PRIMS Full-text transcription (HTML)
Joachim Nettelbeck, Buͤrger zu Colberg.
Erſtes Baͤndchen.
Mit dem Bildniſſe des Verfaſſers.
Leipzig:F. A. Brockhaus. 1821.

Meinem Koͤnige, Friedrich Wilhelm dem Mannlichen ehrfurchtsvoll zugeeignet.

Sire!

Ewr. Koͤniglichen Majeſtaͤt erkuͤhne ich mich, dieſe Blaͤtter zu weihen. Ein Greis ſchaut in denſelben, mit dem letzten Abendroth, in ſein fruͤheres Leben zuruͤck, und fuͤhlt mit ſtiller Freude, daß er, dieſe achtzig Jahre herdurch, in Geſinnung und That weder Koͤnig noch Vaterland verlaͤugnet, und daß es je und je ſein Stolz geweſen, ſich als treuen Unterthan und unſtraͤflichen Buͤrger zu erweiſen. Von ſeinen zitternden, aber unbefleckten Haͤnden moͤge Ewr. Koͤ - niglichen Majeſtaͤt auch dies geringe Opfer ſeiner Verehrung nicht mißfaͤllig ſeyn.

Colberg am dritten Auguſt 1821.Joachim Nettelbeck.

Vorbericht des Herausgebers.

Der Name Nettelbeck iſt, ſeit der, zum Heil von Deutſchland fruchtlos geblie - benen Belagerung Colbergs im Jahre 1807, wohl keinem deutſchen Ohre ganz fremd ge - blieben; und er gilt ſo ſehr als Jnbegriff von Buͤrgertugend und aͤchtem Patriotismus, von ſchlichtem Biederſinn und ruhiger, ſich ſelbſt bewußter Thatkraft, daß ihm eine Celebritaͤt zu Theil geworden, an welcher ſelbſt die, an den außerordentlichſten Erſcheinungen ſo uͤberreiche Folgezeit ſeither kaum etwas vermindert hat.

Wie und wodurch ihm ein ſo ausgezeich - neter Ruf zu Theil geworden wie viel Antheil an dieſem Erwerb ſein inneres ge - diegenes Seyn und Weſen wie viel ſein Handeln und Wirken wie viel aber auch vielleicht eine zeitgemaͤße Politik, das Be - duͤrfniß des Augenblicks, und das Zuthun berufener und unberufener Lobpreiſer ſich anzurechnen habe? Dieſe Entwickelung kann nur das Reſultat einer ſachkundigen geſchichtlichen Darſtellung jenes folgenreichen Ereigniſſes ſeyn, zu deſſen gluͤcklichem Aus - gange Nettelbeck ſo thaͤtig mitwirkte. Noch beſitzen wir eine ſolche pragmatiſche Geſchichte von Colbergs vierter Belagerung nicht: aber es fehlt nicht an Hoffnung, ſie ausII einer kundigen und geſchickten Feder vielleicht binnen kurzem zu erhalten.

Bis dahin darf man es als einen gluͤck - lichen Umſtand betrachten, daß Nettelbeck dazu auf eine Weiſe vorgearbeitet hat, die ihm eine neue und ſeltene Merkwuͤrdigkeit zutheilt. Schon ſeit mehreren Jahren war der, jetzt in ſein 83ſtes Jahr getretene, aber noch einer ſeltenen Kraft und Munterkeit genießende Greis damit beſchaͤftigt, die denk - wuͤrdigſten Ereigniſſe, inſonderheit ſeines fruͤheren Seelebens, ſelbſt niederzuſchreiben, und hat ſich ſo der Welt treffender geſchil - dert, als eine fremde Hand es vermoͤchte. Hier iſt er ganz er ſelbſt. Er giebt ſich, wie er iſt; und ſein Leben iſt ſo wun - derbar reich ausgeſtattet vom Schickſal, und gleicht, bei den ſprechendſten Merkmalen in - nerer Glaubwuͤrdigkeit, dennoch ſo ſehr einem Romane, daß es, indem es die fluͤchtige Neugier vergnuͤgt, zugleich auch in ſeinem aͤußern Thun und Treiben, wie in einem viel - ſeitig geſchliffenen Glaſe, den innern Men - ſchen wundervoll und erfreulich zuruͤckſpiegelt.

Vielleicht iſt es nicht allgemein bekannt, daß der wackre Greis, der nichts weniger, als reich, aber in ſeinem genuͤgſamen SinnIII um ſo ehrwuͤrdiger iſt, und ein maͤßiges Koͤnigliches Gnadengehalt genießt, noch im hohen Alter Vater einer Tochter geworden, deren kuͤnftiges Geſchick ihm zaͤrtlich am Herzen liegt; und als er die Feder zu Auf - zeichnung ſeiner Lebens-Schickſale ergriff, war es ihm Wunſch und Abſicht, eine Hand - ſchrift zu hinterlaſſen, deren dereinſtige Ver - breitung durch den Druck vielleicht ein kleines Kapital zum Brautſchatz fuͤr ein geliebtes Kind vermitteln koͤnnte. Ein zufaͤlliges Zu - ſammentreffen mit dem Verf. der grauen Mappe, der Amaranthen und einiger andern hiſtoriſchen Schriften hat in dieſem Plane inſofern einige Abaͤnderung bewirkt, daß er Demſelben geſtattete, aus ſeiner Handſchrift einige Fragmente in die Pommerſchen Pro - vinzial-Blaͤtter aufzunehmen. Dieſe Proben haben uͤberall einen ſo unzweideutigen Beifall gefunden, daß es nur Nachgiebigkeit gegen einen allgemein ausgedruͤckten Wunſch gewor - den, wenn der Biograph eingewilligt hat, daß das Ganze noch bei ſeinem Leben erſcheine. Eben ſo gerne auch hat der jetzige Herausgeber dem Vertrauen zu entſprechen geſucht, welches ihn mit dieſem Geſchaͤft und der Vorbereitung der Handſchrift zum Druck beauftragte.

IV

Nach ſeiner individuellen Anſicht iſt er des Glaubens, daß an Originalitaͤt, Leben - digkeit, Abwechſelung und koͤrniger Kraft, neben der hoͤchſten Einfachheit, in unſrer Sprache kaum etwas Aehnliches vorhanden iſt, als dieſe Lebensbeſchreibung; etwa die des Schweizers J. Plater ausgenommen. Es iſt uͤberall die Darſtellung des Pommer - ſchen biedern, aber welterfahrnen und welt - klugen Buͤrgersmannes, welcher, die kleinen Kuͤnſte des Vortrags nicht kennend oder ver - ſchmaͤhend, nur dem Beduͤrfniß und Drang der Mittheilung folgt; der froh und behaͤg - lich in die Vergangenheit, die ihm ein friſches Geſtern duͤnkt, zuruͤckſchaut, ſich an ſeinen Kindheitsſpielen, ſeinen jugendlichen Aben - theuern, ſeinen Mannes-Thaten ſonnt und erwaͤrmt und, ohne es ſelbſt zu wiſſen und zu wollen, uns ſo den Schluͤſſel dazu giebt, wie er der tuͤchtige Kern-Menſch ge - worden, den wir in ihm zu lieben und zu achten uns gedrungen fuͤhlen.

Von der ihm gegebenen Befugniß, an der Handſchrift nach Gutduͤnken zu aͤndern, hat der Herausgeber nur inſofern einen ſpar - ſamen und beſcheidenen Gebrauch gemacht, als das Beduͤrfniß eines geordneten Vor -V trags bei einer ſolchen oͤffentlichen Vorſtellung es unumgaͤnglich nothwendig machte. Auch erſtrecken ſich dieſe kleinen Nachhuͤlfen mehr auf die innere Oekonomie des Werks und die Stellung der Begebenheiten, als auf den woͤrtlichen Ausdruck, welcher deſſen minder bedurfte und woran daher abſichtlich ſo we - nig, als moͤglich, geaͤndert worden, um den Eindruck ſeiner Originalitaͤt in nichts zu verkuͤmmern. Hoffentlich werden ihm dies die Leſer um ſo beſſern Dank wiſſen.

So nun uͤbergiebt derſelbe dieſe Lebens - beſchreibung, ohne fremden Schmuck und Zuthat, die ſie nur entſtellt haben wuͤrden, allen aͤchtdeutſchen Leſern und Leſerinnen, die unſerm Nettelbeck verwandten Geiſtes ſind, zu einer freundlichen Aufnahme, und ſchmei - chelt ſich, durch dieſe Herausgabe etwas nicht ganz Unnuͤtzliches gethan zu haben, wenn ihn die Vorausſetzung nicht truͤgt, daß gerade dieſe Art von Schriften vor Andern dazu geeignet ſey, das Gemuͤth zu ſtaͤrken und fuͤr ein thatkraͤftiges Eingreifen in das wirkliche Leben zu bilden.

Schwerlich wird auch Jemand mit dem Verfaſſer oder Herausgeber zu ernſtlich zuͤr - nen, daß die Erzaͤhlung abbricht, bevor ſieVI noch die ſpaͤtere Periode erreicht hat, wo Nettelbeck’s oͤffentliches und politiſches Leben beginnt, und woruͤber man allerdings ſeine eigenen unentſtellten Berichte vielleicht am liebſten erwartet haͤtte. Wem indeß das, was von der annoch obwaltenden Unthunlich - keit einer ſolchen Darſtellung oben beruͤhrt worden, nicht genuͤgt, oder was der be - ſcheidene Mann am Ende dieſes Buches hier - uͤber mit wenigen, aber treffenden Worten aͤuſſert, wohl nur als eine Ausflucht er - ſcheint: dem diene zur Nachricht, daß es vorzuͤglich von der Aufnahme abhaͤngen wird, deren dieſe beiden Baͤndchen ſich im Publikum zu erfreuen haben, ob etwa kuͤnftighin noch ein Drittes nachfolgen moͤchte, zu welchem ſich bereits mehrere, von Nettelbeck hand - ſchriftlich aufgeſetzte Materialien in des Her. Haͤnden befinden, und welches ſich dann aller - dings auch uͤber ſeine ſpaͤteren Lebensbegeg - niſſe verbreiten wuͤrde.

Treptow an der Rega, im Mai 1821.J. C. L. Haken.

Joachim Nettelbeck’s Lebensbeſchreibung. Erſtes Baͤndchen.

Joachim Nettelbeck’s Lebens-Geſchichte. Erſtes Baͤndchen.

Am 20ſten September 1738 ward ich zu Colberg gebohren, und bekam dann den Taufnamen Joachim. Mein Vater, Jo - hann David Nettelbeck, war hier Brauer und Brandtweinbrenner und ſtand bei der Buͤrgerſchaft in beſonderer Liebe und An - haͤnglichkeit. Dies Gluͤck iſt mir von ihm uͤbererbt, und genieſſe es noch jetzt, in mei - nem Alter, bei meinen lieben Mitbuͤrgern. Meine Mutter war aus des Schiffers Blan - ken Geſchlecht. Auch meiner beiden Pathen nemlich der Kaufleute, Herren Lorenz Runge und Gruͤneberg muß ich hier dankbar erwaͤhnen, weil ſo manche ihrer vaͤ - terlich gemeynten Vorſtellungen, und was ſie mir ſonſt Gutes eingepraͤgt, bei mir ei - nen Eindruck gemacht, der mich durch mein ganzes Leben begleitet hat.

Der Guͤtige Leſer wolle ſich’s gefallen laſ - ſen, etwas von meinen erſten Jugendjahren zu hoͤren. Seit ich kaum das Alter von dreiviertel Jahren erreicht, bin ich bei mei -1. Bändchen. (1)2nen Groß-Eltern vaͤterlicher Seits erzogen worden: aber ſobald ich habe lallen koͤnnen, ſtand auch mein Sinn darauf, ein Schiffer zu werden. Dies mag wohl daher kom - men, daß mir dergleichen oftmals vorgeplau - dert worden. Mein Hang dazu trieb mich ſo gewaltig, daß ich aus jedem Holzſpahn, aus jedem Stuͤckchen Baumrinde, was mir in die Haͤnde fiel, kleine Schiffchen ſchni - tzelte, ſie mit Segeln von Federn oder Pa - pier ausruͤſtete, und damit auf Rinnſteinen und Teichen, oder auf der Perſante, hand - thierte.

Meines Vaters Bruder war Schiffer; und keine groͤſſere Freude gab es fuͤr mich, als wenn er mit ſeinem Schiffe hier im Hafen lag. Denn da hatte ich zu Hauſe keine Ruhe, ſondern bat, man moͤchte mich nach der Muͤnde laſſen. O, welch ein vergnuͤgtes Leben, wenn ich auf dem Schiffe war, und mit den Schiffsleuten in ihrer Arbeit her - umſprang!

Nicht viel geringer war meine Liebe und Freude am Garten-Weſen: denn auch mein Großvater war ein ſonderlicher Garten - freund; nahm mich beſtaͤndig mit dahin; gab mir ſogar ein klein Fleckchen Land zum Ei - genthum und ließ mich ſehen und lernen, was zur Garten-Arbeit gehoͤrte. Hier legte3 ich Obſtkerne; ich verpflanzte, ich pfropfte und oculirte; ich begoß und pflegte meine Gewaͤchſe. Meine Kernſtaͤmmchen wuchſen heran; und ſieben von dieſen ſelbſtgezogenen Baͤumen ſind noch (wie ſehr es mir auch um ſie leid that, da ich jetzt der Beſitzer des nemlichen Gartens bin) in der letzten franzoͤſiſchen Belagerung umgehauen worden.

An dieſes kleine, aber fuͤr mich unſchaͤtz - bare Grundſtuͤck, deſſen Pflege noch in die - ſem Augenblick die Freude meines Alters ausmacht, heften ſich zugleich auch ein paar meiner fruͤheſten und lebendigſten Erinne - rungen, die ich darum nicht ganz mit Still - ſchweigen uͤbergehen darf.

Jch mochte wohl ein Buͤrſchchen von 5 oder 6 Jahren ſeyn und noch in meinen er - ſten Hoͤschen ſtecken, (alſo etwa um das Jahr 1743 oder 44) als es hier bei uns, und im Lande weit umher, eine ſo ſchrecklich knappe und theure Zeit gab, daß viele Men - ſchen vor Hunger ſtarben: Denn der Schef - fel Roggen galt den, damals beinahe fuͤr unerſchwinglich gehaltenen Preis von einem Thaler acht Groſchen. Es kamen, von land - einwaͤrts her, viele arme Leute nach Colberg, die ihre kleinen hungrigen Wuͤrmer auf Schiebkarren mit ſich brachten, um Korn4 von hier zu holen, weil man Getreide - Schiffe in unſerm Hafen erwartete, die der grauſamen Roth ſteuern ſollten. Alle Stra - ßen bei uns lagen voll von dieſen ungluͤck - lichen ausgehungerten Menſchen. Meine Großmutter, bei der ich, wie ſchon geſagt, erzogen ward, ließ taͤglich mehrere Koͤrbe voll Gruͤnkohl in unſerm Garten pfluͤcken, kochte Einen Keſſel voll nach dem Andern fuͤr unſre verſchmachtenden Gaͤſte, und mir ward das gern uͤbernommene Ehren-Aemt - chen zu Theil, ihnen dieſe Speiſe in kleinen Schuͤſſelchen, nebſt einer Brodſchnitte, zuzu - tragen. Da riſſen mir denn Alte und Junge meinen Napf begierig aus der Hand, oder auch wohl unter einander ſelbſt vor dem Munde weg. Jch kann nicht ausſprechen, welch einen ſchauderhaften Eindruck dieſe Scene auf meine kindiſche Seele machte!

Endlich langte ein Schiff mit Roggen auf der Rheede an, dem ſich tauſend ſehn - ſuͤchtige Augen und Herzen entgegen richte - ten. Aber, o Jammer! beim Einlaufen in den Hafen ſtieß es gegen eine Steinkiſte des Hafendammes und nahm ſo betraͤchtli - chen Schaden, daß es, im Strome ſelbſt, nur wenige Hundert Schritte weiter, der Muͤnder Vogtey gegenuͤber, in den Grund ſank. Sollte die koſtbare Ladung nicht ganz5 verloren ſeyn, ſo mußten ſchleunige Anſtal - ten getroffen werden, das verungluͤckte Fahr - zeug wieder uͤber Waſſer zu bringen. Dazu wurden denn zwei Schiffe benutzt, die eben auch im Hafen lagen, und wovon das Eine von meines Vaters Bruder gefuͤhrt wurde. So war ich denn auch bei dieſem Empor - winden, an welchem ich eine kindiſche Freude hatte, beſtaͤndig zugegen; ward mitunter auch wohl, als unnuͤtz und hinderlich, uͤber Seite geſchoben, und habe daruͤber all dieſe einzelnen Umſtaͤnde nur um ſo beſſer im Ge - daͤchtniß behalten.

Gieng nun gleich das Wiederflottmachen des Schiffes gluͤcklich von Statten, ſo war doch das Korn durchnaͤßt, zum Vermahlen untuͤchtig und die Hoffnung all der darauf vertroͤſteten Menſchen vereitelt. Die Colber - ger Buͤrger kauften den beſchaͤdigten Roggen um ein Viertel des geltenden Marktpreiſes; und da mein Vater damals koͤniglicher Korn - meſſer im Orte war, ſo gieng auf dieſe Weiſe die ganze geborgene Ladung durch ſeine Haͤnde. Jeder ſuchte mit ſeinem Kauf ſo gut, als moͤglich, zurecht zu kommen und ihn auf’s ſchnellſte zu trocknen. Alle Stra - ßen waren auf dieſe Weiſe mit Laken und Schuͤrzen uͤberdeckt, auf welchen das Getreide der Luft und Sonne ausgeſetzt wurde. Kurze6 Zeit darauf erſchien ein zweites großes Korn - ſchiff; und nun ward es endlich moͤglich, die fremde Armuth zu befriedigen.

Jm naͤchſtfolgenden Jahre erhielt Colberg, aus des großen Friedrichs verſorgender Guͤte, ein Geſchenk, das damals hier zu Lande noch voͤllig unbekannt war. Ein großer Frachtwagen nemlich voll Kartoffeln, langte auf dem Markte an; und durch Trommel - ſchlag in der Stadt und auf den Vorſtaͤdten ergieng die Bekanntmachung, daß jeder Gar - tenbeſitzer ſich zu einer beſtimmten Stunde vor dem Rathhauſe einzufinden habe, indem des Koͤnigs Majeſtaͤt ihnen eine beſondre Wohlthat zugedacht habe. Man ermißt leicht, wie Alles und Jedes in eine ſtuͤrmiſche Be - wegung gerieth; und das nur um ſo mehr, je weniger man wußte, was es mit dieſem Geſchenke zu bedeuten habe.

Die Herren vom Rathe zeigten nunmehr der verſammleten Menge die neue Frucht vor, die hier noch nie ein menſchliches Auge erblickt hatte. Daneben ward eine umſtaͤnd - liche Anweiſung verleſen, wie dieſe Kar - toffeln gepflanzt und bewirthſchaftet, desglei - chen wie ſie gekocht und zubereitet werden ſollten. Beſſer freilich waͤre es geweſen, wenn man eine ſolche geſchriebene oder ge -7 bruckte Jnſtruktion gleich mit vertheilt haͤtte: denn nun achteten in dem Getuͤmmel die We - nigſten auf jene Vorleſung. Dagegen nah - men die guten Leute die hochgeprieſenen Knollen verwundert in die Haͤnde; rochen, ſchmeckten und leckten dran; kopfſchuͤttelnd bot ſie Ein Nachbar dem Andern; man brach ſie von einander und warf ſie den gegen - waͤrtigen Hunden vor, die dran herum ſchnopperten und ſie gleichmaͤßig verſchmaͤh - ten. Nun war ihnen das Urtel geſpro - chen! Die Dinger hieß es rie - chen nicht, und ſchmecken nicht; und nicht einmal die Hunde moͤgen ſie freſſen. Was waͤre uns damit geholfen? Am Allge - meinſten war dabei der Glaube, daß ſie zu Baͤumen heranwuͤchſen, von welchen man zu ſeiner Zeit aͤhnliche Fruͤchte herabſchuͤttle. Alles dies ward auf dem Markte, dicht vor meiner Eltern Thuͤre, verhandelt; gab auch mir genug zu denken und zu verwundern und hat ſich darum auch, bis auf’s Jota, in meinem Gedaͤchtniß erhalten.

Jnzwiſchen ward des Koͤnigs Wille voll - zogen und ſeine Segensgabe unter die an - weſenden Garten-Eigenthuͤmer ausgetheilt, nach Verhaͤltniß ihrer Beſitzungen; jedoch ſo, daß auch die Geringeren nicht unter ei - nigen Metzen ausgiengen. Kaum irgend8 Jemand hatte die ertheilte Anweiſung zu ih - rem Anbau recht begriffen. Wer ſie alſo nicht geradezu, in ſeiner getaͤuſchten Erwar - tung, auf den Kehrichthaufen warf, gieng doch bei der Auspflanzung ſo verkehrt, als moͤglich, zu Werke. Einige ſteckten ſie hie und da einzeln in die Erde, ohne ſich weiter um ſie zu kuͤmmern; Andre (und darunter war auch meine liebe Großmutter mit ih - rem, ihr zugefallenen Viert) glaubten das Ding noch kluͤger anzugreifen, wenn ſie dieſe Kartoffeln beiſammen auf Einen Haufen ſchuͤtteten und mit etwas Erde bedeckten. Da wuchſen ſie nun zu einem dichten Filz in einander; und ich ſehe noch oft in meinem Garten nachdenklich den Fleck drauf an, wo ſolchergeſtalt die gute Frau hierinn ihr erſtes Lehrgeld gab.

Nun mochten aber wohl die Herren vom Rath gar bald in Erfahrung gebracht haben, daß es unter den Empfaͤngern viele loſe Ver - aͤchter gegeben, die ihren Schatz gar nicht einmal der Erde anvertraut haͤtten. Dar - um ward in den Sommer-Monaten durch den Rathsdiener und Feldwaͤchter eine allge - meine und ſtrenge Kartoffel-Schau ver - anſtaltet und den widerſpenſtig Befundenen eine kleine Geldbuße aufgelegt. Das gab wiederum ein großes Geſchrei, und diente9 auch eben nicht dazu, der neuen Frucht an den Beſtraften beſſere Goͤnner und Freunde zu erwecken.

Das Jahr nachher erneuerte der Koͤnig ſeine wohlthaͤtige Spende durch eine aͤhnliche Ladung. Allein diesmal verfuhr man dabei hoͤheren Orts auch zweckmaͤßiger, indem zu - gleich ein Landreuter mitgeſchickt wurde, der, als ein gebohrner Schwabe, (Sein Name war Eilert, und ſeine Nachkommen dauern noch in Treptow fort) des Kartoffelbaues kundig und den Leuten bei der Auspflanzung behuͤlflich war, und ihre weitere Pflege be - ſorgte. So kam alſo dieſe neue Frucht zu - erſt ins Land, und hat ſeitdem, durch immer vermehrten Anbau, kraͤftig gewehrt, daß nie wieder eine Hungersnoth ſo allgemein und druͤckend bei uns hat um ſich greifen koͤnnen. Dennoch erinnere ich mich gar wohl, daß ich erſt volle vierzig Jahre ſpaͤter (1785) bei Stargard, zu meiner angenehmen Ver - wunderung, die erſten Kartoffeln im freien Felde ausgeſetzt gefunden habe.

Doch, es iſt wohl Zeit, daß ich von die - ſen langen Abſchweifungen wieder in meine goldnen Jugendjahre und zu meinen damali - gen Lieblings-Beſchaͤftigungen zuruͤckkehre!

10

Bei manchen andern Kindereien war ich auch ein großer Liebhaber von Tauben. Von meinem Fruͤhſtuͤcks-Gelde ſparte ich mir ſo viel am Munde ab, daß ich mir ein Paar kaufen konnte. Das war nun eine Herrlichkeit! Da aber meine Groß-Eltern unter dem Poſthauſe, bei Herrn Frauendorf, wohnten, ſo gab es hier keine Gelegenheit, die Tauben ausfliegen zu laſſen. Jch machte daher mit dem ſogenannten Poſtjungen, Johann Witte (nachherigem Poſt - und Banco - Director in Memel) einen Accord, daß er meine Tauben zu ſich nehmen, ich aber taͤg - lich eine gewiſſe Portion Erbſen zum Fuͤttern hergeben ſollte, die ich meinen Groß-Eltern leider! heimlich in den Taſchen wegtrug. Die Tauben vermehrten ſich: hinfolglich auch die Futter-Erbſen.

Bei all dieſen Spielereien ward (wie - derum leider!) die Schule verſaͤumt: ich hatte weder Luſt noch Zeit dazu. Wenn meine Großmutter meynte, ich ſaͤße fleiſſig auf der Schulbank, ſo ſchiffte ich in Rinn - ſteinen und Teichen, oder ich verkehrte mit meinen Tauben; und das machte mir ſo viel zu ſchaffen, daß ich weder bei Tage, noch bei Nacht, davor ruhen konnte. Dieſe un - ruhige Geſchaͤftigkeit hat mich auch nach - mals in mein maͤnnliches Weſen, bei weit11 wichtigern Dingen, und ſelbſt bis in mein Alter, verfolgt. Freilich wohl habe ich mir dabei weniger fuͤr mich, als fuͤr andre mei - ner Mitmenſchen, zu thun und zu ſorgen gemacht.

Einigen Vorſchub zu dieſen Poſſen that mir auch wohl Pathe Runge, der nicht Frau noch Kinder hatte, mich ſehr liebte und ſich viel mit mir abgab. Endlich aber nahm er mich einmal etwas ernſthafter in’s Verhoͤr, (wie auch zuweilen von Pathe Gruͤ - neberg geſchah) und gab mir zu bedenken, daß, wenn ich Schiffer werden wollte, ſo muͤßte ich auch fleiſſig in die Schule gehen, eine firme Hand ſchreiben und gut rechnen lernen; fonſt duͤrft ich nie an ſo etwas denken. Mir fuhr das gewaltig auf’s Herz. Jch ſann nach, was denn wohl von meinem jetzigen Thun und Treiben abgeſtellt werden muͤßte? Was anders, als meine Tauben, die mir ſo viel Zeit koſteten, und doch ſo ſehr am Herzen lagen! Wie ich’s aber auch bedenken mochte, ſo war es doch nicht an - ders: ich mußte meine lieben Thierchen fahren laſſen, die ſich indeß anſehnlich ver - mehrt hatten! Dies geſchah denn auch mit - telſt eines foͤrmlichen ſchriftlichen Contracts, wodurch ich den Johann Witte, kindiſcher12 Weiſe, zu ihrem alleinigen Herrn und Be - ſitzer einſetzte.

So war ich alſo meine Tauben los; und nun kriegt ich einen ſo brennenden Trieb zur Schule, daß mich die Lernbegierde auf all meinen Schritten und Tritten verfolgte. Jch wollte und mußte ja ein Schiffer wer - den! Auch alle meine heiligen Chriſt-Ge - ſchenke, woran es meine Herren Pathen nicht fehlen lieſſen, hatten immer eine Be - ziehung auf die Schifferſchaft. Bald war es ein runder hollaͤndiſcher Matroſen-Hut, bald lange Schifferhoſen, bald wieder Pfef - ferkuchen, als Schiffer geformt, u. dergl.

So mocht es etwa in meinem achten Jahre ſeyn, als Pathe Lorenz Runge mir, unter andern Weihnachts-Beſcheerungen, auch eine Anweiſung zur Steuermanns-Kunſt in hollaͤndiſcher Sprache verehrte. Dies Buch machte meine Phantaſie ſo rege, daß ich Tag und Nacht fuͤr mich ſelbſt darinn ſtu - dirte, bis mein Vater ein naͤheres Einſehen hatte und mir bei einem hieſigen Schiffer, Namens Neymann, zwei woͤchentliche Unter - richtstage in jener edlen Kunſt ausmachte. Dagegen blieben die andern vier Tage noch zum Schreiben und Rechnen bei einem an - dern geſchickten Lehrer, Namens Schuͤtz, be -13 ſtimmt. Ein Jahr ſpaͤter aber ward die Steuermanns-Kunſt die Hauptſache und alles Andre in die Neben - und Privat-Stunden verwieſen.

Mein Eifer fuͤr dieſe Sache gieng ſo weit, daß ich im Winter oftmals bei ſtren - ger Kaͤlte, wenn des Nachts klarer Himmel war, und wenn meine Eltern glaubten, daß ich im warmen Bette ſteckte, heimlich auf den Wall und die hohe Katze gieng, mit meinen Jnſtrumenten die Entfernung der mir bekannten Sterne vom Horizont oder vom Zenith maaß und darnach die Pol - Hoͤhe berechnete. Dann, wenn ich des Mor - gens erfroren nach Hauſe kam, verwun - derte ſich Alles uͤber mich und erklaͤrte mich fuͤr einen uͤberſtudierten Narren. Schlimmer aber war es, daß man mich nun des Abends ſorgfaͤltiger bewachte und mich nicht aus dem Hauſe ließ. Dennoch ſuchte und fand ich oftmals Gelegenheit, bei Nacht wieder auf meine Sternwarte zu kommen; was mir aber, wenn ich mich Morgens wieder ein - ſtellte, von meinem Vater manche ſchwere Ohrfeige einbrachte.

Aehnlicher Lohn ward mir auch ſonſt noch fuͤr aͤhnlichen Eifer! Zu oft hatte ich gehoͤrt, daß ein Seemann vor allen Dingen lernen muͤſſe, gut klettern, um die Maſten bei Tag14 und Nacht zu beſteigen, als daß ich nicht haͤtte begierig werden ſollen, mich darin bei Zeiten zu uͤben. Hiezu fand ſich eine er - wuͤnſchte Gelegenheit durch die naͤhere Be - kanntſchaft mit dem Sohne des damaligen Gloͤckners. Er war in meinen Jahren, hieß David, und wollte auch Schiffer werden. Mit dieſem machte ich mich, auſſer der Schulzeit, auf den Boden der großen Kirche in das Sparrwerk und die Balkenverbin - dungen bis hoch unter das kupferne Dach hinauf. Hier ſtiegen und krochen wir uͤberall herum, daß wir uns in der gewaltigen Ver - zimmerung dieſes großen Gebaͤudes oftmals dergeſtalt verirrten, daß Einer vom Andern nicht wußte. Kamen wir dann wieder zu - ſammen, ſo konnten wir nicht genug erzaͤh - len, wo wir geweſen waren und was wir geſehen hatten.

Bald gieng es nun zu einem Wagſtuͤck weiter. Auch in die Spitze des Thurms krochen wir in dem inwendigen Holzverbande hinauf ſo hoch, bis wir uns in dem be - engten Raume nicht weiter ruͤhren konnten. Aber eben dieſe Gewandtheit und Orts-Kennt - niß kam mir in der Folge recht gut zu ſtat - ten, um hier in der aͤußerſten Spitze, wo ein Wetterſtrahl am 28ſten April 1777 ge - zuͤndet hatte, das Feuer loͤſchen zu koͤnnen;15 wie ich zu ſeiner Zeit weiter unten erzaͤh - len werde.

Und nunmehr genuͤgte es uns nicht, bloß innerhalb uns von Balken zu Balken zu ſchwingen: es ſollte auch auſſerhalb des Ge - baͤudes geklettert werden! So machten wir uns denn auf das kupferne Dach; ſtiegen bei den Glocken aus den Luken auf das Geruͤſt; von da auf die Farſt des kupfernen Kirchen - daches, und indem wir darauf, wie auf ei - nem Pferde ritten, rutſchten wir laͤngshin vom Thurm bis an den Giebel, und auf gleiche Weiſe wieder zuruͤck. Ein paar Hun - dert Zuſchauer gafften drunten, zu unſrer großen Freude, nach uns beiden jungen Wag - haͤlſen in die Hoͤhe. Auch mein Vater war, ohne daß ich es wußte, unter dem Haufen geweſen; und ſo konnt es nicht fehlen, daß mich, bei meiner Heimkunft, fuͤr dieſe Helden - that eine derbe Tracht Schlaͤge erwartete.

Aber die Luſt zu einem wiederhohlten Ver - ſuche war mir dennoch nicht ausgetrieben worden! Jch lauerte es nur ab, daß mein Vater verreiſet war; und an einem ſchoͤnen Sommertage, Nachmittags um vier Uhr, als ich der Zucht des Herrn Schuͤtz entlau - fen war, konnt ich nicht drum hin, meinen lieben Thurm wieder zu beſuchen. Ein16 Schulkamerad, David Spaͤrke, eines hieſigen Schiffers Sohn, leiſtete mir Geſellſchaft. Dieſen beredete ich, den Ritt auf dem Kir - chendache mitzumachen. Jch zuerſt ſtieg aus der Luke auf das Geruͤſt und von da auf die Farſt des Daches. David Spaͤrke kam mir zuverſichtlich nach, da er mich ſo flink und ſicher darauf handthieren ſah.

Allein kaum war er mir ſechs oder acht Fuß nachgeritten, ſo uͤberfiel ihn ploͤtzlich eine Angſt, daß er erbaͤrmlich zu ſchreien begann, ſich zu beiden Seiten an den kup - fernen Reifen feſtklammerte und nicht vor - nicht ruͤckwaͤrts kommen konnte. Jch kehrte mich nach ihm um, kam dicht zu ihm heran; und hier ſaßen wir nun Beide, ſahen uns betruͤbt in’s Geſicht und wußten nicht, wo aus noch ein. Er wagte es nicht, ſich um - zudrehen: ich konnte an ihm nicht vorbei - kommen. Dabei hoͤrte er nicht auf, in ſeiner Seelenangſt aus vollem Halſe zu ſchreien. Auf der Straße gab es einen Zuſammen - lauf, und bald auch Huͤlfe. Denn der alte Gloͤckner mit ſeinem Sohne und mehreren Andern kamen auf den Thurm und zogen meinen Freund David mit umgeworfenen Leinen ruͤcklings nach dem Geruͤſt und ſo vollends in die Luke hinein. Jch aber folgte,wie17wie ein armer Suͤnder, zitternd und be - bend nach.

Des naͤchſten Tages kam mein Vater wieder nach Hauſe: und da gab es denn, wie zu erwarten war, rechtſchaffene, aber verdiente Pruͤgel. Damit aber nicht genug, meynte auch Herr Schuͤtz, mein Lehrer, es muͤſſe hier, der uͤbrigen Schulkameradſchaft wegen, noch ein anderweitiges Beiſpiel zu Nutz und Lehre ſtatuirt werden, und bat ſich’s bei meinem Vater aus, gleichfalls noch Gericht uͤber mich halten zu duͤrfen. Das ward ihm gern bewilligt. Meine Strafe beſtand in einem dreitaͤgigen Quartier in dem dunkeln Carzer auf dem Schulhofe. Hier ward ich Nachmittags, ſobald die Schulzeit abgelaufen war, eingeſperrt und immer erſt Morgens um acht Uhr, wo die Schule wieder anging, herausgelaſſen. Nur Mittags durft ich nach Hauſe gehen, um zu eſſen; aber ſchon in der naͤchſten Stunde auf meiner Schulbank mich einfinden und um vier Uhr meine traurige Wanderung in die Finſterniß wieder antreten.

Naͤchſt der Unbequemlichkeit einer einzigen taͤglichen Mahlzeit bei einem (Gott weiß es) geſegneten Appetite, war’s meine groͤßte Quaal und Noth, daß ich die Schaam und Schande nicht bemeiſtern konnte, von den1. Bändchen. (2)18andern Schulbuben uͤber mein Abentheuer noch ausgelacht zu werden. Niemand hatte Mitleid mit meinem Unſtern; ausgenommen ein einziges gutherziges Maͤdchen, die aͤlteſte Tochter des Kaufmanns, Herrn Seeland. (Wenn ich mich recht entſinne, nannte man ſie Doͤrtchen) Doͤrtchen alſo ſteckte mir den letzten Abend, mit Thraͤnen in den Augen, ihre Semmel zu; konnt es aber nicht ſo heimlich abthun, daß es nicht von den An - dern waͤre geſehen und verrathen worden. Die Semmel ward mir vom Lehrer wieder abgenommen und confiſcirt. Jch weinte; ſie weinte; Herr Schuͤtz ſelbſt konnte ſich deſſen nicht erwehren. Jch bekam meine Semmel zuruͤck: aber bloß wie er hin - zuſetzte um das gute Kind zu beruhi - gen. Jch habe nachher, im Jahre 1782 (Alſo nach Verlauf von 34 Jahren!) die Freude gehabt, dieſes nemliche Doͤrtchen Seeland in Memel wieder anzutreffen. Jhre Eltern waren in ihrem Wohlſtande zuruͤckgekommen, den ſie damals durch eine Auswanderung nach Rußland zu verbeſſern hofften. Jch hatte jene Semmel noch nicht vergeſſen; und es hat mir wohlgethan, ſie einigermaaßen vergelten zu koͤnnen.

Endlich, da ich etwa eilf Jahre alt ſeyn mochte, ſollte es, zu meiner unſaͤglichen19 Freude, Ernſt mit meiner kuͤnftigen Beſtim - mung werden. Meines Vaters Bruder nahm mich auf ſein Schiff, die Suſanna, als Ka - juͤten-Waͤchter; und ſo gieng meine erſte Ausflucht nach Amſterdam. Hier ſah ich nun eine Menge großer Schiffe auf dem Y vor Anker liegen, die nach Oſt - und Weſt - Jndien gehen ſollten. Taͤglich ward auf ihnen mit Trommeln, Pauken und Trompe - ten muſicirt, oder mit Kanonen geſchoſſen. Das machte mir allmaͤhlich das Herz groß! Jch dachte: Wer doch auch auf ſo einem Schiffe fahren koͤnnte! und das gieng mir nur um ſo viel mehr im Kopfe herum, als es damals unter all unſern Schiffsleu - ten, wie ich oft gehoͤrt hatte, fuͤr einen Glaubens-Artikel galt: daß, wer nicht, von Holland aus, auf dergleichen Schiffen gefah - ren waͤre, auch fuͤr keinen rechtſchaffenen Seemann gelten koͤnnte. Gerade das aber machte ja mein ganzes Sinnen und Denken aus! Jm Vorbeigehn will ich aber noch hinzufuͤgen, daß jener Glaube auf einem ganz guten Grunde beruhte. Man findet wirklich bei keiner Nation eine groͤßere Ord - nung auf den Schiffen, als bei den Hollaͤn - dern, auf ſolchen bedeutenden Fahrten in fremde Welttheile.

Wovon mir das Herz voll war, gieng mir auch alle Augenblicke der Mund uͤber. 20Jch geſtand meinem Oheim, wie gerne ich am Bord eines ſolchen anſehnlichen Oſtin - dien-Fahrers ſeyn und die Reiſe mitmachen moͤchte. Er gab mir immer die einzige Ant - wort, die darauf paßte: Daß ich nicht klug im Kopfe ſeyn muͤßte. Endlich aber ward dieſer Hang in mir zu maͤchtig, als daß ich ihm laͤnger widerſtehen konnte. Jn einer Nacht, zwei Tage vor unſrer Abreiſe, ſchluͤpfte ich heimlich in unſre angehaͤngte Joͤlle ganz wie ich gieng und ſtand und ohne das geringſte von meinen Kleidungsſtuͤcken mit mir zu nehmen. Man ſollte nemlich nicht glauben, daß ich deſertirt, ſondern daß ich ertrunken ſey; und wollte ſo verhindern, daß mir nicht weiter auf den andern Schif - fen nachgeſpuͤrt wuͤrde. Unter dieſen aber hatte ich mir Eins auf’s Korn gefaßt, von welchem mir bekannt geworden war, daß es am andern naͤchſten Morgen nach Oſtindien unter Segel gehen ſollte. Das Letztere zwar war richtig: aber uͤber ſeine Beſtimmung befand ich mich im Jrrthum: denn es war zum Sklaven-Handel auf der Kuͤſte von Guinea beſtimmt.

Still und vorſichtig kam ich mit meiner Joͤlle an der Seite dieſes Schiffes an, ohne von irgend Jemand auf demſelben bemerkt zu werden. Eben ſo ungeſehen ſtieg ich an21 Bord, indem ich mein kleines Fahrzeug mit dem Fuße zuruͤckſtieß und es treibend ſeinem Schickſal uͤberließ. Bald aber ſammlete ſich das ganze Schiffsvolk (Es waren deren 84 Koͤpfe, wie ich nachmals erfuhr) ver - wundert um mich her. Jeder wollte wiſſen, woher ich kaͤme? wer ich waͤre? was ich wollte? Statt aller Antwort Und was haͤtt ich auch ſagen koͤnnen? fing ich an, erbaͤrmlich zu weinen.

Der Kapitain war dieſe Nacht nicht an Bord. Man brachte mich alſo zu den Steu - erleuten, welche das Verhoͤr in’s Kreuz und in die Queere mit mir erneuerten. Auch hier hatt ich nichts, als Thraͤnen und Schluchzen. Aha, Burſche! legte ſich endlich Einer auf’s Rathen Jch merke ſchon! Du biſt von einem Schiffe weggelau - fen und denkſt, daß wir dich mitnehmen ſollen? Das war ganz meines Herzens - Meynung. Jch ſtammelte alſo ein Ja dar - auf hervor; konnte mich aber diesmal nicht entſchlieſſen, noch weiter herauszubeichten. Jnzwiſchen hatte man einiges Mitleid mit mir; gab mir ein Glas Wein, ſammt einem Butterbrod und Kaͤſe, und wies mir eine Schlafſtelle an, mit dem Bedeuten, daß mor - gen fruͤh der Kapitain an Bord kommen werde, der mich vielleicht wohl mitnehmen22 moͤchte. Da lag ich nun die ganze Nacht ſchlaflos, und uͤberdachte, was ich ſagen und verſchweigen wollte.

Am andern Morgen, mit Tages-Anbruch, fand ſich der Lootſe ein; der Anker ward aufgewunden und man machte ſich ſegelfer - tig; wobei ich treuherzig und nach Kraͤften mit Hand anlegte. Unter dieſen Beſchaͤfti - gungen kam endlich auch der Kapitain heran. Jch ward ihm vorgeſtellt; und auch ſeine erſte und natuͤrlichſte Frage war: Was ich auf ſeinem Schiffe wollte? Jch fuͤhlte mich nun ſchon ein wenig gefaßter, und gab ihm uͤber mein Wie und Woher ſo ziemlich ehrlichen Beſcheid; nur ſetzte ich hinzu (Und dieſe Luͤge hat mir nachmals oft bitter leid gethan: denn mein Oheim war gegen mich die Guͤtigkeit ſelbſt, als ob ich ſein eigen Kind waͤre Dieſer habe mich auf der Reiſe oftmals unſchuldig geſchlagen; wie das denn auch nur noch geſtern geſchehen ſey. Jch koͤnne dies nicht laͤnger ertragen; und ſo ſey ich heimlich weggegangen, und baͤte flehentlich, der Kapitain moͤchte die Guͤte haben, mich anzunehmen. Jch wollte gerne gut thun.

Nun ich einmal ſo weit gegangen war, durft ich auch die richtige Antwort auf die weitere Frage nach meines Oheims Namen23 und Schiffe nicht ſchuldig bleiben. Gut! ſagte der Kapitain Jch werde mit dem Manne daruͤber ſprechen. Das klang nun gar nicht auf mein Ohr! Jch hub von neuem an zu weinen; ſchrie, ich wuͤrde uͤber Bord ſpringen und mich erſaͤufen, und trieb es ſo arg und klaͤglich, (Mir war aber auch gar nicht wohl um’s Herz!) daß nach und nach das Mitleid bei meinem Richter zu uͤberwiegen ſchien. Er gieng mit ſeinen Steuerleuten in die Kajuͤte, um die Sache ernſtlicher zu uͤberlegen; ich aber lag indeß, von Furcht und Hoffnung hin und her geworfen, wie auf der Folter: denn die Schande, vielleicht zu meinem Oheim zu - ruͤckgebracht zu werden, ſchien mir uner - traͤglich.

Endlich rief man mich in die Kajuͤte. Jch habe mir’s uͤberlegt; hub hier der Kapitain an und du magſt bleiben. Du ſollſt Steuermanns-Junge ſeyn und mo - natlich ſechs Gulden Gage haben; auch will ich fuͤr deine Kleidungsſtuͤcke ſorgen. Doch, hoͤre, ſobald wir mit dem Schiffe in den Texel kommen, ſchreibſt du ſelbſt an deines Vaters Bruder und erklaͤrſt ihm den ganzen Zuſammenhang. Den Brief will ich ſelbſt leſen und auch fuͤr ſeine ſichre Beſtellung ſorgen. Man denke, wie freudig ich24 einſchlug, und was fuͤr ein Stein mir vom Herzen fiel!

Jetzt giengen wir auch unter Segel. Al - lein ich will es auch nur geſtehen, daß, ſo wie ich meines Oheims Schiff ſo aus der Ferne darauf anſah, mir’s innerlich leid that, es bis zu dieſem thoͤrichten Schritte getrieben zu haben. Trotz dieſem Herzweh, erwog ich, daß er nicht mehr zuruͤckgethan werden konnte, wofern ich nicht vor Beſchaͤ - mung vergehen ſollte. Jch machte mich alſo ſtark; und als wir im Texel ankamen, ſchrieb ich meinen Abſchiedsbrief, den der Kapitain las und billigte und mein Steuermann an die Poſt-Schuyte beſorgen ſollte.

Wie die Folge ergeben hat, iſt jedoch die - ſer Brief, mit oder ohne Schuld des Beſtel - lers, nicht an meinen Oheim gelangt; ent - weder daß Dieſer zu fruͤh von Amſterdam abgegangen, oder daß das Blatt unterweges verloren gegangen. Mein Tod ſchien alſo ungezweifelt: denn man glaubte, (wie ich in der Folge erfuhr) ich ſey in der Nacht aus der Joͤlle gefallen, die man am naͤchſten Morgen zwiſchen andern Schiffen umhertrei - bend gefunden hatte.

Nachdem wir im Texel unſre Ladung, Waſſer, Proviant und alle Zubehoͤr, welche25 der Sklaven-Handel erfordert, an Bord ge - nommen hatten, giengen wir in See. Mein Kapitain hieß Gruben und das Schiff Afrika. Alle waren mir gut und geneigt; ich ſelbſt war vergnuͤgt und ſpuͤrte weiter kein Heimweh. Wir hatten zwei Neger von der Kuͤſte von Guinea, als Matroſen, an Bord. Dieſe gab mir mein Steuermann zu Lehrern in der dort gewoͤhnlichen Landes - ſprache*)Laͤngs der Kuͤſte von Guinea, bedient man ſich einer Sprache, die in einem bunten Ge - miſch von portugieſiſchen, noch mehreren eng - liſchen und aus den Reger-Mundarten herge - nommenen Woͤrtern beſteht, und womit man ſich uͤberall beim Handel verſtaͤndlich macht. Tiefer landeinwaͤrts aber ſind ganz davon ab - weichende Sprachen im Gange, und auch dieſe wieder unter ſich ſelbſt dergeſtalt ver - ſchieden, daß, wenn man irgendwo einen Sklaven aus dem Jnnern kauft, und nur Eine Meile weiter einen Andern von einer verſchiedenen Nation, Beide ſich unter einan - der ſchwerlich verſtehen werden. Anm. des Vf. ; und ich darf wohl ſagen, daß ſie an mir einen gelehrigen Schuͤler fanden. Denn meine Luſt, verbunden mit der Leich - tigkeit, womit man in meinem damaligen Al - ter fremde Sprachtoͤne ſich einpraͤgt, brach - ten mich binnen kurzem zu der Fertigkeit, daß ich nachher an der Kuͤſte meinem Steu -26 ermann zum Dollmetſcher dienen konnte. Und das war es eben, was er gewollt hatte.

Unſre Fahrt war gluͤcklich, aber ohne be - ſonders merkwuͤrdige Vorfaͤlle. Jn der ſechsten Woche erblickten wir St. Antonio, Eine von den Jnſeln des gruͤnen Vorgebuͤr - ges, (Capo verde) und drei Wochen ſpaͤter hatten wir unſer Reiſe-Ziel erreicht und giengen an der Pfeffer-Kuͤſte, bei Cap Me - ſurado, unter 6 Grad noͤrdlicher Breite, vor Anker, um uns mit friſchem Waſſer und Brennholz zu verſorgen. Zugleich war dies die erſte Station, von wo aus unſer Han - del betrieben werden ſollte.

Spaͤterhin glengen wir, oberhalb Windes, weiter oͤſtlich nach Cap Palmas; und hier erſt begann das Verkehr lebendiger zu wer - den. Die Schaluppe wurde mit Handels - Artikeln beladen, mit Lebensmitteln fuͤr 12 Mann Beſatzung auf ſechs Wochen verſehen und mit ſechs kleinen Drehbaſſen, die ein Pfund Eiſen ſchoſſen, ausgeruͤſtet. Mein Steuermann befehligte im Boot; ich aber, ſein kleiner Dollmetſcher, blieb auch nicht da - hinten, und ward ihm im Handel vielfach nuͤtzlich. Wir machten in dieſem Fahrzeuge drei Reiſen laͤngs der Kuͤſte, entfernten uns bis zu 50 Meilen vom Schiffe und waren gewoͤhnlich drei Wochen abweſend. Nach27 und nach kauften wir hierbei 24 Sklaven, Maͤnner und Frauen, (Auch eine Mutter mit einem einjaͤhrigen Kinde war dabei!) eine Anzahl Elephanten-Zaͤhne und etwas Gold - ſtaub zuſammen. Bei dem letzten Abſtecher ward auch der Europaͤiſche Briefſack auf dem Hollaͤndiſchen Haupt-Caſtell St. George de la Mina von uns abgegeben.

Unſer Schiff fanden wir, bei unſerer Heim - kehr, etwas weiter oſtwaͤrts, nach der Rheede von Laque la How oder Cap Lagos vorge - ruͤckt. Acht unſrer Gefaͤhrten waren, in der Zwiſchenzeit, auf demſelben, in Folge des ungeſunden Klima, geſtorben. Dagegen hatte der Kapitain anderthalb Hundert Schwarze, beiderlei Geſchlechts, eingekauft und einen guten Handel mit Elfenbein und Goldſtaub gemacht. Fuͤr alle dieſe Artikel gilt Cap Lagos als eine Haupt-Station, weil landein - waͤrts ein großer See, von vielen Meilen lang und breit, vorhanden iſt, auf welchem die Sklaven von den Menſchenhaͤndlern (Kaffi - cieren) aus dem Jnnern in Canots herbeige - fuͤhrt werden.

Gerade in dieſer Gegend war auch Kapi - tain Gruben bei den hier anſaͤßigen reichen Sklavenhaͤndlern von Alters her wohl be - kannt und gern gelitten. Dennoch war ihm ſchon auf einer vorigen Reiſe hieher ein28 Plan fehlgeſchlagen, den er entworfen hatte, ſich, zum Vortheil der Hollaͤndiſchen Regie - rung, an dieſem wohlgelegenen Platze unver - merkt feſter einzuniſten. Er hatte es mit den reichen Negern verabredet, ein abgebun - denes hoͤlzernes Haus, nach Europaͤiſcher Bauart, mitzubringen und dort aufzurichten, worin zehn bis zwanzig Weiſſe wohnen koͤnn - ten, und welches durch einige, daneben auf - gepflanzte Kanonen geſchuͤtzt werden ſollte. Als es aber fertig da ſtand, kamen dieſe Anſtalten den guten Leutchen doch ein wenig bedenklich vor. Sie bezahlten lieber dem Kapitain ſein Haͤuschen, das ſo ziemlich ei - ner kleinen Feſtung glich, reichlich mit Gold - ſtaub; und ſo ſahen es auch noch meine Au - gen, indem es von einem reichen Kafficier bewohnt wurde.

Nachdem wir von hier noch eine Boot - reiſe, gleich den vorigen, und mit eben ſo gutem Erfolg, gemacht hatten, giengen wir, nach vier bis fuͤnf Wochen, mit dem Schiffe weiter nach Axim, dem erſten Hollaͤndiſchen Kaſtell an dieſer Kuͤſte; wo denn auch fortan der Schaluppen-Handel ein Ende hatte. Fer - ner ſteuerten wir, Cabo tres Puntas vorbei, nach Accada, Boutrou, Saconda, Chama, St. Georg de la Mina und Moure. Ue - berall wurden Einkaͤufe gemacht; ſo daß wir29 endlich unſre volle Ladung, beſtehend in 420 Negern jedes Geſchlechts und Alters, bei - ſammen hatten. Alle dieſe Umſtaͤnde ſind mir noch jetzt, in meinem hohen Alter, ſo genau und lebendig im Gedaͤchtniſſe, als wenn ich ſie erſt vor ein paar Jahren erlebt haͤtte.

Nunmehr gieng die Reiſe von der Afrika - niſchen Kuͤſte nach Surinam, queer uͤber den Atlantiſchen Ocean, hinuͤber, wo unſre Schwarzen verkauft werden ſollten. Waͤh - rend neun bis zehn Wochen, die wir in See waren, ſahen wir weder Land noch Strand; erreichten aber unſern Beſtimmungs - Ort gluͤcklich, vertauſchten unſre ungluͤckliche Fracht gegen eine Ladung von Kaffee und Zucker, und traten ſodann den Ruͤckweg nach Holland an. Wir brauchten dazu wiederum acht bis neun Wochen, bis wir endlich, wohl - behalten, im Angeſicht von Amſterdam den Anker fallen lieſſen. Es war im Junius 1751, und die ganze Reiſe hin und zuruͤck hatte 21 Monate gedauert. Eilf Leute von unſrer Mannſchaft waren waͤhrend dieſer Zeit verſtorben.

Jn Amſterdam ließ ich es mein Erſtes ſeyn, nach Colberg an meine Eltern zu ſchreiben und ihnen Bericht von meiner abentheuerlichen Reiſe zu erſtatten. Denke30 man ſich ihr freudiges Erſtaunen beim Em - pfang dieſer Zeitung! Jch war todt, und war wieder lebendig geworden! Jch war verloren und war wiedergefunden! Jhre Empfindungen druͤckten ſich in den Briefen aus, die ich unverzuͤglich von dort her er - hielt. Segen und Fluch wurden mir darinn vorgeſtellt. Jch Ungluͤckskind waͤre ja noch nicht einmal eingeſegnet! Augenblicklich ſollt ich mich aufmachen und nach Hauſe kommen!

Es traf ſich erwuͤnſcht, daß ich mich in Amſterdam mit einem Landsmanne, dem Schiffer Chriſtian Damitz, zuſammen fand. Auf ſeinem Schiffe gieng ich nach Colberg zuruͤck. Von meinem Empfange daheim aber thue ich wohl am beſten, zu ſchweigen.

Jn meiner Vaterſtadt blieb ich nun und hielt mich wieder zum Schul-Unterricht, bis ich mein vierzehntes Jahr erreicht und die Confirmation hinter mir hatte. Dann aber war auch laͤnger mit mir kein Halten; ich wollte und mußte zur See, wie der Fiſch in’s Waſſer, und mein Vater uͤbergab mich (zu Oſtern 1752) an Schiffer Mich. Damitz, der ſo eben von Colberg nach Memel nnd von da nach Liverpool abgehen wollte, und in den er ein beſonderes Vertrauen ſetzte. Beide Fahrten waren gluͤcklich. Wir gien -31 gen weiter nach Duͤnkirchen, wo wir eine Ladung Taback einnahmen; dann uͤber Nor - wegen nach Danzig und ſo kam ich, kurz nach Neujahr, zu Lande, um 19 Thaler Loͤh - nung reicher, nach Colberg zuruͤck. Jch glaubte Wunder, was ich in dieſen neun Monaten verdient haͤtte! Und noch vor we - nig Jahren brachten es unſre Matroſen wohl auf 15 und mehr Thaler monatlich. So aͤndern ſich die Zeiten!

Jn den beiden naͤchſtfolgenden Jahren (1753 und 54) ſchwaͤrmte ich auf mehr als Einem Colbergſchen Schiffe, und unter ver - ſchiedenen Kapitainen, auf der Oſt - und Nordſee umher, und war bald in Daͤnemark und Schweden, bald in England und Schott - land, in Holland und Frankreich zu finden. Auf all dieſen Reiſen entſinn ich mich aber keines Dings, das hier wieder erwaͤhnt zu werden verdiente: denn Sturm und gut Wetter, und was dem weiter angehoͤrt und auf ſolchen Reiſen unausbleiblich vorfaͤllt, ſind bei einem Seemann etwas Alltaͤgliches, und es iſt meine Art nicht, davon viel Auf - hebens zu machen.

Eben darum aber mochte dies einfoͤrmige Leben meinem feurigen Sinn laͤnger nicht anſtehen. Der alte Hang zum Abentheuern32 erwachte; ſo daß ich in Amſterdam, wo ich mit Kapitain Joach. Blank, einem alten lie - ben Colbergſchen Landsmann und Verwand - ten, zuſammentraf, der Verſuchung zu einem weitern Ausflug laͤnger nicht widerſtehen konnte, ſondern mich, ohne weitere Erlaub - niß von Hauſe, flugs und freudig auf ſein Schiff Chriſtina, das nach Surinam beſtimmt war, als Konſtabler verdung. Als indeß auf der Hinfahrt unſer Steuermann das Ungluͤck hatte, uͤber Bord zu fallen und zu ertrinken, kam ich fuͤr dieſe Reiſe zu der Ehre, den Unter-Steuermann vorzuſtellen.

Daß ich mich hier auf eine ausfuͤhrliche Beſchreibung der Kolonie Surinam einlaſſe, wird wohl nicht von mir erwartet werden. Man weiß, daß ſie ihren Namen von dem Fluſſe Surinam fuͤhrt, an welchem auch dritt - halb Meilen aufwaͤrts die Hauptſtadt Para - maribo gelegen iſt. An ſeiner Muͤndung iſt er wohl zwei Meilen breit und bleibt gegen 60 Meilen landeinwaͤrts, auch bei der nie - drigſten Ebbe, fuͤr kleinere Fahrzeuge noch Schiffbar. Nur wenig geringer iſt der, mit ihm verbundene Fluß Comandewyne, welcher bis gegen 50 Meilen aufwaͤrts befahren wird. Mit beiden ſteht noch eine Menge todter Arme oder Kreeks in Verbindung, und an allen Ufern hinauf draͤngen ſich die Zucker -und33und Kaffee-Plantagen; waͤhrend alles uͤbrige Land eine faſt undurchdringliche Waldung ausmacht. Eben dadurch aber wird dieſe Kolonie Eine der ungeſundeſten in der Welt; und wenn eine Schiffs-Equipage von 40 Mann binnen den vier Monaten, welche man hier gewoͤhnlich verweilt, nur 8 bis 10 Todte zaͤhlt, ſo wird dies fuͤr ein auſſerordentliches Gluͤck gehalten.

Dieſe große Sterblichkeit hat aber zum Theil auch wohl ihren Grund in den an - ſtrengenden Arbeiten, wozu die Schiffsmann - ſchaften nach hieſigem Gebrauch angehalten werden: denn ſie muͤſſen ebenſowohl den Transport der mitgebrachten Ladung an euro - paͤiſchen Guͤtern nach den einzelnen Planta - gen, als die Ruͤckfracht aus denſelben an Kolonial-Waaren, beſorgen. Man bedient ſich dazu einer Art von Fahrzeugen, Punten genannt, die wie Prahme gebauet ſind und ein zugeſpitztes, mit Schilf gedecktes Wet - terdach tragen; ſo daß ſie das Anſehen eines, auf dem Waſſer ſchwimmenden, deutſchen Bauerhauſes gewaͤhren. Zwei ſolcher Pun - ten werden jedem Schiffe zugegeben; und mir, als Unter-Steuermann, kam es zu, mit Huͤlfe von vier Matroſen, die Fahrten auf den Stroͤmen damit zu verrichten, wozu denn oft 14 Tage, und noch laͤngere Zeit, erfordert wurden.

1. Bändchen. (3)34

Bei unſrer Ankunft gab es auf dem Schiffe ein kleines Abentheuer, das unſern Schiffer eine Zeitlang in nicht geringe Sorge ſetzte, endlich aber doch einen ziemlich luſti - gen Ansgang gewann. Unter der Ladung nemlich, die wir in Amſterdam eingenommen hatten, befand ſich auch eine Kiſte von etwa drei Fuß in’s Gevierte, woruͤber der Kapitain zwar das richtige Connoiſſement in Haͤnden hatte, ohne gleichwohl, beim Loͤſchen vor Pa - ramaribo, die Kiſte ſelbſt an Bord wieder auffinden zu koͤnnen. Sie war an einen dor - tigen Juden adreſſirt, deſſen wiederholte Nach - frage, trotz allem Suchen, unbefriedigt blei - ben mußte. Dieſe Verlegenheit ſchlau be - nutzend, brachte endlich der Hebraͤer nicht nur ſeine Klage bei dem hollaͤndiſchen Fiſcal (Kolonie-Richter) an, ſondern reichte zugleich ein langes Verzeichniß ein von goldenen und ſilbernen Taſchenuhren, Geſchmeiden und an - dern Koſtbarkeiten, zu einem Belauf von bei - nahe 4000 Gulden an Werthe, die in der Kiſte enthalten geweſen. Der Prozeß gieng ſeinen Gang, und der Jude brachte ſeine Be - weiſe ſo buͤndig vor, daß das endlich erfolgte rechtskraͤftige Erkenntniß meinen Kapitain zur voͤlligen Schadloshaltung binnen 14 Ta - gen verurtheilte, dem es uͤbrigens uͤberlaſſen blieb, ſich wiederum an ſeine Leute zu halten.

35

Ganz unerwartet aber fand ſich nunmehr die verwuͤnſchte Kiſte im hintern unterſten Schiffsraum wieder auf, wo ſie, durch ir - gend ein Verſehen, hoch mit Brennholz uͤber - ſtauet geweſen war. Gluͤcklicher Weiſe hatte das Siegel derſelben, das auch auf dem Con - noiſſement abgedruckt war, keinen Schaden gelitten. Aber zugleich kam es uns wunder - lich vor, daß die Kiſte, beim Heben und Schuͤtteln derſelben, ſich gar nicht ſo anließ, als ob Sachen von der angegebenen Art darin enthalten ſeyn koͤnnten. Dieſer Verdacht ward dem Fiſcal unter der Hand geſteckt. Er kam ſelbſt an Bord; uͤberzeugte ſich von der Richtigkeit des Connoiſſements und der Unverſehrtheit des Siegels, und da der Jude ein armer Teufel war, dem ſich mit einer Geldſtrafe nichts anhaben ließ: ſo ſollte er, wie es in aller Welt Brauch iſt, fuͤr den ver - ſuchten Betrug mit ſeiner Haut bezahlen.

Zufoͤrderſt ward ihm gemeldet, daß ſein Eigenthum wieder zum Vorſchein gekommen ſey und von ihm alſo gleich am Bord in Em - pfang genommen werden koͤnne. Sein Er - ſchrecken uͤber dieſe Rachricht war drollig genug: aber dem Frieden nicht trauend, ver - langte er, man moͤchte ihm die Kiſte in Got - tes Namen nur an Land und in ſein Haus ſchaffen; bis, auf ſeine beharrliche Weigerung, der Fiſcal ihn durch zwei Reger mit Gewalt36 und gebunden an Bord holen ließ. Hier mußt er, in deſſen Beiſeyn, die Kiſte, als die ſeinige und als vollkommen unverletzt, anerkennen; dann aber auch oͤffnen, und nun kam ein gar bunter Jnhalt zum Vorſchein! Der ganze Troͤdel beſtand aus Redouten-An - zuͤgen und fratzenhaften Geſichts-Larven; der ungluͤckliche Eigenthuͤmer aber ward, auf des Richters Geheiß, uͤber ſeine Kiſte hingeſtreckt und von ein paar Matroſen mit ihren Tau - Endchen ſo unbarmherzig zugedeckt, daß ihm wahrſcheinlich alle aͤhnliche Speculationen fuͤr eine lange Zeit vergangen ſeyn werden.

Eher haͤtte man Surinam damals eine deutſche, als eine hollaͤndiſche Kolonie nennen koͤnnen: denn auf den Plantagen, wie in Paramaribo, traf man unter hundert Weiſ - ſen immer vielleicht neun und neunzig an, die hier aus allen Gegenden von Deutſch - land zuſammengefloſſen waren. Unter ihnen hatte ich, waͤhrend dieſer Reiſe, Gelegenheit, auch zwei Gebruͤder, des Namens Kniffel, kennen zu lernen, die aus Belgard in Pom - mern gebuͤrtig, und alſo meine naͤchſten Lands - leute waren. Sie hatten in fruͤherer Zeit, als gemeine hollaͤndiſche Soldaten, ſich hieher verirrt: aber Gluͤck, Fleiß und Rechtlichkeit hatten ſie ſeither zu Millionairs gemacht, welche hier eines wohlverdienten Anſehens genoſſen. Am Comandewyne beſaßen ſie zwei37 Kaffee-Plantagen. Die Eine hieß Friedrichs - burg; und eine Andere dicht daneben, welche von ihnen ſelbſt angelegt worden, hatten ſie, ihrer Vaterſtadt zu Ehren, Belgard ge - nannt. Zu Paramaribo war eine Reihe von Haͤuſern, die eine Straße von 400 Schritten in der Laͤnge bildeten, ihr Eigenthum und fuͤhrte nach ihnen den Namen Kniffels - Loge. Ebendaſelbſt hatten ſie eine lutheri - ſche Kirche aufgefuͤhrt und zur Erhaltung derſelben, fuͤr ewige Zeiten, die Einkuͤnfte der Plantage Belgard gewidmet.

Dieſe Gebruͤder ſtanden ſchon ſeit laͤngerer Zeit mit meinem Kapitain Blank, als einem Colberger und Landsmann, in beſonders freundſchaftlichem Verkehr. Er verſorgte ſie und ihre Plantagen ausſchließlich mit Allem, was ſie aus Europa bedurften; und hin - wiederum fuͤhrte er alle ihre dortigen Er - zeugniſſe nach Holland zuruͤck. So geſchah es auch bei der gegenwaͤrtigen Reiſe; da ich denn oft von ihm mit Auftraͤgen an ſie ge - ſchickt und ihnen auf dieſe Weiſe bekannt und lieb wurde. Schon die vielfaͤltigen Be - weiſe von Guͤte, die ich von ihnen Beider - ſeits erfuhr, wuͤrden mich veranlaßt haben, Jhrer hier zu gedenken, wenn nicht auch der Verfolg meiner Lebensgeſchichte mir wieder - holte Gelegenheit gaͤbe, auf ihren Namen zuruͤckzukommen.

38

Unſre Heimfahrt nach Amſterdam, die ſechs Wochen waͤhrte, war gluͤcklich, aber ohne weitere Merkwuͤrdigkeit. Wir waren 14 Monate abweſend geweſen, und unſer Schiff bedurfte einer voͤllig neuen Verzimmerung, die ſich bis in den November 1755 zu ver - zoͤgern drohte. Dies dauerte mir zu lange, und gab die Veranlaſſung, daß ich in einen andern Dienſt, unter Kapitain Wendorp, uͤbergieng. Sein Schiff war nach Curaſſao beſtimmt; auf der Ruͤckreiſe ergaͤnzten wir bei St. Euſtaz unſre Ladung, und nach neun Monaten, die ich hier kurz uͤbergehe, warfen wir wiederum vor Amſterdam wohlbehalten die Anker.

Hier warteten Briefe auf mich von mei - nen Eltern, von ſo drohendem Jnhalt und angefuͤllt mit ſo gerechten Vorwuͤrfen, daß ich’s wohl nicht laͤnger verſchieben durfte, mich zum Zweitenmal, als der verlorne Sohn, reuig nach Hauſe auf den Weg zu machen. Doch fand ich gleich im voraus einigen Troſt in dem Vorſchlage, daß mei - nes Vaters Bruder beſtimmt ſey, des Herrn Beckers Schiff, genannt die Hoffnung, mit einer Ladung Holz von Ruͤgenwalde nach Liſſabon zu fuͤhren; und mit dem ſollte ich fahren. Dies war im Jahre 1756.

So gieng ich denn als Paſſagier nach Danzig, und traf es da eben recht, daß39 zwoͤlf junge und ſchmucke ſeefahrende Leute ausgeſucht werden ſollten, um die ſoge - nannte Herren-Borſe auf’s ſtattlichſte zu be - mannen. Es war nemlich zu der Zeit der Koͤnig Auguſt von Pohlen in der Stadt an - weſend; und auf der Rheede lag eine zahl - reiche Flotte von ruſſiſchen Kriegsſchiffen vor Anker, der er einen Beſuch abzuſtatten gedachte. Zu dieſer Luſtfahrt, die Weichſel herunter, ſollte nun jene Staatsjacht dienen. Zufaͤllig kriegte man mich mit an, um die Mannſchaft vollzaͤhlig zu machen; und ſo - wohl das Auſſerordentliche bei der Sache, als auch der Dukaten, der dabei fuͤr jeden Mann abfallen ſollte, machten mir Luſt, die - ſen Ehrendienſt zu verrichten.

Das dauerte aber nur ſolange, bis wir zum Schiffer-Aelteſten Karſten kamen, wo wir zu der Feierlichkeit mit einer Art von Uni - form aufgeputzt werden ſollten, die mit blan - ken Schilden und vielen rothen, gruͤnen und blauen Baͤndern verbraͤmt war. So aus - ſtaffiiert, hielt man mir zuletzt einen Spiegel vor: aber wie erſchrak ich, als ich ſah, was fuͤr einen Narren man aus mir gemacht hatte! Das war jedoch das Wenigſte! Allein das Herz im Leibe wollte mir zerſpringen, wenn ich dabei bedachte, daß ich einen andern, als meines eignen Koͤnigs Namenszug im Schilde an meiner Stirne tragen ſollte. 40Die Thraͤnen traten mir in die Augen. Mir war’s, als muthete man mir zu, meinen großen Friedrich zu verlaͤugnen. Gerne haͤtt ich mir Alles wieder vom Leibe geriſſen und haͤtte den Handel wieder aufgeſagt, wenn es moͤglich geweſen waͤre. Doch ich war Ein - mal unter den Woͤlfen, und mußte mit ihnen heulen! Jndeß gelobte ich mir’s, dieſen Makel dadurch wieder gut zu machen, daß ich den verheiſſenen Dukaten dem erſten preuſſiſchen Soldaten zuwuͤrfe, der mir begegnen wuͤrde. Ein alter Huſar wurde dies Gluͤckskind; und der mag ſich wohl nicht ſchlecht verwundert haben, daß ein achtzehnjaͤhriges Buͤrſchchen, wie ich, mit Golde um ſich warf!

Jm Monat Auguſt traf ich in Colberg ein, fand meines Oheims Schiff bereits in der Ausruͤſtung und gieng mit demſelben auf die Ruͤgenwalder Rheede, wo wir unſre La - dung Holz einnahmen. Mit mir fuhr mein juͤngerer Bruder, 16 Jahr alt, als Kajuͤten - waͤrter. Auch hatte mein Oheim ſeinen eig - nen 14 jaͤhrigen Sohn mitgenommen; und es befanden ſich Unſrer in Allem 13 Men - ſchen am Borde. Aber gleich der Anfang dieſer Fahrt verſprach wenig Gutes, da wir durch Sturm und widrige Winde dergeſtalt aufgehalten wurden, daß wir erſt mit Aus - gang Octobers im Sunde anlangten.

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Hier gieng mein Oheim mit mir und noch drei andern Matroſen in der Seegel - Schaluppe nach Helſingoͤr an Land, woſelbſt ſeine Geſchaͤfte ihn ſo lange verweilten, daß wir erſt Abends um neun Uhr auf den Ruͤck - weg kamen. Die See gieng hoch, und un - ſer Fahrzeug, das mit Waſſer - und Bier - faͤſſern und andern Proviſionen ſchwer bela - den war, hielt wenig Bord. Zudem ſtand uns ein ſteifer Suͤdwind entgegen, der uns zum Laviren noͤthigte; und eben machten wir einen Schlag dicht hinter dem Daͤniſchen Wachtſchiffe voruͤber, als ein harter Stoß - wind ſo ploͤtzlich aufſtieg und ſo ungeſtuͤm in unſre Seegel fiel, daß die Schaluppe Waſſer ſchoͤpfte, umſchlug und im Hui! den Kiel nach oben kehrte.

Wir, die wir drinne ſaßen, wurden ſam̃t und ſonders herausgeſpuͤlt. Jch ergriff ein Ruderholz, und war ſo gluͤcklich, mich uͤber dem Waſſer zu erhalten. Wo die Andern blieben, ſah ich nicht. Jndeß war unſer Un - gluͤck von dem Daͤniſchen Kriegsſchiffe nicht unbemerkt geblieben; und ſogleich auch ſtieß ein Fahrzeug ab, uns zu retten. Allein es war ſtockfinſter und von uns Verungluͤckten keine Seele aufzufinden. Nur die Schaluppe kam ihnen in den Wurf und ward geborgen; freilich aber war die ganze Ladung davon - geſchwommen und gieng verloren.

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Unter uns Umhertreibenden mochte ich wohl der Erſte ſeyn, der ſich gluͤcklich aus dieſem boͤſen Handel zog. Jch trieb nemlich gegen ein vor Anker liegendes Schiff, und er - hielt mich ſo lange am Ankertau, bis die Leute mich zu ſich an Bord ziehen konnten. Mein guter Oheim hingegen ward ebenſowohl durch den harten Sturm, als die ſchnelle Stroͤmung, beinah eine Viertelmeile weit, bis unterhalb des Daͤniſchen Kaſtells davon ge - fuͤhrt. Aber indem er ſich kuͤmmerlich an einem Spriet*)Eine ſtarke, funfzehnfuͤßige Stange vom Scha - luppen-Segel. feſtgeklammert erhielt, braucht er wohl eine Stunde, bevor er mit Schwim - men das Land erreichte. Zwei Matroſen wurden durch eine Lootſen-Jolle gerettet; Einer aber blieb leider! verloren.

Erſt am Morgen fanden wir vier Gebor - genen uns in Helſingoͤr wieder zuſammen. Unſre Schaluppe ward uns von dem Wacht - ſchiffe wieder zuruͤckgegeben; wir erſetzten unſre verungluͤckte Ladung durch angekaufte neue Vorraͤthe, verſahen uns mit friſchen Rudern und kehrten ſodann nach unſerm Schiffe zuruͤck. Sobald auch nur Wind und Wetter wieder guͤnſtiger geworden waren, ſaͤumten wir nicht, unſre Fahrt, trotz der ſpaͤten und boͤſen Jahreszeit, fortzuſetzen.

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Am 2. December nahmen wir, nicht ohne Beunruhigung, wahr, daß ein gewaltiger Sturm aus Norden uns auf die Flaͤmiſchen Baͤnke geworfen hatte, deren Gefaͤhrlichkeit wir nur gar zu wohl kannten. Nur zu bald auch bekamen wir mehrere heftige Grund - ſtoͤße, die unſer Steuerruder ausſetzten und uns Seiner verluſtig machten. Um nicht au - genblicklich auf den Strand zu gerathen, blieb nichts uͤbrig, als uns auf der Stelle vor zwei Anker zu legen. Es war zehn Uhr Vor - mittags; das Land eine kleine halbe Meile ent - fernt, und unſer Ankerplatz, auf vier Faden Tiefe, mitten in der ſchaͤumenden Brandung; waͤhrend unſre Segel, die wir nicht mehr feſt machen konnten, im Winde flatterten. Welle fuͤr Welle ſtuͤrmte uͤber das Verdeck hinweg; ſo daß wir in Einem fort unter Waſſer ſtanden, und, da wir hier keine Lei - bes-Bergung mehr fanden, uns ſaͤmmtlich oben im Maſt erhielten.

Unſre Lage ward noch unerfreulicher, da mein Oheim gegen uns bemerkte, daß wir uns hier im Angeſicht der Flandriſchen Kuͤſte befaͤnden und es kaum wuͤrden vermeiden koͤn - nen, auf den Strand zu laufen. Hier war alſo Oeſterreichiſches Gebiet; wir Preußiſche Unterthanen, und Preuſſen mit Oeſterreich ſeit kurzem im Kriege begriffen. Er ver - bot uns demnach fuͤr jenen Fall, es auf ir -44 gend eine Weiſe zu verrathen, daß wir von Ruͤgenwalde kaͤmen und ein Preuſſiſches Schiff haͤtten. Vielmehr ſollten wir in der Aus - ſage uͤbereinſtimmen: Schiff und Ladung ſey Schwediſches Eigenthum, komme von Greifs - walde und ſey nach Liſſabon beſtimmt. So - bald der Sturm es nur zulaſſe, ſetzte er hin - zu, wolle er hinabſteigen, die Preuſſiſche Flagge vernichten und eben ſowohl ſeine Schiffs - papiere uͤber Seite zu bringen, als der be - reitgehaltenen Schwediſchen Documente aus der Kajuͤte habhaft zu werden ſuchen.

Wirklich auch entſchloß er ſich zu dieſem gewagten Verſuche: aber beim Niederſteigen ſchwankte der Maſt dergeſtalt und ein un - gluͤcklicher Schlag des peitſchenden Segels traf ihn ſo gewaltſam, daß es ihm unmoͤg - lich wurde, ſich laͤnger zu halten. Er fiel; ſtuͤrzte mit dem Ruͤcken auf den Rand des, auf dem Verdecke ſtehenden Bootes, von da mit dem Kopf gegen die ſcharfe Ecke eines Poͤllers, und endlich auf das Deck, welches die Sturzwellen immerfort ſo hoch, als die Seitenborde ragten, mit Waſſer uͤberſchwem̃t hielten; und ſo ſahen wir ihn in dieſem Waſſer hin und her geſpuͤlt werden. Der Anblick war ſo graͤßlich, daß wir ihn laͤnger nicht ertragen konnten. Jch wagte mich mit noch zwei Matroſen hinab in dieſer Noth; wir zogen ihn mit Muͤhe auf das Kajuͤten -45 Deck, wo doch nicht jede Woge eine Ueber - ſchwemmung verurſachte, und waren nun in der Naͤhe Zeugen von ſeinem jammervollen Geſchick. Der Schlag des Segels hatte das linke Auge getroffen, welches weit aus dem Kopfe nur noch an einer ſchwachen Sehne hervorhieng. Das Blut drang zugleich aus Mund, Naſe und Ohren. Aus der hohlen Bruſt ſtoͤhnte ein dumpfes Roͤcheln, ohne Spur eines Bewußtſeyns. Troſt - und rath - los ſchob ich ihm das hangende Auge in den Kopf zuruͤck und band ihm mein Halstuch daruͤber. Um und neben ihm lagen nun ich, ſein Sohn und noch ein getreuer Matroſe in feſter Umklammerung, um uns gegen die Gewalt der Sturzſeen zu erhalten, und un - beweglich, bis gegen fuͤnf Uhr Abends, da endlich unſre Ankertaue brachen und wir, bei halber Fluth, unaufhaltſam gegen den Strand getrieben wurden.

Endlich ſtieß das Schiff auf den Grund und hielt mit heftigen Stoͤßen an, ſo lange das Waſſer im Wachſen blieb. Erſt als die Cbbe wieder eintrat, ſaß es voͤllig feſt: aber nun brachen ſich auch die rollenden Wellen mit ſolcher Macht dagegen, daß jede Ein - zelne daruͤber weg ſchlug und Schaum und Giſcht die volle Hoͤhe des Maſtes emporge - wirbelt wurden. Allmaͤhlig brach auch das Gebaͤude in all ſeinen Fugen; und wir ſahen46 die Stuͤcken davon, unter unſern Fuͤßen, Eins nach dem Andern davontreiben. So wie aber die Ebbe ſich immer weiter zuruͤckzog, ließ auch die zertruͤmmernde Gewalt des Wogen - drangs nach, die uns ſonſt unausbleiblich in den Abgrund mit fortgeriſſen haͤtte; das Ver - deck ward von Waſſer frei, und wir konnten wieder einen Gedanken an Rettung faſſen.

Es war Mondenſchein; und am Lande erblickten wir eine Menge von Menſchen, die uns aber, bei unſerer noch betraͤchtlichen Entfernung vom Ufer, nicht helfen konnten. Zwar banden wir ledige Waſſerfaͤſſer an Taue, und warfen ſie uͤber Bord, in der Meynung, daß ſie dorthinwaͤrts treiben ſoll - ten: allein die Stroͤmungen der Ebbe riſſen ſie vielmehr in der entgegengeſetzten Richtung mit ſich fort. Jetzt fiel uns ein, daß wir einen Pudel auf dem Schiffe hatten, der wohl an Land ſchwimmen und die erſehnte Gemeinſchaft mit jenen Helfern bewirken koͤnnte, wenn wir ihm ein Tau um den Leib baͤnden und dieſes nach und nach fahren lieſſen. Es geſchah: doch das arme Thier wollte dem Schiff nicht von der Seite; und wenn auch eine Sturzwelle es eine Strecke mit ſich fortſchleuderte, ſo kam es doch alſo - bald wieder zuruͤckgeſchwommen und winſelte, an Bord aufgenommen zu werden. Verge - bens ſchlugen wir nach ihm mit Stangen47 und Tauen, bis es uns endlich erbarmte und wir das treue Geſchoͤpf wieder an Bord nahmen.

So ſchlich die Mitternacht heran, wo uns bedaͤuchtete, daß nunmehr die Ebbezeit wohl abgelaufen ſeyn muͤßte. Jetzt alſo befanden wir uns dem Strande am naͤchſten, der, unſrer Schaͤtzung nach, zwei - oder dreihun - dert Schritte entfernt ſeyn mochte; und ſo war es denn auch an der hoͤchſten Zeit, Al - les aufzubieten, um, wo moͤglich, lebendig an Land zu kommen, bevor die Fluth wieder ſtiege, deren Gewalt ohnehin das Schiff nicht mehr ausdauern konnte, ohne gaͤnzlich in Truͤmmern zu gehen. Es mußte gewagt ſeyn! So wie demnach Eine Sturzwelle nach der Andern ſich zu uns heranwaͤlzte, ſo ſprang auch, der Reihe nach, Jemand von uns uͤber Bord und ward ſogleich mit der Brandung gegen das Ufer hin getrieben, wo die Men - ſchen, uns aufzufangen und aufs Trockne zu bringen, bereit ſtanden.

Jch, ſammt meinem Bruder und dem Sohn meines Oheims wir waren die Letzten, die, um den Roͤchelnden her, mit den Armen feſt verſchlungen, dies Alles vom Kajuͤten-Deck mit anſahen, aber uns nicht entſchlieſſen konnten, dies theure Jammerbild dahinten zu laſſen. Wir ſchrieen, wir wim -48 merten, und wußten nicht, was wir mit dem - ſelben aufangen ſollten. Vom Strande her ward uns durch ein Sprachrohr unaufhoͤrlich zugeſchrieen: Springt uͤber Bord! Springt uͤber Bord! Waͤchſt das Waſſer mit der Fluth wieder an: ſo ſeyd ihr verloren Springt! Springt!

Angefeuert und beaͤngſtigt zugleich durch dies Rufen, zogen wir endlich unſern Leiden - den, deſſen Bewußtſeyn voͤllig geſchwunden war, hart an den Bord des Schiffes und nahmen eine beſonders maͤchtige Sturzwelle in Acht, mit welcher wir ihn in Gottes Na - men dahin fahren lieſſen. Zu unſrer unaus - ſprechlichen Freude ſahen wir, wie er mit derſelben, im Fluge, dem Laude zugefuͤhrt wurde, und wie dort die guten Leute ihn auffingen, ehe er noch von der See wieder zuruͤckgeſpuͤlt werden konnte. Jetzt trieb ich meinen Bruder, den entſcheidenden Sprung zu wagen; dann den Sohn meines Oheims; und Ein Stein nach dem Andern fiel mir vom Herzen, da ich ſie alſobald gerettet und in Sicherheit erblickte. Nun warf ich mich gleichfalls, als der Letzte, wohlgemuthet in die rollenden Wogen; und in der naͤchſten Minute umfiengen mich auch bereits huͤlf - reiche Arme, die mich den Strand hinauf in’s Trockne trugen.

Es49

Es ergab ſich, daß die Mehrzahl unſrer menſchenfreundlichen Retter aus oͤſterreichi - ſchen Soldaten beſtand, welche hier, ſeitdem ihre Kaiſerinn, Maria Thereſia, ſich auch mit England im Kriege befand, zu Deckung der Kuͤſte poſtirt ſtanden und etwa alle zweitau - ſend Schritte ein Wachthaus am Strande hatten. Jn ein ſolches Gebaͤude ward nun auch unſer armer zerſchmetterter Oheim von uns, mit Huͤlfe der Soldaten, an Armen und Beinen getragen, und man deckte ihn mit Allem, was ſich an trocknen Kleidungsſtuͤcken vorfand, ſorgfaͤltig zu, um ihn wieder zu erwaͤrmen. Neben ihm, zu beiden Seiten, lagen ſein Sohn und ich, hielten ihn umfaßt und nahmen ihm von Zeit zu Zeit das ge - ronnene Blut aus dem Munde.

So mochte er etwa eine Stunde gelegen haben, als er, zum Erſtenmale wieder nach ſeinem ungluͤcklichen Fall, den Mund zu der hervorgeſtoͤhnten Frage oͤffnete: O Gott! Jſt mir noch zu helfen? Das war Muſik in meinen Ohren! Mit freudiger Haſt erwie - derte ich ihm: Ja, ja, lieber Vatersbruder! Gott kann Gott wird Euch noch wieder helfen. Wir ſind am Lande. So bringt mich denn zu einem Doctor; war ſeine kaum verſtaͤndliche Antwort; und ich konnte ihn damit troͤſten, daß bereits nach demſelben geſchickt ſey.

3. Bändchen. (4)50

Dem war wirklich alſo: denn ſofort nach unſrer Landung war auch an die naͤchſte Gar - niſon in Veurne, welches dreiviertel Meilen entfernt lag, eine Meldung geſchehen und um aͤrztliche Huͤlfe gebeten worden. Zugleich er - fuhren wir von den Soldaten, daß wir uns hier drei Meilen von Nieuport und zwei Mei - len von Duͤnkirchen befaͤnden. Der Grund und Boden unter uns war Oeſterreichiſch, aber die franzoͤſiſche Grenze, nach letzterem Orte hinwaͤrts, nur eine Viertelmeile entfernt. Als man uns (wie ſofort geſchah) uͤber un - ſer Woher und Wohin befragte, ſo erklaͤrten wir uns, der fruͤheren Abrede eingedenk, fuͤr Schwediſch-Pommern aus Greifswalde, die eine Ladung Balken nach Liſſabon haͤtten bringen wollen.

Am dritten December, mit dem fruͤhen Morgen, erſchien ein Fuhrwerk, mit Stroh gefuͤllt und einer Leinwand-Decke verſehen, welches angewieſen war, unſern armen Oheim in das Lazareth nach Nieuport zu ſchaffen. Dieſer Ort war mir, aus Furcht einer moͤg - lichen Entdeckung unſrer wahren Herkunft, nicht recht gemuͤthlich: dagegen vermeynte ich, unſerm Elende in Duͤnkirchen vielleicht beſſern Rath zu ſchaffen, wo ich vor ein paar Jahren bereits geweſen war und einigermaaſ - ſen des Orts Gelegenheit kannte. Jch lag daher unſerm Fuͤhrer an, ſeinen Kranken lie -51 ber nach der franzoͤſiſchen Grenzſtadt zu brin - gen; und hiezu ließ er ſich auch um ſo bereit - williger finden, da er eine Meile am Wege erſparte.

Mit ſchwerer Muͤhe ward der Oheim auf den Wagen gehoben. Jch und ſein Sohn legten uns zu beiden Seiten neben ihn und hielten ihn, moͤglichſt ſanft, in unſern Armen; waͤhrend mein Bruder den Wagen begleitete, welcher den ebenen Weg laͤngs dem See - ſtrande einſchlug. Gott weiß aber, daß ich wohl nie mehr geweint und gejammert habe, als auf dieſer Fahrt. Der geringſte Anſtoß des Wagens verurſachte dem Kranken die peinlichſten Schmerzen, daß er klaͤglich win - ſelte und zugleich an den Stuͤcken geronne - nen Blutes im Munde und Halſe zu erſticken drohte, wie ſehr ich auch, durch Herausnahme derſelben, bemuͤht war, ihm Luft zu ver - ſchaffen.

So kamen wir endlich Nachmittags (Es war an einem Sonntage) in Duͤnkirchen an. Jch ließ den Fuhrmann vor einem Wirths - hauſe halten, welches das Schild zum rothen Loͤwen fuͤhrte: denn hier hatt ich bei meiner fruͤheren Anweſenheit jezuweilen ein Glas Bier getrunken und rechnete mich alſo, in meinem Sinn, zu den Bekannten des Hauſes. Das hinderte jedoch nicht, daß ich hier mit52 meiner unerwuͤnſchten Begleitung geradezu ab - und nach dem Kloſter-Hoſpital hingewie - ſen wurde, wo der rechte Ort fuͤr fremde Kranke und Gebrechliche ſey. Wirklich auch waren wir dort kaum angelangt und mein Oheim vom Wagen gehoben, ſo ſahen wir ihn auch von einem Schwarm katholiſcher Ordensgeiſtlicher umzingelt, die ihn in Em - pfang nahmen und zufoͤrderſt auf einen lan - gen und breiten Tiſch ausſtreckten, wo er bis auf die nackte Haut enkleidet wurde.

Hiernaͤchſt fand ſich eine Anzahl von Doc - toren und Chirurgen ein, welche nun zu ei - ner genaueren Unterſuchung ſeiner Verletzun - gen ſchritten. Die erſte Operation geſchah durch Loͤſung des Tuches, welches ich dem Armen, gleich nach ſeinem ungluͤcklichen Falle, um das Auge gebunden. Jetzt war dieſes mit dem geronnenen Blute an dem Verbande feſt getrocknet und zog ſich mit demſelben weit aus dem Kopfe hervor. Da es nur noch durch einen duͤnnen Nervenſtrang in der Augenhoͤhle befeſtigt hieng, ſo war es freilich rettungslos verloren; ward kurzweg abge - ſchnitten und auf eine Theetaſſe hingelegt.

Bei weiterer Unterſuchung ergab ſich’s, daß das linke Bein, oberhalb dem Knie, im dicken Fleiſche gebrochen war: doch am be - denklichſten blieb die Zerſchmetterung eines53 Ruͤckenwirbels, dicht unterm Kreuz, und die dem armen Manne auch wohl die empfind - lichſten Schmerzen verurſachen mochte: denn waͤhrend man ihn nach der Kunſt behandelte und die Gliedmaaſſen bald ſo, bald anders, reckte und dehnte, hoͤrte er nicht auf, zu win - ſeln und zu aͤchzen. Uns drei Jungen, die wir Zeugen von dem Allen waren, ſchnitt jeder Klageton tief durch’s Herz; und wir heulten und lamentirten mit ihm in die Wette; ſo daß man ſich genoͤthigt ſah, uns aus dem Gemache fortzuweiſen.

Nachdem der Kranke endlich geſchient und verbunden worden, legte man ihn auf ein Feldbette, welches man in die Mitte des Zim - mers hingeſtellt hatte. Eine Kloſter-Nonne (Beguine) ſaß neben ihm und floͤßte ihm von Zeit zu Zeit einen Loͤffel rothen Weines ein, den ſie auf einem Kohlenbecken zu ihrer Seite erwaͤrmte. Am Kopfende des Bettes aber ſtanden wir arme Verlaſſene und weinten unſre bitterlichen Thraͤnen; und ſo waͤhrte das bis Abends, wo ein Pater uns andeu - tete, daß wir die Nacht uͤber im Kloſter nicht bleiben koͤnnten, ſondern uns nach einer an - dern Herberge umſehen muͤßten. Dieſe fan - den wir denn auch, zu unſrer nothduͤrftigen Erquickung, in dem vorgedachten Wirths - hauſe: doch brachten wir eine ſchlafloſe truͤb -54 ſelige Nacht zu, und wußten nicht, wo Troſt und Huͤlfe zu finden.

Kaum graute auch nur der Morgen, ſo machten wir uns wieder nach dem Kloſter auf den Weg, wo wir unſern armen Leiden - den, unter fortwaͤhrendem Geſtoͤhn und Seuf - zen, noch in dem nemlichen Zuſtande, wie geſtern, fanden. Was konnten wir abermals thun, als um ihn her ſtehen und die Luft mit unſern Klagen erfuͤllen? Jndeß hatte man uns, auf unſre Nachfrage, verſtaͤndigt, daß heute Poſttag ſey; und ſo ließ ich mir im Gaſthofe Papier und uͤbrige Zubehoͤr reichen und brachte den Reſt des Tages damit zu, ſowohl an unſern Schiffs-Rheeder, Herrn Becker, als an meine Eltern nach Colberg, zu ſchreiben und ihnen Meldung von unſerm erlittenen Ungluͤck zu thun. Die Briefe wur - den verſiegelt; und am naͤchſten Morgen ſtan - den wir wiederum, von Herzen betruͤbt, am Bette unſers Kranken, ohne daß wir eine merkliche Veraͤnderung an ihm ſpuͤrten. Jch beugte mich indeß dicht zu ſeinem Ohre und verſuchte die Frage: Lieber Vatersbruder, ſollen wir auch nach Colberg ſchreiben? Er hatte mich verſtanden: denn er ſchuͤttelte mit dem Kopfe, als ob er Nein! ſagen wollte. So ſchwach auch dieſer Hoffnungsſtrahl ſeiner wiederkehrenden Beſinnung war, ſo erfuͤllte er mich doch mit Muth, daß wohl noch Al -55 les wieder gut werden koͤnnte. Jch glaubte darum auch, daß ich die Briefe unbedenklich abgehen laſſen duͤrfte; gab den andern Bei - den einen verſtohlenen Wink, und eilte mit ihnen nach dem Poſt-Comptoir.

Unſre Abweſenheit mochte etwa dreivier - tel Stunden gedauert haben. Doch als wir wieder in das Kloſter und das Krankenzim - mer eintraten, fanden wir, zu unſrer hoͤchſten Beſtuͤrzung und mit einem Schmerz, der ſich mit nichts vergleichen laͤßt, nur unſers guten Oheims Leiche vor. Sie ward auch alsbald aus dem Bette genommen, auf den nemlichen Tiſch, wie vorhin, ausgeſtreckt, abermals voͤllig entkleidet, und der wieder - holten genauen Beſichtigung der Aerzte unter - worfen; wo ſich denn die zuvor bemerkten Verletzungen noch deutlicher beſtaͤtigten. So - bald uns aber die Doctoren verlaſſen hatten, traten einige Pfaffen herzu, und fragten mich: Zu welchem Glauben dieſer unſer Schiffs - Capitain ſich bekannt habe? Jch armer religioͤſer Narr*)Dieſe Wendung war zu charakteriſtiſch, als daß der Her. etwas an derſelben haͤtte aͤndern moͤgen. Wer moͤchte auch Anſtoß daran nehmen, da ſie unſtreitig unendlich beſſer gemeynt, als ausge - druͤckt iſt, und auch ſchwerlich mißverſtanden wer - den wird. antwortete unbedenklich: Ei, zum Lutherſchen!

56

So wie dies ungluͤckliche Geſtaͤndniß uͤber meine Lippen floh, war es gleich, als ob das Gewitter in’s Kloſter geſchlagen haͤtte. Alles gerieth in Bewegung; der Eine ſprach hitzig mit dem Andern; Niemand wollte den Seli - gen anfaſſen, und doch mußten die Ketzerge - beine, ehe die Sonne untergieng, aus dem geweiheten Bezirk fortgeſchafft werden. Man ſteckte uns endlich eine beſchriebene Karte in die Hand, die an einen Tiſchler lautete, welcher wohl die Lieferung der Saͤrge fuͤr das Hoſpital auf ſich haben mochte. Denn als wir ihn uns endlich ausgefragt hatten, fanden wir deren bei ihm einen reichlichen Vorrath vor und wurden bedeutet, unter denſelben Einen nach der Groͤße unſrer Leiche auszuſuchen. Unſre Wahl fiel auf den laͤng - ſten, weil unſer Oheim von einer anſehnlichen Statur geweſen war; und mit dieſem Sarge wanderten wir nun nach dem Kloſter zuruͤck.

Hier trieb man uns, ohne ſich zu irgend einiger Handreichung zu verſtehen, mit bar - ſchem Ernſt, den Leichnam unverzuͤglich ein - zuſargen und ihn, aus dem Gemache hinweg, auf die Straße unter einen, uns dazu ange - wieſenen Schoppen zu bringen. Unſre Weh - muth kannte keine Grenzen. Jndeß thaten wir, wie uns geboten worden; man reichte uns Hammer und Naͤgel, um den Deckel zuzuſchlagen, und nun hoben wir an, den57 Sarg mit den uns ſo theuren Ueberreſten eine kurze Strecke auf den Flur fortzuziehen und zu ſchieben. Hier aber uͤbermannte und laͤhmte der ungeheure Schmerz ploͤtzlich all unſre Kraͤfte, und wir fuͤhlten uns, in ein lautes und vereintes Jammergeſchrei aus - brechend, ohne Vermoͤgen, die geliebte Laͤſt auch nur Einen Schritt weiter zu bringen. Jch fiel vor dem einen Pater auf die Kniee, und bat um Gottes willen, man moͤchte ſich Unſer erbarmen: denn wir koͤnnten hier nichts mehr thun.

Jetzt gab es ein kurzes Geſpraͤch unter den Anweſenden; ein Aufwaͤrter ward fort - geſchickt, und binnen einer Viertelſtunde er - ſchienen vier Kerle mit einer Trage, und Je - der mit einem Spaten verſehen. Sie pack - ten die Leiche an; und ſo gieng der Zug zum Thore hinaus, etwa zweitauſend Schritte weit und gerade auf eine Kirche zu. Wir, die wir den Traͤgern gefolgt waren, meyn - ten, der Leichenzug eile dem Kirchhofe zu. Das war aber weit gefehlt: denn es gieng, neben dem Gotteshauſe voruͤber, wohl noch tauſend Schritte weiter auf ein freies Feld; und da die Traͤger ihre Laſt wohl zwanzig Mal niedergeſetzt hatten, um friſchen Athem zu ſchoͤpfen, ſo begann es bereits dunkel zu werden, bevor wir die Grabſtaͤtte erreichten.

58

Es war ein Fleck am Wege, der nichts hatte, was einem Todtenacker aͤhnlich ſah. Hier ſollten wir nun ein Grab graben; da es aber den Kerlen damit zulange waͤhrte, nahmen ſie uns verdrießlich die Spaten aus den Haͤnden, ſchaufelten und ſchalten uns Ketzer. Wir hingegen gaben alle moͤgliche gute Worte; und ſobald auch nur das Grab ſo tief geoͤffnet war, daß der obere Sarg - deckel unter Erde kommen konnte, ſenkten wir die Leiche mit Weinen und Wehklagen hinein, fuͤllten die Erde druͤber her, nahmen unter tauſend heiſſen Thraͤnen Abſchied, und wan - derten bekuͤmmert wieder auf unſern rothen Loͤwen zu; doch nur, um, nach einer aͤngſtlich durchſeufzten Nacht, gleich am naͤch - ſten Morgen wieder das Grab des lieben Oheims aufzuſuchen und auf demſelben zu jammern.

Fuͤrwahr, wer eine menſchliche Seele hat, wird unſer Elend mit uns fuͤhlen! Da ſaßen wir drei Jungen, von Achtzehn bis zu vierzehn Jahren herab, in der groͤßten Lei - bes - und Seelen-Noth in einem ganz fremden Lande, auf dem freien Felde und uͤber dem friſchen Grabhuͤgel unſers geliebten Vaters und Fuͤhrers! ſaßen, als eine arge Ketzerbrut von Jedermann gemieden und ausgeſtoßen, ohne einen Pfennig im Vermoͤ -59 gen, nichts in und wenig auf dem Leibe, in dieſer rauhen Jahreszeit, ohne Troſt oder Huͤlfe von Menſchen! Betteln konnten und wollten wir nicht: lieber haͤtten wir hier auf dieſer Grabes-Erde des geliebten Hin - geſchiedenen gleichfalls verſcheiden und ver - ſchmachten moͤgen! Er allein war in dieſen troſtloſen Augenblicken unſer Gedanke und unſre Zuflucht. O Vatersbruder, erbarmt Euch! riefen wir unaufhoͤrlich, bis wir uns muͤde geſchrieen hatten und das Thoͤ - richte unſers Beginnens einſahen.

Jetzt erſt konnten wir uns unter einan - der berathen, was wir in dieſer unſrer gaͤnz - lichen Verlaſſenheit anzufangen haͤtten? Der Schluß fiel dahinaus, daß wir des naͤchſten Morgens zu unſerm Schiff und unſern an - dern Kameraden zuruͤckkehren wollten. Wo dieſe blieben, wollten auch wir bleiben und ihr Schickſal mit ihnen theilen. Unſer ein - ziger und letzter Nothanker aber war des verſtorbenen Oheims Taſchenuhr, die wir an uns genommen hatten und, wenn uns zuletzt das Waſſer an die Seele gienge, loszuſchla - gen gedachten. Ob dies ſchon im rothen Loͤwen wuͤrde geſchehen muͤſſen, wohin wir nun zunaͤchſt zuruͤckkehrten, ſollten wir als - bald erfahren. Geſaͤttigt und durch einigen Schlaf erquickt, kam denn auch am Morgen60 darauf unſre bisherige Zeche zur Sprache. Doch der gute Wirth, den unſer trauriges Schickſal erbarmt hatte, war mit unſerm Dank und einem herzlichen Gott lohn’s! zu - frieden; wir aber wanderten ebenfalls in Gottes Namen wieder den Strand entlang, um unſre zuruͤckgelaſſenen Ungluͤcksgefaͤhrten aufzuſuchen.

Noch waren wir indeß keine Meile ge - gangen, als unſer Schiffskoch, Namens Ro - loff, uns aufſtieß und uns berichtete: Die Oeſterreichiſchen Strandwaͤchter haͤtten unſre Preuſſiſche Flagge von dem zertruͤmmerten Schiffe am Ufer aufgefiſcht; die Mannſchaft ſey hierauf nochmals in ein ſcharfes Verhoͤr genommen worden und habe ſich endlich zu ihrer wahren Landsmannſchaft bekennen muͤſ - ſen. Von Stund an habe man ſie als Kriegsgefangene und mit Haͤrte behandelt; habe ſie genoͤthigt, die Truͤmmer des Schiffs und der Ladung mit angeſtrengter Arbeit an’s Land bergen zu helfen, zugleich aber auch ſie in ſo genauer Obacht gehalten, daß nicht Einer, ohne militairiſche Begleitung, ſich nur bis zwiſchen die naͤchſten Sand-Duͤnen habe entfernen duͤrfen. Dennoch ſey es ihm ſelbſt in dieſer letzten Nacht gegluͤckt, ſeinen Auf - ſehern zu entwiſchen; und er gedenke nun - mehr nach Duͤnkirchen zu gehen, wo er in61 Sicherheit zu ſeyn hoffe; uns aber rathe er wohlmeynend, auf der Stelle wieder mit ihm umzukehren.

Jn der That war auch dieſer Vorſchlag der beſte, und ward unbedenklich von uns angenommen. Jndem ich aber in unſrer neuen Noth Alles reiflich bei mir uͤberdachte, kam mir wieder der Kaufmann in Duͤnkirchen zu Sinn, an welchen Schiffer Damitz vor vier Jahren, als er mit mir von Liverpool kam, ſeine Ladung Taback abgeliefert hatte. Sein Haus war mir noch erinnerlich: doch ſein Name nicht. Jndeß beſchloß ich, gera - desweges zu ihm zu gehen, ihm unſre Noth zu klagen und ihn um Rath und Beiſtand zu bitten. Daneben fiel mir bei, daß unſer Schiff in Amſterdam fuͤr Seeſchaden und Tuͤrken-Gefahr verſichert geweſen und daß der Commiſſionair, der dies Aſſecuranz-Ge - ſchaͤft beſorgt hatte, den Namen Emanuel de Kinder fuͤhrte. Jch konnte demnach den Duͤnkircher Kaufmann bitten, daß er an die - ſen Agenten unſers Rheeders nach Amſterdam ſchriebe und in unſerm Namen um einen Vorſchuß von einhundert Gulden fuͤr Rech - nung Hrn. Beckers oder meines Vaters in Colberg baͤte. Damit ließ ſich dann ſchon hoffen, unſre Heimath wieder zu erreichen.

62

Alles dieſes gieng auch nach Wunſch in Erfuͤllung. Der Kaufmann war willig und bereit, uns in der vorgeſchlagenen Weiſe zu dienen. Binnen acht Tagen gieng auch eine Antwort von Emanuel de Kinder an ihn ein, mit der Anweiſung: daß, wenn wir des Net - telbeck’s Kinder waͤren, er uns die hundert Gulden, oder falls wir es verlangten, auch das Zwiefache auf ſein Conto vorſchieſſen moͤge. Allerdings war das brav von dem Amſterdammer: aber noch heute dieſen Tag freut es mich, daß ich dieſe Wohlthat im Jahre 1783 alſo 27 Jahre nachher an ſeinem Sohne, Florens de Kinder, habe vergelten koͤnnen, indem ich mich, mit einer reichen Ladung von Liſſabon kommend, an dieſen adreſſiren ließ; und gewiß hat er hier - bei, als Correſpondent, uͤber 2000 Gulden gewonnen.

Jch war ein ſo guter Wirth, daß ich mich mit der Haͤlfte des angebotenen Dar - lehns begnuͤgte; und das um ſo lieber, da uns der Duͤnkircher belehrte: Es ſey auf die - ſem Platze der Brauch, daß Seefahrer, die an der dortigen Kuͤſte ihr Schiff verloͤren, einen Sou (etwa vier Pfennige unſers Gel - des) fuͤr eine jede Meile bis nach ihrer Hei - math, als Reiſegeld, empfiengen. Zugleich erbot er ſich, Jemand von ſeinen Leuten mit63 uns nach dem Stadthauſe zu ſchicken, um uns dieſen Zehrpfennig auswirken zu helfen. Dort war jedoch den Herren, denen wir Col - berg als unſre Vaterſtadt nannten, dieſer Ort ein ganz unbekanntes Ding: denn da - mals hatten ihm die wiederholten Belagerun - gen noch keinen Ruf in der politiſchen Welt gegeben. Jch bat mir demnach eine See - karte aus und wies in derſelben die Lage dieſes Handelshafens nach; ward aber zu - gleich auch aufgefordert, deſſen Entfernung von Duͤnkirchen abzumeſſen. Dies trug uͤber See gegen 190 Meilen aus; und eben ſoviel Sous wurden auch Jedem von uns Dreien auf der Stelle ausgezahlt.

So waren wir denn mit unſerm Reiſebe - duͤrfniß nothduͤrftig ausgeruͤſtet: doch nun galt es die Frage, welchen Weg wir ein - ſchlagen ſollten, um wieder zu den Unſrigen zu gelangen? Es war Winter, und die See ſo gut, als geſperrt. Zu Lande aber haͤtten wir uns durch die Oeſterreichiſchen Nieder - lande wagen muͤſſen, wo wir, als Preuſſen, Gefahr liefen, gleich an der Grenze in Nieu - port, Oſtende, oder wo es ſonſt ſey, ange - halten zu werden. Jndeß ereignete ſich, uͤber unſer Erwarten, bald genug eine Gelegenheit, die wir zu unſerm Weiterkommen nicht glaub - ten verſaͤumen zu duͤrfen. Die Duͤnkircher64 Kaper hatten nemlich einen Engliſchen Kutter als Priſe aufgebracht und denſelben an einen Schiffer von Bremen, Namens Heindrick Harmanns verkauft. Dieſer belud denſelben ſofort mit loſen Tabacksſtengeln und war wil - lens, damit nach Hamburg zu gehen. Die geſammte Schiffs-Mannſchaft beſtand, auſſer ihm ſelbſt, nur aus zwei Matroſen; und wir drei waren ihm, als Paſſagiere, um ſo lie - ber, da wir uns erboten, gegen die Koſt, die er uns reichen ſollte, die Wache mit zu halten.

Vier Tage vor Weihnachten giengen wir in See. Es begann hart zu frieren, und das ganze Fahrzeug nahm zuletzt Geſtalt eines großen Eisklumpens an. Da wir ſo wenig auf dem Leibe hatten, wurden uns unſre Wachen herzlich ſauer. Uns fror jaͤmmerlich; daher begruben wir uns, ſo oft die Wachzeit zu Ende lief, im Raume tief in die Tabacks - ſtengel; kamen aber gewoͤhnlich eben ſo er - froren wieder heraus, als wir hineingekrochen waren. Unſre Schiffsleute verfuhren auch ſo unbarmherzig mit uns, daß ſie uns nicht in ihre Schlafkojen aufnehmen wollten, wie - wohl dies, waͤhrend ſie ſelbſt ſich auf der Wache befanden, fuͤglich haͤtte geſchehen koͤn - nen. Eben ſo wenig lieſſen ſie uns, zu unſrer Erwaͤrmung, das geringſte von ihrenKlei -65Kleidungsſtuͤcken zukommen; und ſelbſt die kaͤrglichen Mundbiſſen, die wir erhielten, wurden uns nur mit Widerwillen und Brum - men hingeſtoßen.

So kamen wir vor die Muͤndung der Elbe. Da wir hier aber Alles mit Eis be - ſetzt fanden und uͤberdem auch ſich ein Oſt - wind erhob, wurde der Beſchluß gefaßt, wieder umzukehren und an der Hollaͤndiſchen Kuͤſte einen Nothhafen zu ſuchen. Vor der Jnſel Schelling fand ſich auch ein Lootſe zu uns an Bord, der uns, ſchon bei ſpaͤter Abendzeit, zwiſchen die Baͤnke im Vorwaſſer brachte. Weil uns indeß der Wind entge - genſtand und wir nicht weiter hineinkom - men konnten, warfen wir Anker, und der Lootſe gieng wieder an Land, mit dem Ver - ſprechen, ſobald der Wind ſich umſetzte, zu uns zuruͤckzukehren. Aus den Aeuſſerungen unſers Schiffers gieng hervor, wie erwuͤnſcht es ihm ſey, gerade an dieſem Punkte an Land gekommen zu ſeyn: denn ſein Vater fahre als Beurtſchiffer von Bremen nach Haarlingen, und eben jetzt muͤſſe die Reihe an ihm ſeyn; ſo daß er hoffen duͤrfe, den - ſelben an letzterm Orte vorzufinden, von wo wir hier nur zwei oder drei Meilen entfernt ſeyen.

Es war gerade der erſte Januar des Jahrs 1757. Abends um zehn Uhr ſetzte1. Bändchen. (5)66ſich der Wind in Nordweſten; und indem er zu einem fliegenden Sturm anwuchs, wurde das Schiff vom Anker getrieben; ſaß auch, ehe wir uns deſſen verſahen, auf einer Bank feſt, wo die Sturzwogen un - aufhoͤrlich uͤber das Fahrzeug hinwegrollten und bis hoch an die Maſten emporſchaͤum - ten. Das Schiff war ſcharf im Kiel ge - baut; ſo oft daher eine Welle ſich verlief, fiel es ſo tief auf die Seite, daß die Ma - ſten beinahe das Waſſer beruͤhrten. Gleich - wohl erhielt uns Gottes Barmherzigkeit, daß wir nicht vom Borde hinweggeſpuͤlt wurden. Dieſe aͤngſtliche Lage dauerte wohl vier bis fuͤnf Minuten, wo endlich eine beſonders hohe und maͤchtige Welle uns hob und mit ſich uͤber die Bank hinuͤber ſchleuderte.

So gelangten wir zwar fuͤr den Augen - blick wieder in fahrbares Waſſer: doch ehe wir noch Zeit hatten, uns unſrer Rettung zu freuen, jagte der Sturm unſer Fahrzeug vollends auf den Strand, und die branden - den Wellen zogen auf’s neue im ſchaͤumen - den Gebrauſe uͤber das Verdeck und unſre Koͤpfe hinweg. Der Schiffer mit ſeinen beiden Leuten befand ſich zufaͤllig auf dem niedriger liegenden Hintertheile des Schiffs; waͤhrend wir drei Paſſagiere uns vorne in der Hoͤhe befanden und den Fockmaſt um -67 klammert hielten, um nicht von den ſpuͤlenden Wogen mit fortgeriſſen zu werden. Die Angſt, mit etwas Hoffnung vermiſcht, machte uns maͤuschen ſtille: Jene aber ſchrieen und wimmerten, daß die Luft davon erklang, ohne daß wir ihnen helfen, oder ſie zu uns em - porklimmen konnten.

Die Nacht war ziemlich dunkel; auf dem Lande lag Schnee, und rings um uns her ſchaͤumte die Brandung; folglich war Alles weiß, und es ließ ſich nicht unterſcheiden, wie nahe oder wie fern wir dem trocknen Ufer ſeyn moͤchten. Je laͤnger ich indeß meine Aufmerkſamkeit hierauf ſpannte, deſto gewiſſer auch daͤuchtete mir’s, daß beim Ruͤcklauf der Wellen nur ein kleiner Zwi - ſchenraum bis zum Lande ſtatt finden koͤnne. Jch nahm einen Zeitpunkt wahr, wo das Verdeck nach vorne frei vom Waſſer war, und kroch an dem langen Bugſpriet hinan, das nach dem Strande hin gerichtet ſtand; da ſah ich nun deutlich, daß jedesmal, wenn die See zuruͤcktrat, das Ufer kaum eine Schiffslaͤnge von uns entfernt blieb.

Jetzt ſchien mir unſre Rettung laͤnger nicht unmoͤglich. Jch nahm behutſam den Ruͤckweg zu meinen Gefaͤhrten; theilte ihnen meine gluͤckliche Entdeckung mit und ſprach ihnen Muth ein, mir nach auf das Bug -68 ſpriet zu klettern. Sobald die naͤchſte Welle ſich weit genug zuruͤckzoͤge, wollte ich’s zu - erſt verſuchen, mich ſchnell an einem Tau (deren dort uͤberall eine Menge zerriſſen hieng) hinabzulaſſen; und wenn ich feſten Boden unter mir fuͤhlte, ſollten ſie, auf mein gegebenes Zeichen, beim naͤchſten Ab - lauf einer Woge, meinem Beiſpiele getroſt nachfolgen. Auch den Uebrigen ſchrie ich zu, ſich auf dieſem Wege zu retten: allein das Sturm - und Wellengebrauſe war zu maͤchtig, als daß ich haͤtte koͤnnen verſtanden werden.

Unſer Wagſtuͤck gelang nach Wunſch; wir kamen gluͤcklich an Land und fielen alle Drei voll Entzuͤcken auf unſre Kniee, um dem goͤttlichen Erretter unſern Dank darzu - bringen. Durchnaͤßt bis auf die Haut und erſtarrt vor Froſt, war indeß hier nicht der Ort und die Zeit, lange hinter uns zu ſehen. Vielmehr wanderten wir unverzuͤglich auf eine Feuerbaake zu, die hier auf dem Schel - ling zum Beſten der Seefahrenden unterhal - ten wird, und deren Licht wir etwa 2000 Schritte von uns flimmern ſahen. Wohl hundert Mal fielen wir in der dicken Fin - ſterniß und auf den unebenen Sandduͤnen uͤber unſere eigenen Fuͤße: aber innig froh, dem toſenden Meere entronnen zu ſeyn, haͤt -69 ten wir auch wohl groͤßeres Leid nicht ge - achtet, und gelangten endlich auch wohlbe - halten zu dem Feuerthurme. Die Thuͤre deſſelben ward im Dunkeln ausgetaſtet; vor uns oͤffnete ſich eine Windeltreppe, die wir hinanſtiegen; und droben im Wachſtuͤbchen fanden wir einen Mann auf der Pritſche ausgeſtreckt, dem, bei unſerm unerwarteten Eintritt, im Todesſchrecken das Pfeifchen aus dem Munde entſank; bis wir uns Bei - derſeits beſannen und naͤher mit einander verſtaͤndigten.

Auf den Bericht von unſrer ungluͤckli - chen Strandung erklaͤrte er uns, daß er verpflichtet ſey, dies Ereigniß ſofort im naͤchſten Dorfe, welches kaum einige tauſend Schritte entfernt liege, anzuzeigen. Er lud uns ein, ihn dorthin zu begleiten; kam uns erſtarrten armen Burſchen aber gar bald aus dem Geſicht und uͤberließ es uns, ihm, ſo gut wir konnten, nachzuhumpeln. Un - zaͤhlige Male purzelten wir auf dieſem kur - zen Wege; kamen ſelbſt in Gefahr uns zu verirren, und fanden uns nur dann erſt zu dem Dorfe hin, als wir eine Glocke gezo - gen hoͤrten, welche das Zeichen gab, daß alles Mannsvolk auf und empor ſollte, um unſer geſtrandetes Schiff aufzuſuchen und zu bergen.

70

Wir wurden indeß in ein Haus gefuͤhrt, wo des Fragens nach unſerm erlittenen Un - gluͤck kein Ende war; wo aber die guten Leute zugleich auch trockne Kleider, Speiſen, Warmbier und ſogar Gluͤhwein, und was ſie ſonſt irgend im Vermoͤgen hatten, herbei brachten, um uns zu erquicken. Sie wein - ten in die Wette mit uns wir vor Freude, ſie vor Mitleid; und nicht eher verlieſſen ſie uns, als bis ſie uns in einem warmen Bette zur Ruhe gebracht hatten.

Am Morgen, da wir uns wieder ermun - tert hatten, erfuhren wir, daß die Dorfs - mannſchaft von ihrem naͤchtlichen Zuge wie - der heimgekehrt ſey. Sie hatte das ge - ſtrandete Schiff in der Dunkelheit nicht fin - den koͤnnen, war aber, bei anbrechendem Tage, auf die einzelnen, laͤngs dem Ufer umhertreibenden Truͤmmer geſtoßen, ohne jedoch weder einen lebendigen Menſchen, noch eine ausgeworfene Leiche anzutreffen. Wir blieben alſo leider! die einzigen Gebor - genen! Es ward uns indeß angerathen, uns zu Mynheer de Droſt, der die polizeiliche Aufſicht auf der Jnſel fuͤhrte, zu begeben und demſelben unſer Ungluͤck vorſtellig zu machen, da zudem eine Caſſe vorhanden ſey, woraus armen ſchiffbruͤchigen Leuten, wie wir, eine Unterſtuͤtzung gereicht zu werden71 pflege. Auch moͤchten wir deren wohl um ſo mehr beduͤrftig ſeyn, da jetzt zwiſchen dem Schelling und dem feſten Lande Alles mit Eis geſtopft und ſo bald an kein Hinuͤber - kommen zu denken ſey.

Dieſer Vorſchlag kam uns gar gelegen. Ohne uns alſo zu aͤuſſern, daß wir noch mit Geld und mit einer Taſchenuhr (Beides hatt ich ſorgfaͤltig in meinen Beinkleidern verwahrt) verſehen waͤren, machten wir uns zu dem Landdroſten auf den Weg, ihm un - ſre Lage zu ſchildern. Der brave Mann hoͤrte uns mit dem aͤuſſerſten Mitleid an; ließ auch ſofort einen Schneider kommen, der uns eine tuͤchtige Jacke und Hoſen an - meſſen mußte, und verſah uns mit doppel - ten Hemden, Halstuͤchern, Struͤmpfen, einer Filzmuͤtze und andern Nothwendigkeiten mehr. Hiermit auch nicht zufrieden, ließ er einen Mann kommen, dem er uns in die Koſt befahl; und ſo blieben wir in dieſer men - ſchenfreundlichen Pflege bis in die Mitte des Januars, wo endlich das Eis zwiſchen dem Schelling und Haarlingen aufgieng und wir ein Schiff von dorther nach dem Schel - ling durchbrechen ſahen.

Sobald dies Fahrzeug an Land gekom - men war, beeilten wir uns, den Schiffer, welcher ſchnell loͤſchen und dann den Ruͤck -72 weg antreten wollte, dahin zu vermoͤgen, daß er uns einen Platz an ſeinem Borde ge - ſtattete. Auf ſeine ausweichende Antwort, die uns wenig Hoffnung uͤbrig ließ, hielten wir’s fuͤr das Gerathenſte, auf der Stelle unſern großmuͤthigen Goͤnner, den Droſten, anzutreten und ihm unſer neues Anliegen vorzutragen. Sogleich auch war er zur Vermittelung bereit; ließ den Schiffer ru - fen; verdung uns ihm als Paſſagiere bis Haarlingen und an ſeinen eignen Tiſch, wie lang oder kurz die Ueberfahrt auch waͤhren moͤchte, und berichtigte die Koſten mit funf - zehn Gulden vor unſern Augen. Es ver - ſteht ſich, daß wir ihm aus Herzensgrunde und mit weinenden Augen dankten, indem wir zugleich Abſchied von ihm nahmen, um mit unſerm Schiffer zu gehen. Dieſem hal - fen wir vergnuͤgt loͤſchen und eine neue La - dung einnehmen; und ſo konnten wir ſchon nach 48 Stunden mit ihm vom Schelling abſegeln.

Wir brauchten einen Tag und beinahe die ganze folgende Nacht, um uns durch das Eis zu arbeiten, bis wir mit dem Morgen vor Haarlingen anlegten. Hier nahmen wir ſofort unſer kleines Buͤndel auf den Arm, und waren im Begriff, laͤngs dem Kai zum naͤchſten Thore hinauszuziehen, als wir zu -73 faͤllig an einem Fahrzeuge voruͤber ſchlender - ten, welches, wie mehrere andre, im Eiſe eingefroren war. Auf demſelben ſtand ein kleiner alter Mann, der uns anrief und deſ - ſen Neugier wir uͤber unſre Umſtaͤnde, erſt im Allgemeinen und dann im Beſondern, be - friedigen mußten. Wir thaten es, als ehr - liche Pommern, in aller Unbefangenheit, und nannten letzlich auch den Namen Heindrick Harmanns , als des Schiffers, mit dem wir unſern neuerlichen Unfall erlitten und der dabei ein Raub der empoͤrten Wogen geworden.

Kaum gieng der ungluͤckliche Name uͤber meine Lippen, ſo ſchlug der alte Mann die Haͤnde uͤber dem Kopf zuſammen, und ſchrie, daß es in die Luͤfte klang: Barmherziger Gott! Mein Sohn! mein Sohn! Zugleich ſank er auf ſeine Kniee nieder und mit dem Angeſicht auf das Verdeck, und jammerte unablaͤſſig: Mein Sohn! o, mein Sohn! Uns ſchnitt der klaͤgliche Anblick durch’s Herz; wir weinten mit ihm und konnten nicht von der Stelle. Als wir uns Beider - ſeits ein wenig erholt hatten, drang er in uns, ihm in ſeine Kajuͤte zu folgen. Hier mußten wir ihm den ganzen Verlauf um - ſtaͤndlich erzaͤhlen; auch wollt er uns (als ob ihm dies einigen Troſt gaͤbe) den ganzen74 Tag nicht von ſeiner Seite laſſen: aber waͤhrend er uns Kaffee, Wein und Alles, was er nur bei der Seele hatte, vorſetzte, uͤberwaͤltigte ihn immer von neuem der Gram um ſein verlornes Kind, und preßte auch uns Thraͤnen der Ruͤhrung und des Mitleids aus.

Gegen den Abend, wo es uns endlich die hoͤchſte Zeit daͤuchtete, unſern Stab wei - ter zu ſetzen, hub er an: Liebe Jungen, heute koͤnnt und ſollt ihr nicht mehr von dannen. Jch will euch in ein gutes Haus bringen, wo ihr euch die Nacht uͤber erho - len koͤnnt. Aber morgen fruͤh hol ich euch ab und gehe eine Strecke Weges mit euch. Jhr ſeyd jung und unerfahren, und braucht Anweiſung und guten Rath, wie ihr eure Reiſe weiter anzuſtellen habt. Kommt denn, in Gottes Namen!

Unſer Fuͤhrer ſchien in der Herberge, zu welcher er uns geleitete, und wo es von Biergaͤſten wimmelte, gar wohl bekannt. Er erzaͤhlte ſeines Sohnes und unſer Un - gluͤck; auch wir mußten erzaͤhlen, und ſo verſtrich der Abend, bis der Wirth, in Er - mangelung ſeiner abweſenden Ehegenoſſinn, uns in ein recht artiges Zimmer hinauf - leuchtete, uns Dreien ein großes, mit Bet - ten hoch ausgeſtopftes Nachtlager anwies75 und uns ſodann eine freundliche Ruhe wuͤnſchte. Wirklich that ſie uns Noth, und wir krochen wohlgemuthet und behaͤglich un - ter die Decke zuſammen.

Leider aber hatten wir diesmal unſre Rechnung zwar nicht ohne den Wirth, aber doch ohne die Wirthinn gemacht! Denn kaum war uns ſo ein ſuͤßes halbes Stuͤnd - chen zwiſchen Schlaf und Wachen verlaufen, ſo kam es unter Zank und Gepolter die Treppe hinauf geſtuͤrmt; unſre Zimmerthuͤre ward ungeſtuͤm aufgeriſſen, und eine gellende Stimme gebot uns, ſofort das warme Neſt zu raͤumen und ihr ſauberes Bettzeug nicht zu verfumfeien. Da half kein Widerreden; wir ſprangen auf, lieſſen die Ohren haͤngen und duckten uns in einen Winkel zuſammen, bis die Betten, die der Dame ſo feſt an’s Herz gewachſen waren, mit einem Strohſack, einer Matratze und einer Art von Pferde - decke vertauſcht worden. Das war ein boͤ - ſer Wechſel! und der unfreundlich genug ausgeſtoßene Wunſch einer guten Nacht, womit uns die geſtrenge Hausfrau verließ, hinderte nicht, daß wir eine ſehr boͤſe Nacht unter Froſt, Verdruß und Schlafloſigkeit zu - brachten.

Unſer ehrlicher Vater Harmanns, der in ſeiner Kajuͤte geſchlafen hatte, und dem wir76 am Morgen unſer naͤchtliches Abentheuer mittheilten, nahm ſich den Affront, welcher ſeinen Schuͤtzlingen widerfahren war, mehr zu Herzen, als wir erwarteten. Trotz un - ſern Vorſtellungen, las er der Wirthinn ei - nen derben Text, ſagte ihr und ihrem Hauſe, wo er ſo viele Jahre verkehrt hatte, alle Gemeinſchaft auf, und wollte jede Chriſten - ſeele warnen, keinen Fuß uͤber dieſe unwirth - liche Schwelle zu ſetzen. Wir hatten genug zu thun, den lieben alten Mann zu be - ſchwichtigen, der ſich’s nicht nehmen ließ, uns noch zu guter Letzt durch ein vollſtaͤndi - ges Fruͤhſtuͤck ſatt zu machen; ja auch all unſre Taſchen mit Brodt, Kaͤſe, gekochtem Fleiſch, und was er ſonſt wußte und hatte, vollzuſtopfen.

Das gethan, ergriff er ſeinen Stab und wanderte mit uns zum Thore hinaus, wie ſehr wir ihn auch bitten mochten, umzukeh - ren und ſeine Kraͤfte zu ſchonen. Vielmehr hoͤrte er nicht auf, uns eifrig wegen unſers beſſern Fortkommens zu berathen; und waͤh - rend dieſer Beſprechungen verlief Ein Stuͤnd - chen nach dem Andern, es ward Mittag, und wir befanden uns in Franecker. Hier zog er mit uns in ein Wirthshaus; ließ auftragen, als ob wir uns fuͤr drei Tage ſatt eſſen ſollten, und konnte ſich endlich77 nur ſchwer entſchlieſſen, uns das Valet zu geben. Noch druͤckte er uns beim Abſchiede zwei hollaͤndiſche Dukaten in die Haͤnde; wir aber ſchieden mit Thraͤnen der Dankbar - keit von dieſem Ehrenmanne, und gelangten Abends wohlbehalten nach Leuwaarden, wo wir uͤbernachteten.

Die naͤchſte Tagereiſe brachte uns ſpaͤt in der Dunkelheit nach Dockum: aber es wollte uns nicht gelingen, hier eine Her - berge zu finden. Ueberall, wo wir anklopf - ten, beleuchtete man uns ſorgfaͤltig von allen Seiten und zog dann die Thuͤre uns vor der Naſe in’s Schloß, mit einem froſtigen: Geht weiter mit Gott! Es war eine kalte ſtuͤrmiſche Nacht: wir irrten umher und jammerten, bis wir endlich bei