PRIMS Full-text transcription (HTML)
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Trutz Simplex: Oder Ausfuͤhrliche und wunderſeltzame Lebensbeſchreibung Der Ertzbetruͤgerin und Landſtoͤrtzerin Couraſche /
Wie ſie anfangs eine Rittmei - ſterin / hernach eine Hauptmaͤnnin / ferner eine Leutenantin / bald eine Marcketente - rin / Mußquetirerin / und letzlich eine Ziegeunerin abgegeben / Meiſter - lich agiret / und ausbuͤndig vorgeſtellet: Eben ſo luſtig / annemlich uñ nutz - lich zu betrachten als Simpliciſſi - mus ſelbſt.
Gedruckt in Utopia /bei Felix Stratiot.
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Erklaͤrung des Kupffers: Oder die Den geneigten Leſer anredende Courage.

OB ich der Thorheit Kram hier gleich herunter ſtreue /
So wirff ichs drum nicht weg / umb daß es mich gereue /
daß Jch Jhn hiebevor geliebet und gebraucht /
ſondern dieweil Er jetzt zu meinem Standt nichts taugt.
Haar-Puder brauch ich nicht / noch Schminck / noch Haar zukraͤuſen
mein gantzer Anſtrich iſt nur Salbe zu den Laͤuſen /
tracht ſonſten nur nach Gelt und mach mir das zu nutz
und was Jch moͤge thun dem Sym - plici zu Trutz.
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Kurtzer doch ausfuͤhrlicher Jnnhalt und Auszug Der Merckwuͤrdigſten Sachen eines jeden Capitels Dieſer Luſt und Lehrreichen Lebensbeſchreibung der Ertz - landſtoͤrtzerin und Zigen - nerin Courage.

  • Das I. Capitel. Gruͤndlicher und Nohtwendiger Vor - bericht / weme zu Liebe und Gefallen / und aus was dringenden Urſachen die alte Ertzbetruͤ - gerin / Landſtoͤrtzerin und Zigeunerin Courage ihren wundernswuͤrdigen und rechtſeltzamen Lebenslauf erzehlet / und der gantzen Welt vor die Augen ſtellet.
  • Das II. Cap. Jungfrau Lebuſchka (hernachmals genanndte Courage) kommt in den Krieg / und nennet ſich Janco, muß in demſelben eine Zeitlang einen Cammerdiener abgeben; dabey veꝛmeldet wird / wie ſie ſich verhalten / und was ſich verwunder - liches ferner mit ihr zugetragen. A ijDas III. 4Das III. Cap. Janco vertauſchet ſein Edles Jungferkraͤntzlein bey einem reſoluten Rittmeiſter um den Nah - men Couraſche.
  • Das IV. Cap. Courage wird darum eine Ehefrau und Ritt - meiſterin / weil ſie gleich darauf wieder zu einer Wittwe werden muſte / nach dem ſie vorhero den Eheſtand eine weile lediger Weiſe getrieben hatte.
  • Das V. Cap. Was die Rittmeiſter in Courage in ihrem Witt - wenſtand vor ein erbares und zuͤchtiges: wie auch verruchtes Gottloſes Leben gefuͤhret; wie ſie einem Grafen zu willen wird / einen Am - baſſador um ſeine Piſtolen bringet / und ſich andern mehr um reiche Beute zu erſchnappen willig unterwirft.
  • Das VI. Cap. Courage kommt durch wunderliche Schickung in die zweyte Ehe / und freyete einen Haupt - mann / mit dem ſie treflich gluͤckſelig und ver - gnuͤgt lebte.
  • Das VII. Cap. Courage ſchreitet zur dritten Ehe / und wird aus einer Haupmaͤnnin eine Leutenantin / trifts aber nicht ſo wol als vorhero / ſchlaͤgt ſich mit ihren Leutenant um die Hoſen mit Pruͤ - geln / und gewinnet ſolche durch ihre tapferereſolu -5reſolution und Courage; darauff ſich ihr Mañ unſichtbar macht / und ſie ſitzen laͤſſt.
  • Das VIII. Cap. Courage haͤlt ſich in einer Occaſion trefflich friſch / haut einem Soldaten den Kopff ab / bekommt einen Major gefangen / und erfaͤhrt daß ihr Leutenant als ein Meineydiger-Uber - lauffer gefangen und gehencket worden.
  • Das IX. Cap. Courage quittirt den Krieg / nach dem ihr kein Stern mehr leuchten will / und ſie faſt von je - derman vor einen Spott gehalten wird.
  • Das X. Cap. Courage erfaͤhret nach langem Verlangen / Wün - ſchen und Begehren wer ihre Eltern geweſen / und freyet darauff wiederumb einen Haupt - mann.
  • Das XI. Cap. Die Neue Hauptmaͤnnin Courage ziehet wieder in den Krieg / und bekam einen Rittmeiſter / Quartiermeiſter und gemeinen Reuter durch ihre Heldenmaͤſſige Tapfferkeit in einen bluti - gen Gefecht gefangen. Verleurt darauff ih - ren Mann und wird eine ungluͤckſelige Wittbe.
  • Das XII. Cap. Der Courage wird ihre treffliche Courage auch wieder trefflich von dem ehedeſſen von ihr ge - fangnen Major eingetraͤnckt / wird jedermans Hur / darauff nackend ausgezogen / und mußA iijeine6eine gar ſchaͤndliche Arbeit verrichten. Wird aber endlich von einem Rittmeiſter / den ſie auch vorhero gefangen bekommen / erbetten / daß ihr nicht etwas aͤrgers wiederfuhr; und darauff auff ein Schloß gefuͤhrt.
  • Das XIII. Cap. Courage wird als ein graͤfliches Fraͤulein auff ei - nem Schloß gehalten / von dem Rittmeiſter gar offt beſucht / und treflich bedienet / aber endlich auff Erfahrung der Eltern des liebha - benden Rittmeiſters durch zween Diener gar liſtig aus dem Schloß nacher Hamburg ge - bracht / und daſelbſt elendiglich verlaſſen.
  • Das XIV. Cap. Courage wirfft ihre Liebe auff einen jungen Reu - ter / der einen Corporal / ſo ihme Hoͤrner auff - ſetzen wolte / alſo zeichnete / daß er des Aufſte - hens vergas. Darauf wird ihr Liebſter har - quebuſirt / die Courage aber mit Steckenknech - ten vom Regiment geſchicket / die zweyen Reu - tern / ſo Gewalt an ſie legen wolten ziemlich uͤbel mitfuhre / da ihr ein Muſquetirer zu Huͤlf - fe kame.
  • Das XV. Cap. Courage haͤlt ſich bey einem Marcketenter auf; ein Muſquetirer verliebt ſich trefflich in ſie / dem ſie etliche gewiſſe Conditiones vorſchreibet / wie ſie den Eheſtand lediger weiſe mit ihme treiben moͤchte. Wird auch darauf eine Marcketenterin.
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  • Das XVI. Cap. Courage nennet ihren Courtiſan den Muſqueti - rer mit dem Nahmen Springinsfeld; dem ein Fenderich / auf der Courage Anſtalt / gar liſtig ein paar groſſer Hoͤrner aufſetzet / darzu der Courage vermeinte Mutter treulich hilfft / kurtz / ſie ziehet ihn trefflich bey der Naſen her - umb / und ſchicket ſich ſtattlich in den Handel.
  • Das XVII. Cap. Der Courage wiederfaͤhrt ein laͤcherlicher Poſſe / den ihr eine Kuͤrſchnerin auf Anſtifften einer Jtalianiſchen Putanin erwieſen / als ſie eben bey einem vornemen Herren beym Nachtim - biß war; ſie bezahlet aber ſo wol die Putanen als die Kuͤrſchnerin wieder redlich und aus - buͤndig / macht auch einem Apotecker ein wun - derliches Stuͤckchen.
  • Das XVIII. Cap. Die gewiſſenloſe Couraſche erkaufft von einem Muſquetirer einen Spiritum Familiarem em - pfindet darbey groſſes Gluͤck / und gehet ihr alles nach Wunſch und Willen von ſtatten.
  • Das XIX. Cap. Courage richtet ihren Springinsfeld zu allerley Schelmenſtuͤcklein trefflich ab / der ſich bey ei - ner vornemen Dame vor einen Schatzgraͤber ausgiebt / in den Keller gelaſſen wird / darauf etliche koſtbare Kleinodien liſtig erpracticirt / und bey Nacht von Courage aus dem Keller gezogen wird.
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  • Das XX. Cap. Courage nebenſt ihrem Springinsfeld beſtiehlt zween Meylaͤnder auf unerhoͤrte Weiſe / inde - me ſie dem einem / der ſehen wolte / was in ih - rer Huͤtten vor ein Gepolter war / und den Kopff zum Guckloch ausſteckte / mit ſcharffem Eſſig in die Augen ſpruͤtzte / dem andern aber den Weeg mit ſcharffen Dornen verlegte.
  • Das XXI. Cap. Courage wird von ihrem Springinsfeld im Schlaff mit Ohrfeigen angepacket / und uͤbel zugerichtet / der aber / nachdem er erwachet / ſie demiitig umb Gnade und Verzeihung bit - tet / welches doch nichts helffen will.
  • Das XXII. Cap. Courage wird von ihrem Springinsfeld im Schlaff aus dem Bett nur im Hembd gegen des Obriſten Wachtfeuer zugetragen / daruͤber ſie erwacht / und jaͤmmerlich zu ſchreyen begin - net / daß alle Officirer zulauffen / und des Poſ - ſens lachen; ſie ſchaffet ihn darauf von ſich / und giebt ihm das beſte Pferd / nebenſt 100. Ducaten und dem Spiritu Familiari.
  • Das XXIII. Cap. Courage heuratet wiederumb einen Hauptmañ / wird aber deſſen / ehe er kaum bey ihr erwar - met / wieder beraubet. Laͤſſet ſich darauf auf ihres erſten Hauptmanns Guͤter in Schwa - benland nieder / und treibt ihr Huren-Hand -werck9werck wie zuvor / doch gar vorſichtig mit den eingequartirten Soldaten.
  • Das XXIV. Cap. Courage bekommt eine unflaͤtige Kranckheit / reiſet darauf in den Sauerbronnen / und macht mit Simplicio Kundſchafft; als er ſie betreugt / betreugt ſie ihn redlich wieder / und laͤſſt ihm ihrer Magd neugebornes Kind vor ſeine Thuͤr legen / nebenſt Schrifftlichem Bericht / als ob es Courage mit ihm erzeugt haͤtte.
  • Das XXV. Cap. Courage treibet mit einem alten Suſannen - Mann in ihrem Garten ungebührliche Haͤn - del / als eben zween Muſquetierer auf einem Baum Birnen mauſeten / und der eine aus Unvorſichtigkeit die geraubten Birnen alle fal - len ließ. Darüber die Courage mit ihrem al - ten Liebhaber vertrieben / endlich offenbaret / und der Stadt verwieſen wird.
  • Das XXVI. Cap. Courage wird eine Muſquetiererin / ſchachert darbey mit Taback und Brandtewein. Jhr Mann wird verſchicket / welcher unterweegs einen toden Soldaten antrifft / den er auszie - het / und weil die Hoſen nicht herunter wol - ten / ihm die Schenckel abhaut / alles zuſam - men packet / und bey einem[Bauren] einkehret / die Schenckel zu Nachts hinterlaͤſſet / und Reißaus nimmt. Darauf ſich ein recht laͤcher - licher Poß zutraͤgt.
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  • Das XXVII. Cap. Nachdem der Courage Mann in einem Treffen geblieben / und Courage ſelbſt auf ihrem Maul - eſel entrunnen / trifft ſie eine Ziegeuner-Schaar an / unter welchen der Leutenant ſie zum Weib nimmt / ſie ſagt einem verliebten Fraͤulein Waar / entwendet ihr daruͤber alle Kleinodien / behaͤlt ſie aber nicht lang / ſondern muß ſolche wol abgepruͤgelt wieder zuſtellen.
  • Das XXVIII Cap. Couraſche kommt mit ihrer Compagnie in ein Dorff / darinnen Kirchweyh gehalten wird / rei - tzet einen jungen Ziegeuner an / eine Henne tod zu ſchieſſen; ihr Mann ſtellet ſich ſolchen aufhencken zu laſſen / wie nun jederman im Dorff hinaus lief dieſem Schauſpiel zuzuſe - hen / ſtahlen die Ziegeunerinnen alles Gebra - tens und Gebackens / und machen ſich ſamt ihrer gantzen Zunfft eiligſt und liſtig darvon.
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Das I. Capitel.

Gruͤndlicher und nohtwendiger Vorbericht / weme zu Liebe und Gefal - len / und aus was dringenden Urſachen die alte Ertzbetrügerin / Landſtürtzerin und Zigeunerin Courage ihren wundernswuͤrdigen und recht ſeltzamen Lebens-Lauff erzehlet / und der gantzen Welt vor die Augen ſtellet.

JA! (werdet ihr ſagen / ihr Her - ren!) wer ſolte wol gemeint ha - ben / daß ſich die alte Schell ein - mal unterſtehen wuͤrde dẽ kuͤnff - tigen Zorn Gottes zu entrinnen? Aber was wolt darvor ſeyn / ſie muß wol! dañ das Gumpen ihrer Jugend hat ſich ge - endigt! ihr Muhtwill und Vorwitz hat ſich gelegt / ihr beſchwertes und geaͤng - ſtigtes Gewiſſen iſt aufgewacht / und das verdroſſene Alter hat ſich bey ihr einge - ſtellt / welches ihre vorige uͤberhaͤuffte Thorheiten laͤnger zu treiben ſich ſchaͤ - met / und die begangene Stuͤck laͤnger im Hertzen verſchloſſen zu tragen ein Eckel und Abſcheu hat; Das alte Ra -A vjben -12benaaß faͤhet einmal an zu ſehen und zu fuͤhlen / daß der gewiſſe Tod naͤchſtens bey ihr anklopffen werde / ihr den letzten Abdruck abzunoͤhtigen / vermittelſt deſ - ſen ſie unumbgaͤnglich in ein andere Welt verreiſen / und von allem ihrem hieſigen Thun und Laſſen genaue Re - chenſchafft geben muß; darumb begin - net ſie im Angeſicht der gantzen Welt ih - ren alten Eſel vom uͤberhaͤuffter Laſt ſei - ner Beſchwerden zu entladen / ob ſie viel - leicht ſich umb ſo viel erleichtern moͤchte / daß ſie Hoffnung ſchoͤpffen koͤnnte noch endlich die himmliſche Barmhertzigkeit zu erlangen! Ja! (ihr liebe Herren!) das werdet ihr ſagen; Andere aber wer - den gedencken / ſolte ſich die Courage wol einbilden doͤrffen / ihre alte zuſammen gerumpelte Haut / die ſie in der Jugend mit Frantzoͤſiſcher Grindſalb / folgends mit allerhand Jtalian - und Spaniſcher Schmincke / und endlich mit Egyptiſcher Laͤusſalben und vielem Gaͤnsſchmaltz geſchmieret / beym Feuer ſchwartz geraͤu - chert / und ſo offt eine andere Farbe an -zuneh -13zunehmen gezwungen / widerumb weiß zu machen? Solte ſie wol vermeinen / ſie werde die eingewurtzelte Runtzeln ihrer Laſterhafften Stirn austilgen / und ſie widerumb in den glatten Stand ihrer erſten Unſchuld bringen / wann ſie der - geſtalt ihre Bubenſtuͤck und begangne Laſter Berichts weiß daher erzehlet von ihrem Hertzen zu raumen? ſolte wol die - ſe alte Vettel jetzt / da ſie alle beyde Fuͤſ - ſe bereits im Grab hat / wann ſie anders wuͤrdig iſt eines Grabs theilhafftig zu werden / dieſe Alte / (werdet ihr ſagen /) die ſich ihr Lebtag in allerhand Schand und Laſtern umbgeweltzt / und mit meh - rern Miſſethaten als Jahren / mit meh - ren Hurenſtuͤcken als Monaten / mit mehrern Diebsgriffen als Wochen / mit mehrern Tod-Suͤnden als Tagen / und mit mehrern gemeinen Suͤnden als Stunden beladen; die / deren / ſo alt ſie auch iſt / noch niemal keine Bekehrung in Sinn kommen / ſich unterſtehen mit Gott zu verſoͤhnen? Vermeinet ſie wol anjetzo noch zurecht zu kommen / da ſieA vijallbe -14allbereit in ihrem Gewiſſen anfaͤhet mehr hoͤlliſche Pein und Marter auszu - ſtehen / als ſie ihre Tage Wolluͤſte ge - noſſen und empfunden? Ja! wann die - ſe unnuͤtze abgelebte Laſt der Erden ne - ben ſolchen Wolluͤſten ſich nicht auch in andern allerhand Ertzlaſtern herumb ge - waͤltzt / Ja gar in der Bosheit allertieff - ſten Abgrund begeben und verſenckt haͤt - te / So moͤchte ſie noch wol ein wenig Hoffnung zu faſſen die Gnad haben koͤn - nen; Ja ihr Herren! das werdet ihr ſa - gen / das werdet ihr gedencken / und alſo werdet ihr euch uͤber mich verwundern / wann euch die Zeitung von dieſer meiner Haupt - oder General Beicht zu Ohren kommt; und wann ich ſolches erfahre / ſo werde ich meines Alters vergeſſen / und mich entweder wider jung / oder gar zu Stuͤcken lachen! Warumb das Coura - ge? warumb wirſt du alſo lachen? dar - umb / daß ihr vermeinet / ein altes Weib / die des Lebens ſo lange Zeit wol gewoh - net / und die ihr einbildet / die Seele ſeye ihr gleichſam angewachſen / gedencke andas15das Sterben / Eine ſolche / wie ihr wiſ - ſet daß ich bin und mein Lebtag geweſen / gedencke an die Bekehrung! und die je - nige ſo ihren gantzen Lebens-Lauff / wie mir die Pfaffen zu ſprechen / der Hoͤllen zugerichtet / gedencke nun erſt an den Himmel. Jch bekenne unverholen / daß ich mich auf ſolche Hinreis / wie mich die Pfaffen uͤberreden wollen / nicht ruͤſten / nachdeme / was mich ihrem Vorgeben nach verhindert / voͤllig zu reſignirn ent - ſchlieſſen koͤnnen; als worzu ich ein Stuͤck zu wenig / hingegen aber etlicher / vornemblich aber zweyer zu viel habe; das / ſo mir manglet / iſt die Reu / und was mir manglen ſolte / iſt der Geitz und der Neid; wann ich aber meinen Glum - pen Gold / den ich mit Gefahr Leib und Lebens / ja / wie mir geſagt wird / mit Verluſt der Seeligkeit zuſammen ge - raſpelt / ſo ſehr haſſe als ich meinen Ne - ben-Menſchen neide / und meinen Ne - ben-Menſchen ſo hoch liebte als mein Geld / ſo moͤchte vielleicht die himmli - ſche Gabe deꝛ Reue auch folgen; ich weißdie16die Art der unterſchiedlichen Alter eines jeden Weibsbilds / und beſtaͤttige mit meinem Exempel / daß alte Hund ſchwer - lich baͤndig zu machen; die Cholera hat ſich mit den Jahren bey mir vermehrt / und ich kan die Gall nicht heraus neh - men / ſolche wie der Metzger einen Saͤu - Magen umbzukehren und auszubu - tzen; wie wolte ich dann dem Zorn wi - derſtehen moͤgen? wer will mir die uͤber - haͤuffte Phlegmam evacuirn und mich al - ſo von der Traͤgheit curiren? Wer be - nimmt mir die Melancholiſche Feuch - tigkeit / und mit derſelbigen die Neigung zum Neid? Wer wird mich uͤberreden koͤnnen / die Ducaten zu haſſen / da ich doch aus langer Erfahrung weiß / das ſie aus Noͤhten erretten / und der einige Troſt meines Alters ſeyn koͤnnen / da - mal / damal / ihr Herrn Geiſtliche! wars Zeit / mich auf den jenigen Weeg zu wei - ſen / den ich euern Raht nach jetzt erſt antretten ſoll / als ich noch in der Bluͤt meiner Jugend / und in dem Stand meiner Unſchuld lebte; dann ob ich gleichda -17damals die gefaͤhrliche Zeit der kuͤtzel - hafften Anfechtung angieng / ſo waͤre mir doch leichter geweſen dem Sanguini - ſchen Antrieb / als jetzunder der uͤbrigen dreyen aͤrgſten Feuchtigkeiten gewaltſa - men Anlauff zugleich zuwiderſtehen; darumb gehet hin zu ſolcher Jugend / deren Hertzen noch nicht / wie der Cou - rage, mit andern Bildniſſen befleckt / und lehret / ermahnet / bittet / Ja beſchwe - ret ſie / daß ſie es aus Unbeſonnenheit nimmermehr ſo weit ſoll kommen laſſen / als die arme Courage gethan; Aber hoͤre Courage, wann du noch nicht im Sinn haſt dich zu bekehren / warumb wilſt du dann deinen Lebens-Lauff Beichtsweiß erzehlen / und aller Welt deine Laſter of - fen bahrn? Das thue ich dem Simpliciſ - ſimo zu Trutz! weil ich mich anderer Ge - ſtalt nicht an ihm raͤchen kan; dann nach dem dieſer ſchlimme Vocativus mich im Saurbrunnen geſchwaͤngert ſcilicet, uñ hernach durch einen ſpoͤttlichen Poſſen von ſich geſchafft / gehet er erſt hin / und rufft meine und ſeine eigne Schand / ver -mit -18mittelſt ſeiner ſchoͤnen Lebens-Beſchrei - bung vor aller Welt aus; aber ich will ihm jetzunder hingegen erzehlen / mit was vor einem erbarn Zobelgen er zu ſchaffen gehabt / damit er wiſſe / weſſen er ſich geruͤhmt; und vielleicht wuͤnſchet / daß er von unſerer Hiſtori allerdings ſtill geſchwiegen haͤtte; Woraus aber die gantze erbare Welt abzunehmen / daß gemeiniglich Gaul als Gurr: Hurn und Buben eins Gelichters: und keins umb ein Haar beſſer als das ander ſey; gleich und gleich geſellt ſich gern / ſprach der Teuffel zum Kohler / und die Suͤnden und Suͤnder werden widerumb gemei - niglich durch Suͤnden und Suͤn - der abgeſtrafft.

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Das II. Capitel.

Jungfrau Lebuſchka (hernach - mals genannte Courage) kommt in den Krieg / nennet ſich Janco / und muß in demſelben eine Zeitlang einen Cammerdiener abgeben; da - bey vermeldet wird / wie ſie ſich verhalten / und was ſich verwunderliches ferner mit ihr zugetragen.

DJe jenige / ſo da wiſſen / wie die Sclavoniſche Voͤlcker ihre Leib - eigne Unterthanen tractirn / doͤrff - ten wol vermeinen / ich waͤre von einem Boͤhmiſchen Edelmann und eines Bau - ren Tochter erzeugt und geboren wordẽ; Wiſſen und Meinen iſt aber zweyerley; ich vermeine auch viel Dings und weiß es doch nicht; wann ich ſagte / ich haͤtte gewuſt / wer meine Eltern geweſen / ſo wuͤrde ich luͤgen / und ſolches waͤre nicht das erſte mal; dieſes aber weiß ich wol / daß ich zu Bragoditz zaͤrtlich genug auf - erzogen / zur Schulen gehalten / und mehr als ein geringe Tochter zum Naͤ - hen / Stricken / Sticken und anderer dergleichen Frauenzimmer Arbeit ange -fuͤhrt20fuͤhrt worden bin; das Koſtgelt kam fleiſſig von meinem Vatter / ich wuſte aber drumb nicht woher / und meine Mutter ſchickte manchen Gruß / mit de - ren ich gleichwol mein Tage kein Wort geredet; als der Baͤyerfuͤrſt mit dem Bucquoy in Boͤhmen zog / den neuen Koͤnig widerumb zu verjagen / da war ich eben ein fuͤrwitzigs Ding von drey - zehen Jahren / welches anfieng nach zu - tichten / wo ich doch herkommen ſeyn moͤchte; und ſolches war mein groͤſtes Anligen; weil ich nicht fragen dorffte / und von mir ſelbſt nichts ergruͤnden koñ - te; ich wurde vor der Gemeinſchafft der Leut verwahrt wie ein ſchoͤnes Gemaͤhl vorm Staub; meine Coſtfrau behielte mich immer in den Augen / und weil ich mit andern Toͤchtern meines Alters kei - ne Geſpielſchafft machen dorffte / ſihe ſo vermehrten ſich meine Grillen und Dauben / die der Fuͤrwitz in meinem Hirn ausheckte / auſſer welchen ich mich auch mit ſonſt nichts bekuͤmmerte.

Als21

Als ſich nun der Hertzog aus Baͤyern vom Bucquoy ſeparirte, gieng der Baͤy - er vor Budweiß / dieſer aber vor Bra - goditz; Budweiß ergab ſich bey Zeiten / und thaͤt ſehr weißlich / Bragoditz aber erwartet und erfuhr den Gewalt der Kaͤiſerlichen Waffen / welche auch mit den Halsſtarrigen grauſam umbgien - gen; da nun meine Koſtfrau ſchmeckte / wo die Sach hinaus wolte / ſagte ſie zeitlich zu mir / Jungfrau Libuſchka / wann ihr eine Jungfrau bleiben wolt / ſo muͤſt ihr euch ſcheeren laſſen / und Manns-Kleider anlegen / wo nicht / ſo wolte ich euch keine Schnalle umb euer Ehre geben / die mir doch ſo hoch befoh - len worden zu beobachten; ich dachte / was vor frembde Reden ſeyn mir das? Sie aber kriegte eine Scheer / und ſchnit - te mir mein goldfarbes Haar auf der rechten Seiten hinweg / das auf der Lin - cken aber lieſſe ſie ſtehen / in aller Maß und Form / wie es die vornembſte Mañs - Perſonen damals trugen; ſo / mein Tochter! ſagte ſie / wann ihr dieſemBStrudel22Strudel mit Ehren entrinnet / ſo habt ihr noch Haar genug zur Zierd / und in einem Jahr kan euch das ander auch wider wachſen; ich lieſſe mich gern troͤ - ſten / dañ ich bin von Jugend auf gena - turt geweſen / am allerliebſten zu ſehen / wann es am allernaͤrriſchten hergieng; und als ſie mir auch Hoſen uñ Wambſt angezogen / lernte ſie mich weitere Schritte thun / und wie ich mich in den uͤbrigen Geberden verhalten ſolte; alſo erwarteten wir der Kaͤiſerlichen Voͤlcker Einbruch in die Stadt; meine Koſtfrau zwar mit Angſt und Zittern / ich aber mit groſſer Begierde / zu ſehen / was es doch vor eine neue ungewoͤhnliche Kuͤrbe ſe - tzen wuͤrde; ſolches wurde ich bald ge - wahr; ich will mich aber drumb nicht aufhalten mit Erzehlung / wie die Maͤn - ner in der eingenommenen Stadt von den Uberwindern gemetzelt: die Weibs - bilder genohtzuͤchtiget / und die Stadt ſelbſt gepluͤndert worden; ſintemal ſol - ches in dem verwichenen langwierigen Krieg ſo gemein und bekandt worden /daß23daß alle Welt genug darvon zu ſingen und zu ſagen weiß; diß bin ich ſchuldig zu melden / wann ich anders mein gantze Hiſtori erzehlen will / daß mich ein Teut - ſcher Reuter vor einen Jungen mit nahm / bey dem ich der Pferdte warten und forragirn: das iſt / ſtehlen helffen ſol - te; ich nennete mich Janco und koñte zim - lich Teutſch lallen / aber ich lieſſe michs / aller Boͤhmen Brauch nach / drumb nicht mercken; darneben war ich zart / ſchoͤn und Adelicher Geberden / und wer mir ſolches jetzt nicht glauben will / dem wolte ich wuͤnſchen / daß er mich vor 50. Jahren geſehen haͤtte / ſo wuͤrde er mir deſſentwegen ſchon ein ander gut Zeug - niß geben.

Als mich nun dieſer mein erſter Herr zur Compagnia brachte / fragte ihn ſein Rittmeiſter / welches in Warheit ein ſchoͤner junger tapfferer Cavallier war / was er mit mir machen wolte? Er ant - wortet / was andere Reuter mit ihren Jungen machen; Mauſen und der Pferdte warten / worzu die BoͤhmiſcheB ijArt /24Art / wie ich hoͤre / die beſte ſeyn ſoll; man ſagt vor gewiß / wo ein Boͤhm Kuder aus einem Haus trage / da werde gewiß - lich kein Teutſcher Flachs in finden; wie aber? antwortet der Rittmeiſter / wann er diß Boͤmiſch Handwerck an dir an - ſieng / und ritte dir zum Probſtuͤck deine Pferdt hinweg; ich will / ſagt der Reu - ter / ſchon Achtung auf ihn geben / bis ich ihn aus der Kuͤheweid bringe; die Bau - ren-Buben / antwortet der Rittmeiſter / die bey den Pferdten erzogen worden / geben viel beſſere Reuter-Jungen als die Burgers Soͤhne / die in den Staͤd - ten nicht lernen koͤnnen wie einem Pferd - te zu warten; zu dem dunckt mich / dieſer Jung ſey ehrlicher Leut Kind und viel zu haͤckel auferzogen worden / einem Reu - ter ſeine Pferd zu verſehen; ich ſpitzte die Ohren gewaltig / ohne daß ich derglei - chen gethan haͤtte / daß ich etwas von ih - rem Diſcurs verſtuͤnde / weil ſie Teutſch re - deten; meine groͤſte Sorg war / ich moͤch - te wider abgeſchafft / und nach dem ge - pluͤnderten Bragodiz zuruck gejagt wer -den /25den / weil ich die Trommeln und Pfeif - fen / das Geſchuͤtz / und die Trompeten / von welchem Schall mir das Hertz im Leib aufhupffte / noch nicht ſatt genug gehoͤrt hatte; zu letzt ſchickte ſichs / ich weiß nicht zu meinem Gluͤck oder Un - gluͤck / daß mich der Rittmeiſter ſelbſt be - hielte / daß ich ſeiner Perſon wie ein Pa - ge und Cammerdiener aufwarten ſolte; dem Reuter aber gab er einen andern Boͤhmiſchen Knollfincken zum Jungen / weil er ja einen Dieb aus unſerer Nati - on haben wolte;

Alſo ſchickte ich mich nun gar artlich in den Poſſen; ich wuſte meinem Ritt - meiſter ſo trefflich zu Fuchsſchwaͤntzen / ſeine Kleidungen ſo ſauber zu halten / ſein weiß leinen Zeug ſo nett zu accom - modirn, und ihm in allem ſo wol zu pfle - gen / daß er mich vor den Kern eines gu - ten Cammer dieners halten muſte; und weil ich auch einen groſſen Luſt zum Ge - wehr hatte / verſahe ich daſſelbe derge - ſtalten / daß ſich Herr und Knechte dar - auf verlaſſen durfften / und dannenheroB iijerhiel -26erhielte ich bald von ihm / daß er mir ei - nen Degen ſchenckte / und mich mit einer Maultaſche Wehrhafft machte; uͤber das / daß ich mich hierinn ſo friſch hielte / muſte ſich auch jederman uͤber mich ver - wundern / und vor die Anzeigung eines unvergleichlichen Verſtands halten / daß ich ſo bald Teutſch reden lernete / weil niemand wuſte / daß ichs bereits von Jugend auf lernen muͤſſen; darneben be - fliſſe ich mich aufs hoͤchſte / alle meine Weibliche Sitten auszumuſtern / und hingegen Mannliche anzunehmen; ich lernte mit Fleiß fluchen wie ein anderer Soldat / und darneben Sauffen wie ein Buͤrſtenbinder / ſoff Bruͤderſchafft mit denen / die ich vermeinte das ſie mei - nes Gleichens waͤren / und wann ich et - was zu beteuern hatte / ſo geſchahe es bey Dieb und Schelmen ſchelten / damit ja niemand mercken ſolte / warumb ich in meiner Geburt zu kurtz kommen / oder was ich ſonſt nicht mit - gebracht.

Das III. 27

Das III. Capitel.

Janco vertauſchet ſein Edles Jungſer-Kraͤntzlein bey einem reſolu - ten Rittmeiſter umb den Nahmen Conraſche.

MEin Rittmeiſter war / wie hiero - ben gemeldet / ein ſchoͤner junger Cavallier / ein guter Reuter / ein guter Fechter / ein guter Daͤntzer / ein Reuteriſcher Soldat / und uͤberaus ſehr auf das Jagen verbicht; ſonderlich mit Windhunden die Haaſen zu hetzen war ſein groͤſter Spaß; er hatte ſo viel Barts umbs Maul als ich / und wann er Frau - enzimmer-Kleider angehabt haͤtte / ſo haͤtte ihn der Tauſendſte vor eine ſchoͤne Jungfrau gehalten; aber wo komm ich hin? ich muß meine Hiſtori erzehlen; als Budweis und Bragodiz uͤber / gien - gen beyde Armeen vor Pilſen / welches ſich zwar tapffer wehrete / aber hernach auch mit jaͤmmerlichem Wuͤrgen und Aufhencken ſeine Straff empfieng; von dannen ruckten ſie auf Raconitz / allwoB iiijes28es die erſte Stoͤß im Feld ſetzte / die ich ſa - he; und damals wuͤnſchte ich ein Mann zu ſeyn / umb dem Krieg meine Tage nachzuhaͤngen; dann es gieng ſo luſtig her / daß mir das Hertz im Leib lachte; und ſolche Begierde vermehrte mir die Schlacht auf dem weiſſen Berg bey Prag / weil die unſere einen groſſen Sieg erhielten und wenig Volck einbuͤ - ſten; damals machte mein Rittmeiſter treffliche Beuten / ich aber lieſſe mich nicht wie ein Page oder Caͤmmerling / vielweniger als ein Maͤgdgen / ſondern wie ein Soldat gebrauchen / der an den Feind zu gehen geſchworen / und dar - von ſeine Beſoldung hat.

Nach dieſem Treffen marchirt der Hertzog aus Baͤyern in Oeſterreich / der Saͤchſiſche Churfuͤrſt in die Laußnitz / und unſer General Bucquoy in Maͤhren / des Kaͤiſers Rebellen widerumb in Ge - horſam zu bringen; und indem ſich die - ſer letztere an ſeiner bey Raconitz em - pfangenen Beſchaͤdigung curiren lieſſe; ſihe / da bekam ich mitten in derſelbigenRuhe /29Ruhe / ſo wir ſeinethalber genoſſen / eine Wunden in mein Hertz / welche mir mei - nes Rittmeiſters Liebwuͤrdigkeit hinein truckte; dann ich betrachtete nur die je - nige Qualitaͤten / die ich oben von ihm erzehlet / und achtete gar nicht / daß er we - der Leſen noch Schreiben konnte / und im uͤbrigen ſo ein roher Menſch war / daß ich bey meiner Treu ſchweren kan / ich haͤtte ihn niemahlen hoͤren oder ſehen be - ten; und wann ihn gleich der weiſe Koͤ - nig Alphonſus ſelbſt eine ſchoͤne Beſtia genannt haͤtte / ſo waͤre mein Liebes - Feur / das ich hegte / doch nicht darvon verloſchen / welches ich aber heimlich zu halten gedachte / weil mirs meine wenig uͤbrighabende Jungfraͤuliche Scham - hafftigkeit alſo riehte; es geſchahe aber mit ſolcher Ungedult / daß ich / unange - ſehen meiner Jugend / die noch keines Manns wehrt war / mir offt wuͤnſchte / der jenigen Stelle zu vertretten / die ich und andere Leute ihm zu Zeiten zu kup - pelten; ſo hemmte Anfaͤnglich auch nicht wenig den ungeſtuͤmmen und gefaͤhrli -B vchen30chen Ausbruch meiner Liebe / daß mein Liebſter von einem edlen und Namhaff - ten Geſchlecht geboren war / von dem ich mir einbilden muſte / daß er keine / die ihre Eltern nicht kennete / ehelichen wuͤr - de; und ſeine Matreſſe zu ſeyn / konnte ich mich nicht entſchlieſſen / weil ich taͤg - lich bey der Armee ſo viel Huren ſahe Preiß machen.

Ob nun gleich dieſer Krieg uñ Streit / den ich mit mir ſelber fuͤhrte / mich greu - lich quaͤlte / ſo war ich doch geil und aus - gelaſſen darbey / ja von einer ſolchen Natur / daß mir weder mein innerlichs Anliegen noch die aͤuſerliche Arbeit und Kriegs Unruhe etwas zu ſchaffen gab; ich hatte zwar nichts zu thun / als einzig meinem Rittmeiſter aufzuwarten; aber ſolches lernete mich die Liebe mit ſolchem Fleiß und Eifer verrichten / daß mein Herrtauſend Eid vor einen geſchworen haͤtte / es lebte kein treuerer Diener auf dem Erdboden; in allen occaſionen, ſie waͤren auch ſo ſcharff geweſen / als ſie immer wolten / kame ich ihme niemah -len31len vom Rucken oder der Seiten / wie - wol ichs gar nicht zu thun ſchuldig war / und uͤber das war ich allzeit willig / wo ich nur etwas zu thun wuſte / das ihm gefiele; ſo haͤtte er auch gar wol aus mei - nem Angeſicht leſen koͤnnen / wann ihn nur meine Kleider nicht betrogen / daß ich ihn weit mit einer anderen als eines gemeinen Dieners Andacht geehrt und angebetet; Jndeſſen wuchſe mir mein Buſen je laͤnger je groͤſſer / und druckte mich der Schu je laͤnger je hefftiger / der - geſtalt / daß ich weder von auſſen meine Bruͤſte: noch den innerlichen Brand im Hertzen laͤnger zu verbergen getraute.

Als wir Jylau beſtuͤrmet / Trebitz be - zwungen / Znaim zum Accord gebracht / Bruͤn und Olmuͤtz unter das Joch ge - worffen / und meiſten theils alle andere Staͤdte zum Gehorſam getrieben / ſeynd mir gute Beuten zugeſtanden / welche mir mein Rittmeiſter / meiner getreuen Dienſte wegen / alle ſchenckte; wormit ich mich trefflich mundirte / und ſelbſt zum allerbeſten beritten machte / meinenB vjeignen32eignen Beutel ſpickte / und zu Zeiten bey dem Marquedentern mit den Kerln ein Maas Wein tranck; einsmals machte ich mich mit etlichen luſtig / die mir aus Neid empfindliche Wort gaben / und ſonderlich war ein feindſeliger daꝛunter / der die Boͤhmiſche Nation gar zu ſehr ſchmaͤhete und verachtete; der Narr hiel - te mir vor / daß die Boͤhmen ein faulen Hund voller Maden vor ein ſtinckenden Kaͤß gefreſſen haͤtten / und foppte mich allerdings / als wann ich Perſoͤnlich darbey geweſen waͤre / derowegen kamen wir beyderſeits zu Scheltworten / von den Worten zu Naſenſtuͤbern / und von den Stoͤſſen zum Rupffen und Ringen / unter welcher Arbeit mir mein Gegen - theil mit der Hand in Schlitz wiſchte / mich bey dem jenigen Geſchirr zu erdap - pen / das ich doch nicht hatte / welcher zwar vergebliche / doch Moͤrderiſche Griff mich viel mehr verdroſſe / als wann er nicht leer abgangen waͤre / und eben darumb wurde ich deſto verbitterter / ja gleichſam halber unſinnig / alſo / daß ichaller33aller meiner Staͤrck und Geſchwindig - keit zuſammen gebotte / und mich mit Kratzen / Beiſſen / Schlagen und Tret - ten dergeſtalt wehrete / daß ich meinen Feind hinunter brachte / und ihn im An - geſicht alſo zurichtete / daß er mehr einer Teuffels-Larven als einem Menſchen gleich ſahe / ich haͤtte ihn auch gar er - wuͤrgt / wann mich die andere Geſell - ſchafft nicht von ihm geriſſen / und Fried gemacht haͤtte; ich kam mit einem blau - en Aug darvon / und konnte mir wol ein - bilden / daß der ſchlimme Kund gewahr worden / was Geſchlechts ich geweſen / und ich glaub auch / daß ers offenbahrt haͤtte / wann er nicht gefuͤrchtet / daß er entweder mehr Stoͤſſe bekommen / oder zu denen die eꝛ allbereit empfangen / aus - gelacht worden waͤre / umb daß er ſich von einem Maͤgdgen ſchlagen laſſen; uñ weil ich ſorgte / er moͤchte noch endlich ſchnellen / ſihe ſo drehete ich mich aus.

Mein Rittmeiſter war nicht zu Haus / als ich in unſer Quartier kam / ſondern bey einer Geſellſchafft anderer Officier /B vijmit34mit denen er ſich luſtig machte / allwo er auch erfuhr was ich vor eine Schlacht gehalten / ehe ich zu ihm kam; er liebte mich als ein reſolutes junges Buͤrſchel / und eben darumb war mein Filtz deſto geringer / doch unterlieſſe er nicht mir deſſentwegen einen Verweiß zu geben; als aber die Predigt am allerbeſten war / und er mich fragte / warumb ich meinen Gegentheil ſo gar abſcheulich zugerich - tet haͤtte / antwortet ich / darumb / daß er mir nach der Courage gegriffen hat / wo - hin ſonſt noch keines Manns-Menſchen Haͤnde kommen ſeyn / (dann ich wolte es verzwicken / und nicht ſo grob nennen / wie die Schwaben ihre zuſammen ge - legte Meſſer / welche man / wann ich Meiſter waͤre / auch nicht mehr ſo un - hoͤfflich / ſondern unzuͤchtige Meſſer heiſ - ſen muͤſte /) und weil meine Jungfrau - ſchafft ohne das ſich in letzten Zuͤgen be - fand / zumalen ich wagen muſte / mein Gegentheil wuͤrde mich doch verrahten / ſihe / ſo entbloͤſte ich meinen ſchneeweiſ - ſen Buſen / und zeigte dem Rittmeiſtermeine35meine anziehende harte Bruͤſte; ſehet / Herr! ſagte ich / hie ſehet ihr eine Jung - frau / welche ſich zu Bragodiz verkleidet hat / ihre Ehr vor den Soldaten zu er - retten / und demnach ſie Gott und das Gluͤck in euere Haͤnde verfuͤgt / ſo bittet ſie / und hofft / ihr werdet ſie auch als ein ehrlicher Cavallier bey ſolcher ihrer her - gebrachten Ehr beſchuͤtzen; und als ich ſolches vorgebracht hatte / fieng ich ſo er - baͤrmlich an zu weinen / daß einer drauff geſtorben waͤre / es ſey mein gruͤndlicher Ernſt geweſen.

Der Rittmeiſter erſtaunete zwar vor Verwunderung / und muſte doch la - chen / daß ich mit einen neuen Nahmen viel Farben beſchrieben hatte / die mein Schild und Helm fuͤhrte; er troͤſtete mich gar freundlich / und verſprach mit gelehrten Worten meine Ehre wie ſein eigen Leben zu beſchuͤtzen / mit den Wer - cken aber bezeugte er alſobalden / daß er der Erſte waͤre / der meinem Kraͤntzlein nachſtellte / und ſein unzuͤchtig Gegrabel gefiele mir auch viel beſſer als ſein ehr -lichs36lichs Verſprechen; doch wehrete ich mich Ritterlich; nicht zwar / ihme zu entge - hen / oder ſeinen Begierden zu entrinnen / ſondern ihn recht zu hetzen und noch be - gieriger zu machen; allermaſſen mir der Poß ſo artlich angieng / daß ich nichts geſchehen lieſſe / bis er mir zuvor bey Teuffelholen verſprach mich zu eheli - chen / unangeſehen / ich mir wol einbil - den konnte / er wuͤrde ſolches ſo wenig im Sinn haben zu halten / als den Hals abzufallen. Und nun ſchaue / du guter Simplex! du doͤrffteſt dir hiebevor im Saurbrunnen vielleicht eingebildet ha - ben / du ſeyeſt der Erſte geweſen / der den ſuͤſſen Milchraum abgehoben; Ach nein du Tropff! du biſt betrogen / er war hin / ehe du vielleicht biſt geboren worden / darumb dir dann billich / weil du zu ſpat aufgeſtanden / nur der Zeiger ge - buͤhrt und vorbehalten worden; aber diß iſt nur Puppenwerck gegen dem zu - rechnen / wie ich dich ſonſt angeſeilt und betrogen habe / welches du an ſeinem Ort auch gar ordenlich von mir vernehmen ſolt.

Das IV. 37

Das IV. Capitel.

Courage wird darumb eine Ehe - frau und Rittmeiſterin / weil ſie gleich daranf wieder zu einer Wittbe werden mu - ſte / nachdem ſie vorhero den Eheſtand eine weile lediger Weiſe ge - trieben hatte.

ALſo lebte ich nun mit meinem Ritt - meiſter in heimlicher Liebe / uñ ver - ſahe ihm beydes die Stelle eines Cammerdieners und ſeines Eheweibs; ich quaͤlte ihn offt / daß er dermahlen eins ſein Verſprechen halten / und mich zur Kirchen fuͤhren ſolte / aber er hatte allzeit eine Ausrede / vermittelſt deren er die Sach auf die lange Banck ſchieben koñ - te / niemahlen konnte ich ihn beſſer zu Chor treiben / als wann ich eine gleich - ſam unſinnige Liebe gegen ihn bezeugte / und darneben meine Jungfrauſchafft wie des Jephthæ Tochter beweinte; wel - chen Verluſt ich doch nicht dreyer Heller wehrt ſchaͤtzte; ja ich war froh / daß mir ſolche als ein ſchwerer untraͤglicher Laſt entnommen war / weil mich nunmehr derFuͤrwitz38Fuͤrwitz verlaſſen; doch brachte ich mit meiner liebreitzenden Importunitaͤt ſo viel zu wegen / daß er mir zu Wien ein doll Kleid machen lieſſe / auf die neue Mode / wie es damahlen das Adeliche Frauen - zimmer in Jtalia trug / (ſo daß mir nichts anders manglete / als die Copulation / und daß man mich einmal Frau Ritt - meiſterin nennete /) wormit er mir eine groſſe Hoffnung machte / und mich wil - lig behielte; ich dorffte aber drumb daſ - ſelbig Kleid nicht tragen / noch mich vor ein Weibsbild / vielweniger aber vor ſei - ne Geſpons ausgeben; und was mich zum allermeiſten verdroſſe / war diß / daß er mich nicht mehr Janco / auch nicht Libuſchka ſondern Courage nannte; den - felben Nahmen aͤhmten andere nach / ohne daß ſie deſſen Urſprung wuſten / ſondern vermeinten mein Herr hieſſe mich deſſentwegen alſo / weil ich mit ei - ner ſonderbaren Refolution und unver - gleichlichen Courage in die alleraͤrgſte Feinds-Gefahrn zu gehen pflegte / und alſo muſte ich ſchlucken was ſchwer zuver -39verbauen war. Darumb O ihr lieben Maͤgdgen! die ihr noch euer Ehr und Jungfrauſchafft unverſehrt erhalten habt / ſeyd gewarnet / und laſſet euch ſol - che ſo liderlich nicht hinrauben / dann mit derſelbigen gehet zugleich euere Freyheit in Duckas / und ihr gerahtet in ein ſolche Marter und Sclaver ey / die ſchwerer zu erdulden iſt / als der Todt ſelbſten / ich habs erfahren und kan wol ein Liedlein darvon ſingen; Der Verluſt meines Kraͤntzleins thaͤt mir zwar nicht wehe / dann ich hab niemal kein Schloß dar - umb zu kauffen begehrt / aber dieſes gieng mir zu Hertzen / daß ich mich noch deswegen foppen laſſen / und noch gute Wort darzu geben muſte / wolte ich nicht in Sorgen leben / daß mein Rittmeiſter aus der Schul ſchwatzen / und mich al - ler Welt zu Spott und Schand darſtel - len moͤchte. Auch ihr Kerl / die ihr mit ſolcher betruͤglichen Schnapphanerey umbgehet / ſehet euch vor / daß ihr nicht den Lohn euerer Leicht fertigkeit von de - ren empfahet / die ihr zu billicher Rachbewee -40beweeget; wie man ein Exempel zu Pa - ris hat / allwo ein Cavallier / nachdem er eine Dame betrogen / und ſich fol - gents an ein andere verheuraten wolte / widerumb zum Beyſchlaff gelockt: des Nachts aber ermordet / elend zerſtuͤm - melt / und zum Fenſter hinaus auf die offene Straß geworffen wurde; ich muß von mir ſelbſt bekennen / wann mich mein Rittmeiſter nicht mit allerhand hertzli - chen Liebsbezeugungen unterhalten / und mir nicht ſtetig Hoffnung gemacht haͤt - te / mich noch entlich ohne allen Zweiffel zu ehelichen / daß ich ihm einmal unver - ſehens in einer Occaſion ein Kugel ge - ſchenckt haͤtte; Jndeſſen marchirten wir unter des Bucquoy Commando in Un - garn / und nahmen zum erſten Preß - burg ein / allwo wir auch unſere meiſte Bagage und beſte Sachen hinderlege - ten / weil ſich mein Rittmeiſter verſahe / wir wuͤrden mit dem Bethlen Gabor ei - ne Feldſchlacht wagen muͤſſen / von dan - nen giengen wir nach S. Georgi / Poſ - ſing / Moder und andere Ort / welcheerſtlich41erſtlich gepluͤndert und hernach ver - brendt wurden / Tirnau / Altenburg und faſt die gantze Jnſul nahmen wir ein / und vor Neuſoll: kriegten wir einige Stoͤſſe / allwo nicht allein mein Rittmei - ſter toͤdlich verwundet / ſondern auch unſer General der Graf Bucquoy ſelb - ſten nidergemacht wurde / welcher Tod dann verurſachte / daß wir anfiengen zu fliehen / und nicht aufhoͤreten / bis wir nach Preßburg kamen / daſelbſt pflegte ich meinem Rittmeiſter mit gantzen Fleiß / aber die Wundaͤrtzte prophecey - ten ihm den gewiſſen Tod / weil ihm die Lung verwundet war / derowegen wur - de er auch durch gute Leute erinnert und da hin bewoͤgt daß er ſich mit Gott ver - ſoͤhnet / dann unſer Regiments-Caplan war ein ſolcher eiferiger Seelenſorger / daß er ihm keine Ruhe ließ / bis er beich - tet und communicirte; Nach ſolchem wurde er beydes durch ſeinen Beicht - vatter und ſein eigen Gewiſſen ange - ſport und getrieben / daß er mich mit ihme im Bette copuliren lieſſe / welchesnicht42nicht ſeinem Leib / ſondern ſeiner See - len zum beſten angeſehen war / und ſol - ches gieng deſto ehender / weil ich ihn - berredet / daß ich mich von ihm ſchwan - ger befaͤnde; So verkehrt nun gehets in der Welt her / andere nehmen Weiber mit ihnen ehelich zu leben / dieſer aber ehelichte mich / weil er wuſte daß er ſolte ſterben! Aus dieſem Verlauff muſten die Leute nun glauben / daß ich ihn nicht als ein getreuer Diener / ſondern als ſei - ne Matreß bedient / und ſein Ungluͤck be - weinet hatte / das Kleid kam mir wol zu der Hochzeit-Ceremonien zu Paß / wel - ches er mir hiebevor machen laſſen / ich dorffte es aber nicht lang tragen / ſon - dern muſte ein ſchwartzes haben / weil er nach wenig Tagen mich zur Wittib machte / und damals gieng mirs aller - dings wie jenem Weib / die bey ihres Manns Begraͤbnis einem ihrer Be - freundten / der ihr das Leid klagte / zur Antwort gab; was einer zum liebſten hat / fuͤhrt einem der Teuffel zum erſten hin. Jch lieſſe ihn ſeinem Stand gemaͤßpraͤch -43praͤchtig genug begraben / dann er mir nicht allein ſchoͤne Pferdt / Gewehr und Kleider: ſondern auch ein ſchoͤn Stuͤck Gelt hinterlaſſen / und umb alle dieſe Begebenheit lieſſe ich mir von den Geiſt - lichen Schrifftlichen Urkund geben / der Hoffnung dardurch von ſeiner Eltern Verlaſſenſchafft noch etwas zu erha - ſchen / ich konnte abeꝛ auf fleiſſiges Nach - forſchen nichts anders erfahren / als daß er zwar gut Edel von Geburt: aber hin - gegen ſo blut-arm geweſen / daß er ſich elend behelffen muͤſſen / wann ihm die Boͤhmen keinen Krieg geſchickt oder zu - gericht haͤtten. Jch verlohre aber zu Preßburg nicht allein dieſen meinen Liebſten / ſondern wurde auch in ſelbiger Stadt vom Bethlen Gabor belaͤgert / dieweil aber zehen Compagnien Reuter und zwey Regiment zu Fuß aus Maͤh - ren durch ein Strategema die Stadt entſetzet / Bethlen an der Eroberung verzweiffelt und die Belaͤgerung aufge - hoben / habe ich mich mit einer guten Gelegenheit ſammt meinen Pferdten /Die -44Dienern und gantzer Pagage nach Wien begeben / umb von dannen wi - derumb in Boͤhmen zu kommen; zu ſe - hen / ob ich vielleicht meine Koſtfrau zu Bragodiz noch lebendig finden und von ihr erkundigen moͤchte / wer doch meine Eltern geweſen; ich kuͤtzelte mich da - mals mit keinen geringen Gedancken / was ich nemlich vor Ehr und Anſehens haben wuͤrde / wann ich wider nach Haus kaͤme / und ſo viel Pferdt und Diener mitbraͤchte / das ich alles laut meiner Urkund im Krieg redlich und ehrlich ge - wonnen.

Das45

Das V. Capitel.

Was die Rittmeiſterin Courage in ihrem Wittibſtand vor ein erbares zuͤchtiges / wie auch verruchtes Gottloſes Leben gefuͤhret / wie ſie einem Grafen zu Willen wird / einen Ambaſſador umb ſeine Piſtolen brin - get / und ſich andern mehr umb rei - che Beute zu erſchnappen wil - lig unterwirfft.

WEil ich meine vorhabende Reiſe Unſicherheit halber võ Wien aus nach Bragodiz ſo bald nicht ins Werck zu ſetzen getraute / zumalen es in den Wirthshaͤuſern grauſam theur zu zehren war / als verkauffte ich meine Pferdte und ſchaffte alle meine Diener ab / dingte mir aber hingegen eine Magd und bey einer Wittib eine Stube / Cam - mer und Kuchel / umb genau zu hauſen und Gelegenheit zu erwarten / mit de - ren ich ſicher nach Haus kommen koͤnn - te; Dieſelbe Wittib war ein rechtes Dauß-Es die nicht viel ihres Gleichen hatte; Jhre zwo Toͤchter aber waren unſers Volcks / und beydes bey derCHof -46Hofburſch und den Kriegs-Officiern wol bekandt / welche mich auch bey den - ſelben bald bekand machten; ſo / daß der - gleichen Schnapphanen in Kuͤrtze die groſſe Schoͤnheit der Rittmeiſterin / die ſich bey ihnen enthielte / untereinander zu ruͤhmen wuſten / gleich wie mir aber mein ſchwartzer Traur-Habit ein ſonder - bares Anſehen und erbare Gravitaͤt ver - liehe / zumalen meine Schoͤnheit deſto hoͤher herfuͤr leuchten machte / alſo hielte ich mich auch anfaͤnglich gar ſtill und ein - gezogen; meine Magd muſte ſpinnen / ich aber begab mich aufs Naͤhen / Wir - cken und andere Frauenzimmer-Arbeit / daß es die Leute ſahen / heimlich aber pflantzte ich meine Schoͤnheit auf / und konte offt ein gantze Stund vorm Spie - gel ſtehen / zu lernen und zu begreiffen / wie mir das Lachen / das Weinen / das Seufftzen und andere dergleichen veraͤn - derliche Sachen anſtunden; und dieſe Thorheit ſolte mir ein genugſame Anzei - gung meiner Leichtfertigkeit / und eine gewiſſe Propheceyung geweſen ſeyn /daß47daß ich meiner Wuͤrthin Toͤchtern bald nachaͤhmen wuͤrde; welche auch / damit ſolches bald geſchehe / ſammt der Alten anfiengen gute Kundſchafft mit mir zu machen / und mir die Zeit zu kuͤrtzen mich offt in meinem Zimmer beſuchten / da es dann ſolche Diſcurs ſetzte / die ſo jungen Dingern wie ich war / die Frommkeit zu - erhalten / gar ungeſund zu ſeyn pflegen; ſonderlich bey ſolchen Naturen wie die Meinige inclinirt geweſen; Sie wuſte mit weitlaͤuffigen Umbſchweiffen artlich herumb zu kommen / und lernete meine Magd Anfaͤnglich / wie ſie mich recht auf die neue Mode aufſetzen und ankleiden ſolte; Mich ſelbſt aber unterrichtet ſie wie ich meine weiſſe Haut noch weiſſer / und meine Goldfarbe Haar noch glaͤn - tzender machen ſolte / und wann ſie mich dann ſo gebutzt hatte / ſagte ſie / es waͤre immer Schad / daß ſo ein edele Creatur immerhin in einem ſchwartzen Sack ſte - cken / und wie ein Turteltaͤublein leben ſolte; das thaͤt mir dann trefflich kirr / und war Oehl zu dem ohne das bren -C ijnen -48nenden Feur meiner anreitzenden Be - gierden; Sie lehnete mir auch den Ama - dis die Zeit darinn zu vertreiben und Complimenten daraus zu ergreiffen / und was ſie ſonſt erdencken konnte / das zu Liebes-Luͤſten reitzen machte / das lieſſe ſie nicht unterwegen.

Jndeſſen hatten meine abgeſchaffte Diener ausgeſprengt und unter die Leu - te gebracht / was ich vor eine Rittmeiſte - rinn geweſen / und wie ich zu ſolchem Titul kommen / und weil ſie mich nicht anders zu nennen wuſten / verbliebe mir der Nahm Courage, auch fieng ich nach und nach an meines Rittmeiſters zu ver - geſſen / weil er mir nicht mehr warm gab / und in dem ich ſahe / daß meiner Wuͤr - thin Toͤchter ſo guten Zuſchlag hatten / wurde mir das Maul allgemach nach neuer Speiſe waͤſſerig / welche mir auch meine Wuͤrthin lieber als ihr ſelbſt gern gegoͤñt haͤtte; doch dorffte ſie mir / ſo lang ich die Traur nicht ablegte / noch nichts dergleichen ſo offentlich zumuhten / weil ſie ſahe / daß ich die Anwuͤrff / ſo hieraufzieh -49ziehleten / gar kaltſinnig annahm; gleich - wol unterlieſſen etliche vornehme Leute nicht / ihr taͤglich meinetwegen anzu - liegen / und umb ihr Haus herumb zu ſchwermen wie die Raub-Bienen umb ein Jm̃enfaß / unter dieſen war ein jun - ger Graf / der mich neulich in der Kir - chen geſehen / und ſich aufs aͤuſerſte ver - liebt hatte / dieſer ſpendirte trefflich / ei - nen Zutritt zu mir zu bekommen / und damit es ihm anderwaͤrts gelingen moͤchte / weil ihn meine Wuͤrthin noch zur Zeit nicht kecklich bey mir anzubrin - gen getraute / (die er deſſentwegen offt vergeblich erſucht /) erkundigte er von ei - nem meiner geweſenen Diener alle Be - ſchaffenheit des Regiments / darunter mein Rittmeiſter gelebt / und als er der Officier Nahmen wuſte / demuͤtigt er ſich mir aufzuwarten oder mich Perſoͤn - lich zu beſuchen umb ſeinen Bekandten nachzufragen / die er ſein Lebtag nicht ge - ſehen hatte / von dannen kam er auch auf meinen Rittmeiſter / von welchem er auffſchnitte / daß er in der Jugend nebenC iijihm50ihm ſtudirt und allzeit gute Kundſchafft und Vertreulichkeit mit ihm gehabt haͤt - te / beklagte auch ſeinen fruͤhezeitigen Ab - gang / und lamentirte damit zugleich - ber mein Ungluͤck / daß es mich in einer ſolchen zarten Jugend ſo bald zu einer Wittib gemacht / mit Anerbieten / da ich in irgend was ſeiner Huͤlffe beduͤrfftig waͤre / ꝛc. mit ſolchen und dergleichen Aufzuͤgen ſuchte der junge Herr ſein erſte Kundſchafft mit mir zu machen / die er auch bekam / und ob ich zwar greiffen konnte / das er im Reden irrete (dann mein Rittmeiſter hatte ja das geringſte nicht ſtudirt.) So lieſſe ich mir doch ſei - ne Weiſe wolgefallen / weil ſeine Mei - nung dahin gieng / des abgangnen Ritt - meiſters Stell bey mir zu erſetzen / doch ſtellte ich mich gar frembt uñ kaltſinnig / gab kurtzen Beſcheid und zwang ein zier - lichs Weinen daher / bedanckte mich ſei - nes Mittleidens und der anerbottenen Gnad / mit ſo beſchaffnen Complimen - ten / die genugſamb waren / ihme anzu - deuten / daß ſich ſeine Liebe vor dißmalmit51mit einem guten Anfang genuͤgen laſſen / er ſelbſt aber widerumb einen ehrlichen Abſcheid von mir nehmen ſolte.

Den andern Tag ſchickte er ſeinen Lacqueyen / zu vernehmen / ob er mir kein Ungelegenheit machte / wann er kaͤme mich zu beſuchen; Jch lieſſe ihm wider ſagen / er machte mir zwar keine Ungele - genheit / und ich moͤchte ſeine Gegenwart auch wol leiden / allein weil es wunderli - che Leute in der Welt gebe / denen alles verdaͤchtig vorkaͤme / ſo baͤte ich / er wolle meiner verſchonen / und mich in kein boͤs Geſchꝛey bringen. Dieſe unhoͤffliche Ant - wort machte den Grafen nicht allein nicht zornig / ſondern viel verliebter / er paſſirte Maulhenckoliſch bey dem Hau - ſe voruͤber / der Hoffnung / auffs wenigſt nur ſeine Augen zu weiden / wann er mich am Fenſter ſehe / aber vergeblich / ich wol - te meine Wahr recht theur an Mann bringen / und lieſſe mich nicht ſehen / in deſſen nun dieſer vor Liebe halber ver - gieng / legte ich meine Trauer ab / und prangte in meinem andern Kleid / darinnC iiijich52ich mich dorffte ſehen laſſen; da unter - lieſſe ich nichts das mich ziern moͤchte / und zohe damit die Augen und Hertzen vieler groſſen Leut an mich / welches aber nur geſchahe / wann ich zur Kirchen gieng / weil ich ſonſt nirgends hin kam / ich hatte taͤglich viel Gruͤſſe und Pott - ſchafften von dieſen und von jenen anzu - hoͤren / die alle in des Grafen Spital kranck lagen / aber ich beſtunde ſo unbe - woͤglich wie ein Felſen / bis gantz Wien nicht allein von dem Lob meiner unver - gleichlichen Schoͤnheit / ſondern auch von dem Ruhm meiner Keuſchheit und anderer ſeltenen Tugenden erfuͤllt ward; Da ich nun meine Sach ſo weit ge - bracht / daß man mich ſchier vor eine halbe Heiliginne hielte / dunckte mich Zeit ſeyn / meinen bisher bezwungenen Begierden den Zaum einmal ſchieſſen zu laſſen / und die Leute in ihrer guten von mir gefaſten Meinung zu betruͤgen. Der Graf war der Erſte / dem ich Gunſt bezeugte / und widerfahren lieſſe / weil er ſolche zu erlangen weder Muͤhe noch Un -coſten53coſten ſparete / er war zwar Liebens wehrt und liebte mich auch von Hertzen / und ich hielte ihn vor den Beſten unterm gantzen Hauffen / mir meine Begierden zu ſaͤttigen; Aber dannoch ſo waͤre er nicht darzu kommen / wann er mir nicht gleich nach abgelegter Traur ein Stuͤck Columbinen Adlaß mit aller Ausſtaffie - rung zu einem neuen Kleid geſchickt / und vor allen Dingen 100. Ducaten in mei - ne Haushaltung / umb daß ich mich uͤber meines Manns Verluſt deſto beſſer troͤ - ſten ſolte / verehrt haͤtte; Der Ander nach ihm war eines groſſen Potentaten Am - baſſador / welcher mir die erſte Nacht 60. Piſtolen zu verdienen gabe / nach die - ſen kamen auch andere / und zwar keine die nicht tapffer ſpendieren konnten / dañ was arm war / oder wenigſt nicht gar reich und hoch / das mochte entweder drauſſen bleiben / oder ſich mit meiner Wuͤrthin Toͤchtern behelffen / und ſol - cher Geſtalt richtete ichs dahin / daß mei - ne Muͤhle gleichſamb nie leer ſtunde / ich maltzerte auch ſo Meiſterlich / daß ich in -C vner54ner Monats Friſt uͤber 1000. Ducaten in ſpecie zu ſammen brachte / ohne das je - nige / was mir an Kleinodien / Ringen / Ketten / Armbaͤndern / Sammet / Sei - den und Leinen Gezeug (mit Struͤmpfen und Handſchuhen dorffte wol keiner aufziehen /) auch an Victualien, Wein und anderen Sachen verehrt wurde / uñ alſo gedachte ich mir meine Jugend fuͤr - derhin zu Nutz zu machen / weil ich wuſte daß es heiſt.

Ein jeder Tag bricht dir was ab /
Von deiner Schoͤnheit bis ins Grab.

Und es muͤſte mich auch noch auf die - ſe Stund reuen / wann ich weniger ge - than haͤtte; Endlich machte ichs ſo grob / daß die Leute anfiengen mit Fingern auf mich zu zeichen / und ich mir wol einbil - den koñte / die Sach wuͤrde ſo in die Laͤn - ge kein Gut thun / dann ich ſchlug zu letzt dem Geringen auch keine Reis ab / mei - ne Wuͤrthin war mir treulich beholffen / und hatte auch ihren ehrlichen Gewinn davon; Sie lernete mich allerhand fei - ne Kuͤnſte / die nicht nur leichtfertigeWeiber55Weiber koͤnnen / ſondern auch ſolche / da - mit ſich theils loſe Maͤnner ſchleppen / ſo gar / daß ich mich auch feſt machen / und einem jeden / wann ich nur wolte / ſeine Buͤchſen zubannen konnte / und ich glau - be / wann ich laͤnger bey ihr blieben waͤ - re / daß ich auch gar Hexen gelernt haͤtte; Demnach ich aber getreulich gewarnet wurde / daß die Obrigkeit unſer Neſt ausnehmen und zerſtoͤhren wuͤrde / kauff - te ich mir eine Caleſch und zwey Pferdt / dingte einen Knecht / und machte mich damit unverſehens aus dem Staub / weil ich eben gute Gelegenheit hatte ſi - cher nach Prag zu kommen.

Das VI. Capitel.

Courage kommt durch wunder - liche Schickung in die zweyte Ehe / und freyete einen Hauptmann / mit dem ſie treff - lich gluͤckſelig und vergnuͤgt lebte.

JCh haͤtte zu Prag feine Gelegen - heit gehabt / mein Handwerck fer - ners zu treiben / aber die Begierde meine Koſtfrau zu ſehen / und meine El - tern zuerkundigen / triebe mich auf Bra -C vjgodiz56godiz zu reiſen / welches ich / als in einem befriedeten Land ſicher zu thun getraute; aber potz Hertz / da ich an einem Abend allbereit den Ort vor mir liegen ſahe / da kamen eilff Mansfeldiſche Reuter / die ich / wie ſonſt jederman gethan hatte / vor Kaͤiſeriſch und Gutfreund anſahe / weil ſie mit roten Scharpen oder Feld - zeichen mundirt waren / dieſe packten mich an / und wanderten mit mir und meinem Caleſch dem Boͤhmer-Wald zu / als wann ſie der Teufel ſelbſt gejagt haͤtte / ich ſchrey zwar / als wann ich an einer Folter gehangen waͤre / aber ſie machten mich bald ſchweigen; umb Mitternacht kamen ſie in eine Meyerey die eintzig vorm Wald lag / allwo ſie an - fiengen zu fuͤtteꝛn / und mit mir umbzuge - hen / wie zu geſchehen pflegt / welches mir zwar der ſchlechteſte Kummer war / aber es wurde ihnen geſeegnet / wie dem Hund das Gras / dann in dem ſie ihre Viehiſche Begierden ſaͤttigten / wurden ſie von einem Hauptmann / der mit drey - ſig Tragonern eine Convoy nach Pil -ſen57ſen verrichtet hatte / uͤberfallen / und weil ſie durch falſche Feldzeichen ihren Her - ren verlaͤugnet / alle miteinander nieder - gemacht / das Meinige hatten die Mans - feldiſche nach nicht gepartet / und dem - nach ich Kaͤiſerl. Paß hatte / und noch nicht 24. Stund in Feinds Gewalt ge - weſen / hielte ich dem Hauptman vor / daß er mich und das Meinige vor keine rechtmaͤſſige Beuten halten und behal - ten koͤnnte; Er muſte es ſelbſt bekennen / aber gleichwol / ſagte er / waͤre ich ihm umb meiner Erloͤſung willen obligirt, er aber nicht zu verdencken / wann er einen ſolchen Schatz den er vom Feind erobert / nicht mehr aus Haͤnden zu laſſen gedaͤch - te / ſeye ich eine verwittibte Rittmeiſte - rinn / wie mein Paß auswieſe / ſo ſeye er ein verwittibter Hauptmann / wann mein Will darbey waͤre / ſo wuͤrde die Beut bald getheilt ſeyn / wo nicht / ſo werde er mich gleichwol mitnehmen / und hernach er erſt mit einem jedwedern di - ſputirn, ob die Beute rechtmaͤſſig ſey oder nicht / hiermit lieſſe er genugſamb ſchei -C vijnen /58nen / daß er allbereit den Narrn an mir gefreſſen / und damit er das Waſſer auf ſeine Muͤhl richtete / ſagte er / dieſen For - theil wolte er mir laſſen / daß ich erweh - len moͤchte / ob er die Beute unter ſeine gantze Burſch theilen ſolte / oder ob ich vermittelſt der Ehe ſambt dem Meini - gen allein ſein verbleiben wolte? Auf wel - chen Fall er ſeine bey ſich habende Leute ſchon bereden wolte / daß ich mit dem Meinigen keine rechtmaͤſſige Beute / ſondern ihme allein durch die Vereheli - gung zuſtaͤndig worden waͤre / ich ant - wortete / wann die Wahl bey mir ſtuͤn - de / ſo begehrte ich deren keins / ſondern meine Bitte waͤre / ſie wolten mich in meine Gewahrſam paſſiren laſſen / und damit fienge ich an zu weinen / als wann mirs ein gruͤndlicher Ernſt geweſen waͤ - re / nach den alten Reimen:

Die Weiber weinen offt mit Schmertzen /
Aber es geht ihn nicht von Hertzen /
Sie pflegen ſich nur ſo zu ſtellen /
Sie koͤnnen weinen wann ſie woͤllen.
Aber59

Aber es war meine Meinung / ihm hierdurch Urſach zu geben mich zu troͤ - ſten / ſich ſelbſt aber ſtaͤrcker zu verlieben / ſintemal mir wol bewuſt / daß ſich die Hertzen der Mannsbilder am allermei - ſten gegen dem weinenden und betruͤb - ten Frauenzimmer zu oͤffnen pflegen; der Poß gienge mir auch an / und indem er mir zuſprach / und mich ſeiner Liebe mit hohem Beteuren verſicherte / gab ich ihm das Jawort / doch mit dieſem aus - truͤcklichen Beding und Vorbehalt / daß er mich vor der Copulation im gering - ſten nicht beruͤhren ſolte / welches er bey - des verheiſſen und gehalten; bis wir in die Mansfeldiſche Befeſtigungen zu Weidhauſen ankahmen / welches eben damals dem Hertzogen aus Baͤyern vom Mannsfelder ſelbſt per Accord uͤber - geben worden / und demnach meines Serviteurs hefftige Liebe wegen unſers Hochzeit-Feſts keinen laͤngern Verzug gedulten mochte / lieſſe er ſich mit mir ehelich zuſammen geben / ehe er moͤchte erfahren / wormit die Courage ihr Geldverdie -60verdienet / welches kein geringe Sum - ma war; Jch war aber kaum einen Mo - nat bey der Armee geweſen / als ſich etli - che hohe Officierer fanden / die mich nicht allein zu Wien gekandt / ſondern auch gute Kundſchafft mit mir gehabt hat - ten; doch waren ſie ſo beſcheiden / daß ſie weder meine noch ihre Ehr offentlich ausſchriehen / es gieng zwar ſo ein klei - nes Gemurmel umb / daruͤber ich aber gleichwol keine ſonderliche Beſchwerung empfand / auſſer daß ich den Nahmen Courage wiederumb gedulden muſte.

Sonſt hatte ich einen guten gedulti - gen Mann / welcher ſich eben ſo hoch - ber meine gelbe Batzen / als wegen mei - ner Schoͤnheit erfreute / dieſe hielte er geſparſamer zuſammen als ich gerne ſa - he; gleich wie ich aber ſolches geduldete / alſo gab er auch zu / daß ich mit Reden und Geberden gegen jederman deſto freygebiger ſeyn dorffte / wann ihn dann jemands vexirte / daß er mit der Zeit wol Hoͤrner kriegen doͤrffte / antwortet er auch im Schertz / es ſeye ſein geringſtesAnlie -61Anliegen; dann ob ihm gleich einer uͤber ſein Weib komme / ſo laſſe ers jedoch bey dem / was ein ſolcher ausgerichtet / nicht verbleiben / ſondern nehme Zeit dieſelbe frembde Arbeit wider andeꝛs zu machen; Er hielte mir jederzeit ein trefflich Pferd mit ſchoͤnen Sattel und Zeug mondirt / ich ritte nicht wie andere Officiers-Frau - en in einem Weiber-Sattel / ſondern auf einen Manns-Sattel; und ob ich gleich uͤberzwergs ſaſſe / ſo fuͤhrte ich doch Piſtolen und einen Tuͤrckiſchen Sebel unter dem Schenckel / hatte auch jeder - zeit einen Stegreiff auf der andern Sei - ten hangen / und war im uͤbrigen mit Hoſen und einem duͤnnen daffeten Roͤck - lein daruͤber alſo verſehen / daß ich all Augenblick ſchrittling ſitzen und einen jungen Reutters Kerl prœſentirn konn - te; gab es dann eine Rencontra gegen dem Feinde / ſo war mir unmuͤglich a part nicht mit zu machen / ich ſagte viel - malen: eine Dame / die ſich gegen einem Mann zu Pferd zu wehren nicht wagen doͤrffte / ſolte auch kein Pluͤmage wie einMann62Mann tragen; und demnach mir es bey etlichen Betteltaͤntzen gluͤckte / daß ich Gefangne kriegte / die ſich keine Bern - heuter zu ſeyn duncken / wurde ich ſo kuͤhn / wann dergleichen Gefecht an - gieng / auch einen Carbiner / oder wie mans nennen will / ein Bandelier-Rohr an die Seite zu haͤngen / und neben dem Troupen auch zweyen zu begegnen / und ſolches deſto hartnaͤckiger / weil ich und mein Pferdt vermittelſt der Kunſt / die ich von vielgedachter meiner Wuͤrthin er - lernet / ſo hart war / daß mich keine Ku - gel oͤffnen konnte.

So giengs und ſo ſtund es damal mit mir / ich machte mehr Beuten als mancher geſchworner Soldat / welches auch Manchen und Manche verdroß; aber da fragte ich wenig nach / dann es gab mir Schmaltz auf meine Suppen / die Vertraͤulichkeit meines ſonſt (gegen meiner Natur zu rechnen /) gantz unver - moͤglichen Manns / verurſachte / daß ich ihm gleichwol Farb hielte / ob ſich gleich Hoͤhere als Haubtleute bey mir anmel -deten /63deten / die Stelle ſeines Leutenants zu vertretten / dann er lieſſe mir durchaus meinen Willen / hingegen war ich nichts deſtoweniger bey den Geſellſchafften lu - ſtig / in den Converſationen frech / aber auch gegen dem Feind ſo heroiſch / als ein Mann / im Feld ſo haͤußlich und zu - ſammen-hebig als immer ein Weib; in Beobachtung der Pferde beſſer als ein guter Stallmeiſter / und in den Quar - tiren von ſolcher Proſperitaͤt / daß mich mein Hauptmann nicht beſſer haͤtte wuͤnſchen moͤgen / und wann er mir zu Zeiten einzureden Urſach hatte / litte er gerne / daß ich ihm Widerpart hielte / und auf meinen Kopff hinaus fuhr / weil ſich unſer Geld ſo ſehr dardurch ver - mehrte / daß wir einen guten Particul darvon in eine vornehme Stadt zu ver - wahren geben muſten. Und alſo lebte ich trefflich gluͤckſelig und vergnuͤgt / haͤt - te mir auch meine Tage keinen anderen Handel gewuͤnſcht / wann nur mein Mann etwas beſſer beritten geweſt waͤ - re; Aber das Gluͤck oder mein Fatumlieſſe64lieſſe mich nicht lang in ſolchem Stand / dann nach dem mir mein Haubtmann bey Wißlach tod geſchoſſen wurde / ſihe / ſo ward ich widerumb in einer kurtzen Zeit zu einer Wittib.

Das VII. Capitel.

Courage ſchreitet zur dritten E - he / und wird aus einer Hauptmaͤnnin eine Leutenantin / triffts aber nicht ſo wol als vorhero / ſchlaͤgt ſich mit ihrem Leutenant umb die Hoſen mit Priigeln / und gewinnet ſolche durch ihre tapfere Reſolution und Courage; darauf ſich ihr Mann unſichtbar macht / und ſie ſitzen laͤſſt.

MEin Mann war kaum kalt und begraben / da hatte ich ſchon wi - derum ein gantz dutzent Freyer uñ die Wahl darunter / welchen ich aus ih - nen nehmen wolte / dann ich war nicht allein ſchoͤn und jung / ſondern hatte auch ſchoͤne Pferd und zimlich viel alt Geld / und ob ich mich gleich vernehmen lieſſe / daß ich meinem Haubtmann ſeel. zu Ehren noch ein halb Jahr traurenwolte /65wolte / ſo konnte ich jedoch die Jmpor - tune-Hummeln / die umb mich / wie umb einen fetten Honighafen / der keinen De - ckel hat / herumb ſchwermbten / nicht ab - treiben / der Obriſte verſprach mir bey dem Regiment Unterhalt und Quartier / bis ich mein Gelegenheit anders anſtell - te / hingegen lieſſe ich zween von meinen Knechten Herren-Dienſte verſehen / und wann es Gelegenheit gab / bey deren ich vor mein Perſon vom Feind etwas zu erſchnappen getraute / ſo ſparte ich mei - ne Haut ſo wenig als ein Soldat / aller - maſſen ich in dem anmutigen und faſt luſtigen Treffen bey Wimpffen einen Leutenant / und im Nachhauen unweit Heilbrunn einen Cornet ſammt ſeiner Standart gefangen bekommen / meine beyde Knechte aber haben bey Pluͤn - derung der Waͤgen zimliche Peuten an paarem Gelt gemacht / welche ſie unſe - rem Accord gemaͤß mit mir theilen mu - ſten; Nach dieſer Schlacht bekam ich mehr Liebhaber als zuvor / und demnach ich bey meinem vorigen Mann mehr gu -te Taͤge66te Taͤge als gute Naͤchte gehabt / zuma - len wider meinen Willen ſeit ſeinem Tod gefaſtet / ſihe / ſo gedachte ich durch mei - ne Wahl alle ſolche Verſaumnus wi - der einzubringen / und verſprach mich ei - nem Leutenant / der meinem Beduncken nach alle ſeine Mittbuhler beydes an Schoͤnheit / Jugend / Verſtand und Tapferkeit uͤbeꝛtraff; dieſer war von Ge - burt ein Jtalianer und zwar ſchwartz von Haaren / aber weiß von Haut / und in meinen Augen ſo ſchoͤn / daß ihn kein Mahler haͤtte ſchoͤner mahlen koͤnnen; Er bewieſe gegen mir faſt eine Hunds - Demut bis er mich erloͤffelt / und da er das Jawort hinweg hatte / ſtellte er ſich ſo Freuden voll / als wann Gott die gan - tze Welt beraubt / und ihn allein beſee - ligt haͤtte; wir wurden in der Pfaltz co - pulirt / und hatten die Ehre / daß der Obriſte ſelbſt neben den meinſten hohen Officiern des Regiments bey der Hoch - zeit erſchienen / die uns alle vergeblich viel Gluͤck in eine langwuͤrige Ehe wuͤnſchten.

Dann67

Dann nach dem wir nach der erſten Nacht bey Aufgang der Sonnen bey - ſammen lagen zu faullentzen / und uns mit allerhand liebreichem und freundli - chẽ Geſpꝛaͤch unterhielten / ich auch eben aufzuſtehen vermeinte / da ruffte mein Leutenant ſeinem Jungen zu ſich vors Bette / und befahl ihm / daß er zween ſtarcke Pruͤgel herbey bringen ſolte; Er war gehorſamb / und ich bildete mir ein der arme Schelm wuͤrde dieſelbe am al - lererſten verſuchen muͤſſen; unterlieſſe derowegen nicht / vor den Jungen zu bit - ten / bis er beyde Pruͤgel brachte und auf empfangenen Befelch auf den Tiſch zum Nachtzeug legte; Als nun der Jung wi - der hinweg war / ſagte mein Hochzeiter zu mir; Ja! liebſte; ihr wiſt / daß jeder - man darvor gehalten und geglaubt / ihr haͤttet bey euers vorigen Manns Lebzei - ten die Hoſen getragen / welches ihme dann bey ehrlichen Geſellſchafften zu nicht geringerer Beſchimpffung nachge - redet worden; weil ich dann nicht unbil - lich zu beſorgen habe / ihr moͤchtet in ſol -cher68cher Gewonheit verharren / und auch die Meinige tragen wollen / welches mir a - ber zu leiden unmuͤglich / oder doch ſonſt ſchwer fallen wuͤrde; Sehet / ſo liegen ſie dorten auf dem Tiſche / und jene zween Pruͤgel zu dem Ende darbey / damit wir beyde uns / wann ihr ſie etwan wie vor dieſem euch zuſchreiben und behaubten woltet / zuvor darumb ſchlagen koͤnnten; ſintemal mein Schatz ſelbſt erachten kan / daß es beſſer gethan iſt / ſie fallen gleich jetzt im Anfang dem einen / oder andern Theil zu / als wann wir hernach in ſtehender Ehe taͤglich daꝛumb kriegen; Jch antwortete: mein Liebſter! (und da - mit gab ich ihm gar einen hertzlichen Kuß /) ich haͤtte vermeint gehabt / die je - nige Schlacht ſo wir einander vor diß - mal zu lieffern / ſeye allbereit gehalten; ſo hab ich auch niemalen in Sinn ge - nommen / euere Hoſen zu prætendirn; ſondern / gleich wie ich wol weiß / daß das Weib nicht aus des Manns Haubt / aber wol aus ſeiner Seiten genommen worden / alſo habe ich gehofft meinenHertz -69Hertzliebſten werde ſolches auch bekand ſeyn / und er werde derowegen ſich mei - nes Herkommens erinnern / und mich nicht / als wann ich von ſeinen Fußſoh - len genommen worden waͤre / vor ſein Fuß-Thuch / ſondern vor ſein Ehe-Ge - mahl halten / vornemblich; wann ich mich auch nicht unterſtuͤnde ihme auf den Kopff zu ſitzen / ſondern mich an ſei - ner Seiten behuͤlffe / mit demuͤtiger Bit - te / er wolte dieſe Abendteurliche Fecht - ſchul einſtellen; Ha ha! ſagte er / das ſeyn die rechte Weiber-Griffe / die Herr - ſchafft zu ſich zu reiſſen ehe mans gewahr wird; aber es muß zuvor darumb ge - fochten ſeyn / damit ich wiſſe / wer dem anderen kuͤnfftig zu gehorſammen ſchul - dig / und damit warffe er ſich aus meinen Armen wie ein anderer Narr / ich aber ſprang aus dem Bette / und legte mein Hembt und Schlaffhoſen an / erwiſchte den kuͤrtzten aber doch den ſtaͤrckſten Pꝛuͤ - gel / und ſagte / weil ihr mir je zu fechten befehlet / und dem obſiegenden Theil die Oberherrlichkeit (an die ich doch keineDAn -70Anſprach zu haben begehrt /) uͤber den Uberwundenen zuſprecht / ſo waͤre ich wol naͤrriſch / wann ich eine Gelegenheit aus Haͤnden lieſſe / etwas zu erhalten / daran ich ſonſt nicht gedencken doͤrffte; Er hingegen auch nicht faul / dann nach - dem ich alſo ſeiner wartete / und er ſeine Hoſen auch angelegt / eꝛdappete er dẽ an - dern Pruͤgel / und gedachte mich beym Kopff zu faſſen / umb mir alsdann den Buckel fein mit guter Muſſe abzurau - men / aber ich war ihm viel zu geſchwind / dann ehe er ſichs verſahe / hatte er eins am Kopff / davon er hinaus duͤrmelte / wie ein Ochs dem ein Streich worden; ich raffte die zween Stecken zuſammen / ſie zur Thuͤr hinaus zu werffen / und da ich ſolche oͤffnete / ſtunden etliche Officier darvor / die unſerem Handel zugehoͤret / und zum Theil durch einen Spalt zuge - ſehen hatten; dieſe lieſſe ich lachen ſo lang ſie mochten / ſchlug die Thuͤr vor ih - nen wider zu / warff meinen Rock umb mich / und brachte meinen Tropffen / mei - nen Hochzeiter wolte ich ſagen / mitWaſſer71Waſſer aus einem Lavor wider zu ſich ſelbſt / und da ich ihn zum Tiſche geſetzt / und mich ein wenig angekleidet hatte; lieſſe ich die Officier vor der Thuͤr auch zu uns ins Zimmer kommen.

Wie wir einander allerſeits angeſe - hen / mag jeder bey ſich ſelbſt erachten / ich merckte wol / daß mein Hochzeiter die - ſe Officier veranlaſt / daß ſie ſich umb dieſe Zeit vorn Zimmer einſtellen / und ſeiner Thorheit Zeugen ſeyn ſolten; dañ als ſie den Hegel gefoppet / er wuͤrde mir die Hoſen laſſen muͤſſen / hatte er ſich ge - gen ihnen geruͤhmt / daß er einen ſonder - bahren Vortheil wiſſe / welchen er den erſten Morgen ins Werck ſetzen / und mich dardurch ſo geſchmeidig machen wolte / daß ich zittern wuͤrde / wann er mich nur ſcheel anſehe; aber der gute Menſch haͤtte es gegen einer anderen als der Courage probirn moͤgen; Gegen mir hat er ſo viel ausgerichtet / daß er jeder - mans Geſpoͤtt worden / und ich haͤtte nicht mit ihm gehauſet / wann mirs nicht von Hoͤheren befohlen und auferlegtD ijwor -72worden waͤre; wie wir aber miteinander gelebet / kan ſich jeder leicht einbilden / nemblich wie Hund und Katzen. Als er ſich nun anderer Geſtalt an mir nicht re - vangirn, und auch das Geſpoͤtt der Leu - te nicht mehr gedulten konnte / rappelte er einsmals alle meine Paarſchafft zu - ſammen / und gieng mit den dreyen be - ſten Pferdten und einem Knecht zum Gegentheil.

Das VIII. Capitel.

Courage haͤlt ſich in einer Occa - ſion trefflich friſch / haut einem Solda - ten den Kopff ab / bekommt einen Major gefan - gen / und erfaͤhrt daß ihr Leutenant als ein Meineydiger Uberlauffer gefangen und gehencket worden.

ALſo wurde ich nun zu einer Halb - Wittib / welcher Stand viel elen - der iſt / als wann eine gar keinen Mann hat / etliche argwohneten / ich wuͤrde ihm folgen / und wir haͤtten un - ſere Flucht alſo miteinander angelegt / da ich aber den Obriſten umb Raht undBefelch73Befelch fragte / wie ich mich verhalten ſolte / ſagte er / ich moͤchte bey dem Regi - ment verbleiben / ſo wolte er mich ſo lang ich mich ehrlich hielte / wie andere Witt - weiber verpflegen laſſen / und damit be - nahme ich jederman den gedachten Arg - wohn; Jch muſte mich zimlich ſchmal behelffen / weil mein Paarſchafft ausge - flogen / und meine ſtattliche Soldaten - Pferd fort waren / auf denen ich auch manche ſtattliche Beut gemacht; doch lieſſe ich meine Armut nicht mercken / da - mit mir keine Verachtung zuwuͤchſe / meine beyde Knechte / die Herrn Dien - ſte verſahen / hatte ich noch ſambt einen Jungen und noch etlichen Schindmer - ren oder Pagage Pferden / davon und von meiner Maͤnner Bagage verſilberte ich was Geld galte / und machte mich wider trefflich beritten; Jch dorffte zwar als ein Weib auf keine Parthey reiten / aber unter den Fouragiren fande ſich nicht meines gleichen; Jch wuͤnſchte mir offt wider eine Battalia wie vor Wim - pfen / aber was halffs / ich muſte derD iijZeit74Zeit erwarten / weil man mir zu Gefal - len doch keine Schlacht gehalten / wann ichs gleich begehrt haͤtte; damit ich aber gleichwol auch widerumb zu Geld kom - men moͤchte / deſſen es auf dem Foura - giren ſelten ſetzte / lieſſe ich / (beydes umb ſolches zu verdienen und meinen Aus - reiſſer umb ſeine Untreu zu bezahlen) mich von denen Treffen / die ſpendierten) und alſo brachte ich mich durch / und dingte mir noch einen ſtarcken Jungen zum Knecht / der mir muſte helffen ſteh - len wann die andere beyde muſten wa - chen; das trieb ich ſo fort / bis wir den Braunſchweiger uͤber den Maͤyn jagten uñ viel der Seinigen darinn erſaͤufften / in welchem Treffen ich mich unter die Unſerige miſchte / und in meines Obri - ſten Gegenwart dergeſtalt erzeigte / daß er ſolche Tapfferkeit von keinem Manns - bild geglaubt haͤtte; dann ich nahme in der Caracolle einen Major vom Gegen - theil vor ſeinem Trouppen hinweg / als er die Charge redoupliren wolte / und als ihn einer von den Seinigen zu erret -ten75ten gedachte / und mir zu ſolchem Ende eine Piſtol an den Kopff loßbrennete / daß mir Hut und Federn darvon ſtobe / bezahlte ich ihn dergeſtalt mit meinem Sebel / daß er noch etliche Schritte oh - ne Kopff mit mir ritte / welches beydes verwunderlich und abſcheulich anzuſe - hen war; Nachdem nun dieſelbe Eſqua - dron getrennet und in die Flucht gewen - det worden / mir auch der Major einen zimlichen Stumpen Goldſorten ſambt einer guͤldenen Ketten und koſtbarlichen Ring vor ſein Leben gegeben hatte / lieſ - ſe ich meinen Jungen das Pferd mit ihm verdauſchen / und liefferte ihn den Unſerigen in Sicherheit; begab mich darauf an die zerbrochne Brucken / all - wo es in dem Waſſer an ein erbaͤrmlichs Erſauffen / und auf dem Land an ein grauſambs Nidermachen gieng; und alldieweil noch ein jeder bey ſeinem Tro - uppen bleiben muſte / ſo viel immer moͤg - lich / packte ich eine Gutſche mit ſechs ſchoͤnen Praͤunen an / auf welcher we - der Geld noch lebendige Perſonen / aberD iiijwol76wol zwo Kiſten mit koſtbaren Kleidern und weiſſen Zeug ſich befanden; Jch brachte ſie mit meines Knechts oder Jungen Huͤlff dahin / wo ich den Ma - jor gelaſſen hatte / welcher ſich ſchier zu Tod kraͤnckte / daß er von einem ſolchen jungen Weib gefangen worden; da er aber ſahe / daß ſo wol in meinen Hoſen - ſaͤcken als in den Halfftern Piſtolen ſta - cken die ich ſambt meinem Carbiner dort wider lude und fertig machte / auch hoͤ - rete / was ich hiebevor bey Wimpffen ausgerichtet / gab er ſich wider umb et - was zu frieden / und ſagte: der Teufel moͤchte mit ſo einer Hexen etwas zu ſchaffen haben. Jch gieng mit meinem Jungen / (den ich eben ſo feſt als mich und mein Pferd gemacht hatte) hin / noch mehr Beuten zu erſchnappen / fan - de aber den Obriſt-Leutenant von unſe - rem Regiment dort unter ſeinem Pferde liegen / der mich kannte / und umb Huͤlff anſchriehe; Jch packte ihn auf meines Jungen Pferd / und fuͤhrte ihn zu den Unſerigen in meine erſt eroberte Gutſche /allda77allda er meinem gefangnen Major Ge - ſellſchafft leiſten muſte. Es iſt nicht zu glauben / wie ich nach dieſer Schlacht ſo wol von meinen Neidern / als meinen Goͤnnern gelobt wurde / beyde Theil ſagten / ich waͤre der Teufel ſelber; und ebẽ damals war mein hoͤchſter Wunſch / daß ich nur kein Weibsbild waͤre; aber was wars drumb / es war Null und ver - himpelt. Jch gedachte offt mich vor ei - nen Hermaphroditen auszugeben / ob ich vielleicht dardurch erlangen moͤchte / offentlich Hoſen zu tragen / und vor ei - nen jungen Kerl zu paſſirn; hergegen hatte ich aber durch meine unmaͤſſige Begierdẽn ſo viel Kerl empfinden laſſen wer ich waͤre / daß ich das Hertz nicht hatte / ins Werck zu ſetzen / was ich ger - ne gewolt / dann ſo viel Zeugen wuͤrden ſonſt ein anders von mir geſagt und ver - urſacht haben / daß es dahin kommen waͤre / daß mich bey des Medici und Heb - ammen beſchauen muͤſten; behalffe mich derowegen wie ich konnte / und wann man mir viel verweiſen wolte / antwor -D vtet78tet ich / es waͤren wol ehe Amazones ge - weſen / die ſo Ritterlich als die Maͤnner gegen ihren Feinden gefochten haͤtten. Damit ich nun des Obriſten Gnad er - halten / und von ihme wider meine Miß - goͤnſtige beſchuͤtzt werden moͤchte / præ - ſentirte ich ihm neben dem Gefangnen auch meine Kutſche mit ſambt den Pfer - den / darvor er mir 200. Reichsthaler verehrete / welches Geld ich ſambt dem / was ich ſonſt auf ein Neues erſchnappt / und ſonſt verdienet hatte / ich aber - mal in einer Namhafften Stadt ver - wahrte.

Jn dem wir nun Mannheim einge - nommen und Franckenthal noch bela - gert hielten / und alſo den Meiſter in der Pfaltz ſpielten; ſihe / da ſchlugen Cor - duba und der von Anhalt abermal den Braunſchweiger und Mannsfelder bey Floreack / in welchem Treffen mein aus - geriſſener Mann der Leutenant gefan - gen / von den Unſerigen erkannt / und als ein Meineydiger Uberlaͤuffer mit ſei - nem allerbeſten Hals an einen Baumge -79geknuͤpfft worden; Wordurch ich zwar wider von meinem Mann erloͤſt / und zu einer Wittib ward; Jch bekam aber ſo ein hauffen Feinde / die da ſagten: die Strahl-Hex hat den armen Teufel umbs Leben gebracht / daß ich ihm das Leben gern laͤnger goͤnnen / und mich noch ein Weil mit ihm gedulden moͤgen / bis er gleichwol anderwaͤrts ins Gras gebiſſen / und einen ehrlichern Tod ge - nommen / wann es nur haͤtte ſeyn koͤn - nen.

Das IX. Capitel.

Courage quittirt den Krieg / nach dem ihr kein Stern mehr leuchten will / und ſie faſt von jedermann vor einen Spott gehalten wird.

ALſo kam es nach und nach dahin / daß ich mich je laͤnger je mehr leidẽ muſte / meine Knech - te wurden mir verfuͤhrt / weil zu ihnen geſagt wurde / pfui Teufel - wie moͤcht ihr Kerl einer ſolchenD vjVettel80Vettel dienen? Jch hoffte wider einen Mann zu bekommen / aber ein jeder ſagte / nimb du ſie / ich be - gehr ihrer nicht; was ehrlich ge - ſinnet war / ſchuͤttelt den Kopff uͤber mich / und alſo thaͤten auch bey nahe alle Officier; was aber geringe Leut und ſchlechte Poten - taten waren / die dorfften ſich nicht bey mir anmelden / ſo haͤtte ich ohne das auch keinen aus den - ſelbigen angeſehen; Jch empfan - de zwar nicht am Hals wie mein Mann / was unſer Naͤrriſch Fechten ausgerichtet; aber doch hatte ich laͤnger daran als er am Hencken zu verdauen; Jch waͤre gerne in eine andere Haut ge - ſchloffen / aber beydes die Ge - wonheit und meine taͤgliche Ge - ſellſchafften wolten mir keineBoſ -81Beſſerung zulaſſen / wie dann die allermeinſte Leute in Krieg viel eher aͤrger als froͤmmer zu wer - den pflegen; Jch butzte mich wie - der / und richtete dem einen und andern allerhand Netz uñ Strick / ob ich etwan dieſen oder jenen an - ſeilen und ins Garn bringen moͤchte / aber es halff nichts / ich war ſchon allbereit viel zu tief im Geſchrey; man kandte die Cou - rage ſchon allerdings bey der gantzen Armee / und wo ich bey den Regimentern voruͤber ritte / wurde mir meine Ehre durch viel tauſend Stimmen offentlich aus - geruffen / alſo / daß ich mich ſchier wie ein Nacht-Eule bey Tage nicht mehr dorffte ſehen laſſen; Jm Marchiren aͤuſerten mich ehrliche Weiber; das Lumpenge -D vijſindel82ſindel beym Troß ſchurrigelte mich ſonſt; und was etwan vor ledige Officier wegen ihrer Nacht - weid mich gern geſchuͤtzt haͤtten / muſten bey den Regimentern bleiben / bey welchen mir aber durch ihr ſchaͤndlichs Geſchrey mit der allerſchaͤrffſten Laugen aufgegoſſen ward; Alſo daß ich wol ſahe / daß meine Sach ſo in die Laͤnge kein Gut mehr thun werde; etliche Officier hatte ich noch zu Freunden / die aber nicht Meinen / ſondern Jhren Nutzen ſuchten; Theils ſuchten ihre Wol - luͤſte / Theils mein Geld / andere meine ſchoͤne Pferd; Sie alle a - ber machten mir Ungelegenheit mit Schmarotzen / und war doch keiner der mich zu heurahten be - gehrte; entweder daß ſie ſich mei -ner83ner ſchaͤmten / oder daß ſie mir eine ungluͤckliche Eigenſchafft zu - ſchrieben / die alle meinen Maͤn - nern ſchaͤdlich waͤre / oder aber daß ſie ſich ſonſt / ich weiß nicht warumb / vor mir foͤrchteten.

Derowegen beſchloſſe ich mit mir ſelbſten / nicht nur diß Regi - ment / ſondern auch die Arma - da / ja den gantzen Krieg zu quit - tirn / und konnte es auch umb ſo viel deſto leichter ins Werck ſetzen / weil die hohe Officier meiner vor - laͤngſt gern los geweſen waͤren; Ja ich kan mich auch nicht uͤber - reden laſſen zu glauben / daß ſich unter andern ehrlichen Leuten viel gefunden haben / die umb mei - ne Hinfahrt viel geweinet. Es ſeyen dann etliche wenige junge Schnapper ledigs Stands unterden84den mittelmaͤſſigen Officiern ge - weſt / denen ich zu Zeiten etwan ein paaꝛ Schlaffhoſen gewaſchen; der Obriſte hatte den Ruhm nicht gern / daß ſeine ſchoͤne Gut - ſche durch die Courage vom Feind erobert / und ihm verehrt worden ſeyn ſolte! Daß ich den verwun - deten Obriſt-Leutenant aus der Battalia und Tods-Gefahr er - rettet und zu den unſerigen ge - fuͤhrt / darvon ſchriebe er ihm ſo wenig Ehr zu / daß er mir mei - ner Muͤhe nicht allein mit Potz - Velten danckte / ſondern auch / wann er mich ſahe / mit Griß - grammenden Minen erroͤhtet / und mir / wie leicht zu gedencken / lauter Gluͤck und Heil an den Hals wuͤnſchte / das Frauenzim - mer oder die Officiers Weiberhaſſeten85haſſetẽ mich / weil ich weit ſchoͤner war / als eine unter dem gantzen Regiment / zumalen theils ihren Maͤnnern auch beſſer gefiele / und beydes hohe und nidere Solda - ten waren mir feind / umb daß ich / Trutz einem unter ihnen al - len / das Hertz hatte / etwas zu unterſtehen / und ins Werck zu ſe - tzen / das die groͤſte Tapferkeit und verwegneſte Hazarde erfor - dert / und daruͤber ſonſt man - chen das Kalte-Wehe angeſtoſſen haͤtte.

Gleich wie ich nun leicht merck - te / daß ich viel mehr Feinde als Freunde hatte / alſo konnte ich mir auch wol einbilden / es wuͤr - de ein jedwedere von meiner wi - derwertigen Gattung gar nicht unterlaſſen / mir auf ihre ſonder -bare86bare Manier eins an zumachen / wann ſich nur die Gelegenheit darzu ereignet; O Courage / ſag - te ich zu mir ſelbſt / wie wilſt du ſo vielen unterſchiedlichen Feinden entgehen koͤnnen? Von denen vielleicht ein jeder ſeinen beſon - deren Anſchlag auf dich hat; wann du ſonſt nichts haͤtteſt / als deine ſchoͤne Pferde / deine ſchoͤ - ne Kleider / dein ſchoͤnes Gewehr und den Glauben / daß du viel Geld bey dir habeſt / ſo waͤren es Feinde genug / einige Kerl anzu - hetzen / dich heimlich hinzurich - ten / wie? wann dich dergleichen Kerl ermordeten / oder in einer Occaſion nidermachten? was wuͤrde wol fuͤr ein Haan dar nach kraͤhen? wer wuͤrde deinen Tod raͤchen? was? ſolteſt du auch woldeinen87deinen eignen Knechten trauen doͤrffen? mit dergleichen Sorgen quaͤlte ich mich ſelbſt / und frag - te mich auch ſelbſt / was Rahts? weil ich ſonſt niemand hatte / ders treulich mit mir meinete; und eben deswegen muſte ich mir auch ſelbſt folgen.

Demnach ſprach ich den Obri - ſten umb einen Paß an in die nechſte Reichs-Stadt / die mir eben an der Hand ſtunde und wol - gelegen war / mich von dem Kriegs-Volck zu rettirirn, den er - langte ich nicht allein ohne groſſe Muͤhe / ſondern noch / an Statt eines Abſchieds / einen Urkund / daß ich einem Haubtmann von Regiment / (dann von meinem letzten Mann begehrte ich keinen Ruhm zu haben /) ehrlich ver -heu -88heurahtet geweſen / und als ich ſolchen vorm Feind verlohren / mich eine Zeitlang bey dem Regi - ment aufgehalten / und in ſolcher wehrenden Zeit alſo wol / fromm und ehrlich gehalten / wie einer rechtſchaffnen Ehr - und Tugend - liebenden Damen gebuͤhre und wol anſtaͤndig ſeye / mich dero - wegen jedermaͤnniglichen umb ſolchen meines untadelhafften Tugendlichen Wandels willen beſtens recommendirent; und ſol - che fette Luͤgen wurden mit ei - genhaͤndiger Subſcription und beygedrucktem Sigill in beſter Forin bekraͤfftigt; Solches laſſe ſich aber niemand wundern / dann je ſchlimmer ſich einer haͤlt / und je lieber man eines gerne los waͤre / je trefflicher wird der Ab -ſchied89ſchied ſeyn / den man einem ſol - chen mit auf den Weg gibt; ſon - derlich wann derſelbe zugleich ſein Lohn ſeyn muß; Einen Knecht und ein Pferd lieſſe ich dem O - briſten unter ſeiner Compagnie / welcher Trutz einem Officier mundirt war / umb meine Danck - barkeit darmit zu bezeugen / hin - gegen brachte ich einen Knecht / einen Jungen / eine Magd / ſechs ſchoͤne Pferd / (darunter das ei - ne 100. Ducaten wehrt gewe - ſen /) ſambt einem wolgeſpickten Wagen darvon; und kan ich bey meinem groſſen Gewiſſen / (etli - che nennen es ein weites Gewiſ - ſen /) nicht ſagen / mit welcher Fauſt ich alle dieſe Sachen er - obert und zuwegen gebracht ha - be.

Da90

Da ich nun mich und das Meinige in bemelde Stadt in Si - cherheit gebracht hatte / verſil - berte ich meine Pferd / und gab ſonſt alles hinweg / was Geld golte / und ich nicht gar noͤhtig brauchte; mein Geſind ſchaffte ich auch miteinander ab / einen geringen Coſten zu haben / gleich wie mirs aber zu Wien war gan - gen / alſo gieng mirs auch hier / ich konnte abermal des Nah - mens Courage nicht los werden / wiewol ich ihn unter allen meinen Sachen am allerwolfeilſten hin - weggeben haͤtte; dann meine al - te / oder vielmehr die junge Kun - den von der Armee ritten mir zu Gefallen in die Stadt / und frag - ten mir mit ſolchem Nahmen nach / welchen auch die Kinderauf91auf der Gaſſen ehender als das Vatter unſer lerneten / und eben darumb wieſe ich meinen Gala - nen die Feigen; Als aber hinge - gen dieſe den Stadt-Leuten er - zehlten / was ich vor ein Tauß - Es waͤre / ſo erwieſe ich hinwie - derumb denſelben ein anders mit Brief und Siegel / und beredet ſie / die Officier geben keiner an - deren Urſachen halber ſolche loſe Stuͤck von mir aus / als weil ich nicht beſchaffen ſeyn wolte / wie ſie mich gerne haͤtten; und derge - ſtalt biſſe ich mich zimlich heraus / und brachte vermittelſt meiner guten Schrifftlichen Zeugnis zu - wegen / daß mich die Stadt / bis ich meine Gelegenheit anders machen konnte / umb ein gerin - ges Schirm-Gelt in ihren Schutznahm;92nahm; allwo ich mich dann wi - der meinen Willen gar erbarlich / fromm / ſtill und eingezogen hiel - te / und meiner Schoͤnheit / die je laͤnger je mehr zunahm / aufs beſte pflegte / der Hoffnung / mit der Zeit wiederumb einen wackern Mann zu be - kommen.

Das X. 93

Das X. Capitel.

Courage erfaͤhrt / wer ihre Eltern ge - weſen / und bekommt wieder einen andern Mann.

ABer ich haͤtte lang harren muͤſſen / biß mir etwas rechts angebiſſen / dann die gute Geſchlechter verblieben bey ihres glei - chen / und was ſonſt reich war / konte auch ſonſt reiche und ſchoͤne / und vornemlich (welches man damahls noch in etwas beob - achtete) auch ehrliche Jungfrauen zu Wei - bern haben / alſo / daß ſie nicht bedorfften / ſich an eine verlaſſene Soldaten-Hur zu hencken; hingegen waren etliche / die entwe - der Banquerot gemacht / oder bald zu ma - chen gedachten / die wolten zwar mein Gelt / ich wolte aber darum ſie nicht; die Hand - wercksleut waren mir ohne das zu ſchlecht / und damit blieb ich ein gantz Jahr ſitzen / welches mir laͤnger zugedulten gar ſchwer / und gantz wider die Natur war / ſinte mahl ich von der guten Sache die ich genoſſe / gantz kuͤzelig wurde / dañ ich brauchte mein Gelt / ſo ich hie und dort in den groſſen Staͤdten hatte / den Kauff - und Wechſelher -Eren94ren zuzeiten beyzuſchteſſen / darauß ich ſo ein ehrlich Gewiñgen erhielte / daß ich ziemliche gute Tag davon habẽ konte / und nichts von der Haubtſum̃a verzehren dorffte; Weilen es mir dann an einem andern Ort mangel - te / uñ meine ſchwache Beine dieſe gute Sa - che nicht mehr ertragen koͤnten oder wolten. Machte ich mein Gelt per Wexel auf Prag / mich ſelbſt aber mit etlichen Kauff - herren hernach / uñ ſuchte Zuflucht bey mei - ner Koſtfrauen zu Bragodiz / ob mir viel - leicht alldortẽ ein beſſer Gluͤck anſtehẽ moͤch - te. Dieſelbe fande ich gar arm / weder ich ſie verlaſſen / dann der Krieg hatte ſie nit allein ſehr verderbt / ſondern ſie hatte auch allbereit vor dem Krieg mit mir / und ich nit mit ihr gezehret; Sie freuete ſich meiner Ankunfft gar ſehr / vornemlich als ſie ſahe / daß ich nicht mit leerer Hand angeſtochen kam; ihr erſtes will komm heiſſen aber / war doch lau - ter weinen; und indem ſie mich kuͤſſte / nen - nete ſie mich zugleich ein ungluͤckſeeliges Fraͤulin / welches ſeinem Herkommen Ge - maͤß / ſchwerlich wuͤrde ſein Leben uñ Stand fuͤhren moͤgen; Mit fernerem Anhang /daß95daß ſie mir fuͤrderhin nit mehr wie vordie - ſem zu helffen / zu rathen und vorzuſtehen wiſſe / weil meine beſte Freund und Ver - wandten entweder verjagt oder gar tod waͤ - ren; und uͤber das / ſagte ſie / wuͤrde ich mich ſchwerlich vor dem Kaͤyſerl. doͤrffen ſehen laſſen / wann ſie meinen Urſprung wiſſen wolten / und damit heulete ſie immer forth / alſo / daß ich mich in ihre Rede nicht richten noch begreiffen konte / ob es gehauen oder geſtochen: gebrand oder gebort waͤre; da ich ſie aber mit eſſen und trincken (dann die gute Troͤpffin muſte den jaͤmmerlichen Schmalhanſen in ihrem Quartier herber - gen) widerum gelabt und alſo zu recht ge - bracht / daß ſie ſchier ein Tummel hatte; er - zehlte ſie mir mein Herkommen gar offen - hertzig / und ſagte / daß mein natuͤrlicher Vatter ein Graff: und vor wenig Jahren der gewaltigſte Herr im gantzen Koͤnigreich geweſen: Nunmehr aber wegen ſeiner Re - bellion wider den Kaͤyſer des Lands vertrie - ben worden: Und wie die Zeitungen mitge - bracht / jetzunder an der tuͤrckiſchen Porten ſey; alda er auch ſo gar ſein Chriſtliche Re -E ijligion96ligion in die Tuͤrckiſche veraͤndert haben ſolle; Meine Mutter ſagte ſie / ſey zwar von ehrlichen Geſchlecht gebohren: aber eben ſo arm als ſchoͤn geweſen; Sie haͤtte ſich bey des gedachten Graffen Gemahlin vor eine Staads Jungfer aufgehalten / und indem ſie der Graͤffin aufgewartet / waͤre der Graff ſelbſt ihr leibeigener wor - den / und haͤtte ſolche Dienſte getrieben / biß er ſie auf einen Adelichen Sitz ver - ſchafft / da ſie mit mir niderkommen; und weilen eben damahls ſie / meine Koſtfrau / auch einen jungen Sohn ent - woͤhnet / dem ſie mit deſſelbigen Schloſ - ſes Edelmann erzeugt / haͤtte ſie meine Seugamme werden: und mich folgends zu Bragodiz Adelich auferziehen muͤſ - ſen / worzu dann beydes Vatter und Mutter genugſame Mittel und Unter - haltung hergeben; Jhr ſeyt zwar liebes Fraͤulin / ſagte ſie ferner / einem tapf - feren Edelmann von euerem Vatter verſprochen worden / derſelbe iſt aber bey Eroberung Pilſen gefangen / und als ein Maͤineydiger neben andern mehrdurch97durch die Kaͤyſerlichen aufgehaͤnckt wor - den;

Alſo erfuhr ich / was ich vor laͤngſt zu wiſſen gewuͤnſcht / und wuͤnſchte doch nun - mehr / daß ichs niemahl erfahren haͤtte; ſintemahl ich ſo ſchlechten Nutzen von mei - ner hohen Geburt zu hoffen; und weil ich keinen andern und beſſern Rath wuſte / ſo machte ich einen Accord mit meiner Saͤu - gamm / daß ſie hinfort meine Mutter / und ich ihre Tochter ſeyn ſolte; ſie war viel ſchlauer als ich / derowegen zog ich auch auf ihrem Rath mit ihr von Bragodiz auf Prag; nicht allein zwar / daß wir den Be - kandten aus den Augen kaͤmen / ſondern zu - ſehen / ob uns vielleicht alldorten ein an - ders Gluͤck anſcheinen moͤchte; Jm uͤbri - gen ſo waren wir recht vor einander; Nicht / daß ſie haͤtte Cupplen und ich Huren ſollen / ſondern weil ſie eine Er - naͤhrerin / ich aber eine getreue Perſon bedorffte / (gleich wie dieſe eine gewe - ſen) deren ich beydes Ehr und Gut ver - trauen konnte; Jch hatte ohne Kley - der und Geſchmuck bey 3000. Reichs -E iijthaler98thaler bahr Gelt beyeinander / und dannen - hero damahls keine Urſach / durch ſchaͤnd - lichen Gewinn meine Nahrung zu ſuchen! Meine neue Mutter kleidete ich wie eine er - bare alte Matron / hielte ſie ſelbſt in groſſen Ehren / und erzeigte ihr vor dem Leuten al - len Gehorſam; wir geben uns vor Leuthe aus / die auf der Teutſchen Graͤntz durch den Krieg vertrieben worden waͤren; ſuch - ten unſeren Gewinn mit naͤhen / auch Gold / Silber und Seydenſticken / und hiel - ten uns im uͤbrigen gar ſtill und eingezo - gen / meine Batzen genau zuſammen hal - tend / weil man ſolche zu verthun vflegt / ehe mans vermeynt / und deren keine andere kan gewinnen / wann man gern wolte.

Nun diß waͤre ein feines Leben geweſt / das wir fuͤhrten; Ja gleichſam ein Cloͤſter - liches / wann uns nur die Beſtaͤndigkeit nicht abgangen waͤre; Jch bekam bald Buhler: etliche ſuchten mich wie das Frau - enzimmer im Bordelt / und andere Tropf - fen / die mir meine Ehre nit zu bezahlen ge - trauten / ſagten mir viel vom heurathen; beyde Theil aber wolten mich bereden / ſiewuͤrden99wuͤrden durch die grauſame Liebe / die ſie zu mir truͤgen / zu ihren Begierden angeſparet; Jch haͤtte aber keinem geglaubt / wann ich ſelbſt ein keuſche Ader in mir gehabt / es gieng halt nach dem alten Sprichwort / gleich und gleich geſelt ſich geꝛn / dann gleich wie man ſagt / das Stroh in dem Schu - hen / ein Spindel im Sack / und eine Hur im Haus laͤſt ſich nicht verbergen / alſo wuͤr - de ich auch gleich bekand / und wegen mei - ner Schoͤnheit uͤberal beruͤhmt / dannen - hero bekamen wir viel zu ſtricken / und unter anderem einem Haubtmann ein Wehrge - henck / welche vorgebe / daß er vor Liebe in den letzten Zuͤgen lege; Hingegen wuſte ich ihm von der Keuſchheit ſo ein Hauffen aufzuſchneiden / daß er ſich ſtellte / als wolte er gar verzweiffeln / dann ich ermaſſe die Beſchaffenheit und das Vermoͤgen mei - ner Kunden nach der Regul meines Wirth / zum guldenen Loͤwen zu N. dieſer ſagte / wann mir ein Gaſt kommt / und gar zu unmaͤſſig viel hoͤflicher Complimenten macht / ſo iſt ein gewiſſe Anzeigung / daß er entweder nchit viel zum beſten: oder ſonſtE jvnicht100nicht im Sinn hat viel zu vergehen / kom̃t aber einer mit Trutzen / und nimmt die Einkehr bey mir gleichſam mit bochen und einer herriſchen Bottmaͤſſigkeit / ſo geden - cke ich / holla / dieſem Kerl iſt der Beutel geſchwollen / dem muſt du ſchrepffen / alſo tractire ich die Hoͤffliche mit Gegenhoͤfflich - keit / damit ſie mich und meine Herberg an - derwerts loben / die Schnarcher aber mit allem das ſie begehren / damit ich Urſach habe ihren Beutel rechtſchaffen zu actio - niren; Jndem ich nun dieſem meinem Haubtmann hielte / wie dieſer Wirth ſeine hoͤfliche Gaͤſt / als hielte er mich hingegen / wo nicht gar vor ein halben Engel / jedoch wenigſt vor ein Muſter und Ebenbild der Keuſchheit: Ja ſchier vor die Frommkeit ſelbſten; Jn Summa / er kam ſo weit daß er von der Verehligung mit mir anfieng zu ſchwetzen / und lieſe auch nicht nach / biß er das Jawort erhielte: die Heuraths - Puncten / waren dieſe / daß ich ihm 1000. Reichsthaler Pargelt zubringen / er aber hingegen mich in Teutſchland zu ſeinem Heimath um dieſelbige verſichern ſolte / da - mit / wann er vor mir ohne Erben ſterbenſolte /101ſolte / ich deren wideꝛ habhafft werden koͤnte; die uͤbrige 2000. Reichsthaler die ich noch haͤtte / ſolten an ein gewiß Ort auf Zinß ge - legt; und in ſtehender Ehe die Zinß von meinem Haubtmann genoſſen werden / das Capital aber ohnveraͤndert bleiben / biß wir Erben haͤtten / auch ſolte ich macht ha - ben / wañ ich ohne Erben ſterben ſolte / mein gantz Vermoͤgen / darunter auch die 1000. Reichsthaler verſtanden / die ich ihm zuge - bracht / hin zuverteſtiꝛen / wohin ich wolte / ꝛc. Dem nach wurde die Hochzeit gehalten / uñ als wir vermeynten zu Prag beyeinander / ſo lang der Krieg waͤhrete / in deꝛ Guarniſon gleich wie im Frieden / in Ruhe zu leben / ſi - he / da kam Ordre / daß wir nach Hollſtein in den Dennemaͤrck. Krieg marchirn muͤſten.

Das XI. Capitel.

Nach dem Courage anfaͤhet ſich from zu halten / wird ſie wieder unver - ſehens zu einer Wittib.

JCh ruͤſtete mich trefflich ins Feld / weil ich ſchon beſſer / als mein Haubt - mann / wuſte / was darzu gehoͤrete; und in dem ich mich aͤngſtigte / daß ichE vwider102wider dahin muſte / wo man die Courãge kennete / erzehlte ich meinem Mann mein gantzes gefuͤhrtes Leben / biß auf die Huren - ſtuͤcke / die ich hie und da begangen / und was ſich mit mir und dem Rittmeiſter zugetra - gen; vom Namen Courage uͤberredet ich ihn / daß er mir wegen meiner Tapfferkeit zugewachſen waͤre / wie dann ſonſt auch je - derman von mir glaubte; mit dieſer Erzeh - lung kam ich dem jenigen vor / die mir ſonſt etwan bey ihm einen boͤſen Rauch gemacht / wann ſie ihm vielleicht ſolches und noch mehr darzu / ja mehr als mir lieb geweſen / erzehlet haͤtten; und gleich wie er mir da - mahl ſchwerlich glaubte / wie ich mich in of - fenen Schlachten gegen dem Feind gehal - ten / biß es folgends andere Leut bey der Ar - mee bezeugten; alſo glaubte er nach gehends auch andern Leuten nicht / wann ſie ihn vor meinen ſchlimmen Stuͤcken aufſchnit - ten / weil ich ſolche laͤugnete; ſonſt war er in allen ſeinen Handlungen ſehr bedaͤchtig und vernuͤnfftig / anſehenlich von Perſon und einer von den behertzten; Alſo daß ich mich ſelbſt offt verwunderte / warum ermich103mich genommen / da ihm doch billicher et - was ehrliches gebuͤhrt haͤtte.

Meine Mutter nahm ich mit mir vor eine Haushalterin und Koͤchin / weil ſie nit zu ruck bleiben wolt; Jch verſahe unſe - ren Bagage Wagen / mit allem dem / was man erſinnen haͤtte moͤgen / das uns im Feld ſolt noͤtig geweſen ſeyn / und machte ei - ne ſolche Anſtalt unter dem Geſind / daß weder mein Mañ ſelbſt drum ſorgen: noch einen Hofmeiſter darzu bedorffte / mich ſelbſt aber mundirte ich wieder wie vor die - ſem / mit Pferd / Gewehr / Sattel und Zeug / und alſo ſtaffirt kamen wir bey den Haͤuſſern gleichen zu der Tilliſchen Armee / alwo ich bald erkant und von den mehriſten Spottvoͤgeln zuſammen geſchriehen wur - de; luſtig ihr Bruͤder / wir haben ein gut Omen kuͤnfftige Schlacht zu gewinnen! Warum? darum / die Courage iſt wieder bey uns ankommen; und zwar dieſe Lap - pen redeten nicht uͤbel von der Sach / dann das Volck mit dem ich kahm / war ein Succurs von drey Regimentern zu Pferd / und zweyen zu Fuß / welches nicht zu ver -E vjachten /104achten / ſondeꝛn der Armada Courage genug mitgebracht / wañ ich gleich nicht dabey ge - weſen waͤre.

Meines Behalts dem zweyten Tag nach / dieſer gluͤcklichen conjunction gerie - ten die