PRIMS Full-text transcription (HTML)
[figure]
[figure]
Das Verlohrne Paradies,
in Reimfreye Verſe uͤberſetzt, und mit eignen ſowohl als andrer Anmerkungen begleitet von Friedrich Wilhelm Zachariaͤ.
Erſter Theil.
Mit Kupfern.
Altona,beyDavid Jverſen, Koͤnigl. privil. Buchh. in Holſtein,1760.

Vorbericht.

Milton iſt unſtreitig einer der groͤßten Dichter. Sei - ne Fehler ſo gar, die man ihm vorgeworfen, ſind von der Art, daß ſie nur ein großer Geiſt be - gehn konnte. Er wird nicht allein von ſeiner eignen Nation angebetet, der man Geſchmack und Einſicht gewiß nicht abſprechen wird, ſondern jedes Volk, das mit den ſchoͤnen Wiſſenſchaften nur einigermaßen bekannt iſt, bewundert ihn, und die Nachwelt laͤßt ihm alle die Gerechtigkeit wiederfahren, die ihm ſeine eignen Zeitgenoſſen verweigert. Ungeachtet alles ungegruͤn - deten Tadels, aller Verſuche, ihn laͤcherlich zu machen, hat er doch auch unter uns von jeher Leſer und Beyfall gefunden. Den groͤßten Beyfall, das groͤßte Lob hat er durch die Meßiade ſeines gluͤcklichen Nebenbuhlers erhalten.

2WirVorbericht.

Wir ſind es unſerm beruͤhmten Bodmer ſchuldig, daß wir das verlohrne Paradies in unſrer Sprache kennen lernen. Die - ſer große Kunſtrichter hat indeß ſelbſt gewuͤnſcht, daß es jemand in Verſe uͤberſetzen moͤchte, weil ein Dichter von dieſer Art in einer proſaiſchen Ueberſetzung zu viel verliert. Jch lege der Welt eine ſolche Ueberſetzung vor, und erwarte ihr Urtheil, ohne weiter et - was von meiner Arbeit zu ſagen.

Es ſollen noch zwey Theile nachfolgen. Der zweyte wird die ſechs uͤbrigen Geſaͤnge, und der dritte Miltons Leben, nebſt einigen kritiſchen Schriften uͤber ſein Gedicht, enthalten.

Meine eignen Anmerkungen ſind mit einem Z bezeichnet. Aus der Newtoniſchen Ausgabe habe ich vorzuͤglich diejenigen gewaͤhlt, die ungeuͤbtern Leſern Miltons Schoͤnheiten verſtaͤnd - licher machen konnten. Da wir leider von den Alten noch gar keine Ueberſetzungen haben, ſo ſah ich mich genoͤthigt, die Stellen aus dem Homer, Virgil ꝛc. ſelbſt zu uͤberſetzen. Wie oft habe ich bey dieſer Gelegenheit unſre Nachbarn wegen ihrer vortrefflichen Ue - berſetzungen der Alten beneidet, und gewuͤnſcht, daß wir, die wir ſo gern nachahmen, es doch auch hierinn thun moͤchten. Braun - ſchweig, den 6ten May 1760.

Friedrich Wilhelm Zachariaͤ.

Das
[figure]
[1]

Das Verlohrne Paradies. Erſter Geſang. Das Verlohrne Paradies. Erſter Geſang.

A[2][3]
[figure]
Von dem erſten Vergehn des ungehorſamen Menſchen,
Und dem verderblichen Eſſen der Frucht des verbo -
tenen Baumes,
Welches den Tod auf die Erde gebracht, und alles ihr Elend,
Mit dem Verluſte von Eden
a)Das iſt mit dem Verluſte des Paradieſes, welches in Eden lag. Newton.
a); bis jener groͤßere Menſch uns
5
1 Die verlohrnen Rechte von neuem erwarb, und von neuem
Uns den ſeligen Sitz der Unſchuld wieder gewonnen:
Sing, o himmliſche Muſe, die auf dem geheimen Gipfel
Horebs, oder auf Sinais Hoͤhen den Schaͤfer begeiſtert,
A 2Der4Das verlohrne Paradies.
Der den erwaͤhlten Saamen zuerſt gelehrt
b)Denn Moſes hütete der Schaa - fe Jethro, ſeines Schwähers. Jm 2 B. Moſ. III, 1. Es wird ſehr eigent - lich von ihm geſagt, daß er den erwaͤhl - ten Saamen zuerſt gelehrt, weil er nicht nur der aͤlteſte Schriftſteller der Juden, ſondern der aͤlteſte von allen iſt, von denen uns noch etwas aufbehalten worden. N.
b), wie im Anfang
10
2 Himmel und Erde
c)Nach den erſten Worten des er - ſten Buchs Moſe. N.
c) dem Chaos entſprang; doch gefaͤllt dir der Huͤgel
Sions mehr, und der Bach Siloah
d)Siloah war ein kleiner Bach, der nahe am Tempel Jeruſalems vorbey floß. Er wird erwaͤhnt Jeſ. VIII, 6. Daß Milton alſo in der That die himmliſche Muſe anruft, welche den Koͤnig Da - vid und die Propheten auf dem Berge Sion, und zu Jeruſalem begeiſtert, ſo wie Moſen auf dem Berge Sinai. N.
d), der nah am Orakel
Gottes vorbey fließt: ſo ruf ich von da zu dem kuͤhnen Geſange
Deine Huͤlfe herunter, der mit nicht gewoͤhnlichem Fluge
Ueber den hohen Aoniſchen Berg
e)Die Gebirge von Boͤotien, wel - ches vor Alters Aonien genannt wurde, waren der Sitz der Muſen; obgleich dieſe Gegend auch ſonſt, ich weis nicht durch was fuͤr ein Schickſal, wegen derDummheit ihrer Einwohner beruͤhmt war. N.
e) ſich zu ſchwingen gedenket,
15
5 Und die geheiligte Spur von großen Dingen verfolget,
Die ſonſt niemand vor mir in Proſa noch Reimen
f)Milton verſteht hier unter Rei - men, Verſe uͤberhaupt. Verſe ohne ein Beywort ſchien ihm vermuthlich nicht edel genug. Arioſto ſagt beynahe mit den naͤmlichen Worten: Coſa, non detta in proſa mai, ne in rima. Eine Sache, die niemals in Proſa, noch Reimen, geſagt war. Pearce.
f) verſucht hat.
Und du beſonders, o Geiſt
g)Milton konnte zu ſeinem Werke gar wohl den heiligen Geiſt anrufen, da nach Jacobi I, 17. alle gute und alle vollkommene Gabe von oben her - ab kömmt, von dem Vater des Lichts. Er ſcheint ſich aber fuͤr einen wirklich begeiſterten Mann gehalten zu haben, wie ſeine hinterlaſſene Wittwe oftmals erzaͤhlt. N.
g), du Schoͤpfer erhabner Gedanken,
Der du allen Tempeln ein Herz, das aufrichtig und rein iſt,
Vorziehſt; unterrichte du mich, denn du weißt es
h)Theokrit. Jdyll. XXII, 116. 〈…〉〈…〉etc. Sage Goͤttinn, du weißt es ꝛc. N.
h); du wareſt
Gegen -5Erſter Geſang.
20
8Gegenwaͤrtig im Anfang, da du die maͤchtigen Fluͤgel
Ueber den weiten Abgrund, gleich einer bruͤtenden Taube
i)Eine Anſpielung auf 1 B. Moſ. I, 2. Der Geiſt Gottes ſchwebete auf dem Waſſer. Das Wort ſchweben in der Ueberſetzung, heißt eigentlich nach der Grundſprache brüten, wie ein Vogel uͤber ſeinen Eyern. Er nimmt lieber die Taube, als einen andern Vo - gel, weil die Herabkunft des heiligen Gei - ſtes mit einer Taube verglichen wird: Luc. III. 22. Da Milton die Schrift in der Grundſprache las, ſo ſind ſeine Ausdruͤcke und Bilder oͤfter aus ihr entlehnt, als aus der Ueberſetzung. N.
i),
Ausgeſpreitet, und fruchtbar ihn machteſt; erleuchte was finſter
Jn mir iſt, durch dein Licht, und alles was niedrig iſt in mir,
Das erhebe, das ſtaͤrke; damit ich die ewige Vorſicht,
25
9 Nach dem erhabenen Jnnhalt des großen Geſanges, vertheidge,
Und die Wege Gottes den Menſchen rechtfertigen moͤge
k)Dieſes geſchieht durch das ganze Gedicht, beſonders in den Reden zwi - ſchen Gott dem Vater und Sohn. N.
k).
Sage zuerſt, denn der Himmel haͤlt deinem Blick nichts verborgen,
Noch der Hoͤlle Tiefen
l)Der Poet ſchreibt der Muſe eine Art von Allwiſſenheit zu, und das mit Recht, weil ſie dadurch faͤhig gemachtwird, von Dingen zu reden, die ſie an - ders nicht wiſſen konnte. So ſagt Ho - mer Iliad. II, 485. 〈…〉〈…〉Denn ihr ſeyd Goͤttinnen, ſeyd zuge - gen, und wiſſet alles. Und Virgil Aen. VII, 645. Et meminiſtis enim, Divae, et me - morare poteſtis. Denn ihr erinnert es euch, Goͤttin - nen, und koͤnnt es erzaͤhlen. Da Miltons Muſe der heilige Geiſt iſt, ſo mußte ſie nothwendig allwiſſend ſeyn. Er erwaͤhnt hier ſehr geſchickt des Him - mels und der Hölle, da der Schauplatz von einem ſo großen Theile des Gedichts, bald im Himmel und bald in der Hoͤlle iſt. N.
l); entdecke zuerſt mir die Urſach,
Die im gluͤcklichen Zuſtand, (ſo hoch vom Himmel beſeligt!)
30
11Unſere Stammaͤltern trieb, von ihres Schoͤpfers Befehlen
Abzuweichen, und ſeinem Willen entgegen zu handeln,
Welcher nur Eins verbot, und ſonſt ſie Herren der Welt ließ?
A 3Sage,6Das verlohrne Paradies.
Sage, wer war es, der ſie zuerſt von ihrem Gehorſam
Zu dem ſchaͤndlichen Aufſtand verleitet? Der Drache der Hoͤlle.
35
11Dieſer war es, welcher mit Liſt, von Rachſucht und Neide
Angefeuert, die Mutter des Menſchengeſchlechtes verfuͤhrte,
Als ihn ſein Stolz mit dem ganzen Heere rebelliſcher Engel
Aus dem Himmel geworfen, durch deren Beyſtand er glaubte,
Ueber alle, die neben ihm waren, ſich zu erheben;
40
11 Ja dem Allmaͤchtigen ſelbſt die Wage zu halten, wofern der
Jhm widerſtuͤnde. Voll ſtolzer Ehrſucht begann er im Himmel
Wider den Thron und die Herrſchaft Gottes vermeſſene Kriege,
Und gottloſe Schlachten; mit eitlem Beſtreben. Jhn ſtuͤrzte
Flammend von der aͤtheriſchen Buͤhne die Kraft des Allmaͤchtgen
45
11 Mit erſchrecklichem Fall, und graͤßlichem Brande, herunter
Jn das bodenloſe Verderben. Hier ſollte der liegen
Jn dem ſtrafenden Feuer, mit demantnen Ketten
m)Aeſchylus im Prometheus 6. 〈…〉〈…〉.
m) gefeſſelt.
Welcher ſich unterſtand, den Allmaͤchtgen zum Streite zu fordern.
Neunmal die Zeit, die den Tag und die Nacht den Sterblichen abmißt,
50
12 Lag er mit ſeinem ſcheußlichen Haufen, uͤberwunden,
Jn dem feurigen Schlunde ſich waͤlzend, vom Falle betaͤubet,
Obgleich unſterblich. Jedoch zu groͤßern Qualen verſparte
Sein Gericht ihn. Jhn nageten itzt die ſchwarzen Gedanken
Seines verlohrnen Gluͤcks, und der immerwaͤhrenden Schmerzen.
55
12Rund umher waͤlzt er die giftigen Augen; ſie ſprachen Verzweiflung
Tiefe7Erſter Geſang.
Tiefe Betruͤbniß, mit ſtandhaftem Haß, und verhaͤrtetem Stolze
Untermiſcht: Und ſo weit, als die Blicke der Engel nur dringen,
Ueberſieht er auf einmal die wuͤſte traurige Gegend,
Unermeßlich; ein ſchrecklicher Kerker, rund um ihn her flammend,
60
12 Wie ein feuriger Ofen; doch ſchoß kein Licht von den Flammen,
Sondern vielmehr eine ſichtbare Finſterniß
n)Dieſes iſt ein ſtarker, kuͤhner Aus - druck, womit Milton, wie es ſcheint, eine dicke Daͤmmerung bezeichnen wollen. Die Finſterniß iſt eigentlich zu reden un - ſichtbar. Aber wo nur eine bloße Daͤm - merung iſt, da bleibt noch ſo viel Licht uͤbrig, daß man Gegenſtaͤnde erkennen, obgleich nicht genau unterſcheiden kann. Pearce. Seneka gebraucht einen gleichen Aus - druck von der Grotte des Pauſilyppus im 57. Brief. Nihil illo carcere lon - gius, nihil illis faucibus obſcurius, quae nobis praeſtant, non vt per tene - bras videamus, ſed vt ipſas. Es giebt nicht leicht ein laͤngeres Gewoͤlbe, noch Schluͤnde, die dunkler ſind; ſie machen,daß wir nicht durch die Finſterniß, ſondern die Finſterniß ſelbſt ſehn. Antonio de Solis iſt auf eben den Ge - danken gerathen, wenn er in ſeiner vor - trefflichen Geſchichte der Eroberung von Mexico von dem Orte redet, in welchem Motezuma ſeine Goͤtter zu fragen pfleg - te. Es war ein weites, dunkles, unterirdiſches Gewölbe, (ſagt er,) welches einige traurige Kerzen nur eben ſo viel erleuchteten, daß man die Finſterniß ſehn konnte. Auch Euripides druͤckt ſich auf eben dieſe poe - tiſche Art aus. Bac. 510. 〈…〉〈…〉, Daß er die Finſterniß ſehn koͤnnte. Newton.
n), welche nur diente,
Lange Proſpekte voll Jammer, und Regionen voll Kummer
Zu entdecken, und traurige Schatten, in welchen die Ruhe,
Und der Friede nie wohnt; die nie die Hoffnung beſuchet,
65
13 Die ſonſt alles beſucht; wo nichts als Qualen ohn Ende
Unaufhoͤrlich quaͤlen, und eine feurige Suͤndfluth,
Die mit immerbrennendem Schwefel, der niemals verzehrt wird,
Sich unterhaͤlt. Und dies war der Ort, den die goͤttliche Rache
Dieſen Rebellen bereitet, hier wies ſie ihnen den Kerker
70
13 Jn der aͤußerſten Finſterniß an, und ihr trauriges Erbtheil,
Drey -8Das verlohrne Paradies.
Dreymal ſo fern von Gott, und von dem Lichte des Himmels,
Als von dem aͤußerſten Pole, der Erde Mittelpunkt abſteht
o)Der Erde Mittelpunkt war nach Miltons Syſtem der Mittelpunkt des ganzen Weltgebaͤudes, und der aͤußerſte Pol iſt gleichfalls nicht der Pol der Er - de, ſondern des Weltgebaͤudes uͤberhaupt. Es iſt zu bemerken, daß Homer die Hoͤl - le ſo weit unter den tiefſten Schlund der Erde ſetzt, als der Himmel von der Erde entfernt iſt. 〈…〉〈…〉〈…〉〈…〉Iliad. VIII, 16. Virgil ſetzt ſie zweymal ſo weit. Tum Tartarus ipſe Bis patet in praeceps, tantum tendit - que ſub umbras Quantus ad aethereum coeli ſuſpe - ctus Olympum. Aen. VI, 577. der Tartarus ſelber Thut itzt den Abgrund zweymal ſo weit auf, und erſtrecket ſo tief ſichUnter die Schatten, ſo weit als der Blick zum aͤtherſchen Olymp reicht. Und Milton: Dreymal ſo fern von Gott und von dem Lichte des Himmels ꝛc. ꝛc. Nicht anders, als ob dieſe drey großen Poeten ihr aͤußerſtes Genie angeſtrengt, und mit einander haͤtten wetteifern wollen, wer ſeine Jdee von der Tiefe der Hoͤlle am hoͤchſten treiben koͤnne. Milton uͤbertrifft ſie aber in der Beſchrei - bung der Hoͤlle uͤberhaupt, eben ſo ſehr, als in dieſem einzigen Umſtande von ih - rer Tiefe. N.
o).
Dieſer Ort, o wie war er dem Orte ſo ungleich, von welchem
Sie herunter geſtuͤrzt! Daſelbſt erkennet er ploͤtzlich
75
14 Seines Falles Gefaͤrthen, von Wirbelwinden, und Fluthen
Stuͤrmenden Feuers, bedeckt. Dicht neben ihm waͤlzt ſich der naͤchſte
Nach ihm, an Macht, und an Bosheit, den lange nachher Palaͤſtina
Unter Beelzebubs
p)Der Fliegenfuͤrſt, ein Goͤtze, der zu Ekron, einer Stadt der Philiſter, ver - ehrt wurde, 2 B. der Koͤnige I, 2.
p) Namen gekannt; der Erzfeind, (im Himmel
Satan
q)Denn das Wort Satan bedeu - tet im Hebraͤiſchen einen Feind. Er iſt vorzuͤglicher weiſe der Feind; der Haupt - feind Gottes und des Menſchen.
q) ſeitdem deswegen genennet) kehrte ſich zu ihm,
80
16 Und brach ſo mit vermeſſenen Worten das graͤßliche Schweigen:
O! wenn du es noch biſt; doch ach! wie gefalln, wie veraͤndert,
Biſt du von dem, der ſonſt in den gluͤcklichen Reichen des Lichtes,
Mit hellſcheinender Klarheit gekleidet, ſo hell ſie auch glaͤnzten,
Myria -9Erſter Geſang.
Myriaden weit uͤberſtralte! Wofern du noch der biſt,
85
16 Den ein gemeinſchaftlich Buͤndniß, vereinte Gedanken und Thaten,
Gleiche Hoffnung, und gleiche Gefahr, zum glorreichſten Endzweck
Ehmals mit mir verbunden, und welchen itzo das Elend
Mit mir im gleichen Verderben vereint! du ſieheſt, wie tief wir
Aus der Hoͤh in den Abgrund gefallen, ſo ſehr hat ſein Donner
90
16 Staͤrker, als uns, ihn gemacht; allein wer kannte bis hieher
Dieſer greulichen Waffen Gewalt? Doch fuͤrcht ich auch ſie nicht,
Noch wird irgend etwas, womit uns der maͤchtige Sieger
Noch in ſeinem Zorne verfolgt, zur Reu mich bewegen,
Noch mein ſtandhaft Gemuͤthe veraͤndern, ſo ſehr ich veraͤndert
95
16 Nach der aͤußeren Herrlichkeit bin, noch weniger jemals
Jenen Unwillen, den die Verachtung meiner Verdienſte
Jn mir erweckt; der mit dem Allmaͤchtgen zu ſtreiten mich antrieb,
Und zu dem trutzigen Streit unzaͤhlich gewaffnete Geiſter
Herzufuͤhren, die Muth genug hatten, ſein Reich zu verlaſſen,
100
16 Mich ihm vorzuziehn, und auf den Ebnen des Himmels
Jn der Schlacht, die ſo zweifelhaft war, mit Gegengewalt ſich
Jhm entgegen zu ſtellen, und ſeinen Thron zu erſchuͤttern.
Jſt gleich das Schlachtfeld verlohren, ſo iſt drum nicht alles verlohren.
Nicht der unbezwingliche Wille, der Trieb nicht nach Rache.
105
16Noch der unſterbliche Haß, und der Muth, ſich nie ihm zu beugen,
Noch im geringſten nachzugeben, und alles was ſonſt noch
Nicht uͤberwunden kann werden. Die Ehre wird er von mir nie
Weder durch Zorn, noch durch Macht, erzwingen! Mit flehendem Kniefall
Seine Gnade zu ſuchen, und deſſen Macht zu vergoͤttern,
BDer10Das verlohrne Paradies.
110
16Der bey dem maͤchtigen Schrecken, ſo dieſer Arm ihm verurſacht,
Noch ſo kuͤrzlich gefuͤrchtet, ſein wankendes Reich zu behaupten:
O dies waͤre niedrig, in Wahrheit! und eine Schande,
Eine noch groͤßere Schmach, als dieſer gewaltge Herabſturz.
Da vermoͤge des Schickſals
r)Satan ſetzt voraus, daß die Engel durchs Schickſal, und durch ei - ne gewiſſe Nothwendigkeit exiſtiren. Er will ſich nicht unterwerfen, da die Engel, wie er ſagt, nothwendiger weiſe unſterblich ſind und nicht zer - nichtet werden koͤnnen; da ſie nun durch die Erfahrung gepruͤft worden, und ſich ſchmeicheln koͤnnten, den Kriegmit mehrern Fortgang zu fuͤhren, un - geachtet des gegenwaͤrtigen Triumphs ihres Feindes im Himmel. Newton.
r), die Staͤrke der Goͤtter, ihr Weſen,
115
17 Nicht vergehn kann; da durch die Erfahrung des wichtigen Ausgangs
Wir in Waffen nicht ſchlechter, in Vorſicht ſtaͤrker geworden;
O ſo koͤnnen wir uns mit beßrer Hoffnung entſchließen,
Einen ewigen Krieg mit unſern maͤchtigem Feinde
Kuͤnftighin durch Gewalt oder Liſt unverſohnlich zu fuͤhren;
120
17 Welcher itzt triumphirt, und uͤbermaͤßig ſich freuet,
Daß er die Tyranney in ſeinem Himmel allein hat.
Alſo ſprach der rebelliſche Engel mit prahlenden Worten,
Aber mitten in Pein. Er ward von tiefer Verzweiflung
Heimlich gefoltert; Jhm gab ſein frecher Gefaͤhrte die Antwort:
125
17 Fuͤrſt und maͤchtiges Haupt, ſo mancher thronenden Maͤchte,
Die der Seraphim Schlachthaufen ſonſt auf deine Befehle
Jn die Felder des Krieges gefuͤhrt, und mit furchtbaren Thaten,
Ohne Furcht den beſtaͤndigen Koͤnig
s)Beelzebub ſagt nicht den ewigen Koͤnig, ſondern bemuͤht ſich von Got - tes immerwaͤhrender Herrſchaft, ſo viel abzubrechen, als er nur kann, und nennt ihn allein den beſtaͤndigen Koͤnig, ei -nen
s) des Himmels erſchrecket,
Und11Erſter Geſang.
Und die hohe Herrſchaft gepruͤft, ob Staͤrk, oder Zufall,
130
18 Oder das ewge Verhaͤngnis, ſie aufrecht erhalten; Jch ſehe,
Und empfinde zu ſehr nur den grauſamen Ausgang des Treffens,
Welches in einer ſchaͤndlichen Flucht, nach traurigem Umſturz,
Uns des Himmels verluſtig gemacht; mit wilder Zerruͤttung
Dieſes ganze gewaltige Heer ſo zu Boden geſchlagen,
135
18 Als nur Goͤtter, und himmliſche Weſen zu fallen vermoͤgen.
Denn das Gemuͤth, und der Geiſt, bleibt unuͤberwindlich; die Kraͤfte
Kehren bald wieder zuruͤck, ob unſer Glanz zwar erſtorben,
Und der gluͤckliche Zuſtand von unaufhoͤrlichem Elend
Ueberſchwemmt ſcheint. Doch wie! wenn unſer Sieger, (den itzo
140
18 Jch fuͤr allmaͤchtig gezwungen erkenne, weil ſolche Kriegsmacht,
Wie die unſrige war, kein andrer, als nur ein Allmaͤchtger,
Ueberwaͤltigen konnte;) wie wenn er uns darum nur voͤllig
Dieſen unſeren Geiſt, und unſere Staͤrke gelaſſen,
Deſto beſſer die Pein zu ertragen, und ſtaͤrker zu leiden,
145
18 Daß wir ſo ſeiner Rachſucht genug thun, und, ſeine Sklaven,
Die das Kriegsrecht ihm gab, ihm wichtgere Dienſte zu leiſten,
Deſto geſchickter ſeyn moͤgen; er hab uns entweder beſtimmet,
Daß wir allhier im Herzen der Hoͤllen im Feuer arbeiten,
Oder ſeine Befehle durch dieſe finſteren Tiefen
150
18 Ausrichten ſollen? Was hilft es uns dann, daß wir unſere Staͤrke
Unvermindert noch fuͤhlen? Was hilft uns ein ewiges Weſen,
Wenn wir nur darum es haben, um ewige Strafen zu leiden?
B 2Jhms)nen Koͤnig von unendlichen Zeiten her, deſſen Herrſchaft nie unterbrochen wor -den; wie Ovidius ſagt, perpetuum carmen Met. I, 4. N. 12Das verlohrne Paradies.
Jhm gab mit gefluͤgelten Worten der Erzfeind zur Antwort:
Schwach zu ſeyn, o gefallner Cherub, iſt allezeit elend
t)Nachdem Satan in ſeiner Rede geprahlt, daß die Staͤrke der Goͤtter nicht vergehn koͤnne, und Beelzebub erwiedert: Wenn Gott uns dieſe Staͤr - ke nur darum voͤllig gelaſſen, deſto beſ - ſer die Pein zu ertragen und ſtaͤrker zu leiden, oder als ſeine Sklaven ihm wichtgere Dienſte zu leiſten, was kann uns denn unſere Staͤrke helfen: Soantwortet Satan hier ſehr geſchickt: Wir moͤgen nun leiden, oder handeln ſo iſt es allezeit noch einiger Troſt, wenn wir unſere Staͤrke unvermin - dert haben; denn es iſt eine elende Sache, ſagt er, ſchwach zu ſeyn, wir moͤgen leiden, oder handeln. Dieſes iſt der Sinn dieſer Stelle. N.
t),
155
20 Wenn wir leiden, oder auch handeln; doch dies ſey verſichert,
Jrgend etwas Gutes zu thun, wird nie uns beſchaͤfftgen,
Unſer einzigs Vergnuͤgen vielmehr wird Boͤſes zu thun, ſeyn;
Dies iſt deſſen erhabenem Willen am meiſten entgegen,
Dem wir Widerſtand leiſten. Wenn ſeine Vorſehung trachtet,
160
20 Gutes aus unſerm Uebel zu ziehn, ſo muͤſſen wir ſorgen,
Seinen Zweck zu verderben, und immer im Guten, die Mittel
Auszufinden zum Boͤſen; dies kann uns ſo gluͤcklich gelingen,
Daß es ihm, wenn ich nicht irre, verdrießen, und maͤchtig gnug ſeyn ſoll,
Seine geheimſten Entſchluͤße von ihrem Zweck zu entfernen.
165
20Aber ſiehe! Der zornige Sieger hat itzo die Diener
Seiner Verfolgung und Rache, von uns an die Pforten des Himmels
Wieder zuruͤck gerufen; der ſtuͤrmiſche Hagel von Schwefel,
Den er nach uns geſchoſſen, iſt von den Winden verwehet;
Dieſe feurige Welle, die von den Hoͤhen des Himmels
170
20 Uns in unſerm Falle verſchlang, hat nun ſich geleget;
Und der Donner, gefluͤgelt mit rothen leuchtenden Blitzen,
Und mit ſtuͤrmiſcher Wuth, hat ſeine Koͤcher, ſo ſcheint es,
Ausgeleeret, und bruͤllet nicht mehr durch die grenzloſe Tiefe.
Laß13Erſter Geſang.
Laß die Gelegenheit nicht, die unſer Feind uns vergoͤnnet,
175
20 Uns entſchluͤpfen; er gebe ſie uns aus Verachtung entweder,
Oder weil nun ſein Grimm ſich geſaͤttigt. Erblickeſt du dorten
Jene traurigen Ebnen, wild, und verlaſſen und oͤde;
Der Verzweifelung Sitz, und alles Lichtes beraubet,
Auſſer dem blaſſen Schimmer, den dieſe graͤßlichen Flammen
180
20 Fuͤrchterlich um ſich ſchießen? Da laß uns hindurch arbeiten
Aus dem Wallen der feurigen Fluthen; um dorten zu ruhen,
Wenn noch einige Ruh hier zu finden; und wenn wir dort wieder
Unſre geſchlagenen Heere verſammlet, ſo laßt uns vereinet
Rathſchlagen, wie wir unſerm Feind in Zukunft am beſten
185
20 Schaden thun, und von unſerm Verluſt uns wieder erholen;
Wie wir dieſen ſchrecklichen Jammer am leichtſten ertragen,
Was wir noch von der Hoffnung fuͤr Troſt zu erlangen uns ſchmeicheln,
Und wo nicht, was fuͤr Muth in uns die Verzweifelung anfacht.
Alſo redete Satan zu ſeinem naͤchſten Gefaͤhrten,
190
20 Mit dem Haupt hoch uͤber der Fluth, und mit flammenden Augen.
Schwimmend lagen die uͤbrigen Glieder, weit uͤber den Wellen
Jn die Laͤng und Breite viel Morgen Landes verbreitet.
Nicht an Groͤße geringer, als jene Rieſengeſtalten
Von der ungeheuerſten Form, von denen die Fabel
195
20 Sagt; die Titanier, Kinder der Erde, die ehmals im Kriege
Wider den Jupiter ſtunden; Briareus oder auch Typhon,
Der in der ſchrecklichen Hoͤhle des alten Tarſus
u)Typhon iſt mit dem Typhoeus einerley. Wir wiſſen durch den Pin -dar, und den Pomponius Mela, daß die Hoͤhle des Typhoeus in Cili -cien
u)ſich aufhielt;
B 3Oder14Das verlohrne Paradies.
Oder wie jenes Ungeheuer der See, Leviathan
x)Milton ſcheint unter dem Le - viathan den Wallfiſch zu verſtehn, ober ihm gleich auch wie dem Crokodill eine ſchuppichte Rinde zuſchreibt. N.
x),
Den Gott von allen Geſchoͤpfen, die in des Oceans Strome
200
22 Schwimmen, am groͤßten erſchaffen; wofern etwan der Pilote
Eines kleinen Schiffs, das die Nacht uͤbereilt, in den Wellen
Der beſchaͤumten Norwegiſchen See ihn ſchlummernd gefunden,
Haͤlt er ihn oft, (wie Seefahrer ſagen,)
y)Dieſer Zuſatz war noͤthig, um das Unglaubliche eines ſolchen Anker werfens zu mildern. Hume.
y) fuͤr irgend ein Eyland,
Und wirft ſeinen Anker in ſeine ſchuppichte Rind aus;
205
23 Wo er an ſeiner Seite ſich hinter dem Wind haͤlt, ſo lange,
Als die Nacht noch das Meer bedeckt, und der Morgen verzoͤgert.
Alſo lag ungeheur in die Laͤnge verbreitet, der Erzfeind,
Auf dem brennenden Sumpf angekettet; er waͤr auch von ihm nicht
Aufgeſtanden, und haͤtte ſein Haupt empor nicht gehoben,
210
23 Wenn ihn nicht die Erlaubniß des alles beherrſchenden Himmels
Seinen eignen verruchten Entſchluͤßen aufs neu uͤberlaſſen,
Daß er durch wiederholte Verbrechen, mit ſchwereren Laſten
Auf ſein eigenes Haupt die ſchwarze Verdammniß haͤufe
Da er andern zu ſchaden geſucht; und wuͤthend erfuͤhre,
215
23 Daß er mit ſeiner Bosheit unendliches Gutes, und Gnade,
Und Vergebung den Menſchen, die er verfuͤhret, gewirket,
Aber ſich ſelbſt mit dreyfacher Schmach, und Rache, beladen.
Jtzo richtet er ſich mit dem maͤchtigen Koͤrper vom Pful auf,
Und die Flammen neigten die Spitzen, zuruͤckegetrieben,
Jtztu)cien lag. Tarſus war eine beruͤhmte Stadt in dieſer Provinz. Jortin. 15Erſter Geſang.
220
24Jtzt an beyden Seiten, und theilten, in Wellen gerollet,
Sich in der Mitten, ein greuliches Thal! Und alsdann regiert er
Seinen Flug in die Hoͤh mit ausgeſpanntem Gefieder;
Schwebend auf duͤſterer Luft, die ungewoͤhnliche Laſt fuͤhlt,
Bis er ſich aus der Hoͤhe zum trockenen Lande herab ließ,
225
24 Wenn dies Land war, was unaufhoͤrlich von Flammen zerriſſen,
Mit gediegener Gluth, wie der See mit fluͤßiger, brannte.
Und ſo ſchien er an Farbe gleich einem fliegenden Felſen,
Den vom Pelorus
z)Ein Vorgebirge Siciliens; itzo Capo di Faro genannt. N.
z) die Macht unterirdiſcher Winde geriſſen;
Oder auch gleich der zerſchmetterten Seite des donnernden Aetna,
230
25 Deſſen Eingeweid, brennbar und harzig, wofern es in Gluth koͤmmt,
Mit mineraliſcher Wuth empor ſteigt, die Winde verſtaͤrket,
Und den verſengten Boden in Rauch und Geſtank eingehuͤllet
Hinter ſich laͤßt. Und ſolche Ruhſtatt fanden die Solen
Dieſer unſeeligen Fuͤße. Jhm folgte ſein naͤchſter Gefaͤhrte;
235
25 Beyde ruͤhmten ſich itzt, daß aus den ſtygiſchen Fluthen
Sie als Goͤtter geſtiegen, durch ſich allein, und durch eigne
Wiedererhaltene Staͤrke, nicht durch die Nachſicht der Allmacht.
Jſt dies die Landſchaft, dieſes der Boden, und dieſes das Clima,
Sprach der gefallene Erzengel drauf; iſt dieſes der Wohnplatz
240
25 Welchen man mit dem Himmel uns zu vertauſchen, gezwungen;
Dieſe betruͤbten Schatten an ſtatt des himmliſchen Lichtes?
Wohl! es ſey ſo! da der, der nun Monarch iſt, verordnet,
Und gebietet, was recht ſeyn ſoll; das iſt wohl das beſte,
Daß16Das verlohrne Paradies.
Daß wir recht fern ſind von dem, der uns nach Billigkeit gleich war,
245
25 Doch den Gewalt uͤber die, die gleich ihm waren, erhoben.
Jhr gluͤckſeelgen Gefilde, worauf die ewige Freude
Wohnet, gehabt euch wohl! Jhr Schreckniſſe, ſeyd mir gegruͤßet!
Sey mir gegruͤßt, unterirdiſche Welt; Du, tiefſte Hoͤlle,
Nimm mich, deinen neuen Beſitzer! Er bringt ein Gemuͤthe
250
25 Zu dir, welches kein Ort, und keine Zeit, kann veraͤndern!
Das Gemuͤth iſt ſein eigener Platz
a)Dieſe ausſchweifenden Meynun - gen der Stoiker konnten nicht beſſer laͤcherlich gemacht werden, als in Sa -tans Munde, und in ſeinem itzigen Zuſtand. Thyer.
a), und macht in ſich ſelber
Aus der Hoͤlle den Himmel, und aus dem Himmel die Hoͤlle.
Und was geht es mich an, wo ich ſey, wofern ich nur der bin,
Der ich war, und der ich ſeyn ſoll; geringer allein nur
255
26 Als wie Er, den bloß ſein Donner noch groͤßer gemacht hat.
Hier zum wenigſten, werden wir frey ſeyn; hier hat der Allmaͤchtge
Nicht, uns zu beneiden, gebaut; er wird uns von hier nicht
Wegtreiben wollen; wir werden allhier in Sicherheit herrſchen,
Und nach meinem Ermeſſen iſt, waͤr es auch nur in der Hoͤlle,
260
26 Herrſchen des Ehrgeizes wuͤrdig. Viel beſſer, geherrſcht in der Hoͤlle,
Als im Himmel gedient! Doch warum laſſen wir alſo
Unſre getreuen Freunde, und unſers Verluſtes Gefaͤhrten,
So zerſtreut, und betaͤubt, auf dem Pful der Vergeſſenheit liegen?
Warum rufen wir ſie nicht zu uns, die traurige Wohnung
265
26 Mit uns zu theilen; oder aufs neu mit vereinigten Waffen
Zu verſuchen, was etwann im Himmel noch itzt zu gewinnen,
Oder hier in der Hoͤlle fuͤr uns noch mehr zu verlieren?
Dieſes17Erſter Geſang.
Dieſes ſprach Satan: Jhm gab Beelzebub alſo zur Antwort:
Fuͤhrer dieſer glaͤnzenden Heere, die nur ein Allmaͤchtger
270
26 Schlagen konnte, wofern ſie nur deine Stimme vernehmen,
Dieſes ihr ſicherſtes Pfand der Hoffnung, in Furcht und Gefahren,
Oft in aͤuſſerſten Noͤthen gehoͤrt; ihr gewiſſeſtes Zeichen
Jm gefaͤhrlichſten Zuſtand der Schlacht, und in jeglichem Angriff,
Wo die Wuth des Krieges geraſt; wofern ſie die hoͤren,
275
26 Werden ſie bald, geſtaͤrkt mit neuem Muth ſich erholen,
Und wieder aufleben, ob ſie gleich itzt gekruͤmmt und geſchlagen
Auf dem Feuerſee liegen, wie wir vor kurzem noch ſelber
Lagen, beſtuͤrzt und betaͤubt; gewiß kein Wunder, indem wir
Von ſo einer verderblichen Hoͤh herunter geſtuͤrzet.
280
Seine Rede war kaum geendiget, als ſchon der Erzfeind
Nach dem Geſtade hinzugieng. Sein Schild von entſetzlicher Groͤße,
Breit, und rund, und maſſiv, und von aͤtheriſcher Staͤhlung,
Hatt er auf ſeinen Ruͤcken geworfen; ſein breiter Umkreis
Hieng da von ſeinen Schultern, dem Mond gleich, wenn ihn am Abend
285
26 Durch ein optiſches Glas der weiſe toskaniſche Kuͤnſtler,
Zu Valdarno, oder vom Gipfel des Feſole
b)Eine Stadt in Toskana. Val - darno, oder das Thal Arno, ein Thal daſelbſt. Durch den Toskaniſchen Kuͤnſt -ler verſteht er den beruͤhmten Gali - lei, den er in Jtalien gekannt und beſucht hatte. N. und Richardſon.
b)anſchaut,
Neue Laͤnder, und Berg, und Fluͤß, auf der fleckigten Kugel
Zu entdecken. Gegen ſein Speer war die laͤngſte der Tannen,
AufC18Das verlohrne Paradies.
Auf den Norwegiſchen Bergen gehauen, um etwan ein Maſtbaum
290
27 Eines Admiralſchiffs zu werden, ein Stab nur. So gieng er
Schwer geſtuͤtzet darauf, um uͤber den brennenden Boden
Seine muͤhſamen Schritte zu leiten; (wie ungleich den Schritten
Auf dem Lazure des Himmels!) wobey das brennende Clima,
Rund um mit Feuer unwoͤlbt, mit heftger Gewalt auf ihn zuſchlug.
295
27Aber doch hielt er es aus, bis er itzo die brennenden Ufer
Dieſer flammenden See erreicht; er ſtand hier, und rufte
Seinen Kriegsſchaaren, Engelsgeſtalten, die uͤbereinander
Sinnlos lagen, ſo dick, als die Blaͤtter im Herbſte
c)Virgil. Aen. VI, 309. Quam multa in ſylvis autumni frigore primo Lapſa cadunt folia. Wie vom gefallnen Laube beym erſten Froſte des Herbſtes Dick die Waͤlder beſtreut ſind.
c)die Baͤche
Vallombroſens
d)Ein beruͤhmtes Thal in Etru - rien, oder Toskana, ſo genannt von Vallis und Umbra. Es iſt wegen ſeiner beſtaͤndigen kuͤhlen Schatten bekannt, die durch die große Mengevon Baͤumen verurſacht werden, die es uͤberſpreiten. Hume.
d) beſtreun, da wo die hetruriſchen Schatten
300
29 Hochgewoͤlbt es umlauben; und gleich dem zerſtreuten Rohre,
Das die Ufer beſtroͤmt, wenn Orion mit wuͤthenden Winden
e)Orion iſt ein Geſtirn, von dem man glaubt, das es Stuͤrme bringe. aſſurgens fluctu nimboſus Orion. Virgil. Aen. I, 539. Als von Stuͤrmen begleitet Orion die Fluthen heraufſteigt. Das rothe Meer iſt ſo voller Schilf, das es in der Schrift das Schilfmeer genennt wird. N.
e)
Die Geſtade des Schilfmeers gepeitſcht, wo die grimmigen Wogen
Den Buſiris bedeckt, und die Memphiſchen Wagen und Reuter,
Da ſie mit treuloſem Haß die Einwohner Goſens verfolgten,
305
30 Welche vom ſichern Ufer die fließenden Leichname ſahen,
Und die zertruͤmmerten Raͤder der Wagen; ſo dick hingeſtreuet
Lagen19Erſter Geſang.
Lagen auch dieſe gefalln, und verlohren, die Fluthen bedeckend,
Ueber den ſcheußlichen Wechſel in tiefe Betaͤubung verſunken.
Satan rief itzt ſo laut, daß die hohlen Tiefen der Hoͤlle
310
30 Wiederſchallten: Jhr Fuͤrſten, und Potentaten, und Helden,
Jhr der Ausbund des Himmels, der euer war, nun verloren,
Wenn ein ſolches Erſtaunen, wie dieſes, ewige Geiſter
Faſſen kann; oder habt ihr den Platz euch darum erwaͤhlet,
Hier nach der Arbeit der Schlacht die ermuͤdete Tapferkeit wieder
315
30 Auszuruhn, weil ihr hier eben ſo ſuͤß den Schlummer gefunden,
Als in den Thaͤlern des Himmels? Wie! oder habt ihr geſchworen,
Euren Ueberwinder in dieſer niedrigen Stellung
Anzubeten? Er ſieht in der Fluth itzt den Cherub und Seraph
Unter zerſtreuten Waffen und Fahnen ſich waͤlzen, bis ploͤtzlich
320
30 Seine ſchnellen Verfolger von jenen himmliſchen Thoren
Jhren Vortheil bemerken, auf uns herunter ſich ſtuͤrzen,
Und uns vollends danieder treten, indem wir ſo traͤumen;
Oder auch mit zuſammengeketteten Donnerkeilen
f)So ſagt Virgil vom Ajax Oile - us: Aen. I, 44, 45. Illum expirantem transfixo pecto - re flammas Turbine corripuit, ſcopuloque in - fixit acuto. Da er die Flammen, welche das Herz ihm durchbohret, noch ausblies, Riß ſie ſchnell ihn im Wirbelwind fort, und heftet ihn raͤchend Auf den ſpitzigen Fels
f)
Auf den Boden von dieſem Abgrund uns heften. Erwachet!
325
31Raffet, raffet euch auf, oder ſeyd auf ewig gefallen.
Und ſie hoͤrten ſein maͤchtiges Wort, und ſchaͤmten ſich; alle
Fuhren auf ihren Fluͤgeln itzt auf; wie Maͤnner, beſtimmet,
Wegen des Feindes zu wachen, wenn ihr gefuͤrchteter Obrer
C 2Schla -20Das verlohrne Paradies.
Schlafend ſie findet, erſchrocken, noch eh ſie wirklich erwachet,
330
31 Auffahren, und ſich bewegen. Sie wurden des elenden Zuſtands
Bald gewahr, in welchem ſie lagen, und fuͤhlten ihr Elend.
Dennoch gehorchten ſie ſchnell der Stimme des maͤchtigen Fuͤhrers;
Eine zahlloſe Schaar. Als wenn in den ſchrecklichen Tagen,
Die Egyptenland trafen, der maͤchtige Stab des Sohnes
335
31 Amrams
g)2 Buch Moſ. X, 13. Moſes reckte ſeinen Stab über Egypten - land, und der Herr trieb einen Oſtwind ins Land, den ganzen Tag, und die ganze Nacht, und die Heuſchrecken kamen über ganz Egyptenland und verfin - ſterten das Land.
g)an den Kuͤſten ſich ſchwang, und der pechſchwarzen Wolke
Raſſelnder Heuſchrecken aufrief; ſie ſtuͤrmte daher auf dem Oſtwind,
Und hieng uͤber dem Reich des gottloſen Pharao, finſter,
Einer Nacht gleich, und deckte mit Dunkel die Laͤnder am Nilus:
So unzehlbar waren die Schaaren gefallener Engel,
340
32 Die man unter der Hoͤlle Gewoͤlbern, auf brauſenden Fluͤgeln
Schweben ſah, unten und oben, und rundum mit Feuer umgeben;
Bis ihr maͤchtiger Sultan, als ein gegebenes Zeichen,
Jtzo ſein Speer in die Hoͤh hob, um ihren Weg zu beſtimmen.
Senkrecht ließen ſie ſich zum feſten Bimſtein hernieder,
345
32 Eine Menge, dergleichen noch nie der volkreiche Norden
Seinen kalten Lenden entſchuͤttet, die uͤber die Donau,
Oder den Rhein geſetzt, als ſeine Barbariſchen Soͤhne,
h)Dieſes waren die Gothen, Hunnen und Vandalen, welche alleſuͤdliche Provinzen von Europa uͤber - ſchwemmten, und nachdem ſie das Mittellaͤndiſche Meer durchkreuzt, un - ter Gibraltar in Afrika landeten, und ſich weit in die ſandichten Ge - genden von Lybien verbreiteten. Sie waren im eigentlichſten Verſtande Barbaren, weil ſie nicht nur viel Grauſamkeiten ausuͤbten, ſondern auch alle Denkmaͤler der Kunſt und Ge - lehrſamkeit zerſtoͤrten. N.
h)
Gleich21Erſter Geſang.
Gleich der Suͤndfluth, vor Zeiten die ſuͤdlichen Laͤnder bedecket,
Und ſich unter Gibraltar nach Lybiens Sand zu verbreitet.
350
33Alſobald eilten die Haͤupter und Fuͤhrer von jedem Haufen,
Und von jedem Geſchwader, dahin, wo ihr großer Beherrſcher
Stand; Geſtalten, wie Goͤtter, von hoher goͤttlicher Bildung,
Ueber die menſchliche weit erhaben; gefuͤrſtete Maͤchte,
Wuͤrden, und Kraͤfte, die ſonſt im Himmel auf Thronen geſeſſen,
355
33 Obgleich ihrer Namen nunmehr im Verzeichniß des Himmels
Nicht mehr gedacht wird, und alle durch ihren ſchaͤndlichen Aufſtand
Aus den Buͤchern des Lebens auf ewig ausgeloͤſcht worden.
Damals hatten ſie auch noch nicht die Namen empfangen,
Die ſie nachmals unter den Soͤhnen der Eva gefuͤhret,
360
33 Als ſie aus hoher Zulaſſung Gottes, zur Pruͤfung der Menſchen
Ueber den Erdkreis gewandert, und ihre Falſchheit und Luͤgen
Oft den groͤßeſten Theil des Menſchengeſchlechtes verfuͤhret;
Daß ſie treuloſerweiſe Gott, ihren Schoͤpfer, verließen;
Die unſichtbare Herrlichkeit deſſen, der ſie erſchaffen,
365
33 Oft in das Bild vernunftloſer Thiere verwandelt, gezieret
Mit Religionen
i)Dieſes bedeutet hier ſo viel als Religionsgebraͤuche, wie Cicero de le -gibus lib. I, c. 15. religiones et cere - monias zuſammen ſetzt. Pearce.
i)voll Pomp, und ſchimmernden Goldes,
Und vor Teufeln als Gottheiten knieten; da wurden ſie nachmals
Unter mancherley Namen, und mancherley Goͤtzengeſtalten,
Weit umher durch die heydniſche Welt den Menſchen bekannter.
C 3Sage22Das verlohrne Paradies.
370
34Sage, Muſe, die dann beruͤhmt gewordenen Namen;
Wer zuerſt, wer zuletzt, auf den Ruf des großen Beherrſchers,
Da ſie auf dieſem feurigen Lager vom Schlummer erwachet,
Jeder nach ſeinem Range zu ihm an den nackenden Strand kam,
Da die Gemeinen das Feld in vermiſchten Haufen bedeckten?
375
34Dieſes waren die erſten, die lange hernach aus dem Abgrund
Sich herausriſſen, ihren Raub auf der Erde zu ſuchen;
Und zuerſt ſich erkuͤhnten, zunaͤchſt bey dem Sitz des Allmaͤchtgen
Jhre Wohnung zu nehmen; bey ſeinem heiligen Altar
Jhren ſchaͤndlichen Altar zu ſetzen, als Goͤtter verehret
380
34 Von den Nationen umher; die ſich wagten, Jehovah,
Der von Sion gedonnert, und zwiſchen den Cherubim thronte,
Auszuhalten; die ihre Greuel und Goͤtzenaltaͤre
Oft in ſein Heiligthum ſtellten, und mit verfluchten Gebraͤuchen
Seines Tempels Gebraͤuch und heilige Feſttag entweihten,
385
34 Und oft mit ihrer Finſterniß ſeine Klarheit beleidigt.
Erſt kam Moloch, ein greulicher Koͤnig
k)Moloch war der Abgott der Am - moniter. Sein Goͤtzenbild war nach den Rabbinen von Erzt; er ſaß auf einem Thron von demſelben Me - tall, und hatte das Haupt von einem Kalbe, mit einer Koͤnigskrone geziert. Seine Arme waren ausgeſpreitet, die elenden Opfer zu empfangen, die dar - inn verbrannt werden ſollten. Jn der Schrift wird geſagt, daß die Kin -der dem Moloch durchs. Feuer giengen. Unſer Dichter braucht eben dieſen Ausdruck, woraus zu verſtehn iſt, daß man die Kinder dieſem Goͤ - tzen zu Ehren nicht immer wirklich verbrannte, ſondern ſie nur geſchwind durch die Flammen gehn ließ, ſie da - durch zu reinigen, und dieſem Goͤtzen zu heiligen. N.
k), befleckt mit dem Blute
Menſchlicher Opfer; mit Thraͤnen der Eltern, die vor dem Getoͤſe
Schallender Pauken und Trommeln das Schreyn der Kinder nicht hoͤrten,
Die zu ſeinem grimmigen Bilde durchs Feuer hingiengen.
Jhn23Erſter Geſang.
390
35Jhn verehrte zu Rabba, in ihren waͤßrichten Ebnen,
Und in Argob, und Baſan, der Ammonit, bis zum Strome
Des entfernteſten Arnon. Die kuͤhne Nachbarſchaft war ihm
Noch nicht genug, er verfuͤhrte mit Liſt des weiſeſten Koͤnigs
Salomons Herz, auf dem aͤrgernden Huͤgel, dem Tempel des Hoͤchſten
395
35 Gegen uͤber, ihm einen Tempel zu baun, und den Luſtwald
Jn dem Thale von Hinnom zum Vorbild der Hoͤlle zu machen,
Welches Tophet daher, und das ſchwarze Gehennah genennt ward.
Nach ihm kam Chemos
l)Der Abgott der Moabiter. Der heil. Hieronymus und verſchiedne andre Gelehrte halten ihn mit demBaal Peor fuͤr einerley, und glau - ben, daß er, wie der Priapus, der Goͤtze der Unkeuſchheit geweſen. N.
l), das unkeuſche Schreckbild der Soͤhne von
Moab;
Herrſchend von Aroar an, bis nach Nebo, hinab in die Wuͤſten
400
36 Abarim, weit gen Suͤden, in Heſbon und Heronaim,
Und in Seons Gebieten, im blumichten Thale von Sibma,
Welches mit purpurnen Reben umhaͤngt iſt, und in Eleale,
Bis zum Asphaltiſchen Pfuhl. Sein anderer Nahme war Peor,
Als er Jſrael reizte, indem es vom Nile daherzog,
405
36 Jhm in Sittim wolluͤſtige Feſt und Gebraͤuche zu feyren,
Welches ihnen viel Schmerzen gekoſtet. Von da er ſogar noch
Bis zum Aergernißhuͤgel ſein uͤppiges Reich ausgebreitet,
Nah am Luſthayn des moͤrdriſchen Molochs; wo Blutdurſt und Wolluſt
Neben einander geherrſcht, bis ſie der fromme Joſias
410
36 Beyde mit heiligem Eyfer von da zu der Hoͤlle hinabtrieb.
Jhnen24Das verlohrne Paradies.
Jhnen folgeten dieſe, die von des alten Euphrates
Grenzfluthen an, bis zum Strom, der Egypten von Syrien trennet,
Allgemeinere Namen von Baal, und Aſtharoth
m)Dieſes waren die allgemeinen Namen von den Goͤttern und Goͤttin - nen in Syrien, Palaͤſtina, und den benachbarten Gegenden. Man glaubt, daß die Sonne, und das himmliſche Heer darunter verſtanden werde. N.
m), fuͤhrten.
Dieſe maͤnnlich, die andern weiblich, (nach ihrem Gefallen
415
37 Koͤnnen Geiſter
n)Man meynt, daß Milton dieſe Begriffe von den Geiſtern aus einem Geſpraͤch des Michael Pſellus ent - lehnt; und Herr Newton lobt ihn ſehr wegen ſeiner mannichfaltigen Gelehr - ſamkeit. Jch weis aber nicht, ob Mil - ton dieſe Beleſenheit in allen Artenvon Schriftſtellern hier ſehr ſchicklich angebracht habe. Zu welchem End - zwecke ſollen Geiſter auch weiblich ſeyn koͤnnen? Der Leſer kann dadurch zu leicht auf Begriffe gerathen, die der Wuͤrde der Geiſter unanſtaͤndig ſind. Milton haͤtte, duͤnkt mich, dieſen Um - ſtand deſto eher weglaſſen ſollen, da er von dieſer Erfindung in ſeinem ganzen Gedicht keinen weitern Gebrauch macht. Das uͤbrige dienet, den Leſer zu der wunderbaren Zuſammenzie - hung der Geiſter, zu Ende dieſes Ge - ſanges, vorzubereiten. Z.
n) jedes Geſchlecht, oder beyde zugleich auch,
Annehmen; denn ſo ſanft iſt ihr reines Weſen, verknuͤpft nicht,
Oder zuſammengeſchloſſen mit Gliedern, oder Gelenken,
Noch auch auf der Gebeine zerbrechliche Staͤrke gebauet,
Gleich dem hindernden Fleiſch) doch welche Geſtalt ſie erwaͤhlen,
420
38 Ausgedehnt, oder zuſammengezogen; hell, oder auch dunkel,
Koͤnnen ſie doch die geiſtgen Entſchluͤſſe zur Ausfuͤhrung bringen,
Oder Werke des Haſſes, und Werke der Liebe vollfuͤhren.
Um ſie verließ oft Jſraels Stamm die lebendige Staͤrke,
Ließ unbeſucht den heilgen Altar, und beugte ſich nieder
425
38 Vor den thieriſchen Goͤtzen zur Erde; da wurden zur Strafe
Jhre Haͤupter gebeugt in der Schlacht, und ſanken vor Speeren
Jhrer verachteten Feinde darnieder. Drauf kam in den Haufen
Aſtho -25Erſter Geſang.
Aſthoreth
o)Aſtarte, war die Goͤttinn der Phoͤnicier. Der Mond ward un - ter dieſem Namen angebetet. N.
o), von den Phoͤniciern auch Aſtarte genennet,
Die Monarchin des Himmels mit halben Hoͤrnern. Bey Mondſchein
430
39 Weihten vor ihrem ſtralenden Bild die Sidoniſchen Jungfraun
Jhr Geſaͤng und Geluͤbde. Sie blieb auch ſelbſt nicht in Sion
Ohne Lieder; daſelbſt ſtand auf dem ſuͤndlichen Berge
Jhr ein Tempel erbaut von jenem buhlriſchen Koͤnig,
Deſſen ſo großes Herz, durch die reizenden Abgoͤtterinnen
435
39 Ueberliſtigt, zum ſchaͤndlichen Dienſte der Goͤtzen herabfiel.
Nach ihr folgete Thammuz;
p)Der Gott der Syrier. Er iſt mit dem Adonis einerley. Man fa - belte von ihm, daß er auf dem Berge Libanon von einem Eber getoͤdtet worden. Der Fluß Adonis entſpringtauf dieſem Berge, und wenn er, wie alle Jahr zu einer gewiſſen Zeit zu ge - ſchehn pflegt, eine rothe Farbe bekam, ſo ward das Feſt des Adonis gefeyert, indem die Weiber ein lautes Wehkla - gen ſeinetwegen erhuben, und glaub - ten, der Strom ſey von ſeinem Blute gefaͤrbt. N.
p) durch ſeine jaͤhrlichen Wunden,
Wurden Syriens Toͤchter auf Libanons Hoͤhen verſammlet,
Da in verliebten Liedern ſein ungluͤckſeeliges Schickſal
Einen Sommertag lang zu beweinen; der ſanfte Adonis
440
40 Floß indeß von den Klippen, worauf er entſprungen, zum Meere
Purpurfarbig, und ſo wie ſie glaubten, gefaͤrbt von dem Blute
Jhres jaͤhrlich verwundeten Thammuz. Die Liebesgeſchichte
Hatte die Toͤchter Sions mit gleichen Flammen entzuͤndet.
Jhre ſchaͤumende Wolluſt ſah in dem heiligen Vorhof
445
40 Ehmals Ezechiel, als durch erhabne Geſichte geleitet
Er die Abgoͤtterey des abtruͤnnigen Juda geſehen.
Einer kam drauf, der im Ernſte getraurt, als im eigenen Tempel
DieD26Das verlohrne Paradies.
Die gefangene Lade des Bundes ſein thieriſches Bildniß
Jhm verſtuͤmmelt, und ihm die Haͤnd und das Haupt abgehauen,
450
40 Daß er am Fußgeſtell hinfiel, und ſeine Verehrer beſchaͤmte.
Dagon
q)Der Gott der Philiſter. Seine Verſtuͤmmelung durch die Lade des Bundes ſiehe 1 Buch Samuel V, 4.
q)hieß er mit Namen; ein Ungeheuer des Meeres,
Oben ein Menſch, und unten ein Fiſch. Doch hatt er in Azot
Einen hocherhabnen Tempel, und wurde gefuͤrchtet
Auf der Kuͤſte von Paleſtina, in Askalons Mauren,
455
41 Und zu Gath, und zu Akkaron, bis an die Grenzen von Gaza.
Auf ihn folgete Rimmon
r)Ein Abgott der Syrier, zu Da - maskus verehrt. Einer voll Ausſatz trat aus ſeinem Dienſt, nemlich Naa - man, der durch den Eliſa von ſeinem Ausſatz geheilt wurde, nnd ſich des - halb entſchloß, nicht mehr andernGöttern zu opfern, und Brand - opfer zu thun, ſondern dem Herrn. 2 Buch der Koͤnige V, 17. N.
r), der in dem ſchoͤnen Damaskus
Seinen lachenden Wohnplatz erwaͤhlt, an den fruchtbaren Ufern
Des Abbana, und Pharphar, zween heller anmuthiger Fluͤſſe.
Dieſer auch trutzte dem Hauſe des Herrn; es trat ihm zwar einmal
460
42 Einer voll Auſſatz aus ſeinem Dienſt, hergegen gewann er
Einen Koͤnig, den thoͤrichten Ahas, der ihn uͤberwunden.
Dieſen vermocht er, daß er den Altar des Hoͤchſten hinwegthat,
Einen nach ſyriſcher Art an ſeine Stelle zu ſetzen;
Seine verhaßten Gaben auf dieſem Altar zu opfern,
465
42 Und vor Goͤttern niederzuknien, die er ſelber beſieget.
Eine Schaar erſchien nach dieſen, die unter den Namen
Jſis, Oſiris, und Orus
s)Egyptiſche Gottheiten, unter vielerley Thiergeſtalten angebetet. Man glaubt, daß das guͤldne Kalb der Jſraeliten eine Nachahmung von dem Kalbe oder Ochſen war, ſo den Oſiris vorgeſtellt. N.
s), mit ihrem Gefolge, beruͤhmt war.
Dieſe27Erſter Geſang.
Dieſe verfuͤhrten mit ſeltſamen Formen und zaubriſchen Kuͤnſten
Die fanatiſchen Prieſter Egyptens, die wandernden Goͤtter
470
43 Jn verlarvten Geſtalten, mehr thieriſch, als menſchlich, zu ſuchen.
Jſrael auch entgieng nicht der Peſt, da am Fuſſe des Horebs
Sie von ihrem geborgten Gold ein Kalb ſich bereitet;
Und hernach der rebelliſche Koͤnig zu Dan, und zu Bethel,
Dieſe Suͤnde verdoppelt; der ſeinen Schoͤpfer verſtellet
475
43 Jn das Bild eines graſenden Stiers; den großen Jehovah,
Welcher in Einer Nacht, da er aus Egypten herauszog,
Durch ſein raͤchendes Schwerdt mit den Erſtgebornen des Landes
Alle die bloͤckenden Goͤtter in Einem Streiche vereinigt.
Belial
t)Es ſcheint nicht, daß er irgend - wo als ein Abgott verehrt worden; ſondern alle liederlichen gottloſen Leute,werden in der Schrift Kinder Be - lials genannt; wie die Soͤhne des Eli 1 Buch Sam. II, 12. N.
t)kam noch zuletzt, kein groͤberwolluͤſtiger Geiſt war
480
44 Von dem Himmel gefallen, als er; er liebte das Laſter
Wegen des Laſters allein; ihm war zwar kein eigener Tempel
Aufgebaut, und ihm rauchte kein Altar; allein wer wird oͤftrer
Jn den Tempeln geſehn, und bey dem Altar, wenn Prieſter
Gotteslaͤugner werden, ſo wie die Soͤhne des Eli,
485
44 Die mit Gewaltthat und Wolluſt das Haus des Hoͤchſten erfuͤllten?
Er regiert auch am Hof, in Pallaͤſten, und ſchwelgriſchen Staͤdten,
Wo das Getuͤmmel der Wolluſt, und Unrecht, und wilde Beleidgung,
Jhre hoͤheſten Thuͤrm uͤberſteigt. Wenn die Nacht itzt die Straßen
Dunkel gemacht, dann wandeln ſie fort, des Belials Soͤhne,
490
44 Ueberfließend von Muthwill und Wein. Die Gaſſen von Sodom
Sind hievon, wie die ſuͤndliche Nacht zu Gibea, Zeugen,
D 2Als28Das verlohrne Paradies.
Als die gaſtfreye Thuͤr, um groͤßere Schande zu hemmen,
Eine Matrone herausgab, und auf die Gaſſe geſtellet.
Dieſes waren die erſten an Macht und an Range. Der andern
495
44 Zu erwaͤhnen, waͤre zu lang, ſo beruͤhmt ſie auch waren.
Die Joniſchen Goͤtter
u)Die vornehmſten Gottheiten der Jonier und Griechen waren Himmel und Erde. Jhr aͤlteſter Sohn, Ti - tan, der Vater der Rieſen, ward vom Saturn, und Saturn wieder vom Jupiter, ſeinem eignen Sohn von der Rhea, der Herrſchaft beraubt. Dieſe waren zuerſt auf der Jnſel Creta, itzo Candia, bekannt, auf welcher Jnſel der Berg Jda liegt. Dann kamen ſie nach Griechenland uͤber, und wohnten auf dem Berg Olympus in Theſſalien. Oder auf der Delphiſchen Klippe, dem Parnaß, auf welchem die Stadt Del - phos lag, beruͤhmt wegen des Tempels und Orakels des Apollo daſelbſt. Oder auch zu Dodona, einer Stadt mit einem angrenzenden Walde, demJupiter geheiligt; und ſo weit ſich die Grenzen des Doriſchen Landes, das iſt Griechenlandes, erſtreckten. Oder die uͤber Adria, uͤber das Adria - tiſche Meer, zu Hesperiſchen Fel - dern, das iſt, Jtalien, flohn, und uͤber die Celtiſche Landſchaft, Frank - reich, und die andern von den Celten uͤberſchwemmten Landſchaften, bis zu den aͤußerſten Jnſeln geſtreift, naͤmlich Großbrittannien, Jrrland, die Orkadiſchen Jnſeln, und Thule, ultima Thule, wie es genannt wird, als der aͤußerſten Grenze der Welt. Dieſe Erklaͤrungen ſind uͤberfluͤßig fuͤr diejenigen, die mit den klaſſiſchen Schriftſtellern bekannt ſind; ſie die - nen bloß fuͤr ungeuͤbtere Leſer. N.
u), erkannt und verehret als Goͤtter,
Von den Nachkommen Javans; obgleich ſie ſelber bekannten,
Daß ſie juͤnger waͤren, als ihre geprieſenen Eltern,
Himmel und Erde. Titan, der Erſtgebohrne des Himmels,
500
45 Mit dem Rieſengeſchlecht, dem Saturn, ſein juͤngerer Bruder,
Sein Geburthsrecht entriß; vom maͤchtigern Jupiter aber,
Seinem eigenen Sohn von der Rhea, der Herrſchaft beraubt ward,
Welche Jupiter fuͤhrte, nachdem er des Reichs ſich bemaͤchtigt.
Dieſe waren zuerſt bekannt in Creta, und Jda;
Herrſch -29Erſter Geſang.
505
45Herrſchten hernach auf dem ſchneevollen Gipfel des kalten Olympus,
Jn der mittleren Luft, als ihrem hoͤheſten Himmel;
Oder auch zu Dodona, und auf der Delphiſchen Klippe,
Und ſo weit ſich die Grenzen des Doriſchen Landes erſtreckten,
Oder die mit dem alten Saturn, zu Hesperiſchen Feldern,
510
45 Ueber Adria flohen; und, uͤber die Celtiſche Landſchaft
Bis zu den aͤuſſerſten Jnſeln geſtreift; die alle, nebſt mehrern,
Kamen in Schaaren herbey, mit niedergeſchlagenen Augen,
Und mit finſtern Blicken, doch daß noch dunkele Funken
Einiger Freude drinn glimmten, weil ſie ihr Haupt noch nicht gaͤnzlich
515
45 Jn Verzweiflung verſunken geſehn, und weil ſie ſich ſelber
Mitten in dieſem Verluſt nicht ganz noch verlohren gefunden.
Dies uͤberzog ſein Geſicht mit einer aͤndernden Farbe;
Doch nahm er bald den gewoͤhnlichen Stolz von neuem zuſammen,
Und hob ihren ſinkenden Muth durch prahlende Worte,
520
45 Mit dem Scheine, nicht aber dem Weſen der Hoheit bekleidet,
Und verjagte die Furcht aus ihren ſorgſamen Herzen.
Dann befahl er alsbald, daß ſeine maͤchtge Standarte,
Unter dem kriegriſchen Schall der lauten Trompeten und Zinken,
Aufgeſtellt wuͤrde. Das Recht des ſtolzen Vorzugs gebuͤhrte
525
45 Einem hochragenden Cherub, Azazel. Vom ſchimmernden Stabe
Ward das erhabne Koͤnigspanier ohn Anſtand entwickelt.
Wie ein Nordſchein ſtralt es, nachdem es voͤllig entfaltet,
Und in die Hoͤh gerichtet, im Winde flatternd dahin ſtroͤmt.
Hohe Seraphiſche Waffen, und Siegeszeichen, ſie glaͤnzten,
530
45 Reich blaſoniret mit Gold, und koſtbaren Edelgeſteinen;
D 3Da30Das verlohrne Paradies.
Da indeß aus dem klingenden Erzte kriegriſche Toͤne
Schallten; worunter das ſaͤmmtliche Heer ein Feldgeſchrey machte,
Daß der Hoͤlle Gewoͤlber erbebten, und draußen die Reiche
Von der alten Nacht, und dem Chaos, darob ſich entſetzten.
535
45Ploͤtzlich ſtiegen in duͤſterm Licht zehntauſend Paniere
Jn die Luft auf, und ſtralten mit hellen Farben des Aufgangs;
Und zugleich ſtieg ein ſchrecklicher Wald auf von glaͤnzenden Spießen;
Helme, dicht an einander gedraͤngt, und geſchloſſene Schilde,
Sah man in dichter Schlachtordnung ſtehn, unermeßlich an Tiefe.
540
45Und nun zogen ſie fort in einem vollkommenen Phalanx,
Nach der Doriſchen Tonart
x)Wir haben von der Muſik der Alten nur ſehr ungewiſſe und ver - wirrte Begriffe. Es ſcheint, daß ſie drey Haupttonarten gehabt; die Ly - diſche, Phrygiſche, und Doriſche. Die Lydiſche war die traurigſte, die Phrygiſche, die munterſte, und die Doriſche die ernſthafteſte, |und ma - jeſtaͤtiſchte.
x)von Floͤten, und anmuthgen Pfeifen;
So wie ſie ehmals des Alterthums Helden zum hoͤheſten Grade
Edler Grosmuth erhaben, wenn ſie zur Schlacht ſich gewaffnet,
Und ſtatt raſender Kuͤhnheit mit feſtem Muth ſie begeiſtert;
545
46 Welche die Furcht des Todes zu keinem Fliehen bewogen,
Noch zum ſchaͤndlichen Abzug; jedoch mit der Kraft auch begabet,
Die empoͤrten Gedanken mit feſtlichem Klange zu ſtillen,
Und von ſterblichen Seelen ſowohl, als unſterblichen, Kummer,
Zweifelmuth, Furcht, und Angſt, und Schmerzen, und Pein zu verjagen.
550
46Alſo athmeten ſie vereinte Macht, mit geſetzten
Feſten Gedanken, und ruͤckten ſtillſchweigend heran, nach dem Schalle
Sanft ertoͤnender Floͤten, wodurch die peinvollen Schritte
Auf31Erſter Geſang.
Auf dem brennenden Boden bezaubert wurden; und itzo,
Voͤllig herangenaht, ſtanden ſie da, in graͤulicher Fronte
555
46 Von entſetzlicher Laͤnge, mit hellen ſchimmernden Waffen,
Nach des Alterthums Art, mit Schilden und Spießen verſehen,
Und erwarteten ſo des maͤchtigen Hauptes Befehle.
Dieſer ſchoß den erfahrnen Blick durch der Schlachtordnung Reihen,
Ueberſah die gehoͤrige Stellung des ſaͤmmtlichen Heeres;
560
46 Sah ihr Geſicht, und ihre Geſtalt, gleich Geſtalten der Goͤtter,
Und zuletzt uͤberzaͤhlt er ſie alle. Da ſchwoll ihm voll Hochmuth
Sein verhaͤrtetes Herz; auf ſeine Macht ſich verlaſſend,
Jauchzt er in ſeinem Muth. Denn ſeit der Erſchaffung der Menſchen
War nie ſolch ein zahlreiches Heer vereiniget worden,
565
46 Welches mit dieſer Kriegsmacht verglichen, groͤßer geſchienen,
Als das kleine Fußvolk mit dem die Kraniche kriegten
y)Alle Helden, und Kriegsheere die jemals verſammelt worden, waren nichts anders, als Zwerge, in Ver - gleichung mit dieſen Engeln, wuͤrde auch das ganze Rieſengeſchlecht von Phlegra, einer macedoniſchen Stadt, wo die Rieſen mit den Goͤttern foch - ten, zu ihnen geſtellt, mit dem Helden, geſchlecht, ſo ehmals vor Thebe ge - fochten, einer Stadt in Böotien, die wegen des Krieges zwiſchen den Soͤh - nen des Oedipus beruͤhmt iſt, welchen Statius in ſeiner Thebais beſungen; und vor Jlium, oder Troja, welches durch Homers Jliade noch beruͤhmter geworden, wo auf jeder Seite die Hel - den von Goͤttern unterſtuͤtzt wurden; und was in Fabeln, oder Romanenberuͤhmt iſt, von Uthers Sohne, dem Koͤnig Arthur, welcher oft von Brittiſchen und Armoriſchen Rittern begleitet ward, denn er ſtand oft in Buͤndniß mit dem Koͤnig von Armo - rica, welches, nachdem ſich die Brit - ten daſelbſt geſetzt, Bretagne hieß; und allen die nachmals in Aspramont, und Montalban Waffen gefuͤhrt, Romanennamen von Oertern, die im Orlando furioſo vorkommen, oder zu Damasko, Marokko, und Trapezunt, alles Namen, die in Romanen beruͤhmt ſind; Oder die noch Biſerta, ehmals Utica, von den Afrikaniſchen Ufern ſandte, welches die Saracenen ſind, die von Biſerta in Afrika nach Spa - nien uͤbergiengen; als Carl der Großebey
y);
Wuͤrd32Das verlohrne Paradies.
Wuͤrd auch das ganze Rieſengeſchlecht von Phlegra zu ihnen,
Mit dem Heldengeſchlechte geſtellt, die ehmals vor Thebe,
Und vor Jlium fochten, auf jeder Seite vermiſchet
570
47 Mit den helfenden Goͤttern; und alles, was ſonſt noch in Fabeln
Oder Romanen beruͤhmt iſt, von Uthers Sohne, begleitet
Von Armorſchen und Brittiſchen Rittern, und allen, die nachmals,
Unglaͤubig, oder getauft, in Aspramont Waffen gefuͤhret,
Und in Montalban, zu Damaskus, oder Marocco,
575
47 Und zu Trapezunt, und die noch Biſerta geſendet,
Von den Afrikaniſchen Ufern, als Carl der Große
Bey Fontarabbia fiel, mit allen Fuͤrſten und Rittern;
So uͤberſtieg dies Heer jedwede ſterbliche Kriegsmacht,
Und doch ſah es auf ſeinen furchtbaren Fuͤhrer. Er ſtand itzt
580
47 Einem Thurm gleich, und ragete ſtolz an Geſtalt und Betragen
z)Welch eine edle Beſchreibung von Satans Perſon! Und wie unter - ſchieden iſt ſie von der gewoͤhnlichen laͤcherlichen Vorſtellung derſelben mit Hoͤrnern, Schwanz, und Klauen. Und doch hat ihn ſelbſt Taßo ſo beſchrieben. Die groͤßten Mahler hatten nicht ſo erhabene Jdeen, als Milton, wie je - der geſtehen muß, der die Gemaͤhlde und Kupferſtiche Michaels und des Teufels, vom Raphael oder Gvido, oder das Weltgericht vom Michael Angelo geſehn. N. Die Jtaliaͤner ſcheinen an dieſe erniedrigenden Vorſtellungen Satans, mit Hoͤrnern, Schwanz, und Klauenſo
z)Ueber
y)bey Fontarabbia fiel mit allen Fuͤrſten und Rittern. Milton nimmt naͤm - lich, nach dem Mariana, und an - dern ſpaniſchen Schriftſtellern an, daß dieſer Kayſer auf ſolche Art gefallen. Mezeray aber, und andre f anzoͤſi - ſche Schriftſteller, haben gezeigt, daß er zuletzt uͤber ſeine Feinde geſiegt, und in Frieden geſtorben. Man kann die - ſe ganze Stelle, mit dem D. Bentley nicht als untergeſchoben verwerfen; doch waͤre zu wuͤnſchen, daß unſer Dichter ſeinem Geſchmack an Roma - nen nicht ſo nachgehangen, auf die er in ſeiner Jugend, wie er ſelbſt geſteht, ſehr hitzig geweſen, und nicht mit ei - ner Beleſenheit in Buͤchern haͤtte Staat machen wollen, die vielleicht beſſergar nicht haͤtten geleſen werden ſol - len. N.
y)
33Erſter Geſang.
Ueber die andern hervor. Noch hatte ſeine Geſtalt nicht
Ganz den urſpruͤnglichen Schein verlohren, er ſchien nichts geringers,
Als ein Erzengel, welcher gefallen; allein nur verfinſtert
An der Herrlichkeit, die bey ihm ſonſt uͤbermaͤßig geſtralet.
585
49Wie die aufgehende Sonne durch neblichte Horizontalluft
Schaut, mit abgeſchnittenen Stralen; und ſo wie ſie oftmals
Hinter dem Mond in duͤſtrer Verfinſtrung mit furchtbarem Schatten,
Ungluͤck weiſſagend, die Voͤlker erſchreckt, und Monarchen in Sorgen
Wegen Staatsveraͤndrungen ſetzt
a)Dieſes iſt das beruͤhmte Gleich - niß, weswegen dieſes vortreffliche Ge - dicht beynahe durch den Cenſor unter - druͤckt worden, welcher Hochverrath darinn zu finden glaubte. N.
a); ſo war er verfinſtert,
590
50 Aber an Glanz vortrefflicher noch, als die uͤbrigen alle.
Zwar in ſein Angeſicht waren vom Donner ihm tiefe Narben
Eingegraben; und Sorge ſaß auf der erblaſſeten Wange;
Aber von ſeinen Augbraunen ſchaut ein Muth, ungeſchrecket,
Und ein geſetzter Stolz, der auf Rache laurte. Sein Auge
595
50 War voll Grimm, doch ſah man drinn Zeichen von Reu, und von Mitleid,
Seine Gefaͤhrten, oder vielmehr, die im Laſter ihm folgten,
(Ehmals ſo ſehr begluͤckter!) verdammt und verurtheilt zu ſehen
Zu dem Loos unaufhoͤrlicher Pein; Millionen von Geiſtern,
Wegen ihres Vergehens nun aus dem Himmel getrieben,
600
50 Und vom ewigen Glanz ob ſeiner Empoͤrung verſtoßen.
Dennoch ſtanden ſie noch in ihrem verblichenen Schimmer
Treuz)ſo gewoͤhnt zu ſeyn; daß er ſogar in den Kupfern vor des Rolli Ueberſe - tzung des verlohrnen Paradieſes noch immer ſo vorgeſtellt wird, ob ſich gleich Milton ſo viel Muͤhe gegeben, dieſe niedern Jdeen von den gefallnen En - geln auszuloͤſchen. Z. E34Das verlohrne Paradies.
Treu, und ſtandhaft bey ihm. Wie wenn das Feuer vom Himmel
Jn die Eichen des Waldes, und in die Bergfichten ſchlaͤget,
Jhre ſtattliche Laͤnge, mit kahlem verſengeten Gipfel,
605
51 Auf der Haide verbrannt ſteht. Er war itzt zu ſprechen bereitet;
Deshalb ſchwenkten die doppelten Reihen von Fluͤgel zu Fluͤgel
Sich um ihn her, und ſchloſſen mit allen Großen des Reiches
Rund ihn ein, und Aufmerkſamkeit erhielt ſie im Schweigen.
Dreymal verſucht er zu reden
b)Er hat den Ovid in Gedanken, Met. XI, 419. Ter conata loqui, ter fletibus ora rigavit. Dreymal verſucht ſie, zu reden, und dreymal netzt ſie mit Thraͤnen Jhre Wangen. Bentley.
b), und dreymal brachen die Thraͤnen
610
52 Trotz des Hochmuths hervor, aus ſeinen verfinſterten Augen;
Thraͤnen, wie Engel ſie weinen. Doch endlich fanden die Worte,
Unterflochten mit tiefen Seufzern, alſo den Ausgang:
O ihr Myriaden unſterblicher Geiſter; ihr Kraͤfte,
Die ihr mit nichts zu vergleichen, als mit dem Allmaͤchtgen! der Streit ſelbſt,
615
52 Den wir mit ihm gefuͤhrt, war ohne Ruhm nicht; ſo grauſam
Auch der Ausgang geweſen, wie dieſer Platz uns beweiſet,
Und der grauſame Wechſel, woran nicht ohn Abſcheu zu denken:
Aber welch eine Kraft des Gemuͤthes, und welche Gabe,
Etwas vorher zu ſehn, und in die Zukunft zu ſchauen,
620
52 Haͤtt aus der tiefen Erkenntniß des Gegenwaͤrtgen, und Kuͤnftgen,
Jemals fuͤrchten koͤnnen, daß eine Kriegsmacht von Goͤttern,
So wie dieſe vereinigt, und die ſo feſt ſtand, wie dieſe,
Wuͤrde geſchlagen werden? und wer kann itzo noch glauben,
Selbſt35Erſter Geſang.
Selbſt nach dieſem Verluſt, daß alle die maͤchtigen Schaaren,
625
52 Deren Verbannung den Himmel entvoͤlkert
c)Man haͤlt dafuͤr, daß der dritte Theil der Engel mit Satan abgefallen, nach Offenbarung Joh. XII, 4. Und ſein Schwanz zog den dritten Theil der Sterne des Himmels nach ſich, und warf ſie auf dieErde. Milton hat dieſe Meynung in verſchiedenen Stellen ſeines Ge - dichts geaͤußert. Satan macht aber ihre Anzahl hier groͤßer, und prahlt, als ob ihre Verbannung den Himmel entvölkert. N.
c), aus eigenen Kraͤften
Nicht wieder aufſteigen muͤßten, und ihren alten Geburtsſitz
Wieder einnehmen ſollten? Was mich betrifft, ruf ich hier foͤrmlich
Dieſes ſaͤmtliche Heer des Himmels zu Zeugen, ob etwan
Ungleiche Rathſchlaͤg, oder Gefahr, die ich furchtſam geſcheuet,
630
53 Unſere Hoffnung verlohren gemacht. Nein, der, der im Himmel
Als ein Monarch herrſcht, hatte bisher auf dem ſichern Throne
Ruhig geſeſſen, als einer, den eine lange Gewohnheit,
Und ein alter Gebrauch, durch einen freyen Gehorſam
Aufrecht gehalten; ſo fuͤhrt er beſtaͤndig in voͤlligem Pompe
635
53 Seinen Koͤnigsſtaat fort, ſtets ſeine Staͤrk uns verbergend,
Welches dies Unternehmen veranlaßt, und Urſach geworden
Dieſes unſers erſchrecklichen Falls. Wir kennen in Zukunft
Seine Macht, und kennen die unſre. Wir haben nicht noͤthig,
Jhn zum Streite zu fordern, und ſo man uns dazu fordert,
640
53 Duͤrfen wir auch den Streit nicht fuͤrchten; doch bleibt wohl das beſte,
Daß wir mit Liſt, und Betrug, und geheimen Anſchlaͤgen zwingen,
Was die Gewalt nicht vermag. Damit er an uns auch erfahre,
Daß wer ſeinen Feind mit Gewalt allein uͤberwindet,
Jhn nur halb uͤberwindet. Laß nach der Sag in dem Himmel
645
53 Neue Welten den Raum gebaͤhren; ſo hieß es, er wuͤrde
E 2Sie36Das verlohrne Paradies.
Sie in kurzem erſchaffen, und ein Geſchlechte drein ſetzen,
Das er mit gleichen Gnaden, als wie die Soͤhne des Himmels,
Anſehn wuͤrde. Dahin, und waͤrs nur ſie auszukundſchaften,
Thun wir vielleicht den erſten Ausfall; dahin, oder ſonſt wo.
650
53Dieſe hoͤlliſche Grube ſoll nicht auf immer in Banden
Himmliſche Geiſter behalten, noch ſie mit Finſterniß lange
Dieſer Abgrund bedecken. Doch dieſe großen Gedanken
Muͤſſen in voller Verſammlung zu ihrer Zeitigung kommen.
Keine Hoffnung bleibt uͤbrig zum Frieden! Denn welcher von uns kann
655
53 Unterwerfung ſich denken; zum Kriege denn, Goͤtter, zum Kriege
Muͤſſen wir uns entſchließen, er ſey nun verdeckt, oder offen!
Alſo ſprach er. Schnell flogen, das was er ſprach, zu beſtaͤtgen,
Millionen von flammenden Schwerdtern aus ihren Scheiden,
Von der Cherubim Seiten gezuͤckt. Das ploͤtzliche Blitzen
660
53 Machte den Abgrund weit umher hell. Sie raſeten heftig
Wider den Hoͤchſten; und wuͤthend mit ihren ergriffenen Waffen
Schlugen ſie auf die ſchallenden Schilde das Kriegesgetoͤne,
Und hohnſprechender Trutz flog hinauf zum Gewoͤlbe des Himmels.
Fern nicht davon ſtand ein Berg, der aus dem graͤßlichen Gipfel
665
53 Feuer und wallenden Rauch auswarf. Die uͤbrigen Theile
Glaͤnzten mit einer funkelnden Rind; ein ſicheres Zeichen,
Daß in ſeinem Schooße verborgen, das Werk des Schwefels,
Reifes metalliſches Erz lag. Mit ſchneller Eile befluͤgelt,
Flog dahin eine zahlreiche Schaar. Wie Haufen Minirer
Vor37Erſter Geſang.
670
53Vor dem Koͤnigesheer, mit Picken und Spaden bewaffnet,
Herziehn, ein Feld abzuſtecken, und einen Wall aufzuwerfen.
Mammon
d)Ein ſyriſcher Name, welcher Reichthum bedeutet. Einige ſehn ihn als den Gott des Reichthums an, undſo macht ihn auch unſer Dichter zu einer Perſon. N.
d)der niedrigſte Geiſt, der aus dem Himmel gefallen,
Mammon fuͤhrte ſie an. Sein Blick, und ſeine Gedanken
Waren im Himmel bereits nur auf die Erde geheftet;
675
54 Er bewunderte mehr den Reichthum des himmliſchen Bodens,
Lautres geſchlagenes Gold, als alles, was goͤttlich und heilig
Man im ſeeligen Anſchaun genießt. Durch ihn auch gelehret,
Und durch ſein Anſtiften, haben zuerſt ſich die Menſchen erkuͤhnet,
Mit verruchten Haͤnden die Eingeweide der Erden,
680
54 Jhrer Mutter, zu pluͤndern, um ſolche Schaͤtze, die beſſer
Waͤren verborgen geblieben. Schnell hatte ſein Haufen im Felſen
Eine weite Wunde gemacht, und Ribben von Golde
Ausgegraben; (es wundre ſich niemand, daß Reichthum und Schaͤtze
Tief in der Hoͤlle wachſen: ihr Boden ſchickt ſich am beſten
685
54 Fuͤr dies koſtbare Gift.) Und hier laß alle die lernen,
Die in irdiſchen Dingen ſich ruͤhmen, und voller Bewundrung
Von der Herrlichkeit Babels, und von der Aegyptſchen Monarchen
Praͤchtigen Werken erzaͤhlen; laß alle die lernen, wie leicht ſie
Jn den herrlichſten Monumenten des Ruhms, und der Staͤrke,
690
54 Und der Kunſt, von verworfenen Geiſtern ausgeloͤſcht werden,
Die in einer Stunde verrichten, was kaum ein Jahrhundert
Mit unaufhoͤrlicher Arbeit, und zahlloſen Haͤnden
e)An einer der Aegyptiſchen Py -ramiden
e), vollbringet.
E 3Nah38Das verlohrne Paradies.
Nah auf der Ebene waren viel zubereitete Zellen
Unterwerts hin mit Adern von fluͤßigem Feuer durchkreuzet,
695
55 Aus dem See geleitet; in welchem ein anderer Haufen
Mit verwundernswuͤrdiger Kunſt die Erzklumpen ſchmelzte;
Schied denn jedwede Art von der andern, und ſchaͤumte die Schlacken
Von dem fließenden Erz. Ein dritter Haufen indeſſen
Hatte den Grund in mancherley Form mit Modellen durchgraben,
700
55 Und aus den ſiedenden Zellen, durch manche ſeltſamen Gaͤnge,
Alle hohlen Winkel gefuͤllt. So wie in der Orgel
Nur ein einziger Hauch durch verſchiedene Reihen von Pfeifen
Aus der Windlade blaͤſt. Schnell ſtieg ein großes Gebaͤude
Aus der Erde hervor, wie ein Nebel, unter dem Schalle
705
55 Lieblicher Symphonien und Stimmen, gebaut wie ein Tempel.
Saͤulen waren umher geſetzt, und Doriſche Pfeiler,
Ueberdeckt mit goldnen Geſimſen; auch fehlten daran nicht
Frieſen, oder Karnießen, mit herrlichem Schnitzwerk gezieret,
Und die gewoͤlbete Decke war ganz mit Goldblech bezogen.
710
55Babylon nicht, noch das große Cairo, im groͤßeſten Flore,
Hat in Pracht dies erreicht, als ihren Goͤttern, dem Belus,
Oder Serapis
f)Belus, der Sohn Nimrods, der zweyte Koͤnig von Babylon, undder erſte Menſch, welcher als ein Gott verehret worden. Er ward von den Chaldaͤern Bel, von den Phoͤniciern Baal genannt. Serapis iſt mit dem Aegyptiſchen Gott Apis einer - ley. Hume.
f), Tempel, und ihren Koͤnigen Schloͤſſer
Mit der groͤßten Verſchwendung ſie bauten; und ehemals Aſſur
Mit Aegypten in Pracht und Wolluſt und Reichthum geeifert.
Jtzte)ramiden haben 36000. Menſchen bey - nahe zwanzig Jahr gearbeitet. Nach dem Diodor. Sic. L. I. und Plin. L, 36. c. 12. N. 39Erſter Geſang.
715
57Jtzo ſtanden die Saͤulen, und ſtiegen in ſtattlicher Hoͤh auf.
Alsbald oͤffneten ſich die ehernen Fluͤgel der Thore
Weit hinein; und man ſah drinn in die geraumen Saͤle,
Ueber das glatte polirte Pflaſter. Durch magiſche Kuͤnſte
Hiengen viel ſternende Lampen, und ſchimmernde Kronen, genaͤhret
720
57 Mit Asphaltus und Naphta, herab von der Decke Gewoͤlben,
Die ein Licht von ſich gaben, gleich einem ſternvollen Himmel.
Eilend trat nun die Menge hinein, ganz Aug, und Bewundrung.
Einige prieſen das Werk, und andre den Baumeiſter. Ehmals
War er mit Ruhm im Himmel bekannt, durch manches Gebaͤude
725
57 Von erhabner gethuͤrmter Bauart, wo thronende Engel
Jhren Aufenthalt hatten, und gleich den Fuͤrſten regierten,
Welche der oberſte Koͤnig zu ſolchem Anſehn erhaben,
Und in ſeiner Hierarchie jedwedem die Herrſchaft
Ueber die glaͤnzenden Reihen und Orden der Engel vertrauet.
730
57Auch war ſein Name ſo unbekannt nicht, noch ohne Verehrer
Jn des alten Graͤciens Graͤnzen. Jhn nannten die Menſchen
Mulziber in den Auſoniſchen Laͤndern, und fabelten von ihm,
Wie er vom Himmel gefallen, indem ihn Jupiter zornig
Von den kryſtallenen Zinnen herab ſtieß; da ſey er vom Morgen
735
57 Bis zum Mittag gefall’n, und vom Mittag zum Thaue des Abends,
Einen Sommertag lang; und mit der ſinkenden Sonne
Sey er herab vom Zenith, gleich einem fallenden Sterne,
Jm Egeiſchen Meer auf die Jnſel Lemnos geſtuͤrzet.
So erzaͤhlten ſie irrig von ihm; ſein Fall war vorher ſchon
Mit40Das verlohrne Paradies.
740
57Mit der rebelliſchen Rotte geſchehen. Was halfs ihm im Himmel
Hohe Thuͤrme gebaut zu haben? Mit allen Maſchinen
Konnt er ſich itzt nicht erretten; Er ward vom Himmel geſtuͤrzet,
Jn der Hoͤlle zu bauen mit ſeinen fleißigen Schaaren.
Mittlerweile ward auf Befehl der oberſten Herrſchaft
745
57 Unter furchtbarn Gebraͤuchen von fliegender Herolde Lippen
Bey dem Schall der Trompeten, im ganzen Heer durch, ein Reichstag
Feyerlich ausgerufen. Jm Pandaͤmonium ſollt er
Unverzuͤglich gehalten werden, dem Hauptpallaſte
Satans, und ſeiner Großen des Reichs. Die Befehle verlangten
750
57 Von jedwedem Geſchwader den Vornehmſten, ſo wie ſein Rang ihn,
Oder die Wahl beſtimmt. Bey hundert und tauſenden kamen
Sie ſogleich in Haufen herbey. Die Zugaͤnge waren
Alle voller Gedraͤnge. Die weiten Thuͤren und Hallen
Und der geraume Vorhof beſonders, obgleich wie ein Feld groß,
755
57 Wo die verwegnen Kaͤmpfer in Waffen herum ſich getummelt,
Und vor der Buͤhne des Soldans den beſten der heydniſchen Ritter
Zu dem toͤdtlichen Kampf, und zum Lanzenbrechen gefordert,
Wimmelten vom andringenden Schwarm, ſo wohl auf dem Boden,
Als in der Luft, die vom Ziſchen der rauſchenden Fluͤgel getheilt ward.
760
57So wie die Bienen im Lenz, wenn mit dem Stiere die Sonne
Durch den Himmel da hin faͤhrt, die zahlreiche Jugend vom Stocke
Forttreiben; bis ſie ſich hier, oder da, in Trauben anhaͤngen:
Hin und her fliegen ſie dann im friſchen Thau, unter Blumen,
Oder wandeln herum auf dem glatten Brete, der Vorſtadt
Jhrer41Erſter Geſang.
765
57Jhrer Veſtung von Stroh, mit Balſam neu uͤberſtrichen,
Und berathſchlagen ſich von ihren Geſchaͤften des Staates:
Eben ſo ſchwaͤrmten die geiſtigen Schaaren in dickem Gedraͤnge,
Bis zum gegebenen Zeichen. Und ſieh ein Wunder
g)Dieſes wunderbare Zuſammen - ziehn der Geiſter im Pandaͤmonium iſt verſchiedentlich getadelt worden, be - ſonders vom Herrn von Voltaire, und andern franzoͤſiſchen Schriftſtel - lern, die aber von dem Wunderbaren uͤberhaupt, unſtreitig zu eingeſchraͤnk - te Begriffe haben. Milton hat mit vieler Kunſt den Leſer in dieſem Ge - ſange ſchon dazu vorbereitet, wie Addiſon, und William Duncombeangemerkt, und nach der Beſchrei - bung des Poeten iſt nichts laͤcherli - ches darinn; ſie iſt ſo edel und praͤch - tig, als irgend eine vom Homer, oder Virgil, in dieſer Art. Es wuͤrde viel unwahrſcheinlicher geweſen ſeyn, wenn er die unzaͤhligen Myriaden gefallner Engel alle in ihrer wahren Rieſengeſtalt in einem einzigen Saal eingeſchloſſen, vorgeſtellt haͤtte. Z.
g)! denn dieſe,
Die noch eben an Rieſengeſtalt die Soͤhne der Erde
770
58 Uebertrafen, ſind itzo ſo klein, als die niedrigſten Zwerge,
Und ziehn ſich in dem engeſten Raum zuſammen, unzaͤhlig,
Gleich dem Pygmaͤen Geſchlecht jenſeit der Jndiſchen Berge,
Oder auch gleich den zaubriſchen Aelfen, wenn etwa der Landmann,
Der ſich verſpaͤtet, zur Mitternachtszeit, am ſilbernen Brunnen,
775
58 Oder am Walde, die Nachttaͤnze ſieht, oder traͤumt, ſie zu ſehen;
Da indeſſen zuſchauend der Mond ihm uͤber dem Haupt ſteht,
Und mit dem blaſſen Laufe der ſchlafenden Erde ſich naͤhert;
Sie vertiefen ſich ganz in ihre froͤhlichen Taͤnze,
Und ergoͤtzen ſein Ohr mit ſuͤſſer Muſik, daß ſein Herz ihm
780
58 Eben ſo klopft fuͤr Angſt als fuͤr Freuden. So zogen auch itzo
Dieſe aͤtheriſchen Geiſter die ungeheurſten Geſtalten,
JnF42Das verlohrne Paradies. Erſter Geſang.
Jn die niedrigſten Formen zuſammen, und ſaßen bequem nun,
Obgleich unzaͤhlig, im praͤchtigen Saale des hoͤlliſchen Schloſſes.
Aber weiter hinein, in ihren eignen Geſtalten,
785
58 Voͤllig ausgedehnt, ſaßen die großen ſeraphiſchen Herren,
Mit den Cherubim, neben einander, auf goldenen Stuͤhlen,
Jm geſchloßnen Senat, und einem geheimen Conclave,
Tauſend Halbgoͤtter, zahlreich und voll, in dem ſchimmernden Saale.
Bald drauf nach kurzem Schweigen, und abgeleſnen Befehlen,
790
58 Nahm der verſammelte Reichstag der hoͤlliſchen Staaten den Anfang.
Das
[figure]
[43]

Das Verlohrne Paradies. Zweyter Geſang. Das Verlohrne Paradies. Zweyter Geſang.

F 2[44]45
Hoch auf einem glaͤnzenden Thron, der koͤniglich praͤchtig
Allen Reichthum von Ormus und Jndien
a)Diamanten, der vornehmſte Reichthum von Jndien, worinn ſie gefunden, und auf der Jnſel Ormus in dem Perſiſchen Meerbuſen verkauft werden. Pearce.
a)weit uͤberſtralte,
Oder wo ſonſt nach Barbarſchem Geſchmack
b)Barbarſches Gold und Perlen heißt es eigentlich im Engliſchen, nach dem Beyſpiel der Griechen und Roͤ - mer, welche alles Auslaͤndiſche bar - bariſch nannten. Virgil. Aen. II. 504. Barbarico poſtes auro ſpoliisque ſuperbi Procubuere etc. Die mit barbariſchem Gold, und reicher Beute gezierten Schimmernden Pfeiler ſanken. Taſſo hat es gleichfalls in folgender Beſchreibung angenommen. C. 17. N. 10. E ricco di barbarico ornamento In habito regal ſplender ſi vede. Und in reicher barbariſcher Pracht, in Koͤnigsgewande Sah man ihn ſtralen. N.
b) mit verſchwen -
driſchen Haͤnden,
Perlen und Gold der Aufgang auf ſeine Koͤnige ſtreuet;
5
60 Saß itzt Satan erhaben; zu dieſem elenden Vorzug
Durch ſein Verdienſt erhaben; und da er wider Vermuthen
Von der Verzweiflung ſo hoch empor ſich geſchwungen, ſo ſtrebt er
Hoͤher noch; unerſaͤttlich, den eitlen Krieg mit dem Himmel
Zu verfolgen; und durch den ſchrecklichen Ausgang nicht kluͤger,
10
60 Wandt er, in ſtolzen Traͤumen verlohren, ſich ſo zur Verſammlung.
F 3Thro -46Das verlohrne Paradies.
Thronen, Fuͤrſtenthuͤmer, und Maͤchte
c)So nennt Paulas Col. I, 16. die Engel, Thronen, Herrſchaften, Für - ſtenthümer, ꝛc. N.
c), Gottheiten des Himmels;
Denn weil keine Tief in ihrem unterſten Abgrund
Kann unſterbliche Kraͤfte behalten, (obgleich unterdruͤcket,
Und gefallen;) ſo geb ich noch nicht den Himmel verlohren.
15
61Himmliſche Tugenden werden ſich bald von dieſem Herabſturz
Wieder erholen, und glorreicher noch, und furchtbarer ſtralen,
Als ſie vor ihrem Falle geſtralt, und duͤrfen ſich zutraun,
Nicht zum zweytenmal noch ein ſolches Schickſal zu fuͤrchten.
Mich, obgleich ein billiges Recht, und des Himmels Geſetze
20
61 Mich im Anfang zu eurem Haupte geſchaffen, und nachher
Eure freywillige Wahl, und was ich in Rath und Gefechten
Sonſt noch um euch verdient; ſo hat doch dieſer Verluſt mich,
Da wir von ihm uns in ſo weit erholt, auf dem ſicheren Throne
Noch weit mehr befeſtigt; von keinem beneidet, mit aller
25
61 Voͤlligem Beyfall. Der gluͤckliche Zuſtand im Himmel, begleitet
Von erhabenen Wuͤrden, vermoͤchte jedes Geringern
Neid zu erwecken; allein wer wird hier dieſen beneiden,
Den die hoͤheſte Stelle, mich, eure Schutzwehr, am naͤchſten
Wider das Ziel des Donnerers ſetzt, und zum groͤßeſten Antheil
30
61 An der endloſen Pein verdammet? Wo alſo kein Gut iſt,
Ueber welches geſtritten kann werden, da wird von Partheyen
Auch kein Streit erwachſen. Jn Wahrheit, hier in der Hoͤlle
Wird wohl niemand den Vorzug verlangen; und wenn auch der Antheil
Seines itzigen Elendes noch ſo gering iſt, ſo wird doch
Nie -47Zweyter Geſang.
35
61Niemand mit ſtolzem Gemuͤthe nach groͤßerem Antheile geizen.
Mit dem Vortheil alſo der Einigkeit, und mit der feſten
Treu, und dem feſten ſtarken Verbuͤndniß, noch feſter und ſtaͤrker,
Als im Himmel ſeyn kann, ziehn wir itzt wieder zuruͤcke,
Unſer gebuͤhrendes Erbtheil, das uns von Alters her zukoͤmmt,
40
61 Wieder zu fordern; und ſind nun des gluͤcklichen Fortgangs gewiſſer,
Als wir im Gluͤcke vordem uns zu verſprechen vermochten.
Aber, ob ein offener Krieg, oder heimliche Liſten
Zu erwaͤhlen, koͤmmt itzt in Rath; wer rathen kann, ſpreche.
Satan endigte ſo. Der zepterfuͤhrende Koͤnig
d)So wie Homer ſagt II. I, 279. 〈…〉〈…〉.
d),
45
62 Moloch, der ſtaͤrkſte frecheſte Geiſt, ſo im Himmel gefochten,
Stand ſogleich nach ihm auf, itzt durch Verzweiflung noch frecher.
Voller Hochmuth verlangt er, dem Ewgen an Macht und an Staͤrke
Gleich geachtet zu werden; er hielt in der Wuth es fuͤr beſſer,
Gar nicht zu ſeyn, als geringer zu ſeyn. Mit dieſem Gedanken
50
62 Hatt er auch alle Furcht verlohren; er achtete nicht mehr
Weder auf Gott; noch die Hoͤlle, noch etwas aͤrgers; Er ſprach itzt.
Meine Meynung, ihr Goͤtter, ſie raͤth euch zum offenen Kriege;
Unerfahrner in Liſten, kann ich mit ihnen nicht prahlen.
Dieſe moͤgen drauf ſinnen, die noͤthig ſie haben; und, wenn ſie
55
62 Noͤthig ſie haben, nicht itzo, da hohe Thaten uns rufen!
Soll, indem ſie ſo nachſinnend ſitzen, der Reſt, Millionen,
Die in Waffen hier ſtehn, und mit Verlangen das Zeichen,
Wieder48Das verlohrne Paradies.
Wieder ſich aufzuſchwingen, erwarten, ſo muͤßig hier ſitzen
Als die Verjagten des Himmels, und eine ſchaͤndliche Hoͤle,
60
62 Dieſe ſinſtre Hoͤle der Schaam zur Wohnung annehmen,
Dieſen Kerker des maͤchtgen Tyrannen, der darum nur herrſchet,
Weil wir ſo zaudern? Nein! Laßt lieber uns alle bewaffnet
Mit der Wuth und den Flammen der Hoͤlle, den maͤchtigen Weg uns
Ueber die Thuͤrme des Himmels erſtreiten, und unſere Martern
65
62 Wider den Marterer ſelbſt, in ſcheußliche Waffen verwandeln;
Daß er an ſtatt des Getoͤſes von ſeinem allmaͤchtigen Werfzeug,
Hoͤlliſche Donner vernehm, und, ſtatt des leuchtenden Blitzes,
Schwarze Feuer und Graus erblicke, mit eben dem Wuͤten
Unter die Engel geſchoſſen; und ſeinen ſtralenden Thron ſelbſt
70
62 Mit tartariſchem Schwefel und fremdem Feuer vermiſcht
e)Vermiſcht iſt hier ſo viel als erfüllt, nach dem Lateiniſchen des Virgil Aen. II, 487. At domus interior gemitu miſe - roque tumultu Miſcetur. Aber der innre Pallaſt ward mit erbaͤrmlichen Klagen Und mit Seufzern vermiſcht. Pearce. Doch kann Milton das Vermiſchen auch im eigentlichen Verſtande ge - braucht haben, weil Belial gleich nach - her V. 140. ſagt. Die himmliſche Maſſe, die keine Flecken erduldet, wuͤrde bald ſiegend Von dem unedleren Feuer ſich ſaͤubern. Z.
e)ſeh;
Die von ihm ſelbſt erfundnen Plagen. Doch ſteil und beſchwerlich
Scheint vielleicht uns der Weg, mit aufwaͤrts gerichteten Schwingen
Einem maͤchtigen hoͤheren Feind entgegen zu ſtreben.
Dieſe moͤgen bedenken, wenn nicht der Schlummertrank itzt noch
75
63 Aus der Vergeſſenheit See die traͤumenden Sinnen benebelt,
Daß wir von ſelbſt nach eigner Bewegung zu unſerm Geburtsſitz
Wieder aufſteigen muͤſſen; herunter zu ſteigen, zu fallen,
Jſt49Zweyter Geſang.
Jſt uns zuwider. Wer hat nicht von uns noch neulich empfunden,
Als der grauſame Feind an unſern geſchlagenen Nachtrab
80
63 Siegend ſich anhieng, und weit uns durch die Tiefe verfolgte;
Wie wir mit Zwang und arbeitendem Flug ſo herunter geſunken?
Alſo iſt es uns leicht, hinaufzuſteigen. Der Ausgang
Wird gefuͤrchtet? Wofern wir unſern Staͤrkern aufs neue
Wider uns reizen, ſo moͤchte ſein Zorn noch ſchlimmere Wege,
85
63 Uns zu verderben, finden; Allein iſt hier in der Hoͤlle
Noch ein aͤrgers Verderben zu fuͤrchten? Was iſt wohl noch ſchlimmer,
Als hier zu wohnen, vertrieben von allem Gluͤck, und verdammet
Zu dem aͤußerſten Weh, in dieſer abſcheulichen Tiefe;
Wo uns Schmerzen und Pein in unausloͤſchlichem Feuer,
90
63 Ohn ein Ende zu hoffen, uns, ſeines Zornes Vaſallen,
Plagen, ſo oft als uns nur die unerbittliche Geißel,
Und die Stunde der Marter zu unſrer Zuͤchtigung fordert.
Mehr noch zerſtoͤrt, als wir itzo zerſtoͤrt ſind, wuͤrden wir voͤllig
Ausgeloͤſcht ſeyn und vergehn. Was fuͤrchten, was zweifeln wir alſo
95
63 Seinen aͤußerſten Zorn zu entzuͤnden? Er wird uns, entflammet
Jn dem hoͤheſten Grad, entweder voͤllig verzehren,
Und dies Weſen in Nichts verwandeln; fuͤr uns viel begluͤckter,
Als in ewigem Elend ein ewiges Weſen zu haben;
Oder iſt unſre Natur wahrhaftig goͤttlich, und kann ſie
100
63 Nicht aufhoͤren zu ſeyn, ſo kann uns nichts ſchlimmers begegnen,
Was wir nicht ſchon erfahren. Durch uͤberzeugende Proben
Fuͤhlen wir unſre Macht hinlaͤnglich, ihm ſeinen Himmel
Zu verwuͤſten, und ſeinen Thron, den das blinde Verhaͤngniß
GJhm50Das verlohrne Paradies.
Jhm gegeben, ſo ſicher er ſteht, mit beſtaͤndigem Anfall
105
63 Zu erſchuͤttern. Jſt dieſes nicht Sieg, ſo iſt es doch Rache.
Drohend endiget er, und ſeine Blicke verkuͤnd’gen
Rache voller Verzweiflung, und eine Schlacht voll Gefahren
Allen geringern, als Goͤtter. Mit einem mehr ſittſamen Anſtand,
Und mit ſanftern Geberden, erhub an der andern Seite
110
63 Belial ſich. Eine ſchoͤnre Perſon verlohr nicht der Himmel;
So geſtaltet ſchien er zu erhabnen wuͤrdigen Thaten.
Aber alles war leer und betriegriſch: So ſehr auch die Zunge
Manna traͤufelte; ob er auch gleich die verdaͤchtigſten Gruͤnde
Jn die beſten verwandeln konnte, die reifſten Entſchluͤſſe
115
63 Zu verwirren, und aufzuhalten; denn ſeine Gedanken
Waren niedrig, zum Laſter geſchwind, doch zu edleren Thaten
Furchtſam, und faul. Er wuſte jedoch den Ohren zu ſchmeicheln,
Und mit uͤberredenden Worten begann er alſo:
Jch auch wuͤrde zum offenen Kriege, verſammelte Goͤtter,
120
63 Rathen, indem ich an Haß gewiß nicht der letzte bin, wenn nicht
Eben der Hauptgrund, welcher uns ſoll zum Kriege bereden,
Mich zum Gegentheile beredte, voll uͤbeler Ahndung
Ueber den ganzen Ausgang; weil der, ſo in Thaten des Krieges
Es am hoͤchſten gebracht, in dieſes, was er uns anraͤth,
125
63 Und worinn er all uͤbertrifft, ein Mistrauen ſetzet;
Seinen muthgen Entſchluß allein auf Verzweifelung gruͤndet,
Und auf eine letzte Zernichtung, den einzigen Endzweck
Seiner51Zweyter Geſang.
Seiner ganzen Bemuͤhung, nach einiger grauſamen Rache.
Welche Rache? frag ich zuerſt. Die Thuͤrme des Himmels
130
63 Sind mit bewaffneten Wachen beſetzet, die undurchdringlich
Allen Zugang machen. Oft ſtehn am Ufer des Abgrunds
Jhre Legionen gelagert; mit einſamen Fluͤgeln
Eilen ſie tief in die Reiche der Nacht, als Kundſchafter, muthig
Allem Ueberfall ſpottend. Und koͤnnten wir unſeren Weg auch
135
63 Mit Gewalt uns eroͤffnen, und koͤnnte die ſaͤmtliche Hoͤlle
Unſern Fußſtapfen folgen, im ſchwaͤrzeſten Aufſtand, des Himmels
Reineſtes Licht zu beflecken, ſo wuͤrde doch unuͤberwindlich
Unſer großer Feind auf dem unbeſudelten Throne
Sitzen; die himmliſche Maſſe, die keine Flecken erduldet
140
63 Wuͤrde das Unreine ſchnell von ſich ſtoßen, und wuͤrde bald ſiegend
Von dem unedlern Feuer ſich ſaͤubern. Und ſo denn geſchlagen,
Jſt noch unſre letzte Zuflucht, Verzweiflung. Wir muͤſſen
Unſern allmaͤchtigen Sieger bewegen, auf unſere Haͤupter
Seinen ganzen Zorn zu verſchuͤtten; dies waͤre zuletzt noch
145
63 Alles, was wir verlangen, und unſre ganze Bemuͤhung,
Nicht mehr zu ſeyn! Betruͤbte Bemuͤhung! denn welcher von uns will
Dieſes denkende Weſen verlieren, ſo ſehr es auch leidet;
Dieſe Goͤttergedanken, die durch die Ewigkeit wandern,
Und zu vergehen lieber ſich wuͤnſchen, verſchlungen, verlohren,
150
63 Jn der unerſchaffnen Nacht unfruchtbarem Schooße;
Aller Empfindung beraubt, und aller Bewegung. Und wenn auch
Dieſes fuͤr uns das beſte ſeyn ſollte; wer weis denn, ob jemals
Unſer erzuͤrnter Feind uns dieſe Wohlthat erweiſen
G 2Kann52Das verlohrne Paradies.
Kann, oder will? Ob er kann, daran iſt billig zu zweifeln;
155
63 Daß er nimmer will, iſt gewiß. Wird Er, der Allweiſe,
Seinen Zorn, entweder aus Schwachheit, oder Verſehen,
Auf einmal, und ſo ſehr, auf unſere Haͤupter verſchuͤtten,
Daß er dadurch die Wuͤnſche von ſeinen Feinden erfuͤlle,
Und in ſeinem Zorn ſie zernichte; da eben ſein Zorn ſie
160
63 Zu unendlichen Strafen verſpart? Was zaudern wir alſo,
Sagen die, ſo zum Krieg uns rathen? Zu ewigen Schmerzen
Sind wir verurtheilt, beſtimmt, und aufgehoben, wir moͤgen
Thun, |was wir koͤnnen, und wollen; was koͤnnen wir mehr denn noch leiden,
Und was koͤnnen wir aͤrgers leiden! Jſt dies denn das aͤrgſte,
165
63 So zu ſitzen? ſo Rath zu halten? und ſo in den Waffen?
Was! indem wir erſchrocken dahinflohn, verfolgt und getroffen
Von des Himmls ſtrafendem Donner, und unten die Tiefe
Baten, uns zu bedecken: Da ſchien uns auch dieſe Hoͤlle
Eine Zuflucht vor jenen Wunden; und als wir gefeſſelt
170
63 Auf dem brennenden Abgrunde lagen; gewiß, das war aͤrger!
Oder wenn itzo der Athem, der dieſe grimmigen Feuer
f)Eſ. XXX, 33. Denn die Gru - be iſt von geſtern her zugericht tief und weit genug, ſo iſt die Wohnung darinnen, Feuer undHolz die Menge. Der Odem des Herrn wird ſie anzünden, wie ei - nen Schwefelſtrom. N.
f)
Anzuͤndet, wieder erwacht, und zu ſiebenfaͤltiger Wuth ſie
Anblaͤſt, und in die Flammen uns ſtuͤrzet; oder von oben
Jene blitzende Rechte der nachgelaſſenen Rache
175
64 Wieder von neuem ſich waffnet, um uns zu plagen? Wie, wenn ſie
Alle53Zweyter Geſang.
Alle Vorrathshaͤuſer eroͤffnet; und dieſes Gewoͤlbe
Seine Schleuſen voll Feuer herabſpeyt, (hangende Schrecken,
Die mit ſcheußlichem Fall einſt uͤber unſere Haͤupter
Niederzuſtuͤrzen, uns drohn;) und uns vielleicht, da wir eben
180
64 Glorreiche Feldzuͤg entwerfen, und muthig dazu uns ermuntern,
Von dem feurigen Sturm ergriffen, die Flammen hinabſtoͤßt,
Jeden an ſeinen Felſen geſpießt; das Spiel und die Beute
Reißender Wirbelwinde von Feuer; Oder auf immer,
Unter dem ſiedenden Meere verſenkt, in Ketten uns anſchließt,
185
64 Da Jahrhunderte lang, von denen kein Ende zu hoffen,
Unter immerwaͤhrendem Jammern in Pein zu vollbringen,
Unaufhoͤrlich, und unbedaurt und unnachgelaſſen;
Dies waͤr’| aͤrger! Drum kann ich, ihr Goͤtter, zum Kriege nicht rathen,
Weder zum offenen Kriege, noch zum verdeckten. Was kann denn
190
64 Wider Jhn Gewalt, oder Liſt? Wer kann den betriegen,
Welcher alle Dinge mit einem Blick uͤberſchauet?
Von den himmliſchen Hoͤhn ſieht, und verſpottet er
g)Pſ. II, 4. Aber der im Himmel wohnet, lachet ihr, und der Herr ſpottet ihr. N.
g) alle
Dieſe Bewegungen; eben ſo weiſe, die Anſchlaͤg und Raͤnke,
Die wir gemacht, zu vereiteln, als er allmaͤchtig iſt, ſiegend
195
65 Unſrer Macht ſich entgegen zu ſtellen. Doch ſollen wir alſo
So erniedriget leben, wir, das Geſchlechte des Himmels,
So zu Boden getreten, ſo ausgeſtoßen? und Ketten
Hier ertragen, und ſolche Martern? Nach meinem Ermeſſen
Lieber dieſe, denn aͤrgre; da uns ein eiſernes Schickſal
G 3Unter -54Das verlohrne Paradies.
200
65Unterwuͤrfig gemacht, und der Wille des Ueberwinders,
Ein allmaͤchtiger Rathſchluß. Wir haben zum Thun, und zum Leiden,
Gleiche Staͤrke; das harte Geſetz, ſo dies uns verordnet,
Jſt auch ungerecht nicht. Denn waren wir weiſe, ſo war es
Damals bereits beſchloſſen, als wir zu ſtreiten es wagten
205
65 Mit ſo einem maͤchtigen Feind; und der Ausgang des Krieges
So ſehr zweifelhaft war. Jch lache, wenn ſie, die ſo muthig
Auf ihr Speer ſich verlaſſen, ſobald es fehlet, erzittern,
Und ſo ſchrecklich das fuͤrchten, wovon ſie vorherſehen konnten,
Daß es erfolgen mußte; Verbannung, und Schmach, oder Ketten,
210
65 Oder Pein, der Ausſpruch des Ueberwinders. Dies iſt nun
Unſre Verdammniß; koͤnnen wir ſie ertragen und leiden,
Dann kann mit der Zeit ſich der Zorn des oberen Feindes
Um ein großes mildern; ſo ſehr entfernet, vergißt er
Uns vielleicht, wofern wir ihn nicht aufs neue beleid’gen,
215
65 Und iſt mit der Strafe, die itzo wir dulden, zufrieden.
Dieſes wuͤthende Feuer wird dann ſich legen, wofern nicht
Dieſe Flammen von ſeinem Athem angefacht werden.
Unſer reineres Weſen wird ihre ſchaͤdlichen Daͤmpfe
Ueberwinden, oder ſie auch, verhaͤrtet, nicht fuͤhlen;
220
65 Oder zuletzt veraͤndert, und zu dem Orte der Quaalen
Faͤhig gemacht an Art und Natur, die grauſame Hitze,
Voͤllig dazu gewoͤhnt, ohn alle Schmerzen empfinden.
Dieſe Schreckniſſe werden dann mild, und die Nacht wird uns Licht ſeyn.
Ohne was ſonſt noch fuͤr Hoffnung und Troſt der zukuͤnftigen Tage
225
65 Nimmerendende Flucht, und was uns Veraͤndrung und Zufall
Noch55Zweyter Geſang.
Noch erwarten laͤßt; da dies Loos zwar itzo nicht gluͤcklich,
Doch nur ſchlimm iſt; ſchlimm, doch nicht das ſchlimmſte, wofern wir
Selbſt nicht Urſach geben zu neuen und groͤßeren Schmerzen.
Belial rieth ſo mit Worten, die in das Gewand der Vernunft ſich
230
65 Eingekleidet, unedle Ruh, und friedvolle Faulheit,
Aber nicht wahren Frieden. Und Mammon ſprach nach ihm alſo:
Wir bekriegen entweder, wofern der Krieg zu erwaͤhlen,
Jhn zu entthronen, den Koͤnig des Himmels; oder wir ſuchen
Unſer eignes verlohrnes Recht aufs neu zu erobern.
235
65Jhn zu entthronen, moͤgen wir dann vergeblich nicht hoffen,
Wenn das ewige Schickſal dem unbeſtaͤndigen Zufall
Weichen wird, und das Chaos den großen Streit wird entſcheiden.
Eitel iſt es, das erſte zu hoffen, und eben ſo eitel
Jſt das letzte. Denn was fuͤr ein Platz kann fuͤr uns in des Himmels
240
65 Grenzen ſeyn, wenn wir nicht ihn, den oberſten Herrſcher des Himmels,
Ueberwinden? Geſetzt, in ſeinem Zorne beſaͤnftigt,
Boͤt er uns allen Vergebung an, wofern wir von neuem
Jhm Gehorſam verſpraͤchen; mit welchem Antlitze koͤnnten
Wir vor ihm gedemuͤthigt ſtehn, und die ſcharfen Geſetze
245
65 Von ihm empfangen; vor ſeinem Thron mit harmoniſchen Hymnen
Jhm zu feyern, und ſeiner Gottheit ſo manches gezwungne
Hallelujah zu ſingen, indem er, als unſer Beherrſcher,
Auf dem ſo beneideten Stuhle gebieteriſch ſaͤße,
Und von ſeinem Altar ambroſialiſche Duͤfte,
Und56Das verlohrne Paradies.
150
65Und ambroſialiſche Blumen die Luͤfte durchhauchten,
Unſre ſklaviſchen Opfer. Dies muͤßte das einz’ge Geſchaͤffte,
Unſer einzigs Vergnuͤgen im Himmel ſeyn. O wie verdruͤßlich
Waͤre die Ewigkeit nicht, die wir mit deſſen Anbetung
Zubringen muͤßten, den wir ſo haſſen! Laßt darum nicht laͤnger
255
65 Nach dem vorigen Stande der glaͤnzenden Knechtſchaft uns ſtreben.
Er iſt nicht mit Gewalt zu erlangen, und, eine Gnade,
Jſt er, auch ſelber im Himmel, nicht anzunehmen. Nein, lieber
Suchen wir unſer eigenes Heil in uns ſelber, und leben
Jn dem unſern, fuͤr uns allein; hier im wuͤſten Bezirk zwar,
260
65 Aber doch frey und unabhaͤngig. Laßt denn uns die Freyheit,
Harte Freyheit, dem leichteren Joche des ſklaviſchen Pompes
Herzhaft vorziehn. Unſere Groͤße wird dann ſich am hellſten
Zeigen, wenn wir aus kleinen Dingen erhabene Dinge,
Nutzen aus unſerem Schaden, und Gluͤck aus Ungluͤck erſchaffen;
265
65 Und, an welchem Ort es auch ſey, ſelbſt unter dem Ungluͤck
Herrlicher werden, und Ruh und Vergnuͤgen durch Arbeit und Leiden
Aus der Marter heraus wirken koͤnnen. Wie? fuͤrchten wir etwan
Dieſe tiefe finſtere Welt? Wie oft liebt des Himmels
Alles beherrſchender Herr in duͤſtern ſchrecklichen Wolken,
h)Nach Pſ. XVIII, 13. Sein Gezelt um ihn her war finſter, und ſchwarze dicke Wolken, dar - inn er verborgen war. Der Herr donnerte im Himmel, undder Herr ließ ſeinen Donner aus mit Hagel und Blitzen. Und nach Pſ. XCVII, 2. Wolken und Dunkel iſt um ihn her. N.
h)
270
66Ohne daß ſich ſein Glanz dadurch verdunkelt, zu ſitzen,
Und huͤllt ſeinen Thron in majeſtaͤtiſche Nacht ein.
Tiefe57Zweyter Geſang.
Tiefe Donner bruͤllen alsdann, und wuͤthende Blitze
Machen den Himmel aͤhnlich der Hoͤlle. Und wenn’s uns beliebet,
Koͤnnen wir nicht ſein Licht nachahmen, ſo wie er die Nacht uns
275
66 Nachahmt? Dieſer veroͤdete Boden haͤlt in ſich verborgen
Gold und Edelgeſteine; es fehlt uns an Kunſt nicht, Gebaͤude
Voller Pracht daraus zu errichten; und was kann der Himmel
Mehr-uns zeigen? Denn koͤnnen ſelbſt dieſe ſchmerzende Martern,
Durch die Zeit uns vielleicht zum Elemente geworden,
280
66 Und dies ſtechende Feuer ſo ſanft uns ſcheinen, ſo ſtreng es
Jtzo uns ſcheint; in ihre Natur kann unſre Natur dann
Sich veraͤndern, welches am meiſten von Pein und von Schmerzen
Alles empfindliche wegnimmt. Zu friedlichen Rathſchlaͤgen alſo,
i)Es ſind verſchiedne ſehr feine Zuͤge in dieſen Reden der hoͤlliſchen Geiſter, und in ihren verſchiednen Bewegungsgruͤnden, die ſie anfuͤhren, und die ſich vortrefflich zu jedes ſei - nem Charakter ſchicken, ob ſie gleich eigen lich von dem<