ſich im Manieriren. Im¬ mer mehr aber reiben die Anſichten an einander ſich ab, und ohne Zweifel werden die Kuͤnſtler ſelbſt und neue große Werke dem Gerede ein Ende machen.

Was fuͤr die andern Kuͤnſte geſchehen war, ver¬ ſuchte zuletzt Thibaut auch fuͤr die Muſik zu leiſten, und ſein Werk uͤber Reinheit der Tonkunſt kuͤndigt uns dieſelbe Revolution in der Muſik an, die wir in andern Kuͤnſten erlebt haben. Auch in der Muſik herrſcht ein falſcher Geſchmack unnatuͤrlicher Kuͤnſte¬ lei, eine uͤberwiegende Herrſchaft der Harmonie uͤber die Melodie, der Inſtrumente uͤber den Geſang, der weltlichen, ſinnlichen Muſik uͤber die religioͤſe. Thi¬ baut haͤtte vielleicht aber beſſer gethan, wenn er ſein Werk mehr theoretiſch als antiquariſch gehalten haͤtte. Seine Muſter des alten Kirchenſtyls verhalten ſich zu der neuern Opernmuſik keineswegs, wie die An¬ tike zu Bernini. Man muß beide gelten laſſen, dort Palaͤſtrina, hier Mozart, dort die Andacht, hier die53 weltliche Leidenſchaft und liebliche Sinnlichkeit. Als¬ dann aber darf man allerdings und mit groͤßter Strenge die einſeitige Herrſchaft eines Styls, und die ge¬ ſchmackloſen Übertreibungen deſſelben verwerfen. Wenn die Muſik auch alle Maͤngel der uͤbrigen Kuͤnſte ge¬ theilt hat, ſo iſt ſie doch gerade in der geſchmacklo¬ ſen Periode des vorigen Jahrhunderts vor allen an¬ dern Kuͤnſten in ihrer weltlichen Richtung zu einer erhabenen Hoͤhe gediehen und hat unſterbliche Werke hervorgebracht. Die Urſache davon war, daß ſie un¬ gleich ihren Schweſtern nicht blos von Hoͤfen und Stubengelehrten, ſondern vom Volke ſelbſt gepflegt wurde. Derſelbe Umſtand wird auch einer Reſtaura¬ tion der Kirchenmuſik und beſonders des Chorals guͤn¬ ſtig werden. Schon ſehn wir fuͤr dieſen Gegenſtand eine allgemeine Theilnahme rege werden und uͤberall entſtehn neue Singgeſellſchaften, erſcheinen neue Schrif¬ ten uͤber den Geſang.

Übrigens haben die genialen Ideen jener Wie¬ derherſteller der bildenden Kuͤnſte in unſern romanti¬ ſchen Damen und Juͤnglingen eine Liebhaberei fuͤr das Kunſtgeſchwaͤtz und eine enthuſiaſtiſche Faſelei er¬ weckt, die in einer Menge von belletriſtiſchen Pro¬ ducten ſich breit machen. Namentlich ſeit Heinſe, Hoff¬ mann und Tieck ihre aͤſthetiſchen Anſichten in der Form des Romans vorgetragen, wimmelt es von falſchen Nachahmern derſelben, die nicht wenig dazu beitra¬ gen, daß die Meinungen ſich verwirren und die ſcharfe Kritik ſich abſtumpft und verflacht.

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Wir gehn zur Poeſie uͤber, welche unter allen Kuͤnſten fuͤr die gegenwaͤrtige Zeit und vielleicht fuͤr alle Zeiten die hoͤchſte Bedeutung hat. Die Poeſie erſchließt am tiefſten das menſchliche Herz und wirkt wieder am tiefſten. Was keiner Kunſt gelingt, das Innerſte des Menſchen bis in den geheimſten Gedan¬ ken und Empfindungen zu ſpiegeln, vermag allein die Poeſie, und dies gibt ihr die Macht uͤber die menſch¬ liche Seele, der alle Voͤlker gehuldigt haben. Durch dieſe Offenbarung des Menſchlichen iſt die Poeſie das wirkſamſte Mittel und zugleich die hoͤchſte Bluͤthe der Humanitaͤt. Poetiſche Voͤlker ſind die edelſten und die edelſten werden poetiſch. Die Offenbarung ſchoͤ¬ ner Menſchlichkeit in den poetiſchen Idealen iſt die Krone des Lebens. Die Poeſie iſt aber auch die dauerhafteſte unter den Kuͤnſten, die unvergaͤnglichſte, weil ihre Denkmale auf die leichteſte Weiſe verviel¬ faͤltigt und immer wieder erneuert werden koͤnnen. Voͤlker wechſeln, Staaten werden zertruͤmmert, ein Glaube verdraͤngt den andern, Irrthum wird, was einſt als Wahrheit gegolten, die Werke der bilden¬ den Kunſt zerfallen in Staub, nur die Dichtungen uͤberdauern die Stuͤrme der Zeit und glaͤnzen noch nach Jahrtauſenden im erſten Jugendſchimmer. Um alle Zeiten ſchlingt die Poeſie den Kranz, vereinigt und verſoͤhnt alle. Mitten im ewigen Wechſel erhaͤlt ſich die ſtille Blumeninſel der Dichtung, der irdiſche Himmel, wo die matten Seelen Erquickung finden, wo die Urvaͤter und Urenkel die gleichen Entzuͤckun¬55 gen theilen. Selbſt die Religion iſt die Staͤtte des Friedens nicht, weil ein Glaube den andern aus¬ ſchließt; nur in der Poeſie beruht jener Gottesfrie¬ den, den die wilden Gemuͤther in heiliger Scheu an¬ erkennen, und der ſie mit der Leier des Orpheus bezaͤhmt und die fremdeſten Voͤlker und Menſchen ver¬ ſoͤhnt.

Die Deutſchen haben eine angeborne Neigung zur Poeſie, ja man kann ihren Nationalcharakter vorzugs¬ weiſe den dichteriſchen nennen, da er ſo ſchwaͤrme¬ riſch, gutmuͤthig, phantaſtiſch, aberglaͤubiſch, warm und gewitterhaft iſt. Der Deutſche beſitzt ein außer¬ ordentlich zartes und tiefes Gefuͤhl, eine flimmernde Phantaſie, einen ſtarken Hang zu Allegorie und Sym¬ bolik, große Gewandtheit in verwickelten Dichtungen, eine Alles fortreißende Flamme der Begeiſterung, ei¬ nen ſeinen Sinn fuͤr die Natur und das Idyllische, Familienmaͤßige, Heimathliche, und faſt noch mehr Illuſion fuͤr das Fremde und Wunderbare. Am au¬ genfaͤlligſten zeigt ſich unſer poetiſches Genie in den Mißbraͤuchen, die wir damit machen, und die eine Überfuͤlle der Kraft verrathen, in dem Überſchweng¬ lichen unſrer eigentlichen Dichtungen und in den poe¬ tiſchen Anſichten des Lebens, der Natur, der Ge¬ ſchichte und aller Wiſſenſchaften, die uͤberall vorſchla¬ gen und weßhalb wir von den ſogenannten praktiſchen Nationen verhoͤhnt werden. Auch in die trockenſte Wiſſenſchaft miſchen wir gerne das Herz, die Begei¬ ſterung und orientaliſche Bilder.

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Wenn man die neue Entwicklung der deutſchen Poeſie außerordentlich zu preiſen pflegt, ſo hat man unſtreitig ein Recht dazu. Die Kunſt hat ſich in je¬ der Hinſicht vervollkommnet und unſterbliche Werke hervorgebracht, die das Andenken unſrer Zeit der ſpaͤteſten Nachwelt uͤberliefern werden. Die Humc¬ nitaͤt iſt durch unſre Dichter weit allgemeiner und eindringlicher gefoͤrdert worden, als durch irgend einen Moraliſten oder das Ungluͤck. Die Literatur ſelbſt hat einen neuen großen Schwung erhalten, da die Dichter den ganzen Zauber unſrer Sprache ent¬ faltet und die Gelehrten wieder deutſch gelehrt ha¬ ben, nachdem ſie in die aͤußerſte Sprachbarbarei ver¬ fallen waren.

Die ganze neuere Poeſie der Deutſchen bildet einen beſondern Cyclus, der in demjenigen der ge¬ ſammten neuern Poeſie Europas eingeſchloſſen und mit demſelben von aller fruͤhern Poeſie des Mittel¬ alters, des Orients, der Griechen und Roͤmer und des mythiſchen Alterthums getrennt werden muß. An der Pforte der geſammten neuern Poeſie ſteht Dante, an der Pforte der deutſchen Jakob Boͤhme, beide gleich einſam. Der letzte Abglanz des Mittelalters ward noch zum Heiligenſchein des neugebornen Kin¬ des. Gotttrunkne Seher tauften es mit heiligem Feuer. Dante ſah in die Abendroͤthe des Mittel¬ alters, Jakob Boͤhme in die Morgenroͤthe der neuen Welt. Dem feierlichen magiſchen Morgen aber folgte bald ein heller, bunter, laͤrmender, weltlicher Tag.

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Im Getuͤmmel dieſes Tages, im Glaͤnzen und Flimmern ſo vieler blendender Erſcheinungen, im Wech¬ ſeln und Wogen der Namen und Moden iſt es ſchwer, eine richtige Charakteriſtik des ganzen neuen poeti¬ ſchen Treibens zu entwerfen. Die Gegenwart uͤbt einen gewiſſen Zauber uͤber uns, ſie blendet uns ſelbſt mit kleinen Lichtern durch die Naͤhe derſelben. Leicht werden wir verfuͤhrt, bei einem Gegenſtand die uͤbri¬ gen zu vergeſſen, ſey es, daß er uns gebieteriſch aus¬ ſchließliche Bewunderung und Anbetung abzwingt, oder daß wir uns an ihm feſtzuhalten ſuchen, um in der allgemeinen Verwirrung nicht zu ſtraucheln, um wenigſtens etwas ganz zu lieben und zu beſitzen, da unſer Intereſſe ſonſt zu ſehr zerſplittert wuͤrde. Auf dieſe Weiſe ſind einſeitige Meinungen und Urtheile uͤber die neuere Poeſie ſehr haͤufig geworden. Man kann ihnen in der That nicht entgehn, wenn man ſich nicht uͤber die Verwirrung hinausſchwingt und auf der Hoͤhe der Geſchichte einen freien Standpunkt zur Überſicht gewinnt, wenn man ſich nicht aus der Gegenwart und von ihren dringenden, haſtigen, wi¬ derſprechenden Anforderungen befreit, und in die Ver¬ gangenheit fluͤchtet, um an dieſer die Gegenwart zu meſſen.

Wir muͤſſen die Geſchichte der Poeſie bis zu die¬ ſer letzten Entwicklung verfolgen. Die Poeſie hat ſchon viele große Perioden erlebt, bevor ſie zu dieſer letzten uͤbergegangen iſt. In jeder dieſer Perioden ging eine Verwandlung in ihr vor, bildete ſie ſich58 auf einer gewiſſen Stufe eigenthuͤmlich aus, entfal¬ tete ſie uns eine Seite nach der andern. Man hat gewoͤhnlich zwei Hauptperioden angenommen, die griechiſche oder antike, und die mittelalterliche oder romantiſche. Schlegel hat ſie dadurch zu charakteri¬ ſiren geſucht, daß er die antike Poeſie plaſtiſch, die romantiſche pittoresk nannte. Dies iſt keine muͤßige Vergleichung. Die Unterſchiede in den Kuͤnſten uͤber¬ haupt wiederholeu ſich wieder in jeder insbeſondere. Das Geſetz ihrer aͤußern Verwandtſchaft iſt zugleich das Geſetz ihrer innern Unterſchiede. Die Poeſie veraͤndert ſich nach ihrer Verwandtſchaft mit den uͤbri¬ gen Kuͤnſten und jede ihrer Entwicklungen und ge¬ ſchichtlichen Perioden entſpricht einer ſolchen Ver¬ wandtſchaft. Nur muß man nicht bei der Plaſtik und Malerei, nicht bei Schlegel's Andeutung ſtehn blei¬ ben. Es gibt neben der Poeſie fuͤnf Hauptkuͤnſte, Baukunſt, Plaſtik, Malerei, Muſik und Schauſpiel¬ kunſt. Dieſen entſprechen auch in der That die Pe¬ rioden und verſchiednen Entwicklungen der Poeſie. Die aͤlteſte religioͤſe Poeſie der Kosmogonien und Mythen war weſentlich architektoniſch, die ſpaͤtere griechiſche und roͤmiſche und ausſchließlich antik ge¬ nannte Poeſie war plaſtiſch. Die lyriſche Poeſie der rohen Voͤlker nach dem Untergang der antiken Welt und vor der hoͤchſten Cultur des Mittelalters war muſikaliſch, das romantiſche Mittelalter ſelbſt pitto¬ resk. Die moderne gelehrte Poeſie endlich, die in die Rollen aller Zeiten ſich einſtudirt, duͤrfen wir59 mit Recht eine theatraliſche nennen, und in ihr iſt in der That ſo viel von allen fruͤhern poetiſchen Gat¬ tungen enthalten, als in der Schauſpielkunſt von allen andern Kuͤnſten aufgenommen iſt. Selbſt die einzelnen Dichter unter uns verſuchen ſich in allen Gattungen und Formen der Poeſie, weil es Rollen ſind, die ſie ſpielen; in der fruͤhern Zeit bildete jeder Dichter nur eine Gattung eigenthuͤmlich aus.

Die poetiſche Begeiſterung der erſten Menſchen ſchien die letzte Bluͤthe der Schoͤpfung zu entfalten. Derſelbe Naturgeiſt, der den Bau der Welt gegruͤn¬ det, ſpiegelte ſich in den Kosmogonien der kindlichen Voͤlker. Die Poeſie war noch nicht losgeriſſen von der Natur, ſie belebte die Maſſen, war noch nicht ausſchließliches Eigenthum eines Individuums, ſie vertheilte ſich in abweichende Anſichten, wie die Men¬ ſchen in Staͤmme, aber ſie blieb Eigenthum der Ge¬ nerationen, und wie ſie keinem Dichter, ſondern dem Volk angehoͤrte, ſtellte ſie auch keinen Helden, nichts Einzelnes dar, ſondern das Weltganze. Alle ihre Formen waren architektoniſch. Mit dem Heldenthum riß das Individuum von der Maſſe ſich los und die Helbenfabel von der Kosmogonie, die Natur vom cyclopiſchen Bau und die Geſchichte, die Poeſie und bildende Kunſt entfaltete die hoͤchſte Bluͤthe dieſes Lebens in Griechenland und Rom. Aber auch hier war die Dichtkunſt eng an die Gegenwart und ihren herrſchenden Charakter gebunden, und was wir claſ¬ ſiſch an ihr nennen, war die ſtrenge Conſequenz des60 plaſtiſchen Naturtriebs, der jenes Menſchenalter aus dem dunkeln Mutterſchooß der kosmiſchen Zeit be¬ freite, aber ihm zugleich die beſtimmte Geſtalt einer in ſich begraͤnzten Vegetation gab. Als dieſes Leben in der einſeitigen Richtung abgebluͤht, begann ein andrer großer Menſchenſtamm ſich nach einer neuen Richtung zu entfalten. Wie dort die Sinnlichkeit zuerſt ſich losgeriſſen vom allgemeinen Leben, ſo ſuchte hier das Gemuͤth ſich ſelber zu ergreifen und die er¬ wachende Sonne der Liebe rief aus der erſtarrten Memnonsſaͤule des Volks die erſten Toͤne hervor. Das Gemuͤth der Voͤlker ſprach in eigenthuͤmlichen Naturlauten ſich aus, die jetzt verhallt ſind, wie aller Ton verhallt, von denen nur ein fernes Echo noch Zeugniß gibt. Dies ſind die « Stimmen der Voͤlker », wie Herder ſie genannt, wie alte Sagen ſie bezeich¬ nen, wie ſie noch jetzt in Volksliedern nachklingen, und wie ſie noch rein und urſpruͤnglich vernommen werden bei den heidniſchen Staͤmmen entlegner Welt¬ theile.

In dieſer Richtung wurden die Voͤlker ergriffen vom Chriſtenthum und ſie entfaltete die hoͤchſte Bluͤthe im Mittelalter. Das nationelle Gemuͤth wurde Welt¬ gemuͤth; die Stimme, nur dem nationellen Ohr ver¬ traut, wurde Bild, den Augen aller offenbar. Die Poeſie wurde wieder kosmiſch und darum auch wie¬ der in dem Maaß architektoniſch, als die Malerei es iſt; wie ſie von univerſeller Kosmogonie ausge¬ gangen in individueller Plaſtik erſtarrt war, ergoß61 ſie ſich aus den mannigfachen Quellen der Voͤlker wieder in die zuſammenſchlagenden Wellen eines un¬ endlichen Meeres. Die chriſtliche Romantik war aber verſunken in das bewegliche Element des Ge¬ muͤthes, wie jene aͤltere Poeſie erſtarrt in den ſinn¬ lichen Formen. Daher war ſie an dieſelbe Conſe¬ quenz gefeſſellt und auch in ihr waltete noch ein ge¬ wiſſer Inſtinkt, der beſtimmte Graͤnzen nicht uͤber¬ ſchreiten konnte, innerhalb derſelben aber mit voll¬ kommener Sicherheit ſich bewegte, und wie die an¬ tike Poeſie hat auch die romantiſche etwas Claſ¬ ſiſches.

Dieſes Claſſiſche, die unwillkuͤrliche Sicherheit und Harmonie des Gegenſtandes und der Form, in welcher die Kunſtwerke vollkommen den Werken der Natur gleichen, und noch von demſelben ſchoͤpferiſchen Triebe gebildet ſcheinen, der den Himmel, die Berge, die Pflanzen und Thiere ſo und nicht anders geſchaf¬ fen, als muͤßt 'es ſo ſeyn, dies iſt es eigentlich, was alle aͤltere Poeſie von der modernen unterſcheidet. Die poetiſche Begeiſterung jener Alten war ſchaffen¬ der Naturtrieb, ohne Wahl, ohne Schwanken. Die unſrige iſt Sache der Reflexion geworden, und wir waͤhlen und ſchwanken.

Die neuere Poeſie iſt ganz theatraliſch. Man geht in die Poeſie, wie man ins Schauſpielhaus geht, um ſich auf eine angenehme Weiſe zu taͤuſchen und zu unterhalten. Die Poeſie iſt nicht mehr mit dem Leben verbunden, die hoͤchſte Bluͤthe deſſelben,62 ſondern ſteht ihm gegenuͤber, wie der Traum dem Wachen. Sie iſt nichts Unwillkuͤrliches, Nothwen¬ diges mehr, nicht mehr die Ausgießung eines heili¬ gen Geiſtes, der von innen kommt, nicht mehr Schoͤ¬ pfung eines draͤngenden, unbewußten, unwillkuͤrlichen Naturtriebs, nicht mehr das freie Wachsthum, von dem man nicht weiß, wie es entſteht. Sie iſt viel¬ mehr eine Fertigkeit geworden, die man nach Will¬ kuͤr anwendet, ſo oder anders, und ein bloßes Spiel¬ zeug fuͤr die Unterhaltung. Sie entſteht nicht mehr, ſie wird nur gemacht; ſie iſt nicht mehr, ſie ſcheint nur; ſie glaubt an ſich ſelbſt nicht mehr, ſie will nur taͤuſchen. Zum Dichten bedarf man nicht mehr der innern heiligen Begeiſterung, ſondern nur einige Kenntniß von dem, was die Leute beluſtigt, und ei¬ niges Talent. An die Stelle des unbewußten Dran¬ ges im Gemuͤth iſt ein vollkommen klares Bewußt¬ ſeyn im Verſtande getreten. Der Dichter ſchafft nicht, wie ihn der dunkle Trieb dazu zwingt. Er ſetzt ſich hin und reflectirt, was will ich machen, und wie muß ich es machen, um die Leute zu beluſtigen? Daſſelbe Talent, was fruͤher ſich von ſelbſt einfand, wenn das Gemuͤth des Dichters in poetiſcher Be¬ geiſterung war, gehorcht jetzt den aͤngſtlichen Vor¬ ſchriften des Verſtandes. Ehemals hatten die Dich¬ ter keinen Zweck, ſie ſprachen ſich nur aus, wie die Quelle ſich ergießt, und wie der Vogel ſingt. Sie waren groͤßer, als andre, wie ein Berg hoͤher iſt als andre. Jetzt aber haben ſie den Zweck, die Leute63 zu beluſtigen, und wetteifern um den Effect, und da ſie ſich nicht mehr nach dem innern Genius allein, ſondern nach dem Beifall von außen richten, ſo aͤng¬ ſtigen ſie ſich um den Ruhm, und gehn auf Stelzen, um ſich einer uͤber den andern zu erheben.

Oder iſt es anders? Bei den wahrhaft großen und originellen Dichtern allerdings. Bei ihnen iſt noch immer, wie bei den aͤlteſten Saͤngern der Vor¬ welt, die Poeſie Leben, und ſie dichten, weil und wie ſie muͤſſen, nur vom innern Genius getrieben und unbekuͤmmert um den Beifall. Doch der große Haufen der Dichter iſt von der Art, wie ich ihn eben beſchrieben, und gerade das Daſeyn dieſes großen Haufens charakteriſirt unſre Periode. Aber ſelbſt unſre beſten Dichter muͤſſen der Zeit ihren Tribut zollen. Sie ſind einmal Kinder dieſer Zeit, und der Naturgeiſt, der in ihnen waltet, geht aus der Natur unſrer Zeit hervor. Wie Kinder eines Schauſpie¬ lers muͤſſen ſie ſelbſt Schauſpieler werden, die Rol¬ len werden ihnen gleichſam angeboren.

Univerſalitaͤt iſt der Charakter dieſer Zeit. Man iſt alles in allem. Man verſetzt ſich in alle Zeiten und Laͤnder, man ahmt alles nach. Die Bil¬ der der fernſten Vorwelt, der fremdeſten Natur mi¬ ſchen ſich taͤglich in die Bilder der Gegenwart. Wir reiſen an einem Tage durch alle Zonen, durch alle Zeitalter, und unſer Zimmer, in dem wir ruhig ſitzen bleiben, wird die Mithrahoͤhle, an deren Waͤnden Welt und Himmel ſich ſpiegeln. Die alten Dichter64 gingen nicht uͤber den Kreis der Nationalitaͤt hinaus, Shakſpeare zauberte ſchon die ganze Welt in ſeine Dichtungen, doch ſie trugen durchaus den Stempel einer engliſchen und ſeiner Individualitaͤt. Unſere neuere Dichter aber nehmen mit dem fremden Ge¬ genſtand auch die fremde Anſicht deſſelben an, zau¬ bern ſich nicht nur Griechenland in die nordiſchen Waͤlder, ſondern auch eine griechiſche Denkweiſe in ihre nordiſchen Geiſter. Dieſelbe deutſche Treue, mit welcher unſre alten Maler die Natur copirten, zeich¬ net jetzt unſre Dichter aus, ſofern ſie ſich an Ver¬ gangnes und Fremdes wenden. Treibt ſie die Sehn¬ ſucht nach dem alten Hellas, ſo wollen ſie ganz Grie¬ chen ſeyn, daß ſie vor Plato beſtehn und von Ari¬ ſtophanes nicht zu Spott werden. Reizt ſie das Mittelalter, ſo moͤchten ſie kein Riemchen am Har¬ niſch der alten Ritter, kein Kreuz aus dem Weg au¬ ßer Acht laſſen. Kein Volk kann ſich ſo gut in ein andres hineindenken, als das deutſche. Unſre Dich¬ ter treiben mit dieſem Rollenwechſel eine gewiſſe An¬ dacht. Es iſt in der That ein neuer Polytheismus. Wir machen alles zu Gegenſtaͤnden der poetiſchen Anbetung, und gleichen den alten Heiden vollkommen in der Toleranz, in welcher ſie alle fremden Landes¬ goͤtter, ſobald ſie die Graͤnze des Landes uͤbertraten, zu den ihrigen machten.

Keine Welteroberung war jemals groͤßer, als welche jetzt unſre Dichter unternehmen. Jeder Win¬ kel der Natur und Geſchichte wird von ihnen heim¬65 geſucht und dem unermeßlichen Reich der Phantaſie einverleibt, davon die Literatur zahlloſe Landcharten entwirft. In dieſer univerſellen Richtung folgt aber die Poeſie nur dem Verſtaͤnde, der ihr vorausgegan¬ gen. Dieſe neuere Poeſie haͤngt innig mit der neuern Wiſſenſchaft zuſammen. Von ihr empfaͤngt ſie den Charakter, wie die Poeſie des Mittelalters ihren Cha¬ rakter von der Religion empfangen. Damals herrſchte mehr das Gemuͤth, jetzt der Verſtand. Die Phan¬ taſie, unfaͤhig jemals ſelbſtaͤndig zu werden, folgt dem Impuls, den ſie dort mehr vom Gemuͤth, hier mehr vom Verſtand empfaͤngt. Dort verwandelt ſie Stimmungen, Gefuͤhle, hier Begriffe, Gedanken in Bilder und Worte. Das Gemuͤth kehrt ſich mehr nach innen, zieht die Welt mit geheimnißvollem Zuge in das Innere hinein, der Verſtand kehrt ſich mehr nach außen, und die Gedanken werden Schwingen, die den Menſchen durch alle Raͤume, durch alle Zei¬ ten tragen. Dort concentrirt ſich alles Licht und Leben in eine volle gluͤhende Sonne. Hier faͤhrt es ſpruͤhend, funkelnd auseinander in unzaͤhlige Sterne, das Unendliche zu durchdringen, zu bevoͤlkern.

Jenes große Reich der neuern Poeſie, deſſen Graͤnzen nirgend ſind, laͤßt ſich doch in gewiſſe Sy¬ ſteme eintheilen. Der Eintheilungsgrund liegt theils in den Gegenſtaͤnden, theils in den Formen, vor allem aber in dem Geiſt, der Auffaſſungsweiſe, der Weltanſicht unſrer Dichtungen. Darnach haben ſich gewiſſe Schulen gebildet. Es iſt aber ſchwer, ſie66 genau zu unterſcheiden. Wie im großen Roͤmerreich die Voͤlker, ſo haben ſich in unſrem poetiſchen Reich die Dichtungsarten vermiſcht. Von jeder iſt etwas auf die andre uͤbergegangen, indem theils einzelne Dichter im univerſellſten Beſtreben alle Rollen durch¬ gemacht, theils abwechſelnd ein ganzer poetiſcher Zeit¬ raum von einer Mode beherrſcht worden iſt, deren charakteriſtiſches Gepraͤge ſich allem aufgedruͤckt.

Am auffallendſten iſt dieſe Vermiſchung in Ruͤck¬ ſicht auf den Unterſchied des Alterthuͤmlichen aller Art, deſſen Erinnerung durch die gelehrten Forſchun¬ gen der Philologie und Geſchichte den Dichtern mit¬ getheilt werden, und des Modernen, das jedem Dich¬ ter der Augenſchein, die eigne Erfahrung, Sitte, Natur einpraͤgt. Wir unterſcheiden darnach im All¬ gemeinen gelehrte Dichter und Naturdichter, oder ſolche, die Stoff und Behandlungsweiſe der Poeſie aus dem Studium der Vergangenheit entlehnen, und ſolche, die ſie nur aus der Gegenwart entlehnen. Aber dieſer Gegenſatz iſt nicht ſcharf beobachtet. Die gelehrten Dichter koͤnnen niemals ihre Natur ver¬ laͤugnen, und wie ſehr z. B. ein Voß ſich beſtreben mag, ein alter Grieche zu werden, er bleibt immer ein ungeſchlachter niederſaͤchſiſcher Bauer. Eben ſo miſchen ſich in die Nachahmungen der alten Ritter¬ poeſie, und in jede Darſtellung der Vorzeit die Ge¬ ſinnungen und Eigenheiten der modernen Welt un¬ willkuͤrlich ein. Auf der andern Seite koͤnnen ſich aber auch die modernen Naturdichter niemals ganz67 von dem Einfluß der gelehrten Bildung, der tauſend¬ faͤltigen ſchon von fruͤher Jugend an ihnen einge¬ praͤgten Erinnerungen der Vorzeit losreißen. Un¬ willkuͤrlich umſchweben ſie die Bilder einer andern Welt, und durch Erziehung und Literatur iſt eine zahlloſe Menge von Begriffen theils aus dem grie¬ chiſchen und roͤmiſchen Alterthum, theils aus dem Mittelalter auf uns uͤbergegangen, und ſo innig mit unſrer ganzen Denk - und Ausdrucksweiſe vermiſcht, daß ſie uns zur andern Natur geworden ſind.

Der Unterſchied beſchraͤnkt ſich alſo nur auf ein Mehr oder Weniger des Alterthuͤmlichen und Frem¬ den in unſrer poetiſchen Literatur. Demzufolge muͤſ¬ ſen wir aber allerdings im Allgemeinen eine Gattung von gelehrten Dichtern, denen jenes Mehr zukommt, und die eben deßhalb auch nur bei dem mehr gelehr¬ ten und gebildeten Publikum Eingang finden, von den ungelehrten unterſcheiden, die das geſammte Publikum verſteht, weil ſie nur ſo wenig Fremdar¬ tiges in ihre Dichtungen aufnehmen, als etwa uͤber¬ all bekannt und gelaͤufig worden iſt.

Ein ſolcher Unterſchied fand bei den Alten nicht Statt. Es gab bei ihnen religioͤſe Myſterien, die auch in die Poeſie ein Dunkel brachten, das nur den Geweihten erhellt wurde; aber ihre profane Poe¬ ſie war jedermann verſtaͤndlich. Hierin herrſchten niemals Gelehrſamkeit, fremde Begriffe, fremde Aus¬ druͤcke. Dieſe ſind eine charakteriſtiſche Eigenheit nur unſrer neuern Zeit. Nur bei uns ſcheidet ſich68 das Publikum in ein gelehrtes und gemeines. Wir beſitzen eine zahlloſe Menge von Dichtungen, die dem¬ jenigen nur Dunkelheiten enthalten, der nicht den ganzen Apparat mythologiſcher und hiſtoriſcher Kennt¬ niſſe ſich angeeignet hat, den ihr Verſtaͤndniß erfordert.

Indem wir ferner alle Nationen in der Runde nachgeahmt haben, und die groͤßten Schoͤnheiten die¬ ſer Nachahmungen gerade in der Aneignung der na¬ tionellſten Eigenthuͤmlichkeiten beſtehen, erfordert der Genuß derſelben auch eine genauere Bekanntſchaft mit dieſen Voͤlkern. Hierin unterſcheiden ſich die Dichter, wie das Publikum. Die oͤrtliche Lage hat einigen Einfluß. Die vorzuͤglichſten Nachahmer der leichten franzoͤſiſchen Manier, z. B. Wieland und in gewiſſem Sinn auch Goͤthe, waren Weſtdeutſche; die Nach¬ ahmer der Englaͤnder ſaͤmmtlich Norddeutſche. Auch die Zeit macht hierin einigen Unterſchied. Man kennt den Wechſel der Gallomanie, Anglomanie ꝛc.

Wir haben uͤber den Einfluß ſowohl der Schul¬ gelehrſamkeit als der fremden Literatur im Eingang dieſes Werks uns ſchon im Allgemeinen ausgeſpro¬ chen. Auch die Poeſie iſt dieſem Einfluß unterwor¬ fen und entlehnt daher eine Menge ihrer Unter¬ ſchiede. Wichtiger aber noch, als dieſe, ſind die Unterſchiede, die aus der religioͤſen und philoſo¬ phiſchen Denkweiſe auf die Schoͤpfungen der Poeſie und auf den Geſchmack an denſelben uͤbergehen. Wir Deutſchen weichen in unſrer Art zu fuͤhlen, zu den¬ ken und zu glauben ſo weſentlich von einander ab,69 wie ſchon unſre Trennung in Confeſſionen beweist, daß dies nothwendig auf die Poeſie einwirken muß. Auch hier iſt wieder die Natur im Spiele. Der Norddeutſche iſt phantaſtiſcher, witziger, humoriſti¬ ſcher, der Suͤddeutſche gefuͤhlvoller, ernſter, leiden¬ ſchaftlicher. Die Natur iſt immer der letzte Grund. Es ſind dieſelben Grundbedingungen, welche machen, daß Norddeutſchland mehr den Proteſtantismus, mehr die Verſtandesphiloſophie und mehr die phantaſtiſch¬ witzige Poeſie, Suͤddeutſchland mehr den Katholicis¬ mus, mehr die Naturphiloſophie und mehr die Ge¬ fuͤhlspoeſie ausgebildet hat. Aus demſelben Grunde ſind auch der gelehrten Dichter mehr in Norddeutſch¬ land, der ungelehrten mehr in Suͤddeutſchland zu fin¬ den. Die große Verſchiedenheit in den Grundanſichten der Dichter, die auf urſpruͤnglichen Naturverſchie¬ denheiten beruht, und durch die religioͤſe Trennung noch entſchiedener ausgepraͤgt iſt, unterſcheidet unſre poetiſche Literatur von der aller andern Voͤlker. Nir¬ gends finden wir eine ſo große Mannigfaltigkeit in ſo ſtarken Gegenſaͤtzen. Die allgemeine Verflachung hat zwar auch hier auf der Oberflaͤche die charakte¬ riſtiſchen Unterſchiede abgerieben, und ein indifferen¬ ter Dichterpoͤbel breitet ſich uͤber ganz Deutſchland aus, wo aber noch irgend eine Tiefe zu finden iſt, da finden ſich auch jene Grundunterſchiede. Das ober¬ flaͤchliche Geſindel flieht ſie, haßt ſie oder bemitleidet ſie; und wo ein Dichter ſich entſchieden einer Con¬ feſſion oder Philoſophie anſchließt, iſt er der entge¬70 gengeſetzten verdaͤchtig. Dies taͤuſcht haͤufig uͤber den Werth der ausgezeichnetſten Dichter, und verkuͤm¬ mert den Genuß derſelben. Wir duͤrfen nur an Lud¬ wig Tieck denken, deſſen beſte Dichtungen bis auf den heutigen Tag von einer Menge Leuten geſchmaͤht wer¬ den, weil ein gewiſſer katholiſcher Geruch darin iſt.

Unter ſo vielen Modificationen haben ſich im Weſentlichen drei Hauptſchulen der deutſchen Poeſie in charakteriſtiſcher Eigenthuͤmlichkeit herausgebildet, die antike, romantiſche und moderne. Stellen wir ſie unter jene Grundbedingungen, ſo zeigt ſich zuerſt der Einfluß der Gelehrſamkeit auf die antike und romantiſche Schule. Im ganzen Bereich der Vergan¬ genheit, deren Erinnerung uns die Gelehrſamkeit be¬ wahrt, ſind das griechiſche und roͤmiſche Alterthum, und das romantiſche Mittelalter die Hauptepochen. Die antike Welt iſt der Gegenwart am meiſten ent¬ ruͤckt und hat durchaus nur noch eine gelehrte Exiſtenz. Das Mittelalter ſteht uns naͤher und ſein Geiſt hat ſich nicht nur in Buͤchern, auch noch im Leben ſelber fortgepflanzt. Unter den fremden Nationen, denen wir nachgeahmt, erſcheinen die Franzoſen dem anti¬ ken Geſchmack, die Italiaͤner und Spanier dem ro¬ mantiſchen, die Englaͤnder dem modernen am meiſten verwandt. Was endlich den Einfluß der Glaubens - und Denkweiſe betrifft, ſo hat die antike und moderne Schule auf gleiche Weiſe vorzuͤglich bei den Prote¬ ſtanten Anhang gefunden, die romantiſche aber bei den Katholiken.

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Wir wollen jetzt dieſe drei, dem Geiſt und We¬ ſen nach verſchiedene Schulen naͤher kennen lernen, und ſodann erſt auf den zweiten Unterſchied uͤberge¬ hen, welcher in der Poeſie durch die lyriſche, dra¬ matiſche und epiſche Form bewirkt wird.

Der Geſchmack fuͤr antike Poeſie gelangte nach dem dreißigjaͤhrigen Kriege zur Alleinherrſchaft. Deutſchland gab damals noch manche andre Bloͤße, und glich faſt in jeder Hinſicht einem offenen Markt fuͤr jede Gattung von Fremden. Die Erinnerung an eine große Vergangenheit war erloſchen, man ſah auf das Mittelalter nur mitleidig herab. Die Ge¬ genwart aber ließ nichts Großes uͤbrig, woran der Nationalſinn erſtarken mochte. Die alte Neugier und Wunderſucht aber war noch uͤbrig und warf ſich auf das Fremde. Der Proteſtantismus war damals in Bewegung geſetzt ein freſſendes Zornfeuer, in der Ruhe ein erkaͤltendes nordiſches Schneelicht, und konnte am allerwenigſten eine nationelle Poeſie be¬ gruͤnden. Doch mit dem Studium der Alten, das er fuͤr Verſtandeszwecke beguͤnſtigte, kam auch ungeru¬ fen die Muſe. Auf der katholiſchen Seite war eben¬ falls die zeugende Kraft ausgetilgt, der alte Uranus vom abtruͤnnigen Sohn entmannt, und die Jeſuiten konnten dem Proteſtantismus nur mit den von dem¬ ſelben geborgten Waffen der Gelehrſamkeit und des Geſchmacks die Spitze bieten. So wurden auf den katholiſchen wie auf den proteſtantiſchen Schulen die alten Claſſiker als Canon des Geſchmacks gepflegt. 72Mag man den Mangel einer nationellen Poeſie be¬ klagen, die Bekanntſchaft mit den griechiſchen Dich¬ tern war doch ein Balſam, faſt der einzige fuͤr die vielen Wunden, an denen Deutſchland in jener Zeit verblutete. Erſt aus der Belebung des antiken Ge¬ ſchmacks ging die freiere Bildung hervor, durch wel¬ che ſich auch die deutſche Poeſie wieder verjuͤngen konnte. Die bloße blinde Vorliebe fuͤr die Alten, die geſchmackloſen Nachahmungsverſuche blieben freilich lange Zeit die einzige Entſchaͤdigung fuͤr die beßre noch ſchlummernde Poeſie. Auf den ſteifen Meiſter¬ geſang, den das Mittelalter beſchloß und ſchon die roͤmiſche und griechiſche Terminologie aufgenommen, folgte die ſchleſiſche Schule, die gleich der da¬ maligen franzoͤſiſchen und hollaͤndiſchen, von wo Opitz ſie entlehnt, jenen ſeltſamen Parnaß erſchuf, da Apollo in der Peruͤcke mit der Geige das Concert der hochfriſirten Muſen dirigirte. Dieſe Gattung von Poeſie lebte vorzuͤglich an den Hoͤfen und huldigte den galanten Feſtivitaͤten. Ins Volk konnte ſie nicht lebendig dringen, und die Gelehrten konnten nicht damit zufrieden ſeyn, weil die griechiſche Muſe in jenen Nachahmungen nicht herrſchte, ſondern fremden Zwecken und der Mode dienſtbar war. Darum ver¬ ſuchte Klopſtock, indem er der franzoͤſiſch-ſchleſi¬ ſchen Schule und der Hofpoeſie entgegentrat, die griechiſche Form in voͤlliger Reinheit und als Muſter aufzuſtellen und die deutſche Sprache derſelben ſkla¬ viſch zu unterwerfen. Es entſtand die Graͤcomanie,73 die Geiſt und Sprache der Nation auf ewig unter das fremde Joch zu erzwingen unternahm, und ihr Vorwuͤther war Voß. Endlich ſah man auch dieſe Verkehrtheit ein und ſinnvolle Dichter ſuchten zu be¬ weiſen, daß es nur darauf ankaͤme, den griechiſchen Geiſt bei uns heimiſch zu machen, daß es dagegen unſrer Sprache unmoͤglich ſey, ſtreng alle Formen der griechiſchen nachzucopiren. Dieſe Dichter ahmten nun in reinem fließendem Deutſch die Heiterkeit des Ho¬ mer, den Flug Pindar's, die Wuͤrde des Sopho¬ kles, die Feinheit des Lucian nach. Hiermit ſchließt ſich der Kreislauf des antiken Geſchmacks in unſrer poetiſchen Literatur.

Wir bemerken alſo drei verſchiedne Entwicklun¬ gen der antiken Schule. In der erſten nahm ſie nur von oben weg die Namen und Begriffe des Alter¬ thums, in der zweiten copirte ſie mit ſklaviſcher Treue die antiken Formen, in der dritten drang ſie in den Geiſt des Antiken und ſuchte die innerſte Gra¬ zie deſſelben ſich eigen zu machen.

Unter den Hohenſtauffiſchen Kaiſern war der Adel poetiſch geweſen, unter den Luxemburgiſchen waren es die Buͤrger, unter den Habsburgiſchen kam die Poeſie an die Gelehrten, aus der lebendigen Hand an die todte Hand. Die Reformation riß nieder, der dreißigjaͤhrige Krieg kehrte aus. Mit ſo vielem Al¬ ten erſtarb auch die deutſche Poeſie, und um die Leere zu fuͤllen, beſchworen die Gelehrten den Schat¬ ten der griechiſch-roͤmiſchen Poeſie. Die Zeit war ſoDeutſche Literatur. II. 474herabgekommen, geiſtlos und unnatuͤrlich, daß ſie nicht im Stande war, in den Geiſt jenes Alterthums ein¬ zudringen. Dies war einer ſpaͤtern Zeit vorbehalten. Anfangs diente dieſe neue Poeſie auch nur der Schmei¬ chelei und den Luſtbarkeiten an den Hoͤfen. Da die chriſtlichen Heiligen ſchicklicherweiſe nicht benutzt wer¬ den konnten, den Triumph der weltlichen Macht zu verherrlichen, ſo mußten wenigſtens die heidniſchen Goͤtter ſich dazu brauchen laſſen. Die Hofpoeten leg¬ ten zuerſt in Frankreich dem vergoͤtterten Fuͤrſten eine glaͤnzende Camerilla von griechiſchen Goͤttern und Halb¬ goͤttern zu, deren einziges Geſchaͤft darin beſtand, in allegoriſchen Darſtellungen die goͤttlichen Eigenſchaf¬ ten Ludwigs XIV. zu bezeichnen. In zahlloſen Bil¬ dern und Gedichten erſchien der Fuͤrſt von einem Goͤt¬ tergefolge begleitet, an welches die Erzaͤmter vertheilt waren. Minerva trug ihm das Scepter vor, Mars das Schwert, Victoria bekroͤnte ſeine Schlaͤfe, Hebe verwaltete das Schenkenamt, das des Truchſeß Ceres, und Venus war der Stallmeiſter. Auch in Deutſch¬ land wurde dieſe allegoriſirende Hofpoeſie eingefuͤhrt und man aͤrgerte ſelbſt noch Friedrich den Großen damit. Hoffmanswaldau war der Coryphaͤe dieſer Schule, ſpaͤter Ramler, nnd ſelbſt Wieland war noch darin wie bezaubert, obgleich er ihren ſentimen¬ talen Ernſt in Ironie verkehrte.

In dieſer Schule war alles unwillkuͤrliche Karri¬ katur. Nichts konnte ſo unnatuͤrlich und komiſch ſeyn, als die Vermaͤhlung der antiken Plaſtik mit der Zeit75 der Peruͤcken und Reifroͤcke. Die Marmorwelt des Alterthums verwandelte ſich unter den geſchaͤftigen Haͤnden der Friſeurs von Paris, Leipzig und Berlin in ein Bedlam voll phantaſtiſcher Ungeheuer. Das waren die Geſtalten, womit man den ganzen Raum, den die damalige Poeſie einnahm, bevoͤlkerte. Nichts ſchien poetiſch, was nicht eine Beziehung auf die alte Mythologie hatte, die dennoch immer jeder neuen Pariſer Mode huldigen mußte. Unter allen Dichtern des Alterthums, die man nachzuahmen wetteiferte, gelangte Horaz zum hoͤchſten Ruhm. Ihm fuͤhlten die Hofpoeten am naͤchſten ſich verwandt. Man durfte ihn nur uͤberſetzen, nur citiren, ſo fand man ſchon Beifall. In Frankreich war Batteux der Prophet dieſes Geſchmacks, in Deutſchland ſein Überſetzer Ramler. Daher nun jene Suͤndfluth von Oden, Elegien, poetiſchen Briefen und Satyren, die da¬ mals Deutſchland unter ein ſchlammiges Waſſer ſetzte. Da man nur nachahmte, und nichts Neues erfand, als etwa die moderne Anwendung alter Schmeiche¬ leien, ſo gab man ſich auch wenig Muͤhe. Es war ſchon genug, nur die Alten zu citiren. Ein Oden¬ dichter durfte von ſeinem Helden nur ſagen, er ſey feurig wie Mars, ſchlau wie Merkur, ſchoͤn wie Apoll, von ſeiner Heldin, ſie ſey jung wie Hebe, ſchlank wie Atalante, reizend wie Venus geweſen, und man fand die Schilderung entzuͤckend. Selbſt Wieland ſetzte ſeine Gemaͤlde noch oft aus hundert Anſpielungen und Citaten aus der Mythologie zuſam¬4 *76men. Die allgemeinſten Begriffe aus dieſer Mytholo¬ gie wurden am Ende ſo gelaͤufig, daß man Jagd nach antiquariſchen Seltenheiten machte, um eine feine Gelehrſamkeit und Kennerſchaft zu zeigen. Wer bei Hofvermaͤhlungen und Begraͤbniſſen die verſteckteſten Anſpielungen in Gedichten oder Schauſpielen, In¬ ſchriften, Bildern, auf Portalen, Sarkophagen ꝛc. anzubringen wußte, die dann die gelehrteſten Philo¬ logen wieder in langweiligen Noten erklaͤrten, der trug den Preis davon.

Die geſammte Dichterwelt richtete ſich auf anti¬ ken Fuß ein. Man that, als ob ſtatt des Blocksbergs mitten in Deutſchland der Parnaß laͤge und als ob der Kaiſer Apoll, die neun Churfuͤrſten die Muſen waͤren. Jeder Dichter nannte ſich einen Sohn der Muſe, alle hießen Bruͤder in Apoll. Spaͤter nann¬ ten ſich dieſe guten deutſchen Verſemacher in einer andern Anwandlung von Tollheit Barden.

Doch Klopſtock, der dieſen Namen einfuͤhrte, hat ſo große Verdienſte, daß wir mit dieſer Erwaͤh¬ nung ſein Andenken nicht beſchimpfen wollen. Sein Mißgriff ging aus einem ſehr achtbaren Eifer her¬ vor, die Deutſchen an ſich ſelbſt zu mahnen. Wie barok und wahnſinnig die ganze Zeit war, erhellt am beſten aus dem, was ſie aus ſonſt ganz vernuͤnf¬ tigen Menſchen machte. Die erſten kraͤftigern Natu¬ ren, die ſich aus dem Wuſt jenes Ungeſchmacks em¬ porzuarbeiten ſtrebten, wurden noch davon verſchro¬ ben. Klopſtock war inſofern noch ganz das Kind77 ſeiner Zeit, als er fuͤr die deutſche Poeſie durchaus nur in der Nachahmung des Antiken das Heil er¬ wartete. Er ſah aber doch die Oberflaͤchlichkeit der fruͤhern Nachahmer der Griechen und Roͤmer ein, und brachte den antiken Geſchmack auf eine hoͤhere Stufe, indem er auf eine treue Nachahmung der antiken Formen drang. Bisher hatte man die Alten in aller¬ lei buntſcheckigen Knittelverſen bereimt, Klopſtock fuͤhrte zuerſt den allgemeinen Gebrauch der echten antiken Versmaaße ein, und glaubte darin erſt die deutſche Sprache zur poetiſchen Vollendung zu brin¬ gen. Verbeſſert hat er ſie gewiß, wenn