Alle Rechte vorbehalten.
Als die Verlagsbuchhandlung B. F. Voigt in Weimar im Juli 1887 mir den ehrenvollen Auftrag erteilte, von dem vormals hochangeſehenen Werke „ Vitalis, Lehrbuch der geſamten Färberei “eine Neubearbeitung nach dem heutigen Stande der Theorie und Praxis zu ſchaffen, habe ich mir die Schwierigkeiten eines ſolchen Unternehmens nicht verhehlt. Wenn ich nichtsdeſtoweniger den Antrag annahm, ſo war für mich dabei der Um - ſtand maßgebend, daß die Literatur über Färbereitechnik ohnehin ſpärlich geſäet iſt und daß vor allem in der letzten Sturm - und Drangperiode ſeit Entdeckung der Anilinfarben mit Ausnahme von Hummels „ The Dyeing of textile fabrics” kein einziges größeres, vor allem kein deutſches Werk über dieſen Wiſſenszweig erſchienen war, welches als Lehr - oder Handbuch für das Geſamtgebiet hätte gelten können. Die Literatur der letzten 30 Jahre bewegte ſich vorwiegend auf Sondergebieten und auch hier mit einer gewiſſen Einſeitigkeit, denn die fraglichen literariſchen Erſcheinungen ſind nichts anderes als Rezeptbücher, Sammlungen von Färbevorſchriften. So anerkennenswert und nützlich das für einzelne, eng begrenzte Zweige der Färberei auch ſein mag, ſo ſind ſolche Bücher doch als Hand - oder Lehrbücher, welche ein überſichtliches Bild des Geſamtgebiets geben ſollen, nicht brauchbar. Es beſtand ſomit ein thatſächlicher Mangel an einem Leitfaden oder einem Handbuche der Färberei, ſo daß Herr Profeſſor Dr. Lunge noch im Oktober 1887 ſchreiben konnte: „ Bei meinen Vorleſungen über Textilfaſern, Bleicherei, Färberei, Zeugdruck undVI Farbſtoffe empfand ich es ſtets als einen ſehr großen Uebelſtand, daß ich in der techniſchen Literatur durchaus keinen Leitfaden auffin - den konnte, der ſich dazu geeignet hätte, zur Unterſtützung und Ergänzung meiner Vorträge zu dienen ꝛc. “
Inzwiſchen iſt dieſem völligen Mangel an einem dem heutigen Stande der Wiſſenſchaft entſprechenden Lehrbuche durch die deutſche Ueberſetzung von Hummels obengenanntem trefflichen Werke abgeholfen worden.
Bei Durchſicht des Vitalisſchen Werkes ſtellte es ſich ſehr bald her - aus, daß von einer „ Neubearbeitung “von vornherein keine Rede ſein könne. Seit Erſcheinen der letzten Auflage des Vitalisſchen Buches hat die Färbe - rei eine ſo vollſtändige Umwälzung erfahren, wie nie zuvor; durch die epochemachende Erfindung der künſtlichen organiſchen Farbſtoffe iſt die Färbe - rei, früher ein ehrſames Handwerk, zu einem Zweige der chemiſchen Techno - logie emporgehoben worden. Dieſem völligen Umſchwunge hätte auch die weitgehendſte Umarbeitung des Vitalisſchen Werkes unmöglich Rechnung tragen können.
Der vorliegende Verſuch eines „ Handbuches der Färberei “iſt daher eine von dem Vitalisſchen Buche gänzlich unabhängige, durchaus ſelbſtſtändige Arbeit. Ich habe mich dabei von dem Gedanken leiten laſſen, mein Buch in einer ſo allgemein verſtändlichen Weiſe geſchrieben zu ſehen, daß es auch dem in der Chemie minder bewanderten Färber verſtändlich ſei, ohne dabei an wiſſenſchaftlichem Wert einzubüßen. Es iſt eine nicht abzuleugnende Thatſache, daß der Bildungsgrad der Färber heute nicht mehr derſelbe iſt, wie ehedem, und daß der Färberſtand mit dem Entwickelungsgange der moder - nen Färbereitechnik nicht entfernt Schritt gehalten hat, daß ſich vielmehr ein Mangel an wiſſenſchaftlicher Ausbildung fühlbar macht. Es mag das ſeinen Grund darin haben, daß Viele der Anſicht leben, mit dem früher hand - werksmäßig Erlernten auch noch jetzt die Färberei betreiben und die Fort - ſchritte der Chemie entbehren zu können; andererſeits trägt wohl das gänz - liche Fehlen eines Lehrbuches der Färberei durch volle 34 Jahre den größe - ren Teil dieſer Schuld. Sollte es meinem Handbuche beſchieden ſein, zur Hebung des Färbereigewerbes ſowohl in wiſſenſchaftlicher, wie in ſozialer Beziehung beizutragen, ſo iſt mein Wunſch erfüllt; denn gerade jener Mangel an wiſſenſchaftlicher Ausbildung, humaniſtiſcher, wie fachlicher, iſt es, welcher ſo viele unſerer alten Meiſter die Flinte ins Korn werfen läßt. SollteVII meine Arbeit von denjenigen Gelehrten und Lehrern, welchen der Unterricht in den chemiſch-techniſchen Fächern an polytechniſchen Hochſchulen, Gewerbe - und Fachſchulen obliegt, freundlich aufgenommen und nachſichtig beurteilt werden, ſo würde ich darin den ſchönſten Lohn für meine Mühe erblicken.
Was den Inhalt des Buches ſelbſt betrifft, ſo war ich zunächſt be - müht, einen Ueberblick über die jetzt gebräuchlichen Geſpinnſtfaſern zu geben, und diejenigen Eigenſchaften derſelben, deren Kenntnis für die Be - urteilung des Färbeprozeſſes von Wichtigkeit ſind, zu beſprechen und ihre Anwendbarkeit in der Färberei zu erklären. Dabei habe ich auch ſtatiſtiſche Angaben, welche die Wichtigkeit und Ausdehnung eines Induſtriezweiges kennzeichnen, eingeſtreut. — Sodann habe ich der Warenkunde eine ganz beſonders ſorgfältige Bearbeitung zu teil werden laſſen und habe da - bei, wenn die eigenen Erfahrungen nicht hinreichten, die verſtreuten An - gaben aus der deutſchen, franzöſiſchen, engliſchen und amerikaniſchen Litera - tur und Journaliſtik geſammelt und verwertet. — Im zweiten Teil habe ich die mechaniſche Technologie der Färberei an Hand der vielen für den Färbereibetrieb erdachten und gebauten Maſchinen vorzuführen verſucht; es iſt dies meines Wiſſens die erſte deutſche Arbeit auf dieſem noch wenig beachteten Gebiete. Bei dieſer Gelegenheit ſage ich denjenigen Fabriken, welche mich — da eine hierauf bezügliche Literatur überhaupt noch nicht exiſtiert — durch Vorlagen, durch Rat und Auskunft unterſtützt haben, meinen wärm - ſten Dank. — Die chemiſche Technologie enthält dann die Regeln und Grundſätze der praktiſchen Färberei. Ich habe dabei verſucht, dieſe Regeln und Methoden kritiſch zu prüfen und zu beleuchten, insbeſondere jene alten, vorſündflutlichen Vorſchriften, die auch heute noch das Evange - lium vieler Färber bilden, auf ihren wahren Wert zurückzuführen. Aber auch den neueren Vorſchlägen habe ich ſcharf ins Geſicht geſehen; wenn ich dabei Kritik geübt, ſo habe ich mich dabei lediglich an die Sache, nie - mals an die Perſon gehalten. Ich erhebe dabei meinerſeits keinen An - ſpruch auf Unfehlbarkeit. Wenn ich irgendwo eine abweichende Anſicht aus - geſprochen und motiviert habe, ſo geſchah es lediglich im Intereſſe der Sache ſelbſt; ich werde mit Dankbarkeit jede Entgegnung aufnehmen, welche die etwaige Unhaltbarkeit meiner Gründe ſachlich und überzeugend darzu - legen vermag, um ſo durch Rede und Widerrede dem Ziele immer näher zu kommen, dem wir wohl Alle zuſtreben: der Wahrheit!
VIIIUm bei dem bedeutenden Umfange des Buches ein Auffinden der ein - zelnen Punkte weſentlich zu erleichtern, habe ich außer dem Inhaltsverzeichnis ein äußerſt ſorgfältiges Sachregiſter ausgearbeitet; ich habe auch, ſoweit das irgend möglich war, die alten, oft recht unſinnigen Namen im Buche und im Sachregiſter berückſichtigt, um ſo der älteren noch lebenden Generation wenigſtens die Möglichkeit zu gewähren, einen Anknüpfungspunkt zu finden zwiſchen dem einſtigen handwerksmäßigen Färben und der heutigen modernen Färberei.
Und ſomit übergebe ich meine Arbeit der Oeffentlichkeit. Das Buch iſt entſtanden aus der Abſicht, zu der ſo dringend notwendigen Hebung der fachlichen Ausbildung das Seine beizutragen. Möge es ſeinen Zweck überall erfüllen!
Dresden, Juni 1889.
Der Verfaſſer.
Der Zweck der Färberei iſt die Einlagerung von Farbſtoffen in die Geſpinnſtfaſern, damit dieſe letzteren eine von ihrer urſprünglichen Natur - farbe abweichende Farbe annehmen. Das eigentliche Weſen der Färberei liegt in der Einlagerung des Farbſtoffes, in einem vollſtändigen Ein - dringen in und einem Durchdringen durch die Elemente der Geſpinnſt - faſer. Dadurch unterſcheidet ſich die Färberei ſcharf von der Malerei, bei welcher ja auch Farbſtoffe auf Gewebefaſern und Gewebe aufgetragen wer - den. Die Dekorationen der Theater werden mit den prächtigſten und wir - kungsvollſten Farben bemalt; die herrlichſten Farbenzuſammenſtellungen in den feinſten Abtönungen bis zur einfachſten und gewöhnlichſten Farbe haben wir auf unſern Tapeten; ſtimmungsvoller, und darum gewiſſermaßen noch ſchö - ner, wirken Oel - und Aquarellgemälde; ähnlich, nur minder kunſtreich, wirken die farbigen Wachstuche. In allen genannten Fällen kommen Gewebe mit Farbſtoffen in Berührung; aber die Farben ſind nicht in die Elemente der Gewebefaſer eingelagert, ſondern ſie liegen nur loſe und locker auf der Faſer auf, ſie ſind mittels mechaniſchen Auftragens auf den Geweben be - feſtigt und haften darauf lediglich mechaniſch infolge der Adhäſion, wie ſie ſich auch durch rein mechaniſche Mittel (Reiben, Klopfen, Bürſten, Eintau - chen in Waſſer u. dergl. ) wieder entfernen laſſen.
Minder ſcharf unterſcheidet ſich die Färberei von der Druckerei der Gewebe, dem Zeugdruck. Auch hier haben wir Gewebe und Farbſtoffe; durch die mancherlei Operationen beim Zeugdruck wird der auf dem Gewebe anfangs mechaniſch loſe aufliegende Farbſtoff zum Eindringen in die Faſer genötigt. Der weitere Verlauf der Zeugdruckoperationen aber ſorgt dafür, daß dieſes Eindringen in die Gewebefaſer nur ein oberflächliches iſt, ſo daß von einem vollſtändigen Durchdringen des Gewebes keine Rede ſein kann. A. v. Wagner bezeichnet den Zeugdruck noch als eine „ örtliche Färberei “, was er zweifellos nicht iſt; denn, abgeſehen von dem nur teil - weiſen Eindringen des Farbſtoffes in die Faſer, wird derſelbe durch allerlei chemiſche Zuſätze (Verdickungsmittel) an einem eigentlichen Durchdringen der Faſer direkt verhindert.
1*4Nach dem bisher Geſagten ergibt ſich nunmehr für den Begriff der Färberei folgende Erklärung: Die Färberei umfaßt die voll - ſtändige Durchdringung von Geſpinnſtfaſern oder Geweben mittels Farbſtoffen in löslicher Form, mit der Bedingung, daß die Einlagerung des Farbſtoffes ſelber in die Elemente der Gewebefaſer in unlöslicher Form ſtattfinde.
Alle Arbeiten, welche dieſem Zwecke dienen, und zwar ſowohl diejenigen, welche die Gewebefaſer oder die Gewebe für die Aufnahme eines Farbſtoffes geeignet machen und vorbereiten ſollen, als auch die verſchiedenartigſten Opera - tionen, um eine Durchtränkung des Gewebes mit dem Farbſtoffe, ſowie die Methoden, welche die Befeſtigung derſelben auf der Faſer bezwecken, bilden das Gebiet der Färberei im engeren Sinne. Im weiteren Sinne gehört dazu noch die unentbehrliche Kenntnis der Gewebefaſern und Gewebe (Gewebe - kunde), der chemiſchen und phyſikaliſchen Eigenſchaften, Erkennung und Prü - fung der Farbſtoffe (Farbwarenkunde), der Eigenſchaften der im Färberei - betrieb vielfach verwendeten chemiſchen Stoffe (Chemikalienkunde), und end - lich die Kenntnis der dabei in Betracht kommenden Maſchinen, Apparate und Inſtrumente (Maſchinenkunde). Das hier in kurzem zuſammengefaßte Geſamtgebiet bildet den Inhalt dieſes Buches.
Ueber die Urſachen, welche die Färberei von Geweben herbeigeführt haben, iſt in den Schriften der Alten nichts zu finden. Eine zwingende Notwendigkeit dazu lag jedenfalls nicht vor, ſo wenig wie ſie heute vorlie - gen würde. Wir verwenden große Mengen Leinen - und Baumwollengewebe im gebleichten Zuſtande ungefärbt, wir verwenden die Jute ſogar zum Teil ungebleicht, desgleichen das Wollhaar. Ich erinnere nur an die „ Normal - “Kleider nach dem famoſen „ Syſtem Jäger “. Dieſe „ naturbraunen “Ge - webe, welche jetzt ſogar „ modefarben “geworden ſind, gehören heute zum guten Ton; aber es iſt noch niemandem eingefallen, dieſe neueſte Modethor - heit auch der Färberei zugängig zu machen. Ein Bedürfnis dazu liegt ent - ſchieden nicht vor, und die naturbraunen Gewebe erfüllen nicht nur ihren Zweck vollkommen, ſondern ſie werden ſogar noch in Hinſicht ihrer Farbe vielfach nachgeahmt.
Es bleibt mithin nur die Annahme übrig, daß die Sucht, ſich mit Farben zu ſchmücken, die erſte Veranlaſſung zur Färberei geweſen iſt. Die - ſer merkwürdige Hang iſt allen Naturvölkern eigen und gibt ſich in jenen Klimaten, welche eine eigentliche Bekleidung unnötig machen, durch Bemalen des Körpers, durch Tättowieren und durch Ausſchmücken mit den bunten Federn der Vögel kund. Noch heute verkaufen die Naturvölker der Inſeln des Stillen Ozeans, wie weiland Eſau ſeine Erſtgeburt für ein Linſenge - richt, ſo ihrer Seelen Seligkeit für einen Lappen buntes Tuch.
Es iſt alſo wohl das Färben im Altertum als ein Zugeſtändnis an den Schönheitsſinn aufzufaſſen. Möglicherweiſe mag auch die Erwägung maßgebend geweſen ſein, ſich durch Farben voneinander zu unterſcheiden.
Von einer Entdeckung oder Erfindung der Färberei kann ſomit nicht geſprochen werden; vielmehr iſt anzunehmen, daß, wie in ſo vielen Fällen, der Zufall die Hauptrolle geſpielt hat. Es brauchte nur ein Coccus-Weib -5 chen in faulenden Harn zu fallen und ein Stück eines Byſſusgewebes in denſelben geweicht zu werden, ſo waren die Bedingungen der Purpurfärbung gegeben, und die Sache konnte „ zum Patent angemeldet werden “. In der That ſcheint die Purpurfarbe die älteſte und erſte geweſen zu ſein; ſchon in den Büchern Moſis finden ſich purpurne Stoffe erwähnt, und die Ge - wänder des Hohenprieſters waren nach göttlichem Befehl aus ſolchen Stoffen zu fertigen, wie denn überhaupt purpurne Gewänder als Attribut fürſtlicher und prieſterlicher Würde galten; im Plutarch findet ſich eine Notiz, daß Alexander im Lager des Darius purpurfarbene Gewebe gefunden habe, welche 200 Jahre vorher ſchon gefärbt, dabei aber noch von außerordentlicher Schönheit waren, ein Beweis, daß man bereits in jenen weit zurückliegen - den Zeiten einen ſehr echten purpurroten Farbſtoff gekannt. Man färbte vorzugsweiſe die Wolle, dann erſt wurde ſie verarbeitet. Homer ſpricht vom „ Spinnen der Purpurwolle “. Die Aegypter gingen ſogar ſo weit, daß ſie die Wolle auf den lebenden Schafen mit Purpur färbten. Plinius nennt mehrere Schafſorten, welche durch die Naturfarbe ihrer Wolle be - rühmt waren, die ſpaniſchen ſchwarz, die von den Alpen weiß, die erythrä - iſchen und bätiſchen rot, die kaneſiſchen gelb, die tareatiniſchen gelblich. Auch die Kunſt des Lederfärbens verſtanden die Aegypter bereits, wie das die Zeichnungen der farbigen ledernen Helme auf den Bildern der Pyramiden zweifellos beweiſen. Schon vor mehr als 3000 Jahren hat man Gewebe ſchön und echt zu färben verſtanden; insbeſondere beſaßen im Altertum die beiden Städte Tyrus und Sidon einen weitverbreiteten Ruf wegen ihrer ſchönen Gewebe. Die Bibel erzählt, daß der weiſe König Salomo ſich aus Tyrus habe Stoffe kommen laſſen von purpurner, ſcharlachroter und blauer Farbe, Stoffe, deren Farbe erſt mit dem Gewebe zu Grunde ging. Die Farben, welche im Altertum zum Färben dienten, ſcheinen demnach von weit größerer Lichtechtheit geweſen zu ſein, als die heute üblichen. Leider wiſſen wir wenig oder nichts davon, welche Stoffe damals zum Färben be - nutzt worden ſind; nur bezüglich des Purpurs ſcheint es, daß man ſich der Purpurſchnecken bedient hat. Wenigſtens berichtet Mullerus, daß man aus zwei Muſchelarten, Murex brandaris und Purpura capillus, Purpur bereitet habe. Wolters berichtet, daß die Phönicier den Saft zweier Purpur - ſchnecken gewannen, die eine buccinum, die andere pelagia genannt, und daß ſie 12 Purpurfarben kannten, vom purpurangehauchten Weiß bis zum Purpurſchwarz der ſchwarzen Roſen. Am teuerſten, zehnmal ſo teuer als alle andern, war der tyriſche; um die Zeit vor Chriſti Geburt koſtete ein Pfund tyriſche Purpurwolle mehr als 1000 Denar (300 Mark). Später waren die Phönicier die eigentlichen Träger der Färberei; von ihnen wiſſen wir, daß ſie die Krappwurzel bereits gekannt haben, ſowie auch Scharlach - beeren, Cochenille, Waid und Kreuzbeeren zu gebrauchen verſtanden. Dieſe Farben hießen im Gegenſatz zu den Purpurfarben terreniſche Farben. Durch die Phönicier iſt die Färberei auch zuerſt nach Europa gekommen, und beſonders in Griechenland gepflegt worden, wo man Seide, Wolle und einige Pflanzen - faſern bereits zu färben verſtand. Von hier teilte ſie ſich den Römern mit. Plinius berichtet, daß die Parteien bei den circenſiſchen Spielen ſich durch Farben unterſchieden haben, und nennt ausdrücklich Grün, Orange, Grau und Weiß. Dieſe Induſtrie wurde durch die ſpätern Einfälle der Barbaren vernichtet und erſt gegen das Ende des 13. Jahrhunderts tauchen wieder Nachrichten auf. Dieſesmal war Florenz und die venetianiſche Republik6 der Sitz der Färberei, wie der Textilinduſtrie überhaupt, und die Färbereien von Florenz, wie die venetianiſchen Stoffe, waren im Mittelalter ſehr be - rühmt.
Die nun folgende Entdeckung Amerikas brachte einigen Umſchwung in die Technik der Färberei: man lernte die Farbhölzer kennen. Dieſe neue Entdeckung hat viel zur Verbreitung der Färberei beigetragen, und bald entſtanden auch in andern Ländern Europas Färbereien. 1540 erſchien in Venedig das erſte Werk über Färberei von Giovanni Ventura Roſetti. Kurz darauf kam der erſte Indigo nach Europa; da man jedoch von ſeiner Verwendung eine Schädigung der einheimiſchen Waidkultur befürchtete, wurde ſeine weitere Einführung verboten und die vorhandenen Vorräte zerſtört. Von da ab bewegt ſich der Entwickelungsgang der Färberei in ziemlich einför - migem Geleiſe. Nur wenig Neues wurde entdeckt: Drebbel entdeckte 1650 ein Verfahren, mittels Cochenille und Zinnſalz Scharlach zu färben. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts führte Gobelin die Färberei in Frankreich ein; um das Jahr 1770 entſtanden die erſten Türkiſchrotfärbereien. 1785 erfand Saint-Evron ein neues Zinnpräparat, um das Krapprot lebhaf - ter zu machen.
Seit dieſer Zeit, wo die Chemie, fußend auf den Forſchungen franzöſi - ſcher, ſchwediſcher, engliſcher und deutſcher Gelehrten, ſich zu einer eigenen Wiſſenſchaft ausbildete und ſich ſchnell entwickelte, ſeit dieſer Zeit datiert zuerſt ein gewiſſer Einfluß der Chentie auf die Färberei. Es ſind jetzt genau 100 Jahre her, daß zum erſtenmale das Chlor zum Bleichen Ver - wendung fand (eine Erfindung Berthollets). Seitdem ſind eine Unmenge neuer Farbmittel, beſonders pflanzlichen Urſprungs, in Gebrauch genommen worden, und die Chemie kargt nicht mit immer neuen Stoffen, welche bald als Farbſtoffe ſelbſt, meiſt aber als Beizen und zur Erzeugung von Farb - ſtofflacken Verwendung fanden. Um jene Zeit erſchien auch das erſte größere Werk über Färberei. 1825 veröffentlichte Vitalis, Profeſſor der techniſchen Chemie, ſein Werk: „ Cours élémentaire de teinture et sur l’art d’impri - mer les toiles”, welches bald darauf im Verlag von B. F. Voigt in Weimar in deutſcher Ausgabe erſchien, und im Jahre 1854 unter der Lei - tung von Dr. Chr. H. Schmidt eine ſechſte Auflage erlebte. Dieſes Werk gibt ein klares Bild von der Entwickelung der Färberei in der genannten Zeit; aber das gewonnene Bild iſt unendlich verſchieden von dem Bilde des heutigen Standes der Färbereiwiſſenſchaft. In dem Werke iſt das Wörtchen Anilin noch nicht einmal erwähnt; man färbte eben noch nach alten bekannten Methoden und arbeitete meiſtens aufs Geratewohl, höchſtens mit neuen Metallſalzen neue Töne zu erzeugen verſuchend. Nun aber folgte die Entdeckung des Anilins, welche eine vollſtändige Umwälzung in der Färberei - technik hervorgerufen hat.
Die erſte Entdeckung des Anilins ſtammt aus dem Jahre 1826, wo Unverdorben dasſelbe unter den Produkten der Deſtillation des Indigos auffand, ohne indeſſen von der Wichtigkeit ſeiner Entdeckung die geringſte Ahnung zu haben. Er nannte es Kryſtallin. 1833 fand Runge das - ſelbe im Steinkohlenteer. Dieſem Chemiker war auch bereits die Eigen - ſchaft des neu entdeckten Stoffes bekannt, mit Chlorkalklöſung eine prächtig7 blaue Farbe zu geben, weshalb er demſelben den Namen Kyanol (Blauöl) gab; er ſoll auf Grund dieſer Reaktion der damaligen preußiſchen Regierung den Vorſchlag gemacht haben, das „ Kyanol “im großen Maßſtabe herzu - ſtellen, mit ſeinem Vorſchlage jedoch abgewieſen ſein. v. Fritzſch ſtellte 1841 zuerſt ſeine Zuſammenſetzung feſt, und nannte dasſelbe, da er es aus Anil (die portugieſiſche Bezeichnung für Indigo) gewonnen hatte, Anilin, welcher Name ſich bis heute erhalten hat. Bis hierhin hat die Entdeckung des Anilins noch keine Wichtigkeit, ſondern mehr theoretiſches Intereſſe. Das wurde anders, als es 1842 gelang, Anilin in größern Mengen zu bereiten. Zinin fand durch Zufall eine ganz neue Methode zur Bereitung von Anilin aus Nitrobenzol durch Behandeln mit Schwefelwaſſerſtoff, welches Verfahren ſpäter durch das von Béchamp (Behandlung mit Eiſenfeile und Eſſigſäure) verdrängt worden iſt. Durch die Beſchaffung größerer Mengen von Anilin war die Möglichkeit der Weiterentwickelung der bislang bekannten Farben - reaktionen gegeben.
1856 ſtellte Perkin zuerſt das Mauveïn, den erſten wirklichen Anilinfarbſtoff, dar. Dem Mauveïn folgte drei Jahre ſpäter das Fuch - ſin; Verguin, Chemiker in Lyon, ſtellte dasſelbe durch Einwirkung von Zinnchlorid auf das Anilin des Handels dar. Girard und de Laire haben ſpäter ſtatt der Einwirkung von Zinnchlorid das Arſenſäureverfahren einge - führt. Mit der fabrikmäßigen Bereitung des Fuchſins war eine neue In - duſtrie geſchaffen worden, die Teerfarbeninduſtrie, welche heute tauſende fleißiger Hände beſchäftigt. Gleichzeitig damit beginnt aber für die Färberei eine neue Zeit, denn die neuen Anilinfarben beſaßen für Seide und Wolle eine ſo große Anziehungskraft, daß das Färben dieſer Geſpinnſtfaſern auf die denkbar einfachſte Weiſe, ohne alle Beizen, von ſelbſt vor ſich ging. Auch gaben die neuen Anilinfarben bis dahin nicht gekannte feurige Farbeneffekte und ſtachen dadurch gegen die bisher bekannten, meiſt durchgehends ſtumpfen Holzfarben vorteilhaft ab.
Es folgten nun die Arbeiten A. W. Hofmanns, den man mit gutem Gewiſſen als den Vater der Anilinfarbenchemie bezeichnen kann. 1862 ent - deckte derſelbe das nach ihm benannte Hofmanns Violett, kurz darauf das Hofmanns Grün. Während die ſämtlichen bisher genannten Anilin - farben von Chemikern gefunden ſind, iſt es nur recht und billig, auch der Verdienſte eines franzöſiſchen Färbers zu gedenken, Cherpin, der in dem gleichen Jahr das Aldehydgrün entdeckt hatte. Von da ab beginnt eine ununterbrochene Reihe von Entdeckungen und Erfindungen; jedes Jahr brachte neue Farbſtoffe, und gleichzeitig machte die Kenntnis der eigentlichen Zu - ſammenſetzung dieſer neuen Farbſtoffe immer neue Fortſchritte, ſo daß es gelang, bisher nur natürlich vorkommende Pflanzenfarbſtoffe künſtlich darzu - ſtellen. Nur kurz möge es geſtattet ſein, die Erfindungen namhaft zu machen: 1861 erſchienen die Lauthſchen Farbſtoffe, 1863 entdeckte Light - foot das Anilinſchwarz; 1865 Roth das Phenylbraun; 1866 Martius das Martiusgelb; 1867 Schiendl das Magdalarot; 1869 Perkin das Safranin; 1869 ſtellten Graebe und Liebermann das Alizarin künſtlich dar und lenkten damit die Krappfärberei in völlig neue Bahnen. 1874 entdeckte Caro das Eoſin. Mit dem Jahr 1876 erſchienen zum erſtenmal die Azofarbſtoffe, allen voran als erſter das von O. N. Witt entdeckte Chryſoidin, welchen bald eine ganze Anzahl orangegelber und roter Azo - farbſtoffe folgte. 1877 entdeckte Döbner das Malachitgrün, annähernd8 gleichzeitig O. Fiſcher das Bittermandelölgrün. 1879 gelang Bayer die Syntheſe des Indigos. Seitdem hat faſt jeder Monat neue Farbſtoffe gebracht, welche teils direkt zum Färben verwendet werden können, teils als Ausgangsmaterial zur Bereitung weiterer Farbſtoffe dienen. Die einzelne Aufzählung aller dieſer neuen Farbſtoffe würde zu weit führen; nur die wirklich wichtigen mögen erwähnt werden. Es gehören dahin das von Strobel entdeckte Alizarinorange, das von Prud’homme dargeſtellte Alizarinblau und die im Jahre 1886 von der Bad. Anilin - und Soda - fabrik in den Handel gebrachten Alizarinfarben, das von Oehler in den Handel gebrachte Tuchrot, das von Bindſchedler und Buſch ein - geführte Tartrazin, das von Boetticher entdeckte Congorot, die von der Aktiengeſellſchaft für Anilinfabrikation eingeführten Benzidinfarbſtoffe Benzopurpurin, Flavophenin, Benzoazurin und Azoblau, welche durch ihre Eigenſchaft, Baumwolle ohne Beize echt zu färben, und ſogar ihrerſeits ſelbſt als Beize für anderweite Farbſtoffe zu dienen, mit Recht Aufſehen erregt haben; das von Caſſella & Comp. eingeführte Naphtol - ſchwarz, das Wollſchwarz der Aktiengeſellſchaft für Anilinfabrikation, das Azarin von Meiſter, Lucius und Brüning, die 1887 von Leonhard & Comp. in Mühlheim (Heſſen) eingeführten Farbſtoffe Heſſiſch - gelb und Heſſiſchpurpur, das 1888 von der Bad. Anilin - und Soda - fabrik in den Handel gebrachte Rhodamin, ſowie endlich die im Herbſt 1888 von Brooke, Simpſon und Spiller in den Handel gebrachten Ingrainfarben.
Gleichen Schritt mit der Entdeckung neuer Farben und neuer Färbe - methoden hielt die Entwickelung der Maſchinentechnik; während früher die Färberei ganz oder zum großen Teil auf Handarbeit beruhte, wird jetzt ein großer, wenn nicht der größere, Teil durch Maſchinen beſorgt, welche ihrer - ſeits wieder auf die weitere Entwickelung der Färberei einen weſentlichen Einfluß geübt und ihr beſonders im Großbetriebe ein ganz anderes Gepräge verliehen haben.
Endlich hat auch die Gewebetechnik durch eine Anzahl neuer Gewebe, ſowie der Handel durch die Einführung neuer Geſpinnſtfaſern einen nicht unbedeutenden Einfluß auf den Entwickelungsgang der Färberei gehabt, der - geſtalt, daß, wenn wir heute die Färberei betrachten, ſie uns nicht mehr als ein einfaches Handwerk erſcheint, was ſie noch vor 20 Jahren war, auch nicht als eine Kunſt, ſondern als ein eigener Zweig der chemiſchen Induſtrie. Dieſer Entwickelungsgang der Färberei bringt es logiſcherweiſe mit ſich, daß der praktiſche Färber ſich in Zukunft weit mehr als bisher der Chemie wird zuwenden müſſen, da er andernfalls Gefahr läuft, zum Gehilfen und Handlanger des Chemikers herabzuſinken, mindeſtens aber eine untergeordnete Rolle zu ſpielen. Möchten dieſe in der beſten Abſicht ge - ſprochenen und dem warmen Intereſſe des Verfaſſers für das Fach ent - ſprungenen Worte doch beherzigt werden.
Für einen Färber, der etwas Tüchtiges in ſeinem Fache leiſten will, iſt nicht allein eine Kenntnis der Farbſtoffe, mit denen er umgeht, notwen - dig, ſeine Kenntniſſe müſſen ſich auch auf die Materialien erſtrecken, welche9 thatſächlich zum Gefärbtwerden in Betracht kommen, er muß ſich auch mit den Stoffen vertraut machen, welche ihm zum Färben übergeben werden können. Dabei handelt es ſich keineswegs etwa bloß um Kleiderſtoffe, ſon - dern um eine nicht unbedeutende Anzahl von Materialien, welche teils tieri - ſchen, teils pflanzlichen Urſprungs ſind. Von dieſen bilden einzelne förmliche Spezialfächer in dem großen Gebiet der Färberei, wie aus dem Nachfolgenden leicht erſichtlich werden wird.
1. Zu färbende Stoffe tieriſchen Urſprungs. Die hierher gehörenden Stoffe ſind, mit alleiniger Ausnahme der Cocons der Seiden - raupe, Oberhautgebilde oder Trichomgebilde des lebenden Tieres, welches in dieſem Falle (wie die Angoraziege, oder das ruſſiſche Kaninchen) im vollſten Sinne des Worts „ ſeine Haut zu Markte trägt “, indem die Haut ſamt der Behaarung zum Färben gelangt. Dieſer beſondere Zweig der Färberei iſt die Rauchwarenfärberei, Pelz - oder Fellfärberei. — Häufig wird auch die von den Haaren befreite und dann gegerbte Haut dem Färben unterworfen; dieſer gleichfalls ſehr bedeutende Zweig der Färberei iſt die Lederfärberei, welche ſpeziell in der Färberei von Handſchuhleder ein weites Feld umfaßt. Weit ſeltener iſt der Fall, daß bloß die Haare allein gefärbt werden. Nur ausnahmsweiſe geſchieht das am lebenden Körper ſelbſt, und dann am menſchlichen Kopfhaar, um das Bleichwerden des Haares, das Zeichen des Alters, zu verdecken: Haarfärberei. Um ſo ausgedehn - ter iſt das Gebiet des Färbens der Haare von Haſen, Ziegen und Kanin - chen, nachdem dieſelben mittels beſonderer Operationen zu Hutfilz verar - beitet ſind, als Haarfilzfärberei. Weniger bekannt iſt die ſtellenweis ſehr bedeutende Verwendung von Rinderhaaren, Hundehaaren und ähnlichem geringwertigem Material zu ſogen. Holländer - oder Haargarnen, welche in der Teppichfabrikation eine nicht unbedeutende Rolle ſpielen und dabei auch gefärbt werden: Haargarnfärberei.
Stammten die bisher betrachteten Oberhautgebilde von Säugetieren ab, ſo liefern die Vögel mit ihren Federn ein nicht minder großes Kontingent zu färbender Materialien, und die von Jahr zu Jahr zunehmende Verwen - dung von Schmuckfedern hat eine eigene Induſtrie, die Federnfärberei, ins Leben gerufen.
Felle, Leder, Haare und Federn zuſammen verſchwinden aber hinſicht - lich der zum Färben verwendeten Mengen gegenüber den beiden Hauptver - tretern animaliſcher Rohſtoffe für Färbereizwecke: Wolle und Seide. Dieſe finden weiter unten ausführliche Beſprechung.
Der Ausführlichkeit wegen ſei hier noch auf ein tieriſches Produkt auf - merkſam gemacht, welches in früheren Zeiten in gewiſſem Anſehen ſtand: die Byſſusfäden, haar - oder fadenähnliche Auswüchſe am Fuße vieler Muſcheln, mit Hilfe deren ſie ſich auf dem Meeresboden anheften. Der - artige Muſcheln ſind beſonders im Mittelmeere heimiſch und heute noch werden in Italien aus dieſem Byſſus Gewebe gefertigt.
2. Zu färbende Stoffe pflanzlichen Urſprungs. Wenn die Rohſtoffe tieriſchen Urſprungs vorwiegend die äußerſten Schichten oder Aus - wüchſe des Tierkörpers vorſtellen, ſo iſt bei den Rohſtoffen pflanzlichen Ur - ſprungs meiſt das Umgekehrte der Fall. Mit Ausnahme der Baumwolle, welche die Samenhaare des Baumwollſamens vorſtellt, entſtammen die übri - gen pflanzlichen Rohſtoffe dem Innern des Pflanzenkörpers, und ſtellen10 Zellen oder Zellgewebe vor, welche im Pflanzenreiche als „ Gefäße “bezeichnet werden; insbeſondere ſind es die langen Faſerzellen des Baſtes und des Holzes, welche als Baſtfaſer oder Holzfaſer figurieren. In dieſe Klaſſe der Baſtfaſern und Holzfaſern zählt die Flachsfaſer, die Hanffaſer (kurzweg Flachs oder Hanf genannt), die Jute und die Ramié - oder Neſſel - faſer.
Zu den vegetabiliſchen Rohſtoffen zählt außer den genannten Geſpinnſt - faſern auch noch das Stroh, welches, für die Strohhutfabrikation verwendet, zu Strohgeflecht verarbeitet wird und als China - oder Mottledgeflecht das Halbfabrikat für die Strohgeflechtfärberei bildet.
Seltener kommt es vor, daß ganze Pflanzenteile, ja ſogar ganze Pflan - zen, welche entweder an und für ſich farblos oder ſaftarm ſind, gefärbt wer - den; ſolches iſt beſonders der Fall bei den Blütenſtänden der Gräſer, welche zur Herſtellung von Makartbouquets dienen und bei einzelnen Mooſen. Ebenſo ſelten iſt das Färben des Holzes.
Bei weitem die wichtigſten vegetabiliſchen Rohſtoffe ſind Baumwolle und Leinen, welche weiter unten ausführlich behandelt werden.
Nächſt den Gewebefaſern und den zum Färben derſelben nötigen Farb - ſtoffen muß der Färber noch mit allen denjenigen chemiſchen Stoffen ver - traut ſein, welche er häufig braucht, ſei es, um die Farbſtoffe auf der Ge - webefaſer zu befeſtigen, oder um die Gewebefaſern für den Färbeprozeß vor - zubereiten, ſei es, um ſie zu reinigen, oder ihnen ein beſonderes Anſehen oder einen beſondern Griff zu geben.
Endlich bedarf er der Kenntnis einer gewiſſen Anzahl von Maſchinen, welche in den verſchiedenen Entwickelungsſtadien des Färbevorganges eine leichtere Handhabung und eine ſchonendere Behandlung der Geſpinnſtfaſern bezwecken, oder für andere Hilfs - und Nebenarbeiten im Färbereibetriebe notwendig oder wünſchenswert ſind.
An der Hand dieſes Entwickelungsganges behandelt dieſes Handbuch in den nächſten drei Hauptabſchnitten:
um dann zur eigentlichen Färberei überzugehen.
Von allen dem Tierreiche entſtammenden Geſpinnſtfaſern iſt die Wolle die am meiſten verbreitete und wichtigſte. Unter Wolle verſteht man das aus Horngewebe beſtehende, haarähnliche, feine, wellen - förmig gekräuſelte, ſich ineinander filzende, meiſt hellfarbige Oberhautgebilde einer Anzahl von Säugetieren, z. B. des Schafes, einzelner Ziegenarten und Kameelarten. Einzelne Autoren rechnen die Wolle zu den Haarbildungen, aber mit Unrecht. Chemiſch ſind Haar und Wolle gar nicht unterſchieden. Vergleicht man dagegen beide nach ihren allgemei - nen Eigenſchaften, ſo ergeben ſich folgende Unterſchiede: Haare ſind durch - gehends länger, auch von größerer Dicke; ſie ſind mehr ſteif und ſtraff und laſſen ſich weniger leicht kräuſeln und verfilzen; die Wolle dagegen iſt ſtets feiner, weicher, ſelbſt bei ziemlicher Länge, und von großer Biegſamkeit und Elaſtizität, ſowie von eigenem Glanz; ſie verfilzt ſich leicht und iſt von hellerer Farbe. Dieſe genannten Eigenſchaften ſind zugleich maßgebend für die Beurteilung des Wertes der Wolle; je weiter ab ſich dieſe von der Na - tur des Haares entfernen, um ſo wertvoller iſt die Wolle; jemehr ſie ſich der Natur des Haares nähern, deſto weniger geſchätzt iſt ſie. Natürlich gibt es hinſichtlich dieſer Eigenſchaften keine haarſcharfe Grenze zwiſchen Haar und Wolle; es exiſtieren Haare, die ſo fein ſind, daß ſie als Wolle gelten können, und es gibt Wolle, die ſo wenig Kräuſelung zeigt, daß ſie als Haar betrachtet werden kann.
Wohl aber gibt es einen durchaus charakteriſtiſchen Unterſchied zwiſchen Haar und Wolle, welcher ſich unter dem Mikroſkope ſofort zeigt: Haare zeigen eine mehr oder minder cylinderförmige, lange glatte Außenfläche, die Wolle aber zeigt auf ihrer Außenfläche Zellen in Form von dachziegelartig ſich deckenden hornartigen Plättchen oder Schuppen von unregelmäßiger Ge - ſtalt (Fig. 1). Die Wollfaſer erſcheint ſomit wie von einer ſchuppigen Rinde umgeben; dieſes Aeußere iſt ſo eigenartig und ſo bezeichnend für die Woll - faſer, daß ſie dadurch mit Leichtigkeit von allen andern Gewebefaſern zu unterſcheiden iſt. Dieſe ſchuppige Oberfläche der Wollfaſer iſt zugleich die12
Schafwolle.
Urſache des rauhen Anfühlens der Wolle und verleiht ihr die Fähigkeit, ſich zu filzen; dieſe Fähigkeit zeigt ſich in erhöhtem Maße bei der gleichzeitigen Behandlung von knetendem Druck und heißem Waſſerdampf, wie das beim Walken der Fall iſt.
Bei genauerer Betrachtung unter dem Mikroſkop zeigen ſich drei verſchiedene Schichten: 1. Die ſchon oben als der Wollfaſer eigentümlich bezeichneten ſchuppigen Plättchen (Epithelſub - ſtanz). 2. Die darunter liegende eigentliche, entweder farbloſe oder farbige Faſerſubſtanz. 3. Die Markſubſtanz. Während die beiden erſteren ſtets vorhanden ſind, kann die letzte (wie z. B. bei Merinowolle) fehlen, oder aber (wie bei der Vicunnawolle) beſonders ſtark entwickelt ſein.
Herkunft. Von den Tieren, welche uns die Wolle liefern, ſind zu nennen:
1. Das Schaf (Ovis aries) mit ſeinen verſchiedenen Abarten. Die - ſes liefert die Schafwolle. Als beſonders hervorragend gilt das Merino - ſchaf, deſſen Wolle bis vor etwa 100 Jahren als die feinſte und beſte galt. Das Merinoſchaf iſt in Spanien heimiſch und zeichnet ſich durch ganz gleichmäßige, fein gekräuſelte Wolle aus, ohne mit ſtärkern Wollfaſern durchmiſcht zu ſein. Die Vorzüglichkeit der Merinowolle Fig. 2 war die Urſache der in allen Ländern Euro - pas, Amerikas, Afrikas und Auſtraliens emporblühenden Merinozüchterei. 1765 erhielt der Kurfürſt von Sachſen die erſten Merinoſchafe aus Spanien, und noch heute blüht in Sachſen die Me - rinozüchterei (z. B. auf dem Königl. Kammergute Lohmen).
Heute kommt die größte Menge Wolle aus Rußland, dann folgt Nord - amerika, dann Auſtralien; in Europa nimmt Deutſchland erſt die ſechſte Stelle ein (mit 24,5 Mill. Centner Geſamt - produktion in 1885). Auch die an - dern Schafracen: das deutſche Landſchaf, das in der Lüneburger Haide heimiſche Haideſchaf (Haidſchnucke), das ſüdruſſi - ſche Zackelſchaf und das engliſche Schaf, ſowie neuere andere Abarten und Ra - cen liefern Wolle, über deren Handels - marken weiter unten näheres.
Merinowolle.
2. Die Kaſchmirziege (Capra hircus laniger), eine in den Hoch - gebirgen von Kaſchmir und Thibet, im nordweſtlichen Himalaya (Oſtindien) heimiſche und in Frankreich gezüchtete Ziege, deren feines wolliges Flaumhaar die Kaſchmir - und Thibetwolle liefert. Dieſe iſt weiß, gelblich oder braun und beſteht aus ſehr feinen, 7 bis 8 cm langen, 13 bis 20 µ dicken,13 vollkommen cylindriſchen Wollhaaren, welche ſich durch beſonders hohe Schuppen und durch einen gezähnelten Rand auszeichnen.
3. Die Angoraziege (Capra ango - rensis), in Kleinaſien in den Bergen um Angora und Koniah heimiſch, welche die lange, ſeidenglänzende Angora - oder Mohair - wolle (Fig. 3) liefert. Dieſe wird bis 1 m und darüber lang, iſt in ihrer edelſten Sorte rein weiß, zeigt gar keine oder nur eine ge - ringe Markſubſtanz; die Breite beträgt 27 bis 54 µ. Die beſſern Sorten haben voll - ſtändig markfreie Haare, die minderwertige Ware beſteht aus gröberen, markführenden wirklichen Haaren. Die feinen Oberhaut - ſchuppen beſitzen einen gebogenen und fein - gezähnelten Rand. — Angorawolle von Kap wird nur 12 bis 20 cm lang, iſt leicht, wollig, feſt, ſtraff, gleichmäßig, dünn, ſtiel - rund und markfrei.
Angora - oder Mohair - wolle.
4. Das Schafkameel (Auchenia Vicuña) oder Vikugne, Vicunna, auf den hohen Gebirgen von Peru, Chile und Mexiko heimiſch, liefert die Vicunnawolle Fig. 4 oder echte Vicogne (nicht zu verwechſeln mit dem jetzt als „ Vigogne “in den Handel kommenden Fabrikat). Was gegenwärtig als Vicunna - oder Vicognewolle bezeichnet wird, dürfte wohl von dem Alpaco ſtammen.
Vicunnawolle.
Kameelwolle.
5. Das Alpaco, eine Abart des vorigen (Auchenia Alpako), eben - falls in Peru und Chile heimiſch, liefert die feine, der Vicunnawolle ähn - liche Alpacowolle. Sie iſt von weißer, grauer, rotbrauner und ſelbſt ſchwarzer Farbe, von der die beiden letztern beſonders geſchätzt ſind. Die14 Handelsware enthält neben der Wolle auch echte markführende Haare. Die eigentliche Wolle ſelbſt iſt ſchwach gekräuſelt, 17 bis 30 µ dick, ſtielrund, markfrei und ſtark geſtreift. Die markführenden eigentlichen Haare ſind doppelt ſo dick. Die Alpacowolle zeichnet ſich wie die Llamawolle durch große Weichheit und Geſchmeidigkeit aus.
6. Das Llama (Auchenia Llama), ein Verwandter der vorigen bei - den und ebenda heimiſch, liefert die Llamawolle.
7. Das Kameel (Camelus dromedarius und Camelus bactrianus), in Afrika heimiſch und als Haustier gezähmt. Es beſitzt außer den eigent - lichen Grannenhaaren noch eine Unterwolle, die jedes Jahr gewechſelt wird. Dieſe iſt regelmäßig gekräuſelt, fein, weich, rötlich oder gelblich braun, 16 bis 23 µ breit, ſehr fein und regelmäßig geſtreift und gänzlich mark - frei. Dieſe letztere iſt die Kameelwolle (Fig. 5), welche zur Fabrikation Jägerſcher Normalwollſtoffe verwendet wird.
Handelsſorten. Je nach Herkunft und Urſprungsland unterſcheidet Janke („ Wollproduktion “durch Heinzerling, Abriß der chemiſchen Tech - nologie) einige 30 Wollſorten:
Zuſammenſetzung der Rohwolle. Man würde gewaltig fehlgehen, wollte man die Schurwolle (ſ. S. 16) als zum größten Teile aus Wolle be - ſtehend anſehen. Der Gehalt an reiner lufttrockner Wolle iſt günſtigſten Falls 82 bis 83 Prozent, der an abſolut reinem Wollhaar 77,5 bis 78 Prozent; dieſer Gehalt kann aber auch bedeutend ſinken; es kommt Wolle auf den Markt, welche nur 35 bis 36 Prozent lufttrockne Wolle und 28,5 Prozent reines Wollhaar enthält. Die übrigen Beſtandteile der Wolle beſtehen in
Der Wollſchweiß und das Wollfett bilden eine gemeinſame Aus - ſcheidung entweder der Wolle ſelbſt oder der Cuticularzellen der Tierhaut, welche in der wolligen Behaarung der Tiere einen willkommenen Ablage - rungsplatz findet, ſich dabei durch zufällig von außen hinzukommende Stoffe vermehrt, und ſo den ſchmutzigen, ſtückigen, regelloſen, ungleichmäßig verteil - ten Ueberzug der Wollfaſer bildet, der den Pelz der damit behafteten Tiere ſo unanſehnlich erſcheinen läßt. Im allgemeinen nimmt die Menge von Wollſchweiß zu, ſobald die Wollfaſer kürzer und feiner wird, d. h. alſo, je - mehr ſie den eigentlichen Charakter der Wolle zeigt, wogegen diejenigen Wol - len, welche ſich mehr dem Haar nähern, weniger von Schweiß behaftet ſind; ſo zeigt z. B. die Mohairwolle faſt gar keinen Schweiß. Der Wollſchweiß ſelbſt iſt je nach der Art des Tieres, nach Alter, Geſchlecht, Urſprungsland, Klima, Nahrung ꝛc. in ſeiner Zuſammenſetzung ſehr verſchieden, mehr oder minder reichlich, bald mehr fettig, bald klebrig, bald ſchwer, bald leicht in Waſſer löslich. Der in Waſſer lösliche Anteil beſteht nach Märcker und Schulze im Durchſchnitt aus 60 Prozent organiſcher Subſtanz und 40 Pro - zent Mineralſtoffen. Der in Waſſer unlösliche Anteil iſt nach Reich und Ulbricht ein Gemenge von Fettſäure, während der in Waſſer lösliche Teil Kaliſalze dieſer Fettſäuren enthält, alſo als eine der Schmierſeife ähnliche Maſſe zu betrachten wäre. Häufig enthält der letztere Teil auch Kalium - carbonat gelöſt (Pottaſche). Bei der großen Wichtigkeit, welche der Woll - ſchweiß für den Färber hat, kommen wir weiter unten ausführlicher auf denſelben zurück.
16Gewinnung. Die erſte Arbeit, um die Rohwolle einer marktwürdi - gen Ware näher zu bringen, iſt die mechaniſche Entfernung des Schmutzes. Dieſe geht der eigentlichen Schur voraus, und beſteht in der Pelzwäſche, einer mechaniſchen Waſchung des Tieres mit kaltem Waſſer vor der Schur. Bisweilen unterbleibt die Pelzwäſche ganz. Ein völliges Befreien von den erdigen Beſtandteilen wird dadurch nicht erreicht; die Wolle hält mechaniſch noch etwa 1 bis 1,5 Prozent Mineralbeſtandteile feſt. Durch die Pelzwäſche wird aber auch zugleich ein Teil des Wollſchweißes entfernt und zwar löſt ſich nicht nur der ſeifenartige Beſtandteil — je nach ſeiner Löslichkeit mehr oder weniger, oft ſelbſt bis zur Hälfte — und das Kalium - carbonat, ſondern letzteres wirkt ſogar wieder löſend oder wenigſtens emul - gierend auf einen Teil des Wollfettes. Durch die Pelzwäſche verliert die Wolle von 20 bis zu 70 Prozent ihres Gewichtes. — Da durch die Wäſche beim lebenden Tier ein reines Weiß nicht zu erzielen iſt, ſo iſt neuerdings*)Deutſches Wollengewerbe 1887, Nr. 15. vorgeſchlagen worden, die Wolle im zuſammenhängenden abgeſchorenen Vließ zu waſchen, wodurch eine vernunftgemäßere und ſorgfältigere Wollſortierung ermöglicht werden würde, und der Stapel des teuren Wollmaterials beim Waſchen mehr geſchont werden könnte, als in der loſen Flocke. Dieſer Gedanke hat ſeine offenbare Berechtigung, iſt aber in der Praxis bisher noch nicht zur Ausführung gelangt. Neueſtens (Mai 1888) ſchreibt das „ Deutſche Wollengewerbe “hierüber: In England kommt man zu der Ueber - zeugung, daß es rationeller iſt, die Wolle erſt nach der Schur zu reinigen. Abgeſehen von den Koſten für das Waſchen der Schafe, welche von Anfang bis Ende Mai für England auf 2 Millionen Mark geſchätzt werden, hält ſich die Wolle ungewaſchen nicht nur beſſer in ihrem natürlichen Fette, ſon - dern ſie kämmt und verarbeitet ſich auch leichter und liefert eine beſſere Ware. Da die Wolle auch bei ſpäterer Wäſche einen reichlichen Fettgehalt im Waſſer zurückläßt, ſo ſollte aus ökonomiſchen Rückſichten die alte Methode der Pelzwäſche überall ausgerottet werden.
Nun folgt als zweite Arbeit die Gewinnung der Wolle durch Scheeren. Das Produkt dieſer Operation, die Schurwolle oder Mutterwolle, be - ſteht aus aneinander hängenden Wollfaſern und heißt das Vließ. Haupt - bedingung iſt dabei, daß die Schur am lebenden Tier vollzogen wird und nicht vom Fell eines toten Tieres kommt. Wolle, welche von der Haut eines toten Tieres geſchoren wird, ſogen. Sterblingswolle, iſt, wenn die Enthaarung durch Kalk geſchieht, von geringerer Güte, ſoll aber, wenn durch Schneiden vom Fell entfernt, der Schurwolle gleichwertig ſein. Die durch die Schur gewonnene Rohwolle ſtellt, je nach ihrer Abſtammung, mehr oder minder gekräuſelte oder verfilzte Wollflocken von (im geſtreckten Zuſtande) verſchiedener Länge vor, von denen die längeren Wollfaſern von 18 bis 23 cm (Wollſorten von langem Stapel) zum Kämmen beſtimmt ſind und Kammwolle heißen, während die kürzeren Wollfaſern von 2,5 bis 4 cm (Wollſorten von kurzem Stapel) zum Spinnen beſtimmt ſind und als Tuch - wolle bezeichnet werden. Die dazwiſchen befindlichen Wollſorten von mittle - rem Stapel (5 bis 22 cm) dienen teils zum Kämmen, teils zum Spinnen und bilden die Stoffwolle.
17Um nun die Ware marktfähig zu machen, folgt das Sortieren, eine rein mechaniſche Trennung der feineren von den gröberen, der längeren von den kürzeren Wollfaſern. Nicht alle Teile des Vließes haben den gleichen Wert; die Wollfaſer der ſogen. edlen Teile (Schulterblätter, Seiten, Weichen, Keule) iſt weit geſchätzter, als die von den ſogen. unedlen Teilen (Nacken, Kreuz, Rücken, Kehle, Bruſt, Füße ꝛc.). Heute gelten acht Sorten nach den Graden der Feinheit: Supra-Electa, Electa, Prima, Secunda, Tertia, Quarta, Quinta, Sexta. Die ſortierte Mutterwolle iſt diejenige Ware, welche unter dem Namen Wolle, Rohwolle in den Handel kommt.
Eigenſchaften der Rohwolle. Die Rohwolle enthält, je nachdem ſie vor der Schur der Pelzwäſche unterworfen war oder nicht, entweder nur einen kleinen Teil der Unreinigkeiten und einen großen Teil des Schweißes oder den geſamten Schweiß und den geſamten Schmutz, ſowie in beiden Fällen Feuchtigkeit, welche zwiſchen 7 bis 16 Prozent zu ſchwanken pflegt, keinen - falls aber mehr als 18¼ Prozent betragen darf. Eine derartige Wolle beſitzt durchaus kein feuchtes Ausſehen, iſt aber für Färbereizwecke voll - kommen untauglich. Um Wolle zum Färben tauglich zu machen, muß ihr zuvor der geſamte Gehalt von Schweiß und Fett entzogen werden. Dies geſchieht durch das Entſchweißen oder Entfetten, wie es in den großen Wollwäſchereien betrieben wird.
Die Wollwäſcherei. Zum Entſchweißen und Entfetten der Wolle dienen ſchwach alkaliſche Löſungen, welche unter Anwendung von Wärme das Wollfett in eine dünne Seifenlöſung überführen; am beſten erfüllt die - ſen Zweck eine dünne Löſung von Soda oder von alkaliſcher weißer Seife.
Das Entſchweißen der Wolle gehört nicht zu den Arbeiten des Fär - bers, obgleich er ſehr wohl in der Lage wäre, dieſe Arbeiten auszuführen; ganz ſchwache, handwarme und wärmere Seifen - oder Sodabäder ſtehen ihm ſtets zu Gebote. Unmittelbar nach dem Entſchweißen folgt ein Spülen oder Waſchen in reinem kaltem Waſſer, ſo lange, bis das Waſſer völlig klar ab - läuft. Dann wird abgewunden oder zentrifugiert, und an einem ſchattigen Orte in gelinder Wärme (45 bis 50° C.) getrocknet.
Zum Unterſchiede von der Pelzwäſche heißt die Wollwäſcherei zum Zwecke des Entſchweißens die Fabrikwäſche. Durch dieſelbe verliert die bereits der Pelzwäſche unterworfen geweſene Wolle 17 bis 40 Teile, die unge - waſchene Wolle 41 bis 65 Teile an Gewicht, ſo daß bei erſterer 83 bis 60, bei letzterer 59 bis 35 Teile als Ausbeute zurückbleiben. Dieſe ſo gewonnene Wolle iſt dasjenige Fabrikat, welches der Färber als loſe Wolle in die Hände bekommt, gleichzeitig aber auch das Material zur weiteren Verarbeitung der Wolle,[Verſpinnen] zu Garn, oder Verweben zu Tuch.
Das Karboniſieren. Manche Wollen, beſonders ausländiſche, ent - halten Kletten und andere vegetabiliſche Beſtandteile, Ueberreſte von Gras und Stroh u. dergl., welche ſich auf mechaniſchem Wege nur ſchwer daraus entfernen laſſen. Zur Zerſtörung dieſer pflanzlichen Beimiſchungen dient das verſchiedene Verhalten der tieriſchen und der pflanzlichen Gewebefaſer gegen verdünnte Säuren. Säuren von größerer Konzentration wirken löſend auf beide ein, ſtark verdünnte Säuren, und zwar beſonders Salz -Ganswindt, Färberei. 218oder Schwefelſäure, laſſen Wolle unberührt, wogegen ſie vegetabiliſche Bei - mengungen derſelben, wie Kletten u. ſ. w. löſen. Jedoch darf die Verdün - nung der Säuren nicht unter eine gewiſſe Konzentration hinuntergehen, da ſonſt die gewünſchte Wirkung nicht mehr eintritt. Nach Wiesner iſt das zweckmäßigſte Verhältnis 1 bis 2 Prozent Säure. In der Praxis ſtellt ſich das Karboniſieren am zweckmäßigſten ſo dar, daß man die Wolle in eine 1 bis 2 prozentige Schwefelſäure einweicht, hierauf die Schwefelſäure abſchleudert und die Wolle auf Horden in Trockenkammern bei 100° trocknet. Die Wollfaſer bleibt dabei unverändert, während die vegetabiliſchen Ver - unreinigungen zu feinem Pulver zerfallen, welches durch Spülen mit Waſſer als zarter Schlamm entfernt wird, und deſſen letzter Reſt nach dem Trock - nen der geſpülten Wolle durch Klopfen entfernt wird.
An Stelle verdünnter Säuren wird zum Karboniſieren auch eine Löſung von Chloraluminium angewendet. Noch vorteilhafter ſoll nach Frank Chlormagneſium ſein. In der Praxis geſtaltet ſich das Verfahren ge - nau wie eben mit verdünnter Schwefelſäure beſchrieben; man verwendet Löſungen von 1,07 bis 1,10 ſpezifiſchem Gewicht. Nach dem Ausſchleudern und Trocknen gelangt die Wolle in den bis auf 130° erwärmten Karboniſations - raum, und verbleibt darin 2 bis 3 Stunden, worauf die eigentliche Ent - klettung beendet iſt. Die Wirkungsweiſe des Chloraluminiums oder Chlor - magneſiums iſt nur ſo zu erklären, daß durch die im Karboniſationsraume herrſchende Temperatur eine Diſſociation dieſer Salze ſtattfindet, und daß die Metalloxyde (Thonerde reſp. Magneſia) auf die Faſer niedergeſchlagen werden, während die Salzſäure gasförmig frei wird, welche dann die Zer - ſtörung der Vegetabilien bewirkt. Bei dieſer Methode der Entklettung muß die Wolle, ſtatt einfach geſpült zu werden, ein ſchwaches Salzſäurebad paſ - ſieren, um die auf der Faſer abgelagerten Metalloxyde wieder zu löſen. Dieſes Bad kann dann wieder zum Entkletten neuer Mengen von Wolle verwendet werden.
Einfacher und billiger iſt das in neuerer Zeit eingeführte Karboni - ſieren mit Salzſäuregas bei einer Temperatur von etwas über 100°, welche aber keinesfalls auf mehr als 112° erhöht werden darf. Die Wolle darf zu dieſem Zweck nur ſehr wenig feucht ſein, auch muß ein häufigeres Wen - den derſelben ſtattfinden, um ein möglichſt ſchnelles und gleichmäßiges Zer - ſtören der Vegetabilien zu erreichen. Dieſe Methode kann nur in größerem Maßſtab zur Verwendung gelangen und ſind für dieſen Zweck beſondere Apparate konſtruiert, auf welche wir jedoch, da ſie in der Färberei ſelbſt keine Verwendung finden, hier nicht weiter eingehen wollen.
Der Name Karboniſation bedeutet eigentlich Verkohlung, und hat ſeinen Urſprung daher, daß dieſer Prozeß früher ſtets mit verdünnter Schwefel - ſäure bei einer Temperatur vorgenommen wurde, bei welcher die vegetabili - ſchen Beſtandteile, die Celluloſe, eine tiefgreifendere Zerſetzung erlitten und da - bei ein kohliges Ausſehen annahmen.
Nach den Verſuchen von Profeſſor Wiesner tritt das Schwarzwerden, das kohlige Ausſehen der Pflanzenfaſer beim Karboniſieren, nur ein, wenn man die Temperatur über eine gewiſſe Grenze ſteigert. Es iſt jedoch jenes Stadium für den Prozeß an ſich nicht notwendig. Wird die Karboniſation bei niederen Temperaturen vorgenommen, ſo erfährt die Faſer in ihrer Fär - bung keine Aenderung. Man kann z. B. aus der Baumwolle ein weißes Pulver herſtellen, wenn man die Karboniſation bei etwa 60° vornimmt. 19Man bezeichnet deshalb das Karboniſieren beſſer als ein Zerſtäuben, denn durch das ſog. Karboniſationsverfahren kann man die Pflanzenfaſer in ganz kleine, an der Grenze der Sichtbarkeit liegende Teilchen auflöſen. Durch die Karboniſation werden innerhalb der Pflanzenfaſer chemiſche Verände - rungen hervorgerufen. Hat man einer Pflanzenfaſer vor dem Karboniſieren alle löslichen Stoffe entzogen, ſo treten nach dem Prozeß im Waſſer lös - liche Stoffe auf, die bei zerſtäubter Leinwand z. B. circa 10 Prozent der Maſſe betragen. In der Löſung läßt ſich ein zuckerartiger, reduzierender Stoff nachweiſen, deſſen Gewinnung als Nebenprodukt der Karboniſation ſich vielleicht lohnen würde.
Eigenſchaften der entſchweißten loſen Wolle. Die loſe Wolle bildet eine, je nach Herkunft der Faſer, mehr oder minder zarte, mehr oder minder weiche, mehr oder minder gekräuſelte, geſtaltloſe, lockere Filzmaſſe von meiſt weißem, ſelten gelblichem, graugelbem, rötlichem, braunem bis ſchwar - zem Farbenton. Die Schafwolle iſt ſtets weiß oder ſchwach gelblich, nur die von Haidſchnucken und einzelnen Abarten Landſchafen iſt farbig. Auch nach dem Entſchweißen beſitzt die Wolle noch die Eigenſchaft, Feuchtigkeit anzuziehen*)Auf dieſer Eigenſchaft der Wolle beruht ihre Verwendung als direktes Be - kleidungsmittel, um den Schweiß aufzuſaugen, als Strümpfe, Unterjacken, Normal - hemden ꝛc. Die ganze Jägerſche Bekleidungstheorie beruht auf dieſer Eigenſchaft. und zwar oft in bedeutenden Mengen — ſelbſt bis zu 50 Prozent, ohne jedoch ſich feucht anzufühlen oder feucht auszuſehen. — Daraus ergibt ſich für den Käufer von Wolle die Notwendigkeit, den Feuchtig - keitsgehalt derſelben vor dem Kauf feſtſtellen zu laſſen. Dies geſchieht in den Konditionieranſtalten (ſ. unten), beſonderen von der Behörde be - ſtimmten Stationen, welche den Waſſergehalt des Kaufobjekts durch Unter - ſuchung einer Probe amtlich feſtzuſtellen haben. Der gewöhnliche Waſſergehalt der Wolle beträgt nach Maumené und Grothe 14 bis 16 Prozent; ſelbſt in trockner Luft längere Zeit aufbewahrte Wolle enthält immer noch 7 bis 10 Prozent. Aus feuchter Luft nimmt die Wolle ſehr raſch wieder Feuch - tigkeit und zwar annähernd (nach Grothe) 15 Prozent. Als höchſte ge - ſetzlich zuläſſige Feuchtigkeitsmenge ſind für Kammzug und Kammgarne 18¼ Prozent, für Wolle, Kämmlinge, Plöcke und Streichgarn 17 Prozent an - genommen worden. — In warmes Waſſer eingeweicht, nimmt die Wolle weitere bedeutende Waſſermengen in ſich auf, ſie quillt, jedoch ohne ſich zu löſen. In dieſem Zuſtande beſitzt ſie die charakteriſtiſche Eigen - ſchaft aller hornartigen Subſtanzen, diejenige Form, welche man ihr gibt, auch im getrockneten Zuſtande beizubehalten, ſie iſt dann plaſtiſch**)Auf dieſer Eigenſchaft beruht die Fähigkeit der Wolle, mit Hilfe von For - men ſich zu Filzplatten, Wollhüten, Einlegeſohlen ꝛc. preſſen zu laſſen.. — Die Wolle iſt ungemein elaſtiſch, worauf ihre Kräuſelung und ihre Verfilzungsfähigkeit und damit ihre Verwendbarkeit als Geſpinnſt - und Ge - webefaſer beruht. Dieſe Eigentümlichkeit der Wolle läßt ſich ſehr gut be - obachten, wenn man eine Faſer zwiſchen Daumen und Zeigefinger hindurch - zieht; es findet dadurch eine gewiſſe Streckung der Wollfaſer, eine Längen - ausdehnung, ſtatt, welcher die Faſer bis zur völligen Glattſtreckung nachgibt; ſobald die Faſer losgelaſſen wird, kehrt ſie unter Verkürzung und Kräuſelung in ihre alte Lage zurück. Die Elaſtizität iſt um ſo größer, je weiter die2*20Wolle ſich von den Eigenſchaften des Haares entfernt (ſ. oben); je feiner eine Wolle, deſto elaſtiſcher iſt ſie. Je nach der Anzahl, der Höhe und Breite der einzelnen Kräuſelungsbogen unterſcheidet man klein und grob ge - kräuſelte, ſowie ſtark oder ſchwach gekräuſelte Wolle. Die Anzahl der Kräuſe - lungsbögen iſt dementſprechend eine ſehr verſchiedene: bei hochfeiner Merino - wolle kommen auf den Millimeter (1 / 10 cm) Faſerlänge 60 Kräuſelungen, bei ſpaniſcher Merinowolle 45 bis 48, bei Buenos-Ayreswolle 40, bei Kapwolle 40 bis 44 Kräuſelungsbögen, bei auſtraliſchen Wollen ſind nur wenige vorhanden; bei Mohair - und Alpacowollen fehlen ſie faſt gänzlich. Umgekehrt, wie mit der Elaſtizität, verhält ſichs mit dem Glanz der Wolle. Dieſer iſt gewöhnlich um ſo ſtärker, je dicker die Wollfaſer iſt und jemehr ſie ſich dem Haare nähert. Dickere, aber auch längere gerade Wollfaſern zeigen ſtets mehr Glanz; daher zeigen auch die Gewebe aus Kammgarn eine gewiſſe Glätte und gewiſſen Glanz, wogegen die aus feineren gekräu - ſelten Wollfaſern hergeſtellten Geſpinnſte, die Tuche, nur wenig Glanz zei - gen. Hummel führt dieſe Verſchiedenartigkeit im Glanz auf die verſchie - dene Anordnung der Cuticularplättchen zurück (ſ. S. 11). — Zum Glanze ſteht die Härte der Wolle in direkter Beziehung; je mehr Glanz, deſto mehr Härte; je geringer der Glanz, deſto weicher (ſanfter, milder) fühlt ſich die Wolle an. — Die Feinheit der Wollfaſer iſt abhängig vom Querſchnitts - durchmeſſer. Dieſer ſchwankt zwiſchen 1,2 bis 3 cmm (1 / 100 Millimeter). Der ſicherſte Beurteiler für die Feinheit der Wollfaſer iſt ein geübtes Auge. Man hat verſucht, den Wolldurchmeſſer mit einem beſonderen Inſtrumente, dem Eriometer, zu beſtimmen; die Reſultate haben jedoch nur unterge - ordneten Wert; zuverläſſiger iſt die Beſtimmung mittels des Mikrometers; dieſe gibt zuſammen mit dem Augenmaß und dem Gefühl ein abſchließendes Urteil über die Feinheit der[Wollfaſer]. — Die Wollfaſer muß endlich gleichmäßig ſein, d. h. ſie muß ihrer ganzen Länge nach den gleichen Durchmeſſer haben. Die Feſtigkeit der Wollfaſer iſt der Wider - ſtand, welchen dieſe einer ſtarken Ausdehnung entgegenſetzt. Nach den all - gemeinen Grundſätzen, welche Ganswindt für die Feſtigkeitsprüfung der Geſpinnſtfaſern an anderm Orte*)Real-Encyklopädie der geſamten Pharmazie; Wien, Urban und Schwarzen - berg; Artikel: Feſtigkeitsprüfung. aufgeſtellt hat, und welche durch die Reißlänge**)Die Reißlänge iſt eine Zahl, welche in Metern oder Kilometern angibt, welche Länge eine Geſpinnſtfaſer haben müßte, um ohne jedwede Belaſtung, lediglich durch ihr eigenes Gewicht, von ſelbſt zu zerreißen. ausgedrückt wird, beträgt die Reißlänge der Schafwolle 8,3 km, d. h. eine Schafwollfaſer, welche bei freiem Hängen ledig - lich durch ihr Eigengewicht ohne anderweite Belaſtung zerrei - ßen ſoll, müßten 8,3 km, alſo mehr als 1 Meile lang ſein. Nach A. v. Wagner***)Handbuch der Chemiſchen Technologie. erfordert eine einzelne Wollfaſer, je nach Feinheit und Güte, zum Zerreißen ein Gewicht von 2,6 bis zu 44 g. — Dieſe Zahlen ergeben am beſten einen Ausdruck für den Wert der Wollfaſer als Ge - ſpinnſtfaſer.
Das Konditionieren der Wolle. Das Verfahren zum Kon - ditionieren der Wolle iſt folgendes†)Nach einem Bericht der neuen, im März 1888 eröffneten Konditionieran - ſtalt in Aachen, im „ Deutſchen Wollengewerbe “.:
21Nehmen wir an: eine Partie von 2000 kg ſoll auf ihren Feuchtig - keitsgehalt geprüft werden, ſo müſſen die Ballen ſofort nach Ankunft in der Anſtalt auf einer möglichſt genau gehenden Wage (welche einer regelmäßigen Kontrolle unterliegt) gewogen und unmittelbar nachher an verſchiedenen Stel - len behufs Entnahme einer Probe geöffnet werden. Bei einem Ballenge - wicht von 120 bis 150 kg ſoll das aus jedem Ballen entnommene Muſter 1 bis 1½ kg ſchwer ſein und hat von je 400 kg eine Konditionierung ſtattzufinden.
Um ein möglichſt konformes Durchſchnittsmuſter zu gewinnen, werden die den einzelnen Ballen entnommenen Proben zu einem Muſter vereinigt und hiervon drei Looſe à 500 g gebildet, wovon vorab zwei der Reihe nach in dem Trockenapparat einem warmen Luftzug von 105 bis 110° C. aus - geſetzt werden. Die dem Wollhaar innewohnende Feuchtigkeit verliert ſich, und kann man nach einiger Zeit die abſolute Trockenheit konſtatieren. Stimmt dann der Verluſt bei beiden Proben überein oder beträgt der Unter - ſchied kaum ½ Prozent, ſo iſt der Verſuch beendigt, erreicht derſelbe aber ½ Prozent oder iſt er höher, ſo wird die dritte Probe getrocknet und dann der mittlere Verluſt in Prozent berechnet. Demnach findet bei einem Loos von 2000 kg eine 10 bis 15 malige Probe ſtatt, deren Durchſchnittsverluſt in Prozent ausgedrückt die Baſis für die Berechnung der Partie bilden ſoll. Beſteht das Loos aus 13 Ballen und iſt jedem Ballen eine Probe von 1½ kg entnommen, ſo haben wir 19½ kg Muſter, wovon angenommen werden kann, daß dieſe die Partie genau vertreten.
Hiervon gelangen 15 Proben à 500 g = 7500 g zur Konditionierung, welche beiſpielsweiſe ein abſolut trockenes Gewicht von 6300 g ergeben ſollen. Dies entſpricht einem mittleren Verluſt von 1200 g = 16 Prozent.
Danach hätten 100 Teile Wolle 16 Prozent Feuchtigkeit, folglich nur 84 Prozent abſolut trockene Wolle.
Da nun der zuläſſige Feuchtigkeitsgehalt für Wolle 17 Prozent be - trägt, ſo werden obige 84 Prozent Wolle = 14,28 Prozent Feuchtigkeit anziehen dürfen und das normale Gewicht 98,28 betragen, wonach eine Differenz von 1,72 Prozent entſteht.
Statt 2000 kg dürfen alſo nur berechnet werden 〈…〉
Die Konditionierung für Kammgarn iſt in der Hauptſache eine gleiche wie bei der Wolle, jedoch bedingt dieſelbe einige Vorarbeiten. Iſt das Garn auf Bobinen oder Kanetten, ſo muß die denſelben zu entnehmende Probe, nachdem deren Bruttogewicht beſtimmt, in Stränge à 1000 m abgehaſpelt und die Tara abgewogen werden. Da es nun vorkommen kann, daß dem Material Stoffe beigegeben ſind, welche beim Trocknen entweichen, wie z. B. Glycerin, ſo wird auf Wunſch ein Waſch - und Entfettungsverfahren ange - wendet, nach welchem die Garne vollſtändig rein dem Konditionierapparat zugeführt werden. Nachdem alsdann der mittlere Verluſt feſtgeſetzt iſt, er - gibt die Berechnung das geſuchte Reſultat. — Dieſes Verfahren ermöglicht22 es auch, fette Kämmlinge, Streichgarne im Fett u. dergl. auf normales Ge - wicht zu unterſuchen.
Die Anſtalt kontrolliert ferner mittels Präziſionswagen die Nume - rierung der Garne, ausgehend davon, daß
Außerdem befaßt ſich dieſelbe noch mit der Prüfung der Garnſtärke und deren Elaſtizität. Hierzu wird ein Dynamometer angewendet, welcher das auf eine Tafel, Faden neben Faden, gewickelte Garn in demſelben Zu - ſtand prüft, in welchem ſich dasſelbe auf dem Webſtuhl befindet, wonach eine genaue Feſtſtellung ſtattfindet.
Der Koſtentarif der Aachener Anſtalt iſt folgender:
Trocknung:
Numerierung: für Kammgarn, Streichgarn und Baumwoll - garn (eine Probe pro 300 kg) pro Probe „ 0,50
Prüfung der Garne auf Stärke und Elaſtizität: für Kammgarn, Streichgarn und Baumwollgarn (eine Probe pro 300 kg) pro Probe „ 1,50
Beſtimmung des Fettgehalts und anderer Beimiſchungen (eine Probe pro 300 kg) pro Probe „ 1,50
Die Anſtalt iſt mit Ausſchluß der Sonn - und Feiertage morgens von 8 bis 12 und nachmittags von 2 bis 5 Uhr geöffnet.
Die Ware muß, wenn dieſelbe für den Platz beſtimmt, nach Entnahme der Muſter ſofort abgenommen werden.
Soll die Ware länger als 12 Stunden auf Lager bleiben, ſo wird dafür an Lagergeld und Feuerverſicherungsgebühr 25 Pfge. pro 100 kg und pro Tag gerechnet.
Etwaige Reklamationen können nur innerhalb dreier Tage nach Ab - nahme der Ware berückſichtigt werden.
Die Koſten werden ſofort bei Ablieferung der Ware gegen Abgabe des Konditionierzettels erhoben.
Maßgebendes für Wertbeſtimmung der Wolle. Wie ſchon oben S. 19 erwähnt, iſt die erſte Bedingung für die Güte der Wolle die Fein - heit, die Biegſamkeit, Elaſtizität und Weichheit, die Kräuſelung und das Lüſter oder der Glanz. Gewiſſe Wollen, welche faſt ſeidenartigen Glanz23 beſitzen, werden direkt als Lüſterwollen bezeichnet. Auch die Länge der Wollfaſer iſt vielfach maßgebend für die Wertbeſtimmung, da die längeren, weniger gekräuſelten, glänzenden Wollen für Kammgarn verarbeitet werden, während die kürzeren feineren Wollen in der Streichgarnſpinnerei und - Weberei Verwendung finden. Einen weiteren Maßſtab gibt die Helligkeit der Farbe; weiße Wollen ſind natürlich wertvoller, als gefärbte. Endlich iſt die Reinheit der Wolle und die Leichtigkeit, mit der ſich dieſelbe färben läßt, von Einfluß auf den Handelswert.
Chemiſche Zuſammenſetzung. Die Wollfaſern, d. h. die entſchweißte und gewaſchene Wolle, beſtehen durchgehends aus der gleichen Subſtanz, wie das Horn und die Federn und Haare, welche als Hornſubſtanz oder Keratin bezeichnet wird. Sie kennzeichnet ſich vor allem beim Verbren - nen durch den eigentümlich unangenehmen Geruch nach verbranntem Horn. Die durchſchnittliche Zuſammenſetzung beträgt:
Der Wert dieſer Zahlenangaben iſt jedoch ein ziemlich problematiſcher, und die abweichenden Reſultate können durchaus nicht überraſchen. — Ueber die Rolle, welche der Schwefel in der Hornſubſtanz ſpielt, iſt etwas Zuver - läſſiges noch nicht bekannt. Durch die Unterſuchungen Grothes*)Gorup-Beſanez, Phyſiologiſche Chemie. iſt je - doch feſtgeſtellt, daß alle Wollen Schwefel enthalten, und daß, wenn man auch einen Teil derſelben der Wolle durch geeignete Löſungsmittel zu ent - ziehen vermag, doch der Reſt ohne. Zerſtörung der Hornſubſtanz nicht erhal - ten werden kann. Es darf alſo wohl angenommen werden, daß der Schwefel kein zufälliger Beſtandteil der Wollfaſer iſt, zumal durch v. Bibra und durch Mulder**)Ebendaſelbſt. nachgewieſen iſt, daß auch alle Haare, Nägel, Klauen, Hufe, Hörner, Fiſchbein, Schildpatt u. ſ. w. Schwefel enthalten. Der Schwefelgehalt iſt bei den verſchiedenen Wollen ein verſchiedener; nach Grothe enthält:
Nächſt dem Schwefel iſt noch der Kieſelſäuregehalt der Wolle, welcher beim Verbrennen des Haares ſich in der Aſche vorfindet, erwähnens - wert. Nach Gorup-Beſanez***)Ebendaſelbſt. gibt Schafwolle 3,03 Prozent Aſche, wovon 0,29 Prozent auf Kieſelſäure entfallen; die übrigen 2,74 entfallen24 auf phosphorſauren Kalk, Eiſenoxyd und Spuren von Kalium - und Magneſium - Verbindungen. In welcher Form dieſe in der Wolle enthalten ſind, iſt bis jetzt noch nicht mit Beſtimmtheit nachgewieſen.
Chemiſches Verhalten der Wolle. In kaltem Waſſer iſt Wolle vollkommen unlöslich; wird das Waſſer bis zum Sieden erhitzt, ſo tritt eine Aufquellung ein, aber keine Löſung. — Verdünnte Säuren löſen Wolle ebenſo wenig; ſtärkere Mineralſäuren bewirken dagegen eine mehr oder minder tiefgreifende Zerſetzung der Wollfaſer. Stark ver - dünnte Salpeterſäure wirkt ebenſo; ſtärkere Salpeterſäure greift die Wolle unter Gelbfärbung an; ganz ſtarke Säure zerſtört ſie. Schweflige Säure bleicht die Wollfaſer und iſt daher das beliebteſte Mittel zum Blei - chen der Wolle. — Löſungen von Alkalien (Kalilauge, Natronlauge) wirken, zumal bei Anwendung von Wärme, ſtark auf die Wolle ein; ſtärkere Löſungen löſen ſie vollſtändig zu einer ſeifenähnlichen Flüſſigkeit auf; aus dieſer Auflöſung der Wolle wird beim Neutraliſieren mit Säuren ein weißer Niederſchlag ausgefällt. Aetzkalk wirkt weniger energiſch, entzieht aber der Wolle ihren Schwefelgehalt zum größern Teile und macht ſie leicht brüchig. — Löſungen von Alkalicarbonaten (Pottaſche - oder Sodalöſungen) wirken nur bei großer Stärke und unter Anwendung von Wärme auf Wolle ein, doch bei weitem nicht ſo energiſch wie die Aetzalkalien, geben ihr aber einen Stich ins Gelbliche und vermindern die Elaſtizität. Kohlenſaures Ammoniak und Seifenlöſung wirken wenig oder faſt gar nicht ein; bei Verwendung eines Seifenbades muß jedoch — ebenſo natürlich bei Anwen - dung von Soda — darauf geſehen werden, daß beide kein freies Alkali enthalten. Die neutralen Salze der Alkalien üben keinerlei Wirkung. — Weſentlich anders verhalten ſich dagegen die Salze gewiſſer Metalle, z. B. Kupfer -, Eiſen -, Thonerde -, Zinnſalze u. dergl. Dieſe greifen zwar die Wolle nicht an, wohl aber werden dieſe Löſungen von der Wolle angegriffen, durch die Wolle zum Teil zerſetzt. Auf dieſer merkwür - digen Thatſache beruht der Vorgang des Beizens der Wolle, wobei die Wolle anſcheinend die Rolle einer Säure zu ſpielen ſcheint. Dieſe Zer - ſetzung geht vornehmlich bei höherer Temperatur vor ſich. Weiteres über dieſes Verhalten der Wolle gegen gewiſſe Metallſalze ſiehe im ſpeziellen Teile bei den betreffenden Salzen. — Chlor und die löslichen Hypo - chlorite (Chlorkalk, unterchlorigſaures Natron) greifen Wolle an und zer - ſtören ſie mehr oder minder. Dieſe können deshalb nicht zum Blei - chen der Wolle verwendet werden. Feuchtes Chlorgas oder ſtarke heiße Chlorkalklöſung zerſtören die Wollfaſer vollſtändig. — Eine friſch bereitete Auflöſung von Bleihydroxyd (Bleiglätte) in Natronlauge wird von Wolle ſofort intenſiv ſchwarz gefärbt (Folge des Schwefelgehalts der Wolle). — Eine kaltgeſättigte und dann mit dem gleichen Volumen Waſſer verdünnte (alſo halbgeſättigte) Chromſäurelöſung löſt Wolle nach 1 Mi - nute langem Kochen vollſtändig auf. — Eine Löſung von Kupferoxyd - ammoniak, kalt angewendet, läßt Wolle unverändert; heiße Löſung da - gegen löſt die Wolle auf. Das Verhalten der Wolle gegenüber den ver - ſchiedenen Farbſtoffen ſoll bei den einzelnen Farbſtoffen ſelbſt erläutert wer - den. — Gegen Wärme iſt die Wolle ziemlich empfindlich; daher muß beim Trocknen der Wolle eine zu hohe Temperatur vermieden werden; über 80 bis 90° darf die Temperatur möglichſt nicht ſteigen, denn ſchon bei 100° R.25 beginnt die Wolle ſich zu zerſetzen und entwickelt ammoniakaliſch riechende Dämpfe.
Formen, in denen die Wolle zum Färben gelangt. Die Wolle gelangt nicht ſelten in der oben beſchriebenen Form als loſe Wolle zum Färben, beſonders dann, wenn ſie als Streichgarn zu wollfarbigen Tuchen verarbeitet werden ſoll. Auch für Kammgarnſtoffe werden in neuerer Zeit „ wollfarbige Stoffe “beliebt und müſſen daher alſo gleichfalls vor ihrer Verarbeitung zu Kammgarn gefärbt werden. Die Form, in welcher der Färber dieſe Ware erhält, iſt der Kammzug, ein Fabrikat, welches in der Mitte ſteht zwiſchen loſer Wolle und dem daraus bereiteten Kammgarn; es iſt das ſchmale lange Wollvließ in ſeiner glatten, geſtreckten Lage und in der ihm vom Kämmer gegebenen Form der Bobine. Handelt es ſich da - gegen nicht um „ wollfarbige “Stücke, ſo wird die Wolle in Form loſer un - gefärbter Wolle oder von Kammzug (Kämmlingen) zuvor weiter verarbeitet.
Loſe Wolle wird durch die Operation des Wolfens, Einfettens, Krem - pelns (Streichens), Spinnens und Haſpelns zu Streichgarn*)Die Feinheit des Garnes (die Garnnummer) beſtimmt man nach den Be - ſchlüſſen des jüngſt abgehaltenen Kongreſſes zu Turin, die eine internationale ge - worden und wird ausgedrückt durch die Zahl, welche angibt, wie oft die Garn - einheit von 1000 m ihrem Gewichte nach in 1 kg enthalten iſt. verar - beitet, welches wieder als Schußgarn oder Kettengarn geſponnen wird. Alle dieſe Operationen gehören lediglich in das Gebiet der Spinnerei; der praktiſche Färber wird ſich niemals damit zu beſchäftigen haben, ſo daß die Beſchreibung dieſer Arbeiten hier überflüſſig erſcheint**)Nur bei der Landarbeit wird noch ausnahmsweiſe von Färbern im kleinen Maßſtabe mittels Handarbeit Wolle zu Wollgarn verſponnen.. — In gleicher Weiſe, wie aus loſer Wolle das Streichgarn, wird aus Kammzug das Kammgarn geſponnen, welches wieder in eigentliches Kammgarn und Halb - kammgarn unterſchieden wird. Die Wollgarne, ſowohl Streichgarn als Kammgarn, gehören zu den am häufigſten vorkommenden Objekten der Färberei.
Die letzte Form, in welcher Wolle dem Färber unter die Hände kommt, ſind Gewebe und Geſpinnſte aus Streichgarn — Tuche***)D. h. mehr oder minder verfilzte Gewebe. — oder aus Kammgarn — Kammgarnſtoffe. Die dazu nötigen Operationen des Verwebens von Kettengarn und Schußgarn, des Noppens, Waſchens, Wal - kens (das noch nicht gewalkte Tuch heißt Loden), Rauhens und Scheerens Dekatierens, Bürſtens und Preſſens gehören ſpeziell in das Gebiet der Weberei. Einige dieſer Operationen kommen aber auch in der Färberei, ſpeziell der Kleiderfärberei, zur Verwendung, und werden an der geeigneten Stelle ausführlich beſchrieben werden.
Die Zahl der Wollengewebe in Form von Tuchen oder Kammgarn - ſtoffen iſt ſehr groß. Von Streichwollzeugen unterſcheidet man: ge - wöhnliches Tuch, geköpertes Tuch, Buckskin, Kaſchmir (Kaſimir), Fries, Molton, Kotzen, Ratin, Lama, Flanell, Düffel, Kirſey.
26Von Kammgarnſtoffen unterſcheidet man:
1. Glatte Stoffe, bei denen der Schußfaden nur zwei verſchiedene Lagen beſitzt und die Bindung die denkbar einfachſte iſt: Perkan, Moiré, Orleans, Bombaſin, Kamelot, Wollmuſſelin, Mühlbeuteltuch, Rips, Mohair, Krepp, Chaly und die ſog. Bradforder Artikel.
2. Geköperte oder croiſierte Stoffe, bei denen dem Schußfaden immer mehr als zwei Lagen zukommen; er überſpringt bei der Bindung zwei, drei oder mehr Kettenfäden, und erzeugt auf der Oberfläche ſchräglaufende, zuſammenhängende oder unterbrochene Linien: Merinos, Thibet, Kaſchmir, Serge, Zanella, Wollatlas, Halbmerino, Laſting.
3. Gemuſterte oder[façonnierte] Stoffe; dieſe beſitzen ebenfalls mehr als zwei, meiſtens eine große Anzahl verſchiedener Lagen des Schußfadens und die Bindung erzeugt geſchloſſene Figuren, ſog. Muſter, wobei Muſter und Grund ſelbſt wieder glatt und geköpert, ſogar von verſchiedener Farbe ſein können: Woll - und Möbeldamaſt, Weſten - und Hoſenſtoffe, Shawls, Umſchlagetücher, Tartans, Teppichzeuge.
4. Sammetartige Stoffe; auf dem eigentlich glatten Grunde wird eine haarige Decke mit abſtehenden oder anliegenden Fäden gebildet, der Flor oder Pol: Wollſammet (bei welchem der Flor aus dem Schuſſe), Wollplüſch, Möbelplüſch, Brüſſeler Teppiche, Velourteppiche, Plüſchteppiche, Aſtrachan, Krimmer, Biber, Utrechter Sammet.
Die Anzahl dieſer Gewebe wird nun noch unendlich reichhaltiger da - durch, daß — beſonders bei Kammgarnſtoffen — nicht immer reine Wolle zur Verwendung gelangt, ſondern nicht ſelten Miſchungen aus Wolle und Baumwolle, ſowie ſelbſt Wolle und Seide, verarbeitet werden. Gewebe und Geſpinnſte der letzteren Art haben dann keinen Anſpruch mehr auf die Be - zeichnung eines wollenen Gewebes, gehören vielmehr in die Klaſſe der ge - miſchten Gewebe, welche weiter unten zur Beſprechung gelangen.
Wirkwaren, bei denen die Bindung nicht durch Fadeneinkreuzung, ſondern durch Knüpfung erfolgt, verhalten ſich wie Garne.
Von den Geſpinnſtfaſern tieriſcher Abkunft iſt die Seide die wertvollſte. Unter Seide verſteht man die von verſchiedenen Seidenraupen - arten beim Verpuppen erzeugte Geſpinnſtfaſer. Die Seide unter - ſcheidet ſich von allen übrigen Gewebefaſern dadurch, daß ſie einen bereits fertig geſponnenen Faden vorſtellt. Die Seidenraupe, wenn ſie ſich auf die Umwandlung in den Schmetterling vorbereiten will, wenn ſie ſich „ einpuppt “, ſpinnt um ſich den Seidenfaden (ſie ſpinnt ſich ein). — Die - ſer bildet ſich aus einer klebrigen Flüſſigkeit, welche ſich aus zwei an der Speiſeröhre der Raupe ſitzenden Drüſen (Spinndrüſen) abſondert. Durch Ausziehen dieſer zähen klebrigen Flüſſigkeit aus den Drüſen werden zwei beſondere Fäden gebildet, welche ſich im Moment des Hervortretens zu einem Doppelfaden verbinden. Dieſer erſcheint ſeiner ganzen Länge nach als einfacher Faden, welcher ohne Abſatz oder Unterbrechung die Hülle der27 Puppe bildet, die als Cocon bezeichnet wird, und nach Tötung der Puppen das Rohmaterial für Gewinnung und Verarbeitung der Rohſeide bildet. Das mikroſkopiſche Bild der Seide zeigt Fig. 6.
Seide.
Herkunft. Die einzige Raupe, welche echte Seide liefert, iſt die Raupe des Seidenſpinners, Bombyx mori, welcher auf Maulbeer - bäumen lebt, und daher auch Maulbeerſpinner heißt, während die Raupe Seidenraupe, oder Seidenwurm. Dieſe Raupe wird daher behufs Er - zeugung der Cocons im ſüdlichen Europa und in China gezüchtet; beſonders Südfrankreich, Italien und die Türkei beſitzen Seidenzucht*)Die Seidenraupe, ſeit 2600 v. Chr. in China gezüchtet, gelangte 550 v. Chr. nach Konſtantinopel, von wo aus ſich die Seidenzucht über das ſüdliche Europa verbreitete. Die Verſuche, welche in Deutſchland mit der Seidenzucht gemacht wur - den, haben infolge klimatiſcher Einflüſſe niemals eine rechte Bedeutung erlangen können. (Ueber die neueſten Verſuche in Schleſien vergl. S. 32.). Die Seiden - raupe iſt jedoch ziemlich empfindlich und bereitet den Seidenzüchtern durch epidemiſch auftretende Krankheiten bisweilen enorme Verluſte; man war da - her darauf bedacht, die nächſtſtehenden Verwandten aus dem Geſchlecht Bombyx in ähnlicher Weiſe zu züchten. Von dieſen ſind zu nennen:
1. Der Ailanthusſpinner, Bombyx Cynthia. Dieſer lebt in Indien, Bengalen, China und Japan und wird dort in großem Maßſtabe gezogen. Je nach der Heimat und je nach der Nahrung, von der die Raupe lebt, unterſcheidet man mehrere Abarten, und rechnet dahin:
Von den vorgenannten iſt der unter b genannte Ricinusſpinner auch in Südeuropa, ſogar in Deutſchland, gezüchtet worden, und hat hier die Ricinusraupe ſogar mit den Blättern der Weberkarde (Dipsacus fullonum) und der wilden Cichorie (Cichorium Intybus) als Nahrung vorlieb genom - men. Die Verſuche haben kein ungünſtiges Reſultat gehabt.
2. Der Eichenſpinner, Bombyx Perryi, in China und der Mongolei heimiſch, nährt ſich von Eichenblättern. Dieſe Seidenraupe iſt gleichfalls mit Erfolg in Frankreich gezüchtet worden.
3. Bombyx Cecropia, in Nordamerika heimiſch, lebt auf dem wilden Maulbeerbaum, auf Pflaumen, Ulmen, Weißdorn ꝛc. ; wird neuerdings gleich - falls in Frankreich gezüchtet.
Außer den genannten ſind noch von Wichtigkeit:
4. Der Tuſſahſpinner, Bombyx mylitta (Antheraea mylitta), in Indien und in Bengalen bis in die rauheren Lagen des Himalaya hinauf heimiſch; die Raupe nährt ſich von den Blättern des Jujubenbaums und einigen Eichenarten, läßt ſich aber nicht züchten.
5. Bombyx Faidherbii (Faidherbia bauhinea) wird am Senegal, neuerdings auch in Algier gezüchtet.
Von allen dieſen Seidenraupenarten beſitzen nur die unter 1 und 4 ge - nannten im Verhältnis zu den übrigen beſondere Bedeutung, aber auch die - ſen beiden kommt nicht annähernd die Wichtigkeit zu, wie dem erſten Seiden - ſpinner Bombyx mori. Auch das Produkt der ſämtlichen übrigen Seiden - raupen erreicht an Feinheit und Schönheit nicht das des Maulbeerſpinners. Man bezeichnet daher als Seide im engern Sinne oder als echte Seide das Geſpinnſt der Raupe von Bombyx mori. Bezüglich der Produkte der übrigen Seidenſpinner herrſcht zur Zeit noch völliger Wirrwarr. Einige Autoren rechnen ſämtliche Seiden außer der Maulbeerſeide zu den wilden Seiden; andere rechnen als „ wilde Seide “lediglich die Seide des Tuſſah - ſpinners, da dieſe Raupe ſich in Gefangenſchaft nicht züchten läßt.
Da die vorbenannten Seidenarten auch im europäiſchen Handel keine unwichtige Rolle ſpielen, ſo ſchlägt Verfaſſer vor, den Ausdruck „ Wilde Seide “, der nur zu Verwechſelungen führen kann, ganz fallen zu laſſen und die Seidenarten nach ihrer Herkunft einzuteilen; etwa folgendermaßen:
Nach O. N. Witt ſind heutzutage wohl an 50 verſchiedene Arten von derartigen Tieren bekannt, welche ſeidenreiche Cocons liefern, trotzdem werden nur von einigen wenigen die Cocons beſonders verwertet. Am wich - tigſten iſt der Tuſſurſpinner, deſſen Cocons drei bis viermal ſo groß, wie die des Maulbeerſpinners ſind. Sie beſtehen aus einem unterbrochenen, 1400 m langen Doppelfaden, welcher ſich auch leicht abhaſpeln läßt, ſeitdem man gelernt hat, den Kitt, mit dem der ganze Cocon getränkt iſt und der faſt ausſchließlich aus ſaurem harnſaurem Natron beſteht, durch alkaliſche Flüſſigkeiten aufzulöſen. In Japan haben wir zunächſt den Ailanthusſpin - ner, dann beſitzt es auch den merkwürdigſten und für die Zukunft den am meiſten verſprechenden, den Yamamai. Er produziert eine apfelgrüne Seide von großem Glanz, welche ſo hoch geſchätzt wird, daß ſie lange Zeit ausſchließlich für den Gebrauch des Mikado reſerviert war, und bis vor kurzem ſtand in Japan die Todesſtrafe auf die Ausfuhr von Yamamaieiern. In Frankreich pflanzte man große Alleen des Ailanthusbaumes und kulti - vierte den Ailanthusſpinner mit befriedigendem Reſultate. Heutzutage wird auch in Südfrankreich die Kultur des Yamamaiſpinners verſucht, und es werden gerade auf dieſen Spinner Hoffnungen geſetzt. In China zieht man viel den Eichenſpinner Antheraea Perryi; ferner züchtet man dort häufig den ſchönſten und größten aller Schmetterlinge, den Attacus atlas. Er hat einen großen Cocon, der an beiden Enden offen iſt und viel Seide liefert, die als Fazavaſeide bekannt iſt. In Frankreich hatte man zuerſt viele Schwierigkeiten bei der Verwertung der wilden Seiden, da man die braune Farbe des Fadens nicht entfernen konnte. Schließlich gelang es Teſſié du Motay, in der Behandlung der Seide mit Waſſerſtoffſuper - oxyd einen Weg zu finden, auf dem man eine vollkommen weiße Faſer er - zeugen konnte. Die wilden Seiden zeichnen ſich durch große Elaſtizität aus; ſie eignen ſich vorzüglich zu Fellimitationen und Plüſchen, zu ſog. Baſtkleidern ꝛc.
Seidenbau. Wenn der Färber auch niemals in die Lage kommen wird, Seidenzüchter zu werden, ſo möchte doch der verhältnismäßig kurze Lebenslauf des Tieres bis zur Produktion der Cocons in kurzen Umriſſen geſchildert werden.
Der Seidenſpinner (Seidenfalter, Seidenſchmetterling, Maulbeer - ſpinner) legt zuvörderſt Eier und zwar legt jedes Weibchen 3 bis 400 Stück. Dieſe müſſen ausgebrütet werden. Das geſchieht im Brutzimmer, einem auf circa 30° C. erwärmten Zimmer, oder im Brutofen, welcher beſonders in Frankreich gern angewendet wird. In beiden Fällen verteilt man die Eier auf mit weißem Papier beſpannte Holzreifen, und bedeckt dieſelben mit einem Blatt durchlöcherten weißen Papiers, worauf vom achten Tage an einige Maulbeerblätter gelegt werden. Die Eier haben annähernd die Größe des Mohnſamens (30 g enthalten durchſchnittlich 50000 Stück) und ſind gelblich. Im Brutzimmer oder Brutofen werden ſie zunächſt weißlich und vom achten bis zehnten Tage an kriechen die Raupen aus (und zwar durchſchnittlich 75 bis 80 Prozent der Eier), und durch die Löcher im Papier auf die Maulbeerblätter. Damit beginnt der eigentliche Seidenbau, d. h. die Zucht der Seidenraupe. Dieſe geſchieht in beſonderen Fütterungs - räumen, Raupereien oder Magnanerien. Die Raupe nährt ſich ledig - lich von Maulbeerblättern (den Blättern von Morus alba), wovon ſie im30 Verhältnis zur eigenen Größe und ihrem Gewicht ganz unglaubliche Mengen vertilgt; die aus 10 g Eiern ſich bildenden Raupen verzehren 400 bis 500 kg Maulbeerblätter.
Im Verhältnis dazu ſteht das erſtaunlich ſchnelle Wachstum der Seiden - raupe; ſie erreicht bald eine Länge von 8 bis 10 cm bei einem Gewicht von 5 g. Die Lebensdauer der Raupe iſt 30 bis 33 Tage, während wel - cher Zeit dieſelbe ſich viermal häutet, was durchſchnittlich alle ſechs Tage ge - ſchieht. Nach dem letzten Hautwechſel nimmt ſie nicht mehr ſo bedeutende Nahrungsmengen zu ſich, vom 30. Tage an überhaupt keine mehr. Nun beginnt das Einſpinnen vom 30. bis 33. Tage. Wenn die Raupen keine Nahrung mehr zu ſich nehmen, verteilt man ſie auf Ruten aus Birken - zweigen, aus Ginſter oder Sarothamnus, in denen ſie ſich das paſſendſte Fleckchen zum Einſpinnen ausſuchen. Derartige Ruten heißen Spinnhütten. Die Raupe ſpinnt zuerſt ein oberflächliches Netz aus dicken Fäden von Zweig zu Zweig, gewiſſermaßen als Untergrund, und dann erſt die Hülle der Puppe von außen nach innen in ununterbrochenem, aber allmählich dünner werdenden Seidenfaden. Das fertige eiförmige Geſpinnſt, Cocon genannt, hat eine Länge von 30 bis 35 mm, einen Durchmeſſer von circa 15 bis 20 mm, und ſieht weiß oder gelblich aus. Der den Cocon bildende Seiden - faden hat eine Länge von 350 bis 1250 m und einen Durchmeſſer von etwa 0,018 mm; von dieſer Seide iſt jedoch nur ein Drittel abhaſpelbar. Die Länge des abhaſpelbaren Fadens beträgt im Maximum nach Dandalo*)Heinzerling, Abriß der chem. Technologie. 625 Yards, nach Rhodes*) 404 Yards, nach Karmarſch 1000 bis 3000 Fuß. Der erſte, äußerſte Teil des Fadens, welcher oben als „ Unter - grund “bezeichnet wurde, und der ſpäter vorſichtig für ſich abgelöſt wird, bil - det die Flockſeide; die innerſte Hülle, welche die Puppe unmittelbar um - gibt, bildet eine feine, zarte, pergamentartige Haut. Die Coconbildung er - fordert 4 bis 5 Tage; man läßt dann aber noch 2 bis 3 Tage in den Ruten, um der Beendigung des Spinnprozeſſes ſicher ſein zu können.
Wollte man nun der Puppe Zeit laſſen, ſich zum Schmetterlinge zu ent - wickeln, ſo würde dieſer die Hülle ſprengen und damit den Wert des Cocons bedeutend ſchädigen. Um dieſes zu vermeiden, um die Cocons in vollem Wert zu gewinnen, müſſen die Puppen in den Cocons getötet wer - den. Dieſes geſchieht, indem man die Cocons entweder den heißen Sonnen - ſtrahlen ausſetzt, oder direkt durch Ofenwärme oder heiße Waſſerdämpfe durch 10 bis 12 Minuten. Nur einige beſonders gut ausgebildete Cocons bleiben für den weiteren Seidenbau reſerviert. Würde die Puppe nicht ge - tötet werden, ſo würde in kurzem der ausgebildete Schmetterling die Hülle ſprengen und das Cocongeſpinnſt ſchädigen. Bis vor kurzem war man der Anſicht, daß der Schmetterling den Coconfaden zerbeiße, und ſelbſt noch neuere Werke ſprechen von „ zerbiſſenen “Cocons. Thatſächlich ſchiebt der Schmetterling die Coconfäden nur beiſeite; er bewirkt dabei in dem lockeren Geſpinnſt eine Verſchiebung der Fadenlage, welche dem ſpäteren Abwickeln des Geſpinnſtfadens nicht eben förderlich iſt, eher dasſelbe erſchwert; aber von einem Zerbeißen des Seidenfadens kann keine Rede ſein.
Zum Schluß noch einige Zahlenangaben über Seidenbau: aus 100 g Eiern des Seidenſpinners werden im Durchſchnitt 88000 bis 117000 Co -31 cons gebildet. Von dem Gewicht der Cocons ſelbſt entfallen 16,8 Prozent auf die Puppe*)Hummel, „ The Deyeing of textile fabrics “. , 68,2 Prozent auf Feuchtigkeit, und der Reſt von 15 Pro - zent iſt Seide. Das Gewicht eines Cocons iſt 1,5 bis 2,0 g und der Ge - winn an Rohſeide etwa 1 / 7 bis ¼ g = 0,16 bis 0,25 g. 100 g Eier liefern unter guten Bedingungen 12 bis 16 kg gehaſpelte Seide. 12 kg Cocons liefern etwa 1 kg Rohſeide (einſchließlich der Floret - und Abfallſeide).
Statiſtiſches über Seide. Der Sitz des Seidenbaues iſt vorwiegend in China, Europa, Japan, Oſtindien, Transkaukaſien, Perſien. Nach den Aufſtellungen der Krefelder Handelskammer betrug die Produktion der Seide im Jahre 1883 in
In welchem Umfange und in welcher Richtung ſich die Seiden - und Seidenwarenfabrikation in den europäiſchen Haupt-Seidenſtaaten bewegt, ergibt ſich aus folgenden Daten aus dem Jahre 1883 (nach Heinzerling):
Die Produktion in Amerika gewinnt von Tag zu Tag an Bedeutung; vornehmlich in Philadelphia und Waſhington werden große Etabliſſements errichtet, um die Seide von den Cocons abzuwickeln. Seidenraupeneier ſind in großer Nachfrage, und wie ſehr die Kultur von Seide ſich verbreitet, geht daraus hervor, daß die von dem landwirtſchaftlichen Büreau in Waſhing - ton vor kurzem veröffentlichte Anleitung dazu bereits in der achten Auflage erſchienen iſt. Im ganzen befinden ſich in den Vereinigten Staaten zur Zeit 385 Seidenfabriken, die ein Kapital von zuſammen 20000000 Doll. haben, 30000 Angeſtellte beſchäftigen und ausländiſches Rohmaterial im Wert von circa 16000000 Doll. jährlich verwenden.
In Britiſch-Indien und dem europäiſchen Rußland iſt die Seidenkultur infolge vernunftwidriger Handhabung und anhaltender Krankheit (Pere - brina) der Seidenraupe in ſtetem Rückgang. Dagegen hat ſich die Kultur in Ruſſiſch-Aſien weſentlich gehoben, ſo daß ſich die Geſamtausbeute für Transkaukaſien, Turkeſtan, Khiwa und Bockhara auf rund 730000 Pud roher Cocons oder etwa 40000 Pud im Jahre 1884 ſtellte. — In Korea32 wurden im Jahre 1866 500000 Maulbeerbäume aus China für die An - pflanzung bei Inchön (auf dem Wege von Chemulpo nach Söul) eingeführt. Die Pflanzung ſteht unter der Leitung eines deutſchen Seidenbauinſpektors. Ob die Seidenkultur mit Erfolg hier eingeführt werden kann, läßt ſich bis jetzt nicht entſcheiden. Verſuche, welche in einem der alten Palaſtgründe im weſtlichen Teil der Hauptſtadt ſeit einigen Jahren in kleinerem Maß - ſtabe angeſtellt worden ſind, dürfen wohl als gelungen betrachtet werden. Die Bäume ſtehen vorzüglich, haben ſaftiges Laub, und ſowohl die chineſiſchen wie die japaniſchen und italieniſchen Seidenraupen ſollen gut gedeihen. Die Seide wird hier nicht abgehaſpelt, ſondern in den Cocons verkauft. — Laut Bericht der Krefelder Handelskammer für das Jahr 1884 treten folgende Produktionsmengen an Rohſeide: aus Spanien 85 t, aus Frankreich 483 t, aus Oeſterreich-Ungarn 142 t, aus Italien 2810 t, aus Griechenland 20 t, aus Volo, Salonichi und Adrianopel 95 t, aus Anatolien 185 t, aus Syrien 230 t, aus Georgien und Perſien 200 t, aus Geſamt-Rußland 656 t, zuſammen 4250 t. Für Bengalen und Oſtaſien tritt an Stelle der un - bekannten Produktion die Ausfuhr, welche in jenem Berichte mit nachſtehen - den Zahlen verzeichnet wird: aus Calcutta 208 t, aus Kanton 693 t, aus Shanghai 2680 t und aus Yokohama 1484 t, zuſammen 5065 t. Hier - aus ergibt ſich eine für den Geſamtverbrauch mit Ausnahme Oſt - und Südaſiens verfügbare Menge von 9970 t Seide*)1 t = 1000 kg. .
Der preußiſche landwirtſchaftliche Miniſter hatte dem Seidenzüchter Buchwald in Reichenbach in Schleſien vierzig Morgen Eichenbeſtand aus den Staatsforſten zu Verſuchen mit der Züchtung des Eichenſeidenſpin - ners vor fünf Jahren überlaſſen. Auf Grund ſeiner ſeither gemachten Er - fahrungen hat nun Buchwald auf der Generalverſammlung des ſchleſiſchen Forſtvereins mitgeteilt, daß der Zucht des chineſiſchen Eichenſpinners elemen - tare und klimatiſche Schwierigkeiten nicht entgegenſtehen und die Seide von den in dem Verſuchswalde gezüchteten Eichenſpinnern, in Krefeld verarbeitet, ſich der beſten Mailänder Seide ebenbürtig erwieſen hat. Bei dem Reich - tum Deutſchlands an Eichen glaubt er, daß die Seidenzucht dort ſehr ren - tabel werden wird.
Gewinnung der Rohſeide. Um nach dem Töten der Puppe den Seidenfaden zu gewinnen, ſind zwei Operationen nötig: 1. Das Sortie - ren der Cocons. Die Cocons ſind keineswegs alle gleich, viele ſind weiß, viele gelblich, manche ſind ſchadhaft (hierher gehören die oben geſchilderten Cocons, aus denen der Schmetterling geſchlüpft iſt, aber auch ſchimme - lig gewordene, von Inſekten angefreſſene, durch das Platzen von Puppen beim Töten in die Cocons fleckig gewordene u. ſ. w.) und eignen ſich nicht zum Abhaſpeln; die Stärke des Geſpinnſtfadens iſt eine ſehr verſchiedene. Das Sortieren bezweckt daher das Ausſcheiden fehlerhafter Cocons, ſowie das Zuſammenordnen gleichartiger, gleichfarbiger und gleich feiner Cocons. Dieſe Arbeit darf nur von erfahrenen Leuten und muß mit großer Sorgfalt aus - geführt werden, weil nur gleichartige Cocons zuſammen abgehaſpelt und mit Vorteil verarbeitet werden können. 2. Das Abhaſpeln. Wenn wir uns vergegenwärtigen, daß der Coconfaden eine Länge von 350 bis 1250 m hat, und dabei nur ¼ g wiegt, ſo ergibt ſich daraus allein ohne weiteres,33 daß der Coconfaden ungemein zart ſein muß, ſo fein und zart, daß er für ſich allein kaum abgewickelt werden kann. Man nimmt daher in der Praxis 3 bis 20 Cocons (je nach Feinheit des Fadens) zum Abhaſpeln, aus wel - chen ein Faden gebildet wird. Zu dem Behufe bringt man dieſelben in warmes Waſſer, welches den leimartigen Ueberzug des Coconfadens löſen ſoll; nun wird zuerſt der äußerſte Teil des Fadens, die Flockſeide, entfernt (der dadurch entſtehende Verluſt beträgt, je nach der Geſchicklichkeit des Ar - beiters, 18 bis 30 Prozent), und erſt dann beginnt das eigentliche ge - meinſame Abhaſpeln mehrerer Cocons, wobei die Löſung des leimartigen Ueberzuges gleichzeitig wieder das nachfolgende Zuſammenkleben zu einem Faden bewirkt. Der durch Abhaſpeln erzeugte Rohſeidenfaden ſtellt alſo eine Summe von ihrer Geſamtlänge nach zuſammen - geleimten Coconfäden vor; das Aneinanderhaften der Seidenfaſern ge - ſchieht lediglich durch die Bindung der leimartigen Seidenhülle, nicht durch Zuſammendrehen; die Rohſeide iſt alſo kein gezwirnter Faden. Sie wird durch ein Räderwerk auf einen Haſpel gewunden und nimmt dadurch die Geſtalt eines Strähnes an. Die Länge des Rohſeidenfadens von nor - malen Cocons beträgt 250 bis 900 m. Das Abhaſpeln der Seide wird in den eigentlichen Seidenbauländern mittels Haſpelmaſchinen bewerkſtelligt. Eine Abbildung und Beſchreibung einer ſolchen findet ſich in Knecht „ Färberei und Bleicherei “. Die ſo gewonnene Rohſeide ſtellt einen einfachen (d. h. nicht gezwirnten), runden, glatten, von Knoten und Flocken freien, reinen, glänzenden, feſten und gleichmäßig ſtarken Faden vor.
Die Abfallſeide. Unter Seidenabfall werden alle zum Abhaſpeln nicht geeigneten, ſowie die erſten und letzten Anteile der zum Haſpeln ver - wendeten Cocons (in Italien und Südfrankreich Strazza genannt) und Cocon - reſte verſtanden. Die äußerſten Teile der guten Cocons, welche entfernt werden müſſen, und welche eben als Flockſeide bezeichnet wurden (franz. bourre), werden gewaſchen, im Seifenbade gekocht, getrocknet, gekrempelt, gekämmt und geſponnen: das ſo gewonnene Produkt bildet die Floret - ſeide. Wird die Flockſeide aber, ohne gewaſchen und gekocht zu werden, gelockert, gekardet und verſponnen, ſo entſteht das als Chappeſeide be - kannte Handelsprodukt. An einzelnen Orten wird der Seidenabfall, insbe - ſondere die ſchadhaften, fleckigen, ſchimmelig gewordenen Cocons, einer leich - ten Fäulnis unterworfen, wodurch der leimartige Beſtandteil der Seide zer - ſtört wird; das gewaſchene und getrocknete Produkt wird wie oben auf ge - ringere Qualitäten Floretſeide verarbeitet. Die Abfälle dieſer Fabrikation bilden dann den Seidenabfall im eigentlichen Sinne, und werden zu den im Haushalt viel gebrauchten Staub - und Wiſchtüchern aus Seidenabfall ver - webt.
Zuſammenſetzung und Eigenſchaften der Rohſeide. Aehnlich der Wolle iſt die Rohſeide noch keineswegs die reine Seidenfaſer, ſondern ſie wird, ähnlich wie die Wolle von Wollſchweiß und Wollfett, von einer farbloſen oder ſchwach gelblich gefärbten Maſſe begleitet, welche ſich in Waſſer ganz oder zum bei weitem größten Teile auflöſt. Ueber dieſe Maſſe, welche die Seidenfaſer vollſtändig umhüllt, welche circa 46 Prozent der Geſamt - maſſe bildet und allgemein als Seidenleim bezeichnet wird, gehen die An - ſichten noch auseinander. Es ſteht zunächſt noch nicht feſt, ob dieſer „ Seiden -Ganswindt, Färberei. 334leim “ein einheitlicher Körper iſt, oder ob er aus verſchiedenen Körpern zuſammengeſetzt iſt. Für die Färberei iſt der Seidenleim von Wichtigkeit, man wendet eine alkaliſche Löſung desſelben, welche den Namen „ Baſtſeife “führt, mit Vorliebe in der Seidenfärberei bei Verwendung von Teerfar - ben an.
Der Seidenleim oder das Sericin iſt allem Anſchein nach kein einheitlicher Körper. Die obige Angabe von 46 Prozent Gehalt der Roh - ſeide an Seidenleim ſtützt ſich auf Unterſuchungen von Mulder. Dieſer fand in 100 Teilen Rohſeide:
Ohne die Zahlen dieſes Forſchers direkt anzweifeln zu wollen, wollen mir die Angaben „ leimgebende Subſtanz, Wachs, Fett, Harz und Albumin “nicht einleuchten. Das Sericin enthält Stickſtoff, aber woher ſoll das Ei - weiß kommen? Schon Bolley hat die obigen Reſultate als zweifelhaft hingeſtellt, und das um ſo mehr, als ſie durch aufeinanderfolgende Extrak - tion mit heißem Waſſer, abſolutem Alkohol, Aether und heißer Eſſigſäure gewonnen ſind. Mulder erhält danach in 100 Teilen:
Zur Charakteriſtik dieſer Zahlen möge folgendes erwähnt ſein: Kocht man Rohſeide im Papinſchen Topf oder unter Anwendung geſpannten Dampfes aus, ſo verliert ſie dadurch 28 bis 29 Prozent an Gewicht. Bei dem in der Verarbeitung der Seide üblichen „ Abkochen “der Seide, welches dem Aſſouplieren vorausgeht, beträgt der Gewichtsverluſt nur 20 bis 25 Pro - zent. Behandelt man die mit überhitztem Dampf behandelte Rohſeide mit abſolutem Alkohol und dann mit Aether (zur Entfernung von Fett, Gerb - ſäure, Farbſtoffen), ſo entſteht ein weiterer Gewichtsverluſt von 4 bis 5 Pro - zent und es bleiben circa 66 Prozent Fibroin zurück. Soweit wäre gegen die Mulderſchen Zahlen nichts einzuwenden. Nun aber folgt die Behandlung mit heißer Eſſigſäure, welche einen weiteren Gewichtsverluſt von 16,3 bis 16,5 involviert. Was hat denn die Eſſigſäure nun eigentlich gelöſt? Fertig vorhandene leimgebende Subſtanz ſicher nicht; dieſe hätte ſich im Waſſer gelöſt. Es liegt faſt die Vermutung nahe, daß dieſer Verluſt auf Koſten des Fibroins zu ſetzen iſt. In der Litteratur findet ſich nur eine einzige Notiz über die Wirkung der Eſſigſäure (kalten Eiseſſigs) auf Rohſeide, aber nichts über die Einwirkung heißer auf das vom Sericin befreite Fibroin. Dabei möchte daran erinnert werden, daß einige Mineralſäuren ſchon bei großer Verdünnung und kalt die Seide vollauf zu löſen vermögen; auch35 möchte ich darauf hinweiſen, daß — zumal bei der bisherigen Annahme von der Entſtehung des Sericins durch Hydratation und Oxydation des Fibroins — bei dem Kochen mit Eſſigſäure die Bildung von Sericin durchaus nicht unmöglich iſt. Sei dem indes, wie ihm wolle, ſo dürfen wir doch keinenfalls das durch heiße Eſſigſäure Ausgezogene zu den Ge - wichtsbeſtandteilen des Seidenleims hinzuzählen.
Bei ſolcher Lage der Dinge bieten die Mulderſchen Zahlen eigentlich recht wenig Anhaltepunkte, ja, ſie ſind ſogar dazu angethan, die Grenze zwiſchen Fibroin und Sericin völlig zu verwiſchen.
Ich ſchlage deshalb — ſo lange bis neuere Forſchungen dieſen Punkt geklärt haben — folgende Feſtſtellungen vor:
1. Seidenleim oder Sericin iſt der durch Behandeln mit überhitztem Waſſerdampfe aus der Rohſeide gewonnene, in Waſſer lösliche Beſtandteil der Rohſeide; er beträgt 28 bis 29 Prozent.
2. Fibroin iſt die von Seidenleim, von Fett und Farb - ſtoff befreite Seidenfaſer; ſie beträgt 66 Prozent.
3. Fettſubſtanzen, Harz und Farbſtoff betragen 1,5 Prozent.
Der Seidenleim bildet nach dem Verdampfen des Waſſers eine leim - ähnliche, durchſcheinende, gelbliche Maſſe, welche ſich in Waſſer, in Seifen - lauge und anderen alkaliſchen Flüſſigkeiten, ſowie in Eſſigſäure leicht löſt. Die wäſſerige Löſung wird durch Alkohol, Gerbſäure, Bleieſſig, ſalpeterſau - res Queckſilberoxydul und Zinnchlorid gefällt. Die eſſigſaure Löſung gibt mit Blutlaugenſalz einen grünlichen Niederſchlag.
Die eigentliche Seidenfaſer oder das Fibroin iſt eine weiße glän - zende Faſer, zerreiblich, geruch - und geſchmacklos in Waſſer, Alkohol, Aether und Ammoniak und in kalter Eſſigſäure unlöslich, löslich dagegen in heißer Eſſigſäure, in Alkalien, beſonders in ſtarken Laugen, in konzentrier - ten Säuren, aber auch in verdünnter Salzſäure. Das Fibroin ſteht nach den Unterſuchungen Städelers der Hornſubſtanz nahe, unterſcheidet ſich von dieſer aber weſentlich dadurch, daß es aus ſeinen Löſungen durch Fäl - lungsmittel ſtets in Faſerform abgeſchieden wird. In feuchtem Zuſtande längere Zeit der Luft ausgeſetzt, wird es etwas in Waſſer löslich; es nimmt dabei dem Anſchein nach die Beſtandteile des Waſſers und des Sauerſtoffs auf und geht in Sericin über. Mit Schwefelſäure gekocht geht es in Tyroſin, Leucin und Glycin über.
Verarbeitung der Rohſeide. Die Rohſeide wird als ſolche zur Färberei ſelten verwendet, eine Ausnahme macht die Maraboutſeide (ſ. unten). Gemeinhin finden zuvor noch einige Operationen ſtatt und zwar das Zwirnen und das Entſchälen.
Das Zwirnen der Seide bezweckt die Vereinigung mehrerer Roh - ſeidenfäden zu einem, und zwar durch Zuſammendrehen. Das Zwirnen ſteht in innigem Zuſammenhange mit dem Sortieren der Cocons, indem durch beides die verſchiedenen Handelsſorten der Seide beſtimmt werden. Die beſte Sorte Rohſeide wird zu Organſinſeide verarbeitet, welche bei der Herſtellung der Seidenzeuge gewöhnlich als Kette verwendet wird und3*36auf der Oberfläche des Gewebes erſcheint; man haſpelt hierzu den Seiden - faden von 3 bis 8 Cocons und gibt demſelben eine ſtarke Drehung (d. h. Drehung in ſich ſelbſt, Eigendrehung) und zwirnt dann zwei ſolche gedrehte Rohſeidenfäden zuſammen. Die geringere Rohſeide wird zu Trameſeide, Tramſeide oder Tramaſeide verarbeitet und bei der Weberei als Schuß, ſowie zu Seidenſchnüren verwendet; man haſpelt hierzu den Rohſeidenfaden von 3 bis 12 Cocons; bei der Trameſeide wird entweder ein einzelner Roh - ſeidenfaden an ſich gedreht (einfädige Trame) oder es werden zwei oder drei nicht gedrehte Rohſeidenfäden links gezwirnt (zwei - oder dreifädige Trama). Trameſeide iſt nicht ſo ſcharf gezwirnt, als Organſinſeide, ſie iſt daher wei - cher. — Maraboutſeide wird aus drei nicht gedrehten ganz weißen Roh - ſeidenfäden gezwirnt, dann, ohne entſchält zu werden, gefärbt, und nach dem Färben nochmals gezwirnt; ſie erhält dadurch eine noch ſchärfere Zwir - nung als die Organſinſeide, gleichzeitig aber auch ziemliche Steifheit und Härte. — Poilſeide (auch Peloſeide genannt) iſt ein einfacher Rohſeiden - faden, der aus mehreren gedrehten Coconfäden beſteht; dient als Unterlage für Gold - und Silberfäden, Treſſen ꝛc. — Nähſeide wird aus Rohſeiden - fäden aus 3 bis 22 Cocons auf verſchiedene Weiſe gedreht. — Stick - und Häkelſeide wird in gleicher Weiſe hergeſtellt, iſt aber ſtärker. — Ecruſeide iſt Rohſeide, welche höchſtens dem Waſchen mit oder ohne Seife und nachherigem Bleichen ausgeſetzt geweſen iſt.
Das Entſchälen der Seide bezweckt die Entfernung des Seidenleims und zerfällt in zwei Operationen, das Degummieren und das Abkochen. Das Degummieren wird in großen mit Kupferblech ausgelegten Holz - trögen oder in Holzkufen, auch in kupfernen Keſſeln vorgenommen. In die - ſen bereitet man ſich eine Seifenlöſung aus venetianiſcher Seife und rechnet dabei auf das Kilogramm Rohſeide 300 bis 500 g Seife. Dieſe Seife löſt man in weichem Waſſer und erhitzt das Bad mittels Dampfſchlange oder durch direkt eingeleiteten Dampf auf 90 bis 90° C. (72 bis 76° R.). — Die zu entſchälende Seide wird auf glatten Holzſtangen in das Seifenbad gehängt und darin ſo lange umgezogen, bis ſich der Ueberzug des Seiden - leims von der Faſer abgelöſt hat. Anfangs quillt die Rohſeide auf und erſcheint klebrig; dann aber löſt ſich der firnisartige Ueberzug von Seiden - leim verhältnismäßig ſchnell und die weiche, biegſame, glänzende Seidenfaſer bleibt zurück. Gemeinhin geht man in der Praxis von dieſem erſten Seifen - bad auf ein zweites ſchwächeres, aber gleichfalls auf circa 75° R. erhitztes Seifenbad. Es iſt von Wichtigkeit, daß die Seifenlöſung nicht bis zum Kochen erhitzt wird, da ſonſt der dem Sericin eigene gelbliche Farbſtoff an die Seide geht. Die Auflöſung des Seidenleims im Seifenbade geht bei fleißigem Umziehen auch unter der Siedetemperatur vollkommen vor ſich. Dieſe Seifenbäder ſind aufzubewahren: ſie bilden den unter dem Na - men Baſtſeife bekannten wertvollen Zuſatz in der Seidenbuntfärberei. Die aus dem zweiten Seifenbade herausgenommene Seide wird ſchließlich in einem dritten 60° warmen, ganz ſchwachen Seifen - oder Sodabade geſpült, abgewunden und getrocknet. Das geſamte Degummieren erfordert 1 bis 2 Stunden. Degummierte Seiden ſind zum Färben mit dunkeln Farben ohne weiteres zu gebrauchen.
Wie oben bei der Zuſammenſetzung der Rohſeide auseinandergeſetzt wurde, löſt ſich der Seidenleim auch in Waſſer und zwar laſſen ſich bei Anwendung von überhitztem Waſſerdampf 28 bis 30 Prozent ausziehen. 37Man könnte daher auch das Entſchälen der Seide mit überhitztem Waſſer - dampf ausführen; dieſer aber macht die Seidenfaſer hart und ſpröde; man zieht deshalb die Anwendung von Seifenbädern und geringerer Wärme vor, da ſich der Seidenleim in alkaliſchen Flüſſigkeiten beſonders gut löſt. Bei vernunftgemäßer Anwendung der Seifenbäder kann man den Seidenleim vollſtändig entfernen; der Gewichtsverluſt beträgt dann 25 bis 30 Pro - zent der Rohſeide bei europäiſchen Seiden, dagegen nur 18 bis 22 Prozent bei chineſiſchen und japaneſiſchen Seiden. Solche vollſtändig entſchälten Sei - den heißen Cuits. (Fälſchlicherweiſe werden aber auch die zum Degum - mieren verwendeten Bäder, alſo die Baſtſeifenlaugen cuits genannt. ) — Bei dem teuren Preiſe der Seide iſt den Händlern mit einem Gewichts - verluſt von 25 bis 30 Prozent durch Degummieren häufig nicht gedient. Deshalb wird das Entſchälen ſehr häufig nur unvollſtändig gehand - habt und, indem man auf 1 kg Rohſeide nur 100 bis 125 g Seife rechnet, eine degummierte Seide erzielt, welche einen Gewichtsverluſt von nur 8 bis 12 Prozent gibt; ſolche Seiden heißen Souples. Bisweilen wird das Degummieren durch ein bloßes Waſchen mit Waſſer erſetzt, wodurch ein Ge - wichtsverluſt von nur 3 bis 4 Prozent entſteht; ſolche Seiden heißen Crus.
Das Abkochen oder Weißkochen der degummierten Seiden ſoll die Entfernung der letzten Reſte von Seidenleim und die Erzielung der größten Weichheit und Geſchmeidigkeit bezwecken. Es wird in offenen kupfernen Keſſeln ausgeführt, die degummierte Seide in haufene Säcke gethan und dann mit einer ſchwachen Seifenlöſung (10 bis 15 kg auf 100 kg degum - mierte Seide) ½ Stunde bis zu 3 Stunden richtig gekocht. — Dieſes Verfahren iſt durch langjährige Praxis gewiſſermaßen geheiligt. Nichtsdeſto - weniger halte ich das „ Weißkochen “für eine verfehlte Operation. Zunächſt begreife ich nicht, was die hanfenen oder leinenen Säcke dabei ſollen. Es wäre doch weit vernunftgemäßer, wenn man die Seide an Holzſtöcken in Strängen in das Seifenbad hängen ließe und darin umzöge. Sodann er - reicht man die Entfernung der letzten Reſte von Seidenleim auch ohne Kochen. Somit kennzeichnet ſich dieſe Operation als weiter nichts, als ein drittes Seifenbad zum Zweck der Degummierung und ſie beweiſt lediglich, daß die Degummierung zuvor nicht mit der nötigen Sorgfalt ausgeführt worden iſt. Daß ferner zur Erzielung eines möglichſt hohen Grades von Geſchmeidigkeit und Glanz das Kochen notwendig ſei, iſt bisher wenigſtens nicht bewieſen. Sollte aber zur Erzielung dieſes Effekts ein Kochen nötig ſein, ſo möchte ich empfehlen, dasſelbe mit einer höchſt dünnen Seifenlauge (2 Prozent Seife auf 100 Seide) auszuführen und die Seide nicht länger als eine halbe Stunde kochen zu laſſen, darauf aber in einem lauwarmen Waſſer - bade (ohne Sodazuſatz) zu ſpülen, abzuwinden und zu trocknen. In Süd - frankreich und in der Schweiz wird nach dem Abkochen noch in einem Soda - bade, dann in einem kalten Waſſerbade geſpült und getrocknet. Die vom Abkochen der Seide reſultierende Seifenlauge kann wieder zum Entſchälen benutzt werden.
Das Souplieren oder Aſſouplieren der Seide bezweckt die Ge - winnung einer Seide, welche in der Mitte ſteht zwiſchen degummierter, ge - kochter und Rohſeide. Die letztere eignet ſich zu Färberoperationen nur in beſchränktem Maße, die erſtere büßt durch das Entſchälen zu viel an Ge - wicht ein. Es hat ſich daher in der Praxis eine Mittelſtufe eingebürgert,38 welche durch die ſtattfindende Behandlung nur 4 bis 8, höchſtens 10 Prozent Gewichtseinbuße erleidet, zum Färben aber geeigneter iſt als die Rohſeide. Solche Soupleſeide iſt natürlich ein minderwertiges Produkt, erfreut ſich aber großer Beliebtheit. Das Souplieren zerfällt in folgende vier Opera - tionen: Entfetten (dégraissage), Bleichen, Schwefeln und das eigentliche Souplieren. Bei Seide, welche für dunkle Farben beſtimmt iſt, fällt das Bleichen und Schwefeln fort. Das Entfetten geſchieht durch Einlegen der Rohſeide in ein 25 bis 30° C. (20 bis 25° R.) warmes dünnes Seifen - bad (man rechnet auf 100 kg 4, höchſtens 10 kg Seife) durch 1 bis 2 Stunden. Dieſes ſogenannte „ Entfetten “iſt in der That weiter gar nichts, als ein ganz oberflächliches und unvollſtändiges De - gummieren. Durch dieſe Operation werden die am leichteſten löslichen Anteile des Seidenleims aus der Rohſeide entfernt. Das Bleichen ge - ſchieht durch Eintauchen der „ entfetteten “Rohſeide in eine verdünnte Löſung von Königswaſſer. Dieſe wird bereitet durch Miſchen von 5 Teilen Salz - ſäure mit 1 Teil Salpeterſäure und Verdünnen mit Waſſer bis auf 2 bis 2,5° B. Das konzentrierte Säuregemiſch wird vor der Verdünnung 4 bis 5 Tage beiſeite geſtellt, und erſt kurz vor dem Gebrauche mit Waſſer ge - miſcht. Hummel empfiehlt die Anwendung einer Temperatur von 20 bis 25° R. und eine Wirkungsdauer von 8 bis 10 Minuten. Das Bleichen der Seide nach dieſem Verfahren bedarf großer Vorſicht und Erfahrung, da das in der Bleichflüſſigkeit enthaltene freie Chlor zerſtörend auf die Faſer wirkt; andererſeits wird auch durch die Salpeterſäure bei zu langer Dauer der Wirkung die Faſer gelblich gefärbt und damit der eigentliche Zweck in Frage geſtellt. Daher gehört für dieſe Operation des Bleichens ein er - fahrener Mann. Unmittelbar nach dem Herausnehmen aus dem Bleichbade muß die Seide in Waſſer gut gewaſchen werden. Das Schwefeln be - ſteht in einem Behandeln der gebleichten Seide mit Schwefligſäuredampf.
Nun folgt ſofort das Aſſouplieren oder Weichmachen der ge - ſchwefelten Seide. Dieſes beſteht in einem 1½ ſtündigen Kochen mit einer Löſung von 3 bis 4 Promille Weinſtein (Kaliumbitartrat), und nachheri - gem Waſchen in warmem Waſſer. Das klingt ſehr einfach, iſt aber eine der heikelſten Operationen bei der Verarbeitung der Rohſeide. Wird die Löſung zu lange auf Siedetemperatur gehalten, ſo löſt ſich von neuem ein weiterer Anteil des Seidenleims und führt zu Gewichtsverluſten, welche dem Zwecke der Operation keineswegs entſprechen. Es möchte ſich auch hier empfehlen, die Löſung nicht bis zur Siedetemperatur zu erhitzen. Aehnlich wie der Weinſtein wirkt auch das Natriumbiſulfat, und ſelbſt mit ſehr verdünn - ter Salzſäure wird das gleiche Reſultat erzielt. Es ſcheint, daß hier die freie Säure bei einer wenig unter dem Siedepunkt liegenden Temperatur den Seidenleim chemiſch verändert und ihn in eine minder leicht lösliche Modifikation überführt, wodurch zugleich die Seide weniger zäh wird, als durch das Abkochen. Der Hauptunterſchied zwiſchen dem Entſchälen und dem Souplieren beſteht demnach in der Verwendung alkaliſcher Bäder beim Entſchälen, und ſaurer beim Souplieren. Die Soupleſeide iſt daher als eine gebleichte Rohſeide zu betrachten, welche noch den größten Teil des Seidenleimgehalts der Rohſeide in wahrſcheinlich chemiſch veränderter Ge - ſtalt enthält. Sie zeigt daher auch ein von der reinen Seide abweichendes chemiſches Verhalten gegen alkaliſche oder Seifenbäder, beſonders in höherer39 Temperatur, und das Färben von Soupleſeide erfordert daher Umſicht und Erfahrung.
Eigenſchaften der Seide. Die Seide hat mit der Wolle die Eigen - ſchaft gemein, ziemlich bedeutende Mengen Feuchtigkeit aufzunehmen (bis zu 30 Prozent), ohne dabei feucht zu erſcheinen; der Waſſergehalt läßt ſich nach der äußeren Beſchaffenheit der Seide nicht abſchätzen. Bei dem hohen Handelswert der Seide iſt es daher von großem Wert, den Feuchtig - keitsgehalt genau zu erfahren. Das geſchieht durch das Konditionieren der Seide (ſ. unten). Der gewöhnliche Waſſergehalt beträgt 10 bis 18 Pro - zent, in den Konditionieranſtalten läßt man einen Gehalt von 11 Prozent als Norm gelten. In warmes Waſſer getaucht, nimmt trockene Seide weitere Waſſermengen auf, ſie quillt auf, ohne ſich zu löſen; dabei zieht ſie ſich gleichzeitig etwas zuſammen. Das ſpezifiſche Gewicht iſt 1,367. Zu der charakteriſtiſchen Eigentümlichkeit der Seide gehört ihr Glanz; dieſer kommt der Rohſeide in erhöhtem Maße zu; bei degummierten Seiden iſt der Glanz geringer, er läßt ſich jedoch durch rein mechaniſche Behandlung, durch Strecken des Seidengarns, in hohem Maße herſtellen. Der Glanz iſt ſomit als eine Folge der Oberflächenſpannung zu betrachten, während er bei der Roh - ſeide von dem Sericin herrührt. Dieſe Streckbarbeit iſt eine Folge der un - gemein großen Elaſtizität; eine Seidenfaſer kann um 1 / 7 bis ⅕ ihrer normalen Länge geſtreckt werden, ohne zu zerreißen. Die entſchälte Seide beſitzt eine um 45 Prozent geringere Elaſtizität als die Rohſeide. Mit der Streckung nimmt bei der Seide der Glanz zu (bei der Wolle iſt das Umgekehrte der Fall). An Glanz wird die Seidenfaſer von keiner andern Faſer erreicht. Die Weichheit der Seide iſt am größten bei der völlig entſchälten Seide; ſie nimmt ab in dem Maße, in welchem der Pro - zentgehalt an Seidenleim zunimmt, und macht bei Rohſeide einer gewiſſen Härte Platz; ſie iſt ferner bei der geſtreckten Faſer geringer, als bei der nicht geſtreckten. Die Feinheit der Seide iſt abhängig von der Anzahl der beim Abhaſpeln zuſammengelegten Coconfäden. Der Feinheitsgrad der Handelsware wird durch das Titrieren der Seide (ſ. unten) beſtimmt. Die Feſtigkeit der Seide iſt bedeutender als die jeder anderen Geſpinnſt - faſer; ihre Reißlänge*)Vergl. unter Wolle S. 20. beträgt (für Rohſeide) 30,8 km; d. h. ein Rohſeiden - faden, welcher durch ſein Eigengewicht ohne anderweite Belaſtung bei freiem Hängen von ſelbſt zerreißt, müßte etwa 4 Meilen lang ſein. Im Zu - ſammenhang mit dieſer Feſtigkeit ſteht auch ihre Widerſtandsfähigkeit gegen klimatiſche Einflüſſe; ſie fault nur ſehr ſchwierig, wird auch von Motten nur ſelten angefreſſen; nur gegen Stockflecke iſt ſie ziemlich empfindlich. Die Seide iſt ein ſchlechter Elektrizitätsleiter; lufttrockene Seide wird durch Reiben leicht elektriſch, ein Umſtand, der bei der Seidenwarenfabri - kation leicht fatal werden kann; etwaigen Entladungen kann durch Arbeiten in feuchter Luft vorgebeugt werden.
Einige Autoren zählen auch das eigentümliche Kniſtern oder „ Krachen “der Seide zu den charakteriſtiſchen Eigenſchaften. Das iſt jedoch nicht richtig. Das „ Krachen “gehört ganz und gar nicht zu den Eigentümlichkeiten der Seide; vielmehr iſt es eine Eigenſchaft, welche ihr durch beſondere Behand - lung, vornehmlich durch ſaure Bäder, erſt erteilt wird, die ſie alſo40 durchaus nicht als ihr eigentümlich beſitzt. Rohſeide ſowohl wie entſchälte Seide beſitzen dieſe Eigenſchaft keineswegs.
Maßgebendes für die Wertbeſtimmung der Seide. Um den Handelswert der Seide zu beſtimmen, iſt nächſt ihrem äußeren Ausſehen die Kenntnis des Feuchtigkeitsgehalts und des Feinheitsgrades nötig (ſ. oben). Dieſe beiden Faktoren werden ermittelt durch das Konditionieren und das Titrieren.
Das Konditionieren der Seide wird in beſonderen Anſtalten: Konditionieranſtalten, ausgeführt. Ein gewiſſes Quantum der einge - lieferten Seide wird gewogen, kommt dann in den Konditionierapparat, wird dort in einem Trockenapparat durch auf 110° C. erhitzte trockne Luft von ihrer Feuchtigkeit befreit ſo lange, bis keine Gewichtsabnahme mehr ſtatt - findet, und dann wieder gewogen. Die Differenz zwiſchen der erſten und letzten Wägung gibt den abſoluten Waſſergehalt an. Als Norm gilt nicht die abſolut trockene Seide, ſondern eine Seide mit 10 Prozent Waſſerge - halt, welche alſo 90 Prozent abſolut trockene Seide enthält. Das Handels - gewicht der Seide wird demnach durch Hinzuzählen von 11 Prozent von dem feſtgeſtellten Gewicht der abſolut trockenen Seide gefunden. Beiſpiel. Eine Seide verliert in der Konditionieranſtalt 18 Prozent an Gewicht; von einer derartigen Seide enthalten alſo 100 kg nur 82 kg abſolut trockene Seide; das Handelsgewicht würde aber auf 91 kg lauten (82,0 + 8,2 + 0,8). 100 kg ſolcher 18 Prozent Waſſer enthaltenden Seide würden mit - hin nur als 91 kg Seide von normalem Feuchtigkeitsgehalt gelten. Die ausführliche Beſchreibung des dazu verwendeten Apparates iſt beim Kondi - tionieren der Wolle S. 21 zu erſehen.
Das Titrieren der Seide bezweckt die Feſtſtellung des Feinheits - grades ſowohl der Rohſeide wie der gezwirnten Seide. Dieſe wird durch Vergleichung gefunden, indem angegeben wird, wie oft eine gewiſſe Faden - länge in einer gewiſſen Gewichtseinheit enthalten iſt. Als Norm für den Feinheitsgrad oder Titer (daher Titrieren) der Seide gilt eine Längeneinheit von 1000 m, deren abſolutes Gewicht zu der Garnnummer führt, wenn man die Zahl 1000 (1000 g = 1 kg) durch dieſes Gewicht dividiert (Beſtimmungen des Kongreſſes für einheitliche Garnnumerierung in Turin).
Chemiſche Zuſammenſetzung. Die Seidenfaſer beſteht nach dem vollſtändigen Entfernen des Sericins aus reinem Fibroin (vergl. oben S. 34), einer der Hornſubſtanz naheſtehenden, aber keineswegs damit gleichbedeutenden Subſtanz; der Unterſchied wird für den Laien am beſten beim Verbrennen bemerkbar; Seide verbrennt ohne den widerlichen Geruch, wel - chen Wolle beim Verbrennen verbreitet.
Die durchſchnittliche Zuſammenſetzung beträgt:
Schwefel enthält die Seidenfaſer nicht. Wohl aber enthält ſie noch 2 bis 2¼ Prozent Fett, Wachs und harzähnliche Stoffe.
41Chemiſches Verhalten der Seide. Es iſt durchaus notwendig, ſich zuvor darüber zu verſtändigen, was man unter „ Seide “verſtanden wiſſen will; eine vollkommen entſchälte Seide zeigt natürlich ein ganz anderes Ver - halten, wie die Rohſeide oder die Soupleſeide. Da ich die Eigenſchaften der Rohſeide bereits S. 39 näher beſprochen, will ich hier vom Verhalten der entſchälten Seide ſprechen. — Kaltes Waſſer übt keinen Einfluß auf die Seide, ſelbſt bei längerem Kochen iſt ſie darin völlig unlöslich. Dagegen wird mit Waſſer befeuchtete Seide bei beſtändigem längerem Luft - zutritt etwas löslich, infolge Aufnahme der Beſtandteile von Waſſer und Luft in den Fibroinkörper unter Bildung von Seidenleim. — Alkohol wird von der Seide begierig aufgeſogen und hartnäckig feſtgehalten, es tritt jedoch keine Löſung der Seide ein. — Säuren, beſonders konzentrierte und beim Erwärmen, löſen oder zerſtören die Seide. Kochende Salzſäure von gewöhnlicher Stärke löſt die Seide raſch und vollkommen (Unterſchied von Wolle); Salzſäuregas zerſtört die Faſer, ohne zu löſen; ſtark ver - dünnte Salzſäure wirkt wenig oder gar nicht ein. Starke Salpeter - ſäure zerſtört raſch und vollſtändig, verdünnte bewirkt nur Gelbfärbung infolge Bildung von Xanthoproteïnſäure. Konzentrierte Schwefelſäure löſt die Seide zu einem braunen Sirup auf, welcher ſich in Waſſer klar löſt; verdünnte wirkt faſt gar nicht ein. Schweflige Säure, am beſten in Dampfform, bleicht die Seidenfaſer. Eine kalt geſättigte, dann mit dem gleichen Volumen Waſſer verdünnte Chromſäurelöſung löſt die Seide nach 1 Minute langem Kochen unter Oxydation vollſtändig auf (v. Höhnel). Eiseſſig*)Vergleiche meine Anſchauungen über die Wirkung der Eſſigſäure bei Ge - legenheit der Mulderſchen Analyſenreſultate S. 34., geſchmolzene Oxalſäure und Zitronenſäure löſen nach Lidow bei höherer Temperatur die Seide leicht und vollkommen auf. — Löſungen von Alkalien löſen die Seide bei genügender Konzentration und beim Erwärmen raſch und vollſtändig; verdünnte alkaliſche Löſungen bewirken nur ein Aufquellen der Seide unter teilweiſer Löſung. Ammoniak wirkt ſelbſt beim Erhitzen nicht merklich ein. Aetzkalk in Löſung macht bei längerem Behandeln die Seide brüchig und zerſtört ſchließlich die Faſer. — Löſungen von Alkalicarbonaten wirken ähnlich wie die Aetzkalien, nur weit ſchwächer; kohlenſaures Ammoniak wirkt gar nicht ein. — Chlor und die löslichen Hypochlorite zerſtören die Seide leicht und ſchnell; ſie dür - fen daher nicht zum Bleichen der Seide verwendet werden. Ab - wechſelnde Einwirkung einer ſtark verdünnten Hypochloritlöſung und atmo - ſphäriſcher Luft bewirken keine Zerſtörung der Faſer, machen dieſelbe viel - mehr empfänglicher zur Aufnahme von Farbſtoffen. Ich erlaube mir daran zu erinnern, daß ein ähnliches Verhalten bei der Einwirkung von Waſſer - ſtoffſuperoxyd auf Celluloſe beobachtet worden iſt; auch im vorliegenden Falle bewirkt wahrſcheinlich das Chlor eine Abſpaltung von Waſſerſtoff unter Bil - dung von Oxyfibroin. — Gewiſſe Metallſalze erleiden durch die Seide eine teilweiſe Zerſetzung. In dieſem Punkte verhält ſich die Seide der Wolle ähnlich. Die Löſungen von Thonerde -, Zinn - und Eiſenſalzen wer - den ſchon bei gewöhnlicher Temperatur (Unterſchied von der Wolle) als baſiſchere, ſchwerer lösliche Verbindungen in der Faſer eingelagert. Aehnlich wie die Wolle, ſcheint auch die Seide dabei die Rolle einer ſchwachen Säure zu ſpielen. Auf der Thatſache einer derartigen Zerlegung gewiſſer Metall -42 ſalze beruht die Anwendung derſelben zum Beizen der Seide. — Einige Salzlöſungen beſitzen die Eigenſchaft, die Seide ohne Zerſetzung oder Veränderung vollkommen aufzulöſen. Hierher gehört in erſter Linie (nach Perſoz) eine 60° B. ſtarke Löſung von baſiſchem Chlorzink, welche die Seidenfaſer in der Kälte nur langſam, bei Anwendung von Wärme aber leicht und ſchnell zu einer dicklichen, leimähnlichen Flüſſigkeit umwan - delt. Aus dieſer Löſung wird das Fibroin durch Verdünnen mit Waſſer in weißen Flocken gefällt, welche nach dem Auswaſchen des Chlorzinks ſich in Ammoniak löſen. Werden die Flocken nach dem Auswaſchen bei 110 bis 115° C. getrocknet, ſo werden ſie glasähnlich und härter, löſen ſich dann aber nicht mehr in Ammoniak. Eine derartige konzentrierte Chlor - zinklöſung löſt weder Wolle noch Baumwolle, Seide hingegen quantitativ; ſie iſt daher von Remont zur Trennung und Beſtimmung der Seide von anderen Geſpinnſtfaſern benutzt worden. Für Arbeiten dieſer Art empfehle ich eine Löſung von 100 Teilen Chlorzink in 85 Teilen deſtilliertem Waſſer, worin nach erfolgter Klärung noch 4 Teile Zinkoxyd gelöſt werden. — Aehnlich wie Chlorzink wirkt eine Löſung von Kupferoxyd-Ammoniak. Eine vorzüglich wirkende Löſung dieſer Art erhält man nach Peligot, wenn man Kupferſpäne, oder beſſer elektrolytiſch gewonnenes fein verteiltes Kupferpulver mit ſtarkem Ammoniak übergießt und dafür ſorgt, daß reichlich Luft zutreten kann. Die Peligotſche Kupferlöſung löſt in der Kälte außer Seide auch Baumwolle. Wolle wird davon erſt beim Erhitzen ge - löſt; aus einer ſo erhaltenen kalten Baumwollenlöſung wird die Baumwolle durch neutrale Salze, Zucker oder Gummi als Celluloſe wieder ausgefällt; eine gleich bereitete Seidenlöſung wird durch dieſe Reagentien aber nicht gefällt. — Nach Schloßberger löſt eine ammoniakaliſche Löſung von Nickeloxydul die Seide leicht auf, läßt aber Baumwolle unver - ändert. — Hummel empfiehlt eine alkaliſche Löſung von Kupfer und Glyce - rin als ausgezeichnetes Löſungsmittel für Seide, wogegen Wolle und Baum - wolle darin ungelöſt bleiben. Zur Darſtellung dieſer Löſung löſt man 16 g Kupferſulfat in 140 bis 160 ccm deſtilliertem Waſſer und 8 bis 10 g rei - nem Glycerin und fügt Natronlauge tropfenweis ſo lange hinzu, bis der zuerſt gebildete Niederſchlag ſich eben wieder gelöſt hat. Der Natronlauge - zuſatz muß vorſichtig geſchehen, um ein Vorwalten derſelben zu vermeiden. Seide im trocknen Zuſtande iſt nicht ſo empfindlich gegen Wärme als die Wolle; bei 110° verliert ſie ihre letzten Anteile von Feuchtigkeit, bleibt aber ſonſt unverändert. Bei höherer Temperatur als 170° C. zerſetzt ſie ſich ſchnell unter teilweiſer Verkohlung.
Das chemiſche Verhalten der wilden Seiden iſt noch wenig ſtudiert. In der Litteratur findet ſich bisher nur eine Notiz v Höhnels, wonach Tuſſah -, Ailanthus -, Yamamaiſeide und andere fremde Seiden ſelbſt nach 2 bis 3 Minuten langem Erhitzen in halbgeſättigter Chromſäurelöſung nicht angegriffen erſcheinen. Beim Kochen mit konzentrierter Salzſäure brauchen die fremden Seiden mindeſtens 2 Minuten zur Löſung, während Maulbeer - ſeide ſich in ½ Minute auflöſt. Auch gegenüber mäßig konzentrierter kochen - der Kalilauge iſt das Verhalten der fremden Seiden ein anderes, und zwar werden dieſelben auch hier langſamer angegriffen, als die echte Seide. (v. Höhnel, Mikroſkopie der Faſerſtoffe.)
43Formen, in denen die Seide zum Färben gelangt. Abgeſehen von der Maraboutſeide kommt Rohſeide nicht zum Färben. Der Färber wird meiſt Seidengarn oder Seidengewebe zum Färben erhalten. Ueber die große Anzahl gezwirnter Seiden iſt oben bei der Verarbeitung der Rohſeide ausführlich geſprochen worden. Es wird aber im Intereſſe des Färbers liegen, ſich bei Empfang der Ware über deren Herkunft und Qualität, vor allem über den Grad der Entſchälung zu vergewiſſern, da er ſeine Färbeoperationen dementſprechend einrichten muß. Andernfalls könnte er infolge bedeutenden Gewichtsverluſtes mit ſeinem Auftraggeber leicht in Differenzen kommen Die Seidengewebe oder Seidenzeuge entſprechen nach Art der Herſtellung und der Einteilung den Wollengeweben. An die - ſer Stelle intereſſieren uns nur die Gewebe aus reiner Seide, welche Organſinſeide als Kette, Trameſeide als Schuß erhalten. Die große An - zahl von Geweben, welche durch Verweben von Seide mit Kammgarn oder von Seide mit Baumwolle hergeſtellt wird, und welche als Halbſeide be - zeichnet wird, werden in einem ſpäteren Kapitel „ Gemiſchte Gewebe “näher behandelt werden. Von den Geweben aus reiner Seide unterſcheidet man, ähnlich wie bei den Kammgarnſtoffen:
1. Glatte Stoffe: a) Taffets; leichtere Gewebe aus entſchälter und abgekochter Seide; dieſe zerfallen in eine Menge von Unterarten je nach der Anzahl der zuſammengehaſpelten Fäden (Futtertaffet, Zanella, Florence, Avignon, Kleidertaffet, Doppeltaffet, Lüſtrine). b) Gros; dichtgewebte ſchwere Taffete aus beſonders ſtarken Fäden in Kette und Schuß, wodurch das Ge - webe feinkörnig, oder bei ſtarker Kette und leichtem Schuß gerippt erſcheint (Moiréeſeide, Gros de Naples, Seidenkamelott).
2. Geköperte Stoffe: a) Atlas (satin) aus beſter Organſinſeide als Kette; der dichteſte und ſchwerſte iſt der satin fort, 10 bindig; der eigentliche Atlas iſt 8 bindig; der geringere 5 bindig. b) Levantin; c) Croiſé; d) Drap de soie; e) Serge; f) Bombaſin.
3. Gemuſterte Stoffe: In unendlicher Mannigfaltigkeit mit einge - webten Muſtern, ein - oder mehrfarbig; ich kann nur die wichtigſten hier aufführen: Seidendamaſt mit großen Muſtern; Crépon mit Atlasmuſtern auf Grosgrund; gemuſterter Gros de Tours, Parisienne, faconnierte Florence. Unter Brillantſtoffe ſind die Fabrikate der Seidenbuntweberei (Wappen, Blumen, Arabesken, Landſchaften ꝛc. ) zu verſtehen, ebenſo ſind hierher die mit Gold - und Silbergeſpinnſt durchzogenen Buntgewebe, Gold - und Silberbrokatſtoff, zu rechnen.
4. Sammtartige Gewebe: Der echte Seidenſammt kommt ſo - wohl ungeſchnitten als aufgeſchnitten im Handel vor und findet zu teureren Kleidern, als koſtbare Möbel - oder Vorhangſtoffe, ſowie zu beſſeren Galanterie - waren Verwendung; der Seidenplüſch; der Velpel.
5. Gazeartige Gewebe: Seidenſtramin; Krepp oder Flor; Müller - gaze (Beuteltuch); Seidencanevas.
Die Haare ſind Oberhautgebilde, wie die Wolle (ſ. § 5) und beſtehen, wie jene, vorwiegend aus Horngewebe. Die Unterſchiede von Wolle und Haar ſind S. 11 bereits dargelegt; auch chemiſch iſt ein Unterſchied nicht44 vorhanden; der mikroſkopiſche Unterſchied iſt gleichfalls an obiger Stelle er - wähnt und wird durch die Zeichnungen Fig. 1 (S. 12) und Fig. 2 veran - ſchaulicht. Aehnlich der Wolle, zeichnen ſich auch die Haare durch einen be - ſtimmten Schwefelgehalt aus; nach v. Bibra enthalten z. B. Haſenhaare 3,06; Hundehaare 4,17; Kaninchenhaare 3,13; Rehhaare 2,1; Pferde - haare 3,7; Menſchenhaare 4 bis 8 Prozent Schwefel.
Die Gewinnung der Haare erfolgt in gleicher Weiſe wie bei der Wolle, durch Scheren.
Faſt alle Säugetiere liefern Haare, aber nur ein geringer Teil dieſer Haare hat Intereſſe für die Färberei. Hier intereſſieren uns nur diejenigen, welche zur Filz fabrikation dienen. Hierhin können wir zählen:
Haſenhaare.
1. Die Haſenhaare, von Lepus timidus; ſie ſind den Kaninchenhaaren ſehr ähnlich und nur ſchwer davon zu unterſcheiden (Fig. 7).
2. Die Hundehaare, von Canis familiaris; je nach der Race von der größten Verſchiedenheit.
3. Die Kameelhaare, von Camelus dromeda - rius und Camelus bactrianus; ſie ſind dunkelbraun bis ſchwärzlich, mit lichterer Spitze verſehen, 6 bis 9 cm und darüber lang, ziemlich fein, 40 bis 100 µ breit.
4. Die Kaninchenhaare, von Lepus cuniculus; ſie ſind weiß, grau bis ſchwarz, 3 bis 4 cm lang, ziemlich weich und circa 20 µ dick, an der Baſis und gegen die Spitze zu ſchmal, in der Mitte viel breiter, bandartig, und an den Längsrändern dicker als in der Mitte.
5. Die Kuhhaare, von Bos taurus, werden als Nebenprodukt der Gerberei gewonnen. Um die tieri - ſche Haut von ihnen zu befreien, wird erſtere ge - äſchert, das heißt, in Kalkbrühe eingelegt und dann ge - ſchabt. Dieſe Haare beſitzen daher immer die Haar - zwiebel und ihre natürliche Länge. Man findet dicke und ſtarre Grannenhaare mit breiten kontinuierlichen Markcylindern, und ſolche mit Markinſeln, deren Zellen ſehr dünnwandig ſind; ferner ſehr feine, markfreie Woll - haare, von etwa 16 bis 22 Mikromillimeter Dicke.
6. Die Ziegenhaare, von Capra hircus.
Die genannten Haare enthalten alle größere oder geringere Mengen eines grauen, braunen bis ſchwarzen Farbſtoffs eingelagert, welcher denſelben durch Schwefeln entzogen werden kann, über deſſen Natur etwas Zuverläſ - ſiges aber noch nicht bekannt iſt, ſo daß man annimmt, daß die Färbung der Haare nicht auf chemiſchen, ſondern auf phyſikaliſchen Verhält - niſſen beruhe. In der Praxis wird ein Bleichen der Haare wohl kaum vorkommen.
Die wertvollſte Eigenſchaft der Haare iſt ihre Plaſtizität; befeuchtet, behalten ſie diejenige Form, welche man ihnen dann gibt, auch im trocknen Zuſtande bei. Auf dieſer Eigenſchaft beruht die Verwendung der Haare zur Bereitung von Filz, Haarfilz. Die Verarbeitung zu Haarfilz geſchieht45 vorwiegend mittels Maſchinen. Für Färbereizwecke, ſpeziell für die Fabri - kation von Filzhüten aus reinen Haaren, kommt nur der Haarfilz in Be - tracht. Das Färben von Menſchenhaar gehört nicht in die Färberpraxis, und kann in dieſem Handbuch füglich unbeachtet bleiben. Beim Färben von Haarfilz wird es ſich wohl immer nur um ſchwarze oder dunkelbraune Far - ben handeln, worüber näheres im ſpeziellen Teil (§ 93) unter Filzfärberei.
Zu den tieriſchen Haaren ſind gewiſſermaßen auch die Byſſusfäden oder die Muſchelſeide zu rechnen. Es ſind das olivenbraune Fäden, von 3 bis 6 cm Länge, und 10 bis 100 µ Durchmeſſer. Dieſe Fäden dienen der Stockmuſchel (Mytilus edulis) zum Feſthalten an fremden Körpern, und beſtehen aus dem Spinnſtoffe, der aus der Byſſusdrüſe abgeſondert und durch einen beweglichen Fortſatz (Spinner) nach außen geleitet wird. Dieſe Fäden ſind ſolid und zerfaſern beim Zerreißen nicht; die feinern Fäden ſind faſt glatt, häufig um ihre Achſe gedreht und zeigen eine zarte regelmäßige Längsſtreifung. Chemiſch iſt die Byſſusſubſtanz dem Wollhaar naheſtehend. Im ſüdlichen Europa dienen die Byſſusfäden zur Herſtellung von Strümpfen, Handſchuhen u. dergl. m.
Was für die Säugetiere die Haare, das ſind für die Vögel die Federn. Auch ſie ſind Oberhautgebilde, unterſcheiden ſich aber durch große Flächen - entfaltung und einen ſymmetriſchen kunſtvollen Bau. Dem Bau nach be - ſtehen die Federn aus dem Kiel und der aus vielen parallelen Grannen gebildeten Fahne.
Die chemiſche Zuſammenſetzung iſt die gleiche, wie die der Wolle und Haare, auch ſie beſtehen vorwiegend aus Horngewebe. Ob die Federn auch Schwefel enthalten, iſt aus den Analyſen von Gorup-Beſanez nicht mit Sicherheit zu erſehen. Dagegen zeichnen ſich die Federn durch einen Fettgehalt aus (den ſie übrigens mit den Haaren teilen); charakteriſtiſch für ſie iſt ein verhältnismäßig hoher Gehalt an Kieſelſänre, welcher beim Haus - hahn bis 3,71 Prozent ſteigt. Was die Vogelfedern aber von allen ande - ren tieriſchen Oberhautgebilden unterſcheidet, iſt ihr Gehalt an Farbſtoffen; vielfach ſind ſie blendend weiß; in der Mehrzahl der Fälle ſind ſie farbig, und erſcheinen, beſonders bei dem Männchen, in allen erdenklichen Farben und Nüancen von oft wunderbarer Farbenpracht, welche durch den Glanz und das Schillern der Farben noch erhöht wird. Ueber die chemiſche Na - tur dieſer Farben wiſſen wir bislang noch gar nichts. Von in Subſtanz eingelagerten Farbſtoffen ſcheinen dieſelben nicht herzurühren, denn unter dem Mikroſkop fand Bruch bei allen Federn, gleichviel von welcher Farbe, nur dasſelbe bräunlich-ſchwarze Pigment: unter dem Mikroſkope iſt ein Farb - ſtoff nicht zu entdecken. Ihrer ſchönen und leuchtenden Farben wegen wer - den die Federn vielfach ohne weitere Vorbereitung als Schmuckfedern verwendet.
Die Vögel, welche beſonders Schmuckfedern liefern, ſind:
Von den genannten haben für Färbereizwecke beſonders die Straußfedern Bedeutung.
Alle Federn, gleichviel ob weiß oder farbig, enthalten, wie ſie in den Handel kommen, eine beſtimmte Menge Fett, welche dem Angehen und Ein - dringen der Farbſtoffe hinderlich iſt; es iſt daher notwendig, die Federn vor allem zu entfetten; grane oder dunklere Federn, welche für zarte Farben beſtimmt werden, müſſen behufs Zerſtörung des natürlichen Farbſtoffes zu - vor gebleicht werden. Wenn der Färber Naturfedern zum Färben erhält, wird er die erſtere Operation immer, die zweite vielfach, ſelbſt ausführen müſſen. Dieſe beiden, ſowie die weiteren das Färben vorbereitenden Ope - rationen finden ſich ausführlich behandelt im ſpeziellen Teil unter Federn - färberei (§ 94).
Mit den in § 8 behandelten Federn ſchließt die Reihe der tieriſchen oder animaliſchen Färbereimaterialien. Wir begegnen von der im folgen - den Paragraph behandelten Baumwolle an einer völlig anderen Reihe von Ge - webefaſern, welche pflanzlichen Urſprungs ſind und ſich weniger durch ihre phyſikaliſchen Eigenſchaften, um ſo mehr aber durch ihre mikroſkopiſchen und chemiſchen Eigenſchaften von den tieriſchen unterſcheiden. Während die tieriſchen Färbereimaterialien als Grundſubſtanz aus Horngewebe beſtanden, beſtehen die pflanzlichen oder vegetabiliſchen Geſpinnſtfaſern aus mehr oder minder reiner Celluloſe. Die Hornſubſtanz iſt ausgezeichnet durch einen gewiſſen Gehalt an Stickſtoff und an Schwefel und zeigt beim Verbrennen jenen unangenehmen Geruch, den wir als Sengen bezeichnen; die Celluloſe dagegen enthält weder Stickſtoff noch Schwefel, ſondern lediglich Kohlenſtoff, Waſſerſtoff und Sauerſtoff und verbreitet beim Verbrennen keinen Geruch. Dieſes iſt die einfachſte und leichteſte Unterſcheidung, wenn es ſich um nicht gemiſchte Geſpinnſtfaſern oder Gewebe handelt. Ein Garn oder Gewebe, welches beim Verbrennen keinen Geruch nach verbranntem Horn gibt, iſt alſo allemal frei von tieriſchen Geſpinnſtfaſern, enthält alſo keine Wolle oder Seide.
Dieſe kurze Betrachtung ſoll keineswegs in die Unterſuchung von[Ge - webefaſern] einleiten, ſondern lediglich die Grenze bezeichnen zwiſchen den beiden großen Klaſſen der tieriſchen und der pflanzlichen Geſpinnſtfaſern.
Zu letzteren zählen wir, ſoweit ſie für Färbereizwecke überhaupt in Be - tracht kommen:
Die Baumwolle, den Flachs, den Hanf, die Jute, die Neſſel, das Chinagras.
Von allen Geſpinnſtfaſern pflanzlicher Abſtammung iſt die Baumwolle zur Zeit die wichtigſte und gilt augenblicklich als der Hauptrepräſentant der vegetabiliſchen Gewebefaſern. Was wir als Baumwolle bezeichnen, ſind die aus faſt reiner Celluloſe beſtehenden Samenhaare der Baumwollenſtaude, ein weißer lockerer Flaum, welcher die Baumwollſamen einhüllt.
47Herkunft. Die Pflanzen, welche die Baumwolle liefern, ſind Bäume oder Sträucher der zur Familie der Malvaceen gehörenden Gattung Gossy - pium und zwar:
Die Gossypium-Arten tragen Samenkapſeln, welche zur Zeit der Frucht - reife aufſpringen, ſo daß ein Teil des Kapſelinhalts als dichter weißer Schopf heraustritt. Die Baumwollſamen (3 bis 5 in jeder Kapſel) werden dann mit den daran haftenden Samenhaaren, welche bei den verſchiedenen Arten von verſchiedener Länge und Stärke ſind, herausgenommen und ge - trocknet; die Samenhaare ſind meiſt rein weiß, nur bei Gossypium religio - sum ſind ſie gelblich. Die Samenhaare beſtehen aus kurzen, zum Ver - ſpinnen nicht geeigneten Haaren, der ſog. Grundwolle, welche den gerin - gern Teil ausmachen und meiſt gelblich bis intenſiv gelb, bei Gossypium hirsutum ſogar ſmaragdgrün ſind, und aus langen Haaren, welche die Haupt - menge bilden, der eigentlichen Baumwolle.
Gewinnung. Die Gewinnung beſteht in der mechaniſchen Trennung der Samenhaare von den Samen. Dieſe Operation heißt das Entkernen oder Egrenieren, und wird durch Maſchinen bewerkſtelligt, welche Egre - niermaſchinen heißen und aus einer Reihe kreisrunder Sägeblätter be - ſtehen, die auf einer gemeinſamen Walze ſitzen und in der Minute 90 bis 100 Umdrehungen machen. Die von den Samen befreiten Baumwollen - haare werden dann nach Länge, Farbe und Reinheit ſortiert, mit Hilfe von hydrauliſchen Preſſen in Säcke von Hanf oder Jute gepreßt (Amerika) oder in Tierhäute verpackt (Kleinaſien) und kommen als Rohbaumwolle in den Handel.
Handelsſorten der Baumwolle. Die Rohbaumwolle wird in ihren phyſikaliſchen Eigenſchaften bedingt ſowohl durch die Abſtammung von den48 verſchiedenen Gossypium-Arten, wie auch durch klimatiſche Einflüſſe und durch die Kultur in den Baumwollplantagen. Dieſer Umſtand macht eine ſcharfe Unterſcheidung der einzelnen Handelsſorten ſehr ſchwierig. Parla - tore hat 7 Haupttypen aufgeſtellt: 1. Nordamerikaniſche; 2. Südameri - kaniſche; 3. Weſtindiſche; 4. Oſtindiſche; 5. Levantiner; 6. Afrikaniſche; 7. Europäiſche. Todaro hat ſie dagegen in 50 Arten eingeteilt. Im Han - del werden die verſchiedenen Sorten nach dem Namen des Platzes oder der Gegend bezeichnet, wo ſie gewachſen ſind. Als Norm wird die Qualität der Produkte aus den hauptſächlichſten Produktionsgebieten wie folgt rangiert:
Dieſe ſieben Varietäten umfaſſen die, welche für uns die größte Wich - tigkeit im Handel beſitzen; ſelbſtverſtändlich gibt es noch viele andere, aber von geringerer Wichtigkeit bezüglich der Ausbreitung ihrer Kultur. Beiſpielsweiſe gibt es Fidji-Inſeln, Tahiti-Inſeln ꝛc. ꝛc., die im Preiſe hinter den Sorten, die an den Küſten von Georgia und Florida gewachſen ſind, rangieren.
Beſchreibung der verſchiedenen Varietäten*)Nach der Färberei-Muſterzeitung.. Sea-Island: Dieſe Sorte beſitzt alle Eigenſchaften, die eine vollkommene Baumwolle aus - machen, im höchſten Grade, da ſie lang und ſeidenartig in der Faſer und glänzend in der Farbe iſt, obgleich ſie unglücklicherweiſe in vielen Ernten eine große Menge ſehr kurzer und unreifer Faſern enthält, die ſich bei der Verarbei - tung zu Büſcheln vereinigen und, indem ſie ſich um die langen Faſern her - umlegen und verflechten, ſich äußerſt ſchwer entfernen laſſen; ſie verur - ſachen oft noch großen Verdruß, indem ſie ſich in den ſpäteren Stadien der Verarbeitung aufdrehen. Der allgemeine Charakter dieſer Sorte jedoch ſteht weit über allen anderen, weshalb ſie im Handel am höchſten geſchätzt wird und nur zur Produktion der feinſten Baumwollfabrikate dient, wie Mouſſe - lin, Spitzen ꝛc. ꝛc., ſowie namentlich auch als Nähgarn. Sie wird jetzt auch viel in der Seidenmanufaktur gebraucht, da eine Miſchung dieſer bei - den Materialien für gewiſſe Waren erforderlich iſt.
Dieſer ſteht am nächſten die
Aegyptiſche Baumwolle: Dieſe Varietät wird wiederum in drei andere eingeteilt, nämlich: Gallini, Braun und Weiß. Die Gallini - Baumwolle iſt die vollkommenſte der ägyptiſchen Art, da ſie eine ſchön lange und feine Faſer beſitzt, jedoch hierin der Sea-Island nicht gleichkommt. Was die Länge ihrer Faſer anbetrifft, ſo iſt dieſelbe oft ſehr unregelmäßig, da ſie in manchen Lieferungen einen beträchtlichen Prozentſatz kurzer Faſern enthält, die entfernt werden müſſen, ehe die Baumwolle mit beſtem Nutzen49 verarbeitet werden kann, und dies kann eigentlich nur geſchehen, indem man ſie durch die Kratzmaſchinen gehen läßt. Wenn man die verſchiedenen Stadien der Manipulation ſorgfältig beobachtet, ſo wird man finden, daß eine verhältnismäßig große Menge von ſchlechtem Abfall gewonnen wird. Und das läßt ſich auf dieſen Fehler zurückführen, da die lange Faſer ſtets beſtrebt iſt, die kürzere herauszuziehen, ſo daß es eine Unmöglichkeit iſt, eine kurzfaſerige mit einer langfaſerigen Varietät erfolgreich zu vereinigen. — Die braune ägyptiſche Baumwolle iſt bemerkenswert wegen ihrer anziehen - den Erſcheinung, denn ſie iſt von tiefer Crême - oder Orangefarbe. Die Tiefe dieſer Färbung variiert ſeltſamerweiſe in geringem Grade bei ver - ſchiedener Witterung: die Farbe iſt dunkler, wenn die Luft feucht, und heller, wenn die Atmoſphäre trocken und warm iſt. Wegen ihrer Farbe kann dieſe Varietät nicht in Verbindung mit einer anderen benutzt, ſon - dern muß für ſich verarbeitet werden, wenn ſie zur Herſtellung von ver - hältnismäßig hohen Nummern von Garn benutzt werden ſoll, da ſie die Eigenſchaft einer langen und feinen Faſer beſitzt, worin ſie ſogar der Gallini - varietät, die wir ſchon beſchrieben haben, wenig, wenn überhaupt, nachſteht. Aus dieſem Grunde wird ſie gut bezahlt und nimmt in der Gunſt und Achtung der Kaufleute die dritte Stelle ein.
Die weiße ägyptiſche Baumwolle wurde urſprünglich aus amerikani - ſchem Samen gezogen, aber dank dem beſſeren Boden und Klima für das Wachstum der Baumwollpflanze hat ſie ſich zu einer vollkommeneren Form entwickelt als ihre Stammform. Unglücklicherweiſe jedoch iſt dieſe Varietät oft ſehr ſchmutzig, da ſie manchmal beträchtliche Mengen von Blättern, Samen ꝛc. enthält, die beim Durchlaufen der Operationen oft aufgebrochen werden und mit dem ſonſt guten Material ſich miſchen, wodurch die Garne, wenn Schalen nicht vorher ſorgſam entfernt werden, ein ſchmutziges und unregelmäßiges Ausſehen erhalten und dadurch in vielen Fällen allen Be - teiligten Unannehmlichkeiten und Verdruß verurſachen.
Braſilianiſche und Peruvianiſche Baumwolle: Der ägypti - ſchen zunächſt ſteht die ſüdamerikaniſche Baumwolle, bekannt als braſiliani - ſche und peruvianiſche. Der Baumwollſorten, die unter dieſem Namen kom - men, ſind viele und verſchiedenerlei, ſowohl bezüglich der Struktur und Qualität der Faſer, wie auch bezüglich der Farbe; im allgemeinen jedoch beſitzen ſie eine lange Faſer, in vielen Fällen vollkommen gleich der ägypti - ſchen, aber ſie iſt von rauherer Natur, daher weniger geſchmeidig und der Drehung nicht ſo nachgiebig. Die beſſeren Qualitäten dieſer Sorte werden oft in Verbindung mit ägyptiſcher Baumwolle gebraucht, ſo die Produktions - koſten des Garnes vermindernd und den Fabrikanten größeren Nutzen ver - ſchaffend. Die Ernten der ſüdamerikaniſchen Baumwollen ſind manchmal ſehr verunreinigt, indem ſie bedeutende Mengen zerbrochener Blätter, Sa - men ꝛc. enthalten, wodurch die ſorgfältigſte und gründlichſte Arbeit in den vorbereitenden Prozeſſen des Reinigens nötig wird, wenn man ein befriedigen - des Garn haben will. Eine kurze Beſchreibung der wichtigſten Arten iſt folgende:
Pernambuco: Eine der beſſeren Baumwollſorten von feiner Crême - farbe, der ägyptiſchen ſehr wenig nachſtehend, von dieſer nur in der Fein - heit und Elaſtizität der Faſer unterſchieden. Dieſe Varietät iſt gewöhnlich auch ſehr teuer.
Ganswindt, Färberei. 450Maranham: Mehr Unregelmäßigkeit und Abwechſelung in der Fein - heit der Faſer, dieſe auch kürzer als bei der vorigen Varietät, und noch mehr verunreinigt. Nichtsdeſtoweniger iſt es eine recht gute Baumwolle und wird in 60er Garn geſponnen, wenn ſie zugleich mit ägyptiſcher ver - wendet wird.
Ceara: Eine der Maranham ſehr ähnliche Baumwolle, vielleicht ſo - gar eine Idee beſſer.
Bahia: Im allgemeinen den anderen vorherigen Arten nachſtehend, da kürzer in der Faſer und drahtartig. Sie iſt auch unreiner, da ſie bis - weilen viel Samen, Schalen und andere Verunreinigungen enthält. Doch beſitzt ſie eine gute Eigenſchaft in der Länge ihrer Faſer, worin ſie ſowohl Maranham wie Ceara übertrifft, Pernambuco aber nicht erreicht.
Die ſüdamerikaniſchen Baumwollen als Ganzes ſind lang im Faden, aber gröber als andere Varietäten mit derſelben Eigenſchaft. Sie variieren auch beträchtlich zu verſchiedenen Zeiten, weshalb kaum zwei Ernten oder ſelbſt zwei Ballen einander gleich ſind, ſo daß man beim Vermiſchen mit beſſeren Sorten ſehr vorſichtig ſein muß. Dieſe Varietät wurde zuerſt in England vor etwas über hundert Jahren eingeführt, ſcheint aber damals in einem jämmerlichen Zuſtande geweſen zu ſein, thatſächlich voll von Blät - tern, Samen und unreifen Faſern.
Amerikaniſche Baumwolle: Im Range auf die peruvianiſche und braſilianiſche folgend, haben wir hier die Art, die man die „ Baumwolle des Handels “nennen könnte, nämlich die amerikaniſche, von der die Exiſtenz der engliſchen Fabriken geradezu abhängt. Der Anbau dieſer Pflanze hat vor einigen Jahren in den Vereinigten Staaten die rieſigſten Dimenſionen an - genommen, denn nicht weniger als 12000000 Acker werden mit Baumwolle beſäet, worauf nahezu 3000 Millionen Pfund oder ungefähr 6 Millionen Ballen Rohmaterial jährlich gewonnen, wovon etwa ⅔ nach Großbritan - nien exportiert werden. Die amerikaniſchen Baumwollen ſind im all - gemeinen kurz in der Faſer, aber verhältnismäßig fein und von kleinem Durchmeſſer.
Die hauptſächlichſten unter den verſchiedenen Varietäten amerikaniſcher Baumwolle ſind folgende:
Orleans, Texas, Upland und Mobile.
Orleans: Dies iſt das feinſte Produkt der amerikaniſchen Ernte, da ſie ſehr rein, von glattem, ſeidenartigem Anſehen, aber nicht ſo feſt wie ägyp - tiſche iſt. Die Faſern ſind viel biegſamer und elaſtiſcher, als bei der peru - vianiſchen, und ſie vereinigt ſich leicht ſowohl mit ägyptiſcher wie mit peru - vianiſcher.
Dieſe Baumwolle wird von den Abnehmern hoch geſchätzt wegen ihrer allgemeinen Vortrefflichkeit und Verwendbarkeit zum Spinnen mittlerer und grober Garne.
Dank der allgemeinen Gunſt, deren ſich dieſe Varietät diesſeits des atlantiſchen Oceans erfreut, ſind die Kaufleute jenſeits des großen Waſſers in einigen Fällen darauf gekommen, uns mit minderwertigen Sorten zu ver - ſorgen, die ſie in Orleans verſchifften in dem Glauben, ſie würden für Orleans gehalten werden.
Die Mehrheit der mit dieſer Baumwolle arbeitenden Spinner hat zu der einen oder anderen Zeit in ihren Lieferungen ein oder zwei Ballen ge -51 funden von viel geringerer Qualität, als die anderen oder die Probe. Das kann nur auf den angeführten Urſprung zurückgeführt werden, da der Unter - ſchied zu groß iſt, als daß er nur durch die gewöhnlichen Veränderungen der Witterung ꝛc., denen die verſchiedenen Ernten einer Baumwollart unter - worfen ſind, verurſacht ſein könnte.
Texas: Nächſt der Orleansbaumwolle folgt die als Texas bekannte. Dieſe Varietät wird nach Großbritannien in großen Mengen eingeführt und in großem Maße zur Herſtellung grober Garne benutzt. Die Länge der Faſer iſt noch geringer als bei Orleans, der allgemeine Charakter iſt aber derſelbe.
Uplands: Uplandbaumwolle wird zum Spinnen grober Garne ſehr geſchätzt, obgleich ſie gelegentlich beträchtliche Mengen von Sand und ande - ren Verunreinigungen enthält, außerdem auch mehr oder weniger unregel - mäßig in der Faſer iſt. Ihre Fäden ſind in der Regel von geringerer Feſtigkeit, und da dieſe Baumwolle von weicher Struktur iſt, ſo eignet ſie ſich mehr zum Spinnen von Schußgarn.
Mobile: Mobilebaumwollen ſind vorhergehenden Varietäten nach - ſtehend, von weißlicher Farbe, enthalten auch unglücklicherweiſe zu verſchie - denen Zeiten beträchtliche Mengen Blattſtückchen, Samen, Sand und andere Verunreinigungen, die natürlich bei der Arbeit große Verluſte verurſachen und infolgedeſſen den Handelswert herabſetzen.
Struktur und allgemeiner Charakter amerikaniſcher Baumwollen ſind folgende: 1. kurze, 2. ſchwache, 3. weiche Faſer und 4. weiße Farbe, in welcher Hinſicht ſie eine auffallende Erſcheinung im Vergleich zu den ägypti - ſchen Baumwollen darbieten.
Im Handel werden die amerikaniſchen Baumwollen zum Spinnen wei - cher Garne oder, techniſch ausgedrückt, ſogenannter Schußgarne benutzt, und auch nur für die ſchlechteren Sorten, da die Kürze der Faſer die Möglich - keit ausſchließt, zu einem ſehr feinen Faden ausgezogen zu werden. Bei weitem die größte Maſſe der Produktion der Lancaſhirer Maſchinen iſt aus amerikaniſcher Baumwolle; die davon geſponnenen Garne enthalten von ungefähr 40 Strähnen pro Pfund engl. abwärts, obgleich beim Miſchen mit braſilianiſcher oder der weißen Varietät der ägyptiſchen Baumwolle es bis auf ungefähr 60 feiner Strähne pro engl. Pfund gebracht werden kann.
Leider werden uns die amerikaniſchen Baumwollen bisweilen in ſehr ſchlechtem Zuſtande dargeboten, beſonders die geringeren Varietäten, die manchmal ſogar durch Zuſatz von Sand oder Waſſer ſehr beſchädigt wer - den, in der betrügeriſchen Abſicht, das Gewicht des Ballens zu vermeh - ren, eine Operation, die nicht allein einen Verluſt im Preiſe des Pfundes Baumwolle bedeutet, der für den Sand oder das Waſſer bezahlt wird, ſon - dern auch den Wert und die Verarbeitungsfähigkeit der Baumwolle im ganzen herabſetzt. Dieſe künſtlichen Zuſätze waren in einigen Fällen von ganz außerordentlicher Art; beiſpielsweiſe war in der Mitte eines Ballens, der bei einem Unternehmer in Oldham geöffnet wurde, ſo viel Sand, daß er mit einer Schaufel herausgenommen werden konnte, während in einigen ande - ren Ballen, welche zur Beobachtung kamen, ſo viel Waſſer zugeſetzt worden war, daß die Baumwolle vollſtändig verdorben und nicht zu gebrauchen war. 4*52Natürlich ſind derartige Fälle nur Ausnahmen, doch war das Beſtreben, das Gewicht bis zu gewiſſem Grade künſtlich zu vermehren, vor einiger Zeit ſehr allgemein und rief auf Seite der Spinner viel Unwillen hervor.
Indiſche Baumwolle: Im Anſehen der Kaufleute ſteht der ameri - kaniſchen die indiſche oder Suratbaumwolle am nächſten, im allgemeinen den vorhergegangenen Sorten viel nachſtehend, obgleich nicht viel kürzer oder gröber als die amerikaniſche. Der letzteren ſteht ſie nach, weil ſie unreiner iſt, was daher kommt, daß ſie in den vorbereitenden Prozeſſen des Aus - zupfens und Entkernens nicht ſo gut gereinigt wird. Seit einigen Jahren iſt dieſe Varietät ſehr in Nachfrage gekommen, ſo daß ſie die zweitwichtigſte Stelle in der Maſſe des Bedarfs einnimmt. Die hauptſächlichſten Varie - täten der indiſchen Baumwolle ſind folgende: Hingunhat, Oomrawattee, Broach, Dhollerah, und Dharwar.
Hingunhat: Dieſe erſte iſt viel wertvoller als die anderen, denn die Faſer iſt verhältnismäßig lang, fein und feſt, und frei von Blättern und den anderen Verunreinigungen, denen die indiſchen Baumwollen im allge - meinen unterworfen ſind. Dieſe Varietät wird oft mit amerikaniſchen Baum - wollen gemiſcht, da alsdann feinere Garne hergeſtellt werden können, als wenn ſie für ſich verarbeitet wird.
Oomrawattee: Iſt eine kürzerfaſerige Baumwolle als die letztge - nannte, wenn ſie aber extra gereinigt und entſamt wird, ſo iſt ſie trotzdem ſehr brauchbar für grobe Garne. Sie iſt gewöhnlich hübſch gleichmäßig in der Länge der Faſer und von hübſch glatter Farbe, enthält aber gelegent - lich eine große Menge zerbrochener Blätter ꝛc., die natürlich ihren Markt - wert herabſetzen.
Broach: Iſt eine Baumwolle mit einer durchſchnittlich kürzeren Faſer, als jede der beiden vorhergehenden; da ſie aber von feiner, weicher Beſchaffen - heit und gewöhnlich ſehr rein iſt, ſo wird ſie von den Spinnern lieber zur Herſtellung geringer Sorten Schußgarn benutzt, als Oomrawattee, und er - zielt deshalb auch einen höheren Marktpreis.
Dhollerah: Iſt oft ſehr ſchmutzig, enthält bisweilen keinen geringen Prozentſatz an Blättern, Samen, Sand und unreifen Faſern, die ihren Wert ſehr vermindern; andererſeits beſitzt ſie eine ſchön lange Faſer, die der von Hingunhat kaum nachſteht, obgleich ſie etwas gröber iſt.
Dharwar: Iſt faſt dieſelbe wie Dhollerabaumwolle, aber eher etwas lebhafter gefärbt, und wird nur zu den gröbſten Garnen genommen. Der beim Verarbeiten entſtehende Verluſt oder Abfall iſt ſehr beträchtlich.
Madras: Von dieſer Baumwolle ſind zwei Arten bekannt als Tinni - velly und Weſtern, wovon die erſte bei weitem beſſer als die andere iſt, nicht ſowohl in Bezug auf die Länge der Faſer, da beide in dieſer Be - ziehung ziemlich gleich ſind, ſondern in Bezug auf den allgemeinen Charak - ter der Baumwolle als Ganzes und ihre Fähigkeit, ſich verarbeiten zu laſſen. Tinnivelly ähnelt in mancher Beziehung der Broachbaumwolle, während Weſtern im Charakter einigermaßen der Dharwar ähnelt.
Von den indiſchen Baumwollen iſt die bengaliſche die ſchlechteſte, da ſie beträchtlich unter dem Durchſchnitt der ſchlechteſten Art unter den ande - ren Varietäten ſteht. Als der Import dieſer Art bei uns verſucht wurde,53 fand man, daß ſie ſich praktiſch nicht verarbeiten ließ, weil ſie zu ſtark ver - unreinigt war. Es iſt eine arme Sorte Baumwolle und von geringem Wert für den Handel.
Die indiſchen Baumwollen im ganzen ſind charakteriſiert durch 1. eine kürzere Faſer, 2. Unreinheit, 3. mehr unreife Faſern, 4. gröbere und un - gleichmäßigere Faſer als andere Handelsſorten; aber unabhängig davon, nehmen ſie eine ſehr wichtige Stellung ein in unſerem heimatlichen Konſum zur Herſtellung von Garn für gröbere Fabrikate. In vielen Fällen werden die beſſeren Sorten dieſer Baumwolle mit amerikaniſcher gemiſcht, was ihre Fähigkeit, verſponnen zu werden, vermehrt, weil ſonſt die Faſer zu kurz oder zu grob wäre, um ein beſtimmtes Garn zu erzeugen; und die amerikaniſche iſt für ſich zu teuer, weshalb beide in einem beſtimmten Verhältnis mitein - ander gemiſcht werden, ſo daß das gewonnene Garn zum möglichſt billigen Preis verkauft werden kann. Für ſehr geringe Nummern, etwa 10er bis 20er, wird dieſe Baumwolle oft mit dem Abfall beſſerer Varietäten gemiſcht, der ihr im allgemeinen gleich an Faſer und anderen Eigenſchaften iſt und ſich leicht mit ihr miſcht.
Als Zuſatz zu dem ſchon Mitgeteilten werden die nun folgenden Be - merkungen über die Herkunft, die Zeit des Pflanzens und der Ernte, und annähernde Daten, wann die neuen Baumwollernten in Liverpool eintreffen, für manchen von Intereſſe ſein:
Afrikaniſche Baumwolle: Von verſchiedenen Teilen Afrikas be - kommen wir eine Baumwollenvarietät, die in der That als recht gut zu be - trachten iſt, viel beſſer, als manche Varietäten der Suratebaumwolle. Die Inſel Bourbon erzeugte eine ſehr gute Sorte Baumwolle, deren Stapel fein und ſeidenartig war, von ſehr weißer Farbe und rein. Dieſe Varietät wurde ſehr geprieſen, wird aber jetzt ſehr wenig verarbeitet, da ſie durch die amerikaniſchen Unternehmungen mit der Kultur der Sea-Islandbaumwollen verdrängt worden iſt, welche noch beſſer ſind. Auf dem afrikaniſchen Konti - nente wird die Baumwollpflanze in beträchtlicher Ausdehnung gebaut; die Baumwolle wird, wie ſchon bemerkt, als recht gut betrachtet und erzielt im Durchſchnitt einen höheren Preis auf den engliſchen Märkten, als die Surate - baumwolle.
Amerikaniſche Baumwolle: Es iſt faſt überflüſſig zu erwähnen, daß dieſe in den ſüdlichen Staaten der amerikaniſchen Union wächſt. Das Pflanzen beginnt meiſt um den 20. März herum und dauert bis zum 10. April, je nach dem Wetter und anderen Urſachen auch noch länger. Die erſten Ballen kommen im allgemeinen Anfang Juli auf den Markt. Die Ernte dauert vom Juli bis zum November und manchmal bis zum nächſten Februar. Während des letzten Monats erſchien ein Bericht, daß ſie in einem Diſtrikt ſelbſt dann noch nicht vollendet war. Kleine Partien der neuen Ernte kommen Anfang September in Liverpool an. Die größten Zufuhren fallen vom November bis einſchließlich März.
Braſilianiſche Baumwolle: Die braſilianiſche Pflanze dauert be - merkenswerterweiſe drei Jahre aus und trägt im zweiten Jahr die beſte Ernte. Sie wächſt hauptſächlich in den Provinzen, deren Auswege Pernam - buco, Ceara, Maceio, Bolivia ꝛc. ſind. Sie wird meiſt im Frühjahr ge - ſäet, obgleich auch in manchen Gegenden das Pflanzen im November ſtatt - findet und dementſprechend auch die Leſe eher beginnt. Die gewöhnliche54 Erntezeit iſt vom Juli bis zum Dezember. Der zu uns verſchiffte Teil der Ernte kommt hauptſächlich von Dezember bis Mai an.
Aegyptiſche Baumwolle: Dieſe Baumwolle wächſt am Nil-Delta. Sie wird vom März bis April geſäet. Die allgemeine Ernte beginnt un - gefähr am 1. Oktober, obgleich einige Ballen ſchon im September nach Alexandria kommen. Die Ernte dauert bis zum Februar. Ankunft in Eng - land bis März.
Smyrna: Dieſe Baumwolle wächſt hauptſächlich in den Diſtrikten um Smyrna herum; die Plantagen liegen hauptſächlich in den Ebenen und auf den Abhängen am Meander und anderen Flüſſen, die von der Berg - kette des „ Sultan Dagh “abfließen. Saat - und Erntezeit ſind wahrſchein - lich ungefähr zuſammenfallend mit denen von Aegypten, da die Ernte un - gefähr zu derſelben Zeit auf den Markt kommt.
Oſtindiſche Baumwolle: Die unter dieſem Namen zuſammenge - faßten Baumwollenſorten wachſen hauptſächlich in der Umgebung vom Bom - bay, Madras, und in den nordweſtlichen und Centralprovinzen. In der Präſidentſchaft Bombay, den Centralprovinzen und den Berars findet die Ausſaat im Juni und Juli ſtatt. In Dharwar und den ſüdlichen Diſtrik - ten von Bombay, und in der Präſidentſchaft Madras wird ſie bis Auguſt und September aufgeſchoben. Die Leſe beginnt in den Berars im Novem - ber und in Guzerat im Dezember oder Januar, und dauert bis in den März oder April. In Madras fängt ſie im Februar oder März an und wird bis April oder Mai fortgeſetzt. Die erſten Lieferungen treffen in Bom - bay ungefähr in folgender Reihenfolge ein: — Oomrawattee ꝛc. Dezember und Januar; Broach Februar und März; Dhollera März und April; Comptha April und Mai. In Liverpool treffen die neuen Ernten unge - fähr im März zuerſt ein, und der hierher kommende Teil iſt im allgemei - nen vor Ende Auguſt vollſtändig abgeliefert.
Weſtindiſche Baumwolle: Dieſe liefert nur einen kleinen Beitrag zu unſerem Bedarf. Ausſaat, Ernte und Ablieferung in unſere Gegend ſind ungefähr gleichzeitig mit der braſilianiſchen.
Einige Varietäten der indiſchen Baumwollen nähern ſich in ihrer Struk - tur und ihren Merkmalen ſehr der wilden Baumwolle, indem ſie rauh und drahtartig ſind, und nicht aus hohlen, plattgedrückten, gedrehten Röhren, ſondern aus geraden und ſoliden Fäden beſtehen, oder doch teilweiſe. Das iſt das ausſchlaggebende Ausſehen der wilden Baumwolle, und aus dieſem Grunde iſt ſie, wenigſtens für Fabrikationszwecke, unbrauchbar.
Unter dem Mikroſkop iſt das Ausſehen der verſchiedenen Varietäten meiſt klar zu unterſcheiden, und das gibt eine leicht zu erwerbende und für den Verarbeiter leicht anwendbare Kenntnis der ver - ſchiedenen Faſern ab. Im folgenden iſt das Reſultat der mikroſkopiſchen Unterſuchung einiger der wichtigſten Varietäten enthalten:
1. Sea-Island. Viel feiner und klarer als eine der anderen Varie - täten. Die Drehung der Faſer ſcheint viel dichter zu liegen und faſt voll - kommen ſpiralförmig zu ſein. Die allgemeine Erſcheinung iſt gleichförmig und regelmäßig.
2. Gallini-Aegypten. Gleichmäßig gedreht, von kleinem Durch - meſſer, hat die Faſer ein klares und deutliches Ausſehen.
553. Braun-Aegypten. Gröber und nicht ſo regelmäßig wie Gallini; aber im ganzen hat ſie eine klare und ziemlich gleichmäßige Faſer.
4. Weiß-Aegypten. Die Faſer dieſer Varietät erſcheint viel flacher, als eine der beiden erſtgenannten Varietäten, die Drehung iſt weiter und nicht ſo regelmäßig, da die Faſer an manchen Stellen mehr gedreht iſt als an anderen.
5. Pernambuco. In der Dicke ziemlich regelmäßig, aber rauher und nicht ſo elaſtiſch, wie ſowohl New-Orleans als Aegypten. Die Faſer nicht ſowohl klar, als vielmehr eher rauh in den Umriſſen.
6. Orleans. Von ſpirocylindriſchem Bau, mit ſchön ausgeprägter Drehung, obgleich die Dicke der Faſer wechſelt, da einige gröber als an - dere ſind.
7. Upland. Bei weitem nicht ſo regelmäßig wie Orleans; die Wände der Faſern ſcheinen etwas dicker zu ſein. Manche Fäden ſcheinen der Dre - hung faſt ganz zu entbehren, andere ſind mehr ſpiralig.
8. Hingunhat. Von halbcylindriſchem Bau, grob, mit wenig ab - geflachten Rändern, faſt ganz ohne Drehung. Im Vergleich mit anderen Varietäten indiſcher Baumwolle erſcheint dieſe von viel beſſerer Beſchaffen - heit, weil ſie beſſer gedreht iſt und weniger volle Fäden enthält.
Vergleicht man einige Faſern Sea-Islands und Orleans miteinander unter dem Mikroſkop, ſo iſt der Unterſchied zwiſchen beiden ſehr auffallend. Bei der erſten iſt die Drehung dicht und regelmäßig und verleiht der Faſer ein viel zarteres Ausſehen, während die andere flacher und unregelmäßiger ausſieht.
Vergleicht man Gallini mit der weißen ägyptiſchen Baumwolle, ſo fällt dem Unterſucher ſofort der Unterſchied in der Dichte der Drehung und in der cylindriſchen Erſcheinung der beiden Varietäten auf, da die erſte in jeder Beziehung über der letzteren ſteht.
Die Gallini-Aegyptiſche Baumwolle ſteht, obgleich von ſehr hervorra - gender Beſchaffenheit, trotzdem weit unter Sea-Island, was man am beſten verſteht, wenn man die Faſern beider Varietäten zuſammen unter dem Mikro - ſkop prüft. Die Faſern der letzten erſcheinen viel feiner und verleihen der Drehung der anderen ein unregelmäßiges Anſehen im Vergleich mit dem eigenen.
Eigenſchaften. Die Baumwollfaſer, ohne Rückſicht auf die Varietät, erſcheint ſchon bei geringer Vergrößerung als ein zartes, farbloſes, am Rande verdicktes, ſtellenweiſe, ſeltener der ganzen Länge nach, korkzieherartig ge - drehtes Band. Dieſe Drehung iſt für die Baumwolle charakteriſtiſch. Es ſind dies keine vollen Fäden, ſondern flache, hohle Cylinder, bandförmig, unregelmäßig, korkzieherartig gedreht durch die ganze Länge und nach einem Punkte ſpitz zulaufend. Dieſe natürliche Drehung variiert bei den Faſern verſchiedener Varietäten, indem die feineren Arten unter dem Mikroſkop eine größere Zahl und mehr Gleichmäßigkeit der Drehungen zeigen als die gröbe - ren Varietäten. Dieſe natürliche Drehung iſt von großem Nutzen für den Spinnprozeß, dem die Baumwolle unterworfen wird, da, wenn ſie dieſe Eigenſchaft nicht hätte, die Leichtigkeit, mit welcher die Faſern vereinigt wer - den, ſtark vermindert würde. Man wird das Geſagte beſſer verſtehen, wenn man das ſehr einfache Experiment ausführt, ein paar Faſern Baumwolle56 zwiſchen Daumen und Zeigefinger zuſammenzudrehen, wonach man finden wird, daß ſie ſich nirgends wieder voneinander getrennt haben, ſondern in der Form verharren, in die ſie gedreht worden ſind; das iſt der erſte Teil des Experiments; und um nun zu beweiſen, daß dies auf den ſchon erwähn - ten Umſtand zurückzuführen iſt, ſo wird man finden, daß, wenn man den Verſuch mit anderem faſerigen Material wiederholt, die Faſern ſich teilweiſe, in manchen Fällen auch ganz, wieder auflockern, wenn ſie vom Druck der Finger befreit werden.
Thatſächlich iſt die Baumwollfaſer ein einzelliges Haar, welches einen etwas unregelmäßig erweiterten Kegel vorſtellt, da nach Wiesner*)Wiesner, Rohſtoffe des Pflanzenreiches. die größte Breite nicht mit der Baſis zuſammenfällt, ſondern, von der Spitze aus gerechnet, meiſt hinter der Mitte zu liegen kommt. — Bei ſtarker Ver - größerung ſieht man, wie der eigentliche Celluloſekörper noch mit einer ganz zarten, feinen Oberhaut (Cuticula) überzogen iſt, welche nicht aus Celluloſe - ſubſtanz beſteht, auch ſich in Kupferoxydammoniak nicht löſt, vielmehr bei der blaſenförmigen Aufquellung rund um die Zellen geſchloſſen bleibt, oder fetzenweiſe beiher hängt. Dieſe Oberhautſchicht zeigt ſich zart geſtreift und mit Körnern bedeckt; ſie iſt die Urſache der Seidigkeit einzelner Baumwoll - arten. Auch iſt bei ſtarker Vergrößerung noch eine innere Membranſchicht, welche das Lumen markiert, und welche dem Löſen durch Kupferoxydammoniak gleichfalls widerſteht, ſichtbar. Dieſe innere Membranſchicht ſchwimmt dann als ein gerollter 0,002 bis 0,006 mm dicker Schlauch in der verflüſſigten Celluloſe herum, bis ſie ſchließlich, wie auch die Cuticula, gallertartig auf - quillt. Dieſe beiden Gebilde ſind in Fig. 9 bei c und i deutlich markiert.
Zwiſchen reifen und unreifen Faſern iſt in der Struktur ein weſent - licher Unterſchied zu bemerken: in dem letzten Falle iſt die Drehung der Faſer ſparſam und unvollkommen, und anſtatt eine zuſammengefallene Röhre mit relativ dicken Wänden zu ſein, die verdickte Ränder erzeugt haben, ſind ihre dünnen, unfertigen Wände zuſammengefallen und bilden ein flaches Band ohne Drehung und ohne verdickte Ränder; eine Oeffnung iſt auf dem Durchſchnitt nicht zu bemerken.
Alle Arten Baumwolle enthalten eine größere oder geringere Menge unreifer Faſern, was nicht notwendig davon kommt, daß ſie vor vollkomme - ner Reife des Samens gepflückt worden ſind, ſondern davon, daß Länge und Reife an verſchiedenen Teilen des Samens variieren, wenn die Pflanze ſelbſt auch völlig reif iſt. Enthält die Baumwolle jedoch zu viel unreife Faſern, ſo rührt dies ſicher von der erſten Urſache her, da im zweiten Falle der Schaden nicht ſo groß ſein kann, um nicht ſehr leicht entdeckt zu werden, oder um beim Verarbeiten, namentlich auch beim Bleichen und Färben, viel Schwierigkeiten zu erzeugen, da die unreifen Faſern Farbſtoff äußerſt ſchwierig, wenn überhaupt, annehmen. In jedem Fall, wo eine Baum - wolle, die verarbeitet wird, viele unreife Faſern enthält, folgt notwendig daraus, daß die erzeugte Ware mangelhaft befunden werden wird. Da die unreifen Faſern Farbſtoffe nicht annehmen, werden ſie auch als tote Baum - wolle bezeichnet. Die Länge der Baumwollfaſer iſt durchſchnittlich 2,5 bis 6 cm, der Durchmeſſer 0,011 bis 0,05 mm. Der Durchmeſſer des Lumens beträgt ¼ bis ⅔ des Zelldurchmeſſers. Einzelne Sorten beſitzen57
Baumwolle.
Baumwolle durch Kupferoxyd - ammoniak aufgequellt.
einen gewiſſen Glanz, welcher von dem in der Cuticula enthaltenen Baum - wollenwachs herrühren ſoll; bei andern fehlt er wieder.
Die durchſchnittliche Länge der hauptſächlichſten Sorten wird wie folgt angegeben:
Chemiſches Verhalten der Baumwolle. Die Baumwolle iſt in Waſſer unlöslich, quillt auch in Waſſer nicht auf, und gibt beim Trocknen das geſamte Waſſerquantum wieder ab. Dagegen wird die Drehung mehr oder minder aufgehoben und die Faſern erſcheinen gerade geſtreckt (Fig. 8). Kalte verdünnte Mineralſäuren ſind ohne weſentlichen Einfluß auf die Baum - wolle; dagegen wirken heiße verdünnte Mineralſäuren, ſobald ſie einen gewiſſen, für jede einzelne Säure beſtimmten, Verdünnungsgrad er - reichen, zerſtörend auf die Baumwollfaſer: ſie wird mürbe und zerfällt zu einem weißen, gelblichen oder grauen Pulver. In welcher Weiſe die Säu - ren dabei wirken, iſt noch nicht zweifellos feſtgeſtellt. In der Praxis findet58 das Verfahren ausgedehnte Anwendung, bei der Karboniſation wollener Lumpen, wobei die Baumwollfaſer vollſtändig zerſtört wird (vergl. auch S. 18). Konzentrierte Säuren wirken je nach ihrer Natur und Stärke ſchneller oder langſamer zerſtörend; Anwendung von Wärme beſchleunigt den Zerfall.
In konzentrierter Schwefelſäure quillt die Baumwolle auf und bildet ſchließlich eine gallertartige Maſſe; fügt man Jodlöſung hinzu, ſo färbt ſich die Maſſe unter Verflüſſigung rein himmelblau. — Konzentrierte Salpeterſäure, kalt angewendet (am beſten unter Zuſatz von etwas Schwefelſäure), führt die Baumwolle in Nitrocelluloſe über, ohne die Form oder die Farbe derſelben zu verändern (Unterſchied von der Wolle, welche dabei bekanntlich gelb wird). Beim Kochen mit konzentrierter Sal - peterſäure oxydiert ſich die Baumwolle zu Oxalſäure, unter Hinterlaſſung eines in Alkalien löslichen Rückſtandes (von Oxycelluloſe?). Die durch Oxy - dation auf kaltem Wege erhaltene Nitrocelluloſe iſt unter dem Namen Schieß - baumwolle bekannt und wird zur Bereitung von Kollodium, wie für ſprengtechniſche Zwecke in großem Maßſtab dargeſtellt, hat aber für die Färberei weiter kein Intereſſe. — Aehnlich wie die Schwefelſäure verhalten ſich auch konzentrierte Salzſäure und Phosphorſäure, doch gibt das Reak - tionsprodukt mit Jodlöſung keine blaue Färbung. — Bei konzentrierter Eſſigſäure hat eine ähnliche Einwirkung nicht bemerkt werden können. — Auch Löſungen von Oxalſäure, Weinſäure oder Zitronenſäure wirken je nach ihrer Konzentration mehr oder minder zerſtörend auf die Faſer ein, beſonders bei Anwendung von Wärme.
Verdünnte Löſungen von Aetzalkalien (Kali und Natron) wirken bei Luftabſchluß nicht auf Baumwolle ein, ſelbſt bei längerem Kochen nicht, wenn dieſelbe ſtets völlig in der Flüſſigkeit ſteckt; wird ſie dagegen abwechſelnd der Einwirkung von alkaliſcher Löſung und Luft ausgeſetzt, ſo findet eine Schwächung der Faſer ſtatt, ſie wird morſch. Hummel ſchreibt dieſe Ver - änderung einer Umwandlung in Oxycelluloſe zu. In konzentrierter Kali - oder Natronlauge quillt die Baumwolle ſtark auf und wird durchſcheinend, ohne ſich zu löſen (Unterſchied von Wolle, welche ſich in konzentrierten Al - kalien quantitativ löſt). Die ſo behandelte Faſer behält auch nach dem voll - ſtändigen Auswaſchen mit Waſſer ein verändertes Ausſehen; ſie bleibt dick und durchſcheinend und zeigt in dieſem Zuſtande eine weſentlich größere Ver - wandtſchaft zu Farbſtoffen, als vor der Behandlung mit Alkalien. Dieſes Verhalten der Baumwolle gegen ſtarke Alkalien iſt zuerſt von Mercer be - obachtet und im Kattundruck praktiſch angewendet worden; das von ihm an - gewandte Verfahren wird als Merceriſieren bezeichnet, hat aber in der Färberei ſich nicht allgemein einzuführen vermocht. — Ammoniak iſt ohne alle Einwirkung auf Baumwolle. — Kalkmilch wirkt ſowohl kalt wie warm ganz ähnlich, wie die verdünnten Löſungen von Kali und Natron; es iſt dem - nach bei etwaiger Behandlung mit Kalkmilch der gleichzeitige Luftzutritt zu vermeiden. — Löſungen von Alkalicarbonaten (Pottaſche, Soda) zeigen ſelbſt bei größerer Stärke wenig oder gar keine Einwirkung, mindeſtens iſt eine ſolche bis jetzt experimentell nicht nachgewieſen; ebenſowenig bewirkt Seifenlöſung eine nachweisbare Veränderung. — Gegen Löſungen von neutralen Metallſalzen verhält ſich Baumwolle ganz oder faſt ganz in - different; nur auf die ſauren Salze der Erden oder Schwermetalle wirkt ſie59 zerlegend ein, wenn ſie mit deren Löſungen getränkt und getrocknet und dann erhitzt wird; es ſchlägt ſich ein baſiſches Salz nieder und die frei gemachte Säure wirkt zerſtörend auf die Faſer. Hierauf beruht die Wirkung des Chlor - aluminiums als[Karboniſationsmittel]*)Deutſche Färber-Zeitung 1887, Nr. 6.. — Chlor bewirkt eine völlige Zer - ſtörung der Baumwollfaſer, indem es dem Celluloſemolekül Waſſerſtoff ent - zieht. Daß das Chlor in das Celluloſemolekül eintreten ſoll, wie Knecht**)Die Färberei und Bleicherei der Geſpinnſtfaſern. angibt, iſt durch den Verſuch bisher noch nicht erwieſen. — Unterchlorig - ſaure Salze (Chlorkalk) in Löſung wirken nicht ſo energiſch zerſtörend, wie freies Chlor; zumal bei Anwendung ſchwacher Löſungen in der Kälte werden nur die darin enthaltenen natürlichen gelblichen bis grünlichen Farb - ſtoffe zerſtört (gebleicht), die Faſer ſelbſt wird aber nicht merklich angegriffen. Bei längerem Einwirkenlaſſen oder bei Anwendung ſtärkerer Löſungen wird die Faſer jedoch chemiſch verändert und in einen Abkömmling der Celluloſe umgewandelt, welchen Witz als Oxycelluloſe bezeichnet hat. Kochen mit ſolchen Löſungen zerſtört die Faſer gänzlich. — Waſſerſtoffſuperoxyd wirkt in gleicher Weiſe, wie eine dünne kalte Chlorkalklöſung, ebenfalls unter Bildung von Oxycelluloſe. Eine ſolche, Oxycelluloſe enthaltende, Baumwolle beſitzt gegen Farbſtoffe eine weit größere Verwandtſchaft, als normale Baumwolle, weshalb gebleichte Baumwolle mehr Farbſtoffe in ſich einzulagern vermag, als ungebleichte. — Kupferoxydammoniak, friſch bereitet und in konzentrierter Löſung, löſt Baumwolle vollſtändig auf, eine dünne Löſung bewirkt nur blaſenförmiges Auf - quellen unter Blaufärbung der Faſer. Die dünne feine Oberhaut (cuticula) der Baumwollfaſer bleibt dabei ungelöſt und erſcheint abgeſtreift zwiſchen den einzelnen Zellwandblaſen (ſiehe Fig. 9 bei c). Aus der obigen Löſung wird die Celluloſe durch Salze, Gummi oder Zucker wieder abgeſchieden. — Eine ammoniakaliſche Löſung von ſchwefelſaurem Nickeloxydul löſt dagegen Baumwolle nicht (Unterſchied von Seide).
Zuſammenſetzung der Baumwollfaſer. Die Rohbaumwolle ent - hält nach übereinſtimmenden Berichten 8 Prozent Feuchtigkeit (Waſſer) und 5 Prozent einer begleitenden organiſchen Materie, wovon 4,4 Prozent auf Eiweißſtoffe und natürliche Farbſtoffe, 0,6 Prozent auf Aſche entfallen. Hummel glaubt, daß die organiſche Materie in der Hauptſache aus Pektin beſtehe. Der Reſt von 87 Prozent iſt reine Celluloſe. Dieſe iſt die Grundſubſtanz aller Pflanzenfaſern, ſowohl der Holzfaſern, als auch der Baſtfaſern, der Blattfaſern und der Pflanzenhaare. — In der Mehrzahl der Fälle iſt die Celluloſe noch durchſetzt mit der inkruſtierenden Sub - ſtanz, d. h. mit Stoffen, welche ihr von den normalen abweichende phyſi - kaliſche und chemiſche Eigenſchaften verleihen; am deutlichſten zeigt ſich dieſes im Vergleich zwiſchen Holz und Baumwolle, von denen, obwohl beide aus Celluloſe beſtehen, doch das erſtere durch große Beimengungen der in - kruſtierenden Subſtanz, Liguin, eine völlig andere Beſchaffenheit zeigt. Die Baumwolle enthält ſolche inkruſtierende Subſtanzen nicht. Wenn wir daher vom Waſſergehalt abſehen, iſt die Rohbaumwolle als eine faſt reine 95pro - zentige Celluloſe zu betrachten. Die 5 Prozent Verunreinigungen gehen beim Bleichprozeß faſt ganz verloren, ſo daß alſo gebleichte Baumwolle60 als faſt chemiſch reine Celluloſe zu betrachten iſt. Die Celluloſe ſelbſt beſteht nach übereinſtimmenden Reſultaten aus
und entſpricht nach Mitſcherlich und Gerhardt der Formel C12 H20 O10. Sie beſitzt alſo genau dieſelbe prozentiſche Zuſammenſetzung, wie Stärke, Dextrin und Gummi. Die Bildung der Celluloſe in der Pflanze ſelbſt ge - ſchieht (nach Durin) wahrſcheinlich aus Rohrzucker. Die reine Cellu - loſe iſt weiß, ſeidenglänzend, geſchmack - und geruchlos, luftbeſtändig, und völlig unlöslich in Waſſer, Alkohol und Säuren; ſie löſt ſich dagegen leicht ſowohl in konzentrierter Schwefelſäure, als auch in Kupferoxydammoniak; angezündet verbrennt ſie ohne Geruch (Unterſchied von tieriſchen Geſpinnſt - faſern) zu Kohlenſäure und Waſſer. Durch Behandeln mit Schwefelſäure geht ſie unter Löſung zunächſt in Amyloid, dann in Dextrin, zuletzt in Trauben - zucker über. Auf dieſe Thatſache hat Moliſch eine charakteriſtiſche Reaktion zum Nachweis von Pflanzenfaſern und zur Unterſcheidung von animaliſchen Faſern begründet. Weiteres hierüber ſ. unter § 21, Gewebeprüfung.
Maßgebendes zur Wertbeſtimmung der Baumwolle. Für die Wertbeſtimmung der Baumwolle iſt zunächſt maßgebend die Länge der Fa - ſer; durch das Sortieren unterſcheidet man Baumwolle von langem, mittlerem und kurzem Stapel; ſolche von langem Stapel muß mehr als 2,5 cm Länge haben; weiter iſt maßgebend die Gleichmäßigkeit der Faſer; ſodann der mehr oder minder vorhandene Glanz, von Hanauſek als „ Seidigkeit “be - zeichnet, dann die Feinheit, durch den Durchmeſſer des Querſchnitts aus - gedrückt, die Weichheit, die Reinheit d. h. die Abweſenheit von Schmutz, Blätter, Samen u. dergl., die Elaſtizität, bedingt durch den ſpiralförmigen Charakter der Faſer, die Farbe und die Feſtigkeit. In je höherem Grade der Baumwolle dieſe Eigenſchaften zukommen, um ſo wertvoller iſt ſie und um ſo höher iſt der Preis, den ſie auf dem Markt erzielt. Bei der großen Verſchiedenartigkeit der einzelnen Handelsſorten iſt eine kaufmänniſche Wert - ſchätzung jedoch nur durch andauernd praktiſche Uebung und durch beſonderes Eingehen auf die charakteriſtiſchen Eigentümlichkeiten der einzelnen Sorten möglich.
Formen, in denen die Baumwolle zum Färben gelangt. Die Baumwolle, wie ſie aus den Egreniermaſchinen kommt, iſt loſe Baum - wolle; dieſe kommt verhältnismäßig ſelten zum Färben, da die meiſte Baum - wolle vor dem Färben geſponnen oder gewebt wird. Es iſt hier nicht der Ort, auf die Einzelheiten der Baumwoll-Spinnerei und - Weberei einzugehen; nur die Grundzüge, nach welchen dabei verfahren wird, mögen hier kurz er - läutert werden. Die in Ballen zuſammengepreßte Baumwolle wird zunächſt mechaniſch gelockert und dabei zugleich von dem noch anhängenden Samen, Staub u. dergl. befreit; das geſchieht auf Maſchinen, welche je nach ihren verſchiedenen Konſtruktionen die Namen Wolf, Willow, Zauſeler, Flackma - ſchinen, Batteurs, Epurateur, Putzmaſchine u. dergl. führen. Dieſem Reini - gungsprozeß folgt das Krempeln oder Karden, wobei die Baumwollfaſer unter Einſprengung mit einer Miſchung von Oel und Waſſer gerade geſtreckt und in parallele Lage zu einander gebracht wird; in der Praxis wird das61 Krempeln auf 2 Maſchinen vorgenommen, der Reißkrempel oder Rauhkarde und auf der Feinkrempel oder Feinkarde, durch deren Namen ihre Thätig - keit vollauf gekennzeichnet iſt. Dem Krempeln folgt das Strecken auf der Streckmaſchine, dann das Vorſpinnen auf dem Flyer, wodurch das Vor - garn erhalten wird, aus welchem dann beim Feinſpinnen auf den Fein - ſpinnmaſchinen (Droſſelmaſchine, Mulemaſchine, Selfaktor) das Baumwollen - garn hervorgeht. Die Baumwollengarne kommen entweder gebleicht oder un - gebleicht und in verſchiedener Feinheit in den Handel und zwar in den Nummern 1 bis 360; die dickſte Sorte Baumwollengarn hat auf 1 Pfund engl. 860 Yards, die feinſte 360 · 840 Yards Fadenlänge*)1 Yard = 0,9144 Meter.. Das von den Spinnmaſchinen gelieferte Garn (Twiſt) unterſcheidet man als Muletwiſt und Watertwiſt, von denen erſteres weicher, lockerer, weniger gedreht iſt; Watertwiſt dagegen iſt ſtärker gedreht und wird faſt ausſchließlich als Ketten - garn benutzt.
Hinſichtlich der Gewebe aus Baumwolle ſchließen ſich die verſchiedenen Arten derſelben in Bezug auf die Verſchiedenheit der Herſtellung eng an die ent - ſprechenden Gewebe aus Kammgarn oder Seide (vgl. S. 26 und S. 43). Hierher gehören:
1. Glatte Stoffe a) mit parallelen Kettenfäden: Kattun, Nanking, Shir - ting, Hemdenkattun, Futterkattun, Kambrik, Baumwollbattiſt, Jakonet, Perkal, Kalliko, Gingham, Baumwoll-Barège, Haincord, Muſſelin, Mull, Mollinos, Baumwollſtramin. b) mit gekreuzten Kettenfäden: Tüll und Gaze.
2. Geköperte Stoffe: Köper oder Croiſe, Baumwollmerino, Drill oder Drell, Baſt, Engl. Leder, Moleskin, Molton, Köper-Nanking, Köper - Gingham.
3. Atlasartige Gewebe: Satin.
4. Gemuſterte Stoffe: Wallis, Rips, Piqué, Baumwolldamaſt, ge - muſterte Drille und Barchente, Doubles, Cords.
5. Sammtartige Stoffe: Mancheſter, Baumwollſammt, Velvet.
Außer den vorſtehend genannten Geweben aus reiner Baumwolle kom - men noch eine große Anzahl von Geweben zum Färben, welche nur zum Teil aus Baumwolle, zum andern Teil aus Wolle, Seide oder Leinen be - ſtehen. Dieſe gehören zu den gemiſchten Geweben und werden weiter unten beſprochen werden.
Statiſtiſches**)Nach Heinzerling „ Chemiſche Technologie “.. Welchen großartigen Umfang die Baumwollenproduk - tion und der Verbrauch erreicht haben, mögen nachfolgende Zahlen beweiſen: Während die Vereinigten Staaten, die bedeutendſten Baumwollproduzenten der Erde, im Jahre 1830 159090 Tonns (à 1000 kg) produzierten, betrug im Jahre 1883 die Produktion bereits 1640000 Tonns. — Großbritannien konſumierte im Jahre 1830 113636, Deutſchland 25454 Tonns, dagegen 1883 Großbritannien 675000, Deutſchland 117000 Tonns. — Wie ſich die Baumwollinduſtrie in Deutſchland entwickelt hat, das erweiſen deutlich folgende Zahlen der offiziellen Statiſtik. Es betrug62
Im Jahre 1883 waren in Deutſchland 4800000 Spindeln im Gange und 150000 Arbeiter beſchäftigt.
Der Flachs, die Baſtfaſer der Flachs - oder Leinpflanze, hat ſchon ſeit undenklichen Zeiten zur Herſtellung von Geweben für Bekleidungszwecke gedient und war, als die Baumwolle noch nicht in Europa bekannt war, von viel größerer Wichtigkeit, als heutzutage, zumal für Europa, da die Flachsfaſer die einzige pflanzliche Geſpinnſtfaſer iſt, welche in Europa erzeugt wird, und deren Stammpflanze in Europa heimiſch iſt. Durch den von Jahr zu Jahr ſteigenden Verbrauch an Baumwolle, durch die lein - wandartigen Gewebe, Shirting, Hemdentuch ꝛc. und durch den weſentlich billigeren Preis der Baumwollfabrikate iſt die Flachs - oder Leinfaſer mehr und mehr verdrängt worden. Daher beſteht auch der Leinbau nicht mehr in dem Umfange, als ehedem.
Herkunft. Die den Flachs liefernde Pflanze iſt der Lein, Linum usitatissimum L., eine auf Feldern gebaute, einjährige Pflanze aus der Familie der Caryophylleae. Es iſt eine ½ bis 1 m hohe Pflanze mit wenig verzweigtem Stengel, glatten Blättern und hellblauen Blüten. Der Flachsbau wird vornehmlich in Rußland, Belgien, Irland, Holland, in den öſtlichen Provinzen Preußens, in Böhmen, Oeſterr. Schleſien, in Salzburg und Tirol betrieben, in zweiter Linie ſind Frankreich, Italien, Aegypten, Al - gier und Oſtindien zu nennen. Klima, Kultur und Gewinnungsmethoden ſind von großem Einfluß auf die Entwickelung der Flachsfaſer, ſo daß zwi - ſchen der feinſten Sorte belgiſchem Flachs und dem in Tirol und Salzburg produzierten ein gewaltiger Unterſchied iſt. Nach der verſchiedenen Zeit des Anbaues unterſcheidet man Frühlein und Spätlein, von denen der erſtere im Juni und Juli, der letztere im Auguſt und September geerntet wird. Beſonders geſchätzt iſt der lange und feine Flachs, welchen die Leinbauer durch das ſog. „ Ländlern “erzielen, indem ſie die Felder mit Reiſig belegen oder mit Fäden beſpannen, und ſo die jungen Pflanzen zwingen, da hindurch - zuwachſen. Die Flachsfaſer iſt am wertvollſten, wenn die Pflanze verblüht hat und die Samenkapſeln eben anfangen, gelb zu werden. Die Pflanze wird dann mit der Wurzel aus dem Boden gezogen, in Garben gebunden und auf dem Felde getrocknet.
Gewinnung. Der Flachs bildet die innere Rindenſubſtanz des Leinſten - gels und iſt nur von einer dünnen Epidermis mit einer Cuticula umgeben; nach dem Innern des Stengels ſchließt ſich an die Baſtſchicht eine Schicht von63 Holzparenchym, dann folgt das Mark. — Die Gewinnung des Flachſes be - zweckt alſo die Trennung der Baſtſchicht ſowohl von der äußeren Epidermis, wie von den innen eng anliegenden Holzfaſerzellen. Sie liegt gemein - hin in der Hand des Leinbauers. Demgemäß ſind die Operationen zur Gewinnung der Leinenrohfaſer nicht nur äußerſt primitive, ja ich ſtehe nicht an, dieſelben als veraltet und verfehlt zu bezeichnen. Es iſt geradezu erſtaunlich, wie bei der Flachsgewinnung förmlich ein Mißgriff auf den andern folgt, und es iſt lediglich der großen Widerſtandsfähigkeit der inkruſtierten Baſtfaſer zu verdanken, daß ſie bei dieſen Operationen nicht zu Grunde gerichtet wird. Die Wiſſenſchaft und die heutige Maſchinentechnik geben uns wahr - lich andere Mittel und Wege an die Hand, die Gewinnung des Flachſes auf eine vernunftgemäßere, billigere, ſchnellere und die Faſer ſchonendere Weiſe auszuführen. Die erſte Bedingung dazu iſt aber, daß die Rohflachsgewin - nung den Händen des Flachsbauers entzogen werde.
Die vernunftwidrige Gewinnung, wie ſie jetzt betrieben wird, ſetzt ſich aus folgenden Operationen zuſammen: 1. das Riffeln oder Dreſchen, womit die Entfernung der Samenkapſel bezweckt wird; 2. das Röſten oder Rotten zum Zweck der Abſonderung der Baſtfaſer von den übrigen Be - ſtandteilen des Stengels und von der inkruſtierenden Subſtanz, welche die erſteren zuſammenhält. Dieſes Röſten oder Rotten iſt die unſinnigſte von den geſamten Operationen, und ich möchte dringend raten, dieſe in vollem Sinne des Wortes „ verrottete “Methode zu verlaſſen, welche nicht allein den Flachs, eine der teureren Gewebefaſern, einer Humifikation überantwortet, ſondern auch durch die bei der Verweſung auftretenden Gaſe die Luft der Umgebung verpeſtet, das Waſſer vergiftet und den Fiſchbeſtand decimiert. Daß die Leinfaſer, eine von Haus aus ſehr geſchmeidige, weiche und feine Faſer, uns überall als ſpröde, hart und grob entgegentritt, iſt hauptſäch - lich das Reſultat dieſer verkehrten Behandlung des Rottens. Durch ver - nunftgemäße Behandlung könnte aus dem Lein eine ſeidenweiche, ſeiden - glänzende Geſpinnſtfaſer gewonnen werden. Das Verfahren, wie ich es im Sinne habe, würde einer ausführlichen Begründung bedürfen, die aber für einen Färber gar keinen Zweck hat und auch nicht in den Rahmen dieſes Buches gehört. Dem Röſten folgt 3. das Klopfen, zur Abſcheidung der mechaniſch entfernbaren Teile in Staubform*)Es wäre wohl aus mehr als einem Grunde richtiger, das Klopfen erſt hin - ter dem Brechen vorzunehmen.. 4. Das Brechen, zur Zer - kleinerung der dem geröſteten Flachs anhängenden, durch den Röſtprozeß nicht zerſtörten Holzfaſer. Von den verſchiedenen hierfür vorgeſchlagenen Methoden halte ich das Durchgehen durch kannellierte ineinandergreifende Metallwalzen oder Zahnräder für die vernunftgemäßeſte. Die alten plumpen Holzkäſten mit aus zwei parallelen Holzſchienen beſtehenden Schlegeln ſind „ ländlich-ſitt - lich “, aber auch recht ländlich unpraktiſch. Durch das Brechen fallen die Holzteile zum großen Teil von ſelbſt aus, teils werden ſie durch nachfolgendes Schüttelnentfernt. Noch „ ländlicher “iſt das Flachsbrechen mit der Hand. 5. Das Schwingen oder Ribben, welches die Abſcheidung der durch das Schütteln noch nicht genügend entfernten Holzfaſerteile bezweckt. 6. Das Hecheln, entſprechend einem Kämmen des von der Holzfaſer befreiten Rohflachſes, wo - durch der Baſt in ſeine einzelnen feinen Faſern zerlegt wird.
64Nach einem von A. Baur bekannt gegebenen Verfahren wird der friſche Flachs zwiſchen Walzen gequetſcht und in Waſſer gelegt ſo lange, als dieſes noch gelb gefärbt wird. Nach leichtem Abpreſſen des Waſſers wird er 1 bis 2 Tage lang in eine 3prozentige Salzſäure gelegt, worauf ſich die Baſtfaſern leicht vom Stengel ablöſen laſſen ſollen. Die Rohleinenfaſer wird mit 2prozentiger Sodalöſung gewaſchen, dann in Waſſer geſpült; die geringen Mengen noch anhaftender Holzſubſtanz ſollen durch eine Chlor - paſſage und nochmaliges Spülen völlig beſeitigt werden. Ein derart bereiteter Flachs kann ſofort nach dem Trocknen gehechelt werden. — In Frankreich hat ein Ingenieur Paſſy ein neues Röſtverfahren erfunden, in dem er den Flachs bei 150° C. überhitztem Waſſer bezw. den Dämpfen ausſetzt und hat dadurch in kurzer Zeit denſelben Effekt erhalten, wie durch den länger dauern - den Röſtprozeß. Die Verſuche ſind in großem Maßſtabe im Etabliſſement des Herrn Agache zu Pérenchies ausgeführt worden und ſollen vielver - ſprechend ausgefallen ſein.
Hoſemann & Fiegel haben ſich ein Verfahren zur Iſolierung der Flachsfaſer patentieren laſſen. Dasſelbe beruht auf einem ſogenannten künſt - lichen Verdauungsprozeß, der dadurch erzielt wird, daß die getrockneten Stengel oder der vom Holz befreite Baſt der Pflanzen, welche Geſpinnſt - faſern enthalten, wie z. B. Hanf, Flachs u. ſ. w. oder das hieraus herge - ſtellte Geſpinnſt, für die Dauer von 24 Stunden einem Bade ausgeſetzt werden, welches aus ſchwach angeſäuertem, pepſin - und pankreatinhaltigem Waſſer beſteht. Durch dieſes Bad ſind alle Gummi - und Harzſtoffe aufge - löſt und werden dann durch Abwäſſern und Spülen vollends entfernt. Bei der Bereitung der Pepſin - und Pankreatinflüſſigkeit zu dieſem Bad iſt das Verhältnis der verwendeten Materialien ungefähr 1 bis 1½ kg tieriſche Magen auf 50 kg ſchwach angeſäuertes Waſſer. Sonſt wird hierbei in der bekannten Weiſe verfahren, daß der tieriſche Magen in zerkleinertem Zuſtand einige Tage in dem ſchwach angeſäuerten Waſſer liegen bleibt. Dadurch, daß die Geſpinnſtfaſern enthaltenden Pflanzenteile dieſem künſtlichen Ver - dauungsprozeß, der die Ausſonderung von Gummi und Harz bewirkt, aus - geſetzt werden, wird das ſonſt übliche Röſtverfahren oder Kochen mit Al - kalien nicht nur unnötig, ſondern auch eine abſolut gummi - und harzfreie Faſer erzielt.
Das Endreſultat der verſchiedenen Gewinnungsmethoden iſt der Reinflachs oder die Rohleinenfaſer. Die in der Hechel zurück - bleibenden kürzeren Faſern heißen das Gewirre, Werg oder Heede, und enthalten gewöhnlich noch, deutlich ſichtbar, Beſtandteile des be - nachbarten Holzkörpers, welche der Reinflachs keinenfalls zeigen darf. Das Werg dient nur zu Tauen oder zu Sackleinwand u. dergl. groben Ge - ſpinnſten. — Die Ausbeute beträgt aus 100 Teilen getrocknetem Flachs (nach Heinzerling)
Eigenſchaften. Die Rohleinenfaſer, wie ſie durch die obenſtehend beſchriebenen Methoden gewonnen wird, ſtellt je nach der mehr oder minder65 unvernünftigen Art des Röſtprozeſſes 2 bis 15, im Mittel 6 bis 10 dm lange, bräunlich gelbe, graugelbe, ſtahlgraue, grüngraue, graue oder blonde bis weißliche, feine, weiche, bei beſſeren Sorten glänzende, ſehr geſchmeidige Faſern vor, welche elaſtiſch, dabei ſehr feſt und haltbar ſind. — Unter dem Mikroſkop erſcheint der Flachs als Gruppen von Baſtfaſerzellen, welche farblos, an der Oberfläche glatt, mit Quetſchfalten oder knotigen Anſchwellungen verſehen (Fig. 10) ſind und am Ende lang zugeſpitzt erſcheinen. Der Durchmeſſer iſt 15 bis 37 (im Mittel 20 bis 25) µ; die Wandung der Faſer iſt ſehr dick, der innere Hohlraum (Lumen) erſcheint nur als ein ſchmaler Doppelſtreifen, auf dem Durch -
Flachs.
ſchnitt als ein kleiner Punkt. Der Flachs iſt ein guter Wärmeleiter, daher fühlen ſich Leinengewebe ſtets kalt an; reines Leinen eignet ſich daher nicht zu Kleidungsſtücken, welche direkt auf dem Körper getragen werden.
Zuſammenſetzung des Flachſes. Die Hauptmaſſe der Flachs - faſer beſteht, wie bei allen vegetabiliſchen Geſpinnſtfaſern, aus Celluloſe. Die Baſtſchicht der Flachsfaſern im Leinſtengel iſt jedoch keineswegs reine Cellu - loſe, ſondern ſie iſt durchſetzt mit inkruſtierender Subſtanz, welche die ein - zelnen Faſern zu harten Bündeln zuſammenhält, dieſe gleichzeitig an die benachbarte Holzſchicht anheftet, und 15 bis 30 Prozent des Gewichts betragen kann. Dieſe Subſtanz iſt nach J. Kolb: Pektoſe; außerdem enthält der Rohflachs noch 5 Prozent Fettſubſtanzen, Farbſtoffe und nicht näher bekannte Subſtanzen, ſowie ca. 8 Prozent Waſſer. Das Röſten hat nach Kolb den Zweck, die Pektoſe durch Gärung in Pektinſäure überzuführen, welche ſich löſt, und dadurch den Zuſammenhang ſowohl der einzelnen Faſern unterein - ander, als auch mit den Holzfaſerzellen aufzuheben. Der Reinflachs beſteht daher annähernd aus 85 Prozent Celluloſe, 8 Prozent Feuchtigkeit, 7 Pro - zent verunreinigenden Subſtanzen. Dieſe werden durch den Bleichprozeß ent - fernt. Das Endreſultat des Bleichens iſt die Leinenfaſer; dieſe iſt farblos und beſteht annähernd aus 92 Prozent Celluloſe und 8 Prozent Waſſer. Der Flachs wird nicht ſelten noch die Holzſtoffreaktion zeigen, d. h. er wird mit ſchwefelſaurem Anilin eine gelbe, mit Phloroglucin und Salzſäure eine violettrote Färbung annehmen. Reine Leinenfaſer darf dieſe Er - ſcheinungen nicht zeigen; thut ſie es dennoch, ſo iſt dies der untrüg - liche Beweis, daß ſie noch nicht genügend von den Holzteilen befreit iſt.
Maßgebendes für die Beurteilung der Leinenfaſer. Für die Wertbeſtimmung maßgebend iſt vor allem die rein weiße Farbe, dann die völlige Abweſenheit von Holzſubſtanz, welche durch das Ausbleiben der vorbenannten Reaktion nachzuweiſen iſt; in zweiter Linie kommt die Länge der Faſer, welche bei einer beſſeren Sorte Leinenfaſer nicht unter 2,5 cm betragen darf. Je länger die Faſer, je größer der Seidenglanz, die Fein - heit und die Feſtigkeit iſt, deſto wertvoller iſt die Leinenfaſer.
Chemiſches Verhalten. Verdünnte Mineralſäuren, ſowohl kalte wie heiße, wirken auf die Leinenfaſer in der gleichen Weiſe, wie auf Baumwolle; das gleiche iſt bei konzentrierten Mineralſäuren der Fall. Konzentrierte Schwefel -Ganswindt, Färberei. 566ſäure quellt die Leinenfaſer zunächſt auf, aber langſamer als Baumwolle; es bildet ſich dabei Amyloid; Zuſatz von Jodlöſung gibt eine ſchön blaue Färbung. Die vollſtändige Löſung in konzentrierter Schwefelſäure geht nur ſehr langſam vor ſich; mit Baumwolle gleichzeitig 2 Minuten in konzen - trierte Schwefelſäure eingelegt, dann raſch mit verdünnter Kalilauge, ſchließ - lich mit Waſſer nachgewaſchen, wird Baumwolle gelöſt, die Leinenfaſer aber noch nicht angegriffen. Bei andauernder Wirkung löſt ſich auch die Leinen - faſer und geht in Dextrin und ſchließlich in Traubenzucker über. — Kon - zentrierte Salpeterſäure, beſonders in Miſchung mit Schwefelſäure, führt die Leinenfaſer in Nitrocelluloſe (Schießbaumwolle) über. — Die Löſungen von Alkalien wirken energiſcher auf die Leinenfaſer, als wie auf Baumwolle; mit einer Löſung von 1 Teil Aetzkali in 1 Teil Waſſer 2 Minuten gekocht, dann gewaſchen und getrocknet, wird die Leinenfaſer tief gelb gefärbt (Unterſchied von Baumwolle, welche ſich höchſtens ſchwach gelblich färbt). Bei Behand - lung von Leinen mit Aetz - oder kohlenſauren Alkalien iſt zu beachten, daß das Leinen ſtets unter dem Flüſſigkeitsniveau ſich befinden muß, da bei Luft - zutritt die Faſer leicht mürbe wird. — Von Wichtigkeit iſt das Verhalten verdünnter kochender Alkali - oder Alkalicarbonatlöſungen. Da der Flachs bis 5 Prozent Fettbeſtandteile enthält, ſo werden dieſe verſeift; gleichzeitig ziehen die heißen Löſungen den braunen Farbſtoff aus und binden etwa noch vor - handene Pektoſe unter Bildung von Metapektinſäure. Demnach würde man auch durch Kochen mit einer dünnen Natronlauge die Iſolierung der Baſt - faſern erreichen können. Schwächer wirkt Seifenlöſung, obgleich auch dieſe in der Praxis bisweilen angewendet wird, um gehechelten Flachs, für wel - chen beſondere Reinheit und Feinheit der Faſer verlangt wird, von der noch etwa anhängenden Pektoſe und Farbſtoff zu befreien. Löſungen von Chlor und unterchlorigſauren Salzen wirken ſehr energiſch auf die Leinenfaſer ein, und bleichen ſie leicht und ſchnell, die letzten Beimengungen des natür - lichen Farbſtoffes völlig zerſtörend. — Waſſerſtoffſuperoxyd wirkt wie Chlor - kalklöſung. — Gegen Feuchtigkeit und Schimmel iſt Flachs ungemein wider - ſtandsfähig, ſo lange er nicht etwa durch Appreturmittel beſchwert iſt; aber ſelbſt bei Lagerung in feuchten Räumen zeigt er wenig Neigung zur Schimmel - bildung und verhält ſich weſentlich reſiſtenter als Baumwolle. Auf dieſem Verhalten beruht ſeine Verwendung zu den deutſchen Reichskaſſenſcheinen.
Formen, in denen der Flachs zum Färben gelangt. Der Flachs wird meiſt ungebleicht geſponnen. Das Flachsſpinnen iſt noch viel - fach Hausinduſtrie, und geſchieht auf dem Spinnrade (Rocken) oder es ge - ſchieht im Großbetrieb auf Maſchinen. Das Geſpinnſt iſt ungebleichtes Leinengarn; nochmals gedrehte Leinenfäden bilden den Leinenzwirn. Die Leinenfaſer wird gemeinhin erſt als Garn, oft ſelbſt erſt als Gewebe gebleicht. Das Leinengarn wird entweder gebleicht oder ungebleicht zu Ge - weben verarbeitet, welche Leinenzeuge oder Leinwand heißen. Zu dieſen rechnet man:
1. Glatte Gewebe: Leinwand (Leinen, Linnen), Segeltuch (Segel - leinwand), Creas, Schockleinen, Futterleinen, Franzleinen, Moorleinen, Steif - leinen, Glanzleinwand, Battiſt, Linon, Schleier.
2. Geköperte und gemuſterte Gewebe: a) Drell, Zwillich, Bettdrell, Atlasdrell, Leinenatlas, Hoſendrell, Tiſch - und Handtuchdrell. b) Damaſt, Jacquards.
67Das für gefärbte, gemuſterte Leinengewebe beſtimmte Garn muß als ſolches gefärbt werden, das Färben von Leinengeweben ſelbſt findet vorwiegend im Gebiet der Landarbeit ſtatt.
Die Zahl der Leinengewebe wird noch weſentlich erhöht durch die mit Baumwolle verwebten Leinenſtoffe, welche als Halbleinen in den Handel kommen, aber für den Färber von nur untergeordnetem Intereſſe ſind, da halbleinene Waren meiſt nur im gebleichten, ungefärbten Zuſtande Handels - waren bilden, andernfalls aber die beiderſeitigen Garne vor dem Verweben als ſolche gefärbt werden.
Statiſtiſches über Flachs und Leinen. Nächſt Rußland hat Deutſchland die bedeutendſte Flachsproduktion. Nach Dr. v. Scherzer be - trug der Ernteertrag im Jahre 1879 85000000 kg, die Geſamtproduktion von Europa und den Vereinigten Staaten 627 Mill. Kilogramm. Die große Bedeutung der deutſchen Flachsinduſtrie ergibt ſich aus nachfolgender Auf - ſtellung des Verbandes Deutſcher Leineninduſtrieller zu Anfang 1884. Es waren in Deutſchland vorhanden: 31 Flachsſpinnereien einſchließlich Zwirne - reien und Bleichereien, mit 59218000 Mark Geſchäftskapital, 14576 Ar - beiter bei 6241813 Mark Arbeitslohn; ferner 48 mechaniſche Leinenwebereien mit einzelnen Hausbetrieben und Bleichereien, mit 29709724 Mark Geſchäfts - kapital, 16753 Arbeiter bei 6339866 Mark Arbeitslohn (Heinzerling).
Der Hanf iſt für die Färberei bei weitem nicht von der Wichtigkeit, wie der Flachs; dennoch darf er in dieſem Buche nicht übergangen werden, da er in zwei Formen zum Färben gelangt, als Hanfzwirn und als Bindfaden.
Herkunft. Die Stammpflanze des Hanfes iſt die gleichlautende ein - jährige Pflanze, Cannabis sativa, zur Familie der Urticeen gehörend. Der Hanf iſt eine zweigeſchlechtige, 1 bis 4 m hohe Pflanze, mit langen, zahnartig geſägten, dunkelgrünen Blättern; man unterſcheidet die männliche Pflanze als Sommer - oder Staubhanf und die weibliche Pflanze als Winter - oder Saathanf. Die erſtere wird nur für die Hanffaſer, die letztere für Faſern und Samen ausgebeutet; Hanf von erſterer iſt daher geſchätzter. Der Hanf wird in Italien, Rußland, im Elſaß, Preußen und Oeſterreich gebaut; beſonders geſchätzt iſt der Straßburger Hanf.
Gewinnung. Der Hanf wird durch dieſelben Operationen gewonnen, wie der Flachs; im allgemeinen wird auf ſeine Gewinnung aber nicht die gleiche Sorgfalt verwendet, wie auf die Bereitung des Flachſes; die Hanffaſer iſt daher gemeinhin noch gröber wie die Flachsfaſer. Alles bei der Gewinnung des Flachſes Geſagte läßt ſich daher mit dem gleichen Recht auch auf den Hanf anwenden. In Oberitalien, vornehmlich bei Bologna, wird er durch Abziehen der Baſtfaſer mit der Hand gewonnen, wodurch eine beſonders feine Sorte erzielt wird. Je nach der Vollſtändigkeit der Bearbeitung unterſcheidet man im Handel: Baſthanf, Reinhanf, Strähnenhanf, Spinnhanf, Seehanf.
Eigenſchaften. Der Hanf iſt, wie der Flachs, eine Baſtfaſer, und bildet den Hauptbeſtandteil der Rinde des Hanfſtengels, über welcher nur5*68noch eine ſehr dünne Schicht Parenchymzellen und die Epidermis liegen; nach innen zu ſchließt ſich dann die Holzſchicht und das Mark an. Die Länge des Hanfes iſt ungemein verſchieden von 1,0 cm bis zu 3 m (Rieſen - hanf von Boufarik), durchſchnittlich 3 bis 15 dm, der Durchmeſſer 16 bis 50 µ, durchſchnittlich 22 µ. In Farbe und im mikroſkopiſchen Ausſehen iſt er dem Flachs ungemein ähnlich, doch unterſcheidet ſich die Wandung des Hanfes im mikroſkopiſchen Bilde (Figur 11) durch eine ſcharfe Längsſtreifung und bei gebogenen Faſern an der inneren Krümmungsſeite durch eine kräftige Wellenfaltung vom Flachs, die Enden der Faſer ſind teils ſtumpf, teils ſpitz; das Lumen des Hanfes iſt etwas kleiner als das des Flachſes; im übrigen ſind Hanf und Flachs ſelbſt unter dem Mikroſkop nur ſehr ſchwer zu unter - ſcheiden.
Hanf.
Die Zuſammenſetzung des Hanfes iſt die gleiche wie beim Flachs, doch iſt der rohe Hanf mehr verholzt als der Flachs. Nach Entfernung der Holzteile beſteht er vorwiegend aus Celluloſe nebſt Fettbeſtandteilen, Farbſtoff ꝛc., welche durch den Bleichprozeß, dafern ſolcher überhaupt angewendet wird, entfernt werden.
Chemiſches Verhalten. Auch dieſes iſt genau dasſelbe, wie beim Flachs, ſo daß die Unterſcheidung von Hanf und Flachs auch hier zu den ſchwierigſten Aufgaben gehört. Nach Pinchon ſoll durch konzentrierte Schwefelſäure die Hanffaſer aufquellen und durch Zuſatz von Jodlöſung eine gelbe Färbung geben (Flachs gibt eine blaue Färbung); Hanauſek*)Geißler u. Möller, Real-Encyklopädie der geſ. Pharmazie, Art. Hanf, Band V. da - gegen ſagt: „ mit Jod oder Schwefelſäure färbt ſie ſich blau oder grün - lich, einzelne Faſern werden braungelb “; Bolley**)Handbuch der techn. -chem. Unterſuchungen. nennt die Farbe grünlich. Konzentrierte Alkalienlöſungen färben den Hanf dunkler gelb als den Flachs. Die Hanffaſer gibt faſt ſtets eine ſchwache Holzſtoff -69 reaktion. Anilinſulfat färbt mehr oder minder gelb. Kupferoxydammoniak be - wirkt ſtarkes Aufquellen und teilweiſe Verflüſſigung der Faſer; die innerſte Wandſchicht, welche das Lumen umgibt, widerſteht der Auflöſung länger und bildet oft einen vielfältigen, breiten Schlauch. — Nicht geröſteter Hanf wird durch Schwefelſäure grün gefärbt; Ammoniak färbt ihn erſt grün, dann gelb, die geröſtete Faſer dagegen ſchwach violett. Das einzige abſolut ſichere Merk - mal zur Erkennung des Hanfes ſind nach Cramer*)Programm des Züricher Polytechnikums 1881. die der Innenſeite der Baſtzellen anliegenden einzelnſtehenden ſchmallumigen Schläuche, welche mit einer homogenen, tiefbraunen, in Kalilauge, Schwefelſäure, Alkohol und Waſſer unlöslichen Maſſe gefüllt ſind.
Das Verſpinnen und Verweben des Hanfes iſt genau dasſelbe wie beim Flachs. Von den Geſpinnſten ſind von Intereſſe Hanfgarn, Hanf - zwirn und Bindfaden. Die Hanfgewebe kommen für den Färber nicht in Betracht, die bekannteſten ſind: Segeltuch, Hanfleinen, Schertuch, Sack - und Packleinen, Hanftuch.
Die Jute, auch Calcuttahanf genannt, die gebräuchlichſte Geſpinnſtfaſer Oſtindiens, iſt, obgleich ſchon ſeit 40 bis 50 Jahren in Europa bekannt, doch erſt in den letzten 25 Jahren bei uns richtig gewürdigt worden. Die man - cherlei der Jute eigentümlichen recht fatalen Eigenſchaften haben ihr jahre - lang den europäiſchen Markt verſchloſſen, bis ſie ſich denſelben, weſentlich unterſtützt durch den Mangel an ruſſiſchem Hanf und Flachs während des Krimkrieges (1854 / 55) und durch die Baumwollennot während des amerika - niſchen Bürgerkrieges 1861 / 65), ſchließlich auch durch ihre ungemeine Billig - keit eroberte, ſo daß jetzt bereits in England, Frankreich und Deutſchland große Jute-Spinnereien und - Webereien beſtehen.
Herkunft. Die Jute iſt die Baſtfaſer einiger in Oſtindien heimiſchen Arten der zur Familie der Tiliaceae gehörenden Gattung Corchorus. Die beiden hauptſächlich die Jute liefernden Arten, Corchorus capsularis L. und Corchorus olitorius L., ſind einjährige, ſtrauchartige, 4 bis 5 m hohe, unſern Linden nicht unähnliche Pflanzen mit geſägten Blättern und kleinen gelben, oft einzelnſtehenden Blüten. Nach einigen Autoren ſollen auch noch andere Corchorus-Arten Jute liefern und zwar werden genannt: C. textilis, C. sili - quosus, C. decemangulatus, C. fuscus. Dieſe Arten wachſen wild, werden aber auch in Oſtindien, Bengalen und neuerdings auch in Algier**)Deutſche Färberzeitung 1887, Nr. 12. vielfach angebaut. Die nach der Regenzeit geſäeten Pflanzen wachſen ungemein ſchnell, ſo daß ſie ſchon nach 3 bis 3½ Monaten abgeſchnitten und getrocknet werden können.
Gewinnung. Die Jute-Baſtfaſern liegen unterhalb der Rinde; ihre Iſolierung erfolgt durch eine ähnliche Behandlungsweiſe wie beim Flachs und Hanf. Die in Bündel gebundenen, dann getrockneten Stengel werden in Waſſergruben gelegt, mit Raſen bedeckt und etwa 14 Tage liegen gelaſſen. Dieſes der Waſſerröſte entſprechende Verfahren bezweckt die Loslöſung der Rinde und die Durchweichung der Baſtfaſern; der Raſen wird dann ent -70 fernt, die Rinde abgetrennt, die erweichte Baſtſchicht abgezogen und in der Sonne getrocknet. Ob dieſer primitiven Gewinnung noch eine ähnliche me - chaniſche Behandlung, wie Brechen, Schwingen, Hecheln, Kämmen u. dergl. erfolgt, habe ich nicht in Erfahrung bringen können. Die ſo gewonnene Roh-Jute wird dann in Ballen verpackt und verſendet. Um die Jute ſpinn - fähig zu machen, wurde ſie bisher mit Thran, Oel und Petroleum einge - fettet und einem 2 bis 3tägigen Fermentationsprozeß ausgeſetzt. Hildwein und Wieſer fetten die Jute mit Türkiſchrotöl oder einer ammoniakaliſchen Löſung von Fettſtoffen ein, und ſetzen ſie dann 1 bis 2 Stunden bei gewöhn - licher Temperatur einem Drucke von 5 bis 6 Atm. aus, wodurch bedeutend an Arbeitszeit geſpart wird. (D. R. P. 40723 vom 18. Januar 1887.)
Eigenſchaften. In dieſer Form ſtellt die Jute eine ſtark verholzte, oft bis zu 3,5 m lange, 0,01 bis 0,03 mm dicke, bräunlichgelbe, graugelbe bis ſilbergraue, ziemlich harte, ſpröde Faſer vor, welche nach längerem Ge -
Jute.
brauch auffaſert und an den Bruchſtellen morſch wird. Sie beſitzt weder die Feſtigkeit noch die Geſchmeidigkeit des Flachſes oder Hanfes, und ſtellt daher ein minder - wertiges Produkt vor. Ob die Jutefaſer an ſich wirk - lich minderwertig iſt, oder ob die geringe Dauerhaftig - keit erſt eine Folge verkehrter Behandlung bei der Ge - winnung iſt, ſoll hier nicht weiter erörtert werden. — Unter dem Mikroſkop erſcheint ſie als eine glatte cylindriſche Faſer, die als einziges charakteriſtiſches Merkmal ein unregelmäßiges Lumen zeigt, welches ſich bald erweitert, bald verengt (Figur 12), ja ſogar gänzlich verſchwinden kann, ſo daß dasſelbe an dieſer Stelle durchbrochen erſcheint. Dementſprechend wechſelt die Dicke der Wandung und erſcheint bald dünner, bald dicker, welchen Umſtand Hanauſek für die Urſache der geringen Feſtigkeit und des Auffaſerns der Faſer hält. Der Querſchnitt zeigt, daß ſtets mehrere Faſern neben - einander liegen, und gibt ein Gruppenbild, in welchem die verſchieden großen Lumina und die verſchieden dicken Zell - wandungen deutlich ſichtbar ſind. Für die Jute cha - rakteriſtiſch iſt, daß ſie unregelmäßige Fünf - oder Sechsecke bildet, welche durch gerade Linien und ſcharf ausgeprägte Winkel begrenzt werden.
Chemiſche Zuſammenſetzung. Hinſichtlich ihrer chemiſchen Natur ſcheint die Jute eine Ausnahmeſtellung einzunehmen. Abgeſehen davon, daß die Jute eine ſtark verholzte Faſer iſt, legt ihr merkwürdiges Verhalten gegen gewiſſe Reagentien die Vermutung nahe, daß die urſprüngliche Celluloſe in eine veränderte Form übergegangen ſei. Croß & Bevan, welche ſich durch die theoretiſche wie praktiſche Erforſchung der Jute ein Verdienſt erworben haben, haben für die metamorphoſierte Celluloſe den Namen Baſtoſe vor - geſchlagen. So intereſſant nun auch die Originalarbeiten von Croß & Bevan ſind, ſo haben dieſelben mich doch nicht vollkommen zu überzeugen vermocht, vielmehr erſcheinen mir dieſelben als ein Argument mehr für meine ſchon oben angedeutete Annahme, daß die metamorphoſierte Celluloſe erſt eine Folge der unrationellen Behandlung der Pflanze bei der Gewinnung71 der Gewebefaſer ſei. Jedenfalls iſt dieſes Thema noch nicht ſpruchreif, zu - mal auch die neueſte Arbeit Hanauſeks über Jute die Exiſtenz der Baſtoſe nicht einmal erwähnt. — Nach Bolley iſt der Waſſergehalt luft - trockener Jute 6 Prozent; die mit Waſſerdampf geſättigte Faſer enthält 24 Prozent. Die Aſchenmenge beträgt 0,9 bis 1,74 Prozent.
Chemiſches Verhalten. Mit geſpannten Waſſerdämpfen längere Zeit behandelt wird die Jute in lösliche Subſtanzen verwandelt (Celluloſe bleibt bei der gleichen Behandlung intakt). Der Witterung ausgeſetzt, wird die Jute ſchnell brüchig und zerfällt (Celluloſe bleibt unverändert). Dieſe beiden Erſcheinungen beweiſen, daß wir es in der Jute mit einer deformierten Celluloſe zu thun haben; ſie ſcheinen aber auch zu beweiſen, daß der bei der Gewinnung der Jute in Oſtindien beliebte Röſt - oder Rottprozeß zur Ge - winnung untauglich iſt. Bei der Durchſchnittstemperatur Oſtindiens und dem gleichzeitigen Behandeln mit Waſſer unter Luftabſchluß unterliegt die ganze Jutepflanze einer richtigen Vertorfung, welche auf die Celluloſe durchaus zerſtörend wirkt, da die ſich bildenden Humusſubſtanzen teilweiſe erſt Zerſetzungsprodukte der Celluloſe ſind. Man darf ſich daher über die Brüchigkeit und die geringe Haltbarkeit der Jute durchaus nicht wundern; eine ſchon zum Teil zerſtörte, humifizierte Jute kann unmöglich die Eigenſchaften einer tadelloſen Celluloſe haben. — Gegen Säuren zeigt die Jute faſt gar keine Widerſtandsfähigkeit; beſonders Mineralſäuren zerſtören ſie leicht und ſchon bei gewöhnlicher Temperatur. Alkalien ſtellen unter Abſcheidung einer gerbſtoffähnlichen Subſtanz die unlösliche Celluloſe wieder her. Dieſe merk - würdige Thatſache iſt der Grund, warum Jute ſich mit baſiſchen Farbſtoffen direkt färben läßt. Chlor und ſtarke Löſungen unterchlorigſaurer Salze wirken ähnlich wie Säuren, unter Bildung gechlorter Derivate, wodurch die Faſer entweder gleich oder erſt bei der weiteren Behandlung morſch wird. Dies iſt zugleich der Grund, warum das Bleichen der Jute auf Schwierigkeiten ſtößt. Nach Rath (Deutſche Färberzeitung 1887, Nr. 12) iſt Waſſerſtoffſuperoxyd zum Bleichen der Jute geeignet, ſobald eine Vorbleiche mit Natriumhypo - chlorit (Eau de Javelle) ſtattgefunden hat. Das Bleichen mit übermangan - ſaurem Kali erwies ſich als zu teuer. — Der Gewichtsverluſt der Jute durch Bleichen beträgt je nach der angewandten Methode 2 bis 8 Prozent. — Durch Anilinſulfat wird die Jute gelb gefärbt, ein Beweis ihrer Verholzung. Die mit Chlor behandelte Jute färbt ſich mit Natriumſulfit fuchſinrot. Schweflige Säure bleicht die Jute ohne merkbare Zerſtörung. Kupferoxyd - ammoniak bewirkt nur eine Aufquellung der Faſer (Unterſchied vom Hanf, welcher dabei teilweiſe gelöſt wird). — Durch verdünnte Chromſäurelöſung, der etwas Schwefelſäure zugeſetzt iſt, wird Jute blau gefärbt.
Maßgebendes für die Wertbeſtimmung der Jute. Nach dem vorher Erläuterten wird man diejenige Jute für die beſte zu halten berechtigt ſein, bei welcher der Prozeß der Humifikation am wenigſten weit vorge - ſchritten iſt, d. h. je weniger mürbe oder morſch dieſelbe iſt und je länger ſie der Wirkung geſpannten Dampfes zu widerſtehen vermag, ohne zu zer - fallen. Demnächſt wird auch diejenige Jute zu bevorzugen ſein, welche möglichſt wenig verholzt iſt, alſo möglichſt wenig ſpröde iſt. Je feſter und weicher eine Jute, deſto beſſer. Beſſere Sorten zeichnen ſich auch durch eine gewiſſe Feinheit und durch einen ſchwachen Glanz aus. — Weiter gehende72 Forderungen zur Wertbeſtimmung werden ſich erſt nach Einführung einer vernunftgemäßen Gewinnungsmethode aufſtellen laſſen.
Formen, in denen die Jute zum Färben gelangt. Die Jute kommt entweder als halbgebleichte oder gebleichte, loſe Jute zum Färben. Da ſie eine ziemlich derbe Faſer iſt, und daher nur zu geringeren Ge - weben (Pack - und Sacktuch, Gunny) verwebt wird, ſo kommen Jutegewebe für die Färberei weniger in Betracht. Wichtiger für die Färberei ſind dicke, locker geſponnene Jutegarne, welche in neuerer Zeit vielfach in der Teppich - fabrikation Verwendung finden. Die beſſern Juteſorten werden teils als ſolche allein, teils mit Baumwolle zuſammen zu gröberen Tiſchdecken und Bettdecken, zu Gardinen - und Portierenſtoffen verwebt. Auch ein ſammetartiges Jutegewebe kommt als Juteplüſch in den Handel.
Statiſtiſches über Jute. Im Jahre 1828 wurden 364 Zentner Rohjute im Werte von 1240 Mark aus Oſtindien ausgeführt; im Jahre 1856 bereits gegen 3500000 kg im Wert von 6 Millionen Mark; im Jahre 1882 / 83 517445400 kg, wovon 41200 Tonns auf Deutſchland entfallen. Dieſe Zahlen zeigen wohl aufs deutlichſte die enorme Steigerung im Verbrauch der Jute, welche heutzutage die billigſte aller Gewebefaſern iſt. In Indien waren bereits im Jahre 1883 22 große Etabliſſements mit ca. 6000 mechaniſchen Webſtühlen im Betrieb, neben einer großen Anzahl von Handwebſtühlen, welche jährlich mehr als 100 Millionen Juteſäcke her - ſtellen. In Deutſchland befanden ſich 1884 23 große Etabliſſements mit ca. 61000 Spindeln und 2840 mechaniſchen Webſtühlen, ungerechnet die Hand - und mechaniſchen Webſtühle ohne Spinnereibetrieb. Großbritannien mag wohl über die ſiebenfache Anzahl beſitzen. In Deutſchland wurden 1883 33436500 kg Rohmaterial eingeführt, wovon 31764700 Geſpinnſte und Gewebe gefertigt wurden. Außerdem hat Deutſchland noch aus England im Jahre 1883 1193000 geſponnene Jutegarne bezogen, und zwar die feineren Nummern, während die Nummern 1 bis 12 in deutſchen Spinnereien herge - ſtellt werden (Heinzerling).
Die unter dem Namen Chinagras bekannte Geſpinnſtfaſer bildet in China — wo es tschou-ma heißt — und Japan ſeit mehreren Jahrhun - derten das Hauptmaterial für Geſpinnſte aller Art von den gröbſten bis zu den feinſten. Auf den europäiſchen Markt kam es erſt in jüngerer Zeit und im Jahr 1881 entſtand in Deutſchland die erſte Chinagrasſpinnerei.
Herkunft. Das Chinagras iſt die Baſtfaſer der in China und Süd - aſien heimiſchen Boehmeria nivea Gaud., einer perennierenden Pflanze aus der Familie der Urticaceae. Die wertvollen Eigenſchaften des Chinagraſes haben zu einem Anbau der Stammpflanze in größerem Umfange geführt, ſo namentlich am Südabhange des Himalaya, in Mexiko, im Miſſiſippithale, auf Cuba, ſpäter wurde in Südrußland und in Algier Chinagras gebaut, in neuerer Zeit hat man auch in Frankreich und in Deutſchland den Anbau verſucht, und zwar nicht ohne Nutzen, wenngleich das Klima demſelben eini - gen Abbruch thut. Nach andern Autoren ſoll auch Boehmeria heterophylla Chinagras liefern.
73Gewinnung. Die Baſtfaſer wird nach dem Spalten der Stengel mit der Hand abgezogen. Dieſe Handhabung iſt zwar zeitraubend und nicht billig, dafür erhält man aber auch eine Faſer von großer Feſtigkeit, welche durch das widerſinnige Röſten nicht erſt morſch gemacht und obenein völlig unverholzt iſt. — Sanſone verarbeitet die Rohfaſer, indem er dieſelbe durch mehrmaliges abwechſelndes Kochen in verdünnter Natronlauge und Ein - tauchen in Natriumbiſulfitlöſung reinigt und dann mit Natriumhypoſulfit bleicht.
Eigenſchaften. Die ſo gewonnene Rohfaſer iſt faſt immer gelb - braun, gelb bis gelbgrün, glänzend, biegſam, außerordentlich zäh und feſt. Aus dieſem Baſte wird durch ein außerordentlich kompliziertes Verfahren, welches zum Teil eine mechani - ſche Zerteilung der Baſtbündel in die einzelnen Faſern und die Zerſtörung des natürlich anhaf - tenden Farbſtoffes bezweckt, das kotoniſierte Chinagras ge - wonnen, welches eine Geſpinnſt - faſer von etwa 6 cm Länge (ſel - ten darüber), von außerordent - licher Stärke, Feſtigkeit und Fein - heit, von rein weißer Farbe, großer Biegſamkeit und ſtarkem Seidenglanz vorſtellt. Die Fa - ſern haben eine Länge von 20 cm und eine Breite von durchſchnitt -
Chinagras.
lich 0,03 bis 0,04 mm; die Enden ſind meiſt dick abgerundet; das Lumen iſt wechſelnd und beträgt oft bis zu ⅘ des Zelldurchmeſſers. Das kotoniſierte Chinagras zeigt (infolge der mechaniſchen Behandlung) Falten in den Wän - den, Knickungen, Quetſchungen und Riſſe. (Fig. 13.)
Chemiſche Zuſammenſetzung. Das Chinagras, insbeſondere das kotoniſierte, als nicht verholzte Pflanzenfaſer repräſentiert eine faſt reine Celluloſe. Es reiht ſich daher der Baumwolle und der Leinenfaſer an; der Waſſergehalt des lufttrockenen kotoniſierten Chinagraſes beträgt 6,5 Prozent, der des mit Waſſerdampf geſättigten 18,5 Prozent, die Aſche 1,91 Pro - zent (Bolley).
Chemiſches Verhalten. Anilinſulfat einerſeits, ſowie Phloroglucin und Salzſäure andererſeits, geben keine Färbung, ein Beweis, daß die Faſer abſolut nicht verholzt iſt. In konzentrierter Schwefelſäure quillt Chinagras langſam auf, mit Jodlöſung verſetzt, erſcheint das Lumen gelbgrün, während die blaugefärbte Celluloſe dasſelbe als ſpiralig gewundener Wulſt umgibt (Fig. 12 bei C). — Gegen verdünnte und konzentrierte Säuren, gegen Aetz - alkalien, Löſungen der Alkalicarbonate und Seifen, gegen Chlor und Löſungen unterchlorigſaurer Salze verhält ſich das Chinagras ganz ebenſo wie Baum - wolle und Leinen. Kupferoxydammoniak bewirkt unter Bläuung ſtarke Auf - quellung, doch keine Löſung. Jod allein färbt die Faſer gelb, den Inhalt goldbraun.
74Maßgebendes zur Wertbeſtimmung des Chinagraſes. Da das Chinagras nicht verholzt iſt, ſo wird bei ihrer Wertbeſtimmung der Hauptwert darauf zu legen ſein, daß man auch die wirkliche Chinagrasfaſer vor ſich habe, und nicht etwa eine der vielen anderen in dem Handel vor - kommenden minderwertigen Neſſelfaſern, welche morphologiſch und chemiſch nicht zu unterſcheiden ſind, ſo daß lediglich die phyſikaliſchen Eigenſchaften und insbeſondere die Feinheit, Feſtigkeit, Weichheit, Biegſamkeit und der ſeidenartige Glanz als maßgebend zu betrachten ſind.
Formen, in denen das Chinagras zum Färben gelangt. Das Chinagras wird nur ſelten als unverſponnene Faſern gefärbt. Wichtiger ſind die Chinagrasgarne. Dieſe werden teils gefärbt, teils ungefärbt, zu Geweben aller Art verwebt, vornehmlich aber zu glatten ſeidenähnlichen Geweben; ungefärbt ſtellt ein ſolches das ſogenannte Grasleinen (China grass-cloth) vor. Ferner kommen ſammetartige Gewebe (Chinagrasplüſch) und gazeähnliche Gewebe (Spitzen, Schleier ꝛc. ) aus Chinagras vor.
Noch größer iſt die Zahl der Gewebe, in welchen Chinagrasgarn als Erſatz für Seide verwebt wird, die alſo den Eindruck von Halbſeide hervor - bringen ſollen, ohne wirklich ſolche zu ſein. Vorwiegend dient das Chinagrasgarn in gemiſchten Geweben, Gardinen, Portierenſtoffen, in baumwollenen Kleider - ſtoffen und Kammgarnzeugen, ſowie in Bordüren zur Hervorbringung ſeiden - glänzender Muſter oder als Effektfäden.
Ueber die ſtatiſtiſchen Daten des Chinagraſes iſt etwas Zuver - läſſiges nicht zu berichten, da in den ſtatiſtiſchen Berichten Chinagras mit Ramié, Rhea und Neſſel zuſammen aufgeführt wird.
Herkunft. Die Ramié, von vielen auch ſchlechtweg Neſſelfaſer ge - nannt, iſt eine dem Chinagras naheſtehende Geſpinnſtfaſer und ſtammt von Boehmeria tenacissima Gaud. *)Zwiſchen Ramié und Chinagras ſteht als Mittelglied noch die Roafaſer oder der Rheahanf, über deſſen Herkunft wie über deſſen Wert als Gewebefaſer die Mei - nungen noch geteilt ſind.Nach anderen Angaben ſoll auch Boehmeria utilis Ramié liefern. Die Stammpflanze wird in Indien, China, Japan, auf den Sunda-Inſeln und Molukken kultiviert; der Stengel erreicht eine Höhe von 1½ bis 3 m; ſie iſt eine perennierende Pflanze, welche ein Alter bis zu 15 Jahren erreicht und in ihrem Heimatlande jährlich 3 bis 4 mal geſchnitten wird; auch in Nordamerika, Frankreich und Italien („ Ramia italiana “) iſt ſie kultiviert worden. 1887 hat man auch in Ungarn, 1888 in Süddeutſchland den Anbau der Ramiépflanze verſucht. — Nach anderen Angaben ſollen auch Urtica sanguinea und Urtica crenulata Ramié liefern.
Gewinnung. Da der Stengel der Pflanze holzig wird, und die Baſtzellenſchicht der Ramiéfaſer unmittelbar an die Holzfaſerſchicht grenzt, auch die Baſtfaſern durch eine Art Pflanzenleim zuſammengehalten werden, ſo liegen hier die Verhältniſſe faſt ganz wie beim Flachs, zumal auch hier die Faſer ſelbſt nicht verholzt iſt. Die Gewinnung der Ramiéfaſer beruht daher auf den gleichen Prinzipien wie die der Flachsgewinnung, indem der ge -75 trocknete und gedörrte Stengel mittels Brechmaſchinen geknickt und entholzt wird. Dann folgt eine dem Schwingen des Flachſes ähnliche Operation. Die ſo gewonnene Ramié iſt die Rohfaſer in Form aneinander klebender, gelblichbrauner, geſchwungenem Flachs nicht unähnlicher Faſern.
Die Befreiung der Ramiéfaſer von den die Celluloſe inkruſtierenden Subſtanzen geſchieht neuerdings in Frankreich nach einem patentierten Ver - fahren von Schiefer, indem die Faſer unter Druck und unter Einwirkung von Chemikalien in einem beſonders konſtruierten Keſſel gekocht wird. Nach beendeter Operation wird die Faſer getrocknet, gekämmt, und auf Maſchinen, welche denen in der Baumwollſpinnerei ganz ähnlich ſind (eventuell nach vorherigem Bleichen) verſponnen und verwebt. Bei rationeller Gewinnung der Faſer gibt dieſelbe (nach Eugène Schiefer) 28 bis 30 Prozent vom Rohſtengelgewicht.
Eigenſchaften. Die ſo gewonnene Faſer iſt weiß und beſitzt faſt alle Eigenſchaften des Chinagraſes, ſie beſitzt aber eine geringere Biegſam - keit und iſt glanzlos. Die Länge der Faſer iſt 6 bis 8 cm, die Dicke 0,016 bis 0,126 mm; das Lumen iſt bald enger, bald weiter, oft bis zu ⅘ des Zelldurchmeſſers.
Die chemiſche Zuſammenſetzung und das chemiſche Verhalten der Ramiéfaſer ſtimmen mit dem Chinagras vollkommen überein, auch die Kriterien für die Wertbeſtimmung ſind die gleichen wie beim Chinagras, nur daß man hier diejenige Ramiéfaſer für die beſte wird halten müſſen, welche in Bezug auf Biegſamkeit und Glanz dem Chinagras möglichſt nahe kommt.
Formen, in denen die Ramiéfaſer zum Färben kommt. Ab - geſehen von der unverſponnenen Faſer iſt beſonders das aus der Ramiéfaſer geſponnene Garn, das Neſſelgarn, von Wichtigkeit, welches in vieler Hin - ſicht dem Baumwollgarn ähnlich ſich verhält. Die glatten, leinwandartig gewebten Stoffe führen den Namen Neſſel, und werden vielfach als Futter - ſtoffe (Futterneſſel) verwendet.
Chinagras und Ramié werden vielfach für gleichbedeutend ange - ſehen; ſogar v. Höhnel bezeichnet in ſeinem neuen Werke: „ Mikroſkopie der techniſch verwendeten Faſerſtoffe “beide als ein und dieſelbe Faſer. Wenn ich dieſelben hier getrennt habe, ſo geſchieht das einmal, weil die Ab - ſtammung beider Faſern eine verſchiedene iſt, vor allem aber auch, weil die mir vorliegenden aus vertrauenswerter Quelle ſtammenden Faſern den ſchon oben angedeuteten Unterſchied zeigen: Das Chinagras beſitzt große Bieg - ſamkeit und hohen Glanz, die Ramié dagegen iſt ſteif und glanzlos.
Unter Neſſelfaſer verſtehen einige Autoren ſowohl die Chinagras - wie die Ramiefaſer. Ich verſtehe dagegen unter Neſſelfaſer einzig und allein die ganz vortreffliche Geſpinnſtfaſer der bei uns heimiſchen und in Wäldern, auf wüſten Plätzen, an Straßengräben u. ſ. w. in Maſſe wild wachſenden, viel geſchmähten echten Brenneſſel, Urtica dioica. Dieſe Brenn - neſſel beſitzt eine Gewebefaſer, welche der des Leins und der Ramié in nichts nachſteht, die Jute dagegen an Feinheit und Dauerhaftigkeit bei weitem über -76 trifft. Sie liefert einen feinen Baſt, welcher, von den inkruſtierenden Sub - ſtanzen befreit, nach dem Verſpinnen und Verweben das von Kennern hoch - geſchätzte feine Neſſeltuch liefert.
Die Stammpflanze, unſere gemeine Brenneſſel, Urtica dioica L., kann die bedeutende Höhe von 2 m erreichen und daher auch eine ausnehmend lange Faſer liefern; außerdem zeigten Kulturverſuche, daß auch eine zwei - malige Ernte der Stämme möglich iſt.
Die von der Brenneſſel gewonnenen Faſern ſind ſehr fein, geſchmeidig, weich, lang und hinlänglich feſt. Die Verwendung derſelben würde, das Problem der Gewinnung als günſtig gelöſt vorausgeſetzt, für die Textil - induſtrie einen bedeutenden Gewinn vorſtellen. Denn die Neſſelfaſern „ ver - einigen in ſich die Vorzüge der Baſtfaſern und der Baumwolle “und könn - ten demnach zu den wertvollſten Textilien gerechnet werden (Moeller)*)J. Moeller, die Neſſelfaſer. Sonderabdruck aus der Polyt. Zeitg. 1883, Nr. 34 u. 35.. Hinderlich der Gewinnung und Verwendung iſt aber die geringe Anzahl von Baſtfaſern, die in einem Neſſelſtamm enthalten iſt und der innige Verband derſelben mit den benachbarten Geweben.
Die ſorgfältig aus dem Stengelgewebe herauspräparierte Faſer iſt ziem - lich glatt, ohne Streifen, dagegen ſtets von ſtarken Parenchymmaſſen be - gleitet. Der Spinnrohſtoff dagegen beſteht aus Faſern, die teils gerade, teils ſchief geſtreift ſind, Knickungen zeigen, oft wie ein Band plattgedrückt ſind und durch die ſtellenweiſe auftretenden Verengerungen und plötzlichen Verbreiterungen gut charakteriſiert ſind. Die Verbreiterungen, die nicht etwa allein der Faſerwand, ſondern auch dem Lumen zukommen, treten auch häufig an den Enden auf, ſo daß dieſe eine merkwürdige, löffel - oder ſpatelförmige Geſtalt beſitzen; gewöhnlich ſind die Enden ſtumpf, abgerundet und ſollen auch (nach v. Höhnel) eine gabelige Veräſtelung zeigen. Außen - und Innen - kontouren der Zellwand ſind nicht etwa, wie bei der Jute ungleich laufend, ſondern bleiben nahezu parallel, ſo daß die Mächtigkeit der Wand im allge - meinen ſich nicht weſentlich verändert. Stark ausgeprägte Marken der auf den Faſern aufliegenden, kryſtalldruſenführenden Zellen (von quadratiſchem Umriß) verurſachen ſtellenweiſe eine Querſtreifung der Faſern, die ſonach den Anſchein haben, als wären ſie von querlaufenden Poren durchzogen. Die meiſten Faſern führen einen feinkörnigen, von Jod goldgelb gefärbten Inhalt. Verholzung iſt nicht nachzuweiſen, Jod und Schwefelſäure färben die Faſer blau. In Kupferoxydammoniak wird ſie raſch gelöſt, nur die Innenhaut widerſteht dieſem Reagenz eine kurze Zeit, nachdem ſie wulſtig aufgequollen. Die Querſchnitte zeigen einzelne Faſern oder nur wenige, meiſt 3 bis 6, ſelten bis 9 Faſern zu lockeren Gruppen vereinigt. Die Faſern erſcheinen im Querſchnitte länglich oder rundlich eiförmig, abgeplattet, auch einwärts gefaltet, aber niemals polygonal, und erinnern an Hanf; das Lumen iſt länglich, zuſammengedrückt, ſelten dreieckig; die Schichtung wird beſonders nach Anwendung von Kali deutlich; als Breitenmaße findet Ha - nauſek**)Real-Encyclopädie der geſ. Pharmazie. Bd. VII. 30 bis 40 µ (nach v. Höhnel***)v. Höhnel, Mikroſkopie. 70 µ, nach Moeller ſelbſt 120 µ).
77Die mit Salzſäure gewonnene Faſer zeichnet ſich durch weiße Farbe und ſeidenähnliches Ausſehen vorteilhaft aus, hat aber nach Moeller ſoviel an Feſtigkeit und Elaſtizität eingebüßt, daß ſie gar nicht mehr hechelbar iſt und der Baumwolle gleichkommt; aber auch das Röſte - und das mechaniſche Verfahren zur Iſolierung der Baſtfaſern bringt kein tadelloſes Produkt zu - wege, ſo daß die Behauptung nicht ungerechtfertigt ſein mag, von der Neſſel könnte keine Faſer erhalten werden, die mit Lein und Hanf an Länge und Gleichmäßigkeit zu konkurrieren vermag.
Angeſichts dieſer bekannten Thatſache muß es recht ſehr befremden, wenn die Neſſel bei uns, ſtatt gebaut zu werden, überall als läſtiges Un - kraut angeſehen und bekämpft oder ausgerottet wird. Es iſt dies geradezu ein nationalökonomiſches Verbrechen und zwar in zweierlei Beziehung, weil wir damit eine vorzügliche Textilfaſer unbeachtet laſſen, und weil die vielen Quadratmeter öden unbebauten Bodens bei der großen Anſpruchsloſigkeit der Neſſel einen vorzüglichen Boden liefern würden. Möchte doch dieſer Appell von den deutſchen Landwirten beherzigt werden; es würde dann eine neue und wahrlich nicht zu unterſchätzende vaterländiſche Induſtrie entſtehen!
Mit den in den vorſtehenden Paragraphen ausführlich behandelten Ge - ſpinnſtfaſern iſt die Anzahl derſelben noch keineswegs erſchöpft. Vielmehr exiſtieren noch eine ganze Anzahl von Faſern, welche für die Textilinduſtrie zum Teil von großer Wichtigkeit ſind. Die daraus gefertigten Geſpinnſte und Gewebe haben jedoch für den Färber gar kein oder nur ein ſehr unterge - ordnetes Intereſſe. Ich will dieſelben daher hier nur kurz nach Namen, Abſtammung und Verwendung aufführen. Unter Umſtänden können nach - folgende Faſern zum Färben kommen:
1. Manilahanf, die Baſtfaſer von Musa textilis, Musa paradisica. Musa sapientium, Musa troglodytarum, kommt aus Oſtindien und den Inſeln des indiſchen Archipels, vornehmlich von den Philippinen in den Han - del. Ein Stamm liefert 0,5 kg bräunlichgelbe bis gelblichweiße, etwas ſteife, ſehr zähe, glänzende, gleichmäßige und glatte, 1,2 bis 7 m lange Faſern. Die hellen Faſern werden gehechelt und zu Garn verſponnen, welches zu Glockenzügen, Markttaſchen u. dergl. Geflechten (in Frankreich auch Shawls und Frauenhüten) verwendet wird. Die feinſte Sorte Manilahanf wird neuerdings aber auch als Schußfaden für gröbere Möbeldamaſte, ſog. Fantaſie - ſtoffe, verarbeitet, und könnte in dieſer Form, zumal wenn mit Baumwolle verwebt, dem Färber doch leicht einmal vorkommen. — Der Manilahanf des Welthandels gilt als das beſte Material für Seilerarbeiten.
2. Ananashanf, die Baſtfaſern der Blätter von Ananassa sativa Lind., Ananassa semiserrata, Ananassa lucida und Bromelia Karatas L., in Central - und Südamerika, iſt eine feine, weiße, glänzende, bis 1½ m lange Textilfaſer, welche in ihrer Heimat zu feineren Geweben verarbeitet wird.
3. Coir, die Baſtfaſer der Cocusnüſſe, iſt eine dicke, rotbraune, un - gemein zähe, feſte, elaſtiſche, dabei ſehr leichte, bis 30 cm lange Faſer. Die auf Ceylon, Oſtindien und dem indiſchen Archipel heimiſche Cocos - palme (Cocos. nucifera L.) iſt die Mutterpflanze. Die faſerige Frucht -78 rinde wird nach längerem Aufweichen in Waſſer gewaſchen, getrocknet und ſchließlich ſo lange geklopft, bis ſie in die Faſern zerfällt. Dieſe werden gehechelt. Die Faſerelemente ſind kurz; zum Verſpinnen benutzt man da - her einen Baumwollenfaden, um welche die Cocosfaſer geſponnen wird; das Geſpinnſt iſt das Cocosgarn. Die Cocosgarne werden vornehmlich zu Flechtwerk, Matten (Cocosläufer) und Teppichen verarbeitet und kommen als ſolche bei der Teppichgarnfärberei in Betracht.
4. Halfa, die Faſer der Blätter des in Nordafrika und Südſpanien heimiſchen Pfriemengraſes, Stipa tenacissima L., iſt bis 50 cm lang, ſchwach gelblich gefärbt, biegſam und matt glänzend. Nach Romen werden Gewebe aus dieſer Faſer (Alfa - oder Halfagewebe) in Algier, Spanien und Frankreich gefertigt. Nach Moeller*)Real-Encyklopädie der geſ. Pharmazie, Bd. V, S. 81. dagegen hat die Halfa als Spinn - faſer keine Bedeutung.
5. Gambohanf. Unter dieſem Namen verſteht man drei verſchiedene Geſpinnſtfaſern, und zwar: a) Den Hibiscushanf, die gelblichweiße bis graugelbe, wenig glänzende und etwas verholzte Faſer von Hibiscus canna - binus. b) Die Abelmoſchusfaſer von Abelmoschus esculentus, der vorigen durchaus ähnlich. c) Die Urenafaſer, die weiße oder gelbliche, ſchön glänzende Baſtfaſer von Urena sinuata.
Die nun folgenden Geſpinnſtfaſern haben für die Färberei gar kein Intereſſe, ſind minderwertig und werden vorzugsweiſe zu Seilerarbeiten ver - wendet. Hierher gehören:
6. Neuſeeländiſcher Flachs, die Blattfaſer von dem auf Neuſee - land und der Norfolkinſel heimiſchen Phormium tenax Forst.
7. Sunnhanf, die Baſtfaſer von Crotolaria juncea.
8. Aloëhanf, Fiber, die Blattfaſer verſchiedener Agave-Arten.
9. Yuccafaſer von Yucca gloriosa.
10. Bogenſtranghanf von Sansevieria-Arten.
Hier mögen gleich noch einige Faſermaterialien namhaft gemacht wer - den, an welche ſich große Hoffnungen für ihre Verwendung in der Textil - induſtrie knüpfen. Erfüllen ſich dieſe, ſo hat auch die Färberei ein direktes und ſehr großes Intereſſe an dieſen Textilfaſern. Hierher gehören:
11. Die vegetabiliſche Seide, die 10 bis 30 mm langen, weißen, weichen, ſeidenartig glänzenden Samenhaare verſchiedener Asclepias-Arten, ſowie die Samenhaare von Calotropis gigantea.
12. Die ſog. Wollbaumwollen oder Kapok. Die Länge der Kapok - faſern, welche entſchieden als das beſte pflanzliche Stopf - und Polſtermaterial gilt und in den beſſeren Sorten den echten Dunen an Leichtigkeit und Elaſtizi - tät nicht nachſteht, beträgt 0,5 bis 2 cm; die einzelnen Faſern beſitzen ſeidenartigen Glanz und meiſt gelbe bis braune Farbe. Ihre Steifheit und Kürze hindert ihre direkte Verwendbarkeit als Spinnmaterial, obwohl ſie auch ſchon verſuchsweiſe dazu benutzt wurden; indeſſen iſt gerade die Starre der Bombaxwolle der Grund, weshalb ſie ſo vorzüglich zu Polſtermaterial geeignet iſt. Ihr Preis ſchwankt zwiſchen ½ bis 2 Mark pro Kilogramm. Die Heimat der Kapokwolle iſt Java, Indien und Ceylon. Die Stamm -79 pflanzen derſelben ſind die Gattungen Bombax, Eriodendron, Ochroma, Chorisia; von dieſen iſt die wichtigſte Art: Eriodendron anfractuosum DC. In Amerika ſind es Bombax Ceiba und heptaphyllum, welche Wolle liefern; in Weſtindien: Ochroma Lagopus Sw. ; in Afrika: Bombax guinense und malabaricum, letztere Art iſt auch in Oſtindien vertreten.
Die Wollbäume gehören auch noch deswegen zu den techniſch intereſ - ſanteſten und wichtigſten Gewächſen der Tropen, weil ihr Baſt als Hanf verwendet werden kann, und iſt es eben nicht unmöglich, daß auch die Wolle nach zweckmäßiger Behandlung als Textilfaſer Verwendung finden kann.
13. Auch die Geſpinnſtfaſern einiger amerikaniſcher Urticaceen, wie Laportea canadensis, und die Varietät Laportea pustulata Wedd., deren Anbau in Sachſen verſucht worden iſt, liefern für die Praxis brauchbare Faſern, wenn ſie auch in der Feinheit der Faſern unſerer Neſſel weit nach - ſtehen.
Als gemiſchte Gewebe ſind alle diejenigen aus Geſpinnſtfaſern herge - ſtellten Gewebe zu betrachten, bei denen die Kettenfäden und die Schußfäden nicht aus dem gleichen Faſermaterial beſtehen. Der Zweck ſolcher gemiſchten Gewebe iſt, ein wegen ſeiner beſonderen Eigenſchaften oder wegen ſeiner Koſtbarkeit hochgeſchätztes Faſermaterial mit einem anderen billigeren Faſer - material derartig zu verweben, daß das neue Gewebe billiger wird, ohne dabei das äußere Ausſehen eines einfachen Gewebes aus dem teureren Faſer - material einzubüßen. Wie das erreicht wird, iſt Sache der Weberei, und geht uns hier nichts an; aber welcher Art dieſe gemiſchten Gewebe ſind, und in welchen Zuſammenſtellungen ſie vorkommen kön - nen, das iſt für den Färber zu wiſſen unbedingt notwendig. Ich führe deshalb die häufiger vorkommenden gemiſchten Gewebe nachfol - gend an*)Nach Hoyers „ Lexikon der Verfälſchungen “.:
1. Halbſeide. Die Halbſeidengewebe haben als Kette durchgängig Seide (Organſin), als Schuß dagegen Kammgarn (Mohair, Alpaco) oder Baumwolle.
Hierher zählen: a) Halbtaffet mit Baumwolle als Schuß; Popeline, mit feiner Kammwolle als Schuß; Levantin, mitunter aus Baumwollkette; von Köperatlas haben die ganz geringen Sorten Baumwollgarn als Schuß; ein ſammetartiges Halbſeidengewebe iſt der Halbſeidenvelpel, bei dem der Grund des Velpels aus Baumwolle hergeſtellt wird; als gazeartiges Halb - ſeidengewebe iſt der Barège bekannt, mit Kette aus feiner ungekochter Seide und Schuß von Kammwollgarn oder umgekehrt.
2. Halbwolle. Die Anzahl der halbwollenen Stoffe iſt eine ſehr große. Faſt alle halbwollenen Stoffe ſetzen ſich aus Wolle und Baumwolle zuſammen; weit ſeltener aus Wolle und Seide; noch wenig gekannt — ein Kind der Neuzeit — iſt ein Verweben von Wolle und Jute. In gewiſſem Sinne könnte man auch die mit Effektfäden aus Chinagras durchwebten Rock - und Hoſenſtoffe aus Kammgarn als Halbwolle betrachten, doch würde damit der oben gegebene Begriff eines gemiſchten Gewebes etwas verſchoben. 80Bei vielen tuchartigen Zeugen beſteht die Kette aus Baumwolle, der Schuß aus Streichgarn; hierher gehört der Flanell, glatt oder köperartig ge - webt, wenig gerauht oder geſchoren und ſchwach gewalkt; der Kaſſinett, köper - oder atlasartig, mit Kette aus Baumwollgarn, Schuß aus Streich - wolle, weder gerauht, noch geſchoren oder gewalkt, ſondern nur heiß ge - preßt; Beiderwand (Halbwollenlama), Halbtuch, Halbwollenköper und Halbwollenmoleskin, aus Baumwollkette und Streichwollſchuß, zum Teil wie Tuch behandelt, zum Teil wenig oder auch gar nicht gewalkt; Velours, oft mit Kette aus Baumwolle, ſtark gerauht und gewalkt, wenig geſchoren. Kaſchmiret iſt ein gemiſchtes Gewebe, mit Kette aus Floret - ſeide und Schuß aus feinem Streichgarn, gerauht, gewalkt und geſchoren, ſo daß der Köper noch erkennbar iſt.
Mindeſtens ebenſo reichhaltig iſt die Zahl der halbwollenen Gewebe aus Kammgarn. Hierher zählen:
a) Zu den glatten Geweben: Wollmuſſelin, ein lockeres weiches Gewebe, oft mit Kette aus Baumwolle; Orleans, Kette aus Baumwoll - zwirn, Schuß aus Kammgarn; Rips, in der Regel aus Baumwoll - oder Streichwollkette, mit feinem Kammgarnſchuß; Poil de chèvre oder Mo - hair aus Baumwollkette mit Kammgarnſchuß. — Chaly iſt eine Art Wollmuſſelin mit ſeidener Kette und Kammgarnſchuß. — Moiree iſt ein moiriertes glattes Gewebe mit Kette aus ſtarkem Kammgarn und Schuß mitunter (aber nicht immer) aus Jute.
b) Zu den geköperten Zeugen: Halbwollene Kaſchmire mit ſeide - ner Kette und Merinowolle als Schuß; Bombaſin, dem vorigen ähnlich, mit ſeidener Kette; Halbmerino iſt dreibindiger Köper mit Baumwoll - kette und Kammwollſchuß oder umgekehrt; Zanella iſt ein fünffädiger Woll - atlas mit Kette aus Baumwollzwirn.
c) Zu den gemuſterten Zeugen: Halbwollener Damaſt mit Kette aus Baumwollzwirn.
d) Zu den gazeartigen Geweben: Halbwollenbarège mit Kette aus gezwirntem Baumwollgarn und Kammgarnſchuß.
3. Halbleinen. Die halbleinenen Gewebe ſetzen ſich in den beſſe - ren Sorten aus Leinen einerſeits, und Baumwolle oder Ramié (Neſſel) andererſeits zuſammen; in den geringeren Qualitäten aus Leinen einerſeits und Rohflachs (Werg), Hanf oder Jute andererſeits. Die halbleinenen Ge - webe haben für die Färberei nicht das gleiche Intereſſe, wie die halbſeidenen und halbwollenen Gewebe. Noch geringer iſt das Intereſſe bei
4. Halbbaumwolle, wobei es ſich gemeinhin um Miſchungen von Baumwolle mit Neſſel oder Hanf (Hedeleinen), Jute handelt.
Die Kenntnis der gemiſchten Gewebe iſt für den Färber deshalb ſo wichtig, weil er auf das Färben derſelben oft nicht die einfachen Methoden anwenden kann, wie er ſie bei einfachen Geweben ausübt, beſonders dann nicht, wenn tieriſche und pflanzliche Faſern zuſammen verwebt ſind. Auf die Grundſätze, nach denen in ſolchen Fällen zu verfahren iſt, komme ich im ſpeziellen Teile ausführlich zu ſprechen.
Als künſtliche Geſpinnſtfaſer bezeichne ich alle diejenigen Faſermateria - lien, welche auf mechaniſchem oder chemiſchem Wege oder auf beiden herge - ſtellt werden und welche in ihren phyſikaliſchen und chemiſchen Eigenſchaften der natürlichen Faſer ſoweit nahekommen, daß ſie unter Umſtänden als Er - ſatz für dieſelbe dienen können. Unter ſolchen Surrogaten iſt nur die künſtliche Wolle oder Kunſtwolle von Wichtigkeit. Dieſes Fabrikat ver - dient den Namen Kunſtwolle eigentlich nicht, denn es iſt keine künſtliche Nachahmung der Wollfaſer, ſondern vielmehr eine aus Lumpen wiederge - wonnene Wolle. Die Franzoſen bezeichnen ſie daher ſehr treffend mit laine de renaissance. Da heutzutage ein großer Teil unſerer Wollwarenfabrikate zum Teil mit Kunſtwolle hergeſtellt wird, und der Färber nicht ſelten (wahr - ſcheinlich öfter als ihm lieb iſt) Kunſtwolle in die Hände bekommt, die er aber wohl ſelten ohne weiteres für ſolche halten wird, ſo ſcheint es ange - zeigt, auf dieſes Kapitel näher einzugehen.
Zur Erzielung des Fabrikats ſchlägt man zwei völlig verſchiedene Wege ein, ein mechaniſches Verfahren auf trocknem Wege, und ein chemiſches Ver - fahren auf naſſem Wege. Man gewinnt ſo drei verſchiedene Arten von Kunſtwolle, welche den Namen Shoddy, Mungo und Extraktwolle führen.
Shoddy und Mungo. Dieſe beiden Sorten werden aus alten Wolllumpen dargeſtellt, welche vor ihrer Verarbeitung aufs ſorgfältigſte ſortiert werden müſſen, indem zunächſt alle nicht wollenen Beſtandteile aus - geſchieden werden. Die zurückbleibenden Wolllumpen gehen dann durch die Putzmaſchine, wo ſie von Staub und anderen anhaftenden Beſtandteilen be - freit werden. Nun folgt ein Sortieren nach den Hauptfarben und dann ein Zerſchneiden in kleine Stücke, wobei gleichzeitig alle nicht wollenen Beſtand - teile (Nähfaden, ſeidenes Futter, Futterkattun u. dergl. ) ſorgfältig entfernt werden. Die ſo vorſortierten Lumpen gehen dann nochmals durch die Putz - maſchine und werden abermals ſortiert. Nach v. Wagner liefern 100 kg Rohlumpen etwa 70 kg ſortierte Lumpen. Dieſe werden nun auf dem Lumpen - oder Reißwolf zerriſſen und in loſe Wollfaſern verwandelt. Zur Shoddywolle werden nur die Lumpen von geſtrickten oder loſe gewebten, nicht gewalkten Wollwaren verwendet; die Verarbeitung ſolcher Lumpen be - darf keines ſo ſorgfältigen Sortierens und gibt bei einer durchſchnittlichen Ausbeute von beiläufig 50 Prozent eine Kunſtwolle von längerem Stapel, welche vor dem Verſpinnen noch einer weiteren Behandlung auf einer Vor - kratze oder Reißkrempel unterliegt, wobei ſie einen kleinen Zuſatz von Baumöl erhält.
Die beſte Sorte wird aus reinem Thibet gewonnen und muß recht lang geriſſen ſein. Die Langfädigkeit iſt für das Spinnen ein großer Vor - teil. Im Handel findet ſich dieſe Sorte unter der Bezeichnung T1. Die zweite Sorte, T2 benannt, iſt an Qualität etwas geringer und beſteht aus Thibet und Tüchern, die dritte Sorte T3 wird nur aus Tüchern ge - wonnen. Dieſe drei ſind die guten Sorten des Shoddy. Die geringe - ren Sorten werden aus alten Möbelſtoffen, Damaſt und grobem Rips hergeſtellt. Dieſe müſſen vor ihrer Verarbeitung in einem Schwefelſäure -Ganswindt, Färberei. 682bade von 6° B. recht heiß behandelt werden, um die in dem Stoffe ent - haltene Appretur zu entfernen und den Lappen einen gleichmäßigen Ton zu geben.
Eine noch ſchlechtere Sorte wird aus alten Strümpfen gewonnen. Während die bisher beſprochenen Sorten bei der Fabrikation trocken oder mit Oel (Oleïn) genetzt auf dem Shoddywolf zerriſſen werden, werden die alten Strümpfe zuerſt in Waſſer eingeweicht, zerriſſen und zuletzt auf einer Waſchmaſchine gewaſchen. Man thut dies, um den in den Strümpfen enthaltenen, oft ſehr feſtſitzenden Schmutz zu entfernen. Die Benennung für dieſe Sorte iſt S4 S.
Die letzten Sorten des Shoddy werden aus altem Zuckertuch, alten Oelbeuteln, grobem Fries u. dergl. hergeſtellt. Die Behandlung iſt dieſelbe, wie die des Shoddy aus Strümpfen, d. h. wenn keine Oelbeutel vorhanden ſind. Letztere werden in der Regel für ſich zerriſſen und bei Verarbeitung gleich grober Partien mit hineindrouſſiert. Das Drouſſieren müſſen alle Shoddyſorten durchmachen. Sie werden dadurch reiner und das Spinnen geht leichter und mit geringerer Abnutzung der Vorkrempeln vor ſich.
Zur Mungowolle können alle gewalkten und gewebten Stoffe ver - wendet werden; wie bei der Verwendung gewalkter Wolle nicht anders zu erwarten, iſt das Produkt ein geringeres und von kurzem Stapel, auch wird ſie vor dem Verſandt nicht noch erſt auf der Reißkrempel behandelt. Die Ausbeute an Mungowolle beträgt dann etwa 35 Prozent. Dieſelbe wird teils aus demſelben Material, teils aber aus geringeren Stoffen hergeſtellt. Der Unterſchied zwiſchen Shoddy und Mungo liegt weniger in dem be - nutzten Material, als darin, daß der einzelne Faden bei Mungo weit kür - zer ausfällt als bei Shoddy. Es iſt darum auch der Mungo weſentlich billiger als Shoddy. Allerdings beſteht das Rohprodukt auch für Mungo aus den Reſten von Tüchern, Thibet u. dergl. ; es werden aber zum Shoddy möglichſt große Stücke genommen, während man für Mungo nur kleine, ja ſogar die kleinſten Stücke verwendet. Ein kleines Stück kann natür - lich keinen langen Faden geben und iſt für Shoddy nicht mehr zu ge - brauchen.
Die Mungos aus Thibet ſind ſelten und werden auch weniger ver - langt, weil ſie hoch im Preiſe ſtehen. Häufig und ſehr geſucht ſind die Mungos aus neuem und altem Tuche und neuen und alten Buckskins. Die einzelnen Farben dieſer Materialien werden ſortiert und die neuen von den alten Stücken getrennt. Blau (Militärblau) und Schwarz werden in neuen Lappen ungefärbt verarbeitet, um eine recht ſchöne Farbe zu erzielen. Da aber auch Blau ſowohl wie Schwarz häufig nicht durchgefärbt iſt, ſo nimmt man von jeder Sorte ⅓ und färbt es nochmals in derſelben Art ſchwarz, wie man Kunſtwolle zu färben hat. Für Schwarz färbt man ein kräftiges Blauſchwarz, für Blau ein ſchönes volles Rotblau. Man nimmt zum Färben aber helle Lappen, z. B. Braun, Grau, Grün u. dergl. Sind die Lappen gefärbt, ſo werden ſie getrocknet, geſiebt und unter die andern gemiſcht. Man übergießt dann jeden Centner dieſer Lappen mit 5 kg Oleïn, wirft die Lappen gut durcheinander, damit das Oel ſich überall gleichmäßig verteilt und wolft ſie dann auf dieſelbe Art wie Shoddy; nur ſind die Stifte der ſchon oben beſchriebenen Trommel des Wolfs enger zuſammen -83 geſtellt. Die Trommel für Mungo iſt 35 cm breit, 1 m hoch und die bei - den Seiten mit eiſernen geſchmiedeten Reifen umſpannt. Zwiſchen beiden Reifen ſind der Breite der Trommel nach die Stifte angebracht und zwar 32 in jedem Reifen in derſelben Ordnung wie beim Shoddy. Schon da - durch, daß die Stifte enger ſtehen, wird das Material viel kürzer zerriſſen. Es iſt dann aber auch ſchon ſoweit aufgelöſt, daß es die Drouſſier - maſchine nicht mehr zu paſſieren braucht, ſondern gleich mit guter Wolle gemiſcht auf die Vorkrempeln kommt. Dem Mungo muß man dabei viel mehr gute Wolle zuſetzen als dem Shoddy, um ein ſpinnfähiges Material zu erhalten, auch wird der Faden nicht ſo ſchön als der aus Shoddy ge - ſponnene. Er erfüllt aber ſeinen Zweck, indem er beſonders als Unterſchuß für Doubles, Ratines, Flocones, wie für alle dergleichen ſchwere Stoffe be - nutzt wird.
Extraktwolle. Die Extraktwolle wird aus den ſortierten Lumpen durch das Zerſtören der Pflanzenfaſer auf chemiſchem Wege gewonnen. Das Verfahren beruht auf der merkwürdigen Thatſache, daß die vegetabiliſchen Faſern, mit heißer verdünnter Mineralſäure behandelt, morſch werden, reſp. in Pulver zerfallen oder auch ſich auflöſen, während die Wolle nicht gelöſt oder morſch wird, und ſcheinbar überhaupt nicht angegriffen wird. Das Verfahren iſt durchgehends als Karboniſation bekannt, und wird in Fa - briken (Karboniſieranſtalten) in großem Maßſtabe betrieben. Ausführlicheres über dieſes Verfahren habe ich bereits in § 5, S. 17 — 18, geſagt. Es werden alſo gewiſſermaßen die Lumpen extrahiert, Baumwolle, Leinen und Neſſel werden gelöſt, und die Wolle bleibt als Rückſtand; daher der Name Ex - traktwolle.
Eigenſchaften der Kunſtwolle. Wenn auch die auf eine der vor - ſtehend beſchriebenen Weiſen bereiteten Kunſtwolle nichts anderes als Wolle iſt, ſo wäre es doch ein verhängnisvoller Irrtum, ſie bona fide als Wolle zu betrachten. Vom nationalökonomiſchen Standpunkte iſt es gewiß zu billi - gen, wenn die Wolle aus Lumpen wieder gewonnen und von neuem nutzbar gemacht wird; auch vom rein chemiſchen Standpunkt wird ſich nichts Ge - wiſſes dagegen ſagen laſſen. Es darf aber nicht vergeſſen werden, daß zwiſchen Wolle und Kunſtwolle doch ein ganz gewaltiger Unter - ſchied iſt. Die zur Bereitung von Kunſtwolle verwendeten Lumpen, gleich - viel welcher Art, ſind durchgehends ſchon gefärbt. Durch die mechaniſchen Operationen bei Bereitung von Shoddy und Mungo wird der Farb - ſtoff aus der Wollfaſer nicht entfernt; ebenſo wenig werden hierbei die vegetabiliſchen Faſern vollſtändig entfernt, und die mikroſkopiſche Be - trachtung der Wolle zeigt faſt durchgehends noch Baumwolle und Leinen, nicht ſelten auch Seide als Beſtandteile der Kunſtwolle. Zudem iſt die Be - handlung der Lumpen auf dem Reißwolf eine geradezu martialiſche. Bei der Extraktwolle dagegen geht die Wolle aus der Behandlung mit Säure durchaus nicht ſo intakt hervor, als allgemein angenommen wird, ſie erleidet ſtets eine Einbuße an ihrer Weichheit und Milde: ſie wird härter und rauher und läßt ſich ſchwieriger verſpinnen.
Aus dieſen Erwägungen geht unzweifelhaft hervor, daß die Kunſt - wolle in keinem Falle mit neuer Wolle auch nur annähernd gleichwertig ſein kann. Angeſichts dieſer Thatſache iſt es nur zu be -6*84klagen, daß große Poſten Kunſtwolle mit und neben neuer Schafwolle zu Garn und Geweben verarbeitet wird.
Für den Färber kommt hier noch beſonders in Betracht, daß die Kunſtwolle gegen Farbſtoffe ein weſentlich anderes Verhalten zeigt und zeigen muß als neue Wolle. Ja, ſie kann geradezu zur Pein werden, wenn der Färber Garne oder Gewebe zum Färben erhält, welche aus Wolle mit Kunſtwollezuſatz verwebt ſind. Bei ſolchen Garnen und Geweben wird alle Kunſt und Erfahrung auch des beſten und gewandte - ſten Färbers zu nichte. Das ungleiche Anziehen der Farben, das Fleckig - werden von Wollſtücken beim Färben und noch eine ganze Anzahl ſolcher Fatalitäten hat ſeinen Grund in der Anweſenheit von Kunſtwolle im Garn oder Gewebe. Daß der Färber hier eine gleichmäßige Farbe ſehr häufig nicht erzielen kann, liegt auf der Hand; er wird aber gemeinhin für das Mißlingen verantwortlich gemacht werden, an dem er doch nicht die ge - ringſte Schuld trägt.
Unter Kunſtwolle verſteht man jedoch nicht allein die aus Woll - und halbwollenen Lumpen gewonnene Wollfaſer, ſondern auch die ſchlechteſten und billigſten Abgänge bei der Wollkämmerei, der Kamm - und Streichgarn - ſpinnerei, ſowie den Krempelausputz, die Abgänge beim Rauhen ꝛc. Dieſe Abfälle werden auch wieder verſponnen, aber man vermag nur etwa 30 Pro - zent des Gewichts an Garn daraus zu gewinnen. Während die eigentliche Kunſtwolle ſich zur Not bis zu Garnnummer 10 allein verſpinnen läßt, erfordern die erwähnten Abfälle beim Verſpinnen eines Zuſatzes von friſcher Wolle. Auch die Abgänge in den Vigogneſpinnereien werden zur Zeit durch eigene Spinnereien zu grobem Garne verſponnen.
Das Vorkommen von Kunſtwolle in Garnen und Geweben neben neuer Schafwolle iſt eine Quelle ſteten Aergers und das um ſo mehr, als der einwandfreie Nachweis der Kunſtwolle ſehr ſchwierig iſt. Ueber den Nach - weis der Kunſtwolle ſiehe den nächſten Paragraphen.
Künſtliche Seide. Verſuche zur Herſtellung einer künſtlichen Seide ſind mehrfach gemacht worden, aber ohne Erfolg.
Dagegen ſind die Verſuche, vegetabiliſche Faſern mit einer Seidenlöſung zu tränken, aller Beachtung wert. Ein recht vernunftgemäßes Verfahren iſt das von P. Hoſemann, welcher Seide in Alkalien löſt, und die an - gefeuchtete vegetabiliſche Faſer mehrmals durch eine konzentrierte Seidenlöſung zieht, dann zwei Stunden auf ein ſtarkes Schwefelſäurebad geht und ſchließ - lich gut ſpült. Die ſo behandelten Stoffe können gebleicht und gefärbt wer - den, wie Seide und verlieren ihren ſeidenartigen Charakter nicht.
Neuerdings hat wieder ein Franzoſe Chardonnet ſich ein Verfahren zur Erzeugung von Kunſtſeide patentieren laſſen. Dieſes Verfahren bezweckt nichts geringeres, als die in Kollodium gelöſt enthaltene Nitrocelluloſe durch eine mechaniſche Operation in eine Geſpinnſtfaſer zu verwandeln*)Ausführlicheres hierüber ſiehe „ Deutſche Färberzeitung “1888, Nr. 9 u. 10.. Mir will das Verfahren noch nicht einleuchten. Wenn es auch wirklich gelingen ſollte, durch Preſſen durch ein feines Rohr oder Mundſtück eine im halb - harten Zuſtande nach Belieben dehnbare Spinnfaſer zu erzeugen, ſo möchte ich doch eindringlich davor warnen, dieſe Geſpinnſtfaſer jemals praktiſch zu85 verwerten, denn es iſt ein Nitrokörper, der gegebenen Falls zu Exploſionen Anlaß geben kann.
Kosmosfaſer, auch Kunſtwolle, Laine artificielle genannt, iſt ein in neuerer Zeit in den Handel gebrachtes wollähnliches Produkt, welches zur Bereitung ordinären Tuches verwendet wird; es wird aus den Abfällen des Flachſes, des Hanfes und der Jute dargeſtellt.
Als Geflechtmaterialien bezeichne ich alle diejenigen Stoffe, welche weni - ger für ſich verſponnen, ſondern nur in gewiſſen Fällen verwebt werden können, oder, falls ſie hierzu nicht fein oder nicht weich genug ſind, ſich auch zu Geflechten verbinden laſſen. Zu den Geflechtmaterialien der erſten Sorte rechne ich Gold - und Silberfäden, welche für beſonders koſtbare Ge - webe bisweilen verwendet werden; ferner Glasfäden und Asbeſtfäden.
Als Flechtmaterial im vollſten Sinne aber iſt das Stroh aufzufaſſen, welches in Form von Strohgeflecht (China - oder Mottledgeflecht) das Material für den weit ausgedehnten Zweig der Strohgeflechtfärberei bildet, deren Hauptſitz Dresden iſt. Das Rohmaterial für die Strohflechterei iſt das Weizenſtroh von Triticum vulgare L. Die Strohflechterei wird in aus - gedehntem Maßſtabe im ſächſiſchen Erzgebirge betrieben. Nach beendeter Weizenernte, wobei das Getreide ſorgfältig vor Näſſe zu ſchützen iſt, wer - den die Aehren abgeſchnitten und die Halme ſo zerſchnitten, daß die Knoten herausfallen. Alsdann wird das Stroh geſchwefelt und zum Mürbewerden in Waſſer gelegt. Nunmehr werden die erweichten Halme mittels eines ſchar - fen Inſtrumentes in ſchmale Streifen geſpalten. Dann beginnt das Flech - ten, eine mühſelige Arbeit, zu der vielfach Kinder herangezogen werden.
Die Panamageflechte, welche gemeinhin nicht gefärbt werden, ſtammen von Carludovica palmata ab.
Sobald man die Art der Geſpinnſtfaſer kennt, bietet das Färben der - ſelben durchſchnittlich keine Schwierigkeit. Weſentlich anders aber geſtaltet ſich der Fall, wenn die Natur des Faſermaterials nicht bekannt iſt, oder wenn das daraus gefertigte Garn oder Gewebe die Entſcheidung zweifelhaft macht; noch ſchwieriger wird der Fall, wenn mehrere Geſpinnſtfaſern in einem Gewebe verwebt ſind; meiſt thut auch die Appretur der Schärfe ein - zelner Reaktionen Eintrag, ſo daß eine Gewebeprüfung ſelbſt für den Fach - mann eine ſchwierige Sache bleibt. Die Gewebeprüfung hat zum Zweck die Feſtſtellung der Geſpinnſtfaſern, aus welchen das zu unterſuchende Gewebe hergeſtellt iſt. Eine derartige Unterſuchung ſetzt ein ſolches Maß chemiſcher86 Vorkenntniſſe voraus, wie es ein Färber wohl nur ausnahmsweiſe beſitzen wird, und wie es von einem ſolchen auch nicht verlangt werden kann; ſie erfordert ferner eine gewiſſe Uebung im Umgange mit dem Mikroſkop, welche ein Färber durchſchnittlich auch nicht beſitzen wird. Wenn es ſich alſo um eine wichtige Unterſuchung handelt, ſo wird ſich die Zuhilfenahme eines Apothekers oder eines Oberlehrers, welcher botaniſchen Unterricht erteilt, zu empfehlen ſein. Dagegen iſt es ſehr wohl denkbar, daß eine einfachere Ge - webeprüfung auch von einem Färber allein ausgeführt werden kann, und zwar auf chemiſchem Wege. Dabei handelt es ſich gemeinhin in erſter Linie um die Unterſcheidung animaliſcher Faſern (Wolle, Seide, Haar), von vege - tabiliſchen Faſern (Baumwolle, Flachs, Hanf, Jute, Neſſel). Da jedwede animaliſche Faſer ſtickſtoffhaltig und von hornartiger Beſchaffenheit iſt, ſo zeigt ſie beim Verbrennen den widerlichen Geruch nach ver - branntem Horn; die vegetabiliſche Faſer beſteht aus faſt reiner Celluloſe, verbrennt daher ruhig ohne einen nennenswerten Ge - ruch. Tritt alſo der brenzlige Geruch auf, ſo iſt das der ſicherſte Beweis, daß tieriſche Faſern vorhanden ſind. Ob außer den tieriſchen Faſern auch noch eine Pflanzenfaſer vorhanden iſt, muß erſt ein zweiter Verſuch lehren: Starke Löſungen von Alkalien löſen animaliſche Faſern auf (Schaf - wolle wird quantitativ gelöſt); vegetabiliſche Faſern bleiben ungelöſt. Handelt es ſich z. B. um Beſtimmung lediglich von Wolle neben vegetabi - liſchen Faſern, ſo genügt ſchon Behandlung mit verdünnter Kalilauge, in welcher ſich Wolle vollſtändig löſt, und Wägung vor und nach der Behand - lung; die Differenz gibt das abſolute Gewicht der Wolle.
Seide iſt nur in ziemlich konzentrierter Kalilauge löslich und quillt in verdünnter Lauge unter teilweiſer Löſung auf. — Verdünnte Mineralſäuren greifen animaliſche Faſern nicht oder faſt nicht an, vege - tabiliſche Faſern werden dagegen in höherer Temperatur gelöſt und zerſtört, bei Anwendung von Schwefelſäure direkt verkohlt; dieſes Verfahren dient zu einem quantitativen Nachweis von vegetabiliſchen Faſern in Wolle durch Beſtimmung der Gewichtsdifferenz.
Eine ſehr empfindliche Reaktion zur Erkennung der vegetabiliſchen neben animaliſchen Faſern hat Liebermann vorgeſchlagen. Zu dieſem Zwecke be - reitet man ſich eine geſättigte wäſſerige Löſung von Fuchſin (ſalzſaurem Ros - anilin) und fügt zu derſelben tropfenweiſe ſo lange Kali - oder Natron - lauge, bis dieſelbe eben entfärbt iſt. Hierauf gießt man die Flüſſigkeit mit dem Niederſchlage auf ein Papierfilter, und benutzt nun die durchlaufende farbloſe klare Flüſſigkeit zur Prüfung. Taucht man in dieſelbe ein gemiſch - tes Gewebe, am beſten in der Wärme, während einiger Sekunden ein und wäſcht dasſelbe hierauf mit viel Waſſer, ſo nimmt die Schafwolle eine in - tenſiv rote Farbe an, während die Baumwollfäden vollſtändig farblos er - ſcheinen. Das Verhalten von Seidenfäden in gemiſchten Geweben ent - ſpricht bei dieſer Behandlung vollkommen jenem der Schafwolle.
Zur Trennung von Schafwolle und echter Seide eignet ſich am beſten eine Behandlung mit kochender Salzſäure; während ſich hierbei die Seide raſch auflöſt, quillt die Schafwolle nur auf, wird jedoch nicht gelöſt, ſo daß dieſes Verfahren auch zur quantitativen Beſtimmung der Beſtandteile des Gewebes verwendet werden kann.
J. Perſoz beobachtete, daß ſich die Seide in einer Löſung von baſi - ſchem Chlorzink von 60° B. beſonders leicht in der Wärme auflöſe. A. Re -87 mont gründete, auf dieſe Thatſache geſtützt, ein Verfahren zur quantitativen Beſtimmung verſchiedener Faſern in gemiſchten Geweben. In 200 ccm einer dreiprozentigen Salzſäure werden danach drei Proben des Gewebes, zu 2 g, behufs Entfernung der Appretur gekocht; dieſelben werden dann gründlich gewaſchen und ausgepreßt. Liegt ein gefärbtes Gewebe zur Beurteilung vor, ſo zeigt es ſich, daß bei dieſer Operation die Baumwolle den Farbſtoff am raſcheſten, die Wolle langſamer und die Seide am ſchwerſten abgibt. Zwei der ſo gereinigten Proben taucht man dann in eine ſiedende, aus 1000 Teilen Chlorzink, 850 Teilen Waſſer und 40 Teilen Zinkoxyd hergeſtellte Löſung von baſiſchem Chlorzink, wäſcht dieſelben hierauf zunächſt in angeſäuertem, dann in reinem Waſſer gut aus und trocknet ſie; der Gewichtsverluſt ent - ſpricht der Menge vorhanden geweſener Seide. Wird die dritte Probe dann in 60 bis 80 ccm einer Natronlauge vom ſpez. Gewicht 1,02 während 15 Minuten auf 100° erhitzt, hierauf gewaſchen und getrocknet, ſo zeigt der ſo entſtehende Gewichtsverluſt die Menge der vorhanden geweſenen Schaf - wolle an.
Dieſen Unterſuchungsgang hat Remont in ein Schema gebracht, wel - ches ich ſeiner Ueberſichtlichkeit wegen, nachſtehend folgen laſſe:
Tritt beim Verbrennen eines Fadens ein Geruch nach verbranntem Horn auf, d. h. ſind animaliſche Faſern vorhanden, ſo macht man noch eine Kontrollreaktion: man erhitzt einen Faden mit einem Stückchen Aetznatron; es muß Ammoniak entwickelt werden, welches durch einen mit Salzſäure befeuchteten Glasſtab nachgewieſen wird. Es muß daran erinnert werden, daß beide Reaktionen die etwaige Anweſenheit der Baumwolle verdecken. Man erhitzt nun einige Fäden in obiger Chlorzinklöſung:
Mit einem etwaigen Rückſtand verfährt man nach 3.
3. Es löſt ſich nichts in Chlorzink. Man taucht dann die Fäden, reſp. das Ungelöſte aus 2. in konzentrierte Natronlauge und erhitzt zum Sieden.
Dieſe Tabelle iſt durch Pinchon auf die Hauptfaſern ausgedehnt und hat nach Muspratts „ Techniſcher Chemie “folgende Faſſung:
88Unterſuchungstabelle für tieriſche und pflanzliche Faſerſtoffe, nach Pinchon.
A. Renouard ſtellte die verſchiedenen Methoden zur Erkennung von Baumwolle neben Flachs in Leinwand zuſammen. Da manche der ange - gebenen Erkennungsmittel wenig bekannt ſein dürften, die Kenntnis derſelben jedoch häufig von großem Nutzen ſein kann, ſo muß es angezeigt erſcheinen, die Arbeit von Renouard im Auszuge wiederzugeben. Die angegebenen Erkennungsmethoden ſind folgende: 1. Das Gewebe wird mit einer Löſung von 1 Teil Aetzkali in 6 Teilen Waſſer behandelt; hierbei kräuſeln ſich Leinen - fäden etwas mehr als Baumwollfäden und erſtere werden gelblichorange, während letztere eine grünlichweiße Farbe annehmen (Methode von Kuhl - mann). 2. Man kocht eine Probe des Gewebes mit einer Löſung von 1 Teil Aetzkali in 1 Teil Waſſer durch zwei Minuten, wäſcht hierauf und trocknet zwiſchen Filtrierpapier; die Flachsfäden werden tiefgelb gefärbt, während die Baumwollfäden höchſtens ſtrohfarbig werden (Methode von Böttger). 3. Die Gewebeprobe wird zuerſt mit Waſſer ausgekocht, dann geſpült und getrocknet, endlich durch 2 Minuten in konzentrierte Schwefel - ſäure eingelegt; man wäſcht dann raſch in etwas verdünnter Kalilauge, ſpült mit Waſſer ab, trocknet und vergleicht mit dem urſprünglichen Muſter; bei dieſem Verfahren wird die Baumwolle aufgelöſt, während die Leinenfaſern weiß und undurchſichtig bleiben, wodurch das ſo behandelte Gewebe ein dünne - res Ausſehen erhält. 4. Die wie unter 3. gut mit Waſſer ausgekochte und ſorgfältigſt getrocknete Gewebeprobe wird zum Teil in Glycerin oder Oel getaucht; letztere Flüſſigkeiten ſteigen in den Kapillarröhrchen der Fäden in die Höhe und bewirken, daß die Leinenfäden transparent, die Baumwollfäden jedoch undurchſichtig werden (Methode von E. Simon). 5. Die gut in Waſſer gereinigte und getrocknete Gewebeprobe wird in eine konzentrierte89 Löſung von Zucker und Chlornatrium (Kochſalz) getaucht, getrocknet und in der Flamme verkohlt; die Flachsfaſern erſcheinen dann grau, die Baumwoll - faſern ſchwarz gefärbt (Methode von Chevalier). 6. Proben des Gewebes werden in alkoholiſchen Extrakten von Cochenille oder von Krappwurzel ge - färbt; hierdurch wird Baumwolle hellrot, reſp. hellgelb, Leinenfaſern jedoch violett, reſp. orange oder rot gefärbt (Methode von Bolley). 7. Die ge - reinigte Probe wird in eine einprozentige Fuchſinlöſung und hierauf durch 2 bis 3 Minuten in Ammoniakflüſſigkeit getaucht; während hierbei Baum - wolle farblos bleibt, wird Leinenfaſer roſarot angefärbt (Methode von Bött - ger). 8. Endlich iſt auch die mikroſkopiſche Unterſuchung das ſicherſte Mittel zur Erkennung der Baumwolle neben der Leinenfaſer. Zwei praktiſch brauch - bare Mittel zum gleichen Zwecke ſind auch die nachfolgenden: 1. Baum - wollenfäden ſind ſtets durchaus gleichmäßig in der Dicke, Leinenfäden be - ſitzen jedoch immer Unregelmäßigkeiten in der Stärke; hält man den Stoff ſomit vor eine Kerzenflamme, ſo wird man an der Gleichmäßigkeit oder Un - gleichmäßigkeit der Fäden die Natur des Gewebes erkennen können. 2. Wer - den einige Fäden dem Gewebe entnommen und dieſelben raſch zerriſſen, ſo kann man an der Beſchaffenheit der Rißſtellen die Natur der Faſer ebenfalls erkennen; Leinenfäden bleiben hierbei ſteif und glatt, während Baumwollfäden ſich kräuſeln und zerſplittern. Selbſtverſtändlich können die zwei letzterwähnten Erkennungs - mittel erſt nach einiger Uebung ein einigermaßen ſicheres Urteil zulaſſen.
Die mikroſkopiſche Unterſuchung iſt für Geſpinnſtfaſern die ein - fachſte und beſte Prüfungsmethode; dieſelbe geſtattet die Erkennung und Feſt - ſtellung der einzelnen Gewebefaſer, ſowie mehrerer nebeneinander auf einen einzigen Blick. Dabei braucht die Vergrößerung gar nicht einmal eine be - ſonders große zu ſein; im Mittel genügt eine 60 bis 80malige, für ein - zelne Fälle eine ſolche bis zu 200. Die mikroſkopiſche Prüfung gewährt verhältnismäßig größere Sicherheit als die chemiſche, nur muß der Unter - ſuchende die mikroſkopiſchen Bilder der einzelnen Faſern durch Uebung zuvor kennen lernen. In den vorhergegangenen Paragraphen habe ich die mikroſkopi - ſchen Bilder bei den auch nur einigermaßen wichtigen Faſern dem Text beigefügt.
Zur leichteren mikroſkopiſchen Prüfung der Hauptfaſern im Gewebe hat Schleſinger (Mikroſkopiſche Unterſuchungen der Geſpinnſtfaſern, Zürich 1873) folgende Tabelle veröffentlicht:
A. Die Faſer zeigt ein deutliches Lumen:
Zum Schluß ſei noch einer Möglichkeit gedacht, die in der Praxis an den Unterſuchenden herantreten kann: des Nachweiſes von Kunſtwolle (Shoddy, Mungo, Extraktwolle) in Wolle. Dieſe Frage iſt nur auf mikroſkopiſchem Wege zu entſcheiden, und zwar unterſcheidet ſich die Wollfaſer von der Shoddy (aus Abfällen wiedergewonnener Wolle) durch ihr Aeußeres ziem - lich auffällig von der unverſehrten Wollfaſer. Durch die mechaniſchen Vor - richtungen, durch welche die Shoddywollfaſer aus Abfällen getragener Kleidungs - ſtücke, Lumpen u. dergl., hergeſtellt wird, wird ſie zerriſſen, gedehnt, ge - quetſcht; von früherer Bearbeitung her iſt die Shoddywollfaſer meiſt gefärbt (man ſieht oft die verſchiedenſten Farben), oder zur Zerſtörung der Farbe gebleicht; oft ſind die Schuppen verloren gegangen, an anderen Stellen iſt das Haar gezerrt. Nach Focke (Chem. Ztg. 1886, Rep. 189) iſt die Frage, ob ein Gewebe aus Kunſtwolle hergeſtellt wurde, mittels Mikroſkopes leicht zu entſcheiden. Bei ſolcher Unterſuchung findet man meiſt neben Wolle und Baumwolle noch Leinen, Seide, öfters auch Jute, und erſcheinen alle dieſe Faſern mehr oder minder mechaniſch angegriffen, ſtellenweiſe gedrückt, übermäßig geſtreckt und von ſehr unreiner Farbe.
In chemiſcher Hinſicht ſoll die Shoddywollfaſer in ſtarken Alkalien leichter und ſchneller löslich ſein als die unverſehrte Wollfaſer (Schleſinger), welcher Behauptung v. Höhnel jedoch widerſpricht. — Die quantitative Be - ſtimmung der Shoddy kann nur durch genaue Zählung und mikroſkopiſche Meſſung vorgenommen werden. Ueberhaupt gehört die Unterſuchung der Shoddy zu den ſchwierigſten mikroſkopiſchen Arbeiten auf dem Gebiete der Gewebeunter - ſuchungen und kann nur von durchaus Geübten vorgenommen werden.
Unter Farbwaren oder Farbmaterialien werden alle diejenigen natürlich vor - kommenden oder künſtlich erzeugten Stoffe verſtanden, welche einen Farbſtoff ent - halten und im ſtande ſind, entweder für ſich allein oder in Gemeinſchaft mit an - dern Stoffen eine Farbe zu erzeugen und eine Geſpinnſt - oder Gewebefaſer zu färben. Von einzelnen Autoren werden dieſe Körper auch mit dem direkten Namen „ Farbſtoffe “belegt. Ich dagegen verſtehe unter Farbſtoff nicht das Farbmaterial ſelbſt, ſondern das daraus iſolierte färbende Prin - zip. Für den Zweck dieſes Handbuches kommt es auf eine ſo haarſpalteriſche Erklärung übrigens nicht an. Ich will mich daher auch in Zukunft des land - läufigeren, wenn auch meiner Anſicht nicht ganz richtigen Ausdrucks Farb - ſtoffe für Farbmaterialien bedienen.
Die Zahl der zum Färben ſich eignenden Stoffe iſt eine viel größere, als die meiſten wohl glauben; von der großen Menge iſt jedoch nur eine verhältnismäßig kleine Anzahl wirklich in Verwendung gezogen und die Ent - wickelung der chemiſchen Farbſtoffinduſtrie ſorgt dafür, daß die von der Natur dargebotenen, bislang noch nicht benutzten Farbwaren wohl auch in Zukunft unbenutzt bleiben werden. Um in die immerhin noch große Zahl der Farb - waren ein Syſtem zu bringen, wollen wir dieſelben einteilen in
Dieſe Einteilung in natürliche und künſtliche Farbſtoffe wird ſich ſelbſt - redend nur ſo lange aufrecht erhalten laſſen, als es nicht gelingt, die natür - lichen auch künſtlich zu gewinnen, was bei einer kleinen Anzahl ja bekannt - lich vollauf gelungen iſt.
Farbſtoffe in dem von mir oben angedeuteten engeren Sinne liefert das Tierreich, ſoweit das Intereſſe der Färberei davon betroffen wird, eigentlich nur einen: die Karminſäure, das färbende Prinzip in der Cochenille, dem Kermes und Lac-dye. Unter Umſtänden iſt auch die Euxanthinſäure hier - her zu zählen, das färbende Prinzip des Purrée.
Von tieriſchen Produkten für Färbereizwecke ſind vier zu erwähnen, welche zwar heute bei weitem nicht mehr die Wichtigkeit haben, wie ehedem, immerhin aber doch noch hier und da gebraucht werden, und daher hier nicht unerwähnt bleiben dürfen.
1. Die Cochenille. Was unter dem Namen Cochenille als kleine dunkelbraunrote, zuſammengeſchrumpfte, außen weißlich beſtäubte Körner in den Handel kommt, ſind die getrockneten Weibchen der urſprünglich in Mexiko und dem nördlichen Südamerika einheimiſchen Cochenillelaus oder Nopalſchildlaus, Coccus Cacti, welche auf verſchiedenen Cactus-Arten, vornehmlich auf Cactus Opuntia L., der Nopalpflanze, lebt, außerdem aber auch in Mexiko, Guatemala, Honduras und auf den Canariſchen Inſeln in den ſog. Nopalerien gezüchtet wird. Das Einſammeln der Cochenille findet kurz vor dem Abſetzen der Brut ſtatt (Huſemann), indem man ſie mit Pinſeln, Federn oder Meſſern von den Pflanzen entfernt, auf untergelegten Tüchern oder in Schalen ſammelt, durch heiße Waſſerdämpfe, durch trockene Hitze oder durch Eintauchen in ſiedendes Waſſer tötet und dann trocknet. Die Zahl der Ernten iſt in Mexiko 3, in Teneriffa 2 im Jahre. Aus der verſchiedenen Art der Trocknung ergeben ſich die verſchiedenen Handels - ſorten, von denen die geſchätzteſte als Zaccatilla bekannt und faſt ſchwarz und ohne den ſilbergrauen Reif iſt; eine gleichfalls hoch im Werte ſtehende Sorte iſt die Meſteque oder Meſtica, eine geringere Sorte heißt Gra - nilla. Die von anderen Autoren erwähnte Wald - oder wilde Cochenille, welche von wild wachſenden Cactus-Arten geſammelt wird, kommt nach Huſemann im europäiſchen Handel nicht vor.
Die Cochenille unterliegt wegen ihres hohen Preiſes mannigfacher Ver - fälſchung, weshalb auf ihr Ausſehen genau geachtet werden muß. Die Nopalſchildlaus beſitzt oft einen aus einem tieriſchen Wachs beſtehenden zar - ten reifähnlichen ſilbergrauen Ueberzug; man hat ſich daher gewöhnt, die ſilberweiße Cochenille als die beſte Handelsmarke zu betrachten. Das trifft jedoch nicht immer zu. Durch Anwendung hoher Hitzegrade beim Trocknen ſchmilzt die dünne Wachsſchicht und zieht ſich in den Tierkörper ein, der dann rotbraun bis ſchwarz erſcheint, ohne daß dadurch der Handelswert beeinträchtigt wird; es gibt daher ſelbſt eine ſchwarze Zaccatille, welche nebſt der ſilberweißen zu den beſten Handelsmarken gehört. Uebrigens wird die ſilberweiße Be - ſtäubung auch bei echter Cochenille vielfach künſtlich nachgeahmt, durch Be - ſtäuben mit Stärke, Bleiweiß, Zinkoxyd, Talk, Kreide und Schwerſpat. Ja, man iſt ſogar ſo weit gegangen, Cochenille überhaupt künſtlich nachzuahmen. Um ſich vor ſolch künſtlicher Cochenille zu ſchützen, ſchüttelt93 man einige Körner mit Chloroform: echte Cochenille ſchwimmt darauf, ver - fälſchte ſinkt unter. Um ſich zu überzeugen, ob bei echter Cochenille der ſilbergraue Ueberzug natürlich oder nachgeahmt iſt, ſchüttelt man mit Aether: der echte löſt ſich darin auf, der nachgeahmte bleibt ungelöſt. — Das färbende Prinzip der Cochenille iſt die Karminſäure oder das Coccusrot, wel - ches in Waſſer, Alkohol und Ammoniak löslich iſt. Der Wert der Coche - nille richtet ſich nach ihrem Gehalt an Karminſäure; die verſchiedenen Au - toren geben den Gehalt der Cochenille an Farbſtoff ſehr verſchieden an; ſo Pelletier zu 50 Prozent, Mène zu 26 bis 33 Prozent, Liebermann (1885) nur zu 10 Prozent. Außerdem enthält die Cochenille noch viel Fett, Wachs (½ bis 4 Prozent), Gallertſtoffe, ca. 4 bis 8 Prozent Waſſer und 3 bis 6 Prozent Aſche. Eine Cochenille, welche beim Trocknen mehr als 8 Prozent Waſſer verliert, iſt als in betrügeriſcher Abſicht mit Waſſer beſchwert anzuſehen; desgleichen iſt eine mehr als 6 Prozent Aſche hinter - laſſende Cochenille als mit mineraliſchen Stoffen beſchwert zu verwerfen. Auch ſcheint im Handel eine durch Extraktion ihres Farbſtoffes teilweiſe beraubte Cochenille vorzukommen; eine ſolche Cochenille beſitzt ein geringeres ſpezifiſches Gewicht und iſt durch die oben erwähnte Chloroformprobe nicht zu erkennen. Aus dem Geſagten geht hervor, daß man beim Einkauf von Cochenille mit größter Vorſicht zu Werke gehen muß, um ſich vor Ueber - vorteilung zu ſchützen. Das ſicherſte Mittel iſt die Feſtſtellung des Farb - ſtoffgehalts, entweder durch die Methoden von Penny oder durch Probe - färben. Bei der Methode von Penny zerreibt man 1 g Cochenille ganz fein, gießt eine Löſung von 5 bis 6 g Aetzkali in 20 ccm Waſſer darauf, läßt damit 1 Stunde lang an einem lauwarmen Orte ſtehen, verdünnt mit Waſſer bis auf 100 ccm, und verſetzt dann ſo lange mit einer Löſung von 1 g rotem Blutlaugenſalz in 99 g Waſſer, bis die Purpurfarbe in Gelb - braun übergegangen iſt. Die Anzahl der Kubikcentimeter der Blutlaugenſalz - löſung, verglichen mit der Anzahl von Kubikcentimetern, welche zur Zerſtörung des Farbſtoffs einer Löſung von garantiert reiner oder bekannter Cochenille benötigt werden, geſtattet einen Vergleich zwiſchen der Färbekraft der be - kannten und der zu prüfenden Sorte. — Beim Probe färben färbt man Strähne von Wolle von ca. 5 g Gewicht nacheinander ſo lange, bis das Bad erſchöpft iſt. Dann färbt man einen Teil der Strähne ſcharlach - rot (mit 1 g Cochenille, 2 g Weinſtein, 2 g Zinnkompoſition und ſo viel Waſſer, daß die Wolle untertaucht), die andere Hälfte karmoiſin - rot (mit 1 g Cochenille, ¾ g Weinſtein und 1½ g Alaun). Zur Beur - teilung des vergleichungsweiſen Wertes der zu prüfenden Cochenille muß man ſich zuvor eine Normal-Cochenille-Ausfärbung mit Cochenille von anerkannter Güte herſtellen und dieſe Strähne zum Vergleich ſowohl hin - ſichtlich des Farbentones wie der Ausbeute aufbewahren.
Die Cochenille diente früher hauptſächlich zum Scharlach - und Karmoiſin - färben von Seide und Wolle, ſowie zum gemiſchten Druck auf Wolle; heute iſt ſie durch die Azofarben und Eoſine faſt völlig verdrängt, und dient nur noch in der Wollenfärberei zum Färben der roten Militärtuche, bei denen die Verwendung von Azofarben nicht geſtattet iſt, ſowie zum Färben von Karmoiſin und Scharlach auf Wolle. Hierüber ſiehe im ſpeziellen Teil. Seit 1876 hat ſich der Verbrauch von Cochenille auf ¼ reduziert. Neben ihrer Verwendung als Farbſtoff direkt dient die Cochenille noch zur Her - ſtellung einiger in der Färberei gebrauchter Präparate (Cochenille-Präparate;94 1. Ammoniakaliſche Cochenille und 2. Cochenillelack (Groſeillelack und Ponceaulack. S. Farbſtoffpräparate).
Unter dem Namen Cochenille wurden auch noch zwei andere Sorten Schildläufe angewendet, und zwar:
2. Der Kermes. Der Kermes, auch Kermesbeeren*)Der grundfalſche Name Kermesbeeren kommt daher, daß man den Kermes anfänglich für die Früchte oder Beeren des Baumes hielt, auf denen das Inſekt lebt., Kermeskörner, Scharlachkörner, Purpurkörner, Karmoiſinbeeren, beſteht aus den getrockneten Weibchen der Kermes - oder Karmoiſinſchildlaus, Lecanium Ilicis Ill. (Coccus Ilicis L.), welche ſich in Südeuropa und im Orient an den Zwei - gen, ſeltener an den Blättern von Quercus coccifera L. vorfindet. Die Gewinnung des Kermes wird in ganz der gleichen Weiſe gehandhabt, wie bei der Cochenille, und zwar findet dieſelbe kurz vor dem Abſetzen der Brut ſtatt, vor Sonnenaufgang und mittels Abkratzens mit den Nägeln; nach dem Sammeln werden ſie mit Eſſig oder Wein befeuchtet und an der Sonne ge - trocknet. In dieſer Form ſtellt der Kermes pfefferkorn - bis erbſengroße, kugelige, braunrote, hier und da ſchwärzlich gefleckte, glänzende, glatte, teils hohle, teils im Innern mit einer roten pulverigen Maſſe angefüllte Körner vor, welche ein karmoiſinrotes Pulver geben, bitter ſchmecken und den Speichel violettrot färben, in Waſſer aufquellen und dieſes karmoiſinrot, Alkohol mehr gelbrot färben. Beim Kochen mit Waſſer erhält dieſes eine rote Farbe, welche durch Säuren braun, durch Alkalien violett wird. Die chemiſche Zuſammen - ſetzung entſpricht der Cochenille, doch iſt der Farbſtoff in weit geringerer Menge vorhanden.
Kermes, war im Altertum, als man die Cochenille noch nicht kannte, der einzige hochgeſchätzte Farbſtoff, um Scharlach zu färben. Heute wird er nur noch im Morgenlande zum Färben der Kopfbedeckungen (Türkenkappen) verwendet; im Abendlande iſt der Kermes durch andere Farbmaterialien längſt verdrängt.
3. Lac-dye oder Lacklack. Das unter dieſem Namen in den Han - del kommende Farbmaterial iſt nur indirekt tieriſcher Abſtammung, inſofern es aus dem Körner - oder Stocklack gewonnen wird, welche durch den Stich der Lackſchildlaus, Coccus Lacca Kerr., einer in Oſtindien auf verſchie - denen Pflanzen (Ficus indica, Ficus religiosa, Croton cocciferum, Mimosa corinda u. a. m.) lebenden Schildlausart, auf dieſen Pflanzen gebildet wird. Der Körner - oder Stocklack iſt das nach dem Auskriechen der jungen Brut95 zurückbleibende Gehäuſe oder Neſt; es ſtellt ein mit Karminſäure rot ge - färbtes Harz vor und bildet ſo das Ausgangsmaterial zur Bereitung des Schellacks, wobei das Lac-dye als ein den roten Farbſtoff des Körnerlacks enthaltendes Nebenprodukt gewonnen wird. Zu ſeiner Gewinnung wird der Stocklack mit verdünnter Sodalöſung extrahiert und die filtrierte Löſung mit Alaun gefällt. Der Niederſchlag wird ausgepreßt, getrocknet und in vier - eckige Stücke geformt. Das Lac-dye iſt alſo ein richtiger Farblack und als ſolcher weiter unten behandelt. In dieſer Form enthält Lac-dye ca. 50 Prozent Karminſäure, 20 Prozent Thonerde und 30 Prozent Harz.
Der Lac-dye wird vornehmlich in der Wollenfärberei angewendet, und zwar mit Zinnſalz zuſammen zur Erzeugung von Scharlach, iſt aber faſt ganz durch Anilinfarben verdrängt.
4. Purrée. Dieſes iſt ein aus Indien und China kommendes Roh - material von höchſt zweifelhafter Abſtammung und enthält als gelb färbendes Prinzip die Euxanthinſäure, an Magneſia gebunden, in Form ſeiden - glänzender, gelblicher, in Waſſer, Alkohol und Aether in der Wärme leicht löslicher Nadeln. Ueber die eigentliche Herkunft iſt etwas Verläßliches bis - her nicht zu erfahren geweſen; es ſoll nach Stenhouſe in der Hauptſache aus dem Harne von Kameelen, welche mit den Blättern von Mangostana magnifera gefüttert worden ſind, gewonnen ſein. Weitere zuverläſſige Nach - richten über dasſelbe fehlen bis jetzt.
Unendlich mannigfaltiger, als die Anzahl der Farbmaterialien, welche das Tierreich liefert, iſt die Zahl der Farbſtoffe, welche pflanzlichen Urſprungs ſind; ja, wir könnten mit Fug und Recht von einer Unzahl ſprechen, denn die Pflanzenwelt bietet uns eine faſt unerſchöpfliche Menge von Stoffen, welche entweder
Nicht alle in den Pflanzen vorhandenen Farbſtoffe ſind jedoch techniſch verwendbar. Unter dieſen für Färbereizwecke unverwendbaren ſteht obenan das Chlorophyll oder Blattgrün; ebenſo iſt der gelbe und rote Farb - ſtoff der Blätter (welche Farben dieſe vornehmlich im Herbſte zeigen), tech - niſch nicht verwendbar.
Die für unſere Zwecke wichtigen und verwendbaren Farbſtoffe finden ſich nur ausnahmsweiſe in der ganzen Pflanze gleichmäßig verteilt, ſondern96 in der bei weitem größern Mehrzahl auf einzelne Pflanzenteile beſchränkt; doch ſind mehr oder minder alle pflanzlichen Organe befähigt, Farbſtoffe zu bilden oder in ſich aufzuſpeichern. Je nach dem Aufbewahrungsorte des Farbſtoffes oder des Chromogens in den Pflanzen verwendet man daher in der Färberei:
Mit den vorſtehend aufgezählten Farbwaren iſt die Anzahl derſelben keineswegs erſchöpft; vielmehr könnte ich noch eine ſehr große Anzahl von Farbmaterialien namhaft machen, welche ſchöne und zum Teil wertvolle Farbſtoffe enthalten, und auch vereinzelt angewendet werden. Insbeſondere ſind hier die gelben Pflanzenfarbſtoffe reichlich vertreten, vornehmlich in der Wurzel, der Rinde, Blättern und Blüten. Ebenſo liefern eine ganze An - zahl von Pflanzen indigoähnliche Farbſtoffe; ſelten dagegen iſt die Zahl der roten Farbſtoffe.
Da die oben verſuchte Einteilung nach den Pflanzenteilen, in denen der Farbſtoff enthalten iſt, eine ſcharfe Abgrenzung nicht ermöglicht, da ein ſolcher bisweilen gleichzeitig in Wurzel und Stengel, in Stengel und Blät - tern, in Rinde und Blüten ꝛc. ſich vorfindet, ſo werde ich im weitern Verlaufe der Schilderung der vegetabiliſchen Farbwaren dieſelben nach den Farben, welche ſie erzeugen, einteilen. Der Einfachheit hal - ber habe ich auch die gerbſtoffhaltigen Farbmaterialien pflanzlicher Herkunft gleich hier hineingezogen, da ihre Abtrennung eine unnatürliche geweſen ſein würde.
Die vorbenannten Farbmaterialien kommen faſt ſämtlich als die be - treffenden Pflanzenteile (reſp. ganze Pflanzen) in den Handel, alſo in einer Form, welche den eigentlichen Farbſtoff nur in gewiſſen Mengenverhältniſſen enthält; ſeltener wird die Rohdroge gleich am Gewinnungsorte in eine für praktiſche Ausnützung verwendbare Form gebracht und kommt dann als Halbfabrikat in den Handel, z. B. Orlean, Orſeille, Perſio ꝛc. Wahr - ſcheinlich iſt auch das Beſtreben vorhanden geweſen, den eigentlichen Farb -97 ſtoff in eine Form zu bringen, in welcher er in konzentrierterer Form in den Handel kommt, als wie in der Rohdroge; hierhin zählen die ſog. Prä - parate, z. B. die verſchiedenen Krapppräparate, und die Extrakte, welche bereits den Uebergang zu den künſtlichen, aus natürlichen Farbſtoffen durch chemiſche Methoden gewonnenen Farbſtoffen bilden.
Zu den bekannteſten und am meiſten verwendeten vegetabiliſchen Farb - waren gehören die Farbhölzer. Es ſind dies mit Ausnahme des Fiſethol - zes und des Sauerdorns außereuropäiſche, meiſt exotiſche Stammhölzer, oder ausnahmsweiſe Wurzelhölzer, welche in ihrer Anwendung durch die Teer - farben bisher nicht haben verdrängt werden können, obgleich ſie durchgehends keine beſonders lebhaften und auch keine beſonders echten Farben liefern. Nichtsdeſtoweniger ſpielen ſie auch heute noch eine bedeutende Rolle in der Herſtellung der Modefarben, worunter alle jene Farben begriffen ſind, welche ſich aus den vier Hauptfarben Rot, Gelb, Grün und Blau, ſowie deren Miſchfarben mit Grau, Braun und Schwarz ergeben.
Die Farbſtoffe der Farbhölzer ſind entweder als ſolche in ihnen fertig gebildet in freiem Zuſtande vorhanden, oder in Form von Chromogenen, welche unter Sauerſtoffaufnahme, bei Berührung mit der atmoſphäriſchen Luft oder in Berührung mit andern Oxydationsmitteln, erſt in Farbſtoffe übergehen. In einigen Farbhölzern ſcheinen ſowohl Farbſtoffe als auch Chromogene gleichzeitig vorhanden zu ſein. Dieſer Umſtand ſcheint darauf hinzuweiſen, daß auch die in den Farbhölzern vorhandenen Farb - ſtoffe keineswegs ein direktes Produkt des pflanzlichen Lebens vorſtellen, ſondern vielmehr erſt als ein Oxydationsprodukt des betreffenden in dem Farbholze enthaltenen Chromogens zu betrachten ſind. Mit andern Worten: die Oxydation des Chromo gens zu Farbſtoff geht in dem Holze ſelbſt vor ſich, und zwar in dem Maße, als die in einem jeden Holze vorhandene Luft, entſprechend ſchnellerer oder langſamerer Durchlüftung, ihren Sauerſtoff ganz oder teil - weiſe an das Chromogen abzugeben vermag. Durch das wechſel - ſeitige Mengenverhältnis zwiſchen Chromogen und Luft er - klärt ſich zwanglos das Vorkommen ſowohl von Farbſtoff allein (der Prozentgehalt an Chromogen war dann entweder ſo wenig bedeutend, oder die Luftzufuhr ſo reichlich, daß alles Chromogen oxydiert werden konnte) als auch von Farbſtoffen neben Chromogen (in dieſem Falle reichte der Luftſauerſtoff nicht zur Oxydation des geſamten Chromo - gens hin). Nach dieſer meiner Theorie würde ſich dann für die Farbhöl - zer folgende Definition ergeben: Farbhölzer ſind in der Färbereitechnik verwendete Hölzer, welche ſich durch einen Gehalt an einem entweder ganz oder nur zum Teil in den zugehörigen Farb - ſtoffen um gewandelten Chromogen auszeichnen.
Alle in den Farbhölzern enthaltenen Farbſtoffe ſind ſog. ſaure Farb - ſtoffe; ſie beſitzen keine direkte Verwandtſchaft zur Gewebefaſer, laſſen ſich dagegen mit Beizen fixieren.
Die Farbhölzer kommen in Blöcken, Knütteln, Stücken oder Scheiten in den Handel und bedürfen vor ihrer Verwendung einer Zerkleinerung. Ganswindt, Färberei. 798Im kleinen geſchieht das durch Spalten, Hobeln, Sägen oder Schneiden, im großen durch mit Dampf betriebene Farbholzraſpeln oder - Mühlen. Das ſo gewonnene Holz iſt feingeſchnittenes, geraſpeltes oder gemahlenes Holz; als Abfall werden Späne, Locken, Pulver ꝛc. erhalten.
Fermentation. Vor der Verwendung werden manche Farbhölzer noch einem eigenen Prozeß unterworfen, welchen man als Fermentieren bezeichnet. Allgemein iſt das Fermentieren von Blauholz verbreitet, doch werden hierbei viele Fehler gemacht, die den Wert der Fermentation mit - unter recht zweifelhaft machen. Folgendes Verfahren ſei zur Anwendung empfohlen: Auf 100 kg trockenes zerkleinertes Holz nimmt man 30 kg rei - nes weiches Waſſer und bringt dieſes mit einer feinen Brauſe auf das circa 5 cm hoch ausgebreitete Holz, wobei man ganz gleichmäßig anfeuchtet. Dann ſchaufelt man das Holz auf einen hohen Haufen und tritt es feſt. Nach 14 Tagen, oder ſobald Erwärmung eintritt, wird der Haufen aufgeſtochen, wie oben ausgebreitet und abermals und zwar mit 10 kg Waſſer pro 100 kg Holz angefeuchtet und wieder auf einen Haufen geſchaufelt. Nach acht Tagen iſt das Holz zum Färben fertig. Man beachte hierbei folgendes: 1. Das Holz muß an einem dunklen, mit guter Lüftung verſehenen Ort gelagert ſein, am beſten eignet ſich hierzu ein Keller. 2. Ammoniakgaſe ſind ſehr ſchädlich, deshalb vermeide man in der Nähe der Fermentation Pferdeſtälle, Senkgruben, Aborte ꝛc., wo ſich immer Ammoniakgaſe bilden.
Zum Anfeuchtungswaſſer iſt jeder Zuſatz, wie Soda, chromſaures Kali, Lauge, Urin ꝛc., zu vermeiden, da eine Unterſtützung der Oxydation durch vorbenannte Mittel, wenn ſie auch die Dauer des Prozeſſes abkürzt, nur auf Koſten einer teilweiſen Zerſtörung des Farbſtoffs durch Ueberoxydation er - folgt. Letzteres iſt durch L. Brühl*)Deutſche Färberzeitung 1888, Nr. 12. durch Parallelverſuche bewieſen wor - den. Das Waſſer zum Anfeuchten muß rein ſein, vor allem frei von Kalk - ſalzen, beſonders ſchwefelſaurem Kalk ſein, am beſten verwendet man hierzu Kondenſationswaſſer. Die Fermentation dauert ſo drei Wochen; ſchneller erreicht man dieſes durch Anwendung von Leimwaſſer. Für 100 kg Holz löſt man in 30 kg Waſſer 2 kg guten Leim auf und feuchtet hiermit das Holz ſehr gleichmäßig an. Die Temperatur des Waſſers muß mindeſtens 20° R. ſein, die Temperatur des Lokales, in dem die Fermentation vorgenom - men wird, ſoll nicht unter 15° R. ſein. Durch den Leimzuſatz erreicht man eine ſchnellere Fällung des Holzgerbſtoffes und iſt die Fermentation in 3 bis 5 Tagen beendet. Der hierzu verwendete Leim muß frei von Alaun und anderen Beizen ſein.
Zur Beſchleunigung der Fermentation haben Dahl & Comp. in Barmen einen Apparat (Fig. 14) ſich patentieren laſſen (D. R. P. Nr. 42322), welcher geringeren Raum und Arbeit beanſprucht und außer - dem die Gefahr ſtarker Erwärmung vollſtändig vermeidet. Durch ſtetige Zuleitung von 30° warmer, mit Feuchtigkeit geſättigter Luft wird unter fortwährendem Umwenden des geraſpelten Holzes die Gärung in etwa 48 Stunden zu Ende geführt, bezw. das Holz in die für die Färberei und Extraktfabrikation geeignete Form gebracht. Der Apparat beſteht aus einer eiſernen Trommel a und einem im Innern derſelben konzentriſch angebrach - ten, mit Siebwandung verſehenen Cylinder b. Die Trommel hat auf der99 inneren Fläche mit Siebboden verſehene Kanäle d, welche die ganze Trom - mel durchziehen. Durch eine Achſe ſtrömt feuchte Luft ein, wird durch das Sieb b gleichmäßig verteilt, durchdringt die in K liegende Füllmaſſe und tritt dann durch die Kanäle d und die hohle Achſe e aus. Der Appa - rat ruht auf Rollen f und auf Lagerböcken, und kann in drehende Be - wegung geſetzt werden, zu welchem Zwecke er mit einem Triebwerk h ver - ſehen iſt. An der Mantelwandung ſind Mannlochöffnungen zweckentſpre - chend angeordnet zum Füllen und Entleeren des Apparates.
Der Ausdruck „ Fermentation “iſt jedenfalls unglücklich gewählt, denn eine Gärung findet dabei nicht ſtatt. Der Prozeß bezweckt weiter nichts als eine thunlichſt vollſtändige Ueberführung des Chromogens in den be - treffenden Farbſtoff, und eine Lockerung in der Struktur des Holzes, welche ein leichteres und vollſtändigeres Ausbringen des Farbſtoffes ermöglicht. Ich brauche wohl nicht beſonders hinzuzufügen, daß in den Fällen, wo ein Farb - holz kein Chromogen mehr enthält, auch die Fermentation überflüſſig iſt.
Die Farbhölzer dienen vielfach direkt zum Färben, andererſeits zur Bereitung der Farbholzextrakte, indem man den Hölzern auf verſchiedene Methoden den Farbſtoff entzieht, und die Brühen bis zur Extraktdicke ein - engt.
Die Wertbeſtimmung eines Farbholzes richtet ſich nach der Menge des in dem Holze enthaltenen Farbſtoffes, nicht aber nach der Extrakt - menge oder nach dem ſpezifiſchen Gehalt der Farbholzbrühen, denn in dieſe Brühen gehen noch verſchiedene Stoffe über, welche den Ex - traktgehalt und das ſpezifiſche Gewicht erhöhen, ohne den geringſten Färbe - wert zu beſitzen. Ausführlicheres über die Beurteilung des Färbewertes der Hölzer findet ſich in dem hochintereſſanten Artikel von L. Brühl „ Farb - hölzer und Farbholzextrakte “(Deutſche Färberzeitung 1888, Nr. 9, 10 und ff.).
Als Rotholz kommen mehrere Hölzer verſchiedener Abſtammung zur Verwendung und zwar:
Dieſe ſechs verſchiedenen Farbhölzer laſſen ſich bequem in zwei Kate - gorien bringen. Die vier erſten Hölzer*)Romen erwähnt noch vier andere Arten in dieſe Kategorie gehöriger Rot - hölzer: Nakacaguaholz, Bahiaholz, Kaliforniaholz, Terrafirmaholz, über deren Ab - ſtammung etwas Verläßliches nicht bekannt iſt. enthalten ſämtlich das Chromogen Braſilin, C16 H14 O5, welches zum kleineren Teile ſich bereits in den zugehörigen Farbſtoff Braſileïn, C16 H12 O5, umgewandelt hat. In reinem Zuſtande bildet das Braſilin kleine farbloſe Kryſtallnadeln, deren wäſſerige Auflöſung allmählich ins Karmoiſinrote übergeht; das Chromogen verwandelt ſich dabei, beſonders ſchnell in Siedetemperatur und bei Anweſenheit von Alkalien, in den eigentlichen roten Farbſtoff, Braſilein. Letzteres bildet in reinem Zuſtande kleine dunkle Kryſtalle von grauem Metallglanz, welche ſich in heißem Waſſer roſenfarbig löſen. Dieſe Löſung beſitzt orangene Fluorescenz.
Die unter 5 und 6 genannten Sandel und Camwood enthalten da - gegen das Chromogen Santalin, C8 H7 O3, welches teils in den zugehöri - gen Farbſtoff Santaleïn, C8 H6 O3, bereits übergegangen iſt. Daß über - dies auch die beiderſeitigen Chromogene und die Farbſtoffe dieſer Gruppe in naher chemiſcher Beziehung zu einander ſtehen, zeigt ein Blick auf ihre chemiſchen Formeln. Das Chromogen ſcheint ein Hydrobraſilin C16 H14 O6 = C16 H13 (OH) O5 zu ſein, und es wäre demnach die oben angegebene Formel C8 H7 O3 zu verdoppeln.
Fernambukholz**)Der Name ſtammt von der Stadt Fernambuco in Braſilien, in deren Nähe der Baum viel vorkommt., Pernambuk, Braſilienholz, Guilandinaholz, im tropiſchen Amerika heimiſch, iſt außen gelbbraun, innen hellrot; es iſt ſchwer und hart, ſchwimmt nicht auf dem Waſſer; die teuerſte und beſte Sorte.
Sappanholz, Japanholz, oſtindiſches Rotholz, in Japan, China, auf Ceylon und den Inſeln des indiſchen Archipels heimiſch, eine minder ge -101 ſchätzte Sorte infolge eines geringeren Gehaltes an Farbſtoff. Die beſte Handelsmarke heißt Japan-Limas.
Limaholz, Nicaraguaholz, St. Marthaholz, Pfirſichholz, kommt aus Centralamerika und von der Nordküſte Südamerikas; es beſitzt tiefe Furchen, hat eine ſchmutzigrote Farbe und zeigt oft noch die innere gelbliche Rinde.
Braſiletholz, Bahamasholz, gelbes Braſilienholz, die geringſte Sorte, kommt von den Antillen und Bahamainſeln, iſt ſehr hart, im Bruche hellrot und beſitzt nur wenig Farbſtoff, welcher ins Braune fällt.
Sandelholz, rotes Sandelholz, kommt von Ceylon und Oſtindien; es kommt in geſpaltenen Scheiten von geradfaſerigem Gefüge oder in vier - eckigen Stücken in den Handel, iſt ſehr hart, auswendig dunkelrot, innen heller. Das Pulver, unter dem Namen Flugſandel bekannt, iſt hellrot, locker, wollähnlich weich. Als Erſatz des Holzes, aber keineswegs als iden - tiſch, wenn auch hinſichtlich der Färbekraft etwa gleichwertig, dienen das Kalia - turholz und das Madagascarholz. Das Sandelholz ſoll 16 Prozent Santalin enthalten.
Barwood kommt von der Weſtküſte Afrikas, aus Sierra Leone und anderen Punkten; Camwood, Kammholz, Gabanholz, kommt eben daher. Manche machen einen Unterſchied zwiſchen Barwood und Camwood, Andere halten ſie für gleichbedeutend. Barwood und Camwood werden vornehmlich in England angewandt; das Holz ſoll 23 Prozent Santalin enthalten und eine intenſivere Färbung geben, als alle übrigen Rothölzer. Der Farbſtoff der Rothölzer löſt ſich leicht in heißem Waſſer; eine Rotholzabkochung be - ſitzt eine rein rote Farbe, welche durch Säurezuſatz in gelb, durch Alkalien in violett bis blau umgeändert wird; durch Zufügen von Alaun geht die Farbe des Abſuds in ein feuriges Rot über, fügt man dann noch Soda hinzu, ſo entſteht ein Braſilin-Thonerdelack; Kaliumdichromat gibt eine braune, ins oliv ſpielende, Eiſenvitriol eine grauviolette bis ſchwarze Farbe. Die Rothölzer geben durchgehends keine beſonders echten Farben, wenn für ſich allein angewendet; ſie werden daher faſt durchgängig zur Herſtellung von Miſchfarben, vornehmlich Braun und Modefarben, und zum Nüancieren be - nutzt und geben dann dauerhafte Färbungen. Ueber die Art der Verwen - dung ſiehe im ſpeziellen Teil. Der Handelswert der Rothölzer richtet ſich nach ihrem Gehalt an Farbſtoff, welcher mit Sicherheit nur durch Probe - färben feſtgeſtellt werden kann.
Der Krapp iſt ein Farbmaterial, beſtehend aus der Wurzel der Färber - röte. Unter dieſem Namen ſind verſchiedene im ſüdlichen Europa und in Aſien heimiſche Pflanzen begriffen, als vornehmlichſte die eigentliche Färber - röte, Rubia tinctorum L., denen aber auch noch verſchiedene andere Rubia - Arten, Rubia peregrina L., R. Munjista Rxb., R. cordifolia, R. angustifolia, R. lucida ſich anſchließen; auch andere zur Familie der Rubiaceae gehörige Gattungen, z. B. Galium, Asperula, Crucianella, werden als Krapp liefernde Pflanzen genannt. Dieſe Pflanzen wurden früher in ausgedehntem Maß - ſtabe in Frankreich, Elſaß, Holland, Bayern, Belgien angebaut; heute aber iſt der Krappbau bis auf geringe Reſte zum Erliegen gekommen. Die102 Wurzel iſt 10 bis 25 cm lang, wenig äſtig und etwas ſtärker als ein Feder - kiel. Sie iſt auswendig braun, innen gelbrot. Der orientaliſche Krapp kommt faſt ſtets als ganze Wurzel, manchmal von der Außenrinde befreit, in den Handel; die europäiſche Krappwurzel wird gemeinhin gemahlen und erſcheint in dieſer Form als ein grobes, gelbrotes, ſtark und eigentümlich riechendes Pulver, welches vor Luft - und Lichtzutritt ſorgfältig geſchützt werden muß.
Handelsbezeichnungen und Handelsſorten. Die von der brau - nen Außenrinde nicht befreite Wurzel, bei der die Epidermis alſo mit ver - mahlen iſt, heißt unberaubter Krapp, die von der Epidermis befreite Wurzel beraubter Krapp; die letztere Sorte enthält weniger verun - reinigende Subſtanzen und mehr Farbſtoff, iſt daher eine beſſere Sorte. Die Abfälle von dem Vermahlen der Krappwurzeln, insbeſondere die Wurzel - faſern, die Epidermis, ein Teil der holzigen Beſtandteile der Wurzel, Wurzel - ſtaub u. dergl. heißen Mullkrapp und ſind unterwertig.
Je nach ihrer Herkunft unterſcheidet man:
Türkiſcher Krapp: Lizari, Alizari, Smyrnakrapp, galt früher als der echteſte und ſchönſte. Das in der Türkei und Kleinaſien damit gefärbte Rot gab die Veranlaſſung zur Bezeichnung „ Türkiſchrot “. Jetzt findet er in Europa kaum oder nur noch beſchränkte Anwendung.
Franzöſiſcher Krapp: Avignoner Krapp, franzöſiſcher Alizari; er iſt der geſchätzteſte und führt den Namen Palud; er wird auf kalkhaltigem Boden gebaut und zeichnet ſich durch einen Kalkgehalt aus, welcher für Farbzwecke von Bedeutung iſt, was 1730 ſchon von Hausmann entdeckt, und ſpäter von Köchlin und Schlumberger beſtätigt wurde.
Holländiſcher Krapp; früher nach dem franzöſiſchen der geſchätzteſte; ſeit der techniſchen Verwendung des Alizarins in der Färberei ſind die Kul - turen in Holland faſt ganz eingegangen.
Ruſſiſcher Krapp: Marena; früher im Kaukaſus lebhaft angebaut; auch dieſe Kulturen befinden ſich im Rückgange.
Elſaſſer und Pfälzer Krapp; vornehmlich in der Umgegend von Straßburg und Hagenau gebaut.
Schleſiſcher Krapp und Röte; in Schleſien gebaut. Röte iſt der einjährige ſchleſiſche Krapp, der je nach der Zeit ſeiner Einſammlung als Sommer -, Herbſt - oder Winterröte unterſchieden wird. Obgleich minderwertig, werden dieſe Krappſorten doch noch gebaut, und, was faſt verwunderlicher erſcheint, auch noch vielfach gebraucht.
Die Krappfarbſtoffe. Die Eigenſchaft, rot zu färben, verdankt der Krapp zwei Farbſtoffen, dem Alizarin und dem Purpurin. Dieſe ſind nicht als ſolche im Krapp frei enthalten, ſondern ſie exiſtieren, mit Zucker chemiſch verbunden, als ſog. Glycoſide, oder in Form ihrer Glycoſide. Das Glycoſid des Alizarins iſt aber die im Krapp fertig vorkommende Rubery - thrinſäure. Außer dieſem findet ſich im Krapp noch ein in Waſſer lös - liches, ſtickſtoffhaltiges Ferment, ein Gärungserreger, das Erythroxym; werden nun die Krappabkochungen der Luft ausgeſetzt, ſo ſpaltet ſich unter dem Einfluſſe des Erythroxyms die Ruberythrinſäure in Alizarin und Zucker;103 das Erythroxym ſelbſt beteiligt ſich an der Zerſetzung nicht; der Prozeß verläuft dann nach Rochleder folgendermaßen: 〈…〉 Ruberythrinſäure Waſſer Alizarin Zucker
Das Purpurin ſoll ſich nach Roſenſtiehl nicht in Form ſeines Glycoſids, ſondern in Form einer Carbonſäure im Krapp vorfinden, welche er als Pſeudopurpurin bezeichnet, und die ſich beim Erwärmen mit Waſſer in Purpurin und Kohlenſäure ſpalten ſoll. Der Prozeß würde verlaufen: 〈…〉 Pſeudopurpurin Purpurin Kohlenſäure
Durch die klaſſiſchen Arbeiten von Graebe und Liebermann iſt der Beweis erbracht, daß dieſe beiden Farbſtoffe Abkömmlinge des Anthracens ſind, und unter ſich in der nächſten chemiſchen Beziehung ſtehen, denn Alizarin iſt Dioxyanthrachinon C14 H6 O2 (OH) 2, Purpurin iſt Trioxyanthrachinon C14 H5 O2 (OH) 3.
Das Alizarin wurde ſchon vor längerer Zeit von Runge, Roch - leder, Schunk u. a. aus dem Krapp dargeſtellt; 1869 haben Graebe und Liebermann dasſelbe aus dem Anthracen künſtlich dargeſtellt und da - mit den unwiderleglichen Beweis geliefert, daß die in der Natur vor - handenen Farbſtoffe auch künſtlich darſtellbar ſeien.
Die im Krapp fertig vorkommenden Ruberythrinſäure, früher von Runge Krappgelb genannt, repräſentiert einen gelben Farbſtoff, welcher in gelben Prismen kryſtalliſiert, ſich in heißem Waſſer, in Alkohol und Aether mit goldgelber Farbe löſt, und unter dem Einfluſſe des Erythroxyms ſich in Alizarin und Zucker ſpaltet, wie oben angegeben.
Alizarin (Runges Krapprot) bildet in reinem waſſerfreiem Zuſtande orangerote Nadeln, welche bei 290° ſchmelzen, unzerſetzt ſublimieren und ſich in Waſſer faſt gar nicht, dagegen in Alkohol, Aether, in Alkalien, beſonders in Natronlauge, leicht, in warmem Waſſer nur ſehr wenig löſen.
Das techniſche Alizarin, mit dem der Färber zu arbeiten hat, iſt ein ziemlich dicker Teig von gelbbrauner Farbe, welcher außer dem reinen Ali - zarin noch zwei weitere Farbſtoffe enthält, Anthrapurpurin und Flavopur - purin.
Im Krapp ſind dieſe beiden letzteren nicht enthalten.
Purpurin (Runges Krapppurpur), welches ſich neben Alizarin ſo - wohl als ſolches, als auch in Form von Purpurinhydrat und Purpurincarbon - ſäure (Pſeudopurpurin, ſ. oben) vorfindet, bildet in reinem Zuſtande kirſch - rote Kryſtalle, welche ſich gegen Löſungsmittel genau wie das Alizarin ver - halten.
Außer den genannten Beſtandteilen enthält der Krapp noch zwei wei - tere Anthracenabkömmlinge, welche zum Alizarin gleichfalls in direkter Be - ziehung ſtehen, nämlich Xanthopurpurin, ein dem Alizarin iſomerer Kör - per, C14 H6 O2 (OH) 2, und Munjiſtin, eine Carbonſäure von der Formel C14 H5 O2 (OH) 2 · COOH, welche zum Alizarin in demſelben Verhältnis ſteht, wie das Pſeudopurpurin zum Purpurin. Xanthopurpurin und Munjiſtin104 ſind jedoch keine Farbſtoffe, da ſie mit Beizen ſich nicht zu unlöslichen Farb - lacken vereinigen.
Bei faſt allen früheren Autoren findet man als Beſtandteil des Krapps noch einen Körper Rubiacin, von Runge als Krapporange bezeichnet, ohne daß aus der betreffenden Litteratur etwas über die Natur dieſes Körpers zu erſehen wäre. Runge und nach ihm Grothe betrachten den Körper als einen wirklichen Farbſtoff; die neueren Arbeiten von Graebe, Lieber - mann, Roſenſtiehl thun des Rubiacins keine Erwähnung; es iſt daher wohl ſchwerlich ein eigener Körper und man wird nicht fehlgehen, wenn man denſelben als eine Ruberythrinſäure betrachtet, welche erſt zum Teil in Alizarin übergegangen iſt, gewiſſermaßen als eine Miſchung aus Rubery - thrinſäure und Alizarin.
Anwendung. Durch Kochen gehen die im Krapp enthaltenen chemi - ſchen Verbindungen der Farbſtoffe in Löſung; das Abſud wird von Thonerde - ſalzen roſa bis rötlichbraun, von Eiſenſalzen violett bis ſchwarz gefällt; durch gleichzeitige Anwendung von Thonerde und Eiſen laſſen ſich die verſchieden - ſten braunen bis braunſchwarzen Töne erzeugen; Chromoxydbeizen liefern eine grüne Farbe. Der Krapp fand früher eine weit ausgedehnte Anwen - dung zur Erzeugung von Türkiſchrot, ſowie zur Hervorrufung von Schwarz und Braun. Er war in früheren Zeiten eines der hauptſächlichſten und in großen Mengen verbrauchten Farbmaterialien und wurde daher vielfach ver - fälſcht. Jetzt, nachdem der Krapp nach Entdeckung des künſtlichen Alizarins faſt ganz verdrängt iſt, hat er für die Färberei nicht mehr annähernd die frühere Bedeutung.
Ehedem wurden aus dem Krapp auch eine große Anzahl von Krapp - präparaten hergeſtellt, in welchen ſich die Krappfarbſtoffe in konzentrierterer und reinerer Form vorfanden: Garancin, Garanceux, Krappkohle, Krapp - blume, Krapplack, Azale, Pincoffin, Krappextrakt, Colorin, Alizarin tincto - riale, Rochlederin, grünes Alizarin. Die meiſten dieſer Präparate haben heute nur noch ein hiſtoriſches Intereſſe. Heute hat nur noch das Garan - cin einige Bedeutung; dieſes wird als ein techniſches Produkt unter den Farbſtoffpräparaten abgehandelt werden.
Prüfung und Wertbeſtimmung. Für diejenigen, welche noch heute mit Krapp arbeiten, gebe ich in nachſtehendem einige Anhaltepunkte für die Wertbeſtimmung. Unverfälſchter Krapp darf zwiſchen den Zähnen nicht knirſchen, und, in Waſſer geworfen und ſchnell umgerührt, nicht ſofort einen Bodenſatz liefern. Iſt das der Fall, ſo iſt er mit Ziegelmehl, Ocker, gel - bem Sand oder Thon vermiſcht. Er darf ferner beim Trocknen nicht weſent - lich an Gewicht einbüßen, andernfalls iſt er mit Waſſer beſchwert. Zuſätze organiſcher Natur, wie Sandelholz, Sappanholz, Sägeſpäne, Kleie, Eichen -, Birken - oder Fichtenrinde, erkennt man durch das Mikroſkop. Ein Zuſatz von gebrauchtem Krapp kann nur durch Probefärben feſtgeſtellt werden.
Näheres über Krappfärberei ſiehe im ſpeziellen Teil.
Unter Safflor verſteht man die getrockneten Blumenblätter der Färber - diſtel, Carthamus tinctorius L., einer einjährigen, zu den Compositen ge - hörigen und in Nordafrika und Aſien heimiſchen, in Aegypten, Oſtindien, Kleinaſien, Spanien, im Elſaß, in Oeſterreich und Thüringen gebauten Pflanze. Sobald die Blütenköpfchen aufbrechen, müſſen auch die Blumenblät - ter thunlichſt von Staubfäden und Kelchblättern befreit, ausgezupft werden.
Im Handel kommen mehrere Sorten vor:
Aegyptiſcher Safflor, Alexandriner Safflor, die farbſtoffreichſte Handelsmarke, kommt in dunkelrotbraunen Maſſen vor.
Oſtindiſcher Safflor, bildet bis 150 kg ſchwere, innen roſenrote Kuchen oder kleine runde Brote. — Bei der vorigen wie bei dieſer Sorte werden die Blumenblätter mit Waſſer geknetet, wodurch ſie dunkler werden. In Aegypten trocknet man den gewaſchenen Safflor zwiſchen Matten im Schatten, bei Nacht ohne Bedeckung; in Oſtindien preßt man ihn noch und formt daraus die Kuchen oder Brote.
Spaniſcher Safflor, aus Andaluſien und von Valencia kommend, riecht ſehr ſtark, iſt locker und von dunkelroter Farbe.
Deutſcher Safflor, die geringſte Sorte; die Blumen kommen ohne weitere Vorbereitung in den Handel.
Safflorfarbſtoffe. Der Safflor enthält zwei Farbſtoffe, einen in Waſſer leicht löslichen gelben, das Safflorgelb, ohne techniſches Intereſſe (es zerſetzt ſich an der Luft ſehr ſchnell unter Bräunung), und einen roten, in Waſſer unlöslichen, in warmem Alkohol etwas löslichen, das Safflorrot oder Karthamin oder Rouge végétale. Beim Kneten des Safflors mit Waſſer wird der gelbe Farbſtoff entfernt; daher enthält der ägyptiſche und oſtindiſche auch faſt nur Karthamin und iſt daher wertvoller. Das Karthamin, C14 H16 O7, wird neuerdings rein dargeſtellt und kommt als Teller - oder Taſſenrot, in feiner, reinſter Form als Safflorkarmin in den Handel. Näheres ſiehe Farbſtoffpräparate.
[Anwendung]. Der Safflor wird auch heute noch in der Seiden - und Baumwollenfärberei, ſeltener in der Wollenfärberei verwendet; die mit Safflor erzeugten Roſafärbungen ſind ſehr unbeſtändige, ſollen aber immer - hin noch beſtändiger ſein, als die mit Eoſin, Magdalarot oder Safranin ge - wonnenen.
Die Prüfung und Wertbeſtimmung iſt die gleiche wie beim Krapp.
Dieſe beiden gehören in die Klaſſe der Flechtenfarbſtoffe, welche Flechten ihren Urſprung verdanken. Orſeille und Perſio ſind nicht ein und dasſelbe Farbmaterial, aber ſie ſtammen von den gleichen Flechten ab und geben beim Färben den gleichen Farbenton. Beide werden aus einigen Arten der Gattung Roccella gewonnen (R. tinctoria DC., R. fuciformis DC., 106R. Montagnei Bel., R. phycopsis Achar. ), welche am Cap Verde auf den Cap-Verdiſchen Inſeln, den Azoren ꝛc. geſammelt werden. Auch einige an - dere Flechtengattungen (Lecanara, Usnea, Unceolaria, Gyrophora, Ramalina Evernia, Variolaria) lieferten Orſeille und Perſio, in neuerer Zeit benutzt man in Frankreich jedoch faſt nur die erſtgenannten. Alle dieſe Flechten kommen unter den Namen „ Krautorſeille “oder „ Erdorſeille “in den Handel.
Gewinnung. Die geſammelten Flechten werden gereinigt, getrocknet, dann in Trommeln gepulvert oder auf Mühlen gemahlen. Das erhaltene Pulver wird mit faulem Urin zu einem dicken Brei angerührt, dieſer der Luft ausgeſetzt und unter jeweiligem Zuſatz von gebranntem Kalk und Durch - rühren der Maſſe der Fäulnis überlaſſen. Der Kalkzuſatz hat den Zweck, das im faulenden Harn enthaltene kohlenſaure Ammoniak in Aetzammoniak umzuwandeln. Nach acht Tagen iſt eine lebhaft violettrote Farbe erzeugt, welche nach 14 Tagen noch ſchöner wird; dabei entwickelt ſich ein eigen - tümlicher veilchenartiger Geruch. Nach Grothe ſollen auch bisweilen — zur Erzielung anderweiter Nüancen — Salmiak, Salpeter, Alaun oder arſenige Säure zugeſetzt werden. Nach 4 bis 6 Wochen iſt die Farbe voll entwickelt. Dieſes rötliche, veilchenähnlich riechende, alkaliſch ſchmeckende Produkt iſt die Orſeille des Handels*)Dieſe vorſündflutliche Methode ſollte man doch lieber durch eine einfachere und zeitgemäßere erſetzen: Extrahieren der Flechten mit verdünnter kalter Natronlauge, und Fällen mit Salzſäure. Man erhält ſo die Flechtenſäuren als weißen Nieder - ſchlag, welchen man nur in ammoniakaliſchem Waſſer zu löſen und der Luft aus - zuſetzen braucht, um direkt zu den reinen Farbſtofflöſungen zu gelangen. Der Verf. . Wird der Teig an warmer Luft, oder im Schatten in dünnen Schichten ausgebreitet, getrocknet und in ein feines Pulver verwandelt, ſo entſteht der Perſio oder Cudbear, oder roter Indigo, ein rötlich-violettes Pulver. Der Perſio wird vornehmlich in Süddeutſchland, Frankreich und England fabriziert.
Orſeillefarbſtoffe. Das färbende Prinzip der Orſeille und des Perſio iſt das Orceïn. Dieſer Farbſtoff iſt in den Flechten nicht fertig ge - bildet, ſondern bildet ſich erſt während der Fäulnis. Die Flechten nämlich, welche zur Darſtellung von Farbſtoffen dienen können, enthalten ſämtlich eine beſtimmte Menge dieſen Flechten eigentümlicher Säuren, welche den Namen Flechtenſäuren führen und die, je nach der Flechte, von der ſie ſtammen, bezeichnet werden als Lecanorſäure, Evernſäure, Erythrinſäure, Usninſäure u. ſ. w. Dieſe Flechtenſäuren ſpielen in den Flechten aber nicht die Rolle eines Chromogens, ſondern ſie bilden erſt den Aus - gangspunkt zur Entwickelung des Chromogens. Die Produkte, welche die verſchiedenen Flechtenſäuren beim Kochen mit Waſſer liefern, ſind ſehr verſchiedener Art; allen gemeinſam iſt das Orcin, C7 H8 O2, das eigentliche ſtickſtofffreie Chromogen der Flechten; dasſelbe bildet ſich unter Waſſeraufnahme oder unter Waſſerabſpaltung und faſt ſtets unter Abſpal - tung von Kohlenſäure. Nach den neueſten Forſchungen iſt das Orcin ein Toluolderivat und zwar Dioxytoluol. Bei der Gärung der Flechten mit Urin wird z. B. die Lecanorſäure zuerſt durch Waſſeraufnahme in Orſellin - ſäure verwandelt: 〈…〉 Lecanorſäure Waſſer Orſellinſäure;107 dieſe zerfällt dann weiter in Orcin und Kohlenſäure: 〈…〉 Orſellinſäure Orcin Kohlenſäure. Das Orcin aber verwandelt ſich in Gegenwart von Ammoniak und unter Mitwirkung des Luftſauerſtoffs in das ſtickſtoffhaltige Orceïn: 〈…〉 Orcin Ammoniak Sauerſtoff Orcein Waſſer. Wir haben hier den Fall, daß das Chromogen ſtickſtofffrei, der Farbſtoff ſelbſt aber ſtickſtoffhaltig iſt.
Die Orſeille wie der Perſio enthalten alſo als wichtigſten Beſtandteil das Orceïn*)Liebermann hat neuerdings nachgewieſen, daß durch die Einwirkung von Ammoniak auf Orcin zwei Orceïne gebildet werden, welchen er die Formeln C14 H12 N2 O3 und C14 H13 NO4 beilegt., außerdem aber wohl auch noch unverändertes Orcin, vor allem aber kohlenſauren Kalk (entſtanden aus dem zugeſetzten von gebrann - tem Kalk und der bei der Bildung des Orcins abgeſpaltenen Kohlenſäure), etwas gebrannten Kalk (von dem die alkaliſche Reaktion herrührt) und Waſſer. Der Perſio enthält natürlich kein Waſſer.
Eigenſchaften. Der in beiden Präparaten enthaltene Farbſtoff iſt löslich in Waſſer, Alkohol und dünnen Löſungen der Alkalien. Durch Be - handeln mit warmem Waſſer erhält man demnach eine purpurviolette Flüſſig - keit, welche man längere Zeit abſetzen läßt, ſo daß man nach einiger Zeit die klare Farbſtofflöſung von dem gebildeten Bodenſatze abgießen kann.
Anwendung. Orſeille und Perſio geben ſehr ſatte und feurige Far - ben; ſie werden noch bisweilen zum Färben von Wolle und Seide benutzt, um Amarantrot, Roſenrot, Orange, Aprikoſenfarbe u. dergl. Miſchfarben zu erzeugen. Der Verbrauch hat aber gegen früher bedeutend nachgelaſſen, weil die Orſeillefärbungen nicht beſonders lichtecht ſind, und weil man heute mit verſchiedenen Azofarbſtoffen die gleichen Töne einfacher, billiger und echter herzuſtellen vermag. Die Orſeille hat aber den großen Vorzug, ſowohl aus neu - traler, wie aus ſchwach ſaurer oder ſchwach alkaliſcher Löſung an die Faſer zu gehen. — Außerdem wird die Orſeille noch zur Darſtellung einiger Orſeillepräparate verwendet, welche auch heute noch zum Teil Verwen - dung finden: Orſeilleextrakt, Orſeillekarmin, Orſeillepurpur (Pourpre francais), Orſeillelack; über dieſe findet ſich Ausführlicheres unter „ Farb - ſtoffpräparate “.
Prüfung und Wertbeſtimmung. Orſeille ſoll häufig mit Blauholz - oder Rotholzextrakt verſetzt vorkommen. Eine Löſung der Orſeille, mit Waſ - ſer ſtark verdünnt und mit Eſſigſäure angeſäuert, wird, wenn ſie rein iſt, mit einer friſch bereiteten Zinnſalzlöſung beim Kochen blaßgelb werden; eine mit Blauholzextrakt verſetzte wird blaugrau, eine mit Rotholzextrakt ver - ſetzte rot werden. — Auch Fuchſinrückſtände, ſog. rohe Magenta, ſind ein gebräuchliches Verfälſchungsmittel.
Zur Entdeckung von Magentabeimiſchungen exiſtieren verſchiedene Me - thoden. Die einfachſte, die jedoch nur auf baſiſche Magenta berechnet iſt,108 beſteht darin, mit Tannin gebeizte Baumwolle kochend mit dem Farbſtoff zu behandeln. Iſt Magenta vorhanden, ſo färbt ſich die Baumwolle, bei reinem Orceïn jedoch nicht. Eine Modifikation der eben beſchriebenen iſt die von Knecht empfohlene Methode, die Baumwolle erſt mit Chryſamin zu be - handeln und dann mit einer Probe Orceïn zu kochen.
Andere Methoden beruhen auf der Löslichkeit des Orceïns und Magen - tas; z. B. Magenta löſt ſich ſehr ſchnell in Anilin oder Benzaldehyd, wäh - rend die Löſung des Orceïns in beiden nur ſehr langſam von ſtatten geht. Behandelt man eine Probe Perſio oder trockene Orſeille mit den genannten Subſtanzen, ſo macht ſich bei Gegenwart von Magenta ſofort eine tiefrote Färbung bemerkbar; reine Orſeille ergibt erſt nach einiger Zeit eine ſcharlachrote Löſung. Orceïn löſt ſich in Ammoniak, Magenta dagegen nicht. Behandelt man daher eine trockene Probe Orſeille mit Ammoniak ſo lange, als ſich noch Farbe auflöſt, ſo bleibt event. Magenta als Rückſtand.
Keine der vorbeſchriebenen Methoden führt indes zur Feſtſtellung von Säuremagenta, mit Ausnahme der Benzaldehydmethode, deren Anwendung nach Kertesz (Dinglers Polytechn. Journal 1884, 42) folgende iſt: Eine kleine Menge Orſeille oder Perſio wird mit Waſſer gekocht und die Ab - kochung filtriert. Die reine Löſung wird in einer Glasröhre mit Benzal - dehyd gemiſcht, etwas Zinn - und Salzſäure zugefügt und das Ganze gründ - lich umgeſchüttelt. Iſt Säuremagenta vorhanden, ſo färbt ſich der untere Teil der Flüſſigkeit in der Farbe desſelben, während reines Orceïn farblos bleibt. Durch dieſes Verfahren läßt ſich 1 Teil Säuremagenta in 1000 Teilen Orſeille nachweiſen.
Ein anderes ſehr empfindliches Reagens zur Entdeckung von Magenta iſt Bleiſuperoxyd. Wird dasſelbe mit einer ſchwach angeſäuerten Löſung roter Farbſtoffe in Verbindung gebracht, ſo entfärben ſich dieſelben, gleichviel ob natürliche oder künſtliche Farbſtoffe, mit der einzigen Ausnahme von Säure - magenta.
Zur Wertbeſtimmung der Orſeille wird das Probefärben angewendet. Man verteilt (nach Volley) ½ bis 1 g Orſeille in 300 ccm Waſſer; in das Färbebad wird ein Wollgewebe von 5 cm Länge und 2 cm Breite ein - gebracht und nach und nach zum Sieden erhitzt, welches etwa ½ Stunde unterhalten wird. Hierauf wird gewaſchen und getrocknet. Die ſo erhaltene Färbung muß mit einer mittels einer Normal-Orſeille von abſoluter Rein - heit auf gleiche Art gewonnenen Färbung verglichen werden.
Alkannawurzel. Die Wurzel der in Südeuropa heimiſchen Färber - Ochſenzunge, Anchusa tinctoria L., wird als ſolche zum Färben niemals direkt verwendet. Dagegen wird daraus ein Präparat, Alkannarot oder Anchuſin gefertigt, welches unter Farbſtoffpräparate beſchrieben werden wird. — In altersgrauer Vorzeit wurden unter dem Namen Alkanna die Wur - zeln von Lawsonia alba Lam. (der Cyprus des Altertums) zum Färben benutzt; auch jetzt finden die Blätter dieſer Pflanze im Orient noch Ver - wendung zum Rot - und Orangefärben des Leders und der Seide.
Drachenblut, Palmendrachenblut, iſt das rote an den Früchten ſitzende Harz der auf Borneo, Sumatra und Penang heimiſchen Rotang -109 Palme, Calamus Draco Willd. Es iſt außen braunrot, auf dem Bruche karminrot; die Löſung in Alkohol gibt mit Ammoniak eine blutrote Färbung. Der Farbſtoff wurde Draconin genannt.
Harmalaſamen, die Samen der in den Steppen Rußlands und Aſiens heimiſchen Steppenraute, Peganum Harmala; ſie enthalten einen roten Farbſtoff, Harmalarot, von Fritzſche Porphyrharmin genannt, welcher ſich bei Anweſenheit von Ammoniak durch Oxydation aus dem in den Samen vorhandenen Alkaloid Harmin bilden ſoll. Das Harmalarot läßt ſich durch Alkohol aus dem Samen ausziehen; es iſt ein ſubſtantiver Farbſtoff, welcher ohne Beizen angeht, jedoch nicht beſtändig iſt.
Chica, Carajuru, Carucra, iſt ein Farbmaterial, welches aus den Blättern der am Orinoco heimiſchen Bignonia Chica Humb. durch Gärung gewonnen wird. Dabei ſetzt ſich das Farbmaterial ab und wird nach dem Abgießen der darüber ſtehenden Löſung in Kuchen geformt und getrocknet. Die Chica enthält einen roten Farbſtoff, das Chicarot, welches man daraus durch Extrahieren mit Alkohol oder Aether gewinnen kann. Das Chicarot iſt unlöslich in Waſſer, wenig löslich in Aether, leicht löslich in Alkohol, in wäſſerigen Alkalien und Ammoniak. Es gibt auf Wolle orangerote, luft - und lichtechte Ausfärbungen.
Monarda, die Blüten von Monarda didymia L. Sie enthalten einen violett-braunroten Farbſtoff, das Monardarot. In der Färberei wird bisweilen ein wäſſeriges Extrakt der Blüten angewendet. Die An - wendung zum Färben iſt eine beſchränkte.
Sorghumrot, Badiſchrot, iſt ein aus der Zuckerhirſe, Sorghum saccharatum, dargeſtellter Farbſtoff. Nachdem der Zucker aus den Stengeln gepreßt iſt, läßt man dieſe gären, trocknen, dann mahlen und auswaſchen. Nun wird mit verdünnter Kali - oder Natronlauge übergoſſen und darauf mit verdünnten Säuren gefüllt. Das Sorghumrot iſt ein roter, in Alkohol, Säuren und Alkalien löslicher Farbſtoff, welcher auf Seide und Wolle ſehr haltbare Farben erzeugt.
Kamala, die Drüſen des in ganz Südaſien vorkommenden Mallotus philippinensis Müll. Arg. (Rottlera tinctoria) in Geſtalt eines ziegelroten ſandigen Pulvers. Alkalien löſen dasſelbe mit roter Farbe; Aether oder auch Sodalöſung zieht daraus das Chromogen Rottlerin (C22 H20 O6), welches in gelben Nadeln kryſtalliſiert, die in Waſſer unlöslich, in Alkohol wenig, in Aether leicht, in Alkalien mit tiefroter Farbe löslich ſind. Die Kamala wird in ihrer Heimat zum Färben von Seide verwendet. Das Rottlerin färbt ſubſtantiv, ohne Beizen, und gibt orangerote, dauerhafte Färbungen.
Außer den vorſtehend genannten enthalten rote zum Färben benutzbare Farbſtoffe die Kirſchen, Himbeeren, Hollunderbeeren und Blau - beeren, ferner die Blütenblätter der Malve, Althaea rosea, die Ker - mesbeeren von Phytolacca decandra, die Klatſchroſen von Papaver Rhoeas, und die Blütenblätter der Päonie von Paeonia officinalis L.
Der Indigo iſt nicht allein der wichtigſte blaue Farbſtoff, ſondern auch der wichtigſte der ſämtlichen vegetabiliſchen Farbſtoffe überhaupt. Er war ſchon den alten Griechen und Römern bekannt, welche ihn aber nicht zum Färben, ſondern als Malerfarbe benutzten; da er aus Indien kam, nannten ſie ihn Indicum (aus Indien Kommendes), woraus ſich die heutige allge - meine Bezeichnung Indigo gebildet hat. Seine Verwendung als Farbmaterial datiert erſt ſeit der Mitte des ſechzehnten Jahrhunderts, wo die Holländer nach Entdeckung des Seeweges nach Oſtindien um die Südſpitze von Afrika ihn nach Europa brachten. Der Indigo hat damals einen ſchweren Kampf zu beſtehen gehabt. In faſt allen Ländern, beſonders in Deutſch - land, wurde der Indigo ſeitens der Regierungen anfänglich verboten. Man hielt ihn nämlich für ein minderwertiges Farbmaterial, als den Waid, und befürchtete einen Rückgang der damals noch blühenden Waidkultur. Man hatte den Waid bis dahin ſeit Jahrhunderten zum Blaufärben angewendet; in Deutſchland, vornehmlich in Thüringen, wurde der Waidbau getrieben. Der Indigo hat dieſen faſt ganz verdrängt und der in Europa heute noch betriebene Waidbau iſt nicht mehr ein Schatten des einſtigen.
Abſtammung. Der Indigo iſt keineswegs nur ein Beſtandteil der Indigopflanze, vielmehr iſt er im Pflanzenreiche verbreiteter, als allgemein geglaubt wird. Eine ganze Menge Pflanzen liefern Indigo oder indigo - ähnliche Farben. Ob ſie aber wirklich techniſch zur Indigogewinnung ver - wendet, oder ob ſie etwa lediglich zum Anſetzen von Küpen verwendet werden, iſt mir nicht bekannt. Hiſtoriſch verbürgt iſt nur, daß in Europa zur Zeit der Kontinentalſperre anfangs dieſes Jahrhunderts — aus Waid Indigo ge - wonnen worden iſt. — Bei der großen Anzahl der Indigo liefernden Pflan - zen werden zur techniſchen Gewinnung des Indigos nur die durch einen ver - hältnismäßig hohen Gehalt daran ausgezeichneten Pflanzen verwendet. Es ſind dies verſchiedene in Aſien und Amerika heimiſche, zur Familie der Papilionaceen gehörige Arten der Gattung Indigofera; am meiſten verwendet werden die 5 folgenden Arten:
Von der erſten dieſer Arten, der verbreitetſten und wichtigſten, welche zugleich den ſchönſten Indigo liefern ſoll, gibt Schützenberger in ſeinem Werke: „ Die Farbſtoffe “folgende Beſchreibung:
Indigofera tinctoria, Färberindig. — Die Pflanze erreicht eine Höhe von 1 bis 1½ m; wenn ſie nicht beſchnitten wird, trifft man ſie oft mannshoch an. Der Stengel iſt einfach, halbholzig, kahl, ungefähr finger - dick, am oberen Ende in viele aufrechtſtehende Zweige geteilt, an welchen die unpaarig gefiederten Blätter ſitzen; Fiederblättchen eiförmig, gegenſtändig,111 bläulich angelaufen. Die Blumen ſind gelb oder rotbunt und wachſen in Trauben, die kürzer ſind als die Blätter, in deren Winkeln ſie ſtehen; Hülſen ſichelförmig gekrümmt, mit kurzen ſilbernen Härchen bedeckt. Der Same iſt dunkelgrün oder ſchwärzlich und ungefähr ſo groß wie ein Pfeffer - korn. Die Wurzel entwickelt ſich ſchnell und breitet ſich weithin aus. Die Pflanze verbreitet am Abend einen ziemlich ſtarken Geruch. Die Blätter beſitzen einen unangenehmen Geruch und faulen leicht.
Der Farbſtoff findet ſich vornehmlich in den Blättern. Dieſelben wer - den, ſobald ſie blaugrün geworden ſind, abgepflückt, oder man ſchneidet die ganze Pflanze ab, bevor ſie zu blühen anfängt.
Außer dem bereits genannten Waid, Isatis tinctoria, ſind an indigo - führenden Pflanzen noch zu nennen: der Färberknöterich, Polygonum tinc - torium, der färbende Roſenlorbeer, Nerium tinctorium, ferner Marsdenia tinctoria, Asclepias tingens, Polygonum chinense, Galega tinctoria, Wrightia tinctoria u. a. m.
Gewinnung. Der Indigo iſt das Produkt einer Gärung. Die Darſtellung im großen wird in den Indigofaktoreien betrieben. Die abge - ſchnittenen Pflanzen kommen zunächſt auf die Gährungskufen, das ſind ge - räumige Ziſternen, welche auf anderen darunter befindlichen Ziſternen ruhen; beide, die untere oder Schlagküpe (Batterie) wie die obere oder Gärungs - küpe (Trempoire) ſind aus Mauerwerk aufgeführt. In den Gärungskufen werden die Pflanzen mittels Holzbalken feſt eingepreßt und mit kaltem Waſſer und etwas Kalkmilch übergoſſen, ſo daß die Flüſſigkeit etwa 10 cm über den Pflanzen ſteht. In neueſter Zeit weicht man (nach den Vorſchlägen von J. Saſſaro) auf Java die Pflanzen mit einer ſehr verdünnten Ammoniakflüſſigkeit ein. Je nach der Temperatur iſt die Gärung in 12 Stunden bis 12 Tagen beendigt; doch muß dafür geſorgt werden, daß die Temperatur 30° nicht überſchreite; im Verlaufe der Gärung entwickeln ſich ziemlich bedeutende Mengen Waſſerſtoff und Kohlenſäure und die zuerſt farb - loſe Flüſſigkeit nimmt eine grünlichgelbe Farbe und einen charakteriſtiſchen Geruch an. Nach beendeter Gärung wird die Flüſſigkeit in die Schlag - kufe abgelaſſen und dort durch „ Schlagen “mit großen Schaufeln, Stöcken u. dergl. mit der Luft in lebhafte Berührung gebracht. Dadurch nimmt die Flüſſigkeit zuletzt eine blaue Farbe an, und ſchließlich ſcheidet ſich der ge - bildete Indigo in Flocken ab. Gleichzeitig damit wird die Gärungskufe entleert und mit neuen Pflanzen beſchickt, die ausgezogenen aber getrocknet und als Brennmaterial verwendet. Sobald dieſes flockige Ausſcheiden des Farbſtoffes eintritt, wird mit dem Umrühren aufgehört, damit der Indigo ſich in Ruhe abſetzen und am Boden ſammeln kann; dann wird die klare Flüſſigkeit abgezogen, der breiige Bodenſatz aber wird in einem Keſſel auf - gekocht, um eine etwaige Nachgärung zu verhindern. Schließlich kommt der Brei in einen hölzernen Kaſten mit durchlöchertem mit Baumwollzeug über - ſpanntem Boden, und nach dem Ablaufen des überſchüſſigen Waſſers in einen Preßbeutel zum Abtropfenlaſſen der letzten Waſſeranteile. Endlich kommt er in die Trockenſtuben, wo er bei völligem Luftabſchluß langſam getrocknet wird.
Eigenſchaften. In dieſer Form repräſentiert der Indigo ein Gemiſch von Pflanzenſtoffen, in welchen der blaue Farbſtoff den wertvollſten Anteil bildet. Er kommt in größeren oder kleineren, regelmäßigen oder unregel - mäßigen Stücken in den Handel, iſt von tiefblauer Farbe, körnigem, erdigem,112 mattem Bruch; er haftet an der Zunge, iſt geruch - und geſchmacklos, bald leichter, bald ſchwerer als Waſſer, und gibt beim Reiben einen kupferfarbigen Glanz. Die genannten Eigenſchaften werden jedoch durch die Abſtammung des Indigos verſchiedentlich beeinflußt. In Waſſer, Alkohol und Aether iſt der Indigo unlöslich; leicht löslich dagegen in konzentrierter Schwefelſäure, welche Löſung mit Waſſer verdünnt werden kann, ohne daß dadurch der Farbſtoff wieder ausgefällt wird. Charakteriſtiſch für den Indigo iſt ſeine Löslichkeit in gelöſten Reduktionsmitteln (z. B. alkaliſcher Traubenzuckerlöſung), wobei er zugleich zu Indigweiß reduziert wird. Hierauf beruht die geſamte Anwendung des Indigos in der Färberei. Chlor als Gas oder Chlorwaſſer oder Chlorkalk, ferner ein Gemiſch von Salzſäure und chlorſaurem Kali, wie auch Salpeterſäure löſen den Indigo unter Zerſtörung des blauen Farb - ſtoffes. Das ſpezifiſche Gewicht variiert von 1,324 bis 1,455 (Leuchs).
Indigofarbſtoffe. Der Indigo des Handels enthält drei Farbſtoffe: Indigblau, Indigbraun und Indigrot. Dieſe Farbſtoffe ſind in der Indigopflanze als ſolche nicht enthalten, ſondern ſie bilden ſich erſt bei der Gärung aus dem in der Indigopflanze enthaltenen, an Kalk gebundenen Chromogen Indican, einem Glycoſid, welches von Schunk zuerſt als das eigentliche Chromogen des Indigos entdeckt wurde und welches nach ihm die Formel C26 H31 NO17 beſitzt. Dieſes Indican ſpaltet ſich bei der Gärung der Indigopflanzen unter Waſſeraufnahme in Indigblau und Indiglucin, eine Zuckerart. Der Prozeß ſpielt ſich in der Hauptſache, wie folgt, ab: 〈…〉 Indican Waſſer Indigblau Indiglucin.
Sonſtige dabei noch auftretende Nebenprodukte kommen für uns hier nicht in Betracht. Die gleichzeitig mit dem Indigblau ſich bildenden andern beiden Farbſtoffe, Indigrot und Indigbraun, welche übrigens genau dieſelbe chemiſche Zuſammenſetzung zeigen, haben nur geringeres Intereſſe.
Das Indigblau, C16 H10 N2 O2, iſt der eigentliche Hauptbeſtandteil des Indigos, und in dieſem in wechſelnden Mengen, von 20 bis zu 80 Prozent, enthalten. Es iſt das blaufärbende Prinzip der geſamten Küpenfärberei, und läßt ſich auf mehrere Methoden aus dem Indigo rein abſcheiden, z. B. durch ſorgfältige Sublimation, durch Behandeln mit Kalk und Eiſenvitriol, mit einer Löſung von Natriumhypoſulfit u. dergl. Alle diejenigen Verfahren, welche in der Färbereitechnik zum Färben mit Indigo angewendet werden, führen auch zur Darſtellung von reinem Indigblau. Jeder Färber, der eine Küpe führt, befindet ſich auf dem Wege zur Herſtellung reinen Indig - blaus, nur mit dem Unterſchiede, daß er die Abſcheidung desſelben nicht innerhalb der alkaliſchen Flüſſigkeit ſelbſt, ſondern auf einem Geſpinnſt oder Gewebe vornimmt. Das reine Indigblau iſt ein tiefblaues, amorphes Pul - ver, welches beim Reiben einen kupferroten Glanz annimmt, bei vorſichtigem Erhitzen unzerſetzt ſublimiert und ſich beim Erkalten der purpurfarbigen Dämpfe in kupferroten Kryſtallen anſetzt. Es iſt unlöslich in den gewöhn - lichen Löſungsmitteln, ſehr wenig löslich in kochendem ſtarkem Alkohol und in Chloroform, dagegen ziemlich leicht löslich in heißem Anilin, Nitrobenzol, Phenol, venetianiſchem Terpentin, Paraffin und einigen fetten Oelen; beim Erkalten dieſer Löſungsmittel ſcheidet es ſich in Kryſtallen aus. Mit alka - liſchen Reduktionsmitteln liefert es Indigweiß; verdünnte Salpeterſäure ver - wandelt es in Pikrinſäure und Nitroſalicylſäure; Chromſäure und Salpeter -113 ſäure oxydiert es zu Iſatin. Bei der trockenen Deſtillation liefert es neben anderen Produkten auch Anilin. In rauchender Schwefelſäure löſt es ſich unter Bildung einer Indigoſulfoſäure. Alle Eigenſchaften, die dem Indigblau eigentümlich ſind, fallen auch dem Indigo, nur in geringerem Maße, zu.
Das Indigbraun kann man aus dem Indigo erhalten, wenn man den - ſelben zunächſt mit verdünnter Schwefelſäure extrahiert, welche den Indig - leim auszieht, die Schwefelſäure mit Kalkmilch abſtumpft und die Flüſſig - keit von dem gebildeten Gyps abfiltriert. Die auf dem Filter zurückbleibende Maſſe wird mit verdünnter Kalilauge ausgekocht, welche das geſamte Indig - braun aufnimmt. Die Löſung wird abfiltriert, mit Eſſigſäure neutraliſiert, zur Trockne eingedampft und der Rückſtand mit Alkohol ausgekocht, welcher das gebildete eſſigſaure Kali auflöſt, während das Indigbraun rein zurück - bleibt. Es iſt in Waſſer, Alkohol und verdünnten Säuren faſt unlöslich, löslich dagegen in verdünnten Alkalien und in konzentrierter Schwefelſäure. Es beſitzt ſchwach ſaure Eigenſchaften.
Das Indigrot wird aus dem von der letzten Auskochung mit ver - dünnter Kalilauge zurückgebliebenen blauen Rückſtande durch Abkochen mit Alkohol gewonnen, welcher das Indigrot aufnimmt und beim Verdampfen als rotbraunes Pulver zurückläßt. Indigbraun und Indigrot geben Küpen, die Reduktion geht aber — zumal beim Indigbraun — ſchwieriger und langſamer vor ſich, als beim Indigblau. Dieſes iſt die Urſache, warum ſich die Javaqualitäten leicht reduzieren, während die roten Guatemalas viel hartnäckiger ſind. Je geringer der Prozentgehalt eines Indigos an Indigbraun und Indigrot iſt, deſto weicher iſt er, deſto leichter läßt er ſich fein reiben, und deſto leichter läßt ſich die Küpe auf Schärfe bringen. Damit iſt jedoch keineswegs ausgeſprochen, daß die braunen und roten Qualitäten geringwertiger ſeien; vielmehr hat ſich in der Praxis ergeben, daß die reinblauen Qualitäten für kalte Küpen ſelten die ergiebigſten ſind.
Zuſammenſetzung des Indigos. Außer dem Indigblau, welches 20 bis 80 Prozent des Indigos betragen kann, im Durchſchnitt aber zu 40 bis 50 Prozent vorhanden iſt, enthält der Indigo noch kleinere Mengen der beiden andern Farbſtoffe, Indigrot und Indigbraun, ſodann Indig - leim, eine im Indigo enthaltene waſſerlösliche Leimart, Waſſer 3 bis 6 Prozent; der Gehalt an Kalk und ſonſtigen Aſchebeſtandteilen iſt ſehr wechſelnd, nach Löwenthal von 4,5 bis 29 Prozent. Außerdem kommen bisweilen Verfälſchungen vor und zwar: Stärke, Herz, Blauholzpulver, Berlinerblau ꝛc.
Handelsſorten. Bei dem bedeutenden Verbrauch und bei der ver - ſchiedenen Herkunft des Indigos exiſtieren eine Unzahl von Handelsſorten, welche wir füglich nach ihrer Herkunft in aſiatiſchen, amerikaniſchen und afrikaniſchen Indigo unterſcheiden können. Es würde den Rahmen dieſes Buches überſchreiten, wollte ich hier alle Handelsmarken aufführen und nach ihren unterſcheidenden Merkmalen ſkizzieren. Ich kann nur die bekannteren namhaft machen, und auf eine ausführliche Beſchreibung um ſo eher ver - zichten, als die Handelsmarke allein noch keinen Anhaltspunkt für den Prozent - gehalt im Indigo abgibt, noch abgeben kann.
Ganswindt, Färberei. 8114a) Aſiatiſcher Indigo. Dieſer iſt der älteſte bekannte; ihn liefert Indigofera tinctoria, argentea und disperma; er kommt aus Bengalen, von der Küſte Coromandel, von Madras, Java und Manilla. Die geſchätzteſten aſiatiſchen Indigos ſind Bengal und Java, welche allein in 37 Sorten vorkommen und einen Gehalt von durchſchnittlich 40 bis 60 Prozent Indigo - blau haben, bisweilen auch weniger; ſie kommen in Würfelform in den Handel; Madras in regelmäßigen Stücken; Coromandel von unreinem Bruch; Manilla viereckige Stücke; die drei letzteren enthalten weniger als 40 Prozent Indigoblau, oft bis zu 10 Prozent herab. Die vielen Sorten dieſes aſiatiſchen Indigos werden durch die entſprechenden Zwiſchenſtufen der Farbennuancen bedingt und dementſprechend bezeichnet, z. B. Bengal fein blau, Bengal feinfein rot, Bengal mittel violett, Bengal fein, Bengal gering, Java fein, Java ordinär, Manilla fein blau ꝛc. Die feinen Bengals ſind zu jeder Art von Färberei geeignet und daher im Handel am meiſten ver - breitet.
b) Amerikaniſcher Indigo; ſtammt von Indigofera Anil; kommt von Guatemala, Caracas, Braſilien, Südcarolina, Louiſiana, den Antillen, Weſtindiſchen Inſeln, beſonders St. Domingo. Die beſten Sorten, dem feinſten Bengal oft gleichſtehend, ſind der Guatemala - und Flores - Indigo mit 40 bis 60 Prozent Indigblau. Dann folgen Kurpah und Caracas mit weniger als 40 Prozent Indigblau. Die Sorten führen auch hier nach der Nuance beſondere Namen, z. B. Guatemala fein blau, Guatemala mittel violett, Guatemala mittel rotviolett, Kurpah fein, Kurpah mittel, Kurpah ordinär. Die feinen Guatemalas werden gleichfalls zu jeder Art von Färberei verwendet, ſind oft im Indigblau dem beſten Bengal gleich, aber im Preiſe kaum halb ſo hoch.
c) Afrikaniſcher Indigo; ſtammt von Indigofera argentea; kommt aus Aegypten, vom Senegal und Isle de France. Beſonderes Aufſehen erregte auf der Colonial & Indian Exhibition ein aus Sierra Leone ſtam - mender Indigo, über den der Bericht der Londoner Handelskammer wörtlich ſagt: „ Der weſtafrikaniſche Indigo ſcheint eine andere Art zu ſein, als der Indigo von Indien und anderen Ländern; wie die ſelbſtgefertigten Stoffe der Eingeborenen zeigen, gebe er eine ſehr ſchöne Farbe; Dr. Watt vom indiſchen Wirtſchaftsrat erklärte den weſtafrikaniſchen Indigo, ſoweit er ihn beurteilen könne, für wertvoller als den indiſchen, auch habe er den ſehr großen Vorzug, keiner beſonderen Zubereitung vor der Verſendung zu be - dürfen. Der Anbau dieſer Indigoart iſt infolgedeſſen ſofort der indiſchen Regierung empfohlen worden. Aus Lagos und vom Gambia ausgeſtellte Proben beweiſen das Vorkommen des Indigos auch in dieſen Plätzen. “
H. Soyaux berichtet in der „ Deutſchen Kolonialzeitung “, daß ſich Vertreter der Indigogattung an der ganzen Weſtküſte Afrikas von Sierra Leone an bis hinunter nach Angola finden, wo er Indigoarten noch in Pungu Andongo antraf; ſogar bis zum ſüdlichen Wendekreis hinauf ſind zwei Arten geſammelt worden, und eine gleiche Ausdehnung hat die Ver - breitung dieſer in Afrika überhaupt in 103 Arten auftretenden Pflanzen an der Oſtſeite des Kontinents. Der indiſche Indigo wird hauptſächlich von Indigofera tinctoria L., ferner von I. argentea L., und I. disperma ge - wonnen, der chineſiſche auch von I. coccinea und Anil L., der centralamerika -115 niſche beſonders von I. Anil, welcher in San Salvador das vorzüglichſte Produkt liefert. Die drei Arten, welche am meiſten kultiviert werden, die Indigofera tinctoria L., Anil L. und argentea L. ſind gerade in Afrika weit verbreitet, kultiviert und wild oder verwildert; in unſeren Herbarien ſtoßen wir auf I. argentea aus dem nördlichen Sudan, von Nubien, Aegypten, Abeſſinien und den Nordſtaaten, I. Anil von Senegambien hinunter bis Angola und im Oſten von Moſambik bis in die Sambeſiländer; ebenſo hat I. tinctoria ein ſehr großes Verbreitungsfeld in Afrika.
Die natürlichen Bedingungen, unter welchen die Indigopflanze gedeiht, ſind ſolche, wie ſie die deutſchen tropiſchen Schutzgebiete in Weſt - und Oſt - afrika, ſowie in Ozeanien meiſtens bieten: Feuchtigkeit, Wärme und frucht - barer Boden; das gewonnene Produkt erzielt immer noch anſehnlichen Preis, und die nötigen Mittel für die Anlage von Pflanzungen bewegen ſich inner - halb verhältnismäßig beſcheidener Grenzen.
Anwendung. Vor ſeiner Verwendung muß der Indigo fein gerieben oder gemahlen werden. Dieſes geſchieht in Indigoreibmaſchinen oder Indigo - mühlen, worüber Näheres unter „ die Färbereiarbeiten und die dazu ver - wendeten Apparate und Maſchinen “. Der Indigo wird im ausgedehnteſten Maßſtabe zur Blau - oder Küpenfärberei verwendet, er bildet die Baſis der in Deutſchland weitverbreiteten Blaudruck-Induſtrie, worüber Näheres im ſpeziellen Teil. Der Indigo wird außerdem in großen Mengen zur Herſtellung von Indigopräparaten verwendet, welche unter den Namen Indigokarmin, Sächſiſchblau, konzentrierte Küpe, Indigoextrakt u. ſ. w. in den Handel kommen. Ueber dieſe Präparate findet ſich Ausführliches unter „ Farbſtoffpräparate “.
Prüfung. Der Wert eines Indigos iſt abhängig von ſeinem Gehalte an Indigblau. Dieſer Gehalt läßt ſich auf experimentellem Wege genau ermitteln. Als Vorprüfung kann dabei die Uebereinſtimmung mit den phyſi - kaliſchen Eigenſchaften herangezogen werden, nämlich die charakteriſtiſche Farbe, das Entſtehen eines Kupferglanzes auf der Stelle, die man mit dem Nagel reibt, die Feſtſtellung des ſpezifiſchen Gewichts (guter Indigo ſoll auf dem Waſſer ſchwimmen und ſich in demſelben völlig zerteilen laſſen, ohne einen erdigen oder ſandigen Bodenſatz zu geben), die leichte Zerreiblichkeit, der reine gleichförmige Bruch, die Geruchloſigkeit und ſeine Löslichkeit in 4 Teilen rauchender Schwefelſäure. In je höherem Maße dieſe Eigenſchaften ent - wickelt ſind, deſto wertvoller iſt der Indigo.
Infolge ſeines hohen Preiſes iſt der Indigo häufig Verfälſchungen unterworfen und zwar mit Berlinerblau, Smalte, Blauholzpulver, Stärke und Schiefermehl; auch ein zu hoher Waſſergehalt kann als Verfälſchung betrachtet werden. Ein ſolcher kann leicht durch Trocknen bei 100° C. und Feſtſtellung der Gewichtsdifferenz ermittelt werden; ſie darf 7 Prozent nicht überſchreiten. Auch der Aſchegehalt gibt einen Anhalt zur Beurteilung der Qualität; die Aſche eines reinen Indigos darf nicht mehr als 7 bis 9½ Prozent betragen; ein größerer Aſchegehalt läßt auf Zuſatz von Schiefer - mehl, Blauholz oder dergl. ſchließen. — Um Stärke im Indigo nachzu - weiſen, verreibt man denſelben in einer Porzellanſchale mit Chlorwaſſer bis zur vollſtändigen Entfärbung, bringt den Rückſtand auf ein Filter und wäſcht aus; wird dann ein Tropfen Jodkaliumlöſung hinzugeſetzt, ſo tritt bei An -8*116weſenheit von Stärke eine Blaufärbung ein. — Um Berlinerblau oder Smalte nachzuweiſen, wird der Indigo in gleicher Weiſe mit Salpeterſäure behandelt, wodurch er gelb gefärbt wird. Bleibt Blau zurück, ſo war der Indigo verfälſcht; verſchwindet das Blau nach einiger Zeit, ſo war er mit Berlinerblau verfälſcht, bleibt das Blau, ſo war er mit Smalte verfälſcht. — Zum Nachweis von Blauholz miſcht man den Indigo mit etwas Oxal - ſäure, befeuchtet ihn und legt ihn auf Filtrierpapier; war der Indigo rein, ſo wird das Papier nicht verändert; war er mit Blauholz verfälſcht, ſo färbt es ſich rot.
Alle dieſe kleinen Unterſuchungen kann der Färber zur Not ſelbſt an - ſtellen; zur Ermittelung des Gehalts an reinem Indigblau wird er aber einen Chemiker zuziehen müſſen. Für diejenigen aber, welche auf Färber - ſchulen ſich ein gewiſſes Maß chemiſcher Vorkenntniſſe und praktiſche Uebung erworben haben, folge nachſtehend die Wertbeſtimmung. Die Kenntnis des Prozentgehalts iſt unbedingt notwendig, wenn man in Verbindung mit dem augenblicklichen Marktwerte den wirklichen, abſoluten Wert des Indi - gos kennen lernen will; ſie iſt ein weſentliches Erfordernis zur Kalkulation, denn im Indigoeinkauf liegt der erſte und nicht ſelten weſent - lichſte Vorteil des Färbers. Die Kenntnis der prozentiſchen Färbe - kraft eines Indigos iſt aber auch notwendig zur Feſtſtellung der Mengen der zum Küpenanſatz nötigen Stoffe. Die Schwankungen des Indigomark - tes bringen es mit ſich, daß bisweilen eine gute Qualität unter ihren nor - malen Wert heruntergeht. Schiernecker*)Deutſche Färberzeitung 1887, Nr. 15. hat den Normalwert ei - nes Prozentschemiſch reinen Indigblaus im halben Kilogramm Indigo mit 8 Pfennigen beziffert; das heißt z. B., ein Kurpah von 48 Prozent Indigblau darf nicht mehr als 7,68 Mark pro Kilogramm, ein Bengal von 65 Prozent nicht mehr als 12,40 Mark pro Kilogramm koſten. Dieſe Norm entſpricht der augenblicklichen Marktlage, beim Durchſchnitts - preiſe der früheren Jahre dürfte dieſer Normalſatz allerdings um 20 bis 25 Prozent erhöht werden. Kann man zu dieſer Norm einkaufen, ſo hat man das gute Bewußtſein eines guten, preiswerten Einkaufs. Dazu ge - hört natürlich eine vorhergehende chemiſche Analyſe. Ich möchte den Leſern dieſes Handbuches den wohlgemeinten Rat geben, die geringen Koſten einer ſolchen Analyſe nicht zu ſcheuen, vor allem aber ſich nicht auf ihre eigenen, niemals vorurteilsfreien Schätzungen zu verlaſſen, wenn ſie nicht empfindliche Verluſte beim Einkauf erleiden wollen. Probefärben iſt hier nicht am Platze; die Analyſe aber gibt ganz ſichere Reſultate. Bene - dikt (Real-Encyklopädie der geſamten Pharmazie, Bd. V, S. 420 bis 422) teilt die Methoden zur Wertbeſtimmung des Indigos in drei Gruppen ein:
Ich laſſe ſeine Schilderung hier wörtlich folgen.
Eine ſorgfältig genommene Durchſchnittsprobe wird möglichſt fein ge - pulvert, durch ein feines Sieb geſchlagen und die reſtlichen Stückchen neuer -117 dings gepulvert. 1 g dieſes Pulvers wird mit dem gleichen Gewicht ge - ſtoßenem Glas in einem kleinen Mörſer gemiſcht. Die Miſchung wird nach und nach in 20 ccm Schwefelſäure von 1,845 ſpez. Gewicht, welche ſich in einem cylindriſchen Porzellantiegel von 50 ccm Inhalt befindet, unter ſtetem Umrühren eingetragen. Der Mörſer wird zuletzt mit Glasſtaub ausgeſpült. Man erhitzt eine Stunde im Dampftrockenkaſten, verdünnt die gebildete Indigoſulfoſäure mit Waſſer, filtriert und bringt auf 1 Liter.
Den Indigogehalt dieſer Löſungen kann man nun durch Titration mit oxydierenden Subſtanzen ermitteln, welche die Indigoſulfoſäure in gelbe Iſatin - ſulfoſäure überführen. Zu dieſem Zwecke ſind Chlorkalk, chlorſaures Kali, Kaliumbichromat, Chamäleon, rotes Blutlaugenſalz, Salpeter ꝛc. vorgeſchla - gen worden. Die Beſtimmungen werden dadurch ungenau, daß auch die anderen Beſtandteile des Indigos oxydiert werden, ſo daß der Verbrauch an Maßflüſſigkeit immer größer iſt, als dem Indigblaugehalt entſpricht, doch er - hält man untereinander gut vergleichbare Daten.
Oxydation mit Permanganat. Rawſon gibt der Permanganat - methode den Vorzug und führt dieſelbe in folgender Weiſe aus:
50 ccm der in oben beſchriebener Weiſe bereiteten Indigolöſung wer - den in einer Porzellanſchale mit 250 ccm Waſſer verdünnt und mit einer Löſung von 0,5 g Kaliumpermanganat im Liter titriert, bis die Farbe der Löſung von grünlich in blaßgelb übergegangen iſt. Der Titer der Perman - ganatlöſung wird auf reines Indigblau geſtellt, 1 Molekül desſelben oxydiert 5 Moleküle Indigoſulfoſäure.
Genauere Reſultate erhält man nach demſelben Verfahren, wenn man die Indigoſulfoſäure vor der Titration von den Beimengungen in folgender Weiſe trennt:
50 ccm der Löſung werden in einem kleinen Kolben mit 50 ccm Waſſer und 32 g Kochſalz vermiſcht. Die mit Salz nahezu geſättigte Flüſſigkeit wird zwei Stunden ſtehen gelaſſen, worauf das indigoſulfoſaure Natron nahezu vollſtändig ausgeſalzen iſt. Man filtriert ab, wäſcht mit 50 ccm Kochſalzlöſung (1,2 ſpez. Gewicht), löſt in heißem Waſſer, läßt erkalten, verdünnt nach Zuſatz von 1 ccm Schwefelſäure auf 300 ccm und titriert. Für die in Löſung gebliebene geringe Menge von indigſulfoſaurem Natron bringt man eine Korrektur von 0,0008 an.
Verfahren mit Hydroſulfit. Dieſes von Bernthſen erdachte, von Müller verbeſſerte, vorzügliche Verfahren wird in folgender Weiſe aus - geführt:
Zur Bereitung von Hydroſulfitlöſung füllt man einen Kolben von circa 100 ccm Inhalt mit ſpiralförmig gebogenen Zinkſtreifen, gießt eine Natriumbiſulfitlöſung von 1,30 ſpez. Gewicht darauf, verſtopft und läßt eine Stunde ſtehen, bis zum Verſchwinden des Geruchs nach ſchwefliger Säure. Man gießt die Löſung des Natriumhydroſulfites ſodann in 5 l Waſſer, wel - ches 50 g friſch gelöſchten Kalk enthält, ſchüttelt durch, läßt bei Luftabſchluß abſitzen und zieht in eine Flaſche ab, in welche eine Nachflußbürette einge - ſetzt iſt. Auf die Oberfläche der Flüſſigkeit gießt man, um die Oxydation zu verhindern, 100 ccm Petroleum, außerdem führt man durch den Kork ein oberhalb der Flüſſigkeit mündendes Rohr ein, welches mit der Gaslei - tung in Verbindung ſteht.
118Die Titerſtellung wird mit einer ammoniakaliſchen Kupferlöſung aus - geführt, ein Molekül Kupferſulfat entſpricht genau einem Molekül Indigblau.
1,904 g Kupfervitriol werden in 1 l Waſſer gelöſt, welches 100 ccm Ammoniakflüſſigkeit (0,880 ſpez. Gewicht) enthält. Davon bringt man 50 ccm in einen Kolben von circa 200 ccm Inhalt mit weiter Oeffnung, vertreibt die Luft durch Aufkochen, läßt erkalten und verſchließt die Oeffnung mit einem vierfach durchbohrten Kork. Durch die eine Oeffnung wird das Ausflußrohr der Hydroſulfitbürette, durch eine andere das Ausflußrohr einer mit Indigokarmin gefüllten Bürette hindurchgeführt.
Die beiden anderen Oeffnungen dienen zum Ein - und Austritt von Leuchtgas. Das Gas wird, bevor es in den Kolben tritt, durch U förmige Röhren geleitet, welche gefälltes Eiſenoxydulhydrat enthalten, um es von Sauer - ſtoff zu befreien.
Man titriert nun mit der Hydroſulfitlöſung bis nahe zur Entfärbung, ſetzt einige Tropfen Indigkarminlöſung zu und titriert weiter, bis zur charakteriſtiſchen Braunrotfärbung.
Man kann die zur Entfärbung der wenigen Tropfen Indigolöſung not - wendige Hydroſulfitmenge durch Titration beſtimmen und in Rechnung bringen.
50 ccm der Kupferlöſung ſind 0,05 g Indigblau äquivalent.
Zur Titrierung des Indigos nimmt man 50 ccm der nach der oben gegebenen Vorſchrift bereiteten Indigolöſung, kocht zur Vertreibung der Luft auf und titriert nach dem Erkalten wie früher unter Luftabſchluß unter be - ſtändigem Schütteln. Die Flüſſigkeit wird hellgelb, bei ſchlechten Sorten gelbbraun, doch iſt der Uebergang ſtets gut kenntlich.
Indigrot, Indigbraun und Indiglucin reagieren nicht auf die Hydro - ſulfitlöſung. Nur die Gegenwart von Eiſenoxyd iſt ſchädlich, doch findet ſich dasſelbe nur in ſchlechten Indigoſorten in erheblicheren Mengen.
Lee beſtimmt den Indigblaugehalt des Indigos in der Weiſe, daß er circa 0,25 g der fein gepulverten und bei 100° getrockneten Probe in eine Platinſchale von 7 cm Länge, 2 cm Breite und 0,75 cm Tiefe bringt und vorſichtig abſublimiert. Die Schale, deren Boden ganz eben ſein ſoll, wird auf einer Eiſenplatte ſehr allmählich erhitzt. Wenn der Inhalt mit Kry - ſtallen überkleidet iſt, ſtellt man ein bogenförmig gekrümmtes poliertes Eiſen - blech über die Schale auf die Platte, dasſelbe iſt etwas länger als das Platingefäß. Nun mäßigt man die Hitze und hebt den Bogen von Zeit zu Zeit auf, um den Fortgang der Sublimation zu beobachten. Für 50prozen - tigen Indigo dauert die Operation 30 bis 40 Minuten, für reichere Sorten bis zu 2 Stunden. Man läßt die Schale im Exſiccator erkalten und wägt. Der Verluſt wird als Indigblau in Rechnung gebracht.
Die Methode erlaubt bei genauer und gleichmäßiger Ausführung ein ziemlich ſicheres vergleichendes Urteil über den Wert der Proben, gibt aber den Indigoblaugehalt nicht ſicher an.
Nach allen hierher gehörigen Verfahren wird das Indigblau durch Reduktion in alkaliſcher Löſung in Indigweiß übergeführt und dadurch von den anderen Beſtandteilen des Indigos getrennt.
119Als Reduktionsmittel wurden alkoholiſche Natronlauge und Trauben - zucker, Eiſenvitriol und Kalk ꝛc. empfohlen. Rawſon*)Chem. News 1888, Nr. 57. gibt dem Natrium - hydroſulfit den Vorzug.
1 g fein gepulverter Indigo wird mit Waſſer angerieben und in eine 500 bis 600 ccm Kalkwaſſer enthaltende Flaſche gebracht. Dieſelbe iſt mit einem vierfach durchbohrten Pfropfen verſehen. In eine der Oeffnungen iſt ein mit einem Quetſchhahn verſchloſſener Heber eingeſetzt, in die zweite ein Trichterrohr mit Glashahn, die beiden anderen dienen zum Ein - und Aus - tritt von Leuchtgas.
Man verdrängt die über der Flüſſigkeit befindliche Luft mit Gas, er - wärmt auf circa 80° und läßt durch den Trichter 100 bis 150° ccm einer Hydroſulfitlöſung einfließen, welche ebenſo wie die bei der oben beſchriebenen Titriermethode verwendete bereitet, aber fünfmal ſo ſtark iſt.
Die Miſchung, welche in einigen Minuten gelb wird; wird eine halbe Stunde nahe dem Sieden erhalten. Dann läßt man abſitzen, zieht mittels des Hebers 500 ccm ab und mißt das Volumen der zurückbleibenden Flüſſig - keit. Die 500 ccm bringt man in einen Erlenmeyerſchen Kolben und bläſt durch 20 Minuten einen ſtarken Luftſtrom durch, wodurch man das Hydroſulfit zu Sulfit, das Indigweiß zu Indigblau oxydiert. Dann ſetzt man Salzſäure im Ueberſchuß zu (wobei ſich die Flüſſigkeit nicht trüben darf), um den Niederſchlag kalkfrei zu machen, ſammelt denſelben auf einem tarierten Filter, wäſcht mit heißem Waſſer, trocknet bei 100° und wägt. Das erhaltene Gewicht repräſentiert das Indigblau und Indigrot.
Das letztere kann in einem Extraktionsapparat mit Alkohol extrahiert und ſodann in bekannter Weiſe zur Wägung gebracht werden.
Beiſpiel. Man habe 1 g Indigo reduziert und 500 ccm abgehebert Der Reſt meſſe 435 ccm. Das Gewicht des Niederſchlages ſei 0,243. Somit enthält die Probe 〈…〉
Die das Indigrot enthaltende alkoholiſche Löſung hinterlaſſe nach dem Verdampfen und Trocknen bei 100° 0,0145 g. Zieht man davon 0,001 Indigblau ab, entſprechend der Löslichkeit desſelben in Alkohol, ſo findet man: 〈…〉
Wir laſſen hiernach die Analyſe einiger Indigos folgen, um das häufige Mißverhältnis zwiſchen wirklichen Wert und Preis zu veranſchaulichen (ſiehe die Tabelle S. 120).
Rawſon fand durch Vergleichung verſchiedener Unterſuchungsmethoden folgende Werte, welche in der oberen der beiden Tabellen auf Seite 121 zuſammengeſtellt ſind.
120Die Preiſe ſind in Rupien angegeben, die Verpackung zu 74⅔ Pfund in Calcutta, und Bazarverpackung zu 25 Pfund in Madras.
121Neuerdings hat H. Cooley (Journ. f. anal. Chemie 1888, 129) den Indigotingehalt verſchiedener Indigoſorten nach den in der folgenden Tabelle benannten Verfahren beſtimmt und folgende Werte gefunden:
Statiſtiſches. Welchen Umfang die Produktion und der Verbrauch an Indigo einnehmen, dafür geben die von Dr. v. Scherzer aufgeſtellten Zahlen einen Anhalt. Nach dieſem Statiſtiker beträgt die jährliche mittlere Geſamtproduktion 84000 Metercentner im Werte von 94 Millionen Mark. Nach der offiziellen Statiſtik wurde in das deutſche Zollgebiet an Indigo eingeführt im Werte von:
Der durchſchnittliche jährliche Verbrauch im deutſchen Zollgebiet von 1881 bis 1885 beziffert ſich auf 1180 Tonnen im Werte von 17 Millionen Mark. — England verbraucht jährlich für circa 29 Millionen Mark; alle übrigen Länder (einſchl. der Vereinigten Staaten) verbrauchen weniger als Deutſchland.
Nächſt dem Indigo iſt das Blauholz, auch Campecheholz, Logwood, Blutholz, Königinholz, Braunholz, Poachwood genannt, das wichtigſte blaufärbende Material. In Europa wird es ſeit dem 16. Jahr - hundert verwendet, wo es die Spanier nach der Entdeckung Amerikas in den Handel brachten; ſpäter bemächtigten ſich die Engländer des Blauholz - handels.
Abſtammung. Das Blauholz iſt das von Rinde und Splint be - freite Kernholz des Blauholzbaumes, Haematoxylon Campechianum L., zur Familie der Caesalpiniaceae gehörig. Es iſt ein mäßiger Baum von unregelmäßigem Wuchſe, urſprünglich in Centralamerika an der Campechebai heimiſch (daher auch Campecheholz genannt), wurde aber 1715 nach Weſtindien verpflanzt, wo die Engländer deſſen Kultur — vornehmlich auf Jamaica — eifrig betrieben.
Eigenſchaften. Das Blauholz kommt in kleineren oder größeren Kloben (engliſches Holz) oder in Form dicker, an einer Seite zugeſpitzter Blöcke (ſpaniſches Holz) in den Handel; dieſe erſcheinen außen violett bis ſchwärzlich, oft mit grünlichem Anflug; innen iſt es blutrot; es iſt hart, ſchwer (ſpez. Gewicht 0,9 bis 1,0), ſchwierig zu ſchneiden und zu ſpalten. Nicht ſelten kommt das Blauholz auch in großen rötlichen bis ſchwärzlich - braunen Spänen vor. Das Holz beſitzt einen eigentümlichen ſchwachen, an Veilchenwurzel erinnernden Geruch, und einen anfangs ſüßen, dann zuſammen - ziehenden Geſchmack. Im friſchen Zuſtande erſcheint das Holz gelblichrot. Mit Waſſer gekocht, gibt es ein Abſud, welches durch Ammoniak zunächſt pur - purrot, dann mehr veilchenblau gefärbt wird; Alaun verurſacht in der Ab - kochung eine hellrote bis grauviolette, Zinnſalz eine roſenrote Fällung; Bleizucker gibt einen weißen, Kupfervitriol einen grünen Niederſchlag; beide Niederſchläge färben ſich bei Berührung mit der Luft dunkelblau; Eiſen - vitriol gibt je nach der verwendeten Menge, einen dunkelvioletten bis ſchwarzen Niederſchlag.
Handelsſorten. Als beſte Sorte gilt im Handel das Campeche - holz von der Weſtküſte von Yucatan in Kloben von 1 bis 2½ m Länge und123 100 bis 500 kg Gewicht, dann folgt das Hondurasblauholz von der engliſchen Kolonie Honduras in Kloben von etwa 1 m Länge und 50 bis 200 kg Gewicht, das Jamaika-Blauholz von Jamaika und das Do - mingo-Blauholz von St. Domingo, Martinique und Guadeloupe, Laguna - Blauholz, Monte-Chriſto-Blauholz, Fort Liberté-Blauholz, Jamaikawurzelholz. Nach den Ausführungen von L. Brühl (Deutſche Färberzeitung 1888, Nr. 9 und 10) dagegen iſt die Meinung, daß der Namen des Holzes zu - gleich auch über ſeine Güte Aufſchluß gibt, eine vollſtändig irrige.
Blauholzfarbſtoff. Das Chromogen des Blauholzes iſt das Häma - toxylin, von welchem es 9 bis 12 Prozent enthält. Das Hämatoxylin iſt zum Teil als ſolches, zum größeren Teil aber in der Form ſeines Glycoſides im Blauholz enthalten. In ſeiner chemiſch reinen Form bildet es farbloſe prismatiſche Kryſtalle, welche ſüß ſchmecken, in kaltem Waſſer nur ſchwer, in heißem Waſſer, in Alkohol und Aether leicht löslich ſind; es ſcheidet ſich auch aus Blauholzextrakten bisweilen in großen Kryſtallen ab. Das Hämatoxylin wurde ſchon 1811 von Chevreul in unreinem Zuſtande, ſpäter von Erdmann rein dargeſtellt. Aus dem Hämatoxylin, welchem die Formel C16 H14 O6 zukommt, bildet ſich dann der eigentliche Farbſtoff des Blauholzes, das Hämateïn, und zwar zunächſt in einer Verbindung mit Ammoniak als Hämateïn-Ammoniak: C16 H14 O6 + NH3 + O = Hämatoxylin C16 H11 (NH4) O6 + H2 O. Dieſes bildet ein rotes Pulver oder blauſchwarze Kryſtalle und iſt die Urſache der ſchwarzblauen Farbe der äußeren Schicht des Blauholzes; aus ihm erhält man durch Zerſetzen mit Eſſig das reine Hämateïn: C16 H11 (NH4) O6 + CH3 · COOH = C16 H12 O6 + CH3 · COO · NH4. Das Hämateïn bildet kleine Kryſtalle von prachtvollem gelb - grünem Metallglanz. Es findet ſich in kleinen Kryſtällchen nicht ſelten im Holze ſelbſt, iſt auch die Urſache des grünen Anfluges auf der äußerſten Schicht des Blauholzes; es iſt in Waſſer, Alkohol und Aether ſchwer lös - lich. — Es möge hier noch auf die nahe Verwandtſchaft der Chromogene ſowohl, wie der Farbſtoffe von Fernambukholz und Blauholz hingewieſen wer - den, wie ſie ſich am deutlichſten aus ihren chemiſchen Formeln ergibt: Braſilin C16 H14 O5, Hämatoxylin C16 H14 O6, Braſileïn C16 H12 O5, Häma - teïn C16 H12 O6. Santalin und Hämatoxylin ſcheinen ſogar iſomer zu ſein, und enthalten wohl nur die Hydroxylgruppe in verſchiedener Stellung. Der eigentliche Farbſtoff bildet ſich ſomit (wenn wir das intermediäre Hämateïn - Ammoniak weglaſſen) aus dem Chromogen durch Sauerſtoffaufnahme oder Oxydation. Dieſes iſt die Urſache, weshalb man das Blauholz unmittelbar vor ſeiner Verwendung noch dem Prozeß der Fermentation unterwirft, einer mechaniſchen Behandlung, wie ich dieſelbe beim Artikel Allgemeines über Farbhölzer in § 25 (S. 98) ausführlich beſprochen habe.
Anwendung. Das Blauholz findek ausgedehnte Verwendung zum Färben von Wolle, Seide, Baumwolle und Leder. Es gibt weniger blaue, als vielmehr braunviolette, blauſchwarze und rein ſchwarze Töne und bildet einen Hauptausgangspunkt in der Schwarzfärberei. Die helleren mit Blau - holz hergeſtellten Töne ſind ſämtlich ſehr unecht und werden daher wenig oder gar nicht angewendet. Um ſo umfangreicher iſt dagegen ſeine Ver - wendung zur Herſtellung von Modefarben. Vor ſeiner Verwendung muß das Blauholz geraſpelt oder gemahlen werden. Das Blauholz dient ferner124 zur Herſtellung einiger Blauholzpräparate, der verſchiedenen Blau - holzextrakte, des Hämateïns in Extraktform (Guinon), Noir imperial, Azotine, und des Indigoerſatz. Ueber dieſe ſiehe Näheres unter „ Farb - ſtoffpräparate “§ 57. Ueber die Einzelheiten in ſeiner Anwendung vergl. Teil II, § 49, 65 u. 79.
Prüfung und Wertbeſtimmung. Das Blauholz iſt nicht leicht einer Verfälſchung unterworfen, wenn es in Blöcken oder Scheiten auf den Markt kommt. Späne können ſchon eher verfälſcht werden. Will man ſich daher vor Verfälſchung ſchützen, ſo wird man wohl thun, keine Späne zu kaufen. Der Wert des Blauholzes beruht auf ſeinem Gehalt an Farbſtoff. Dieſer Gehalt läßt ſich zwar auch durch eine chemiſche Analyſe feſtſtellen, doch iſt eine ſolche in dieſem Falle mit vielen Schwierigkeiten verbunden, da derſelbe im Holze teils als Hämatoxylin, teils als Hämateïn-Ammoniak und teils als Hämateïn enthalten iſt. Viel einfacher und kürzer iſt hier das Probefärben.
Abſtammung. Die Waidpflanze, Isatis tinctoria L., und Isatis lusitanica L., hat für die Färberei heute bei weitem nicht mehr jenes Inter - eſſe, wie in früheren Jahrhunderten, wo ſie, vor Einführung des Indigos, das alleinige Material zur Erzeugung tiefblauer Farben bildete. Der Waid - anbau war ein in ganz Deutſchland, vornehmlich aber in Thüringen, emſig gepflegter Zweig der Landwirtſchaft. Das hat faſt völlig aufgehört und die heutigen Reſte der Waidkultur ſind kaum der Erwähnung wert. Der Indigo hat den Waid faſt vollſtändig verdrängt; alle Schutzmaßregeln zur Bekäm - pfung der Indigoeinfuhr und zum Schutze des Waidbauers haben den Sieges - zug des Indigos nicht aufzuhalten vermocht.
Eigenſchaften. Das als Waid in den Handel kommende Farb - material iſt die ganze, durch eine Mühle in einen Teig verwandelte, durch - knetete und in Klumpen geformte Pflanze. Er bildet trockene, außen weiß - liche, harte Ballen, oder kleine mit Schimmel überzogene Klümpchen, die auf dem Bruche ins Schwarze fallen und, feucht verrieben, Papier blau - bis ſchwarzgrün färben. Guter Waid kann bis 10 Jahre alt werden und ge - winnt an Güte, weshalb der alte dem friſchen vorgezogen wird. Je ſchwerer er iſt, deſto beſſer iſt er. Die beſte Handelsſorte führt den Namen Paſtel.
Waidfarbſtoff. Der Waid enthält das Chromogen des Indigblaus, des Indican, welches man aus den Blättern der Waidpflanze durch Extrak - tion mit Alkohol erhalten kann, und welches beim Behandeln mit verdünn - ten Mineralſäuren, ſowie bei der Gärung, in Indigblau und Indiglucin zerfällt. Man könnte daher den Waid zur Erzeugung von Indigo benutzen, hat ihn auch vorübergehend (vergl. Indigo S. 110) dazu benutzt; er enthält jedoch nur den dreißigſten Teil Chromogen, wie die Indigopflanze; ſeine Verarbeitung auf Indigo iſt daher nicht lohnend.
Anwendung. Für ſich allein wird der Waid kaum noch verwendet, ſondern nur noch in der Waidküpe als Zuſatz zum Indigo. Dieſe Waid - küpe, worüber im ſpeziellen Teil Ausführlicheres, wird nur in der Wollen - färberei verwendet. Die Prüfung und Wertbeſtimmung kommt beim Waid nicht in Betracht.
Der Lackmus iſt ein Farbmaterial aus der Klaſſe der Flechtenfarb - ſtoffe und ſteht der Orſeille und dem Perſio (§ 29) ganz nahe. Zur Dar - ſtellung des Lackmus kann man auch die zur Bereitung von Orſeille u. ſ. w. verwendeten Flechten gebrauchen; gegenwärtig benutzt man dazu vorwiegend die Lecanora-Arten, und zwar in Frankreich die in den Pyrenäen vorkom - menden L. orcina, Lecanora dealbata, L. parella; in England die in Is - land und Skandinavien häufig vorkommende L. tartarea (Ochrolechia tar - tarea Körb. ); nach Tſchirch wird auch Pe〈…〉〈…〉 tusaria communis dazu ver - wendet. Die Flechten werden unter Zuſatz von faulem Urin oder Ammoniak — ganz wie bei der Orſeille — einer Gärung unterworfen, nur fügt man noch Pottaſche in genügender Menge hinzu, ſo daß nach beendigter Gärung eine rein tiefblaue Maſſe reſultiert. Dieſe wird mit Kreide und Gyps ge - mengt, in Würfel geformt, getrocknet und in den Handel gebracht.
Lackmusfarbſtoff. Der lösliche blaue Farbſtoff des Lackmus iſt das Azolitmin, C7 H7 NO4; dieſer Farbſtoff beſitzt nur 1 Sauerſtoffatom mehr als das Orceïn, und kann als ein Oxydationsprodukt des letzteren angeſehen werden, denn: 〈…〉 Orceïn Sauerſtoff Azolitmin.
Von dieſem Geſichtspunkt aus muß die Lackmusgärung als eine weiter - gehende Oxydation betrachtet werden, als die Orſeillegärung; es erklärt ſich ſo auch ganz zwanglos, warum man aus demſelben Flechtenmaterial ſowohl Orſeille wie Lackmus herſtellen kann. Nach dieſer Anſchauung würde das Orceïn der Orſeille nur als ein intermediäres Produkt zwiſchen Orſellin - ſäure und Azolitmin zu betrachten ſein (vergl. § 29). Das Azolitmin iſt leicht löslich in Waſſer und Alkohol, wird aber durch Säuren in einen zwiebelroten Farbſtoff (Orceïn?) zurückverwandelt.
Anwendung findet der Lackmus (nach Grothe) zum Färben der Seide unter Verwendung von Kochſalz als Beize.
Ein dem Lackmus nahe verwandter Stoff wird in Frankreich unter dem Namen Tourneſol aus dem Kraute von Crozophora tinctoria Nech. dargeſtellt.
Sonſtige Farbſtoffe:
Außer den vorſtehend beſchriebenen Farbſtoffen enthalten die Blüten - blätter der ſchwarzen Malve, Althaea rosea Cav., einen blauen Farbſtoff, auf welchen Elsner zuerſt aufmerkſam gemacht hat. Dieſer Farbſtoff wird durch Begießen der Blumenblätter mit heißem Waſſer ausgezogen; die er - haltene Flüſſigkeit färbt Wolle, mit Alaun gebeizt, blauviolett, mit Zinn - chlorid dunkelviolett, mit Eiſen blauſchwarz; Seide mit Zinnſalz ſchön violett; Baumwolle mit Zinnſalz blauviolett, mit Alaun violett, mit Eiſen ſchwarz. Die Färbungen ſollen luft - und lichtecht, aber nicht ſäure - und walkecht ſein.
Abſtammung. Das Gelbholz, auch Fuſtik, alter Fuſtik, Cubaholz, holländiſches Gelbholz, echtes Fuſtikholz, gelbes Braſilienholz genannt, iſt das Kernholz zweier zur Familie der Arto - carpeae gehöriger, in Süd - und Mittelamerika heimiſcher Bäume: Maclura tinctoria Don. und Maclura aurantiaca Nutt. (Morus tinctoria); letzterer, unter dem Namen Färbermaulbeerbaum bekannt, findet ſich mehr auf den Antillen und in Nordamerika und ſoll (nach Tſchirch) vornehmlich auf Gelb - holz ausgebeutet werden, während nach Hanauſek der erſtere Baum das meiſte Gelbholz liefern ſoll. Nach Grothe ſoll auch Broussonetia tinc - toria Gelbholz liefern.
Eigenſchaften. Da nach dem vorſtehend Geſagten das Gelbholz nicht als ein einheitliches Produkt angeſprochen werden kann, ſo müſſen auch die Eigenſchaften variieren. Allen gemeinſam iſt die gelbe Farbe, welche ſich jedoch in allen Nüancen von blaßcitronengelb bis zu gelbbraun findet. Es kommt ſowohl in Form von mächtigen, 25 bis 200 kg ſchweren, Stamm - ſtücken oder in Scheiten nach Europa, und wird hier in hirngeſchnittene oder geraſpelte Ware umgewandelt; es iſt ziemlich ſchwer und hart, leicht ſpalt - bar und im allgemeinen ſchmutzig citronengelb; mit der Zeit dunkelt es nach und wird durch und durch braun.
Handelsſorten. Es kommen eine große Anzahl Sorten in den Han - del, welche durch ihre Bezeichnungen zugleich die Herkunft der Ware kenn - zeichnen: Cuba dicke runde Stücke, außen braun, innen gelb mit roten Adern (dieſe gilt als die beſte Sorte); Tampiko, von hellerer Farbe; Braſil ſehr hell, mattgelb; Portorico, Jamaika, Maracaibo, Puerto Rico, Domingo, Carthagena, Tabasco. Nächſt dem Cubaholz wird das Jamaikaholz als das beſte betrachtet. Daß jedoch die bloßen Handelsbezeichnungen nicht geeignet ſind, einen Schluß auf die Güte zu ziehen, habe ich § 31 bereits erläutert.
Gelbholzfarbſtoffe. Im Gelbholz ſind zwei Farbſtoffe enthalten, Morin und Maclurin. Morin oder Morinſäure, C12 H8 O5, welches als ſolches, an Kalk gebunden, im Holze enthalten iſt, bildet im reinen Zuſtande farbloſe, glänzende, 1 bis 3 Linien lange Kryſtallnadeln, welche in Waſſer nur ſchwer, in kaltem gar nicht löslich ſind, dagegen löslich in Alkohol, weniger in Aether; es löſt ſich in gelöſten ätzenden und kohlenſauren Alkalien mit tiefgelber Farbe. Es iſt in der Gelbholzabkochung enthalten und gibt hier (mit Moringerbſäure zuſammen) mit Alaun einen hellgelben, mit Zinn - ſalz einen gelben, mit Bleizucker einen orangefarbenen, mit Kupfervitriol wie auch mit Brechweinſtein einen braungelben, mit ſalpeterſaurem Eiſen einen braunolivgrünen Niederſchlag; Salzſäure und Schwefelſäure geben einen ſchwach gelben, Oxalſäure einen dunkel orangenen Niederſchlag. Am - moniak, verdünnte Kali - oder Natronlauge und Kalkwaſſer färben die Flüſſig - keit orange, ohne einen Niederſchlag zu geben.
Maclurin oder Moringerbſäure, C13 H10 O6, findet ſich im Gelb - holz ſowohl rein, als in Verbindung mit Kalk neben Morin oft in großer127 Menge abgelagert; es iſt mit gelber Farbe in Waſſer, Alkohol, Aether, in wäſſerigen ätzenden und kohlenſauren Alkalien löslich; die wäſſerige Löſung fällt Eiſenſalze ſchwarzgrün, Brechweinſtein gelbbraun, Zinnchlorür gelb.
Anwendung. Das Gelbholz dient zum Gelbfärben von Baumwolle und Wolle, ſeltener von Seide, ſowie zum Hervorrufen von Modefarben, aber auch zum Grün - und Schwarzfärben von Wolle und zum Nüancieren von ſchwarzen Farben. Außerdem dient es zur Herſtellung des Gelbholz - extrakts, worüber Näheres unter Farbſtoffpräparate
Ueber Prüfung und Wertbeſtimmung gilt dasſelbe, wie beim Blauholz.
Abſtammung. Das Fiſetholz, auch junger Fuſtik, ungariſches Gelbholz, Fuſtelholz, Zantegelbholz genannt, iſt das Kernholz des zur Familie der Anacardiaceae gehörenden, im Mittelmeergebiet heimiſchen Perrückenbaumes, Rhus Cotinus L., und kommt von Ungarn, Dalmatien, Italien, Frankreich, Südtirol, Spanien aus in den Handel.
Eigenſchaften. Es kommt in zoll - bis armdicken von der Rinde be - freiten Knütteln auf den Markt und iſt mehr grünlichgelb und braungeſtreift. Die Abkochung des Holzes hat eine ſchöne Orangefarbe.
Fiſetholzfarbſtoff. Der gelbe Farbſtoff des Fiſetholzes iſt das Fiſetin, C23 H16 O9, nach Koch dagegen von der Formel C15 H10 O6, wel - ches darin, an Gerbſäure gebunden, als waſſerlösliche Verbindung vorkommt. Als Fuſtin wird ein Glycoſid des Fiſetins verſtanden. Das reine Fiſetin kryſtalliſiert aus Alkohol in feinen citronengelben Nadeln, welche in Waſſer faſt unlöslich, in Alkohol und Aether leicht löslich ſind. Nach Chevreul iſt das Fiſetin urſprünglich weiß, färbt ſich aber an der Luft ſchnell gelb. Die wäſſerige Abkochung des Fiſetholzes enthält den Farbſtoff in Löſung; die Fällungen mit den bekannten Beizen geben im Verhältnis zum Gelb - holz mehr orangerote Niederſchläge; die Fällung mit Kupfer iſt rotbraun, mit Eiſenbeize graubraun.
Anwendung. Der Farbſtoff des Fiſetholzes iſt ſehr wenig echt; es findet daher nur beſchränkte Anwendung in der Wollen - und Lederfärberei. Mit andern Farben gemiſcht, erſcheint der Farbſtoff etwas echter und findet ſo Verwendung für Modefarben auf Kattun.
Abſtammung. Die Gelbbeeren, auch Avignonkörner, Perſiſche Beeren, Kreuzbeeren ſind die getrockneten Früchte (Beeren) verſchiede - ner Kreuzdorn - (Rhamnus -) Arten. Nach der verſchiedenen Herkunft richten ſich auch die verſchiedenen
Handelsſorten, und zwar werden hauptſächlich unterſchieden:
1. Avignongelbbeeren von Rhamnus infectoria L. und Rhamnus saxatilis L., franzöſiſcher Provenienz, von Erbſengröße, dunkelgrün, glatt und unten ſpitz.
1282. Perſiſche Gelbbeeren von Rhamnus infectoria L. und Rh. oleoïdes, größer als die vorigen, von ſchön grüner Farbe, unten ſpitz, ein - fächerig. Sie enthalten von allen Gelbbeeren den meiſten Farbſtoff und ſind die geſchätzteſten.
3. Walachiſche und Levantiniſche Gelbbeeren von Rh. infec - toria und Rh. saxatilis; ſie ſind kleiner, dreifächerig und geringer als die perſiſchen.
4. Ungariſche Kreuzbeeren von Rh. amygdalinus und Rh. tinctoria, bräunlich, rundlich geſtielt, vierfächerig.
5. Spaniſche Gelbbeeren von Rh. alaternus, weniger geſchätzt als die franzöſiſchen.
6. Deutſche Gelbbeeren von Rhamnus Cathartica L., eine ge - ringere Sorte.
Auch Rhamnus Frangula, Rh. alpina und pumilio werden in Deutſch - land, reſp. der Schweiz und Italien als Mutterpflanzen der Gelbbeeren bis - weilen benutzt.
Eigenſchaften. Die Beeren haben die Größe eines Pfefferkornes bis einer Erbſe, ſind hellgrün, olivgrün, braungrün, braun bis ſchwarz. Die großen, vollen, helleren Beeren ſind kurz vor der Reife geſammelt, die gelben und braunen kleineren und runzligen nach der Reife; die ſchwarzen ſind überreif. Die wäſſerige Abkochung der Gelbbeeren gibt mit Kaliumdichromat einen rötlichbraunen, mit Thonerde - und Zinnoxydſalzen einen mattgelben, mit Zinnoxydulſalzen einen orangegelben, mit Kupfervitriol einen olivgrünen Niederſchlag.
Gelbbeerenfarbſtoffe. Die Gelbbeeren enthalten zwei Farbſtoffe, Rhamnin und Rhamnetin. Doch ſind die Angaben der verſchiedenen Autoren noch ſo wenig übereinſtimmend, daß ſich eine beſtimmte ſichere Charakteriſtik nicht aufſtellen läßt. Auch die chemiſchen Formeln der ver - ſchiedenen Forſcher koinzidieren nicht, was den Schluß geſtattet, daß die - ſelben mit verſchiedenen reinen Stoffen gearbeitet haben. Sicher iſt, daß das Rhamnetin ein Spaltungsprodukt des Rhamnins iſt. Nach den neueſten Unterſuchungen von Liebermann und Hörmann enthalten die Gelbbeeren neben wenig freiem Farbſtoff 12 Prozent Farbſtoffglycoſide, welche in Wein - geiſt ſchwerer löslich ſind, als der eigentliche Farbſtoff, welchen Lieber - mann als Xanthorhamnin bezeichnet und dem er die Formel C48 H66 O29 gibt. Dieſes ſpaltet ſich beim Behandeln mit Säuren in Rhamnetin und eine Zuckerart, Iſodulcit. 〈…〉 Xanthorhamnin Waſſer Rhamnetin Iſodulcit.
Doch werden auch dieſe Angaben von anderer Seite angezweifelt. Eine Uebereinſtimmung mit dem Quercitronfarbſtoffe ſoll nicht exiſtieren.
Hier müſſen weitere Forſchungen wohl noch mehr Klarheit bringen. Ohne dieſen Forſchungen vorgreifen zu wollen, glaube ich doch, nur einen Farbſtoff annehmen zu ſollen. Es ſei vor allem geſtattet, darauf hinzuwei - ſen, daß der eigentliche Sitz des Farbſtoffes das Parenchym der Frucht - ſchalen iſt; die Fächerwände der Beeren und die Samen enthalten den Farb -129 ſtoff nicht. Der Farbſtoffträger ſitzt alſo in der äußerſten Beerenoberfläche und geht aus der anfangs hellgrünen, dann goldgelben Farbe bei der Reife in eine olivgrüne über. Es darf wohl angenommen werden, daß hier der Luftſauer - ſtoff oxydierend wirkt, und daß der olivgrüne Farbſtoff der reifen Früchte der eigentliche Farbſtoff iſt, während der grüne Farbſtoff der noch nicht reifen Beeren als eine Miſchung des Chromogenes der Gelb - beeren mit — je nach der vorgeſchrittenen Fruchtreife — kleineren oder größeren Mengen des fertigen Farbſtoffes zu betrachten iſt. Da überdies die Gelbbeeren viel Gerbſäure enthalten, ſo iſt es nicht ausgeſchloſſen, daß ſowohl das Chromogen, wie der Farbſtoff ſelbſt in Form von Glycoſiden in den Gelbbeeren enthalten ſind. Ueberhaupt zeigt der Farbſtoff der Gelb - beeren manche Uebereinſtimmung mit dem des Fiſetholzes, bei welchem die Beziehungen zwiſchen Fiſetin und Fuſtin ja auch noch keineswegs einwand - frei feſtgeſtellt ſind.
Anwendung. Die Gelbbeeren finden in der Färberei nur beſchränkte Verwendung in der Wollenfärberei und zum Färben von Leder; um ſo be - deutender iſt ihre Verwendung im Zeugdruck. — Da der Farbſtoff in der äußeren Fruchthülle liegt, hat ein Zerkleinern oder Mahlen der Gelbbeeren keinen Sinn. — Ueber ein Gelbbeeren-Extrakt ſ. Farb - ſtoffpräparate § 58.
Prüfung und Wertbeſtimmung. Eine Verfälſchung der Gelb - beeren iſt wohl ausgeſchloſſen, da ſie unzerkleinert gekauft werden. Eine Wertbeſtimmung des Farbſtoffgehaltes erfolgt durch Probefärben.
Von den vegetabiliſchen gelben Farbſtoffen iſt Quercitron der für die Färberei am meiſten angewandte. Das Färbematerial kam 1775 nach Europa; es iſt durch einen hohen Farbſtoffgehalt ausgezeichnet und beſitzt 4 mal ſoviel Färbekraft als Gelbholz, 10 mal ſoviel als Wau.
Abſtammung. Quercitron iſt die von der ſchwarzen Außenrinde be - freite, geraſpelte oder gemahlene Rinde einiger in Nordamerika heimiſchen, jetzt auch in Frankreich und Deutſchland wachſenden Eichenarten und zwar: Quercus tinctoria Willd. und Quercus nigra, ſeltener Quercus digitata und Qu. trifida, Qu. aquatica, Qu. cinerea.
Handelsſorten. Es kommen 3 Sorten im Handel vor: Phila - delphia -, New-York - und Baltimore-Quercitron.
Quercitronfarbſtoff. Dieſer wurde zuerſt von Chevreul in Kryſtallen dargeſtellt, ſpäter von Bolley unterſucht. Er iſt in der Rinde als Glycoſid enthalten und Quercitrin genannt worden. Seine Formel iſt C33 H30 O17. Er bildet ſchwefelgelbe Kryſtällchen, welche ſehr ſchwer in kaltem, etwas leichter in heißem Waſſer, ſehr leicht in Alkohol löslich ſind; er ſpaltet ſich beim Behandeln mit verdünnten Säuren in Quercetin und einer Zuckerart (Iſodulcit).
〈…〉 Quercitrin Waſſer Quercetin Iſodulcit
Ganswindt, Färberei. 9130Quercetin bildet lebhaft gelbe Nadeln oder ein citronengelbes Pulver, iſt faſt unlöslich in kaltem, ſehr ſchwer löslich in kochendem Waſſer, leichter in Weingeiſt, ſehr leicht in wäſſerigen Alkalien mit goldgelber Farbe.
Die Frage der Quercitronfarbſtoffe iſt noch nicht abgeſchloſſen. Hlaſi - wetz nimmt noch ein Quergelb und Querbraun an. Auch iſt es noch keines - wegs entſchieden, ob das Quercitrin oder das Quercetin der eigentliche Farb - ſtoff, oder ob jeder von beiden ein Farbſtoff ſei. Beide ſind citronengelbe Körper und geben gelbe Färbungen. Manche Quercitronextrakte beſtehen faſt aus reinem Quercitrin, andere wieder aus faſt reinem Quercetin, wieder andere aus Gemiſchen beider; alle aber färben gleich gut. Es geht daraus hervor, 1. daß jeder der beiden Stoffe als Farbſtoff zu betrachten iſt, 2. daß die Umwandlung in Quercetin nicht nur beim Behandeln mit Säuren, ſon - dern auch ſchon beim bloßen Eindampfen von Quercitronlöſungen zur Extrakt - konſiſtenz vor ſich geht. — Die Unklarheit wird noch vermehrt durch das Vorhandenſein zweier Quercitronpräparate, des Flavins, und eines zweiten, welches den Namen „ Quercetin “führt. Die Exiſtenz dieſer beiden Präpa - rate iſt ganz dazu angethan, das Vorhandenſein zweier Farbſtoffe anzu - nehmen, von denen der eine im Flavin ein ſaurer, der andere im „ Quer - cetin “enthaltene ein baſiſcher ſein müßte; iſt das nicht richtig, dann wäre nur ein waſſerlöslicher Farbſtoff anzunehmen, der mit Kaliumſulfat zu fixieren wäre. Um den Wirrwarr voll zu machen, kommt im Quercitron noch ein ſehr bedeutender Gehalt an Gerbſäure hinzu. Hier iſt in unſerem chemiſchen Wiſſen noch eine Lücke. Liebermann weiſt darauf hin, daß zwiſchen den Farbſtoffen der Gelbbeeren und denen des Quercitrons beſtimmte Beziehungen zu exiſtieren ſcheinen, da die Spaltungsprodukte in beiden Fällen dieſelbe Zuckerart Iſodulcit geben und überdies Rhamnetin und Quercetin in ihren Formeln nahe verwandt ſcheinen: Rhamnetin C24 H18 O12 Quercetin C24 H16 O11
Anwendung. Wie beim Gelbholz; der Quercitron ſelbſt iſt aber viel - fach durch ſeine Präparate: Quercitronextrakt, Flavin und Quercetin ver - drängt worden. Ueber dieſe vgl. Farbſtoffpräparate § 58.
Prüfung und Wertbeſtimmung wie beim Gelbholz.
Abſtammung. Das Farbmaterial Curcuma iſt die Wurzel der zur Familie der Zingiberaceae gehörigen im tropiſchen Aſien heimiſchen Curcuma longa L., auch Gelbwurz, Gilbwurzel, Turmeric, Terra merita ge - nannt. Auch Curcuma viridiflora ſoll Curcuma liefern*)Die Angabe anderer Autoren, daß die Wurzel auch von einer Pflanze Cur - cuma rotunda L. ſtammen ſoll, iſt nicht richtig..
Eigenſchaften. Die Wurzel iſt dicht, ſchwer, hornartig ſpröde, mit der Hand ſchwer zu zerbrechen, außen graugelb bis braungelb, innen wachs - glänzend, dunkelgelb bis gelbrot, von eigentümlichem, an Ingwer erinnern - dem Geruch und bitterem Geſchmack. Sie kommt in zwei Formen in den Handel, als lange und runde Curcuma. Die erſtere iſt etwa fingerlang,131 8 bis 12 mm dick, walzenrund, undeutlich geringelt; ſie iſt die faſt ſtets im Handel vorkommende Sorte; die geſchätzteſte Sorte heißt Bengal. Die runde Form kommt ſeltener in den Handel. Für Färbereizwecke ſind beide Formen gleich gut verwendbar.
Curcumafarbſtoff. Die Curcumawurzel enthält einen rotgelben Farbſtoff, das Curcumin, C8 H10 O2. Derſelbe iſt als ſolcher in der Wurzel enthalten und kann daraus durch ſiedendes Benzol ausgezogen werden. In reinem Zuſtande bildet es lebhaft orangerote Kryſtalle, welche leicht in Alkohol, in Aether, ſchwerer in Benzol löslich ſind. In Alkalien löſt es ſich mit lebhaft rotbrauner Farbe; in der alkoholiſchen Löſung erzeugt Blei - ſalz einen feurig roten Niederſchlag. Das Curcumin iſt ein ſubſtantiver Farb - ſtoff, welcher ohne Beizen angeht. Die Färbungen mit Curcumin ſind aber ſehr unecht, ſie verbleichen ſchnell und werden durch geringen Alkalizuſatz, alſo auch durch Seife, in ein fahles Braun umgewandelt.
Anwendung. Obgleich die Färbungen mit Curcuma ſehr unecht ſind, wird dieſes Färbmaterial ſeines billigen Preiſes (20 Pfennige pro Kilo) und ſeiner einfachen Anwendung wegen (einfache Abkochung mit Waſſer ohne An - wendung einer Beize) noch vielfach verwendet, ſowohl in der Baumwollen - färberei, vornehmlich aber in der Wollen - und Seidenfärberei zur Erzeu - gung zuſammengeſetzter Nüancen (Oliv, Braun).
Prüfung und Wertbeſtimmung fallen hier weg.
Abſtammung. Wau, auch Färberwau, Gelbkraut, Gilbe ge - nannt, iſt die ganze, in Deutſchland, Frankreich und England wildwachſende, zur Familie der Resedaceae gehörende Pflanze Reseda luteola L. Sie wächſt auf Wieſen und graſigen Anhöhen, hat einen aufrechten, etwa meter - hohen Stengel, im Kreiſe zuſammenſtehende Wurzelblätter und zerſtreut ſitzende, ſchmale lanzettförmige, etwas ſtumpfe, glatte, glänzende, unge - ſtielte Stengelblätter und blaßgelbe, eine lange Aehre bildende Blüten. Nur der oberirdiſche Teil der Pflanze wird geſammelt.
Handelsſorten. Man unterſcheidet deutſchen, engliſchen und franzö - ſiſchen Wau, von denen der erſte der beſte iſt.
Eigenſchaft. Das Farbmaterial kommt getrocknet, in Büſchel gebunden, in den Handel; es ſieht gelb aus, etwas ins Rötliche ſpielend. Die Abkochung hat eine gelblichgrüne Farbe, einen eigentümlichen, widerlich ſüßen Geruch, ſchmeckt ſchwach bitter und wird durch Alkalien dunkel goldgelb, durch Säuren dunkelgelb, durch Metallſalze gelb, durch Eiſenvitriol olivgrün gefärbt.
Waufarbſtoff. Der Farbſtoff des Wau iſt 1832 von Chevreul dargeſtellt und Luteolin genannt und ſpäter von Schützenberger unter - ſucht worden. Es iſt kryſtalliſierbar, läßt ſich ohne Zerſetzung ſublimieren, und iſt in Waſſer wenig, leichter in Alkohol, Aether und Eſſigſäure löslich. Kali, Natron und Ammoniak verändern den Farbenton in Grüngelb; ſtarke Säuren fällen es aus ſeinen Löſungen.
Anwendung. Wau dient vornehmlich in der Seidenfärberei als ziemlich echter Farbſtoff zum Färben von Gelb, Oliv und Grün, in der9*132Wollenfärberei zur Erzielung ziemlich echter gelber und olivgelber Töne; in der Baumwollenfärberei wird Wau weniger gebraucht, da er hier keine haltbaren Farben gibt.
Wertbeſtimmung. Durch Probefärben.
Abſtammung. Das Färbematerial, welches unter dem Namen Orlean, oder Anatto, Roucon, in den Handel kommt, wird aus der fleiſchigen, roten, angenehm riechenden, bitter ſchmeckenden Samenſchale (nicht das Mark der Frucht, wie einzelne Autoren angeben) des im tropiſchen Amerika heimiſchen, in Oſtindien kultivierten, zur Familie der Cistiflorae gehörenden Orleanbaumes, Bixa Orellana L. und Bixa Urucana Willd. gewonnen. Dieſer iſt ein kleiner Baum mit herzförmigen Blättern und ſchön rötlich gefärbten Blütentrauben. Man läßt die Maſſe vergären und ſchlämmt den Farbſtoff mittels Waſſer ab.
Eigenſchaften. Der Orlean bildet einen roten, ſteifen Teig, der aus den Samenſchalen durch Uebergießen mit Waſſer, Fällen des Farbſtoffes mit Eſſig, und Sammeln, Erwärmen und Auspreſſen des entſtandenen Nieder - ſchlages gewonnen wird; er beſitzt butterartige Konſiſtenz und fühlt ſich fettig, nicht erdig, an; ſeine Farbe iſt ein ſchmutziges Rot, dem Ziegelmehl ähnlich, außen ſtets matter, als im Innern des Teiges. Er riecht unangenehm nach verfaultem Urin, weil man ihn mit Harn zu befeuchten pflegt, damit er ſtets feucht bleibe und ſeine Farbe ſich durch das aus dem faulenden Harn ent - wickelnde Ammoniak erhöhe; mit Harn nicht behandelter Orlean riecht auch nicht angenehm, aber nur ſchwach; der ganz friſche riecht nach Möhren. Auf Papier macht Orlean einen dunkeln Fleck; zwiſchen den Fingern gleitet er durch, indem ſich nur einige kleinere härtere Körner bemerklich machen. Orlean darf im Innern weder ſchimmelig, noch ungleichmäßig gefärbt ſein; bei beginnender Fäulnis wird ſeine Farbe immer heller. — Der Orlean von Cayenne gilt als der beſte.
Zuſammenſetzung. Guter Orlean enthält durchſchnittlich 6 Prozent Farbſtoff, 72 Prozent Waſſer, 17 Prozent vegetabiliſche Stoffe, 5 Prozent Mineralſtoffe; er darf nicht mehr als höchſtens 13 Prozent Aſche hinter - laſſen. Dagegen hat John gefunden: 28 Prozent unlösliche und 30 Pro - zent lösliche Farbſtoffe, 32 Prozent Pflanzenſchleim, Extraktivſtoffe und ca. 20 Prozent Holzfaſer.
Orleanfarbſtoffe. Nach Chevreul finden ſich im Orlean zwei, nach v. Schröder mehrere Farbſtoffe. Bekannt ſind ein roter Farb - ſtoff, das Bixin, C28 H34 O5, und ein gelber, das Orellin. Das erſtere, für die Färberei wichtige, iſt näher bekannt, und bildet in reinem Zuſtande ein kryſtalliniſches, metalliſch glänzendes, rotes Pulver mit einem Stich ins Violette. Es iſt unlöslich in Waſſer, ſchwer löslich in kaltem Al - kohol, leichter in kochendem Alkohol und Chloroform, wenig in Aether, Benzol und Schwefelkohlenſtoff. Alkaliſche Laugen, Seifenlauge und Lö - ſungen kohlenſaurer Alkalien löſen es mit gelber Farbe; eine ſolche Lö - ſung gibt mit Alaun einen dunkelziegelroten, mit Zinnchlorür einen orangen - roten, mit ſchwefelſaurem Eiſenoxyd einen braunen, mit eſſigſaurem Blei133 einen hell ziegelroten, mit Kupfervitriol einen gelblichbraunen Niederſchlag. In ſtarker Schwefelſäure löſt es ſich mit kornblumenblauer Farbe. Das Orellin iſt weniger bekannt, es ſoll in Waſſer und Alkohol leicht löslich ſein und mit Alaun einen gelben Niederſchlag geben.
Anwendung. Orlean wird in alkaliſcher Löſung ohne Anwendung von Beizen zum Gelb - und Orangefärben, vornehmlich von Seide, gebraucht, ſeltener unter Anwendung von Thonerdebeizen für Wolle und Baumwolle. Beſonders gern wird der Orlean für zarte Crêmes und Lachsfarbentöne, ſowie zum Nüancieren anderer gelber Farben verwendet.
Prüfung und Wertbeſtimmung. Die teigartige Form des Orleans macht ihn ſehr geeignet für Verfälſchungen, und zwar mit Ziegelmehl, Bolus, Blutſtein. Derartige Verfälſchungen laſſen ſich durch den unverhältnismäßig hohen Aſchengehalt nachweiſen, welcher nicht mehr als 13 Prozent betragen darf. Die Wertbeſtimmung iſt durch Probefärben aus alkali - ſchem Bade auszuführen.
Abſtammung. Die Gelbſchoten, Wongſhy, ſind die Früchte der im ſüdöſtlichen Aſien heimiſchen, zur Familie der Rubiaceae gehörigen chineſi - ſchen Gelbſchote von Gardenia florida L., Gardenia radicans Thbg. und Gardenia grandiflora Lour. Sie kamen im Jahre 1848 zum erſtenmal nach Europa.
Eigenſchaften. Es ſind länglich eirunde Samenkapſeln, mit dem ver - trockncten ſechslappigen Kelche gekrönt, 3½ bis 5 cm lang, 1 cm dick und von ungleichmäßiger, rötlichgelber Farbe.
Gelbſchotenfarbſtoff. Sie enthalten einen gelben Farbſtoſt, welcher nach Mayer mit dem im Safran enthaltenen Crocin identiſch iſt. Der Farbſtoff iſt nach C. H. Schmidt in warmem Waſſer leicht löslich; im reinen Zuſtande bildet das Crocin ein lebhaft rotes geruchloſes Pulver; die Löſung hat die Farbe einer Auflöſung von rotem chromſaurem Kali; es löſt ſich leicht in Alkalien mit gelber Färbung; beim Kochen mit verdünnten Säuren ſpaltet es ſich in Zucker und Crocetin. Letzteres iſt ein dunkel - rotes amorphes Pulver, in Waſſer wenig, in Alkohol leicht löslich; ſeine Löſungen geben mit Bleizucker einen gelben Niederſchlag.
Anwendung. Crocin iſt ein ſubſtantiver Farbſtoff; Wolle und Seide werden mittels Wongſhy ohne Beize echt und haltbar gelb gefärbt. Baum - wolle bedarf der Zinnbeize. Die Farbe widerſteht der Säure, wird aber durch ſtarke Alkalien, durch Säuren und Zinnſalz ins Rote nüanciert.
Wertbeſtimmung durch Probefärben.
1. Ginſter, Färberginſter, Farbblumen, Gilbkraut, gelbe Scharte, ſind die Blätter, Blüten und jungen Zweige von Genista tinctoria L., Genista ovata, Gen. anglica, Gen. sagittalis, Gen. monosperma, Gen. purgans, welche teils in Deutſchland, teils in Süd - und Weſteuropa und134 Nordafrika wild wachſen. Sie enthalten einen gelben Farbſtoff, welcher genau wie beim Wau (§ 40) verwendet wird.
2. Scharte, Färberſcharte, ſind die Stengel und Blätter der im nörd - lichen Europa heimiſchen Serratula tinctoria L. Dieſelben enthalten einen gelben Farbſtoff, das Serratulin, welches wie beim Wau verwendet wird. — Beide werden nur noch in Bandfärbereien verwendet.
3. Sooranjee, Morindagelb, die Wurzeln von Morinda citri - folia und Morinda umbellata L. Sie enthalten einen in Waſſer leicht lös - lichen Farbſtoff, das Morindin, welches ſich in Alkalien orangerot löſt. Das Farbmaterial ſteht dem Krapp nahe und wird auch mit Oelbeize fixiert.
4. Sauerdorn, Berberitze, die Wurzeln von Berberis vulgaris und Berberis flexnosa; ſie enthalten einen in kochendem Waſſer ſehr leicht lös - lichen Farbſtoff, das Berberin, C20 H17 NO4; man benutzt ſie ſtellenweiſe noch zum Färben von Leder und Seide. Der Farbſtoff findet ſich auch in vielen anderen Pflanzen, z. B. in der Rinde von Coeloclyne polycarpa DC., welche in Weſtafrika zum Färben benutzt wird, und in dem in Indien benutzten Farbſtoff Woodunpar.
5. Datisca, die Blätter und Wurzeln der im Mittelmeergebiet heimi - ſchen Datisca cannabina, einer unſerem Hanf ähnlichen Pflanze. Das darin enthaltene Chromogen iſt nach Ganswindt identiſch mit dem Glycoſid Datiscin, C21 H22 O12, welches im reinen Zuſtande farbloſe, durchſchimmernde, weiche ſeidenglänzende Nadeln bildet. Das Datiscin löſt ſich wenig in Waſſer, leichter aber in alkaliſchen Flüſſigkeiten mit tiefgelber Farbe. Mit verdünnter Schwefelſäure erwärmt, zerfällt es in Datiscetin und Zucker. Erſteres, C15 H10 O6, iſt unlöslich in Waſſer, leicht löslich in Alkohol, Aether und Alkalien. Es iſt der eigentliche Farbſtoff der Datisca. In Oſtindien wird es viel zum Gelbfärben der Seide gebraucht.
6. Safran, die Narben der Blüten von Crocus sativus L.; dieſelben enthalten Crocin, den gleichen Farbſtoff, der in den chineſiſchen Gelbſchoten enthalten iſt.
Außer den genannten bietet die Natur noch eine große Anzahl gelber Farbſtoffe, von denen mir jedoch nicht bekannt iſt, daß ſie wirklich praktiſche Verwendung finden. Für die nachſtehenden finden ſich noch vereinzelte Notizen.
7. Rhabarber, die Wurzel verſchiedener Rheum-Arten; ſie enthält einen gelben Farbſtoff, Chryſophan, der in Waſſer wenig löslich, in Alkohol leicht löslich iſt, in Alkalien mit tiefrotbrauner Farbe ſich löſt. Der Farbſtoff färbt ſowohl ohne Beizen, als auch (nach Grothe) mit Thonerde und Zinnbeizen Seide gelb, mit Eiſenbeizen olivgrün.
8. Stechpalme, die Blätter von Ilex aquifolium L. Die im Auguſt geſammelten Blätter enthalten reichlich einen gelben Farbſtoff, das Ilexanthin, C17 H22 O11, löslich in heißem Waſſer oder Alkohol. Nach Moldenhauer färbt es mit Hilfe von Beizen gelb.
9. Hirſeſtroh, die ausgedroſchenen Stengel von Panicum miliaceum L.; ſie enthalten, nach Schlumberger, einen gelben Farbſtoff, der in kaltem Waſſer unlöslich, in heißem Alkohol löslich iſt. Er ſoll mit Thonerde - und Zinnbeizen rote, mit Eiſenbeizen ſchwarze Färbungen geben, auch ſoll man damit135 Modefarben von Rot bis Violett und Schwarz erzielen können; die Färbungen ſollen ſehr haltbar ſein.
10. Buchweizenſtroh, das Stroh des Buchweizens, Fagopyrum esculentum. Man gewinnt daraus durch Auskochen mit Waſſer und Zuſatz von Leimlöſung — wodurch Gerbſäure und Extraktivſtoff gefällt wird — einen gelben Farbſtoff, der mit eſſigſaurer Thonerde beſonders auf Baum - wolle eine ſchöne echte, dem Quercitron ähnliche Farbe geben ſoll; auch zu Modefarben, Grün und Oliv ſoll das Material verwendbar ſein.
So freigebig die Natur mit blauen und gelben Farbſtoffen iſt, ſo arm iſt ſie an wirklichen grünen. Es exiſtiert eigentlich kaum ein nennenswerter grüner vegetabiliſcher Farbſtoff, und für Färbereizwecke wird ein gelber Farb - ſtoff entweder durch entſprechende Beizen in grüne Töne übergeführt oder mit einem blauen Farbſtoffe gemiſcht werden müſſen.
Von den grünen Farbſtoffen, welche die Natur bietet, ſeien hier er - wähnt:
1. Das Blattgrün, Chlorophyll, der grüne Farbſtoff der Blätter. Dieſen bietet die Natur in ungeheurer Menge, und es könnte befremden, daß er noch nicht techniſch verwendet iſt. Dem gegenüber muß hervorgehoben werden, daß unſere Kenntnis des Chlorophylls noch vor kurzem eine durch - aus ungenügende war, und daß ſelbſt unſere heutigen Kenntniſſe noch nicht erſchöpfend genannt werden können, zumal es erſt neuerdings gelungen iſt, das Chlorophyll als ſolches aus Gras, Blättern u. dergl. zu gewinnen. Nach Tſchirch findet ſich das Chlorophyll ſtets in Begleitung eines gelben Farb - ſtoffes, des Xanthophylls, vor; beim Extrahieren des Chlorophylls mittels Alkohol geht auch das Xanthophyll mit in Löſung, daher derartige Löſungen ſtets gelbgrün erſcheinen. Erſt neuerdings iſt es Schütz gelungen, das Chlorophyll vom Xanthophyll zu trennen und reine ſmaragdgrüne Löſungen zu erhalten. Dieſe Löſung, im Handel als Schütz’s Chlorophyll erhältlich, würde unter Umſtänden den Ausgangspunkt für die Anwendung des Blattgrüns in der Färberei abgeben können. Nach Berzelius iſt das Blattgrün gegen Licht ganz unbeſtändig. Das mag der Fall ſein, wenn es zum Färben angewendet wird, ohne durch Beizen auf der Faſer fixiert worden zu ſein. Wie ſich das Blattgrün, wenn entſprechend fixiert, auf der Faſer gegen Licht verhält, bleibt erſt noch zu beweiſen. Verſuche in dieſer Richtung werden darüber Auskunft geben, und ich möchte dazu um ſo mehr raten, als ſich Zinkbeizen vortrefflich zur Fixierung von Chlorophyll eignen; das Chlorophyll bildet nämlich mit Zink einen prächtig grünen Farbſtoff, welcher 13,8 Prozent Zinkoxyd enthält und ſich in Alkohol, Aether, Chloroform, aber nicht in Waſſer löſt. Tſchirch empfiehlt dazu die Kupferverbindung der Phyllocyaninſäure, eines Derivats des Reinchlorophylls, und bemerkt dabei, daß die Verbindung von der pflanzlichen Faſer nicht fixiert wird, beſſer von der tieriſchen.
2. Lokao, Chineſiſchgrün, Chinagrün. Das unter dem Namen Lokao oder Lukao in den Handel kommende Farbmaterial beſteht aus der136 feinpulverigen Abſcheidung aus den Abkochungen der Rinde der in China heimiſchen Rhamnus chlorophorus und Rhamnus utilis Desc. Wenigſtens ſcheint er das früher geweſen zu ſein; als die Nachfrage nach Lokao leb - hafter wurde, hat man zur vollkommeneren Extraktion des Farbſtoffes die Rinde mit kohlenſaurem Natron unter Zuſatz von etwas Alaunlöſung und Stehenlaſſen an der Sonne extrahiert.
Eigenſchaften. Der Lokao wird in Geſtalt von mehr oder weniger länglichen dünnen Blättchen verſendet, von der Stärke des Papiers, von blauer Farbe mit violettem oder zuweilen grünem Reflex; auf dem Bruche zeigen ſie bald ein ſchmutziges Graugrün, bald ein dunkles oder violettfarbiges Blau, auf Papier zerrieben geben ſie einen meergrünen Strich; ſie laſſen ſich nicht pulvern. Lokao iſt in Waſſer teilweiſe löslich, völlig löslich in Eſſig - ſäure und in einer konzentrierten Löſung von kohlenſaurem Kali, unlöslich in Alkohol, Aether und Schwefelkohlenſtoff. Er gibt 21 bis 33 Prozent Aſche. Auch ganz in Waſſer unlösliche Lokaoſorten kommen in den Handel. Dieſe ſcheinen durch Extraktion des Farbſtoffes mit Pottaſchelöſung und nachheriges Fällen mit Alaun dargeſtellt zu ſein; es wären ſomit richtige Lokaofarblacke. Die Löſungen des Lokao werden durch Aetzalkalien und alka - liſche Löſungen braun, durch Zink - und Magneſiumſalze blau, durch borſaure Salze grün, durch Zinnchlorür orange, durch Schwefelammonium purpurrot gefärbt. — Ueber den Farbſtoff des Lokao hat Kayſer*)Berichte der deutſch. Chem. Geſellſchaft 18, 3417. die Anſicht aus - geſprochen, daß derſelbe eine Säure ſei, welche er Lokaonſäure, C42 H48 O27, nennt, während er den Lokao als den Thonerdekalklack derſelben betrachtet. Die Lokaonſäure, welche er als ein tiefblaues Pulver beſchreibt, welches ſich in Ammoniak mit blauer Farbe löſt, ſoll mit Säuren behandelt, ſich ſpalten in Lokaoſäure, C36 H36 O21 und Lokaoſe, einen inaktiven Zucker von der Formel C6 H12 O6. — Man wird indeſſen nicht fehlgehen, wenn man den Farbſtoff als einen Abkömmling des Rhamnins betrachtet, um ſo mehr, da die alkaliſchen Löſungen desſelben mit den alkaliſchen Löſungen des Rhamne - tins mehrfache Analogien zeigen und auch, weil die Formel der Lokaonſäure C36 H36 O21 oder C12 H12 O7 als ein Hydrorhamnetin erſcheint: 〈…〉
Anwendung. Lokao wurde von Köchlin zum Färben von Baum - wolle und Seide empfohlen, und zwar wird Baumwolle aus alkaliſcher Löſung (ſchwaches Seifenbad) ohne Beize grün; Seide wird zuvor geſpült und ge - ſeift, dann in einem ſehr verdünnten Bade, bereitet aus einer Löſung von Lokao in einer Alaunlöſung, ausgefärbt. Es gibt ein prächtig leuchtendes Grün, welches auch bei Licht ein reines Grün zeigt. Jetzt iſt es durch die billigeren und ebenſo feurigen Teerfarben faſt verdrängt worden.
Hieran ſchließt ſich
3. Saftgrün, eine eingedickte Abkochung der unreifen deutſchen Kreuzbeeren von Rhamnus cathartica L., unter Zuſatz von etwas Alaun und geringen Mengen von Indigokarminlöſung; ſo entſteht bei fortgeſetztem Abdampfen ein ſchön grüner Teig, welcher in Rindsblaſen gefüllt (daher auch Blaſen - grün genannt), und im Rauche getrocknet wird, wo er ſchließlich zu einer ſteinharten Maſſe austrocknet. Der Farbſtoff iſt das in den Gelbbeeren ent - haltene, in Alkohol leicht, in Waſſer faſt gar nicht lösliche Xanthorhamnin.
Abſtammung. Catechu, auch Pegucatechu, Cachou, Cutch*)In Färberkreiſen findet man faſt durchweg die beiden letzten Bezeichnungen; das iſt ein ſchweres Unrecht gegen unſere deutſche Sprache, denn Cachou iſt der franzöſiſche, Cutch der engliſche Ausdruck dafür, die deutſche Bezeichnung aber heißt: Catechu. ge - nannt, iſt das Extrakt, d. h. die zur Trockne eingedickte Abkochung ver - ſchiedener gerbſtoffreicher Pflanzenteile in Oſtaſien heimiſcher Pflanzen. Be - ſonders vier Sorten liefern das Catechu.
1. Acacia Catechu Willd., in Südaſien heimiſch, zur Familie der Mimoseae gehörig.
2. Acacia Suma Kurz, in Vorderindien und dem tropiſchen Afrika heimiſch.
Beide beſitzen ein rotbraunes Kernholz, welches vom Splint befreit, zerkleinert und dann ausgekocht wird. Das Abſud wird dann ſoweit einge - dampft, bis es beim Erkalten zu erſtarren beginnt; dann wird der Brei in Thon - formen oder auf Blätter ausgegoſſen, bisweilen auch auf Matten geſchöpft, worauf das Extrakt an der Luft und Sonne austrocknet, und in Blöcken, in Blätter gehüllt, in den Handel kommt.
3. Uncaria Gambir Roxb., zur Familie der Rubiaceae gehörig, in Hinterindien und Ceylon wildwachſend, auf Borneo und im geſamten Hollän - diſch-Indien in großartigem Maßſtabe angebaut.
4. Uncaria acida Roxb. Dieſe beiden ſind Sträucher von 2½ bis 3 m Höhe, deren Blätter und junge Triebe 3 bis 4 mal im Jahre gebrochen und ſofort in flachen eiſernen Pfannen ausgekocht werden. Nach genügender Konzentration der Abkochung wird dieſelbe in flache Holzkäſten gegoſſen und nach genügender Erſtarrung in Würfel geſchnitten oder auch in Blöcke ge - preßt, welche an der Luft trocknen. Die unter 3 und 4 genannten liefern das Gambircatechu, auch Gambir oder Katagambe genannt.
Die Angabe der meiſten Autoren, daß auch Areca Catechu, die Areca - palme, Catechu liefere, iſt falſch; das Extrakt der Arecanuß beſitzt keinen Gerbſtoff.
Handelsſorten. Streng zu unterſcheiden ſind das Pegucatechu vom Gambircatechu. — Das erſtere kommt über Bombay und heißt deshalb auch Bombaycatechu; es bildet unregelmäßige Kuchen oder größere Blöcke, mit Blättern durchſetzt und in Blätter gehüllt, iſt dunkelſchwarzbraun, ſtellenweiſe heller, matt oder nur wenig glänzend, faſt ſpröde, undurchſichtig, mit der Hand leicht in eckige, ſcharfkantige oder körnige Stücke zu zerbrechen, im Bruch gleichartig, flach oder muſchelförmig, glänzend, bisweilen von kleinen Hohlräumen durchſetzt, meiſt aber dicht. Das Bengalcatechu bil - det unregelmäßige, vierſeitige, feſte, ſchwere, graubraune bis dunkelbraune Stücke; auf dem Bruche laſſen ſich dunkelbraun glänzende und hellbraun matte Schichten unterſcheiden. — Das Gambircatechu kommt als Block - gambir oder Würfelgambir in den Handel. Letzteres bildet 3 bis 4 ccm große Würfel, außen matt rotbraun, innen gelbbraun, matt, porös, leicht138 zerreiblich, erdig, auf Waſſer ſchwimmend; erſteres bildet glatte Kuchen oder formloſe Stücke und iſt feſter als Würfelgambir.
Eigenſchaften. Mit kaltem Waſſer zerfällt Catechu und bildet eine trübe dunkelbraune Löſung über einem hellen Bodenſatze; die Flüſſigkeit wird beim Erwärmen klar. Beim Kochen mit Waſſer löſt ſich der größte Teil zu einer trüben braunen Flüſſigkeit, welche beim Erkalten ſich noch mehr trübt. Beim Kochen mit Alkohol löſen ſich 85 Prozent zu einer dunkel - braunen klaren Löſung. In der wäſſerigen Löſung des Catechus ruft Eiſen - chlorid einen grünen bis ſchwarzgrünen Niederſchlag hervor, Zinnſalze fällen die Löſung braungelblich, Bleiſalze ziegelrot, Kupferſalze oder Kaliumbichromat braun.
Zuſammenſetzung. Der Hauptbeſtandteil des Catechus und zugleich des Chromogen des Farbſtoffes iſt das Catechin, auch als Catechuſäure, Tanningenſäure, bezeichnet von der Formel C21 H20 O9 + 5 H2 O. Es kommt zu 34 bis 36 Prozent fertig gebildet darin vor (Davy) und findet ſich nicht ſelten an helleren Stellen der Droge kryſtalliniſch vor. In reinem Zuſtande bildet es farbloſe büſchelige Kryſtallnadeln. Es iſt in heißem Waſſer und ſehr leicht in Alkohol löslich. Die wäſſerige Löſung reagiert nicht ſauer und färbt ſich an der Luft citronengelb und beim Kochen dunkelrot; friſch bereitet, wird ſie durch Eiſenvitriol nicht ſofort verändert, ſpäter grün gefärbt. Der andere Beſtandteil, 48 bis 52 Prozent des Catechus ausmachend, iſt die Catechugerbſäure, C13 H12 O5; dieſe iſt in kaltem Waſſer leicht löslich, und dadurch von dem Catechin zu trennen; die wäſſerige Löſung reagiert ſauer; durch Eiſenchlorid wird ſie grünlichbraun gefärbt, durch Leimlöſung gefällt. — Außerdem enthält das Catechu noch 12 bis 16 Pro - zent Pflanzenſchleim und unlöslichen Rückſtand (Davy).
Anwendung. Das Catechu findet in der Färberei ausgedehnte An - wendung, ſowohl als Farbſtoff wie als Gerbſtoff, und zwar in der Baum - wollenfärberei zur Erzeugung brauner, olivfarbener, grüner und ſchwarzer Töne. Noch bedeutender iſt ſeine Verwendung in der Seidenfärberei zum Schwarzfärben und Beſchweren. Hierzu werden ganz bedeutende Mengen verwendet. Endlich dient es zur Herſtellung einiger Catechupräparate: Präpariertes Catechu, Chemiſchbraun, Havannabraun. Hierüber ſiehe Näheres unter „ Farbſtoffpräparate “.
Prüfung und Wertbeſtimmung. Das Catechu enthält, teils infolge nachläſſiger Herſtellungsweiſe, teils direkt als Verfälſchungen, Thonerde und Sand; dieſe bleiben beim Löſen des Catechus ungelöſt als Bodenſatz zurück; zugemiſchtes getrocknetes Blut iſt beim Filtrieren der heißen wäſſerigen Löſung auf dem Filter erkennbar, indem das Blutalbumin gerinnt und den Blut - farbſtoff einhüllt; Gummi und Stärke bleiben als Rückſtand aus der alkali - ſchen Löſung; aus dieſem Rückſtand löſt heißes Waſſer beide auf, die filtrierte Löſung gibt bei Gummigehalt auf Zuſatz von Alkohol eine Trübung, bei Stärke mit Jodtinktur eine blaue Färbung. Etwaige Zuſätze von Rückſtän - den der Fuchſinfabrikation zeigen ſich ſofort durch die eigentümliche Färbung der alkoholiſchen Löſung. Auch Kaliumdichromat und Alaun ſollen als Ver - fälſchungen (zur Erhöhung der dunkleren Farbe) nicht ſelten vorkommen. Die meiſten dieſer Zuſätze werden auch durch den unverhältnismäßig hohen Aſchegehalt nachgewieſen. Die Aſche eines guten Catechus darf 6 Pro -139 zent nicht überſteigen. — Den Färbewert des Catechus ermittelt man am beſten durch Probefärben.
Abſtammung. Das Kino iſt ein dem Catechu ſehr ähnliches Farb - material, iſt auch, wie jenes, der aus Rindeneinſchnitten ausgefloſſene einge - dickte Saft verſchiedener Pflanzen und zwar ſtammt:
1. Amboina-Kino von Pterocarpus Maroupium Roxb. (jetzt aus dem Handel verſchwunden).
2. Bengaliſches Kino von Butea frondosa, B. superba und B. parvi - flora.
3. Weſtafrikaniſches Kino von Pterocarpus erinaceus.
4. Auſtraliſches Kino von Eucalyptus corymbosa und verſchiedenen anderen Eucalyptus-Arten.
5. Weſtindiſches Kino von Coccoloba uvifera.
Eigenſchaften. Es ſtellt kleine, unregelmäßige, ſchwarzbraune, eckige, glänzende, an den Rändern rot durchſcheinende, leicht zerbrechliche, ein braun - rotes Pulver gebende Stücke vor, welche in heißem Waſſer und in Alkohol faſt vollſtändig mit blutroter Farbe löslich ſind; es beſitzt keinen Geruch, aber einen ſtark zuſammenziehenden, hinterher ſüßlichen Geſchmack.
Zuſammenſetzung. Die Hauptbeſtandteile des Kinos ſind das Kinoïn, C14 H12 O6, farbloſe Prismen, wenig in heißem Waſſer, leicht in Alkohol löslich, und das Kinorot, C28 H22 O11, welches leicht in Alkohol und Alkalien löslich iſt und Eiſenſalze grün fällt; beide zuſammen werden in früheren Werken als Kinogerbſäure bezeichnet und betragen nach Vauquelin bis zu 85 Prozent des Geſamtgewichts.
Anwendung. Wie beim Catechu. Doch iſt es ein noch wertvolleres Material als dieſes. Um ſo unbegreiflicher erſcheint es, daß keines von allen Werken über Färberei das Kino auch nur mit Namen nennt. Nur Romen erwähnt es, freilich als eine Catechuſorte, was es jedoch weder ſeiner Herkunft nach, noch nach ſeinem chemiſchen Verhalten ſein kann.
Abſtammung und Handelsſorte. Das Handelsprodukt Aloë iſt der ausgekochte und eingedickte Saft verſchiedener Aloë-Arten. Es kommen davon eine große Menge Sorten in den Handel, die hier unmöglich be - ſchrieben werden können. Man wird gut thun, eine gute Kapaloë zu kaufen.
Eigenſchaften. Eine ſolche ſtellt ſchwarzbraune, glänzende, mehr oder minder große, harte, ſpröde, leicht zerbrechliche und zerreibliche, an den ſchar - fen Kanten der Bruchſtücke durchſcheinende, höchſt bitter ſchmeckende und nur zum Teil in Waſſer lösliche Stücke vor, welche zerrieben ein mattgelbes Pulver geben.
Anwendung. Die Aloë dient nicht direkt als Farbmaterial, ſondern nur zur Darſtellung der Chryſaminſäure, eines Oxydationsproduktes der Aloë, welches ſeinerſeits als Farbmaterial dient und unter Farbſtoffpräparate näher behandelt iſt.
Die Rinden mancher unſerer einheimiſchen Bäume liefern in ihren Ab - kochungen braune Farben, welche in Verbindung mit verſchiedenen Beizen beachtenswerte Farbtöne liefern. Hierhin zählen die Fichtenrinde, Birkenrinde, Eichenrinde, Roßkaſtanienrinde, Weidenrinde, Pappel -, Ahorn - und Platanenrinde. Alle dieſe Rinden enthalten farbloſe Chromogene, welche erſt durch Oxydation an der Luft ſich in gelbe, falbe oder braune Farbſtoffe umſetzen und dementſprechende Töne geben. Dieſe Chromogene ſind zum großen Teil bekannt als Aesculin, Betulin, Salicin u. ſ. w., dagegen ſind die daraus entſtandenen Farbſtoffe noch wenig ſtudiert.
Unter den Rinden unreifer Früchte ſind es beſonders die grünen Frucht - ſchalen der Walnüſſe und die ſtachligen Schalen der Roßkaſtanie, welche in Berührung mit der Luft eine intenſiv braune Farbe geben, welche ſo charakteriſtiſch iſt, daß ſie direkt als Nußbraun und Kaſtanienbraun be - zeichnet wird. Dieſe braunen Farbſtoffe gehen an die Faſer direkt an, teils werden ſie auch als Beizen verwendet. Hellere, reinere braune Töne laſſen ſich erzielen, wenn man aus den Abkochungen den gleichzeitig reichlich mit vorhandenen Gerbſtoff zuvor durch Leim fällt.
Die ſämtlichen braunen Pflanzenfarbſtoffe mit Ausnahme der Aloë bilden den Uebergang von den gelben Farbſtoffen zu den eigentlichen Gerb - ſtoffen und ſtehen zu dieſen in ganz beſtimmten Beziehungen; gewöhnlich findet ſich Farbſtoff und Gerbſtoff gleichzeitig vor, und es iſt ziemlich wahr - ſcheinlich, daß das eine ein Produkt des andern iſt.
Alle diejenigen Pflanzen oder Pflanzenteile, welche Gerbſtoff enthalten — und deren Zahl iſt groß — können auch zu Färbereizwecken dienen. Alle Gerbſtoffe geben mit Eiſenoxydulſalzen entweder einen grüngrauen oder einen blaugrauen Niederſchlag, welcher ſich durch weitere Oxydation an der Luft — was man Vergrünen nennt — in Grünſchwarz oder Blauſchwarz umſetzt. Die Gerbſtoffe können daher auch als Farbſtoffe angeſehen werden, und werden in der That auch als ſolche verwendet; häufiger jedoch benutzt man ſie als Beizen, vielfach auch zum ſog. Abdunkeln, zur Schaffung einer dunkeln Grundfarbe. Die Anwendung der Gerbſtoffe als Beizmittel, beſonders für gewiſſe Anilinfarben, beruht auf der Fähigkeit des Gerbſtoffes, mit dieſen Farblacke zu bilden. Der Wert eines Gerbſtoffes ſowohl als Farbmaterial, wie zwecks Verwendung zum Beizen, beruht auf ſeinem Ge - halt an reinem Gerbſtoff. In Muspratts Techniſcher Chemie, Bd. III, S. 118, findet ſich eine ſehr ausführliche Tabelle über den Gehalt der einzel - nen gerbſtoffhaltigen Materialien an Gerbſtoff, welcher die für unſere Zwecke wünſchenswerten Angaben entnommen ſind.
Die große Anzahl anderer gerbſtoffhaltiger Materialien können wir hier füglich übergehen, da ſie in der Färberei keine Verwendung finden. Letzteres iſt zu beklagen, da wir in unſerer Heimat mehr gerbſtoffhaltige Materialien beſitzen, welche den in der Färberei faſt durchgehends verwendeten Sumach an Gerbſtoffwert ganz bedeutend übertreffen und billiger ſein würden. Ich möchte die praktiſche Anwendung dieſer Gerbſtoffe in der Färberei aufs wärmſte empfehlen. Es ſind das:
Der Sumach dagegen iſt ein Gerbſtoffmaterial von nur untergeordne - tem Wert, und verdankt ſeine allgemein verbreitete Verwendung lediglich einer gewiſſen Gewöhnung, einer gewiſſen Heiligſprechung und einer Art Ver - mächtnis vom Vater auf den Sohn, vom Meiſter auf den Lehrbuben.
Die Wertbeſtimmung der gerbſtoffhaltigen Farbwaren bezweckt die Ausfindigmachung des Gehaltes an reinem Gerbſtoff. Hier können nur chemiſche Methoden Platz greifen; Probefärben iſt unthunlich. Die chemiſchen Methoden der Gerbſtoffbeſtimmung ſind jedoch für den in der Analyſe min - der Bewanderten zu kompliziert. Deshalb wird es allemal notwendig ſein, mit der Analyſe einen Chemiker zu betrauen, ſo daß ich von einer Beſchrei - bung der beiden am meiſten angewandten Methoden, der von Hammer und der von Löwenthal, hier wohl abſehen kann.
Herkunft. Die Galläpfel ſind abnorme Auswüchſe auf den Blättern und Zweigen mehrerer Eichenarten. Dieſe Auswüchſe entſtehen nicht durch den Stich gewiſſer Weſpenarten — wie noch bis vor kurzem allgemein an - genommen wurde —, ſondern durch den Reiz, den das von der Gallweſpe gelegte Ei auf die nächſten Zellen ſeiner Umgebung ausübt (Beyerinck). Wahrſcheinlich iſt eine von dem an der Pflanze ſich entwickelnden Organis - mus abgeſonderte Flüſſigkeit die direkte Veranlaſſung des abnormen Wachs - tums der Zellen in der Nähe ſolcher Eier, wie auch des abnormen Zuſtrö - mens nährſtoffhaltiger Säfte in dieſe Neubildungen. Das Ei der Gall - weſpe iſt alſo ein Schmarotzer, um welchen herum die Pflanze eine geräumige ſichere Wohnung aufführt. Die Tiere, deren Eier alſo die Veranlaſſung zur Gallenbildung ſind, gehören den verſchiedenartigſten Gattungen von Tie - ren an. Die auf den Eichen beobachteten Eier ſtammen von Cynips tinc - toria, der Färbergallweſpe Cynips lignicola und Cynips hungarica; und die Eichenarten, welche uns die meiſten und beſten Gallen liefern, ſind:142 Quercus infectoria Oliv., Qu. pedunculata Ehrh., Qu. sessiliflora Sw., Qu. pubescens Willd, Qu. lenis. Die chineſiſchen Gallen aber finden ſich auf den in China heimiſchen Rhus semialata und Rhus javanica durch die Eier von Aphis chinensis.
Handelsſorten und Eigenſchaften. Es ſollen hier nur diejenigen Gallen erwähnt werden, welche innerhalb der Färbereitechnik Anwendung finden. 1. Aleppogallen, türkiſche oder levantiner Gallen. Kugelige oder birnförmige Körper bis zu 2,5 cm Durchmeſſer, auf der Oberfläche glatt oder höckerig oder faltig, graugelblich bis ſchwarzgrün, und von ſolcher Härte, daß ſie unter dem Hammer in ſcharfkantige Stücke zerſpringen. Die Galle ſoll nicht durchbohrt ſein, d. h. das aus dem Ei entſchlüpfte Inſekt ſoll ſich kein Schlupfloch gebildet haben, durch welches es die Galle verlaſſen hat; das Inſekt ſoll ſich vielmehr in verſchiedenen Stadien der Entwickelung in der Galle noch vorfinden. Die beſten heißen Jerligallen. Sie enthalten bis zu 70 Prozent Gallusgerbſäure C14 H10 O9, 3 Prozent Gallusſäure, 3 Prozent Zucker, 2 Prozent Ellagſäure und ätheriſches Oel, 2 Prozent Stärke. 2. Oeſterreichiſche oder deutſche Gallen ſind den vorigen ähnlich, von gleicher Größe, rund, zuweilen mit Höckern, aber mehr rotbraun und innen ſchwammig; ſie enthalten 25 bis 30 Prozent Gallusgerbſäure. 3. Chine - ſiſche-Gallen. Dieſe weichen in der Form von gewöhnlichen Galläpfeln völlig ab und bilden längliche oder flach rundliche, unregelmäßige, mit mehre - ren ſtark hervorragenden Ecken verſehene, hellgraue bis rötlichgraue, weich, faſt ſammetartig ſich anfühlende, übrigens ſpröde, hornartige, innen ganz hohle, in der Wandung etwa 3 mm dicke Gebilde; ſie enthalten bis zu 75 Prozent Gallusgerbſäure und ſind deshalb die geſchätzteſten. 4. Baſſora - gallen, durch Cynips insana auf Quercus tinctoria W. im Orient er - zeugt, kommen in zerkleinertem Zuſtande unter dem Namen Rove in den Handel. Sie enthalten 27 Prozent Gerbſtoff und dienen in ihrer Heimat zum Färben des Adrianopelrot.
Unter den Namen Knoppern kommen zwei weſentlich verſchiedene Drogen in den Handel und zwar:
1. Echte Knoppern, natürliche Knoppern, Valonien, Ackerdoppen, Eckerdoppen, orientaliſche Knoppern; dieſes ſind die Fruchtbecher der morgen - ländiſchen Knopperneiche, Quercus Aegilops, und der Ziegenbarteiche, Quercus Valonea, und der auf den griechiſchen Inſeln und in Kleinaſien vorkommen - den Valonia camata; es ſind dies alſo keine Auswüchſe oder Gallen, ſon - dern die harten, bis 5 cm im Durchmeſſer haltenden becherförmigen Kelche, in welchen die Eicheln ſitzen. Sie kommen teils mit, teils ohne Eicheln vor; letztere ſind geſchätzter. Der Gerbſtoffgehalt wird von verſchiedenen Autoren zu 19 bis 45 Prozent angegeben. Kommen aus Südoſteuropa und Kleinaſien.
2. Franzöſiſche Knoppern, franzöſiſche Galläpfel, unnatürliche Knoppern; gallenähnliche Gebilde an nur jungen Früchten der Stieleiche, Quercus pedunculata, und der occidentaliſchen Knopperneiche, Quercus Cerris. Sie umgeben die Eichel meiſt nur auf einer Seite, ſeltener ganz, ſind flach gedrückte, unförmlich eckige, beinahe ſtachelichte, feſte und weiß bräunliche Stücke143 bis Walnußgröße. Dieſe kommen meiſt aus Ungarn, Mähren, Slavonien, Steiermark. Ihr Farbſtoffgehalt beträgt bis zu 45 Prozent, und ſoll, nach Löwe, mit dem der Gallen identiſch ſein.
Abſtammung und Handelsſorten. Sumach, Schmack, iſt ein gerbſtoffreiches Farbmaterial, beſtehend aus den jüngern Zweigen, Blättern und Blütenſtielen mehrerer in Südeuropa heimiſcher Pflanzen; dieſe kommen zerkleinert, oder gemahlen, als grünlichgraues Pulver in den Handel. Im Handel kommen mehrere Sorten vor, welche wir in der Reihenfolge, wie ſie im Handel geſchätzt werden, hier folgen laſſen:
1. Sicilianiſcher Sumach von Rhus coriaria; man unterſcheidet eine grünlichgelbe prima und eine roſtgelbe secunda Ware.
2. Italieniſcher Sumach, gleichfalls von Rhus coriaria ſtammend; ein ſchmutzig grünliches Pulver von geringerem Gerbſtoffgehalt.
3. Spaniſcher Sumach von Rhus coriaria und Rhus typhinum; man unterſcheidet Malaga, den beſten, und zwei mindergeſchätzte: Malina und Vallodolid.
4. Tiroler Sumach von Rhus cotinus, alſo von derſelben Pflanze, von der das Fiſetholz ſtammt; riecht ähnlich wie Eichenrinde.
5. Franzöſiſcher Sumach von Coriaria myrtifolia; hiervon vier Quali - täten, davon die beiden beſten Fauvis und Donzére.
6. Arabiſcher Sumach von Rhus pentaphyllum.
7. Amerikaniſcher Sumach von Rhus canadense und Rhus glabrum.
8. Schwediſcher Sumach von Arbutus uva ursi.
Die geſchätzteſte Sorte von allen iſt der ſicilianiſche Sumach.
Zuſammenſetzung. Der Hauptbeſtandteil des Sumachs iſt die Sumach - gerbſäure, welche mit der Gallusgerbſäure nicht identiſch iſt. Sie enthält davon 12 bis 17 Prozent (amerikaniſcher ſoll bis zu 28 Prozent enthalten); alſo viel weniger als die Galläpfel und die Knoppern. Der Sumach iſt überhaupt, im Vergleich mit den andern gerbſtoffhaltigen Materialien, wie ſchon in § 49 auseinandergeſetzt wurde, eine minderwertige Droge und es muß Wunder nehmen, daß er immer noch ſoviel gebraucht wird. Neben der Sumachgerbſäure findet ſich im Sumach noch ein gelber Farbſtoff, der ſich mit dem Gerbſtoff gleichzeitig auf der Faſer niederſchlägt; dieſer Farb - ſtoff iſt noch nicht näher unterſucht.
Anwendung. Zur Erzeugung grauer und ſchwarzer Farben, ſowie als Beſchwerungsmittel vornehmlich in der Seidenfärberei. Als Beize und als Fixiermittel beſonders in der Baumwollenfärberei und Türkiſchrotfärberei. Ferner dient er zur Erzeugung des „ Schmackextrakts “. Hierüber ſiehe Farbſtoffpräparate.
Prüfung und Wertbeſtimmung. Guter Sumach muß friſch trocken und ſchön grün von Farbe ſein; weißlich, grau oder braun ausſehender iſt zu beanſtanden. Die pulverige Form des Sumachs iſt eine Quelle von Verfälſchungen, als welche Sand, Kreide, Gyps und die Pulver anderer wertloſer Blätter gelten. Die Beſtimmung des Gerbſtoffgehalts hat durch Analyſe zu erfolgen; annähernd kann ſie auch durch Probefärben ermittelt werden.
1. Dividivi, Libidibi, Samak, ſind die Hülſen der in Süd - und Mittelamerika heimiſchen Caesalpinia coriaria Willd., eines 4 bis 5 m hohen Strauches; ſie ſind 10 cm lang, S - oder ſchneckenförmig eingerollt und dann nur 1,5 bis 3 cm lang, flach, außen etwas rauh, glänzend kaſtanienbraun. Sie enthalten 30 bis 50 Prozent Gerbſäure, welche nach Löwe Ellagengerbſäure ſein ſoll; ſehr bemerkenswertes Material. Wird zu grauen Modefarben und Steinfarben, ſowie in der Türkiſchrotfärberei und zur Bereitung eines Extraktes angewendet.
2. Bablah, indiſcher Gallus, die Hülſen der in Oſtindien heimiſchen Acacia Bambolah Roxb., A. cineraria, A. nilotica, A. arabica und A. So - phora. Sie ſind braun, glatt, feinfilzig, und enthalten 20 Prozent Gerb - ſtoff, 4 Prozent Gallusſäure, roten Farbſtoff, Harze, Salze ꝛc. Wird für graue und fleiſchfarbene Modefarben verwendet.
3. Myrobalanen; die birnförmigen bis dattelförmigen Früchte der in Oſtindien heimiſchen Terminalia citrina, T. Bellirica und T. Chebula, 5 cm lang, 2,5 cm dick, grauſchwarz, ſehr hart, bitter ſchmeckend. Sie ent - halten bis zu 45 Prozent Gerbſtoff, welcher mit der Ellagengerbſäure iden - tiſch ſein ſoll; auch ſollen ſie freie Gallusſäure enthalten.
4. Nußſchalen und Kaſtanienſchalen ſiehe § 48.
5. Fichtenrinde mit 5 — 15 Prozent Gerbſtoff, Tannenrinde „ 4 — 8 „ „ Erlenrinde „ 3 — 5 „ „ (von Alnus incana) Hemlockrinde Ulmenrinde „ 3 — 4 „ „ Roßkaſtanienrinde „ 2 „ „ Buchenrinde „ 2 „ „ Weidenrinde „ 6 — 16 „ „ werden gleichfalls vereinzelt zum Färben verwendet. Neuerdings auch
6. Rotes Quebrachoholz von Loxopterygium Lorentzii oder Aspi - dosperma Quebracho Schlecht. mit 16 bis 19 Prozent Gerbſtoff.
7. Die Wurzeln der weißen und gelben Seeroſen, Nymphaea alba und Nuphar luteum, welche Gerbſäure, Gallusſäure und einen gelben Farbſtoff enthalten; die Seeroſe wurde früher mehr als jetzt zum Grau - und Schwarzfärben angewendet.
8. Algarobilla, die Samenhülſen der in Chile heimiſchen Balsamo - carpon brevifolium Clos., ſie ſind bis 5 cm lang und 1½ cm breit. Der Gerbſtoffgehalt beträgt 50 bis 80 Prozent, ohne den Gehalt an Ellagſäure; der erſtere iſt aber ſtark braun gefärbt, weshalb die Verwendung in der Färberei nur eine beſchränkte iſt.
Von den vorbenannten Gerbſtoffen werden einige auch zu Extrakten, ſowie zu Präparaten: Knoppernextrakt, Kaſtanienextrakt, Neucatechu, Seiden - grund u. ſ. w. verwendet. Ueber dieſe vergl. unter „ Farbſtoffpräparate “.
Unter mineraliſchen Farbſtoffen ſind diejenigen gefärbten anorganiſchen Verbindungen zu verſtehen, welche zur Färbung von Gewebefaſern verwendet werden. Da von den in Waſſer löslichen anorganiſchen Verbindungen keine mit einer Gewebefaſer eine Verbindung eingeht, alſo auch nicht darauf fixiert werden kann, ſo folgt daraus, daß die mineraliſchen Farbſtoffe ſämtlich unlöslich ſein müſſen. Da aber ein unlöslicher Körper von den Gewebefaſern nicht aufgenommen wird, ein nur mechaniſch befeſtigter aber von ſelbſt abfallen oder ſich abreiben würde, ſo hat man zur Erzeugung von Mineralfarben auf Geſpinnſtfaſern einen Umweg eingeſchlagen, indem man denſelben in den Faſerelementen ſelbſt erzeugt. Zu dem Zwecke läßt man von zwei Löſungen, welche bei ihrem Zuſammenbringen oder Aufeinanderwirken den unlöslichen Farbſtoff als Niederſchlag erzeugen, zunächſt die eine auf die Gewebefaſer wirken; dann wird, ohne zu ſpülen, getrocknet, und dann in die zweite Löſung eingegangen, worauf ſich der Farbſtoff im Innern der Faſer unlöslich ablagert. Auf ſolche Weiſe wird das Eiſenroſtbraun, das Chromorange und Chromgelb, das Berlinerblau u. dergl. auf der Faſer ſelbſt erzeugt. Die genannten Farben können als ſolche nicht verwendet und brauchen daher an dieſer Stelle nicht betrachtet zu werden.
Der Umſtand, daß der größte Teil der bisher betrachteten natürlichen Farbmaterialien den eigentlichen Farbſtoff nur in verhältnismäßig geringen Mengen enthält, und daß außer dem Farbſtoffe noch eine Menge anderer, teils gleichgültiger, teils aber auch ſtörender, mindeſtens aber auch die Farb - ſtofflöſung aufſaugender und zurückhaltender Stoffe beim Färben mit ſolchen Rohmaterialien vorhanden ſind, daß ferner dieſe Rohmaterialien mehr oder minder leicht dem Verderben und der teilweiſen oder völligen Zerſtörung des Farbſtoffs bei längerer Aufbewahrung ausgeſetzt ſind, ſowie, daß endlich die Magazinierung ſolcher Waren große Räume nötig macht, auch ver - hältnismäßig hohe Transportſpeſen verurſacht, — alle dieſe Thatſachen haben dahin geführt, die Farbſtoffe der Rohmaterialien in konzentrierterer Form, teils ſogar in reiner Form, aus jenen Rohmaterialien herzuſtellen. Dieſes Beſtreben hat eine Zahl von Präparaten gezeitigt, welche jene Uebelſtände zum größten Teil vermeiden und, wenn ſie auch meiſt noch nicht die Farb - ſtoffe als ſolche repräſentieren, ſo doch eine Form darſtellen, welcher ein hoher Prozentgehalt des Farbſtoffes zukommt.
Der große Vorteil, den ſolche Präparate gewähren, wenn ſie rein und unverfälſcht ſind, liegt auf der Hand; leider aber geht mit dem Vorteil auch die leichte Möglichkeit der Verfälſchung Hand in Hand, welche hier durch den Augenſchein gar nicht, und durch chemiſche Analyſen nur ſchwierig nach - gewieſen werden kann.
Die Formen, in denen ſolche Farbſtoffpräparate in den Handel kommen, ſind: Extrakte und Pulver.
Ganswindt, Färberei. 10146Die Extrakte ſind dickflüſſige bis zähe feſte Körper, und werden ge - wonnen durch wiederholtes Auskochen des zerkleinerten rohen Farbmaterials mit Waſſer entweder in offenen Gefäßen oder unter Dampfdruck, ſolange noch Farbſtoff ausgezogen wird, Abſetzenlaſſen und Durchſeihen der Brühen und ſchließliches Eindampfen in großen Keſſeln oder Pfannen bis zur Extrakt - dicke. In den letzten Jahren hat auch das in der Rübenzuckerfabrikation gebräuchliche Diffuſionsverfahren mit Erfolg Verwendung gefunden. Das Eindicken zur Extraktkonſiſtenz geſchieht unter Zuführung möglichſt großer Wärmemengen und unter fleißiger Ableitung der gebildeten Waſſerdämpfe in beſonders konſtruierten Apparaten und möglichſt ſchnell, um eine Berührung der Farbſtofflöſung mit der Luft thunlichſt zu vermeiden; beſonders luft - empfindliche Extrakte müſſen im Vacuum abgedampft werden. Ein ſolches Extrakt löſt ſich in warmem Waſſer leicht auf und die Löſung hat dann den gleichen Wert, reſp. die gleichen Eigenſchaften, wie eine Abkochung des urſprünglichen Rohmaterials. Meiſt ſind es die Farbhölzer und die Gerb - ſtoffe, welche in dieſer Form in den Handel kommen. Die Fabrikation ſol - cher Extrakte liegt in den Händen von Fabrikanten, die die Fabrikation ſol - cher Farb - und Gerbſtoffextrakte als Spezialität betreiben. Daß derartige Extrakte nicht nur den Farbſtoff, ſondern auch alle ſonſtigen in Waſſer löslichen Beſtandteile des Rohmaterials enthalten müſſen, liegt auf der Hand; es darf daher nicht die Meinung Platz greifen, daß ſolche Extrakte etwa konzentrierte Löſungen lediglich des betreffenden Farbſtoffes ſeien. Eine Prüfung und Wertbeſtimmung iſt hier um ſo mehr geboten, da die Extraktform der Fälſchung direkt Thür und Thor öffnet; es ſei denn, daß der Käufer ſich auf die Rechtſchaffenheit des Lieferanten unbedingt verlaſſen kann. Wo das nicht der Fall iſt, ſollte allemal ein Probefärben ſtatt - finden. Als Vergleichsobjekt müßte man dazu Ausfärbungen mit einem garantiert reinen Extrakte haben; dieſe Normalausfärbungen müſſen mit einer Löſung von beſtimmtem Extraktgehalte (z. B. 5 g Extrakt auf 100 g Waſſer) hergeſtellt ſein. Beim Probefärben muß dann dasſelbe Verhältnis mit dem zu prüfenden Extrakt eingehalten werden.
Die Farbſtoffpräparate in Pulverform nähern ſich bereits dem Ideal des reinen Farbſtoffs. Sie ſind meiſt keine eingedickten Auszüge, vielmehr richtet ſich bei ihrer Darſtellung das Hauptaugenmerk darauf, die den Farbſtoff begleitenden anderweiten Stoffe des Rohmaterials durch Aus - fällen oder auf andere Weiſe zu beſeitigen und ſo den eigentlichen Farbſtoff thunlichſt zu iſolieren, oder, wo das nicht geht, den Farbſtoff ſelber mit Hilfe chemiſcher Löſungsmittel geſondert zu löſen, oder ihn zu fällen, oder in eine anderweite chemiſche Verbindung überzuführen, aus welcher er, von den acceſſoriſchen Beſtandteilen befreit, leicht verwendbar gemacht werden kann. Derartige Präparate ſind der Fälſchung minder unterworfen.
Bei der Aufzählung und Beſchreibung der nachfolgenden Präparate werde ich dieſelben lediglich nach ihren Farben einteilen.
1. Cochenillepräparate. Es kommen zwei Präparate in den Handel:
a) Ammoniakcochenille, Cochenille ammoniacal; man läßt 5 Teile fein gemahlene Cochenille mit 15 Teilen Salmiakgeiſt unter öfterem Durch -147 ſchütteln an einem lauwarmen Orte ſtehen, fügt dann 2 Teile Thonerde hinzu und dampft vorſichtig in einer Porzellanſchale ſolange ein, bis der Geruch nach Ammoniak verſchwunden iſt. Dieſes Präparat enthält den Farb - ſtoff in leicht löslicher Form und kommt entweder in Breiform (en pâte) oder in kleinen Täfelchen (en tablettes) in den Handel.
b) Cochenillelack. a) Groſeillelack, Karminlack. Man kocht 3 Teile gepulverte Cochenille mit Waſſer aus, und fällt die vereinigten Abkochungen mit 1 Teil ſchwefelſaurer Thonerde und 1 Teil Weinſtein. — b) Ponceau - lack. Man kocht 6 Teile Cochenille mit Waſſer aus und fällt die Ab - kochung mit 3 Teilen kryſtalliſiertem Zinnchlorür und 2 Teilen Weinſtein.
2. Rotholzextrakte. Dieſe werden durch das Diffuſionsverfahren aus den verſchiedenen Rothölzern gewonnen. In den Handel kommen drei Sorten: ein flüſſiges Extrakt von 20° B., ein flüſſiges von 30° B. und ein feſtes. Ein Kilogramm des trockenen Extrakts entſpricht durchſchnittlich 12 kg Rotholz; nach Romen dagegen ſchwankt die Färbekraft des Rotholz - extraktes zwiſchen dem Vier - bis Fünffachen des Gewichts des Holzes. Die Rotholzextrakte kommen bisweilen mit arſenſaurer Thonerde oder mit Zinn - beize verſetzt in den Handel. Solche Extrakte ſind nicht gerade zu verwer - fen, aber ihre Verwendung iſt durch dieſe Zuſätze eine beſchränkte; mindeſtens müßte ſich der Färber vor ſeiner Verwendung, noch beſſer beim Einkauf, vergewiſſern, ob er ein reines Rotholzextrakt oder ein mit Zuſätzen verſehe - nes Extrakt kauft.
3. Krapppräparate. Als der Krapp noch ein Farbmaterial erſten Ranges war, gab es eine ganze Anzahl von Präparaten; von dieſen haben heutzutage nur noch folgende ein nennenswertes Intereſſe:
a) Garancin oder Krappkohle iſt ein ſchwarzes Pulver von vier bis ſechsmal größerer Färbekraft als der Krapp. Zur Bereitung desſelben wird der zerkleinerte Krapp zunächſt mit verdünnter Schwefelſäure (1 Teil Schwefelſäure, 2 Teile Waſſer) einige Zeit bei gelinder Wärme behandelt, wodurch die Glycoſide des Krapps zerſetzt werden; die Flüſſigkeit wird da - durch zuckerhaltig und kann nach dem Ablaufen auf Krappſpiritus ver - arbeitet werden. Der Rückſtand wird dann mit konzentrierter Schwefel - ſäure erwärmt, wodurch die holzigen Anteile und andere organiſche Sub - ſtanzen zum Teil zerſtört, und der Reſt der Glycoſide, ſowie die Kalklacke geſpalten reſp. zerſetzt werden. Das Ganze wird in Waſſer gegoſſen, der Niederſchlag geſammelt, mit Waſſer gut ausgewaſchen und getrocknet. Das Garancin enthält die Krappfarbſtoffe in leicht löslicher Form; die Ausbeute beträgt 34 bis 37 Prozent. — Die Vorteile, welche die Verwendung des Garancins gegenüber dem Krapp bieten, ſind nicht zu unterſchätzen; nichts - deſtoweniger müſſen ſie als unweſentlich gelten im Hinblick auf die noch viel größern Vorteile, welche die Verwendung künſtlichen Alizarins bietet.
b) Krappblumen; dieſe werden durch Gären des gemahlenen Krapps gewonnen, indem man dieſen in Kufen mit warmem Waſſer, welches mit wenig Schwefelſäure ſchwach angeſäuert iſt, mehrere Tage ſtehen läßt, dann die Flüſſigkeit abfiltriert und den Rückſtand abpreßt und trocknet. Die Krappblumen werden wie der Krapp angewendet, beſitzen aber den Vorzug, daß man damit bei niedrigerer Temperatur färben kann, ohne daß das Bad an Färbevermögen einbüßt, und daß ſie ſchönere, reinere violette Farben geben als roher Krapp. 100 Teile Krapp geben 55 bis 60 Prozent Krapp - blumen.
10*148c) Garanceux iſt ein bröckliger, halbfeuchter Preßkuchen, aus geringen Krappſorten und den Rückſtänden des Krappfärbeprozeſſes durch Behandeln mit Schwefelſäure gewonnen. Es iſt ein dem Garancin naheſtehendes Prä - parat, beſitzt aber nur das doppelte Färbevermögen wie der Krapp ſelber.
d) Krappextrakt. Es kommen zwei Krappextrakte in den Handel: α) Colorin, das alkoholiſche und zur Trockne eingedampfte Extrakt des Garancins; es beſteht weſentlich aus Alizarin, mit Purpurin, Fett und ande - ren in Weingeiſt löslichen Beſtandteilen des Krapps verunreinigt, und bildet eine ockerfarbige Maſſe. β) Alizarin tinctorial, Färberalizarin, von Kopp aus dem Garancin durch Deſtillation mit überhitzten Waſſer - dämpfen, oder aus dem Krapp ſelber durch Extraktion mit einer wäſſerigen Löſung von ſchwefliger Säure bereitet und als Alizarin verte und Alizarin jaune unterſchieden. Dieſe Koppſchen Präparate ſind bereits die reinen Farbſtoffe des Krapps und verdienen den Namen „ Extrakt “nicht mehr. Durch Behandeln mit ſchwefliger Säure hat Kopp aus 100 Teilen gutem Krapp erhalten: 1,15 Prozent Purpurin, 2,5 Prozent grünes Alizarin (reines Alizarin mit einem grünen Harz verunreinigt), 0,32 Prozent gelbes Alizarin (die beiden letzteren mit dem 32 bis 36fachen Färbevermögen des Krapps; das Purpurin mit dem 10fachen Färbevermögen) und 39 Pro - zent Krappblumen. γ) Azale, ein Extrakt, bereitet durch Extrahieren der Krappblumen durch ſiedenden Holzgeiſt, Filtrieren des Auszuges und Fällen desſelben mit Waſſer. Azale in ein gelbliches Pulver, welches wohl nur aus rohem Alizarin beſteht. δ) Pincoffin, Alizarin commercial, iſt eine beſondere Art Garancin und kommt in Form eines chokoladebrau - nen Pulvers in den Handel. Das Färbevermögen ſoll geringer ſein, als beim Garancin, dagegen ſollen die damit erzeugten Violetts von höherem Glanz ſein, als die mit Krapp erzielten.
e) Krapplack. Zur Bereitung kocht man 5 Teile Garancin mit 1 bis 2½ Teilen Alaun und 100 Teilen Waſſer aus, filtriert ſchnell und fällt das Filtrat mit Soda oder Pottaſche mit oder ohne Zuſatz eines Zinn - ſalzes. Schöne Niederſchläge von großer Echtheit, welche noch bisweilen im Zeugdruck Verwendung finden.
Mit Ausnahme des Garancins, welches noch viel gebraucht wird, ſind die übrigen durch das künſtliche Alizarin und Purpurin faſt vollſtändig verdrängt worden.
4. Safflorpräparate. Die Safflorpräparate ſind durchgehends mehr oder minder reines Karthamin und die Handelsbezeichnungen Safflor - extrakt, Safflorkarmin, Safflorrot, Tellerrot bezeichnen eigentlich nur ver - ſchiedene Konzentrationsgrade der Löſung des Safflorfarbſtoffes. Der Reindar - ſtellung des Safflorrots hat die Entfernung des Safflorgelbs vorauszugehen. Dies geſchieht durch wiederholtes Einweichen des Safflors in kaltem Waſſer unter häufigem Umrühren und Ablaſſen des Waſſers ſolange, bis dasſelbe farblos abläuft. Dann wird der Safflor ausgepreßt und mit einer 15pro - zentigen Sodalöſung in der gleichen Weiſe ausgezogen, welche den Safflor - farbſtoff vollſtändig auflöſt. Aus der abgepreßten und filtrierten roten Flüſ - ſigkeit ſchlägt Baumwolle nach zuvoriger beinahe vollſtändiger Neutraliſation mit Eſſigſäure, Weinſäure oder Citronenſäure den Farbſtoff vollſtändig auf ſich nieder. Von der Baumwolle wird der Farbſtoff durch eine neue 5pro - zentige Sodalöſung abgezogen und aus der ſo erhaltenen dunkelgelbroten Flüſſigkeit durch Ueberſättigung mit Citronenſäure das Karthamin in Flocken149 abgeſchieden. Man läßt abſetzen und gießt die über dem gebildeten roten flockigen Niederſchlage ſtehende Flüſſigkeit ab; es reſultiert ein dickflüſſiger roter Schlamm. Dieſer Schlamm, in Flaſchen gefüllt, iſt das in der Färbe - rei verwendete Safflorextrakt. Es hat einen ſehr hohen Preis, iſt aber von großer Ausgiebigkeit und Färbekraft. Die Flaſchen müſſen wohl ver - ſchloſſen und vor Licht geſchützt aufbewahrt werden, da das Präparat durch das Licht zerſetzt wird. Streicht man den Schlamm auf Teller oder Taſſen und trocknet in gelinder Wärme, ſo erhält man das Tellerrot oder Taſſenrot in Form bronzeartiger Kruſten, die im reflektierten Lichte gold - gelb mit grünem Schimmer, im durchfallenden Lichte rot ausſehen. — Bringt man dagegen den Schlamm auf ein Filter, läßt ablaufen, wäſcht den Nieder - ſchlag mit Waſſer aus, löſt ihn in Alkohol, filtriert, und läßt die alkoholiſche Löſung langſam verdunſten, ſo erhält man das reine Karthamin oder den Safflorkarmin als körniges Pulver von ſchwarzgrüner Farbe, welches beim Reiben Metallglanz annimmt und nur in ſehr feiner Verteilung rot erſcheint.
5. Orſeillepräparate. Im Handel finden ſich:
a) Orſeilleextrakt; gelbe metalliſch glänzende Stücke, in Waſſer mit roter Farbe löslich, wahrſcheinlich eine mit Alaun gefällte wäſſerige Orſeille - löſung; der Niederſchlag wird gewaſchen und getrocknet.
b) Flüſſiges Orſeilleextrakt. Nach Peters wird das Extrakt durch Ausziehen der Orſeille mit Eſſigſäure und Ueberſättigen der filtrierten Löſung mit Ammoniak bereitet. Nach Grothe dagegen iſt es nichts weiter als der auf 25° B. eingedampfte wäſſerige Auszug der Orſeille. Das flüſſige Orſeilleextrakt kommt häufig mit Blauholzextrakt, auch wohl mit Rotholzextrakt verfälſcht vor. Ein unverfälſchtes Orſeilleextrakt, mit dem 50fachen Gewicht Waſſer verdünnt, wird durch Zuſatz von Zinnchlorürlöſung entfärbt, ein mit Blau - oder Rotholzextrakt verfälſchtes nimmt eine bleibende graue bis blaue oder eine rote Farbe an.
c) Franzöſiſcher Purpur, Pourpre français, Orſeillepurpur. Dieſes Präparat enthält den Orſeillefarbſtoff in reinem Zuſtande. Die Herſtellung iſt der des Orſeillekarmins ähnlich. Die Flechten werden mit einer 15proz. Ammoniaklöſung extrahirt und der geſättigte Auszug mit überſchüſſiger Salz - oder Schwefelſäure verſetzt, wodurch die Flechtenſäuren niedergeſchlagen werden, welche man auf einem Filter ſammelt, vorſichtig wäſcht und trocknet. Die Flechtenſäuren werden ſodann erneut in Ammoniak gelöſt und die Löſung in flachen Gefäßen mehrere Tage der Luft ausgeſetzt, bis ſie dunkelpurpurviolett geworden iſt, und Seide und Wolle ohne Anwendung einer Beize direkt färbt. Dann wird die Flüſſigkeit mit Schwefelſäure geſättigt und der ſich bildende flockige Niederſchlag auf einem Filter geſammelt, vorſichtig ausgewaſchen und ge - trocknet. Das Präparat beſitzt eine ſchöne, tiefe Granatfarbe; es iſt das vernunftgemäßeſte Orſeillepräparat.
d) Orſeillekarmin. Violette Stücke, löslich in Oxalſäurelöſung mit roter Farbe. Dieſes Präparat wird durch Behandeln der Orſeille mit Ammoniak, Fällen der abfiltrierten Löſung mit Salzſäure und abermaliges Löſen des erhaltenen Niederſchlages in Ammoniak gewonnen. Dieſe Löſung wird der Luſt ausgeſetzt, bis ſie kirſchrot iſt, dann erhitzt und mit Alaun oder Chlorcalcium zerſetzt. — Nach Benedikt wird Orſeillekarmin durch Extraktion der Orſeille mit Waſſer und Eindampfen der Löſung im Vacuum gewonnen.
150e) Orſeillelack iſt der aus einer wäſſerigen Orſeillelöſung mit Zinn - ſolution erhaltene Farblack.
6. Alkannarot, Alkannin; ein dunkelrotes weiches Extrakt, welches nach Hirzel aus der nicht gemahlenen Alkannawurzel durch kaltes Ex - trahieren mit reinem Petroleumäther und Abdampfen des letztern im Waſſer - bade bereitet wird. — Ein ähnliches Präparat iſt das von Lepage darge - ſtellte Anchuſin. Dieſer ſtellt unter Verwendung von Schwefelkohlenſtoff zuvörderſt ein Extrakt dar, wie das Hirzelſche, und löſt dasſelbe dann in einer 2 proz. Natronlauge. Zu der filtrierten indigblauen Löſung ſetzt er nach und nach verdünnte Salzſäure bis zum Ueberſchuſſe hinzu, wodurch ſie ſich trübt und nach 24 Stunden einen rotbraunen Niederſchlag abſetzt. Dieſen wäſcht er ſorgfältig mit deſtilliertem Waſſer aus, ſammelt auf einem Seihetuch, preßt aus und trocknet. Die zerriebene Maſſe iſt ein purpurrotes Pulver von großem Färbevermögen, löslich in Alkohol, in Eſſigſäure, in Alkalien, in Aether, Schwefelkohlenſtoff, fetten und ätheriſchen Oelen.
1. Indigopräparate. Da der Indigo den Farbſtoff an ſich bereits vorſtellt, ſo können die Indigopräparate denſelben nur in einer anderen und leichter anwendbaren Form darbieten wollen. Vorwiegend ſind es Löſungen von Indigo in rauchender Schwefelſäure, alſo Indigoſulfoſäuren, welche als Indigopräparate in den Handel kommen, und zwar:
a) Indigokarmin, Indigoextrakt, indigoſulfoſaures Kali oder Natron, blauer Karmin, Coerulin, (C16 H8 N2 O2 [SO3 K] 2). Der Indigo - karmin kommt entweder in Teigform oder als trockene tiefblaue kupferglän - zende Maſſe in den Handel; er wird gewonnen durch Löſen von 1¼ kg feinſt gemahlenem Indigo in 6½ kg rauchender Schwefelſäure, Verdünnen mit 18 Liter Waſſer (wobei die Indigrotſulfoſäure unlöslich ausfällt), Filtrie - ren, Sättigen mit 15° B. ſtarker Pottaſche - oder Sodalöſung, Ausſalzen mit 5 kg Kochſalz und Waſchen mit wenig Waſſer. Man gewinnt 17½ kg Indigokarmin in Teigform. Es kommen drei Sorten im Handel vor als Karmin I, II, III. Im Durchſchnitt enthält nach Mierzinsky:
Der Indigokarmin iſt in 140 Teilen kaltem Waſſer löslich, leicht in verdünnter Schwefelſäure. Er färbt animaliſche Faſern direkt, aber mit einem viel helleren Tone als Indigo, und bei weitem nicht ſo lichtecht; zur vegetabiliſchen Faſer beſitzt er keine Affinität.
Prüfung von Indigoextrakt. Um Indigoextrakt auf ſeine Reinheit zu prüfen, kocht man ein Stück Seidenband in einer Löſung des Extraktes, der man etwas Säure zugefügt hat. Dann wäſcht man aus und kocht nochmals in reinem Waſſer. Iſt das Extrakt unverfälſcht, ſo wird die Seide weiß. Erſcheint dieſelbe jedoch mehr oder weniger gefärbt, ſo iſt das Extrakt mit Anilinfarben gefälſcht. Nach Moyret iſt auch Schießbaumwolle ein geeig -151 netes Mittel, um Anilinfarben im Indigoextrakt nachzuweiſen. Dieſelbe nimmt, mit Indigoextrakt behandelt, nicht die geringſte Färbung an, während ſie ſich bei Verfälſchung mit Anilin blau färbt.
b) Sächſiſchblau, Indigokompoſition, Indigolöſung, Indigo - ſulfoſäure, C16 H8 N2 O2 (SO3 H) 2, iſt die tiefblaue Löſung, welche man durch Auflöſen von Indigo in überſchüſſiger rauchender Schwefelſäure, Verdünnen mit Waſſer und Filtrieren erhält. Es iſt dies dieſelbe Flüſſigkeit, welche man bei Darſtellung des Indigokarmins gewinnt, ehe man zur Sättigung mit Pott - aſche ſchreitet. Dieſe Indigolöſung iſt das Hauptmaterial der jetzt veralteten Sächſiſchblau-Färberei. Zur Erzeugung von Sächſiſchblau wurde loſe Wolle in der Indigolöſung ausgefärbt und dann mit alkalihaltigem Waſſer wieder abgezogen, wobei die Verunreinigungen des Indigos auf der Faſer zurückblieben. Die angeſäuerte Löſung diente dann zum Färben feinerer Waren.
c) Indigopurpur. Ein Präparat in Form eines rotvioletten Pulvers, welches die Eigenſchaft hat, mit beliebigen Zuſätzen von Orſeille ungebeizt Wolle direkt violett zu färben. Zur Darſtellung wird Indigo mit engliſcher (nicht mit rauchender) Schwefelſäure übergoſſen und unter Abkühlung ½ Stunde damit in Berührung gelaſſen; ſo erhält man eine blaue Löſung von Indigodiſulfoſäure, welche abfiltriert und auf Indigokarmin verarbeitet werden kann und ein violettrotes Pulver. Dieſes iſt Indigomonoſulfo - ſäure, C16 H9 N2 O2. SO3 H, Phönicinſchwefelſäure, Purpurſchwefelſäure. Das Pulver wird mit Waſſer, ſpäter mit ganz verdünnter Sodalöſung, ausge - waſchen, bis das Ablaufende nicht mehr ſauer reagiert, dann getrocknet und wie oben verwendet.
d) Indigopräparat. Subeil hat eine Vorſchrift zu einer Indigo - löſung gegeben, welche in alkaliſchem Bade auszufärben iſt. Er bereitet ſich zunächſt eine dünne Aetzkalilöſung aus 15 Teilen gebranntem Kalk und 30 Teilen Pottaſche in 300 Teilen Waſſer, läßt abſetzen und fügt dazu 2 Teile feinſt gemahlenen Indigo und nach dem Abſetzenlaſſen noch eine Löſung aus 20 Teilen Zinnſalz, 2 Teilen Pottaſche und 60 Teilen Waſſer; dann wird das Ganze bis auf 100° erhitzt, abkühlen gelaſſen, die klare Flüſſigkeit abgegoſſen und unter Zuſatz von etwas Pottaſche zum Färben verwendet. — Dieſes Präparat iſt alſo eine Löſung von Indigweiß in Zinnoxydulkali.
e) Konzentrierte Küpe. Die konzentrierte Küpe iſt eine Löſung von Indigo in Natriumhypoſulfitlöſung, und wird von der Firma Gutbier und Comp. in Lindenau-Leipzig auf den Markt gebracht.
2. Blauholzpräparate. Am meiſten verwendet wird:
a) Blauholzextrakt. Dasſelbe wird auf die in § 55 beſchriebene Weiſe bereitet, und ſtellt eine trockene, ſchwarze, glänzende, harzähnliche Maſſe vor, welche ſich leicht in Stücke zerſchlagen läßt, ſüßlich zuſammenziehend ſchmeckt und mit Waſſer eine rötlichbraune Löſung gibt. Das ſpez. Gewicht ſoll 1,45 bis 1,51 ſein. Auch ein flüſſiges Blauholzextrakt kommt als dicke, ſchwere, ſchwarze, in dünnen Schichten ſchwärzlich-rotbraune Flüſſigkeit von 10, 20, 25, 30 und 35° Bé. in den Handel; die beſten Fabrikate ſind techniſch reiner Farbſtoff. Reine Extrakte von über 27° B. ſollen nach Brühl auch bei längerem Lagern keinen merklichen Bodenſatz geben. Das Blau - holzextrakt findet in der Färberei ausgedehnte Anwendung und bildet daher152 einen bedeutenden Handelsartikel; man unterſcheidet amerikaniſches, franzö - ſiſches und deutſches Extrakt. Es wird vielfach verfälſcht, ja es kommen ſogar Blauholzextrakte in den Handel, bei denen man vergeblich auf Häma - teïn fahnden würde. L. Brühl ſchreibt hierüber, Deutſche Färber-Ztg. 1888, Nr. 26, wörtlich:
„ Durch vierjährige Praxis in der Extraktbranche gewann ich einen Einblick in dieſelbe; ich ſah Sachen, welche ſich die kühnſte Phantaſie nicht ausdenken würde, geſchweige denn ein Färber. Leider iſt es nicht das Aus - land, welches uns ſolche Produkte zu Markte bringt; zu Ehren der ameri - kaniſchen und franzöſiſchen Fabriken (wenigſtens der renommierten) muß man gerechter Weiſe ſagen, daß, wenn auch dieſe Firmen nicht Alles liefern, was reines Blauholzextrakt iſt, und man zuweilen ſonderbare Gemiſche als Blauholzextrakt dieſer Provenienz in die Hände bekommt, ſo ſind doch manche der inländiſchen Firmen in der Beziehung „ Extraktpantſcherei “allen weit voraus. Der kleine Färber, welcher das Färbematerial billig zu kaufen gezwungen iſt, fällt dabei meiſt dicke herein. Sind ſchon Ia. -Sorten nicht über allen Zweifel erhaben, ſo muß man bei IIa. - und namentlich bei den ſogenannten Facon-Sanford ſagen: „ Honny soit qui mal y pense “. Eine Unterſuchung desſelben iſt daher ſehr zu empfehlen.
Prüfung. Aus dem ſpezifiſchen Gewichte feſter Extrakte, ſowie aus deren Waſſer - und Aſchengehalt läßt ſich kein Schluß auf die Reinheit eines Extraktes ziehen, ebenſowenig aus der Farbe und dem Grade der Löslich - keit. Im allgemeinen läßt ſich nur ſagen, daß reine Extrakte ſelten über 3 Prozent Aſchengehalt aufweiſen.
Die Eigenſchaften und Reaktionen, welche Blauholzextrakt gegen chemiſche Reagentien reſp. mit denſelben aufweiſt, ſollen denen eines reinen Holzab - ſudes gleich ſein. Aus dem Verhalten des Extraktes gegen Kupfer - und Eiſenſalze kann man bereits Schlüſſe auf die Reinheit reſp. Verwendbarkeit des Extraktes ziehen und wurde das Verhalten der Extrakte gegen Kupfer - ſalze denn auch öfters ſchon als Baſis kolorimetriſcher Extraktunterſuchungs - methoden aufgeſtellt. Je annähernder die mit Blauholzextrakt erhaltenen Reaktionen den Reaktionen ſind, welche reiner Holzabſud liefert, deſto reiner erſcheint das Extrakt.
Zur allgemeinen Prüfung wird man am beſten folgendermaßen ver - fahren: 10 g des zu prüfenden Extraktes werden in 100 g Waſſer (am beſten Kondenſationswaſſer) gelöſt; die Löſung muß klar ſein und auch keinen Bodenſatz geben; etwa beigemengte Subſtanzen, wie Sand, Erde, Säge - ſpäne, ausgezogene Gerberlohe, bleiben ungelöſt zurück und können durch Filtrieren getrennt und, wenn nötig, gewogen werden. Ein Zuſatz von Melaſſe wird durch Zuſatz von Hefe zur Extraktlöſung, Gären - laſſen, Abdeſtillieren und Wägen des gebildeten Alkohols beſtimmt. Nach Schweiſſinger (Pharm. Centralh. 1889, Nr. 4), ſind ſowohl die flüſſigen, wie die feſten Extrakte ſtark mit Melaſſe und Dextrin verfälſcht. Man erkennt dies, wenn man aus der wäſſerigen Löſung den Farbſtoff mit Blei - eſſig ausfällt und das Filtrat mit Fehlingſcher Löſung erhitzt. Reines Blauholzextrakt enthält keine die Kupferlöſung reduzierenden Subſtanzen. Schweiſſinger ſchlägt daher zum Nachweis folgendes Verfahren ein: 3 bis 5 g des Extraktes werden in 50 ccm Waſſer gelöſt, mit 10 ccm Bleieſſig verſetzt, ſtark durchgeſchüttelt und nach kurzem Stehen auf ein nicht genäßtes Filter gegoſſen; es läuft ſoviel durch, daß man ſofort im 100 mm Rohr153 polariſieren kann. Filtrate aus reinen Extrakten drehen die Polariſations - ebene nicht oder wenig, jedenfalls jedoch nicht rechts.
Das geſammelte Filtrat (man erhält 25 bis 30 ccm) verſetzt man jetzt mit ſo viel Salzſäure, daß das Blei als Chlorblei ausgefüllt wird und außerdem noch etwa 0,5 g Salzſäure vorhanden ſind. Man erhitzt darauf eine halbe Stunde am Rückflußkühler und läßt erkalten. Ohne das in ſchönen Kryſtallen ausgeſchiedene Chlorblei zu beachten, neutraliſiert man mit Natroncarbonat, filtriert und titriert nun mit Fehlingſcher Löſung den Zucker.
Auf die angegebene Weiſe gelangt man in kurzer Zeit zum Ziele und die Reſultate ſind meiſt für die Praxis genau genug. Bei einer Reihe von unterſuchten Extrakten ergaben ſich z. B. folgende Reſultate:
Von dieſen Extrakten ſind Nr. 4 und 6 notoriſch rein, Nr. 1, 3 und 5 verdächtig, Nr. 2 gefälſcht.
Außerdem iſt Probefärben und Vergleichen mit einer Ausfärbung mit Normalextraktausfärbungen notwendig. Eine der häufigſten Verfälſchungen iſt die mit Kaſtanieuextrakt und ähnlichen Gerbſtoffextrakten. Dieſe laſſen ſich durch Probefärben nicht ohne weiteres erkennen. Hier muß man nach dem Vorſchlage von Houzeau die ungleiche Löslichkeit des echten Blauholz - extraktes und des Kaſtanienextraktes in Aether, wie andererſeits in Alkohol, zu Hilfe nehmen. Reines Blauholzextrakt enthält durchſchnittlich 87 Prozent in Aether lösliche und 13 Prozent in Alkohol lösliche Stoffe; Kaſtanien - extrakt dagegen iſt in Aether faſt unlöslich, während es ſich in Alkohol faſt ganz auflöſt. Ein Gehalt an Kaſtanienextrakt wird daher den Prozentgehalt der in Aether löslichen Anteile aus Blauholzextrakt vermindern, den der in Alkohol löslichen erhöhen.
b) Indigoerſatz, Noir impérial, Kaiſerſchwarz. Unter dieſem Namen kommen ſeit einigen Jahren oxydierte Blauholzextrakte in den Handel, welche durch Kochen von Blauholzextrakt mit Kupfer -, Eiſen - oder Chrom - ſalzen unter Zuſatz von Oxalſäure hergeſtellt ſind. Sie haben das Ausſehen des Blauholzextraktes und färben ungebeizte Wolle unter Zuſatz von etwas Oxalſäure direkt echt ſchwarz. Dieſes Präparat entſpricht dem urſprünglichen Rungeſchen Blauholz-Indigblau.
c) Hämateïn, Hématine. Unter dieſem Namen kommen mit beſon - derer Sorgfalt dargeſtellte Blauholzextrakte franzöſiſcher Provenienz in den Handel, welche als faſt reiner Farbſtoff zu betrachten ſind. Es kommt aber auch ein mit Aether bereitetes Extrakt in Pulverform unter dem Namen Hämateïn in den Handel; letzteres iſt der chemiſch reine Farbſtoff. Dieſes Hématine wird von Guinon in Havre dargeſtellt; es iſt ein körniges, rotbraunes, in Waſſer vollkommen lösliches Pulver, welches die gleichen Farbentöne, wie das Holz gibt. 15 kg Hämateïn ſollen 100 kg beſtes Campecheholz erſetzen.
1. Gelbholzextrakt, Cubaextrakt. Es bildet gelbbraune, wachs - glänzende Stücke, welche ſich in Waſſer mit gelber Farbe löſen, und wird aus dem Gelbholz durch Diffuſion hergeſtellt. Auch ein flüſſiges Gelbholz - extrakt kommt vor. Die wäſſerige Löſung des Gelbholzextraktes wird auf Zuſatz von Salzſäure und Salpeterſäure heller und bildet beim Stehen einen gelben Niederſchlag; Ammoniak oder Natronlauge färben die Löſung heller oder dunkler orangefarben. Der Wert eines Gelbholzextraktes muß durch Probefärben feſtgellt werden.
2. Gelbbeerenextrakt. Ein dickes Extrakt, in Waſſer mit gelber Farbe mit einem Stich ins Braune löslich. Die Löſung wird auf Zuſatz von Salz - oder Salpeterſäure heller unter Abſetzen eines ſchmutziggelben Nieder - ſchlages; Ammoniak oder Natronlauge färben dieſelbe heller oder dunkler rotgelb. Zinnchlorür gibt ſofort, Zinnchlorid erſt auf Zuſatz von etwas kohlenſaurem Natron einen goldgelben Niederſchlag; eſſigſaures Kupfer gibt einen gelbbraunen bis olivengrünbraunen Niederſchlag; Eiſenſalze eine dunkel - olivengrüne bis ſchwarzgrüne Färbung. — Probefärben.
3. Quercitronextrakt. Im Handel kommen zwei flüſſige Extrakte von 20 und 30° Bé. vor und ein feſtes in Form dunkelbrauner wachs - glänzender Stücke, welche ſich in Waſſer mit gelber Farbe löſen. Die Quercitronextrakte zeichnen ſich dadurch aus, daß ſie ſehr bedeutende Mengen der reinen Farbſtoffe enthalten, manchmal gar faſt reiner Farbſtoff ſind, und zwar findet ſich bald das Quercitrin, bald das Quercetin, bald ein Gemiſch beider darin vor. Prüfung durch Probefärben.
4. Flavin. Dieſes jetzt allgemein beliebte Präparat, welches eine 16 mal größere Färbekraft als die Quercitronrinde beſitzt, wird aus dieſer gewonnen, indem man aus deren Abkochungen den Gerbſtoff durch Leimlöſung fällt, den entſtehenden Schaum durch Abſchäumen entfernt und dann zur Extrakt - dicke eindampft. Flavin iſt alſo ein Quercitronextrakt ohne einen Gehalt an Gerbſtoff; es gibt daher reinere Färbungen als jenes. Es beſteht nach Hummel-Knecht weſentlich aus Quercetin, was ich jedoch — unter Vorausſetzung der Richtigkeit der Darſtellungsmethode — ſtark bezweifle. Nach Bolley wird das Flavin durch Ausziehen der Quercitronrinde mit Alkalien und Kochen des Auszuges mit verdünnter Schwefelſäure, darge - ſtellt. Die Ausbeute beträgt 5 Prozent des Quercitrons. Dieſes Präparat iſt nichts anderes als Quercitrin. Dagegen erlaube ich mir zu bezweifeln, ob dieſes, auf die eben genannte Weiſe, dargeſtellte Produkt die 16 fache Färbekraft hat. Es waltet hier, wie auch bei den Quercitrinfarbſtoffen, ein bedauerlicher Wirrwarr in der Namengebung ob, ſo daß von den Angaben der verſchiedenen Autoren ſich kaum zwei decken.
5. Quercetin. Nach Schlumberger kocht man 40 kg Quer - citronrinde mit 120 kg Waſſer und 10 kg Schwefelſäure 2 Stunden lang, wäſcht aus, filtriert und dampft zum Trocknen ein. Dieſes Produkt dürfte meines Erachtens weſentlich aus Quercetin beſtehen und ſeinen Namen daher mit Recht führen. Dieſes Quercetin ſoll (nach Romen) nur das vierfache Färbevermögen der Quercitronrinde beſitzen, was mir ſtark un - wahrſcheinlich vorkommt. Dagegen ſoll es (nach Grothe) bei Anwendung155 höherer Temperaturen beim Ausfärben viel reinere und hellere Farbentöne geben als das Flavin, was wiederum mit der angeblich geringen Färbekraft ſchlecht harmoniert. Alle dieſe Angaben bedürfen ſehr der Beſtätigung oder Richtigſtellung.
1. Catechupräparate. a) Präpariertes Catechu iſt ein auf mechaniſche Weiſe gereinigtes Catechu. Man ſchmilzt zu dem Zweck das käufliche im Waſſerbade, wobei ſich Sand, Erde und dergl. abſetzen, und preßt zur Entfernung von Blättern durch ein grobes Seihetuch. Der ſo gereinigte Catechu wird nochmals im Waſſerbade erwärmt und auf 100 Teile des in Anwendung genommenen Extraktes ¾ Prozent doppelt chromſaures Kali untermiſcht. Sodann läßt man die Maſſe erkalten. Auch den nicht erſt gereinigten, ſondern nur fein zerriebenen und mit Kaliumdichromat oder Kupfervitriol vermiſchten Catechu bezeichnet man als präparierten Catechu.
2. Chemiſchbraun, Havannabraun. Ein durch Behandeln von Catechu mit oxydierenden Agentien, z. B. Salpeterſäure, Kaliumdichromat, vanadinſaurem Ammoniak, gewonnenes Braun.
3. Chryſaminſäure, Aloepurpur, C14 H4 (NO2) 4 O4, iſt das Pro - dukt der Einwirkung von kochender konzentrierter Salpeterſäure auf Aloë. Gleichzeitig bildet ſich Aloëtinſäure, welche durch erneutes Erhitzen mit Salpeterſäure in Chryſaminſäure übergeführt werden kann. Es wird dazu im ganzen das neun - bis zehnfache Gewicht der in Arbeit genommenen Aloë notwendig ſein. Nach dem Aufhören der Gasentwickelung wird das Reak - tionsprodukt durch ein Tuch gegoſſen und dann in einem dünnen Strahle in kaltes Waſſer, wobei ſich die Chryſaminſäure ſofort in Flocken abſcheidet. Man ſammelt die Flocken auf einem Filter und wäſcht ſolange mit Waſſer aus, bis dasſelbe anfängt, ſich roſenrot zu färben; dann trocknet man. Die Chryſaminſäure bildet große, goldglänzende Blättchen, ſchmeckt bitter, iſt löslich in Alkohol und Aether und faſt unlöslich in Waſſer. Sie iſt in neuerer Zeit wieder von Lindner zum Färben von Wolle und Seide ohne Beize empfohlen worden. Man erhält ſo purpurbraune bis braune Töne. Durch Neutraliſation der Flotte mit Kreide ſollen helle und dunkle Nüancen von Olivengrün erzielt werden. Mit Thonerdebeize ſoll man ſchöne violette Färbungen auf Seide und Wolle erhalten. Auch roſa, hortenſiablaue, graue und verſchiedene braune Nüancen laſſen ſich auf Wolle, Seide und Baumwolle erzielen. — Die Salze der Chryſaminſäure finden gleichfalls Verwendung, beſonders das Ammoniak und das Natronſalz. Auch als Beize zum Fixieren von Orſeillefarbe iſt die Chryſaminſäure zu verwenden. Die mit Aloe erzeugten Farben ſollen ſehr haltbar ſein.
1. Sumachextrakt, Schmackextrakt. Ein aus dem Sumach durch Kochen mit Waſſer und Eindampfen zur Trockne gewonnenes Extrakt. Ein höchſt überflüſſiges Präparat!
4. Neucatechu iſt ein Extrakt aus Kiefernholz mit heißem Waſſer bereitet, in Waſſer leicht löslich. Es enthält 32 Prozent Gerbſtoff, 35 Pro - zent Gallusſäure, 18,8 Prozent Farb - und Extraktivſtoff. Es wird ganz wie Catechu verwendet und gibt mit Eiſenſalzen einen grünen Niederſchlag.
7. Schwarzer Seidengrund; ein Tannenholzextrakt, braunſchwarz, in Waſſer löslich, mit 40 Prozent Gerbſtoff. Alle dieſe Gerbſtoffprä - parate haben nur untergeordneten Wert, da ihnen durch die fabrikmäßige Darſtellung des Tannins ein gewaltiger Konkurrent erwachſen iſt, deſſen Reinheit neben ſeiner einfachen und leichten Verwendung alle jene, Prä - parate überflüſſig macht.
Als künſtliche Farbſtoffe gelten alle diejenigen, welche aus den Pro - dukten der chemiſchen Großinduſtrie, nicht ſelten ſogar aus Abfallſtoffen, durch chemiſche Prozeſſe hergeſtellt werden. Vor 30 Jahren war hiervon noch nichts bekannt; man brachte eben das Mauveïn in den Handel, einen heute bereits wieder vergeſſenen Farbſtoff. Dann folgte, vor genau 30 Jahren (1858), die Entdeckung des Fuchſins durch A. W. Hofmann.
Was ſeither geſchehen iſt, werden die ältern Herrn ja noch friſch im Gedächtnis haben; den jüngeren aber ſei geſagt, daß mit dem Jahr 1858 für die Färberei ein neues Zeitalter begonnen hat, eine Zeit, in welche die Alten ſich nur ſchwer hineinfinden konnten. Die künſtlichen Farbſtoffe be - herrſchen den Farbwarenmarkt heute ſo vollſtändig, daß die guten alten na - türlichen Farbſtoffe und ſelbſt ein Teil der daraus gefertigten Präparate heutzutage, wenn auch nicht gerade vergeſſen ſind, ſo doch auch nicht mehr annähernd die Wichtigkeit haben, wie bis vor wenigen Jahren. Eine genaue Kenntnis der künſtlichen Farbſtoffe, ihrer Eigenſchaften, ihres Verhaltens gegen andere chemiſche Körper, insbeſondere gegen die Beizen und ihre Beziehungen zu den Faſern, das muß heute von einem jeden Färber verlangt werden können. Dagegen wird von ihm nicht verlangt werden die Darſtellungsweiſe und die chemiſche Zuſammenſetzung. So unentbehrlich dies für den Chemiker iſt, ſo will ich doch den Leſer dieſes Handbuchs nicht mit den Einzelheiten der Darſtellungs - methoden noch mit zungenbrecheriſchen chemiſchen Namen oder ellenlangen chemiſchen Formeln quälen; er findet nur das, was er wirklich braucht und wiſſen muß. Nur die Grundlage, worauf die heutige Farbſtoffchemie ruht, möchte hier mit einigen Worten erläutert werden. Ausgangspunkt der künſtlichen Farbſtoffe, welche anfangs als Anilinfarben, ſpäter als Teerfarben bezeichnet wurden, iſt der Steinkohlenteer, auf welchen Runge bereits 1834 als Rohprodukt zur Bereitung von Anilin hinwies, der Steinkohlenteer, welcher nach Einführung der Leuchtgasfabrikation als ein maſſenhaft abfallendes läſtiges, unverwendbares Nebenprodukt betrachtet und entweder verbrannt oder weggeſchüttet wurde. Dieſer Steinkohlenteer iſt der Urahn unſerer heutigen Farbſtoffe. Vom Steinkohlenteer bis zu den Farbſtoffen157 iſt freilich noch ein weiter Weg. Beſonders drei Abſchnitte ſind es, die ſich inzwiſchen unterſcheiden laſſen: die Teerdeſtillation, die Anilin - oder Halb - fabrikatproduktion und die Fabrikation der eigentlichen Farbſtoffe.
Die Teerdeſtillation bezweckt die Gewinnung der Rohprodukte der Anilin - oder Teerfarben durch Deſtillation aus eiſernen Retorten. Es gehen dabei verſchiedene Deſtillationsprodukte über. Der Teer fängt bereits bei 70° C., alſo noch unter dem Siedepunkt des Waſſers, an, Dämpfe abzu - geben, welche in geeigneten Vorlagen aufgefangen werden. Die Temperatur ſteigt allmählich bis auf 400° C., alſo noch höher als der Siedepunkt des Queckſilbers. Innerhalb der Temperatur von 70 bis 400° C. gehen drei verſchiedene Körper über und zwar findet ſich in dem Deſtillate von 70 bis 180° C. das Rohbenzol, „ „ „ „ 180 „ 250° C. „ Rohnaphtalin, „ „ „ „ 250 „ 400° C. „ Rohanthracen.
Halbfabrikatproduktion. Dieſe bildet eine eigene Induſtrie, welche die Reinigung und genauere Trennung vorſtehender Rohprodukte aus - führt. Sie zerlegt das Rohbenzol weiter in die reineren Produkte: Benzol, Toluol, Xylol, Cumol, und ſtellt aus dem rohen Naphtalin und Anthracen die reinen Fabrikate her.
Dieſe genannten Produkte bilden dann wieder den Ausgangspunkt zur Darſtellung weiterer Zwiſchenprodukte. So wird in eigenen Fabriken ge - wonnen durch Behandeln mit Salpeterſäure (Nitrieren): aus Benzol Nitrobenzol „ Toluol Nitrotoluol „ Xylol Nitroxylol „ Naphtalin Nitronaphtalin.
Behandelt man dieſe Abkömmlinge weiter mit Eiſen und Salzſäure, ſo erhält man aus Nitrobenzol Anilin, „ Nitrotoluol Toluidin, „ Nitroxylol Xilidin, „ Nitronaphtalin Naphtylamin.
Dieſe Körper ſind noch keineswegs Farbſtoffe, aber ſie bilden den Hauptausgangspunkt zur Herſtellung der Stoffe, aus welchen dann endlich die Farbſtoffe ſelbſt hergeſtellt werden. Die Zahl der daraus techniſch dar - geſtellten Fabrikate iſt eine ſo große, daß ſie hier gar nicht alle hergezählt werden können, ſie iſt ſo groß, daß man dieſelbe einteilt in Klaſſen, je nach ihrer Herkunft, und zwar in: Benzol-Derivate (d. h. Abkömmlinge des Benzols, Fabrikate, welche ſich vom Benzol ableiten, z. B. Nitrobenzol, Anilin, Dimethylanilin); Toluol-Derivate, z. B. Nitrotoluol, Toluidin; Xylol-Derivate; Naphtalin - und Anthracen-Derivate.
Die Farbenfabrikation bildet das letzte Glied in der langen Reihe jener chemiſchen Prozeſſe. Dieſe Fabrikation, welche in den letzten 15 Jahren infolge der Entdeckungen gelehrter Forſcher eine ungeahnte Ausdehnung ge - wonnen hat, verlangt zu ihrem Verſtändnis eine ſo weitgehende Kenntnis der organiſchen Chemie, daß eine Beſchreibung der einzelnen Operationen ganz zwecklos wäre. Denn nur wenige Leſer werden im Beſitz der dazu nötigen Vorkenntniſſe ſein, brauchen es auch gar nicht, denn die Verfahren158 ſind faſt alle durch Patente auf abſehbare Zeit geſchützt und überdies hat die Farbenfabrikation nur im Großbetrieb einen Sinn. Wen ſein Wiſſens - durſt jedoch treibt, mehr wiſſen zu wollen, dem ſeien folgende Werke em - pfohlen: Schulz, die Chemie des Steinkohlenteers; Benedikt, die künſt - lichen Farbſtoffe; Julius, die künſtlichen organiſchen Farbſtoffe.
Schwieriger als das oberflächliche Bild dieſer großen chemiſchen In - duſtrie iſt die Einteilung der großen Anzahl von Produkten. Für den Chemiker iſt es nicht ſchwierig, entweder auf Grund der Abſtammung (alſo der Derivate), oder auf Grund des Fabrikationsprozeſſes eine wiſſenſchaftliche Einteilung zu finden, oder ſich in einem ſolchen Syſtem zurechtzufinden. Für den Praktiker iſt das jedoch weniger nütze. Freilich haben ſich eine Anzahl wiſſenſchaftlicher Namen bereits in die Praxis eingeführt. Wenn von Anilin -, Naphtalin -, Anthracenfarbſtoffen die Rede iſt, das wird jeder wiſſen; wenn aber von Phenolfarbſtoffen, Amidofarbſtoffen, Chinolinfarbſtoffen, Benzidinfarbſtoffen, Azofarbſtoffen u. ſ. w. die Rede iſt, was dann?
Die mir zur Verfügung ſtehenden Werke haben ſämtlich eine Gruppen - einteilung nach wiſſenſchaftlichen Prinzipien angenommen. Wenn ich in meinem Handbuche eine derartige Einteilung nicht befolge, ſo iſt für mich der Umſtand maßgebend, daß es noch kein allgemein anerkanntes Syſtem gibt, daß ſelbſt zwiſchen den Autoren, welche die Klaſſifikation nach der Mutterſubſtanz vornehmen, keinerlei Uebereinſtimmung herrſcht, daß bei dem täglichen Auftauchen neuer Farbſtoffe, ja ſogar ganzer neuer Farbſtoffklaſſen, der Zeitpunkt für ein einheitliches wiſſenſchaftliches Syſtem, welches allſeitig genügt, überhaupt noch nicht gekommen erſcheint, und daß endlich das neueſte von O. N. Witt vorgeſchlagene Syſtem der chromophoren Gruppen für die Leſer dieſes Handbuches wohl kaum verſtändlich ſein dürfte.
Ich kehre deshalb zu der älteſten Einteilung nach Farben zurück, nicht etwa, weil ich ſie für die richtigere halte, wohl aber, weil ſie für den Zweck unſeres Handbuches die praktiſchſte iſt. Was die Ausdrücke Azofarb - ſtoff, Amidofarbſtoff, Nitroſofarbſtoff und dergl. bedeuten, werde ich bei paſſender Gelegenheit an beſonders geeigneten Beiſpielen erklären.
Die chemiſche Natur der künſtlichen Farbſtoffe iſt nach ihrer Zuſammen - ſetzung und ihrem innern Bau eine äußerſt komplizierte. Sie beanſprucht jedoch nach der techniſchen Seite hin nur untergeordnetes Intereſſe, obſchon nicht geleugnet werden ſoll, daß durch die Konſtitution, beſonders unter Annahme von Witts chromophoren Gruppen, manche Eigentümlichkeiten in ihrem Ver - halten ſich dürften erklären laſſen, welche bisher noch nicht befriedigende Er - klärung gefunden haben.
Sieht man dagegen von dem innern Aufbau ab, und urteilt nur nach dem Verhalten der chemiſchen Farbſtoffe, ſo finden wir ſehr bald einfache Beziehungen, welche das Verſtändnis für und die Bekanntſchaft mit dieſen Farbſtoffen ſehr erleichtern. So finden ſich eine ganze Anzahl von Farb - ſtoffe, welche ausgeprägt ſauren Charakter zeigen, und die deshalb auch159 wohl, obgleich fälſchlich, als „ Farbſäuren “bezeichnet werden. Allerdings ſind die „ ſauren Farbſtoffe “nicht ſtets wirkliche Säuren, ſondern vielfach phenolartige Körper (das normale Phenol wird ja gemeinhin Karbolſäure genannt), teils auch mono - oder diſulfonſaure Salze oder auch nitrierte Farbſtoffe. Hierher gehört deshalb der größte Teil der gelben Farbſtoffe, ein großer Teil der orangen und verſchiedene rote, auch grüne, blaue und violette.
Aber nicht alle ſauren Farbſtoffe ſind ſo augenſcheinlich charakteriſiert. Eine Anzahl zeigt dieſe Eigenſchaften nur in geringerem Maße. Kertész*)Die Anilinfarbſtoffe. Braunſchweig, 1888. hat ſie deshalb als „ ſchwachſaure Farbſtoffe “in eine beſondere Klaſſe gebracht. Während ſich die ſtarkſauren Farbſtoffe in Waſſer leicht löſen, ſind die ſchwachſauren in Waſſer meiſt ſchwer löslich. Auch beim Färben zeigt ſich ein Unterſchied: die Gewebefaſer vermag ſtarkſaure Farbſtoffe — ſelbſt nach vorherigem Beizen — nicht auf ſich zu fixieren. Dieſes wird erſt möglich in ſaurem Bade. Die ſchwachſauren Farbſtoffe bedür - fen des Säurezuſatzes nicht. Zu den ſchwachſauren Farbſtoffen gehören die meiſten natürlichen Farbſtoffe und die ihnen ähnlichen künſtlichen; ſie ſind ſämtlich in Alkalien leicht löslich und färben die Gewebefaſer mit Hilfe von Beizen.
Die dann verbleibenden Farbſtoffe werden gemeinhin als baſiſche be - zeichnet. Dieſe Bezeichnung iſt — ſofern ſie die eigentlichen Farbſtoffbaſen (z. B. Anilingelb) betrifft — richtig. Dagegen heißen auch die Salze der Farbſtoffbaſen, welche nichts weniger als baſiſchen Charakter zeigen, baſiſche Farbſtoffe, dieſe letzteren aber ſehr mit Unrecht. Es möchte ſich daher empfehlen, nur die wirklichen Farbſtoffbaſen als baſiſche Farbſtoffe, die Salze aber als waſſerlösliche neutrale Farbſtoffe zu bezeichnen. Dieſe ſind ſämtlich in Alkohol leicht löslich und färben Wolle in neutralem Bade ohne Zuſatz einer Säure, Baumwolle nach zuvorigem Beizen mit Tannin. Dieſe Einteilung werde ich im weitern Verlaufe bei den einzelnen Farben gleichfalls einhalten, nämlich: baſiſche, neutrale, ſchwachſaure, ſtark - ſaure, ſo daß der Färber, ſobald er einmal weiß, in welche Klaſſe ein Farb - ſtoff gehört, auch wiſſen muß, welche Eigenſchaft derſelbe hat und wie er angewendet werden kann. Um aber zu wiſſen, in welche Klaſſe ein Farb - ſtoff gehört, dafür hat Kertész*)Die Anilinfarbſtoffe. Braunſchweig, 1888. eine beachtenswerte Reaktion angegeben; er empfiehlt eine Löſung von 2 g Pikrinſäure und 5 g eſſigſaurem Natron in 100 g Waſſer oder andernfalls eine Tanninlöſung, beſtehend aus 2 g Tannin, 2 g eſſigſaurem Natron in 20 g Waſſer. Bringt man von einer der beiden Löſungen einige Tropfen zu einer klaren Löſung eines Farbſtoffes, und erwärmt dann, ſo werden die baſiſchen und neutralen Farbſtoffe nieder - geſchlagen, die ſchwach und ſtarkſauren dagegen bleiben klar.
Hat man nun einen nicht ſauren Stoff gefunden, d. h. hat die Farb - ſtofflöſung auf Zuſatz des Reagens ſich getrübt, ſo würde man zunächſt feſt - zuſtellen haben, ob man einen baſiſchen oder neutralen Farbſtoff vor ſich hat; die Farbſtoffbaſen ſind aber durchgehends farblos oder nur ſehr ſchwach gefärbt, dabei färben ſie aber Wolle oder Seide direkt; taucht man z. B. in die farbloſe Löſung der Roſanilinbaſe Wolle oder Seide und erwärmt, ſo färben ſich dieſe ebenſo ſtark rot, als wenn ein Anilinſalz vorhanden ge -160 weſen wäre. Tritt eine derartige Färbung aus farbloſer oder ſchwach gefärb - ter Löſung nicht ein, ſo hat man es mit einem Salze der Farbbaſe, d. h. mit einem neutralen Farbſtoffe zu thun.
Hat dagegen die Pikrinſäurelöſung oder die Tanninlöſung keine Fällung hervorgebracht, hat man es alſo mit einem ſtark oder ſchwach ſauren Farb - ſtoffe zu thun, ſo unterſcheidet man durch Probefärben im neutralen Bade, ob der Farbſtoff angeht oder nicht; iſt das der Fall, ſo hat man es mit einem ſchwach ſauren Farbſtoff zu thun; muß man dagegen, um das Angehen der Farbe zu erzielen, dem Bade eine Säure zuſetzen, ſo hat man es mit einem ſtark ſauren Farbſtoff zu thun.
Auch durch direktes gleichzeitiges Probefärben auf ungebeizte Wolle, un - gebeizte, mit Tannin gebeizte und mit eſſigſaurer Thonerde gebeizte Baumwolle gelangt man ſchnell zu einem ſicheren Schluſſe. Wird die Wolle direkt durch bloßes Erwärmen, und die mit Tannin gebeizte Baumwolle gefärbt, ſo haben wir einen baſiſchen oder einen neutralen Farbſtoff vor uns; bleibt die Wolle und die tannierte Baumwolle ungefärbt, und wird dagegen die mit Thonerde gebeizte Baumwolle fixiert, ſo haben wir es mit einem ſchwach ſauren Farbſtoff zu thun; färbt ſich die gebeizte Baumwolle überhaupt nicht, und die Wolle erſt aus ſaurem Bade, ſo haben wir einen ſtark ſauren Farbſtoff vor uns; färbt ſich endlich die ungebeizte Baumwolle direkt an, ſo haben wir es mit einem der neu entdeckten Benzidinfarbſtoffe zu thun.
Die künſtlichen Farbſtoffe kommen entweder in Kryſtallen, welche nicht ſelten Metallglanz zeigen, oder in Pulver, ſeltener (beſonders die ſchwach ſauren) in Teigform (en pâte) in den Handel. Der größere Teil iſt in Waſſer löslich; nur einige wenige müſſen in Alkohol gelöſt werden; dieſe kommen als „ ſpritlöslich “in den Handel, und werden in einem Gemiſch aus gleichen Teilen Alkohol und Waſſer unter Anwendung gelinder Wärme gelöſt. Eine Prüfung und Wertbeſtimmung iſt nur durch Probefärben zu erreichen, und durch Vergleichung der erzielten Farbe mit einem Normal - muſter, welches für dieſen Zweck des Vergleichens ein für allemal aufbe - wahrt und verwendet wird. Zum Probefärben verwendet man bei baſiſchen und neutralen Farbſtoffen Baumwolle, bei den ſtark ſauren Wolle, bei den ſchwach ſauren kann man beides verwenden.
Aus der im vorigen Paragraphen enthaltenen Charakteriſtik iſt eigent - lich ſchon die Art ihrer Verwendung zu erſehen.
Hier ſei nur noch folgendes nachzutragen:
Die künſtlichen Farbſtoffe müſſen in gelöſter Form verwendet, d. h. ſie müſſen vor dem Gebrauch aufgelöſt werden. Die Löſung muß klar ſein; nötigenfalls muß ſie filtriert werden. Am beſten löſt man den Farbſtoff erſt zum Gebrauch auf; das Vorrätighalten von Löſungen iſt nicht zu empfehlen. Von der friſch bereiteten Löſung empfiehlt es ſich nicht, die ganze Menge mit einemmal zuzuſetzen, ſondern in kleineren Portionen, wo - durch ein gleichmäßigeres Angehen der Farbſtoffe erreicht wird.
Baſiſche Farbſtoffe, d. h. die reinen Farbſtoffbaſen, werden nur höchſt ſelten verwendet, ſondern meiſt in Form ihrer Salze.
161Neutrale Farbſtoffe, d. h. die Salze der Farbſtoffbaſen, werden zum Färben von Wolle und Seide direkt, d. h. ohne Anwendung von Beizen, verwendet. Pflanzenfaſern müſſen zuvor nach dem Tannin-Brechweinſtein - Verfahren gebeizt werden.
Schwach ſaure Farbſtoffe werden auf Seide gar nicht, auf Wolle und Baumwolle unter Anwendung von Beizen angewendet; wobei als Beize für Wolle Chromſalze oder Thonerdeſalze, als Beize für Baumwolle Thon - erdeſalze, Eiſenoxydſalze und Chromoxydſalze in Betracht kommen.
Stark ſaure Farbſtoffe werden nur auf Wolle unter Zuſatz von Glauberſalz und Schwefelſäure oder an deren Stelle von Natriumbiſulfat (ſog. „ Weinſteinpräparat “) angewendet. Auf Baumwolle eignen ſich die ſtark ſauren Farbſtoffe nicht, mit Ausnahme der erſt neuerlich entdeckten Benzidinfarben: Chryſamin, Congo, Benzopurpurin, Benzoazurin, Azoblau, Heſſiſchgelb ꝛc. Dieſe färben Baumwolle ſubſtantiv, d. h. ohne Anwen - dung von Beizen. Hierher ſcheinen auch die noch wenig bekannten Ingrain - Farben zu rechnen zu ſein.
Von den wirklich baſiſchen roten Farbſtoffen, d. h. den Farbſtoffbaſen der roten Farbſtoffe, ſoweit ſie in den Bereich der techniſchen Färberei ge - hören, ſind nur zwei zu erwähnen: das Pararoſanilin und das Ro - ſanilin. Die übrigen Farbſtoffbaſen — Phenylphenazonium, Toluphenazin und Iſochinolin — haben für die Färberei kein direktes Intereſſe.
Pararoſanilin entſteht durch Oxydation eines Gemiſches aus 2 Mol. Paratoluidin und 1 Mol. Anilin. Roſanilin entſteht durch Oxydation eines Gemiſches aus je 1 Mol. Paratoluidin, Orthotoluidin und Anilin. Dieſe beiden Farbſtoffbaſen ſelbſt ſind farblos; ſie werden jedoch ſchon durch bloßes Liegen an der Luft rot infolge Aufnahme von Kohlenſäure und Bildung von kohlenſaurem Salz. Die beiden Baſen bilden ſich ſtets gleich - zeitig, mindeſtens hat man in der Technik ſtets ein Gemiſch von Para - roſanilin mit Roſanilin vor ſich. Die beiden Baſen ſind nicht gleichbedeu - tend, auch von verſchiedener chemiſcher Zuſammenſetzung (das Roſanilin iſt methyliertes Pararoſanilin), ſtehen aber in engſter chemiſcher Verwandt - ſchaft und finden ſich ſelbſt in ihren Salzen nie allein, ſondern ſtets in wechſelnden Mengen gemiſcht vor. Die Roſanilinbaſen ſind dreiſäurige Baſen, d. h. ſie können, je nachdem ſie ſich mit 1, 2 oder 3 Mol. einer Säure verbinden, drei Reihen von Salzen bilden. Die erſte Reihe die - ſer Salze — mit 1 Mol. Säure — ſind die Roſanilinfarbſtoffe.
Das Roſanilinbaſengemiſch, obgleich farblos, färbt Wolle und Seide in heißem Bade direkt rot.
Die neutralen roten Farbſtoffe ſind die Salze der Farbſtoffbaſen. Sie zeichnen ſich durch ihre leichte Löslichkeit in Waſſer und in Alkohol aus,Ganswindt, Färberei. 11162werden aber aus ihren Löſungen durch Pikrinſäurelöſung oder Tanninlöſung (§ 63) beim Erwärmen ausgefällt.
Dieſe ſind Salze der Roſanilinbaſen mit Chlorwaſſerſtoffſäure, Eſſig - ſäure oder Salpeterſäure, alſo ſalzſaures, eſſigſaures oder ſalpeter - ſaures Roſanilin. Ihr Hauptvertreter iſt das Anilinrot oder Fuch - ſin, und deſſen Abfallprodukte: Grenadine, Ceriſe, Marron.
1. Fuchſin, ſalzſaures Roſanilin, eſſigſaures reſp. ſalpeterſaures Ro - ſanilin und Pararoſanilin, Anilinrot, Azaleïn, Harmalin, Magenta, Solferino, Tyralin, Roſeïn, Rubin, Diamantfuchſin, Gold - roſeïn, Brillantfuchſin, Neurot ꝛc. — Vorzugsweiſe wird das ſalz - ſaure Salz mit Fuchſin, das eſſigſaure als Roſeïn, das ſal - peterſaure als Azaleïn bezeichnet.
Darſtellung. Das geſamte in den Handel kommende Fuchſin wird durch Oxydation von Anilinöl dargeſtellt. Dieſes Anilinöl oder Rot - anilin iſt das in § 65 bereits namhaft gemachte Gemiſch aus je 1 Mol. Paratoluidin, Orthotoluidin und Anilin. F. Fiſcher gibt in ſeiner Techno - logie zwei Beiſpiele von der Zuſammenſetzung von Rotölen:
Dieſe „ Rotöle “werden entweder mittels Arſenſäure oder mittels Nitro - benzol oder Queckſilbernitrat oxydiert.
Arſenſäureverfahren. Je 1000 kg Rotanilin werden mit 1300 bis 1500 kg 75 prozentiger Arſenſäure in eiſernen Keſſeln erhitzt. Die Keſſel ſind mit einem Deckel verſchloſſen, welcher ein Abzugsrohr für die entweichenden Dämpfe enthält. Dasſelbe ſteht mit einem Kühlapparat in Verbindung. Durch die Mitte des Deckels geht ein Rührwerk hindurch. Hat die Temperatur im Keſſel den Siedepunkt des Anilins überſtiegen, ſo beginnt eine Miſchung von Anilin und Orthotoluidin, die ſogenannten Echap - pées der Fuchſinfabrikation, abzudeſtillieren, welche dann zur Erzeugung von Safranin Verwendung finden.
Das Erhitzen wird ſolange fortgeſetzt, bis eine mit einem eiſernen Stabe herausgenommene Probe die richtige Farbe und Konſiſtenz der Schmelze an - zeigt. Die Schmelze wird ſodann durch Einleiten von geſpanntem Waſſer - dampf verflüſſigt und in große eiſerne Cylinder gepreßt, in welchen ſie mit Waſſer ausgekocht wird. Oder man läßt den Inhalt der Schmelzkeſſel in eiſerne oder hölzerne Käſten ab, läßt ſie erſtarren und zerkleinert die Schmelze vor dem Auskochen.
In Löſung befinden ſich nur arſenigſaure und arſenſaure Salze der Roſaniline und einiger anderer Baſen, welche ſich als Nebenprodukte ge - bildet haben, vornehmlich Chryſanilin, dann auch etwas Mauvanilin ꝛc., fer - ner enthält die Flüſſigkeit überſchüſſige Arſenſäure und harzartige Verun - reinigungen.
Der in Waſſer unlösliche Teil der Schmelze beſteht aus harzartigen Subſtanzen, welchen zwei weitere Farbſtoffe, nämlich Mauvanilin und Viol -163 anilin beigemiſcht ſind. Außerdem enthält er noch einen Teil des Chryſani - lins. Aus dieſen Rückſtänden wird das Chryſanilin (Phosphin) und braune Farbſtoffe gewonnen, welche die Namen Marron, Grenadine ꝛc. führen und wechſelnde Gemenge der Chlorhydrate ſämtlicher genannter Baſen ent - halten. Die Rohfuchſinlöſung wird in große eiſerne Käſten filtriert und mit viel Kochſalz verſetzt. Dasſelbe dient einerſeits dazu, die arſenigſauren und arſenſauren Roſaniline durch doppelte Umſetzung in Chlorhydrate überzufüh - ren, andererſeits aber befördert es die Ausſcheidung des Farbſtoffes durch „ Ausſalzen “.
Das Fuchſin ſcheidet ſich in Kryſtallen aus, die durch Umkryſtalliſieren aus Waſſer weiter gereinigt werden können. Aus den Mutterlaugen ge - winnt man geringere Sorten Fuchſin (Ceriſe).
Nitrobenzolverfahren. Zwei Drittel von 100 Teilen Rot - anilin werden mit Salzſäure neutraliſiert, bei 140° getrocknet und mit dem andern Drittel gemiſcht. Dann miſcht man 50 Teile Nitrobenzol und 3 bis 5 Teile Eiſenfeile hinzu und erhitzt auf 190°. Es bildet ſich Eiſenchlorür, welches ſodann den Sauerſtoff des Nitrobenzols auf das Anilin überträgt, indem es ſich vorübergehend in Eiſenchlorid verwandelt.
Die Schmelze wird nach dem Abdeſtillieren des überſchüſſigen Anilins in ähnlicher Weiſe, wie beim Arſenſäureverfahren, verarbeitet. Sie enthält neben Roſanilin ebenfalls Mauvanilin, Chryſanilin ꝛc. Der Hauptvorzug dieſes Verfahrens beſteht darin, daß es vollſtändig arſenfreies Fuchſin liefert.
Queckſilbernitratverfahren. Rotöl wird durch ſalpeterſaures Queckſilber oxydiert; es reſultiert dabei ſalpeterſaures Roſanilin, welches ent - weder als ſolches (Azaleïn) in den Handel kommt, oder durch „ Ausſalzen “mittels Kochſalz in das ſalzſaure Salz übergeführt wird.
Eigenſchaften des Fuchſins. Die Salze, welche die beiden Roſani - line mit je einem Molekül Säure geben, ſind im auffallenden Lichte metalliſch - grünglänzend, im durchfallenden in dünnen Schichten rot. Die Löſungen ſind karminrot, nicht fluorescierend.
Das ſalzſaure Roſanilin, C20 H19 N3 HCl, welches den Hauptbeſtandteil des techniſchen Fuchſins bildet, kryſtalliſiert in rhombiſchen Tafeln. 1 Teil Fuchſin löſt ſich in circa 330 Teilen Waſſer von gewöhnlicher Temperatur, leichter in heißem Waſſer. Es iſt in 10 Teilen Alkohol, ferner in Amyl - alkohol löslich. Mit konzentrierter Salzſäure gibt es braune Nadeln des dreifach ſauren Salzes, C20 H19 N3 · 3 HCl, welche ſich in Salzſäure mit brauner Farbe löſen, beim Uebergießen mit Waſſer hingegen in das einfach ſaure Salz und in Salzſäure zerfallen.
Aetzalkalien, Ammoniak, Aetzbaryt und Aetzkalk zerlegen Fuchſinlöſungen und ſcheiden daraus die freie Farbbaſe kryſtalliniſch aus. Reduktionsmittel, wie Zink und Eſſigſäure, Zinnchlorür ꝛc. entfärben Fuchſin unter Bildung von Leukanilinſalzen. Die entfärbten Löſungen bleiben beim Stehen an der Luft farblos (Unterſchied von Safranin, Magdalarot). Das Fuchſin wird durch Aldehyd in einen blauen Farbſtoff verwandelt.
Das Fuchſin des Handels. Das reinſte Fuchſin des Handels heißt Diamantfuchſin, Rubin oder Brillantfuchſin. Die geringeren Sor - ten ſind durch harzartige Beimengungen verunreinigt, welche beim Auflöſen in Waſſer als grünglänzende Häutchen obenauf ſchwimmen. Sie ſind durch11*164Filtrieren ſchwer zu entfernen, man entnimmt daher die Fuchſinlöſungen den Standgefäßen am beſten durch in der Nähe des Bodens angebrachte Tubu - laturen.
Außerdem enthält das Fuchſin häufig mineraliſche Verunreinigungen, die beim Verbrennen als Aſche zurückbleiben.
Nach dem Arſenverfahren hergeſtelltes Fuchſin enthält geringere oder größere Mengen von Arſen, welches in Form von arſeniger und Arſenſäure, aber auch als metallorganiſche Verbindungen enthalten ſein kann.
Eine Löſung von ganz reinem Fuchſin wird von wäſſeriger ſchwef - liger Säure nahezu vollſtändig entfärbt, während unreines Fuchſin unter denſelben Verhältniſſen ſchmutziggelbe bis braune Löſungen gibt.
Die Prüfung geſchieht durch Probefärben. Die Färbekraft des Fuch - ſins iſt eine ganz außerordentliche; im Durchſchnitt ſind Färbungen von ⅓ bis ½ Prozent Stärke üblich. — Bisweilen findet es ſich verunreinigt mit Chryſoidin oder Methylviolett. Chryſoidin wird durch Aufſtreuen des feingepulverten Fuchſins auf konzentrierte Salzſäure erkannt: das reine Fuchſin färbt ſich dabei gelb, das Chryſoidin ponceaurot. Methylvio - lett wird durch Zuſatz von ein wenig ſalpetrigſaurem Natron und Eſſigſäure zur Fuchſinlöſung erkannt: bei reinem Fuchſin wird die Löſung gelb bis grün - lichgelb, bei Anweſenheit von Methylviolett blau oder bläulich. — Mit Abfallprodukten der Fabrikation verunreinigtes Fuchſin löſt ſich ſchwerer in Waſſer und bedarf zur Löſung eines geringen Zuſatzes von Eſſigſäure.
Anwendung. Fuchſin färbt Wolle und Seide direkt aus neutralem Bade, ohne Zuſatz einer Beize. Bei Verwendung von hartem Waſſer iſt Zuſatz des doppelten Gewichts Eſſigſäure zum Bade nötig; bei Seide em - pfiehlt ſich ein ſchwaches Baſtſeifenbad mit Zuſatz von etwas Eſſigſäure. — Baumwolle und Leinen wird zuvor mit Tannin und Brechweinſtein gebeizt. Jute wird ungebeizt gefärbt. — Fuchſin wird auch mit andern Farbſtoffen direkt vermiſcht und kommt in derartigen Miſchungen in den Handel; ſo mit Chryſoidin gemiſcht als Kardinal, Ruſſiſchrot, mit Methylviolett als Primula, mit Auramin als Fuchſinſcharlach. — Soll beim Färben Fuchſin mit andern künſtlichen Farbſtoffen kombiniert werden, ſo müſſen dieſe natürlich gleichfalls neutralfärbende oder höchſtens ſchwach ſaure ſein. — Die Färbungen mit Fuchſin ſind ſehr lichtunecht und nicht walkecht. Kertész empfiehlt beim Färben mit Fuchſin einen Zuſatz von Bitterſalz (3 Prozent vom Gewicht des Gewebematerials); der Farbſtoff ſoll dadurch langſamer an - gehen und lebhafter werden. Die Färbung auf Baumwolle mittels Tannin und Brechweinſtein iſt waſchecht.
2. Ceriſe iſt ein Nebenprodukt der Fuchſinfabrikation; man betrachtet es allgemein als „ unreines Fuchſin “; es enthält meiſt Phosphin. Es iſt in Waſſer wie in Alkohol minder leicht löslich, wie Fuchſin und bedarf zur Löſung eines Eſſigſäurezuſatzes. Ceriſe gibt eine mehr gelbliche Nüance und iſt nicht ſo leuchtend, als Fuchſin; es wird nur für billigere Artikel verwendet. Die Farbſtofflöſungen müſſen vor dem Gebrauch filtriert werden.
3. Grenadin, gleichfalls ein Nebenprodukt der Fuchſinfabrikation, dem Ceriſe naheſtehend, gibt etwas dunklere Nüancen und iſt matter; wird wie Ceriſe angewendet, auch zum Abdunkeln neben Fuchſin gebraucht. Ceriſe und Grenadin kommen auch unter dem Namen Fuchſin J, Grenadin J, Crimſon, Juchtenrot, in den Handel.
1654. Marron, Baumwollbordeaux; ein durch Fällung mit Aetz - natron aus den Fuchſinmutterlaugen gewonnenes Rückſtandsprodukt; es iſt in Waſſer ſelten klar löslich, ſondern erfordert einen Zuſatz von Salzſäure zur völligen Löſung. Es gibt rotbraune Farbentöne und iſt bedeutend matter als die vorigen; kommt in Stücken, oder als Pulver, bisweilen auch als Teig in den Handel. Anwendung wie bei Ceriſe, aber zu dunkleren Nüancen, und zu minderwertigen Waren. — Eine Miſchung aus Marron und Methyl - violett führt den Namen Corinth. — Andere unreine, meiſt Phosphin enthaltende, Fuchſinſorten kommen unter den Namen Geranium und Juchtenrot in den Handel.
Hierher gehören eine Anzahl von Farbſtoffen, welche man noch vor kurzem unter dem Sammelnamen „ Safranin “vereinigte, und andere, welche dieſen durch ihren Bau und ihr Verhalten nahe ſtehen. Die be - treffenden Farbſtoffbaſen ſind hier das Dimethyldiamido-Toluphenazin und das Phenylphenazin. Hierher gehören:
1. Toluylenrot, Neutralrot, ſalzſaures Dimethyldiamido-Tolu - phenazin. Dieſer neue Farbſtoff iſt zuerſt von O. N. Witt dargeſtellt, und wird jetzt als faſt chemiſch reines Produkt von Caſſella & Comp. auf den Markt gebracht. Er wird dargeſtellt durch Erhitzen einer wäſſerigen ange - ſäuerten Löſung von Toluylenblau zum Kochen. Es iſt ein dunkel ſchwarz - grünes Pulver. Die wäſſerige Löſung iſt karmoiſinrot; Natronlauge fällt daraus die Farbbaſe als gelbbraunen Niederſchlag; Ammoniak fällt orange - farbene Flocken, welche von Aether rot mit gelber Fluorescenz aufgenommen werden. — Es exiſtiert auch noch ein homologes „ einfachſtes “Toluylenrot, ſalzſaures Diamido-Toluphenazin von der Formel C13 H14 N4 · HCl. Das Toluylenrot findet Anwendung in der Baumwollenfärberei zur Erzeugung einfacher oder zuſammengeſetzter roter Nüancen unter Benutzung des Tannin - Brechweinſteinverfahrens; auf Wolle und Seide wird es ſeiner Lichtunecht - heit wegen nicht angewendet.
2. Safranin, Safraninrot, ſalzſaures Phenylphenazin. Die Dar - ſtellung des Safranins iſt der des Fuchſins ſehr ähnlich; ſie geſchieht durch Oxydation von Orthoamidoazotoluol in Gegenwart von Toluidin. Techniſch wird das Safranin durch Oxydation eines Baſengemiſches von je 1 Mol. Paratoluylendiamin, Orthotoluidin und Anilin (ein ſolches kommt im Handel unter dem Namen „ Anilin für Safranin “vor) mittels Kaliumdichromat ge - wonnen. Das Safranin des Handels kommt teils als ponceaurotes Pulver, teils als braune Kryſtalle, teils in Teigform vor. Es löſt ſich in heißem Waſſer ohne Rückſtand; ſchwerer lösliches Safranin wird durch Befeuchten mit etwas Alkohol löslich gemacht; in Alkohol iſt es ſehr leicht löslich. Die Löſung wird durch Natronlauge mit braunroter Farbe gefällt; Säurezuſatz bewirkt keine Fällung; Zinkſtaub entfärbt die Löſung, bei Luftzutritt ſtellt ſich die urſprüngliche Farbe ſchnell wieder ein. — Anwendung findet es vor - nehmlich in der Baumwollenfärberei als Erſatz des Safflors, ſeltener für Seide, faſt gar nicht auf Wolle. Die Art der Anwendung iſt dieſelbe wie beim Fuchſin. Die mit Safranin erzeugten Töne ſind nicht lichtecht, die auf gebeizter Baumwolle aber waſchecht, auch etwas lichtechter. Es findet auch Verwendung zur Imitation und zum Nüancieren von Alizarinrot, muß166 dann aber, da die Nüance des Safranins etwas blauſtichig iſt, mit kleinen Mengen Auramin oder Flavanilin nüanciert werden.
Das Safranin kommt vielfach mit gelben Farbſtoffen vermiſcht in den Handel. Solche Gemiſche führen z. B. die Namen Baumwollponceau, Baumwollſcharlach, Echtrot, Neurot, Ponceau B, Ponceau G, Safraninſcharlach. Zum Vermiſchen wird meiſt Chryſoidin angewendet. Auch beim Färben laſſen ſich durch Nüancieren mit neutralen gelben Farb - ſtoffen alle Nüancen von Türkiſchrot, Ponceau und Scharlach herſtellen, andererſeits durch Kombinieren (beſonders mit Methylenblau) echte violette Töne erzielen.
Außer dem vorſtehenden Safranin gibt es noch eine Anzahl andere Farb - ſtoffe, welche in dieſe Kategorie gehören und ſich ſchon durch ihre Namen als ſolche charakteriſieren: Phenoſafranin, Toluſafranin, Dimethylſafranin (Fuchſia d. Geſ. f. chem. Induſtrie in Baſel), Methyläthylſafranin. Dieſe verhalten ſich ähnlich wie das vorbeſchriebene Safranin, und werden auch ähnlich verwendet. Die Methyl - und Aethylſafranine haben ſchon mehr vio - lette Töne; von dieſen war das Tetraäthylphenoſafranin einige Zeit hindurch als Amethyſt ſtark im Gebrauch; ein ähnliches Produkt iſt Giroflé. Ueber den methylierten Safranin ſ. neutrale violette Farben.
3. Magdalarot, Naphtalinroſa, Roſonaphtylamin, Su - danrot, Naphtalinſcharlach, ſalzſaures Diamido-Naphtyl-Naphtazin; bildet ſich beim Erhitzen von α-Amidoazonaphtalin mit eſſigſaurem α-Naph - talin in nur geringen Mengen. Es iſt daher ſelten und teuer und kann nur beſchränkte Anwendung für helle roſa Töne in der Seidenfärberei fin - den. Es ſtellt ein ſchwarzbraunes, undeutlich kryſtalliniſches Pulver vor, in reinem Zuſtande grünglänzende, große Nadeln, welche ſich in Waſſer ſchwer, in Alkohol leicht löſen. Die alkoholiſche Löſung iſt blaurot und zeigt eine prachtvoll zinnoberrote Fluorescenz. Dieſer Dichroismus teilt ſich auch den mit Magdalarot gefärbten Faſern mit, und tritt beſonders ſchön auf Seide hervor, wenn nur lichte Töne aufgefärbt wurden. Die Anwendung auf Seide geſchieht in einem ſchwachen Baſtſeifenbade. Die Färbungen ſind weſentlich echter, als die mit Fuchſin oder Safranin, beſonders gegen ver - dünnte Säure, weniger gegen Licht.
Der einzige rote Farbſtoff dieſer Klaſſe iſt das Chinolinrot, ein neuerer und noch wenig bekannter Farbſtoff. Die Farbſtoffbaſe iſt das Iſochinolin. Dieſen Farbſtoff, welchen E. Jacobſen zuerſt entdeckte, hat A. W. Hofmann jüngſt vorteilhaft darſtellen gelehrt und zwar durch Erhitzen gleicher Moleküle Benzotrichlorid, Chinolin und Iſochinolin in Gegenwart von Chlorzink. Das Chinolinrot bildet dunkelbraunrote, bronze - glänzende Nädelchen, löſt ſich mit karminroter Farbe in Alkohol, die ver - dünnte Löſung zeigt eine prächtig feuerrote Fluorescenz, die auch beim Färben auf Seide erhalten bleibt. Das Chinolinrot löſt ſich in Schwefel - ſäure farblos auf, beim Verdünnen jedoch bringt jeder Tropfen Waſſer eine intenſive Rotfärbung hervor, welche beim Umrühren wieder verſchwindet; bei genügender Verdünnung wird die ganze Flüſſigkeit tief fuchſinrot. Die Anwendung geſchieht ganz wie beim Magdalarot.
Hier kommen nur zwei Kategorien von Farbſtoffen in Betracht, welche wir bei den baſiſchen und neutralen nicht kennen gelernt haben. Bei dieſen Verbindungen haben wir es nicht mehr mit einer Farbſtoffbaſe oder mit deren Salzen zu thun; vielmehr zeigen die Farbſtoffe hier bereits ſaure Eigenſchaften; vielfach ſind es ſaure ätherartige Verbindungen, welche in Form von Kali - oder Natronſalzen in den Handel kommen. Sie ſind ſämt - lich in Alkalien leicht löslich.
Als Phtaleïne oder Reſorcinfarbſtoffe bezeichnet man eine Reihe von Farbſtoffen, welche anfänglich Eoſine genannt wurden. Die ſämtlichen Farbſtoffe der Eoſingruppe ſind Abkömmlinge des Fluoresceïns, welches durch Zuſammenſchmelzen von 3 Teilen Phtalſäureanhydrid mit 4 Teilen Reſorcin bei 195° gewonnen wird. Die Eoſine (mit Ausnahme des Tetra - jodfluoresceïns) zeichnen ſich durch die gelbe bis grüne Fluorescenz der ammoniakaliſchen rot gefärbten Löſung aus, welche jedoch auf Zuſatz einer Säure verſchwindet. In kalter Schwefelſäure geben ſie ſchwach gelb - liche Löſungen (Unterſchied von den Azofarbſtoffen). Mit Thonerde -, Zinn - und Bleiſalzen geben ſie Farblacke. Die Eoſine löſen ſich zum Teil in Waſſer, zum Teil nur in Alkohol. Sie wurden wegen ihrer reinen Nüancen und ihres Luſtres bis vor kurzem vielfach angewendet, ſind aber durch die lichtechteren Azofarbſtoffe mehr und mehr verdrängt worden.
1. Eoſin A (Bad. Anil. - u. Sod. -Fabr.); Eoſin GGF (Caſſella), Eoſin gelblich (Akt. f. Anilinfabr.); Waſſerlösliches Eoſin (M. L. & B.), iſt das Kali - oder Natronſalz des Tetrabromfluoresceïns. Es wird durch Einwirkung von Brom oder Bromwaſſer auf in Eſſigſäure gelöſtes Fluores - ceïn erhalten; es ſcheidet ſich dabei als rote kryſtalliniſche Maſſe ab. Die Alkaliſalze ſind in Waſſer leicht löslich. Die Löſungen ſind roſa mit ſtark gelbgrüner Fluorescenz. Verdünnte Mineralſäuren fällen daraus Tetrabromfluoresceïn als gelben Niederſchlag aus. — Anwendung. Das gewöhnliche Eoſin gibt eine rotorange Nüance und wird vorwiegend auf Seide angewendet, worauf die brillanten Nüancen der Eoſine zu voller Gel - tung kommen. Man färbt in einem ſchwach mit Eſſigſäure angeſäuerten Baſtſeifenbade. Auf Wolle wird Eoſin ſeltener verwendet; auf Baum - wolle nach vorherigem Beizen mit Alaun, eſſigſaurer Thonerde, Zink - oder Bleiſalzen. Dabei geben die Thonerdebeizen einen gelblichen, die Bleibeizen einen mehr bläulichen Ton; die Fixierung iſt aber wenig feſt.
2. Erythroſin (M. L. & B.), Eoſin J (Bad. Anil. - und Sodaf.) Erythroſin B (Akt. -Geſ. f. Anil. -Fabr. ), Pyroſin B, Primerose soluble, iſt das Kaliumſalz des Tetrajodfluoresceïns; es wird wie Eoſin dargeſtellt, nur daß an Stelle von Brom Jod angewendet wird. Es iſt ein braunes, in Waſſer mit kirſchroter Farbe lösliches Pulver. Die Löſung in Waſſer fluoresciert nicht. — Anwendung wie bei Eoſin; die damit erzielten Nüan - cen ſind mehr bläulichrot; auf Baumwolle gibt es ein lebhaftes Roſa.
1683. Eoſin BN (Bad. Anil. - u. Sodafabr. ), Safroſin (Akt. -Geſ. f. chem. Induſt. ), Eoſinſcharlach B (Caſſella), Methyleoſin (Akt. f. Anil. -Fabr. ) iſt das Natriumſalz des Dibromdinitrofluoresceïns. Es iſt ein braunes kryſtalli - niſches Pulver, in Waſſer leicht mit gelbroter Farbe löslich; die rein wäſſerige Löſung beſitzt keine Fluorescenz, eine Löſung in 50proz. Alkohol zeigt eine ſchwache Fluorescenz. Man erzielt damit auf Seide und Wolle ein geſättigtes Ponceau. Als Miſchungen mit Eoſin BN kommen einige Farbſtoffe in den Handel, und zwar iſt Nopalin oder Kaiſerrot eine Miſchung mit Bi - nitronaphtol, Coccin eine Miſchung mit Aurantia und Lutecienne eine Miſchung mit Di - und Tetranitrofluoresceïn. Dieſe Miſchungen geben orangerote Töne. — Die naheverwandten Farbſtoffe Rubeoſin und Aureoſin kommen im Handel nicht mehr vor.
4. Phloxin iſt das Kaliumſalz des Tetrabromdichlorfluoresceïns. Es wird erhalten, wenn man Dichlorphtalſäureanhydrid mit Reſorcin zuſammen - ſchmilzt und nun das ſo gewonnene Dichlorfluoresceïn in gleicher Weiſe, wie oben beim Eoſin das reine Fluoresceïn, mit Brom behandelt. Es iſt ein braungelbes Pulver, in Waſſer mit kirſchroter Farbe löslich, leicht löslich in einer Miſchung aus gleichen Teilen Alkohol und Waſſer; die Löſung iſt durch große Fluorescenz ausgezeichnet. — Anwendung wie bei Eoſin. Die Färbungen auf Seide ſind noch etwas blauer und lebhafter als mit Ery - throſin; Wolle wird bläulichrot gefärbt ohne Fluorescenz.
5. Bengalroſa, Rose bengale, iſt das Natriumſalz des Tetrajod - dichlorfluoresceïns, und wird durch Behandeln von Dichlorfluoresceïn mit Jod in gleicher Weiſe, wie beim Phloxin mit Brom gewonnen. Braunes Pulver, in Waſſer leicht löslich mit kirſchroter Farbe ohne Fluorescenz, gibt noch etwas blauere Nüancen wie Phloxin. Ein ganz ähnlicher Farbſtoff iſt Rose bengale B.
6. Methyleoſin (Monnet & Comp.), Erythrin, Spritlösliches Eoſin (Bad. Anil. - u. Sodafabr. ), iſt das Kaliumſalz des Tetrabromfluores - ceïn-Methyläthers. Man erhält es durch Behandeln von Eoſin mit Methyl - alkohol und Schwefelſäure. Grünglänzendes Pulver oder Blättchen. Es löſt ſich ſchwer in kaltem, leichter in kochendem Waſſer und in 50prozentigem Alkohol mit kirſchroter Farbe und gibt gelbere und lebhaftere, auch be - ſtändigere Nüancen, als das gewöhnliche, waſſerlösliche Eoſin.
7. Aethyleoſin, Primeroſe-Aethyleoſin, Roſe JB, Eoſin S (Bad. Anilin - u. Sodafabr. ), iſt das Kaliumſalz des Tetrabromfluoresceïn - Aethyläthers. Es wird in gleicher Weiſe wie Methyleoſin gewonnen, nur daß man ſtatt Methylalkohol Aethylalkohol verwendet. Braunes, mit grünen Kryſtällchen vermiſchtes Pulver. Löſt ſich wie Methyleoſin, die Nüance iſt aber mehr gelblichrot.
8. Cyanoſin, Methylphloxin, iſt das Kaliumſalz des Tetrabromdi - chlorfluoresceïn-Methyläthers und wird aus Phloxin mit Methylalkohol und Schwefelſäure gewonnen in gleicher Weiſe, wie das Methyleoſin aus Eoſin. Braunrotes Pulver, in kaltem Waſſer unlöslich, in kochendem wenig löslich. Löſt ſich wie Phloxin. Die Nüance iſt ziemlich gleich der des Erythroſins, aber bedeutend lebhafter. — Die 3 letzten finden nur in der Seidenfärberei169 Verwendung; der Farbſtoff wird in 50prozentigem Alkohol gelöſt und dem mit Eſſigſäure angeſäuerten Farbbade in einzelnen Portionen zugeſetzt.
9. Rhodamin. Unter dieſem Namen bringt die Badiſche Anilin - und Sodafabrik ſeit einem Jahre einen neuen Farbſtoff in den Handel, welcher das Phtaleïn des Diäthylmetaamidophenols iſt. Es ſind grüne Kryſtalle oder ein rötlich violettes Pulver. Ueber deſſen Eigenſchaften wird mitgeteilt, daß es auf Wolle und Seide ein Roſa von ſehr reiner Nüance und großer Fluorescenz liefert. Vor den ſeitherigen, in Nüance naheſtehen - den Roſafarben, Rose bengale und Phloxin, zeichnet ſich das Rhodamin durch eine ſehr gute Lichtbeſtändigkeit aus, die ſich ſelbſt in den hellſten Nüancen noch bewährt. Auf Wolle widerſteht die Farbe einer ziemlich kräftigen Walke. Der Farbſtoff iſt in Waſſer leicht löslich. Wolle wird entweder ohne Zuſatz oder in ſaurem Bad mit Glauberſalz und Schwefel - ſäure kochend gefärbt. Seide kann ebenfalls ohne Zuſatz oder in ſaurem Bad oder in gebrochenem Baſtſeifenbad gefärbt werden; eine ſchwach ſaure Reaktion befördert aber das Aufgehen. Die Farbe geht langſam auf die Faſer, weshalb ſie ſehr gut egaliſiert; die Bäder ziehen nicht aus. Auch auf Baum - wolle kann Rhodamin gefärbt werden, ſei es mit eſſigſaurer Thonerde oder auf eine Beize von Tannin und Brechweinſtein, doch iſt die Lichtechtheit auf der Baumwollfaſer keine hervorragende. Immerhin iſt ſie beſſer als bei Phloxin oder Rose bengale; ſie kommt ungefähr der des Safflorkarmins gleich.
Unter dieſem Namen ſind alle diejenigen Farbſtoffe zu verſtehen, welche ſich von dem Kohlenwaſſerſtoff Anthracen, C14 H10, ableiten. Dieſer Körper findet ſich in den höchſtſiedenden Anteilen der Deſtillation des Teeres (vergl. § 61, Teerdeſtillation), vorzugsweiſe in den bei 320 bis 360° über - gehenden Anteilen, welche dickflüſſig ſind und früher unter dem Namen Grünöl als Schmiermittel verwendet wurden. Dieſes enthält etwa 20 Pro - zent Anthracen. Durch Ausſchleudern in der Centrifuge und darauf folgen - des Preſſen zwiſchen heißen Platten wird das Rohanthracen gewonnen, welches 45 bis 60 Prozent Reingehalt hat; es wird dann weiter fein zer - teilt und mit Steinkohlenteerbenzin extrahiert; das Zurückbleibende wird von neuem ausgeſchleudert und heiß gepreßt. Das ſo gewonnene Produkt iſt das techniſche Anthracen. Es iſt noch keineswegs reines Anthracen, enthält vielmehr noch nicht unbedeutende Anteile von Phenanthren und Carb - azol, welche jedoch für ſeine Verarbeitung auf Alizarin nicht hinderlich ſind. Zur Bereitung von Alizarin muß es zunächſt in Anthrachinon überge - führt werden, ein Oxydationsprodukt des Anthracens von der Formel C14 H8 O2. Dieſes geſchieht durch Oxydation des durch Sublimation mit heißem Waſſerdampf zuvor in fein verteilten Zuſtand gebrachten techniſchen Anthracens mit Kaliumdichromat und Schwefelſäure; das gewonnene Anthra - chinon wird durch Behandeln mit rauchender Schwefelſäure in Anthrachi - nonſulfoſäure verwandelt. Dieſe iſt das Ausgangsprodukt nicht allein zur Herſtellung des Alizarins, ſondern auch aller übrigen Anthracen - farbſtoffe.
1. Alizarin, Anthracenrot, Dioxyanthrachinon. Das Alizarin iſt längſt bekannt; man kannte dafür aber keine andere Herſtellungsweiſe, als die aus dem Krapp (ſ. § 27); auch über die chemiſche Natur des Alizarins170 wußte man bis vor 20 Jahren faſt nichts, man kannte nur ſeine empiriſche Zuſammenſetzung C14 H8 O4. Erſt als Graebe und Liebermann 1868 gefunden hatten, daß das natürliche Krappalizarin bei der Deſtillation mit Zinkſtaub Anthracen liefert, war der Weg zur künſtlichen Herſtellung des Alizarins vorgezeichnet und 1869 wurde dasſelbe von dieſen Forſchern zuerſt fabrikmäßig dargeſtellt.
Darſtellung. Die Anthrachinonſulfoſäure iſt, je nach dem Gewichts - verhältnis von Anthrachinon und Schwefelſäure, je nach der Stärke der Schwefelſäure, der Temperatur und der Dauer der Einwirkung eine Miſchung von mehr Anthrachinondiſulfoſäure mit weniger Anthrachinonmonoſulfoſäure. Die Erfahrung hat aber gezeigt, daß nur die Monoſulfoſäure ein reines Alizarin zu geben vermag, während die Diſulfoſäure ein mit wechſelnden Mengen von Flavopurpurin und Anthrapurpurin verunreinigtes Alizarin gibt. Das Hauptaugenmerk iſt daher auf Gewinnung einer Anthrachinonſulfoſäure mit möglichſt hohem Monoſulfoſäuregehalt zu richten. Man erreicht das am beſten durch gelindes Erwärmen gleicher Gewichtsteile Anthrachinon und Schwefelſäureanhydrid und Erhöhen der Temperatur im Oelbade bis auf 160°. Nach einſtündiger Einwirkung gießt man das Reaktionsprodukt in kochendes Waſſer, erhitzt noch einige Zeit zum Sieden, ſcheidet das noch etwa 25 Prozent betragende ungelöſte Anthrachinon durch Filtrieren ab und neutraliſiert das Filtrat mit Natronlauge. Dabei fällt das anthrachinon - monoſulfoſaure Natrium in weißen Blättchen aus, während das diſulfoſaure Salz in Löſung bleibt. Auf dieſe Weiſe erhält man annähernd 50 Prozent des in Arbeit genommenen Anthrachinons in Form von Anthrachinon - Natriummonoſulfat, welches durch Umkryſtalliſieren gereinigt erhalten werden kann. Dieſes Salz wird ſodann mit dem 3 bis 4fachen Gewicht Aetznatron unter Zuſatz von etwas chlorſaurem Kali geſchmolzen — wobei Alizarin - natron und Glauberſalz entſteht —, die Schmelze in Waſſer gelöſt und mit Salzſäure neutraliſiert, gut ausgewaſchen und abgepreßt, und endlich mit Waſſer zu einer gleichmäßigen Paſte von ca. 20 Prozent Trockengehalt an - gerührt. Ein derartiges Fabrikat würde ein faſt reines Alizarin vorſtellen.
Eigenſchaften. Das in den Handel kommende Alizarin en pâte iſt ein gelb ausſehender Teig, welcher in Waſſer unlöslich iſt (das chemiſch reine Alizarin löſt ſich in 3000 Teilen kochenden Waſſers), ſich aber in Alkalien und Ammoniak mit blauvioletter Farbe leicht löſt. In Schwefelſäure löſt es ſich mit braunroter Farbe auf und fällt beim Verdünnen mit Waſſer unverändert wieder aus. Mit den Metallbaſen gibt es unlösliche oder ſchwerlösliche Farblacke, von welchen die mit Thonerde - und mit Zinnoxydſalzen rot, die mit Kalk - und Barytſalzen violett, die mit Eiſenbeize ſchwarzviolett bis ſchwarz ſind*)Farben, welche wie das Alizarin, je nach der angewandten Beize, verſchiedene Farben hervorbringen, werden polygenetiſche Farbſtoffe benannt.. Das chemiſch reine Alizarin bildet im waſſerfreien Zuſtande orangerote Nadeln.
Das Alizarin des Handels, das ſogen. techniſche Alizarin, iſt kein reines Alizarin, ſondern ein Gemiſch aus Alizarin, Flavopurpurin und Anthrapurpurin. Iſt es nach der oben angegebenen Methode aus faſt reinem anthrachinonmonoſulfoſaurem Natrium hergeſtellt, ſo heißt es blau - ſtichiges Alizarin oder Alizarin V. Dieſe Handelsmarke enthält171 entweder gar keine, oder nur geringe Beimengungen der beiden anderen Farbſtoffe.
2. Flavopurpurin, Alizarin G 1. (Bad. Anilin - u. Sodafabr.); Alizarin S D G (M. L. & Br.)
3. Anthrapurpurin, Alizarin G D (Bad. Anilin - u. Sodafabr. ), Alizarin RX (M. L. & Br.); Alizarin SX extra (Bayer & Comp.). Dieſe beiden Farbſtoffe ſind regelmäßige Begleiter des Alizarins. Sie bilden ſich beide gleichzeitig, wenn man die Mutterlauge von der Bereitung des anthra - chinonmonoſulfoſauren Natriums zur Trockne eindampft und den Rückſtand, welcher neben geringen Mengen des Monoſulfats faſt ganz aus anthrachinon - diſulfoſaurem Natrium beſteht, mit Aetznatron und etwas chlorſaurem Kali ſchmilzt und die Schmelze im übrigen behandelt, wie oben bei der Bereitung des Alizarins angegeben. Der ſo gebildete Teig von 20 Prozent Trocken - gehalt enthält faſt nur Flavopurpurin und Anthrapurpurin und neben geringen Mengen von Verunreinigungen nur wenig oder gar kein Alizarin. Das Gemiſch dieſer beiden Farbſtoffe kommt als gelbſtichiges Alizarin oder Alizarin G in den Handel. Durch Miſchen von Alizarin V mit Alizarin G in verſchiedenen Verhältniſſen werden die dazwiſchen liegenden Nüancen her - geſtellt und mit beſonderen Namen belegt. Wird das Alizarin in Teigform nicht in wohlverſchloſſenen Gefäßen aufbewahrt, ſo trocknet es ein und ver - liert dabei ſeine Löslichkeit und erlangt dieſe durch bloßes Anreiben mit Waſſer nicht wieder. Um es wieder in die lösliche Form überzuführen, muß es in verdünnter Natronlauge gelöſt werden; die alkaliſche Löſung wird mit verdünnter Schwefelſäure neutraliſiert und die ausgefällte Maſſe mit Waſſer mehrmals gewaſchen.
Das Anthra - und das Flavopurpurin kommen für Färbereizwecke niemals geſondert in den Handel. Beide beſitzen die gleiche chemiſche Zuſammenſetzung C14 H8 O5; im reinen Zuſtande bildet das Anthrapurpurin orangerote, das Flavopurpurin gelbe Nadeln.
Eine Prüfung des Alizarins iſt nicht nötig; dasſelbe kommt wohl kaum verfälſcht in den Handel.
4. Purpurin, Trioxyanthrachinon, Alizarin Nr. 6 (M. L. & Br.). Im Krapp findet ſich neben dem Alizarin noch ein zweiter Farbſtoff, das Purpurin. Im techniſchen Alizarin iſt derſelbe nicht enthalten. Er kann jedoch aus dem Alizarin künſtlich erhalten werden, entweder nach de Lalande durch Erhitzen einer Löſung von trockenem Alizarin mit konzentrierter Schwefelſäure auf 100° und Oxydation mit Braunſtein oder Arſenſäure, oder nach Caro durch Erwärmen von α-Nitroalizarin mit Schwefelſäure. Ueber die Eigenſchaften des Purpurins vergl. § 27. Es iſt ſo lichtempfind - lich, daß eine Löſung in Alaunwaſſer, wenige Stunden dem Sonnenlicht ausgeſetzt, vollſtändig verbleicht. Aus dieſem Grunde wird es im Großbe - trieb nicht hergeſtellt.
Anwendung der Anthracenfarbſtoffe. Keiner der vorbeſchriebenen Farbſtoffe kann direkt zum Färben benutzt werden; ſie bedürfen ſämtlich eines Fixierungsmittels und erzeugen mit dieſem auf der Faſer ſchöne Farb - lacke; insbeſondere gibt das Alizarin V mit einer ſchwachen Thonerdebeize ein ſchönes Roſa, mit ſchwacher Eiſenbeize Violett, mit ſtarker Eiſenbeize Schwarz, mit gemiſchter Thonerde - und Eiſenbeize Braun, mit Chrombeize Puce (Bordeauxbraun). — Alizarin G gibt mit Thonerdebeize Rot; iſt172 dasſelbe unter Mitbenutzung von Oelbeize hergeſtellt, ſo heißt es Türkiſch - rot und bildet eine der echteſten Farben. Die Alizarine werden vorwiegend zum Färben und Bedrucken von Baumwolle, ſeltener auf Wolle angewendet. Alle mit den Alizarinen und Beizen erzeugten Farben ſind außerordentlich echt im Verhalten gegen Licht, Luft, Seife, Walken ꝛc. Das Färben mit künſtlichem Alizarin hat die alte Krappfärberei vollſtändig verdrängt. Ueber die Einzelheiten der Anwendung ſiehe im ſpeziellen Teil unter Türkiſchrotfärberei.
5. Alizarinpulver*)Ueber ein anderweites „ Alizarinpulver “, welches alle Eigenſchaften des ech - ten Alizarins beſitzen ſoll, vergl. deutſche Färberztg. 1886, Nr. 22. W (Bayer & Comp.), Alizarin WS (Bad. Anilin - und Sodafabr. ), iſt das Natronſalz der Alizarinmonoſulfoſäure, C14 H7 O7 S Na, ein orangegelbes Pulver, in Waſſer leicht löslich mit gelber Farbe. Färbt mit Thonerde gebeizte Wolle ſcharlachrot, mit Chrom gebeizte bordeauxrot.
Die Vertreter der ſtark ſauren Farbſtoffe ſind in der Hauptſache aus andern Farbſtoffen durch Behandeln mit Salpeterſäure (Nitro - oder Nitroſo - farbſtoffe) oder Schwefelſäure (durch Sulfonieren) in anderweite Verbindungen übergeführt, welche den Charakter einer Säure zeigen und die deshalb als Farbſäuren aufzufaſſen ſind. Häufig ſind es jedoch nicht die Säuren als ſolche, welche in den Handel kommen, ſondern Verbindungen derſelben teils mit Alkalimetallen, teils auch mit organiſchen Baſen, bei denen jedoch der Ein - tritt der Baſen den ſauren Charakter wenig oder gar nicht beeinträchtigt. Die ſämtlichen ſauren Farbſtoffe ſind in Waſſer leicht, in Alkohol dagegen nur wenig löslich. Die Anzahl der ſauren Farbſtoffe iſt eine ſehr große; die bei weitem größte Zahl gehört der Klaſſe der Azofarbſtoffe an. Von den Vertretern anderer Farbſtoffklaſſen finden ſich unter den roten Farbſtoffen nur noch je 1 Vertreter der Roſanilin - und der Roſolſäure - farbſtoffe.
Der einzige Vertreter dieſer Klaſſe iſt das
Fuchſin S, Säurefuchſin. Dieſer Farbſtoff beſteht aus einem Gemenge der Roſanilindi - und Triſulfoſäure, welches man erhält, wenn man Fuchſin mit rauchender Schwefelſäure auf 100 bis 170° erhitzt. Er kommt in Form der ſauren Natronſalze dieſer Säuren in den Handel.
Das Säurefuchſin bildet ein grün glänzendes, in Waſſer leicht lös - liches Pulver. Die Löſung wird durch Alkalien entfärbt, aber nicht gefällt. Aether nimmt aus der alkaliſchen Flüſſigkeit nichts auf. Unreines Säure - fuchſin kommt auch als Ceriſe S, Grénadine S und Marron S in den Handel. — Anwendung. Säurefuchſin läßt ſich auf Wolle aus ſtark ſaurem Bade ausfärben, iſt aber nur halb ſo ausgiebig wie gewöhnliches Fuchſin. Es eignet ſich auch vortrefflich zum Nüancieren, ſowie zum Kombinieren mit anderen ſauren Farbſtoffen, wie Säuregelb oder Indigokarmin ꝛc. Auf Seide wird es aus einem mit Schwefelſäure verſetzten Baſtſeifenbade gefärbt.
Dieſe Farbſtoffe ſtehen in naher Beziehung zu den Roſanilinen; wie die Roſaniline baſiſche Triphenylmethanfarbſtoffe ſind, ſo die Roſolſäuren ſaure. Der Hauptvertreter dieſer Gruppe iſt die
Roſolſäure, Aurin R, rotes Korallin, Päonin. Es iſt ein integriren - der Beſtandteil des gelben Corallins und wird aus dieſem durch Erhitzen mit Ammoniak unter Druck gewonnen. Im unreinen Zuſtande erhält man es durch Erhitzen von Phenol mit Oxalſäure und Schwefelſäure auf 120 bis 130°. Im reinen Zuſtande beſteht es aus granatroten Kryſtallen von blauem Schimmer, die ſich in Alkalien mit roter Farbe löſen. Anwendung findet das Aurin in der Färberei ſeiner großen Empfindlichkeit gegen Licht, Seife und Säuren wegen nur ausnahmsweiſe; dagegen wird es in der Woll - und Kattundruckerei noch verwendet.
Sie waren bis zum Jahr 1876 ein unbekannter Begriff. Erſt ſeit - dem O. N. Witt, und gleichzeitig, aber unabhängig von ihm, Caro im genannten Jahre das Chryſoïdin entdeckten, beginnt dieſe neueſte Klaſſe der Farbſtoffe eine mit jedem Jahre zunehmende Wichtigkeit zu erlangen. Heute darf wohl mit Recht behauptet werden, daß — abgeſehen etwa von den Anthra - cenfarbſtoffen — keine zweite Farbſtoffklaſſe von ſolcher Wichtigkeit für die Färberei iſt, als die Azofarbſtoffe. Keine andere Farbſtoffklaſſe enthält ſo viele Glieder und iſt ſo mannigfach, was Farbe anbelangt, wie die der Azo - farbſtoffe. Nur Grün iſt nicht vertreten; ſonſt finden ſich alle Töne vom Rot bis zum tiefſten Violett und Schwarz. Mehr als 100 Vertreter dieſer Klaſſe befinden ſich heute auf dem Markt, und wenn man die Patentberichte durchſieht, findet man ſämtliche Farbenfabriken an der Arbeit, den bisherigen immer neue Azofarbſtoffe anzugliedern. Dieſe Thatſache wird dadurch leicht verſtändlich, daß die Art ihrer Herſtellung eine verhältnismäßig einfache und der Verlauf der Reaktion ein glatter iſt; vor allem maßgebend ſind die Eigenſchaften dieſer Farbſtoffe: ſie ſind leicht löslich in Waſſer und färben animaliſche Faſern ſubſtantiv, ohne Anwendung einer Beize. Dieſe Eigenſchaf - ten beſitzen die Roſanilinfarbſtoffe zwar auch; dagegen zeichnen ſich die Azofarb - ſtoffe durch große Echtheit gegen Licht, Luft und Säure, Seife und Walke aus.
Die Anzahl der Azofarbſtoffe iſt bereits eine ſo große, daß man nach dem abweichenden Verhalten mehrerer derſelben die Klaſſe in 4 Gruppen eingeteilt hat: Amidoazofarbſtoffe, Oxyazofarbſtoffe, Tetrazofarbſtoffe, Benzi - dinfarbſtoffe. Wahrſcheinlich wird dieſe vorläufige Einteilung bald hinfällig werden, zumal das Azoblau eigentlich ſchon einen Vertreter einer neuen Gruppe darſtellt, und das neue Primulin, ſo verhältnismäßig wenig man davon bis jetzt mit Sicherheit weiß, aller Wahrſcheinlichkeit nach gleichfalls der Vertreter und der Ausgangspunkt für eine neue Gruppe werden zu wollen ſcheint.
Was iſt nun aber ein Azofarbſtoff? Der Bedeutung des Wortes nach ein „ Stickſtofffarbſtoff “. In der That iſt der Stickſtoff gewiſſermaßen der Kern, um den ſich das geſamte Uebrige anlagert. Es ſind Abkömm - linge des Benzols, Toluols ꝛc., entſtanden durch Einwirkung von ſalpetriger Säure auf deren Amide, Anilin, Toluidin, Xilidin u. ſ. w. Läßt man z. B. auf ſalzſaures Anilin, in ſalzſäurehaltigem Waſſer gelöſt, bei niederer Temperatur eine Löſung von ſalpetrigſaurem Natron unter lebhaftem Um -174 rühren einwirken, ſo bildet ſich Diazobenzolchlorid neben Chlornatrium und Waſſer.
C6H5 · NH2 · HCl + HCl + Na NO2 = C6 H5 · N2 · Cl + Na Cl + 2 H2 O Salzſaures Anilin Natriumnitrit Diazobenzolchlorid
Das Charakteriſtiſche an dieſem neuen Körper iſt der Stickſtoffkern, aus zwei Stickſtoffatomen beſtehend, welche durch teilweiſe Selbſtbindung ein Radikal mit 2 einwertigen freien Affinitäten bilden. Im Diazobenzol - chlorid ſind an dieſen Stickſtoffkern einerſeits das Benzolreſt C6 H5, anderer - ſeits das Chloratom angelagert. Solche Diazoverbindungen ſind noch keine Farbſtoffe, vielmehr bilden ſich aus ihnen erſt durch Behandeln mit andern Derivaten der aromatiſchen Reihe die eigentlichen Farbſtoffe. So bildet ſich z. B. durch Einwirkung von Diazobenzolchlorid auf Metaphenylendiamin des Chryſoidin: C6 H5 · N2 · Cl + C6 H4 (NH2) 2 = C6 H5 · N N · C6 H3 (NH2) 2 + H Cl Diazobenzolchlorid Metaphenylendiamin Chryſoidin Salzſäure
Das obengenannte Chryſoidin iſt zugleich ein Beiſpiel eines Amido - azofarbſtoffes.
Tritt z. B. an Stelle des Anilins das Xilidin und an Stelle des Metaphenylendiamins die Naphtoldiſulfoſäure, ſo reſultiert das Xilidinrot C6 H3 (CH3) 2 · N = N · C10 H4 (SO3 H2) 2 OH, ein Repräſentant der Oxyazo - farbſtoffe.
Kommt die Stickſtoffgruppe N = N zweimal vor, ſo entſtehen die Tetrazofarbſtofe.
Unter den roten Azofarbſtoffen ſind Amidofarbſtoffe nicht vorhanden. Dagegen ſind die übrigen Gruppen vertreten.
Sie werden durch Einwirkung eines Phenols auf die Diazoverbindung erhalten.
1. Cochenilleſcharlach G iſt das Natriumſalz der Anilin-azo - α-Naphtolmonoſulfoſäure, C6 H5 · N — N · C10 H5 · OH · SO3 Na. Ziegelrotes Pulver, in Waſſer mit gelbroter Farbe löslich.
2. Ponceau 4 G B (Akt. -Geſ. f. Anilinf.); Croceïnorange (B. & Comp.), Brillantorange (M. L. & Br.), iſt das Natriumſalz der korreſpondierenden β-Sulfoſäure. Formel wie bei 1. Feurigrotes Pulver, in Waſſer mit orangegelber Farbe löslich.
3. Ponceau 2 G. (Akt. -Geſ. f. Anilinf., M. L. & Br.), iſt das Natriumſalz der Anilin-azo-β-Naphtoldiſulfoſäure, 〈…〉 Feurigrotes Pulver, in Waſſer mit gelbroter Farbe löslich.
4. Orſeille-Erſatz (Akt. -Geſ. f. Anilinf. ; Poirrier) iſt das Natrium - ſalz der Nitranilin-azo-α-Naphtylaminſulfoſäure, 〈…〉 Brauner Teig, in Waſſer mit rotbrauner Farbe löslich.
5. Cochenilleſcharlach 2 R iſt das Natriumſalz der Toluidin - azo-α-Naphtolmonoſulfoſäure, C6 H4 · CH3 · N — N · C10 H5 · O H · SO3 Na. Zinnoberrotes Pulver, in kaltem Waſſer ſchwer, in heißem leicht mit gelb - roter Farbe löslich.
6. Ponceau G T (B. & Comp.) iſt das Natriumſalz der Toluidin - azo-α-Naphtoldiſulfoſäure, C6 H4 · CH3 · N — N · C10 H4 · O H · (SO3 Na) 2.
1757. Ponceau R T (B. & Comp.) iſt dem vorigen iſomer. Rotes Pulver, in Waſſer mit gelbroter Farbe löslich.
8. Azococcin 2 R (Akt. -Geſ. f. Anilinf. ) iſt das Natriumſalz der Xilidin-azo-α-Naphtolmonoſulfoſäure, 〈…〉 Rotbraunes Pulver, in Waſſer ziemlich ſchwer löslich.
9. Cochenilleſcharlach 4 R iſt dem vorigen iſomer. Feurigrotes, in Waſſer ſchwer lösliches Pulver.
10. Wollſcharlach R, iſt das korreſpondierende Salz der Diſulfoſäure, C6 H3 (CH3) 2 · N — N · C10 H4 · O H · (SO3 Na) 2. Eigenſchaften wie bei vorigem.
11. Scharlach G R (Akt. -Geſ. f. Anilinf. ), Scharlach R (B. & Comp.) iſt das Natriumſalz der Xilidin-azo-β-Naphtolmonoſulfoſäure. Formel wie bei 8. Zinnoberrotes Pulver, in Waſſer mit rotgelber Farbe löslich.
12. Ponceau G (B. & Comp.) iſt das korreſpondierende Salz der Diſulfoſäure. Formel wie bei 10.
13. Scharlach G (B. & Comp.) iſt dem vorigen iſomer.
14. Ponceau 2 R (Akt. -Geſ. f. Anilinf. ; M. L. & Br.), Xilidin - rot, Xilidinponceau, iſt dem vorigen iſomer. Braunrotes Pulver, in Waſſer leicht löslich.
15. Ponceau 3 R (Akt. -Geſ. f. Anilinf. ), Cumidinrot, Cumidin - ponceau, iſt das Natriumſalz der φ-Cumidin-azo-β-Naphtoldiſulfoſäure, 〈…〉 Dunkelrotes Pulver, in Waſſer mit kirſchroter Farbe löslich.
16. Ponceau 3 R (M. L. & Br.) iſt das Natriumſalz der Amido - äthyldimethylbenzol-azo-β-Naphtoldiſulfoſäure, 〈…〉
17. Coccinin B (M. L. & Br.) iſt das Natriumſalz der Amido-ρ - Kreſolmethyläther-azo-β-Naphtoldiſulfoſäure, 〈…〉 Eigenſchaften: wie bei 15.
18. Kreſolrot (Bad. Anilin - und Sodaf. ) iſt das Natriumſalz der Amido-ο-Kreſoläthyläther-azo-β-Naphtoldiſulfoſäure, 〈…〉
19. Buffalo-Rubin iſt das Natriumſalz der α-Naphtylamin-azo-α - Naphtoldiſulfoſäure, C10 H7 · N — N · C10 H4 · O H · (SO3 Na) 2. Braunes Pulver, in Waſſer mit fuchſinroter Farbe löslich.
20. Naphtorubin (B. & Comp.) iſt dem vorigen iſomer, löſt ſich aber mit blauroter Farbe.
21. Kryſtallponceau 6 R (Caſſella), Neucoccin R (Akt. -Geſ. f. Anilinf. ), iſt das korreſpondierende Salz der β-Diſulfoſäure. Formel wie bei 19. Bildet ſchön braunrote, goldig glänzende Kryſtalle, welche ſich in Waſſer mit purpurroter Farbe löſen.
22. Echtrot B (Bad. Anilin - und Sodaf. ), Bordeaux B (Akt. -Geſ. f. Anilinf. ), iſt dem vorigen iſomer. Kommt als braunes Pulver in den Handel und löſt ſich in Waſſer mit fuchſinroter Farbe.
17623. Karminnaphte iſt β-Naphtylamin-azo-β-Naphtol, 〈…〉 Rotbraunes, in Waſſer unlösliches, in Alkohol lösliches Pulver.
24. Thiorubin (Dahl & Comp.) iſt das Natriumſalz der Thio-ρ - Toluidin-azo-α-Naphtoldiſulfoſäure, 〈…〉 Rotbraunes Pulver, in Waſſer mit fuchſinroter Farbe löslich.
25. Ponceau 3 G, (Bad. Anilin - und Sodaf. ), Ponceau 3 J, Scharlach 3 J, iſt das Natriumſalz des Aniſidinſulfoſäure-azo-β-Naphtols, 〈…〉
26. Echtrot, Echtrot A (Bad. Anilin - und Sodaf. ), Roccellin, Rauracienne, Ceraſine, Orcellin Nr. 4, Rubidin, iſt das Natrium - ſalz des Naphtionſäure-azo-β-Naphtols, C10 H6 · SO3 Na · N — N · C10 H6 · O H. Braunrotes Pulver, in kaltem Waſſer wenig, in heißem leichter mit pon - ceauroter Farbe löslich.
27. Azorubin S (Akt. -Geſ. f. Anilinf. ), Echtrot C (Bad. Anilin - und Sodaf. ), Karmoiſin (B. & Comp.), iſt das Natriumſalz der Naphtionſäure-azo-α-Naphtolmonoſulfoſäure, 〈…〉 Braunes Pulver, in Waſſer mit fuchſinroter Farbe löslich.
28. Croceïn 3 B X (B. & Comp.) iſt das korreſpondierende Salz der β-Naphtolmonoſulfoſäure. Formel wie bei 27. Scharlachrotes Pulver, in Waſſer mit gelbroter Farbe löslich.
29. Echtrot E (Bad. Anilin - und Sodaf. ; B. & Comp.), Echtrot (Akt. -Geſ. f. Anilinf. ), iſt dem vorigen iſomer. Rotbraunes Pulver, in Waſſer mit bordeauxroter Farbe löslich.
30. Neucoccin (Akt. -Geſ. f. Anilinf. ), Brillantponceau (Caſſella), Cochenillerot A (Bad. Anilin - und Sodaf. ), iſt das Natriumſalz der Naphtionſäure-azo-β-Naphtoldiſulfoſäure, 〈…〉 Scharlachrotes, in Waſſer leicht lösliches Pulver.
31. Echtrot D (Bad. Anilin - und Sodaf. ), Bordeaux S (Akt. -Geſ. f. Anilinf. ), Amaranth, (M. L. & B.; Caſſella), Azoſäurerubin 2 B (Dahl), iſt dem vorigen iſomer. Rotbraunes Pulver, in Waſſer mit fuchſin - roter Farbe löslich.
32. Ponceau 6 R (M L. & Br., Bad. Anilin - und Sodaf. ), iſt das Natriumſalz der Naphtionſäure-azo-β-Naphtoltriſulfoſäure, 〈…〉 Braunes Pulver, im Waſſer mit fuchſinroter Farbe löslich.
33. Doppelbrillantſcharlach G (Akt. -Geſ. f. Anilinf. ), Orange - rot I, iſt das Natriumſalz des β-Naphtylaminſulfoſäure-azo-β-Naphtols, 〈…〉 Rotbraunes Pulver, in Waſſer mit gelbroter Farbe löslich.
34. Doppelſcharlach extra S (Akt. -Geſ. f. Anilinf. ), Brillant -177 ſcharlach, Brillantponceau (B. & Comp.), iſt das Natriumſalz der β-Naphtylaminſulfoſäure-azo-α-Naphtolmonoſulfoſäure, 〈…〉 Eigenſchaften wie voriges.
35. Pyrotin (Dahl) iſt dem vorigen iſomer. Eigenſchaften wie 33.
Zwei weitere in dieſe Kategorie gehörige Farbſtoffe, Phenetolrot (Coccinin), und Aniſolrot (Aniſidinponceau), kommen nicht mehr in den Handel.
Die Reihenfolge, in der ich die vorſtehenden 35 Oxyazofarbſtoffe aufge - zählt habe, harmoniert nicht mit den Namen derſelben. Es würde auf den erſten Blick einleuchten, wenn ich Ponceau R, 2 R, 3 R, 4 R, 5 R, 6 R, Ponceau G, 2 G, 3 G, 4 G u. ſ. w. aufeinander folgen laſſen würde. Es ſcheint aber auch nur ſo; thatſächlich ſtehen in der vorſtehenden Reihen - folge die Farbſtoffe von verwandter chemiſcher Zuſammenſetzung bei einander und zwar ſo, daß mit den Abkömmlingen des Anilins begonnen iſt, und daß dann die nächſt höheren homologen Glieder Toluidin, Xilidin, Cumidin, bis ſchließlich zum Naphtylamin folgen.
Mehrfach finden wir die gleichen chemiſchen Formeln bei verſchiedenen Körpern. Das iſt nicht etwa ein Irrtum; ſondern es ſind das ſehr nahe verwandte Körper, welche genau aus den gleichen Gewichtsmengen derſelben Beſtandteile zuſammengeſetzt ſind, bei denen aber doch die Art der Gruppierung dieſer Beſtandteile eine abweichende iſt; die Abweichungen ſind jedoch mehr phyſikaliſcher Natur; es ſind Unterſchiede in ihren Eigenſchaften, welche durch die chemiſche Formel keinen Ausdruck finden können. Derartige Körper werden iſomere genannt.
Wir erſehen aus dem bunten Durcheinander der Namen aber zugleich, daß man durch die gleich oder ähnlich lautenden Namen keineswegs auf eine gleiche oder ähnliche chemiſche Zuſammenſetzung ſchließen darf. Die Fabriken verfahren da mit größter Willkür, und das ſchlimmſte iſt, daß oft ein und derſelbe Name von verſchiedenen Fabriken für ganz verſchiedene Körper ge - wählt wird; es erſchwert das den Bezug der Farbſtoffe, da es dann z. B. vorkommen kann, daß man, wenn man den gleichen Farbſtoff unter demſelben Namen bei 3 verſchiedenen Fabriken beſtellt, leicht 3 verſchiedene Farbſtoffe bekommt.
Eigenſchaften. Die vorſtehenden Oxyazofarbſtoffe ſind ſämtlich Farb - ſtoffe vom gelblichen Scharlach bis zum Bordeauxrot; alle ſind in Waſſer leicht löslich, die Löſungen geben mit Natronlauge oder Ammoniak keinen Nieder - ſchlag, werden dagegen von Chlorbaryum und Chlorcalcium gefällt. Durch Zinnchlorür und Salzſäure werden ſie vollſtändig entfärbt.
Anwendung. Die Oxyazofarbſtoffe färben Wolle und Seide ſub - ſtantiv, Baumwolle dagegen nicht. Wolle wird am beſten mit Natrium - biſulfat und dem Farbſtoff in dem gleichen Bade ausgefärbt, indem man mit der Ware bei 35 bis 40° R. eingeht und allmählich zum Kochen ſteigert und etwa ¼ Stunde hindurch im Kochen erhält. (Natriumbiſulfat iſt Glauberſalz und Schwefelſäure, von erſterem kann man etwa das 10fache Gewicht des Farbſtoffes, von Schwefelſäure das Doppelte des FarbſtoffesGanswindt, Färberei. 12178nehmen. ) — Seide wird im mit Schwefelſäure angeſäuerten Baſtſeifen - bade gefärbt; für eine normale Färbung genügen 1 bis 2 Prozent Farbſtoff. — Baumwolle muß zuvor gebeizt werden; am beſten iſt zuerſt Behandeln mit zinnſaurem Natron auf kaltem Bade, Auswinden, dann auf ein kaltes Alaunbad, und dann Ausfärben in einer Löſung des Farbſtoffes unter Zu - ſatz von Alaun bei 35 bis 40° R. Trocknen, ohne zu ſpülen. Die Farbe iſt nicht waſchecht. Etwas waſchechtere Färbungen erhält man durch Vorbeizen mit Türkiſchrotöl und nachherigem Behandeln mit Alaun, im übrigen wie oben. Die Oxyazofarbſtoffe ſind zur Baumwollenfärberei durch - aus ungeeignet.
1. Azococcin 7 B (Ver. chem. Fabr. Mannheim) iſt das Natrium - ſalz der Amidoazobenzol-azo-α-Naphtolmonoſulfoſäure, 〈…〉 Braunes Pulver, in Waſſer ſchwer löslich.
2. Croceïn B iſt das Natriumſalz der Amidoazobenzol-azo-α-Naph - toldiſulfoſäure, C6 H5 · N — N · C6 H4 · N — N · C10 H4 · O H · (SO3 Na) 2. Eigenſchaften wie bei a.
3. Brillant-Croceïn M (Caſſella & Comp.) iſt dem vorigen iſomer. Hellbraunes Pulver, in Waſſer mit kirſchroter Farbe löslich. 〈…〉
4. Ponceau S, Ponceau SS extra (Akt. -Geſ. f. Anilinf. ), iſt dem vorigen iſomer.
5. Ponceau 5 R, Scharlach 5 R, (M. L. & Br.) iſt das Natrium - ſalz des Azobenzolazotriſulfo-β-Naphtols, 〈…〉
6. Croceïn 3 B iſt das Natriumſalz der Amidoazotoluol-azo-α-Naph - toldiſulfoſäure, C6 H4 · CH3 · N — N · C6 H3 · CH3 · N — N · C10 H5 · OH · (SO3 Na) 2. Dunkelbraunes Pulver, in Waſſer mit fuchſinroter Farbe löslich.
Tuchrot. Dieſer neue Farbſtoff der Firma K. Oehler in Offen - bach wird durch Einwirkung von Diazoamidoazotoluol auf β-Naphtolſulfo - ſäure gewonnen. Es kommt in 2 Marken in den Handel: Tuchrot B (bläu - liche Nüance) und Tuchrot G (gelbliche Nüance).
7. Tuchrot G iſt das Natriumſalz der Amidoazo-toluol-β-Naphtol - monoſulfoſäure, 〈…〉
8. Tuchrot B iſt das korreſpondierende Salz der Diſulfoſäure, 〈…〉
Er eignet ſich nur für Wolle, ihm kommt aber die vorzügliche Eigen - ſchaft zu, ſich leicht und bequem mit allen Holzfarben und Farbholzextrakten kombinieren zu laſſen und damit ſehr licht - und walkechte Farben zu geben, ſo daß damit gefärbte loſe Wolle mit Weiß verſponnen und verwebt werden