PRIMS Full-text transcription (HTML)
Eine Aegyptiſche Königstochter.
Hiſtoriſcher Roman
Erſter Band.
Stuttgart. Druck und Verlag von Eduard Hallberger.1864.
[I]
Eine Aegyptiſche Königstochter.
Historischer Roman
Erſter Band.
Stuttgart. Druck und Verlag von Eduard Hallberger. 1864.
[II][III]

Herrn Richard Lepſius, ordentlichem Profeſſor, Doctor der Theologie ꝛc. ꝛc. widmet dieſes Buch in hoher Verehrung der Verfaſſer.

[IV][V]

Als ich Sie, hochverehrter Herr Profeſſor, um die Erlaubniß erſuchte, Jhnen vorliegendes Werk widmen zu dürfen, verhehlte ich mir keineswegs, daß es beinah all zu kühn ſei, einem ſo bedeutenden Manne, wie Jhnen, die Pathenſtelle bei einem ſo ſchlichten Kinde, wie dieſes Buch, anzutragen. Sie haben meine Bitte nicht zurückgewieſen und mir, als ſchönſte Ermunterung, das von mir erwählte Feld der Wiſſenſchaft rüſtig weiter zu durchpflügen, in liebenswürdigſter Weiſe geſtattet, an die Spitze meiner Arbeit Jhren weltberühmten[VI] Namen zu ſetzen. Es iſt mir, als wenn ich in die - ſem Zeichen ſiegen müßte! Sollte mein Werk aber auch keinen Erfolg erringen, verurtheilt oder gänzlich überſehen werden, ſo wird mir doch das Bewußtſein bleiben, daſſelbe mit Fleiß und Liebe vollendet, und Jhnen durch meine Widmung bewieſen zu haben, daß ich nicht fähig bin des Dankes zu vergeſſen, welchen ich Denjenigen ſchulde, die mir in ſchweren Leidensjahren ermunternd und belehrend zur Seite ſtanden.

[VII]

Jnhalt.

  • Seite
  • VorwortIX
  • Erſtes Kapitel1
  • Zweites Kapitel19
  • Drittes Kapitel47
  • Viertes Kapitel57
  • Fünftes Kapitel75
  • Sechstes Kapitel85
  • Siebentes Kapitel97
  • Achtes Kapitel121
  • Neuntes Kapitel137
  • Zehntes Kapitel148
  • Elftes Kapitel159
  • Anmerkungen179
[VIII][IX]

Vorwort.

Man hat mehrfach bemerkt, daß in den Briefen Cicero’s und des jüngeren Plinius Anklänge moderner Sentimentalität nicht zu verkennen ſeien. Jch finde darin nur Anklänge tiefer Gemüthlich - keit, die in jedem Zeitalter, bei jedem Volksſtamme aus dem ſchmerzlich beklommenen Buſen emporſteigen. (A. von Humboldt. Kosmos II. S. 19. )

Jndem ich vorliegendes Buch in die Welt hinausſchicke, verhehle ich mir keineswegs, daß ich mannigfaltigen Ausſtellungen, ja vielleicht dem Tadel der Beſten meines Faches nicht entgehen werde.

Einige mögen nur das Ganze betrachten und mir vorwerfen, daß es einem Jünger der Wiſſen - ſchaft übel ſtehe, die Reſultate ſeiner Studien in ein von der Phantaſie gewebtes Gewand zu kleiden; An - dere werden ſich an Einzelheiten halten und dieſelben als geſchmacklos oder anachroniſtiſch verwerfen. Er - ſteren muß ich erwiedern, daß ich für dieſe Darſtel - lung einer großen weltgeſchichtlichen Epoche das Ge - wand der Dichtung gewählt habe, um einer möglichſt großen Anzahl von Gebildeten die Reſultate jener Studien, denen ich mein Leben widme, zugänglichX zu machen. Gegen die zweite Klaſſe der Kritiker vermag ich mich weniger leicht zu vertheidigen, denn mir iſt wohl bewußt, daß der Gelehrte mißbilligen kann, was der Aeſthetiker lobenswerth findet, und daß Erſterer an Dingen, die der Letztere tadelt, Wohl - gefallen finden darf. Ferner ſind die Nachrichten, welche wir aus dem ſechſten Jahrhundert vor Chriſti Geburt beſitzen, ſo ſpärlicher Art, daß es in einer Darſtellung, wie der vorliegenden, durchaus unmöglich erſcheint, den Anachronismus vollſtändig zu vermei - den. Gröbere Jrrthümer äußerer Art laſſen ſich mit Fleiß und Aufmerkſamkeit wohl umgehen, dagegen kann und darf ſich der Autor niemals ganz frei - machen von den Grundanſchauungen der Zeit und des Landes, in denen er geboren wurde; denn, wollte er rein antike Menſchen und Zuſtände ſchildern, ſo würde er für den modernen Leſer theils unverſtändlich, theils ungenießbar werden. Die handelnden Perſonen werden zwar Perſern, Aegyptern u. ſ. w. ähnlich ſehen können; man wird aber doch ihren Worten und Handlungen den chriſtlich germaniſchen Darſtel - ler, den nicht vollkommen über der Sentimentalität ſeiner Zeit ſtehenden Erzähler anmerken müſſen.

Die Perſer und Griechen, welche ihrer Herkunft nach mit uns verwandt ſind, bieten in dieſer Be - ziehung weniger Schwierigkeiten, als die auf ihrer vom Nil der Wüſte abgerungenen Fruchtinſel iſolirt daſtehenden Aegypter.

XI

Jch weiß Herrn Profeſſor Lepſius, der mich darauf aufmerkſam machte, daß eine ausſchließlich auf ägyptiſchem Boden ſtehende Kunſtdarſtellung den Leſer ermüden werde, großen Dank. Seinem Winke ge - mäß hab ich meinen dem Herodot entnommenen Stoff ſo disponirt, daß ich den Leſer zunächſt, gleich - ſam einleitend, in einen griechiſchen Kreis führe, deſſen Weſen ihm nicht ganz fremd zu ſein pflegt. Durch dieſen helleniſchen Vorhof gelangt er vorbe - reitet nach Aegypten, von dort nach Perſien und endlich wieder zum Nile zurück. Er ſoll ſein Jn - tereſſe gleichmäßig an die genannten Völker vertheilen. Darum ruht die ganze Schwere der Handlung nicht auf einem einzigen Helden; ich bin vielmehr bemüht geweſen, alle drei Nationen durch geeignete Repräſen - tanten zu individualiſiren. Wenn ich meinem Ro - mane trotzdem den Namen der ägyptiſchen - nigstochter gegeben habe, ſo geſchah es, weil durch das Schickſal der Nitetis das Wohl und Weh aller anderen handelnden Perſonen bedingt wird, und dieſe alſo als der Mittelpunkt des Ganzen betrachtet werden darf.

Bei der Charakteriſtik des Amaſis bin ich der meiſterhaften Schilderung des Herodot gefolgt, welche durch das von Roſellini auf einem alten Denkmale gefundene Bild dieſes Königs beſtätigt wird. Auch die Grundzüge zu meinem Kambyſes hab ich dem Herodot entnommen, wie denn dem ganzen RomaneXII die Mittheilungen dieſes großen Hiſtorikers zu Grunde liegen.

Dennoch bin ich dem Vater der Geſchichte nicht blindlings gefolgt und habe die Reſultate der Hieroglyphen - und Keilſchriftentzifferung überall zu Rathe gezogen. Dieſelben beſtätigen freilich größten - theils die von dem Halikarnaſſier aufgezeichneten Mittheilungen.

Wenn ich mit Herodot den Bartja erſt nach der Eroberung von Aegypten tödten laſſe, ſo geſchieht es, weil ich gerade an dieſer Stelle nicht mit der gewöhnlichen Ueberſetzung der Jnſchrift von Biſutun übereinſtimme. Es heißt daſelbſt: Ein Kambujiya mit Namen, Sohn des Kuru, von unſerer Familie, der war vorher hier König und hatte einen Bruder Bartiya mit Namen, von gleichem Vater und gleicher Mutter mit Kambujiya. Darauf tödtete Kambujiya jenen Bartiya. Wir können uns an dieſer Stelle nicht in ſprachliche Erörterungen einlaſ - ſen; aber ſelbſt der Laie wird es einleuchtend finden, daß das obige darauf in dieſem Zuſammenhange keinen Sinn gibt. Die Jnſchrift ſtimmt ſonſt faſt überall mit dem Berichte des Herodot, und wir glau - ben auch an dieſer Stelle die Relation des Halikar - naſſiers mit der des Darius in Uebereinſtimmung bringen zu können; doch müſſen wir uns die Be - gründung für einen anderen Ort aufſparen.

Woher Herodot den Namen Smerdes fürXIII Bartja und Gaumata genommen, läßt ſich nicht nach - weiſen. Letzteren finden wir bei Juſtin, wenn auch in verſtümmelter Form, wieder.

Jn Bezug auf die Namen überhaupt, könnten wir leicht der Jnconſequenz angeklagt werden, denn wir geben einige in der geläufigen griechiſchen, an - dere in der urſprünglichen perſiſchen oder ägyptiſchen Form. Wären wir letzterem Prinzip vollkommen treu geblieben, ſo würden wir die Lectüre unſeres Buches zu ſehr erſchwert haben. Vor dem Kambu - jiya der Keilſchriften und dem Uaphrahet der Hie - roglyphen ſchrickt Mancher zurück, dem Kambyſes und Hophra ganz geläufige Namen ſind. Jn Kyros iſt der perſiſche Kuru noch immer erkenntlich; den Sohn deſſelben, Bartja, durften wir aber, um dem abſolut Unrichtigen keine Conceſſion zu machen, nicht Smerdes nennen.

Warum ich den Halikarnaſſier Phanes zu einem Athener gemacht habe, findet ſich angedeutet in der neunundachtzigſten Anmerkung des erſten Bandes.

Einer ernſteren Entſchuldigung bedürfte die Kombination, durch welche wir verſucht haben, Ni - tetis möglichſt jung zu machen; denn es iſt, trotz der von Herodot gerühmten Milde des Amaſis, ziem - lich unwahrſcheinlich, daß König Hophra noch zwanzig Jahre nach ſeinem Sturze gelebt haben ſollte.

Uebrigens ſtehen wir auch hier vor keiner Unmög - lichkeit, denn es läßt ſich nachweiſen, daß AmaſisXIV die Nachkommen ſeiner Vorgänger nicht verfolgte. Ein gewiſſer Pſamtik, welcher der geſtürzten Dy - naſtie angehörte, lebte wenigſtens, wie ich auf einer Stele im leydener Muſeum gefunden habe, bis in’s ſiebzehnte Jahr der Regierung des Amaſis und ſtarb fünfundſiebenzig Jahr alt.

Endlich ſei es mir geſtattet, einige Worte über Rhodopis zu ſagen. Daß dieſelbe ein ganz außer - gewöhnliches Weib geweſen ſein muß, beweiſen die in Anmerkung zehn und fünfzehn des erſten Theiles angeführten Stellen des Herodot, und die Mitthei - lungen vieler anderer Schriftſteller. Daß ſie ſchön geweſen ſei, geht ſchon aus ihrem Namen hervor, der zu deutſch Roſenwange bedeutet. Auch ihre Liebenswürdigkeit wird ausdrücklich von dem Halikar - naſſier hervorgehoben. Jn welchem Grade ſie mit allen Vorzügen ausgeſtattet geweſen ſein muß, läßt ſich am beſten daraus entnehmen, daß die Sage und das Märchen bemüht geweſen ſind, ihren Namen unſterblich zu machen. Rhodopis ſoll, wie Viele behaupten , die ſchönſte der Pyramiden (die des My - kerinos oder Menkera) erbaut haben; eine Erzäh - lung von ihr, welche Strabo und Aelian bringen, bildet vielleicht die Grundlage zu einem unſerer älte - ſten und ſchönſten Volksmärchen, dem Aſchenbrödel, und es erſcheint nicht unmöglich, daß unſere Loreley mit einer Sage von der Rhodopis zuſammenhängt.

Nach Aelian raubte ein Adler, nach StraboXV der Wind die Schuhe der zu Naukratis im Nile badenden Rhodopis, und legte ſie zu Füßen des auf dem Markte Gericht haltenden Königs nieder. Dieſer war entzückt über die Zierlichkeit der Sandalen und ruhte nicht eher, bis er die Beſitzerin derſelben auf - gefunden und zu ſeiner Gemahlin gemacht hatte.

Die Sage erzählt, daß auf der Spitze einer der Pyramiden (ut in una ex pyramidibus) ein wunder - holdes nacktes Weib throne, das durch ſeine Schön - heit die Wüſtenwanderer um den Verſtand bringe (homines insanire faciat). Jhr Name ſei Rhodopis.

Th. Moore, welcher dieſe Sage dem Zoega’ſchen Werke entlehnt hat, benützt ſie zu folgenden Verſen:

« Fair Rhodope, as story tells The bright unearthly numph, who dwells ’Mid sunless gold and jewels hid, The lady of the Pyramid. »

So fabelhaft all dieſe Mittheilungen klingen, ſo ſchlagend beweiſen ſie, daß Rhodopis ein Weib von ganz außergewöhnlicher Art geweſen ſein muß. Wenn einige Gelehrte die Thrakerin mit der ſchönen und heldenmüthigen Königin Nitokris gleichſetzen, von der Julius Africanus, Euſebius u. A. reden, und die auch Lepſius in ſeine Königsreihen aufge - nommen hat, ſo conjiciren ſie zu kühn, geben aber neue Beiträge zur Bedeutſamkeit unſerer Heldin. Zweifelsohne ſind die auf die Eine bezüglichen Sa - gen auf die Andere übertragen worden und umge -XVI kehrt. Herodot lebte viel zu kurze Zeit nach ihr und erzählt viel zu genaue und realiſtiſche Dinge aus ihrem Privatleben, als daß ſie eine bloße Sagenge - ſtalt geweſen ſein könnte. Das Schreiben des Da - rius am Ende des dritten Bandes ſoll die helleniſche Rhodopis mit der Pyramidenerbauerin der Sage ver - mitteln. Wir wollen hier noch erwähnen, daß ſie von Sappho Doricha genannt wurde. So mag man ſie gerufen haben, ehe ſie den Beinamen der Roſenwangigen erhielt.

Zum Schluſſe müſſen wir des Jambenfluſſes, der ſich in den Liebesſcenen zwiſchen Sappho und Bartja im erſten und dritten Bande geltend macht, entſchuldigend gedenken. Dieſe Geſpräche ſind gleich - ſam Konceſſionen des Hiſtorikers an den Dichter, die, mit Liebe geſchrieben, mit Liebe und mehr noch mit Nachſicht geleſen werden mögen!

Die zahlreichen Anmerkungen am Ende jeden Bandes waren nöthig, theils, um dem Leſer weni - ger bekannte Namen und Zuſtande zu erläutern, theils um demſelben zu zeigen, daß er vor keinen leeren Fictionen ſtehe; von der anderen Seite aber, um den Verfaſſer, den Gelehrten gegenüber, zu recht - fertigen.

Dr. Georg Ebers.
[1]

Erſtes Kapitel.

Der Nil hatte ſein Bett verlaſſen. Weit und breit dehnte ſich da, wo ſonſt üppige Saatfelder und blühende Beete zu ſehen waren, eine unermeßliche Waſſerfläche. Nur die von Dämmen beſchützten Städte mit ihren Rieſentem - peln und Paläſten, die Dächer der Dörfer, ſo wie die Kronen der hochſtämmigen Palmen und Akazien überrag - ten den Spiegel der Fluth. Die Zweige der Sykomoren und Platanen hingen in den Wellen, während die hohen Silberpappeln mit aufwärts ſtrebenden Aeſten das feuchte Element meiden zu wollen ſchienen. Der volle Mond war aufgegangen und goß ſein mildes Licht über den mit dem weſtlichen Horizonte verſchwimmenden libyſchen Höhen - zug. Jm Norden ſchimmerte, kaum erkennbar, das mittel - ländiſche Meer. Auf dem Spiegel des Waſſers ſchwammen blaue und weiße Lotosblumen. Fledermäuſe verſchiedener Art ſchwangen und ſchnellten ſich durch die ſtille, von dem Duft der Akazien und Jasminblüthen erfüllte Nachtluft. Jn den Kronen der Bäume ſchlummerten wilde Tauben und andere Vögel, während, beſchützt von dem Papyrosſchilfe und den Nilbohnen, die am Ufer grünten, Pelikane, Störche und Kraniche hockten. Erſtere verbargen im Schlafe die langge -Ebers, Eine ägyptiſche Königstochter. I. 12ſchnäbelten Köpfe unter die Flügel und regten ſich nicht; die Kraniche aber ſchraken zuſammen, ſobald ſich ein Ruderſchlag oder der Geſang arbeitender Schiffer hören ließ, und ſpähten, die ſchlanken Hälſe ängſtlich wendend, in die Ferne. Kein Lüftchen wehte, und das Spiegelbild des Mondes, welches wie ein ſilbernes Schild auf der Waſſerfläche ſchwamm, bewies, daß der Nil, der die Katarrhakten wild überſpringt und an den Rieſentempeln von Ober-Aegypten ſchnell vor - beijagt, da, wo er ſich dem Meere in verſchiedenen Armen nähert, ſein ungeſtümes Treiben aufgegeben und ſich ge - meſſener Ruhe überlaſſen habe.

Jn dieſer Mondnacht durchſchnitt, 528 Jahre vor der Geburt des Heilands, eine Barke die beinahe ſtrömungsloſe kanobiſche Mündung des Nils. Ein ägyptiſcher Mann ſaß auf dem hohen Dache des Hinterdecks und lenkte von dort aus den langen Stab des Steuerruders. Jn dem Kahne ſelbſt verſahen halbnackte Ruderknechte, ſingend, ihren Dienſt. Unter dem offenen, einer hölzernen Laube gleichenden Ka - jütenhauſe lagen zwei Männer auf niedrigen Polſtern 1). Beide waren augenſcheinlich keine Aegypter. Selbſt das Mondlicht ließ ihre griechiſche Herkunft erkennen. Der Aeltere, ein ungewöhnlich großer und kräftiger Mann, im Beginn der ſechziger Jahre, deſſen dichte graue Locken bis auf den gedrungenen Hals, ohne ſonderliche Ordnung, her - niederfielen, war mit einem ſchlichten Mantel bekleidet und ſchaute düſter in den Strom, während ſein etwa zwanzig Jahre jungerer Gefährte, ein ſchlanker und zierlich ge - bauter Mann, bald zum Himmel hinaufblickte, bald dem Steuermann ein Wort zurief, bald ſeine ſchöne purpur - blaue Chlanis 2) in neue Falten warf, bald ſich mit ſeinen duftenden braunen Locken oder dem zart gekräuſelten Barte zu ſchaffen machte.

3

Das Fahrzeug war vor etwa einer halben Stunde aus Naukratis 3), dem einzigen helleniſchen Hafenplatze im damaligen Aegypten, abgeſegelt. Der graue, düſtere Mann hatte auf der ganzen Fahrt kein Wort geſprochen, und der andere, jüngere, ihn ſeinen Gedanken überlaſſen. Als ſich jetzt die Barke dem Ufer näherte, richtete ſich der un - ruhigere Fahrgaſt auf und rief ſeinem Genoſſen zu: Gleich werden wir am Ziele ſein, Ariſtomachos. Dort drüben, links, das freundliche Haus in dem Garten voller Palmen, der die überſchwemmten Fluren überragt 4), iſt die Woh - nung meiner Freundin Rhodopis. Jhr verſtorbener Gatte Charaxos hat es bauen laſſen, und all ihre Freunde, ja ſelbſt der König, beeifern ſich, daſſelbe in jedem Jahre mit neuen Verſchönerungen zu verſehen. Unnöthige Mühe! Dieſes Hauſes beſte Zierde wird, und wenn ſie alle Schätze der Welt hineintragen wollten, ſeine herrliche Bewohnerin bleiben!

Der Alte richtete ſich auf, warf einen flüchtigen Blick auf das Gebäude, ordnete mit der Hand ſeinen dichten grauen Bart, der Kinn und Wangen, aber nicht die Lip - pen 5) umgab, und fragte kurz: Welches Weſen, Phanes, machſt Du von dieſer Rhodopis? Seit wann preiſen die Athener alte Weiber? Der alſo Angeredete lächelte und erwiederte ſelbſtgefällig: Jch glaube, daß ich mich auf die Menſchen, und ganz beſonders auf die Frauen ſehr wohl verſtehe; verſichere Dich aber nochmals, daß ich nichts Edleres in ganz Aegypten kenne, als dieſe Greiſin. Wenn Du ſie und ihre holde Enkelin geſehen und Deine Lieb - lingsweiſen von einem Chor vortrefflich eingeübter Sklavin - nen gehört haben wirſt, ſo dankſt Du mir ſicher für meine Führung! Dennoch, antwortete mit ernſter Stimme der Spartaner, wäre ich Dir nicht gefolgt, wenn ich nicht den Delphier Phryxos allhier zu treffen hoffte.

4

Du wirſt ihn finden. Auch erwarte ich, daß Dir der Geſang wohlthun und Dich Deinem düſteren Sinnen entreißen werde. Ariſtomachos ſchüttelte verneinend das Haupt und ſagte: Dich, leichtblütigen Athener, mag der Geſang der Heimat ermuntern; mir aber wird es, wenn ich die Lieder des Alkman 6) vernehme, ergehen, wie in meinen wachend durchträumten Nächten. Mein Sehnen wird nicht geſtillt, es wird verdoppelt werden.

Glaubſt Du denn, fragte Phanes, daß ich mich nicht nach meinem geliebten Athen, den Spielplätzen mei - ner Jugend, und dem lebendigen Treiben des Marktes zurückſehne? Wahrlich das Brod der Verbannung will auch mir nicht munden; doch wird es durch Umgang wie den, welchen dieſes Haus bietet, ſchmackhafter; und wenn meine theuren helleniſchen Lieder, ſo wunderbar ſchön ge - ſungen, zu meinem Ohre dringen, dann baut ſich in mei - nem Geiſte die Heimat auf; ich ſehe ihre Oel - und Fich - tenhaine, ihre kalten, ſmaragdnen Flüſſe, ihr blaues Meer, ihre ſchimmernden Städte, ihre ſchneeigen Gipfel und Marmorhallen, und eine bitterſüße Thräne rinnt mir in den Bart, wenn die Töne ſchweigen und ich mir ſagen muß, daß ich in Aegypten verweile, dieſem einförmigen, heißen, wunderlichen Lande, welches ich, Dank ſei den Göttern, bald verlaſſen werde. Aber, Ariſtomachos, wirſt Du die Oaſen in der Wüſte umgehen, weil Du Dich doch ſpäter wieder durch Sand und Waſſermangel winden mußt? Willſt Du das Glück einer Stunde fliehen, weil trübe Tage Deiner warten? Halt, da wären wir! Mach ein fröh - liches Geſicht, mein Freund, denn es ziemt ſich nicht in den Tempel des Charitinnen traurigen Muthes zu treten.

Die Barke landete bei dieſen. Worten an der vom Nil beſpülten Mauer des Gartens. Leichten Sprunges5 verließ der Athener, ſchweren aber feſten Schrittes der Spartaner das Fahrzeug. Ariſtomachos trug einen Stelz - fuß; dennoch wanderte er ſo kräftigen Schrittes neben dem leichtfüßigen Phanes dahin, daß man denken konnte, er ſei mit dem hölzernen Beine zur Welt gekommen.

Jm Garten der Rhodopis duftete, blühte und ſchwirrte es, wie in einer Märchennacht. Akanthus, gelbe Mimoſen, Hecken von Schneeballen, Jasmin und Flieder, Roſen und Goldregenbüſche drängten ſich aneinander; hohe Palmen, Akazien und Balſambäume überragten die Sträucher, große Fledermäuſe mit zarten Flügeln wiegten ſich über dem Ganzen, und auf dem Strome tönte Geſang und Ge - lächter.

Ein Aegypter hatte dieſen Garten angelegt, und die Erbauer der Pyramiden waren von Alters her als Gar - tenkünſtler hoch berühmt 7). Sie verſtanden es, die Beete ſauber abzuſtecken, regelmäßige Baum - und Sträuchergrup - pen zu pflanzen, Waſſerleitungen und Springbrunnen, Lauben und Luſthäuschen anzulegen, ja ſogar die Wege (wie in den Gärten Ludwig XIV. ) mit künſtlich beſchnit - tenen Hecken zu umzäunen, und Goldfiſchzucht in ſteinernen Becken zu treiben.

Phanes blieb an der Pforte der Gartenmauer ſtehen, ſchaute ſich aufmerkſam um und horchte in die Luft hinaus, dann ſchüttelte er den Kopf und ſagte: Jch begreife nicht, was dieß zu bedeuten hat. Jch höre keine Stimmen, ſehe kein Licht, alle Barken ſind fort, und dennoch flat - tert die Fahne auf der bunten Stange neben den Obe - lisken zu beiden Seiten der Pforte 8). Rhodopis muß ab - weſend ſein. Sollte man vergeſſen haben? ... Er hatte nicht ausgeredet, als er von einer tiefen Stimme unterbrochen wurde: Ach, der Oberſt der Leibwache!

6

Fröhlichen Abend, Knakias! rief Phanes, den auf ihn zutretenden Greis mit Freundlichkeit begrüßend.

Wie kommt es, daß dieſer Garten ſo ſtill iſt wie eine ägyptiſche Grabkammer, während ich doch die Fahne des Empfanges flattern ſehe? Seit wann weht das weiße Tuch vergeblich nach Gäſten?

Seit wann? erwiederte lächelnd der alte Sclave der Rhodopis. So lange die Parcen meine Herrin gnä - dig verſchonen, iſt auch die alte Fahne ſicher, ſo viele Gäſte herbei zu wehen, als dieſes Haus zu faſſen vermag. Rhodopis iſt nicht daheim; muß aber bald wiederkommen. Der Abend war ſo ſchön, daß ſie ſich mit allen Gäſten zu einer Luſtfahrt auf dem Nil entſchloſſen hat. Vor zwei Stunden, beim Sonnenuntergang, ſind ſie abgeſegelt, und die Mahlzeit ſteht ſchon bereit 9). Sie können nicht mehr lange ausbleiben. Jch bitte Dich, Phanes, ſei nicht unge - duldig, und folge mir in’s Haus. Rhodopis würde mir nicht verzeihen, wenn ich ſo liebe Gäſte nicht zum Ver - weilen nöthigen wollte. Dich aber, Fremdling, fuhr er, den Spartaner anredend, fort bitte ich herzlich zu verweilen, denn als Freund ihres Freundes wirſt Du mei - ner Herrin doppelt willkommen ſein.

Die beiden Griechen folgten dem Diener und ließen ſich in einer Laube nieder.

Ariſtomachos betrachtete ſeine vom Monde hell erleuch - tete Umgebung und ſprach: Erkläre mir, Phanes, wel - chem Glücke dieſe Rhodopis, eine frühere Sclavin und Hetäre 10) es verdankt, daß ſie wie eine Königin wohnt und ihre Gäſte fürſtlich zu empfangen vermag?

Dieſe Frage erwartete ich längſt, rief der Athener, Es freut mich, daß ich Dich, ehe Du in das Haus die - ſes Weibes trittſt, mit ihrer Vergangenheit bekannt machen7 darf. Während der Nilfahrt wollte ich Dir keine Erzäh - lung aufdrängen. Dieſer alte Strom zwingt mit unbe - greiflicher Macht zum Schweigen und zur ſtillen Beſchau - lichkeit. Als ich, wie Du ſoeben, zum erſtenmal eine nächtliche Nilfahrt machte, war auch mir die ſonſt ſo ſchnelle Zunge wie gelähmt.

Jch danke Dir, antwortete der Spartaner. Als ich den hundertfünfzig Jahre alten Prieſter Epimenides 11) von Knoſſos auf Kreta zum erſtenmale ſah, überkam mich ein ſeltſamer Schauder, ſeines Alters und ſeiner Heilig - keit wegen; wie viel älter, wie viel heiliger aber iſt dieſer greiſenhafte Strom Aigyptos 12). Wer möchte ſich ſeinem Zauber entziehen? Doch ich bitte Dich, mir von Rhodopis zu erzählen!

Rhodopis, begann Phanes, ward als kleines Kind, da ſie eben am thrakiſchen Strande mit ihren Gefährtin - nen ſpielte, von phönikiſchen Seefahrern geraubt und nach Samos gebracht, woſelbſt ſie Jadmon, ein Geomore 13) kaufte. Das Mägdlein ward täglich ſchöner, anmuthiger und klüger, und bald von Allen, die es kannten, geliebt und bewundert.

Aeſop 14), der Thierfabeldichter, welcher damals gleich - falls im Sclavendienſte des Jadmon verweilte, freute ſich ganz beſonders an der Liebenswürdigkeit und dem Geiſte des Kindes. Er belehrte daſſelbe in allen Dingen, und ſorgte für Rhodopis, wie ein Pädagogos, den wir Athe - ner den Knaben halten. Der gute Lehrer fand eine lenk - ſame, ſchnell begreifende Schülerin, und die kleine Scla - vin redete, ſang und muſicirte in kurzer Zeit beſſer und anmuthiger, als die Söhne des Jadmon, welche auf’s Sorgfältigſte erzogen wurden. Jn ihrem vierzehnten Jahre war Rhodopis ſo ſchön und vollendet, daß die eiferſüchtige8 Gattin des Jadmon das Mädchen nicht länger in ihrem Hauſe duldete, und der Samier ſeinen Liebling, ſchweren Herzens, an einen gewiſſen Xanthos verkaufen mußte. Zu Samos herrſchte damals noch der wenig bemittelte Adel. Wäre Polykrates ſchon am Ruder geweſen, ſo hätte ſich Xanthos um keinen Käufer zu grämen brauchen. Dieſe Tyrannen füllen ihre Schatzkammern, wie die Elſtern ihre Neſter! So zog er denn mit ſeinem Kleinode nach Nau - kratis, und gewann hier durch die Reize ſeiner Sclavin große Summen. Nun erlebte Rhodopis drei Jahre der tiefſten Erniedrigung, deren ſie mit Schauder gedenkt.

Als endlich der Ruf ihrer Schönheit in ganz Hellas bekannt geworden war, und Fremde aus weiter Ferne, nur um ihretwillen, nach Naukratis kamen 15), geſchah es, daß das Volk von Lesbos ſeinen Adel vertrieb und den weiſen Pittakos zum Herrſcher wählte. Die vornehmſten Familien mußten Lesbos verlaſſen, und flohen theils nach Sicilien, theils nach dem griechiſchen Jtalien, theils nach Aegypten. Alkaeos 16), der größeſte Dichter ſeiner Zeit, und Charaxos, der Bruder jener Sappho 17), deren Oden zu erlernen der letzte Wunſch eines Solon war, kamen hieher nach Naukratis, welches ſchon lange als Stapel - platz des ägyptiſchen Verkehrs mit der ganzen übrigen Welt blühte. Charaxos ſah Rhodopis, und liebte die - ſelbe bald ſo glühend, daß er eine ungeheure Summe hin - gab, um ſie dem feilſchenden Xanthos, welcher in die Hei - mat zurückzukehren wünſchte, abzukaufen. Sappho ver - ſpottete den Bruder, dieſes Kaufes wegen, mit beißenden Verſen; Alkaeos aber gab dem Charaxos Recht, und be - ſang Rhodopis in glühenden Liedern.

Der Bruder der Dichterin, der ſich früher unter den Fremden in Naukratis verloren hatte, ward plötzlich durch9 Rhodopis berühmt. Jn ſeinem Hauſe verſammelten ſich um ihretwillen alle Fremden, und überhäuften ſie mit Ge - ſchenken. Der König Hophra 18), welcher viel von ihrer Schönheit und Klugheit gehört hatte, ließ ſie nach Mem - phis kommen, und wollte ſie dem Charaxos abkaufen; die - ſer aber hatte ihr längſt im Geheimen die Freiheit ge - ſchenkt und liebte ſie zu ſehr, um ſich von ihr trennen zu können. Andererſeits liebte auch Rhodopis den ſchönen Lesbier und verblieb gerne bei ihm, trotz der glänzenden Anerbietungen, welche ihr von allen Seiten gemacht wur - den. Endlich machte Charaxos das wunderbare Weib zu ſeiner rechtmäßigen Gattin, und blieb mit ihr und ihrem Töchterchen Klëis in Naukratis, bis Pittakos die Verbann - ten in die Heimat zurück berief.

Nun begab er ſich mit ſeiner Gemahlin nach Les - bos. Auf der Reiſe dorthin erkrankte er und ſtarb bald nach ſeiner Ankunft in Mitylene. Sappho, welche ihren Bruder, wegen ſeiner Mißheirath verſpottet hatte, wurde ſchnell zur begeiſterten Bewundererin der ſchönen Wittwe, welche ſie, mit ihrem Freunde Alkaeos wetteifernd, in lei - denſchaftlichen Liedern beſang.

Nach dem Tode der Dichterin zog Rhodopis mit ihrem Töchterlein nach Naukratis zurück und wurde hier gleich einer Göttin empfangen. Amaſis 19), der jetzige König von Aegypten, hatte ſich unterdeſſen des Thrones der Pharaonen bemächtigt, und behauptete denſelben mit Hülfe der Soldaten, aus deren Kaſte er ſtammte. Da ſein Vorgänger Hophra durch ſeine Vorliebe für die Grie - chen und den Verkehr mit den allen Aegyptern verhaßten Fremden ſeinen Sturz beſchleunigt, und namentlich die Prieſter und Krieger zu offener Empörung veranlaßt hatte, ſo hoffte man mit Sicherheit, daß Amaſis, wie in alten10 Zeiten, das Land den Fremden abſperren 20), die helleni - ſchen Söldner entlaſſen und ſtatt auf griechiſche Rathſchläge, auf die Befehle der Prieſter hören werde. Nun, Du ſiehſt ja ſelbſt, daß ſich die guten Aegypter in ihrer - nigswahl ſehr betrogen haben, und aus der Skylla in die Charybdis gefallen ſind. Wenn Hophra ein Freund der Griechen war, ſo können wir Amaſis unſeren Liebhaber nennen. Die Aegypter, und vor allen die Prieſter und Krieger, ſpeien Feuer und Flamme, und möchten uns am liebſten ſamt und ſonders erdroſſeln. Um Letztere beküm - mert ſich der König nicht viel, weil er weiß, was jene und was wir ihm leiſten; mit den Prieſtern muß er jedoch immerhin gewiſſe Rückſichten nehmen, denn von einer Seite haben dieſe unbegränzten Einfluß auf das Volk, von der andern Seite aber hängt der König mehr als er uns ge - genüber eingeſteht, an jener abgeſchmackten Religion, welche in dieſem ſeltſamen 21) Lande, ſeit Jahrtauſenden unverändert fortbeſteht, und deßhalb ihren Bekennern doppelt heilig er - ſcheint. Dieſe Prieſter machen dem Amaſis das Leben ſchwer, verfolgen und ſchaden uns wie und wo ſie können, ja ich wäre längſt ein todter Mann, wenn der König nicht ſeine ſchützende Hand über mich ausgebreitet hätte. Doch wohin gerathe ich! Rhodopis ward alſo zu Naukratis mit offenen Armen empfangen, und von Amaſis, der ſie kennen lernte, mit Gunſtbezeugungen überhäuft. Jhre Tochter Klëis, welche, wie jetzt Sappho, niemals die allabenblichen Zu - ſammenkünfte in ihrem Hauſe theilen durfte, und beinahe noch ſtrenger als die anderen Jungfrauen von Naukratis erzogen wurde, heirathete Glaukos, einen reichen phokäiſchen Handelsherrn aus edlem Hauſe, der ſeine Vaterſtadt gegen die Perſer tapfer vertheidigt hatte, und folgte demſelben nach dem neu gegründeten Maſſalia 22), an der keltiſchen11 Küſte. Die jungen Leute erlagen dem dortigen Klima, nachdem ihnen eine Tochter, Sappho, geboren war. Rho - dopis unternahm ſelbſt die lange Fahrt gen Weſten, holte die junge Waiſe ab, nahm ſie zu ſich in’s Haus, ließ ſie auf’s Sorgfältigſte erziehen und verbietet ihr jetzt, da ſie erwachſen iſt, die Geſellſchaft der Männer, denn ſie fühlt die Flecken ihrer früheſten Jugend ſo tief, daß ſie ihre Enkelin, und das iſt bei Sappho keine ſchwere Aufgabe, entfernter von jeder Berührung mit unſerem Geſchlechte hält, als es die ägyptiſche Sitte geſtatten würde. Meine Freundin ſelbſt bedarf des geſelligen Verkehrs ſo noth - wendig, wie ein Fiſch des Waſſers, wie ein Vogel der Luft. Alle Fremden beſuchen ſie, und wer ihre Gaſtfreund - ſchaft einmal gekoſtet hat, der wird, wenn es ihm ſeine Zeit erlaubt, niemals fehlen, ſo oft die Fahne einen Em - pfangsabend verkündet. Jeder Hellene, von irgend welcher Bedeutung, beſucht dieſes Haus, denn hier wird berathen, wie man dem Haß der Prieſter begegnen könne, und wie der König zu dem oder jenem zu bereden ſei. Hier trifft man ſtets die neueſten Nachrichten aus der Heimat und der ganzen übrigen Welt, hier findet der Verfolgte ein unantaſtbares Aſyl, denn der König hat ſeiner Freundin einen Freibrief gegen alle Beläſtigungen der Sicherheits - behörde 23) gegeben, hier hört man die Sprache und Lie - der der Heimat, hier wird berathen, wie Hellas von der wachſenden Alleinherrſchaft 24) befreit werden kann; dieſes Haus iſt mit einem Worte der Knotenpunkt aller helleni - ſchen Jntereſſen in Aegypten, und von höherer politiſcher Bedeutung, als ſelbſt das Hellenion, die hieſige Tempel - und Handelsgemeinſchaft*)Siehe Anmerkung 3.. Jn wenigen Minuten wirſt Du12 die ſeltene Großmutter, und vielleicht auch, wenn wir allein bleiben, die Enkelin ſehen, und ſchnell begreifen, daß dieſe Menſchen keinem Glücke, ſondern ihrer Trefflichkeit Alles verdanken. Ha, da ſind ſie! Jetzt gehen ſie dem Hauſe zu. Hörſt Du die Sclavinnen ſingen? Jetzt tre - ten ſie ein. Laß ſie ſich erſt niederlaſſen, dann folge mir, und beim Abſchiede will ich Dich fragen, ob Du bereuſt, mit mir gegangen zu ſein, und ob Rhodopis nicht eher einer Königin gleicht, als einer freigelaſſenen Sclavin.

Das Haus der Rhodopis 25) war in griechiſchem Styl erbaut. Die Außenſeite des einſtöckigen länglichen Ge - bäudes mußte nach unſeren Begriffen durchaus einfach ge - nannt werden, während die innere Einrichtung helleniſche Formenſchönheit mit ägyptiſcher Farbenpracht vereinte. Durch die weite Hauptthüre kam man in die Hausflur*)Thyroreion. , an deren linker Seite ein großer Speiſeſaal ſeine Fenſter - öffnungen dem Strome zukehrte. Dieſem gegenüber lag die Küche, ein Raum, welcher ſich nur bei reichen Helle - nen vorfand, während die ärmeren ihre Speiſen an dem Herde im Wohnzimmer zu bereiten pflegten. Die Em - pfangshalle lag an der Mündung der Hausflur, hatte die Geſtalt eines Quadrats und war rings von einem Säulen - gange umgeben, in welchen viele Gemächer**)Oikemata. münde - ten. Jnmitten dieſer Halle, dem Aufenthaltsorte für die Männer***)Andronitis. , brannte auf einem altarartigen Herde von reicher äginetiſcher Metallarbeit 26) das Feuer des Hauſes.

Bei Tage erhielt dieſer Raum ſein Licht mittels der Oeffnungen im Dache, durch welche zu gleicher Zeit der Rauch des Herdfeuers ſeinen Ausgang fand. Ein der13 Hausflur gegenüberliegender Gang, der durch eine feſte Thüre*)Methaulos Thüra. verſchloſſen war, führte in das große, nur von drei Seiten mit Säulen umgebene Frauengemach**)Gynäkonitis. , in welchem ſich die weiblichen Hausbewohner aufzuhalten pflegten, wenn ſie nicht in den bei der ſogenannten Garten - oder Hinter - thüre***)Kepaia Thüra. gelegenen Zimmern beim Spinnrocken oder Webe - ſtuhle ſaßen. Zwiſchen dieſen und den Gemächern, welche das Frauengemach zur Linken und Rechten, als Wirthſchafts - räume, umgaben, lagen die Schlafzimmer†)Thalamos und Autithalamos. , in denen zu gleicher Zeit die Schätze des Hauſes aufbewahrt wurden. Die Wände des Männerſaales waren mit röthlich brauner Farbe bemalt, von der ſich weiße Marmorbildwerke, Ge - ſchenke eines Künſtlers von Chios 27), in ſcharfen Linien abhoben. Den Fußboden bedeckten ſchwere Teppiche aus Sardes. Den Säulen entlang zogen ſich niedrige mit Pardelfell überzogene Polſter, während in der Nähe des kunſtreichen Herdes ſeltſam geformte ägyptiſche Lehnſeſſel und fein geſchnitzte Tiſchchen von Thyaholz 28) ſtanden, auf denen allerlei muſikaliſche Jnſtrumente, Flöten, Kithara und Phormix lagen. An den Wänden hingen zahlreiche mit Kikiöl 29) gefüllte Lampen in verſchiedenen Formen, dieſe einen feuerſpeienden Delphin, jene ein ſeltſam geflügeltes Ungeheuer, deſſen Rachen Strahlen ſprühte, darſtellend, und ihr Licht mit dem Feuer des Herdes vereinend.

Jn dieſer Halle ſtanden einige Männer von verſchie - denem Ausſehen und in verſchiedenen Trachten. Ein Sy - rer aus Tyrus in langem roſinfarbenem Gewande, unter - hielt ſich lebhaft mit einem Manne, deſſen ſcharf geſchnit -14 tene Züge und krauſes ſchwarzes Haar den Jsraeliten erkennen ließ. Er war aus ſeiner Heimat nach Aegypten gekommen, um für den König von Juda, Serubabel, ägyptiſche Pferde und Wagen, die berühmteſten in jener Zeit, einzukaufen 30). Neben dieſem ſtanden drei Griechen aus Kleinaſien, in den koſtbaren faltenreichen Gewändern ihrer Heimat Milet, ernſte Geſpräche mit Phryxos, dem ſchlichtgekleideten Abgeſandten der Stadt Delphi, führend, welcher Aegypten beſuchte, um Gelder für den Apollotem - pel zu ſammeln. Das alte Pythiſche Heiligthum war vor zehn Jahren ein Raub der Flammen geworden; jetzt galt es ein neues, ſchöneres aufzuführen 31).

Die Mileſier, Schüler des Anaximander und Anaxi - menes 32), befanden ſich am Nil, um zu Heliopolis Aſtro - nomie und ägyptiſche Weisheit zu ſtudiren.

Der Dritte war ein reicher Kaufmann und Schiffs - herr, Namens Theopompos, welcher ſich zu Naukratis niedergelaſſen hatte. Rhodopis ſelbſt unterhielt ſich leb - haft mit zwei Griechen aus Samos, dem vielberühmten Baumeiſter, Metallgießer, Bildhauer und Goldſchmied Theodoros 33) und dem Jambendichter Jbykus aus Rhe - gion 34), welche den Hof des Polykrates auf einige Wochen verlaſſen hatten, um Aegypten kennen zu lernen und dem Könige Geſchenke ihres Herrn zu überbringen. Dicht neben dem Herde lag ein wohlbeleibter Mann mit ſtarken ſinn - lichen Zügen, Oinophilos aus Sybaris 35), lang ausgeſtreckt auf dem bunten Pelzüberzuge eines zweiſitzigen Stuhls, und ſpielte mit ſeinen duftenden, golddurchflochtenen Locken und den goldenen Ketten, die von ſeinem Halſe auf das ſaffran - gelbe Gewand hernieder fielen, welches bis an ſeine Füße reichte.

Rhodopis hatte für Jeden ein freundliches Wort; aber jetzt ſprach ſie ausſchließlich zu den berühmten Sa -15 miern. Sie unterhielt ſich mit denſelben über Kunſt und Poeſie.

Die Augen der Thrakerin glühten im Feuer der Ju - gend, ihre hohe Geſtalt war voll und ungebeugt, das graue Haar ſchlang ſich noch immer in üppigen Wellen um das ſchön geformte Haupt, und ſchmiegte ſich am Hin - terkopfe in ein Netz von zartem Goldgeflechte. Die hohe Stirn war mit einem leuchtenden Diadem geſchmückt.

Das edle griechiſche Angeſicht erſchien bleich, aber ſchön und faltenlos, trotz ſeines hohen Alters; ja der kleine Mund, die vollen Lippen, die weißen Zähne, die leuch - tenden und doch milden Augen, die edle Stirn und Naſe dieſes Weibes konnten einer Jungfrau zur Zier gereichen.

Man mußte Rhodopis für jünger halten, als ſie wirklich war, und dennoch verläugnete ſie die Greiſin kei - neswegs.

Aus jeder ihrer Bewegungen ſprach matronenhafte Würde, und ihre Anmuth war nicht die der Jugend, welche zu gefallen ſucht, ſondern die des Alters, die ſich gefällig erweiſen will, welche Rückſichten nimmt und Rück - ſichten verlangt.

Jetzt zeigten ſich die uns bekannten Männer in der Halle. Aller Augen wendeten ſich denſelben zu, und als Phanes, ſeinen Freund an der Hand führend, eintrat, be - willkommte man ihn auf’s Herzlichſte; einer der Mileſier aber rief:

Wußt ich doch nicht, was uns fehlte! Jetzt iſt mir’s auf einmal klar; ohne Phanes gibt es keine Fröhlichkeit!

Oinophilos der Sybarit erhob jetzt ſeine tiefe Stimme und rief, ohne ſich in ſeiner Ruhe ſtören zu laſſen: Die Fröhlichkeit iſt ein ſchönes Ding, und wenn Du ſie mit - bringſt, ſo ſei auch mir willkommen, Athener!

16

Mir aber, ſprach Rhodopis, auf die neuen Gäſte zutretend, ſeid herzlich gegrüßt, wenn ihr fröhlich ſeid, und nicht minder willkommen, wenn euch ein Kummer drückt, kenne ich doch keine größere Freude, als die Falten auf der Stirn eines Freundes zu glätten. Auch Dich, Spartaner, nenne ich Freund‘, denn alſo heiß ich Jeden, der meinen Freunden lieb iſt.

Ariſtomachos verneigte ſich ſchweigend; der Athener aber rief, ſich halb an Rhodopis, halb an den Sybariten wendend: Wohl denn, meine Lieben, ſo kann ich euch beide befriedigen. Du, Rhodopis, ſollſt Gelegenheit haben, mich, Deinen Freund, zu tröſten, denn gar bald werde ich Dich und Dein liebes Haus verlaſſen müſſen; Du aber, Sybarit, wirſt Dich an meiner Fröhlichkeit ergötzen, denn endlich werde ich mein Hellas wiederſehen, und dieſe goldne Mäuſefalle von einem Lande, wenn auch unfreiwil - lig, verlaſſen!

Du gehſt fort? Du biſt entlaſſen worden? Wohin gedenkſt Du zu reiſen? fragte man von allen Seiten.

Geduld! Geduld! Jhr Freunde, rief Phanes, ich muß euch eine lange Geſchichte erzählen, die ich bis zum Schmauſe aufbewahren will. Nebenbei geſagt, liebſte Freundin, iſt mein Hunger faſt eben ſo groß, wie mein Kummer, euch verlaſſen zu müſſen.

Hunger iſt ein ſchönes Ding, philoſophirte der Sybarit, wenn man einer guten Mahlzeit entgegenſieht.

Sei unbeſorgt, Oinophilos, antwortete Rhodopis; ich habe dem Koche befohlen, ſein Möglichſtes zu thun, und ihm mitgetheilt, daß der größeſte Feinſchmecker aus der üppigſten Stadt in der ganzen Welt, daß ein Sybarit, daß Oinophilos über ſeine zarten Gerichte ſtren - ges Gericht halten werde. Geh, Knakias, und ſage, man17 ſolle anrichten! Seid ihr jetzt zufrieden, ihr ungeduldigen Herren? Arger Phanes; mir haſt Du mit Deiner Trauer - kunde die Mahlzeit verdorben!

Der Athener verneigte ſich; der Sybarit aber philo - ſophirte abermals: Zufriedenheit iſt ein ſchönes Ding, wenn man die Mittel hat, all ſeine Wünſche zu befrie - digen; auch danke ich Dir, Rhodopis, für die Würdigung, welche Du meiner unvergleichlichen Heimat angedeihen läßt. Was ſagt Anakreon? 36)

Der heutige Tag liegt mir am Herzen, Wer weiß, was uns der nächſte bringt, Drum flieht den Gram, verbannt die Schmerzen, Und ſpielt das Würfelſpiel, und trinkt!

He! Jbykus, hab ich Deinen Freund, der mit Dir an der Tafel des Polykrates ſchmaust, nicht richtig citirt? Aber ich ſage Dir, daß, wenn Anakreon auch beſſere Verſe macht als ich, meine Wenigkeit ſich dafür doch nicht ſchlechter auf’s Leben verſteht, als der große Lebenskünſtler. Er hat in allen ſeinen Liedern kein Lob au’fs Eſſen, und iſt denn das Eſſen nicht wichtiger, als das Spielen und Lieben, obgleich dieſe beiden Thätigkeiten ich meine Spielen und Lieben mir auch recht theuer ſind? Ohn Eſſen müßt ich ſterben, ohne Spiel und Liebe kann ich ſchon, wenn auch nur kümmerlich, fortbeſtehen.

Der Sybarit brach in ein lautes Gelächter über ſeine eignen Scherze aus; der Spartaner aber wendete ſich, während man in ähnlicher Weiſe fortplauderte, an den Delphier Phryxos, zog ihn in eine Ecke und fragte ihn, ſeiner gemeſſenen Art vergeſſend, in großer Aufregung, ob er ihm die lang erſehnte Antwort des Orakels mitbringe? Das ernſte Geſicht des Delphiers ward freundlicher; er griff in die Bruſtfalten ſeines Chiton 37) und holte einEbers, Eine ägyptiſche Königstochter. I. 218kleines Röllchen von pergamentartigem Schafleder hervor, auf dem mehrere Zeilen geſchrieben waren.

Die Hände des rieſenſtarken, tapferen Spartaners zitterten, als er nach dem Röllchen griff. Er ſtarrte die Schriftzüge an, als wolle er mit ſeinen Blicken das Leder durchbohren. Dann beſann er ſich, ſchüttelte mißmuthig die grauen Locken und ſagte:

Wir Spartaner lernen andere Künſte, als Leſen und Schreiben. Wenn Du kannſt, ſo lies mir vor, was Pythia ſagt.

Der Delphier überflog die Schrift und erwiederte: Freue Dich! Loxias 38) verheißt Dir eine glückliche Heim - kehr; höre, was Dir die Prieſterin verkündet:

Wenn einſt die reiſige Schaar von ſchneeigen Bergen herabſteigt Zu den Gefilden des Stroms, welcher die Ebne benetzt, Führt Dich der zaudernde Kahn herab zu jenem Gefilde, Welches dem irrenden Fuß heimiſchen Frieden gewährt; Wenn einſt die reiſige Schaar von ſchneeigen Bergen herabſteigt, Schenkt Dir die richtende Fünf, was ſie Dir lange verſagt!

Geſpannten Ohres lauſchte der Spartaner dieſen Worten. Zum zweiten Male ließ er ſich den Spruch des Orakels vorleſen, dann wiederholte er denſelben aus dem Gedächtniſſe, dankte Phryxos, und ſteckte das Röllchen zu ſich.

Der Delphier miſchte ſich in das allgemeine Geſpräch; der Spartaner aber murmelte den Spruch des Orakels unaufhörlich vor ſich hin, um ihn ja nicht zu vergeſſen, und bemühte ſich die räthſelhaften Worte zu deuten.

[19]

Zweites Kapitel.

Die Flügelthüren des Speiſeſaales öffneten ſich. An jeder Seite des Eingangs ſtand ein ſchöner, blondgelockter Knabe, mit Myrtenkränzen in der Hand; in der Mitte des Saales, ein großer, niedriger, glänzend polirter Tiſch, an deſſen Seiten purpurrothe Polſter die Gäſte zum Nieder - laſſen einluden 39).

Auf der Tafel prangten reiche Blumenſträuße. Große Braten, Gläſer und Schalen voller Datteln, Feigen, Gra - natäpfel, Melonen und Weintrauben ſtanden neben kleinen ſilbernen Bienenkörben voller Honig; zarter Käſe von der Jnſel Trinakria lag auf getriebenen kupfernen Tellern, und in der Mitte des Tiſches ſtand ein ſilberner, einem Altar ähnlicher, Tafelaufſatz, der rings mit Myrten und Roſenkränzen umwunden war, und von deſſen Spitze ſüße Räucherungsdüfte aufſtiegen.

Am äußerſten Ende des Tiſches glänzte das ſilberne Miſchgefäß 40), ein herrliches äginetiſches Werk, deſſen ge - krümmte Henkel zwei Giganten darſtellten, die unter der Laſt der Schale, welche ſie trugen, zuſammenzubrechen ſchienen. Dieſer Miſchkrug war, wie der Altar in der Mitte des Tiſches, mit Blumen umwunden, und auch20 um jeden Becher ſchlang ſich ein Roſen - oder Myrten - kranz.

Roſenblätter waren in dem ganzen Zimmer umherge - ſtreut 41), an deſſen glatten Wänden von weißem Stuck viele Lampen hingen.

Kaum hatte man ſich auf die Polſter niedergelegt, ſo erſchienen die blonden Knaben, umwanden die Häupter und Schultern der Schmauſenden mit Myrten und Epheu - kränzen, und wuſchen die Füße derſelben in ſilbernen Becken 42). Als der Vorſchneider ſchon die erſten Braten, um ſie zu zerlegen, vom Tiſche genommen hatte, machte ſich der Sy - barit noch immer mit den Knaben zu ſchaffen, und ließ ſich, obgleich er ſchon nach allen Wohlgerüchen Arabiens duftete, von denſelben förmlich in Roſen einwickeln; nachdem jedoch das erſte Gericht, Thunfiſche mit Senfbrühe 43), aufgetra - gen worden war, vergaß er aller Nebendinge und beſchäf - tigte ſich ausſchließlich mit dem Genuſſe der trefflichen Speiſen. Rhodopis ſaß auf einem Stuhle an der Spitze der Tafel neben dem Miſchkruge, und leitete ſowohl die Unterhaltung, als auch die aufwartenden Sclaven 44).

Mit einem gewiſſen Stolze ſah ſie auf ihre fröhlichen Gäſte, und ſchien ſich mit jedem ausſchließlich zu beſchäf - tigen, indem ſie ſich bald bei dem Delphier nach dem Er - folge ſeiner Sammlungen erkundigte, bald den Sybariten fragte, ob ihm die Werke ihres Koches behagten, bald dem Jbykus lauſchte, welcher erzählte, daß Phrynichos von Athen die religiöſen Schauſpiele des Theſpis von Jkaria in’s bürgerliche Leben gezogen habe, und mit Chören, Sprechern und Gegenſprechern ganze Geſchichten aus der Vorzeit aufführen 45) laſſe.

Dann wendete ſie ſich an den Spartaner und ſagte ihm, daß er der Einzige ſei, bei dem ſie ſich nicht wegen21 der Einfachheit ihres Gaſtmahls, wohl aber wegen der Ueppigkeit deſſelben zu entſchuldigen habe. Wann er näch - ſtens wiederkomme, ſolle ihm ihr Sclave Knakias, der ſich rühme, als entwichener ſpartaniſcher Helot, eine köſtliche Blutſuppe kochen zu können, (bei dieſen Worten ſchau - derte der Sybarit) eine echt lakedämoniſche Mahlzeit be - reiten.

Als die Gäſte ſatt waren, wuſchen ſie ſich von Neuem die Hände. Dann wurde das Speiſegeſchirr abgeräumt, der Fußboden geſäubert, und Wein und Waſſer in den Miſchkeſſel gegoſſen. Endlich 46) wandte ſich Rhodopis, nachdem ſie ſich überzeugt hatte, daß Alles im beſten Gange ſei, an den mit den Mileſiern ſtreitenden Phanes und ſagte:

Edler Freund! Wir haben jetzt unſere Ungeduld ſo lange bemeiſtert, daß es wohl Deine Pflicht wäre, uns mitzutheilen, welches ſchlimme Ungefähr Dich aus Aegyp - ten und unſerem Kreiſe zu entreißen droht. Mit leichtem Sinne, den die Götter euch Joniern Allen, als köſtliches Geſchenk, bei der Geburt zu ſpenden pflegen, magſt Du Dich von uns und dieſem Lande trennen; wir aber werden Deiner lange ſchmerzlich gedenken, denn ich kenne keinen größeren Verluſt, als den eines ſeit Jahren treu bewährten Freundes. Einige von uns haben auch zu lange am Nil gelebt, um nicht ein wenig von dem unwandelbar beſtändigen Sinne der Aegypter angenommen zu haben! Du lächelſt zwar; ich weiß aber doch, daß Du, obgleich Du Dich ſchon lange nach Hellas ſehneſt, nicht ohne alles Bedauern von uns ſcheiden wirſt. Du gibſt mir Recht? Nun ich wußte ja, daß ich mich nicht täuſchte. Aber er - zähle jetzt, warum Du Aegypten verlaſſen willſt, damit wir überlegen können, ob es nicht möglich ſei, Deine Ver -22 weiſung vom Hofe rückgängig zu machen, und Dich für uns zu erhalten.

Phanes lächelte bitter und ſagte: Jch danke Dir, Rhodopis, für Deine ſchmeichelhaften Worte und die gute Abſicht, Dich meines Abſchiedes wegen betrüben, oder den - ſelben womöglich verhindern zu wollen. Hundert neue Geſichter werden Dich das meine bald vergeſſen laſſen, denn ob Du auch ſchon lange am Nilſtrom wohnſt, ſo biſt Du doch, und dafür magſt Du den Göttern danken, Hel - lenin geblieben vom Scheitel bis zur Sohle. Auch ich bin ein großer Freund der Treue, aber ein ebenſo großer Feind der Thorheit; und iſt wohl Einer unter euch Allen, der es klug finden könnte, ſich über Unvermeidliches zu grämen? Die ägyptiſche Treue iſt für mich keine Tugend, ſondern ein Wahn. Sie, die ihre Todten ſeit Jahrtau - ſenden bis heute bewahren, und ſich eher das letzte Brod, als einen Knochen ihres Urahnen nehmen laſſen 47), ſind nicht treu, ſondern thöricht. Kann mir’s Freude machen, diejenigen, welche ich liebe, traurig zu ſehen? Gewiß nicht! Jhr ſollt euch meiner nicht in monatlangen und ſich täglich wiederholenden Wehklagen erinnern, wie die Aegypter, wenn ihnen ein Freund dahin ſcheidet; im Gegentheil! Wollt ihr in der That des Fernen oder Abgeſchiedenen, denn ich darf Aegypten, ſo lange ich lebe, nie wieder betreten, dann und wann gedenken, ſo thut es mit lachendem Munde, und rufet nicht: Ach warum mußte Phanes uns verlaſſen! ſondern ſaget: Wir wollen fröhlich ſein, wie Phanes, als er noch in unſerm Kreiſe weilte! So ſollt ihr’s halten, ſo befahl es ſchon Simonides von Samos, als er ſang:

Ja möchten wir nur etwas klüger ſein, So ſtellten wir die langen Klagen ein,23 Und weinten an des Todten Sarkophag Nur einen Tag. Zum Todte haben wir ja Zeit genug; Das Leben aber, es verrinnt im Flug, Und iſt auch ſonder übergroßem Harm, So kurz und arm! 48)

Wenn man nicht über die Todten klagen ſoll, ſo iſt’s noch viel weniger recht, ſich um ſcheidende Freunde zu grämen, denn jene ſind für immer dahin, dieſen aber ſagen wir beim Abſchied: Auf Wiederſehen!

Jetzt konnte der Sybarit, welcher ſchon lange unge - duldig geworden war, nicht länger ſchweigen und rief mit kläglicher Stimme: Fange doch endlich zu erzählen an, Du mißgünſtiger Menſch. Jch kann keinen Tropfen trin - ken, wenn Du nicht aufhörſt vom Tode zu ſprechen. Mir iſt ganz kalt geworden, und ich werde jedesmal krank, wenn ich über ..., nun, wenn ich davon reden höre, daß wir nicht ewig leben! Die ganze Geſellſchaft lachte, Phanes aber begann ſeine Geſchichte zu erzählen:

Zu Sais wohne ich, wie ihr wißt, in dem neuen Schloſſe; zu Memphis aber wurde mir, als Oberſten der griechiſchen Leibwache, welche den König begleiten muß, wohin er auch reist, ein Quartier im linken Flügel des uralten Palaſtes angewieſen 49).

Seit dem erſten Pſamtik 50) reſidiren die Könige zu Sais, darum wurde das Jnnere der anderen Schlöſſer ein wenig vernachläßigt. Meine Wohnung war im Grunde ganz vorzüglich gelegen, köſtlich eingerichtet und wäre vor - trefflich geweſen, wenn ſich nicht, gleich bei meinem erſten Einzuge in dieſelbe, eine furchtbare Plage fühlbar gemacht hätte.

Bei Tage, wo ich übrigens ſelten zu Hauſe war, ließ meine Wohnung gar nichts zu wünſchen übrig, bei Nacht24 aber war an keinen Schlaf zu denken, ſo fürchterlich ſpek - takelten Tauſende von Ratten und Mäuſen unter den alten Fußböden, Tapeten und Ruhebetten.

Schon in der erſten Nacht lief mir eine unverſchämte Maus über das Geſicht.

Jch wußte mir keinen Rath in dieſer Noth, bis mir endlich ein ägyptiſcher Soldat zwei ſchöne große Katzen verkaufte, welche mir auch nach einigen Wochen ziemliche Ruhe vor meinen Peinigern verſchafften.

Jhr werdet Alle wiſſen, daß eines der liebenswür - digen Geſetze dieſes wunderlichen Volkes, deſſen Bildung und Weisheit ihr, meine mileſiſchen Freunde, nicht ſattſam preiſen könnt, die Katzen für heilig erklärt. Göttliche Ehre wird dieſen glücklichen Vierfüßlern, wie ſo mancher anderen Beſtie, zu Theil, und ihre Tödtung eben ſo ſtreng beſtraft, als der Mord eines Menſchen.

Rhodopis, welche bis dahin gelächelt hatte, wurde ernſter, als ſie vernahm, daß die Verweiſung des Phanes mit ſeiner Mißachtung der heiligen Thiere zuſammenhing. Sie wußte, wie viele Opfer, ja wie viele Menſchenleben, dieſer Aberglaube der Aegypter bereits gekoſtet hatte. Vor Kurzem noch hatte der König Amaſis ſelbſt, einen unglück - lichen Samier, welcher eine Katze getödtet hatte, nicht vor der Rache des zornigen Volkes zu retten vermocht 51).

Alles war gut, erzählte der Oberſt weiter, als wir Memphis vor zwei Jahren verließen.

Jch hatte das Katzenpaar der Pflege eines ägyp - tiſchen Schloßdieners anvertraut, und wußte, daß die rat - tenfeindlichen Thiere meine Wohnung für künftige Fälle rein erhalten würden, ja ich begann ſchon ſelbſt den freund - lichen Rettern aus der Mäuſegefahr eine gewiſſe Vereh - rung zu zollen.

25

Jm vorigen Jahre ward Amaſis krank, ehe der Hof ſich nach Memphis begeben konnte, und wir blieben zu Sais.

Endlich, vor etwa ſechs Wochen, machten wir uns auf den Weg zu der Pyramidenſtadt 52). Jch bezog mein altes Quartier und fand in demſelben keinen Schatten eines Mäuſeſchwanzes wieder; ſtatt der Ratten wimmelte ſie aber von einem anderen Thiergeſchlechte, welches mir nicht lieber war, als ſeine Vorgänger. Das Katzenpaar hatte ſich nämlich in den zwei Jahren meiner Abweſenheit verzwölffacht. Jch verſuchte die läſtige Brut von Katern jeden Alters und aller Farben zu vertreiben; aber es ge - lang mir nicht, und ich mußte allnächtlich meinen Schlaf von entſetzlichen Vierfüßler-Chorgeſängen, Katzenkriegsge - ſchrei und Katerliedern unterbrechen laſſen.

Alljährlich, zur Zeit des Bubaſtisfeſtes, iſt es erlaubt, alle überflüſſigen Mäuſefänger in den Tempel der katzen - köpfigen Göttin Pacht abzuliefern, woſelbſt ſie verpflegt, und, wie ich glaube, wenn ſie ſich gar zu ſtark vermeh - ren, bei Seite gebracht werden. Dieſe Prieſter ſind Spitz - buben!

Leider fiel die große Fahrt zu dem beſagten Hei - ligthume 53) nicht in die Zeit unſeres Aufenthaltes bei den Pyramiden, ich aber konnte es ſchlechterdings mit dieſer Armee von Peinigern nicht länger aushalten, und beſchloß, als mich zwei Katzenmütter von neuem mit einem Dutzend geſunder Nachkommen beehrten, wenigſtens dieſe bei Seite zu ſchaffen. Mein alter Sclave Müs 54), ſchon dem Namen nach ein geborner Katerfeind, erhielt den Auf - trag, die jungen Dinger zu tödten, in einen Sack zu ſtecken und in den Nil zu werfen.

Dieſer Mord war nothwendig, denn ohne denſelben würde das Miaulen der jungen Kater den Schloßwärtern26 den Jnhalt des Sackes verrathen haben. Als es dunkelte, begab ſich der arme Müs mit ſeiner gefährlichen Laſt durch den Hathor Hain 55) nach dem Nile. Doch der ägyptiſche Schloßdiener, welcher meine Thiere zu füttern pflegte, hatte bemerkt, daß man die Brut zweier Katzen entfernt habe und unſern ganzen Plan durchſchaut.

Mein Sclave ging ganz gelaſſen durch die große Sphinxallee am Tempel des Ptah 56) vorüber, indem er das Säckchen unter ſeinem Mantel verborgen hielt. Schon im heiligen Haine bemerkte er, daß man ihm folge; er achtete aber nicht darauf und ſetzte ſeinen Weg vollkommen beruhigt fort, als er bemerkte, daß die Leute, welche hin - ter ihm hergingen, am Tempel des Ptah ſtehen blieben und ſich dort mit Prieſtern unterredeten.

Schon war er am Ufer des Nils angelangt. Da hörte er, wie man ihm rief, wie viele Menſchen ihm in ſchnellem Laufe folgten, und ein geſchleuderter Stein ganz dicht an ſeinem Kopfe vorüberpfiff.

Müs überſah vollkommen die Gefahr, welche ihm drohte. Mit dem Aufgebot aller Kräfte jagte er bis an den Nil, ſchleuderte den Sack in denſelben und ſtand klo - pfenden Herzens, aber, wie er glaubte, ohne jeden Be - weis ſeiner Schuld, am Ufer des Stromes. Wenige Au - genblicke ſpäter war er von hundert Tempeldienern umringt.

Der Oberprieſter des Ptah, Pthahotep, mein alter Feind, hatte nicht verſchmäht, in eigner Perſon den - ſchern zu folgen.

Mehrere derſelben, unter ihnen jener verrätheriſche Palaſtdiener, ſtiegen ſofort in den Nil und fanden zu un - ſerm Verderben den Sack mit ſeinen zwölf Leichnamen, unverſehrt im Papyros Rohre und den Bohnenranken am Ufer hängend. Vor den Augen des Oberprieſters, einer27 Schaar von Tempeldienern und wenigſtens tauſend herbei - geeilten Memphiten ward der baumwollene Sarg geöffnet. Als man ſeines unſeligen Jnhalts gewahr wurde, erhob ſich ein ſo entſetzliches Wehegeheul, ein ſo furchtbares Klage - und Rachegeſchrei, daß ich’s bis zum Schloſſe vernehmen konnte.

Die wuthentbrannte Menge ſtürzte ſich in wilder Lei - denſchaft auf meinen armen Diener, riß ihn zu Boden, trat ihn mit Füßen, und würde ihn ſofort getödtet haben, wenn der allmächtige Oberprieſter nicht Halt‘ gebo - ten, und, in der Abſicht, mich als Urheber der Frevel - that mit in’s Verderben zu ziehen, befohlen hätte, den ſchrecklich zugerichteten Miſſethäter in’s Gefängniß zu ſetzen.

Eine halbe Stunde ſpäter ward auch ich feſtgenommen.

Mein alter Müs nahm alle Schuld des Verbrechens auf ſein Haupt, bis der Oberpricſter ihm durch Baſtona - den das Geſtändniß abnöthigte, ich habe ihm geboten, die Katzen zu tödten; er aber, als treuer Diener, meinem Befehl Folge leiſten müſſen.

Das Obergericht 57), gegen deſſen Urtheilsſprüche ſelbſt der König keine Macht beſitzt, iſt aus Prieſtern von Memphis, Heliopolis und Theben zuſammengeſetzt; ihr könnt euch alſo denken, daß man den armen Müs ſowohl, als meine helleniſche Wenigkeit, ohne Bedenken zum Tode verurtheilte. Den Sclaven, wegen zweier Kapitalver - brechen: erſtens, wegen des Mordes von heiligen Thieren, zweitens, wegen der zwölfmaligen Verunreinigung des hei - ligen Nils durch Leichname; mich, wegen der Urheber - ſchaft dieſes, wie ſie’s nannten, vierundzwanzigfachen Ka - pitalverbrechens 58). Müs ward noch am nämlichen Tage hingerichtet. Möge ihm die Erde leicht ſein! Jn meinem Andenken wird er nicht als mein Sclav, ſondern als mein28 Freund und Wohlthäter fortleben! Jm Angeſicht ſeiner Leiche ward auch mir das Todesurtheil vorgeleſen, und ich machte mich ſchon zur langen Reiſe in die Unterwelt fer - tig, als der König befehlen ließ, die Vollſtreckung meiner Hinrichtung aufzuſchieben.

Jch ward in mein Gefängniß zurückgebracht.

Ein arkadiſcher Taxiarch 59), welcher ſich unter mei - nen Wächtern befand, theilte mir mit, daß ſämmtliche griechiſchen Offiziere der Leibwache, und eine Menge von Soldaten, im Ganzen mehr als viertauſend Mann, ge - droht hätten, ihren Abſchied zu nehmen, wenn man mich, ihren Führer, nicht begnadigen werde.

Als es dunkelte, wurde ich zum Könige geführt, wel - cher mich auf’s Gnädigſte empfing.

Er ſelbſt beſtätigte mir die Mittheilung des Taxiar - chen und ſprach ſein Bedauern aus, einen ſo beliebten Oberſten verlieren zu müſſen. Was mich betrifft, ſo ge - ſtehe ich gern, daß ich dem Amaſis nicht zürne, und mehr noch, daß ich ihn, den mächtigen König, bedaure. Jhr hättet mit anhören ſollen, wie er ſich beklagte, nirgend handeln zu können, wie er wolle, und ſelbſt in ſeinen per - ſönlichſten Angelegenheiten überall von den Prieſtern und ihrem Einfluſſe behindert und gefährdet zu ſein. Käme es nur auf ihn an, ſo würde er mir, dem Fremden, die Uebertretung eines Geſetzes, welches ich nicht verſtehen könne, und darum, wenn auch fälſchlich, für abgeſchmackten Aber - glauben halten müſſe, gern vergeben. Der Prieſter wegen dürfe er mich aber nicht ungeſtraft laſſen. Verbannung aus Aegypten ſei die gelindeſte Buße, welche er mir auf - erlegen könne.

Du weißt nicht‘, mit dieſen Worten ſchloß er ſeine Klagen, wie große Bewilligungen ich den Prieſtern ma -29 chen müßte, um Gnade für Dich zu erlangen. Jſt doch unſer Obergericht ſelbſt von mir, dem Könige, unabhängig!‘

Alſo ward ich verabſchiedet, nachdem ich einen großen Eid geleiſtet hatte, Memphis noch am ſelbigen Tage und Aegypten ſpäteſtens in drei Wochen verlaſſen zu wollen.

An der Pforte des Palaſtes traf ich mit Pſamtik, dem Kronprinzen, zuſammen, welcher mich ſchon lange är - gerlicher Geſchichten wegen, die ich verſchweigen muß (Du kennſt ſie, Rhodopis), verfolgt. Jch bot demſelben meinen Abſchiedsgruß; er aber kehrte mir den Rücken zu, indem er ausrief: Auch dießmal entwiſchſt Du der Strafe, Athe - ner; meiner Rache aber biſt Du noch nicht entgangen! Wohin Du auch gehſt, ich werde Dich zu finden wiſ - ſen!‘ Darauf ſoll es ankommen!‘ entgegnete ich ihm, ſchaffte meine Habſeligkeiten auf eine Barke und kam hier - her nach Naukratis, woſelbſt mir das Glück meinen alten Gaſtfreund Ariſtomachos von Sparta zuführte, welcher, als früherer Befehlshaber der Truppen von Kypros 60), höchſt wahrſcheinlich zu meinem Nachfolger ernannt werden wird. Jch würde mich freuen, einen ſo trefflichen Mann an mei - nem Platze zu ſehen, wenn ich nicht fürchten müßte, daß neben ſeinen vorzüglichen Dienſten die meinen noch gerin - ger erſcheinen werden, als ſie es in der That geweſen ſind.

Hier unterbrach Ariſtomachos den Athener und rief: Genug des Lobes, Freund Phanes! Spartaniſche Zungen ſind ungelenk; mit Thaten will ich Dir aber, wenn Du meiner bedarfſt, eine Antwort geben, die den Nagel auf den Kopf treffen ſoll.

Rhodopis lächelte den beiden Männern Beifall zu. Dann reichte ſie jedem derſelben die Hand und ſagte: Lei - der habe ich Deiner Erzählung, mein armer Phanes, ent - nommen, daß Deines Bleibens nicht länger in dieſem Lande30 ſein kann. Jch will Dich nicht wegen Deines Leichtſinnes tadeln, dennoch konnteſt Du wiſſen, daß Du Dich, um kleiner Erfolge willen, großen Gefahren ausſetzteſt. Der Weiſe, der wahrhaft Muthige unternimmt ein Wagniß nur dann, wenn Nutzen und Nachtheile, welche ihm aus demſelben erwachſen können, ſich mindeſtens gleich bleiben. Tollkühn - heit iſt eben ſo thöricht, wenn auch nicht ebenſo verwerf - lich als Feigheit, denn wenn auch beide ſchaden, ſo ſchän - det doch nur die Letztere.

Dein leichter Sinn hätte Dir dießmal beinahe das Leben gekoſtet, ein Leben, welches vielen theuer iſt, und das Du für ein ſchöneres Ende, als dem Erliegen unter den Streichen der Narrheit, aufſparen ſollteſt. Wir können nicht verſuchen, Dich uns zu erhalten, denn wir würden Dir dadurch nichts nützen, uns aber ſchaden. An Deiner Stelle ſoll in Zukunft dieſer edle Spartaner als Oberſter der Hellenen unſere Nation am Hofe vertreten, ſie vor Uebergriffen der Prieſter zu ſchützen, ihr die Gunſt des Königs zu bewahren bemüht ſein. Jch halte Deine Hand, Ariſtomachos, und laſſe ſie nicht eher los, bis Du uns verſprochen haſt, auch den geringſten Griechen, wie Phanes vor Dir, ſoweit es in Deinen Kräften ſteht, ge - gen den Uebermuth der Aegypter zu beſchützen, und eher Deine Stellung aufzugeben, als das kleinſte einem Hellenen angethane Unrecht ſtraflos hingehen zu laſſen. Wir ſind wenig Tauſende unter eben ſo vielen Millionen feindlich geſinnter Menſchen; aber wir ſind groß an Muth und müſſen ſtark zu bleiben ſuchen durch Einigkeit. Bis heute haben ſich die Hellenen in Aegypten wie rechte Brüder betragen; Einer opferte ſich für Alle, Alle für Einen, und eben dieſe Einheit machte uns mächtig, ſoll uns in Zu - kunft ſtark erhalten. Könnten wir doch dem Mutter -31 lande und ſeinen Pflanzſtätten dieſelbe Einigkeit ſchenken, wollten doch alle Stämme der Heimat ihrer dori - ſchen, ioniſchen oder äoliſiſchen Herkunft vergeſſend, ſich mit dem einen Namen Hellenen‘ begnügen, und, wie die Kinder eines Hauſes, wie die Schafe einer Heerde leben, wahrlich die ganze Welt würde uns nicht zu wider - ſtehen vermögen, und Hellas von allen Nationen anerkannt werden als Königin der Erde 61)!

Die Augen der Greiſin glühten bei dieſen Worten; der Spartaner aber preßte ihre Hand mit ungeſtümer Heftigkeit, ſtampfte die Erde mit ſeinem Stelzfuße und rief: Beim Zeus, Lakedaemonios, ich will den Hellenen kein Härlein krümmen laſſen; Du aber, Rhodopis, wäreſt würdig eine Spartanerin zu ſein!

Und eine Athenerin! rief Phanes.

Eine Jonierin! die Mileſier.

Eine Geomoren-Tochter von Samos! der Bild - hauer.

Aber ich bin mehr als dieß Alles , rief das begei - ſterte Weib, ich bin mehr, viel mehr; ich bin eine Hellenin!

Alles war hingeriſſen, ſelbſt der Syrer und der Jude; nur der Sybarit ließ ſich nicht aus ſeiner Ruhe ſtören und ſagte mit vollem Munde, ſo daß man ihn kaum verſtehen konnte:

Du wäreſt auch werth eine Sybaritin zu ſein, denn Dein Rinderbraten iſt der beſte, welchen ich ſeit meiner Abreiſe von Jtalien genoſſen habe, und Dein Wein von Anthylla 62) mundet mir faſt ebenſo gut, als der vom Ve - ſuv und von Chios!

Alles lachte; nur der Spartaner ſchleuderte auf den Feinſchmecker Blicke voller Zorn und Verachtung.

32

Fröhlichen Gruß! Rief plötzlich eine uns noch un - bekannte tiefe Stimme durch das offene Fenſter in den Saal hinein.

Fröhlichen Gruß! antwortete der Chor der Ze - chenden, fragend und rathend, wer der ſpäte Ankömmling ſein möge.

Aber man hatte nicht lange auf den Fremden zu warten, denn, ehe noch der Sybarit Zeit gefunden hatte, einen neuen Schluck Wein ſorgfältig mit der Zunge zu prüfen, ſtand ein großer hagerer Mann in den ſechziger Jahren, mit einem länglichen, feinen und geiſtreichen Kopfe, Kallias, der Sohn des Phänippos von Athen 63), neben Rhodopis.

Mit den klaren klugen Augen blickte der ſpäte Gaſt, einer der reichſten Vertriebenen von Athen, welcher die Güter des Piſiſtratus zweimal vom Staate gekauft und zweimal, als derſelbe wiederkehrte, verloren hatte, ſeine Bekannten an und rief, nachdem er mit Allen freundliche Grüße ausgetauſcht hatte:

Wenn ihr mir mein heutiges Erſcheinen nicht hoch anrechnet, dann behaupte ich, daß alle Dankbarkeit aus der Welt verſchwunden ſei.

Wir haben Dich lange erwartet, unterbrach ihn einer der Mileſier. Du biſt der Erſte, welcher uns vom Verlaufe der olympiſchen Spiele Nachricht bringt!

Und wir konnten keinen beſſeren Boten wünſchen, als den früheren Sieger, fügte Rhodopis hinzu.

Setze Dich, rief Phanes voller Ungeduld, und erzähle kurz und bündig, was Du weißt, Freund Kallias!

Sogleich, Landsmann, erwiederte dieſer, ’s iſt ſchon ziemlich lange her, ſeitdem ich Olympia verlaſſen und mich auf einem ſamiſchen fünfzig Ruderer, dem beſten33 Fahrzeuge, welches jemals gebaut wurde, zu Kenchreae eingeſchifft habe.

Mich wundert’s nicht, daß noch kein Hellene vor mir in Naukratis eingelaufen iſt, denn wir hatten grau - ſame Stürme zu beſtehen, und wären kaum mit dem Leben davon gekommen, wenn dieſe ſamiſchen Schiffe mit ihren dicken Bäuchen, Jbisſchnäbeln und Fiſchſchwänzen 64) nicht gar ſo vortrefflich gezimmert und bemannt wären.

Die andern Heimkehrenden mögen, wer weiß wohin, verſchlagen worden ſein; wir aber konnten uns in den Hafen von Samos bergen und nach zehntägigem Aufent - halte wieder abſegeln.

Als wir endlich heute früh in den Nil eingelaufen waren, ſetzte ich mich ſofort in meine Barke und wurde von Boreas, der mir wenigſtens am Schluſſe der Reiſe zeigen wollte, daß er ſeinen alten Kallias noch immer lieb habe, ſo ſchnell befördert, daß ich ſchon vor wenigen Augen - blicken das freundlichſte aller Häuſer erblicken konnte. Jch ſah die Fahne wehen, ſah die offenen Fenſter erleuchtet, kämpfte in mir, ob ich eintreten ſolle oder nicht; konnte Deinem Zauber, o Rhodopis, unmöglich widerſtehen, und wäre außerdem vor lauter Neuigkeiten, die ich noch uner - zählt bei mir habe, geplatzt, wenn ich nicht ausgeſtiegen wäre, um Euch, bei einem Stücke Braten und einem Becher Wein, Dinge mitzutheilen, die Jhr Euch nicht träu - men laſſet.

Kallias legte ſich behaglich auf ein Polſter nieder, und überreichte, eh er ſeine Neuigkeiten auszukramen begann, Rhodopis ein prächtiges, eine Schlange darſtel - lendes Armband von Gold 65), welches er zu Samos in der Werkſtatt eben jenes Theodoros, der mit ihm an einem Tiſche ſaß, für vieles Geld erſtanden hatte.

Ebers, Eine ägyptiſche Königstochter. I. 334

Das bring ich Dir mit 66), ſagte er, ſich an die hocherfreute Greiſin wendend, für Dich, Freund Phanes, habe ich aber noch etwas Beſſeres. Rathe, wer beim Viergeſpann-Rennen den Preis gewann?

Ein Athener?‘ fragte Phanes mit glühenden Wan - gen; gehörte doch jeder olympiſche Sieg dem ganzen Volke, deſſen Bürger ihn errang, war doch der olympiſche Oel - zweig die höchſte Ehre und das größte Glück, welches einem helleniſchen Manne, ja einem ganzen griechiſchen Stamm zu Theil werden konnte.

Recht gerathen, Phanes! rief der Freudenbote, ein Athener hat den erſten aller Preiſe errungen und mehr noch, Dein Vetter Kimon, der Sohn des Kypſelos, der Bruder jenes Miltiades, welcher uns vor neun Olym - piaden dieſelbe Ehre brachte, war es, der in dieſem Jahre, mit denſelben Roſſen, die ihm am vorigen Feſte den Preis gewannen, zum zweitenmale ſiegte 67). Wahrlich, die Phi - laiden 68) verdunkeln immer mehr den Ruhm des Alkmaeo - niden! Biſt Du ſtolz, fühlſt Du Dich glücklich über den Ruhm Deiner Familie, Phanes?

Jn hoher Freude war der Angeredete aufgeſtanden, und ſeine Geſtalt ſchien plötzlich um eines Hauptes Länge gewachſen zu ſein.

Unſagbar ſtolz und ſelbſtbewußt, reichte er dem Sie - gesboten die Hand, welcher, den Landsmann umarmend, fortfuhr:

Ja, wir dürfen ſtolz und glücklich ſein, Phanes; und Du vor Allen magſt Dich freuen, denn, nachdem die Kampfrichter dem Kimon einſtimmig den Preis zuerkannt hatten, ließ dieſer den Gewalthaber Piſiſtratus von den Herolden als Beſitzer des herrlichen Viergeſpanns, und ſomit als Sieger, ausrufen. Euer Stamm darf nun,35 Piſiſtratus ließ dies ſogleich verkünden, nach Athen zurück - kehren, und ſomit wartet auch Deiner die lang erſehnte Stunde der Heimkehr!

Die Glut der Freude verſchwand bei dieſer Rede von den Wangen des Oberſten, und der ſelbſtbewußte Stolz ſeiner Blicke wandelte ſich in Zorn, als er ausrief:

Jch ſollte mich freuen, thörichter Kallias? Weinen möchte ich, wenn ich bedenke, daß ein Nachkomme des Ajax ſeinen wohlverdienten Ruhm ſo ſchmählich dem Ge - walthaber zu Füßen zu legen vermag. Heimkehren ſoll ich? Ha, ich ſchwöre bei Athene, beim Vater Zeus und Apollo, daß ich eher in der Fremde verhungern, als meinen Fuß zur Heimat lenken will, ſo lange der Piſiſtra - tide mein Vaterland knechtet. Frei bin ich, wie der Vo - gel in der Luft, nachdem ich den Dienſt des Amaſis ver - laſſen; aber ich möchte lieber der Sclav eines Bauern in fremdem Lande werden, als in der Heimat der erſte Die - ner des Piſiſtratus ſein. Uns, dem Adel, uns gebührt die Herrſchaft in Athen; Kimon aber hat, indem er ſeinen Kranz zu Füßen des Piſiſtratus legte, die Tyrannis an - erkannt und ſich ſelbſt den Stempel des Knechtes aufge - drückt. Mich, den Phanes, das werde ich Kimon ſelber zurufen, kann die Gnade des Gewalthabers wenig küm - mern; ja ich will ein Verbannter bleiben, bis daß mein Vaterland befreit iſt, und Adel und Volk von Neuem ſich ſelbſt regieren, ſich ſelbſt ihre Geſetze vorſchreiben! Phanes huldigt dem Bedrücker nicht, wenn ſich auch alle Philaiden und Alkmaeoniden, wenn ſich auch Dein Geſchlecht, Kallias, die reichen Daduchen 69), dem Piſiſtratus zu Füßen werfen ſollten!

Mit flammenden Blicken überſchaute der Athener die Verſammlung; aber auch der alte Kallias muſterte ſtolz36 und ſelbſtbewußt den Kreis der Gäſte. Es war, als wolle er einem Jeden zurufen: Seht, ihr Freunde, ſolche Män - ner erzeugt meine ruhmreiche Heimat!

Dann faßte er von Neuem die Hand des Phanes und ſprach:

Wie Dir, mein Freund, ſo iſt auch mir der Ge - walthaber verhaßt; doch ich habe geſehen, daß die Tyrannis, ſo lange Piſiſtratus am Leben bleibt, nicht geſtürzt werden kann. Seine Bundesgenoſſen Lygda - mis von Naxos und Polykrates von Samos ſind mäch - tig; gefährlicher aber als dieſe iſt für unſere Freiheit die Mäßigung und Klugheit des Piſiſtratus ſelbſt. Mit Schrecken hab ich bei meinem jetzigen Aufenthalt in Hellas geſehen, daß die Volksmaſſe von Athen den Bedrücker gleich einem Vater liebt. Trotz ſeiner Macht, läßt er dem Geſammtweſen die Verfaſſung des Solon. Er ſchmückt die Stadt mit den herrlichſten Werken. Der neue Tempel des Zeus, welcher von Kallaeſchros, Antiſtates und Porinos, die Du kennen mußt, Theodoros, aus herrlichem Marmor aufgerichtet wird, ſoll alle bishe - rigen Bauten der Hellenen übertreffen 70). Er weiß Künſt - ler und Dichter jeder Art nach Athen zu locken, er läßt die Geſänge des Homer niederſchreiben und die Sprüche des Muſaeos von Onomakritos aufzeichnen und ſammeln. Er legt neue Straßen an und richtet neue Feſte ein; der Handel blüht unter ſeinem Scepter und das Volk befindet ſich, trotz der Steuern, die ihm auferlegt werden, ganz vortrefflich. Aber was iſt das Volk? Ein gemeiner Haufe, der, wie die Mücken, allem Glänzenden entgegenfliegt, und wenn es ſich auch die Flügel daran verbrennt, die Kerze dennoch umflattert, ſo lange ſie brennt. Laß die Fackel des Piſiſtratus verlöſchen, Phanes, und ich ſchwöre Dir,37 daß die veränderungsſüchtige Menge dem heimkehrenden Adel, dem neuen Lichte, entgegenfliegen wird, wie man bis dahin dem Tyrannen zuzulaufen gewohnt war. Gib mir noch einmal Deine Hand, Du echter Sohn des Ajax. Euch aber, ihr Freunde, bin ich manche Neuigkeit ſchuldig.

Jm Wagenrennen ſiegte alſo Kimon, der dem Pi - ſiſtratus ſeinen Oelzweig ſchenkte. Niemals ſah ich vier ſchönere Roſſe, als die ſeinigen. Auch Arkeſilaos von Ky - rene, Kleoſthenes von Epidamnos 71), Aſter von Sybaris, Hekataeos von Milet und viele Andere hatten köſtliche Geſpanne nach Olympia geſendet. Ueberhaupt waren die diesmaligen Spiele mehr als glänzend. Ganz Hellas hatte Boten geſchickt. Rhoda die Ardeaten-Stadt im fer - nen Jberien, das reiche Tarteſſus, Sinope im entle - genen Oſten am Geſtade des Pontus, kurz jeder Stamm, welcher ſich helleniſcher Herkunft rühmt, war reichlich ver - treten. Die Sybariten ſendeten Feſtboten von wahrhaft blendendem Glanze, die Spartaner ſchlichte Männer von der Schönheit des Achilles und dem Wuchſe des Her - kules; die Athener zeichneten ſich durch geſchmeidige Glie - der und anmuthige Bewegungen aus, die Krotoniaten wurden von Milon 72), dem ſtärkſten Manne menſchlicher Hexkunft geführt, die ſamiſchen und mileſiſchen Feſtgenoſ - ſen wetteiferten an Pracht und äußerem Schimmer mit den Korinthern und Mytelenaeern, die ganze Blüte der helleniſchen Jugend war verſammelt, und in den Zuſchauer - räumen ſaßen neben Männern jeden Alters, jeden Stan - des und Volkes, viele holde Jungfrauen, welche nament - lich von Sparta nach Olympia gekommen waren, um durch ihren Zuruf die Spiele der Männer zu verſchönern 73). Jenſeits des Alpheos war der Markt erlaubt. Dort konntet ihr Handelsleute aus allen Ländern der Welt er -38 blicken. Hellenen, Karchedoner, Lyder, Phryger und feil - ſchende Phöniker von Palaeſtina ſchloſſen große Geſchäfte ab, oder hielten in Buden und Zelten ihre Waaren feil. Was ſoll ich Euch das drängende Gewoge der Menge, die ſchallenden Chöre, die dampfenden Feſthekatomben, die bunten Trachten, die koſtbaren Wagen und Roſſe, das Zuſammenklingen der verſchiedenen Dialekte, die Jubelrufe alter Freunde, welche ſich hier nach jahrelanger Trennung wieder fanden, den Glanz der Feſtgeſandten, das Ge - wimmel der Zuſchauer und Kaufleute, die Spannung auf den Verlauf der Spiele, den herrlichen Anblick der überfüllten Zuſchauerräume, den endloſen Jubel, ſobald ein Sieg entſchieden war, die feierliche Belehnung mit dem Zweige, den ein Knabe von Elis, deſſen beide Eltern noch leben mußten, mit dem goldenen Meſſer von jenem heili - gen Oelbaum in der Altis 74) ſchnitt, den Herkules ſelbſt vor vielen Jahrhunderten gepflanzt hatte; was ſoll ich Euch endlich das nicht aufhörende Jubelgeſchrei, welches, wie brüllender Donner, durch das Stadion brauste, be - ſchreiben, als Milon, der Krotoniat erſchien, und ſeine von Dameas gegoſſene Bildſäule von Erz auf den eigenen Schultern, ohne daß ihm die Knie wankten, durch das Stadion 75) in die Altis trug 76)!? Einen Stier hätte die Wucht des Metalls zu Boden gedrückt; Milon aber trug ſie, wie eine lakedaemoniſche Kinderfrau ein Knäblein trägt 77).

Die ſchönſten Kränze, nach denen des Kimon, wurden einem ſpartaniſchen Bruderpaare zu Theil, dem Lyſander und Maron, Söhnen des Ariſtomachos. Maron ſiegte im Wettlauf; Lyſander aber ſtellte ſich, unter dem Ju - bel aller Anweſenden, Milon, dem unwiderſtehlichen Sie - ger von Piſa, den Pythien um dem Jſthmos zum Ring -39 kampfe entgegen 78). Milon war größer und ſtärker, als der Spartaner, deſſen Körperbau dem Wuchſe des Apollon glich, und deſſen große Jugend andeutete, daß er kaum dem Paedanomos 79) entwachſen war.

Jn ihrer nackten Schönheit, vom goldnen Salböle glänzend, ſtanden ſich der Jüngling und der Mann gegen - über, einem Panther und einem Läwen gleichend, die ſich zum Kampfe bereiten. Der junge Maron hob ſeine Hände vor dem erſten Anlaufe beſchwörend zu den Göttern em - por und rief: Für meinen Vater, meine Ehre und Spar - taner Ruhm!‘ Der Krotoniat aber lächelte überlegen auf den Jüngling herab; wie ein Feinſchmecker lächelt, ehe er ſich an die Arbeit begibt, die Schale eines Kreb - ſes zu öffnen.

Jetzt begann das Ringen. Lange konnte keiner von Beiden den Anderen greifen. Wuchtig, faſt unwider - ſtehlich faßte der Krotoniat nach ſeinem Gegner, der ſich, wie eine Schlange, den furchtbaren Griffen der Zangen - hände des Athleten entwand. Lange währte das Ringen nach dem Griffe, dem die ganze ungeheure Verſammlung ſtumm und athemlos zuſchaute. Man hörte nichts, als das Stöhnen der Kämpfer und den Geſang der Vögel in dem Haine der Altis. Endlich, endlich war es dem Jünglinge gelungen, mit dem ſchön - ſten Griffe, den ich je geſehen, ſich an ſeinen Gegner zu klammern. Lange ſtrengte Milon vergebens ſeine Kräfte an, um ſich den feſten Armen des Jünglings zu entziehen. Der Schweiß ihrer Rieſenarbeit netzte reichlich den Sand des Stadions.

Jmmer höher wuchs die Spannung der Zuſchauer, immer tiefer ward das Schweigen, immer ſeltener die er - munternden Zurufe, immer lauter das Stöhnen der beiden40 Kämpfenden. Endlich ſanken dem Jüngling die Kräfte. Tauſend ermunternde Stimmen riefen ihm zu; noch einmal raffte er ſich mit übermenſchlicher Anſtrengung zuſammen, noch einmal verſuchte er den Krotoniaten zu werfen; dieſer aber hatte die augenblickliche Abſpannung ſeines Gegners wahrgenommen und preßte ihn in unwiderſtehlicher Um - armung an ſich. Da entquoll ein ſchwarzer, voller Blut - ſtrom den ſchönen Lippen des Jünglings, der leblos aus den ermatteten Armen des Rieſen zu Boden ſank. Demo - kedes 80), der berühmteſte Arzt unſerer Zeit, ihr Samier müßt ihn vom Hofe des Polykrates kennen, eilte herbei; aber keine Kunſt konnte dem Glücklichen helfen, denn er war todt.

Milon mußte ſich des Kranzes begeben; der Ruhm dieſes Jünglings wird aber durch ganz Hellas fortklingen, und ich ſelber möchte lieber todt ſein, gleich Lyſander, dem Sohne des Ariſtomachos, als leben wie Kallias, der in der Fremde thatenlos altert. Ganz Griechenland, durch ſeine Beſten vertreten, trug den Jüngling zu Grabe, und ſeine Bildſäule ſoll in der Altis, neben denen des Milon von Kroten und Praxidamas von Aegina aufgeſtellt wer - den. Endlich verkündeten die Herolde den Spruch der Kampfrichter: Sparta ſolle für den Verſtorbenen einen Siegerkranz erhalten; denn nicht Milon, ſondern der Tod, habe den edlen Lyſander bezwungen; wer aber aus zwei - ſtündigem Kampfe mit dem ſtärkſten aller Griechen unbe - ſiegt hervorgehe, der habe den Oelzweig wohl ver - dient‘ 81).

Kallias ſchwieg einen Augenblick. Der lebhafte Mann hatte während der Schilderung dieſer, dem helleniſchen Herzen theuerſten Ereigniſſe, der Anweſenden nicht geachtet, und in’s Blaue ſtarrend, die Bilder der Kämpfenden vor ſeinen41 Augen vorüberziehen laſſen. Jetzt ſchaute er um ſich, und gewahrte ſtaunend, daß der graue Mann mit dem Stelzfuße, den er, ohne ihn zu kennen, ſchon bemerkt hatte, ſein Angeſicht in den Händen verbarg und heiße Thränen weinte. Zu ſeiner Rechten ſtand Rhodopis, zu ſeiner Lin - ken Phanes; alle anderen Gäſte ſchauten auf den Spar - taner, als ſei dieſer der Held der Erzählung des Kallias geweſen. Der kluge Athener merkte ſofort, daß der Greis in nächſter Beziehung zu irgend einem der olympiſchen Sieger ſtehe; als er aber hörte, daß Ariſtomachos der Vater jenes ruhmgekrönten ſpartaniſchen Bruderpaares ſei, deſſen ſchöne Geſtalten noch immer, wie Erſcheinungen aus der Götterwelt, vor ſeinen Blicken ſchwebten, da ſah auch er mit neidiſcher Bewunderung auf den ſchluchzenden Alten und eine Thräne füllte ſein kluges Auge, ohne daß er ihr zu wehren verſuchte. Jn jenen Zeiten weinten die Männer, wann ſie eben von dem Balſam der Zähren Er - leichterung hofften. Jm Zorn, bei hoher Wonne, bei jedem Seelenſchmerze ſehen wir die ſtärkſten Helden wei - nen, wogegen ſich der ſpartaniſche Knabe am Altar der Artemis Orthia, ohne einen Klagelaut von ſich zu ge - ben, wund, ja manchmal zu Tode peitſchen ließ, um des Lobes der Männer theilhaftig zu werden.

Eine Zeit lang blieben alle Gäſte ſtumm, die Rührung des Greiſes ehrend. Endlich unterbrach Jeſua, der Jſraelit, das Schweigen und ſagte in gebrochenem Griechiſch:

Weine Dich recht aus, ſpartaniſcher Mann! Jch weiß, was es heißt, einen Sohn zu verlieren. Habe ich doch vor elf Jahren einen ſchönen Knaben in die Grube ſenken müſſen, in fremdem Lande, an den Waſſern Ba - bels, wo mein Volk in Gefangenſchaft ſchmachtete. 42Hätte das ſchöne Kind nur noch ein einziges Jährchen ge - lebt, ſo würde es in der Heimat geſtorben ſein, und wir hätten es beſtatten können in der Grube ſeiner Väter. Aber Kyros der Perſer, Jehovah ſegne ſeine Nachkommen, hat uns zu ſpät befreit um ein Jahr, und ich beweine das Kind meines Herzens doppelt, weil ſein Grab gegra - ben ward im Lande der Feinde Jſraels. Gibt es etwas Schlimmeres, als zu ſehen, wie unſere Kinder, der reichſte Schatz, den wir haben, vor uns in die Grube fahren? Und, Jehovah ſei mir gnädig, ſolch treffliches Kind, wie Dein Sohn geweſen, zu verlieren, wenn er eben gewor - den iſt zum ruhmreichen Manne, das muß der größte Schmerz ſein aller Schmerzen!

Der Spartaner entfernte die Hände von dem ſtrengen Angeſichte und erwiederte unter Thränen lächelnd: Du irrſt, Phöniker; ich weine vor Freude, nicht vor Schmerz, und gerne hätt ich auch meinen zweiten Sohn verloren, wenn er geſtorben wäre wie mein Lyſander.

Der Jſraelit, entſetzt über dieſen gottloſen Ausſpruch, ſchüttelte nur mißbilligend den Kopf; die anweſenden Hellenen aber überſchütteten den vielbeneideten Greis mit Glückwünſchen. Dieſer ſchien vor hoher Wonne um viele Jahre jünger geworden zu ſein, und rief Rhodopis zu: Wahrlich, Freundin; Dein Haus iſt für mich ein geſeg - netes, denn ſeitdem ich es betreten, iſt dies die zweite Göttergabe, welche mir in demſelben zu Theil wird! Und welches war die erſte? fragte die Greiſin. Ein günſtiges Orakel. Du vergißt die dritte! rief Pha - nes, am heutigen Tage haben die Götter Dich auch Rho - dopis kennen gelehrt. Aber was war es mit dem Ora - kel? Darf ich’s den Freunden mittheilen? fragte der Delphier.

43

Ariſtomachos nickte bejahend, und Phryxos las zum zweitenmale die Antwort des Pythia:

Wenn einſt die reiſige Schaar von ſchneeigen Bergen herabſteigt, Zu den Gefilden des Stroms, welcher die Ebne benetzt, Führt Dich der zaudernde Kahn herab zu jenem Gefilde, Welches dem irrenden Fuß heimiſchen Frieden gewährt. Wenn einſt die reiſige Schaar von ſchneeigen Bergen herabſteigt, Schenkt Dir die richtende Fünf, was ſie Dir lange verſagt!

Kaum hatte Phryxos das letzte Wort geleſen, als Kallias, der Athener, jubelnd aufſprang und ausrief: Die vierte Gabe, das vierte Göttergeſchenk ſollſt Du jetzt von mir in dieſem Hauſe empfangen; wiſſe denn, daß ich meine ſeltſamſte Neuigkeit bis zuletzt aufgeſchoben habe: Die Perſer kommen nach Aegypten!

Keiner der Gäſte, außer dem Sybariten, blieb an ſeinem Platze und Kallias konnte ſich der vielen Fragen gar nicht erwehren. Gemach, gemach, ihr Freunde, rief er endlich; laßt mich hintereinander erzählen, ſonſt werde ich niemals fertig! Eine große Geſandtſchaft des Kamby - ſes, jetzigen Großkönigs des allgewaltigen Perſien, kein Kriegsheer, wie Du Phanes vermutheſt, iſt auf dem Wege hierher. Zu Samos erhielt ich die Nachricht, daß ſie ſchon in Milet angekommen ſeien. Jn wenigen Tagen müſſen ſie hier eintreffen. Verwandte des Königs, ja auch der alte Kröſus von Lydien ſind unter ihnen; wir werden ſeltſame Pracht zu ſehen bekommen! Den Zweck ihrer Sen - dung kennt Niemand, doch ward vermuthet, der König Kambyſes werde Amaſis ein Bündniß antragen laſſen; ja man wollte wiſſen, der Großkönig ſei Willens, ſich um die Tochter des Pharao zu bewerben.

Ein Bündniß? fragte Phanes mit ungläubigem Achſelzucken, die Perſer beherrſchen jetzt ſchon die halbe44 Welt. Alle Großmächte in Aſien haben ſich ihrem Scepter unterworfen; nur Aegypten und das helleniſche Mutterland blieben von dem Eroberer verſchont.

Du vergißt das goldreiche Jndien, und die großen aſiatiſchen Wandervölker, entgegnete Kallias. Du ver - gaßeſt ferner, daß ein ſo zuſammengewürfeltes, aus ſieben - zig Völkerſchaften verſchiedener Zungen und Sitten beſte - hendes Reich fort und fort den Keim des Krieges in ſich trägt und ſich vor auswärtigen Kämpfen vorzuſehen hat, damit nicht, wenn die Hauptmaſſe des Heeres abweſend iſt einzelne Provinzen die erwünſchte Gelegenheit zum Abfall ergreifen. Frage die Mileſier, ob ſie ruhig bleiben würden, wenn ſie vernehmen ſollten, die Macht ihrer Bedrücker habe in irgend einer Schlacht den Kürze - ren gezogen?

Theoponpos, der Handelsherr von Milet, rief lachend: Wenn die Perſer in einem Kriege unterliegen, ſo haben ſie hundert andere auf dem Halſe, und meine Heimat wird ſich nicht zuletzt gegen den geſchwächten Zwingherrn erheben!

Mögen die Geſandten vorhaben, was ſie wollen, fuhr Kallias fort, ich beſtehe auf meiner Nachricht, daß ſie ſpäteſtens in drei Tagen hier ſein werden.

Und ſomit wäre Dein Orakel erfüllt, glückſeliger Ariſtomachos! rief Rhodopis, die reiſige Schaar von den Bergen kann Niemand ſein, als die Perſer. Wenn dieſe zu den Geſtaden des Nils heranziehen, ſoll ſich der Sinn der richtenden Fünf, Eurer Ephoren 82) ändern, und man wird Dich, den Vater zweier olympiſcher Sieger, in die Heimat zurückberufen. Fülle die Becher von Neuem, Knakias! Laßt uns dieſen letzten Pokal den Manen des ruhmreichen Lyſander ſpenden; dann aber rathe ich Euch,45 aufzubrechen, denn Mitternacht iſt längſt vorbei und un - ſere Freude hat ihren Gipfel erreicht. Der wahrhaft Gaſtfreie hebt die Tafel auf, wenn die Gäſte ſich am wohlſten fühlen. Die angenehme, ungetrübte Erinnerung wird Euch bald in dieſes Haus zurückführen, während ihr es unlieber beſuchen würdet, wenn ihr an Stunden der Abſpannung gedenken müßtet, welche der Freude folgten. Alle Gäſte ſtimmten Rhodopis bei und Jbykus nannte ſie eine echte Schülerin des Pythagoras, die feſtlich freudige Erregung des Abends lobend.

Jeder bereitete ſich zum Aufbruch. Auch der Syba - rit, welcher, um ſeine Rührung, die ihm höchſt unbequem war, zu übertäuben, übermäßig viel getrunken hatte, erhob ſich, von ſeinen herbeigerufenen Sclaven 83) unterſtützt, aus ſeiner bequemen Stellung indem er von einem Bruch des Gaſtrechts faſelte.

Als ihm Rhodopis beim Abſchiede die Hand reichen wollte, rief er, vom Geiſte des Weines übermannt: Beim Herkules, Rhodopis, Du wirfſt uns zur Thür hinaus, als wären wir läſtige Gläubiger. Jch bin nicht daran gewöhnt, ſo lange ich noch ſtehen kann, von einem Gaſt - mahle zu weichen; noch weniger aber, mich gleich einem Paraſiten fortweiſen zu laſſen!

Begreife doch, Du unmäßiger Sybarit wollte Rhodopis lächelnd ſich zu entſchuldigen verſuchen; Oino - philos aber, den in ſeiner Weinlaune dieſe Entgegnung der Greiſin verdroß, lachte ſpöttiſch auf und rief, der Thür entgegentaumelnd: Unmäßiger Sybarit, ſagſt Du? Gut! Jch gebe Dir darauf zur Antwort: Unverſchämte Sclavin!‘ Wahrhaftig, man merkt Dir immer noch an, was Du in Deiner Jugend geweſen biſt. Lebe wohl, Sclavin des Jadmon und Xanthos, Freigelaſſene des46 Charaxos! ... Er hatte nicht ausgeſprochen, als ſich der Spartaner plötzlich auf ihn warf, ihm einen gewal - tigen Fauſtſchlag verſetzte und den Bewußtloſen, wie ein Kind, in den Nachen trug, welcher mit ſeinen Sclaven an der Pforte des Gartens wartete.

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Drittes Kapitel.

Alle Gäſte hatten das Haus verlaſſen.

Wie Hagelſchlag in ein blühendes Saatfeld, war die Schmährede des Schlemmers in die Freude der Scheiden - den gefallen; Rhodopis ſelbſt ſtand bleich und zitternd in dem verödeten feſtlich geſchmückten Zimmer. Knakias ver - löſchte die bunten Lampen an den Wänden. Statt des hellen Lichtes trat ein unheimliches Halbdunkel ein, welches das zuſammengeworfene Tafelgeſchirr, die Ueber - reſte der Mahlzeit und die von ihren Plätzen gerückten Ruhebänke ſpärlich beleuchtete. Durch die offene Thür zog eine kalte Luft, denn es begann Morgen zu werden, und die Zeit vor dem Sonnenaufgange pflegt in Aegypten empfindlich kühl zu ſein. Die Glieder der leicht gekleideten Greiſin durchſchauerte leiſer Froſt. Thränenlos ſtarrte ſie in den öden Raum, der noch vor wenigen Minuten von Luſt und Jubel erfüllt war. Sie verglich ihr Jnneres mit dieſem öden Freudengemach. Es war ihr, als zehre ein Wurm an ihrem Herzen, als gerinne all ihr Blut zu Schnee und Eis.

So ſtand ſie lange, lange, bis die alte Sclavin er - ſchien und ihr in ihr Schlafgemach voranleuchtete.

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Schweigend ließ ſich Rhodopis entkleiden, ſchwei - gend öffnete ſie den Vorhang, welcher ein zweites Schlaf - gemach von dem ihren trennte. Jn der Mitte deſſelben ſtand ein Bett von Ahornholz, in dem, auf einer Ma - traze von zarter Schafwolle, die mit weißen Laken über - deckt war, unter lichtblauen Tüchern 84), ein holdſeliges, wunderliebliches Weſen ſchlummerte, Sappho, die Enkelin der Rhodopis. Dieſe zarten, ſchwellenden Formen, dieſes feingebildete Angeſicht, gehörten einer aufblühenden Jung - frau, dies ſelige, friedliche Lächeln einem harmloſen, glück - lichen Kinde.

Die eine Hand der Schläferin, auf welcher ihr Köpfchen ruhte, war in dem dunkelbraunen vollen Haare verborgen, die andere ſchloß ſich unwillkürlich um ein klei - nes Amulet aus grünem Stein 85), welches von ihrem Halſe herniederhing. Die langen Wimpern der geſchloſſe - nen Augen bewegten ſich kaum bemerkbar, und über die Wangen der Schläferin breitete ſich ein zartes, ſanft ver - ſchwimmendes Roſenroth. Die feinen Naſenflügel hoben und ſenkten ſich in gleichmäßigen Athemzügen. So bildet man die Unſchuld, ſo lächelt der träumende Friede, ſolchen Schlummer ſchenken die Götter der ſorgloſen erſten Jugendzeit.

Die Greiſin näherte ſich lautlos, den dichten Teppich 86) voller Behutſamkeit kaum mit den Fußſpitzen berührend, dieſem Lager. Unſagbar zärtlich ſchaute ſie in das lächelnde Kinderantlitz, leiſe und ſchweigend kniete ſie vor dem Bette nieder, behutſam preßte ſie ihr Angeſicht in die weichen Decken deſſelben, ſo daß die Hand der Jungfrau die Spitzen ihres Haares berührte. Dann weinte ſie ohne Unterlaß, als wolle ſie mit dieſen Thränen die Demüthigung, welche ſie erfahren hatte, und alles Leid aus ihrer Seele waſchen.

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Endlich ſtand ſie auf, hauchte einen leiſen Kuß auf die Stirn der Schläferin, hob die Hände betend zum Himmel empor und ging in ihr Gemach zurück, behutſam und leiſe, wie ſie gekommen war.

An ihrem Lager fand ſie die alte Sclavin, welche ihrer noch immer wartete.

Was willſt Du noch ſo ſpät, Melitta? fragte ſie freundlich und leiſe. Geh zu Bett; das lange Wachen thut nicht gut in deinem Alter; Du weißt, daß ich Dich nicht mehr brauche. Gute Nacht! komm morgen nicht eher, als bis ich Dich rufen laſſe. Jch werde wenig ſchlafen können und bin froh, wenn mir der Morgen kurzen Schlummer bringt!

Die Sclavin zauderte; man ſah ihr an, daß ſie noch etwas zu ſagen habe, und ſich dennoch zu reden ſcheue.

Du möchteſt mich um etwas bitten? fragte Rho - dopis.

Die Alte zauderte noch immer.

Sprich nur, ſprich; aber mach es kurz!

Jch ſah Dich weinen, ſprach die Sclavin, Du ſcheinſt mir bekümmert oder krank zu ſein; darf ich nicht bei Dir wachen; willſt Du mir nicht ſagen, was Dich quält? Schon oftmals haſt Du erfahren, daß Mit - theilung die Bruſt erleichtert und den Schmerz zertheilt. Vertraue mir auch heut Dein Weh; das wird Dir gut thun, gewiß, das wird die Ruhe Deiner Seele wieder herſtellen.

Nein ich kann nicht ſprechen! erwiederte jene. Dann fuhr ſie bitter lächelnd fort: Jch habe wiederum geſehen, daß kein Gott im Stande iſt, die Vergangenheit eines Menſchen auszulöſchen, und daß Unglück und Schande Eins zu ſein pflegen. Gute Nacht! Verlaß mich, Melitta!

Ebers, Eine ägyptiſche Königstochter. I. 450

Um die Mittagszeit des folgenden Tages hielt die - ſelbe Barke, welche am vorigen Abende den Athener und Spartaner getragen hatte, vor dem Garten der Greiſin.

Die Sonne ſchien ſo hell, ſo heiß und fröhlich vom klaren dunkelblauen ägyptiſchen Himmel, die Luft war ſo rein und leicht, die Käfer ſchwirrten ſo luſtig, die Schiffer in den Kähnen ſangen ſo laut und übermüthig, das Nilufer war ſo blühend, ſo fahnenbunt und menſchenreich, die Palmen, Sykomoren, Akazien und Bannanen grünten und blühten ſo ſaftig und kraftſtrotzend, der ganze Land - ſtrich ringsumher ſchien ſo außergewöhnlich reich von der freigebigſten Gottheit ausgeſtattet zu ſein, daß der Wanderer glauben mußte, aus dieſen Auen ſei alles Un - glück verbannt, hier ſei die Heimat aller Luſt und aller Freude.

Wie häufig wähnen wir, an einem unter blühenden Obſtbäumen verſteckten ſtillen Dörfchen vorbeifahrend, dies ſei der Sitz alles Friedens, aller anſpruchsloſen Herzens - befriedigung! Wenn wir aber in die einzelnen Hütten tre - ten, ſo finden wir in ihnen, wie überall, Angſt und Noth, Verlangen und Leidenſchaft, Furcht und Reue, Schmerz und Elend neben ach ſo wenigen Freuden! Wer mochte, nach Aegypten kommend, ahnen, daß dieſes lachende, ſtrotzende, bunte Sonnenland, deſſen Himmel ſich niemals bewölkt, die ernſteſten Menſchen ernährte, wer konnte vermuthen, daß in dem zierlichen, von Blüten umwebten, gaſtfreien Hauſe der glücklichen Rhodopis ein Herz in tiefem Kummer ſchlüge? Welcher Beſucher der allgefeierten Thrakerien konnte ahnen, daß dieſes Herz der anmuthlächelnden Grei - ſin angehöre?

Bleich, aber ſchön und freundlich, wie immer, ſaß ſie mit Phanes in einer ſchattigen Laube, neben dem küh -51 lenden Waſſerſtrahle des Springquells. Man ſah ihr an, daß ſie abermals geweint hatte. Der Athener hielt ihre Hand und ſuchte ſie zu tröſten.

Rhodopis hörte ihm geduldig zu, jetzt bitter, jetzt zu - ſtimmend lächelnd. Endlich unterbrach ſie den wohlmei - nenden Freund und ſprach:

Jch danke Dir, Phanes! Ueber kurz oder lang muß auch dieſe Schmach vergeſſen werden. Die Zeit iſt ein guter Wundarzt. Wäre ich ſchwach, ſo verließe ich Nau - kratis, und lebte in der Stille ganz allein für meine En - kelin. Jn dieſem jungen Weſen, ſage ich Dir, ſchlummert eine ganze Welt. Tauſendmal wollte ich Aegypten ver - laſſen, tauſendmal beſiegte ich dieſen Wunſch. Mich hielt nicht das Verlangen nach Huldigungen Deines Geſchlechts; deren habe ich ſo viele genoſſen, daß ich mehr als geſät - tigt bin! Mich, das ſchwache, das einſt verachtete Weib, die frühere Sclavin, hielt und hält das Bewußtſein, freien, edlen Männern beinahe unentbehrlich, jedenfalls von hohem Nutzen zu ſein. An einen großen, männlichen Wirkungs - kreis gewöhnt, würde mich die bloße Sorge für ein geliebtes Weſen nicht befriedigen; ich würde verdorren, wie eine Blume, die man aus fettem Boden in die Wüſte verpflanzt; und meine Enkelin bald ganz vereinſamt, drei - fach verwaist in der Welt daſtehen. Jch bleibe in Aegypten.

Jetzt, nach Deiner Abreiſe, werde ich den Freunden wahrhaft unentbehrlich ſein. Amaſis iſt alt; wenn Pſamtik ihm nachfolgen ſollte, werden wir mit unendlich viel grö - ßeren Schwierigkeiten zu kämpfen haben, als bisher. Jch muß bleiben, und fort und vorkämpfen für Hellenen-Frei - heit und Hellenen-Wohlfahrt. Das iſt der Zweck meines Lebens. Dieſem Zwecke bin ich um ſo treuer, je ſeltener ſich ein Weib vermißt, ähnlichen Zielen ihr Leben zu wei -52 hen. Mögen ſie mein Streben unweiblich nennen, im - merhin! Jn dieſer durchweinten Nacht habe ich gefühlt, daß noch unendlich viel von jener Frauenſchwäche in mir wohnt, welche zu gleicher Zeit das Glück und Unglück meines Geſchlechts ausmacht. Dieſe Schwäche, vereint mit der ganzen Fülle zarter Weiblichkeit in meiner Enkelin zu erhalten, iſt meine erſte Aufgabe geweſen; die zweite war, mich ſelbſt von aller Weichheit zu befreien. Doch es iſt unmöglich, gegen die Natur zu kämpfen! Will mich ein Schmerz unterjochen, will ich verzweifeln, dann iſt mein einziges Mittel, jenes Pythagoras, des herrlichſten aller Lebenden, meines Freundes 87), und ſeiner Worte zu gedenken: Bewahre das Ebenmaß in allen Dingen, hüte Dich vor jubelnder Luſt, wie vor klagendem Jammer, und ſtrebe danach, Deine Seele harmoniſch und wohlklingend zu erhalten, wie die Saiten einer ſchöngeſtimmten Harfe!‘ Dieſer pythagoraeiſche Seelenfrieden, dieſe tiefe, ungetrübte Ruhe des Gemüths, habe ich täglich in meiner Sappho vor Augen; ich aber ringe danach, trotz mancher Griffe des Schickſals, welche die Saiten meiner Herzenslaute gewalt - ſam verſtimmen. Jetzt bin ich ruhig! Du glaubſt nicht, welche Macht der bloße Gedanke an jenen erſten aller Denker, jenen ſtillen gemeſſenen Mann, der wie ein weicher, ſüßer Ton an meinem Leben vorüberzog, auf mich ausübt. Auch Du haſt ihn gekannt, und mußt verſtehen, was ich meine. Jetzt bitte ich Dich, Dein Anliegen vorzubringen. Mein Herz iſt ruhig, wie die Wogen des Nils, welcher dort ſo ſtill und ungetrübt an uns vorüber - fließt. Sei es Schlimmes, ſei es-Gutes, ich bin bereit, Dich zu hören.

So gefällſt Du mir, ſprach jetzt der Athener. Hätteſt Du früher des edlen Freundes der Weisheit, wie53 ſich Pythagoras ſelbſt zu nennen pflegt 88), gedacht, dann würde Deine Seele ſchon geſtern ihr ſchönes Gleichge - wicht wiedergefunden haben. Der Meiſter gebietet, man ſolle an jedem Abende die Ereigniſſe, Gefühle und Ge - danken des vergangenen Tages noch einmal durchleben. Hätteſt Du das gethan, ſo würdeſt Du gefunden haben, daß die ungeheuchelte Bewunderung all Deiner Gäſte, unter denen ſich Männer vom höchſten Verdienſte befanden, die Schmähreden eines trunkenen Wüſtlings tauſendfach aufwogen; Du hätteſt Dich als eine Freundin der Götter fühlen müſſen, denn in Deinem Hauſe gewährten die Un - ſterblichen einem edlen Greiſe, nach jahrelangem Mißgeſchick, die höchſte Wonne, welche nur immer einem Menſchen zu Theil werden kann; endlich nahmen ſie Dir einen Freund, um Dir ſofort einen neuen, beſſeren zu ſchenken. Keine Widerrede, und laß mich jetzt mit meiner Bitte beginnen!

Du weißt, daß man mich bald einen Athener, bald einen Helikarnaſſier 89) nennt. Die Joniſchen, Aeoliſchen und Doriſchen Söldner haben ſich von jeher mit den Ka - riſchen nicht ſonderlich vertragen; darum war mir, dem Anführer beider Theile, meine, ich möchte ſagen dreifache Herkunft beſonders nützlich. So treffliche Eigenſchaften Ariſtomachus beſitzen mag, ſo wird mich Amaſis dennoch vermiſſen; denn mir gelang es leicht, die ſchönſte Einig - keit unter dem Söldnerheere herzuſtellen, während der Spartaner, den Kariern gegenüber, auf große Schwierig - keiten ſtoßen wird.

Dieſe meine doppelte Herkunft kommt daher, daß mein Vater eine Halikarnaſſierin aus edlem doriſchen Geſchlechte zum Weibe hatte, und mit derſelben, um das Erbe ihrer Eltern in Empfang zu nehmen, gerade zu Halikarnaſſus verweilte, als ich geboren wurde. Obgleich man mich54 ſchon in meinem dritten Lebensmonde nach Athen zurück - nahm, ſo bin ich doch eigentlich ein Karer denn der Geburtsort beſtimmt die Heimat des Menſchen.

Jn Athen ward ich, als junger Eupatride, aus dem vornehmen, uralten Geſchlechte der Philaiden mit allem Stolze eines attiſchen Adligen aufgeſäugt und erzogen. Der tapfere und kluge Piſiſtratus, aus einer der unſern zwar ebenbürtigen, aber keineswegs überlegenen Familie, (es gibt kein vornehmeres Geſchlecht, als das meines Va - ters), wußte ſich der Alleinherrſchaft zu bemächtigen. Den vereinten Bemühungen des Adels gelang es, ihn zweimal zu ſtürzen. Als er zum dritten Male, mit Hülfe des Lyg - damis von Naxos, der Argier und Eretrier zurückkehren wollte, ſtellten wir uns ihm entgegen. Beim Athenetem - pel zu Pallene hatten wir uns gelagert. Als wir vor dem Frühſtücke der Göttin opferten, überraſchte uns der kluge Gewalthaber, überfiel unſere waffenloſe Mannſchaft, und errang einen leichten, unblutigen Sieg. Da mir die Hälfte des ganzen tyrannenfeindlichen Heeres anvertraut war, ſo beſchloß ich, eher zu ſterben, als vom Platze zu weichen. Jch kämpfte mit allen Kräften, beſchwor die Soldaten Stand zu halten, wich und wankte nicht; fiel aber zuletzt mit einem Speere in der Schulter zu Boden.

Die Piſiſtratiden wurden Herren von Athen 90). Jch floh nach Halikarnaß, meiner zweiten Heimat, wohin mich meine Frau mit unſeren Kindern begleitete, erhielt den Ruf als Oberſter der Söldner in Aegypten, weil mein Name wegen eines Pythiſchen Sieges und kühner Kriegs - thaten bekannt war, machte den Feldzug auf Kypros mit, theilte mit Ariſtomachos den Ruhm, die Geburtsſtätte der Aphrodite für Amaſis erſtritten zu haben, und wurde end - lich Oberbefehlshaber aller Söldner in Aegypten.

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Meine Frau ſtarb im vorigen Sommer; die Kinder, ein Knabe von elf und ein Mädchen von zehn Jahren, blieben bei ihrer Muhme in Halikarnaß. Auch dieſe ver - fiel dem unerbittlichen Hades. Nun habe ich die Kleinen vor wenigen Tagen hierher beſtellt; dieſelben können aber nicht vor Ablauf dreier Wochen zu Naukratis eintreffen und würden ſchön abgereist ſein, ehe ſie ein Gegenbefehl erreichen möchte.

Jn vierzehn Tagen muß ich Aegypten verlaſſen, und vermag darum die Kinder nicht ſelbſt zu empfangen.

Jch habe beſchloſſen, mich nach dem thrakiſchen Cher - ſonnes zu begeben, wohin mein Oheim, wie Du weißt, von dem Stamme der Dolonker 91) berufen worden iſt. Dorthin ſollen auch die Kinder nachkommen. Korax, mein alter, treuer Sclave, wird in Naukratis bleiben, um die Klei - nen zu mir zu bringen.

Willſt Du zeigen, daß Du in der That meine Freundin biſt, ſo empfange ſie, pflege derſelben, bis ein Schiff nach Thrakien ſegelt, und verbirg ſie ſorgfältig vor den Blicken der Spione des Thronerben Pſamtik. Du weißt, daß mich dieſer tödtlich haßt