PRIMS Full-text transcription (HTML)
Deutſche Bibliothek.
Sammlung auserleſener Original-Romane.
IV. Der Sonnenwirth .
Frankfurt a. M. Verlag von Meidinger Sohn & Cie. 1855.

Druck von Aug. Oſterrieth in Frankfurt a. M.

[I]
Der Sonnenwirth .
Schwäbiſche Volksgeſchichte aus dem vorigen Jahrhundert.
Frankfurt a. M. Verlag von Meidinger Sohn & Cie. 1855.
[II]

Druck von Aug. Oſterrieth in Frankfurt a. M.

[III]

Die Quellen, welche den Gegenſtand der nachfolgenden Erzählung behandeln, ſind:

Acta von dem inn und außer Lands bekannten Ertzbößwicht Friderich Schwahn, einem Sohn des Sonnenwirth Schwahnen allhier. (Amtliche Protokolle und Aufzeichnungen, oberamtliche Erlaſſe, mit Beſchlag belegte Privatbriefe ꝛc., von 1750 57, auf dem Rathhauſe des vormaligen herzoglich wirtembergiſchen Amtsfleckens Ebersbach, Göppinger Stabs, aufbewahrt, von dem jetzigen Schultheißenamte daſelbſt dem Erzähler zur Durchſicht verſtattet. Sehr lückenhaft; die für die Erzählung bedeutendſten Acten fehlen. Auch das noch vorhandene Gerichtsprotokoll aus jenen Jahren bietet nicht die geringſte Ausbeute dar.)

Actum den 26. Junii 1750 in Praesentia der Ordinari Censurrichter. (Verhandlung, enthalten in einem Kirchencon¬ vents-Protokollbuch der Pfarramtsregiſtratur ebendaſelbſt, welches die Zeit vom Mai 1750 bis December 1775 umfaßt. Der vor¬ hergehende, für die Erzählung wichtigere Band iſt nicht mehr vorhanden.)

(Acta, den Joh. Fr. Schwan von Ebersbach betreffend, ſind in dem Inhaltsverzeichniß der Regiſtratur des jetzigen Oberamts¬ gerichts Göppingen angegeben, haben ſich aber in der Regiſtratur ſelbſt nicht mehr gefunden.) —IV—Inquiſitions-Protocollum, betreffend den ſogenannten Son¬ nenwirthle, 7. März 20. Juni 1760. (Geführt von dem Unterſuchungsrichter Oberamtmann Abel in Vaihingen an der Enz, und aufbewahrt auf der Kanzlei des jetzigen dortigen Oberamtsgerichts. Dabei befindet ſich noch eine eigenhändige, mit Bleiſtift gefertigte Aufzeichnung des Inquiſiten ſelbſt, Ergän¬ zungen ſeiner Ausſagen enthaltend.)

Wöchentliche Anzeigen von Neuigkeiten, die das ganze Land betreffen. 1750 57. Wöchentliche Nachrichten von allerhand Sachen, deren Bekanntmachung dem gemeinen Weſen nützlich und nöthig ſind. 1758 59. (Amtliche Zeitung für das Her¬ zogthum Wirtemberg, auf der Staatsbibliothek in Stuttgart auf¬ bewahrt, unter Anderem auch die Juſtizanzeigen u. dgl. enthal¬ tend. Der Jahrgang 1760, der für die Erzählung von Bedeu¬ tung wäre, fehlt.)

Friedrich Schiller's Verbrecher aus verlorener Ehre. (Ge¬ ſchrieben zu Dresden 1786 und zuerſt in der Thalia erſchienen. Die Eigenſchaft einer wahren Geſchichte , die der Dichter dieſer von ihm wenig beachteten Nebenarbeit beilegte, kommt ihr in ſo fern zu, als ihr Inhalt ſich möglicher Weiſe im Leben ereignet haben könnte; in dem gewöhnlichen Sinne aber, den man unter dieſer Bezeichnung verſteht, iſt ſie gerade nicht wahr, ſondern von Anfang bis beinahe zu Ende Roman, d. h. Erfin¬ dung ohne geſchichtliche Grundlage. Zu bemerken iſt auch, daß der durch Schiller's Novelle in der Leſewelt eingebürgerte Titel Sonnenwirth der Geſchichte wie dem ſchwäbiſchen Sprachge¬ brauche nicht entſpricht und vielmehr Sonnenwirthle , d. h. der Sohn des Sonnenwirths, heißen ſollte. Wie aber ein großer Dichter, zumal wenn ſein Ruhm die amtlichen Kreiſe erfaßt hat, nicht nur große Wahrheiten, ſondern auch kleine Irrthümer verbreiten kann, das erhellt aus der Beſchreibung des Ober¬—V— amts Göppingen, herausgegeben von dem Königlichen ſtatiſtiſch - topographiſchen Bureau, Stuttgart und Tübingen 1844 , in welcher bei der Ortsbeſchreibung von Ebersbach auf Treu 'und Glauben geſagt wird: Auch iſt bemerkenswerth, daß es der damalige Beſitzer der hieſigen Gaſtwirthſchaft zur Sonne, Chr. Wolf, war, welchen Schiller in ſeinem Verbrecher aus verlorener Ehre pſychologiſch dargeſtellt hat. Gewiß würde Schiller, wenn er als Flüchtling geahnt hätte, daß dereinſt eine Staatsbehörde einer Heimath aus ſeiner Novelle ſtatiſtiſche Angaben ſchöpfen würde, dieſelbe nicht eine wahre Geſchichte betitelt haben.)

Sammlung und Erklärung merkwürdiger Erſcheinungen aus dem menſchlichen Leben, von Jakob Friedrich Abel, Profeſſor der Philoſophie an der hohen Carls-Schule. Zweiter Theil. Geſchichte eines Räubers. Geſchichte einer Räuberin. Stutt¬ gart 1787. (Der Verfaſſer war der Sohn des vorhin genann¬ ten Oberamtmanns von Vaihingen und Schiller's Lehrer an der Carls-Akademie. Seine Darſtellung iſt pſychologiſch-moraliſch, ſein philoſophiſcher Standpunkt, der Zeit gemäß, ein Verſuch einer Vermittlung zwiſchen Aufklärung und Orthodoxie. Ein leiſes Ankämpfen gegen die ein Jahr zuvor veröffentlichte unge¬ ſchichtliche Behandlung des Stoffes durch ſeinen berühmten Schüler und Freund iſt unverkennbar, beſonders da, wo der Ver¬ faſſer ſeinen Vater und ſeine auf den Fang des gefürchteten Räubers ſtolze Geburtsſtadt Vaihingen, welche beide bei Schiller nicht ungerupft weggekommen ſind, in das verdiente Licht der Wahrheit ſtellt. Die Ordnung, die er den Begebenheiten an¬ weist, ſtimmt nicht immer genau mit den Acten, die hierin allein maßgebend ſein können, überein; an einer Hauptſtelle iſt er, durch Schiller verführt, halb von dem geſchichtlichen Pfade ab¬ gekommen; aber die perſönliche Bekanntſchaft mit dem Gegen¬ ſtande ſeiner pſychologiſchen Darſtellung und die humane Ge¬—VI— ſinnung, die ihm bei derſelben die Feder gelenkt, machen ſein Werk zu der einzigen Quelle, welche neben der äußerlichen Richtigkeit der Thatſachen auch Beſtandtheile innerer Wahrheit hat. Den Hergang des Mordes im Kirnbach erzählt er aus dem Munde des Thäters ſelbſt, hat ſich aber dabei in der Zeitfolge geirrt.)

Der Sonnenwirth. Hiſtoriſches Urbild des poetiſchen Seelen¬ gemäldes: der Verbrecher aus verlorener Ehre, von Schiller. Aus den Acten von Heinrich Ehregott Linck. Vaihingen, 1850. (Eine vollſtändige und treue Bearbeitung der oben aufgeführten Vaihinger Acten und eines Theils der Volksſage, wie ſie ſich in Vaihingen fortpflanzte, ohne Zuziehung der Ebersbacher Urkunden und der Vorarbeit Abel's, daher zwar eine richtige Kritik der Schil¬ ler'ſchen Novelle, ſo fern dieſe ſich als thatſächlich geben will, aber ſelbſt nur in bedingtem Sinne geſchichtlich, weil die Benutzung ſich, neben einer vielfach getrübten Sage, bloß auf criminali¬ ſtiſches Material, und zwar aus dem letzten Lebensabſchnitt ihres Helden, beſchränkt. Die oben erwähnte Aufzeichnung deſſelben iſt im Anhang vollſtändig mitgetheilt.)

Zur Bezeichnung der Aufgabe, welche dieſer Erzählung vor¬ lag, mag es dienlich ſein, den Schluß des Vorworts, womit der Verfaſſer eine Veröffentlichung der vier erſten Abſchnitte derſelben im Stuttgarter Morgenblatt 1846 einleitete, hier zu wiederholen:

Die (aufgezählten) Urkunden enthüllten meinem Auge in und zwiſchen ihren Zeilen ein Lebensbild, grundverſchieden von dem bisher gekannten, aber belebender Darſtellung gewiß nicht minder werth. Indem ich eine ſolche verſuchte, mußte ich aller¬—VII— dings die Erfindung zu Hilfe rufen, jedoch keine willkürliche, ſondern diejenige Art von Erfindung, welche die vorhandenen geſchichtlichen Züge, eine trockene zerſtreute Maſſe, zu verbinden und zu erklären unternimmt. Meine Erzählung iſt keine bloß thatſächliche; ſie iſt Dichtung, aber innerhalb gegebener geſchicht¬ licher Grenzen.

Ich glaube, daß die Geſchichte, deren Wiſſenſchaft zu einem Cultus zu werden beginnt, der Dichtkunſt denſelben Dienſt zu leiſten berufen iſt, welchen einſt die Kirche den bildenden Künſten leiſtete: durch Zwang und Beſchränkung zu innerer Freiheit und geſteigerter Kraft zu führen. War uns doch auch hierin ſchon ſo lange Shakſpeare ein Vorbild, er, der nie das Gerippe einer Fabel erfand, aber immer das Fleiſch und Blut dazu.

Mag ſie etwas Kleines oder Großes unternehmen, das Conterfei eines einzelnen ungebärdigen Menſchenkindes oder ein breites und hohes Gemälde des verſchlungenen Weltlaufes immer ſoll die Dichtung durch eine nicht allzu kurze, doch unzer¬ reißbare Kette an die Geſchichte gefeſſelt ſein. Die urkundlichen Zeilen bilden dieſe Kette; zwiſchen ihnen iſt Freiheit, Erfin¬ dung, Offenbarung. Wenn aber das Schaffen ſo leicht wäre wie das Erkennen, ſo feierten wir ſchon längſt die neue Zeit, deren Schwelle wir wagend und zögernd, ſchreitend und ſtrau¬ chelnd betreten: die Einheit von Dichtung und Geſchichte, die wahre hiſtoriſche Poeſie.

[VIII]
[1]

1.

Nun, Meiſter Schwan, für diesmal iſt Er chriſtlich durchgekommen, ſtraf 'mich Gott! Ohne Willkomm und Abſchied! Herr Gott von Dinkelsbühl, thut mir faſt leid, daß ich Ihm nicht ein Paar aus dem ff auf ſein geſundes Leder aufmeſſen darf, aus purer Freundſchaft. Und dazu bloß ein halb Jahr! Aber ich hoff', ſo ein heißgräthiger Burſch 'wie Er wird bald wieder das Heimweh nach unſerer luſtigen Karthauſ' bekommen. Auf's Frühjahr ſpäteſtens, wenn die Bäum 'ausſchlagen, werden wir wieder die Ehre haben. Ich will derweil ein paar tüchtige Haſelſtöcke ins Waſſer legen, damit ſie den gehörigen Schwung und Zug kriegen zum Willkomm, wenn's heißen wird: des Ebersbacher Sonnenwirths ſein Gutedel iſt wieder da. Adjes, Mei¬ ſter Schwan, glückliche Reiſe und nichts für ungut.

Es war unter dem Thore des Ludwigsburger Zucht - und Arbeits¬ hauſes, wo einer der Aufſeher einem jungen Menſchen dieſes ſpöttiſche Lebewohl ſagte. Dem unterſetzten ſtämmigen Burſchen konnte Niemand im Ernſte den Meiſtertitel geben, denn er ſchien kaum zwanzig Jahre alt zu ſein. Auch ſah er ſehr ſauer zu der Ehrenbezeugung, die nicht gerade aus wohlwollendem Herzen kam; ſein breites rothwangiges Ge¬ ſicht ſpannte ſich zu einem trotzigen Ausdruck, den eine tiefe Schramme auf der Stirne noch erhöhte. Er hielt die Augen wie aus Verachtung zu Boden geheftet, aber dann und wann ſchoß er ſeitwärts einen Blick hervor, der wie ein bloßes Meſſer funkelte. Der Aufſeher gab ihm ſtatt des Abſchieds , den er ihm gerne zugedacht hätte, einen derben Schlag auf die Schulter, und ging lachend hinweg. Der ent¬D. B. IV. Kurz, Sonnenwirth. 12laſſene Sträfling ballte die Fauſt und ſah ihm mit ingrimmigen Blicken nach.

Eben wollte er mit einer Geberde, welche ein nichts weniger als anſtändiges, aber um ſo aufrichtigeres Geſinnungsbekenntniß enthielt, dem Zuchthauſe den Rücken kehren, als er, noch einmal umſchauend, einen Gegenſtand gewahrte, der den Haß auf ſeinem derben lebhaften Ge¬ ſichte plötzlich in das entſchiedenſte Widerſpiel verwandelte. Es war ein Greis, der in der Gebrechlichkeit des Alters an einem Stabe über den Hof gegangen kam; er trug ſchwarze Kleidung, und die beiden weißen Ueberſchlägchen, die ihm von der Halsbinde herabhängend auf der Bruſt ſpielten, bezeichneten ſeinen geiſtlichen Stand. Seine Er¬ ſcheinung machte einen ſichtlichen Eindruck auf alle Begegnenden; die ausgelaſſenſten Züchtlinge verſtummten, als er im Vorübergehen einen Blick auf ihre Arbeiten warf; der rohe Aufſeher wich ihm von Wei¬ tem aus. Jedem bot er ſeinen zuvorkommenden Gruß; er war immer der Erſte, der das ſchwarze Käppchen über den ſpärlichen weißen Haaren lüpfte, und doch ſollte es ihm offenbar dazu dienen, ſein greiſes Haupt vor der Herbſtluft zu ſchützen; denn neben dem Käppchen trug er den dreieckigen Hut unter dem Arm.

Der junge Menſch war unter dem Thore des Zuchthauſes ſtehen geblieben. In ſeinen Mienen zuckte es wie Gewitter und Regen¬ ſchauer; aber zum Weinen ſchienen dieſe Züge zu derb. Unwillkürlich bewegte er den Fuß, um dem alten Geiſtlichen entgegen zu laufen; er beſann ſich jedoch wieder und blieb ſchüchtern ſtehen. Als jener näher kam, zog er die Mütze und trat ihn mit einer linkiſchen Verbeugung an. Man konnte denken, wenn er ein Hund geweſen wäre, ſo wäre er mit freudigem Winſeln an ihm emporgeſprungen und hätte ihm Geſicht und Hände geleckt. So aber war er ein Weſen, um das der Zuchthausaufſeher ſchwerlich ſeinen Pudel hergegeben hätte, ein ent¬ laſſener Sträfling, ein unbändiger Menſch, voll Trotz und Rohheit; und doch regte ſich in ſeinem Herzen etwas, das wir auch in den winſelnden Thieren ahnen, und das die Bibel mit den Worten be¬ zeichnet: das Seufzen der Creatur.

Mit Verlaub ſtammelte er ich wollte nur dem Herrn Waiſen¬ pfarrer Adieu ſagen, weil der Herr Waiſenpfarrer immer ſo gut ge¬ gen mich geweſen iſt ich hätt 'ja nicht fortgehen können ohne das.

3

Der Waiſenpfarrer denn dieſer war es, dem die Seelſorge im Zuchthauſe oblag neigte ſich mit freundlichem Lächeln zu ihm. Er hatte aus den verlegenen, halbverſchluckten Worten des ſonſt ſehr an¬ ſtelligen Burſchen den rechten Kern herausgehört. So iſt Er denn alſo jetzt frei, Friedrich? ſagte er zu ihm. Ich wünſch 'Ihm von Herzen Glück. Nun gebrauche Er aber auch ſeine Freiheit ſo, wie man eine Gottesgabe gebrauchen muß.

Ich verſteh ſchon, Herr Waiſenpfarrer! erwiderte der Jüngling, der mit der erſten Anrede ſeine Beengung weggeſprochen und ſich in ei¬ nen Ton beſcheidener Zutraulichkeit hineingefunden hatte. Ich ver¬ ſteh ſchon. Das iſt wie mit dem Wein. Der iſt auch eine Gottesgabe. Wenn man aber ſolche Gottesgabe zu hart ſtrapazirt, ſo wirft ſie den Menſchen hin, daß er gleichſam wie vierfüßig wird. Dagegen wenn man ſie mit Maß genießt, ſo erfreut ſie das Herz und macht helle Gedanken im Kopf. Grade ſo iſt's auch mit der Freiheit. Wenn man von der über Durſt trinkt, ſo kann ſie Einen auch wohin werfen, wo zum Beiſpiel keine Freiheit mehr iſt.

Bei dieſen Worten wies er mit dem Daumen über die Schulter nach dem Gebäude, das er ſo eben verlaſſen hatte, und ſeine weißen Zähne blinkten lachend zwiſchen den kirſchrothen Lippen hervor.

Ja, ſo iſt's, mein Freund, verſetzte der Geiſtliche. Man pflegt wohl zu ſagen: ich nehme mir die Freiheit, das und das zu thun. Das iſt nur ſo eine höfliche Redensart. Mancher aber nimmt ſich mehr Freiheit, als er einem Andern gönnt, und thut einem Andern etwas, was er ſich ſelbſt nicht angethan wiſſen will. Das aber iſt zu viel Freiheit, und Er weiß wohl, was zu viel iſt, das iſt vom Uebel. Eigentlich ſollten wir unſere Freiheit bloß dazu anwenden, um einan¬ der lauter Liebes und Gutes zu thun; denn wenn die Menſchen alle einander dienen würden, dann wäre ja ein Jeglicher ſo wie ein Die¬ ner auch wieder ein Herr, und dann wäre die wahre Freiheit in der Welt.

Ja, wenn Alle ſo wären, wie der Herr Waiſenpfarrer, dann wär's keine Kunſt, ihnen zu dienen. Aber ſo iſt's nicht in der Welt. Da iſt viel Herzenshärtigkeit und Schlechtigkeit, nicht bloß ſolche, die den Nebenmenſchen übervortheilt, ſondern auch Bosheit, die ihm ohne allen Grund die Milch ſauer macht, und wenn man auf ſo einen Gift¬1*4michel trifft, ſo meint eben die Fauſt gleich, ſie müſſe ein Wörtlein mit ihm reden.

Mein Sohn, ſagte der alte Geiſtliche, man hat den Verſtand dazu, daß man der Fauſt nicht ihren Willen läßt. Und es kommt nur darauf an, daß man einem Menſchen ſeine gute Seite abgewin¬ nen lernt. Eine gute Seite hat auch der Schlimmſte. Wenn man aber einmal dieſe gefunden hat, ſo iſt's als hätte man den Schlüſſel zu einer ſonſt verſchloſſenen Thüre, und wenn man hineingeht, ſo trifft man oft auf Dinge, die man gar nicht hinter dieſer Thüre ge¬ ſucht hätte. Da iſt zum Exempe ein gewiſſer Friedrich Schwan. Den hat man mir geſchildert als einen rohen verworfenen Burſchen, deſſen Herz keiner guten Regung fähig ſei Fauſt in Sack! die Leute urtheilen eben nach der Außenſeite und wie ich Ihn nun ſelber kennen lernte, da fand ich in Ihm einen Menſchen, deſſen Herz wie ein wild aufgeſchoſſenes Reis iſt, trotzig und aufrühriſch gegen jedes rauhe Lüftchen, weich und geſchmeidig gegen jeden freundlichen Sonnenſtrahl, einen Menſchen, der gegen harte Worte und Behand¬ lungen ſtörriſch bleibt, und den man mit Güte um den Finger wickeln kann. Iſt's nicht ſo?

Ja, ſo iſt's, Herr Waiſenpfarrer, antwortete der junge Menſch ver¬ legen und gerührt.

Nun das iſt aber auch keine Kunſt, gegen Gute gut zu ſein. Wenn's weiter nichts wäre als das, ſo würden wir ja durch die breite Pforte in den Himmel eingehen, ſtatt durch die ſchmale.

Das iſt wahr, Herr Waiſenpfarrer, erwiderte der junge Menſch bedenklich. Aber wenn alle Menſchen unterdienſthaft gegen einander waren, wie Sie vorhin geſagt haben, ſo wäre es gerade daſſelbe Ding.

Allerdings. Aber da die Menſchen im Allgemeinen bis jetzt nicht geneigt ſind, uns die Himmelspforte ſo breit und bequem zu machen, ſo dürfen wir deßhalb der ſchmalen nicht untreu werden. Wir müſ¬ ſen gegen unſere Nebenmenſchen gerade ſo liebreich und dienſtfertig ſein, wie ſie eigentlich gegen uns ſein ſollten, unangeſehen ob ſie es ſind oder nicht. Vielleicht gewinnen wir ſie dadurch und bewegen ſie, unſer Beiſpiel nachzuahmen.

Ja, ja, Herr Waiſenpfarrer, fiel der junge Menſch lebhaft ein, das iſt gerade wie wenn ein ungebautes Stück Feld umgebrochen wer¬5 den ſoll. Da kommt es nur drauf an, daß einmal ein Anfang ge¬ macht wird, der für den Fortgang und für's Fertigwerden Bürgſchaft gibt, und iſt alſo ein kleines umgepflügtes Flecklein faſt ſchon ſo wichtig, wie das ganze künftige Neubruchland.

Er hat mich gar wohl gefaßt, verſetzte der alte Herr mit freund¬ lichem Lächeln. Wenn das Reich Gottes auf Erden erſcheinen und ihm die Stätte bereitet werden ſoll, ſo thut es zuerſt Noth, daß ein Kern von guten Menſchen gezogen wird, von welchen die Güte und der Segen allmählich auf die Andern übergehen kann. Die müſſen aber feſthalten wie ein Häuflein Streiter, von denen der Ausgang einer Schlacht abhängt. Ja, mein Sohn, fuhr er fort und legte ihm die abgemagerte Hand auf dieſelbe Schulter, welche vorhin der Aufſeher ſo unſanft berührt hatte: da muß man den Pflug über das trotzige Herz gehen laſſen, da muß man eine Beleidigung nicht mit Thätlichkeiten erwidern, die in's Zuchthaus führen. Vielmehr wer zu jenen Kern¬ truppen geboren will, der muß gegen ſeinen Feind gar noch ein gu¬ tes Wort und ein freundlich Geſicht aufzuwenden haben, und was noch weit mehr heißen will, es muß ihm ſogar von Herzen gehen.

Der Jüngling, der irgend einen Widerſacher im Geiſte vor ſich ſtehen ſehen mochte, trat bei dieſer Zumuthung betreten einen Schritt zurück. Die Große der Aufgabe war ihm augenſcheinlich ſchwer auf's Herz gefallen. Aber, ſagte er, da wird Mancher denken wie es im Evangelium heißt: das iſt eine harte Rede, wer kann ſie hören?

Der Greis lächelte. Mein junger Freund iſt ſehr bibelfeſt, ver¬ ſetzte er: ich bemerke das heut nicht zum erſtenmal. Die beſten Kern¬ ſprüche, die ſchönſten Liederverſe hat er feſt im Kopfe behalten, aber ob auch in einem feinen Herzen? Das iſt nun die Frage. Dieſe ſchönen Stellen, welche die Jugend in den Schulen auswendig lernt, und oft recht gedankenlos daherſagt, ſind Samenkörnern zu vergleichen. Nun iſt es zwar um ein Samenkorn ein edles Ding, aber der auf¬ gewachſene Baum und ſeine Früchte ſind doch noch etwas ganz An¬ deres. O mein lieber Friedrich, ich fürchte, bei dieſen Worten hob er liebreich den Finger gegen ihn auf, ich fürchte, dieſes trotzige Gemüth muß noch durch Leiden gebeugt und recht umgebrochen werden, wenn es ein Boden werden ſoll, darin der Same zu Früchten aufgehen kann. Mein Sohn, habe Er immer Den vor Augen, von6 dem wir jene Sprüche überkommen haben, der nicht ſchalt, da er ge¬ ſchlagen ward, und nicht dräuete, da er litt. Ich will Ihm aber nicht mit Einem Mal ein Werk auflegen, das für manche zartere Seelen noch zu ſchwer iſt. Fange Er im Kleinen an, mein lieber Sohn. Strebe Er ſanftmüthig zu werden. Denke Er immer zur rechten Zeit daran, den aufquellenden Zorn zu bezähmen; denn der Zorn hat einen böſen Urahn, den Mörder von Anbeginn, und wenn man ihn herausläßt, ſo gleicht er der Kugel, von der das Sprichwort ſagt: wenn ſie aus dem Rohr iſt, ſo iſt ſie des Teufels. Vor Allem aber will ich Ihm Eines an's Herz legen. Er iſt vermöglicher Leute Kind, und in einem Wirthshauſe fallen manche Brocken ab. Benütze Er dieſe Gelegenheit, um Gutes zu thun und nach Seinen Kräften den traurigen Unterſchied, der in der Welt iſt, ein wenig auszugleichen. Er kann, ohne Seinen Vater zu übervortheilen, und das darf er ja nicht thun! manchem armen Schlucker etwas zu¬ fließen laſſen. Ich ſage das nicht, daß Er meinen ſoll, Er könne ſich ein Verdienſt vor Gott damit erwerben. Aber der rechte Glaube wird auch immer die rechten Werke gebären, und hinwiederum, wer die rechten Werke thut, der ſetzt zugleich ſein Inneres in die rechte Ver¬ faſſung, wie ſie vor Gott ſein ſoll; denn Gutes thun macht ein ge¬ lindes Herz. Deßhalb, mein Sohn, beſchloß er mit einem unbeſchreib¬ lich heitern und ſcherzhaften Lächeln, will ich Ihm, da Er noch ſo jung iſt, nicht zumuthen, daß Er gleich als Flügelmann unter jene Kerntruppen tritt, von denen ich geſprochen habe. Suche Er nur zuerſt als Marketender bei ihnen anzukommen, dann kann Er ſich allmählich weiter aufdienen, bis

Ein Geräuſch unterbrach ihn, das ihm den frommen Scherz auf's Kläglichſte verbitterte. Unzweideutige Schläge hallten von dem untern Stockwerk her, dem der Geiſtliche und ſein aufmerkſames Beichtkind nahe ſtanden. Sie folgten mit unerbittlicher Regelmäßigkeit auf ein¬ ander, ſo daß der Greis die ſchwache Hand ausſtreckte, als ob dieſe abwehrende Geberde der Grauſamkeit ein Ende machen könnte. Man hörte kein Geſchrei, ſondern nur ein dumpfes Knurren, in welchem jedoch der menſchliche Ton zu unterſcheiden war. Dieſes Knurren, das ſich in Zwiſchenräumen wiederholte, machte den Vorgang weit unheim¬ licher als wenn die lauteſten Wehklagen ihn begleitet hätten.

7

Der junge Friedrich ballte die Fauſt gegen das Gebäude. Dieſe Prügelhunde! rief er: es iſt ihnen nur wohl, wenn ſie zuſchlagen können.

Der Waiſenpfarrer legte ihm wieder die Hand, die aber diesmal zitterte, auf die Schulter. Mein Sohn, ſagte er, die Menſchen haben es mit der Sünde verdient, daß der Schmerz und das Wehthum in die Welt gekommen iſt. Wo aber Strafe iſt, heißt es, da iſt Zucht, und wo Friede iſt, da iſt Gott.

Die Schläge hallten dazwiſchen fort. Der Greis brach mit einem tiefen Seufzer die Unterredung ab. Nun lebe Er wohl, mein lieber Friedrich, ſagte er. Gott ſei mit Ihm auf allen Seinen Wegen. Denke Er an das, was ich Ihm geſagt habe, damit wir uns fröhlich und eben darum niemals mehr an dieſem Orte wiederſehen.

Er drückte ihm die Hand und wankte, ſo eilig als er es ver¬ mochte, an ſeinem Stabe dahin. Zwar hatte auch er die Meinung ſeiner Zeit ausgeſprochen, daß durch grauſame Züchtigungen der Wille Gottes erfüllt und ſein Kommen vorbereitet werde, aber er ſchien doch nicht gern dabei zu ſein und hatte es in dieſem Augenblick wohl tief empfunden, daß das Reich Gottes, ſo wie er es verſtand, noch ſehr ferne ſei.

Der junge Friedrich aber blieb unter den Fenſtern des Zuchthauſes ſtehen und lauſchte dem Geräuſch der Pein, vor welchem ſein ehr¬ würdiger Beichtiger entflohen war. Er fühlte zwar nicht geringe Ent¬ rüſtung über die Gewalt, die hier einem Menſchen angethan wurde, aber der Schmerz des Armen verurſachte ihm, der ſelbſt ſchon manchen derben Puff ausgehalten hatte, kein beſonders zartes Mitgefühl.

Die Schläge hörten endlich auf. Bald hernach öffnete ſich die Thüre, und von einer unſichtbaren Hand geſchleudert, kam ein Menſch herausgeflogen. Der Stoß war nicht eben ſanft geweſen, doch hielt der Hinausgeworfene ſich wie eine Katze auf den Füßen. Sein Ge¬ ſicht zeigte trotz der zigeuneriſchen Farbe die Spuren überſtandener Anſtrengung, es war dunkelroth, und ein ſchielendes Auge gab dieſen jugendlichen Zügen einen furchtbaren Ausdruck. Der junge Zigeuner, der ſo eben einen rauhen Abſchied durchgemacht hatte, ſchüttelte ſich am ganzen Leibe, er kehrte ſich gegen das Zuchthaus um, ſtreckte die Zunge ſo lang er konnte heraus, und ging dann gemächlich ſeiner Wege.

8

Ich glaub ', ſie haben dich mit ungebrannter Aſche gelaugt, und das ſcharf, ſagte Friedrich, als er an ihm vorüber kam.

Ich glaub 'auch, war die trockene Antwort des Zigeuners, der einen Blick aus ſeinem ſcheelen Auge über den Frager hinlaufen ließ und ſich von dannen machte.

Friedrich, der auf den Burſchen neugierig geworden war, folgte ihm von weitem nach. Aber erſt als ſie Ludwigsburg mit ſeinen vornehmen regelrechten Straßen hinter ſich hatten, wagte er die Ge¬ ſellſchaft des verachteten Zigeuners aufzuſuchen. Dieſer ſchien nach¬ läſſig vor ſich herzuſchlendern, und doch hatte er Mühe, gleichen Schritt zu halten und ihn endlich einzuholen.

He, wohinaus, Landsmann? ſchrie er ihn an.

Dem Hohenſtaufen zu, antwortete der Zigeuner ſeitwärts herüber, ohne ſich in ſeinem Gange aufhalten zu laſſen.

Dann haben wir ja ſchier gar Einen Weg, ſagte Friedrich an ſeiner Seite gehend. Der meinige führt nach Ebersbach.

Da können wir wenigſtens eine Strecke weit beiſammen bleiben, erwiderte der Zigeuner.

Die beiden jungen Burſche gingen nun mit wackern Schritten durch die Ebene und dann jenſeits des Neckars über die Anhöhen hin, welche zwiſchen dieſem und der Rems liegen, und machten nach einer tüchtigen Wanderung bei einem einſamen Wirthshäuschen Halt, wo Friedrich ſeinen Gefährten zu Gaſte lud. Eine Flaſche vom Saft des Apfels und ein Rettig, der den Sommer überlebt hatte, war Alles, was ihm ein paar geſparte Pfennige aufzutiſchen erlaubten. Die vorgerückte Jahreszeit ließ ſich ſo mild an, daß die beiden Wanderer im Freien auf der verwitterten Bank unter dem alten Apfelbaum ihr Mahl verzehren konnten. Hungrig und durſtig griffen ſie zu und ließen ſich's nach der Weiſe der Jugend ſchmecken.

Wie luſtige Sperlinge genoßen ſie der wieder erlangten Freiheit, ſchalten auf das Gefängniß, von dem ſie herkamen, ſpotteten über die Schwachheiten der Aufſeher und erzählten ſich loſe Streiche, womit ſie deren Wachſamkeit umgangen hatten. Unter Plaudern und Lachen war die Flaſche nur allzubald geleert. Sie kehlten alle Taſchen um, bis ſie in der erdenklich kleinſten Münze, aber auch mit dem erdenk¬9 lich größten Jubel die nöthige Summe zuſammengebracht hatten, um eine zweite zu beſtellen.

Wie biſt du denn eigentlich, fragte Friedrich unter dem Einſchenken, in den Gaſthof zur Kardätſche gerathen? Mit bloßem Vagabundiren haſt doch ſo jung nicht ſo hoch in die Wolle avanciren können.

Nein, erwiderte der Zigeuner unbefangen, ich hab 'krumme Fin¬ ger gemacht.

Pfui, rief Friedrich, Stehlen, das iſt was Hundsgemeines, heißt das, wenn

Von z'wegen was ſeid Ihr hineingekommen? unterbrach ihn der Zigeuner etwas raſch. Ungeachtet des Aergers über die biderbe Be¬ merkung vergaß er nicht, daß ſein Genoſſe der herrſchenden Nation angehörte und daß er den größeren Theil der Zeche bezahlt hatte: Grund genug, ihn in der majeſtätiſchen Mehrzahl anzureden. Man wird Euch auch nicht bloß um der Koſtbarkeit willen hinter Glas und Rahmen aufgehoben haben.

Ich hab 'Einen durchgeprügelt und das leder-windelweich. Der Heuchler gab dann vor, er könne den Arm nicht mehr gebrauchen. Es war aber erlogen, und ſo ſchickten ſie mich eben auf ein halb Jahr an das Oertchen, von dem man nicht gern red't.

Der Zigeuner machte ein unbefriedigtes Geſicht. Und habt Ihr Euch niemals an fremdem Eigenthum vergriffen, fragte er, daß Ihr da ſo auf den höchſten Gaul ſitzen könnt? Seid Ihr niemals einem Andern in die Aepfel gegangen, oder in die Kirſchen? Denn, ſetzte er eifrig hinzu, Stehlen iſt Stehlen, das ſag 'ich.

Ja, meinem Vater bin ich wohl über die Kirſchen gegangen und auch über die Geldlade. Aber das iſt was Anderes, das geht ja vom Eigenen und heißt eben vor der Zeit geerbt. Das iſt nicht geſtohlen. Stehlen heißt, wenn man fremden Leuten das Ihrige nimmt, und das iſt eine Schmählichkeit.

Wenn bei uns Einer, verſetzte der Zigeuner höhniſch, ſeine Eltern beſtehlen würde, ſo könnte ſeines Bleibens nicht mehr ſein; der ärgſte Spitzbube würde ihn verachten und anſpeien. Bei uns iſt es Sitte, daß man die Eltern ehrt und liebt und daß man ihnen eher zubringt, als daß man ſie beſtiehlt. Dafür laſſen ſie es aber auch an ihren Kindern nicht fehlen, ſie geben ihnen10 den letzten Biſſen vom Munde weg, und deßhalb iſt es gar nicht möglich, daß ſo etwas bei uns vorkommt. Iſt mir auch eine ganz beſondere Lebensart, daß ich einen Fremden ſchonen ſoll, der mich nichts angeht, und ſoll mich dagegen an meinem Vater vergreifen, der mir der Nächſte iſt in der Welt. Das bring 'mir ein Anderer in den Kopf, mir iſt es zu hoch. Kommt mir gerade vor, wie wenn im Krieg einer ſich von den Feinden abwenden wollte und auf ſeine Freunde ſchießen.

Friedrich war betroffen. Sein geſunder Verſtand ſagte ihm, daß etwas Wahres an dieſer Anſicht ſei, und doch konnte er ſie nicht zu¬ geben, da ſie den Sitten und Gewohnheiten, unter denen er aufge¬ wachſen, völlig widerſprach. Die beiden jungen Leute ſtritten eifrig und konnten ſich lange nicht verſtändigen. Darin waren ſie zwar Einer Anſicht, daß auf die Herrſchaft keine ſtrengen Begriffe von Eigenthum anzuwenden, daß die Thiere im Walde, die Fiſche im Waſſer eigentlich Gemeingut ſeien; aber über den Reſt des großen Kapitels vom Mein und Dein konnten ſie nicht einig werden.

Stehlen und Stehlen iſt zweierlei, rief Friedrich zuletzt. Geh du nach Ebersbach und frag 'von Haus zu Haus, ob die Leut' nicht einen Unterſchied machen, und die Leut 'müſſen doch auch wiſſen was ſie thun. Ueberall gilt's für eine größere Schande, wenn Einer einem Fremden was ſtiehlt, als wenn er's den Eigenen nimmt; denn da bleibt's ja in der Familie.

Dann ſollte man ihn auch in der Familie abmurreln, ſagte der hartnäckige Zigeuner, und Jedem davon ein Stück zum Kochen geben, wenn eure Geſetze ſo ſchlecht ſind, daß ſie bloß den einen Diebſtahl ſtrafen, den andern aber nicht.

Oha, ſagte Friedrich, umgekehrt iſt auch gefahren. Selbiges iſt anders. Die Geſetze, die ſind ſo überzwerch wie du, die behaupten auch, Stehlen ſei Stehlen. Wie es herauskam, daß ich meinem Va¬ ter ein paar hundert Gulden genommen hatte, die er mir nicht gut¬ willig geben wollte, um in die Fremde zu gehen, da thaten ſie mich geſchwind nach Ludwigsburg zum Wollkardätſchen, ob ich gleich erſt ein unverſtändiger vierzehnjähriger Bube war. Damals hab 'ich auch gelernt, was der Willkomm und Abſchied für höfliche Complimente11 ſind, und hab' empfunden wie es patſcht, wenn Haſelholz und Hirſch¬ leder zuſammenkommen.

Der Zigeuner ſchlug ein luſtiges Gelächter auf. Aber nicht wahr, rief er triumphirend, mit einem ſolchen Leibſchaden noch ſtundenlang d'rauf los marſchiren und dann auf einem hölzernen Bänkchen her¬ umrutſchen, das könnt auch nicht ein Jeder.

Nun, nun, entgegnete Friedrich, man merkt's deſſen ungeachtet wohl, wo du dermalen deine ſchwache Seite haſt. Du ſitz'ſt ja ſo windſchief da, als wenn das Bänkchen unter dir brennte, die armen Seelen in der Hölle, die auf dem Glufenhäfelein ſitzen, können nicht öfter wechſeln und nicht poſſierlicher den Fuß an ſich ziehen. Aber das muß man dir laſſen: mannlich haſt du dich gehalten. Wenn ich nur noch ein paar übrige Kreuzer hätt ', ſo ließ ich dir einen Kirſchen¬ geiſt zum Einreiben kommen.

Einreiben! wer wird auch die Gottesgabe ſo ſündlich verſchwenden! Den Kirſchengeiſt muß man innerlich brauchen, von innen heraus curirt er noch einmal ſo ſchnell.

Das glaub 'ich dir! lachte Friedrich. Ueberhaupt hab' ich ſchon oft gedacht, ihr Zigeuner müſſet ein gutes Fell haben, ſtich - und kugelfeſt. Man könnt's, ſchätz 'ich wohl, zum Ueberzug für ein ſchwaches Gewiſſen brauchen.

Es dient oft auch dazu. Ja, eine gute Haut, die muß der Zi¬ geuner haben, und hartgeſotten muß er ſein, wenn er ſolch mühſeliges Leben aushalten ſoll. Froſt und Hitze muß ihm gleichviel gelten. Halbnackt muß er gehen können, wenn ihm der gefrorene Schnee un¬ ter den Füßen kracht, und die ſchwerſte Bürde muß ihm wie ein Flaum ſein, wenn ihn die Sonne Mittags auf die Glieder ſticht. Sein Lager iſt unter Gottes freiem Himmel, und in böſer Nacht hat er's nicht immer ſo gut, daß er auch nur im Hüterhäuschen unter¬ kriechen kann. Oft hat er nur einen Baum zum Obdach, unter dem ſchläft er zufrieden, wenn der Sturm durch die Aeſte fährt und die Blätter ſchüttelt, daß ihm der kalte Regen auf die Stirne tropft.

Herr Gott, rief Friedrich mit rauher Rührung, ich kann doch auch was vertragen, aber ſo ein Leben muß ja den beſten Mann umbringen! Mußt du nicht ſelber ſagen, daß es vernünftiger wäre, wenn ihr das Heidenleben aufgäbet, eine chriſtliche Ordnung anfinget12 und ließet euch mit andern ehrlichen Chriſtenmenſchen in Handel und Wandel ein? Wer ein paar tüchtige Arme hat und einen Kopf, der ſie regiert, der wird nicht ſo bald mit leerem Magen ins Bett gehen und nicht im kalten Regen ſchlafen dürfen.

Wir ſind ſo gute Chriſten wie ihr, verſetzte der junge Zigeuner eifrig: es mag ſich fragen ob wir nicht beſſer ſind? Aber wie wollten wir denn mit euch leben? Ihr ſtoßt uns ja aus, und wollt keine Gemeinſchaft mit uns haben. Wie kann der Zigeuner, dem ihr mit Verachtung die Thüre weiſet, ſein ehrlich Brod bei euch verdienen? Ich bin aus einer Familie, die ſchon ſeit zweihundert Jahren hier im Würtembergiſchen, dann im Deutſchherriſchen drunten und in den beiden Markgrafſchaften am Rheine drüben hin und wider zieht. Nun fehlt es uns zwar dort nicht an Bekanntſchaften, aber ich möchte doch auch in all dieſen Landen einen einzigen Menſchen ſehen, wenn Unſereiner z. B. käme und ihm ſagte: Ich will ein ander Leben führen und ein ordentliches Weſen anfangen, da bin ich, nimm mich auf, theile dein Haus und dein Brod mit mir, ſo viel als dir meine Dienſte werth ſein mögen den Menſchen möcht 'ich ſehen, der darauf ſagen würde: Tritt ein und bleibe bei mir. Auch unter den Unſrigen möcht' ich den Menſchen ſehen, dem es im Schlaf einfallen könnte, eine ſolche Bitte zu thun. Denn jeder weiß die Antwort im Voraus und weiß wie man beiderſeits von einander denkt. Das iſt jetzt eben einmal von Anbeginn ſo, und wird auch nicht mehr anders werden. Ich weiß wohl, ein mancher von den Meinigen iſt eines böſen Todes geſtorben, und wie könnte es auch anders ſein? Das Element, in dem Einer lebt, iſt natürlicher Weiſe auch zuletzt ſein Tod. Das iſt allenthalben ſo. Wer ſein Leben lang im Hanfſamen ſitzt, wie ein freier Spatz, der find't wohl auf die Länge auch ein hänfenes Ende. Man thät's wohlfeiler nehmen, wenn man's haben könnte. Ein paar fette Capitälchen verzinſen, eſſen und trinken was gut ſchmeckt, mit vier Schweißfuchſen fahren oder auch nur mit zweien, meint Ihr, der Zigeuner habe zu einem ſolchen gemächlichen Leben nicht ſo viel Genie, als irgend jemand in der Chriſtenheit?

Mir zweifelt's gar nicht! lachte Friedrich. Aber jetzt kann ich auch auf einmal begreifen, warum du es für ſo ſchandhaft hältſt, wenn von euch einer ſeinem eigenen Vater etwas nehmen würde, und13 an dieſem Beiſpiel wird mir's klar, daß du eigentlich Ehr 'im Leibe haſt. Denn die Moral iſt bei euch im Grund die nämliche wie bei uns, nur daß ſie natürlicherweiſe umgekehrt iſt.

Mit dieſen Worten, die zwar keine klare Anſchauung des Stand¬ punkts, aber doch eine gewiſſe Ahnung deſſelben verriethen, ſuchte er die obſchwebende Streitfrage zu löſen. Aber es wird ſpät, fuhr er fort, und wenn wir die Butell 'auch auswinden, wie ein Leintuch in der Wäſche, ſo preſſen wir doch keinen Tropfen mehr' raus. Weißt was? Komm du mit mir über Ebersbach, ich will dir einen heiden¬ mäßigen Kirſchengeiſt einſchenken zur inwendigen Cur. Ob du links am Staufen vorbeigehſt oder rechts, das iſt gehopft wie geſprungen.

Ja, es iſt am End 'Ein Ding, entſchied ſich der Zigeuner, und auf eine Stunde ſoll mir's nicht ankommen.

Die beiden jungen Burſche erhoben ſich und ſtiegen die gelinden Anhöhen hinab, an deren Fuße das Filsthal ſich gegen den Neckar öffnet. Wohlgemuth ſchlenderten ſie die Straße an dem Flüßchen aufwärts; der Zigeuner pfiff gellende Weiſen, Friedrich aber ſchwieg ſtill, und unter ſeiner breiten Stirne ſchien ein mächtiger Gedanke zu arbeiten. Die Worte des Waiſenpfarrers gingen ihm im Sinne herum; das Vertrauen des ehrwürdigen alten Mannes hatte ihn ſtolz gemacht und es war ihm zu Muthe, als ob er gar nichts nöthig hätte als ein bischen guten Willen, um ein großes Werk zu Stande zu bringen.

Sie waren wohl eine gute Stunde ſo zugeſchritten, ohne ein Wort mit einander zu reden, als Friedrich auf einmal ſtehen blieb und ſei¬ nen Gefährten kräftig am Arme faßte. Und ich ſag 'dir, rief er, du bleibſt bei mir! Ich will dir zeigen daß ich auch ein guter Chriſt bin. Wenn ich dein armes verſtoßenes Volk in das Erbe einſetzen könnte, das von Gott und Rechts wegen einem ſo gut gehört wie dem an¬ dern mit Einem Schlag wollt' ich das thun. Nun kann ich aber weiter nichts, als an einem Einzelnen, der mir unter die Hände kommt, ein chriſtlich Werk verrichten. Du gehſt mit mir, da iſt keine Widerrede, die Sonne von Ebersbach hat Raum für Viele! Da wird ſich ſchon ein Plätzlein für dich finden im Haus, und ein Stuhl am Tiſch und ein Brocken in der Schüſſel. Zu thun gibt's auch immer etwas, du dienſt meinem Vater als Knecht, wie ich, und ſollſt es nicht ſchlechter haben als ich. An Froſt und Schneepatſchen, an Laſt und14 Hitze wird's zwar nicht fehlen, je nachdem die Jahreszeit iſt; aber das Schlafen im kalten Regen und alles Andere, was dazu gehört, das ſoll und muß ein Ende haben. Komm her, ſchlag ein.

Der Andere hatte ihn anfangs mit ſeinem ſcheelen Auge verwun¬ dert angeſehen; die Zuverſichtlichkeit ſeiner Rede ſchien aber jedes Be¬ denken bei dem Zigeuner verwiſcht zu haben, und er that wie ihn ſein Gefährte hieß. Friedrich erwiderte ſeinen Handſchlag mit einem noch kräftigeren, und zufrieden wie wenn ſie einen guten Markthandel ab¬ geſchloſſen hätten, ſetzten ſie ihren Weg mit einander fort. Der Tag begann ſich eben zu neigen, da breitete ſich das Ziel ihrer Reiſe, ein beträchtlicher Flecken, in angenehmer Thalweite zwiſchen den Anhöhen wohlgelegen, freundlich und heimatlich vor ihren Augen aus.

2.

Frau Sonnenwirthin, jetzt iſt's an mir! rief der Aeltere von zwei Männern in hellblauen Wämſern, die am Wirthstiſche ſaßen. Bringt nur gleich zwei Bouteillen auf Einen Streich. Und wenn das Ver¬ mögelein drauf gehen ſollte, der Friede muß ſtet und feſt ſein. Man ſagt ja, ein Proceß ſei etwas Fettes. Nun gut, auf etwas Fettes muß man brav trinken, damit's Einem den Magen nicht verdirbt.

Nach Befehl! erwiderte die Wirthin, eine große ſchlanke Frau, aus deren gelblichem Geſichte ſtarke Knochen hervortraten; und die Fla¬ ſchen auftragend fuhr ſie fort: G'ſegn's Gott, ihr zwei Müller, Ober und Unter! Das iſt das wahre Waſſer auf eure Mühlen und wird ſie beſſer treiben als das Haderwaſſer, dem ihr einige Zeit her den Zugang verſtattet habt. Ja ja, ich gratulir '! Ein fetter Vergleich iſt beſſer als ein magerer Proceß. Das Sprichwort ſagt's zwar umge¬ kehrt, aber ich hab' doch recht. Auch iſt's geſcheider, das Geld in die Sonne zu tragen als zum Advocaten, denn bei dem wär't ihr doch nicht ſo 'ring durchgekommen wie mit ſo ein paar Bouteillen Zehner.

Die beiden Zunftgenoſſen, welche einen über ihre Gerechtſame ent¬ ſtandenen Streithandel noch bei Zeit geſchlichtet hatten, ließen ihrer15 guten Laune vollen Lauf. Sie ſaßen ſchon den halben Nachmittag hinter ihrer Friedensflaſche und hatten, wie das in ſolchen Fällen zu geſchehen pflegt, die ſtreitigen Punkte, ſo wie die Gründe, die zur Bei¬ legung riethen, mehr als ein Dutzendmal umſtändlich durchgeſprochen. Lachend trank der Jüngere der Wirthin zu, der Aeltere aber bedachte ſie mit einer derben Liebkoſung. Was die Sonnenwirthin noch ein feſter Kerl iſt! rief er: ich glaub ', die wär' Manns genug, um noch Zwillinge zu bringen.

Die Frau ſchoß einen ſcharfen Blick aus ihren grauen Augen auf den Necker, ſtieß ihn mit einem halb ſcherzhaft halb ernſtlich gemeinten Scheltwort zurück und verließ ihren Geſchäften nachgehend das Wirths¬ zimmer.

Ich glaub ', Euch juckt's ſchon wieder nach einem Proceß, Vetter! ſagte der jüngere Müller lachend. Paßt nur auf, die da verſteht keinen Spaß. Ihr werdet wohl wiſſen, daß man ihr kein gebrannteres Herzeleid anthun kann, als wenn man ſie an ihre Kinderloſigkeit erinnert.

Weiß wohl, entgegnete der Andere, und eben darum hab 'ich's ge¬ than, weil ich die neidige, gelbe, giftige Kröte noch gelber ſehen will, als unſer Herrgott ſie geſchaffen hat. Komm her, Peter, unter¬ brach er ſich, einem Eintretenden zurufend: Du haſt treulich mit zum Frieden gerathen, nun iſt's billig, daß du auch mit uns trinkſt. Ihr werdet nichts dagegen haben, Vetter, wenn ich meinem Knecht ein¬ ſchenke? Hol' dir ein Glas und geh 'her.

Der Knecht that wie ihm geheißen wurde und ſetzte ſich dann hinter einen andern Tiſch auf die Bank, die vor'm Ofen längs der Wand hinlief. Von dort aus nahm er ſeinen wohlberechtigten An¬ theil am Geſpräch, ſtellte ſich auch in ſeinem Reden und Benehmen völlig auf den Gleichheitsfuß mit ſeinem Herrn und deſſen Gefährten; nur dadurch, daß er nicht unmittelbar bei ihnen Platz nahm, beobachtete er den Standesunterſchied.

Der gelbe Neidteufel! fuhr der obere Müller fort. Man darf nur den Sonnenwirth vergleichen, was er unter ſeinem erſten Weib für ein Mann war, und was er unter dem dürren Rippenſtück für einer geworden iſt. Damals war er aufgeweckt und kameradſchaftlich und gar nicht b'häb in Handel und Wandel und Geldſachen. Jetzt16 iſt er ſchwach und hat keinen eigenen Willen mehr, dabei aber gegen andere Leute ein wahres Unthier an Geiz und Hochmuth. Der alte Kerl, er trägt den Kopf wie ein Edelmann, und meint wahrhaftig, er ſei aus anderem Teig gebacken als wie Unſereiner.

Das macht eben der Reichthum, ſagte der Knecht von ſeiner Bank herüber.

Ja, er iſt grauſig reich, verſetzte der untere Müller. Der Holz¬ ſchlegel rindert ihm auf der Bühne. Er wird wohl auf zwölftauſend Gulden geſchätzt. Aber freilich, wie Ihr ſagt, Vetter, ſo verhält ſich's: er iſt b'häb, und faßt das Tuch an fünf Zipfeln.

Ja und guckt in neun Häfen zumal, fiel der Andere ein.

Wo der gedroſchen hat, darf man kein Korn mehr ſuchen, er¬ gänzte der Knecht.

An all' dem iſt das vortheilhaftige böſe Weibsbild ſchuldig! Sie will alleweil oben hinaus; ſie möcht's gern der Pfarrerin und der Amtmännin gleich thun, ſchmeichelt ſich auch bei ihnen an und ver¬ läſtert andere Leute, denn das hören ſolche Frauen immer gern. O die iſt falſch wie Galgenholz. Und wie iſt ſie nur mit ihren Stiefkindern umgegangen! Die hat ſie von Anfang an zurückgeſetzt und verkürzt, in der Meinung ſie werde eigene bekommen, und wie das nicht einge¬ troffen iſt, ſo hat ſie's ihnen aus Mißgunſt noch ärger gemacht. Die älteſte Tochter hat den kahlköpfigen, trockenen Krämer da drüben ge¬ heirathet, um nur aus der Hölle los zu werden. Die andere, die Mag¬ dalene, thät ', ſchätz ich wohl, mit einem Froſch vorlieb nehmen, wie die Prinzeſſin im Märlein.

Ihr trefft den Nagel auf den Kopf, Vetter! rief der jüngere Müller mit mürriſchem Lachen. Wie? oder wißt Ihr's nicht? Hat ein blindes Schwein eine Eichel gefunden?

Nun was iſt's denn?

Habt Ihr den Laubfroſch noch nie aus und ein gehen ſehen? Wißt Ihr denn nicht, was man für Werg an der Kunkel hat?

Der Andere ſchüttelte den Kopf.

Das Ausrufungszeichen in dem froſchgrünen Rock! fuhr der Jün¬ gere hitzig fort. Er ſieht accurat aus, wie Ihr ihn geſtempelt habt. Seid Ihr denn heut 'ganz auf den Kopf gefallen?

17

Was, der Bartkratzer, der ſogenannte Herr Chirurgus, der Heuchler, der Kopfhänger, die magere Kuh Pharaonis? Jetzt wird mir's an¬ ders! jetzt hab 'ich eine Stärkung vonnöthen! Kommt, Vetter, ich will's an Euch hinlaſſen.

Damit erhob er ſein Glas. Ich will's ausſtehen, erwiderte der Andere mit ſauerſüßer Miene, kam ihm mit dem ſeinigen entgegen und ſie ſtießen mit einander an. Nachdem der Knecht durch einen Wink beſchieden worden war, den Dreiklang voll zu machen, lehnte ſich der ältere Müller in ſeinen Stuhl zurück und fuhr verwundert fort: Ei ſo guck Einer! Der Alte ſchlägt ſeine Mädchen doch recht unter'm Preis los, denn die paar Fuß breit Grundherrſchaft, die der grüne Darmfeger beſitzt, werden juſtement einen Sack Erdbirnen ausgeben, und was er Jahraus Jahrein mit ſeiner Raſierklinge aus den hieſigen Schweins¬ borſten und Igelsſtacheln herausſticht und ſchabt, das wird ihn auch nicht gerade fett machen. Die Figur gibt's. Aber der Alte trifft zwei Fliegen mit Einem Schlag. So ein Schlucker darf kein groß Heirathgut fordern; da behält der Schwäh'rvater ſeine Kronenthaler brav in der Truhe, und hat noch den Profit, daß ihm der fromme Schwiegerſohn, ſo oft er den Morgen - und Abendſegen lieſt, um ein baldſanftſeligs Ende betet. Seine erſte Tochter wird auch nicht viel mitbekommen 'haben, wie er ſie hinausgegeben hat; denn ich ſeh' juſt nicht, daß ihr Eh'krüppel ſonderlich ſtark ſpeculirt, weder in Käs noch in Schwefelhölzlen. Econträr, im Gegentheil, ſeine Firma geht einen ſehr bedächtlichen Gang und blüht wie die ſpäten Obſtſorten; ich glaub ', er hat's auf's langſam reich werden angelegt. Aber er iſt doch ein Herr Handelsmann, in Stuttgart heißen ſie's gar Commercienrath, und das iſt Numero Zwei. Den neuen Schwiegerſohn kauft er viel¬ leicht noch wohlfeiler, und das iſt noch ein koſtbarerer Artikel, das iſt gar ein halber Doctor. Die Frau Chirurguſſin wird ſich natürlicher Weiſe Flügel an die Haube machen laſſen müſſen, wenn ſie mit der langen froſchgrünen Stange ranggemäß über die Straße rudern will. Schad' iſt's übrigens um die Magdalene. Sie gäb 'grad' ſo einen Arm voll für einen wackern Junggeſellen, wie Ihr z. B., Vetter. Aber ſo weit gibt ſich der Hochmuth nicht herunter, Unſereiner iſt ihm nicht gut genug; ſo eine Raſierklinge ohne Handhab 'ſchneid't ihm immer noch beſſer. O blinde Welt! Die Hand vom Butten, Vetter, 's ſind Weinbeeren drin.

D. B. IV. Kurz, Sonnenwirth. 218

Meinthalben Roſinen und Cibeben! fuhr der Jüngere auf. Habt Ihr mich auf der Muck '? Wollt Ihr mich in's Gered' bringen? Ihr ſchwätzt mir da recht hinterfür heraus, wie ein Mann ohne Kopf! Was will ich von dem Mädle? Habt Ihr wo läuten hören? Bin ich dem Sonnenwirth auf irgend eine Art oder Weiſe zu Hof geritten? Zwar es fragt ſich noch, wenn er einen wohlfeilen Schwiegerſohn fin¬ den will, ob ihm nicht einer ſo gut iſt wie der andere. Wenn's im Abſtreich geht, darf auch der Bettelmann zur Auction kommen, und das iſt doch juſt nicht meine Nummer, wie Ihr ſelber am beſten wißt. Uebrigens kann mir die ganze Sippſchaft geſtohlen werden. Macht mir nichts vor! In dem Punkt verſteh 'ich keinen Spaß.

Na wollen den Geiſt ruhen laſſen, verſetzte der Aeltere. Aber ſo viel iſt gewiß: wenn die erſte Frau, die rechte Mutter, noch am Leben wär ', ſo fiel' die Ausſteuer ein wenig größer aus und der Hoch¬ muth ein wenig kleiner.

Ja und mancher böſe Auftritt wär 'unterblieben und mancher Lärm und Spektakel bei Tag und auch bei Nacht, der die Sonne mehr in Finſterniß als in Glanz brachte bei der Gemeinde. Und die Hauptſonnenfinſterniß wär' gewiß auch nicht ſo ſchwarz ausgefallen unter dem linden Regiment der rechten Mutter.

Was meint Ihr damit? Ja ſo, jetzt geht mir auf einmal ein Licht auf. Ihr ſprecht vom Gutedel, vom jungen Sonnenwirthle. Mag leicht ſein, daß der mit Verſtand und Güte gradgebogen worden wäre, der knorrige Hagbuchenſtock. Zwar iſt es ſchwer zu ſagen, ob das Mutterherz den rechten Weg gefunden hätte nachmals, wie es nöthig wurde; denn die ſelige Sonnenwirthin war eben die gute Stunde ſelber, und den Stab Wehe hat ſie nimmermehr zu führen verſtanden. Der Sonnenwirth ſah dem Früchtlein auch in allweg zu viel durch die Finger, ſo lang ſie lebte und ſo lang der Erbprinz die Nüſſe noch mit den Milchzähnen knackte. Er hielt ihn zwar fleißig zur Schule an, und ſah auch ſonſt zum Rechten; aber ich weiß nicht, es hat eben doch an etwas gefehlt.

Ja, lachte der jüngere Müller, wohlgezogen, aber übel gewöhnt, das war er von Anfang an.

Iſt denn ein Sohn da? fragte der Müllersknecht von ſeiner Bank herüber?

19

Sein Dienſtherr ſah ihn verwundert an. Ja ſo, ſagte er nach einer Weile, du haſt dich ſchon ſo bei mir inſinuirt, daß ich ſchier gar gemeint hätte, du ſeieſt ſeit Jahr und Tag in meinem Haus, und biſt doch erſt eine Woche da. Freilich auf die Art haſt du den jungen Sonnenwirthle noch nicht zu Geſicht kriegen können. Wundert mich übrigens, daß du in deinem Deizisau nichts von ihm gehört haſt; denn er iſt ein Gewaltiger vor dem Herrn und wenn man ihm nicht den Krattel bei Zeiten vertreibt, ſo kann er, ſchätz 'ich wohl, im ganzen Land bekannt werden.

Wo iſt er denn? fragte der Knecht.

Er iſt an einem Oertlein, wo du nicht gern hinkämſt, war die Antwort, und die beiden Müller brachen in ein Gelächter aus. Jetzt rath 'einmal.

Die Thüre ging abermals auf und ein Menſch in hohen Waſſer¬ ſtiefeln trat herein. Er trug einen Kübel, den er vorſichtig auf ei¬ nen Stuhl ſetzte. Iſt die Frau nicht da? fragte er.

So, du biſt's, Fiſcherhanne? rief der obere Müller. Was haſt denn da? Du gehſt ja mit dem Kübel ſo ſachte um, wie wenn du Perlen in der Fils gefunden hätteſt.

Guten Abend, ihr Mannen, ſagte der Fiſcher. Thut's ſo? iſt's ſchon Feierabend? Nein, die Perlen gerathen nicht hier zu Land, außer in der Glasfabrik. Forellen ſind's, friſch aus dem Bach, ich hab 'ſie nur geſchwind im Kübel hergetragen.

Was meint Ihr, Vetter? Wie wär's, wenn wir ſo ein paar Silber¬ fiſchlein in die Küche ſchicken thäten? Der Wein ſchmeckt noch ſo gut dazu. Wie, Fiſcherhanne, gib her, laß einmal ſehen, was haſt für Waar '?

Ich kann keine davon hergeben, ſagte der Fiſcher. Die Alte thät 'mich mit dem Beſen zum Haus hinaus jagen. Sie hat morgen ein Pfarrerskränzlein und da braucht ſie die Fuſch alle.

So, ſo, die hochwürdigen Herren begnügen ſich nicht mit dem geiſtlichen Fiſchzug und wollen daneben auch leibliche Gräten beißen?

Ihr lebet ja auch nicht vom Waſſer allein, obgleich Ihr Müller ſeid, erwiderte der Fiſcher, indem er trotz ſeiner abſchlägigen Antwort den Kübel herüberholte und mit ſeinen zappelnden Inſaſſen auf den Tiſch ſetzte.

2 *20

Pflanz 'dich nur her, ſagte der Andere. Du gehörſt ja in Ein Element mit uns. Ein Glas Wein für den Fiſch! Willſt nicht? Und meinethalb noch einen Freitrunk drüber, daß der Weinkauf richtig iſt.

So macht nur geſchwind, daß die Alte nicht dazu kommt, erwi¬ derte der Fiſcher. Aber mehr als einen auf den Mann kann ich nicht hergeben und hier könnet ihr ſie auch nicht eſſen, denn die Sonnen¬ wirthin darf beileib nichts davon wiſſen.

Freilich, 's iſt ein halber Kirchenraub! rief der ältere Müller lachend, fuhr in den Kübel, griff mit ſicherer Hand eine große ſchöne Forelle heraus, zu welcher der Fiſcher gewaltig ſauer ſah, ſchlug ſie mit dem Kopf gegen die Tiſchecke, und ſteckte ſie eilig in die Taſche. Der Jüngere war eben ſo ſchnell ſeinem Beiſpiel gefolgt.

So, Fiſcherhanne, ſagte der Aeltere, nachdem ſie den Handel be¬ endigt hatten, wir wollen das Element leben laſſen, das unſere gemein¬ ſchaftliche Nahrung iſt. Nahrung wohlverſtanden! denn für den Hunger iſt's zwar gut, aber nicht für den Durſt. Der Eulenſpiegel hat's allezeit den ſtarken Trank geheißen; es treibe Mühlräder, ſagte er, und deßhalb ſei es ihm zu ſtark für ſeine Natur.

Er klingelte am Glaſe, um noch eine Flaſche zu beſtellen. Aber jetzt iſt's recht, rief er, als die Thüre aufging: jetzt kommt auch ein¬ mal die Oberkellnerin, die Magdalene. Komm her, du Hübſche und du Feine, da gibt's ſchmachtende Herzen zu laben.

Das Mädchen, das auf den Ruf der durſtigen Sturmglocke er¬ ſchienen war, konnte man nicht anſehen ohne ihr freundlich geſinnt zu werden. Sie trug auf einem wohlgewachſenen Körper ein rundes, unſchuldiges, gutmüthiges Geſichtchen, ein weiblich mildes Abbild von den derben Zügen ihres Bruders, und zugleich eine Bürgſchaft, daß auch hinter dieſer rauhen Schale ein guter Kern verborgen ſein könnte.

Hab 'ich's nicht geſagt? rief der ältere Müller: und es verlohnt ſich der Müh', es zweimal zu ſagen, wiewohl wir nicht in der Mühle ſind! Das Mädle gäb 'einen ſtaatsmäßigen Arm voll, nicht zu viel und nicht zu wenig, für einen braven Junggeſellen.

Er blickte dabei mit einer Spaßvogelsmiene auf den Andern. Wenn Ihr ſie zu Eurer Käther hin heirathen wollt, ſo müßt Ihr eben ein21 Türk 'werden, erwiderte dieſer trocken. Aber jetzt iſt's wieder an mir! Eine Butell' für mich! rief er barſch, auf die Flaſche deu¬ tend, dem Mädchen zu und konnte es doch nicht laſſen, ihr nachzu¬ blicken, bis ſie in der Thüre verſchwand. Sie war feuerroth geworden und hatte die Flaſche mit niedergeſchlagenen Augen vom Tiſche ge¬ nommen.

Und wie ſie ſo leibhaftig geht und ſteht! rief der Erſte, der nicht müde werden konnte. O du Milch und Blut!

Magdalene erſchien nicht wieder. Statt ihrer kam die Hausfrau, ſtellte die gefüllte Flaſche auf den Tiſch und nahm die Forellen, die der Fiſcher indeſſen auf den Stuhl zurückgebracht hatte, mit hinaus.

Da trink ', Fiſcher! rief der jüngere Müller einſchenkend. Der treibt die Seelenmühle, vielleicht treibt er dir auch ein wenig Blut in die farbloſen Backen.

Ja, das iſt wahr, du ſiehſt aus, wie wenn du's mit einer Waſſer¬ jungfer hatteſt, ſagte der Aeltere.

Und ſo alt biſt du geworden, Kerl! fügte der Jüngere hinzu. Wenn man ſich tagtäglich im Waſſer hetzen und verkälten muß, und hat magere Biſſen dabei, entgegnete der Fiſcher unmuthig, ſo iſt's kein Wunder, wenn der Firniß abgeht.

Wie alt biſt denn, Fiſcherhanne? Du ſiehſt aus, wie wenn du ſchon das Schwabenalter erreicht hätteſt, und biſt doch glaub 'ich mit dem Sonnenwirthle aus der Schul' gekommen.

Ja, den hat man aber auch ſorgfältiger aufgehoben als mich, da iſt's kein Wunder, verſetzte der Fiſcher mit hämiſchem Tone, und ein Strahl leuchtete flüchtig in ſeinen todten grauen Augen auf. Der iſt ja ſo gut verwahrt, daß ihn kein rauhes Lüftle anwehen kann. Wie lang ſitzt er denn noch im Zuchthaus?

Er wird ſeine Zeit jetzt ſo ziemlich abgeſeſſen haben.

Was, der Sonnenwirth hat einen Sohn im Zuchthaus? rief der Müllerknecht aus voller Lunge herüber. Er hatte die frühere Antwort nicht recht begriffen.

Sachte, Peter, ſachte mit der Braut! ſagte ſein Herr und hielt ihm die Flaſche hin, um einzuſchenken. Mußt nicht ſo laut ſchreien. Im Haus des Gehenkten iſt nicht gut vom Strick reden.

22

Aber wie iſt ſo was möglich? Guter Leute Kind im Zuchthaus! ſagte der Knecht leiſe, auf den äußerſten Rand ſeiner Bank vorrückend, die Hände auf den Knieen und den Kopf ſo weit als möglich vor¬ geſtreckt.

Es iſt juſt kein Wunder, verſetzte der Fiſcher.

Er iſt eben ein heißgrätiger unbändiger Burſch ', ſagte der jüngere Müller.

Ei, du kennſt ihn ja am beſten, Fiſcherhanne, rief der Aeltere. Gib Acht ', Peter, der kann's dir ſagen, der iſt mit ihm in die Schul' gangen.

Da wirſt du wenig Gut's von ihm zu hören bekommen, lachte der jüngere Müller. Wenn der Sonnenwirthle am jüngſten Tag dem Fiſcherhanne gegenüber geſtellt werden thät ', und es käm' auf ſein alleiniges Zeugniß an, wie ſein Urtheil in der andern Welt lau¬ ten ſollt ', ich glaub' der Frieder müßt 'in die unterſte Hölle fahren.

Wahr iſt's, ſagte der Fiſcher, ich kann ihn nicht leiden, und hab 'ihn nie leiden können. Wir ſind einander von Anfang an ſpinnen¬ feind geweſen. Ich weiß eigentlich ſelbſt nicht recht wie's gekommen iſt, 's iſt weiter nichts Beſonderes zwiſchen uns vorgefallen. Die Bu¬ ben hadern und raufen viel mit einander und werden doch nachher oft die beſten Freunde. Aber bei uns hat der Haß immer tiefer ge¬ freſſen; es iſt als ob's uns von Natur eingepflanzt geweſen wäre. Das erſte Mal, daß wir einander zu Geſicht kriegten, ſah er mich mit böſen Augen an, und ich war wider ihn und er wider mich.

Da iſt auch kein Wunder dran, meinte der untere Müller. Ob ſeine Augen, die er an dich hingemacht hat, ſo bös geweſen ſind, das weiß ich nicht, er iſt nicht gerade beſonders gezeichnet in den Augen. Aber er war ein Mutterſöhnchen, hatte immer was zu beißen und zu knacken; mit den Gröſchlein und Sechſerlein von den Döten und Dotinnen konnte er allzeit den großen Hanſen machen; und in der Schule ſaß er beſtändig obenan, denn das Spruchbuch und den Ka¬ techismus lernte er wie's Waſſer.

Ich weiß ſchon wo du hinaus willſt, Georg, verſetzte der Fiſcher, ohne Geſicht oder Augen zu erheben. Es iſt wahr, ich bin ein armer Teufel, und ein Bub ', der im Wachſen iſt, hat einen ſtarken Appetit, und es mag ſein, daß mir die überflüſſigen guten Biſſen, die man23 bei ihm ſah, manchmal zu ſchaffen machten; aber ſo gar mißver¬ günſtig bin ich doch nicht, und werd's auch damals nicht geweſen ſein. Seine Gelehrſamkeit hat mir's auch nicht angethan. Der Ehr¬ geiz hat mich nie geſtochen; meine Vorfahren ſind arme Fiſcher ge¬ weſen, ſo weit man hier in Ebersbach zurückdenken kann, und darum hab' ich auch weder Vogt noch Profeſſor werden wollen.

Aber womit hat er dir's denn angethan?

Warum ſtellen ſich Hund und Katze wider einander, wenn ſie einander anſichtig werden? Warum gibt's Leute, die manche Thiere nicht leiden können? Gerade ſo geht's auch dem Menſchen mit dem Menſchen. Ein Geſicht gefällt Einem, ein anderes iſt Einem zuwider. Uebrigens hat er's nicht an thätlichem Anlaß fehlen laſſen. Er war ein ſtolzer übermüthiger Bub ', der Keinen was neben ſich gelten ließ. Beim Soldätlesſpiel war er der General, und wenn man Räuberles ſpielte, mußte er der Hauptmann ſein. Commandiren und die An¬ dern herumpudeln, das war ſein Pläſir. Die ihm recht unterthänig waren, denen ſpendirte er, was er nur aufbringen konnte. Mir hat er nie was geſchenkt.

Das muß man ihm laſſen, ſagte der ältere Müller, gutherzig und freigebig iſt er allezeit geweſen.

Ja, aber da hat der Fiſcherhanne doch recht, fügte der Jüngere hinzu, am gutherzigſten war er eben gegen ſolche, die ſeinem Stolze am beſten hofiren konnten.

Gutherzig? rief der Fiſcher. Eine eigne Art von Gutherzigkeit hat er von jeher gehabt. Er war noch nicht acht Jahre alt, ſo jagte er den Nachbarn zum Spaß die Hühner fort, aus purer guter Laune ſchlug er ihnen die Gänſe todt, hetzte die Hunde auf Weiber und Kinder, und lachte wie ein kleiner Teufel über ihre Angſt. Und wie er dann zu ſeinem Namenstag eine Flinte bekam, da hieß es erſt: Hellauf! Da ſchoß er mitten im Ort auf Hühner, Enten, Gänſe, was er erwiſchen konnte, und der Sonnenwirth bezahlte den Schaden und war ſtolz darauf, daß er ihn zahlen konnte!

Und noch mehr darauf, daß die Blitzkröte ſchon ſo ein guter Schütz war, fiel der jüngere Müller ein. Das war's ja eben! Durch die Nachſicht, die man ihm ſchenkte, und durch den Beifall der Speichellecker, die bei den Eltern einen Stein im Brett gewinnen24 wollten, wurde er immer noch mehr verhetzt, und ſo kam er von einem Schabernack zum andern. Die ärgſten Streiche erfuhr der Alte gar nicht, die ſind von der Mutter vertuſcht worden. Da iſt mancher Sechsbätzner, mancher Krug Wein als Schmerzengeld hinter ſeinem Rücken aus der Sonne gewandert.

Wenn man dem Ding nachdenkt, ſagte der obere Müller, ſo hat es mit ſo einem verzogenen Söhnle eigentlich nicht anders kommen können. Ich glaub ', ein Anderer wär' auch ſo geworden.

Vielleicht lauft er ſich die Hörner noch ab, verſetzte der Jüngere. Wiewohl, es wird ſchwer halten. Er iſt eben einmal an die Ge¬ waltthätigkeit gewöhnt. Wenn man ihm irgendwie einen Riegel vor die Thür 'ſchiebt, ſo muß er mit dem Kopf durch die Wand, das thut er nicht anders.

Ja und ſein Hochmuth wird ihn auch nicht anders werden laſſen, ſagte der Fiſcher: denn das iſt der Hauptteufel, der ihn reitet.

Der ſteckt in der ganzen Sippſchaft. Iſt die Magdalene vorhin wieder hereingekommen? Nein, weil man ſich einen kleinen Spaß mit ihr herausgenommen hat, ſo hat ſie den Wein durch die Mutter geſchickt.

Aha! ſagte der ältere Müller leiſe, dem Fiſcher zuwinkend: haſt ihn hören trappen?

Immer hat er ſich für was Beſonderes gehalten, fuhr dieſer fort, ohne auf die Bemerkung Acht zu geben. Ha, wenn ich nur daran denke, was er mir einmal für eine Zumuthung gemacht hat! Das war das einzige Mal, daß ich was Apartes in die Schule mitbrachte, wo ich mir was drauf zu gut thun konnte. Der Herzog war eben vorher durch den Flecken gefahren, und da fand meine Mutter auf der Straße ein kleines Stück hellblauen Sammet, Gott weiß, woher und wie er auf den Boden gefallen war. Meine Mutter wußte nicht was damit thun, nun zerſchnitt ſie's in Läpplein und machte mir eine Windmühle, wißt ihr, wie's die Buben an Stecken haben; wenn ſie damit ſpringen, ſo dreht ſich's herum. Das Ding ſah hof¬ färtig aus und die ganze Schule hatte Reſpect davor. Den Sonnen¬ wirthle aber verdroß es, daß er mir's zum erſten Mal nicht gleich thun konnte; er ließ ſich aber nichts anmerken, ſondern verſpottete mich und ſchalt mich den herzoglichen Windmüller. Da war's auch bei den25 Andern aus: ich konnte mich allein an meiner Windmühle ergötzen; ſie ſahen mich nicht mehr darum an. Ein paar Tage drauf iſt meine Windmühle weg. Ich hatte Niemand anders im Verdacht als den Frieder, und ſagt's auch den andern Buben. Wie der's aber hört, ſo ſpeit er Gift und Galle, paßt mir auf, und an der Rathhausecke ſtellte er mich, wie ich mich unterſtehen könne, ihn zu bezichtigen, daß er mich beſtohlen habe. Jetzt, was meinet Ihr, daß er mir zuge¬ muthet hat? Ein Meſſer nahm er in die Fauſt, und mir bot er ein anderes dar, und ſagte, ich ſolle mich wehren. Natürlich hab 'ich mich dafür bedankt, und dann fiel er über mich her und prügelte mich durch; denn er war weitaus der Stärkſte von uns Allen.

Und hatte er wirklich die Windmühle geſtohlen?

Nein, ich fand ſie hernach wieder; ich hatte ſie nur verlegt. Auch hätt 'ich's nicht ſo ſchwer genommen, nicht einmal die Prügel be¬ kümmerten mich, wiewohl er immer eine harte Tatze hatte. Nein, aber der Hochmuth, daß er den fürnehmen Herrn ſpielen wollte und ſich duelliren, wie ein Edelmann, das hat mir ihn zuwider gemacht. Und er war dazumal ein Bub' von zehn Jahren. Wenn das am grünen Holz ſo iſt, wie wird's am dürren werden?

Duelliren hat er ſich wollen, wie ein Offizier? rief der Knecht. Ei ſo verreck!

Da hat ſich das adelige Blut frühzeitig geregt, ſagte der jüngere Müller lachend.

Wenn die ſelige Sonnenwirthin nicht ſo ein kreuzbraves Weib geweſen wär ', verſetzte der ältere Müller, ſo könnt' man auf allerlei Gedanken kommen.

Und was iſt denn ſein Vater Großes? fuhr der Fiſcher eifrig fort. Er mag meinethalb für ſeine paar Batzen hochmüthig ſein, aber Alles hat ſeine Grenzen. Er iſt Wirth, muß den Leuten für ihr Geld Kratzfüße machen; er iſt Viehhändler, patſcht jedem Ro߬ kamm in die Hand; er iſt Metzger, muß den Ochſen und Säuen im Gedärm herumfahren.

Es müßt's nur das Metzgerhandwerk machen, ſagte der ältere Müller: damit übt er eine Art von Blutbann aus, und das iſt doch was Adeliges.

26

Ja, rief der Andere, und darin ſtehſt du ihm nach, Fiſcherhanne. Denn du und die, über deren Leben und Tod du Gewalt haſt, haben kein Blut.

Oder nur weißes. Die Andern lachten.

Sorget nur nicht für mich! ſagte der Fiſcher etwas ärgerlich. Meine Unterthanen haben auch Blut.

Ja, und Galle.

Ja, und beißen können ſie auch.

Aber der Ochs hat Hörner.

Wenn er zu hitzig ſtoßt, ſo brechen ſie ab.

Wenn ſie nur ſchon abgebrochen wären! ſagte der ältere Müller. Aus dem Burſchen könnt 'noch was Tüchtig's werden. Ich wollt' man that ihn mir anvertrauen, ich zög 'ihn durch's Kammrad, daß er ge¬ ſchlacht würde.

Nichts Gewiſſes weiß man nicht, heißt's im Sprichwort, erwiderte der Jüngere.

Ja, es iſt nicht ſo leicht mit ihm fertig zu werden, ſagte der Fi¬ ſcher. Er iſt ein böſer Bub '.

Wenigſtens muthwillig und unbändig, verſetzte der ältere Müller. Unter allen Streichen, die ich von ihm weiß, hat mir einer immer am beſten gefallen. Da war vor ein Jahr ſieben oder achten ein Hausknecht hier in der Sonne, wißt ihr, der Mathes ich ſeh ihn heut noch vor mir, s'iſt ſo ein perſönlicher langer Kerl geweſen, und etwas langſam im Geiſt. Der wollte geſcheider ſein als der Frieder, und das konnte mein Frieder nicht vertragen. Was thut er alſo? Um Mitternacht ſchleicht er aus dem Bett, die Stiege hinunter, bricht den Fuhrleuten in die Güterwagen vor dem Haus auf der freien Straße ein, und bringt den Raub ſeinem Vater über's Bett. Der Knecht, den andern Tag, der iſt natürlich ſchön ausgelacht wor¬ den ob ſeiner Wachſamkeit. Und das hat der ſtolze Bub 'mehr als einmal gethan, und der gute Mathes konnt' ihn nie erwiſchen. Das Ding hat ihm das Leben ſo ſauer gemacht, daß er's nicht in der Sonne aushalten konnte. Es trieb ihn aus dem Dienſt, ich glaub 'er dient jetzt in Beutelsbach drüben, das alte Beutelthier.

Der Müllerknecht hatte Mund und Augen aufgeſperrt. Ver¬ fluchter Bub '! ſagte er endlich. Das hat der Sonne gute Kundſchaft27 bringen können. Ich wär' auch eingekehrt und hätt 'mich zum Spaß berauben laſſen, pur aus Fürwitz.

Es iſt doch eine gefährliche Uebung, ſagte der Fiſcher. Wenn die Katze das Mauſen verſchmeckt hat, ſo läßt ſie nicht mehr davon, und was eine Diſtel werden will, das fängt zeitig an zu brennen. Es iſt nicht lang angeſtanden, daß er ſeine G'ſtudirtheit an einer Geldkiſte ausgelaſſen hat.

Was? rief der Knecht. Iſt er im Ernſt eingebrochen?

Pſt, Peter, ſchrei leis! erwiderte ſein Herr. Ja, aber nur bei ſeinem Vater, und der hat's ja.

Vierhundert und dreißig Gulden ſind doch keine Kleinigkeit, ſagte der Fiſcher.

Vierhundert und dreißig Gulden! rief der Knecht. Da wundert's mich nicht, daß er im Zuchthaus ſitzt. Und ſein eigener Vater hat ihn hineinſperren laſſen?

Er konnte es nicht vertuſchen, wenn er auch gewollt hätte. Uebrigens iſt's nicht ſeine diesmalige Zuchthausſtrafe, denn das iſt ſchon die zweite. Damals aber war er erſt vierzehn Jahr 'alt.

Das iſt aber doch auch hart, meinte der Knecht, einen vierzehn¬ jährigen Buben ins Zuchthaus zu ſchicken.

Laßt mich reden, ihr Mannen! ſagte der jüngere Müller: ich kann am beſten erzählen, wie die Sach 'zugegangen iſt, ich hab' ja auch einen Spieß in ſelbigem Krieg getragen. Wahr iſt's, und was wahr iſt, das muß wahr ſein, dem Frieder hat ſich das Blättlein übel gewendet, wie ihm Gott ſeine Mutter nahm. Von der Stund 'an hatte Alles was er that eine andere Farbe.

Das iſt eben der Unterſchied, fiel der ältere Müller ein, ob man etwas mit Liebe anſieht oder mit Haß. Und den Haß, den hat das Ripp, die jetzige Frau, ins Haus gebracht; die Liebe aber iſt mit der erſten ins Grab gegangen.

Verzogen war er, das iſt richtig, fuhr der Jüngere fort. Aber es kommt nur drauf an, was man dem Kind für einen Namen gibt. Vormals hieß man's artig, witzig, aufgeräumt; nachher hieß man's übermüthig, tückiſch, boshaft. Und wo man früher Anzeichen von Mannhaftigkeit gelobt hatte, da ſah man jetzund nichts mehr als den hellen lautern Teufelstrotz.

28

Mir iſt's von Anfang an ſo vorgekommen, ſelbiges Kind, ſagte der Fiſcher.

Da ſind deine Augen juſt für die Stiefmutter recht geweſen, Fiſcherhanne. Ich glaub 'auch, ſie hat dir die Augen abgekauft; ich will davon ſchweigen, aber du haſt immer einen Stein bei ihr im Brett gehabt, und ich weiß nicht, ob die Fiſche, die du ihr zugetragen haſt, immer aus dem klaren Waſſer gekommen ſind.

Selbige Augen, unterbrach ihn der andere Müller, hat ſie dann auch dem Sonnenwirth eingeſetzt, und da hat der alte Eſel ſeinen Sohn gleich in einem andern Licht geſehen.

Freilich, weil er immer ärger geworden iſt, ſagte der Fiſcher.

Mach 'kein' ſo krummen Kopf! Narr, er iſt ärger geworden, weil man ihn ärger gemacht hat. Und das muß man ſagen, für ſeine Schweſtern hat er ſich ritterlich gewehrt, und hat nicht leiden wollen, daß man ſie wie Stallmägd 'behandle.

Ja, und dann hat's eben wüſte Auftritte gegeben.

Ja, und dann hat er ſeine Mutter geprügelt, ſagte der Fiſcher.

Wenn er ihr doch nur ein Dutzend Rippen eingeſchlagen hätte! verſetzte der ältere Müller. Brauchſt's ihr aber nicht wieder zu ſagen, Fiſcherhanne, ſetzte er etwas erſchrocken hinzu, oder 'siſt aus mit der Freundſchaft. Du weißt, ein Menſch hat allezeit den andern nöthig.

Wie kam er denn aber zum Stehlen? fragte der Knecht.

Ich will's dir ſagen, fuhr der jüngere Müller fort. Wie er ſah, daß er doch immer den Kürzeren zog, weil ſein Vater auf Seiten der Stiefmutter war, ſo wollte er in die Fremde gehen, und begehrte einen Zehrpfennig nach Amerika.

Nach Amerika? rief der Knecht. Das iſt ja ein Weltskerl!

Der Alte aber, fuhr der Müller fort, war dazumal ſchon b'häb geworden und behielt die Schlüſſel zur Geldtruhe feſt im Sack; auch meinte er, der Bub ', der erſt vierzehn Jahr alt war, ſei noch zu jung zum Reiſen, und darin hatte er gänzlich Recht, denn der Bub' iſt nachher richtig auch nicht gar weit gekommen, und nicht gar lang fortgeblieben. Der aber meinte, was man ihm nicht gutwillig gebe, das könne er ja mit Gewalt nehmen, und beerbte ſeinen Vater vor der Zeit, noch eh 'ihm der Alte aus der Helle gegangen war.

29

Oder aber, ſagte der ältere Müller, er hat als ſein eigener Rich¬ ter ſeine Jahr 'und ſeine Taſchen vollgemacht und eben ſein Mütter¬ liches eingeſackt.

Es iſt juſt wie man's anſieht. Ueber's Geld zu kommen und die Schlöſſer aufzumachen, war dem G'ſtudirten, wie ihn der da heißt, eine Kleinigkeit; er hatte ja dem Alten ſchon mehrmals den Spaß gemacht. Kurz und gut, er nahm ihm vierhundert Gulden, brachte ſie ihm aber nicht über's Bett.

Vierhundert und dreißig! fiel der Fiſcher ein.

Mein'twegen vierhundert und dreißig, wenn das Sündenregiſter voll ſein muß. Du mußt's ja wiſſen, denn du biſt der Erſte ge¬ weſen, Fiſcherhanne, der ihn des Einbruchs zieh.

Hab 'ich gelogen? fragte der Fiſcher.

Ja, die Wahrheit haſt du gelogen.

Dann iſt er durchgegangen? fragte der Knecht.

Ja, aber er kam nicht nach Amerika, ſondern bloß bis Heilbronn. Dort ließ er ſich bei den kaiſerlichen Huſaren anwerben, als Frei¬ williger. Pferd und Montur bezahlte er flott von ſeinem eigenen Geld. Wenn er nur bei ihnen geblieben wär '!

Iſt erſt noch wahr! rief der ältere Müller. Der Kerl hätt's zu was bringen können. Der? der hätt 'General werden können.

Iſt er denn deſertirt? fragte der Knecht.

Nein, aber nach zehn Wochen ſtach ihn der Fürwitz, ob man ihn zu Ebersbach vergeſſen habe, und da kam er mit einem Urlaubſpaß als Huſar angeritten. Das war ein Aufſehen! Dem Amtmann trotzte er ein Atteſtat ab, daß er von ehrlichen Leuten geboren ſei. Beweiſen konnte man ihm nichts, wiewohl das Geſchrei und der Verdacht wegen der vierhundert Gulden allgemein war, und Niemand wagte ihn zu greifen, den kaiſerlichen Huſaren, bis er im Hecht bei der Zeche ſchwediſche Ducaten, auch halbe Gulden blicken ließ. Dieſe verriethen ihn, denn ſie waren von ſeines Vaters Geld. Nun gab's Lärm im Ort. Der Frieder aber ſprang in den Sattel, jagte den Flecken auf und ab mit gezogenem Degen den Fiſcherhanne hätt 'er ſchier gar erritten; er hieb nur einen Zoll zu kurz, ſo hätt' man ſehen können, ob du weißes Blut haſt oder rothes und drohte mit ſechszehn andern Huſaren, mit denen er den Flecken beſetzen wolle. 30Die kamen aber nicht. Dem Amtmann ritt er vor's Haus, klopfte auf den Schenkel, höhnte und drohte. Von da ging's vor die Sonne, wo er's eben ſo machte. Kurz er trieb allen erdenklichen Uebermuth, wie ein losgelaſſener Eber; denn natürlich, er war betrunken. Wie er nun vollends ſeine Piſtolen losſchoß und niemand ſeines Lebens mehr ſicher war, da mußte die Bürgerſchaft ein Einſehen haben. Ich geſteh's, und es reut mich jetzt noch nicht: ich lud meine Flinte mit Schrot, der Zeiger Frank und der Spanner Eberhard, des Chirurgen Bruder, thaten deßgleichen wer ihn eigentlich getroffen hat, weiß ich nicht. Aber er ſtürzte vom Gaul, wie ein Mehlſack. Das Pferd war hin, er ſelbſt hatte den linken Fuß voll Schrot, und alſo war's leicht mit ihm fertig werden.

Das iſt ja ein Mordkerl! rief der Knecht. Aber hat es Euch und den andern Schützen keine Angelegenheit gemacht, fragte er weiter, daß ihr der Obrigkeit ſo mir nichts dir nichts ins Handwerk gegriffen habt?

Bewahr '! lachte der Müller. Obrigkeit und Bürgerſchaft waren froh, daß ſie die Belagerung überſtanden hatten, und der Amtmann hat, glaub' ich, dem Vogt nichts davon berichtet, auf was Art der Sturm abgeſchlagen worden ſei.

Und ſeitdem, fragte der Knecht, ſitzt er im Zuchthaus?

Ich hab 'dir's ja geſagt, erwiderte ſein Herr, daß er jetzt zum zweitenmal drin iſt.

Was? Iſt er ſeinem Vater abermals über den Geldkaſten gegangen?

Nein, in dem Fach hat er ein Haar gefunden und hat ihm abgeſagt.

Man kann ihm nichts Böſes nachſagen, verſetzte der Fiſcher, bis auf das, was man nicht weiß. In einem Wirthshaus läßt ſich Manches verſchleppen, man kann da nicht ſo nachrechnen, wo die Sachen hinkommen. Ich möcht 'doch auch wiſſen, aus welchem Beutel er auf dem Tanzboden immer ſo dick gethan hat.

Ich glaub ', er hat dem Herzog hier und da einen Hirſch wegge¬ büxt, ſagte der jüngere Müller.

Ja, ja, rief der Fiſcher, die Flinte, die er als Bub 'von ſeinem Vater kriegte, hat ihre Früchte getragen. Das iſt die zweite ge¬31 fährliche Kunſt, die er ſchon gelernt hat, eh' er hinter den Ohren trocken war.

Nu, wenn's weiter nichts iſt, ſagte der ältere Müller, ſo wollt 'ich nur, er thät' alles wegbüren, was mit Geweih und Hauer in Wald und Feld ſpaziert. Das wär 'ein Verdienſt, für das man ihm, weiß Gott, bei allen Gemeinden im Ländle das Bürgerrecht geben dürfte.

Freilich, ſtimmte der Knecht ein, Wildern iſt keine Sünd ', nur darf's nicht herauskommen.

Und gegen dieſen feſten Glaubensſatz wagte ſelbſt der hartnäckig grollende Fiſcher nichts einzuwenden.

Was hat ihn denn zum zweiten Mal in das Ding da, das man nicht gern beim Namen nennt, gebracht? fragte der Knecht weiter.

Seine Gewaltthätigkeit, antwortete der Fiſcher.

Eine Prügelei, erwiderte der jüngere Müller gleichmüthig.

Was die Prügelei betrifft, da kann ich nicht wider ihn ſein, ſagte der Aeltere. Gib Acht, Peter, das mußt dir erzählen laſſen, das iſt ein Staatsſtückle. Der Kreuzwirth den kennſt du ja, er hat ſei¬ nen Namen nicht umſonſt, denn er iſt gar ein frommer Kreuzträger und eine wahre Kreuzſpinne dabei der hatte von jeher ein ſcheeles Aug 'auf den Frieder gehabt.

Auf den Alten auch. Der verzeiht's ihm heut 'noch nicht, daß er ihn beim Kirchenconvent angebracht, weil er einen Ochſen ge¬ ſchlachtet hatte am Sonntag. Der Sonnenwirth wurde damals um ein Pfund Heller geſtraft.

Auch den Frieder, fuhr der ältere Müller fort, hat er einmal bei ſeinem Vater verſchwätzt, ſo daß er Hiebe von ihm kriegte. Der Alte hat nachher ſelber eingeſtanden, er habe dasmal ſeinem Sohn Unrecht gethan.

Ja, fiel der Jüngere ein, ich hab's mit meinen eigenen Ohren gehört, und ich war dabei, wie er zum Frieder ſagte, er ſolle es nur dem Kreuzwirth bei Gelegenheit wieder eintränken.

Und die iſt auch gekommen, fuhr der Aeltere fort. Denn ſo eine Teufelsgelegenheit bleibt niemals aus. Nun, was geſchieht? Auf dem Heimweg vom Kirchheimer Markt trifft der Frieder mit dem Kreuz¬ wirth zuſammen, und der fängt an ihn zu hänſeln und zu rätzen,32 denn ſo gottſelig er ſich ſtellt, das Necken und das Kratzen kann er nicht laſſen. Zuletzt, wie er noch nicht genug hatte, kommt er auch auf die Zuchthausſtrafe, die der Frieder durchgemacht hatte, und ſagt zu ihm: Du biſt ein ganz geſchickter Kerl, dir kann's nicht fehlen, du verſtehſt ja zwei Handwerk ', das Metzgen und das Wellkardätſchen; wenn dir's in einem fehlſchlägt, ſo kannſt du dich auf das andere werfen. Er das ſagen, und der Frieder ihn am Kragen nehmen und zu Boden werfen, das war eins. Der hat Prügel gekriegt! Nun, der Fiſcher weiß ja, was der Bub' für eine Tatze hat.

Es iſt ihm Recht geſchehen, ſagte der jüngere Müller. Einen Gefallenen muß man aufheben und nicht noch tiefer niederdrücken.

Paß nur auf, Peter, jetzt kommt erſt der Hauptſpaß, fuhr der Aeltere fort. Wie er ihn genug geprügelt hatte und ausſchnaufen mußte, ſo ſagt 'er zu ihm, er ſolle ihm jetzt verſprechen, daß er deſſent¬ wegen nicht klagbar werden wolle. Der Kreuzwirth, am Boden, ver¬ ſpricht's mit Ach und Krach, und ſchwört's ihm hoch und theuer. Der Frieder aber, wie er den Schwur hört, fällt er abermals mit neuer Kraft über ihn her. Sieh, meineidige Canaille, ſagt er, ich weiß, daß du doch nicht Wort hältſt, und dafür will ich dich gleich im Voraus prügeln.

Das iſt ja ein Fetzenkerl! rief der Knecht mit ungeheuchelter Be¬ wunderung aus.

Der Kreuzwirth klagte auch richtig beim Amt, und da kam eben mein Frieder noch einmal auf ein halb Jahr nach Ludwigsburg.

Es heißt von ihm, wie vom Eſau, ſagte der Fiſcher: Seine Hand war wider Jedermann und Jedermanns Hand wider ihn.

Haſt das fromme Sprüchle vom Kreuzwirth gelernt? ſpottete der jüngere Müller. Nein, fuhr er fort, dem haben ſeine Prügel gebührt, und ich bin dem Frieder nicht Feind darum. Wenn nur die Schand 'nicht wär', denn Zuchthaus iſt eben einmal Zuchthaus.

Meint Ihr, Vetter? rief der Aeltere. Es kommt auch darauf an, von wegen was man in's Zuchthaus kommt. Und wenn Einer ſonſt guter Leute Kind iſt, ſo kann man ſo einen Unſchick wieder vergeſſen. Wenn er jetzt unter eine tüchtige Hand käm 'und gehobelt würde in zehn Jahren könnt' er der angeſehenſte Mann ſein und thät 'kein33 Hahn mehr darnach krähen, daß er in ſeinen jungen Jahren hat das Wollkardätſchen erlernen müſſen.

Ein raſcher Hufſchlag unterbrach das Geſpräch. Der jüngere Müller trat ans Fenſter. Was der Sonnenwirth noch ſtet auf dem Gaul ſitzt, bemerkte er. Er muß einen guten Handel gemacht haben; er ſitzt ſo aufrecht und trägt die Naſe ſo hoch.

Nun kam die Hausfrau herein mit einem weißen Tuch auf dem Arm. Ihr folgte Magdalene mit dampfenden Schüſſeln. Ein Tiſch in der andern Ecke des Zimmers wurde gedeckt und das Eſſen auf¬ getragen. Das Geſinde erſchien, Knechte und Mägde. Draußen hörte man die befehlende Stimme des Hausherrn. Endlich trat er ſelber ein, unterſetzt und etwas beleibt, in Geſtalt und Angeſicht ſei¬ nem Sohne ähnlich. Aus ſeinen Geſichtszügen ſprach derſelbe Trotz, derſelbe Eigenſinn, nur daß dieſer Ausdruck bei ihm, dem gebietenden Herrn des Hauſes, mehr das Bewußtſein der anerkannten Rechtmäßig¬ keit und eben darum auch mehr herriſche Strenge hatte. Wenn man jedoch ſein Geſicht näher prüfte, ſo fand man, daß die innere Natur¬ kraft nicht ſo groß war als das Anſehen, das er ſich geben zu müſſen glaubte. Er grüßte die Gäſte kurz und ſetzte ſich ohne viele Um¬ ſtände mit ſeinen Hausgenoſſen zu Tiſche. Für ihn wurde beſonders aufgetragen und ein Teller mit Beſteck lag vor ihm, während die andern alle, die Hausfrau nicht ausgenommen, gemeinſam aus der Schüſſel ſpeisten.

Unter dem Geklirr der Löffel flüſterten die Gäſte zuſammen, und manche bittere Bemerkung, manche boshafte Spottrede wurde den Eſſenden, ohne daß ſie es hörten, als Tiſchſegen zugeworfen.

Der Sonnenwirth meint, man müſſe es für eine Gnad 'halten, wenn man nur in ſeinem Haus noch trinken dürfe, ſagte der ältere Müller.

Wenigſtens ein anderer Wirth, erwiderte der Jüngere wenn er auch noch ſo hungrig und durſtig iſt, ſetzt er ſich ein Vaterunſer¬ lang zu den Leuten hin, und wenn er auch weiter nichts ſagt als Auch hieſig? und Thut's ſo bei einander? und Wohl bekomm's! ſo ſieht man doch, daß er Lebensart hat, und dann kann er ja wieder aufſteh'n und ſeinem Geſchäft nachgehen. Aber der! Ja, wenn wir Pfarrer wären oder Schreiber, ſo würd 'er ſich eine Ehr' d'rausD. B. IV. Kurz, Sonnenwirth. 334machen. Aber wir ſind eben nicht weit her, wir ſind ja bloß ſeine Mitbürger.

Seht nur die Alte, Vetter! ſagte der Aeltere, und ſtieß ihn an. Seht, wie ſie ihren Leuten auf die Mäuler guckt, wie ſie ihnen die Biſſen zählt, wie ſie dem Löffel, der aus der Schüſſel kommt, mit den Augen nachfolgt. Was ſie für ein Geſicht macht, wenn ſie meint, es hab 'eins zu voll geladen oder komm' zu oft angefahren.

Halt, jetzt iſt die Sippſchaft erſt vollſtändig, jetzt kommt der Freier! unterbrach ihn der Jüngere, verſtohlen mit dem Finger auf einen Mann mit ſpitzem, knochigem Geſichte deutend, der, mit einem hell¬ grünen Leibrock angethan, in's Zimmer trat und ſich nach einer ſtatt¬ lichen Begrüßung an einen Tiſch zunächſt dem Speiſetiſche ſetzte.

Schau, ſchau! der grüne Chirurg! erwiderte der Andere. Der macht Kratzfüß '! Was die Alte ihr Spinnengeſicht umwandelt, als ob ſie Honig und Marzipan gefreſſen hätt'. Sogar der Sonnenwirth nickt ihm freundlich zu, die Sache muß richtig ſein. Aufgepaßt, Vetter! Seht Ihr, wie ihm die Alte ein Tellerlein füllt und zwar von des Sonnenwirths eigenem Eſſen. Ja, ja, mit Speck fängt man Mäuſe. Was er Complimente macht! Er will's nicht annehmen, aber die Eſſensſtunde hat er ſich wohl gemerkt, der Schmarotzer.

Er will eben von der Gelegenheit profitiren, ſo lang ſie da iſt. Er weiß wohl, daß nicht alle Tag 'Kirchweih' iſt. Wenn er einmal ernſtlich angebiſſen hat, ſo wird man ihm das Gaſthütlein ſchon her¬ unterziehen und dann kann er die Finger darnach lecken.

Ihr könnt die Leute recht heruntermachen, ſagte der Fiſcher. B'hüt 'Gott bei einander, ich will nur heimgehen, ſonſt werd' ich noch an¬ geſteckt.

Gut 'Nacht, Fiſcherhanne, und halt' reinen Mund.

Weſſ 'Brod ich eſſ', deſſ 'Lied ich ſing'! verſetzte der Fiſcher etwas zweideutig, und wandte ſich mit einem G'ſegn 'Gott , das er dem Speiſetiſche zurief, nach der Thüre.

In dieſem Augenblick ging die Thüre auf und herein trat der Sohn des Hauſes. Aus ſeinem von der Wanderung gerötheten Ge¬ ſichte leuchtete das verklärende Gefühl einer guten That, einer That, welche dem Himmel die erſte Genugthuung für bisher begangene tritte darbieten ſollte. Dieſer Ausdruck gab ſeinem Geſicht eine auf¬35 fallende Aehnlichkeit mit den Zügen ſeiner Schweſter. Da ſtieß er unter der Thüre auf den Fiſcher, der ihm wie ein böſes Vorzeichen entgegen trat, und ſein Geſicht verfinſterte ſich. Einen Augenblick maß er ihn ſchweigend mit den Augen. Du auch da, Giftmichel? ſagte er, indem er an ihm vorüberging. Der Fiſcher fletſchte die Zähne gegen ihn und machte ſich hinaus.

Friedrich blieb ein wenig ſtehen, um ſich zu ſammeln; dann nä¬ herte er ſich dem Tiſche und trat zu ſeinem Vater, der bereits durch einen Wink der Frau auf ihn aufmerkſam gemacht worden war und ihm ſchweigend entgegen ſah.

Grüß 'Gott, Vater! redete er ihn an. Da bin ich wieder, und verſprech' Euch, daß es mit Gottes Hilfe nun anders werden ſoll, denn ich bin nun kein Kind mehr, und wenn ich Euch bisher oft durch meinen Unverſtand betrübt habe, ſo hab 'ich mir jetzt vorge¬ nommen, Euch hinfüro ein treuer gehorſamer Sohn zu ſein.

Mach 'nicht ſo viel Redensarten! ſagte der Alte. Wenn dir's Ernſt iſt, ſo thu's, ohne davon zu reden; aber verſprich nichts, was du nicht halten kannſt. Setz' dich und .

Ja, Vater, aber ich hab 'zuvor eine großmächtige Bitte, fuhr Friedrich fort, ohne ſich durch den Empfang irre machen zu laſſen. Ich möcht' eine Seele vom Verderben retten, und das kann ich nicht, wenn Ihr mir nicht dazu helft.

Der Alte erhob ſein Geſicht. Die Stiefmutter ſah ihn mit ge¬ ſpannter Neugier und finſterer Miene an. Er hatte ſie noch nicht begrüßt, er hatte nur für ſeinen Vater Augen gehabt.

Ihr meint gewiß, Vater, ſprach er weiter, da wo ich herkomme, hab 'ich nur lauter ſchlechtes Zeug gelernt. Aber ſo iſt's nicht, viel¬ mehr bin ich in gute Hände gerathen und hab' Chriſtenthum gelernt. Ich hab 'gelernt, daß jeder gute Chriſt und redliche Menſch ſeinen verachteten Mitbrüdern aufhelfen müſſe. Weil das aber nicht einer für alle thun kann, ſo mein' ich, es ſei genug, wenn ein Menſch oder eine Familie ſich eines Einzigen annimmt.

Wo will denn das hinaus? fragte der Alte barſch.

Vater, ich hab 'Euch einen Menſchen mitgebracht, der keine Hei¬ math hat, eine vater - und mutterloſe Waiſe; denn das iſt er, und wenn auch ſeine Eltern noch leben. Und ich bitt' Euch, ſo lieb Euch3 *36Euer Sohn ſein mag, der Euch freilich ſchon Kummer und Verdruß genug gemacht hat ſo lieb es Euch ſein mag, daß der ungerathene Sohn noch was Ordentliches in der Welt werde, ſo hoch bitt 'ich Euch, Vater: laßt den Menſchen, den ich mitbringe, als Euren Knecht in Eurem Hauſe ſein.

Wo iſt er denn? fragte der Alte ungeduldig.

Er wartet hinterm Haus am Garten.

Die Stiefmutter gab dem Chirurgus einen Wink und er ſchlich ſich unbemerkt hinaus.

Wer iſt er denn? fragte der Alte weiter.

Friedrich ſchwieg eine Zeitlang in ſichtlicher Verlegenheit; die ſieges¬ frohe Zuverſicht, die er bei ſeinem Eintreten gezeigt hatte, war allmäh¬ lich von ihm gewichen. Vater, hob er endlich an, Ihr werdet in Eu¬ rem Herzen nicht ſogleich die Stimme finden, die für ihn ſpricht. Man hat gegen dieſe Leute Manches einzuwenden, und das iſt auch kein Wunder, denn man behandelt ſie auch darnach.

Mach's kurz und gut, rief der Alte und ſchlug, auf den Tiſch Was iſt das vor eine Manier? Wenn's was Rechtes iſt, ſo ſag's frei heraus, und iſt's was Dummes, ſo halt 'das Maul! Was brauchſt du mir durch die Ränkeleien da das Eſſen zu verderben.

Indeſſen war der Chirurg wieder eingetreten. Es iſt ein Zigeuner, ſagte er langſam und nachdrücklich, indem er zu dem Tiſch trat.

Ein Zigeuner? rief die Stiefmutter und ſchlug ein gellendes Ge¬ lächter auf. Die beiden Müller und der Knecht, welche aufmerkſam zugehört hatten, lachten aus vollem Halſe mit. Auch das Geſinde am Tiſche ſtimmte in das Gelächter ein, doch nur allmählich und ſchüch¬ tern, da der Sonnenwirth nicht mitlachte, ſondern die Stirne in dräu¬ ende Falten gelegt hatte. Magdalene war mit einem wehmüthigen Blick auf den Bruder hinausgegangen.

Ich weiß wohl, Vater, daß es eine Zumuthung iſt, fuhr Friedrich unerſchrocken fort. Aber ſoll's denn der arme Teufel büßen, daß ſeine Eltern Zigeuner geweſen ſind?

Der Chirurgus unterbrach ihn. Das hängt vielleicht, ſagte er mit etwas näſelnder Stimme, das hängt vielleicht mit der Prädeſtination zuſammen, die der Herr Pfarrer predigt.

37

Ich red 'mit meinem Vater und nicht mit Ihm! warf Friedrich ſtolz von der Seite dem Chirurgus zu. Wie kann man denn ver¬ langen, daß dieſe Leute ehrlich werden ſollen, wenn man nicht endlich einen Anfang mit ihnen macht? Und wie kann man denn anders anfangen, als mit dem chriſtlichen Zutrauen, das man in einem chriſt¬ lichen Hauſe einem von dieſen armen Leuten ſchenkt? Wenn man dann in Einem Haus angefangen hat, ſo machen's die andern nach, und eben darum ſprech' ich zu Euch, Vater, weil Ihr ein angeſehener Mann ſeid, und ein Beiſpiel geben könnt.

Die Stiefmutter hatte inzwiſchen Blick und Winke mit dem Chi¬ rurgus ausgetauſcht. Wie ſieht er denn aus? fragte ſie jetzt mit dem Tone der Neugier.

Er ſchielt auf einem Aug 'und ſieht aus wie ein leibhaftiger Galgenvogel, antwortete der Chirurgus.

Was will denn Er? fuhr Friedrich erzürnt herum. Wenn man Ihn auf ein Erbſenfeld ſetzen thät ', ſo könnt' man vor den Spatzen ſicher ſein.

Der alte Sonnenwirth fuhr auf und verſetzte ſeinem Sohne eine derbe Ohrfeige: Ich will dir unartig gegen meine Gäſte ſein. Man muß dir die Aeſte abhauen, wenn du zu krattelig wirſt. Halt's Maul jetzt und pack 'dich. Ich will dich heut' nicht mehr vor Augen haben. Das käm 'mir geſchlichen, einen Zigeuner in's Haus zu nehmen. Das wär' eine Geſellſchaft für dich.

Friedrich ſah ſeinen Vater an. Einen Augenblick hatte ſeine Hand gezuckt; dann aber wandte er ſich ruhig nach der Thüre. Ich glaub ', ich wollt', ich wär 'wieder im Zuchthaus, ſagte er, während er hin¬ aus ging.

Die beiden Müller zahlten ihre Zeche und ſtanden auf. Der Sonnenwirth, der ſich ebenfalls erhoben hatte, wünſchte ihnen, freund¬ licher als zuvor, gute Nacht. Der Burſch iſt doch ziemlich mürb ge¬ worden, ſagte er zu dem Aelteren: er hat nicht gegen die Ohrfeige rebellirt, und es hat den Anſchein, als ob er jetzt das vierte Gebot in Ehren halten wollte.

Der Müller, geſchmeichelt durch dieſe vertrauliche Anrede, blieb etwas zurück, während der Jüngere nebſt dem Knechte die Wirthsſtube verließ. Ja, ſagte er zum Sonnenwirth, der Frieder iſt nicht ſo un¬38 recht, man wird's noch erleben. Was, die Zigeunergedanken werden ihm ſchon vergehen. Um den iſt mir's gar nicht Angſt. Man muß ihn eben jetzt noch ein wenig kurz aufzäumen, dann wird er ſchon gut thun. Und das biſle Ungelegenheit, das er in ſeiner unver¬ ſtändigen Jugend gehabt hat, wird ihm unter vernünftigen und chriſt¬ lich denkenden Leuten in's Künftige nicht aufgerechnet werden. Er iſt ja guter Leute Kind. Ja, ja, Herr Sonnenwirth, der kann ſich einmal ſeine Frau holen, wo er will. Wofern aber jemals eins ſo thorecht ſein wollt 'und wollt' ein Haar in der Partie finden, ſo will ich nur ſo grob ſein und will's frei herausſagen, Herr Sonnenwirth: für mein Gretle wär 'er mir immerhin gut genug. Jetzt habt Ihr ge¬ hört, wo Ihr anklopfen könnt, wenn Ihr keine beſſere Schmiede wiſſet.

In dem Geſicht des Alten, das erſt ganz wohlgefällig ausgeſehen hatte, zog allmählich der Ausdruck unendlichen Spottes auf. Er ſah den Müller mit halb zugekniffenen Augen an, ſo daß dieſer in Verlegen¬ heit gerieth und die Hände aus den Wamstaſchen, wo ſie während ſeiner Rede geſteckt hatten, hervorholte. So, meint Ihr? erwiderte er trocken und ſtieß dann ein hochmüthiges Gelächter aus.

Nichts hab 'ich gemeint! rief der Müller wüthend. Ihr konnt meinethalben Euren Galgenſtrick verknöpfeln und verbandeln, wo Ihr wollt. Er ging und ſchlug die Thüre hinter ſich zu, daß das Haus davon erdröhnte.

Indeſſen war Friedrich zu dem Zigeuner hinabgegangen, der, ver¬ abredeter Maßen ſeines Beſcheides harrend, an dem Gartenzaune lehnte. Er reichte ihm ein Fläſchchen, ein Brod, eine Wurſt und ein Stück¬ chen Geld. Das letztere hatte er ſich unterwegs von ſeiner Schweſter geben laſſen; bei den Lebensmitteln mochte ihm in etwas uneigentlicher Form die Lehre des Waiſenpfarrers vorgeſchwebt haben. Da nimm, und trink, ſagte er mit einer ſonderbaren Haſt und Heftigkeit: und dann mach ', daß du zum Teufel kommſt.

Der Zigeuner griff gleichmüthig zu, dann heftete er ſein ſcheeles Auge auf den Wohlthäter. Was, und mit dem Dienſtle iſt's nichts? ſagte er.

Schweig 'ſtill und mach' mich nicht ſcheu! Ich bin ſo ſchon wild genug. Trink 'deinen Kirſchengeiſt! Sieh, ich hab' dir Wort gehal¬ ten, ſo viel an mir geweſen iſt.

39

Der Zigeuner ſchnitt eine höhniſche Fratze: Blitz und Mord! rief er, ſo wohlfeile Verſprechen kann mir ein Jeder thun und mich ein paar Stunden um führen. Ich ſeh 'ſchon wie's ſteht. Das Chriſten¬ thum hat, ſcheint's, auf einmal ein Loch gekriegt und, nach dem einen feurigen Backen zu ſchließen, gar noch einen Plätz auf das Loch.

Friedrich ſtieß einen Schrei aus, wie nur der tollſte Jähzorn ihn eingeben kann, warf ſich über den Zigeuner her und ließ ihn ſeine Fauſt aus Leibeskräften fühlen. Der Zigeuner war bloß darauf be¬ dacht, ſein Fläſchchen vor Schaden zu hüten, übrigens wehrte er ſich nicht gegen die Schläge, die er in reichlichem Maße bekam, ſondern brach ſtatt deſſen in ein ſchallendes Gelächter aus.

Bei dieſem Lachen hielt Friedrich betroffen inne. Hund, was lachſt? fragte er zornig.

Der Zigeuner ſchüttelte ſich. Herzensbruder, ſagte er, ich muß lachen, daß dich das Mitleid und der Jammer zum Prügeln treibt. So was iſt mir noch nie vorgekommen.

Er leerte das Fläſchchen auf Einen Zug, ſchleuderte es mit einem Juhu hoch empor, und während es klirrend zu Friedrich's Füßen nie¬ derfiel, ſchallte das Jodeln des Zigeuners ſchon aus einiger Ferne herüber. Verblüfft ſtarrte ihm Friedrich nach.

3.

Es war inzwiſchen dunkel geworden. Friedrich wollte eben in's Haus zurückkehren, als er eine Geſtalt herausſchlüpfen ſah, in der er ſeine Schweſter Magdalene erkannte. Sie ging in das Gärtchen und er hörte ſie dort am Brunnen Waſſer pumpen; denn es iſt eine un¬ löbliche Gewohnheit der Leute, das Waſſer, das ſie Morgens friſch haben könnten, Abends zu holen und über Nacht ſtehen zu laſſen. Bald aber hielt ſie in dieſer Verrichtung inne und fing leiſe zu weinen an. Er wollte zu ihr treten, da kam jemand aus dem Hauſe nach¬ gegangen, horchte eine Weile umher, fuhr, ohne ihn zu be¬ merken, in's Gärtchen hinein, und die gellende Stimme der Stief¬40 mutter rief: Wo bleibſt du denn, lahmes Menſch? Was dröhnſeſt da ſo lang '?

Magdalene antwortete mit ſtockender und gedrückter Stimme.

Was? Ich will nicht hoffen, daß du heulſt! fuhr die Stiefmutter ſie an.

Das Mädchen ſchwieg.

Was haſt du denn? fragte die Alte hart und lieblos weiter. Als das Mädchen abermals keine Antwort gab, rief ſie: Das muß was Beſonder's ſein. Der Herr ſuche mich nicht ſo ſchwer heim, und laſſe mich's nicht erleben, daß du dich am End 'gar vergangen haben wirſt.

O, Mutter, rief Magdalene, die hier plötzlich ihre Stimme fand, wie könnt Ihr mich ſo verſchänden! Ihr ſolltet Euch der Sünde fürchten, ſo etwas ſo laut vor der Nachbarſchaft zu ſagen, da Ihr doch wißt, wie ungerecht Euer Gerede iſt. Ihr müßt's ja ſelber am Beſten wiſſen, daß ich Euch niemals aus den Augen gekommen bin.

Nun, nun, ich will ja weiter nichts geſagt haben, als daß das Heulen und Aunxen überflüſſig iſt, wenn man ein gut Gewiſſen hat.

Mein Gewiſſen iſt gut, erwiderte Magdalene unmuthig. Wenn nur auch alles Andere ſo gut wäre.

Ei was, es ſteht Alles gut. Mach 'jetzt nur, daß du in's Bett kommſt. Du mußt morgen mit hellen Augen und rothen Backen auf¬ ſtehen, weißt wohl warum.

O, Mutter, ſeid barmherzig und bringt den Vater auf andere Ge¬ danken! Auf meinen Knieen wollt 'Euch anflehen, wenn ich wüßte, daß es bei Euch anſchlüge.

Still mit den Narretheien da!

Mutter, ich hab 'einen Abſcheu vorm Heirathen. Ich will Euch bei den höchſten drei Namen ſchwören, ledig zu bleiben mein Leben lang.

Damit wär 'mir gedient! rief die Stiefmutter mit höhniſchem Lachen. Was ein recht's Mädle iſt, das hat eine wahre Begier auf's Heira¬ then, und kann nicht bald genug eine eigene Haushaltung überkommen wollen, um darin thätig und fleißig zu ſein nach eigenem Sinn. Ein recht's Mädle ſucht ſeinen Eltern vom Hals zu kommen, ſobald es kann, und will nicht als eine unnütze Brodeſſerin zu Haus auf der faulen Haut liegen.

41

Lieg 'ich auf der faulen Haut? entgegnete Magdalene vorwurfsvoll. Werd' ich nicht gepudelt vom frühen Morgen bis in die ſpäte Nacht? Hab 'ich das bisle Eſſen nicht ſo gut verdient, wie wenn ich Eure Magd wär'?

Nun, ſo ſei froh, daß du jetzt beſſere Tage kriegſt.

Ich will keine beſſere Tage, ich bin ja zufrieden. Ich will noch härter arbeiten, will Euer Kehrbeſen ſein und Eure Ofengabel, will ſchlumpen und pumpen, nur laßt mich bleiben wie ich bin.

Das wär 'ein Kunſtſtück! Bin ich eine Hex'? Kann ich dich halten, daß du bleibſt heut 'wie geſtern, und morgen wie heut? Kann ich's verhindern, daß du eine alte Jungfer wirſt?

Eine alte Jungfer kann auch in Himmel kommen.

Ja, aber durch's Nebenthürle. Und jetzt hör 'auf mit dem Ge¬ ſchwätz. Es iſt eine Ehr' für dich, daß dich der Chirurgus nehmen will, ſo ein Herr! Wart ', wenn du an ſeinem Arm daher ſtratzen kannſt, das wird eine Hoffärtigkeit ſein! Du verdienſt's gar nicht, daß es ſo hoch hinaus ſoll mit dir!

Freilich verdien 'ich's nicht! Er ſoll eine Andere nehmen, meinet¬ wegen die verwitwete Herzogin, die thät vielleicht beſſer für ihn paſſen.

Was haſt du gegen den Chirurgus? rief die Sonnenwirthin zornig. Was kannſt du wider ihn ſagen?

O Mutter, begann das Mädchen nach einer Weile mit bebender Stimme, denkt an Eure eigene Jugend zurück er iſt ſo alt und ſo

Du wüſte Strunz du! rief die Sonnenwirthin. So, da liegt der Haſ 'im Pfeffer? Der Ehſtand iſt eine chriſtliche Anſtalt, dem Herrn zum Preis, und nicht für Ueppigkeit und Fleiſchesluſt. Wenn du ſo lüderliche Gedanken haſt, ſo bet' daß ſie dir vergehen, oder behalt ſie wenigſtens bei dir und ſchäm 'dich. Wenn die Leut' wüßten, daß du ſo fleiſchlich denkſt, ſie thäten mit Fingern auf dich zeigen.

Magdalene ſchluchzte: O Mutter, Mutter!

Ja, Mutter! ſpottete jene. Ich weiß wohl was Jeſus Sirach einer Mutter einſchärft im Sechsundzwanzigſten: Iſt deine Tochter nicht ſchamhaftig, ſo halte ſie hart, auf daß ſie nicht ihren Muthwillen treibe, wenn ſie ſo frei iſt. Wie ein Fußgänger, der durſtig iſt,42 lechzet ſie, und trinkt das nächſte Waſſer, das ſie krieget, und ſetzet ſich wo ſie einen Stock findet, und nimmt an was ihr werden kann.

Paßt das auf mich? Ich will ja lieber gar Keinen! rief Magda¬ lene laut weinend.

Ohne ſich irre machen zu laſſen, fuhr die Sonnenwirthin fort: Ich bin auch jung geweſen, aber in der Furcht Gottes, und ſo fre¬ ches Zeug iſt mir nicht im Schlaf eingefallen, geſchweige daß es mir über die Lippen gekommen wäre. Dein Vater, wie ich ihn genommen hab ', iſt auch kein heurig's Häsle mehr geweſen. Im Gegentheil, dein Bräutigam iſt dir noch näher im Alter. Wo iſt der Menſch, dem's in der Welt nach ſeinem Kopf geht? Ein Chriſt muß ſich in das ſchicken, was unſer Herrgott über ihn verhängt. Jetzt heul', ſo viel du willſt, heul 'mein'thalben die ganze Nacht da unten. Aber morgen hat's ein Ende mit dem Heulen, oder wenn's dich zu ſauer ankommt, ſo wird dir dein Vater ſchon ein freundlich's Geſicht heraus bringen helfen, du weißt, er hat Mittel und Wege. Jetzt gut' Nacht, Jungfer Braut.

Die Alte ſchoß aus dem Gärtchen in das Haus zurück, wie ein unheimlicher Nachtvogel. Friedrich eilte ſich zu ſeiner Schweſter zu geſellen, denn, dachte er, die kann's brauchen. Sie war in der Dun¬ kelheit leicht zu finden; er durfte nur dem Schluchzen nachgehen, das ihren jungfräulichen Buſen zu zerſprengen drohte. Stillſchweigend faßte er ihre Hand.

Sie hatte ihn nicht kommen hören; erſchrocken und zornig riß ſie die Hand weg und rief: Wer iſt da?

Gut Freund, Schweſterle. Hat der gelbe Drach 'wieder Gift ge¬ ſpieen? Was iſt denn das für ein Bräutigam, dem du die alten Knochen wärmen ſollſt?

Ach Gott, der Chirurg!

Was! Der Zaunſtecken? und nun folgte eine Fluth von Scheltwörtern, die immer drolliger wurden, ſo daß das arme Mäd¬ chen zuletzt ſelbſt darüber lachen mußte. Plötzlich aber fiel ſie in das vorige Weinen und Schluchzen zurück und warf die Arme um den Hals des luſtigen Tröſters: O lieber Bruder! rief ſie ſie mochte nicht Frieder ſagen, wie die Andern, und Friedrich klang ihr zu vor¬ nehm, zu gewagt lieber Bruder, ich wollt 'ich wär' bei unſerer43 Mutter! Sieh, ich bin dir die ärmſte Creatur auf der ganzen Got¬ teswelt! Morgen ſoll der Verſpruch ſein, und das iſt mein Tod. Ich kann ihn nicht anſehen, er iſt mir zu arg zuwider!

Soll ich ihn zerbrechen? fragte er grimmig durch die Zähne.

Um Gotteswillen, fang keine Händel an! Du würdeſt mich nur aus dem Regen in die Traufe bringen. Sie ſchwieg eine Weile und fuhr dann verzagend fort: Es gibt nur ein einziges Mittel, um aus dem Jammer hinaus zu kommen.

Vermuthlich. Was denkſt du?

Ich ſpring 'in die Fils, und das noch heut' Nacht.

Friedrich lachte überlaut. Du arm's Närrle! Das müßteſt du künſtlich angreifen bei dem niedern Waſſerſtand. Nein, das iſt nicht der Weg. Ich weiß einen andern und der wär 'ganz ſicher, ſo bald man ſich feſt darauf verlaſſen könnte.

Du biſt ein leidiger Tröſter.

Ja ſieh, Kind, es ſteht ganz bei dir und du haſt's in der Hand, ob das Mittel zuverläſſig ſein ſoll oder nicht. Kannſt du dich auf dich ſelbſt verlaſſen?

Er ſprach dieſe letzten Worte mit beſonderer Stärke, und es lag dabei etwas Geheimnißvolles in ſeiner Stimme, ſo daß ſeine Schweſter ihn verwundert anſah. Ich weiß nicht, wo du hinaus willſt, ſagte ſie.

Der Menſch kann Alles was er will, hob er an. Heißt das, ich hab 'mich nicht ganz richtig ausgedrückt. Der Menſch kann nicht Alles, was er will, denn ich mag wollen ſo viel ich will, ſo kann ich z. B. nicht Tag aus Nacht machen. Er ſchwieg eine Weile, um ſeine Gedanken auf der ungewohnten Spur zu ſammeln.

Ja, das kann ich auch nicht, ſagte Magdalene dazwiſchen, mit einem Tone, welcher deutlich verrieth, daß ihr das eine brodloſe Weis¬ heit dünke.

Wart 'nur, ich bin noch nicht auf dem rechten Trumm. Ich hätt' eigentlich ſagen ſollen: der Menſch kann Alles, was er nicht will.

Jetzt hör 'auf! rief Magdalene unwillig. Du biſt dem Narren über's Säckle kommen. Wenn du mir keinen beſſern Rath weißt als ſolches Kauderwelſch, ſo muß ich ungetröſtet ins Bett gehen.

Ich ſchwitz 'wie ein Magiſter, ſagte er. Ich möcht' dir das Ding recht glatt eingeben und bring's nicht richtig heraus. Aber halt,44 jetzt geht's. So hätt 'ich ſagen ſollen: was der Menſch nicht haben will, das kann er ſich vom Leib' halten.

Da, halt 'uns den Regen vom Leib, weil du ſo ein überſtudirter Kopf biſt, ſagte Magdalene ſpottend. Es fing nämlich ſo eben zu tröpfeln an.

Gegen den Regen ſind Schirme gewachſen, oder auch zum Bei¬ ſpiel die Laube dort. Komm, wollen uns d'rin bergen, denn es macht nicht bloß naß herunter, ſondern auch recht kühl, und ich bin noch lang 'nicht fertig.

Die beiden Geſchwiſter gingen mit einander nach der Laube. Sie war noch ſommerlich genug überrankt, um vor dem Regen zu ſchützen, der jetzt in größern Tropfen auf die Blätter niederſchlug.

Den Regen kann man ſich allerdings vom Leib halten, wenn man irgendwo unterzuſtehen vermag, fuhr Friedrich fort. Aber ich ſeh 'jetzt doch, daß mein Gleichniß nicht auf Alles paßt. Denn, wenn mich zum Beiſpiel ein Blitz trifft, ſo kann ich ihn nicht

Behüt 'uns Gott! unterbrach ihn ſeine Schweſter. Unberufen, un¬ berufen, unberufen! Nachdem ſie ſich beeilt hatte, dieſe Zauber¬ formel gegen böſe Einflüſſe und Vorbedeutungen dreimal auszuſprechen, machte ſie ihm lebhafte Vorwürfe wegen ſeiner ſündlichen Rede.

Das iſt nur ſo figürlich geſagt, erwiderte er. Ich hab 'dir bloß zeigen wollen, daß es Dinge in der Welt gibt, die man ſich nicht vom Leib halten kann, wo man conträr wollen muß, man mag wollen oder nicht. Jetzt kann ich dir aber auch um ſo beſſer be¬ weiſen, daß es dafür andere gibt, die man ſich vom Leib halten kann, wenn man nur recht tüchtig will. Zum Beiſpiel den Chirurgen

Gott Lob und Dank, endlich kommſt du doch auf den rechten Text. Aber ſag 'nur einmal wie?

Du nimmſt ihn eben nicht.

Und wenn der Vater ſagt: du mußt?

Dann ſagſt du: ich will nicht.

Kann ich mir dann auch die Streich 'vom Leib' halten?

Ja, ſieh, lieb's Kind, das iſt's eben, darauf hab 'ich von An¬ fang an hinaus gezielt und jetzt iſt der Text vollſtändig. Vogel friß oder ſtirb! das iſt der Text. Wenn aber das Vögele nicht freſſen will, und es will eben um keinen Preis nicht, ſo muß es zwar45 ſterben, aber die Sach' iſt doch nach ſeinem Schnabel gegangen. Das Leben iſt der höchſte Preis, den ein Vogel oder ein Menſch ein¬ ſetzen kann, und mehr als das Leben kann man Einem auch nicht nehmen. Wenn Einer nun ſeinen Sinn feſt darauf richtet, daß er denkt: die und die Nuß will ich nicht beißen! ſo muß ihm zum Allererſten das Leben wohlfeiler ſein als der Schnabel. Dann wird's aber auch ganz gewiß nach ſeinem Schnabel gehen, und wird oft nicht einmal das Leben koſten. So ſagſt du jetzt, du mögeſt den Dürren nicht.

Für mein Leben nicht! rief das Mädchen leidenſchaftlich.

Juſt, wie ich ſagen wollte! Du bekennſt alſo ſelber, daß dir dein Leben nicht ſo lieb iſt, als es dir lieb wär ', des dürren Stecken ohne zu ſein, und vorhin haſt du ja geſagt, du wollteſt lieber in die Fils ſpringen. Damit preſſirt's übrigens gerade nicht ſo ſehr, nur muß es dein völliger Ernſt ſein, und zwar ſo, daß du dich lieber todt ſchlagen ließeſt. Sieh, dein Leben wird dir doch lieber ſein, als eine trockene Haut, oder ein heiler Rücken. Was ein heiler Rücken werth iſt, das weiß ich aus Erfahrung, und ich kenn' auch des Vaters ſchwere Hand.

Ja, ich auch.

Du wirſt ſie aber doch nicht ſo fürchten, wie den Tod.

Nein, das gerade nicht.

Nun ſieh, jetzt kannſt du an dir ſelbſt die Probe machen, ob's ein Ernſt iſt oder eine bloße Redensart mit dem was du geſagt haſt. Die Menſchen brauchen viel leere Redensarten. Da ſagt Einer: Das und das laſſ 'ich mir um's Leben nicht gefallen! und nachher, Wenn's drauf und dran kommt, läßt er ſich's gefallen um des Eſau's Linſengericht oder auch noch um weniger, oder weil er einen Buckel voll Schlag' fürchtet. Nimm dir einmal die Sach 'genau in Augenſchein. Was kann dir der Vater thun? Umbringen wird er dich nicht, du biſt ja ſein eigen Fleiſch und Blut. Aber puffen wird er dich, deſſen kannſt du gewiß ſein, und mach' dir nur keinen blauen Dunſt darüber.

Magdalene ſeufzte.

Auch ſonſt wird's dir übel gehen; du wirſt ein wahres Hunde¬ leben haben, mehr noch als bisher. So leib mir's thut, dir das für46 gewiß zu ſagen, ſo müßt 'ich ja doch ein ſchlechter Rathgeber ſein, wenn ich's verſchweigen wollte.

Magdalene ſeufzte abermals.

Ich glaub's gern, fuhr er fort, daß es dir ſchwer eingeht, aber dennoch mußt du's recht genau in's Aug 'faſſen. Uebrigens kannſt du dir dabei voraus denken, wie du bei jedem ſcheelen Blick, bei jedem Streich, an jedem Hungertag ſagen wirſt: iſt mir doch lieber, als wenn ich bei dem Zaunſtecken ſein müßte, den ich nicht mag. Und dann, wie lang wird's dauern? Nur ſo lang, als ſie meinen, daß ſie dich zwingen können. Wenn deine Geduld größer iſt als ihre Bosheit, ſo wird ihre Bosheit zu nichte. Der ſchlanke Freiersmann macht am Ende den Kuhhirten von Ulm, oder es find't ſich unter¬ deſſen eine andere Gelegenheit, die dem Vater in die Augen ſticht, ſo daß er ihm ſelber den Laufpaß gibt. Zeit gewonnen, iſt Alles ge¬ wonnen. Mit dem Theil Ungemach, das du dir nicht vom Leib halten kannſt, kaufſt du dein junges Leben los von größerem Unge¬ mach und behältſt es unverſchandirt, ſo daß dir der grüne Schleicher ſein Lebtag nicht in's Bett kommen kann. Ich ſag' dir, Magdalene was ich da geſprochen habe es iſt zwar gar nichts Neues, und Viele reden desgleichen, aber ſie wiſſen nicht, was ſie ſagen; denn es iſt ein Geheimniß! Wer's aber recht verſteht, der kann Wunder damit thun, und Wunder ſind auch ſchon damit gethan worden! Mit drei einfältigen Wörtlein: Ich thu's nicht! und ich thu's eben nicht! damit kann ein rechter Kerl Mannskerl oder Weibskerl, gilt gleich viel einen Güterwagen ſperren, und wenn ſechs Dutzend Mecklenburger vorgeſpannt wären. Jetzt wirſt du verſtehen, warum ich geſagt hab ': Das Mittel iſt ſicher, wenn man ſich darauf ver¬ laſſen kann. Frag' dich nun ſelber, ob es ſicher iſt.

Die Schweſter trat feſt und aufrecht vor den Bruder hin. Und ich thu's eben nicht! rief ſie, ſeinen Ton nachahmend, indem ſie dabei auf den Boden ſtampfte.

So gefällſt du mir, ſagte er lachend. Komm, ſetz 'dich wieder. Sei nur ſtandhaft und laß dir weiter ſonſt keine graue Haar' wachſen. Ich bin ja um den Weg. Wenn ſie dir den Futterkaſten gar zu arg verſperren, ſo will ich dein Rabe ſein, und wenn des Alten Hand zu ſchwer wird über dir, ſo will ich dazwiſchen ſpringen und47 die ſchwerſten Streiche auffangen. Du weißt ja, er iſt leicht ab¬ zuleiten: wenn er Hiſt töbert, ſo braucht man ihm nur mit einem ungäben Wort zu kommen, dann läßt er Hiſt fahren und tobt Hott. Laß mich nur machen, ich will dir den Regen mit dem Dachtrauf vom Leib halten, ich hab 'ja ein dickes Fell.

Magdalene wurde vollends ganz zuverſichtlich, während ſie dieſes Schutz - und Trutzbündniß verabredeten. Verlaß dich nur auf mich, ſagte ſie, ich will zäh ſein wie eine Katze.

Recht ſo! erwiderte Friedrich. Was will das bißle Ungemach heißen, wenn die Alte ſich dafür das Gallenfieber an den Hals är¬ gert. Es iſt doch ein wüſt's Weibsbild, und was ſie für abſcheuliche Reden führt!

Ach, ich hab 'mich ſo geſchämt, ſagte Magdalene, indem ſie wieder zu weinen begann und den Kopf auf ihres Bruders Schulter legte. Sie hat mir das Herz im Leib herumgedreht mit ihren böſen Wor¬ ten. Ich will ja dem Mann ſonſt nichts Schlimmes nachgeſagt haben, aber warum ſoll er mir denn mit's Teufels Gewalt gefallen? Es iſt ja doch wahr, daß er alt iſt und häßlich, und ſoll ich denn das nicht ſagen dürfen?

Freilich darfſt du's ſagen, und ein recht's Mädle darf wohl ein Aug 'auf ein Mannsbild haben und lugen ob was Wohlgefälliges an ihm iſt oder nicht. Die Heuchlerin, die! Glaub' mir nur, wenn Eine ſo verdammlich und augenverdreheriſch redet und ſo den Willen Gottes vom Zaun bricht, die iſt gewiß ein fauler Apfel.

Ach geh, du wirfſt das Beil auch gleich zu weit hinaus. Nachſagen kann man ihr nichts, und ſie hat dem Vater immer genau Haus gehalten, nur gar zu genau.

Meinetwegen, aber was ſie da von ihrer Jugend ſchwätzt, das iſt die lautere pure Heuchelei, und eh 'ich's ihr glaube, eher glaub' ich daß ſie ein Hufeiſen verloren hat. Für was braucht ſie bei dir gleich auf ſo ſchandliche Gedanken zu kommen? Es ſucht Keiner den andern hinter'm Ofen, er ſei denn ſelber dahinter geſteckt. Bleib 'du bei deiner Art und ſchäm' dich nicht. Der lieb 'Gott hat nichts dawider, wenn dir ein friſchgrüner Apfelbaum beſſer gefällt als eine dürre Pappel. Was, Dummheit! Gleich und gleich geſellt ſich gern.

Ja, du ſcheinſt mir auch ein feiner Hecht zu ſein!

48

Mit den Alten werd 'ich's niemals halten, ſo viel iſt gewiß. Jetzt möcht' ich nur mein Schweſterle recht anſtändig verſorgt ſehen. Wart 'einmal, wir haben ja die Auswahl unter den jungen Burſchen, wollen geſchwind Muſterung halten.

Ach, ſchwätz 'nicht ſo überzwerch heraus.

Mit welchem ſoll ich denn gleich anfangen? Ja, da iſt zum Exempel heut Abend der untere Müller da geweſen, der Georg.

Er bemerkte ein leichtes Zucken an ſeiner Schweſter und drehte ihr Geſicht zu ſich herum. Was? rief er, hab 'ich gleich auf den rechten Buſch geklopft? Es iſt nur ſchad', daß ich in der Dunkel¬ heit nicht ſehen kann, wie du dazu ausſiehſt.

Laß mich zufrieden, ſagte ſie. Ich hab 'was Nöthigers zu thun jetzt, als nach den jungen Burſchen auszuſchauen. Behalt' deinen Spott bei dir.

Wenn dir's Ernſt mit ihm iſt, morgiges Tages bring ich ihn herbei, und wenn ich den Kälberſtrick dazu nehmen müßte! Ich bin ihm ohnehin noch eine Rache ſchuldig. Er hat mich einmal helfen liefern, und wiewohl ich ihm das nach Geſtalt der Sachen nicht ſon¬ derlich nachtrage, ſo wär 'mir's doch zweimal recht, ihn zur gnädigen Straf' an eine lebenslange Kette zu legen.

Still, ſtill! rief ſie und hielt ihm, übrigens erſt nachdem er aus¬ geſprochen hatte, die Hand auf den Mund. Komm, es iſt ſchon ſo ſpät, wir müſſen in's Bett. Der Vater könnt 'lärmen.

Sie gingen leiſe in das Haus zurück und ſagten einander gute Nacht. Friedrich aber wartete bis ſeine Schweſter in ihre Kammer hinauf gehuſcht war, und ſagte: Ich muß doch probiren, ob man heut noch Wind und Wetter beobachten kann. Er ſchlich über den Oehrn, klinkte unhörbar die Thüre zum Wirthszimmer auf, wo ein Knecht in der Ecke ſchnarchte, durchmaß das Zimmer mit großen Schritten, aber ſo lautlos, daß ihm kaum der Sand unter den Füßen kniſterte, ging durch ein zweites kleineres, und legte dort das Ohr an die Thüre, die in's Schlafgemach ſeiner Eltern führte. Er hatte ſich nicht ge¬ täuſcht, ſie waren noch in einer Gardinenunterredung begriffen.

Auch wider den untern Müller hätt 'ich eigentlich nichts einzu¬ wenden, hörte er ſeinen Vater ſagen.

49

Wie kommſt du denn auf den? fragte die Sonnenwirthin dagegen.

Mir däucht's ſeit einem Vierteljahr oder ſo etwas her, daß er ein Aug 'auf das Mädle hat. Er hat mir ſchon ſo eine Art Wink gegeben, freilich nicht mit dem Holzſchlegel, denn er hat gar einen beſonderen Stolz. Aber er iſt ordentlich, bringt ſein Sächle vorwärts, und thät auch ſonſt beſſer für ein jung's Mädle paſſen, als ſo ein alter Krachwedel.

Ei, Alterle, wie thuſt du doch ſo jung! erwiderte die Sonnen¬ wirthin. Uebrigens hab 'ich ebenmäßig nichts wider den Müller, und dem könnteſt du außerdem einen großen Gefallen erweiſen. Ich hör', er will bauen, und da werden ihm ein paar tauſend Gulden eine Frau erſt recht werth machen.

Das geht nicht! brummte er dagegen. Von der Sonne kann ich nichts weggeben. Die iſt und bleibt der Grundſtock in der Familie, die darf nicht einen Strahl von ihrem Glanz einbüßen.

Dann wird er wenig Luſt haben, ſagte ſie. Zum Bauen hat er das Geld nöthig. So wacker er iſt, ſo iſt er doch noch zu jung, als daß ihm jemand ſo viel leihen thät '! Alſo muß er's er¬ heirathen.

Soll anders wohin gehen.

Der Chirurgus dagegen ſagt, es ſei eine Schande für einen Mann, wenn er beim Heirathen auf's Geld ſehe. Er begehrt nichts dazu, er ſagt, deine Tochter wär 'ihm lieb, und wenn ſie nackt und bloß zu ihm käme, er wolle ſie ſchon ernähren.

Nu, wenn ſich kein Anderer meldet, ſo kann er ſie haben.

Ja ſieh ', aber er preſſirt eben, und wird auch nicht grad warten wollen, bis es uns gefällig iſt. Mit dem Probiren iſt's ſo eine Sach'. Die Mannsleut 'ſind nicht ſo unintereſſirt heutzutag. Wenn nun kein Anderer käm', und der Chirurgus ging 'ſonſt wo auf die Braut¬ ſchau, ſo blieb' eben das Mädle ſitzen, und das wär 'doch ein Spott und eine Schand'.

Hm! brummte der Sonnenwirth.

Der Habich iſt beſſer als der Hättich, fuhr die Frau fort, und wenn man einmal etwas thun will, ſo thut man's beſſer gleich, da¬ mit's nachher nicht zu ſpät iſt. Mir kann's zwar ſoweit einerlei ſein; es iſt dein Kind und nicht mein's. Was geht's mich an, wenn ſieD. B. IV. Kurz, Sonnenwirth. 450eine alte Jungfer werden will? Meinetwegen kann ſie in der Wirth¬ ſchaft bleiben, ſo lang ſie mag. Deßhalb iſt mir's am liebſten, wenn ich dabei ganz aus dem Spiel bleiben kann. Nichts Schwereres für eine Stiefmutter, als ſolcherlei Pflichten zu erfüllen; denn wenn ich noch ſo gut ſorge, ſo bin ich doch eben die rechte Mutter nicht, und wird mir mein Sorgen noch obendrein verdacht. Mach 'du die Sach' mit deiner Tochter ab. Sprich mit ihr und frage ſie, was ihr ge¬ fällig ſei.

Fragen! brauſte der Sonnenwirth auf. Man wird ſo ein Ding noch lange fragen. Sie ſoll froh ſein, wenn man ſie verſorgt. Nun ja, der Haue muß ein Stiel gedreht werden. Alſo, wenn kein Andrer um den Weg iſt, ſo mag's mein'thalben der Chirurgus ſein. Aber da ſoll er ſich nur das Maul abwiſchen: baar Geld kriegt er keins von mir.

Sei ganz ruhig. Bis wann ſoll denn die Sach 'jetzt richtig werden?

Das laſſ 'ich dir über.

Sieh, Schwan, hob die Sonnenwirthin mit einem freundlichen und überzeugenden Tone an, ich hab 'das ſchon voraus bedacht, denn ich muß ja doch an Alles denken. Weißt, morgen iſt ja der Monats¬ tag, da kommen die geiſtlichen Herren wieder zuſammen.

Hm, brummte der Sonnenwirth.

Der Amtmann wird auch dabei ſein, vielleicht ſogar der Vogt von Göppingen.

Hm, ja.

Und weil unſer Haus eigentlich doch auch ein wenig über den Leiſten geſchlagen iſt, ſo könnte man dem Ding einen Anſtrich geben, daß es ein recht geſellſchaftliches fürnehmes Ausſehen bekäme. Weißt, auf ſo was verſtehſt du dich! Wenn die Herren dann aufſtehen müſſen und Geſundheit trinken, ſo wird der Verſpruch zur Hauptſach 'und die Herren mögen wollen oder nicht, ſie ſind dann eigentlich nur um des Verſpruchs willen da.

Der Sonnenwirth hatte immer beifälliger gebrummt. Dabei ſoll's bleiben! ſagte er endlich. Aber jetzt laß mich ſchlafen, haſt mir die Zeit lang genug gemacht.

Auch Friedrich hatte genug gehört. Leiſe wie er gekommen war, ſchlich er hinaus und begab ſich auf ſeine Kammer, wo er lange nicht ſchlafen konnte.

51

Als er in der Frühe ſeiner Schweſter auf der Treppe begegnete und ſie ihm guten Morgen ſagte, klang ihre Stimme gar nicht ſo entſchloſſen, wie vergangene Nacht. Du machſt ja ein Geſicht wie die Katz wenn's donnert, raunte er ihr zu; ſtell 'dich krank, Magdalene, ſtell' dich krank, und mach ', daß du nur über den Tag hinüberkommſt.

Es wär 'keine Verſtellung, erwiderte ſie, wenn ich mich wieder legte.

Thu's, thu's! rief er und ſprang die letzten acht Staffeln mit Einem Satz hinab.

Er ging den Fußweg am Bache hin, der mitten durch den Flecken läuft. Die Gänge der Mühle klapperten ihm eifrig entgegen. Von der Brücke aus ſah er den jungen Müller im Hofe beſchäftigt, allerlei Holz zuſammen zu ſägen. Er blieb unſchlüſſig ſtehen, als aber jener aufblickte, ſetzte er ſich in Bewegung, als ob ihn der Weg zufällig hier vorüberführe.

Guten Morgen, rief er in den Hof hinein.

Schön 'Dank.

Treibſt's gut um?

So ſo, la, la, war die verdroſſene Antwort.

Ich glaub ', an dir iſt ein Zimmermann verloren gangen, ſagte Friedrich, indem er näher trat und ſich gegen die Mauer lehnte.

Hm, 's iſt nur ſo ein wenig geboſſelt.

Man ſagt ja, du wolleſt bauen, Georg?

Willſt mir dabei an die Hand gehen, Frieder?

Ja ich! Was hätt'ſt du von mir? Soll ich dir Steine zutragen?

Hm, ja, aber ſolche, wo der Karl Herzog drauf geprägt iſt.

Oder der alt 'Kaiſer? Du haſt's gut vor, Brüderle, ſolche Bauſteine ſind mir zu ſchwer, die muß ich liegen laſſen.

Die Beiden ſahen einander an und ihre ſcheinbar gleichgiltigen Mienen ſpielten ein langes ſtummes Frag - und Antwortſpiel.

Ich muß eben ſehen wie ich ein Ducatenmännle in's Haus krieg ', ſagte der Müller endlich. Vielleicht wiſſen mir die Zigeuner eins.

Oder ein Bettelmädle mit ein paar tauſend Gulden, entgegnete Friedrich, den Stich verbeißend.

Weißt mir eine? fragte der Müller und ſah ihn forſchend an.

4 *52

Friedrich ſchlug die Augen nieder und wühlte mit dem Fuß im Sägmehl, das am Boden lag. Iſt denn das Bauweſen ſo nöthig? fuhr er endlich in ſeiner Verlegenheit heraus.

Juſtement ſo nöthig, als dein Geſchwätz unnöthig iſt, war die Antwort.

O ich will nicht lang mit dir ränkeln, du zuckerig's Bürſchle du. Bau du mein'twegen ſo hoch wie der babyloniſch 'Thurn geweſen iſt.

Dieſes brummend nahm er einen verdeckten Rückzug, das heißt, er ſetzte den eingeſchlagenen Weg an der Mühle vorüber fort, um in einem weiten Bogen wieder nach Hauſe zu kommen.

Der junge Müller ſah ihm verwundert und ärgerlich nach. Ich glaub ', der hat Maulaffen feil, brummte er, indem er wieder zur Säge griff.

Die Katz 'maust links, die Katz' maust links! ſagte Friedrich zu ſich, mit bedenklichem Geſichte ſeine Schritte fördernd. Ich wollt 'nur, daß der Tag im Kalender durchgeſtrichen wär'.

Von Noth und Eifer getrieben rannte er dahin, obgleich er eigent¬ lich nicht wußte, warum er zu eilen habe; es war eine Aufregung in ihm, die ſeinem Geſicht in dieſem Augenblick ein beſonders kräfti¬ ges Ausſehen gab. Die Leute, die auf der Straße oder an den Fenſtern waren, mußten ihn unwillkürlich mit Wohlgefallen betrachten, und ein Mädchen, das ihm begegnete, grüßte ihn auf eine Weiſe, die trotz ſeiner gedankenvollen Selbſtvergeſſenheit nicht unbemerkt von ihm blieb. Es war ein ſchlankes Mädchen mit gelben Zöpfen, noch ſehr jung und von auffallend hellen Geſichtszügen; in ihren Mienen lag eine eigenthümliche Miſchung von Zutraulichkeit und Unſchuld. Sie grüßte ihn mit dem gebräuchlichen Bauerngruße, das heißt, ſie wünſchte ihm die Zeit , aber mit einem Blicke, der, ſo ſchnell und ſchüchtern er vorüberglitt, eine Freundlichkeit, eine gewiſſe Theilnahme und Hingebung ausſprach, die nur in einem Blicke ſo ausgeſprochen und eben deßhalb nicht weiter beſchrieben werden kann. Genug, ihm war als hätte ſich das junge Mädchen mit dieſem Blicke ganz und voll und warm in ſeine Arme gelegt, und er, für einen ſolchen Ein¬ druck nichts weniger als unempfänglich, fühlte ſich hingeriſſen, obgleich er ſich erſt einige Secunden nach der Begegnung bewußt ward, daß er gegrüßt worden ſei, daß er einen Blick dabei wahrgenommen, und53 daß dieſer Blick ihm gegolten habe. Jetzt erſt blieb er ſtehen und ſah ihr nach. Sie war ſchon ziemlich weit entfernt, und ihre Zöpfe flogen luſtig hinter ihr her. Ich kenn 'doch jedes Kind hier, ſagte er: iſt's vielleicht eine Fremde? Sie trägt ſich übrigens ganz Ebers¬ bachiſch. Aber das iſt ein blitznett's Schelmengeſicht! Er wäre ihr gerne nachgegangen, aber er ſcheute die Mühle. Auch fiel ihm nur allzubald die Sorge wieder auf's Herz, die ihn aus dem Hauſe getrieben hatte. Er wandte ſich, durchmaß einige Gäßchen, ging weiter oben über das Waſſer zurück, und kam unverrichteter Dinge nach Hauſe, wo ihm ein vielſagender Duft aus der Küche entgegen¬ ſtrömte.

Nach dem Eſſen, als er Gelegenheit fand, einen Augenblick mit ſeiner Schweſter allein zu ſein, fragte er ſie: Iſt dir's noch wie geſtern?

Magdalene verſuchte zu lachen; es wollte ihr aber nicht recht ge¬ lingen. Ich thu's eben nicht! flüſterte ſie, indem ſie in der geſtrigen Haltung auf den Boden ſtampfte; aber ihre Stimme klang wie eine ohnmächtige Einſprache gegen das Schickſal und über ihre Augen flog ein Nebel hin. Die Geſchwiſter hörten des Vaters Tritt; da ſtoben ſie auseinander.

Friedrich's Beklemmung ſtieg immer höher. Der Geiſt der Ge¬ waltthätigkeit begann in ihm wach zu werden. Er ging unruhig durch das Haus und ſuchte ein Brett, das ihm gerecht wäre. Dann ſtieg er auf den Boden, um Erbſen zu holen. Er wollte dem Chirurgus einen halsbrechenden Empfang bereiten. Wenn ſie mich auch wieder nach Ludwigsburg ſchicken, dachte er, was thut's! Als er aber mit ſeinen Vorbereitungen fertig, war, fiel es ihm ein, daß die geiſtlichen Herren, die heute ihr Kränzchen in der Sonne hatten, mit nächſtem anrücken würden, und er entſagte ſeinem Attentat. Vor der Kleriſei hatte er einen wohlbegründeten Reſpekt. Denn, dachte er in ſeiner rohen Weiſe, ſtatt des Chirurgen könnt 'mir auch einer von den Pfarrern abe hageln, und das thät' mir ſchlimmer gedeihen, als wenn ich meinem Vater einen Strick um den Hals gemacht hätt 'und hätt' ihn an den Schild hinaus gehenkt. Nicht lange, ſo erſchienen die Er¬ ſten der erwarteten Ankömmlinge. Von ihren weitſchößigen ſchwarzen Röcken umrauſcht, ſtiegen ſie ernſthaft die Treppe empor, und ihre weißen54 Bäffchen oder Ueberſchlägchen, wie man dieſes geiſtliche Würdezeichen in Süddeutſchland heißt, begleiteten ihre Unterredung, indem ſie, beim Sprechen von den Halsmuskeln in Bewegung geſetzt, taktmäßig über der Bruſt auf und nieder klappten. Arglos überſchritten die Paſtoren die verhängnißvolle Staffel, die, wenn Gedanke und That Ein Ding wären, ihnen ein Stein des Anſtoßes und gewiß auch nicht geringen Aerger¬ niſſes geworden ſein würde. Dem Chirurgus hatte es ſein guter Geiſt eingegeben, daß er die Nachhut bildete, und ſo gelangte auch er wohlbehalten unter den Fittigen der geiſtlichen Macht herauf. Die Herren verfügten ſich in ihr beſonderes Cabinet. Die übrigen Mit¬ glieder der Geſellſchaft ließen nun auch nicht länger auf ſich warten; als die Allerletzten kamen, um keine unſchickliche Eile zu beweiſen, der Pfarrer und, Saul unter den Propheten, der Amtmann des Orts. Mittlerweile fanden die dampfenden Schüſſeln ihren Weg aus der Küche in's Cabinet. Die Sonnenwirthin und Magdalene trugen ſie. Letztere hatte, als einen ſchwachen Verſuch ſich mit Krankheit zu ent¬ ſchuldigen, ein Tuch um den Kopf gebunden, das ihr aber noch un¬ terwegs von der ſorgſamen Mutter abgeriſſen wurde. Morgen kannſt Kopfweh haben, ſo viel du willſt, ſagte ſie, aber heut darfſt nicht wehleidig ſein. Der Sonnenwirth begnügte ſich, die Herren zu em¬ pfangen, in's Cabinet hinein zu complimentiren, und von Zeit zu Zeit nachzuſehen, ob nichts fehle. Der Chirurgus durfte die Flaſchen auf¬ tragen helfen, was dem Amtmann und dem Pfarrer Anlaß gab, ein wenig zu ſticheln. Nachher hatte er die Ehre, einem von den Herren Schnupftabak zu beſorgen, und zuletzt, als man nichts mehr von ihm wollte, zog er ſich mit einer feinen Wendung zurück. Mit dem Haupt¬ auftritt mußte man natürlich warten, bis die Herren ihre nächſte Aufgabe, nämlich die theils gebackenen, theils blau abgeſottenen Forellen vom Tiſche verſchwinden zu machen, bereinigt haben würden.

Friedrich war mit der Aufwartung im gewöhnlichen Wirthszimmer bei den Fuhrleuten betraut worden, erhielt aber nach einiger Zeit durch Vermittlung ſeiner Mutter, die ihm doch nicht recht traute, vom Vater den Befehl, in den Stall zu gehen und die Pferde zu füttern. Die unſchuldigen Thiere mußten ſich dabei manchen Puff gefallen laſſen. Als er wieder herauf kam, ſah er, was ihm ſein Verſtand ſchon geſtern Abend hätte vorausſagen können, ſeine Schweſter55 als glückliche Braut . Der Vater hatte ſich inzwiſchen die Freiheit und die Ehre genommen, ſie als ſolche im Cabinet vorzuſtellen, das man, um der Sache mehr Oeffentlichkeit und Anſehen zu geben, gegen das Wirthszimmer offen gelaſſen hatte. Die Herren wünſchten Glück, ſtießen mit den Gläſern an und machten etliche verſteckte ſcurrile Witze, Alles das, wie es bei ſolchen Gelegenheiten zu geſchehen pflegt. Magdalene knixte mit ängſtlichem Lächeln und zwang die Thränen zurück, die freilich ſehr nahe waren, aber wie hätte ſie vor ſo ge¬ waltigen Herren wagen können, einen Willen geltend zu machen? Der Chirurgus ſtand neben ihr, ganz grün vor Seligkeit. Die Son¬ nenwirthin freute ſich, daß ſie den niederdrückenden Einfluß, den die Herrengeſellſchaft auf das Mädchen üben würde, ſo ſicher voraus be¬ rechnet hatte. Der Sonnenwirth ſchmunzelte und ſchwamm in Wohl¬ behagen über die honoratiorenſchaftliche Haupt - und Staatsaction. Friedrich ſeinerſeits ließ im Wirthszimmer ſeine feſtliche Bewegung an einer Flaſche aus, die, als ſie mit lautem Klirren am Boden zer¬ brach, die allgemeine Stimmung durch Schrecken, Lachen, Zorn und Scheltworte hindurch in das gewöhnliche Geleiſe zurückbrachte. Die Thüre des Cabinets ſchloß ſich wieder, die Wirthſchaft ging ihren Gang, und als die Herren Abends ihre Sitzung aufhoben, blieb es ein Geheimniß, was der Gegenſtand ihrer Unterhaltung geweſen war, ob die Ewigkeit der Höllenſtrafen oder die Aufbeſſerung der Beſol¬ dungen. Nur Eines hatte ſich entſchieden und unabänderlich feſtge¬ ſtellt, nämlich, daß Magdalene jetzt das war, was ſie vergangene Nacht um keinen Preis, ſelbſt nicht um den Preis ihres Lebens, hatte werden wollen.

Friedrich redete den ganzen Abend kein Wort mit ſeiner Schweſter. Als ſie ihn einmal lange ſchüchtern und bittend anſah, antwortete er mit einem Blick, der ihr deutlich ſagte, daß er, wenn er Gelegenheit hätte, ſeinen tollen Jähzorn thätlich an ihr auslaſſen würde. Sie vermied es deßhalb, allein mit ihm zuſammenzutreffen. Da man ihr jetzt keinen Zwang mehr anthat und ihr Bräutigam, geduldig auf beſſeres Wetter wartend, ſich bei Zeiten nach Hauſe gemacht hatte, ſo ging ſie noch vor dem Abendeſſen zu Bette.

Auch dieſe Nacht konnte Friedrich die Augen lange nicht ſchließen. Es war ihm ſehr übel zu Muthe. Der Zorn über das feige Benehmen56 ſeiner Schweſter hatte ſich in eine ſeltſame Bangigkeit verwandelt. Er fühlte ſich ganz im Stich gelaſſen und begann zu ahnen, daß ihm das Leben noch harte Nüſſe zu knacken geben werde. Daß die Men¬ ſchen nicht ſeien, wie ſie ſein ſollten, das war ihm klar geworden; wie er aber ſelbſt unter ſolchen Umſtänden eigentlich ſein ſollte, das wußte er ſo wenig, daß es ihm nicht einmal einfiel, auch nur die Frage an ſich zu ſtellen. Mitleid, Angſt, Empörung wechſelten auf die wunderlichſte Weiſe in ihm ab, und das Heimweh nach der ſichern Umfriedigung des Zuchthauſes kehrte ihm aber und abermals zurück. Er hatte es mit angeſehen, wie neben den Verbrechern auch arme Waiſen zu nicht ſchimpflicher Arbeit in daſſelbe aufgenommen wurden, und ihr Loos wollte ihn wie ein neidenswerthes Glück bedünken. Aber mitten unter dieſen verſchiedenen Regungen fand er noch Raum genug in ſeinem Herzen, um mit vielem Behagen an das hübſche Mäd¬ chen zu denken, das ihn heute auf der Straße gegrüßt hatte.

4.

Der Jüngling, deſſen groben, verworrenen Lebensfaden wir zu ver¬ folgen unternommen haben, war, als er die väterliche Schwelle wieder betrat, über eine jener unſichtbaren Grenzen geſchritten, welche ſich durch die Geſellſchaft und durch den einzelnen Menſchen ſelbſt hin¬ durchziehen. Er empfand vor ſeinem Vater, wo nicht Achtung, denn zu dieſer gehört ein ausgebildeteres Bewußtſein, ſo doch eine unbe¬ ſtimmte Scheu, ja ſogar unter rauher Decke einen Reſt kindlicher Zu¬ neigung; und dennoch ſagte ihm ein unbeſtechliches Gefühl, daß er durch den bloßen Rücktritt aus dem Kreiſe des Waiſenpfarrers in den Kreis des Sonnenwirthshauſes um eine Stufe gefallen ſei. Das Leben war hier ein ganz andres und wies mit ſeinen alltäglichen und doch gebieteriſchen Zwecken ſo manche Forderung der reifenden Seele zurück, welche dort, obwohl unter dem einförmigen Frohndienſt des Wollekrämpelns, von einem Geiſte, den ſeine Zeitgenoſſen apoſto¬ liſch nannten, geweckt worden war; aber die fortgeſetzte Berührung57 mit dem Alltagsleben mußte auch zugleich die Wirkung haben, daß die¬ ſes Gefühl allmählich wieder in ihm abgeſtumpft wurde. Sein blutiges Handwerk, wie es das unendliche Weh, das aus den ſtummen Augen der Thiere jammert, zum Schweigen brachte, ſo ſchlug es auch die verwandte Stimme in der Menſchenbruſt nieder. Daneben waren die Gäſte, mit denen er täglich in der Wirthsſtube zu thun hatte, gewiß lauter ehrliche Leute , aber wahrhaftig keine Tugendſpiegel, und er hatte nur zu viele Gelegenheit, die mehr oder minder klare Betrach¬ tung anzuſtellen, daß Achtbarkeit und guter Ruf in dieſer Welt ſehr oft weniger von einem ſtreng ehrlichen und ſittlichen Weſen als von Klugheit und zufälligen Umſtänden abhängen. Je minder klar aber dieſe Betrachtung in ihm aufſtieg, deſto gefährlicher war ſie ihm. Ueberhaupt wußte ſein Kopf nichts von Nachdenken, ſondern nur von raſchen Eindrücken, die ſich unter lärmenden Zechgenoſſen und auf dem Tanzboden entweder befeſtigten oder eben ſo raſch wieder verdampften. Dieſes Bedürfniß, eine immer rege mißbehagliche Unruhe zu verjubeln, ſöhnte ihn auch wieder mit ſeiner Schweſter aus, bald nachdem ſie dem aufgedrungenen Bräutigam angetraut worden war. Denn da ſie von ihrem Manne ziemlich leidlich behandelt wurde, ſo hatte ſie dann und wann den Troſt, dem geliebten Bruder einen auf die Seite ge¬ brachten Groſchen zuſtecken zu können, und Friedrich, den der Vater ſehr kurz zu halten für gut befand, verſchmähte die klingenden Be¬ weiſe der Schweſterliebe nicht.

Während er auf dieſe Weiſe theils gleichgiltig, theils in dumpfer Luſtigkeit dahin lebte, kehrten auch ſeine äußeren Umſtände ganz in das gewöhnliche Geleiſe zurück. Zu Hauſe ging er unangefochten aus und ein, und ſtand mit der Stiefmutter in jenem mürriſchen Verkehr, wo Gewohnheit die Stelle der Liebe vertritt. Auch in der Gemeinde war er geduldet; Niemand zeigte ſich ihm widerwärtig, Mancher blickte ihn freundlich an, und des Makels, der auf ihm haftete, ſchien nicht gedacht zu werden. Ihm ſelbſt war nicht wohl und nicht wehe; mit dem Zuchthauſe hatte er auch den Waiſenpfarrer vergeſſen. Ein ſtrenges Geſicht machte ihm Niemand mehr als der Amtmann. Aber dies hatte wenig zu ſagen, denn der Amtmann galt perſönlich nicht ſehr viel bei der Gemeinde und zu Hauſe gar nichts; auch nahm der im Grunde gutmüthige und ſchwache Mann eigentlich nur deßhalb eine58 Amtsmiene gegen ihn an, weil er ihn einmal in Unterſuchung gehabt hatte, und ihn nun, wo nicht mit Worten und Werken, ſo doch mit Geberden polizeilich überwachen zu müſſen glaubte. Dagegen war er bei der Frau Amtmännin ſehr gut angeſchrieben, und zwar, zu ſeiner eigenen Verwunderung, beſſer als er es verdiente, denn er hatte ſich ſchon manche boshafte Bemerkung über ihr Pantoffelregiment erlaubt. Vielleicht war ihr nichts davon zu Ohren gekommen; genug, die ſtolze kräftige Frau empfand eine gewiſſe Theilnahme für den jungen Bur¬ ſchen, der ſchon ſo früh über die Schranken der bürgerlichen Ordnung geſprungen war. Es ſchien ihr nicht unangenehm zu ſein, wenn ſie ihren Fleiſchbedarf von ihm in's Haus getragen bekam, und der alte Sonnenwirth, der keine Art von Gnadenſchimmer aus den Augen ließ, ſorgte alsbald dafür, ſeinem Sohne dieſes Ehrenrecht auf dem Wege des Herkommens zu überweiſen. Die geſtrenge Frau pflegte ihn dabei ſehr huldvoll zu behandeln, ſie reichte ihm manchmal ein Glas Wein, ermahnte ihn zu vernünftiger Aufführung, ergötzte ſich aber beſonders gerne an ſeinen eigenthümlichen freimüthigen Aeuße¬ rungen. An ſolchen ließ es Friedrich ſelten mangeln; denn wenn er einmal ſeine Schüchternheit gegen Vornehmere überwunden hatte, ſo that er ſeiner Zunge, zumal wenn aufgemuntert, keine Gewalt mehr an. Die Gunſt der Amtmännin ebnete ihm auch ſonſt noch ſeinen Pfad; der Schütz und die Schaarwächter, welche die Polizei im Flecken handhabten, ließen dieſe Stimmung ihrer Gebieterin nicht unbeachtet und drückten bei manchen Unregelmäßigkeiten des jungen Burſchen, bei manchen kleinen Verſtößen gegen die öffentliche Ordnung alle ihre Augen zu.

Unter dieſen Umſtänden war er eines Morgens mit ſeinem Korbe ins Amthaus eingetreten. Die Amtmännin prüfte den Inhalt und ſagte wohlgefällig: Das gibt ein ſchönes Brätchen, ich hab 'alle Con¬ ſideration vor Seines Vaters Geſchmack, ſag' Er ihm einen Gruß und ich ſei wohl zufrieden.

O, ich hab's ſelber ausgewählt, Frau Amtmännin, erwiderte Friedrich.

Um ſo beſſer, ſo darf Er's auch ſelber in die Küche tragen. Geh 'Er, mein Sohn, und bring' Er's der Kathrine hinaus. Daß Er ſich aber nicht unterſteht, dem Mädchen zu flattiren; ich habe mir ſagen laſſen, daß Er ein galanter Junker ſei.

59

Friedrich lachte und trug das Fleiſch in die Küche. Da, Jungfer, ſagte er, und die Frau hat mir einen Kuß aufgetragen als Zugabe.

Das Mädchen ließ mit einem leiſen Schrei den Korb fallen und flüchtete ſich hinter den Herd. Sie hatte etwas Demüthiges und Gedrücktes in ihrem Weſen und ſah, obwohl noch jugendlich und nicht unſchön, doch blaß und verblüht aus. Sie war eine Verwandte der Amtmännin, die ſie unter dem Namen einer Hausjungfer, eigentlich aber als Dienſtmagd zu ſich genommen hatte.

Es iſt nicht ſo ernſtlich gemeint, Jungfer, lachte Friedrich. Nur ſachte mit der Braut! Das Fleiſchle da hätt 'ſo ſauber bleiben kön¬ nen, wie Ihre Tugend von meinetwegen bleiben ſoll.

Er hob das Fleiſch vom Boden auf, warf es ihr auf den Herd und verließ die Küche, indem er brummte: Was ſich die nicht einbil¬ det, und iſt nur ſo ein Flügel.

Als er wieder in's Zimmer kam, um zu fragen was die Frau Amtmännin auf morgen zu befehlen habe, fand er ein Glas Wein eingeſchenkt, zu dem er ſich nicht lange nöthigen ließ.

Hat's draußen was abgeſetzt? fragte ſie. Ich meinte einen Fall zu hören.

O der Jungfer iſt nur ein kleiner Poſſ 'paſſirt. Darauf hab' ich weiter gar nichts geſagt als Sachte mit der Braut! und da iſt ſie gleich ganz ſchiefrig geworden.

Die geſtrenge Frau lachte recht gnädig. Es kommt ja nur auf den Mosje Friedrich an, ſagte ſie, ob er aus dem Sprichwort Ernſt machen will. Das Mädchen iſt aus einer ſehr guten, aber während der Minderjährigkeit des Herzogs unterdrückten und herabgekommenen Familie. Nun, dafür hat ſie ſich deſto beſſer in der Welt fortbringen gelernt; das iſt auch eine Ausſteuer. Sie iſt ſchon bei einem adeligen Geheimenrath in Dienſten geweſen, und weiß was Mores ſind. Das gäb 'eine Wirthin, die den vornehmſten Gäſten gewachſen wäre.

Sie ſagte dies Alles auf eine ſcherzhafte Weiſe, in welcher gleich¬ wohl etwas Aufmunterndes lag. Aber freilich, fügte ſie hinzu, Wirthe ſehen mehr auf äußeres als auf inneres Metall, und bei Wirthsſöhnen wird man ohne Zweifel den gleichen Gout antreffen.

Conträr, im Gegentheil, verſetzte der junge Menſch, ich ſeh 'bei einem Mädle auf's Herz, und nicht auf die Batzen. Liebreich iſt60 über hübſch, und hübſch iſt über reich. Aber Excüſe, Frau Amt¬ männin, mein Sinn ſteht darauf, daß wenn ich einmal heirathen thu', ſo muß es ein freies Mädle ſein. Ich will mein Weib nicht aus der Dienſtbarkeit holen. Arm darf ſie wohl ſein, aber keine ſolche, die ſchon auf der Adelsbank herumgerutſcht und in vornehmen Häuſern herumgepudelt worden iſt.

Die Amtmännin fuhr aus dem Armſeſſel auf, und ihre Contuſche von Perſe rauſchte wie eine Windsbraut durch das Zimmer. Er Fle¬ gel, der Er iſt! ſchrie ſie, meint Er denn, ich werde meine Perlen vor ſolche Schweine werfen! Eine Zigeunerin wird er noch kriegen, oder des Seilers Tochter, wenn's hoch kommt, wozu alle Auſſicht vorhanden iſt! Reiſ 'Er ſich auf der Stelle, und laß Er ſich's nicht beigehen, mir wieder unter die Augen zu treten.

Friedrich hatte eben das Glas ergriffen, um zur Bekräftigung ſeiner Rede einen herzhaften Schluck zu thun, als dieſer unerwartete Sturm bei vermeintlich heiterem Himmel ausbrach. Er ſetzte verblüfft das Glas auf den Tiſch, ergriff ſeinen Korb und machte ſich rücklings gegen die Thüre, wobei er den eben eintretenden Amtmann empfind¬ lich auf den Fuß trat. Dieſer neue Fehltritt war nicht geeignet, ihm ſeine Faſſung wieder gewinnen zu helfen; vielmehr gelangte er ſtrau¬ chelnd und taumelnd zur Thüre hinaus, von grimmigen Blicken und unfreundſchaftlichen Segenswünſchen verfolgt.

Aber die kann Einem den Marſch machen! ſagte er verwundert zu ſich, als er auf der Straße war. Er trug langſam ſeinen Korb nach Hauſe, ohne ſich recht erklären zu können, wodurch er die Frau ſo plötzlich gegen ſich aufgebracht habe. Deſto deutlicher ſtand ihm die doppelte Thatſache vor Augen, daß er um eine nicht zu verach¬ tende Gönnerſchaft ärmer und um einen furchtbaren Feind reicher ge¬ worden ſei. Er verabredete hinter dem Rücken ſeines Vaters mit ei¬ nem Knecht, daß dieſer künftig ſtatt ſeiner das Fleiſch in's Amthaus tragen ſolle; aber trotz dieſer Auskunft machte ihm der Vorgang nicht wenig zu ſchaffen. Verſchüttet Oel iſt nicht gut aufheben, ſagte er den ganzen Tag bedenklich mit dem Sprichwort zu ſich.

Was konnte er unter dem Gewichte dieſer Betrachtung Beſſeres vornehmen, als die Flaſche aufzuſuchen, in welcher der Deutſche, der Jüngling wie der Greis, der gemeine Mann wie der vornehme, ſchon61 ſo manche Verlegenheit erſäuft oder erſt recht groß gezogen hat! Sein Vater war ausgeritten, Ochſen zu kaufen, und wurde erſt in ſpäter Nacht zurück erwartet; die Stiefmutter aber ſtand nicht in ſo hohem Anſehen bei ihm, um ihretwegen die Hausordnung einzuhalten. Er erlaubte ſich das Nachteſſen zu umgehen und beſuchte dafür ein Bäcker¬ haus, wo er gerne einzuſprechen pflegte.

Die Stube war halbdunkel, als er ſie betrat. Auf einem Ofen¬ bänkchen dämmerte der Bäcker, wie es ihm ſchien; die Wärme des Ofens ließ ſich bei der vorgerückten Jahreszeit recht behaglich empfin¬ den. Hinter dem erhellten Fenſter, das in die Küche ging, bewegte ſich eine Geſtalt, die er für die Bäckerin hielt. Duſelſt, Beck? ſagte er, dem Manne im Vorübergehen einen freundſchaftlichen Rippenſtoß verſetzend; 'n Schoppen Grillengift, Beckin! rief er dann gegen die Küche gewendet, und ſchlug ein paarmal mit der Fauſt auf den Tiſch. Dann ſetzte er ſich und ſtützte verdrießlich den Kopf auf die Hand.

Ein Licht wurde gebracht und vor ihn geſtellt, ohne daß er den Kopf erhob. Gleich darauf ſtellte dieſelbe Hand den begehrten Wein im Schoppenglaſe vor ihn auf den Tiſch. Ohne aufzuſehen wurde er doch der Hand gewahr, die mit dem Glaſe vor ſeinen Augen erſchien. Sie hatte, trotzdem daß ſie nichts weniger als glatt und geſchont aus¬ ſah, etwas Zartes; die wohlgedrechſelten Fingerchen ſchlangen ſich aller¬ liebſt um das Glas, und an die Hand ſchloß ſich ein zierlicher, run¬ der, voller Arm. Ehen wollte er verwundert fragen, wie die beleibte Bäckersfrau zu ſo anmuthigen Gliedmaßen komme, als ein fremdes feines Stimmchen das in den Wirthshäuſern übliche Wohl bekomm's dazu ſprach. Er that die Hand von den Augen, ſah hin, ließ den Arm auf den Tiſch fallen, hob den Kopf und ſtarrte mit freudigem Schrecken die Erſcheinung an. Es war Niemand andres als das hübſche Mädchen mit den gelben Zöpfen, das ihm neulich bei ſeinem unglück¬ lichen Werbungsverſuch begegnet war, und das er ſeitdem nicht aus dem Sinn verloren hatte.

Ei, ſagte er luſtig, heut 'hätt' ich eigentlich einen ſchwarzen Strich in den Kalender machen ſollen, jetzt mach 'ich aber einen rothen da¬ für. Was iſt denn das, Beckin? rief er der eintretenden Frau entgegen. Habt Ihr Euch eine Kellnerin aus dem himmliſchen Reich verſchrieben?

62

Das iſt keine Kellnerin, entgegnete ſie: es iſt mein Dötle (Path¬ chen), das mir ein bißle im Haushalt und in der Wirthſchaft aushilft.

Wie heiß'ſt denn, du Herzkäferle? fragte er.

Chriſtine, antwortete das Mädchen mit ſchüchternem Lächeln und trat einige Schritte von ihm weg, indem ſie zugleich jenen hingeben¬ den Blick auf ihn fallen ließ, der ihm ſchon einmal durch die Seele gedrungen war.

Biſt du von hier?

Ja wäger iſt ſie von hier, ſagte die Bäckerin: ſie iſt ja des Hirſch¬ bauern Tochter.

Daß dich der Strahl! rief er. Ich hätt 'geglaubt, ich ſollt' Kind und Kegel im Flecken hier kennen. Ja, dort hinaus bin ich freilich in Jahr und Tag nicht kommen.

Arme Leut 'ſind unwerth, verſetzte die Bäckerin, denen läuft Nie¬ mand nach.

O Beckin, redet nicht ſo! Ihr wißt wohl, daß es mir anders um's Herz iſt. Aber, wandte er ſich zum Mädchen, wo ſteckſt denn du, du Zuckerſtengele, daß ich dich noch kein einzig's Mal in's Aug 'ge¬ faßt hab'? Man ſollt 'dich ja wahrhaftig für eine Fremde halten.

Sie iſt nie viel unter die Leut 'kommen, antwortete ihre Pathin für ſie. Sie iſt von Kind auf immer ſo ein Dürftele geweſen.

Es iſt heut 'nicht das erſt' Mal, ſagte Chriſtine leiſe und freundlich.

Ja, gelt? erwiderte er lebhaft: neulich ſind wir einander auch begegnet?

Das iſt wiederum nicht das erſt 'Mal geweſen.

Ja, das Mädle hat Euch noch einen Dank abzuſtatten von lang her, für etwas, da Euer Herz nicht mehr dran denkt. Geh, erzähl's ihm, Chriſtinele.

Ich nicht! rief das Mädchen und zog ſich kichernd hinter den Ofen zurück. Erzählet Ihr's, Dote!

Muß ich das Maul für dich aufthun, du Dichele? ſagte dieſe. Nun alſo! Ich will anfangen wie man ein Märlein anfängt. Es iſt einmal ein klein's Mädle geweſen, hat Bäcklein gehabt wie Milch und Blut, das Spruchbuch hat's unter'm Arm getragen, und ein großer Apfel, ſo rothbackig wie es ſelber, der hat ihm aus dem Schürzen¬63 täſchle herausgeguckt. So ein Apfel unter der Schulzeit Ihr werdet's wohl noch wiſſen das iſt für ein Schulkind ſo viel oder noch mehr als für einen jungen Burſchen ein Schoppen Wein im Beckenhaus. Kommt ſo ein baarfüßiger Flegel daher, ein paar Jahr älter als das Kind, und ſagt: Gleich gibſt mir dein 'Apfel, oder ich ſchlag' dir ein paar Zähn 'in Hals! Mein Chriſtinele ſchreit und rennt, was gilt's, was haſt! Aber der Bub' hintendrein und faßt ſie am Fittig und ſchüttelt ſie, und will ihr den Apfel nehmen. Da kommt aber einer über ihn, und wer anders als der Sonnenwirthle, der Frieder, der nie kein Unrecht mit müßiger Fauſt hat anſehen können. Der faßt den groben Zolgen und ſchüttelt ihn ebenmäßig und ſteckt ihm ein Paar, aber nicht wie's die Buben austheilen, ſon¬ dern wie's die Buben von einem Mann kriegen, wenn ein Markſtein geſetzt wird.

Gott's Blitz! rief er fröhlich lachend, jetzt geht mir ein Licht auf. Das iſt ja der Fiſcherhanne geweſen, ja, ja, den hab 'ich einmal durchgeliedert, weil er ein Kind mißhandelt hat, wie ein Räuber und Buſchklepper.

Ja, und dann habt Ihr dem Kind noch ein Brod dazugegeben. Da, nimm, habt Ihr geſagt, damit dir der Apfel kein 'öden Magen macht.

Kann ſein, ſagte er, das weiß ich nicht mehr, jedenfalls iſt's gern geſchehen. Was, und das Kind biſt du geweſen, du Engele, du goldig's? rief er hinter den Ofen.

Freilich, erwiderte die Bäckerin. Aus Kindern werden Leute und ſo weiter, Ihr wißt ja wie das Sprichwort ſagt. Aber die Gutthat, die hat Euch mein Chriſtinele in einem feinen Herzen nachgetragen, Beides, das Brod und daß Ihr meinen Apfel vertheidigt habt, denn von mir iſt er geweſen.

Er hatte nicht mehr ganz ausgehört. Iſt's wahr, rief er, indem er das Mädchen, das ſich ſträubte und anmuthig lachte, hinter dem Ofen hervorzog, iſt's wahr, daß du mich noch kennſt und haſt ſelbi¬ ges Stück im Herzen behalten?

Ja, es iſt wahr, antwortete ſie, und ich hätt 'gern

Was hätt'ſt gern? Wieder ein Stück Brod?

Sie lachte überlaut. Heimgegeben hätt 'ich's gern.

64

So, du möchteſt mir die Laib 'heimgeben? Er ſchlang den Arm um ihre Hüfte und gab ihr mit einem Wink zu verſtehen, daß jetzt die beſte Gelegenheit zu einer ihm anſtändigen Belohnung wäre. Die Bäckerin hatte den Kopf gewendet, der Mann ſchlief auf der Ofenbank. Er drückte ſie an ſich, und ſuchte mit dem Munde ihre Lippen. Sie wich ihm lächelnd aus, ohne die vielverheißenden Augen von ihm abzuwenden, und wie er ſie am Kinn faſſen wollte, um das unbot¬ mäßige Köpfchen in feſten Verwahrſam zu nehmen, kam ſie ihm plötz¬ lich mit den Lippen zuvor. Sein Wunſch war in Freiheit gewährt, ehe er zu Zwangsmitteln ſchreiten konnte; ein Kuß, nicht lang, nicht voll, nicht feurig, aber blitzartig treffend war ihm an den Mund geflogen und fuhr ihm durch Mark und Bein. Ihre Lippen hafteten nur einen Augenblick; im ſelben Augenblick war ſie ihm unter dem Arm durchgeſchlüpft und huſchte in die Küche hinaus.

Mit dieſem Kuſſe war der Würfel über ſein künftiges Schickſal geworfen.

In der erſten Aufwallung ſeiner Leidenſchaft wollte er dem Mäd¬ chen nacheilen, aber eine andere Regung hielt ihn zurück. Er glaubte in dem hellen, freundlichen Geſichte, obgleich es faſt noch unmündig ausſah, einen Zug zu erkennen, der keine Zudringlichkeit aufkommen ließ, und beſorgte, daß er die gute Meinung, die das Mädchen ſeit den Kinderjahren in ihrem dankbaren Herzen von ihm behalten hatte, leicht verſcherzen könnte. Dieſe Betrachtungen hüllten ſich jedoch in das Gewand des Stolzes. Was, ſoll ich den Küchemichel machen? ſagte er zu ſich und ſetzte ſich trotzig wieder an den Tiſch.

Die Stube füllte ſich allmählich mit Gäſten. Was auf dem Dorfe Wirthshausbeſucher ſind, die bilden ſo ziemlich denſelben unveränder¬ ten Kreis und wechſeln nur den Ort. Heute findet man ſie in der Sonne, morgen geben ſie dem Dreikönig etwas zu löſen , übermor¬ gen ſind ſie beim Becken , über-übermorgen in der Krone, Don¬ nerſtags gehen ſie zum wüthigen Eſel , Freitags kriechen ſie zum Kreuz und am Sonnabend thut ihnen die Wahl weh zwiſchen dem Dutzend von Wirthshäuſern, die noch übrig ſind.

Friedrich nahm ſich den Abend zuſammen, um ſeinen Herzenszu¬ ſtand nicht zu verrathen. Er verrieth ihn aber jeden Augenblick. Er trank ein Glas um das andere, um Chriſtinens Gegenwart zu genie¬65 ßen und etwa ihre Hand beim Darreichen zu berühren. Hierzu mußte er jedesmal den Augenblick wählen, wo ſie gerade im Zimmer anwe¬ ſend war, und dies nöthigte ihn, oft einen ſtarken Reſt mit einem einzigen Zuge zu leeren. Die Andern hatten ſein Treiben ſchnell durch¬ ſchaut und gaben ihr muthwilliges Ergötzen bald durch einen Augen¬ wink, bald durch ein ſchiefgezogenes Maul zu erkennen. Die Gläſer, die er aus Chriſtinens Hand empfing, ſtiegen ihm nach und nach in den Kopf. Er ſang, lachte, ſchwatzte viel und ließ ſeine gute Laune an Einem und dem Andern der Anweſenden aus, endlich aber auch an der abweſenden Frau Amtmännin, die er ſich nicht entblödete eine alte Kupplerin zu ſchelten. Wer weiß welch 'thörichtes Zeug er noch angerichtet haben würde, wenn nicht Chriſtine, vielleicht abſichtlich zu ſeinem Beſten, den klugen Einfall gehabt hätte, die Magnetnadel nach dem entgegengeſetzten Pol zu drehen. Sie wiſchte auf einmal mit einem Gut' Nacht, das wenigſtens deutlich auf ſein Ohr berechnet war, zur Thüre hinaus. Er wagte ihr nicht ſeine Begleitung anzubieten, aber nun war auch ſeines Bleibens nicht länger mehr. Allen Neckereien und Herausfor¬ derungen der Andern zum Trotz machte er ſich ſo ſchnell als möglich los; er hoffte ſie noch unterwegs einzuholen. Da er aber bei all ſeiner Aufregung doch ſo viel Rückſicht genommen hatte, um einiger¬ maßen den Schein zu meiden, ſo gelang ihm ſein Vorhaben nicht.

Er ging mit eiligen Schritten ans Ende des Fleckens, wo etwas abgeſondert das Häuschen ihres Vaters lag. Seine Tritte hallten durch die Nacht. Er umging das Haus, aber kein Licht war zu ſehen. Er lehnte ſich lange an den Backofen, der wie ein großer Bauch aus dem Hauſe hervorragte. Dann ſetzte er ſich auf die Deichſel des Wagens, der unter dem Schupfe ſtand. Im Hauſe war Alles ſtille, nirgends ein Laut, weder ein Tritt in einer Kammer, noch das Kra¬ chen einer Treppenſtufe zu vernehmen. Du leichtfüßig's Vögele du, ſagte er, biſt ſchon in's Bett geſchlupft und ſchlafſt. Gut 'Nacht, Chriſtinele, gut' Nacht, Schatz! Mein mußt du werden, und wenn ich die Stern 'vom Himmel reißen müßt'!

Seine Zechgenoſſen, als er die Stube verlaſſen hatte, ſahen ein¬ ander erſt ſtillſchweigend an, dann machten ſie allerlei Bemerkungen, ſowohl über den unerhörten trunkenen Freimuth, mit dem er die Maria Thereſia des Fleckens anzutaſten gewagt, als über das plötzlicheD. B. IV. Kurz, Sonnenwirth. 566Feuer, das ſich durch Flammen und Rauch verrathen hatte, und zwar kreuzten ſich die Bemerkungen über dieſe beiden Gegenſtände.

Ich glaub ', der hat' n Leibſchaden unterm Hut, fing einer an.

Schätz 'wohl, und unterm Bruſttuch deßgleichen, ſagte ein Anderer.

Der hat dem Dr 'n Ohrfeig' 'geben! verſetzte ein Dritter.

Reitet der das Maul ſpazieren, oder das Maul ihn?

Ja, der reitet ſich ſelber hinein.

Und die Augen ſind auch mit ihm durchgegangen.

Ich glaub ', die hat's ihm angethan.

Beckin, ich glaub ', Euer Dötle kann hexen. Sie gäb' übrigens eine zierliche Sonnenwirthin, heißt das, wenn ihm der Alte, nach Ge¬ ſtalt der Sachen, die Regierung übergibt.

O, ihr Leut ', redet doch nicht ſo gottlos! ſagte die Bäckerin lachend dazwiſchen.

Der wird ankommen, wie die S im Judenhaus.

Er iſt und bleibt halt des Sonnenwirths ſein Frieder.

Ja, ja! riefen Alle zuſammen, und nachdem ſie in ſolchen ſprich¬ wörtlichen Redensarten dem Geiſt Luft gemacht hatten, gingen ſie heim, um denſelben für dieſesmal ruhen zu laſſen .

5.

Der trotzigſte Burſche in ganz Ebersbach war mit Einem Schlage ſo umgewandelt, daß ihn ſein eigener Vater nicht mehr erkannte. Er zeigte ſich demüthig, dienſtfertig und zu Allem willig; ſeine angeborene Gutherzigkeit brach ſiegreich hervor, wie wenn nach langem Unwetter der Himmel wieder blau erſcheint. Sein Vater wurde täglich zufriede¬ ner mit ihm: denn einmal erſparte ihm Friedrich ein paar Knechte, ſo fleißig und anſtellig war er jetzt; dann that er der Kundſchaft ſichtlichen Vorſchub, ſowohl in der Metzig, wo der weibliche Theil des Fleckens die Fleiſcheinkäufe am liebſten bei ihm beſorgte, als auch in der Schenke, wo ſeine heitere Laune an die Gäſte, während er67 ſelbſt ſich des Schlemmens enthielt, manche Flaſche mehr abſetzte; und endlich konnte es dem Alten doch auch nicht ganz gleichgiltig ſein, den einzigen Sohn, in deſſen Hände dereinſt die Sonne kommen ſollte, ſo einſchlagen und in ſich gehen zu ſehen. Von dem Vorfall mit der Amtmännin erfuhr er nichts, denn dieſe hatte ihre Pille ſtillſchwei¬ gend verſchluckt; und als es ihm nach einiger Zeit auffiel, daß Frie¬ drich kein Fleiſch mehr ins Amthaus trug, ſo entſchuldigte dieſer ſein Wegbleiben damit, daß die Amtmännin nicht undeutlich die Abſicht blicken laſſe, ihm ihre Köchin zu kuppeln, worauf der Alte ſein Be¬ tragen höchlich billigte. Er ließ ſchon in der Stille ſein Auge unter zwei oder drei Poſthalterstöchtern in der Gegend umherſchweifen, denn wie die alten Grafen von Würtemberg auf den Herzogshut, ſo war der Sonnenwirth mit allen erdenklichen Mitteln darauf bedacht, der Sonne durch Verbindung mit einer Poſtgerechtigkeit, die durch Hei¬ rath am wohlfeilſten zu erlangen war, einen höheren Aufſchwung zu geben. Noch immer zwar blieb er in Mienen und Worten ſtreng gegen ſeinen Sohn, denn er hielt es, wie er ſagte, für gerathen, den Burſchen in der Stange zu reiten ; aber wenn er ſich von ihm un¬ beachtet glaubte, ſo ſchmunzelte er oft recht behaglich hinter ihm her. Unter dieſen Umſtänden mußte auch die Stiefmutter zu einer berech¬ neten Freundlichkeit aufthauen, denn bei eintretenden Veränderungen wurde Friedrich, ob es ihr nun gefallen mochte oder nicht, eine bedeutende Perſon für ſie. Uebrigens dauerte dieſe Conſideration, wie die Frau Amtmännin es genannt haben würde, nur kurze Zeit: nach¬ dem ihr der Fiſcher eines Tages ſeinen heimlichen Bericht abgeſtattet hatte, begann auf ihrem Geſichte ein zweideutiges Lächeln ſtehend zu werden, welches hinter Friedrich's Rücken oft eben ſo höhniſch als das ſeines Vaters wohlgefällig war. Dieſem hatte ſie längſt ſeine Plane abgelauſcht und wußte ihn durch gelegentlich hingeworfene Reden eifrig darin zu beſtärken. Zu dem Fiſcher ſagte ſie bei jener Gelegenheit: Ich hab 'mir's von Anfang eingebild't, daß der Bub' nicht gut thun wird, es iſt ſeine Art nicht. So einem reichen Söhnlein, erwi¬ derte der Fiſcher, hätt 'man Zuchthaus und Alles verziehen. Ich möcht' nur auch ſehen, wie man ſelbigenfalls mit unſer Einem um¬ ging '; da wär' kein Aufkommen mehr. Wiewohl, der begehrt doch den Berg abe, er kann eben das Glück nicht vertragen.

5 *68

Inzwiſchen waren Friedrich's Verſuche, Chriſtinen in den nächſten Tagen nach jener Begegnung im Bäckerhauſe wieder anzutreffen, ver¬ geblich geweſen, und nach einem unangenehmen Auftritt mit dem obern Müller, der aus Groll, daß er ihn nicht unter ſeine ſchwiegerväter¬ liche Aufſicht bekommen konnte, ſich einige Anzüglichkeiten gegen ihn erlaubte, gab er dieſe Verſuche völlig auf. Nicht daß er das Feld als Beſiegter geräumt hätte, denn der Müller war ſowohl mit der Zunge als mit der Fauſt zu kurz gekommen, aber er vermochte es nicht zu ertragen, ſeine Herzensangelegenheit zum Gegenſtand roher Scherze gemacht zu ſehen. Er hätte der ganzen Welt verbieten mö¬ gen, ein Wort davon zu reden; wußte er doch nicht, daß es für die menſchliche Zunge, wie ſie nun einmal bei Vielen ſeiner Nachbarn beſchaffen war, keinen köſtlicheren Genuß gab als eine Liebſchaft zu verarbeiten, und daß ihr ſolch ein Feſtmahl um ſo ſüßer ſchmeckte, je mehr Gift und Bitterkeit ſie beimiſchen konnte.

Da er Chriſtinen nirgends zu Geſicht bekam, und die Entfernung von ihr nicht länger aushalten zu können meinte, ſo beſchloß er end¬ lich geradezu in die Familie ſeiner Geliebten einzudringen, ein Unter¬ nehmen, das auf dem Lande meiſt mit mehr Schwierigkeiten und Verlegenheiten verbunden iſt als in der Stadt, weil der Bauer den Dingen ohne Umſchweif auf den Grund geht und über den Zweck eines Beſuches nicht in entfernten Anſpielungen und Feinheiten, ſon¬ dern ganz rund und glatt und grob belehrt ſein will. Auch wird auf dieſem Wege nicht leicht eine Liebſchaft, ſondern nur eine ſchon vorher fertig abgemachte Werbung ins Werk geſetzt. Nun würde zwar der Eintritt in das Haus des Hirſchbauern nicht ſo viel Kopf¬ brechens erfordert haben als anderwärts ein ſolcher Verſuch, denn die Leute waren bitterlich arm und hatten ſogar ſchon während einer Krankheit des Hausvaters Unterſtützungen aus dem Kirchenſäckel genoſſen, der in den Gemeinden für Kirchenzwecke und Armenfürſorge geſtiftet iſt, und gewöhnlich der Heilig 'genannt wird. Man konnte deßhalb ohne große Scheu vorausſetzen, daß ſie einen Zuſpruch aus der Sonne wohl auch nicht verſchmähen und die Ueberbringung desſelben durch den Sohn des Hauſes, ſtatt durch einen Knecht, als eine beſondere Ehre aufnehmen würden; allein der junge Menſch war trotz der Rohheit, in welcher ihn die herrſchende Sitte ſeiner Umgebung erhielt, zumal69 wo es ſich um das Betragen des Vermöglicheren gegen den Armen handelte, zartfühlend genug, ſich die Thüre zu dem Mädchen ſeines Herzens nicht mit einem unumwundenen Almoſen eröffnen zu wollen. Er erdachte ſich vielmehr einen andern Weg, der ihn ohne Demüthi¬ gung derſelben, aber doch mit einer kleinen Strafe für ihre Zurück¬ haltung, zu dem erſehnten Ziele führen ſollte. Neben einer Kuh und einer Ziege, die dem Hirſchbauer als Ueberreſte eines ohnehin gerin¬ gen Viehſtandes geblieben waren, und ſo kümmerlichen Unterhalt ge¬ währten, daß der Backofen am Hauſe nur noch wie ein Spott über die Nahrungsloſigkeit ausſah, beſaß die Familie ein Lamm, das aber eigentlich Chriſtinen gehörte, welche es einſt als krank, aufgegeben und werthlos vom Schäfer zum Geſchenk erhalten, durch ihre mitleidige Pflege jedoch ſich ſelbſt und ihrem kleinen Bruder zur Freude davon¬ gebracht hatte. Alles dieſes war von Friedrich ausgekundſchaftet worden, und ſo trat der junge Bewerber eines Tages mit dem gleich¬ giltigſten Geſichte unter dem Vorwande eines Handels in das Haus. Chriſtine, die ihn vom Fenſter aus kommen ſah, begab ſich geſchwind aus der Stube, um ihre Beſtürzung nicht merken zu laſſen; aber ſie müßte kein Mädchen geweſen ſein, wenn ſie nicht, nachdem der erſte Schrecken vorüber war, das Herz in die Hände genommen und ſich wieder an ihre Kunkel geſetzt hätte. Gleichwohl konnte ſie es nicht wehren, daß, als ſie eintrat und mit demüthig leiſem Gruße an dem Beſuch vorüberging, eine helle Röthe ihr ins Antlitz ſchoß. Dieſelbe wich jedoch ſchnell, als das Mädchen gewahr wurde, daß ihr Schäflein dem jungen Metzger verkauft ſei, daß ſie es verlieren und an die Schlachtbank abgeben müſſe. Das Geld lag ſchon blank auf dem Tiſche, ein lockender Preis, dem die Armuth nicht wohl widerſtehen konnte. Chriſtine erblaßte und hob kindlich zu weinen an; ſie richtete ihre Augen mit einem ſo ſchmerzlichen Blick auf den Beſchützer ihrer Kindheit, der ihr jetzt Das anthun konnte, daß dieſer, dem der Stachel des ſtummen Vorwurfs durch das Herz ging, ſein Spiel beinahe be¬ reute und es ſchneller, als er ſich vorgenommen hatte, zu Ende führte. Es ſcheint, ſagte er, der Jungfer thut es and nach dem Thierlein; ich würd' mich ja der Sünde fürchten, ihr ſo ins Herz zu ſchneiden; nun iſt's aber einmal gekauft und bezahlt und da beißt die Maus keinen Faden davon; alſo wird's, ſchätz 'ich, das Beſte ſein, ich geb's ihr der¬70 weil in Verwahrung und laſſ' ihr's anbefohlen ſein, bis ich's einmal nöthiger hab ', als juſt heut; mir iſt's nicht ſo eilig damit, und bei ihr kommt vielleicht einmal eine Zeit, wo ſie ihr Herz von dem Thier¬ lein losmacht und an etwas Anders hängt. Er blickte ihr dabei liſtig lächelnd ins Geſicht, wo durch die Regenſchauer wieder ein Sonnen¬ ſchein geſchlichen kam, und da dem Hirſchbauer die Sache weder lieb noch leid zu ſein ſchien, die Mutter aber beifällig lachte, ſo fuhr er fort: So wärm wir alſo Handels eins, aber das muß ich mir aus¬ bedingen, daß ich unterzwiſperts nach meinem Lamm ſchauen darf, ob's auch in guter Wartung ſteht, denn es iſt und bleibt mein Eigen¬ thum, und ich will's hier nur eingeſtellt haben; alſo von Zeit zu Zeit werd' ich ſo frei ſein und anfragen, ob's brav gedeiht. Dabei krabbelte er kunſtgerecht an dem Lämmchen herum, wartete keine Ant¬ wort ab, ſondern ſprang gewandt, wie ein Cavalier, auf andere Dinge über, ſchwatzte von dem und jenem, ſtreichelte und neckte den kleinen Wollkopf, der, dem Aeußern nach noch glücklicher als Chriſtine, ſein gerettetes Lamm feſthielt, fragte nach den beiden ältern Söhnen, welche ja ſeine Schulkameraden ſeien, und als die Mutter nicht ermangelte, dieſelben herbeizurufen, ſo lud er ſie kurzweg ein, den Weinkauf über den abgeſchloſſenen Handel zu trinken, denn derſelbe müſſe ſtät und feſt ſein. Dabei faßte er die beiden Burſche, die ungefähr in ſeinem Alter ſein mochten, an den Armen, trieb ſie zur Thür hinaus, ohne ihnen Zeit zu einer Widerrede zu laſſen, nahm Abſchied und war mit ihnen fort, ehe Jemand etwas zu thun oder zu ſagen wußte. Die Hirſchbäuerin allein war gefaßt genug ihm nachzurufen, er möchte ſo frei ſein, ihnen bald wieder die Ehre zu ſchenken.

Der Hirſchbauer ſah ſein Weib eine Weile in ſtiller Verwunderung an, während Chriſtine ſich wieder auf die Seite machte, um wenig¬ ſtens dem erſten Anlauf etwaiger Erörterungen auszuweichen, wobei ſie jedoch wohlweislich die Thüre ein wenig offen ließ.

Das hätt'ſt du auch können bleiben laſſen, ſagte er endlich ver¬ drießlich: es kommt mir grad vor wie wenn man dem Marder den Schlüſſel zum Taubenſchlag ausliefert.

Wenn du dich nur nicht auf Geſichter verſtehen wollteſt, entgeg¬ nete ſie. Haſt ihm denn nicht in die Augen geſehen? Der meint's ehrlich.

71

Ein Sohn aus einem fürnehmen Haus!

Ei, hat nicht auch der reiche Boas die Ruth geheirathet, die arme Aehrenleſerin?

Man lebt jetzt nicht mehr im alten Teſtament. Und wenn auch er aus der Art geſchlagen wär ', was wird der Sonnenwirth dazu ſagen? Wart, du wirſt eine Ehr' aufheben.

Kommt Zeit, kommt Rath.

Die Zeit bringt nicht bloß Roſen, ſie bringt auch Diſteln.

Je nachdem man's pflanzt. Das Sprichwort ſagt: Mädchen müſſen nach Einer Feder über drei Zäune ſpringen. Von den armen gilt das zweimal.

Ich will mein Kind Keinem nachwerfen, fuhr er auf.

Davon iſt auch nicht die Red ', ſagte ſie. Nachwerfen und Verſorgen iſt nicht einerlei. Wenn du das aber ſo ſicher haſt wie den Weck auf'm Laden, ſo kannſt du freilich ſitzen und warten bis ein Freier aus Schlaraffen¬ land angeritten kommt, um ſich die vollen Kiſten und Kaſten zu beſehen.

Schwätz 'du dem Teufel ein Ohr weg, ſagte er, der Thüre zugehend. Ich aber will keine Unehr' und keinen Unfrieden von der Sach 'haben.

Du biſt kurz angebunden, warf ſie ihm nach, und aber was du ſagſt, gibt auch noch kein 'langen Faden. Denk' nur auch dran, daß das fürnehm 'Füllen einen großen Fleck hat, der's nicht ſchöner macht. Der Sonnenwirth muß ja ſelber wiſſen, daß er nicht mehr den höch¬ ſten Preis daraus löſt. Aber was zum Reitpferd verdorben iſt, gibt oft noch ein gutes Ackerpferd, und einem geſchenkten Gaul guck' ich nicht in's Maul.

Der Alte blieb in der Thüre ſtehen. Die letzten Bemerkungen ſeines Weibes ſchienen ihm doch einigermaßen einzuleuchten. Er ant¬ wortete nichts darauf, dachte aber eine Weile nach und ging dann mit einem halb mürriſchen halb zufriedenen Brummen hinaus.

Die Mutter rief Chriſtinen, die gar nicht weit geweſen war. Mach 'daß du an die Kunkel kommſt, Sonnenwirthin, ſagte ſie. Meinſt du, es ſei ſchon ſo weit und du könneſt Feierabend machen?

Mutter, erwiderte das Mädchen, auf die grobe Füllung der Kun¬ kel deutend, ich weiß wohl, das gibt kein Hochzeitkleid.

Unſer Herrgott hat die Welt aus nichts erſchaffen und den Men¬ ſchen aus einem Erdenkloß. Die Amtmännin iſt, juſt wie ihre Ka¬72 thrine, eine arme Hausjungfer geweſen bei einer großen Herrſchaft, und jetzt iſt ſie eine allmächtige Frau, die einen ganzen Flecken regiert, und wie! Laß du nur den lieben Gott walten. Aber das ſag 'ich dir, rief die alte Bäuerin mit erhobener Stimme, indem ſie dicht vor ihre Tochter trat und ihr die geballte Fauſt vor das Geſicht hielt, das ſag' ich dir, daß du mir keinen dummen Streich machſt, ſonſt laß ich kein ganzes Glied an dir.

Chriſtine antwortete nichts, ſie ſpann emſig fort und ließ die Spindel nur leiſe auf dem Boden tanzen.

Während dieſer Zeit war es ihren Brüdern im Bäckerhauſe, wo¬ hin Friedrich ſie geführt, nicht wenig wohl gegangen. Wein war eine ſeltene Koſtbarkeit für ſie, und die Kameradſchaft des Sonnenwirths¬ ſohnes ſchmeichelte ihnen, unerachtet des Makels, der ihm anklebte, ſo ſehr, daß ſie den Mund kaum zuſammen brachten und jeden Spaß, den er auftiſchte, mit lautem Gelächter begrüßten. Chriſtinens wurde mit keinem Wort erwähnt, aber beim Aufbruch gab er ihnen eine Flaſche von ſeinem Grillengift mit, damit die zu Hauſe, wie er ſich ausdrückte, auch etwas davon hätten. Ohne Zweifel hatte er damit nicht bloß die beiden Alten gemeint. Zur Steuer der Wahr¬ heit und Vollſtändigkeit der Geſchichte muß noch geſagt werden, daß er die Zeche ſchuldig bleiben und ſich von der ſchmunzelnden Wirthin eine Borgfriſt von etlichen Tagen erbitten mußte; denn der Schaf¬ handel, ſo große Vortheile er ihm auch in der Zukunft verſprach, hatte für den Augenblick ſeine Baarſchaft völlig erſchöpft.

Im Weggehen wandte er ſich an den einen von ſeinen beiden neuen Freunden. Thäteſt mir einen Gefallen, Jerg?

Zwei für ein ', Frieder.

Ich hab 'eine ſchöne Pirſchbüchſe, ſagte er lächelnd, die mir un¬ werth geworden iſt. Sei ſo gut und trag' ſie morgen nach Rechberg¬ hauſen zum Krämerchriſtle; der wird dir dafür geben was recht und billig iſt. Erinnere ihn, daß er mir verſprochen habe ſie wieder zurückzunehmen, wenn ich ſie nicht mehr wolle. Ich muß morgen meinem Vater einen Gang nach Eßlingen thun und kann's alſo nicht ſelbſt beſorgen. Auf die Nacht, wenn's dunkel iſt, geb 'ich dir das Gewehr, und morgen Abend, wenn ich von Eßlingen komm', könnteſt draußen an der Ruhbank auf mich warten.

73

Gern.

Der dreiäugig 'Spitzbub'! rief er am andern Abend, als er das Geld zählte, mit welchem ihn ſein Freund vor dem Flecken an der Straße erwartete: der nimmt ja einen Heidenprofit und milkt mich wie eine Kuh, aber ich will ihn ſchon dafür kriegen. Was hat er denn geſagt?

Er hat geſagt, er hab 'dir freilich verſprochen, er wolle die Büchſe wieder nehmen, aber nur für den Fall, daß ſie dir nicht gut genug ſei, und das könneſt du ſelbſt nicht ſagen; aber daß die Katze je vom Mauſen laſſen könnte, das hab' er nicht geglaubt, und auch kein Verſprechen darauf gethan.

Friedrich lachte überaus luſtig. Der Galgenſtrick! ſagte er: ſo, der will mich noch dafür ſtrafen? Nun, ſetzte er mit ernſtem Tone hinzu, ich hoff 'das ſoll meine letzte Strafe geweſen ſein. Auf dem Weg, den ich geh', kann ich keine Strafe mehr brauchen.

Es war ein doppelter Zweck, den er mit dieſem Geſchäfte erreichen wollte. Erſtens hatte er nun wieder etwas Klingendes in der Taſche, denn es wäre ihm unerträglich geweſen mit leeren Händen zu lieben. Zweitens aber und das war der Grund, warum er Chriſtinens Bruder mit dem Verkauf des Jagdgewehrs beauftragt hatte er ſein Mädchen in verdeckter Weiſe wiſſen laſſen, daß er um ihretwillen nicht bloß auf den Pfad der Tugend zurückkehren, ſondern auch jeden andern Weg meiden wolle, der, wenn auch nicht gerade bürgerliche Verabſcheuung darauf ruhte, doch anderswohin als zu der Verbin¬ dung mit ihr führen konnte.

6.

Immer häufiger wurden die Beſuche und heimlichen Berichte, die der Fiſcher der Sonnenwirthin abſtattete und für die er nicht nur manche Gutthat aus Küche und Keller nach Hauſe trug, ſondern auch das Verſprechen erhielt, daß es ihm dereinſt, wenn ſie durch allfällige Ereigniſſe zur ausſchließlichen Herrſchaft im Hauſe gelangen würde74 noch viel beſſer gehen ſolle. Denn wer hinderte ſie zu hoffen, daß, wenn der einzige Sohn aus der Art ſchlüge und ſich ſelbſt um die Erbſchaft betröge, ſie durch ein Teſtament ihres Mannes, dem ſie im Alter ziemlich weit nachſtand, in die Führung der Wirthſchaft einge¬ ſetzt werden könnte, zu welcher ſie ſich für tüchtiger erkannte als die beiden Tochtermänner, den Chirurgus und den Handelsmann.

Aber auch unter den Mitbürgern des jungen Mannes erregte das neue Leben, das ihm aufgegangen war, ein großes Gemurmel. Man konnte der Familie des Hirſchbauern nichts vorwerfen als ihre Ar¬ muth, allein dieſe Eigenſchaft genügte, um den Umgang eines Wohl¬ habenden mit ihr für die öffentliche Meinung des Fleckens, und zu¬ mal in den Augen des ſtädtiſch gekleideten Theils deſſelben, höchſt ver¬ werflich zu machen. Geſtern hatte man ſie noch mit einer Miſchung von Mitleid und Geringſchätzung arme Leute genannt, heute hieß man ſie ſchon Geſindel, das mit Preisgebung der eigenen Ehre ein unge¬ rathenes Früchtlein aus gutem Hauſe einziehe; und Friedrich ſelbſt, dem man ſeine bisherigen Jugendſtreiche beinahe ſo gut wie vergeben hatte, kam nun als Genoſſe dieſer Verachtung nur um ſo ſchlimmer weg, indem man alles Vergangene auffriſchte, um zu beweiſen, daß er von jeher nur Zuneigung zu ſchlechtem Volke und Hang zu ſchlechten Streichen gehabt habe. Ihm wurde es als Verbrechen geachtet, daß er ſich zu ſo geringen Leuten herunter gab; Chriſtinen und den Ihri¬ gen wurde es als Schimpf angerechnet, daß ſie ſich mit einem gewe¬ ſenen Sträfling einließen, der doch ſo Manchem, wenn er ſeine Nei¬ gung anders wohin gewendet haben würde, gut genug geweſen wäre. Das Gerücht von abermaliger übler Aufführung des jungen Sonnen¬ wirthle drang bald zu der Frau Amtmännin, die es nach Kräften verbreitete und in den nächſten Tagen der Frau Pfarrerin, als dieſe auf einen Nachmittagsbeſuch zu ihr kam, erzählte. Dieſe wußte es ſchon, obgleich nicht ſo vollſtändig wie die Frau Amtmännin. Beide Frauen ließen die Sonnenwirthin holen und empfingen ſie mit einem Strom von wetteifernden Zurufen: Denk 'Sie doch, Frau Sonnen¬ wirthin und: Ei, was denkt Sie denn, daß Sie Ihrem unge¬ rathenen Sohn ſo freien Lauf läßt Weiß Sie denn auch ? Das ſollt' Sie ſeinem Vater ſagen, damit er dem Unfug ein Ende macht! Die Sonnenwirthin, als ſie endlich das Wort ergreifen konnte, ver¬75 ſicherte zum größten Verdruß der beiden vollgeladenen Erzählungs¬ haubitzen mit Seufzen, daß ſie von Allem bereits vollſtändig unter¬ richtet ſei; dem Vater, ſetzte ſie kopfhängeriſch hinzu, habe ſie bisher nichts ſagen mögen, theils um ihm einen ſo ſchweren Herzſtoß, theils um dem Sohn, den ſie vergebens in Güte herumzubringen gehofft, böſe Tage zu erſparen; ſie ſehe aber wohl ein, daß ſie endlich, obgleich ungern genug, den Mund aufthun müſſe. In dieſem löblichen Vor¬ ſatze mit vereinten Kräften von ihnen beſtärkt, ging ſie in die Sonne zurück, und machte ihrem Manne die ſchon längſt für eine paſſende Stunde aufgehobene Eröffnung, daß ſein Sohn mit einem Lumpenmädchen, mit einem Bettelmenſch ſich in eine Liebſchaft eingelaſſen habe. Sie hatte aber nicht den rechten Augenblick gewählt, denn der Sonnenwirth antwor¬ tete ganz trocken: Das iſt ſeine Sache, Jugend will vertoben, man kann nicht nach allen Mucken ſchlagen, die Kuh muß auch dran den¬ ken, daß ſie ſelbſt ein Kalb geweſen iſt. Ich weiß gar nicht, wie du mir vorkommſt, ſagte die Sonnenwirthin, man ſollt 'ja meinen du ſeieſt in deiner Jugend ärger geweſen als der Herzog ſelbſt. Der Sonnenwirth lachte pfiffig vor ſich hin, denn es ergötzte ihn, ſeine Frau an derartigen Vorſtellungen, die ſie ärgerten, kauen zu ſehen; dann ſagte er im Fortgehen: Ich will ihm übrigens bei Gelegenheit ein wenig den Marſch machen, damit er nicht meint, es werde ihm durch die Finger geſehen; wenn's einmal Frühling iſt, ſo kann man nicht alle Kräutlein hüten, aber man muß davor ſein, daß nicht der ganze Salat ſchießt; auch würd' ich mich dafür bedanken, nachher ei¬ nen Schaden zu haben und noch einen Spott dazu. Die Sonnen¬ wirthin ſah ihm, als ſie allein war, mit ſtarkem Kopfſchütteln nach und ſagte giftig hinter ihm drein: Du mußt mir ein ſauberes Kraut geweſen ſein in deinem Frühling. Sie brachte es auch mit wieder¬ holten Vorſtellungen nicht weiter, als daß der Alte einmal gegen ſei¬ nen Sohn im Vorübergehen einige Worte hinwarf. Sieh dich vor, du! bemerkte er ihm: du weißt, das Sprichwort ſagt, an rußigen Keſſeln wird man ſchwarz; wenn's zu Dummheiten kommt, ſo hoffe nicht, daß du an mir einen Helfer in der Noth haben werdeſt. Die Bemerkung war eine von denen, die keine Antwort verlangen, und Friedrich ließ ſie auch unerwidert, denn er konnte ſich wohl denken, daß er durch eine Darlegung ſeiner wahren Abſicht den Vater nicht76 ſonderlich begütigen, ſondern eher einen Kampf mit ihm herbeiführen würde, den er ſo lang als möglich hinauszuſchieben geſonnen war. Uebrigens ſchien das Sprichwort, das jener angeführt, ſeinen Inhalt an ihm bewähren zu wollen, denn Friedrich wurde um dieſe Zeit in einen verdrießlichen Handel verwickelt. Der obere Müller, der ohne¬ hin nachgerade einen großen Haß auf ihn geworfen hatte, vermißte eines Morgens einen Bienenkorb. Es hing von der Perſon und den Verhältniſſen des Thäters ab, ob man dieſe Entwendung als eine That bübiſchen Muthwillens oder als einen gemeinen Diebſtahl be¬ trachten wollte. Der Verdacht fiel auf einen der Söhne des Hirſch¬ bauern, deſſen Armuth und neuerliche Verrufenheit für die niedrigere Auffaſſung der jedenfalls unſaubern Handlung entſchied, und es fan¬ den ſich Augenzeugen, welche an dem der Entdeckung vorhergegangenen Abend ſpät geſehen haben wollten, wie Friedrich auf der Brücke un¬ weit der Mühle ſeinem Geſellen pfiff. Es konnte jedoch nichts be¬ wieſen werden und die Sache mußte beruhen bleiben; aber das Ge¬ rücht ruhte nicht und die aus vorſichtiger Ferne geſchleuderten Schimpf¬ reden des Müllers gaben dem Verwerfungsurtheil über die Wahl des jungen Mannes neue Nahrung. Dieſer hat übrigens, als er zehn Jahre ſpäter über ganz andere Dinge die umfaſſendſten und rückhalts¬ loſeſten Bekenntniſſe ablegte, jede Theilnahme an jenem verhältni߬ mäßig geringen Vergehen ſtandhaft in Abrede gezogen.

Die Sonnenwirthin würde zweifelsohne nicht unterlaſſen haben, von dieſem Vorfall in täglichen und nächtlichen Geſprächen mit ihrem Manne erſchöpfenden Gebrauch zu machen, allein ſie mußte es bei einer kurz und hart hingeworfenen Mittheilung der Neuigkeit bewen¬ den laſſen, welche auf den Sonnenwirth dießmal einen beinahe nur oberflächlichen Eindruck machte, weil ihm ſelbſt ein viel ſchlimmerer Handel auf den Hals gekommen war, in Folge deſſen zwiſchen den beiden Eheleuten Wochenlang außer dem Nöthigſten nur wenig und auch dieſes Wenige nicht in Güte geſprochen wurde. Gegen den Son¬ nenwirth hatte nämlich eine jener liebreichen Baſen, die es überall gibt, und die niemals reichlicher blühten als in der ſogenannten guten alten Zeit, natürlich nur aus den höchſten und reinſten Beweggrün¬ den, nichts Geringeres als eine Ehebruchsanzeige vor das geiſtliche Gericht gebracht. Die Denunciation war, ihrer Urheberſchaft gemäß,77 von der Angabe zahlloſer Einzelheiten und haarkleiner Umſtände be¬ gleitet, ſo daß der an ſich unwahrſcheinliche Verdacht gegen einen Mann in den Sechzigen und eine zwar röſche (noch friſche), aber wohlberufene Wittwe, denn eine ſolche war der Mitgegenſtand der Anklage, doch etwas Fleiſch und Blut erhielt. Eine lange und widrige Unterſuchung wurde eingeleitet, bei welcher eine Reihe von Zeugen erſcheinen mußten, ohne daß jedoch der Bezicht zu jenem Grade er¬ härtet wurde, der das Gericht genöthigt hätte an eine Verſchuldung zu glauben. Auch die beiden Angeklagten geſtanden nicht das mindeſte Verdächtige ein, und die Angeberin, da ſie ſah, daß ſie ihre Klage nicht beweiſen konnte, zog dieſelbe zurück. Sie glaubte mit einem Widerrufe davon zu kommen, allein der Sonnenwirth verlangte für ſich und ſeine mitangeklagte Gevatterin Satisfaction, und ſo wurde ſie wegen Lügens und falſchen Denuncirens zu einer übrigens mäßigen Geldſtrafe, in welche ſich die Herrſchaft (der Staat) und der Heilige theilten, ſo wie zur Abbitte verurtheilt. Aus Rückſicht auf den dem Honoratiorenthum verwandten Stand des Sonnenwirths wurde die Sache nicht auf dem Rathhaus, ſondern im Amthauſe verhandelt, auch in das Kirchenconventsprotocoll nur ein kurzer Auszug aufgenommen und die Unterſuchung ſelbſt in einem Separatprotocoll niedergelegt, welches man jedoch, um aller Verantwortung enthoben zu ſein, an das Oberamt einſendete, wo ſodann, da die Acten keine beſtimmten Verdachtsgründe ergaben, die Angelegenheit ohne weitere Folgen liegen blieb. Wie es jedoch in allen ſolchen Fällen zu geſchehen pflegt, ſo blieb genug davon an den Betheiligten hängen, und in der Sonne ſchienen die Flecken über den Glanz Meiſter zu werden, zumal die Geiſtlichkeit in ihrer Abneigung vor jedem Skandal das Monatskränz¬ chen, das überhaupt nur unter einem ſehr nachſichtigen Vorgeſetzten im Wirthshauſe gehalten werden konnte, eingehen ließ. Denn der Specialſuperintendent, dem ſie untergeben war, ſtand ſeinerſeits unter einem Conſiſtorialrath, der das im Evangelium erzählte Erſcheinen ſeines oberſten Kirchenherrn auf der Hochzeit zu Kana mit den Wor¬ ten verurtheilte: Hätt's auch können bleiben laſſen! Unter allen Nachwehen aber, die den Sonnenwirth trafen, plagte ihn am em¬ pfindlichſten die Eiferſucht ſeiner Frau; denn dieſe wollte ihn nicht frei ſprechen wie die Conventsrichter ihn freigeſprochen hatten. Ihr78 Schweigen und Trutzen veranlaßte ihn, ſie geradezu zu fragen, ob ſie denn etwas von der Verleumdung glaube; worauf ſie ſeufzend erwi¬ derte, ſie ſtelle die Sache Gott anheim, der in's Verborgene ſehe. Auf dieſe Weiſe wußte ſie jedem unmittelbaren Wortwechſel auszuwei¬ chen, quälte aber ihren Mann theils durch finſteres Stillſchweigen, theils durch abgebrochene Redensarten, die ihn von weitem her trafen und wehrlos ſtachen, weil er ſie nach dem Wortlaut nicht auf ſich beziehen mußte, und doch dem Sinne nach auf niemand Anderes beziehen konnte. So erzählte ſie ihm ſpöttiſch, ſein Sohn habe auch wieder einmal einen kleinen Verdruß gehabt, es ſei nur Schade, daß die Sache werde weltlich vom Amt allein abgemacht werden, denn wenn ſie geiſtlich gerichtet würde, ſo könnte man immerhin hoffen, daß die Conventsherren ein Einſe¬ hen haben würden von wegen der Süßigkeit des Honigs; dann ſchimpfte ſie auf den Hirſchbauer und ſeinen Sohn, und bemerkte da¬ bei, der Apfel falle eben nicht weit vom Stamme, es ſei gemeiniglich einer ſo lüderlich wie der andere! Durch dieſes Betragen, bei welchem die Leidenſchaft ihr Salz dumm gemacht hatte, trieb ſie den Vater auf die Seite des Sohnes und verſäuerte ihm die Neigung, gegen etwaige Irrgänge deſſelben einzuſchreiten. Friedrich hatte in dieſer Widerwärtigkeit von Anfang an feſt die Partei ſeines Vaters genom¬ men. Zu Hauſe ſchwieg er über den kitzlichen Gegenſtand, wie Jeder¬ mann dort darüber ſchwieg. Auswärts aber wachte er über jedes Wort, das die Leute redeten, und wehe dem, der ſich die geringſte Anſpielung erlaubte! Die Ohrfeigen und Püffe, die er, oft nur im Vorübergehen auf der Straße, austheilte, wurden ſprichwörtlich; denn ſein Eifer bedachte auch manchen Unſchuldigen, der mit ſeiner Rede etwas ganz Anderes gemeint hatte. Durch dieſe beſtändige Kriegsbe¬ reitſchaft wurde die Zahl ſeiner Freunde nicht vermehrt. Sein Vater aber ſchien ihm, ohne jedoch viel mit Worten merken zu laſſen, ſo gewogen, daß Friedrich oft dachte, er könne kaum eine günſtigere Zeit finden, um ſich die väterliche Einwilligung zur Heirath mit der Toch¬ ter des Hirſchbauers zu erbitten.

Vielleicht wäre ſie ihm zu Theil geworden und hätte den Wildbach ſeines Schickſals in ein fortan friedliches Bette geleitet. Doch wer kann dies ſagen? Vielleicht wäre es auch dem Vater in dieſer milden Stimmung gelungen, den Sohn, der guten Worten ſo zugänglich war,79 andern Sinnes zu machen, bevor er ſich unwiderruflich gebunden hätte. Allein der Sonnenwirth berührte den Gegenſtand nicht mehr, weil er nach ſeiner Sinnesart nicht daran dachte, daß es ſeinem Sohne mit dieſer Liebſchaft Ernſt ſei, und dieſem fehlte immer noch die Hauptbedingung, die ihm die Zunge löſen konnte, nämlich das Jawort des Mädchens, das er liebte. Er hatte von der Erlaubniß, nach ſeinem Lamm zu ſehen, möglichſt fleißigen Gebrauch gemacht, er hatte Chriſtinen durch Vermittlung ihrer Brüder, denen er das Geld dazu gab, in den Lichtkarz und auf den Tanzboden gebracht, er hatte keine Gelegenheit verſäumt, mit ihr zuſammen zu treffen, aber ſeine Wünſche waren noch weit von ihrem Ziel. Beim Heimgehen von einem Tanze, wo er ſie begleitete und eine Strecke hinter ihren Brü¬ dern blieb, flüſterte er ihr alles Liebe und Schmeichelnde zu, was ihm ſein Herz zu dieſer Stunde eingab; ſie ging ſtill und vor ſich blickend neben ihm her, und als er heftig betheuerte er müſſe noch ihr Schatz werden, er thue es nicht anders, oder er gehe weit fort nach Amerika, antwortete ſie lachend: Mein Schatz, das kannſt du ſchon ſein, aber damit bin ich der deine noch nicht; nach Amerika mußt aber nicht ge¬ hen, denn da geht Niemand hin, der was Recht's iſt. Mit einem Sprung war ſie bei ihren Brüdern und neckte ihn, daß er ſo langſam nachkomme. Wie ſie ihm aber an ihrem Hauſe gute Nacht ſagte, traf ſie ihn wieder mit einem Blicke, wovon ihm das Herz wirbelte. So hielt ſie ihn und ließ ihn doch nicht näher kommen. Wenn ſie allein mit ihm war, benahm ſie ſich ſcheu, und vor den Leuten war ſie ſchnippiſch gegen ihn. Er ſagte ſich, daß ſie als ein armes Mäd¬ chen gegen ihn, den Sohn wohlhabender Leute, die ſie nicht mit gün¬ ſtigen Augen anſehen würden, doppelt auf ihre Freiheit zu halten berechtigt ſei; deßhalb ertrug er ihr Weſen mit ungewohnter Geduld und begnügte ſich mit der halben Gunſt, daß ſie unter vier Augen Du zu ihm ſagte. Wenn er bei einer ſolchen Gelegenheit einen Kuß begehrte, ſo konnte ſie ihm den Beſcheid geben: Ich will mich noch beſinnen, bleibenlaſſen iſt gut dafür. Wurde er dringender, ſo ſagte ſie: Soll ich mich zu meinem Schafknecht ſo heruntergeben? und entſprang ihm lachend. Ihre Augen aber fuhren fort das Gegentheil von ihren Worten zu reden, und dies gab ihm wieder Zuver¬ ſichtlichkeit, die ſie zu beleidigen und zu nur um ſo übermüthigeren80 Zurückweiſungen zu reizen ſchien. Ja, ja, man darf nur knallen und ausfahren! pflegte ſie bei ſolchen Anläſſen ſpöttiſch zu ſagen. Endlich aber erwachte der ungeſtüme Zorn in ihm, den er ſo lange gebändigt hatte. An einem ſonnigen Decembernachmittage kam er an ihrem Haus vorbei; ſie hatte ihn den Fußweg kommen ſehen und ſtand hin¬ ter dem Hauſe, wo das freie Feld ſich öffnete und die Berge der Alb herunter ſchauten. Er that als führe ihn der Weg nur ſo vor¬ bei; denn er hatte ſich aus Unmuth ein paar Tage nicht blicken laſſen. Als er ſie ſah, grüßte er und lud ſie zum Mitgehen ein, ſie ſchlug es ab, fragte aber warum er nirgends hinkomme . Biſt brav? fragte er dagegen. Freilich, erwiderte ſie. Gib mir einmal deine Hand, ſagte er. Sie ließ ihm die Hand und er verſuchte ihr ſchnell und verſtoh¬ len einen Silberring an den Finger zu ſtecken. Du thuſt mir ja ſo weh! ſchrie ſie, denn ſie fühlte bloß einen Druck und Schmerz am Finger, ohne zu wiſſen woher: wer wird Einem auch ſo weh thun! Indem ſie ſich ſträubte und ihre Hand aus der ſeinen zu ziehen ſuchte, fiel das Ringlein zu Boden. So! ſagte er in ausbrechendem Grimme, ich hab's nicht hingeworfen, ich brauch's auch nicht aufzuheben, und wenn du nicht anders wirſt, ſo kann meinetwegen der Handel zu Ende ſein. Komm, Hanſele! rief Chriſtine dem Lamme zu, das frei um¬ herging, und in dieſem Augenblicke zu ihr geſprungen kam: komm, dein Herr will dich mitnehmen, der Handel, ſagt er, reue ihn. Fried¬ rich gab dem armen Thiere einen Stoß, daß es an die Wand flog, und ging ohne Abſchied fort. Bin ich mit dem Puff gemeint gewe¬ ſen? rief ihm Chriſtine nach. Er hörte es nicht mehr, wenigſtens gab er keine Antwort. Sie ſetzte ſich zu dem Lämmchen, das jämmer¬ lich ſchrie, auf den Boden, ſtreichelte und unterſuchte es; es hinkte ein wenig, hatte aber ſonſt keinen Schaden genommen. Nachdem ſie es beruhigt, ſuchte ſie nach dem Ringlein, das ſie bald im Graſe fand; ſie ſteckte es an den Finger und ſah eine Weile ſeufzend hinter dem Trotzkopf her, dann zog ſie es wieder ab und verbarg es ſorg¬ fältig an ihrer Bruſt.

Friedrich ſtrafte ſie mit achttägigem Wegbleiben. Es kam ein großer Markttag und mit ihm der letzte Tanz vor der geſchloſſenen Zeit, die von Weihnachten bis Neujahr dauert. Sonſt hatte er im¬ mer dafür geſorgt, daß ſein Mädchen zum Tanze kam; diesmal that81 er keinen Schritt. Auch er war entſchloſſen, nicht hinzugehen; als er aber von Weitem die bekannten Töne des Ländlers vernahm, ſpiegelte er ſich vor, er wolle ſeinen Unmuth vertanzen und vertrinken. Ge¬ ſagt, gethan; aber das Erſte, was ihm beim Eintritt in die Augen fiel, war Chriſtine, die anſcheinend ſehr wohlgemuth mit einem jungen Burſchen tanzte. Er hätte laut aufſchreien und dreinſchlagen mögen, aber er bezwang ſich und wählte ſchnell eine Tänzerin. Chriſtinen zum Trotz tanzte er unaufhörlich, ohne ſie ein einziges Mal aufzu¬ fordern. Aber auch ſie blieb nicht verlaſſen ſitzen, denn die Buben, wie man die jungen unverheiratheten Männer nennt, kümmerten ſich wenig um das, was man im Flecken über ihre Familie ſprach, und hatten Wohlgefallen an ihrer Jugend und Schönheit. Sie war jedoch darauf bedacht, mit Keinem zweimal nach einander zu tanzen, und auch er wechſelte ſeine Tänzerinnen fleißig, denn ſo gerne er ihr einen eifer¬ ſüchtigen Verdruß bereitet haben würde, ſo fand er doch Keine, mit der er durch längeres Zuſammenhalten in den Ruf einer Liebſchaft hätte kommen wollen. Sonſt hatte er, wie es bei verbundenen Paa¬ ren Sitte iſt, nur mit ihr und ſie nur mit ihm getanzt; heute mach¬ ten ſie jedes für ſich die Runde durch die ganze junge Welt, ſo weit ſie nicht verliebt oder verlobt, verbandelt oder verhandelt war. Ein¬ mal kamen ſie beim Ausruhen neben einander zu ſtehen. Thut's ſo? fragte Chriſtine freundlich und gelaſſen zu ihm herüber. Ich mag mich nicht am Narrenſeil herumführen laſſen, ſchnaubte er zu ihr hin¬ über und riß ſeine Tänzerin von Neuem in die Reihe. Sein Herz kochte, das Tanzen war ihm entleidet und er ſetzte ſich zum Wein, den er mit Heftigkeit in ſich goß. Gleichgiltig und düſter ſah er von hier aus der Luſtbarkeit der Andern zu, oder vielmehr, er ſah nur Chriſtinen, die zwar keinem Einzelnen beſondere Gunſt erwies aber ſich von Jedem ſchön thun ließ, und ſich gar nicht um ihn zu küm¬ mern und ihn durch ihre Munterkeit und ihr helles Lachen, das ihn unſäglich beleidigte, für ſeine Gleichgiltigkeit ſtrafen zu wollen ſchien. Da das Betragen der Beiden allgemein auffiel, deren Vereinigung ſchon zu ſo vielem Geſchwätz Anlaß gegeben hatte, ſo mußte er über die Trennung allerlei Bemerkungen und Neckereien hinnehmen, die ihn innerlich wüthend machten, und der Abend würde ohne Zweifel, wie ſo oft auf dem Lande geſchieht, mit Raufhändeln geendet haben,D. B. IV. Kurz, Sonnenwirth. 682wenn die jungen Männer, die ihn um ſeiner Leutſeligkeit willen lieb¬ ten, ſich nicht zu mäßigen gewußt hätten, und wenn nicht Chriſtine, die ſich ihrer Anziehungskraft vollkommen bewußt zu ſein ſchien, plötz¬ lich vom Tanzboden verſchwunden wäre. Als er ſie nicht mehr ſah, gab er zwar den Gedanken ihr nachzugehen mit ſtolzer Ueberwindung auf, aber die Luſtbarkeit hatte allen Reiz für ihn verloren und die eintönige Tanzmuſik klang ihm wie ein ewig wiederkehrender Spott. Er blieb noch eine Weile in dumpfem Brüten ſitzen, machte einige vergebliche Verſuche mit den Luſtigen luſtig zu ſein, und entfernte ſich dann, um einen ſchweren Kopf und ein noch ſchwereres Herz zur Ruhe zu legen.

Den andern Tag wurde er zum Pfarrer beſchieden. Er zerbrach ſich vergebens den Kopf, was die Urſache dieſer Vorladung ſein möge. Der Pfarrer, ein dürres kleines Männlein, kanzelte ihn heftig ab, daß er ſich der Kinderlehre entziehe, und dadurch ſo göttliche als fürſt¬ liche Gebote übertrete; bis ins vier und zwanzigſte Jahr habe ein ledi¬ ger Burſche die Kinderlehre zu beſuchen, ſchärfte er ihm ein, und er¬ öffnete ihm, es ſei von löblichem Kirchenconvent beſchloſſen worden, künftig ſtrenger auf die Befolgung der Vorſchrift zu halten und jedes Wegbleiben unnachſichtlich mit einem Sechſer in den Heiligen , bei längerem verſtocktem Beharren aber ſogar mit Einſperrung ins Zucht¬ häuslen zu beſtrafen; wenn er ſich wieder beigehen laſſe, die Kinder¬ lehre zu ſchwänzen, ſo werde er, der Pfarrer, ihn unfehlbar auf¬ ſchreiben laſſen, und bei dem Herrn Amtmann und den Conventsrichtern den Fall zur Anzeige bringen. Damit hatte er ſeinen Beſcheid und durfte gehen. Kaum vermochte er ſich zu halten, daß er nicht aufbrauste. Bei ſeinem Stolz und vollends in ſeiner jetzigen Stimmung konnte ihm nichts ſo quer in den Weg kommen, als die Zumuthung, in ſei¬ nem Alter, noch drei Jahre lang, zur Kinderlehre zu gehen und das tonloſe Poltern des Pfarrers über die Rechtfertigung durch den Glau¬ ben anzuhören, während doch jetzt ſein Dichten und Trachten darauf gerichtet war, durch die Liebe von allem Uebel erlöst zu werden. Das kommt mir geſchlichen! ſagte er zu ſich, im Pfarrhofe noch einmal grimmig nach dem Fenſter emporblickend, wo ihm gepredigt worden war. Eben ſo gut hätt 'man mir die Ruthe andictiren können, wenn ich noch ein Kind ſein ſoll. Nun, ich geh' eben nicht hin und zahl '83jedesmal die Straf'. Freilich wird ſich's damit auf die Länge nicht abthun laſſen: wenn er einen verſtockten Sünder in mir erkennt, ſo gibt's wieder eine Predigt und zwar vor'm Convent, und dann legt ſich auch der Amtmann drein. Man iſt doch wie in einem Netz, aus dem man nicht heraus kommt. Am Beſten wär's eben, ich käm 'ſchnell unter den Pantoffel; wenn's mit dem dummen Ledigſein aus iſt, ſo hat das Kinderlehrgeläuf von ſelbſt ein End'.

Hiemit war er in der Reihenfolge ſeiner Gedanken auf einen Gegenſtand gerathen, der ihm, ſo wie die Sachen zwiſchen ihm und Chriſtinen ſtanden, wenig Troſt einflößen konnte.

7.

Friedrich hatte traurige Feiertage, obgleich es ihm äußerlich gar nicht übel ging. Sein Vater bedachte ihn am Weihnachtſabend mit einem ſtattlichen Geldgeſchenk, zum ſichern Zeichen, daß Alles wieder im alten Geleiſe ſei. Er war nie ſo reich geweſen, aber gerade dies machte ihn unglücklich, denn das Geld erinnerte ihn nur daran, daß er es jetzt nicht mehr zu dem Zwecke brauchen konnte, zu welchem allein es ihm früher erwünſcht geweſen wäre, nämlich Chriſtinen ſeine Liebe durch Geſchenke zu beweiſen.

Er würde ſich wohl ſchnell über die Geſinnung des Mädchens beruhigt haben, wenn er ein Geſpräch angehört hätte, das eines Abends zwiſchen ihr und ihrer Mutter ſtattfand, während er eben auf dem Wege von Hohenſtaufen her, wohin ſein Vater ihn geſchickt hätte, auf das Haus zugeſchritten kam.

Jetzt hab 'ich aber die ſtillen Seufzer überlei, ſagte die Mutter. Du biſt ſelber ſchuldig, greif' ſt dein 'Sach' ganz verkehrt an.

Mutter, habt Ihr nicht geſagt ?

Weiß wohl, was du meinſt, aber man muß Alles mit einer Art thun, nicht oben 'naus und nirgends' nein. Wenn Eine arm iſt, wie du, ſo ſoll ſie nicht die hochmüthig 'Jungfer machen, ſondern die kluge im Evangelium, die ihre Lampe mit Oel füllt und dem Bräu¬6 *84tigam entgegen geht. Sie muß ſich 'runtergeben können und muß ſich etwas gefallen laſſen, aber freilich mit Maß. Zu lützel und zu viel verderbt allzeit das Spiel. Narr, ich hab' deinen Vater am Schnürle geführt, er hat mir nicht weiter gucken dürfen, als ich ihm verſtattet hab '. Aber du biſt eben ſo ein Zimpferle, weißt dich nicht umzuthun, meinſt, die gebratenen Tauben müſſen dir ins Maul fliegen.

Was ſoll ich denn thun? fragte Chriſtine.

Thu 'was du willſt, ſagte die Mutter zornig, ſteck' mein'twegen der Katz 'das Heu auf, dumm genug wär'ſt dazu, nur geh', daß ich das Geſeufz und Geheul nicht länger hören muß.

Chriſtine verließ die Stube und trat ſchauernd vor das Haus in die Nacht hinaus, wo ſie im gleichen Augenblick zu ihrem freudigen Schrecken beim Schein der Sterne, die in der Kälte hell funkelten, den Gegenſtand der Unterredung und ihres Kummers auf ſich zu¬ kommen ſah. Sie glaubte, es ſei ſeine Abſicht, in ihrer Nähe um¬ herzuſtreichen und zu ſpähen, und eine frohe Hoffnung zog in ihr Herz ein. Wie er aber näher kam, ſo ſchien es, als ob ihn bloß der Zufall dieſen Weg führe, denn er ſah ſich nicht einmal um. Sie rief ihm einen Gruß zu und fragte, eingedenk der Lehre, die ihr ſo eben die Mutter gegeben: Willſt nicht auch einmal wieder nach deinem Lamm ſehen? Da der Schatz, wie ſie ihm erlaubt hatte ſich zu nennen, keine Antwort gab, obwohl er unſchlüſſig ſtehen geblieben war, ſo fuhr ſie etwas vorſchnell fort: Oder magſt's nicht wenigſtens holen, wenn du nichts mehr von uns willſt?

Friedrich hörte aus dieſen Worten nichts als ſpöttiſche Ablehnung heraus. Es iſt ſchon ſo gut wie abgeſtochen! erwiderte er, indem er den Fuß zum Weitergehen hob.

Dieſer ſtarre Trotz verdroß ſie und ſie rief ihm nun mit nicht ſehr glücklichem Spotte nach: Da wird man dem Herrn wenigſtens das Fell herausgeben müſſen und die Wolle.

Sein Blut kochte, denn er glaubte eine Anſpielung zu vernehmen, an die das Mädchen entfernt nicht dachte. Von der Wolle hörte er nun einmal gar nicht gerne reden. Das Fell behalt 'Sie, Jungfer, ſagte er, und die Wolle kann Sie an die vielen Dörner ſtecken, an denen Sie letzt hangen blieben iſt. Damit ging er fort. Sie lehnte ſich an den Thürpfoſten und blieb noch lange bitterlich weinend und85 vor Kälte zitternd ſtehen, bis die Tritte ihres Vaters und ihrer Brü¬ der, die von einem Geſchäft nach Hauſe kamen, ſie vertrieben.

Mit den beiden Letzteren ſetzte Friedrich den gewohnten Umgang fort. Wie aber zwiſchen ihm und ihnen von der Herzensangelegen¬ heit nie geſprochen worden war und ſelbſt die Verabredungen, wonach ſie ihre Schweſter da oder dorthin bringen ſollten, immer in gleichgiltiger Form gemacht worden waren, ſo wurde auch der Störung des Ver¬ hältniſſes nicht erwähnt. Nur einmal ſagte Friedrich mit deutlicher Be¬ ziehung: Ich merk's eben wohl, man vergißt mir meine Strafen nicht, man ſieht mich für gezeichnet an. Worauf Jene ruhig ant¬ worteten: Wird doch das nicht ſein.

Unmuth und Unruhe trieben ihn umher, und auch in ruhigeren Stunden, wenn dann und wann der Schmerz der vermeintlich ver¬ ſchmähten Liebe ihn zu quälen abließ, empfand er eine drückende Leere und das Leben kam ihm ſchrecklich arm und öde vor. Er fühlte es, ohne es klar zu erkennen, daß die Menſchen um ihn her wie Schatten wa¬ ren, daß Keiner ihm etwas ſein konnte, daß Niemand in ſeiner ganzen Umgebung ſeinem wie in der Wildniß und Irre ſchweifenden Gemüth, ſeinem hungernden Geiſt eine Heimath und Erquickung zu geben vermögend war. Was er aber hell bewußt in ſich trug, war eine maßloſe rebelliſche Bitterkeit darüber, daß er ſtatt ins Ehebett in die Kinderlehre wandern ſollte. Einen grauſameren Hohn über ſeine verunglückte Bewerbung meinte er ſich nicht erdenken zu können. Dazu fühlte er ſich nicht bloß alt genug und den Kinderſchuhen entwachſen, um vom Leben noch eine andere Schule zu verlangen, als die Ein¬ trichterung von Bibelſprüchen und Geſangbuchverſen, ſondern er hatte auch dieſe Sprüche und Verſe ſammt der ganzen Schulbildung, worin er ſelbſt Höhergeſtellten wenig oder nicht nachſtand, ſo vollkommen inne, daß die Wiederholung des Unterrichts ihn nicht einmal in dieſem Fache mehr fördern konnte. Für die Bildung ſeines innern Men¬ ſchen aber, woran die Religionsſchule, die dieſen Ausdruck gern ge¬ brauchte, ſich hätte erproben laſſen können, war das bürgerliche und geſellſchaftliche Leben, in deſſen Schoße er ſich tummelte, ſo in¬ haltsleer und ſo ſehr in die blinde Unterwerfung unter eine gewiſſen¬ los ſchwelgende Herrſchaft hineingepredigt, daß es zu den Glücks¬ fällen gerechnet werden mußte, wenn eine über das gewöhnliche Maß86 ausgeſtattete Natur in dieſem Weſen eine wohnliche Hütte fand, oder, was noch beſſer, auf gelindem Wege hinausgedrängt wurde. Eine Hütte aber, wohnlich nicht bloß, für den Leib, ſondern auch für die Seele, war kaum anderswo zu finden als bei den Pietiſten, welche auf einem noch ungebrochenen Glauben fußten, deſſen kindliche Kraft noch nicht durch die Ausbreitung der Bildung und Wiſſenſchaft ver¬ loren gegangen war, auf einem Glauben, der ihnen in körperlicher Wirklichkeit vormalte, wie ſie dereinſt nach der Erlöſung aus dieſem Thal des Jammers und der Sünde in den Wohnungen der Seligen über dem blauen Himmelsgewölbe mit Kronen auf den Häuptern und in weißen Gewanden einherwandeln würden, der aber in ſeinen Be¬ ziehungen zum irdiſchen Leben die dürre ſtreit - und herrſchſüchtige Kirchenlehre, mit welcher er nur über das Jenſeits einverſtanden war, weit hinter ſich ließ und eine Liebe und Gleichheit der, Kinder Gottes predigte, woran trotz der Demuth dieſer Predigt die Inhaber von Thron und Altar großes Aergerniß nahmen. Allein es war nicht Jedem gegeben, ein Pietiſt zu werden, und nicht Jeder, dem es gege¬ ben geweſen wäre, hatte das freilich ſauer erworbene Glück, ſein Leben¬ lang unter den Flügeln eines Mannes wie der Waiſenpfarrer im Ludwigsburger Zuchthauſe geborgen zu ſein.

In dieſer Verlaſſenheit und Vernachläſſigung mußten alle Rich¬ tungen einer ſo kräftig angelegten Seele in einen unbezähmbaren Willensdrang verſchmelzen, der in ſeiner dumpfen Ungeduld überall auf eben ſo dumpfe Hinderniſſe wie auf Mauern ohne Fenſter ſtieß und ziellos zwiſchen Antrieben bald des Wohlwollens, bald der Wider¬ ſpänſtigkeit umherirrend, zuletzt an einem einzigen Gegenſtande haften blieb, von welchem dieſer noch durch den Stachel beleidigter Eitel¬ keit geſpornte Wille Befriedigung aller Sehnſucht und Heilung aller Schäden für das ganze Leben forderte. Die Verſagung dieſes höch¬ ſten Wunſches, an den er zumal die beſten Vorſätze für ſein künftiges Verhalten geknüpft hatte, machte den Jüngling an ſich und der Welt verzweifeln, und abermals wollte der wilde Geiſt über ihn kommen, den er ſchon ſo manches Unheil hatte vollbringen laſſen.

Das Jahr ging zu Ende. Am letzten Tage ſaß Friedrich in einer müßigen Stunde am runden Tiſche in der großen Wirthsſtube und las in der Bibel, die mit ihren Heldenſagen und Abenteuern der87 Phantaſie des Volkes eine von der Kirche erlaubte Unterhaltung und einen Erſatz für die verſchütteten heimiſchen Ueberlieferungen bot. Er las eigentlich nicht, ſondern blätterte nur, denn er wußte alle dieſe Geſchichten auswendig, die in der Predigt und Kinderlehre geiſtlich gedeutet wurden, beim unbefangenen Leſen zu Hauſe aber mit ihren guten und böſen Beiſpielen einen ganz natürlichen Eindruck machten. Da waren Geſchichten von Erzvätern, die ſich betranken, Kebsweiber hielten und verſtießen, durch Schelmenſtreiche reiche Familienhäupter wurden oder in fremdem Hofdienſte ſich gegen das Volk zu Finanz¬ künſten hergaben, welche einen Würtemberger ſehr an den erſt zwölf Jahre zuvor in Stuttgart gehängten Jud Süß erinnern mußten. Liebliche und heldenmäßige Züge wechſelten da mit gar unheiligen: ein Volk zog aus einem Lande auf das Geheiß ſeines Führers, der einen Todtſchlag begangen, wie eine Zigeunerbande fort, indem es die entlehnten ſilbernen und goldenen Geräthe behielt; ein kühner Hirt und Räuber, durch treue Freundſchaft ewig im Lied zu leben würdig, ſtahl als Hauptmann einer Schaar loſer Leute ſeinem König einen Zipfel des Mantels vom Leibe weg ſammt Speer und Becher, diente als Ueberläufer dem Reichsfeind und mißbrauchte, als er ſpäter daheim die Krone trug, ſein königliches Amt zu Lüſternheit und Meuchelmord, wobei er ſich von jenen Erzvätern, wie auch von ſpä¬ teren Landesvätern, doch wenigſtens dadurch unterſchied, daß er über ſeine That nachher Leid und Reue trug. Bedenkliche und zweifelhafte Fragen über dieſe Erzählungen, die beinahe die einzige geiſtige Speiſe des Volkes waren, konnte der junge Menſch, das wußte er wohl, keiner Seele in ſeiner Umgebung vorlegen. Hatte doch ſelbſt der Waiſenpfarrer einmal einen leiſen Verſuch mit den Worten abgewie¬ ſen, man müſſe nicht gar zu viel grübeln, Gott wähle oft ſeine eigen¬ thümlichen Wege und Werkzeuge, um ſeine Plane auszuführen. Am liebſten aber ſchlug er die beiden Bücher von den ritterlichen Thaten der Makkabäer auf und oft mußte er unwillkürlich nach der nahen Alb hinüberſehen, wenn er las wie dieſe Helden ſich in das Gebirge warfen, um von dort aus die Freiheit und das Geſetz ihres Landes zu vertheidigen. Eben las er wieder, wie ſie beſchloßen, ſich durch die Heiligung des Sabbaths nicht vom Kampfe abhalten zu laſſen, gleich ihren Brüdern, die ſich wehrlos in der Höhle ſchlachten ließen, da er¬88 tönte in der Straße die Schelle des Ausrufers, und er öffnete das Fenſter, um zu hören was es gebe. Das löbliche Amt ließ durch den Fleckenſchützen ausſchellen, die jungen Burſchen ſollen ſich bei Strafe nicht beigehen laſſen, in der kommenden Neujahrsnacht zu ſchießen, ein Verbot, das jährlich eingeſchärft und übertreten wurde. Die können nichts als verbieten! brummte Friedrich, indem er das Fenſter zu¬ ſchlug: das Schießen iſt nun einmal ein alter Brauch, wiewohl, wenn man's dem Ungeſchick überließ ', die Jugend durch Verluſt von je und je ein paar geſunden Fingern zu curiren, was ja ſo wie ſo geſchieht, ſo wär's wahrſcheinlich längſt mit dem Knallen vorbei. Aber der Reiz des Verbotenen zieht eben viel ſtärker als die Furcht vor Schaden. Es iſt mir als ob der Schütz beim Ausrufen ein Aug' zu mir hätt 'herauflaufen laſſen. Umſonſt hat er wohl auch nicht g'rad' vor meinem Haus geſchellt. So? meint ihr? Dein Amtmann und du, ihr habt, ſcheint's, ein beſonderes Zutrauen zu mir? Ich will euch Ehre machen. Wartet einmal, ob ihr mich kriegt.

Er dachte nicht daran, wie oft er zu ſich geſagt, daß er die Kna¬ benſchuhe vertreten habe, ſondern ſchlich ſich, als es dunkel wurde, zu einem Invaliden, der nicht weit von der Sonne auf Leibgeding wohnte und dem er ſchon manchen Biſſen und Trunk geſpendet hatte. Von dieſem entlehnte er ſein altes Schlachtgewehr, das ſchlecht ſchoß aber um ſo mächtiger knallte, und bald unterſchied man aus den Schüſſen, die im Flecken und um denſelben losgingen, einen der alle anderen überdonnerte. Er hatte die Sylveſternacht eröffnet und krachte regel¬ mäßig in kurzen Pauſen durch das Geknatter des jugendlichen Muth¬ willens hindurch. Da und dort geſchah ein Unglück, da und dort fiel einer der Lärmmacher den hin und her rennenden Wächtern in die Hände und ſein Puffer verſtummte; aber den Donnerknall hörte man ununterbrochen beinahe die ganze Vormittnacht und jedesmal weit entfernt von dem Orte, wo der vorhergehende Schuß gefallen war und die Wächter angelockt hatte. Wer feuert denn ſo kartaunen¬ mäßig? fragten die Leute im Flecken. Wer ſonſt als der Sonnen¬ wirthle, antworteten Andere: er iſt am beſten an dem zu erkennen, daß ihn keiner von den Schaarwächtern erwiſcht. Für den Eingeweihten war das ſicherſte Wahrzeichen wohl das, daß der unſichtbare Donnerer überall, nur nicht an des Hirſchbauern Haus ſich hören ließ. Das89 hätte ihm der Stolz und der Groll nicht zugelaſſen. Doch lobte er die alte Muskete und verglich ſie in ſeinem Sinn mit David's Saitenſpiel, vor welchem der böſe Geiſt von Saul entwich; denn mit jedem Schuſſe, der aus dem ſchwergeladenen Laufe fuhr, meinte er um einen Theil ſeines Unmuths erleichtert zu ſein, und es war ihm als ob er alle Hinderniſſe, die ſich ihm in dieſer ſchnöden Welt entge¬ genſtellten, über den Haufen ſchieße.

Dazwiſchen ging er einmal in die Sonne, um nachzuſehen, ob man ſeiner nicht bei der Bedienung der Gäſte bedürfe. Die Einkehr war dieſen Abend nicht ſo ſtark wie ſonſt, weil ſich die Neujahrsnachtgäſte in die vielen Wirthshäuſer des Fleckens vertheilten, und weil man wußte, daß der Sonnenwirth auf eine zeitige Ruhe mehr hielt als auf eine lange Sylveſterfeier. Derſelbe war jedoch heute ungewöhn¬ lich aufgeräumt, er trank, ſchwatzte, lachte und kneipte abwechſelnd ein paar junge Weiber, die mit ihren Männern zum Weine gekommen waren, in die Backen, ſo daß einer der Anweſenden dem Wirthsſohne zuflüſterte: Du, dein Geſtrenger hat 'n Sturm. Da braucht's keine Brille um das zu ſehen, erwiderte Friedrich. Die Sonnenwirthin, die vor den Leuten gute Miene zum böſen Spiele machen mußte, ſuchte ihrem Manne ſein Betragen, womit er vielleicht bloß den um¬ laufenden Gerüchten zu trotzen beabſichtigte, durch Spottreden zu ver¬ leiden: Du biſt ſo alt, ſagte ſie, daß die Männer da nicht einmal mehr eiferſüchtig auf dich werden. Es iſt auch ziemlich lang her, entgegnete der Sonnenwirth lachend, daß du ein junger Drach' gewe¬ ſen biſt, und euer Gift iſt doch nur ſüß, ſo lang die Drachen jung ſind. Ich weiß nicht, ſetzte er gegen die Geſellſchaft gewendet hinzu, meine Alte iſt das Leben ziemlich gewöhnt, ſie iſt verhärtet, aber wenn ſie unſer Herrgott oben hielt 'und ich an den Füßen, ich glaub', ich ließ 'ſchnappen und nähm' mir eine Junge. Ich wollt 'auch, rief die Sonnenwirthin, unſer Herrgott nähm' Eins von uns Beiden zu ſich, dann ging 'ich wieder nach Strümpfelbach. Das Gelächter, womit dieſe Reden aufgenommen wurden, bezeugte, daß an und für ſich nichts Feindſeliges damit geſagt ſein ſollte, wie man denn auch wußte, daß die Sonnenwirthin nicht von Strümpfelbach gebürtig war; es waren uralte landläufige Witze, die man im Scherze von den verträglichſten Ehepaaren hören konnte. Hier aber war ihnen viel geheime Galle90 beigemiſcht, und Friedrich nahm wahr, daß ſich zwiſchen dem Vater und der Stiefmutter eine Kluft zu öffnen beginne, die, wenn ſie auch nicht die belachte Ortsveränderung zur Folge hatte, doch den Vater bald ganz auf die Seite des Sohnes bringen konnte. Jetzt wär's gut Wetter für mich, dachte er unwillkürlich, jetzt würd' ich vielleicht meine Rechnung nicht ohne den Wirth machen. Der Fehler iſt nur, daß ich gar keine zu machen habe. Die Hauptnummer, die Glücks¬ nummer will nicht her, die mit den gelben Zöpfen und dem verſtock¬ ten trotzigen Herzen; was helfen mich alle Anſchläge ohne ſie? Drauf! drein! Schlagt an! Feuer! drunter und drüber!

Und abermals krachten die ſchweren Schüſſe, in welchen der thö¬ richte Knabe ſeinen Unmuth und ſein Pulver verſchoß.

8.

Eben hatte er wieder ſeine Davidsharfe brummen laſſen und eilte in ſchnellen Wendungen durch Zwiſchengäßchen vor den Wächtern da¬ von; da führte ihn ſein Weg an dem Bäckerhauſe vorbei, wo er Chriſtinen zuerſt geſehen hatte. Er hörte luſtige Stimmen hinter den Läden und blickte durch eine Spalte in die Stube, wo er ſeinen In¬ validen und andere Bekannte am Wirthstiſche ſitzen ſah. Chriſtine war nicht zu ſehen, alſo konnte ihm ſein trutziges Ehrgefühl den Ein¬ tritt nicht verwehren. Während er ſich noch ein wenig beſann, wo er das Gewehr unterbringen ſollte, ſah er in der ſchneehellen Nacht einen Mann nicht mit den ſicherſten Schritten daherkommen, in welchem er den Fleckenſchützen erkannte. Der hat ſchon einen Stich, ſagte er zu ſich, und will noch die Sicherheit des Orts bewachen; da wird's heut Nacht noch zum Durchbruch kommen; ich will ihm einſtweilen eins aufſpielen, damit er munter bleibt. Er ſchlich ſich auf die Seite und gab in der Geſchwindigkeit ſeinem Gewehr eine verdoppelte Ladung; dann kam er leiſe hinter den Schützen herangeſchlichen. Dieſer hatte das Geräuſch des Ladſtocks gehört und lauſchte vorgebeugt mit dem Finger an der Naſe, ohne recht zu wiſſen wohin er ſich wenden ſolle;91 auf einmal that es hart an ſeinem Ohr einen Knall, daß er der Länge nach mit der Naſe in den Schnee fiel und ſein dreieckiger Hut weit hinausflog. Im Nu hatte der Thäter das Gewehr verſteckt und ſaß drinnen in der Wirthsſtube neben dem Invaliden, der ihn mit ei¬ nem pfiffigen Blinzeln bewillkommte. Nicht wahr, meine alte Liſe iſt noch gut bei Stimm '? flüſterte er ihm in's Ohr: ich hab' jeden Knall herausgehört und bei jedem hat mir das Herz im Leib 'ge¬ lacht. Dann fuhr er in einer angefangenen Geſchichte vom Prinzen Eugen zu erzählen fort, unter welchem er es bis zum Profoßen ge¬ bracht hatte. Friedrich wußte ſeine Geſchichten alle auswendig, verſah ihn mit Wein und ließ ihn erzählen, und unterhielt ſich indeſſen leiſe mit dem uns ſchon bekannten Müllersknecht, der ihm ſeit jener Schil¬ derung ſeiner Jugendbegegniſſe eine Art von Bewunderung zollte, ſeine Bekanntſchaft theils in der Sonne, theils an andern Orten pflegte und auf den Haß ſeines Meiſters gegen den mannhaften jungen Burſchen ſo wenig Rückſicht nahm, daß er ſelbſt durch den Verdacht des Müllers wegen des Bienendiebſtahls, nachdem Friedrich ihm mit der aufrichtig¬ ſten Miene ſeine Unſchuld verſichert hatte, ſich nicht im geringſten gegen ihn einnehmen ließ. Der Alte ſollte jedoch ſeine Geſchichte nicht zu Ende bringen, denn kaum war er durch Friedrich's Eintritt unterbrochen worden, ſo erhob ſich eine neue Störung. Die Thür wurde heftig aufgeſtoßen und der Schütz kam in einer bogenförmigen Linie hereingeſchoſſen. Da muß er herein ſein, der Mordthäter, der mir nach dem Leben getrachtet hat! ſchrie er, indem er die glühenden Augen von Einem zum Andern laufen ließ. Die ganze Geſellſchaft verſicherte, ſich mit den Augen zuwinkend und durch einander ſchreiend, hier ſei Niemand, der ihm etwas gethan habe, und Alles fragte, was ihm denn geſchehen ſei. Er erzählte ſein Abenteuer, wobei er den Oberkörper wiegte und dann wieder einen Schritt vorwärts oder rück¬ wärts gerieth; dieſes Schwanken wurde noch dadurch vermehrt, daß er in ſeiner ohnehin nicht feſten Stellung beſtändig argwöhniſch in der Geſellſchaft umherſah, ob er nicht an irgend einem Merkmal ſeinen Angreifer erkennen könne. Das Gelächter, die Spottreden und ſchalk¬ haft verkehrten Fragen der ergötzten Zechbrüder machten ihn noch wil¬ der; er ſchimpfte und fluchte und beſtand darauf, hier oder wenigſtens in der Nähe herum irgendwo müſſe er verſteckt ſein, der keinnützig'92 Lump, der ſich ſogar an ſeiner ihm von Gott vorgeſetzten Obrigkeit vergreife.

Jetzt haſt genug haſſelirt, Schütz! rief ein Mann mit verwogenem und zugleich verfallenem Geſicht, das den Ausdruck einer grämlichen Luſtigkeit hatte und blutige Spuren trug, als ob es auf irgend eine Weiſe zerſchunden oder zerkratzt worden wäre. Komm, ſchwenk 'dir die Gurgel aus, haſt dich ja ganz heiſer geſchrieen. Hier hältſt vor der unrechten Schmiede: von denen, die hier ſitzen, iſt ſeit mindeſtens einer Stunde keiner aus der Stube kommen. Biſt aber auch ein rechter Leichtfuß, heißt das, du mußt nicht beſonders feſt auf den Füßen ſein, daß dich ein blinder Schuß gleich zum Purzeln bringen kann. Da ſieh den Profoßen an, der iſt ein anderer Kerl, den haben ſie um einen Fuß kürzer gemacht und doch ſteht er auf ſeine andert¬ halb anders hin als du auf deine zwei ganze. Den ſchmeißt keiner ſo leicht um, weder mit einer blindgeladenen Kanone noch mit einer ſcharfgeladenen Butell'. Laß das Haſſeliren ſein, ſag 'ich, und komm her, ich bring' dir's. Es vertreibt dir den Schnapsgeruch.

Der Invalide, der an der Tiſchecke ſaß, hatte alsbald zum Beweis für das Geſagte den Stelzfuß auf dem Tiſch und trommelte damit nach Wein. Zugleich machte er Anſtalt, ſeine Geſchichte wieder aufzu¬ nehmen, aber es glückte ihm nicht.

Dein gut's Wohlſein, Küblerfritz! ſagte der Schütz, das darge¬ botene Glas annehmend und auf Einen Zug leerend, mit einer Mi¬ ſchung von Freundlichkeit und Spott: es ſcheint du machſt jetzt Feuer¬ kübel und verlegſt dich auf's Löſchen. Wünſch 'Glück dazu. Löſch' aber nur zuerſt den Brand in deinem eigenen Haus, du Mann im Feuerofen. Wiewohl, dein Feuerteufel, deine Marget, iſt heut 'abge¬ kühlt worden; ſie hat ganz krumme Finger gehabt und hat laut ge¬ ſchnattert, wie ich ſie wieder aus dem Häusle herausgelaſſen hab', wegen der großen Kälte iſt ſie nur auf ein paar Stunden dreinge¬ ſprochen worden.

Was? iſt dein Weib heut eingeſperrt worden, Kübler? fragte der Invalide.

Der Kübler nickte mürriſch. Ihr wiſſet ja, wie ſie iſt und wie ſie mein Mädle von meinem erſten Weib plagt und den Waiſen, den ich aus dem Heiligen in der Koſt hab '. Zu dem ſagt ſie immer:93 Du Bettelhund! du Herrenhund! du ſchlappohriger Hund! und ſchlägt ihn zwiſchen die Löffel, zwiſchen die am Kopf, mein' ich, wenn er den Löffel in der Schüſſel zu voll macht. Er ißt freilich ſchier mehr als er einträgt, das Koſtgeld iſt ſo mager. Ihr könnt auch in meinem Geſicht ſehen wie ſie mich dieſe Feiertage gezeichnet hat. Vor Weiber¬ nägeln iſt auch der Stärkſte nicht ſicher. Ich hab 'ſie aber durchge¬ walkt, daß ihr die Knochen heut' noch mürb 'davon ſind, und hätt' eigentlich keine Hilfe nöthig gehabt vom Kirchenconvent; ich kann Gottlob allein mit ihr fertig werden.

Hat ſie dich denn verklagt?

Nein, das läßt ſie wohl bleiben. Der Pfarrer hat eben von irgend einer guten Nachbarſchaft gehört, daß es wieder einmal Händel bei uns gegeben hat, und hat dann die Sach 'vor Kirchenconvent gebracht. Sie haben gemeint, ſie müſſen heut' noch eine Sitzung halten, die Herren, und das ganze Kutterfaß vom alten Jahr aus¬ leeren. Es ſind noch Viele vorgeladen geweſen.

Haben ſie dich geſtraft?

Nein, wiewohl ich die Schläg 'nicht abgeleugnet hab', aber meines Weibes Bosheit iſt eben Gott und der Welt bekannt. Doch bin ich auch nicht ungerupft davon gekommen. Sie hat über mich geklagt, ich ſei ein Faullenzer und verdiene nichts in's Haus. Jetzt ſagt ſelbſt, ihr Mannen, ob das wahr iſt?

Nein, nein! riefen Alle zuſammen, das kann man dir nicht nach¬ ſagen.

Ich weiß wohl, fuhr der Kübler fort, es geht knapp bei uns her, und Armuth iſt eine Haderkatz '. Wenn man vollauf hat, ſo kommt man viel leichter mit einander im Frieden aus. Aber meine Schuld iſt's nicht, wenn's manchmal ſogar am Kreuzer fehlt. Mein Weib mit ihrem abſcheulichen Fluchen, wegen deſſen ſie geſtraft worden iſt, und mit dem Spektakel, den ſie immer mit meinem Kind hat, ſchreckt die Leut' ab, daß ſie nicht gern in's Haus kommen und lieber ihr 'Sach' wo anders machen laſſen. Aber man darf den Herren nur etwas an die Kunkel ſtecken und wenn's eitel Alteweiberfäden wären, gleich machen ſie ein Geſpinnſt daraus. Mein Weib hat mit keinem Wörtle beweiſen können, daß ich faul ſei, und die Herren haben ihr ei¬ gentlich auch nicht geglaubt; und doch hat mir da der Pfarrer eine94 lange Predigt und Vermahnung geben, ich ſolle fleißig arbeiten, damit mein Weib keine Gelegenheit habe, über mich zu klagen. Iſt das auch recht? Statt daß er mich in Schutz nimmt oder wenigſtens meinem Weib aufgibt, ſie ſolle beweiſen, was ſie wider mich ſage, hilft er noch auf eine gewiſſe Art dazu, als ob das Geſchwätz einen Grund hätt ', und er weiß doch ſelber keinen.

Ja, lachte Friedrich, wer vor Kirchenconvent kommt, kriegt immer eine Vermahnung auf den Weg und eine Salbung, wenn ſie auch gar keine Heimath hat. Für was wären denn die Herren da?

Das Ding hat mich ſo erzürnt, ſagte der Kübler, daß ich's gar nicht los werden kann. Ich wär 'vielleicht heut Abend zu Haus ge¬ blieben, denn ich hätt's wohl nöthig, bin nicht mehr der luſtig' und durſtig 'Küblerfritz, der ich in meinen ledigen Jahren und bei meinem erſten Weib geweſen bin. Aber der Pfarrer hat mir's angethan, der iſt Schuld daß ich die Batzen im Wein aufgehen laſſ', anſtatt zu ſparen. Ich ſpür's in allen Gliedern, heut 'Nacht muß noch ein Rauſch getrunken ſein. Juhu! Komm, Frieder, ſtoß' mit mir an. Du biſt auf eine Art auch im gleichen Spittel krank mit mir.

Friedrich ſtieß an. Alle böſen Weiber ſollen mit dem alten Jahr hinfahren! rief er.

Du biſt übrigens heut 'noch nicht am ſchlecht'ſten wegkommen, Kübler, ſagte der Schütz, der inzwiſchen, von dem Invaliden und dann von Friedrich gleichfalls mit einem Glaſe Wein begrüßt, ſich am Tiſche ſeßhaft gemacht hatte, theils weil es ihn bedünken mochte, hier ſei's gut Hütten bauen, theils weil er im Sitzen ſeine angehende Trunken¬ heit beſſer verbergen zu können glaubte. Dies gelang ihm auch und er wurde ſehr geſprächig, wobei er freilich zuweilen ſtark mit der Zunge anſtieß, auch ſeine Amtsſtimme über die Gebühr anſtrengte, was jedoch auf dem Lande, wo Jeder im Reden ein wenig ſchreit, nicht beſonders aufzufallen pflegt. Dem Küfer da drüben iſt's nicht ſo gut gegangen, fuhr er fort: den werdet ihr heut' Abend noch nir¬ gends geſehen haben.

Nein, er iſt ein ſtiller Mann, ſagte der Bäcker, der ſein Glas ſtehend am Ofen trank und ſeine Frau dann und wann ein wenig in der Bedienung ablöſte: man ſieht ihn nie außerm Haus, als wenn95 ihn das Geſchäft hinausführt, und am Fenſter läßt er ſich auch ſelten blicken. Er iſt eingezogen, wie nicht leicht Einer.

Abſonderlich heut '! lachte der Schütz. Da wär's eine Kunſt für ihn, ſich an ſeinem eignen Fenſter ſehen zu laſſen, und wo er jetzt iſt, wird er freilich nicht gern ans Fenſter gehen.

Was? Ich will nicht hoffen! rief der Invalide. Iſt er denn ?

Eingezogen, wie der Beck bereits geſagt hat.

Der Küfer iſt eingeſteckt? riefen Alle zuſammen.

Ach, er ſitzt eben ein wenig bei mir im Hauszins, ſagte der Schütz, und frieren thuts ihn nicht, denn ich hab 'ihm einen guten warmen Ofen gemacht; ſonſt thät' er's nicht aushalten die vier und zwanzig Stunden im Thurn.

Der Küfer im Thurn! rief Alles. Was hat er denn gethan? fragte der Bäcker. Der thut ja keinem Hühnle weh und iſt ſo ein ruhiger Mann, daß es viel iſt, wenn man nur in der Nachbarſchaft merkt, ob er zu Haus iſt oder nicht.

Was hat er gebosget? fragte der Kübler.

Er muß ſein Weib doch ſehr leis geſchlagen haben, wenn Ihr nichts davon gehört habt, Beck, ſagte der Schütz.

Ja was, ſo hab 'ich's nicht gemeint, ſagte der Bäcker: natürlich, Stuß gibts überall, auch in der ſtillſten Haushaltung.

Ein Weib prügeln, das iſt doch keine ſo beſondere Sach ', riefen die Andern durch einander. Und die Küferin, meinte Einer, hat's eben auch dann und wann nöthig.

Die Weiber, bemerkte der Bäcker, müſſen iebott (zuweilen) Streich 'han', ſonſt meinen ſie, man hab' ſie nicht lieb.

Aha, Beckin, riefen die Gäſte, hat er Euch ſeine Liebe auch ſchon bewieſen?

Nein, der Mein 'macht nur Spaß, ſagte ſie: mich hat er noch nie geſchlagen.

Und deſſentwegen iſt der Küfer in Thurn kommen? fragte der Müllerknecht.

Bewahre! antwortete der Schütz, bloß vor Kirchenconvent. Sein Schwäher, der Schneider, hat ihn beim Herrn Pfarrer verklagt, daß er, wie der Herr Pfarrer mir erzählt hat, ſein Weib um nichts¬ würdiger Urſachen willen jämmerlich tractiret hab '. Alſo hat mich96 der Herr Pfarrer zum Herrn Amtmann geſchickt. Der hat aber gleich geſagt, da werde es etwas ſetzen, denn der Küfer ſei zwar in ſeinem Handwerk fleißig und kein übler Haushälter, aber ſonſt ein eigen¬ ſinniger hartnäckiger Geſell. Es ging auch ſo, wie der Herr Amt¬ mann geſagt hatte, denn obwohl man mich zweimal zu ihm ſchickte, denn ich muß eben Alles ausrichten, weil der Herr Amtmann den Amtsknecht faſt ganz ins Haus braucht als ſeinen Leibdiener, ſo kam er doch nicht, ſo daß ich ihn zuletzt mit zwei Männern hab' holen müſſen. Das hat er aber wohlweislich vorausgeſehen und ſich ins Sternwirths Keller etwas zu ſchaffen gemacht, damit ihm der Spek¬ takel nicht in ſeinem Haus über den Hals käm '.

Und darum iſt er in Thurn kommen? wiederholte der Müllerknecht.

Nein, er hat dann böſe Reden geführt, denn ſo ſtill er ſonſt ſein mag, ſo hat er vor Convent das Maul weit aufgethan. Wie man ihm fürgehalten hat, warum er ungehorſam geweſen ſei, hat er ge¬ ſagt, er habe vor dem Kirchenconvent nichts zu ſchaffen, es ſei ihm ſolches ein Schimpf, ſein Weib hab 'die Schläg' nöthig, der vorige Pfarrer und Amtmann haben ihm ſelber geſagt, er ſolle ſie nur ſchlagen, wenn ſie's brauche. Wenn ihn der Herr Amtmann für ſich citire zum weltlichen Amt, ſo komme er und man brauche ihm nicht mit dem Holzſchlägel zu winken, aber auf kirchenconventliche Citation komme er nicht, ſonderlich wenn man ihm den Büttel ſchicke da¬ mit hatte er mich gemeint; man ſolle ihm ein geſchworen Weib ſchicken oder die Hebamme, das ſeien des Pfarrers ſeine Amtsboten.

Alles lachte zuſammen.

Zuletzt iſt's dann vollends fauſtdick kommen, fuhr der Schütz fort. Da hat er ſich vernehmen laſſen, es geh 'hier viel Unordnung vor, ſo nicht geſtraft werd', der Pfarrer melier 'ſich mit hieſigen Weibern, die Leute reden ihm viel nach. Ich hab' vor der Thür nicht Alles verſtanden, denn vorher hat er ein wenig geſchrieen, das Schärfſt 'aber hat er nicht mehr ſo laut geſagt, er wird gedacht haben, es ſchalle auch ſo noch deutlich in die Ohren. Den Herr Pfarrer aber hat man nachher verſtehen können, der hat ihn angeſchrauen, er ſei ein lüderlicher Geſell, was er denn von ihm ſagen könne? und man müſſe die Sache an's löbliche Oberamt nach Göppingen berichten. Der Herr Amtmann aber hat ihn einſtweilen in Thurn ſperren laſſen.

97

Wenn er da bleiben muß bis von Göppingen Beſcheid kommt, ſagte Friedrich, dann kann er lang ſitzen.

Wird nicht ſo gefährlich ſein, ſagte der Schütz: er behält ſein frei Logis ein 'Tag oder zwei, bis die Sache ein wenig verſaust iſt, und dann darf er heraus und abwarten was vom Oberamt kommt.

Was kann ihm denn blühen? fragte der Müllerknecht.

Ich wollt 'eine Wette drauf eingehen, antwortete der erfahrene Diener der Obrigkeit, er kriegt nicht mehr denn einen Ordinari-Frevel und natürlich muß er depreciren. In Göppingen ſieht man eben drauf, daß es am Gehorſam und ſchuldigen Reſpect nicht mankirt, aber auf das Geſchwätzwerk ſelber läßt ſich der Vogt nicht ein, er nimmt's nur ſo überhaupt, wie der Teufel die Bauern.

Alle lachten über dieſe Bemerkung, welche beſagen ſollte, daß der Oberbeamte derlei Dinge in Bauſch und Bogen abzumachen pflege.

Vielleicht, äußerte Friedrich, denkt er auch, das Geſchwätz habe ei¬ nen Grund; denn um drei Gulden fünfzehn Kreuzer wär's billig ge¬ ſchimpft. Iſt denn was dran? Ich hab 'doch nie gehört, daß man dem Pfarrer mit Weibsbildern etwas nachſagt.

Nein, verſetzte der Kübler, das hat auch der Küfer nicht ſagen wollen von dem alten Krattler. Aber das iſt wahr, daß er ſich Schwätzereien zutragen läßt von jeder Magd am Brunnen und von jedem böſen Weibermaul. Die ſtecken ſich hinter die Pfarrerin und ſchleichen zu ihr in die Küche; von ihr erfährt's dann er und auf die Art iſt's eine beſtändige Spionerei im Flecken, durch die eine Menge nichtsnutziges läppiſches Zeug an die Obrigkeit gebracht wird und Vieles, was eher der Müh 'werth wär', unbeachtet bleibt. So iſt ei¬ gentlich die Obrigkeit in der Gewalt von etlich böſen Zungen, denn der Pfarrer meint, er müſſ 'nach allem ſehen, und weil er das nicht kann, auch überhaupt die Natur bei ihm zu kurz iſt, ſo behilft er ſich mit dem Geſchwätz. Und der Amtmann, der läßt ſich dann in jeden Lauf laden, aus dem einer ſchießen will, ohnehin wenn der Pfarrer den Finger am Drücker hat oder auch die geſtrenge Frau Amtmännin. Die andern Conventsmitglieder aber, die drin ſitzen, ſind der Garnichts, das weiß man ja. Dann braucht man nur bei den Herren was an¬ zubringen, abſonderlich wenn man beim Pfarrer ein paar gottſelige Redensarten mit unterlaufen läßt, dann ſehen ſie nicht aus die SacheD. B. IV. Kurz, Sonnenwirth. 798ſelber, ſondern daß etwas angebracht iſt, das iſt ihnen der Haupt¬ punkt, und daraus machen ſie dann ein Protokoll und ein Geſchäft, wie wenn ſie dabei geweſen wären und alles beſſer wüßten als der den's doch angeht. Mit dieſen Worten reichte er ſein Glas dem Schützen, der ſich auch gleichmüthig, während über ſeine Vorgeſetzten losgezogen wurde, den Mund ſtopfen ließ.

Zu was wären ſie denn ſonſt da? bemerkte Friedrich.

Der Invalide ſtieß ihn an und flüſterte: Sei Er doch politiſch und laß Er den Kübler allein das Maul brauchen. Der ſteckt in Schuhen, woran nichts mehr zu flicken iſt. Aber Ihm könnt's Schaden bringen, denn der Schütz iſt ein Kalfakter; er ſchmarotzt ſo viel man ihm gibt, und nachher trägt er Alles, was er dabei gehört hat, ſeinen Herren wieder zu.

Was liegt mir dran? entgegnete Friedrich trotzig.

Und was iſt denn noch mehr heut 'vorgekommen bei der Kirchen¬ cenſur? fragte der Invalide den Schützen, um das Geſpräch abzulenken.

O mehr als viel, ſagte dieſer: die Sitzung hat noch nie ſo lang gedauert, es iſt mir ganz ſchwach worden vom langen Warten im Oehrn. Zuerſt, begann er mit einer Amtsmiene, ſind Kirchenſtuhlſtrei¬ tigkeiten unter den Weibern abgemacht worden; das iſt ja ein ſtehen¬ der Artikel bei allen Conventsſitzungen. Dann hat man junge Bur¬ ſche vorgefordert, die aus der Kinderlehre weggeblieben ſind, und hat ſie mit Vermahnung wieder ſpringen laſſen.

Friedrich biß ſich auf die Lippen, ſagte aber nichts, um nicht den Spott der Geſellſchaft gegen ſich herauszufordern.

Dann hat man eine Separatiſtin fürgehabt, die in Jebenhauſen drüben bei der gnädigen Frau in die Stund 'gangen iſt.

Der Geſellſchaft war dies ſo gleichgiltig, daß ſie nicht einmal nach dem Namen fragte.

Ferner hat man die alte Anna fürgenommen, die mit dem krum¬ men Fuß, die mit ihren drei Waiſen dreißig Kreuzer wöchentlich hat. Der iſt fürgehalten worden, daß ſie als ein altes baufälliges Weib gleichwohl etlichmal nach Zell hinunter in die Kirche gegangen ſei mit Verachtung des hieſigen Gottesdienſtes, und habe ſich deshalb die Bürgerſchaft über ſie beſchwert.

Ja, die Bürgerſchaft! rief der Kübler. Ein paar alte Weiber99 werden zum Pfarrer geloffen ſein und vielleicht der Kreuzwirth, und werden ihm nach dem Maul geredt han.

Was iſt ihr geſchehen? fragte der wohlwollende Invalide, in der Abſicht, ſeinen Liebling nicht auch wieder in dieſen Ton verfallen zu laſſen.

Sie hat ſich verantwortet, ſie hab's nur drei oder viermal gethan und ſei ſie allweg von andern Leuten hinuntergeſchickt worden, weil ſie eben unerachtet ihrer Gebrechlichkeit ſehen müſſe wie ſie etwas ver¬ diene, und dann ſei ſie, um wenigſtens das Wort Gottes zu hören, dort in die Kirche gegangen. Man hat dann beſchloſſen, daß man ihr von den dreißig Kreuzern, die ſie aus dem Almoſen hat, zehn nehmen und künftig nur noch zwanzig geben wolle, und ihr bedeutet, wenn ſie ferner nach Zell in die Kirche gehe, ſo werde man ihr das Almoſen gar nehmen. Sie hat mich gedauert, denn ſie hat ſchrecklich geheult.

Predigt man denn in Zell ein anderes Wort Gottes als hier? rief Friedrich, indem er wild mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlug. Das iſt doch überaus, wenn ſo ein er beſann ſich vor dem Schützen einen Augenblick - wenn ſo ein Pfarrer meint, man dürf 'keinen Anderen hören als ihn und nimmt einem armen alten Weib darum das Brod! Und was man in den Kirchen hört, das iſt doch meiſtens nur um der Einkünfte willen gepredigt. Wenn ſie's umſonſt thun müßten wie im Evangelium, und dem Volk noch Brod dazu geben, ei wie geſchwind ſtünden die Kanzeln leer!

Ein Gemurmel durchlief die Geſellſchaft; es ſchien aber keinen Widerſpruch anzudeuten. Der Invalide fragte ſchnell: Was hat's noch weiter geben? und ſchob ſein Glas dem Schützen hin, der ihm bereitwillig Beſcheid that, ohne den rebelliſchen Reden ſichtliche Auf¬ merkſamkeit zu ſchenken.

Allerlei Sabbathentheiligungen ſind abgerügt worden, fuhr er fort. Einer iſt am Sonntag in's Feld gangen, ein Anderer hat gedro¬ ſchen, und des Küblers ſein Bruder iſt auch vorgeweſen, der hat am Sonntag eine Bettlade angeſtrichen, und ſo noch Andere mehr. Die ſind ein Jedweder um ein halb Pfund Heller in Heiligen geſtraft worden.

Nächſtens wird man am Sonntag nicht einmal mehr einen Biſſen zu ſich nehmen dürfen, murrte Friedrich.

Ja, rief der Kübler, du haſt vielleicht gar nicht weit daran vorbeigeſchoſſen, denn der Pfarrer in Hattenhofen drüben hat ſich7 *100bereits verlauten laſſen, man ſollt 'eigentlich den Tag des Herrn mit Faſten zubringen.

Die Geſellſchaft lachte unwillig.

Die Obrigkeit macht aber doch auch billige Ausnahmen, ſagte der Schütz zu Friedrich. Wie Sein Vater verwichenes Jahr um Oſtern angebracht worden iſt, daß er am Sonntag mit einem Wagen Haber nacher Stuttgart gefahren ſei, da iſt ihm nichts geſchehen, weil er ſich hat verantworten können, der Haber gehöre der Herrſchaft und habe zur Gottesdienſtzeit in Stuttgart ſein müſſen.

Ja wohl! lachte Friedlich bitter, wenn's für die Herrſchaft iſt, dann iſt's keine Sünd '! Ich hab' geglaubt, vor Gott ſei Alles gleich. Aber der Herzog jagt auch am Sonntag, wenn's ihn ankommt, und fragt nach keinem Pfarrer nichts. Ich hab ihn ſelber ſchon am Sonn¬ tag hier durchreiten ſehen.

Und letzten Sommer hat man Seinen Schwager auch entſchuldigt, weil er an einem Sonntag Garben eingeführt hat, die von den wil¬ den Schweinen übel zugerichtet geweſen ſind. Da hat der Convent ein Einſehen gehabt und hat judicirt, es ſei ein Nothwerk geweſen.

Ja, was! ſagte ein Bauer, bei ſo fürnehme Leut 'hat man frei¬ lich ein Einſehen.

Ich will doch nicht hoffen, rief ein Anderer, daß der Kirchencon¬ vent auch noch den wilden Säuen den Kopf heben ſollt ', die uns das Feld verderben und die beſte Frucht wegfreſſen! Unſereins muß ſich das ganze Jahr hindurch ſchinden und plagen, damit man in Stuttgart in Saus und Braus leben kann, und man ſollt' nicht ein¬ mal ſeine Frucht einthun dürfen, eh die Beeſter ſie vollends ruinirt haben?

Man hat nicht bloß mit dem Sonnenwirth und ſolchen Leuten ein Einſehen, bemerkte der Schütz dem vorigen Redner, ſondern auch mit dem gemeinen Mann. Wie im Heuet das Gewitter auf unſere Markung geſchlagen hat Göppingen zu und ein Hochwaſſer zu befürch¬ ten geweſen iſt, hat nicht da der Herr Amtmann am Sonntag früh ausſchellen laſſen, die Leute ſollen und müſſen ihr Heu ſogleich heim thun, daß und damit es nicht vom Waſſer fortgenommen werde?

Ei, ich wollt ', er hätt's draußen gelaſſen, erwiderte der Angere¬ dete, das Waſſer iſt nicht ſtärker worden, wie man hat vorausſehen können, und mit dem Heu hat man nachher ſeine liebe Noth gehabt. 101Hätt' man's liegen laſſen dürfen, ſo wär's auf dem Feld trocken worden.

Das war dazumal, ſagte einer aus der Geſellſchaft lachend, wo der Blitz dem Käsbalthes ſein Paar Ochſen erſchlagen hat. Ich ſeh 'ihn noch immer, wie er da geſtanden iſt und eine Fauſt gegen den Himmel gemacht und geſchrieen hat: jetzt ſoll aber auch unſerm Herr¬ gott ſein beſtes Paar Engel verr .

Ein ſchallendes Gelächter folgte auf dieſe Erzählung. Das dürft 'auch nicht beim Kirchenconvent vorkommen, bemerkte einer.

Ei ſo ſchlag! rief der Müllerknecht, immer von neuem in Lachen ausbrechend und das verpönte Wort in unſchuldigerer Wendung wie¬ derholend: ſo, unſrem Herrgott ſoll ſein beſtes Paar Engel capores gehn? Ja, und dem Herzog ſein ſchönſtes Paar Tänzerinnen! knirſchte der Kübler, indem er das Glas auf den Tiſch ſtieß.

In der Wirthsſtube wurde es plötzlich ſo ſtill, daß man eine Fliege ſummen hörte, die ſich in der Tag und Nacht gleichen Wärme des Bäckerhauſes lebendig erhalten hatte.

O daß ich könnte ein Schloß an meinen Mund legen und ein feſt Siegel auf mein Maul drücken! ſagte die Bäckerin mit bibliſcher Betonung. Was! rief der Kübler wild, iſt denn eine zerbrochene Fenſterſcheib 'in der Stub', daß man ſeine Wort 'hüten muß? Friedrich ſah unwillkürlich nach dem Schützen hin. Vor Kirchenconvent wenigſtens dürft' ſo etwas nicht bekannt werden, ſagte der Müllerknecht, der ſo eben noch eine Verwünſchung der Engel Gottes weit minder verfänglich gefunden hatte als einen Fluch über die Tänzerinnen des Herzogs.

Der Schütz, dem der Blick des jungen Burſchen nicht entgangen war, verſetzte: Ich denk ', der Herr Amtmann und der Herr Pfarrer werden froh ſein, wenn ſie nichts davon erfahren. Es iſt beſſer, eine ſolche unverſtändige Red' bleibt in der Gemeind ', denn wenn ſie weiter käm', ſo könnt 'ſie Einen an Leib und Seel' zeitlebens unglücklich machen.

Der Kübler, dem der Wein mehr und mehr in den Kopf ſtieg, brummte einiges dagegen, und der Schütz, etwas ſteif von Trunkenheit und Autoritätsbewußtſein, ſchien nicht geneigt, ihm eine Antwort ſchuldig zu bleiben, ſo daß der Invalide ſich abermals in's Mittel legen zu müſſen meinte. Ich hab 'die Kirchenconventsgeſchichten ſatt bis oben herauf,102 ſagte er leiſe zu Friedrich, und doch weiß ich dem Kerl das Maul nicht anders zu ſtopfen, denn daß ich ihn aus der Schul' ſchwatzen laſſ '; das kitzelt ſeinen Hochmuth. Und zum dritten Mal fragte er ihn, was ſonſt noch verhandelt worden ſei.

Ein Huſarentanz, ſagte der Schütz.

Was? riefen die Andern und ſperrten Maul und Augen auf.

Die Conventsherren werden doch nicht getanzt haben, ſagte der Müllerknecht.

Dummes Geſchwätz! entgegnete der Schütz. Dem Herrn Amt¬ mann war angezeigt worden, daß in einem Lichtkarz bei der kropfigen Liſabeth Kuchen gegeſſen worden ſeien und daß des Xanders Bäsle, die bei ihm dient, den Huſarentanz dabei getanzt habe, wobei auch ledige Burſche zugegen geweſen ſeien. Die Tänzerin und die Liſa¬ beth, weil die den Karz ohne Erlaubniß gehalten, ſind jede ein paar Stunden ins Häusle geſprochen und mit einem Weiberfrevel geſtraft worden, und von dem Weibsgeziefer, das im Karz Kuchen geſſen hat, iſt jede um elf Kreuzer geſtraft worden, ſo auch der Beck, der neben der Liſabeth wohnt und die Kuchen backen hat.

Friedrich horchte hoch auf: dies war der Karz, in welchen Chri¬ ſtine durch ſeine Vermittlung eingeführt worden war. Er hütete ſich aber wohl zu fragen, ob Chriſtine unter den Geſtraften geweſen ſei.

Der Huſarentanz? fragte der Müllerknecht: was iſt denn das für ein Tanz?

Kein beſonders anſtändiger, antwortete ihm Friedrich.

Der Huſarentanz, ſagte der Schütz, nun, das iſt eben der Hu¬ ſarentanz. Wer wird denn den nicht kennen?

Der Schütz, rief der Kübler, ſtellt ſich doch als ob er Alles wüßt '! Ich bin euch gut dafür, daß er ihn ſelber nicht kennt.

Was, ich? erwiderte der Schütz und richtete ſich ſtolz empor, ich ſoll ihn nicht kennen?

Nein, ich wett 'was du willſt.

Eine Flaſch 'Wein!

Eingeſchlagen!

Und ohne an ſeine Amtswürde zu denken, ſprang der Schütz vom Stuhl auf, ſetzte den Hut verkehrt auf den Kopf, nahm die Rock¬ zipfel zwiſchen die Zähne und führte einen ſeltſamen Tanz mit plum¬103 pen Sprüngen auf, die ſich um ſo abſcheulicher ausnahmen, da er im wachſenden Rauſche ſeines Körpers nicht mehr mächtig war. Wenn das Mädchen, von dem er erzählte, nur zum zehnten Theil ſo häßlich getanzt hatte, ſo hatte Friedrich mit ſeiner Bezeichnung vollauf Recht gehabt. Die Geſellſchaft brüllte vor Lachen, aber in den Augen der Männer malte ſich zugleich die Verachtung, welche die Bäckerin noch deutlicher ausdrückte, indem ſie, ohne lachen zu können, mitleidig nach dem Luſtigmacher hinſah. Da tanzt unſere Obrigkeit! ſagte der Kübler.

So, das iſt der Huſarentanz! keuchte der Schütz, indem er athem¬ los auf ſeinen Stuhl zurückfiel. Jetzt eine Halbe dem Küblerfritz!

Das Gelächter dauerte noch lange fort, während er ſich ſchon den Preis ſeiner Schauſtellung ſchmecken ließ. Er wurde mit zweideutigen und ſpöttiſchen Lobſprüchen überſchüttet, und der Invalide ſagte ihm, er ſollte ſich beim Ballet in Stuttgart anſtellen laſſen, da würde er am Beſten hintaugen.

Dieſe Aufnahme ſeiner künſtleriſchen Production machte ihn wieder ein wenig nüchtern. Aber das Schönſte hab 'ich noch gar nicht er¬ zählt! rief er, um den ihm allmählich klar werdenden Eindruck des Poſſenſpiels, das er ſo eben aufgeführt hatte, zu verwiſchen. Ein Hexenproceß iſt heut' noch zu guter Letzt verhandelt worden!

Ein Hexenproceß? Was? Wird wieder einmal eine Hex 'verbrennt?

Nein, dazu bietet die Obrigkeit nimmermehr die Hand. Aber doch iſt's ein Hexenproceß geweſen und das ein ſaftiger. Ich hab 'ſchon gemeint, die Sitzung geh' zu End ', die Herren haben nur noch ein wenig von wegen der Kirche und Schule discurirt der Wetter¬ hahn iſt lahm worden und die Schulmeiſterin will eine Küche und mag ſich nicht mehr mit dem ſchlechten Verſchlag zum Kochen behelfen da kommt auf einmal der Franzos den Gang herangeſtiegen, wie ein welſcher Hahn, und den Hut hat er ganz ſchief aufgehabt, ſo daß ich gleich gedacht hab', da ſei bös Wetter im Anzug.

Wer iſt der Franzos? fragte der Müllerknecht

Man heißt ihn ſo, weil er ein Jahr im Elſaß das Sattlerhand¬ werk gelernt hat und davon ein wenig welſcht. Er hat eine Ham¬ melayin zum Weib. Ich hab 'ihn gleich müſſen bei Convent an¬ melden, und weil ich neugierig geweſen bin, hab' ich die Thür ein wenig offen gelaſſen. Da hat er ſchrecklich gethan und immer mit104 den Händen dazu gefochten, und hat den Schmidhannes verklagt, daß er heut 'in Gegenwart des ganzen löblichen Magiſtrats, juſt vor der Conventsſitzung, in einem Streit wegen eines Gartenzaunes die Ham¬ melayiſchen insgeſammt Hexen geſcholten habe. Das ſei ein Schimpf und eine Schande für ihn und ſeine Gefreundten und er klage im Namen der ganzen Hammelayiſchen Familie, man möchte den Schmid zur gebärenden Strafe ziehen und ihm eine chriſtliche Abbitte auf¬ erlegen. Ich hab' gleich den Schmidhannes holen müſſen, und der hat auch ohne weiters bekannt, daß er dieſe Rede vor geſeſſenem Ge¬ richt ausgeſtoßen hab ', und es ſei wahr, er bleibe dabei, denn die alte Hammelayin ſei ihm ſchon vor fünf Jahren einmal in aller Früh' ohne Haub 'im Hemd und Rock begegnet, hab' auch eine ſchwarze Katz 'bei ſich gehabt, die ſo groß als ein Kalb geweſen ſei. Der Herr Amtmann hat ihm drauf die Sach' ausreden wollen, er hab 'vielleicht einen ſtarken Morgenſchnaps getrunken gehabt und die Katz' durch eine zu große Brill 'angeſehen. Er aber iſt dabei beharrt, daß er keinen Rauſch gehabt habe, und wie ihm der Herr Amtmann zugeſetzt hat, ſo iſt er zornig worden und hat ſich verſchworen, der Teufel ſolle ihn zu Sägmehl verreißen, wenn er weiter als für ſechs Kreuzer getrunken gehabt hab'. Auf das iſt der Herr Pfarrer aufge¬ fahren und der Herr Amtmann hat ihm gleich zwei Pfund Heller an¬ dictirt, weil er ſich mit Fluchen vermeſſen hab ', abſonderlich in Gegen¬ wart des Herrn Pfarrers. Das hat ihn dann etwas mürber gemacht und endlich hat er ſich zureden laſſen, daß er den Hammelayiſchen ſolche Gottloſigkeiten nicht beweiſen könne, ſondern aus Zorn und Un¬ verſtand geredt hab'. Er hat dann dem Franzoſen für die Hamme¬ layiſchen Abbitte thun müſſen und iſt als ein ſchlecht bemittelter Mann, den die zwei Pfund Heller ſchon ſauer ankommen, auf zwei¬ mal vier und zwanzig Stund 'in Thurn geſprochen worden, heißt das, erſt wenn das Quartier vom Küfer frei wird.

So was muß man eben auch nicht auf ſeine Nebenmenſchen brin¬ gen, wenn man's nicht beweiſen kann, bemerkte der Müllerknecht: das iſt doch das Allerärgſt ', was man Einem nachſagen kann.

Die Obrigkeit nimmt ja ſo etwas gar nicht mehr an, ſagte einer der Bauern, die in der Geſellſchaft ſaßen, verdrießlich. Da können alle Greuel geſchehen, man fragt nichts darnach, und wenn Einer das105 Maul drüber aufthut, ſo wird er noch geſtraft. Die Herren glauben's nicht oder thun wenigſtens ſo, und man ſagt, auch der Herzog hab's nicht gern. Wer weiß, was dabei im Spiel iſt, daß man dem Teufel ſo den freien Lauf läßt. Vor Zeiten iſt das anders geweſen.

Alſo wenn's nach Euch ging ', ſagte Friedrich, ſo müßt' man die alten Weiber wieder ſchwemmen und an der Leiter aufziehen und ver¬ brennen. Saubere Zeiten ſind das geweſen! Wenn ich irgend etwas an der Obrigkeit lob ', ſo iſt es das, daß ſie ſolchem dummen Ge¬ ſchwätz kein Gehör mehr gibt.

Was? ſchrieen die in der Geſellſchaft anweſenden Bauern zuſam¬ men: das ſoll dummes Geſchwätz ſein? Heißt's nicht in der Bibel: Die Zauberer und Greulichen ſollt du mit Feuer verbrennen? Und das ſoll ein dummes Geſchwätz ſein? Soll's denn keinen Teufel mehr geben? Wer das nicht glaubt, der glaubt auch nicht an die Ewigkeit und glaubt nicht, daß es ſelige und verdammte Geiſter gibt.

Ich hab 'wenigſtens noch keinen geſehen, bemerkte Friedrich kalt.

Der glaubt gar nichts! rief Einer, und die Andern ſahen den Gegenſtand dieſes Verwerfungsurtheils mit einem gewiſſen Abſcheu an. Oder, ſagte ein Anderer, iſt er vielleicht ? Ich weiß nur nicht wie ich's angreifen ſoll, denn man wird ja gleich geſtraft, wenn man ſeine Wort 'nicht auf die Goldwag' legt.

Soll ich vielleicht ſelber ein Hexenmeiſter ſein? lachte Friedrich. Nur herzhaft 'raus mit der Farb'! Ich lauf 'deswegen nicht ſo gleich vor Kirchenconvent, ich bin nicht ſo empfindlich, auch hat man ſeiner Lebtag keinen Eſel einen Hexenmeiſter geſcholten, denn dumme Leut' kann der Teufel, ſcheint's, nicht brauchen.

Was die alte Hammelayin betrifft, ſagte der Invalide, um das Geſpräch von dieſer Klippe ab wieder in ruhigeres Fahrwaſſer zu lei¬ ten, ſo iſt es gewiß und wahrhaftig, daß ſie eine mächtige Raffel unter der Naſ 'ſitzen hat.

Ja, ſagte ein Anderer, ſie hat aber nicht bloß ein bös Maul, ſondern es ließ 'ſich ſonſt noch allerlei über ſie ſagen. Wißt ihr noch, wie ihre ältere Tochter, die jetzt den Schneider hat, wie die mit dem Diegelsberger hat Hochzeit gehabt? Die Hochzeit iſt im Hecht an¬ geſtellt worden, und der Bräutigam, dem's ſchon um acht Uhr weh geweſen iſt, Nachts um Zwölfe will er noch einen Tanz thun, 106 plötzlich ſtürzt er nieder und iſt in Zeit einer Minut' maustodt. Es iſt ſo ſchnell gangen, daß ein tanzendes Paar über ihn zu Fall kom¬ men iſt; die haben einen Gräuſel davon getragen, daß ſie's ein paar Tag 'lang geſchüttelt hat. Man hat viel drüber geſprochen.

Nun ja, was wird's geweſen ſein? ſagte Friedrich: ein Steck - und Schlagfluß.

Ja, ſo hat man bei Amt auch geſagt und hat ihn mit einer Leichenpredigt auf dem Kirchhof begraben. Ich weiß noch, wie ſie angefangen hat: Hui, hui, ſagt der Tod, der ſtarke Held, ich kann auch mittanzen. Aber es gibt Leut ', die wollen's beſſer wiſſen, die ſagen Nun, ich will nichts geſagt haben, aber ſo viel iſt gewiß, daß der Alten die Heirath von Anfang an nicht nach ihrem Guſto geweſen iſt. Die Junge hat erſchrecklich gethan und hat ſich nicht tröſten laſſen wollen. Nachmals aber hat ſie den Schneider genommen; ich weiß noch, auf ihrer Hochzeit iſt grad' die Nachricht ankommen, daß ihr Schwager, der Goldſtein, der ſein Weib mit drei Kindern hier hat ſitzen laſſen, in Speier die Religion ſchangſchirt hab 'und eine Katholiſche geheirathet und ſei mit ihr nach Pennſylvanien gangen.

Von der Alten erzählt man ein feines Stücklein aus ihren jungen Jahren, wo ſie bei Seines Pflegers Vater im Dienſt geweſen iſt, hob ein Anderer zu Friedrich gewendet an. Damals hat ſie's mit einem Balbierersgeſellen gehabt aus Adelberg. Er hat ihr zu Familie ver¬ holfen, eine Tochter iſt's geweſen, ich glaub ', eben die Schneiderin, die ſo unglücklich hat Hochzeit gehabt. Sie hat ihn aber verſchont und hat ihn nicht angegeben, daß er der Vater zu ihrem Kind ſei. Er hat's ihr nachher ſchlecht gedankt und iſt von ihr weg blieben. Jetzt, was hat das leichtfertig' Menſch gethan, das nichtsnutzig '? Ueber einmal, wie ihr Herr in die Küche kommt, ſieht er ein Paar Strümpf' im Kamin hängen. Was ſind denn das für Würſt ', fragt er, ſollen denn die geräuchert werden? Die Magd nicht faul, reißt die Strümpf' geſchwind herunter und gibt vor, die Strümpf 'gehören ihr, ſie hab' ſie ſchnell wollen trocknen, weil ſie naß geworden ſeien. Er aber eben ſo flink, reißt ihr noch einen aus der Hand und ſieht daß es ein Mannsſtrumpf iſt. Wie er ihr nun das fürgehalten hat und ſie hat nicht wollen weichgeben, ſo hat er ſie beim Pfarrer angezeigt, und da hat ſie endlich nach vielem Leugnen geſtanden, ein Schäfer107 hab 'ihr gerathen (ſie wird aber keinen dazu braucht haben), ſie ſolle ſehen, daß ſie ein Kleid oder etwas, das der Menſch mit Salvene auf'm bloßen Leib getragen hab', zur Hand kriegen könne, und ſolle es in den Rauch hängen, dann werd's dem Thäter warm werden und immer wärmer und werd 'keine Ruh' haben, bis er wieder zu ihr komme.

Die Frag 'iſt nur, ob der Barbier auch richtig wieder kommen iſt, bemerkte Friedrich.

Nein, kommen iſt er nicht mehr, ſagte der Erzähler.

Dann will ich's gern glauben! rief Friedrich mit hellem Lachen. So kann ich auch hexen. Ich ſag 'nur: Kurrle, Murrle, dann muß der Krug dort auf dem Schrank tanzen. Aber wenn ich nicht dazu den Schrank mit den Händen ſchüttle, ſo tanzt der Krug eben nicht. Hexenwerk mag ſchon Mancher und Manche probirt haben, das will ich zugeben, aber die Frag' iſt nur, ob was dabei herausge¬ kommen iſt.

Vielleicht iſt der Balbierer doch innerlich verbronnen, ſtammelte der Schütz.

Friedrich lachte ihn aus. Ja, ſagte er, wenn er Schnaps geſof¬ fen hat.

Mir hat doch einmal ein Zimmermann erzählt, fiel der Müller¬ knecht ein, es hab 'ihn Nachts eine Hex' gedrückt und gepeinigt, daß er ſchier erſtickt ſei. Er ſei dann aufgewacht und hab 'die Unholdin in Geſtalt einer ſchwarzen Katz' auf ihm liegen ſehn. Da hab 'er mit der letzten Kraft nach der Axt neben ſeinem Bett gegriffen und hab' nach der Katz gehauen. Die ſei mit einem lauten Schrei da¬ von gefahren und hab 'ein Stück von der Vorderpfot' dahinten gelaſſen. Morgens ſei zwar nichts mehr davon dageweſen, wohl aber Blut auf'm Bett und an der Art. Drauf hab 'er ſeine Gedanken auf ein altes Spittelweib geworfen und ſei in den Spittel gangen, um nach ihr zu ſehen. Man hab' ihm aber geſagt, er könn 'ſie nicht ſehen, ſie liege todtkrank im Bett. Er ſei aber dennoch zu ihr gedrungen und hab' ſie mit Gewalt aufgedeckt, und da habe ſich's gezeigt, daß ihr die linke Hand gefehlt habe, die ſei ihr von ſeiner Art abgehauen geweſen.

Hu, mir gräuſelt's! rief Einer um den Andern von der Geſell¬ ſchaft, die ſehr andächtig zugehört hatte.

108

O Peter, glaub 'doch kein ſo Ding! ſagte Friedrich. Was wird ſich denn ein Weib in eine Katz' verwandeln können? Wenn du dir von jedem Zimmermann ſolche Spän 'aus'm Verſtand hauen läßt, ſo wirſt bald ſo dumm, daß man Riegelwänd' mit dir hinausſto¬ ßen kann.

Der Streit gegen den hartnäckigen Ungläubigen brach abermals aus, und dieſe Leute, die ein derbes Wort über Pfarrer und Kirche ertrugen, wurden ganz wild darüber, daß es mit Hexen und Geſpenſtern nichts ſein ſollte, und vertheidigten mit einer wahren Glaubenswuth ihr Dogma, daß der Teufel böſen Menſchen die Macht verleihe, auf wunderbare Weiſe Schaden zu thun, und daß Gott abgeſchiedenen Geiſtern, guten wie böſen, von Zeit zu Zeit aus dem Grabe an die Oberfläche der Erde heraufzuſteigen erlaube.

Nun ja, ſagte Friedrich endlich einlenkend, ich will ja nicht dawi¬ der ſein, daß ſich's andrer Orten vielleicht ſo verhält, wie ihr ſaget, denn das weiß ich ja nicht. Aber hier bei uns gibt's keine Hexen und keine Geiſter, das behaupt 'ich.

Und warum denn nicht? rief Einer.

Weil mir noch keine Hex 'beikommen iſt, und es gibt doch ganz gewiß Solche, die mich zu todt drücken thäten, wenn ſie könnten, aber ſie können eben nicht.

Und warum keine Geiſter? fragte ein Anderer.

Weil ich noch keine geſehen hab '! Und was ihr von euch erzählet, daß euch ſchon vorgekommen ſei, das muß mir ſelber erſt auch wider¬ fahren ſein, bevor und daß ich's glaub'; denn ich kann doch nicht einſehen, warum ich ein anderer Menſch ſein ſoll als Andere.

Andere Leut 'ſind aber doch anders beſchaffen, ſagte der Müller¬ knecht. Es gibt Sonntagskinder.

Ich bin auch am Sonntag geboren, erwiderte Friedrich, und hab 'Zeit meines Lebens nie was geſchaut. Ich weiß ganz gewiß, fuhr er mit wachſender Wärme fort, denn der Wein ſtieg ihm nach und nach in den Kopf, wenn ein Verſtorbenes wieder zu den Menſchen kommen könnt', ſo wär ich ſo gut ein Geiſterſeher wie irgend Einer in der Welt.

Warum das? Wo ſo?

109

Meine Mutter, ſagte der junge Menſch, indem er trotz ſeiner Leb¬ haftigkeit die Stimme dämpfte, meine Mutter würde ſich's nicht nehmen laſſen, nach mir zu ſehen, wenn das ihr geſtattet würde. Und warum ſollt 'ihr's nicht verſtattet ſein, wie den andern Geiſtern? Aber eben das, daß ſie nicht zu mir kommt, iſt mir ein Beweis, daß die anderen auch nicht können.

Narr, ſie will dich eben nicht erſchrecken, lallte der Kübler, deſſen Augen allmählich gläſern wurden.

Sie weiß recht gut, daß ich nicht an ihr erſchrecken kann, mit welchem Ausſehen ſie mir auch erſcheinen mag. Oft, fuhr er nach¬ drücklich fort, nachdem er einmal die Scheu überwunden hatte, von die¬ ſem Gegenſtande zu reden, oft hab 'ich um Mitternacht, wenn ich ganz allein geweſen bin, ihren Geiſt beſchworen, leis und laut, und hab' ſie gebeten, wenn es ihr möglich ſei, ſo möcht 'ſie den Himmel auf einen Augenblick verlaſſen und zu mir kommen. Aber es hat ſich nichts darauf ereignet, ich bin allein geweſen nach wie vor, und hab' auch nichts um mich vernommen als das ſtille Sauſen der Nacht, das aber nicht von Geiſtern kommt, ſondern von der Luft, weil die Nacht gar gehörſam iſt.

Gott ſteh 'uns bei! hatten die Andern während dieſer Erzählung gerufen, die ihnen fremd und ſeltſam däuchte.

Das iſt ein grauſamer Menſch! ſagte der Eine, womit er die Grauenhaftigkeit dieſes Treibens bezeichnen wollte.

Der glaubt an gar nichts! wiederholte der Andere. Der kommt einmal in den Himmel, wo die Engel ſchwarz ſind und Wauwau ſingen.

Jetzt ſoll einmal die Beckin erzählen, ob sie ſchon einen Geiſt ge¬ ſehen hat! rief der Invalide, fortwährend bemüht, das Geſpräch in einem ungefährlichen Gange zu erhalten.

Ja, die Beckin soll erzählen! riefen ihm mehrere Stimmen nach.

Die Bäckerin richtete den Kopf im Sorgenstuhle auf. worin sie den ganzen Disput verſchlafen hatte. Man mußte ihr erſt erklären, um was es ſich handle. Ha, daß es Hexen und Geiſter gibt, ſagte ſie gähnend, das leidet keinen Zweifel, aber zu mir iſt noch keine Her 'gekommen, weder bei Tag noch bei Nacht, und keinen Geiſt hab' ich auch noch nie geſehen.

110

Ihr habt eben ein ruhiges Gemüth, Baſ ', ſagte Friedrich lachend, auf Euch könnt', glaub 'ich, eine Her' die ganze Nacht reiten, Ihr thätet nichts davon inn 'werden. Uebrigens iſt's nicht recht, in der Neujahrsnacht zu ſchlafen und Eure Gäſt' mit Gähnen anzuſtecken. Morgen iſt ja Kirch ', da könnt Ihr's' reinbringen, was Ihr heut 'Nacht am Schlaf verſäumet.

Ja, ja! rief der Müllerknecht. Letzten Sonntag hab 'ich mich auch an der Beckin ihrem ruhigen Gemüth erbaut unter der Predigt. Der Herr Pfarrer hat geſchrauen, daß man's in Reichenbach hätt' hören können, aber die Beckin hat ſich nicht verrührt, ſie hat ganz klein ausgeſehen in ihrem Stuhl und der Kopf iſt ihr zwiſchen den Achſeln eingeſunken geweſen wie ein Schnitz der oben in einem Hutzelbrod ſteckt.

Ach was! entgegnete die Frau unſchuldig, man muß ſich die ganz Woch 'leiden, wenn man auch noch das bisle Kirchenſchlaf nicht hätt', ſo wär's ja nicht zum Präſtiren.

Die Geſellſchaft brach in ein wieherndes Gelächter aus, das lange kein Ende nehmen wollte, bis endlich der Bäcker ſeine Frau aufmerk¬ ſam machte: Du, Weib, da klopft's am Küchenfenſter. Sie horchte hin, ohne daß etwas zu hören war; nach einer Weile aber klopfte es wiederholt und vernehmlich.

Aha, das iſt ein Geiſt! rief der Müllerknecht.

Machet mir nicht Angſt, rief die Bäckerin. Ich will's übrigens mit ihm aufnehmen, ſetzte ſie hinzu und ging in die Küche.

Ich glaub 'auch nicht an Hexen, ſagte der betrunkene Schütz.

Warum nicht? ſchrieen die Bauern eifrig.

Weil mein Glas ſchon eine ganze Ewigkeit leer da ſteht und ſich nicht füllen will. Wenn's Hexenwerk gäb ', ſo müßt's von ſelber voll werden.

Der Kübler, der kaum mehr die nöthige Kraft zum Reden beſaß, obgleich er unermüdlich zu trinken fortfuhr, ſchob dem Nimmerſatt ſein Glas hin.

Jetzt möcht 'ich aber doch nächſtens aus der Haut fahren über die Hungermuck', die Einem da den ganzen Abend hinhockt! ſagte der Invalide leiſe zu ſeinem jungen Nachbar. Wenn ich doch nur auch ein Mittel wüßt ', wie man ihn fortbringen könnt', den Hallunken.

111

Da wird bald geholfen ſein, flüſterte Friedrich und wußte ſich vom Tiſch und zur Stube hinaus zu machen, ohne daß ſein Weg¬ gehen Jemand in die Augen fiel.

Der Invalide, der nichts von ſeinem Vorhaben ahnte, erdachte inzwiſchen gleichfalls einen Kunſtgriff, um den beſchwerlichen Schma¬ rotzer fortzubringen. In der Sonn 'iſt's heut' luſtig, ſagte er, der Sonnenwirth hat die Spendirhoſen an und läßt eine Flasch 'um die andere ſpringen; ich hab' gehört, er hab 'einen Fahnen auf'm Hut wehen. Friedrich hatte ihm anvertraut, daß ſein Vater den Wein etwas ſpüre und guter Dinge ſei.

Das kommt ſelten vor, daß der Sonnenwirth 'n Spitzer hat, ſagte der Müllerknecht. Wahr iſt's aber: wenn er angeſtochen iſt, dann ſpendirt er. Außerdem thut er's nicht.

Auf den Schützen wirkte die Mittheilung ſichtbar beunruhigend. Er wußte nicht recht, wie er es angreifen ſolle, um alsbaldigen Ge¬ brauch von ihr zu machen. Endlich siegte doch die Lockung über die Furcht, daß man ſeine Abſicht merken könnte. Er behauptete ſtot¬ ternd, er müſſe im Flecken nachſehen, ob keine Ungebür vorgehe, wünſchte umſtändlich gute Nacht und ſchwankte zur Thüre hinaus, wäh¬ rend der Invalide und der Müllerknecht einander heimlich anlachten.

Der hat auch ſchwer geladen, ſagte der Müllerknecht hinter ihm drein. Der hätt 'nicht noch mehr nöthig.

Kaum war er draußen, ſo kam Friedrich wieder herein. Alle Teufel! flüſterte er dem Invaliden zu, indem er ſich geſchwind wieder zu ihm ſetzte, warum habt Ihr ihn fortgelaſſen? Wo iſt er hin?

Iſt er Ihm denn nicht begegnet? fragte der Invalide, der das ſonderbare Benehmen ſeines jungen Freundes nicht begriff.

Ich hab 'mich hinter die Thür' verſteckt. Wo iſt er denn hin?

Rechts hinunter, der Sonne zu.

Ruft ihn, ruft ihn zurück! sagte Friedrich mit größter Haſt, ohne zu bedenken, daß dazu ein hölzernes Bein nicht das tauglichſte war. Es iſt zu ſpät, murmelte er in kalter Beſtürzung: gebt Acht, jetzt fliegt er.

Dem Invaliden ging ein Licht auf. Es war aber keine Zeit mehr, etwas zu erſinnen, das die Gefahr abwenden konnte, ohne den Thäter zu verrathen, denn in demſelben Augenblick erfolgte auf der112 Straße ein furchtbarer Knall, der das Haus erſchütterte. Alle ſpran¬ gen vom Tiſch auf, ausgenommen den Kübler, der ſtumm verwundert um ſich ſah. Friedrich war der Erſte, welcher hinausſtürmte, da er glaubte, unmittelbar nach dem Knall, deſſen Urſache ihm nur zu gut bekannt war, einen Schrei von einer weiblichen Stimme vernommen zu haben, der ihm das Mark durchſchnitt. Draußen ſtand der Schütz unbeweglich wie eine Salzſäule. Er überließ es den Andern, ſich mit ihm zu beſchäftigen und eilte mit klopfendem Herzen weiter. Obgleich es hell war, ſah er Niemand und wollte eben wieder umkehren, als er nicht weit von ſich ſchluchzen hörte. Er ging dem Tone nach. Im Schatten eines Hauſes ſtand ein Mädchen angelehnt, das die Hände vor's Geſicht hielt und heftig zitterte. Um Gottes Jeſu Willen! ſagte er, iſt ein Unglück geſchehen? Er eilte auf ſie zu und zog ihr die Hände vom Geſicht. Es war Chriſtine.

Hat's dir etwas gethan? fragte er verzweiflungsvoll.

Nein, es iſt nur der Schreck, antwortete ſie. Es iſt mir in alle Glieder gefahren und hat mich ſo angegriffen, daß ich weinen muß.

Gott ſei Lob und Dank! flüſterte er. Da hätt 'ich eine ſchöne Dummheit anrichten können.

So? ſagte ſie, noch immer weinend, jetzt weiß ich, wer mir das gethan hat; für ſolche Streich 'bedank' ich mich. Vor ſo einem Muth¬ willen iſt man ja ſeines Lebens nicht ſicher.

Der Brauskopf, der ſo eben noch bereit geweſen wäre, ſie fu߬ fällig um Verzeihung ſeiner unſinnigen Thorheit zu bitten, war plötz¬ lich umgewandelt. Du thuſt ja wie wenn's dich mitten aus einander geriſſen hätt ', ſagte er kalt. Sei du froh, daß dir's nichts gethan hat, und lauf' nicht 'rum bei der Nacht, dann widerfährt dir nichts.

Ich kann ja heimgehen, erwiderte ſie tiefbeleidigt. Den Gang hätt 'ich mir erſparen können. Ich will mir's merken. Gut' Nacht! Sie bog um das Haus und war verſchwunden.

Er wandte ſich trotzig und ging zurück. Die Geſellſchaft hatte indeſſen den Schützen wieder in die Wirthsſtube gebracht. Auch an ihm war die Gefahr glücklich vorüber gegangen, und nur der Knall hatte ihn Anfangs bis zur Sinnloſigkeit betäubt. Doch führte er noch etwas verwirrte Reden und verſicherte, er habe einen Geiſt geſehen, einen weiblichen Geiſt, der ihn durch den Blitz des Feuers mit großen113 Augen angeſtarrt habe. Es wurde lebendig in der Wirthſchaft. Die Schaar¬ wache kam, um vergebliche Unterſuchungen nach dem Urheber der gefähr¬ lichen Mine anzuſtellen; auch hatte der Lärm Gäſte aus anderen Wirths¬ häuſern hergelockt. Friedrich ließ Wein heraufſchaffen, zunächſt für den Schrecken, wie er ſagte, den der Schütz gehabt; aber es fanden ſich auch noch andere Abnehmer. Man ſprach und ſchrie über den Vorfall; die Einen ſchimpften auf den Thäter, die Andern lachten. Der Invalide ſpottete, daß man über einen Mordſchlag ein ſo großes Aufheben mache; in ſeinen Schlachten habe es anders gedonnert, ſagte er und machte einen neuen Verſuch, ſeine Kriegsgeſchichten zu erzählen; aber die Leute waren zu aufgeregt, um ihm zuzuhören. Gegen Friedrich wurde kein Ver¬ dacht laut; die Wenigen, die den wahren Thäter errathen hatten, wußten zu ſchweigen.

Mitten im Tumult zupfte ihn die Bäckerin am Arm und gab ihm ein Zeichen. Er folgte ihr in die Küche. Es iſt ein abſonderlicher Briefträger dageweſen, ſagte ſie und gab ihm einen Brief: Das Chriſtinele hat geſagt, es hab 'den ganzen Abend keinen Menſchen finden können, der ihm den Brief fortgetragen hätt', und in die Sonne hab 'es nicht mit ihm gehen mögen; da hab' es eben verſucht, ob das Briefle nicht hier an ſeinen Mann zu bringen wär ', und richtig, es hat keinen Metzgergang gethan. Ich bin nur froh, daß dem Kind nichts ge¬ ſchehen iſt; denn kaum iſt es fortgeweſen, ſo iſt der teufelhäftig' Knall losgegangen. Die Jugend wird immer ſchlimmer. Ich wollt ', man thät' den Malefizkerl, der den Mordschlag gelegt hat, an den Ohren kriegen und tüchtig ſchütteln, das wär 'ihm geſund.

Dem Mädle iſt nichts widerfahren, ſagte Friedrich etwas verlegen: ich hab 'draußen nachgeſehen, es iſt kein Menſch verunglückt. Was ſteht denn in dem Brief?

Weiß ich das? entgegnete ſie mit ſchlauem Lächeln: kann ich wiſſen, was ihr für Geſchäfte mit einander habt? Nun, ich will nicht neugierig ſein. Sie ging in die Stube. Friedrich erbrach mit bebender Hand den Brief und las ihn bei der trüben Küchenampel. Chriſtine bat ihn um Verzeihung und rief ihn zu ſich zurück! In ſeinem Ent¬ zücken dachte er nicht daran, daß ſeit der Ankunft dieſes Briefes ſchon wieder eine neue Wolke zwiſchen ihn und ſie getreten war, er ſtand wie von einer Flamme umgeben, drückte den Brief an's Herz undD. B. IV. Kurz, Sonnenwirth. 8114jauchzte laut auf. Zu gleicher Zeit erſcholl auch in der Stube ein Jauchzen und Gläſergeklirr. Die Glocke vom Thurm hatte den neuen Zeitabſchnitt zu verkündigen begonnen, der eigentlich mit jeder Se¬ cunde eintritt, der aber da, wo zugleich die Jahreszahl ſich mit ihm verändert, einen tieferen Eindruck auf den Menſchen macht, und nach alter Sitte ſtießen die Leute mit den Gläſern an und riefen einander Glück¬ wünſche auf das neue Jahr mit ſeinen noch verſchleierten Geſchicken zu.

Friedrich eilte in die Stube, ergriff ſein Glas und ſtieß mit an.

Proſit's Neujahr! rief ihm der Invalide zu. Es lebe das Jahr Siebenzehnhundert neun und vierzig! antwortete er.

Siebenzehnhundertfünfzig! ſchrie man ihm von allen Seiten ent¬ gegen, und der Rechnungsfehler wurde mit lautem Gelächter zurecht¬ gewieſen. Der will das Neujahr leben laſſen und kann nicht hinein! ſpottete Einer. Fünfzig ſchreibt man jetzt, und das zehn Jahr 'lang, mußt dich d'ran gewöhnen, ſagte ein Anderer. Kannſt nicht aus der Zahl heraus, wo das Jahrhundert in ſein Schwabenalter gekommen iſt? fragte ein Dritter.

Mag leicht ſein, ſagte Friedrich halblaut, ſo daß nur der Inva¬ lide es hören konnte: in dem Jahrzehnd, das ſich mit Vierzig ſchreibt, hat meine rechte Mutter noch gelebt, und da iſt es wohl zu begreifen, daß mir die Zahl wie eine alte Heimath iſt, aus der man nicht gern heraus mag. Alſo das Jahr Siebenzehnhundertfünfzig ſoll leben! rief er, nochmals das Glas erhebend, und in ſeinem Herzen ſetzte er hinzu: das Jahr, das mir Erſatz geben ſoll! Es war ihm, als ob er jetzt wieder eine Mutter hätte. Er hielt es nicht lange in der Ge¬ ſellſchaft mehr aus. Es war ſtill und ſanft in ihm geworden und dieſe innere Glückſeligkeit taugte nicht zu dem was um ihn her vor¬ ging. Das Lachen und Johlen nahm überhand, und zwar um ſo ungeſtörter, als die Polizei ſelbſt ſich daran betheiligte. Der Schütz, der durch den Schrecken ziemlich nüchtern geworden war, hatte die neue Gelegenheit zum Trinken nach Kräften benutzt und machte ſchon wieder Rieſenfortſchritte in der Trunkenheit. Der Kübler hatte von ſeinen fünf Sinnen keinen einzigen mehr ganz beiſammen und beluſtigte die Geſellſchaft durch die grunzenden Laute, die er von ſich gab. Bringet die Noten im Kübel her, die S will ſingen! rief der Schütz, aber während er ſich über ſeinen Genoſſen luſtig machen wollte, ſtürzte er115 auf einmal mit ſammt dem Stuhl zu Boden und ſtand nicht mehr auf. Das wilde Gelächter über dieſen Auftritt ſchallte noch lange hinter dem Flüchtling her, der die Herrlichkeit hinter ſich ließ, ohne gute Nacht geſagt zu haben.

Zu Hauſe fand er ſeinen Vater noch wach und noch immer von Geſellſchaft umgeben. Er brummte über ſein langes Ausbleiben, doch mehr, wie es ſchien, aus väterlichem Wohlwollen, daß er ſich ihm an einem ſo heitern Abend entzogen hatte, als aus Mißmuth darüber, daß er ſeiner Pflicht nicht nachgekommen war. Noch in ſpäter Stunde waren Fuhrleute angelangt; ſie fluchten wacker über den langen Auf¬ enthalt, der ihnen durch verſchiedene Zufälle und am meiſten durch den Eßlinger Zoll verurſacht worden war. Friedrich widmete ſich mit Eifer ihrer Bedienung und ihre Scherzreden bewieſen, daß er von lange her bei ihnen wohl angeſchrieben ſei. Er geht ſo leichtfüßig einher als ob er in der Luft wandeln thät ', ſagte Einer derſelben von ihm, und die Bezeichnung war richtig, denn das Gefühl, das ihn ſeit dem Empfang von Chriſtinens Brieflein beſeelte, hatte ihm gleich¬ ſam Flügel an die Sohlen geheftet.

Er ging als ein glücklicher Menſch zu Bette, trunken von Liebe und auch ein wenig vom Wein. Da er nicht ſogleich einſchlafen konnte, ſo hörte er noch den Neujahrswunſch der armen Kinder, die, mit Lichtern umherziehend, vor den Häuſern zu ſingen pflegten. Es war ein einziger Vers, der für jedes Mitglied der Familie, und wenn ſich ihre Zahl noch ſo hoch belief, beſonders wiederholt wurde Zu¬ erſt traf die Reihe den Hausvater, dann die Mutter, die Kinder, ſo viel ihrer waren, wurden jedes einzeln angeſungen, dann kamen die Mägde, dann die Knechte und ganz zuletzt, wenn der Gratulationszug vor einem Wirthshauſe hielt, die bekannteren Gäſte, die darin wohnten. Sie ſangen, als die Reihe an Friedrich kam:

Jetzt wünſchen wir auch dem Herrn Johann Frieder gut's neu's Jahr,
Ein geſundes Jahr,
Ein glücklich's Jahr,
An Fried 'und Freud' ein reiches Jahr.
Gott mach 'es wahr!
Gott gebe, daß es werde wahr!
Gott gebe, daß es werde wahr! ſprach Friedrich in ſeiner Kammer nach.
8 *116

9.

Der erſte Gegenſtand, mit welchem er ſich bei ſeinem Erwachen am Neujahrsmorgen beſchäftigte, war der Brief, der ihn geſtern Nacht ſo glücklich gemacht hatte. Er zog ihn unter dem Kopfkiſſen hervor und las ihn aber - und abermals. Dabei konnte er freilich eine Wahrnehmung, die ihm im erſten Jubel ſo gut wie entgangen war, nicht ganz unterdrücken. Der Brief war ziemlich abſcheulich geſchrieben, ſowohl was die Handſchrift als was die Rechtſchreibung betraf; jene ſtellte in Unbehilflichkeit und Verworrenheit das gerade Gegentheil von der zierlichen Geſtalt der Schreiberin dar, und die Geſetze der Rechtſchreibung hatte ſie erbar¬ mungslos mißhandelt, mit ganzen Buchſtaben gegeizt und andere am unrechten Orte verſchwendet, ſo daß man, um den Sinn des Schrei¬ bens zu verſtehen, mehr dem Laut als den Schriftzeichen nach leſen mußte. Friedrich hatte, wie bereits bemerkt, Alles gelernt, was ihm die Schule bieten konnte; ſein Vater hatte ihn nach der Confirmation noch ein Jahr lang im Hauſe des Schulmeiſters untergebracht, um den durch den Tod ſeiner Mutter meiſterlos gewordenen und im Wirths¬ haustreiben der Verwilderung anheimfallenden Knaben unter eine gleichmäßige Zucht zu bringen; und er ſchrieb ſeinen Brief oder Auf¬ ſatz, der Bildung der Zeit gemäß, ſo gut als irgend ein Anderer. Ohne Zweifel erblickten der Pfarrer und Amtmann zwiſchen ihrer und ſeiner Bildung eine breite Kluft: wenn man aber auf der heutigen Bildungsſtufe das, was von ſeiner Hand aufbewahrt worden iſt, mit den Bildungsurkunden von der Hand ſeiner Vorgeſetzten vergleicht, ſo merkt man kaum einen Unterſchied; denn man findet bei ihm nicht häufig Fehler, und auch ſie ſchreiben keineswegs ganz fehlerfrei. Da¬ gegen war ſeine Art zu ſchrieben und Chriſtinens Brief wie Tag und Nacht oder wie eine Hühnerpfote von einer menſchlichen Hand¬ ſchrift abſticht; und ſo gewiß ein warmer Körper, wenn man ihn mit kaltem Waſſer übergießt, von einer unangenehmen Empfindung be¬ fallen wird, ſo gewiß iſt es, daß ein Liebender, der einigermaßen ſchul¬117 gerecht ſchreiben kann, im höchſten Feuer ſeiner Neigung wenigſtens für einen Augenblick abgekühlt wird, wenn der Gegenſtand derſelben, den er doch bewußt oder unbewußt als etwas Vollkommenes verehrt, die Erwiderung nur in eine unſchöne und ſtümperhafte Form zu klei¬ den vermag. Aber die Liebe führt auch eine gewaltſame Begeiſterung mit ſich, welche derlei ungleiche Gefühle, ſo wie ſie aufſteigen wollen, raſch wieder zu unterdrücken weiß, zumal wo die Liebe die Blüthe ei¬ nes rauhen und kräftigen Willens iſt, der ohnehin keinen Widerſpruch duldet. Doch auch das Gewand der Demuth muß ſich dazu hergeben, den Mißton einzuhüllen: wenn der Liebende entdeckt, daß ſein Inbe¬ griff aller Vollkommenheit auch einige Unvollkommenheiten in ſich mit¬ begreift, ſo beruhigt er ſich bei dem Zugeſtändniß, daß ja auch er nicht ganz untadelhaft ſei und folglich nicht das Recht habe, von ſeiner Ge¬ liebten vollendete Mangelloſigkeit zu verlangen; und dieſe Beruhigung dauert mit beſonderer Feſtigkeit ſo lange als die Sehnſucht nicht er¬ füllt iſt, ſo lange das friſche Geſicht und die reizende Geſtalt noch als etwas Vorenthaltenes vor der Seele des Sehnenden ſchweben. Zudem liest ein Liebender nicht bloß den Schriftzeichen und dem Laute nach, er liest vornehmlich auch mit dem Herzen, und dieſem ſagte das hübſche junge Mädchen in ſeinem armen ſchlechten Briefe ſo herzliche und liebreiche Worte, daß die kleine Abkühlung bald wie¬ der der zurückkehrenden erſten Flamme weichen mußte.

Chriſtinens Brief iſt in Folge von Begebenheiten, zu welchen wir bald gelangen werden, noch jetzt vorhanden; er lautet in verſtändliches Deutſch umgeſchrieben ſo:

Geliebter Schatz, es iſt mir von Herzen leid, daß ich dich ſo er¬ zürnet habe, ich bitte dich, verzeihe es mir wieder, ich will's nimmer thun. Wenn es ſein kann, ſo komm du noch einmal zu mir, daß ich mündlich mit dir reden kann. Weiter weiß ich nicht zu ſchreiben, als daß du ſeieſt von mir zu tauſendmal gegrüßt und in den Schutz Got - tes befohlen. Ich verbleibe dein getreuſter Schatz bis in den Tod. Meinen Namen will ich nicht nennen, wenn du mich lieb hast, wirſt du mich wohl kennen. Datum dieſen Tag. Nehme fürlieb mit dieſer ſchlechten Handſchrift, ich kann vor Traurigkeit nicht beſſer ſchreiben.

Gelieder Satz, du ſeie von mir zu tauſendmal geſchriet und in den Sutz Gottes befohlen! wiederholte Friedrich halb entzückt halb118 lachend, als wär 'das Mädchen gegenwärtig und müßte ſich wegen ihres ſchülerhaften Schreibens von ihm necken laſſen. Dabei machte er eine Bewegung, wie wenn er ihre gelben Zöpfe faſſen wollte, einer Glockenſchnur ähnlich, an der man läutet, damit oben jemand zum Fenſter herausſehe, um nachbarlichen Verkehr zu Pflegen oder ein Almoſen zu ſpenden.

Mitten in dieſen zärtlichen Träumereien fiel es ihm jedoch ein, daß er die Schreiberin des Briefes für ihre doppelte Mühe gar ſchlecht belohnt habe. Er hatte ihr mit harten Worten ihr nächtliches Um¬ herſtreichen vorgeworfen, deſſen Zweck doch nur der geweſen war, ihre ſchlechte Handſchrift an den rechten Mann zu bringen, und während ſie alle ihre wirklichen oder vermeintlichen Sünden durch ein Entgegen¬ kommen, das ihn zu Dank verpflichten ſollte, gut zu machen bemüht war, hatte er das ſo vielen Störungen ausgeſetzte Verhältniß plötzlich wieder auf den alten Traurigkeitsfuß zurückgeſchleudert. Und zwar hatte er ſich dies zu Schulden kommen laſſen in einem Augenblick, wo er durch einen unverzeihlichen Knabenſtreich, der gar nicht zu ſeinen auf ein ehrbares Hausvaterthum gerichteten Abſichten paßte, das Leben ſeiner Geliebten in Gefahr gebracht hatte. Seine Reue war eben ſo ungeſtüm wie der Ausbruch ſeines Zornes geweſen war, und er ſchlug ſich mit Macht vor die breite Stirne, hinter welcher der Wein von geſtern Abend eine dumpfe Wolke zurückgelaſſen hatte, ſo daß die zwiefache Buße des Leibes und der Seele zuſammentraf. Nachdem er ſein ſchuldhaftes Ich mit einer Fluth nicht eben gelinder Schimpf¬ worte überſchüttet, tauſend Gelübde der Beſſerung wiederholt und auf dieſe Weiſe in figürlichem Sinn ſich ſelbſt den Kopf gewaſchen hatte, ging er in den Hof hinab, um dieſes Bad am Brunnen in körperlicher Handlung zu wiederholen. Bald fühlte er ſich auch ſo erfriſcht, daß er ganz munter mit den Knechten und Mägden ſcherzte.

Kaum hatte er ſich aber dieſe Selbſterleichterung von der Beſchwerde des Körpers und den Vorwürfen der Seele verſchafft, ſo überfiel ihn das Bedenken, ob auch Chriſtine ihn ſo ſchnell zu abſolviren geneigt ſein werde. Alle Zurückweiſungen, die er von ihr hatte erdulden müſſen, kamen ihm wieder in den Sinn, und der Gedanke, daß ſie ihn heute heimgehen heißen könnte, wie er ſie geſtern heimgeſchickt hatte, erfüllte ihn, nach der kurzen Anwandlung von Heiterkeit, plötzlich mit Wuth119 und Verzweiflung. Im erſten Augenblick entſchloß er ſich trotzig zum Dableiben, als ob ſie ihm den gefürchteten Schimpf bereits angethan hätte; im nächſten trieb ihn ſein kochendes Herz wieder zum Gehen an. Aus dieſen blitzſchnell und gewaltſam abwechſelnden Empfindun¬ gen der heftigſten Leidenſchaft und des mißtrauiſch aufgeregten Stolzes entſprang endlich eine Liebeserklärung, die keiner Anleitung zur Kunſt des Liebens entnommen war, auch keineswegs ein Muſter in derſelben genannt zu werden verdient, aber als eine glaubwürdig überlieferte und ihren Helden ſcharf zeichnende Begebenheit nicht verſchwiegen wer¬ den darf.

Daß er Chriſtinen dieſen Vormittag allein zu Hauſe finden würde, hatte ihm ihr Brief klar geſagt, obgleich es nicht mit Worten darin zu leſen ſtand: denn wozu würde ſie ſich geſtern Nacht ſo viele Mühe gegeben haben, den Brief noch in ſeine Hände zu bringen, wenn ſie nicht ſicher geweſen wäre, daß die Ihrigen am Neujahrsfeſte alle in die Kirche gehen würden.

Die Glocke hatte ſchon das zweite Zeichen geläutet, als er die Sonne verließ und mit einer Bedächtigkeit, welcher man ſeinen innern Zuſtand nicht angeſehen haben würde, verſchiedene Seitengäßchen ein¬ ſchlug, um möglichſt wenigen Kirchengängern zu begegnen. Und doch konnte er ſich überall ſehen laſſen: in dem neuen Rock von dunkelblauem Tuch mit großen Knöpfen und in den kurzen Beinkleidern von ſchwarzem Sammt die hirſchledernen, über die er gegen den Zigeuner geſcherzt hatte, waren ſeit Weihnachten verbannt trat ſeine gedrungene Geſtalt ſtattlich hervor; das ſcharlachene Bruſttuch (Weſte) paßte zu dem Stahl und Meſſer, die er in den Gürtel geſteckt; der Dreiſpitz auf dem Kopfe gab dem jugendlich kräftigen Geſicht ein unternehmendes Ausſehen, und die weißen Strümpfe über den Schnallenſchuhen umſchloßen ein derbes Paar Beine, auf welchen der Mann im Vollgefühl der Jugend wie auf fe¬ ſten Säulen wandelte. Er wandte 'ſich dem Felde zu, wo er zu dieſer Stunde auf niemand treffen konnte und wo die dicht fallenden Schnee¬ flocken die Spuren ſeiner Tritte ſchnell wieder ausfüllten. Die Glo¬ cken läuteten zuſammen; als ſie ſchwiegen und die Orgel einfiel, die man bis auf's Feld heraus hörte, lenkte er die Schritte zu des Hirſch¬ bauern Haus. Er fand die hintere Thür angelehnt, verſchmähte es aber, ſich derſelben zu bedienen, ſondern ſtieg die außen an der Seite120 emporführende Treppe hinauf, welche den rechtmäßigen Eingang ins Haus gewährte. Im Hinaufſteigen konnte er durch das Fenſter ſehen, und ſeine Auslegung der nächtlichen Briefträgerei hatte ihn nicht ge¬ täuſcht, denn Chriſtine ſaß allein in der Stube und las, ſo ſchien es wenigſtens, ganz vertieft im Geſangbuch, auf deſſen aufgeſchlagener Seite ein Blättchen mit einem flammenden, von einem Schwert durch¬ ſtochenen Herzen eingelegt war.

Sie mußte jedoch nicht ſo vertieft geweſen ſein als ſie ſcheinen wollte, denn als er zur Thüre eintrat, ſaß ſie nicht mehr am Tiſch, ſondern ſtand aufrecht mit dem Buch in der Hand; allein ſo eifrig ſie darin zu leſen ſchien, ſo zeigte ſich doch in ihren Mienen eine Span¬ nung und Bewegung, welche deutlich verrieth, daß ihre Gedanken ganz anderswo als bei einem geiſtlichen Liede waren. Sie war ihm nie ſo ſchön vorgekommen: ihr helles Geſicht, obgleich heute nicht ſo roth¬ wangig wie ſonſt, blinkte von Morgenfriſche, und die gelblich blonden, ſtreng geſcheitelten Haare umſchloßen es mit einem freundlichen Rahmen; ein feuchter Schimmer ſchwamm in den niedergeſchlagenen Augen; durch das ſchwarze Geſangbuch, das in den gefalteten Händen ruhte, erhielt das gleichfalls ſchwarze Wamms, das ſonſt ein alltäglicher An¬ blick iſt, etwas Feierliches, das den lockenden Reiz der Erſcheinung dämpfte; das ärmliche Unterkleid war von einer reinlichen weißen Schürze beinahe ganz zugedeckt.

Sein Herz klopfte, während er im langſamen Eintreten die lieb¬ reizende Geſtalt mit den Augen verſchlang. Iſt's erlaubt? ſagte er, an der Thüre ſtehen bleibend.

Ich kann's nicht verwehren, antwortete ſie und ihre Augen ver¬ irrten ſich von dem Liede, aber nicht weiter als bis an den Rand des Buches.

Sie trutzt mit mir, dachte er.

Beide ſchwiegen geraume Zeit ſtille, dann begann er wieder: Ich hab 'glaubt, wenn man Einen einlade, ſo vergönne man ihm auch ein gutes Wort. Wird ja Einer nicht vor Amt geladen, ohne daß man ihm dort eröffnet, warum er vorgeladen iſt.

Das iſt auch meine Abſicht geweſen, ſagte Chriſtine, aber wie ich den Brief geſchrieben hab 'und bei Nacht ausgetragen, weil ich meine Brüder nicht hab' drum wiſſen laſſen wollen, und hab 'nicht früher121 fortkommen können als bis Alles im Bett geweſen iſt, da hab' ich nicht gewußt, daß es mir ſo aufgenommen wird und ſo ausgelegt. Es iſt mich ſauer genug ankommen, denn ich hab 'mir wohl ſagen können, daß ſich ſo etwas nicht ſchickt. Deswegen bin ich nun auch bitter geſtraft dafür, und ſeh's jetzt vollends ganz ein, daß ich's hätt' nicht ſollen thun.

Der Brief gilt alſo nichts? fragte er.

Sie ſah in ihr Geſangbuch ohne zu antworten. Abermals folgte ein langes Stillſchweigen.

Wenn's ſo ſteht zwiſchen uns, hob er wieder an, ſo hätt 'ich auch können daheim bleiben.

Sie legte das Buch auf den Tiſch. Es iſt nicht meine Schuld, ſagte ſie. Ich hab's ja nicht ſo haben wollen. Aber ich möcht 'mich an Keinen hängen, der ſchlecht von mir denkt und mich eine Nacht¬ läuferin heißt. Ich hab' noch Niemand Anlaß geben, etwas Unrecht's von mir zu glauben, am allerwenigſten Sie ſtockte, denn das Du wollte ihr nicht über die Lippen.

Hab 'ich denn wiſſen können, daß du meinetwegen unterwegs biſt? rief er.

Das iſt gleichviel, erwiderte ſie. Niemand hat das Recht, wenn er mich auch bei der Nacht antrifft, mir das 'Rumlaufen vorzurücken, und das auf eine Art, daß man wohl verſteht, wie's gemeint iſt. Ich bin noch Keinem nachgelaufen und werd' auch Keinem nachlaufen mehr.

Nun ja, verſetzte er, wenn ich gewußt hätt ', was für einen Boten¬ gang du thuſt, ſo hätt' ich ja gewiß nichts dergleichen geſagt.

Das glaub 'ich, bemerkte ſie, unmuthig über dieſe leichte Ent¬ ſchuldigung.

Jetzt laſſ 'es aber gut ſein! rief er auf ſie zugehend. Bis du austrutzt haſt und auspredigt, iſt der Pfarrer mit der Predigt auch zu End'.

Nicht ſo geſchwind! rief ſie und wich raſch vor ihm zurück.

So? da kann ich alſo heimgehen? ſagte er, erbittert über den ernſtlichen Ton, mit dem ſie ihn zurückgewieſen hatte.

Sie gab keine Antwort.

So kann's nicht zwiſchen uns fortgehen! rief er, allmählich wild werdend. Jetzt ſag's grad '' raus und laſſ 'mich nicht lang warten: wie haſt's mit mir?

122

Ich weiß nicht, ſagte ſie, ich glaub ', wir taugen nicht recht zu¬ ſammen, wir zwei Beide. Ich will nicht von den vielen Haken reden, die die Sach' hat und die mich ſchon oft traurig gemacht haben. Aber wer mein Schatz ſein will, der darf mich nicht ſo anfahren und darf mich nicht gleich beſchuldigen, daß ich auf unrechten Wegen ſei, eh 'er ſich nur Zeit nimmt die Augen aufzuthun. Wenn Einer auf ſeinen Schatz nichts hält, ſo thut's nicht gut zwiſchen ihnen. Mein Vater und meine Mutter ſind oft hart gegen mich; wenn mein Schatz auch ſo wär', was hätt 'ich dann gewonnen? Mit meinem Schatz will ich ein beſſeres Leben führen oder lieber will ich bleiben wie ich bin. Es iſt mir ohnehin nicht ſo beſonders drum zu thun; ich kann allein ſein, und ich glaub', ich will's auch.

Obgleich er ſich geſtehen mußte, daß das Mädchen vollkommen Recht habe, und obgleich ſie ihm in dieſem Augenblicke mit ihrer gan¬ zen Art zu denken und zu reden unſäglich gefiel, denn das war nicht mehr das ſchüchterne kindiſche Weſen, das andere Leute für ſich reden ließ, ſo geſtattete ihm doch ſein ſtarrer Trotz nicht, aus ihren Worten etwas Anderes als einen bittern Beſcheid herauszuleſen. Wenn man mir ſo ausbietet, ſagte er, dann will ich nicht überläſtig ſein.

Sie ſchwieg ohne aufzublicken.

Es iſt alſo Ernſt? wiederholte er. Ich ſoll gehen?

Wer mir's ſo macht, den werd 'ich nicht bleiben heißen, ant¬ wortete ſie entſchloſſen, aber zugleich drangen ihr die Thränen in die Augen.

Nein! rief er wild und die ſeinigen rollten, während er das Meſſer zog. So geh 'ich nicht fort! Hier auf dem Platz muß es ſich zwi¬ ſchen uns entſcheiden. Sag' Ja oder Nein, willſt du mich oder willſt mich nicht? Wenn du mich willſt, ſo verſprech 'ich dir, daß dergleichen Dummheiten, wie geſtern Nacht, von nun an nicht wieder vorkommen ſollen, du biſt ohnehin ganz allein Schuld daran geweſen, weil du mich ganz wild und falſch gemacht haſt die Zeit daher, und unartig will ich auch nicht mehr gegen dich ſein, will dich vielmehr auf den Händen tragen und ein Leben mit dir führen, daß ganz Ebersbach ein Exempel dran nehmen ſoll. Willſt du mich aber nicht, ſo verzeih' mir's Gott, du kommſt nicht lebendig von der Stell '. Sieh' das Meſſer hier, das bis jetzt bloß unvernünftigen Geſchöpfen den Lebens¬123 faden abgeſchnitten hat, das ſoll dann ein edlers Blut trinken. Sag 'Nein, und ich ſtech' dir's ins Herz, ich treff 'gut, darauf kannſt dich verlaſſen, und das auf den erſten Stoß. Der zweite dann, der gilt mir, denn wenn du nicht mein werden willſt, ſo ſoll dich auch kein Anderer haben, und wenn du todt biſt, ſo will ich auch nicht mehr leben. Dich will ich, auf der ganzen weiten Welt nur dich, und wenn das nicht ſein kann, ſo iſt es zu dieſer Stunde mit uns bei¬ den aus.

Chriſtine war einen Augenblick ſtarr und bleich vor Schrecken da¬ geſtanden, wie er mit dem funkelnden Meſſer auf ſie zuſchritt. Bald aber änderte ſich ihr Geſicht. Im Gegenſatz zu ihm, der in ihren Reden nur Bitterkeit fand, ſog ſie aus den ſeinigen nur den Honig heraus. Aufgelöſt durch das Uebermaß von Feuer und Liebe, das aus dieſer fürchterlichen Liebeserklärung hervorbrach, und ohne ſich durch die rohe, gewaltthätige Beimiſchung von neuem abſtoßen zu laſſen, warf ſie ſich ihm, als er geendet hatte, ſo heftig an den Hals, daß ſie ihm kaum noch Zeit ließ, die Spitze des Meſſers zu wenden. Er ſchleuderte es raſch zu Boden, während ſie ihn mit beiden Händen umklammerte. Stich zu, wenn du das Herz haſt! rief ſie laut weinend. Er ſchlug die Arme um ſie und drückte ſie feſt ans Herz. Sie machte die eine Hand los und hielt ſie ihm vor die Augen. Da ſieh, du blinder Heſſ ', du ungläubiger Thomas, ſagte ſie unter dem Weinen lachend, wie kannſt du ſo an der Wand hinauffahren und ſo ruchlos Zeug machen, ſiehſt denn nicht, daß ich deinen Ring am Finger hab', ſeit du da biſt? Ich hab 'dir doch vorher müſſen ein wenig ſchandlich thun, du unartiger Bub' du!

Iſt's wahr? rief er. Willſt mein ſein? Sag's noch einmal.

Meinſt du's auch ehrlich mit mir? fragte ſie, indem ſie den Kopf aufhob und ihm in die Augen ſah.

Er ſchwur es mit tauſend Eiden, wovon einer den andern an Kraft und Derbheit übertraf. Biſt jetzt mein? fragte er dann abermals.

Ja! ſchrie ſie unter dem Druck ſeiner Arme, die ſie wie eiſerne Klammern preßten.

Ganz mein?

Ganz! Du kannſt mich ſieden oder braten, nur erſtick 'mich nicht.

124

Er ließ ſie einen Augenblick los, aber nur um ſie im nächſten deſto feſter in die Arme zu faſſen, und die Sinne vergingen ihr un¬ ter dem Ungewitter der Leidenſchaft, das über ſie losbrach. Es war als ob der Pfarrer mit den Liebenden im Bunde wäre, denn ſeine heutige Neujahrspredigt ſchien die längſte werden zu wollen, die er je gehalten hatte.

Jetzt will ich gern ſterben, ſeufzte Friedrich, als er aus dem Rauſche des Entzückens endlich wieder zu ſich kam. Noch einmal will ich dir's geſchworen haben, daß ich nimmer von dir laſſen will, was auch kommen mag, und will dir treu ſein bis in den Tod.

Du mußt jetzt nicht vom Sterben reden, ſagte ihm Chriſtine leiſe ins Ohr, indem ſie den Kopf verſchämt an ſeine Schulter lehnte, ich hab's jetzt doppelt nöthig, daß du für mich lebſt.

Ja, ich will, und Müh 'will ich mir geben, daß ich immer den richtigen Weg geh' und daß du keine Unehr 'von mir haſt und keine Sorgen um mich. Gelt, das iſt doch eigentlich Urſach' geweſen, daß du dich ſo lang beſonnen haſt? Geſteh's nur frei heraus, ich nehm's dir nicht übel.

Nein, ſagte ſie, ich hab 'mich nie zum Richter über dich aufge¬ worfen, und hab's ja wohl gewußt, wie gut du biſt, und daß in dei¬ nem Herzen kein fauler Butzen iſt und kein falſcher Blutstropfen in deinen Adern. Meinſt du denn, ſonſt hätt' ich dir ſo getraut?

Warum haſt du mich dann aber ſo lang zappeln laſſen und haſt mir ſo viel böſe Stunden gemacht?

Ei, bin ich's nicht werth, daß du dich ein wenig um mich haſt verleiden müſſen?

Freilich biſt du's werth. Ich mein 'nur, wenn du ſo große Stück' auf mich hältſt, wie ich's in meinen Augen nicht verdien ', und haſt zugeſehen, wie ich mich verleiden muß, ſo haſt du ja dir auch eine Qual mit angethan. Und haſt du nicht ſelber geſchrieben, du ſeieſt ſo traurig, daß du vor lauter Leid ſchier nicht ſchreiben könneſt?

O du! ſagte ſie und ſchlug ihn mit dem Finger auf die Lippen.

Ich will den Baum nicht loben, der auf den erſten Streich fällt, aber du haſt mir's doch ein wenig gar zu arg gemacht, haſt mich ja am ewigen Feuer braten laſſen. Hätteſt's dir ſelber nicht zu Leid125 thun ſollen. Jetzt ſag's nur: warum biſt ſo unbarmherzig geweſen gegen mich und dich?

Ich kann's nicht ſagen, kicherte Chriſtine wie damals, als ſie ſich im Bäckerhauſe hinter dem Ofen verſteckte.

Ich küſſ 'dich ſo lang bis du's ſagſt, denn ich merk' jetzt ſchon, daß es was zu bedeuten hat.

Da kannſt lang küſſen.

Oder ich drück 'dich bis dir der Athem ausgeht.

Dann ſterb 'ich in deinem Arm.

Wart ', ich will dir ſchon zeigen, wer Herr iſt. Willſt du Daumen¬ ſchrauben kennen lernen?

Kaum hatte er ihre Finger etwas zwiſchen den ſeinigen gepreßt, ſo ſchrie ſie: Halt! laß nach! ich will ja Alles geſtehen! Sie legte den Mund an ſein Ohr und ſagte: Sieh, meine Mutter hat zu mir ge¬ ſagt, wenn ich einen dummen Streich mache, ſo ſchlage ſie mir alle

Glieder entzwei, und

Ja? Und?

Ach, du brauchſt nicht Alles zu wiſſen.

Er erhaſchte ihre Finger und wiederholte die vorige Folter. Und damit's nicht zu dem kommen ſoll, was mir meine Mutter gedroht hat, bekannte ſie ſtöhnend und lachend zugleich, hab 'ich dich und mich ſo plagen müſſen.

Er lachte aus vollem Herzen. So? ſagte er, du haſt alſo ſo ein gut's Zutrauen zu mir gehabt, daß du gleich gedacht haſt, du werdeſt dich bei mir vor einem dummen Streich nicht behüten können?

Ach, ich hab 'dich eben von Anfang an ſo lieb gehabt, du böſer Bub' du!

O du mein lieb's Weible du! rief er, indem er ſie in ſeine Arme zog und ihren Kopf an ſein Herz legte.

Aber das hör 'ich gern! rief ſie. Das thut mir wohl! O, ſag' noch einmal ſo!

Mein lieb's Weible! Und jetzt will ich dich auch recht um Ver¬ zeihung bitten, daß ich dir's ſo wüſt gemacht hab ', abſonderlich geſtern Nacht, wo du meinetwegen ausgeweſen biſt und ich dir noch ſchnöde Reden dafür geben hab'. Gelt, du verzeihst mir's? Sieh, es iſt mir von ganzem Herzen leid.

126

So, jetzt kommſt endlich, du Hinterfürhühnle? Haſt Urſach 'ge¬ nug gehabt, das gleich zu ſagen, aber der hochmüthig' Herr hat ſich nicht 'runtergeben wollen.

Ja ſieh, um Verzeihung bitt 'ich niemand als einen recht guten Freund, und von dir hab' ich vorhin noch nicht gewußt, ob du Freund oder Feind mit mir biſt.

O geh 'du! du haſt wohl gewußt, daß ich dir nicht feind bin. Aber gelt, jetzt glaubſt, daß du den beſten Freund auf der Welt an mir haſt?

Er betheuerte ihr dieſen Glauben mit wiederholten Liebkoſungen.

Was haſt denn zu meinem Brief geſagt? fragte ſie nach einer Weile. Gelt, du haſt gewiß geſagt: jetzt kriecht ſie endlich zu Kreuz?

Ich hab 'denkt: ſo, jetzt iſt ſie endlich in ſich gangen und bereut's, daß ſie ſo unchriſtlich geweſen iſt und ſich und mir das Leben ſo ſauer gemacht hat.

Was nicht ſauret das ſüßet auch nicht. Aber was haſt du denkt, daß ich ſo wüſt geſchrieben hab '? Ich hab's ſchier im Finſtern thun müſſen.

Schreib du wie du willſt, mir iſt Alles recht, was du ſchreibſt. Wirſt's ſchon noch beſſer lernen bis du Sonnenwirthin biſt, und die Rechnungen und Geſchäftsbriefe kann ich ja einmal ſelber ſchreiben.

Ja, das glaub 'ich, daß es noch eine gute Zeit anſtehn wird, bis ich Sonnenwirthin bin.

Nun ja, du wirſt doch meinem Vater nicht um den Tod beten.

Gott behüt 'und bewahr' mich! rief Chriſtine eifrig. Gelt, das iſt nicht dein Ernſt? Nein, ich gönn 'ihm und wünſch' ihm noch ein langes Leben

Und Enkel genug?

Sie ſchlug ihn auf den Mund. Ich hab 'nur ſagen wollen, es wird noch manches Wäſſerlein den Bach hinunter laufen, bis man uns zuſammenläßt. Ach, ich bin eben ein gering's Mädle und von armen Eltern, und die deinigen ſind reich und hoffährtig; du kannſt's dir ſelber ſagen, daß es da nicht ſo ganz glatt gehen wird. Mir ſelber geht auch viel ab, was zu dem Stand gehört. Wiewohl, ich will dir verſprechen, daß ich's an nichts fehlen laſſen will, und nichts ver¬ ſäumen, was ich noch lernen kann. Aber wenn auch du vielleicht mit127 einem ſolchen Verſprechen zufrieden biſt, ſo iſt's dein Vater noch lang nicht, denn der ſieht noch auf ganz andre Eigenſchaften.

Er ging mit ſtarken Schritten vor ihr in der Stube hin und her. Ich will dir nichts vormachen was nicht wahr iſt, ſagte er. Ich kann zwar im jetzigen Augenblick, glaub 'ich, viel auf meinen Vater bauen, aber ſo leicht wird's nicht gehen, daß ich ſagen kann: ich darf nur blaſen. Er wird vielleicht ein wenig aufgucken, wenn ich ihm ſag' was ich vorhab '; ſein Leibſtückle iſt's nicht, denn das hat einen andern Klang. Wir müſſen uns alſo darauf gefaßt machen, daß man uns ein paar Berg' in Weg wirft, und falſche Zungen können auch da¬ zwiſchen kommen. Aber, wie geſagt, ich ſteh 'jetzt mit meinem Vater ſo, daß ich hoffen kann, wenn er meinen Ernſt ſieht, ſo gibt er nach. Die Hauptſach' aber iſt: ich hab 'dich lieb, und will dich, und mir biſt du recht, und darum mußt auch allen Andern gut genug ſein. Ich will doch ſehen, wer mir das über den Haufen wirft, was ich mir einmal fürgenommen hab'. Ich bin feſt überzeugt und weiß ganz gewiß, wenn ein Menſch ſeinen Willen ernſtlich auf etwas ſetzt, und es iſt nichts Unrecht's, ſo führt er's auch durch. Ich aber hab 'mei¬ nen Sinn feſt darauf gerichtet, daß du mein Schatz und mein Weib werden ſollſt, und wie ich meinen Willen bei dir erreicht hab', ſo werd 'ich ihn bei meinen Eltern und bei den deinigen erreichen.

Chriſtine beruhigte ſich oder beſchwichtigte wenigſtens ihre Unruhe im Anſchauen und Anſchmiegen an ihren Freund. Er gefiel ihr gar zu gut; er kam ihr ſo männlich vor und war unter dem zuverſicht¬ lichen Reden gleichſam gewachſen.

Nun haſt du mein Herz und meine Hand und meinen Eid, fuhr er fort. Jetzt mußt du mir aber auch verſprechen, daß du mir treu ſein willſt, denn ich muß dir nur geſtehen, das 'Rumſchwanzen und Luſtigthun mit den ledigen Burſchen auf'm Tanzboden, das muß jetzt ein End' haben, und die Huſarentänz 'im Karz ſtehen mir auch nicht an.

Was, Huſarentänz '? Ich weiß nicht, was du willſt. Seit wir nicht mehr gut mit einander geſtanden ſind, bin ich gar nicht in Karz kommen, und daß ich ſelbigsmal auf den Tanzboden gangen bin, da s hätt' dir doch dein Herz ſagen ſollen, warum das geſchehen iſt.

Du haſt ja aber gar nichts mit mir gemacht. 128Hätt 'ich kommen und vor dich hinknieen ſollen?

Aber gelacht und geſchwätzt haſt mit den Andern, wie wenn ich gar nicht da wär '.

Ich hab 'doch nicht ſchreien und heulen können, wiewohl mir das nah' genug geweſen iſt; es iſt mich ſchwer ankommen, mich ſo zu ver¬ ſtellen, nachdem ich hingangen bin bloß um dich zu ſehen, und du gar nichts von mir gewollt haſt.

Und unter den Karzgängerinnen, die geſtraft worden ſind, biſt du nicht?

Sie wußte von nichts. Er mußte ihr den Vorgang erzählen. In ihrem abgelegenen Häuschen hatte ſie von der Geſchichte gar nichts gehört.

Jetzt iſt's recht, ſagte er lachend. Aber jetzt möcht 'ich erſt ein¬ mal den Huſarentanz von dir ſehen. Wie, mach' mir ihn einmal vor.

Sie ſah ihn mit großen Augen an. Sag 'das nicht noch ein¬ mal, entgegnete ſie ernſthaft. Es wär' mir leid, wenn's dein Ernſt wär '!

Nein, ſagte er und nahm ſie in die Arme, ich hab 'dich bloß ein wenig necken wollen. Ich hab' dich lieb und werth, und verlaß dich drauf, daß ich dich immer in Ehren halten werd '. Aber das mit den ledigen Buben, das haſt du mir noch nicht verſprochen.

Du wirſt mich noch bös machen! ſagte ſie. Was will ich von den ledigen Buben! Aber ich will dir's ſchwören, damit die arm 'Seel' Ruh 'hat. Da, ſieh, ich ſchwör's! und jetzt wollen wir ſehen, wer ſeinen Eid am längſten hält, du oder ich.

Auch er gab ſich nun ſeinerſeits zufrieden. Sie plauderten zu¬ traulich mit einander und malten ſich ihr künftiges häusliches Leben aus, wobei es nicht an Scherzen und Neckereien fehlte. Während ſie ſo Arm in Arm in der Stube herumgingen, rief Chriſtine auf ein¬ mal: Hu, wie kalt geht's an mich hin! was iſt denn das? Auch er empfand jetzt den kalten Luftſtrom und beide unterſuchten woher der¬ ſelbe komme. Eine von den runden Fenſterſcheiben fehlte und durch die offene Lücke drang die kalte Winterluft ins Zimmer. Das iſt vor¬ hin nicht geweſen! rief Chriſtine erbleichend. Sieh 'nur, da liegen die Glasſcherben auf der Bank! Herr Jeſus, da iſt Jemand vor dem Fenſter geweſen und hat uns zum Schabernack die Scheib' eingedrückt. Ich hab 'doch nichts gehört. Ich auch nicht, ſagte er, den Thatbeſtand129 in ſtummer Beſtürzung prüfend. Wir ſind verrathen! rief ſie wei¬ nend und verbarg das Geſicht an ſeiner Bruſt. Sei ruhig, der Wind wird's gethan haben, ſagte er; aber er ſelbſt war keineswegs ſo ruhig als er ſchien, denn er hatte noch eine andere Entdeckung gemacht, die Chriſtinens Argwohn nur zu ſehr beſtätigte. Auf den Staffeln der Außentreppe waren im Schnee friſche ſcharfe Fußſtapfen wahrzunehmen. Dies konnten nicht ſeine eigenen ſein; denn zur Zeit ſeines Kommens hatte es ziemlich ſtark geſchneit und ſeine Tritte mußten daher bald wieder verwiſcht worden ſein. Es war ihm kaum zweifelhaft mehr, daß, nachdem es zu ſchneien aufgehört, jemand ſich die Stiege herauf¬ geſchlichen und die Scheibe eingedrückt habe, worauf der Thäter wahr¬ ſcheinlich in der Meinung, durch das Klirren der Gläſer in der Stube einen Schreck erregt zu haben, ſchnell wieder entflohen war. Von dieſer Wahrnehmung aber theilte er Chriſtinen nichts mit; vielmehr ſuchte er ſie, als ſie ihn darauf aufmerkſam machte, daß ja gar kein Wind gehe, auf den Glauben zu bringen, die Katze werde es gethan und vielleicht von außen durch das Fenſter hereingewollt haben. Dies war jedenfalls ein annehmbarer Grund, wenn die Eltern bei ihrer Heimkunft der Sache nachfragten, und er hieß ſie inzwiſchen das Loch mit einem Tuch verſtopfen.

Sie waren noch im Reden und Rathen über den Vorgang be¬ griffen und Chriſtine hatte ihre Verſtörung noch keineswegs überwun¬ den, als die große Glocke auf dem Thurme anſchlug. Horch, die Betglock '! rief ſie, die Kirch' iſt aus, jetzt mach 'daß du fortkommſt!

Sie küßten und herzten einander, während Chriſtine ihn beſtändig forttrieb.

Heut 'Abend kommen wir zuſammen, nicht wahr? ſagte er.

Ja, ſobald meine Leut 'im Bett ſind, und das iſt ziemlich früh.

Ich treff dich hinterm Haus und dann ſpazieren wir ins Feld〈…〉〈…〉

Der Boden iſt beſtreut. Meinſt nicht, es werd 'dir zu kalt ſein?

Mich friert's nicht, wenn ich bei dir bin, aber jetzt mach 'dich fort.

Sie wollte ihn bereden, das Haus durch die hintere Thüre zu verlaſſen. Nein, ſagte er, vorn wo ich herein bin, da will ich auch wieder hinaus. Ich red 'ohnehin nächſter〈…〉〈…〉 Tag' ganz frei und offen mit deinen Eltern.

D. B. IV. Kurz, Sonnenwirth. 9130

Laß 'es nur noch ein wenig anſtehen, ſagte ſie, es iſt mir ſo angſt.

Und wenn ſie fragen ob jemand unter der Kirch 'bei dir geweſen ſei, ſo ſag'ſt ohne Weiters ja, ich ſei dageweſen.

Sie verſprach Alles und trieb ihn wiederholt zur Eile an, ſo daß er, als ſie ſich von einander losrißen, noch lange nicht genug geküßt zu haben meinte.

Er hatte ſeinen guten Grund, das Haus auf der Vorderſeite zu verlaſſen. Es ſollten nicht doppelte Fußſtapfen hinterbleiben, die viel¬ leicht ein endloſes Gewirr von Vermuthungen wach gerufen haben würden. Er trat ſorgfältig in die vorhandenen Spuren und folgte ihnen, um auf dieſe Weiſe etwa herauszubringen, wer vor dem Fen¬ ſter geweſen ſein möchte. Die Spuren führten an den äußerſten Häuſern des Fleckens hin und dann kreuz und quer durch einige Gä߬ chen, wo ſie ſich aber bald mit andern Fußſtapfen vermiſchten. Er mußte ſeine Nachforſchung als fruchtlos erkennen und ging kopfſchüt¬ telnd ſeines Weges. Die Leute kamen eben aus der Kirche. Er konnte es nicht vermeiden, manchem verwunderten und neugierigen Blick zu begegnen; da er ſich aber ruhig in den Zug miſchte, ſo brachte dies Viele, die ſich mehr mit Anhörung der Predigt als mit Muſterung der Zuhörer beſchäftigt hatten, auf den Glauben, daß er gleichfalls aus der Kirche komme.

10.

In der Sonne wurde der Neujahrstag mit einem Familieneſſen gefeiert. Die beiden Schwiegerſöhne hatten ſich mit ihren Frauen nach der Kirche zur Gratulation eingefunden und blieben nach hergebrachter Weiſe zu Tiſche da. Als Friedrich nach Hauſe kam, fand er ſchon die ganze Familie verſammelt. Da muß irgendwo ein Rädle gebro¬ chen ſein, dachte er, denn der Empfang war in der That ein ſehr wunderlicher. Der Chirurg wußte ſeinem Geſicht einen gewiſſen verlegenen Ausdruck zu geben; der Handelsmann, ein kugelrundes Figürchen in hellgelbem Rock, himmelblauer Weſte und mit lang131 herabfallenden weißen Halstuchzipfeln, drückte ſeine kleinen Aeuglein liſtig zuſammen und ließ dabei die vorſpringenden wulſtigen Lippen offen ſtehen, ſo daß ſie gleichſam einen ſtummen, aber ſichtbaren Seufzer eines ehrbaren Verwerfungsurtheils bildeten; die beiden Frauen ſchlugen die Augen nieder und ſchienen ſich kaum entſchließen zu können, dem Bruder die Hand zu geben, als dieſer mit einem treuherzigen Proſit's Neujahr! auf ſie zugegangen kam. Der Sonnenwirth ſah dieſer gezwungenen Begrüßung etwas verwundert zu; er kannte augen¬ ſcheinlich den Grund derſelben noch nicht, mochte aber denken, ſein Sohn werde es bei der Verwandtſchaft durch irgend ein nicht gar zu bedeutendes Ungeſchick verſchüttet haben; wenigſtens ließ er das, was vor ſeinen Augen vorging, geſchehen, ohne ſich mit Fragen darein zu miſchen. Friedrich aber hatte ſogleich an dem zuverläſſigſten Wetter¬ glaſe erkannt, daß etwas Schweres gegen ihn im Werke ſein müſſe, nämlich an dem gelben Geſichte ſeiner Stiefmutter, welchem ein offe¬ ner triumphirender Hohn eine Art von Blüthe verlieh. Es war ihm übrigens jede Verlegenheit erſpart, denn die Kinder des Krämers, die dieſer mitgebracht hatte, deckten mit ihrem jubelnden Empfange alle Lücken in der Liebe der Erwachſenen zu: ſie hatten dem Großvater geſchriebene Neujahrswünſche überreicht und als Gegengeſchenk neue Kreuzer nebſt mürbem Gebäck erhalten; jetzt ſprangen ſie im vollen Jubel ihres Glückes an dem kinderfreundlichen jungen Oheim empor und nahmen ihn in Beſchlag, bis das Eſſen aufgetragen war.

So lange das Geſinde, das diesmal an einem beſondern Tiſche ſpeiste, ſich in der Stube befand, wurde von der Witterung und von der heutigen Predigt geſprochen, welche ſich der mit einem guten Ge¬ dächtniß begabte Chirurg ſehr ausführlich anzueignen gewußt hatte. Nachdem aber Knechte und Mägde ſich entfernt und auch die Kinder auf Befehl ihres Vaters, jedes ein Stückchen Kuchen in der Hand die Stube verlaſſen hatten, begann dieſer mit muthwilligem Blinzeln: Iſt der Schwager heut 'auch in der Kirche geweſen?

Friedrich wurde roth. Ich hab 'Gott anders gedient, ſagte er.

Vielleicht zu Haus eine ſchöne Predigt geleſen,〈…〉〈…〉 oder ein Stück in Arndt's Wahrem Chriſtenthum?

Friedrich ſchwieg, der inquiſitoriſche Ton, aus welchem eine ge¬9 *132heime Bosheit ſprach, machte ihm das Blut, aber jetzt nicht aus Scham, nach dem Kopfe ſteigen.

Der Sonnenwirth, der noch mächtig am Braten arbeitete, hielt einen Augenblick inne, um zu ſchauen wo die Sache hinaus wolle, und ſah bald den Tochtermann, bald den Sohn mit fragenden Blicken an.

Die Sonnenwirthin hatte dem Erſteren, der den Laufgraben mit ſo viel Geſchick eröffnet, einen Blick der Zufriedenheit zugeworfen. Nun rückte ſie ſelbſt in's Feld, um ihm zu Hilfe zu kommen. Wenn er's nicht ſagen will, wo er geweſen iſt, ſo muß ich das Maul für ihn aufthun, ſagte ſie. Des Hirſchbauern ſeiner Jungfer Tochter hat er den Morgenſegen vorgebetet, juſt unter der Kirch '. Nun gibts zwar Freigeiſter, die Alles auf die leicht' Achſel nehmen (dabei ließ ſie einen Blick an ihrem Manne hinſtreifen) und Spülwaſſer löſcht auch den Durſt, wie das Sprichwort ſagt; aber noch ſagen, man hab 'Gott gedient, das iſt eine Sünd', die unſer Herrgott ge¬ wißlich zu den anderen Miſſethaten mit aufhaſpeln wird. Ich hab 'mich's von deinem Hab' und Gut koſten laſſen, ſetzte ſie gegen ihren Mann hinzu, daß die Perſon, von der ich die Sach 'weiß, nichts weiter ſagt, damit's nicht vor den Pfarrer kommt, was dein chriſtlich¬ geſinnter Sohn unter Gottesdienſt verſteht.

Der Krämer kicherte und riß einige Witze, die Friedrich beinahe außer ſich brachten; aber er ſchwieg noch, denn die plötzliche Entdeckung, daß er nicht bloß, wie ihm ſchon zuvor klar geweſen, verrathen, ſon¬ dern daß ſein Geheimniß in die ſchlimmſten Hände überliefert ſei, hatte ihn etwas ſeiner Faſſung beraubt.

Wer hat dir denn die Sach 'hinterbracht? fragte der Sonnenwirth ſeine Frau.

Das darf ich nicht ſagen, antwortete ſie, ich hab 'Stillſchweigen angeloben müſſen, kannſt dir wohl denken warum, aber die Perſon iſt zuverläſſig.

Und doch möcht 'ich rathen, ſagte der Chirurg mit einem wohl¬ wollenden Blicke auf ſeinen jungen Schwager, ſolchen unbekannten Perſonen nicht allzu viel zu trauen. Man muß Einen nicht gleich auf eine bloße Delation hin verdammen. Der Chirurg war weltklug: er wollte es mit der angegriffenen Partei nicht verderben;133 auch hatte er, ſeit ſein Ziel erreicht war, ſeiner Schwiegermutter mehr¬ fach gezeigt, daß er nicht ganz und gar in ihr Hörnlein zu blaſen geſonnen ſei. Dabei mochte er ein wenig von der Abneigung ſeiner Frau angeſteckt worden ſein, gegen welche er ſich oft über die Unſelbſt¬ ſtändigkeit und Unterthänigkeit des Krämers luſtig machte.

Die Sonnenwirthin hatte inzwiſchen in dem Geſichte ihres Stief¬ ſohnes geleſen. Was brauchen wir weiter Zeugniß? rief ſie. Er leugnet's ja ſelber nicht, daß er ſich mit dem ſchlechten Menſch einge¬ laſſen hat.

Der Sonnenwirth hatte eben die Gabel mit einem Stücke Braten erhoben; es war aber in Gottes Rathſchluß vorgeſehen, daß er daſſelbe nicht in den Mund bringen ſollte, denn Friedrich fuhr auf, durch das böſe Wort aus ſeiner Befangenheit herausgeriſſen, und rief: Ueber mich kann man ſagen was man will, das will ich Alles geduldig tragen, aber auf das Mädle laſſ 'ich nichts kommen, denn das Mädle iſt brav, und wer ſchlecht von ihr reden will, der kann ſich vor mir in Acht nehmen; ich leid's von Niemand, ſelbſt von Vater und Mut¬ ter nicht! Es iſt mir leid, Vater, daß die Sach' ſo vor Euch ge¬ bracht worden iſt, denn ich hab's ganz anders fürgehabt, wie Ihr Euch wohl ſelber einbilden könnt. Aber nun es einmal ohne meine Schuld heraus iſt, will ich's Euch frei bekennen: das Mädle iſt mein Schatz, und ich hab's treulich und ehrlich mit ihr, und will keine Andere heirathen als das Chriſtinele allein. Ich hab 'mir Eure Einwilligung zu einer gelegeneren Zeit erbitten wollen, aber jetzt iſt eben die Ge¬ legenheit vom Zaun gebrochen.

Ein ſtarres, ſprachloſes Staunen hatte ſich der Familie auf dieſes unumwundene Geſtändniß bemächtigt; der Sonnenwirth hatte die Gabel mit dem Braten auf das Tiſchtuch fallen laſſen, wo ſie, über den Rand hinausragend, keinen Halt fand und, der Sonnenwirthin unterwegs das Taffetkleid beſchmutzend, ihren Fall auf den Boden fortſetzte. Die Anſtifterin des Auftrittes konnte deßhalb an dem erſten Geräuſche der Exploſion keinen Antheil nehmen; ſie ſchoß mit einem wüthenden Blicke auf ihren ungeſchickten Eheherrn hinaus, um die Flecken an ihrem Kleide wo möglich zu vertilgen. Nachdem die be¬ ſtürzten Geiſter ſich wieder etwas geſammelt hatten, machten ſich die Gefühle über das unerhörte Unterfangen des jungen Menſchen in134 verſchiedener Weiſe Luft. Der Krämer ſtieß ein ſchrillendes Gelächter aus, das dem Geheul eines jungen Hundes nicht unähnlich klang, und ſeine kleinen Aeuglein verſchwanden in den Fettbergen, womit ſie umgeben waren. Seine Frau, Friedrich's älteſte Schweſter, ſchlug die Hände über dem Kopfe zuſammen und lamentirte. Der Chirurgus bewegte den ſeinigen gravitätiſch hin und her und begnügte ſich, durch dieſe ſtumme Gebärde ſeine ernſte, aber unvorgreifliche Mißbilligung an den Tag zu legen, während ſeine Frau ſchmerzlich ausrief: Ach Bruder, wirſt denn gar nie geſcheid werden?

Der Sonnenwirth hatte gleichfalls einige Zeit gebraucht, um aus einer Art von Erſtarrung zu ſich zu kommen. Als er ſich erholt hatte, ſtreckte er den Finger gebieteriſch gegen ſeinen Sohn aus. Laß dir im Hirn verganten! rief er: vor Allem aber reiſ 'dich, daß ich dich heut nicht mehr ſehen muß, und hörſt? komm mir ein paar ganze Tag' gar nicht vor's Angeſicht.

Friedrich ſtand gelaſſen auf, um dem Gebote ſeines Vaters zu ge¬ horchen. Ihr werdet noch beſſer von der Sach 'denken lernen, Vater, ſagte er, indem er ſich zum Gehen anſchickte.

Still! rief der Alte, ſei ganz ſtill, red 'gar nichts, denn jedes Wort, das aus deinem Mund geht, iſt ein Nagel zu meinem Sarg.

Der Sohn ſchwieg und ging ſchnell zur Thüre hinaus.

Es iſt doch ſchrecklich, jammerte die Krämerin, daß ſich der Bub 'gar nicht geben will. Kaum meint man, man hab' ihn auf dem rechten Weg, ſo kommt wieder ein ärgerer Streich.

Ja, ſagte der Krämer, das gäb 'eine Eh', die man aus dem Hei¬ ligen verhalten müßt '.

Freilich, wie die Lumpenſippſchaft, aus der das lüderlich 'Ding abſtammt, ergänzte ſeine Frau.

Ach Gott, ich will ihr ja ſonſt weiter nichts nachgered't haben, ſagte ihre jüngere Schweſter, die ſich zur Heirath mit dem Chirurgen bequemt hatte: aber ſie hat eben gar nichts als 'n Gott und' n Rock.

Eine ſchöne Partie für uns! rief die Krämerin. Der Bub 'iſt einmal im Kopf nicht richtig. Bei ſeiner Tauf' iſt der vorig 'Amt¬ mann zu Gevatter geſtanden, und jetzt will er uns ein ſolches Bauern¬ menſch in die Familie bringen.

135

Ich möcht 'nur wiſſen, mit was ſie ihm's angethan hat! ſeufzte die Chirurgin, die bisher ſeine Lieblingsſchweſter geweſen war.

Pah! lachte der Krämer, ſie handelt mit kurzer Waar ', und da beißt ſo ein Unverſtand gleich an.

Ja, ſagte ſeine Frau, Schwarz iſt auch eine Farb '.

Für den Liebhaber! fiel die Sonnenwirthin ein, die eben wieder in die Stube getreten war. Der Geſchmack verbirgt ſich nicht. Es heißt nicht umſonſt: Sage mir, mit wem du umgehſt, ſo will ich dir ſagen, wer du biſt. Dieſe Liebſchaft bringt's einmal recht an den Tag. Da kann man wohl auch ſagen: Hudel find't Lumpen, Hutſch find't ſein Hätſch.

Der Sonnenwirth, dem es bei all ſeinem eignen Verdruſſe doch durch die Seele ſchnitt, ſeine Frau in ſeiner Gegenwart ſo von ſeinem Sohne reden zu hören, ſagte unmuthig zu ihr: Das Zeugniß muß ich dir geben, daß du mir da ein ſchönes Zugemüſ 'angerichtet haſt. Hätteſt's nicht beſſer anbringen können, als juſt überm Eſſen. Wem du den Neujahrsſchmaus bereiteſt, von dem darfſt nicht fürchten, daß er nichts übrig laſſen werde.

Da muß ich freilich ſehr um Verzeihung bitten, entgegnete ſie: wenn ich gewußt hätt ', daß dir das Eſſen wichtiger iſt als der Le¬ benswandel deines Sohns, ſo hätt' ich geſchwiegen; aber ich hab 'eben gemeint, ich müſſ' reden, ſo lang's noch Zeit iſt und eh 'er vollends ganz in den Abgrund taumelt. Wiewohl, ich hab's auch früher nicht an Ermahnungen fehlen laſſen, und die Sach' iſt dir ſchon lang ſehr nah 'gelegen; wenn's ein Wolf geweſen wär', er hätt 'dich gefreſſen.

Der Sonnenwirth trommelte am Fenſter. Hab 'ich mir denken können, ſchnauzte er nach einer Weile herum, daß der Bub' ſo aus der Art ſchlagen und mit der dummen Liebſchaft Ernſt machen würd '? Jetzt muß man freilich mit ihm Ernſt machen, fuhr er gegen den Chirurgen fort, dem er noch am liebſten ein Wort gönnen mochte: und wenn man zu den ſchärfſten Mitteln greifen müßt', ſo iſt das Unglück nicht ſo groß, als wenn man der Sach 'den Lauf läßt. Hier muß man mit der Katz' durch den Bach.

Der Chirurgus, der bis jetzt das Reden den Andern überlaſſen und ſich dadurch ſeine Meinung frei behalten hatte, räusperte ſich und erwiderte: Das iſt gar kein Zweifel, Herr Vater, dieſe Liebſchaft iſt136 ein Uebel, eine Art Geſchwür, das man um keinen Preis aufkommen laſſen und im Nothfall mit Schneiden oder Brennen beſeitigen müßte. Jedennoch möcht 'ich unmaßgeblich rathen, nicht alſofort zum Aeußer¬ ſten zu ſchreiten, ſondern erſt gelindere und wo möglich auflöſende Mittel zu verſuchen. Der Schwager iſt zwar hm, hm kann's nicht in Abrede ziehen er iſt ein wenig ein Springinsfeld, aber er hat doch, mit Salvenia zu reden, kein ſo ungattiges Temperament, daß man gleich die Beinſäge bei ihm in Anwendung bringen muß. Ich ſchmeichle mir, bereits eine Arznei ausfindig gemacht zu haben, welche ſich als probat erweiſen dürfte. Für jetzt wäre es wohl nicht angemeſſen, den Herrn Vater länger mit dem fatalen Handel zu be¬ helligen, der, wie ich zu ſagen mir erlauben muß, nicht zu ganz rich¬ tiger Zeit an ihn gebracht worden iſt; denn bei Reden und Mitthei¬ lungen, inſonderheit wenn ihnen etwas Bitteres beigemiſcht iſt, ſollte man, wie bei den Latwergen aus der Apotheke, immer die paſſende Stunde beobachten. Zur Eſſenszeit beigebracht aber kann eine unverhoffte und widrige Nachricht leicht eine Indigeſtion effectuiren, woraus dann, je nach Beſchaffenheit der Leibesconſtitution, vielfache Infirmitäten fließen können. Aus dieſem Grunde würde ich dem Herrn Vater rathen, ſich jetzo eine kleine Bewegung in der friſchen Luft zu machen, damit die etwas geſtörten Lebensgeiſter wieder erwecket werden. Was aber den Schwager anbelangt, ſo muß man ihn mehr wie einen Patienten, denn wie einen Delinquenten anſehen, und wenn man den rechten Punkt bei ihm trifft, ſo hoffe ich, er werde noch zu curiren ſein. Man muß ihn nicht ganz wegwerfen.

Ja, ſetzte ſeine Frau mit einem Seitenblick auf die Krämerin hinzu, und ſeine Schweſtern ſollten's doch nicht ſo leicht vergeſſen, wie er ſich ihrer angenommen hat und ihnen immer ein guter Bruder geweſen iſt.

Die Sonnenwirthin hatte die anzüglichen Bemerkungen ihres ab¬ trünnigen Tochtermannes mit einem giftigen Lächeln verſchluckt und ei¬ nen Blick mit dem Krämer zu wechſeln verſucht, der aber, in der Er¬ kenntniß, daß er es aus zu großer Dienſtbarkeit gegen die Schwieger¬ mutter mit dem Schwiegervater verſchüttet habe, die Augen verlegen zu Boden ſchlug. Als jedoch ihre Stieftochter daran zu erinnern wagte, daß Friedrich ſeine Schweſtern gegen ſie in Schutz genommen,137 fuhr ſie auf. So? rief ſie, das ſoll ihm noch als eine Tugend an¬ gerechnet werden, daß er den häuslichen Frieden untergraben hat und Hader angeſtiftet und hat ſeine ruchloſe Hand gegen ſeine Mutter auf¬ gehoben? Und darob lobt man mir ihn in's Geſicht, wie wenn ich nicht die Frau im Haus mehr wär '?

Still jetzt! rief der Sonnenwirth auf den Tiſch ſchlagend: ich hab 'genug an dem Neujahrsſchmaus, will nicht auch noch einen Nach¬ tiſch dazu!

Die Familie ging mit einem ſauren Abſchied aus einander. Der Sonnenwirth lehnte eine Einladung des Krämers ziemlich trocken ab, nahm ſeinen Hut und ſchloß ſich im Weggehen dem Chirurgen an, der ihn in's Freie zu begleiten verſprach.

11.

Abends zur verabredeten Zeit traf Friedrich mit Chriſtinen zu¬ ſammen. Hat's was gegeben? fragte er. Sie verneinte es. Bei mir hat's ſchon eingeſchlagen! ſagte er und erzählte ihr den Auftritt, den es über Mittag abgeſetzt hatte, wobei er jedoch die grellen Farben deſſelben ſehr zu mildern Sorge trug. Chriſtine weinte und ſagte: Ich hab's wohl vorausgeſehen, daß ich den Deinigen nicht recht ſein werd '. Ach Frieder, wie wird's mir gehen? Da liegen viel Berg' und Thäler dazwiſchen, bis wir Zwei zuſammenkommen.

Reut's dich? fragte er. Mich reut's nicht.

So lang du ſo gegen mich biſt wie jetzt, reut's mich auch nicht. Aber wir werden eben viel zu leiden haben mit einander, das gibt ſchon der Anfang. Es iſt kein gut's Zeichen, daß es uns gleich am erſten Tag ſo hinderlich gehen muß. Ich möcht 'nur auch wiſſen, was für ein Neidhammel uns bei deiner Mutter verrathen hat.

Das möcht 'ich auch herausbringen, ſagte er. Hat dich vielleicht einer von den ledigen Buben geſehen geſtern Nacht, wie du den Brief in's Beckenhaus tragen haſt?

138

Mit deinen lebigen Buben! ſpottete ſie. Du meinſt immer, das ganz 'ledig' Mannsvolk ſei hinter mir auf dem Strich.

Ich ſag's nicht aus Eiferſucht, entgegnete er. Aber es iſt ja wohl möglich, daß dich einer auskundſchaftet hat und hat dich vielleicht mit mir reden ſehen. Du ſagſt ja ſelber, der Neid werd 'ihn getrieben haben.

Ich bin keinem begegnet, ſagte Chriſtine, und wenn mich je einer geſehen hätt ', hätt' er mich nicht erkannt, ſo flink bin ich geweſen. Nur Einer fällt mir ein, der hat mir ins Geſicht geſehen und könnt 'mich möglicher Weiſ' erkannt haben. Den rechnet man aber kaum zu den ledigen Buben und er wird dich nicht eiferſüchtig machen. Der Fiſcherhanne iſt's geweſen; der iſt vor ſeinem Haus geſtanden und hat, ſcheint's, auf das Schießen gehorcht, hat aber dabei geſchnat¬ tert vor Kälte.

Der Fiſcherhanne! rief Friedrich. Jetzt weiß ich wo ich dran bin. Der weißblütig 'Neidteufel hat mich von jeher verfolgt. Da iſt gar kein Zweifel, der iſt dir geſtern Nacht nachgeſchlichen wenn ihn nur der Mordſchlag troffen hätt'! und hat auch heut meinem Gang nachgeforſcht. Dem möcht 'ich jetzt für die zerbrochene Scheib' eins von ſeinen Geſichtsfenſtern ausſtoßen oder ein Eck von ſeinem ſieben¬ eckigen Kopf wegſchlagen.

Nein, du wilder, gewaltthätiger Bub '! ſagte Chriſtine, laß du ihn lieber in Frieden, ſonſt würdeſt nur aus Uebel Aerger machen.

Es iſt auch wahr, erwiderte er. Und zudem ſeit du mein biſt, iſt mir's ſo wohl, daß ich der ganzen Welt in Fried 'und Freundſchaft die Hand geben möcht'. Ich muß mich eigentlich zwingen, dem Fiſcher¬ hanne gram zu ſein, wie er's ja doch verdient. Auch meinem Vater hab 'ich heut kein bös Wort geben können, wiewohl's nicht recht von ihm iſt, daß er ſich gegen unſer Verhältniß hat einnehmen laſſen und hat mich gar nicht anhören wollen.

Bleib 'du immer ſo, ſagte Chriſtine, und wie du lieb gegen mich biſt, ſo ſei's auch gegen deine Nebenmenſchen. Wir müſſen die Hinder¬ niſſe, die man uns in den Weg wirft, durch Liebe zu überwinden ſuchen.

Aber dem Racker thu 'ich doch noch einmal einen Tuck, bemerkte Friedrich. Es gibt Menſchen, mit denen man in Liebe und Güte nicht fertig wird, ſonſt freſſen ſie Einen auf'm Sauerkraut.

139

Du ſollteſt eher auf das denken, wie du ihn gewinnſt, damit er uns nicht weiter verſchwätzt.

Dafür iſt ſchon geſorgt: meine Frau Mutter hat zu verſtehen geben, ſie hab 'ihn abgefunden, damit er dem Pfarrer nichts zutrage. Der ſchreit ſchon, wenn Einer am Sonntag eine Bettlad' anſtreicht. Wie würd 'er erſt einen Lärm machen, wenn er erführe, was wir für einen Gottesdienſt mit einander gehalten haben.

Red 'doch nicht ſo gottlos heraus! unterbrach ihn Chriſtine. Es iſt ja eine Sünd' und eine Schand ', wie du ſchwätzſt!

Was? wenn ein Bub 'ſein Mädle in Arm nimmt, die unſer Herr¬ gott für einander geſchaffen hat? Da müßteſt du ja Reu' und Leid tragen für jeden Kuß, den du mir heut unter der Kirch 'geben haſt!

Ach, Gott verzeih 'mir's! ich hab' dich eben ſo lieb, und darum hab 'ich's gethan. Aber recht iſt's doch nicht, und ſo davon zu reden, das iſt ſündlich.

Du Annemergele du! Aber wir wollen nicht ſtreiten. Komm, wollen lieber küſſen.

Mein'twegen, die Kirch 'iſt ja ſchon lang aus.

Sie gingen, ſich küſſend und umſchlingend, weit ins beſchneite Feld, ohne dem Froſt eine Gewalt über ihr Jugendfeuer zu gönnen; ja ſie warfen einander, wenn ſie ſich müde geküßt hatten, mit Schnee¬ ballen, und traf er ſie mit einem gar zu derben Wurfe, ſo gab dies wieder Anlaß zu Söhnungsbitten und neuen Liebkoſungen. Dazwiſchen zerſtreute er ihre ſtets auftauchenden Beſorgniſſe wegen der Zukunft durch die bündigſten Verſicherungen und Schwüre. Der Mond ſank erblaſſend gegen Weſten hinab und die erſten Schauer der Morgenkälte wehten über die Flur, als ſie ſich endlich trennten. Immer ſpäter kam in den nächſten Nächten die abnehmende Sichel auf den Schau¬ platz und immer noch traf ſie das Paar und beleuchtete eine Glück¬ ſeligkeit, die ſich um die Welt nichts kümmerte. Wenn aber je Chri¬ ſtine wieder zu ſorgen und zu zagen begann, ſo wußte Friedrich ſie zugleich zu necken und zu tröſten. Ich glaub ', der Muth verfriert dir, ſagte er, wir werden uns in der Hüterhütte bergen müſſen. Sieh', du biſt mein Weib vor Gott, ich werd 'nicht von dir laſſen und nicht eher ruhen, bis du es auch vor den Menſchen biſt. Ich hab' einmal geſagt: Ich will! und das Wollen in eigner Sach 'iſt viel ſtärker,140 als das Nichtwollen in fremder Sach'. Wenn ich eher den Kopf hergeb 'als meinen Willen und mein Herz, und das darfſt mir zu¬ trauen, ſo wird das Nichtwollen ſchon mürb' werden. Merk 'dir nur Eins und laß dir's geſagt ſein: Will' und Lieb ', die ſtiehlt kein Dieb.

12.

Zu dem Gantverfahren, das der alte Sonnenwirth ſeinem Sohne angerathen hatte, ſchien er ihm volle Zeit und Muße verſtatten zu wollen; denn er ließ ihn ſeine Tage und Nächte ungeſtört nach ſeinem Gutdünken hinbringen. Friedrich befolgte das Gebot ſeines Vaters, ihm nicht vor's Angeſicht zu kommen, buchſtäblich, und obgleich ſeine Stiefmutter täglich über die geſtörte Hausordnung ſeufzte, wenn er ſich das Eſſen durch die Dienſtboten auf ſeine Kammer bringen ließ, ſo wußte ſie doch nichts dagegen einzuwenden, weil er ſich auf den unmittelbaren Ausſpruch des Familienoberhauptes berufen konnte. Dabei ließ er ſich's jedoch angelegen ſein, mit ſeinen Dienſtverrichtun¬ gen immer da einzugreifen, wo er den Vater nicht gegenwärtig wußte. Die Nächte widmete er den Zuſammenkünften mit ſeiner Geliebten, und da er mit allen Gängen und Schlichen vertraut war, ſo machte es ihm keine Schwierigkeit, beim Heimgehen wieder in das verſchloſſene Haus zu kommen. Es ſchien ihm beinahe, als ob ſein Vater, nach¬ dem er einmal ſeine Willensmeinung ausgeſprochen, den Dingen ohne weiteres Einſchreiten den Lauf laſſen wollte.

Hierin täuſchte er ſich aber ſehr. Der Sonnenwirth hatte, nach reiflicher Berathung mit dem Chirurgen, ſeinen Plan und Entſchluß gefaßt, und wenn die Ausführung deſſelben ſich gerade ſo lange ver¬ zögerte, um einen bereits geſponnenen Schickſalsfaden vollends unab¬ änderlich zu befeſtigen, ſo war ja dies einer von den Fehlſchlägen, welche die kurzſichtigen Rathſchläge der Menſchen ſo häufig treffen. Der Sonnenwirth wollte ſicher gehen und ſeinen Plan gründlich durch¬ ſetzen. Er ſchickte ſeine Frau, mit einem Brätchen aus der Metzig, in's Amthaus, um durch ſie der Amtmännin zunächſt mittheilen zu laſſen,141 was er mit ſeinem Sohne vorhabe. Hierzu hatte er einen doppelten Grund. Einmal beanſpruchte die Obrigkeit dieſelbe unbedingte Gewalt über den Bürger, welche dieſer über das Thun und Laſſen ſeiner Kinder, ſelbſt in ihren eigenſten Angelegenheiten und noch im erwach¬ ſenen Alter, auszuüben ſich berechtigt glaubte, und es wäre ſehr übel vermerkt worden, wenn man in einem Hauſe auch nur eine Familien¬ ſache ins Werk zu ſetzen gewagt hätte, ohne ſich vorher den Rath des geſtrengen Herrn unter der Leitung ſeiner noch geſtrengeren Frau zu erbitten oder ihnen wenigſtens der äußeren Form nach die Ehre der Gutheißung zu laſſen. Außerdem aber wollte der Sonnenwirth durch dieſe Unterwürfigkeit für den Fall, daß ſein Sohn den Widerſpänſtigen machen würde, ſich des amtlichen Beiſtandes verſichern.

Die Amtmännin nahm das Geſchenk und die Mittheilung der Sonnenwirthin mit Wohlgefallen auf. Sie geſtand ihr offen, daß es ihr jedesmal übel werde, wenn ſie den ungeſchliffenen Flegel nur von weitem ſehen müſſe. Auch war ſie der Anſicht, daß für die Ruhe des Fleckens nicht beſſer geſorgt werden könne, als durch ſeine gänz¬ liche Entfernung auf immer oder doch auf möglichſt lange Zeit; denn, meinte ſie, ein ſo gewaltthätiger Menſch, der kein Geſetz achte, könnte am Ende, wenn nicht Alles nach ſeinem Kopfe gehe, wohl noch im Stande ſein, Mord und Todtſchlag zu verüben oder gar den Leuten die Häuſer über dem Kopfe anzuzünden. Sie verhehlte der Sonnen¬ wirthin nicht, daß gar mancherlei über ihn gemurmelt werde. Man ſage, er habe an Sylveſter nicht nur beinahe die ganze Nacht auf höchſt gefährliche Weiſe im Flecken geſchoſſen, ſondern auch ſeinen Fein¬ den einen Mordſchlag gelegt, der ſo Menſchen als Gebäuden einen erheblichen Schaden hätte bringen können; anderer Greuelthaten zu geſchweigen. Alles dieſes werde mit leichten Stücken zu beweiſen ſein, ſo wie man ihm nur ernſtlich zu Leibe gehen wolle, und das Amt halte alſo bereits wieder neue Blitze gegen ihn in der Hand. Es ſei ſonach eine wahre Wohlthat für den ungerathenen Jungen, wenn man ihn dieſen Blitzen noch zu rechter Zeit entziehe, und möge er dann fortbleiben, oder, was ſie zwar nicht hoffe, ſpäter geſchult und gebeſſert zurückkehren, ſo ſei jedenfalls die Sonne vor dem Unglück behütet, durch eine ſo unanſtändige Heirath zu einem Pöbelwirthshauſe zu werden, aus wel¬ chem ehrbare Leute wegbleiben müßten. Die Sonnenwirthin ſtimmte142 allen ihren Reden aus mütterlichem Herzen bei und brachte dieſelben, nachdem ſie mit der Amtmännin viel darüber geſpottet, welch 'eine Wirthin das Bauernmenſch geben würde, freigebig mit Zuſätzen ver¬ mehrt ihrem Manne heim.

Nach dieſer vorläufigen Verläſſigung begab ſich der Sonnenwirth mit dem Chirurgus zum Amtmann, dem er mit Hilfe des Letzteren vortrug, er habe, wie dem Herrn Amtmann wohl bewußt ſein werde, einen Sohn, der unerachtet aller väterlichen Bemühungen und trotzdem daß er viel Geld auf ſeine rechtliche und chriſtliche Erziehung verwendet, bis jetzt nicht habe einſchlagen wollen und ihm nun gar noch das Kreuz mache, in ſeiner Minderjährigkeit an eine ganz ungleiche Heirath mit einer Bauern¬ tochter, die nichts ſei und nichts habe, zu denken. Da nun das Sprichwort mit Recht ſage: Wohl aus den Augen, wohl aus dem Sinn , ſo habe er ſich reſolvirt, ihn in die Fremde zu ſchicken. Er habe in Frankfurt oder vielmehr in Sachſenhauſen, welches gleich da¬ neben über'm Mainſtrom liege, einen leiblichen Bruder, der daſelbſt gleichfalls Wirth zur Sonne und in jungen Jahren durch eine Glücks¬ heirath mit einer Wittwe in den Beſitz derſelben gekommen ſei. Dem wolle er ſeinen Sohn zuſchicken, in der Hoffnung, daß derſelbe unter einem fremden Himmel und bei andern Leuten ſeine Thorheit ver¬ geſſen und ſich vielleicht den Kopf auf eine zuträgliche Art verſtoßen und die Hörner ablaufen werde. Er habe ſich nun die Freiheit neh¬ men wollen, zu fragen was der Herr Amtmann von der Sache denke. Der Amtmann erwiderte, der Gedanke habe ſeinen ganzen Beifall, denn fremde Städte und fremde Menſchen ſehen, das putze den Kopf aus. In dem Frankfort, ſagte er, bin ich auch ſchon geweſen, worauf der Sonnenwirth und der Chirurgus ihre unterthänige Verwunderung ausdrückten, daß der Herr Amtmann ſchon ſo weit gereiſet ſei. Die Amtmännin, welche ſich ungeſäumt im Rathe eingefunden hatte, ſprach davon, wie wohlthätig es überhaupt wäre, wenn man alle ungeſchlachte junge Leute ein wenig in die weite Welt ſchicken könnte, um dort gehobelt zu werden. Als ſodann der Sonnenwirth die Möglichkeit zur Sprache brachte, daß ſein Sohn es etwa an der gewünſchten Reiſeluſt fehlen laſſen könnte, hieß ihn der Amtmann ganz außer Sorgen ſein, denn er werde jedenfalls mit ſeiner vollen Autorität dazwiſchen fahren und gedenke mit einem jungen Trotz - und Querkopf143 ſchon noch fertig zu werden; er ſchreibe ohnehin heute noch einen Be¬ richt über Mehreres nach Göppingen, und wolle in denſelben einflie¬ ßen laſſen, daß der junge Menſch, der dem löblichen Oberamt auch ſchon mehr als billig zu ſchaffen gemacht, mit ſeiner Erlaubniß in die Fremde gehe.

Darauf empfahl ſich der Sonnenwirth nebſt ſeinem Schwiegerſohne unter vielen Dankſagungen und berief zu Hauſe ſogleich ſeinen Sohn zu einer Unterredung in Ernſt und Güte, nach welcher Friedrich mit väterlicher Einwilligung in das Haus des Hirſchbauern ging, um von Chriſtinen Abſchied zu nehmen. Nur unter dieſer Bedingung hatte er ſich dem Willen ſeines Vaters gefügt. Bei dieſer Fügſamkeit waren aller¬ dings die Drohungen des Amtmanns, von welchen ihn ſein Vater in Kenntniß zu ſetzen für geeignet befunden hatte, der natürlichen Gutmüthig¬ keit ſeiner vom Glück der Liebe befriedigten und deßhalb auch für die Mahnungen der Kindespflicht zugänglichen Seele zu Hilfe gekommen; aber keine Rückſicht hatte ihn zur Nachgiebigkeit gegen den Wunſch ſeines Vaters bewegen können, ſogleich und ohne Abſchied von Chri¬ ſtinen abzureiſen, und der Sonnenwirth war genöthigt geweſen, von dieſem Begehren abzuſtehen, wenn nicht ſein ganzes Vorhaben daran ſcheitern ſollte. Friedrich erklärte ſeinem Vater, daß er morgen früh vor Tag den Stab ergreifen wolle, und ſagte ihm deshalb auf der Stelle Lebewohl. Von der Stiefmutter nahm er keinen Abſchied. Da¬ gegen verabſchiedete er ſich freundlich vom Chirurgen, welchem er bei ſeiner Bewerbung und nachher ſeine Abneigung mehr als einmal in nicht gar feiner Weiſe gezeigt hatte, und in welchem er nun einen gutgeſinnten Schwager gefunden zu haben glaubte. Derſelbe geſtand ihm zwar nicht, daß er der Urheber dieſer Trennung ſei, in welcher er das auflöſende Mittel erblickte, das er dem Sonnenwirth empfohlen hatte; doch ſagte er ihm offen, er ſei mit dem Entſchluſſe ſeines Va¬ ters einverſtanden und halte dieſe Reiſe für die beſte Art von einer Sache los zu kommen, die nun eben einmal nicht ſein könne, worauf Friedrich erwiderte, es ſei ihm zwar leid, daß ſeine Standhaftigkeit auf dieſe Probe geſetzt werde, aber es freue ihn auch wieder, weil er hoffe, daß er die Probe beſtehen werde. Der Chirurgus und ſeine Frau ſchüttelten über dieſe Erklärung den Kopf, ließen es aber hie¬ bei bewenden, weil ſie der jugendlichen Feſtigkeit in Durchführung144 gefaßter Vorſätze, vielleicht eigener Erfahrung zufolge, kein großes Ver¬ trauen ſchenkten. Wirſt du auch den weiten Weg finden? fragte Magdalene mit Thränen in den Augen. Bis nach Heilbronn, ant¬ wortete er düſter lachend, kenn 'ich ihn ſchon, und das wird ungefähr halbwegs ſein. Der Chirurgus holte mit Wichtigkeit eine Homann'ſche Karte des deutſchen Reiches, die er beſaß, und demonſtrirte ihm mit dem Zirkel, daß das noch nicht ganz den dritten Theil der Reiſe be¬ trage. Dann muß ich eben noch ein wenig weiter gehen, ſagte Fried¬ rich: das Frankfort wird ja nicht aus der Welt liegen; ich geh' eben der Naſ 'nach; und die Leut' an dem Main da drunten werden die Naſ 'auch grad' überm Maul tragen, juſtement wie wir hie. Dann ſchüttelte er ſeinen Verwandten die Hände und ging. Bei dem Schwa¬ ger Krämer klopfte er nur im Vorübergehn an's Fenſter und rief ſeiner Schweſter einen kurzen Abſchiedsgruß zu, lockte aber ihre Kinder eine Strecke weit mit ſich und entließ ſie geküßt und beſchenkt.

Nachdem er dieſe gleichgiltigeren Angelegenheiten abgethan hatte, trat er den ſchweren Gang zu Chriſtinen an. Diesmal ſuchte er keine Nebengäßchen, ſondern ging den geraden Weg bis ans Ende des Fleckens und ſah dabei allen Begegnenden herzhaft und freundlich in's Geſicht. Als er aber die Treppe ſo weit unter ſich hatte, um im Hinaufſteigen einen Blick durch das Fenſter werfen zu können, ſtieß er einen Fluch aus, ſprang den Reſt der Stufen mit zwei Sätzen hinauf und ſtürzte wüthend in die Stube, wo der alte Hirſchbauer ſeine Tochter ſo eben an den Zöpfen ergriffen hatte und die Hand aufhob ſie zu ſchlagen. Halt! rief Friedrich, warf ſich zwiſchen Beide und riß die Tochter von dem Vater weg: Wenn Euch Euer Leben lieb iſt, rief er, ſo unter¬ ſteht Euch nicht, ihr ein Haar zu krümmen! Mir allein kommt das Recht zu, ſie zu ſchlagen, wenn ſie etwa gefehlt hat.

Das könnt 'ich brauchen, polterte der Hirſchbauer, daß mir einer meine Tochter verführt und noch dazu in meinem Haus den Meiſter ſpielen will. Weiß wohl, wo die Häglein niedrig ſind, da drüber ſteigt man gern; aber mich ſoll Armuth und Niedrigkeit nicht ſo weit bringen, daß ich Muthwillen mit mir und den Meinigen treiben laſſ'.

Es iſt von keinem Muthwillen die Red ', ſagte Friedrich, und ich bin kein Verführer. Ich will Eurer Tochter alle Ehr' und alle Treu '145erweiſen, und meine Abſicht iſt auf nichts Anders gerichtet, denn daß wir als Ehleut' zuſammen kommen.

Und dazu geht man in die Fremde? rief die Bäuerin mit zorni¬ gem Lachen. Ja, ja, weit davon iſt gut fürn Schuß!

So, das iſt auch ſchon ausgeſchwätzt? ſagte Friedrich. Wer hat Euch denn das hinterbracht?

Seine Mutter iſt dageweſen, erwiderte die Bäurin, Er braucht nichts zu leugnen.

Ich will auch nichts leugnen, begreif's aber wohl, daß Unſamen hier ausgeſtreut worden iſt. Wahr iſt's, daß ich gehen muß, weil mein Vater für jetzt nicht gut zu dieſer Heirath ſieht, und weil er vielleicht meint, in einer andern Luft wachſe mir auch gleich wieder ein anderer Kopf. Aber Alles hat ſeine zwei Seiten. Mein Vater kann mir nichts befehlen, was für mein ganzes Leben gelten ſoll, denn über die Zukunft muß ich ſelber Herr ſein, und ſein Vater ſpringt auch nicht mehr hinter ihm drein, um ihm die Fliegen abzuwehren oder ihn zu hüten, daß er den Fuß nirgends anſtoßt. Aber wenn er mir jetzt in die Fremde zu gehen befiehlt, ſo gehorch 'ich ihm und glaub' ihn auch damit beſſer herumzubringen, als mit Ungehorſam und Trotz. Er wird dann ſchon ſehen, daß ich in dem, was meine eigene Sach 'iſt, mein Herz nicht ändere, und zuletzt wird er mit ſeinem einzigen Sohn ein Einſehen haben und wird uns zuſammen laſſen. Damit jedoch mein Schatz und die Ihrigen nicht an mir zweifeln, deswegen bin ich herkommen, um den Verſpruch vor meinem Fortgehen richtig zu machen und mit Euch darüber zu reden.

Der Hirſchbauer und ſein Weib ſahen einander an; dieſe Erklärung lautete ganz anders als das, was die Sonnenwirthin ihnen geringſchätzig und ſpöttiſch vorgeſagt hatte, um ſie gegen ihre Tochter und deren Liebhaber aufzureizen.

Seine Mutter, hob der Hirſchbauer wieder an, hat uns geſagt, daß Er mit leichtem Herzen fortgeh 'und ſelber froh ſei, der Feſſel wieder ledig zu werden. Und wenn nun das auch nicht ſo iſt und Er andere Abſichten hat, ſo wird Er mir doch nicht zumuthen wollen, daß ich meine Tochter einer Familie aufdringen ſoll, die nichts von ihr wiſſen will.

Laßt das gut ſein, Vetter, ſagte Friedrich. Die Sach 'iſt nichtD. B. IV. Sonnenwirth 10146mehr anders zu machen. Das Mädle will mich und ich will ſie; uns zwei reißt niemand mehr aus einander. Alſo handelt wie ein recht¬ ſchaffener Vater an ſeinem Kind handeln ſoll, und tretet nicht auch noch zu unſern Feinden.

Die beiden Alten eiferten und ſchalten heftig über dieſe eigen¬ mächtige Art, eine Liebſchaft anzufangen, und namentlich meinte die Hirſchbäuerin, ihre Tochter hätte wohl eine Züchtigung dafür verdient. Auch betheuerte ſie, ſie habe nie daran gedacht, daß er darum in ihr Haus gekommen ſei, um durch ein Liebesverhältniß mit ihrer Tochter ſeinen Eltern Verdruß zu machen, und wälzte jede Verantwortlichkeit dafür feierlich von ſich ab. Allein ungeachtet des polternden Tones waren Beide ſichtbar beſänftigt durch die Offenheit, mit welcher der junge Mann ſeine Geſinnung ausgeſprochen hatte. Sie gaben ſich jedoch Mühe, dies nicht merken zu laſſen, und der Hirſchbauer ſagte: Man ſpricht auch, daß Er ſo gewaltthätig ſei und daß man von Ihm nichts als Ungelegenheit haben werde; Er ſoll ja haben verlauten laſſen, wenn Er Seinen Willen nicht durchſetze, ſo werde Er Alles über Einen Haufen ſtechen und den Flecken anzünden.

Das iſt nicht wahr! rief Friedrich entrüſtet, es iſt kein ſolches Wort aus meinem Mund gangen. Wer hat das geſagt? Er ſoll ſich ſtellen und mich überführen.

Der Hirſchbauer ſchwieg.

Ich weiß ſchon, fuhr Friedrich fort. Meine Stiefmutter Ihr müßt ſie nicht meine Mutter heißen die ſucht mich auszurotten, ſie gönnt mir das Schwarze unterm Nagel nicht. Aber ſaget ſelber: wie ſtimmen ihre Reden zuſammen? Wie kann ſie denn behaupten, ich möcht 'über alle Berg' und aus dieſen Banden los ſein, wenn ſie hinwieder von mir ſagt, ich ſei auf meinen Willen ſo verſeſſen, daß ich ſengen und brennen woll ', wenn ich Eure Tochter nicht krieg'? Ohne die hätt 'ich bei meinem Vater ein leichters Spiel. Wenn meine Schweſter und ihr Mann, der Chirurgus, nicht wären, ſo ging' ich gar nicht fort, denn ſie thät 'mich in meiner Abweſenheit vollends ganz untergraben, aber ich hoff', die zwei werden mich vertheidigen.

Vielleicht, ſagte der Hirſchbauer nach einigem Beſinnen, ließ 'ſich ein Wort mit Seinem Herrn Schwager reden und auch mit dem Herrn147 Pfarrer. Wenn die beiden Herren etwas bei Seinem Vater ausrichten, ſo könnt' man ja noch einmal von der Sach 'reden. Aber ſo, wie's jetzt ſteht, kann ich nicht nur ſo ohne Weiters meine Einwilligung geben, denn ich will mir nicht nachſagen laſſen, daß ich mich mit den Meinigen in eine Familie eingedrungen hab', wo wir überläſtig ſind.

Redet mit dem Pfarrer und dem Chirurgus, wenn ich fort bin, ſagte Friedrich, denn fort muß ich jedenfalls auf einige Zeit, das thut mein Vater nicht anders. Und füget mir's dann zu wiſſen, wie die Unterredung ausgefallen iſt. Jetzt aber bin ich die längſt 'Zeit da¬ geweſen, und Ihr werdet es nicht anders als billig finden, daß ich von meinem Schatz unter vier Augen Abſchied nehm', denn mein Schatz iſt und bleibt ſie, und wenn der Himmel einfällt. Nun behüt Euch Gott, Vetter und Baſ ', und geb', daß ich bald Schwährvater und Schwieger zu Euch ſagen kann. Haltet mir mein 'Schatz gut; ich will nicht, daß ſie Euch zur Laſt fallen ſoll, und werd' das Koſt¬ geld für ſie bezahlen ſo lang ſie bei Euch im Haus iſt, denn ich ſeh 'ſie als mein Eigenthum an, und will ſie bei Euch eingeſtellt haben, wie das Lamm, das ihr gehört. Hiermit legte er lachend einen guten Theil des Reiſegeldes, das ihm ſein Vater gegeben hatte, auf den Tiſch; denn er hatte unter dem Reden wahrgenommen, daß ſich die zerbrochene Scheibe noch in dem Zuſtande wie ſie von Chriſtinen verſtopft worden war befand, und daraus den Schluß gezogen, daß die Armuth der Leute nicht einmal geſtattet habe, den Glaſer zu holen. Ihr zwei aber, ſagte er zu den beiden Söhnen, die ebenfalls in der Stube anweſend waren, ſich aber ſo wenig wie Chriſtine in's Geſpräch miſchten, ihr zwei kommt in einer Stunde in's Beckenhaus, wir müſſen den Abend noch einen Abſchiedstrunk mit einander thun.

Er gab dem Bauer und der Bäuerin die Hand zum Lebewohl und ſie ließen es ſchweigend geſchehen, daß er ſein Mädchen am Arme nahm und mit ſich aus der Stube zog. Ein Seufzer der Bäuerin den man verſchieden auslegen konnte, und ein Kopfſchütteln des Bauern, das ſchon nicht ſo viele Deutungen zuließ, war Alles was nach ſeinem Weggehen geäußert wurde.

Chriſtine fiel ihm draußen laut weinend um den Hals. Wenn mich nur mein Vater geſchlagen hätt ', ſchluchzte ſie, vielleicht wär' mir's leichter geworden. Sieh, es hat mir Stich aus Stich durch's10 *148Herz geben, wie ich gehört hab ', daß du fort gehſt; mein Herz hat ſich ganz zuſammengezogen, und ſeitdem thut mir's fortwährend weh. Ach Gott, was ſoll aus mir werden, wenn ich dich nicht mehr hab'!

Mach 'mir das Herz nicht ſchwer, ſagte er. Sieh, es iſt mir ja ſchrecklich, daß ich von dir gehen muß, aber es kann nicht anders ſein, und ich bin bei dir und du bei mir, wo ich auch ſein mag in der Welt. Es iſt wohl weit weg, aber doch nicht ſo gar weit, daß wir nicht einander ſchreiben oder ſogar zu einander kommen könnten, wenn's Noth thut. Denk' dir alle Möglichkeiten der Reih 'nach, ſo muß es uns doch zuletzt nach Wunſch und Willen gehen. Entweder gibt mein Vater nach, wenn er unſere Beſtändigkeit ſieht, dann iſt ja Alles recht und gut; oder wir müſſen warten bis er das Zeitliche ſegnet, dann iſt's zwar ſchlimm, aber doch beſſer als gar nichts; oder er verſtoßt mich, wenn er mir den Sinn nicht brechen kann, dann kann er mir aber auch nichts mehr verbieten, und heißt's eben: Mann, nimm deine Hau', ernähr 'deine Frau; oder find' ich vielleicht in der Fremde bei meinem Vatersbruder oder ſonſt wo eine Heimath, man kann ja nicht wiſſen wie's geht in der Welt, dann laſſ 'ich dich nachkom¬ men; wenn's vielleicht für's Erſt' nur ein Dienſt wär ', den ich dir da drunten verſchaffen könnt', ſo wären wir doch näher bei einander und könnten's nach und nach weiter bringen. Kurzum, ich mag mir aus¬ denken was ich will, das End 'vom Lied iſt eben immer, daß wir Mann und Weib werden.

Ja, aber da drunten gibt's gewiß ſchöne Jungfern, die mich bei dir ausſtechen.

Sorg 'du nicht für mich, hab' du vielmehr Acht, daß du mich nicht von den Ebersbacher Buben aus deinem Herzen vertreiben läßt.

Ei ſo laß doch endlich das Geſchwätz mit den Buben ſein! ſagte ſie ſchmollend.

Was dir recht iſt muß mir billig ſein, erwiderte er. Such 'du mich nicht hinterm Ofen, dann guck' ich auch nicht, ob du dahinter ſteckſt. Jetzt laß uns aber die letzten Stunden nicht mit Zank und Trutz verderben, es iſt ja doch keinem von uns beiden Ernſt damit.

Nachdem ſie noch längere Zelt in ſolchen Wechſelreden verbracht, ſagte Friedrich: Ich muß jetzt gehen, ich hab 'noch Geſchäfte mit mei¬ nem Pfleger. Ich nehm' aber jetzt nicht Abſchied von dir, denn ich149 thu's nicht anders, ich komm 'heut zu dir in deine Kammer, nach¬ dem's jetzt mit deinen Eltern ſo gut wie richtig iſt.

Sei aber vorſichtig, ſagte ſie, und mach 'kein Geräuſch, ſonſt könnteſt bald ſehen, daß es nicht ſo richtig iſt wie du meinſt.

Hab 'du keine Angſt, erwiderte er.

Er begab ſich zu ſeinem Vormund, einem im Flecken angeſehenen Rathsherrn, um ihm einen Abſchiedsbeſuch zu machen und zugleich aus ſeinem mütterlichen Vermögen einen Zuſchuß zu ſeinen Reiſemitteln zu verlangen, welche ſo eben einen beträchtlichen Ausfall erlitten hatten. Der Vormund aber ſchlug ihm ſein Anſinnen rundweg ab; er wußte ihm haarklein vorzurechnen, was er von ſeinem Vater zu Weihnachten und was er heute von ihm als Reiſegeld erhalten habe, ſchärfte ihm die Tugend der Sparſamkeit ein, machte ihm derbe Vorwürfe über die dumme Liebſchaft, die ihn aus dem Vaterhauſe treibe, und ermahnte ihn ſchließlich, ſein Hab 'und Gut nicht an Menſcher zu hängen. Ich wär' nicht zu Ihm gekommen, wenn ich nicht Geld braucht hätt '! ſagte Friedrich und wetterte im Fortgehen die Thüre hinter ſich zu. Mit tauſend Verwünſchungen kehrte er dem Hauſe des Vormun¬ des den Rücken und ſagte dann zu ſich: Ich darf mich wohl zuſam¬ men nehmen, wenn ich bis zu meinem Ziel kommen ſoll, ohne unterwegs zu betteln oder zu ſtehlen; und zu meinem Vetter ſollt' ich doch we¬ nigſtens auch noch ein paar Batzen mitbringen, ſonſt iſt's ja eine Schand '; und meiner Chriſtine muß ich doch auch was ſchicken, denn leerer Gruß geht barfuß. Der Teufel hol' den Hornabſäger, den Kümmichſpalter, der mir mein eigen Geld vorenthält. Ich darf weiß Gott auf dem Weg kein einzigmal was Warm's eſſen, wenn ich mit meinem Zehrpfennig langen ſoll.

Er ließ aber im Bäckerhauſe nichts von ſeiner Verlegenheit merken, ſondern plauderte treuherziger und fröhlicher als es ihm eigentlich um das Herz war, mit ſeinen Schwägern, wie er ſie offen vor den Leuten nannte, und als die Bäckerin theilnehmend bemerkte, ſie ſei nur noch begierig, was dieſe Geſchichte für ein Ende nehmen werde, die ſich in ihrem Haus angeſponnen habe, rief er leichtfertig lachend: Das wird eine ſchöne Eh 'geben, wo der Mann die Häfen verbricht und das Weib die Schüſſeln!

150

Lachend gingen ſeine Geſellen mit ihm fort. Auf dem Wege er¬ öffnete er ihnen, daß er dieſe Nacht in ihrem Hauſe bei ihrer Schwe¬ ſter zuzubringen geſonnen ſei. Sie fanden das in der Ordnung und ließen ihn mit ſich ein.

13.

Und nun den letzten Kuß! ſagte Friedrich, als kaum der Morgen graute. Das Scheiden und Meiden iſt ein ſchlechtes Handwerk, und der böſ 'Gott woll's dem behüten, dem's zuerſt eingefallen iſt, aber es muß nun einmal ſein.

Wenn ich nicht Sorg 'hätt', mein Vater oder Mutter könnt 'auf¬ wachen, ſo ließ' ich dich noch nicht fort, ſagte Chriſtine unwillkürlich ſeinen Arm umklammernd. Es hat ſich ja noch nicht einmal ein Hahnenſchrei hören laſſen.

Sie werden bald krähen, und dann währt's nicht lang mehr, ſo wird's lebendig im Ort und ich kann nicht mehr unbeſchrieen fort¬ kommen, was mir unlieb wär ', weil ich des Geſchwätzes mit den Leuten überdrüſſig bin und nicht jedem auf die Naſ' binden mag, warum ich in die Fremde ſoll. Fort muß ich ja doch einmal, und ſo iſt's eins, ob wir den bittern Kelch jetzt trinken oder ein wenig ſpäter. Denk 'dir, wir ſeien verheirathet, was wir ja auch eigentlich ſind, und ich müſſ' verreiſen auf längere Zeit. Wie Mancher hat ſchon von Weib und Kind weg in Krieg müſſen, und iſt gar nicht wieder kommen.

Wann wirſt auch du wieder zu mir kommen? ſeufzte Chriſtine.

Am Sanct Nimmerlestag, wo die Eulen bocken. Frag 'nicht ſo ſchäckig, weißt ja doch ſelber wohl, daß ich komm', wenn ich kann und darf. Soll ich dir denn Alles wieder herleiern, was ich dir ge¬ ſagt hab 'und worauf unſre Hoffnung ſteht? Ich müßt' mich ja heiſer predigen.

Chriſtine ſchluchzte überlaut. Mein Herz ſagt mir, wir ſehen ein¬ ander nie wieder und ich werd 'in Schand' und Noth verlaſſen ſein.

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Und mir ſagt das mein 'das Gegentheil. Welches hat nun Recht? Da bleibt nichts übrig als daß wir die zwei Herzen gegen einander wetten. Gib Acht, auf die Art kannſt kein'sfalls in Nachtheil kom¬ men. Gewinn' ich's, ſo ſehen wir uns wieder; wenn ich aber die Wett 'verlier', ſo bleibt dir doch mein Herz, und dann kannſt auch nie verlaſſen ſein.

An dir iſt ein Advocat verloren gangen, ſagte Chriſtine, du machſt daß ich in all meinem Jammer wieder lachen muß.

Zieh du dein Herz beſſer, erwiderte er, dann wird's dir auch beſſere Reden geben. Und wenn du nicht aufhörſt mich betrübt zu machen, ſo geh 'ich hinunter und verklag' dich bei deiner Mutter.

O Jemine! rief Chriſtine kichernd, die thät 'mir das Fell ſchön vergerben!

Jetzt aber genug, verſetzte er. Alles hat ſeine Zeit, ſagt Jeſus Sirach, und Alles muß ein End 'haben, ſag' ich. Lachen und Wei¬ nen, Reden und Küſſen, Alles hat ſein geſetztes Maß und Ziel, und wenn ich jetzt nicht endlich von dir geh ', ſo kann ich ja auch nicht wieder zu dir kommen. Alſo b'hüt' dich Gott, herztauſiger Schatz!

Wart 'noch ein wenig! ſagte ſie. Wir müſſen erſt noch einen Denkzettel von einander haben. Haſt dein Meſſer nicht bei dir?

Willſt mich abſchlachten und einſalzen, daß ich gleich ganz bei dir bleib '?

Nein. Ich hab 'vor etlich' Wochen im Karz gehört, wie man's machen muß, wenn Eins dem Andern aus der Ferne ein Zeichen ge¬ ben will, daß man an einander denkt. Komm ', ſtreif' dein 'linken Arm auf.

Er entblößte den Arm. Sie machte ihm mit dem Meſſer eine kleine Wunde daran und ſagte: Jetzt laß mir geſchwind an meinem Goldfinger ein wenig Blut heraus.

Das kann ich nicht, ſagte er, ich kann dir nicht weh thun.

Es iſt kein Wehe ſo groß als Herzeleid, ſagt dein Jeſus Sirach, erwiderte ſie. Wenn du aber nicht willſt, ſo muß ich's eben ſelber thun. Sie that's und tropfte ihm ihr Blut in ſeine Wunde, die ſie alsbald ſorgfältig verband. Dann ritzte ſie ſich gleicherweiſe an ihrem linken Arm, gab ihm das Meſſer und ſagte: Gib mir auch Blut von deinem Goldfinger mach's aber nicht ſo arg, ſei doch nicht ſo grob152 gegen dich, ein paar Tropfen ſind genug. Nachdem ſie ſich ſein Blut angeeignet, verband ſie gleichfalls eilig ihren Arm.

Jetzt ſind wir ja ganz blutsverwandt, bemerkte er.

Das iſt's nicht allein, erwiderte ſie. Wenn's wieder verheilt iſt, ſo brauch 'ich nur mit der Nadel drin zu ſtüren, dann gibt's dir einen Stich in Arm, da wo du mein Blut drein empfangen haſt, und ebenſo umgekehrt, wenn ich einen Stich da ſpür' in meinem Arm, ſo weiß ich, daß du mir an dem deinigen ein Zeichen gibſt, und ſeh 'daraus, daß mein Schatz in dem Augenblick an mich denkt.

Er lachte. So lang die Narben friſch ſind, ſagte er, mags wohl ſein, daß ſie hie und da ein wenig ſtechen. Aber ich werd 'auch ohne das oft genug an dich denken.

Wenn's nun aber ſein muß, verſetzte Chriſtine, ſo mach 'in Got¬ tes Namen daß du fort kommſt, und geh' recht leiſ 'mein Katzenſtiegle hinunter, damit niemand im Haus aufwacht.

Sie herzten und küßten einander, daß Friedrich's Ausſpruch, Alles müſſe ein Ende haben, beinahe darüber zu Schanden geworden wäre, und nachdem er manchen vergeblichen Verſuch gemacht, den Strom ihrer Thränen durch Abtrocknen zu hemmen, ſchlich er ſo leiſe, daß man kein Geräuſch hören konnte, die ſchmale ſteile Treppe hinab und kam mit Hilfe des hölzernen Riegels, der anſtatt eines Schloſſes diente, leicht durch die hintere Thüre aus dem Haus.

Nachdem er ſich noch mehrmals umgekehrt und manchen Blick nach dem Schauplatze ſeines Glücks zurückgeſendet hatte, ging er der Sonne zu, um ſein Reiſebündel zu holen. Alles ſchlief noch; ungehört betrat und verließ er ſein väterliches Haus. Aber auch von dieſem, ſo we¬ nig Gutes er in letzter Zeit daſelbſt erlebt zu haben meinte, fühlte er ſich noch eine geraume Weile feſtgehalten und ſtarrte mit feuchten Augen nach den Fenſtern hinauf, hinter welchen ſeine Mutter ihn geboren und mit ſo unendlicher Liebe aufgezogen hatte, hinter welchen der Mann waltete, der doch immer ſein Vater war. Sein rauhes Herz war von einer unſäglichen Wehmuth ergriffen, in welcher die innerſte Seele des Volksſtammes, dem er angehörte, ſich ſpiegelte. Der Schwabe, obgleich er eines der unſtäteſten Völker iſt und viel¬ leicht ſogar ſeinen Namen vom Schweben und Schweifen hat, iſt doch darum dem Heimthum nicht minder als dem Wandertriebe verfallen. 153Während Viele Jahraus Jahrein entlegene Länder durchziehen, kleben Andere an ihrer Heimſtätte feſt, als ob ſie mit ihr verwachſen wären, ja man erzählt von einer alten Frau, die in Tübingen auf der Ammerſeite wohnte, ſie habe nie in ihrem Leben den Neckar geſe¬ hen und ſelbſt von Jenen reißt ſich Mancher erſt nach vergeblichen Verſuchen und nur um den Preis des bitterſten Heimwehs von der heimiſchen Scholle los, mag aber auch freilich, wenn einmal das Heimweh überwunden iſt, an ſich erleben, daß die Hei¬ math, die er nicht entbehren zu können glaubte, Jahre lang fern und todt und ſeinem Herzen etwas Fremdes hinter ihm liegt. Doch wird es kaum einen geben, den nicht wenigſtens im Alter wieder die Sehn¬ ſucht nach den heimiſchen Bergen, Thälern und Gewäſſern beſinge. Freilich werden dieſe widerſprechenden Triebe der Wanderluſt und der Heimſeligkeit, die bei dem Schwaben nur mit beſonderer Stärke her¬ vortreten, in jedem Menſchenſchlage wahrzunehmen ſein.

Friedrich wiſchte ſich die Augen mit der Hand aus, ſtieß ſeinen Wanderſtecken hart auf den Boden und ging in entſchloſſenem Reiſe¬ ſchritt die Straße hinab; da räuſperte ſich Jemand über ihm und eine Stimme rief: Wo 'naus ſchon, Frieder, wo' naus?

Er blickte ärgerlich in die Höhe und erkannte ſeinen Invaliden, der nach der Weiſe alter Leute nicht lange ſchlafen konnte und zu dieſer frühen Stunde aus ſeinem Ausgedingſtübchen zum Fenſter her¬ ausſah. In die Fremde! antwortete er, einen muthigen Ton in ſeine

Stimme legend.

Weiß ſchon, erwiderte der Invalide, und weiß eigentlich auch warum.

Ja freilich! entgegnete Friedrich lachend, es gibt kein Warum, das nicht auch ſein Darum hätt '. Uebrigens ſagt man: die Fremde macht Leut'.

Ich ſtreit's nicht. Wer nie hinaus kommt, kommt auch nie hin¬ ein. Und was das Heimweh betrifft, ſo hat ſelbiger Schwab 'in der Fremde geſagt: Schwaben iſt ein Land ich will aber nit wieder heim: grob Brod, dünn Bier und große Stunden!

Friedrich lachte und ſchlug ein paarmal mit dem Stab in die hartgefrorne Schneebahn; dann machte er eine Bewegung um ſeinen Weg fortzuſetzen.

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Er hat aber doch 'n curioſen Zwilch an Seinem Kittel, hob der Invalide wieder an. Läßt ſich da um ein Weibsbild von Haus und Hof fortſchicken. Iſt ſie denn auch ſo viel werth?

Friedrich ſchwang den Stecken um ſeinen Kopf, daß es durch die ſcharfe Morgenluft pfiff. Profoß, ſagte er, wenn ich Euch gut zum Rath bin, ſo redet mit mehr Reſpekt von ihr, denn ich verſteh 'kein' Spaß in dem Punkt. Oder könnt Ihr vielleicht etwas von ihr ſa¬ gen, das nicht recht wär '?

Das kann ich nicht und will's auch nicht, erwiderte der Invalide. Nur nicht ſo hitzig! Das Mädle kann brav ſein, ich will ihr gar nichts thun, aber darum fragt ſich's doch noch zehnmal, ob ſie zu Ihm taugt. In meinen jungen Jahren, ach, was hab 'ich mich nicht ver¬ leiden müſſen um mein Weib, bis ich ſie gehabt hab', und nachher, wiewohl ich nichts weniger als ſchlecht mit ihr gehauſet hab ', hab' ich oft denken müſſen, ich hätt 'grad' eben ſo gut eine andere nehmen können. Wenn man einander einmal innen und außen kennt, dann ſieht man erſt ein, daß man nicht bloß für die Kürze, ſondern auch für die Länge hätt 'ſorgen und auf Das und Jenes hätt' ſehen ſollen, was nicht bloß in die Augen ſticht; denn die Schönheit vergeht und die Jugend mit, und das Leben iſt oft ſo gar lang.

Aber das Sprichwort ſagt doch: Frühe Hochzeit, lange Liebe.

Das Sprichwort hat nicht immer recht, ſonderlich je nachdem die Hochzeit geweſen iſt.

Friedrich grub nachdenklich mit dem Stecken im Schnee.

Wenn ich Er wär ', fuhr der Invalide fort, ſo würd' ich da drau¬ ßen die Zeit und die Vernunft walten laſſen und meinem Vater nach¬ geben; auch blieb 'ich nicht zu lang in der Fremde, denn viel macht böſe Hoſen, das ſieht Er an meinem Fuß.

Ihr, ein alter Soldat, werdet mir doch nicht zumuthen, daß ich mein Wort breche? fuhr Friedrich aus. Ich hab 'mich mit heiligen Eiden verſchworen, und dabei bleibt's.

Wenn's ſo ſteht, erwiderte der Invalide, ſo will ich weiter nichts geſagt haben als: 's wär 'eben gut, wenn alle junge Leut' könnten vor alt werden, eh 'ſie jung würden.

Das mag ſein, entgegnete Friedrich, weil's aber unſer Herrgott anders155 hat haben wollen, ſo kann ich nicht wider ihn ſtreiten und muß eben der Natur ihren Lauf laſſen.

Damit verabſchiedete er ſich von dem Invaliden, der ihm noch lange voll Theilnahme nachſah, wie er ausſchritt und der Schnee un¬ ter ſeinen kräftigen Tritten krachte.

Er hatte die letzten Häuſer hinter ſich und meinte nun recht ein¬ ſam in die Welt hinaus zu wandern, als ihn auf einmal ein Wurf, nicht ganz ſanft, an die Schulter traf, daß der Schnee ihm am Ge¬ ſicht vorüberſtäubte. Er kehrte ſich zornig um; da war es Chriſtine, die ihn geworfen hatte.

Ei! rief er, ich hätt 'gute Luſt mit dir zu zanken. Ich hab' ge¬ glaubt, du ſteckeſt tief im warmen Neſt, und jetzt laufſt hinter mir drein, erkälteſt dich und verbitterſt mir das Scheiden noch einmal.

Schiltſt ſchon wieder auf mein Geläuf? ſagte ſie, ſich an ſeinen Arm hängend. Sei ruhig, ich kann nicht mehr weinen, die Kälte treibt mir die Thränen zurück. Ich werd 'doch auch mein' Schatz noch ein wenig begleiten dürfen.

Ein paar Schritt 'mein'twegen. Dann aber machſt links um und läßt mich in den Schutz Gottes befohlen ſein .

Du Spottvogel! Ja, erſt noch will ich dich in unſers Herrgotts Schutz empfehlen und all' Stund 'für dich beten, daß dir's gehen mög', wie dem Handwerksburſchen, der in der Fremde ſo wunderbar behütet worden iſt.

Wie iſt denn das geweſen?

Haſt nie was davon gehört? Mir iſt's einmal im Karz erzählt worden. Ein Handwerksburſch iſt, weit von ſeiner Heimath weg, Abends ſpät in eine fremde Stadt kommen und hat nach der Herberg 'gefragt. Er iſt arg müd' geweſen und in den vielen krummen und buckligen Gaſſen hat er ſich auch noch die Füß 'auf dem Pflaſter ver¬ ſtoßen müſſen. Gelt? ach Gott, ſo wird's dir auch gehen auf deiner Wanderſchaft.

Mach 'nur fort.

Bis er zur Herberg kommen iſt, iſt's ſchon ganz Nacht geweſen. Wie er nun durch den finſtern Hausgang an der Wand hin tappt, da kommt plötzlich etwas wie ein ſtarker Mann über ihn her und packt ihn feſt um den Leib

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Donnerwetter! unterbrach er ſie, da hätt 'ich aber dreingeſchlagen!

Nein! wart 'nur, 's kommt ganz anders, du G'waltthätle du! Der Handwerksburſch' hat vielleicht auch geflucht oder wenigſtens im Schrecken einen Laut von ſich geben; denn auf einmal ſieht er einen Lichtſchein vor ſich in der Tiefe, und eine Stimme ruft von unten herauf: Um Jeſu Chriſti willen, gehet keinen Schritt weiter oder Ihr ſeid des Todes! Wie nun das Licht näher kommen iſt, da hat er erſt geſehen, daß er vor der Kelleröffnung ſteht, und tief unter ihm ſteht der Wirth mit dem Licht in der Hand und heißt ihn warten bis er herauf komme und die Fallthür 'zumache. Drauf hat er ſich umge¬ ſehen nach dem Freund, der ihn vor dem jähen Sturz bewahrt hat, aber da iſt Niemand weit und breit geweſen. Wer kann's alſo anders geweſen ſein, als der Engel, der ihn zu ſeinem Schutz begleitet hat? Sieh, und einem ſolchen Engel möcht' ich dich auch anempfohlen haben, daß er keinmal von dir wiche und ließe dir kein Leid geſchehen.

Wie der, der mit dem jungen Tobias auf die Wanderſchaft gangen iſt? Ich ließ mir's auch gefallen, wenn du der Engel wärſt.

Ach wenn ich mit dir könnt '! Ich wollt' gewiß nie über Müdig¬ keit klagen.

Das wär 'ein luſtig's Reiſen und ein tröſtlicher Reiſ'kamerad. Aber

Weil's aber nicht kann ſein,
Nicht kann ſein, nicht kann ſein,
Bleibſt du allhier.

O wenn ich dran denk ', rief Chriſtine von einem plötzlichen Schauer ergriffen, daß ich dich nimmer ſäh' und Alles was dann über mich käm ' ich thät mir einen Tod an.

Wie meine Schweſter? Die hat auch geſagt, ſie ſpring 'in die Fils, und den Tag drauf hat ſie meinen Schwager genommen. Da¬ mit jedoch die arm' Seel 'Ruh' hat, will ich dir jeden Troſt und jede Hoffnung und jeden Schwur, Alles von A bis Z noch einmal 'runter¬ ſagen. Nachdem er dies unter wiederholten Liebkoſungen gethan, ſchob er ſie ſanft einige Schritte in rückwärtsgekehrter Richtung auf der Straße fort und ſagte dann: Jetzt thu' mir's zu lieb und ſieh dich nicht mehr um; ich will mich auch nicht mehr umſehen.

157

Er wandte ſich und ſchlug raſch ſeinen kräftigen Wanderſchritt wieder an. Kaum hatte er ſich ein wenig entfernt, ſo rief ſie: Frieder, nur noch ein 'einzigen Blick!

Er blieb ſtehen.

Nur noch ein einzig's Wort! rief ſie. Will 'und Lieb', die ſtiehlt kein Dieb. Nicht wahr?

Ja, lieb's Weible, antwortete er. Will 'und Lieb', die ſtiehlt kein Dieb. Jetzt aber geh heim. Der Morgen kommt, es wird empfindlich kalt. Willſt gleich machen, daß du fortkommſt? wiederholte er und bückte ſich, als ob er den harten Schnee zu einem Wurfe ballen wollte.

Sie lief lachend eine Strecke weit davon. Als ſie Halt machte und ſich nach ihm umſehen wollte, war er ſchon hinter der nächſten Biegung der Straße verſchwunden, und ſchluchzend deckte ſie die Augen mit der Schürze zu.

14.

Selten wohl hat ein deutſcher Hausknecht dem Fürſten Reichserb¬ poſtmeiſter in ſo kurzer Zeit ſo viel zu verdienen gegeben, als der junge Schwabe, der in der Sonne zu Sachſenhauſen eingetreten war. In Ebersbach fragte man ſich noch, ob er jetzt wohl ſein Reiſeziel erreicht haben werde, da kam ſchon ein Brief von ihm An die ehr¬ bare und beſcheidene Jungfer Jungfer Chriſtina Müllerin, in beliebi¬ gen Händen zu eröffnen, in Ebersbach, cito, cito, franco.

Der Brief lautete ſo: Gott zum Gruß und Jeſum zum Bei¬ ſtand. Heißgeliebter Schatz, ich muß Dich mit einem betrübten Hertzen beſchreiben, und dieſe Zeilen werden Dich, wie ich in meinem Hertzen glaub, betrübet antreffen. So will ich Dein Hertz erleichtern und Dich mit ernſthaftem Hertzen berichten: Liebe Chriſtina, glaube Du daß mein Hertz nicht wanckhen wird und Dir noch jeder Zeit getreu verbleiben, ſo lang noch Gott eine Ader in meinem Leib laßt. Wann Du andere Buben entlaßſt und Dich ihrer entläßſt, und ich erfahre daß Du Dich ſo haltſt wie es einem braven Menſchen gehört, ſo ſoll mir keine Andere158 mehr an meine Seite kommen. Ich wollt Dir gern was ſchicken, ich forcht, Du möchteſt in dem Eberſpächer Markt zu dem Tanz gehen und Dich mit Einem einlaſſen; ſo will ich jetzt Dir noch nichts ſchicken, ſon¬ dern auf Deine Aufführung warten. Wann Du Dich hältſt, ſo will ich Deiner nicht vergeſſen und Dich auch nicht laſſen. Sollteſt Du Dir Dein Leben verkürzen, wie Du geſagt haſt, ſo ſchreibe ich mich aus der Schuld und gib es Dir und den Deinigen über. Was ich geſagt hab, das halt ich Dir und laß Dir Deinen Willen. Ich wünſche daß Gott der Allmächtige Dein Hertz regiere, und führe Dich zu allem Guten, und gebe Dir Glück und Segen, und regiere Dein Hertz, daß es nicht fallen noch irr gehen kann. Das wünſch ich Dir aus getreuem Hertzen. Noch Eins: Ich verlange eine Nachricht von Dir. Ich will Dir die Ueberſchrift ſagen, wie Du an mich ſchreiben ſollſt. Weiter kann ich Dir nicht ſchreiben, als Du ſollſt mir nicht übel nehmen, weil ich ſo ſ mäßig geſchrieben hab. Die Nacht iſt mir auf den Halß gekom¬ men, und vor Betrübnus hats nicht ſein können. Du und die Deinige ſeynd tauſendmahl gegrüßt und in den Schutz Gottes befohlen, und bleibe Dir getreu bis in den Tod. Joh. Fr. Schwan. Dieſer Brief zukomme an Joh. Friedrich Schwahn, Hausknecht bei der Sonne in Sachſenhauſen bei Frankfort a. M.

Noch ehe Chriſtine ſich zu dem großen Unternehmen entſchließen konnte, einen Brief von der Fils nach dem Main zu ſchreiben, der doch auch die Poſtgebür durch ſeine Länge rechtfertigen mußte, oder ehe ſie vielleicht den Unmuth ganz überwunden hatte, den ihr ohne Zweifel das fortgeſetzte Mißtrauen in ihre Treue verurſachte, ſchickte er einen zweiten Brief, zwar kürzer als der erſte, aber dafür um ſo zärtlicher und leidenſchaftlicher, auch obendrein von einem Geſchenke begleitet, aus welchem ſie bei einigem Nachdenken ſchließen konnte, daß er über ihre Aufführung an dem gefürchteten Markttage, den erſt die nächſte Woche brachte, ſchwerlich ſo unruhig war, als er ſich ge¬ ſtellt hatte, um, freilich nicht eben unter einem feingewählten Vor¬ wande, den bekannten Zuſtand ſeiner Baarſchaft zu verbergen, den er in ſeinem erſten Briefe einzugeſtehen ſich geſchämt hatte und der ſich ſeitdem in etwas gebeſſert haben mochte.

In dieſem zweiten Briefe ſchrieb er: Gottes Segen zum Gruß und Jeſum zum Beiſtand. Hertzgeliebter Schatz, hertzgeliebte Chriſtina,159 ich kann es nicht unterlaſſen, vor lauter Sorgen und Bekümmernus und Gedanken Dich zu beſchreiben, und ich kann Tag und Nacht nicht ruhen bis ich eine Antwort von Dir hab. Bitte Dich um Gotteswillen, ſchreibe Du mir wie es Dir geht und wie es mit Dir ſey. Ich kann Tag und Nacht nicht ruhen vor lauter Seuftzen und Sorgen. Wann Du mir etwas zu melden haſt ſo ſchreib mir es gleich, ich will Dich nicht verlaſſen ſo lang ich leb. Uebrigens ſchick ich Dir hier einen kleinen Gruß; wann Du mir ſchreiben thuſt, ſo will ich Dir ein Meh¬ reres ſchicken. Ich hab nicht Zeit, Dir mein gantzes, mein gantzes Hertz zu ſchreiben; ich will Dich berichten wann Du mir wieder ſchreibſt. Brich, den Brief an Deinen Vater auf. Du biſt tauſendmal grüßt. Ich verbleibe Dein getreuer Schatz bis in den Tod.

Der eingelegte Brief an den alten Hirſchbauer, den ſie leſen ſollte, erhielt Verſicherungen ſeiner unwandelbaren Geſinnung, wie folgt: An meinen Vetter Müller. Ich kann nicht unterlaſſen an Euch zu ſchrei¬ ben, weilen Er ſo viele Müh an ſich genommen und unterſchiedliche Sachen wegen Seiner Tochter Namens Chriſtina mit mir geredt hat: ſo will ich Ihm redlich ſchreiben wie ichs gegen ihr meine, daß ich keine Andre mehr begehre als ſie, und ich ſo bald ihrer nicht vergeſſen kann. Wann es ſeyn kann, wie Er mit mir geredt hat, daß Er mit dem H. Pfarrer und mit dem Chirurgus reden könnt, daß man uns zahmen (zuſammen) laſſen will, ſo bin ich gleich reſolvirt ſie zu neh¬ men, denn ſo leicht kann ich Sie nicht laſſen, und Sie mich nicht. Ich laſſe auch mein Leben eh ich ſie entlaſſen oder verlaſſen will: ſo bitte ich Ihn nur herzlich, die Chriſtina ein halb Jahr bei Ihm zu behalten.

Auch der Invalide erhielt einen Brief in beliebigen Händen zu eröffnen , welcher ſeine Zweifel wegen des Verhältniſſes zu Chriſtinen nicht ſo wohl widerlegen als einfach in folgenden Schlußworten nieder¬ ſchlagen ſollte: So lang ich einen Blutstropfen im Leib hab, ſo will ich mich ihrer annehmen. Hiemit will ich beſchließen und ſchließe Euch in die Vorſorg Gottes.

Der Hirſchbauer ſagte nach dem Empfang ſeines Briefes zu der glücklichen Chriſtine: Er hat doch ein beſtändiges Gemüth. Ich wollt's dir ja gern gönnen, daß ihr zuſammen kämet, aber ich beſorg 'mich eben, wenn er ſeinen Vater merken läßt, wie es ihn, um's Herz iſt, ſo läßt ihn der nicht zurück. Ich will jetzt doch einmal in's Pfarr¬160 haus gehen, oder vielleicht noch lieber vorher zum Chirurgus. Ich weiß nicht, wo ich zuerſt hin ſoll. Chriſtine wußte es auch nicht. Ihre Gedanken waren allein darauf gerichtet, wie ſie es angreifen ſolle, um einen recht großen Brief zu ſchreiben, mit dem ihr Schatz zufrie¬ den ſein müßte, obgleich ſie ihn darin für ſeinen unmanierlichen Arg¬ wohn recht heruntermachen wollte. Sie dachte aber, ſie wolle erſt den Markttag vorübergehen laſſen, um ihm dann ſchreiben zu können, daß ſie nicht zum Tanze gegangen, ſondern den ganzen Tag und Abend daheim geblieben ſei.

Der Invalide ſchüttelte zu Friedrich's Betheuerungen hartnäckig den Kopf und ſagte beim Wein zu der Bäckersfrau: Wenn ſo ein junger Menſch verliebt iſt, ſo meint er, es gebe in der Welt nichts als ſeinen Gegenſtand, und wenn er einmal zehn Jahr 'und drüber verheirathet iſt, ſo kann er oft gar nicht begreifen, warum er grad die genommen hat, da's doch ſo viel Andere gegeben hätte.

Beſtändigkeit iſt doch eine Tugend, erwiderte die Bäckerin. Aber arg iſt mir's einmal, daß der erſte Funke zu dem Brand in meinem Haus hat angehen müſſen. Wenn ich das vorausgeſehen hätt ', ſo hätt' ich mich lieber ohne mein Dötle beholfen, und dann wär 'ſie ihm vielleicht in Jahr und Tag nicht vor's Aug' kommen. Mir ſchwant's, das Ding geht zu keinem guten End '.

Wider das Schickſal iſt kein Kraut gewachſen, verſetzte der In¬ valide. Das iſt im Leben wie in der Schlacht: an Einem fährt's vorüber, und den Andern trifft's.

Es kamen noch weitere Briefe von Friedrich, die ſich alle um ei¬ nen und denſelben Angelpunkt drehten. Von ſeinem eignen Ergehen ſchrieb er kein Wort, auch nicht von dem, was er im fremden Lande zu ſe¬ hen und zu hören bekam. Dagegen zeigten ſeine Briefe die Merk¬ würdigkeit, daß er fortwährend mit der Jahrszahl auf geſpanntem Fuße ſtand. Seine Hand ſchien einen unbezwinglichen Widerwillen gegen dieſelbe zu empfinden. In allen dieſen Briefen hatte er immer zuerſt die falſche Zahl hingeſchrieben, dann ausgeſtrichen und die rich¬ tige darübergeſetzt; in einem war ſogar das falſche Datum unbe¬ ſichtigt ſtehen geblieben. Allerdings ein unerheblicher Umſtand für ein Mädchen, das kein andres Datum kannte als dieſen Tag, an welchem ſie ihrem Liebſten ſchrieb.

161

15.

Chriſtinens Brief war immer noch nicht fertig, und ihr Vater hatte den Weg zum Pfarrer und Chirurgus gleichfalls noch nicht ge¬ funden, da verbreitete ſich eines Tags im Flecken das Geſchrei, des Sonnenwirths Frieder ſei wieder da oder wenigſtens im Anzuge be¬ griffen. Die Nachricht drang mit großer Schnelligkeit ſelbſt zu dem entlegenen Hauſe des Hirſchbauers, und einer von Chriſtinens Brü¬ dern machte ſich ſogleich auf, um Kundſchaft einzuziehen. Es verhielt ſich wirklich ſo, wie das Gerücht ſagte. Ein Fuhrmann, der in der Sonne einkehrte, hatte den Erben derſelben unterwegs, und zwar in ziemlich abgeriſſenem Zuſtande, angetroffen; zur Beſtätigung, daß er die Wahrheit ſage, zeigte er ein Schreiben vor, das ihm der Wanderer mitgegeben hatte, um es an denjenigen ſeiner beiden Schwäger, zu welchem er noch das meiſte Vertrauen hatte, zu beſtellen. Es ging ſo eben ſehr lebhaft in der Sonne zu, weshalb die Neuigkeit wie ein Lauffeuer ſich verbreitete. Der Fuhrmann erzählte noch, er habe den Frieder aufſitzen heißen; derſelbe habe ſich aber geweigert, da er nicht nach Hauſe kommen wolle, bis er wiſſe wie er aufgenommen werde. Er gab den Brief einem Knechte, der ihn zum Chirurgus hinüber trug. Dieſer ließ nach einer Weile dem Sonnenwirth ſagen, es ſei endlich Nachricht von ſeinem Sohne da; wenn der Herr Vater aufge¬ legt ſei, ſie zu hören, ſo wolle er mit dem Briefe herüberkommen. Der Sonnenwirth antwortete, er habe im Augenblick alle Hände voll zu thun, und auf den Abend wolle er Ruhe haben; morgen ſei auch ein Tag, um von verdrießlichen Dingen zu reden.

Auf den andern Tag wurde in der Sonne ein Familienrath zu¬ ſammenberufen, welchem der Chirurgus den Brief ſeines jungen Schwa¬ gers vorlas. Derſelbe lautete gleich Eingangs ſo über alle Maßen niedergeſchlagen und unterwürfig, daß die Sonnenwirthin einmal über das andre in ein triumphirendes Gelächter ausbrach. Geliebter Schwager , las der Chirurg, ich weiß mir nicht mehr zu helfen, ſoD. B. IV. Kurz, Sonnenwirth. 11162will ich Ihn um Gottes Willen gebeten haben, mir einen Rath zu ertheilen, dann ich laufe in der Irr, als wie ein verlornes Schaf; ſo rufe ich zu Gott, er möchte mir einen Hirten ſenden, der mich wieder auf den rechten Weg bringen ſollte. Meine Reiſe iſt nicht beſtanden, wie ich geglaubt hab: mein Herr Vetter hat des Gerichtsſchreibers Sohn von Boll zum Knecht, und hat ihn nicht fortſchicken können, weil er auch ein Freund von ihm ſei. So bin ich dieſesmal in mich ſelber gangen, und mußt erſt erkennen was ich bei meinem Vater vor gute Tag gehabt hab und ihm nicht gefolgt, ſo bitt ich nur noch dieſes¬ mal zu helfen und mich nicht zu verlaſſen. Meine Eine Bitt an die Meinen iſt, mir nur noch ſo viel zu helfen, daß ich nur einer von ſeinen Taglöhnern ſein möchte. Ich werde gewiß meinem Vater in allen Stücken gehorſam ſein; wann ich es nicht thue und ihm im Ge¬ ringſten was anſtelle, ſo ſprich ich das Urtel wider mich und ſchreibe meine eignige Hand unter, daß ich auf den ewigen Arreſt ſoll geſetzt werden. Ich weiß wohl, ich hab es gegen den Herrn Schwager nicht verdient, weil ich Ihn ſchon in vielen Stücken erzürnt und beleidiget hab, es iſt mir aber herzlich leid, es wird inskünftige nicht mehr ge¬ ſchehen. So mein ich nun ob der Schwager nicht eine Bitte vor mich bei dem Herrn Amtmann thun möchte. Man redt wider mich in Eberſpbach, es ſollte einen Heiden erbarmen über ſolche Reden: ich ſoll geſagt haben, ich wolle alle Häuſer in Brand ſtecken und den und jenen todt ſtechen. Mein Hertze hat noch niemal daran gedacht. Geliebter Herr Schwager, ich gedenke auch noch an Gott, und gedenke bei mir ſelbſt, ich möcht hinkommen wo ich wollt, und Gott möchte mich auf das Krankenbette legen, ich gewiß mein Vaterland durch ſolche Streich nicht verſchertzen will. So bitte ich den Schwager mich auf dieſesmal nicht zu verlaſſen und mir einen Rad zu geben und zu helfen

Rad ſchreibt er, unterbrach ſich der Chirurg im Leſen: er kann doch ſonſt beſſer ſchreiben und hat das Wort weiter oben auch richtig geſchrieben.

Seine Hand weiß mehr als er und hat das Rechte troffen, be¬ merkte die Sonnenwirthin: der Weg, den er geht, führt wohl noch zu Galgen und Rad.

Iſt der Brief aus? fragte der Sonnenwirth.

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Ich hab das Vertrauen zu Ihm , fuhr der Vorleſer fort, und glaub in meinem Herzen, daß Er des Herrn Amtmanns ſein Hertze am beſten erweichen kann. Mein Vater ſchickt einen Knecht fort auf Faſtnacht; er erbarmet ſich meiner gewiß und nimmt mich wieder an, wann ich befreit bin von dem Herrn Amtmann. Ich hab nicht längere Weil gehabt; wann ich mich ſehen darf laſſen, ſo will ich mündlich mit Ihm reden. Er iſt von mir viel tauſendmal gegrüßt und ſchließe Ihn in die Vorſorg Gottes. Sein getreuer Schwager bis in den Tod.

Es muß ein wenig confus in ſeinem Kopf hergehen, fügte der Chirurg hinzu, denn er lebt mit dem Datum noch im vorigen Jahr.

Er kann eben in gar nichts ordentlich ſein, bemerkte die Sonnen¬ wirthin.

Jetzt, was iſt zu thun? fragte der Chirurg.

Der Krämer, der nicht wieder die Mißgriffe von neulich begehen wollte, half ſich mit Achſelzucken, Händereiben und Lächeln nach allen Seiten hin.

Die Sonnenwirthin ſagte: Entweder iſt er der Landſtreicherei ob¬ gelegen, hat ſein Geld verthan und iſt gar nicht bei dem Vetter ge¬ weſen, oder hat er drunten gleich zum Einſtand ſchlechte Streich 'ge¬ macht und iſt wieder fortgejagt worden. Wenn ſein Gewiſſen gut wär', that 'er nicht ſo erbärmlich und ſo unterthänig ſchreiben. Das iſt ſonſt ſein' Sach 'nicht.

So viel iſt richtig, ſagte der Sonnenwirth nach einigem Nachden¬ ken, daß der Gerichtsſchreiber in Boll drüben einen Sohn in die Fremde geſchickt hat, und das erſt ganz kürzlich, denn ich hab's erſt vor ein paar Tagen gehört, nur hab ich nicht ſagen hören wohin. Weil er aber allerdings zu unſrer Gefreundtſchaft gehört und mein Bruder in Sachſenhauſen alſo auch ein Vetter von ihm iſt, ſo iſt's wohl möglich, daß er ihn dorthin gethan hat; denn ſeine Buben ſind dickköpfig und haben wenig Beruf für die Schreiberei.

Es kommt natürlich Alles darauf an, ob die Angabe wahr iſt, bemerkte der Chirurg.

Wenn's wahr iſt, ſagte der Sonnenwirth, ſo müſſen die Beiden ſchier mit einander bei meinem Bruder drunten angekommen ſein.

Man muß eben hinunter ſchreiben, meinte Magdalene.

11 *164

Ja, aber was fangt man derweil mit dem Buben an, bis Ant¬ wort kommt? fragte die Krämerin. In Plochingen, von wo er ſchreibt, kann man ihn doch nicht liegen laſſen, daß er dort eine rechte Zech 'hinmacht.

Und wenn man ihn ohne Weiters wieder in's Haus nimmt, ſagte die Sonnenwirthin, ſo ſetzt er ſich feſt und fangt das alt 'Lied wieder an, und iſt dann nicht mehr fortzubringen, wenn's auch zehnmal von Sachſenhauſen kommt, daß all ſein Vorgeben verlogen ſei.

In dieſem Augenblicke hörte man ein Poſthorn und gleich darauf den Knall einer Peitſche. Der Poſtreiter hält vor'm Haus, der Haus¬ knecht ſoll ihm das Pferd halten, ſagte der Sonnenwirth, der an's Fenſter getreten war. Es freute ihn jedesmal, wenn Briefe für den Flecken in der Sonne abgegeben wurden oder wenn Poſtpferde zur Einkehr genöthigt waren, weil er den Beweis darauf zu gründen hoffte, daß eine Zwiſchenpoſt hier errichtet werden ſollte. Nach einer Weile kam der Poſtknecht herein und überreichte ihm einen Brief: An Herrn Herrn Hans Jerg Schwan zur löblichen Sonne in Eberſpbach . Der Sonnenwirth befahl einen Schoppen und las den Brief bedächtig, wäh¬ rend jener den Wein ſtehend trank; denn in ſeinen hohen ſteifen Stie¬ feln würde ihm das Sitzen eine Arbeit gekoſtet haben, die ſich für einen kurzen Aufenthalt nicht verlohnte.

Der Sonnenwirth hatte den Brief erſt zu Ende geleſen, als der Poſtknecht ſchon wieder zu Pferde ſaß und blaſend gen Göppingen weiter ritt. Der Bub 'hat nicht gelogen, ſagte er, es verhält ſich vielmehr Alles ſo wie er behauptet. Mein Bruder ſchreibt mir da, er hätt' ihn gern behalten, aber er habe dem Gerichtsſchreiber in Boll für deſſen Sohn bereits zugeſagt gehabt. Als Gaſt wär 'er ihm will¬ kommen geweſen, ſo lang er hätte bleiben mögen, auch habe Alles im Haus den Vetter gern gehabt; der aber habe ſich nicht halten laſſen, ſondern ſei nach etlichen Tagen wieder fort.

Und hat ſich Gott weiß wie lang in der Welt herumtrieben, ſagte die Sonnenwirthin.

Nicht gar lang, dem Datum nach, entgegnete der Chirurg, dem der Sonnenwirth den Brief hingereicht hatte.

Es iſt zwar dumm von dem Buben, verſetzte der Sonnenwirth, daß er auf die Einladung nicht länger blieben iſt; man hätt 'ſich165 unterdeſſen für ihn umſehen und ihn anderswo unterbringen können. Aber verdenken kann ich's ihm doch grad auch nicht, daß er ſeinen Verwandten nicht als unnützer Brodeſſer hat hinliegen wollen, nach¬ dem man ihn nicht zum Schaffen angenommen hat.

Ja, bemerkte Magdalene, das Sprichwort ſagt: Zwei Tag 'ein Gaſt, den dritten ein Ueberlaſt.

Von ſeiner Liebſchaft ſchreibt er gar nichts, ſagte die Sonnen¬ wirthin. So viel gute Wörtlein er ſonſt gibt, ſo ſpricht er doch nicht mit einer Silbe davon, daß er in dem Stück nachgeben wolle.

Er ſchreibt aber, er wolle in allen Stücken gehorſam ſein und nicht das Geringſte mehr anſtellen, entgegnete der Chirurgus. Man kann ihn alſo beim Wort nehmen und ihm beweiſen, daß er auch das verſprochen habe.

Recht degenmäßig ſchreibt er, das muß man ſagen, bemerkte die Krämerin. Ich hätt 'gar nicht glaubt, daß der Strobelkopf, der ſtör¬ rig', ſo mürb 'werden könnt'.

Der hat ſich in der Fremde die Hörner verſtoßen, ſagte der Son¬ nenwirth behaglich lachend: das ſieht man jedem Wort an, das er ſchreibt. Jetzt weiß er nimmer wo aus und wo ein. Ja, ja, es iſt eben ein ganz ander's Leben da drunten, als bei uns. Die Leut 'ſind dort viel alerter und aufgeweckter, und wenn auch bei Manchem nicht viel dahinter iſt, ſo iſt's eben doch Unſer einem, wie wenn er der Garnichts dagegen wär'.

Das glaub 'ich, ſagte der Chirurg, das kann ſolch einem trotzigen, ſtutzigen Schwabenkopf ſpaniſch vorkommen.

Ich bin ja ſelbſt auch ſchon drunten geweſen, fuhr der Sonnen¬ wirth fort. Ja was! Bis Unſereiner ſich nur beſinnt, was er ſagen ſoll, haben die dem Teufel ein Ohr weggeſchwätzt. Es mag ſein, daß wir im Schreiben und ſonſt in mancherlei Solidität mehr ſind als ſie, wenigſtens gibt man ſich bei uns in der Schul 'mehr Müh', aber nachher müſſen wir ihnen weit nachſtehen, ſie ſind viel zu geſchwind für uns. Mein Sohn iſt gewiß keiner von den Langſamen im Geiſt, aber ich ſteh 'dafür, und kann ganz in's Feuer ſehen, daß ſie ihm gleich über den Kopf gewachſen ſind. Und dann machen ſie gar keine Umſtänd', wie man's bei uns macht. Sie ſind eigentlich doch auch wieder fadengrad wie wir, und noch mehr als wir. Bei uns, da thut166 man einen Beſuch jeden Tag, den er da iſt, gleichſam mit dem Seil¬ ſtumpen anbinden, damit er ja ſieht, daß man ihn nicht fortlaſſen will. Mein Bruder aber, der gar kein Schwab 'mehr iſt und in dem Klima ganz die Art angenommen hat, wie die Andern auch ſind, der hat wahrſcheinlich ein einzigsmal geſagt: Du biſt willkommen, Vetter, und bleib' ſo lang du magſt; und dann hat der Bub 'natürlich bald gemeint, man ſei ſeiner überdrüſſig, weil man's ihm nicht zehn und zwanzigmal geſagt hat. Es hätt' aber nichts zu ſagen gehabt, denn wenn ſie Einen los werden wollen, ſo wiſſen ſie ſchon den Schnabel aufzuthun. Nun, jetzt hat er auf einmal einſehen gelernt, daß die Welt größer iſt als ſein Kopf, und kommt aus der Fremde wie der Schneck, wenn er die Hörner einzieht und wieder in ſein Haus zu¬ rückgeht.

Der Herr Vater iſt alſo der Meinung ihn wieder anzunehmen? fragte der Chirurg.

Was bleibt ſonſt übrig? antwortete der Sonnenwirth. Ich wüßt 'nicht, wo ich ihn in der Geſchwindigkeit hinſchicken ſollt'.

Dann kann er gleich den alten Tanz wieder anfangen, ſagte die Sonnenwirthin.

Dafür kann man ihm thun, entgegnete er. Eh 'er nicht aus¬ drücklich verſprochen hat, daß er ſich mit der Perſon weder mündlich noch ſchriftlich mehr einlaſſen will, kommt er mir nicht in's Haus.

Ich will ihm das nach Plochingen ſchreiben, erbot ſich der Chirurg.

Braucht nichts zu ſchreiben, verſetzte der Sonnenwirth. Zuerſt muß man ja doch mit dem Amtmann reden, daß der ſeiner Heimkunft keine Schwierigkeit in Weg legt, nachdem er nun einmal die Hand in der Sach 'hat. Dann iſt's überhaupt beſſer, man gibt dem Buben gar keine Antwort und läßt ihn zappeln, er wird dadurch nur um ſo mürber.

Wart ', du wirſt eine ſchöne Rechnung vom Plochinger Bärenwirth kriegen, lachte die Sonnenwirthin.

Ich hab 'ihn nicht heißen in den Plochinger Bären hinliegen.

Irgendwo muß er aber doch ſein, bemerkte die Frau des Chirurgen ſchüchtern.

Warum iſt er nicht gleich hieher gekommen? entgegnete der Sonnen¬ wirth. Wenn ich ihn auch nicht ohne Weiter's angenommen hätt ',167 ſo hätt' man doch dafür ſorgen können daß er eine Weile wo unter¬ kommen wär '.

Mir ſcheint's auch das Nöthigſte, daß man ſich zuerſt mit dem Amt verſtändigt, ſagte der Chirurg. Das Uebrige wird ſich finden. Er hat Verwandte hier und in der Gegend, und wird nicht im Bären bleiben, denn er weiß, daß das den Herrn Vater verdrießen muß.

Wenn nur auch der Herr Amtmann ſeinen Conſens gibt, bemerkte der Krämer, der die Nothwendigkeit fühlte, im Familienrath endlich etwas, das einer eigenen Meinung glich, zu äußern.

Es liegt ja nichts Sonderlichs wider ihn vor, verſetzte der Son¬ nenwirth.

Wenn's dem Herrn Vater geliebt, ſagte der Chirurg, ſo bin ich erbötig in's, Amthaus mitzugehen. Ich muß nur erſt einen andern Kittel anziehen, damit ich ein wenig amtsmäßiger ausſehe.

Ja, wir wollen die Sach 'lieber gleich abmachen, erwiderte der Sonnenwirth.

Als der Chirurg mit ſeiner Frau nach Hauſe ging, um ſich amts¬ mäßig anzuziehen, ſagte dieſe zu ihm: Wenn du nichts dagegen haſt, ſo will ich meinem Bruder nach Plochingen ſchreiben, will ihm auch etwas Geld ſchicken, daß er ſeine Rechnung dort zahlen kann, und will ihn nach Hattenhofen hinüber zum Vetter gehen heißen; der be¬ hält ihn ſchon etliche Zeit, und dort iſt er auch mehr abſeits, daß ihn nicht ſo viele Menſchen ſehen.

Thu das meinetwegen, ſagte ihr Mann.

Die beiden Männer gingen in's Amthaus und trugen dem Amt¬ mann ihr Anliegen vor. Derſelbe machte ein bedenkliches Geſicht und ſagte: Ich hätte rebus sic stantibus nichts Erhebliches dagegen einzu¬ wenden, daß der halb und halb exilirte junge Menſch, ſelbſtverſtänd¬ lich unter der Bedingung künftigen Wohlverhaltens und radical ge¬ beſſerter Aufführung, wie auch völliger Vermeidung aller Turbulenzen und Extravaganzen, aus dem Quaſi-Exil in ſein elterliches Haus zu¬ rückkehre; allein da ich nun einmal über ſeine Entlaſſung an das Oberamt berichtet habe, ſo habe ich auch über ſeine Wiederannahme die amtliche Entſcheidung nicht mehr in der Hand. Ich will jedoch an den Herrn Vogt in Göppingen ſchreiben und wohldemſelben vor¬ ſtellen, daß der junge Menſch gleichſam als verlorner Sohn und reuiger168 Sünder unter die ihm von Gott verordnete Autorität ſich wieder zu¬ rückfügen wolle. Vielleicht dürfen wir uns eines günſtigen Beſcheides verſehen. Sobald ſolcher an mich herabgelangt, werde nicht ermangeln davon Meldung zu erlaſſen.

Nach einigen Tagen kam der Amtsknecht, um den Sonnenwirth zum Amtmann zu berufen. Der Sonnenwirth ſchickte nach ſeinem Beiſtand. Der Schwager hat ſchon wieder geſchrieben, ſagte dieſer, als ſie mit einander nach dem Amthauſe gingen. Diesmal ſchreibt er aus Hattenhofen, wohin er von Plochingen gegangen iſt.

Ich hab 'mir's wohl gedacht, daß er ſich's nicht getrauen wird, zu Plochingen im Wirthshaus liegen zu bleiben, verſetzte der Sonnen¬ wirth lächelnd. Was ſchreibt er denn?

Er ſchreibt beinahe noch lamentabler als das letztemal. Uebrigens ſcheinen ihm unterm Warten curioſe Gedanken aufgeſtiegen zu ſein und er traut dem Landfrieden nicht recht; denn er ſchreibt im Ver¬ lauf des Briefes: Ich glaube, der Herr Schwager wird mich nicht nur herzulocken, damit ich möchte in Arreſt geſetzt werden, ſondern der Herr Schwager hat's noch jederzeit redlich und getreu mit mir ge¬ meint.

Der Sonnenwirth lachte äußerſt behaglich. Er hat Angſt, ſagte er, und da wird, hoff 'ich, auch die Zucht Eingang bei ihm finden.

Gott geb's, erwiderte der Chirurg. Diesmal hat er auch das Da¬ tum richtig geſchrieben; vielleicht iſt das ein Omen, daß er auch ſonſt wieder in die Ordnung kommen wird.

Gott geb's, ſagte der Sonnenwirth.

Nun, Sein Gutedel iſt ja wieder da, Herr Sonnenwirth, begann die Amtmännin, welche diesmal zugegen war, mit ſaurem Geſicht. Der hat nicht lang 'gut gethan.

Es iſt bei meinem Bruder kein Platz für ihn geweſen, mit Ihrem Wohlnehmen, Frau Amtmännin. Der hat einen halbſtudirten Haus¬ knecht angenommen. Will auch ſehen, was da noch draus wird. Aber was will ich jetzt machen? Es iſt doch mein eigen Fleiſch und Blut, das ich nicht in der Irre laufen laſſen kann. Ich nehm 'ihn aber nicht eher an, als bis er verſprochen hat, daß er die unverſtän¬ dige Liebſchaft aufgeben will.

Meinetwegen, ſagte die Amtmännin. Aber mir ſoll der Grobian169 nicht wieder in's Haus kommen, ich will mir keine Unverſchämtheiten mehr von ihm machen laſſen, und wenn ich nicht eine Wäſche gehabt hätte an dem Tag, wo mein Mann nach Göppingen ſchrieb, ſo wäre die Sache vielleicht nicht ſo ſchnell gegangen.

Der Sonnenwirth verlor einen guten Theil ſeiner Behaglichkeit beim Anblick dieſer fortdauernden Ungnade der Amtmännin gegen ſei¬ nen Sohn, obgleich er die Urſache dieſes Grolls in ſeinem Herzen gebilligt hatte.

Die Antwort vom Herrn Vogt iſt angekommen, ſagte der Amt¬ mann, der dieſelbe als eine Art Schutzwaffe gegen ſeine Frau betrach¬ ten mochte. Er nahm den Brief zur Hand, entfaltete ihn langſam, räuſperte ſich mit Wichtigkeit, und las, während der Sonnenwirth und ſein Schwiegerſohn eine ehrerbietige Haltung annahmen, mit nachdrück¬ licher Betonung, wie folgt: Wohledler, inſonders vielgeehrter Herr Amtmann. Weilen mit einem jungen Menſchen ich jedesmal viel lieber überflüſſige Geduld haben als mit der äußerſten Strenge für¬ gehen will, ſo lang noch Hoffnung vorhanden ſein kann, es werde ei¬ ner in ſich gehen, mithin in beſſere Wege und ſo obrigkeitlichen als väterlichen Gehorſam zurücktreten: ſo will ich nicht darwider ſein, daß den jungen Schwahnen ſein Vater wieder auf - und annehme. Es iſt aber Jenem mit allem Ernſt zu bedeuten, daß, ſo der geringſte neue Fehltritt wider ihn werde herauskommen, man ſolchenfalls Alt - und Neues zuſammennehmen und wider ihn mit aller Schärfe verfahren werde. Ich verharre damit unter göttlichen Schutzes Erlaſſung des Herrn Amtmanns dienſtwilligſter et cetera. Alſo wonach ſich zu achten! fügte der Amtmann der Vorleſung bei. Da nun meine Frau Seinen Sohn nicht gern im Hauſe ſieht, ſo will ich's unterlaſſen Solchen zu citiren, muß aber dem Herrn Sonnenwirth die Verpflich¬ tung aufgeben, Selbigem auf's ernſtlichſte einzuſchärfen, unter welcher Bedingung einzig und allein ihn wieder zu admittiren beſchloſſen wor¬ den iſt, und daß ich bei dem geringfügigſten neuen Vorfall unverweilt gegen ihn einzuſchreiten mich bemüßigt ſehen würde.

Der Sonnenwirth verſprach ſeinem Sohn das Nöthige zu ſagen, ſowie auch dafür zu ſorgen, daß er das Amthaus meide, es wäre denn, daß er beſonders vom Herrn Amtmann vorgeladen würde. Der Amtmann pries die Milde und Menſchenfreundlichkeit des Vogts, wobei170 die Amtmännin einfließen ließ, die gutmüthigſten Menſchen ſeien ge¬ meiniglich diejenigen, die ſich nicht gern viel zu ſchaffen machen. Hier¬ auf hielt der Chirurg in redneriſcher Unterſtützung des Sonnenwirths eine lange und wohlgeſetzte Dankſagung für die große Mühewaltung, welche der Herr Amtmann auf ſich zu nehmen die Güte gehabt. Die Amtmännin ermahnte den Sonnenwirth, künftig den Stab Wehe zu ge¬ brauchen, damit man von ſeinem Früchtlein nicht noch mehr Mühe habe. Der Sonnenwirth verſprach das Beſte und die beiden Männer empfah¬ len ſich in Unterwürfigkeit.

So, ſchon Alles im Reinen? ſagte die Sonnenwirthin, als ſie Bericht über ihren Gang erſtatteten. Nun ja, da kann man jetzt gleich den Verſpruch mit der Jungfer Hirſchbäurin folgen laſſen.

Das hat gute Weg ', entgegnete der Sonnenwirth. Wie ich ge¬ ſagt hab', dabei bleibt's. Wenn der Bub 'wieder mein Haus betreten will, ſo muß er zuerſt heilig verſprechen, daß er weder mündlich noch ſchriftlich mehr etwas mit ihr zu ſchaffen haben will.

Soll ich nach Hattenhofen ſchreiben? fragte der Chirurg.

Wie wär's denn? ſagte die Sonnenwirthin, die ihm zum Schaber¬ nack wenigſtens eine kleine Ungemächlichkeit aufladen wollte. Der Herr Sohn hat ja heut ſeinen Schabes nicht. Wie wär's, wenn Er des Schuhmachers Rappen vorſpannen thät 'und thät' ſich ſelber nach Hattenhofen auf den Weg machen? Er kann's ja doch nicht erwarten, bis Er Sein räudig's Schaf wieder in der Cur hat. Uebrigens den¬ ket an mich, ihr Beide: ſo lang man ſingt, iſt die Kirch 'nicht aus. Ihr werdet's noch erleben, daß ich Recht behalt'.

Ich hab 'ohnehin ein Geſchäft draußen, erwiderte der Chirurg, der ihr die Befriedigung nicht gönnte, daß er bloß auf ihre Veranlaſſung einen Weg von ein paar Stunden machen ſollte. Ich muß eine Weibs¬ perſon dort ſchneiden, die ein Geſchwür im Munde hat. Für böſe Mäuler gibt's kein probateres Mittel, als unſre Inſtrumente.

Der Sonnenwirth lachte und nahm ſein Erbieten an, perſönlich mit dem Flüchtling zu reden, ihm förmlich das von dem Vater aus¬ bedungene Verſprechen abzunehmen und ihn dann gleich aus ſeinem Zufluchtsorte mitzubringen.

Du biſt doch recht brav, ſagte ſeine Frau zu ihm, als er ſich zu171 Hauſe anſchickte über Feld zu gehen. Sieh, es freut mich von gan¬ zem Herzen, wie gut du gegen meinen Bruder biſt.

Quod medicamenta non sanant , murmelte der Chirurg vor ſich hin und hielt wieder inne. Dann wandte er ſich zu ſeiner Frau: So lang man ſingt, iſt die Kirche nicht aus, hat deine Mutter geſagt, und mir hat ein Vögelein gepfiffen, ſie werde wohl Recht haben. Zwar, wenn dein Bruder jetzt Vernunft annimmt, ſo will ich ihm alles Gute gönnen, und will gerne dazu geholfen haben. Aber die Kugel, die bergab geht, rollt gemeiniglich ſo fort ohne Aufenthalt. Ohnehin, wenn dein Vater heut ſtirbt, ſo nimmt er morgen ſein Bauernmenſch. Meinſt du, du würdeſt nicht beſſer zu einer Sonnen¬ wirthin taugen? Und ſollt 'ich zum Wirthſchaften nicht ſo gut Geſchick haben als zum Raſiren? Deine Mutter iſt ſo giftig und höhniſch, daß ſie meinen Raſirtag meinen Schabes heißt. Ei, mir ſtände es gar wohl an, einen Ruhetag aus ihm zu machen, wenigſtens was das Bartſchaben betrifft.

Er ging, und Magdalene ſah ihm ſeufzend nach. Dieſer Seufzer mochte wohl Mancherlei zu bedeuten haben.

16.

Kaum war es am nächſten Tage Abend geworden, als im Bäcker¬ hauſe Jemand eilfertig in die Stube herein ſchlüpfte. Die Bäckerin war allein; ſie ſaß im Großvaterſtuhle und hatte die Hände ſchlaff in den Schoß gelegt. Sie blickte den Eintretenden ſcharf durch die Dämmerung an. Wer iſt's? fragte ſie endlich, da ſie ihn nicht er¬ kannte.

Grüß 'Gott, Baſ', ſagte eine bekannte Stimme.

Herrjeſes, der Frieder! rief ſie. Was, ſchon wieder aus der Fremde da? Was iſt denn das? Wie geht denn das zu?

Schrecklich iſt's, erwiderte der Ankömmling, wenn man Alt und Jung, Kind und Kegel immer auf die nämlich 'Frag' Antwort geben ſoll. Wo ich geh 'und ſteh', greift man mich mit Fragen an und172 verlangt Rechenſchaft von mir, warum ich ſchon wieder da ſei. Ich will's Euch nachher Alles haarklein ſagen, aber zuerſt hab 'ich eine Bitt' an Euch. Thut mir die Liebe, Baſ ', und gehet, ſo groß und ſchwer Ihr ſeid, den Abend noch hinaus zum Hirſchbauer und ſaget einem von der Chriſtine ihren Brüdern, am liebſten dem Jerg, denn der ander' iſt hinter den Ohren nicht trocken, daß ich nothwendig mit ihm zu reden hab '. Ich kann mich keinem Menſchen ſonſt anvertrauen als Euch, denn der Profoß hat's in den Gliedern, heißt das, ſo weit ſie nicht hölzern ſind.

Ach Friederle, ſeufzte die Frau, ich that's gewiß gern, aber bei mir iſt's auch mit dem Springen vorbei. Ich kann dem Profoßen mit ſeinem Gliederweh Geſellſchaft leiſten: ſeit ein paar Tagen weiß ich, warum ich immer ſo müd bin, ich hab 'geſchwollene Füß'.

Wird doch das nicht ſein. Sollen denn meine beſte Freund 'in ſo kurzer Zeit preſthaft werden?

Meine Mutter iſt an der Waſſerſucht geſtorben, ſagte ſie, und ich weiß jetzt auch was mir blüht. Eure Hochzeit erleb 'ich ſchon nicht mehr; wenn ihr aber zuſammen kommet und vergnügt mit einander lebet, ſo ſoll mich's noch unterm Boden freuen. Dem Jerg will ich durch den Beckenbuben entbieten, daß er zu mir herkommt; denn wenn ich auch die Füß' nicht recht mehr brauchen kann, ſo iſt das Mundſtück noch gut im Gang. Was ſoll ich ihm denn ausrichten?

Ach, Baſ ', Ihr machet mir das Herz ſchwer. Es wird doch ſo ſchlimm nicht ſein.

Wie Gott will. Wo ſoll ſich der Jerg einfinden?

Man paßt mir auf jedem Schlich auf. Saget meinem Schwager, und vergeſſet ja nicht, ihn ſo zu heißen, morgen um Verſperzeit oder etwas ſpäter, wenn der Tag ſich neigt, woll 'ich ihn unter den Linden an der Schießmauer treffen. Den Grund, warum ich nicht zu ihm in's Haus kommen kann, und alles Andere will ich ihm mündlich ſagen.

Kann mir's ſchon denken. Es ſoll pünktlich ausgerichtet werden. Heut Abend muß er noch zu mir kommen.

Hierauf erzählte er ihr, wie ſeine Reiſe abgelaufen und unter wel¬ cher Bedingung er in ſein väterliches Haus zurückgekehrt ſei. Dann ſprach er ihr von den Vorſätzen, an welchen er gleichwohl in Betreff173 ſeiner Liebſten feſthalten werde, unterbrach ſich aber bald mit den Worten: Ich ſeh 'wohl, Ihr habt Ruh' nöthig, und ich darf nicht lang ausbleiben. Gott tröſt 'Euch, Baſ', ich dank 'vielmals für die Freundſchaft, und will bald wieder nach Euch ſehen.

Die beiden Schwäger, wie ſie ſich nannten, begrüßten ſich den folgenden Abend an dem verabredeten Orte aufs Herzlichſte. Wir haben ſchon gewußt, daß du wieder da biſt aus der Welt, ſagte Chri¬ ſtinens Bruder, der nach Bauernart nicht ſogleich den eigentlichen Zweck der Zuſammenkunft berührte. Das Chriſtinele hat vor Freu¬ den geweint. Jetzt ſag 'mir nur auch, wie iſt's dir denn gangen da draußen?

So ſo, la la, antwortete Friedrich. Die Leut 'wären ſchon recht, aber 's iſt eben Alles ganz anders als bei uns. Da ſchnurrt Jeder¬ mann nur ſo an Einem vorbei und läßt Einem das Nachſehen; und wenn einer ſo im Vorbeiſchießen was an dich hinwelſcht, bis dir eine Antwort eingefallen iſt, iſt der ſchon über alle Berg'. Dann können ſie doch auch wieder recht geſellſchaftlich ſein, ſonderlich die in Sachſenhauſen; und wenn ſie dich gern haben, ſo geben ſie dir die gröbſten Schimpfreden, über die's bei uns zu Mordhändeln käm '. Bei ihnen aber iſt das aus Freundſchaft gered't, und wenn ſie dich ein ſchlecht's Luder heißen, ſo iſt das lauter Liebe und Güte. Die in Frankfort, die auch viel' rüber kommen ſind, und wir zu ihnen 'nüber, die ſind feiner, aber ſie hänſeln und föppeln Einen gern, und in ihrer ſchnellen, ſpitzigen Sprach' kann dir das in die Naſ 'fahren wie ein Pfeil. Wiewohl, ich bin ihnen auch nichts ſchuldig blieben. Einmal haben ſie mich gefragt, wie man denn im Schwabenland die Holder¬ küchle Holderküchelche ſagen ſie macht. Ich hab' aber gleich gemerkt, daß ſie bloß ihren Spott mit mir treiben wollen, und hab 'ihnen erzählt, man mach' das Feuer und den Teig grad unter dem Holderbaum an, und zieh 'dann einen Zweig um den andern mit dem Bluſt nur in den Teig' runter und laſſ 'wieder ſchnappen, dann hängen die Küchelche am Baum, wie wenn ſie dran gewachſen wären.

Jerg lachte unmäßig. Wenn ſie das glaubt haben, ſo müſſen ſie rechtſchaffen dumm ſein.

Nein, dumm ſind ſie grad nicht. Sie haben eben arg drüber ge¬ lacht. Jetzt wollen wir aber von andern Dingen reden, Jerg, denn174 wir ſind hier nicht zuſammen kommen, daß ich dir Späß 'vormach', ſondern mir iſt's Ernſt, und das bitterer. Sieh, ich bin noch ganz der Nämlich 'gegen euch, wie da ich gangen bin, aber die Sach' iſt ein wenig anders worden. Zuerſt und vor allem andern muß ich dir ſagen, daß ich der Chriſtine mein Wort halt ', der Schein mag ſein wie er will.

Das kannſt ihr ja ſelber ſagen, Frieder, ſagte Jerg mit ſchlauem Lächeln.

Nein, Jerg, das iſt's ja eben. Sich, ich will und muß dir's frei heraus bekennen, daß ich hab 'verſprechen müſſen, mit deiner Schweſter weder mündlich noch ſchriftlich etwas zu haben.

Das iſt freilich ein ander Ding, ſagte Jerg.

Hör 'mich vor aus. Wenn ich nichts mehr von ihr wollt', ſo hätt 'ich mir's erſparen können mit dir zu reden; aber darum grad' hab 'ich dich ja hieher beſtellt, denn mit dir iſt mir's nicht verboten.

So red ', daß man weiß, wie man mit dir dran iſt.

Sieh, Jerg, wie ich die Stell 'bei meinem Vetter beſetzt gefunden hab', und iſt meines Bleibens nicht geweſen, da iſt mir die Welt auf einmal vorkommen, wie ein groß Waſſer, in das ich geſtoßen bin und untergeſunken bis an Hals. Ich hab 'auch die Welt erſt kennen lernen und hab' jetzt eingeſehen, daß es nicht ſo leicht iſt in dem Waſſer zu ſchwimmen, als ich vorher gemeint hab ', und hab' keine Gelegenheit hinausgelaſſen, mit verſtändigen Leuten drüber zu reden, die in der Welt herumgekommen ſind. Sieh, überall iſt Alles zünftig, und da kann man nicht ſo hinein ſitzen wie man will. Das kann nur der, der ein Geſchäft ererbt oder ſo viel Geld hat, um ſich eins zu kaufen. Andere ſchlupfen hinein, indem ſie eine Meiſterstochter oder Wittwe heirathen, und dabei muß man oft ein Aug 'zudrucken und dem Teufel ein Bein brechen, auch oftmals einen krummen Buckel machen, bis man Allen recht iſt, die ein Wort mitzureden haben, oder man muß gar zum ſchlechten Kerl werden, ſeinen Eid brechen und ſeinen Schatz ſitzen laſſen, vielleicht mit dem Kind dazu. Wieder Andere kommen gar nicht hinein und bringen's ihr Lebtag zu nichts. Ich hab' glaubt, wenn ich die Chriſtine nachkommen ließ 'und thät' ihr einen Dienſt verſchaffen, ſo könnten wir, jedes in ſeinem Dienſt, nach und nach einiges erübrigen und einander zuletzt heirathen. Aber175 Kutz Mulle, blaſ 'Gerſten, da könnten wir dienen und ledig bleiben unſer Leben lang. Ja, wenn mein Vetter mich hätt' bei ſich behalten können und hätt 'mich vielleicht lieb gewonnen, der hätt' mich auf die ein 'oder ander' Art verſorgen können, ſo daß ich gar nicht mehr zu¬ rückgekommen wär 'und die Chriſtine auswärts geheirathet hätt'. So aber iſt das nichts geweſen, und ich bin auf einmal rath - und hilflos dageſtanden in der weiten Welt. Mein Vetter hat mich zwar liebreich gehalten und hat mich heißen als Gaſt bleiben; aber ich bin mir eben fremd vorkommen und hab 'ihm nicht in die Länge beſchwerlich ſein wollen. Ich ſag' dir, Jerg, ich bin dir ganz verzagt geweſen und hab 'nicht mehr gewußt, wo aus noch wo ein, grad' wie ein Kind, das aus ſeinem Bett gefallen iſt und tappt in der Nacht herum und kommt nicht mehr zurecht, oder wie Einer, der das Waſſer am Kinn ſpürt und keinen Boden unter den Füßen mehr, und in der Angſt nach einem Strohhalm langt. Du magſt vielleicht denken, ich hätt 'doch verſuchen ſollen, anderswo in der Fremde in einem Dienſt unter¬ zukommen. Aber ich hab' kein Glück; das hab 'ich gleich geſehen, wie's bei meinem Vetter nichts geweſen iſt. Und wenn ich bei frem¬ den Leuten in Dienſt gangen wär', ſo hätt 'ich damit eine große Scheidewand zwiſchen mir und meinem Vater aufgerichtet und hätt' ihm gezeigt, daß ich ihm Trotz bieten will; wenn mir's nachher in der Welt nicht geglückt wär ', wie's wahrſcheinlich iſt, ſo wär' mir die Heimath zugeſchloſſen geweſen und ich hätt 'der Chriſtine zweimal nicht Wort halten können, was mir doch die Hauptſach' iſt. Auch iſt mir's durch den Kopf gefahren, beweiſen kann ich's freilich nicht, daß des Gerichtsſchreibers Sohn von Boll, der mich bei meinem Vetter verdrängt hat, weil er ſchon vor mir Anwartſchaft gehabt hab ', daß der vielleicht meinem Vetter einen Floh in's Ohr geſetzt hat

Er ſtockte. Von wegen deiner Liebſchaft? meinte Jerg.

Nein, ſagte Friedrich und ließ die Stimme ſinken: er hat's ihm vielleicht geſteckt, ich ſei nicht ganz hautrein und ſei ſchon in Ludwigs¬ burg geweſen.

Das wär 'aber lüderlich, das wär' ſchlecht! ſagte Jerg.

Ich trau 'ſo einem Schreibersſöhnle nicht viel Gut's zu; er hat vielleicht beſorgt, ich könnt' ihm doch vielleicht noch den Rang ablaufen, und das wär 'auch keine Kunſt für mich geweſen. Kurzum, ich bin176 auf einmal wie an der Welt End' geſtanden, wo ſie mit Brettern vernagelt iſt, und hab 'mir ſagen müſſen, daß da eben nichts übrig bleibt, als umkehren und gute Wort' geben. Wie ich dann vollends bedacht hab ', was das einen Spott und ein Gelächter geben wird, wenn ich ſchon wieder komm', und hab's doch nicht anders machen können, wenn ich nicht alle Brücken zwiſchen mir und meinem Schatz hab 'abwerfen wollen, da iſt mir der Muth ganz und gar geſunken und hab' nichts mehr vor Augen geſehen, als daß ich eben jetzt alle Schmach muß auf mich nehmen und zu Kreuz kriechen. Herr Gott, wie ich noch ein Bub 'geweſen bin und hab' Schläg 'kriegt, da hab' ich nicht gemuxt und hab 'ſagen können: ich will noch mehr! daß mein Vater ſchier verzweifelt iſt. Und jetzt, wo ich groß bin, hab' ich dir Brief 'nach Haus geſchrieben Brief' ich ſag 'dir, Jerg, der jämmerlichſt' Bettler ſchreibt nicht erbärmlicher und demüthiger. Aber ich hab 'eben gar nichts anders mehr gewußt, und die Hei¬ math iſt halt doch das Beſt' in der Welt. Doch hab 'ich bloß Ge¬ horſam verſprochen. Aber das hat mich nichts genutzt. Wie man einmal geſehen hat, daß ich gehörig mürb' bin, und das iſt kein Wun¬ der, denn ich hab 'den Amtmann auch noch auf'm Hals gehabt, da hat man mich noch weiter trieben. Ich bin nicht eher angenommen worden, als bis ich buchſtäblich verſprochen hab' ich hab 'dir's ja ſchon geſagt und will's nicht wiederholen.

Und was ſoll ich ihr jetzt ſagen? fragte Jerg.

Was ich meinem Vater verſprochen hab ', das halt' ich ihm, aber ich halt 'auch, was ich deiner Schweſter verſprochen hab', und das geht vor, denn es iſt ein älteres Verſprechen. Auch hab 'ich keines¬ wegs geſchworen, daß ich ſie in alle Ewigkeit nicht mehr ſehen, noch ihr ſchreiben wolle, und noch weniger hab' ich geſagt, ich wolle mein Herz von ihr abziehen und ihr mein Wort brechen. Zwiſchen uns bleibt Alles im alten Recht. Sag 'ihr nur, ſie ſolle etliche Zeit Ge¬ duld haben, wie ich mich auch gedulden muß. Ich muß erſt wieder feſten Boden unter den Füßen haben, damit ich in Ruh' ſehen kann, wie Has lauft, und kann Zeit und Gelegenheit walten laſſen. Viel¬ leicht wächſt der Art von ſelber ein Stiel. Sag 'ihr, jedenfalls nehm' ich keine Andere, und wenn ich Haus und Hof dahinten laſſen müßt 'oder müßt' alt und grau mit ihr werden, bis wir vor den Altar kommen. 177Das muß ihr für jetzt genug ſein. Und deinem Vater ſag ', es bleib' bei unſrer Abred ', und er ſoll' ſie bei ſich behalten, wie wir ausge¬ macht haben, bis etliche Zeit verſtrichen iſt; ſowie ich wieder ein wenig zu Kräften komm ', will ich ihn dafür ſchadlos halten. Du aber ver¬ ſprichſt mir, daß wir uns je und je im Beckenhaus treffen, damit ich Nachricht von meinem Schatz hab'; denn du biſt jetzt mein Münd¬ lich's und mein Schriftlich's mit ihr.

Bleib's dabei, ſagte Jerg.

Und jetzt ſag 'mir noch eins, offen, Aug' in Aug ': glaubſt du meinen Worten und willſt du dich bei den Deinigen und bei deiner Schweſter für mich verbürgen, daß ich's noch ſo treulich mein' wie ſonſt, trotzdem daß der Schein gegen mich iſt? Die Hand drauf, Schwager, Bruderherz?

Ja, ich glaub 'dir, da haſt meine Hand.

So, jetzt geh 'ich mit leichterem Herzen heim. Gut' Nacht, und grüß 'mir mein' Schatz viel tauſendmal.

17.

Bald genug ſollte Friedrich's Ahnung, daß der natürliche Gang der Dinge von ſelbſt zwiſchen zwei widerſtreitenden Verſprechen ent¬ ſcheiden werde, in Erfüllung gehen.

In der Stellung des dienenden Sohnes, in die er zurückgetreten, waren ihm ein paar Monate leer und trüb dahingegangen, ohne daß ſeine Herzensangelegenheit einen weiteren Zuſammenſtoß zwiſchen ihm und ſeinem Vater verurſachte. Dieſem genügte es, ſeinen Sohn der herrſchenden Sitte gemäß ehrlich und chriſtlich, wie die ſtehende Redeweiſe der Zeit ſich ausdrückte, erzogen zu haben, und er meinte ſeine ganze Verantwortlichkeit abgethan, wenn er einem Irrweg deſſel¬ ben die einfache Schranke des väterlichen Verbotes entgegenſetzte. Er glaubte ihm weder die Gründe, durch welche ein älterer Freund die unerfahrene Jugend manchmal von einem Fehlgriff abzuhalten vermag, noch die Achtung vor der Freiheit des menſchlichen Willens ſchuldigD. B. IV. Kurz, Sonnenwirth. 12178zu ſein, der über ſich ſelbſt zu verfügen berechtigt iſt, und wenn er auch den Einſatz mit dem Preiſe der ganzen Zukunft bezahlen müßte. Was Wunder, wenn der Sohn für dieſes ſtarre Nein, das er von Anfang an vorausgeſehen, ein eben ſo ſtarres Ja in Bereitſchaft hatte, deſſen zeitweilige Hintanhaltung eben jenen Waffenſtillſtänden glich, die man im Kriege nur deßhalb ſchließt, um bei einer vortheilhaften Gelegenheit wieder losſchlagen zu können. Er hielt buchſtäblich Wort und vermied in dieſer ganzen Zeit jedes Zuſammentreffen mit Chri¬ ſtinen. Auch beſuchte er keinen Tanz, denn er wußte wohl, daß er ſie daſelbſt nicht finden würde. Ich will ſie lieber ſo lang gar nicht ſehen, ſagte er zu Jerg, denn einander ſehen und nichts von ein¬ ander haben, das thut viel weher; ſag 'ihr nur, ſie ſoll' derweil fleißig an mich denken, ich werd 'das im Arm oder noch beſſer im Herzen ſpüren. Er traf häufig mit ihm im Bäckerhauſe zuſammen; das einemal ſprach er luſtig mit ihm dem Grillengifte zu und be¬ kannte, daß er erſt jetzt einſehe, wie richtig er es getauft habe; das andremal ſah man die Beiden lange Zeit mit einander flüſtern, wobei Chriſtinens Bruder Nachrichten von bedenklicher Art zu bringen ſchien, welche Friedrich gelaſſen aufnahm und, nach ſeiner Miene zu ſchließen, mit ermuthigenden Zuſicherungen beantwortete. Die Bäckerin, die kränkelnd im Sorgenſtuhle ſaß, beobachtete ſolche Unterredungen mit Kopfſchütteln und ſprach gegen ihren Mann die nämliche Vermuthung, die der Chirurg in einem lateiniſchen Citat angedeutet hatte, mit deut¬ ſchen Worten aus.

Allmählich begann auch im Flecken ein neues Gemurmel umzu¬ laufen, das zuerſt von den jungen Mädchen aufgebracht und bald auch durch die Pfarrmagd vom Brunnen in den Pfarrhof überliefert wurde. Man ſtichelte und ſpottete, daß Chriſtine nicht mehr aus dem Hauſe zu gehen wage, woran ſie doch ſehr klug that, denn ſie hatte, als ſie ſich zuletzt auf der Straße blicken ließ, bemerkt, daß man mit Fingern hinter ihr her deutete. Der Fiſcher aber hatte niemals ein ſo reiches Geſchenk aus der Sonne heimgetragen, als an dem Tage, wo er der Sonnwirthin berichtete, was über die Tochter des Hirſchbauers ge¬ ziſchelt und gemunkelt wurde.

Eines Abends kam der Bäckerjunge zu Friedrich in die Sonne und hinterbrachte ihm heimlich, der Jerg ſei im Bäckerhauſe und laſſe179 ihm ſagen, daß er doch gleich hinkommen möchte, denn er habe etwas Dringendes mit ihm zu reden.

Du, 's iſt Feuer im Dach mit dieſen Worten empfing ihn ſein Geſelle, als Friedrich ſich zu ihm ſetzte meine Schweſter iſt auf morgen vor Kirchenconvent geladen.

Gottlob! rief Friedrich, jetzt kommt's doch endlich zum Treffen! Sag 'ihr nur, ich werd' noch heut bei ihr ſein.

Er trank ſchnell aus und eilte nach Hauſe zurück. Da er ſeinen Vater mit Eſſen beſchäftigt fand, ſo ſetzte er ſich in eine dunkle Ecke, wo er wartete, bis derſelbe fertig ſein würde.

Was haſt? Was guckſt? Haſt Hunger? fragte dieſer, den ſeines Sohnes auf ihn gerichteter Blick beunruhigte.

Nein, Vater, ich muß Euch etwas ſagen, und will Euch nicht über'm Eſſen ſtören, weil ich weiß, daß Ihr das nicht leiden könnt.

Der Alte, der etwas neugierig war, beſchleunigte ſeine Mahlzeit. Nun, was iſt's? fragte er dann, vom Tiſch aufſtehend.

Friedrich ſtand gleichfalls auf. Vater, ſagte er, ich hab 'Euch verſprochen, mit der Chriſtine keinen Verkehr mehr zu haben, weder ſchriftlich noch mündlich, und hab' das auch ſtreng gehalten bis daher. Jetzt aber iſt an der Sach 'ein ander's Trumm aufgangen, die Chri¬ ſtine iſt vor Kirchenconvent citirt

Lüderlicher Hund! ſchrie der Alte und hob die Hand auf, ließ ſie aber alsbald wieder ſinken, da er gewahrte, daß ſein Sohn, ohne ei¬ nen Schritt vor dem Schlage rückwärts zu weichen, in drohender, ent¬ ſchloſſener Haltung vor ihm ſtand. Es kam ihm erſt jetzt klar zum Bewußtſein, daß er eigentli immer eine geheime Furcht vor ihm ge¬ habt habe.

Incommodirt Euch nicht, Vater, ſagte Friedrich, über das bin ich hinausgewachſen, und was das Schimpfen betrifft, ſo weiß ich, daß Ihr auch jung geweſen ſeid Ihr werdet mich verſtehen.

Sprichſt du ſo mit deinem Vater? ſchrie der Sonnenwirth, der wüthend und zugleich in einiger Verwirrung durch die Stube hin und her lief. Seine Frau hatte ihm von ihrer ausgekundſchafteten Neuig¬ keit nichts mitgetheilt, ſei es, daß ſie eine für den Stiefſohn beſonders ungünſtige Gelegenheit abwarten oder, daß ſie ihren Mann von dem amtlichen Verlauf der Sache überraſchen laſſen wollte.

12 *180

Mein Sprechen, ſagte Friedrich, hat keine weitere Abſicht, als daß mein Vater ein billig's Einſehen haben ſoll, und wenn auch nur in dem Punkt, daß ich nothwendig mit dem Mädle reden muß, eh 'ſie vor die Herren kommt, denn ſonſt weiß ich ja gar nicht, was ſie dort ausſagt.

Der Alte hielt in ſeinem Toben inne. Wenn du das Menſch da¬ hin bringen kannſt, daß ſie nicht auf dich ausſagt, verſetzte er, ſo kannſt mit ihr reden, ſo viel du willſt. Aber das wiederhol 'ich dir, und will dich erinnert haben, daß ich dir's ſchon einmal geſagt hab', glaub 'nur nicht, ich hätt' einen Kreuzer übrig, um dir aus ſolchen Streichen herauszuhelfen. Find 'du ſie ab wie du kannſt und friß aus was du mit ihr eingebrockt haſt, ich helf' dir nicht dabei.

Für's Abfinden wär 'ja noch mein Mütterlich's da, erwiderte Friedrich, und ſo braucht' ich Euch nicht zur Laſt zu fallen.

Da wird viel übrig ſein, höhnte der Alte, wirſt weit damit ſpringen nach ſolchen Sprüngen, die du ſchon gemacht haſt.

Ich will jetzt nicht darüber ſtreiten, ſagte Friedrich, ich bin zu¬ frieden, daß Ihr mir mein Wort zurückgegeben habt und daß ich mit dem Mädle reden kann, ohne wortbrüchig zu werden.

Er brach ſchnell ab, um weitere Erörterungen zu vermeiden. Als er ſich entfernt hatte, erzählte der Sonnenwirth ſeiner Frau, die aus der Küche kam, was zwiſchen ihm und ſeinem Sohn verhandelt wor¬ den war.

Du haſt den Gaul am Schwanz aufgezäumt, ſagte ſie, daß du ihm ſein Wort zurückgibſt. Jetzt geht das alt 'Luderleben wieder an. Und dazu den Schimpf und die Schand'! Sie wußte ſo gut zu lamentiren, wie er vorhin zu toben gewußt hatte.

Er hat verſprochen, das Mädle 'rumzubringen, daß ſie nicht auf ihn ausſagt, erwiderte der Sonnenwirth.

Seine Frau trat voll Verwunderung einen Schritt zurück. Sie hatte beſſer von ihrem Sohne gedacht und fühlte ſich durch dieſe Mit¬ theilung ſonderbar überraſcht. Wär's möglich? ſagte ſie. Aber ſieh zu, das ſind am End 'faule Fiſch'.

Gelogen hab 'ich nicht, murmelte Friedrich bei ſich, während er den lange nicht betretenen Weg zu Chriſtinen einſchlug. Was kann ich da¬ für, daß mein Vater mit ſo ſchlechten Gedanken umgeht.

181

Es war als ob er in ein Trauerhaus käme, als er in die Stube des Hirſchbauers trat. Die Alte heulte bei ſeinem Anblick laut auf und fuhr ſich in die Haare, als ob ſie ſie ausraufen wollte, und der kleine weißköpfige Bube, der ſich an ihrem Rocke hielt, heulte vor Angſt mit, ohne von dem Vorgang etwas zu verſtehen. Der Bauer, ohnehin von Alter und Mangel erſchöpft, ſaß ganz gebeugt und ge¬ brochen auf einem ſchadhaften Stuhl am Ofen; ſeine beiden älteren Söhne lehnten ernſthaft, doch ohne ſichtbare Betrübniß neben ihm an der Wand. Chriſtine aber flog, gleichfalls lautweinend, dem Ankömm¬ ling entgegen. Mein Frieder, mein Frieder! ſchrie ſie an ſeinem Halſe. Biſt endlich da? Sieh, ich kann mein Elend auf keinem Berg überſehen!

So bleib 'im Thal, erwiderte er.

Jetzt treibt er noch ſein Geſpött 'mit uns, ſagte der Alte mit dumpfer, ſinkender Stimme.

Nein, alter Vater, erwiderte Friedrich, indem er Chriſtinen um den Leib haltend zu ihm trat und ſeine Hand mit Gewalt faßte, 's iſt mir jetzt nicht eben ſpöttiſch zu Muth, aber ich ſeh 'nur nicht ein, was es für ein Jammer ſein ſoll, daß ich jetzt endlich vor den Her¬ ren und vor der ganzen Gemeinde erklären kann, daß ich mich mit der Chriſtine in allen Treuen verſprochen hab' und ſie heirathen will. Und das ſagſt du morgen vor Kirchenconvent, Chriſtine, und gibſt Alles an, wie's wahr iſt, und ſagſt unverhohlen, ich ſei der Vater zu dem Kind, das du unterm Herzen trägſt. Heulet doch nicht ſo, wandte er ſich zu der Alten, die bei dieſen Worten wieder in ein lautes Ge¬ ſchrei ausbrach, das iſt eine natürliche Sach ', wer A geſagt hat, muß auch B ſagen, und mich wundert's nur, daß die Leut' noch ſo ein Zetermordio drüber verführen können, da es doch ſo oft und allerorten vorkommt. Es iſt nur bis das Kränzle verſchmerzt iſt. Sehet ein¬ mal die Kinder an, die das Kyrie nicht abgewartet haben, und ver¬ gleichet ſie mit den andern, die rechtmäßig kommen ſind. Iſt ein Unterſchied zwiſchen ihnen? Und macht man noch einen Unterſchied zwi¬ ſchen einer Frau, die vor zehn, zwanzig Jahren am Mittwoch hat vor den Altar ſtehen müſſen, und einer, die ihr Kränzlein in Ehren, wie ſie's heißen, vor den Menſchen, aber vielleicht nicht vor Gott getragen hat? Wenn einmal Gras drüber gewachſen iſt, ſo verzollt Jedermann182 die Ein 'für ſo gut wie die Ander', und denkt Keine mehr dran; ja es iſt ſchon oft gnug vorkommen, daß Eine, ſtatt an ihre Vergangenheit zurückzudenken, ihre jüngeren Leidensſchweſtern auf's bitterſte verfolgt hat und iſt noch liebloſer mit ihnen umgangen, als Eine, der man nichts hat vorwerfen können. So darfſt du's einmal nicht machen, Chriſtine, ſonſt halt 'ich dir einen Spiegel vor, in dem du etwas ſchauen kannſt, was dir ſolch ein unchriſtlich's Betragen verbieten ſoll.

Er iſt doch ein ſündhafter Menſch, ſagte der Hirſchbauer, den übrigens Friedrich's Reden ſichtlich aufgerichtet hatten. Die Alte aber verharrte in ihrer Troſtloſigkeit und ſchalt ihn heftig, daß er es mit einer ſo wichtigen Sache, wie das Ehrenkränzlein, ſo leichtfertig nehme.

Von wem hab 'ich das gelernt? entgegnete er. Bei armen Leuten freilich, die das Strafgeld nicht aufbringen können, iſt's etwas Wich¬ tig's, weil ſie dann einen Schimpf auf ſich nehmen müſſen, der nicht ſo bald wieder von ihnen abgeht. Von den Vermöglicheren aber ſteckt die Herrſchaft das Geld dafür ein, und was ich mit Geld bezahlen kann, das kann ich doch nicht ſo ſchwer nehmen. Jetzt ſaget ſelber, wer handelt und redet leichtfertig, die Herren oder ich?

Ja, wenn mein Kind ſchellenwerken müßt ', ſagte der Bauer, das thät' mich vollends unter den Boden bringen.

Dafür bin ich noch da, verſetzte Friedrich. Ihr werdet doch nicht glauben, ſo lang ich noch einen Kreuzer hab ', werd' ich's zulaſſen, daß mein künftig's Weib die Straf 'mit dem Karren abverdienen muß.

Wenn Er nur auch auf Seinem Sinn bleibt! ſeufzte die Alte, die ſich nach und nach gleichfalls ein wenig zufrieden gab.

Er that ſeine reiche Schatzkammer von Schwüren und Betheurun¬ gen auf und ſpendete nicht karg daraus. Sein zuverſichtliches Weſen beruhigte die Familie allmählich, wie ſeine Erſcheinung Chriſtinen ſchon längſt beruhigt hatte. Ungeſcheut zog er ſie zu ſich nieder und ſaß am Tiſche, als ob er nach längerer Abweſenheit ſich mit ſeinem Weibe auf Beſuch bei den Schwiegereltern befände. Er ließ Wein kommen und ſteckte mit Hilfe deſſelben Alle durch ſeine muntere Laune an. Der alte Hirſchbauer, wenn er auch noch von Zeit zu Zeit den Kopf ſchüttelte, ließ ſich doch durch ſeine unbefangene Art, die Dinge anzuſehen und anzufaſſen, einmal über's andre zum Lächeln bringen; die beiden Söhne aber, durch Friedrich's herzhaftes Auftreten ganz und183 gar gewonnen, erfüllten die Stube mit Gelächter über die luſtigen Einfälle, die er zum beſten gab. Die Bäuerin, nachdem ſie den pein¬ lichen Theil des Geſprächs einmal überſtanden und hinter ſich liegen hatte, ſuchte ihre Neugier zu befriedigen und ließ ſich von ſeiner wei¬ ten Reiſe erzählen, wobei der kleine Wollkopf an ſeinen Lippen hing und mit aufgeriſſenem Munde in die zunehmende Heiterkeit einſtimmte, die er ſo wenig begriff, als er zuvor den Jammer begriffen hatte. Chriſtine aber lehnte ſich ſelig und durch kein elterliches Verbot ge¬ ſtört an ihren Liebſten an; es war ihr wie ein Traum, daß er ihrer Unglücksahnung zum Trotze ſo bald wieder zurückgekommen und den¬ noch ſo lange für ſie nicht auf der Welt geweſen war. Jetzt aber war er ihr auf einmal wie ein Stern gerade in der ſchwärzeſten Nacht aufgegangen, und ſie vergaß das Elend, das ihr vorhin ſo unüberſeh¬ bar gedäucht hatte, vergaß, daß ſie morgen vor dem geiſtlichen Gericht erſcheinen ſollte, um ſich zu verantworten wegen der Miſſethat, die ſie aus Liebe zu ihm begangen hatte.

18.

Morgens in aller Frühe war Friedrich ſchon wieder bei Chriſtinen, um ihr die Stunden der Angſt bis zu dem Gange, den ſie dieſen Vormittag anzutreten hatte, zu vertreiben, noch mehr aber um vor der öffentlichen Erklärung, welche er zu geben beabſichtigte, jeder Un¬ terredung mit ſeinem Vater auszuweichen, der wirklich zu glauben ſchien, er werde, in den Lauf der Welt ſich fügend und von der Unmöglich¬ keit einer andern Handlungsweiſe übermannt, ſein Mädchen die ganze Verantwortlichkeit für das Geſchehene allein tragen laſſen.

Die gefürchtete Stunde war endlich angebrochen. Er nahm Chri¬ ſtinen an der Hand und führte ſie mit tröſtlichen Worten von ihren Eltern fort. Arm in Arm ging er mit ihr durch den Flecken, und die lachende Frühlingsſonne, die zu dem Gange ſchien, beſtärkte ihn in dem Glauben, daß die himmliſchen Mächte ob dieſer Liebe nicht zürnten. Er trat aufrecht wie ein Sieger neben Chriſtinen einher, die184 mit niedergeſchlagenen Augen an ſeiner Seite ging, und die Leute, die ihnen begegneten, machten zwar verwunderte Geſichter, wagten aber doch erſt, nachdem das Paar vorüber war, die Köpfe zuſammenzuſtecken und einander ihre ſpöttiſchen Bemerkungen mitzutheilen. Am Rath¬ hauſe ließ er ihren Arm los: So, jetzt mußt dein 'Strauß allein ausfechten, ſagte er, aber wenn ich gleich nicht dabei ſein darf, ſo hab' nur guten Muth, du weißt ja, daß ich nicht weit bin und dir nach¬ her im Protokoll beiſpringen werd '; hier unten will ich deiner war¬ ten. O Frieder, wie iſt mir das Herz ſo ſchwer, und ich ſchäm' mich ſo vor den Herren, erwiderte ſie. Hätt 'faſt was geſagt! rief er und trieb ſie die Treppe hinauf: ſchämt ſich eine Braut auch zur Hochzeit zu gehen? Sei du froh, daß wir endlich einmal wenigſtens im Kirchenconventsprotocoll mit einander copulirt werden!

Er wartete lange unter dem Rathhauſe. Da er ſich den neugie¬ rigen Blicken der Pfarrerin ausgeſetzt ſah, die von ihrem Fenſter auf ihn herabſchaute, ſo wechſelte er ſeinen Standort, doch ſo, daß er immer die Thüre des Rathhauſes im Auge behielt. Allein er mußte von manchem Vorübergehenden neugierige Fragen aushalten, denn auf dem Lande ſteht man nicht ungeſtraft an einer Ecke ruhig ſtill, und beinahe hatte er die Geduld verloren, als nach einer vollen Stunde Chriſtine auf der Rathhausſtaffel erſchien und ſich nach ihm umſah. Er winkte ihr. Du haſt aber lang gemacht, ſagte er verdrießlich, ich glaub ', du haſt Alles, was ſich ſeit deiner eigenen Geburt zugetragen hat, ge¬ beichtet. Was kann denn ich dafür? erwiderte ſie. Halt' dich nur parat, der Büttel folgt mir auf'm Fuß, ich hab's noch gehört, wie er Befehl erhalten hat, dich vorzuladen. Wart 'am Bach drüben auf mich, ſagte er, da gehen nicht ſo viel Leut'. Sie eilte von ihm weg, froh, aus der Nähe des Rathhauſes zu entkommen. Kaum war ſie verſchwunden, ſo kam der Schütz heraus und winkte ihm. Er er¬ ſpart mir einen Gang, ſagte er. Und einen Schoppen? lachte Friedrich. In der Sonne, erwiderte der Schütz grinſend, hätt 'ich, ſchätz' wohl, heut 'keinen bekommen, das Geſchäft trägt's nicht aus. Uebrigens iſt hier keine Zeit nicht zu verlieren, Er iſt vor löbliches Kirchenconvent citirt und hat ohne Aufenthalt zu erſcheinen. Das kann geſchehen, erwiderte Friedrich und ging die Treppe hinauf.

Als er an der Thüre des Rathhauszimmers auf ſein Klopfen keine185 Antwort erhielt, trat er muthig ein und wünſchte einen guten Mor¬ gen, blieb jedoch an der Thüre ſtehen. An dem Tiſche mit geſchweiften Füßen, über welchem ein neugemaltes Bild der Juſtitia hing, ſaß der Pfarrer obenan, neben ihm der Amtmann, dann der Anwalt, der als Untergeordneter des Amtmanns die Schulzenſtelle verſah, nach dieſem ein Mitglied des Gemeindegerichts und zuletzt der Heiligenpfleger. Dieſe zuſammen bildeten das gemiſchte Collegium der Kirchencenſur, deſſen vorherrſchend geiſtlicher Charakter, ungeachtet der weltlichen Bei¬ miſchung, in ſeinem Namen und im Vorſitze des Pfarrers zu erkennen iſt. Das Magiſtratsmitglied, das über dem Heiligenpfleger ſaß, blickte den Eintretenden beſonders finſter an: es war ſein Vormund, der ſich nicht wenig ſchämte, ſeinen Pflegeſohn unter ſolchen Umſtänden im Verhör zu erblicken. Der Pfarrer räuſperte ſich. Tret 'Er näher daher, ſagte er. Friedrich trat einige Schritte vor. Es iſt mir, be¬ gann der Pfarrer, von chriſtlich denkenden Leuten, welchen Aergerniß in der Gemeinde leid iſt, fürgebracht worden, wie daß die Chriſtina, des Hans Jerg Müller's, Bauren, Tochter, im Geſchrei ſei, daß ſie mit einem Kinde gehe. Als ſie daher vor dieſes löbliche Cenſurgericht fürgeladen worden, hat ſie ihre Schwangerſchaft nicht leugnen können, und auf Befragen, mit wem ſie ſich göttlichen und menſchlichen Ge¬ ſetzen zum Trotz vergangen, hat ſie Ihn als Vater zu ihrem Kind angegeben. Iſt das wahr?

Ja, Herr Pfarrer und ihr Herren Richter! ſagte Friedrich mit feſter Stimme, ſo daß Alle einander betroffen anſahen und dann mit Abſcheu auf den jungen Menſchen blickten, der mit einem ſo unerhörten Tone ſeine Schuld bekannte. Die Freudigkeit, die aus ſeiner Stimme klang, wurde von dieſen Männern, die in den herkömmlichen Bräu¬ chen und Sitten aufgewachſen waren, als eine ſchamloſe Frechheit angeſehen.

Hat Er keinen Verdacht, fuhr der Pfarrer fort, daß ſie vielleicht noch mit andern Burſchen zugehalten hat?

Nein, Herr Pfarrer, das hat meine Chriſtine nicht gethan.

Seine Chriſtine! ſagte Friedrich's Vormund unwillig und höh¬ niſch zum Heiligenpfleger.

Sie gibt an, fuhr der Pfarrer fort, Er habe ihr die Ehe ver¬ ſprochen. Iſt das wahr?

186

Ja, Herr Pfarrer, und mit heiligen Eiden.

Saubere Eide! ſagte der Pfarrer und las aus dem vor ihm lie¬ genden Protokoll: Er habe ihr die Ehe mit vielen Verpflichtungen verſprochen; wenn er ſie nicht behalte, ſo ſolle das erſte Nachtmahl ihm das Herz abſtoßen. Iſt dem ſo?

Ja, Herr Pfarrer, accurat ſo hab 'ich geſagt, antwortete Friedrich ganz vergnügt, daß Chriſtine durch dieſe Ausſage ſeine redliche Abſicht ſo klar dargelegt hatte.

Er Gottesläſterer! fuhr der Pfarrer auf, heißt das ein heiliger Eid, wenn man den Namen Gottes oder ſeines heiligen Sacramentes ſo unnütz und ruchlos führt? Ich muß es dem Herrn Amtmann an¬ heimgeben, ob er es nicht ſeines Amtes hält, gegen dieſen offenbaren Frevel vorzufahren.

Für Sein Fluchen und Schwören, nahm der Amtmann gegen Friedrich gewendet das Wort, iſt Ihm hiemit ein Pfund Heller ange¬ ſetzt, unangeſehen der andern Strafe, die Ihn für Sein Vergehen trifft.

Der Pfarrer beeilte ſich, den Strafſatz in's Protokoll einzutragen und dem Heiligenpfleger aufzugeben, daß er das Geld von dem Contra¬ venienten richtig einziehe.

Ich muß es leiden, ſagte Friedrich gelaſſen, aber mein Herz hat nichts Böſes dabei gedacht, ich hab 'nicht fluchen und nicht ſchwören wollen, ſondern blos ein recht feſtes Verſprechen ablegen.

Das thut man nicht in ſo ruchloſen Ausdrücken, die Gott betrü¬ ben müſſen, verſetzte der Pfarrer.

Wie kannſt du, Lump, fuhr jetzt ſein Vormund gegen ihn auf, wie kannſt du ein Verſprechen geben und ein Eh'verlöbniß eingehen ohne Einwilligung deines Vaters, da du doch minderjährig biſt?

Das wird ſich auch bei der Strafe finden, Herr Senator, bemerkte der Amtmann. Wenn sponsalia clandestina geweſen ſind oder ein minderjähriger Burſche ſich vor erlangter Dispenſation verlobt, ſo iſt laut Reſolution vom er blätterte eine Weile in den umher lie¬ genden Geſetzen, Reſcripten und Normalien, und fuhr dann ärgerlich, die Stelle nicht gleich zu finden, fort: ſo iſt laut hochfürſtlicher Reſo¬ lution, die vor kaum vier Jahren emaniret, das Vergehen nicht als187 ein zwiſchen Verlobten vorgefallenes, ſondern als ein gemeines delictum carnis anzuſehen und demgemäß mit höherer Strafe zu belegen, und zwar ſelbſt dann, wenn nachträgliche legitime Verlobung und Heirath erfolgt, was hier Alles noch im weiten Felde ſtehen dörfte.

Friedrich, der den Sinn dieſer Rede ungeachtet der eingeſtreuten lateiniſchen Brocken gar wohl verſtanden hatte, nahm das Wort und ſprach: Ihr Herren, man kann mich ſtrafen ſo viel und hoch man will, darum laſſ 'ich doch nicht von meinem Schatz, und wenn man uns auch anſieht, als ob wir wie unehrbare und verrufene Perſonen wider das ſechſte Gebot geſündigt hätten, ſo weiß ich doch, daß nichts deſto weniger mein Schatz ein ehrlich's Mädle iſt und ſo ſittſam wie nur einem von den Herren ſeine Frau ſein kann.

Die Conventsrichter hatten eine Weile ihren Ohren nicht getraut und ihn deßhalb ruhig ſprechen laſſen, dann aber entſtand ein Aufruhr am Rathstiſche. Will Er ſchweigen? rief der Pfarrer. Man hat Ihn vorgeladen, damit Er ſich verantworte, herrſchte ihm der Amt¬ mann zu, und nicht, damit Er Sein böſes Maul brauche. Ich möcht 'dich zerbrechen, ſchrie ſein Vormund: biſt noch nicht hinter den Ohren trocken und ſchwätzſt ſo frech's und ungeſalzen's Zeug. So Einer iſt mir noch gar nie vorkommen, ſo lang ich im Kirchenconvent ſitz', ſagte der Heiligenpfleger: die Andern wagen die Augen kaum aufzuſchlagen und ſchämen ſich der Sünd ', der aber pocht und will noch gut haben. Und läſtert göttliche Gebote, hob der Pfarrer wieder an. Und fürſt¬ liche Verordnungen, fügte der Amtmann hinzu. Der Anwalt ſagte gar nichts, der unerhörte Auftritt hatte lähmend auf ſeinen Geiſt gewirkt.

Friedrich wollte abermals ſprechen. Still! riefen der Pfarrer und der Amtmann. Still! ſchrieen die andern Mitglieder hinterdrein.

Friedrich biß die Zähne über einander und ſchwieg.

Wie kannſt du's vor deinem rechtſchaffenen Vater verantworten, fuhr ihn ſein Vormund an, daß du dich hinter ſeinem Rücken in eine ſolche Lumpenliebſchaft eingelaſſen haſt, und was glaubſt du, daß er dazu ſagen wird, daß du ohne ſein Wiſſen dich mit einem Ehverſpre¬ chen gebunden haſt, und willſt jetzt behaupten, du laſſeſt nicht davon? Das will ich von dir hören.

Es iſt mir ja verboten zu reden, erwiderte Friedrich ſtörriſch.

188

Nein, nein! befahl der Pfarrer, darüber darf und ſoll Er ſich verantworten, daß Er den kindlichen Gehorſam ſo gänzlich hintangeſetzt und ſich eigenmächtig in eine Verbündniß eingelaſſen hat, die ein junger Menſch, wenn der Segen Gottes dabei ſein ſoll, nur unter ausdrück¬ lichem Conſens ſeiner Eltern nach deren reiflicher Erwägung und in der Zucht Gottes ſchließen ſoll.

Herr Pfarrer, antwortete Friedrich, meine Meinung iſt, wenn ein Menſch heirathen ſoll, ſo kann's ſein Vater nicht für ihn verſehen, ſondern jeder muß ſelber wiſſen, was ſich für ihn ſchickt. Wenn ich meinen Vater für mich wählen ließ 'und es thät' nachher übel aus¬ fallen, ſo kann ich ihm doch die Waar 'nicht heimſchlagen, ſondern muß ſie behalten. Darum, weil ich die Verantwortlichkeit dafür mein ganzes Leben lang, oder bis Gott anders verhängt, tragen muß, ſo halt' ich's auch für recht und billig, daß es dabei nach meinem Kopf geht und nicht nach einem fremden. Hab 'ich mich dann ver¬ griffen in meiner Wahl, ſo muß ich's haben und geſchieht mir Recht, wenn ich's mein ganzes Leben durch büßen muß, darf mich auch über keinen Andern beklagen; muß ich aber einen fremden Fehler büßen, ſo widerfährt mir groß Unrecht und hilft mich all' mein Klagen und Schelten doch nichts mehr.

Das ſind ſündliche, eigenwillige, aufrühreriſche Reden! rief der Pfarrer: Er wird's noch an Galgen bringen, wenn Er ſo fortfährt, nach Seinem Kopf zu leben und elterliche, obrigkeitliche und göttliche Autorität zu verachten.

Herr Pfarrer, was werden wir uns lange mit dem rechthaberiſchen Thunichtgut herum ſtreiten? ſagte der Amtmann. Die Obrigkeit gibt ſich viel zu ſehr herunter und büßt an ihrem Anſehen ein, wenn ſie ſich mit den Unterthanen in Disputationen einläßt, abſonderlich mit einem Buben, der der Ruthe noch nicht entwachſen iſt. Hier liegen die Geſetze und Verordnungen. Unſere Sache iſt es, ſie auszuüben, ſeine, ſich in das Geſetz und in die Welt zu fügen. Wenn er das nicht in den Kopf bringt, ſo mag er dahinfahren.

Ich glaube auch, daß es verlorene Worte ſind, die man an ihn verſchwendet, verſetzte der Pfarrer.

Ja, ich hab 'das öd' Geſchwätz ganz ſatt, ſagte der Anwalt, wel¬ cher ſchwerlich damit die Reden des Pfarrers und des Amtmanns189 meinte, es aber doch im Dunkeln ließ, wem dieſe verdrießliche Bezeich¬ nung galt.

Fort mit ihm! Fort! ſchrieen der Richter und der Heiligenpfleger.

Einen Augenblick Geduld noch! rief der Pfarrer: Seine Aus¬ ſage iſt alſo, daß Er der Chriſtina Müllerin die Ehe verſprochen habe und ſie heirathen wolle, wenn Sein Vater das Jawort dazu gibt?

Ja, antwortete Friedrich, mit der Einwilligung gleich jetzt und ohne die Einwilligung ſpäter, wenn ich mein eigner Herr bin.

Der Pfarrer wiederholte die vorigen Worte murmelnd, während er ſie ins Protokoll ſchrieb. Er kann gehen, herrſchte er dann und klingelte. Den Sonnenwirth! rief er dem eintretenden Schützen zu.

Chriſtine ſtand am Bach und weinte, aber ihr Geſicht klärte ſich alsbald auf, als ſie ihren Freund kommen ſah. Es hat den Kopf nicht gekoſtet, ſagte er lachend. Sie haben mir zwar ſchandlich ge¬ than und zuletzt haben ſie mich gar fortgejagt, weil ſie nicht Meiſter über mich worden ſind, aber ſie haben mir's eben doch Schwarz auf Weiß zu Protokoll nehmen müſſen, daß es zwiſchen uns Beiden richtig iſt, und das iſt die Hauptſach '.

Als er ihr dann erzählte, daß er wegen ſeines Schwures noch extra geſtraft worden, war ſie ſehr betreten und ſagte: Ach Gott, wenn ich das gewußt hätt ', ſo hätt' ich dich nicht verrathen.

Sei nur zufrieden, entgegnete er, ſie wiſſen jetzt um ſo gewiſſer, daß ich dir Wort halt '.

O du biſt brav, ſagte ſie, ſich an ihn anſchmiegend. Sieh, das richtet mich immer wieder auf, wenn mich das Elend zu Boden drücken will. Aber das ſind wüſte Leut ', die Herren, fuhr ſie fort: ich hätt' gar nicht glaubt, daß es ſo herging 'bei ihnen. Hat der Pfarrer auch ſo wüſt's Zeug an dich hingeſchwätzt?

Dumm's Zeug gnug, aber nichts wüſt's. Was hat er denn geſagt?

Sie drückte ſich noch näher an ihn an und wagte ihm nur ins Ohr zu flüſtern. Denk 'nur, ſagte ſie: Wann iſt die böſe That geſchehen? Wo iſt die böſe That geſchehen? Wie iſt die böſe That geſchehen? das hat er mich Alles nach einander gefragt, und es hätt' Noth gethan, daß ich ihm noch mehr geſagt hätt 'als ich gewußt hab'. Ich bin ſchier in Boden geſunken, ſo hab 'ich mich geſchämt. Auch190 hat er wiſſen wollen, ob's an einem Sonntag geſchehen ſei? Du kannſt dir aber wohl denken, was ich darauf geantwortet hab'.

Man ſollt's nicht glauben, ſagte Friedrich, was ſo ein alter geiſt¬ licher Hirt vor ſeinen Lämmern Sprüng 'machen kann. Spricht der von der böſen That, wie er's heißt, mit einem Geſicht ſo gelt, voll Abſcheu?

Freilich, ein Geſicht hat er dazu gemacht, als wenn's ihm recht übel wär '.

Ja, aber protokollirt eine ganze Stund 'fort und kann gar nicht loskommen von der böſen That, und wärmet ſich dran wie der König David an der jungen Dirne, von der in der Bibel geſchrieben ſteht. Wenn er's für eine Sünd' und ein Laſter hielt ', ſo blieb' er nicht ſo lang 'dabei ſtehen. Mich hätt' er ſo was fragen ſollen! Ich, hätt 'ihn an ſeine Frau verwieſen: die ſoll's ihm erzählen, wenn er's nicht mehr wiſſe. Etwas Aehnlich's hab' ich ihnen ohnehin geſagt.

Du biſt aber keck! verſetzte Chriſtine. Haſt du denn nicht auch Abbitt 'thun müſſen?

Ich, abbitten? ich will nicht hoffen, daß du ſo ſchmählich geweſen biſt.

Was hab 'ich denn machen können? Der Pfarrer hat immer auf mich hineingefragt, ob mir die böſe That nicht leid ſei. Anfangs hab' ich darauf geſchwiegen, dann hat er geſchimpft und gepredigt, und zuletzt hab 'ich eben zu Allem Ja geſagt. Dann hat er unterm Protokollſchreiben vor ſich hingebrummelt: Sie ſagt, ſie trage Reue und Leid vor Gott und den Menſchen, und ſolle ihr gewiß nicht wieder fürkommen, und bitte Gott und die liebe Obrigkeit um Ver¬ zeihung und um eine gnädige Straf'! Du weißt ja, er ſagt das was er ſchreibt immer vor ſich hin, es iſt dann ſo gut wie vorgele¬ ſen. Aber meine eigene Wort 'ſind's nicht, ſondern er hat ſich's eben aus meinem Ja herausgenommen, und Ja hab' ich geſagt, nur daß es einmal ein End 'nimmt, denn ſonſt wär' ich gar nicht fort¬ kommen, und dir ſelber hat's ja ſo ſchon zu lang gedauert, ich hab 'gemeint, du wolleſt mich freſſen, wie ich kommen bin.

Geh, ſagte er, das gefällt mir nicht, daß du dich haſt ſo 'runter¬ thun laſſen. Hätteſt beſſer hinſtehen ſollen.

Du darfſt mich auch noch ſchlecht machen, maulte ſie. Wie du biſt aus der Fremde kommen und deines Vaters Haus iſt dir ver¬191 ſchloſſen geweſen, gelt, da haſt dich auch 'runterthun laſſen und haſt brav verſprochen, du wolleſt nichts mehr von mir?

Das hab 'ich nicht verſprochen, entgegnete er, und der heutig' Tag kann's dir am beſten beweiſen, daß ich's weder verſprochen noch gehalten hab '.

Ja, das iſt wahr, ſagte ſie und ſtreichelte ihn.

Recht hab 'ich aber doch, fuhr er fort, das ſpür' ich in meinem Herzen. Die's trifft und die vor Convent kommen, müſſen Buße thun und Strafe leiden, und ſind doch um nichts ſchlechter als die Andern. Ich weiß gewiß, die Wenigſten ſind ſauber, und Viele, die nicht vorgeladen und nicht geſtraft werden, haben noch viel ärgere Sachen auf'm Gewiſſen, und wenn vollends unſer Herrgott Umgang hält und ſieht nach den Gedanken, ſo möcht 'ich doch auch wiſſen, wer vor ihm beſteht. Wenn ich dann vollends an die Offizier' und Hof¬ cavalier 'und an den Herzog ſelber denk' der treibt, was der Welt Brief ausweist, vor dem ganzen Land, und das ganz 'Land weiß, wer ſeine Damen ſind, denn ſo heißen ſie's bei Hof', wenn ſie aber mit uns deutſch reden, dann erfahren wir wie das Kind getauft iſt. Und zudem geht er noch manchem ehrlichen Mann in's Revier, abſonderlich in Stuttgart, wo man ſich aber oft noch eine unterthänige Ehr 'draus macht. Der gemeine Mann denkt anders drüber. Ganz kürzlich iſt mir noch erzählt worden, wie's ihm ein Bauer gemacht hat auf der Jagd. Da hat er eine italieniſche Tänzerin, ſeine Hauptliebſchaft, bei ſich gehabt, die iſt als ein Bub' verkleidet geweſen, Page heißen ſie's, und iſt ihm hinausgekommen, daß er vielleicht geglaubt hat, ſie woll 'ein wenig ſchwärmen, denn am Hof geht's her wie in der Arch' Noä, und wie er ſo im Wald 'rum jagt, um ſie zu ſuchen, trifft er einen Bauer und ſchreit ihm zu: Bauer, haſt du den Pagen nicht ſehen reiten in Sammt, blau und weiß? Ja, ſagt der Bauer, eben iſt ſie da abe. Drauf lacht der Herzog was er nur kann und jagt den Berg hinunter, wie ihn der Bauer gewieſen hat. Und ſo Einer will Reſolutionen erlaſſen, daß zwei Leut', wie wir, die's ehrlich mit einander haben, nach den Ehrennamen, die ſie uns geben, ſollen geſtraft werden. Und ſeine Mutter, die alt 'Herzogin, die er in Göppingen droben gefangen hält, die ſagt von ihm aus, er ſei nicht einmal ſeines Vaters rechter Sohn. Und ſolche Leut', die ſich ſelber des Ehbruchs beſchuldigen, wollen ihre192 Unterthanen wegen Uebertretung des ſechsten Gebots ſtrafen. Da ſoll doch ein ſiedig's Donnerwetter!

Bitt 'dich um Gotteswillen! ſagte Chriſtine, die ihm, obgleich ſie ganz allein waren, ſchon mehrmals den Mund zu ſtopfen geſucht hatte: du red'ſt dich in's Unglück!

Ich ſag's ja nur dir, entgegnete er, und der Bach da wird's auch nicht ausſchwätzen. Aber der Pfaff ſoll einmal vor den Herzog treten und ihn fragen, was er zu der böſen That ſage und ob er nicht Gott und die liebe Obrigkeit um Verzeihung bitten wolle.

Ich muß jetzt heim, ſagte Chriſtine, begleit 'mich noch ein wenig.

Komm, Frau Friederin. Wenn du jetzt auch noch nichts weiter biſt als das, ſo biſt du doch viel mehr als des Herzogs Damen alle mit einander. Rebsweiber ſagt die Bibel, wenn ſie's noch gnädig macht. Aber der Salomo iſt ein Judenkönig geweſen, und kein Herzog Karl zu Wirtemberg und Teck ſammt ſeinen Reſolutionen.

19.

Lausbub ', lüderlicher! ſchrie der Sonnenwirth ſeinem Sohne bei deſſen Heimkunft entgegen: lügſt mich an als ob du bemüht wärſt Schimpf und Schand' von mir abzuwälzen, und thuſt in der gleichen Zeit das Gegentheil, machſt ſchlechte Anſchläg 'mit deiner Perſon zuſammen, gibſt bei Kirchenconvent vor, du habeſt ein Eh'verlöbniß eingegangen, um mich dadurch, wie du vermeinſt, zu meiner Ein¬ willigung zu zwingen, und ſprengſt mich ſelber vor die Herren, daß ich deine Schandthaten ausbaden ſoll.

Nur gemach, Vater, erwiderte Friedrich dem Wüthenden, von Lü¬ gen kann gar nicht die Rede ſein, denn wie ich's mit der Chriſtine hab ', das hab' ich Euch ja von Anfang an ohne Umſchweif 'und ganz unverränkelt geſagt, und ausgemacht hab' ich mit ihr nichts anders, als daß wir bei der Wahrheit bleiben wollen. Habt Ihr aber gemeint, ich werd 'ſie überreden, daß ſie ſich ſelber zum Nach¬ theil und zur Schmach eine Lüge ſagen ſolle, ſo ſeid Ihr eben ſchief drangeweſen, denn ich hab' Euch nichts dergleichen verſprochen. Deſſen193 iſt Euer Sohn nicht fähig. Zur Zeit Eurer Jugend mag's vielleicht Mode geweſen ſein, ein arms Mädle mit ſammt ihrem Kind ins Elend zu ſtürzen und ſich von ihr rein zu ſchwören. Jetziger Zeit aber hält man ſo etwas für eine Schlechtigkeit, ich wenigſtens halt's dafür, und ein rechtſchaffener Vater ſollt's auch dafür halten und ſollt 'ſeinem Sohn nicht zureden, daß er's thue, ſondern wenn er damit umgeht, das Mädle zu verrathen, das ihn lieb hat und auf ihn vertraut, und das un¬ ſchuldig' Würmle ſein eigen Fleiſch und Blut, Vater! zu verleugnen, ſo ſollt 'er ihm väterlich ins Gewiſſen reden und ihm vorſtellen, daß ein Menſch, der das thut, ſein Lebenlang, und ob's ihm noch ſo gut ging', keine ruhige Stund 'mehr haben kann.

Der Sonnenwirth tobte und ergoß ſich in Verwünſchungen über die Zuchtloſigkeit und dazwiſchen in Klagen über die unehrerbietige Aufführung ſeines Sohnes. Die Sonnenwirthin, welche zugegen war, freute ſich innig über dieſe Stichelreden und ſchürte den Zank, ſo daß es beinahe zu Thätlichkeiten kam. Der Sonnenwirth brach jedoch endlich ab und ſagte: Ich will nicht länger mit dir ſtreiten, aber das erklär 'ich dir rundweg und hab's auch vor den Herren geſagt, mein' Conſens geb 'ich nun und nimmer dazu.

Dann ſteh 'ich wenigſtens vor aller Welt gerechtfertigt da, wenn's ein Unglück gibt, antwortete Friedrich.

Und was das Rabenkind Geld koſtet! wandte ſich der Sonnen¬ wirth zu ſeiner Frau. Denk 'nur auch, der Amtmann thut's nicht anders als daß die Straf' in Geld bezahlt werden ſoll. Fünfund¬ zwanzig Gulden fordert er für den Fehltritt. Ich hab 'gebeten, man ſoll's den Burſchen abverdienen laſſen, wie andere ſeines Gelichters auch, die man in die herzoglichen Gärten nach Stuttgart und Lud¬ wigsburg zum Arbeiten ſchickt; Schimpf und Spott iſt er ja ſchon gewohnt. Aber der Amtmann hat geſagt, es ſei nicht zu machen, und hat mir eine Verordnung vorgeleſen, worin es heißt, die Beam¬ ten ſollen beſſer auf das herrſchaftliche Intereſſe ſehen und wo möglich die Delinquenten künftig an den Beutel hängen, ſtatt ſie ihre Strafen in öffentlichen Arbeiten abverdienen zu laſſen; ja wenn auch nur die Terz, Quart oder die Hälfte der Strafe in Geld bezahlt werden könne, ſo müſſe das geſchehen und könne dann der Reſt, wenn es abſolut nicht anders herauszuſchlagen ſei, in eine Arbeitsſtrafe verwandeltD. B. IV. Kurz, Sonnenwirth. 13194werden; ſogar wenn einer nur eine Erbſchaft zu erwarten habe, ſo müſſe darüber an die Regierung berichtet und der Beſcheid abgewartet werden; und wenn je die Beamten ſich nicht danach achten und dadurch das fürſtliche Intereſſe Noth leiden laſſen ſollten, ſo werde man ſich an ſie ſelbſt und an ihr eigenes Vermögen halten. Das, hat der Amtmann geſagt, könn 'ich ihm nicht zumuthen.

Da iſt's kein Wunder, bemerkte die Sonnenwirthin, daß die Zucht immer mehr aus der Welt verſchwindet. In der guten alten Zeit, wo man noch auf Sittſamkeit und Gottesfurcht gehalten hat, hat man die Sünder zu einer ſchimpflichen Haft, ja bei Waſſer und Brod, verurtheilt, damit ſie auch gewußt haben wie's thut, und nur in Ausnahmsfällen bei gebrechlichen Perſonen hat man die Verwand¬ lung der Straf 'in Geld verſtattet. Jetzt aber iſt die Ausnahm' zur Regel worden, und auch wer nicht zahlen kann, der muß wenigſtens der Herrſchaft den Vortheil durch Arbeiten einbringen, damit ſie ja nichts verliert. Lieber Gott, was iſt das für eine Welt! Der Reich 'legt das Geld hin und lacht dazu, und der Herzog, als ob's an den Steuern nicht gnug wär', lebt noch von den Sünden ſeiner Unterthanen.

Und geht ihnen mit einem guten Beiſpiel voran, lachte Friedrich. Zürnen wird er ohnehin Keinem drüber, denn es trägt ihm ja Geld ein, woran's ihm immer fehlt.

Schweig 'du ſtill! gebot der Sonnenwirth. Ich hab' dann den Amtmann bitten wollen, fuhr er gegen ſeine Frau fort, er ſolle dem Buben atteſtiren, daß er abhängig ſei und über kein Vermögen zu verfügen hab '. Der Amtmann aber hat mich ausgelacht und hat mir geantwortet, da müßte man allen Kindern bei Lebzeiten ihrer Eltern Armuthsatteſtate ausſtellen, und überdies ſei dies grad' bei dem Buben nicht wahr, da er ja ſein Mütterliches beſitze, wenn er auch nicht frei darüber verfügen könne.

Und von dem Mütterlichen, ſagte Friedlich, wird die Strafe be¬ zahlt, dann könnt Ihr Euch nicht beklagen, Vater, daß ich Euch Un¬ koſten verurſach '.

Du wirſt dein Mütterlich's bald eingebrockt haben, du Lump, wenn du ſo fort machſt, verſetzte der Sonnenwirth.

Vater, ſagte Friedrich, gebet mir die Chriſtine und gebet mir mein Mütterlichs dazu, daß ich n' Anfang hab ', dann will ich's Euch195 ſchriftlich geben, daß ich Euch nicht bloß mit keiner weiteren Anforde¬ rung beſchwerlich fallen will, ſondern will auf alles Erbtheil an Euch verzichten.

Du haſt ohnehin kein Recht darauf, erwiderte der Sonnenwirth. Ich kann erben laſſen wen ich will, und wenn du dich nicht beſſerſt, ſo laſſ 'ich dich ganz aus meinem Teſtament.

Vater, verſetzte Friedrich, wenn's durch Eure Härte dahin kommt, daß ich vielleicht noch vor Euch ſterben muß, dann wird Euch gewiß dieſes Wort gereuen.

Es wär 'dir vielleicht beſſer, du führſt noch bei guter Zeit in die Grube, eh' das Unglück größer wird, entgegnete der Alte. Du kannſt dich ja doch in nichts ſchicken. Mach 'nur ſo fort und verſchenk' Erb¬ ſchaften, eh 'du ſie haſt. Du ſcheinſt mir's mit dem Eigenthum leichter zu nehmen als billig iſt. Freilich, du haſt ja ſchon Proben davon gegeben und hältſt dich lieber nach Zigeuner - als nach Chri¬ ſtenart.

Friedrich fuhr auf und der Zank drohte noch heftiger auszubrechen, als man über die Straße ein großes Geſchrei vernahm, das demſelben ein Ende machte. Es war ein Lärm und ein Zuſammenlaufen, deſſen Urſache man bald erfuhr. Während in der Sonne Vater und Sohn in böſem Wortwechſel begriffen waren, hatte ſich in der Nachbarſchaft noch ein ärgerer Auftritt zugetragen. Der Kübler hat ſich leiblos gemacht! rief man von allen Seiten. So war es auch. Der Küb¬ ler, der ſchon lange mit ſeinem Weibe im Unfrieden gelebt, hatte ihr zum Abſchied Arnd's Wahres Chriſtenthum ein paarmal um den Kopf geſchlagen und ſich dann mit einem ſtumpfen Meſſer den Hals abgeſchnitten. Da ſolche extreme Begebenheiten unter der zahmen Be¬ völkerung ziemlich ſelten waren, ſo gerieth der ganze Flecken in Auf¬ regung und jeder andere Handel ſchwieg über dem unehrlichen Grabe des Selbſtmörders, den man nach Vorſchrift bei Nacht in einer Waldklinge verſcharrte.

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20.

Wenige Tage nach dieſem Vorgang traf Friedrich, der ſich nun an kein Verbot mehr gebunden fühlte, die Familie Chriſtinens in großer Beſtürzung an. Chriſtine und ihre Mutter weinten laut als er eintrat, und der Alte, der ſein häusliches Mißgeſchick mit leidlichem Gleichmuth ertragen hatte, ſchien heute ganz zerſchmettert zu ſein. Auf Friedrich's Befragen erzählte er, er ſei vom Pfarrer und auch vom Amtmann vorgefordert worden. Der Pfarrer habe ihm eine recht bibelmäßige Predigt gehalten wegen der Sünde, daß er die ſtandeswid¬ rige Liebſchaft ſeiner Tochter geduldet, und ihn vermahnt, nunmehr in chriſtlicher Demuth das Unglück derſelben als eine Strafe Gottes für ſeinen Hochmuth hinzunehmen, auch ihm eröffnet, daß, wenn er nicht ſeine Einwilligung zu ihrer Heirath mit dem Sonnenwirthsſohne entſchieden verſage, er in allen künftigen Fällen von Noth oder Krank¬ heit auf eine Unterſtützung aus dem Heiligen nicht mehr rechnen dürfe.

Das kommt von meiner Frau Stiefmutter her, die hat ſich hin¬ ter den Pfarrer geſteckt, ſagte Friedrich bitter. Aber wartet nur, Vetter, es kommt gewiß noch eine Gelegenheit, wo ich's dem Höllen¬ pfaffen eintränken kann, daß er einem Vater zumuthen will, er ſolle dazu mithelfen, ſeine eigene Tochter um ihre Ehre zu beſtehlen.

So lang 's am Sonnenwirth fehlt, verſetzte der Hirſchbauer, iſt's eigentlich gleichgiltig, ob ich meine Einwilligung geb 'oder nicht, und das hab' ich auch dem Pfarrer geſagt. Aber es hat mir ſchier das Herz aus einander geriſſen, daß man arme Leut 'ſo unterdrückt. Ich ſoll aus Hochmuth Ihm die Thür' zu meiner Tochter offen gelaſſen haben, ich ſoll auf unrechten Wegen eine vornehme Verwandtſchaft geſucht haben, während ich von Anfang an gegen die Sach 'geweſen bin! Ich will Ihm jetzt keinen Vorwurf mehr machen, ſeit Er ſich geſtern vor'm Kirchenconvent ſo wacker gehalten hat und hat Gott und der Wahrheit die Ehr' geben, was nicht ein Jeder thut; aber das kann ich Ihm ſagen, Er iſt ein Nagel zu meinem Sarg, und wenn das Ding ſich nicht bald anders wendet, ſo wird man ſehen, wie tief197 mir's in's Herz gefreſſen hat. Armuth und Niedrigkeit kann ich tra¬ gen, aber der Schmach und Verachtung bin ich mein Lebenlang aus dem Weg gangen, und ich ſpür's am Verfall in meinen morſchen Knochen, daß mich auch diesmal zuletzt der Senſenmann drüber weg¬ führen wird.

Ich hoff 'vielmehr, Ihr ſollt auf die Trübſal noch Freud' an uns erleben, ſagte Friedrich, dem die Worte des alternden, gebeugten Mannes in's Herz ſchnitten.

Da müßt's gar anders kommen, erwiderte der Hirſchbauer. Für jetzt iſt ein Tag ſchwärzer als der ander '. Nach dem Pfarrer hat mich der Amtmann erfordert und hat gefragt, wie es denn mit der Chriſtine ihrer Straf' ſteh '.

Die zahl 'ich! unterbrach ihn Friedrich. Das verſteht ſich von ſelbſt. Das Geld kann ich freilich jetzt nicht geſchwind herhexen, aber der Amtmann muß eben ein Einſehen haben.

Der thut arg preſſant, ſagte der Hirſchbauer. Daß ich das Geld nicht aufbringen kann, hat er gleich von ſelber anerkannt und geſagt, ich müſſe eben ohne Verzug um Strafverwandlung einkommen, damit ſie's abverdienen könne, und wenn ich vernünftig ſein und verſprechen wolle, dem Sonnenwirth nicht mit ungeſchickten Heirathsbegehren für ſie zur Laſt zu fallen, ſo wolle er ſehen, daß die Strafe, weil es das erſtemal ſei, glimpflich ausfalle. Nach dem, was er mir zu verſtehen geben hat, ſoll's auf das hinauskommen: der Schütz und ſein Weib ſind, ſcheint's, faul, und da ſoll meine Tochter bei Amt Alles thun was ſie nicht verrichten mögen, Botengänge, Ausputzen, den Gefange¬ nen ihr Sach 'beſorgen

Das ſind appetitliche Geſchäfte zum Theil, bemerkte Friedrich.

Und außerdem ſoll ſie dem Amtmann oder vielmehr der Amt¬ männin im Feld und Garten ſchaffen.

Hat er das geſagt? rief Friedrich ganz erfreut.

Wenn's nicht anders ſein kann, fuhr der Hirſchbauer fort, ſo wär 'das freilich nicht das Schlimmſt', wiewohl mich's hart ankommt, das Mädle gleich von jetzt an, ſechs Wochen lang, denn ſo lang will's der Amtmann, in meinem bisle Feld entbehren zu ſollen, ſo daß ich mit meinen Buben nicht ſo viel wie ſonſt im Taglohn verdienen könnt '.

Jetzt hab 'ich ihn! rief Friedlich voll Freude. Dem will ich's198 vertreiben, aus meiner Chriſtine einen Fleckenſträfling zu machen, der den Gefangenen ausmiſten ſoll. Habt nur ein wenig Geduld, die Trübſal ſoll ſchnell vorübergehen!

Er ſtürmte fort, ohne der erſtaunten Familie zu erklären, was er vorhabe. Hierauf begab er ſich zu ſeinem Vormund, um das Geld zur Bezahlung ſeiner Strafe von ihm zu fordern. Es iſt Nothſach ', ich kann's dir nicht verweigern, ſagte das Gerichts - und Kirchencon¬ ventsmitglied, aber nimm dich in Acht, ich ſchick' hinter dir drein, ob du's auch gewiß auf's Rathhaus trägſt und nicht anderswo verthuſt.

Ich hab 'Ihm noch nichts unterſchlagen, Herr Vetter, bemerkte Friedrich.

Sollſt's auch wohl bleiben laſſen, erwiderte der Richter.

Friedrich blieb einen Augenblick ſtehen und beſann ſich. Zwar ſagte er ſich voraus, daß ein Verſuch, auch das Geld zur Bezahlung von Chriſtinens Strafe zu erlangen, ein ganz vergeblicher ſein würde, aber doch meinte er ihn machen zu müſſen. Der Unglaube, mit dem er ſeine Bitte vorbrachte, wurde jedoch vollkommen gerechtfertigt, denn der Vormund hielt ihm eine derbe Strafrede und meinte, es werde für ſie ganz geſund ſein, wenn ſie auf einige Zeit nach Ludwigs¬ burg komme, um ſich alldorten alle dummen Gedanken vergehen zu laſſen. Friedrich wünſchte ihm einige tauſend Teufel auf den Hals und empfahl ſich.

Mit dem Gelde verſehen, ging er in das Amthaus, wo er den Amtmann allein in ſeinem Zimmer traf. Hier, ſagte er, indem er das Geld auf den Tiſch legte, will ich dem Herrn Amtmann das Strafgeld für mein 'Schatz überbringen.

Der Amtmann lachte. Und wo iſt denn das Seinige? fragte er.

Dazu hat's nicht gereicht, ich will's abverdienen.

Er iſt ein Querkopf, ſagte der Amtmann, die Stirne ſchnell wie¬ der in Falten legend. Das ſind Flauſen, man kennt Seine Vermö¬ gensumſtände und die ihrigen. Das iſt ja, fuhr er ſehr verdrießlich fort, das Geld aus einander legend, das ſind ja dieſelben Sorten, die ich Seinem Pfleger heut geſchickt habe. Es ſcheint, dem iſt mein Geld nicht gut genug, daß er die erſte Gelegenheit benutzt, es mir wieder zurückzuſchicken; mit ein wenig Geduld und Umſicht hätt 'er's wohl los werden können. Nun ja, das iſt alſo die Strafe für Ihn,199 die Er ritterlicher Weiſe für Seine Amaryllis hat einſetzen wollen. Für dieſe hatte es nicht ſo viel ausgemacht, ich taxire ſie nicht ſo hoch. Er zählte das Geld und ſagte: Sein hochwohlweiſer Herr Vormund muß den Beutel noch einmal aufthun, er hat im Rechnen manquirt. Das iſt nur die Strafe; dazu gehört aber noch das Surplus, von jedem Gulden drei Kreuzer für das Zuchthaus in Ludwigsburg, ferner drei Kreuzer Tax vom Gulden und endlich von zehn Kreuzern ein Kreuzer Schreibgebür.

Friedrich erbot ſich, das Fehlende gleich zu holen. Das ſind Blut¬ igel! ſagte er unterwegs zu ſich. Aber es ergötzte ihn, obgleich der Spaß auf ſeine eigenen Koſten ging, das lange Geſicht ſeines Vor¬ mundes zu ſehen, als derſelbe ſich eines Irrthums in der Rechnung überführt ſah und noch einmal in die Kaſſe greifen mußte, was ihm ſogar bei fremdem Gelde ſchwer zu fallen ſchien.

Als Friedrich den Nachtrag gebracht und der Amtmann das Geld gezählt hatte, nahm jener das Wort: Und jetzt, mit des Herrn Amt¬ manns Wohlnehmen, möcht 'ich fragen, wie es mit der Chriſtine werden ſoll.

Was geht das Ihn an? ſagte der Amtmann.

Wir gehen einander nun doch einmal näher an, erwiderte Friedrich, und da wird man's nicht anders als billig und chriſtlich finden, wenn ich mich um ſie bekümmere. Ich hab 'gehört, der Herr Amtmann wolle ſie ihre Strafe hier bei Amt und mit Feld - und Gartenarbeit abverdienen laſſen.

Und wenn dem ſo wäre? ſagte der Amtmann, nach und nach aufmerkſam werdend.

Es wär 'mir nicht lieb, wenn ſie vor dem ganzen Flecken Straf¬ arbeit verrichten müßt'

Wer fragt denn darnach, ob's Ihm lieb iſt oder nicht?

Und zudem, Herr Amtmann, ſind das keine herrſchaftlichen Ge¬ ſchäfte.

Der Amtmann richtete ſich hoch auf und ſein ſonſt gutmüthiges Geſicht nahm einen bösartigen Ausdruck an. Ich glaub ', Er will den Advocaten machen! ſagte er.

In dem Punkt wär 'ich nicht ganz untauglich dazu, antwortete Friedrich. Es gibt nichts in der Welt, Herr Amtmann, das nicht200 ſeine gute Seite hätte. So auch das Zuchthaus. Dort bin ich mit Einem zuſammen geweſen, der hat mir erzählt, ein Amtmann habe ihn, wie er einmal zum Schellenwerken verurtheilt geweſen ſei, ſtatt deſſen in ſeinen eignen Privatgeſchäften arbeiten laſſen; es ſei jedoch herausgekommen und man habe ihn, was ihm übrigens nicht willkom¬ men geweſen ſei, zu öffentlichen Arbeiten abgeführt, der Amtmann aber hierbei ſah er dem Amtmann ſcharf in die Augen ſei um zwanzig Reichsthaler geſtraft worden.

Der Amtmann wurde blauroth im Geſicht, ſo daß man bei ſeiner nicht eben magern Geſtalt einen Augenblick einen gefährlichen Anfall befürchten konnte. Es ging aber vorüber und er ſagte verächtlich: Ihm, einem Züchtling, einem vielfältigen Facinoroso, wird man viel Glauben ſchenken, wenn Er etwas wider mich vorbringen will.

Der Herr Amtmann, erwiderte Friedrich, vergißt, daß ich nicht allein darum weiß.

Es iſt wahr, verſetzte der Amtmann, ich habe aus gutem Herzen dem alten Müller angeboten, ſeine Tochter die Strafe auf eine leichte und gelinde Art abbüßen zu laſſen. Dabei war es nicht ſowohl mein als meiner Frau Gedanke, ſie in unſrer Privatökonomie nebenher zu beſchäftigen; es iſt aber nicht mit einem Wort die Rede davon ge¬ weſen, daß ſie das im Strafwege thun ſolle, ſondern ſie hätte Geld dabei von uns verdient, das wir jetzt Würdigeren zukommen laſſen werden. Die Amtsgeſchäfte aber, die ich ihr zur Abverdienung ihrer Strafe habe auferlegen wollen, ſind allerdings herrſchaftliche Geſchäfte. Doch darüber brauche ich mit Ihm nicht zu ſtreiten. Das Geſindel iſt es nicht werth, daß man humane Abſichten mit ihm hat. Sein Weibsbild kommt jetzt nach Ludwigsburg in den Herrſchaftsgarten, muß dort ſechs Wochen lang arbeiten, wird mit Waſſer und Brod geſpeiſt, was ſie jedoch abermals abverdienen muß, Nachts in's Blockhaus ein¬ geſchloſſen, damit ſie nicht dem Bettel und der Lüderlichkeit nachziehen kann, und außerdem muß ſie den von Neuem wieder eingeführten ** karren ziehen. Das hat Er mit Seiner ritterlichen Protection für ſie herausgeſchlagen.

Es iſt mir immer noch lieber, als wenn ſie vor dem ganzen Fle¬ cken Strafarbeit verrichten ſoll, erwiderte Friedrich trotzig. Was in Ludwigsburg vorgeht, ſieht man in Ebersbach nicht. Uebrigens hat201 ihr Vater doch noch Freund ', daß er vielleicht die Straf' in Geld aufbringen kann. Und auch in dem Punkt bin ich wieder ein Ad¬ vocat: Ich weiß, daß der Herr Amtmann das Geld nicht zurückweiſen darf, weil er für das fürſtliche Intereſſe beſorgt ſein muß.

Es ſteht aber bei mir, wie lange ich zuſehen will, entgegnete der Amtmann. Meine Nachſicht wird nicht lange dauern. Und nun ſorg 'Er, daß Er mir aus den Augen kommt. Es geht mir wie meiner Frau mit Ihm. Laſſ' Er ſich nicht wieder im Amthaus betreten, ohne daß ich Ihn verlangt habe.

Den andern Abend ſpät erſchien Friedrich beinahe athemlos in der Stube des Hirſchbauern. Hier iſt das Geld für die Straf ', ſagte er, die blanken Münzen auf den Tiſch legend.

Wie kommt Er zu dem Geld? fragte der Hirſchbauer: Sein Vater hat's ihm gewiß nicht gegeben.

Nein, antwortete Friedrich, aber ich hab's auf eine Art erworben, daß ich's verantworten kann, das heißt, zwiſchen mir und dem, von dem ich's hab ', iſt offene ehrliche Sach'.

Er war nicht zum Geſtändniß zu bewegen, wie er zu dem Gelde gekommen ſei, ſondern wiederholte beharrlich ſeine vorige Verſicherung, ſchärfte jedoch dem Hirſchbauer ein, er ſolle, wenn der Amtmann frage, nicht angeben, von wem er das Geld habe, weil das nur neue Weit¬ läufigkeiten zur Folge haben würde; er ſolle ſagen, es ſei ein für den äußerſten Nothfall geſpartes Schatzgeld, oder was ihm ſonſt Ge¬ ſcheides einfalle.

Als der Hirſchbauer aus dem Amthauſe zurückkam, erzählte er mit bedenklicher Miene, der Amtmann habe das Geld zwar genommen, dabei aber bemerkt, das ſei ein bedenklicher Reichthum, nach deſſen Quelle er bei Gelegenheit forſchen wolle.

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21.

Von der Sonne war aller Friede und alle Freude gewichen. Bei¬ nahe täglich gab es zwiſchen Vater und Sohn ſtachlige Reden, Wort¬ wechſel, Geſchrei und heftige Auftritte, und wenn Handlungen ver¬ mieden wurden, die das letzte Band der Liebe in einer Familie zerreißen, ſo kam dies blos daher, daß der Sonnenwirth die entſchiedene Er¬ klärung ſeines Sohnes, ein herabwürdigendes Schimpfwort gegen Chriſtinen werde ihn zu den äußerſten Schritten treiben, ſich zu Herzen genommen hatte. Auch würde er der Achtung, welche der Mann dem Manne durch unbeugſames Beharren auf ſeinem Willen und ſeiner Wahl einflößt, ſchwerlich in die Länge widerſtanden und vielleicht würde mit der Zeit ſeine mürriſche Einſprache die Eigenſchaft einer jener unangenehmen Gewohnheiten angenommen haben, die man auszurotten oder wenigſtens unſchädlich zu machen vermag. Gibt es ja doch Eltern, die noch immer über die Heirath eines Kindes brum¬ men, während ſie ſchon die Enkel auf den Armen tragen. Aber die Sonnenwirthin war mit Aufbietung aller ihrer Mittel bemüht, die mildernde Kraft der Zeit und der vollendeten Thatſache zu bekämpfen und keine gelindere Wendung des Zwieſpaltes aufkommen zu laſſen. Man konnte darüber ſtreiten, ob ihre Stelle denn ſie galt in ihrer Umgebung für eine vorzügliche Wirthin von Chriſtinen jemals würdig ausgefüllt werden könne, ein Zweifel, der ſie wenig kümmerte, außer inſofern ſie ihn als ein Mittel gegen dieſe Heirath brauchen konnte; was jedoch für ſie als unzweifelhaft feſtſtand, war die Gewi߬ heit, daß ſie ſich mit dieſer Schwiegertochter nimmermehr vertragen würde. Sie war in ihrer Verfolgung gegen ſie zu weit und zu offen¬ kundig vorgegangen, als daß ſie, nach ihrer Sinnesart, eine Verſöh¬ nung je für möglich halten konnte. Nach menſchlicher Berechnung mußte ſie dereinſt ihren Mann geraume Zeit überleben, und wenn ſie jetzt dieſe Heirath ſeines Sohnes gütlich oder durch Ertrotzung zu Stande kommen ließ, ſo glaubte ſie, da der Sonnenwirth dann nicht leicht zur Abfaſſung eines ſeinem Sohne feindſeligen Teſtamentes203 zu bringen war, vorausſehen zu müſſen, daß ihr nach ſeinem Tode das Schickſal bevorſtehen würde, von dem jungen Paare aus dem Hauſe getrieben oder, was noch ſchlimmer, im Hauſe mit Füßen ge¬ treten zu werden. Friedrich konnte ihr vielleicht vergeben, Chriſtine aber nie; dieſe Ueberzeugung mußte ſie deßhalb hegen, weil ſie ſich ſagte, daß ſie an Chriſtinens Stelle eben ſo handeln würde. So trieb ſie denn täglich den Keil tiefer, um das Band zu ſprengen oder gar die Enterbung des Stiefſohnes durchzuſetzen. Sie ging oft in's Pfarrhaus und Amthaus, um dort die herrſchende Ungunſt zu ſchüren und dann ihrem für Eindrücke von oben empfänglichen Manne wieder zu berich¬ ten, was man daſelbſt über die ungleiche Partie ſpreche; auch war ſie nicht ſparſam, ihm Drohungen und Schmähungen, die ſein Sohn ausgeſtoßen, anmaßende und verletzende Reden, die Chriſtine geführt haben ſollte, zuzutragen. Hierbei war ihr der Fiſcher, der ſie fleißig mit der faulen Waare ſeiner Berichte verſorgte, von großem Nutzen, und er ſelbſt zog aus dem Familienzerwürfniß nicht geringen Gewinn.

Da die Sonnenwirthin ſowohl ihren Mann als ſeinen Sohn ſehr genau kannte, ſo wußte ſie auch beſſere Regungen, die eine end¬ liche Ausgleichung des Zwiſtes hätten herbeiführen können, zu ihren Zwecken auszubeuten. So war es ihr gar nicht unwillkommen, als ihr Mann eines Tages zu ihr ſagte: Es iſt mir doch nicht lieb, daß er mich drum anſieht, als ob ich ihm ſein Mütterlich's vorenthalten wollt '. Wenn der dumm' Bub 'abſolut in ſein Unglück rennen will, ſo weiß ich am End' nicht, ob ich ihn halten ſoll. Es iſt mir nur um die Sonne. Ich hab 'mich eben in Gedanken ganz drein hineingelebt, daß er einmal eine Poſthalterserbin heirathet und die Sonne vollends recht in Flor bringt.

Sie werden ſich um ihn reißen, bemerkte ſie, er iſt ein guter Brocken, verſchreit wie er iſt.

Ach was! entgegnete er, das wär 'bald vergeſſen, wenn er nur einmal nicht mehr ſo überzwerch wär'. Aber ich geb 'allmählich die Hoffnung auf, daß er wird wie ein anderer Menſch. Er hat eben gar keine Ehr' im Leib. So einem Lumpenmenſch zu lieb auf ſein Eigenthum verzichten wollen und eine Zukunft in die Schanz 'ſchlagen, um die ein Anderer tauſend Stunden weit auf'm Kopf lief' ich kann's nicht begreifen. Aber wenn er mit Gewalt vom Herren zum204 Knecht werden will, ſo kann ich ihn nicht anders machen. Des Menſchen Will 'iſt ſein Himmelreich.

Ja, ſagte ſie, man kann freilich am End 'nicht wiſſen, was unſer Herrgott mit ihm vor hat. Was einmal Gottes Will' iſt, da kann man nicht wider den Stachel lecken. Und wenn er nun einmal durch¬ aus drauf verſeſſen iſt, ſich mit ſeinem Mütterlichen abfinden zu laſſen, wie er ſagt, und dir und Andern als Knecht zu dienen, unter der Bedingung, daß du ihm ſeine herzige Hirſchkuh gibſt, ſo wär 'grad' jetzt eine gute Gelegenheit vorhanden, wo man ſie mit einander hin¬ einſetzen könnt '. Du weißt ja, des Küblers Häusle will kein Menſch, und ſein Weib ſitzt im Elend da und thät's ſchier umſonſt' hergeben.

Ja, die hat auch nicht geruht bis ſie ihn unter dem Boden ge¬ habt hat, und jetzt hat ſie das Nachſehen. Das Häusle, ja, das wär 'freilich billig zu haben, ſie wird noch lang vergeblich auf einen Käufer warten, und das Waſſer geht ihr an den Hals. Aber meinſt du, er werd' keinen Abſcheu davor haben? Das Haus iſt doch arg verſchrieen, neben dem daß es klein und ſchlecht iſt.

Was, der? Das iſt ja ein Aufgeklärter. Der macht ſich nichts draus und wenn der Teufel ſelber drin gehauſet hätt '.

Friedrich ſchien auch Anfangs mit dem Vorſchlage nicht unzufrieden zu ſein, als er, wie dies in ſolchen Fällen häufig geſchieht, aus dem Munde der Nachbarsleute erfuhr, mit welchem Gedanken ſein Vater umgehe. Aber eine Unterredung mit Chriſtinen änderte ſeinen Sinn.

So! rief ſie, als er ihr den Plan mitgetheilt: ich ſoll in ein Haus ziehen, wo ſich Einer den Hals abgeſchnitten hat und als Geiſt laufen muß!

Dummes Geſchwätz! erwiderte er, der Küblerfritz ſchläft ruhig im Kirnberg draußen und iſt froh, daß er vor ſeiner böſen Ripp 'Ruh' hat. Der lauft nimmer.

Das mag ſein, wie's will, aber mir graust's davor. Und das Haus iſt eben einmal unehrlich. Was meinſt, was die Leut 'ſagen werden, wenn wir drin wohnen? Da wird's heißen: die Beiden hat man hineingeſetzt, weil das Haus für Jedermann ſonſt zu ſchlecht geweſen iſt und weil man glaubt, daß es mit ihnen ein gleiches End' neh¬ men wird.

Du haſt den rechten Zipfel erwiſcht, ſagte Friedrich. Jetzt ſeh '205ich auf einmal in die Sach' hinein. Das iſt ein giftiger Gedank 'von der Frau Stiefmutter und der ganz' Vorſchlag ſoll gar nichts als ein Pasquill auf mich ſein.

Seit dieſem Augenblicke ſprach Friedrich von dem Gegenſtande ganz anders. Die wilden Reden, die er gegen die Nachbarn, wenn ſie denſelben berührten, fallen ließ, wurden ſeinem Vater alsbald wie¬ der hinterbracht, und die Stiefmutter ſorgte dafür, daß ſie eher ge¬ mehrt als gemindert wurden. Hieraus erfolgten neue Auftritte zwi¬ ſchen Vater und Sohn, die ſich um ſo bitterer entluden, da die Verachtung, die der letztere gegen den U heber ſeiner Tage hegte, ſeit er ihn auf der Zumuthung betreten ha te, ſein Mädchen mit ihrem Kinde im Stich zu laſſen, durch den ſeinem Gefühl nach in herab¬ würdigender Abſicht gemachten Vorſchlag, das Haus des Selbſtmörders zu beziehen, noch geſchärft worden war. Auch wurde er in ſeiner Auffaſſung dieſer elterlichen Abſicht durch die öffentliche Meinung im Flecken beſtärkt, obgleich dieſelbe, nach der Weiſe einer unter jahr¬ hundertelangem Drucke lebenden Bevölkerung, ſich nur heimlich zu ſei¬ nen Gunſten ausſprach. Einer um den Andern ließ ſich verlauten: Es iſt doch nicht recht vom Sonnenwirth, daß er ſein 'eigenen Sohn in die Hütte des Halsabſchneiders ſetzen will, aber ich will nichts geſagt haben. Gleichwohl war ein halbes Dutzend von denen, die ſo geſprochen hatten, nachher gleich bei der Hand, um über die unbeſon¬ nenen Reden des Jähzorns, die er bei ſolchen Anläſſen ausgeſtoßen, Zeugniß gegen ihn abzulegen.

Es war wieder einmal Kirchenconventsſitzung, und die Mitglieder, die etwa insgeheim Freude am Skandal hatten, konnten diesmal ihre Luſt wirklich büßen. Vor dem Convent ſtanden der Sonnenwirth als Kläger und ſein Sohn als Beklagter. So weit hatte es die Stief¬ mutter durch ihre Verhetzungen gebracht. Beide wurden confrontirt. Der Pfarrer als Vorſitzender des Gerichts hielt dem Sohn in Beiſein des Vaters vor: Sein Vater klagt wider Ihn, daß, nachdem er, wiewohl ungern, ſich erklärt, daß er Ihm die Chriſtina Müllerin, mit der Er ſich vergangen habe, laſſen wolle, und vermeint, er könne bei Ihm dadurch etwas Gutes zuwegbringen, ſo ſei Er nur immer ärger, brauche gegen ihn die allerſchnödeſten und ſchimpflichſten Reden, ſtoße allerhand gefährliche Drohworte gegen ihn, Seinen Vater, wie206 auch gegen Seine Mutter und andere Leute aus, alſo daß er niemals in ſeinem eigenen Haus ſicher ſei.

Kann mein Vater ſagen, daß ich mich an ihm vergriffen habe? wendete Friedrich ein.

Schweig 'Er ſtill, befahl der Pfarrer, ich werde die Punkte der Ordnung nach vornehmen. Er kramte, durch die Einrede etwas aus dem Concept gebracht, eine Weile in ſeinen Notizen und fuhr dann fort: Pro primo, ſo ſagt Sein Vater, Er habe Geld von ihm gefor¬ dert, und da er Ihm geſagt, Er habe ja erſt ein Jahrmarktstrinkgeld bekommen, ſechszehn Batzen, warum er es vertrunken? ſo habe Er geſagt, er habe recht gethan, und wenn er ein größeres Trinkgeld be¬ kommen hätte, ſo hätte er's auch verthan. Iſt dem ſo?

Ich muß mich wundern, ſagte Friedrich, daß mein Vater ſo elende Händel vor Kirchenconvent bringt. Er weiß wohl, daß ich mehr Geld von ihm verlangt hab 'und nicht zum Trinken; ſtatt deſſen hat er mich mit einem Trinkgeld abfinden wollen, und dem hab' ich dann mit guten Freunden ſein Recht angethan und hätt's mit einem größe¬ ren auch ſo gemacht, weil mich ein Lumpengeld nichts geholfen hätt '.

So ſagen alle Verſchwender, bemerkte der Vormund halblaut.

Item, fuhr der Pfarrer fort, wie Er erfahren hat, Sein Vater wolle Ihm des Küblers Häusle kaufen, habe Er geſagt, der Donner ſolle Ihn erſchlagen, wenn er's Ihm kaufe, ſo zünde Er es an, ſollten auch der Nachbarn Häuſer mit verbrennen, und wenn Sein Vater Ihm nicht dazu helfe, daß Er das Weib bekomme, ſo wolle Er noch einen größeren Tuck thun. Das gibt nicht blos Sein Vater an, ſon¬ dern ich kann Ihm eine ſtattliche Reihe von Zeugen ſtellen, die ich habe kommen laſſen und die mir ſolches bezeuget haben.

Es ſind vermuthlich die Nämlichen, die mich aufgeſteift haben, ich ſoll 'mir's nicht gefallen laſſen, antwortete Friedrich. Was ich im Zorn geſagt hab', weiß ich nicht mehr. Die Reden, die der Menſch im Zorn führt, muß man nicht aufleſen, ſondern liegen laſſen, dann ſind's Funken, die ſchnell wieder auslöſchen. Man hat mich ſchon viel böſe Reden führen laſſen. Schon damals, wie ich als ein junger Bub 'vom Gaul heruntergeſchoſſen worden bin, hat man zur Ent¬ ſchuldigung nachher geſagt, ich hab' dem Flecken mit Mord und Brand207 gedroht, und letzten Winter iſt wieder ſo ein Geſchrei gangen, und iſt beidemal kein wahr's Wort dran geweſen. Dasmal wird's viel¬ leicht auch nicht viel beſſer ſein. Sollt 'ich aber je im Weindampf von den ſechszehn Batzen, die mir mein Vater hier vor Convent vorrechnet, ein ſolches Wort haben ausgehen laſſen, ſo iſt's von da bis zur That noch ein weiter Weg. Mein Vater hat mir des Küblers Häusle noch nicht kauft und ich hab's noch nicht anzünd't. Wenn jedes un¬ nütz' Wort, das Einer im Zorn fallen läßt, bei Kirchenconvent ange¬ bracht würd ', ſo ſtünd' am End 'der ganz' Kirchenconvent da wo ich jetzt ſteh '.

Frecher Bub ', fuhr ſein Vormund auf, du ſollteſt froh ſein, daß dein Vater hat für dich ſorgen wollen. Des Küblers Häusle iſt noch viel zu gut für dich.

So klein und ſchlecht es iſt, ſagte Friedrich, ſo wär 'ich für meine Perſon damit zufrieden geweſen. Aber der Herr Vetter weiß wohl, in welchem Geruch das Häusle bei dem ganzen Flecken ſteht und daß ich mit meiner Chriſtine nicht hineinziehen kann. Ja, wenn mir die Herren den Küblerfritz im Wald wieder ausgraben laſſen und laſſen ihn auf'm Kirchhof in ein ehrlichs Grab legen, dann will ich in ſein Häusle einziehen. Das wär' zudem ein Werk, das die Herren verantworten könnten, denn was er auch mit Gottes Zulaſſung ge¬ than hat, er iſt fürwahr kein ſchlechter Menſch geweſen.

Natürlich! rief der Vormund: gleiche Brüder, gleiche Kappen. Der Anwalt und der Heiligenpfleger brachen in ein Gelächter aus, das ſie erſt nach einem Blick auf den Pfarrer und Amtmann wieder dämpften.

Der Herr Vetter zeigt den richtigen Weg an, verſetzte Friedrich. Wenn ich in das Häusle einzög ', ſo thät' mich Mancher, wie jetzt der Herr Vetter, dann den neuen Kübler heißen. Nun bleib 'ich zwar dabei, daß er beſſer geweſen iſt als man ihn ausgibt, aber darum will ich doch nicht mit meiner Chriſtine in dem Häusle wohnen und ſo an¬ geſehen ſein wie der Kübler mit ſeinem Weib. So wird's gewiß jedem Andern auch gehen, und daran können die Herren abnehmen ob's mein Vater ehrlich mit mir meint, wenn er ſagt, er woll' mir das Häusle kaufen. Wiewohl, ich glaub 'gar nicht, daß der Gedank' in ſeinem Kopf gewachſen iſt.

208

Item, hob der Pfarrer wieder an, ſoll Er geſagt haben, Sein Vater henke ſein Geld lieber an die Stallmägde, als daß er Ihm helfe.

Das iſt verlogen! fuhr Friedrich auf. Mein Vater ſollt 'ſich ſchä¬ men, daß er ſich ſolche Flöh' in die Ohren ſetzen läßt, da er doch recht gut wiſſen könnt ', woher ſie kommen.

Item, fuhr der Pfarrer fort, habe Er mit Gewalt von Seinem Vater Geld haben wollen, daß Er Dispenſation wegen Seiner Mino¬ rennität bekomme.

Ja, das hab 'ich von ihm haben wollen, fiel Friedrich ein, und deßwegen iſt mir das Trinkgeld, mit dem er mich hat abſpeiſen wollen, viel zu wenig geweſen. Ich weiß nicht, wie's mein Vater und mein Pfleger mit einander haben: wenn ich von dem Einen Geld will, ſo ſchickt er mich an den Andern. Das aber weiß ich, daß ich das Recht hab', meine Minderjährigkeit abzukaufen, damit ich nicht mehr bei mei¬ nem Vater um Heirathserlaubniß zu betteln brauch '; und wenn ich die Dispenſation mit meinem eignen Geld bezahl', ſo wird Niemand, hoff 'ich, was dawider haben.

Er ſoll dabei geſagt haben, wenn Er nur Geld habe, ſo brauche Er keinen Pfarrer und keinen Amtmann dazu. Summa Summarum klagt Sein Vater, Er folge ihm nicht, ſchaffe ihm nichts, gehe nur müßig, ſei in der Nacht draußen, und erſt am Sonntag habe Er ge¬ ſagt, der Teufel ſolle das Geſchäft holen, Er wolle ihm keine Arbeit mehr thun, er helfe Ihm ja nicht. Es bittet anbei Sein Vater, weil er vor Ihm niemals, weder Tag noch Nacht, ſicher ſei, ſo möchte man ihm Sicherheit verſchaffen vor Ihm und Ihn alſo verwahren, daß Er ſich an niemand vergreifen und niemand ſchaden könne.

Mein Vater iſt kein Mann, wenn er das behauptet, erwiderte Friedrich. Ich hab 'noch nie in meinem Leben Hand an ihn gelegt, ich hab' mich nicht einmal, ſeit ich aus den Bubenjahren herausge¬ wachſen bin, ſo viel ich auch Urſach 'hätt', an meiner Stiefmutter vergriffen. Vom Schaffen ſag 'ich gar nichts.

Wie kannſt du ſagen, dein Vater ſei kein Mann! rief der Vormund.

Er iſt kein rechter Mann, ich behaupt's noch einmal. Er hat mir zugetraut, ich werd 'mein Mädle betrügen und mein leiblich's Kind209 verleugnen. Das thut kein rechtſchaffener Mann. Dann iſt er in der Hand meiner Stiefmutter, wie ein Rohr, das im Wind hin und her ſchwankt: das einemal ſagt er, er gebe nie ſeinen Conſens zu mei¬ ner Heirath, das andermal will er mir des Küblers Häusle dazu kaufen.

Hat Er das vierte Gebot ganz vergeſſen, rief der Pfarrer, daß Er im Beiſein Seines Vaters und vor uns ſo verächtliche Reden wider ihn ausſtößt und den kindlichen Reſpect ganz hintanſetzt? Aber freilich, Er macht's der Obrigkeit auch nicht beſſer, Er ſagt ja, wenn Er Geld habe, ſo brauche Er keinen Pfarrer und keinen Amtmann, um Seinen Kopf durchzuſetzen.

Friedrich warf einen Blick ingrimmiger Verachtung auf den Pfar¬ rer. Der Herr Amtmann, ſagte er, wird wohl wiſſen, daß ſeine Macht nicht über die ganze Welt reicht und daß auch noch eine Obrigkeit über ihm iſt. Was aber Sie, Herr Pfarrer, anbelangt, ſo haben Sie meinem Schwäh'rvater mit Drohungen das Verſprechen abgepreßt, daß er ſeiner Tochter und mir die Einwilligung verweigere. Sie nennen das, was zwiſchen zwei jungen Leuten vorgeht, die einander lieb haben, eine böſe That. Iſt ein Seelſorger nicht dazu da, daß er böſe Thaten in der Gemeinde gut machen hilft? Iſt er nicht dazu da, daß er die Gefallenen wieder aufrichtet? Iſt er nicht dazu da, daß er den unterſtützt, der den guten Willen hat, das Geſchehene un¬ geſchehen oder doch wenigſtens wett und eben zu machen? Sie wiſ¬ ſen von Amtswegen, daß ich geſchworen hab ', meiner Chriſtine mein Wort zu halten und ſie zu heirathen, und Sie wollen dahin arbeiten, daß ein Schaf aus Ihrer Heerde mit Gewalt meineidig gemacht wer¬ den ſoll? Sie ſchärfen von der Kanzel und in der Kinderlehre die Pflichten zwiſchen Eltern und Kindern ein, und Sie muthen einem Vater zu, daß er ſeine Tochter ſoll zur ** werden laſſen?

Er wollte fortfahren, aber der allgemeine Tumult übertäubte ihn. Mit Ausnahme des Amtmanns, der behaglich ſitzen blieb, war der ganze Convent aufgeſtanden und donnerte auf den frechen Redner hinein. Beſonders heftig eiferte der Pfarrer, deſſen kleine magere Geſtalt ſich ſeltſam von dem wohlbeleibten Umfange ſeines weltlichen Mitbeamten neben ihm unterſchied. Da er in dem Geſchrei der übri¬ gen Mitglieder, welche ihn gegen die Läſterungen des Angeklagten inD. B. lV. Kurz, Sonnenwirth 14210Schutz nehmen zu müſſen glaubten, mit ſeiner Stimme nicht durch¬ dringen konnte, ſo ſetzte er ſich ſchnell wieder, ergriff die Feder und ſchien ſich heftig ſchreibend im Protokoll Recht verſchaffen zu wollen.

Als der Tumult verſtummte, ſagte der Amtmann zum Pfarrer: Haben Sie auch im Protokoll angemerkt, Herr Pfarrer, wie recht¬ fertig er iſt?

Ja wohl, Herr Amtmann, antwortete der Pfarrer mit großer Be¬ friedigung, und zeigte ihm das Protokoll. Sehen Sie, hier ſteht's ſchon geſchrieben: Bei aller ſeiner äußerſten Bosheit will er immer noch Recht haben.

Ich hoff ', es iſt noch eine Gerechtigkeit über uns, verſetzte Friedrich, Ebersbach iſt noch nicht die Welt, ich will mich ſchon vor dem Herrn Vogt und Special verantworten, Euer Protokoll und Bericht, Ihr Herren, iſt nicht nöthig.

Schweig 'Er nur jetzt ſtill, ſagte der Amtmann ruhig, Sein Maß wird nachgerade ziemlich voll ſein. Uebrigens bin ich der Meinung, Herr Pfarrer, daß der Kläger zum Schluß aufgefordert werden ſolle, zu erklären, ob er denn ſeinen Conſens zu der Heirath noch nicht geben wolle.

Ja wohl, ſagte der Pfarrer, die Frage iſt der Form wegen noth¬ wendig und ich ſtelle ſie hiermit an den Herrn Sonnenwirth.

Der Sonnenwirth war beſtürzt darüber, daß die beiden Vorgeſetz¬ ten, deren Anſichten er doch hauptſächlich bis jetzt gefolgt war, ſich gegen ihn einer Frageſtellung bedienten, die ihn gleichſam im Stiche ließ. Er kratzte ſich hinter dem Ohr und ſtotterte endlich: Ich weiß nicht, was ich thun ſoll, ich ſehe eben nichts Anderes voraus, als daß es ſein Verderben iſt.

Gut, ſagte der Pfarrer. Es können nunmehro beide abtreten, und wird das Alles an's Oberamt berichtet werden.

Vater und Sohn gingen mit einander vom Rathhauſe fort und nach Hauſe, ohne unterwegs ein Wort mit einander zu reden.

Sie waren nicht mehr weit von der Sonne entfernt, als eine Stimme über ihnen rief: Herr Sonnenwirth, ſchämt Er ſich nicht, Seinen Sohn vor Kirchenconvent zu verklagen, wo die alten Weiber hinlaufen?

211

Sie blickten in die Höhe. Es war der Invalide, der ſich ſeit langer Zeit zum erſtenmal wieder am Fenſter ſehen ließ.

Auch wieder einmal unter's Gewehr getreten? rief Friedrich hinauf.

Und Er, ſagte der Invalide zu ihm, hätt's auch nicht ſo weit kommen laſſen ſollen. Ich hab's Ihm ſchon einmal geſagt.

Damals war's ſchon zu ſpät, lachte Friedrich. Auf Wiederſehen!

Sein Vater war, ohne dem Invaliden zu antworten, voraus ge¬ gangen. Unter der Hausthüre wartete er auf ihn. Willſt du dein Mütterlich's nehmen und nach Amerika gehen? ſagte er zu ihm.

Ich will mit meiner Chriſtine drüber reden, antwortete Friedrich und machte ſich unverweilt auf den Weg.

Nach einer halben Stunde kam er heim und brachte die Antwort. Sie will nicht, ſagte er, ſie erklärt, ſie wolle ſich in Ebersbach nicht nachſagen laſſen, ſie habe ſo unrechte Dinge gethan, daß ſie habe nach Amerika gehen müſſen, wo bloß die ſchlechten Leute hinwandern. Ihr Wahlſpruch ſei: Bleibe im Lande und nähre dich redlich.

Es ſteht geſchrieben, das Weib ſoll dem Mann folgen, ſagte der Sonnenwirth.

Das müßt 'ſie auch, wenn mir's Ernſt wär', erwiderte Friedrich. Aber ich bin mit mir ſelber nicht im Klaren, wie's mit dem Amerika iſt, ich weiß nicht, ob's Balken hat oder ob ich drin ſchwimmen kann. Wenn ich allein wär ', ging' ich ſchon; ſo aber laſſ 'ich's auf die Chriſtine ankommen, weil ich ſelber nicht weiß was beſſer iſt.

Da ſiehſt du's: ſie hängt wie ein Radſchuh an dir und hindert dich überall am Fortkommen.

Und wenn ſie mir jetzt ſchon ganz verleidet wär ' ich hab' ihr mein Wort gegeben und das halt 'ich ihr.

14 *212

22.

Heu und Frucht waren eingethan und Alles ging ſeinen gewöhn¬ lichen Gang, nur in Friedrich's Heirathsangelegenheit wollte keine Bewegung kommen. Alles, was er bisher gethan hatte, um dieſelbe in's Werk zu ſetzen, war wie ein Schlag in's Waſſer geweſen. Längſt hatte er ſeine Supplik an die Regierung eingereicht und als Minder¬ jähriger um Heirathserlaubniß gebeten. Damals war er ſehr ver¬ gnügt von Göppingen zurückgekommen und hatte Chriſtinen erzählt, der Vogt, dem er die Schrift zum Beibericht gebracht, habe ihm zwar ſcharfe Vermahnungen gegeben, aber den Ausſpruch gethan, wenn ein Burſche ſein Mädchen ehrlich machen wolle, ſo müſſe man ihn eher aufmuntern als abſchrecken. Er hatte alſo nicht mit Unrecht darauf vertraut, daß die höhere Behörde ſein Anliegen nicht aus dem engen Geſichtskreiſe der Fleckenregierung betrachten werde. Leider aber wurde der Vogt bald hernach auf ein anderes Oberamt verſetzt und ſein Nachfolger ließ die Schrift liegen. Da braucht's nichts als Geld, ſagte Friedrich, man muß eben ſeine Schreiber ſchmieren, damit ſie ihm die Sach 'im Andenken erhalten; wenn nur das Geld nicht ſo rar wär'! Die Zeit rückte immer näher, wo ſein Kind unehlich zur Welt kommen ſollte, um nach der herrſchenden Meinung ſein Leben lang einen Makel zu behalten, und Chriſtine jammerte darüber ſo, daß ſie oft mit ihren Klagen ſeine eigene Verzweiflung betäubte. Ihr Vater war bettlägerig geworden; zwar verdienten ſeine herangewachſenen Söhne über die Sommerszeit durch Taglohn ſo viel in's Haus, daß er nicht wie früher bei dem Pfarrer um Unterſtützungen nachſuchen mußte, aber bei jedem Biſſen ließ ſich die Armuth mitſchmecken, und Chriſtine, die nach dem ordnungsmäßigen Gang der Dinge, ſtatt dem elterlichen Hausweſen zur Laſt zu fallen, einem eigenen hätte vorſtehen ſollen, wurde von den Ihrigen ſcheel angeſehen. Sie machte ſie ſich ihnen ſchon dadurch als eine Bürde fühlbar, daß213 ſie durch Arbeiten wenig und zuletzt nichts mehr zur Erhaltung der Familie, der ſie doch zehren half, beitragen konnte. Macht man ja doch nicht bloß in jenen Kreiſen des Lebens, welchen man das Vorrecht der Rohheit zugeſteht, die Erfahrung, daß die Noth die Zartheit der Geſinnungen leicht verwiſcht und der gefähr¬ lichſte Prüfſtein für alle Liebe und Freundſchaft iſt. Chriſtine hatte ein Recht, ihr Elend am Halſe des Einzigen auszuweinen, der ihr zu Troſt und Hilfe verpflichtet war, und ſie machte von dieſem Rechte fleißigen Gebrauch; auch war es natürlich, daß die Beſchwerden eines Zuſtandes, der ſelbſt eine im Schoße des ungetrübten Glückes lebende Frau zur Schwermuth reizen kann, das oft von den nothwendig¬ ſten Hilfsmitteln entblößte Mädchen maßlos unglücklich machten. All dieſer Jammer ſtürmte auf Friedrich herein, der dem Gefühle ſeiner Hilfloſigkeit bald in ſtumpfem Hinbrüten, bald in Ausbrüchen einer wahnſinnigen Wuth gegen die herzloſe Zähigkeit der Welt den Lauf ließ. Auf den Schwager, dem er einſt vertraut hatte, konnte er ſchon längſt nicht mehr rechnen; derſelbe hatte ſich von ihm losgeſchält und ihm erklärt, er wolle es nicht durch Parteimachen für eine Sache, die er von Anfang an getadelt, mit ſeinem Schwiegervater verder¬ ben, auch hatte er ſeiner Frau unterſagt, ſich ihres Bruders ferner anzunehmen.

Um dieſe Zeit lief die, Sonnenwirthin eines Tages in's Amthaus um der Amtmännin zu erzählen, daß ihre älteſte Tochter, die Krä¬ merin, wenn der Herr Amtmann ſie nur vernehmen wollte, Greuel¬ dinge von dem ungerathenen Böſewicht ausſagen könnte. Der Amt¬ mann verſammelte, von ſeiner Frau angetrieben, ſeine beiden Urkunds¬ perſonen und ließ die Krämerin rufen, welche weinend vor ihm erſchien. Ihr Bruder, gab ſie zu Protokoll, habe drei Gulden gefordert, damit er ſein Memorial und Bericht zu Göppingen bekomme. Darauf habe ſie ihm geſagt, ſie wolle nicht zum Vater gehen, weil ſie wiſſe, daß er ſich bloß darüber erzürne; er ſolle ſeinen Pfleger ſchicken. Nun habe er aber angefangen zu toben: er ſehe wohl, daß er's verloren habe, morgen wolle er einen Rauſch trinken und ſein Meſſer ſchleifen, in ſeines Vaters Haus hingehen und das Geld fordern, und wenn er's nicht gebe, ihn niederſtechen, und wenn ſeine Mutter etwas ſage, ihr's auch ſo machen. Dann habe er Geld genug, und nehme Alles was214 vorhanden ſei. Dieſes Alles habe er mit einem recht unmenſchlichen und beſtialiſchen Grimm und Eifer ausgeſprochen: das Donnerwetter ſolle ihn in die Ewigkeit hinüberſchlagen, wenn er das nicht thue; weßhalb ihr ſo angſt geworden, daß ſie nicht ruhig habe zum heiligen Abendmahl gehen können.

Nachdem der Amtmann das Protokoll aufgenommen und die An¬ geberin entlaſſen hatte, ſagte einer der beiden Gerichtsbeiſitzer: Es wird doch nöthig ſein, daß man den Frieder auch verhört.

Wozu? verſetzte der Amtmann. Ich weiß ſchon zum Voraus, was der ſagen würde, der Advocat. Ich ſchicke eben einfach den Bericht nach Göppingen, und wenn von dort wieder nichts kommt, wie auf die Kirchenconventsverhandlung, ſo kann mir's gleichgiltig ſein. Wiewohl, der neue Vogt wird es vielleicht mit dergleichen comminatoriſchen und calumniöſen Redensarten etwas ſchärfer nehmen. Vielleicht läßt er auch die Sachen ad cumulum zuſammen kommen; denn mir ahnt's, daß noch mehr bevorſteht und daß ich noch weitere Protokolle und Berichte ſchreiben muß.

Indeſſen ſchien es doch, daß Friedrich's Drohungen nicht auf un¬ fruchtbaren Boden gefallen ſeien, denn unerwartet gab ihm ſein Vater, der etwa unruhig geſchlafen haben mochte, das Geld zu ſeiner Wer¬ bung in Göppingen, und bald hatte er es dahin gebracht, daß ſeine Supplik bei der fürſtlichen Regierung lag. Nachdem aber ſeine An¬ gelegenheit dieſen Schritt vorwärts gethan hatte, erfolgte wieder ein langer Stillſtand und jeder vorüberfliehende Tag mehrte ihm das Gewicht der Klagen Chriſtinens, die in der Ungeduld ihres Jammers meinte, wenn ſie nur einmal rechtmäßig die Seinige wäre, dann würde allen andern Sorgen auf immer abgeholfen ſein.

Abermals liefen die Weiber im Flecken zuſammen und erzählten ſich von gräßlichen Reden, die er ausgeſtoßen haben ſollte; ja man legte ihm die Verſicherung in den Mund, er wolle den Nächſten Be¬ ſten, der ein paar Gulden im Sack habe, über den Haufen ſtechen, um mit dem Geld nach Stuttgart gehen zu können. Allein ungeach¬ tet dieſer rohen Worte waren und blieben die Straßen ſicher vor ihm, und er gelangte auf dieſem Wege ſo wenig in den Beſitz des unentbehrlichen Geldes, als er es diesmal von der unſtet hin und her ſchwankenden Geſinnung ſeines Vaters herauszubekommen vermochte.

215

Chriſtine rieth ihm, ſich in dieſer Verlegenheit an die Bäckerin zu wenden; ſie ſelbſt hatte nicht das Herz dazu. Mit der Geduld, welche eine fortwährende Vereitlung eines fieberhaft betriebenen Planes manch¬ mal einflößen kann, begab er ſich zu Chriſtinens Baſe, deren Krank¬ heit ſo weit fortgeſchritten war, daß ſie den ganzen Tag regungslos im Lehnſtuhle ſaß, und ſprach ſie um ein Darlehen an. Die Bäcke¬ rin, die der leidvollen Entwickelung des Liebesverhältniſſes ſtets mit großer Theilnahme folgte, antwortete ſchmerzlich ſeufzend: Ich thät's gewiß gern, aber der Mein 'läßt mir den Schlüſſel zum Geld¬ käſtle nicht über, und Ihr wiſſet ja ſelber, wie b'häb er iſt. Sie ſprachen noch miteinander, als der Knecht des obern Müllers in die Stube trat. Er hatte im Vorbeigehen durch das Fenſter Friedrich's Anweſenheit bemerkt und kam herein, um einen Schoppen mit ihm zu trinken. Da, der Peter könnt' vielleicht aushelfen, ſagte die Bäcke¬ rin: der hält ſein 'Lohn zuſammen und hat doch auch zur rechten Zeit wieder eine offene Hand; was gilt's, der thut ſein Sparhäfele auf? Der Knecht ließ ſich erklären, um was es ſich handle, und ſagte, ja wohl, die paar Gulden gebe er gerne her. Friedrich konnte ſich ohne Beleidigung nicht weigern ſie anzunehmen, und doch drückte es ihn, daß er, der Sohn des reichen Sonnenwirths, zu einem Knechte, ob¬ wohl es ſein guter Bekannter war, durch ein Darlehen von erſpartem Lohne in Verpflichtung und Abhängigkeit treten ſollte; und zwar drückte es ihn um ſo mehr, weil er wußte, daß der Knecht ſelbſt, bei ſeiner gutmüthigen aber beſchränkten Sinnesart, ſich über dieſe Betrachtung nicht erheben konnte.

Da er aber nun einmal die Mittel in der Hand hatte, ſeine Sache in Stuttgart zu betreiben, ſo verſäumte er es nicht, davon ſchleunigen Gebrauch zu machen. Chriſtine war ihm an dem Abend, wo ſie ihn zurückerwartete, einige Schritte vor den Flecken entgegen¬ gegangen. An derſelben Stelle, wo ſie auf beſchneitem Wege einſt von ihm Abſchied genommen, ſaß ſie nun unter einem Baume, von welchem ſchon einzelne herbſtlich rothe Blätter zu fallen begannen, und erhob ſich, als ſie ihn die Straße daher wandern ſah. Er war ſehr befriedigt von dem Erfolge ſeiner Reiſe und erzählte ihr, man habe ihm verſprochen, die Reſolution auf ſein Memorial ſolle ihm auf dem Fuße nachfolgen. Du weißt ja, ſagte er, Schmieren und216 Salben hilft allenthalben. Ohne Trinkgeld richtet man in Stuttgart nichts aus. Aber ſie brauchen's auch redlich. Das iſt dir ein Wohl¬ leben in den Tag hinein, daß ich dir's gar nicht beſchreiben kann. Ich möcht 'nur wiſſen, wer das ganz' Neſt verhält, ich glaub ', das Land muß ſie eben verhalten, denn ſchaffen ſieht man keinen Menſchen, als höchſtens die Wirthe und die Putzmacherinnen. Schon am frühen Vormittag liegen die Männer im Wirthshaus oder ſpielen in den Kaffeehäuſern, und denk' nur, die Weiber, hab 'ich mir ſagen laſſen, laufen des Nachmittags zu einander in die Kaffeeviſit' und bleiben bis Abends acht Uhr und drüber bei einander ſitzen, und mit was meinſt daß ſie ſich die Zeit vertreiben? Mit Kartenſpielen, und das ſo hoch, daß erſt vorgeſtern eine, wie ich gehört hab ', mehr als hundert Gulden verloren hat. Und dabei treiben ſie einen Luxus, daß es nicht zum ſagen iſt: Atlaskleider tragen ſie und goldene Uhren, goldene Arm¬ bänder, eine Menge Ringe mit koſtbaren Steinen, und Perlen um den Hals anſtatt der Granaten.

Chriſtine ſeufzte.

Und der Herzog vollends, fuhr er fort, der lebt wie der Vogel im Hanfſamen. Er iſt grad ſo alt wie ich, hab 'ich mir in Stutt¬ gart ſagen laſſen. 's iſt doch eine confuſe Welt. Ich muß bei ihm einkommen und meine Minderjährigkeit wegſuppliciren, damit ich hei¬ rathen und ein Hausweſen führen kann: und er iſt im gleichen Alter, höchſtens ein Jahr älter, und iſt ſchon zwei Jahr' verheirathet und regiert ſeit ſechs Jahr 'ein ganz Land, daß es blitzt und kracht.

Verſteht er denn ſein Handwerk? fragte Chriſtine.

Was weiß ich? Aber herrlich und in Freuden lebt er und Andern verbietet er was ihm ſelber ſchmeckt. Denk 'nur, ich hab' auch die Herzogin geſehen. Aber die iſt ſchön, und noch ſo jung, aber mächtig ſtolz. Mich wundert's nur, daß ſie die ** leidet, die er neben ihr hält, und was meinſt, die baden im Burgunderwein.

Pfui, ſagte Chriſtine, da möcht 'ich nicht davon trinken.

O es gibt Leut ', die ihn nachher kaufen, weil man ihn natürlich wohlfeil haben kann. Und vor acht Tagen hat er in Ludwigsburg ein Feuerwerk geben und hat dabei für fünfmalhunderttauſend Gulden in die Luft aufgehen laſſen. Man ſpricht noch heut' in Stuttgart217 in allen Wirthshäuſern davon, aber ſie ſchimpfen, weil's in Ludwigs¬ burg geweſen iſt. Ich hätt's doch auch ſehen mögen.

Ich nicht, ſagte Chriſtine. Es iſt ſündlich, das Geld ſo hinaus¬ zuſchmeißen. Rechne nur auch einmal aus, wie lang arme Leut 'davon hätten leben können. Aber ich kann dir auch eine Neuigkeit ſagen: Denk' nur, dein Vater hat uns heut 'eine Schüſſel Mehl geſchickt.

So, mein Vater? Es iſt zwar nicht viel, aber es freut mich doch an ihm. Hat er ſie dir geſchickt?

Nein, er hat eben ſagen laſſen, da ſchick 'er's. Es iſt mir um der Meinigen willen lieb, denn du haſt keinen Begriff davon, was ich von ihnen ſchlucken muß. In deiner Gegenwart laſſen ſie's nicht ſo heraus, aber du wirſt doch auch ſelber ſchon gemerkt haben, was wir ihnen werth ſind. Beſonders meine Mutter und mein Hannes, die haben gemeint, ſie werden Ehr' und Vortheil von uns ernten, und ſtatt deſſen haben ſie mich eben immer noch auf'm Hals. Meine Mutter hat gleich zu brotzeln und zu backen angefangen, du weißt ja, wie ſie iſt; ſie hat geſagt, ſie mach's für meinen Vater, aber der hat nichts davon geſſen und dann hat ſie's für ſich behalten und hat denkt: ſelber eſſen macht fett.

Hab 'noch die paar Tag' Geduld, ſagte er. Jetzt kommt ja die Reſolution, und dann hat alles Jammern ein End! Dann werden wir zuſammen getraut, und das iſt die Hauptſach ', wenn's auch ohne Kränzle und am Mittwoch geſchieht. Der Mittwoch iſt auch ein Tag. Und wenn ich mein Mütterlichs hab' und Händ 'und Füß' für meine eigene Haushaltung regen kann, dann will ich dich ſchon wieder 'raus¬ füttern, dich und dein Kind.

Ja, ſagte Chriſtine, und unſer Herrgott wird weiter ſorgen.

23.

Tag um Tag verging, aber keiner brachte die erſehnte herzogliche Reſolution. Die Tage wurden zu Wochen und eine reihte ſich an die andre, ohne dem Harrenden das Verſprechen zu erfüllen, das er ſich in Stuttgart mit fremdem Gelde erkauft hatte. Träg und eilig zu¬218 gleich ging ihm die unbarmherzige Zeit: während ſie ihn endlos auf die Gewährung, die er von der Menſchenwelt forderte, warten ließ, zeigte ſie ihm jeden Tag den unaufhaltſamen Fortſchritt, welchen die Natur machte, um ihm ein Geſchenk zu bringen, das jener Gewährung nicht zuvorkommen durfte, wenn es nicht den Stempel des Unglücks und der Schande tragen ſollte.

So kann die Sach 'nicht fortgehen, ſagte Chriſtine eines Tages zu ihm. Ich möcht' 'naus, wo kein Loch iſt. Die Meinigen haben mir ausgeboten, der Sommerverdienſt ſei zu End' und mit dem Winter geh 'das Hungerleiden vollends ganz an. Sogar mein Jerg, der mir immer noch ein wenig den Kopf gehebt hat, ſagt, es ſei in der ganzen Welt der Brauch, wer die Gais angebunden hab', der mög 'ſie auch hüten.

Weiß wohl, bemerkte er finſter, der Bauer thut Alles gern, wenn er muß.

Aber bedenk 'auch, wie ſie auf'm dürren Bäumle ſind. Ich ſelber ſchäm' mich, daß ich ihnen fort und fort hinliegen muß, und du ſollteſt dich auch ſchämen. Ich weiß was ich thu ': wenn meine Zeit kommen iſt, ſo trag' ich dein Kind in deines Vaters Haus und leg's ihm vor die Thür. Da, er ſoll's ſäugen, denn ich werd 'ihm nichts geben können.

Dieſer bittere Spott der Verzweiflung ſchnitt ihm glühend in's Herz. Hat er ſeitdem nichts geſchickt, fragte er, kein Brod, nicht ein¬ mal eine Schüſſel Mehl?

Nichts, erwiderte ſie, kannſt dir wohl denken daß ich dir's ge¬ ſagt hätt '.

Er knirſchte mit den Zähnen. Wohl, wenn er's nicht ſichtbar geben will, ſo ſoll er's unſichtbarlich geben. Ruf deinen Jerg, er muß uns behilflich ſein, ich will mit ihm deines Vates Wagen rüſten, und du ſchaffſt Säck 'her, wenn's dran fehlt, ſo entlehnſt du in der Nachbarſchaft.

Was willſt denn auf dem Wagen führen? fragte ſie ſchüchtern.

Die Säck '! rief er noch barſcher als zuvor.

Und was willſt in die Säck 'thun?

Freſſen! antwortete er. Seine Augen funkelten, die Narbe in219 ſeinem Geſicht war blutroth geworden und ſein ganzes Ausſehen er¬ ſchien ſo wild, daß ſie nicht weiter zu fragen wagte.

Jerg, der kein Mann von vielen Worten war und ſich unbedingt an ſeinen natürlichen Schwager anſchloß, ſowie er dieſen thatkräftig auftreten ſah, half ihm den Wagen zurecht machen, während Chriſtine unter der hintern Thüre ſaß und die Säcke flickte, wo ſie Löcher an ihnen entdeckte. Niemand fragte, was dieſes Vorhaben bedeuten ſolle. Der Vater lag oben im Bett und ſah meiſt ſtillſchweigend an die Wand oder nach der Decke hinauf, und die Mutter befand ſich bei ihm. Der kleine Bube tummelte ſich um den Wagen herum und ſah den beiden jungen Männern zu.

Als es Nacht wurde, mußte Jerg die Kuh aus dem Stalle füh¬ ren und Friedrich half ihm ſie an den Wagen ſpannen. Dann befahl er Chriſtinen eine Laterne anzuzünden und mitzunehmen. Sie kam mit der Laterne, blieb aber ſtehen und ſagte: Um Gotteswillen, Frie¬ der, was haſt vor? Mir iſt's als ſei's nichts Gut's.

Hörſt den Teufel ſchon Holz ſpalten? ſagte er. So gut du dein Kind in meines Vaters Haus tragen kannſt, ſo gut kann ich ihm auch Futter draus holen.

Ach Gott, ſeufzte ſie, das iſt eine unrechte und gewagte Sach '. Ich will nichts davon.

Du läßt mir ja keine Ruh! rief er und der Grimm klang aus ſeiner gedämpften Stimme heraus. Vorwärts!

Er ergriff ſie am Zopfbändel und zog ſie fort. Sie verbarg die Laterne unter der Schürze und folgte willig. Der Wagen fuhr lang¬ ſam durch den Flecken. Es war überall ſtill, kein Menſch begegnete ihnen. Vor der Sonne hielten ſie an. Auch dort lag Alles im Schlafe. Ihr beide bleibt da unten, ſagte Friedrich, für euch iſt's ein fremdes Haus, man ſoll euch keinen Einbruch vorwerfen können. Ich bin hier in meinem Eigenen, das weiß ſogar der Hund, die unver¬ nünftig 'Creatur, denn ſehet, er rührt ſich nicht.

Er öffnete einen Laden und verſchwand mit einem Sack, den er bald ſchwerer als er zuvor geweſen war, wiederbrachte. So trug er mit ſtarker Hand einen Sack um den andern herab und bot ihn zu dem Laden heraus, wo ihn Jerg in Empfang nahm und auf den Wagen lud. Ohne durch einen Laut im Hauſe geſtört zu werden,220 brachte er endlich den letzten Sack. Nachdem das nächtliche Geſchäft beendigt war, gab er Jerg einen Wink, mit dem Wagen umzukehren, wobei er die in Eile geladenen Säcke hielt, damit keiner herunterfiel. Vorwärts, marſch! commandirte er dann und der Wagen ſetzte ſich wieder in Bewegung.

Chriſtine, die ſich in das Unternehmen gefunden zu haben ſchien und dem ſeltſamen Tone Friedrich's entgegenwirken zu müſſen meinte, bemerkte ſcherzend: du kommſt mir vor, wie ein Räuberhauptmann, der über ſeine Bande hinein befiehlt.

Was nicht iſt, kann noch werden, murmelte er dumpf.

Als ſie den Wagen abluden, überzählte er die ungleich gefüllten Säcke. Es werden circa ſechs, ſieben Scheffel ſein, ſagte er mit der Sicherheit des Kenners.

Was iſt's für Frucht? fragte Jerg.

Dinkel und Haber.

Da wär 'ja für Menſchen und Vieh geſorgt.

Es iſt an dem für die Menſchen genug. Den Haber betracht 'ich als baar Geld.

Hab 'mir's wohl vorgeſtellt.

Wollen's gleich aus einander thun. Die Säcke da enthalten Dinkel, die ſchlachtet ihr in's Haus, ihr brauchet nicht alle, könnt mir noch ein 'oder zwei davon laſſen.

Ja, iſt denn die Frucht für uns? fragte Jerg.

Nein, aber für eure Mäuler. Zu was meinſt denn, daß ich ſie da 'rausgeführt hab'? Mach 'mir nur keine Umſtänd'. Den Reſt davon und den Haber will ich in etwas Anders verwandeln, das noch mehr Brod geben ſoll.

Jerg lachte verſchmitzt.

Merkſt was? fragte Friedrich.

Mir iſt's immer, als müßt 'ich wieder einen Gang für dich nach Rechberghauſen thun, ſagte Jerg.

Haſt's troffen.

Zufällig weiß ich, daß der Chriſtle morgen 'runter kommt.

So nimm ihn zu dir da 'raus. Ich will dann auch kommen, daß wir mit ihm Handels eins werden.

221

Wenn nur dein Vater nicht erfährt, was du ihm für einen Be¬ ſuch gemacht haſt! ſeufzte Chriſtine, die nachgerade wieder unruhig wurde.

Der erfährt's freilich, erwiderte er. Der Knecht, der neben der Frucht liegt, iſt aufgewacht, hat ſich ein wenig auf'm Ellenbogen auf¬ gerichtet und hat mich anglotzt. Der ſchweigt nicht.

Jeſus, Jeſus! und das ſagſt du erſt jetzt.

Es kommt immer noch früh genug. Gut iſt's auf alle Fäll ', wenn die Sach' mit dem Chriſtle morgen gleich in's Reine kommt. Jetzt aber fort in's Bett und laſſ 'dir von vollen Schüſſeln träumen.

Am folgenden Morgen gab es in der Sonne, ſobald der Sohn des Hauſes ſich blicken ließ, einen jener ſtürmiſchen Auftritte, welche der Nachbarſchaft ſo oft verriethen, wie es um den Frieden deſſelben ſtand. Sein Vater empfing ihn mit einer Fluth von Schimpfworten, warf ihm den nächtlichen Diebſtahl vor und drohte ihn alsbald wieder in's Zuchthaus zu bringen. Der Knecht hatte ihn angegeben, ſchon deßhalb, um, wie er nachher entſchuldigend zu ihm ſagte, für den Fall der Entdeckung ſich ſelbſt von dem Verdachte zu reinigen; doch wollte er ihn nur einen kleinen Sack mit Getreide haben fortſchleppen ſehen.

Wenn Ihr mich in's Zuchthaus bringen wollet, Vater, ſo ſteht's Euch frei, ſagte Friedrich. Ihr habt's ja ſchon einmal gethan. Frei¬ lich haben die Leut 'verſchiedentlich drüber geurtheilt, daß Ihr Eurem eigenen und einzigen Sohn zum Ankläger worden ſeid.

Das iſt nicht wahr, entgegnete der Sonnenwirth. Die Sach 'iſt damals ohne meine Schuld offenkundig worden und ich hab's nicht hindern können, daß ſie vor Amt kommen iſt.

Alſo wollt Ihr jetzt nachholen, was Ihr damals verſäumt habt?

Gib 'raus, was du mir geſtohlen haſt.

Es iſt weit fort, Ihr findet's nicht, und wenn Ihr alle Eure Stalllaternen anzündet. Laßt mich majorenn werden und gebt mir mein Mütterlich's heraus, dann will ich mit Euch abrechnen und will Euch den Schaden erſetzen, daß nicht ein Kreuzer dran fehlen ſoll, und wenn der Fruchtpreis derweil anzieht, ſo ſoll der Gewinn Euer ſein. Dann könnt Ihr von Stehlen ſagen, ſo viel Ihr wollt, 's glaubt's Euch Niemand.

Haſt du deinem Weibsbild davon gebracht?

222

Ihr könnt in und unterm Bett bei ihr ſuchen, Ihr findet nichts. Es iſt aber eine rechte Schand 'für Euch, Vater, daß ein reicher Mann, wie Ihr, dem kranken Hirſchbauer ein einzigsmal eine Schüſſel Mehl ſchickt.

Was? fuhr der Sonnenwirth auf: ich hab 'ſchon öfter geſagt, daß man hinaus ſchicken ſoll.

Dann iſt's unterwegs in irgend ein Loch gefallen, verſetzte Friedrich. Der Sonnenwirth ſchwieg unſchlüſſig. Es machte ihn betroffen, obwohl er es ſich bei den bekannten Geſinnungen ſeiner Frau leicht er¬ klären konnte, daß ſeine Befehle nicht vollzogen worden waren, und unter dieſen Umſtänden glaubte er, bei ſeinem reichen Fruchtvorrathe, den von dem Knecht angegebenen Verluſt ohne Geſchrei ertragen zu ſollen. Er ging zur Stube hinaus und ließ ſeinen Sohn in Unge¬ wißheit, was er thun werde.

Haſt dein 'Hausdieb im Verhör gehabt? fragte ſeine Frau draußen. Woher weißt du's denn?

Du ſchreiſt ja ſo laut, daß man's in Göppingen hört. Und jetzt willſt immer noch in deiner Langmuth zuſehen?

Der Alte kratzte ſich hinter dem Ohr. Das Stehlen will ich ihm vertreiben, ſagte er. Du aber ſagſt mir weder im Pfarrhaus noch im Amthaus ein Wort davon, ſonſt iſt's zwiſchen uns aus, und ich laſſ 'ihn morgen heirathen und nehm' alle Beide in's Haus zu mir. So hitzig? maulte ſie.

Erſtens, erklärte er, hätt 'ich ihn zwar gern in Numero Sicher, aber nicht im Zuchthaus, und zweitens möcht' ich mir nicht nachſagen laſſen, daß ich dem Hirſchbauer nichts als ein Schüſſele mit Mehl ge¬ ſchickt hab '. Was ſie jetzt haben, das ſollen ſie behalten.

Der Tag verging ruhiger als er begonnen hatte. Friedrich wußte zwar immer noch nicht, weſſen er ſich zu verſehen habe; auch ließen ihn gewiſſe Anſpielungen ſeiner Stiefmutter, welche von der Noth¬ wendigkeit ſprach, Schlöſſer und Riegel ausbeſſern zu laſſen, nichts Gutes ahnen; doch meinte er aus dem Betragen ſeines Vaters ſchlie¬ ßen zu dürfen, daß ſeine eigenmächtige Pfändung ohne Folgen blei¬ ben werde.

Zur verabredeten Stunde ging er in des Hirſchbauern Haus. Der Erwartete war bereits da, ein Mann mit rundem, ſchelmiſch lächeln¬223 den Geſicht und einem ſogenannten Horn auf der Stirne, das in der Mitte über beiden Augen ſaß und ſo groß war, daß Friedrich es im Scherz ein drittes Auge nennen konnte. Biſt ſchon da, Dreiäugiger? ſagte er, ihm die Hand bietend. Die Alte hieß ihn ſehr freundlich willkommen und bedankte ſich bei ihm für den ſtolzen Küchengruß, den er geſandt habe; ſie vermied es klüglich zu fragen, wie er eine ſo be¬ deutende Beiſteuer aufgebracht. Man ſchwatzte eine Weile von gleich¬ gültigen Dingen, ohne daß der Hirſchbauer, der in der Stube zu Bette lag, ſich in das Geſpräch miſchte. Dann gingen die Drei mit einander fort, um unter dem Hauſe ihr Geſchäft mit einander ab¬ zumachen.

Was meinſt, Chriſtle? ſagte Friedrich. Der Jerg iſt doch ein ſcharfſinniger Kopf, der hat's von ſelber gemerkt, daß ich wieder einen Handel mit dir machen will.

Es iſt gut merken geweſen, Frieder, ſagte Jerg. Seit einiger Zeit haſt du immer das link 'Aug' von Zeit zu Zeit zugedrückt und haſt mit dem rechten grad 'vor dich hingeſehen, ſo daß ich immer hab' denken müſſen: der thut in Gedanken zielen. Es iſt mir dabei ein¬ gefallen, was der Krämerchriſtle von dir geſagt hat: die Katz 'läßt das Mauſen nicht.

Alle Drei lachten. Ich will dir beweiſen, daß ich noch ein ſcharf¬ ſinnigerer Kopf bin als der da, ſagte Chriſtle. Thut's dir nicht and nach deiner ſchönen Büchſ '?

Ja, wenn ich die wieder haben könnt '! rief Friedrich.

Bruderherz, kannſt ſie haben! Ich hab 'dir ſie aufgehoben,