PRIMS Full-text transcription (HTML)
Minna von Barnhelm, oder das Soldatengluͤck.
Ein Luſtſpiel in fuͤnf Aufzuͤgen,
[figure]
Berlin,beyChriſtian Friederich Voß. 1767.
Minna von Barnhelm, oder das Soldatengluͤck.
Ein Luſtſpiel in fuͤnf Aufzuͤgen.
Verfertiget im Jahr1763.
A 2

Perſonen.

  • Major von Tellheim, verabſchiedet.
  • Minna von Barnhelm.
  • Graf von Bruchſall, ihr Oheim.
  • Franciska, ihr Maͤdchen.
  • Juſt, Bedienter des Majors.
  • Paul Werner, geweſener Wachmeiſter des Majors.
  • Der Wirth.
  • Eine Dame in Trauer.
  • Ein Feldjaͤger.
  • Riccaut de la Marliniere.
Die Scene iſt abwechſelnd in dem Saale eines Wirthshauſes, und einem daran ſtoßenden Zimmer.
[5]

Erſter Aufzug.

Erſter Auftritt.

Juſt.
(ſitzet in einem Winckel, ſchlummert, und redet im Traume)

Schurcke von einem Wirthe! Du, uns? Friſch, Bruder! Schlag zu, Bruder!

(er hohlt aus, und erwacht durch die Bewegung)

He da! ſchon wie - der? Jch mache kein Auge zu, ſo ſchlage ich mich mit ihm herum. Haͤtte er nur erſt die Haͤlfte von allen den Schlaͤgen! Doch ſieh, es iſt Tag! Jch muß nur bald meinen armen Herrn aufſuchen. Mit meinem Willen, ſoll er keinen Fuß mehr in das vermaledeyte Haus etzen. Wo wird er die Nacht zugebracht haben?

A 3Zwey -6Minna von Barnhelm,

Zweyter Auftritt.

Der Wirth. Juſt.
Der Wirth.

Guten Morgen, Herr Juſt, guten Morgen! Ey, ſchon ſo fruͤh auf? Oder ſoll ich ſagen: noch ſo ſpaͤt auf?

Juſt.

Sage Er, was Er will.

Der Wirth.

Jch ſage nichts als, guten Morgen; und das verdient doch wohl, daß Herr Juſt, großen Dank, darauf ſagt?

Juſt.

Großen Dank!

Der Wirth.

Man iſt verdruͤßlich, wenn man ſeine gehoͤrige Ruhe nicht haben kann. Was gilts, der Herr Major iſt nicht nach Hauſe ge - kommen, und Er hat hier auf ihn gelauert?

Juſt.

Was der Mann nicht alles errathen kann!

Der Wirth.

Jch vermuthe, ich vermuthe.

Juſt.
(kehrt ſich um, und will gehen)

Sein Diener!

Der Wirth.
(haͤlt ihn)

Nicht doch, Herr Juſt!

Juſt.

Nun gut; nicht Sein Diener!

Der7oder das Soldatengluͤck.
Der Wirth.

Ey, Herr Juſt! ich will doch nicht hoffen, Herr Juſt, daß Er noch von geſtern her boͤſe iſt? Wer wird ſeinen Zorn uͤber Nacht behalten?

Juſt.

Jch; und uͤber alle folgende Naͤchte.

Der Wirth.

Jſt das chriſtlich?

Juſt.

Eben ſo chriſtlich, als einen ehrlichen Mann, der nicht gleich bezahlen kann, aus dem Hauſe ſtoßen, auf die Straße werfen.

Der Wirth.

Pfuy, wer koͤnnte ſo gottlos ſeyn?

Juſt.

Ein chriſtlicher Gaſtwirth. Meinen Herrn! ſo einen Mann! ſo einen Officier!

Der Wirth.

Den haͤtte ich aus dem Hauſe geſtoßen? auf die Straße geworfen? Dazu habe ich viel zu viel Achtung fuͤr einen Officier, und viel zu viel Mitleid mit einem abgedankten! Jch habe ihm aus Noth ein ander Zimmer ein - raͤumen muͤſſen. Denke Er nicht mehr daran, Herr Juſt.

(er rufft in die Scene:)

Holla! Jch wills auf andere Weiſe wieder gut machen.

(Ein Junge koͤmmt)

Bring ein Glaͤßchen; Herr Juſt will ein Glaͤßchen haben; und was gutes!

A 4Juſt. 8Minna von Barnhelm,
Juſt.

Mache Er Sich keine Muͤhe, Herr

Wirth.

Der Tropfen ſoll zu Gift werden, den Doch ich will nicht ſchwoͤren; ich bin noch nuͤchtern!

Der Wirth.
(zu dem Jungen, der eine Flaſche Liqueur und ein Glaß bringt)

Gib her; geh! Nun, Herr Juſt; was ganz vortreffliches; ſtark, lieblich, geſund.

(er fuͤllt, und reicht ihm zu)

Das kann einen uͤberwachten Magen wieder in Ord - nung bringen!

Juſt.

Bald duͤrfte ich nicht! Doch warum ſoll ich meiner Geſundheit ſeine Grobheit entgelten laſſen?

(er nimmt und trinkt)
Der Wirth.

Wohl bekomms, Herr Juſt!

Juſt.
(indem er das Glaͤßchen wieder zuruͤck giebt)

Nicht uͤbel! Aber Herr Wirth, Er iſt doch ein Grobian!

Der Wirth.

Nicht doch, nicht doch! Geſchwind noch eins; auf einem Beine iſt nicht gut ſtehen.

Juſt.
(nachdem er getrunken)

Das muß ich ſagen: gut, ſehr gut! Selbſt gemacht, Herr Wirth?

Der9oder das Soldatengluͤck.
Der Wirth.

Behuͤte! veritabler Danziger! echter, doppelter Lachs!

Juſt.

Sieht Er, Herr Wirth; wenn ich heucheln koͤnnte, ſo wuͤrde ich fuͤr ſo was heu - cheln; aber ich kann nicht; es muß raus: Er iſt doch ein Grobian, Herr Wirth!

Der Wirth.

Jn meinem Leben hat mir das noch niemand geſagt. Noch eins, Herr Juſt; aller guten Dinge ſind drey!

Juſt.

Meinetwegen!

(er trinkt)

Gut Ding, wahrlich gut Ding! Aber auch die Wahrheit iſt gut Ding. Herr Wirth, Er iſt doch ein Grobian!

Der Wirth.

Wenn ich es waͤre, wuͤrde ich das wohl ſo mit anhoͤren?

Juſt.

O ja, denn ſelten hat ein Grobian Galle.

Der Wirth.

Nicht noch eins, Herr Juſt? Eine vierfache Schnur haͤlt deſto beſſer.

Juſt.

Nein, zu viel iſt zu viel! Und was hilfts Jhn, Herr Wirth? Bis auf den letzten Tropfen in der Flaſche wuͤrde ich bey meiner Rede bleiben. Pfuy, Herr Wirth; ſo gutenA 5Dan -10Minna von Barnhelm,Danziger zu haben, und ſo ſchlechte Mores! Einem Manne, wie meinem Herrn, der Jahr und Tag bey Jhm gewohnt, von dem Er ſchon ſo manchen ſchoͤnen Thaler gezogen, der in ſeinem Leben keinen Heller ſchuldig geblieben iſt; weil er ein Paar Monate her nicht prompt bezahlt, weil er nicht mehr ſo viel aufgehen laͤßt, in der Abweſenheit das Zimmer auszuraͤumen!

Der Wirth.

Da ich aber das Zimmer noth - wendig brauchte? da ich voraus ſahe, daß der Herr Major es ſelbſt gutwillig wuͤrde geraͤumt haben, wenn wir nur lange auf ſeine Zuruͤck - kunft haͤtten warten koͤnnen? Sollte ich denn ſo eine fremde Herrſchaft wieder von meiner Thuͤre wegfahren laſſen? Sollte ich einem andern Wirthe ſo einen Verdienſt muthwillig in den Rachen jagen? Und ich glaube nicht einmal, daß ſie ſonſt wo unterkommen waͤre. Die Wirths - haͤuſer ſind ietzt alle ſtark beſetzt. Sollte eine ſo junge, ſchoͤne, liebenswuͤrdige Dame, auf der Straße bleiben? Dazu iſt ſein Herr viel zu galant! Und was verliert er denn dabey? Habe ich ihm nicht ein anderes Zimmer dafuͤr eingeraͤumt?

Juſt. 11oder das Soldatengluͤck.
Juſt.

Hinten an dem Taubenſchlage; die Ausſicht zwiſchen des Nachbars Feuermauren

Der Wirth.

Die Ausſicht war wohl ſehr ſchoͤn, ehe ſie der verzweifelte Nachbar verbaute. Das Zimmer iſt doch ſonſt galant, und tape - zirt

Juſt.

Geweſen!

Der Wirth.

Nicht doch, die eine Wand iſt es noch. Und Sein Stuͤbchen darneben, Herr Juſt; was fehlt dem Stuͤbchen? Es hat ei - nen Kamin; der zwar im Winter ein wenig raucht

Juſt.

Aber doch im Sommer recht huͤbſch laͤßt. Herr, ich glaube gar, Er vexirt uns noch oben drein?

Der Wirth.

Nu, nu, Herr Juſt, Herr Juſt

Juſt.

Mache Er Herr Juſten den Kopf nicht warm, oder

Der Wirth.

Jch macht ihn warm? der Danziger thuts!

Juſt.

Einen, Officier wie meinen Herrn! Oder meynt Er, daß ein abgedankter Officier nichtauch12Minna von Barnhelm,auch ein Officier iſt, der Jhm den Hals brechen kann? Warum waret ihr denn im Kriege ſo ge - ſchmeidig, ihr Herren Wirthe? Warum war denn da jeder Officier ein wuͤrdiger Mann, und jeder Soldat ein ehrlicher, braver Kerl? Macht euch das Bißchen Friede ſchon ſo uͤber - muͤthig?

Der Wirth.

Was ereyfert Er Sich nun, Herr Juſt?

Juſt.

Jch will mich ereyfern.

Dritter Auftritt.

v. Tellheim. Der Wirth. Juſt.
v. Tellheim.
(im Hereintretten)

Juſt!

Juſt.
(in der Meynung, daß ihn der Wirth nenne)

So bekannt ſind wir?

v. Tellheim.

Juſt!

Juſt.

Jch daͤchte, ich waͤre wohl Herr Juſt fuͤr Jhn!

Der Wirth.
(der den Major gewahr wird)

St! ſt! Herr, Herr, Herr Juſt, ſeh Er Sich doch um; Sein Herr

v. Tell -13oder das Soldatengluͤck.
v. Tellheim.

Juſt, ich glaube, du zankſt? Was habe ich dir befohlen?

Der Wirth.

O, Jhro Gnaden! zanken? da ſey Gott vor! Jhr unterthaͤnigſter Knecht ſollte ſich unterſtehen, mit einem, der die Gnade hat, Jhnen anzugehoͤren, zu zanken?

Juſt.

Wenn ich ihm doch eins auf den Katzen - buckel geben duͤrfte!

Der Wirth.

Es iſt wahr, Herr Juſt ſpricht fuͤr ſeinen Herrn, und ein wenig hitzig. Aber daran thut er recht; ich ſchaͤtze ihn um ſo viel hoͤher; ich liebe ihn darum.

Juſt.

Daß ich ihm nicht die Zaͤhne austre - ten ſoll!

Der Wirth.

Nur Schade, daß er ſich um - ſonſt erhitzet. Denn ich bin gewiß verſichert, daß Jhro Gnaden keine Ungnade deswegen auf mich geworfen haben, weil die Noth mich nothwendig

v. Tellheim.

Schon zu viel, mein Herr! Jch bin Jhnen ſchuldig; Sie raͤumen mir, in meiner Abweſenheit, das Zimmer aus; Sie muͤſſen be -zahlt14Minna von Barnhelm,zahlt werden; ich muß wo anders unterzukom - men ſuchen. Sehr natuͤrlich!

Der Wirth.

Wo anders? Sie wollen aus - ziehen, gnaͤdiger Herr? Jch ungluͤcklicher Mann! ich geſchlagner Mann! Nein, nimmermehr! Eher muß die Dame das Quartier wieder raͤumen. Der Herr Major kann ihr, will ihr ſein Zimmer nicht laſſen; das Zimmer iſt ſein; ſie muß fort; ich kann ihr nicht helfen. Jch gehe, gnaͤdiger Herr

v. Tellheim.

Freund, nicht zwey dumme Streiche fuͤr einen! Die Dame muß in dem Beſitze des Zimmers bleiben.

Der Wirth.

Und Jhro Gnaden ſollten glau - ben, daß ich aus Mißtrauen, aus Sorge fuͤr meine Bezahlung? Als wenn ich nicht wuͤßte, daß mich Jhro Gnaden bezahlen koͤnnen, ſo bald Sie nur wollen. Das verſiegelte Beutelchen, fuͤnfhundert Thaler Louisdor, ſtehet drauf, welches Jhro Gnaden in dem Schreibepulte ſtehen gehabt; iſt in guter Verwahrung.

v. Tell -15oder das Soldatengluͤck.
v. Tellheim.

Das will ich hoffen; ſo wie meine uͤbrige Sachen. Juſt ſoll ſie in Em - pfang nehmen, wenn er Jhnen die Rechnung bezahlt hat.

Der Wirth.

Wahrhaftig, ich erſchrack recht, als ich das Beutelchen fand. Jch habe immer Jhro Gnaden fuͤr einen ordentlichen und vor - ſichtigen Mann gehalten, der ſich niemals ganz ausgiebt. Aber dennoch, wenn ich baar Geld in dem Schreibepulte vermuthet haͤtte

v. Tellheim.

Wuͤrden Sie hoͤflicher mit mir verfahren ſeyn. Jch verſtehe Sie. Gehen Sie nur, mein Herr; laſſen Sie mich; ich habe mit meinem Bedienten zu ſprechen.

Der Wirth.

Aber gnaͤdiger Herr

v. Tellheim.

Komm Juſt, der Herr will nicht erlauben, daß ich dir in ſeinem Hauſe ſage, was du thun ſollſt.

Der Wirth.

Jch gehe ja ſchon, gnaͤdiger Herr! Mein ganzes Haus iſt zu Jhren Dienſten.

Vier -16Minna von Barnhelm.

Vierter Auftritt.

v. Tellheim. Juſt.
Juſt.
(der mit dem Fuſſe ſtampft, und dem Wirthe nachſpuckt)

Pfuy!

v. Tellheim.

Was giebts?

Juſt.

Jch erſticke vor Bosheit.

v. Tellheim.

Das waͤre ſo viel, als an Voll - bluͤtigkeit.

Juſt.

Und Sie, Sie erkenne ich nicht mehr, mein Herr. Jch ſterbe vor Jhren Augen, wenn Sie nicht der Schutzengel dieſes haͤmiſchen, unbarmherzigen Rackers ſind! Trotz Galgen und Schwerd und Rad, haͤtte ich ihn haͤtte ich ihn mit dieſen Haͤnden erdroſſeln, mit dieſen Zaͤhnen zerreiſſen wollen.

v. Tellheim.

Beſtie!

Juſt.

Lieber Beſtie, als ſo ein Menſch!

v. Tellheim.

Was willſt du aber?

Juſt.

Jch will, daß Sie es empfinden ſollen, wie ſehr man Sie beleidiget.

v. Tellheim.

Und dann?

Juſt. 17oder das Soldatengluͤck.
Juſt.

Daß Sie Sich raͤchten Nein, der Kerl iſt Jhnen zu gering.

v. Tellheim.

Sondern, daß ich es dir auf - truͤge, mich zu raͤchen? Das war von Anfang mein Gedanke. Er haͤtte mich nicht wieder mit Augen ſehen, und ſeine Bezahlung aus deinen Haͤnden empfangen ſollen. Jch weiß, daß du eine Hand voll Geld mit einer ziemlich veraͤchtlichen Miene hinwerfen kannſt.

Juſt.

So? eine vortreffliche Rache!

v. Tellheim.

Aber die wir noch verſchie - ben muͤſſen. Jch habe keinen Heller baares Geld mehr; ich weiß auch, keines aufzutrei - ben.

Juſt.

Kein baares Geld? Und was iſt denn das fuͤr ein Beutel, mit fuͤnfhundert Thaler Louisdor den der Wirth in Jhrem Schreibepulte gefunden?

v. Tellheim.

Das iſt Geld, welches mir auf - zuheben gegeben worden.

Juſt.

Doch nicht die hundert Piſtolen, die Jhnen Jhr alter Wachtmeiſter vor vier oder fuͤnf Wochen brachte?

Bv. Tell -18Minna von Barnhelm,
v. Tellheim.

Die nehmlichen, von Paul Wernern. Warum nicht?

Juſt.

Dieſe haben Sie noch nicht ge - braucht? Mein Herr, mit dieſen koͤnnen Sie machen, was Sie wollen. Auf meine Verant - wortung

v. Tellheim.

Wahrhaftig?

Juſt.

Werner hoͤrte von mir, wie ſehr man Sie mit Jhren Forderungen an die General - kriegskaſſe aufzieht. Er hoͤrte

v. Tellheim.

Daß ich ſicherlich zum Bettler werden wuͤrde, wenn ich es nicht ſchon waͤre. Jch bin dir ſehr verbunden, Juſt. Und dieſe Nachricht vermochte Wernern, ſein Bißchen Armuth mit mir zu theilen. Es iſt mir doch lieb, daß ich es errathen habe. Hoͤre Juſt, mache mir zugleich auch deine Rechnung; wir ſind geſchiedene Leute.

Juſt.

Wie? was?

v. Tellheim.

Kein Wort mehr; es koͤmmt jemand.

Fuͤnf -19oder das Soldatengluͤck.

Fuͤnfter Auftritt.

Eine Dame in Trauer. v. Tellheim. Juſt.
Die Dame.

Jch bitte um Verzeihung, mein Herr!

v. Tellheim.

Wen ſuchen Sie, Ma - dame?

Die Dame.

Eben den wuͤrdigen Mann, mit welchem ich die Ehre habe zu ſprechen. Sie ken - nen mich nicht mehr? Jch bin die Wittwe Jhres ehemahligen Staabsrittmeiſters

v. Tellheim.

Um des Himmels willen, gnaͤ - dige Frau! welche Veraͤnderung!

Die Dame.

Jch ſtehe von dem Krankenbette auf, auf das mich der Schmerz uͤber den Verluſt meines Mannes warf. Jch muß Jhnen fruͤh beſchwerlich fallen, Herr Major. Jch reiſe auf das Land, wo mir eine gutherzige, aber eben auch nicht gluͤckliche Freundinn eine Zuflucht vors erſte angeboten.

v. Tellheim.
(zu Juſt)

Geh, laß uns allein.

B 2Sech -20Minna von Barnhelm,

Sechſter Auftritt.

Die Dame. von Tellheim.
v. Tellheim.

Reden Sie frey, gnaͤdige Frau! Vor mir duͤrfen Sie Sich Jhres Ungluͤcks nicht ſchaͤmen. Kann ich Jhnen worinn dienen?

Die Dame.

Mein Herr Major

v. Tellheim.

Jch beklage Sie, gnaͤdige Frau! Worinn kann ich Jhnen dienen? Sie wiſſen, Jhr Gemahl war mein Freund; mein Freund, ſage ich; ich war immer karg mit dieſem Titel.

Die Dame.

Wer weiß es beſſer, als ich, wie werth Sie ſeiner Freundſchaft waren, wie werth er der Jhrigen war? Sie wuͤrden ſein letzter Gedanke, Jhr Name der letzte Ton ſeiner ſterbenden Lippen geweſen ſeyn, haͤtte nicht die ſtaͤrkere Natur dieſes traurige Vorrecht fuͤr ſei - nen ungluͤcklichen Sohn, fuͤr ſeine ungluͤckliche Gattinn gefordert

v. Tellheim.

Hoͤren Sie auf, Madame! Weinen wollte ich mit Jhnen gern; aber ich habe heute keine Thraͤnen. Verſchonen Sie mich! Sie finden mich in einer Stunde, woich21oder das Soldatengluͤck. ich leicht zu verleiten waͤre, wider die Vorſicht zu murren. O mein rechtſchaffner Mar - loff! Geſchwind, gnaͤdige Frau, was haben Sie zu befehlen? Wenn ich Jhnen zu dienen im Stande bin, wenn ich es bin

Die Dame.

Jch darf nicht abreiſen, ohne ſeinen letzten Willen zu vollziehen. Er erinnerte ſich kurz vor ſeinem Ende, daß er als Jhr Schuld - ner ſterbe, und beſchwor mich, dieſe Schuld mit der erſten Baarſchaft zu tilgen. Jch habe ſeine Equipage verkauft, und komme ſeine Handſchrift einzuloͤſen.

v. Tellheim.

Wie, gnaͤdige Frau? darum kommen Sie?

Die Dame.

Darum. Erlauben Sie, daß ich das Geld aufzaͤhle.

v. Tellheim.

Nicht doch, Madame; Marloff mir ſchuldig? das kann ſchwerlich ſeyn. Laſſen Sie doch ſehen.

(er ziehet ſein Taſchenbuch heraus und ſucht)

Jch finde nichts.

Die Dame.

Sie werden ſeine Handſchrift verlegt haben, und die Handſchrift thut nichts zur Sache. Erlauben Sie

B 3v. Tell -22Minna von Barnhelm,
v. Tellheim.

Nein, Madame! ſo etwas pflege ich nicht zu verlegen. Wenn ich ſie nicht habe, ſo iſt es ein Beweis, daß ich nie eine gehabt habe, oder daß ſie getilgt, und von mir ſchon zuruͤck gegeben worden.

Die Dame.

Herr Major!

v. Tellheim.

Ganz gewiß, gnaͤdige Frau. Marloff iſt mir nichts ſchuldig geblieben. Jch wuͤßte mich auch nicht zu erinnern, daß er mir jemals etwas ſchuldig geweſen waͤre. Nicht anders Madame; er hat mich vielmehr als ſei - nen Schuldner hinterlaſſen. Jch habe nie etwas thun koͤnnen, mich mit einem Manne abzufin - den, der ſechs Jahr Gluͤck und Ungluͤck, Ehre und Gefahr mit mir getheilet. Jch werde es nicht vergeſſen, daß ein Sohn von ihm da iſt. Er wird mein Sohn ſeyn, ſo bald ich ſein Vater ſeyn kann. Die Verwirrung, in der ich mich ietzt ſelbſt befinde

Die Dame.

Edelmuͤthiger Mann! Aber den - ken Sie auch von mir nicht zu klein. Nehmen Sie das Geld, Herr Major; ſo bin ich wenig - ſtens beruhiget.

v. Tell -23oder das Soldatengluͤck.
v. Tellheim.

Was brauchen Sie zu Jhrer Beruhigung weiter, als meine Verſicherung, daß mir dieſes Geld nicht gehoͤret? Oder wollen Sie, daß ich die unerzogene Wanſe meines Freundes beſtehlen ſoll? Beſtehlen, Madame; das wuͤrde es in dem eigentlichſten Verſtande ſeyn. Jhm gehoͤrt es; fuͤr ihn legen Sie es an.

Die Dame.

Jch verſtehe Sie; verzeihen Sie nur, wenn ich noch nicht recht weiß, wie man Wohlthaten annehmen muß. Woher wiſſen es denn aber auch Sie, daß eine Mutter mehr fuͤr ihren Sohn thut, als ſie fuͤr ihr eigen Leben thun wuͤrde? Jch gehe

v. Tellheim.

Gehen Sie, Madame, gehen Sie! Reiſen Sie gluͤcklich! Jch bitte Sie nicht, mir Nachricht von Jhnen zu geben. Sie moͤchte mir zu einer Zeit kommen, wo ich ſie nicht nutzen koͤnnte. Aber noch eines, gnaͤdige Frau; bald haͤtte ich das Wichtigſte vergeſſen. Marloff hat noch an der Kaſſe unſers ehemaligen Regi - ments zu fodern. Seine Foderungen ſind ſo rich - tig, wie die meinigen. Werden meine bezahlt,B 4ſo24Minna von Barnhelm,ſo muͤſſen auch die ſeinigen bezahlt werden. Jch hafte dafuͤr.

Die Dame.

O! mein Herr Aber ich ſchweige lieber. Kuͤnftige Wohlthaten ſo vor - bereiten, heißt ſie in den Augen des Himmels ſchon erwieſen haben. Empfangen Sie ſeine Be - lohnung, und meine Thraͤnen!

(geht ab)

Siebender Auftritt.

v. Tellheim.

Armes, braves Weib! Jch muß nicht ver - geſſen, den Bettel zu vernichten.

(er nimmt aus ſeinem Taſchenbuche Briefſchaften, die er zerreißt)

Wer ſteht mir dafuͤr, daß eigner Mangel mich nicht einmal verleiten koͤnnte, Gebrauch davon zu machen?

Achter Auftritt.

Juſt. v. Tellheim.
v. Tellheim.

Biſt du da?

Juſt.
(indem er ſich die Augen wiſcht)

Ja!

v. Tellheim.

Du haſt geweint?

Juſt. 25oder das Soldatengluͤck.
Juſt.

Jch habe in der Kuͤche meine Rechnung geſchrieben, und die Kuͤche iſt voll Rauch. Hier iſt ſie, mein Herr!

v. Tellheim.

Gieb her.

Juſt.

Haben Sie Barmherzigkeit mit mir, mein Herr. Jch weiß wohl, daß die Menſchen mit Jhnen keine haben; aber

v. Tellheim.

Was willſt du?

Juſt.

Jch haͤtte mir eher den Tod, als meinen Abſchied vermuthet.

v. Tellheim.

Jch kann dich nicht laͤnger brau - chen; ich muß mich ohne Bedienten behelfen lernen.

(ſchlaͤgt die Rechnung auf, und lieſet)

Was der Herr Major mir ſchuldig: Drey und einen halben Monat Lohn, den Monat 6 Thaler, macht 21 Thaler. Seit dem erſten dieſes, an Klei - nigkeiten ausgelegt, 1 Thlr. 7 Gr. 9 Pf. Summa Summarum, 22 Thaler 7 Gr. 9 Pf. Gut, und es iſt billig, daß ich dir dieſen laufenden Mo - nat ganz bezahle.

Juſt.

Die andere Seite, Herr Major

v. Tellheim.

Noch mehr?

(lieſet)

Was dem Herrn Major ich ſchuldig: An den FeldſcheerB 5fuͤr26Minna von Barnhelm, fuͤr mich bezahlt, 25 Thaler. Fuͤr Wartung und Pflege, waͤhrend meiner Kur, fuͤr mich bezahlt, 39 Thlr. Meinem abgebrannten und gepluͤn - derten Vater, auf meine Bitte, vorgeſchoſſen, ohne die zwey Beutepferde zu rechnen, die er ihm geſchenkt, 50 Thaler. Summa Summarum, 114 Thaler. Davon abgezogen vorſtehende 22 Thl. 17 Gr. 9 Pf. bleibe dem Herrn Major ſchuldig, 91 Thlr. 16 gr. 3 Pf. Kerl, du biſt toll!

Juſt.

Jch glaube es gern, daß ich Jhnen weit mehr koſte. Aber es waͤre verlorne Dinte, es dazu zu ſchreiben. Jch kann Jhnen das nicht bezahlen, und wenn Sie mir vollends die Liverey nehmen, die ich auch noch nicht verdient habe, ſo wollte ich lieber, Sie haͤtten mich in dem La - zarethe krepiren laſſen.

v. Tellheim.

Wofuͤr ſiehſt du mich an? Du biſt mir nichts ſchuldig, und ich will dich einem von meinen Bekannten empfehlen, bey dem du es beſſer haben ſollſt, als bey mir.

Juſt.

Jch bin Jhnen nichts ſchuldig, und doch wollen Sie mich verſtoßen?

v. Tell -27oder das Soldatengluͤck.
v. Tellheim.

Weil ich dir nichts ſchuldig wer - den will.

Juſt.

Darum? nur darum? So gewiß ich Jhnen ſchuldig bin, ſo gewiß Sie mir nichts ſchuldig werden koͤnnen, ſo gewiß ſollen Sie mich nun nicht verſtoßen. Machen Sie, was Sie wollen, Herr Major; ich bleibe bey Jhnen; ich muß bey Jhnen bleiben.

v. Tellheim.

Und deine Hartnaͤckigkeit, dein Trotz, dein wildes ungeſtuͤmes Weſen gegen alle, von denen du meyneſt, daß Sie dir nichts zu ſagen haben, deine tuͤckiſche Schadenfreude, deine Rachſucht

Juſt.

Machen Sie mich ſo ſchlimm, wie Sie wollen; ich will darum doch nicht ſchlechter von mir denken, als von meinem Hunde. Vorigen Winter gieng ich in der Demmerung an dem Kanale, und hoͤrte etwas winſeln. Jch ſtieg herab, und griff nach der Stimme, und glaubte ein Kind zu retten, und zog einen Budel aus dem Waſſer. Auch gut; dachte ich. Der Budel kam mir nach; aber ich bin kein Liebhaber von Budeln. Jch jagte ihn fort, umſonſt; ich pruͤgelte ihn vonmir,28Minna von Barnhelm,mir, umſonſt. Jch ließ ihn des Nachts nicht in meine Kammer; er blieb vor der Thuͤre auf der Schwelle. Wo er mir zu nahe kam, ſtieß ich ihn mit dem Fuße; er ſchrie, ſahe mich an, und we - delte mit dem Schwanze. Noch hat er keinen Biſſen Brod aus meiner Hand bekommen; und doch bin ich der einzige, dem er hoͤrt, und der ihn anruͤhren darf. Er ſpringt vor mir her, und macht mir ſeine Kuͤnſte unbefohlen vor. Es iſt ein haͤß - licher Budel, aber ein gar zu guter Hund. Wenn er es laͤnger treibt, ſo hoͤre ich endlich auf, den Budeln gram zu ſeyn.

v. Tellheim.
(bey Seite)

So wie ich ihm! Nein, es giebt keine voͤllige Unmenſchen! Juſt, wir bleiben beyſammen.

Juſt.

Ganz gewiß! Sie wollten Sich ohne Bedienten behelfen? Sie vergeſſen Jhrer Bleſſuren, und daß Sie nur eines Armes maͤch - tig ſind. Sie koͤnnen Sich ja nicht allein anklei - den. Jch bin Jhnen unentbehrlich; und bin, ohne mich ſelbſt zu ruͤhmen, Herr Ma - jor und bin ein Bedienter, der wenndas29oder das Soldatengluͤck. das Schlimmſte zum Schlimmen koͤmmt, fuͤr ſeinen Herrn betteln und ſtehlen kann.

v. Tellheim.

Juſt, wir bleiben nicht bey - ſammen.

Juſt.

Schon gut!

Neunter Auftritt.

Ein Bedienter. v. Tellheim. Juſt.
Der Bediente.

Bſt! Kammerad!

Juſt.

Was giebts?

Der Bediente.

Kann Er mir nicht den Officier nachweiſen, der geſtern noch in dieſem Zimmer

(auf eines an der Seite zeigend, von welcher er herkoͤmmt)

gewohnt hat?

Juſt.

Das duͤrfte ich leicht koͤnnen. Was bringt Er ihm?

Der Bediente.

Was wir immer bringen, wenn wir nichts bringen; ein Kompliment. Meine Herrſchaft hoͤrt, daß er durch ſie verdrengt worden. Meine Herrſchaft weiß zu leben, und ich ſoll ihn desfalls um Verzeihung bitten.

Juſt. 30Minna von Barnhelm,
Juſt.

Nun ſo bitte Er ihn um Verzeihung; da ſteht er.

Der Bediente.

Was iſt er? Wie nennt man ihn?

v. Tellheim.

Mein Freund, ich habe Euern Auftrag ſchon gehoͤrt. Es iſt eine uͤberfluͤſſige Hoͤflichkeit von Eurer Herrſchaft, die ich erkenne, wie ich ſoll. Macht ihr meinen Empfehl. Wie heißt Eure Herrſchaft?

Der Bediente.

Wie ſie heißt? Sie laͤßt ſich gnaͤdiges Fraͤulein heiſſen.

v. Tellheim.

Und ihr Familienname?

Der Bediente.

Den habe ich noch nicht ge - hoͤrt, und darnach zu fragen, iſt meine Sache nicht. Jch richte mich ſo ein, daß ich, mei - ſtentheils aller ſechs Wochen, eine neue Herr - ſchaft habe. Der Henker behalte alle ihre Namen!

Juſt.

Bravo, Kammerad!

Der Bediente.

Zu dieſer bin ich erſt vor we - nig Tagen in Dresden gekommen. Sie ſucht, glaube ich, hier ihren Braͤutigam.

v. Tell -31oder das Soldatengluͤck.
v. Tellheim.

Genug, mein Freund. Den Namen Eurer Herrſchaft wollte ich wiſſen; aber nicht ihre Geheimniſſe. Geht nur!

Der Bediente.

Kammerad, das waͤre kein Herr fuͤr mich!

Zehnter Auftritt.

v. Tellheim. Juſt.
v. Tellheim.

Mache, Juſt, mache, daß wir aus dieſem Hauſe kommen! Die Hoͤflichkeit der fremden Dame iſt mir empfindlicher, als die Grobheit des Wirths. Hier nimm dieſen Ring; die einzige Koſtbarkeit, die mir uͤbrig iſt; von der ich nie geglaubt haͤtte, einen ſolchen Gebrauch zu machen! Verſetze ihn! laß dir achtzig Frie - drichsdor darauf geben; die Rechnung des Wirths kann keine dreyßig betragen. Bezahle ihn, und raͤume meine Sachen Ja, wohin? Wohin du willſt. Der wohlfeilſte Gaſthof der beſte. Du ſollſt mich hier neben an, auf dem Kaffeehauſe, treffen. Jch gehe, mache deine Sache gut.

Juſt. 32Minna von Barnhelm,
Juſt.

Sorgen Sie nicht, Herr Major!

v. Tellheim.
(koͤmmt wieder zuruͤck)

Vor allen Dingen, daß meine Piſtolen, die hinter dem Bette gehangen, nicht vergeſſen werden.

Juſt.

Jch will nichts vergeſſen.

v. Tellheim.
(koͤmmt nochmals zuruͤck)

Noch eins; nimm mir auch deinen Budel mit; hoͤrſt du, Juſt!

Eilfter Auftritt.

Juſt.

Der Budel wird nicht zuruͤck bleiben. Dafuͤr laß ich den Budel ſorgen. Hm! auch den koſtbaren Ring hat der Herr noch gehabt? Und trug ihn in der Taſche, anſtatt am Finger? Guter Wirth, wir ſind ſo kahl noch nicht, als wir ſcheinen. Bey ihm, bey ihm ſelbſt will ich dich verſetzen, ſchoͤnes Ringelchen! Jch weiß, er aͤr - gert ſich, daß du in ſeinem Hauſe nicht ganz ſollſt verzehrt werden! Ah

Zwoͤlf -33oder das Soldatengluͤck.

Zwoͤlfter Auftritt.

Paul Werner. Juſt.
Juſt.

Sieh da, Werner! guten Tag, Wer - ner! willkommen in der Stadt!

Werner.

Das verwuͤnſchte Dorf! Jch kanns unmoͤglich wieder gewohne werden. Luſtig, Kin - der, luſtig; ich bringe friſches Geld! Wo iſt der Major?

Juſt.

Er muß dir begegnet ſeyn; er gieng eben die Treppe herab.

Werner.

Jch komme die Hintertreppe herauf. Nun wie gehts ihm? Jch waͤre ſchon vorige Woche bey euch geweſen, aber

Juſt.

Nun? was hat dich abgehalten?

Werner.

Juſt, haſt du von dem Prin - zen Heraklius gehoͤrt?

Juſt.

Heraklius? Jch wuͤßte nicht.

Werner.

Kennſt du den großen Helden im Morgenlande nicht?

Juſt.

Die Weiſen aus dem Morgenlande kenn ich wohl, die ums Neujahr mit dem Sterne herumlauffen.

CWer -34Minna von Barnhelm.
Werner.

Menſch, ich glaube, du lieſeſt eben ſo wenig die Zeitungen, als die Bibel? Du kennſt den Prinz Heraklius nicht? den braven Mann nicht, der Perſien weggenommen, und naͤchſter Tage die ottomanniſche Pforte einſprengen wird? Gott ſey Dank, daß doch noch irgendwo in der Welt Krieg iſt! Jch habe lange genug ge - hoft, es ſollte hier wieder losgehen. Aber da ſitzen ſie, und heilen ſich die Haut. Nein, Soldat war ich, Soldat muß ich wieder ſeyn! Kurz,

(indem er ſich ſchuͤchtern umſieht, ob ihn jemand behorcht)

im Vertrauen, Juſt; ich wandere nach Perſien, um unter Sr. Koͤniglichen Hoheit, dem Prinzen Heraklius, ein Paar Feldzuͤge wider den Tuͤrken zu machen.

Juſt.

Du?

Werner.

Jch, wie du mich hier ſiehſt! Unſere Vorfahren zogen fleißig wider den Tuͤrken; und das ſollten wir noch thun, wenn wir ehrliche Kerls, und gute Chriſten waͤren. Freylich begreiffe ich wohl, daß ein Feldzug wider den Tuͤrken nicht halb ſo luſtig ſeyn kann, als einer wider den Franzoſen; aber dafuͤr muß er auch deſto verdienſt -licher35oder das Soldatengluͤck. licher ſeyn, in dieſem und in jenem Leben. Die Tuͤrken haben dir alle Saͤbels, mit Diamanten beſetzt

Juſt.

Um mir von ſo einem Saͤbel den Kopf ſpalten zu laſſen, reiſe ich nicht eine Meile. Du wirſt doch nicht toll ſeyn, und dein ſchoͤnes Schul - zengerichte verlaſſen?

Werner.

O, das nehme ich mit! Merkſt du was? Das Guͤtchen iſt verkauft

Juſt.

Verkauft?

Werner.

St! hier ſind hundert Dukaten, die ich geſtern auf den Kauf bekommen; die bring ich dem Major

Juſt.

Und was ſoll der damit?

Werner.

Was er damit ſoll? Verzehren ſoll er ſie; verſpielen, vertrinken, ver wie er will. Der Mann muß Geld haben, und es iſt ſchlecht genug, daß man ihm das Seinige ſo ſauer macht! Aber ich wuͤßte ſchon, was ich thaͤte, wenn ich an ſeiner Stelle waͤre! Jch daͤchte: hohl euch hier alle der Henker; und gienge mit Paul Wernern, nach Perſien! Blitz! der Prinz Heraklius muß ja wohl von dem Major Tellheim gehoͤrtC 2haben36Minna von Barnhelm,haben; wenn er auch ſchon ſeinen geweſenen Wachmeiſter, Paul Wernern, nicht kennt. Un - ſere Affaire bey den Katzenhaͤuſern

Juſt.

Soll ich dir die erzaͤhlen?

Werner.

Du mir? Jch merke wohl, daß eine ſchoͤne Diſpoſition uͤber deinen Verſtand geht. Jch will meine Perlen nicht vor die Saͤue werf - fen. Da nimm die hundert Dukaten; gieb ſie dem Major. Sage ihm: er ſoll mir auch die aufheben. Jch muß ietzt auf den Markt; ich habe zwey Winspel Rocken herein geſchickt; was ich daraus loͤſe, kann er gleichfalls haben.

Juſt.

Werner, du meyneſt es herzlich gut; aber wir moͤgen dein Geld nicht. Behalte deine Dukaten, und deine hundert Piſtolen kannſt du auch unverſoͤrt wieder bekommen, ſobald als du willſt.

Werner.

So? hat denn der Major noch Geld?

Juſt.

Nein.

Werner.

Und wovon lebt ihr denn?

Juſt.

Wir laſſen anſchreiben, und wenn man nicht mehr anſchreiben will, und uns zum Hauſeher -37oder das Soldatengluͤck. herauswirft, ſo verſetzen wir, was wir noch haben, und ziehen weiter. Hoͤre nur, Paul; dem Wirthe hier muͤſſen wir einen Poſſen ſpielen.

Werner.

Hat er dem Major was in den Weg gelegt? Jch bin dabey!

Juſt.

Wie waͤrs, wenn wir ihm des Abends, wenn er aus der Tabagie koͤmmt, aufpaßten, und ihn brav durchpruͤgelten?

Werner.

Des Abends? aufpaßten? ihre Zwey, einem? Das iſt nichts.

Juſt.

Oder, wenn wir ihm das Haus uͤber dem Kopf anſteckten?

Werner.

Sengen und brennen? Kerl, man hoͤrts, daß du Packknecht geweſen biſt, und nicht Soldat; pfuy!

Juſt.

Oder, wenn wir ihm ſeine Tochter zur Hure machten? Sie iſt zwar verdammt haͤßlich

Werner.

O, da wird ſies lange ſchon ſeyn! Und allenfalls brauchſt du auch hierzu keinen Ge - huͤlfen. Aber was haſt du denn? was giebts denn?

Juſt.

Komm nur, du ſollſt dein Wunder hoͤren!

C 3Wer -38Minna von Barnhelm,
Werner.

So iſt der Teufel wohl hier gar los?

Juſt.

Ja wohl; komm nur!

Werner.

Deſto beſſer! Nach Perſien alſo, nach Perſien!

Ende des erſten Aufzugs.

Zweyter Aufzug.

Erſter Auftritt.

Minna von Barnheim. Franciska.
(die Scene iſt in dem Zimmer des Fraͤuleins.)
Das Fraͤulein.
(im Negligee, nach ihrer Uhr ſehend)

Franciska, wir ſind auch ſehr fruͤh aufgeſtanden. Die Zeit wird uns lang werden.

Franciska.

Wer kann in den verzweifelten großen Staͤdten ſchlafen? Die Karoſſen, die Nachtwaͤchter, die Trommeln, die Katzen, die Korporals das hoͤrt nicht auf zu raſſeln, zu ſchreyen, zu wirbeln, zu mauen, zu fluchen; ge - rade, als ob die Nacht zu nichts weniger waͤre, als zur Ruhe. Eine Taſſe Thee, gnaͤdiges Fraͤulein?

Das39oder das Soldatengluͤck.
Das Fraͤulein.

Der Thee ſchmeckt mir nicht.

Franciska.

Jch will von unſerer Schokolate machen laſſen.

Das Fraͤulein.

Laß machen, fuͤr dich!

Franciska.

Fuͤr mich? Jch wollte eben ſo gern fuͤr mich allein plaudern, als fuͤr mich allein trinken. Freylich wird uns die Zeit ſo lang werden. Wir werden, vor langer Weile, uns putzen muͤſſen, und das Kleid verſuchen, in wel - chem wir den erſten Sturm geben wollen.

Das Fraͤulein.

Was redeſt du von Stuͤrmen, da ich bloß herkomme, die Haltung der Kapitu - lation zu fordern?

Franciska.

Und der Herr Officier, den wir vertrieben, und dem wir das Kompliment daruͤber machen laſſen; er muß auch nicht die feinſte Lebens - art haben; ſonſt haͤtte er wohl um die Ehre koͤn - nen bitten laſſen, uns ſeine Aufwartung machen zu duͤrfen.

Das Fraͤulein.

Es ſind nicht alle Officiere Tellheims. Die Wahrheit zu ſagen, ich ließ ihm das Kompliment auch blos machen, um Gelegen -C 4heit40Minna von Barnhelm,heit zu haben, mich nach dieſem bey ihm zu erkun - digen. Franciska, mein Herz ſagt es mir, daß meine Reiſe gluͤcklich ſeyn wird, daß ich ihn fin - den werde.

Franciska.

Das Herz, gnaͤdiges Fraͤulein? Man traue doch ja ſeinem Herzen nicht zu viel. Das Herz redet uns gewaltig gern nach dem Maule. Wenn das Maul eben ſo geneigt waͤre, nach dem Herzen zu reden, ſo waͤre die Mode laͤngſt auf - gekommen, die Maͤuler unterm Schloße zu tragen.

Das Fraͤulein.

Ha! ha! mit deinen Maͤu - lern unterm Schloſſe! Die Mode waͤre mir eben recht!

Franciska.

Lieber die ſchoͤnſten Zaͤhne nicht ge - zeigt, als alle Augenblicke das Herz daruͤber ſprin - gen laſſen!

Das Fraͤulein.

Was? biſt du ſo zuruͤckhal - tend?

Franciska

Nein, gnaͤdiges Fraͤulein; ſondern ich wollte es gern mehr ſeyn. Man ſpricht ſelten von der Tugend, die man hat; aber deſto oͤftrer von der, die uns fehlt.

Das41oder das Soldatengluͤck.
Das Fraͤulein.

Siehſt du, Franciska? da haſt du eine ſehr gute Anmerkung gemacht.

Franciska.

Gemacht? macht man das, was einem ſo einfaͤllt?

Das Fraͤulein.

Und weißt du, warum ich eigentlich dieſe Anmerkung ſo gut finde? Sie hat viel Beziehung auf meinen Tellheim.

Franciska.

Was haͤtte bey Jhnen nicht auch Beziehung auf ihn?

Das Fraͤulein.

Freund und Feind ſagen, daß er der tapferſte Mann von der Welt iſt. Aber wer hat ihn von Tapferkeit jemals reden hoͤren? Er hat das rechtſchaffenſte Herz, aber Rechtſchaffenheit und Edelmuth ſind Worte, die er nie auf die Zunge bringt.

Franciska.

Von was fuͤr Tugenden ſpricht er denn?

Das Fraͤulein.

Er ſpricht von keiner; denn ihm fehlt keine.

Franciska.

Das wollte ich nur hoͤren.

Das Fraͤulein.

Warte, Franciska; ich beſinne mich. Er ſpricht ſehr oft von Oekonomie. JmC 5Ver -42Minna von Barnhelm,Vertrauen, Franciska; ich glaube, der Mann iſt ein Verſchwender.

Franciska.

Noch eins, gnaͤdiges Fraͤulein. Jch habe ihn auch ſehr oft der Treue und Beſtaͤn - digkeit gegen Sie erwaͤhnen hoͤren. Wie, wenn der Herr auch ein Flattergeiſt waͤre?

Das Fraͤulein.

Du Ungluͤckliche! Aber meyneſt du das im Ernſte, Franciska?

Franciska.

Wie lange hat er Jhnen nun ſchon nicht geſchrieben?

Das Fraͤulein.

Ach! ſeit dem Frieden hat er mir nur ein einzigesmal geſchrieben.

Franciska.

Auch ein Seufzer wider den Frie - den! Wunderbar! der Friede ſollte nur das Boͤſe wieder gut machen, das der Krieg geſtiftet, und er zerruͤttet auch das Gute, was dieſer ſein Ge - genpart etwa noch veranlaſſet hat. Der Friede ſollte ſo eigenſinnig nicht ſeyn! Und wie lange haben wir ſchon Friede? Die Zeit wird einem ge - waltig lang, wenn es ſo wenig Neuigkeiten giebt. Umſonſt gehen die Poſten wieder richtig; niemand ſchreibt; denn niemand hat was zu ſchreiben.

Das43oder das Soldatengluͤck.
Das Fraͤulein.

Es iſt Friede, ſchrieb er mir, und ich naͤhere mich der Erfuͤllung meiner Wuͤn - ſche. Aber, daß er mir dieſes nur ein einzi - gesmal geſchrieben

Franciska.

Daß er uns zwingt, dieſer Er - fuͤllung der Wuͤnſche ſelbſt entgegen zu eilen: fin - den wir ihn nur; das ſoll er uns entgelten! Wenn indeß der Mann doch Wuͤnſche erfuͤllt haͤtte, und wir erfuͤhren hier

Das Fraͤulein.
(aͤngſtlich und hitzig)

Daß er tod waͤre?

Franciska.

Fuͤr Sie, gnaͤdiges Fraͤulein; in den Armen einer andern.

Das Fraͤulein.

Du Quaͤlgeiſt! Warte, Fran - ciska, er ſoll dir es gedenken! Doch ſchwatze nur; ſonſt ſchlafen wir wieder ein. Sein Regi - ment ward nach dem Frieden zerriſſen. Wer weiß, in welche Verwirrung von Rechnungen und Nachweiſungen er dadurch gerathen? Wer weiß, zu welchem andern Regimente, in welche entlegne Provinz er verſetzt worden? Wer weiß, welche Um - ſtaͤnde Es pocht jemand.

Franciska.

Herein!

Zwey -44Minna von Barnhelm,

Zweyter Auftritt.

Der Wirth. Die Vorigen.
Der Wirth.
(den Kopf voranſteckend)

Jſt es erlaubt, meine gnaͤdige Herrſchaft?

Franciska.

Unſer Herr Wirth? Nur vol - lends herein.

Der Wirth.
(mit einer Feder hinter dem Ohre, ein Blatt Papier und Schreibezeug in der Hand.)

Jch kom - me, gnaͤdiges Fraͤulein, Jhnen einen unterthaͤni - gen guten Morgen zu wuͤnſchen,

(zur Franciska)

und auch Jhr, mein ſchoͤnes Kind,

Franciska.

Ein hoͤflicher Mann!

Das Fraͤulein.

Wir bedanken uns.

Franciska.

Und wuͤnſchen Jhm auch einen guten Morgen.

Der Wirth.

Darf ich mich unterſtehen zu fra - gen, wie Jhro Gnaden die erſte Nacht unter meinem ſchlechten Dache geruhet?

Franciska.

Das Dach iſt ſo ſchlecht nicht, Herr Wirth; aber die Betten haͤtten koͤnnen beſ - ſer ſeyn.

Der45oder das Soldatengluͤck.
Der Wirth.

Was hoͤre ich? Nicht wohl ge - ruht? Vielleicht, daß die gar zu große Ermuͤdung von der Reiſe

Das Fraͤulein.

Es kann ſeyn.

Der Wirth.

Gewiß, gewiß! denn ſonſt Jndeß ſollte etwas nicht vollkommen nach Jhro Gnaden Bequemlichkeit geweſen ſeyn, ſo geruhen Jhro Gnaden, nur zu befehlen.

Franciska.

Gut, Herr Wirth, gut! Wir ſind auch nicht bloͤde; und am wenigſten muß man im Gaſthofe bloͤde ſeyn. Wir wollen ſchon ſagen, wie wir es gern haͤtten.

Der Wirth.

Hiernaͤchſt komme ich zugleich

(indem er die Feder hinter dem Ohre hervorzieht)
Franciska.

Nun?

Der Wirth.

Ohne Zweifel kennen Jhro Gna - den ſchon die weiſen Verordnungen unſrer Policey.

Das Fraͤulein.

Nicht im geringſten, Herr Wirth

Der Wirth.

Wir Wirthe ſind angewieſen, keinen Fremden, weß Standes und Geſchlechts er auch ſey, vier und zwanzig Stunden zu behau - ſen, ohne ſeinen Namen, Heymath, Charackter,hieſige46Minna von Barnhelm,hieſige Geſchaͤfte, vermuthliche Dauer des Aufent - halts, und ſo weiter, gehoͤrigen Orts ſchriftlich einzureichen.

Das Fraͤulein.

Sehr wohl.

Der Wirth.

Jhro Gnaden werden alſo Sich gefallen laſſen

(indem er an einen Tiſch tritt, und ſich fertig macht, zu ſchreiben)
Das Fraͤulein.

Sehr gern. Jch heiße

Der Wirth.

Einen kleinen Augenblick Ge - duld!

(er ſchreibt)

Dato, den 22. Auguſt a. c. allhier zum Koͤnige von Spanien angelangt Nun Dero Namen, gnaͤdiges Fraͤulein.

Das Fraͤulein.

Das Fraͤulein von Barnhelm.

Der Wirth.
(ſchreibt)

von Barnhelm Kommend? woher, gnaͤdiges Fraͤulein?

Das Fraͤulein.

Von meinen Guͤtern aus Sachſen.

Der Wirth.
(ſchreibt)

Guͤtern aus Sach - ſen. Aus Sachſen! Ey, ey, aus Sach - ſen, gnaͤdiges Fraͤulein? aus Sachſen?

Franciska.

Nun? warum nicht? Es iſt doch wohl hier zu Lande keine Suͤnde, aus Sachſen zu ſeyn?

Der47oder das Soldatengluͤck.
Der Wirth.

Eine Suͤnde? behuͤte! das waͤre ja eine ganz neue Suͤnde! Aus Sachſen alſo? Ey, ey! aus Sachſen! das liebe Sachſen! Aber wo mir recht iſt, gnaͤdiges Fraͤulein, Sach - ſen iſt nicht klein, und hat mehrere, wie ſoll ich es nennen? Diſtrickte, Provinzen. Unſere Policey iſt ſehr exackt, gnaͤdiges Fraͤulein.

Das Fraͤulein.

Jch verſtehe: von meinen Guͤtern aus Thuͤringen alſo.

Der Wirth.

Aus Thuͤringen! Ja, das iſt beſſer, gnaͤdiges Fraͤulein, das iſt genauer.

(ſchreibt und ließt)

Das Fraͤulein von Barnhelm, kommend von ihren Guͤtern aus Thuͤringen, nebſt einer Kammerfrau und zwey Bedienten

Franciska.

Einer Kammerfrau? das ſoll ich wohl ſeyn?

Der Wirth.

Ja, mein ſchoͤnes Kind.

Franciska.

Nun, Herr Wirth, ſo ſetzen Sie anſtatt Kammerfrau, Kammerjungfer. Jch hoͤre, die Policey iſt ſehr exackt; es moͤchte ein Mißverſtaͤndniß geben, welches mir bey meinem Aufgebothe einmal Haͤndel machen koͤnnte. Denn ich bin wirklich noch Jungfer, und heiße Franciska;mit48Minna von Barnhelm,mit dem Geſchlechtsnamen, Willig; Franciska Willig. Jch bin auch aus Thuͤringen. Mein Vater war Muͤller auf einem von den Guͤtern des gnaͤdigen Fraͤuleins. Es heißt klein Ramms - dorf. Die Muͤhle hat ietzt mein Bruder. Jch kam ſehr jung auf den Hof, und ward mit dem gnaͤdigen Fraͤulein erzogen. Wir ſind von einem Alter; kuͤnftige Lichtmeß ein und zwanzig Jahr. Jch habe alles gelernt, was das gnaͤdige Fraͤulein gelernt hat. Es ſoll mir lieb ſeyn, wenn mich die Policey recht kennt.

Der Wirth.

Gut, mein ſchoͤnes Kind; das will ich mir auf weitere Nachfrage merken. Aber nunmehr, gnaͤdiges Fraͤulein, Dero Ver - richtungen allhier?

Das Fraͤulein.

Meine Verrichtungen?

Der Wirth.

Suchen Jhro Gnaden etwas bey des Koͤnigs Majeſtaͤt?

Das Fraͤulein.

O, nein!

Der Wirth.

Oder bey unſern hohen Juſtitz - kollegiis?

Das Fraͤulein.

Auch nicht.

Der Wirth.

Oder

Das49oder das Soldatengluͤck.
Das Fraͤulein.

Nein, nein. Jch bin ledig - lich in meinen eigenen Angelegenheiten hier.

Der Wirth.

Ganz wohl, gnaͤdiges Fraͤulein; aber wie nennen ſich dieſe eigne Angelegenheiten?

Das Fraͤulein.

Sie nennen ſich Francis - ka, ich glaube wir werden vernommen.

Franciska.

Herr Wirth, die Policey wird doch nicht die Geheimniſſe eines Frauenzimmers zu wiſſen verlangen?

Der Wirth.

Allerdings, mein ſchoͤnes Kind: die Policey will alles wiſſen; und beſonders Ge - heimniſſe.

Franciska.

Ja nun, gnaͤdiges Fraͤulein; was iſt zu thun? So horen Sie nur, Herr Wirth; aber daß es ja unter uns und der Policey bleibt!

Das Fraͤulein.

Was wird ihm die Naͤrrinn ſagen?

Franciska.

Wir kommen, dem Koͤnige einen Officier wegzukapern

Der Wirth.

Wie? was? Mein Kind! mein Kind!

DFranciska. 50Minna von Barnhelm,
Franciska.

Oder uns von dem Officiere kapern zu laſſen. Beides iſt eins.

Das Fraͤulein.

Franciska, biſt du toll? Herr Wirth, die Naſenweiſe hat Sie zum beſten.

Der Wirth.

Jch will nicht hoffen! Zwar mit meiner Wenigkeit kann ſie ſcherzen ſo viel, wie ſie will; nur mit einer hohen Policey

Das Fraͤulein.

Wiſſen Sie was, Herr Wirth? Jch weiß mich in dieſer Sache nicht zu nehmen. Jch daͤchte, Sie ließen die ganze Schreiberey bis auf die Ankunft meines Oheims. Jch habe Jhnen ſchon geſtern geſagt, warum er nicht mit mir zugleich angekommen. Er verun - gluͤckte, zwey Meilen von hier, mit ſeinem Wa - gen; und wollte durchaus nicht, daß mich dieſer Zufall eine Nacht mehr koſten ſollte. Jch mußte alſo voran. Wenn er vier und zwanzig Stunden nach mir eintrifft, ſo iſt es das Laͤngſte.

Der Wirth.

Nun ja, gnaͤdiges Fraͤulein, ſo wollen wir ihn erwarten.

Das Fraͤulein.

Er wird auf Jhre Fragen beſſer antworten koͤnnen. Er wird wiſſen, wem, und wie weit er ſich zu entdecken hat; was er vonſeinen51oder das Soldatengluͤck. ſeinen Geſchaͤften anzeigen muß, und was er da - von verſchweigen darf.

Der Wirth.

Deſto beſſer! Freylich, freylich kann man von einem jungen Maͤdchen

(die Franciska mit einer bedeutenden Miene anſehend)

nicht verlangen, daß es eine ernſthafte Sache, mit ernſthaften Leu - ten, ernſthaft tracktire

Das Fraͤulein.

Und die Zimmer fuͤr ihn, ſind doch in Bereitſchaft, Herr Wirth?

Der Wirth.

Voͤllig, gnaͤdiges Fraͤulein, voͤl - lig; bis auf das eine

Franciska.

Aus dem Sie vielleicht auch noch erſt einen ehrlichen Mann vertreiben muͤſſen?

Der Wirth.

Die Kammerjungfern aus Sachſen, gnaͤdiges Fraͤulein, ſind wohl ſehr mit - leidig.

Das Fraͤulein.

Doch, Herr Wirth; das ha - ben Sie nicht gut gemacht. Lieber haͤtten Sie uns nicht einnehmen ſollen.

Der Wirth.

Wie ſo, gnaͤdiges Fraͤulein, wie ſo?

Das Fraͤulein.

Jch hoͤre, daß der Officier, welcher durch uns verdrengt worden

D 2Der52Minna von Barnhelm,
Der Wirth.

Ja nur ein abgedankter Officier iſt, gnaͤdiges Fraͤulein.

Das Fraͤulein.

Wenn ſchon!

Der Wirth.

Mit dem es zu Ende geht.

Das Fraͤulein.

Deſto ſchlimmer! Es ſoll ein ſehr verdienter Mann ſeyn.

Der Wirth.

Jch ſage Jhnen ja, daß er abgedankt iſt.

Das Fraͤulein.

Der Koͤnig kann nicht alle verdiente Maͤnner kennen.

Der Wirth.

O gewiß, er kennt ſie, er kennt ſie alle.

Das Fraͤulein.

So kann er ſie nicht alle be - lohnen.

Der Wirth.

Sie waͤren alle belohnt, wenn ſie darnach gelebt haͤtten. Aber ſo lebten die Herren, waͤhrendes Krieges, als ob ewig Krieg bleiben wuͤrde; als ob das Dein und Mein ewig aufgehoben ſeyn wuͤrde. Jetzt liegen alle Wirths - haͤuſer und Gaſthoͤfe von ihnen voll; und ein Wirth hat ſich wohl mit ihnen in Acht zu neh - men. Jch bin mit dieſem noch ſo ziemlich weg - gekommen. Hatte er gleich kein Geld mehr, ſohatte53oder das Soldatengluͤck. hatte er doch noch Geldes werth; und zwey, drey Monate haͤtte ich ihn freylich noch ruhig koͤnnen ſitzen laſſen. Doch beſſer iſt beſſer. A pro - pos, gnaͤdiges Fraͤulein; Sie verſtehen Sich doch auf Juwelen?

Das Fraͤulein.

Nicht ſonderlich.

Der Wirth.

Was ſollten Jhro Gnaden nicht? Jch muß Jhnen einen Ring zeigen, einen koſtbaren Ring. Zwar gnaͤdiges Fraͤulein, haben da auch einen ſehr ſchoͤnen am Finger, und je mehr ich ihn betrachte, je mehr muß ich mich wundern, daß er dem meinigen ſo aͤhnlich iſt. O! ſehen Sie doch, ſehen Sie doch!

(indem er ihn aus dem Futteral heraus nimmt, und der Fraͤulein zureicht)

Welch ein Feuer! der mittelſte Brillant allein, wiegt uͤber fuͤnf Karat.

Das Fraͤulein.
(ihn betrachtend)

Wo bin ich? Was ſeh ich? Dieſer Ring

Der Wirth.

Jſt ſeine funfzehnhundert Thaler unter Bruͤdern werth.

Das Fraͤulein.

Franciska! Sieh doch!

Der Wirth.

Jch habe mich auch nicht einen Augenblick bedacht, achtzig Piſtolen darauf zu leihen.

D 3Das54Minna von Barnhelm,
Das Fraͤulein.

Erkennſt du ihn nicht, Franciska?

Franciska.

Der nehmliche! Herr Wirth, wo haben Sie dieſen Ring her?

Der Wirth.

Nun, mein Kind? Sie hat doch wohl kein Recht daran?

Franciska.

Wir kein Recht an dieſem Ringe? Jnnwerts auf dem Kaſten muß der Fraͤulein verzogner Name ſtehn. Weiſen Sie doch, Fraͤulein.

Das Fraͤulein.

Er iſts, er iſts! Wie kommen Sie zu dieſem Ringe, Herr Wirth?

Der Wirth.

Jch? auf die ehrlichſte Weiſe von der Welt. Gnaͤdiges Fraͤulein, gnaͤdiges Fraͤulein, Sie werden mich nicht in Schaden und Ungluͤck bringen wollen? Was weiß ich, wo ſich der Ring eigentlich herſchreibt? Waͤhrendes Krieges hat manches ſeinen Herrn, ſehr oft, mit und ohne Vorbewußt des Herrn, veraͤndert. Und Krieg war Krieg, Es werden mehr Ringe aus Sachſen uͤber die Grenze gegangen ſeyn. Geben Sie mir ihn wieder, gnaͤdiges Fraͤulein, geben Sie mir ihn wieder!

Franciska. 55oder das Soldatengluͤck.
Franciska.

Erſt geantwortet: von wem ha - ben Sie ihn?

Der Wirth.

Von einem Manne, dem ich ſo was nicht zutrauen kann; von einem ſonſt guten Manne

Das Fraͤulein.

Von dem beſten Manne un - ter der Sonne, wenn Sie ihn von ſeinem Eigen - thuͤmer haben. Geſchwind bringen Sie mir den Mann! Er iſt es ſelbſt, oder wenigſtens muß er ihn kennen.

Der Wirth.

Wer denn? wen denn, gnaͤdi - ges Fraͤulein?

Franciska.

Hoͤren Sie denn nicht? unſern Major.

Der Wirth.

Major? Recht, er iſt Major, der dieſes Zimmer vor Jhnen bewohnt hat, und von dem ich ihn habe.

Das Fraͤulein.

Major von Tellheim?

Der Wirth.

Von Tellheim; ja! Kennen Sie ihn?

Das Fraͤulein.

Ob ich ihn kenne? Er iſt hier? Tellheim iſt hier? Er? er hat in dieſem Zim - mer gewohnt? Er! er hat Jhnen dieſen RingD 4ver -56Minna von Barnhelm,verſetzt? Wie koͤmmt der Mann in dieſe Verle - genheit? Wo iſt er? Er iſt Jhnen ſchuldig? Franciska, die Schatulle her! Schließ auf!

(indem ſie Francisko auf den Tiſch ſetzet, und oͤfnet)

Was iſt er Jhnen ſchuldig? Wem iſt er mehr ſchuldig? Bringen Sie mir alle ſeine Schuld - ner. Hier iſt Geld. Hier ſind Wechſel. Alles iſt ſein!

Der Wirth.

Was hoͤre ich?

Das Fraͤulein.

Wo iſt er? wo iſt er?

Der Wirth.

Noch vor einer Stunde war er hier.

Das Fraͤulein.

Haͤßlicher Mann, wie konn - ten Sie gegen ihn ſo unfreundlich, ſo hart, ſo grauſam ſeyn?

Der Wirth.

Jhro Gnaden verzeihen

Das Fraͤulein.

Geſchwind, ſchaffen Sie mir ihn zur Stelle.

Der Wirth.

Sein Bedienter iſt vielleicht noch hier. Wollen Jhro Gnaden, daß er ihn aufſuchen ſoll?

Das Fraͤulein.

Ob ich will? Eilen Sie, lau - fen Sie; fuͤr dieſen Dienſt allein, will ich esver -57oder das Soldatengluͤck. vergeſſen, wie ſchlecht Sie mit ihm umgegan - gen ſind.

Franciska.

Fix, Herr Wirth, hurtig, fort, fort!

(ſtoͤßt ihn heraus)

Dritter Auftritt.

Das Fraͤulein. Franciska.
Das Fraͤulein.

Nun habe ich ihn wieder, Franciska! Siehſt du, nun habe ich ihn wieder! Jch weiß nicht, wo ich vor Freuden bin! Freue dich doch mit, liebe Franciska. Aber freylich, warum du? Doch du ſollſt dich, du mußt dich mit mir freuen. Komm, Liebe, ich will dich be - ſchenken, damit du dich mit mir freuen kannſt. Sprich, Franciska, was ſoll ich dir geben? Was ſteht dir von meinen Sachen an? Was haͤtteſt du gern? Nimm, was du willſt; aber freue dich nur. Jch ſehe wohl, du wirſt dir nichts nehmen. Warte!

(ſie faßt in die Schatulle)

da, liebe Fran - ciska;

(und giebt ihr Geld)

kauffe dir, was du gern haͤtteſt. Fordere mehr, wenn es nicht zulangt. D 5Aber58Minna von Barnhelm,Aber freue dich nur mit mir. Es iſt ſo traurig, ſich allein zu freuen. Nun, ſo nimm doch

Franciska.

Jch ſtehle es Jhnen, Fraͤulein; Sie ſind trunken, von Froͤhlichkeit trun - ken.

Das Fraͤulein.

Maͤdchen, ich habe einen zaͤnkiſchen Rauſch, nimm, oder

(ſie zwingt ihr das Geld in die Hand)

Und wenn du dich bedan - keſt! Warte; gut, daß ich daran denke.

(ſie greift nochmals in die Schatulle nach Geld)

Das, liebe Franciska, ſtecke bey Seite; fuͤr den erſten bleſſirten armen Soldaten, der uns anſpricht.

Vierter Auftritt.

Der Wirth. Das Fraͤulein. Franciska.
Das Fraͤulein.

Nun? wird er kommen?

Der Wirth.

Der widerwaͤrtige, ungeſchlif - fene Kerl!

Das Fraͤulein.

Wer?

Der Wirth.

Sein Bedienter. Er weigert ſich, nach ihm zu gehen.

Das59oder das Soldatengluͤck.
Franciska.

Bringen Sie doch den Schurken her. Des Majors Bediente kenne ich ja wohl alle. Welcher waͤre denn das?

Das Fraͤulein.

Bringen Sie ihn geſchwind her. Wenn er uns ſieht, wird er ſchon gehen.

(Der Wirth geht ab.)

Fuͤnfter Auftritt.

Das Fraͤulein. Franciska.
Das Fraͤulein.

Jch kann den Augenlick nicht erwarten. Aber, Franciska, du biſt noch immer ſo kalt? Du willſt dich noch nicht mit mir freuen?

Franciska.

Jch wollte von Herzen gern; wenn nur

Das Fraͤulein.

Wenn nur?

Franciska.

Wir haben den Mann wieder - gefunden; aber wie haben wir ihn wiedergefun - den? Nach allem, was wir von ihm hoͤren, muß es ihm uͤbel gehn. Er muß ungluͤcklich ſeyn. Das jammert mich.

Das60Minna von Barnhelm,
Das Fraͤulein.

Jammert dich? Laß dich dafuͤr umarmen, meine liebſte Geſpielinn! Das will ich dir nie vergeſſen! Jch bin nur verliebt, und du biſt gut.

Sechſter Auftritt.

Der Wirth. Juſt. Die Vorigen.
Der Wirth.

Mit genauer Noth bring ich ihn.

Franciska.

Ein fremdes Geſicht! Jch kenne ihn nicht.

Das Fraͤulein.

Mein Freund, iſt Er bey dem Major von Tellheim?

Juſt.

Ja.

Das Fraͤulein.

Wo iſt Sein Herr?

Juſt.

Nicht hier.

Das Fraͤulein.

Aber Er weiß ihn zu finden?

Juſt.

Ja.

Das Fraͤulein.

Will Er ihn nicht geſchwind herhohlen?

Juſt.

Nein.

Das Fraͤulein.

Er erweiſet mir damit einen Gefallen.

Juſt. 61oder das Soldatengluͤck.
Juſt.

Ey!

Das Fraͤulein.

Und ſeinem Herrn einen Dienſt.

Juſt.

Vielleicht auch nicht.

Das Fraͤulein.

Woher vermuthet Er das?

Juſt.

Sie ſind doch die fremde Herrſchaft, die ihn dieſen Morgen komplimentiren laſ - ſen?

Das Fraͤulein.

Ja.

Juſt.

So bin ich ſchon recht.

Das Fraͤulein.

Weiß Sein Herr meinen Namen?

Juſt.

Nein; aber er kann die allzu hoͤflichen Damen eben ſo wenig leiden, als die allzu groben Wirthe.

Der Wirth.

Das ſoll wohl mit auf mich gehn?

Juſt.

Ja.

Der Wirth.

So laß Er es doch dem gnaͤdigen Fraͤulein nicht entgelten; und hole Er ihn ge - ſchwind her.

Das Fraͤulein.
(zur Franciska)

Franciska, gieb ihm etwas

Fran -62Minna von Barnhelm,
Franciska.
(die dem Juſt Geld in die Hand druͤcken will)

Wir verlangen Seine Dienſte nicht um - ſonſt.

Juſt.

Und ich Jhr Geld nicht ohne Dienſte.

Franciska.

Eines fuͤr das andere.

Juſt.

Jch kann nicht. Mein Herr hat mir befohlen, auszuraͤumen. Das thu ich ietzt, und daran, bitte ich, mich nicht weiter zu verhindern. Wenn ich fertig bin, ſo will ich es ihm ja wohl ſagen, daß er herkommen kann. Er iſt neben an auf dem Kaffeehauſe; und wenn er da nichts beſſers zu thun findet, wird er auch wohl kom - men.

(will fortgehen)
Franciska.

So warte Er doch. Das gnaͤ - dige Fraͤulein iſt des Herrn Majors Schweſter.

Das Fraͤulein.

Ja, ja, ſeine Schweſter.

Juſt.

Das weiß ich beſſer, daß der Major keine Schweſtern hat. Er hat mich in ſechs Mo - naten zweymal an ſeine Familie nach Churland geſchickt. Zwar es giebt mancherley Schwe - ſtern

Fran -63oder das Soldatengluͤck.
Franciska.

Unverſchaͤmter!

Juſt.

Muß man es nicht ſeyn, wenn einen die Leute ſollen gehn laſſen?

(geht ab.)
Franciska.

Das iſt ein Schlingel!

Der Wirth.

Jch ſagt es ja. Aber laſſen Sie ihn nur! Weiß ich doch nunmehr, wo ſein Herr iſt. Jch will ihn gleich ſelbſt hohlen. Nur, gnaͤdiges Fraͤulein, bitte ich unterthaͤnigſt, ſodann ja mich bey dem Herrn Major zu entſchuldigen, daß ich ſo ungluͤcklich geweſen, wider meinen Willen, einen Mann von ſeinen Verdienſten

Das Fraͤulein.

Sehen Sie nur geſchwind, Herr Wirth. Das will ich alles wieder gut machen.

(der Wirth geht ab, und hierauf)

Franciska, lauf ihm nach: er ſoll ihm meinen Namen nicht nennen!

(Franciska, dem Wirthe nach)

Siebender Auftritt.

Das Fraͤulein. und hierauf Franciska.
Das Fraͤulein.

Jch habe ihn wieder! Bin ich allein? Jch will nicht umſonſt allein ſeyn.

(ſie faltet die Haͤnde)

Auch bin ich nicht allein!

(und blickt aufwaͤrts)

Ein einziger dankbarer Ge -dan -64Minna von Barnhelm,danke gen Himmel iſt das willkommenſte Ge - bet! Jch hab ihn, ich hab ihn!

(mit ausgebrei - teten Armen)

Jch bin gluͤcklich! und froͤhlich! Was kann der Schoͤpfer lieber ſehen, als ein froͤhliches Geſchoͤpf!

(Franciska koͤmmt)

Biſt du wieder da, Franciska? Er jammert dich? Mich jammert er nicht. Ungluͤck iſt auch gut. Vielleicht, daß ihm der Himmel alles nahm, um ihm in mir alles wieder zu geben!

Franciska.

Er kann den Augenblick hier ſeyn. Sie ſind noch in ihrem Negligee, gnaͤ - diges Fraͤulein. Wie, wenn Sie Sich geſchwind ankleideten?

Das Fraͤulein.

Geh! ich bitte dich. Er wird mich von nun an oͤftrer ſo, als geputzt ſehen.

Franciska.

O, Sie kennen Sich, mein Fraͤulein.

Das Fraͤulein.
(nach einem kurzen Nachdenken)

Wahrhaftig, Maͤdchen, du haſt es wiederum ge - troffen.

Franciska.

Wenn wir ſchoͤn ſind, ſind wir ungeputzt am ſchoͤnſten.

Das Fraͤulein.

Muͤſſen wir denn ſchoͤn ſeyn? Aber, daß wir uns ſchoͤn glauben, war vielleichtnoth -65oder das Soldatengluͤck. nothwendig. Nein, wenn ich ihm, ihm nur ſchoͤn bin! Franciska, wenn alle Maͤdchens ſo ſind, wie ich mich ietzt fuͤhle, ſo ſind wir ſon - derbare Dinger. Zaͤrtlich und ſtolz, tugend - haft und eitel, wolluͤſtig und fromm Du wirſt mich nicht verſtehen. Jch verſtehe mich wohl ſelbſt nicht. Die Freude macht drehend, wirblicht

Franciska.

Faſſen Sie Sich, mein Fraͤulein; ich hoͤre kommen

Das Fraͤulein.

Mich faſſen? Jch ſollte ihn ruhig empfangen?

Achter Auftritt.

v. Tellheim. Der Wirth. Die Vorigen.
v. Tellheim.
(tritt herein, und indem er ſie erblickt, flieht er auf ſie zu)

Ah! meine Minna!

Das Fraͤulein.
(ihm entgegen fliehend)

Ah! mein Tellheim!

v. Tellheim.
(ſtutzt auf einmal, und tritt wieder zuruͤck)

Verzeihen Sie, gnaͤdiges Fraͤulein, das Fraͤulein von Barnhelm hier zu finden

Das Fraͤulein.

Kann Jhnen doch ſo gar un - erwartet nicht ſeyn?

(indem ſie ihm naͤher tritt, undEer66Minna von Barnhelm,er mehr zuruͤck weicht)

Jch ſoll Jhnen verzeihen, daß ich noch Jhre Minna bin? Verzeih Jhnen der Himmel, daß ich noch das Fraͤulein von Barn - helm bin!

v. Tellheim.

Gnaͤdiges Fraͤulein

(ſieht ſtarr auf den Wirth, und zuckt die Schultern)
Das Fraͤulein.
(wird den Wirth gewahr, und winkt der Franciska)

Mein Herr,

v. Tellheim.

Wenn wir uns beiderſeits nicht irren

Franciska.

Je, Herr Wirth, wen bringen Sie uns denn da? Geſchwind kommen Sie, laſſen Sie uns den rechten ſuchen.

Der Wirth.

Jſt es nicht der rechte? Ey ja doch!

Franciska.

Ey nicht doch! Geſchwind kommen Sie; ich habe Jhrer Jungfer Tochter noch keinen guten Morgen geſagt.

Der Wirth.

O! viel Ehre

(doch ohne von der Stelle zu gehn)
Franciska.
(faßt ihn an)

Kommen Sie, wir wollen den Kuͤchenzettel machen. Laſſen Sie ſehen, was wir haben werden

Der67oder das Soldatengluͤck.
Der Wirth.

Sie ſollen haben; vors erſte

Franciska.

Still, ja ſtille! Wenn das Fraͤu - lein ietzt ſchon weiß, was ſie zu Mittag ſpeiſen ſoll, ſo iſt es um ihren Appetit geſchehen. Kommen Sie, das muͤſſen Sie mir allein ſagen.

(fuͤhret ihn mit Gewalt ab)

Neunter Auftritt.

v. Tellheim. Das Fraͤulein.
Das Fraͤulein.

Nun? irren wir uns noch?

v. Tellheim.

Daß es der Himmel wollte! Aber es giebt nur Eine, und Sie ſind es.

Das Fraͤulein.

Welche Umſtaͤnde! Was wir uns zu ſagen haben, kann jedermann hoͤren.

v. Tellheim.

Sie hier? Was ſuchen Sie hier, gnaͤdiges Fraͤulein?

Das Fraͤulein.

Nichts ſuche ich mehr.

(mit offnen Armen auf ihn zugehend)

Alles, was ich ſuchte, habe ich gefunden.

v. Tellheim.
(zuruͤckweichend)

Sie ſuchten einen gluͤcklichen, einen Jhrer Liebe wuͤrdigen Mann; und finden einen Elenden.

E 2Das68Minna von Barnhelm,
Das Fraͤulein.

So lieben Sie mich nicht mehr? Und lieben eine andere?

v. Tellheim.

Ah! der hat Sie nie geliebt, mein Fraͤulein, der eine andere nach Jhnen lieben kann.

Das Fraͤulein.

Sie reiſſen nur Einen Stachel aus meiner Seele. Wenn ich Jhr Herz ver - loren habe, was liegt daran, ob mich Gleichguͤl - tigkeit oder maͤchtigere Reitze darum gebracht? Sie lieben mich nicht mehr: und lieben auch keine andere? Ungluͤcklicher Mann, wenn Sie gar nichts lieben!

v. Tellheim.

Recht, gnaͤdiges Fraͤulein; der Ungluͤckliche muß gar nichts lieben. Er verdient ſein Ungluͤck, wenn er dieſen Sieg nicht uͤber ſich ſelbſt zu erhalten weiß; wenn er es ſich gefallen laſſen kann, daß die, welche er liebt, an ſeinem Ungluͤck Antheil nehmen duͤrffen. Wie ſchwer iſt dieſer Sieg! Seit dem mir Vernunft und Nothwendigkeit befehlen, Minna von Barn - helm zu vergeſſen: was fuͤr Muͤhe habe ich ange - wandt! Eben wollte ich anfangen zu hoffen, daß dieſe Muͤhe nicht ewig vergebens ſeyn wuͤrde: und Sie erſcheinen, mein Fraͤulein!

Das69oder das Soldatengluͤck.
Das Fraͤulein.

Verſteh ich Sie recht? Halten Sie, mein Herr; laſſen Sie ſehen, wo wir ſind, ehe wir uns weiter verirren! Wollen Sie mir die einzige Frage beantworten?

v. Tellheim.

Jede, mein Fraͤulein

Das Fraͤulein.

Wollen Sie mir auch ohne Wendung, ohne Winkelzug antworten? Mit nichts, als einem trocknen Ja, oder Nein?

v. Tellheim.

Jch will es, wenn ich kann.

Das Fraͤulein.

Sie koͤnnen es. Gut: ohngeachtet der Muͤhe, die Sie angewendet, mich zu vergeſſen, lieben Sie mich noch, Tellheim?

v. Tellheim.

Mein Fraͤulein, dieſe Frage

Das Fraͤulein.

Sie haben verſprochen, mit nichts, als Ja oder Nein zu antworten.

v. Tellheim

Und hinzugeſetzt: wenn ich kann.

Das Fraͤulein.

Sie koͤnnen; Sie muͤſſen wiſſen, was in Jhrem Herzen vorgeht. Lie - ben Sie mich noch, Tellheim? Ja, oder Nein.

v. Tellheim.

Wenn mein Herz

Das Fraͤulein.

Ja, oder Nein!

v. Tellheim.

Nun, Ja!

E 3Das70Minna von Barnhelm,
Das Fraͤulein.

Ja?

v. Tellheim.

Ja, ja! Allein

Das Fraͤulein.

Geduld! Sie lieben mich noch: genug fuͤr mich. Jn was fuͤr einen Ton bin ich mit Jhnen gefallen! Ein widriger, melancholiſcher, anſteckender Ton. Jch nehme den meinigen wieder an. Nun, mein lieber Ungluͤcklicher, Sie lieben mich noch, und haben Jhre Minna noch, und ſind ungluͤcklich? Hoͤren Sie doch, was Jhre Minna fuͤr ein eingebildetes, albernes Ding war, iſt. Sie ließ, ſie laͤßt ſich traͤumen, Jhr ganzes Gluͤck ſey ſie. Geſchwind kramen Sie Jhr Ungluͤck aus. Sie mag verſuchen, wie viel ſie deſſen aufwiegt. Nun?

v. Tellheim.

Mein Fraͤulein, ich bin nicht gewohnt zu klagen.

Das Fraͤulein.

Sehr wohl. Jch wuͤßte auch nicht, was mir an einem Soldaten, nach dem Prahlen, weniger gefiele, als das Klagen. Aber es giebt eine gewiſſe kalte, nachlaͤßige Art, von ſeiner Tapferkeit und von ſeinem Ungluͤcke zu ſprechen

v. Tell -71oder das Soldatengluͤck.
v. Tellheim.

Die im Grunde doch auch ge - prahlt und geklagt iſt.

Das Fraͤulein.

O, mein Rechthaber, ſo haͤt - ten Sie Sich auch gar nicht ungluͤcklich nennen ſollen. Ganz geſchwiegen, oder ganz mit der Sprache heraus. Eine Vernunft, eine Noth - wendigkeit, die Jhnen mich zu vergeſſen befiehlt? Jch bin eine große Liebhaberinn von Vernunft, ich habe ſehr viel Ehrerbietung fuͤr die Nothwendig - keit. Aber laſſen Sie doch hoͤren, wie ver - nuͤnftig dieſe Vernunft, wie nothwendig dieſe Nothwendigkeit iſt.

v. Tellheim.

Wohl denn; ſo hoͤren Sie, mein Fraͤulein. Sie nennen mich Tellheim; der Name trift ein. Aber Sie meynen, ich ſey der Tellheim, den Sie in Jhrem Vaterlande ge - kannt haben; der bluͤhende Mann, voller Anſpruͤche, voller Ruhmbegierde; der ſeines ganzen Koͤrpers, ſei - ner ganzen Seele maͤchtig war; vor dem die Schran - ken der Ehre und des Gluͤckes eroͤffnet ſtanden; der Jhres Herzens und Jhrer Hand, wann er ſchon ihrer noch nicht wuͤrdig war, taͤglich wuͤrdi - ger zu werden hoffen durfte. Dieſer TellheimE 4bin72Minna von Barnhelm,bin ich eben ſo wenig, als ich mein Vater bin. Beide ſind geweſen. Jch bin Tellheim, der verabſchiedete, der an ſeiner Ehre gekraͤnkte, der Kriepel, der Bettler. Jenem, mein Fraͤu - lein, verſprachen Sie Sich: wollen Sie dieſem Wort halten?

Das Fraͤulein.

Das klingt ſehr tragiſch! Doch, mein Herr, bis ich jenen wieder finde, in die Tellheims bin ich nun einmal vernarret, die - ſer wird mir ſchon aus der Noth helfen muͤſſen. Deine Hand, lieber Bettler!

(indem ſie ihn bey der Hand ergreift)
v. Tellheim.
(der die andere Hand mit dem Hute vor das Geſicht ſchlaͤgt, und ſich von ihr abwendet)

Das iſt zu viel! Wo bin ich? Laſſen Sie mich, Fraͤu - lein! Jhre Guͤte foltert mich! Laſſen Sie mich.

Das Fraͤulein.

Was iſt Jhnen? wo wollen Sie hin?

v. Tellheim.

Von Jhnen

Das Fraͤulein.

Von mir?

(indem ſie ſeine Hand an ihre Bruſt zieht)

Traͤumer!

v. Tellheim.

Die Verzweiflung wird mich tod zu Jhren Fuͤßen werfen.

Das73oder das Soldatengluͤck.
Das Fraͤulein.

Von mir?

v. Tellheim.

Von Jhnen. Sie nie, nie wieder zu ſehen. Oder doch ſo entſchloſſen, ſo feſt entſchloſſen, keine Niedertraͤchtigkeit zu begehen, Sie keine Unbeſonnenheit begehen zu laſſen Laſſen Sie mich, Minna!

(reißt ſich los und ab.)
Das Fraͤulein.
(ihm nach)

Minna Sie laſſen? Tellheim! Tellheim!

Ende des zweyten Aufzuges.

Dritter Aufzug.

Erſter Auftritt.

(die Scene, der Saal)
Juſt.
(einen Brief in der Hand)

Muß ich doch noch einmal in das verdammte Haus kommen! Ein Briefchen von meinem Herrn an das gnaͤdige Fraͤulein, das ſeine Schweſter ſeyn will. Wenn ſich nur da nichts anſpinnt! Sonſt wird des Brieftragens kein Ende werden. Jch waͤr es gern los; aber ich moͤchte auch nichtE 5gern74Minna von Barnhelm,gern ins Zimmer hinein. Das Frauenszeug fragt ſo viel; und ich antworte ſo ungern! Ha, die Thuͤre geht auf. Wie gewuͤnſcht! das Kam - merkaͤtzchen!

Zweyter Auftritt.

Franciska. Juſt.
Franciska.
(zur Thuͤre herein, aus der ſie koͤmmt)

Sorgen Sie nicht; ich will ſchon aufpaſſen. Sieh!

(indem ſie Juſten gewahr wird)

da ſtieße mir ja gleich was auf. Aber mit dem Vieh iſt nichts anzufangen.

Juſt.

Jhr Diener

Franciska.

Jch wollte ſo einen Diener nicht

Juſt.

Nu, nu; verzeih Sie mir die Redens - art! Da bring ich ein Brieſchen von meinem Herrn an Jhre Herrſchaft, das gnaͤdige Fraͤulein Schweſter. Wars nicht ſo? Schweſter.

Franciska.

Geb Er her!

(reißt ihm den Brief aus der Hand)
Juſt.

Sie ſoll ſo gut ſeyn, laͤßt mein Herr bitten, und es uͤbergeben. Hernach ſoll Sie ſo gutſeyn,75oder das Soldatengluͤck. ſeyn, laͤßt mein Herr bitten daß Sie nicht etwa denkt, ich bitte was!

Franciska.

Nun denn?

Juſt.

Mein Herr verſteht den Rummel. Er weiß, daß der Weg zu den Fraͤuleins durch die Kammermaͤdchens geht: bild ich mir ein! Die Jungfer ſoll alſo ſo gut ſeyn, laͤßt mein Herr bitten, und ihm ſagen laſſen, ob er nicht das Vergnuͤgen haben koͤnnte, die Jungfer auf ein Viertelſtuͤndchen zu ſprechen.

Franciska.

Mich?

Juſt.

Verzeih Sie mir, wenn ich Jhr einen unrechten Titel gebe. Ja, Sie! Nur auf ein Viertelſtuͤndchen; aber allein, ganz allein, insgeheim, unter vier Augen. Er haͤtte Jhr was ſehr nothwendiges zu ſagen.

Franciska.

Gut; ich habe ihm auch viel zu ſagen. Er kann nur kommen, ich werde zu ſeinem Befehle ſeyn.

Juſt.

Aber, wenn kann er kommen? Wenn iſt es Jhr am gelegenſten, Jungfer? So in der Demmerung?

Fran -76Minna von Barnhelm,
Franciska.

Wie meynt Er das? Sein Herr kann kommen, wenn er will; und damit packe Er Sich nur!

Juſt.

Herzlich gern!

(will! fortgehen)
Franciska.

Hoͤr Er doch; noch auf ein Wort. Wo ſind denn die andern Bedienten des Majors?

Juſt.

Die andern? Dahin, dorthin, uͤber - allhin.

Franciska.

Wo iſt Willhelm?

Juſt.

Der Kammerdiener? den laͤßt der Ma - jor reiſen.

Franciska.

So? Und Philipp, wo iſt der?

Juſt.

Der Jaͤger? den hat der Herr aufzu - heben gegeben.

Franciska.

Weil er ietzt keine Jagd hat, ohne Zweifel. Aber Martin?

Juſt.

Der Kutſcher? der iſt weggeritten.

Franciska.

Und Fritz?

Juſt.

Der Laͤuffer? der iſt avancirt.

Franciska.

Wo war Er denn, als der Major bey uns in Thuͤringen im Winterquartiere ſtand? Er war wohl noch nicht bey ihm?

Juſt. 77oder das Soldatengluͤck.
Juſt.

O ja; ich war Reitknecht bey ihm; aber ich lag im Lazareth.

Franciska.

Reitknecht? Und ietzt iſt Er?

Juſt.

Alles in allem; Kammerdiener und Jaͤger, Laͤuffer und Reitknecht.

Franciska.

Das muß ich geſtehen! So viele gute, tuͤchtige Leute von ſich zu laſſen, und gerade den allerſchlechteſten zu behalten! Jch moͤchte doch wiſſen, was Sein Herr an Jhm faͤnde!

Juſt.

Vielleicht findet er, daß ich ein ehrlicher Kerl bin.

Franciska.

O, man iſt auch verzweifelt wenig, wenn man weiter nichts iſt, als ehrlich. Willhelm war ein andrer Menſch! Reiſen laͤßt ihn der Herr?

Juſt.

Ja, er laͤßt ihn; da ers nicht hin - dern kann.

Franciska.

Wie?

Juſt.

O, Wilhelm wird ſich alle Ehre auf ſeinen Reiſen machen. Er hat des Herrn ganze Garderobe mit.

Franciska.

Was? er iſt doch nicht damit durch - gegangen?

Juſt. 78Minna von Barnhelm,
Juſt.

Das kann man nun eben nicht ſagen; ſondern, als wir von Nuͤrnberg weggiengen, iſt er uns nur nicht damit nachgekommen.

Franciska.

O der Spitzbube!

Juſt.

Es war ein ganzer Menſch! er konnte friſiren, und raſiren, und parliren, und char - miren Nicht wahr?

Franciska.

So nach haͤtte ich den Jaͤger nicht von mir gethan, wenn ich wie der Major geweſen waͤre. Konnte er ihn ſchon nicht als Jaͤger nuͤtzen, ſo war es doch ſonſt ein tuͤchtiger Burſche. Wem hat er ihn denn aufzuheben gegeben?

Juſt.

Dem Kommendanten von Spandau.

Franciska.

Der Veſtung? Die Jagd auf den Waͤllen kann doch da auch nicht groß ſeyn.

Juſt.

O, Philipp jagt auch da nicht.

Franciska.

Was thut er denn?

Juſt.

Er karrt.

Franciska.

Er karrt?

Juſt.

Aber nur auf drey Jahr. Er machte ein kleines Komplot unter des Herrn Kompagnie, und wollte ſechs Mann durch die Vorpoſten bringen

Franciska.

Jch erſtaune; der Boͤſewicht!

Juſt. 79oder das Soldatengluͤck.
Juſt.

O, es iſt ein tuͤchtiger Kerl! Ein Jaͤ - ger, der funfzig Meilen in der Runde, durch Waͤlder und Moraͤſte, alle Fußſteige, alle Schleif - wege kennt. Und ſchieſſen kann er!

Franciska.

Gut, daß der Major nur noch den braven Kutſcher hat!

Juſt.

Hat er ihn noch?

Franciska.

Jch denke, Er ſagte, Martin waͤre weggeritten? So wird er doch wohl wieder kommen?

Juſt.

Meynt Sie?

Franciska.

Wo iſt er denn hingeritten?

Juſt.

Es geht nun in die zehnte Woche, da ritt er mit des Herrn einzigem und letztem Reit - pferde nach der Schwemme.

Franciska.

Und iſt noch nicht wieder da? O, der Galgenſtrick!

Juſt.

Die Schwemme kann den braven Kut - ſcher auch wohl verſchwemmt haben! Es war gar ein rechter Kutſcher! Er hatte in Wien zehn Jahre gefahren. So einen kriegt der Herr gar nicht wieder. Wenn die Pferde im vollen Rennen wa - ren, ſo durfte er nur machen: burr! und aufein -80Minna von Barnhelm,einmal ſtanden ſie, wie die Mauern. Dabey war er ein ausgelernter Roßarzt!

Franciska.

Nun iſt mir fuͤr das Avancement des Laͤuffers bange.

Juſt.

Nein, nein; damit hats ſeine Richtig - keit. Er iſt Trommelſchlaͤger bey einem Garniſon - regimente geworden.

Franciska.

Dacht ichs doch!

Juſt.

Fritz hieng ſich an ein luͤderliches Menſch, kam des Nachts niemals nach Hauſe, machte auf des Herrn Namen uͤberall Schulden, und tauſend infame Streiche. Kurz, der Major ſahe, daß er mit aller Gewalt hoͤher wollte:

(das Haͤngen panto - mimiſch anzeigend)

er brachte ihn alſo auf guten Weg.

Franciska.

O der Bube!

Juſt.

Aber ein perfecter Laͤuffer iſt er, das iſt gewiß. Wenn ihm der Herr funfzig Schritte vor - gab, ſo konnte er ihn mit ſeinem beſten Renner nicht einholen. Fritz hingegen kann dem Galgen tauſend Schritte vorgeben, und ich wette mein Leben, er hohlt ihn ein. Es waren wohl alles Jhre guten Freunde, Jungfer? Der Willhelm undder81oder das Soldatengluͤck. der Philipp, der Martin und der Fritz? Nun, Juſt empfiehlt ſich!

(geht ah.)

Dritter Auftritt.

Franciska. und hernach Der Wirth.
Franciska.
(die ihm ernſthaft nachſieht)

Jch verdiene den Biß! Jch bedanke mich, Juſt. Jch ſetzte die Ehrlichkeit zu tief herab. Jch will die Lehre nicht vergeſſen. Ah! der ungluͤckliche Mann!

(kehrt ſich um, und will nach dem Zimmer des Fraͤuleins gehen, indem der Wirth koͤmmt)
Der Wirth.

Warte Sie doch, mein ſchoͤnes Kind.

Franciska.

Jch habe ietzt nicht Zeit, Herr Wirth

Der Wirth.

Nur ein kleines Augenblick - chen! Noch keine Nachricht weiter von dem Herrn Major? Das konnte doch unmoͤglich ſein Abſchied ſeyn!

Franciska.

Was denn?

Der Wirth.

Hat es Jhr das gnaͤdige Fraͤu - lein nicht erzaͤhlt? Als ich Sie, mein ſchoͤnesFKind,82Minna von Barnhelm,Kind, unten in der Kuͤche verließ, ſo kam ich von ungefehr wieder hier in den Saal

Franciska.

Von ungefehr, in der Abſicht, ein wenig zu horchen.

Der Wirth.

Ey, mein Kind, wie kann Sie das von mir denken? Einem Wirthe laͤßt nichts uͤbler, als Neugierde. Jch war nicht lange hier, ſo prellte auf einmal die Thuͤre bey dem gnaͤ - digen Fraͤulein auf. Der Major ſtuͤrzte heraus; das Fraͤulein ihm nach; beide in einer Bewegung, mit Blicken, in einer Stellung ſo was laͤßt ſich nur ſehen. Sie ergriff ihn; er riß ſich los; ſie ergriff ihn wieder. Tellheim! Fraͤulein! laſſen Sie mich! Wohin? So zog er ſie bis an die Treppe. Mir war ſchon bange, er wuͤrde ſie mit herab - reißen. Aber er wand ſich noch los. Das Fraͤu - lein blieb an der oberſten Schwelle ſtehn; ſah ihm nach; rief ihm nach; rang die Haͤnde. Auf einmal wandte ſie ſich um, lief nach dem Fenſter, von dem Fenſter wieder zur Treppe, von der Treppe in dem Saale hin und wieder. Hier ſtand ich; hier gieng ſie dreymal bey mir vor - bey, ohne mich zu ſehen. Endlich war es, als obſie83oder das Soldatengluͤck. ſie mich ſaͤhe; aber, Gott ſey bey uns! ich glaube, das Fraͤulein ſahe mich fuͤr Sie an, mein Kind. Franciska, rief ſie, die Augen auf mich gerichtet, bin ich nun gluͤcklich? Darauf ſahe ſie ſteif an die Decke, und wiederum: bin ich nun gluͤcklich? Darauf wiſchte ſie ſich Thraͤnen aus dem Auge, und laͤchelte, und fragte mich wiederum; Fran - ciska, bin ich nun gluͤcklich? Wahrhaftig, ich wußte nicht, wie mir war. Bis ſie nach ihrer Thuͤre lief; da kehrte ſie ſich nochmals nach mir um: So komm doch, Franciska; wer jammert dich nun? Und damit hinein.

Franciska.

O, Herr Wirth, das hat Jhnen getraͤumt.

Der Wirth.

Getraͤumt? Nein, mein ſchoͤnes Kind; ſo umſtaͤndlich traͤumt man nicht. Ja, ich wollte wie viel drum geben, ich bin nicht neugierig, aber ich wollte wie viel drum geben, wenn ich denn Schluͤſſel dazu haͤtte.

Franciska.

Den Schluͤſſel? zu unſrer Thuͤre? Herr Wirth, der ſteckt innerhalb; wir haben ihn zur Nacht hereingezogen; wir ſind furchtſam.

F 2Der84Minna von Barnhelm,
Der Wirth.

Nicht ſo einen Schluͤſſel; ich will ſagen, mein ſchoͤnes Kind, den Schluͤſſel; die Auslegung gleichſam; ſo den eigentlichen Zuſam - menhang von dem, was ich geſehen.

Franciska.

Ja ſo! Nun, Adjeu, Herr Wirth. Werden wir bald eſſen, Herr Wirth?

Der Wirth.

Mein ſchoͤnes Kind, nicht zu vergeſſen, was ich eigentlich ſagen wollte.

Franciska.

Nun? aber nur kurz

Der Wirth.

Das gnaͤdige Fraͤulein hat noch meinen Ring; ich nenne ihn meinen

Franciska.

Er ſoll Jhnen unverloren ſeyn.

Der Wirth.

Jch trage darum auch keine Sorge; ich wills nur erinnern. Sieht Sie; ich will ihn gar nicht einmal wieder haben. Jch kann mir doch wohl an den Fingern abzaͤhlen, woher ſie den Ring kannte, und woher er dem ihrigen ſo aͤhnlich ſah. Er iſt in ihren Haͤnden am beſten aufgehoben. Jch mag ihn gar nicht mehr, und will indeß die hundert Piſtolen, die ich darauf ge - geben habe, auf des gnaͤdigen Fraͤuleins Rechnung ſetzen. Nicht ſo recht, mein ſchoͤnes Kind?

Vier -85oder das Soldatengluͤck.

Vierter Auftritt.

Paul Werner. Der Wirth. Franciska.
Werner.

Da iſt er ja!

Franciska.

Hundert Piſtolen? Jch meynte, nur achtzig.

Der Wirth.

Es iſt wahr, nur neunzig, nur neunzig. Das will ich thun, mein ſchoͤnes Kind, das will ich thun.

Franciska.

Alles das wird ſich finden, Herr Wirth.

Werner.
(der ihnen hinterwaͤrts naͤher koͤmmt, und auf einmal der Franciska auf die Schulter klopft)

Frauen - zimmerchen! Frauenzimmerchen!

Franciska.
(erſchrickt)

He!

Werner.

Erſchrecke Sie nicht! Frauen - zimmerchen, Frauenzimmerchen, ich ſehe, Sie iſt huͤbſch, und iſt wohl gar fremd Und huͤbſche fremde Leute muͤſſen gewarnet werden Frauen - zimmerchen, Frauenzimmerchen, nehm Sie Sich vor dem Manne in Acht!

(auf den Wirth zeigend)
Der Wirth.

Je, unvermuthete Freude! Herr Paul Werner! Willkommen bey uns, willkom -F 3men!86Minna von Barnhelm,men! Ah, es iſt doch immer noch der luſtige, ſpaßhafte, ehrliche Werner! Sie ſoll Sich vor mir in Acht nehmen, mein ſchoͤnes Kind! Ha, ha, ha!

Werner.

Geh Sie ihm uͤberall aus dem Wege!

Der Wirth.

Mir! mir! Bin ich denn ſo gefaͤhrlich? Ha, ha, ha! Hoͤr Sie doch, mein ſchoͤnes Kind! Wie gefaͤllt Jhr der Spaß?

Werner.

Daß es doch immer Seines gleichen fuͤr Spaß erklaͤren, wenn man ihnen die Wahr - heit ſagt.

Der Wirth.

Die Wahrheit! ha! ha, ha! Nicht wahr, mein ſchoͤnes Kind, immer beſſer! Der Mann kann ſpaßen! Jch gefaͤhrlich? ich? So vor zwanzig Jahren, war was dran. Ja, ja, mein ſchoͤnes Kind, da war ich gefaͤhr - lich; da wußte manche davon zu ſagen; aber ietzt

Werner.

O uͤber den alten Narrn!

Der Wirth.

Da ſteckts eben! Wenn wir alt werden, iſt es mit unſrer Gefaͤhrlichkeit aus. Es wird Jhm auch nicht beſſer gehen, Herr Werner!

Werner. 87oder das Soldatengluͤck.
Werner.

Potz Geck, und kein Ende! Frauenzimmerchen, ſo viel Verſtand wird Sie mir wohl zutrauen, daß ich von der Gefaͤhrlichkeit nicht rede. Der Teufel hat ihn verlaſſen, aber es ſind dafuͤr ſieben andre in ihn gefahren

Der Wirth.

O hoͤr Sie doch, hoͤr Sie doch! Wie er das nun wieder ſo herum zu bringen weiß! Spaß uͤber Spaß, und immer was Neues! O, es iſt ein vortrefflicher Mann, der Herr Paul Werner!

(zur Franciska, als ins Ohr)

Ein wohlhabender Mann, und noch ledig. Er hat drey Meilen von hier ein ſchoͤnes Freyſchulzengerichte. Der hat Beute gemacht im Kriege! Und iſt Wach - meiſter bey unſerm Herrn Major geweſen. O, das iſt ein Freund von unſerm Herrn Major! das iſt ein Freund! der ſich fuͤr ihn tod ſchlagen ließe!

Werner.

Ja! und das iſt ein Freund von meinem Major! das iſt ein Freund! den der Major ſollte tod ſchlagen laſſen.

Der Wirth.

Wie? was? Nein, Herr Werner, das iſt nicht guter Spaß. Jch kein Freund vom Herrn Major? Nein, den Spaß verſteh ich nicht.

F 4Wer -88Minna von Barnhelm,
Werner.

Juſt hat mir ſchoͤne Dinge erzaͤhlt.

Der Wirth.

Juſt? Jch dachts wohl, daß Juſt durch Sie ſpraͤche. Juſt iſt ein boͤſer, gar - ſtiger Menſch. Aber hier iſt ein ſchoͤnes Kind zur Stelle; das kann reden; das mag ſagen, ob ich kein Freund von dem Herrn Major bin? ob ich ihm keine Dienſte erwieſen habe? Und warum ſollte ich nicht ſein Freund ſeyn? Jſt er nicht ein verdienter Mann? Es iſt wahr; er hat das Un - gluͤck gehabt, abgedankt zu werden: aber was thut das? Der Koͤnig kann nicht alle verdiente Maͤn - ner kennen; und wenn er ſie auch alle kennte, ſo kann er ſie nicht alle belohnen.

Werner.

Das heißt ihn Gott ſprechen! Aber Juſt freylich iſt an Juſten auch nicht viel Beſonders; doch ein Luͤgner iſt Juſt nicht; und wenn das wahr waͤre, was er mir geſagt hat

Der Wirth.

Jch will von Juſten nichts hoͤren! Wie geſagt: das ſchoͤne Kind hier mag ſprechen!

(zu ihr ins Ohr)

Sie weiß, mein Kind; den Ring! Erzaͤhl Sie es doch Herr Wernern. Da wird er mich beſſer kennen lernen. Und da - mit es nicht heraus koͤmmt, als ob Sie mir nur zugefal -89oder das Soldatengluͤck. gefallen rede: ſo will ich nicht einmal dabey ſeyn. Jch will nicht dabey ſeyn; ich will gehn; aber Sie ſollen mir es wiederſagen, Herr Werner, Sie ſollen mir es wiederſagen, ob Juſt nicht ein garſti - ger Verleumder iſt.

Fuͤnfter Auftritt.

Paul Werner. Franciska.
Werner.

Frauenzimmerchen, kennt Sie denn meinen Major?

Franciska.

Den Major von Tellheim? Ja wohl kenn ich den braven Mann.

Werner.

Jſt es nicht ein braver Mann? Jſt Sie dem Manne wohl gut?

Franciska.

Vom Grund meines Herzens.

Werner.

Wahrhaftig? Sieht Sie, Frauen - zimmerchen; nun koͤmmt Sie mir noch einmal ſo ſchoͤn vor. Aber was ſind denn das fuͤr Dien - ſte, die der Wirth unſerm Major will erwieſen haben?

Franciska.

Jch wuͤßte eben nicht; es waͤre denn, daß er ſich das Gute zuſchreiben wollte, wel -F 5ches90Minna von Barnhelm,ches gluͤcklicher Weiſe aus ſeinem ſchurkiſchen Be - tragen entſtanden.

Werner.

So waͤre es ja wahr, was mir Juſt geſagt hat?

(gegen die Seite, wo der Wirth abgegangen)

Dein Gluͤck, daß du gegangen biſt! Er hat ihm wirklich die Zimmer ausgeraͤumt? So einem Manne, ſo einen Streich zu ſpielen, weil ſich das Eſelsgehirn einbildet, daß der Mann kein Geld mehr habe! Der Major kein Geld?

Franciska.

So? hat der Major Geld?

Werner.

Wie Heu! Er weiß nicht, wie viel er hat. Er weiß nicht, wer ihm ſchuldig iſt. Jch bin ihm ſelber ſchuldig, und bringe ihm ein altes Reſtchen. Sieht Sie, Frauenzimmerchen, hier in dieſem Beutelchen

(das er aus der einem Taſche zieht)

ſind hundert Louisdor; und in dieſem Roͤllchen

(das er aus der andern zieht)

hundert Dukaten. Alles ſein Geld!

Franciska.

Wahrhaftig? Aber warum verſetzt denn der Major? Er ja hat einen Ring verſetzt

Werner.

Verſetzt! Glaub Sie doch ſo was nicht. Vielleicht, daß er den Bettel hat gern wollen los ſeyn.

Fran -91oder das Soldatengluͤck.
Franciska.

Es iſt kein Bettel! es iſt ein ſehr koſtbarer Ring, den er wohl noch dazu von lieben Haͤnden hat.

Werner.

Das wirds auch ſeyn. Von lieben Haͤnden; ja, ja! So was erinnert einen manch - mal, woran man nicht gern erinnert ſeyn will. Drum ſchafft mans aus den Augen.

Franciska.

Wie?

Werner.

Dem Soldaten gehts in Winter - quartieren wunderlich. Da hat er nichts zu thun, und pflegt ſich, und macht vor langer Weile Bekannt - ſchafften, die er nur auf den Winter meynet, und die das gute Herz, mit dem er ſie macht, fuͤr Zeit - Lebens annimmt. Huſch iſt ihm denn ein Rin - gelchen an den Finger prackticirt; er weiß ſelbſt nicht, wie es dran koͤmmt. Und nicht ſelten gaͤb er gern den Finger mit drum, wenn er es nur wieder los werden koͤnnte.

Franciska.

Ey! und ſollte es wohl dem Ma - jor auch ſo gegangen ſeyn?

Werner.

Ganz gewiß. Beſonders in Sach - ſen; wenn er zehn Finger an jeder Hand gehabthaͤtte,92Minna