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Handbuch der Naturgeschichte.
Mit Kupfern.
Multa fiunt eadem sed aliter. (qvintilian.)
Göttingen, bey Johann Christian Dieterich,1779.
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Ex Bibliotheca Acad. Georgiæ Augustæ

[III]

Vorrede.

Der Zweck des gegenwärtigen Werks scheint deutlich genug, um keiner weitern Erläuterung zu bedürfen. Es war nemlich um ein Handbuch zu thun, was den ersten Umriß der allgemeinen und besondern Naturgeschichte zugleich umfassen sollte. Jene hat allerdings ihre eigne Vorzüge, und es ist auch gesagt worden, sie sey für Anfänger allein zu - reichend. Aber es scheint dem grossen Haufen der Dilettanten, für die doch hier am meisten gesorgt werden muß, interes -[IV] santer, die besondre Geschichte des Men - schen, des Elephanten, der Polypen, die Oekonomie eines Bienenstocks u. s. w. zu wissen, als sich mit den abstracten Leh - ren von den allgemeinen Eigenschaften der Naturalien allein zu begnügen. Nur muß man unter specieller Geschichte keine blose trockne Registratur der Gattungen und ihrer Charaktere verstehen. Das Lin - neische Systema Naturae und änliche In - ventarien unsrer neuen Faunisten und Floristen haben ihre großen Verdienste, aber wol schwerlich Reiz genug, einen jungen Menschen aufzumuntern, sich mit der Natur und der Kentniß ihrer Ge - schöpfe in etwas vertraut zu machen. Es[V] ist daher meine Absicht gewesen, sowol die allgemeinen Grundsätze der Naturge - schichte überhaupt, als auch das anzüg - lichste aus der Geschichte der merkwür - digsten Geschöpfe insbesondere, in diesen Bogen zu vereinigen. Ich pflichte voll - kommen den erhabnen Begriffen von ei - nem Compendium bey, die einer der wei - sesten Menschen, Bacon von Verulam davon hegte, daß es nemlich der kernige Inbegriff der wichtigsten Wahrheiten ei - ner Wissenschafft seyn sollte, die als reine narhafte Quelle für die Zeitgenossen, und in Zukunft fürs Archiv der Litteratur noch als ächte Urkunde dienen sollte, wie hoch man zu damaliger Zeit in der Wis -[VI] senschaft gestiegen sey. Ich würde mich daher schwerlich an ein Werk von einer so ernsten und wichtigen Bestimmung ge - wagt haben, wenn nicht theils schon mein Beruf, nemlich die Bearbeitung der theo - retischen Medicin, und deren ihre nahe Verwandschaft mit dem Studium der übrigen Natur, und dann auch die mir übertragne Unteraufsicht des Akademischen Musei, die Hoffnung in mir erregt hätten, dieser Arbeit einigermasen entspre - chen zu können. Besonders hat mich die Benutzung dieses Musei, das vielleicht von manchem an äusrer Pracht oder Grösse, aber schwerlich von einem an in - nerer Brauchbarkeit und der durch lange[VII] Jahre und Kosten und Kennerfleis, und mit einem seltnen Glücke gesammleten Menge der instructivsten Stücke, über - troffen wird, in den Stand gesetzt, die Natur nicht blos aus Büchern, sondern aus ihr selbst studiren zu können. Es ist nicht anders möglich, als daß ich bey die - sen Subsidien vieles neues sehen mußte. Gleichwol bin ich immer ungern und nie anders von Linne und andern berümten Männern abgegangen, als wenn ich der Warheit schlechterdings eine solche Tren - nung schuldig war. Es ist noch manches stehen geblieben, wogegen sich wol meine Ueberzeugung empörte: aber ich wollte lieber, daß man einen alten Irthum auch[VIII] einst noch in meinem Buche rügen sollte, als daß ich in den, der Warheit und den Wissenschaften weit gefährlichern Fehler verfallen wollte, eine richtige Lehre aus Neuerungssucht durch Zweifel verdächtig zu machen. Darum ist auch unter den manchen abweichenden neuen Lehren, die ich in diesem Buche vortrage, keine ein - zige, von deren Zuverlässigkeit ich mich nicht durch widerholte Versuche und eigne Erfahrungen vergewissert hätte. Die Cha - ractere der Geschlechter und Arten habe ich lateinisch angegeben, theils der Kür - ze wegen, theils auch um dadurch den trocknen Theil des Buchs vom anmu - thigern sogleich zu unterscheiden. Je -[IX] ner ist für Leute vom Metier, die doch La - tein verstehen werden, und um reine Regi - stratur zu halten, immer nothwendig; aber er ennuyirt die blosen Liebhaber, die sich um jene kunstmäsige Definitionen, nicht zu bekümmern brauchen, und in der wenigen Zeit die sie von ihren Berufsgeschäften zum Vergnügen auf Naturgeschichte ver - wenden, nur das Unterhaltendste der Wis - senschaft verlangen. Denn so wie ich zwar glaube, daß einige Kenntnis der Natur allen gebildeten Menschen manchen wesentlichen Nutzen und viele Unterhal - tung verschaffen kan, so gewis soll sie doch auch bey den allermehresten loses Nebenwerk und Erholungsstudium blei -[X] ben, aber nicht für die basis aller mensch - lichen Kenntnisse verschrien werden, und am wenigsten etwa Humaniora u. a. so - lide Grundwissenschaften verdrängen. Ich habe so gedrungen zu schreiben gesucht, als es der Deutlichkeit ohnbeschadet ge - schehen konnte, wenigstens immer die un - erträglich langweilige Weitläufigkeit ver - mieden, womit so manche Werke zur Naturgeschichte durchwässert sind, und die sich nur durch Unfähigkeit wie bey illiteratis (die doch für ihren guten Wil - len Dank verdienen) oder durch häus - liche Bedrängnisse entschuldigen läst. Nur in den ersten Blättern die eine Art Einleitung seyn sollten, bin ich in etwas[XI] umständlicher gewesen. Ueberhaupt habe ich meinem Buche den Zuschnitt gege - ben, daß es sowol als Handbuch für je - den Liebhaber, als auch zur Grundlage bey Vorlesungen dienen kan. Es ist zur letzten Absicht geschmeidig genug, und hoffentlich wird sich kein Lehrer in Ver - legenheit finden, im mündlichen Vortrage noch gnug zusetzen zu können. Was noch von Pflanzen und Mineralien ge - sagt werden soll, wird wenig an Bogen betragen. Von jenen versteht sich, blos das allgemeine; denn nur die Namen der Pflanzen-Geschlechter anzuzeigen, ist eine sterile Arbeit, und sich in Geschichte der Gat - tungen einzulassen, gehört fürs weite Feld[XII] der Botanik. Den Citationsprunk habe ich vermieden, und nur hin und wieder etwa ein anatomisches Werk oder eine andere von Naturforschern vielleicht bis - her übersehene Quelle angegeben. Den Thieren die sich in Deutschland finden, habe ich ein vorgesezt: So hat man zu - gleich eine Art Fauna Germanica, ohne daß ich doch bey jedem widerholen durfte daß es Landsleute wären. Ein * am Ende des Charakters bedeutet, daß ich das ganze Thier im academischen Museo oder sonst gesehen habe. Göttingen, den 24. Apr. 1779.

Blumenbach.

[XIII]

Einige Druckfehler die zum Theil abgeschmack - ten Sinn geben, daher sie der Verfasser vor dem Gebrauch des Buches, abzuändern bittet.

S. 5. Z. 10. statt einige, lies innige. S. 23. Z. 14. st. neugebohrne l. ungebohrne. S. 113. Z. 3. vom Ende wiederum st. neugebornen l. ungebornen. S. 116. Z. 4. vom Ende st. bisweilen l. bey weiten. S. 117. Z. 16. st. Schneelaurinnen l. Schneelauwinnen. Und Z. 21. st. diese l. tiefe. S. 119. Z. 15. st. Geschlecht. l. Thiers Geschichte. S. 123. Z. 12. v. E. st. Tamhirsch l. Tannhirsch. S. 125. Z. 11. st. seinem l. seinen. S. 142. Z. 9. st. spiritales l. spi - rales. S. 158. Z. 8. st. May l. Aprils; und Z. 9. st. Aprils Mays. S. 185. Z. 15. st. percuopterus l. percnopterus. S. 218. lezte Z. st. 1674. l. 1574. S. 240. Z. 6. v. E. st. de l. La. S. 406. Z. 8. st. gute l. eigentlich. S. 407. Z. 6. st. herabsteigen l. herabstürzen.

Verbesserungen und Zusätze.

S. 51. Z. 13. die Worte: sind stumme; andre, wie werden ausgestrichen.

S. 143. Z. 4 v. E. st. Junius u. Julius l. May und Junius.

S. 153. Z. 14. Wir haben seit den Abdruck jenes Bogens, unsre Untersuchung der Luftbehälter bey Vögeln wei - ter verfolgt: und halten es für eine Hauptbestim - mung der Zellen im Unterleibe, daß sie die Auslee - rung des Unraths befördern, und dadurch den Man - gel eines fleischigen Zwerchfells ersetzen sollen.

S. 208. soll die 13te Zeile heisen: Schlangen, Fröschen und Kröten.

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1

Erster Abschnitt. Von Naturalien überhaupt; ihrer Eintheilung in drey Reiche u. s. w.

§. 1.

Alle Dinge, die sich auf, und in unsrer Erde finden, zeigen sich entweder in derselben Gestalt, in welcher sie aus der Hand der Natur gekommen; oder so, wie sie durch Menschen oder Thiere, zu bestimmten Absichten, oder auch durch bloßen Zufall verändert und gleichsam umgeschaffen worden sind. Auf diese Verschie - denheit gründet sich die bekannte Eintheilung2 aller Körper in natürliche (naturalia), und durch Kunst verfertigte (artefacta). Die erstern machen den Gegenstand der Naturge - schichte aus, und man belegt alle Körper mit dem Namen der Naturalien, die nur noch keine wesentliche Veränderung durch Menschenhände erlitten haben; Da hin - gegen die mehresten von denen so der Zufall um - geändert hat, und beyläufig auch diejenigen so durch die Thiere nach ihren Trieben und zu Stil - lung ihrer Bedürfnisse verändert und umgebil - det worden, mit unter den Naturalien begrif - fen werden. Artefacten werden sie blos als - dann, wenn der Mensch*)Ars, sive additus rebus homo. baco de verulam. L'art en général est l'industrie de l'homme appliquée par ses besoins, ou par son luxe, aux productions de la Nature. diderot. wesentliche Ver - änderungen mit ihnen vornimt. Man rech - net z. B. die schwammichte Rinde einer Art Maulbeerbäume (Morus papyrifera) oder die äussere Schaale einer Cocosnuß doch zu den Na - turalien, wenn gleich beyde durch Menschen vom Stamme oder von der Nuß, die sie um - kleideten, abgelöst worden. Die dadurch mit ihnen vorgenommene Veränderung ist nicht Wesentlich genug, um sie deshalb zu Artefak - ten zu machen. Dies werden sie aber, und sie verlieren folglich den Namen von Naturalien, wenn die Chinesen aus jener Rinde Papier, und3 die Utaheiten ihre feinsten Zeuge daraus verfer - tigen, und wenn man in ganz Ostindien aus der Cocusnuß-Schaale Stricke dreht. Wenn der Blitz in sandichten Boden schlägt, schmilzt er oft den Sand zu Glas, wie wir selbst derglei - chen milchweiße Glaßtropfen vor uns liegend haben: und ähnliche Glaßstückchen zeigen sich auch gemeiniglich in den Laven der feuerspeyen - den Berge. Beyderley gehören zu den Natu - ralien, da sie zufälligerweise von himmli - schem und unterirdischem Feuer gezeugt worden: Da hingegen das Glas, was der Mensch aus ähnlichen Ingredienzen verfertigt, blos deswe - gen, weil es seiner Hände Werk ist, Artefakt heist. Die Holzzasern, die die Wespen zu ihrem Nesterbau verarbeiten, werden auch selbst in die - ser Gestalt, nach einer sehr wesentlichen Verän - derung mit zu den Naturalien gezählt: da hinge - gen die Papier-Proben, die man auf ähnliche Weise in neuern Zeiten aus Holzspänen verfertigt hat, ohne Widerrede Artefakten heisen. Diese Ver - schiedenheit zwischen so verwandten Produkten, reducirt sich blos darauf, daß das eine durch Wespen, das andere durch Menschen - hände verfertigt worden. So faßlich indeß diese Hintheilung aller Körper scheint, so wenig hält sie doch eine strengere Analyse aus. Es lassen sich eben so wenig absolute Grenzen zwi - schen Natur und Kunst bestimmen, als irgend eine Logik des Erdbodens das relative in den4 Begriffen von wesentlich und zufällig, wor - auf doch im gegenwärtigen Fall so vieles an - kommt, aufzuheben, und eine Scheidewand zwi - schen beyden festzusetzen, vermocht hat. Nichts desto weniger wird man sich aber auch sehr leicht, und der ganzen Eintheilung unbeschadet, über den Gesichtspunkt vergleichen können, aus wel - chem man diesen oder jenen zweydeutigen Kör - per ansehen will, und nach welchem er etwa mehr Anspruch auf Natur oder auf Kunst ma - chen könnte.

§. 2.

Alle und jede natürliche Körper zeigen, in Rücksicht ihrer Entstehung, ihres Wachs - thums, und ihrer Structur, eine doppelte Verschiedenheit. Die einen nemlich sind alle - mal von andern natürlichen Körpern ihrer Art hervorgebracht; ihre Exsistenz setzt in einer un - unterbrochenen Reihe bis zur ersten Schöpfung hinauf immer andere dergleichen Körper voraus, denen sie ihr Daseyn zu danken haben. Zwey - tens nehmen sie allerhand fremde Substanzen als Nahrungsmittel in ihren Körper auf, aßimili - ten sie den Bestandtheilen desselben, nnd beför - dern dadurch ihr Wachsthum von innen (in - nige Aneignung, intus susceptio). Diese bey - den Eigenschaften setzen drittens von selbst eine besondere Structur bey dieser Art von natürli - chen Körpern voraus. Sie müssen nemlich,5 wenn sie anders ihres gleichen hervorbringen, und Nahrungsmittel zu sich nehmen sollen, man - cherley Gefäße und Organe in ihrem Körper ha - ben, die zur Aßimilation dieser Alimente, zur Er - zeugung ähnlicher Körper ihrer Art u. s. w. nothwendig sind. Dies alles fehlt bey den natür - lichen Körpern der andern Art. Beydes, so - wol ihre Entstehung, als ihr Wachsthum, wenn man es gar nur Wachsthum nennen darf, ist sehr zufällig, wird keineswegs durch[innige] An - eignung, sondern lediglich durch Anhäufung oder Ansatz von aussen (Sammlung, aggregatio) bewirkt; und sie bedürfen folglich auch keines so zusammengesetzten Körperbaues, keiner sol - chen Organe, als die Eigenschaften der natürli - chen Körper der ersten Art unumgänglich erfo - derten. Jene heisen deshalb organisirte, die letztern unorganisirte Körper, oder Mine - ralien.

§. 3.

Endlich sind nun auch die organisirten Körper selbst, theils in der Art wie sie ihre Nah - rungsmittel zu sich nehmen, theils in Rücksicht ihrer Bewegung, sehr augenscheinlich verschieden. Manche ziehen einen bloßen Saft durch zahlrei - che kleine Oefnungen, die sich an einem Ende ihres Körpers befinden, in sich: da hingegen an - dere eine einfache, aber nach Proportion grös - sere Oefnung an sich haben, die zu einem ge -6 räumlichen Schlauche führt, wohin sie ihre Ali - mente, die von sehr verschiedner Art sind, bringen; die aber alsdann erst noch vielerley Veränderung erleiden müssen, ehe sie zur Nutrition geschickt werden. Diese letztern äussern zudem noch willkürliche oder eigenthümliche Bewe - gung ihrer Gliedmaßen, die den erstern völlig mangelt. Jenes sind die Pflanzen, dieses die Thiere.

§. 4.

Diese sehr faßliche Eintheilung der na - türlichen Körper in organisirte und unorgani - sirte (§. 2.), und der organisirten wieder unter sich (§. 3.), ist nun der Grund der bekannten drey Reiche, worein man alle Naturalien sehr schick - lich classificirt hat, und wovon das erste die Thiere, das zweyte die Pflanzen, das dritte die Mineralien begreift. Die Thiere sind, nach dem was oben gesagt worden, organisirte Kör - per, die erstens willkührliche Bewegung besitzen, und zweytens ihre Alimente durch den Mund in den Magen bringen, wo der nahrhafteste Ex - tract davon abgesondert und zur Nutrition ver - wandt wird. Die Pflanzen sind zwar eben - falls organisirte Körper, denen aber die willkühr - liche Bewegung gänzlich mangelt, und die zwey - tens ihren Nahrungssaft durch Wurzeln einsau - gen, nicht so wie die Thiere ihre Speisen durch eine besondere einfache Oefnung zu sich nehmen. 7Die Mineralien endlich sind unorganisirte Körper, die blos dadurch entstehen, daß ein - fache Theile durch Ansatz von aussen zusammen gehäuft, und mit einander verbunden werden, ohne daß sie die mindste Nahrung, weder durch einen Mund wie die Thiere, noch durch Wur - zeln wie die Pflanzen, in sich bringen, und so ihr Wachsthum durch innige Aneignung bewir - ken könnten.

§. 5.

Man hat sonst die Thiere und Pflanzen durch andere als die angezeigten Charaktere zu unter - scheiden gemeint. Die Pflanzen, sagte man, sind organisirte Körper die den Ort ihres Aufent - halts nicht verändern können, weil sie eingewur - zelt sind; da hingegen die Thiere allerdings diese Fähigkeit ihren Standpunkt zu wechseln (loco - motivitas) besitzen. Allein diese Kennzeichen sind unzulänglich. Von der einen Seite ken - nen wir sehr viele Pflanzen, die nichts weniger als eingewurzelt sind; und von der andern sehr viele Thiere, die eben so wenig auf locomotivitas An - spruch machen können. Eine Wasserlinse würde, im Fall sie willkürliche Bewegung besäße, sehr leicht ihren Aufenthalt ändern können, da hin - gegen eine See-Tulpe (Lepas balanus) so wie viele andere Thiere aus der Classe der Würmer, ihren einmal eingenommenen Platz nie von selbst wieder verlassen kann.

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§. 6.

Andere berühmte Männer haben, zumal ganz neuerlich, die Gränzen zwischen Thier - und Pflan - zen-Reich gänzlich aufzuheben getrachtet; indem sie sich auf organisirte Körper bezogen haben, die gleich viel Anspruch auf thierische und Pflan - zen-Natur machen könnten, die folglich mit Un - recht zu einem organisirten Reiche insbesondere gezählt würden, sondern die das Band zwischen beyden, und einen unmerklichen Uebergang vom einen zum andern, abgäben. Allein diese Ein - würfe verschwinden, sobald man sich über die Eigenschaften vergleicht, die man zu einem Thier oder zu einer Pflanze erfodert. Wir haben uns erklärt, was wir für Begriffe mit Animalität oder Vegetabilität verbinden, und so ist unserm Bedünken nach alle Zweydeutigkeit und Unge - wißheit über diese Punkte gehoben. Der Po - lype läßt sich durch Zweige fortpflanzen, wie eine Weide; aber muß er nun deswegen gleich zur Pflanze, oder doch zum Mittelding zwischen ihr und einem Thiere gemacht werden? Er ver - schlingt seine Würmchen durch eine große Oeff - nung die an seinem Körper ist, und zieht seine Nahrung nicht durch Wurzelzäserchen in sich; er hat willkürliche Bewegung, so gut als irgend ein Thier des Erdbodens; und das ist uns ge - nug, um ihm seine Animalität zu vindiciren, und zu behaupten, daß er mit gleich wenig Recht Pflanze oder Stein genannt werden dürfe. Erst9 vor kurzem hat man sich einiger Mooße, beson - ders der gallertigen Wasserfäden (Conferva ge - latinosa) zu Aufhebung des Unterschieds zwi - schen Thier und Pflanze bedient, indem man an diesen Gewächsen, die ganz augenscheinlich durch Wurzeln ernährt werden, doch eine willkürliche Bewegung wahrzunehmen geglaubt hat. Al - lein wir haben schon mehrere Sommer hindurch an verschiedenen Varietäten dieser Wasserfäden, die sich in der Nachbarschaft von Göttingen fin - den, mit aller uns möglichen Behutsamkeit, und theils unter den Augen sehr vieler Zeugen, Ver - suche angestellt, ohne auch nur die geringste Spur von eigenthümlicher Bewegung an diesem merk - würdigen Mooße zu bemerken. Die mindste Bewegung eines kleinen Würmchens, was etwa zugleich mit diesem Mooße im Wasser ist, oder der mindste Hauch auf die Oberfläche des Was - sers, setzen freylich das ganze gallertige Gewächs in Erschütterung; aber diese consensuelle Bewe - gung ist doch wohl eben so wenig willkürlich zu nennen, als die bekannten Erscheinungen an den sogenannten Fühlpflanzen, der Venus-Fliegen - Falle (Dionaea muscipula) u. s. w. die alle, so - wol als die gedachten Wasserfäden, in unsern Au - gen wahre Pflanzen, so wie die Polypen wahre Thiere, bleiben. Kurz, uns wenigstens ist noch kein Geschöpf bekannt, daß auf beyde organisirte Reiche gleich viel Anspruch machen dürfte; und schon a priori scheint uns die Exsistenz eines sol -10 chen Dinges gar nicht denkbar, was in dem Fall willkürliche Bewegung zugleich haben und nicht haben müßte. Aber das ist eine andere Frage, ob wir nicht zuweilen auf organisirte Körper stossen, deren Eigenschaften noch so wenig ent - wickelt sind, daß man balanciren muß, zu wel - chem von beyden Reichen man sie rechnen soll. Von der Art sind in unsern Augen die Wasser - schwämme (Spongiae) und die Landschwämme (Fungi). Es scheint uns leichter gesagt als er - wiesen, daß jenes Thiere, dies Pflanzen seyn sollen. Hierzu aber würden wir des berühmten und ungemein verdienten Landdrosten von Münchhausen Mittel-Reich (Regnum neu - trum) recipiren. Nicht daß es vermeinte Bin - dungs-Glieder zwischen beyden organisirten Rei - chen enthalten solle; sondern daß man die noch nicht genug untersuchten, und pro und contra bestrittenen Körper ad interim dahin deponirte; bis ihre Natur durch die Bemühung der After - welt näher bestimmt, und ihnen ihr behöriger Platz in einem von beyden organisirten Rei - chen mit Zuverläßigkeit angewiesen würde.

§. 7.

Noch müssen wir endlich ein paar Worte über die bekannten Bilder von Ketten und Lei - tern und Netzen, die man der Natur angepaßt hat, sagen. Auch durch sie hat man neuerlich die Stützen der bestimmten Naturreiche zu un -11 tergraben gesucht. Man hat nemlich den Satz: Die Natur thut keinen Sprung, über den schon der große Leibnitz viel wahres und schö - nes gesagt hat, den Bradley nachher (auf Addison's Anrathen) in einem eignen Werke, aber ziemlich unvollständig und trocken, Bon - net ungemein scharfsinnig, und Robinet ganz abentheuerlich behandelt haben, dahin gedeutet: daß alle erschaffene Wesen, vom vollkommensten bis zum Atom, vom Engel bis zum einfachsten Elemente, in einer ununterbrochnen Reihe, wie Glied an Glied in einer Kette, zusammenhin - gen; daß sie in Rücksicht ihrer Bildung und Ei - genschaften stufenweise, aber doch so unmerk - lich auf einander folgten, daß durchaus keine an - dre, als eine sehr willkürliche, sehr imaginäre Abtheilung in Reiche oder Classen und Ordnun - gen ꝛc. bey ihnen statt finden könne. Dieses Räsonnement scheint wirklich auf den ersten Blick ganz richtig. Die Idee von Stufenfolge in der Natur ist eben so alt als artig. Wir selbst haben sie von je her für eine der interessant - sten Speculationen in der Natürlichen Philoso - phie gehalten. Sie kann auch sehr wesentlich nutzbar werden. Sie ist, beym Lichte betrachtet, der wahre Grund eines natürlichen Systems in der Naturgeschichte, das der große, aber noch meist unbefriedigte Wunsch, aller Naturforscher ist, und nach welchem man die natürlichen Kör - per nach ihrer grösten Verwandschaft zusammen12 ordnen, die ähnlichen verbinden, die unähnli - chen von einander entfernen soll. Jedes natür - liche System sollte eigentlich eine Art Bonneti - scher Leiter seyn, und das ganze Studium der Naturgeschichte würde ungemein gewinnen, würde gar sehr erleichtert werden, wenn die Sy - stematiker nach diesem Plane arbeiteten, sich weniger willkürliche Charaktere abstrahirten, nach welchen sie die Naturalien rangiren ꝛc. Aber alles dies herzlich gerne zugegeben, dürfen doch die Leitern und Ketten, der guten Sache der bestimmten Naturreiche, und der Classification der Naturalien, bey weitem keinen Eintrag thun. Die passendste Allegorie kann matt werden, kann in eine Spielerey ausarten, wenn sie zu weit getrieben wird. Und das ist in der That bey den eben angeführten zu befürchten. Es ist un - terhaltend, es ist, wie wir so eben selbst gesagt haben, nutzbar, wenn der Naturforscher die Creaturen nach ihrer nächsten Verwandschaft un - ter einander ordnet, an einander kettet u. s. w. Aber es scheint uns von der andern Seite eine schwache, und der Allweisheit des Schöpfers unanständige Behauptung, wenn man im Ernste annehmen wollte, daß auch Er bey der Schöpfung einen solchen allegorischen Plan be - folgt, und die Vollkommenheit seiner großen Handlung darein gesetzt hätte, daß er seinen Crea - turen alle ersinnliche Formen gäbe, und sie folg - lich vom obersten bis zum untersten ganz regel -13 mäßig stufenweis auf einander folgen liesse. Man würde lächeln, wenn jemand den Vorzug bey der Einrichtung eines Hauses darinn suchte, daß die Meublen darinne alle von verschiedner Gestalt oder Größe wären, und sich auch, so wie die an - gebliche Kette der natürlichen Körper, unter eine gleiche Stufenfolge bringen liessen. Die Voll - kommenheit in der große Haushaltung der Mut - ter-Natur ist, so wie bey der kleinsten Oekonomie einer Familie, in ganz andern Vorzügen zu su - chen. Daß Gott in seiner Schöpfung keine Lücke gelassen hat, daß dieses unermeßliche Uhr - werk nirgend stockt, sondern im ununterbroch - nen Gange, im beständigen Gleichgewicht er - halten wird, davon liegt der Grund wohl schwer - lich darinne, weil der Orangoutang den Ueber - gang vom Menschen zum Affen machen, oder weil die Vögel durch die Fledermäuse mit den vierfüßigen Thieren, und durch die fliegenden Fische mit den Fischen verbunden seyn sollen: sondern weil jedes erschaffne Wesen seine Be - stimmung, und den zu dieser Bestimmung er - foderlichen Körperbau hat; weil kein zweckloses Geschöpf exsistirt, was nicht auch seinen Bey - trag zur Vollkommenheit des Ganzen gäbe. Das machts, daß die Schöpfung ihren Gang geht, und daß noch kein Weiser, irgend einer Zeit oder eines Volks, in ihr eine Lücke hat antreffen kön - nen. Kette der Natur, die suchen wir nicht in der gradativen Bildung ihrer Körper, nicht14 darinn, daß der eine, Thier und Pflanze, und ein andrer Pflanze und Stein verknüpfen soll; son - dern in den angewiesenen Geschäften der Glie - der dieser Kette, wie Glied und Glied nicht nach ihrer Form, sondern nach ihrer Bestimmung in einander greifen u. s. w. Bey dem ewigen Cir - kel von unermeßlich weiser Einrichtung, da die Pflanzen ihre Nahrung aus der Erde ziehn, und nachher Menschen und Thieren, und ein Thier dem andern, zur Nahrung dienen, und da am Ende Menschen und Thiere und Pflanzen wieder zur Erde werden; bey diesem großen Cirkel braucht die Vernunft keine Bindungsglieder vorauszusetzen, die diese Geschöpfe so verschied - ner Art in Rücksicht ihrer Bildung verknüpfen müßte; so wie uns auch die Erfahrung bis jetzt noch keine natürliche Körper kennen gelehrt hat, die mit Recht auf den Namen solcher Bin - dungsglieder zwischen den drey Naturreichen Anspruch machen dürften.

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Zweyter Abschnitt. Von den organisirten Körpern überhaupt.

§. 8.

Es scheint beym Vortrag der N. G. ziemlich willkürlich, ob man die unorganisirten oder die organisirten Körper zuerst abhandle. Doch dünkt es uns schicklicher, mit dem Menschen, und den ihm zunächst verwandten Thieren anzufan - gen, dann zu den übrigen organisirten Körpern fortzuschreiten, und mit dem Mineral Reich zu beschliessen. Was ein organisirter Körper im Gegensatz vom unorganisirten, vom Mineral, sey, haben wir oben (§. 2.) bestimmt. Jetzt müssen wir die allgemeinen Eigenschaften dieser Körper, die Eigenschaften, die der Mensch und die Käse-Milbe, die Ceder und der Schimmel mit einander gemein haben, näher beleuchten.

§. 9.

Jeder organisirte Körper entsteht, lebt, und stirbt ab. Das sind die drey großen Revolutionen, welche die Exsistenz eines je - den Thiers oder jeder Pflanze unumgänglich vor -16 aussetzt, sie mögen nun wie der Baobab (Adan - sonia) und die Eiche ein Alter von Jahrtausen - den erreichen, oder wie mancher Schimmel alle diese Rollen in wenigen Tagen absolviren; und wenn sie auch selbst in der Geburt erstickt - ren, so setzt doch ihr augenblickliches Daseyn Entstehung, Leben und Tod voraus; die man sich als eben so verschiedne Epochen oder Revo - lutionen ihrer Exsistenz denken muß. Jedes Thier und jede Pflanze haben von der andern Seite auch drey große Bestimmungen, die sie schon als organisirte Körper, ohne Rücksicht auf ihre übrigen Funktionen, und auf den Beytrag den sie zur Vollkommenheit des Ganzen thun, erfül - len müssen; nemlich: sich nähren, wachsen und ihres gleichen zeugen. Die beyden er - sten sind eben so absolut als jene Revolutionen; nur die dritte ist conditional. Das Leben eines organisirten Körpers mag noch so kurz, noch so augenblicklich seyn, so hätte es doch nicht ohne Nahrung dauren können, und diese Ernährung hat Wachsthum zur Folge, sollte dies auch gleich noch so unmerklich gewesen seyn; die dritte Be - stimmung hingegen, oder die Fähigkeit seines gleichen zu zeugen, kommt dem organisirten Kör - per nur bedingungsweise zu. Denn erstens giebt es ganz ungezweifelt Thiere, die gebohren werden, sich nähren, wachsen, alle Rollen ihres Lebens ganz natürlich spielen, und am Ende wieder absterben, ohne auch nur den Beruf oder17 die Fähigkeit zu haben, diese dritte Bestimmung eines organisirten Körpers zu erfüllen: wohin z. B. die Arbeitsbienen gehören. Zweytens aber wird auch das Zeugungs-Geschäfte, bey denen organisirten Körpern die alle Fähigkeiten dazu besitzen, doch nur in einem bestimmten Alter ihres Lebens vollzogen, dahingegen Ernährung und Wachsthum (letzteres nemlich im weitläuf - tigen Sinn genommen) lebenswierig dauern. Die also vor dem bestimmten Alter absterben, können diese Bestimmung gar nie erfüllen, und die es überleben, sind auch nachher unvermögend dazu. Drittens endlich, so kommen, zumal bey den Thieren, des behörigen Alters und der Fähigkeit ohngeachtet, doch oft zufällige Ursa - chen hinzu, die sie dennoch zur Ausübung dieses Berufs unfähig machen.

§. 10.

Die Entstehung der organisirten Körper ist, alles des großen Lichtes, was die Bemühun - gen der Neuern darüber verbreitet haben, ohn - geachtet, eine der schwierigsten Lehren der Phy - siologie. Wo der erste Grundstoff eines je - den Thiers und jeder Pflanze hervorkomme, und durch was für Kräfte dieser Stoff nachher aus - gebildet werde, sind beydes Probleme, deren Auflösung bis jetzt immer noch mit vieler Dun - kelheit bedeckt ist. Den ersten Stoff oder die Grundtheile des organisirten Körpers haben fast18 alle Alten, und neuerlich auch Büffon u. a.m. aus der Vermischung des männlichen Saa - mens mit dem weiblichen (dessen Exsistenz aber noch nicht einmal erwiesen ist) hergeleitet. Nachdem aber Ludwig von Hammen aus Danzig, im August 1677. zuerst die Würmgen im männlichen Saamen entdeckt hatte, so glaub - ten Leeuwenhöck, Börhaave, Chr. Wolff u. a. den ersten Stoff eben in diesen Saamen - Thiergen zu finden. Allein sie haben neuer - lich sehr viel von ihrem Ansehen verlohren, nachdem man sie in vielen männlichen Thieren vermißt, und hingegen in tausend andern faulichten Säften ausser lebendigen Körpern, ähn - liche Würmgen (Infusions-Thiergen) vorgefun - den hat. Andere berühmte Männer haben endlich, nach den Erfahrungen über den Eyerstock der unbefruchteten Vögel, die Grundtheile der or - ganisirten Körper im weiblichen Ey gesucht. Besonders hat Herr von Haller aus diesen Erfahrungen Schlüsse gefolgert, die diese Lehre bey weitem mehr als blos wahrscheinlich machen.

§. 11.

Die Ausbildung dieses Grundstoffs zu erklären, ist man zwey Wege eingeschlagen, die beyde von sehr großen Männern betreten wor - den sind, deren jeder den seinigen zu verfechten, und die Richtigkeit des andern zu bestreiten, ge - trachtet hat. Diese Wege sind die, in der neuern Philosophie so berühmt gewordnen, Theorien der19 Epigenese und der Evolution. Die Epi - genese lehrt, daß der rohe Grundstoff (§. 10.) nach der Empfängnis oder Befruchtung all - mählig ausgebildet, und ein Theil des orga - nisirten Körpers nach dem andern geformt würde. Diese allmählige Bildung wahrscheinlich zu ma - chen, haben ihre Anhänger allerhand Kräfte angenommen, die dieses Geschäfte bewürken soll - ten. Die Spiritualisten haben die Seele zum Baumeister ihres Körpers machen wollen, Büf - fon hat sich innere Modelle im alten organi - sirten Körper ersonnen, von welchen der Grund - stoff des neuen, Abdrücke nehmen sollte; Herr Casp. Fr. Wolff hat zu seinem scharfsinnigen System eine gewisse vis essentialis aufgenommen, der er diese allmählige Ausbildung überträgt u. s. w. Die Theorie der Evolution hingegen nimmt an, daß in dem rohen Urstoff nicht erst ein Theil nach dem andern gebildet werde, son - dern, daß derselbe den ganzen Keim, den völli - gen Entwurf des organisirten Körpers in sich fasse, daß folglich alle Keime der organisirten Körper in ihren Vorfahren bis zur ersten Schö - pfung hinauf gleichsam eingeschachtelt, und in einen unthätigen Schlaf versenkt gelegen hätten, und daß diese Keime bey der Befruchtung durch den Reiz des männlichen Saamens nur ermun - tert, und so zu ihrer fernern Entwickelung angetrieben würden.

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§. 12.

Diese Lehre von der Entwickelung des, lan - ge vor der Befruchtung, vorräthig liegenden Keims, hat durch die Erscheinungen an den Blattläusen, am Kugelthier, am Leich der Frö - sche, besonders aber durch die unzählichen und äusserst genauen Beobachtungen des Herrn von Haller am Hünchen im Ey, ein sehr starkes Gewicht erhalten. Dem Hallerischen System zufolge liegt der Keim des neuen organisirten Körpers im Ey der Mutter eingewickelt, und der männliche Saame trägt zur Erzeugung wei - ter nichts bey, als daß er durch seinen Reiz die - sen Keim zur Entwickelung antreibt, und einige wenige Veränderung in Bildung der Frucht zu bewürken vermag. Doch möchte, unserm Be - dünken nach, der Antheil des männlichen Saa - mens an Bildung der Frucht wohl größer seyn, als er gemeiniglich angegeben wird. Die Er - zeugung der Bastarde, die sechsfingrichten Fa - milien der Kalleja und Bilfinger, besonders aber die Beyspiele so vieler Gattungen von Thie - ren, bey welchen die beyden Geschlechter von gänzlich verschiedner Bildung sind (wie die Schildläuse u. a.m.), scheinen unsre Vermu - thung allerdings zu begünstigen.

§. 13.

Die Alten, die den Gebrauch der Mikroskope verkannten, und denen so viele andre von unsern21 Subsidien mangelten, nahmen bey der Zeugung kleiner organisirter Körper, zumal des sogenann - ten Ungeziefers, ihre Zuflucht zur Entstehung aus Fäulniß, zur generatio aequivoca. Die bekannte Erfahrung, daß Fäulniß die Vermeh - rung solcher Thiere, auch des Schimmels ꝛc. befördere, konnte sie freylich auf diesen Fehl - schluß leiten. So verfänglich es nun zwar heu - tiges Tages ist, und so wenig wir also geneigt sind, der generatio aequivoca das Wort zu reden, so dünkt sie uns doch öfterer verlacht als gründ - lich widerlegt zu seyn. Die gewisse Wahrheit, daß manche Gattungen von Würmern sich blos in andern thierischen Körpern finden; und daß sie gänzlich von denen verschieden sind, die sich auch ausser andern Thieren im Wasser aufhalten, ist uns immer aus dieser Rücksicht bedenklich ge - wesen. Am wenigsten wissen wir uns die Er - zeugung der kleinen Spulwürmer zu erklären, die Bald. Ronßeus und der seel. Brendel bey ungebohrnen Thieren vorgefunden haben. Wir selbst haben junge Hunde, wenige Stunden nach ihrer Geburt zergliedert, und ihren ganzen Darm - kanal mit unzähligen Bandwürmern gefüllt gesehn.

§. 14.

Sowol durch eine fehlerhafte Anlage des Keims, als auch durch Zufall bey seiner Ent - wickelung, wird zuweilen ein organisirter Kör -22 per zur Mißgeburt verunstaltet. Nach dem Sprachgebrauch versteht man unter Misge - burt: eine widernatürliche, angebohrne, leicht in die Augen fallende Verunstaltung in Bil - dung äusserer, grösserer Theile. So unzählich diese Mißgestalten seyn können, so lassen sie sich doch alle auf vier Hauptclassen reduciren.

1. M. G. mit widernatürlicher Bildung ein - zelner Glieder. Fabrica aliena. Wohin auch die blos getrennten Theile, (wie Ha - senscharte) und die blos zusammen gewach - senen Theile gerechnet werden.

2. M. G. mit Versetzung oder widernatür - licher Lage einzelner Glieder. Situs mu - tatus.

3. M. G. denen ganze Glieder mangeln. Monstra per defectum.

4. M. G. mit überzähligen oder zum Theil unmäßig großen Gliedern. Monstra per excessum.

Daß nicht alle M. G. durch Zufall entstehn, sondern daß ein großer Theil von ihnen schon im ersten Entwurfe des Keims monströs gebildet seyn müsse, wird besonders durch die Beyspiele der widernatürlich links gewundnen Schnecken, und durch die Zergliederungen der Mißgeburten aus der 4ten Classe erweislich.

23

§. 15.

Die Ernährung der organisirten Körper geht auf verschiedene Weise vor sich. Den Pflan - zen wird ihre Nahrung durch Wurzeln, die sich ausserhalb ihres Stammes am einen Ende desselben finden, zugeführt. Die Thiere hinge - gen haben, wie sich Börhaave ausdrückte, ihre Wurzeln innerhalb ihres Körpers. Sie bringen nemlich die Alimente durch den Mund in den Magen und Darmcanal, wo der nahr - hafte Theil durch unzählige Bläsgen und Röhr - gen, wie bey den Pflanzen durch Wurzeln, ein - gesogen und den Theilen des Körpers zugeführt wird. Viele[ungebohrne] Thiere werden auch ausserdem durch den Nabel ernährt; eine Art von Nutrition, die ebenfalls sehr viel Aehnlich - keit mit der Gewächse ihrer hat. Der brauch - bare Theil der Alimente wird der Substanz der organisirten Körper assimilirt; der überflüßige hingegen ausgedünstet; und bey den Thieren, die keinen so geläuterten Nahrungssaft wie die Pflanzen zu sich nehmen, auch durch andre Wege ausgeworfen.

§. 16.

Das Wachsthum der organisirten Kör - per ist die Folge ihrer Ernährung. Die meh - resten haben eine bestimmte Größe ihres Kör - pers; und wenn sie diese erreicht haben, so ist alsdann ihr ferneres Wachsthum bloßer Ersatz24 dessen, was nach und nach von der Maschi - ne abgenutzt wird. Der Mensch z. E. wächst gemeiniglich bis zum zwanzigsten Jahre zu einer Höhe von 6 Fuß; seine übrige Lebenszeit hin - durch wird blos das, was seinem Körper allmäh - lig abgeht, durch die fernere Ernährung wieder ersetzt. Dieser Abgang von der einen Seite, und sein Ersatz von der andern, sind doch aber so beträchtlich, daß man annehmen kann, der ganze menschliche Körper werde in Zeit von vier Jahren immer gänzlich erneuert, so daß wir heute wenig oder nichts von dem Körper mehr übrig haben, den unsre Seele vor vier Jahren bewohnte. Einige Thiere hingegen, wie die Cro - codille, die großen Wasserschlangen ꝛc. scheinen gar keine bestimmte Größe zu haben, sondern ihre ganze Lebenszeit hindurch in die Länge zu wachsen.

§. 17.

Zum Wachsthum der organisirten K. ge - hört auch ihre Reproduktion, oder die merk - würdige Eigenschaft, daß sich verlohrne Theile ihres Körpers von selbst wieder ersetzen. Sie gehört zu den weisesten Einrichtungen in der Natur, und sichert die Thiere und die Pflanzen bey tausend Gefahren, wo ihr Körper verletzt wird: sie ist folglich auch einer der grösten Vor - züge, wodurch die Maschinen aus der Hand des Schöpfers bey weitem über die grösten Kunst -25 werke der Menschen erhoben werden. Die Au - tomaten von Vaucanson und den beyden Ja - quet Droz, die in der That alles übertreffen, was menschliche Kunst in der Art noch hervorge - bracht hat, müssen doch darinn jedem natürlich organisirten Körper nachstehen, daß ihnen ihr Künstler keine Kraft mittheilen kann, ihre Trieb - federn und Räder, wenn sie verstümmelt und abgenutzt würden, von selbst wieder zu restitui - ren: eine Kraft, die hingegen jedem Thier und jeder Pflanze, nur in verschiedenem Maaße, bey - wohnt. Manche organisirte K. verlieren zu gewissen Zeiten, Theile ihres Körpers von freyen Stücken, die ihnen nachher wieder reproducirt werden; wohin das Abwerfen der Geweihe, das Mausern der Vögel, und das Entblättern der Pflanzen gehört. Aber ausser dem werden ihnen auch Theile ersetzt, die durch Zufall verloh - ren oder verstümmelt werden; eine Eigenschaft die man an den Pflanzen vorlängst bemerkt hat, und auf die man, zumal nach Trembley's Erfahrungen an den Polypen, nun auch im ganzen Thierreich attent worden ist. Der Mensch, und die ihm zunächst verwandten Thiere besitzen eine geringe, die Würmer hingegen, besonders die Polypen, die Seeanemonen ꝛc. eine unend - lich starke Reproductions-Kraft.

§. 18.

Nächst Ernährung und Wachsthum war die dritte Bestimmung der organisirten K. die,26 ihres gleichen zu zeugen (§. 9.). Zu diesem Ge - schäfte werden sie aber erst in einem bestimmten Alter tüchtig, und vollziehen es alsdann auf sehr verschiedne Weise. Bey den mehresten ist jedes Individuum für sich im Stande, sein Geschlecht fortzupflanzen; bey den übrigen hin - gegen müssen sich immer ihrer zwey, der eine männlichen, der andre weiblichen Geschlechts, mit einander begatten, wenn sie neue organisirte K. ihrer Art hervorbringen sollen. Die mannich - faltigen Arten der Vermehrung lassen sich doch füglich unter folgende vier Classen bringen.

I. Cl. Jedes Individuum vermehrt sich auf die einfachste Weise, ohne vorhergegangne Be - fruchtung: entweder durch Theilung wie manche Infusions-Thiergen; oder durch Sprossen wie die Arm-Polypen und viele Gewächse; oder so, daß das junge in eine Hülse (Ey der Thiere, Saame der Pflanzen) eingeschlossen ist, die der alte organisirte K. von sich giebt, u. s. w.

II. Cl. Jedes Individuum enthält dergleichen Hülsen; die aber bey den Pflanzen erst mit Blumen-Staub, und bey den Thie - ren mit männlichem Saamen, (der doch ebenfalls bey jedem organisirten Körper dieser Art vorräthig liegt) begossen werden müssen, ehe sich ein junges daraus ent - wickeln kann. Dies ist der Fall bey den27 mehresten Pflanzen, und bey wenigen Thie - ren, wie beym Kiefenfuß.

III. Cl. Ebenfalls beyde Geschlechter, wie bey den Hermaphroditen der vorigen Classe, in ei - nem Individuo verknüpft; doch daß keins sich selbst zu befruchten im Stande ist, son - dern immer ihrer zwey sich zusammen be - gatten müssen. Diese sonderbare Ein - richtung findet sich nur bey wenigen Thieren; wie nach Swammer - dams Bemerkung bey manchen Garten - Schnecken.

IV. Cl. Die beyden Geschlechter in separaten Individuis, von denen das eine die Hül - sen oder Eyer, das andere den befruchten - den Saft enthält. So die größern Thiere, und manche Pflanzen, wie die Weiden, der Hopfen ꝛc. Einige Thiere dieser Classe geben die Hülsen selbst von sich; das heist, sie legen Eyer, in welchen sich erst nach - her das Junge folgends ausbildet. Dies sind die Eyerlegenden Thiere (ovipara). Bey andern aber wird dies Ey so lange in der Gebährmutter zurück behalten, bis das Junge vollkommen entwickelt worden, und nun von seinen Hülsen befreyt, zur Welt kommen kann; Lebendiggebährende Thiere (vivipara).

28

NB. Wie gering der Unterschied zwischen Eyerlegen und Lebendiggebähren sey, erweisen die Beyspiele der Blattläufe und Federbusch-Polypen, die sich auf beyderley Weise fortpflanzen.

§. 19.

Die neuerzeugten organisirten K. sollten ei - gentlich ihren Vorfehren, und ihre Nachkom - men ihnen selbst vollkommen gleichen. Doch findet sich bey Thieren und Pflanzen derselben Art, sehr oft in Rücksicht ihrer Bildung, Größe, Farbe ꝛc. so viel Verschiedenheit, daß sie zuwei - len leicht für besondre Gattungen angesehn wer - den könnten. Solche Abweichungen nennt man Spielarten, Varietäten; und sie sind eine Folge der Ausartung, Degeneration, die aus verschiedenen Quellen hergeleitet werden muß.

§. 20.

Der kürzeste Weg zur Degeneration ist die Begattung organisirter Körper verschiedner Art; wodurch Bastarde (hybrida) erzeugt werden, die keinem von beyden Eltern vollkommen glei - chen, sondern vielmehr mit beyden zusammen Aehnlichkeit haben. Nach einer weisen Ein - richtung der Vorsehung sind diese Bastarde mehrentheils unfruchtbar; und nur wenige sind im Stande ihr Geschlecht weiter fortzupflanzen. Die Bastarden von Hänflingen und Canarien - vögeln, von Füchsen und Hunden, von ver - schiednen Gattungen Tabac ꝛc. sind allerdings29 fruchtbar. Hingegen können wir schwerlich glau - ben, daß man je aus der Vermischung von Ca - ninchen und Hünern, oder von Stieren und Stuten, auch nur unfruchtbare Bastarden gezo - gen habe, so wie folgends die von Menschen und Vieh, aus mehr als blos physischen Grün - den, absolut zu leugnen sind.

§. 21.

Die übrigen Ursachen der Degeneration wür - ken zwar langsam, aber kräftig. Wir rechnen dahin Einfluß des Himmelsstrichs, der Lebens - art, der Nahrungsmittel u. s. w. Kaltes Kli - ma unterdrückt das Wachsthum der organisirten K. und bringt auch weiße Farbe an ihnen her - vor. Drum sind die Patagonier groß, die Grönländer klein; die Neger schwarz, die Deut - schen weiß u.s.f. Was aber Lebensart, Cul - tur und Nahrung vermöge, davon sehn wir an unsern Hausthieren, und an den Pflanzen die in unsern Gärten künstlicher Pflege bedürfen, au - genscheinliche Beyspiele.

§. 22.

Nachdem die organisirten K. die Bestim - mungen ihres Lebens erfüllt haben, so geht die letzte Revolution (§. 9.) mit ihnen vor, sie ster - ben. Diese Revolution ereignet sich bey eini - gen nach einer langen, bey andern nach einer sehr kurzen Lebensfrist. Die wenigsten erreichen30 aber das Ziel was ihnen die Natur zum Laufe ihres Lebens vorgesteckt hat, sondern tausender - ley Zufälle verkürzen ihnen diesen Weg meist lange vor der bestimmten Zeit; und sie sind nur nach der Verschiedenheit ihres Körperbaues, bald mehr, bald weniger, gegen solche Unfälle gesichert. Ein Polyp pflanzt durch die Wunden sein Geschlecht fort, die eine Fliege tödten würden. Ein Fisch muß sterben, wenn er lange dem Was - ser entzogen wird; dahingegen ein Räder-Thier mehrere Sommer hindurch an der Sonne gedörrt werden kann, und dennoch wieder auflebt, so - bald man es nur nachher mit einem Tropfen sei - nes Elementes befeuchtet.

§. 23.

Nach dem Tode der Thiere und Pflanzen wird ihr Körper allmählich ausgelöst, ihr Orga - nismus zerstört, und ihre Asche endlich mit der übrigen Erde vermengt, die ihnen vorher Nah - rung oder Aufenthalt gegeben hatte.

31

Dritter Abschnitt. Von den Thieren überhaupt.

§. 24.

Der vorige Abschnitt lehrte, was Thiere und Pflanzen als organisirte Körper mit einander ge - mein haben. Der gegenwärtige soll nun die Eigenschaften behandeln, die den Thieren allein zukommen, und wodurch sie sich von den Ge - wächsen auszeichnen.

§. 25.

Die äussere Bildung der Thiere ist so unendlich verschieden, daß sich nichts allgemei - nes darüber sagen läst. Das einzige, was un - serm Bedünken nach alle Thiere ohne Ausnahme hierinn mit einander gemein haben, ist eine ein - fache, aber verhältnißmäßig große Oeffnung an ihrem Körper, durch welche sie ihm seine Nah - rung zuführen. Sowol diese Oeffnung, nem - lich der Mund, als auch die große Mannich - faltigkeit der Alimente, die die Thiere zu ihrer Erhaltung verwenden, unterscheidet sie schon hinlänglich vom andern Haufen organisirter Kör - per, von den Pflanzen. Statt daß diese eine32 einförmige Nahrung, und zwar fast gänzlich aus dem Mineralreich geniessen; so ist hingegen der Thiere ihr Futter fast unbeschränkt, und wird beynah blos aus den organisirten Reichen ent - lehnt. Manche nähren sich sogar von Thieren ihrer eignen Gattung, wie der Mensch und die Spinne; nur wenige aber nehmen Mineralien als Speise zu sich.

§. 26.

Die Thiere werden von der einen Seite durch die unerträglichen Gefühle des Hungers und Durstes, und von der andern durch die ange - nehmen Reitze des Appetits getrieben, diese ihre Nahrungsmittel zu sich zu nehmen und dadurch ihre Erhaltung zu bewürken. Die kaltblütigen Thiere können indeß doch überhaupt länger, als die warmblütigen, und manche von ihnen zum Erstaunen lange hungern. Auch nehmen einige, zumal aus der Classe der Insecten, in einer ge - wissen Epoche ihres Lebens; viele andre aber im Winter, den sie theils durchschlafen, gar keine Speise zu sich.

§. 27.

Die Nahrungsmittel müssen bey den Thie - ren sehr mannichfaltige Veränderungen erleiden, ehe sie zur eigentlichen Nutrition geschickt, und der Substanz des thierischen Körpers assimilirt werden können. Die härtern Speisen müssen33 von den mehresten erst mittelst der Zähne zer - malmt, und mit Speichel, oder wie bey manchen Schlangen gar mit ätzendem Gift vermischt, oder wie bey vielen Vögeln in einem besondern Behälter einige Zeit eingeweicht werden, eh sie zum Magen und Darmcanal gelangen können. Auch hier werden sie noch ferner mit allerhand vorräthigen Säften vermengt und in einen wei - chen Brey verwandelt, von welchem der nahr - hafte Theil abgesondert, und der Ueberrest als Un - rath wider aus dem Körper geworfen wird. Dies letztere geschieht bey den mehresten durch den After; bey einigen aber durch die gleiche Oefnung, wodurch sie die Alimente zuerst in sich nahmen.

§. 28.

Bey den meisten Thieren wird der abgeson - derte Nahrungssaft (§. 27.) zuvor mit dem Blute vermischt, und von da erst in die Theile des Körpers abgesetzt. Das Blut ist bey man - chen Thieren von rother, bey andern von weisser Farbe; bey einigen warm, bey den mehresten kalt; und wird mittelst des Herzens, und derer Adern in welchen es läuft, in beständiger Circu - lation erhalten. Einige wenige Thiere (Arm - Polypen ꝛc. ) haben aber weder Blut, noch Herz, noch Adern, sondern der nahrhafte Theil ihrer Alimente tritt sogleich aus dem Magen in die gallertige Substanz ihres Körpers selbst über.

34

§. 29.

Nächst der Ernärungsart war willkürliche Bewegung ein Hauptcharakter, wodurch wir die Thiere von den Pflanzen auszeichneten (§. 4.). Die Organe die zum Behuf aller dieser unzählig - mannichfaltigen Bewegungen dienen, sind die Muskeln, die oft bey sehr kleinen Thieren in grosser Anzal befindlich sind. Der Mensch hat kaum funftehalb hundert Muskeln, eine Wei - denraupe hingegen über viertausend. Hieraus läßt sich aber auch die ungemeine Stärke vieler dieser kleinen Thiere erklären. Ein Floh z. B. schleppt wol eine Last die achtzig mal so viel als er selbst wiegt, und ein Mist-Käfer läuft mit einem Stücke Bley auf dem Rücken fort, was eben so gros als er selbst ist.

§. 30.

Die Muskeln werden nach dem Entschluß des Willens durch die Nerven in Bewegung gesetzt; einige (wie z. B. das Herz) ausge - nommen, über die der Wille nichts vermag, sondern die unaufhörlich, lebenslang, und zwar ohne wie andere Muskeln zu ermüden, oder end - lich zu schmerzen, in Bewegung sind.

Der dunkle Körper im Leibe des Räderthiers, den einige berümte Männer, seiner willkürlichen Bewegung ungeachtet, für das Herz des Thiergens gehalten haben, ist nach unsern Untersuchungen zuverläßig der Magen, und kein Herz.

35

§. 31.

Ausser dem Einfluß, den die Nerven auf die Muskelbewegung haben, ist ihr zweytes Ge - schäft, auch die äussern Eindrücke auf den thie - rischen Körper, der Seele durch die Sinne mit - zutheilen. Die Art der sinnlichen Empfindung und die Beschaffenheit der Sinnwerkzeuge ist bey den Thieren sehr verschieden. Viele Thiere erhalten offenbar allerhand sinnliche Eindrücke, ohne daß wir doch die Organe an ihnen entde - cken könnten, die bey andern zu solchen Eindrü - cken nothwendig sind. Der Polype z. B. hat keine Augen, und doch das feinste Gefühl vom Licht. Die Schmeisfliege riecht, und die Biene hört, ob wir gleich weder Nase noch Ohren an ihnen wahrnehmen.

§. 32.

Durch den anhaltenden Gebrauch werden Nerven und Muskeln ermüdet, und sie brauchen von Zeit zu Zeit Ruhe zur Sammlung neuer Kräfte, die ihnen der Schlaf gewärt. Den mehresten Thieren ist die Nacht zu dieser Erho - lung angewiesen, da sie schon durch ihre Dun - kelheit zum Schlafe einladet; wenigstens schla - fen viele Thiere weit über ihre bestimmte Zeit, wenn sie sich in finstern Orten befinden, und wachen hingegen lange, wenns ungewönlich helle um sie ist. Einige Thiere müssen aber doch eben diese Stille der Nacht, da ihre mehresten Mit -36 geschöpfe der Ruhe pflegen, zu Vollziehung ihrer Geschäfte benutzen, und dagegen einen Theil des Tages zu ihrer Erholung verwenden. So die Katzen, Mäuse, Fledermäuse, Eulen, Schaben, Nachtzweyfalter u. a.m. Die Län - ge der zu dieser Erholung nöthigen Zeit ist bey den Thieren sehr verschieden; sie steht weder mit der Grösse ihres Körpers, noch mit dem Maasse ihrer Arbeiten in bestimmtem Verhältnis. Ein Pferd schläft wenig, der Dachs ungemein lange; der menschliche Körper bedarf, im Durchschnitt genommen, fünf bis sechs Stunden, um neue Kräfte für die Arbeiten des Tags zu sammlen. Manche Thiere, wie z. B. die Hüner, gehen sehr pünktlich zur Ruhe, und erwachen wieder zur gesetzten Stunde: andere hingegen, wie die Katzen ꝛc. schlafen zu ganz unbestimmten Zeiten.

§. 33.

Ausser diesem Erholungsschlaf findet sich in der Oekonomie vieler Thiere noch die sehr be - queme Einrichtung, daß sie einen beträchtlichen Theil des Jahrs, und zwar gerade die herbsten Monate, da es ihnen schwer werden würde, für ihre Erhaltung zu sorgen*)Ergo in hyemes aliis provisum pabulum, aliis pro cibo somnus. plinivs., in einem tiefen Winterschlaf passiren. Sie verkriechen sich, wenn diese Zeit kommt, an sichre schaurige Orte, wie die Murmelthiere, Hamster, Ameisen ꝛc.37 in ihre Nester, die Fledermäuse in Hölen, die Frösche und einige Fische in Sümpfe, die Ufer - schwalben ins Schilf, die Schlangen und Schne - cken ins Gebüsch u. s. w. und fallen mit einbre - chender Kälte in eine Art von Erstarrung, aus der sie erst durch die erwärmenden Blicke der Frühlingssonne wieder erweckt werden. Diese Erstarrung ist so stark, daß die warmblütigen Thiere wärend dieses Todtenschlafs nur unmerk - liche Wärme übrig behalten, und daß die Pup - pen vieler Insecten, die zu gleicher Zeit ihre Ver - wandlung bestehen, im Winter oft so durchfro - ren sind, daß sie, dem Leben des drin schlafenden Thieres unbeschadet, wie Eiszapfen oder Glas klingen, wenn man sie aus die Erde fallen läßt. Der Winterschlaf ist bey einerley Thieren, nach Verschiedenheit des Clima, oder der Witterung bald länger bald kürzer. Der Bär durchschläft in Nördlichen Zonen 5 Monate, in Deutschland nur so viele Wochen. In harten Wintern liegt das Murmelthiere lange und tief in seiner Höle unter der Erde verborgen, in gelinden Wintern machts kein so tiefes Nest und kommt im Früh - jahr zeitiger wieder zum Vorschein. Manche Thiere erwachen auch wol wärend ihres Win - terschlafs bey warmen Tagen zuweilen auf kur - ze Zeit, und fallen beym folgenden Frost wieder in ihre vorige Erstarrung. So ist eine Haselmaus in einem rauhen September einigemal unter unsern Augen erwacht, hat schlaftrunken etwa38 einen halben Tag herum getaumelt, sich wieder ver - krochen, und ist dann von neuem in ihren Schlummer verfallen. Die Stubenfliegen, die den Winter über in den Fenstern herum liegen, er - muntern sich, wenn im Zimmer eingeheitzt wird, und fallen in der Kälte wieder für todt nieder.

§. 34.

So wie nun gar viele Thiere durch diesen Winterschlaf in der rauhesten nahrlosesten Jahrs - zeit, die ihnen so leicht tödtlich seyn könnte, er - halten werden; so hat der Schöpfer noch tau - senderley andere Mittel in die thierische Natur gelegt, wodurch sie ihre Sicherheit und Erhal - tung bewirken, ihr Geschlecht fortpflanzen, und alle die andern Geschäfte vollziehen können, die ihnen zur Vollkommenheit des Ganzen übertra - gen sind. Zu diesen Mitteln gehört z. B. die sonderbare Structur mancher Thiere, die, wie die Polypen, wegen ihrer starken Reproductions - kraft fast unzerstörbar sind, oder die äussern Be - kleidungen ihres Körpers, die Schuppen, Schilder, Schaalen, Flügeldecken ꝛc. die sie gegen die Anfälle vieler Feinde (wie z. B. das Stachelschwein gegen die Macht des Löwen) sichern; oder ihre Stärke, ihre Waf - fen, Hörner, Zähne, Klauen, das Gift wo - mit viele versehen sind u. s. w. Vorzüglich auch die Macht des gesellschaftlichen Lebens, wo - gegen sich zwar einige unserer neuern Weltwei -39 sen empören; die doch aber ganzen Gattungen von Thieren Sicherheit verschaft, da sie ohne sociale Verbindung und einzeln gegen ihre Feinde zu ohnmächtig seyn würden. So hat man gesehn, daß Ameisen mit vereinter Kraft einen grossen feindlichen Käfer lebendig begra - ben, und daß Bienen eine Raubschnecke auf eben die Art mit Wachs umzogen haben.

§. 35.

Von allen diesen mannichfaltigen Mitteln, womit die Thiere zu ihrem eignen und der ganzen Schöpfung Besten, ausgerüstet sind, ist das allerwichtigste und allgemeinste, ihr Instinct, oder die angebohrnen natürlichen Triebe, nach welchen sie viele zweckmäßige Handlungen ganz maschinenmäßig, ohne Anweisung, sondern blos aus innerm eigenem Drange verrichten müs - sen. Alle Thiere haben dergleichen Triebe in ihrer Natur, nur freylich jedes nach seiner Be - stimmung, Instincte verschiedener Art und in verschiedenem Maaße. Die allgemeinsten Na - tur-Triebe, wie z. B. die zur Begattung, sind bey der einen Thierart stärker, bey der andern schwä - cher; und Montesquieu derivirt schon aus die - sem verschiedentlich bestimmten Maaße von In - stinct, das unveränderliche Gleichgewicht, was sich bey der Vermehrung jeder Gattung von Thieren zeigt. Die Erde könnte für die Elephanten zu klein, und das Menschengeschlecht gegen die -40 wen zu schwach werden, wenn diese grossen und fürchterlichen Thiere den unersättlichen Liebes - trieb der Caninchen oder Meerschweinchen be - sässen. Eben so merkwürdig sind die Triebe der Selbsterhaltung, ohne welche ganze Thier - arten sehr bald ihren Untergang finden würden. Nur wenige haben Winterschlaf: wie viele der übrigen müßten also unter Kälte und Mangel an Lebensmitteln erliegen, wenn nicht einige, wie die Biber, vom Instinct getrieben, zur guten Zeit ihre Scheuern mit Wintervorrath füllten, oder andere, wie die Zugvögel, im Herbst unsre rauhen Gegenden verliessen, und bis gegens Früh - jahr sich am Nil, am Senega ꝛc. wohl seyn liessen. Daß dies blos innerer Trieb, nicht Gewohnheit, oder Unterweisung und Tradition der alten Thiere sey, lehrt das Beyspiel junger Zugvögel, die man ganz isolirt im Zimmer er - zogen hat, und die doch, wenn die Zeit naht, da ihre Brüder ihr Haus bestellen, und sich zu ihrer grossen Reise bereiten, im Bauer unruhig werden, und es, bey allem guten Futter und bey aller Bequemlichkeit, doch innerlich fülen, daß es nicht ihre Bestimmung sey, das ganze Jahr am gleichen Ort zu verweilen. Andre Natur - triebe der Thiere dienen nicht zu Befriedigung eigener Bedürfnisse, sondern blos zur Erhal - tung ihrer, vielleicht noch nicht einmal erzeug - ten, Nachkommenschaft. Die genaue Wahl eines schicklichen Ortes zum Eyerlegen, welcher dem41 Unterhalt der daraus entstehenden Jungen voll - kommen entspricht, giebt ein deutliches Beyspiel dieser Art von Instinct: so legen manche In - secten ihre Eyer blos auf Aas, andre in den Körper lebendiger Thiere, andre auf Tuch, in bestimmte Theile der Pflanzen u. s. w.

§. 36.

Unter allen diesen verschiedenen thierischen Trieben sind die Kunsttriebe ganz vorzüglich merkwürdig, da sich viele Thiere ohne allen Un - terricht so ungemein künstliche Wohnungen, Ne - ster, Gewebe ꝛc. zu ihrem Aufenthalt, zur Si - cherheit für ihre Jungen, zum Fang ihres Rau - des, und zu tausend andern Zwecken zu verferti - gen wissen. Der Bau der Biber, die Hölen der Hamster, der Murmelthiere; die Nester der Eichhörnchen, der Vögel, der Insecten; die Spinneweben, die Fallgruben des Ameisenlö - wen; ferner die Auswahl der Bau-Materia - lien, da die eine Gattung von Insecten ihre Zellen aus Wachs, eine andre verwandte Art die ihrigen aus Stein, eine dritte ans Holzspän - chen, eine vierte aus Rosenblättern verfertigt; die regelmäßige, aber ewig einförmige, Gestalt dieser Wohnungen u. s. w. geben unerschöpflich zahlreiche Beweise von der Grösse und Man - nichfaltigkeit dieser unbegreiflichen Naturtriebe.

42

§. 37.

Der Mensch hat überhaupt wenig Instinct, Kunsttriebe aber gar nicht: was ihn hingegen reichlich dafür entschädigt, ist der Gebrauch der Vernunft, die ihm allein ausschließlich, und durchaus keinem andern Thiere zukommt. Er hat keinen bestimmten Wohnplatz, sondern die ganze Erde, in Norden und Süden und unter jedem Meridian, ist ihm zum Aufenthalt ange - wiesen; die Verschiedenheit des Clima und der Lebensart erregt in ihm eben so verschiedne Be - dürfnisse, die nicht auf einerley Weise befrie - digt werden können; und ein einförmiger Kunst - trieb würde folglich ein sehr unbrauchbares Ge - schenk für ihn gewesen seyn: da er hingegen durch Reflexion die individuellen Bedürfnisse auf mannichfaltige und schickliche Weise zu stil - len vermag.

§. 38.

Allen Instinct eines Thiers, seine ganze Le - bensart, Handlungen, Aufenthalt, Charakter, Oekonomie u. s. w. begreift man unter dem all - gemeinen Namen von Naturell. Jede Gat - tung von Thieren hat, nach der Verschiedenheit aller dieser Dinge, und nach ihrer besondern Be - stimmung, auch ihr verschiednes, eignes Na - turell, was nach der weisen Einrichtung des Ganzen, seine eben so bestimmten Grenzen und Richtung hat. In dessen kann doch der Mensch,43 durch den Gebrauch seiner Vernunft, die ihn zum Herrn der übrigen Schöpfung macht, nach seiner Willkür ungemein viel am Naturell der Thiere abändern, so daß wir uns keines der oben genannten Stücke entsinnen, was nicht Men - schenkunst an diesen oder jenen Thieren gleich - sam umzuschaffen vermocht hätte. Der Mensch hat sich ganze Gattungen anderer Thiere unter - jocht, sie aus der Wildnis genommen, und zu Hausthieren gemacht. Er hat Elephanten und Raubthiere gebändigt, und zu seinen Diensten oder zu seiner Belustigung abgerichtet; hat Spinnen gezähmt, Adler und Seemöven an blosses Brod gewöhnt; und hat die Antipathie der Thiere zu dämpfen, und Hunde, Katzen, Mäuse, Sperlinge ꝛc.*)cappellerii hist. Pilati montis. p.150. zu gemeinschaftlichen Tischgenossen zu machen gewußt.

§. 39.

Die Anzal der Gattungen von Thieren zu bestimmen, kennen wir unsre Erde noch zu we - nig. Von dem was wir wissen, auf das was uns noch davon unbekannt ist, zu schliessen, kann man ihrer ohngefähr dreyßigtausend anneh - men. Da wir so viele Thiere blos versteint, und noch nicht in Natur kennen, so haben eini - ge berühmte Männer geschlossen, daß wol manche Gattungen ja ganze Geschlechter ausgestorben seyn möchten. Dagegen läßt sich nun zwar44 das eben gesagte einwenden, daß ein sehr gros - ser Theil der Erde noch ununtersucht ist, und daß wir nicht wissen können, was im Boden des Meers, im innern Afrika und anderwärts, wo sich Naturgeschichte noch keinen Weg hinge - bahnt hat, verborgen liegen kann. Aber von der andern Seite bleibts doch immer bedenklich, daß man von so grossen Petrefacten-Geschlechtern dergleichen z. E. die Ammoniten sind, noch gar kein Original aufgefunden hat: und da wir doch aus allem sehn, daß unsere Erde weiland schon gar sehr grosse Catastrophen erlitten hat, so wär es wenigstens sehr wohl möglich, daß da auch Thier-Gattungen hätten untergehen kön - nen, die nur für jene Vorwelt bestimmt, und der revolvirten Erde entbehrlich gewesen wären.

§. 40.

Man hat mancherley Eintheilungen erson - nen, um die Geschlechter und Gattungen der Thiere unter bestimmte Classen zu bringen. Aller der Mängel unbeachtet, deren man das Linneische System beschuldigt hat, scheinen uns doch die Classen des berümten Mannes un - gemein gründlich und passend bestimmt zu seyn; daher wir sie ganz nach seiner Angabe beybehal - ten. Es sind folgende sechse.

I. Cl. Säugthiere, (mammalia,) Thiere mit warmem rothem Blut, die ihre Jun -45 gen lebendig zur Welt bringen, und sie einige Zeit lang mit Milch an Brüsten säugen.

Fast alle Thiere dieser Cl. haben Haare, nur die Wall - fische ausgenommen; die aber wegen ihrer gan - zen körperlichen Einrichtung doch allerdings zu den übrigen Saugthieren, und nicht zu den Fischen zu rechnen sind.

II. Cl. Vögel, (Aves) Thiere mit warmem rothem Blut, die aber Eyer legen, die Jungen nicht mit Milch säugen, und Federn haben.

III. Cl. Amphibien, Thiere mit kaltem ro - them Blut, die durch Lungen Othem holen.

IV. Cl. Fische, (pisces) Thiere mit kaltem rothem Blut, die durch Kiefern, und nicht durch Lungen, athmen.

V. Cl. Insecten, Thiere mit kaltem weissem Blut, die Fühlhörner (Antennas) am Kopf haben.

VI. Cl. Würmer, (vermes,) Thiere mit kaltem weissem Blute, die keine Fühlhör - ner, sondern meist Fühlsaden (tentacula) haben.

Bey dieser letzten Classe ist noch am meisten qui pro quo. Nicht alle Thiere derselben haben einmal Blut (§. 28.)

46

Vierter Abschnitt. Von den Säugethieren.

§. 41.

Die Thiere der ersten Classe haben zwar, so wie die Vögel, warmes rothes Blut; doch zeichnen sie sich schon dadurch von ihnen aus, daß sie keine Eyer legen, sondern lebendige Junge ge - bähren: ihr Hauptcharakter aber, der sie von allen übrigen Thieren unterscheidet, und von dem auch die Benennung der ganzen Classe ent - lehnt ist, sind die Brüste, wodurch die Weib - gen ihre Jungen mit Milch ernären. Die Anzal und Lage der Brüste ist verschieden. Meist sind ihrer noch einmal so viel, als die Mutter gewönlicher Weise Junge zur Welt bringt; und sie sitzen entweder an der Brust, (mammae pectorales) oder am Bauche (abdominales), oder zwischen den Hinterfüssen (inguinales). Gewönlich haben auch die Männchen, zu uns unbekannten Zwecken, dergleichen Brüste; doch fehlen sie einigen, wie den Hamstern, der Ha - selmaus u. a.m. gänzlich; bey andern sind sie doch in geringerer Anzal als der Weibchen ihre, der Hund z. B. hat nur sechs Zitzen am Bauche,47 die Hündin aber ausser diesen auch noch viere an der Brust; und allemal sind sie kleiner als beym weiblichen Geschlechte.

§. 42.

Die mehresten Säugethiere haben einen be - haarten Körper; einige aber, wie z. B. die Wallfische, sind unbehaart. Diejenigen, die mit andern Bedeckungen, wie die Igel - und Sta - chelschweine mit Stacheln, der Manis mit Schuppen, und der Armadill mit einem beiner - nen Panzer, versehen sind, haben doch wenig - stens an einigen Theilen ihres Körpers, am Halse ꝛc. wirkliche Haare; so wie sich hingegen am Körper vieler Säugethiere oft einzelne kahle Stellen finden. Der Mensch ist fast gar nicht, der Chimpanzee, der Elephant u. a. nur dünn behaart. Beym Menschen wächst dem männ - lichen Geschlechte in gewissen Jahren d-r Bart, der hingegen den Frauenzimmern mangelt. Die Länge, Beschaffenheit und Farbe der Haare ist oft bey einer und eben derselben Gattung (z. E. bey den Hunden) gar sehr verschieden: weiche gerollte Haare heissen Wolle, straffe hingegen Borsten. Wenn die Haare in conträrer Richtung einander entgegen laufen, so nennt man die er - habnen Streifen, wo sie sich begegnen, Näthe, (suturas), längeres Haar am Hals und Rücken aber Mähne (juba). Um die Lippen, und an einzeln Stellen des Gesichts, haben viele Säuge -48 thiere einzelne längere steifere Haare (mystaces und vibrissas). Die Farbe der Haare variirt, zumal bey den Hausthieren aus dieser Classe, un - gemein, doch ist sie beym Esel beständiger; die Haare der Nordischen Säugethiere sind, des kal - ten Clima wegen (§. 21.) meist weiß: doch kann die gleiche Anomalie auch durch eine Krank - heit, die mit der weissen Mohren ihrer viel Aehnlichkeit hat, bewirkt werden. Bey man - chen ändert sich die Farbe nach der Jahrszeit, wie beym Hasen, Eichhörnchen, Wiesel ꝛc. und einige wechseln gar ihre Haare, und mausen sich gleichsam wie die Vögel: so das Caninchen von Angora, der Bison u. a.

§. 43.

Der Aufenthalt der Säugthiere ist sehr verschieden. Die mehresten leben auf der Erde, manche fast blos auf Bäumen, wie die Eich - hörnchen, einige unter der Erde, wie der Maul - wurf, andere bald auf dem Lande bald im Was - ser, wie die Biber, Seebären, oder blos im Wasser wie die Wallfische. Hiernach sind nun auch die Füsse oder die änlichen Bewegungs - werkzeuge dieser Thiere verschieden. Die meh - resten haben vier Füsse, der Mensch nur zwey, aber auch zwey Hände. Die meisten Affen ha - ben vier Hände, und sie können die hintern we - gen des abstehenden Daumens eben so wol zum greifen brauchen als die vordern. (Taf. I. Fig.49 1 und 2). Die Finger und Zehen der Säug - thiere sind in Rücksicht ihrer Bildung, Anzal und Verbindung sehr verschieden. Gemeinig - lich sind sie frey; bey einigen aber, die im Was - ser und auf dem Lande zugleich leben, durch eine Schwimmhaut (Taf. I. Fig. 3) verbunden. Bey den Fledermäusen sind die an den Vorderfüßen ungemein lang und dünne; und zwischen ihnen ist eine Floränliche Haut ausgespannt (Taf. I. Fig. 4), die zum Fliegen dient. Die Füße man - cher Seethiere aus dieser Classe sind in einen unförmlichen Klumpen verwachsen, und bey den Wallfischen äneln sie gar den Floßfedern der Fi - sche; doch daß die Hinterfüße horizontal, und nicht wie der Fischschwanz vertical, liegen. Ei - nige wenige Säugethiere (Solidungula) haben Hufe; viele aber (Bisulca) gespaltene Klauen. Die mehresten gehen blos auf den Spitzen der Füße (Taf. I. Fig. 5); einige aber, wie der Mensch, die Affen, Bären, Eichhörnchen u. a. m. auf dem ganzen Fuß bis zur Ferse (Taf. I. Fig. 6).

§. 44.

Der Mund und die Kinnladen der Säug - thiere liegen horizontal; nur der Unterkiefer ist bey ihnen beweglich. Die Ameisenbären, For - mosanischen Teufelgen, und einige Wallfische aus - genommen, sind die übrigen Thiere dieser Classe mit Zähnen versehn, die man in Schneide -50 zähne (incisores), Spitzzähne (caninos), und Backenzähne (molares), abtheilt. Die leztern zumal sind nach der verschiednen Nahrung die - ser Thiere auch verschiedentlich gebaut. Bey den fleischfressenden zackicht (Taf. I. Fig. 7), bey den grasfressenden platt (Taf. I. Fig. 8), und bey denen die sich, so wie der Mensch, von beiden organisirten Reichen nähren, in der Mitte ge - furcht, und an den Seiten abgerundet (Taf. I. Fig. 9).

§. 45.

Verschiedene grasfressende Säugethiere Kauen wieder; das heist, sie treiben das einmal geschluckte Futter nach und nach Bissen - weise wieder in den Mund, zermalmen es noch - mals, und bringen es sodann zum zweytenmal in den Magen. Einige dieser ruminirnden Thiere haben vier Magen, deren jeder seinen bestimmten Namen hat. Der erste heist Rumen oder Aqualiculus, der Pansen; der zweyte Re - ticulum, die Haube oder Mütze; der dritte Echinus oder Omasum, das Buch oder der Psal - ter; der vierte endlich Faliscus oder Abomasum, der Laab oder die Ruthe. Im Grunde bestim - men aber weder die vielfachen Magen, noch die gespaltnen Klauen, sondern blos der schmal zu - laufende Unterkiefer, und die Art seiner Ver - bindung mit dem übrigen Kopfe, den Chara - kter des Wiederkauens.

51

§. 46.

Alle Säugethiere haben Lungen, die ih - nen zum Othemholen, und zur Stimme (vox) dienen, die zwar nach Verschiedenheit der Gat - tungen, des Geschlechts, des Alters, und der Leidenschaften variirt; aber doch nicht mit so - viel Mannichfaltigkeit abwechselt, als der Ge - sang der Vögel, die überdem auch viel öfterer als die Säugethiere ihre Stimme von sich ge - ben. Einige dieser Thiere, wie der Maulwurf, Ameisenbär, das Formosanische Teufelgen ꝛc.[] die Hasen, Canin - chen ꝛc. lassen ihre Stimme nur im äussersten Nothfall erschallen. Der Mensch allein besitzt ausschlieslich den Gebrauch der Sprache (Lo - quela), die eine Folge der ihm ebenfalls allein eignen Vernunft (§. 37.) ist.

§. 47.

Auser den Hufen, Klauen, Zähnen ꝛc. sind viele Säugethiere auch mit Hörnern zu Waf - fen versehen, die doch, wie der Bart beym Men - schen, erst zur Zeit der Mannbarkeit hervor - brechen. Bey einigen Gattungen, wie beym Hirsch, sind die Weibchen ungehörnt; bey an - dern, wie im Ziegengeschlecht, sind ihre Hörner doch kleiner als der Männchen ihre. Anzal, Bau, und Lage der Hörner sind sehr verschie - den. Beym Ochsen - und Ziegengeschlechte sind52 sie hol, und sitzen wie eine Scheide über einen Fortsatz der Stirnknochen. Des Rhinoce - ros Hörner sind dichte, und blos mit der Haut aus der Nase verwachsen. Beym Hirschge - schlecht hingegen, bey den gehörnten Hasen u. s. w. sind sie zwar ebenfalls solide, aber von be - sondrer, beynahe holzichter Structur, und astig. Sie heissen dann Geweihe, und werden mehrentheils alljärlich abgeworfen und neue an ihrer Statt reproducirt.

§. 48.

Die Oeffnung des Afters wird bey den meh - resten Säugethieren durch den Schwanz be - deckt, der eine Fortsetzung des Kukuksbeins (coccyx), und von mannichfaltiger Bildung und Gebrauch ist. Er dient den Thieren z. B. die Fliegen und Bremsen von sich zu wedeln; oder als Werkzeug zum Bau, wie dem Biber der seinige; oder zum Anhalten für die Jungen, wie beym Surinamischen Aenegs; oder statt einer Hand, um damit, wie der Elephant mit seinem Rüssel, fassen zu können (cauda prehensilis. Taf. I. Fig. 10); so der Rollschwanz vieler Meerkatzen, eines Ameisenbären ꝛc. ; oder zum Schirm ge - gen Sonnenstich und Regen, wie beym Mongoz und beym Eichhörnchen, dem sein Schwanz auch auserdem zum Laufe auf den Aesten der Bäume nutzt. Manche Säugethiere, wie der Mensch, einige Affen, ein Faulthier u. a. sind gänzlich ungeschwänzt.

53

§. 49.

Noch sind am Körper einiger Thiere beson - dere Beutel von verschiedner Bestimmung zu merken. So haben manche Meerkatzen, der Hamster, die Ziselmaus u. a. Backentaschen, um Proviant darin einschleppen zu können. Das Weibchen der Beutelratte hat eine Tasche über ihre Zitzen am Bauche, in welche sich die sau - genden Jungen verkriechen, können. Der Orang - utang und das Rennthier haben einen Beutel am Halse, der sich in die Kehle öffnet, und zur Ver - stärkung der Stimme dient. Der Biber, die Zibetkatze, das Bisamthier, der Dachs u. a.m. haben verschiedne Beutel (Folliculos) am Na - bel, beym After ꝛc. in welche sich eine schmierich - te starkriechende Fettigkeit sammlet u. s. w.

§. 50.

Die Säugethiere geben die wichtigsten Geschöpfe fürs Menschengeschlecht. Der Mensch hat sich noch aus keiner andern Thierclasse so treue, arbeitsame und dienstfertige Gehülfen zu schaffen gewußt, als aus dieser. Sie enthält un - gemein gelehrige Thiere, deren Naturell sich leicht abändern läst, und der Mensch hat folglich ganze Gattungen aus ihrer Wildniß versetzen, und blos zu seinen Hausgenossen machen können. Der Verlust der Freyheit zeigt sich nach mehrern Generationen besonders durch hängende Ohren54 und schlichten Schwanz, so daß manschen aus diesen Zeichen errathen kan, wie lang oder wie kürzlich die Schweine und andere Hausthiere in verschiednen Gegenden unterjocht seyn mögen.

§. 51.

Die vielfache Brauchbarkeit der Säug - thiere fürs Menschengeschlecht reducirt sich vor - züglich auf folgendes. Zum Reiten, zum Zug, Ackerbau, Lasttragen u. s. w.: Pfer - de, Maulthiere, Esel, Ochsen, Büffel, Renn - thiere, Elephanten, Kameele, Clacma, Hun - de. Im Krieg: Pferde, Elephanten, Ka - meele. Zur Jagd: Pferde und Hunde. Zum Bewachen: Hunde. Zum Mausen und Vertilgen anderer schädlichen Thiere: Katzen, Igel, Ameisenbären ꝛc. Zur Speise: das Fleisch von Rindvieh, Schafen, Ziegen, Schwei - nen, vom Hirschgeschlecht, von Hasen, Ca - ninchen, Eichhörnchen, Wallfischen u. s. w. Speck, Schmalz, Blut, Milch, Butter, Käse. Zur Kleidung, zu Decken, Zelten, Schiffgen (Baidar): gegerbte Felle, Haare, Wolle ꝛc. Zum Brennen: Talg, Fischthran. Zum Schreiben, Bücherbinden ꝛc. Per - gament, Leder. Für andere Künstler und zu gemischtem Gebrauch: Borsten, Haare, Geweihe, Hörner, Klauen, Elfenbein, Zäh - ne, Fischbein, Knochen, Blasen. Sehnen und Knochen zu Tischlerleim. Därme zu55 Saiten. Blut zu Farbe. Mist zum Dün - ger, zur Feuerung, zu Salmiak ꝛc. Harn zu Phosphorus. Eselsmilch, Wallrath, allerhand Fett, zu Pomaden und sonst für die Toilette. Endlich zur Arzney: Bisam, Bi - bergeil, Hirschhorn; und weiland auch; Zibet, Wallrath, Bezoare aus beiden Indien, Pie - dra del Porco u. s. w.

§. 52.

Von der andern Seite sind aber freylich mehrere Thiere dieser Classe dem Menschenge - schlecht unmittelbar oder mittelbar nachthei - lig. Die reissenden Thiere, besonders aus dem Hunde - und Katzen-Geschlecht, tödten Men - schen. Andere vertilgen viel nutzbare Vögel u. a. Thiere: so die Wiesel, Marder, Iltis, Vielfraß, Fischottern, Wallfische ꝛc. oder scha - den den Gewächsen, Bäumen, Garten - früchten, Getraide u. s. w. wie die Feld - mäuse, Hamster, Leming, Ziegen, Hirsche, Hasen, Biber, Affen, Elephanten, Rhinoceros, Nil - pferde ꝛc. oder gehen andern Eßwaaren nach; wie Ratten, Mäuse, Fledermäuse, Murmel - thiere. Verderben Hausgeräthe, wie die Scha - kale, Hyänen u. s. w. Gift besitzt kein einzi - ges Thier dieser Classe, ausser in der Wuth und Wasserscheue, der aber viele, zumal aus dem Hundegeschlecht, leicht ausgesetzt sind.

56

§. 53.

Man hat verschiedene künstliche Systeme, nach welchen berümte Männer die Säugthiere zu ordnen versucht haben, die aber unserm Bedünken nach grossentheils mangelhaft und unnatürlich ausfallen. Aristotelis Einthei - lung ist auf die Verschiedenheit der Zehen und Klauen gegründet, und die haben auch Ray und Klein nach der Hand angenommen und weiter bearbeitet. Aber hierbey müssen die ver - wandtesten und im ganzen noch so änlichen Gat - tungen von Affen, Ameisenbären, Faulthieren ꝛc. getrennt, und in ganz verschiedene Ordnun - gen versetzt werden, blos weil die eine mehr, die andere weniger Zehen hat. Linne 'hat die Zähne zum Classificationsgrund gewält, ein Weg, auf dem man aber nicht minder, bald auf die unnatürlichsten Trennungen, bald auf die sonderbarsten Verbindungen stößt. Das Ge - schlecht der Fledermäuse muß nach des Ritters Entwurf, wegen des verschiedenen Gebisses bey einigen Gattungen, wenigstens in drey verschie - dene Ordnungen zerstückt werden; der Elephant kommt mit den Panzerthieren, und den formo - sanischen Teufeln; der Igel aber und der Maul - wurf mit Löwen und Tigern in eine gemeinschaft - lichen Ordnung.

§. 54.

Wir haben daher diesen Mängeln abzuhel - fen, und ein natürliches System der Säug -57 thiere zu entwerfen getrachtet, wobey wir, nach unserm Begriffe von natürlicher Methode, (§. 7.) nicht auf einzelne abstrahirte, sondern auf alle äußere Merkmale zugleich, auf den ganzen Habitus der Thiere gesehn haben. So sind Thiere die in neunzehn Stücke einander änelten, und nur im zwanzigsten differirten, doch zusammergeordnet worden, dieses zwanzigste mochten nun die Zäh - ne oder die Klauen oder irgend ein andrer Theil seyn; und so sind denn folgende zwölf Ordnungen dieser ersten Classe entstanden.

I. Ord. Inermis. Der Mensch mit zwey Hän - den. Inermis hier in besonderem Sinne genommen, um Mangel angebohrner Waf - fen, Kunsttriebe, Bedeckungen, kurz alles dessen zu bezeichnen, wofür den Men - schen Vernunft schadlos hält.

II. Pitheci. Thiere mit vier Händen. Affen, Paviane, Meerkatzen, und Lemur.

III. Bradypoda. Thiere mit langen haken - förmigen Krallen, deren ganzer Körper - bau auf den ersten Blick Phlegma und Langsamkeit verräth. Ameisenbär, Faul - thier.

IV. Sclerodermata. Die Säugthiere mit son - derbaren Decken statt behaarter Haut, und zwar a) mit Stacheln: Igel und Sta - chelschwein. b) mit Schuppen: die For -58 mosanischen Teufelgen, c) mit Schildern: die Tatu.

V. Chiroptera. Die Säugethiere, deren Vor - derfüße Flügel bilden, (§. 43.) die Fle - dermäuse.

VI. Glires. Mäuse, Maulwürfe, Hasen, Wiesel und andere verwandte kleinere Säugthiere.

VII. Ferae. reissende Thiere, die Menschen anfallen. Nur Bäreu, Hunde, Katzen.

VIII. Solidungula. Pferd.

IX. Bisulca. Thiere mit gespaltnen Klauen. Die allgemeine Verwandschaft der Thiere dieser Ordnung unter sich, rechtfertigt die Benennung der Ordnung nach der Beschaffenheit der Füße, eben sowol als die der vorigen Ordnung, der IIIten und der XIten.

X. Belluae. Ungeheure, dünnbehaarte Thiere, mit dicken Füssen. Tapir, Elephant, Nashorn, Nilpferd.

XI. Palmata. Die Amphibien dieser Classe mit kurzen Schwimmfüssen, und zwar a) lacustria, mit blosser Schwimmhaut zwischen den Zehen. b) marina, mit ver - wachsenen Fingern (§. 43.), deren Spur nur durch die Nägel bezeichnet wird. Der59 Manate macht von hier den schicklichsten Uebergang zur

XIIten O. Cetacea. Wallfische, warmblütige Thiere, die mit den kaltblütigen Fischen fast nichts als den unschicklichen Namen gemein haben, und deren natürliche Ver - bindung mit den übrigen Säugethieren Ray vollkommen richtig eingesehen hat. *)Cetacea quadrupedum modo pulmonibus respirant, co - eunt, vivos foetus pariunt, eosdemque lacte alunt, partium denique omnium internarum structura et usu cum iis conveniunt. raivs.

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I Ord. INERMIS.

1. Geschl. homo. Animal rationale, loquens, erectum, bimanum. *)Sanctius animal, mentisque capacius altae ..... et quod dominari in caetera posset.ovid.

1. Gatt. sapiens. Der Mensch wird durch so merkwürdige Eigenschaften des Geistes und des Körpers von der ganzen übrigen thierischen Schö - pfung ausgezeichnet, daß er bey weitem nicht blos in einem eignen Geschlecht, sondern aller - dings in einer besondern Ordnung, von ihr abge - schieden werden muß. Er hat ausser dem Be - gattungstrieb wenig Spuren von Instinct: Kunsttriebe aber, daß er sich, wie tausend an - dere Thiere, ohne Unterricht und ohne Nachsinnen, aus blossem innern Drange, Wohnungen, Netze für seinen Raub u. s. w. verfertigen könnte, hat er gar nicht. Der Schöpfer hat ihn für diese Mangel durch den Gebrauch der Vernunft ent - schädiget, die ihm allein ausschließlich, und kei - nem andern Thiere zukommt, und wodurch er alle seine grossen Bestimmungen besser erfüllen, seine endlosen Bedürfnisse passender befriedigen kann, als wenn er selbst die Kunsttriebe mehre - rer Thiere in sich vereinte. Eine directe Folge der Vernunft, mithin ein abermaliges Eigenthum der Menschheit, ist die Rede oder Sprache (Lo - quela), die nicht mit der Stimme (vox) der Thiere verwechselt werden darf. Auch der Mensch hat Stimme, wie man an den unglücklichen Beyspielen in Wildniß aufgewachsener, oder taub - gebohrner Kinder sieht, und wie die unwillkürli -61 chen Töne aus beklemmter Brust, bey Schrecken, und in andern heftigen Leidenschaften zeigen. Die Sprache aber entwickelt sich erst mit der Vernunft, da denn die Seele ihre erlangten Be - griffe, der Zunge zum Aussprechen überträgt. Es giebt eben so wenig ein sprachloses, als ein ver - nunftloses Volt auf unserer Erde, und wir ha - ben nun die Wörterbücher der Eskimos, der Hottentotten und anderer Nationen, denen die leichtglaubigen Reisenden der alten Zeit die Re - de abzusprechen wagten. Zu den körperlichen Eigenschaften des Menschen gehört vorzüglich sein aufrechter Gang und der Gebrauch zweyer Hände, wodurch er, unserm Bedün - ken nach, selbst vom Menschenähnlichsten Af - fen zu unterscheiden ist. Moscati's spashaf - ter Ruf an die Menschheit, auf allen vieren zu laufen, wird bey einiger Kenntnis von Anatome comparata blos belächelt. Die breiten Fußsoh - len sind zum Auftreten, die Hände zum Fassen und Greifen. Die Affen hingegen haben vier Hände, nemlich keine grosse Zehe, sondern an den Hin - terfüßen eben sowol einen abstehenden Daumen, als an den vordern (§. 43); und daß nicht et - wa unser Fuß nur durch den Gebrauch der Schu - he die Bildung und Fähigkeit der Hände verloren habe, wird durch die Beyspiele der barfussen Nationen, und des ungebornen Kindes, erweis - lich. Das Weibliche Geschlecht hat noch ein paar eigenthümliche Charaktere, die dem Männlichen und allen übrigen Thieren abgehen, nämlich ei - nen periodischen Blutverlust in einer bestimm - ten Reihe von Lebensjahren; und dann ein kör - perliches Kennzeichen der unverlezten Jung - fräulichen Unschuld, was blos seinen sittlichen Nutzen hat, und folglich für andre Thiere ein zweckloser Theil seyn würde.

62

Der Mensch ist für sich ein wehrloses hülfbe - dürftiges Geschöpf. Kein andres Thier außer ihm ist so instinctlos, Keins bleibt so lange Kind, Keins wird so sehr späte mannbar u. s. w. Selbst seine großen Vorzüge, Vernunft und Sprache, sind nur Keime, die sich nicht von selbst, son - dern erst durch fremde Hülfe, durch Kultur und Erziehung entwickeln können. Diese natürliche Blösse von der einen Seite, und die vielfachen Bedürfnisse von der andern, machen den Menschen zum geselligen Thiere, so daß Hobbes den blos - sen Nothzwang für die einzige Triebfeder anneh - men durfte, wodurch der Mensch, so wie die Bienen und Ameisen durch ihren Instinct, zur so - cialen Verbindung gedrungen würde. Der Aufenthalt und die Nahrung des Menschen sind beide unbeschränkt; er bewohnt die ganze Erde, und nährt sich beynabe von der ganzen or - ganisirten Schöpfung. Er erreicht, in Rücksicht seiner mässigen Körpermasse, und in Vergleich mit andern Säugethieren, ein ausnehmend ho - hes Alter, was ihn für seine lange Kindheit ent - schädigt. Die Proportion in der Anzal der Men - schen beyden Geschlechts, die unglücklichen Fol - gen der Vielweiberey ꝛc. erweisen die natürliche Bestimmung des Menschen zur Monogamie.

Es giebt nur eine Gattung im Menschenge - schlecht; und die Menschen aller Zeiten und aller Himmelsstriche können von Adam abstammen. Die Verschiedenheiten in Bildung und Farbe der menschlichen Körper werden blos durch Clima, Nahrung, Lebensart u. s. w. bewirkt; da der Mensch kein Privilegium hat, warum er nicht auch, wie jeder andere organisirte Körper, (§. 21.) wie eine Taube oder wie eine Tulpe, ausarten sollte? So brennt die Sonnenhitze die Mohren schwarz, und macht sie kraushaarigt; so wie hin -63 gegen die Kälte in Nordischen Zonen weisse Far - be und kleine Statur hervorbringt. Alle diese Verschiedenheiten fliessen so unvermerkt zusam - men, daß sich eigentlich keine bestimmte Gren - zen zwischen ihnen fest setzen lassen; doch haben wir das ganze Menschengeschlecht am füglichsten unter folgende fünf Varietäten zu bringen ge - glaubt;

1. Die ursprüngliche und größte Raçe begreift erstens alle Europäer, die Lappen mit ein - geschlossen, deren Bildung und Sprache ihre Finnische Abkunft verrätht, und die gar nichts so auszeichnendes haben, daß sie eine besondere Varietät ausmachen könnten: so - dann die Asiaten, die disseits des Obi, des Caspischen Meeres, des Gebürges Imaus und des Ganges, wohnen: fer - ner die Nordafrikaner: und endlich die Grönländer und Eskimos, die gänzlich von den übrigen Amerikanern verschieden sind, und wahrscheinlich auch von Finnen abstammen. Alle diese Völker sind meh - rentheils von weisser Farbe, und nach un - sern Begriffen von Schönheit die best gebil - desten Menschen.

2. Die übrigen Asiaten, jenseits des Obi, Ganges ꝛc. Sie sind meist gelbbraun, dünnbehaart, haben platte Gesichter und kleine Angen.

3. Die übrigen Afrikaner: von schwarzer Farbe, mit wollichten Haar, stumpfen Na - sen und aufgeworfenen Lippen.

4. Die übrigen Amerikaner: von kupfer - rother Farbe.

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5. Die Australasiaten und Polynesen; oder die Südländer des fünften Welttheils; da - zu man auch wol die Bewohner der Sun - daischen Inseln, der Molucken, Philippi - nen u. s. w. zälen könnte. Sie sind meist schwarzbraun, breitnasicht, und starkbe - haart.

Die Patagonischen Riesen sind, von Magel - hans Zeiten bis auf die unsrigen, in den Erzä - lungen der Reisenden, von zwölf Fus zu sechs bis siebenthalb eingekrochen, und bleiben also nicht größer und nicht kleiner als jeder andre ehrliche Mensch von guter Statur. Commersons Quimos und andre Zwergnationen werden in dem Maas wachsen, wie die Patagonen an Länge abgenommen haben. Die Rackerlacken, Blafards, Albinos oder weiße Mohren sind nicht einmal eine Spielart, geschweige eine besondre Gattung, wozu sie der gute Voltaire so gern machen möchte: sondern eine Krankheit, die Menschen unter allen Meri - dianen befallen kan, und der auch Thiere unter - worfen sind. Linne's Homo troglodytes ist ein Gemisch aus der Geschichte dieser preßhaften waren Menschen, und des Orangutangs. Die in Wildnis unter Thieren erwachsenen Kinder sind klägliche sittliche Monstra, die man eben so wenig, als die Cretins oder andre durch Krank - heit oder Zufall entstellte Menschen, zum Muster des Meisterstücks der Schöpfung anführen darf. Geschwänzte Völker, von Natur geschürzte Hottentottinnen, von Natur unbärtige Ame - rikaner, Syrenen, Centauren, und alle Fa - beln von gleichem Schrot und Korn, verzeihn wir der gutherzigen Leichtgläubigkeit unsrer lie - ben Alten.

65

II. PITHECI.

Säugthiere mit vier Händen, wie es ihre Lebensart und ihr Aufenthalt auf den Bäumen erfodert. Sie sind blos zwischen den Wende - cirkeln zu Hause.

2. simia. Affe. habitus anthropomorphus. nares alis obtectae. vox grunniens.

Die Affen finden sich blos in der alten Welt; ihr Gesicht ist Menschenänlich, doch mehr vorwärts ge - zogen, weil sie, so wie die mehresten übrigen Säugthiere, einen besondern Knocken zwischen den Oberkiefern haben, in welchem die vordern Schneidezähne sitzen, und der dem Menschenge - schlechte mangelt.

a) ungeschwänzte.

1. Troglodytes. der Chimpanse. S. macro - cephala, torosa, dorso et humeris pilosis, reliquo corpore glabro.

Tulpii observ. med. p. 284. tab. XIIII.

Nov. A. E. Lips. m. Sept. 1739. tab. V.

2. Satyrus. der Orangutang. S. capite mi - nore, gracilior, hirsuta; pilorum humeri et ulnae contraria directione. (ut in ho - mine) *

Tyson's anatomy of a pygmie, tab. I. II.

Le Cat Traité du mouvement musculaire, tab. I.

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Diese beiden merkwürdigen Thiere sind in ih - rem Ansehen und Bildung so wesentlich verschie - den, daß wir sie für zwey besondere Gattungen ansehen. Da sie selten nach Europa kommen, nur in dicken Wäldern leben, und von wenigen glaubwürdigen Reisenden beschrieben und rich - tig unterschieden sind, so ist ihre Geschickte noch ziemlich dunkel, und mit viel Fabeln verfälscht. Man vermengt sie unter den Namen van Pon - go, Barris, Jocko, Waldmensch ꝛc. vielleicht sinds die Satyren der Alten. Sie sind ohngefär fünf Fuß hoch, von bräunlicher Farbe, leben Truppweis im innern Africa, auf den Sundai - scheu Inseln ꝛc. sollen Feinde der Elephanten, aber Liebhaber der Frauenzimmer seyn. Sie sind nicht so munter wie andre Affen; sollen sich gern nach dem Feuer ziehen, was die Wilden etwa im Walde gemacht haben, aber es nicht mit nachge - legtem Holz zu unterhalten verstehen. Das mensch - liche Betragen solcher Thiere, die man in Euro - pa gesehen, ist blos Nachahmung, wie bey Tanz - bären oder gelernten Hunden.

3. Longimana. der Gibbon oder Golok. Lin - ne's homo lar. S. brachiis longissimis, talos attingentibus.

Ein artiges, zahmes, aber schwächliches Thier, was sich in Malacka, Coromandel, und auf den Molucken findet, und dem sein menschenäuliches Gesicht und die ungeheuer langen Arme ein son - derbares Ansehen geben. Es ist von schwärzlicher Farbe, wird gegen vier Fus hoch, und ist, wenns auf allen vieren läuft, doch nur wenig mit dem Körper vorwärts gebogen.

4. Sylvanus. der gemeine Türkische Affe. S. brachiis brevibus, natibus calvis. *

67

Der dauerhafteste Affe, der auch in Europa leicht Junge heckt, hat etwa die Grösse vom Fuchs, ist leicht zu zähmen, sehr gelehrig und possierlich, hat ein starkes Gedächtnis, und keunt seine alten Wohlthäter nach mehrern Jahren wie - der. Lebt in Äthiopien, Ostindien ꝛc. thut da den Baumfrüchten grossen Schaden.

b) geschwänzte.

5. Cynomolgus. der Macacco. S. cauda lon - ga, arcuata, labio leporino. *

Findet sich im südwestlichen Africa, besonders auf Guinea. Ein ausnehmend lebhaftes Thier von Olivenfarbe, was aber viel Feldfrüchte sei - nes Vaterlandes, besonders die schwarze Hirse (kleine Milio) verwüstet. Seine Gesichtsfarbe variirt, wie beym Menschen, nach Clima u. s. w. Von zweyen, die wir zergliedert haben, war der eine im Gesicht braun wie ein Abessinier, der andere Fleischfarben wie ein Europäer.

3. papio. Pavian. Caput prolongatum, corpus brevius, cauda abbreviata.

Auch die Paviane sind der alten Welt eigen. Ihr Kopf hat wenig menschenänliches, ehr etwas vom Schwein, zumal in der breiten Schnauze. Meist sind es unbändige, säuische und äusserst geile Thiere, die den Weibern der Wilden furchtbar seyn sollen.

1. Mormon. der Choras. P. naso miniato, ad latera coerulescente. *

Schwed. Abhandl. 1766. p. 144. tab. III.

Wird gegen fünf Fus hoch, ist auf Ceilan ꝛc. zu Hause. Sieht wegen der schönen farbichten68 Streifen im Gesicht, wegen seines weissen Barts, und der spitzzulaufenden Kopfhaare, sehr bizar aus. Er ist reinlicher als andere Paviane, ziem - lich phlegmatisch, aber fürchterlich stark.

2. Mandril. Linne's Maimon. P. facie violacea glabra, profunde sulcata. *

Variirt in der Statur. Manche sind, wenn sie aufgerichtet stehen, wol fünf Fus hoch; einer aber den wir zergliedert haben, war völlig aus - gewachsen, und doch nur von der Grösse des Fuchses: es war ein ungemein neugieriges, die - bisches Thier. Das Vaterland der Mandril ist Guinea, das Cap ꝛc. wo oft ganze Schaaren des Nachts Weinberge und Obstgärten plündern sollen.

4. cercopithecvs. Meerkatze. nares lateraliter hiantes, vox crocitans.

Das ganze Geschlecht ist blos in America ein - heimisch.

a) cauda prehensili, Sapajou.

1. Paniscus. der Coaita oder Beelzebub. C. ater, palmis tetradactylis absque pollice. *

Ein munteres, zahmes, aber zärtliches Thier, was in Südamerica, besonders in Brasilien, zu Hause ist. Es weiß sich seines langen Rollschwan - zes sehr geschickt zu bedienen, und ersetzt sich da - durch den Mangel des Daumen an den Vorder - händen. Es soll damit Fische fangen können; und wenn mehrere von einem Baume auf einen andern, etwas entferntern, wollen; so hängen sie sich, wie eine Kette, von einem Aste herunter, und schwanken so lange hin und wieder, bis der letzte den andern Baum erreicht und sich dran an -69 gehalten hat, da denn der erste losläßt, und so die ganze Ketten über fliegt.

b) cauda non prehensili, Sangouin.

2. Jacchus. der Ouistiti. C. juba pilosa alba ad genas ante aures, cauda villosa annu - lata. *

Eine der kleinsten artigsten Meerkatzen; ist in Brasilien zu Hause, und kann in einer Cocusnuß - schale logiren. Ihre Hände äneln den Pfoten unsers Eichhörnchens: auch die Lebensart beider Thiere hat viel gleiches. Doch frißt der Ouistiti besonders gern Fische.

5. lemvr. Maki. Caput vulpinum, den - tes incisores inferiores incumbentes.

1. Cucang. der Loris. Linne's tardigradus. L. ecaudatus. *

Seba thes. I. tab. XXXV. f. 1 et 2.

Diese und die folgende Gattung haben am Zei - gefinger der Hinterfüsse eine spitzige Kralle, an allen übrigen Fingern aber platte Nägel. Der Loris hat die Grösse des Eichhörnchens, ist von hellbrauner Farbe, auf Ceilan zu Hause; hat schlanke dünne Beine, lebt in Monogamie, und das Männchen soll sich beym Fressen, und sonst, sehr empfindsam gegen sein Weibgen bezeigen.

2. Mongoz. der Mongus. L. facie nigra, cor - pore et cauda griseis. *

Der Mongus hat schöne orangegelbe Augen, sehr weiches Haar, und einen langen wollichten Schwanz, den er im Sitzen um den Hals schlägt. Die Hinterfüsse sind viel länger als die vordern. Sein Fell hat, wie bey manchen Affen, einen spe -70 cifiken Geruch, fast nach Ameisenhaufen. Sei - ne Stimme ist ein Grunzen, wie bey den Af - en; wenn er aber böse wird, so quikt er helle wie die Meerkatzen. Er ist in Madagascar, Mo - zambike ꝛc. zu Hause. Büffon beschreibt ihn als wild und böse; das waren aber die, die wir gesehen, und einer, den wir selbst ge - raume Zeit lebendig gehabt haben, im gering - sten nicht. Der unsrige war das gefälligste, sanftmüthigste Thier von der Welt, mit dem je - des Kind spielen konnte. Er kannte seinen Herrn, vertrug sich sehr gut mit Affen und andern Thie - ren; fraß am liebsten Obst, gelbe Möhren, und über alles gern kleine lebendige Vögel.

III. BRADYPODA.

Die Füsse und der ganze Habitus dieser Thiere verrathen ihren trägen langsamen Gang. Meist haben sie wenig Zehen an den Vorder - füssen, die aber mit grossen krummen Klauen versehen sind, und zum Klettern auf Bäumen ꝛc. nutzen. Sie sind dickbehaart, und können lange fasten; ein Vorzug der ihnen bey ihrer Faulheit sehr zu statten kommt. Sie sind durch zahlreiche aber sehr breite Rippen von innen so gut gepanzert, als die Sclerodermata durch ihre hornichte Decken von aussen.

6. ignavvs. Faulthier. Caput rotundum, crura antica longiora.

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1. Tridactylus. der . I. pedibus tridacty - lis, cauda brevi. *

Ein unglaublich phlegmatisches Geschöpf im südlichen America. Es soll einen Tag brauchen, um 50 Schritte weit zu kriechen, soll weinen, und immer sein klägliches , wovon die Brasi - lianer des Thieres Namen entlehnt haben, von sich hören lassen; hat ein äusserst zähes Leben, lebt vom Laub der Bäume, hängt sich mit den Füssen an die Zweige, nimt sich aber nicht die Mühe, wieder von Bäumen herunter zu steigen, sondern fällt herab, und bleibt so lange liegen, bis es endlich der Hunger nöthigt, sich allgemach wei - ter zu schleppen.

7. myrmecophaga. Ameisenbär. Ro - strum productius, lingua filiformis, dentes nulli.

Das ganze Geschlecht ist blos in Südamerica zu Hause.

1. Didactyla. der kleine Tamandua. M. pal - mis didactylis, ungue exteriore maximo, plantis tetradactylis, cauda prehensili. *

Von der Grösse des Eichhörnchens, und hell - brauner Farbe. Die vier Zoll lange Zunge ist, wie bey den übrigen Gattungen, mit zähem Schleim überzogen, an dem die Ameisen klebend bleiben. Mit den grossen hakenförmigen Klauen der Vor - derfüsse scharrt er in den Ameisenhaufen. Die Hinterpfoten sind zum Laufen unbequem, aber desto geschickter zum Anhalten an Zweigen. Im Nothfall rollt er sich zusammen, wie die Thiere der folgenden Ordnung. Er hat, so wie andere Gattungen seines Geschlechts ursprünglich hän - gende Ohren. Er ist stumm, und wir haben bey72 seiner Zergliederung die Kehlknorpel knöchern, wie das Zungenbein gefunden; von ihnen stieg keine knorplichte Luftröhre, sondern gleich zwey häutichte kurze Bronchien, zu den grossen lappich - ten Lungen hinab.

IV. SCLERODERMATA.

Die Säugthiere mit Stacheln, oder Schup - pen, oder Schilden statt des behaarten Fells. Sie rollen sich bey Gefahr ganz kugelicht zu - sammen, und können sich, wegen ihrer Sta - cheln ꝛc. zur Begattung, nicht wie die mehre - sten übrigen Thiere dieser Classe bespringen.

8. hystrix. Corpus spinis tectum.

1. . Erinaceus. der Igel. H. auriculis ro - tundatis, naribus cristatis. *

Die Bildung und Lebensart der Igel ist so mit der Stachelschweine ihrer verwandt, daß wir uns nicht haben überwinden können, sie in besondern Geschlechtern von einander zu trennen. Der Igel, das sehr unschuldige Thier, ist fast in der ganzen alten Welt zu Hause. Er nährt sich von Ratten und Mäusen, die er mit viel Geschicklich - keit zu fangen versteht; auch von Kröten, In - secten, Früchten ꝛc. Lebt in Monogamie. Viele Zergliederer haben ihm mit unrecht den Herzbeu - tel abgesprochen. Es giebt allerdings zwey Va - rietäten bey dieser Gattung: Hundsigel und Schweinigel; deren Verschiedenheit sich so gar auf den Bau ihrer Eingeweide erstrecken soll. *)volcheri coiteri observ. anat. p.128.73Der Schweinigel ist seltener, wird aber unge - mein zahm.

2. Malaccensis. H. auriculis pendulis.

Findet sich auf Malacca und den Sundaischen Inseln; und ist wegen des Piedra del porco merk - würdig, der sich zuweilen in seiner Gallenblase erzeugt.

3. Cristata. das Stachelschwein. H. capite cristato, cauda abbreviata. *

Ist im wärmern Asien und in ganz Africa zu Hause, pflanzt sich nun auch in Italien und Spa