PRIMS Full-text transcription (HTML)
Gedancken Vom Einfluß der Seele in ihren Koͤrper.
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HALLE,Verlegts Carl Hermann Hemmerde1746.

Dem Hochedelgebohrnen, Hocherfahrnen und Hochgelahrten Herrn, Herrn Johann Juncker, der Artzneywiſſenſchaft Doctorn, und oͤffentlichen ordentlichen Profeſſorn auf der Koͤnigl. Preuß. Friedrichs. Univerſitaͤt, wie auch beruͤmten Practicus auf dem koͤniglichen Paͤ - dagogio und dem Waiſenhauſe zu Glaucha bey Halle, Meinem vornehmen und groſſen Goͤnner.

A aHoch -
Hochedelgebohrner, Hocherfahrner und Hochgelahrter Herr Pro - feſſor. Vornehmer und groſſer Goͤnner.

Die geringen Blaͤtter, welche Ew. Hochedelgebohrnenhier -hiermit gehorſamſt zu uͤberreichen, mir die Freyheit nehme, ſind von ei - ner ſolchen Beſchaffenheit, daß nie - mand, als Ew. Hochedelgebohr - nen beſonders daran Theil haben koͤnnen. Es iſt eine Vertheidigung der ſtahlianiſchen Grundſaͤtze, wel - che darin vorgetragen wird, und ich kan nach der Wahrheit nicht anders ſagen, als daß Ew. Hochedelge - bohrnen, durch DERO unermuͤde - ten Unterricht, das einige Mittel ge - weſen, wodurch ich das Gluͤck erlan - get habe, die Lehrſaͤtze dieſer vernuͤnf - tigen Meinung zu erlernen. Dieſes, und meine Ungewißheit, ob ich DE -A 3RORO Unterricht gehoͤrig gefaſſet, und in dieſer Schrift gegen die neuern Philoſophen gruͤndlich vertheidiget habe, ſind einige derer Urſachen, war - um ich mich unterſtehen koͤnnen, Ew. Hochedelgebohrnen dieſe Blaͤtter gehorſamſt zuzueignen. Ob mir gleich nichts angenehmer ſeyn wuͤrde, als wenn ich die Meinungen Ew. Hochedelgebohrnen in die - ſer Schrift richtig getroffen und er - klaͤhret haͤtte; ſo wuͤrde ich doch, im Fall des Gegentheils, nicht unter laſ - ſen koͤnnen, mich gluͤcklich zu ſchaͤtzen, indem ich verſichert waͤre, daß DE - RO gewoͤhnliche Guͤtigkeit zurei - chend ſeyn wuͤrde, mich auf die ange - nehmſte Weiſe meiner Jrrthuͤmer zu uͤberfuͤhren, und eines beſſern zu be -leh -lehren. Jch ſage, ich wuͤrde mich auch in dieſem Falle gluͤcklich ſchaͤtzen koͤn - nen, indem ich nicht allein hierdurch Gelegenheit bekaͤme, meine Fehler zu verbeſſern, ſondern auch uͤberdem die ſtahlianiſche Lehre mit deſto mehr Zuverſicht behaupten koͤnte, je gewis - ſer ich wuͤſte, daß ich alles recht einſaͤ - he und beurtheilete. Ja, wenn auch alles dieſes, wovon ich ietzo geredet nicht alſo waͤre; ſo wuͤrde ich dem ohn - geachtet Gruͤnde genug finden, die Kuͤhnheit zu entſchuldigen, welche mich verleitet Ew. Hochedelge - bohrnen dieſe Schrift gehorſamſt zu uͤberreichen. Waͤren SJE, Hoch - zuehrender Herr Profeſſor, vor vielen andern, welche ſolche Ge - lehrſamkeit und dergleichen Verdien -) (4ſte,ſte, als man bey JHNEN iederzeit antrift, beſitzen, nicht ein Feind derer - ienigen, welche DERO nicht geringe Vollkommenheiten in JHRER Ge - genwart ruͤhmen, und waͤre auch ich im Stande davon einen wuͤrdigen Ab - riß zu machen; ſo wuͤrde ich mich da - durch genugſam entſchuldiget haben; indem mir Ew. Hochedelgebohr - nen ſelbſt nicht verdencken wuͤrden, daß ich theils dieſer Schrift, durch Vorſetzung eines ſo groſſen und be - ruͤhmten Nahmens ein Anſehen zu ge - ben, theils aber auch DERO unſchaͤtz - bare Gewogenheit mir hierdurch auf einige Weiſe zu erwerben ſuchte. Al - lein dieſes iſt die Urſach, warum ich weder DERO groſſen Verdienſte, beſonders um die Artzneywiſſenſchaftundund Republick, noch auch dieienigen vielen Wohlthaten hier zu erzaͤhlen mir vornehmen kan, welche SJE meiner geringen Perſon auf unzaͤhli - ge Arten erzeiget haben. Jch erkenne die Groͤſſe meiner Verbindlichkeit, und bitte mir zugleich gehorſamſt aus, mich DERO unſchaͤtzbaren Ge - wogenheit fernerhin guͤtigſt zu wuͤr - digen. Wofern ich dieſes von DERO Guͤtigkeit zu erbitten im Stande bin, werde ich unter einem ſo anſehnlichen Schutze, die Anfaͤlle dererienigen mit ruhigen Hertzen verlachen koͤnnen, welche ſich vielleicht wegen dieſer Blaͤtter, mit groſſen Eifer wider mich ruͤſten moͤchten, denn ich werde auf keine Weiſe gluͤcklicher ſeyn, als wenn ich mich iederzeit mit geziemenderA 5Ehr -Ehrfurcht zu nennen, die Ehre haben kan,

Hochedelgebohrner, Hocherfahrner und Hochgelahrter Herr Pro - feſſor Ew. HochedelgebohrnenHalle den 1 May 1746.gehorſamſt verbundenſten Diener Johann Auguſt Unzer.

Vorrede.

Jch handele in dieſer Schrift eine Materie ab, davon ich ſelber noch einigermaſ - ſen zweifelhaft bin, ob es rathſamer ſey, ſich in eine genaue Un - terſuchung derſelben einzulaſſen, oder ſich deſſen zu enthalten. Was iſt wohl denen Gelehrten iemals ſo theuer zu ſtehen gekommen, als die Unterſuchung des Weſens der Sele, und des Grun - des ihrer Veraͤnderungen? Man uͤber - lege nur die muͤhſamen Beſchaͤftigun - gen derer Gelehrten, die Pluͤnderung der Sprachen, den Zwang der Fanta - ſie, und oͤfters die Hintanſetzung dernatuͤr -Vorrede. natuͤrlichen Vernunft, um der Sele einen wuͤrdigen Zunahmen beyzulegen. Was hat es vor Satyren, was vor Wiederlegungen, was vor Beantwor - tungen und Erklaͤrungen hat es nicht gekoſtet, um einige Leute zu uͤberreden, daß die Sele ein Geiſt ſey, andern zu verſichern, ſie ſey eine Materie, noch andern die Eigenſchaften einer Monade an ihr zu ruͤhmen, und denen letztern ein, ich weiß nicht was vor ein Weſen von ihr zu beſtimmen, indem man ihr einen griechiſchen Nahmen gegeben. Dieſes iſt noch lange nicht alles. Ei - nige welchen die Schwaͤchlichkeit ihrer Sele nicht unbekand war, ſetzten ihr einige Bediente bey, um ihre Regie - rungsſorgen mit ihnen theilen zu koͤn - nen. Und was iſt endlich viel davon zu ſagen? Wir wiſſen, daß es noch heut zu Tage Dualiſten, Jnfluxioni - ſten, Materialiſten und dergleichen Selenkenner mehr gebe, welche ſich noch ietzo in denen Haren liegen, und deren Streit wol in den naͤchſten zehen Jahren nicht beygelegt werden duͤrfte. ManVorrede. Man darf ſich aber uͤber dieſe Uneinig - keit nicht wundern. Die kriegeriſchen Zeiten in der Selenlehre haben gewiſſe Anſpruͤche auf den Character eines wahrhaften Philoſophen zum Grunde, welche ſich kein Gelehrter wird aus den Haͤnden winden laſſen. Man weiß, daß ein aͤchter philoſophiſcher Kopf dieſen Nahmen nicht verdienen wuͤrde, ſo bald er etwas glaubte, das er ſaͤhe und ſo lange er ſich nicht bemuͤ - hete, dasienige zu errathen, was ſeinen Augen verborgen iſt. Der Character eines Weltweiſen iſt viel zu reizend, als daß man ſich uͤberreden ſolte, von dieſem Geſetze abzuweichen. Daher wird man finden, daß die meiſten Phi - loſophen einen Eckel an der Artzney - wiſſenſchaft und Naturlehre haben. Wer kan ihnen auch dieſes alles ver - dencken. Die niedertraͤchtigen Be - ſchaͤftigungen der Artzneyverſtaͤndigen und Naturforſcher, zweyer Arten von Leuten, welche nur ihren Fleiß auf die Unterſuchung derer Koͤrper, ſolcher Dinge wenden, welche ſie ſehen koͤn -nen,Vorrede. nen, gehoͤren nicht unter die erhabenen Bemuͤhungen derer uͤbrigen Weltwei - ſen. Wo findet man in der Naturleh - re wohl einen einzigen ſo ſubtilen Be - grif, den nicht ein nur geſunder natuͤr - licher Verſtand faſſen koͤnte? Wo hoͤ - ret man daſelbſt von lauter allerklein - ſten Kraͤften, von Geſichtspunkten derer Monaden, von einfachen Sub - ſtantzen, von Einfluͤſſen und Harmo - nien ein Wort reden. Das ſubtileſte, womit ſich ein Naturforſcher abgiebt, ſind Muskeln, Adern, Nerven, von Thierchen, deren ſich viele tauſend in dem Raume eines einzigen Sandkoͤrn - chens auf halten koͤnten. Aber alles dieſes ſind noch nicht Begriffe von der feinſten Art, und dieſes iſt ſchon hin - reichend, ein Mißverſtaͤndniß unter dieſen Gelehrten anzurichten. So viele Verdrießlichkeiten verurſachet ſchon das Weſen der Sele allein, und dennoch iſt noch nichts von denen Ver - aͤnderungen der Sele ſelbſt geſagt wor - den. Man bediene ſich der Vorſicht, und laſſe das Weſen der Sele unent -ſchie -Vorrede. ſchieden. Man laſſe einen Materiali - ſten von ſeinen Nerven und einen Har - moniſten von ſeinen Monaden halten, was ihnen gefaͤlt, wird man etwan nun mit der Sache zu Ende ſeyn? Keinesweges. Ob ich gleich in dieſer Schrift alle Behutſamkeit angewen - det, das Weſen der Sele nicht zu be - unruhigen, ſo habe ich dennoch das ver - drießliche Diſputiren nicht von mir ab - lehnen koͤnnen. Jch haͤtte mich bey - nahe abſchrecken laſſen, an den Grund einer Veraͤnderung in meiner Sele zu dencken, weil ich bey ieden neuen Ein - falle, den ich davon hatte, ſo viel Wie - derleger auf mich zurennen ſahe, daß ich gantz zweifelhaft gemacht wurde, ob nicht die Natur unſre Sele bloß darum gemacht habe, damit niemand vergeſſen ſolte, daß die Kraͤfte unſrer Erkenntniß Schrancken haͤtten, und daß man dieſelben zu uͤberſchreiten ſich niemals bemuͤhen duͤrfte, ohne zu be - fuͤrchten, auf die allerempfindlichſte Weiſe wegen dieſes Vergehens an ihr gerochen zu werden. Die Menſchenver -Vorrede. verrathen ſo viel Unwiſſenheit in nuͤtz - lichen und ſo viel Wiſſenſchaft in un - nuͤtzlichen Dingen, daß es das Anſehen hat, als dienten ſie nur darzu, die Natur mit ihren Handlungen zu ergoͤ - tzen. Die allermeiſten Beſchaͤftigun - gen der Gelehrten beſtehen nur allein in Wiederlegen und Erfinden. Sie wiederlegen alte Meinungen um neue erfinden zu koͤnnen, und erfinden Neuigkeiten, um in kurtzen wiederum wiederlegt zu werden. Man beſinne ſich nur auf die Bemuͤhungen eines Carteſius, eines Leibnitz und anderer, deren Nahmen bey uns ſo viel Aufſe - hen verurſachen. Jener wiederlegte die Jnfluxioniſten, er erfand die Mei - nung derer Occaſionaliſten, und alſo konte es nicht fehlen, daß ihn die Harmoniſten wiederum wiederlegten. Vom erſten Anfange der Gelehrſam - keit iſt dieſes Verfahren Mode gewe - ſen, und man kan derohalben gewiß glauben, daß eine neue Meinung ihre Wiederleger finde, ſo bald ſie etwas alt geworden iſt, Bey ſo geſtaltenSachenVorrede. Sachen darf man ſich nicht Hofnung machen, bey denen Nachkommen be - ſtaͤndig in guten Credit zu bleiben. Man kan Beweiſe des phyſicaliſchen Einfluſſes, des Occaſionalismus, man kan auch Beweiſe der vorherbeſtimm - ten Harmonie ſchreiben. Man wuͤrde aber den Nahmen eines Gelehrten nicht mit Recht verdienen, wenn man ſich uͤberreden wolte, nicht wiederleget werden zu koͤnnen. Es ſcheinet, als ob ſich die Einſichten der Menſchen mit denen Jahrhunderten veraͤnder - ten: und wenn man dieſes gewiß wuͤ - ſte, ſo thaͤte man nicht uͤbel, wenn man zu einem ieden neuen Beweiſe ei - ner Meinung hinzuſetzte, auf welches Jahrhundert er eingerichtet waͤre. Doch dieſe Vorſicht wolte ich nicht ein - mal einen ieden rathen. Da ietzo alle Wiſſenſchaften ſteigen, ſo koͤnte es auch wohl geſchehen, daß man in der Kunſt zu wiederlegen eine groͤſſere Fer - tigkeit erhielte, und auf dieſe Weiſe daurete wohl mancher Beweis kein gantzes Jahrhundert hindurch. JchBſageVorrede. ſage nicht zu viel, denn wir haben un - ter denen Gelehrten ſchon hiervon eini - ge Proben. Die Jdealiſtiſchen, die Egoiſtiſchen, und andre Meinungen mehr, haben denen Gelehrten manche Erfindung gekoſtet: allein dieſe haben nicht viel laͤnger in Flor geſtanden, als etwan ihre Erfinder gelebt haben. Wie viele Hirngeburten ſind nicht in ihrer erſten Kindheit wider dahin ge - ſtorben, deren Eltern ſelbſt die Lei - chenpredigten daruͤber halten muͤſſen. Es mag wohl eine groſſe Ueberwin - dung darzu gehoͤren, in ſolchen Trau - erfaͤllen gleichguͤltig zu ſeyn, und den - noch habe ich mir ſagen laſſen, daß unter denen Gelehrten nichts gemei - ner ſeyn ſolte, als eben dieſes. So wenig es ietzo Mode iſt, daß die Men - ſchen viele Jahrhunderte hindurch le - ben, eben ſo wenig ſoll man dieſes von denen Schriften derer Gelehrten behaupten koͤnnen. Jch weiß wohl daß Euclides noch ietzo lebet, und daß auch Neuton ſo bald nicht ſterben werde. Allein mit dieſen hat es einegantzVorrede. gantz andre Beſchaffenheit. Euclides und Neuton waren nicht ſo wol Phi - loſophen, als vielmehr Mathematick - verſtaͤndige. Die Mathematick aber fuͤhret eine ſo gute Diaͤt, daß ſie im - mer bey ihren alten Gewohnheiten bleibt, weil ſie dieſelben einmal ihr dienlich befunden. Daher kommt es, daß ſie ſich ſo lange hinbringt, ohne zu vergehen, und ich glaube, daß ſie ewig leben werde, da ſie ein Geheim - niß beſitzt, allen Wiſſenſchaften vor dem Verfalle zu helfen, wenn ſie ſich nur bey ihr Raths erholten. Dieſe Univerſalartzney beſchuͤtzet ſie vor al - len Zufaͤllen, und dieienigen Men - ſchen ſind weiſe und ehrwuͤrdig, welche ſuchen ihre Wiſſenſchaften, durch das - jenige Mittel, welche ſie nur bey der Meßkunſt allein finden koͤnnen, auf - recht zu erhalten und hoͤher zu treiben. Gleich wie ich nun von derienigen Leh - re, die in gegenwaͤrtigen Blaͤttern vorgetragen wird, nichtsweniger be - haupten kan, als daß ſie die Mathe - matick zu ihrem Leibartzte haͤtte; ſoB 2mußVorrede. muß ich beynahe befuͤrchten, ſie werde mit denen uͤbrigen Meinungen in die - ſer Sache, gleiches Schickſal erfahren. Dieſes koͤnte mir nun eben ſo etwas ungluͤckliches nicht ſeyn, denn ich wer - de es nur ſagen, daß mir die Art zu Dencken derer Philoſophen gefalle. Jch habe wiederlegt, ich habe erfun - den: was fehlet mir weiter, als einen Nachfolger zu haben, der mich wie - derlegt und etwas neues erfindet, um mit denen Philoſophen einerley Schick - ſal zu haben. Weil ich aber doch eine Meinung behaupte, welche einigen Philoſophen gantz ungereimt vor - kommt; ſo muſte ich befuͤrchten, man werde mir aus andern Gruͤnden, die Gleichheit meines Schickſahls und ie - ner ihres abdiſputiren. Dieſes habe ich aus den Bewuſtſeyn derer vielen uͤberhaͤuften Geſchaͤfte ſolcher Per - ſonen vor etwas unbilliges von mir gehalten, wenn ich ihnen dieſe Muͤhe machen ſolte. Jch habe es demnach ſelber gethan. Jch habe eine alte Meinung vorgetragen; aber ich ver -muth -Vorrede. muthe, daß ſie dieienigen vor etwas neues halten werden, welche ſie noch nicht kennen. Alſo habe ich in ver - ſchiedenen Abſichten, etwas neues und zugleich etwas altes geſchrieben. Die - ienigen, deren Beruf es erfodern wird, werden mich zu wiederlegen ſu - chen, und wenn ſie dieſes als Philo - ſophen thun wollen, ſo muß die Mei - nung noch als etwas neu von ihnen angeſehen werden, denn es waͤre in Wahrheit nicht philoſophiſch, wenn man mich in ſo fern wiederlegen wol - te, als ich etwas altes behauptete. Man wuͤrde dadurch dieienigen belei - digen, welche durch Wiederlegung dieſer Meinung und durch Erfindung einer neuen, in den erſtern Jahren, als iene anfing etwas alt zu werden, ſich den Nahmen eines Philoſophen erworben haben. Da ich nun den al - ten Jnfluxionismum in dieſer Schrift auf eine ſolche Art behaupte, welche bisher noch nicht bekandt geweſen zu ſeyn ſcheinet; ſo wird man wiederle - gen muͤſſen, daß dieſe Meinung neuB 3ſey.Vorrede. ſey. Hierdurch lehne ich den Vor - wurf ſelbſt von mir ab, daß ich zu - gleich wiederlegt und etwas neues er - funden haͤtte, und folglich wird es ohnedem klar ſeyn, daß ich mich noch nicht zu einen ſolchen Philoſophen wie - derlegt habe, als wie es ietzo Mode iſt. Wie gluͤcklich wuͤrde ich ſeyn, wenn dieſes geſchaͤhe! Meine Mei - nung, welche ſchon ſo alt iſt, wuͤrde ſcheinen etwas von demienigen Ge - heimniſſe zu wiſſen, deſſen ſich die Ma - thematick bedient, um ihr Leben zu erhalten. Ob es nun gleich nicht an dem waͤre, ſo waͤre doch dieſer Jrr - thum recht erwuͤnſcht vor mich; und ich wuͤrde nimmermehr ſuchen, da - durch ein neuer Philoſoph zu werden, daß ich iemanden dieſen Jrrthum wie - derlegte, und ihn zugleich des Gegen - theils verſicherte. Jndeſſen kan man doch aus dieſem allen ſehen, warum ich im Anfange dieſer Vorrede geſagt habe, daß ich zweifelhaft geweſen waͤ - re, ob es rathſam ſey, vom Einfluß der Sele in den Koͤrper ſeine Gedan -ckenVorrede. cken oͤffentlich der Welt mitzutheilen. Auf einer Seite muſte ich befuͤrchten, man wuͤrde hierbey Gelegenheit ſuchen ein Philoſoph zu werden, oder mich zu wiederlegen. Auf der andern Sei - te hingegen, wuſte ich wiederum, daß ich nichts neues geſchrieben, ſondern nur das alte etwas bekandt gemacht und erklaͤret haͤtte. Zudem ſo macht auch nur den wenigſten Theil dieſer Schrift, dieſe Wiederherſtellung des Jnfluxionismus aus. Hingegen der Beweis, daß die Sele in ihren Koͤr - per wuͤrcke, nimmt darin einen ziem - lich groſſen Platz ein. Denenienigen, welche dieſen Satz laͤugnen, habe ich allerley Schuld gegeben, was ſie als - denn auch laͤugnen muͤſten. Nicht als wenn ſie z. E. wuͤrcklich laͤugneten, die Sonne ſey die Urſach des Lichts, ſondern, daß ſie es laͤugnen muͤſten, wenn ſie eigentlich wuͤſten, was ſie be - haupteten. Es wird mir gar nichts unerwartetes ſeyn, wenn man dem - ohnerachtet bey der gegenſeitigen Mei - nung bleibet. Es iſt heut zu TageB 4eineVorrede. eine Schande vor einen Gelehrten, wenn er ſagen ſollte: ich habe geirret; und ſolte ietzo Dolaͤus noch leben, ſo wuͤrde er nicht umhin koͤnnen, Schluß auf Schluß zu haͤufen, und endlich mit vieler Verſchwendung der ſyllogi - ſtiſchen Kunſtwoͤrter, den Lehrſatz hin - ten nach zu ſetzen: Alſo hat die Sele einen griechiſchen Nahmen, und die Ehre ihrer Hofſtadt iſt gerettet. W. Z. E. W. Ob ich nun gleich nicht ver - muthe, daß dieſe Schrift unter denen Gelehrten viel Aufſehens machen wer - de; ſo koͤnte es doch ſeyn, daß man wieder dieſen Beweis einige Einwen - dungen zu machen haͤtte. Solten ſie von ſolcher Erheblichkeit ſeyn, daß es der Muͤhe werth waͤre, ſie zu beant - worten; ſo werde ich mir ein Vergnuͤ - gen daraus machen, meinen Beweis ſo viel mir moͤglich ſeyn wird, dawie - der zu retten. Jm Fall des Gegen - theils werde ich meines Erachtens wol thun, wenn ich ſchweige, und dieſen Vorſatz habe ich hiedurch bekandt ma - chen wollen. Jch weiß eben nicht, oberVorrede. er vor mich ſelber allzuvortheilhaft ſeyn moͤchte. Viele die dieſe Schrift nicht geleſen haben, werden mehr daran auszuſetzen haben, als die ſo ſie verſtehen, und andre welche ſie et - wan nicht verſtehen, werden ihr un - partheiiſches Urtheil mir auch nicht vorenthalten koͤnnen. Gegen alle die - ſe werde ich mich nicht verantworten duͤrfen. Aber gewiß! wenn ich nur auf die vernuͤnftigen Beurthei - lungen antworten werde, ſo muß ich befuͤrchten, daß mich nicht wenige meiner Beurtheiler vor ſtumm und taub halten werden. Ueberdem habe ich mir auch vorgeſetzt, denenienigen gar nicht zu antworten, welche mir gegen die Vertheidigung der ſtahlia - niſchen Lehre etwas einwenden ſol - ten. Jch habe ſie weder erfunden, noch in dieſer Schrift ordentlich er - wieſen. Man leſe die vortreflichen Schriften, des groſſen Stahls und unſers unvergleichlichen Herrn Profeſſor Junckers, wenn man darin weiteren Unterricht braucht. B 5WieVorrede. Wie ich alſo leicht ſchlieſſen kan, wird mir wol gar wenig zu weiterer Vertheidigung auszuſetzen, uͤbrig bleiben. Jch wuͤnſche daher nichts weiter, als daß man mich entſchul - dige, weil ich eine ſo lange Vorrede geſchrieben habe.

Meier[1]

Meier in der Vorrede zur Abbildung eines Kunſtrichters.

Nur kleine Geiſter nehmen es uͤbel, wenn ſie nicht einen durchgaͤngi - gen Beyfall von andern erhal - ten.

§. 1.

Ehedem war die Mode unter denen Ge - lehrten eingeriſſen, daß man eine Sa - che, welche etwas geheimnißvoll zu ſeyn ſchien, mit ſolchen Worten erklaͤrete, die nicht von jedermann verſtanden werden konten. Dieſe Mode war eben nicht zu verachten. Man brachte denen Ungelehrten einen hohen Begrif von denen Gelehrten bey, ſo daß dieſe vor iener Augen wie Goͤtter erſchienen, welchenicht2nicht wuſten daß ihre Gehirne nur mit Wor - ten erfuͤllt waͤren, und ſie uͤbrigens mit ihnen einerley Gaben haͤtten. Wo ich mich nicht irre, ſo wird die heutige Geringſchaͤtzung der Gelehrſamkeit am meiſten davon herruͤhren, daß man dieſen Kunſtgrif nicht beybehalten hat. Wer wuͤrde wohl ietzo den Dolaͤus vor einen Comoͤdianten unter denen Gelehrten anſehen, wenn dieſe Kunſt noch bey ihnen herrſchete? Allein, es iſt nun ein vor allemahl nicht, und ich werde wol am beſten thun, wenn ich die Parthey der neuern erwaͤhle. Dolaͤus, dieſer Dolaͤus, welcher in der That die Geiſterlehre ſehr hochgetrieben hat, war einer von denenie - nigen, die die Begriffe haſſen und die Nah - men lieb haben. Er verbeſſerte die innre Ein - richtung des Menſchen dadurch, daß er die Nahmen vieler Arten von Selen erdachte, wel - che ſich in dem menſchlichen Koͤrper bemuͤhe - ten, eine recht weiſe Einrichtung zu machen, und die alleſammt Unterthanen eines Monar - chen waren. Wir haben von dieſer Einrich - tung keinen weitern Nutzen, als eine Menge recht praͤchtiger Nahmen, welche vielleicht ohne dieſelbe unbekandt geblieben waͤren. Micro - cosmetor, war der Monarch von den wir ietzo reden; ſein Bedienter war der ſo in dem Hertzen ſein Regiment fuͤhrete, und Cardime - lech hieß. Ein andrer hieß Cosmetorges, der ſo die Speiſen verdauete, nennte ſich Ga - ſteranax und Bithnimalca, und der wertheNah -3Nahmen desienigen, der die Vermehrung der Welt beſorgte, war: Rachamalca. Doch hat ſich Dolaͤus nicht allein Muͤhe gegeben, der Sele einen Nahmen zu geben. Noch ehe man von denen Monaden etwas wuſte, war die Sele bald eine Flammula vitalis bald ein Humidum innatum, und ich weiß nicht was noch ſonſt. Dieſe Verwirrung iſt groß genug, und daher muß man ihren Erfindern verbunden ſeyn, daß ſie ſich nicht noch mehr Muͤhe gegeben, dieſelbe hoͤher zu treiben. Wir wiſſen von dem allen nichts, wovon ſie uns mit ſo viel Worten unterrichtet. Niemand hat das Gluͤck den Microcosmetor zu ken - nen, ob man gleich weiß, daß er ſeinen Nah - men hat. Jch ſage dieſes nicht, um die Er - finder ſolcher Weisheit zu tadeln. O nein! es iſt mir mehr als zu wohl bekandt, daß ſie nichts weiter gethan haben, als was noch taͤglich ge - ſchicht. Ohnerachtet Microcoometor nicht mehr lebt, und ohnerachtet ſein Nachfolger den Nahmen einer Monade, einer Sele, eines Archaͤus und dergleichen mehrere bekommen hat; ſo kennen wir die Perſonen dieſer Nah - men eben ſo wenig, als die alten dieſen ihren Monarchen. Das macht, wir muͤſſen dieſes als ein Hauptgeſetz in der Lehre von der Er - kenntniß des Weſens unſrer Sele, anſehen, daß das Weſen derſelben von uns auf keine Weiſe vollkommen erkennet und begriffen wer - den mag. Weil uns die Nahmen der Selennichts4nichts koſten, ſo koͤnnen wir derſelben ſo viele beylegen, als uns gefaͤllt; allein eben darum, weil ſie ſo wohlfeil ſind, wird man ſich nicht viel beſonderes davon verſprechen koͤnnen. Mei - nethalben koͤnte die menſchliche Sele, Archaͤus, Microcosmetor oder Monade heiſſen, das eine wuͤrde mir ihre wahre Beſchaffenheit ſo wenig entdecken, als das andre. Wenn wir die Materialiſten ausnehmen, ſo behauptet ie - dermann, daß die Seele ein Geiſt ſey. Allein es muß Grade in der Geiſtigkeit geben, weil es Leute giebt, welche zwar mit Gewißheit glauben, daß die Sele ein Geiſt ſey: die aber demohngeachtet nicht zugeben wollen, daß man ſie eine Monade nennen ſoll. Was mich be - trift, ſo ſoll es mir einerley gelten, man mag die Sele halten, wovor man will. Meine Gedancken von dem Einfluſſe der Sele in ih - ren Koͤrper ſollen alſo beſchaffen ſeyn, daß ſie einer Monade eben ſo wohl, als einem Ar - chaͤus zu kommen. Jch will zum voraus ſe - tzen, daß wir alleſammt dencken: und dasie - nige Ding, welches in uns iſt und Vorſtel - lungen hat, ſoll eine Sele heiſſen. Dieſe Er - klaͤrung hat einen ziemlich weiten Umfang, allein weil ich nicht ſehe, warum ich das We - ſen der Sele genauer beſtimmen muͤſte: ſo will ich lieber die Streitigkeiten in dieſer Sa - che vermeiden. Dieſes wird ohne Zweifel de - nenienigen wunderlich vorkommen, welche glau - ben, daß ich in dieſer Materie, die ich abzu -handeln5handeln gedencke, gar nichts entſcheiden koͤn - te, ohne vorher das Weſen der Sele genau genug beſtimmt zu haben. Aber hiervon kan ich mich nicht uͤberreden. Man wuͤrde, wenn ich auch meine Saͤtze noch ſo genau erwieſen haͤtte, mir dennoch vorwerffen koͤnnen, daß dieſes alles nur wahr waͤre, wenn unſre Sele dasienige Ding waͤre, wovon ich es glaubte, und worauf ich meine Saͤtze gegruͤndet. Das Weſen der Sele wird demnach hier von mir verſchonet bleiben; allein ich werde demohn - erachtet Gelegenheit finden, vieles von dem Einfluß der Sele in ihren Koͤrper zu ſagen und theils zu erweiſen.

§. 2.

Die vielen Weſen der Sele, die vorherbe - ſtimmten Harmonien, die phyſicaliſchen Ein - fluͤſſe, die Lehrgebaͤude der Mechaniſten und Occaſionaliſten, auch ſo gar die Microcosme - tors und Monaden, haben wir alleſammt einer gewiſſen Begierde der Gelehrten zu dancken, die ſie angetrieben hat zu erforſchen, was doch wol der Grund von der ſo genauen Verbin - dung derer Veraͤnderungen der Sele mit denen in dem Koͤrper ſeyn moͤge. Eine ſo ruͤhmliche Begierde war vermoͤgend die gantze gelehrte Welt zugleich zu beſchaͤftigen, zu veruneinigen und laͤcherlich zu machen. Heut zu Tage ſcheinet dieſer Entzweck nach und nach weg - zufallen, denn man bemuͤhet ſich ietzo nicht ſo wohl den wahren Grund dieſer Vereinigungzu6zu finden, ſondern man bekennet ſich zu einer derer herrſchenden Partheyen, und rechnet die - ſes mit zur Galanterie. Einige Stahlianer, wiſſen weiter nicht warum ſie ſich zu dieſer Leh - re bekennen, als damit ſie dieienigen laͤſtern moͤgen, welche ihres Glaubens nicht ſind. Wiederum weiß ich auch, daß viele Harmo - niſten nur darum Harmoniſten ſeyn wollen, weil es ietzo Mode iſt, daß derienige nur den Nahmen eines rechten Philoſophen verdienet, welcher nichts vor ſich findet als einen hauffen Monaden die beſtaͤndig ihren Geſichtspunct veraͤndern, er mag anſehen was er will. Die - ſer Misbrauch hebet indeſſen doch den rechten Gebrauch der Sache nicht auf. Schon die Bemuͤhung, dieſes Geheimniß zu errathen, iſt lobens werth, und ſelbſt die Jrrthuͤmer, wel - che dabey vorfallen, ſind nuͤtzlich. Haͤtte Do - laͤus nicht an ſeine Selenrepublick gedacht; ſo waͤre ohnfehlbar dieſe luſtige Erfindung in un - ſern Zeiten an den Tag gekommen, und wir ſind dieſen Manne vielen Danck ſchuldig, daß er uns zu dieſem Gluͤck nicht verholfen hat. Allein man muß es bey denen Fehlern derer Gelehrten nicht bewenden laſſen; ſondern man muß auch dieſelbigen zu verbeſſern ſuchen. Hier - in ſind des Cartes, Leibnitz und andre mehr zu loben, welche durch ihre Bemuͤhungen die - ſen edlen Vorſatz ſattſam verrathen haben. Und ob ich gleich glaube, daß ſich bey denen Erfindungen beyder noch einiges einwendenlaſſe,7laſſe, ſo wird doch alles dieſes ihrem Ruhme keinen Abbruch thun. Dieſes iſt eben das Verderben, daß neue Meinungen nie unange - fochten bleiben. Es iſt kein groͤſſeres Ver - gnuͤgen, als die Verſchiedenheit derer Mei - nungen, welche nur allein von dem Weſen der Sele und ihrer Uebereinſtimmung mit dem Koͤrper erſonnen worden ſind, zu bedencken: denn man findet gewiß dabey mehr laͤcherliches, als der Werth der Sache beynahe erlaubet. Jch kan nicht umhin die verſchiedenen Mei - nungen in dieſer Sache meinen geehrteſten Leſern mitzutheilen, zumal da ſie mir Gele - genheit geben werden, meinem Vorſatze ein Genuͤgen zu thun, und ihnen mein Glaubens - bekenntniß von der Art des Einfluſſes der Se - le in den Koͤrper zu eroͤfnen. Die Meinungen die ich ietzo anzufuͤhren willens bin, ſind in An - ſehung des Entzwecks, warum man ſie erdacht hat, verſchieden. Die Egoiſten, Jdealiſten und Materialiſten haben es nur allein mit dem Weſen der Sele zu thun. Hingegen die Occaſionaliſten, Harmoniſten und Jnflu - xioniſten bekuͤmmern ſich mehr um den Grund der Uebereinſtimmung derer Veraͤnderungen des Koͤrpers und der Sele. Jch will mit de - nen erſtern den Anfang machen.

§. 3.

Die Egoiſten und Jdealiſten haben vor gut befunden, die Wuͤrcklichkeit aller Koͤrper zu laͤugnen. Unter beyden aber iſt doch die Mei -Cnung8nung derer Egoiſten die allerlaͤcherlichſte. Ein Egoiſt glaubt nicht allein, daß ſein Koͤrper nicht wuͤrcklich ſey; ſondern er laͤugnet auch, auſſer dem Daſeyn aller uͤbrigen Koͤrper in der Welt, die andern Geſchoͤpfe, welche man Gei - ſter nennet, und behauptet, daß dieſes nur Vorſtellungen in ſeiner Sele waͤren, von wel - chen allem aber nichts wuͤrcklich da ſey, als er, das iſt, ſeine vornehme Sele, allein. Alles andre aber, was er empfindet ſind nur Vor - ſtellungen in ihm, welche verurſachen, daß in der Welt nichts waͤre, wenn er nicht waͤre. Es iſt ſchade, daß es dieſer Herren viele gegeben: denn eben um deßwillen machen ſie ſich am mei - ſten laͤcherlich. Ein Egoiſt haͤlt immer den andern um die Wette vor ein Nichts, und ſol - chergeſtalt ſind die Leute, welche vollkommen einerley Meinung hegen, die groͤſten Feinde gegen einander. Wiederlegte ein Egoiſt den andern, ſo muͤſte er ſeine eigene Meinung wie - derlegen, und doch wuͤrde er alsdenn behaupten koͤnnen, daß er ſeine Gegner vertrieben und nur allein da waͤre. Waͤren demnach alle Menſchen Egoiſten; ſo wuͤrde ein ieder von ſei - ner Wuͤrcklichkeit uͤberzeugt ſeyn. Naͤhme man aber die Meinung eines ieden, welche er von ſeinem Nachbar hat, zuſammen; ſo bliebe ge - rade gar nichts uͤbrig, das wuͤrcklich waͤre. Al - le dieſe Creaturen ſind Bilder, und ein iedes dieſer Bilder iſt auch zugleich das Urbild ſelbſt. Bey alledem iſt es doch etwas artiges, daßman9man dieſe Leute nicht wiederlegen kan. Man mag ihnen den beſten Beweis von der Unmoͤg - lichkeit ihrer Meinung geben; ſo werden ſie dadurch doch nicht uͤberzeugt, weil ſie glauben, daß dieſes alles nur Vorſtellungen in ihnen ſelbſt waͤren, wodurch ſie ſich zu wiederlegen ſchienen, da ſie doch dieſes im Ernſte niemals willens waͤren. Darum halten ſie ihre Wie - derlegungen vor ihre eigenen Traͤume und blei - ben indeſſen Beſitzer von ſich ſelbſt. Ein E - goiſt muß nach ſeiner Meinung der gluͤckſeligſte Menſch von der Welt ſeyn. Er kan mit dem groͤſten Recht von ſich ſagen:

Jch habe wenig und doch Alles.

Kein Menſch kan ihm die Herrſchaft uͤber die gantze Welt ſtreitig machen, allein er iſt dabey viel zu beſcheiden, als daß er ſie verlangen ſol - te. Er ſiehet gar wohl ein, daß nichts ver - nuͤnftiger ſey, als etwas nicht zu begehren, das in der That nicht wuͤrcklich vorhanden iſt. Er hat es demnach in der Verlaͤugnung der zeit - lichen Guͤter ſehr weit gebracht. Wo kan er nach Ehrenaͤmtern ſtreben, da er niemand hat, dem er gebieten koͤnte? Was ſolte ihn zu wol - luͤſtigen Gedancken verleiten, da nichts vorhan - den iſt, das ihm entweder dieſelben erregen, noch in ihm daͤmpfen und befriedigen koͤnte? Und warum ſolte er endlich Schaͤtze ſamlen? Er, der weder Geld noch Gut wuͤrcklich be - ſitzen kan, noch auch Erben zu verſorgen hat,C 2denen10denen er nach ſeinem Hintritt einen Segen an Gelde zu hinterlaſſen haͤtte. Man ſiehet hier - aus die ſtrengen Geſetze, welche ein Egoiſt zu beobachten hat. Er darf von Rechts wegen weder ehrgeitzig, weder wolluͤſtig noch geldgei - tzig ſeyn. O Ungluͤck vor die Welt! daß es dieſer ſtoiſchen Perſonen nicht mehrere giebet. Sehet hier dasienige was dem Sociates noch fehlte, um ein rechter exemplariſcher Stoicker zu werden. Es fehlte ihm allein die Meinung derer Egoiſten. Die Welt iſt ohnfehlbar uͤber - zeugt, daß die drey Hauptneigungen der Men - ſchen, Ehrgeitz, Wolluſt und Geldgeitz gluͤck - licher machen, als die Verlaͤugnung des zeit - lichen: denn man hat aus der Erfahrung, daß keine Meinung ſo wenige Anhaͤnger bekom - men hat, als dieienige derer Egoiſten.

§. 4.

Ein Jdealiſt iſt nicht ſehr von denen E - goiſten unterſchieden. Er behauptet ebenfalls, daß es gar keinen Koͤrper gebe, ſondern daß er ſich dieſes alles nur einbilde. Allein ob er ſich gleich nur vor ein einfaches Ding haͤlt, ſo geht doch ſein Hochmuth nicht ſo weit, daß er glauben ſolte, er ſey das einzige einfache Ding, welches in der Welt wuͤrcklich waͤre. Er giebt zu, daß es deren mehrere gebe, und erkennet alſo ſeine Nebenmenſchen vor Dinge auſſer ſei - nem Verſtande. Allein er giebt nicht zu, daß ſie einen Koͤrper haben. Und warum ſolte er auch dieſes thun, da er ſich ſelbſt keinen bey -mißt.11mißt. Demnach glaubt er, daß unſer Erd - boden uͤber und uͤber begeiſtert ſey, und damit iſt ſein Glaubensbekenntniß fertig. Er laͤßt ſich ſo wenig von der Gegenwart der Koͤrper uͤberreden, als ein Egoiſt. Und dieſe beyden Arten von Gelehrten haben ein Geheimniß, welches gewiß triftig iſt, Begebenheiten auf - zuloͤſen, welche andern ſehr ſchwer fallen. Sie brauchen nichts weniger, als zu unterſuchen, wie es komme, daß die Veraͤnderungen des Koͤrpers ſo genau mit denen Veraͤnderungen der Sele uͤbereinſtimmen. Denn die gantze Schwierigkeit iſt dadurch gehoben, daß ſie die Wuͤrcklichkeit der Koͤrper laͤugnen; und da - durch erhalten ſie den Vortheil, daß ſie be - haupten koͤnnen, es finde gar keine Ueberein - ſtimmung derer Veraͤnderungen in beyden ſtatt. Es wundert mich, daß die Gelehrten, dieſe Methode, Aufgaben aufzuloͤſen nicht in meh - rerem Gang bringen. Man koͤnte dadurch gar bald in den Stand geſetzt werden, ſeine Gelehrſamkeit auf den allerhoͤchſten Grad zu treiben. Dasienige was man beurtheilen koͤnte, naͤhme man an: Was aber unſern Au - gen verborgen waͤre, deſſen Wuͤrcklichkeit koͤn - te man laͤugnen; und ſo wuͤrde bald nichts mehr uͤbrig bleiben, das man einzuſehen ſich bemuͤhen muͤſte. Wenn man erfahren koͤnte, ob ſich einige Gelehrte nicht dieſes heimlichen Kunſtgriffes bedienten; ſo wuͤrde man viel - leicht von der Gruͤndlichkeit vieler, ein mehreresC 3Licht12Licht erlangen. Es giebt Leute, welche die anziehende Kraft derer Koͤrper laͤugnen. Viel - leicht bedienen ſich dieſelben der Maxime, das - ienige zu laͤugnen, was ihrer Vernunft zu hoch iſt. Viele verwerfen die Moͤglichkeit deſſen, daß die Sele in den Koͤrper wuͤrcken koͤnne. Solte der Grund davon vielleicht darin zu ſu - chen ſeyn, daß ſie ſich nach ihren einmal ge - faßten Vorurtheile von der Beſchaffenheit der Sele, nicht einbilden koͤnnen, wie dieſes moͤglich ſey? Beynahe ſolte ich auf die Gedan - cken gerathen, daß man mit der Zeit anfan - gen wuͤrde, an unſern eigenen Vorſtellungen zu zweifeln, weil niemand begreiffen kan, wie uns dieſelben zukommen koͤnnen.

§. 5.

Die beyden vorerzaͤhlten Meinungen ſind ſo abgeſchmackt, daß es uͤberfluͤßig ſeyn wuͤrde, wenn man ſich die Muͤhe geben wolte, ſie zu wiederlegen. Nunmehro kommen wir auf die Meinung derer Materialiſten, welche ſich ſchon einige Muͤhe gegeben haben, die Har - monie zwiſchen der Sele und dem Koͤrper be - greiflich zu machen. Sie behaupten gerade das Gegentheil von dem, was die Jdealiſten glauben. Jhre Meinung geht nemlich dahin, daß ſie ihre Sele vor kein einfaches Ding hal - ten, ſondern vielmehr wollen, daß ſie eine Materie ſey. Sie theilen ſich in verſchiedene Secten, welche wir alle nach der Reihe be - trachten muͤſſen. Einige laͤugnen die Wuͤrck -lichkeit13lichkeit aller einfachen Dinge, und verfallen ſolchergeſtalt entweder auf den Atheismum oder Spinozismum. Sie geben zu, daß man dasienige, was man behaupte, erweiſen muͤſſe. Und den Beweis, daß es keine Monaden ge - be, nehmen ſie aus der Naturlehre. Sie ſchuͤtzen vor, weil die Theile der Koͤrper un - endlich ſind, und weil ihre Unendlichkeit ma - thematiſch zu nennen, ſo waͤre es nicht aus - zumachen, was es mit denen letzten Theilen der Koͤrper vor eine Beſchaffenheit habe. Denn weil das mathematiſche Unendliche, eine ſolche Groͤſſe waͤre, welche keine menſchliche Ver - nunft uͤberdencken koͤnte; ſo ſey es nur eine Chimaͤre, wenn man ſich einbildete, daß dieſe lezten Theile aus Monaden beſtuͤnden. Weil ſie aber ſolchergeſtalt den zureichenden Grund von der Zuſammenſetzung der Koͤrper laͤugnen muͤſten; ſo behaupten ſie, daß derſelbe nur allein in GOtt zu ſuchen ſey. Man kan ſich aber leicht einbilden, mit welcher Ueberzeugung ſie dieſes behaupten koͤnnen, da ſie GOtt ſelbſt vor kein einfaches Ding halten, und alſo nothwendig den zureichenden Grund der Zuſammenſetzung laͤugnen muͤſſen. Andre, welche etwas beſcheidener ſind, geben die Wuͤrcklichkeit derer Monaden zu; allein ſie laͤugnen, daß ihre Sele eine Monade ſey. Wenn ſie aber ſagen ſollen, was ſie denn vor ihre Sele halten; ſo theilen ſie ſich wiederum in drey Theile. Einige erweiſen dem Ner -C 4venſafte14venſafte die Ehre, daß ſie ihn vor ihre Sele erklaͤren, andre ſagen dieſes hingegen nur von denen Nervenhaͤuten. Die erſtern fuͤhren zu Vertheidigung ihrer Meinung an, daß weil ein Nerve, wenn er ausgetrocknet iſt, nicht mehr empfinde; ſo muͤſſe dieſer nicht die Sele ſeyn, ſondern vielmehr der Nervenſaft Die andern ſagen, weil die weiche Subſtanz des Gehirns unempfindlich, hingegen die Hirnhaͤu - te ſo ſehr empfindlich waͤren; ſo muͤſte in die - ſen vielmehr der Grund von denen Vorſtel - lungen zu ſuchen ſeyn, und nicht in dem Ner - venſaft. Noch andre, welche die Kluͤgſten ſeyn wollen, nehmen beydes zuſammen, und ſagen, daß die mit Nervenſaft erfuͤllten Ner - venfaͤſerchen ihre Sele waͤren. Fraget man aber darnach, woher ſie alles dieſes erweiſen wollen; ſo iſt es gewiß erbaͤrmlich anzuhoͤren, wenn ſie ſagen, daß man nicht begreifen koͤnte, wie ein einfaches Ding ſolte beſchaffen ſeyn, noch vielweniger, wie es Vorſtellungen habe. Denn ob gleich nichts gewiſſer iſt, als dieſes, ſo klingt es doch gar nicht philoſophiſch, wenn man eine Meinung mit folgenden Schluſſe erweiſen will: Alles was ich nicht begrei - fen kan, iſt unmoͤglich: Nun kan ich nicht begreifen, was eine Monade ſey, und wie ſie dencke; Derohalben iſt meine Sele keine Monade. Jch beruͤhre ietzo nicht einmal, daß ein Monadiſt dieſen Schluß, wenn es erlaubt waͤre, ſich deſſelben zu bedie -nen,15nen, gerade auch umkehren und ſagen koͤnte: Man begreift nicht wie die Bewegung der Nerven und des Nervenſaftes Vorſtellungen wuͤrcken koͤnne; Alſo iſt dieſes unmoͤglich. Wenn wir nun zum voraus ſetzen, daß die Materialiſten ihre Meinung auf keine andre Art erweiſen koͤnnen; ſo iſt es vor ſich klar, daß dieſelbe ungegruͤndet ſey. Es erhellet hieraus, daß nicht alle Materialiſten ohn Un - terſchied Atheiſten ſeyn. Von denen, welche alle einfachen Dinge laͤugnen, kan man dieſes behaupten. Dieienigen aber, welche nur ihre Sele vor eine Materie halten, geben zu, daß ein GOtt ſey, und ſein Weſen einfach. Al - lein, ob ihre Meinung mit dem Artikel von der Auferſtehung der Todten uͤbereinkomme; ſolches braucht weiterer Unterſuchung. Sie ſagen zwar, daß bey Erweckung der verbliche - nen Leiber, auch zugleich die Nerven, das iſt, ihre Sele, wieder hergeſtellt werde; allein auf dieſe Art, waͤre eine Sele in der That etwas wunderliches. Sie koͤnte vergehen und wieder entſtehen. Sie koͤnte wachſen und abnehmen. Aber alles dieſes ſind Sachen, welche eine groſſe Hertzhaftigkeit erfordern, wenn man ſie behaupten ſoll. Jch gebe daher einem Mate - rialiſten nur folgendes hierbey zu bedencken: Unſre Sele mag ſeyn, was ſie will; ſo muß ſie doch eine Kraft haben, Vorſtellungen her - vorzubringen. Wenn nun eine Kraft in be - ſtaͤndiger Handlung iſt, die Wuͤrckungen her -C 5vor -16vorzubringen, die ſie hervorbringen kan; ſo muß auch dieſes von der Sele gelten. Die Sele hat eine Kraft Vorſtellungen zu wuͤrcken: und alſo kan ſie ohnmoͤglich aufhoͤren zu den - cken. Nun ſagen die Materialiſten ſelbſt, daß ein Nerve geſund ſeyn muͤſſe, wenn er Vor - ſtellungen wuͤrcken ſoll. Da er aber im Tode zerſtoͤrt wird; ſo koͤnte er deren keine wuͤrcken, und ſolchergeſtalt haͤtte alsdenn die Sele eine Kraft Vorſtellungen zu wuͤrcken, und dieſes geſchaͤhe doch nicht: welches offenbar unge - reimt iſt. Man koͤnte zwar einwenden, daß dieſes nur alsdenn gelte, wenn die Kraft durch nichts verhindert wuͤrde, ihre Wuͤrckungen zu aͤuſſern. Allein, wie, wenn ich beweiſe, daß ſich auch dieſes oͤfters alſo befindet, und dennoch keine Vorſtellungen zugegen ſind? Setzet ein Menſch ſey vollkommen geſund, und habe in der Nacht das Ungluͤck, in ein Waſſer zu fal - len, und darin zu erſticken. Geſchicht bey die - ſer Art des Todes wol denen Nerven ein Scha - den? Jch kan dieſes nicht einſehen. Solcher - geſtalt beſinden ſich die Nerven bey einen ſol - chen todten Menſchen, ehe er anfaͤngt zu ver - weſen, in eben den Umſtaͤnden, worin ſie ſich bey ſeinen Lebzeiten befunden. Woher ſolte alſo wol die Kraft der Nerven, Vorſtellungen hervorzubringen, verhindert werden? Nichts deſtoweniger wird kein vernuͤnftiger Menſch behaupten koͤnnen, daß ein Ertrunckener den - cke. Jnzwiſchen iſt dieſes nicht zu laͤugnen,daß17daß ein Materialiſt die Frage am beſten ent - ſcheiden koͤnne, woher die Veraͤnderungen der Sele und des Koͤrpers uͤbereinſtimmen. Denn wenn ihre Sele Vorſtellungen hat; ſo muͤſten ſich alsdenn die Nerven veraͤndern. Nun ſind die Nerven Koͤrper, und ein Koͤrper kan ſich nicht anders als durch die Bewegung veraͤn - dern. Solchergeſtalt, waͤren die Vorſtellun - gen in der Sele, Bewegungen der Nerven. Wenn aber die Nerven einmal in Bewegung geſetzt waͤren, ſo koͤnte man auch leicht die uͤbrigen Bewegungen im Koͤrper daraus herlei - ten. Es iſt in der That bald Schade, daß man eine ſo artig ausgedachte Meinung fahren laſſen ſoll. Jndeſſen ſcheint wol der beſte Rath zu ſeyn, dieſes zu thun, indem man ſonſt et - was behaupten muͤſte, woruͤber viele vernuͤnf - tige Leute Bedencken haben, es zu ſagen, und wobey man der heiligen Offenbarung durchaus wiederſprechen muͤſte, welche nicht ſagt: Die Nervenfaͤſerchen, ſondern, die Selen der Gerechten ſind in GOttes Hand, und Ebr. 12, 23. Geiſter der vollkommenen Gerechten u. ſ. w. welches nach materialiſchen Gruͤnden: Nerven der vollkommenen Gerechten, heiſſen muͤſte. Jch hoffe, hierdurch wird man voll - kommen uͤberzeugt ſeyn, daß dieſe Meinung eben ſo ungegruͤndet iſt, als wahrſcheinlich ſie wol anfangs manchen ſcheinen moͤchte. Die Materialiſten beſtaͤtigen es demnach zur Genuͤ - ge, daß man am beſten thue, wenn man ſichnicht18nicht zu weit, in die Betrachtung der Erkennt - niß unſrer Sele einlaſſe, indem man von einer ſo ungewiſſen Sache viel mehrere Merckmale haben muͤſte, als man hat, wenn man ſich dar - in vertieffen wolte.

§. 6.

Die Leute, welche eine von denen vorigen Meinungen behaupten, ſchweifen beſtaͤndig aus. Entweder ſie laͤugnen die Koͤrper oder die Geiſter. Jſt es aber nicht allemal beſſer die Mittelſtraſſe zu erwaͤhlen, und beydes zu - gleich anzunehmen. Darum ſind die Duali - ſten in dem Stuͤcke zu loben, daß ſie glauben, der Menſch beſtehe nicht allein aus dem Koͤr - per oder allein aus Geiſt; ſondern aus Geiſt und Koͤrper zugleich. Hier kommt es nun ei - gentlich darauf an, daß wir unterſuchen, wie dieſe die Uebereinſtimmung der Handlungen des Koͤrpers und der Sele erklaͤren. Allein ſie theilen ſich wiederum in verſchiedene Secten, und wir werden uns muͤſſen gefallen laſſen, ihre Meinungen ebenfals zu pruͤfen. Die erſtern behaupten, die Sele habe allein Vorſtellungen, und nach der Verſchiedenheit derſelben wuͤrde auch die Direction des Nervenſaftes in dem Gehirne veraͤndert. Weil ſie aber wol ſahen, daß hierzu nothwendig ein Director erfodert werde, und da ſie nicht vor gut befanden, ihre Sele mit dieſer Bemuͤhung zu belaͤſtigen, ſo trugen ſie das Directorium uͤber den Nerven - ſaft GOtt auf. Die, welche dieſer Meinunganhaͤn -19anhaͤngen, heiſſen Occaſionaliſten, und des Cartes iſt der Erfinder derſelben Lehre. Jch wolte wol ſagen, daß mir dieſe Meinung ge - fiele; allein ich habe zweyerley Bedencken da - bey, welche man mir erſt aus dem Wege raͤu - men muͤſte. Einmal wolte ich mir gerne einen Begrif davon machen koͤnnen, was es mit der Wuͤrckung der Sele in dem Koͤrper vor eine Beſchaffenheit habe. Allein, wenn ich lange weiß, daß GOtt den Nervenſaft nach unſern Vorſtellungen veraͤndere; ſo begreife ich dadurch doch noch nichts von dem, was ich wiſſen wolte. Hernach ſo halte ich, auſſerdem daß dieſer gantze Satz eine unerwieſene Hypo - theſe iſt, davor, daß GOtt wol maͤchtig und faͤhig genug geweſen ſey, den Menſchen ſchon vom Anfange alſo einzurichten, daß er nicht noͤthig habe, in einen ieden Menſchen bloß des - halb unmittelbar zu wircken, damit die Veraͤn - derungen der Sele und des Koͤrpers in einer beſtaͤndigen Verhaͤltniß erhalten werden moͤch - te. Ja es ſcheint mir auch, daß man bey Beurtheilung einer Urſache mehr auf die naͤhe - ren als die entfernteſten gehen muͤſſe. Wenn man demnach gleich zugeben muß, daß GOtt wie von allen, alſo auch von dieſer Veraͤnde - rung unſers Koͤrpers in ſo weit eine Urſach ſey, daß derſelbe urſpruͤnglich von ihm abſtammet: ſo waͤre es doch, bey Erklaͤrung dieſer Frage noͤthig geweſen, die Mittel zu beſtimmen, deren ſich GOtt bedienet, um dieſen Endzweck zuerrei -20erreichen. Das heiſt, wenn ein Occaſionaliſt von der Wuͤrckung der Sele und des Koͤrpers urtheilen wolte; ſo ſolte er ſich nicht ſo wol um die entfernteſten, als vielmehr um die naͤhe - ren Urſachen vornemlich bekuͤmmern.

§. 7.

Der Herr von Leibnitz hat ſich die Muͤhe gegeben, auf eine gantz neue Art zu zeigen, wie es mit denen Veraͤnderungen des Koͤrpers und der Sele zugehe. Er war ein Dualiſt, und behauptete alſo, daß der Menſch aus einen Koͤrper und einer Sele beſtuͤnde, welcher er den Nahmen einer Monade beylegte. Er ſahe wol ein, daß des Cartes in ſeinem Ur - theile zu uͤbereilt geweſen war, und deshalb ſuchte er der gantzen Sache dadurch zu helfen, daß er die vorherbeſtimmte Uebereinſtim - mung erdachte, davon das vornehmſte in fol - genden beruhet: Die Monade welche in unſern Koͤrper iſt, ſoll nichts weniger thun, als in ih - ren Koͤrper wuͤrcken. Nein! die Sele iſt ein Ding vor ſich und der Koͤrper iſt ein Theil der groſſen Maſchine der Welt, und eine neue Ma - ſchine. Die Sele denckt nach denen Geſetzen der Einbildungskraft in einem fort, ohne durch die Veraͤnderungen des Koͤrpers dazu beſtimmt zu werden. Hingegen der Koͤrper wandert nach denen Geſetzen der Bewegung in einer Schnur fort, nachdem er in Mutterleibe das erſtemahl aufgezogen worden: daß alſo der Willen der Sele gar nichts zu denen Bewe -gungen21gungen des Koͤrpers beytrage; auch nicht ein - mal zu denen willkuͤhrlichen. Es ſtellte alſo die Sele etwan nur ein Nebenrad vor, wel - ches zwar der Maſchine des Koͤrpers am naͤ - heſten iſt, keinesweges aber etwas zur Voll - kommenheit der Bewegungen deſſelben bey - traͤgt. Hierbey muß ich erinnern, daß man nicht meine, ich behauptete, die Herren Har - moniſten hielten die Sele ebenfalls vor eine Maſchine, gleichwie den Koͤrper. Jch weiß wol daß ſie hierzu zu geſcheid ſind. Sondern ich betrachte die Sele in gegenwaͤrtigen Falle, nur Vergleichungsweiſe, mit dem Koͤrper, als ein Nebenrad, welches ſich aber die Metaphy - ſickverſtaͤndigen, ohne mein Erinnern, als ein einfaches Rad, als ein Rad von einer Mona - de gemacht, vorſtellen werden. Die Men - ſchen wuͤrden alſo auf dieſe Art gantz gewiß glauben, daß ſie einen Koͤrper haͤtten, wenn auch dem wuͤrcklich nicht alſo waͤre. Denn die Sele wuͤrde ebenfals alle die Vorſtellun - gen haben, die ſie ietzo hat, wenn ſie auch nicht mit einem Koͤrper verbunden waͤre. Sie wuͤrde ebenfalls glauben, daß ihr Koͤrper aͤſſe und traͤncke, daß er ginge, ſtuͤnde oder ſchlie - fe, daß er andre Koͤrper um ſich herum haͤtte, die ſich ebenfalls bewegen, die ihn beruͤhren, die mit ihm reden, die ihm dienen oder ihn be - herrſchen. Mit einem Wort; ſie wuͤrde in eben den Umſtaͤnden ſeyn, darin ſie ietzo iſt, wenn ſie auch keinen Koͤrper beſaͤſſe. Auf dieſeArt22Art ſtuͤnde es noch dahin, ob wir einen Koͤrper haͤtten, oder ob es nicht etwan nur unſrer Sele beliebte ſich dieſes vorzuſtellen. Dieſes iſt noch nicht alles. Jch wuͤrde ietzo die Feder fuͤhren, und die Worte nach der Reihe hinſetzen, wie ſie hier folgen. Jch wuͤrde mit einem andern vernuͤnftig reden, und ſeine Fragen beantwor - ten, ich wuͤrde um Tiſchzeit mich zu Tiſche ſe - tzen, und eine Malzeit thun, ich wuͤrde zu ge - hoͤriger Zeit einſchlafen, und wieder erwachen, ich wuͤrde des Tages uͤber meine Geſchaͤfte treiben, und alles thun koͤnnen, wie ich es ietzo zu thun pflege, und dieſes alles, wenn ich auch keine Sele haͤtte. Ein Koͤrper der mich von auſſen beruͤhret, iſt nach dieſer Meinung, an denen Vorſtellungen, welche ſich die Sele da - von macht, hoͤchſt unſchuldig. Dieſe wuͤrde ebenfals zu der Zeit Schmertzen empfunden haͤben, da man den Koͤrper mit Stockſchlaͤgen tractiret, wenn er auch an dieſer Ceremonie gar nicht Theil naͤhme. Hingegen wuͤrde der Koͤrper zu eben der Zeit, wenn es wuͤrcklich geſchaͤhe, alle die wunderlichen Gebehrden ge - macht haben, welche denen eigen ſind, die ge - pruͤgelt werden, er wuͤrde braun und blau davon werden, und ein erbaͤrmlich Geſchrey fuͤhren, ohnerachtet ſeine Sele zu der Zeit die Vorſtel - lung haben koͤnte, als wenn ihr Koͤrper Zu - ckerbrod aͤſſe.

§. 8.

Vermuthlich werden meine Leſer bey vor -herge -23gehenden Abſatze zweifelhaft ſeyn, ob ich alles das zum Ruhme derer Harmoniſten angefuͤh - ret, oder ob ich ſie damit wiederlegen wollen. Allein es iſt keines von beyden mein Vorſatz geweſen. Jch habe das vorige blos darum angefuͤhret, damit ich erweiſen moͤchte, daß einer, der ſeine Einbildungskraft zu ſchonen ge - denckt, ſo leicht dieſer Meinung nicht beytreten moͤchte. Ueberdem bin ich ſo offenhertzig, daß ich frey geſtehe, es ſey alles dieſes, was ich ietzo erzaͤhlet, meiner Vernunft zu hoch, und ich begreife es auf keine Weiſe. Dieſes Bekennt - niß wird mir in der That, bey vielen, wenig Zutrauen erwecken. Ein Anfaͤnger in der Me - taphyſick wird ſich weit uͤber alle dieienigen erheben koͤnnen, welche das Gegentheil behau - pten. Jch kan aber verſichern, daß ich an meinem Theil deshalb gar nicht neidiſch bin. Die vorherbeſtimmte Harmonie verſtehe ich den Worten nach ſo ziemlich. Allein, wenn ich ſie in Geſellſchaft wieder anbringen will, und einige Erklaͤrung von dieſer und iener Veraͤnderung des Menſchen zu geben geden - cke; ſo glauben die Leute allemal eher, daß ich ſie zum Lachen bewegen wolle, als daß dieſes mein Ernſt ſey. Wenn ich endlich ſelbſt uͤber - lege, wie man ſich nach der Harmonie Bewe - gungen und Vorſtellungen concipiren muͤſſe; ſo weiß ich nicht ob es von meiner Einfalt her - ruͤhrt, oder ob es andern Leuten auch ſo gehe, daß ſie ſehr leicht auf den Jdealismum ver -Dfallen,24fallen, oder Sceptici werden. Jch kan es wol ſagen, wie ich auf dieſe Gedancken gera - the. Wenn ich mich durch nichts von der Ge - genwart, meines und andrer Koͤrper uͤberfuͤhren kan; ſo bin ich nur noch um einen Schritt von dem Jdealismo entfernet. Man ſage mir aber ein Mittel, wie ſich ein Harmoniſt von der Wuͤrcklichkeit der Koͤrper uͤberfuͤhren koͤn - ne? Wenn ſich ſeine Sele alles das, was ſie ſich ietzo vorſtellet, auch vorſtellen muͤſte, wenn nichts davon wuͤrcklich waͤre; ſo kan ſie auch durch nichts von deſſen Wuͤrcklichkeit uͤberfuͤh - ret werden. Geſetzt aber auch, daß man es glaubte, man habe einen Koͤrper; ſo muß man zugeben, daß man von denen allergewoͤhnlich - ſten Veraͤnderungen in der Welt am allerun - gewiſſeſten urtheilen muͤſſe. Denn wenn wir laͤugnen, daß die Sele in den Koͤrper wuͤrcke, ſo iſt es nicht anders moͤglich, als wir muͤſſen auch zweifeln, ob iemals in der Welt dieſes ei - ne Wuͤrckung von iener Urſach, oder eine Ur - ſach iener Wuͤrckung ſey. Jch kan das, was ich eben geſagt habe, ietzo nicht ſo gleich erwei - ſen. Allein wenn ich unten erweiſen werde, daß die Sele in den Koͤrper wuͤrcke, wird ſich auch zugleich zeigen laſſen, daß der ſo dieſes nicht behaupten wolte, auch laͤugnen muͤſſe, daß die Eltern die Urſach von den Kindern, daß die Sonne die Urſache des Lichts, und die Erde eine Urſach der Mondfinſterniſſen ſey. Mit einem Wort; daß man ſein Urtheil allemalnur25nur durchein: Vielleicht ausdruͤcken muͤſſe, wenn man von einer Sache urtheilen will. Jch halte davor, daß man von keiner Veraͤn - derung ſo behutſam zu urtheilen habe, als von denen Veraͤnderungen der Menſchen und Thie - re. Das macht, man muß ſich einen Men - ſchen allemal von zweyen Seiten vorſtellen, da er nicht aus der Sele allein beſtehet; ſondern auch noch mit einem Koͤrper begabet iſt. So lange man die Artzneywiſſenſchaft nicht um Rath fraget, ſo lange kan man ſich von gar vielen Dingen uͤberreden. Allein ſo bald man nur denen Zergliederern eine zeitlang zugeſehen, und denen Lehren von den Veraͤnderungen des Menſchen ſo wol bey geſunden als krancken Tagen gehoͤrig nachdenckt; ſo kommt man in dieſer Sache gar bald auf andre Gedancken. Und wenn ich dieſes zum Voraus ſetze, ſo ſcheint es daher klar zu ſeyn, warum es unter denen Artzneyverſtaͤndigen ſo gar wenig Har - moniſten gebe. Sie haben die beſte Gelegen - heit, ſich mit denen Veraͤnderungen zu beſchaͤf - tigen, die in und an ihnen taͤglich vorgehen. Hierdurch werden ſie gar bald uͤberzeugt, daß man die groͤſte Urſach habe, von der Meinung der Harmoniſten abzugehen, und an ſtatt, daß dieſe entweder den Koͤrper hintan ſetzen, wenn ſie von der Sele urtheilen, oder die Sele ver - geſſen, wenn ſie eine Veraͤnderung des Koͤr - pers erklaͤren ſollen, ſie vielmehr einſehen, daß es nothwendig ſey, Sele und Koͤrper zuſam -D 2men -26mengenommen zu betrachten, wenn man von denen Veraͤnderungen des Menſchen ein ge - ſundes Urtheil faͤllen will. Dieſes iſt in der That bloß und allein die Urſach, warum zwi - ſchen denen Metaphyſickverſtaͤndigen und Artz - neygelehrten, eine beſtaͤndige Uneinigkeit iſt, weil es denen letztern unmoͤglich faͤllt, die Har - monie in die Schulen der Meditrine einzu - fuͤhren, noch vielweniger aber, ſie mit vor das Kranckenbette zu bringen. Es iſt wahr, wir haben einige rare Exempel von Artzneyverſtaͤn - digen, welche die Harmonie zum Grunde ge - legt, und ein Lehrgebaͤude der Artzneygelahrheit darauf haben erbauen wollen. Allein es iſt ſchade, daß dieſes Werck nicht Fortgang ge - habt hat, welche Sache iedoch geduldige Ge - muͤther nur dem Wollen und nicht Wollen dieſer neuen Artzneygelehrten ſchuld geben.

§. 9.

Die Meinungen, welche ich ietzo vorgetra - gen, zielen meiſtentheils dahinaus, die Ueberein - ſtimmung der Veraͤnderungen des Koͤrpers mit denen in der Sele begreiflich zu machen. Es iſt nichts mehr uͤbrig, als daß ich derer Jnflu - xioniſten noch gedencke. Dieſe bilden ſich ein, die Sele enthalte den Grund gewiſſer Ver - aͤnderungen ihres Koͤrpers gantz allein in ſich, und wiederum koͤnne man den hinreichenden Grund einiger Veraͤnderungen in der Sele, allein aus der Kraft des Koͤrpers beſtimmen. Sie ſind alſo denen Harmoniſten gerade entge -gen27gen geſetzt, und man will ſagen, daß dieſe Mei - nung ietzo noch ſehr im Schwange gehe. So viel iſt gewiß, daß dieſelbe die allernatuͤrlichſte zu ſeyn ſcheinet, und daß ſie ein Ungelehrter noch leichter ohne Lachen anhoͤren wird, als das Lehrgebaͤude derer Harmoniſten. Jch hoffe den Grund hiervon eingeſehen zu haben, wenn ich behaupte, daß ein gewiſſes Vorurtheil an dieſer gantzen Sache ſchuld ſey; und daher kan ich es denen Harmoniſten nicht verdencken, wenn ſie ſich vor ienen erhabene Geiſter nen - nen, die ſich von denen Vorurtheilen der Unge - lehrten nach Moͤglichkeit zu befreyen ſuchen. Jch werde unten meine Meinung von dieſer Lehre ausfuͤhrlicher ſagen. Da es ſo viele ver - nuͤnftige Maͤnner giebt, welche derſelben zuge - than ſind, ſo kan ich mich noch nicht uͤberreden, daß ſie den phyſicaliſchen Einfluß ſo behaupten ſolten, wie ich ihn ietzo vorgetragen. Jch hoffe ſie werden eine gantz andre Meinung da - von hegen, und wenn ich nicht zu viel vermuthe, ſo habe ich vielleicht ihren Sinn getroffen, wenn ich mich erklaͤren werde, wie ich mir den Einfluß zwiſchen Seel und Leib einbilde.

§. 10.

Ehe ich nun weiter gehe, ſolte ich wol erſt von Rechtswegen ſagen, was es denn nun waͤ - re, das ich glaubte, und worin ich mich von denen andern Meinungen unterſcheide. Allein ich habe einige Gruͤnde, warum ich noch ietzo mit meinem Bekaͤnntniß zuruͤck halte. JchD 3will28will ietzo ſelber noch nicht wiſſen, was ich be - haupten werde. Jch werde die Harmonie und den Jnfluxum, in ſo weit beyde den Men - ſchen angehen vor wahr annehmen. Allein ich werde mir die Freyheit nehmen, auf die Saͤtze beyder Meinungen einige Schluͤſſe zu bauen, und alsdenn werde ich ſehen, was daraus folge. Dieſes alles ſoll geſchehen, ohne den geringſten Vorſatz, iemanden ſchimpflich zu tadeln, ſondern nur darum, damit ich die Wahrheit lernen moͤge. Da ich es nun in dieſer Schrift nur mit ſolchen Leuten zu thun habe, die entweder Harmoniſten oder Jnfluxioniſten ſind, ſo glau - be ich nicht noͤthig zu haben, von allen und ie - den Kunſtwoͤrtern, deren ſie ſich gemeiniglich zu bedienen pflegen, die Erklaͤrung hierher zu ſetzen. Ein ieder wird wiſſen, was er behau - ptet. Waͤre es nicht wieder die Hochachtung die ich meinen Leſern ſchuldig bin, wenn ich ihnen etwas zu lehren ſuchte, das ſie noch beſſer wiſſen werden, als ich, da ich nicht einmal eine von beyden Meinungen vollkommen behaupte?

§. 11.

Jch bin ein Schuͤler in der Artzneywiſſen - ſchaft. Es iſt bekandt, daß die Artzneygelehr - ten, wenn es in der Phyſiologie auf das Capi - tel von dem was den Grund der Veraͤnderun - gen des Koͤrpers in ſich enthalte, kommet, ſich in vielerley Claſſen eintheilen: davon die vor - nehmſten die Mechaniſche und Organiſche ſind. Die erſtern ſind Harmoniſten, die andernJn -29Jnfluxioniſten. Das heiſt, die Mechaniſten ſu - chen alle Veraͤnderungen des Koͤrpers blos aus ſeiner Struktur herzuleiten: Da hingegen die Organiſten, nemlich die ſo genannten Artzney - verſtaͤndigen, glauben daß die Sele die Ver - aͤnderungen des Koͤrpers wuͤrcke. Die letztern glauben theils, ſie wuͤrcke alle Veraͤnderungen im Koͤrper: allein deshalb behaupten ſie nicht, daß der Koͤrper hinwiederum alle Vorſtellun - gen in der Sele wuͤrckte, ſondern ſie rechnen dahin nur einige: theils glauben ſie dieſes nur von einigen Bewegungen im Koͤrper. Die erſtern nennen ſich eigentlich Organiſten: Allein man leget ihnen auch den Nahmen derer Stahlianer bey: weil der groſſe und beruͤhm - te Herr Hofrath Stahl dieſe Lehre zuerſt aus - gebreitet. Man ſieht daher ohne mein Erin - nern, daß ich nicht werde unterlaſſen koͤnnen, etwas von meiner Profeßion in dieſe Gedancken mit einzumiſchen: zumal da ich bey einer ſo guten Gelegenheit ein Mittel gefunden zu ha - ben glaube, manche Stuͤcke genauer in denen verſchiedenen Meinungen derer Artzneygelehr - ten beſtimmen zu koͤnnen, welches, da es bis - her, auf der Seite die ich ergreifen werde, nicht ofte genug geſchehen zu ſeyn ſcheinet, gemacht hat, daß man viele Spoͤttereyen und Laͤſterun - gen erdacht hat, welche vielleicht alle ietzo noch in das Reich der bloſſen Moͤglichkeiten gehoͤr - ten, wenn man die Meinung eines ieden recht eingenommen haͤtte. Jndeſſen will ich ietzoD 4noch30noch zum Voraus ſagen, daß ich die Meinung, welche ich vom Einfluſſe der Sele in ihren Koͤrper vortragen werde, nicht vor eine auſſer alle Schwierigkeiten geſetzte Meinung ausgebe. Jch werde mich hiermit zwar nicht beſonders entſchuldiget haben; allein es wird mir als - denn mit denenienigen, welche andre Meinun - gen behaupten, nur einerley Schickſal wieder - fahren. Jch weiß mehr als zu wohl, daß der - lenige ſo ſicher ſeyn will, dieienige Parthey er - waͤhlen muͤſſe, welche vor denen uͤbrigen die Oberhand hat. Die Neutralitaͤt ſchuͤtzet ſo wenig vor Anfechtungen, daß man vielmehr ie - derman zum Feinde bekommt, an ſtatt daß man wenigſtens eine Parthey zu Freunden be - haͤlt, wenn man ſich gefallen laͤſt, einer nach Sinne zu reden. Zu allem Gluͤck koſtet mir die Feindſchaft beyder Partheyen kein Blut, und dieſes iſt gerade das einzige, welches mich abſchrecken koͤnte. Wer ſich vieler Wieder - ſpruͤche befuͤrchten muß, dem fehlet zur Ueber - windung aller Anfaͤlle nichts mehr, als eine etwas phlegmatiſche Sele. Jch habe mir ſa - gen laſſen, daß ich zu dieſem Temperamente mit der Zeit wol kommen koͤnte, und dieſes iſt in Wahrheit eine Urſach, warum ich ſo dreiſt geweſen bin, dieſe Gedancken vom Einfluſſe der Sele in den Koͤrper der Welt durch gegenwaͤr - tige Blaͤtter bekannt zu machen.

§. 12.

Die Dualiſten vermuthen, daß man nurauf31auf zweyerley Art die Uebereinſtimmung der Veraͤnderungen des Koͤrpers mit denen in der Sele erklaͤren koͤnte. Entweder man muͤſſe behaupten, daß dieſes durch einen Jdealiſchen Einfluß geſchaͤhe, oder man muͤſte den phyſi - caliſchen erwaͤhlen. Wenn in einem Dinge eine Veraͤnderung vorgehet, die ihren Grund in einem andern Dinge hat; ſo hat das letz - tere in das erſte gewuͤrckt. Die Wuͤr - ckung zweier Dinge in einander, hat man ei - nen Einfluß genennet. Einen reellen Ein - fluß hat man einen ſolchen genennet: wobey das eine Ding A gantz allein den Grund einer Veraͤnderung in B in ſich enthaͤlt, und zu wel - cher Veraͤnderung, B gar nichts durch ſeine Kraft beytraͤgt. Dieſen reellen Einfluß zwi - ſchen A und B nennet man einen phyſicali - ſchen Einfluß. Der idealiſche Einfluß iſt dieſem gerade entgegen geſetzt. Er hat als - denn ſtatt, wenn die Veraͤnderungen in A al - lein durch ſeine eigene Kraft gewuͤrcket werden, und zwar ſo, daß die Kraft in B hierzu gar nichts beytraͤget. Dieſes nun auf die Ueber - einſtimmung der Veraͤnderungen des Koͤrpers und der Sele anzuwenden; ſo ſagt man: die Sele wuͤrcke entweder phyſicaliſch in ihren Koͤr - per, das iſt, ſo daß der Grund der Veraͤnde - rungen des Koͤrpers lediglich in der Kraft der Sele liege, und daß hingegen der Koͤrper durch - aus nichts zu ſeinen Veraͤnderungen beytrage, ſondern daß dieſes nur Leiden in ihm waͤren:D 5Oder32Oder aber man ſagt: die Sele wuͤrcke idea - liſch in ihren Koͤrper, das iſt, der Koͤrper bringe ſeine Veraͤnderungen durch ſeine eigene Kraft hervor, und ſo nicht weniger die Sele, die ih - rigen: allein dieſe Veraͤnderungen ſtimmten dergeſtalt mit einander uͤberein, daß ſie ſich auf eine phyſicaliſche Art faſt zu wuͤrcken ſcheinen. Dieienigen welche den idealiſchen Einfluß be - haupten, theilen ſich, wo ich nicht gaͤntzlich irre, wiederum in zwey verſchiedene Meinungen. Einige behaupten, die Sele bringe ihre Ver - aͤnderungen von ſich ſelbſt hervor; der Koͤrper ebenfals; und es waͤre gar kein Grund der Veraͤnderung des einen in der Kraft des an - dern zu ſuchen. Andre hingegen behaupten das Gegentheil. Jch will ietzo meine Gedan - cken uͤber dieſe Meinungen entdecken, und will mich bemuͤhen zu zeigen, daß weder der phyſi - caliſche Einfluß noch der idealiſche auf beyde Art genommen, hinreiche, die Veraͤnderungen der Sele und des Koͤrpers, nebſt ihrer Ueber - einſtimmung daraus herzuleiten. Jch rede alſo ietzo nicht mit denen allgemeinen Jnfluxio - niſten und Harmoniſten; ſondern ich habe es nur mit denen Pſychologiſchen zu thun.

§. 13.

Ein pſychologiſcher Jnfluxioniſt behauptet entweder; daß alle oder einige Veraͤnderun - gen des Koͤrpers ihren Grund in der Sele haͤt - ten; oder daß die Veraͤnderungen der Sele ih - ren Grund, entweder alle insgeſamt, oder nureinige33einige, dem Koͤrper zu dancken haͤtten: oder endlich daß beydes zugleich ſey. Wenn ein pſychologiſcher Jnfluxioniſt behauptet; daß alle Veraͤnderungen des Koͤrpers durch die Sele gewuͤrcket wuͤrden; ſo ſpricht er der Sele allein eine Kraft zu in den Koͤrper zu wuͤrcken: allein er ſpricht dem Koͤrper die Kraft ab, zu - ruͤck zu wuͤrcken. Folglich glaubt er, daß die Sele gantz allein handele und der Koͤrper allein leide. Dieſen gefaͤhrlichen Jrrthum, laͤſt er nicht auf ſich ſitzen: denn er ſchreibt dem ohn - erachtet dem Koͤrper Handlungen zu. Jndem er dieſes behauptet kan er nicht wiſſen, was er ſagen will, da er ſich ſelbſt wiederſpricht. Nimmt er an daß die Sele nur einige Veraͤn - derungen des Koͤrpers wuͤrcke, andre aber nicht; ſo gehoͤret er zur Claſſe dererienigen, welche den phyſicaliſchen Einfluß der Sele im Koͤrper, und dieſes in iene, behaupten, und gehoͤret alſo zur letzten. Zur zweiten Abtheilung gehoͤ - ren dieienigen, welche glauben, daß der Koͤrper alles in der Sele wuͤrcke, und dieſe wuͤrcke nichts in ihren Koͤrper. Weil nun ſolcherge - ſtalt alle Veraͤnderungen der Sele Leiden, die vom Koͤrper herruͤhrten, waͤren; ſo waͤre die Sele ein gantz todtes Ding, das auf keine Weiſe Handlungen verrichten koͤnte, und auch dieſes iſt nicht philoſophiſch. Nimmt er aber dieſes nur von einigen an, ſo gehoͤret er wie - derum unter die letzte Claſſe. Es giebt, mei - nes Wiſſens ſehr wenige, die dieſen Meinungenim34im Ernſte zugethan ſeyn ſolten. Jn der That iſt es auch nicht zu verwundern. Ein Jnflu - xioniſt von dieſer Art kan ſeine Meinung be - haupten, ohne zu wiſſen, was ein Beweis ſey. Dieſes Geheimniß aber iſt heut zu Tage ſo rar geworden, daß man es nur bey denen ſuchen muß, welchen das Schickſal in dieſer neuen Zeit, eine uͤberbliebene Sele die noch in die dunckeln Zeiten gehoͤrete, mitgetheilet hat; und es mag wol die neuere Welt nicht Unbeſchei - denheit genug beſitzen, ihnen dieſes Geheimniß zur Mittheilung abzufordern.

§. 14.

Es giebt noch andre pſychologiſche Jnfluxio - niſten, welche annehmen, daß ſo wol die Sele den Grund einiger Veraͤnderungen im Koͤrper, als auch dieſer den Grund einiger in der Sele abgebe. Es koͤnnen unmoͤglich eben die Veraͤnderungen im Koͤrper, welche von der Sele herruͤhren, Hand - lungen deſſelben ſeyn, wodurch dieſe Veraͤnde - rung in der Sele, ſie in dem Koͤrper zu wuͤr - cken, hervorgebracht worden. Alſo muͤſſen dieſe Jnfluxioniſten behaupten, daß einige Be - wegungen des Koͤrpers, die Sele wuͤrcke, und andre Vorſtellungen der Sele haͤtten in andern Bewegungen des Koͤrpers ihren Grund. Die - ſes ſind eigentlich dieienigen Jnfluxioniſten, welche der vortrefliche Herr Magiſter Meier in ſeinem Beweiſe der vorherbeſtimmten Ueberein - ſtimmung gruͤndlich wiederlegt hat (im 1 Theil im 2ten Hauptſtuͤck.) Jch weiß nicht wie maneine35eine gegruͤndetere Wiederlegung als dieſe iſt, einrichten wolte: und demnach werde ich am allerwenigſten im Stande ſeyn, derſelben et - was hinzuzuthun, ſie zu verbeſſern, oder eine andre zu liefern. Die Schriften dieſes gelehrten Man - nes ſind in der meiſten Haͤnden, und deshalb habe ich nichts weiter noͤthig, als mich auf obenbeſagte Schrift zu beruffen, wo man die gantze Wiederlegung derer pſychologiſchen Jn - fluxioniſten ſo wol, als auch derer allgemeinen an beſagten Orte nachleſen kan. Solcherge - ſtalt waͤre ich mit denen Herren Jnfluxioniſten fertig, welche nemlich den phyſicaliſchen Einfluß auf die Art behaupten, wie ich §. 12. davon die Erklaͤrung gegeben. Jch werde aber unten Gelegenheit haben, noch etwas mit ihnen zu ſprechen, und vielleicht verſoͤhnen wir uns da - ſelbſt eben ſo geſchwind wieder, als wir hier Feinde gegeneinander geworden. Jch traue denen mehreſten, welche ſich vor Jnfluxioniſten ausgeben, zu, daß ſie nur wegen Ermangelung eines neuen Nahmens ſich alſo nennen, daß ſie aber dem ohnerachtet ſelbſt nicht dieienigen ſind, wofuͤr ſie ſich ausgeben. Dieſes klingt etwas geheim. Allein ich werde den Vorhang hin - wegreiſſen, ſo bald dieienige Scene an die Rei - he kommen wird, worin ſie vom neuen erſchei - nen und nur in andrer Kleidung eben wieder dieienigen Perſonen ſeyn werden, von denen ich ietzo als Jnfluxioniſten geſprochen.

§. 15.36

§. 15.

Jch komme nun zu denenienigen, welche den idealiſchen Einfluß behaupten. Sie behaupten theils, daß die Sele alle ihre Veraͤnderungen, wie der Koͤrper die ſeinigen durch eigene Kraft gantz allein hervorbringe, und daß alſo keines von beyden auch nicht einen einzigen Grund von de - nen Veraͤnderungen des andern, in ſich enthalte; theils daß einiger zwiſchen beyden ſtatt habe; ſo daß z. E. eine Bewegung nicht haͤtte geſche - hen koͤnnen, wo nicht eine gewiſſe Vorſtellung in der Sele zu der Zeit zugegen geweſen. Bey der Meinung derer letztern fragt es ſich vom neuen, ob ſie dieſen Grund der Veraͤnderungen des Koͤrpers, in das Weſen und die Kraft der Sele ſelbſt ſetzen, oder auſſer ihr z. E. in den allgemeinen Zuſammenhang aller Dinge, und ob ſie bey Veraͤnderungen der Sele wiederum denſelben zu dem Weſen des Koͤrpers oder auſ - ſer demſelben zu etwas anders rechnen. Jſt das letztere; ſo rechnen wir ſie mit zu der Claſſe dererienigen, welche behaupten, daß die Ver - aͤnderungen keinen andern Grund als in der Kraft der Sele oder des Koͤrpers ſelbſt haben, weil dieienigen, ſo dieſes behaupten, ebenfals den allgemeinen Zuſammenhang annehmen koͤnnen. Die aber, welche das erſte glauben, wollen wir beurtheilen, ſo bald wir von der Meinung der vorigen unſre Gedancken eroͤfnet haben. Jch werde mich bey dieſer Beurthei - lung alles Glimpfs und aller Beſcheidenheitbedie -37bedienen, die mir gegen die Vertheidiger der Harmonie zukommt: und aus dem Grunde hoffe ich eine guͤtige Aufnahme meiner Einfaͤlle, welche mir die Befleißigung auf die Artzneywiſ - ſenſchaft in die Gedancken gebracht hat. Jch habe die Sache vor wuͤrdig gehalten, ſie der Welt mitzutheilen, denn in einer ſo bedenckli - chen Materie als die Beurtheilung der Kraͤfte unſrer Sele mir zu ſeyn ſcheinet, glaube ich daß der Nutzen dieſer Blaͤtter ſchon groß genug ſeyn werde, wenn man daher Gelegenheit nimmt, die Selenlehre mit der Artzneywiſſen - ſchaft in ein gutes Verſtaͤndniß zu ſetzen. Die Uneinigkeit dieſer beyden Schweſtern iſt um deſto weniger von denen Gelehrten zu dulden, ie gewiſſer es iſt, daß von ihrer Vereinigung der Grund zur Wahrheit und Gewißheit in Erkenntniß der Menſchen herzuholen ſey.

§. 16.

Ein Harmoniſt von der erſtern Art, behau - ptet daß bey einer Veraͤnderung des Koͤrpers oder der Sele, der Grund davon allein in der Kraft des einen oder der andern zu ſuchen waͤ - re, und daß dieſes gantz allein hinreiche die Veraͤnderung zur Wuͤrcklichkeit zu bringen. Zum Exempel: Wenn ich meinen Fuß fort - bewege; ſo iſt diß eine Veraͤnderung meines Koͤrpers, welche von ſeiner eigenen Kraft, hier kan man das Wort: Monaden ſubſtituiren, lediglich gewuͤrckt worden, und dazu der Willen der Sele, oder eine andre Kraft derſelben, nichtdas38das geringſte beygetragen. Wiederum: wenn meine Sele die Vorſtellung hat, daß ſie aͤſſe, ſo iſt dieſe gantz allein durch die Kraft der Sele gewuͤrckt worden, und der Genuß der Speiſen beym Koͤrper enthaͤlt gar keinen Grund dieſer Vorſtellung in ſich. Wir wollen das letztre Exempel zuerſt nehmen, und ich will daruͤber meine Gedancken eroͤfnen. Wenn man be - hauptet, die Sele muͤſſe eben die Vorſtellung, welche ſie ietzo hat, gantz allein ihrer eignen Kraft dancken, und der Koͤrper trage gar nichts darzu bey; ſo wird hoffentlich folgen; daß die Kraft der Sele allein hinreiche dieſe Vorſtel - lung bey ihr hervorzubringen. Wenn dem alſo iſt, ſo kan die Vorſtellung in der Sele er - folgen, der Koͤrper mag ſich veraͤndern wie er nur kan. Laſſet uns ſehen, was hieraus folge. Wenn wir etwas empfinden; ſo haben wir ei - ne Vorſtellung eines uns gegenwaͤrtigen Din - ges, das iſt, eines Dinges, welches in uns wuͤrcket, und auſſer uns befindlich iſt. Zum Exempel, damit ich das vorige beybehalte; wenn wir eſſen; ſo hat die Sele eine Vor - ſtellung eines ihr gegenwaͤrtigen Dinges, nem - lich des Eſſens, welches auſſer ihr befindlich iſt. Nach der Meinung, welche ich ietzo zu unterſu - chen gedencke, waͤre die Kraft der Sele ſelbſt hinreichend dieſe Vorſtellung in ihr zu wuͤrcken. Folglich waͤre es moͤglich, daß die Sele die Vorſtellung haͤtte, daß ein Koͤrper, den ſie ſich unter allen am meiſten vorſtellt ein Stuͤck Brodzu39zu ſich naͤhme, ohnerachtet der Koͤrper dieſes nicht wuͤrcklich thaͤte. Jch hoffe man werde hiewieder nichts einzuwenden haben, wenn man bedencket, was dieſe Meinung zum Vor - aus ſetze. Geſetzt, der Koͤrper aͤſſe wuͤrcklich: ſo haͤtte meine Sele eine Vorſtellung eines ihr gegenwaͤrtigen Dinges, auſſer ihr, das iſt, ſie haͤtte eine Empfindung. Wie ich gleich ietzo geſagt habe, waͤre es moͤglich, daß die Sele eben dieſe Vorſtellung auch haben koͤnte, wenn der Koͤrper auch nichts genoͤſſe. Alſo waͤre es nach dieſer Meinung auch moͤglich, daß die Sele eine Empfindung haͤtte, ohne daß etwas auſſer ihr vorhanden waͤre, das ihr gegenwaͤr - tig iſt. Das iſt, es waͤre moͤglich daß unſre Sele eine Empfindung haͤtte, ohnerachtet ſie nichts empfaͤnde. Mir deucht dieſer Satz klingt eben nicht philoſophiſch. Allein nach meiner Schlußkunſt glaube ich doch eben keinen ſolchen Fehler hierbey gemacht zu haben, der die gantze Sache umſtoſſen ſolte. Wer kan mir es alſo verdencken, daß ich dieſer Meinung bis auf die Aufloͤſung dieſes Zweifels meinen Bey - fall verſage? Es wuͤrde aus dieſer Meinung noch ein Satz folgen, welcher eben ſo wenig philoſophiſch iſt, als der vorige. Wenn ſich unſre Sele von denen Dingen, die ſich auſſer ihr befinden, durch ihre eigene Kraft eine ſo leb - hafte Vorſtellung machen koͤnte, wenn ſie auch nicht wuͤrcklich waͤren, als ſie davon hat, indem ſie wuͤrcklich ſind; ſo ſchiene es als haͤtte GOttEetwas40etwas gethan, dazu er nicht hinreichenden Grund gehabt haͤtte. Denn unter allen denen Gruͤnden, warum GOtt die Koͤrperwelt er - ſchaffen, iſt auch dieſes einer der vornehmſten, daß die Menſchen eine Erkenntniß davon er - halten ſollen, welche zu ſeinem Ruhme gereicht. Alle einzelne Bewegungsgruͤnde GOttes die Koͤrper zu erſchaffen, machen zuſammengenom - men den zureichenden Grund davon aus. Alſo haͤtte die Erſchaffung der Koͤrper ohne hinrei - chenden Grund unternommen werden muͤſſen, wofern nur einer von allen dieſen einzeln Gruͤn - den nicht ſtatt gefunden haͤtte. Jch ſage, nach der Meinung dieſer Harmoniſten, haͤtte die Sele die Kenntniß der Koͤrper eben ſo gruͤnd - lich haben koͤnnen, wenn ſie auch nicht wuͤrck - lich waͤren: alſo waͤre es unnoͤthig geweſen, aus dieſem Grunde die Koͤrper zu erſchaffen: Solchergeſtalt fiele ein Grund dieſer Schoͤpfung hinweg, und daher haͤtte GOtt darzu nicht hin - reichenden Grund gehabt. Es kommt hierbey alles darauf an, ob dieſes in der That einer von denen Gruͤnden geweſen, vermoͤge welcher es ſich GOtt gefallen laſſen, die Koͤrper zu er - ſchaffen. Weil wir aber hiervon theils in der heiligen Offenbarung zu verſchiedenen malen verſichert werden, und weil uns theils auch die Vernunft Gruͤnde darbietet, woher wir dieſes ſchlieſſen koͤnnen; ſo halte ich vor unnoͤthig, mich bey dem Beweiſe dieſes Satzes laͤnger aufzuhalten. Dieſes ſind die Zweifel, welchm41mir bey Unterſuchung dieſer Meinung in das Gemuͤth kommen ſind. Jch habe nicht ſo viel Witz gehabt, mir dieſelben gruͤndlich und ſo daß man nichts mehr dawieder einwenden koͤn - te, aufzuloͤſen. Solte es aber ia geſchehen koͤnnen, ſo bin ich bereit mich dieſer Gedancken gerne zu entſchlagen.

§. 17.

Jch bleibe noch bey denen Harmoniſten der erſtern Art, von denen ich eben ietzo geredet habe. Jch habe ihnen nur auf einer Seite Schwierigkeit gemacht, in ſo fern ſie nemlich behaupten, daß die Vorſtellungen in der Sele wuͤrcklich ſeyn koͤnten, ohnerachtet ſie keinen Grund in etwas anders, als dem Weſen der Sele ſelbſt haͤtten. Nun komme ich zu dem andern Hauptſatze den ſie behaupten muͤſſen, nemlich daß die Veraͤnderungen des Koͤrpers von ſtatten gehen koͤnten, ohne daß man einen Grund davon in der Kraft der Sele zu ſuchen haͤtte. Jch wolte, daß ich meine entſtandenen Zweifel bey dieſer Sache eben ſo geſchwind ab - fertigen koͤnte, als bey ihrem erſten Satze. Al - lein ich ſehe hierzu keine Moͤglichkeit. Die Hauptſache in dem Zweifel, welchen ich ihnen hierbey entgegen ſetzen will, beſtehet darauf, daß ich zu erweiſen ſuche, es gebe in unſern Koͤr - per dergleichen Veraͤnderungen, welche nothwendig von der Sele ihren Haupt - grund hernehmen muͤſſen, und hiervon einen Beweis zu fuͤhren, iſt weitlaͤuftiger, als manE 2wol42wol anfangs dencken moͤchte. Was iſt aber nun hierbey zu thun? Jch bin viel zu lehrbe - gierig, als daß ich meine Einwuͤrfe verſchwei - gen ſolte. Zudem ſo ſind meine Gegner in dieſer Sache von ſolcher Wichtigkeit, daß es mir gar wol der Muͤhe werth zu ſeyn ſcheinet, ſie auszuforſchen. Jch werde alſo nicht um - hin koͤnnen, hier eine ziemlich merckliche Aus - ſchweifung zu machen. Zu meinem Vorſatze gehoͤret der Erweis des Satzes: daß die Sele die Urſach verſchiedener Veraͤnderungen im Koͤrper ſey. So bald dieſes erwieſen iſt; darf ich nur alſo ſchlieſſen: Eine Urſach iſt dasienige was den hinreichenden Grund einer Veraͤn - derung in ſich enthaͤlt. Habe ich nun dieſes von der Sele bey gewiſſen Veraͤnderungen des Koͤrpers erwieſen; ſo wird folgen, daß dieienige Meinung nicht zu legitimiren ſey, welche be - hauptet; die Sele wuͤrcke gar keine Bewegun - gen unſers Koͤrpers: und alsdenn bin ich die Schwierigkeit von meinem Hertzen los. Jch ſehe mich um deſto mehr verbunden, hier dieſen Beweis einzuſchalten, da er einen Hauptgrund - ſatz des Stahlianiſchen Lehrgebaͤudes der Artz - neywiſſenſchaft befeſtiget: denn ich werde es nur geſtehen muͤſſen, daß mir dieſe Meinung gefalle. Jch werde alſo hier die Einfluͤſſe und Harmoniſten fahren laſſen, und nachdem ich dieſen Satz ausgefuͤhret habe, will ich zu de - nen Harmoniſten der andern Art kommen, welche behaupten, daß die Veraͤnderungen inder43der Sele und dem Koͤrper nicht wuͤrden von ſtatten gehen koͤnnen, wenn nicht auſſer ihren Kraͤften noch ein Grund ihrer Wuͤrcklichkeit auſſer ihnen waͤre. Dieſes ſage ich, um mei - nen Leſern ein wenig das Gedaͤchtniß zu ſchaͤrfen, indem ich ie mehr und mehr mercke, daß mich dieſe Ausſchweifung ziemlich weit aus dem Gleiſe leiten wird. Denn nun bedencke ich es erſt recht, was ich zu thun habe, wenn ich erweiſen will, die Sele ſey die Urſach eini - ger Bewegungen im Koͤrper. Muß ich nicht vorher erſt Mittel zeigen, wodurch man richtig unterſcheiden kan, welches Ding das andre wuͤrcken koͤnne, oder welches die Wuͤrckung iener Urſach ſey? Jch muß alſo ſchlieſſen: Bey einem ieden Dinge, dabey ſich dieſes oder ienes aͤuſſert iſt notoriſch, daß es entweder eine Ur - ſach oder eine Wuͤrckung von dieſem oder ie - nen ſey. Nun werde ich den Unterſatz alſo machen muͤſſen: Bey gewiſſen Veraͤnderun - gen des Koͤrpers und der Sele laͤſt ſich das: Dieſes oder ienes im Oberſatze behaupten: Alſo muß zwiſchen beyden Veraͤnderungen Urſach und Wuͤrckung ſtatt haben. Weiter brauche ich nicht einmal zu unterſuchen, wel - ches von beyden die Urſach des andern ſey. Denn faͤlt die Wuͤrckung auf die Sele und die Urſach auf den Koͤrper; ſo beſtaͤtige ich dadurch das, was ich im 16 s von den erſtern Haupt - ſatze derer Harmoniſten behauptet habe. Faͤllt es aber umgekehrt; ſo erreiche ich meinen naͤ -E 3hern44hern Zweck deſto beſſer. Jch ſehe es zum Voraus, daß ich mich bey dem Oberſatze am meiſten aufhalten werde, und doch befuͤrchte ich noch einigen Tadel, weil meine Ausſchwei - fung ein wenig gar zu weit ausſehend iſt. Je - doch vielleicht wird mir auch dieſes zum beſten dienen muͤſſen. Wie ich mercke, ſo befinde ich mich ietzo in eben den Umſtaͤnden, worin ein Opernſchreiber ſich befindet, wenn er etwas, das angenehm fallen ſoll, auf die Schaubuͤhne liefern will. Meine Oper nimmt einen lu - ſtigen Anfang: denn ſie ſtellet einen Egoiſten vor, deſſen Meinung ſich in kein Trauerſpiel ſchicket. Nach dieſen habe ich ein gantzes Theater voller Geiſter erſcheinen laſſen, die ſich Jdealiſten nennten. Der Vorhang ward vom neuen eroͤfnet, und es traten lauter eingefleiſch - te Selen auf den Platz. Jſt es nun ein Kunſt - ſtuͤck eines Comoͤdienſchreibers in ieden Auf - tritte etwas neues zu zeigen, ſo habe ich hierin dieſes Kunſtſtuͤck auch angebracht, und im fol - genden iſt es auch nicht vergeſſen worden. Es erſcheinen Occaſionaliſten, Harmoniſten, Jn - fluxioniſten, Mechaniſten, Organiſten. Lau - ter Jſten! Hier hatte ich des vorigen Kunſt - griffes vergeſſen. Nun aber erſcheinen Ein - fluͤſſe. Sie waren idealiſch, ſie waren phyſi - caliſch. Auf einem Theater muͤſſen die erſtern Perſonen eine Zeitlang auſſen bleiben, und als - denn erſcheinen ſie am Ende der Handlung vom neuen. Dieſes iſt die Marime, deren ichmich45mich ietzo bedienen will. Jch will Urſachen und Wuͤrckungen auffuͤhren. Meditrine ſoll dabey erſcheinen. Eine heydniſche Gottheit, welche das Theater deſto bezaubernder machen wird. Nach dieſen ſollen die vorigen Perſo - nen wieder kommen. Man wird demnach ſo billig mit mir verfahren, und zugeben, daß ich meinen Aufzug einmal veraͤndere. Meine Leſer wiſſen, daß ich mit denen Harmoniſten der andern Art noch etwas abzuthun habe, und vielleicht macht ihnen dieſes die trockne Mate - rie angenehmer, welche ich eben ietzo vortragen will, indem ſie den Ausgang erwarten. Doch ich vergeſſe, daß ich eine ſolche Ausſchweifung machen will, und muß beynahe befuͤrchten, man werde die gegenwaͤrtige vor die Erfuͤllung meines Verſprechens halten. Es war noͤthig meine Leſer ein wenig von der vorigen Mate - rie abzuleiten. Wem dieſes dennoch nicht anſtehen ſolte, der wird die Freyheit haben, dieſe Blaͤtter aus denen uͤbrigen heraus zu ſchneiden. Jch verſichere an meinem Theil, daß ſich dieſer Urſach wegen, meine Hochach - tung gegen meine geehrteſten Leſer, auf keine Weiſe, weder vermindern noch vermehren ſoll.

§. 18.

Stellet euch vor, daß ich mit dem Buchſta - ben A und B den Begrif zweyer Dinge ver - binde, die wuͤrcklich ſind. Solchergeſtalt koͤn - net ihr vor A ſetzen was ihr wollet und vor B ebenfalls, wenn es nur etwas wuͤrckliches iſt. E 4Wenn46Wenn man nun beſtimmen will, wie man es anfangen ſolle, um eine Urſach von einer Wuͤr - ckung zu unterſcheiden; ſo muß man zum Voraus ſetzen, daß A und B beſtaͤndig mit ein - ander verbunden ſind. Nun geben uns die Philoſophen folgende Regel: Wenn A iſt, und B iſt auch; wenn A nicht iſt, und B iſt auch nicht; ſo iſt, wenn ſich dieſes alle - mal zutraͤgt, A die Urſach von B. Jch will ein Exempel anfuͤhren, von welchen kein vernuͤnftiger Menſch zweifeln wird, daß das eine die Urſach von dem andern ſey. Setzet A ſey die Sonne, und B ſey das Licht; ſo iſt A allemahl; ſo bald B iſt, und A iſt allemahl nicht zugegen, wenn B abweſend iſt; alſo iſt A die Urſach von B. Jch glaube es wird mir niemand laͤugnen, daß die Sonne die Urſach des Lichts ſey; allein alsdenn wird man ſich auch genoͤthiget ſehen, zuzugeben, daß man zu Erkenntniß dieſer Wahrheit, ſich nothwendig folgenden Schluſſes habe bedienen muͤſſen: Wenn die Sonne am Himmel ſteht, ſo iſt es Licht, wenn die Sonne nicht zugegen iſt, ſo iſt es nicht Licht, und dieſes iſt allemal alſo: alſo iſt die Sonne die Urſache des Lichts. Wo - her weiß ich, daß die Regenwolcken, den Re - gen verurſachen? Blos daher, weil es niemals regnet, wenn keine Regenwolcke vorhanden iſt, und daß es allemal an einem Orte regne, wenn ſich eine ſolche Wolcke zeiget. Jch koͤnte meh - rere Exempel hiervon anfuͤhren, wenn ich nichtglaubte,47glaubte, daß es bekandt genug ſey, weil ſich iederman dieſes Schluſſes bedienet. Es iſt wahr, er iſt nicht allgemein. Jch duͤrfte nur im erſtern Exempel die Sonne B und das Licht A nennen; ſo wuͤrde folgen, daß A die Urſach von B ſey, alſo daß das Licht die Sonne wuͤr - cke. Es ſey A die Arbeit eines Kuͤnſtlers der eine Uhr verfertiget; Es ſey B die Uhr; ſo waͤ - re, weil A allemal mit B verbunden, und weil B niemals entſtuͤnde, wenn A nicht zugegen waͤre, A die Urſach von B. Verwechſelt aber die Buchſtaben und es ſey B die Arbeit des Kuͤnſtlers, A aber die Uhr; ſo wuͤrde nach eben dem Schluſſe folgen, daß die Uhr die wuͤrcken - de Urſach der Arbeit des Kuͤnſtlers ſey. Alles dieſes muß man zugeben, allein dem ohngeach - tet hat man nichts verloren. Dieſer Schluß ſoll keinesweges unzweifelhaft erweiſen; ſon - dern er ſoll nur wahrſcheinlich machen, daß A die Urſache von B ſey. Wenn man ihn dero - halben laͤugnen und verwerffen wolte; ſo muͤſte man zu gleicher Zeit behaupten, daß die Leute alle falſch geſchloſſen haͤtten, welche glaubten, die Sonne ſey die Urſache des Lichts, und die dieſes auf keine andre Art als mit dieſem Schluſſe erweiſen koͤnnen.

§. 19.

Damit wir nun die Sache etwas gewiſſer machen moͤgen; ſo wollen wir ietzo nur den Satz alſo einſchraͤncken: Wenn A iſt und B iſt alsdenn auch, wenn A nicht iſt, und BE 5iſt48iſt auch nicht, wenn endlich dieſes allemal geſchicht; ſo iſt entweder A die Urſach von B oder B iſt die Urſach von A, mit einem Wort; ſo hat Urſach und Wuͤrckung zwiſchen beyden ſtatt. Wenn ich z. E. ſehe, daß die Sonne, A allemal zugegen iſt, wenn das Licht auf den Erdboden, B auch iſt; wenn ich ferner ſehe daß dieſes, B, niemals zugegen ſey, wenn ienes, A, nicht da iſt; ſo kan ich, wenn ich genau verfahren will, alsdenn nur erſt ſchlieſſen, daß eines von dieſen beyden Din - gen die Urſach von dem andern ſey. Hinge - gen wenn zwey Uhren zu gleicher Zeit aufgezo - gen worden und der Zeiger auf einerley Art ſteht; ſo iſt zwar die Bewegung des Zeigers auf der einen niemals ohne die Bewegung des Zeigers auf der andern; allein wenn ich die ei - ne Uhr verhindere, daß ſie ihre Bewegung nicht fortſetzen kan; ſo geht dem ohngeachtet der Zeiger auf der andern Uhr eben wie vorhin. Und darum kan ich nicht ſagen, daß die Bewe - gung des Zeigers der einen Uhr die Urſach von der Bewegung deſſelben auf der andern ſey; Weil in dieſem Falle zwar A allemal zugegen wenn B zugegen iſt, allein weil auch A zugegen iſt, ob gleich B nicht mehr vorhanden. Jch kan alſo durch dieſen Schluß noch gar nicht be - ſtimmen, welches von beyden, ob A von B oder B von A die Urſach ſey; ſondern ich kan nur ſagen, daß zwiſchen beyden Urſach und Wuͤr - ckung ſtatt habe. Jch koͤnte alſo ſchon ſo dreiſtſeyn,49ſeyn, und mich dieſes Schluſſes zu meinen fol - genden Beweiſe bedienen, und ich glaube, daß mir es eben niemand verdencken wuͤrde, wenn ich dieſes thaͤte. Jn der That wuͤrde ich ſo gar viel auch nicht einmal damit gewinnen; denn ich bin viel zu offenhertzig, als daß ich meinen Leſern verſchweigen ſolte, daß auch dieſer Schluß unzulaͤnglich ſey Wahrheit und Gewißheit dadurch zu erlangen. Zugleich aber mache ich auch dadurch den Eifer bekandt, wel - chen ich vor die Meinung hege, daß die Sele in ihren Koͤrper wuͤrcke. Wenn es mir nur darum zu thun waͤre, die Anzahl der Schrift - ſteller in der Welt zu vermehren, ſo ſolte mir es nicht an Worten fehlen, dieſen Schluß, der doch in der That zu weit getrieben iſt, vor guͤl - tig und vollkommen genau beſtimmt zu erklaͤ - ren. Da ich aber die Wahrheit zu finden wuͤnſche, ſo halte ich mir auch ſelbſt nicht das geringſte zu gute, damit ich meinen Gegnern die Muͤhe erſpahren moͤge, Fehler aufzuſuchen, welche meinen gantzen Beweis umſtoſſen koͤn - ten. Jch ſuche ſie ſelber. Jch entdecke ſie, und will ſie verbeſſern. Was kan man aber ſolcher - geſtalt wol mehr von mir fodern?

§. 20.

Jch ſage: Wenn A iſt, und B iſt auch, wenn A nicht iſt, und B iſt auch nicht, und dieſes trift allemal; ſo iſt es wahr - ſcheinlich, ſo kan ich muthmaſſen, daß eins von dieſen beyden die Urſache vondem50dem andern ſey. Jch ſage mit Willen: wahrſcheinlich. Denn daß es nicht gewiß ſey; ſolches will ich durch folgendes Exempel erweiſen: Wenn es in Halle Nacht iſt, ſo iſt es auch in Leipzig Nacht, wenn es in Halle nicht Nacht iſt; ſondern helle, ſo iſt auch in Leipzig Tag. Alſo iſt in dieſen Falle die Nacht in Halle, A, allemal wenn die Nacht in Leip - zig, B, gegenwaͤrtig iſt. A, iſt nicht, wenn B nicht iſt. Ja dieſes trift allemal ein. Kan ich aber alſo ſchlieſſen A ſey die Urſach von B oder B habe A gewuͤrcket. Wer wird ſo thoͤ - richt ſeyn, und behaupten daß die Nacht in Halle verurſachte, daß es in Leipzig auch dun - ckel waͤre. Solchemnach iſt dieſer Schluß ebenfalls nicht allgemein, wenn ich ſage, daß alsdenn gewiß zwiſchen A und B Urſach und Wuͤrckung ſtatt haͤtte, wenn ſie allemal mit einander verbunden, und wenn ſie beſtaͤndig beyde zugleich abweſend ſind. Es iſt alſo nichts gewiſſer, als daß es alsdenn nur ſehr wahrſcheinlich ſey, daß zwey Dinge einander wuͤrcken, wenn beſagte Bedingung ſtatt hat. Jch will alles, was ich ietzo geſagt, noch ein - mal wiederholen, ehe ich weiter gehe, damit man mich recht einnehme, und weil hierauf al - les ankommt. Jch behaupte: die Sonne ſey die Urſach des Lichts. Warum? Es iſt alle - mal lichte, wenn ſie zugegen iſt, es iſt allemal dunckel, wenn ſie abweſend iſt. Hingegen warum ſage ich nicht: Die Sonne iſt die Ur -ſach,51ſach, warum ein Ziegeldecker ein Dach bedeckt? Darum nicht: Weil zwar niemals ein Dach gedeckt wird, wenn die Sonne nicht zugegen iſt, weil man aber auch nicht nothwendig ein Dach beſteigen muß, wenn die Sonne nicht da iſt. Kan ich aber alles dieſes gewiß ſa - gen? Keinesweges. Denn weil in zwey be - nachbarten Staͤdten immer zu einer Zeit Nacht iſt, wenn in der andern Nacht iſt, und umge - kehrt, und weil ich hieraus doch nicht ſchlieſſen kan, daß die Nacht in einer Stadt die in der andern Stadt wuͤrcke; ſo kan ich auch nicht einmal mit Gewißheit behaupten, daß zwi - ſchen Sonne und Licht Urſach und Wuͤrckung ſtatt habe. Alſo iſt es nothwendig, daß wir uns um neue Regeln bekuͤmmern, wodurch wir mit Gewißheit behaupten koͤnnen, daß Urſach und Wuͤrckung zwiſchen einem A und B ſtatt habe, oder daß dieſes nicht ſey. Laſſet uns ſe - hen, worin dieſe Regel beſtehe.

§. 21.

Wenn ich mich davon gewiß uͤberzeugen will, daß die Sonne das Licht auf dem Erdboden wuͤrcke, wie fange ich dieſes an? Vorher iſt noͤthig, daß ich es durch obigen Schluß §. 20. ſo weit bringe, daß ich den hoͤchſten Grad der Wahrſcheinlichkeit davon erhalte. Wir wol - len denen Naturkuͤndigern zuſehen, die ſich ei - gentlich hiermit beſchaͤftigen, wie ſie dieſes Werck ohngefehr angreifen. Sie muthmaſſen daß Sonne und Licht in einander wuͤrckenmuͤſſen,52muͤſſen, weil ſie ſo unzertrennlich mit einander verbunden ſind. Laſſen ſie es aber wol hier - bey bewenden? Keinesweges. Sie fuͤhren ſich als wahre Philoſophen auf, welche von allen Sachen den Grund zu wiſſen verlangen. Zu dem Ende unterſuchen ſie die eigentliche Beſchaffenheit des Lichts, und nach dieſem wen - den ſie ſich zur Sonne. Sie ſehen ein, daß es aus der Natur der Sonne wol zu begreiffen ſey, daß ſie das Licht wuͤrcken koͤnne. Sie bemercken, daß das Licht ſo beſchaffen ſey, daß es dem Weſen der Sonne zukommen koͤnne. Sie verbinden dieſes mit dem Schluſſe: wenn A iſt und B iſt auch, wenn A nicht iſt und B auch nicht, und dieſes allemal; ſo iſt hoͤchſt wahrſcheinlich, daß eins die Urſach von dem andern ſey. Nun gilt alles dieſes von der Sonne und dem Lichte: alſo iſt die Sache oh - nedem wahrſcheinlich. Durch die Verbindung dieſer Obſervationen und Schluͤſſe unter einan - der, verwandelt ſich ihre Muthmaſſung in Ge - wißheit und Ueberzeugung. Sie glauben ſo gewiß, daß die Sonne das Licht wuͤrcke; ſo gewiß ſie glauben, daß ſie ſelbſt ſind. Hinge - gen warum kan ſich kein Menſch uͤberreden, daß die Nachtzeit in Halle die Urſach von der Dunckelheit in Leipzig ſey? Hier hat man ia doch eben den Grad der Wahrſcheinlichkeit, als bey der Sonne und dem Lichte? Wir be - trachten die Beſchaffenheit von Halle und die Beſchaffenheit von Leipzig. Wir befragenuns53uns ſelbſt, ob wol in Halle das geringſte zu finden ſey, welches eine Urſach davon abgeben koͤnne, warum es in Leipzig dunckel werde. Eben alſo verfahren wir in Leipzig. Wir fin - den in den Weſen beyder Staͤdte keinen Grund, auch nicht einmal den geringſten Schein einer Wahrſcheinlichkeit, daß dieſe oder iene Stadt die Dunckelheit in ihrer Nachbarſchaft verur - ſachen koͤnte. Hieraus machen wir den richti - gen Schluß. Es muß der Grund von der Dunckelheit in Halle und Leipzig nicht in de - nen Staͤdten zu ſuchen ſeyn. Jch glaube mei - ne Leſer werden es lange errathen haben, was ich ſagen will. Als denn koͤnnen wir uns vollkommen davon gewiß machen, daß A, B oder B, A wuͤrcke, wenn wir ent - weder aus den Weſen beyder, oder aus dem Weſen des einen erweiſen koͤnnen, daß ihm dieſe und iene Wuͤrckung zu kom - men koͤnne. Alsdenn fuͤllet der Schluß, wel - chen wir oben gegeben §. 20 das Fach der Wuͤrcklichkeit aus, wenn wir aus den Weſen der Sachen nur erſt die Moͤglichkeit begreifen.

§. 22.

Nunmehro habe ich deutlich genug gezeiget, wie man es anzufangen habe, wenn man von denen Urſachen und Wuͤrckungen Gewißheit haben will. Allein ich halte vor noͤthig, mir einen Einwurf zu beantworten. Wie nun? Wenn es uns nun unmoͤglich iſt, das Weſen eines Dinges einſehen zu koͤnnen, und alſo vonſeiner54ſeiner Beſchaffenheit auf ſeine Faͤhigkeit zu ur - theilen? Jch will meinen Leſern erzaͤhlen, was vor ein Huͤlfsmittel ich mir in einem ſol - chen Falle erſonnen, um davon gewiß zu wer - den. Jch werde die Regel in der Ordnung vortragen, wie ich ſelber nach und nach darauf gekommen bin. Jch machte es ſo: ich mach - te mich in meinen Gedancken zu einen Men - ſchen, welcher ſein Tage keine Uhr geſehen. Man zeigte mir deren eine, und ich bemerckte, daß wenn ſich die innwendigen Raͤder beweg - ten, auch alsdenn der aͤuſſere Zeiger binnen ei - niger Zeit ziemlicher maſſen von ſeiner Stelle ruͤckte. Jch wolte nun gerne gewiß wiſſen, ob die Bewegung der Raͤder die Urſach von dem Umdrehen des Zeigers ſey, oder nicht. Haͤtte ich nun die Strucktur der innern Uhr verſtanden, ſo waͤre mir geholfen geweſen. Aber das war nun damals nicht. Derohalben hatte ich die Kuͤhnheit, einmal mit dem Fin - ger die Bewegung der Raͤder inwendig zu ver - hindern. Da hoͤrte auch das Umdrehen des Zeigers auf. Der Beſitzer dieſer Uhr merckte dieſes, und ward unwillig auf mich. Unter waͤhrenden Schmaͤhen fing er an, an der Uhr zu drehen, und als ich wieder darnach ſahe, bewegten ſich nicht allein die Raͤder wieder, wie vorhin; ſondern der Zeiger drehete ſich auch wieder, um die Mitte der Uhr. Nunmehro ſchien ich vollkommen uͤberzeugt zu ſeyn, daß dieſe beyden Bewegungen von einander gewuͤrcktwuͤr -55wuͤrden. Allein es kam bald darauf ein drit - ter herzu, welcher ſeine Uhr hervorſuchte und auf den Tiſch legte. Hier bemerckte ich nun eben dieienigen Veraͤnderungen, welche ich vor - hin an der erſten Uhr geſehen. Da fing ich an zu zweifeln, und es fiel mir ſogleich ein, ob nicht die Bewegung der einen Uhr etwan die Urſach waͤre, warum der Zeiger auf der andern her - umgetrieben wuͤrde. Jch haͤtte mir in der That dieſen Zweifel nicht heben koͤnnen, wenn nicht zu allem Gluͤck die letztre Uhr abgelaufen waͤre, und angefangen haͤtte ſtille zu ſtehen. Es konte mir nichts erwuͤnſchters ſeyn, als die - ſes. Denn nunmehro machte ich den Schluß: Wenn die Bewegung iener Uhr die Urſach ge - weſen waͤre, daß ſich der Zeiger auf dieſer be - wegt; ſo muͤſte ia auch der Zeiger aufgehoͤrt haben ſich auf dieſer Uhr zu bewegen, nach - dem iene ſtille ſtand. Da aber dieſes nicht ge - ſchahe; ſo war ich ſo vollkommen uͤberzeugt, daß die innere Bewegung der erſtern Uhr, das herumlaufen des Zeigers auf eben derſelben ver - urſachte, ſo gewiß ich wuſte, daß iene nichts darzu beytragen konte. Auf dieſe Art habe ich gelernet, wie ich erfahren ſoll, ob dieſe oder ie - ne Sache eine gewiſſe Wuͤrckung verrichte, ob mir gleich das Weſen derſelben unbekandt iſt. Denn ich abſtrahirte mir hernachmals, aus vorigen Exempel folgende Regeln: wenn ich zwey Dinge vor mir habe, deren innere Be - ſchaffenheit mir gaͤntzlich unbekandt iſt; ſo mußFich56ich erſt zuſehen, ob A allemal iſt, wenn B iſt, und ob A allemal nicht iſt, wenn dieſes von B gilt. Jſt dem alſo; ſo habe ich mir wahr - ſcheinlich gemacht, daß entweder A, B wuͤrcke, oder daß ſich dieſes umgekehrt alſo verhalte. Wenn ich mich aber davon vollkommen gewiß uͤberzeugen will, ohne ihr Weſen zu kennen; ſo darf ich nur darauf Achtung geben, ob es kein drittes Ding gebe, welches al - lemal auch zugegen iſt, wenn beyde vori - ge zugegen ſind, und abweſend, wenn die - ſes von den vorigen gilt. Jſt dieſes nicht; ſo kan ich mich gantz gewiß davon ver - ſichern, daß eines von beyden das andre wuͤrcken muͤſſe. Dieſe Regel druͤcke ich ſonſt auch alſo aus: wenn A allemal mit B verbun - den iſt, wenn A allemal mit B abweſend iſt; wenn endlich kein C vorhanden, welches auch mit A und B zugleich waͤre, und auch allemal zugleich mit ihnen nicht waͤre; ſo iſt gantz ge - wiß entweder A die Urſach von B oder umge - kehrt. Wenn aber mit dieſen beyden noch ein drittes verbunden iſt; ſo muß ich bemercken, ob es nicht etwan einmal abweſend ſey, wenn A und B zugegen ſind; oder ob nicht C zuge - gen ſey, wenn A und B fehlt. Alsdenn kan ich auch gewiß wiſſen, daß zwiſchen A und B Urſach und Wuͤrckung ſtatt habe; wenn dem alſo iſt. Jſt A und B aber allemal mit C ver - bunden, und auch allemal mit C abweſend; ſo kan ich ſicher ſchlieſſen, daß zweye von bey -den57den Dingen, das dritte zur Urſach haben muͤſ - ſen. Jch will dieſes mit obigen Exempel er - laͤutern. Jn Halle iſt es allemal Nacht, wenn es in Leipzig Nacht iſt, und umgekehrt. Ge - ſetzt ich wuͤſte nun weder die Beſchaffenheit von Halle noch von Leipzig; ſo koͤnte ich mich fol - gendergeſtalt uͤberfuͤhren, daß zwiſchen der Nachtzeit zu Halle und der zu Leipzig keine Urſach und Wuͤrckung ſtatt faͤnde: man duͤrfte nur bemercken, ob mit der Nachtzeit in beyden Staͤdten, nicht noch ein drittes eben ſo genau verbunden waͤre, als ſie ſelbſt ſind. Dieſes duͤrfte man nicht weit ſuchen. Die Abweſen - heit der Sonne iſt allemal wuͤrcklich, wenn die Nachzeit zu Halle und Leipzig wuͤrcklich iſt. Wiederum: die Abweſenheit der Sonne iſt allemal nicht wuͤrcklich, wenn die Nacht in Halle und Leipzig nicht wuͤrcklich iſt. Alſo ma - che ich daraus den Schluß, daß die Abweſen - heit der Sonne auch etwas darzu beytragen muͤſſe. Will ich nun wiſſen, was dieſes eigent - lich ſey, das ſie darzu beytrage; ſo muß ich zuſehen, ob nicht die Abweſenheit der Sonne wuͤrcklich ſeyn kan da doch die Nacht in beyden Staͤdten nicht wuͤrcklich iſt, oder ob die Ab - weſenheit der Sonne nicht koͤnne wuͤrcklich ſeyn, da doch die Nachtzeit in Halle und Leipzig wuͤrcklich waͤre. Man wird mir erlauben, daß ich das Wort: Abweſenheit der Son - ne beybehalte, indem man meine Meinung als - denn deſto leichter verſtehen kan. Nun wollenF 2wir58wir den Fall ſetzen, es wuͤrde Halle mit einen ſchwartzen Tuche eingefaßt. Dieſes koͤnte wol geſchehen. Alsdenn waͤre die Abweſenheit der Sonne nicht wuͤrcklich, und dennoch waͤre es Nacht in Halle. Dieſes koͤnte man nun auch mit Leipzig verſuchen, da dieſes zumal kleiner, als Halle iſt, ſo wuͤrde man eben daſſelbe be - mercken. Alſo folgte der Schluß unſtreitig: es muß nicht allein die Nachtzeit in Halle nicht die Nachtzeit in Leipzig und umgekehrt wuͤr - cken<