PRIMS Full-text transcription (HTML)
Vier Buͤcher
Von wahrem Chriſtenthumb / Heilſamer Buſſe / Hertzli - cher Rewe vnd Leid vber die Suͤn - de vnd wahrem Glauben: auch heili - gem Leben vnd Wandel der rechten wahren Chriſten.
Derer Inhalt nach dem Titul zu finden.
Das Erſte Buch
(Matth. 7.)Die Pforte iſt enge / der Weg iſt ſchmal der zum Leben fuͤhret / vnd wenig ſind jr die jn finden.
(Bernhard. )Chriſtum ſequendo citius apprehendes quam legendo.
Mit Ch[u]rf. Saͤchſiſcher Freyheit / etc.
Gedruckt zuMagdeburgdurchJoachim Boͤel / In verlegung Johan Francken /Im Jahr 1610.

Inhalt der vier Buͤcher.

Das I. Liber Scripturæ.

Wie in einem wahren Chriſten Adam taͤg - lich ſterben / Chriſtus aber in jhm leben ſoll: Vnd wie er nach dem Bilde Gottes taͤglich ernewert werden / vnd in der newen Geburt leben muͤſſe.

Das II. Liber vitæ Chriſtus.

Wie Chriſti Menſchwerdung / Liebe / De - mut / Sanfftmut / Gedult / Leiden / Sterben / Creutz / Schmach vnd Todt / vnſer Seelen Artzney vnnd Heilbrunnen: Spiegel vnd Buch vnſers Lebens ſey. Vnd wie ein wahrer Chriſt / Suͤnde / Todt / Teuffel / Helle / Welt / Creutz vnnd alle Truͤbſal durch den Glauben / Gebet / Gedult / Gottes Wort vnd Him - liſchen Troſt vberwinden ſol: Vnd daſſelbe alles in Chriſto Jeſu / durch deſſelben Krafft / Stercke vnd Sieg in vns.

Das III. Liber Conſcientiæ.

Wie Gott den hoͤchſten Schatz / ſein Reich / in des Menſchen Hertz gelegt hat / als einen verbor - genen Schatz im Acker / als ein Goͤttliches in - nerliches Liecht der Seelen.

Das IIII. Liber Naturæ

Wie das groſſe Weltbuch der Natur von Gott zeuget / vnd zu Gott fuͤhret.

Vorrede.

An den Chriſtlichen Leſer.

WAs fuͤr ein groſ - ſer vnd ſchendtlicherGroſſer Miß - brauch des Evan - gelij. Mißbrauch des heili - gen Evangelij in die - ſer letzten Welt ſey / Chriſtlicher lieber Leſer / bezeuget gnugſam / das Gottloſe vnbußfertige Le - ben / derer / die ſich Chriſti vnd ſeines Worts / mit vollẽ Mun - de ruͤhmen / vnd doch ein gantz vnchriſtlich Leben fuͤhren / gleich als wenn ſie nicht im Chriſten - thumb / ſondern im Heyden - thumb lebeten. Solch GottloßA ijWeſen /Vorrede. Weſen / hat mir zu dieſem Buͤch - lein Vrſach geben / damit dieWorin dz ware Chri ſtenthum̃ ſtehe. Einfeltigen ſehen moͤchten / wor - in das ware Chriſtenthumb ſte - he / nemlich in Erweiſung des waren lebendigen thetigẽ Glau - bens / durch rechtſchaffene Gott - ſeligkeit / durch Fruͤchte der Ge - rechtigkeit / Wie wir darumb nach Chriſti Namen genennet ſein / dz wir nicht allein an Chri - ſtum gleuben / ſondern auch in Chriſto leben ſollen / vnd Chri - ſtus in vns wie die ware Buſſe auß dem innerſten Grunde des Hertzens gehẽ muͤſſe / wie Hertz / Sinn vnnd Muth muͤſſe geen - dert werden / dz wir Chriſto vnd ſeinem heiligen Evangelio gleich - foͤrmig werden: Wie wir durchsWortVorrede. Wort Gottes muͤſſen taͤglich er - newert werden zu newen Crea - turen. Denn gleich wie ein jeder Same ſeines gleichen bringet /Gottes Same muß in vns Frucht bringen. alſo muß das Wort Gottes in vns Taͤglich newe Geiſtliche Frucht bringen / vñ ſo wir durch den Glauben newe Creaturen worden ſein / ſo muͤſſen wir auch in der newen Geburt leben / Summa / wie Adam in vns ſterben / vnd[Chriſtus] in vns le - ben ſol / Es iſt nicht gnug Got - tes Wort wiſſen / ſondern man muß auch daſſelbige in die leben - dige thetige Vbung bringen.

Viel meinen / die Theologia ſeyTheolo - gia eine Experi - entz. nur eine bloſſe Wiſſenſchafft vnd Wortkunſt / da ſie doch eine lebendige Erfahrung vñ VbungA iijiſt.Vorrede. iſt. Jederman ſtudiret jetzo / wieStudium pietatis, gar erlo - ſchen. er hoch vnd beruͤmbt in der Welt werden moͤge / aber from ſeyn wil niemand lernen. Jederman ſucht jetzo hochgelarte Leute / von denen er Kunſt / Sprachen vnd Weißheit lernen moͤge / aber von vnſerm einigen Dortore IEſu Chriſto / wil niemand ler - nen Sanfftmut vnnd hertzliche Demut / da doch ſein heiliges le - bendiges Exempel / die rechte Regel vnd Richtſchnur vnſers Lebens iſt / Ja die hoͤchſte Weiß - heit vnd Kunſt / das wir billich ſagen koͤnnen: Omnia nos Chriſti vita docere poteſt. Jederman wolte gern ChriſtiDie -Vorrede. Diener ſein / aber Chriſti Nach - folger wil niemandt ſeyn. Er ſpricht aber Joh. 12. Wer mir dienen wil / der folge mir nach: Darumb muß ein rechter Die -Worin die Liebe Chriſti ſtehe. ner vnd Liebhaber Chriſti / auch ein Nachfolger Chriſti ſein. Wer Chriſtum lieb hat / der hat auch lieb das[Exempel] ſeines heiligen Lebens / ſeine Demut / Sanfft - mut / Gedult / Creutz / Schmach vnd Verachtung / obs gleich dem Fleiſch wehe thut. Vnnd ob wir gleich die Nachfolge des H. vnnd edelen Lebens Chriſti in dieſer Schwachheit nicht vollkoͤmlich erreichen koͤnnen. Dahin auch mein Buͤchlein nicht gemeynet / ſo ſollen wirs doch lieb habenA iiijvndVorrede. vnd darnach ſeufftzen / denn alſo leben wir in Chriſto / vnd Chri - ſtus in vns / wie S. JohannesWer Chri ſto nicht folget der gleubet auch nicht an jhn. 1. am 2. ſpricht: Wer da ſaget dz er in jhm bleibet / der ſol auch wandeln / gleich wie er gewan - delt hat. Jetzo iſt die Welt alſo geſinnet / das ſie gerne alles wiſ - ſen wolte / aber das jenige das beſſer iſt denn alles wiſſen / nem - lich Chriſtum lieb haben / wil nie - mandt lernen. Es kan aber Chri - ſtum niemandt lieb haben / Er folge denn auch dem ExempelWas ſey Chriſtum lieb habẽ / vnd ſich ſeiner ſche men. ſeines heiligen Lebens. Viel ſeyn / ja die meiſten in dieſer Welt / die ſich des H. Exempels Chriſti ſchemen / nemlich ſeiner Demut vnd Nidrigkeit / dz heiſ - ſet ſich ſeines HErrn Chriſti ge -ſche -Vorrede. ſchemet / Dauon der HErr ſagt Marc. 8. Wer ſich meiner ſche - met in dieſer Ehebrecheriſchen Welt / ꝛc. Die Chriſten wollenDem de - muͤtigen Chriſtum wil nie - mand fol - gen. jetzo einen ſtattlichen / prechti - gen / reichen / weltformigen Chri - ſtum haben / aber den armen ſanfftmuͤtigen / demuͤtigen / ver - achteten / nidrigen Chriſtum wil niemandt haben / noch bekennen / noch demſelben folgen / darumb wird Er einmal ſagen / Ich ken - ne ewer nicht / Ihr habt mich nit wollen kennen in meiner De - mut / darumb kenne ich wer nit in ewer Hoffart.

Nicht allein aber iſt das Gott - loſe Leben vnd Weſen / ChriſtoDen Gott loſen ſind alle Crea - turen zu - wieder. vnd dem waren Chriſtenthumb gantz zuwieder / ſondern es heuf -A vfetVorrede. fet taͤglich Gottes Zorn vnnd Straffe alſo / daß Gott alle Cre - aturen wieder vns ruͤſten muß zur Rache / daß Himmel vnnd Erde / Fewer vnd Waſſer wieder vns ſtreiten muͤſſen / ja die gantze Natur engſtet ſich daruͤber vnnd wil brechen: Daher muß elendeLetztepla - gen drin - gen her - ein / die Er - loͤſung na het ſich. Zeit kommen / Krieg / Hunger vnnd Peſtilentz / Ja die letzten Plagen dringen ſo heuffig vnnd mit Gewalt herein / das man faſt fuͤr keiner Creatur wird ſi - cher ſeyn koͤnnen. Denn gleich wie die grewlichſten Plagen die Egypter vberfielen fuͤr der Erloͤ - ſung vnd Außgang der Kinder Iſrael auß Egypten / Alſo wer - den fuͤr der endlichen Erloͤſung der Kinder Gottes / ſchreckliche /grew -Vorrede. grewliche / vnerhoͤrte Plagen die Gottloſen vnnd Vnbußfertigen vberfallen. Darumb hohe Zeit iſt Buſſe zuthun / ein ander Le - ben anzufahen / ſich von der Welt zu Chriſto zu bekehren / an jhn recht gleuben / vnnd in jhm Chriſtlich leben / auff dz wir vn - ter dem Schirm des Hoͤchſten / vnd Schatten des Allmechligen ſicher ſein mõgen / Pſalm 91. da - zu vns auch der HErr vermah - net Luc. 21. So ſeyd nun wackerDurch Buſſe vnd Gebet ent fliehẽ wir den letzten Plagen. allezeit vnd betet / daß jr wirdig werden muͤget zu entfliehen die - ſem allen / ſolches bezeuget auch der 112. Pſalm.

Darzu werden dir lieber Chriſt / dieſe Buͤchlein Anleitũg geben / wie du nicht allein durchdenVorrede. den Glauben an Chriſtum Ver - gebung deiner Suͤnden erlan - gen ſolt / ſondern auch wie du die Gnade Gottes recht ſolt gebrau - chen zu einem heiligen Leben / vnd deinen Glauben mit einem Chriſtlichen Wandel zieren vndWorin dz wahre Chriſten - thumb ſte he. beweiſen. Denn dz wahre Chri - ſtenthumb ſtehet nicht in Wor - ten / oder im euſſerlichen Schein / ſondern im lebendigen Glau - ben / aus welchem rechtſchaffene Fruͤchte / vnd allerley Chriſtli - che Tugende entſprieſſen / als aus Chriſto ſelbſt. Denn weil der Glaube Menſchlichen Au - gen verborgen vnnd vnſichtbar iſt / ſo muß er durch die Fruͤchte erwieſen werden / Sintemal der Glaube aus Chriſto ſchoͤpffetallesVorrede. alles Gutes / Gerechtigkeit vnd Seligkeit.

Wenn er nun beſtendig er -Wie alle Chriſtli - che Tugen de aus dẽ Glauben entſprieſ - ſen. wartet der verheiſſenen Guͤter / die dem Glauben verſprochen ſeyn / ſo entſprieſſet aus dem Glauben die Hoffnung / denn was iſt die Hoffnung anders / denn ein beſtendiges / beharrli - ches Erwarten der verheiſſenen Guͤter im Glauben: Wenn aber der Glaube dem Nechſten die empfangene Guͤter mittheilet / jetzo entſpringet aus dem Glau - ben die Liebe / vñ thut dem Nech - ſten wieder alſo / wie jhm Gott gethan hat: Wenn aber der Glaube in der Prop des Creu - tzes beſtehet / vnd ſich dem Wil - len Gottes ergibt / Jetzo waͤchſetdieVorrede. die Gedult auß dem Glauben / wenn er aber im Creutz ſeufftzet / oder Gott fuͤr empfangene Wol - thaten dancket / Jetzo wird das Gebet geboren / wenn er Gottes Gewalt vnnd des Menſchen[E -]lende zuſammen faſſet / vnd ſich vnter Gott ſchmieget vnnd bie - get / Jetzo wird die Demut gebo - ren: Wenn er ſorget / das er nit moͤge Gottes Gnade verlieren /Philip. 2. oder wie S. Paulus ſpricht: Mit Furcht vnnd Zittern ſchaf - fet / das er ſelig werde / Jetzo iſt die Gottes Furcht geboren.

Keine wa - re Chriſtli che Tu - gend kan ohne den Glauben ſeyn.

Alſo ſieheſtu / wie alle Chriſt - liche Tugenden des Glaubens Kinder ſeyn / vnnd aus dem Glauben wachſen vnd entſprieſ -ſen /Vorrede. ſen / vnd koͤnnen nit vom Glau - ben / als von jhrem Vrſprung ge - trennet werden / ſollens anders warhafftige / lebendige Chriſtli - che Tugende ſein / aus Gott / aus Chriſto / vnnd aus dem heiligen Geiſt entſproſſen. Darumb kan kein Gott wolgef[e]llig Werck ohn den Glauben an Chriſtum ſeyn. Denn wie kan wahre Hoffnung / rechte Liebe / be[ſt]en - dige Gedult / hertzlich Gebet / Chriſtliche Demut / kindliche Furcht Gottes ohne Glauben ſeyn? Es muß alles aus Chri - ſto dem Heilbrunnen / durch den Glauben geſchoͤpffet werden /Alles was Gott gefallen ſol / muß auß Chri - ſto dem Heil. leydes Gerechtigkeit / vnnd al - le Fruͤchte der Gerechtigkeit: Du muſt dich aber wol fuͤrſe -hen /Vorrede. brunnen geſchoͤ - pffet wer - den durch den Glau - ben.hen / das du ja bey leibe deine Wercke vñ anfahende Tugend / oder Gaben des newen Lebens nicht mengeſt in deine Rechtfer -Werck vñ Gaben nicht in die Recht - fertigung zu mengẽ. tigung fuͤr GOtt / denn da gilt keines Menſchen Werck / Ver - dienſt / Gaben oder Tugend / wie ſchoͤn auch dieſelben ſeyn / ſon - dern der hohe vollkommene Ver - dienſt JEſu Chriſti / durch den Glauben ergreiffen / wie ſolches im 5. 19. 34. vnd 41. Capittel die - ſes Buchs / vnnd in den dreyen erſten Capitteln des andern Buchs gnugſam außgefuͤhretGerechtig keit des Glaubens vnd Le - bens weit zu vnter - ſcheiden. iſt. Darumb ſihe dich wol fuͤr / daß du die Gerechtigkeit des Glaubens / vnnd die Gerechtig - keit des Chriſtlichen Lebens nit in einander mengeſt / ſondernwolVorrede. wol vnterſcheideſt / denn diß iſt das gantze Fundament vnſer Chriſtlichen Religion. Nichts deſto weniger aber muſtu dir dei - ne Buſſe laſſen einen rechtſchaf - fenen Ernſt ſein / oder du haſt kei - nen rechtſchaffenen Glauben / welcher taͤglich das Hertz reini - get / endert vnd beſſert / ſolt auchAller Troſt vor geblich ohne Er - kentniß der Suͤn - de. wiſſen / daß der Troſt des Evan - gelij nicht hafften kan / wo nicht rechtſchaffene ware Rew / vnnd Goͤttliche Trawrigkeit vorher gehet / dadurch das Hertz zubro - chen vnd zuſchlagen wird / denn es heiſſet / Den Armen wird dz Evangelium geprediget: VnndMatt. 11. wie kan der Glaube dz Hertz le - bendig machen / wens nit zuuor getoͤdtet wird durch ernſtlicheErſter Theil. BReweVorrede. Rewe vnd Leidt / vnd wahre Er - kentniß der Suͤnden? Darumb ſoltu nit gedencken / dz die Buſſe ſo ſchlecht vnd leicht zugehe: Be -Roͤm. 6. Galat. 6. Roͤm. 12. Galat. 5. Wahre Buſſe iſt nicht ein ſchlecht Werck / ſõ - dern ein groſſer Ernſt Joel. 2. Pſal. 51. dencke wie ernſte vnnd ſcharffe Wort der Apoſtel Paulus brau - chet / da er gebeut dz Fleiſch zu toͤ - ten vnd zu creutzigen ſampt den Luͤſten vñ Begier den / ſeinen Leib auff zuopffern / der Suͤnden ab - zuſterben / der Welt gecreutziget werden / Warlich diß geſchicht nit mit Zerttelung des Fleiſches. Die heiligen Propheten mahlen auch die Buſſe nicht lieblich abe / wenn ſie ein zubrechen / zuſchla - gen Hertz / vñ einen zerknirſchten Geiſt fordern / vñ ſagen: Zureiſ - ſet ewre Hertzen / heulet / klaget vnd weinet / wo findet man jetzoſolcheVorrede. ſolche Buſſe? Der HErr Chri -Luc. 9. Luc. 14. ſtus nennets ſich ſelbſt haſſen / verleugnen / abſagen alle dem dz man hat / wil man anders ſein Juͤnger ſeyn / ſolches gehet war - lich nicht mit lachendem Munde zu. Deſſen allen haſtu ein leben - dig Exempel vnd Contrafect in den ſieben Bußpſalmen. DieDenen jre buſſe kein Ernſt iſt / koͤnnen auch des wahren Troſts nicht the[il]hafftig werden. Schrifft iſt voll des Goͤttlichen Eiffers / dadurch die Buſſe ne - ben jren Fruͤchtẽ erfordert wird / bey verluſt der ewigen Seligkeit / darauff kan denn der Troſt des Evangelij ſeine rechte natuͤrliche Krafft erzeigen. Beydes aber muß Gottes Geiſt durchs Wort in vns wircken.

Von ſolcher ernſter / wa[r]hafter /B ijinnig -Vorrede. inniglicher Hertzen Buſſe / vnd von derſelben Fruͤchten handelt diß mein Buͤchlein / vnd von der praxi vnd vbung des wahren Glaubens / auch wie ein Chriſt alles in der Liebe thun ſol / denn was aus Chriſtlicher Liebe ge - ſchicht / das gehet auch aus dem Glauben. Darum̃ ſol der Chriſt - liche Leſer freundtlich erinnert ſeyn / dz er fleiſſig ſehe nach demZiel vnnd Zweck die - ſetz Buchs. Scopo vñ Ziel des gantzen Buͤch - leins / ſo wird er befinden / daß es fuͤrnemlich dahin gerichtet iſt / dz wir den verborgenen angebornẽ Grewel der Erbſuͤnde erkennen / vnſer Elend vnnd Nichtigkeit be - trachten lernen / an vns ſelbſt vñ an alle vnſerm Vermuͤgen verza - gen / vns ſelbſt alles nemen / vndChri -Vorrede. Chriſto alles geben / auff das er alles allein in vns ſey / alles in vns Wircke / allein in vns lebe / alles in vns ſchaffe / weil er vnſer Bekehrung vnd Seligkeit / An - fang / Mittel vñ Ende iſt / wie ſol - ches deutlich vnd vberfluͤſſig an vielen oͤrtern dieſes Buͤchleins erkleret iſt / dadurch der Papiſtẽ / Synergiſten / Majoriſten Lehr außdruͤcklich refutirt vnnd ver - worffen wird. Auch iſt der Arti - ckel von der Rechtfertigung de[s]Glaubens / in dieſem / ſonderlich aber im andern Buch alſo ge - ſcherffet / vnd ſo hoch getrieben / als es jmmer muͤglich. Proteſtire hiemit / das ich diß Buͤchlein / gleich wie in allen andern Arti - ckeln vnd Puncten / alſo auch inB iijarti -Vorrede. artieulo de libero arbitrio & iuſti - ficatione peccatoris corã Deo, nit anders nach dem Verſtande / Librorum ſymbolicorum Eccleſia - rum Auguſtanæ Confeßionis: Als da ſeyn / die erſte vnuerenderte Augſpurgiſche Confeßion, Apolo - gia, Schmalcaldiſche Artickel / beyde Catechiſmi Lutheri, vnd For - mula concordiæ, will verſtanden haben. Gott erleuchte vns alle mit ſeinem H. G[e]iſte / daß wir lauter vnd vnanſtoͤſſig ſeyn im Glauben vnd Leben / biß auff den Tag vnſers HErrn Jeſu Chri - ſti (welcher nahe fuͤr der Thuͤr iſt) erfuͤllet mit Fruͤchten der Gerechtigkeit / zu Lobe vnndPhilip 1. Preiſe GOttes / Amen.

Regi -

Regiſter der Capittel / ſo in die - ſein erſten Buch begriffen

Cap. ſeyn. Fol.

  • 1. Was dz Bilde Gottes im Menſchẽ ſey. 1
  • 2. Was der Fall Adams ſey. 11
  • 3. Wie der Menſch in Chriſto Jeſu zum ewigen Leben wieder ernewret werde. 21
  • 4. Was ware Buſſe ſey: Vnd was das rechte Creutz vnd Joch Chriſti ſey. 33
  • 5. Was der ware Glaube ſey. 42
  • 6. Wie Gottes Wort muͤſſẽ im Menſchen durch den Glauben lebendig werden. 52
  • 7. Wie Gottes Geſetz in aller Menſchen Hertz geſchrieben ſey / welches ſie vberzeu - get / daß ſie an jenem Tage keine Entſchuͤl - digung haben. 60
  • 8. Dz ohne wahre Buſſe ſich memand Chri - ſti vnd ſeines Verdienſtes zu troͤſten habe. 69
  • 9. Durch das jetzige vnchriſtliche Leben wird Chriſtus vnd der wahre Glaube ver - leugnet. 81
  • 10. Das Leben der jetzigen Welt iſt gar wieder Chriſtum / darumb iſts ein falſch Le - ben vnd ein falſch Chriſtenthumb. 86
  • 11. Wer Chriſto in ſeinem Leben nicht fol - get / der thut nit wahre Buſſe / iſt kein Chriſt / vnd nicht Gottes Kind: Auch was die Newe Geburt ſey / vnd das Joch Chriſti. 89
  • 12. Ein wahrer Chriſt muß jhm ſelbſt vnd der Welt abſterben / vnd in Chriſto lebẽ. 105
  • 13. Vmb der Liebe Chriſti willẽ / vñ vmb der ewigẽ zukuͤnfftigẽ Herrligkeit willen / darzu wir geſchaffẽ vñ erloͤſet ſein / ſol ein Chriſt jm ſelber / vnd auch der Welt gerne abſterbẽ. 115
B iiij14. EinRegiſter.

Cap. Fol.

  • 14. Ein wahrer Chriſt muß ſein eigen Le - ben in dieſer Welt haſſen / vnd die Welt ver - ſchmehen lernen. 127
  • 15. In einem wahren Chriſten muß der al - te Menſch taͤglich ſterben / vnnd der newe Menſch giboren werden / vnd was da heiſſe ſich ſelbſt verlengnen / was auch das rechte Creutz der Chriſten ſey. 140
  • 16 In einem wahren Chriſten muß allezeit ſeyn der Streit des Geiſtes vñ Fleiſches. 149
  • 17. Daß der Chriſten Erbe vnd Guͤter nit in dieſer Wdt ſeyn / Darumb ſie das Zeitliche als Frembdlinge gebrauchen ſollen. 157
  • 18. Wie hoch Gott erzuͤrnet werde / wenn man das Zeitliche dem ewigen vorzeucht; Wie wir auch mit vnſern Hertzen nit an den Creaturen hangen ſollen / vnd warumb. 170
  • 19. Der in ſeinem Hertzen der elendeſte iſt der iſt bey Gott der liebſte / Vnd durch Er - kentnis ſeines Elendes ſuchet man Gottes Gnade. 179
  • 20. Durch wahre Rewe wird das Leben taͤglich gebeſſert / vnd der Menſch zum Reich Gottes geſchickt / vnd zum ewigen Leben be - foͤrdert. 191
  • 21 Vom wahren Gottesdienſte. 206
  • 22. Ein wahrer Chriſt kan nirgend an er - kant werden / deñ an der Liebe / vnd taͤglichẽ Beſſerung ſeines Lebens / wie ein Baum an ſeinen Fruͤchten. 226
  • 23. Ein Menſch der in Chriſto wil wachſen vnd zunemen / muß ſich vieler weltlichen Ge - ſellſchafft entſchlahen. 233
24.[Von]Regiſter.
  • Cap. Fol.
  • 24. Von der Liebe Gottes vnd des Nech - ſten. 241
  • 25. Von der Liebe des Nechſten inſonder - heit. 257
  • 26. Warumb der Nechſte zu lieben. 264
  • 27. Warumb auch die Feinde zu liebẽ. 277
  • 28. Wie vnd warumb die Liebe des Schoͤ - pffers aller Creaturen Liebe ſoll vorge - zogen werden: Vnd wie der Neheſte in Gott ſol geliebet werden. 286
  • 29. Von der Verſoͤhnung des Neheſten / ohne welche GOtt ſeine Gnade wiederruf - fet. 293
  • 30. Von den Fruͤchten der Liebe. 306
  • 31. Das eigene Liebe / vñ eigene Ehre / auch die hoͤchſten vnd ſchoͤn ten Gaben des Men - ſchen verderben vnd zu nicht machen. 319
  • 32. Groſſe Gaben beweiſen keinen Chriſtẽ vnd Gott wolgefaͤlligen Menſchen / ſondern der Glaube / ſo durch die Liebe thaͤtig iſt. 330
  • 33. Gott ſiehet die Wercke / oder die perſon nicht an / ſondern wie eines jeden Hertz iſt / ſo werden die Wercke geurtheilet. 335
  • 34. Ein Menſch kan zu ſeiner Seligkeit nichts thun / Gott thuts alles allein / wenn ſich der Menſch nur Gott durch ſeine Gna - de leſt / vnd mit jhm handeln leſſet / als ein Artzt mit dem Krancken: Vnd wie ohne Buſſe / Chriſti Verdienſt nicht zugerechnet werde. 341
  • 35. Ohn ein heilig Chriſtlich Leben iſt al - le Weißheit / Kunſt vnd Erkentnis vm̃ſonſt /B vja dieRegiſter. ja die Wiſſenſchafft der gantzen heiligen Schrifft vergeblich. 355
  • 36. Wer in Chriſto nicht lebet / ſondern ſein Hertz an die Welt henget / der hat nur den euſſerlichen Buchſtaben der Schrifft / aber er ſchmecket nicht die Krafft vnd verborgenes Manna. 362
  • 37. Wer Chriſto in ſeinem Leben nicht fol - get / der kan von der Blindheit ſeines Her - tzens nicht erloͤſet werden / ſondern muß in der ewigen Finſternis bleiben? Kan auch Chriſtum nit recht erkennen / noch Gemein - ſchafft vnd Theil an jhm haben / noch ware Buſſe thun. 382
  • 38. Das vnchriſtliche Leben iſt eine Vrſach falſcher verfuͤhriſcher Lehre / Verſtockung vnd verblendung. 403
  • 39. Daß die Lauterkeit der Lere / vnnd des goͤttlichen Worts / nicht allein mit diſputi - ren vnd vielen Buͤchern erhalten werde / ſon - dern auch mit warer Buſſe vnd heiligem Leben. 414
  • 40. Etliche ſchoͤne Regeln eines Chriſtli - chen Sottſeligen Lebens. 429
  • 41. Das gantze Chriſtenthumb ſtehet in der Widerauffrichtung des Bildes Gottes im Menſchen / vnd in Außtilgung des Bil - des des Sathaus. 446
  • 42. Wie man ſich auch fuͤr geiſtlicher Hof - fart huͤten ſol / vnd wie keine warhafftige geiſtliche Gaben ohne Gebet koͤnnen er - langet werden. 478
Das
1

Das erſte Buch Von wahrem Chriſtenthumb / Heilſamer Vuſſe / Hertz - licher Rewe vnnd Leid vber die Suͤnde / wahrem Glauben / heiligem Leben vnd Wandel der rechten wahren Chriſten.

Das I. Capittel. Was das Bilde Gottes im Men - ſchen ſey.

(Epheſ. 4. )Ernewert euch im Geiſt ewers Gemuͤts / vnd ziehet den newen Menſchen an / der nach GOtt geſchaffen iſt in rechtſchaffener Gerechtigkeit vnd Heiligkeit.

DAs Bilde GOttes im Men - ſchen iſt die Gleichfoͤrmigkeit der Menſchlichẽ Seelen / ver -ſtandes /2Vom Bilde Gottesſtandes / Geiſtes / Gemuͤts / willens vñ aller innerlichen vñ euſſerlichen Leibes vnd Seelen Kraͤffte mit Gott vnd der heiligen Dreyfaltigkeit / vnd mit allen jhren Goͤttlichen Arten / Tugenden / Willen vñ Eigenſchafften. Denn alſo laut der Rahtſchlag der heiligen Drey - faltigkeit / Gen. 1. Laſſet vns Menſchen machen / ein Bild / das vns gleich ſey / der da herrſche vber die Fiſch im Meer / vber Voͤgel vnter dem Himmel / vber alles Viehe / vnd vber die gantze Erde.

Der mẽſch ein Bilde der heili - gen Drey faltigkeit.

Daraus erſcheinet / daß ſich die hei - lige Dreyfaltigkeit in Menſchen abge - bildet / auff daß in ſeiner Seelen Ver - ſtand / Willen vnd Hertzen / ja in dem gantzen Leben vnd Wandel des Men - ſchen eitel goͤttliche Heiligkeit / Gerech - tigkeit / Guͤtigkeit erſcheinen vñ leuch - ten ſolte: Gleich wie in den heiligen Engeln eitel goͤttliche Liebe / Kraͤffte vnd Reinigkeit iſt: Daran wolte Gott ſeine Luſt vnd Wolgefallen haben / als an ſeinen Kindern. Denn gleich wieein3in Menſchen. ein Vater ſich ſelbſt ſihet vnd erfrewet in ſeinem Kinde: Alſo hat auch Gott am Menſchen ſeine Luſt gehabt / Pro - uerb. 8. Denn ob wol Gott der Herr ſeinen wolgefallen gehabt an allen ſei - nen Wercken / ſo hat er doch ſonderlich ſeine Luſt an dem Menſchen geſehen / weil in demſelben ſein Bilde in hoͤchſterBilde der H. Drey - faltigkeit in der See len. vnſchuld vnd Klarheit geleuchtet. Da - rumb ſeyn drey vorneme Kraͤffte der Menſchlichen Seelen von Gott einge - ſchaffen: Der Verſtand / der wille vnd das Gedechtniß. Dieſelbe zeuget vndJoh. 6. Joh. 14. bewart / heiliget vnd erleuchtet die hei - lige Dreyfaltigkeit / vnd ſchmuͤcket vnd zieret dieſelbe mit jhren Gnaden / wer - cken vnd Gaben.

Dann ein Vilde iſt / darinn man eine gleiche Form vnd Geſtalt ſihet / vnd kan kein Bildnis ſeyn / ſie mus ein Gleichnis haben deſſen / nach dem ſie gebildet iſt / Als in einem Spiegel kan kein Bild erſcheinen / es empfahe denn die Gleichnis / oder gleiche Geſtalt voneinem4Vom Bilde Gotteseinem andern / vnd je heller Spiegel / je reiner dz Bild erſcheinet: Alſo je reiner vnd lauterer die Menſchliche Seele / je klaͤrer Gottes Bild darein leuchtet.

Zu dem Ende hat GOtt den Men - ſchen rein / lauter / vnbefleckt erſchaffen mit allen Leibs vnd Seelen Kraͤfften /Worin dz Bilde Gottes ſtehe. daß man GOttes Bilde in jhm ſehen ſolte / Nicht zwar als einen todten Schatten im Spiegel / ſondern als ein warhafftiges lebendiges Contrafeyt vñ Gleichnis des vnſichtbarẽ Gottes / vnd ſeiner vberaus ſchoͤnen / innerlichẽ / verborgenen Geſtalt / dz iſt / Ein Bilde ſeiner goͤttlichen Weisheit im Ver - ſtande des Menſchen / ein Bilde ſeiner Guͤtigkeit / Langmut / Sanffmut / Ge - dult in dem Gemuͤt des Menſchen / Ein Bilde ſeiner Liebe vnnd Barm - hertzigkeit in den Affecten des Her - tzens des Menſchen / Ein Bilde ſeiner Gerechtigkeit / Heiligkeit / Lauterkeit vnnd Reinigkeit in dem Willen des Menſchen / Ein Bilde der Freundlig - keit / Holdſeligkeit / Liebligkeit vnndWar -5im MenſchenWarheit in allen Geberden vnd wor - ten des Menſchen / Ein Bilde der All - macht in der gegebenẽ Herrſchafft vber den gantzen Erdbodem / Vnnd in der Frucht vber alle Thier / Ein Bilde der Ewigkeit in der Vnſterbligkeit des Menſchen.

Daraus ſolte der Menſch Gott ſei -Rechter gebrauch des Bil - des Got - tes. nen Schoͤpffer / vnd ſich ſelbſt erkennẽ: Den Schoͤpffer alſo / daß Gott alles were / vnd das einige hoͤchſte Weſen / von welchem alles ſein Weſẽ hat / auch daß Gott alles weſentlich were / deſſen Bilde der Menſch truͤge / denn weil der Menſch ein Bilde der Guͤtigkeit Got - tes iſt / ſo muß Gott weſentlich das hoͤchſte / Gut vnd alles Gut ſeyn / ErGott iſt alles Gut weſentlich mus weſentlich die Liebe ſeyn / er muß weſentlich das Leben ſeyn / er mus we - ſentlich heilig ſeyn. Darumb auch Got alle Ehr / Lob / Ruhm / Preis / Herrlig -Werumb Gott alle Ehre ge - buͤhret. keit / Stercke / Gewalt vnd Krafft ge - buͤhret / Vnd keiner Creatur / ſondern allein Gott / der diß alles ſelbſt weſent - lich iſt. Darumb als Matt. 19. einer dẽHErrn6Vom Bilde GottesHerrn fragte / der jhnen fuͤr einen pur lauter Menſchen anſahe / guter Mei - ſter / was mus ich thun / daß ich das ewige Leben ererbe / Antwortet der Herr: Was heiſſeſtu mich Gut? Nie - mand iſt gut / denn der einige GOtt / das iſt / Gott iſt allein weſentlich gut vnd ohne vnd auſſer jhn kan kein wah - res Gut ſeyn.

Sich ſelbſt ſolte aber der Menſch aus ſeinem Bildnis alſo erkennen / daß ein Vnterſcheid ſeyn ſolte zwiſchẽ dem Menſchen vnd zwiſchen GOtt. Der Menſch ſolte nicht Gott ſelbſt ſeyn / ſondern Gottes Bilde / Gleichnis / Contrafect / vnd Abdruck / in welchem allein ſich Gott wolte ſehen laſſen alſo /In dem Bilde Gottes ſol nichts lenchten den Gott. daß nichts anders in dem Menſchen ſolte leben / leuchten / wircken / woͤllen / lieben / gedencken / reden / frewen / denn Gott ſelbſt. Denn wo etwas anders im Menſchen ſolte geſpuͤret werden / das nicht Gott ſelbſt wircket vnd thut / ſo koͤnte der Menſch nit Gottes Bildeſeyn /7in Menſchen. vnd ſich in jhm ſehen leſt. So gar ſolt der Menſch Gott ergeben vnd gelaſſen ſeyn welches iſt ein bloß lauter LeidenGott ſoll alles im Menſchen ſeyn. des goͤttlichen willens / das man Gott alles in jhm leſt wircken / vnd ſeinem ei - genen Willen abſagt. Vnd das heiſt Gott gantz gelaſſen ſeyn. Nemlich / wenn der Menſch ein bloß lauter / rei - nes / heiliges Werckzeug Gottes / vnd ſeines heiligen Willns iſt / vnnd aller Goͤttlichen Wercke / Alſo / daß der Menſch ſeinen eigenen Willen nicht thue / ſondern ſeyn Wille ſolte Gottes Wille ſeyn / daß der Menſch keine eige - ne Liebe habe / Gott ſolle ſeine Liebe ſeyn / keine eigene Ehre / Gott ſolle ſeine Ehre ſein / er ſolte keinẽ eigenen Reich - thumb haben / Gott ſolte ſein Beſitz vnd Reichthumb ſeyn ohn alle Crea - tur vnd Weltlieb. Alſo ſolte nichts in jhm ſeyn / leben vnnd wircken / denn GOtt lauter allein / vnnd das iſt die hoͤchſte Vnſchuld / Reinigkeit vnnd Heiligkeit des Menſchen. Denn dieſes iſt je die hoͤchſte Vnſchuld /Erſter Theil CWenn8Vom Bilde GottesWenn der Menſch nicht ſeinẽ eigenẽ Willen vollbringet / ſondern leſt Gott alles in jhm wircken vnd vollbringen /Hoͤchſte vnſchuld vñ einfalt. Ja dz iſt die hoͤchſte Einfalt / wie man ſihet an einem einfeltigen Kinde / in dẽ kein eigene ehre / kein eigene Liebe iſt.

Alſo ſolt Gott den Menſchen gar beſitzen von innen vnd auſſen / wie wir deſſen ein Exempel haben an vnſermChriſtus ein voll - kommen Bilde Gottes. HErrn Jeſu Chriſto / welcher ein vol - kommen Bilde Gottes iſt / in dem er ſeinen Willen gantz auffgeopffert ſei - nem himliſchen Vater in hoͤchſtem Gehorſam / Demut vnd Sanfftmut ohne alle eigene Ehre / ohne alle eigene Liebe / ohne alle eigenẽ Nutz vnd Beſitz / ohn alle eigene Luſt vñ Freude / ſondern er hat Gott alles in jm vnnd durch jhn laſſen wircken / was er gedacht / geredt vnnd gthan. Summa / ſein Wille iſt Gottes Wille vnd Wolgefallen / dar -Math. 3. umb Gott vom Himmel geruffeni Diß iſt mein lieber Sohn / an dem ich Wol - gefallen habe. Alſo iſt er dz rechte Bil - de Gottes / aus welchem nichts andersleuchtet9im Menſchen. leuchtet denn allein das / was GOtt ſelbſt iſt / nemlich eitel Liebe vnd Barm - hartzigkeit / Langmut / Gedult / Sanfft mut / Freundligkeit / Heiligkeit / Troſt / Leben vnnd Seligkeit. Alſo wolte derGott in Chriſto offenbar. vnſichtbare Gott in Chriſto ſichtbar vnd offenbar werden / vnd ſich in jhm den Menſchen zu erkennen geben / wie - wol er auff eine viel hoͤhere Weiſe Got - tes Bilde iſt nach ſeiner Gottheit / nemlich Gott ſelbſt / vnd Gottes we - ſentliches Ebenbilde / vñ der Glantz ſei -Hebr. I. ner Herrligkeit / daruon wir auff diß - mal nicht redẽ / ſondern allein wie er in ſeiner heiligen Menſcheit gewandelt vnd gelebet hat.

Eine ſolche heilige Vnſchuld iſt das Bilde Gottes in Adam auch geweſt /Bilde Gottes wird in Demut bewaret. vnd daſſelbe ſolte er in wahrer Demut vnd Gehorſam bewaret vnd erkandt haben / dz er nicht ſelbſt das hoͤchſte gut were / ſondern das er nur des hoͤchſten Guts Bilde were / das ſich in jhm hette abgebildet. Da ers aber ſelbſt ſeynC ijwolte10Vom Bilde Gotteswolte / das iſt / GOtt ſelbſt / da viel er in die grewlichſte vnnd ſchrecklichſte Suͤnde.

Fuͤrs ander ſolte der Menſch ſich alſo ſelbſt erkennen / daß er durch dis Bildnis Gottes fehig were worden der goͤttlichen / lieblichen holdſeligen Liebe / Freude / Friede / Lebens / Ruhe / Staͤrcke / Krafft / Liechtes / auff das Gott alles allein im Menſchen were / allein in jhm lebete vnd wirckete. Vnd alſo in dem Menſchen nicht were ei - gen Wille / eigene Liebe / eigene Ehre vnd Ruhm / ſondern daß Gott allein des Menſchen Ruhm vnd Ehre were / vnd allein den Preiß behielte. Denn ein gleiches iſt ſeines gleichen fehig / vnd keines widerwertigen. Ein glei - ches frewet ſich je ſeines gleichen / vnd hat ſeine Luſt in demſelbigen / Alſo wolte ſich GOtt gantz ausgieſſen in dem Menſchen mit aller ſeiner Guͤtig - keit / ſo ein gantz mittheilendes Gut iſt GOtt.

Vnnd11im Menſchen.

Vnd letzlich ſolte der Menſch aus dem Bilde Gottes ſich alſo erkennen / daß er dadurch mit Gott vereiniget were / vnd das in dieſer Vereinigung des Menſen hoͤchſte Ruhe / Friede / Freude / Leben vnd Seligkeit ſtuͤnde. Wie im Gegentheil des Menſchen hoͤchſte Vnruhe / vnd Vnſeligkeit nir - gend anders her entſtehen kan / Denn wenn er wider Gottes Bilde handelt / ſich von Gott abwendet / vnd des hoͤch - ſten ewigen Gutes verluſtig wird.

Das II Capitel. Was der Fall Adams ſey.

(Rom. 5. )Wie durch eines Men - ſchen Vngehorſam vicl Suͤn - der worden ſeyn / Alſo ſindt durch eines Menſchen Ge - horſam viel gerecht worden. C iijDE -12Vom Fall Adams.

DEr Fall Adams iſt der Vnge - horſam wider Gott / dadurch ſich der Menſch von Gott ab - gewendet hat zu jhm ſelbſt / vnd Gott die Ehre geraubet / in dem er ſelbſt Gott ſeyn wollen: dadurch er des heiligen Bildes Gottes beraubet / nemlich der vollkommenen Erbgerechtigkeit vnnd Heiligkeit: Im Verſtande verblendet: im Willen vngehorſam vnd Gott wi - derſpenſtig / in allen Kraͤfften des Her - tzens verkehret vnd Gottes Feind wor - den / welcher Grewel auff alle Men - ſchen durch fleiſchliche Geburt fortge - pflantzet vnd geerbet wird / dadurch der Menſch geiſtlich todt vnd geſtorben / ein Kind des Zorns vnd Verdamnis iſt / wo er nicht durch Chirſtum erloͤſet wird. Darumb ſoltu einfeltiger Chriſt den Fall Adams fuͤr keine ſchlechte vñ geringe Suͤnde achten / als were derſel - be nur ein bloſſer Apffelbiß / ſondern dz iſt ſein Fall geweſen / das er Gott ſelbſt hat ſeyn wollen / vnd das war auch desSathans13Vom Fall Adams. Sathans Fall / das iſt aber die ſchrech -Adams Fall die ſchrecklich ſte Suͤnde. lichſte vnd abſchewlichſte Suͤnde.

Dieſer Fall iſt erſtlich in ſeinem Hertzen geſchehen / darnach durch den Apffelbiß heraus gebrochen / vñ offen - bar worden / diß kan man etlicher maſ - ſen abnemen in dem Fall vnd Suͤnde2 Sam. 15 Abſolons. Dann erſtlich war derſelbe eines Koͤniges Sohn / 2. der ſchoͤnſte Menſch / an welchem vom Haupt biß auff die Fusſohlẽ kein Feil war / 3. war er ſeinem Vater ein ſehr lieber Sohn / wie man an dẽ Threnen Dauids ſihet. An dieſer Herrligkeit wolte ſich Abſo - lon nicht gnuͤgen laſſen / ſondern wolte ſelbſt Koͤnig ſeyn / vnd raubet jhm die koͤnigliche Ehre. Da er nun das in ſein Hertz nam / da ward er ſeines Vatern abgeſagter Feind / vñ trachtet jhm nach dem Leben. Alſo war Adam / 1. GottesLuc. 3. Sohn / 2. der ſchoͤnſte vnter allen Cre - aturen / alſo das kein Feil an jm war an Leib vnd Seel / vñ war auch fuͤrs dritte Gott ein liebes Kind / als er ſich nun an deiſer Herrligkeit nit wolte begnuͤgenlaſſen /14Vom Fall Adams. laſſen / ſondern Gott ſelbſt ſeyn / da ward ein Feind Gottes / vñ weñs muͤg - lich geweſt / hette er Gott vertilget.

Wie koͤnte nun eine greulichere vnd abſchewlichere / Suͤnde ſeyn? Daraus dieſer Grewel erfolget / Erſtlich / dz derGleiche Suͤnde Adams vnd des Sathans. Menſch dem Sathan gleich worden in ſeinem Hertzen / denn ſie haben beyde gleiche Suͤnde begangen. Vnd iſt dem - nach der Menſch auß Gottes Bilde des Sathans Bilde / vnd ſeyn Werck - zeug worden / fehig aller Bosheit des Sathans darnach iſt der Menſch aus einem goͤttlichen / geiſtlichen / himliſchẽBilde des Sathans. Bilde gar jrrdiſch / fleiſchlich / viehiſch / vnnd thieriſch worden. Denn erſtlich / damitd Sathan ſein teuffeliſch Bild - nis im Menſchen pflantzete / ſo hat er durch ſeine liſtige / gifftige / verfuͤhriſche Wort vnd Betrug / ſeinen Schlangẽ - ſamen in den Menſchen geſeet / welcher heiſt eigene Ehre / eigene Liebe / eigener Wille / vnd Gott ſelbſt ſeyn.

Daher die Schrifft alle die / ſo in ei - gener Liebe erſoffen ſeyn / nennet Ot -ternge -15Vom Fall Adams. terngezichte / Matt. 3. vnnd Schlan -Math. 3. genſamen / die des Teuffels Art an ſich haben / Geneſ. 3. Ich wil FeindſchafftGeneſ. 3. ſetzen / zwiſchen der Schlangen Sa - men / vnd des Weibes Samen.

Aus dieſem Schlangenſamen kan nun nichts anders wachſen / denn eine ſolche grewliche Frucht / die da heiſt des Sathans Bilde / Kinder Belial / des Teuffels Kinder / Joh. 8. Denn gleichGleichnis wie ein natuͤrlicher Same verborge - ner weiſe in ſich begreiffet des gantzen Gewaͤchſes Art vnnd Eigenſchafft / ſeine Groͤſſe / Dicke / Lenge / vnd Brei - te / ſeine Zweige / Bletter / Bluͤte vnnd Fruͤchte / daß man ſich billich ver - wundern muß / daß in einem kleinen Saͤmlein ſo ein groſſer Baum verbor - gen ligt / vnd ſo viel vnzehlige Fruͤch - te: Alſo iſt in dem gifftigen boͤſen Schlangenſamen / in dem Vngehor - ſam vnd eigener Liebe des Adams / ſo auff alle Nachkommen durch fleiſch -Gifftiger Baum. liche Geburt / geerbet / ſo ein gifftiger Baum verborgen / vnnd ſo vnzehligeC vBoͤſe16Vom Fall Adams. boͤſe Fruͤchte / daß in jhnen das gantze Bilde des Sathans mit aller boͤſen Vnart vnd Boͤßheit erſcheinet.

Dann ſehet ein klines Kind an / wie ſich von Mutterleibe an die boͤſe vnart in jhm reget / ſonderlich aber der eigeneFruͤchte des giffti - gen Baums. Wille vnd Vngehorſam / vnd wenn es ein wenig erwechſet / bricht herfuͤr - die angeborne eigene Liebe / eigene Eh - re / eigen Lob / eigene Rache / Luͤgẽ vñ dergleichen / Bald bricht herfuͤr Hof - fart / Stoltz / Hochmut / Gottesleſte - rung / Fluchẽ / Schweren / boͤſes wuͤn - ſchen / Liegen vñ Triegẽ / Verachtung Gottes vñ ſeines Worts / verachtung der Eltern / Obrigkeit / es bricht herfuͤr Zorn / Zanck / Haß / neid / Feindſchafft / Rachgierigkeit / Blutvergieſſen / vnd alle Grewel / ſonderlich weñ die euſſer -Ergernis erwecket die Vnart im Men - ſchen. lichen Ergernuͤſſen dazu kommen / welche die Adamiſche fleiſchliche Vn - art im Menſchen erwecken. Deñ dar - durch gehet herfuͤr die vnzucht Vnrei - nigkeit / huriſche Phantaſeyen / vñ ehe - brecheriſche Gedancken / vnzuͤchtigeReden17Vom Fall Adams. Reden / ſchendliche Geberde / Wort vñ Wercke / die Luſt zu Vollerey / Vber - fluß in Speiſe vnd Ttranck / in Klei - dung / Leichtfertigkeit / Vppigkeit / Freſſen vnd Sauffen / Es gehet herfuͤr Geitz / Wucher / Betrug / Vortheil / Rencke / Liſt / Spitzfindigkeit / vnnd in Summa alle Schande vnd Laſter / al - le Buͤberey vnnd Schalckheit auff ſo vielfaltige vnerhoͤrte mancherley wei - ſe / daß es nicht muͤglich zu zehlen / wieJerein. 17. im Jeremia am 17. ſtehet: Wer kan des Menſchen Hertz ergruͤnden / ja das noch mehr iſt / ſo die ketzeriſchẽ verfuͤh - riſchen Geiſter darzu kommen / ſo ge - het heraus Verleugnung Gottes / Ab -Ergernis in der Lehr. goͤtterey / VerfolgungderWarheit / die Suͤnde in den H. Geiſt / die Verfaͤl - ſchung des Glaubens / Verkehrung der Schrifft / vnnd alle Verfuͤhrung auffs aller ſchrecklichſte / Das ſind alle die Fruͤchte des Schlangenſamens im Menſchen / vnd dz Bild des Sathans.

Wer hette nun anfaͤnglich gemei - net / daß in einem ſo kleinen / ſchwachẽbloͤden18Vom Fall Adams. bloͤden Kinde ein ſolcher Wuſt aller Laſter / ein ſo verzweiffelt boͤſes Hertz /Verbor - gene Boß - heit im Menſchẽ. ein ſolcher grewlicher Wurm vnd Baſi - liſcus verborgen gelegen were / wenn es der Menſch nit ſelbſt herfuͤr druͤckte mit ſeinem Leben vnd Wandel / mit ſei - nem boͤſen tichten vnnd trachten von Jugend auff / Gen. 6.

Las mir das nun eine boͤſe Wurtzel ſeyn / daraus ſo ein gifftiger Baum waͤchſet / einen boͤſen Schlangenſamẽ /Warumb Ergerniß ſo hart verboten. Matt. 18. vñ Ottergezichte / daraus ſo ein ſcheuß - lich Bild herfuͤr koͤmpt. Denn das waͤchſet ja alles von innen heraus / vnd wird mehrertheils durch die euſſerliche Ergernis erwecket. Darumb der Herꝛ Chriſtus die Ergernis der Jugend hal - ben ſo hart verbotten / dieweil der Schlangenſamen in den Kindern ver - borgen iſt / in welchen ſo viel Schand vnd Laſter heimlich verſteckt ligen vnd ruhen / als ein Gifft im Wurm.

Darumb O Menſch / lerne den Fall Adæ / vnd die Erbſuͤnde recht verſtehẽ / denn die Verderbung iſt nicht außzu -reden /19Vom Fall Adams. reden vnnd außzugruͤnden. Lerne dichErbſuͤnde nit außzu - reden. ſelbſt erkennen / was du durch den Fall Adæ worden biſt: Aus Gottes Bilde des Sathans Bild / in welchem alle Vnarten / Eigenſchafften / vnd Boß - heiten des Sathans begriffen ſeyn. Gleich wie in Gottes Bilde alle Artẽ / Eigenſchafften vnd Tugenden Gottes begriffen waren / vñ gleich wie fuͤr dem Fall der Menſch trug das Bilde desHimliſch vnnd Irr - diſch Bild Himliſchen / das iſt / er war gantz him - liſch / geiſtlich / goͤttlich / vnd engeliſch: ſo tregt er nun nach dem Fall das Bilde des jrrdiſchen / das iſt / er iſt inwendig gantz Irrdiſch / Fleiſchlich vnnd Be - ſtialiſch worden.

Denn ſihe / iſt dein Zorn vnd Grim - migkeit nit Loͤwen Art? Iſt dein NeidThieri - ſche Men - ſchen. vnd vnerſetlicher Geitz nicht Hundes vnd Wolffes Art? Iſt deine Vnreinig - keit / Vnmeſſigkeit nicht ſaͤwiſche Art? Ja du wirſt in dir ſelbſt finden eine gantze Welt voller boͤſer Thier / auch in dem kleinen Glied deiner Zungen al - lein / wie S. Jacobus ſagt / einẽ gantzenPful20Vom Fall Adams. Pful voller boͤſen Wuͤrm / eine Behau - ſung voller vnreinen Geiſter / vñ vollerJacob. 3. Eſai. 3. Apoc. 18. vnreinen Voͤgel / wie Eſaias vnd Apo - calypſis zeugẽ / daß auch offt kein wild Thier ſo grimmig iſt als ein Menſch / kein Hund ſo neidiſch / kein Wolff ſo reiſſend vñ geitzig / kein Fuchs ſo liſtig / kein Baſiliſck ſo gifftig / keine Sawe ſo vnfletig. Vmb welcher thieriſchen vndMatth. 3. Marc. 7. viehiſchen Vnart willen der Herr Chriſtus He[ro]dem einẽ Fuchs nennet / die vnreinen Hunde vnd Saͤwe / wel - chen man das Heiligthumb nicht ge - ben / noch die Perlen fuͤrwerffen ſoll.

Wenn ſich nun der Menſch von ſol - cher Vnart nit bekeret / vnd in Chriſto nit ernewert wird / ſondern alſo ſtirbt / ſo bleibet er ewiglich einer ſolchẽ hoch - muͤtigen / ſtoltzen / hoffertigen / Satha - niſchen Art ein grimmiger Loͤwe / ein neidiſcher Hund / ein reiſſender Wolff / ein gifftiger Wurm vnd Baſiliſck / kan auch nim̃ermehr von ſolchem Grewel erlediget werdẽ / ſondern muß des Sa - thans Bilde / ewig tragen vnd behaltenin der21Von Adams Fall. in der ewigẽ Finſterniß / zum Zeugniß /Erinne - rũg hoch - noͤtig. daß er nit in Chriſto gelebet / vnd nach dem Bilde Gottes ernewert worden / wie die Offenbarung Johannis ſagt: Drauſſen ſind die Hunde / die Abgoͤt - tiſchen vnd Zauberer / vnnd alle die daApoc. 21. lieb haben vnd thun die Luͤgen / ꝛc.

Das III. Capittel. Wie der Menſch in Chriſto zum ewi - gen Leben wieder ernewert wird.

Gal. 6. In Chriſto Jeſu gilt / we - der Beſchneidung noch Vor - haut / ſondern eine newe Cre - atur. ()

DIe newe Geburt iſt ein Werck Gottes des heiligen Geiſtes / dadurch ein Menſch auseinem Kinde des Zorns vnd Verdamnis / ein Kind der Gnaden vnd Seligkeit wird / Aus einem Suͤnder ein Gerechter / durch den Glauben / Wort vnnd Sa -crament /22Von der Ernewerungcrament / dadurch auch vnſer Hertz / Sinn vnd Gemuͤt / Verſtand / Wil - len vnd Affecten ernewert / erleuchtet / geheiliget werden in vnd nach Chriſto Jeſu zu einer newen Creatur. Denn die newe Geburt begreifft zwey Heupt - wolthaten in ſich / die Rechtfertigung / vnd die Heiligung / oder Ernewerung / Tito am 3.

Zweyer - ley Ge - burt.

Es iſt zweyerley Geburt eines Chri - ſtenmenſchen / die alte fleiſchliche / ſuͤnd - liche / verdampte vnnd verfluchte Ge - burt / ſo aus Adain gehet / dadurch der Schlangenſamen des Sathans Bil - de / vnd die jrrdiſche / viehiſche Art des Menſchen fortgepflantzet wird / vnnd die geiſtliche / heilige / ſelige / gebenedey - te newe Geburt / ſo aus Chriſto gehet / dadurch der Same Gottes / das Bil - de Gottes / vnd der himmeliſche / gott - foͤrmige Menſch geiſtlicher weiſe wird fortgepflantzet.

Alſo hat jeder Chriſtenmenſch zwey - erley Geburts Linien in jm die fleiſch - liche lineam Adami, vnd die geiſtlichelineam23in Chriſto. lineam Chriſti, ſo aus dem Glauben gehet. Deñ gleich wie Adams alte Ge - burt in vns iſt: Alſo muß Chriſti newe Geburt auch in vns ſeyn. Vnnd das heiſt der alte vnd newe Menſch / die alte vnd newe Geburt / drr alte vnnd neweAlte vnd newe Ge - burt. Adam / dz jrrdiſche vñ himliſche Bild / das alte vnd newe Jeruſalem / Fleiſch vnd Geiſt / Adam vñ Chriſtus in vns / der inwendige vnd euſſerliche Menſch.

Nun mercket / wie wir deñ aus Chri - ſto new geboren werden. Gleich wie die alte Geburt fleiſchlicher Weiſe aus Adam fortgepflantzet wird: Alſo die newe Geburt geiſtlicher weiſe aus Chriſto / vñ dz geſchicht durchs WortSame der newen Ge burt. Gottes. Dz Wort Gottes iſt der ſame der newen Geburt / 1. Pet. 1. Ihr ſeyd wiederumb geboren / nit aus vergeng - lichem / ſondern aus vuuergenglichem Samen / nemlich / aus dem lebendigẽ Wort Gottes / dz da ewiglich bleibet / vñ Jacobi am 1. Er hat vns gezeuget durchs Wort der Warheit / dz wir wer - dẽ Erſtling ſeiner Creaturẽ. Dis WortErſter Theil Derwecket24Von der Ernewerungerwecket den Glauben / vnd der Glaub[e]helt ſich an diß Wort / vnd ergreifft i[m]Wort Jeſum Chriſtum ſampt dem he[i]ligen Geiſt. Vnd durch des heilige[s]Geiſtes Krafft vnd Wirckung wird d[er]Mittel der newẽ Gebnrt.Menſch new geboren: So geſchicht n[un]die newe Geburt / Erſtlich / Durch de[n]heiligen Geiſt / Joh. 3. vnd das nenne[t]der Herr aus dem Geiſt geboren wer[-]den. Zum andern / Durch den Glaub[en]1. Joh. 5. Wer da gleubet / daß Jeſu[s]ſey Chriſtus / der iſt aus Gott geboren[.]Zum dritten / Durch die H. Tauffe / Joh. 3. Es ſey deñ / daß jemand new ge[-]borẽ werde aus dem Waſſer vñ Geiſt / davon mercket folgenden Bericht.

Aus Adam / vnd von Adam hat der Menſch ererbet das hoͤchſte Vbel / als Suͤnde / Fluch / Zorn / Todt / Teuffel /Fruͤchte der alten vnd newẽ Geburt. Hell vnnd Verdamnis / Das ſind di[e]Fruͤchte der alten Geburt: Aus Chriſto aber erbet der Menſch das hoͤchſte Gu[t]durch den Glauben / nemlich Gerech - tigkeit / Gnade / Segen / Leben / vnd die ewige Seligkeit. Aus Adam hat derMenſch25in Chriſto. Menſch einen fleiſchlichen Geiſt / vnd des boͤſen Geiſtes Herrſchafft vnd Ty - ranney ererbet: Aus Chriſto aber den heiligen Geiſt mit ſeinen Gaben vnndWaſerley Geiſt / ſol - cherley Kmd vnd Geburt. troͤſtlicher Regierung. Denn waſerley Geiſt der Menſch hat / ſolcherley Ge - burt / Art vnnd Eigenſchafft hat er an ſich / Wie der Herr Luc. am 9. ſpricht: Wiſſet jr nicht / welches Geiſtes Kin - der jr ſeyd. Aus Adam hat der Menſch bekommen einen hoffertigen / ſtoltzen / hochmuͤtigẽ Geiſt / durch die fleiſchliche Geburt. Wil er nun new geboren vnd ernewert werdẽ / ſo muß er aus ChriſtoAus Chri - ſto ein newer Geiſt. Pſal. 51. einen demuͤtigen / nidrigen / einfeltigen Geiſt bekommen durch den Glauben. Aus Adam hat der Menſch geerbet ei - nen vngleubigen / gottesleſterlichẽ / vn - danckbaren Geiſt / aus Chriſto muß er einen gleubigen / Gott lobenvt / danck - baren Geiſt bekom̃en / durch den Glau - bẽ. Aus Adam hat der Menſch bekom - mẽ einen vngehorſamen / frechẽ / freue - len Geiſt: Aus Chriſto aber muß er be - kommen einen gehorſamen / ſittigen /D ijfreund -26Vom Ernewerugfreundlichen Geiſt durch den Glaubẽ. Aus Adam hat der Menſch geerbt ei - nen zornigen / feindſeligen / rachgieri - gen / moͤrdriſchen Geiſt durch die ſuͤnd - liche Geburt: Aus Chriſto mus er erer - ben einen liebreichen / ſanfftmuͤtigen / langmuͤtigen Geiſt durch den Glau - ben. Aus Adam hat der Menſch be - kommen einen geitzigen / vnbarmhertzi - gen / eigennuͤtzigen / rauberiſchen Geiſt:Wir habẽ Chriſti Sinn. 1. Cor. 2. Aus Chriſto mus er erlangen einen barmhertzigen / milden / huͤlffreichen Geiſt durch den Glauben. Aus Adam hat der Menſch ererbet einen vnzuͤchti - gen vnſaubern / vnmeſſigen Geiſt: Aus Chriſto einen reinen / keuſchen / meſſigẽ Geiſt. Aus Adam hat der Menſch ei - nen luͤgenhafften / falſchen / verleumb - diſchen Geiſt. Aus Chriſto einen war -Aus A - vam alles boͤſes / aus Chviſto alles gu - tes. hafftigen / auffrichtigen / beſtendigen Geiſt. Aus Adam hat der Menſch ei - nen viehiſchen / jrrdiſchen / threriſchen Geiſt erlanget: Aus Chriſto einen him - liſchen goͤttlichen Geiſt.

Darum̃ hat Chriſtus muͤſſen Menſchwerden27in Chriſto. werden / vnd vom H. Geiſt empfangẽ werdẽ / auch mit dem H. Geiſt ohn alleEſai. 11. maß geſalbet werden / Ja darum̃ ruhet auff jhm der Geiſt des Herrn / der Geiſt der Weißheit / des Verſtandes / des Rahts / der Staͤrcke / der Erkentnis der Furcht Gottes / auff das in jhm vñ durch jhn die menſchliche Natur ernew -Durch Chriſtum vnd ſeinen Geiſt die Menſch - liche Na - tur ernen - ert. ret werde / vnd wir in jhm / aus jhm / vñ durch jhn new geboren / vnd eine newe Creatur wuͤrden / auff daß wir von jm den Geiſt der Weißheit vnd des Ver - ſtandes ererbẽ fuͤr den Geiſt der Thor - heit / dẽ Geiſt der Erkentnis fuͤr vnſere angeborne Blindheit / Den Geiſt der Furcht Gottes fuͤr den Geiſt der Ver - achtung Gottes / das iſt das newe Lebẽ / vñ die Frucht der newẽ Geburt in vns.

Denn gleich wie wir in Adam alle geiſtlich geſtorben waren / vnnd nichts thun kondten denn tode Wercke / oderIn Chri - ſto werdẽ wir wider geiſtlich lebendig / durch den Glauben. Wercke des Todes vñ Finſternis: Alſo muͤſſen wir in Chriſto wieder lebendig werden / vñ thun die Wercke des Liech - tes. Vnd wie wir durch die fleiſchlicheD iijGeburt28Von der ErnewerungGeburt die Suͤnde aus Adam geerbet habẽ: Alſo muͤſſen wir durch den Glau - ben die Gerechtigkeit erbẽ aus Chriſto. Vnd gleich wie vns durchs Fleiſch A - dams Hoffart / Geitz / Wolluſt / vnnd alle Vnreinigkeit angeborẽ wird: Alſo muß durch den heiligen Geiſt vnſere Natur ernewert / gereiniget vnd gehei - liget werden / vnd alle Hoffart / Geitz / Wolluſt vnd Neid muß in vns ſterben / vnnd muͤſſen aus Chriſto einen newen Geiſt / ein new Hertz / Sinn vnd Mut bekommen / gleich wie wir aus Adam das ſuͤndliche Fleiſch empfangen habẽ.

Vnd wegen ſolcher newen Geburt wird Chriſtus vnſer ewiger Vater ge - nennet / Eſa. 9. Vnd alſo werden wir in Chriſto zum ewigen Leben wieder er -Alle gute Werck muͤſſen aus der newẽ Ge - burt gehẽ. newert / aus Chriſto new geboren / vnd in Chriſto eine newe Creatur. Vnd alle vnſere Wercke / die Gott gefallen ſol - len / muͤſſen aus der newen Geburt ge - hen / aus Chriſto / aus dem heiligen Geiſt / vnd aus dem Glauben.

Alſo leben wir in der newen Geburt /vnd29in Chriſto. vnd die newe Geburt in vns / alſo leben wir in Chriſto vnnd Chriſtus in vns / alſo leben wir im Geiſt / vnd der Geiſt Chriſti in vns. Dieſe newe Geburt vñBeſchrei - bung der newen ge - burt vnd derſelben Frucht / heiſſet bey S. P[a]ulo zum Epheſ. 4. ernewert werdẽ im Geiſt des Gemuͤts / den alten Menſchen aus ziehen / vnd den newen Menſchẽ anzie - hen / 2. Cor. 3. In das Ebenbild Got - tes verkleret werdẽ / Col. 3. Vernewert werdẽ zu der Erkentnis nachdem Ebẽ - bilde / der vns geſchaffẽ hat. Tit. 3. Die Wiedergeburt / vnd Ernewerung des heiligen Geiſtes Ezech. 11. Dz ſteinern Hertz wegnemen / vnnd ein fleiſchern Hertz geben / alſo entſpringet die neweNewe ge - burt aus Chrivo. geburt aus der Menſchwerdung Chri - ſti. Deñ weil der Menſch durch eigene Ehr / Hoffart vnd Vngeſoaſam ſich von Gott abgewand / vñ gefallen war / ſo kondte dieſer Fall nit gebeſſert noch gebuͤſſet werden / denn durch die aller tieffeſte Demut / Ernidrigung / vnd ge - horſam des Sohns Gottes. Vnd wie nun Chriſtus ſeinen demuͤtigen Wan -D ii jdel auff30Von der Ernewerung. del auff Erden vnter den MenſchenChriſtus mus in dir leben. gefuͤhret hat: Alſo mus er auch in dir leben / vnnd das Bilde GOttes in dir ernewern.

Da ſie nun an den liebreichen / de - muͤtigen / ſanfftmuͤtigen / gehorſamen geduͤltigen Chriſtum / vnnd lerne von jhm / das iſt / lebe in jhm / Sihe / war - umb hat Er alſo gelebet? Darumb daß Er ein Exempel / Spiegel / vnd Re -Chriſti Exẽpel iſt die Regel vnſers Le - bens. gel were deines Lebens. Er iſt die rechte Regula vitæ, nicht die Regel S. Be - nedicti iſt die Regel vnſers Lebẽs / oder ander Menſchen Thandt / ſondern Chriſti Exempel / darauff vns die Apo - ſtel weiſen. Zum andern / ſihe auch anFrucht des Todes vnd Auf - ferſte - hung Chriſti iſt das ne - we Leben. ſein Leiden / Tod / vnd Aufferſtehung / warumb hat Er ſolches alles gelitten? Warumb iſt Er geſtorben vnd auffer - ſtanden? Darumb daß du mit jhm der Suͤnden ſolt abſterben / vnnd in jhm / mit jhm / vnd durch jhn geiſtlich wieder aufferſtehen / vnd in einem newen Lebẽ wandeln. Beſihe hieuon ferner das 11. vnd 31. Capittel.

Derwe -31in Chriſto.

Derwegen quillet vnnd entſpringet aus dem Heilbrunnẽ des Leidens / To -Newe Ge - burt aus dem Tode vnd Auf - ferſtehũg Chriſti. des / vñ Aufferſtehung Chriſti die newe Geburt / 1. Petr. 1. Wir ſind new gebo - ren zu einer lebendigẽ Hoffnung durch die Aufferſtehung Chriſti. Darumb auch die heiligen Apoſtel allezeit zum Grunde der Buſſe / vnd des newen Le - bens legen das heilige Leiden Chriſti / Als zu den Roͤmer[n]am 6. vnd 1. Pet. 1. Fuͤhret einen guten Wandel / ſo lang jhr hie wandelt vnnd wiſſet / daß jhr nicht mit vergenglichem Silber vnnd Golde erloͤſet ſeyd / ſondern mit dem thewren Blut Chriſti / als eines vn - ſchuͤldigen / vnbeflecktẽ Laͤmbleins. DaVrſachen des newen Leben. ſetzet S. Petrus Vrſache / warumb wir einen heiligen Wandel fuͤhren ſol - len / Nemlich / darumb / weil wir ſo thewr erloͤſet. Vnd abermal ſpricht er 1. Petr. 2. Chriſtus hat vnſere Suͤnde ſelbſt geopfert an ſeinem Leibe auff dem Holtze / auff daß wir der Suͤnde abge - ſtorben / der Gerechtigkeit leben / durch welches Wunden jhr ſeyd heil worden. D vSo32Von der Ernewerung. So ſpricht auch der Herr Chriſtus / Luc. 24. Muſte nicht Chriſtus ſolches leiden / vnd am dritten Tage aufferſte - hen vnd predigen laſſen in ſeinem Na - men Buſſe vñ Vergebung der ſuͤnde. Da wir hoͤren / das der Herr ſelbſt bey - des das Predigampt vnd die Buſſe als lebendige Stroͤmlein herauß leitet auß dem Brunguell ſeines Leidẽs / Todes /Zwey - erley Frucht des Lei - dens Chri[ſt]i. vnd Aufferſtehung.

So iſt nun das Leiden Chriſti bey - des / nemlich eine Bezahlung aller vnſe - rer Suͤnde / vnd eine Ernewerung des Menſchen durch den Glauben / vñ bey - des gehoͤret zu des Menſchen wieder - bringung. Denn das iſt die Frucht vnd Krafft des Leidẽs Chriſti / welches auch in vns wircket die Ernewrung vnnd Heiligung / 1. Cor. 1. Vnd alſo koͤmpt die newe Geburt aus Chriſto in vns darzu auch das Mittelder HeiligenFrucht der Tauffe Tauffe geordnet iſt / Da wir in den tod Chriſti getaufft werden / daß wir mit Chriſto der Suͤnden ſollen abſterben durch Krafft ſeines Todes / vnd wie -derumb33in Chriſto. derumb von Suͤnden aufferſtehẽ durch Krafft ſeiner Aufferſtehung / ꝛc.

Das IV. Capitel. Was wahre Buſſe ſey / vnd das rechte Creutz vnd Joch Chriſti.

Galat. 5. Die Chriſtum ange - hoͤren / die creutzigen jr Fleiſch ſampt den Luͤſten vnnd Be - gierden. ()

DIe Buſſe oder ware Bekerung iſt ein Werck Gottes des heili - gen Geiſtes / dadurch der Men - ſche aus dem Geſetz ſeine Suͤnde erken - net / vnnd den Zorn Gottes wieder die Suͤnde / dadurch Rew vnd Leid im Hertzẽ erwecket wird: Aus dem Evan - gelio aber Gottes gnade erkennet / vnd durch den Glauben Vergebung der Suͤnde in Chriſto erlanget. DurchEigen - ſchafft der wahren Buſſe. dieſe Buſſe aber geſchicht die toͤdtung vnd creutzigung des Fleiſches vnd aller fleiſchlichen Luͤſte / vñ boͤſen Vnart desHertzens /34Von wahrer Buſſe. Hertzens / vñ die Lebendigmachung de[s]Geiſtes: Dadurch Adam vñ alles was ſeiner Vnart iſt / in vns ſtirbet durch wahre Rewe / vnd Chriſtus in vns lebe[t]durch den Glauben. Denn es henge[t]beydes an einander / auff die Toͤdtung des Fleiſches folget die Lebendigma - chung oder ernewerung des Geiſtes /Der newe Menſch kan nicht herfuͤr ko - mẽ / es wer de deñ der alte mẽſch getoͤdtet. vnnd die Ernewerung des Geiſtes / auff die toͤdtung des Fleiſches. Weñ de[r]alte Menſch getoͤdtet wird / ſo wird der newe lebendig / vnd wenn ď newe leben - dig wird / ſo wird ď alte getoͤdtet / 2. Cor. 4. Ob vnſer alter Menſch verweſet / ſ[o]wird doch der innerliche von tag zu ta - ge ernewert / Col. 3. Toͤdtet ewre Glie - der / ſo auff Erden ſeyn. Rom. 6. Haltet euch dafuͤr / daß jhr der Suͤnde geſtor - bẽ ſeyd / vnd lebt Gott in Chriſto Jeſu.

Durch wa re Buſſe wird das Fleiſch ge - toͤdtet.

Warumb aber die Toͤdtung des Fleiſches durch wahre Buſſe geſche - hen muͤſſe / ſo mercket alſo: Wir haben droben gehoͤret / daß der Menſch durch den Fall Adams gantz teuffliſch / jrr - diſch / fleiſchlich / gottlos / lieblos wor -den iſt35Von wahrer Buſſe. den iſt / das iſt / ohne GOtt vnd ohne Liebe / abgekehret von der Liebe Gottes zu der Liebe dieſer Welt / vnd fuͤrnem - lich zu ſich ſelbſt / vnd zu ſeiner eigẽ Lie - be / alſo / daß er in allen dingẽ ſich ſelbſt ſuchet / liebet / ehret / vnd allen Fleiß an - wendet / wie er hoch gehalten werde fuͤr jederman. Dz ruͤhret alles her aus dem Fall Adæ / da er Gott ſelbſt ſeyn wolte / welcher Grewel allen Menſchen ange - boren wird. Dieſe verkerte boͤſe Vnart des Menſchen muß nun geendert / oder gebeſſert werden durch wahre Buſſe / das iſt / durch ware goͤttliche Rewe / vnd durch den Glauben / ſo vergebung der Suͤnden ergreiffet / vnd durch die toͤd - tung deiner eigen Liebe / Hoffart / vnnd Wolluſt des Fleiſches: Denn BuſſeWahre buſſo muß aus dem Hertzen gehen / vñ endernden inwendi - gẽ Grund des Her - tzens. iſt nicht allein / wenn man den groben euſſerlichen Suͤnden vrlaub gi[b]t / vnd davon ableſſet / ſondern wenn man in ſich ſelbſt gehet / den innerſten Grund ſeines Hertzens endert vnd beſſert / vnd ſich abwendet von ſeiner eigenen Liebezu36Von wahrer Buſſe. zu Gottes Liebe / von der Welt vñ allen weltlichen Luͤſten zum geiſtlichen him - liſchen Leben / vnd durch den Glauben des Verdienſtes Chriſti theilhafftig wird.

Daraus folget / das der Menſch ſich ſelbſt mus verleugnen / Luc. 9. das iſt / ſeinen eigen Willen brechen / ſich Got -Wahre Buſſe bringet mit ſich das jhm ein mẽſch ſelbſt vnd der Welt abſtirbt. tes Willen gantz ergeben / ſich nit ſel - beſt lieben / vnd ſich fuͤr den vnwirdig - ſten / elendeſten Menſchen halten / abſa - gen alle dem / das er hat / Luc. 14. dz iſt die Welt verſchmehen mit jhrer Ehre vnd Herrligkeit ſeine eigene Weisheit vnd Vermuͤgẽ fuͤr nichts achten / ſich auff nichts / vñ auff keine Creatur ver -Sein eigẽ Leben haſſen. laſſen / ſondern bloß vnnd allein auff Gott: Sein eigen Leben haſſen / das iſt die fleiſchlichen Luͤſte vnd Begierde / als Hoffart / Geitz / Wolluſt / Zorn / Neid / toͤdten / vnd keinen Wolgefallen an jhm ſelbſt haben / vñ alle ſein Thun fuͤr nichts achten / ſich keines Dinges ruͤhhmẽ / ſeinẽ Kraͤfften nichts zuſchrei - ben / jhme ſelbſt nichts tribuiren, ſon -dern37Von wahrer Buſſe. dern jhm ſelber mißfallen / der WeltDer Welt abſteroen abſterben / das iſt / der Augen Luſt / des Fleiſches Luſt / dem hoffertigen Leben / der Welt gecreutziget werdẽ / Galat. 6. Das iſt die wahre Buſſe vñ Toͤdtung des Fleiches / ohne welche niemand kan Chriſti Juͤnger ſeyn. Das heiſt die wahre Bekerung von der Welt / von jhm ſelbſt / ja vom Teuffel zu Gott / ohne welche nie mand kan Vergebung der Suͤnden erlangen / noch ſelig wer - den / Actor. 26.

Dieſe Buſſe vnnd Bekerung iſt die Verleugnung ſein ſelbſt / vnnd iſt das rechte Creutz / vnd dzrechte Joch Chri -Das Joch Chr[iſti iſt]dem Fleiſch e[in]bitter Creutz / aber dem Geiſt ein ſanfftes Joch. ſti / dauon der Herr Matth am 11. ſpricht: Nemet auff euch mein Joch / vnd lernet von mir / denn ich bin ſanfft - muͤtig vnd von Hertzen demuͤtig / das iſt / durch hertzliche / gruͤndliche / inner - liche Demut ſoltu deine eigene Liebe[u] Ehre dempffen / vñ durch Sanffimut dein eigen Zorn vnd Rachgier. Wel - ches zwar dem newen Menſchen ein ſanfftes Joch vnd eine leichte Laſt iſt /aber38Von wahrer Buſſe. aber dem Fleiſch ein bitter Creutz. Galat. 5.Denn das heiſt ſein Fleiſch creutzigen ſampt den Luͤſten vnd Begierden.

Irren demnach die jenigen / die allein weltliche Truͤbſal vnd Wiederwertig - keiten fuͤr Creutz achten / vnnd wiſſenDas rech - te Creutz Chriſti. nicht / daß die innerliche Buſſe vnd toͤd - tung des Fleiſches das rechte Creutz ſey / dz wir taͤglich Chriſto ſollen nach - tragen / das iſt / in groſſer gedult vnſere Feinde tragen / in heiliger Sanfftmut vnſerer Leſterer / in hertzlicher Demut vnſerer Wiederwertigen Stoltz vnnd Vbermut vberwinden / wie vns Chri -Chriſti Exempel. ſtus iſt vorgangen mit groſſer Sanfft - mut / vnd hat der Welt / vnd alles / was in der Welt iſt / abgeſaget / vnd iſt der Welt abgeſtorben.

Diß Joch Chriſti iſt vnſer Creutz / daß wir tragen ſollen / vnd das heiſt derWas da beiſſe der Welt ab - ſterben. Welt abſterben. Welches nicht iſt in ein Kloſter lauffen / ſonderliche Orden vnd Regeln annemen / vnd doch gleich - wol in ſeinem Hertzen nichts denn eitel Welt bleiben / voll geiſtlicher Hoffart /Phari -39Von wahrer Buſſe. Phariſeiſcher verachtung anderer Leu - te / voll wolluſt / voll heimliches Haſſes vnnd Neides. Dann das abſterben der Welt iſt die Toͤdtung des Fleiſches / vñ alles des / darzu dz Fleiſch luſt hat / ſtetige inwendige verborgene Rew vnd Leid / dadurch man ſich innerlich zu Gott võ der Welt abwẽdet / vñ taͤglich im Hertzen der Welt abſtirbt / vnd in Chriſto lebet im Glaubẽ / in hertzlicher Demut vnd Sanfftmut / vnd ſich der gnade Gottes in Chriſto troͤſtet.

Zu dieſer Buſſe hat vns Chriſtus be - ruffẽ / nemlich zu der rechten innerlichẽ hertzlichen Buſſe vnd Bekerung des Hertzens von der Welt zu Gott: vnd alſo hat er vns Vergebung der Suͤn - den zugeſagt dnd die imputationem Iuſtitiæ, die zurechnung ſeiner Ge - rechtigkeit vñ ſeines heiligẽ gehorſamsOhne Buſſe iſt Chriſtus dem Men ſchen nichts nuͤtze. in krafft des Glaubens. Deñ one ſolche innerliche buſſe iſt Chriſtus dem Men - ſchen nichts nuͤtze / dz iſt / er iſt nit theil - hafftig ſeiner gnad vñ frucht ſeins ver - dienſts / welche mit rewendem zerbroch -Erſter Theil Enem40Von wahrer Buſſe. busfertigen / glaͤubigen vnnd demuͤti - gem Hertzen mus ergrieffen werden:Fruͤchte des Todes vnd Auf - ferſte - hung Chriſti in vns. Denn das iſt die Frucht des Todes Chriſti in vns / daß wir durch Buſſe der Suͤnde abſterben / vñ das iſt die Frucht der Aufferſtehung Chriſti / dz Chriſtus in vns lebe / vnd wir in jhm / gal. 2.

Das heiſt denn eine newe Creatur in Chriſto vnd die newe geburt / die allein fuͤr Gott gilt / galat. 6. Beſihe hieuon ferner das 34. Capitel.

Euſſer - liche Buſ - ſe iſt nicht die rechte Buſſe / es mus alles aus dem Hertzen gehen.

Der wegen lerne die Buſſe recht ver - ſtehen / eenn daran jrren viel Leute / daß ſie meynen / das ſey rechte Buſſe / wenn ſie von euſſerlicher Abguͤttery / Gotts - leſterung / Todſchlag / Ehebruch / Vn - zucht / Dieberey / vñ andern grobẽ euſ - ſerlichen Suͤnden abſtehen. Vnd zwar das iſt wol euſſerliche Buſſe / dauon et - liche Spruͤche der Propheten lauten / Eſai. 55. Der gottloſe bekere ſich vom Freuel ſeiner Haͤnde. Vnd Ezech. 18. vnd 33. Aber die Propheten vnd Apo - ſtel haben viel tieffer geſehen /[nemlich] ins Hertz hinein / vnd lehren vns eineviel41Von wahrer Buſſe. viel hoͤhere innere Buſſe / da der menſch abſterben ſolle / der Hoffart / dem geitz / der Wolluſt / ſich ſelbſt verleugnen / haſ - ſen / der Welt abſagen / vnnd alle dem / das der Menſch hat / ſich Gott ergebẽ / ſein Fleiſch creutzigen / taͤglich Gott das rechte Opffer bringen / ein zerbrochen / zuſchlagen vnd erſchrocken Hertz / vnd weinende Seele im Leibe tragen / wie in den Bußpſalmen ſolche innigliche. Hertzenbuſſe beſchrieben iſt.

Darumb iſt dis die rechte Buſſe /Rechte wahre Buſſe. wenn das Hertz innerlich durch Rew vnd Leid zubrochen / zuriſſen / zuſchla - gen / vnd durch den Glauben vnd ver - gebung der Suͤnden geheilet / getroͤſtet / gereiniget / geendert vnd gebeſſert wird / darauff auch die euſſerliche Beſſerung des Lebens folget.

Wenn nun gleich ein Menſch von auſſen Buſſe thut / vnd ableſſet von den grobẽ Laſtern aus Furcht der Straffe / bleibet aber im Hertzen vnuerendert / vnd fehet nicht das innere newe Lebẽ in Chriſto an / ſo mag er gleichwol ver -E ijdampt42Von wahrem Glauben. dampt werden / vnd wird im ſein Herr Herꝛ ſchryen nicht helffen / ſondern das neſcio vos, Ich kenne ewer nicht wird darauff folgen. Denn nicht alle / die ſagen / Herr / Herr / wer - den ins Himmelreich kommẽ / ſondern die den Willen thun meines Vaters im Himmel. Hierinnen ſind alles ſtan - des Perſonen gelehrte vnd vngelerte begriffen. Denn die in jhrem Hertzen nicht wahre innerliche Buſſe thun /Welche Chriſtus nit fuͤr die ſeinen er - kennet. vnd eine newe Creatur in Chriſto wer - den / die wird Chriſtus nicht fuͤr die ſei - nen erkennen / ꝛc.

Das V. Capittel. Was der wahre Glaube ſey.

1. Johan. 5. Wer da gleubet / dz Jeſus ſey / Chriſtus / der iſt aus GOtt geboren. ()

DEr Glaub iſt eine hertzliche Zu - uerſicht / vnd vngezweiffeltes Vertrawẽ auff Gottes gnade in Criſto verheiſſen von Vergebung der Suͤnde / vnd ewigem Leben / durchdas43Von wahren Glauben. das Wort Gottes / vnd den H. Geiſt angezuͤndet. Durch dieſen Glauben erlangen wir vergebung der Suͤnden / lauter vmbſonſt / ohn allen vnſern ver - dienſt / aus lauter gnade / vmb des ver - dienſtes Chriſti willen / auff das vnſer Glaube einen gewiſſen Grund habe / vnd nit wancke. Vnd dieſe Vergebung der Suͤnden iſt vnſere Gerechtigkeit / die warhafftig / beſtendig vnd ewig iſt fuͤr Gott. Denn es iſt nicht eines En - gels Gerechtigkeit / ſondern des gehor - ſams / verdienſtes vnd Blutes Chriſti / vnd wird vnſer eigen durch den Glau - ben. Ob nu dis wol in groſſer ſchwach - heit zugehet / vnd wir noch mit vielen vbrigen Suͤnden behafftet ſeyn / den - noch werden dieſelben zugedeckt aus gnaden vmb Chriſti willen / Pſalm. 32. Art vnd Eigen - ſchafft des wahren Glaubẽs.

Durch dieſe hertzliche Zuuerſicht / vnd hertzliches Vertrawen / gibt der Menſch Gott ſein Hertz gantz vnd gar / ruhet allein in Gott / leſt ſich jm / hanget jm allein an / vereiniget ſich mit Gott / wird theilhafftig alles des / was GottesE iijvnd44Von wahrem Glauben. vñ Chriſti iſt / wird ein Geiſt mit Gott / empfaͤhet aus jm newe Kraͤffte / newes Leben / newen Troſt / Friede vnd Freu - de / Ruhe der Seelen / Gerechtigkeit vñ Heiligkeit / vnd alſo wird der Menſch aus Gott durch den Glauben new ge - boren. Denn wo der wahre Glaube iſt / da iſt Chriſtus mit aller ſeiner Gerech - tigkeit / Heiligkeit / Erloͤſung / Ver -Newe Ge - burt. dienſt / Gnade / vergebung der Suͤnde / Kindtſchafft Gottes / Erbe des ewigen Lebens. Das iſt die newe Geburt / die da koͤmpt aus dem Glauben an Chri - ſtum. Daher die Epiſtel an die Ebreer am 11. den Glauben eine Subſtantz nennet / oder eine vngezweiffelte war - hafftige Zuuerſicht derer Dinge / die man hoffet / vnnd eine Vberzeugung des / ſo man nit ſihet. Denn der Troſt des lebendigen Glaubens wird dermaſ -Kraft der lebendigẽ Glaubẽs. Rom. 5. iuſtificati fide, pa - cem habe mus. ſen im Hertzen kraͤfftig / daß er dz Hertz vberzeuget / in dem man das himliſche gut empfindet in der Seelen / nemlich / Ruhe vnd Friede in Gott / ſo gewiß vñ warhafftig / daß man auch darauffſterben45Von wahrem Glauben. ſterben kan mit freudigem Hertzen. Dz iſt die Staͤrcke im Geiſt an dem inwen - digen Menſchen / vnd die Freudigkeit des Glaubens oder Pharreſia, Eph. 3. Epheſ. 3. Phil. 1. 1. Joh. 2. 1. Theff. 2.Philip. 1. 1. Johan. 2. vnd 3. Das iſt die Freudigkeit in Gott. 1. Theſſ. 2. vnd die Plerophoria, die gantz vngezweiffelte Gewißheit / 1. Theſſ. 1.

Worauff ich nun ſterben ſoll / dasGlaubẽs Gewiß - heit. muß mich in meiner Seelen ſtercken / vñ muß mich von innen durch den hei - ligen Geiſt verſichern / es muß ein in - nerer / lebendiger / ewiger Troſt ſeyn / das muß mich auch als eine vbernatuͤr - liche / goͤttliche / himliſche Krafft ſter - cken vnd erhalten / in mir den Tod vnd die Welt vberwinden. Vnd muß eine ſolche Verſicherung vnd VereinigungRom. 8. mit Chriſto ſeyn / die weder Todt noch Leben ſcheiden kan. Darumb S. Jo - hannes ſpricht: Alles was aus GOtt geboren iſt / vberwindet die Welt.

Aus Gott geboren ſeyn / iſt warlichAus Gott geboren ſein / iſt ein lebendi - ges werck. kein Schattenwerck / ſondern ein recht Lebenswerck. Gott wird nit eine todteE iiijFrucht /46Von wahrem Glauben. Frucht / ein lebloſes / vnnd krafftloſes Werck geberen / ſondern aus dem le - bendigen Gott muß ja ein lebendiger newer Menſch geboren werden. Vnd1. Joh. 5. Viva eſt & victrix, ſi modo ve - ra, fides. vnſer Glaube iſt der Sieg / der die Welt vberwindet. Was nun vberwinden ſoll / das muß eine mechtige Krafft ſeyn / ſoll der Glaube der Sieg ſeyn vber die Welt / ſo muß er eine lebendi - ge / obſiegende / thaͤtige / wirckliche / goͤttliche Krafft ſeyn / ja Chriſtus muß es alles thun durch den Glauben.

Durch dieſe Krafft Gottes werden wir wiederumb in GOtt gezogen / zu Gott geneiget / in Gott verſetzet vnnd transplantirt, aus Adam als aus ei - nem verfluchten Weinſtock in Chri - ſtum den geſegneten vnnd lebendigen Weinſtock / Johan. 15. Alſo / daß wir in Chriſto beſitzen alle ſeine Guͤter / vnnd in jhme gerecht werden.

Schoͤn Gleich - nis.

Gleich wie ein Pfroffreißlein in ei - nen guten Stamm eingepfroffet / in demſelben gruͤnet / bluͤhet / vnd Frucht bringet / auſſer demſelbigẽ aber verdor -ret:47Von wahren Glauben. ret: Alſo iſt ein Menſch auſſer ChriſtoWas ein Menſch auſſer / vñ in Chriſto ſey. nichts denn ein verfluchter Weinſtock / vnnd alle ſeine Wercke ſind Suͤnde / Deut. 32. Ire Drauben ſind Drachen - gifft. In Chriſto aber iſt er gerecht vnd ſelig: Darumb S. Paulus 2. Cor. 5. ſpricht: GOtt hat den / der von keiner Suͤnde wuſte / fuͤr vns zur Suͤnde ge - macht / auff daß wir wuͤrden in jme die Gerechtigkeit / die fuͤr Gott gilt.

Daraus ſiheſtu nun / daß dich dieAus den Wercken koͤmpt nit die wahre Gerech - tigkeit. Wercke nicht koͤnnen gerecht machen. Denn du muſt zuuor in Chriſtum ver - ſetzet ſeyn durch den Glauben / vnd in jm gerecht ſein / ehe du ein einiges gutes Werck thun kanſt / vñ ſiheſt ja dz deine Gerechtigkeit Gottes gnade vnd gabe iſt / die allem deinem Verdienſt zuuor koͤmpt. Wie kan ein todter Menſch ge - hen / ſtehen / vnd etwas gutes thun / weñ man jhn nicht zuuor lebendig machet? Alſo weil du in ſuͤnden todt / vnd Gott abgeſtorbẽ biſt / kan ja kein Gott wolge - fellig werck von dir geſchehẽ / weñ du zu - nor in Chriſto nit wirſt lebẽdiggemacht.

E vAlſo48Von wahrem Glauben.
Vnſer Ge - rechtig - keit allem aus Chri - ſto.

Alſo koͤmpt deine Gerechtigkeit al - lein aus Chriſto durch den Glauben / denn der Glaube iſt im Menſchen als ein newgebornes / kleines / nackendes / vnd bloſſes Kind / daß ſtehet da bloß vor ſeinem Erloͤſer vnd Seligmacher vn - bekleidet / vnd empfehet alles von dem / der es geborẽ hat / nemlich / die Gerech - tigkeit / die Froͤmmigkeit / die Heili - gung / die gnade / vnd den H. Geiſt.

Troͤſtlich Gleichnis

Alſo wird diß nackende bloſſe Kind - lein mit Gottes Barmhertzigkeit be - kleidet / vnnd hebet beyde Hende auff / vnd empfehet alles von Gott / die gna - de ſampt aller Seligkeit vnnd Froͤm - migkeit. Diß empfahen machet from / heilig vnd ſelig.

Woher vnſer Froͤmmig keit.

Darumb koͤmpt die Gerechtigkeit allein aus dem Glauben / vnd nit aus den Werckẽ / Ja der Glaube empfehet Chriſtum gar / vnd machet denſelbenDẽ Glau - ben muß Suͤnde / Todt vnd Helle wei - chẽ / diſelb jhm gar zu eigen / mit alle dem / was er iſt vnd hat. Da muß weichen Suͤnde / Tod / Teuffel vnd Helle. Vnd wenn du auch gleich aller Welt Suͤnde alleinauff49Von wahrem Glaubenauff dir hetteſt / kan ſie dir nit ſchaden /ſind alle vnter ei - nem Chri - ſten vnd vnter dem Glauben. ſo ſtarck / mechtig / vnd lebendig iſt Chri - ſtus in dir mit ſeinem Verdienſt durch den Glauben.

Vnd weil nun Chriſtus durch den Glauben in dir wonet vnnd lebet / ſo iſt ja ſeine Einwonung nicht ein todtes Werck / ſondern ein lebendiges Werck. Glaube zeuhet Chriſtum an / mit al - len ſeinem Verdienſt vñ ernew - ret den MenſchenDaher koͤmpt die Ernewerung aus Chriſto durch den Glauben. Denn der Glaube thut in dir zwey ding: Erſtlich verſetzet er dich in Chriſtum / vnd ma - chet dir jhn zu eigen. Zum andern / er - newert er dich in Chriſto / daß du in jm gruͤneſt vnd bluͤheſt vnd lebeſt. Denn was ſol dz Pfropffreislein im Stam̃ / wenns nicht wil gruͤnen vnnd Frucht bringen. Vnd gleich wie zuuor durch den Fall Adams / vnd durch die verfuͤh - rung vnd Betrug des Teuffels in den Menſchen geſaͤet iſt der Schlangenſa - me / das iſt / die boͤſe Sathaniſche Art / darauß ſo eine boͤſe gifftige Frucht ge - wachſen: Alſo wird durch GOttes Wort vnd den H. Geiſt der Glaube imMenſchen50Von wahren Glauben. Glaube Gottes Same.Menſchen geſaͤet / als ein Same Got - tes / in welchem alle goͤttliche Tugen - den / Arten vnd Eigenſchafften verbor - gener weiſe begriffen ſeyn / vnd heraus wachſen zu einem ſchoͤnen vnd newen Bilde Gottes / zu einem ſchoͤnen newen Baum / darauff die Fruͤchte ſein / Liebe / Gedult / Demut / Sanfftmut / Friede / Keuſchheit / gerechtigkeit / vñ der newe Menſch / vnd dz gantze Reich Gottes. Denn der wahre ſeligmachende Glau - be ernewert den gantzen Menſchen / reiniget dz Hertz / vereiniget mit Gott / machet das Hertz frey von irrdiſchen Dingen / hungert vnd duͤrſtet nach der Gerechtigkeit / wircket die Liebe / gibt Friede / Freude / Gedult / Troſt in al - lem Creutz / vberwindet die Welt / ma - chet Gottes Kinder / vnd Erben aller himliſchen ewigen Guͤter vnd Miter - ben Chriſti. Befindet aber jemand die Freudigkeit des Glaubens nicht / ſon - dern iſt ſchwachgleubig vnnd troſtlos / der verzage darumb nicht / ſondern troͤ - ſte ſich der verheiſſenen gnade in Chri -ſto / denn51Von wahrem Glauben. ſto / denn dieſelbige bleibet allezeit feſt / gewiß vnd ewig. Vnnd ob wir gleichTroſt wieder ſchwach - gleubig - keit. aus Schwachheit fallen vnnd ſtrau - cheln / ſo fellet doch Gottes gnade nit hin / wenn wir nur durch wahre Buſſe wieder auffſtehen. Chriſtus bleibet auch immer Chriſtus vnnd ein Selig - macher / er werde mit ſchwachem oder ſtarckem Glauben ergriffen. Es hat auch der ſchwache Glaube ſo viel an Chriſto als der ſtarcke / denn ein jeder / er ſey ſchwach oder ſtarckgleubig / hat Chriſtum gantz zu eigen. Die verheiſſe - ne gnade iſt allen Chriſten gemein vnd iſt ewig / darauff muß der Glaube ru - hen / er ſey ſchwach oder ſtarck. GOtt wird dir zu ſeiner zeit den entpfindli - chen freudenreichen Troſt wol wieder - fahren laſſen / ob er gleich in deinem Hertzen eine zeitlang verbirget / Pſalm. 73. 77. dauon im andern Buch.

Das52Wie Gotts Wort.

Das VI. Capittel. Wie GOttes Wort muͤſſe im Men - ſchen durch den Glauben ſeine Krafft erzeigen vnd leben - dig werden.

Luc. 17. Sehet das Reich Got - tes iſt inwendig in euch. ()

DIeweil es alles an der Wieder - geburt vnd Ernewerung desDer gan - tze newe Menſch iſt in der Schrifft abgebil - det. Menſchẽ gelegen / ſo hat Gott alles das / was im Menſchen geiſtlich im Glauben geſchehen muͤſſe / in die euſſerliche Schrifft verfaſſet / vñ darin den gantzen newen Menſchen abgebil - det. Denn dieweil Gottes Wort der Same Gottes in vns iſt / ſo mus er je wachſen in eine geiſtliche Frucht / vnd muß das daraus werden durch den Glauben / was die Schrifft euſſerlich zeuget vnd lehret / oder es iſt ein todter Same vnd todte Geburt. Ich mus im Geiſt vnd Glauben troͤſtlich empfin -den /53im Menſchen erfuͤllet werde. den / daß dem alſo iſt / wie die Schrifft ſaget.

Es hat auch Gott die H. Schrifft nicht darumb offenbaret / daß ſie aus - wendig auff dem Papier als ein todter Buchſtabe ſol ſtehen bleiben / ſondernGOttes Wort ſoll in vns le - lendig werden. ſie ſol in vns lebendig werden im Geiſt vnd Glauben / vnd ſol eingantzer inner - licher newer Menſch daraus werden / oder die Schrifft iſt vns nicht nuͤtze. Es mus alles im Menſchen geſchehẽ durch Chriſtum im Geiſt vnd Glauben / waſ die Schrifft euſſerlich lehret / als zum Exempel beſihe die Hiſtorien Cains vñWie der alte vnd newe Menſche in der Schrifft furgebil - det. Abels / ſo wirſtu in jhren Arten vnd Ei - genſchafften finden / das jenige / was in dir iſt / Nemlich / den alten vnnd newen Menſchen mit allen jhren Wercken. Dieſe beyde ſind in dir wider einander. Denn Cain wil immer den Abel vn -Cain vnd Abel in dir. terdruͤcken vnd erwuͤrgen. Was iſt das anders denn der Streit zwiſchen dem Fleiſch vnd Geiſt / vnd die Feindſchafft des Schlangenſam vnnd Weibsſa - men. Die Suͤndflut mus in dir ge -ſchehen54Wie Gottes Wort. ſchehen / vnd die boͤſe Vnart des Flei - ſches erſaͤuffen / der glaͤubige Noa mus in dir erhalten werdẽ / Gott mus einen newen Bund mit dir machen / vnd duGeiſtliche Babel im Menſchẽ. mit jm / das verworrene Babel mus in dir nicht auffgebawet werden in ſeiner Pracht. Du muſt mit Abraham auß - gehen von aller deiner Freundſchafft / alles laſſen / auch dein Leib vnd Leben / vnd allein in dem Willen Gottes wan - deln / auff daß du den Segen erlangeſt / ins gelobte Land vnd ins Reich Gottes koͤmpſt. Was iſt das anders / denn dasMatth. 10 Kampff vñ Streit des Gei - ſtes in A - brahams Schlacht fuͤrgebil - det. der Herr ſaget: Wer nit verleſt Va - ter / Mutter / Kinder / Schweſter / Haus / Acker / Guͤter / ja ſein Leben / der kan nit mein Juͤnger ſeyn / das iſt / ehe er Chriſtum wolte verleugnẽ? Du muſt mit Abraham ſtreiten wieder die fuͤnff Koͤnige / die in dir ſind / nemlich / Fleiſch /Geiſtliche Sodoma im Men - ſchen. Welt / Tod / Teuffel / vnd Suͤnde. Du muſt mit Loth aus Sodoma vnd Go - morrha außgehen / das iſt / das vngoͤtt - liche Leben der Welt verleugnen / vnd mit Loths Weibe nicht zu ruͤck ſehen /wie55im Menſchen erfuͤllet werde. wie der Herꝛ im Luca am 12. ſpricht. Summa / Gott hat die gantze heilige Schrifft in den Geiſt vnd Glauben ge - legt / vñ muß alles in dir geiſtlich geſche hen. Daher gehoͤren alle Kriege der Iſ - raeliten wider die heydniſchen Voͤlcker. Was iſt das anders denn der Streit zwiſchen dem Fleiſch vnd Geiſt? Daher gehoͤret dz gantze Moſaiſche euſſerliche Prieſterthumb mit dem Tabernackel / mit der Lade des Bundes / mit dem gna - denſtuel. Das mus alles in dir geiſtlichVorbildet des alten teſtamẽts muͤſſen im Glau - ben erfuͤl - let werdẽ. ſeyn durch den Glauben mit dem Opf - fern / reuchern / beten. Dein Herꝛ Chri - ſtus mus dz alles in dir ſeyn / er hats al - les zuſam̃en gefaſſt in dem newẽ Men - ſchen / vnd in dem Geiſt / vnd wird alles in dem Glauben vollbracht / ja offt in ei - nen ſeufftzen / deñ die gantze Bibel fleuſt zuſam̃en in ein Centrum in dem Men - ſchen / gleich wie auch die gantze Natur.

Alſo was iſt das newe TeſtamentGantz new Teſta ment muß im newen Menſchen erfuͤllet werden. dem Buchſtaben nach / anders / deñ ein euſſerlich zeugnis / dz es alles im Men - ſchen alſo muß im Glauben geſchehen? Erſter Theil FDenn56Wie Gottes Wort. Denn dz gantze newe Teſtament mus gantz vnd gar in vns ſeyn / dnd dringet auch mit gewalt dahin / weil das Reich Gottes in vns. Denn wie Chriſtus iſt durch den heiligen Geiſt im Glauben von Maria leiblich empfangen vñ ge - boren / alſo mus er in mir geiſtlich em - pfangen vñ geborn werden / Er muß in mir geiſtlich wachſen vnnd zunemen. Vnd weil ich aus Chriſto bin eine new Creatur geſchaffen / ſo muß ich auchChriſti Leben in vns. in jm leben vñ wandeln / Ich muß mit jhm vnd in jhm im Exilio vnd Elende ſeyn / ich muß mit jhm in Demut vnnd Verſchmehung der Welt / in gedult vnd Sanfftmut / in der Liebe wandeln / Ich mus mit jhm meinen Feinden ver - geben / barmhertzig ſeyn / die Feinde lie - ben / den Willen des Vaters thun / ich mus mit jhm vom Sathan verſuchet werden / vñ auch vberwinden / ich muß mit jm vmb der Warheit willen / die in mir iſt / verſpottet / verachtet / verhoͤnet / angefeindet werden / vnd ſo es ſein ſol / auch den Tod vmb ſeinet willen leiden /wie57im Menſchen erfuͤllet werde. wie alle ſeine Heiligen zum zeugnis fuͤr jhm vnd allen außerwehlten / daß er in mir / vnd ich in jhme geweſen / vnd gele - bet habe durch den Glauben.

Das heiſt recht dem Bilde Chriſti ehnlich werden / nemlich mit jm vnd in jhm geboren werden / Chriſtum recht anziehen / mit jhm vnd in jhm wachſen vnd zunemen / mit jhm im Elende wal - len / mit ſeiner Tauffe getaufft werden / mit jhm verſpottet werden / mit jhm ge -Chriſti Tod vnd Aufferſte - hung in vns. creutziget werden / mit jhm ſterben vnd aufferſtehen / mit jhm auch herrſchen vnd regieren / vnd daſſebige nicht allein durchs heilige Creutz / ſonden auch durch taͤgliche Buſſe / vnnd innerliche Rew vnd Leid vber die Suͤnde.

Da muſtu taͤglich mit Chriſto ſter -Chriſtus mus in dir ſeyn. ben / vñ dein Fleiſch creutzigen / oder du kanſt mit Chriſto als deinem Haupt nicht vereiniget bleiben. Du haſt jhn auch ſonſt nicht in dir / ſondern auſſer dir / auſſer deinem Glauben / Hertz vnd Geiſt. Vnd da wird er dir nicht helffẽ /F ijſondern58Wie Gottes Wortſondern in dir wil er leben / ſeyn / troͤſten vnd ſelig machen.

Im Glau - ben mus alles erful - let ſeyn.

Sihe das thut der Glaube alles / der machet das heilige Wort Gottes in dir lebendig / vnnd iſt in dir ein lebendiges Zeugnis alles deſſẽ / dauon die Schrifft zeuget. Vnd das heiſt / der Glaube iſt eine Subſtantz vnd Weſen / Ebr. 11.

Alſo iſt hieraus gnugſam offenbar / wie alle Predigten vnd Reden / ſo aus Chriſti / der Propheten vnnd ApoſtelnAlle Schrifft gehet auff den Men - ſchen Munde gangen / vnnd die gantze hei - lige Schrifft ſtracks gerichtet ſeyn auff den Menſchẽ / vnd auff einen jeden vn - ter vns: Alle Parabolen Chriſti gehen auff mich / vnd auff einen jeden inſon - derheit ſampt allen Wunderwercken.

Vnd darumb iſts auch geſchrieben / daß es in vns geiſtlich geſchehe. Denn Chriſtus hat andern geholffen / er muß mir auch helffen. Dann er iſt in mir / er lebet in mir / er hat Blinde ſehend ge -Chriſti Wunder - wercke geiſtlich in vns. macht / ich bin auch geiſtlich blind / dar - umb muß er mich auch ſehend machen / vnnd alſo mit allen Wunderwercken. Da er -59im Menſchen erfuͤllet werde. Da erkenne dich fuͤr einen Blinden / Lahmen / Kruͤppel / Tauben / Auſſetzi - gen / ſo wird er dir helffen / Er hat todte lebendig gemacht / Ich bin auch todt in Suͤnden / er mus mich in jhm lebendig machen / auff das ich theil habe an der erſten Aufferſtehung.

Summa der Glaube thut dis alles im Menſchen / was die Schrifft von auſſen zeuget. Sie beſchreibet das Bil - de Gottes von auſſen / das muß in mir ſeyn durch den Glauben / ſie beſchrei - bet das Reich GOttes euſſerlich imEuſſerli - cher Buch ſtabe der Schrifft mus im Geiſt er - fuͤllet wer - den. Buchſtaben / dz mus in mir ſein durch den Glauben. Sie beſchribet Chri - ſtum von auſſen / er mus in mir ſeyn durch den Glauben. Die Schrifft be - ſchreibet den Adam / ſeinen Fall vnnd Wiederbringung / es muß alles in mir ſeyn. Die Schrifft beſchribet das newe Jeruſalem / das mus in mir ſeyn / vñ ich mus es ſelbſt ſeyn. Die Schrifft zeuget von auſſen von der newen Ge - burt / von der newen Creatur / das mus alles in mir ſeyn / vnd ich mus esF iijſelbſt60Wie Gottes Wort. ſelbſt ſeyn durch den Glauben / oder die Schrifft iſt mir nichts nuͤtze. Das iſt alles der Glaube / vnd des Glaubens Werck in vns / ja Gottes Werck vnnd das Reich Gottes in vnſerm Hertzẽ / ꝛc.

Das VII. Capittel. Wie das geſetz Gottes in aller Men - ſchen Hertzen geſchrieben ſey / welches ſie vberzeuget / auff daß ſie an jenem Ta - ge keine Entſchuͤldigung haben.

Rom. 2. In dem die Heyden des Geſetzes Werck thun / bewei - ſen ſie / daß das Geſetz in jhrem Hertzen geſchrieben ſey. ()

ALs Gott der Herr den Men - ſchen nach ſeinem Bilde ſchuf in vollkommener gerechtigkeit vnd Heiligkeit / vnnd jhn mit hohen goͤtt - lichen Tugenden vnd gaben zierete vñ ſchmuͤckte / vnd als ein vollkommenesſchoͤnes61in die Hertzen geſchrieben. ſchoͤnes Meiſterſtuͤck außarbeitete / als ſein hoͤchſtes vnd edelſtes Werck vnnd Kunſtſtuͤck / hat er drey vorneme eigen -Drey Ei - genſchaff - ten der Seelen einge - pflantzet. ſchafften dem Menſchlichen Gewiſſen ſo tieff eingepflantzet / das ſie nimmer - mehr / ja ewiglich nicht koͤnnen ausge - tilget werden / Erſtlich das natuͤrliche Zeugnis das ein Gott iſt. Zum an - dern / das Zeugnis des Juͤngſten Ge - richts / Rom. 2. Zum dritten / das geſetz der Natur / oder natuͤrliche Gerechtig - keit / dadurch Ehre vñ Schande vnter - ſchieden: Freude oder Trawrigkeit ent - funden wird.

Denn es iſt nie ein Volck ſo wild vñ barbariſch geweſen / das da verleugnet hette / daß ein Gott were / denn die Na - tur hat ſie inwendig vnnd außwendig vberzeuget / ja ſie haben aus jhrem ge - wiſſen entpfunden / das nicht allein ein Gott ſey / ſondern daß er auch muͤſſe ein gerrchter Gott ſein / ď dz boͤſe ſtraf - fe / vnd das Gute belohne / weil ſie in jhrem Gewiſſen entweder Schrecken oder Freude empfundẽ. Daraus habenF iiijſie62Wie Gottes Wort. ſie ferner geſchloſſen / das die SeeleLiecht der Matur. muͤſſe vnſterblich ſeyn / wie Plato dauõ gewaltig diſputirt. Vnd letzlich habẽ ſie auß dem Geſetz der Natur / das iſt / auß der angeboren natuͤrlichen Liebe wol geſehen / das Gott ein Vrſprung alles guten ſey in der Natur. Daher ferner ſie geſchloſſen / daß demſelbigen muͤſſe mit der Tugend vñ reinem Her - tzen gedienet werdẽ. Darumb ſie in die Tugend das hoͤchſte gut geſetzet habẽ / daher die Tugendſchulen des Socratis vnd anderer weiſen Philoſophen ent - ſtanden ſeyn. Daraus ſehen wir nun / wie Gott ein Fuͤucklein des natuͤrlichẽ Liechtes oder ein Spuͤr oder Merckmal des natuͤrlichen zeugniß GOttes im Menſchen auch nach dem Fall laſſen vbrig bleiben / auff das der Menſch ſei - nen Vrſprung ſoll erkennen lernẽ / wo - her er kom̃en / vnd demſelbigen nachge - hen / wie auch etliche der Heydẽ ſolchesFuͤncklein des natur - lichen Er - kenntnis Gottes. gemercket / als ď Poëta Aratus bezeu - get / welchen S. Paul allegirt Act. 17. Wir ſind Gotts geſchlechte / vñ Mani.

An du -63in die Hertzen geſchrieben. An d[u]bium eſt habitare Deum ſub pectore noſtro, In c[æ]lum[que]redire animas, cælo[que]venire. ()

Weil nu die Heyden das natuͤrlicheHeyden haben kei - ne Ent - ſchuͤldi - gung. Zeugnis Gottes wieder jhr Gewiſſen verachtet / vñ alſo den Schoͤpffer ſelbſt / werden ſie durch jr eigene Schuld ver - damp[t]werden / vnd keine Entſchuͤldi - gung haben. Deñ ſo ſchleuſt S. Paul. Rom. 1.Wer da weis / daß ein Gott iſt / vnnd fraget nicht darnach / oder achtet nit / wie er jn recht erkennen / vnd jm dienen moͤge / der wird am Tage des Gerichts keine Ertſchuͤldigung habẽ / vñ ſchleuſt ferner: Weil die Heyden Gottes Ge - rechtigkeit erkant habẽ / in dem ſie von Natur gewuſt / daß die boͤſes thun / des Todes werth ſeyn / haben aber das boͤſe nit allein gethan / ſondern auch gefal - len dran gehabt / ſo haben ſie ſich ſelbſt verurtheilt. Item Ro. 2. Ire gedanckẽ / die ſich ſelbſt vnter einander verklagen / oder entſchuͤldigẽ / haben ſie vberzeugt des zukuͤnfftigen Gerichts. So nu die Heyden keine Entſchuͤldigung haben / die nicht allein von Natur wiſſen / dasF vein64Wie Gottes Wort. ein GOtt iſt / ſondern auch wieder jhr Gewiſſen GOtt nicht geſucht haben /Chriſten habẽ viel weniger Entſchuͤl - digung dann die Heyden. viel weniger werden die Entſchuͤldi - gung haben / welchen Gott ſein Wort offenbaret hat / vnd ſie durch Jeſum Chriſtum ſeinen lieben Sohn hat laſ - ſen zur Buſſe ruffen / das iſt / von Suͤn - den abzuſtehen / ſich von dem gottloſen Leben abzuwenden / auff daß ſie durch den Glauben des Verdienſtes Chriſti moͤchten fehig vnd theilhafftig / vnnd ewiglich ſelig werden.

Darumb wird ein jeder Menſch / der Chriſti Namen kennet / vnd ſich nicht bekeret hat / an jenem tag zween gewal - tige Zeugen wider ſich haben: Erſtlich /Joh. 12. Sein eigen Hertz / Gewiſſen / vnd dasZween Zeugẽ / ſo alle Vn - bußferti - gen ver - dammen werden. Geſetz der Natur. Zum andern / Got - tes geoffenbartes Wort / welches ſie richten wird an jenem Tage. Darumb auch ein ſchreckliches Vrtheil vñ Ver - damnis darauff erfolgen wird / wie der Herr ſpricht: Daß es Sodoma vnnd Goinorrha an jenem tage ertraͤglicher wird ergehen / vnnd die Koͤnigin vonMittage65in die Hertzen geſchrieben. Mittage wird auffſtehen / vnd dis Ge - ſchlechte verdammen.

Vnd daher wird die ewige QualWoh[er]die Qual der Seelẽ. vnd Pein entſtehen / weil Gott die See - le vnſterblich erſchaffen / vnnd jn der Seelen das Gewiſſen / das immer vnd ewig Gottes eindencken iſt / vnd kan doch nimmermehr zu Gott kommen / welches iſt die groͤſte vnd ewige Pein der Seelen.

Vnnd ſolche innere ewigwerendeWoher die groͤſſe der ewigẽ Pem. Seelenpein wird ſo viel deſto groͤſſer ſein / ſo viel immer mehr vñ mehr durch Vnbußfertigkeit Gottes zorn geheuf - fet auff den Tag des Gerichts. Denn2. Theſſ. 2. gleich wie GOtt der Herr nach ſei - nem gerechten Gerichte die Heyden in einen verkerten Sinn gegeben / weil ſie das innere Geſetz der Natur / vnd jhr eigen Gewiſſen / als Gottes gerechtig - kelt in jr Hertz geſchrieben / verworffen / vnd nichts geachtet / ſondern denſelben als GOtt ſelbſt / wiederſtrebet / durch welche verblendung jrer Sinne / ſie in die grewliche / abſchewliche Suͤnde vndGrewel66Wie Gottes Wort. Grewel gerahten ſeyn / dadurch ſie Gottes gerechten Zorn geheuffet ha -Woher es koͤmpt / daß bey den Chri - ſten offt groͤſſer Suͤnden geſchehẽ / denn bey den Hey - den. ben. Alſo weil die / ſo Chriſten ſein wol - len / beyde das innere vnd euſſerliche Wort / vnd Zeugnis Gottes verwerf - fen / vnd nicht allein nit wollen Buſſe thun / ſondern dem heiligen Geiſt wie - derſtreben / vnd GOtt leſtern / gibt ſie Gott dahin in einen verkerten Sinn / daß ſie erger werden denn die Heyden vnnd Tuͤrcken / ſendet jhnen krefftige Irrthum / daß ſie den Luͤgen gleuben / auff daß geſtraffet werden alle / ſo luſt haben an der Vngerechtigkeit.

Daher ſolche abſchewliche Laſter bey den Chriſten im ſchwang gehen / die nie erhoͤret ſeyn / ſolche teuffliſche Hof - fart vnnd Pracht / ſo vnerſaͤttlicher Geitz / ſchendliche Wolluſt / viehiſche Vnzucht / vnd vnmenſchliche Thaten / welche alle aus Verblendung vñ Ver - ſtockung eines verkertẽ Sinnes geſche - hen / Denn weil die Chriſten nicht wol - len in jrem Leben folgen dem niedrigẽ / armen / ſanffmuͤtigen vnd demuͤtigenChriſto /67in die Hertzen geſchrieben. Chriſto / ſondern ergern ſich an jhm / ſchemen ſich ſeines heiligen Lebens / da jnen doch Gott denſelbigen zum Liecht der Welt hat fuͤrgeſtellet