PRIMS Full-text transcription (HTML)
[I]
Die Entſtehung der Volkswirtſchaft.
Sechs Vorträge
Tübingen, 1893. Verlag der H. Laupp’ſchen Buchhandlung.
[II]

Druck von H. Laupp jr. in Tübingen.

[III]

Meinem hochverehrten Freunde Herrn Dr. Albert E. Fr. Schäffle k. k. öſterr. Miniſter a. D. in alter Treue gewidmet.

[IV][V]

Vorwort.

Die ſechs Vorträge, welche dieſes Bändchen umſchließt, ſind bei verſchiedenen Gelegenheiten, wo ich vor einem nicht ausſchließlich aus Fachgenoſſen beſtehenden Kreiſe zu ſprechen hatte, entſtanden. Sie wollen deshalb nicht wie die Kapitel eines Buches geleſen ſein. Jeder iſt für ſich ſelbſtändig; ja es wiederholen ſich in ihnen bisweilen die gleichen Ge - dankengänge, wenn auch in verſchiedener Beleuchtung.

Dennoch wird man leicht herausfinden, daß die ein - zelnen Stücke innerlich nach Gegenſtand und Methode mit einander zuſammenhängen und einander ergänzen. Der Grundgedanke, welcher alle durchzieht, iſt in dem erſten Vortrage ausgeſprochen, der darum auch den Titel für das Ganze abgeben konnte. Derſelbe iſt, wie kaum geſagt zu werden braucht, hier nicht in der knappen Form abgedruckt, in der er gehalten worden iſt. Möchte er durch die Aus - arbeitung nicht an Ueberſichtlichkeit eingebüßt haben, was er an Genauigkeit und Materialfülle gewonnen hat!

Von den übrigen Vorträgen ſind zwei (II. und V.) bereits früher gedruckt erſchienen, beide in Sammelwerken, von denen das eine nicht in den Buchhandel gekommen,VI das andere wenigſtens den Fachgenoſſen nicht leicht zu - gänglich iſt. Dem Verlangen nach Sonderabzügen dieſer Arbeiten, dem ich ſchon lange nicht mehr habe entſprechen können, glaube ich am beſten durch den Wiederabdruck in einem Zuſammenhange zu genügen, in den ſich beide gut einfügen. Den Vortrag über die ſoziale Gliederung der Frankfurter Bevölkerung im Mittelalter habe ich um ſo lieber hier eingereiht, als er Mitteilungen aus dem II. Bande meines Werkes über die Bevölkerung von Frankfurt a. M. im XIV. und XV. Jahrhundert enthält, deſſen Erſcheinen in nächſter Zeit ſich noch nicht ermöglichen läßt.

Sämtliche Vorträge beherrſcht eine einheitliche Auf - faſſung vom geſetzmäßigen Verlaufe der wirtſchaftsgeſchicht - lichen Entwicklung und eine gleichartige methodiſche Be - handlung des Thatſachenmaterials. In beiden Richtungen gebe ich nichts anderes, als was ich vom Anfang meiner akademiſchen Lehrthätigkeit an vorgetragen habe und was bei fortgeſetzter wiſſenſchaftlicher Arbeit ſich immer mehr in mir befeſtigt und, wie ich hoffe, auch abgeklärt hat. Mit der gegenwärtigen Veröffentlichung komme ich einem von früheren Zuhörern mir öfter ausgeſprochenen Wunſche nach in der Form, die mir zur Zeit allein möglich iſt und deren Unzulänglichkeit ich ſelbſt am lebhafteſten empfinde.

Leipzig, den 18. April 1893.

Karl Bücher.

Inhalt.

  • I. Die Entſtehung der Volkswirtſchaft1
  • II. Die gewerblichen Betriebsſyſteme in ihrer geſchichtlichen Entwickelung79*
  • III. Arbeitsteilung und ſoziale Klaſſenbildung119
  • IV. Die Anfänge des Zeitungsweſens169
  • V. Die ſoziale Gliederung der Frankfurter Bevölkerung im Mittelalter209
  • VI. Die inneren Wanderungen und das Städteweſen in ihrer entwicklungsgeſchichtlichen Bedeutung251

Berichtigung.

  • Seite 208, Zeile 12 iſt wirtſchaftlichen, nicht wiſſen - ſchaftlichen zu leſen.
[1]

I. Die Entſtehung der Volkswirtſchaft.

Vortrag, gehalten beim Antritt des Lehramtes an der Techniſchen Hochſchule zu Karlsruhe den 13. Oktober 1890.

[2][3]

Wer das öffentliche Leben in Deutſchland während der letzten dreißig Jahre mit Aufmerkſamkeit beobachtet hat, dem tritt als eine der auffallendſten Thatſachen die tief - greifende Umwälzung entgegen, welche in den Anſichten über das Verhalten des Staates zum wirtſchaftlichen Leben ein - getreten iſt. Noch bis tief in die ſechziger Jahre hinein beherrſchte die Werke der Gelehrten wie die Zeitungspreſſe, die Denkſchriften der Staatsmänner wie die Reden der Volksvertreter gleichwie ein unantaſtbarer Grundſatz die Meinung, daß der Staat das wirtſchaftliche Leben ſich ſelbſt zu überlaſſen habe, und dieſelbe Anſchauung hatte das Denken breiter Schichten der Bevölkerung gefangen genom - men. Heute gibt es wohl keinen Gebildeten, der nicht an - erkennt, daß dem Staate ernſte und ſchwierige Aufgaben auf dieſem Gebiete obliegen. Mit ſtarker Hand und be - ſonnenem Mute hat namentlich das Deutſche Reich die Löſung dieſer Aufgaben in Angriff genommen, und unter der Ein - wirkung großer wirtſchafts - und ſozialpolitiſcher Maßnahmen, getragen von der Autorität eines gewaltigen Staatsmannes, hat ſich in kurzer Zeit eine Umſtimmung der Geiſter voll - zogen, die vielleicht in der Geſchichte beiſpiellos iſt.

1 *4

Es wäre zu viel geſagt, wenn behauptet werden wollte, daß der Anſtoß zu dieſer bedeutſamen Wandelung von der Wiſſenſchaft gegeben worden ſei. Wohl aber wird nicht im Ernſte beſtritten werden können, daß dieſelbe von der Wiſſen - ſchaft vorbereitet und gefördert worden iſt. Schon ſeit den dreißiger Jahren bemerken wir in der deutſchen National - ökonomie ein Widerſtreben gegen die Konſequenzen, welche aus den Theorien der klaſſiſchen engliſch-franzöſiſchen Volkswirtſchaftslehre für die Wirtſchaftspolitik gezogen wur - den. Was anfangs bloß dunkel gefühlt wurde, gewann all - mählich feſtere Geſtalt in einer neuen Richtung der deutſchen Nationalökonomie, der ſog. hiſtoriſchen Schule, welche gleich - zeitig die methodiſche Grundlage der älteren Wirtſchafts - wiſſenſchaft anfocht und die Allgemeingültigkeit ihrer Lehren für das praktiſche Leben beſtritt. Damit, daß ſie die volks - wirtſchaftlichen Einrichtungen und Erſcheinungen in ihren mancherlei geſchichtlichen Wandelungen zurückverfolgte, ge - langte ſie dazu, die gegenwärtige Wirtſchaftsordnung nur als eine Phaſe in der wirtſchaftlichen Geſamt-Entwickelung der Völker zu begreifen und auch für dieſe den von Smith, Ricardo und ihren Nachfolgern entwickelten Lehren nur be - dingte Geltung zuzuſprechen. Sie machte gegen den extremen Individualismus Front, der ſeit den franzöſiſchen Oekono - miſten des vorigen Jahrhunderts die politiſchen Wiſſen - ſchaften beherrſchte; ſie ſtellt den Lebenszwecken des Ein - zelnen die Zwecke der Geſellſchaft als ſolche von höherer Ordnung gegenüber. Sie ſprach den ökonomiſchen Geſetzen5 den Charakter von Naturgeſetzen ab und ließ ſie nur als ſoziale Geſetze gelten, deren Wirkſamkeit durch die Staats - geſetze modifiziert werden könne und dürfe.

Das Verhältnis der beiden wiſſenſchaftlichen Richtungen in der Nationalökonomie zu einander und das Verhalten jeder von ihnen zur praktiſchen Wirtſchaftspolitik wird in weiten Kreiſen noch immer unrichtig aufgefaßt. Man kann vielfach die Anſicht hören und leſen, die hiſtoriſche Natio - nalökonomie der Deutſchen habe die engliſch-franzöſiſche Wirtſchaftstheorie, den Smithianismus wiſſenſchaftlich vernichtet. Einzelne unvorſichtige Vertreter der hiſtoriſchen Richtung haben dieſe irrtümliche Auffaſſung beſtärkt, indem ſie ſich ſo gebärdeten, als ſeien die Lehrſätze der ſogenannten klaſſiſchen Nationalökonomie nur noch veralteter Plunder, mit dem möglichſt raſch aufgeräumt werden müſſe.

Allein ſo einfach liegen die Dinge doch nicht. Was der Hiſtorismus in der Nationalökonomie will, iſt im Grunde genommen ein ganz anderes wiſſenſchaftliches Ziel als was der Smithianismus wollte. Die hiſtoriſche Richtung will die Nationalökonomie zu einer Lehre von den ökonomiſchen Entwickelungsgeſetzen der Völker umgeſtalten ; der Smithia - nismus dagegen wollte und will die Geſetze des heutigen volkswirtſchaftlichen Lebens ergründen. Das ſind zwei durch - aus verſchiedene Ziele, die ſehr wohl neben einander ver - folgt werden können. Was aber das Verhalten beider zur Volkswirtſchaftspolitik betrifft, jenem Zweige wiſſenſchaft - licher Arbeit, welcher die Grundſätze für das praktiſche6 Handeln in Geſetzgebung und Verwaltung feſtzuſtellen hat, ſo bedingt die Verſchiedenheit der Methode und des For - ſchungsobjektes nicht auch die Verpflichtung auf beſtimmte grundſätzlich von einander abweichende Programme.

Der Smithianismus geht von der methodiſchen Voraus - ſetzung des abſoluten laisser faire aus. Er verfolgt, vor - zugsweiſe deduktiv und pſychologiſch iſolierend, die wirt - ſchaftlichen Handlungen der Menſchen, ſo wie ſie ſich ge - ſtalten würden, wenn der Staat die geſellſchaftlichen Kräfte frei walten ließe und wenn Menſchen und Dinge ohne Reibung und Widerſtand ſich in Raum und Zeit bewegten, keiner anderen Kraft gehorchend als allein dem alles durch - dringenden Prinzip der Wirtſchaftlichkeit. Den Epigonen ſind allerdings faſt unwillkürlich die methodiſchen Voraus - ſetzungen, unter welchen die Väter unſerer Wiſſenſchaft die Sätze und Geſetze der reinen Volkswirtſchaftslehre ent - wickelt hatten, zu prinzipiellen Forderungen für die Volks - wirtſchaftspolitik geworden, und dieſe letztere konnte eine Zeit lang faſt als angewandte Theorie erſcheinen. Allein dieſes Verhalten liegt nicht im Weſen des Smithianismus, ſondern war ein Ergebnis der geſamten politiſch-ſozialen Entwickelung.

Der Hiſtorismus ſteht ſeiner Natur nach der Wirt - ſchaftspolitik eigentlich paſſiv gegenüber. Das Verhalten des Staates zum wirtſchaftlichen Leben iſt für ihn bloß Gegenſtand der Beobachtung. Höchſtens daß er aus dem ſeitherigen Gange der Entwickelung Anhaltspunkte dafür7 gewinnen kann, wie ſie künftig ſich geſtalten werde, daß er in der Gegenwart die Keime und Anſätze neuer organiſa - toriſcher Geſtaltungen aufweiſt und ſie im Zuſammenhang mit der geſellſchaftlichen Geſamtentwickelung zu begreifen ſucht.

Ein beſtimmtes wirtſchaftspolitiſches Programm liegt weder in der einen noch in der anderen Richtung der Wiſſen - ſchaft. Dasſelbe ergibt ſich vielmehr für jeden individuell aus dem Kultur-Ideal, das er ſich gebildet hat. Es iſt in dieſer Beziehung höchſt bezeichnend, daß gerade die wuchtig - ſten Schläge gegen das alte Syſtem der Wirtſchaftspolitik nicht von der ſog. hiſtoriſchen Schule, ſondern von Männern wie Rodbertus, Marx, Schäffle, Wagner ge - führt worden ſind, welche unter den gleichen Vorausſetzungen der Forſchung und mit denſelben Mitteln arbeiteten wie die klaſſiſche Nationalökonomie der Engländer und daß der ganze moderne Sozialismus methodiſch auf dem gleichen wiſſenſchaftlichen Boden ſteht wie das Mancheſtertum.

Gewiß hat auch die hiſtoriſche Richtung ihren Anteil an der im Eingang erwähnten Umſtimmung der öffentlichen Meinung. Dadurch daß ſie die gegenwärtige Wirtſchafts - organiſation als eine hiſtoriſch gewordene nachwies, ſtellte ſie dieſelbe auch für die Zukunft in den Fluß des Ge - ſchehens. Sie zeigte, daß das Staatsgeſetz, welches re - gelnd in das wirtſchaftliche Leben eingreift, nicht eine Verſündigung iſt gegen vermeintliche ewige Geſetze, daß es vor der Geſchichte keine geheiligten Inſtitutionen der Geſellſchaft gibt und daß was hier Beſtand haben ſoll,8 ſeine Zweckmäßigkeit und ſeine Uebereinſtimmung mit den Kultur-Idealen der Zeit erwieſen haben muß. Sie lieferte endlich ein reiches Thatſachenmaterial zur Beurteilung der gegenwärtigen Zuſtände und namentlich ihrer Gebrechen. Dem Einſchreiten des Staates gegen die verderblichen Wir - kungen des ſeitherigen Syſtems war damit die Thüre geöffnet.

Haben wir mit dieſen Andeutungen die praktiſche Be - deutung des Streites zwiſchen der neueren und der älteren Nationalökonomie gekennzeichnet, ſo fragt es ſich nun: worin liegt denn eigentlich der wiſſenſchaftliche Gegenſatz zwiſchen beiden Richtungen? Offenbar kann es ſich nicht um einen bloßen Gegenſatz der Methode handeln, der darin beſchloſſen wäre, daß die eine Richtung pſychologiſch iſolierend und deduktiv ſchließend, die andere morphologiſch beſchreibend und induktiv ordnend zu Werke geht. Vielmehr handelt es ſich zugleich um eine Verſchiedenheit des Forſchungsobjektes, welches für die ältere Nationalökonomie durch die moderne Volkswirtſchaft gebildet wird, für die hiſtoriſche Na - tionalökonomie aber durch die Wirtſchaft des Menſchen - geſchlechts überhaupt in ihrem hiſtoriſchen Ver - laufe. Ja ich möchte ſagen: es handelt ſich ausſchließlich um dieſe Verſchiedenheit der Objekte, während die verſchie - denen Erkenntnismittel beiden Richtungen gemeinſam ſind.

Die heutigen Vertreter der älteren ſyſtematiſchen Schule haben auch immer anerkannt, daß für die wiſſenſchaftliche Erkenntnis der modernen Volkswirtſchaft eine Kombination deduktiver und induktiver Forſchung notwendig iſt. Aber9 auf Seiten der hiſtoriſchen Schule hat man ſich die gleiche Notwendigkeit noch kaum klar gemacht. Man ſcheint hier manchmal ganz zu vergeſſen, daß alle wiſſenſchaftliche Er - kenntnis mit der Feſtſtellung von Begriffen beginnt und daß bloße Formbeſchreibung eines Erſcheinungsgebietes noch nicht das Weſen der Dinge gibt.

Die erſte Frage, welche ſich der Nationalökonom zu ſtellen hat, der die Wirtſchaft eines Volkes in einer weit zurückliegenden Epoche verſtehen will, wird die ſein: Iſt dieſe Wirtſchaft Volkswirtſchaft; ſind ihre Erſcheinungen weſensgleich mit denjenigen unſerer heutigen Verkehrswirt - ſchaft, oder ſind beide weſentlich von einander verſchieden? Dieſe Frage aber kann nur beantwortet werden, wenn man es nicht verſchmäht, die ökonomiſchen Erſcheinungen der Vergangenheit mit denſelben Mitteln der begrifflichen Zer - gliederung, der pſychologiſch-iſolierenden Deduktion zu unter - ſuchen, die ſich an der Wirtſchaft der Gegenwart in den Händen der Meiſter der alten abſtrakten Nationalökonomie ſo glänzend bewährt haben.

Man wird der hiſtoriſchen Schule den Vorwurf nicht erſparen können, daß ſie, anſtatt durch derartige Unter - ſuchungen in das Weſen früherer Wirtſchaftsepochen ein - zudringen, faſt unbeſehen die gewohnten, von den Er - ſcheinungen der modernen Volkswirtſchaft abſtrahierten Kategorien auf die Vergangenheit übertragen, oder daß ſie an den verkehrswirtſchaftlichen Begriffen ſo lange herum - geknetet hat, bis ſie wohl oder übel für alle Wirtſchafts -10 epochen paſſend erſchienen. Ohne Zweifel hat ſie ſich viel - fach damit den Weg zu einer wiſſenſchaftlichen Beherrſchung jener hiſtoriſchen Erſcheinungen verſperrt. Das maſſenhaft zu Tage geförderte wirtſchaftsgeſchichtliche Material iſt darum zu einem guten Teile ein toter Schatz geblieben, der erſt ſeiner wiſſenſchaftlichen Nutzbarmachung harrt.

Nirgends iſt dies deutlicher zu erkennen als an der Art, wie man die Unterſchiede der gegenwärtigen Wirt - ſchaftsweiſe der Kulturvölker von der Wirtſchaft vergangener Epochen oder kulturarmer Völker charakteriſiert. Es ge - ſchieht das durch die Aufſtellung ſogenannter Entwick - lungsſtufen, in deren Bezeichnung man ſchlagwortartig den ganzen Gang der wirtſchaftsgeſchichtlichen Entwickelung zuſammenfaßt.

Die Aufſtellung ſolcher Wirtſchaftsſtufen gehört zu den unentbehrlichen methodiſchen Hülfsmitteln. Sie recht - fertigt ſich dadurch, daß alle wirtſchaftlichen Erſcheinungen und Einrichtungen einer langſamen, oft über Jahrhunderte ſich erſtreckenden Umbildung unterliegen und daß es für den Wirtſchaftshiſtoriker darauf ankommen muß, die Ge - ſamtentwickelung in ihren Hauptphaſen zu erfaſſen, während die ſogenannten Uebergangsperioden, in welchen alle Er - ſcheinungen ſich im Fluſſe befinden, zunächſt unberückſichtigt bleiben müſſen. Denn nur ſo iſt es möglich, die durch - gehenden Züge oder ſagen wir kühn: die Geſetze der Ent - wickelung zu finden.

Alle älteren derartigen Verſuche leiden an dem Uebel -11 ſtande, daß ſie nicht in das Weſen der Dinge hineinführen, ſondern an der Oberfläche haften bleiben.

Am bekannteſten iſt die von Friedrich Liſt zuerſt aufgeſtellte Stufenfolge, welche von der Hauptrichtung der Produktion ausgeht. Sie unterſcheidet fünf aufeinander - folgende Perioden, welche die Völker der gemäßigten Zone bis zum ökonomiſchen Normalzuſtande durchlaufen ſollen: 1. die Periode des Jägerlebens, 2. die Periode des Hir - tenlebens, 3. die Periode des Ackerbaus, 4. die Agri - kultur-Manufakturperiode und 5. die Agrikultur-Manu - faktur-Handelsperiode.

Etwas näher kommt dem Kern der Sache eine andere, von Bruno Hildebrand erſonnene Stufenreihe, welche den Zuſtand des Tauſchverkehrs zum Unterſcheidungsmerk - mal macht. Sie nimmt demgemäß drei Entwickelungsſtufen an: Naturalwirtſchaft, Geldwirtſchaft, Kreditwirtſchaft.

Beide aber ſetzen voraus, daß es zu allen Zeiten, ſo - weit die Geſchichte zurückreicht, bloß vom Urzuſtand ab - geſehen, eine auf der Grundlage des Güteraustauſches ruhende Volkswirtſchaft gegeben habe, nur daß die Formen der Produktion und des Verkehrs zu verſchiedenen Zeiten verſchiedene geweſen ſeien. Sie bezweifeln auch gar nicht, daß die Grunderſcheinungen des wirtſchaftlichen Lebens zu allen Zeiten im weſentlichen gleichartige ſind. Es iſt ihnen nur darum zu thun, nachzuweiſen, daß die verſchiedenen wirtſchaftspolitiſchen Maßregeln früherer Zeiten in der abweichenden Art der Produktion oder des Verkehrs ihre12 Rechtfertigung gefunden hätten und daß auch in der Gegen - wart verſchiedene Zuſtände verſchiedene Maßregeln er - forderten.

Noch die neueſten zuſammenhängenden Darſtellungen der Volkswirtſchaftslehre, welche aus den Kreiſen der hi - ſtoriſchen Schule hervorgegangen ſind, beruhigen ſich bei dieſer Auffaſſung, obwohl dieſelbe kaum weſentlich höher ſteht als die bei den älteren Nationalökonomen der Eng - länder beliebten hiſtoriſchen Konſtruktionen. Es ſei mir geſtattet, dies mit wenigen Sätzen zu beweiſen.

Der Zuſtand, auf welchen Adam Smith und Ri - cardo die ältere Theorie begründet haben, iſt derjenige der arbeitsteiligen Verkehrswirtſchaft, oder ſagen wir lieber gleich der Volkswirtſchaft im eigentlichen Sinne des Wortes. Es iſt das derjenige Zuſtand, bei welchem jeder Einzelne nicht die Güter erzeugt, welche er braucht, ſondern diejenigen, welche (nach ſeiner Meinung) andere brauchen, um dafür durch Tauſch alle die mannigfachen Dinge zu erwerben, deren er ſelbſt bedarf, oder kürzer geſagt: der - jenige Zuſtand, bei welchem das Zuſammenwirken Vieler oder Aller erforderlich iſt, um den Einzelnen zu verſorgen. Die engliſche Nationalökonomie iſt darum im weſentlichen Verkehrstheorie. Die Erſcheinungen und Geſetze der Arbeitsteilung, des Kapitals, des Preiſes, des Arbeitslohnes, der Grundrente, des Kapitalprofits bilden ihren Haupt - inhalt. Die ganze Lehre von der Produktion, namentlich aber von der Konſumtion wird ſtiefmütterlich behandelt. 13Alle Aufmerkſamkeit konzentriert ſich auf die Güterzirku - lation, in welche auch die Güterverteilung einbegriffen wird.

Daß es einmal einen Zuſtand ohne Verkehr gegeben haben könne, kommt ihnen nicht in den Sinn; wo ſie einen ſolchen als methodiſchen Behelf gebrauchen, greifen ſie zu der von den Neueren ſo viel verſpotteten Fiktion der Ro - binſonade. Gewöhnlich aber leiten ſie ſelbſt die kompli - zierteſten Verkehrsvorgänge direkt aus dem Urzuſtande ab1)Aehnlich freilich ſchon die Phyſiokraten. Vgl. Turgot, - flexions § 2 ff.. Adam Smith läßt dem Menſchen von Natur eine Nei - gung zum Tauſche angeboren ſein und betrachtet ſelbſt die Arbeitsteilung erſt als deren Folge2)Buch I, Kap. 2.. Ricardo be - handelt an verſchiedenen Stellen den Jäger und Fiſcher der Urzeit wie zwei kapitaliſtiſche Unternehmer. Er läßt ſie Arbeitslohn zahlen und Kapitalprofit machen; er erörtert das Steigen und Fallen ihrer Produktionskoſten und des Preiſes ihrer Produkte. Um auch einen hervorragenden Deutſchen dieſer Richtung zu nennen, ſo geht Thünen bei ſeiner Konſtruktion des iſolierten Staates ganz von den Vorausſetzungen der Verkehrswirtſchaft aus. Selbſt die entfernteſte Zone, welche noch nicht die Stufe des Ackerbaus erreicht hat, wirtſchaftet lediglich mit Rückſicht auf den Ab - ſatz ihrer Produkte in der Zentralſtadt.

Wie weit derartige rationaliſtiſche Konſtruktionen von den thatſächlichen Wirtſchaftsverhältniſſen primitiver Völker abweichen, hätte die hiſtoriſche und ethnographiſche Forſchung14 längſt ſehen müſſen, wenn ſie nicht ſelbſt in den Vorſtellungen der modernen Verkehrswirtſchaft befangen geweſen wäre und dieſe auch auf die Vergangenheit übertragen hätte. Ein eindringendes Studium, das den Lebensbedingungen der Vergangenheit wirklich gerecht wird und die Erſcheinungen nicht mit dem Maßſtabe der Gegenwart mißt, muß zu dem Reſultate gelangen, daß die Volkswirtſchaft das Produkt einer Jahrtauſende langen hiſto - riſchen Entwickelung iſt, das nicht älter iſt als der moderne Staat, daß vor ihrer Ent - ſtehung die Menſchheit große Zeiträume hin - durch ohne Tauſchverkehr oder unter For - men des Austauſches von Produkten und Leiſtungen gewirtſchaftet hat, die als volks - wirtſchaftliche nicht bezeichnet werden können.

Wollen wir dieſe ganze Entwickelung unter einem Ge - ſichtspunkte begreifen, ſo kann dies nur ein Geſichtspunkt ſein, der mitten hinein führt in die weſentlichen Erſchei - nungen der Volkswirtſchaft, der uns aber auch zugleich das organiſatoriſche Moment der früheren Wirtſchaftsſtufen auf - ſchließt. Es iſt dies kein anderer als das Verhältnis, in welchem die Produktion der Güter zur Konſumtion derſelben ſteht, oder genauer: die Länge des Weges, welchen die Güter vom Produzenten bis zum Konſumenten zurücklegen. Unter dieſem Geſichtspunkte gelangen wir dazu, die geſamte wirtſchaftliche Entwickelung, wenigſtens für die zentral - und weſteuropäiſchen Völker, wo ſie ſich mit hinreichender15 Genauigkeit hiſtoriſch verfolgen läßt, in drei Perioden zu teilen:

1. die Periode der geſchloſſenen Haus - wirtſchaft (reine Eigenproduktion, tauſchloſe Wirtſchaft), in welcher die Güter in derſelben Wirtſchaft verbraucht werden, in der ſie entſtanden ſind;

2. die Periode der Stadtwirtſchaft (Kun - denproduktion oder Periode des direkten Austauſches), in welcher die Güter aus der produzierenden Wirtſchaft un - mittelbar in die konſumierende übergehen;

3. die Periode der Volkswirtſchaft (Waren - produktion, Periode des Güterumlaufes), in welcher die Güter in der Regel eine Reihe von Wirtſchaften paſſieren müſſen, ehe ſie zum Verbrauch gelangen.

Wir wollen, ſoweit dies im engen Rahmen eines Vor - trags möglich iſt, dieſe drei Wirtſchaftsſtufen zu kennzeichnen verſuchen und zwar ſo, daß wir jede in ihrer typiſchen Reinheit zu erfaſſen ſtreben, ohne uns durch das zufällige Auftreten von Uebergangsbildungen oder von einzelnen Er - ſcheinungen beirren zu laſſen, die als Nachbleibſel früherer oder Vorläufer ſpäterer Zuſtände in eine Periode hinein - ragen und in ihr etwa hiſtoriſch nachgewieſen werden können. Nur wenn wir ſo verfahren, ſind wir im Stande, die tief - greifenden Unterſchiede der drei Stufen und die einer jeden eigentümlichen Erſcheinungen uns klar zum Bewußtſein zu bringen.

Die Periode der geſchloſſenen Hauswirtſchaft16 reicht von den Anfängen der Kultur bis in das Mittelalter hinein (etwa bis zum Beginn des zweiten Jahrtauſends unſerer Zeitrechnung). Sie kennzeichnet ſich, wie bereits angedeutet, dadurch, daß der ganze Kreislauf der Wirt - ſchaft von der Produktion bis zur Konſumtion ſich im ge - ſchloſſenen Kreiſe des Hauſes (der Familie, des Geſchlechts) vollzieht. Jedem Hauſe iſt Art und Maß ſeiner Produktion durch den Konſumtionsbedarf der Hausangehörigen vorge - ſchrieben. Jedes Produkt durchläuft ſeinen ganzen Werde - gang von der Gewinnung des Rohſtoffes bis zur Genuß - reife in der gleichen Wirtſchaft und geht ohne Zwiſchen - ſtufe in den Konſum über. Gütererzeugung und Güter - verbrauch fließen in einander über; ſie bilden einen einzigen ununterbrochenen und ununterſcheidbaren Prozeß, und ebenſo iſt es nicht möglich, Erwerbswirtſchaft und Haushalt von einander zu trennen. Der Erwerb jeder gemeinſam wirt - ſchaftenden Menſchengruppe iſt eins mit dem Produkt ihrer Arbeit, und dieſes iſt wieder eins mit ihrer Bedarfsdeckung, ihrem Konſum.

Der Tauſch iſt urſprünglich ganz unbekannt. Der primitive Menſch, weit entfernt eine angeborene Neigung zum Tauſchen zu beſitzen, hat im Gegenteile eine Ab - neigung gegen dasſelbe. Tauſchen und täuſchen iſt in der älteren Sprache eins. Es gibt keinen allgemein aner - kannten Wertmaßſtab. Man muß deshalb fürchten, im Tauſche betrogen zu werden. Außerdem iſt das Arbeitsprodukt ſo - zuſagen ein Teil des Menſchen, der es erzeugt hat. Wer17 es einem anderen überläßt, entäußert ſich eines Teiles ſeiner ſelbſt und gibt den böſen Mächten Gewalt über ſich. Bis tief in das Mittelalter hinein iſt der Tauſch unter den Schutz der Oeffentlichkeit, des Abſchluſſes vor Zeugen, der Anwendung ſymboliſcher Formeln geſtellt.

Eine ſolche autonome Wirtſchaft iſt zunächſt abhängig von dem Boden, über welchen ſie verfügt. Mag der Wirt als Jäger oder Fiſcher die freiwillig von der Natur dargebotenen Gaben okkupieren, mag er als Nomade mit ſeinen Herden wandern, mag er den Acker bauen, immer wird ſein Arbeiten und Sorgen durch das Stückchen Erde beſtimmt werden, das er ſich unterthan gemacht hat. Und je weiter er an Einſicht und techniſchem Geſchick voran - ſchreitet, je planvoller und reicher ſich ſeine Bedürfnisbe - friedigung geſtaltet, um ſo größer wird dieſe Abhängigkeit, ſodaß der Boden ſchließlich ſich den Menſchen unterwirft, der über ihn zu herrſchen geboren iſt. Man hat dies wohl als Verdinglichung bezeichnet; wir dürfen uns an dieſer Stelle damit begnügen, feſtzuſtellen, daß auf dieſer Ent - wickelungsſtufe nur der eine eigene Wirtſchaft zu führen im Stande iſt, der aus eigenem Rechte über den Boden verfügt. Wer nicht in dieſer Lage iſt, kann ſeine Exiſtenz nur friſten, wenn er zum Knechte des Grundeigentümers wird.

In der geſchloſſenen Hauswirtſchaft haben die Haus - genoſſen nicht bloß dem Boden ſeine Gaben abzugewinnen; ſie müſſen auch alle dabei nötigen Werkzeuge und Geräte mit eigener Arbeit herſtellen; ſie müſſen endlich die Roh -Bücher, Die Entſtehung der Volkswirtſchaft. 218produkte durch Veredelung und Umformung zum Gebrauche geſchickt machen. Dies alles erfordert eine ausgebreitete techniſche Arbeitsgeſchicklichkeit, eine Vielſeitig - keit des Könnens und Verſtehens, von der ſich der Kultur - menſch der Neuzeit ſchwer eine rechte Vorſtellung macht. Für die einzelnen Glieder der autonom wirtſchaftenden Haus - gemeinſchaft kann der Umfang dieſer Arbeitsgeſchicklichkeit nur vermindert werden, wenn ſie die Arbeit unter einander nach Alter und Geſchlecht, nach individueller Kraft und Anlage verteilen können.

Eine ſolche Arbeitsverteilung wird ſich in der Regel an die innere Struktur der Familie anlehnen, ſowie dieſelbe durch Natur, Sitte und Recht gegeben iſt. Immer - hin würde ſie der Erweiterung des Bedürfniskreiſes und dem Reichtum der Güterverſorgung nur geringen Spiel - raum gewähren, wenn die Familie unſerer heutigen Familie ähnlich organiſiert wäre, d. h. ſich auf ein Ehepaar mit Kindern und etwa noch Dienſtboten beſchränkte; ſie würde auch ſehr geringe Haltbarkeit und Entwickelungsfähigkeit beſitzen, wenn in der Familie das Individuum eine ähnlich ſelbſtändige Exiſtenz zu führen im Stande wäre wie in der Gegenwart.

Allein von dieſer Art ſind die Familien bei primitiven Völkern nicht. Nach den ſchönen Unterſuchungen Mor - gan’s bilden ſie gewöhnlich größere aus mehreren Gene - rationen blutsverwandter Perſonen beſtehende Gruppen (Geſchlechter, Sippen, gentes, Clans, Hausgemeinſchaften),19 die anfangs nach dem Mutterrecht, ſpäter nach dem Vater - recht organiſiert ſind, gemeinſames Eigentum haben, ge - meinſame Wirtſchaft führen und einen gemeinſamen Rechts - ſchutzverband bilden. Der Menſch außerhalb der Geſchlechts - verbindung iſt vogelfrei; er hat keine rechtliche und wirt - ſchaftliche Exiſtenz, keine Hülfe in der Not, keinen Rächer, wenn er erſchlagen wird, kein Grabgeleite, wenn er zur letzten Ruhe eingeht.

Dieſe Familienverfaſſung findet ſich regelmäßig bei Jäger - und Hirtenvölkern; aber auch wo mit dem Fort - ſchritte des Ackerbaus feſte Niederlaſſung notwendig wird, erfolgt dieſelbe gewöhnlich in der Weiſe, daß die Geſchlechts - genoſſen zuſammen große Gemeinſchaftshäuſer, Höfe, Dörfer gründen. Im geſicherten Beſitze des Bodens lockert ſich der Gemeinſinn; es ſcheiden ſich wohl aus dem großen Verbande engere patriarchale Hausgemeinſchaften mit ge - ringerer Perſonenzahl aus, wie ſie noch heute die Zadruga der Südſlaven, die Großfamilie der Ruſſen, der Kaukaſus - völker, der Hindu repräſentieren. Aber noch Jahrhunderte lang beſitzen die Hausgemeinſchaften des Dorfes den Boden im Geſamteigentum, bebauen ihn auch wohl noch eine Zeit lang in gemeinſamer Arbeit, während jedes Haus die Früchte geſondert verbraucht.

In ſolchen größeren Familienverbänden läßt ſich die Arbeitsverteilung in ziemlich weitem Umfange durchführen. Männer und Frauen, Mütter und Kinder, Väter und Groß - väter, jede Gruppe erhält ihre beſondere Rolle in Pro -2 *20duktion und Haushalt, und wo ſich individuelle Geſchick - lichkeit hervorthut, findet ſie in der Bethätigung für die eigene Sippe ihre Aufgabe, aber auch ihre Schranke. Die Gefühle der Brüderlichkeit, der kindlichen Pietät, der Ach - tung vor dem Alter, der Unterordnung und Fügſamkeit ge - langen in ſolcher Gemeinſchaft zur ſchönſten Entfaltung. Wie die Sippe für den Einzelnen das Wergeld zahlt oder eine ihm widerfahrene Unbill rächt, ſo weiht wieder der Einzelne der Sippe ſein ganzes Leben und opfert ihr jede Regung der Selbſtändigkeit.

Und ſelbſt wenn die Stärke dieſer Gefühle nachläßt, tritt nicht ſofort die moderne Einzelfamilie mit voller Son - derwirtſchaft auf. Denn ihre Entſtehung hätte eine Schwä - chung der wirtſchaftlichen Leiſtungsfähigkeit, ein Aufgeben der autonomen Hauswirtſchaft, vielleicht ein Zurückſinken in die Barbarei zur ſichern Folge gehabt. Um dies zu ver - meiden gab es zwei Mittel.

Das eine beſtand darin, daß man für ſolche Wirt - ſchaftsaufgaben, denen die kleiner gewordene Familie nicht mehr gewachſen war, die älteren großen Geſchlechts - oder Stammverbände als lokale Organiſationen fortbeſtehen ließ. Dieſe örtlichen Verbände, welche auf der Grundlage ge - meinſamen Eigentums und gemeinſamer Nutzung desſelben partielle Gemeinwirtſchaften bildeten, konnten unter Um - ſtänden auch Aufgaben übernehmen, deren Wahrnehmung in jedem einzelnen Hauſe zu unwirtſchaftlicher Kräftever - ſchwendung geführt haben würde (z. B. das Hüten des21 Viehes). Aber es gab auch Wirtſchaftsaufgaben, welche nicht alle Sonderhaushalte der lokalen Gruppe gleichmäßig berührten und doch für den Einzelnen zu ſchwer waren. Es ſollte ein Haus oder Schiff gebaut, ein Waldſtück ge - rodet, ein Bach abgeleitet werden; man wollte auf größere Entfernungen hin der Jagd oder dem Fiſchfang obliegen, oder es hatte auch nur die Jahreszeit ein außergewöhnliches Arbeitsbedürfnis für dieſes oder jenes Haus heraufgeführt. In allen ſolchen Fällen bildeten ſich freiwillig temporäre Ar - beitsgemeinſchaften, die nach Erfüllung ihrer Aufgabe wieder verſchwanden. Manches dieſer Art hat ſich ſpäter umge - bildet, anderes iſt erhalten. Ich erinnere an die Arbeits - gemeinſchaften der ſlaviſchen Stämme: das Artell bei den Ruſſen, die Tſcheta oder Družina bei den Bulgaren, die Moba bei den Serben, an die freiwillige gegenſeitige Hülfe - leiſtung unſerer Bauern beim Hausbau, bei der Schafſchur, dem Flachsreffen u. ä.

Wie weit ſolche Einrichtungen immer gehen mögen, derjenige Teil der Bedürfnisbefriedigung, welcher durch ſie beſorgt werden kann, iſt ein verhältnismäßig geringer und beeinträchtigt die wirtſchaftliche Autonomie des einzelnen Hauſes ebenſowenig, wie die bei unſeren Landwirten fort - dauernde Eigenproduktion der Herrſchaft der Tauſchwirt - ſchaft heute Eintrag thut. Auch jene Arbeitsgenoſſen - ſchaften , wie ſie Schmoller genannt hat, ſind keine Unternehmungen ſondern Veranſtaltungen zur unmittelbaren Bedarfsbefriedigung. Man hilft heute dieſem, morgen jenem22 der Teilnehmer oder verteilt das Ergebnis gemeinſamer Ar - beit zum ſonderwirtſchaftlichen Verbrauch. Ein ſpeziell ent - geltlicher Tauſch findet nirgends ſtatt. Ja ſelbſt dort nicht, wo, wie in der indiſchen Dorfgemeinſchaft, eine Anzahl ge - werblicher Arbeiter als Gemeindefunktionäre, ähnlich unſeren Dorfhirten, ſich einſtellt. Sie arbeiten für alle und werden dafür von allen ernährt.

Das andere Mittel, um die Nachteile der Auflöſung der Geſchlechtsverbindung zu vermeiden, beſtand darin, daß man künſtlich den Kreis der Familie erweiterte, bezw. weit erhielt. Es geſchah dies durch Aufnahme und Eingliederung fremder (nicht blutsverwandter) Elemente. So entſtanden die Inſtitutionen der Sklaverei und der Hörigkeit.

Wir können unentſchieden laſſen, ob die Thatſache, daß man den unterworfenen Feind unfrei machte und ihn zur Arbeit zwang, mehr die Urſache oder die Folge der Auflöſung der älteren Geſchlechtsgemeinſchaft war. Sicher iſt, daß durch ſie ein Mittel gefunden war, um die ge - ſchloſſene Hauswirtſchaft mit der gewohnten Arbeitsgliede - rung aufrecht zu erhalten und zugleich auf dem Wege der Erweiterung und Verfeinerung der Bedürfniſſe voranzu - ſchreiten. Denn nun ließ ſich die Arbeit des Hauſes um ſo mehr ſpezialiſieren, je zahlreicher die zu einem Hauſe gehörigen Sklaven oder Hörigen waren. Es konnten ein - zelne techniſche Verrichtungen, wie das Mahlen des Ge - treides, das Backen, Spinnen, Weben, die Anfertigung von Gerätſchaften, die Beſtellung des Ackers, die Beſorgung23 des Viehes, einzelnen Unfreien für ihr ganzes Leben über - tragen, ſie konnten für dieſen Dienſt beſonders ausgebildet werden. Und je angeſehener das Haus, je reicher der Herr, je größer ſeine Wirtſchaft war, um ſo mannigfaltiger und reicher konnte die Technik der Stoffgewinnung und Stoff - veredelung ſich in ſeiner Wirtſchaft entfalten.

Dieſer Art war die Wirtſchaft der Griechen, der Kar - thager, der Römer. Rodbertus, der das ſchon vor einem Menſchenalter geſehen hat, bezeichnet ſie als Oiken - wirtſchaft, weil der οἶκος, das Haus, die Einheit der wirtſchaftlichen Verfaſſung bedeutet. Der οἶκος iſt nicht bloß die Wohnſtätte, ſondern auch die gemeinſam wirt - ſchaftende Menſchengruppe; ihre Angehörigen ſind die οἰκέται ein Wort, das bezeichnender Weiſe im hiſtoriſchen Sprachgebrauch ſeine Bedeutung auf die Wirtſchaftsſklaven einſchränkt, auf welchen damals die ganze Arbeit des Hauſes laſtete. Einen ähnlichen Sinn hat das römiſche familia: die Geſamtheit der famuli, der Hausſklaven, des Geſindes. Der pater familias iſt der Sklavenherr, in deſſen Händen der ganze Ertrag der Wirtſchaft zuſammenfließt; in der patria potestas iſt die eheherrliche und väterliche Gewalt mit dem Herrenrecht des Sklavenbeſitzers begrifflich ver - ſchmolzen. Kein Hausangehöriger erwirbt für ſich ſondern für den pater familias; gegen jeden übt er die gleiche Ge - walt über Leben und Tod.

In dem Herrenrecht des römiſchen Hausvaters, das ſich gleichmäßig über blutsfremde und blutsverwandte Haus -24 genoſſen erſtreckt, findet die geſchloſſene Hauswirtſchaft eine viel ſtraffere Zuſammenfaſſung und größere Leiſtungsfähig - keit, als in der matriarchalen oder ſelbſt in der älteren pa - triarchalen Sippe, die lediglich aus Blutsverwandten beſtand, möglich war. Alles individuelle Daſein iſt verſchwunden; der Staat, das Recht kennen nur Familiengemeinſchaften, Menſchengruppen; ſie regeln die Verhältniſſe von Haus zu Haus, nicht von Menſch zu Menſch. Um das, was inner - halb des Hauſes geſchieht, kümmern ſie ſich nicht.

Aus der wirtſchaftlichen Autonomie des ſklavenbe - ſitzenden Hauſes erklärt ſich die ganze ſoziale und ein guter Teil der politiſchen Geſchichte des alten Rom. Es gibt keine produktiven Berufsſtände, keine Bauern, keine Hand - werker. Es gibt nur große und kleine Beſitzer, Reiche und Arme. Der Reiche drängt den Armen aus dem Be - ſitze des Grund und Bodens und macht ihn dadurch zum Proletarier. Der beſitzloſe Freie iſt abſolut erwerbsunfähig. Denn es gibt kein Unternehmungskapital, das Arbeit um Lohn kaufte; es gibt keine Induſtrie außerhalb des ge - ſchloſſenen Hauſes. Die artifices der Quellenſchriften ſind keine freien Gewerbetreibenden, ſondern Handwerksſklaven, welche aus den Händen der Acker - und Hirtenſklaven das Korn, die Wolle, das Holz empfangen, um ſie zu Brot, zu Kleidung, zu Geräten zu verarbeiten. Omnia domi nascun - tur, ſagt der reiche Emporkömmling bei Petron zu ſeinen Gäſten: Alles wird bei mir gemacht, es wird nichts ge - kauft. Daher jene koloſſale Latifundienbildung, jene un -25 ermeßlichen Sklavenſcharen, die ſich in den Händen einzelner Beſitzer konzentrierten und unter denen die Arbeitsgliederung eine ſo vielſeitige war, daß ihre Erzeugniſſe und Leiſtungen auch den verwöhnteſten Geſchmack zu befriedigen vermochten.

Der Holländer T. Popma, welcher im 17. Jahr - hundert ein fleißiges Büchlein über die Beſchäftigungen der Sklaven bei den Römern ſchrieb1)Titi Popmae Phrysii de operis servorum liber. Editio novissima. Amstelodami 1672., zählt 146 verſchiedene Funktionsbenennungen dieſer unfreien Arbeiter der reichen römiſchen Häuſer auf. Heute ließe ſich aus Inſchriften dieſe Zahl noch bedeutend vermehren. Man muß ſich in die Einzelheiten dieſer raffinierten Arbeitsgliederung ver - tiefen, um den Umfang und die Leiſtungsfähigkeit jener Rieſenhaushaltungen zu verſtehen, die dem Eigentümer Güter und Leiſtungen unbedingt zur Verfügung ſtellten, wie ſie heute nur die zahlreichen Geſchäfte einer Großſtadt in Ver - bindung mit den Anſtalten der Gemeinde und des Staates zu liefern vermögen. Zugleich aber bot dieſes maſſenhafte Menſcheneigentum ein Mittel zur Vermehrung der großen Vermögen, das ſich nur mit den Rieſenkapitalien der mo - dernen Millionäre vergleichen läßt. Da iſt zunächſt die familia rustica, welche produktiven Zwecken dient: auf jedem Landgut ein Verwalter und Unterverwalter mit einem Stab von Aufſehern und Werkmeiſtern, welche über eine große Schar von Feld - und Weinbergsarbeitern, Hirten und Vieh - wärtern, Küchen - und Hausgeſinde, Spinnerinnen, Webern26 und Weberinnen, Walkern, Schneidern, Zimmerleuten, Schreinern, Metallarbeitern, Arbeitern zum Betrieb der landwirtſchaftlichen Nebengewerbe gebieten. Auf den größeren Gütern iſt jede Arbeitergruppe wieder in Abteilungen von je 10 (decuriae) geteilt, die einem Führer (decurio) unter - ſtellt ſind. Die familia urbana läßt ſich in das Ver - waltungsperſonal, das Perſonal zum inneren und äußeren Dienſt des Hausherrn und der Herrin teilen. Da iſt zu - nächſt der Vermögensverwalter mit dem Kaſſier, den Buch - haltern, Miethäuſerverwaltern, Einkäufern u. dgl. Ueber - nimmt der Herr Staatspachtungen oder treibt er Rhederei - geſchäfte, ſo hält er dafür ein beſonderes unfreies Beamten - und Arbeiterperſonal. Dem inneren Dienſt des Hauſes dienen der Hausverwalter, die Thürſteher, Zimmer - und Saalwärter, Möbelbewahrer, Silberbeſchließer, Garderobiers; über der Verpflegung walten: der Haushofmeiſter, der Keller - meiſter, der Aufſeher der Vorratskammer, in der Küche drängt ſich eine große Schar von Köchen, Heizern, Brot -, Kuchen -, Paſtetenbäckern; beſondere Tafeldecker, Vorſchneider, Vorkoſter, Weinſchenken bedienen die Tafel, bei der eine Schar ſchöner Knaben, Tänzerinnen, Zwerge und Poſſen - reißer die Gäſte amuſieren. Für den perſönlichen Dienſt des Herrn ſind angeſtellt: ein Zeremonienmeiſter, der die Beſucher einführt, verſchiedene Kammerdiener, Badewärter, Salber, Abreiber, Leibchirurgen, Aerzte faſt für jedes Körper - glied, Bartſcheerer, Vorleſer, Privatſekretäre u. dgl. Man hält ſich einen Gelehrten oder Philoſophen zum Hausge -27 brauch, Architekten, Maler, Bildhauer, eine Muſikkapelle; in der Bibliothek ſind Kopiſten, Pergamentglätter, Buch - binder beſchäftigt, durch welche der Bibliothekar die Bücher in eigener Regie des Hauſes herſtellen läßt. Selbſt unfreie Zeitungsſchreiber und Stenographen dürfen in einem vor - nehmen Hauſe nicht fehlen1)Vgl. unten den vierten Vortrag.. Zeigt ſich der Herr in der Oeffentlichkeit, ſo ſchreitet ihm eine große Schar Sklaven voraus (anteambulones), eine andere folgt ihm (pedisequi); der Nomenclator nennt ihm die Namen der Begegnenden, die begrüßt ſein wollen; eigene distributores und tesserarii teilen Beſtechungen unter das Volk aus und geben die Wahlparole ab. Es ſind die Camelots des alten Rom, und was ſie am ſchätzbarſten macht, ſie ſind das Eigentum des vornehmen Strebers, der ſie benutzt. Dieſes politiſche Beeinfluſſungsſyſtem wird ergänzt durch die Veranſtaltung von Schauſpielen, Wagenrennen, Tierkämpfen und Gladia - torenſpielen, für welche beſondere Sklaventruppen abgerichtet werden. Geht der Herr als Statthalter in eine Provinz oder weilt er auf einem ſeiner Landgüter, ſo unterhalten unfreie Kuriere und Briefboten den täglichen Verkehr mit der Hauptſtadt. Und was ſollen wir erſt von dem Sklaven - Hofſtaat der Herrin ſagen, über den Böttiger ein eigenes Buch ( Sabina ) geſchrieben hat, von dem unendlich ſpezia - liſierten Wart - und Erziehungsperſonal der Kinder! Es war eine unglaubliche Menſchenverſchwendung, die hier ge - trieben wurde; ſchließlich aber wurde mittels dieſes viel -28 armigen, durch ein großartiges Züchtungs - und Erziehungs - ſyſtem erhaltenen Organismus der geſchloſſenen Hauswirt - ſchaft die perſönliche Kraft des Sklavenherrn vertauſendfacht, und dieſer Umſtand trug weſentlich dazu bei, die Herrſchaft einer Handvoll Ariſtokraten über eine halbe Welt zu er - möglichen.

Auch der Staat ſelbſt wirtſchaftet nicht anders. In Athen wie in Rom ſind alle unteren Beamten - und Diener - ſtellen mit Sklaven beſetzt. Sklaven bauen die Straßen und Waſſerleitungen, die in eigener Regie ausgeführt wurden, arbeiten in Steinbrüchen und Bergwerken, reinigen die Kloaken; Sklaven ſind die Polizeidiener, Scharfrichter und Gefängnißwärter, die Ausrufer bei Volksverſammlungen, die Austeiler bei den öffentlichen Kornſpenden, die Tempel - und Opferdiener der Prieſterkollegien, die Staatskaſſiere, die Schreiber, die Boten der Magiſtrate; ein Gefolge von Staatsſklaven begleitet jeden Provinzialbeamten oder Feld - herrn nach dem Schauplatz ſeiner Thätigkeit. Die Mittel zur Unterhaltung dieſes Perſonals floſſen in der Haupt - ſache aus den Staatsdomänen, den Tributen der Provinzen (in Athen der Bundesgenoſſen), von denen Cicero ſagt, daß ſie ſind quasi praedia populi Romani, endlich aus gebühren - artigen Abgaben.

Die gleichen Grundzüge zeigt die Wirtſchaft der ro - maniſchen und germaniſchen Völker im früheren Mittelalter. Auch hier führt das Bedürfnis des ökonomiſchen Fortſchritts zu einem weiteren Ausbau der geſchloſſenen Hauswirtſchaft,29 die in jenen großen Hofwirtſchaften ihren Ausdruck fand, welche auf dem ausgedehnten Grundbeſitze der Könige, des Adels und der Kirche mit Leibeigenen und Hörigen be - trieben wurden. Dieſe Fronhofswirtſchaft lehnt ſich in den Einzelheiten vielfach an die Ausgeſtaltung an, welche die Landwirtſchaft des römiſchen Reiches in der ſpäteren Kaiſerzeit durch den Kolonat gefunden hatte. Sie hat aber auch manche Aehnlichkeit mit dem konzentrierten Plantagenbetrieb, wie wir ihn aus der letzten Zeit der römiſchen Republik vorhin geſchildert haben. Aber in einem wichtigen Punkte unterſcheidet ſich dieſe Entwickelung der arbeitsteiligen Großwirtſchaft von der römiſchen. In Rom verſchlingt der große Grundbeſitz den kleinen und erſetzt den Arm des Bauern durch den des Sklaven, um dieſen ſpäter in den Kolonen umzuwandeln. Der wirtſchaftliche Fortſchritt, der in der großen Oikenwirtſchaft liegt, mußte erkauft werden mit der Proletariſierung des freien Bauern - ſtandes. In der Fronhofsverfaſſung des Mittelalters wird der freie Kleingrundbeſitzer zwar dinglich abhängig; aber er wird nicht aus dem Beſitze gedrängt; er bewahrt eine gewiſſe perſönliche und wirtſchaftliche Selbſtändigkeit und nimmt zugleich Teil an der reicheren Güterverſorgung, die im Syſtem der geſchloſſenen Hauswirtſchaft der Großbetrieb gewährleiſtet.

Woher kam das?

Im alten Italien ging der kleine Bauer zu Grunde, weil er gewiſſe öffentliche Laſten, namentlich die Heeres -30 pflicht, nicht tragen konnte, weil Kriegs - und Hungersnöte ihn in die Schuldknechtſchaft und ins Elend trieben. Im germaniſch-romaniſchen Mittelalter ſtellte er aus dem gleichen Grunde ſeine Landſtelle unter den großen Grundherrn und empfieng von dieſem Schutz und Unterſtützung in der Zeit der Not.

Man wird die mittelalterliche Fronhofsverfaſſung am beſten verſtehen, wenn man ſich die Wirtſchaft eines ganzen Dorfes als eine Einheit vorſtellt, deren Mittelpunkt durch den Herrenhof gebildet wird1)Wenn es auch zahlreiche Dörfer gab, deren Bauern verſchie - denen Grundherren verpflichtet waren und zahlreiche Fronhöfe, zu welchen Bauernſtellen aus verſchiedenen Dörfern geſchlagen waren, ſo muß doch der im Texte angenommene Fall als der normale ange - ſehen werden. Wir dürfen dabei nicht vergeſſen, daß das meiſte Quellen - material, das wir über dieſe Dinge beſitzen, ſich auf den Streubeſitz der Klöſter bezieht, für welchen die Fronhöfe die Kryſtalliſationspunkte abgaben, während wir für die Gutshöfe der großen und namentlich der kleinen weltlichen Grundherren aus älterer Zeit faſt kein Material haben. Bei dieſen aber iſt unſer Fall als der regelmäßige anzuſehen, ſoweit die Dörfer durch Anſetzung von Koloniſten um einen Einzelhof entſtanden waren. Für den Zweck unſerer Darſtellung dürfen wir auch die mancherlei Unterſchiede in der rechtlichen Stellung der Zins - und Dienſtpflichtigen, namentlich den Unterſchied von Hof - und Mark - hörigen bei Seite laſſen. Auch die letzteren waren durch das Ober - eigentum des Herrn an der Allmende in den Wirtſchaftsorganismus des Fronhofes hineingezogen. Endlich verkenne ich zwar nicht den Unterſchied zwiſchen der Villenverfaſſung Karls d. Gr. und der ſpäteren Verwaltungsorganiſation der großen Grundherren, meine aber, daß derſelbe die Wirtſchaft des einzelnen Gutshofes nur an der Oberfläche berührt. Für alles Weitere muß auf Maurer, Geſch. der Fron -. In demſelben waltet der31 kleine Grundherr perſönlich, der große durch einen Meier (villicus). Das unmittelbar zum Hofe gehörige Salland wird durch dauernd mit demſelben verbundene Eigenleute bewirtſchaftet, die in den Hofgebäuden Wohnung und Unter - halt empfangen und in vielſeitiger landwirtſchaftlicher und gewerblicher Arbeitsgliederung für die Produktion, den Haushalt und den perſönlichen Dienſt der Herrſchaft Ver - wendung finden. Das Salland liegt im Gemenge mit den Landſtellen einer größeren oder geringeren Zahl grund - höriger Bauern, von denen jeder ſeine Hufe ſelbſtändig bewirtſchaftet, während alle mit dem Hofe den Genuß von Weide, Wald und Waſſer gemein haben. Zugleich aber verpflichtet jede Bauernſtelle ihren Inhaber zur Leiſtung gewiſſer Dienſte und Naturalzinſen an den Hof. Die Dienſte ſind anfangs nach Bedürfnis, ſpäter nach Zeit be - meſſene Arbeiten, ſei es auf dem Felde zur Saat - und Erntezeit, auf der Wieſe, im Weinberg, im Garten, im Walde, ſei es in den Werkſtätten des Hofes oder im Frauen - hauſe deſſelben, wo auch die unfreien Mägde mit Spinnen, Weben, Nähen, Backen, Bierbrauen u. dgl. beſchäftigt wurden. An den Frontagen erhalten die hörigen Arbeiter die Koſt auf dem Hofe, wie die Eigenleute. Auch ſind ſie verpflichtet, die Umzäunung des Hofes und ſeiner Felder im Stande zu halten, für den Hof zu wachen, Botengänge1)höfe, Inama-Sternegg, Die Ausbildung der großen Grund - herrſchaften in Deutſchland und Lamprecht, Deutſches Wirtſchafts - leben im MA., beſonders I, S. 719 ff. verwieſen werden.32 und Frachtfuhren für denſelben zu übernehmen. Die an den Hof abzuliefernden Naturalzinſe beſtehen teils in Land - wirtſchaftsprodukten wie Getreide aller Art, Wolle, Flachs, Honig, Wachs, Wein, Rindvieh, Schweinen, Hühnern, Eiern, teils in zugerichteten Hölzern, die im Markwalde gefällt wurden: Brennholz, Bauholz, Weinbergspfählen, Kienſpänen, Schindeln, Faßdauben, Reifen, teils in Erzeugniſſen des gewerblichen Hausfleißes wie Wollen - und Leinentuch, Socken, Schuhen, Brot, Bier, Tonnen, Tellern, Schüſſeln, Bechern, Eiſen, Keſſeln, Meſſern. Das ſetzt unter den grundhörigen Bauern, wie unter den leibeigenen Knechten der Höfe, eine gewiſſe gewerbliche Spezialiſierung voraus, die ſich erblich mit den betreffenden Hufen verbinden mußte und die natur - gemäß nicht bloß der Wirtſchaft des Herrn, ſondern auch der Güterverſorgung der Hüfner zu Gute gekommen iſt. Zwiſchen Dienſt und Zins ſtehen gemiſchte Leiſtungen, wie das Liefern von Miſt aus des Bauern Hofe auf den herr - ſchaftlichen Acker, die Durchwinterung von Vieh, die Be - wirtung der Gäſte des Fronhofes. Und umgekehrt unter - ſtützte der letztere die Wirtſchaft der Bauern durch das Halten des Faſelviehes, durch die Herſtellung von Fähren, Mühlen und Backöfen für den gemeinen Gebrauch, durch den Schutz, den er allen gewährte gegen Gewaltthat und Rechtsbruch und durch die Beihülfen, die er bei Mißwachs und ſonſtiger Notlage aus ſeinen Vorräten den Bauern zu reichen verpflichtet war.

Wir haben hier einen kleinen Wirtſchaftsorganismus,33 der ſich vollkommen ſelbſt genügt und der eben weil er die ſtraffe Konzentration der römiſchen Sklavenwirtſchaften ver - meidet und die Verwendung unfreier Arbeiter auf das für die Eigenwirtſchaft des Grundherrn im engſten Sinne1)Nach Lamprecht I, 782 wären die Ackerfronden der Hörigen auf die Bewirtſchaftung der Beunden oder gutsherrlichen Bifänge in der Allmende verwendet worden, während die unfreien Hofknechte nur für die Bewirtſchaftung des Sallandes gebraucht wurden. notwendige Maß beſchränkt, im Stande iſt, der Maſſe der Fronarbeiter die Führung einer eigenen Landwirtſchaft für den Hausgebrauch ihrer Familien und damit eine ge - wiſſe perſönliche Unabhängigkeit zu ſichern. Es iſt dies ein ähnlicher Fall kleiner partieller Sonderwirtſchaften innerhalb der geſchloſſenen Hauswirtſchaft, wie er freilich in weit geringerem Umfange auch innerhalb der ſüdſlaviſchen Zadruga für die einzelnen zu einer Hauskommunion ver - einigten Ehepaare vorkommt2)Vgl. Laveleye, Ureigentum, S. 377.. Wo die Hofgenoſſenſchaft mit einer Markgenoſſenſchaft zuſammenfällt, iſt ſie in ge - wiſſem Sinne nach außen wirtſchaftlich abgeſchloſſen durch die Beſtimmungen, welche die Veräußerung von Grund - eigentum und Marknutzungen an Nichtmärker verbieten. Der innere Zuſammenſchluß wird hergeſtellt durch ein eigenes Maß und Gewicht, welches aber nicht für die Sicherung des Tauſchverkehrs, ſondern zur Meſſung der Naturalab - gaben an den Grundherrn dient.

Denn das wird man feſthalten müſſen: das wirt -Bücher, Die Entſtehung der Volkswirtſchaft. 334ſchaftliche Verhältnis zwiſchen Grundherren und Grund - hörigen, ſo ſehr es unter dem allgemeinen Geſichtspunkte von Leiſtung und Gegenleiſtung ſteht, entzieht ſich doch vollſtändig den ökonomiſchen Kategorien, die aus der Tauſch - wirtſchaft hervorgegangen ſind. In dieſer Wirtſchaft gibt es keinen Preis, keinen Arbeitslohn, keinen Pacht - oder Mietzins, keinen Kapitalprofit und demgemäß keine Unter - nehmer und keine Lohnarbeiter. Es ſind wirtſchaftliche Vorgänge und Erſcheinungen eigener Art, denen die hiſto - riſche Nationalökonomie nicht Gewalt anthun darf, nachdem ſie ſo oft beklagt hat, daß ſie ſeiner Zeit von der Juris - prudenz vergewaltigt worden ſind.

In den Händen des Grundherrn ſammeln ſich die Ueberſchüſſe der Fronhofswirtſchaft. Es ſind durchweg Verbrauchsgüter, welche ſich nicht lange aufſpeichern, nicht kapitaliſieren laſſen. Dieſelben werden auf den königlichen Krongütern in der Regel ſo für die Bedürfniſſe des Hof - haltes verwendet, daß der König, mit ſeinem Gefolge von Palatium zu Palatium ziehend, ſie direkt in Anſpruch nimmt; die großen Grundherrſchaften der kirchlichen Kor - porationen und des hohen Adels laſſen dieſelben durch einen organiſierten Transportdienſt der Hörigen nach ihren Zentralſitzen befördern, wo ſie in der Regel ebenfalls in den Konſum übergehen.

Wir haben alſo in dieſer Wirtſchaft doch mancherlei Verkehrserſcheinungen: Maß und Gewicht, Perſonen -, Nach - richten - und Gütertransport, Herbergsweſen, Uebertragung35 von Gütern und Leiſtungen; aber allen fehlt das Cha - rakteriſtiſche des tauſchwirtſchaftlichen Verkehrs: der ſpezielle Rapport jeder einzelnen Leiſtung mit ihrer Gegenleiſtung und die freie Selbſtbeſtimmung der mit einander verkehren - den Sonderwirtſchaften.

So weit ſich nun aber auch durch Eingliederung un - freier oder höriger Arbeit die geſchloſſene Hauswirtſchaft entwickeln mag, eine völlige, für alle Zeiten ausreichende Anpaſſung an das menſchliche Bedarfsleben wird ſie nicht erreichen, nicht einmal in ihren höchſten Ausgeſtaltungen, geſchweige denn in ihren ſchwächeren Bildungen. Hier werden Lücken der Bedarfsdeckung bleiben, dort werden Ueberſchüſſe auftreten, die in der Wirtſchaft, in welcher ſie entſtanden ſind, nicht konſumiert, qualifizierte Arbeits - kräfte, die in ihr nicht völlig ausgenutzt werden können.

Daraus entſpringen wieder neue Verkehrsvorgänge eigener Art. Der Wirt, dem die Ernte mißraten iſt, leiht von dem Nachbar Korn und Stroh bis zur nächſten Ernte, wo er den gleichen Betrag wiedergibt. Wer durch Brand oder Viehſterben heimgeſucht iſt, wird von den anderen unterſtützt mit der ſtillen Vorausſetzung, daß er ihnen im gleichen Falle die gleiche Liebe erweiſen werde. Wer einen Sklaven von beſonderer Geſchicklichkeit hat, leiht ihn dem Nachbar zur Aushülfe, wobei er von dieſem beköſtigt wird, in ähnlicher Weiſe wie man von dem andern ein Pferd, eine Kelter oder Leiter entlehnt. Es iſt ein wechſelſeitiges3 *36Aushelfen; niemand wird ſolche Vorgänge unter die Kate - gorie des Tauſches einreihen wollen.

Endlich aber treten auch eigentliche Tauſchhandlungen auf. Den Uebergang bilden Vorgänge wie die folgenden: der Sklavenherr leiht dem Nachbar ſeinen unfreien Weber oder Zimmermann und empfängt dafür ein Quantum Wein oder Holz, an dem der Nachbar Ueberfluß hat. Oder der unfreie Schuſter oder Schneider wird von der Fronhofs - verwaltung, die ſeine Arbeitskraft nicht voll ausnützen kann, auf einer Landſtelle angeſetzt unter der Bedingung, jährlich eine beſtimmte Zahl Tage auf dem Hofe zu arbeiten. In Zeiten, wo er keine Frontage zu leiſten und auch in der eigenen Wirtſchaft nicht viel zu thun hat, läßt er ſeinen hörigen Genoſſen in den Bauernhäuſern ſeine Kunſt zu Gute kommen, empfängt dort die Koſt und darüber ein Quantum Brot oder Speck für die Seinen. War er früher bloß der Knecht des Herrenhofes, ſo wird er jetzt reihum der Knecht aller, aber für jeden nur eine kurze Zeit1)Ueber die entſprechenden Verhältniſſe in Griechenland und Rom vgl. meine Ausführungen im Handwörterbuch der Staatswiſſen - ſchaften , Bd. III, S. 927. 929 f.. Endlich folgt der eigentliche Naturaltauſch zur gegenſeitigen Ausgleichung von Mangel und Ueberfluß: Korn um Wein, ein Pferd um Getreide, ein Stück Leinentuch um ein paar Schafe. Dieſer Tauſchverkehr erweitert ſich durch das be - ſchränkte Vorkommen mancher Naturgaben und die örtlich gebundene Produktion vielbegehrter Güter. Beſtimmte Ar -37 tikel dieſes Verkehres werden in oft geſchilderter Weiſe zu allgemeinen Tauſchmitteln: Pelze, Wollenzeug, Matten, Vieh, Schmuckgegenſtände, endlich Edelmetall. Es entſteht das Geld; der Hauſierhandel, die Märkte treten auf; es zeigen ſich Spuren entgeltlichen Kreditverkehrs.

Aber dies alles berührt die geſchloſſene Hauswirtſchaft nur an der Oberfläche, und ſo wenig uns auch die ſeit - herige Litteratur über die ältere Geſchichte des Handels und der Märkte an eine richtige Schätzung dieſer Dinge gewöhnt hat, ſo wird doch aufs entſchiedenſte betont werden müſſen, daß weder bei den antiken Völkern noch im früheren Mittelalter die Gegenſtände des täglichen Bedarfs einem regelmäßigen Austauſch unterlagen. Seltene Naturprodukte, gewerbliche Erzeugniſſe von hohem ſpezifiſchem Wert bilden die wenigen Handelsartikel. Gehen ſolche in den allge - meinen Konſum über, wie im Mittelalter Wein, Salz, ge - trocknete Fiſche, Wollenzeug, ſo werden auch Wirtſchaften auftreten müſſen, welche eine Ueberſchußproduktion in dieſen Dingen ſich zur Aufgabe machen, und das wird die weitere Folge haben, daß die anderen Wirtſchaften die Tauſch - aequivalente jener Artikel in einer den Eigenbedarf über - ſteigenden Menge hervorbringen, wie die Nordländer ihre Pelze und ihr Vadhmâl.

Aber die innere Struktur des Wirtſchaftslebens wird dadurch nicht berührt. Anſtoß und Richtung empfängt jede Einzelwirtſchaft nach wie vor durch den Eigenbedarf ihrer Angehörigen; was ſie zur Befriedigung deſſelben ſelbſt38 erzeugen kann, muß ſie hervorbringen. Ihr einziger Re - gulator iſt der Gebrauchswert. Der Landwirt taugt nichts , ſagt der ältere Plinius, der da kauft, was eigene Wirtſchaft ihm gewähren kann , und dieſer Grundſatz iſt noch viele Jahrhunderte nachher in Geltung geblieben.

Man darf ſich durch die Thatſache anſcheinend reichlichen Geldgebrauches in frühen hiſtoriſchen Perioden an der richtigen Auffaſſung dieſer Wirtſchaftsſtufe nicht irre machen laſſen. Geld iſt nicht bloß Tauſchmittel ſondern auch Wert - maß, Zahlmittel und Mittel der Wertaufbewahrung. Zah - lungen aber ergeben ſich maſſenhaft auch abſeiten des Tauſches (Geldbußen, Tribute u. dgl.). Dazu zirkulieren alle älteren Geldarten, lange Zeit ſelbſt das Edelmetall, in der Ge - brauchsform, in der ſie von der einzelnen Wirtſchaft eben - ſowohl zur unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung als zum tauſchmäßigen Erwerb anderer Gebrauchsgüter verwendet werden können. Wo ſie beſonders wertbeſtändig ſind, dienen ſie in hervorragendem Maße der Schatzbildung. Dies gilt namentlich vom Edelmetall, das in günſtigen Zeiten ebenſo raſch die Form roher Prunkgeräte annahm, als es ſie in ungünſtigen wieder verlor. Daß endlich der Wert - meſſerdienſt durch das Metallgeld verſehen werden kann, auch wenn thatſächlich die Umſätze in anderen Gebrauchs - gütern erfolgen, ergibt ſich aus den zahlreichen mittelalter - lichen Urkunden, in denen weit über den hier ins Auge gefaßten Zeitraum hinaus die Preiſe zum Teil in Geld, zum Teil in Pferden, Hunden, Wein, Getreide u. dgl. feſt -39 geſetzt ſind, oder wo es dem Käufer freigeſtellt wird, eine Geldſumme zu zahlen in quo potuerit.

Wenn Lamprecht über das franzöſiſche Wirtſchafts - leben des elften Jahrhunderts ſagt, daß man nur im Not - falle kaufte1)Franzöſ. Wirtſchaftsleben S. 132. Vgl. auch Lamprecht’s Deutſches Wirtſchaftsleben im Mittelalter, II, S. 374 ff., ſo gilt das in der Hauptſache auch vom Ver - kaufe. Der Tauſch iſt ein der geſchloſſenen Hauswirtſchaft fremdes Element, deſſen Eindringen ſie ſo lange und ſo zäh als möglich Widerſtand entgegengeſetzt. Der Kauf iſt regelmäßig Barkauf, an feierliche, ſchwerfällige Formen ge - bunden. Das älteſte römiſche Stadtrecht ſchreibt vor, daß der Kauf vor fünf mannbaren römiſchen Bürgern als Zeugen ſtattzufinden hat: dem Verkäufer wird das Rohkupfer, in welchem der Kaufpreis beſteht, durch einen gelernten Wag - meiſter (libripens) zugewogen; der Käufer ergreift mit ſolennen Worten von der gekauften Sache Beſitz. Man halte damit zuſammen die umſtändliche Symbolik des alten deutſchen Verkehrsrechts, und man wird ſich leicht über - zeugen, daß in der Wirtſchaftsepoche, welche dieſen ſtarren Rechtsformalismus geſchaffen hat, Kauf und Verkauf, Pacht und Miete nicht Geſchäfte des täglichen Lebens ſein konnten. In die innere Ordnung der Einzelwirtſchaft drang dem - gemäß auch der Tauſchwert nicht beſtimmend ein; dieſe kannte nur Bedarfsproduktion und wo ſolche nicht aus - reichte, das Geſchenk, die freiwillige Gabe, nötigenfalls auch den Raub. Die Ausbildung der Gaſtfreundſchaft, die Legiti -40 mierung des Bettelns, die Verbindung des Nomadenlebens und des älteſten Seehandels mit dem Raub, die außer - ordentliche Verbreitung des Feld - und Viehdiebſtahls bei rohen Ackerbauvölkern ſind darum gewöhnliche Begleiterſcheinungen der geſchloſſenen Hauswirtſchaft.

Nach dem Geſagten wird es klar geworden ſein, daß bei dieſer Art der Bedürfnisbefriedigung die weſentlichen wirtſchaftlichen Erſcheinungen ſich verſchieden geſtalten müſſen von den Erſcheinungen der modernen Volkswirtſchaft. Be - dürfnis, Arbeit, Produktion, Produktionsmittel, Produkt, Gebrauchsvorrat, Gebrauchswert, Konſumtion: das ſind die wenigen Begriffe, die im regulären Gang der Dinge den ökonomiſchen Erſcheinungskreis erſchöpfen. Es gibt keine volkswirtſchaftliche Arbeitsteilung und darum keine Berufs - ſtände, keine Unternehmungen, kein Kapital im Sinne eines zu Erwerbszwecken dienenden Gütervorrats. Die Kategorien Induſtrie - und Handelskapital, Leih - und Nutzkapital ſind ganz ausgeſchloſſen. Will man den Ausdruck Kapital nach verbreiteter Uebung auf Produktionsmittel ſchlechthin an - wenden, ſo muß man ihn jedenfalls auf Werkzeuge und Geräte (das ſog. ſtehende Kapital) beſchränken. Was man in der neueren Theorie als umlaufendes Kapital zu be - zeichnen pflegt, iſt in der geſchloſſenen Hauswirtſchaft ledig - lich Gebrauchsvermögen, das der Genußreife entgegen geht: unfertiges oder halbfertiges Produkt. Es gibt im regel - mäßigen Verlauf der Wirtſchaft auch keine Waren, keinen Preis, keinen Güterumlauf, keine Einkommensverteilung41 und demgemäß keinen Arbeitslohn, keinen Unternehmer - gewinn, keinen Zins als beſondere Einkommensarten1)Für die meiſten hier angeführten Begriffe fehlt es in der griechiſchen und lateiniſchen Sprache an Ausdrücken. Sie müſſen ent - weder umſchrieben oder mit ſehr allgemeinen Worten bezeichnet werden. Das gilt zunächſt ſchon von dem Begriff Einkommen. Das la - teiniſche reditus bezeichnet das, was vom Acker zurückkommt. Einer ähnlichen Uebertragung bedient ſich Tacitus Ann. IV, 6, 3, wenn er die Staatseinkünfte als fructus publici bezeichnet. Man vergleiche damit die zahlreichen, fein unterſcheidenden Ausdrücke für den Begriff Vermögen! Merces heißt ſowohl Lohn als Pachtzins, Miet - zins, Kapitalzins, Preis. Aehnlich das griechiſche μισϑός. Für die Ausdrücke Beruf, Geſchäft, Unternehmung, Gewerbe haben beide klaſſiſche Sprachen nichts Entſprechendes.. Nur die Grundrente beginnt bereits ſich aus dem Bodenertrage abzuſcheiden, erſcheint aber noch nirgends rein, ſondern mit anderen Einkommenselementen vermiſcht.

Vielleicht iſt es aber unangebracht, auf dieſer Stufe überhaupt von Einkommen zu ſprechen. Was wir Ein - kommen nennen, iſt in der geſchloſſenen Hauswirtſchaft die Summe der Gebrauchsgüter, welche aus derſelben hervor - gehen, der geſamte Wirtſchaftsertrag des Hausherrn. Dieſer Ertrag läßt ſich aber von ſeinem Vermögen um ſo weniger abſcheiden, je mehr die Abhängigkeit der Wirtſchaft von elementaren Zufällen das Anſammeln von Vorräten gebietet. Einkommen und Vermögen bilden eine ununterſcheidbare Maſſe, von der fortwährend ein Teil in der Aufwärts - bewegung zur Genußreife, ein anderer in der Abwärts - bewegung zum Verbrauch ſich befindet, während ein dritter42 in Kaſten und Truhe, in Keller und Speicher als eine Art Verſicherungsfonds lagert.

Zu dem letzteren gehört auch das Geld. Soweit es im Tauſche gebraucht wird, iſt es für den Empfänger in der Regel nicht vorläufiger, ſondern definitiver Gegenwert. Seine Hauptrolle ſpielt es nicht auf dem Boden der Tauſch - vermittlung, ſondern auf dem der Wertaufbewahrung, der Wertmeſſung und Wertübertragung. Darlehen von einer Wirtſchaft an die andere finden zwar ſtatt; aber ſie ſind in der Regel unverzinslich und dienen konſumtiven Zwecken. Der Produktivkredit verträgt ſich mit dieſer Wirtſchafts - weiſe nicht. Wo ſich das verzinsliche Gelddarlehen ein - drängt, erſcheint es als etwas Unnatürliches und zieht, wie man aus der griechiſchen und römiſchen Geſchichte weiß, das Verderben des Schuldners nach ſich. Das kanoniſche Zinsverbot entſprang darum nicht moraltheologiſcher Be - liebung, ſondern ökonomiſcher Notwendigkeit.

Wo ſich eine direkte Staatsſteuer ausgebildet hat, iſt es regelmäßig eine außerordentliche Vermögensſteuer, meiſt von grundſteuerartigem Charakter. So die atheniſche εἰςφορά, das römiſche tributum civium und der mitteralterliche Schoß oder die Bede. Die Idee der Einkommensbeſteuerung, ſo naturgemäß und ſelbſtverſtändlich ſie uns erſcheint, würde für unſere Vorfahren ſchlechterdings unfaßbar geweſen ſein.

Die geſchloſſene Hauswirtſchaft wird durch eine Jahr - hunderte dauernde Umbildung übergeführt in die Wirt -43 ſchaft des direkten Austauſches; an die Stelle der reinen Eigenproduktion tritt die Kundenproduktion. Wir haben dieſe Entwicklungsſtufe als Stadtwirtſchaft be - zeichnet, weil ſie durch die mittelalterlichen Städte in den deutſchen und romaniſchen Ländern in typiſcher Weiſe zum Ausdruck gebracht wird. Es darf aber dabei nicht über - ſehen werden, daß ſich auch bereits im Altertum Anſätze dieſer Entwicklung nachweiſen laſſen und daß dieſelben, freilich in vielfach abweichender Geſtalt, auch ſpäter in den vorgeſchritteneren ſlaviſchen Gebieten aufgetreten ſind.

Das Weſen dieſer Wirtſchaft liegt darin, daß die auf den Anbau des Bodens gegründete Einzelwirtſchaft einen Teil ihrer Selbſtändigkeit verliert, indem ſie nicht mehr im Stande iſt, ihren geſamten Güterbedarf mit eigenen Kräften zu erzeugen und dauernd und regelmäßig der Ergänzung aus den Produkten anderer Wirtſchaften bedarf. Es bilden ſich aber nicht ſofort vom Boden losgelöſte Wirtſchaften, deren Träger etwa die induſtrielle Veredelung von Stoffen für Andere oder die berufsmäßige Leiſtung von Dienſten oder die Beſorgung des Austauſches zur ausſchließlichen Erwerbsquelle machen. Vielmehr ſucht nach wie vor ein jeder Wirt ſoweit als möglich dem Boden ſeinen Unterhalt abzugewinnen; hat er darüber hinaus Bedürfniſſe, ſo be - nutzt er eine beſondere Geſchicklichkeit ſeiner Hand, einen beſonderen Produktionsvorteil ſeines Wohnorts, der in Feld, Wald oder Waſſer ihm entgegentritt, um ein ſpezielles Er - zeugnis im Ueberfluß hervorzubringen: der eine Getreide,44 der andere Wein, der dritte Salz, der vierte Fiſche, ein Fünfter Leinwand oder ein ſonſtiges Produkt des Haus - fleißes. Auf dieſe Weiſe entſtehen einſeitig entwickelte Sonder - wirtſchaften, welche auf den regelmäßigen gegenſeitigen Aus - tauſch ihrer Ueberſchußprodukte angewieſen ſind. Dieſer Austauſch bedarf zunächſt nicht eines organiſierten Handels. Wohl aber bedarf er leichterer Verkehrsformen, als ſie das ältere Recht bot, und dieſe finden ſich durch die Ausbildung des Marktweſens.

Markt iſt das Zuſammentreffen zahlreicher Käufer und Verkäufer an einem beſtimmten Ort zu beſtimmter Zeit. Mag derſelbe ſich an Kultfeſte und ſonſtige Volksverſamm - lungen anſchließen, mag er der günſtigen Verkehrslage eines Ortes ſeine Entſtehung verdanken, immer iſt er eine Ge - legenheit, wo Produzent und Konſument mit ihren ent - gegengeſetzten Tauſchbedürfniſſen einander gegenübertreten, und er iſt das in der Hauptſache bis auf den heutigen Tag geblieben. Der Markt und der ſtehende Handel ſchließen einander aus. Wo es einen Berufsſtand von Kaufleuten gibt, braucht man keine Märkte; wo es Märkte gibt, braucht man keine Kaufleute.

Damit gelangen wir ſofort zur mitteralterlichen Stadt und zu ihrer Stellung in der Wirtſchaftsordnung, die wir als geſchloſſene Stadtwirtſchaft bezeichnet haben.

Die mittelalterliche Stadt iſt in erſter Linie eine Burg, d. h. ein mit Mauern und Gräben befeſtigter Ort, der den Bewohnern der umliegenden offenen Landorte als Zuflucht45 und Schutz dient. Jede Stadt ſetzt alſo das Beſtehen eines Schutzverbandes voraus, der die ländlichen Anſiedelungen eines engeren oder weiteren Umkreiſes zu einer Art mili - täriſcher Gemeinſchaft mit beſtimmten Rechten und Pflichten zuſammenfügt. Alle dieſer Gemeinſchaft angehörenden Orte haben die Verpflichtung, die Befeſtigungswerke der Stadt durch gemeinſame Arbeits - und Geſpannleiſtungen zu unter - halten und im Kriegsfalle mit gewaffneter Hand zu ver - teidigen. Sie haben dafür das Recht, ſich mit Weib und Kind, mit Vieh und Fahrhabe, ſo oft es Not thut, hinter den Mauern zu bergen. Dieſes Recht heißt Burgrecht und der es genießt, iſt ein Burger (burgensis).

Anfangs ſind die dauernden Bewohner der Stadt auch hinſichtlich ihrer Beſchäftigung in keiner Weiſe von den Be - wohnern der Landorte unterſchieden. Sie treiben Land - wirtſchaft und Viehzucht wie dieſe; ſie nutzen Wald und Waſſer und Weide gemeinſam; ihre Wohnungen ſind, wie noch heute an der baulichen Anlage vieler alten Städte zu erſehen, Bauernhöfe mit Scheunen und Stallungen und weiten Hofräumen dazwiſchen. Aber ihr Gemeindeleben erſchöpft ſich nicht in der Regelung der Allmendnutzung und in den ſon - ſtigen landwirtſchaftlichen Intereſſen. Sie ſind ja ſozuſagen als eine ſtehende Beſatzung in die Burg gelegt und haben reih - um auf Türmen und Thoren den täglichen Wachdienſt zu ver - ſehen. Wer in der Stadt ſich dauernd niederlaſſen will, muß darum nicht bloß Grundeigentum (zum mindeſten ein Haus) beſitzen, er muß auch mit Wehr und Harniſch gerüſtet ſein.

46

Der Wachdienſt und die durch das Burgrecht gebotene Weitläufigkeit der Stadtanlagen erforderten eine größere Menſchenzahl, und bald reichte die Stadtmarkung nicht mehr aus, ſie zu ernähren. Hier trat nun die vorhin beſchriebene einſeitige Fortbildung der Sonderwirtſchaften ins Mittel: die Stadt wurde der Sitz der Gewerbe und zugleich der Märkte, auf denen der Bauer vom Lande ſeine Ueberſchüſſe abſetzte und dafür erwarb, was er nicht mehr ſelbſt er - zeugen konnte.

Das Burgrecht erfuhr in Folge deſſen eine Erweiterung. Alle, welche es genoſſen, hatten Markt - und Zollfreiheit in der Stadt. Das Recht des freien Kaufs und Verkaufs auf dem ſtädtiſchen Markte iſt alſo urſprünglich ein Ausfluß des Burgrechtes. Damit iſt aus dem militäriſchen Schutz - verband eine territoriale Wirtſchaftsgemeinſchaft geworden, welche auf gegenſeitigem direkten Austauſche landwirtſchaft - licher und gewerblicher Produkte zwiſchen den jedesmaligen Erzeugern und Verbrauchern beruht.

Alle Beſucher eines Marktes erfreuten ſich auf dem Hin - und Rückwege eines beſonders kräftigen königlichen Schutzes, der ſich auch auf den Markt ſelbſt und den ganzen Marktort ausdehnte. Dieſer Marktfrieden hatte die Wirkung, daß die Marktleute für die Dauer ihres Aufenthaltes in der Stadt gegen gerichtliche Verfolgung wegen früher ent - ſtandener Schuldforderungen ſicher geſtellt und daß Schädi - gungen, die ihnen an Leib und Gut zugefügt wurden, als qualifizierte Friedensbrüche mit doppelter Strafe bedroht47 wurden. Die Marktleute heißen allgemein Kaufleute, mercatores, negotiatores, emptores1)Die neuere Litteratur über die Entſtehung der deutſchen Städte - verfaſſung hat die ſehr weite Bedeutung des Wortes Kaufmann überſehen und die zahlloſen Städte, welche auf dem Boden des Deutſchen Reiches gegen Ende des Mittelalters beſtanden, von Köln und Augs - burg bis Medebach und Radolfzell, mit Kaufleuten im modernen Sinne, alſo einem berufsmäßig entwickelten Stande von Händlern bevölkert, die man ſich in der Regel noch als Großhändler vorzuſtellen pflegt. Die ganze Wirtſchaftsgeſchichte empört ſich gegen dieſe Auffaſſung. Womit haben denn dieſe Leute gehandelt und womit haben ſie ihre Waren bezahlt? Und erſt der Sprachgebrauch! Das hervorſtechendſte Merkmal des Berufs-Kaufmanns in ſeinem Verhältnis zum Publikum iſt nicht ſeine Gewohnheit zu kaufen ſondern zu verkaufen. Und doch iſt der mittelalterliche Kaufmann nach dem Kaufen be - nannt! Und doch ſprechen die Urkunden Ottos III. für Dortmund von 990 und 1000 von den emptores Trotmanniae, deren Recht gleich dem von Köln und Mainz für andere Städte als Muſter gelten ſoll, in demſelben Zuſammenhang wie andere Urkunden von den merca - tores oder negotiatores. Wenn 1075 der Abt von Reichenau mit einem Federſtrich die Bauern von Allensbach und ihre Nachkommen in Kaufleute verwandeln kann (ut ipsi et eorum posteri sint mer - catores), ſo iſt keine Interpretationskunſt der Welt im Stande, das zu erklären, wenn man an den berufsmäßigen Händler denkt. Daß in der That unter dem Kaufmann jeder, der mit ſeiner Ware zu Markte ſtand, verſtanden wurde, einerlei ob er ſie ſelbſt produziert oder im Großen gekauft hatte, zeigt z. B. noch eine (ungedruckte) Klärung des Frankfurter Rats von 1420 über den Zoll, den man Marktrecht nannte (im Geſetzbuch No. 3 des Stadtarchivs, Fol. 80). Dort heißt es im Eingang, dieſen Zoll habe zu entrichten: ein iglich kauffmann, der da ſteet uff der ſtraſſen mit ſiner kauffmanſchafft, wilcherley die iſt. Dann folgen in ausführlicher Spezifikation die einzelnen Kaufleute oder die Kaufmannſchaft , die den Zoll zu.

48

Da die Bewohner der Stadt ſelbſt vorzugsweiſe darauf angewieſen waren, auf dem Markte zu kaufen und zu ver - kaufen, ſo heftete ſich der Name der Markt - oder Kauf - leute in dem Maße mehr an ſie an, als die Bedeutung des Marktes für ihren Nahrungsſtand zunahm. In demſelben Maße aber dehnte ſich das Zufuhr - und Abſatzgebiet dieſes Marktes weiter in das Land hinein aus. Er fiel nun nicht mehr mit dem Burgrechtsverband zuſammen, deſſen Be - deutung für die Landbevölkerung ohnehin mit der wachſenden Sicherheit des ganzen Landes gegen äußere Einfälle ſich hatte abſchwächen müſſen. Auf der anderen Seite wurde mit der Zunahme der Gewerbe die ganze Stadt, nicht bloß1)tragen hat. Aus der langen Liſte ſeien nur folgende Fälle ausge - hoben: die Altgewänder, die Köche, die Hocken, die Seiler, die Haſel - nüſſe feil haben, die Eier - und Käſekarren, Körbe mit Hühnern, die man auf dem Rücken trägt, Fremde, die über ein Malter Käſe haben, die Flickſchuſter, die Wechſeler, die Bäcker, die unter den Hallen ſtehen, fremde Brotkarren, Gänſe, Wagen mit Wicken, Stroh, Heu, Kohlen, alle, die Leinwand, Flachs, Hanf oder Garn feil haben, die auf der Straße ſtehen. Das ſind alſo in buntem Durcheinander: ſtädtiſche Kleinhändler, Handwerker, Bauern. Daß auf dem Markte Ver - käufer und Käufer als Kaufleute bezeichnet wurden, geht u. a. aus einer Frankfurter Ordnung von c. 1425 über den Vieh-Unterkauf hervor (Stadtarchiv, Eidbuch A No. 12), wo es heißt: Wann die underkeuffere die kaufflude zuſammenbracht han und ſo die umb die kauffmanſchafft zu gebode kommen ſin ꝛc. Es handelt ſich, wie aus dem Zuſammenhang hervorgeht, um Verkäufe von Ochſen, Kühen, Schweinen, Schafen, Geißen zwiſchen Viehzucht treibenden Einwohnern oder dieſen und fremden Bauern. Es ließen ſich noch weitere Stellen anführen, nach denen man ſogar vorzugsweiſe an den Einkäufer gedacht zu haben ſcheint, wenn man vom Kaufmann ſprach.49 der urſprünglich allein dafür beſtimmte abgegrenzte Raum, zum Markte; der Marktfrieden wurde zum Stadtfrieden, und zur Aufrechterhaltung des letzteren wurde die Stadt als beſonderer Gerichtsbezirk aus dem Landrechtsverbande ausgeſchieden. Es bildete ſich der Grundſatz: Städtiſche Luft macht frei , und damit entſtand eine ſozialrechtliche Kluft zwiſchen Bürger und Bauer, die man im XIII. und XIV. Jahrhundert vergebens durch das Aus - und Pfahl - bürgertum zu überbrücken ſuchte. Der Name Bürger be - ſchränkte ſich ſchließlich auf die anſäſſigen Glieder der Stadt - gemeinde, und die Zeit gab dieſem Namen einen rechtlichen und ſittlichen Inhalt, in welchem die Staatsidee der alten Hellenen wieder lebendig geworden zu ſein ſchien.

Uns darf hier weder die Entwicklung der Stadtver - faſſung mit ihrer genoſſenſchaftlich abgeſtuften Selbſtver - waltung noch die politiſche Machtſtellung weiter beſchäftigen, zu welcher die Städte in Deutſchland, Frankreich und Italien im ſpäteren Mittelalter gelangten. Wir haben es nur mit der ausgereiften wirtſchaftlichen Organiſation zu thun, deren Kernpunkte dieſe Städte bildeten.

Wenn wir eine Karte des alten Deutſchen Reiches zur Hand nehmen und auf derſelben die Orte bezeichnen, welchen bis zu Ende des Mittelalters Stadtrecht verliehen worden iſt (es mögen ihrer etwa 3000 geweſen ſein), ſo erblicken wir das ganze Land in Abſtänden von durchſchnittlich 4 5 Wegſtunden im Süden und Weſten, von 7 8 Stunden im Norden und Oſten mit Städten überſäet. Nicht alleBücher, Die Entſtehung der Volkswirtſchaft. 450haben gleiche Bedeutung gehabt; aber die meiſten waren doch zu ihrer Zeit (oder bemühten ſich wenigſtens zu ſein) die Mittelpunkte territorialer Wirtſchaftsgebiete, welche ebenſo ein für ſich abgeſchloſſenes Leben führten wie früher der Fronhof. Um von der Größe dieſer Gebiete eine Vor - ſtellung zu gewinnen, denken wir uns das geſamte Terri - torium gleichmäßig auf die vorhandenen Stadtrechte ver - teilt. Es kommen dann im Südweſten von Deutſchland durchſchnittlich 2 Quadratmeilen auf eine Stadt, im mittleren und nordweſtlichen Deutſchland 3 4, im öſtlichen 5 8. Stellen wir uns die Stadt immer im Mittelpunkte eines ſolchen Gebietsabſchnittes vor, ſo überzeugen wir uns, daß faſt überall in Deutſchland der Bauer aus der ent - fernteſten ländlichen Niederlaſſung den ſtädtiſchen Markt in einem Tage erreichen und am Abend wieder zurück ſein konnte1)Obwohl ſeit dem Mittelalter viele Orte ihr Stadtrecht ver - loren, andere dasſelbe neu gewonnen haben, ſo gibt doch die Zahl der Orte, welche heute noch den Namen Stadt führen eine ungefähr richtige Vorſtellung. Im Durchſchnitt kommen gegenwärtig auf eine Stadt Quadratkilometer: in Baden 132, in Württemberg 134, in Elſaß-Lothringen 137, in Heſſen 118, im Königr. Sachſen 105, in Heſſen-Naſſau 145, in der Rheinprovinz 193, in Weſtfalen 196, in der Provinz Sachſen 175, in Brandenburg 291, im Königr. Bayern 328, in Hannover 341, in Schleswig-Holſtein 350, in Pommern 412, in Weſtpreußen 473 und in Oſtpreußen 552. Das Stadtgründungs - fieber, das im Mittelalter bei vielen Territorialherren beobachtet werden kann, hat lebensunfähige Städte genug ins Daſein gerufen. Bekannt - lich verbietet der Sachſenſpiegel: Man enmuz cheinen markt buwen deme andern einer mîle nah. Weiske III, 66 § 1..

51

Das ganze mittelalterliche Marktrecht, wie es in älterer Zeit die Stadtherren, ſpäter die ſtädtiſchen Räte geregelt haben, läuft auf die beiden Grundſätze hinaus, daß ſoweit als irgend möglich öffentlich und aus erſter Hand ge - kauft werden müſſe und daß alles, was in der Stadt ſelbſt produziert werden könne, darin auch produziert werden ſolle. Für einheimiſche Induſtrie - produkte war der Zwiſchenhandel jedermann, auch den Hand - werkern ſelbſt, unterſagt; für die auswärtige Zufuhr war er nur dann geſtattet, wenn dieſelbe bereits zu Markte ge - ſtanden hatte und unverkauft geblieben war. Das Ziel war immer die reichliche und preiswürdige Verſorgung der einheimiſchen Konſumenten und die volle Befriedigung der fremden Kunden des ſtädtiſchen Gewerbes.

Zufuhr - und Abſatzgebiet des ſtädtiſchen Marktes fielen zuſammen. Die Bewohner der Landſchaft brachten Lebens - mittel und Rohſtoffe herein und kauften für den Erlös die Arbeit des ſtädtiſchen Handwerkers, entweder unmittelbar in Geſtalt des Lohnwerks oder mittelbar in Geſtalt fertiger Produkte, die vorher ſtückweiſe beſtellt oder auf dem offenen Markte am Stande des Preiswerkers entnommen wurden1)Vgl. unten S. 97 ff.. Bürger und Bauer ſtanden alſo in einem gegenſeitigen Kundenverhältnis: was der eine erzeugte, brauchte immer wieder der andere, und ein großer Teil dieſes Wechſel - verkehrs vollzog ſich ohne das Dazwiſchentreten des Geldes4 *52oder ſo, daß das Geld nur zur Ausgleichung der Wert - unterſchiede herangezogen wurde.

Das ſtädtiſche Handwerk hatte ein ausſchließliches Abſatzrecht auf dem Markte. Handwerksprodukte aus fremden Städten wurden nur dann zugelaſſen, wenn das betreffende Gewerbe in der Stadt keine Vertreter hatte. Sie pflegten von den auswärtigen Erzeugern an den Jahrmärkten zum Verkauf gebracht zu werden, und an dieſer einen Stelle greifen wohl die verſchiedenen ſtädtiſchen Marktgebiete in einander über. Aber, was das weſentlichſte iſt: der direkte Abſatz des Produzenten an den Konſumenten iſt auch hier gewahrt, und es ſind Ausnahmefälle. War ein Gewerbe in der Stadt nicht vertreten, das ſeinen Mann dort hätte nähren können, ſo berief der Rat einen geſchickten Meiſter von außen und bewog ihn durch Steuererlaß und andere Vorteile zur An - ſiedelung. Brauchte er größeres Anlagekapital, ſo trat die Stadt ſelbſt ins Mittel, baute Werkſtätten und Verkaufs - läden und legte Mühlen, Schleifwerke, Tuchrahmen, Bleichen, Färbehäuſer, Walkmühlen u. dgl. auf ihre Koſten an alles in der Abſicht möglichſte Vielſeitigkeit der Bedürfnis - befriedigung durch einheimiſche Produktion zu gewährleiſten.

Wenn an ſich ſchon der direkte Verkehr des Hand - werkers mit dem Verbraucher ſeiner Erzeugniſſe1)Dieſer wurde hie und da noch dadurch gewährleiſtet, daß nicht einmal die Frau des Handwerkers ihn beim Verkaufe vertreten durfte. Vgl. Gramich, Verf. u. Verw. d. St. Würzburg vom XIII. bis XV. Ih. S. 38 f. das Ge -53 fühl der perſönlichen Verantwortung in dem erſteren rege erhalten mußte, ſo ſuchte man dieſes ethiſche Moment doch noch durch beſondere Maßnahmen zu ſtärken. Das Hand - werk iſt ein Amt, das zum allgemeinen Beſten verwaltet werden muß. Der Meiſter ſoll gerechte Arbeit liefern. Soweit der Handwerker den Kunden noch mit ſeiner per - ſönlichen Arbeitskraft zur Verfügung ſtand, ſetzte man ihm wol eine Taxe für das, was er auf der Stör an Taglohn und Koſt zu beanſpruchen hatte. Wo ihm der Rohſtoff vom Beſteller ins Haus gegeben wurde (z. B. bei Kannen - gießern das Zinn, bei Goldſchmieden das Silber und Gold, bei Webern das Garn), ſorgte man, daß er nicht verfälſcht werde. Wo dagegen der Handwerksmann den Stoff lieferte, waren öffentliche Verkaufsſtellen auf dem Markte, um die Kirchen, an den Thoren, in einzelnen Straßen errichtet, die oft auch als Werkſtätten dienten (Brottiſche, Fleiſchbänke, Gewandhäuſer, Tuchgaden, Kürſchnerlauben, Schuhbänke u. ſ. w.). Es war Marktregel, daß die Verkäufer desſelben Produktes neben einander in gegenſeitigem offenen Wett - bewerb und unter der Ueberwachung der Marktmeiſter und Schaubeamten feil hielten, und dieſe Regel dehnte ſich auch inſofern auf die Handwerker aus, welche bloß in ihren Häuſern auf Beſtellung arbeiteten, als ſie meiſt in der gleichen Straße neben einander wohnten. Daß außerdem die vielfachen Vorſchriften über den zu verwendenden Roh - ſtoff, das Arbeitsverfahren, die Länge und Breite der Tücher54 und direkte Preisregulierung zum Schutze des Konſumenten dienen mußten, iſt bekannt1)Der Kürze halber verweiſe ich für das alles auf Stieda in d. Ihb. f. N. . u. Statiſtik XXVII, S. 91 ff..

Wie der ſtädtiſche Produzent in Stadt und Bannmeile ein ausſchließliches Abſatzrecht auf ſeine Handwerksarbeit, ſo hat der ſtädtiſche Konſument innerhalb dieſes Gebietes ein ausſchließliches Kaufrecht auf die fremde Zufuhr. Das letztere kann freilich nur Wirkung haben, wenn die Zufuhr auch wirklich zu Markte kommt und hier die gehörige Zeit feil ſteht. Damit dies geſchieht, iſt das Stapelrecht ein - geführt, der Vorkauf verboten, der Verkauf an Wieder - verkäufer, Handwerker und Fremde nur geſtattet, nachdem die Konſumenten befriedigt ſind und auch hier gewöhnlich mit der Einſchränkung, daß den letzteren auf Verlangen Anteil gegeben werden muß, endlich die Wiederausfuhr ein - mal eingebrachter Marktgüter unterſagt oder nur nach drei - tägigem vergeblichen Feilhalten geſtattet.

Immer aber waltet gegen den fremden Verkäufer ein tiefgewurzeltes Mißtrauen ob. Dieſem verdankt die eigentümliche Art der Tauſchvermittlung durch obrigkeitliche Unterkäufer, Meſſer und Wäger ihr Daſein. Heute kon - trolliert die Stadt durch Eiche und polizeiliche Reviſionen Maß und Gewicht und überläßt es den Tauſchluſtigen ſelbſt, ſich gegenſeitig zu finden. Im Mittelalter fehlten die techni - ſchen Mittel zur Herſtellung vollkommener Maße und zu deren Sicherung. Wurden doch gewöhnliche Feldſteine (auf55 der Frankfurter Meſſe ſogar Holzklötze noch im XV. Ih.) als Gewichte benutzt. Um dennoch eine ſichere Beſtimmung der ausgetauſchten Gütermengen zu erzielen, entzog man den Beteiligten die Handhabung der Maße und legte ſie in die Hände beſonderer Beamten, deren Heranziehung bei jedem Verkaufe eines Fremden obligatoriſch war. Das Amt der Unterkäufer war es, Käufer und Verkäufer zuſammenzu - bringen, bei der Preisbeſtimmung zu vermitteln, die Ware auf etwaige Fehler zu prüfen, dem Käufer auszuſuchen ſo - viel er gekauft hatte und für die richtige Lieferung beſorgt zu ſein. Eigene Geſchäfte waren dem Unterkäufer verboten; er durfte nicht einmal von dem fremden Verkäufer, den er zu beherbergen pflegte, unverkauft gebliebene Warenreſte bei der Abreiſe erwerben.

Dieſes Syſtem des direkten Austauſches findet ſich bis auf die feinſten Einzelheiten durchgebildet, wenn auch mit manchen lokalen Beſonderheiten, in allen mittelalterlichen Städten. Man muß daraus ſchließen, daß die thatſächlichen Verhältniſſe, denen ſeine Grundgedanken entſprungen ſind, durchaus zwingender Natur waren. Wie weit es wirklich durchführbar war, läßt ſich nur überſehen, wenn wir die Frage beantworten können, wie weit der Handel dabei Raum gefunden hatte.

Außer Zweifel ſteht, daß es in den Städten einen an - ſäſſigen Kleinhandel gab. Zu ihm gehörten alle, welche Pfennwerte verkaufen für den armen Mann . Um das zu verſtehen, muß man ſich gegenwärtig halten, daß alle56 wohlhabenden Leute in den Städten auf den Wochen - und Jahrmärkten direkt ihren Bedarf von den fremden Markt - leuten zu kaufen pflegten. Der Arme konnte ſich nicht auf längere Zeit verſorgen; er lebte, wie heute noch, aus der Hand in den Mund . Für ihn übernahm darum der Kleinhändler das Halten von Vorräten zum allmählichen Verſchleiß.

Man kann drei Gruppen ſolcher Kleinhändler unter - ſcheiden: Krämer, Hocken und Gewandſchneider oder Gaden - leute. Die letzteren waren in der erſten Hälfte der Stadt - wirtſchaftsperiode die angeſehenſten, da es in vielen Städten keine einheimiſche Wollenweberei gab. Mit dem Heran - wachſen einer ſolchen wurde ihre Thätigkeit auf den Ver - trieb der feineren niederländiſchen Tücher, der Seiden - und Baumwollſtoffe beſchränkt, oder ſie machten im Kaufhauſe den Webern Platz.

Der Großhandel war ausſchließlich Wander - und Markt - oder Meßhandel, und die meiſten Städte werden bis zum Ende des Mittelalters anſäſſige Großkaufleute nicht in ihren Mauern geſehen haben. Ihm unterlagen nur Güter, welche in dem engeren oder weiteren Zufuhr - gebiet einer Stadt nicht produziert wurden. Ich weiß deren nur fünf zu nennen: 1) Gewürze und Südfrüchte, 2) getrocknete und geſalzene Fiſche, welche damals allge - meines Volksnahrungsmittel waren, 3) Pelze, 4) feine Tücher, 5) für die norddeutſchen Städte: Wein. In einzelnen Teilen Deutſchlands dürfte auch das Salz hierher zu rechnen57 ſein. Meiſt aber pflegte das der Rat im Großen direkt von den Produktionsſtätten zu beziehen, es in eigenen Salz - häuſern niederzulegen und mit einem Monopolaufſchlag den Hocken oder Salzſtößern gegen Verſchleißgebühr in Vertrieb zu geben. Die Großhändler durften gewöhnlich ihre Waren nur in ganzen Gebinden oder nicht unter einer beſtimmten Gewichtsmenge (bei Spezereien z. B. nicht unter 12½ Pfd.) verkaufen. Den Verſchleiß beſorgten dann die anſäſſigen Krämer und Hocken. Das Gleiche gilt auch von manchen großen Produzenten, wie z. B. den Hammerſchmieden, die das Eiſen, das ſie nicht an Schmiede und Private hatten abſetzen können, an die Eiſenmenger verkaufen durften.

Läßt ſich auch das Zufuhr - und Abſatzgebiet des Marktes einer mittelalterlichen Stadt nicht topographiſch genau ab - grenzen, da es für verſchiedene Marktgüter naturgemäß ver - ſchiedene Ausdehnung hatte, ſo war dasſelbe nichts deſto weniger im wirtſchaftlichen Sinne ein geſchloſſenes Gebiet. Jede Stadt bildete mit ihrer Landſchaft eine autonome Wirtſchaftseinheit, innerhalb deren ſich der ganze Kreislauf des ökonomiſchen Lebens nach eigener Norm ſelbſtändig vollzog. Dieſe Norm iſt gegeben durch eigne Münze, eignes Maß und Gewicht für jedes ſtädtiſche Wirtſchaftsgebiet. Das Verhältnis zwiſchen Stadt und Land iſt thatſächlich ein Zwangsverhältnis wie zwiſchen Haupt und Gliedern und offenbart ſtarke Neigungen ſich auch zu einem rechtlichen Zwangsverhältnis zu geſtalten. Die Bannmeile, die bereits vorkommenden Aus - und Einfuhrverbote, die Differential -58 zölle, die Erwerbung eigner Territorien durch die größeren Städte weiſen deutlich darauf hin.

Soviel man auch gegen die Herleitung der Stadt - verfaſſung aus der Hofverfaſſung einwenden kann, die Wirtſchaftsordnung der Stadt iſt nur als Fortbildung der Fronhofsordnung recht zu verſtehen und zu erklären. Was in dieſer bloß in Keimpunkten und Anſätzen vorhanden war, hat ſich zu fertigen Organen und Organſyſtemen ausge - wachſen; was in der geſchloſſenen Hauswirtſchaft in primi - tiver Ungeſtalt beiſammen lag, iſt auf dem Wege der Tei - lung und Verſelbſtändigung aus einander getreten. Die ge - bundene Arbeitsteilung des Fronhofs hat ſich zu einer freien Produktionsteilung zwiſchen Bauern und Bürgern und bei letzteren wieder zu einer bunten Mannigfaltigkeit von Be - rufsarten entfaltet. Der Hausfleißarbeiter des Fronhofs iſt zum Lohnhandwerker geworden und erlangt mit der Zeit zum eignen Werkzeug auch eigne Betriebsmittel. Die Nabel - ſchnur iſt zwiſchen Hof - und Hübnerwirtſchaft zerſchnitten; die Sonderwirtſchaften haben eignes Leben gewonnen; der Verkehr unter ihnen regelt ſich nicht mehr nach dem Prinzip der generellen, ſondern nach dem der ſpeziellen Entgeltlich - keit von Leiſtung und Gegenleiſtung. Freilich haben ſie ſich auch in der Stadt noch nicht völlig vom Boden los - gelöſt1)In ſeinen Beyträgen zur Oekonomie, Technologie, Polizey und Cameralwiſſenſchaft I, S. 93 erzählt J. Beckmann: Bei Errichtung der Univerſität Göttingen waren hier Land - und Stadt -; die Produktion ſteckt noch tief in den Feſſeln der59 Haushaltung; aber es haben ſich die Berufe des Landwirts, des Handwerkers, des Händlers gebildet, welche die Wirt - ſchaften und das Leben ihrer Träger in eine beſondere Richtung gelenkt haben. Vom Standpunkte der modernen Volkswirtſchaft könnte man ſagen, daß der Handwerker noch ein halber Bauer und der Bauer in manchen Dingen auch noch ein halber Handwerker war.

Der ganze wirtſchaftliche Erſcheinungskreis iſt gegen - über der geſchloſſenen Hauswirtſchaft reicher und mannig - faltiger geworden; die Sonderwirtſchaften ſind an Menſchen - zahl kleiner; ſie ſind von einander abhängig; ſie übernehmen gewiſſe Funktionen für einander; der Tauſchwert dringt be - reits beſtimmend in ihr inneres Leben ein. Aber die Pro - duktionsgemeinſchaft fällt noch immer mit der Komſumtions - gemeinſchaft zuſammen: auch die fremden Gehilfen des Hand - werkers und ſelbſt des Händlers ſind Glieder ſeines Haus - haltes, ſeiner Disziplinargewalt unterworfen. Er iſt ihr Herr, ſie ſeine Knechte .

Noch immer verläßt der größte Teil der Güter die Wirtſchaft nicht, in der er entſteht. Ein kleinerer Teil tritt auf dem Wege des Tauſches in andere Wirtſchaften über;1)wirtſchaft, noch mehr als jetzt, dergeſtalt vermiſcht, daß jeder Hand - werker nicht allein Gartenland, ſondern auch meiſtens Getreideland beſaß und ſelbſt bauete. Damals waren von Schuſtern keine Schuhe, von Schneidern keine Kleider zu erhalten, wenn beide zu ackern hatten. Um ein neues Publikum zu befriedigen, mußte man zum Teil neue Handwerker anſetzen. Ueber das Mittelalter vgl. meine Bevölkerung von Frankfurt I, S. 259 293.60 aber der Weg, den er zurücklegt, iſt ein ſehr kurzer: vom Erzeuger zum Verbraucher. Es gibt keinen Güterumlauf. Ausgenommen ſind die wenigen Artikel des auswärtigen Handels und die Pfennwerte; nur ſie werden Waren; nur ſie müſſen mehrfach die Geldform durchlaufen, ehe ſie in dem Haushalt ihre Beſtimmung erfüllen. Aber es handelt ſich hier um eine Ausnahme von dem Syſtem des direkten Austauſches, nicht um ein konſtitutives Element der ganzen Wirtſchaftsordnung.

Sind auch die Anfänge volkswirtſchaftlicher Arbeits - teilung und Berufsgliederung vorhanden, ſo gibt es doch noch keine ſtehenden Unternehmungen und kein Unterneh - mungskapital. Höchſtens ließe ſich von Handelskapital ſprechen. Das Handwerk iſt Uebernehmen von Arbeit, kein Unternehmen. In der Form der Stör und des Heim - werks iſt es faſt kapitallos. Es verkörpert Arbeit gegen Lohn in fremdem Material1)Vgl. unten S. 100., und auch wo der Handwerker bereits mit eignen Betriebsmitteln arbeitet, vollzieht ſich die Werterhöhung des Produktes nicht in der Weiſe, daß das - ſelbe in der Fabrikation fortgeſetzt neue Kapitalteile einſchluckt, ſondern ſo, daß Arbeit in ihm inveſtiert wird.

Außerordentlich gering iſt auch die Menge des Leih - und Nutzkapitals. Ja man kann zweifeln, ob im mittel - alterlichen Verkehr überhaupt von Kreditgeſchäften geſprochen werden kann. Das Jugendalter der Tauſchwirtſchaft hängt am Bargeſchäft; es gibt nicht, wo nicht zugleich praeſenter61 Gegenwert genommen werden kann. Faſt das ganze Kredit - weſen kleidet ſich in die Form des Kaufes. So ſchon bei der bäuerlichen Erbleihe und der Vergabung ſtädtiſcher Bau - plätze gegen Grundzins, wo das Gut als Kaufpreis für die Zinsberechtigung erſcheint1)Vgl. zu dem ganzen Abſchnitt die lichtvollen Darlegungen von A. Heusler, Inſtitutionen des deutſchen Privatrechts II, S. 128 ff.. Ferner bei der älteren Satzung, wo das dem Geldgeber zur Nutzung überlaſſene Grundſtück als vorläufiger Gegenwert in die Gewere des Gläubigers übergeht und ihm verfällt, wenn der Schuldner das Dar - lehen nicht zurückzahlt. Wirtſchaftlich unterſcheidet ſich dieſer Verkehrsakt in keiner Weiſe von dem Verkauf auf Wieder - kauf, und es iſt anerkannt, daß auch ein juriſtiſcher Unter - ſchied zwiſchen beiden kaum mehr aufzufinden iſt. Den gleichen Charakter trägt das gebräuchlichſte ſtädtiſche Kredit - geſchäft: der Renten - oder Gültkauf, den ſchon der Name als Kaufgeſchäft erweiſt. Preisgut iſt das hingegebene Kapital, Tauſchgut iſt das Recht auf den Bezug einer jähr - lichen Rente, welche der Empfänger des Kapitals auf ein ihm gehöriges Haus mit der Wirkung einräumt, daß der jedesmalige Eigentümer desſelben die Rente abzuführen hat. Die Rente trägt Reallaſtcharakter und iſt lange unablösbar; der Verpflichtete haftet für dieſelbe mit dem Hauſe oder Grundſtück, auf dem ſie liegt, nicht auch mit ſeinem übrigen Vermögen. Sie belaſtet alſo nur das Immobil, auf dem ſie ruht, und vermindert deſſen Ertragswert um ihren Be - trag. Der Rentenberechtigte hat den gezahlten Kaufpreis62 definitiv aufgegeben; der Rentenbrief, der zum Bezug der Rente berechtigt, kann in formloſer Weiſe wie ein Inhaber - papier übertragen werden. Es iſt alſo jede perſönliche Be - ziehung aus dem ganzen Verhältnis ausgetilgt, und es fehlt das Moment des Vertrauens, das dem Kredit eigentümlich iſt. Denſelben Charakter trägt die Wiederkaufsgülte: ſie iſt Rentenkauf mit Vorbehalt des Rückkaufs.

Wie im Immobiliarverkehr, ſo iſt auch im Mobiliar - verkehr das Kreditgeſchäft nur eine Abſchwächung des Bar - geſchäfts . Die Pfandſicherung iſt, wie Heusler ſagt, eine proviſoriſche ſeitens des Schuldners noch auslösbare Erſatzleiſtung (Verfallpfand), nicht eine eventuell vom Gläu - biger in Anſpruch zu nehmende und durch Verſilberung zu realiſierende Deckung (Verkaufspfand). Das Pfandleih - geſchäft der Juden1)Vgl. meine Bevölkerung von Frankf. I, S. 573 ff. iſt thatſächlich gleichbedeutend mit dem modernen Rückkaufshandel, und der Warenkredit , den heute Handwerker und Krämer gewähren, kleidet ſich im Mittelalter in die Form des Kaufes gegen Pfand2)Vgl. die intereſſanten Beiſpiele bei Stieda, a. a. O. S. 104.. Hält man damit zuſammen, daß auch beim damaligen Perſonal - kredit faſt immer der Schuldner ſich dem Pfandrecht des Gläubigers vertragsmäßig zu unterwerfen hatte, daß er meiſt nur unter vielfacher Bürgſchaft, mit Verpflichtung zum Einlager und ähnlichen läſtigen Bedingungen Geld er - halten konnte, daß der Gläubiger ſich obendrein vorbehielt, das Geld im Verzugsfalle zu Schaden des Schuldners bei63 Juden aufzunehmen, daß die Mitbürger oder Hinterſaſſen des fremden Schuldners für die Forderung gepfändet werden konnten, ſo überzeugen wir uns leicht, daß von einem Kre - ditweſen im modernen Sinne in der mittelalterlichen Stadt - wirtſchaft nicht die Rede ſein konnte1)Eine frappante Aehnlichkeit mit dem mittelalterlichen hat das griechiſche Kreditweſen und ſeine Rechtsformen. Auch bei dieſem fließen Kauf und Darlehen in einander über, und die Sprache iſt nicht dazu gelangt, die Begriffe kaufen, verpfänden, pachten, dingen ſcharf zu ſcheiden. Das griechiſche Pfandrecht ſtimmt in allen wichtigeren Punkten mit dem älteren deutſchen überein. Vgl. K. F. Hermann, Lehrbuch der griech. Privataltertümer mit Einſchluß der Rechtsaltertümer § 67 und 68..

Zwei Dinge müſſen auf dieſem Gebiete den an den Kategorien der modernen Volkswirtſchaft geſchulten Kopf beſonders befremden: die Häufigkeit, mit der unkörperliche Sachen ( Verhältniſſe ) zu wirtſchaftlichen Gütern werden und dem Verkehr unterliegen und ihre verkehrsrechtliche Be - handlung als Immobilien. An ihnen iſt ſo recht zu ſehen, wie die beginnende Tauſchwirtſchaft den Spielraum, den ihr die damalige Produktionsordnung verſagte, dadurch zu erweitern ſuchte, daß ſie in täppiſchem Zugreifen faſt alles zum Verkehrsgut machte und ſo die Sphäre des Privatrechts ins Ungemeſſene ausdehnte. Was hat man im Mittelalter nicht verliehen, verſchenkt, verkauft und verpfändet! Die herrſchaftliche Gewalt über Länder und Städte, Grafſchafts - und Vogteirechte, Cent - und Gaugerichte, kirchliche Würden und Patronate, Bannrechte, Fähren und Wegerechte, Münze und Zoll, Jagd - und Fiſchereigerechtſame, Beholzungsrechte,64 Zehnten, Fronden, Grundzinſen und Renten, überhaupt Reallaſten jeder Art. Wirtſchaftlich betrachtet teilen alle dieſe Rechte und Verhältniſſe mit dem Grund und Boden die Eigentümlichkeit, nicht von dem Orte ihrer Ausübung entfernt und nicht beliebig vermehrt werden zu können.

Einkommen und Vermögen haben ſich auch auf dieſer Entwicklungsſtufe noch nicht klar von einander abgeſchieden. Als im Jahre 1451 in Baſel der neue Pfundzoll ein - geführt wurde, ſchrieb man vor, daß derſelbe gezahlt werden müſſe: 1) vom Kaufpreiſe der Handelswaren, 2) von den Kapitalien, die im Gült - oder Rentenkauf angelegt würden und 3) von den vereinnahmten Renten1)Vgl. Schönberg, Finanzverhältniſſe der Stadt Baſel im XIV. und XV. Ih., S. 267.. Von jedem Pfund waren 4 Pfennige zu entrichten, einerlei, ob dasſelbe als Kaufpreis oder als Kapital oder als Zins die Hand ge - wechſelt hatte. Im erſten Falle handelte es ſich nach unſerer Terminologie um Roheinkommen, im zweiten um Vermögen, im dritten um reines Einkommen, und doch werden alle drei Fälle gleich behandelt. Aehnliche Beiſpiele ließen ſich aus Frankfurter Bede-Ordnungen anführen.

Immerhin treten zwei unſerer modernen Einkommens - kategorien jetzt deutlicher hervor: die Grundrente und der Lohn. Der letztere hat freilich einen eigentümlichen Cha - rakter; er iſt Handwerkslohn: der Entgelt für die Nutzung der Arbeitskraft des Handwerkers von Seiten des Konſu - menten, nicht, wie heute, der Preis, den der Unternehmer65 dem Lohnarbeiter zahlt. Allerdings finden ſich auch ſchon Keime des letzteren in dem geringen Geldlohn, welchen der Handwerker neben der freien Verpflegung ſeinem Geſellen verabfolgt und welcher dem letzteren es ermöglicht, einen beſchränkten Teil ſeines Bedarfs frei zu geſtalten. Unter - nehmergewinn findet ſich faſt nur im Handel, iſt alſo, wie dieſer, Ausnahme. Der Zins nimmt in der Regel den Charakter der Grundrente an, und dasſelbe gilt von den mancherlei Gefällen aus den dem Tauſche unterliegenden Rechtsverhältniſſen. Da die Kreditgeſchäfte in der Regel ſich in die Form von Kaufgeſchäften kleiden, ſo bedeuten ſie für den Gläubiger faſt immer die definitive Hingabe eines Teils ſeines Vermögens, um ein jährliches Einkommen oder eine fortgeſetzte Nutzung zu empfangen (Kanon bei der Erb - leihe, Naturalertrag des geſetzten Grundſtücks bei der Satzung, Grundzins, Rente beim Gültkauf). Auf dieſer Grundlage entſteht auch der älteſte Zweig der Perſonalverſicherung und zugleich die Hauptform des öffentlichen Kredits: die Beſtellung von Leibrenten.

Der öffentliche Haushalt trägt noch immer vorwiegend privatwirtſchaftlichen Charakter: Einnahmen aus Domänen, Regalien, Zehnten, Fronden, Dienſten, Grundzinſen, Ge - bühren wiegen im Staat, Einnahmen aus dem Marktver - kehr und Konſumſteuern1)Ungelder! Sprachlich bemerkenswert iſt der Gegenſatz von Ungeld und Geld. Letzteres iſt der allgemeine Ausdruck für die Kaufrente. Geld iſt alſo eine vergoltene, Ungeld eine nicht vergoltene jährliche Einnahme. in den Städten vor. Die ein -Bücher, Die Entſtehung der Volkswirtſchaft. 566zige direkte Steuer iſt noch immer die Vermögensſteuer, hie und da mit Elementen der Einkommensbeſteuerung ver - miſcht. Sie wird zwar häufiger als in der vorigen Pe - riode, immer aber noch nicht regelmäßig erhoben.

Die wirtſchaftliche Herrſchaft der Städte über das um - liegende Land hat ſich in Deutſchland nur an einzelnen Stellen zu einer politiſchen Herrſchaft emporgeſchwungen. In Italien hat die gleiche Entwicklung zur Ausbildung einer ſtädtiſchen Tyrannis geführt; in Frankreich ſind die Anfänge zur Autonomie freier ſtädtiſcher Kommunen von den Königen mit Hilfe des Feudaladels früh niedergetreten worden. Das kam daher, daß in Deutſchland wie in Frankreich alles, was außerhalb den ſtädtiſchen Mauern lag, von lehnsrechtlichen Bildungen überdeckt war. Die großen Grundherrſchaften hatten allerdings die Selbſtbe - wirtſchaftung ihrer Fronhöfe längſt aufgegeben; ihr Grund - beſitz war für den Herrn, ähnlich wie der ſtädtiſche Grund - und Häuſerbeſitz für die Geſchlechter, zur bloßen Renten - quelle geworden. Aber ihre anfängliche wirtſchaftliche Macht war zu einer politiſchen Macht, aus den Grund - herren waren Landesfürſten geworden, und im Laufe dieſes Umwandlungsprozeſſes war eine vielverzweigte neue Klaſſe kleiner adlicher Grundherren entſtanden, deren Intereſſe an das der Fürſten geknüpft und ein rein agrariſches war. Daher in Deutſchland jener ſcharfe Kampf zwiſchen Bürger - tum und Adel, der die letzten Jahrhunderte des Mittel -67 alters erfüllt und in dem die Städte zwar für ſich ihre zum größten Teil durch Kauf und uneingelöſte Pfandſchaft von den Stadtherren erworbene politiſche Autonomie be - haupten, in dem es ihnen aber nicht gelingt, den Bauern - ſtand den Feudalgewalten zu entreißen.

Man kann darum ſagen, daß die ſtadtwirtſchaftliche Entwickelung in Deutſchland und Frankreich unvollendet blieb, daß ihr nicht gelang, was die kräftigſten Bildungen aus der Periode der geſchloſſenen Hauswirtſchaft thatſäch - lich erreicht hatten: das wirtſchaftliche Machtgebiet zum ſtaatlichen Daſein zu erheben. Und es war vielleicht ein Glück für uns. In Italien hat das ſtädtiſche Kapital weit - hin den Bauer expropriiert, um ihn als elenden Halbpächter bis auf den heutigen Tag auszuſaugen; in Deutſchland hat ihn zwar der Adel zum Leibeigenen herunterzudrücken ver - mocht; aber der hier zuerſt im Landesfürſtentum ſich durch - ſetzende Staatsgedanke hat zu verhüten verſtanden, daß er zum Proletarier geworden iſt.

Die Ausbildung der Volkswirtſchaft iſt im weſent - lichen eine Frucht der politiſchen Zentraliſation, welche an der Wende des Mittelalters mit der Entſtehung territorialer Staatsgebilde beginnt und in der Gegenwart mit der Schöpfung des nationalen Einheitsſtaates ihren Abſchluß findet. Die wirtſchaftliche Zuſammenfaſſung der Kräfte geht Hand in Hand mit der Beugung der politiſchen Sonderintereſſen unter die höheren Zwecke der Geſamtheit.

In Deutſchland ſind es die größeren Territorialfürſten,5 *68welche die moderne Staatsidee im Kampfe mit dem Land - adel und den Städten zum Ausdruck zu bringen ſuchen freilich vielfach unter großen Schwierigkeiten, namentlich wo die Territorien arg zerſplittert waren. Schon ſeit der zweiten Hälfte des XV. Jahrhunderts bemerken wir hier mancherlei Anzeichen eines engeren wirtſchaftlichen Zu - ſammenſchluſſes: die Schaffung einer Landesmünze an Stelle der vielen ſtädtiſchen, den Erlaß von Landesordnungen über Handel, Märkte, Gewerbebetrieb, Forſtweſen, Bergwerke, Jagd und Fiſcherei, die allmähliche Ausbildung des fürſt - lichen Privilegien - und Konzeſſionsweſens, den Erlaß von Landrechten, welche größere Rechtseinheit herbeiführten, die Entſtehung eines geordneten Staatshaushaltes.

Während aber in Deutſchland noch Jahrhunderte lang die landſchaftlichen Intereſſen vorwiegen und an dieſen die Anſtrengungen, welche die Reichsgewalt in der Richtung einer nationalen Wirtſchaftspolitik machte, kläglich ſcheiterten, ſehen wir die weſteuropäiſchen Staaten: Spanien, Por - tugal, England, Frankreich, die Niederlande ſeit dem XVI. Jahrhundert auch ſchon äußerlich als einheitliche Wirtſchaftsgebiete dadurch hervortreten, daß ſie eine kraft - volle Kolonialpolitik entfalten, um die reichen Hilfsquellen der neuerſchloſſenen überſeeiſchen Gebiete ſich zu Nutze zu machen.

In allen dieſen Ländern tritt, wenn auch in ver - ſchiedener Stärke, der Kampf mit den Sondergewalten des Mittelalters hervor: dem großen Adel, den Städten, Pro -69 vinzen, geiſtlichen und weltlichen Korporationen. Zunächſt handelt es ſich ja gewiß um Vernichtung der ſelbſtändigen Kreiſe, welche ſich der politiſchen Zuſammenfaſſung hemmend in den Weg ſtellten. Aber im tiefſten Grunde der Be - wegung, welche zur Ausbildung des fürſtlichen Abſolutis - mus führte, ſchlummert doch der weltgeſchichtliche Gedanke, daß die neuen größeren Kulturaufgaben der Menſchheit eine einheitliche Organiſation ganzer Völker, eine große lebendige Intereſſengemeinſchaft erforderten, und dieſe konnte erſt auf dem Boden gemeinſamer Wirtſchaft erwachſen. Jeder Teil des Landes, jede Gruppe der Bevölkerung mußte für den Dienſt des Ganzen diejenigen Aufgaben übernehmen, welche ſie ihrer Naturanlage nach am beſten zu erfüllen im Stande waren. Es bedurfte einer durchgreifenden Teilung der Funk - tionen, einer die ganze Bevölkerung umfaſſenden Berufs - gliederung, und dieſe letztere ſetzte wieder ein reich ent - wickeltes Verkehrsweſen und einen lebendigen Güteraustauſch unter der Bevölkerung voraus. Ging im Altertum alles wirtſchaftliche Streben auf in dem einen Ziele der auto - nomen Bedürfnisbefriedigung des Hauſes, im ſpäteren Mittelalter in der Verſorgung der Stadt, ſo bildet ſich jetzt ein überaus kompliziertes und kunſtvolles Syſtem natio - naler Bedürfnisbefriedigung.

Die Durchführung dieſes Syſtems iſt vom XVI. bis XVIII. Jahrhundert das Ziel der Wirtſchaftspolitik aller vorgeſchrittenen europäiſchen Staaten. Die Maßregeln, welche zur Erreichung des Zieles angewendet wurden, ſind70 faſt in allen Einzelheiten der ſtädtiſchen Wirtſchaftspolitik des Mittelalters nachgebildet1)Für die deutſchen Territorien iſt die betr. Entwickelung vor - trefflich dargeſtellt von Schmoller im Ihb. f. Geſetzgeb., Verw. u. Volksw. VIII (1884) S. 22 ff.. Sie werden gewöhnlich unter dem Namen des Merkantilſyſtems zuſammengefaßt. Man hat das letztere lange als ein theoretiſches Lehrgebäude angeſehen, das in dem Grundſatze gipfle, daß der Reich - tum eines Landes in der Summe des baren Geldes be - ſtehe, die ſich innerhalb ſeiner Grenzen befinde. Heute iſt dieſe Auffaſſung wohl allgemein aufgegeben. Der Mer - kantilismus iſt kein totes Dogma, ſondern die lebendige Praxis aller bedeutenden Staatsmänner von Karl V. bis auf Friedrich den Großen. Seine typiſche Ausprägung hat er in der ökonomiſchen Politik Colberts gefunden. Die Aufhebung oder Ermäßigung der Binnenzölle und Wegegelder, die Einführung eines einheitlichen Grenzzoll - ſyſtems, die Sicherung der Verſorgung des Landes mit notwendigen Rohſtoffen und Nahrungsmitteln durch Aus - fuhr-Erſchwerungen und durch Einführung des Forſtregals, die Beförderung der großen Induſtrie durch Anpflanzung neuer Gewerbezweige, durch Staatsunterſtützung und tech - niſche Reglementierung derſelben, durch zollpolizeiliche Fern - haltung fremder Konkurrenz, die Anlegung von Kunſtſtraßen, Kanälen, Seehäfen, die Beſtrebungen zur Vereinheitlichung des Maß - und Gewichtsweſens, die Regelung des Handels - rechtes und des kommerziellen Nachrichtendienſtes, die Pflege71 der Technik, der Kunſt und Wiſſenſchaft in eigenen Staats - anſtalten, die Ordnung des Staats - und Kommunalhaus - haltes, die Beſeitigung der Ungleichheiten in der Steuer - belaſtung alles dies diente dem einen Zwecke eine nach außen abgeſchloſſene Staatswirtſchaft zu ſchaffen, welche alle Bedürfniſſe der Staatsangehörigen durch die nationale Arbeit zu befriedigen im Stande ſei und durch einen lebhaften Verkehr im Innern alle natürlichen Hilfs - mittel des Landes und alle individuellen Kräfte des Volkes in den Dienſt des Ganzen ſtelle. Man hat über der dem Colbertismus eigenen Begünſtigung des auswärtigen Handels, der Marine, des Kolonialweſens nur zu oft über - ſehen, daß dieſe Maßnahmen auch die inneren Hilfskräfte des Landes verſtärkten und daß die Handelsbilanztheorie in einer Zeit zur Notwendigkeit wurde, wo der Uebergang von der noch immer vorwiegenden Eigenproduktion zur all - gemeinen Tauſchwirtſchaft die Vermehrung der baren Um - laufsmittel zur unerläßlichen Vorausſetzung hatte.

Freilich darf man neben den vom Staate ergriffenen Maßregeln auch die ſozialen Kräfte nicht außer Acht laſſen, welche in gleicher Richtung wirkten. Dieſelben nahmen naturgemäß ihren Ausgangspunkt von den Städten. Hier hatte ſich durch langſame Umbildung aus dem Rentkauf das verzinsliche Darlehen entwickelt, und damit war im Laufe des XVI. Jahrhunderts ein eigentliches Kreditweſen entſtanden. Wir dürfen darin den Einfluß des Groß - handels erblicken, der ſchon längſt das Geheimnis entdeckt72 hatte, mit Geld Geld zu erwerben. Das Vermögen der reichen Städter erlangte durch das Freiwerden der Renten - fonds eine bedeutend größere Beweglichkeit und Akkumula - tionskraft; zu dem bis dahin allein vorhandenen Handels - kapital trat das Leihkapital; beide ergänzten und ver - ſtärkten einander in ihrer weiteren Entfaltung.

Die nächſte Folge war ein bedeutender Aufſchwung des Handels. Einzelne Städte beginnen aus der gleich - artigen Maſſe der mittelalterlichen Markt - und Handwer - kerſtädte ſich als Mittelpunkte der Staatsverwaltung oder als Handelsplätze zu erheben. In Deutſchland, das durch den Zerfall der Hanſa und die Veränderung der Welt - verkehrsſtraßen ſeine Bedeutung für den Zwiſchenhandel nach dem Norden großenteils eingebüßt hatte, zeigt ſich der Umſchwung wenigſtens in der ſteigenden Bedeutung der großen Meſſen und in dem Zurückſinken der lokalen Märkte. Die Frankfurter Meſſe erreicht ihren Höhepunkt im XVI. Jahrhundert, die Leipziger noch bedeutend ſpäter. Aber das Handelskapital begnügt ſich bald nicht mehr mit dem Import und Umſchlag fremder Produkte; es wird zum Verlagskapital für die einheimiſche Induſtrie und für die Ueberſchüſſe des bäuerlichen Hausfleißes. Es entſteht die arbeitsteilige Maſſenproduktion in Manufakturen und Fa - briken und mit ihnen der Lohnarbeiterſtand. Es entwickelt ſich an Stelle der mittelalterlichen Wechſelbank die mo - derne Kreditbank. Das Transportweſen, welches früher nur einen integrierenden Teil des Handelsbetriebs gebildet73 hatte, verſelbſtändigt ſich. Es entſtehen die Staatspoſten, die Zeitungen, die nationale Handelsflotte; es bildet ſich das Verſicherungsweſen aus. Ueberall neue Organiſationen, welche darauf berechnet ſind, die wirtſchaftlichen Bedürfniſſe Vieler zu befriedigen: eine nationale Induſtrie, ein nationaler Markt, nationale Verkehrsanſtalten; überall das kapita - liſtiſche Unternehmerprinzip des Handels.

Es iſt bekannt, wie der abſolutiſtiſche Staat dieſe Be - wegung förderte, wie er oft genug, um die Entwickelung zu beſchleunigen, künſtlich ins Daſein rief, was nicht aus eigener Kraft emporkommen wollte. Trotzdem beſtand bis gegen Ende des vorigen Jahrhunderts die alte ſtadtwirt - ſchaftliche Organiſation mit ihren Zunft - und Bannrechten, mit der ſcharfen Trennung von Stadt und Land fort, wenn auch vielfach durch die Landesgeſetzgebung beſchränkt unbekümmert um das neue volkswirtſchaftliche Leben, das ringsum aufſproßte und um die Fülle neuer Verkehrs - erſcheinungen, die es gezeitigt hatte. Als die Phyſiokraten und Adam Smith die letzteren zuerſt der wiſſenſchaft - lichen Beobachtung unterwarfen, haben ſie merkwürdiger Weiſe vollſtändig überſehen, daß es ſich nicht um ein ſpontan gewordenes Ergebnis rein geſellſchaftlicher Be - thätigung, ſondern mit um eine Frucht erzieheriſcher Staats - thätigkeit handelte. Die Schranken, deren Beſeitigung ſie verlangten, waren entweder die verſteinerten Ueberreſte der älteren Wirtſchaftsepochen, wie die Grundlaſten, die Zünfte, die lokalen Zwangsrechte, die Beſchränkungen der Frei -74 zügigkeit, oder es waren die Erziehungsmittel des Merkanti - lismus, wie die Monopole und Privilegien, welche weg - fallen konnten, nachdem ſie ihren Zweck erfüllt hatten.

In Beziehung auf die Entwickelung der Volkswirt - ſchaft hat der Liberalismus der letzten hundert Jahre nur fortgeführt was der Abſolutismus begonnen hatte. Wenn man das ſo ausſpricht, ſo kann es leicht paradox erſcheinen. Denn äußerlich betrachtet hat der Liberalismus nur zerſtört; er hat die überlebten Organiſationsformen der Haus - und Stadtwirtſchaft zerſchlagen und nichts Neues aufgebaut. Er hat die Sonderſtellung und die Sonderrechte einzelner Landesteile und einzelner ſozialer Gruppen beſeitigt, freie Konkurrenz und Rechtsgleichheit an die Stelle geſetzt. Aber wenn er ſo das Ueberkommene in ſeine Elemente aufgelöſt hat, ſo hat er zugleich die Bahn für wirklich volks wirt - ſchaftliche Neugeſtaltungen freigemacht, und er hat es er - möglicht, daß