Meinem Schwager Dr. Guſtav Rümelin, k. w. Staatsrath a. D., Vorſtand des k. w. ſtatiſt. Bureaus, Dozenten der Philoſophie und Statiſtik an der Univerſität Tübingen, in Liebe und Dankbarkeit gewidmet.
Die nachſtehenden Unterſuchungen ſind urſprünglich veranlaßt durch die Redaktion des Arbeiterfreundes. Seit geraumer Zeit dem Namen nach Mitarbeiter dieſer Zeitſchrift fühlte ich längſt die moraliſche Ver - pflichtung, dieſe nominelle Mitarbeiterſchaft zu einer faktiſchen zu machen. Um den wiederholten Aufforde - rungen der Redaktion zu genügen, nahm ich eine Arbeit wieder vor, die mich ſeit lange beſchäftigte, die Bearbeitung der Handwerkerſtatiſtik der wichtigern deutſchen Zollvereinsſtaaten. Bald aber ſah ich, daß die Vollendung dieſer Arbeit einen Umfang gewinne, der die Veröffentlichung in einer Zeitſchrift ausſchließe. Damit war eine ſelbſtändige Publikation geboten, wie ſie nunmehr erfolgt. Meiner Verpflichtung gegenüber dem Arbeiterfreund kam ich dadurch nach, daß mir die Verlagsbuchhandlung des Waiſenhauſes geſtattete, einen Theil der Unterſuchungen (etwa die Hälfte derſelben) daneben im Arbeiterfreund abdrucken zu laſſen. Es folgte aus dieſer Kombination der Uebelſtand, daß der Druck der erſten Bogen im Januar 1869, noch ehe der Entwurf der neuen Gewerbeordnung ausge - geben war, begann, während die letzten erſt im Sep -VIVorrede.tember und Oktober 1869 ganz vollendet und gedruckt wurden.
Seit mir im Jahre 1862 die Ausarbeitung der im Dezember 1861 aufgenommenen württembergiſchen Gewerbeſtatiſtik übertragen worden war, hatte ich die hiermit zuſammenhängenden Fragen und Unterſuchungen ſtets mit beſonderer Vorliebe im Auge behalten. Als ich nach Preußen kam, hatte ich doppelte Veranlaſſung mich immer und immer wieder für wiſſenſchaftliche Vor - leſungen, für Vorleſungen in Gewerbe - und Hand - werkervereinen, ſowie für literariſche Arbeiten mit der preußiſchen Gewerbeſtatiſtik, ſowie mit der des Nachbar - landes, mit der ſächſiſchen, zu beſchäftigen. So hatte ſich das Material, die verſchiedenſten Arten der Berech - nung, der Tabellen bei mir gehäuft; meine eigenen Anſichten waren im Laufe dieſer Zeit mannigfach andere geworden, als ich mich durch die genannte äußere Ver - anlaſſung zur definitiven Ausarbeitung entſchloß. Ich theilte früher, meinen allgemeinern Studien und meinen politiſchen Anſchauungen gemäß, die hergebrachten An - ſichten der liberalen Nationalökonomie, die rein opti - miſtiſche Auffaſſung unſerer volkswirthſchaftlichen Fort - ſchritte, die Idee, in der Gewerbefreiheit an ſich liege ausſchließlich das Heilmittel für alle Uebelſtände. Je tiefer aber meine Studien gingen, deſto mehr ſah ich nicht die Unrichtigkeit, im Gegentheil die Berechtigung, aber auch die Einſeitigkeit dieſes Standpunktes ein, deſto mehr verwandelten ſich mir frühere Abſtraktionen in konkrete Unterſcheidungen, der ſchönfärbende Optimis - mus in die Einſicht, daß nothwendig aus den großenVIIVorrede.Umwälzungen unſerer Zeit neben glänzenden, unerhör - ten Fortſchritten tiefe ſoziale und wirthſchaftliche Miß - ſtände ſich ergeben; es verwandelte ſich mir der Nihilis - mus des „ laissez faire et laissez passer “in die Forderung poſitiver Reformen, wobei die Reformen mir immer mehr als die Hauptſache erſchienen, nicht die Frage, ob ſie der Staat oder die Geſellſchaft in die Hand zu nehmen habe.
Doch zunächſt haben dieſe Unterſuchungen für jene tiefer liegenden Fragen nur das Material zu ſammeln, einen Theil des status quo feſtzuſtellen. Der erſte Zweck der Arbeit lag für mich darin, die ſo vielfach mißbräuchlich benutzten ſtatiſtiſchen Zahlen kritiſch zu unterſuchen, nur vergleichbare Zahlen zuſammen zu ſtellen, durch richtige Anordnung der Zahlen die Fragen zu ſtellen, welche ſie beantworten können. Ich habe daher auch nicht geſcheut, ſelbſt mit einer breiten und hier und da ermüdenden Ausführlichkeit die Entſtehung und den Werth der einzelnen Zahlen klar zu legen, durch zahlreiche Anmerkungen jedem Leſer die eigene Prüfung und Nachrechnung zu ermöglichen. Die Mehr - zahl meiner Rechnungen habe ich durch einen ausge - zeichneten Mathematiker, Herrn Ulrich, Beamten der Verſicherungsgeſellſchaft Iduna prüfen laſſen; auch im Druck ſind die Zahlen mit möglichſter Sorgfalt rektifizirt, ſo daß hoffentlich die niemals ganz zu vermeidenden Druck - und Rechenfehler unbedeutend ſind. Daneben habe ich angeſtrebt, die Zahlen ſo mitzutheilen, daß auch der Nichtfachmann ſie leicht verſteht, d. h. ich habe ſie, durchaus in kleine Tabellen gruppirt, zwiſchen demVIIIVorrede.Texte mitgetheilt, auch abſichtlich die Hauptreſultate der Tabelle nochmals in Worten ausgeſprochen, was ja in offiziellen Publikationen, wie in Werken für den Statiſtiker von Fach zu vermeiden iſt.
Wenn ich dabei möglichſt ſuchte, die Zahlen ganz für ſich ſprechen zu laſſen, ſo weiß doch jeder Statiſtiker, daß das nur möglich iſt, wenn der, welcher die Zahlen vorführt, eine genaue vollſtändige Kenntniß der realen Verhältniſſe hat, um die es ſich handelt. Und dazu rechne ich nicht nur eine Kenntniß der ſpezifiſch gewerb - lichen Zuſtände, der Technik der Gewerbe, der Abſatz - und Preisverhältniſſe, ſondern ebenſo ſehr eine Kenntniß der pſychologiſchen und ſittlichen Zuſtände, der Perſonen, um die es ſich handelt, der Art, wie die betreffenden wirthſchaftlichen Klaſſen ſozial und ſonſt mit einander verkehren und ſtehen.
Ich habe mich in dieſer Beziehung bemüht, das große literariſche Material, das in den Handelskammer - berichten, in den Ausſtellungsberichten, ſowie in den volkswirthſchaftlichen Zeitſchriften liegt, zu verwerthen. Ich ſammle ſeit Jahren an der ſehr umfangreichen Brochürenliteratur über deutſche Volkswirthſchaft des 19ten Jahrhunderts. Auf manchen Reiſen und Wan - derungen habe ich den Süden und den Norden des Zollvereins durchſtreift, die großen Fabriken beſichtigt, die Werkſtätten der Handwerker aufgeſucht und in den Wohnungen der Arbeiter eingeſprochen. Aber immer bleibt das, was man ſo ſelbſt geſehen, ſogar das, was man ſelbſt geleſen und ſtudirt hat, gegenüber dem großen Gebiete des gewerblichen Lebens ein kleinesIXVorrede.Bruchtheil. So kann es nicht fehlen, daß da oder dort vielleicht die Information eine ungenügende war, die Ausarbeitung eine ungleiche wurde. Die Grenz - linie zwiſchen Zahlenmittheilung und ausführender Be - trachtung konnte ſchon wegen der verſchiedenen Bedeu - tung der einzelnen Fragen, Staaten und Gewerbe keine ganz gleichmäßige ſein. Aber darauf kommt es auch nicht an. Das Weſentliche liegt immer wieder im Ge - ſammtergebniß. Dieſes iſt wohl mehr durch die gleich - ſam mathematiſch feſtgeſtellten ſtatiſtiſchen Reſultate — daneben aber immer auch durch die ſonſtigen Studien und Anſichten, durch das Temperament und die Erleb - niſſe des Autors bedingt. Ein ſubjektiver Reſt bleibt immer. Es iſt die Schattenſeite jeder wiſſenſchaftlichen Arbeit; es iſt aber auch im gewiſſen Sinne ein Vor - zug. Es ſoll ein ſubjektiver Reſt bleiben. Eine Arbeit derart, welche mit über die wichtigſten volkswirthſchaft - lichen Fragen der Gegenwart ſich ausſpricht, ſoll ſub - jektiv im guten Sinne des Wortes, ſie ſoll eine erlebte ſein. Sie ſoll ſich gründen auf ſelbſtändige Forſchung, die unter Kenntniß aller bisherigen Reſultate der Wiſſenſchaft, doch bei der Beobachtung von allen Schul - theorien zu abſtrahiren, mit eigenem Auge und offenem Herzen zu ſehen vermag.
Das iſt doppelt nothwendig für Fragen, welche vom Streite der politiſchen Parteien ſeit Jahren ſo hin - und hergezerrt wurden, daß auf allen Seiten die Unbefangenheit des Urtheils verloren ging, daß man die Parteideviſen über die Dinge ſtellte, daß man beiderſeits mit Argumenten focht, die aus der Rüſt -XVorrede.kammer der doch ſchon vielfach wieder veralteten Partei - ſchriften geholt (hier aus Adam Müller, Haller, Sismondi, dort aus Adam Smith und Baſtiat), auf die im Augenblick ſtreitigen Objekte oft kaum paßten. Beſonders die extremen Flügel beider großen politiſchen Parteien haben intolerant, wie die Extreme immer ſind, ſich gerade auch für volkswirthſchaftliche Dinge ein Parteidogma zurecht gemacht, an deſſen Unfehlbar - keit und Unantaſtbarkeit ſie mit der ganzen Leiden - ſchaftlichkeit einer pfäffiſchen Orthodoxie feſthalten. Dieſer Vorwurf trifft nicht bloß unſere konſervativen, er trifft beſonders auch die radikalen Volkswirthe.
Man kann mit den Hauptzielen der volkswirth - ſchaftlichen liberalen Agitation des letzten Jahrzehntes, mit den Hauptzielen des volkswirthſchaftlichen Kon - greſſes vollſtändig einverſtanden ſein, man kann das Verdienſt jener volkswirthſchaftlichen Agitation um die praktiſche Durchführung wichtiger, allerdings über - wiegend negativer Reformen, man kann das poſitive Verdienſt Schulze-Delitzſch’s ſehr hoch ſtellen, ohne darum die ganz einſeitigen theoretiſchen Grundlagen jener volkswirthſchaftlichen Partei zu theilen — jenes abſtrakte Schuldogma, das die unbedingte Harmonie aller Privatintereſſen, das die unbedingte Berechtigung jedes wirthſchaftlichen Egoismus predigt, das, die pſychologiſchen, ſozialen und ſittlichen Vorbedingungen jedes konkreten volkswirthſchaftlichen Zuſtandes ver - kennend, das wirthſchaftliche Leben aus abſtrakten Motiven ableitet. Man kann die Grenzen einer über - mächtigen Bureaukratie eingeengt, den Polizeiſtaat inXIVorrede.einen wahrhaft konſtitutionellen verwandelt wünſchen, man kann ein Parteigänger politiſcher und wirthſchaft - licher Freiheit ſein, ohne darum die rechtlichen und ſtaatlichen Grundlagen der Volkswirthſchaft zu ver - kennen, wie es jenen radikalen Volkswirthen ſo oft begegnet. Sie wollen eine im Augenblick an der Re - gierung befindliche Partei, die theilweiſe freilich zugleich eine wirthſchaftliche Klaſſe mit egoiſtiſchen Intereſſen iſt, bekämpfen; und ſie bekämpfen häufig die ewig ſittliche Natur, das ewige Recht des Staates ſelbſt, oder erklären ſie, wie ihr Gegner, das wirthſchaftliche Privatintereſſe, das die meiſten ihrer Mitglieder als wirthſchaftliche Klaſſe haben, ohne Weiteres für das Staatsintereſſe, für das allgemeine Intereſſe ſelbſt.
Solche Verwechslung von Partei - und Klaſſen - intereſſen mit theilweiſe oder ſcheinbar wiſſenſchaftlichen Ausführungen und Ergebniſſen kommt rechts und links vor; ſie begegnet den Heißſpornen beider Parteien oft ganz unbewußter Weiſe; manche, denen ſie begegnet, glauben dabei in ehrlichſter Weiſe zu handeln. Oft aber auch iſt das nicht der Fall. Und das iſt gerade die Gefahr, welcher die Nationalökonomie mehr als jede andere Wiſſenſchaft ausgeſetzt iſt. Nicht die vielen Laien und Dilettanten, welche in beſter Abſicht heute volkswirthſchaftliche Abhandlungen ſchreiben, ſind gefähr - lich für eine klare und geſunde öffentliche Meinung, ſondern jene geſchulten Advokaten und Literaten, welche im Dienſte einzelner Börſenunternehmungen, einzelner wirthſchaftlicher Klaſſen, einzelner Zeitungen und Zeit - ſchriften, welche ausſchließlich die Intereſſen dieſer oderXIIVorrede.jener Klaſſe, oft gar einzelner Perſonen verfolgen, doch immer ſich den Anſchein geben, als ſei ihre egoiſtiſche Intereſſentenpolemik ein Ergebniß der Wiſſen - ſchaft oder wenigſtens durchaus im Einklang mit der allgemeinen Wohlfahrt, mit dem Staatsintereſſe.
Eine unbefangene Forſchung, welche ſich bemüht, frei von allen Schultheorien und Intereſſen, nur von den Dingen ſelbſt auszugehen, wird das Meiſte unter anderem Geſichtswinkel ſehen, als der Parteimann und als der Klaſſenintereſſent; ſie wird Irrthümer einer - ſeits, berechtigte Momente andererſeits auf beiden Seiten ſehen und muß dieß, will ſie anders ehrlich verfahren, offen ausſprechen. Die politiſchen Parteien und die wirthſchaftlichen Klaſſen als ſolche werden da - durch nicht befriedigt werden; ja man läuft Gefahr, alle vor den Kopf zu ſtoßen, ohne eine zu befriedigen. Die Wiſſenſchaft kann ſich darüber nicht grämen. Sie hat nicht den Parteien zu dienen, ſondern über ihnen zu ſtehen, ſie hat nur einen Zweck, den — ehrlich und mit Anſtrengung aller ihrer Mittel nach Wahr - heit zu ſtreben.
Auch nur auf einem ſolchen Standpunkt wird es gelingen, was man ſo oft verlangt hat, ſo oft an - ſtrebt, über die Theorien Adam Smith’s wahrhaft hinauszukommen — hinauszukommen nicht durch all - gemeine Deklamationen, durch unwahre Anpreiſungen vergangener Zeiten und überlebter Inſtitutionen, ſon - dern durch die exakte Forſchung, welche, die einzelnen Gebiete nach einander durch emſige Arbeit klarlegend, den großen Gedanken des Zuſammenhangs allerXIIIVorrede.ſozialen Probleme doch immer feſthält, vor Allem den Grundgedanken einer tiefern Auffaſſung, die Ueber - zeugung von der nothwendigen Einheit und Ver - knüpfung des wirthſchaftlichen mit dem ſittlichen Leben der Völker immer vor Augen behält.
Wenn es mir gelungen iſt, in dieſem Sinne einen Beitrag zur ethiſchen Begründung der National - ökonomie geliefert zu haben, in dem Sinne gearbeitet zu haben, in welchem ſchon J. G. Hoffmann, dann Roſcher und Stein, Engel und Hildebrand, trotz ihrer verſchiedenen Ausgangspunkte, ſowie neuerdings mehrere der jüngern deutſchen Nationalökonomen geforſcht und gearbeitet haben, dann glaube ich meinen Zweck erreicht zu haben. Wenn mir das gelungen iſt, dann auch nur glaube ich das volle Recht zu haben, dem Manne dieſe Unterſuchungen zu widmen, der von tiefſtem Einfluß auf meine geiſtige Entwicklung vor Allem durch ſein Beiſpiel, durch ſeinen Umgang, wie durch ſeine wiſſenſchaftlichen Arbeiten dazu beigetragen hat, mich zu erziehen zu wiſſen - ſchaftlicher Arbeit und zum Muthe ſelbſtändiger unab - hängiger Ueberzeugung!
Halle a / S. im Oktober 1869.
Guſtav Schmoller.
Zweck und Gegenſtand der Unterſuchungen. Die bisherigen Bearbeitungen der Gewerbeſtatiſtik. Die Quellen der Ge - werbeſtatiſtik und der kritiſche Werth gewerbeſtatiſtiſcher Auf - nahmen. Die Trennung der Aufnahmen in Fabrik - und Handwerkertabellen.
Das Geſetz vom 8. Juli 1868, betreffend den Betrieb der ſtehenden Gewerbe, hat für das ganze Gebiet des norddeutſchen Bundes die Gewerbefreiheit, ſoweit ſie nicht vorher ſchon exiſtirte, gebracht. Lange Angeſtrebtes iſt damit erreicht, eine für alle Gewerbe nothwendige Geſetzesänderung erzielt. Aber irren würde man ſicher, wenn man einen allzugroßen ſchnellen Ein - fluß dieſer Aenderung auf die Lage und Entwickelung der Handwerke erwartete, wenn man glaubte, die Gewerbe - freiheit bringe den beſtehenden Kleingewerben zunächſt Vortheil. Ihre Entwickelung iſt mehr durch andere Umſtände, als durch die Gewerbegeſetzgebung bedingt. Die Technik in den einzelnen Gewerben, die Konkurrenz mit der Großinduſtrie, die Bildung und Rührigkeit der Handwerker ſelbſt, die landwirthſchaftliche und die ſonſtige induſtrielle Entwickelung einer Gegend, die Dich - tigkeit der Bevölkerung, die Verkehrsmittel ſind eben ſo wichtig oder wichtiger, als die Gewerbeverfaſſung.
Schmoller, Geſch. d. Kleingewerbe. 12Einleitung.Mag dem aber ſein, wie ihm wolle, ſicher iſt es am Platze, bei einer ſo wichtigen Aenderung der Geſetz - gebung den Blick rückwärts und vorwärts zu wenden und ſich von Neuem die oft beſprochene Frage vorzulegen, welches war, iſt und wird die Lage der Kleingewerbe ſein? Vieles iſt darüber geſchrieben und geſagt wor - den, vielfach hat man einzelne Punkte unterſucht, ſo gerade den Einfluß der Gewerbefreiheit, die Konkurrenz der Großinduſtrie, die neuen Organiſationen, Aſſozia - tionen, Kreditvereine, die dem Handwerke Hülfe bringen ſollen und theilweiſe auch ſchon gebracht haben. Viel weniger aber hat man nach dem Geſammtreſultat aller der verſchiedenen zuſammenwirkenden Momente gefragt, wie ſie in der Gewerbeſtatiſtik uns vorliegen.
Was ich in den folgenden Unterſuchungen beabſich - tige, iſt weder eine zuſammenfaſſende deutſche Gewerbe - ſtatiſtik, noch eine vollſtändige Geſchichte der Klein - gewerbe, noch der Gewerbegeſetzgebung; eben ſowenig beabſichtige ich ein näheres Eingehen auf das Aſſozia - tionsweſen; ich will das gewerbeſtatiſtiſche Material der bedeutendern deutſchen Zollvereinsſtaaten, ſoweit es gedruckt vorliegt, kritiſch unterſuchen, damit das letzte Ergebniß aller zuſammenwirkenden Urſachen möglichſt feſtſtellen und aus dieſer feſtgeſtellten Beobachtung ver - ſuchen, Schlüſſe über die Vergangenheit und gegen - wärtige Lage der Kleingewerbe, über dieſe und jene damit zuſammenhängende Frage zu ziehen.
Die folgenden Betrachtungen und Unterſuchungen glauben um ſo mehr am Platze zu ſein, ſowie auch in loſer, ſkizzenhafter Form auftreten zu dürfen, als es3Frühere Bearbeitungen.mit einer gleich zu erwähnenden Ausnahme an jeder vollſtändigen neuen Bearbeitung beſonders der preußiſchen Gewerbeſtatiſtik fehlt. Der trefflichen Bearbeitung von Hoffmann,1Die Bevölkerung des preußiſchen Staates. Berlin 1839. S. 114 ff. welche die gewerbeſtatiſtiſchen Reſultate bis 1837 in Betracht zieht, iſt keine vollſtändig ebenbürtige gefolgt. Dieterici hat die Ergebniſſe der Aufnahmen von 1843 — 552Dieterici die ſtatiſt. Tabellen des preuß. Staates für 1843, Berlin 1845; Tabellen und amtliche Nachrichten über den preuß. Staat I — VI. (enthaltend die Aufnahme von 1849, theilweiſe mit der von 1852.) Berlin 1851 — 55; Tabellen und amtliche Nachrichten für 1852, 1855 und 1858, je ein Band (letzterer nach dem Tode Dieterici’s von Engel herausgegeben.) Mitthei - lungen des ſtatiſtiſchen Bureaus in Berlin, 13 Bände. 1848 — 60. veröffentlicht, Engel die von 1858 und 1861. 3Preußiſche Statiſtik in zwangloſen Heften V. Die Er - gebniſſe der Volkszählung und Volksbeſchreibung nach den Auf - nahmen vom 3. Dezember 1861, reſp. Anfang 1862. Ber - lin 1864.Einzelne Fragen ſind von Dieterici in dem Tabellenwerk von 1843, wie in den Mittheilungen erörtert;4Dieterici, Mittheilungen des ſtatiſt. Bureaus: I, 68 ent - hält nur die Mittheilungen der Geſammtreſultate der Gewerbe - aufnahme von 1846, um zu berechnen, wie viele Perſonen zur eigentlich arbeitenden Klaſſe gehören; I, 213 — 291 und II, 1 — 16 enthält eine Vergleichung der wichtigern Handwerke von 1822 und 46, wobei hauptſächlich der Beweis geführt werden ſoll, daß die Gewerbefreiheit nicht zur Ueberſetzung des Hand - werks geführt habe; II, 235 — 64 eine Vergleichung des König - reichs und der preuß. Provinz Sachſen nach dem Stand von 1846, worin die intenſivere gewerbliche Entwickelung des König - für 1849 iſt die Bearbeitung in dem V. Folio -1 *4Einleitung.band der offiziellen Tabellen auch eine etwas weiter gehende. Die Reſultate von 1846 — 58 ſind im erſten Band der Zeitſchrift des ſtatiſtiſchen Bureaus zu einer überſichtlichen Tabelle wenigſtens vereinigt. 1Zeitſchrift des königlich preuß. ſtatiſtiſchen Bureaus I, S. 50 — 52. 1860.Die Reſul - tate von 1846 — 61 ſind für die einzelnen Gewerbe im Jahrbuch für die amtliche Statiſtik vergleichend zuſammen - geſtellt. Die Publikation der Aufnahme von 1861 iſt eine beſſere und eingehendere, als die früheren. Eine befriedigende Bearbeitung des Materials kann ich in all dem nicht ſehen.
Längſt nachdem ich mit dieſer Bearbeitung begon - nen, erſchien der dritte Band von Viebahn’s ausge - zeichneter Statiſtik des zollvereinten und nördlichen Deutſchlands, der das Gewerbeweſen umfaßt. So voll - endet derſelbe iſt, ſo viel ich geſtehe, aus demſelben gelernt zu haben, ſo mannigfach ich mich auf ſeine Reſultate und Berechnungen da und dort beziehen werde, ſo wenig konnte er mich abhalten, meine Unterſuchun -4reichs trotz Zunftverfaſſung nachgewieſen wird; III, 177 — 183 eine Ueberſicht der mit Weberei und Spinnerei im Zollverein beſchäftigten Perſonen; IV, 252 — 308 eine Vergleichung der Gewerbeaufnahmen der Zollvereinsſtaaten von 1846, in der Hauptſache ſich auf Mittheilung der Zahlen beſchränkend; V, 212 — 269 eine Ueberſicht der gewerblichen und Fabrikations - verhältniſſe des preuß. Staates am Ende der Jahre 1846 und 49, ebenfalls in der Hauptſache nur die Zahlen mittheilend; VII, 328 — 352, die Meiſter und Gehülfen 1849 und 52, nicht viel mehr als die Zahlen und den allgemeinen Beweis der Zunahme.5Literatur und Quellen.gen zu Ende zu führen und zu publiziren. Viebahn will nur den gegenwärtigen Standpunkt der deutſchen Induſtrie darſtellen; er geht nur ſelten auf ältere Zahlen über 1861, noch ſeltener über 1846 zurück. Ich will nirgends wie er darſtellen, eine vollſtändige Beſchreibung geben, ich will nur ein paar große Fragen hiſtoriſch unterſuchen, ſoweit es mit dem gewerbeſtati - ſtiſchen Material möglich iſt. Die Fragen, welche mir die wichtigſten ſind, kann Viebahn ſchon um des knappen Raumes in einem Sammelwerke willen vielfach kaum berühren, theilweiſe übergeht er ſie ganz.
Von den andern deutſchen Staaten haben eben - falls nur wenige genügende Bearbeitungen ihrer Hand - werksſtatiſtik aufzuweiſen. Am umfaſſendſten noch ſind die von Sachſen1Zeitſchrift des ſtatiſt. Bureaus des königl. ſächſ. Mini - ſteriums des Innern 1860 Nr. 9 und 10: Zur Statiſtik der Handwerke in Sachſen; 1863 Nr. 9 und 10: Zur Statiſtik der Handwerke im Königreich Sachſen 1849 und 61. Das klaſ - ſiſche Quellenwerk Engel’s über ſächſ. Gewerbeſtatiſtik, der dritte Folioband der Mittheilungen (Dresden 1854) kommt für unſere Unterſuchungen weniger in Betracht, da es nur die Beſchäf - tigungsſtatiſtik des einen Jahres 1849 enthält; die dortige Unterſuchung geht mehr auf Fragen, die hier ausgeſchloſſen ſind, wie z. B. die lokale Vertheilung der ſächſ. Induſtrie, die Alters - und Civilſtandsverhältniſſe der Gewerbtreibenden. und Württemberg;2Württembergiſche Jahrbücher 1862. Heft 2. Das Königreich Württemberg 1863. die bairiſche3Die Bevölkerung und die Gewerbe des Königreichs Baiern, nach der Aufnahme von 1861 verglichen mit 1847. München 1862.6Einleitung.und badiſche1Dietz, die Gewerbe im Großherzogthum Baden. Karls - ruhe 1863. Bearbeitung geht nicht viel über die Mit - theilung der Zahlen hinaus, die hannöverſche2Zur Statiſtik des Königreichs Hannover. Heft 10. Ge - werbeſtatiſtik von 1861. Hannover 1864. beſchränkt ſich nur auf das Jahr 1861 und bietet daher unſerer hiſtoriſchen Unterſuchung kein Feld. Die thüringiſche Gewerbeſtatiſtik,3Statiſtik Thüringens, Mittheilungen des ſtatiſtiſchen Bureaus vereinigter thüringiſcher Staaten, herausgegeben von Dr. Bruno Hildebrandt I. Jena 1865 — 67. S. 228 — 324. Die Gewerbtreibenden im Großherzogthum Sachſen 1861 ſind auch verzeichnet in: Beiträge zur Statiſtik des Großherzog - thums Sachſen-Weimar-Eiſenach. Erſtes Heft. Weimar 1864. S. 57 — 65. ſoweit ſie mir bekannt iſt, geht über das Jahr 1861 nur durch ein paar Mittheilungen aus Gotha und Koburg zurück; in der Hauptſache beſchränkt ſie ſich auf 1861 und auf die Umrechnung der abſo - luten Zahlen in Prozentverhältniſſe nach einigen Haupt - richtungen. Auch auf Thüringen und die andern kleinen Staaten beabſichtige ich nicht näher einzugehen; auf allzukleinem Raume können zu leicht beſondere exzeptionelle Urſachen einwirken, die das Reſultat trüben.4Derart waren die Verhältniſſe in Bremen, wo der übertriebenſte Zunftgeiſt die Gewerbe hemmte und die Zuſtände mit der Gewerbefreiheit um ſo plötzlicher ſich änderten; ſiehe als Belag hierfür die intereſſante Vergleichung der bremiſchen Ge - werbeſtatiſtik von 1862 und 64: „ Zur Statiſtik des bremiſchen Staats. “ Bremen 1865. S. 24 ff. Es wäre aber ſicher ſehr falſch, aus den dortigen Zahlen auf eine Handwerkerzunahme, die überhaupt aus allgemeinen Urſachen erfolge, ſchließen zu wollen. Die7Kritik der Aufnahmen.geſammte Aufnahme in den Zollvereinsſtaaten von 1861 iſt vom Centralbureau des Zollvereins publizirt, aber ohne daß nur die Totalſummen der Tabellen gezogen wären. 1Statiſtiſche Ueberſichten der Fabriken und vorherrſchend für den Großhandel beſchäftigten Gewerbsanſtalten, der dafür arbeitenden mechaniſchen Kräfte und ſämmtlicher Dampfmaſchi - nen, der Handels - und Transportgewerbe, ſowie der Hand - werker im Gebiete des Zollvereins. Berlin, Jonas 1864.
Neuere Aufnahmen ſeit 1861 exiſtiren leider faſt gar keine, was um ſo mehr zu bedauern iſt, als gerade von 1861 — 68 unſer gewerbliches Leben ſich ſo ſehr verändert hat.
Ehe ich zur Sache komme, muß ich noch eine Bemerkung vorausſchicken. Die Nichtbeachtung und Nichtbearbeitung der Gewerbeſtatiſtik hatte und hat bei vielen hervorragenden Statiſtikern und Nationalökonomen einen, wenn nicht ganz genügenden, doch auch nicht ganz unſtichhaltigen Grund — nämlich die Unvollkommenheit der Aufnahmen. Ueber Großgewerbe, Ackerbau, Forſt - wirthſchaft kann die Statiſtik eine Reihe wichtiger und theilweiſe leicht konſtatirbarer Verhältniſſe und Merk - male feſtſtellen. Das Handwerk hat in der Regel nur eine Perſonalſtatiſtik; nur die Zahl der Meiſter, der Geſellen und Lehrlinge oder beider letzteren zuſammen läßt ſich aufnehmen, daraus ihr Verhältniß zur Bevölke - rung berechnen. Damit weiß man noch unendlich wenig über die Produktion, über Blüthe oder Verfall, über die geſchäftliche Organiſation. Was ſagt eine geringere Zahl Geſchäfte, wenn jedes beſtehende Geſchäft mit ſo viel mehr Maſchinen arbeitet? was ſagt eine bloße8Einleitung.Perſonalſtatiſtik ohne Statiſtik der techniſchen Hülfs - mittel und des Umſatzes? Die ältern einfachen Kate - gorien „ Meiſter und Gehülfen “paſſen auf heutige Zu - ſtände nicht mehr ganz, erſchöpfen ſie wenigſtens nicht. Vielfach ſind heute verſchiedene Handwerke in Geſammt - unternehmungen vereinigt; daſſelbe Geſchäft treibt Pelz - handel, Hutfabrikation, Handſchuhmacherei. Dadurch und durch andere ſolche Verhältniſſe entſteht eine Reihe von Schwierigkeiten, Bedenken, Unkorrektheiten. Nur bei einer möglichſt genauen Kenntniß der realen gewerb - lichen Verhältniſſe, um die es ſich handelt, wie der Art der Aufnahmen werden ſich die Irrthümer, die noth - wendige Folge dieſer Mißſtände ſind, nicht ganz, aber doch einigermaßen vermeiden laſſen.
Der allgemeine Werth der Aufnahmen unterliegt neben dieſen ſpeziellen Bedenken noch dem Zweifel, der aus einer Vergleichung mit der Aufnahme der Bevölke - rungstabellen hervorgeht. Die Bevölkerungsaufnahmen haben ſich ſucceſſiv verbeſſert, eine wiſſenſchaftlich bear - beitete Technik der Aufnahmen hat ſich gebildet; die Selbſtangaben in den Haus - oder Haushaltungsliſten ſind glaubwürdige Zeugniſſe der betreffenden Perſonen über einfache verſtändliche Fragen. So ſind die Gewerbe - tabellen nicht aufgenommen; ſie ſtützen ſich meiſt nicht auf Selbſtangaben; ſchon die Rubriken der Tabellen ſind zu komplizirt, um die Leute ſie ſelbſt ausfüllen zu laſſen. Die Ausfüllung der erſten Tabellen fällt in die Hand von Lokalbehörden (Orts - oder Kreisvorſtän - den), bei denen oftmals die gehörige Einſicht, öfter vielleicht noch der gehörige Wille fehlt. Für die Ver -9Kritik der Aufnahmen.gleichung der verſchiedenen Staaten kommt hinzu, daß man ſich bis zu einem gewiſſen Grade ſchon 1846, vollſtändig 1861 zu einem gemeinſamen Schema in den Zollvereinsſtaaten einigte, daß man aber keine ſichere Garantie dafür hat, ob die Ausführung eine einheit - liche, gleichmäßige iſt, ob dieſelben Kategorien überall gleichmäßig aufgefaßt wurden.
Gerechten Zweifeln und Bedenken unterliegt auch die ganze in Preußen übliche Trennung der Aufnahme in zwei beſondere Tabellen, in die Fabriktabelle und die Handwerkertabelle. 1Die Angriffe gegen dieſe Eintheilung gehen hauptſächlich von Engel aus: ſ. Zeitſchrift des ſtatiſt. Bur. 1863. S. 80. und Preuß. Statiſtik V. S. 49.Engel hat nicht ganz Unrecht, wenn er ſagt, es fehle an jeder ſcharfen Definition für dieſe Trennung, ganz abgeſehen davon, daß die Uebergänge von der einen zur andern Art ſo zahlreich und fein ſchattirt ſeien, daß es ſchwer zu ſagen ſei, wo das Hand - werk aufhöre, die Fabrik anfange. Es gibt Gerbereien, Schmieden, Glockengießereien in der Handwerkertabelle verzeichnet, die größer ſind als viele Fabriken. Als Meiſter werden nicht bloß ſelbſtändige Unternehmer, ſondern viele Arbeiter bezeichnet, die zu Hauſe für Verleger arbeiten.
Mag dem aber ſein, wie ihm wolle, die Trennung iſt eine gegebene Thatſache; für künftige Aufnahmen wird ſie als offene Frage zu diskutiren ſein, für die früheren iſt ſie da und es fragt ſich bloß, ob ſie die Thatſachen ſo entſtellt, daß wegen ihr gar keine richtige Bearbei - tung möglich iſt.
10Einleitung.Das zu behaupten wäre lächerlich. Gerade für eine Unterſuchung, die nur die Kleingewerbe in Betracht ziehen will, bietet die Trennung ſogar Vortheile. Und wenn man von Einzelheiten abſieht, ſo entſpricht ſie ſelbſt heute noch im Ganzen den realen Zuſtänden, hat ihnen jedenfalls bis in die fünfziger Jahre entſprochen. In der Hauptſache ſind die Geſchäfte, welche in der Handwerkertabelle ſtehen, etwas Anderes als die in der Fabriktabelle ſtehenden. Entſcheidet im Detail oft nur Willkür und Zufall, ob eine Unternehmung in der einen oder andern Tabelle verzeichnet iſt, für die Haupt - kategorien iſt die Scheidung doch klar; für ſie hat die - ſelbe jedenfalls in den verſchiedenen Jahren nach gleichen Grundſätzen ſtattgefunden. Und wenn manche Unterneh - mung, die in der Fabriktabelle ſteht, in die Handwerker - tabelle gehört, ſo wird auch der umgekehrte Fehler ſtatt - gefunden haben, und das Geſammtreſultat wird in Folge dieſer Ausgleichung doch relativ der Wahrheit ſich nähern.
Für mancherlei Fragen und Verhältniſſe werden bedeutende Zweifel bleiben. Da wird man verſuchen müſſen die Zahlen kritiſch zu rektifiziren, wenn es geht. Wenn das nicht geht, wird man die Schlüſſe vorerſt hypothetiſch ziehen und ſo zunächſt ein vorläufiges Re - ſultat erhalten.
Verfährt man nur wiſſenſchaftlich, ſo hat man trotz der Unvollkommenheit der Aufnahmen ein werth - volles Unterſuchungsmaterial, das bei richtiger und vor - ſichtiger Frageſtellung der Wahrheit entſprechende Ant - worten nicht ſchuldig bleibt.
Die Nachwehen des dreißigjährigen Krieges und die Zuſtände überhaupt. Die zeitgenöſſiſchen Klagen über die elende Lage der Handwerke. Die verſchiedene Wirkung der Zuſtände auf die Lokalgewerbe und die für den größeren Abſatz arbeiten - den Gewerbe. Aus der Münchener Handwerksſtatiſtik des 17. Jahrhundert. Einzelne gewerbeſtatiſtiſche Notizen aus dem 18. Jahrhundert: Bairiſche Tuchmacher; Niedergrafſchaft Katzenellnbogen; Herzogthum Magdeburg; Fürſtenthum Würz - burg; Schweidnitz; Kaufbeuern; Speier.
Obgleich wir für das 18. Jahrhundert keine umfaſ - ſenden Gewerbeaufnahmen haben, ſei es geſtattet, mit einigen Worten an die damaligen Zuſtände zu erinnern. 1Siehe darüber Biedermann, Deutſchland im 18. Jahr - hundert. Leipzig 1854. I, 235 — 329. Maſcher, das deutſche Gewerbeweſen. Potsdam 1866. 349 — 477. Gülich, geſchicht - liche Darſtellung des Handels, der Gewerbe ꝛc. Jena 1830. II, 197 — 335.
Noch litt Deutſchland an den Nachwehen des dreißigjährigen Krieges. Der deutſche Handel war ver - nichtet. Die Kleinſtaaterei hemmte jede Bewegung. Das Gewerberecht war ausgeartet in den verrottetſten Zopf. Mißbräuche aller Art wucherten. Vergeblich ſuchten14Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.Reichs - wie Landesgeſetzgebung dagegen anzukämpfen. Vergeblich war Alles, weil Stumpfſinn und Apathie, kleinlicher Spießbürgergeiſt und beſchränkte Indolenz überall herrſchten, weil Gevatter Schneider und Hand - ſchuhmacher möglichſt ohne Anſtrengung und Arbeit ſich nothdürftige Nahrung zu ſchaffen und zu erhalten ſuch - ten. Ein großer Theil der Handwerker, auch der ſtädtiſchen, war zu Halbbauern herabgeſunken. Feindlich und apathiſch verhielt ſich die Mehrzahl gegen neue Anregungen, wie ſie von den flüchtigen franzöſiſchen Proteſtanten, von den Fürſtenhöfen ausgingen. Das Fabrikweſen oder vielmehr einzelne für weitern Abſatz arbeitende Hausinduſtrien wurden in einzelnen Ländern, wie in Preußen, in Sachſen, auch in Oeſtreich von aufgeklärten Fürſten gepflegt und gehoben; nur wenige Induſtrien, wie die Leinenmanufaktur, hatten aus alter Zeit her noch eine gewiſſe Blüthe gerettet; aber das berührte in der Hauptſache die hergebrachten Hand - werkszuſtände nicht viel, jedenfalls nur in einzelnen Ländern.
Die ökonomiſche Lage der meiſten Handwerker war ebenſo kümmerlich als ihre Technik unvollendet, ihre Arbeit ſchlecht. Das dauernde Siechthum, wie es ebenſo Folge der Geſetzgebung und der politiſchen Zu - ſtände, als der techniſchen Ungeſchicklichkeit und ſpieß - bürgerlichen Trägheit war, hatte aber je nach der Art der Gewerbe und lokal, je nach den mitwirkenden ſon - ſtigen Verhältniſſen, ziemlich verſchiedene Folgen. In einigen Gegenden und Gewerben allgemeiner Rückgang ſelbſt der Meiſterzahl, in andern im Gegentheil eine15Die Klagen über gewerbliche Noth.Ueberſetzung des Handwerks. Ueberall aber treffen wir gleichmäßig die Klagen über gewerblichen Nothſtand.
Juſtus Möſer klagt,1Patriotiſche Phantaſien. Berlin 1775. I, 181 ff. daß man Handel und Hand - werk auf dem platten Lande geſtattete, da könne ſich der Handwerker in allen kleinern Städten nicht mehr halten. An einer andern Stelle2Eod. S. 21. ſucht er die Urſache des Verfalls in der Krämerei: „ Man laſſe ſich, “ruft er, „ die Rollen von unſern Handwerkern nur ſeit hun - dert Jahren zeigen. Die Krämer haben ſich gerade dreifach vermehrt, und die Handwerker unter der Hälfte verlohren. Der Eiſenkram hat den Kleinſchmid, der Bureau - und Stuhlkram den Tiſchler, der Goldkram den Bortenwirker, der goldene, härene, gelbe und weiße Knopf den Knopfmacher und Gelbgießer verdorben. Und kann man ſich eine Sache gedenken, womit der Krämer jetzt nicht heimlich oder öffentlich handelt? “ Aehnlich ſpricht ſich auch Bergius in ſeinem Polizei - magazin aus. 3Siehe Bd. VI. 392 — 93 (1786).Beide täuſchen ſich über Urſache und Wirkung; die Krämerei war nicht die Urſache des Ver - falls der Handwerke, ſondern mit und durch den Verfall des Handwerks und mit dem Aufblühen der Fabriken entſtand erſt der regere Detailhandel.
Als fernern Beleg über die elenden Zuſtände im Allgemeinen möchte ich noch die Klagen von Krug aus der Zeit gegen 1800 hervorheben, die doppelt ſchwer wiegen, da ſie ſich auf Preußen beziehen, das immerhin den andern Staaten, wie wir ſehen werden, noch weſent -16Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.lich voraus war. Krug1Betrachtungen über den National-Reichthum des preuß. Staates II, 153 ff. legt ſich die Frage vor, ob der Wohlſtand der Städte im Ganzen gegen ältere Zeiten zu - oder abgenommen habe. „ Eine Erfahrung, “antwortet er, „ welche man nicht bloß in den preußi - ſchen Städten, ſondern in den Städten vieler anderer Staaten gemacht hat und noch immer machen kann, möchte wohl dieſe Frage für die Abnahme des Reich - thums und Wohlſtands im Ganzen entſcheiden. “ Er erinnert an die mittelalterlichen Bauten der Städte, er klagt — wohl ziemlich übertrieben —, daß nur die - jenigen Induſtriellen, die dem Luxus, den nichtswür - digen Künſten, Gaukeleien und Spielereien der Vor - nehmen dienen, noch zunehmen. „ Wenn wir “— ſagt er — „ den Wohlſtand des Bürgerſtandes oder der induſtriöſen Klaſſen in den Städten ohne Rückſicht auf jetzt herrſchende Moden und den Einfluß des Zeitgeiſtes auf die Bedürfniſſe dieſes Standes betrachten, ſo wird wohl für wenige Städte der geſunkene Wohlſtand des Handwerksſtandes geleugnet und gründlich widerlegt werden können. Die Klagen über zunehmende Nahrungs - loſigkeit der Landſtädte werden in allen Provinzen gehört und ſind in neuerer Zeit immer ausgebreiteter gewor - den; in den kleinen Landſtädten hat der Luxus noch nicht unter der Mehrheit der Handwerker Platz finden können, und die alte Simplicität der Sitten und der Bedürfniſſe iſt hier noch am mehrſten zu finden. Es haben viele Urſachen zuſammengewirkt, welche den Wohl -17Die Klagen über gewerbliche Noth.ſtand des Bürgerſtandes zerſtört haben und die haupt - ſächlichſten derſelben mögen in falſchen Abgabenſyſtemen, in der Verwandlung einträglicher Gewerbe in Fabrik - anſtalten, in der Aufhebung oder Beeinträchtigung der Innungen und in den Handelseinſchränkungen zu ſuchen ſein. “
Wir wollen mit Krug hier nicht rechten, in wie weit er Recht hat mit ſeinen Klagen, mit den Urſachen, die er anführt. Er vermengt Wahres mit Falſchem; er ſieht vorübergehende Mißſtände zu Ende des Jahr - hunderts für dauernde Urſachen an; er verkennt man - ches Gute, weil es neu iſt, weil es ihm als zuſammen - hängend mit verderblichem Luxus erſcheint1Die ſtatiſtiſchen Belege, welche er von den Städten der Kurmark als Beweis des Verfalls anführt, zeigen wohl einzelnes Schlimme, aber zum größern Theile beweiſen ſie das Gegentheil, nämlich den volkswirthſchaftlichen Fortſchritt der kurmärkiſchen Städte. — aber ſo viel beweiſen ſeine Worte, blühend war das Hand - werk des 18. Jahrhunderts nicht.
Suchen wir nun Einiges über die Zahlen der Handwerker und ihrer Gehülfen beizubringen.
Der vorhin ſchon erwähnte Unterſchied in der Rückwirkung der allgemeinen Zuſtände auf die Zahl der Handwerker mußte ſich zeigen Hauptſächlich zwiſchen den reinen Lokalgewerben, die für den täglichen Abſatz die nothwendigſten Waaren liefern, und jenen, die ent - behrlichere Waaren, ſowie Waaren für den entfernteren Abſatz produziren. Bei letztern wird der Ruin viel ſchneller eintreten, die Meiſterzahl wird raſch ſinken;Schmoller, Geſch. d. Kleingewerbe. 218Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.erſtere können lange der Zahl nach dieſelben bleiben, aber ſie machen immer ſchlechtere Geſchäfte, führen Jahr - zehnte hindurch ein elendes Daſein.
Ein zwar weiter zurück liegender, aber ſchlagender Beleg hiefür iſt die Münchener Handwerksſtatiſtik von 1618, 1633 und 1649. 1München während des dreißigjährigen Krieges, eine Rede von Georg von Sutner. München, Lindauer 1796. S. 60. 66 ff.Die Geſammtzahl der Meiſter betrug nach den Steuerbüchern, während die Bevölkerung der Stadt in dem einen Jahr 1635 um 15000 Men - ſchen durch den Tod ärmer geworden ſein ſoll,2Siehe eod. S. 36 und Hanſer, Deutſchland nach dem 30 jährigen Kriege. Leipzig, Winter 1862. S. 213. 1618 ...... 1781 1633 ...... 1469 1649 ...... 1110
Einzelne Gewerbe, wie die Sammtweber, Kunſtfüh - rer, Meſſingarbeiter, Saitenmacher, ſind ganz verſchwun - den. Andere ähnlicher Art zeigen wenigſtens eine ſehr ſtarke Abnahme. Es ſind
Keine weſentliche Aenderung, ja theilweiſe eine Zunahme zeigen dagegen folgende Kategorien:
Dieſelbe Bewegung, die hier als akute Krankheit ſich zeigt, ſehen wir von da bis gegen 1800 als chro - niſche Krankheit. Einzelne Handwerke nehmen reißend ab, während ſie daneben an manchen Orten, begünſtigt durch beſondere Verhältniſſe und fürſtliche Bemü - hungen, auch wieder aufblühen; die Mehrzahl der gewöhnlichen Handwerke aber nimmt kaum ab, jeden - falls nicht ſtark genug, um den bleibenden aus - kömmliche Nahrung zu ſchaffen. Die Zunftverfaſſung gibt dem Einzelnen zu viel, um zu ſterben, zu wenig, um ordentlich zu leben, und ſo iſt das Handwerk im Verhältniß zur Bevölkerung an vielen Orten viel zu ſtark beſetzt. Auch erblicher Hausbeſitz, der geſtattet, von der Miethe zu leben, nebenhergehende Acker - und Gartenwirthſchaft wirkte da und dort auf Ueber - ſetzung.
Daher die ſcheinbar widerſprechenden Zahlen und Angaben. Nicolai1Theil VI. S. 594. vergl. Gülich II, 285. führt in ſeiner Reiſe durch Deutſch - land folgende Statiſtik des Tuchmachergewerbes in Baiern an; es waren:2 *20Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.
Dagegen ergibt ſich eine vollſtändige Ueberſetzung des Handwerks aus folgenden Zahlen. In der Nieder - grafſchaft Katzenellnbogen1Siehe Schlözer, Staatsanzeigen VI. 159 — 191. Maſcher, Gewerbeweſen S. 433. kommen 1783 nach der zuverläſſigen Angabe eines dortigen Beamten, des Kam - meraſſeſſor Hüpeden, auf 19596 Seelen nicht weniger als 1663 Handwerker, Künſtler und Handelsleute mit 87 Geſellen und 21 Lehrlingen — zuſammen 1751 hand - werksmäßig beſchäftigte Perſonen. Es ſind darunter einige wenige Leute, die heute nicht in der Handwerks -, ſondern in der Handelstabelle verzeichnet werden; neh - men wir nur 1600 handwerksmäßig beſchäftigte Per - ſonen auf 19596 Seelen an, ſo ſind es 8,16 % der ganzen Bevölkerung, während 1861 die Handwerker in dem gewerbreichen Sachſen erſt 8, in Preußen 5 — 6 % der Bevölkerung betragen, während 1845 in den größ - ten deutſchen Städten die ſämmtlichen Gewerbetreiben - den 4 — 6 %, nur in Berlin und Wien bis 10 %2Nach Reden, Zeitſchrift des Vereins für deutſche Sta - tiſtik I, 763: Vergleichende Zuſammenſtellung der Bevölke - rung und der Zahl der Gewerbtreibenden in 14 deutſchen Städten. ausmachen. Daß es ſich um eine zu große Zahl Mei - ſter handelt, die ſich des halb kümmerlich nährt, zeigt[21]Handwerksſtatiſtik jener Zeit.die Gehülfenzahl; 168 auf 1663, alſo 10 % der Meiſter; in Sachſen kommen 1861 auf jeden Meiſter etwa 1½ Gehülfen, in Preußen auf jeden Meiſter einer — alſo 100 bis 150 % der Meiſter.
Maſcher und Kotelmann1Gewerbeweſen S. 432. Kotelmann, die Urſachen des Pauperismus unter den deutſchen Handwerkern, deutſche Vier - teljahrsſchrift 1851. Heft 1. S. 193 ff., beſonders S. 202 und 226. theilen ohne Angabe der Quellen noch einige Daten mit, die ein ähnliches Bild ergeben. Im Herzogthum Magdeburg kommen 1784 auf 280332 Seelen 33203 Handwerker, darun - ter 2297 Geſellen und 1988 Lehrlinge und 1868 Meiſter, Geſellen und Lehrlinge in Fabriken beſchäftigt. Es bleiben alſo 27050 ſelbſtändige kleine Meiſter mit 4285 Gehülfen: mit den Gehülfen über, ohne ſie bei - nahe 10 % der ganzen Bevölkerung. Das wenig indu - ſtrielle Fürſtenthum Würzburg hat auf 262409 Seelen 13762 ſelbſtändige Gewerbetreibende mit 2176 Gehül - fen, zuſammen 15938 oder 6,08 % der Bevölkerung. Schweidnitz hatte 1788 folgende Bevölkerung: Civil - ſtand 6118 Seelen, Militär 2865, zuſammen 8983 Seelen, davon 1072 Handwerker, alſo auf einen Handwerker etwa 8,3 Seelen; der Handwerkerſtand 12 % der Bevölkerung. Kaufbeuern hatte 1783 etwa 4000 Seelen mit 800 Gewerbtreibenden, worunter indeſſen 300 Weber eingerechnet ſind. Wenn wir dieſe in Abzug bringen, ſo machen die Handwerker immer noch 12,5 % aus. In Speier, das noch zu Ende des 16. Jahrhunderts 1000 Tuch - und Leinweberſtühle22Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.zählte, das 1792 deren nur noch 20 hatte, kommen in dieſem Jahre auf 5129 Einwohner doch noch 674 ſelbſtändige Gewerbtreibende mit 290 Gehülfen, alſo 964 Perſonen, das ſind 18,79 % der Bevölkerung. Sie müſſen in ſehr ſchlimmer Lage geweſen ſein, wenn man auch annimmt, ſie hätten neben dem Abſatz in der Stadt noch einen weitreichenden in der Umgegend gehabt. „ Kaum 100 dieſer Meiſter konnten von ihrem Gewerbebetrieb leben. “ „ Ich kenne “— ſagt ein Augen - zeuge, der damalige Zunftherr Adam Weiß zu Speier — „ äußerſt thätige rechtſchaffene Profeſſioniſten, die Tag und Nacht anhaltend zu arbeiten wünſchen. Allein ſie finden keine Beſchäftigung und müſſen zu ihrem gro - ßen Leidweſen gezwungen müßig gehen. Voll Wehmuth ſieht man ſie für die Ihrigen gegen den Hungertod käm - pfen, und kaum verſchafft ihnen ihr Sieg das trockene Brod. “
So ſind die gewerblichen Zuſtände Deutſchlands im 18. Jahrhundert beinahe allenthalben. Immerhin aber gab es einzelne Theile des Reichs, wo die Lage des Gewerbsmannes etwas beſſer war, wie ich ſchon vorhin erwähnte. In Oeſtreich war durch Karl VI., durch Maria Thereſia und Joſeph II. Manches geſche - hen. Auch in Sachſen war einiger gewerblicher Fort - ſchritt nicht zu leugnen. Vor Allem aber hatte man es in den preußiſchen Landen verſtanden, den Wohl - ſtand zu fördern. Es iſt nöthig, darauf noch einen Blick zu werfen.
Die Thätigkeit des großen Kurfürſten und König Friedrich’s. Friedrich Wilhelm I., die poſitiven Beförderungen der Indu - ſtrie und die Reform der Zunftverfaſſung. Friedrich der Große; ſeine Juſtiz, Toleranz und Einwanderungspolitik; die poſitiven Beförderungen beſonders der Gewebeinduſtrie; die fortgeſetzte Reform des Zunftweſens, die weſtpreußiſche Hand - werksordnung von 1774. Der Erfolg dieſer Maßregeln nach Marperger, Mirabeau, Krug; das Handwerk in Berlin 1784, in Brandenburg 1784. Allgemeine Würdigung der preußi - ſchen Verwaltung des 18. Jahrhunderts; die Berechtigung der Maßregeln, beſonders der Reglements in Bezug auf die Hausinduſtrie.
Schon der große Kurfürſt beginnt mit jener plan - mäßigen Leitung und Beförderung der Gewerbe und des Handels durch die Staatsregierung. 1Das ziemlich vollſtändige Material für die Geſchichte die - ſer Bemühungen liegt vor in Mylius, Corpus Const. Marchic. V und in der Fortſetzung, im Novum Corpus Const. Prussic. 1751 — 1800. Es fehlt aber noch an einer irgendwie genü - genden Bearbeitung. Einen kurzen Abriß enthält die geſchicht - liche Einleitung in Rönne, Gewerbepolizei des preuß. Staats. Breslau 1851. S. 8 ff.Seine Haupt - bemühung war, tüchtige niederländiſche und franzöſiſche24Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.Gewerbsleute ins Land zu ziehen. Durch die Edikte von 1667, 1669 und 1683 ſollte in jeder Weiſe die Wiederbebauung wüſter Stellen in Städten und Dör - fern befördert werden. An Stelle des höchſt ungleich auf einzelnen Häuſern haftenden alten Schoſſes ſetzte er die ſpäter vielgeſchmähte Acciſe in den Städten durch, die zunächſt ſehr zur Hebung der ſtädtiſchen Gewerbe beitrug, Handwerker, Krämer und Kaufleute von ander - wärts anzog. „ Es wurde ein Gedränge verſpürt, um Häuſer zu kaufen. “ Die Edikte vom 3. November 1686, 7. Mai 1688 und 13. Juli 1688 ſollten die ganze Gewerbeverfaſſung beſſern. Theure Meiſterſtücke wur - den verboten; alle Geſchloſſenheit der Zünfte auf eine beſtimmte Anzahl Meiſterſtellen ward verpönt. Alle Ein - wanderer erhielten freies Meiſter - und Bürgerrecht. Wo es nothwendig war, wurden die Zunftſchranken durch Perſonalprivilegien durchbrochen. Die Linneninduſtrie der Grafſchaft Ravensberg, früher durch niederländiſche Flüchtlinge begründet, wurde durch die Leggeordnung von 1652 wieder weſentlich gehoben. 1Vergl. Mirabeau, de la monarchie prussienne. Lon - dres 1788. III, 217.Die Maße, die Qualität, die Namen beſtimmter Gewebe wurden feſt - geſetzt, die Leinwand nachgemeſſen, mit herrſchaftlichem Stempel verſehen, das Verhältniß von Stadt und Land geordnet. Er begann damit, das Privilegium der Städte in Bezug auf die Weberei aufzuheben, wie das noch mehr ſein Sohn gethan hat. 2Daſelbſt S. 221 — 22. Mylius V. Abth. II. S. 428. Patent vom 25. Juni 1729. eod. S. 754: Spinner und Leine -
25Der große Churfürſt und König Friedrich I.Auch in den übrigen Zweigen der Gewerbepolizei ſetzte König Friedrich eine ähnliche Politik fort;1Siehe Stenzel, Geſchichte des preuß. Staats. Hamburg 1841. III., 47 ff. beſon - ders die Beförderung aller Art von Einwanderern wurde ſyſtematiſch betrieben. Magdeburg wurde von den Pfälzern vollſtändig wieder aufgebaut. In Berlin mehr - ten ſich die franzöſiſchen Geſchäfte und Gewerbe. Im Jahre 1690 ſollen ſchon 43 Arten neuer Gewerbszweige durch die Wallonen und Franzoſen in der Mark hei - miſch geworden ſein. Heftig klagten die einheimiſchen Gewerbe über dieſe neue Konkurrenz; aber die Regierung achtete nicht auf dieſe Klagen.
Unter Friedrich Wilhelm, dem ſparſam klugen, hausväterlichen Tyrannen ſeiner Unterthanen, knüpften ſich an dieſe Maßregeln weitere und tiefer eingreifende; Ausfuhrverbote von Rohſtoffen, beſonders von Wolle, Einfuhrverbote oder hohe Zölle reſp. Acciſeabgaben für fremde Manufakte werden erlaſſen. Walkmühlen, Fär - bereien, Preſſen, Wollmagazine werden von der Regie - rung angelegt. Das Berliner Lagerhaus, als ſtaatliche Muſter-Tuchfabrik, wird gegründet. Niedere Steuern oder vollſtändige Steuerfreiheit, Freiheit von Einquartie - rung und Werbung, Vorſchüſſe auf 3 Jahre vom Tage ihrer Verheiratung werden fremden Tuch -, Raſch -, Zeug -, Fries -, Strumpf - und Hutmachern verſprochen. 2Stenzel III, 413.2weber ſoll man auf dem Lande ſo viel als man kann und will anſetzen dürfen.26Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.In der Inſtruktion an die Fabrikinſpektoren von 17291Mylius V. Abth. II. S. 467. wird dieſen aufgetragen, zu ſehen, daß die armen Tuchmacher Verleger bekommen, welche ihnen Wolle und Arbeitslohn vorſchießen. Strenge wird befohlen, daß die im Zuchthaus zu Spandau das Raſch - und Zeugmachen erlernt haben, in die Zunft aufzunehmen ſeien. In dem Generalprivilegium für die Tuchmacher der Mark von 17342Mylius V. Abth. II. S. 375. wird erklärt, das Gewerbe ſei ein ungeſchloſſenes, jeder Meiſter dürfe Geſellen halten ſo viel, als er wolle; ein niederes Maximum von 4 — 5 Thalern wird für die Koſten des Meiſterwerdens feſtgeſetzt; zwiſchen Fremden und Einheimiſchen, welche Meiſter werden wollen, ſoll kein Unterſchied gemacht werden. Damit es nicht an Garn fehle für die Webe - rei, wird das Spinnen allen Hökerweibern, Handwerks - frauen und Bürgertöchtern, die in öffentlichen Buden feil halten, anbefohlen.
In Bezug auf die Zunftverfaſſung überhaupt wer - den ſchon vor dem Reichsgeſetz von 1731 weſentliche Aenderungen getroffen. Das Handwerk ſoll in der Hauptſache den Städten bleiben, aber nicht der bloß bornirte Egoismus der Zunftgenoſſen der Stadt ſoll über die Ausnahmen entſcheiden. Es werden 1718 Prin - cipia regulativa3Mylius V. Abth. II. S. 670. über das Verhältniß von Stadt und Land erlaſſen; nicht bloß Spinner und Leineweber, ſon - dern auch Schmiede, Schneider, Zimmerleute, Rade - macher ſind zuzulaſſen, in jedem Dorfe wenigſtens ſo27Friedrich Wilhelm I. viele als 1624 Handwerksſtellen da waren. Genaue Verzeichniſſe über die Zahl der alten Stellen werden publicirt. Jede Gutsherrſchaft kann für ſie ſelbſt arbei - tende Handwerker anſetzen, ſo viel ſie will. Die Land - meiſter dürfen beliebig Geſellen halten und Jungen lehren, nur ſie nicht losſprechen. 1Eod. S. 735, Anno 1724.Den Dorfküſtern und Schulmeiſtern ſoll wegen ihres ſchlechten Gehalts fort erlaubt werden, eine Profeſſion zu treiben.
Mehrmals (1718 und 1721)2Mylius V. Abth. I. 411. Abth. II. S. 674. werden Verzeich - niſſe der in einzelnen Städten fehlenden Handwerker veröffentlicht, um Einwanderer gegen freies Bürger - und Meiſterrecht, Bauholz und mehrjährige Abgaben - freiheit dahin zu ziehen. Alle theuren Meiſterſtücke werden 1723 verboten. 3Mylius V. Abth. II. 734.Waiſen und Soldatenkindern ſoll das Vorwärtskommen in der Zunft in jeder Weiſe erleichtert werden.
Hauptſächlich aber wurde das Reichsgeſetz gegen die Zunftmißbräuche mit Nachdruck durchgeführt. Ein beſon - derer Anhang in Mylius von 618 Spalten enthält die ſämmtlichen hienach revidirten Zunftſtatuten aus den Jahren 1734 — 37. Mit polizeilicher Gewalt durch die beaufſichtigenden Altmeiſter, durch die Steuerräthe und Fabrikinſpektoren wird verſucht, in alle Gewerbe Ord - nung, Fortſchritt, tüchtige Arbeit zu bringen; viel Kleinliches und Veraltetes wird in hausväterlichem Sinne beibehalten, aber die eigentlich monopoliſtiſchen Mißbräuche werden ſchonungslos verfolgt.
28Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.Die Verwaltung des größten preußiſchen Königs ging von denſelben Anſchauungen aus;1Das Material bei Mylius; ſonſt; Roſcher, über die volkswirthſch. Anſichten Friederichs des Großen, akad. Feſtſchrift der kgl. ſächſ. Geſellſchaft der Wiſſenſch. ; Lippe-Weißenfeld, Weſtpreußen unter Friederich dem Großen. 1866; Mirabeau de la mon. prussienne Bd. III; Dohm, Denkwürdigkeiten Bd. IV. S. 85 — 132. 377 — 527. Hannover 1819; Preuß, Friederich der Große Bd. III u. IV und Urkundenband III u. IV. Berlin 1833 u. 34. Hertzberg, Huit dissertations. Berlin 1787. aber die Durch - führung war großartiger, feſter, planvoller, wie ſeine Einſicht, ſeine Kenntniſſe und ſein Charakter dem ſeines Vorgängers unendlich überlegen waren. Dagegen wirkte unter ihm die höchſte Anſpannung der Finanzen, die übermäßige Ausbildung des indirekten Steuerſyſtems den Bemühungen um Hebung des Wohlſtandes ſtärker entgegen als früher.
Als der wichtigſte Grundſatz ſeiner hierin ſeinem Vater weit überlegenen Regierung ſtand der voran, das Juſtizverfahren ſo zu beſſern und ſo unabhängig zu machen, die Gewiſſensfreiheit ſo feſtzuſtellen, daß Preu - ßen der Zielpunkt aller Auswanderung blieb und noch mehr werde. Hunderte von Dörfern hat er gegründet,2Hertzberg, S. 191. Tauſende von fleißigen Handwerkern und Fabrikanten hat er ins Land gezogen. Wie früher wurden Liſten der an den einzelnen Orten fehlenden Handwerker publi - zirt. Maſſenhaft wurden beſonders Bauhandwerker aus dem Voigtlande und dem Sächſiſchen nach Weſtpreußen29Friedrich II. übergeſiedelt (1776). 1Lippe-Weißenfeld S. 75 und 115.In Schleſien allein ſollen 1763 — 77 nicht weniger als 30000 Gewerbtreibende eingewandert ſein.
Die poſitiven Beförderungen der Induſtrie waren ſchroff merkantiliſtiſche, die eben, weil ſie ſchroff ein - greifen, manche Intereſſen verletzten, oft geändert, modifizirt werden mußten, wie z. B. die Wollausfuhr - verbote. Aber überallhin kam durch ſeine Anregungen gewerbliche Thätigkeit. Der ſchleſiſche Bergbau iſt auf ihn zurückzuführen; eine große Eiſenwaaren-Fabrik wurde in Neuſtadteberswalde ins Leben gerufen; die Berliner Staats-Eiſengießerei, die Mutter der ganzen Berliner Maſchineninduſtrie, iſt ſein Werk. Die Krefelder Seiden - induſtrie erblühte unter ihm; die Elberfelder und Bar - mer Induſtrie2Siehe darüber: Hocker, die Großinduſtrie Rheinlandes und Weſtfalens, ihre Geographie, Geſchichte, Produktion und Statiſtik. Leipzig 1867. S. 180 — 188. erwuchs unter ihm aus bloßer Bleicherei und Färberei zur großartigſten Weberei. Die Bielefel - der Linneninduſtrie wurde durch Einrichtung holländiſcher Bleichanſtalten, durch ein Handels - und Bleichgericht, durch Beförderung des Abſatzes auf diplomatiſchem Wege unterſtützt. Am meiſten vielleicht geſchah für die Gewebeinduſtrie Schleſiens und der Mark, beſonders Berlins. Techniſche Reglements, wie z. B. 1754 für die neumärkiſchen Tuchmacher, auch einzelne Spezial - befehle ordneten die geſammte Spinnerei und Weberei. Die Garnausfuhr wurde verboten, das Spinnen in jeder Weiſe befördert, ſelbſt den Soldaten wurde es30Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.befohlen,1Mirabeau III. 74. 78. den Baumwollſpinnern ſogar Jahresprämien gezahlt. 2Novum Corpus Const. Pruss. 1753. S. 455.Niedere Steuern, Freiheit von jeder Meiſter - abgabe und von Einquartierung für die Weber und Spinner, volle Gleichſtellung von Stadt und Land für dieſe Gewerbe, Einrichtung von Schauanſtalten, Woll - magazine, Gewährung von Staatsdarlehen, von Penſio - nen an Lyoner und Schweizer Seidenweber neben dem Webelohn, den ſie vom Fabrikanten erhielten; das waren die früher ſchon beliebten, jetzt noch mehr ausgebildeten Mittel. Weſentlich war die Sorge für die kleinen Handwerker, die für Verleger und Fabriken arbeiteten; es war das um ſo wichtiger, als die Hausinduſtrie damals noch faſt die allgemeine Form war, in der die geſammte Eiſen - und Gewebeinduſtrie ſich bewegte. Die wohlhabenderen Meiſter arbeiteten auf eigene Rechnung und verkauften an die Verleger; die ärmeren erhielten den Rohſtoff vom Verleger und hatten die fertige Waare abzuliefern. Für dieſe Handwerker ſind die Edikte bemüht, Kredit und Rohſtoff zu ſchaffen, für die Fabri - kanten Sicherheit des ihnen gehörigen Rohſtoffes durch ſtrenge Strafen gegen Veruntreuung, durch ein 1756 eingeführtes Separations - und Vindikationsrecht, das ihnen im Konkurſe der kleinen Meiſter die gelieferten Rohſtoffe an ſich zu nehmen erlaubt. Im Verhältniß beider zu einander wird ſtrenge darüber gewacht, daß kein Betrug, keine Uebervortheilung, kein unbilliger Nothverkauf ſtattfinde.
31Die Zunftreformen.Die allgemeine Gewerbegeſetzgebung in Bezug auf Zünfte und Innungen wird noch mehr als früher von alten Mißbräuchen gereinigt. In den Jahren 1751 — 55 werden eine ſehr große Zahl Innungsprivilegien beſon - ders für Preußen (im e. S.) revidirt;1Novum Corpus Const. Pruss. I, 1159. daneben wird durch einzelne Spezialbefehle dieſer und jener Uebelſtand abgeſtellt. Ueber die Richtung dieſer Geſetzgebung nur einige Worte. Die Loskaufung vom Meiſterſtücke gegen Geld und Geſchenke wird 1747 verboten. Als mit der Noth des Jahres 1771 viele Handwerksgeſellen am Kolbergiſchen Feſtungsbau im Taglohn arbeiten, wird ſtrenge eingeſchärft, ſie derohalben nicht aus der Zunft zu ſtoßen. 2Verordnung vom 21. März 1771; dieſe, wie manche andere Edikte und Verordnungen, die ich in den Original - drucken geſammelt habe, iſt nicht im Nov. Corp. abgedruckt.Aus der Handwerkerordnung für Weſt - preußen von 1774 hebe ich folgendes hervor: alle alten Artikel und Bräuche, alle Schmauſereien ſind abge - ſchafft; bei allen wichtigen Dingen, beſonders bei Hand - habung der Zunftgerichtsbarkeit, muß ein Magiſtrats - mitglied anweſend ſein; nur leicht verkäufliche Meiſterſtücke dürfen gefordert werden; Meiſter aus andern Städten müſſen überall zugelaſſen werden, wenn ſie das etwaige Plus an Meiſtergeld nachzahlen; jeder Meiſter hält ſo viel Geſellen und Stühle, als er will; nur die Lehr - lingszahl kann auf Wunſch durch die Ortsbehörde unter Zuſtimmung der Kriegs - und Domänenkammer beſchränkt werden; alle fremden Geſellen, die nach fremdem Recht eine Stufe in der Zunfthierarchie erreicht haben, ſind32Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.in Preußen zuzulaſſen, wie wenn ſie in Preußen nach dortigem Recht dieſe Stufe erreicht hätten; alle Geburts - beſchränkungen für das Lehrlingwerden ſind beſeitigt, ebenſo die zahlreichen Gründe der Unredlichkeit; volle Freiheit des Jahrmarktverkehrs, auch für Fremde, wird ſtatuirt; mehrere einander naheſtehende Zünfte ſollen kombinirt werden, damit die Streitigkeiten aufhören.
Das waren im Großen und Ganzen die Grund - ſätze, nach denen im 18. Jahrhundert die brandenbur - giſch-preußiſchen Gewerbe behandelt wurden. Was war der Erfolg? der Erfolg trotz dem, was dieſer Staat im 18. Jahrhundert erduldet. Ich erinnere dabei nur an die Peſt, die Preußen und Pommern 1709 — 1711 faſt entvölkerte,1Stenzel III, 188. an den Steuerdruck und die Kriege unter dem großen König, an die volkswirthſchaftliche Kriſis, welche nach dem 7 jährigen Kriege hauptſächlich durch die Münzwirren entſtand,2Preuß, Urkundenbuch III, S. 86 ff. Briefwechſel zwiſchen Friederich dem Großen und ſeinen Miniſtern über den Verfall des Handels, der Fabriken und über das Projekt einer neuen Billetbank. 1766. an die Wirkungen der Hungerjahre von 1770 — 74. Trotz alledem war der Erfolg ein großer, wie ich nur durch einige zeitgenöſſiſche Urtheile und ſtatiſtiſche Zahlen beweiſen will.
Schon zu Anfang des Jahrhunderts gilt der preu - ßiſche Gewerbfleiß als ein den Nachbarſtaaten überlege - ner. „ Man ſehe die Handwerksſtäte “— ruft Mar - perger3Paul Jakob Marperger’s, Mitglied der königl. preuß. Sozietät der Wiſſenſchaften, Kurtzgefaßte geographiſche, hiſto - ſchon 1710 — „ voller fleißiger Handwerksleute33Der Erfolg der Maßregeln.und die öffentlichen Kramladen voll köſtlicher Waaren, welche die Kaufleute theils aus der Fremde verſchrieben, theils auch durch ihre eigene Induſtrie im Lande ſelbſt von denen Handwerksleuten zuwege gebracht haben. “ Viel ſicherer aber lauten die Nachrichten und die ſtatiſtiſchen Ergebniſſe, wenn wir uns in die letzten Lebensjahre König Friederich’s verſetzen. 1Die Geſammtüberſicht über die preußiſche Induſtrie im Jahre 1785 nach Hertzberg, huit dissertations S. 254 theile ich nicht mit, da ich ſie mit keinen frühern oder ſpätern Zahlen direkt vergleichen kann; immerhin iſt ſie ſehr lehrreich, ſie zeigt klar die Entwickelung der preußiſchen Gewerbe bis gegen 1785.
Bedeutend war vor Allem die ſchleſiſche Gewebe - induſtrie gewachſen. Unter der öſtreichiſchen Regierung zählte man 12000 Webſtühle für Leinwand, zu Ende der Regierung Friederich’s des Großen 20000. 2Mirabeau III, 92.Die Produktion an Stücken Tuch war geweſen:3Daſ. 96.
Die Produktion von Strümpfen in Schleſien war geweſen:4Daſ. 106.
3riſche und merkatoriſche Beſchreibung aller derjenigen Länder und Provinzen, welche dem königl. preuß. und churbrand. Scepter unterworfen. Berlin 1710. Zu vergleichen auch Büſching’s neue Erdbeſchreibung, dritter Theil. Bd. II. S. 2067 — 68. Vierte Aufl. Hamb. 1765.Schmoller, Geſch. d. Kleingewerbe. 334Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.
Mirabeau, der ſo ſehr ſich bemüht, die Erfolge von König Friederich’s Verwaltungsgrundſätzen herabzu - ſetzen, ruft doch über Schleſien aus: „ il y régne une population, une culture et une industrie vraiement immense. “ Schneer1A. Schneer, über die Noth der Leinenarbeiter in Schleſien. Berlin, Veit 1844. ſchildert die Zuſtände der Weber - diſtrikte gegen 1800 als behagliche, allerdings durch jede Stockung des Abſatzes bedrohte, die Weber als ſelb - ſtändige Unternehmer, die auf den Leinwandmärkten an die Kaufleute verkaufen. „ Im Allgemeinen, “ſagt er, „ war namentlich unter den Leinwandkaufleuten Reich - thum und Ueppigkeit und unter den arbeitenden Klaſſen der Leinwandinduſtrie ein gewiſſer Wohlſtand und ein leichtſinniges Wohlleben verbreitet. “
Aehnliches ließe ſich von der weſtfäliſchen Linnen - induſtrie,2Siehe Mirabeau III, 199. von der rheiniſchen Seiden -, Baumwolle - und Eiſeninduſtrie berichten. Ich will mich darauf beſchrän - ken, über die Mark Brandenburg und Berlin noch Eini - ges mitzutheilen. Krug3II, 162. ſtellt in Bezug auf die kur - märkiſchen Städte die lehrreiche, oben ſchon erwähnte Vergleichung zwiſchen 1750 und 1801 an. Es gab in denſelben:
35Preußiſche Gewerbeſtatiſtik.
Die Tabelle beweist freilich, daß mit dem Fort - ſchritt der Induſtrie und der Bevölkerung auch die ſchlimmen Elemente (Arme, Züchtlinge) wachſen; aber im Ganzen deutet ſie doch mehr auf Fortſchritt als auf Rückſchritt.
In Berlin hatte Handel und Verkehr außerordent - lich zugenommen; vor Allem die für den Großhandel arbeitenden Gewerbe hatten ſich entwickelt, aber auch der kleine Handwerkerſtand befand ſich in guter Lage. Reden theilt gewerbeſtatiſtiſche Zahlen aus den Jahren 1783 — 85 mit,1Zeitſchrift des Vereins für deutſche Statiſtik II, 476: Die Gewerbthätigkeit Berlins in älterer und neueſter Zeit. die er mit den Zahlen von 1847 vergleicht. Von Handwerksmeiſtern macht er 19 Kate - gorien namhaft, welche zuſammen 1784 2,22 %, 1847 3,14 % der ganzen Bevölkerung ausmachen. Nicht alle einzelnen Kategorien aber haben zugenommen von 1784 bis 1847. Abgenommen gegenüber der Bevölkerung haben folgende:3 *36Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.
Dagegen haben zugenommen:
Die erſtern Betriebe ſind ſolche, bei welchen ſchon bis 1847 die kleinern Geſchäfte durch größere verdrängt ſind, bei welchen durch Maſchinen, verbeſſerte Technik37Die Gewerbe Berlin’s.und größere Arbeiterzahl das gewiß auch geſtiegene Bedürfniß befriedigt wird.
Die letztern Betriebe ſind ſolche, bei denen das noch nicht geſchehen iſt, bei denen der ſteigende Wohl - ſtand eine größere Zahl kleiner Geſchäfte bis 1847 her - vorgerufen hat.
Jedenfalls ergiebt ſich ſo viel aus den Zahlen, daß der Unterſchied zwiſchen 1784 und 1847 kein allzugroßer iſt. Sehr ſtark abgenommen hat nur die Zahl der Lohgerber und Maurermeiſter, ſtark zugenommen nur die der Tiſchler, Tapeziere, Klempner, Drechsler, Buch - binder, Inſtrumentenmacher. Bei den übrigen liegen die Verhältnißzahlen nicht weit auseinander, ein Beweis, daß ſchon 1784 die gewerblichen Zuſtände Berlins beſſere waren, als in den meiſten übrigen deutſchen Städten.
Eine andere Bemerkung drängt ſich daneben noch auf. Welch ungeheurer Umſchwung in der Zeit von 1784 bis 1847, und in den wichtigern Kleingewerben Berlins doch keine ſehr bedeutende Aenderung.
Von größern Gewerben hatten ſich in Berlin vor Allem die Lederfabrikation, die Blumenfabrikation, die Strohhutmanufakturen, die Zuckerſiedereien, die Kattun - druckereien, die Weberei aller Art entwickelt. Ich will die Zahlen nicht alle wiederholen; viele dieſer Induſtrien ſind 1783 — 85 ſtärker vertreten als 1847 — 49: Web - ſtühle wurden 1783 gezählt für Seide 2316, für Wolle 2566, für Linnen 238, für Baumwolle 1048, zuſammen 6168; die Zahlen nehmen noch zu bis ins neue Jahrhundert; 1804 ſind 3691 Baumwollſtühle vor - handen; 1849 zählt man in Berlin 2147 Stühle für38Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.Seide, 2270 für Wolle, 63 für Linnen, 2113 für Baumwolle. Mirabeau1III, 113. muß von der Berliner Indu - ſtrie geſtehen: „ Les manufactures établies à Berlin y trouvent un marché immense sous la main, le concours de toutes les sciences, de tous les artistes; ils peuvent donner à leurs ouvrages une perfection, une beauté qui les fassent rechercher au dehors. Tant d’avantages, joints aux priviléges exclusifs qui leur assurent le marché dans les états du roi de Prusse, doivent étendre considérablement leurs profits et accélérer leur activité. “—
Nicht überall natürlich in den preußiſchen Landen war die gewerbliche Entwickelung eine ſo glänzende; beſonders der kleine Handwerkerſtand befand ſich noch da und dort in ähnlicher Lage wie im übrigen Deutſchland. Die oben angeführten Magdeburger Zahlen zeigen, wie klein die Zahl der Gehülfen war, und das iſt immer ein ungünſtiges Zeichen. Aehnliches wird aus weſt - fäliſchen Städten berichtet. So zählte Bochum 17802Jacobi, das Berg -, Hütten - und Gewerbeweſen des Regierungsbezirks Arnsberg. Iſerlohn 1857. S. 532. auf 13 Schreinermeiſter 2 Geſellen, auf 26 Schuh - machermeiſter 3, auf 21 Bäckermeiſter 1, auf 8 Zim - merleute 1, auf 5 Maurermeiſter 1 Geſellen; die mei - ſten andern Handwerke waren ganz ohne Geſellen. Als Beweis aber, daß gerade auch in dieſem Punkte die preußiſchen Zuſtände vielfach beſſere waren, als im übri - gen Deutſchland, möchte ich ſchließlich einige Zahlen aus der Handwerksſtatiſtik der Stadt Brandenburg von 178439Die preußiſchen Handwerke.anführen. 1Schlözer, Staatsanzeigen VI, 154.Es waren bei einer Bevölkerung von 8980 Civil - und 2290 Militärperſonen
Dieſe Geſellen - und Lehrjungenzahlen deuten im Gegenſatz zu den eben und oben angeführten auf ein ſehr blühendes Handwerk hin.
Nach dieſen Bemerkungen über die Art der preußiſchen Gewerbebeförderung und über den thatſäch - lichen Erfolg derſelben, kann ich nicht umhin, noch einige allgemeinere Betrachtungen über dieſelbe anzuſtellen; denn wenn auch dieſe Unterſuchungen in erſter Linie die realen Zuſtände feſtſtellen, nicht die jeweilige Geſetz - gebung beurtheilen wollen, ſo iſt es doch gerade hier am Platze, ein Wort gerechter Würdigung auszuſprechen, da bis in die neueſte Zeit die Beurtheilung von doktri - närer Einſeitigkeit beeinflußt iſt. Mirabeau, Dohm, Preuß, Stenzel ſind Theoretiker des entgegengeſetzten Extrems, und das Urtheil über die preußiſche Gewerbe -40Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.geſetzgebung des vorigen Jahrhunderts iſt bis auf die neueſte Zeit von ihren Ausſprüchen faſt gänzlich abhängig geblieben.
Unter der Herrſchaft des Merkantilſyſtems, wie ſpäter unter dem der Phyſiokraten und Smithianer hat man ſich in doktrinärer Weiſe zu allgemein an allgemeine Sätze gehalten. Damals war das Prinzip: Staatsein - miſchung unter allen Umſtänden; nichts — lehrte man — entſteht ohne ſie; der Steuerrath, die Kriegs - und Domänenkammer weiß Alles beſſer. Dann wurde ebenſo einſeitig Fernhaltung aller Staatsintervention, Beſei - tigung aller Gewerbegeſetzgebung Prinzip; die Regie - rung — lehrte man — kann nur ſchaden, ſie verſteht niemals die Dinge beſſer als die Gewerbetreibenden; alle Induſtrie gedeiht nur, wenn man ſie ſich ganz ſelbſt überläßt. Früher ſpezialiſirte man zu ſehr, man dachte mehr an die Vorbedingungen des gewerblichen Lebens im Kleinen und Einzelnen; dadurch, daß man da ein - griff, wollte man latente Kräfte entbinden, Hinderniſſe beſeitigen. Später generaliſirte man zu ſehr; man dachte nur an die allgemeinſten Vorbedingungen; in die klei - nern Urſachen und perſönlichen Hemmniſſe, gleichſam in die Reibungswiderſtände des praktiſchen Lebens wollte man gar nicht eingreifen. Beide Prinzipien ſind gleich wahr und gleich falſch. Keins derſelben, wenn auch das eine mehr als das andere, wird an ſich Induſtrien ins Leben rufen; weder die volle Gewerbefreiheit noch die weitgehendſten Gewerbereglements und Vorſchriften wirken ganz direkt und können darum Selbſtzweck ſein. Für alles gewerbliche Leben und Gedeihen ſind eine41Würdigung der preuß. Gewerbepolizei.ganze Reihe der verſchiedenartigſten und komplizirteſten Kulturbedingungen nothwendig: ſtaatliche und ſoziale Zu - ſtände, Bevölkerungsdichtigkeit, Kapitalanſammlung, per - ſönliche Kräfte, Kenntniſſe, moraliſche Eigenſchaften, Handelsverbindungen und manches Andere. Viele dieſer Vorbedingungen ſind von beiden Prinzipien gleich unab - hängig. Auf andere Vorbedingungen aber wirken ſie, und das Urtheil über ſie richtet ſich eben danach, ob und wie ſie auf eine Anzahl dieſer Vorbedingungen fördernd wirken. Jedes der beiden Prinzipien wird bei der Man - nigfaltigkeit der realen Verhältniſſe da und dort hem - men, da und dort fördern. Jedes iſt dann am Platze, wenn es nach den zeitlichen Geſammtverhältniſſen von Land und Volk im Ganzen mehr fördert, als hemmt. Je nach den pſychologiſchen, moraliſchen und ſozialen Ver - hältniſſen wird das eine ſo ſehr am Platze ſein, wie das andere. Ein zartes Pflänzchen iſt ein ander Ding als eine mehrhundertjährige Eiche, ein Kind bedarf anderer Pflege als der Mann. Niemals aber wird man Fana - tiker des Prinzips ſein dürfen, weil man es immer auch zu einer beſtimmten Zeit und in einem beſtimmten Staate mit den verſchiedenartigſten Menſchen, Kräften und Zu - ſtänden zu thun hat. Es wird auch in Zeiten allge - meinſter Staatseinmiſchung Verhältniſſe geben, wo freie Bewegung, freie Konkurrenz am Platze iſt; umgekehrt auch in Zeiten allgemeiner Gewerbefreiheit wird es Punkte geben, wo ſtaatliche Aufſicht, polizeiliche Vor - ſchriften am Platze ſind, weil ſie im konkreten Falle die Vorbedingungen gewerblichen Lebens, techniſche Ge - ſchicklichkeit, angeſtrengte Arbeitsenergie, reelle Ehrlichkeit,42Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.die doch auch beim Syſteme der Freiheit letzter Zweck ſind, mehr fördern. Man wird beſonders nie vergeſſen dürfen, daß gewiſſe Klaſſen der Geſellſchaft, gewiſſe Kreiſe der Volkswirthſchaft viel langſamer ſich entwickeln. Das Handwerk, der Kleinhandel, der Detailverkehr iſt etwas total Anderes als die Großinduſtrie und der Groß - handel. Es handelt ſich um andere Menſchen, um andere Wirkungen, um andere Möglichkeiten der Ent - wickelung.
Dieſe Erörterung mag ſehr theoretiſch klingen, ſie ſollte nur das apodiktiſche Urtheil einleiten, das ich wage. Jedem, der glaubt, durch ein Syſtem der vollen Ge - werbefreiheit und ſtaatlichen Nichtintervention wäre die preußiſche Induſtrie von 1650 — 1800 ſo oder gar noch beſſer gewachſen, als ſie mit dem entgegengeſetzten Syſtem wirklich ſich entwickelte, dem muß jedes tiefere hiſtoriſche und nationalökonomiſche Urtheil abgeſprochen werden. Und damit iſt das Syſtem im Ganzen für jene Zeit gerechtfertigt, mag es auch im Einzelnen viel Unrichtiges gethan oder mit ſich gebracht haben, eben weil man an dem im Ganzen richtigen Syſtem auch damals zu dok - trinär feſthielt.
Giebt man Letzteres auch zu, iſt nicht zu leugnen, daß man zu einſeitig an den Segen ſtaatlicher Pflege glaubte, ſo darf man dabei nicht vergeſſen, daß die allgemeine Zunftgeſetzgebung nach vielen Richtungen hin im Sinne größerer Freiheit reformirt wurde. Die Ge - ſchloſſenheit der Zunft wurde beſeitigt, wie die egoiſtiſche Herrſchaft der Altmeiſter. Jeder Meiſter durfte Geſellen halten, ſo viel er wollte, durfte ſich niederlaſſen, wo43Würdigung der preuß. Gewerbepolizei.er wollte; durch liberales Heranziehen Fremder wurde die Konkurrenz befördert, die gewerblichen Rechte des platten Landes wurden weſentlich ausgedehnt. Es ließe ſich noch ſehr zweifeln, ob alle dieſe Maßregeln nicht einen mindeſtens ebenſo großen Fortſchritt im Sinne der Freiheit und Rechtsgleichheit repräſentiren als die Gewerbe - freiheit von 1810, ob ſie nicht einen größern Fortſchritt enthalten gegenüber den vorherigen Zunftmißbräuchen, als das Geſetz von 1868 gegenüber dem von 1849. Die poſitiven Förderungen einzelner Gewerbe durch Kredit, Prämien, Reglements, Verbot fremder Waaren ent - ſprachen im Allgemeinen der entſetzlichen Lethargie und Lähmung aller gewerblichen Kreiſe jener Zeit, entſprachen der geſellſchaftlichen Stellung und Bildung der kleinen Leute, der für Verleger arbeitenden Meiſter, auf denen in der Hauptſache die ganze damalige Induſtrie ruhte. Oft wurde fehlgegriffen, öfter aber das Richtige getroffen. Die regierenden Elemente waren den Gewerbtreibenden an Einſicht und Kenntniß damals ſo überlegen, daß ſie ihnen ſagen konnten, was zu thun ſei.
In Bezug auf die Gewebeinduſtrie, auf die zahl - reichen Spinner - und Weberdörfer und Städte, die damals ins Leben gerufen, ſpäter theilweiſe in ſo große Noth gekommen ſind, hat man oft gezweifelt, ob die Politik eine richtige war; ob es richtig war, ſo viele Arbeitskräfte zu einer Thätigkeit zu veranlaſſen, die in ihrer Einfachheit geringen Lohn gab und bei jeder Zoll - ermäßigung oder - Beſeitigung in Gefahr war, wieder ſiſtirt zu werden. Die Nothſtände zeigten ſich auch ſehr bedeutend in den Napoleoniſchen Kriegen und bis gegen44Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.1818. Knuth1Dieterici, der Volkswohlſtand im preuß. Staate. Ber - lin 1846. S. 102. z. B. erklärt 1817 von der großen Berliner Kattunweberei auf einfachen Stühlen, ſie gehöre zu den allererbärmlichſten Erwerbsmitteln, ein Kattun - weber verdiene täglich höchſtens 6 — 7 Groſchen, ein Tiſch - lergeſelle einen Thaler.
Dennoch wäre es falſch, aus den Nothſtänden der Weberei von 1800 — 1818, aus der Thatſache, daß die einfache Kattunweberei nicht nach Berlin paßte, den Schluß zu ziehen, daß die ganze Beförderung der Ge - webeinduſtrie falſch war. In der Hauptſache war die Weberei geſund und nach den Verhältniſſen des vorigen Jahrhunderts naturgemäß. Die Art der Hausinduſtrie ermöglichte einen glücklichen Uebergang des kleinen fleißigen Arbeiters zum Unternehmer. Viele arme Leinwandweber vom Lande zogen in die Städte und wurden da nach und nach wohlhabende Fabrikanten. 2Dieterici, Volkswohlſtand S. 98.Das Eingreifen in die Kreditverhältniſſe dieſer kleinen Weber hatte ihre ſehr gute Seite; nichts iſt für den kleinen Mann ſchlim - mer als die Kreditloſigkeit, durch nichts iſt ein Syſtem der Hausinduſtrie mehr gefährdet, als durch Lotterkredit, der in Abhängigkeit, Uebervortheilung und Ausſaugung des kleinen Mannes nur zu leicht ausartet. Die ganze Ueberwachung der Hausinduſtrie durch techniſche Regle - ments und Schauämter war Bedingung einer gedeih - lichen Entwickelung in jener Zeit. Ganz richtig ſagt Roſcher,3Volkswirthſch. Anſichten Friederich’s d. Gr. S. 37. ſolche Regierungsthätigkeit erſetze, was dem45Würdigung der preuß. Gewerbepolizei.kleinen Handwerker ſonſt ganz fehle, nämlich durch ihre techniſchen Rathgeber die Verbindung des Gewerbes mit der Wiſſenſchaft, durch ihre Handelskonſule die fortlau - fende Kenntniß der fremden Märkte, durch ihre Schau - und Stempelanſtalten die weitreichende Notorietät einer großen Firma. Auch Mirabeau muß zugeben, daß man überall die Blüthe der Induſtrie auf dieſe Reglements zurückführt. 1z. B. III, 218.Ich will von zeitgenöſſiſchen Stimmen nur Juſti2Vollſtändige Abhandlung von denen Manufakturen und Fabriken. Kopenhagen 1758. I, 122. anführen, der 1758 ſagt: „ In den meiſten deutſchen Staaten, ohngeachtet man das Anſehen haben will, die Manufakturen zu gründen, fehlet es noch gar ſehr an ſolchen Reglements. Nur in denen preußiſchen Staaten, wo man die wahren Maßregeln ſelten außer Acht läßt, haben alle Arten von Manufakturen die um - ſtändlichſten und vortreflichſten Ordnungen, und man muß dieſelben zu Rathe ziehen, wenn man dergleichen Reglements verfertigen will. “
Wenn ich ſo im Ganzen die Friedericianiſche Ver - waltung als eine den damaligen Zuſtänden entſprechende bezeichne, ſo will ich daneben nicht leugnen, daß manche der merkantiliſtiſchen Maßregeln verkehrt, daß die Regie -, Acciſe - und Steuerverwaltung drückend und hart war. Beſonders aber darf man für das Ende des Jahrhun - derts nicht vergeſſen, daß die Zuſtände ſelbſt ſich änder - ten; was 1740 noch am Platze war, konnte 1800 ſchon unerträglich ſein. Und eine eingreifende Verwal -46Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.tungspolitik, wie die preußiſche, erforderte Talent, Sach - kenntniß, unermüdliche Thätigkeit, um immer wieder die Reglements in Einklang mit den Zeitbedürfniſſen zu bringen. Nach dem Tode des großen Königs war an die Stelle dieſer unermüdlichen Thätigkeit Stagnation getreten.
Unter allen Umſtänden bleibt wahr, was Viebahn von Friederich dem Großen ſagt: er hat Preußen nicht nur politiſch zur Großmacht erhoben, er hat ſein Land auch kommerziell, gewerblich und geiſtig in die Reihe der erſten der welthiſtoriſchen Staaten geſtellt. Er hat es gethan mit den Mitteln, die die Zeit gab und for - derte. Einem in Individualismus aufgelösten Volke hat er unerbittlich in allen Gebieten und ſo auch auf dem volkswirthſchaftlichen Gebiete die höchſte Pflicht gepredigt und gelehrt, alles Einzelne und Individuelle dem Ganzen zu opfern.
Die Zuſtände gegen 1800. Die Gewerbefreiheit. Die wirth - ſchaftliche Entwickelung bis gegen 1831. Der Werth der Krug’ſchen Zahlen. Die Vergleichung der Aufnahmen von 1795 / 1803 und von 1831. Das Reſultat ziemlich unveränderter Verhältniſſe.
Ich habe mein Urtheil über die preußiſche Ver - waltung wohl ſchon durch die Reſultate der Statiſtik zu ſtützen geſucht; ich habe aber dabei eine wichtige Quelle noch nicht berührt, die preußiſche Handwerksſtatiſtik von Krug in ſeinen Betrachtungen über den Nationalreich - thum des preußiſchen Staates. 1II, S. 172 — 205.Es wird paſſend ſein, bei ihr, an der Grenzſcheide des Jahrhunderts einen Moment zu verweilen und ſie hauptſächlich mit einer ſpätern Aufnahme zu vergleichen, ſie dadurch zu einem lebensvollen Bilde zu geſtalten.
Waren die gewerblichen Zuſtände gegen 1800 ſchon mannigfach durch die alte Geſetzgebung gehemmt, im Ganzen war der Wohlſtand ein ſteigender bis gegen 1805 und 1806. Die außerordentliche Steigerung der Getreide - und Bodenpreiſe in ganz Norddeutſchland von 1770 abSchmoller, Geſch. d. Kleingewerbe. 450Die preußiſchen Aufnahmen.hatte die Kaufkraft der ländlichen Kreiſe ſehr geho - ben. 1Siehe: Gülich II, 293 — 336; Krug I, 404 ff.Die erſten franzöſiſchen Kriege erſtreckten ihre ungünſtigen Wirkungen kaum auf Preußen. Erſt ſeit 1799 machte ſich die Stockung in den norddeutſchen Handelsſtädten geltend. Erſt nach 1806 trat im ganzen Lande die Lähmung des Verkehrs, die wirthſchaftliche Erſchöpfung durch die Kriege, traten die Einquartierungen, Verwüſtungen, Kontributionen ein.
In dieſe Zeit fällt die Einführung der Gewerbe - freiheit. Sie war für Preußen und Littauen ſchon 1806 und 1808, für den ganzen damaligen preußiſchen Staat durch das Edikt vom 2. November 1810 einge - führt worden. Am linken Rheinufer verſtand ſie ſich mit der franzöſiſchen Herrſchaft von ſelbſt; für Weſtfalen wurde ſie durch die Dekrete vom 5. Auguſt 1808 und 12. Februar 1810, für das Großherzogthum Berg durch das Dekret vom 31. März 1809 eingeführt.
Sicher iſt die in Preußen eingeführte Gewerbe - freiheit eine jener unſchätzbaren liberalen Konzeſſionen geweſen, die zuſammen ſo ſegensreich gewirkt, den National - geiſt gehoben, die unwiderſtehliche Kraft der Bevöl - kerung im Jahre 1813 erzeugt haben. Aber es wird ſchwer ſein, nachzuweiſen, welche direkte, unmittelbare Wirkung die geſetzliche Aenderung auf die wirthſchaftliche Lage der Kleingewerbe gehabt habe. Manches wird ſich ſogleich mit der Publikation des Ediktes geändert haben; mancher Geſelle wird ein eigenes Geſchäft angefangen haben, mancher ſich an einem paſſendern Orte, in dem51Die Zuſtände gegen 1800.benachbarten Dorfe ſtatt in der Stadt niedergelaſſen haben; — aber die gewerblichen Geſammtverhältniſſe werden ſich zunächſt nicht viel geändert haben, weil ſie unter dem Drucke vieler anderer, mächtiger wirkender Urſachen ſtanden.
Mit dem Frieden erfolgte die Vergrößerung Preußens; in den neuerworbenen Landestheilen ließ man die her - gebrachte Gewerbeverfaſſung unverändert, die Gewerbe - freiheit am Rhein und in Weſtfalen, die Zunftverfaſſung in Sachſen. Immer war es der überwiegend größere Theil der Monarchie, in dem von da ab bis 1845 volle Gewerbefreiheit herrſchte.
Die erſten Jahre nach dem Frieden waren nicht eben günſtige für die wirthſchaftliche Entwickelung. Die Nachwehen der großen Verluſte und Zerſtörungen, die Hungersnoth 1816 — 17, die Ackerbaukriſis 1820 — 25 waren harte Schläge. Die Grenzveränderung brachte für die Induſtrie der rheiniſchen Städte manchen Verluſt; das Aufhören der Kontinentalſperre, die engliſche Kon - kurrenz, die ſich um ſo heftiger jetzt auf Deutſchland warf, der Mangel einer gemeinſamen Ordnung des Zoll - weſens, — das Alles waren zunächſt ungünſtige Um - ſtände. Dem gegenüber war für Preußen die neue Ordnung des Zollweſens im Jahre 1818 ein großer Fortſchritt. Die öſtlichen Provinzen ſtanden nun der rheiniſchen Induſtrie offen; Aachen, Elberfeld, Barmen, Berlin, zeigen einen raſchen Aufſchwung,1Gülich II, 420 ff. wie überhaupt alle preußiſchen Lande, während allerdings die vom4 *52Die preußiſchen Aufnahmen.preußiſchen Zollſyſtem ausgeſchloſſenen nächſtliegenden Nachbarlande litten. Ein anderes wichtiges Moment für die allgemeine Beſſerung der Lage waren die Ende der zwanziger Jahre wieder ſteigenden Produktenpreiſe. Die Getreideausfuhr nach England nahm wieder zu, das Wollgeſchäft des norddeutſchen Landwirths war in der höchſten Blüthe, die Ackerbaukriſis ſo ziemlich zu Ende. Somit werden wir nicht irren, wenn wir die Jahre gegen 1830 als ſolche bezeichnen, in denen die beſon - deren Mißſtände, die ſich an die Kriegsjahre und an die erſten Friedensjahre anſchloſſen, weſentlich zurück - getreten ſind, in denen alſo die Gewerbefreiheit in ihren reinen Folgen ſich erſichtlich zeigen muß; daneben ſind es Jahre, in denen die Konkurrenz der Groß - induſtrie noch kaum begonnen hat, jedenfalls noch nicht in dem Maße vorhanden iſt, wie heutzutage.
Deshalb glaube ich, richtig zu verfahren, wenn ich, wie früher ſchon Dieterici, die preußiſche Gewerbe - ſtatiſtik von 1795 / 1803 gerade mit der von 1831 vergleiche. Die erſte ein Bild der Zuſtände vor dem Krieg, ein Bild relativ blühender Kleininduſtrie, wie ſie unter der Herrſchaft des Zunftweſens und der ſtaat - lichen Maßregelung möglich war; die zweite ein Bild der Zuſtände, wie ſie nach ſo ziemlicher Beſeitigung der Kriegswehen unter der beinahe vollſtändigen Herrſchaft der Gewerbefreiheit ſich geſtalten.
Krug’s ſtatiſtiſche Aufnahmen ſind in den Jahren 1795 — 1803 nach den einzelnen preußiſchen Provinzen gemacht; ſie erſtrecken ſich nicht auf ſämmtliche Provinzen oder Departements. Die in Betracht kommenden ſind53Die Krug’ſchen Zahlen.das Poſener, Kaliſcher, Warſchauer Departement, Pom - mern, Neumark, Schleſien, Kurmark, Magdeburg, Paderborn, Minden und Ravensburg, Grafſchaft Mark, Kleve, Lingen und Tecklenburg, Oſtfriesland, Neuchatel. Da dieſe Departements ſich gleichmäßig auf die Monarchie vertheilen, ſo kann die Methode nicht angefochten werden, nach der Bevölkerung und der Meiſterzahl dieſer Auf - nahmen, die muthmaßliche Meiſterzahl für die ganze Monarchie zu berechnen. Die Handwerksgeſellen bleiben außer Betracht, da Krug ihre Zahl gar nicht nach den einzelnen Gewerben, ſondern nur nach Provinzen mittheilt.
Folgen wir nun für 1831 den Zahlen Dieterici’s,1Der Volkswohlſtand, S. 180. ſo ergiebt zunächſt eine allgemeine Vergleichung von 26 der wichtigſten Handwerke, daß 1795 — 1803 auf 10.023900 Einwohner 194183 Meiſter in denſelben, 1831 auf 13.038960 Einwohner 300752 Meiſter, damals alſo einer auf 51,6 Menſchen, jetzt auf 43,4 Men - ſchen kamen. Damals ſind 1,93 %, jetzt 2,3 % der Bevölkerung Handwerksmeiſter in den betreffenden 26 Hauptgewerben. Die Zahl der Meiſter iſt alſo ſtärker geſtiegen als die Bevölkerung; aber wir werden dieſer Steigerung ein geringeres Gewicht beilegen, wenn wir uns erinnern, daß in den Zahlen von 1795 / 1803 die armen unbevölkerten Landſtriche (Südpreußen und Neuoſtpreußen) ſtecken, die an Rußland abgetreten wurden, in denen von 1831 eine Reihe ſehr entwickelter Gegen - den, die erſt 1815 zu Preußen kamen, wie Theile der Rheinprovinz und der Provinz Sachſen.
54Die preußiſchen Aufnahmen.Eine genauere Einſicht gewährt die folgende ſpezielle Vergleichung einiger der wichtigern Gewerbe, wobei je in der erſten Spalte die Zahl der Meiſter, in der zweiten die der Einwohner, welche auf einen Meiſter kommen, verzeichnet iſt.
Hiernach iſt die Meiſterzahl geringer geſtiegen als die Bevölkerung bei den Schmieden, den Hutmachern, den Goldſchmieden; das ſind Gewerbe, in denen die Bildung der größeren Geſchäfte die wahrſcheinlichſte Urſache des Rückganges iſt. In den wichtigſten der angeführten Gewerbe hat ſich die Proportion zwiſchen Bevölkerung und Meiſterzahl ſehr wenig verändert, ſo55Der Vergleich von 1803 und 1831.bei den Schuhmachern, Schneidern, Bäckern, Fleiſchern, Rade - und Stellmachern, kaum etwas mehr bei den Böttchern, Riemern, Sattlern, Seilern. Eine weſent - lich ſtärkere Zunahme als die Bevölkerung zeigen nur die Tiſchler und Drechsler, die Maurer, die Buchbinder und Zinngießer.
Dieſe Zahlen ſind beredt. Sie zeigen uns das Leben und die Entwickelung der wichtigſten Handwerke für die Zeit von 1800 — 1831 gleichſam als etwas Elementares, das von den Stürmen der Zeit, von der Aenderung der äußern Gewerbeverfaſſung weniger berührt wird, als man gewöhnlich erwartet. Die Gemeinde - verfaſſung, die ſtändiſchen Rechte, das ganze Agrarrecht war ein anderes geworden; die Gewerbefreiheit, die unbedingte Zulaſſung der Handwerker auf dem Lande war eingetreten. Das ſtädtiſche Acciſeweſen war ein anderes geworden, die Gewerbeſteuer war eingeführt worden. Und es erſcheint beinahe, als ob All das ſpurlos an den Kleingewerben vorbeigegangen wäre. In vielen Gewerben dieſelbe Meiſterzahl trotz der außer - ordentlichen Veränderungen, die zwiſchen 1800 und 1831 liegen. Auch die großen Aenderungen in der Technik mancher Gewerbe, die Dampfmaſchinen und die anderen neuen Maſchinen und Entdeckungen zeigen keinen weſent - lichen Einfluß bis dahin auf die Handwerke. Selbſt der geſtiegene Wohlſtand, wenn man für 1831 überhaupt einen ſolchen gegenüber 1800 annehmen will, zeigt ſich nicht in einer größern Zahl von Bäcker -, Fleiſcher -, Schuhmacher - und Schneidermeiſtern; dieſe Haupt - gewerbe dienen ja auch ziemlich elementaren, ſich nicht56Die preußiſchen Aufnahmen.ſo leicht ändernden Bedürfniſſen; — ſondern nux in der größern Zahl Maurer, Tiſchler, Drechsler; d. h. man baut 1831 wieder mehr, man richtet die Wohnungen beſſer ein, aber man ißt, man kleidet und beſchuht ſich auf alte Weiſe.
Man mag allerdings daran erinnern, daß dieſelbe Meiſterzahl nicht nothwendig dieſelbe Technik, denſelben Wohlſtand, dieſelbe Geſellen - und Lehrlingszahl andeutet. Aber ſehr viel hat ſich darin gerade bis 1831 nicht geändert; was die Gehülfenzahl betrifft, ſo führe ich als Beweis dafür an, daß die Meiſter - und Gehülfen - zahl von 1819 bis 1828 ſich in ziemlich gleicher Pro - portion ändert;1Nach den Zahlen bei Ferber, Beiträge zur Kenntniß der gewerblichen und kommerziellen Zuſtände der preußiſchen Monarchie. Aus amtlichen Quellen. Berlin, Trautwein 1829. Tabelle zu S. 329. Neue Beiträge S. 160. gerade die Gewerbefreiheit mußte dahin wirken, daß zunächſt die Tendenz zur Bildung größerer Geſchäfte mit mehr Gehülfen eher etwas aufgehalten wurde.
Freilich iſt bei dieſer Vergleichung nur auf den Anfang und das Ende der Periode geſehen, auf die Zeit von 1795 / 1803 und auf die von 1831. Dazwiſchen hat der Handwerkerſtand wohl ſtärker geſchwankt. Im Jahre 1811 waren in Preußen noch 286000 Gewerbe - patente ertheilt worden; dieſe Zahl ſinkt bis 1814 auf 242700, iſt alſo in dieſem Jahre um 15½ % niedriger; dann ſteigt die jährliche Zahl wieder; im Jahre 182057Der Vergleich von 1803 und 1831.iſt ſie 20 % höher als 1814 — 15. 1Rau, Grundſätze der Volkswirthſchafts - Politik. 2te Abth. 5. Aufl. S. 29; es ſind Zahlen, welche der preuß. Staats - zeitung entlehnt ſind.Durch ſolche Schwankungen in Folge der Kriege wird aber unſere Behauptung nur noch in helleres Licht geſtellt. Trotz - dem, daß Alles erſchüttert, geändert, umgeſtürzt wurde, — kann man ſagen — bringen es gleichmäßig ſich erhal - tende volkswirthſchaftliche Bedingungen dahin, daß nach wenigen Jahren Alles ſo ziemlich im alten Geleiſe iſt, daß ähnliche Zahlenproportionen ſich bei den ſtatiſtiſchen Aufnahmen wieder ergeben.
Dabei will ich allerdings Eins im Voraus als Einſchränkung meiner Behauptung hinzufügen. Die elementare, vom Wechſel der Jahre, wie der ſtaatlichen Verfaſſung und Verwaltung wenig berührte Natur der wichtigſten Handwerke, die vor Allem gegenüber dem viel wechſelvollern Leben der Großinduſtrie zu betonen iſt, wird ſich immer geltend machen; immer werden die Aenderungen ſchwer ſich vollziehen, ſchon weil ſie zuſammenhängen mit den ſchwer ſich ändernden Lebens - gewohnheiten, häuslichen Sitten und Bräuchen des ganzen Volkes. Aber zunächſt beweiſen die vorſtehenden Zahlen nur, daß die großen Ereigniſſe von 1795 — 1831 daran wenig geändert haben. Wir werden ſehen, daß ſpäter vielleicht unbedeutendere Ereigniſſe, aber Ereigniſſe anderer Art, tiefer eingreifen. Nur ſolange die Technik, die häusliche Wirthſchaft und die Verkehrsverhältniſſe dieſelben bleiben — und die haben ſich bis 1831 wenig geändert —, wird die Thatſache, daß die vorzüglichſten58Die preußiſchen Aufnahmen.Handwerke in erſter Linie für lokale, nothwendige, ſtets ziemlich konſtante Bedürfniſſe arbeiten, dem Handwerk den ſichern, unveränderten Boden erhalten.
Zugleich iſt nicht zu vergeſſen, daß hier nur von 26 Arten der wichtigern lokalen Handwerke die Rede war. Die ganze Weberei und andere handwerksmäßige Hausinduſtriezweige ſind nicht mit einbegriffen. Auch in den folgenden Unterſuchungen müſſen die Weber zunächſt außer Betracht bleiben, da unſere Betrachtung ſich von jetzt an ſtreng an die Art der ſtatiſtiſchen Aufnahmen halten muß.
Geſchichte der Aufnahme. Kritiſche Feſtſtellung der Hauptſummen. Ergebniß: Stabilität von 1816 — 28; Blüthe der Klein - gewerbe von 1828 — 43. Die einzelnen Faktoren der Geſammt - änderung nach den einzelnen Gewerben, nach Meiſtern und Gehülfen.
Nach dieſen einleitenden Bemerkungen über die Zuſtände vor und nach den Kriegsjahren wenden wir uns ausſchließlich der Zeit nach 1815 zu. Und das Erſte wird ſein, uns einen Geſammteindruck der Ge - ſchichte des Handwerks zu verſchaffen durch Betrachtung der Geſammtſummen, welche die preußiſchen Gewerbe - tabellen in den einzelnen Aufnahmejahren ergeben.
Ueber die Aufnahme und den Umfang der Tabellen iſt Folgendes zu bemerken.
Nachdem J. G. Hoffmann, als Leiter des ſtati - ſtiſchen Bureaus, im Jahre 1816 die wichtigſten Hand - werker in der Populationsliſte hatte mitzählen laſſen, richtete er 1819 zum erſten Male eine beſondere Gewerbe - tabelle ein, die nun von drei zu drei Jahren bei den Regierungen ausgefüllt werden ſollte. Dieſe Tabelle blieb trotz mancher Aenderungen in den Grundzügen unver -60Die preußiſchen Aufnahmen.ändert bis 1843. Erſt die Aufnahme von 1846 erfolgte auf weſentlich anderer, breiterer Grundlage.
Die ältere Tabelle war von Hoffmann ſo einfach als möglich entworfen. 1Siehe Tabellen und amtliche Nachrichten über den preuß. Staat für das Jahr 1849 Band V. Berlin 1854. S. IV. ff., und Böckh, die geſchichtliche Entwickelung der amtlichen Statiſtik des preußiſchen Staates. Berlin 1863. S. 47, 53 ff., 78 ff.Ihr Hauptinhalt waren die wichtigſten mechaniſchen Künſtler und Handwerker. Nicht bei allen, wohl aber bei der Mehrzahl wurden die Gehülfen (Geſellen und Lehrlinge zuſammen) gezählt. Nicht inbegriffen ſind z. B. Fiſcher, Gärtner, Barbiere, Friſeure, ebenſo wenig Spinner und Weber. Nach den Künſtlern und Handwerkern enthält die Tabelle noch die gehenden Webſtühle, die Mühlen, die Handelsgewerbe, die Transportgewerbe, das Geſinde. Für die Zuſtände des preußiſchen Staates vor 50 Jahren gaben dieſe Rubriken immerhin ein genügendes Bild, wenn ſie auch für einzelne Gegenden und ihr entwickelteres Gewerbe - leben, hauptſächlich für die Rheinprovinz nicht ganz aus - reichten. Ihr Vortheil war, daß ſie in ihrer Einfach - heit leicht auszufüllen waren.
Das Bedürfniß nach Erweiterung zeigte ſich aber bald. Neue Rubriken wurden hinzugefügt; beſonders 1837 erweiterte Hoffmann die Tabelle weſentlich durch Aufnahme einer Anzahl Fabriken, der Dampfmaſchinen u. ſ. w. Auch 1837 aber wurde an der eigentlichen Handwerkertabelle wenig geändert; für die Kürſchner, Mechaniker, Buchbinder wurde die Gehülfenzahl hinzu -61Kritik der Aufnahmen.gefügt; die Zimmermeiſter wurden in Zimmermeiſter und Zimmerflickarbeiter, die Maurer in Maurermeiſter, Flicker, Ziegeldecker und Steinmetzen zerlegt; 1840 wurden die Färber in Färber und Kattundrucker geſchie - den. Es läßt ſich ſomit eine vergleichbare Tabelle bis 1843 inkl. leicht herſtellen.
Die Aufnahmen, ſowie offizielle Summirungen der - ſelben ſind nicht gleichmäßig publizirt. Man iſt genöthigt, die Zahlen für die verſchiedenen Jahre aus ſehr ver - ſchiedenen offiziellen, halboffiziellen oder ganz privaten Arbeiten der jeweiligen Direktoren des ſtatiſtiſchen Bureaus zuſammen zu ſuchen. Daher ſind auch darüber einige kritiſche Bemerkungen nöthig.
Die Summe der Meiſter und Gehülfen für 1816 iſt der Publikation Dieterici’s in ſeinem „ Volkswohl - ſtande “entnommen. 1Siehe daſelbſt S. 187.Die Summe, wie ſie von da aus in alle ſpäteren, amtliche und nichtamtliche Schriften überging, iſt aber inſofern etwas zu niedrig, als in ihr die Kuchenbäcker, Korbmacher, Buchdrucker und Tuchſcheerer fehlen. Doch würden dieſe nach Analogie der ſpätern Zahlen nicht mehr als circa 7000 Meiſter und 4000 Gehülfen betragen. 2Für die Gehülfenzahl von 1816 bis zur Gegenwart bemerke ich, daß ſie mit den im Jahrbuch für die amtliche Sta - tiſtik des preuß. Staates Jahrg. II, S. 238 publizirten Zahlen nicht ganz übereinſtimmen können. Es ſind dort die männlichen Gehülfen getrennt von den weiblichen; ich habe überall die Summe beider beibehalten, da die Zahlen der weiblichen Ge - hülfen verſchwindend klein ſind und die großen Geſammtzahlen
62Die preußiſchen Aufnahmen.Die Summen für 1819, 1822, 1825 und 1828 ſind Ferber’s Beiträgen,1Beiträge Tabelle S. 228. Neue Beiträge, Tabelle S. 160. alſo einer halbamtlichen Publi - kation entnommen. Ferber giebt nicht näher an, was ſeine Zahlen umfaſſen; deswegen glaube ich annehmen zu müſſen, daß ſie ſich auf die ſämmtlichen damals aufgenommenen Handwerker erſtrecken.
Für das Jahr 1831 iſt mir keine amtliche Sum - mirung der Handwerker bekannt, außer der bei Diete - rici,2Volkswohlſtand S. 253. die aber unvollſtändig iſt, indem ſie ebenfalls die Kuchenbäcker, Korbmacher, Buchdrucker und Tuchſcheerer wegläßt. Durch Hinzufügung dieſer iſt meine Zahl höher als die von Dieterici, wie ſie ebenfalls in alle ſpätere Werke übergegangen iſt.
Für 1834 iſt mir keine amtliche Summirung bekannt. Ich habe daher die Zahlen nach der amt - lichen Spezialpublikation berechnet, die in Dieterici’s ſtatiſtiſcher Ueberſicht3Dieterici, ſtatiſtiſche Ueberſicht der wichtigſten Gegen - ſtände des Verkehrs und Verbrauchs im preuß. Staate und im deutſchen Zollverbande von 1831 — 36. Berlin 1838. S. 462 — 68. enthalten iſt.
2durch dieſe Beibehaltung ſich nicht weſentlich ändern. Außerdem können die Zahlen von 1816 — 43 deswegen nicht ganz dieſelben ſein, weil ich in meiner Zählung für alle die Gewerbe, für welche die Zählung der Gehülfen erſt ſpäter eintrat, die Ge - hülfen bis 1843 wegließ. Groß ſind übrigens die Unterſchiede der Zahlen nicht.
63Zur Kritik der Zahlen.Auch für die folgenden Aufnahmen habe ich die Summen nach den Spezialtabellen neu berechnet, für 1837 und 40 nach den Fortſetzungen der ſtatiſtiſchen Ueberſichten,1Erſte Fortſetzung, Berlin 1842. S. 384 — 401. Zweite Fortſetzung, Berlin 1844. S. 600 — 618. für 1843 nach dem beſondern für dieſes Jahr veröffentlichten Tabellenwerk. 2Dieterici, die ſtatiſtiſchen Tabellen S. 130.Ich habe dabei die ſämmtlich bisher gezählten Gewerbe mitgezählt, die Gehülfen da weggelaſſen, wo ſie früher auch fehlten, um ſo die Summen direkt vergleichbar mit den frühern Aufnahmen zu machen. Dadurch ſtimmen die Zahlen aber nicht ganz überein mit den gelegentlich von Die - terici erwähnten oder ſpeziell von ihm berechneten. 3Für 1837 erwähnt Dieterici, 2te Fortſetzung S. 619, 368429 Meiſter mit 231266 Gehülfen; er giebt nicht an, wie er das berechnet hat; ohne Zweifel läßt er wieder die Tuchſcheerer, Korbmacher, Buchdrucker, Kuchenbäcker weg; für 1840 giebt er daſ. S. 619 und 627 (an letzterer Stelle nach Provinzen ſummirt) 387687 Meiſter mit 286612 Gehülfen an; die gerin - gere Meiſterzahl hat dieſelbe Urſache, die höhere Gehülfenzahl als unſere hat ihren Grund in dem Mitzählen aller aufgenom - menen Gehülfen. Für 1843 giebt er in ſeinem „ Volkswohl - ſtand “S. 254 eine Summirung (400932 Meiſter mit 309570 Gehülfen), die von da in alle ſpätere Literatur übergegangen iſt. Sie iſt weſentlich niedriger als unſere, da ſie, zur Ver - gleichung mit einer ebenfalls lückenhaften Tabelle von 1831 gemacht, wieder verſchiedene Kategorien wegläßt. In den ſtatiſt. Tabellen pro 1843 S. 145 giebt er eine andere Summirung nach Provinzen (410221 Meiſter mit 358660 Gehülfen), die wieder weſentlich höher iſt als unſere; die Zahl der Meiſter nur um 2000, die Urſache iſt mir nicht klar; die Zahl der Gehülfen um circa 47000, weil Dieterici hier für alle Gewerbe, in
64Die preußiſchen Aufnahmen.In der nun folgenden Tabelle, in welche ich die Bevölkerung Preußens nach Dieterici’s Handbuch der Statiſtik des preußiſchen Staates1Berlin 1861. S. 134. Ich erwähne das nur, weil Kolb z. B. etwas andere Zahlen angiebt. einſetze, vergleiche ich das Verhältniß des Handwerkerſtandes zur Total - bevölkerung. Die erſte Prozentberechnung giebt Ant - wort auf die Frage, wie viel Prozente der Bevölke - rung machen Meiſter und Gehülfen zuſammen aus? Die zweite auf die Frage, wie viel Prozente der Bevöl - kerung machen die Meiſter mit ihren Familien und Gehülfen aus? Die Familie eines Meiſters iſt dabei nach dem Vorgang Dieterici’s2Statiſtiſche Tabellen pro 1843 S. 145. zu 4,1 Perſonen gerechnet. Da die Gehülfen alle als unverheiratet angenommen ſind, während die zahlreichen Maurer - und Zimmer - geſellen wenigſtens zu einem großen Theil verheiratet ſind, ſo bleiben jedenfalls die Summen der ſo gewon - nenen ganzen vom Handwerk lebenden Bevölkerung weit eher unter, als über der Wirklichkeit.
Daß überhaupt gefragt werden muß, nicht ob die Zahl der Handwerker an ſich, ſondern ob ſie im Ver - hältniß der Bevölkerung zugenommen hat, darüber brauche ich wohl kein Wort hinzu zu fügen. Nur daran möchte ich noch erinnern, daß allerdings bei einer ſo ſtark fortſchreitenden Bevölkerung, wie bei der preußiſchen von 1816 — 43, eine Zunahme im Verhältniß der Bevöl -3denen auch damals die Gehülfen noch nicht gezählt wurden, eine ungefähre Schätzung derſelben einſtellt, dahin gehend, daß wenigſtens ſo viele Gehülfen als Meiſter vorhanden ſeien.65Die Zahlen von 1816 — 43.kerung ſchon einen kleinen Fortſchritt andeutet. Da die Zunahme der Bevölkerung in erſter Linie Folge zahl - reicher Geburten iſt, ſo ſind es zunächſt die niedrigſten Altersklaſſen, die reichlicher ausgefüllt ſind, während die höhern, die ſchon einem beſtimmten Beruf angehören, ſich gleich bleiben, ja vielleicht, wie in dieſem Fall, durch die Kriege dezimirt ſind. Der Handwerkerſtand behauptet ſich nun auf ſeinem Niveau, wenn er nur im Verhältniß zu den geſammten Erwachſenen die gleiche Prozentzahl beſchäftigt. Behauptet er im Verhältniß zur ganzen, hauptſächlich an Kindern reichen Bevölkerung die gleiche Prozentzahl, ſo nimmt er offenbar von den Erwachſenen relativ etwas mehr in Anſpruch als vorher.
Doch hier endlich nach langen Vorbemerkungen die Tabelle ſelbſt:
Man unterſcheidet bei Betrachtung dieſer Tabelle leicht zwei Perioden. Von 1816 — 31 beinahe Stabilität, die nur 1825 durch ein vorübergehendesSchmoller, Geſch. d. Kleingewerbe. 566Die preußiſchen Aufnahmen.Anwachſen unterbrochen iſt; von 1834 an eine ſucceſſive Zunahme des Handwerkerſtandes gegenüber der Bevöl - kerung. Die Urſachen liegen überwiegend in den allge - meinen, früher ungünſtigen, ſpäter günſtigen Vorbe - dingungen der wirthſchaftlichen Entwickelung, an die ich, ſoweit ſie die Zeit von 1816 — 31 betreffen, ſchon oben1Oben S. 51 — 52. erinnerte. Man erholte ſich erſt wieder von Krieg und Ackerbaukriſis. Der Einfluß der vorangeſchrittenen Induſtrieländer war noch gering, der deutſche Handel noch gelähmt durch die Zollſchranken.
Weſentlich beſſer geſtalten ſich die Zuſtände in den dreißiger Jahren. Der Zollverein beginnt ſeine Seg - nungen fühlbar zu machen; der deutſche Exporthandel nimmt zu, neue Gewerbszweige entſtehen; Zuckerfabriken, Baumwollſpinnereien werden gebaut. Daneben freilich iſt der Einfluß des Auslandes noch gering; die erſten Eiſenbahnen ſind in England eben erſt vollendet; noch haben die großen internationalen Ausſtellungen nicht gewirkt, noch haben wir kaum einen heimiſchen Maſchinen - bau, noch exiſtiren unſere großen polytechniſchen Schulen nicht oder ſind eben erſt gegründet. Der Fortſchritt mußte ſich alſo in den hergebrachten Formen halten, d. h. hauptſächlich in einer Zunahme der Kleingewerbe zeigen.
Auch für wichtige Induſtriezweige, welche auf den Abſatz im Großen angewieſen ſind, bleibt die Form der Hausinduſtrie vorerſt unangetaſtet — ſo für wichtige Theile der Metallinduſtrie; ſo für die Weberei, die nicht67Die Reſultate von 1816 — 43.in dieſen Zahlen begriffen iſt. Die Tuchmacher und Tuch - ſcheerer ſind zwar theilweiſe ſchon in übler Lage; aber ſonſt iſt der Handwebſtuhl noch unangefochten. Die Zahl der Webſtühle nimmt ſogar in den meiſten Branchen einen raſchen Aufſchwung bis 1840; erſt in den rück - gehenden Zahlen von 1843 zeigt ſich der Eintritt der Weberkriſis, die ſiegende Konkurrenz der neuen vollen - deteren Technik.
Die vorſtehenden Folgerungen aus der Tabelle für 1816 — 43 galten dem Hauptreſultat, das dahin ging: Stabilität in den zwanziger, Fortſchritt in den dreißiger Jahren. Ein ſolches Geſammtreſultat kann nun aber auf ſehr verſchiedene Weiſe erreicht ſein; es kann ausſchließlich durch die Meiſter - oder durch die Gehülfenzahl oder gleichmäßig durch beide, es kann erzielt ſein dadurch, daß einzelne Gewerbe ganz zu Grunde gingen, während andere um ſo kräftiger erblühten. Obwohl hier noch nicht näher in dieſes Detail eingegangen werden ſoll, muß ich wenigſtens einige Worte nach beiden Richtungen hin beifügen.
Die Bewegung der einzelnen Gewerbe iſt natür - lich keine ganz gleichmäßige; aber doch handelt es ſich um keine allzugroßen Differenzen, nicht um den Unter - gang einzelner Gewerbe, für die andere an die Stelle träten. Es gehen einzelne etwas zurück, andere und zwar ſehr viele bleiben der Bevölkerung parallel, wieder andere nehmen etwas ſtärker zu. Beſonders in einzelnen Perioden iſt die Differenz etwas größer. Die ſtärkſte Zunahme erfolgt 1831 — 34; nach der Depreſſion von Revolution und Cholera, nach der Bildung des Zoll -5 *68Die preußiſchen Aufnahmen.vereins nimmt Alles einen freudigern Aufſchwung; wäh - rend die Bevölkerung von 100 auf 103 ſteigt, ſteigen beinahe alle Gewerbe von 100 auf 106 — 8, manche noch mehr; und es nehmen daran gerade die wichtigſten Gewerbe, wie Bäcker und Fleiſcher, die ſonſt gerne der Bevölkerung parallel bleiben, Theil. In den Jahren 1834 — 37 erhebt ſich die Bevölkerung von 100 auf 104; eine weſentlich ſtärkere Zunahme zeigen in dieſem Zeitraum nur die Gewerbe für Bauten und Hausein - richtung, ſowie einzelne, die einem ſich entwickelnden Luxusbedürfniß dienen, wie die Putzmacherinnen. Aehnlich iſt es in den Perioden von 1837 — 40 und 1840 — 43; es geſellen ſich als ſtärker fortſchreitende Gewerbe zu ihnen hauptſächlich noch ſolche, welche die Großinduſtrie beſchäftigt, wie Mechaniker, Schloſſer, Steinmetzen, während die Hauptgewerbe Bäcker, Fleiſcher, Schuh - macher ihr Verhältniß zur Bevölkerung nicht viel ändern; ſelbſt das entwickelungsfähige Schneidergewerbe zeigt 1837, 40 und 43 jedesmal eine die Bevölkerung nur kaum überholende Zunahme. Die bereits rückgehenden Gewerbe ſind ſolche, bei denen die Konkurrenz der großen Geſchäfte anfängt zu wirken: Seifenſieder, Gerber, Handſchuh - macher, Hutmacher, Töpfer und Ofenfabrikanten.
Die Verſchiedenheit der Bewegung zwiſchen den einzelnen Gewerben iſt nicht ſo groß als die zwiſchen Meiſter und Gehülfen. Von 1816 — 19 nehmen nur die Meiſter zu, die Gehülfen ab; von 1819 — 25 iſt die Bewegung ſo ziemlich gleich; von 25 — 28 nehmen nochmals die Meiſter zu und die Gehülfen ab; von 28 — 31 überwiegt wenigſtens die Zunahme der Meiſter;69Die Reſultate von 1816 — 43.erſt von 1831 ab tritt dauernd und zwar in ganz über - wiegender Weiſe eine ſtärkere Zunahme der Gehülfen ein, ſo daß als Geſammtergebniß von 1816 bis 43 die Meiſter von 100 auf circa 180, die Gehülfen von 100 auf circa 220 ſteigen.
Dieſe Verſchiedenheit der zwanziger und dreißiger Jahre entſpricht dem Ergebniß der obigen Unterſuchung. In dem erſten Zeitabſchnitt fehlt die Möglichkeit, die Geſchäfte auszudehnen, mehr Gehülfen zu halten; die Gewerbefreiheit ermöglicht Jedem, leicht ſelbſt ein Ge - ſchäft anzufangen, leer gebliebene Lücken füllen ſich; der Handel, das Einkaufen in Magazinen, das Ladenhalten iſt noch weniger entwickelt; das ladet zur Niederlaſſung überall ein, dem lokalen Bedürfniß zu dienen, wenn auch das zu machende Geſchäft vorerſt klein iſt. Im zweiten Abſchnitt liegen die Dinge ſchon weſentlich anders: die Lücken ſind beſetzt; trotz der Gewerbefreiheit wird das Anfangen eines eigenen Betriebes in den größeren Städten, wo die Nachfrage wächſt, ſchwieriger, und ſo nehmen hier eher die vorhandenen Geſchäfte zu, als daß neue gegründet würden. Dieſe Richtung zeigt ſich ſpäter noch viel mehr. Es iſt aber wichtig, daran zu erinnern, daß ſie ſchon vor 1845 und 1849 eintrat, weil man ſpäter oft glaubte, die veränderte Gewerbegeſetzgebung ſei daran ſchuld, was jedenfalls nur zum Theil der Fall war.
Die Summen. Kritiſche Prüfung derſelben und Geſchichte der Aufnahmen. Die allgemeine wirthſchaftliche Lage und im Anſchluß daran das Ergebniß der rektifizirten Tabellen. Vergleich von 1843 und 46, Beginn der Handwerkernoth. Vergleich von 1846 und 49, Höhepunkt der Kriſis durch Revo - lution und Geſchäftsſtockung. Die Geſetzgebung von 1849 als Folge der Klagen; Beurtheilung dieſer Geſetzgebung und ihrer Wirkung. Vergleich von 1849 und 52, unbedeutende Beſſerung. Vergleich von 1852 und 55, abermalige Kriſis. Die Aufnahmen von 1855 — 61; die Beſſerung durch die allge - meine wirthſchaftliche Lage. Die Zuſtände 1861 — 65.
Die Zeit nach 1843, reſp. von 1846 an, ſcheidet ſich von der früheren in Preußen materiell durch die 1845 und noch mehr durch die 1849 erlaſſene Gewerbe - geſetzgebung; formell müßte ſie ſchon unſere Betrachtung trennen, da die ſtatiſtiſchen Aufnahmen von 1846 an weſentlich andere ſind. Ehe ich aber auf die Verſchie - denheit der Aufnahme eingehe, will ich die Zahlen ſelbſt vorausſchicken, wie ſie hergebrachtermaßen in der offi - ziellen Statiſtik für 1846 — 58 mitgetheilt werden.1„ Die Hauptreſultate der Gewerbetabellen in den Jahren 1846, 1849, 1853, 1855 und 1858 “in der Zeitſchrift Ich71Die Zahlen von 1843 — 61.wiederhole dabei die Zahlen für 1843 und ſetze für 1861 die Hauptſummen der Handwerkertabelle bei, wie ſie in der amtlichen Publikation lauten. 1Preußiſche Statiſtik, in zwangloſen Heften. Berlin 1864. V, S. 28.Die geſammte Handwerkerbevölkerung iſt wieder ſo berechnet, daß die Gehülfen als unverheiratet, die Familien der Meiſter jede zu 4,1 Perſonen angenommen ſind.
Sollen dieſe Zahlen einer vergleichenden hiſtoriſchen Betrachtung zur Grundlage dienen, ſo muß man ihren Werth und ihre Entſtehung kritiſch prüfen, ehe man Schlüſſe daraus zieht.
Was die Richtigkeit der Zahlen an ſich betrifft, ſo will ich nur wenige Worte in Bezug auf andere Sum - men, welche man da und dort trifft, vorausſchicken. Für 1846 und 49 giebt Dieterici2Mittheilungen V, 216: in den Mitthei -1des ſtatiſtiſchen Bureaus Jahrg. I, 50 — 52. Viebahn, Statiſtik des zollvereinten und nördl. Deutſchlands III, 561.72Die preußiſchen Aufnahmen.lungen andere Zahlen, als die obigen und zwar niedri - gere. Dies iſt für 1849 ſehr erklärlich; er will die Aufnahmen mit 1846 vergleichbar machen und läßt ſo alle erſt 1849 hinzugekommenen Spalten weg. Warum aber 1846 circa 4000 Meiſter und 2000 Gehülfen weniger gerechnet ſind, als in der ſpätern offiziellen Sta - tiſtik, vermag ich nicht anzugeben; eine eigene Nach - rechnung iſt mir gar nicht möglich, da die Tabellen pro 1846 nicht vollſtändig publizirt ſind. 1Die Mittheilungen I, 213 — 291; II, 1 — 32 geben nur einzelne der wichtigern Handwerke, um ſie mit den Zahlen von 1822 zu vergleichen. Auch die Publikation im erſten Bande des Jahrbuchs für amtliche Statiſtik iſt pro 1846 nicht zu Grunde zu legen; die Handwerkertabelle iſt dort mit der Fabriktabelle vereinigt, eine geſonderte Summirung der Handwerker nicht vollzogen; eine Nachrechnung iſt ebenfalls unmöglich, da Meiſter und Gehülfen nicht geſondert angegeben ſind.Immerhin aber iſt dieſe Abweichung ſo mäßig, daß ſie überſehen werden kann.
Für das Jahr 1852 giebt Dieterici die Zahlen in den amtlichen Tabellen, wie in einer ſpäteren Bearbei - tung2Amtliche Tabellen V, S. 884, Mittheilungen VII, 332 — 33 ſind die Zahlen folgende: 552766 Meiſter und 446035 Gehülfen. etwas niedriger an, als ſie Engel in den ſpä - tern offiziellen Angaben anführt. Da ſpätere Angaben derart als die rektifizirten gelten müſſen, habe ich ſie beibehalten. Der Grund der Differenz iſt mir nicht erſichtlich; doch iſt die Abweichung ebenfalls ſo unbe - deutend, daß ſie keine weitere Beachtung verdient.
73Kritik der Zahlen.Für 1858 habe ich nach der amtlichen Publi - kation eine kalkulatoriſch genau geprüfte Nachrechnung angeſtellt; ich mußte die Hauptſummen getrennt haben nach Stadt und Land für die Unterſuchung dieſes Ge - genſatzes. Das genaue Ergebniß der Geſammtſumme iſt 1.042513, alſo etwa 10000 Perſonen weniger, als in der ſpätern Publikation Engels. Die Differenz ver - mag ich ebenſowenig zu erklären. Für dieſe Unter - ſuchung muß ich Engel’s Zahl ſtehen laſſen; für die ſpätere Unterſuchung über den Gegenſatz von Stadt und Land kann ich nur die von mir berechneten Zahlen benutzen, da andere fehlen.
Für 1861 kenne ich noch zwei Summirungen, aller - dings nicht amtlicher Natur, die mit den vorſtehenden Zahlen nicht übereinſtimmen. Ad. Frantz1Ad. Frantz, Tabellen der Gewerbeſtatiſtik der Staaten des deutſchen Zollvereins. Brieg 1867. giebt in ſei - nen gewerbeſtatiſtiſchen Tabellen allerdings beinahe die - ſelbe Hauptſumme von 1.092368 Perſonen, aber die - ſelbe entſteht bei ihm aus circa 16100 mehr Meiſter und weniger Gehülfen. Das kann nur den Grund haben, daß er die Flickarbeiter bei den Maurern und Zimmerleuten, die gerade ſo viel ausmachen, zu den Meiſtern rechnet, während ſie die offizielle Statiſtik offen - bar zu den Gehülfen zählt. Mag Letzteres auch unrich - tiger ſein, ſofern die Flickarbeiter immerhin ſelbſt Unternehmer ſind, eigene Geſchäfte haben, ich mußte bei den offiziellen Zahlen bleiben, ſchon weil ſie die Vermuthung für ſich haben, daß dieſe Frage bei ihnen74Die preußiſchen Aufnahmen.gleichmäßig wie bei den frühern Aufnahmen entſchieden iſt. Es iſt aber von Intereſſe, ſich deſſen eben bei dieſen Zahlen bewußt zu bleiben. Die Abnahme der Meiſter im Ganzen kommt theilweiſe davon her, daß Leute, die früher als kleine Zimmer - und Maurer - meiſter gezählt worden wären, jetzt als Flickarbeiter unter den Gehülfen ſtecken.
Viebahn zählt in ſeiner Statiſtik des Zollvereins1III, 743. für 1861 nur 523481 Meiſter und 519412 Gehül - fen, zuſammen 1.042893 Perſonen; auch ſeine Zahlen für die andern Staaten ſind etwas geringer als die mir ſonſt bekannten Summirungen. Die Urſache der Dif - ferenz iſt nicht erſichtlich. Viebahn muß wohl verſchie - dene Kategorien der offiziellen Tabelle weggelaſſen haben.
Gehen wir von der kalkulatoriſchen zur ſachlichen Prüfung, ſo bleibt die Hauptſache zu wiſſen erſtens, wie verſchieden die Aufnahmen von 1846 ab gegenüber den frühern ſind, und zweitens, ob ſie wenigſtens unter ſich vergleichbar ſind, wie ſich aus ihrer Zuſammenſtellung in der amtlichen Statiſtik zu ergeben ſcheint.
Die Gewerbetabellen bis 1843 waren J. G. Hoff - mann’s Werk; noch die letzten Aenderungen, die im Jahre 1837 eingeführt wurden, hatte er angeordnet. Sein ſpäterer Nachfolger Dieterici war zwar ſeit 1835 Hülfsarbeiter des ſtatiſtiſchen Bureau’s; die Direktion übernahm er aber erſt 1844, als das ſtatiſtiſche Bureau dem Handelsamt unterſtellt wurde. Eine ſeiner erſten Aufgaben war die veränderte Einrichtung der Gewerbe -75Kritik der Aufnahmen.tabelle, die durch die Entwickelung der gewerblichen Verhältniſſe, durch die Spezialiſirung ſo vieler Geſchäfte, durch die Ausdehnung der Großinduſtrie geboten ſchien. Ueberdies hatte die Zollvereinskonferenz ſchon am 11. No - vember 1843 die Aufnahme einer Gewerbeſtatiſtik des Zollvereins beſchloſſen,1Böckh, die geſchichtl. Entwickelung der amtl. Statiſtik S. 54 ff., 75 ff. wobei die Abſicht zunächſt nur auf eine Statiſtik der Großgewerbe gerichtet war. Eine neue Grundlage war zu ſchaffen. Langwierige Unterhand - lungen fanden 1844 und 45 darüber mit dem Finanz - miniſterium und den Oberpräſidenten ſtatt. Dieterici bemühte ſich, gegenüber den ganz neuen Vorſchlägen die Tabelle der Handwerker wenigſtens ſo zu erhalten, daß nicht alle Vergleichung mit früher ausgeſchloſſen war. Das endliche Reſultat war das, daß zunächſt die Auf - nahme in zwei Haupttabellen geſchah; die eine war die ſog. Fabriktabelle; die andere erhielt folgende Abthei - lungen: 1) die mechaniſchen Künſtler und Handwerker (110 ſtatt bisher 72 Kolonnen, es waren mehrere Arten hinzugeſetzt und durchgehend die Zahlen für die ſelbſtän - digen Gewerbtreibenden und für die Gehülfen und Lehr - linge getrennt worden), 2) die Anſtalten für den litera - riſchen Verkehr, 3) die Handelsgewerbe, 4) die Schiff - fahrt, das Fracht - und Lohnfuhrwerk, 5) die Gaſt - und Schenkwirthſchaft, 6) das Geſinde, 7) die Handarbeiter. Die Regierungen wurden angewieſen, in allen bedeutenden Orten eine Prüfung der Tabellen durch Gewerbtreibende eintreten zu laſſen. So fand die Aufnahme 1846 ſtatt.
76Die preußiſchen Aufnahmen.Wie viel die Aufnahme der Gehülfen zu allen Handwerken ausmacht, läßt ſich etwa darnach bemeſſen, daß die Tabelle von 1843 etwa 40000 Meiſter ohne Gehülfen angab, und daß Dieterici, wo er für 1843 die Gehülfenzahl voll rechnen will, ſtatt 311458 — 358660 annimmt. 1Statiſtiſche Tabellen pro 1843 S. 145.Wie viel die bisher nicht gerech - neten Arten von Handwerkern ausmachen, kann ich nicht ſagen, da mir für 1846 keine vollſtändige Spezialauf - nahme vorliegt und die von 1849 wieder weſentlich umfaſſender iſt. 2Das geht auch daraus hervor, daß Dieterici bei der Vergleichung mit 1846 nicht 942373 Perſonen, ſondern 848042 rechnete, wobei er offenbar die Arten wegläßt, die 1846 nicht gezählt ſind. Mittheilungen V, 216.Es wurden 1849 abermals 16 neue Arten hinzugefügt. Die Geſammtzahl der Perſonen, welche in der Tabelle von 1849 der Art der Gewerbe nach neu ſind gegenüber der von 1843, wird circa 130 — 150000 Perſonen ausmachen. Es ſind darunter die Leinenſpinner (57981 mit 26305 Gehülfen), die Gärtner (6598 mit 2853 Gehülfen), die Fiſcher (6430 mit 2633 Gehül - fen), die Barbiere (6033 mit 2431 Gehülfen), die Auktionatoren (4204 mit 270 Gehülfen) und noch manche Andere.
Darnach iſt, wenn die Zahlen von 1846 und 49 mit den früheren verglichen werden ſollen, für 1849 ein Abzug von gegen 200000 zu machen (150000 für andere bisher nicht gezählte Arten von Gewerb - treibenden, 50000 für bisher nicht gezählte Gehülfen), für 1846 wenigſtens einer von 100000.
77Kritik der Aufnahmen.Von 1849 an iſt an den Tabellen relativ weniger geändert; beſonders die Aufnahmen für 1852 und 1855 haben ganz denſelben Umfang, höchſtens eine Unterſchei - dung dieſes oder jenes unbedeutenden Gewerbes in zwei Unterarten kommt vor, was für unſern Zweck gleich - gültig iſt.
Die Hauptänderung bei der Aufnahme von 1858 iſt die Trennung der Gehülfen in Geſellen und Lehr - linge bei jedem Gewerbe; doch iſt das wieder für unſere Zwecke ohne Bedeutung. Andere Aenderungen ſind nicht allzu weſentlich. Die letzten Rubriken ſind 1858 nicht ganz gleich gefaßt, doch handelt es ſich da höchſtens um einige hundert Perſonen; nur eine große Rubrik blieb 1858 ganz weg, nämlich die der Auktionatoren, welche 1855 6188 Perſonen mit 310 Gehülfen umfaßte. Dagegen umfaßt die Rubrik „ Kahnführer “1855 nur 93 Perſonen und 10 Gehülfen; 1858 iſt ſie zu „ Kahn - führer, Pferdeverleiher, Vermiether möblirter Zimmer “erweitert und hat nun 5551 Perſonen. Die ganze Diffe - renz der Aufnahme überſchreitet ſomit einige Tauſende nicht.
Nicht ganz daſſelbe läßt ſich von der letzten Auf - nahme, von der für 1861 ſagen; ſie iſt nach ziemlich verändertem Schema gemacht. Man wollte endlich mit einer gleichmäßigen Aufnahme im Zollverein Ernſt machen; denn 1846 war es nur dahin gekommen, daß einige Staaten ſich in der Hauptſache der preußiſchen Tabellen bedient hatten. 1Mittheilungen IV, 252 — 308: Statiſtiſche Ueberſicht der Fabrikations - und gewerblichen Zuſtände in den verſchie - denen Staaten des deutſchen Zollvereins im Jahre 1846.Weitere Unterhandlungen mit78Die preußiſchen Aufnahmen.den Zollvereinsſtaaten wurden ſeit 1852 geführt. Be - ſonders in München fanden 1854 Berathungen auf Grund eines Entwurfes von Viebahn ſtatt, deren Re - ſultate aber 1859 nochmal modifizirt wurden. 1Böckh, geſchichtliche Entwickelung S. 81 und „ For - mulare für Gewerbeſtatiſtik des Zollvereins nach den Vorſchlägen der im Jahre 1854 zu München verſammelten Kommiſſion und nach den Abänderungsvorſchlägen Preußens. “ Berlin, Oberhof - buchdruckerei.Hier - nach geſchah 1861 die Aufnahme in den ſämmtlichen Zollvereinsſtaaten. 2Ueber Preußen ſiehe: Preußiſche Statiſtik Bd. V. S. 49. Nr. 14.
Die Hauptänderung der Tabelle betrifft aber die äußerliche Anordnung. Dem Inhalt nach ſind die wich - tigern Abtheilungen dieſelben wie 1858; daß einige Gewerbe in Unterabtheilungen zerlegt, einige unbedeu - tende Gewerbe hinzu kamen (Inhaber von Badeanſtalten, Waſchanſtalten, Verfertiger von Streichriemen ꝛc. ), daß einige andere unbedeutende Gewerbe wegblieben (Blatt - geſchirrmacher, Verfertiger von Wachslichtern, Zünd - waaren ꝛc. ) wird nicht viel ausmachen, wird höchſtens eine Differenz von einigen hundert Perſonen bedingen. Dagegen habe ich in Bezug auf die Leinenſpinner, welche 1849 noch 84286, 1858 noch 54054 Meiſter und Gehülfen umfaſſen, einigen Zweifel, ob die Zahl von 14557 im Jahre 1861 der wirklichen Abnahme entſpricht oder nicht vielmehr auf einer veränderten Auf - nahme beruht; das ergäbe eine Differenz von circa 40000 Perſonen, davon 36000 Meiſter. Auch wenn die79Die Lage der Kleingewerbe 1840 — 46.Abnahme von 1858 — 61 wirklich ſo groß iſt, ſo muß man dieſe Zahl bei der Vergleichung im Auge behalten; denn es iſt ein großer Unterſchied, ob die Spinner um 40000 Perſonen oder ob die eigentlichen Handwerker zuſammen um 40000 Perſonen abnahmen.
Nach dieſer Kritik der Zahlen können wir erſt zur Frage zurückkehren, welches die Lage des Handwerker - ſtandes von Anfang der vierziger Jahre bis zur Gegen - wart nach dieſen Zahlen war.
Erinnern wir uns dabei der allgemeinen volkswirth - ſchaftlichen Lage. Die Fortſchritte der techniſchen Bildung in Deutſchland gehen Hand in Hand mit dem Bau der Eiſenbahnen; die internationalen Beziehungen vervielfäl - tigen ſich; der Export nach Amerika, nach den Kolonien nimmt nie dageweſene Dimenſionen an; die großen Unternehmungen, vor Allem die, welche die Vortheile einer vollendeten Technik, eines großen Kapitals, einer weitſichtigen kaufmänniſchen Leitung in ſich vereinigen, erlangen jetzt erſt eine Stellung, wie ſie ſie in England ſchon früher inne hatten. Die Folgen für das Hand - werk mußten ſehr verſchieden ſein, hier Förderung, Abſatz, Arbeit in Fülle, dort Hemmung, Rückgang, erdrückende Konkurrenz. Im Ganzen überwog entſchieden das Letztere.
Seit der Handelskriſis von 1839 hatte die Kriſis der Kleingewerbe begonnen. Schon 1840 hatten ja die Stadtverordneten in Berlin dem König eine Denkſchrift überreicht mit der Bitte um Aenderung der Gewerbe - geſetzgebung. Schon da hatten ſie geklagt, daß alles Handwerk überſetzt ſei, während die Steuerfähigkeit der -80Die preußiſchen Aufnahmen.ſelben ab -, die Zahl der Bankerotte unter ihnen erſchreckend zunehme; da hatten ſie geklagt über um ſich greifende Entſittlichung, unzuverläſſigere, ſchlechtere Arbeit der Handwerker, über die Thatſache, daß das Bedürfniß der Berliner Armenkaſſe von 104137 Thlr. im Jahre 1821 auf 373530 Thlr. im Jahre 1838 geſtiegen ſei. 1Ueber das Innungsweſen und die Verhältniſſe der ſtädtiſchen Handwerke überhaupt von M. M. Gießen 1843. S. 13.Und ſolche Klagen waren nicht alleinſtehend. Köln hatte eine ähnliche Bittſchrift dem Könige überreicht.
Statiſtiſch zeigt ſich die Kriſis ſprechend genug in dem Stillſtand der Zahlen. Ziehen wir für 1846 circa 100000, für 1849 circa 200000 Perſonen von der preußiſchen Handwerkertabelle ab, ſo bleiben die Haupt - ſummen ſo ziemlich auf dem Niveau von 1843, wäh - rend die Bevölkerung zunimmt.
Vergleicht man die einzelnen Handwerke in ihren Zahlen von 1843 und 46, ſo nehmen wohl noch manche der wichtigern unbedeutend zu; eine weſentliche Zunahme zeigt nur die Zahl der Maurergehülfen, was Folge der Eiſenbahnbauten und Fabrikanlagen iſt. Viele bleiben ſtabil; manche zeigen ſchon eine Abnahme — theilweiſe von nicht geringer Bedeutung; es ſind ſolche, die unter der Konkurrenz der Fabrikwaaren leiden; ein - zelne von ihnen haben ſpäter wieder zugenommen als Reparaturgewerbe oder durch andere Urſachen. Was ſie zunächſt niederdrückt, iſt der erſte Gewaltſtoß der neuen Zeit, der neuen Technik, dem ſie nicht gewachſen ſind, vor allem damals noch nicht gewachſen waren, da der81Vergleich von 1843, 1846 und 1849.alte Schlendrian, die Unfähigkeit, der neuen Entwicke - lung ſich anzubequemen, damals noch in hohem Maße vorhanden war. So nehmen z. B. die Schloſſermeiſter von 20769 auf 17933, ihre Gehülfen von 19788 auf 18400 ab. Aehnlich die Drechsler und Glaſer - meiſter.
Nicht beſſer wurde es 1847 — 49; die Fehlernte kam hinzu, die Revolution, die allgemeine Geſchäfts - ſtockung und Unſicherheit. Bei den Zählungen im Dezember 1849 war es ſchon wieder etwas beſſer; die gute Ernte von 1849 hatte günſtig gewirkt, aber immer lebte Handel und Wandel noch nicht wieder auf.
Da uns die obigen Zahlen für die genauere Ver - gleichung von 1846 und 1849 im Stiche laſſen, ſo muß ich auf die von Dieterici ſpeziell für dieſe Vergleichung modifizirten zurückgehen. 1Mittheilungen V, 212 ff., beſonders S. 216 — 17.Es betrug nach ihm in ver - gleichbaren Ziffern:
Während die Bevölkerung ſtieg im Verhältniß von 100: 101,35, ſtieg die Geſammtzahl der handwerks - mäßigen Bevölkerung im Verhältniß von 100: 101,50, die der Meiſter in dem von 100: 103,65, die der Ge - hülfen nahm ab in dem von 100: 98,85.
Daß die Geſammtzahl überhaupt noch etwas wuchs, kann auf den erſten Blick überraſchen. Wenn man aber näher zuſieht, ſo findet dieſe immer ſehr mäßigeSchmoller, Geſch. d. Kleingewerbe. 682Die preußiſchen Aufnahmen.Zunahme der Geſammtzahl, die etwas ſtärkere der Meiſter ihre einfache Erklärung. Die Spezialtabellen zeigen beinahe durchgehend eine geringere Anzahl Gehülfen. Von wichtigern Gewerben haben nur die Bäcker, Flei - ſcher und Schuhmacher etwa dieſelbe Gehülfenzahl; die Riemer, Sattler, Schneider, Zimmerleute, Tiſchler, Böttcher, die Schmiede und Schloſſer, ſowie noch viele unbedeutendere beſchäftigen nicht mehr die alte Gehülfen - zahl. Die Tiſchler zählen 4000, die Schneider 2000 Gehülfen weniger als 1846.
Der Abſatz ſtockte, Jeder ſchränkte ſich ein; ein - zelne Geſchäfte nun, die längſt nur noch nothdürftig exiſtirt hatten, brachen zuſammen. Das war aber die Minderzahl; in der Hauptſache bleiben die alten Ge - ſchäfte zunächſt, ſie hatten nur nicht genug zu thun; ſie entlaſſen alſo Hunderte früher beſchäftigter Geſellen. Von dieſen wiſſen viele keinen andern Ausweg, als ſich ſelbſt zu etabliren und ſo die Konkurrenz zu vermehren. So erklären ſich ſehr klar die obigen Zahlen; ſo erklären ſich die großen Klagen des ganzen Handwerkerſtandes in jener Zeit. Es waren allerdings die vorhandenen Geſchäfte nicht genügend beſchäftigt, es waren zu viel Meiſter, — aber nicht in erſter Linie in Folge der Gewerbefreiheit, nicht wegen mangelnder Prüfung, ſondern wegen vorübergehender Geſchäftsſtockung; es nahm aus dieſem Grunde die Meiſterzahl noch etwas zu, während die ſchon vorhandenen Meiſter täglich weitere Geſellen entlaſſen mußten.
Es wird paſſend ſein, hier einige Worte über die veränderte Geſetzgebung einzufügen, welche ja weſentlich83Die Zuſtände und Klagen 1848 und 1849.hervorgerufen wurde durch die unklaren Klagen des Handwerkerſtandes. Die Gewerbeordnung von 1845 hatte den beſtehenden Zuſtand nach jahrelangen Vor - berathungen im Weſentlichen nur kodifizirt, die Gewerbe - freiheit auf die Provinzen ausgedehnt, wo ſie noch nicht beſtand. Die Innungen ſollten, wo ſie beſtehen, erhalten bleiben, auch neue gebildet werden dürfen; doch wurde ihnen jeder Beitritts - und Prüfungszwang unterſagt. Nur bei einigen wichtigeren Handwerken wurde die Befugniß, Lehrlinge zu halten, von der Mitgliedſchaft einer Innung oder dem Nachweis der Befähigung durch Prüfung abhängig gemacht. Von einer Rückwirkung dieſes Geſetzes auf Gedeihen oder Nichtgedeihen des Hand - werkerſtandes wird nicht die Rede ſein können. Das Geſetz wurde nirgends als etwas Neues, Einſchneidendes betrachtet. Da kamen die ſchlimmen Jahre, die Gährung und Unklarheit der Revolution. Nach der Theorie des Radikalismus ſollte jeder Einzelne, wie jeder Stand ſelbſt die beſte Einſicht haben, was ihm frommte, alſo hielten auch die ehrbaren Handwerke Verſammlungen und Tage, und wie jederzeit jede ökonomiſche Klaſſe ihr nächſtliegendes egoiſtiſches Intereſſe als das Intereſſe des Staats und der Geſellſchaft anſieht, ſo thaten es jetzt die Handwerker.
Den Anfang der Zunftbewegung machte am 22. April 1848 das offene Sendſchreiben der zweiund - zwanzig Leipziger Innungen an ihre Handwerksgenoſſen mit einem Proteſt gegen das ganze „ Weſen, wie es ſich jetzt in Frankreich breit macht, den letzten Reſt von Tüchtigkeit und Wohlſtand untergräbt und gleichſam6 *84Die preußiſchen Aufnahmen.mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiele über Preußen ſeinen Einzug in Deutſchland hält. “ Damit war die Gewerbefreiheit gemeint. Kurz darauf tagte der Vorkongreß der deutſchen Handwerker in Hamburg (2 — 6. Juni). Es wurden Anträge auf Beibehaltung der Bannmeile, auf ausſchließliche Befugniß der Städte zum Gewerbebetrieb, Aufhebung des Hauſirhandels und der kaufmänniſchen Reiſenden, „ dieſer modernen Hauſirer, “geſtellt. Endlich am 15. Juli trat das Handwerker - parlament in Frankfurt zuſammen. Es tagte bis zum 18. Auguſt in ſtürmiſchen Sitzungen. Man ging aus von einem „ feierlichen, von Millionen Unglücklicher beſiegelten Proteſt gegen die Gewerbefreiheit. “ Man verlangte neben dem politiſchen ein beſonderes aus den Innungen hervorgehendes Handwerkerparlament als ſtehendes Organ; dieſes ſelbſt ſollte jährlich das Hand - werksminiſterium ernennen. In Bezug auf die Gewerbe - geſetzgebung verlangen die von der „ Freiheitsluft des Völkerfrühlings “zuſammengeführten Meiſter Folgendes: eventuelle Beſchränkung der Meiſterzahl an Einem Orte, Verbot des Hauſirhandels, Verbot der Aſſoziation mit Nichtinnungsgenoſſen, Zugehörigkeit aller Handwerks - arbeit der Fabriken an die zünftigen Meiſter des Ortes, Beſchränkung auf Ein Gewerbe, Zuſcheidung des Klein - handels mit Handwerkswaaren an die Innungsmeiſter, für die Regel ausſchließliche Berechtigung der Städte zum Gewerbebetrieb, Unzuläſſigkeit von Gemeinde -, Staats -, Aktienwerkſtätten, Verbot des Zuſchlags der öffentlichen Arbeiten an den Mindeſtfordernden und Vertheilung derſelben an die Meiſter durch den von dieſen beſetzten85Die Wünſche der Handwerker.Gewerberath, Verbot öffentlicher Verſteigerung noch neuer Waaren, Verbot der Haltung von mehr als zwei Lehrlingen, Beſteuerung der Fabriken zu Gunſten des Handwerks, eine Geſchäftsgrenze für die Fabriken und den Handel mit Fabrikaten, endlich gleichmäßigen Lehr - zwang, Wanderzwang, Zwang zur Erſtehung einer theoretiſchen und einer praktiſchen Prüfung. Ueberboten wurden dieſe Forderungen nur noch von dem beſondern Frankfurter Schneiderkongreß, der vor Allem Aufhebung der Magazine, Beſchränkung der Arbeit der Frauen - zimmer, Verbot auswärtiger Kleidereinfuhr verlangte. 1Siehe über die ganze Bewegung: Schäffle, gemeinſame Ordnung der Gewerbebefugniſſe in Deutſchland, deutſche Viertel - jahrsſchrift. 1859. Heft 1. S. 218 ff., und Böhmert, Freiheit der Arbeit, Beiträge zur Reform der Gewerbegeſetze. Bremen 1858. S. 163 ff.
Wunderliche Produkte der Kurzſichtigkeit — wie der damals allerdings herrſchenden Noth! Nur hätten die ehrbaren Meiſter nicht vergeſſen ſollen, daß die Noth des Handwerkerſtandes da am größten war, wo man dem Ideal eines ſolchen Gewerberechts noch am nächſten ſtand.
Uebrigens hätte die ganze Sturmflut von Petitionen, alle Agitation auch in Preußen nichts erreicht, wenn nicht zwei Parteien in einer gänzlich unklaren Ver - kennung des Zuſammenhangs die Bewegung unterſtützt hätten. Die konſervative, wie die ſchutzzöllneriſche Partei2Man vergleiche darüber das Organ der ſchutzzöllne - riſchen Partei, das deutſche Zollvereinsblatt z. B. Jahrgang 1849. S. 230: „ Und ſo begrüßen wir denn auch eine der wichtigſten Folgen der neuen preußiſchen Gewerbeordnung, die Innungen86Die preußiſchen Aufnahmen.glaubten ihre Sache zu fördern, wenn die Zünfte her - geſtellt würden. Ueberdies war die preußiſche Regierung, wie leicht jede Regierung, geneigt zu glauben, man könne der augenblicklichen Noth im Gewerbeſtande durch irgend welche Akte der Geſetzgebung abhelfen. Eine Kommiſſion von betheiligten Sachverſtändigen wurde berufen und berieth den 17. bis 30. Januar 1849. Die Klagen konzentrirten ſich darin, man könne ſich zu leicht niederlaſſen und ein Geſchäft eröffnen. Die Verordnung vom 9. Februar 1849 gibt dieſem kurz - ſichtig egoiſtiſchen Klaſſenintereſſe nach, ſchafft wieder feſte Arbeitsabgrenzung für die wichtigern Gewerbe und verlangt für die Ausübung derſelben Beitritt zur Innung nach vorangängigem Nachweiſe der Befähigung bei der Zunft oder Nachweis der Befähigung vor einer beſondern Prüfungskommiſſion. Ein feſter Bildungsgang als Lehrling und Geſelle wird wieder vorgeſchrieben; Hand - werksmeiſter dürfen zu techniſchen Arbeiten ſich nur der Geſellen und Lehrlinge des Handwerks bedienen; dieſe dürfen nur bei Meiſtern ihres Handwerks oder bei Fabrikinhabern eintreten. Wo das Halten von Magazinen zum Detailverkauf von Handwerkswaaren erhebliche Nach -2in Preußen, welche hie und da, als Anfänge einer neuen Aera des Handwerkerſtandes, bereits ins Leben getreten ſind, mit Freuden und wünſchen ihnen guten Fortgang und Nachahmung von allen Seiten. “ S. 233 folgt ein Artikel „ Handwerk und Freihandel; “in demſelben wird die Erklärung der 27 Stettiner Gewerke angeführt, welche dahin lautet: daß ſie in der neuen preußiſchen Gewerbeordnung das Mittel erkennen, „ der grenzen - loſen Gewerbewillkür und dadurch herbeigeführten Demoraliſation und Verarmung ein Ziel zu ſetzen. “87Die Gewerbenovelle von 1849.theile für die gewerklichen Verhältniſſe des Ortes zur Folge hat, kann durch Ortsſtatuten die Haltung von Magazinen durch Solche, die nicht Meiſter ſind, beſchränkt werden.
Der Handwerkerſtand war zunächſt durch dieſe neue Gewerbeordnung befriedigt; die vorhandenen Meiſter gewannen zunächſt etwas durch die Erſchwerung des Meiſterwerdens, und die durch ganz andere Urſachen bewirkte Beſſerung des Abſatzes, der Geſchäfte im fol - genden und nächſtfolgenden Jahre ſchob man ohne Wei - teres der neuen Geſetzgebung, beſonders den Prüfungen zu.
Daß man damals ſo dachte, iſt natürlich. Mehr zu verwundern iſt und hat mich bei vielen perſönlichen Rückſprachen mit liberalen aufgeklärten Meiſtern oft über - raſcht, daß die Mehrzahl auch heute noch für die Prüfungen eingenommen iſt. Waltet dabei mancherlei Mißverſtand, mancherlei egoiſtiſches Motiv vor, ein rich - tiger Kern iſt mir in den Ausſagen von vielen Meiſtern entgegengetreten. Das Leben der Geſellen und Lehrlinge außer dem Hauſe des Meiſters, in der heutigen Groß - ſtadt, birgt in ſeiner Unabhängigkeit manche große Ge - fahr. Bei dem einen wächst damit der Charakter und der ſelbſtvertrauende redliche Fleiß, bei ſehr vielen nur die Genußſucht, die Unzufriedenheit, die Faulheit und Unzuverläſſigkeit; leichtſinnige, zu frühe Ehen kommen zahlreicher vor. Mit dieſen Uebelſtänden hat der Meiſter zu kämpfen; er wird ſie, weil er darunter leidet, leicht überſchätzen; aber vorhanden ſind ſie, und berechtigt iſt es, auf moraliſche Mittel der Gegenwirkung zu denken. Und weil ihm die andern Mittel ferner liegen, ſo iſt88Die preußiſchen Aufnahmen.der Meiſter für die Prüfungen eingenommen, die aller - dings für Viele als Sporn, als zu erreichendes Ziel von guter moraliſcher Wirkung ſein können. Wenn die Prü - fungen nicht zu leicht in egoiſtiſchen Mißbrauch aus - arteten, wenn ſie nicht nothwendig ſich verknüpften mit der heute ganz unleidlichen Abgrenzung der Arbeits - zweige, ſo könnte man allerdings die Frage als eine offene behandeln.
Was die allgemeine Wirkung der Geſetzgebung von 1849 betrifft, ſo möchte ich dabei die mehr pſychologiſche Wirkung von der realen, direkten Wirkung unter - ſcheiden.
Die pſychologiſchen Wirkungen waren theils gün - ſtige, theils ungünſtige. Viebahn betont die erſteren beſonders, wenn er ſagt: „ Nach dem Erſcheinen dieſer Novelle, welche der Innung wieder beſtimmtere Rechte und mehr Inhalt verlieh, entſtand im Handwerkerſtand wieder ein lebhaftes Intereſſe an dieſen Korporationen: die Statuten der alten wurden revidirt, zahlreiche neue errichtet. Die Zuſammenkünfte, die Prüfungen und Freiſprechungen beförderten das korporative Zuſammen - halten und die Bildung unter den Gewerbsgenoſſen. Die Handwerker-Fortbildungsſchulen ſind großentheils aus der Anregung oder unter Mitwirkung der Innungen hervorgegangen, und wenn ſich der gewerbliche Stand - punkt und die Leiſtungen der preußiſchen Handwerker gehoben haben, ſo kann auch den Innungen ein gewiſſes Verdienſt dabei nicht abgeſprochen werden. “ Das iſt bis auf einen gewiſſen Grad wohl wahr. Das eigentlich Treibende aber, das Leben Gebende war die Noth. Die89Die Folgen der Gewerbenovelle.Einſicht ſchlug durch, daß endlich auch der Handwerker vorwärts ſchreiten müſſe. Deswegen rührte man ſich, ſtrebte nach Bildung, war für die Pläne von Schulze - Delitzſch empfänglich, gründete man Schulen und Gewerbe - vereine, deswegen hatte man auch lebendigeres Intereſſe für die Innungen und für die Prüfungen. Aber nicht umgekehrt waren die Innungen das Erſte, das Anre - gende. Im Gegentheile vielfach wurden ſie bald das Hemmende, einmal weil man ſich durch die Exiſtenz der Innungen an ſich nun geholfen glaubte, noch mehr aber, weil die perſönlichen Elemente, die in ihnen an die Spitze kamen, keine ſolche waren, die Verſtändniß für gewerblichen Fortſchritt hatten. Das iſt ja der Fluch jeder alten, einmal auf Abwege gerathenen Inſtitution, daß bei Wiederbelebungsverſuchen nicht die tüchtigen, die jungen, die aufopfernden Kräfte zuſtrömen, ſondern die alten, egoiſtiſchen. Den Kreditvereinen, den Gewerbe - vereinen, den Arbeiterbildungsvereinen widmeten ſich die friſchen, aufſtrebenden Kräfte; den Innungen mehr ſolche, die darin eine behagliche Exiſtenz ohne Anſtren - gung erhofften. Für Viele und nicht die untüchtigſten wurde die Sache durch die unpaſſende reaktionäre Ver - quickung verdächtigt. Die perſönlichen Eigenſchaften Derer, welche in den Innungen obenan kamen, waren der Krebs - ſchaden der neuen Inſtitution, waren ſchlimmer als der Inhalt der Novelle ſelbſt. Dieſe Wahrnehmung iſt mir überall, wo ich mich näher nach Perſonen und Dingen erkundigte, entgegen getreten, und Regierungsrath Mülmann beſtätigt das vollſtändig, wenn er in Bezug auf die Rheinprovinz und die dortige Innungsbildung90Die preußiſchen Aufnahmen.ſagt:1Statiſtik des Regierungsbezirks Düſſeldorf. Iſerlohn 1867. IIb, 489. „ Nicht das Intereſſe des Handwerkerſtandes, ſeine techniſche und ſoziale Fortbildung und Vereinigung zu gegenſeitiger Unterſtützung war die Triebfeder des Zuſam - mentrittes, ſondern wieder das Anſtreben von Exkluſiv - rechten, der Egoismus, wenn nichts Schlimmeres. Mit dem Durchdringen der Ueberzeugung, daß auch die Innungen zur Erfüllung dieſer ſelbſtſüchtigen Wünſche nicht geeignet ſeien, erlahmte auch mehr und mehr die Theilnahme an dieſen Inſtituten. Ihre Verſammlungen wurden nicht mehr beſucht, die Beiträge nicht mehr geleiſtet, und ſie ſchrumpften zuerſt bis auf die Schatten - gerippe der Innungs-Prüfungskommiſſionen ein und vegetirten, ſeitdem auch dieſe durch Neuwahlen nicht mehr zu ergänzen ſind, als leere Organiſationen fort. “
So viel von den pſychologiſchen Wirkungen. Was die direkten, realen Wirkungen betrifft, ſo laſſen ſie ſich aus den gewerbeſtatiſtiſchen Zahlen nicht ganz ſicher nach - weiſen, da hier der Streit immer offen bleibt, ob die Zahlen ſo ſind wegen oder trotz der Einrichtung. Immer - hin aber lehren die Zahlen, wie ich gleich zeigen werde, daß jedenfalls eine auffallende Wirkung nicht vorhanden iſt. Eine ſolche iſt aber auch nicht wahrſcheinlich. Daß die Novelle weſentlich genutzt habe, glaubt Niemand heute mehr; daß ſie geſchadet habe, wird eher noch behauptet werden können. Sie legte dem Handwerk einige Feſſeln auf, beſchränkte die verſchiedenen Kleingewerbe unter ſich, ohne es aber zu wagen, die Großinduſtrie,91Die Folgen der Gewerbenovelle.die Magazine, den Handel irgendwie zu Gunſten der Kleingewerbe zu beſchränken. Selbſt ſoweit die Novelle dazu etwa die Hand bot, wie durch die Beſtimmung über die Magazine, wurde ſie nicht ausgeführt. Ueber - haupt iſt in ſolchen Dingen ja nicht der Wortlaut ent - ſcheidend, ſondern die Art der Ausführung. Und dieſe war keine ſchroffe, ſelbſt in Bezug auf die Prüfungen. Wohl haben dieſe manche Niederlaſſung erſchwert, am meiſten noch in den Baugewerken; das Anwachſen der bloßen Flickarbeiter gegenüber den Meiſtern hängt damit zuſammen. Aber abgeſehen hiervon wurde die größte Milde beobachtet; ſchon durch das Geſetz vom 15. Mai 1854 wurden, was dem Geſellen die Hauptſache war, die Prüfungsgebühren reduzirt. Kontraventionen, abſicht - liche Täuſchungen, Namensleihungen wurden ſelten ver - folgt. Die Strafen waren praktiſch ſo nieder, daß ſelbſt eine gerichtliche Verurtheilung keine Aenderung zur Folge hatte. 1Vergl. darüber die praktiſchen Bemerkungen von Mül - mann daſ. S. 493.Somit ſind in der Hauptſache die ſtatiſtiſchen Zahlen von 1852 — 61 nicht aus der veränderten Geſetz - gebung, ſondern aus andern Urſachen zu erklären.
Dies zeigt ſich gleich bei denen für 1852. Die Hauptnoth iſt vorbei; wenn ſie in einigen Gewerben noch fortdauert, ſo haben die übrigen um ſo mehr ſich erholt. Es waren2Siehe die ſpezielle Vergleichung der beiden Jahre, Mit - theilungen VII, 328 — 52.
Die Zunahme von Meiſtern und Gehülfen zuſam - men beträgt 5,99 %, die der Bevölkerung nur 3,3 %; die Zunahme mußte natürlich ſtärker ſein als die der Bevölkerung, wenn man nur halbwegs wieder auf leidliche Zuſtände kommen wollte, da die Zahlen für 1849 einen Nothſtand repräſentiren.
Die Zahl der Meiſter allein nahm um 3,28 % zu, alſo nicht ganz ſo ſtark wie die Bevölkerung; in den meiſten einzelnen Gewerben zeigen aber die abſoluten Zahlen einige hundert Meiſter mehr als 1849. Abge - ſehen von denen, welche dauernd wegen Konkurrenz der Großinduſtrie zurückgehen, hat die Meiſterzahl von wich - tigen Gewerben nur bei den Zimmerleuten auch abſolut etwas abgenommen; das wird den Prüfungen zuzu - ſchreiben ſein. Bei den Maurern iſt die abſolute Meiſter - zahl trotz der Prüfungen geſtiegen.
Die Meiſter zeigen nur eine abſolute, keine relative Zunahme, die weſentliche relative Zunahme der Geſammt - zahl liegt in den Gehülfen. Sie nahmen um 9,44 % zu; in den bedeutenden Gewerbszweigen handelt es ſich in jedem um einige tauſend Gehülfen mehr, gegenüber von 1849. Der Abſatz iſt wieder ein beſſerer, die 1849 entlaſſenen Geſellen ſind meiſt wieder eingeſtellt.
Die Beſſerung der Zuſtände war aber noch keine nachhaltige; war die politiſche Lage eine ruhigere, ja warfen ſich viele Kräfte, enttäuſcht im politiſchen Leben, um ſo mehr auf das Gebiet materieller Thätigkeit, ſo wirkte das doch mehr nur belebend in den höheren Regionen des gewerblichen Lebens. Mehrere ſchlechte Ernten folgten ſich, ſie wirkten durch die Theurung93Die Kleingewerbe 1849 — 1855.der Lebensmittel lähmend auf den Abſatz der ohnedies gedrückten Kleingewerbe.
Die Geſammtzahl von Meiſtern und Gehülfen iſt 1855 zwar um circa 1700 Perſonen höher als 1852 (1.002384 gegen 1.000609), verglichen mit der Bevöl - kerung hat aber eine Abnahme ſtattgefunden; die ſämmt - lichen Gewerbetreibenden machen 1852 = 5,93 %, 1855 = 5,85 % aus. In vielen wichtigen Gewerben haben ſogar die abſoluten Zahlen der Meiſter, wie der Gehülfen, abgenommen. Es gibt 1855 abſolut weniger Meiſter bei den Fleiſchern, Seifenſiedern, Gerbern Schuhmachern, Handſchuhmachern, Seilern, Spritzen - machern, Schneidern (um 2000), Poſamentieren, Hut - machern, Tuchſcheerern, Färbern, Zimmerleuten, Zim - merflickern, Brunnenmachern, Wagenbauern, Böttchern, Drechslern, Haarkammmachern, Bürſtenbindern, Mau - rern, Mauerflickern, Steinſetzern und noch manchen unbe - deutendern. Viel wirkt dabei der Prüfungszwang nicht. Die allgemeinen Urſachen und die Theurung ſind wich - tiger; denn wäre jener die Haupturſache, ſo müßten die Gehülfen ſtärker zugenommen haben. Aber auch ſie zeigen vielfach nicht nur relativ, ſondern abſolut niedrigere Zahlen als 1852. So bei folgenden Gewerben: bei den Fleiſchern, Seifenſiedern, Gerbern, Schuh - machern (2000 weniger), Handſchuhmachern, Seilern, Schneidern, Poſamentieren, Tuchſcheerern, Färbern, Brunnenmachern, Tiſchlern, Wagenbauern, Böttchern, Drechslern, Töpfern, Glaſern.
Wieder etwas beſſer geſtaltet ſich die Lage in der zweiten Hälfte des Jahrzehntes. Die allgemeinen Vorbe -94Die preußiſchen Aufnahmen.dingungen der gewerblichen Entwickelung waren wieder andere geworden; die Ernten ſind beſſere, die Groß - induſtrie und der Welthandel nehmen ſtärker zu, als je. Die größeren Städte wachſen in ihrer Bevölkerung mehr und mehr, die Eiſenbahnbauten vollenden ſich in den meiſten Provinzen. Das wirkt auch auf die Klein - gewerbe, wenigſtens auf einen Theil derſelben zurück. Auch die Kreditvereine von Schulze - Delitzſch beginnen ihren ſegensvollen Einfluß zu üben. Beſonders ein - zelne Geſchäfte dehnen ſich aus, beſchäftigen mehr Gehülfen. Die Geſammtzahl iſt 1858 um circa 50000 Perſonen höher als 1855, 1861 iſt ſie abermals um 40000 Perſonen geſtiegen, und ſie würde ſich noch weſentlich höher darſtellen, wenn die Zahl der Leinen - ſpinner von 1858 — 61 nicht um circa 40000 abge - nommen hätte. Will man hiervon abſehen und ſetzt deshalb für 1861 noch 40000 Perſonen zu, ſo iſt auch die relative Zunahme 1858 — 61 größer als die von 1855 — 58. Die Handwerker würden danach 1855 = 5,85 %, 1858 = 5,95 % und 1861 = 6,11 % der ganzen Bevölkerung ausmachen.
Die Zunahme von 1855 — 61 liegt in der Gehülfen - zahl und konzentrirt ſich auch hier auf einige Haupthand - werke, auf ſolche, die einen fabrikartigen Betrieb ein - zuführen anfangen, und ſolche, die jederzeit mit wachſendem Wohlſtand ſich ausdehnen; dahin gehören die Schuhmacher, Seiler, Schneider, Putzmacher, Riemer, Tiſchler, Rade - und Stellmacher, Schmiede, Schloſſer, Zimmerleute und Maurer. Sie ſind es hauptſächlich, deren Gehülfenzahl von 1855 — 61 weſentlich wuchs.
95Die Kleingewerbe 1855 — 1861.Immer iſt die Zunahme aber nicht allzubedeutend, und die Zunahme der Gehülfen hat die Kehrſeite einer abnehmenden Meiſterzahl. Daraus erklärt ſich auch, daß wir von 1849 ab den Prozentantheil der handwerks - mäßigen Bevölkerung mit ihren Familien an der Geſammt - bevölkerung als einen abnehmenden berechneten. Dieſer Prozentantheil war: 1849 ..... 16,52 %. 1852 ..... 16,03 %. 1853 ..... 15,70 %. 1858 ..... 15,45 %. 1861 ..... 14,87 %.
Natürlich, wenn man die abnehmende Meiſterzahl mit 4,1 Perſonen multiplizirt, dazu auch die etwas zunehmenden Gehülfen addirt, ſo müſſen die ganzen Summen gegenüber einer raſch wachſenden Bevölkerung ſinkende ſein.
Die Lage der meiſten kleinen Geſchäfte iſt übrigens auch gegen 1861, auch 1861 — 65, in welchen Jahren beſonders die Löhne ſtiegen, die Lebensmittel billig waren, in welchen der Abſatz allerwärts flott ging, keine ſonderlich günſtige. Ein mehr oder weniger trau - riges Bild gibt die Zuſammenſtellung des einſchlägigen Materials aus den landräthlichen Kreisbeſchreibungen (1858 — 66) im Jahrbuch für die amtliche Statiſtik des preußiſchen Staates. 1Jahrg. II. Berlin 1867. S. 265 — 348.Sieht man manchem der Berichte die landräthlich konſervative Tendenz an, die Ver - gangenheit auf Koſten der Gegenwart, das Zunftweſen auf Koſten der heutigen Geſetze zu erheben; in den96Die preußiſchen Aufnahmen.meiſten leuchtet doch eine wahrheitsgetreue Bericht - erſtattung durch, und ſie lautet mehr oder weniger dahin, daß der Abſatz der Handwerker abnimmt, ſich immer mehr auf die untern Klaſſen beſchränkt, daß ihre Zahl dagegen vielfach noch wächſt, daß nur, wo Haus - oder Grundbeſitz vorhanden, ihre Lage behaglich iſt, daß ohne denſelben die Lage des kleinen Meiſters ſich nicht über die des einfachen Tagelöhners erhebt, daß die kleinen Meiſter auf Jahrmärkten herumziehen oder auf Tagelohn neben der Gewerbsarbeit gehen müſſen. Ich will nur einige im Jahrbuch nicht wörtlich, aber dem Sinne nach treu wiedergegebene Mittheilungen der Landräthe anführen.
Aus Frauſtadt (Reg. -Bez. Poſen) wird 1860 geſchrieben: „ Nur die größte Betriebſamkeit und Ein - ſchränkung vermag den ſtädtiſchen Handwerkern eine ſorgenfreie Exiſtenz zu ſichern. “ Aus Schroda (Poſen) 1863: „ Weil die Handwerker vielfach ihren Betrieb mit Schulden beginnen und mit den Induſtriellen der großen Städte nicht konkurriren können, ſo müſſen ſie nicht ſelten tagelöhnern oder Erwerb durch Transport von Vagabunden oder durch Pachtung von Obſtgärten ſuchen. “ Aus Kröben (Poſen) 1863: „ Die kleinen Städte werden meiſtens von dürftigen, ſchlecht ausgebildeten und ungeſchickten, mit mangelhaftem Arbeitszeug verſehenen Handwerkern bewohnt, deren Zahl das Bedürfniß über - ſteigt. “ Aus Habelſchwerdt (Schleſien) 1860: „ Die Mehrzahl der Handwerker arbeitet ohne Geſellen und Lehrling bei wenig ſchwunghaftem Betrieb; ebenſo über - ſchreitet die große Anzahl der Viktualienhändler, welche97Die landräthlichen Berichte über das Handwerk.ihre Exiſtenz auf möglichſt bequeme Weiſe friſten wollen, weitaus das Bedürfniß. “ Aus Weißenfels und Weißenſee (Sachſen) 1860: „ Je ſchlechter die Lage des kleinen Handwerks in den Städten durch theure Wohnungen, hohe Gemeindeſteuern, Konkurrenz des Kapitals wird, deſto mehr überſiedelt das Handwerk auf das platte Land, und zwar ohne dabei zu gewinnen; denn ſelten bringen es die Handwerker, wenigſtens Schuhmacher und Schneider, zu eigenem ſchuldenfreien Beſitz. Vielen ſonſt fleißigen Handwerkern wird es durch die zu zahlreichen Konkurrenten unmöglich gemacht, ſich zu behaupten. “ Aus Oſchersleben (Sachſen) 1863: „ Das Handwerk iſt von geringem Umfang und geht, abgeſehen von den Bauhandwerkern, eher rück - als vorwärts. “ Aus Münſter (Weſtfalen) 1863: „ Das Handwerk hat geringe Bedeutung; die meiſten Handwerker treiben nebenher Ackerbau. Viele Schneider, Schreiner, Wagenmacher und ſelbſt Schuhmacher arbeiten bei ihren Kunden gegen Koſt und Tagelohn. Geſellen verdienen oft kaum ſo viel wie Knechte. “ Aus Bonn (Rheinprovinz) 1859: „ Die Auswanderung hat abgenommen; jetzt wandern faſt nur noch junge und allein ſtehende Handwerker aus, welche in Amerika oder Auſtralien eine Exiſtenz zu gründen beabſichtigen. “ Aus Bergheim (Rheinprovinz) 1863: „ Die kleinern Handwerker, Weber und dergl. ſtehen mit den Tagelöhnern, denen Wege - und andere öffentliche Bauten eine lohnende Beſchäftigung gewähren, auf einer Erwerbsſtufe. “ Aus Warendorf (Weſtfalen) 1865: „ Mit den hauptſächlichſten Handwerkern iſt jede Gemeinde faſt mehr als genügend verſehen; dem ver -Schmoller, Geſch. d. Kleingewerbe. 798Die preußiſchen Aufnahmen.mögensloſen jungen Manne bleibt alſo, will er nicht Zeitlebens Tagelöhner ſein, nur übrig, in induſtrie - reichen Gegenden einen Hausſtand zu gründen. “
Man könnte dieſen traurigen Ausſprüchen gegenüber die Frage aufwerfen, ob es jemals früher in dieſen Kreiſen beſſer beſtellt war? Man könnte daran erin - nern, daß jede ſtarke Bevölkerungszunahme, man mag ſie im Allgemeinen als noch ſo günſtig betrachten, in einzelnen Kreiſen, für Stellungen, die leicht zugänglich ſind, einen ſtärkeren Andrang und damit ein gewiſſes Unbehagen erzeugen muß, daß aus dieſem Unbehagen heraus ja aller Fortſchritt ſtattfindet. Beide Einwen - dungen ſchwächen die Klagen über die gegenwärtige Lage der Handwerker ab; aber ſie machen ſie nicht ver - ſtummen. Die Haupturſachen des Druckes liegen in der volkswirthſchaftlichen Umbildung aller unſerer Verhält - niſſe ſeit 20 Jahren.
Wenn man das bei den eigentlichen Handwerkern leugnen wollte, jedenfalls müßte man es zugeben in Bezug auf die Hausinduſtrie der Weber, die von unſerer bisherigen Unterſuchung ausgeſchloſſen war. War ihre Lage 1850 — 60 vielfach wieder eine beſſere als 1840 — 50, im Ganzen war ſie doch jammervoll genug, wie die Mittheilungen aus den landräthlichen Kreisbe - ſchreibungen ebenfalls zeigen. Es gilt wenigſtens für den größern Theil der Handweberei, was der Landrath des Kreiſes Landeshut in Schleſien (1860) ſagt: „ Die Beſchäftigung ſo vieler Menſchen mit einem unterge - henden Gewerbe läßt kaum einer Hoffnung des Beſſer - werdens Raum. “
99Die landräthlichen Berichte über das Handwerk.Ich werde hierauf in den folgenden Unterſuchungen zurückkommen. Es handelte ſich hier nur um die Kon - ſtatirung der Lage der Handwerker überhaupt. Und um das Bild zu vervollſtändigen, gehe ich nunmehr auf die Handwerksſtatiſtik einiger der wichtigern Kleinſtaaten über. Es iſt das zur Beſtätigung der bisherigen Reſul - tate um ſo paſſender, als die preußiſchen Zahlen eigentlich geographiſch zu groß ſind, d. h. Länder mit zu ver - ſchiedenen Zuſtänden umfaſſen. Eine zunehmende und abnehmende Geſammtzahl kann hier aus zu verſchie - denen Faktoren zuſammengeſetzt ſein; es kann in einer Provinz ein Gewerbe von der Großinduſtrie ſchon voll - ſtändig verdrängt ſein, während es in einer andern noch ſo zunimmt, daß die Zahlen der ganzen Monarchie als ſteigende erſcheinen. Aus dieſem Grunde ſind die Reſultate kleinerer Länder, die weſentlich nur eine gleiche Kultur umfaſſen, belehrender.
Es wird ſich bei der Betrachtung der Handwerks - zuſtände in den Kleinſtaaten nicht vermeiden laſſen, einige Worte über die allgemeinen Kultur - und Wirth - ſchaftsverhältniſſe einzuflechten, obwohl ich zunächſt nur die Veränderung der Zahlen in jedem einzelnen Lande für ſich unterſuchen und nicht die verſchiedenen Staaten vergleichen will. Auf die lokalen Verſchiedenheiten der einzelnen Staaten und der einzelnen preußiſchen Pro - vinzen unter einander werde ich erſt in einem ſpätern Abſchnitte eingehen.
Land und Kulturverhältniſſe. Zunahme der Handwerker von 1829 — 43. Die Kriſis 1847 — 61. Die Gewerbefreiheit ſeit 15. Oktober 1862.
Wer je auch nur flüchtig mit dem Dampfwagen durch das badiſche Land von Heidelberg bis Baſel gefahren iſt, der hat ein anſchauliches Bild von dem langgeſtreckten Lande. Eine fleißige aufgeweckte Bevöl - kerung bebaut den nicht kärglichen, meiſt in kleine Beſitz - ſtellen zertheilten Boden. Schon im Jahre 1834 lebten 4421, 1845 4845, ſpäter wieder etwas weniger Menſchen auf der Quadratmeile. Das Land war bis zum Anſchluß an den Zollverein ein vorzugsweiſe acker - bauendes. Denn von der alten gewerblichen Blüthe mancher Städte, beſonders Freiburg’s, war längſt nichts mehr übrig; und die in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts von Markgraf Karl Friederich ins Leben gerufenen Induſtriezweige, die Bijouteriefabrikation Pforzheims, die Baumwolleninduſtrie des Wieſenthals hatten bis da nicht allzuviel zu bedeuten. Eher Bedeu -104Die Aufnahmen der kleinern Staaten.tung hatte die hausmäßige Induſtrie von Uhren, Bürſten und Holzwaaren auf dem Schwarzwalde. 1Siehe darüber, wie über das Folgende: Dietz, die Gewerbe im Großherzogthum Baden, ihre Statiſtik, ihre Pflege, ihre Erzeugniſſe. S. 330 ff.
Die kleinen Handwerke aller Art waren in den behaglichen Dörfern und kleinen Städten, in den Reſi - denzen und Univerſitäten zahlreich verbreitet. Günſtig auf ſie wirkte auch zunächſt der Anſchluß an den Zoll - verein, die guten Jahre von 1830 — 1840. Nach den Aufnahmen der Steuerverwaltung exiſtirten2Dietz S. 17.
während die Zahl der Fabrikanten ſich von 161 auf 405, die ihres geſammten Perſonals von 2756 auf 8745 in dieſer Zeit gehoben hatte. Es war zunächſt ein Fort - ſchritt im alten Stile, ein Fortſchritt viel mehr der Klein - als der Großgewerbe. Von der neuen Zeit, von der neuen Technik, von der neuen Konkurrenz wußte man noch wenig. Die beiden folgenden Jahrzehnte aber brachten das um ſo reichlicher. Und die Wirkung auf die Kleingewerbe iſt um ſo ſtärker.
Leider liegen mir3Dietz S. 17 — 28. für die Vergleichung von 1847 und 1861 nur die Meiſterzahlen der Hauptgewerbe vor, die der Geſellen fehlen für 1847; dadurch erſcheint die Kriſis noch ſchlimmer, als ſie iſt; denn wahrſcheinlich würde der Abnahme der Meiſter eine Zunahme der Gehülfen gegenüberſtehen. Wie dem aber auch ſei,105Die Zahlenreſultate in Baden.jedenfalls zeigt die folgende Tabelle, wie viele kleine Handwerksmeiſter in dieſer Zeit zu Grunde gegangen ſind. Es exiſtirten in Baden 1847 und 61, während die Bevölkerung ſo ziemlich dieſelbe blieb:
Dagegen betrug die Zahl der Fabrikarbeiter mit Einſchluß der Weber im Jahre 1861 50147 Perſonen; noch 1849 waren es 17105 geweſen. Nicht weniger als 15649 Handwerker ſind in den 10 Jahren von 1852 — 62 aus Baden ausgewandert, meiſt nach Amerika, um dort jenſeit des Ozeans ſich den Heerd zu gründen, für den ſie in der Heimath keinen Platz mehr fanden. Viele frühere Meiſter ſind auch als Arbeiter in Fabriken eingetreten. Dietz verſichert, daß nunmehr durch dieſe Aenderung die Lage der übrig - gebliebenen Handwerker im Lande ſich weſentlich gebeſſert habe.
Bis zum 15. Oktober 1862 hatte in Baden der Zunftzwang gedauert; ſeither exiſtirt Gewerbefreiheit; war die Ausübung des Zunftzwangs ſowie des obrig - keitlichen Konzeſſionsweſens auch nicht allzuſtrenge geweſen, immer fühlte man ſich beengt; und vor Allem war etwas erſchwert, was in ſolchen Zeiten allgemeiner Umbildung der Technik und der Gliederung der Arbeitskräfte erleich - tert werden ſollte, der Uebergang zu andern Geſchäften und Betrieben, die Ueberſiedlung nach andern Orten. Das iſt jetzt leichter, und inſofern war die Gewerbe - freiheit auch eine momentane Erleichterung für das Kleingewerbe. 1Dietz S. 145.Abgeſehen aber hiervon, drückt die Kon - kurrenz der Großinduſtrie jetzt noch mehr als vorher. 2S. Viebahn III, 548.Der Zunftzwang war für manchen kleinen unvollkom - menen Betrieb noch eine Art Schutzmauer, die jetzt107Die badiſchen Kleingewerbe ſeit 1861.wegfällt. Das iſt natürlich kein Argument gegen die Gewerbefreiheit; denn es handelt ſich da nur um ein Früher oder Später der Beſeitigung doch unhaltbarer Exiſtenzen. Aber das zeigt ſich hier wie überall, daß die Noth der letzten Jahrzehnte nicht Folge des Zunft - zwanges war, daß mit der Gewerbefreiheit nicht ſogleich goldene Tage für den Handwerker kommen. Die Haupt - urſache der Kriſis iſt von Zunft und Gewerbefreiheit unabhängig.
Wirthſchaftliche Zuſtände und Gewerbegeſetzgebung. Die Meiſter - zahlen 1835, 1852 und 1861, Abnahme derſelben. Die Zahlen der Meiſter und Gehülfen zuſammen in denſelben Jahren. Vergleichung von 26 wichtigen Handwerken 1852 und 62. Beendigung der Kriſis 1861. Die Handelskammer - berichte von 1862 — 67 über Gewerbefreiheit; die Klein - gewerbe in unveränderter Lage.
Weiter ab von der großen Heerſtraße, weniger berührt von fremden Einflüſſen als Baden, liegt das Württemberger Land; zäher, langſamer iſt der Charakter des Stammes. Aber ſonſt ſind Lebensbedingungen, wie wirthſchaftliche Entwicklung ähnliche. Auf engem Raume eine dichte Bevölkerung; zahlreiche kleine Städte und Flecken; ein zertheilter Grundbeſitz; bis in die neuere Zeit eine mehr landwirthſchaftliche als gewerbliche Thätig - keit; wenigſtens die Großinduſtrie hat erſt in den letzten Jahrzehnten ſich entwickelt, in dieſen allerdings große Fortſchritte gemacht.
Die Gewerbegeſetzgebung wurde ſchon 1828 und 1836 in liberalem Sinne reformirt; das Geſetz vom109Wirthſchaftliche Zuſtände und Geſetzgebung.22. April 1828 hebt für 13 Gewerbe die Zünftigkeit auf, für etwa 50 behält ſie ſie bei, aber ſo, daß mit Beſeitigung aller läſtigen Vorrechte die Zünftigkeit nur zu zweierlei zwingt: zum Erwerb des Gemeindebürger - rechts am Orte der Niederlaſſung und zu einem ziemlich leichten Nachweis der Befähigung. Eine weitere Erleich - terung war die 1854 erfolgte Zuſammenlegung von 28 bisher in einzelne Zünfte getheilten Gewerben in 7 Zunftgruppen. Von da war der Uebergang zu der 1862 (1. Mai) eingeführten Gewerbefreiheit kein allzugroßer Schritt.
Die vorzugsweiſe in dem Kleingewerbe konzentrirte gewerbliche Thätigkeit ging in den zwanziger Jahren die alten hergebrachten Bahnen. Der bairiſche Zollverein brachte 1828 keine gefährliche Konkurrenz; erſt mit dem Eintritt in den großen Zollverein entſtand eine ſolche, aber damit auch Leben und Fortſchritt. Es datirt von dieſer Zeit der Uebergang zur Großinduſtrie, die ver - mehrte Berührung mit dem Ausland, die Verbeſſerung der Technik, — aber zugleich die theils verſchuldete, theils unverſchuldete Kriſis der Kleingewerbe,1Zu vergl. : Württ. Jahrbücher 1862. Heft 2. S. 161 — 296: Schmoller, die Reſultate der Gewerbeſtatiſtik von 1861, und Königreich Württemberg S. 551 ff. : Der Entwicklungs - gang des Gewerbslebens in den letzten 40 Jahren. deren ſprechendes Bild in der folgenden Tabelle liegt, welche die Zahlen der Meiſter in den wichtigern Gewerben 1835 — 36, 1852 und 1861 verzeichnet.
110Die Aufnahmen der kleinern Staaten.Während die Bevölkerung wenigſtens 1835 — 52 zunimmt, ſinkt die Zahl der Meiſter in den meiſten Ge - werben, und dabei ſind einzelne, die am meiſten litten, wie das Tuchmachergewerbe, in dieſer Tabelle gar nicht begriffen. Einzelne ſinken nur bis 1852 und erholen ſich von da an wieder; ſie haben die Kriſis ſchon hinter111Die Zahlenreſultate in Württemberg.ſich. Die Geſammtzahlen würden viel ſtärker ſinken, wenn nicht doch manche ſteigende Gewerbe dazwiſchen wären, ſolche, die erſt ſich ausbilden, wie Putzmacher, Tapeziere, oder ſolche, bei denen der kleine handwerks - mäßige Betrieb wenig oder keine Konkurrenz zu leiden hat, die alſo mit dem ſteigenden Wohlſtand ſich auch der Meiſterzahl nach heben.
Daß der Wohlſtand im Ganzen ſteigt, daß er der Kriſis entgegen wirkt, iſt klar; die kleinen Geſchäfte machen Bankerott; neue in geringerer Zahl, aber umfang - reicher betrieben, prosperiren; daher ganz dieſelben Ge - werbe meiſt ſteigende Zahlen zeigen, wenn man die Geſammtheit der Beſchäftigten inkl. Geſellen und Lehr - lingen vergleicht. Nur die am ſtärkſten leidenden zeigen auch hier einen Rückgang. Die Geſammtzahl der Meiſter, Geſellen und Lehrlinge betrug:
112Die Aufnahmen der kleinern Staaten.
Nach einer Vergleichung, welche Profeſſor Mährlen1Württ. Jahrb. Jahrg. 1863. S. 39 — 40. anſtellt, haben in den 26 wichtigſten Handwerken die Meiſter 1852 — 62 um 4,5 %, die Gehülfen und Lehr - linge um 76 % zugenommen. Faßt man aber die - jenigen zuſammen, bei welchen weniger günſtige Verhält - niſſe vorhanden ſind, nämlich die Bäcker, Fleiſcher, Maurer, Zimmerleute, Töpfer, Schmiede, Kupfer - ſchmiede, Gerber, Sattler, Küfer, Färber, Poſamen - tiere, Nadler, Gürtler, Zinngießer, Hutmacher, Fri - ſeure und Barbiere, ſo haben bei ihnen zuſammen von 1852 — 62 die Meiſter um 8,6 % abgenommen, die Gehülfen um 34,7 % zugenommen.
Nach der größern Tabelle über Meiſter und Ge - hülfen zuſammen könnte man verſucht ſein, die Kriſis ganz zu leugnen, nach den letztern Prozentverhältniſſen113Die Reſultate in Württemberg.ſieht man ihr Vorhandenſein, aber auch die Beſſerung. Die Kriſis iſt ſo ziemlich überwunden, nachdem die Zahl der Meiſter abgenommen, ihre Geſchicklichkeit und Bil - dung ſich weſentlich gehoben hat. Freilich darf man dabei nicht vergeſſen, daß dem Jahre 1861 eben ſo glückliche Ernte - als Geſchäftsjahre vorausgingen, wäh - rend 1830 — 40 der erſte Stoß der fremden Konkurrenz, in den vierziger Jahren die Handelskriſen, die Hungers - noth und die Revolution, zu Anfang der funfziger Jahre wieder die Mißjahre die Kriſis ſehr verſtärkt hatten, daß alſo die Beſſerung 1861 ebenſo oder noch mehr accidentellen Urſachen zuzuſchreiben iſt als einer bleibenden Veränderung.
Für die Zeit nach 1861 fehlt es an einer ſtati - ſtiſchen Aufnahme der württembergiſchen Gewerbe, wie in den andern Zollvereinsſtaaten. Wohl aber erſieht man aus den zuverläſſigen württembergiſchen Handels - kammerberichten1Jahresberichte der Handels - und Gewerbekammern in Württemberg, Stuttgart, Blum und Vogel; für 1862 S. 28. S. 63. S. 119; für 1863 S. 23. S. 34. S. 46 — 49; für 1865 S. 118; für 1866 S. 45; für 1867 S. 7 — 11. wie die am 1. Mai 1862 eingeführte Gewerbefreiheit gewirkt hat.
Im erſten Jahre, heißt es, habe ein ungeheurer Zudrang von Gewerbtreibenden nach den größern Städten, Stuttgart ausgenommen, oder von Gehülfen in ſelb - ſtändige Unternehmungen in dem Umfang, wie er befürchtet wurde, nicht ſtattgefunden, wohl aber ſei der Zudrang zu den Detailgeſchäften und zum Hauſirhandel ein ſehr ſtarker. Die Lage der Kleingewerbe wird alsSchmoller, Geſch. d. Kleingewerbe. 8114Die Aufnahmen der kleinern Staaten.günſtig, aber von der Gewerbefreiheit kaum berührt bezeichnet.
Im Jahre 1863 wird beſonders die immer ſtärker wachſende Zunahme des Hauſirhandels erwähnt. Sehr viele kleine Gewerbetreibende, welche ſich früher ohne Hauſiren durchzubringen ſuchten, heißt es, laſſen ſich Hauſirſcheine geben. Hauptſächlich kommt es auch vor, daß Hauſirer an einzelnen Orten wochenlang ein Lokal miethen, ihre Waaren zum Verkauf bieten und dann weiter ziehen. Ueber die neue Gewerbeordnung über - haupt ſchreibt die Heilbronner Handelskammer: „ Viel - fache Erkundigungen, welche wir von Gemeindebehörden, Gewerbevereinen und Einzelnen über die Wirkungen der neuen Gewerbeordnung eingezogen haben, ſprechen ſich ziemlich übereinſtimmend dahin aus, daß ſie bis jetzt, abgeſehen vom Hauſirhandel, ſich weder als merklich wohlthätig noch als merklich nachtheilig erwieſen habe. Wie vorauszuſehen war, ſo hatte ſie namentlich durch die Beſeitigung des Erforderniſſes des Ortsbürgerrechts zur Folge, daß eine Menge Leute ſich zur ſelbſtändigen Ausübung von Gewerben meldete, namentlich in den Städten, und daß der Wegfall der Konzeſſionen bei Krä - mereien und des Beweiſes der Vorbildung beim Detail - handel gleichfalls ſehr viele Leute veranlaßte, den Handel als Haupt - oder Neben-Erwerbszweig zu ergreifen. Uebergänge von einem Handwerk auf ein anderes ſind ſelten, von einem Handwerk oder von einer ſonſtigen Beſchäftigung auf den Handel aber ſehr häufig, häu - figer als wünſchenswerth. Klagen über Ueberſetzung ſind uns nur bezüglich von Schneidern, Schuhmachern115Die Gewerbefreiheit in Württemberg.und Händlern von einigen Orten aus bekannt gewor - den. “
Ganz ähnlich ſpricht ſich die Ulmer Handels - kammer aus. Von 87 in der Stadt Ulm 1863 neu angemeldeten Handelsgeſchäften ſind 10, von 173 neu angemeldeten Kleingewerben 14 ſchon im gleichen Jahre wieder eingegangen. Die zahlloſen kleinen Handels - geſchäfte, heißt es, können unmöglich prosperiren. Der Zudrang der Handwerker beſteht nur für Gewerbe, die kein Kapital erfordern; es ſind Schuſter und Schneider, Tiſchler und Maler, die daneben fortfahren, für andere Meiſter zu arbeiten. Dann kommt es vor im Maurer - und Zimmergewerbe; alte Geſellen, Polire verſuchen ein eigenes kleines Geſchäft zu beginnen, Reparaturen zu übernehmen. Auch von ihnen iſt bereits eine ziem - liche Zahl wieder zu ihren Meiſtern zurückgekehrt. „ Bei den übrigen Gewerben hat dagegen die Freigebung bei - nahe gar keine Aenderung hervorgebracht. “
Der Bericht für 1865 berichtet eher ungünſtig als günſtig über die Folgen; er betont, daß nicht ſowohl durch das Syſtem der Gewerbefreiheit als durch die heutigen Verkehrsverhältniſſe die Ueberlegenheit der großen Geſchäfte immer ſteigt. „ Der Einfluß der Gewerbe - freiheit “— ſchreibt er — „ zeigte ſich theils in der vermehrten Zahl der Ehen, theils in der Vermehrung der Gewerbsſtellen. Arbeiter, welche bisher in größern fabrikmäßig betriebenen Geſchäften arbeiteten, errichten im Vertrauen auf ihre Geſchicklichkeit, aber leider häufig ohne die gehörigen Mittel und die für den Unternehmer erforderliche Geſchäfts - und Marktkenntniß, eigene Ge -8 *116Die Aufuahmen der kleinern Staaten.ſchäfte, mit denen ſie ſich in einen Wettkampf mit Gegnern einlaſſen, deren Ueberlegenheit ſie zu ſpät fühlen, wenn das kleine Kapital aufgezehrt iſt und noch oben - drein Schulden gemacht ſind. Man ſieht ſich genöthigt, um Spottpreiſe für Groſſiſten zu arbeiten und ſchließlich doch wieder zum Fabrikanten zurückzukehren. Je ſchwie - riger es für den bloßen Arbeiter in ſeiner Stellung iſt, eine genaue Kenntniß der ſtatiſtiſchen Verhältniſſe ſeines Fabrikationszweigs ſich zu verſchaffen, deſto mehr thut Vorſicht bei Gründung neuer Unternehmungen Noth, wo bei dem Fortſchritt der Handelsfreiheit die Beurtheilung des Umfangs der Konſumtion eines Artikels und ſeiner Produktion immer ſchwieriger wird. “
Die Geſchäftsſtockung im Jahre 1866 und 67 drückte nach den Berichten weſentlich auch auf die Lokal - und Kleingewerbe; das hat mit der Gewerbefreiheit nichts zu ſchaffen. Nicht unintereſſant aber iſt, daß die in den Kleingewerben herrſchende Geſchäftsſtockung hauptſächlich den Hauſirhandel, theilweiſe mehr den Bettel in der Form des Hauſirhandels angeſchwellt hat. In einzelnen Gegenden des Landes wird die Zunahme als eine wahre Landeskalamität betrachtet. Beſonders das Ausgebot ganzer Waarenlager im Umherziehen von Stadt zu Stadt unter dem Titel und der Form von Waarenausverkäufen wird inſofern beklagt, als ſolche Leute ſich den Steuern vollſtändig oder ganz zu ent - ziehen wiſſen. „ Allen Berichten gemeinſchaftlich iſt die Klage, daß dieſe Leute den Abſatz der ortsanſäſſigen und hochbeſteuerten Handel - und Gewerbetreibenden beeinträchtigen, und daß ihr herumziehendes Leben117Die Gewerbefreiheit in Württemberg.meiſtens ihren ſittlichen und ökonomiſchen Ruin herbei - führe. “
Das mag übertrieben ſein, wie jederzeit die Klagen der ſtehenden Gewerbe über den Hauſirhandel; aber es zeigt, wenn es auch nur theilweiſe wahr iſt, — eine Wahrheit, welche von den Schwärmern für volkswirth - ſchaftliche Freiheit ſo oft überſehen wird. Je tiefer man in den geſellſchaftlichen Klaſſen herabſteigt, deſto häufiger regulirt nicht mehr die Einſicht in das wirth - ſchaftlich für das Individuum Beſte ſeine Handlungen, ſondern kurzſichtige Genußſucht, augenblickliche Neigung zur Unthätigkeit; unſittliche Nebenmotive verſchiedener Art bilden die pſychologiſchen Faktoren, mit denen der Nationalökonom hier rechnen muß.
Volkscharakter und Kulturverhältniſſe. Die Geſetzgebung und ihre Bedeutung gegenüber andern Urſachen. Vergleich der Gewerbsmeiſter 1810 und 1847 in den unmittelbaren Städten diesſeit des Rhein’s; die Urſachen der Stabilität. Vergleich der Geſammtergebniſſe 1847 und 1861 im Staate und nach Kreiſen. Vergleich der wichtigern einzelnen Gewerbe 1847 und 1861. Die bairiſche Weberei. Das Handwerk in den unmittel - baren Städten und in den übrigen Gemeinden diesſeit des Rhein’s 1847 und 1861. Die Zuſtände in der Pfalz, Zunahme von 1847 — 61, als Folge der vor 1847 erfolgten Abnahme und Auswanderung; die Zahl der Handwerker 1861 in der Pfalz noch weſentlich unter der von Altbaiern.
Manche Theile Baierns ſtehen in ihrer induſtriellen Entwickelung dem übrigen Süddeutſchland gleich, vor allen die Pfalz, die Gegend von Nürnberg und Fürth, Augsburg; aber in der Hauptſache iſt Baiern doch gewerblich weniger entwickelt. Es iſt vom großen Ver - kehr weniger berührt, theilweiſe geſtattet die Boden - und Gebirgsformation nur eine ſparſamere Bevölkerung, Religion und Geſchichte haben den eigentlichen Baiern ſpröde gemacht gegen die Einflüſſe der entwickelteren119Volkscharakter und Kulturverhältniſſe.Nachbarſtämme. Es iſt vor Allem ein tüchtiger, geſunder, wohlhabender Bauernſtand, der zähe feſthält am Alten in Sitte und Tracht, in Lebensanſchauung und wirth - ſchaftlichem Betriebe.
Wohl dringt auch das Neue da und dort ein, aber eher ſchafft es ſich ganz neue Formen, als daß es zunächſt beſtehende Verhältniſſe umwandelt. Der Bauer iſt reicher geworden mit den ſteigenden Getreide - preiſen; aber wenn er mehr kauft, ſo ſind es mehr Induſtrie - als Handwerksprodukte. Die Großinduſtrie fängt an die Naturſchätze, die Waſſerkräfte, den billigen Arbeitslohn in Baiern zu benutzen, ſie dehnt ſich ſogar in rein landwirthſchaftlichen Diſtrikten aus. Daran iſt theilweiſe die den Fabriken günſtigere Geſetzgebung ſchuld; aber ebenſo ſehr wirken die allgemeinen Verhältniſſe. Wo vorher jede lebendige, induſtrielle Thätigkeit fehlt, wo heute erſt die Geſchäfte neu eingerichtet werden, da werden ſie viel mehr nach modernſter Art mit umfaſſen - derem Betriebe angelegt, als wo ſich der neue Aufſchwung an altes, gewerbliches Leben anſchließt. Auch in der preußiſchen Rheinprovinz iſt heute noch Manches in der Hand kleiner Geſchäfte, wofür die ſpäter entwickelten altpreußiſchen Provinzen nur große Geſchäfte kennen.
Die landläufige Auffaſſung ſchiebt die Schuld der langſamen Entwickelung Baierns vornehmlich auf die bisherige Geſetzgebung. Und es iſt wahr, die Nieder - laſſungs -, Gemeinde - und Verehelichungsgeſetzgebung war engherzig; ſie hat weſentlich dazu beigetragen, eine wenig dichte Bevölkerung zu erhalten (Oberbaiern 2452 Menſchen auf die □ Meile, ganz Barien 3327 im Jahre120Die Aufnahmen der kleinern Staaten.1858). Aber ebenſo wenig läßt ſich leugnen, daß Sitte und Charakter des Volks ebenſo daran Theil haben. Die Handhabung der Geſetze liegt in der Hand der Gemeinden. Wo moderner Sinn, Regſamkeit und Betriebſamkeit iſt, da machen die Gemeinden keinen ſo engherzigen Gebrauch von ihrem Vetorecht bei neu zu gründenden Heimweſen. Oberfranken hatte bei derſelben Geſetzgebung 1858 ſchon über 4000 Menſchen auf der Quadratmeile. Mit der größten Leichtigkeit erfolgte da aber auch die Niederlaſſung, beſonders in einzelnen Induſtriedörfern, wie in den Korbflechtergemeinden. 1Vergl. Bavaria, Landes - und Volkskunde des König - reichs Baiern. III. Erſte Abtheilung. München 1865. S. 445.
Mehr jedenfalls als durch die Niederlaſſungs - und Ehegeſetzgebung war das gewerbliche Leben durch die Realgewerberechte und die beſtehende Zunftgeſetzgebung gehemmt. Schon zu Anfang des Jahrhunderts hatte man die Einſicht, daß dieſe Monopole, dieſe Ausſchlie - ßungsrechte der Zünfte durchbrochen werden müßten. Eine Verordnung vom 1. Dezember 1804 und das Geſetz vom 11. September 1825, welches prinzipiell auf dem Boden der Gewerbefreiheit ſteht, ſuchte dieſen Zweck dadurch zu erreichen, daß den Behörden die Befugniß zu Konzeſſionsertheilungen eingeräumt wurde. Das Konzeſſionsſyſtem hat ja ſeine großen Nachtheile; aber wo die Gewerbefreiheit noch nicht möglich iſt, ſchafft es doch einige Konkurrenz. Es war auch den ehrbaren bai - riſchen Meiſtern ſo unbequem, daß ſie ſich ſehr Mühe gaben, es zu beſeitigen. Schon 1834 wurde das Recht121Die bairiſche Gewerbegeſetzgebung.der Behörden weſentlich zu Gunſten der Meiſter und Realberechtigten beſchränkt. Die allgemeinen Klagen, die ſeit 1840 durch ganz Deutſchland wiederklingen, daß das Handwerk überſetzt ſei, trugen nicht dazu bei, die Geſetze milder zu handhaben. Die Inſtruktion von 1853 ſteht unter dem Hochdruck der Reaktion. Die Praxis war eine weſentlich härtere, als in Würtemberg, Sachſen, Baden, die ja damals auch noch Zunftverfaſ - ſung hatten.
Erſt 1862 trat infolge der um ſich greifenden Agitation für Gewerbefreiheit eine liberalere Behand - lung durch die veränderte Gewerbeinſtruktion dieſes Jah - res ein. Die volle Gewerbefreiheit erreichte ihre geſetz - liche Einführung endlich den 30. Januar 1868. 1Schöller, das Geſetz vom 30. Januar 1868, das Gewerb - weſen betreffend, erläutert. Erlangen 1869.In der Pfalz war die durch die franzöſiſche Herrſchaft ein - geführte Gewerbefreiheit nie angetaſtet worden.
Als Beweis, daß nur die einſchränkende Geſetz - gebung an der gewerblichen Stagnation Baierns Schuld ſei, liebt man anzuführen, daß die Pfalz in beſſerer Lage ſei, daß ſeit 1862 ein großer Aufſchwung einge - treten ſei, daß Fürth die Grundlage ſeiner gewerblichen Blüthe der Zeit verdanke, in der es als anſpach’ſcher Flecken volle Gewerbefreiheit beſaß. Sicher iſt daran viel Wahres. Ebenſo ſicher aber haben jederzeit andere Umſtände weſentlich mitgewirkt, und ebenſo ſicher wird die Vergleichung der Pfalz mit Altbaiern ſehr häufig unter falſchen Geſichtspunkten vorgenommen, wie ich unten zeigen werde.
122Die Aufnahmen der kleinern Staaten.Hauptſächlich eine wichtige Thatſache, auf welche ich in einem der folgenden Abſchnitte über vergleichende deut - ſche Gewerbeſtatiſtik noch näher kommen werde, möchte ich der Unterſuchung der Zahlen voraus ſchicken, um durch ſie einen richtigern Standpunkt zu gewinnen; es iſt die, daß Baiern trotz ſeines vorwiegend ackerbauenden Cha - rakters, trotz der Stabilität der Meiſterzahl von 1810 — 61 noch 1861 unter den deutſchen Ländern ſteht, welche die größte Zahl Handwerker haben. Das wirft jedenfalls auf die gewöhnliche Anſicht, die Zahl der Meiſter ſei nur der beſchränkenden Geſetzgebung wegen nicht gewach - ſen, ein ſonderbares Licht.
Für die Zeit vor 1847 iſt mir nur die Unterſu - chung Dr. Mahr’s über die Entwickelung des Handwer - kes in den Städten des Königreichs Bayern diesſeit des Rhein’s bekannt. 1Hildebrandts Jahrbücher für Nationalökonomie und Statiſtik. VI. S. 113 — 129.
In den Jahren 1809 — 12 wurde eine umfaſſende bairiſche „ Reichsſtatiſtik “erhoben. Im Jahre 1847 wurde die Gewerbeſtatiſtik in Baiern nach dem Zollver - einsſchema ausgeführt. Mayr ſtellt nun die vergleich - baren Zahlen der Gewerbsmeiſter in den unmittelbaren 28 Städten diesſeit des Rhein’s zuſammen; die Gehül - fen waren 1810 gar nicht gezählt. Das Verhältniß iſt folgendes:
So weit bleibt das Anwachſen der Meiſter hinter dem der Bevölkerung zurück. Aber dürfen wir darin, wie Mayr, nur eine Folge der Erſchwerung des Mei - ſterwerdens ſehen? Die Erſchwerung tritt erſt ſeit 1834 ein; von 1810 — 34 herrſchen liberale Grundſätze; von dem ganzen Zuwachs der Bevölkerung um 118642 Seelen kommen 90494 auf die vier großen Städte, München, Nürnberg, Augsburg und Würzburg; die andern Städte bleiben ſtabil, nehmen vielfach ſogar ab; hier in den kleinen Städten iſt man am engherzigſten mit neuen Niederlaſſungen. In den vier großen Städten, die allein bedeutend zunehmen, iſt man es wohl auch, aber zugleich wirken hier alle die neuen Faktoren ſchon, welche dem kleinen Meiſter Konkurrenz machen. Da entſtehen ſchon die größer und beſſer eingerichteten Unter - nehmungen, welche mit kleinerer Perſonenzahl die glei - chen, ja die vielfach geſteigerten Bedürfniſſe befriedigen. Zieht man alles das mit in Erwägung, ſo wird man die Haupturſache der Stabilität in allgemeineren Zuſtän - den finden müſſen, hauptſächlich darin, daß die Mehr - zahl der Mittel - und Kleinſtädte nicht vorwärts ſchrei - tet, daß beſonders für die Langſamkeit der allgemeinen wirthſchaftlichen Entwickelung die Zahl der vorhandenen Meiſter ſchon zu Anfang der Periode eher zu groß iſt. Verſchlimmernd mußten allerdings darauf die engher - zigen Grundſätze von 1834 an wirken. Statt durch freie Konkurrenz haltloſe Geſchäfte zu beſeitigen und ſie da, wo ſie am Platze ſind, neu entſtehen zu laſſen, ſucht man überall nur das Meiſterwerden zu erſchwe - ren, hindert leichte Ueberſiedelungen und ſteigert dadurch124Die Aufnahmen der kleinern Staaten.die Klagen, das Mißbehagen, beſonders da in der Mehr - zahl der Städte die Bureaukratie und die Zünfte doch nicht ſo durchgreifen, daß die beſtehenden Geſchäfte ent - ſprechend abnehmen. Gerade in Baiern wird gegen 1850 mit am meiſten von Ueberſetzung der Handwerker geſpro - chen. Und das iſt nicht bloße Phraſe, ſondern geht zu einem Theile auf einen wahren Uebelſtand, auf eine lokal und zeitlich zu große Zahl von Meiſtern zurück.
Für den Vergleich von 1847 und 1861 iſt die offizielle Bearbeitung der beiden Aufnahmen von Staats - rath Hermann1Die Bevölkerung und die Gewerbe des Königreichs Baiern nach der Aufnahme von 1861, die Gewerbe in Ver - gleichung mit deren Stande im Jahre 1847; herausgegeben vom königl. ſtatiſtiſchen Bureau. München 1862. zu Grunde zu legen. Ich ſchicke die Betrachtung der Geſammtſummen voraus, um erſt nach - her auf einzelne Gewerbe, auf die Handwerke in den Städten, ſowie auf die beſondern Zuſtände in der Pfalz zurückkommen. Die Vergleichung umfaßt nicht die ſämmtlichen 1847 und 1861 aufgenommenen Gewerbe, ſondern nur die in beiden Jahren gleichartig gezählten.
Die Meiſter und Gehülfen mit Einſchluß der Hand - weber betrugen
alſo um 9364 oder 2,6 % mehr, während die Bevöl - kerung um 4,7 %, die Zahl der Fabrikarbeiter um 9 % geſtiegen war. In Altbaiern fiel die Zahl von 333466 auf 330640, alſo um 2826 Perſonen oder 0,85 %. Laſſen wir die Weber bei Seite, ſo kommen,125Vergleich von 1847 und 1861.Meiſter und Gehülfen zuſammen gerechnet, je auf einen Gewerbtreibenden Einwohner:
Gegenüber der Bevölkerung alſo hauptſächlich ein Rückgang in Niederbaiern, dagegen in der Oberpfalz, in Oberbaiern, Oberfranken und Mittelfranken Stabilität, eine kleine Zunahme in Unterfranken und Schwaben, eine weſentliche Zunahme nur in der Pfalz.
Läßt man die Gehülfen bei Seite und rechnet nur die Meiſter, ſo betrugen ſie in ganz Baiern (ohne die Weber): 1847 ... 151006 1861 ... 152976 alſo 1,3 % mehr bei einem Zuwachs der Bevölkerung um 4,7 %; bleibt die Pfalz weg, ſo nimmt die Zahl der Meiſter um 1 % ab; mit den Webern ſinkt die Geſammtzahl der Meiſter in ganz Baiern um 3 %, in Altbaiern um 5,2 %.
Ueberall macht es einen weſentlichen Unterſchied, ob die Pfalz in den Durchſchnitt einbezogen oder aus - gelaſſen wird. Aber nicht die Pfalz allein trägt dazu bei, den relativen Geſammtrückgang kleiner erſcheinen zu laſſen. Auch die Gegend von Nürnberg und Fürth wirkt in ähnlichem Sinne. In den genannten Städten126Die Aufnahmen der kleinern Staaten.haben, abgeſehen von der Blüthe beſonders der Groß - induſtrie, gerade auch eine Anzahl Handwerker, die ſonſt überall zurückgehen, z. B. die Gold - und Silberſchläger, die Roth - und Gelbgießer, die Gürtler und Nadler bedeutend zugenommen; geſchickt als Hausinduſtrie orga - niſirt, vereinigen ſie die Vortheile des kleinen Betriebs mit einem Abſatz im Großen. 1Bavaria III, zweite Abtheilung. S. 1059 ff. : der Nürn - berg-Fürther Induſtrie-Diſtrikt von Dr. Beeg.Auch in andern Gegen - den haben einzelne Gewerbzweige, die für weitern Abſatz thätig ſind, zugenommen, wie z. B. die Holzſchnitzerei und die Korbflechterei. In um ſo grellerem Lichte erſcheint der Rückgang im Uebrigen.
Auf die wichtigern einzelnen Lokalgewerbe überge - hend, theile ich die abſoluten Zahlen derſelben 1847 und 1861 mit; die Bevölkerung hat ſich (1847 4,50 Mill., 1861: 4,68, ein Plus von 4,7 %) ſehr wenig geändert, ſo daß, ähnlich wie in Württemberg und Baden, für dieſe Zeit die abſoluten Zahlen ziemlich klar Fortſchritt oder Rückgang zeigen. Es gab:
127Die einzelnen Gewerbe 1847 und 1861.
Einzelne Gewerbe, welche anderwärts am meiſten litten, wie die Tuchſcheerer und Färber, haben hier ſo - gar noch etwas zugenommen; eine ſtarke Zunahme an Meiſtern wie an Gehülfen zeigen nur die Schneider, die Buchbinder und die ländlichen Gewerbe der Korb - flechter und Holzwaarenverfertiger; ſonſt Rückgang oder Stabilität; aber nicht bloß bei den Meiſtern, ſondern128Die Aufnahmen der kleinern Staaten.auch bei den Gehülfen; die Fleiſcher, die Gärtner, die Gerber, die Seifenſieder, die Zimmerleute, die Schmiede, die Nadler, die Gürtler, die Seiler, die Poſamentiere, die Böttcher haben 1861 weniger Hülfsperſonal als 1847. Das beweist, daß der Hauptübelſtand nicht in der Erſchwerung des Meiſterwerdens lag, ſonſt hätten die Gehülfen doch eher wachſen müſſen; aber es beweist, daß die Zunftverfaſſung viele halbbeſchäftigte Handwerker hält, die allerdings beſſer unter dem Sturmwind freier Konkurrenz vollends ganz beſeitigt würden.
Mehr als alle erwähnten Gewerbe haben die Weber gelitten. Man hat es in Baiern weniger als anderswo verſtanden, den modernen Fortſchritten ſoweit zu folgen, daß, wenn auch mit geringen Löhnen, wenigſtens die Exiſtenz der Handweber gerettet wurde. Tuchmacherei und Wollweberei war von Alters her im ganzen Lande zu Hauſe, hauptſächlich aber in Schwaben, in Mittel - und Oberfranken, in der Oberpfalz und Niederbaiern, an der böhmiſchen Grenze. Von letzterer Gegend ſagt der Berichterſtatter in der Bavaria, Alois Schels:1I, zweite Abtheilung S. 1050. „ die Tuchfabrikation beſchäftigte vor Jahren im Vils - und Rottthale viele fleißige Hände; doch gegenwärtig liegen mehrere Realrechte brach und iſt der frühere Induſtriebetrieb zum Kleingewerbe herabgeſunken; ehe noch die mächtige Konkurrenz der andern zollvereinten Staaten eintrat, gab Präſident von Rudhart, der die Zuſtände und Bedürfniſſe der ihm anvertrauten Pro - vinz wohl erkannte, den Tuchmachern die entſprechend -129Die bairiſche Weberei.ſten Andeutungen zu gemeinſamem Zuſammenwirken und gegenſeitiger Hilfeleiſtung; leider vergebens. “ Die Zahl der Webſtühle für wollene Stoffe ſank von 2797 auf 2480 in dem Zeitraum von 1847 — 61.
Am ſtärkſten ging die Linneninduſtrie zurück; von 29499 Stühlen auf 22740. Im bairiſchen Wald wurde ſie theilweiſe von der Holzinduſtrie erſetzt, gedeiht aber dort daneben noch leidlich. 1Bavaria I, zweite Abtheilung S. 1048.Der frühere Haupt - ſitz dieſer Induſtrie war Schwaben. Ein Handelskam - merbericht des Kreiſes ſpricht ſich darüber (1863) ſo aus:2Daſ. II, zweite Abtheilung S. 926. „ Die früher ſchwunghaft betriebene Leinenfabri - kation hat ſowohl durch den allgemeiner gewordenen Gebrauch von Baumwollfabrikaten als durch die An - wendung mechaniſcher Spinn - und Webſtühle, wozu noch der Mangel an einheimiſchem Rohmaterial und zweckmäßigen Röſtanſtalten ſich geſellte, faſt gänzlich auf - gehört, und es iſt keine Ausſicht vorhanden, ſelbſt mit namhaften Opfern ſie wieder zu einiger Bedeutung zu bringen. “ Nur die Augsburger Weber ſcheinen eine Ausnahme zu machen. Dort gelang es nach und nach, wie der Verfaſſer von „ Augsburgs Induſtrie “3Die Induſtrie Augsburgs mit Rückſicht auf die poly - techniſche Schule 1862. nach - weist, „ durch Vereinigung zu gemeinſamen Werken, durch zweckmäßige Verwendung des Innungsvermögens und anderweitiger Zuſchüſſe zur Anſchaffung von Material und der zur Gebild - und Buntweberei erforderlichen Stühle und Maſchinen, dann durch die BeſtrebungenSchmoller, Geſch. d. Kleingewerbe. 9130Die Aufnahmen der kleinern Staaten.einzelner intelligenter und bemittelter Meiſter, die Hand - weberei auf den rechten Weg zu führen und wieder zu heben. “
Die Baumwollweberei hat ihren Hauptſitz in Ober - franken, im Voigtlande, wo eine rührige fleißige Bevöl - kerung mit erſchöpfender Thätigkeit und Arbeitsluſt ihr rührend genügſames Daſein friſtet. 1Siehe Bavaria III, erſte Abtheilung S. 336. Fentſch, der lokalkundige unparteiiſche Verfaſſer dieſes Abſchnitts ſagt: „ Der Oberfranke iſt im Allgemeinen rührig und fleißig. In den Bezirken, wo eine induſtrielle Beſchäftigung vorwiegend iſt, bei den Paterlmachern, den Verfertigern von Holzſchuhen und den Schwingenmachern im Gebirge, den Korbflechtern am Main und an der Rodach, den Tafelmachern im Thüringer Wald, in den Weberdiſtrikten des Voigtlandes und des Wunſiedler Kreiſes, dann um Berneck, wo das Plauiſch-Nähen (die Sticke - rei) in einem großen Theil der Hütten und Bürgerhäuſer alle Hände beſchäftigt, iſt die Arbeit nahebei zur Mühſal geworden. Der geringe Verdienſt geſtattet nur wenig Ruhepunkte, und auf dem Werktagsleben laſtet eine unerquickliche Monotonie, deren Wirkung ſich in einem Mangel an Friſche und Freudigkeit kund - giebt. “Der 30ſte Menſch iſt in Oberfranken ein Weber, in ganz Baiern der 96ſte. Im Bezirke Müncheberg kommen auf 24000 Seelen etwa 2000 Webermeiſter mit ungefähr 1000 Geſellen, alſo eine Weberbevölkerung von gegen 10000 — 12000 Menſchen. Die Baumwollweberei entwickelte ſich hier als freieres Gewerbe gegenüber der ſtrengern zunftmäßigen Leinenweberei ſeit dem 15. Jahrhundert. Noch gegen Ende des vorigen Jahrhunderts war es ein blühender Zuſtand. Einige wenige Fabrikanten beſchäftigten ſchon 140 — 150 Stühle; die meiſten nur wenige Stühle;131Die bairiſche Weberei.die kleinern verkauften ihr Produkt an die großen, waren aber als beſitzende Leute von dieſen nicht abhängig. In dieſem Jahrhundert nahm die Verarmung mit den ſin - kenden Preiſen der Baumwolle und der Baumwollpro - dukte zu. Viele hatten bald keine eigenen Stühle, keine eigenen Spulen mehr; Spullohn und Miethe für den Stuhl wurde ihnen vorweg am Verdienſt abgezogen. Kapital zu Ankauf eigener Twiſte war nicht mehr da. So wurden die Weber reine Lohnarbeiter; die Auswahl, für dieſen oder jenen Fabrikanten zu arbeiten, wurde im - mer kleiner, da die kleinen Fabrikanten ſelbſt Bankerott machten. Der Höhepunkt des Elends war in den vier - ziger Jahren. Seither iſt es eher wieder beſſer gewor - den, beſonders ſeit ſächſiſche Fabrikanten, durch die Bil - ligkeit des Lohnes angezogen, viel im Voigtlande arbei - ten laſſen und ſo den wenigen inländiſchen Großgeſchäf - ten, die den Weber ganz in den Händen hatten, Kon - kurrenz machten. Die Zahl der Baumwollſtühle hat in Oberfranken ſogar von 11301 auf 13378 von 1847 bis 61 zugenommen.
Die Geſammtzahl der Webermeiſter in Baiern aber hat nach der Berechnung von Hermann1Die Bevölkerung und die Gewerbe ꝛc. im Jahre 1861. S. 162. von 38323 im Jahre 1847 auf 30935 abgenommen, d. h. um 23,9 %, während die Bevölkerung um 4,7 % wuchs; auch in der Pfalz nahmen die Webermeiſter um 13,9 % ab. Welche Kämpfe, welches Elend, wie viel zerrüttetes Familienglück liegen zwiſchen zwei ſolchen Zahlen!
9 *132Die Aufnahmen der kleinern Staaten.Nach dieſer Abſchweifung über die Weber kehre ich zu den Geſammtreſultaten zurück, wie ſie ſich unter beſondern lokalen Verhältniſſen geſtalten.
Die unmittelbaren Städte diesſeit des Rhein’s haben ſich ſtark vergrößert, von 453986 auf 544067 Einwohner; ſie ſind um 19 % reicher an Menſchen, von welchen freilich wieder der Haupttheil auf München, Nürnberg, Augsburg und Würzburg fällt; die ganze Zunahme iſt 90081 Seelen, auf die vier Städte kom - men 79863. Die Zahl der[Handwerker] inkl. der Weber und mit den Gehülfen fiel in den unmittelbaren Städ - ten von 58850 auf 57694, d. h. um 2 %; die Zahl der Meiſter mit den Webern um 2,6 %; ohne die Weber ſtieg die Meiſterzahl um 8 %. Die Meiſterzahl ohne die Weber hat alſo wenigſtens abſolut noch etwas zuge - nommen, die der Gehülfen dagegen hat auch abſolut abgenommen. Wieder ein Argument gegen die Zurück - führung aller Mißſtände auf erſchwertes Meiſterwerden.
In den ſämmtlichen übrigen Gemeinden nach Abzug der unmittelbaren Städte nahm die geſammte Handwer - kerbevölkerung nur um 0,6 % ab, während die Bevölke - rung nicht ſo ſtieg, wie in den Städten. Und doch galten da die gleichen Geſetze, und es wird in den Dörfern und kleinen Städten die Handhabung eher noch engherziger geweſen ſein. Die Städte litten mehr als das Land, weil auf dem Lande noch die alten Zuſtände fortdauern, in den Städten die Umbildungen beginnen.
Daß in der gewerbefreien Pfalz die Reſultate beſſer ſind, d. h. daß da die Geſammtzahl der Handwerker von 1847 — 61 ſtieg, iſt ſchon erwähnt; es iſt aber133Die Zuſtände in der Pfalz.nöthig, dabei noch einen Moment zu verweilen. Um keine falſchen Schlüſſe aus dem Gegenſatz zu ziehen, muß man ſich der Vergangenheit und der anderweitigen Zu - ſtände in der Pfalz erinnern.
Das ſchöne, von der Natur reich geſegnete Land hatte mit der franzöſiſchen Herrſchaft die freiheitliche Geſetzgebung erhalten; der beweglich rührige Sinn der Bewohner war dem Neuen ohnedieß zugänglich; die Aenderungen, welche andere Länder erſt nach Jahrzehn - ten erfuhren, vollzogen ſich ſchon jetzt; die zahlreichen indolenten bisher nur durch die Zunft geſchützten Meiſter begannen ſchon damals abzunehmen. Als die Verwü - ſtungen der Kriege überwunden waren, als vollends mit dem Zollverein die Segnungen des freien Verkehrs und der günſtigen Lage, die Segnungen der Eiſenerzlager, des vorzüglichen Weinbodens mehr und mehr zu Tage traten, da wuchs die dichte Bevölkerung immer mehr; die Kultur des Landes, der Bau von Tabak und Wein drängte zu immer weiter gehender Parcellirung; die Parcelle iſt im Durchſchnitt noch nicht ein halbes Tag - werk11 Tagwerk = 1,7 preuß. Morgen. groß; jeder Grundbeſitzer hat ſeinen kleinen Beſitz durchſchnittlich in nicht weniger als 9 Parcellen. Die Bevölkerung hatte 1818 4124 Menſchen pro Quadrat - meile betragen, 1849 betrug ſie 5697.
Aber ſucceſſiv war die Zunahme eine langſamere geworden, der Lohn war geſunken, die Noth geſtiegen. Die Auswanderung nach Amerika nahm bedeutende Di - menſionen an, nannte man doch häufig den deutſchen134Die Aufnahmen der kleinern Staaten.Auswanderer ſchlechthin einen Pfälzer. Von 1849 bis 1856 wanderten nicht weniger als 64852 Köpfe aus, ganz abgeſehen von der heimlichen Emigration, — das ſind etwa 10 % der Bevölkerung des Landes. Die Bevölkerung nahm trotz des immer ſtarken natürlichen Zuwachſes um etwa 5 % in dieſer Periode ab.
Die nächſtliegenden Urſachen waren die theuren Jahre, die Revolution; die ferner liegenden aber waren die allgemeinen Veränderungen der induſtriellen Pro - duktion, die Dichtigkeit der Bevölkerung, die Parcel - lirung. Ein großer Theil der Leute lebt halb vom Boden, halb von gewerblicher Arbeit. „ Wenn Pflug und Hacke, Senſe und Dreſchflegel ihre Arbeit gethan haben, nehmen Cigarrenfabrikation, die Strohflechterei, die Bürſtenbinderei, der Hauſirhandel ihren Anfang. “ Auch in dieſen Branchen drückte die Konkurrenz mit vor - angeſchrittenen Gegenden die Preiſe; das Auskommen wurde immer kärglicher. Aehnlich war es in den Klein - gewerben, deren Betrieb trotz der Gewerbefreiheit tech - niſch zurück war. Sie waren längſt zurückgegangen; 1845 — 50 wanderten noch mehr Handwerker aus. Es gab in der Pfalz im Jahre 1847, Meiſter und Gehülfen zuſammengerechnet, noch nicht halb ſo viel Handwerker, als z. B. in dem gewerbeloſen Oberbaiern; ein Hand - werker kam in Oberbaiern ſchon auf 13 Menſchen, in der Pfalz erſt einer auf 271Die Bevölkerung und die Gewerbe S. 31.. Das Verdienſt der Gewerbefreiheit war ſomit das geweſen, mit dem Klein - gewerbe in der Pfalz ſehr viel früher aufgeräumt zu135Die Handwerker in der Pfalz 1847 und 1861.haben als anderswo. Der Zuſtand damals war kein erfreulicher; immer weniger konnte ſich der kleine Mei - ſter halten, und doch entſtanden zunächſt keine größeren Geſchäfte, weil der Trieb nach Selbſtändigkeit überwog und die Gewerbefreiheit Jedem die Selbſtändigkeit ge - ſtattete. Auf 17756 Meiſter kommen 1847 nur 4717 Gehülfen; das heißt, die vorhandenen Geſchäfte ſind kleiner und elender als irgendwo anders; im übrigen Baiern kommen damals 30 Einwohner auf einen Gehül - fen, in der Pfalz kommt erſt auf 129 Einwohner ein ſolcher.
Nach Mitte der 50er Jahre beſſern ſich nun, wie allerwärts, ſo auch in der Pfalz die Zuſtände; die Pro - duktenpreiſe ſteigen, die Großinduſtrie erhebt ſich in glänzendſter Weiſe, die Eiſenwerke, die Maſchinenfabri - ken, die großen Spinnereien und Webereien in Kai - ſerslautern und Zweibrücken, die chemiſchen Fabriken, die großen Glas - und Steingutfabriken geben mit der Vollendung der Eiſenbahnen dem Lande einen andern Charakter; auch die Bevölkerung wächſt wieder und überſchreitet ſelbſt die 1849 erreichte Höhe, ſie ſteigt auf 5779 Menſchen pro Quadratmeile im Jahre 1864.
Das wirkt auch auf die Kleingewerbe zurück; ihre Geſammtzahl inkl. der Weber und Gehülfen iſt 1847 .... 27226 1861 .... 39416, alſo eine Zunahme von 44,8 %; die Fabrikarbeiter hatten 18478501, 186112348 Perſonen betragen, ſie ſind alſo auch um 45 % geſtiegen. Die Zahl der Meiſter allein (inkl. Weber) betrug136Die Aufnahmen der kleinern Staaten.1847 .... 20785 1861 .... 23702, alſo eine Zunahme von 14 %. Die Hauptzunahme bei den Kleingewerben erfolgte ſomit in der Gehülfenzahl.
Dabei darf man aber nicht vergeſſen, daß dieſe Zunahme eine Zunahme iſt nach Jahren der Noth und der Decimirung; ſelbſt mit dieſer großen Zunahme iſt die Geſammtzahl der im Handwerk beſchäftigten Perſo - nen in der Pfalz immer noch nicht ſo ſtark, wie im Durchſchnitt des Königreichs Baiern; es kommen im Durchſchnitt des Königreichs 1861 auf 14 Menſchen 1 Handwerker, in der Pfalz auf 17. Die Zahl der Meiſter iſt jetzt wieder ſtärker in der Pfalz als im Durchſchnitt des Königreichs. Die Zahl der Gehülfen iſt trotz der Zunahme noch weſentlich geringer. Die einzelnen Geſchäfte ſind auch jetzt noch kleiner als in Altbaiern. Der Trieb, ſich ſelbſtändig zu machen, über - wiegt die Tendenz der Zeit auf größere Geſchäfte.
Die Hauptzunahme der Kleingewerbe bis 1861 trifft übrigens in der Pfalz wohl nicht ſo ſehr die für lokalen Bedarf arbeitenden Meiſter aller Art, ſondern vornehm - lich einzelne Hausinduſtrien, die in techniſch vervoll - kommneter Weiſe für den Großhandel thätig ſind, ſo die Schuhfabrikation in Pirmaſens, die Strohflechterei, die Bürſtenfabrikation.
Seit 1861, beſonders von 1861 — 65 hat ſich der Zuſtand der Pfalz noch mehr gehoben; bei der im - mer noch geringen Zahl der vorhandenen Handwerker im Jahre 1861 iſt das begreiflich. Wenn beſonders in einzelnen raſch wachſenden Städten, wie Kaiſerslau -137Die Handwerker in der Pfalz 1861 — 1865.tern, die Zunahme groß iſt, wenn die Meiſter dort 1861410, 1863542 Perſonen, die Gehülfen derſel - ben 1861526, 1864 die Geſellen allein 889 Perſo - nen ausmachen, wenn bei der Zunahme alle Arten von Meiſtern betheiligt ſind, wenn z. B. die Schmiede von 10 auf 23, die Schneider von 47 auf 76, die Schuh - macher von 69 auf 90, die Bäcker von 27 auf 34, die Glaſer von 9 auf 14, die Metzger von 20 auf 28, die Buchbinder von 6 auf 8, die Sattler von 6 auf 7 ſtiegen,1Bavaria, IV, 2. Abth. 1867. S. 472 ff. ſo beweist das allerdings, daß ein techniſch vollendeteres Handwerk auch heute immer noch ſeinen Platz hat; aber es beweist noch nichts über das Ge - ſammtverhältniß von großer und kleiner Induſtrie, nichts über die geſunde und ungeſunde Vermögens - und Ein - kommenvertheilung der heutigen Zeit überhaupt.
Die Gewerbefreiheit der Pfalz hat unhaltbare Zu - ſtände früher beſeitigt, den Uebergang befördert, die Technik allerwärts verbeſſert, aber die Kleingewerbe hat ſie nicht erhalten, ſondern früher vernichtet, — freilich um ſie ſpäter auf geſunderer Grundlage mit beſſerer Technik wenigſtens zu einem Theile wieder erſtehen zu laſſen. Vor Allem aber und hauptſächlich hat ſie die Großgewerbe geſtärkt. Auch von 1861 bis zur Gegen - wart fällt auf ſie die Hauptentwickelung.
Die ältern gewerblichen Zuſtände, zahlreiches[Handwerk], große Hausinduſtrie 1846. Die Geſetzgebung. Beginn der Kriſis ſchon zwiſchen 1836 und 49; Vergleichung der Meiſterzahlen dieſer Jahre; Zunahme der Hausinduſtrie, Abnahme der übri - gen Meiſter. Vergleichung der Handwerker in den 30 größ - ten Städten des Landes 1830 und 1856. Die Beſchäfti - gungsſtatiſtik 1849 und 61, Wachsthum aller übrigen Kate - gorien von Perſonen, Rückgang der Handwerker. Die Hand - werkerliſten 1849 und 61 und die wichtigern einzelnen Hand - werke. Die Gewerbefreiheit im Handelskammerbezirk Dresden 1862 — 65, im Handelskammerbezirk Leipzig 1862 — 66.
Das Königreich Sachſen iſt das dichtbevölkertſte Land des Zollvereins; ſchon im Jahre 1834 lebten 5868, 18587805 Menſchen auf der Quadratmeile. Handel und Gewerbe, ſeit alter Zeit dort heimiſch, ſind die weſentlichen Faktoren dieſer Bevölkerungsentwickelung. Der Boden iſt theilweiſe karg; im Erzgebirge bietet er ſelbſt dem hartnäckigſten Fleiße große Schwierigkeiten. Der Beſitz aber iſt meiſt ziemlich getheilt. Große und klei - nere Städte bilden überall gewerbliche Mittelpunkte. Die vielfach verbreitete Hausinduſtrie der Weberei, der139Die gewerblichen Zuſtände 1846.Strumpfwirkerei, der Poſamentierarbeiten erſtreckt ſich ebenſo über die Dörfer als über die Städte, ſo beſon - ders in der Lauſitz, im Erzgebirge, in den ſogenannten Schönburgiſchen Rezeßherrſchaften.
In den Jahren 1790 — 1806 hatte der ſächſiſche Handel durch die Leipziger Meſſen einen großen Auf - ſchwung genommen. Während der Kontinentalſperre ent - wickelte ſich beſonders die Gewebeinduſtrie raſch und erhob ſich ſelbſt u einem bedeutenden Export nach dem Auslande. Die Aufhebung der Kontinentalſperre, die Konkurrenz mit England brachte manche Schwierigkeit, aber ſie hielt den Fortſchritt nicht auf; hinderlicher waren die 1818 errichteten preußiſchen Zollſchranken, die erſt 1833 durch den Eintritt Sachſens in den Zollverein fielen.
Die größte relative Zunahme erfuhren ſchon damals die großen Betriebe, der Bergbau, das Hüttenweſen, die Spinnereien; aber der Perſonenzahl nach ſtanden Hausinduſtrie und Handwerk bis Ende der vierziger Jahre im Vordergrunde. Mechaniſche Webſtühle waren 1846 noch keine vorhanden. Außer für Eiſenbahnen und Bergbau, Spinnereien und Maſchinenfabriken gab es 1846 nur einige Dampfmaſchinen im ganzen Lande. 1Mittheilungen d. ſtatiſt. Bureaus in Berlin. II, 255.Die Zahl der Handwerker (ſogar ohne die Weber) war 1846 in Sachſen am höchſten von allen den Staaten, in denen eine Gewerbeſtatiſtik damals aufge - nommen wurde. Es kam damals ſchon auf 13,4 Ein - wohner ein Handwerker (Meiſter und Gehülfen zuſam -140Die Aufnahmen der kleinern Staaten.mengenommen), in Baden erſt auf 15,5, in Bayern auf 16,2, in Preußen auf 20,5 Einwohner. 1Mittheilungen des ſtatiſt. Bur. in Berlin IV, 292.
Und doch galt damals in Sachſen die alte Zunft - verfaſſung mit Innungszwang, Lehr - und Wanderzwang für alle älteren Gewerbe; bis 1840 noch mit weſent - licher Erſchwerung des Gewerbebetriebes auf dem plat - ten Lande. Die Hausinduſtriezweige freilich, die Webe - rei, Strumpfwirkerei, Holzwaaren - und Inſtrumenten - fabrikation, ferner die Gewerbe der Bürſtenmacher, Nagelſchmiede, Blechſchmiede, Bandmacher und Poſa - mentiere hatten ſich wenigſtens in vielen Gegenden unter Beibehaltung der Innungsverfaſſung auf dem Lande aus - gebreitet. Viele Landgemeinden hatten überdieß beſon - dere Privilegien für Gewerbebetrieb. Außerdem waren auf dem Lande die unzünftigen Gewerbe frei, die zünf - tigen waren nur unter gewiſſen Beſchränkungen zugelaſ - ſen. Das Geſetz vom 9. Okt. 1840 brachte wenigſtens einige Erleichterung: Fabrikgewerbe, Maurer, Zimmer - leute, Eſſenkehrer und Schwarzbrodbäcker ſollten wie bisher ſchon frei ſein; außerdem ſoll von der Obrigkeit für jede Landgemeinde wenigſtens ein Schneider, Schuh - macher, Weißbäcker, Fleiſcher, Schmied, Stellmacher, Sattler, Tiſchler, Glaſer, Seiler und Böttcher ohne Weiteres zugelaſſen werden. Weitere zünftige Handwer - ker bedürfen der Regierungserlaubniß. Vor wie nach 1840 waren für einzelne wenige Innungen und ein - zelne Städte Realrechte vorhanden, welche kraft beſon - derer Privilegien allein in dem Orte Meiſterrecht gaben,141Die ſächſiſche Gewerbegeſetzgebung.eine geſchloſſene Zahl repräſentirten. Manche Uebelſtände ergaben ſich aus dieſer Geſetzgebung. Die gewerbliche Entwickelung im Ganzen aber wurde dadurch bis in die vierziger Jahre nicht gehemmt. Das ſächſiſche ſtatiſtiſche Bureau ſagt hieran anſchließend:1Zeitſchrift für 1860. Nr. 9 — 12. Zur Statiſtik der Handwerke in Sachſen. S. 109. „ Die Gewerbeverfaſ - ſung hat auf die Zahl der Meiſter lange nicht den Ein - fluß, als man anzunehmen geneigt iſt. Wenn die übri - gen Bedingungen nicht gegeben ſind, vermehren ſich auch in gewerbefreien Ländern die Meiſter nicht raſch, und wo ſich dieſe Bedingungen vorfinden, hindert auch die Zunftverfaſſung ein raſches Anwachſen der Meiſterzahl ſelbſt über das reelle Bedürfniß hinaus (d. h. unter gleichzeitiger Abnahme des Hülfsperſonals) nicht. “
So viel iſt richtig, ſo viel beweiſen die ſächſiſchen Zahlen vor 1846, daß die anderen Urſachen wichtiger ſind, als die Gewerbeverfaſſung. Die praktiſche Hand - habung der Gewerbegeſetze war keine allzuſchroffe. Die induſtrielle Entwicklung Sachſens war eine günſtige; der Zuwachs an Handwerkern war natürlich, ſolange in dieſen Bahnen ſich die gewerbliche Thätigkeit über - haupt bewegte. Die große Verbreitung der Kleinge - werbe hatte ihre einfache Urſache darin, daß die gewerb - liche Blüthe Sachſens ſchon lange vor 1840 beginnt.
Mit den vierziger Jahren freilich und noch mehr mit den fünfziger wird Vieles anders. Mehr und mehr wächſt nur der große Betrieb. Die Eiſenbahnen und der große Verkehr vollenden die Leichtigkeit des Abſatzes,142Die Aufnahmen der kleinern Staaten.verlangen billigere und vollendetere Produkte, wie ſie nur ſpezialiſirte Betriebe mit ausgezeichneten Maſchinen liefern können. Es ſteigert ſich der Bedarf an Kohlen, es wachſen hauptſächlich die großen Berg - und Hütten - werke, daneben die Spinnereien, die großen Appretur - anſtalten, die mechaniſchen Webereien.
Die erſte Wirkung dieſes Umſchwungs zeigt ſich uns ſchon in einer Vergleichung der Meiſterzahlen des ganzen Königreichs von 1836 und 1849,1Zeitſchrift d. ſtat. Bur. 1860. S. 106. Tab. 3b. wobei zu bedauern iſt, daß die Zahl der Gehülfen für die Ver - gleichung dieſer beiden Jahre fehlt; nur wenn man beide zuſammenfaßt, iſt ja erſichtlich, ob das Hand - werk im Ganzen zu - oder abgenommen, ob nicht die theil - weiſe Abnahme der Meiſter durch Zunahme der Gehül - fen ſich ausgleicht. Letzteres ſcheint aber hier nicht der Fall zu ſein, wenigſtens ſpricht ſich das ſtatiſtiſche Bu - reau über dieſe Epoche dahin aus, daß die Zahl der Geſellen und Lehrlinge nicht bloß relativ, ſondern ſogar in vielen Gewerben abſolut in deutlicher Abnahme begriffen ſei. 2Zeitſchrift d. ſtat. Bur. 1860. S. 100.
Was den kritiſchen Werth der Zahlen betrifft, ſo ſei nach dem Gewährsmann des ſtatiſtiſchen Bureaus bemerkt, daß die Zahlen für 1836 dem Gewerbeſteuer - kataſter entnommen ſind, daß die Weber und Strumpf - wirker für dieſes Jahr zu niedrig erſcheinen, weil die Lohnmeiſter nicht einbegriffen ſind, daß die Schnei - derzahl damals zu hoch iſt, weil die Flickſchneider und143Die ſächſiſchen Meiſter 1836 und 1849.Schneiderinnen mitgezählt ſind. Für 1849 ſind die Zahlen der Meiſter durchaus etwas zu hoch, da bei der Aufnahme von 1849 auf die Frage, ob ein Innungs - meiſter auch wirklich noch ſein Gewerbe ausübe, gar kein Gewicht gelegt wurde. 1Zeitſchrift d. ſtat. Bur. 1860. S. 102 — 3.Darnach iſt die Zahl der Mei - ſter und ihr Verhältniß zur Bevölkerung zu beurtheilen. Es waren:
144Die Aufnahmen der kleinern Staaten.
Ich habe in der vierten Spalte da, wo ſich eine Abnahme gegenüber der Bevölkerung findet, ein Minus - zeichen beigefügt; die Geſammtzahl aber hat nicht ab, ſondern zugenommen; es kamen auf 10000 Einw. 145Die ſächſiſchen Meiſter 1836 und 1849.1836 ‒ 415, 1849 ‒ 645 Meiſter; die Zunahme trifft aber ausſchließlich die Hausinduſtrie der Gewebe, die überdies 1836 zu niedrig angegeben iſt, womit frei - lich nicht geleugnet werden ſoll, daß ſie zugenommen habe. Trennt man die Poſamentiere, Strumpfwirker, Tuchmacher und Weber von den übrigen Handwerkern, ſo kommen von erſteren auf 10000 Einwohner 1836 ‒ 97,54, 1849 ‒ 336,82 Meiſter, von den ſämmtlichen übrigen aber 1836 ‒ 317,46, 1849 ‒ 308,18.
Die Zahlen für 1849 ſind nicht ganz maßgebend, ſofern dieſes Jahr ein beſonders gedrücktes war. Doch würde von dieſem Druck die Zahl der Geſellen viel mehr affizirt ſein, als die der Meiſter. Nehmen wir dazu, daß die Aufnahme 1849 viele Meiſter mitzählte, welche ihr Gewerbe nicht mehr ausübten, ſo kommen wir allerdings zu dem Schluſſe, daß in einer Zeit, in der die Bevölkerung, die Landwirthſchaft, die große Induſtrie Sachſens die größten Fortſchritte machte, die Zahl der Handwerker nicht ebenſo gewachſen, gegen - über der Bevölkerung eher zurückgegangen iſt. Es iſt das um ſo ſprechender, als gerade der ſonſtige Fortſchritt der Landwirthſchaft und der Bevölkerungsdichtigkeit doch für viele einzelne Gewerbe Vortheile, weitern Spiel - raum und auch wirkliche Zunahme brachte.
Die Arbeit, der die vorſtehenden Zahlen entnom - men ſind,1Zur Statiſtik der Handwerke in Sachſen. Zeitſchrift 1860. Nr. 9 — 12. beſchäftigt ſich außer den allgemeinen Fragen ſpezieller mit der Handwerksſtatiſtik der 30 größernSchmoller, Geſch. d. Kleingewerbe. 10146Die Aufnahmen der kleinern Staaten.ſächſiſchen Städte, indem ſie die Zahlen der Meiſter, Geſellen und Lehrlinge für die Jahre 1830 und 1856 vergleicht; die Zahlen ſtützen ſich auf eine beſondere durch die Innungen gemachte Aufnahme. Es kann ſich hier nicht darum handeln, aus den umfangreichen Tabellen der einzelnen Städte das Detail mitzutheilen, um ſo weniger, als wir auf den Gegenſatz von Stadt und Land noch beſonders werden zu ſprechen kommen; nur das Geſammtreſultat, ſoweit es eine Beſtätigung der bisherigen Unterſuchung enthält, iſt zu erwähnen. Und das geht nach den Worten der Zeitſchrift dahin: „ Gehen wir “— ſagt ſie — „ auf die Vergleichung der Zuſtände von 1830 und 56 ein, ſo iſt auffallend, daß die meiſten Gewerbe (auch abgeſehen von den mit Bankgerechtigkeiten in geſchloſſener Zahl verſehenen, welche ſich freilich gar nicht oder nur wenig mehren konnten) in den meiſten Städten in ihrer Meiſterzahl hinter dem Wachsthum der Bevölkerung zum Theil ſehr erheblich zurückgeblieben ſind, ja zum Theil ſich abſo - lut vermindert haben. Nur bei wenigen iſt dieſe Ver - minderung der Meiſterzahl poſitiv durch eine Vermeh - rung des Hülfsperſonals ausgeglichen oder ſelbſt in eine relative Vermehrung des Gewerbes verwandelt; bei eini - gen iſt ſogar eine relative Vermehrung der Meiſterzahl durch Verminderung des Hülfsperſonals negativ ausge - glichen. Ein Theil des Zurückbleibens hinter dem Wachs - thum der Bevölkerung rührt gewiß von der zum Theil in Folge des Geſetzes vom 9. Okt. 1840 entſtandenen gleichmäßigern Verbreitung gewiſſer Handwerke über das platte Land her. Indeſſen wird ſich doch zeigen, daß147Das Handwerk in den ſächſiſchen Städten 1830 u. 1856.dieſer Einfluß auf die Geſtaltung des ſtädtiſchen Hand - werksbetriebs überſchätzt worden iſt, und daß viele kleine Städte noch immer die Mittelpunkte des Handwerks auch für das Land geblieben ſind, ſoweit man dies nach den Perſonalverhältniſſen beurtheilen kann. Je größer eine Stadt wird, deſto mehr tritt von ſelbſt der Antheil in den Hintergrund, welchen das umgebende platte Land von der Beſchäftigung der ſtädtiſchen Handwerker hat. Solche Städte dürften auch von völliger Freigebung des Gewerbebetriebs auf dem Lande nur wenig oder gar nicht berührt werden. “
Wenn in Leipzig, in Dresden, in Chemnitz die Zahl der Meiſter, Geſellen und Lehrlinge nur in 2 — 3 Handwerken zugenommen, in vielen aber um 20 — 50, ja bis 70 % gegenüber der Bevölkerung abgenommen hat,1Die prozentuale Abnahme iſt berechnet in Tabelle 35 S. 122 — 124 a. a. O. wenn das in den kleinen Städten nicht ganz ſo, aber ähnlich iſt, ſo iſt neben der veränderten Geſetzge - bung die Haupturſache die, daß in den großen Städten die neue Richtung, die nach ſpezialiſirter Produktion und nach dem Magazinſyſtem drängt, am gewaltigſten ſich jetzt ſchon geltend gemacht hat.
Die Ergebniſſe der Beſchäftigungs - und Gewerbe - ſtatiſtik von 1849 und 18612Zeitſchrift des ſtat. Bureaus für 1863. Nr. 3 u. 4: „ Beiträge zur Statiſtik der in geſchloſſenen Etabliſſements mit mechaniſchen Mitteln betriebenen Induſtriezweige Sachſens im Jahre 1861. “ Nr. 5 — 8.: „ Die Bevölkerung des Königreichs Sachſen nach ihrer Beſchäftigung und ihrem Erwerbe 1861. “beſtätigen im Allgemeinen10 *148Die Aufnahmen der kleinern Staaten.die Richtigkeit der vorſtehenden Folgerungen. Es handelt ſich um zwei einander entgegen wirkende Strömungen: auf der einen Seite eine raſch zunehmende Bevölkerung, ein raſcher Zuwachs beſonders der Städte, eine glän - zende Entwickelung der großen Induſtrie, beſonders der Gewebeinduſtrie; das muß nothwendig auch auf einzelne kleine Geſchäfte und Betriebe günſtig zurückwirken; — auf der andern Seite die Unmöglichkeit für viele Handwerke, mit dieſer Entwickelung gleichen Schritt zu halten; theil - weiſer Rückgang, Abnahme der Meiſter, zum Theil auch des Hülfsperſonals.
Was die poſitiven Zahlen betrifft, ſo geſchah die Aufnahme in folgender Weiſe. Im Jahre 1849 hatte Dr. Engel in direktem Anſchluß an die Bevölkerungs - zählung eine Beſchäftigungsſtatiſtik erheben laſſen, wobei nicht die Fabriken, die einzelnen Unternehmungen über ihre Geſchäfte und Arbeiter Angaben machten, ſondern in den Hausliſten den Individualangaben Bemerkungen über die Art des Unterhalts beigefügt wurden. An dieſe Art der Zählung ſchloß man ſich auch 1861 an und fügte nur auf den Rückſeiten der Haushaltungsliſten die Sche - mata der Gewerbeſtatiſtik des Zollvereins bei, welche von andern Geſichtspunkten ausgeht, nach Geſchäften, Unternehmungen zählt. So entſtand eine doppelte Auf - nahme, die aber, was die Handwerker betrifft, ziemlich identiſch iſt. An Unrichtigkeit leidet die Aufnahme in ſo fern, als viele kleine Meiſter, welche für größere arbei -2Nr. 9 — 10.: „ Zur Statiſtik der Handwerke im Königreich Sach - ſen 1849 und 1861. “149Die ſächſiſche Induſtrie 1849 und 1861.ten, ſich als ſelbſtändige Geſchäfte angegeben haben, und noch mehr in ſofern, als viele frühere Geſellen, beſon - ders Schmiede -, Schloſſergeſellen, die in Fabriken arbei - ten, die oft nicht am Orte ſelbſt, ſondern in den nächſt - liegenden Dörfern wohnen, ſich nach ihrer innungsmäßig erworbenen Qualifikation als „ Geſellen “angaben, und dadurch in der Handwerker - ſtatt in der Fabriktabelle verzeichnet ſind. Sowohl Meiſter als Gehülfen erſchei - nen daher 1861 in größerer Zahl, als ſie wirklich vorhanden, reſp. dem Kleingewerbe angehörig ſind.
Nach der Beſchäftigungsſtatiſtik betrugen nun die Selbſtthätigen 1849 und 1861 in den folgenden Abthei - lungen:
Faßt man dieſe mit den ſämmtlichen übrigen Selbſt - thätigen zuſammen und fragt, wie viele Prozente der ſämmtlichen Selbſtthätigen jede dieſer Klaſſen 1849 und150Die Aufnahmen der kleinern Staaten.1861 ausmachte, ſo ſteigen die Selbſtthätigen im Berg - bau von 2,11 % auf 2,52 %, die in der Fabrikin - duſtrie von 3,34 auf 6,07 %, die in der Hausinduſtrie von 17,67 auf 19,31 %, die in freien Gewerben von 1,92 auf 2,32 %, die Handarbeiter von 6,13 auf 8,88 %, — nur die Handwerker ſinken von 14,03 auf 13,79 % der ſämmtlichen Selbſtthätigen des Königreichs herab.
Die Handwerkertabelle, nach der Zollvereinsauf - nahme im Jahre 1861 geordnet iſt, nicht direkt mit der Beſchäftigungsſtatiſtik von 1849 vergleichbar; doch iſt die Mehrzahl der Handwerker mit Ausſchluß der Handelsgewerbe und Hausinduſtrie in einer beſondern Tabelle nach den abſoluten Zahlen von 1849 und 61 verzeichnet,1Zeitſchrift des ſtatiſt. Bur. 1863. S. 102. deren Reſultat ich ſummirt habe. Die dort verzeichneten Meiſter ſind von 54859 auf 56257, die Gehülfen von 73403 auf 95359, die Summe beider iſt von 128262 auf 151610 geſtiegen. Das iſt eine Zunahme von 11,82 %, während die Zunahme der Bevölkerung 17,03 % beträgt.
Dieſe Rechnung beſtätigt, was die Zeitſchrift ver - ſichert, ohne die Zahlen zu ſummiren. Nachdem ſie vorausgeſchickt, daß ſich die Meiſterzahlen in ſehr vie - len Gewerben und Städten ſogar abſolut vermindert haben, daß in vielen andern Gewerben die Meiſterzah - len zwar abſolut gewachſen ſind, aber ſelten im Ver - hältniß der Bevölkerung zunahmen, fügt ſie über die Geſammtzahlen von Meiſtern und Gehülfen noch hinzu, daß auch ſie meiſt hinter dem Wachsthum der Bevölkerung151Die ſächſiſchen Kleingewerbe 1819 und 1861.zurückgeblieben ſeien; doch ſeien die Ausnahmen des Gegentheils zahlreicher, als wenn man die Meiſter allein in Betracht ziehe.
Was die einzelnen Gewerbe betrifft, ſo haben ſich ausnahmslos weniger vermehrt als die Bevölkerung die Schneider, Schuhmacher und Nagelſchmiede, faſt aus - nahmslos die Gerber, Seifenſieder, Kammmacher und Gürtler. Der Bevölkerung ſo ziemlich parallel blieben, eher ihr etwas voraus eilten die Bäcker, Barbiere, Bürſtenmacher, Buchbinder, Friſeure, Glaſer, Hut - macher, Korbmacher, Kürſchner, Klempner, Tiſchler; ausnahmslos vermehrt haben ſich nur die Maurer, Zimmerleute und Schloſſer. Die Zeitſchrift knüpft daran die richtige Bemerkung, daß die für perſönliche Dienſte und Nahrungszwecke arbeitenden Gewerbe, beſonders da ſie bis jetzt der Maſchinenhülfe faſt noch ganz entbehren, nothwendig ſich in einem gewiſſen Gleichgewicht mit der Bevölkerung halten, daß dagegen alle mit dem Ma - ſchinen - und Bauweſen verknüpften Gewerbe einen größern Spielraum für Zu - oder Abnahme bieten, daß wenn ſie der Bevölkerung voraus eilen, dieß wohl als ein Beweis des wachſenden Wohlſtandes im Allgemeinen anzu - ſehen ſei. Es wird auch Niemand leugnen können, daß der Wohlſtand im Allgemeinen in Sachſen trotz des Miß - behagens ſo vieler Kleingewerbe von 1849 — 61 geſtiegen iſt.
Durch das Geſetz vom 15. Oktober 1861 wurden in Sachſen die Realgewerberechte aufgehoben und entſchä - digt, die Gewerbefreiheit vom 1. Januar 1862 an eingeführt, die Innungen aber als freiwillige Vereinigun - gen beibehalten.
152Die Aufnahmen der kleinern Staaten.Eine vollſtändige ſtatiſtiſche Erhebung, wie das Geſetz gewirkt hat, iſt auch für Sachſen nicht vorhan - den. Immer aber mögen einige Mittheilungen über die Wirkung auch hier ihre Stelle finden. Für den Dresdener Handelskammerbezirk hat Dr. Rentzſch eine Anzahl ſtatiſtiſcher Angaben in Bezug auf die Städte des Handelskammerbezirks Dresden durch beſondere Erhe - bungen geſammelt und publizirt, die einiges Licht auf die Folgen werfen. 1Dr. H. Rentzſch, gewerbeſtatiſtiſche Mittheilungen zur Berathung der Miniſterial - Vorlage über das Gewerbegeſetz. Dresden 1866.
Er unterſucht, wie viele neue gewerbliche Niederlaſ - ſungen in den 33 Städten des Dresdener Handelskam - merbezirks 1862 — 65 vorkamen. Auf 1000 Einwoh - ner kamen durchſchnittlich jährlich 6,55 Neuetablirungen; der Hauptandrang erfolgte 1862; man war ſeit Ende 1860 der Erlaſſung des Geſetzes ſicher geweſen, ſehr viele hatten der Koſten wegen gewartet, ſo wurde die Zahl 1862 ziemlich groß. In den beiden folgenden Jahren fanden aber wieder um ſo weniger ſtatt; der Ausfall gegen 1862 beträgt faſt überall 33 %, nicht ſelten bis 50 %. In den kleinen Ackerbauſtädten iſt der Fortſchritt ein geringer; die Hauptanziehungskraft haben die größern Städte Dresden, Freiberg, Meißen. Eine weſentliche Zunahme mußte beſonders da erfolgen, wo vorher Verbietungsrechte waren. Daß aber die Grundverhältniſſe des Handwerksbetriebs dadurch keine andern geworden ſind, geht aus zweierlei hervor. Ein -153Die Folgen der Gewerbefreiheit.mal hat nach Rentzſch der Zuwachs der Geſellen und Lehrlinge mindeſtens gleichen Schritt gehalten mit der Vermehrung der Niederlaſſungen. Und dann hat der geſammte Perſonalbeſtand ſowohl an ſich als gegenüber der Bevölkerung ſich nicht weſentlich geändert. „ Von 302 Gewerben “— ſagt Rentzſch — „ hat eine Steige - rung des Perſonalbeſtandes nur bei 92 der aufgezählten Gewerbe ſtattgefunden und darunter in Bezug auf die Arbeitgeber nur bei 56, in Bezug auf das geſammte beſchäftigte Perſonal nur bei 57 über das Wachsthum der Bevölkerung hinaus. “
In der Stadt Leipzig erfolgte ebenfalls — nach den Handelskammerberichten1Jahresbericht der Handels - und Gewerbekammer zu Leipzig für 1863. Leipzig, Hirzel. S. 4 — 8; für 1865 u. 66. Leipzig, Hirzel 1867. S. 10 u. 157. Der Bericht pro 1864 iſt mir nur im Abdruck des preuß. Handelsarchivs 1866. I. hauptſächl. S. 620. zur Hand. — der Hauptandrang 1862; es ergaben ſich 986 Anmeldungen, im Jahre 1863 ſinken ſie ſchon auf 568. In der Hauptſache erfolgt der Andrang nicht auf das eigentliche Handwerk; von den 986 Anmeldungen bezwecken 163 die Eröff - nung von Schankwirthſchaften, gegen 100 Detailhändler - geſchäfte aller Art; außerdem ſind die Schneider (35), Schuhmacher (46) und Tiſchler (40) noch etwas ſtärker vertreten. Geklagt wird nur über allzu ſtarken Andrang im Kleinhandel. Sonſt wird konſtatirt, daß die große Umgeſtaltung, die der eine gefürchtet, der andere gehofft habe, in der Hauptſache bis jetzt noch nicht eingetreten ſei. „ Die gefürchteten und gehofften Erſcheinungen “—154Die Aufnahmen der kleinern Staaten.ſagt der Bericht — „ waren wohl auch meiſtens der Art, daß ſie erſt im Verlaufe eines längeren Zeitraumes eintreten können; weder ein Verluſt an Selbſtändigkeit ſeitens der kleinern Meiſter gegenüber dem Kapitale, noch die wegen Wegfalles des Lehrzwangs gefürchtete Verſchlechterung oder die von anderer Seite gehoffte Ver - beſſerung der techniſchen Fertigkeiten und Kenntniſſe, und endlich größere Billigkeit der Arbeit vermöge grö - ßerer Theilung der Arbeit und häufigerer Verwendung von Maſchinen iſt bis jetzt im Großen und Ganzen auffällig bemerkbar geworden. Und wenn auch manche Erſcheinungen dieſer Art allerdings bereits vorliegen, wie z. B. der überall wahrgenommene Uebergang des Schneidergewerbes zur Magazinſchneiderei und damit verbundene Unſelbſtändigkeit kleinerer Meiſter, fabrikmä - ßiger Betrieb des Zimmergewerbes, der Schloſſerei, der Klempnerei, der Böttcherei, der Schuhmacherei, ſo iſt hierin wohl mehr die Entwickelung der Gewerbe über - haupt, als gerade eine Folge der Gewerbefreiheit zu erblicken, wie denn auch einige dieſer Erſcheinungen bereits weit hinter Einführung der Gewerbefreiheit zu - rückreichen. “
Aehnlich lauten auch die ſpätern Berichte. Der Gewerbefreiheit wird nachgerühmt, daß ſie ſchärfere Konkurrenz bringe, die Intelligenz anſpanne, aber mehr in den höhern gewerblichen Kreiſen, als im eigentlichen Handwerk.
Die Gewerbefreiheit iſt heut zutage unentbehrlich, weil die alte Abgrenzung der Arbeitszweige zur Unmög - lichkeit geworden iſt. Das aber, was die Maſſe, an155Die Folgen der Gewerbefreiheit.ihr lobt und tadelt iſt für das Gemeinwohl gleichgültig; denn der eine tadelt ſie, weil unbequeme Konkurrenz für ihn entſteht, der andere lobt ſie, weil einige Unbequem - lichkeiten und Förmlichkeiten ihm erſpart ſind. Das, was an Segen für das Gemeinwohl der Weiterblickende von der Gewerbefreiheit erwartet, iſt etwas anderes, es kann eintreten, aber es muß nicht immer eintreten.
Man erwartet, daß die wirthſchaftliche Freiheit andere Sitten, andere Eigenſchaften, andere Menſchen ſchaffe, daß, wenn zunächſt nur Einzelne ſich mehr an - ſtrengen, die andern durch die Konkurrenz gezwungen werden, ihnen zu folgen. Das geht jedenfalls lang - ſam; nur von Generation zu Generation ändern ſich Sitten und Menſchen. Mögen die Folgen aber etwas früher oder ſpäter kommen, nur und ausſchließlich günſtige Wirkungen könnten dann eintreten, wenn alle Gewerb - treibende rührig und dem Fortſchritt geneigt wären, wie ſo häufig Nationalökonomen und Politiker glauben, die nur höher ſtehende Fabrikanten und Kaufleute perſönlich kennen. Da daß nicht immer der Fall iſt, ſo kann die Gewerbefreiheit in einzelnen Kreiſen ziemlich wirkungs - los bleiben, ja ſie kann umgekehrt durch den Konkurrenz - kampf einen großen Theil der Handwerker tiefer herab - drücken, ſie wird es leicht thun, wenn nicht zugleich andere Mittel und Einwirkungen pſychologiſcher und realer Art dieſelben faſſen und vorwärts bringen.
Wenn der radicale Volkswirth gerne bereit iſt, zu erklären, alle welche durch die Gewerbefreiheit nicht vorwärts kommen, ſeien werth zu Grunde zu gehen, ſo zieht er in ſeinem Urtheil eine ſchroffe Scheidelinie, die156Die Aufnahmen der kleinern Staaten.den Thatſachen des des Lebens gegenüber als unwahr erſcheint, ſo überſieht er neben zwei Extremen, welche wenige Perſonen zählen, die große Zahl derer, welche zwiſchen beiden in der Mitte ſtehen.
Die Gewerbefreiheit ſchafft einen leeren Raum; aber ſie garantirt nicht, daß alles, was in dieſem Raume wächst, geſund ſei. Will man das gewiß behaupten, ſo muß man den Boden, die Pflanzen, alle witwirkenden Urſachen noch genau unterſuchen; dann erſt hat man ein ſicheres Urtheil über das wahrſcheinliche Reſultat.
Dieſe mitwirkenden Urſachen ſind gar mannigfaltig; lokale Sitten und Zuſtände, wie allgemeine Thatſachen kommen in Betracht. Die Technik, die Produktion bildet ſich um, der Verkehr ändert ſich. Die Bevölke - rung wächst in einer früher nie erlebten Weiſe. Und wenn die heranwachſenden Ueberſchüſſe derſelben bis in die dreißiger und vierziger Jahre Platz fanden in dem ſchon ſeit alter Zeit reichlich beſetzten Handwerk, ſo änderte ſich das ſpäter um ſo mehr. Es trat die Stockung, die Stabilität, ja theilweiſe eine Abnahme ein. Das Mißbehagen einer Uebergangszeit drückt ſich allerwärts aus. Eine veränderte geſchäftliche und ſociale Schichtung der Geſellſchaft vollzieht ſich, die vorerſt zum mindeſten nicht nach allen Seiten hin als eine erfreuliche betrachtet werden darf.
Fabrik und Handwerk. Die Vortheile des Großbetriebs und der Fortſchritt des Großbetriebs im Zollverein. Die eigent - liche Großinduſtrie nur theilweiſe in Konkurrenz mit dem Handwerk. Die Verkehrsänderungen und der Zeitpunkt ihrer Wirkung in Deutſchland. Kanäle und Chauſſeen. Die Poſten, die Dampfſchiffahrt, die Eiſenbahnen, die Telegraphen und der Welthandel. Der ſtädtiſche Verkehr der Droſchken, Omni - buſſe und Stadteiſenbahnen. Die Lokaliſirung der gewerb - lichen Thätigkeit vor dieſen Verkehrsänderungen, die Umwäl - zung mit denſelben. Die veränderte Wirthſchaft der Familie, der moraliſche und der wirthſchaftliche Erfolg derſelben. Die veränderte Vertheilung der Bevölkerung. Amerikaniſche Ver - hältniſſe. Die deutſchen Dörfer, Mittel - und Landſtädte; die Decentraliſation der Induſtrie; das moderne Anwachſen der Großſtädte durch Induſtrie, Handel und andere Urſachen. Die ſtädtiſche Bevölkerung in Preußen und die Aenderungen der - ſelben von 1831 — 64.
Wenn ich in den bisherigen Betrachtungen ver - ſuchte, die äußerlichen Geſammtreſultate der Geſchichte des Handwerks zu verzeichnen, die Zu - und Abnahme, die wirthſchaftliche Blüthe oder den wirthſchaftlichen Verfall der deutſchen Kleingewerbe in den einzelnen Epochen der erſten Hälfte des 19. Jahrhunderts feſtzuſtellen, ſo habe ich dabei die mancherlei Urſachen, den Einfluß der Geſetzgebung, die Rückwirkung der allgemeinen wirth -160Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.ſchaftlichen Zuſtände auf das Handwerk da und dort berührt, aber ich habe es abſichtlich vermieden, prinzipiell die Hauptfrage zu erörtern, nämlich die, welche von den verſchiedenen Urſachen des Umſchwungs die wichtigſte ſei. Darauf komme ich nunmehr.
Die Antwort ſcheint einfach, jeder Laie hat ſie auf der Zunge, ſie iſt in dieſer bekannten Faſſung von mir auch in den bisherigen Unterſuchungen gleichſam als ſelbſtverſtändlich vorausgeſetzt. Die Fabrik, ſagt man, hat das Handwerk verdrängt; die große Induſtrie ſiegt allerwärts über die kleine. Nur die großen Betriebe entſprechen den heutigen Anforderungen, können vor der ſtärkeren Konkurrenz der Gegenwart Stand halten.
Es iſt das bis auf einen gewiſſen Grad ja richtig. Aber der Satz iſt zu allgemein, rückt zu verſchiedene Dinge unter einen Geſichtswinkel, als daß man ſich dabei befriedigen könnte.
Fragen wir, woran man in erſter Linie denkt, wenn man von der Großinduſtrie ſpricht. Man denkt an die Maſſenproduktion, an die größere Zahl von Arbeitern, die in einem Unternehmen, meiſt in denſelben großen Gebäuden vereinigt ſind, an die Arbeitstheilung, die mit der Zahl der Perſonen einer und derſelben Unter - nehmung wächſt. Man denkt vor Allem an die neuen Kraft - und Arbeitsmaſchinen.
Die Dampfmaſchine und die Turbine arbeiten billi - ger als jede thieriſche und menſchliche Arbeitskraft. Man hat berechnet, daß nach engliſchen Preiſen die Arbeit von Pferden 10 mal, die von Menſchen 90 mal, nach deutſchen Preiſen die von Pferden 2,2 mal, die von161Die Vortheile des Großbetriebs.Menſchen 36 mal ſo theuer ſei, als die der Dampf - maſchine. 1Annalen der Landwirthſchaft Bd. 38. S. 175.Mag die Berechnung ganz genau ſein oder nicht, ſie giebt der Phantaſie ein Bild der Aenderung. Und wichtiger vielleicht noch als die techniſchen Fort - ſchritte in den Motoren ſind die Fortſchritte in den Arbeitsmaſchinen, in den Spinn - und Webſtühlen, in den Walzwerken und Dampfhämmern, in den Maſchinen aller Art. Sie ſparen an Arbeit und Stoff, ſie voll - enden in Sekunden, zu was man früher Stunden und Tage brauchte. Mit ihnen kam in die techniſche Seite der Produktion jene wunderbare Ausnutzung aller Natur - kräfte, jene ſcharfſinnige Ueberlegtheit, welche — die großen Fortſchritte der Wiſſenſchaft benutzend — die Natur - und Menſchenkraft zu komplizirten Geſammtlei - ſtungen auf die ſinnreichſte, koſtenſparendſte Art verbindet.
Außerdem aber denkt man, wenn man von der Großinduſtrie ſpricht, an die Verkehrsvortheile großer Geſchäfte, an die Leichtigkeit, ſich überall, auch in der Ferne, Abſatz zu verſchaffen, an die Vortheile ſozialer und geſchäftlicher Verbindungen. Je großartiger die Geſchäfte ſind, deſto größer iſt der Kredit, mit dem das große Kapital noch zu vergrößern, die großen Leiſtungen noch zu verdoppeln ſind. Je größer die Geſchäfte ſind, deſto leichter rentirt es, in der Preſſe und in der Oeffent - lichkeit für die Intereſſen der ſpeziellen Induſtrie zu wirken, hochbeſoldete Literaten in Dienſt zu nehmen, die Regierung für das Gedeihen der Induſtrie zu intereſſiren.
Schmoller, Geſchichte d. Kleingewerbe. 11162Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.Ich will mich bei dieſer Schilderung nicht aufhalten; ſie iſt ſchon oft1Ich erinnere z. B. an Roſcher, Anſichten der Volks - wirthſchaft S. 117: „ über Induſtrie im Großen und Kleinen; “S. 173: „ über die volkswirthſchaftliche Bedeutung der Maſchinen - induſtrie. “ Frédéric Passy, les machines et leur influence sur le développement de l’humanité. Paris. Hachette 1866. Michel Chevalier, die Weltinduſtrie, überſ. von Horn. Stuttg. 1869. — Uebrigens iſt es für den Nationalökonomen ſchwer, allen Fortſchritten der Technik und des Maſchinenweſens zu folgen und die hiernach ſich bemeſſende größere Billigkeit und Leiſtungsfähig - keit der Induſtrie im Detail zu überſehen, da auch die ſpezifiſch techniſchen Werke darüber oft nicht einmal Auskunft geben. Viel Gutes gerade nach techniſcher Seite enthält auch Viebahn’s Gewerbeſtatiſtik. von Meiſterhand ausgeführt worden; ich könnte nur Bekanntes wiederholen. Es handelt ſich hier nicht darum, dieſe Aenderung zu ſchildern, ſondern konkreter die Frage zu ſtellen dahin, ob und in wie weit auch bei uns im Zollverein dieſe Richtung auf größere Betriebe ſich geltend gemacht hat.
Man wird es nicht leugnen können. Jede techniſche Beſſerung des Betriebs muß ſich bei freier Konkurrenz auf die Dauer Geltung verſchaffen, und es iſt gut, daß ſie es thut; denn jede techniſche Beſſerung iſt ein wahrer Fortſchritt der Kultur. Wir ſehen auch deshalb den Großbetrieb unerbittlich bei uns wachſen. Das durch - ſchnittliche Anlagekapital jeder Spindel in der Baum - woll - und Flachsſpinnerei nimmt ab, je größer die Spindelzahl iſt; jährlich wächſt die Durchſchnittszahl der Spindeln einer Spinnerei; ſie war in Preußen 1837 - 828, 1846 - 1126, 1858 - 2627, 1861 - 5783 Spindeln163Der Fortſchritt des Großbetriebs im Zollverein.in der Baumwollſpinnerei. Die Etabliſſements ſteigen 1837 bis 55 von 152 auf 209, ſinken 1858 auf 127, 1861 auf 69. Aehnlich geht es in vielen Branchen der Gewebeinduſtrie, beſonders auch in den Hülfsgewerben, den Färbereien, Bleichen, Appreturanſtalten. Für ſie ſind techniſche Kräfte ausgezeichneter Art ein Bedürfniß. Solche können nur in großen Etabliſſements angeſtellt, voll beſchäftigt und bezahlt werden.
Von immer größerer Wichtigkeit werden die Unter - nehmungen, welche uns die Brennſtoffe und die Metalle liefern. Auch ſie zeigen dieſelbe Tendenz. Die kleinen Torfſtiche rentiren kaum; immer mehr bilden ſich große Anſtalten, die den Torf als Brennmaterial, Leucht - material, als Düngemittel zu chemiſchen Zwecken in ſyſtematiſcher Weiſe ausnutzen. 1Zeitſchrift des ſächſ. ſtatiſtiſchen Bureaus II, S. 9 ff.Die Leiſtung jedes Ar - beiters in den Steinkohlenbauten der Ruhr war 1855 noch 700, 1864 986 Tonnen; die Zahl der Werke hat nicht zugenommen, aber ihre Größe. Mit ihr haben ſich die techniſchen Einrichtungen, die Maſchinen ver - beſſert, und dadurch wird die größere Leiſtungsfähig - keit jedes Arbeiters erreicht. 2Hocker, die Großinduſtrie Rheinlands und Weſtfalens S. 217, verglichen mit 227 — 28.Die Jahresproduktion eines zollvereinsländiſchen Steinkohlenwerks war 1848 - 148344 Zentner, 1857 - 354694 Zentner. 3Viebahn II, 366.Aehnlich geht es mit allen Bergwerken. Die in Spekulations - zeiten in großer Zahl auftauchenden kleinen Gruben,11 *164Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.ſagt die Zeitſchrift des ſächſiſchen ſtatiſtiſchen Bureaus,1VI. Jahrg. 1860. S. 79. verſchwinden immer bald wieder, theils durch Konſoli - dation, theils durch Auflaſſung; aber die größern ſtärken ſich und dehnen ſich aus, ſo daß — mit Ausnahme des Kobaltbergbaues, welcher die frühere Höhe nicht wieder erreichen dürfte — ſowohl nach Arbeiterzahl, als nach Produktion alle Hauptzweige des Bergbaues thatſächlich trotz der Verminderung der Grubenzahl im Steigen begriffen ſind. Und nicht viel Anderes als von den Bergwerken wird von den Hütten - und Eiſenwerken berichtet. Ein kleiner Hochofen nach dem andern wird ausgeblaſen, nur die großen halten ſich. Die Leiſtungs - fähigkeit der großen Eiſengießereien und Maſchinenfabriken wächſt mit dem Umfang. Bei Krupp in Eſſen, erzählt ein Augenzeuge, ſind zur Erzeugung des Gußſtahl 240 Schmelzöfen in einer Gußhütte aufgeſtellt; beim Guß wirkt eine eigens dazu beſtimmte gut eingeſchulte Bri - gade von 800 Mann nach dem Kommando mit einer ſtaunenswerthen Präziſion zuſammen, wobei bis auf die Sekunde jeder Handgriff, jede Leiſtung in den Zuſammen - hang des Ganzen paſſen muß. 2Hocker, S. 373.
Die kleinen Ziegeleien können nicht mehr konkur - riren mit den beſſer eingerichteten großen. „ Ein Hof - mann’ſcher Ringofen veranlaßt manche Feldziegelei zum Eingehen. “ Die Steingutfabrikation und die Glasinduſtrie leiden unter der Holztheuerung; ſie können nur durch ganz große, techniſch vollendete Heizeinrichtungen und165Die Großinduſtrie und das Handwerk.Uebergang zur Steinkohle billig genug produziren. 1Biebahn III, 866.Die Zahl der Branntweinbrennereien im Zollverein hat von 11225 im Jahre 1851 auf 7711 im Jahre 1865 abgenommen, die Produktion iſt auf das Anderthalb - fache geſtiegen. Von den Zuckerfabriken machen die großen die beſten Geſchäfte. Die alten kleinen Mahl - mühlen, welche für Kunden um Lohn arbeiten, ver - ſchwinden wenigſtens in den Städten, große Dampf - mühlen, techniſch vollendet eingerichtet, treten an die Stelle und ſie arbeiten nicht mehr um Lohn; der Dampfmüller macht eigene Geſchäfte, um zugleich alle Vortheile des Preiswechſels und der großen Spekula - tion auszunutzen. 2Zeitſchrift des ſächſ. ſtatiſtiſchen Bureaus II, 126.Die Zahl der ſämmtlichen Dampf - maſchinen nimmt nicht ſo zu, wie ihr Umfang; die Zahl derſelben ſtieg im Königreich Sachſen von 1856 bis 1861 um 82 Prozent, die der Pferdekräfte um 119 Prozent. 3Daſelbſt VIII, 105.
Ich habe dieſe zahlreichen Beiſpiele der immer groß - artiger ſich entwickelnden Großinduſtrie abſichtlich ange - führt, um dadurch von ſelbſt den Einwand hervorzu - rufen, den ich machen muß; nämlich den, — was hat dieſe ganze Entwickelung mit dem Handwerk zu thun? Was ſchadet es dem Bäcker und Fleiſcher, dem Schuh - macher und Schneider, dem Tiſchler und Schloſſer, wenn die Spinnereien und Färbereien, die Gruben und Hütten,166Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.die Brennereien und Mühlen immer größer werden? Das iſt eine Sache für ſich.
Dieſer Einwand iſt richtig; er zeigt uns wenigſtens, daß die landläufige Phraſe, die Großinduſtrie habe das Handwerk verdrängt, die Sache nicht erſchöpft. Viele, man könnte ſagen die meiſten, Großinduſtrien berühren das Handwerk nicht direkt; ſie beziehen ſich auf neue Betriebe, auf ſolche, welche nie dem Handwerk ange - hörten; daß ſie ſelbſt in immer größere Etabliſſements ſich konzentriren, kann dem Handwerk nicht ſchaden. Ihr Wachsthum muß im Gegentheil, wie das Wachſen der Verkehrsanſtalten, der Eiſenbahnen, der Poſten, mehr Handwerker beſchäftigen.
Es gilt dieß freilich nicht von allen den heutigen großen Fabriken und Etabliſſements; die Spinnereien haben allerdings die profeſſionsmäßigen Spinner ver - drängt; die ganze Gewebeinduſtrie iſt heute noch mitten im Kampf zwiſchen Handwerk und Fabrik begriffen; ähnlich ein Theil der Metallinduſtrie und der Holz - waareninduſtrie.
Aber immer ſind das nur einzelne beſtimmte Ge - werbszweige, die ſo direkt mit den Fabriken zu kämpfen haben. Und doch ſehen wir in der Geſammtheit der Kleingewerbe Aenderungen, deren Urſachen wir uns klar zu machen haben. Um dieſen näher zu treten, müſſen wir etwas weiter ausholen.
Die tiefer liegende Urſache, die auch der Mechanik und Technik der Neuzeit erſt die Möglichkeit einer allge - meinen Anwendung verſchaffte, iſt die Aenderung des Verkehrs, aller Verkehrsformen. Ich will nur an167Die Verkehrsänderungen.einige Thatſachen und Jahreszahlen flüchtig erinnern. 1Zu vergleichen: Behm, die modernen Verkehrsmittel, 19tes Ergänzungsheft der Petermann’ſchen Mittheilungen. 1867. Die Verkehrsmittel auf der Weltausſtellung zu Paris im Jahre 1867, offizieller öſtr. Ausſtellungsbericht, 2te Lieferung. Perrot zur Geſchichte des Verkehrsweſens in Faucher’s Vierteljahrs - ſchrift XXI, 27 ff. XXII, 62 ff. Berlin 1867. Baxter, Railway Extension and its Results in dem Journal of the statistical society 1866, S. 549 — 595. Sie werden ſchlagend zeigen, in welch engem Zuſammen - hang ſie gerade auch mit der Geſchichte der Klein - gewerbe ſtehen.
Alle unſere heutigen Verkehrsmittel ſind neueſten Datums, wenigſtens ihre allgemeine Anwendung. Der engliſche Kanalbau nimmt erſt ſeit 1755 eine größere Bedeutung an; Großbritannien hat 1824 ſchon 528 deutſche Meilen Kanäle; Altpreußen 1866 erſt 94,8. Der engliſche und franzöſiſche Straßenbau beginnt eben - falls erſt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. In Preußen baut Friedrich der Große 1757 die erſte Chauſſee. Erſt 1812 lernt Mac Adam2Ueber die Wirkungen der Mac Adam’ſchen Chauſſeebau - methode bis in alle Einzelheiten des Dorflebens ſiehe die hübſche Skizze von J. G. Kohl „ alte und neue Zeit im Dorfe Lehr - bach “in der Vierteljahrsſchrift für Volkswirthſchaft VII, 1 — 7. die heute all - gemein übliche Methode des Chauſſeebaues in China kennen; erſt gegen 1820 verbreitet ſie ſich in Europa, erſt nun beginnt der größere Frachtverkehr mit ſchweren Laſtwagen ſtatt der kleinen Karren. Im Jahre 1816 exiſti - ren in Preußen 3694 Frachtfuhrleute mit 8440 Pferden,168Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.im Jahre 1861 9642 mit 27464 Pferden. Straßen (Chauſſeen) zählte man in Preußen:
Die Hauptthätigkeit im Chauſſeebau fällt erſt in die Zeit von 1844 — 1861.
Die erſten modernen Poſten waren von Franz von Taxis zwiſchen Wien und Brüſſel 1516 eingerichtet worden. In Brandenburg richtete der große Kurfürſt eine Landespoſtanſtalt ein, „ weil zuvörderſt dem Kauf - und Handelsmanne hoch und viel daran gelegen ſei. “ Es waren Reitpoſten, ſpäter auch Poſtwagen, welche die Poſt von Berlin nach Königsberg in 4, von Amſter - dam nach Königsberg in 12 Tagen brachten. Das war eine außergewöhnliche Schnelligkeit, die allgemeines Auf - ſehen erregte. Den Perſonenverkehr übernahmen die Poſten in England und Frankreich früher; in Deutſch - land mußte man im 18. Jahrhundert eigenes Fuhrwerk kaufen, Extrapoſt nehmen oder mit den konzeſſionirten Landkutſchen fahren. Sie vermittelten den Perſonenver - kehr, aber entſetzlich langſam. „ Von Dresden nach Berlin ging die Landkutſche alle 14 Tage, nach Alten - burg, Chemnitz, Freiberg, Zwickau ein Mal wöchent - lich; nach Bautzen und Görlitz war die Zahl der Paſ - ſagiere nicht ſo ſicher, daß der Kutſcher jede Woche an beſtimmten Tagen abgehen konnte; nach Meißen gingen das grüne und rothe Marktſchiff, jedes ein Mal wöchent -169Das Poſtweſen.lich hin und zurück. Man reiſte auch mit der beſten Fuhre ſehr langſam. Fünf Meilen der Tag, zwei Stunden die Meile, ſcheint der gewöhnliche Fortſchritt geweſen zu ſein. Eine Entfernung von 20 Meilen war zu Wagen nicht unter 3 Tagen zu durchmeſſen, in der Regel wurden 4 dazu gebraucht. “
In England hatte man für die Briefbeförderung ſchon länger die ſogenannten Schnellpoſten. Der preußiſche Generalpoſtmeiſter von Nagler führt ſie 1824 auf deutſchem Boden ein. Es erregt große Bewunderung, daß der Poſt - wagen von Berlin nach Magdeburg, der vorher 2 Tage und eine Nacht gebraucht, nunmehr den Weg in 15 Stunden zurücklegt. Die Perſonenpoſten zum Verkehr von Perſonen, Briefen und Paketen zuſammen datiren in Preußen erſt von 1838. Landbriefträger gab es 1846 erſt 571 in Preußen, 1856 ſchon 3868. Das Land - briefträger-Inſtitut beförderte 1850 etwa 7⅘ Millionen Briefe, 1856 ſchon 15 Millionen. 1Vergl. darüber Jahrb. für die amtliche Statiſtik I, 516 ff. Schmidt, zur Geſchichte der Briefportoreform in Deutſchland in Hildebr. Jahrb. III, S. 1 ff.
Die Briefportoreform ging von England aus; Row - land Hill ſetzt 1840 die einſtufige Taxe durch; 1839 wurden in England 79, 1840 - 186, 1854 - 400, 1862 - 605, 1865 - 720 Millionen Briefe befördert. In Preußen konnte noch 1844 ein Brief bis 19 Sgr. koſten. Von Frankfurt a / M. bis Berlin koſtete er 8 Sgr., von Frankfurt a / M. bis Danzig 15 Sgr. Im Jahre 1844 tritt die Ermäßigung auf höchſtens 6 Sgr. 170Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.ein. Die Dresdener Poſtkonferenzen von 1847 — 48 und der Poſtvereinstag von 1851 bringen die dreiſtufige Brieftaxe, der norddeutſche Bund 1867 die einſtufige. Die preußiſche Poſt beförderte 1840 - 36, 1854 - 90, 1861 - 140, 1862 - 148 Millionen Briefpoſtgegen - ſtände. Die Hauptentwickelung fällt wieder nach 1850.
Die erſte regelmäßige Dampfſchiffahrt zwiſchen Amerika und England wird 1838 eingerichtet; 1848 beſaß England 1100, 1866 3165 Dampfer; die norddeutſche Handelsflotte zählt 1866 erſt 249 Dampfer. Die großen regelmäßigen Dampferlinien des Weltver - kehrs ſind meiſt erſt in den letzten Jahren eingerichtet worden.
Die erſte Eiſenbahn wurde 1825 von Darlington nach Stockton, mehr nur für den Kohlenverkehr eröffnet. Die erſte wichtige Eiſenbahn war die 1830 zwiſchen Mancheſter und Liverpool vollendete. Das preußiſche Eiſenbahngeſetz ſtammt von 1838; erſt im Jahre 18421Bluntſchli, Staatswörterbuch Art. Eiſenbahnen III, 379. kam dadurch Leben in die Sache, daß die Regierung Zinſengarantien übernahm; im Jahre 1847 entſchloß ſie ſich ſelbſt Hand ans Werk zu legen. Im Jahre 1840 exiſtirten in Preußen 17 Meilen Bahn, 1845 - 138, 1850-356, 1855-467, 1860-713, 1866-874 Mei - len. Eine Meile Bahn kommt 1866 in Preußen auf 5,8 □ Meilen, in Frankreich auf 5,2, in Großbritannien und Irland auf 2,0, in Belgien auf 1,5. 2Jahrbuch für die amtl. Statiſtik I, 607 — 9 u. preuß. Handelsarchiv 1867. II, 710.
171Die Eiſenbahnen und Telegraphen.Die Telegraphenlinien ſind noch jünger. Die Telegraphie wurde 1840 zuerſt an engliſchen Bahnen angewandt. Erſt 1843 ließ die Direktion der rheini - ſchen Eiſenbahn bei Aachen die erſte kurze Leitung aus - führen. Der deutſch-öſterreichiſche Telegraphenverein hat 1856 Linien von 2317, 1865 von 5623 Meilen Länge im Betrieb. Die Anzahl1Jahrbuch für die amtliche Statiſtik I, 537. der in ganz Preußen beför - derten Depeſchen betrug:
2Handelsarchiv 1867 I, 574.
Damit im Einklang ſteht die Welthandelsentwicke - lung, die ganz ähnlich in allen europäiſchen Staaten erſt etwa von 1850 an ihren großen Aufſchwung nimmt. Ich belege dieſe Thatſache nur mit einigen engliſchen,3Baxter a. a. O. S. 564. franzöſiſchen4Daſelbſt S. 575. und deutſchen5Hamburgs Schiffahrt und Handel 1867, offizielle tabella - riſche Ueberſichten. Zahlen.
Aber nicht bloß auf die großen Welthandelsſtraßen muß man blicken, wenn man das heutige Wachſen des Verkehrs ermeſſen will; eben ſo ſehr muß man ſich erinnern, daß auch der bedeutende lokale Verkehr, die meiſten Vicinalwege, die Landpoſtſtellen, die Landfahr - gelegenheiten, die Droſchken und Omnibuſſe in den Städten erſt Kinder der letzten Jahre und Jahrzehnte ſind.
Das Inſtitut der Fiaker entſtand 1630 in Paris. In Berlin1Dieterici jr., geſchichtliche und ſtatiſtiſche Mittheilungen über das öffentliche Fuhrweſen in Berlin, Zeitſchrift des ſtat. Bür. V. S. 155 — 164, 179 — 189. Bruch, der Straßen - verkehr in Berlin im Berliner Gemeindekalender für 1868, S. 65 — 121. wurden 1739 durch Friedrich Wilhelm I. 15 Fiaker eingerichtet, die regelmäßig auf einigen der größeren Plätze bereit ſtehen ſollten. Im Jahre 1780173Der Welthandel und der ſtädtiſche Verkehr.gab es deren 20. Erſt 1815 wurde das Berliner Droſchkenweſen ordentlich polizeilich geregelt. Im Jahre 1836 exiſtirten etwa 300 bis 400 einſpännige Droſchken, 1848-839, 1860-999, 1865 dagegen ſchon 2077.
Die Omnibuſſe für den ſtädtiſchen Verkehr kommen in Paris und London in den zwanziger Jahren auf. In Berlin werden ſie 1846 eingeführt; es ſind 1848 erſt 19 Wagen, 1855-43, 1860-47, 1862-110, 1864 dagegen ſchon 393, die dieſem wichtigen Verkehrszwecke dienen. Noch neuer ſind die Straßeneiſenbahnen; in Berlin exiſtirt erſt ſeit wenigen Jahren die einzige Berlin - Charlottenburger Linie, während hauptſächlich in Ame - rika es deren in allen großen Städten ſeit 10 — 15 Jahren giebt, und ſie dort einen Hauptfaktor des enormen Anwachſens der Städte bilden. 1Wiß, das Geſetz der Bevölkerung und die Eiſenbahnen. Berlin, Herbig 1867. S. 55.Der Höhepunkt ſtädti - ſchen Verkehrs wird freilich erſt erreicht durch die Stadteiſenbahnen mit Dampfbetrieb, wie ſie vollſtändig wohl erſt in London organiſirt ſind. Der Metro - politan Railway2Passy, les machines S. 35. transportirt jährlich 111 Millionen Perſonen. Jeder ſoll dabei nur eine Stunde Arbeitszeit gewinnen, ſo giebt das in dem einen Jahr ein Plus von Arbeitszeit für die Londoner Bevölkerung von 111 Millionen Stunden oder, wenn man das Jahr zu 300 Arbeitstagen und den Tag zu 10 Arbeitsſtunden rechnet, von 38000 Jahren.
Nicht um ſtatiſtiſche Notizen zu häufen, habe ich alle dieſe Zahlen mitgetheilt, ſondern um durch ſie174Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.Maß und Zeit der großen Aenderungen einigermaßen feſtzuſtellen, um durch ſie zu erklären, warum die Kriſis der Handwerker in den vierziger Jahren beginnt, um durch ſie anſchaulich zu machen, daß wir, in Deutſchland wenigſtens, nur einen Theil der ganzen Umwälzung hinter uns haben.
Die frühere Zeit, der die Verkehrsmittel fehlten, mußte alle gewerbliche Thätigkeit lokaliſiren. Produktion im eigenen Hauſe, im eigenen Dorfe, in der eigenen Stadt, wenigſtens im eigenen Kreiſe, das war die Folge davon, daß man Anderes nicht geſehen, nicht kennen gelernt, daß man es, ſelbſt wenn man es kannte, nur ſchwer beziehen konnte. Der perſönliche Reiſeverkehr, der Brief - und Zeitungsverkehr, der uns jetzt leicht und ſchnell Nachricht und Kenntniß des Vollkommenern überall her bringt, iſt ebenſo wichtig für die Aenderung aller Produktions - und Konſumtionsverhältniſſe, wie der ſachliche Verkehr, der uns die Waaren ſelbſt bringt.
Alle größere, alle ſpezialiſirte Produktion, alle weiter gehende Arbeitstheilung iſt erſt mit dieſem Ver - kehr möglich geworden. Die Art der Produktion, wie ſie früher nur für wenige leicht transportable Luxus - gegenſtände üblich war, iſt jetzt erſt auf die Maſſe, auf die Mehrzahl der gewöhnlichen Waaren anwendbar. Deshalb hat dieſer neue Verkehr das Größte wie das Kleinſte geändert. Ueberall und in allen Beziehungen hat er die Fäden des wirthſchaftlichen Lebens ausein - andergezogen, künſtlicher und komplizirter geknüpft, er hat geſchäftlich und lokal — dem Wohnorte nach — die Menſchen anders gruppirt, er hat den Handel wie die175Die Folgen der Verkehrsänderungen.Produktion, die Anſchauungen und Bedürfniſſe der Menſchen, wie ihre Sitten und Lebensgewohnheiten umgeſtaltet. Durch dieſen Verkehr vor Allem iſt es anders geworden in der Welt, ſeit der Großvater die Großmutter nahm, iſt es anders geworden in Haus und Hof, am Familientiſch wie in der Geſindeſtube, auf dem Jahr - und Wochenmarkt wie im Laden des Städtchens, auf den großen Börſen wie auf den rie - ſigen Stapelplätzen, wo zwei Welten ihre Schätze tauſchen.
Die totale Aenderung der Verkehrsverhältniſſe und die hieraus folgende Revolution in der ganzen Pro - duktion und in der lokalen und geſchäftlichen Gruppirung der Menſchen hat auch die Unzufriedenheit mit der früher beſtehenden Gewerbe - und Niederlaſſungsgeſetzgebung erſt ſo geſteigert, daß ſie mit Recht Beachtung verlangte. Solange die Zuſtände ſich nicht weſentlich änderten, die großen und kleinen Städte, Städte und plattes Land in denſelben Verhältniſſen blieben, da war zwiſchen Gewerbe - freiheit und einem Zunft - und Konzeſſionsſyſtem, das liberal gehandhabt wurde, kein ſo großer Unterſchied. Als aber alles in Fluß kam, als alle Zuſtände andere wurden, als die Technik, die Arbeitstheilung, die Ge - ſchäftsorganiſation total andere wurden, ohne daß die Bureaukratie oder irgend Jemand anders die Tragweite der nothwendigen Aenderungen und Ueberſiedlungen auch nur entfernt ermeſſen konnte, da erſt hörte jede Mög - lichkeit, ein ſtaatliches Zunft - und Konzeſſionsweſen, einen in alter Weiſe polizeilich kontrolirten Detail - und Hauſirhandel der realen Umbildung entſprechend zu leiten,176Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.auf. Da mußte man freien Spielraum geben, wenn man auch manchen Mißſtänden, manchem modernen Schwindel dadurch ebenfalls freie Bahn gab. Durch eine bureaukratiſche Leitung ſchadete man zu viel, hemmte man die nothwendige, den Wohlſtand im Ganzen jeden - falls außerordentlich befördernde gewerbliche und Verkehrs - revolution zu ſehr.
Bleiben wir zunächſt beim Kleinſten und Größten, bei der Umbildung der Familienwirthſchaft und der veränderten lokalen Vertheilung der ganzen Bevölkerung ſtehen.
Wenn ich davon ſpreche, was in der Familie ſeit drei Generationen anders geworden iſt, ſo bleibe ich nicht dabei ſtehen, was der Verkehr geändert hat. Es iſt mir gleichgültig, ob der ſich ändernde Verkehr die erſte, die Umbildung der Produktion die zweite Urſache iſt; ich kann nicht genau ausſcheiden, wie viel auf die erwähnten Urſachen, wie viel auf Rechnung des größern Wohlſtandes und Kapitalbeſitzes kommt. Weſentlich iſt mir ja nur, zuſammenfaſſend zu zeigen, wie alle dieſe Urſachen in Verbindung mit der ganzen Lebensrichtung der neuen Zeit dem wirthſchaftlichen Leben der Familie und damit dem Handwerke eine andere Stellung gegeben haben.
Roſcher erzählt nach Eden, daß noch zu Ende des vorigen Jahrhunderts der Bauer in Hochſchottland Weber, Walker, Färber, Gerber, Schuſter in eigener Perſon war; es galt noch das alte Wort „ every man Jack of all trades. “ Das iſt theilweiſe bei uns noch ſo in den rein agrariſchen Gegenden. Noch 1861 kommen in177Die frühere Wirthſchaft der Familie.der Provinz Preußen auf 765 gewerbsmäßige Linnen - webſtühle 114550, die in den Bauerhäuſern ſtehen und dort weſentlich mit für den eigenen Bedarf arbeiten. Hoffmann berichtet 1837, daß die Landbevölkerung Preußens meiſt das ſelbſtgewebte ſogenannte Wand, ein tuchartiges ſtarkes wollenes Gewebe, zu Oberröcken und Mänteln trägt. Noch ſchlachtet in vielen Gegenden der Bauer zu Anfang des Winters ſeine Kuh und ein oder zwei Schweine für den Winter, von dem eigenen Backen des Brotes gar nicht zu reden. Noch ſoll in Oberbaiern in manchen Dörfern, wenn ein Haus gebaut wird, die ganze Gemeinde zuſammen helfen. „ Am mittleren Inn “— heißt es in der Bavaria1I, erſte Abtheilung S. 283. — „ beſteht noch die Sitte, daß die Bauern mit ihren Leuten unter Beihilfe weniger Handwerker die Häuſer ſelbſt bauen; ſogar die Ziegel zu den Mauern werden nicht ſelten von den Landleuten ſelbſt bereitet; alle Arbeiten der Handwerker, ſelbſt der Tiſchler und Maler, werden auf der ſogenannten „ Stör “beſorgt; der Bauherr liefert die Rohſtoffe, beköſtigt die Arbeiter und zahlt gewöhnlich noch einen Tagelohn. “ Noch iſt es der Polizei nicht ganz gelungen, die Spinn - ſtuben Oberbaierns zu ſchließen, wo die Frauen und Mädchen ſpinnen, die Burſchen Späne ſchneiden und allerhand Schnitzwerk fertigen.
So wie es auf dem Lande noch heute zugeht, ſo und ähnlich ging es im ſtädtiſchen Bürger - oder Beamten - hauſe noch vor 60, noch vor 30 Jahren zu. Weſſen Erinnerung zurückreicht in das großelterliche Haus, dasSchmoller; Geſchichte d. Kleingewerbe. 12178Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.noch vor dem Anfang dieſes Jahrhunderts begründet wurde, der kann ſich eine Vorſtellung davon machen, was wir meinen. Wem dieſe Erinnerung fehlt, der möge einen Blick in Kießelbach’s reizende Skizze über die „ drei Generationen “1Deutſche Vierteljahrsſchrift 1860. 3 tes Heft S. 1 — 57. werfen. Ich will nur mit einigen Worten an jene Zeit erinnern.
Die Spindel war noch immer das Symbol der Hausfrau; ſelbſtgeſponnenes Linnen zu tragen, war Ehre und Stolz; eine heilſame Sitte war es, daß in allen Kreiſen die Jungfrau nicht für eigentlich berechtigt galt zur Ehe zu ſchreiten, ehe ſie die Ausſteuer aus ſelbſtgeſponnenerLeinwand beſchaffen konnte. Dem Weber des Hauſes wurde das Garn überliefert, er hatte die Leinwand zu fertigen; für die Bleiche ſorgte wieder die Hausfrau. Aber nicht nur an Leinwand, auch an Tuch, ſelbſt an Leder hielt man eigene, ſorgfältig bereitete oder gewählte Vorräthe; die Schränke mußten wohlgefüllt ſein. Das Weißzeug, die Kleider, die Beſchuhung ſelbſt wurden im Hauſe gefertigt; der Schneider, der Schuſter kam dazu als techniſcher Gehülfe.
Auch Polſterwaaren und Betten entſtanden in ähn - licher Weiſe. Von ſelbſt geſchlachtetem Geflügel wurden die Federn durch eine Schaar eigens ſich hiezu ver - miethender Weiber ausgeleſen; das Roßhaar wurde ſorg - fältig gereinigt; der Polſterarbeiter mehr als jeder andere mußte unter dem Auge der Hausfrau arbeiten, damit die Füllung der Bettſtücke, der Matratzen, der Sophas ſicher mit dem gewählten Material und in der gewünſchten179Die frühere Wirthſchaft der Familie.Menge erfolgte. Bei Gründung der Haushaltung, wie bei Erweiterungen derſelben wurde der Tiſchler beauftragt, dieſe beſtimmten Stühle und Tiſche, Bettſtellen und Schränke nach Maß und Vorſchrift zu fertigen. Alljähr - lich erſchien er wenigſtens einmal bei der großen min - deſtens eine Woche dauernden Reinigung, um zu helfen, auszubeſſern, aufzupoliren.
Dieſer Reinigungszeit ähnlich an Unruhe und Mühſal war die große Wäſche, die alle zwei oder drei Monate gehalten wurde, welche wieder verſchiedene Ge - werbe beſchäftigte, von dem Kübler oder Böttcher, der die Gefäße herrichtete, und den Waſchfrauen, die am erſten Tag Morgens um 2 oder 3 Uhr in hellen Haufen vor das Haus rückten, bis zu den Plättfrauen, die am letzten Tag die häusliche Ruheſtörung abſchloſſen.
Wichtiger als All das war die Thätigkeit für Küche und Keller. Das Gemüſe, das Obſt zog man möglichſt im eigenen Garten; man hatte ſeinen Gärtner, der an beſtimmten Tagen erſchien, wie ſeinen Rebmann oder Weingärtner, der den eigenen Weinberg beſtellte, die Rebengelände am Hauſe aufband. Das Holz wurde in großen Klaftern gekauft; eine Reihe von Tagen arbeitete der Holzſpalter mit ſeinen Jungen und Gehülfen im Hauſe. Die Hauptſorge der Hausfrau aber bezog ſich auf die Wintervorräthe, die man theils ſelbſt produ - zirte, theils einkaufte; bis Alles in Ordnung war, hatten aber mancherlei Handwerker dabei zu thun. Zum Ein - ſchneiden und Einlegen des Sauerkrauts kann eine beſon - dere Frau mit ihrer Maſchine, den ſelbſtgekauften Weizen oder Roggen ließ man in der Mühle mahlen, das12 *180Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.Brot wurde ſelbſt gefertigt; wenn man keinen eigenen Backofen hatte, wurden die Laibe in den Gemeinde - backofen oder in den Ofen des Bäckers gebracht und da fertig gebacken. Die Sorge für den Keller und ſeine Weinſchätze, die Sorge für Inſtandhaltung der zahl - reichen Fäſſer, die Beobachtung der Gährung des neuen Weins, die Nachfüllung der Fäſſer, in denen der alte Wein ſich befand, das war dem Küfer anvertraut, der jede Woche einmal kam, die Kellerſchlüſſel erhielt und ein paar Stunden ſich im Keller zu thun machte. Der Hauptfeſttag aber war der des Schlachtens. Der Flei - ſcher mit ſeinen Geſellen hatte ein oder mehrere Tage zu thun, bis die einzelnen Stücke in der richtig kompo - nirten Salzlauge lagen, bis die Würſte dutzend - und hundertweiſe im Rauche hingen.
Kam endlich noch Landwirthſchaft hinzu, hielt man Pferde, dann wurde auch der Sattler, der Stellmacher oder Wagner, der Schmied in ähnlicher Weiſe beſchäftigt. Sie kamen ins Haus, zu beſtimmten Zeiten oder herbei - gerufen, erhielten einen beſtimmten Tage - oder Stücklohn, theilweiſe Averſalſummen fürs ganze Jahr, daneben meiſt auch Koſt, Brot, jedenfalls einen Trunk Wein, Bier oder wenigſtens Apfelmoſt.
Das Handwerkszeug und einige Hülfsſtoffe hatte der Meiſter zu liefern, ſonſt brauchte er für dieſe Art der Geſchäfte kaum Vorräthe an Rohſtoffen zu halten, noch weniger an fertigen Waaren. Er hatte daneben wohl auch Vorräthe und Waaren zum Verkauf, aber ſelten in ausgedehntem Maße; dazu fehlte der ſichere Abſatz, wie das Kapital. Die Hausfrau mußte alſo die Vorräthe181Die heutige Wirthſchaft der Familie.halten. Waaren im Vorrath zu arbeiten, Möbel, Ge - räthſchaften, Kleider, Schuhe auf Lager zu halten, war auch deswegen nicht ſo leicht wie heute, weil mit dem mangelnden Verkehr die individuelle Liebhaberei, die Eigenart jedes Individuums mehr im Vordergrund ſtand, weil entſprechend dem geringern Wohlſtand die Kaufenden oder Beſtellenden damals viel mehr als heute ausſchließ - lich der Klaſſe angehörten, die das nicht beſitzen will, was tauſend Andere in gleicher Form haben.
Heute iſt das Alles, beinahe Alles anders geworden in jeder halbwegs moderniſirten Stadt. Vorräthe hält man nicht mehr, — Handlungen aller Art ſind ja in der Nähe, die Jahr aus Jahr ein bieten, was man braucht. Man kauft fertige Hemden, fertige Kleider und Schuhe, fertige Möbel, auf Flaſchen abgezogenen Wein; Brot und Fleiſch wird ins Haus gebracht, theilweiſe gar das Eſſen; die amerikaniſche Sitte, welche auch für ganze Familien das Leben im Boardinghauſe, im Gaſt - hofe geſtattet, beginnt auch bei uns Nachahmer, Ver - theidiger zu finden. In großen Etabliſſements läßt man waſchen. Man hat in den größern Städten weder zum Halten der früheren Vorräthe, noch zur Vornahme aller jener früheren Verrichtungen die Räume.
Der Laudator temporis acti ſieht nur mit Weh - muth dieſe Aenderungen. Und es iſt wahr, daß in der Art und Weiſe, wie früher die Wirthſchaft einer Familie geführt wurde, viele Motive und Veranlaſſungen zu einem geordneten Leben lagen. Vorſicht und Sparſamkeit vor der Ehe, Umſicht und Fleiß, haushälteriſcher Sinn und angeſtrengte Thätigkeit in der Ehe hingen damit182Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.zuſammen. Aber ſollten dieſe moraliſchen Eigenſchaften ſo ausſchließlich mit einer einzigen Art äußerlichen Wirth - ſchaftens verknüpft ſein? Sollten die Menſchen nothwen - dig wichtige Eigenſchaften verlieren, wenn einige äußere Veranlaſſungen zu Fleiß und Sparſamkeit nicht ſowohl ganz wegfallen, als andere Form gewinnen. Die Aende - rungen ſind Folgen wahrer techniſcher Fortſchritte, und ſomit muß man ſich ihrer bedienen; immer muß es möglich bleiben, auch mit der neuen Art des Wirth - ſchaftens das Leben ſo zu geſtalten, daß die alten wirth - ſchaftlichen Tugenden dieſelben bleiben.
Und das wird ſelbſt der eifrigſte Freund des Alten zugeſtehen, daß in den höhern Kreiſen die Tugenden des Fleißes, der Thätigkeit nicht verſchwunden ſind, daß ſie nur eine andere Richtung erhalten haben. Es wurde früher für geringen Effekt viel geiſtige und körperliche Arbeitskraft mit viel Geräuſch und viel Unruhe ver - ſchwendet. Die Arbeitskraft der helfenden kleinen Meiſter war nicht ausgenutzt; mit Laufereien, mit Warten und Herumſchlendern wurde viel Zeit verſäumt. Die Leiſtun - gen nach techniſcher Seite konnten nur unvollkommen ſein. Eine beſſere Zeiteintheilung und Arbeitstheilung gibt jetzt beſſere Leiſtungen und Produkte mit geringerem Aufwand. Das Familienleben hat an Ruhe und an Möglichkeit geiſtiger und gemüthlicher Vertiefung gewonnen.
Weniger freilich wird man das von den untern Klaſſen ſagen können. Da hat die Leichtigkeit, Alles fertig im Laden zu kaufen, ſtatt es durch die Thätigkeit der Hausfrau entſtehen zu laſſen, bis jetzt moraliſch eher ungünſtig gewirkt. Indolenz, Unluſt zu weiblichen Ar -183Vergleich der alten und neuen Zeit.beiten, ſelbſt Ungeſchicklichkeit zu backen und zu kochen einerſeits, Frauenarbeit außer dem Hauſe andererſeits ſind zuſammenhängende traurige Beigaben der neuen Entwicklung. Aber auch hier ſind dieſe Folgen keine nothwendigen; überdies iſt gerade in dieſen Kreiſen, beſonders auf dem Lande, die alte Art der Wirthſchafts - führung noch überwiegend und wird es noch lange bleiben.
Aber ich vergeſſe, daß ich hier nicht von den moraliſchen Folgen dieſer Aenderung für das Familien - leben, ſondern von den Folgen für den Handwerkerſtand zu ſprechen habe. Der Handwerker war früher ein techniſcher Arbeiter, thätig für eine Anzahl ihm perſönlich nahe ſtehender Familien. Jetzt dagegen tritt das Ver - kaufen fertiger Waaren immer mehr in Vordergrund; der Handwerker muß die Stoffe einkaufen, Lager halten, mit Borräthen ſpekuliren; dazu gehört Kapital, kauf - männiſche Bildung, eine höhere ſoziale Stellung. Eine viel kleinere Zahl größerer Geſchäfte wird übernehmen, was früher eine größere Zahl einzelner techniſcher Ar - beiter d. h. kleiner Meiſter mit den Hausfrauen zuſammen beſorgte.
Ich werde davon im folgenden Abſchnitt noch weiter zu ſprechen haben; vorher iſt es nöthig, noch von der wichtigſten Vorbedingung der ganzen Umwandlung zu ſprechen. All das Erwähnte vollzieht ſich hauptſächlich in den großen Städten. Die veränderte Vertheilung der Bevölkerung iſt mit die wichtigſte Folge der neuen Ver - kehrsmittel.
Am klarſten hat man die Wirkung der Eiſenbahnen auf die Bevölkerungsvertheilung in den Vereinigten184Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.Staaten von Nordamerika vor ſich, und zwar deswegen klarer als irgend wo anders, weil hier die ganze Kultur erſt mit den Eiſenbahnen entſteht. Keine zahlreichen Dörfer und Marktflecken, keine kleinen überall zerſtreuten Städte, ſondern einzelne Farmen und Rieſenſtädte, in denen ſich Handel und Induſtrie konzentriren, die in wenigen Jahren um Hunderttauſende zunehmen, das iſt das Bild, das ſich uns dort bietet. 1Vergl. hauptſächlich Wiß, das Geſetz der Bevölkerung und die Eiſenbahnen, eine volkswirthſchaftliche und ſtatiſtiſche Unterſuchung geführt auf dem Terrain der Vereinigten Staaten von Nordamerika.Das rieſige Anwachſen der Städte ſpiegelt ſich am ſicherſten in den Boden - und Miethpreiſen. „ Eine Wohnung, welche in Leipzig, Dresden oder Berlin 100 Thaler koſten würde, koſtet in den beſſern Theilen von Newyork und Boſton 5 — 800 Thlr. jährlich. “ 2Douai, Land und Leute in der Union. Berlin, Janke 1864. S. 224.Auch der Ackerboden ſteht in der Nähe dieſer Rieſenſtädte ja höher im Preiſe als in Europa. 3Pflaume, Einleitung zur Kenntniß der nordamerikani - ſchen Landwirthſchaft. Leipzig, Wigand 1866. S. 57.
Im alten Europa iſt die Wirkung langſamer; die beſtehenden Verhältniſſe ſtammen aus einer andern Zeit, und ſie bleiben zunächſt maßgebend. Wo der kleine Beſitz vorherrſcht, da exiſtiren ſeit dem Mittelalter die großen Dörfer, die kleinen Landſtädte. Bis zur Zeit der Eiſenbahnen hat der ſteigende Verkehr in der Form der Poſten und der Frachtfuhrwagen dieſe kleinen Ver -185Die Vertheilung der Bevölkerung in alter Zeit.kehrsmittelpunkte noch begünſtigt. Die Klagen aus dem vorigen Jahrhundert über den Verfall der Landſtädte ſind mehr auf die allgemeinen Urſachen gewerblichen Still - ſtands zurückzuführen; theilweiſe ſind ſie nur Ausdrücke egoiſtiſcher Unzufriedenheit darüber, daß aufgeklärte Regierungen einige Handwerker mehr auf dem Lande zulaſſen; theilweiſe beruhen ſie auf einem Irrthum. Sie beziehen ſich auf Orte, die niemals größer waren, Orte, welche erſt in der Zeit des kleinſtaatlichen Despotismus — der Märkte und der unbeſchränkten Aufnahme von Gewerbtreibenden wegen — die Verleihung des Stadt - rechts an ſie durchſetzten, und die nun gegenüber ſtädtiſchen Begriffen und Anſprüchen doch zu klein waren. Ein Rückgang der kleinen Städte als ſolcher iſt ſicher im vorigen Jahrhundert nicht eingetreten. Die kleinen Territorien Deutſchlands beförderten ebenfalls eine gleich - mäßige Vertheilung der Bevölkerung; da war eine kleine Reſidenz, dort eine Univerſität, da war Garniſon, dort eine Kriegs - und Domänenkammer, ein Oberlandes - gericht.
Dieſe beſtehenden Verhältniſſe ändern ſich nur ſchwer und langſam, aber immer ſind ſchon weſentliche Umbil - dungen eingetreten. Die volkswirthſchaftlichen Aenderun - gen machen ſich nach und nach unerbittlich geltend. In Bezug auf die gewerbliche Entwicklung möchte ich vor Allem an die Reſultate von Roſcher’s Unterſuchung über den Standort der Induſtriezweige erinnern. 1Deutſche Vierteljahrs-Schrift 1865, Heft 2. S. 139 — 201.Er führt aus, wie im Mittelalter, überhaupt in Zeiten geringen186Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.Verkehrs, in Zeiten, in welchen beinahe nur die Luxus - induſtrien ſtärker ſich entwickeln, die Gewerbe den Markt - mittelpunkt aufſuchen, da produziren, wo ſie auch gleich verkaufen können. Mit der Zeit, ſo zeigt er weiter, wird das anders. Der Verkehr hat ſich gehoben, der Waarentransport iſt ſchon leichter; in den Hauptſtädten iſt das Leben und der Boden ſchon ſehr theuer geworden; die Maſſeninduſtrien fangen an ſich zu entwickeln, ſie bedürfen der ſchweren Rohſtoffe, der Erze, der Kohlen, ſowie der zahlreichen Arbeiter. Die Induſtrie decentraliſirt ſich, ſie zieht dem Urſprungsort der Rohſtoffe, ſie zieht der Waſſerkraft, dem billigen Arbeitslohn nach. Erſt mit der Vollendung der Eiſenbahnen wird das wieder anders. Die Lebensmittel können nun viel leichter aus weiter Ferne zur Stadt geführt werden. Das Wachſen iſt möglich ohne Steigerung der Lebensmittelpreiſe und der Löhne; und nicht nur Fleiſch und Getreide, auch Kohlen, Eiſen, Wolle, Baumwolle können jetzt billig Hunderte von Meilen weit her bezogen werden. Der billige und leichte Kredit in den Städten, die Leichtigkeit des Abſatzes, die mannigfaltige Förderung durch perſön - liche Berührung und perſönliche Bekanntſchaft, die Hülfe ineinander greifender Induſtrien, die größere Möglichkeit, Abfälle zu verwerthen, die techniſchen und künſtleriſchen Bildungsmittel der Großſtädte werden jetzt das Ent - ſcheidende.
Und wie die Induſtrie, ſo konzentrirt ſich auch der Handel; ein Mittelglied nach dem andern fällt aus, weil der Verkehr ſo viel leichter geworden iſt. Der Getreidehandel von Poſen und Breslau geht jetzt direkt187Die Anziehungskraft der Städte.an den Rhein; er braucht die vermittelnden Handels - häuſer in Mitteldeutſchland nicht mehr. Der große Holz - handel von Süddeutſchland nach Holland ging früher durch mehrere Hände; der Holzhändler auf dem Schwarz - wald, in Heilbronn, in Mannheim verkaufte an den Kölner, der Kölner an den Holländer; jetzt kauft der Commis voyageur des Holländers direkt in den Wäldern bei den Auktionen. Der Kolonialwaarenhandel hat ſich weſentlich umgebildet; der kleinſte Krämer fängt an, direkt von dem Antwerpener und Hamburger Großhändler zu kaufen, um die Speſen zweiter und dritter Hand zu erſparen. Weſtfäliſche Hütten laſſen die Provinz Preu - ßen bereiſen und führen ſelbſt die kleinſten Aufträge direkt aus. 1Jahresberichte der Handelskammern des preuß. Staates für 1865. Beilage des Handelsarchivs S. 102.Die großen Plätze nehmen zu, die kleinen ab. Auf den großen Plätzen iſt jeder Käufer ſicher, durch keine Zufälligkeiten getrübte, durch lebendige Kon - kurrenz feſtgeſtellte Stapelpreiſe zu erhalten; der Bezug von den großen Plätzen wird durch die billigen Frachten auf weite Entfernungen erleichtert.
Und das ſind noch nicht die einzigen Urſachen, welche heute immer größere Menſchenmengen nach den großen Städten ziehen. Soziale und ſittliche, reſp. unſittliche Motive aller Art wirken da mit; Bildungs - und Erzie - hungsintereſſen, die Anziehung, welche die geiſtig hoch - geſpannte Atmoſphäre jeder Großſtadt übt, das Intereſſe am Mittelpunkt von Politik und Literatur zu ſein, dann wieder die Ausſicht auf erlaubte und unerlaubte Genüſſe188Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.aller Art, die Eitelkeit, welche dem Geſellen und Bauer - jungen, der in der Großſtadt diente, die Bedientenlivree mit ihren Reizen verführeriſcher macht, als eine ſelbſtän - dige Stellung auf dem Lande, — auch die Hoffnung auf eine beſſere Armenverpflegung, hauptſächlich aber der Gedanke zahlloſer halb und ganz verlorener Exiſtenzen, dort in dem großen Getriebe irgend eine Chance zu finden, ehrlich oder mit Betrug und Schwindel in dem wechſelvollen Hazardſpiel des großſtädtiſchen Lebens einen Treffer zu ziehen, — all das wirkt zuſammen. Wie einfache Zeiten einen Abſcheu vor den engen Mauern der Stadt haben, ſo ſtürzen ſich hoch - und überkultivirte in den Strudel des ſtädtiſchen Lebens. Im ſpätern römiſchen Reich war das platte Land verödet, Alles wollte an den Genüſſen der Städte theilnehmen.
Ich brauche dieſe allgemeine Richtung unſerer Zeit nicht weiter zu ſchildern; ſie iſt Jedem bekannt; es handelt ſich hier vielmehr wieder, wie bei den obigen Fragen darum, feſtzuſtellen, wie weit ſie bei uns in Deutſchland und ſpeziell in Preußen bis jetzt ſich durch - geſetzt hat, in wie weit ihr andere Thatſachen, die ein - mal decentraliſirte Induſtrie, die beſtehende Bodenver - theilung, die Anhänglichkeit an die engere und engſte Heimat und manches Andere bis jetzt das Gleichgewicht gehalten haben. 1Zu vergl. Dieterici, ſtatiſt. Unterſ. der Bevölkerung der Städte der Kurmark Brandenburg von 1736 — 1846, Mit - theilungen II, 265 — 277; Dieterici, über die Anzahl und Dichtigkeit der Bevölkerung von Frankreich, England und Preußen m Allgemeinen und nach den einzelnen Landestheilen, ſowie über
189Städtiſche und ländliche Bevölkerung.Berechnet man zunächſt die ganze ſtädtiſche und die ganze ländliche Bevölkerung verſchiedener Staaten nach den Ausweiſen der amtlichen Statiſtik, ſo iſt der Begriff der „ ſtädtiſchen Bevölkerung “ja nicht überall und nicht jederzeit gleich, aber ungefähr laſſen ſich die Zahlen doch vergleichen, wie es auch Wappäus, deſſen Reſultate ich anführe, gethan hat. In Preußen zählen bekannt - lich bei den ſtatiſtiſchen Aufnahmen diejenigen Orte als Städte, denen dieſes Prädikat nach dem beſtehenden Ver - waltungsrecht zukömmt. Es waren ſchon 1816-935 Orte, 1861 ſind es gerade 1000, von welchen etwa ¾ über 1500, nur wenige unter 600 Einwohner haben. Die Ausdehnung der Bezeichnung „ Stadt “auf eine Anzahl früher nicht ſo bezeichneter Orte iſt von keiner ſo großen Bedeutung, daß nicht zeitlich die verſchiedenen Zahlen verglichen werden könnten.
Die ſtädtiſche Bevölkerung betrug nach Wappäus in den beigefügten Jahren folgende Prozente der Geſammt - bevölkerung:
1die Vermehrung ihrer Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten, Mittheilungen VI, 142 — 205. Dieterici, über die Zunahme der Bevölkerung im preuß. Staate in Bezug auf die Vertheilung derſelben nach Stadt und Land, aus den Abhandlungen der Aka - demie von 1857. Horn, bevölkerungswiſſenſchaftliche Studien aus Belgien 1854, S. 47 — 61; Wappäus, allg. Bevölkerungs - ſtatiſtik 1861. II, 476 — 546. Viebahn, Statiſtik des Zollver - eins II, 138 — 164. Schwabe, Statiſtik des preußiſchen Städte - weſens, in Hildebrand’s Jahrbüchern, VII, S. 1 — 32.
190Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.Von den engliſchen Zuſtänden iſt man auf dem Kontinent noch ſehr weit entfernt. In einzelnen kleineren Diſtrikten freilich zeigen ſich ſchon andere Verhältniſſe. Es beträgt die ſtädtiſche Bevölkerung:
1Mittheilungen VI, 174. 1 |
In den andern Regierungsbezirken ſchwankt ſie zwiſchen 9,8 (Gumbinnen) und 31,5 % (Erfurt).
Iſt ſo zunächſt gegenüber andern Ländern die An - häufung der Bevölkerung in den Städten immer noch eine mäßige, ſo kommt die weitere Frage: iſt das ein ſtabiler Zuſtand, oder beginnen auch bei uns die Ver - hältniſſe ſich zu ändern?
Horn2Bevölkerungswiſſenſchaftliche Studien aus Belgien. S. 25. ſucht zu zeigen, daß man die Zunahme der ſtädtiſchen Bevölkerung in Preußen ſehr übertreibe; er ſagt, in den 19 Jahren von 1831 — 49 habe in Preu - ßen dieſe ſtädtiſche Bevölkerung nur zugenommen von 27,4 % auf 28,3 %; das ſei keine weſentliche Aende - rung. Die hiervon etwas abweichenden Zahlen Legoyt’s ergeben für Preußen allerdings eine geringere Aende - rung als für Frankreich. Die Prozente der ſtädtiſchen Bevölkerung waren nach ihm:
191Die preußiſche ſtädtiſche Bevölkerung.Doch iſt das auch für Preußen keine ganz unbedeutende Zunahme und wenn vollends 1858 die Städte 29,6, 1861 30,4, 1864 31,07 %1Die Zahlen für 1858 und 61 nach Kolb, 4 te Aufl., S. 171, die für 1864 berechnet nach d. Zeitſchr. des ſtat. Bureaus 1865. V. S. 286. ausmachten, ſo ſieht man, daß der Zug nach den Städten immer nicht ſo klein iſt, daß er von 1831 - 51 vielleicht unbedeutend, dagegen 1851 - 64 ſehr wirkſam auftritt. Und dabei iſt nicht zu überſehen, daß in dem Geſammtdurchſchnitte der Städte die vielen ſtabilen ganz kleinen Landſtädte ſtecken; ohne ſie würde der ſtädtiſche Zuwachs bedeutend größer ſich darſtellen. Das erklärt ja auch allein, daß nach den Berechnungen des amtlichen Jahrbuchs die geſammte ländliche Bevölke - rung von 1816 bis 1858 nicht viel weniger zunahm als die ſtädtiſche, von 100: 167, während die ſtädtiſche von 100: 181 ſtieg.
Was nun aber das Verhältniß der verſchiedenen Städte unter ſich betrifft, ſo iſt klar, daß die Zeit bis gegen 1850 eine andere war, als die von 1850 bis 1869, und ebenſo unzweifelhaft iſt, daß, abgeſehen von den Großſtädten, die Mittelſtädte von den Verkehrs - änderungen anders berührt werden, als die ganz kleinen Acker - und Beamtenſtädte. Vollſtändige Unterſuchungen, die dieſe Frage nach allen Seiten hin abſchließend lösten, beſitzen wir leider nicht. Von den vorhandenen hebe ich die von Dieterici und Schwabe hervor.
Dieterici’s Unterſuchung geht auf die Zeit von 1840 - 55. Er ſucht zu beweiſen, daß in dieſer Zeit nicht bloß und nicht am meiſten die großen, ſondern192Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.auch die Mittelſtädte zugenommen haben; daß nicht bloß die hauptſtädtiſche Induſtrie, ſondern auch andere Ele - mente, Bergbau, ländliche Gewerbe, Landwirthſchaft am Wachsthum theilhaben.
Ich führe nur einige Zahlen an. Im Regierungs - bezirk Düſſeldorf ſind an mittleren Städten von 1840-55 ſtark gewachſen: Dülken von 100 auf 157, Duisburg auf 165, Eſſen auf 203, Gladbach auf 157, Greven - broich auf 134, Hückeswagen auf 296, Kaiſerswerth auf 135, Langenberg auf 133, Mülheim an der Ruhr auf 133, Orſoy auf 133, Rheydt auf 153, Ruhrort auf 178, Solingen auf 154, Süchteln auf 169, Velbert auf 155, Vierſen auf 162. Aehnliches zeigt ſich in der Mark: Angermünde ſtieg in derſelben Zeit (1840-55) von 100 auf 136, Bernau auf 141, Bie - ſenthal auf 132, Brandenburg auf 134, Charlottenburg auf 144, Köpnik auf 132, Frieſack auf 132, Kremmen auf 142, Luckenwalde auf 141, Rhinow auf 151, Saarmund auf 158, Spandau auf 143, Werder auf 130, Wittenberge auf 201; das ſind meiſt gegen oder über 3 % jährliche Zunahme. Von den großen Städten (über 30000 Einw. ) ſtieg Breslau in derſelben Zeit von 100 auf 131, Köln auf 142, Königsberg auf 118, Magdeburg auf 129, Danzig auf 109, Aachen auf 123, Stettin auf 147, Krefeld auf 174, Barmen auf 134, Elberfeld auf 130, Poſen auf 128, Halle auf 126, Potsdam auf 120, Frankfurt auf 124; ſie ſind alſo meiſt nicht ſo ſtark gewachſen, wie die Mittelſtädte. Von den ſämmtlichen kleinern Städten iſt nur durch - ſchnittlich eine von 11 in dieſer Zeit zurückgegangen;193Die preußiſchen Städte 1840 — 55.in der Provinz Sachſen z. B. nur Bitterfeld, Düben, Stolberg, Burg, Dardesheim, Hornburg, Kroppenſtedt, Oſterwieck, Salzwedel, Wanzleben, Ellrich, Tennſtedt, Thamsbrück, Treffurt, alſo 14 von 138 kleinern Städten. Die ganze Zeit von 1840 — 55 hat noch mehr die Rich - tung auf Decentraliſation der Induſtrie; noch iſt die Wirkung der Eiſenbahnen keine ſo beherrſchende wie ſpäter.
Auch ſpäter aber nehmen nicht alle kleinen, noch weniger alle Mittelſtädte ab. Auf dieſe Zeit und auf die Wirkung der Eiſenbahnen erſtreckt ſich Schwabe’s Unterſuchung. Er faßt ſeine Reſultate in folgenden drei Sätzen zuſammen: „ 1) Unter den mittleren und kleinern Städten wirken die Eiſenbahnen hauptſächlich auf diejenigen, welche ſich durch einen vorherrſchend gewerb - lichen oder induſtriellen Charakter auszeichnen. 2) Der Vermehrung der übrigen mittleren und kleinen Städte entziehen die Eiſenbahnen vielfach Terrain, namentlich wird die Bevölkerungszunahme der kleinen Städte ſichtlich abgeſchwächt. 3) Bloß die großen Städte, ſo zu ſagen die Knotenpunkte des Verkehrs, nehmen durch die Eiſen - bahnen zu. “ Schwabe illuſtrirt dieſe Behauptungen durch folgende Tabelle. Es betrug in Prozenten der geſammten Bevölkerung die Einwohnerzahl
Ich füge dieſen Zahlen die von mir gemachte Berech - nung1Berechnet nach den abſoluten Zahlen, Preußiſche Statiſtik, die Ergebniſſe der Volkszählung von 1864. Berlin 1867. S. 284. bei, wie ſich die ganze ſtädtiſche Bevölkerung imSchmoller, Geſch. d. Kleingewerbe. 13194Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.Jahre 1864 auf die verſchiedenen Größenklaſſen ver - theilt. Von den 5,98 in Städten lebenden Millionen Menſchen, welche ſelbſt 31,07 % der ganzen Bevölkerung ausmachen, kommen auf
Beinahe die Hälfte der ſtädtiſchen Bevölkerung kommt alſo noch auf die kleinen Städte, welche bis 10000 Ein - wohner haben, ein Drittel beinahe freilich auf die großen und ganz großen Städte!
Die letzte Tabelle iſt geeignet, die Behauptungen Schwabe’s nicht abzuſchwächen, aber doch ſie auf ihr richtiges Maß zurückführen. Eine große Aenderung iſt im Begriff ſich zu vollziehen, aber noch ſind die frühern beſtehenden Verhältniſſe dadurch nicht weſentlich umge - ſtaltet. Auch jetzt noch wachſen viele kleine Städte, auch jetzt noch nehmen viele Mittelſtädte ſtärker zu, als die ganz großen. Die Induſtrie iſt einmal in vielen Theilen Deutſchlands mehr decentraliſirt, und ſo erfolgt das weitere Wachsthum an den Punkten der beſtehenden gewerblichen Thätigkeit. Im Königreich Sachſen haben viele der Weber - und Bergbaudörfer, der Vorſtadt - und Gärtnerdörfer bis in die neueſte Zeit ſo ſtark zugenommen wie irgend eine Stadt. 1Zeitſchrift des ſächſiſchen ſtatiſt. Bureaus 1865. S. 64.Chemnitz nahm 1861 — 64 um 18,73 %, alſo jährlich um 6 %, Glau - chau in derſelben Zeit um 16,34 %, Oelsnitz um195Die preußiſchen und ſächſiſchen Städte 1864.15,79 %, alſo beide jährlich auch über 5 % zu. Berlin hatte, während die ganze preußiſche Bevölkerung jähr - lich um ½ — 1½ % zunimmt, 1736 — 85 jährlich um 2,38 %, 1786 — 1802 jährlich um 1,15 %, 1802 — 46 um 2,93 %1Dieterici Mittheilungen II, 272 — 77. zugenommen, erſt in letzter Zeit ſtieg die Zunahme auf 3 — 4 %2Engel, die Induſtrie der großen Städte, im Berliner Gemeindekalender II, 134. jährlich. Das iſt eine unge - heure Zunahme, aber immer iſt ſie noch nicht ſo groß, als die der mittleren ſächſiſchen Induſtrieſtädte.
All das iſt ſehr wichtig für das Handwerk. Der Zug nach den Großſtädten vernichtet das kleine Hand - werk; die entgegenſtehende Erhaltung der kleinern und der Mittelſtädte friſtet das Daſein des kleinern ein - fachern Handwerksbetriebs.
Die verſchiedenen Arten des heutigen Handwerks. Das Klein - gewerbe im Dienſte der großen Induſtrie. Die Reparatur - gewerbe. Das Ausarbeiten heutzutage. Der Charakter des neuen ſpezialiſirten Handwerks und ſeine Vorausſetzungen. Beiſpiele deſſelben. Uebergang mancher Handwerke zur Haus - induſtrie. Die Organiſation der Hausinduſtrie; die Verhältniſſe, welche ihren Uebergang zur Fabrik wünſchenswerth machen; die Verhältniſſe welche die Hausinduſtrie erhalten. Das Genoſſen - ſchaftsweſen. Die Nürnberger Hausinduſtrie.
Die letzten Bemerkungen über die Zunahme auch der kleinern Städte deuteten ſchon darauf hin, daß der Umſchwung im Handwerksbetrieb immer bis jetzt nur ein partieller iſt. Mancherlei Umbildungen ſind erſt in ihren Anfängen vorhanden; ſie werden für manche Verhältniſſe, beſonders für das platte Land niemals erreichbar ſein, weil eben hier die Bedürfniſſe, die Verkehrseinrichtungen andere ſind. Die Eigenart mancher Gewerbe und der von ihnen produzirten Waaren ſchließen theilweiſe die modernen Veränderungen aus. Vorerſt aber möchte ich von dieſen letztern Ausnahmen abſehen und verſuchen, die Aenderungen im Allgemeinen zu ſchildern. Ich will dabei die zwei Seiten alles Geſchäftslebens, die Produktion und den Vertrieb der Waaren, in der Beſprechung aus -197Die verſchiedenen Arten des Handwerks.einanderhalten; im Ganzen geht ja auch die reale Richtung des Geſchäftslebens auf eine Trennung beider Seiten, wenn auch einzelne Neubildungen, wie das Ma - gazinſyſtem, nicht ſowohl eine vollſtändige Trennung als eine andere Art der Verbindung von Produktion und Vertrieb bezwecken.
Auch da übrigens, wo der Boden für moderne Ein - richtungen vollſtändig vorhanden iſt, bleiben noch viele Handwerksgeſchäfte alter Art, ja es bilden ſich gerade wieder durch die große Induſtrie Verhältniſſe, welche neben den neuern Geſchäften dieſen und jenen Meiſter in alter Weiſe beſchäftigen.
Wie früher als techniſche Gehülfen in den Familien, ſo arbeiten jetzt noch viele kleine Meiſter für große Unter - nehmungen. Auf großen Gütern iſt ein eigener Schmied, ein Stellmacher nothwendig; mancher Tiſchler und Bött - cher liefert ausſchließlich Kiſten und Fäſſer zur Verpackung in eine große Fabrik. Jedes größere induſtrielle Etabliſ - ſement hat ſeine Schloſſer -, ſeine Reparaturwerkſtätte. Mancher Buchbinder iſt ausſchließlich für dieſe oder jene große Verlagsfirma beſchäftigt. Dazu kommen nicht bloß für die großen, ſondern ebenſo für die kleinen Geſchäfte und die Wirthſchaften der Familien die Reparaturgewerbe. Mancher Schloſſer, Schmied, Stellmacher hat in ma - ſchinen - und induſtriereichen Gegenden heute ſo viel mit Reparaturen zu thun, als früher mit Neuanfertigungen. Wo jeder Junge von 10 Jahren eine Taſchenuhr trägt, wird ein Uhrmacher mit Reparaturen mehr verdienen, als mancher mit Uhrenanfertigung in einer Zeit, in welcher auf Tauſende von Menſchen erſt ein Uhrenbeſitzer kam.
198Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.Kleine Geſchäfte dieſer Art, die ihren Mann nähren, ſind auch heute noch möglich. Dagegen iſt es meiſt nur ein Zeichen verarmter überzähliger Meiſter, wenn heute wieder das Ausarbeiten in den Häuſern der Kunden zunimmt, wenn z. B. im Regierungsbezirk Arnsberg 1855 — 57 noch Schneider, Schuſter, Tiſchler und ähn - liche Handwerker bei ſolchem „ Ausarbeiten “mit 3 Sgr. täglich und freier Koſt zufrieden ſind, 5 Sgr. ſchon als einen guten Verdienſt ſchätzen. 1Jakobi, das Berg -, Hütten - und Gewerbeweſen des Regierungsbezirks Arnsberg. S. 531.Dazu wird heute in der Regel nur die Verarmung den kleinen Meiſter bewegen. Unter Umſtänden freilich, auf dem Lande, kann auch dieſe Art des Geſchäfts noch ganz am Platze ſein.
Meiſt aber verſchwindet ſie; eine andere Art der Geſchäftsführung iſt üblich geworden. Der tüchtige Meiſter ſucht auf Vorrath zu arbeiten, ſucht vor Allem einen mehr als lokalen Abſatz; er verſucht alle techniſchen Fortſchritte zu benutzen; er kauft einzelne Theile, die andere Geſchäfte beſſer liefern, von ihnen, beſchränkt ſich mehr noch in der Anfertigung als im Verkauf auf beſtimmte Spezialitäten; den veränderten Bedürfniſſen dienend, vielfach ganz neue Artikel anfertigend, braucht er verſchiedene Arbeitskräfte; hat er nur zwei bis drei Arbeiter, ſo gehören ſie doch häufig verſchiedenen früher getrennten Gewerben an.
Es iſt damit ſozial ein ganz anderer Stand von kleinen Unternehmern entſtanden, die nicht ſowohl durch die Größe des Geſchäfts und Kapitals als durch die199Der moderne Handwerksbetrieb.Art des Betriebs vom alten Handwerk und zwar zu ihrem Vortheil ſich unterſcheiden. Viele waren urſprüng - lich tüchtige Geſellen, oft einfache Arbeiter, manche ſind urſprünglich Kaufleute, — alle nennen ſich aber jetzt mit Vorliebe Fabrikanten, auch wenn ſie nur einen einzigen oder zwei Arbeiter beſchäftigen. Ihre andere ſoziale Stellung beruht weſentlich mit auf ihren Kennt - niſſen und ihren Verbindungen. Es ſind Leute, die auf Fortbildungs -, auf Gewerbe - und polytechniſchen Schulen etwas gelernt haben, Leute, die auf Reiſen, auf Jahr - markts - und Meßbeſuchen ſich Bezugsquellen und Abſatz verſchafft haben. Dieſe perſönlichen und geſchäftlichen Verbindungen ſind in den großen Städten leichter zu erwerben, ſie ſind es oft am meiſten, was dem unge - wandten kleinen Manne in abgelegenern Orten fehlt.
Immer gehört zu dieſer Art von Geſchäften einiges Kapital, zu einzelnen ſchon ein bedeutendes. Vielfach aber ſind es Geſchäfte, die in ſehr verſchiedener Aus - dehnung betrieben werden können. Techniſche Geſchicklich - keit und Marktkenntniß ſind meiſt wichtiger als ein großes Kapital. So wenig ich leugnen will, daß das große Kapital in manchen Beziehungen durch die Gewalt ſeiner Ueberlegenheit heute unberechtigte Gewinne macht, eine zu ungleiche Vermögensvertheilung noch ungleicher macht, ſo darf man auf der andern Seite da, wo gerade nicht ſowohl das Kapital als perſönliche Eigenſchaften den Ausſchlag geben, das nicht verſchweigen. Unfähigkeit, ſich in Neues zu finden, Unfähigkeit, ſich einer ganz regelmäßigen Thätigkeit zu unterwerfen, Unfähigkeit zu ſparen, wenn der Erwerb einmal flotter geht, niedrige200Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.Leidenſchaften, Trunk und Spiel, häusliche Mißverhält - niſſe ſind in den tiefern ſozialen Schichten häufiger, als in den höhern. Mag andere moraliſche Fäulniß in den höhern Schichten weit größer ſein, für den wirth - ſchaftlichen Erwerb ſtehen ſie höher, für den wirthſchaft - lichen Erwerb neuerer Art fehlen gerade dem Hand - werker oft die moraliſchen Qualitäten, die Erziehung, wie Schulze-Delitzſch das auch immer und immer wieder betont.
Als Beweis, daß zu dieſer neuen Art des Hand - werksbetriebs nicht ſowohl großes Kapital, als perſön - liche Eigenſchaften gehören, führe ich nur einige bekannte Beiſpiele an.
Die Gerberei hat ſich weſentlich umgebildet; es giebt große, aber auch noch mittlere und kleinere gute Geſchäfte. Die lederverarbeitenden Gewerbe ſind ſehr vielfältig geworden. Einzelne Geſchäfte fertigen nur Sattelzeug, andere nur Reiſezeug und Aehnliches. Hier - mit verwandt ſind eine Reihe von Buchbinderarbeiten, die zu ſelbſtändigen Geſchäften geworden ſind: die Anfer - tigung von Etuis, Futteralen, Mappen, Albums, Karten, Portefeuilles. Die Fabrikation von künſtlichen Blumen, von Papiermachéwaaren, von Spielkarten, von Horn - und andern Doſen, von Kämmen, von Düten, Fir - niſſen, Schmieren, Wichſen liegt meiſt in der Hand kleiner, aber für größern Abſatz arbeitender Geſchäfte. Von den Klempnern ſpezialiſirt ſich heute der eine auf Lampen, der andere auf Wagenlaternen, der dritte auf lackirte Waaren; auch im kleinſten Geſchäfte werden dabei die neuen Maſchinen, die Abkantmaſchine, die Biege -201Die Specialiſirung der Geſchäfte.maſchine, die Rundſchneidemaſchine angewandt. Geſchäfte, welche eiſerne Möbel liefern, haben einzelne Arbeiter in Berlin und in Frankfurt a / M. zu gleicher Zeit. Die Zuſammenſetzung, die letzte Ausſtattung erfolgt an irgend einem andern Orte. Aehnlich iſt es in vielen Branchen der Metallwaareninduſtrie.
Die Tiſchlerei hat ſich in die verſchiedenſten Zweige aufgelöst; da ſind die Hauptbranchen Bautiſchlerei und Möbeltiſchlerei; jede Branche hat verſchiedene Hülfs - gewerbe, welche einzelne Theile, Fourniere, Schnitzerei liefern. Aber jede hat in ſich noch eine weiter gehende Arbeitstheilung. Es giebt Meiſter, die nur Fenſter, die nur Thüren, nur Stücke zu Parketböden fertigen. Thüren - drücker und dergleichen aus Horn verfertigen für ein weites Abſatzgebiet zwei hieſige Drechslermeiſter, ſagt der Leipziger Handelskammerbericht von 1866. Einzelne Meiſter legen ſich nur auf Tiſche, andere auf Stühle, wieder andere auf Buffets. 1Siehe z. B. die Schilderung der Berliner Möbelinduſtrie in den preuß. Handelskammerberichten für 1866. S. 281.Verwandt mit dieſen ver - ſchiedenen Tiſchlergeſchäften, theilweiſe in den eigentlichen Holzhandel übergehend, ſind Geſchäfte, die Radfelgen, Speichen, Stäbe, Mauerlatten, Eiſenbahnſchwellen, Tele - graphenſtangen liefern, ſolche welche hauptſächlich die Imprägnation der letztern beſorgen.
Der ſtädtiſche Wagenbau, der Eiſenbahnwagen - bau, das Tapezier - und Polſtergewerbe braucht eine Reihe von einzelnen Hülfsgewerben, welche die maſſen - hafte Anfertigung einzelner Theile übernehmen.
202Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.Die Organiſation iſt in all dieſen Branchen ſehr wechſelvoll und verſchieden. Es giebt da meiſt große geſchloſſene Etabliſſements, aber eben ſo oft kleine ſich gegenſeitig in die Hände arbeitende Geſchäfte. Beſon - ders wo größere perſönliche Geſchicklichkeit und Kunſt - fertigkeit gefordert wird, da blühen die kleinen neben den größeren Geſchäften; die einen übernehmen das, die andern jenes. So in der Waffenfabrikation, in der Ver - fertigung von Beinwaaren, plattirten Waaren, Kupfer - waaren, Zinnapparaten, pharmazeutiſchen Apparaten, chirurgiſchen und muſikaliſchen Inſtrumenten. In Silber - waarenartikeln haben Meiſter und Fabrikanten in Berlin zuſammen 1864 112 Werkſtätten mit nur 475 Gehülfen oder Arbeitern. 1Preußiſche Handelskammerberichte für 1864. S. 68.Der ſtädtiſche Wagenbau wird in ſehr verſchiedener Ausdehnung betrieben; nur in den ganz großen Städten hat er ſich zu Geſchäften konzentrirt, welche die ganze umliegende Gegend verſehen. Am wenigſten ſind die Nahrungs -, die Bau - und die perſön - lichen Gewerbe von der ganzen Umbildung ergriffen, ſie bleiben ihrer Natur nach mehr lokal. Beinahe voll - ſtändig dagegen zur Großinduſtrie übergegangen iſt die Tapeten -, Hut -, Knopf -, Schirm -, Stock -, Seifen - und Lichterfabrikation.
Wenn das Arbeiten für größeren und entfernteren Abſatz in den Vordergrund tritt, ſo macht ſich bald geltend, daß die Geſchäfte am beſten prosperiren, wo ſie in größerer Zahl ſind, wo ſich Fachſchulen für das Gewerbe errichten laſſen, wo die Traditionen im Arbeiter -203Alte und neue Hausinduſtrien.ſtand die gleiche Richtung haben, wo die Kinder ſchon mit den Handgriffen und techniſchen Vortheilen vertraut werden. Für einzelne Geſchäftsbranchen iſt das nichts Neues; die ſchwarzwälder Uhreninduſtrie, die Bürſten - binderei in der Pfalz, die Anfertigung muſikaliſcher Inſtrumente und verſchiedener Blechwaaren in den ſächſi - ſchen Gebirgsgegenden, die Kleineiſeninduſtrie am Rhein und in Weſtfalen, die Holzſchnitzerei vieler Gebirgs - gegenden, die Strohmanufaktur, die Weberei aller Orten ſind Beiſpiele dafür. Neu iſt es, daß ſich für eine Reihe anderer Gewerbe, die früher nicht in dieſer Kon - zentration vorkamen, dieſelbe Tendenz zeigt. Die Ver - fertigung von Handſchuhen, von Schuhen und Stiefeln, die Verfertigung von fertigen Weißwaaren, Hemden, Hemdkragen, von fertigen Kleidern, die Korbflechterei, die Anfertigung von Spielwaaren, Gürtlerwaaren, Bein - waaren — alle dieſe Gewerbe ſind mehr und mehr zu Hausinduſtrien in einzelnen Gegenden geworden.
Die geſchäftliche Organiſation dieſer Hausinduſtrien iſt ſehr verſchieden, je nach dem erforderlichen Bildungs - grad, dem Verdienſt, den techniſchen Hülfsmitteln, die nothwendig ſind. Je höher nach allen dieſen Merk - malen eine Geſchäftsbranche ſteht, deſto mehr werden die kleinen Meiſter ſelbſtändige Unternehmer, Eigen - thümer von Rohſtoff und Maſchinen ſein, nur den Ver - kauf und etwa die letzte Vollendung und Verpackung dem Verleger überlaſſen. Bei der Uhreninduſtrie, bei manchen Produktionen von Metallwaaren übernimmt der einzelne Meiſter nur die Anfertigung beſtimmter Theile; da iſt die Zuſammenſetzung und Adjuſtirung der Waare204Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.das Hauptgeſchäft des Verlegers. Je tiefer Bildungs - grad, Geſchicklichkeit und Verdienſt der betreffenden Ar - beiter ſteht, deſto leichter kann der ſchlimme Fall ein - treten, daß mit einem zu großen Angebot von Arbeits - kräften der Lohn gedrückt iſt, der ſelbſtändige Beſitz der Arbeitsmittel aufhört, wie der ſelbſtändige Einkauf des Rohmaterials, daß eine große Zahl verarmter Familien von wenigen Fabrikanten abhängig wird, in der Noth ſich durch betrügeriſche Waarenlieferung zu helfen ſucht, zum verkommenen Proletariat herabſinkt.
Solche Zuſtände ſind es, wo der Uebergang zur Arbeit in geſchloſſenen Etabliſſements nur eine Beſſerung enthält, den Arbeiter unter Aufſicht und Kontrole ſtellt, ihn in geſündere Räume ſetzt, ihm von ſeiner Selbſtändigkeit nichts mehr nimmt, weil ſie doch nicht mehr vorhanden iſt. 1Siehe die ausgezeichnete kleine Schrift von Dr. med. Michaelis: Ueber den Einfluß einiger Gewerbezweige auf den Geſundheitszuſtand. Leipzig 1866.
Außerdem iſt der Uebergang von der Hausinduſtrie zum Fabrikbetrieb in großen Etabliſſements dann ange - zeigt, wenn große Maſchinen nöthig ſind, die ſich der kleine Meiſter nicht wohl halten kann. Die Maſchinen - weberei wird nur ſchwer in die Hütte des kleinen Mannes einkehren. Die Hausinduſtrie der Nagelſchmiede, der Bürſtenbinder, theilweiſe auch der Stickerei gewährt ein zu elendes Auskommen, als daß man nicht ihr Aufhören, ihren Erſatz durch Fabriken wünſchen müßte.
Abgeſehen aber von ſolchen Fällen, kann ſich die Hausinduſtrie, die ſo viele moraliſche und ſoziale Vor - züge hat, ſehr gut halten, und es geht viel zu weit,205Die mögliche Erhaltung der Hausinduſtrie.ihren Untergang allgemein zu prophezeihen. Für eine ganze Reihe von Thätigkeiten hat ſie mit der Näh - maſchine einen neuen Boden erhalten. Aus den ſächſi - ſchen Gegenden der Stick -, Näh - und Konfektionswaaren - induſtrie wird berichtet, daß zwar einerſeits die Zahl der Stickmaſchinen in den Fabriken zunimmt und ein bisher noch der Handſtickerei gehöriges Gebiet ſich zu eigen macht, daß dagegen für alle Arbeit, in der die gewöhn - liche Nähmaſchine ausreicht, die Hausinduſtrie wieder zunimmt. Der Hauptabſatz der Nähmaſchinen geht nicht an Fabriken, ſondern an Familien, an kleine Gewerb - treibende. Die Nähmaſchine, ſagt der Bericht von Plauen für 1865,1Preuß. Handelsarchiv Jahrg. 1867. I, S. 278. wird einestheils im Hauſe des Arbeiters längere Zeit als in geſchloſſenen Etabliſſements und deſſen regelmäßigen Arbeitsſtunden ausgebeutet und anderſeits dort als eigener Beſitz des Arbeiters vor - ſichtiger und pfleglicher behandelt. Der Arbeitgeber iſt frei von eigener Verantwortlichkeit für Verderb und Ver - ſchlechterung; die für Reparaturen erforderliche Zeit wird weſentlich abgekürzt. Manchfach haben die Verleger oder Kaufleute den Arbeitern die Nähmaſchine vorſchußweiſe angeſchafft. Kleine Abzüge am Lohn laſſen ſie ſukzeſſiv ins Eigenthum der arbeitenden Familie übergehen. Sicher ein erfreuliches Zeichen. Schon der eigene Beſitz eines ſolchen Kapitals, die dadurch dem Arbeitgeber gegenüber erreichte Selbſtändigkeit iſt ein Gewinn.
Aber auch ſonſt ſehen wir viele blühende Haus - induſtrien noch heut zu Tage. Ihre Erhaltung gegen -206Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.über dem Fabrikſyſtem hängt ab freilich in erſter Linie von der Technik, von der Thatſache, ob für eine Pro - duktion ganz große Maſchinen nothwendig werden, dann aber auch von der Geſchicklichkeit, der Rührigkeit, den moraliſchen Eigenſchaften im Kreiſe der kleinen Meiſter. Und All das hinwiederum ſteht im Zuſammenhang mit der geſchäftlichen Organiſation, mit der Thätigkeit von Gemeinde und Staat für Schulen und gemeinſame Inſtitute, mit der Entwickelung des Genoſſenſchaftsweſens unter den Leuten ſelbſt. Oft hat nur das letztere den hausinduſtriellen Betrieb, überhaupt die kleinern Ge - ſchäfte gegenüber den Fabriken erhalten. Beſonders ſchwer iſt es häufig für den kleinen Meiſter guten und billigen Rohſtoff, Leder, Garn, Tuch und Aehnliches zu kaufen. Es iſt nicht zu beſchreiben, wie der kleine Mann, der um jeden Preis Arbeit ſucht, da von gewiſſenloſen Händlern betrügeriſch übertheuert, durch abſichtlichen Lotterkredit in Abhängigkeit gebracht wird. Da wirken die Kreditvereine, die Rohſtoffgenoſſenſchaften Wunder. Ebenſo wichtig freilich ſind die gemeinſamen Verkaufsmagazine und beſonders gemeinſame Waſſer - oder Dampfkräfte mit den entſprechenden Einrichtungen, gemeinſame Walken und Appreturanſtalten für die Weber. Gemeinſame Unternehmungen der letztern Art ſind heut - zutage ſchon eher zu Stande zu bringen, auch iſt bei ihnen eine Intervention von Gemeinde und Staat weniger gefährlich als bei den eigentlichen Produktivaſſociationen. Da aber, wo für dieſe die moraliſchen und geſchäftlichen Eigenſchaften bei den kleinen Meiſtern vorhanden ſind, liegt in ihnen ſicher das beſte Mittel, das Handwerk207Das Genoſſenſchaftsweſen.zu retten, ihm einen Abſatz im Großen zu verſchaffen, den kleinen Meiſter der Hausinduſtrie zum Unternehmer zu erheben. Wo ſie gelingen und wo ſie mißlingen, da wiederholen ſie die Lehre, daß meiſt perſönliche Eigen - ſchaften wichtiger ſind oder gleich wichtig, wie die Kapital - beſchaffung. Uhrmacher, Tiſchler, Weber, Schneider, Schuhmacher, Buchdrucker, Maſchinenbauer, Stellmacher, Metallarbeiter und Klempner ſind es, die bis jetzt auf dem Wege der Produktivaſſociation ſich zu helfen ſuchten. Der Bericht1Schulze-Delitzſch, Jahresbericht für 1867 über die auf Selbſthülfe gegründeten deutſchen Erwerbs - und Wirthſchafts - genoſſenſchaften. Leipzig, Mayer 1868 S. 59. Der Bericht für 1865 S. 13 enthält beſonders lehrreiche Mittheilungen über die zwei Produktivgenoſſenſchaften der Berliner Chalesweber und der Freiburger Uhrmacher. Die übrige Literatur über dieſen Gegenſtand von Schulze, Huber und Anderen iſt zu bekannt, als daß ſie hier ſpeciell angeführt zu werden brauchte. Schulze’s für 1867 zählt bereits 36 ſolcher Unternehmungen auf und er umfaßt nicht alle, welche exiſtiren. Vieles ließe ſich noch über dieſes Thema ſagen. Da es aber ſonſt ſo vielfach beſprochen wird, ſo beſchränke ich mich darauf, nur im Allgemeinen noch einige Bei - ſpiele der ſich erhaltenden Hausinduſtrie zu erwähnen.
Die Korbflechterei iſt heute noch in manchen Ge - genden, wo auch für den Abſatz im Großen gearbeitet wird, ganz Sache kleiner Meiſter, z. B. in Frank - furt a. O., wo 30 handwerksmäßige Geſchäfte einen ſchwunghaften Abſatz an Tiſchen, Stühlen, Blumen - ſtändern, Waſchkörben, Körben zum Verpacken haben. 2Preußiſche Handelskammerberichte für 1865. S. 724.208Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.Dagegen iſt z. B. die große bairiſche Korbflechterindu - ſtrie in Oberfranken1Bavaria III, erſte Abtheilung, 462 — 65. neuerdings mehr und mehr in die Hände großer Kapitalbeſitzer übergegangen. Die Korbflechter erhalten das Rohmaterial vom Fabrikanten entweder zum Kaufe oder gegen Abzug am Lohn, ſie ſind ganz in ſeinen Händen. Die eine wie die andere Geſchäftsform iſt möglich; es handelt ſich für die kleinen Geſchäfte nur um eine richtige Organiſation in Bezug des Rohſtoffs und Vermittlung des Abſatzes. In Berlin exiſtirt ſeit einigen Jahren mit Erfolg eine Genoſſenſchaft von Korbmachern zum gemeinſamen Bezug des Rohſtoffes.
Die bedeutende Achatinduſtrie im Fürſtenthum Bir - kenfeld und im Regierungsbezirk Trier2Preußiſche Handelskammerberichte für 1867. S. 810. iſt heute noch ganz Sache der kleinen Achatſchleifmeiſter, Bohrer, Gold - ſchmiede, Graveure, Tombakſchmiede. Man zählte
Ein ſchönes Bild ſich erhaltender Hausinduſtrie gewährt vor Allem die früher ſchon erwähnte Nürn - berger und Fürther Induſtrie. Ich will nur Einiges nach der anziehenden Beſchreibung Dr. Beeg’s anführen. 3In der Bavaria III, zweite Abtheilung, S. 1059 — 1079.
Die Gegenſtände der Fabrikation ſind Spielwaaren, Meſſingwaaren und andere Metallwaaren, als Waagen, Gewichte, Schellen, Rollen, Hahnen, Zapfen, Feuer -209Die Nürnberger Hausinduſtrie.ſpritzen, phyſikaliſche Apparate, Rechenpfennige, Spiel - marken, Blattgold, Draht aller Art, Reißzeuge, Zirkel, Ahlen und Feilen, Ringe, Brochen, Haken, dann Kämme, Brillengläſer, Brillengeſtelle, optiſche Inſtrumente, Drechslerwaaren, Pfeifen, Zigarrenſpitzen, Papparbeiten, Buntpapier, Bilderbogen. Ein Lager Nürnberger Waaren zählt über 14000 Nummern, wobei die Größenver - ſchiedenheiten noch ungerechnet ſind. In dem Packlokal des Nürnberger Kaufmanns ſtehen Kiſten, welche nach Madras und Hongkong beſtimmt ſind, neben ſolchen, die nach Newyork, Mexiko oder Südamerika gehen werden. Der Kundige erkennt an dem Waarenmuſter, an der Verpackung den Beſtimmungsort: der Horn - kamm mit dieſen Verzierungen gehört nach Texas; dieſe ſchlanken Haken und Oeſen aus dünnem Draht finden nur in Südamerika Käufer.
Die Produktion, ſagt Beeg, geſchieht in der Regel fabrikartig, aber doch zugleich handwerksmäßig, indem ſich das Handwerk ebenſowohl für die einzelnen Artikel, als ſogar für manche Manipulationen in vielfacher Weiſe zergliedert hat. Die Werkſtätten ſind daher ſeltener in großen Fabrikpaläſten, ſondern meiſtens in den kleinen Wohnungen der arbeitſamen Gewerbtreibenden. Eine Hauptſtütze der kleinen Geſchäfte ſind die verſchie - denen Mühlen, beſonders die vom Magiſtrat 1854 ange - kaufte, umgebaute und hiefür eingerichtete Schwaben - mühle; es werden dort Lokale und Kraftbenutzung an Gewerbtreibende vermiethet. In der Schwabenmühle ſind 48 ſolcher Werkſtätten; man zahlt für 1 □ ΄ Boden - raum des Lokals 9 Kr., für die Benutzung einer ganzenSchmoller, Geſch. d. Kleingewerbe. 14210Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.Pferdekraft 300 Fl., einer halben 160 Fl., einer Viertels - kraft 90 Fl. jährlich. Erſt neuerdings haben auch Fabrik - beſitzer angefangen, ihre überſchüſſige Dampfkraft ſo an kleine Leute zu vermiethen.
Die kleinen Produzenten vermitteln theilweiſe den Abſatz ſelbſt, beſonders den in der Nähe, ſie beſuchen die Meſſen in Frankfurt a / M., Leipzig und München. Mehr aber noch überlaſſen ſie den Vertrieb dem Nürnberger Kaufmann, deſſen Lager mit den meiſten Nürnberger Waaren aſſortirt iſt. Der Kaufmann empfängt die aus - wärtigen Aufträge und beſtellt nach denſelben die mannig - fachen Artikel bei den verſchiedenen Werkſtätten gewöhn - lich vermittelſt Zettel mit beſtimmter Lieferzeit. Er iſt aber nicht bloß Kommiſſionär; er verſorgt die Ge - werbsleute gelegentlich mit neuen Muſtern, hält häufig Lager, läßt Vieles auf Spekulation arbeiten, ſendet Reiſende aus. Die für ihn arbeitenden Geſchäfte ſind aber völlig unabhängig. Es darf — ſo ſchließt Beeg ſeine Erzählung — die glückliche Organiſation dieſer Induſtrie nicht überſehen werden, welche den unabhän - gigen bürgerlichen Handwerksſtand zur Produktion für den großen Welthandel herangebildet und die Gefahren des Entſtehens eines Proletariates auf ein Kleinſtes ermäßigt hat.
Das Ladengeſchäft als Aushülfe, wenn die Produktion nicht geht. Die Schattenſeiten dieſer Ladengeſchäfte neben ihrer Nothwen - digkeit. Der ſtarke Zudrang zu ihnen und die Folgen für dieſe Geſchäfte. Der Wochenmarkt, ſoweit er von Handwerkern beſucht wird. Der Jahrmarkts - und Meßverkehr früher und jetzt. Der traditionelle Verkehr auf denſelben und ſeine Ab - nahme. Nachweis dieſer abnehmenden Bedeutung. Die Meſſen. Die Jahrmärkte, zugleich abhängig von Geſetzgebung, Ver - waltung und lokalen Nebenintereſſen. Die Verbindung der Jahrmärkte mit Vieh - und Spezialmärkten, die eine ganz andere wirthſchaftliche Bedeutung haben. Statiſtik der preußi - ſchen und ſächſiſchen Jahrmärkte.
Gehen wir nach dieſen Betrachtungen über die Aenderung in der Produktion auf die Aenderung im Vertrieb der produzirten Waaren über. Es handelt ſich dabei um die kleinen Detailverkaufsgeſchäfte, um den Markt - und Meßverkehr derſelben, dann um die grö - ßeren Magazine, die in der Regel zugleich irgendwie an der Produktion betheiligt ſind, und um den Hauſir - handel mit Handwerks - und andern Waaren.
Der lokale Verkauf bleibt unentbehrlich, wenn die lokale Produktion auch aufhört. Man will, man muß Läden aller Art in der Nähe haben. Je unbedeutender14 *212Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.die eigentlich gewerbliche Thätigkeit des Handwerkers meiſt wurde, deſto mehr trat das Ladengeſchäft in den Vordergrund; man fing an, neben den eigenen fremde Produkte, zuſammen paſſende und nicht zuſammen paſſende Artikel zu führen, wenn man nur Etwas wenigſtens verdiente. Der Buchbinder handelt mit Dinte, Federn und Papier, der Klempner mit Petroleum, der Friſeur und der Bürſtenbinder mit Oelen, Seifen, Parfümerien, alle verſuchen es mit Zigarren. Ein ſolcher Detailhandel war mit einzelnen Gewerben längſt verbunden. Geſetz - gebung und Theorie hatten ſich ſchon im vorigen Jahr - hundert viel damit beſchäftigt. Bergius meint,1Bergius, Polizeimagazin (neue Auflage 1786) IV, 392 - 93; vergl. auch Möſer, Patriot. Phant. I, 21 ff. II, 303. das Handwerk verliere jetzt dadurch ſo viel, daß der Meiſter im Laden ſtehe, daß ihm die Krämerei immer wichtiger werde; die Arbeit geſchehe durch nicht beaufſichtigte Ge - ſellen und Lehrlinge; Krämerei und Handwerk ſei nicht verträglich.
Es liegt in dieſem Vorwurf ſicher ein Keim von Wahrheit; der Handwerker mochte häufig ſo viel an techniſcher Geſchicklichkeit verlieren, als er an kaufmän - niſcher Gewandtheit und Spekulationsſinn gewann. Aber gleichviel, war der Detailverkauf Bedürfniß, gewann man dabei, ſo nahm er zu. Mochte der alte Zunft - meiſter bedenklich den Kopf dazu ſchütteln, mochten ein - zelne reaktionäre Geſetze, wie das hannöverſche2Bening, zur Gewerbeordnung. Hannover 1857. S. 44. vom 15. Juni 1848, nochmals den Verſuch machen, dem213Das kleine Ladengeſchäft.Handwerker zu verbieten, erkaufte Waaren im Laden auszuſtellen und Handel damit zu treiben; es war zu widerſinnig. Selbſt Vertheidiger der ſonſtigen alten Zunft - vorſchriften geſtehen jetzt das wenigſtens, daß jeder Unter - ſchied zwiſchen Handwerker und Kaufmann aufhören müſſe. 1Schübler, Gewerbefreiheit und Gewerbeordnung. Stutt - gart 1860. S. 29.Das Bedürfniß war da. Wo volle Gewerbe - freiheit eintritt, da zeigt ſich als Hauptfolge die ſtarke Zunahme dieſer kleinen Läden, wie ich oben bei Betrach - tung der einzelnen Staaten mehrfach hervorhob.
So ſehr das aber mit dem wirklichen Bedürfniß des lokalen Bedarfs zuſammenhängt, ſo wenig läßt ſich verkennen, daß dem Bedürfniß eine noch viel ſtärkere Neigung der Anbietenden entgegenkommt. Der Hannö - verſche Handelskammerbericht von 1867 bezeichnet es als eine förmliche Verirrung, daß das Handwerk, unfähig ſeine Produktion zu vervollkommnen, ſich ſo ausſchließlich auf den bloßen Handel gelegt habe; es habe da erſt recht die Macht des großen Kapitals kennen lernen müſſen, und jetzt erſt durch die vielen Mißerfolge klug gemacht, werde es ſich wieder mehr der Produktion zuwenden. 2Preußiſche Handelskammerberichte für 1867. S. 839.
Der ſtarke Zudrang iſt pſychologiſch leicht erklär - lich. Es iſt, wenn es gelingt von dem kleinen Laden zu leben, das bequemſte Geſchäft; ohne beſondern Fleiß, ohne Arbeit ſitzt der Mann hinter dem Ladentiſch, oft ſtundenlang Zigarren rauchend und Romane leſend. Liegt214Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.der Laden gut, ſo geht es doch; liegt er ſchlecht, ſo kommt der Konkurs, ob er ſich etwas mehr anſtrengt oder nicht. Sehr häufig aber kommt er; — ich bin ſicher, daß, wenn die Konkursliſten nach dieſer Richtung die Geſchäfte unterſchieden, ein ſehr großer Theil der Konkurſe als aus ſolchen Verhältniſſen herrührend ſich darſtellen würde. Die Handelskammerberichte beſtätigen das auch. 1Z. B. Jahresberichte der Handels - und Gewerbekammern in Württemberg für das Jahr 1862. S. 31.Es ſind dieſelben Motive, die der Schank - und Gaſtwirthſchaft und dem Detailhandel mit Viktua - lien leicht zu viele und zweifelhafte Exiſtenzen zuführen; es ſind dieſelben pſychologiſchen Urſachen, die in dieſen Kreiſen ſo leicht zu Betrug und Fälſchung führen, zu jenen Mißbildungen des Detailverkehrs, welche die Kon - ſumvereine nothwendig gemacht haben.
Gegen den Betrug kann eine ſtrenge Polizei, gegen den zu ſtarken Andrang auch zweifelhafter Perſönlich - keiten kann zunächſt nur die freie Konkurrenz helfen; abmeſſen läßt ſich das Bedürfniß zumal während der jetzt ſich umbildenden Verhältniſſe nicht.
Aber ſo viel iſt klar, daß gerade bei freieſter Kon - kurrenz die zahlreichen Geſchäfte derart immer kleine Gewinne machen werden. Nur wenige werden ſich zu einem großſtädtiſchen Magazin emporſchwingen; die andern werden um ſo kleiner bleiben, werden unter dem Niveau des alten Handwerks an Einkommen, wie an ſozialer Stellung des Inhabers ſtehen, werden leicht der Gefahr des Bankerotts, wie der Anwendung betrügeriſcher215Der Andrang zum Ladengeſchäft.Mittel verfallen, werden den ſchlechten Lotterkredit för - dern, weil ſie nur ſo ihre Kunden, die den ärmſten Volksklaſſen angehören, anziehen. Dennoch wäre jeder polizeiliche Eingriff da heutzutage nicht am Platze. Manchmal erhalten ſolche Ladengeſchäfte dadurch ihre volle ſittliche und wirthſchaftliche Berechtigung, daß Frau und Kinder den Kram und Verkauf beſorgen, während der Mann arbeitet, ſei es im eigenen oder in einem fremden Geſchäfte. Nur indirekt läßt ſich der zu zahl - reichen Gründung ſolcher Geſchäfte entgegenwirken, durch Verbreitung techniſcher Geſchicklichkeit, durch Erziehung des ganzen Volkes zur Arbeit, durch eine ſolche volkswirth - ſchaftliche Entwicklung, welche alle tüchtigen Kräfte beſſer verwendet, ſie überhebt, zu dieſem Nothbehelf zu greifen.
Neben dem Verkauf im Laden ſpielt der auf den Wochenmärkten immer noch eine Rolle.
Der eigentliche Wochenmarktsverkehr zwar berührt das Handwerk nicht. 1Zu vergl. über den Wochenmarkt: J. G. Hoffmann, die Befugniß zum Gewerbebetrieb, Berlin, Nicolai 1841. S. 328 — 344. Auch über dieſen Punkt ſind die Ausführungen Hoff - mann’s klaſſiſch; wenn auch theilweiſe nicht mehr den heutigen Verhältniſſen entſprechend, ſtehen ſie immer noch höher als Manches, was von abſtraktem unhiſtoriſchem Standpunkte die entgegengeſetzte Einſeitigkeit vertritt, wie z. B. in dieſem Punkt der Artikel von Karl Scholz „ der Wochenmarkt “in Faucher’s Vierteljahrsſchrift, XVII, S. 25 — 43Die Hauptſache auf dem Wochen - markt iſt ja nach Bedürfniß, nach Herkommen und geſetz - lichen Beſtimmungen der Kleinverkehr mit Viktualien, welche die ländlichen Produzenten, die Gemüſegärtner oder die Aufkäufer, die Höker zu Markte bringen. Daß auch216Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.dieſer Viktualienhandel in den großen Städten ſich um - bildet zu ſtehenden Verkaufshallen, großen Ladengeſchäften, iſt eine Sache für ſich, die uns hier nicht weiter beſchäftigt.
Je kleiner aber eine Stadt iſt, deſto mehr trifft man auf den Wochenmärkten noch Handwerkerprodukte daneben aufgeſtellt. Die preußiſche Verwaltung läßt überall grobe Korbwaaren und Töpferwaaren1Rönne, Gewerbepolizei II, 256. zu. Da - neben beſtimmt die Gewerbeordnung von 1845 (§ 78), daß in jedem Regierungsbezirk nach Ortsgewohnheit und Bedürfniß weitere Artikel zum Wochenmarktsverkehr gerechnet werden können. In dieſem Falle dürfen auch andere als Ortseinwohner ſie auf den Markt bringen. Die Gewerbetreibenden des Ortes ſelbſt dürfen natür - lich auf dem Markt zur Wochenmarktszeit alle Produkte, alle Handwerkerwaaren verkaufen, wenn ſie nach der Marktordnung eine Bude oder einen Stand haben, reſp. bezahlen. Der Entwurf einer Gewerbeordnung des norddeutſchen Bundes läßt es den Gemeinden offen, die - ſen Rechtszuſtand zu erhalten. 2Druckſachen des Reichstags I. Legislatur-Periode, Sitzungsperiode 1869. Nr. 19 Entwurf §§ 65 — 72. Motive S. 79. Im Geſetze jetzt §. 64, Abſatz 2.Die betreffenden Artikel fanden auch in der Berathung des Reichstages keine weſentliche Beanſtandung. Es liegt auch kein Bedürfniß vor, die Beſtimmungen zu ändern, z. B. unbedingt alle fremden Handwerker auch mit Waaren, die nicht Wochenmarktsartikel ſind, zuzulaſſen. Denn nicht fremde Handwerker, die durch Erklärung einer Waare als217Der Wochenmarkt.Wochenmarktsartikel erſt zugelaſſen werden, ſondern die ſtädtiſchen armen Handwerker ſtellen das Hauptkontin - gent zu dem Verkauf von Handwerkswaaren auf dem Wochenmarkte.
Es iſt ein zeitraubendes, ſchlechtes Geſchäft. Der tüchtige Handwerksmann, der ſeine Kunden, ſeinen Abſatz hat, läßt ſich in ſeinem Laden, in ſeiner Werkſtatt auf - ſuchen. Es ſuchen ſich mit dem Beziehen des Wochen - marktes die zu helfen, welche die Miethe für einen gut gelegenen Laden nicht erſchwingen können. Es iſt häufig das letzte Auskunftsmittel; deswegen kann gerade eine große Zahl dem Bankerott nahe ſtehender Kleingewerbe den Andrang zum Wochenmarktsverkehr zunächſt ſteigern.
Auch der Jahrmarktsverkehr iſt zu einem großen Theil auf dieſes Niveau herabgeſunken.
Die Jahrmärkte und Meſſen hatten früher einen andern Sinn. 1J. G. Hoffmann, die Befugniß zum Gewerbebetrieb S. 344 ff.Läden, Magazine mit reicher glänzender Auswahl gab es nicht, nach den großen Städten kam man nicht. Man war dem Zunftmeiſter des Ortes preisgegeben, der mancherlei Waaren gar nicht, andere nur unvollkommen hatte. Dem gegenüber ſchufen Märkte und Meſſen Tage und Wochen freier Konkurrenz, eine örtliche und zeitliche Konzentrirung von Angebot und Nachfrage. Der Konſument fand hier alle ſeltenern Artikel, eine reiche Auswahl, billige Preiſe. Der Pro - duzent, der Handwerker fand hier allein die Gelegen - heit, ſeinem Vorrathshandel Schwung zu geben. Die218Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.Bauern und Gutsbeſitzer der ländlichen Diſtrikte, die Hauptbeſucher des Marktes, richteten ihre Einkäufe an Kleidern und Stoffen, Haus - und Wirthſchaftsgeräth, an Spielwaaren für die Kinder ohnedieß gerne auf beſtimmte Tage und Zeiten, auf die, in welchen ſie ſelbſt verkauft hatten. Die traditionell ſich anſchließenden Volksfeſte, die Schauſtellungen und Thierbuden, die engliſchen Reiter und die Seiltänzer lockten Menſchen und Käufer von fern und nahe an. So waren die Meſſen und Märkte, ehe die Zeit der Eiſenbahnen kam, ein wichtiges Glied unſers Verkehrslebens, wichtig nicht nur für die kleinen und großen Händler, für den Abſatz von Fabrikwaaren, ſondern vor Allem auch für einen großen Theil der Handwerksinduſtrie.
Beſonders einzelne Gewerbetreibende, wie die Leb - küchler, die kleinen Weber, vor allen die Schuhmacher, dann auch die Verfertiger mancher Metallwaaren, die Gürtler, Inſtrumentenmacher, Meſſerſchmiede lebten zu einem großen Theile vom Jahrmarktsbeſuch. J. G. Hoff - mann1Die Bevölkerung des preußiſchen Staates S. 120. meint 1839, die höhere Zahl der Schuhmacher gegenüber den Schneidern gehe weſentlich auf den viel - fach üblichen Jahrmarktsbeſuch der Schuſter, der ſo viel Zeit koſte, zurück. Freilich fügt er ſchon damals hinzu: „ die Schuhmacher beziehen die Jahrmärkte in dem Maße mehr, worin ihr Gewerbebetrieb armſeliger wird. “
Das iſt jedenfalls heute noch mehr der Fall als damals. Manche zwar brauchen die Märkte und Meſſen zugleich als Berührungspunkte mit Abnehmern und Liefe -219Die Jahrmärkte und Meſſen früher und jetzt.ranten, die ſie nur ſo ſehen, nur ſo kennen lernen. Aber abgeſehen hiervon, beginnt man einzuſehen, daß bei dem Jahrmarktsbeſuch nicht viel herauskommt. Der tüchtige Geſchäftsmann iſt ſparſamer mit ſeiner Zeit geworden; er widmet ſich ausſchließlich der Produktion oder dem ſtehenden Ladengeſchäft. Das Publikum findet beinahe überall auch ohne Märkte Alles, was es braucht. Immer weniger ſuchen tüchtige Handwerker ihre Exiſtenz auf den Jahrmarkts - und Meßbeſuch zu gründen. — Auch hierdurch iſt dem kleinen Handwerk eine Poſition entzogen, auf die es bisher theilweiſe geſtützt war. Und ſie würde ihm längſt ſchon noch weiter entzogen ſein, wenn in dieſem Verkehr mehr wirkliches Verſtändniß und klares Intereſſe herrſchten, wenn nicht traditionelle An - ſichten der Hausfrauen und Dienſtboten, ſowie der ganzen ländlichen Bevölkerung, anerzogene und ſchwer ausrott - bare Irrthümer noch überwiegen würden.
So unzweifelhaft der Beginn dieſer veränderten Stellung der Meſſen und Jahrmärkte iſt, ſo ſchwer läßt er ſich ſtatiſtiſch oder durch anderweite ſichere Berichte nachweiſen.
Das große Meßgeſchäft berührt unſere Unterſuchung nicht direkt; doch ſei beiläufig bemerkt, daß auch es beinahe überall in Rückgang iſt. Das frühere Großmeßgeſchäft beruhte auf Privilegien, auf Ermäßigung der ſonſt über - mäßigen Zölle, Geleite, Stapel -, Wage -, Pflaſtergelder. Für die Meſſen trat der Nachlaß ein, die Großhändler und Fabrikanten ſtrömten herbei, um, dieſer Gunſt ſich erfreuend, an den Handwerker und Detailhändler nach Pfund und Elle zu verkaufen. Seitdem dieſe Verkehrs -220Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.erſchwerungen zum großen Theil wegfielen, hat die Meſſe nicht mehr die alte Bedeutung. 1Emminghaus, Meſſen und Märkte, Vierteljahrſchrift für Volkswirthſchaft. XVII. S. 65 ff., beſonders S. 78 — 84. Leipzig’s Handel und Meſſen ſeit Eintritt Sachſen’s in den Zoll - verein, Zeitſchr. d. ſächſ. ſtat. Bür. 1861. S. 1 — 16.Seitdem überdieß der Telegraph, die Poſt und die Eiſenbahn zuſammenwirken, um Angebot und Beſtellung, Probe und Waare, Wechſel und Baarzahlung raſch, billig und ſicher zu vermitteln, ſeitdem Handelsgeſetz und rechtliche Ordnung überhaupt dem Handelsverkehr eine größere Solidität geben, bleibt die Meſſe nur nothwendig für Waaren wie z. B. die Pelzwaaren, die nicht nach Probe zu verkaufen ſind, für Firmen, von denen man nicht gerne nach bloßer Probe kauft. Man will überhaupt manche Waare am Stücke ſehen. Und das iſt auch heute noch richtig, daß die große Auswahl und die Konkurrenz auf der Meſſe die Preiſe häufig noch erniedrigen. Für Leipzig, deſſen Meßgeſchäft allein nicht poſitiv abgenommen hat, kommt noch hinzu, daß ſich hier das ganze Großmeßgeſchäft des Zollvereins konzentrirt hat. Selbſt der Großmeßver - kehr Leipzig’s aber, der ja beſonders in Produkten der Zollvereinsinduſtrie immer noch bisher zunahm, iſt nicht ſo gewachſen, wie der übrige Verkehr des ganzen Zoll - vereins. „ Man könnte behaupten, daß der geſammte Meßverkehr Leipzig’s trotz ſeiner quantitativen Steige - rung gegenüber dem Geſammtverkehr und der Ge - ſammtproduktion des Zollvereins eine relativ niedrigere Stellung einnimmt, als kurz nach Gründung des Zoll -221Die Jahrmärkte und Meſſen früher und jetzt.vereins. “ 1Zeitſchrift d. ſächſ. ſtat. Bür. 1861. S. 14.Darüber aber ſind alle Kenner einig, daß nicht bloß in Folge des ſinkenden Großmeßgeſchäfts, ſondern auch aus den andern angeführten Urſachen der Kleinverkauf von Handwerkswaaren auf dieſen Meſſen in Braunſchweig, in Frankfurt a / M., in Frankfurt a / O., in Leipzig nicht mehr die alte Bedeu - tung hat.
In Bezug auf die eigentlichen Jahrmärkte iſt die Beurtheilung der abnehmenden Bedeutung dadurch ſchwie - rig, daß ſie meiſt nicht bloß Märkte für Kramwaaren und Handwerksprodukte ſind, ſondern ſich verbinden mit Vieh - und andern Spezialproduktenmärkten. Dieſe letz - tere Marktart hat heute noch ihre volle Berechtigung. Woll -, Leder -, Flachs -, Vieh -, Leinwandmärkte, Spezial - märkte, auf welchen z. B. Tiſchlerwaaren im Großen verkauft werden,2Vergl. Jahresberichte d. württ. Handelskammern 1865 S. 77. 1866 S. 32 — 33 über die Stuttgarter Möbelmeſſen. ſind auch heute noch am Platz. Derartige Märkte bilden ſich ſogar täglich neue und erhalten ſo theilweiſe mit den alten Krammarkt.
Außerdem kommt in Betracht, daß die Zahl der Märkte nicht bloß von dem wirklichen wirthſchaftlichen Bedürfniß abhängt, von der Frage, ob in den ſtehenden Läden die Waaren billiger und reeller zu kaufen ſind, auch nicht bloß von Gewohnheit und Einbildung, von der hergebrachten Neigung, ſich auf dem Jahrmarkt an - ſchwindeln zu laſſen, ſondern daneben vornehmlich von der Tendenz der Kommunalbehörden, durch Märkte den222Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.Verkehr am Orte zu beleben. Dieſe Tendenz ſelbſt iſt wieder abhängig von den beſtehenden Geſetzen und der beſtehenden Verwaltungspraxis über Jahrmärkte. In Preußen gelten über die Jahrmärkte noch die Beſtimmun - gen des Landrechtes, welche durch die Gewerbeordnung von 1845 nur näher beſtimmt worden ſind. 1Rönne, Gewerbepolizei II, 514. Staatsrecht, zweite Aufl. II, b, S. 376. Auch darin ändern der Entwurf der neuen Gewerbeordnung, ſowie die Beſchlüſſe des Reichstages nichts. Die Beſtimmung der Gewerbeordnung §. 65 lautet: „ Die Zahl, Zeit und Dauer der Meſſen, Jahr - und Wochenmärkte wird von der zuſtändigen Verwaltungsbehörde feſtgeſetzt. Den Martberech - tigten ſteht gegen eine ſolche Anordnung kein Widerſpruch zu. “Das Meß - und Marktrecht wird vom Landesherrn ertheilt, in der Regel nur an Städte. Die Feſtſtellung der einzelnen Märkte erfolgt jährlich durch die Regierung im Einver - ſtändniß mit den betreffenden Ortsbehörden. Je mehr in früherer Zeit durch die Regierungen und Grund - herrſchaften Marktprivilegien ertheilt worden waren, nur um eine Einnahmequelle zu Gunſten der berechtigten Ortſchaften zu ſchaffen, um ſo berechtigter erſcheint die Abſicht der preußiſchen Verwaltung, die Zahl der Jahr - märkte wenigſtens einigermaßen zu beſchränken. Dieſe Tendenz zeigt ſich klar in den zahlreichen Reſkripten, welche Rönne mittheilt. Aber ſie ſcheint nicht recht zum Ziele zu gelangen. In Poſen hatte man ſchon 1805 und 1817 die ſämmtlichen Märkte auf dem platten Lande aufgehoben. 2Herzog, die Entwicklung der gewerblichen Verhältniſſe im Regierungsbezirk Poſen ſeit 1815. Poſen 1867. S. 65 ff.Und doch heißt es noch 1830 in der223Die Verwaltungspraxis über Jahrmärkte.Kabinetsordre vom 21. Auguſt 1830, die Majorität des poſenſchen Landtags ſei mit den Staats - und Provinzial - behörden darin einverſtanden geweſen, daß die große Zahl der Jahrmärkte in dortiger Provinz auf die Sittlichkeit der Einwohner ebenſo nachtheilig wirke als auf das Auf - kommen des dortigen Verkehrs, und es ſollen daher in keiner Stadt jährlich mehr als vier Märkte gehalten werden.
In Sachſen hat das Gewerbegeſetz vom 15. Oktober 1861 die Tendenz, die Jahrmärkte zu beſchränken. Es ſollen von 1872 an in keinem Orte unter 10000 Ein - wohnern mehr als zwei, in keinem größern mehr als drei Jahrmärkte jährlich gehalten werden. „ Man ſcheint aber “— ſagt die Zeitſchrift des ſtat. Bureaus1Jahrgang 1866. S. 165. — „ in den meiſten Fällen dieſe Zeit bis 1872 für den Fortbe - ſtand der alten Einrichtung voll ausnutzen zu wollen. Wenigſtens iſt bis jetzt, nachdem die Hälfte jener Friſt verſtrichen iſt, erſt an ſehr wenigen Orten eine Reduktion eingetreten und beſteht noch an ſehr vielen Orten eine über das vom 1. Januar 1872 ab zuläſſige Maß hinausgehende Zahl von Jahrmärkten. “
Da überall die Intereſſen der Wirthe, der Schau - und Vergnügungsluſtigen, Nebenintereſſen noch ſchlim - merer Art mit dem allgemeinen lokalen Intereſſe zu - ſammenfallen, die Märkte zu erhalten, ſo iſt klar, daß zunächſt mehr ihre Bedeutung als ihre Zahl abnehmen muß. Immer aber zeigt eine nähere Betrachtung ſelbſt224Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.der bloßen Zahl der Märkte,1Mir iſt an ſtatiſt. Nachweiſen nur bekannt: Statiſtiſche Nachrichten über die Zahl der Jahrmärkte, welche im Preußiſchen Staate im Laufe des Jahres 1858 werden abgehalten werden, Mittheilungen des ſtat. Bur. in Berlin XI. S. 87 — 96. Der Marktverkehr, im Jahrbuch für die amtliche Statiſtik des Preuß. Staates I, 465, enthaltend ein Verzeichniß der Märkte von 1863. Die Jahr - und Viehmärkte im Königreich Sachſen und in Preußen, Zeitſchrift d. ſächſ. ſtatiſt. Bureaus 1866. S. 165 — 173. Märkte und Börſen, Königreich Württemberg 1863. S. 651 — 54. daß meine Behauptung im Allgemeinen richtig iſt.
Die Zahl der ſämmtlichen Jahr -, Vieh - und Pro - duktenmärkte war 1858 und 1867 folgende in Preußen:
Beſonders da die Vieh - und Produktenmärkte mit - begriffen ſind, iſt es begreiflich, daß in den öſtlichen Provinzen noch eine Zunahme der Jahrmärkte ſtattfindet. In den verkehrsarmen Strecken des platten Landes im Oſten ſind ſie heute noch am Platz, um Handwerks - waaren, wie Fabrikreſte und Ladenhüter, die in der Stadt nicht mehr gehen, die nicht mehr in der Mode ſind, aber ganz gut noch dem einfachen Bedürfniß ent - ſprechen, abzuſetzen. Dagegen ſehen wir, daß in Pom -225Die preußiſchen Jahrmärkte.mern, in Sachſen und am Rhein die Zahl der Jahr - märkte ſchon etwas, wenn auch wenig, abnimmt; in Pom - mern allerdings wohl nicht in Folge hochentwickelten Ver - kehrs, ſondern eher in Folge eines gewiſſen Stillſtandes.
Nach dem Stande von 1858 war die Bedeutung der preußiſchen Marktorte und Märkte folgende:
Die dicht bevölkerte Rheinprovinz hat die meiſten Marktorte der Fläche, Weſtfalen der Bevölkerung nach. Je mehr eine Provinz Marktorte hat, deſto weniger bedarf ſie der Märkte. An einem und demſelben Orte wurden durchſchnittlich im Jahre in Weſtfalen am wenig - ſten Märkte gehalten, nämlich 2½, in den öſtlichen Provinzen noch 5 — 6; die Jahrmärkte haben alſo hier noch eine viel größere Bedeutung. In der Rheinprovinz und Weſtfalen hat der Landbewohner durchſchnittlich bis zum nächſten Marktorte eine oder nicht einmal eine Meile zurückzulegen; er wird öfter, zu jeder Zeit in die Stadt kommen; damit tritt die Bedeutung des Jahrmarkts zurück. In Preußen und Pommern hat der Landbewohner 5 — 6 Meilen bis zum Marktorte zurück -Schmoller, Geſchichte d. Kleingewerbe. 15226Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.zulegen; da wird er viel ſeltner kommen, aber wenn er kommt, viel zu kaufen haben, und je weniger die Läden der Stadt bieten, deſto wichtiger wird ihm noch die Konzentration des Angebots auf einem Markte ſein. Schleſien hat im Verhältniß zur Bevölkerung die wenig - ſten Marktorte, erſt einen auf ungefähr 20000 Men - ſchen, dafür aber an einem Marktort jährlich 6 — 7 Märkte. Die Dauer der Märkte (zwiſchen 1,1 und 1,5 Tage auf einen Markt) vermag ich nicht auf allgemeine Urſachen zurückzuführen; es ſcheinen da mehr zufällige Momente zu walten.
Im Königreich Sachſen müßten nach dem hohen Kulturgrad, nach der Dichtigkeit der Bevölkerung, nach den zahlreichen Städten und Flecken mit Läden und Magazinen die Jahrmärkte entſchieden an Bedeutung und Zahl verlieren. Daß dies auch bis auf einen gewiſſen Grad der Fall iſt, beweiſen die Ausſprüche der Handelskammerberichte, wie z. B. der Chemnitzer von 1863 ſagt: „ Auf den Jahrmärkten hat ſich das Groſſogeſchäft bis auf ein Minimum reduzirt; ebenſo iſt auch im Detailhandel für reelle Geſchäfte nur noch wenig zu erzielen, da durch den ſich immer mehr ver - breitenden Handel in den Städten und auf dem Lande für die Befriedigung der Bedürfniſſe vollkommen geſorgt wird. Dagegen haben die Jahrmärkte jedenfalls den großen nachtheil, daß auf denſelben liederliche und un - ſolide Geſchäftsleute immer noch Gelegenheit finden, ihr1)Jahresbericht der Handels - und Gewerbekammer in Chemnitz 1863. Chemnitz, Focke 1864. S. 10. Auch die dor - tigen Ausſprüche über das Meßgeſchäft ſind intereſſant.227Die ſächſiſchen Jahrmärkte.Spiel zu treiben und dem ſoliden Verkäufer das Ge - ſchäft zu erſchweren, wenn nicht unmöglich zu machen. Die Bedeutung der Jahrmärkte hat ſich überlebt. Die - ſelben untergraben die Solidität des Kleinhandels, erſchweren an einzelnen Orten die naturgemäße Ent - wickelung deſſelben und erzeugen und friſten das Daſein eines handeltreibenden Proletariats. Die Verminderung und ſchließlich gänzliche Beſeitigung der Jahrmärkte wird deshalb den veränderten ſozialen Verhältniſſen der Jetzt - zeit entſprechen. “
Wir ſahen ſchon, daß dennoch die Geſammtzahl der ſächſiſchen Märkte zunächſt keine Neigung zur Ab - nahme hat. Aber innerhalb der Geſammtzahl liegen weſentliche Aenderungen, indem die Vieh - und Produkten - märkte zu, die Krammärkte abnehmen. Es waren nämlich:1Zeitſchrift des ſächſiſchen ſtatiſtiſchen Bureaus für 1866. S. 170.
Dieſe Zahlen beſtätigen ebenfalls die Richtung auf eine ſinkende Bedeutung der Krammärkte.
Wo und ſoweit die Jahrmärkte noch blühen, ſind die ausbietenden Verkäufer, wie auch der Chemnitzer Bericht andeutet, mehr reine Händler und Hauſirer, als Handwerker, es ſind Leute, welche den Handels - vertrieb ausſchließlich treiben und deswegen wieder eher dazu paſſen, als die produzirenden Handwerker, welche durch den Jahrmarktsbeſuch Zeit und Arbeitsluſt verlieren.
Die ſtädtiſchen Magazine, ihr Charakter, ihre Konkurrenz für das kleine Handwerk. Ihre Schattenſeiten, Humbug und Be - trug. Daneben ihre volkswirthſchaftliche Berechtigung. Das verſchiedene Verhältniß der Magazine zur Produktion, zu den Arbeitern oder kleinen Meiſtern. Die Uebelſtände und ihre Erklärung. Die Wirkung der großen Magazine über das ganze Land. Die Wanderlager oder umherziehenden Magazine. Der Hauſirhandel. Die verſchiedenen Thätigkeiten, die zu ihm gerechnet werden. Zur Geſchichte deſſelben. Die Hauſirer der ältern Zeit. Die Tendenz der Verwaltung, ſie zu be - ſchränken. Die von ſelbſt erfolgende Abnahme des alten Hauſirhandels. Die Wendung der neueſten Zeit auf Wieder - zunahme. Die Arten der Hauſirer, welche wieder zunehmen. Die Berechtigung dieſer Zunahme, neben der theilweiſe un - ſittlichen und proletariſchen Zunahme. Württembergiſche Ver - hältniſſe in dieſer Beziehung. Die Beſtimmungen der Ge - werbeordnung des norddeutſchen Bundes.
Wie der tüchtige vorwärtsſchreitende Handwerker den Bezug des Jahrmarkts aufgiebt, um keine koſtbare Arbeitszeit zu verlieren, ſo weiß auch der Händler mit Handwerksprodukten, daß er beſſer fährt, wenn er ſein Ladengeſchäft in der Stadt ſo ſteigern kann, daß es ihn ausſchließlich zu nähren, zu beſchäftigen vermag.
Wir ſprechen von einem Magazinſyſtem da, wo der kaufmänniſche Vertrieb den Schwerpunkt des Geſchäftes bildet. Der Bezug, die Anfertigung der Waaren iſt229Der Charakter des ſtädtiſchen Magazins.mannigfach; die Stellung des Unternehmers ebenſo: er iſt bald nur Kaufmann, bald Techniker, immer ein Mann etwas höherer Bildung und ſozialer Stellung. Größeres Kapital iſt die Vorausſetzung, große Vorräthe zur Auswahl bilden die Grundlage des Geſchäfts. Eine vom Geiſt moderner Spekulation geleitete Reklame, glän - zende Ausſtattung, koloſſale Schaufenſter, gewandtes Ein - gehen auf alle Bedürfniſſe des Publikums bilden die Mittel anzuziehen und einen großen Abſatz zu erhalten.
Die Magazine bilden die Hauptklage des kleinen Meiſters, ihre Konkurrenz nimmt ihm die Arbeit und würde ihm häufig noch gefährlicher werden, wenn das Magazin nicht meiſt Baarzahlung verlangte, während die Schneider und Schuſter oft erſt in einem Jahre, oft noch ſpäter bezahlt werden und dieſen ruinirenden Kredit nicht weigern können, da in der That ein großer Theil derer, die zu ihnen noch kommen, es nur thut, weil hergebrachter Maßen dieſer überlange Kredit im Verkehr mit dem kleinen Meiſter üblich iſt.
Aber nicht bloß der kleine Meiſter, auch mancher ſolide Geſchäftsmann warnt bedenklich vor dem Magazin, und es unterliegt keinem Zweifel, — das Magazinſyſtem iſt ſehr vielfach der eigentliche Tummelplatz des modernen Schwindels und Humbugs, ja der eigentlichen Betrügerei. Der Großhandel iſt reeller und ſolider geworden, weil ſich bei ihm in der Regel zwei Sachverſtändige gegen - über ſtehen. Im Laden und Magazin ſtehen ſich meiſt ein Sachverſtändiger und ein Laie, ein mit den Fälſchungen, mit der beſtimmten Waare überhaupt wenig oder gar nicht Vertrauter gegenüber.
230Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.Der rechte Spekulant geht aus von dem Grundſatz: mundus vult decipi, ergo decipiatur. Die glänzende Außenſeite der Produkte iſt ihm die Hauptſache, viel weniger die Haltbarkeit, die Solidität. Doch darf man nicht vergeſſen, daß die Waare, die er liefert, meiſt fabrikmäßig hergeſtellt iſt. Sie kann nicht die Voll - endung und Haltbarkeit haben, wie ein Produkt, das nach Angabe des Beſtellers gearbeitet, in allem Detail von der Hand des Meiſters ſelbſt geprüft iſt. Iſt die Waare nur entſprechend billig, ſo iſt das kein Vorwurf gegen ſie. Freilich geht oft die Unſolidität viel weiter, wenn es auch nicht oft vorgekommen ſein mag, daß Kleidermagazine geleimte ſtatt genähter Hoſen verkauften, die im Regen bedenkliche Reſultate geliefert haben ſollen.
Aber nicht bloß durch glänzend ausſehende Waare wirkt der Spekulant, der ſein Magazin in die Höhe treiben will. Alle erlaubten und unerlaubten Mittel der Täuſchung und der Reklame werden von gewiſſen - loſen Menſchen in Szene geſetzt; und, was das ſchlimme iſt, der eine kann nicht hinter dem andern zurückbleiben, ſo häuft ſich Täuſchung auf Täuſchung, Betrug auf Betrug. 1Ein ſehr intereſſanter Beleg hiefür iſt der zunächſt auf engliſche Verhältniſſe ſich beziehende Artikel in der Westminster Review 1859, Vol. XV New Series S. 357: „ the morals of trade. “ Ein anderer nicht unwichtiger Beitrag findet ſich in den „ Hausblättern “für 1866, Heft 21 S. 227: zur Geſchichte der Reklame, eine kulturhiſtoriſche Skizze von Hugo Schramm. Ferner: The humbugs of the world, by P. T. Barnum. London, Hotten 1865. Sind wir von amerikaniſchem, engliſchem231Die Schattenſeiten der Magazine.und franzöſiſchem Humbug noch weit entfernt, ſo ſind dieſe Dinge bei uns doch auch ſchon ſo entwickelt wie irgend wünſchenswerth. Der gewandte Rechtsanwalt und Handelsrichter weiß davon zu erzählen. Wie manchmal iſt der Fall ſchon durch ärgerliche Prozeſſe, die unter den Helfershelfern ausbrechen, ans Licht gekom - men, daß der ſpottbillige Verkauf guter Kleider in dieſem und jenem Magazin darauf beruhte, daß der Inhaber für 2000 Thaler einen Tuchvorrath kaufte und baar bezahlte, der 4000 — 5000 Thaler werth war. Der Verkäufer des Vorraths ſteht vor dem Bankerott und will noch etwas auf die Seite ſchaffen. Er verkauft, betrügt ſeine Gläubiger; Käufer und Verkäufer verpflichten ſich zu ſchweigen; in den Büchern wird die Sache irgend - wie vertuſcht, und Niemand erfährt etwas, wenn die ſaubern Geſchäftsfreunde nicht Händel bekommen. Andere Magazine helfen ſich wenigſtens dadurch, daß ſie keine andern Waaren als Konkurswaaren kaufen. Und in bewegter Spekulationszeit machen ſicher immer ſo viele Magazine Bankerott, daß aus ihren Zwangsauktionen billig zu kaufen iſt.
Ich will nicht behaupten, daß auch nur die Hälfte, auch nur ein Drittheil unſerer deutſchen Magazine an ſolchen Unlauterkeiten theilnehmen; aber immer wäre das Bild des Magazinſyſtems einſeitig, wenn man dieſe Auswüchſe nicht erwähnte. Sie ſind um ſo mehr zu erwähnen, als Polizei und öffentliche Meinung bei uns weniger als in entwickeltern Ländern dieſe Dinge ver - pönen, verfolgen, überhaupt kennen; um ſo mehr zu betonen, als doch trotz aller dieſer möglichen Uebelſtände232Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.zuzugeben iſt, daß das Magazinſyſtem heute eine volks - wirthſchaftliche Nothwendigkeit iſt.
Der beſte Beweis hiefür iſt, daß ſie trotz aller Klagen über ſchlechte Waaren ein immer größeres Publi - kum finden, immer mehr zunehmen. Und das hat ein - ſache volkswirthſchaftliche Urſachen. Die Arbeitstheilung zwiſchen Produktion und Vertrieb ermöglicht beſſere Pro - duktion und beſſern Vertrieb. Die Magazine ent - ſprechen dem heutigen Stande der Kapitalanſammlung, der Technik, der Geſchäftsorganiſation. Die Magazine haben Kapital und Kredit, die Konjunkturen zu benutzen, ſie bilden, wo ſie nicht ſelbſt produziren, für die Fabriken oder kleinen Produzenten ſichere, zahlungsfähige Abneh - mer; ſie kaufen, wenn ſie ſelbſt produziren laſſen, die Roh - und Hülfsſtoffe billig im Großen ein. Sie liefern billigere Waaren als früher, ſie bieten dem Publikum die große Auswahl zwiſchen fertigen Produkten, die es wünſcht. Die Waarenvorräthe, welche ſie halten, können als eine Art Reſervefonds für das ganze Volk betrachtet werden. Sind nur die Verhältniſſe richtig geordnet, ſo werden Preiſe und Betrieb durch die Magazine eher gleichmäßiger, Kriſen ſeltener. Das Magazin hält eine Mißgunſt der Konjunktur eher aus, als der kleine Meiſter; es wird auf Vorrath arbeiten laſſen, gerade wenn die Löhne gedrückt ſind.
Das Verhältniß der Magazine zu den Arbeitern iſt ſehr verſchieden. Einzelne haben eigene Arbeits - räume, wo ſie Arbeiter und Arbeiterinnen beſchäftigen; ſie ſind ganz auf dem Fuß einer Fabrik eingerichtet; der Arbeiter hier unterſcheidet ſich nur darin vom233Das Verhältniß der Magazine zur Produktion.gewöhnlichen Fabrikarbeiter, daß er ein gelernter Hand - werker iſt, dem entſprechend eine andere Stellung und andern Lohn beanſprucht.
Andere Magazine ſind ganz oder faſt ausſchließlich auf Einkauf fertiger Produkte, fertiger Lederwaaren, fertiger Kleider eingerichtet. Sie beziehen dieſelben von Fabriken oder von verſchiedenen Handwerksgeſchäften, welche ſelb - ſtändig die Rohſtoffe einkaufen und verarbeiten, welche ſich ausſchließlich auf einzelne Spezialitäten, z. B. auf die ausſchließliche Anfertigung von Damenmänteln werfen. Solche Handwerker arbeiten dann für eine Reihe von Magazinen, oft für Magazine an verſchiedenen Orten. Ihre Geſchäfte vervollkommnen ſich techniſch, ſind durch ihren Abſatz an verſchiedene Magazine unabhängig; ſie machen häufig gute Geſchäfte; es iſt kein allzugroßes Kapital zum Beginne nöthig. In dieſer Weiſe hat ſich in Thüringen und ganz Mitteldeutſchland vielfach die Schuhmacherei geſtaltet. Die kleinen Meiſter kaufen ſelbſt das Leder — beſonders da, wo Rohſtoffgenoſſen - ſchaften ihnen das erleichtern — und verkaufen die fer - tige Waare an die Magazine.
Häufig aber beſchäftigen die Magazine die kleinen Meiſter und Arbeiter ſo, daß ſie den Rohſtoff liefern, den Arbeiter in ſeiner eignen Wohnung arbeiten laſſen, ihm nur die Arbeit bezahlen. Von ſolchen Verhält - niſſen hauptſächlich geht die vielfach verbreitete Meinung aus, als ob das Magazinſyſtem an ſich identiſch ſei mit Lohnherabdrückung, mit blutiger Ausſaugung des Arbeiter - ſtandes. Dieſe Meinung irrt in ihrer Allgemeinheit ſchon deshalb, weil das Magazinſyſtem ganz verſchiedene234Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.geſchäftliche Organiſationen zuläßt, die gerade die Be - ziehungen zwiſchen dem Arbeiter und dem Magazin ganz verſchieden geſtalten.
Nur ſo viel läßt ſich im Allgemeinen ſagen, daß dem Magazininhaber meiſt der Vertrieb, der Verkauf die Hauptſache iſt, daß ihm die Produktion erſt in zweiter Linie ſteht, daß er alſo deswegen weniger In - tereſſe an ſeinen Arbeitern hat, als der eigentliche Fa - brikant und als der Verleger der Hausinduſtrie, deren eigenes Gedeihen mit dem Wohle der Arbeiter näher zuſammenhängt.
Ein Theil der Mißbräuche in dieſen Geſchäfts - verhältniſſen hängt mit dieſem Umſtande zuſammen; der größere Theil aber hat andere Urſachen, liegt in der allgemeinen Kriſis der Handwerksinduſtrie, in dem zu großen Angebot von Arbeitskräften, beſonders in ſolchen Gewerben, die leicht zu erlernen ſind, in denen der Zu - drang groß iſt, weil ſie bisher ohne bedeutendes Kapital leicht die Gründung eines eignen Geſchäfts erlaubten. Auch die früher mangelnde Freizügigkeit, die Schwer - fälligkeit in Ueberſiedelungen hat viel mitgewirkt; die Eiſenbahnen haben die Schwerpunkte des gewerblichen Lebens total verrückt; an einem Orte iſt der größte Arbeitermangel, am andern haben die Leute nichts mehr zu thun.
Wo ſo das Angebot an Arbeitern überwog, wo zahlreiche kleine Meiſter unbeſchäftigt waren, da haben die Magazine arbeiten laſſen. Sicher haben ſie die Unkenntniß und die Noth der armen Leute oftmals blutig und entſetzlich ausgenutzt. Aber meiſt geſchah es235Das Arbeiten für die Magazine.da, wo ohne die Magazine die Arbeiter gar keine Arbeit gefunden hätten, die Noth alſo noch größer geweſen wäre. Oft auch haben ſich die Schuhmacher und Schneider, welche für Magazine arbeiten, ſelbſt dadurch geſchadet, daß ſie das Magazin im Stiche ließen, wenn dieſes ihre Arbeit am nothwendigſten brauchte. Sie halten es häufig noch für eine Schande, für „ die Juden “zu arbeiten, ſie wollen eine eigene Kundſchaft erwerben und löſen, ſobald in einem günſtigen Geſchäftsjahr die Nach - frage ſteigt, ihren Zuſammenhang mit dem Magazin. Nun kommt wieder eine Geſchäftsſtille; der Verſuch, ein eigenes Geſchäft zu gründen, zeigt ſich als mißlungen; die Erſparniſſe ſind verbraucht. Der Magazininhaber wie der Meiſter ſind gegenſeitig erbittert; jeder ſchiebt den flauen Abſatz dem andern in die Schuhe. Und jetzt gerade muß der kleine Meiſter um jeden Preis Arbeit ſuchen!
So kann das Verhältniß ſein, ſo muß es nicht ſein. Hat ſich nach Umwandlung der Verhältniſſe die Zahl der Arbeitenden in ein richtiges Verhältniß zur Nachfrage geſtellt, iſt die Lage der Leute eine behag - lichere, beſſere, beſitzen ſie wenigſtens das nothwendige handwerkszeug ſelbſt, ſind ſie nicht durch Vorſchüſſe von einzelnen großen Unternehmern abhängig, ſo iſt ihre Lage nicht ſchlimm. Es fehlt ihnen die alte Selbſtän - digkeit des Handwerks, es fehlt ihnen die Möglichkeit, am Unternehmergewinn theilzunehmen; aber ſie haben ihr geſichertes Verdienſt, und wenn ſie ſehr geſchickt ſind, wenn ſie etwas erſparen, können ſie immer in die Reihe der Unternehmer ſelbſt wieder eintreten.
236Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.Die Wirkung der ſtädtiſchen Magazine beſchränkt ſich nicht auf die Städte; die ganze Umgegend der Stadt fängt an, bei ihnen zu kaufen; der ſchöne Laden beginnt auch dem Bauern zu imponiren, der ſtaunend vor den gro - ßen Spiegelfenſtern und ihrer Schauſtellung ſtehen bleibt. Die Eitelkeit ſpielt mit: mancher will hinter der Mode nicht zurückbleiben; die neueſte Mode, die neueſte Façon findet man in den großen ſchönen Läden. Die Eiſenbahn erleichtert den Beſuch ſelbſt für den ferner Wohnenden. Wie der Bauer gern in die Stadt, ſo geht der Be - wohner des Städtchens gerne auf einen Tag in die Hauptſtadt der Provinz; der wohlhabende Bewohner der Provinzialhauptſtadt aber würde es unter ſeiner Würde finden, wenn er nicht Möbel und Kleider von Berlin bezöge; die vornehme Berlinerin hat ihre Putzmacherin in Paris, nur dort kann ſie die neuen ſeidenen Roben einkaufen und erträglich machen laſſen. Berliner Möbel ſind nächſtens in den Magazinen aller deutſchen Städte; es iſt daſſelbe Holz, dieſelbe Arbeit, dieſelben Modelle; aber der „ Gebildete “reist doch nach Berlin, um dort einzukaufen, und ſicher findet er auch da eine noch größere Auswahl, die ſchönſten Stücke, die billigſten Engros-Preiſe, oftmals freilich auch noch mehr Täuſchung und Betrug, als zu Hauſe.
Aber auch für Denjenigen, der nicht die Reiſen nach der Provinzial - oder Landeshauptſtadt machen kann, hat die wachſende Spekulation Gelegenheit geſchaffen, die Magazinwaaren zu kaufen, durch die wandernden Maga - zine, welche den Uebergang zu dem eigentlichen Hauſir - handel bilden.
237Die Wanderlager.Man wird dieſen Wandermagazinen nicht voll - ſtändig die volkswirthſchaftliche Berechtigung abſprechen dürfen. Wenn an einem Orte ein Geſchäft nicht das ganze Jahr zu thun findet, ſo kann der Wechſel des Ortes von Monat zu Monat am Platze ſein. Die Funktion, neue Bedürfniſſe in abgelegenen Orten zu wecken, iſt ebenfalls eine berechtigte, wenn ſie nicht zu weit geht.
Auf der andern Seite aber iſt ebenſo unzweifelhaft, daß ſolche Wandermagazine mehr als jeder andere Ge - werbebetrieb es auf Täuſchung des Publikums, auf Umgehung der Gewerbeſteuer anlegen. Die Reklame, das Aushängeſchild des Ausverkaufs, die verführeriſche Form der Auktionen muß helfen einen ſchnellen Abſatz zu bewerkſtelligen, und bis die Käufer den Schaden merken, iſt das Magazin längſt an einem andern Orte. Was ich oben von den Schattenſeiten der ſtehenden Magazine ſagte, gilt doppelt und dreifach von den wandernden.
Die großen Klagen in Württemberg über der - artige Wandermagazine erwähnte ich ſchon oben. Seit die Gewerbeſteuer dieſer Art von Geſchäften geregelt iſt (1865), hat aber das wandernde Ausbieten von ganzen Waarenlagern in Wirths - und Privat - häuſern wieder weſentlich abgenommen. 1Württ. Handelskammerberichte für 1865. S. 119.Das neue Bairiſche Gewerbegeſetz hat trotz ſeiner ſonſt durchaus liberalen Richtung die Beſtimmung, daß die ſogenannten Wanderlager von der ortspolizeilichen Bewilligung ab -238Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.hängen und einer beſondern Abgabe für die Gemeinde - kaſſe des betreffenden Ortes unterliegen. 1Art. 21. ſ. die angeführten Erläuterungen von Schöller S. 79 — 80.Der große Erguß von Berliner Spekulanten über Thüringen und ganz Mitteldeutſchland in der Form von Wanderlagern, über den jetzt allerwärts geklagt iſt, ſcheint auch mit einer mangelhaften Regelung der Steuerverhältniſſe zu - ſammenzuhängen; vielfach ſind natürlich die Klagen über - trieben, ſie zeigen theilweiſe nur, daß Konkurrenz kommt, und daß ſie ungeſchickten Meiſtern und uncoulanten kenntnißloſen kleinen Händlern unbequem iſt. Wandernde wie ſtehende Magazine, welche Fabrikwaaren verkaufen, hätten ja überhaupt unendlich weniger zu thun, wenn die Kunden bei den kleinen Meiſtern etwas beſſere und kunſtgerechtere Produkte im Falle der Beſtellung erhielten.
Wenden wir uns endlich zum eigentlichen Hauſir - handel, der freilich nur theilweiſe hierher gehört, nur theilweiſe dem kleinen Handwerker und ſeinem Laden - geſchäft Konkurrenz macht.
Es werden zum Hauſirhandel im weitern Sinne ziemlich verſchiedene Handels - und Gewerbebetriebe gerechnet: Leute, welche ihre Dienſte anbieten, wie Scheerenſchleifer, Keſſelflicker, Topfbinder, Kaſtrirer, die in weiter Ferne herumkommen, und Glaſer, die mit Glasſcheiben und Werkzeug nur in der nächſten Umgegend Nachfrage halten, ob irgendwo eine Reparatur noth - wendig ſei; Händler, welche alle Arten von Kramwaaren vertreiben, und ſolche, die von einzelnen Induſtrien aus -239Der Hauſirhandel.geſendet, ihre Produkte in die weiteſte Ferne bringen, dieſen Induſtrien vielfach erſt Abſatz ſchaffen; dann wie - der Sammler von Abfällen, Aufkäufer von Obſt, Ge - flügel, Eier, Garnſammler und wandernde Flachsver - käufer, die letztgenannten alles Leute, die mit feſtem Wohnſitz den Verkehr höchſtens auf einige Meilen ver - mitteln, in kurzen Zeiträumen immer wieder erſcheinen.
Dieſe Verſchiedenheit derjenigen, die man unter dem Begriff der Hauſirer umfaßt, und die bisher nach den meiſten Geſetzgebungen ziemlich gleichmäßig unter den geſetz - lichen Beſtimmungen über den Gewerbebetrieb im Umher - ziehen ſtanden, erklärt auch die Verſchiedenheit der An - ſichten über Werth und Berechtigung des Hauſirhandels. Je nachdem die eine oder andere Art vorwiegt, je nachdem die ſonſtigen begleitenden Kulturzuſtände ſind, muß das Urtheil anders ausfallen. Ich will nur flüchtig anzu - deuten ſuchen, wie je nach den verſchiedenen Branchen, je nach den Zeitverhältniſſen der Hauſirhandel zu - oder abnehmen mußte, günſtiger oder ungünſtiger beurtheilt wurde.
Bei ganz rohen Zuſtänden, wie heute noch in vielen Gegenden Nordamerika’s, iſt der Hauſirer der einzige Vermittler mit der übrigen Kulturwelt, der ein - zige, der Kunſtprodukte, Gewebe, Nadel und Faden, Geräthe und Inſtrumente dem abgelegen wohnenden Landmanne bringt. Der römiſche Hauſirer durchzog die germaniſchen Lande; ähnliche Dienſte leiſtete im Mittel - alter der Jude, der Lombarde, der Zigeuner, ſpäter auch viele Deutſche ſelbſt. In armen gebirgigen Gegen - den warfen ſich ganze Ortſchaften auf dieſen mühevollen240Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.Erwerb und haben ſich bis in die neuere Zeit ſo erhalten. Ich erwähne aus Süddeutſchland die naſſauiſchen Töpfer - händler, die ſchwarzwälder Uhrenhändler, aus Nord - deutſchland vor Allem die Hauſirer Weſtfalens, die Winterberger und Weſtfälinger, die Händler aus dem Hückengrunde, die mit Holz -, Töpfer - und Eiſenwaaren, mit Hopfen und andern Waaren durch die Welt zogen, die früher vorzüglich nach Dänemark, nach Schweden und Norwegen bis in die einſamſten Thäler vordrangen, deutſche Waaren abſetzten und dafür den Feuerſchwamm mitbrachten. In Weſtfalen gibt es noch bis in die neuere Zeit Städtchen und Dörfer von 1000 — 6000 Ein - wohnern mit mehreren Hundert Hauſirern. 1Jacobi, das Berg -, Hütten - und Gewerbeweſen des Regbz. Arnsberg, S. 488 ff.Zu Tauſen - den zogen ſie aus jenen Gegenden jedes Frühjahr aus. 2Ulmenſtein, über den Hauſirhandel, Archiv d. pol. Oek. von Rau I, S. 213 und passim.
Waren immer ſchon viele ſchlimme Elemente unter einer derartigen Bevölkerung, war das noch mehr der Fall an der polniſchen Grenze, wo unter Juden und Polen noch mehr nomadenhafte Gewohnheiten und Hang zu Betrug und Diebſtahl exiſtirten, immer gab es unter ihnen ſehr viele ehrliche, tüchtige Leute. Aber neben ihnen finden wir früh ganz andere Elemente, die mit Recht die ſtrengſte polizeiliche Ueberwachung heraus - forderten. Aus den fahrenden Leuten des Mittelalters wird nach der Reformationszeit, noch mehr nach dem dreißigjährigen Kriege eine wahre Landeskalamität; die Verwilderung hatte alle ſittlichen Bande zerſtört. Die241Die vagabundirenden Hauſirer.Arbeitsſcheu ſchwellte damals den Hauſirhandel unnatür - lich an. Die Bevölkerung ganzer Dörfer, ganzer Gegen - den hatte ſich in fahrende Diebs - und Räuberbanden verwandelt. Mißbräuche aller Art nahmen zu. Schleich - handel, Kundſchafterei für Diebsbanden, Diebshehlerei, wenn nicht Schlimmeres, Quackſalberei, ſyſtematiſcher Betrug, Verkauf unſittlicher Bilder und verbotener Schriften galten für identiſch mit Hauſirhandel, und bis in die neuere Zeit trifft man nur allzureiche Spuren hiervon.
Eine gewaltthätige Geſetzgebung ſuchte dieſes Geſindel wieder zu ſeßhaftem Leben zu bringen, ſuchte mit allen Mitteln dieſem unſteten Leben entgegen zu wirken; und als längſt ſchon in andern Gebieten die abſtrakte Theorie von der Freiheit alles wirthſchaftlichen Verkehrs als unbedingtes Dogma galt, war in Bezug auf den Hauſir - handel Theorie und Praxis einig, war bemüht, den Hauſirhandel möglichſt zu beſchränken, das ſtehende Ge - werbe vor ſeiner Konkurrenz zu ſchützen. Von dieſem Geiſte ſind die Hauſirgeſetze bis in die neuere Zeit beherrſcht. Auf dieſem Standpunkt ſteht z. B. noch 1841 Hoffmann,1Die Befugniß zum Gewerbebetrieb S. 240. dem Rönne2Gewerbepolizei II. 224. dieſelben Worte noch 1851 unbedingt nachſpricht, wenn er ſagt: „ Die Fortdauer des Gewerbebetriebs im Umherziehen auf der Bildungs - ſtufe, worauf ſich Deutſchland und Preußen insbeſondere befindet, iſt eine merkwürdige Erſcheinung. Eine Noth - wendigkeit derſelben iſt durchaus unerweislich. “
Schmoller, Geſch. d. Kleingewerbe. 16242Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.Das preußiſche Regulativ vom 28. April 1824, das bis jetzt gegolten hat, war übrigens in relativ liberalem Geiſte gehalten. Hoffmann findet, daß es viel zu ſehr die Dinge ſich ſelbſt überlaſſe, wenn es auch auf der andern Seite durch die hohe Gewerbeſteuer für den Gewerbebetrieb im Umherziehen an einzelnen Punkten wieder einſchränkend wirke. Für Denjenigen, dem die Verwaltungspraxis in den verſchiedenen Landes - theilen nicht genau bekannt iſt, iſt es ſchwer, ein ſelb - ſtändiges Urtheil darüber zu fällen, in wie weit die Geſetzgebung, in wie weit die andern Urſachen, die realen wirthſchaftlichen Bedürfniſſe auf Zunahme oder Abnahme des Hauſirhandels gewirkt haben. Jedenfalls iſt anzunehmen, daß die Verwaltungspraxis in Preußen von 1824 bis zur Gegenwart ungefähr dieſelbe blieb, daß alſo die Stabilität des Hauſirhandels früher und die Zunahme, die neuerdings eingetreten iſt, auf andere Urſachen zurückzuführen ſind.
Im Ganzen wird man behaupten dürfen, daß die wirthſchaftlichen Verhältniſſe, die ſteigende Oeffentlichkeit und Moralität bis in die neuere Zeit in ähnlichem Sinne wirkten, wie die Hauſirgeſetze. Der Hauſirhan - del, der nur dem Vagabundenleben zum Schilde dient, hat entſchieden abgenommen. Und nicht bloß der unſolide, auch der ſolide Hauſirhandel iſt theilweiſe nicht mehr ſo nothwendig wie früher. Seit der neuern Zunahme des Verkehrs hängen nicht mehr, wie früher, ganze Induſtriezweige vom Abſatz der Hauſirer ab. Die Nürnberger und Fürther Induſtrie, die ſchwarzwälder Uhreninduſtrie, die rheinbairiſche Bürſten - und Beſen -243Die Abnahme des ältern Hauſirhandels.induſtrie ſetzen ihre Produkte jetzt mehr auf andere Weiſe ab. Der Tyroler Hauſirer mit ſeinen Lederwaaren und Handſchuhen beſucht jetzt die Meſſen und Märkte, vielfach hat er ſich feſt angeſiedelt, als Hauſirer trifft man ihn ſelten mehr. Die Gegenden und Ortſchaften, die beinahe ausſchließlich vom Hauſirhandel lebten, gehen weſentlich zurück oder nehmen die Betriebsweiſen eines geordneten ſtehenden Handels an. Wenn der weſt - fäliſche Hauſirer — ſo erzählt Jacobi — früher oft 1000 Fl. von einer Jahrestour aus Holland zurück - brachte, ſo iſt er jetzt mit 100 Thlr. durchſchnittlich zu - frieden. In immer weitere Kreiſe muß er ziehen, um ſich zu nähren. Von den ſüddeutſchen Hauſirern der Ehninger Gegend, die in aller Welt bekannt ſind, berichtet Mährlen:1Königreich Württemberg S. 623. „ Der Hauſirhandel, wie er bisher von den Krämern in Ehningen mit einem Jahresum - ſchlag von einigen Millionen Gulden betrieben wurde, iſt in ſtarker Abnahme begriffen, und es haben manche der zahlreichen Firmen dieſes Orts bereits angefangen, ihren Uebergang zur Seßhaftigkeit durch Kommanditen im In - und Auslande anzubahnen. “ Während aber ſo auf der einen Seite von ſelbſt und durch die Be - mühung der Verwaltung einzelne Arten des Hauſir - handels abnahmen, mußten die neueſten Verkehrs - änderungen wieder andere zur Ausdehnung veran - laſſen.
Ladengeſchäfte und Handwerk nahmen ſeit der Zeit der Eiſenbahnen auf dem Lande nicht mehr ſo zu wie16 *244Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.früher; der Jahr - und Wochenmarktsbeſuch iſt nicht mehr derſelbe. Der Bauer hat nicht mehr Zeit, ſo oft zu Markte zu fahren und ganze Tage mit Verkaufen und Einkaufen zu verlieren. Der Hauſirer kann billigere und beſſere Waaren liefern, als der Laden im Dorfe. Der Hauſirer mit Kramwaaren, mit Weißwaaren, mit Küchengeſchirr, gewinnt dadurch eher wieder. Mancherlei Neues wird heute produzirt; Bedürfniſſe und Anſprüche ändern ſich; in abgelegenere Gegenden kommt dieſes Neue nur durch den Hauſirer. Vor Allem aber mußte der einkaufende Hauſirhandel zunehmen. Der Viktualien - handel iſt meiſt jetzt in den Händen ſolcher kleinen Kommiſſionäre, welche bisher in Preußen einen Hauſir - ſchein brauchten. Sie kaufen für den Müller die kleinen Getreidepoſten zuſammen, ſie liefern dem Geflügel - händler, dem Eier -, Butter - und Milchhändler der Stadt ihre Waaren. Aber faſt immer verbindet ſich damit ein Vertrieb von Waaren, welche der Landmann braucht; ſie beſorgen dem Bauern dies und jenes in der Stadt, kaufen dort für ihn ein. Außerdem iſt man heute bemüht, die Abfälle beſſer zu nützen als früher. Altes Eiſen, Lumpen laſſen ſich ſchwer anders ſammeln als durch den Hauſirer, ſie würden nicht benutzt, wenn der Hauſirer ſie nicht holte. Die meiſten derartigen Geſchäfte ſind in den Händen nicht ganz unbemittelter Leute; ſie müſſen baar zahlen und gegen Kredit ver - kaufen, wenigſtens die an die Viktualienhändler der Stadt verkaufenden. Dazu gehört einiges Kapital.
Das erklärt, warum in neuerer Zeit die Zahl der ſogenannten Hauſirer reſp. der Hauſirpatente auch bei245Die neueſte Zunahme des Hauſirhandels.gleichbleibender Geſetzgebung zunahm, erklärt, warum bei einer Erleichterung des Hauſirhandels durch eine liberalere Geſetzgebung der Zudrang ein ſo großer iſt, obwohl damit nicht geleugnet werden ſoll, daß, wenn eine ſolche Geſetzesänderung eintritt, auch eine Reihe unlauterer Motive, ſowie die ſteigende Zahl der Bevöl - kerung an ſich zur Ausdehnung mitwirken.
Die Zahl der jährlich in Preußen nachgeſuchten und ertheilten Hauſirſcheine iſt mir leider nur für ein - zelne Jahre bekannt. Die Zahlen der in der amtlichen Statiſtik ſeit 1837 angeführten Gewerbetreibenden dieſer Art ſind mir zu einem ſtrengen Beweis nicht ganz un - verdächtig; denn einmal ſtimmen ſie nicht überein mit der Zahl der aus einzelnen Jahren mir bekannten Hauſirſcheine; das hat wohl ſeinen Grund darin, daß nur die ausſchließlich als Hauſirer lebenden Perſonen in der Gewerbetabelle unter dieſer Rubrik gezählt werden. Dann iſt die aufzunehmende Kategorie aber auch nicht immer gleich gefaßt geweſen. Immerhin will ich die Zahlen mittheilen und verſuchen, zu folgern, was ſie ungefähr enthalten.
Die aufzunehmende Kategorie lautete zuerſt1Dieterici, ſtatiſt. Ueberſicht. 2te Fortſ. S. 617. „ herumziehende Krämer, “ſpäter „ herumziehende Krämer und Lumpenſammler; “die Pferde - und Viehhändler waren nicht darunter; ſie machen 1858 noch eine beſon - dere Kategorie aus (12112 Perſonen zuſammen mit Kohlen -, Pech -, Theerhändlern und Trödlern). Im246Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.Jahre 1861 ſind die Kategorien etwas andere. Die Rubrik „ Pferde -, Vieh -, Pech -, Theer -, Kohlenhändler und Trödler “fehlt ganz. Die Hauſirer ſind ſo gefaßt: „ herumziehende Krämer, Lumpenſammler und andere herumziehende Händler. “ Darnach iſt ein Theil der 1858 unter den 12112 Perſonen ſteckenden Händler jetzt hier mitverzeichnet, aber auch nur ein Theil, z. B. die Trödler nicht, wonach die Zahl für 1861 alſo, um mit den früheren Zahlen vergleichbar zu werden, um einige Tauſend reduzirt werden müßte.
Die Zahlen ſelbſt ſind folgende: 1837. 15753 1840. 16237 1843. 18146 1846. 21049 1849. 16724 1852. 20404 1855. 21214 1858. 22497 1861. 44411.
Nach dieſer Tabelle würde die Zahl der Hauſirer von 1837 bis 58 ſich kaum, nur etwa der Bevölkerungs - bewegung entſprechend, vermehrt haben. Die vorüber - gehende Steigerung 1846 erklärt ſich aus der damaligen Noth und Stockung der Kleingewerbe, welche Manche nöthigte, auf dem Wege des Hauſirens ſich durchzu - bringen. Für 1858 — 61 bleibt eine bedeutende Zu - nahme, man mag auch tauſende von der Zahl wegen anderer Faſſung der Rubrik abziehen. Und dieſe Zu - nahme halte ich gerade von 1858 ab nicht für un - wahrſcheinlich.
247Die Preußiſche Statiſtik des Hauſirhandels.Es iſt daneben nicht ohne Intereſſe auf die Ver - theilung der Hauſirer nach Provinzen 1837 und 1861 einen Blick zu werfen:
Wo am meiſten Verkehr und Induſtrie, wo der Kleinbeſitz vertreten, wo die wirthſchaftliche Kultur am höchſten iſt, da finden wir die größte Zahl derſelben. Der relative Zuwachs, wenn wir ihn überhaupt nach dieſen Zahlen glauben ſchätzen zu dürfen, iſt nächſt Preußen am ſtärkſten in Sachſen und am Rhein, am ſchwächſten in Pommern, Brandenburg, Poſen. Das deutet darauf, daß es nicht ſowohl die vagabundiren - den, nomadenhaften, auf Diebſtahl und Nichtsthun ſpekulirenden Hauſirer, ſondern die kleinen, reellen, wahren wirthſchaftlichen Bedürfniſſen dienenden Auf - und Verkäufer ſind, die zunehmen.
Daß trotzdem auch heute noch der Hauſirhandel ſeine wirthſchaftlichen und ſittlichen Gefahren hat, zeigt ſich am beſten, wie ich vorhin ſchon erwähnte, wenn irgendwo die Verwaltung das Löſen der Gewerbeſcheine erleichtert, die Steuern herabſetzt, oder die Umgehung248Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.derſelben erleichtert. Der Andrang und die Mißbräuche, die da entſtehen, ſind nicht unbedeutend, es fragt ſich nur, ob ſie nicht theilweiſe vorübergehend ſind, ob nicht durch die bisherige einſchränkende Verwaltungspraxis neben manchem Unfug ſehr viele berechtigte Geſchäfte abgeſchnitten wurden.
Ich möchte in dieſer Beziehung noch Einiges aus den unparteiiſchen, ſchon oben erwähnten Berichten der württembergiſchen Handelskammern hervorheben.
Die Berichte erkennen vollſtändig an, daß die größere Ausdehnung des Hauſirhandels ſeit dem liberalen Gewerbegeſetz von 1862 ihre volkswirthſchaftliche Be - rechtigung habe, daß der Hauſirhandel Konkurrenz und Preisermäßigung ſchaffe, daß er Geſchäfte, Einkäufe und Verkäufe veranlaſſe, die ohne ihn vielfach ganz unter - blieben wären. Aber ebenſo betonen ſie die Mißſtände. Die unreellen Geſchäfte, der Schwindel, Täuſchung und Betrug, die unverſchämte Zudringlichkeit, welche ſich nicht vermindert, wenn dem Hauſirer verboten wird, die Häuſer zu betreten, haben ebenfalls zugenommen. Einzelne ganz ſchlimme Auswüchſe werden erzählt. In einem der Berichte heißt es: „ Es kommen Leute ins Land, welche als Entrepreneurs eine Anzahl von Kin - dern und Halberwachſenen mit ſich führen, in Wirths - häuſern ſich feſtſetzen und dieſe Leute mit Mausfallen, ordinären Blechwaaren und dergleichen ins Hauſiren ſchicken, mit der Auflage, täglich eine Summe Geldes einzubringen, in deren Ermangelung Mißhandlungen eintreten. Der Entrepreneur lebt gut, ſeine Unter - gebenen deſto ſchlechter und kaum anders als in andern249Württembergiſches Hauſirweſen.Welttheilen die Sklaven. Dieß iſt ein Mißſtand, welcher durch die Gewerbefreiheit nicht gedeckt werden ſollte. “
Sehen wir aber von ſolchen einzelnen Mißbräuchen ab, die theilweiſe wenigſtens durch eine richtige, ſonſt freieſte Bewegung geſtattende Geſetzgebung und Verwal - tung verhindert werden können, ſo geht das Haupt - reſultat dahin: Die Zahl der Hauſirer hat ſich 1862 und 63 außerordentlich vermehrt, ſchon 1864 und 65 aber wieder abgenommen; erſt die Geſchäftsſtockung von 1866 hat ſie wieder ſehr vermehrt. Weitaus die Mehrzahl der Hauſirausweiſe aber wird von Leuten benutzt, über welche die ſtehenden Gewerbe nicht klagen, und welchen man keine Arbeitsſcheu vorwerfen kann; es ſind Frauen, ältere, ſchwächliche Leute, die Knochen, Lumpen, Landesprodukte aufkaufen, mit Beeren, Beſen, Schindeln handeln. Die kräftigen, zur Arbeit tauglichen Hauſirer ſind meiſt Ausländer oder Iſraeliten. Allerdings wird mit der Zunahme dieſer Handelszweige die Neigung zu Diebſtahl und Nichtsthun etwas befördert; aber allgemein iſt dieſe Folge nicht. Und bis jetzt haben in Württemberg die Verbrechen gegen Perſon und Eigen - thum, die Vergehen gegen die Sittlichkeit nirgends weſentlich zugenommen. Es wird zugegeben, daß bei einer richtigen Handhabung der Steuergeſetze die wirth - ſchaftlichen Mißſtände keinenfalls überwiegen und theil - weiſe ganz vorübergehend ſind, daß der Andrang in mäßigen Schranken gehalten werden kann.
Die Berichte zeigen, daß jedenfalls eine berechtigte Tendenz zur Ausdehnung vorhanden iſt, daß mehr an -250Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.ſtändige Motive und wirthſchaftliche Bedürfniſſe den Hauſirhandel dort zunehmen laſſen als betrügeriſche und unlautere Abſichten.
Es kommt auf Land und Leute, auf Volkscharakter und ſittliche Bildung im konkreten Falle an. Jedenfalls aber ſind dieſe Faktoren auch in Preußen und im ganzen norddeutſchen Bunde ſolche, daß eine Erleichterung gegenüber der früheren Verwaltungspraxis nothwendig und angezeigt iſt, wie ſie in der neuen Gewerbeordnung des norddeutſchen Bundes angeſtrebt wird. Es gehört eine Betrachtung dieſer neuen Geſetzgebung eigentlich nicht hierher; doch mögen einige Worte geſtattet ſein.
Der Entwurf1Druckſachen des Reichstags Nro. 13. § 53 — 64. Die Motive ſind enthalten S. 13 — 29. Die Anlage C. S. 113 ff. gibt eine Ueberſicht über die beſtehende Geſetzgebung der Bundes - ſtaaten in Betreff des Gewerbebetriebs im Umherziehen. ſchon geht von der Abſicht aus, die ſtehenden Gewerbe als ſolche nicht mehr zu bevor - zugen, den Gewerbebetrieb im Umherziehen als gleich - berechtigt anzuerkennen, nur da Beſchränkungen eintreten zu laſſen, wo es ſich um ungeſunde und gefährliche Ele - mente handelt, um Geſchäftszweige, welche in ungleich höherem Grade unlautern Zwecken als dem redlichen Er - werbe zu dienen pflegen. Die im Allgemeinen beibehaltene Legitimationspflicht ſoll, abgeſehen von ihrer ſicherheits - polizeilichen Unentbehrlichkeit, dem Publikum wenigſtens einigermaßen die Garantie, wie ſie der ſtehende Betrieb von ſelbſt bietet, erſetzen. Zum Viktualienhandel im Umherziehen ſoll kein Gewerbeſchein mehr nothwendig251Das Hauſirweſen in der neuen Gewerbeordnung.ſein. Während bisher Gewerbeſcheine in Preußen nur ertheilt wurden für eine beſtimmte Anzahl von Waaren - gattungen, ſollen jetzt ſolche für alle nicht beſonders ausgenommenen Waaren ertheilt werden. Ausgenommen ſollten nur ſein: Verzehrungsgegenſtände, ſoweit ſie nicht zu den Gegenſtänden des Wochenmarktverkehrs gehören, geiſtige Getränke, gebrauchte Kleider und Betten, Garnabfälle, Enden oder Dräumen von Seide, Wolle, Leinen und Baumwolle, Bruchgold und Bruch - ſilber, Spielkarten, Lotterieloſe, Staats - und ſonſtige Werthpapiere, Schießpulver, Feuerwerkskörper und an - dere exploſive Stoffe, Arzneimittel, Gifte und giftige Stoffe. Nur für Gaukler, Marktſchreier, Bänkelſänger und ähnliche Perſonen, welche ſich produziren wollen, ſoll der Gewerbeſchein auf einen oder mehrere Regie - rungsbezirke beſchränkt und ſoll die Ertheilung abhängig gemacht werden von dem Bedürfniß. Abgeſehen hier - von ſollte nach dem Entwurfe die Ertheilung nur ver - ſagt werden, wenn der Nachſuchende mit ekelhaften Krankheiten behaftet ſei oder ihm die Zuverläſſigkeit in Bezug auf den beabſichtigten Gewerbebetrieb fehle. Die Beſteuerung der Hauſirer ſoll Sache der einzelnen Staaten bleiben und durch die neue Gewerbeordnung gar nicht berührt werden, obwohl der Gewerbeſchein für das ganze Bundesgebiet legitimirt.
Die Motive gehen davon aus, daß dieſe Grund - ſätze gegenüber den beſtehenden Vorſchriften ein weſent - lich befreiende Wirkſamkeit üben werden. Der Com - miſſar der Bundesregierungen hob in der Debatte her - vor, daß ſchon die Regierungsvorlage einen koloſſalen252Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.Schritt vorwärts im Sinne der Befreiung der gewerb - lichen Thätigkeit enthalte und warnte dringend, nicht viel weiter zu gehen, nicht viel über dieſes Ziel hinauszuſchießen, da eine weitergehende Befreiung gar nicht einmal im Einklang mit der öffentlichen Mei - nung ſtehe.
Die Majorität des Reichstages ſtand auch prinzipiell auf gleichem Boden der Anſchauung, aber ſie ging im Detail doch weſentlich weiter, glaubte eine Reihe von Cautelen fallen laſſen zu können, welche der Entwurf beibehalten hatte, um Betrügerei und unlautere Ele - mente leichter auszuſchließen.
Der Entwurf verweigerte dem den Hauſirſchein, der nicht zuverläſſig ſei. Das kann und wird die Ver - waltungsbehörde leicht mißbrauchen, wenigſtens ungleich - mäßig und willkührlich auslegen. Jetzt iſt feſtgeſetzt, daß der nicht mehr Gewerbe - ſondern Legitimationsſchein genannte Ausweis nur dem verweigert werden darf, der beſtimmte Strafen erlitten hat, unter Polizeiaufſicht ſteht, als notoriſcher Bettler und Landſtreicher bekannt iſt. Sicher gerechter; aber die Zunahme unreeller Geſchäfte iſt ſo auch viel ſchwerer zu hemmen. Der Entwurf ver - langte Meldung bei der Polizei an jedem Orte, ver - bot ohne Aufforderung die Häuſer zu betreten. Beides wurde beſeitigt, letztere Beſtimmung, weil das gewöhnliche Hausrecht ausreiche. Von Waaren, welche der Entwurf noch ausſchließen wollte und die jetzt doch zugelaſſen werden, ſind nur zu nennen die Verzehrungsgegen - ſtände, welche nicht zum Wochenmarktsverkehr gehören, alſo hauptſächlich Colonialwaaren. Sie ſollten ausge -253Das Hauſirweſen in der neuen Gewerbeordnung.ſchloſſen werden, weil bei ihnen Fälſchungen zu leicht und häufig vorkommen. Die Kommiſſion des Reichs - tages wollte auch den Handel mit Staatspapieren, Aktien und andern Werthpapieren den Hauſirern zuge - ſtehen, worauf aber der Reichstag in Anbetracht der großen Gefahren des Aktienſchwindels, in Anbetracht der großen Leichtgläubigkeit des Publikums in dieſer Beziehung nicht einging.
Die Folge wird erſt lehren können, ob man damit nicht theilweiſe zu weit ging. Daran aber zweifle ich keinen Moment, daß der Hauſirhandel von dem Inkraft - treten des Geſetzes an außerordentlich zunehmen wird, aber auch zugenommen hätte, wenn nur die Beſtim - mungen des Entwurfes angenommen worden wären. Es iſt eine Richtung, die ſich vollzieht, ob die geſetz - lichen Beſtimmungen etwas enger oder weiter gefaßt ſind, eine Richtung, welche mancherlei Schmutz aufrührt und mit ſich bringt, aber in der Hauptſache berechtigt und nothwendig iſt.
Manch kleiner Laden, manch kleiner Handwerker wird darunter leiden, vielleicht gar zu Grunde gehen. Das läßt ſich nicht ändern. Das ſteht in nothwendigem Zuſammenhang mit der ganzen Umbildung der Pro - duktion und des Verkehrs in unſerer Zeit.
Eine Produktion durch Fabriken oder größere Hand - werkergeſchäfte, eine Produktion, die nicht mehr am Orte des Konſumenten zu ſein braucht, die nicht mehr ſich verbindet mit dem direkten Verkauf an den Konſu - menten, daneben die ſelbſtändigere Entwicklung des254Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr.Handels — als Großgeſchäft, als Magazin in den größern Städten, theilweiſe als Detailhandel und kleines Ladengeſchäft in den kleinen Städten und Dörfern, theilweiſe als Wandermagazin und Hauſirhandel auf dem Lande, das ſind Glieder einer und derſelben Kette.
Der Gegenſatz von Stadt und Land, volkswirthſchaftlich und hiſtoriſch. Die ſpezifiſch ländlichen Gewerbe. Ihr Vorkommen ſchon zur Zeit des gewerblichen Städtezwangs. Kornweſtheim 1787. Die preußiſchen ländlichen Gewerbe nach Krug 1795 / 1803, dieſelben in Schleſien und in der Mark 1810 nach Hoffmann. Das ſtatiſtiſche Material für die ſpätere Zeit. Die volkswirthſchaftlichen Vorbedingungen für das Landgewerbe von 1815 — 55. Das preußiſche Handwerk nach Stadt und Land 1828, 1849 und 1858. Die veränderten Verhältniſſe in neueſter Zeit. Die wichtigſten einzelnen Gewerbe in Stadt und Land 1828 u. 1858. — Der Unterſchied zwiſchen den grö - ßern und kleinern Städten 1828 und 1837. Das Handwerk der größern preußiſchen Städte 1861. — Das bairiſche Hand - werk in den unmittelbaren Städten und im übrigen Lande 1847 und 1861. Die ſächſiſchen Kleingewerbe in den Städten 1830 und 1856; der Vergleich der großen, der kleinen Städte und des platten Landes 1849 und 1861.
In einem mehr ſyſtematiſchen Ueberblick die Haupt - veränderungen, welche das Handwerk im 19. Jahrhundert erfahren hat, darzuſtellen, war der Zweck der letzten Betrachtungen. Mancherlei ſtatiſtiſches Material habe ich zum Beweis für dieſes und jenes herangezogen, nicht aber die ſtatiſtiſchen Aufnahmen der Kleingewerbe ſelbſt. Zu ihnen kehre ich jetzt zurück, um zu prüfen, ob das,Schmoller, Geſch. d. Kleingewerbe. 17258Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.was ich im Allgemeinen behauptete, ſich hier im Spe - ziellen beſtätigt.
Die Hauptpunkte freilich, um die es ſich dabei handelt, entziehen ſich aller ſtatiſtiſchen Erfaßbarkeit. Aber immer läßt ſich die Prüfung wenigſtens nach ein - zelnen Seiten hin vollziehen und zugleich ſchließen ſich daran Unterſuchungen, die auch ein ſelbſtändiges Intereſſe für ſich in Anſpruch nehmen.
Wir beginnen mit der Frage nach der lokalen Ver - theilung des Handwerks. Dieſe Vertheilung kann bei der Art der ſtatiſtiſchen Aufnahmen, die wir beſitzen, nach zwei Richtungen unterſucht werden. Man kann fragen, wie verhält ſich Stadt und Land im Durch - ſchnitt von ganz Preußen, Sachſen, Baiern, und man kann fragen, wie vertheilt ſich das Handwerk nach den einzelnen deutſchen Staaten und nach den Provinzen des preußiſchen Staats?
Bleiben wir zunächſt bei dem Verhältniſſe von Stadt und Land, ſo liegen die weſentlichen Urſachen der verſchiedenen Vertheilung des Handwerks natur - gemäß in dem volkswirthſchaftlichen Gegenſatz von Stadt und Land ſelbſt, in der verſchiedenen wirthſchaft - lichen Bedeutung, welche die Städte und das platte Land früher gehabt haben und gegenwärtig haben. Nur in zweiter Linie kommt die Geſetzgebung in Betracht, die von jeweiligen Theorien, von anderweiten Geſichts - punkten aus die Vertheilung des Handwerks beherrſchen wollte, aber gegenüber den realen Bedürfniſſen das doch immer nur bis auf einen gewiſſen Grad vermochte.
259Der Gegenſatz von Stadt und Land.Die Städte ſind entſtanden durch die nach einem gemeinſamen Mittelpunkt drängenden politiſchen, kirch - lichen, wirthſchaftlichen Bedürfniſſe der einzelnen Landes - theile. Jede Gegend, jeder Kreis hat das Bedürfniß, die Verwaltung, das Gericht, den Handel, die Feſte der Kirche und des Volkes an einem Punkte zu kon - zentriren; im Mittelalter bot der Schutz der Mauern und der ſtädtiſchen Rechte dem Handelsmann und dem Handwerker allein die Garantie einer geſicherten Exiſtenz. Handel und Gewerbe blühten ausſchließlich in den Städten, weil hier ausſchließlich die Bedingungen ihrer Blüthe vorhanden waren.
Mit einer gewiſſen Entwicklung des platten Landes entſtand aber auch in den Dörfern, auf den Gütern das Bedürfniß, für einzelne Thätigkeiten Gewerbetreibende am Orte ſelbſt zu haben; das theure Leben in den Städten ließ dem armen Handwerksmann die Anſiedlung auf dem Lande mit etwaigem Vertrieb der Waaren nach der Stadt wünſchenswerth erſcheinen. Das war ſchon im Mittelalter ſo und erſt mit der Ausartung des Zunftweſens, mit dem Sinken der deutſchen Volkswirth - ſchaft ſtrebten die Städte danach, das Handwerk mög - lichſt ausſchließlich auf ihre Mauern zu beſchränken,1In Nürnberg wird erſt im 15. Jahrhundert gegen das Landhandwerk eingeſchritten: ſ. Baader, Nürnberger Polizei - ordnungen. Stuttgart, liter. Verein 1861. S. 170. In Lübeck beginnen die Klagen über das Landhandwerk erſt im 16. Jahr - hundert, wie auch das ſyſtematiſche Jagen der Bönhaſen erſt um dieſe Zeit beginnt: ſ. Wehrmann, Die ältern lübeckiſchen Zunftrollen, Lübeck 1864, S. 96 u. 98.17 *260Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.ſuchte die Fürſtenpolitik, welche die Städte als Stützen ihrer Macht und ihrer Steuerkraft betrachteten und pflegten, ſie dadurch zu halten.
Die Kriege des 17. Jahrhunderts hatten viele deutſche Gegenden in ihrer ganzen wirthſchaftlichen Kultur wieder um Jahrhunderte zurückgebracht. Alles lag dar - nieder. Um ſo mehr hielt man ſich an alte Rechte; auch die Städte ſtrebten jetzt mehr als je, das Hand - werk für ſich allein in Anſpruch zu nehmen, und erreich - ten da ihren Zweck, wo nicht eine aufgeklärte Fürſten - politik dazwiſchen griff.
So kommt es, daß im 18. Jahrhundert Stadt und Land ſich noch ziemlich in alter Weiſe ſchroff gegen - über ſtehen. Aber zugleich haben die mannigfaltigſten Schickſale dafür geſorgt, daß ein großer Theil der Orte, welche den ſtädtiſchen Namen tragen und damit die Vorrechte einer Stadt genießen, dafür mehr hiſto - riſche und zufällige, als wirthſchaftliche Gründe anzu - führen haben.
Es ſind alte Reichsſtädte, alte und neue Fürſten - und Biſchofsſitze, einige Beamten - und Militärſtädte; da und dort ſchon einige neu aufblühende Handels - und Induſtrieſtädte; unter den letzteren wie unter denen, die mehr nur einem Dorfe gleichen, ſind manche, welche das Stadtrecht ſich erſt jetzt vom Landesherrn erkauft haben, um auch einen Jahrmarkt zu halten, um ihre Gewerbſamkeit etwas weniger durch die ſteifen landes - herrlichen Beamten geniren zu laſſen, um auf Kreis - oder Landtagen eine Stimme zu haben. Die über - wiegende Mehrzahl fällt auf jene mittleren Land - und261Stadt und Land in alter und neuer Zeit.Kleinſtädte, die allerdings den gewerblichen und Ver - waltungsmittelpunkt für eine Anzahl Dörfer und Herr - ſchaften bilden, die aber keinen durchaus gewerblichen Charakter haben, manchen Bauern in ihren Mauern bergen, wenn ſie nicht gar faſt ausſchließliche Ackerſtädte ſind. Manche früher ſtolze Stadt war ganz zum Dorfe herabgeſunken, führte aber die ſtolzen ſtädtiſchen Titel gleichmäßig fort.
Dieſe Verhältniſſe erſtrecken ihre Wirkung bis auf den heutigen Tag. Der Begriff einer Stadt in Preußen iſt auch heute noch, wie ich oben ſchon erwähnte, keiner, der eine gewiſſe Größe, einen ausſchließlich gewerblichen Charakter bezeichnete; es läßt ſich nur ſoviel ſagen, daß von den 1000 gegenwärtig in Altpreußen exiſtirenden Städten ¾ etwa über 1500, nur wenige unter 600 Einwohner haben, daß es dagegen nicht ſehr viele Dörfer geben wird, die über 600 — 800 Einwohner haben.
Ich mußte dieſe theilweiſe ſchon oben gemachten Bemerkungen wiederholen, um zu zeigen, daß eine Auf - nahme des Handwerks nach Stadt und Land die wirth - ſchaftlichen Gegenſätze, an die man dabei denkt, nur ungefähr trifft. Unter den Städten ſind manche Orte rein landwirthſchaftlichen Charakters, unter den Dörfern manche gewerbetreibende Orte. Und bis auf einen gewiſſen Grad war das ſchon im vorigen Jahr - hundert ſo, beſonders wo Bergbau, Weberei, Spinnerei und andere Induſtrien ſich übers platte Land ausdehnten. Privilegien, Konzeſſionen aller Art hatten den Städte - zwang durchlöchert. Da und dort hatte ſich ſchon da - mals das platte Land als vorzugsweiſe geeignet zu262Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.einzelnen Gewerben gezeigt. Und überall bedurfte auch damals ſchon die rein bäuerliche Wirthſchaft der Hülfe wenigſtens einiger Handwerker. Dieſe mußte man zulaſſen. Es iſt vielleicht gut, zunächſt von dieſen heute wie damals auch für die rein landwirthſchaftlichen Gegenden nothwendigen Handwerkern uns ein Bild zu machen.
Die Schmiede und Stellmacher oder Wagner ſtehen in erſter Linie. Der Schmied iſt unentbehrlich für den Beſchlag der Pferde, des Fuhrwerks, der Ackerwerkzeuge, für alle Eiſenreparaturen. Der Stellmacher iſt heute mehr auf dem Lande zu Hauſe als in der Stadt, wo der Wagenfabrikant theilweiſe an ſeine Stelle getreten iſt. Die einfachen Wagengeſtelle, die Räder, die Holztheile an Pflug und Egge kann er leicht fertigen. Wo mehr landwirthſchaftliche Maſchinen angewandt werden, da hat er auch vielfach mit ihnen zu thun. Die Arbeiten beider Handwerke ſind ſo umfaſſend, daß ſelbſt ein mäßiges Dorf ſchon mehrere Meiſter von jedem der beiden Gewerbe beſchäftigt, daß größere Güter je einen Meiſter für ſich in Anſpruch nehmen. Schon weniger Arbeit findet der Riemer oder Sattler auf dem Lande, und doch iſt er für Sattelzeug und Pferdegeſchirr ein nothwendiger Gehülfe; die Produkte ſeines Handwerks kauft der Bauer freilich mit Vorliebe auf dem Jahr - markt, dem Dorfmeiſter bleiben mehr die Reparaturen, wenn er nicht ſelbſt den Jahrmarkt bezieht. Die Fäſſer, die Kübel, die Geräthſchaften des Böttchers fehlen in keiner ländlichen Wirthſchaft ganz; das Produkt iſt ein ſo einfaches, daß der kleinſte Betrieb möglich iſt. Die263Die nothwendigen ländlichen Handwerker.amerikaniſche Faßmaſchine, welche auf der letzten Pariſer Ausſtellung zu ſehen war und nach der Verſicherung des Ausſtellers1Siehe die deutſche Ausſtellungszeitung. Paris 1867. Nro. 15. täglich 1100 Fäſſer aus rohem Holz bis zum Binden fertig macht, dürfte kaum in Deutſch - land exiſtiren und wenn ſie eingeführt wird, dem Bött - cher in der Stadt wohl, aber kaum dem auf dem Lande Konkurrenz machen.
Neben den Bedürfniſſen des landwirthſchaftlichen Betriebes kommen die Bau - und Wohnungsbedürfniſſe. Den Maurer und Zimmermann, den Schloſſer und Tiſchler kann das größere Dorf ſchwer entbehren. Da - gegen iſt der Müller von den Nahrungsgewerben der einzig nothwendige. Die Zahl der Brauer, der Bäcker, der Fleiſcher und der Wirthe hängt von dem Grade der Arbeitstheilung und dem Verkehr, von Sitten und Wohlſtand ab.
Die meiſten der ländlichen Handwerker ſind daneben Bauern oder Tagelöhner und je nachdem in ſehr ver - ſchiedener Lage. Da ſie vielfach ohne alle Gehülfen arbeiten, ſind ihre Leiſtungen techniſch gering, aber doch dem Zweck entſprechend.
Weniger ob die erwähnten, als ob auch noch andere Arten des Handwerks ſich auf dem Lande, beſon - ders in den großen Dörfern befanden, hing, ſo lange die Städte ausſchließliche Gewerberechte hatten, von der Verwaltung ab.
264Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.Da man ſich häufig über das Fehlen der Hand - werker auf dem Lande in früherer Zeit falſche Vor - ſtellungen macht, will ich nur Einiges über dieſen Punkt anführen, ehe ich zu den Verhältniſſen der Gegenwart übergehe.
Das altwürttembergiſche Dorf Kornweſtheim,1(Rümelin), Statiſtik eines altwürttembergiſchen Dorfes vor 70 Jahren und jetzt. Württembergiſche Jahrbücher 1860. 1. Heft. S. 95 ff. beſonders S. 122 — 128. einige Stunden von Stuttgart, an einigen größern Straßen liegend, hatte im Jahre 1787 eine Bevölkerung von 838 Perſonen; bis 1850 war dieſe Bevölkerung geſtiegen auf 1465 Perſonen; das Dorf iſt heute noch ausſchließ - lich mit Ackerbau beſchäftigt. Die große Aenderung, die eintrat, iſt nur die, daß die alte Straße ſich in eine Eiſenbahn verwandelt hat. Die Gewerbetreibenden waren:
Die Zahl der Gewerbetreibenden iſt 1787 nicht unbedeutend, ja ſie iſt in den wichtigſten Gewerben265Das Dorf Kornweſtheim 1787 und 1852.höher als 1852, trotzdem, daß die Bevölkerung beinahe auf die doppelte Zahl gewachſen iſt. Die Verminderung der Wirthshäuſer, der Bäcker - und Metzgerladen hängt damit zuſammen, daß die früher ſehr frequente Land - ſtraße durch die Eiſenbahn ſo ziemlich verödet iſt. Die Nichtzunahme der übrigen läßt darauf ſchließen, daß die damaligen Handwerker ſehr wenig zu thun hatten. Es waren damals wohl nicht viele Gehülfen bei den Dorf - meiſtern beſchäftigt, 1852 ſind deren eine nicht unbe - deutende Zahl vorhanden. Ueber die für die damalige Zeit große Zahl Gewerbetreibender bemerkt der Verfaſſer dieſer Dorfſtatiſtik aus dem Jahre 1787, Regierungs - rath Kerner, es könne auffallen, daß Kornweſtheim ſo viele Gewerbetreibende habe trotz der Nähe der drei Städte Stuttgart, Ludwigsburg und Cannſtadt, aber es ſei ſo in den mehrſten Dörfern; freilich werde dadurch der alte Grundſatz, in den Städten ſolle das Handwerk, in den Dörfern der Feldbau getrieben werden, aus dem Gleichgewicht gebracht; aber das ſei nicht zu ändern. „ Daß die Anzahl der Handwerker in den Dörfern “— ſo fährt er fort — „ gegenwärtig ſtärker iſt, als in ehe - maliger Zeit, hat ſeinen Grund in der gegenwärtigen ſtärkern Bevölkerung und der daraus fließenden mehreren Verſtückelung der Bauerngüter, durch welche die Land - leute außer Stand geſetzt werden, einzig von den Gütern zu leben und dahero Handwerke erlernen. Dieſe Hand - werksleute aber zu zwingen, ihre Arbeit niederzulegen oder in die Städte zu ziehen, würde umſonſt ſein. “
Die Verhältniſſe waren ſtärker als die veralteten Verwaltungsvorſchriften. „ Auch wo der ſtrengſte Städte -266Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.zwang herrſchte “— ſagt Hoffmann1J. G. Hoffmann, Nachlaß kl. Schriften S. 407. — „ wohnten längſt viele Handwerker, zum Theil im Verborgenen auf dem Lande, wenn daſſelbe volkreich und wohl - habend war. “
Ich erwähnte bei der Beſprechung der preußiſchen Gewerbepolizei des 18. Jahrhunderts, daß man in Preußen wohl prinzipiell an dem alten Grundſatz feſt - halten wollte, aber daneben einzelne Gewerbe, wie die Spinner und Weber, unbedingt, andere wenigſtens bedingungsweiſe zuließ. Der Grundſatz Friedrich Wil - helm’s I., ſo viele Handwerker überall zuzulaſſen, als 1624 Handwerksſtellen vorhanden geweſen waren, gab ziemlich großen Spielraum. Beſonders in einzelnen Landestheilen, die eine höhere Kultur beſaßen, oder die vor ihrer Einverleibung in den preußiſchen Staat in dieſer Beziehung nach noch liberaleren Grundſätzen regiert worden waren, wie Schleſien, hatte man die Zulaſſung auf dem Lande ziemlich wenig erſchwert.
Den beſten Beweis hiefür giebt Krug. Er führt in ſeiner Handwerksſtatiſtik2Nationalreichthum des preuß. Staates II, 173 — 205. (aus der Zeit 1795 / 1803) bei jeder einzelnen Gewerbsart an, ob die Meiſter aus - ſchließlich in den Städten, oder auch auf dem Lande, und in welcher Zahl ſie da und dort zu treffen ſeien.
Die ausſchließlich in den Städten Vorkommenden ſind nicht die der Zahl nach bedeutenderen; es ſind die Apotheker, Bildhauer, Buchbinder, Buchdrucker, Bürſten -267Die ländlichen Handwerker in Preußen 1800.binder, Roth - und Gelbgießer, Goldſchmiede, Gürtler, Handſchuhmacher, Hutmacher, Klempner, Knopfmacher, Kürſchner, Kupferſchmiede, Maler, Perückenmacher, Schornſteinfeger, Seifenſieder, Seiler, Tuchmacher, Uhrmacher, Weißgerber und Zinngießer. Sehr ſparſam ſind auf dem Lande vertreten die Fleiſcher (mit Aus - nahme Schleſiens, wo Stadt - und Landfleiſcher nicht unterſchieden ſind), ſchon etwas ſtärker die Glaſer, die Kaufleute und Krämer, die aber in den rheiniſchen Pro - vinzen auch ſchon zahlreicher auf dem Lande vorkommen, dort ſogar auf dem Lande theilweiſe ſchon ſtärker ſind, als in den Städten; ähnlich die Korbmacher und Muſikanten, die Riemer und Schloſſer, die Färber Branntweinbrenner und Barbiere; Lohgerber ſind nur in der Mark ländliche vorhanden. Die übrigen Gewerbe ſind auf dem Lande ſchon ziemlich allgemein und zahl - reich vertreten. Landbäcker kommen in Pommern 10 auf 571 Stadtbäcker, dagegen in der Grafſchaft Mark 113 Landbäcker auf 289 Stadtbäcker, in Magdeburg 229 Landbäcker auf 316 Stadtbäcker, in Oſtfriesland 247 Landbäcker auf 197 Stadtbäcker. Auch bei den Böttchern, Schneidern, Stell - und Rademachern, Tiſch - lern, Schuhmachern und Maurern halten Stadt und Land ſich etwa die Waage. Und bei den Zimmerleuten, den Schmieden, Müllern und Leinewebern ſind die Landmeiſter weitaus überwiegend.
Bei dieſen Zahlen müßte man, um ſie recht zu würdigen, noch genau wiſſen, wie in den einzelnen Landestheilen die ſtädtiſche ſich zur ländlichen Bevölke - rung ſtellt. Das zieht Hoffmann in Betracht, wenn268Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.er die Aufnahme von 1810 für die Kur - und Neu - mark einer -, für Schleſien andererſeits vergleicht,1J. G. Hoffmann, Befugniß zum Gewerbebetrieb S. 17 — 20. dabei ſtillſchweigend vorausſetzend, daß die Zuſtände 1810 noch ganz als Folge der früheren Geſetzgebung aufzu - faſſen ſeien. In der Kur - und Neumark kommen auf 3 Städter 4 Landleute, in Schleſien auf 2 Städter 9 Landbewohner; d. h. in der Mark ſind neben zahl - reichen Städten nur kleine Dörfer, iſt das platte Land weniger bewohnt; in Schleſien ſind zahlreiche ſchon etwas größere induſtrielle Dörfer; Orte, die in der Mark vielleicht ſchon ſtädtiſche Rechte haben, zählen hier als Dörfer. Dieſer Gegenſatz wohl mehr als der von Hoffmann betonte Gegenſatz der Verwaltung, d. h. die Nachwirkung der größern Liberalität, mit der die öſtreichiſche Regierung das Landhandwerk zuließ, iſt als Urſache anzuſehen, daß die ländliche Bevölkerung Schleſiens zwar gleich viel Schneider, Schmiede und Stellmacher hat wie die der Kur - und Neumark, aber 1 ½ mal ſo viel Tiſchler, 2 mal ſo viel Böttcher, 4 mal ſo viel Schuhmacher, 7 mal ſo viel Fleiſcher und 8 mal ſo viel Bäcker.
In der Zeit nach den Freiheitskriegen, nach der Feſtſtellung des preußiſchen Zollſyſtems, nach der Grün - dung des Zollvereins war für den größern Theil der preußiſchen Monarchie die Geſetzgebung eine andere geworden, wurden für die Zollvereinsſtaaten die allge - meinen volkswirthſchaftlichen Verhältniſſe andere. Wir269Das preußiſche Landhandwerk ſeit 1815.haben zu prüfen, wie ſich nun unter Einwirkung dieſer beiden Faktoren das Handwerk in Stadt und Land zu einander ſtellt.
Leider iſt das ſtatiſtiſche Material für dieſe Prü - fung ein ziemlich unvollſtändiges. Die Unterſcheidung von Stadt und Land iſt in Preußen nicht bei allen Aufnahmen oder Publikationen feſtgehalten. Eine weſent - liche Beachtung hauptſächlich auch mit weiterer Unter - ſcheidung großer, mittlerer und kleiner Städte hat der Gegenſatz nur bei Hoffmann gefunden. 1Nachlaß kleiner Schriften S. 398, Bevölkerung des preuß. Staates S 114, Befugniß zum Gewerbetrieb passim. Was die ſpätern Aufnahmen betrifft, ſo unterſcheidet Dieterici 1849 das Geſammtreſultat nach Stadt und Land,2Band V. der Tabellen u. amtlichen Nachrichten S. 825. und die Zahlen für 1858 ſind wenigſtens getrennt nach Stadt und Land veröffentlicht. Die Aufnahme von 1861 kennt dieſen Unterſchied gar nicht, führt aber die Handwerker für alle einzelnen Städte über 20000 Ein - wohner beſonders an. Von andern deutſchen Ländern hat man nur in Sachſen dieſer Frage nähere Aufmerk - ſamkeit bei den ſtatiſtiſchen Arbeiten geſchenkt. 3Hauptſächlich für die Aufnahme von 1861, Zeitſchrift des ſächſ. ſtat. Bureaus für 1863. S. 102 und 103.
Nach Einführung der Gewerbefreiheit in Preußen lagen die Dinge folgendermaßen. Es konnte ſich auf dem Lande jeder Meiſter niederlaſſen; es war auch zu erwarten, daß mit ſteigender Wohlhabenheit theil - weiſe die Arbeitstheilung, die in der Stadt vor ſich270Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.gegangen, auf dem Lande ſich vollziehe. Aber zunächſt kamen ungünſtige Jahre; die Zahl der Landhandwerker war immer ſchon bedeutend geweſen. Mancherlei Arbeits - theilung auch, welche für den Städter geboten, iſt es nicht auf dem Lande. Wo ein Gemeindebackhaus gebaut wird, werden theilweiſe heute noch die Bäcker des Dorfes überflüſſig. Die Neigung gelernter Handwerker zieht ſie immer zunächſt mehr nach den Städten.
So — glaube ich — war die Zunahme des Land - handwerks zuerſt keine allzugroße; wo ſie ſtattfand, beruhte ſie wohl darauf, daß Bauernſöhne, um ſich zu halten, um den Beſitz des Vaters theilen zu können, anfingen, nebenher ein Handwerk zu treiben.
Als aber ſpäter die Bevölkerung noch weiter zunahm, als die Stellen in den Städten mehr und mehr beſetzt waren, als auch die größere Induſtrie theilweiſe auf das platte Land ſich zurückzog, als 1830 — 55 die Bodenpreiſe und die ländliche Wohlhabenheit bedeutend ſtiegen, da mußte auch das Landhandwerk an Zahl zu - nehmen. Uebrigens glaube ich immerhin, daß die weſentliche Zunahme erſt mit der eigentlichen Hand - werkerkriſis beginnt, d. h. von 1838 — 40 an.
Die Mittheilungen von Hoffmann zeigen für 1828 wenigſtens ungefähr die damalige Bedeutung des länd - lichen Gewerbebetriebs. Er faßt die Meiſter von 13 der wichtigſten Gewerbe zuſammen, die gegen ⅚ aller damals gezählten Handwerker ausmachen. Es ſind 268023 Mei - ſter, während die Geſammtzahl ſich auf 323538 beläuft. Obwohl dabei die vielfach auf dem Lande wohnenden Weber und Spinner nicht ſind, ſo machen die Land -271Das preußiſche Landhandwerk 1828 und 1849.meiſter hiervon 140112 oder 52 % aus. Dabei iſt aber zuzugeben, daß Hoffmann zu den 13 Gewerben diejenigen wählte (außer den Webern und Spinnern), die am meiſten auf dem Lande vertreten ſind. Auch erhält die Eintheilung ſogleich ein etwas anderes Aus - ſehen, wenn man neben die Meiſter die Gehülfen ſtellt. Es waren 1828 von den gleichen 13 Haupt - gewerben:
Alſo 221047 beſchäftigte Perſonen in den Städten, 176868 auf dem Lande; 55,55 % ſtädtiſche gegen 44,45 % ländliche Handwerker; die in den Städten würden ſicher noch etwas mehr überwiegen, wenn die Zahlen alle Handwerker umfaßten. Es könnten dann wohl 60 % ſtädtiſche gegen 40 % ländliche Handwerker ſein.
Im Jahre 1849 zählt Dieterici in den Städten 535232 Perſonen, auf dem Lande 407141 Perſonen als dem Handwerkerſtand angehörig; ſie machen in den Städten bei einer Bevölkerung von 4,57 Mill. Menſchen 10,85 %, auf dem Lande bei einer ſolchen von 11,71 Mill. 3,81 % aus. Mit den Zahlen Hoffmanns von 1828 ſind ſie nicht direkt zu vergleichen, da ſie nicht dieſelben Kategorien umfaſſen. Die 1828 bei Hoffmann fehlen - den ſind theilweiſe ſolche, welche 1849 die Zahlen des platten Landes ſteigern, wie die Leinenſpinner, theilweiſe und noch mehr aber ſolche, welche ausſchließlich in den Städten wohnen. Wenn daher 1849 von den geſamm -272Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.ten Handwerkern 56,79 % auf die Städte, 43,21 % auf das Land kommen, ſo glaube ich liegt darin immer noch ein Beweis, daß das Landhandwerk von 1828 — 49 ſtärker zunahm, als die ſtädtiſchen Handwerker.
Vollkommen vergleichbar ſind Aufnahmen von 1849 und 58. Nach der von mir angeſtellten Berechnung kommen 1858 564845 Meiſter und Gehülfen auf die Städte, 477668 ---- das Land, d. h. 54,18 % der Handwerker ſind ſtädtiſche, 45,82 % ländliche; die ländlichen ſind 2 — 3 % ſtärker als 1849. Im Verhältniß zur Bevölkerung erſcheint dieſe Zunahme etwas geringer. Die ganze ſtädtiſche Bevölkerung macht 1858 5,34 Millionen aus, davon nehmen die Hand - werker 10,76 % ein (gegen 10,85 im Jahre 1849), die ganze ländliche Bevölkerung macht 12,49 Millionen, da - von die Handwerker 3,82 % (gegen 3,81 im Jahre 1849). Alſo im Verhältniß zur Bevölkerung nur eine ſehr un - bedeutende Zunahme des Landhandwerks.
Man darf bei ſolchen großen ſtatiſtiſchen Durch - ſchnitten, bei den großen Zahlenergebniſſen eines ganzen Landes nie vergeſſen, daß gerade dieſes beſtimmte Ge - ſammtreſultat durch ſehr verſchiedene, oftmals entgegen - geſetzte lokale Zuſtände bedingt iſt, daß die verſchieden - ſten Urſachen und Bewegungen, neben und gegen einander wirkend, dieſe gemeinſamen Reſultate ergeben. Deßwegen kann meine obige Behauptung, daß von 1830 — 55 eine ziemliche Zunahme des ländlichen Handwerks nach allgemeinen Urſachen anzunehmen ſei,273Das preußiſche Landhandwerk 1858 und ſpäter.mit dieſem Zahlenergebniß ganz wohl zuſammen beſtehen.
Aber je nach den Provinzen iſt das verſchieden; es iſt mehr der Fall in Provinzen wie Sachſen, Schle - ſien und der Rheinprovinz, viel weniger in Pommern, Poſen. Es nehmen überall die Meiſter mehr auf dem Lande zu, die Gehülfen mehr in den Städten und oft ſtärker, als dort die Meiſter. Auch wo die Zunahme des Landhandwerks eintrat, da erreichte ſie wohl bald eine gewiſſe Grenze, über die ſie nicht mehr hinauskam. Ich erinnere an das Beiſpiel des Dorfes Kornweſtheim, das ich oben anführte. Es begannen vor Allem ſeit den fünfziger Jahren die Wirkungen der großen Pro - duktion, des großen Verkehrs, der ſtädtiſchen Maga - zine, es begann der Zug vom Lande ab nach den Städten, ſo daß es mir fraglich erſcheint, ob nicht jetzt im Durchſchnitt des ganzen preußiſchen Staates bereits wieder ein Rückgang des Landhandwerks ein - getreten iſt.
Einzelne Gewerbe werden trotzdem auf dem Lande wachſen, während die andern zurückgehen. Ich will in dieſer Beziehung nur einige der wichtigern, haupt - ſächlich der ländlichen Gewerbe nach dem Stand der Meiſter von 1828 und 1858 mittheilen; ich füge für 1858 noch einige weitere Gewerbe bei, für die ich keine Vergleichung anſtellen kann. Man ſieht bei ihnen wenigſtens, wie ſich 1858 die Land - meiſter zu den Stadtmeiſtern verhalten. Es betrug die Zahl:Schmoller, Geſch. d. Kleingewerbe. 18274Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.
Die Aenderungen von 1828 — 58 ſind belehrend. Ziemlich bedeutender iſt das Landhandwerk geworden bei den Stellmachern, Böttchern, Tiſchlern und Seilern, etwas ſtieg es bei den Schuſtern und Gerbern, gleich im Verhältniß zum Stadthandwerk blieb es bei den Fleiſchern und Riemern; zurück ging es bei den Schmieden, Schneidern, Bäckern, Töpfern, ganz außerordentlich bei den Schloſſern, die auf dem Lande ſogar der abſoluten Zahl nach abgenommen haben, von 7810 auf 5838. Das heißt: es nahmen einige Gewerbe, welche aus - ſchließlich der bäuerlichen Wirthſchaft oder den einfachſten275Einzelne Gewerbe nach Stadt und Land.häuslichen Bedürfniſſen dienen und leicht auf dem Lande betrieben werden können, auf dem Lande ſtärker zu wie in der Stadt. Solche dagegen, deren Produkte jetzt mehr in Maſſe erzeugt werden, für welche in den Städten große Handlungen ſind, ſolche, welche unter dem veränderten Verkehr leiden, nahmen ab. Wären die Beiſpiele zahlreicher, ſo würde ſich das wahrſcheinlich noch mehr zeigen.
In engem Zuſammenhang mit der Vertheilung des Handwerks nach Stadt und Land ſteht die Verbreitung der großen Induſtrie. Eine dezentraliſirte Induſtrie wird eher das ländliche Handwerk, eine zentraliſirte mehr das ſtädtiſche Handwerk heben.
Eine abſchließende Unterſuchung darüber iſt an dieſer Stelle nicht möglich; aber einige Bemerkungen darüber will ich nicht unterlaſſen einzuſchieben. Auch für die größere Induſtrie wurde 1849 und 1858 eine Trennung der preußiſchen Tabellen nach Stadt und Land vollzogen; es iſt hiernach ein einigermaßen begründetes Urtheil möglich, obwohl der große Zug nach den Städten wahrſcheinlich bei einer Vergleichung von 1858 und 1868 viel mehr hervortreten würde.
Eine Reihe von Induſtrien zeigen von 1849 bis 1858 keine weſentlichen Aenderungen. Die Kunſt -, die Luxusinduſtrien, die feinere Mechanik und ähnliche Ge - werbe ſind damals wie ſpäter vornehmlich in den Städten. Die Eiſen - und Hüttenwerke, die Braun - und Steinkohlen - werke, die Glashütten, die Kupferhämmer, die Ziegeleien, die Theeröfen, die Zuckerfabriken befinden ſich damals wie ſpäter überwiegend auf dem Lande. Dagegen zeigen18 *276Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.andere Induſtrien doch nicht unbedeutende Aenderungen. Blicken wir z. B. auf die folgende Ueberſicht der Dampf - maſchinen und ihrer Pferdekräfte:
Die Getreidedampfmühlen, die Bergwerke und die Metallfabriken haben auf dem Lande, alle übrigen Gewerbe in der Stadt mehr zugenommen; und das letztere theil - weiſe in ſehr viel ſtärkerer Proportion, als hier erſichtlich iſt. Die Arbeiter der ſtädtiſchen Maſchinenfabriken z. B. nahmen von 3980 auf 16697, die der ländlichen nur von 2218 auf 5729 zu. Als weiterer Beleg mögen noch die Zahlen der Feinſpindeln und der Web - ſtühle nach Stadt und Land folgen. Man zählte:
277Die große Induſtrie nach Stadt und Land.
Auch hier zeigt ſich eine ziemlich ſtärkere Zunahme der ſtädtiſchen wie der ländlichen Induſtrie: ein Beweis wohl, daß im Allgemeinen meine ſchon oben ausge - ſprochene Behauptung, die Induſtrie habe in neueſter Zeit eine mehr zentraliſirende Richtung, der Wahrheit entſpricht und daß wahrſcheinlich demgemäß auch in der frühern Zunahme des Landhandwerks ſchon ein Still - ſtand, wenn nicht gar ein Rückgang eingetreten iſt.
Uebrigens iſt man bei dieſer ganzen Unterſuchung immer wieder verſucht, daran zu denken, daß die ſtatiſti - ſchen Begriffe „ Stadt “und „ Land “ſo wenig feſte ſind. Man müßte, um ganz ſicher zu gehen, die verſchiedenen Arten der Städte wie der Dörfer trennen können; man müßte große und kleine Dörfer, rein landwirthſchaftliche und induſtrielle Dörfer auseinander halten. Dazu fehlt aber leider das ſtatiſtiſche Material.
Wenigſtens in Bezug auf die Städte können wir den entſprechenden Unterſchied etwas verfolgen, ich meine den Unterſchied, der zwiſchen größern und kleinern Städten, d. h. der Zahl und Art der Handwerker, die ſie zählen, ſein muß.
278Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.Hoffmann1Nachlaß kleiner Schriften S. 395 ff. trennt in der mehr erwähnten Unter - ſuchung über die 13 wichtigſten Arten der Handwerker im Jahre 1828 die 39 größern preußiſchen Städte von den ſämmtlichen übrigen kleinern Städten und dem platten Lande. Es kommen nach ihm auf je 10000 Einwohner:
Die 13 Arten von Gewerbetreibenden machen in den größern Städten 5,87 %, in den kleinern 6,93 %, auf dem Lande 1,89 % aus. In den kleinern Städten iſt der Hauptſitz des alten Handwerks. Da ſind die kleinen Meiſter am zahlreichſten. In den größern Städten iſt die Zahl der Meiſter kaum viel mehr als halb ſo groß, dafür iſt die Zahl der Gehülfen weſentlich höher. Die Geſammtzahl der Gewerbetreibenden aber iſt geringer. In den großen Städten haben 10000 Menſchen 587, in den kleinen 693 Gewerbetreibende nöthig. Und die der größern Städte haben ohne Zweifel einen wohlhabendern Kundenkreis, der ſie mehr in Anſpruch nimmt, haben auch auf das Land hinaus einen größern Abſatz, als die kleinſtädtiſchen Meiſter. Der Zahlengegenſatz zeigt alſo recht klar die Unvollkommenheit des kleinſtädtiſchen Hand - werks, die großen Zeitverluſte, die vom Wochen - und Jahrmarktsverkehr herrühren, die Nothwendigkeit für das kleinſtädtiſche Handwerk, auf Nebenbeſchäftigungen ſich zu legen.
279Das Handwerk der kleinern Städte.In den Mittheilungen über die Aufnahme von 1837 unterſcheidet Hoffmann1Bevölkerung des preuß. Staates, S. 117 ff. ; die Be - fugniß zum Gewerbebetrieb S. 126. in Bezug auf die wich - tigern einzelnen Gewerbe die 10 Städte erſter Gewerbe - ſteuerklaſſe, die 30 anſehnlichſten Städte zweiter Gewerbe - ſteuerklaſſe, die ſämmtlichen übrigen Städte und das platte Land. Es zeigt ſich da derſelbe Gegenſatz. Außer bei den ländlichen Gewerben iſt die Hauptmaſſe der kleinen Meiſter in den kleinen Städten; die Mehrzahl arbeitet ohne Gehülfen. Bei einzelnen Gewerben zeigt ſich ſchon damals, daß ſie in den größern Städten einer neuen Produktionsmethode Platz machen, dagegen ſich noch in den kleinen Städten halten. Es ſind z. B. Meiſter und Gehülfen zuſammen 1837 an
Beides ſind Handwerke, die größern Geſchäften weichen; in den kleinern Städten aber geht die Entwick - lung langſamer. Da ſind noch keine Lederfabriken, da verkauft der Töpfermeiſter noch ſeine Waaren. In den größern Städten wird das Leder beim Lederhändler, der nicht ſelbſt produzirt, gekauft; da treten das Steingut, die Fayencewaaren der Fabriken, das Kochgeſchirr aus280Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.Gußeiſen, Eiſen - und Kupferblech an die Stelle des irdenen einfachen Geſchirres, da tritt der eiſerne Ofen, der berliner Fabrikofen an die Stelle des alten irdenen vom Töpfer gelieferten.
Die ſpätern preußiſchen Aufnahmen und ihre Be - arbeitung laſſen dieſen Unterſchied zwiſchen den verſchie - denen Städten ganz außer Acht. Nur die Aufnahme von 1861 gibt, wie erwähnt, die Gewerbetabellen in Bezug auf alle größern preußiſchen Städte; danach iſt die folgende Tabelle berechnet. Um den Charakter der einzelnen Städte noch etwas näher zu kennzeichnen, habe ich in den beiden letzten Spalten die Prozent - zahlen der Fabrik - und der Handelstabelle hinzugefügt. Sie zeigen, welchen Antheil an der Bevölkerung einer Stadt die Fabrikdirigenten und Fabrikarbeiter incl. der Weber, Müller ꝛc. einerſeits, die ſämmtlichen in Han - dels -, Transport -, Wirthſchafts - und literariſchen Ge - werben beſchäftigten Perſonen andererſeits haben. Daß die Prozentzahlen der Handwerker mit den Hoffmann’ - ſchen von 1828, welche nur 13 Handwerke umfaßten, nicht zu vergleichen ſind, brauche ich wohl kaum zu bemerken.
281Das Handwerk der größern Städte 1861.Das Handwerk im Sinne der Tabelle von 1861 beſchäftigt in dieſen Städten 6 — 12 % der Bevölkerung, d. h. wenn wir die erwachſenen Männer zu etwa 25 % der Bevölkerung annehmen, den vierten Theil bis zur282Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.Hälfte derſelben. Die Rangordnung geſtaltet ſich ſo, daß die rheiniſchen Städte nur 6 — 9 % Handwerker, die Städte der mittleren und öſtlichen Provinzen 10 — 12 % Handwerker beſitzen, wobei nur Trier unter den rheiniſchen, Danzig unter den öſtlichen Städten eine Ausnahme macht. Daß an der größern oder geringern Zahl der Handwerker die große Induſtrie direkt ſchuld ſei, läßt ſich nicht behaupten. Koblenz mit 3 %, Köln mit 5 %, Aachen mit 15 %, Elberfeld mit 26 % Fabrikperſonal ſtehen ſich in Bezug auf das Handwerk faſt gleich. Ebenſowenig läßt ſich behaupten, daß die Größe der Städte einen Einfluß auf die Prozentzahl der Handwerker habe. Alle dieſe Städte haben mehr oder weniger den Charakter einer größern Stadt. Der vorhin beſprochene Gegenſatz von Kleinſtädten und größeren Städten fällt vollſtändig aus dieſer Tabelle hinaus. Theilweiſe liegt der Grund des weniger zahl - reichen Handwerks der rheiniſchen Städte in der höhern wirthſchaftlichen Kultur, die für dieſelben Zwecke weniger Arbeitskräfte braucht. Es kommt das gegenüber den ſächſiſchen Städten in Betracht. Theilweiſe aber liegt der Grund darin, daß bei der Art, wie die Bevölkerung am Rhein vertheilt iſt, die dortigen Städte viel weniger als im Oſten die gewerblichen Mittelpunkte ganzer Gegenden bilden. Das ganze Land hat dort mehr Handwerker, darum können die Städte etwas weniger haben. Wenn ſich die ſächſiſchen und weſtfäliſchen Städte einer -, die preußiſchen, poſenſchen, märkiſchen anderer - ſeits ſo ziemlich gleich in der Prozentzahl ihrer Hand - werker ſtehen, ſo hat das nicht ganz dieſelben Urſachen. 283Das Handwerk der größern Städte 1861.In Magdeburg, Erfurt, Halle, Münſter iſt die Hand - werkerzahl groß, weil hier eine gleichmäßigere Vermögens - vertheilung auch die kleinen Handwerksgeſchäfte hält. Im Oſten iſt man überhaupt weiter zurück; deßwegen iſt die Zahl hier nicht unbeträchtlich; und dann ſpielen hier die größern Städte eine ganz andere Rolle gegenüber dem platten Lande, als in Sachſen und Weſtfalen.
Wir ſehen, wie auch hier wieder die verſchiedenſten Urſachen neben - und gegeneinander wirken.
Vergleicht man die Prozente der Handwerkertabelle mit denen der Fabrik - und der Handelstabelle, ſo iſt her - vorzuheben, daß die Handelstabelle vielfach höhere Prozente zeigt, als die Fabriktabelle, daß meiſt beide zuſammen noch nicht ſo hoch ſind, wie die Prozente der Hand - werkertabelle. Nur in wenigen Fabrikſtädten kommt die Fabriktabelle der Handwerkertabelle nahe, nur in Brandenburg, Krefeld, Eſſen, Elberfeld, Barmen und Aachen überwiegt ſie. Das Handwerk zeigt gegenüber den beiden andern Branchen ſeinen immer noch vorhandenen elementaren Charakter, ſeine aller - wärts ſich zeigende Nothwendigkeit dadurch, daß es nur zwiſchen 6 und 12 % der Bevölkerung ſchwankt; die die Fabriktabelle ſchwankt zwiſchen 0,9 und 27 %, die Handelstabelle zwiſchen 2 und 9 % der Bevölkerung.
Als Ergänzung der bisherigen Unterſuchung über die preußiſchen Verhältniſſe will ich nunmehr noch Einiges aus der bairiſchen und ſächſiſchen Statiſtik anführen, ſchicke jedoch wieder voraus, daß die abſoluten und die Prozent - zahlen mit den preußiſchen nirgends direkt vergleichbar ſind, da die Kategorien der Handwerker, die in den284Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.einzelnen drei Staaten zu Geſammtreſultaten vereinigt ſind, nicht ganz übereinſtimmen, theilweiſe weſentlich differiren.
Die bairiſche Handwerksſtatiſtik liefert nur einen kleinen Beitrag über den Gegenſatz von Stadt und Land;1Die Bevölkerung und Gewerbe Baierns S. 163; ich habe die Zahlen b) dort zu Grunde gelegt und darnach die Prozente berechnet. Die Pfalz iſt nicht einbegriffen. ſie unterſcheidet nicht Stadt und Land über - haupt, ſondern nur die größern ſog. unmittelbaren Städte und das geſammte übrige Land, welches alſo das platte Land mit ſeinen wenigen, wie die kleinen Städte mit ihren zahlreichen Handwerkern umfaßt. Die Meiſter und Gehülfen ſind mit Einſchluß der Weber zuſammen - gerechnet. Es kamen in den größern Städten
Alſo die Hauptabnahme eben auch da, wo die Um - bildung in neue Zuſtände ſich vollzieht, d. h. in den größern Städten.
In Bezug auf Sachſen erwähnte ich in anderem Zuſammenhang ſchon,2Siehe oben S. 146 — 147; vergl. Zeitſchrift des ſächſ. ſtat. Bür. 1860. S. 122 — 24. daß nach einem Vergleich von285Stadt und Land in Baiern und Sachſen.1830 und 1856 das Handwerk in den größern Städten ſehr bedeutend, einzelne Gewerbe um 20 — 70 %, in den kleinern Städten dagegen nicht ebenſo abgenommen habe; an ſie ſollte die Reihe erſt ſpäter kommen.
Für die ſpätere Zeit, d. h. für den Vergleich von 1849 und 1861 benütze ich eine Tabelle,1Tab. 13, Zeitſchr. des ſtat. Bür. 1863. S. 102. welche die 36 wichtigſten Handwerke, mit Ausſchluß aller Haus - induſtrie, beſonders der Weberei, von 1849 und 1861 getrennt nach den größern, den kleinern Städten und dem platten Lande umfaßt. Nach ihr iſt die folgende Ueberſicht berechnet. Es waren
Sollte der Leſer trotz meiner Warnung an einen Vergleich dieſer Zahlen mit den preußiſchen denken, ſo iſt zu erwähnen, daß in den preußiſchen Tabellen etwa 80, hier 36 Arten von Handwerkern zuſammengefaßt ſind. Sind das auch weitaus die zahlreichern, dennoch bleibt eine direkte Vergleichung mißlich. Einige Prozente286Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.müßte man jedenfalls zuſetzen, ſo daß die größern ſächſi - ſchen Städte auf 10 — 11 %, die kleinern auf 12 — 13 % kämen. Das iſt jedenfalls den preußiſchen Verhältniſſen analog, daß die kleineren Städte das zahlreichſte Hand - werk haben. Das gegenüber Preußen viel ſtärkere länd - liche Handwerk hat ſeine Urſache in dem ſtädtiſch-in - duſtriellen Charakter eines großen Theiles des platten Landes in Sachſen, außerdem in den zahlreichen Vor - ſtadtdörfern, in welchen für die Stadt arbeitende Hand - werker wohnen. 1Zeitſchrift des ſächſ. ſtatiſt. Büreaus 1860. S. 122.Zugleich erhellt aus den ſächſiſchen und preußiſchen Zahlen, welche das platte Land betreffen, wieder, wie viel wichtiger die realen Zuſtände und Be - dürfniſſe gegenüber der Gewerbegeſetzgebung ſind. In Sachſen bis 1862 gewiſſe Beſchränkungen des Land - handwerks, in Preußen keine Spur hiervon mehr ſeit langer Zeit; und doch iſt das ſächſiſche Landhandwerk zahlreicher.
Was nun aber die Veränderungen zwiſchen 1849 und 1861 in Sachſen betrifft, ſo ſind ſie ſehr ſprechend. In den größern Städten hat das Handwerk nicht viel mehr abgenommen, weil es hier ſchon früher ſehr zurückging; die Hauptabnahme trifft die kleinen Städte; in ihnen vollzieht ſich der Umſchwung erſt jetzt. Auf dem Lande haben die Handwerker etwas, aber ſehr unbedeutend zu - genommen.
Unterſcheidet man die einzelnen Gewerbe in dieſer Beziehung, ſo trifft die Zunahme auf dem Lande gegen - über der Bevölkerung außer den hausinduſtriellen Be -287Stadt und Land in Sachſen.trieben hauptſächlich die Tiſchler, Glaſer, Stellmacher, Seiler, Riemer, Kürſchner, Bäcker und Buchbinder, ſowie die Zimmerleute und Maurer, letztere wahrſcheinlich nur ſcheinbar, durch Zählung ſtädtiſcher Arbeiter an ihrem ländlichen Wohnort in der ſtädtiſchen Umgebung, wie auch aus dieſem Grunde allein die ländlichen Buch - drucker Sachſens zunahmen. Dagegen haben auf dem Lande abgenommen die Schneider, die Schuhmacher, die Fleiſcher, die Hufſchmiede, die Gürtler, die Kupfer - ſchmiede, die Seifenſieder, die Gerber, die Töpfer, die Kammmacher, die Drechsler. Mancherlei bezieht der ländliche Konſument jetzt von der Stadt, was er früher beim Meiſter im Dorfe beſtellte.
Ob das ſeit 1862, ſeit das Landhandwerk in Sachſen ganz frei wurde, wieder ſich geändert hat, ob die Gewerbefreiheit dem ländlichen Meiſter den Abſatz wieder brachte, den er ſchon 1861 verloren hatte, möchte ich bezweifeln.
Die preußiſchen Provinzen 1822, 1846 und 1861. Die preußi - ſchen Regierungsbezirke 1861 mit ihrer Handwerker -, Fabrik - und Handelsbevölkerung. Die Bäcker, Fleiſcher, Schneider und Schuhmacher nach Provinzen 1849 und 1861. Einzelne Gewerbe im Regierungsbezirk Poſen 1822, 1846 und 1861. Das Handwerk in den wichtigern Zollvereinsſtaaten 1846 und 1861. Die ſpezielleren Ergebniſſe von 1861 in ſämmtlichen Staaten des Zollvereins. — Die Urſachen der Gegenſätze: Der verſchiedene Wohlſtand. Die Dichtigkeit der Bevölkerung. Landwirthſchaftliche und induſtrielle Gegenden. Der Einfluß der Großinduſtrie. Das Alter der wirthſchaftlichen Kultur in den verſchiedenen Gegenden. Die frühere oder ſpätere Beſei - tigung des Zunftweſens. Die ganze Einkommens - und Ver - mögensvertheilung, die Art und Größe der Wohnſitze der Bevölkerung, die Vertheilung des Grund und Bodens. Die daraus folgenden wirthſchaftlichen Sitten, der Volkscharakter, die Thätigkeit der Regierungen für das kleinere Handwerk.
Dem Gegenſatz zwiſchen Stadt und Land folgt der zwiſchen Landſchaften und Provinzen, Provinzen und Staaten. Er iſt theilweiſe ein ähnlicher; ein Haupt - moment des Gegenſatzes iſt daſſelbe. Da mehr agra - riſche, dort mehr gewerbliche Zuſtände. Aber dazu kom - men eine Reihe andere Momente; es wechſeln alte und junge Kultur, reiche und arme Gegenden. Andere289Die preußiſchen Provinzen 1822 — 61.Beſitz - und andere Bevölkerungsvertheilung, verſchie - dene Verwaltung und verſchiedenes Recht, verſchiedene Geſchichte und verſchiedener Volkscharakter ſprechen mit.
Ehe ich auf die Urſachen aber näher eingehe, will ich die ſtatiſtiſchen Grundlagen vorlegen. Ich bleibe zuerſt bei den alten preußiſchen Provinzen ſtehen, da für ſie das reichhaltigſte Unterſuchungsmaterial vorliegt; erſt nachher will ich die übrigen Zollvereinsſtaaten und die neuen preußiſchen Provinzen in den Vergleich her - einziehen.
Wie ſtark war der Handwerkerſtand gegenüber der Bevölkerung in den einzelnen preußiſchen Provinzen 1822, 1846 und 1861? In Bezug auf die erſten beiden Jahre gibt die Unterſuchung Dieterici’s1Mittheilungen II, 13. Ant - wort. In Bezug auf 1861 hat Viebahn2III, S. 745. Berechnun - gen gemacht. Ich ſtelle daneben eine eigene Berechnung, die nach den offiziellen Zahlen angeſtellt iſt, und noth - wendig etwas höhere Procentzahlen ergiebt, da Viebahn’s abſolute Handwerkerzahlen für 1861, wie ich ſchon er - wähnte, — wie ich hier noch beſonders bemerken will, wahrſcheinlich durch Ausſcheidung der Kunſtgewerbe — etwas niedriger ſind, als die der offiziellen Tabelle. Was den Vergleich der Zahlen für dieſe drei Jahre unter ſich betrifft, ſo iſt der zwiſchen 1822 und 1846 ganz der Wirklichkeit entſprechend, da Dieterici nur die gleichen Kategorien von Handwerkern in den Vergleich hereinzieht, dagegen umfaſſen die Zahlen von 1861Schmoller, Geſch. d. Kleingewerbe. 19290Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.einige weitere Kategorien von Handwerkern; die Zu - nahme erſcheint daher etwas zu groß, wenigſtens nach den von mir berechneten Zahlen. Der Vergleich, wie ſich in den einzelnen Provinzen die Procentzahl in den drei verſchiedenen Zeitpunkten ſtellt, iſt hier aber auch nicht die Hauptſache; wichtiger iſt hier die Frage, wie ſich das Rangverhältniß der Provinzen unter einander in den genannten Epochen umgeſtaltet hat, und zur Beantwortung dieſer Frage iſt die Tabelle vollſtändig brauchbar.
Ich gebe die Zahlen in der doppelten möglichen Berechnung; die ſämmtlichen Gewerbetreibenden machten Procente der Bevölkerung aus:
Oder, was daſſelbe iſt, es kamen auf einen Gewerbetreibenden Einwohner:
Die Zahlen für 1861 will ich verſuchen gleich dadurch noch etwas weiter zu illuſtriren, daß ich eine Prozentberechnung des Handwerkerſtandes nach den ein - zelnen Regierungsbezirken beifüge. Denn welche Gegen - ſätze birgt z. B. Schleſien; im Regierungsbezirk Breslau zählt man 6,53 % Handwerker, im Regierungsbezirk Oppeln nur 3,93 %. Zugleich will ich, wie oben bei den größern Städten, die Prozentzahlen der Fabrik - und der Handelsbevölkerung daneben ſtellen, d. h. die Pro - zente, welche die geſammten 1861 in der Fabrik - und in der Handelstabelle nach dem bekannten Inhalt der - ſelben verzeichneten Perſonen gegenüber der ganzen Be - völkerung ausmachen. Man erſieht daraus die unge - fähre Bedeutung des Handwerks in den einzelnen Re - gierungsbezirken gegenüber den Fabrik - und Handels - geſchäften.
Neben dem ſpeziellen Reſultat dieſer Tabelle, das uns hier zunächſt intereſſirt, möchte ich den Leſer darauf aufmerkſam machen, welche Reſultate vergleichender Betrachtung ſich ergeben, wenn er die folgende Tabelle über die Regierungsbezirke vergleicht mit der obigen entſprechenden über die größern Städte.
Am Rhein ſind die Prozente der Handwerker in den Städten und Regierungsbezirken nahezu gleich, im Nordoſten haben die Regierungsbezirke theilweiſe nur ein Drittel oder Viertel der ſtädtiſchen Prozentzahlen. In der ſtädtiſchen Tabelle iſt die Fabrik - und Handels - bevölkerung der Handwerkerzahl ſchon viel näher gerückt, als in der Tabelle der Regierungsbezirke. Doch das nebenbei. — Die Tabelle iſt folgende:19 *292Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.
Die lokalen Gegenſätze der Fabrik - und der Handels - entwicklung ſind hier, wie in den großen Städten, viel bedeutender als die des Handwerks. Es giebt Regierungs - bezirke und Provinzen, die noch einmal ſo viel Hand - werker haben als andere, im Handel und Fabrikweſen ſolche, die 4 — 11 mal ſo viel Perſonen beſchäftigen. Das Handwerk zeigt auch hier wieder ſeine elementare Natur. 293Die Veränderungen von 1822 — 61.Es dient nothwendigen lokalen Bedürfniſſen, die einer - ſeits auch heute noch überall vorhanden ſind und ande - rerſeits nirgends über ein gewiſſes Maß hinausgehen.
Freilich ſind die Differenzen noch ſtark genug: im Oſten beſchäftigt es 3 — 4 %, im Weſten 6 und 7 % der Bevölkerung. Am tiefſten ſteht der Regierungsbezirk Gumbinnen 1861 mit 3,63, dann Bromberg mit 3,66, Poſen mit 3,81 %; über 7 % haben die Regierungs - bezirke Liegnitz, Magdeburg, Merſeburg, Erfurt, Arns - berg, Düſſeldorf; am höchſten ſteht Erfurt mit 7,83 %.
Um aber zunächſt zurückzukehren zu der Provinzial - tabelle und dem Unterſchied zwiſchen den verſchiedenen Jahren der Aufnahme, ſo iſt das Rangverhältniß der Provinzen unter ſich 1822 und 1861 ſo ziemlich daſſelbe. Poſen z. B. hat damals wie jetzt etwa halb ſo viel Hand - werker als Sachſen. Dieß Reſultat hat mich vollſtändig überraſcht; ich hatte, ehe ich die Unterſuchung anſtellte, erwartet, daß in den weſtlichen und mittleren Provinzen die Prozentzahl ſich weniger geändert zeigen werde; ich dachte mir hier gleichſam das Bedürfniß geſättigt; ich dachte, daß wenn hier Neubildungen ſtattfinden, ſie eher die Form der Fabriken und großen Unternehmungen an - nehmen werden. In den öſtlichen Provinzen dagegen, dachte ich, war die Zahl ſelbſt der nothwendigſten Hand - werker, wie der Bäcker, Fleiſcher, Schneider, Schuh - macher, Tiſchler 1822 noch ſo gering, daß ſie mit der Kulturentwicklung, mit der ſteigenden Arbeitstheilung hier bedeutend ſteigen müſſe, ich dachte, daß 1822 — 61 dieſe Provinzen ſich den Zuſtänden in Mittel - und Weſt - deutſchland müßten genähert haben.
294Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.Und ganz unrichtig war dieſe Vermuthung auch nicht. Von 1822 — 46 iſt der Zuwachs in Preußen, Poſen, Brandenburg, Pommern und Schleſien im Ganzen relativ faſt größer als in Sachſen, Weſtfalen und der Rheinprovinz; erſt von 1846 — 61 bleiben Preußen, Poſen, Pommern ſo ziemlich ſtabil, während die andern Provinzen wieder ſchneller voranſchreiten.
Es wird nun nicht zu leugnen ſein, daß einzelne Hauptgewerbe auch 1846 — 61 im Oſten noch zuneh - men; die wichtigſte Urſache der geringen Geſammtzunahme liegt nicht ſowohl in den einfachen Haupthandwerken, als in der größern Zahl der Handwerker, welche feinern Be - dürfniſſen dienen — in den Gürtlern, Hutmachern, Hand - ſchuhmachern, Gold - und Silberarbeitern, Klempnern, Poſamentieren, Tapezierern und ähnlichen. Derartige, wenn ich ſo ſagen ſoll, höhere Handwerke fehlten vorher faſt noch ganz; da ſie erſt nach 1846 hätten ſich bilden müſſen, blieben ſie faſt ganz aus, weil nunmehr der Handel und Verkehr ſich ſchon umgeſtaltete, die lokale Produktion nicht mehr wie früher nothwendig war.
Freilich bleiben auch die wichtigern Handwerke von 1846 an im Oſten zurück; theilweiſe wirken die ange - führten Urſachen auch auf ſie. Ich will nur für einige Hauptgewerbe, die Bäcker, Fleiſcher, Schneider und Schuhmacher eine ſpezielle Berechnung anſtellen, wie ſie in den einzelnen Provinzen 1849 — 61 zuge - nommen haben. Die folgende Tabelle beantwortet die Frage, auf wie viele Einwohner ein Gewerbetreibender je des betreffenden Gewerbes kam:295Der Gegenſatz der weſtlichen und öſtlichen Provinzen.
Die Tabelle zeigt, daß von 1849 — 61 faſt nur die Fleiſcher in Preußen und Poſen bedeutend zunahmen, die anderen Gewerbe aber in den mittlern und weſtlichen Provinzen mehr ſtiegen als im Oſten. Und auch bei den Fleiſchern erſcheint hauptſächlich deßwegen eine Zu - nahme in Preußen und Poſen, weil die Zahl der Fleiſcher hier 1849 ausnahmsweiſe niedrig, viel niedriger als 1816 iſt. Es iſt, als ob das Handwerk, weil es hier jünger war, der neuen Zeit, ihrer Technik und ihrem Betrieb noch weniger Widerſtandskraft ent - gegenzuſetzen gehabt hätte.
Einen weitern ſchlagenden Beweis hierfür liefern die Zahlen, welche Herzog1Die Entwicklung der gewerblichen Verhältniſſe im Re - gierungsbezirk Poſen ſeit 1815. S. 108 — 133. aus dem Regierungsbezirk Poſen mittheilt. Ich erwähne nur einige Hauptgewerbe nach den abſoluten Zahlen der Jahre 1822, 1846 und 1861:296Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.
Eine große Zunahme bis 1846; von da ab vollſtändiger Stillſtand oder Rückgang, während doch ſonſt die Verhältniſſe gerade von 1846 ab erſt weſentlich ſich beſſern, die Straßen, der Verkehr, der Bodenwerth ſteigen. Gerade das muß nach den dortigen Verhält - niſſen eben dem kleinen Handwerkerſtand nicht günſtig geweſen ſein. Er blieb beſonders in den kleinen Städten zurück, während die wohlhabendern Konſumenten nicht zurückbleiben wollten, ſich hier wohl mehr als ander - wärts nach der Hauptſtadt der Provinz oder nach Berlin wandten. „ Wohlhabendere machen ihre Einkäufe und Beſtellungen meiſtentheils in der Stadt Poſen, “ſagt ein Bericht im Jahrbuch für amtliche Statiſtik,1Jahrgang II, 288. welcher hauptſächlich die Noth der Handwerker in den kleinen Städten der Provinz Poſen betont.
Daß die gewerbliche Thätigkeit in der Provinz Poſen wie in der Provinz Preußen vor Allem durch297Die Zuſtände in Poſen 1822 — 61.die ruſſiſche Zolllinie gehemmt und gelähmt wird, iſt richtig, kann aber hier nicht als hauptſächliche Urſache angeführt werden. Es trifft das mehr die größere Induſtrie; überdieß war dieſer Umſtand ſchon 1822 — 1846 vorhanden. Der Stillſtand von 1846 an muß alſo mehr andere Urſachen haben.
Ehe ich aber hierauf noch näher eingehe, theile ich die Zahlen über die andern Theile des Zollvereins, ſo - weit ſolche vorliegen, mit. Sie zeigen theilweiſe dieſelben Gegenſätze; theilweiſe aber iſt das Reſultat auch ein weſentlich anderes; gerade da, wo das der Fall iſt, ſind wir aufgefordert nachzuforſchen, warum es ein anderes iſt.
Für 1846 hat ſchon Dieterici eine Vergleichung der - jenigen Zollvereinsſtaaten angeſtellt, die damals brauch - bare Aufnahmen machten. 1Mittheilungen IV, 252 ff. Statiſtiſche Ueberſicht der Fabrikations - und gewerblichen Zuſtände in den verſchiedenen Staaten des deutſchen Zollvereins im Jahre 1846.Die Summen der Hand - werker aber, die er hiebei für Preußen z. B. zu Grunde legt, ſind ziemlich niedriger, als die der ſonſtigen offiziellen Statiſtik,2Er zählt 803658 Meiſter und Gehülfen in Preußen, ſonſt werden 842148 gezählt. wohl weil er ſolche Kategorien, in denen die Aufnahme nicht überall gleich gemacht wurde, weg ließ. Deshalb ſind die aus den Hauptſummen abge - leiteten Prozentzahlen eigentlich nicht direkt vergleichbar mit den Prozentzahlen nach der Aufnahme von 1861. Für 1861 exiſtiren offizielle Summirungen nur von den298Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.Staaten, die ihre Gewerbeaufnahme beſonders publizirt haben. Außerdem hat man die Summirungen in der Privatarbeit von Frantz,1A. Frantz, Tabellen der Gewerbeſtatiſtik der Staaten des deutſchen Zollvereins. Brieg 1867. Die Differenz der Frantz’ſchen und der offiziellen Summe für Preußen erwähnte ich ſchon oben S. 73. Für Württemberg führt Frantz 80775 Meiſter und 64468 Gehülfen an, in den württembergiſchen Jahrbüchern für 1862 Heft 2, S. 245 werden 79912 Meiſter mit 64147 Ge - hülfen gezählt. Für Baiern weichen ſeine Zahlen von den offi - ziellen etwas weiter ab. die mit den offiziellen Summen, ſoweit ſie exiſtiren, theilweiſe faſt ganz, theilweiſe wenig - ſtens ungefähr übereinſtimmen, und die Summen bei Viebahn,2Statiſtik des Zollvereins III, 745. die, ähnlich wie ſeine preußiſchen Zahlen, etwas niedriger als die offiziellen Summen ſind. Da ſie aus eben dem Grunde den von Dieterici für 1846 berechneten Zahlen am nächſten ſtehen werden, am eheſten mit ihnen vergleichbar ſein werden, ſo ſtelle ich ſie zunächſt mit denen Dieterici’s von 1846 zuſammen. Ganz korrekt iſt die Tabelle freilich nicht; einzelne Staaten zeigen eine kleine Zunahme, welche ſie nach unſern obigen Unter - ſuchungen nicht haben; die größern Veränderungen aber ſind ſicherlich wahrheitsgetreu; jedenfalls bleibt der Ta - belle, wie der obigen Tabelle über die preußiſchen Pro - vinzen, der Werth, daß ſie zeigt, wie die Proportionen der Zahlen von 1846 und der Zahlen von 1861 je unter einander ſich änderten, wie das Rangverhältniß der Staaten unter ſich gewechſelt hat. Es betrug die Zahl der Meiſter und Gehülfen in Prozenten der geſammten Bevölkerung:299Vergleichung einiger Staaten 1846 und 1861.
Die Zuſtände haben ſich von 1846 — 61 im Ganzen nicht unweſentlich geändert. Thüringen hatte 1846 am wenigſten Handwerker, 1861 am meiſten. Das Großherzogthum Heſſen ſteht in der Reihe der Staaten mit zahlreichem Handwerk jetzt oben an; Baden iſt zurückgeblieben. Die äußerſten Differenzen ſind 1861 geringer, weil die Staaten, welche 1846 das ſtärkſte Handwerk hatten, Sachſen, Baden und Baiern, ziemlich ſtabil blieben, dagegen die Staaten, welche 1846 zurück waren, an Handwerkern zunahmen, namentlich Thü - ringen und beide Heſſen, ſelbſt Naſſau. Wie kommt es, daß ſie, welche bis 1846 auf ähnlichem Standpunkt wie die öſtlichen preußiſchen Provinzen ſtanden, noch an Handwerkern zunahmen, während in jenen das Hand - werk ſich nicht weiter entwickelte? Ich werde darauf zurückkommen.
Zunächſt möchte ich noch eine ſpeziellere Vergleichung ſämmtlicher Zollvereinsſtaaten und preußiſchen Provinzen pro 1861 als weiteres Material für die Unterſuchung an - führen. Die Tabelle iſt Viebahn1Statiſtik des Zollvereins III, 745. entlehnt. Sie beantwortet300Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.in der letzten Spalte die Frage, wie viele Meiſter je auf 1000 Familien kamen, in der vorletzten die Frage, wie viele Meiſter und Gehülfen je auf 1000 Einwohner kamen; die vorhergehenden Spalten geben darüber Auskunft, wie ſtark die einzelnen Hauptabtheilungen der Gewerbe im Verhältniß der Bevölkerung waren.
Als Ergänzung führe ich noch die Prozentzahlen einiger ſpeziellen Gewerbe nach Viebahn an. Bei einzelnen hat er Meiſter und Gehülfen, bei andern nur die Meiſter in Rechnung gezogen. An Meiſtern und Gehülfen kamen 1861 auf 10000 Einwohner bei folgenden Gewerben:
302Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.
Von den folgenden Gewerben kamen 1861 auf 10000 Einwohner je die folgende Zahl Meiſter:
303Die provinzielle Stärke einzelner Gewerbe.
Daß einzelne Differenzen, welche ſich in dieſen ſpeziellen Zahlen zeigen, nicht bloß und nicht vollſtändig von der wirklichen Verſchiedenheit der Zuſtände, ſondern da und dort auch theilweiſe von einer Verſchiedenheit der Aufnahme herrühren, wird nicht zu leugnen ſein. Aber wir brauchen uns in dieſer Beziehung hier mit keiner Detailkritik abzugeben, da es ſich ja zunächſt mehr um das allgemeine Reſultat, um die allgemeinen Gegen - ſätze, die zu Tage treten, handelt.
Dieſe allgemeinen Gegenſätze nun, welche ſich uns in den ſämmtlichen Tabellen erſichtlich machen, ſind304Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.etwas größer als die, welche wir bei Vergleich der alt - preußiſchen Provinzen und Regierungsbezirke erſahen. In den altpreußiſchen Provinzen ſchwankt der Hand - werkerſtand zwiſchen 3,6 und 7,2 % der Bevölkerung, in den altpreußiſchen Regierungsbezirken zwiſchen 3,6 und 7,8 %, in den von Viebahn verglichenen Gegenden zwiſchen 3,6 und 8,6 %, wobei ich Frankfurt mit 16,6 % als einzelne Stadt außer Acht laſſe. Hohenzollern, Württemberg, Sachſen, Thüringen haben alle über 8 % Handwerker, alſo mehr als irgend eine altpreußiſche Provinz, über 7 % haben Anhalt, Braunſchweig, Groß - herzogthum Heſſen, ihnen ſteht nur die Provinz Sachſen mit 7,2 % gleich; zwiſchen 6 und 7 % haben — ähnlich wie Brandenburg, Weſtfalen und die Rheinprovinz — Hannover, Kurheſſen, Baiern, Baden, Oldenburg, Waldeck, Luxemburg. Naſſau allein von den weſt - und ſüddeutſchen Bezirken ſteht mit 5,6 % den öſtlichen preußiſchen Provinzen gleich oder nahe; Schleſien hat 5,6, Pommern 4,8, Preußen 3,9, Poſen 3,6 %.
Die einzelnen Hauptgruppen von Handwerken ſind theilweiſe gleichmäßiger, theilweiſe aber auch um ſo un - gleichmäßiger vertheilt. Ziemlich gleich ſtark ſind überall die Metallarbeiter. Aehnlich die Bekleidungsgewerbe und Holzwaarenarbeiter; in den Bekleidungsgewerben z. B. ſtehen die mittleren preußiſchen Provinzen den ſüddeutſchen und rheiniſchen Staaten ſo ziemlich gleich, während ſie in den Geſammtzahlen weſentlich zurückbleiben; ſelbſt Poſen und Preußen ſtehen hier nicht ſo ſehr zurück; ſie haben 1,5 % in den Bekleidungsgewerben, Hohen - zollern nur 2,6, Württemberg 2,8, alſo noch nicht305Die provinzielle Stärke einzelner Gewerbe.doppelt ſo viel; dagegen wird in den Baugewerben die Zahl Poſens von Hohenzollern um mehr als das 4 fache, von Süddeutſchland, Oberſachſen und den rheiniſchen Staaten um das 2 — 3 fache übertroffen. In Poſen kommen auf 10000 Menſchen 20, in Preußen 30, in Pommern 42 Maurer, in Thüringen dagegen 110, in Württemberg 71, in Baiern 74. Eine ſtarke Ver - ſchiedenheit zeigen auch die Gewerbe für perſönliche Dienſt - leiſtungen und für Stoffbereitung, ſowie die Nahrungs - gewerbe. Im Südweſten Deutſchlands etwa die drei - fache Zahl wie im Nordoſten.
Dieſe Differenzen, wie überhaupt die Differenzen in den meiſten Gewerben, werden noch ſtärker, wenn man nur die Meiſterzahlen anſieht. Da wo die Zuſtände noch ein zahlreiches Handwerk erlauben, gibt es auch noch mehr kleine Geſchäfte, alſo um ſo mehr Meiſter, während in den Ländern mit entgegengeſetzten Zuſtänden die Gehülfenzahl relativ ſtärker ſein wird.
In Heſſen-Darmſtadt gibt es 4 — 5 mal ſo viel Fleiſchermeiſter als in Preußen im e. S., in Württemberg gibt es 6 mal ſo viel Bäckermeiſter als in Preußen, in Heſſen 6 mal ſo viel Barbiere als in Preußen, in Thü - ringen 7 mal ſo viel Gerbermeiſter als in Poſen, in Württemberg 60 mal ſo viel Steinhauermeiſter als in Poſen, 8 mal ſo viel Glaſermeiſter als in Schleſien.
Einige andere Gewerbe freilich zeigen auch, wenn man nur die Meiſterzahlen vergleicht, keinen größern Unterſchied. Die ſpezifiſch ländlichen Gewerbe der Schmiede, der Sattler, dann die Gewerbe der Tiſchler, auch der Schneider und Schuhmacher ſind ſich in denSchmoller, Geſchichte d. Kleingewerbe. 20306Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.verſchiedenen Gegenden ihrer Meiſterzahl nach ziemlich nahe. In einigen Gewerben ſtehen ſich Württemberg, Baden, Baiern einerſeits, Preußen und Poſen anderer - ſeits ſogar ſehr nahe. In der nordöſtlichen, wie in der ſüdweſtlichen Ecke ſind z. B. noch am meiſten Töpfermeiſter; in dem ganzen Gebiete dazwiſchen ſind ſie von den größern Geſchäften und dem Handel ver - drängt. Dort iſt es die Unentwickeltheit der wirthſchaft - lichen Verhältniſſe überhaupt, hier ſind es die kleinen Städte und großen Dörfer, welche ſie halten.
Dieſe letzte Bemerkung zeigt, wie mannigfaltig und verſchieden die Urſachen ſein können, die eine hohe oder niedrige Prozentzahl von Handwerkern hervorrufen, wie vorſichtig man in allgemeinen Schlüſſen ſein muß.
Um daher, ehe ich die Urſachen, welche die Gegen - ſätze beherrſchen, genauer beſpreche, noch weiteres Licht auf den Gegenſtand zu werfen, will ich noch einige Berech - nungen über das Verhältniß der Handwerker zur Fabrik - bevölkerung in den einzelnen Staaten nach dem Stande von 1861 mittheilen. Die abſoluten Zahlen ſind Frantz1Die geringen Abweichungen ſeiner Zahlen von den offiziellen, ſoweit dieſe überhaupt exiſtiren, ſind für dieſe Berech - nungen gleichgültig. Ich habe abſichtlich hiezu nicht die Viebahn - ſchen Zahlen genommen, weil ſie in Bezug auf die Fabriken viel mehr als in Bezug auf das Handwerk unter den offiziellen Zahlen bleiben. entnommen. Der Inhalt der Handwerker - und der Fabrik - tabelle iſt bekannt. Die Vergleichung gibt wenigſtens ungefähr ein Bild davon, wie in den einzelnen Staaten307Fabrik und Handwerk in den einzelnen Staaten.Fabrik und Handwerk ſich in Wirklichkeit verhalten. Die erſte Tabelle gibt die abſoluten Zahlen und den Prozentantheil von Fabrik und Handwerk an der Geſammtſumme.
In Hannover, wo die rein landwirthſchaftlichen Gegenden vorwiegen, iſt das Handwerk am ſtärkſten, es folgen Baiern, Kurheſſen, Württemberg; dann Preußen und Baden; zuletzt Sachſen, wo allein die Fabriktabelle ſtärker iſt, als die Handwerkertabelle. Dieſe Zahlen ſind aber nur relativ. Hannover hat gegenüber ſeinen Fabriken das ſtärkſte Handwerk; mit der Bevölkerung verglichen, hat es ein ſchwächeres Handwerk als Sachſen, Baden, Württemberg und Baiern. Dieſen Vergleich der Fabrik - und der Handwerkertabellen mit der Bevöl - kerung führt die folgende Tabelle noch aus, wobei ich für die Handwerkerzahlen neben die Frantz’ſchen die20 *308Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.oben ſchon angeführten von Viebahn ſtelle. Sie zeigen, daß der Unterſchied kein allzugroßer iſt.
Das Handwerk iſt hiernach am ſtärkſten in Württem - berg, wo die Fabriken bedeutend, aber nicht am ſtärkſten ſind; dann folgt Sachſen, mit 8 reſp. 8,49 % Hand - werkern neben 10,03 % Fabrikperſonal. Alſo vertragen ſich zahlreiche Handwerker wohl mit zahlreichen Fabriken; freilich nur unter Umſtänden. Nach Sachſen folgt Baiern mit der nächſthöchſten Handwerkerzahl, während ſein Fabrikperſonal mit an letzter Stelle ſteht. Hannover und Altpreußen ſind an Handwerkern faſt gleich, wenig - ſtens ſehr nahe, an Fabrikperſonal hat Preußen nahezu die doppelte Zahl. Die Bemerkungen beweiſen auf’s ſchlagendſte, daß das Handwerk weder in gerader Proportion wächſt mit den Fabriken, wie man oft309Die Urſachen der Handwerkerzahl.behauptet hat, noch daß es umgekehrt in gerader Proportion mit ihnen abnimmt, wie andere oftmals vorgaben. Ich werde darauf im Zuſammenhang mit den andern Urſachen, um die es ſich handelt, zurück - kommen.
Gehen wir nun endlich nach langen, beinahe ermüden - den Zahlenmittheilungen auf die einzelnen Urſachen näher ein, welche ein ſchwächeres oder ſtärkeres Handwerk in den einzelnen Provinzen und Staaten bedingen, welche das Plus oder Minus an Handwerkern beeinfluſſen und beherrſchen, ſo wird man zunächſt beim Allgemeinſten ſtehen bleiben müſſen. Man könnte zuerſt geneigt ſein, an die Verſchiedenheit des Wohlſtands überhaupt zu denken, man könnte geneigt ſein zu glauben, daß reichere Gegenden mehr, ärmere weniger Handwerker im Ver - hältniß zur Bevölkerung beſitzen. Gewiß iſt das auch bis auf einen gewiſſen Grad der Fall; aber entfernt nicht durchaus. Bei größerm Reichthum und hoher Kultur kann die Art und die Richtung der Volkswirth - ſchaft ſo ſein, daß doch die Zahl der Handwerker nicht ſo groß iſt, als in andern minder wohlhabenden Gegen - den. Schleſien und Naſſau haben dieſelbe Prozentzahl Handwerker, und Schleſien iſt viel reicher; Hohenzollern hat 8,9 % Handwerker, die Rheinprovinz 6,2, und doch iſt letztere gewiß viel reicher; Baden hat 6,2 %, Baiern 6,9 %, und letzteres iſt weit hinter dem erſten an allge - meiner wirthſchaftlicher Entwickelung zurück.
Nächſt dem Wohlſtand im Allgemeinen wird es gerechtfertigt ſein, die Dichtigkeit der Bevölkerung ins Auge zu faſſen. Und man wird wieder ſagen können,310Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.daß im Allgemeinen allerdings mit der größern Zahl Menſchen, die auf der Quadratmeile leben, die Prozent - zahl der Handwerker gegenüber der Bevölkerung wächſt, daß aber im Einzelnen ſehr grelle Ausnahmen von dieſer Regel vorkommen, die auf das Mitwirken anderer Ur - ſachen hindeuten. Nehmen wir die Hauptgruppen, ſo hatten:
1Nach Viebahn II, 171 ff. Die Zahlen ſind von 1858; ich wähle ſie, weil ſie nach denſelben Hauptgruppen zuſammen - gefaßt ſind, wie die Handwerkerzahlen. 1 |
Alſo weder der Wohlſtand im Allgemeinen, noch die Dichtigkeit der Bevölkerung beherrſchen allein die Handwerkerziffer.
Aber die Richtung der Produktion, wird man ent - gegnen; in den rein agrariſchen Gegenden können nicht ſo viele Handwerker ſein, wie in den induſtriellen. Wenn Poſen 3,6 %, die Provinz Sachſen 7,2 % Hand - werker hat, ſo iſt daran ſchuld, daß die eine Provinz eine landwirthſchaftliche, die andere eine induſtrielle iſt. Aber wieder laſſen ſich andere Länder reſp. Provinzen neben einander ſtellen, bei denen die Gleichheit oder die Differenz daraus nicht zu erklären iſt. Das induſtrie - reiche Schleſien hat 5,6 %, das rein landwirthſchaftliche Hannover hat 6,2 %; das vorwiegend agrariſche Baiern hat 6,9 % Handwerker, das gewerbſame Baden zählt 6,2 %, die faſt nur aus Bauerngemeinden beſtehende Provinz Kurheſſen hat ebenfalls 6,0 % Gewerbetreibende. Und es iſt natürlich. Auch das platte Land und die kleinen Ackerſtädte können zahlreiche Handwerker haben. Der induſtrielle Charakter eines Landes als ſolcher ſteigert nicht überall das kleine Handwerk.
Ich habe dafür ſchon oben die Belege mitgetheilt, wo ich die Prozentzahlen der Handwerker - und der Fabriktabelle verglich. Es gibt allerdings Gegenden, wo mit der Großinduſtrie nicht ſowohl die Kleingewerbe zunehmen, wo ſie aber von früher her zahlreich, ſpäter leidend und abnehmend, durch den Aufſchwung der Großinduſtrie eher wieder in beſſere Tage kamen. Württemberg, einzelne Theile Sachſens und der Rhein - provinz beweiſen das. Aber ganz falſch iſt es, das all -312Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.gemein zu behaupten, allgemein es auszuſprechen, die Großinduſtrie an ſich fördere und hebe nothwendig das Handwerk. Offizielle und halboffizielle Schönfärberei, von der ſelbſt Viebahn nicht ganz frei iſt,1Statiſtik des Zollvereins III, 744. haben das eben ſo oft zuverſichtlich ausgeſprochen, als der Optimis - mus der radikalen Volkswirthe, die den Beruf fühlen, die Großinduſtrie und die große Spekulation gegen jeden Vorwurf zu vertheidigen, alles ſchön und vollkommen zu finden, was wirklich oder ſcheinbar durch freie Kon - kurrenz entſtanden iſt. Beide Richtungen haben es behauptet, aber nicht bewieſen.
Sobald man näher zuſieht, wie die Konkurrenz von Handwerk und Großinduſtrie iſt, ſo bekommt man eine klare Anſchauung, wo die letztere dem Handwerke ſchadet, wo ſie es fördert. In den wenigen Branchen, in welchen die Fabrik dieſelben Waaren liefert wie der Handwerker, vornehmlich, wo ſie ſelbſt die lokalen Bedürfniſſe befriedigt, da drückt ſie auf das Handwerk, verdrängt es. Der überwiegende Theil aber der größern Unternehmungen liefert nicht Waaren für lokalen Bedarf, ſondern für ganze Länder. Dadurch entſteht auch ein Druck auf das Handwerk, aber es iſt ein Druck, der ſich dann auch über ganze Länder verbreitet, der in dieſer Vergleichung nach Provinzen gar nicht erſichtlich ſein kann. Die Förderung, welche die Großinduſtrie dem Handwerk geben kann, iſt nur indirekt, wenn wir von einigen Reparatur - und Hülfsgewerben abſehen. 313Das Alter der gewerblichen Kultur.Sie ſchafft eine dichtere, unter Umſtänden wohlhabendere Bevölkerung. Ob dieſe aber viele Handwerker beſchäftigt, hängt ab von dem Grade der Wohlhabenheit der Ar - beiter, von der Art des Zuſammenwohnens, von einer Reihe weiterer Umſtände. Beſonders in den Groß - ſtädten beſchäftigt die größte Zahl Fabrikarbeiter nicht ſowohl Handwerker, als zahlreiche Detailhändler und Magazine, große und kleine Speiſehäuſer und Schank - wirthſchaften.
Viel hängt in dieſer Beziehung ab von den hergebrachten Sitten und den häuslichen Gewohn - heiten einer Gegend. An allem Hergebrachten hängt die Mehrzahl viel zäher feſt, als die National - ökonomen meiſt glauben. Das verſchiedene Alter der gewerblichen Kultur, das den ganzen Weſten Deutſchlands von dem Oſten unterſcheidet, kommt da in Betracht. Wo ein zahlreicher kleiner Handwerker - ſtand iſt, da erhält er ſich wenigſtens theilweiſe durch die zähe Feſtigkeit beſtehender Lebensgewohnheiten und Geſchäftsſitten; wo eine gewerbliche Entwickelung erſt mit der Zeit der Dampfmaſchinen und Eiſenbahnen eintritt, da wird, worauf ich ſchon in anderem Zu - ſammenhang aufmerkſam machte, das nun neu Anzu - fangende nicht im alten, ſondern in neuem großen Style begonnen. Die größere Zahl Handwerker am Rhein, im Südweſten Deutſchlands hängt hiermit zu - ſammen. Aber wieder wäre es falſch, wenn man dieſe Wahrheit zu ſehr erweiterte, zu allgemein ausſpräche. Thüringen hatte 1846 noch 3,4 %. Handwerker, 1861 8,6 %; ſeine gewerbliche Entwickelung iſt alſo ſehr jung,314Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.und doch zählt es jetzt mehr Handwerker als Sachſen, Baden, Baiern und Württemberg.
Mit den zuletzt beſprochenen Punkten hängt ein anderer enge zuſammen; ich meine den Einfluß der Zunftverfaſſung. Es iſt ein entſchiedener Unterſchied zwiſchen den Ländern, wo ſie früher beſeitigt wurde und denen, wo ſie länger beſtand. Die Gewerbefreiheit hat mit ihrer größern Konkurrenz das kleine, techniſch weniger vollkommene Handwerk früher beſeitigt. Wo die alten Zunftvorſchriften beibehalten oder auch nur vermittelnde Gewerbegeſetze erlaſſen wurden, da hatte der Groß - betrieb, das Magazinſyſtem, da hatte alles Neue doch mit mancherlei Schwierigkeiten zu kämpfen; da erhielten ſich die beſtehenden Gewohnheiten des Verkehrs und Geſchäftslebens mehr im alten Geleiſe. War man zu engherzig, ſo beſchränkte das wohl wieder die Zahlen der Handwerker, aber abgeſehen hiervon erhielt eine gemäßigte Zunftverfaſſung entſchieden eine größere Zahl kleiner Geſchäfte. Das iſt wohl die Urſache, auf die es neben andern zurückzuführen iſt, daß die entwickeltern altpreußiſchen Provinzen hinter ſonſt ähnlichen Gegenden in der Zahl der Handwerker zurückſtehen; die Provinz Sachſen hat 7,2, das Königreich 8,0, Thüringen 8,6 %; Schleſien hat 5,6 und Hannover 6,2 %, die Rheinprovinz hat 6,2 %, die Rheinſtaaten haben 7,1 % Handwerker. Man ſieht daraus wenigſtens, daß die beſtehenden Hand - werke von einem eng egoiſtiſchen Standpunkte nicht ganz unrecht hatten mit ihrer Abneigung gegen die Gewerbe - freiheit. Von einem höhern Standpunkt aus wird man anders urtheilen; da wird man es nicht an ſich als315Der Einfluß der Gewerbegeſetzgebungein Glück betrachten, wenn die Handwerker etwas zahl - reicher, dafür aber um ſo ungeſchickter und indolenter ſind und viele halbbeſchäftigte Exiſtenzen in ſich bergen. Da wird man, ſelbſt wenn man die mit der Gewerbe - freiheit und den Fortſchritten der Technik ſich ergebende ungleichere Vermögensvertheilung, das theilweiſe Ver - ſchwinden eines Mittelſtandes tief beklagt, die ander - weitigen Fortſchritte immer dagegen halten.
Uebrigens darf man den ganzen Einfluß der Ge - werbegeſetzgebung nicht überſchätzen. Er beſchränkt ſich, ſo wie unſere deutſchen Geſetze alle waren und gehand - habt wurden, darauf, daß große durch andere Urſachen hervorgerufene Bewegungen etwas verlangſamt oder etwas verſtärkt wurden. Auch die Rheinprovinz hat trotz der längſt beſtehenden Gewerbefreiheit noch immer ein nicht unbedeutendes Handwerk; das Königreich Sachſen hat trotz der Zunftgeſetze und Realberechtigungen ſeinen Uebergang zur Großinduſtrie, da wo er angezeigt war, vollzogen.
Alle bisher beſprochenen Urſachen treffen nicht in das Herz der Sache; theilweiſe ſelbſt nicht einfacher Natur, wirken ſie vollends unter ſehr verſchiedenen Ver - hältniſſen ſehr verſchieden. Mehr und weniger wird man freilich ſo von den meiſten Urſachen ſozialer und volkswirthſchaftlicher Dinge urtheilen müſſen, wenn man genauer zuſieht. Aber doch nur mehr oder weniger. Es gibt durchgreifendere Urſachen mit ein - fachern Wirkungen. Und eine ſolche, wie mir ſcheint die wichtigſte in dieſer ganzen Frage, habe ich noch hervorzuheben.
316Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.Ich erwähnte ſchon, wie wichtig die häuslichen Sitten, die Art der Familienwirthſchaft ſei. Der Stammescharakter und die wirtſchaftliche Geſchichte eines Volkes ſind die allgemeinen Urſachen, von denen dieſe Sitten abhängen. Spezieller aber läßt ſich behaupten, daß die Geſammtheit dieſer Verhältniſſe hauptſächlich wieder bedingt iſt von der Vermögens - und Einkommensvertheilung einerſeits, der Vertheilung der Bevölkerung in großen oder kleinen Städten, großen oder kleinen Dörfern anderſeits.
Die Kleingewerbe ſind da am ſtärkſten, wo der kleine Grundbeſitz und der kleine landwirtſchaftliche Betrieb vorwaltet, wo zahlreiche große Dörfer ſtatt der anſehnlichen Rittergüter mit wenigen Tagelöhnerhütten ſind, wo viele kleinere und mittlere Städte ſtatt weniger ganz großer Städte neben einem wenig bevölkerten platten Lande exiſtiren. Ich glaube Lorenz Stein ſpricht es einmal aus, — „ die Vertheilung des Grundbeſitzes gibt der ganzen Volkswirthſchaft ihre Signatur. “ Das zeigt ſich gerade hier ſehr deutlich.
Wo der kleine Beſitz vorherrſcht, da ſteht ſich Arm und Reich anders gegenüber, da bilden ſich Anſchauungen und Sitten durch alle Schichten der Geſellſchaft hin - durch, welche die Gegenſätze nicht ſo hervortreten laſſen. Selbſt die höheren Klaſſen der Geſellſchaft, der Adel, die hohen Beamten, die Offiziere ſtehen in ſolchen Ländern mit ihren Gewohnheiten, Anſchauungen und Bedürf - niſſen nicht ſo über der Maſſe des Mittelſtandes. Die maßgebenden Perſonen in der Regierung wie in den politiſchen Parteien ſtehen dem kleinen Mittelſtande317Wohnſitze und Grundbeſitzvertheilung.näher. Der Wohlhabende lebt in Süddeutſchland ein - facher, der Aermere beſſer als in Norddeutſchland. Es wiegt mehr ein mittleres Niveau von Bedürfniſſen und Lebensanſchauungen vor. Und die Art der Bedürfniſſe; die Art der Konſumtion beſtimmt, ob größere oder kleinere Geſchäfte, ob der Handwerkermeiſter oder das Magazin ſie befriedigen. Das Land der kleinen Leute, des vorwiegenden Mittelſtandes gibt auch der kleinen Induſtrie noch mehr Beſchäftigung.
Wo der bäuerliche Mittelſtand fehlt, fehlt der übrige Mittelſtand leicht auch. Da ſind keine kleinen Städte und Verkehrsmittelpunkte, da wird heute nur noch im Großmagazin der Hauptſtadt — oder vom Hau - ſirer gekauft. Und das iſt die weſentlichſte Urſache, warum die öſtlichen preußiſchen Provinzen auf die gleiche Bevölkerung nie die gleiche Zahl Handwerker wie in Süd - und Mitteldeutſchland bekommen hätten, auch wenn die Technik, die Arbeitstheilung dieſelbe geblieben wäre, auch wenn der neue Verkehr nicht Alles geändert hätte. Das iſt die weſentlichſte Urſache, warum ſie ſie jetzt noch weniger bekommen werden, warum ſie, wie wir beim Regierungsbezirk Poſen ſahen, ſeit 1846 einen ſolchen Stillſtand ihrer Handwerkerzahl zeigen.
Nur mit ein paar ſtatiſtiſchen Zahlen will ich dieſe Behauptung noch zu illuſtriren ſuchen. Die Durchſchnitts - größe der einzelnen Grundbeſitzung iſt nach Hausner in der Rheinprovinz, Württemberg, Baden, Naſſau, Heſſendarmſtadt 3 — 5,3 Hektaren; in den Königreichen Sachſen und Baiern, ſowie der Provinz Weſtfalen iſt der durchſchnittliche Beſitz 6,3 — 7,4 Hektaren, in Preußiſch318Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.Sachſen 9,8, Hannover und Schleſien 11,1, Branden - burg, Poſen, Preußen, Pommern 21 — 28,5 Hektaren;1Vergleichende Statiſtik von Europa, Lemberg 1865, II, 211. Die Zahlen von Hausner ſtimmen mit Viebahn’s (II, 563) preuß. Zahlen vollſtändig, den Hektar zu 4 preuß. Morgen gerechnet. das iſt, wenn man einige entgegengeſetzt wirkende Ur - ſachen wegdenkt, in der Hauptſache dieſelbe Rang - ordnung, welche ſich nach dem Prozentantheil der Hand - werker an der Bevölkerung ergiebt.
Ueber die Größe der Dörfer in den einzelnen preußiſchen Provinzen fehlen mir neuere Zahlen. Ich muß daher auf einige ältere zurückgreifen, welche theil - weiſe vielleicht nicht mehr ganz richtig, doch immer noch ein ungefähres Bild der Sache geben. Im Jahre 18492Kries, Betrachtungen über Armenpflege und Heimath - recht, Zeitſchrift für die geſammte Staatswiſſenſchaft IX, 22. Die Zahlen ſind theils den Regierungsmotiven der damals vor - gelegten Gemeindeordnung, theils der offiziellen Statiſtik ent - nommen. hatten von 36588 ländlichen Gemeinden in Preußen 8355 weniger als 100, nur 5292 hatten über 500 Seelen. In den Provinzen Preußen, Poſen und Pom - mern kommen 20 — 30, am Rhein 60 — 70 Woh - nungen auf ein Dorf. Genauere Zahlen gibt Haxt - hauſen 1839. 3Die ländliche Verfaſſung in Oſt - und Weſtpreußen. Königsberg 1839. S. 66.Nach ihm hatte ein Dorf durch - ſchnittlich in den folgenden Regierungsbezirken Ein - wohner: Königsberg 104, Danzig 108, Marienwerder319Die Größe der Dörfer und Städte.94, Poſen 134, Bromberg 196, Köslin 227, Stettin 293, Stralſund 262, Potsdam 321, Frankfurt 309, Liegnitz 323, Oppeln 330, Magdeburg 351, Merſe - burg 243, Erfurt 442. In Württemberg dagegen hat ein Dorf nach Hausner1I, 102. gegenwärtig 857, in Hannover 209 Einwohner. Es iſt klar, von wel - cher Bedeutung das für das kleine Handwerk iſt; ebenſo wie das Vorkommen vieler kleiner Städte, die nachgewieſenermaßen den größten Handwerkerſtand haben. Es kam, wieder nach Hausner,2I, 190. in Württem - berg ſchon auf eine □ Meile eine Stadt (incl. der Marktflecken), in Naſſau eine auf 1,25, in Heſſendarm - ſtadt auf 1,3, in Thüringen auf 1,5, in Baden und Sachſen auf 1,7, in Heſſen-Kaſſel auf 1,8, in Baiern auf 2,35, in ganz Preußen auf 3,7, in Hannover auf 3,9 □ Meilen. Je größer die Zahl der Städte, deſto kleiner ſind ſie. Die Reihenfolge entſpricht wieder un - gefähr dem prozentualen Vorkommen des Handwerks.
Im Anſchluß hieran möchte ich noch auf zwei Punkte aufmerkſam machen, die in gewiſſem Sinne nur eine Wiederholung des eben Geſagten enthalten, da - neben aber doch auch ſelbſtändige Geſichtspunkte zur Erklärung beibringen.
Von der Art des Familienlebens, der Vertheilung des Grundbeſitzes, der Art der menſchlichen Wohnſtätten (freilich auch von manchem Andern), iſt das bedingt,320Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.was man im Allgemeinen den Volkscharakter nennt. Jeder deutſche Stamm hat ſeine Eigenthümlichkeit; der höfliche emſige Sachſe, der beſcheidene gutmüthige Thü - ringer, der leichtlebige Rheinländer, der derbe Baier, jeder hat ſeinen eigenen Charakter, hat Züge, die das ganze wirthſchaftliche Leben der Provinz, der Gegend influiren, die beſonders von Einfluß ſind auf die Art, wie man die nächſtliegenden täglichen Bedürfniſſe befrie - digt. Viel größere Unterſchiede aber als die eben erwähn - ten bietet ganz Weſt - und Mittel-Deutſchland mit ſeiner rein deutſchen Bevölkerung einerſeits und der Oſten mit ſeinen ſlaviſchen, emigrirt-franzöſiſchen, auch ſtär - keren jüdiſchen Beimiſchungen andererſeits. Schon im Mittelalter war der Handwerker in den ehemals ſlaviſchen Ländern ein Deutſcher. Zu einem geſunden ſtädtiſchen Mittelſtande haben es die mehr ſlaviſchen, die polniſchen Gegenden nie recht bringen können. Ob es mehr der Verlauf der polniſchen Geſchichte mit ſich gebracht haben mag oder der urſprüngliche Stammescharakter, die großen Dörfer und die Städte ſind germaniſcher Ab - kunft. In den kleinen Städten der Provinz Poſen da bilden den wichtigſten Theil des Mittelſtandes die Juden. Der Iſraelit beginnt mit dem Schnapsladen, er geht dann zu einem Materialladen, zum Handel mit Landes - produkten und mit allem Möglichen über, und wenn er reich geworden iſt, zieht er nach Poſen oder gar nach Berlin. Der dortige Mittelſtand überhaupt neigt mehr zum Handel, als zum Handwerk. Es iſt charakteriſtiſch, daß der deutſche Tagelöhner auf den großen Gütern der Mark und Pommerns im Winter am Webſtuhl321Der Volkscharakter und die Verwaltung.ſitzt, alle mögliche Handwerksarbeit lernt und verrichtet, während dazu der ſlaviſche Tagelöhner in Poſen nicht zu brauchen iſt. Aus einem ſolchen Arbeiterſtand gehen keine Handwerker in Dorf und Stadt hervor.
Der andere Punkt, den ich noch hervorheben möchte, iſt folgender. In den Ländern des Kleinbeſitzes, der gleichen Vermögensvertheilung, die freilich zugleich Klein - ſtaaten ſind, hat ſich in Zuſammenhang mit den dor - tigen ſozialen Sitten und Anſchauungen nicht die Geſetz - gebung, aber die Verwaltung dem Handwerke gegenüber anders geſtellt als in Preußen.
Man wird nicht behaupten können, daß man in Preußen an ſich weniger thue oder gethan habe für In - duſtrie und Verkehr; im Gegentheile; aber das wird man ſagen dürfen, daß das, was geſchieht, an eine andere Adreſſe geht. In den größern Verhältniſſen macht ſich das Bedürfniß der kleinen Leute weniger geltend. Große Fabrikanten und Unternehmer, große Ingenieure und Spekulanten mit ihren ſpezifiſchen In - tereſſen ſtehen in Berlin mehr im Vordergrund als in den Regierungsſitzen der Kleinſtaaten, führen mehr das Wort in den öffentlichen Verſammlungen, in den Ge - werbekammern, im Parlament, in der Preſſe. Großes hat Preußen im gewerblichen Bildungsweſen geleiſtet; das Gewerbeinſtitut und die Bauakademie ſind Zeuge dafür; Staatstechniker, die in Privatdienſte übertraten, haben die großen Privatbergwerke und - Hüttenwerke weſent - lich gehoben; die Seehandlung, die Bank haben tauſend - fach da und dort eingegriffen, geholfen, Kredit gegeben; Staatsgarantien haben dem Eiſenbahnbau Schwung ver -Schmoller, Geſch. d. Kleingewerbe. 21322Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.liehen. Alle dieſe Beſtrebungen kommen indirekt dem Ganzen, direkt und zunächſt aber der großen Induſtrie, dem großen Kapital zu Gute.
Was für die kleine Induſtrie geſchehen iſt, iſt unbe - deutend;1Schwabe, die Förderung der Kunſtinduſtrie in England, Berlin 1866, gibt einen Ueberblick über die deutſchen Beſtrebungen nach dieſer Richtung und ſpricht ſich ganz in gleichem Sinne aus S. 188 — 191. die wenigen Provinzialgewerbeſchulen erſtrecken ihre Wirkung nur auf die Elite des höhern Hand - werkerſtandes; der Zeichenunterricht, das niedere gewerb - liche Schulweſen liegt bis in die neuere Zeit mit weni - gen Ausnahmen ganz darnieder, iſt nur an denjenigen Orten entwickelt, wo Privat -, Handwerkerbildungs - und Gewerbevereine die Sache in die Hand nahmen.
Man blicke dem gegenüber auf das gewerbliche Bildungsweſen Süddeutſchlands, auf das, was man dort für die Kleingewerbe überhaupt thut. Ich will von der Thätigkeit Badens und Baierns nach dieſer Richtung nicht weiter ſprechen. Von Baiern wäre haupt - ſächlich der wohlthätige Einfluß der ausgezeichneten Nürnberger Kunſtgewerbeſchule zu erwähnen. Nur an die mir am meiſten bekannte Thätigkeit der württem - bergiſchen Zentralſtelle für Handel und Gewerbe2Siehe: Steinbeis, die Elemente der Gewerbebeför - derung, nachgewieſen an der belgiſchen Induſtrie. 1851. Mirus, über Gewerbebeförderung und Gewerbsthätigkeit im Königreich Württemberg. Leipzig 1861. Württembergiſche Han - delskammerberichte für 1864, Anhang. Dorn, Pflege und För - derung des gewerblichen Forſchritts durch die Regierung in Württemberg. Wien 1868. will323Die Förderung der Kleingewerbe in Württemberg.ich erinnern. Sie hat unter ihrem tüchtigen Direktor Steinbeis ſich vorzugsweiſe bemüht, in die Kreiſe des eigentlichen Handwerks Anregung und Förderung zu bringen. Sie hat neue lohnendere Induſtriezweige ein - geführt, die beſtehenden Hausinduſtrien auf die kunſt - volleren Branchen, die dem Handwerk bleiben, überge - leitet, ſie hat tüchtige Gewerbetreibende im Auslande lernen laſſen, fremde Gewerbetreibende zur Einführung und Hebung einzelner Gewerbe ins Land gezogen. Sie hat einen dauerden Fonds zu Reiſeunterſtützungen für kleine Gewerbetreibende. Sie hat in jeder Weiſe den Abſatz nach Außen zu fördern geſucht; ſie hat in dem ſtutt - garter Muſterlager dem kleinen Manne, der nicht reiſen kann, Gelegenheit geſchafft, alles Neue, Muſter, Ma - ſchinen und Werkzeuge zu ſehen; ſie überläßt zeitweiſe neue Maſchinen den Einzelnen zur Probe. Zwei Webſchulen und verſchiedene Lehrwerkſtätten für Weber hat ſie in’s Leben gerufen, ſie zahlt Prämien für Anſchaffung neuer muſterhafter Webſtühle. In hunderte von Werkſtätten kamen ſo im Laufe weniger Jahre verbeſſerte Werkzeuge und Methoden. Auch literariſch ſucht ſie zu wirken durch das billige tüchtig redigirte Gewerbeblatt, durch Verbreitung leicht verſtändlicher techniſcher Schriften.
Das wichtigſte aber iſt das geſammte gewerbliche Fortbildungsweſen, das die Lehrlinge und Geſellen all - abendlich und des Sonntags wieder zur Schule ver - ſammelt. Die Anregung ging auch von der Zentral - ſtelle aus, die Gemeinden wirkten mit, indem ſie einen Theil der Koſten übernahmen. Beſonders der ertheilte Zeichen - und Modellirunterricht, der in den21 *324Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.größern Schulen, wie in Stuttgart, getrennt für einzelne Gewerbe, wie für Bauhandwerker, Schreiner, Schloſſer, Sattler ertheilt wird, hat ſchon unendlichen Segen geſtiftet. Mag der Unterricht einzelner norddeutſcher Muſteranſtalten, wie der des Berliner Handwerkervereins, dieſen Schulen kühn an die Seite treten, mögen da, wo ſolche freiwillige Schulen ſich dauernd erhalten haben, die - ſelben noch größern Segen ſtiften, wie jede rein auf Selbſthülfe baſirte Einrichtung einen größern Werth hat, — für alle kleinern Verhältniſſe reichen die freiwilligen Lehrer, reichen zufällige Privatmittel und Anregungen nicht aus. 1Es ſoll damit das geſammte norddeutſche Hand - werker - und Arbeiterbildungsvereinsweſen kein Vorwurf treffen. Es hat daſſelbe ſeine volle Berechtigung; es hat viel geleiſtet, aber es reicht für den gewerblichen und künſtleriſchen Unterricht nicht aus. Vergleiche über dieſe Vereine den Arbeiterfreund 1866: Die Handwerker -, Arbeiter - und ähnlichen Vereine in Preußen, bearbeitet von Hermann Brämer, S. 48 ff., S. 222 ff. und S. 293 ff. ; daneben in demſ. Jahrg. S. 338: Kletke, über die wiſſenſchaftliche Erziehung unſerer Handwerker. Ferner über dieſen Punkt: Dr. Schwabe, Staatshülfe und Selbſthülfe auf dem Gebiete der Kunſtinduſtrie. Berlin 1868.Der Unterricht bloßer Privatvereine iſt zu oft ſchlecht, ungenügend, geht zu häufig wieder ganz ein. Eine ſyſtematiſche Ordnung durch den Staat, ein ſyſtematiſches Heranziehen der Gemeinden iſt nothwendig, um Beſtand und Erfolg in dieſes gewerbliche Fortbil - dungsweſen zu bringen, um es allgemeiner zu verbreiten.
Der große Vorzug der württembergiſchen Schulen iſt eben ihre große Verbreitung. Von den 101 im Jahre 1864 ſchon beſtehenden gewerblichen Fortbildungsſchulen325Das gewerbliche Bildungsweſen.ſind 86 in Orten von weniger als 6000 Einwohnern; die Schulfrequenz iſt eine außerordentliche.
Es bezeichnet den Gegenſatz zum Norden, daß man jetzt endlich in Preußen anfängt, von Seiten des Kultus - miniſteriums die großen Städte von gegen 50000 Ein - wohnern aufzufordern, ähnliche Zeichenſchulen zu errichten, daß der Staat ſich bereit erklärt, für dieſen Fall einen Beitrag zu geben, daß das neu gegründete Berliner Gewerbemuſeum daran denkt, nach Art des engliſchen Kensington ‒ Muſeums ſeine Wirkſamkeit auch außer - halb Berlins auszudehnen.
Es iſt dieſer Unterricht mit der wichtigſte Faktor, das kleine Handwerk zu erhalten, es produktionsfähig für den weiteren Abſatz zu machen, ihm Bildung, Kennt - niſſe, Unternehmungsgeiſt zu geben. Denn die kleinen Geſchäfte erhalten ſich für direkten Abſatz oder als Haus - induſtrie organiſirt in allen den Branchen, in welchen die perſönliche Arbeitskraft und Geſchicklichkeit, der künſt - leriſche Geſchmack im Vordergrund ſteht, ohne daß doch eine Maſſenproduktion möglich wäre, welche ſich des vom großen Fabrikanten beſoldeten Künſtlers bedienen könnte. Das Tiſchler -, das Drechsler -, das Klempner -, das Stein - hauer -, Maurer - und Zimmergewerbe und noch viele Andere haben als Kleingewerbe einen ganz andern Boden, wo ein tüchtiger gewerblicher Unterricht exiſtirt.
Das gewerbliche Bildungsweſen iſt vielleicht noch wichtiger als das ganze Aſſoziationsweſen; blühende Ge - noſſenſchaften nützen doch zunächſt nur Einzelnen; das gewerbliche Bildungsweſen wendet ſich an Alle.
Die Stellung des Lehrlings und des Geſellen in alter Zeit; Mißſtände ſchon damals. Die Gehülfenzahl im vorigen Jahr - hundert. Die Zahl der preußiſchen Gehülfen von 1816 — 43. Die Aufnahmen von 1846 — 61, das Gleichgewicht der Meiſter - und Gehülfenzahl 1861. Der Fortſchritt, der in der ſteigenden Gehülfenzahl liegt; daneben die immer geringere Ausſicht für alle, ſelbſt Meiſter zu werden. Die Urſachen, warum die Zunahme der Gehülfenzahl leicht die Bevölkerungs - zunahme überſteigt, nicht im Verhältniß mit dem wirklichen dauernden Bedürfniß der Volkswirthſchaft ſteht. Die Auf - löſung der alten Handwerkszuſtände. Der Uebergang älterer Geſellen zu anderen Berufen und die Auswanderung. Die Nothwendigkeit eines verheiratheten Geſellenſtandes. Die Miß - ſtände und Schwierigkeiten, welche aus dem Uebergang hiezu entſtehen. Die Vernichtung der alten Rangordnung im Hand - werk; die Nothwendigkeit der verſchiedenſten Arbeitskräfte nebeneinander. Die Stellung des Lehrlings in Folge der wegfallenden Prüfung und der ganz anderen Einrichtung der heutigen Geſchäfte.
In dem Verhältniß des Meiſters und der Meiſters - familie zu dem Geſellen und Lehrlinge liegt eigentlich der halb poetiſche halb patriarchaliſche Duft, der heute noch auf dem Handwerk der alten Zeit, wie eine327Der Lehrling und Geſelle in alter Zeit.ſchöne Erinnerung, liegt. Und es iſt wahr. In dem Verbande der verſchiedenen wirthſchaftlichen Kräfte nicht bloß zu Einer Arbeit, ſondern auch zu Einem Familien - leben lag eine große ſittigende Kraft. Der Lehrling wurde nicht bloß techniſch unterrichtet, er wurde durch Anweiſung und Vorbild zu Fleiß und Ehrbarkeit vom Meiſter erzogen, zu Sparſamkeit, Ordnung und Rein - lichkeit vom ſorgenden Auge der Meiſterin angehalten. Der Geſelle, der in der Werkſtatt des Meiſters arbeitete, an ſeinem Tiſche aß und unter ſeinem Dache ſchlief, war in einen für ſeine Jahre engen Kreis gebannt, er opferte ſeine beſten Jahre der Hoffnung, ſpäter ſelbſt Meiſter zu werden; aber in dieſem engen Kreiſe um - ſchloß ihn zugleich eine heilſame bürgerliche Zucht und Sittenſtrenge; eine Reihe ſinniger Gebräuche und Zere - monien gliederten ſeinen Lebensgang, der in feſte Sta - tionen gebannt war, aber auch ein ſicheres Ziel vor ſich hatte, eine ſchöne einheitliche Ordnung darſtellte. Die ſoziale Gleichheit von Arbeitgeber und Arbeiter, die Verbindung von Arbeit und Erziehung, von techniſcher und menſchlicher Erziehung, das waren die großen Vor - züge jener ältern Gewerbeverfaſſung.
Freilich hafteten ihr auch zu ihrer Blüthezeit, auch ſo lange noch nicht die ſinnigen Bräuche in ein dem graſſeſten Egoismus dienendes ſchwerfälliges Zeremoniell ausgeartet waren, nicht unbedeutende Mißſtände an. Das Ideal war niemals ein dauernd haltbares. Wo die Bevölkerung wächſt, wo das Handwerk blüht, da wächſt die Lehrlings - und Geſellenzahl, der überſchüſſige Nachwuchs der Bevölkerung drängt ſich beſonders gerne328Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.in dieſe Bahnen; das blühende Handwerk ſelbſt braucht eine größere Gehülfenzahl. Aber für dieſe ſteigende Gehülfen - zahl wird die Zahl der Meiſterſtellen bald zu klein. Die alte Ordnung läßt ſich nicht oder nur gewaltſam aufrecht erhalten. Die zunehmende Bevölkerung zer - ſprengt hier, wie in andern Verhältniſſen, immer wie - der die beſtehenden volkswirthſchaftlichen Formen.
Die deutſche Zunftverfaſſung half ſich in ihrer ſpätern Zeit damit, ſowohl die Lehrlings - als die Ge - ſellenzahl zu beſchränken1Schönberg, zur wirthſchaftlichen Bedeutung des deut - ſchen Zunftweſens im Mittelalter. Hildebrand’s Jahrbücher IX, S. 105. und das Meiſterwerden immer mehr zu erſchweren. Das hatte wieder die Kehrſeite, daß in dieſer ſpätern Epoche der Geſellenſtand als ſolcher ſich zuſammenſchloß gegen die Meiſter, in ſyſtematiſche Oppoſition und Feindſchaft zu dem Meiſterſtande kam. 2S. Wackernagel, Werkſtattfehden in alter Zeit, in der Vierteljahrsſchrift für Volkswirthſchaft XX, S. 81 — 92.
In Frankreich drängte die frühere induſtrielle Ent - wickelung auch früher zu einem Verlaſſen der alten Formen. Auf dem Höhepunkt der mittelalterlichen Entwickelung im 13. Jahrhundert lebte in den größern Städten wohl der Lehrling aber nicht der Geſelle im Hauſe des Meiſters; die Zahl der zu haltenden Lehrlinge war beſchränkt, die Zahl der Geſellen unbe - ſchränkt; vielfach waren die Geſellen verheirathet und ließen ihre Frauen mit arbeiten. 3Siehe die Beweiſe Levasseur, histoire des classes ouvrières en France. Paris 1859. I, 235, 236, 238. Später, im 14 ten329Die alten Mißſtände der Zunftverfaſſung.und 15 ten Jahrhundert waren die Geſellen damit nicht mehr zufrieden. Das erſchwerte Meiſterwerden führte noch viel mehr als in Deutſchland zu einer ſelbſtändigen gegen die Meiſter gerichten Organiſation, zu heftigen Kämpfen und Mißbräuchen aller Art. 1Levasseur I, 496 — 516.
Von der Zeit der ſtehenden Heere an beruhte die Erhaltung der Zunftverfaſſung mit darauf, daß der große Ueberſchuß alternder Geſellen, die nicht Meiſter werden konnten, ſich anwerben ließ. Die ſtehenden Soldheere des 17 ten und 18 ten Jahrhunderts beſtanden hauptſäch - lich aus früheren Handwerksgeſellen. 2J. G. Hoffmann, Nachlaß kleiner Schriften S. 402.Erſt mit der Konſkription und noch mehr mit der allgemeinen Wehr - pflicht hörte das auf.
In wie weit freilich das vorige Jahrhundert dieſes Abfluſſes noch bedurfte, um die Zunftverfaſſung in alter Weiſe zu erhalten, darüber ließe ſich ſtreiten. In der Hauptſache lagen jetzt die Dinge wieder total anders, als zur Blüthezeit der mittelalterlichen Gewerbe. Das Handwerk befand ſich mit wenigen Ausnahmen ja auf ſo tiefem Standpunkt, daß es zahlreiche Lehrlinge und Geſellen gar nicht beſchäftigte. Die ſtatiſtiſchen Zahlen ſind in dieſer Beziehung geradezu erſchreckend. Sie zeigen, wie wenig die Meiſter zu thun hatten, wie viel - fach ſie ſelbſt nebenher auf Tagelohn gehen mußten, um nur das ganze Jahr beſchäftigt zu ſein. Die Zahl der Meiſterſtellen war ſeit langeher trotz der Zunftver -330Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.faſſung zu groß, die der Lehrlinge und Geſellen war zu klein für einen halbwegs blühenden Geſchäftszuſtand.
Nach den im erſten Abſchnitt angeführten Hand - werkerzahlen kamen 1783 in der Niedergrafſchaft Katzen - ellnbogen auf 100 Meiſter durchſchnittlich 5,23 Gehülfen; 1784 auf 100 Meiſter im Herzogthum Magdeburg 15,84 Gehülfen, ungefähr zur ſelben Zeit im Fürſten - thum Würzburg 15,81 Gehülfen; d. h. von 100 Meiſtern hatten 95 reſp. 85 gar keine Gehülfen, weder Geſellen noch Lehrlinge. Da ergab es ſich aus den Verhältniſſen von ſelbſt, daß der Geſelle nicht verheirathet war. Und wenn die Handwerksgewohnheit es erſchwerte, ſo war ſie nicht im Widerſpruch mit den thatſächlichen Be - dürfniſſen. 1Siehe Maſcher, S. 404. Abſ. 42. Das Reichsgeſetz v. 16. Ang. 1731, das die weſentlichſten Mißbräuche abſchaffen will, ſpricht ſich übrigens Art. XIII. Abſ. 6 auch dagegen aus, daß man an einzelnen Orten verheirathete Geſellen nicht mehr zum Meiſterwerden zulaſſen wolle.
In Preußen mag die Zahl der Gehülfen ſchon 1795 — 1803, der Zeit der Krug’ſchen Aufnahmen, ziemlich höher geweſen ſein. Für einzelne Provinzen führt Krug2II, S. 205. ſogar eine ſehr hohe Zahl von Geſellen und Lehrlingen an, z. B. für Schleſien 60860, während 1861 erſt 102679 Geſellen und Lehrlinge gezählt werden. Die Krug’ſche Zahl faßt ohne Zweifel alle Spinner - und Webergehülfen mit in ſich, von welchen 1861 nur die erſtern in der Handwerkertabelle ſtehen. Ein all - gemeiner Schluß läßt ſich jedenfalls aus den unvollſtän -331Die Zahl der Gehülfen in Preußen 1783 — 1843.digen Angaben von Krug nicht ziehen. Wohl aber geſtattet Einzelnes eine Vergleichung. Er führt z. B. für das Herzogthum Magdeburg 1802 ‒ 3135 Geſellen an; 1784 waren es nach den vorhin erwähnten Angaben 2297 Geſellen geweſen; alſo immerhin eine Zunahme, aber keine große für die Zahl von etwa 27000 Meiſtern.
Feſtern Boden für die Unterſuchung bekommen wir von 1816 ab durch die Zahlen der preußiſchen Gewerbe - ſtatiſtik. Ich lege dabei die von mir im erſten Abſchnitte berechneten Hauptzahlen zu Grunde, wobei freilich nicht zu vergeſſen iſt, daß zunächſt nur die Aufnahmen von 1816 — 43 unter ſich vergleichbar ſind, und daß in dieſem Zeitraum die Gehülfenzahl gleichmäßig etwas zu niedrig erſcheint, weil bei einigen Gewerben die Gehül - fen nicht mit aufgenommen wurden. Die Berechnung ſtellt ſich nun dahin, daß auf 100 Meiſter im Durch - ſchnitt der geſammten gezählten Handwerke in Preußen kamen:
Wir haben es, wie ich darauf ſchon bei Beſprechung der Grundzahlen aufmerkſam machte, mit zwei ziemlich verſchiedenen Perioden zu thun; 1816 — 31 eine Zeit der332Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.Stabilität; theilweiſe gedrückte, theilweiſe erſt langſam ſich beſſernde Zuſtände; ſpäter eine Zeit des Fortſchritts, der Blüthe. In der erſten Periode beträgt die Gehülfen - zahl mit nicht allzugroßen Schwankungen etwas über die Hälfte der Meiſterzahl. Es iſt das Verhältniß, wobei jeder Gehülfe noch ſichere Ausſicht hat, bald ſelbſt Meiſter zu werden, eine Ausſicht, die durch die Gewerbefreiheit noch erhöht wurde. Jedem war ja jetzt geſtattet, ſelbſt ein Geſchäft anzufangen. Und die tech - niſchen Anforderungen waren noch ſo gering, daß die kleinen Geſchäfte wohl noch beſtehen konnten.
Der Wechſel der Gehülfenzahl unter ſich in den Jahren 1816 — 31 iſt darnach auch ſehr begreiflich. Mehren ſich die Beſtellungen, die Geſchäfte etwas, ſo nehmen die Meiſter zunächſt etwas mehr Lehrlinge an, die bald zu Geſellen werden. Dauert das nur einige Zeit, das Meiſterwerden iſt aber nach den Erforder - niſſen, die an den Kapitalbeſitz, an die techniſche Fertig - keit der Betreffenden vom Publikum geſtellt werden, noch leicht, ſo wird der Wunſch aller ältern Geſellen, ſelbſtändig zu werden, ſich geltend machen. Dadurch muß bei der nächſten Aufnahme die Meiſterzahl wieder etwas höher, die Gehülfenzahl wieder etwas niedriger ſich ſtellen, wenn nicht unterdeſſen die Geſammtnachfrage ſo geſtiegen iſt, daß die vom Geſellen zum Meiſter Uebergehenden ſchon wieder mehr als erſetzt ſind durch Neueintretende. So, glaube ich, haben wir den zwei - maligen Anlauf zu einer etwas ſtärkeren Gehülfenzahl 1816 und 1825 zu erklären, der beidesmal wieder einem Rückgang Platz macht.
333Der Wechſel in der Gehülfenzahl 1816 — 43.Von 1834 an tritt dieſer Rückgang zunächſt nicht mehr ein. Die Meiſter ſteigen langſam und gleich - mäßig, viel ſtärker aber die Gehülfen. Sie, die 1828 noch 56 % der Meiſter ausgemacht, machen 1843 ſchon 76 % aus. In den guten Jahren 1833 — 40 hatten die Meiſter den ſteigenden Bedürfniſſen dadurch genügt, daß ſie eine größere Zahl Lehrlinge angenommen und dieſelben ſpäter als Geſellen beſchäftigt hatten. Das ergab blühende Zuſtände, gute Geſchäfte für die Meiſter, ſo lange die neu dem Gewerbe Zutretenden jung waren, noch nicht ſelbſt Meiſter werden wollten.
Als aber gegen 1840 — 43 die zahlreich ſeit 1828 Eingetretenen älter wurden, das dreißigſte Lebensjahr meiſt hinter ſich hatten, da begann die kritiſche Zeit; entweder mußte der Stand der Meiſter die großen Ueberſchüſſe aufnehmen, oder man mußte zu einem Syſtem verhei - ratheter Geſellen übergehen, oder es mußten Handwerks - geſellen in größerer Zahl in Fabriken eintreten, zu an - dern Berufsarten übergehen.
Die Mehrzahl der Geſellen war in den Städten, hatte bisher da gearbeitet; ſie verſuchten eigene Geſchäfte anzufangen; es wurde immer ſchwieriger, es war bei der Umbildung der Technik immer mehr Kapital dazu nöthig. Viele Bankerotte ſolcher Anfänger und Klagen, daß das Handwerk überſetzt ſei, mußten nun nebeneinander vor - kommen. Theilweiſe allerdings trat nun die Ueberſiedlung älterer Geſellen auf das Land, nach kleinern Städten ein. Aber immer fällt dem Geſellen, der in der Stadt gelebt, die Rückkehr in das ſtille Dorf der Heimath ſchwer. Jeder fängt nur da gerne ein ſelbſtändiges334Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.Geſchäft an, wo er als Geſelle bekannt geworden iſt, wo er ſich eingelebt hat.
Was nun die Zeit von 1846 an betrifft, ſo ſind die Aufnahmen von 1846 ab etwas andere. Eine Berechnung von Dieterici, die ſich auf den Vergleich einer Anzahl Gewerbe nach dem Stande von 1822 und 1846 bezieht, ergiebt zwar, daß die Ausdehnung der Aufnahmen von 1846 auf einige weitere Kategorien von Gewerben das Verhältniß der Meiſter zu den Ge - hülfen nicht allzuſehr berührt. Aber das macht jeden - falls einen Unterſchied, der die ganz direkte Vergleichung ausſchließt, daß von da ab für alle Gewerbe die Ge - ſellen und Lehrlinge aufgenommen ſind. Wenn ſonach 1843 auf 100 Meiſter 76 Gehülfen kamen, 1846 aber 84, ſo iſt dieſe Zunahme in Wirklichkeit nicht ganz ſo ſtark geweſen.
Das Umgekehrte gilt für den Vergleich von 1846 und 1849. In letzterm Jahre ſind eine Reihe von Ge - werben hinzugekommen, die überwiegend mehr Meiſter als Gehülfen haben; dadurch erſcheint das Verhältniß der Gehülfen zu den Meiſtern als ein zu gedrücktes.
Nach der Totalaufnahme kamen 1849 auf 100 Meiſter 76,06 Gehülfen; darnach hätten die Gehülfen von 1846 — 49 (auf je 100 Meiſter) von 84 auf 76 abgenommen. Nach einer nur die gleichen Kategorien umfaſſenden Vergleichung Dieterici’s2Mittheilungen V, 216. dagegen ſtellt ſich das Verhältniß ſo; es kommen1)Mittheilungen II, S. 8 — 9.335Die Kriſis 1843 — 55, die Zunahme der Gehülfen bis 1861.
auf 100 Meiſter. Vier Gehülfen weniger auf 100 Meiſter deutet ſchon eine weſentliche Kriſis an. Er - wägt man dabei, daß die ſchlimmſte Geſchäftsſtockung im Dezember 1849 bei den Aufnahmen ſchon vorüber war, daß der Rückgang wohl ausſchließlich durch ent - laſſene Geſellen, nicht durch eine Minderzahl an Lehr - lingen hervorgerufen war, daß einzelne Gewerbe, wie z. B. die Nahrungsgewerbe 1849 ſogar mehr Geſellen hatten, daß der Rückgang hauptſächlich die Kunſt -, Bau -, Holz - und Metallgewerbe traf, — dann erſcheint die oben näher beſprochene Kriſis klar genug in dieſen Zahlen.
Wenn der Durchſchnitt der Totalaufnahme von 1849 mit dem von 1846 nicht vergleichbar iſt, ſo iſt er es doch mit den folgenden. Ich theile daher zunächſt das Verhältniß der Gehülfen zu den Meiſtern von 1849 an, nach den früher mitgetheilten Grundzahlen berechnet, mit. Es kamen auf 100 Meiſter in ganz Preußen nach dem Durchſchnitt der ganzen Handwerkertabelle:
Die Aenderung von 1849 — 52 zeigt nur, daß die früher ſchon vorhandene Zahl Gehülfen wieder Be - ſchäftigung findet. Abgeſehen davon bleiben die Dinge ziemlich ſtabil; auch von 1852 — 55 zeigt ſich keine große Zunahme der Gehülfenzahl. Die ganze Zeit von336Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.1850 — 55 iſt eine für das Handwerk ſtabile, gedrückte, und der Druck geht hauptſächlich hervor aus dem Ver - hältniß der Zahl der Gehülfen zu dem der Meiſter. Die Lage wird keine beſſere, weil man in der Hauptſache noch zu keiner andern Organiſation der Geſchäfte über - geht, weil die techniſchen Fortſchritte nicht Platz greifen; die Zahl der Gehülfen nimmt nicht mehr bedeutend zu, weil viele auswandern und in Fabriken eintreten, weil die allgemeine Noth unter den Meiſtern doch manche jungen Leute von dem Erlernen eines Handwerks abſchreckt.
Erſt mit der Mitte der fünfziger Jahre wird das anders. Die techniſche Bildung und der Verkehr ſteigen; alle Verhältniſſe werden andere. Auch im Handwerk vollzieht ſich mehr und mehr die oben eingehender beſprochene Revolution. Neue Kräfte ſtrömen zu, Lehr - linge ſind wieder geſucht. Das Verhältniß der Ge - hülfen zu den Meiſtern, das lange 80: 100 geweſen war, geht auf 104: 100 im Jahre 1861 empor. Auch wenn man die Maurer - und Zimmerflickarbeiter nicht zu den Gehülfen, ſondern zu den Meiſtern rechnete, iſt das Verhältniß 98,49: 100.
Unwiderleglich liegt in der großen Veränderung ſeit 1830 der Beweis, daß auch das Handwerk, wenig - ſtens ein Theil deſſelben, mehr und mehr zu etwas größern Betrieben übergeht.
Ich will nun zunächſt abſichtlich davon abſehen, daß der Landmeiſter wie der Meiſter in kleinern Städten vielfach auch heute noch ohne Geſellen und Lehrlinge arbeitet, daß die Gehülfenzahl in einigen Gewerben viel größer iſt als in andern, ich will auch das außer Acht337Das Gleichgewicht der Meiſter - und Gehülfenzahl.laſſen, daß ſelbſt in großen Städten häufig nur wenige Meiſter eine größere Zahl, die andern gar keine Gehülfen haben, ich will zunächſt nur die allgemeine Frage noch etwas eingehender erörtern, welche Folgen ſich aus der Thatſache ergeben, daß die Gehülfenzahl die Meiſter - zahl im Durchſchnitt erreicht hat.
Oft hat man darauf aufmerkſam gemacht, daß in dieſer Veränderung ein Fortſchritt liege; man hat die ſteigende Gehülfenzahl an ſich als einen Beweis geſunder Handwerkszuſtände angeſehen. 1Zeitſchrift d. ſächſ. ſtat. Bureaus 1860. S. 110.Man hat es als das ſoziale und wirthſchaftliche Ideal hingeſtellt, daß jedes Gewerk ungefähr eben ſo viele Lehrlinge und dreimal ſo viele Geſellen als Meiſter habe. Ich ſelbſt habe mich früher faſt unbedingt dahin ausgeſprochen, wenn ich ſagte:2Württ. Jahrb. 1862. Heft 2. S. 247. „ Sowohl in ſozialer als in techniſch ökonomiſcher Beziehung liegt in der ſteigenden Gehülfenzahl ein unbe - rechenbarer Fortſchritt. Die Veränderung, die wir vor uns haben, iſt nicht eine Verminderung der ökonomiſch geſunden ſelbſtändigen Handwerksmeiſter, ſondern ein Wachsthum dieſer neben dem Verſchwinden der abſolut unſelbſtändigen proletarierartigen kleinen Meiſter, welche ohne Geſellen und Lehrlinge nur ein kümmerliches Da - ſein friſten, und an deren Stelle mehr und mehr ſolche Arbeiter treten, welche es vorziehen, ſtatt mit geringen Mitteln ein eigenes Geſchäft zu eröffnen, bei Meiſtern, welche ſie ununterbrochen beſchäftigen, als Geſellen zu arbeiten. Nicht ein Verſchwinden des bürgerlichenSchmoller, Geſch. d. Kleingewerbe. 22338Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.Mittelſtandes, wie man ſchon gemeint hat, erkennen wir in dieſen Reſultaten, ſondern gerade die Bildung einer geſunden ökonomiſchen Mittelklaſſe. “
Sicher iſt daran viel Richtiges. Es iſt beſonders in den größern Städten eine neue Art bürgerlichen Mittelſtandes in den letzten Jahrzehnten groß geworden, die über dem früheren Meiſter ſtehend dem größern Unternehmer ſich nähern, mehrere, ja viele Geſellen oder Arbeiter beſchäftigen, großentheils perſönlich durch Fleiß und Thatkraft ſich auszeichnen, techniſch alle Fortſchritte der Neuzeit verfolgen.
Wenn wir das aber einerſeits freudig begrüßen, wenn wir zugeben, daß dieſe Entwickelung eine in gewiſſem Sinne nothwendige iſt, ſo dürfen wir anderer - ſeits nicht vergeſſen, daß das eine Kehrſeite hat, welche wenigſtens zunächſt für die Geſellen und Lehrlinge traurig iſt. Es vermindert ſich für ſie die Möglichkeit, je ſelbſtändig zu werden, immer mehr. Ich habe darauf ſchon hingedeutet, ich muß dabei noch etwas verweilen.
Es iſt ein einfaches Rechenexempel, um das es ſich handelt, auf das I. G. Hoffmann1Die Bevölkerung des preuß. Staats S. 118. zuerſt aufmerk - ſam machte. „ Der einzelne Menſch “— ſagt er — „ welcher vom 14. Jahre ab 16 Jahre lang als Lehrling und Geſelle dient, will doch mit dem 30. Jahre endlich einen eigenen Hausſtand anfangen, um nun 30 — 40 Jahre lang als Meiſter zu leben. Er iſt alſo wenig - ſtens doppelt ſo lange Meiſter, als er vormals Gehülfe war, und es wird demnach nur halb ſo viel Gehülfen,339Licht - und Schattenſeiten der großen Gehülfenzahl.als es überhaupt Meiſter giebt, wirklich die Ausſicht auf die Meiſterſtelle eröffnet werden können. “ Wenn man die Rechnung nur auf die Lehrlinge beſchränkt, ſo wird ſie noch klarer. „ Ein Meiſter “— ſagt Hoffmann an anderer Stelle1Die Befugniß zum Gewerbebetrieb S. 131. — „ unterhalte nur einen Lehrling gleichzeitig, ſo wird er doch von ſeinem dreißigſten bis zu ſeinem ſechzigſten Lebensjahre bei vierjähriger Lehrzeit ſieben auslernen können, wovon endlich doch nur einer ihn dereinſt als Meiſter erſetzen kann. Rechnet man auch darauf, daß während eines Zeitraums von dreißig Jahren die Bevölkerung ungefähr um fünfzig auf hun - dert wächſt, daß alſo in demſelben Verhältniſſe auch ſtatt zwei jetzigen Meiſtern nach dreißig Jahren drei zur Befriedigung der Bedürfniſſe des Volkes nöthig ſein werden, und daß auch in den Geſellenjahren einige zum Handwerke Angelernte ſterben, ſo wird man doch immer für Fünfe von jenen Sieben keine Ausſicht auf anſtän - digen Erwerb als Meiſter eröffnen können. In die - ſem ſelten klar genug erkannten Verhältniſſe liegt die Unhaltbarkeit der Zunftverfaſſung und der ſeit Jahr - hunderten fortdauernden Beſchwerden über unverbeſſer - liche Mißbräuche der zünftigen Handwerker. “
Je nachdem man eine Zunahme der Meiſter für möglich oder wahrſcheinlich hält, je nachdem man die mittlere Lebensdauer der Meiſter ſetzt und eine Sterblichkeit unter den Lehrlingen und Geſellen annimmt, wird die Rechnung etwas anders, aber in der Haupt - ſache bleibt die Frage dieſelbe.
22 *340Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.Der Verfaſſer der Unterſuchungen über ſächſiſche Handwerkerſtatiſtik in der Zeitſchrift des ſächſiſchen ſtatiſti - ſchen Büreaus hat den Hoffmann’ſchen Gedanken etwas genauer ausgeführt und kommt da zu folgendem Reſul - tat. „ Nimmt man “— ſagt er — „ an, daß im Mittel der Handwerker nicht vor dem dreißigſten Jahre Meiſter wird, und daß die mittlere Lebensdauer des Handwerks - meiſters 55 Jahre ſei (ſtatt 60 — 70, wie Hoffmann), ſo iſt in jedem Jahre nur der 25 ſte Theil der Meiſter zu ergänzen, um die abſolute Zahl zu erhalten. Neh - men wir aber, da auch ein Zuwachs der Bevölkerung zu beachten iſt, und mancher Meiſter aus andern Gründen in Abgang kommt, den zwanzigſten Theil an. Iſt ferner die durchſchnittliche Lehrzeit 4 Jahre und wird auch die Sterblichkeit zwiſchen dem 14 ten und 30 ſten Lebenjahre beachtet, ſo kann die Zahl der Lehr - linge in einem Gewerbe, welche herangebildet werden muß, um den Perſonalbeſtand im Verhältniß zur Be - völkerung auf gleicher Höhe zu erhalten, nur zwiſchen ¼ und höchſtens ⅓ der Meiſterzahl betragen; d. h. nur je der dritte oder vierte Meiſter darf einen Lehrling halten, wenn nicht ein Ueberſchuß herangebildet werden ſoll, der keine Ausſicht auf Selbſtändigkeit hat. Die mittlere Geſellenzeit nehmen wir hoch zu 12 Jahren an. Die Zahl der Geſellen wird alſo unter gleicher Vorausſetzung zur Erhaltung des Gleichgewichts nur ¾ — $$\frac{4}{4}$$ der Meiſter betragen, die Summe der Geſellen und Lehrlinge ſich alſo zu den Meiſtern zwiſchen 1: 1 und 1,33: 1 verhalten dürfen. Bei Gewerben mit kurzer Lehrzeit wird dieſes Verhältniß kleiner, bei langer341Die ſinkende Möglichkeit des Meiſterwerdens.Lehrzeit größer werden, und einen ähnlichen Einfluß müßte eine etwaige Verſchiedenheit der mittleren Lebens - dauer der Meiſter äußern. Gewerbe, bei denen dieſe Normalverhältniſſe nicht erreicht werden, gehen entweder zurück oder rekrutiren ſich vorzugsweiſe aus dem Aus - lande; Gewerbe dagegen, welche ein größeres Verhältniß darbieten, ſind entweder in der Vermehrung begriffen oder überhaupt nicht geeignet, allen Geſellen Ausſicht auf Selbſtändigkeit zu gewähren. “
Die hier angenommene Sterblichkeit wird ungefähr den realen Verhältniſſen entſprechen. Soweit exakte Unterſuchungen über Sterblichkeit dieſer Berufsklaſſen vorliegen, beſtätigen ſie ungefähr die hier ange - nommenen Zahlen. Es ſind die bekannten von Neufville, Engel und Neumann. 1Dr. A. Neufville, Lebensdauer und Todesurſachen 22 verſchiedener Stände und Gewerbe, Frankfurt 1855. Die Beobachtung umfaßt die Stadt Frankfurt und die Zeit von 1820 — 55. Engel in der Zeitſchr. des ſtatiſt. Bür. 1862. S. 242. Es ſind Berliner Ergebniſſe von 1855 — 60. Neumann, das Sterblichkeitsverhältniß der Berliner Arbeiterbevölkerung. Arbeiter - freund 1866. S. 113 ff. Siehe auch Frantz, Handbuch der Statiſtik, 1864. S. 117 ff.Näher auf ſie einzugehen, iſt hier nicht der Ort. Nur ein paar Worte ſind zu bemerken. Die beiden letzten Unter - ſuchungen beſchäftigen ſich mit den Meiſtern und Ge - hülfen zuſammen, mit den 15 — 70 jährigen; wenn Engel alſo für die verſchiedenen hauptſächlichen Hand - werke ein Durchſchnittsalter von 33 — 48 Jahre berech - net, ſo widerſpricht das der obigen Annahme nicht;342Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.denn ſie geht nur dahin, daß der 30 Jahre alt Gewor - dene durchſchnittlich das 55 ſte Jahr erreiche, nicht daß die Geſammtheit der 15 — 70 jährigen durchſchnittlich 55 Jahre erlebe. Die Unterſuchung von Neufville beſchränkt ſich nun aber auf ſolche, die ſchon Meiſter geworden ſind, und da ſchwankt das Durchſchnittsalter eben um dieſe Grenze; es betrug für die Bäcker 51,5, die Bildhauer 43,8, die Brauer 50,5, die Fiſcher 55,7, die Gärtner 56,8, die Gerber 56,8, die Kürſchner 56,6, die Maler 47,5, die Maurer 48,7, die Schlächter 56,8, die Schmiede 46,3, die Schneider 45,3, die Schuh - macher 47,3, die Tiſchler 46,3, die Zimmerleute 49,2 Jahre. Der Durchſchnitt würde wohl etwas, aber nicht ſehr viel unter 55 Jahren ſein.
Nimmt man hiernach die Möglichkeit, Meiſter zu werden, auch noch für etwas mehr Lehrlinge und Geſellen an, als das ſächſiſche ſtatiſtiſche Büreau es thut, im Ganzen bleibt das Verhältniß daſſelbe. Von der Zeit an, in welcher die Gehülfenzahl die Meiſterzahl weſent - lich überſchreitet, hört die Möglichkeit, Meiſter zu werden, je ein ſelbſtändiges Geſchäft anzufangen, für eine Anzahl von Gehülfen auf. Selbſt abgeſehen von der Umbildung der Technik und der Arbeitstheilung, von den Einflüſſen des Verkehrs und des Kapitals, liegt in dieſem Zahlenverhältniß an ſich die voll - ſtändige und nothwendige Auflöſung der alten hand - werksmäßigen Zuſtände. Das Hinzukommen dieſer erwähnten Einflüſſe verſtärkt aber die Auflöſung. Täg - lich wird es wegen ihrer ſchwerer, ein eigenes Ge - ſchäft anzufangen Die Zahl der preußiſchen Meiſter343Die Urſachen des Zudrangs zum Handwerk.iſt 1861 noch nicht wieder ſo hoch wie 1849, trotzdem daß 1861 wahrſcheinlich unter den Meiſtern ſehr viele mehr gezählt ſind, die keine ſelbſtändigen Unternehmungen mehr haben, als 1849.
Ehe ich von den Folgen dieſer allgemeinen Auf - löſung der alten Handwerkszuſtände ſpreche, will ich noch bemerken, daß der Zudrang zum Handwerk, der zunächſt die Gehülfenzahl ſteigen läßt, nicht nothwendig ein den wirklichen dauernden wirthſchaftlichen Bedürfniſſen, ſei es des alten oder des neuen Handwerks, entſprechender iſt. Mit raſch wachſender Bevölkerung kommt leicht ein Zufluß, der ſeine Urſache nicht in dem dauernden Bedürf - niß der Gewerbe hat, ſondern in andern. Umſtänden pſychologiſcher und moraliſcher Natur, ſowie vorüber - gehender wirthſchaftlicher Art.
Man hat in Bezug auf eine ſtarke Zunahme der Bevölkerung kurz nach einander gleich extremen und un - richtigen Theorien gehuldigt. Man hat, angeſteckt vom erſten Schrecken der Malthus’ſchen Theorie, eine Zeit lang jede Zunahme für ſchlimm und unheilvoll gehalten, man hat dann wieder in optimiſtiſcher Uebertreibung der wirtſchaftlichen Fortſchritte unſerer Zeit jede Zunahme an ſich als ein Glück geprieſen. Sie iſt es, aber nur in gewiſſem Sinne. Alle höhern Güter der Kultur ſind nur erreichbar in dichtbevölkerten Gegenden. Aber jede ſtarke Bevölkerungszunahme ſetzt Fortſchritte, Aende - rungen in der ganzen Volkswirthſchaft voraus, muß in der Regel verbunden ſein mit einer ganz anderen Orga - niſation aller Geſchäfte, aller Verkehrsverhältniſſe, mit einer andern lokalen Vertheilung der Bevölkerung, mit344Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.einer andern Vertheilung derſelben nach Berufszweigen. Das ſetzt ſich langſam durch, will erkämpft ſein, braucht Jahre und Jahrzehnte. Die heranwachſenden Gene - rationen ergreifen ſelten ſogleich und in richtigem Ver - hältniß die Bahnen, in denen der Ueberſchuß ſpäter definitiv Platz findet. Die Bodenvertheilung ändert ſich meiſt ſchwer, die Landwirthſchaft ſendet zunächſt ihre jüngern Söhne den Gewerben zu. Je tiefer ein Ge - werbe ſteht, je leichter es zu erlernen iſt, je weniger es Kapital erfordert, deſto größer leicht der Zudrang ohne Rückſicht auf das Bedürfniß.
In den Kreiſen, um die es ſich da vorzugsweiſe handelt, wird der 14 jährige Junge, der aus der Schule entlaſſen iſt, durchaus nicht immer mit klarer Erkenntniß für einen der Berufe beſtimmt, in denen im Augen - blicke die größte Nachfrage iſt. Das häufige traditionelle Feſthalten am Gewerbe des Vaters iſt noch nicht das ſchlimmſte; Zufall, Rückſicht auf die geringſten Koſten, auf die größte Bequemlichkeit für die Eltern und ähnliche Motive wirken theilweiſe noch ſchlimmer. Die alther - gebrachte Ueberſetzung einzelner Gewerbe, die heutzutage meiſt doppelt ſich geltend macht, hängt damit zu - ſammen.
Trifft in dieſer Beziehung die Väter der betreffen - den Kinder oder vielmehr die Unkenntniß dieſer Kreiſe in derartigen Fragen die Schuld, ſo wirken von der andern Seite zeitweiſe auch die Meiſter und Arbeitgeber auf partiellen und zeitweiſen zu großen Andrang. Wenn mit den ſtark wechſelnden Konjunkturen des heutigen Marktes die Geſchäfte zeitweilig wachſen, ſo ſuchen ſich345Die Berufswahl des Lehrlings.die Betreffenden häufig, weil es zunächſt das Billigſte iſt, durch Annahme weiterer Lehrlinge zu helfen, ohne Rück - ſicht auf die dauernde Bedürfnißfrage. 1Siehe ein ſchlagendes Beiſpiel derart bei Degenkolb, Arbeitsverhältniſſe, 2 te Aufl. Frankfurt 1849, S. 70 ff. Es bezieht ſich auf die Kattundrucker; eine übermäßige Annahme von Lehrlingen 1833 — 40, der drückendſte Ueberfluß an Geſellen von 1840 — 46.Es giebt zeit - weiſe Gewerbszweige, in welchen in Folge hiervon die Lehrlingszahl die Geſellenzahl erreicht, während bei vier - jähriger Lehr - und zwölfjähriger Geſellenzeit die Zahl der Lehrlinge doch immer höchſtens ⅓ der Geſellen ausmachen ſollte. Daraus erklärt ſich, daß die frühere Beſchränkung der Lehrlingszahl nicht ſo ganz ſinnlos war, wie man oft meinte. Noch neueſtens ſpricht ſich Richard Härtel2Vergl. den auch ſonſt intereſſanten Artikel „ zur Lehrlings - frage “im Correſpondent, Wochenſchrift für Deutſchlands Buch - drucker, Extrabeilage zu Nro. 11 vom 12. März 1869. in Beziehung auf die Buchdruckerei aufs Entſchiedenſte dahin aus, daß auf die Dauer ein ordentlicher Stand von Buchdruckergehülfen und - Arbei - tern nur dann ſich erhalten laſſe, wenn die Druckerei - beſitzer der Verſuchung einer zu ſtarken Anwendung ſoge - nannter Lehrlinge, d. h. unerwachſener Arbeiter wider - ſtünden, wenn ſie der alten Geſchäftsſitte treu bleiben, auf drei Gehülfen einen, auf neun Gehülfen erſt zwei Lehrlinge zu halten.
Welches aber auch die Urſachen der anſchwellenden Gehülfen - und Lehrlingszahl im Einzelnen ſein mögen, ſo viel iſt ſicher, die alten Handwerkszuſtände müſſen346Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.ſich damit auflöſen; d. h. es muß einerſeits eine Anzahl gelernter Geſellen ſpäter wieder zu andern Berufen übergehen, es muß andererſeits ein verheiratheter Geſellen - ſtand ſich bilden, die ganzen Rangverhältniſſe im Hand - werk müſſen andere werden.
Oefter wurde es ſchon erwähnt, wie viele Geſellen heute in eigentliche Fabriken eintreten; das war ihnen auch nach der Verordnung vom 9. Februar 1849 nicht verboten. Selbſt für Arbeiten, die nicht einen gelernten Handwerker gerade dieſer Art erfordern, nehmen viele Fabrikanten gerne Geſellen; ſie ſind geſchickter, haben mehr gelernt und geſehen, als einfache Fabrikarbeiter.
Aber das reicht nicht aus, den Ueberſchuß aufzu - nehmen. In den verſchiedenſten anderweitigen Berufen finden wir frühere gelernte Handwerksgeſellen. Mag es an Zahl verſchwinden, daß auf den Brettern, die die Welt bedeuten, ſo manche Schneider - und andere Ge - ſellen eine Zuflucht gefunden, daß der Stiefelputzer der deutſchen Univerſitätsſtädte faſt ausſchließlich ein alter Ge - ſelle iſt, der nicht Meiſter werden konnte, daß die vielen Diener von Muſeen, Leſegeſellſchaften, Vereinen, haupt - ſächlich aus verunglückten Meiſtern und Geſellen beſtehen; ſchon nach Hunderten und Tauſenden zählen andere Zufluchtsorte ihre aus dem Handwerkerſtand rekrutirten Mitglieder. Höckerei und Schankwirthſchaft ſind da in erſter Linie zu nennen. Die zahlloſen Dienſtmänner, die in jeder größern Stadt jetzt ſich anbieten, habe ich bei vielfacher perſönlicher Frage faſt immer als gelernte Handwerksgeſellen erkannt, denen es mißlungen iſt, ein eigenes Geſchäft zu begründen, und die doch nicht zeit -347Die Schickſale alternder Geſellen.lebens Geſellen bleiben wollten. Die Hunderte und Tauſende von preußiſchen Zivilverſorgungsberechtigten, die durch längere Militärzeit ſich einen Anſpruch auf eine ſubalterne Anſtellung im Staats -, Gemeinde - oder Eiſenbahndienſt erwerben, haben zu einem großen Theil früher dem Handwerk angehört. Vor Allem aber ſind die ältern Geſellen und Meiſter, die nicht vorwärts kommen, unter den Auswanderern vertreten. Zur Zeit der ſtärkſten Auswanderung gegen 1854 wanderten jährlich etwa 250000 Perſonen1Hübner, Jahrb. f. Volkswirthſchaft u. Statiſtik V, 285. aus Deutſchland aus, ein ſehr großer Theil hiervon gehörte dem Handwerker - ſtande an. 2Hübner III, S. 293 bringt darüber Nachweiſe für Preußen, Braunſchweig, Meklenburg, Oldenburg pro 1853; V, S. 288 für Baden pro 1840 — 55; daſelbſt für Meklenburg und Braunſchweig pro 1855; VII, S. 146 für Sachſen pro 1853 — 58; VIII, S. 229 für Sachſen pro 1859 — 61. Nur wo ein verkommenes bäuerliches Zwergproletariat iſt, wird der bäuerliche Antheil an der Auswanderung ebenfalls bedeutend; ſonſt überwiegt durchaus das Handwerk nach den Zahlen Hübner’s; mit am ſtärkſten in Sachſen.Und noch jetzt zeigt jeder Ausweis über den Beruf von Auswandern daſſelbe. Im Jahre 1866 kamen z. B. in Württemberg3Württembergiſche Jahrbücher 1866, S. 9 — 13. auf 1275 einwandernde 6995 auswandernde Perſonen; von letztern ſind 3576 erwachſene Perſonen männlichen Geſchlechts; und von ihnen wieder fällt weitaus der Haupttheil auf das Handwerk, nämlich 2110 Perſonen; der Reſt theilt ſich in 24 Fabrikarbeiter, 153 Tagelöhner, 694 Bauern,348Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.353 Handelsleute und etliche andere Kategorien von geringer Bedeutung. Die einzelnen Haupthandwerke zeigen Poſten von nicht unbedeutendem Umfang. Es ſind verzeichnet 232 Schmiede und Schloſſer, 193 Tiſchler, 176 Maurer, 95 Zimmerleute, 197 Schuhmacher, 150 Weber, 110 Schneider, 151 Bäcker, 134 Metzger, 85 Bierbrauer, 96 Drechsler und Wagner, 78 Gerber, 62 Küfer, 53 Mechaniker, 50 Gießer, 42 Goldarbeiter. Die andern Gewerbe ſind etwas geringer vertreten.
Und trotz aller dieſer Abflüſſe der verſchiedenſten Art bleibt die Zahl 27 — 36 jähriger Geſellen, die ſelbſtändig werden möchten, doch noch immer ſo groß, daß jede Erleichterung der Geſetzgebung im Sinne der Gewerbefreiheit und der Niederlaſſungsmöglichkeit den Anſtoß zu zahlreichen Verſuchen ſelbſtändiger kleiner Ge - ſchäfte gibt, aus denen einzelne tüchtige Leute ſich empor arbeiten, von denen die Mehrzahl aber wieder eingeht.
Zu einem verheiratheten Geſellenſtande überzugehen, hatte ſchon Hoffmann1Die Befugniß zum Gewerbebetrieb S. 141 — 150. 1841 als das Hauptmittel em - pfohlen, um die Mißbräuche und Mißſtände des Zunft - weſens, die Erſchwerung des Meiſterwerdens, die Wander - pflicht und ähnliches zu beſeitigen. In Gewerben mit größerer Geſellenzahl, wie in den Baugewerben, iſt das auch längſt der Fall; Lohn - und Kontraktsverhältniſſe haben ſich da ſo geordnet, daß ſie einem verheiratheten Geſellenſtand entſprechen.
In andern Gewerben fängt das erſt an und iſt zunächſt mit mancherlei Schwierigkeiten und Uebeln ver -349Ein Stand verheiratheter Geſellen.bunden. Das alte Verhältniß, den Lehrling und die Geſellen im Hauſe zu haben, wird verlaſſen, nicht aus der theoretiſchen Einſicht heraus, daß man zur reinen Geldwirthſchaft übergehen, daß man nach der heutigen Gehülfenzahl einen verheiratheten Geſellenſtand erhalten müſſe, ſondern weil es zunächſt bequemer oder ſchein - bar billiger iſt, weil die Stück - und Akkordarbeit das Zuſammenſein überhaupt, ſelbſt während der Arbeit überflüſſig macht. Der Meiſter, der in guter Verkehrs - lage miethet, hat nicht Raum, die Leute zu beher - bergen, oftmals nicht Raum zum Arbeiten in ſeinem Lokale. Er ſpart, wenn er die Leute zu Hauſe arbeiten läßt, Licht und Heizung, oft auch das Handwerkszeug. Der Geſelle hat zu Hauſe ohnedieß ein geheiztes Kämmer - chen, beſonders wenn er verheirathet iſt; Frau und Kinder können mithelfen. Es iſt dieß unvermeidlich, hat auch ſeine guten Seiten, aber vorerſt hört man darüber Klagen aller Art, wie z. B. Regierungsrath Mülman1Mülmann, Statiſtik des Regierungsbezirks Düſſeldorf. II, zweite Hälfte. S. 491 — 93. in ſeinem Bericht über die rheiniſchen Ver - hältniſſe hauptſächlich die Schattenſeiten betont. „ Die alte patriarchaliſche Sitte “— ſagt er — „ die Gewerbs - gehülfen als zum Hausſtande des Meiſters gehörig zu betrachten, herrſcht faſt nirgendwo mehr, vielmehr wird der Lohn nur in baarem Gelde gegeben. Die Geſellen ſtehen ſich hierbei nicht beſſer, da ſie für Koſt und Wohnung überall mehr ausgeben müſſen, als ihnen der Meiſter anrechnen konnte. Aber das Streben nach un -350Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.abhängigem Leben läßt ſie dieſe Vertheuerung überſehen. Noch mehr entfernt das immer mehr und leider oft in hierzu ſehr ungeeigneten Arbeitsverhältniſſen einreißende Akkordarbeiten die Geſellen von dem Meiſter, indem es ſie auch hinſichtlich der Arbeitszeit unabhängig macht. Im Allgemeinen iſt durch dieſe Geſtaltung der Verhält - niſſe der Meiſterſtand in ſehr übler Lage wegen ſeines Hülfsperſonals, denn er hat weit größere Intereſſen zu vertreten, als der mit ſeiner Arbeitskraft leicht wieder unterkommende Geſelle. Es iſt hierdurch ſo weit gekom - men, daß in manchen Handwerken viel mehr die Furcht vor Mangel an treu aushaltendem Perſonale, als vor Mangel an Kundſchaft von Erweiterung des Geſchäfts abhält, und daß im Allgemeinen die Meiſter die freie und geſicherte Stellung der Geſellen beneiden, weshalb denn auch eine verhältnißmäßig große Zahl von Geſellen in zwar beſcheidenen, aber geſicherten Verhältniſſen einen ehelichen Hausſtand führt. “
Es iſt zuzugeben, daß nicht bloß ältere verheirathete Leute, ſondern ebenſo junge kaum 18 — 25 jährige, denen eine gewiſſe Zucht und Aufſicht ſehr heilſam wäre, dadurch ſelbſtändig werden, dadurch Gefahren aller Art ausgeſetzt ſind, körperlich, moraliſch und geiſtig zu Grunde gehen. Dem Verhältniß zu ihrem Meiſter fehlen die früheren Bande, die aus dem Zuſammenſein am häuslichen Heerde entſprangen. Die Lohnfrage muß überdieß Meiſter und Geſellen mehr als je entzweien. Die früheren Geſellenlöhne waren relativ ſehr niedrig; der Geſelle wurde früher neben Geld und Verpflegung gleichſam mit der ſichern Ausſicht bezahlt, Meiſter zu351Die reine Geldablohnung der Gehülfen.werden und da von ſeinen Geſellen den Vortheil zu haben, den er jetzt ſeinem Meiſter bot. Dieſe Ausſicht iſt verſchwunden, darum ſchon muß der Lohn höher ſein. Außerdem muß die Naturalverpflegung erſetzt werden. Die Löhne müſſen noch mehr ſteigen, je mehr die Ge - ſellen verheirathet ſind, je mehr ſie in Fabriken Gelegen - heit haben, als geſchickte, techniſch gebildete Arbeiter ſo viel zu verdienen, daß ſie leicht eine Familie ernähren können. 1Es würde zu weit führen, wollte ich hier dieſes Steigen der Löhne durch Eingehen auf das vorhandene Beweismaterial nachweiſen; ich hebe nur zwei ausgezeichnete Arbeiten hervor: „ Statiſtik der Arbeitslöhne in Fabriken und Handwerken von 1830 — 65, “im ſtatiſtiſchen Anhang zu den württembergiſchen Handelskammerberichten für 1865. S. 30 — 40. „ Die Arbeits - löhne in Niederſchleſien “von Regierungsrath Jacobi, Zeit - ſchrift des preuß. ſtatiſt. Bureaus 1868. S. 326 — 351.
Alles das will der ehrbare alte Meiſter, der ſeine Anſchauungen aus einer andern Zeit mitgebracht hat, nicht ſehen, nicht anerkennen. Und darum ſteht er viel - fach auf Kriegsfuß mit ſeinen Arbeitern. Dem Meiſter an Bildung gleichſtehend, empfinden die ältern Geſellen den drückenden Unterſchied zwiſchen Unternehmer und Arbeiter doppelt. Viele unter ihnen haben vergeblich verſucht, ein eigenes Geſchäft anzufangen. Oft ſind das mit die geſchickteſten, begabteſten, die in dem Bewußt - ſein ihrer Talente nicht begreifen wollen, daß fehlende moraliſche und Charaktereigenſchaften ſie in dem Ver - ſuche einer eigenen Unternehmung ſcheitern laſſen mußten. Sie ſind heute mit die unzufriedenſten Elemente der352Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.Geſellſchaft. Aus ihnen vor Allem rekrutirt ſich die ſozialdemokratiſche Partei.
Theilweiſe liegt die gegenſeitige Unzufriedenheit an der Neuheit des ganzen Verhältniſſes. Soweit in der neuen Art des Lebens der Gehülfen wirkliche Gefahren liegen, beſonders für jüngere Leute, ſo weit müſſen eben alle die übrigen Mittel geiſtiger und moraliſcher Hebung ſtärker herangezogen werden. Volksſchule und Kirche, Vereinsleben und genoſſenſchaftliche Ehre, vor Allem ein richtiges geordnetes gewerbliches Bildungs - weſen müſſen erſetzen, was an moraliſcher Wirkung neben allen Mißbräuchen mit dem alten Lehrlings - und Geſellenverhältniß gegeben war. Dann werden die Klagen über Zunahme wilder Ehen, über Sittenloſigkeit, über Zunahme des Luxus ohne Zunahme der Sparſam - keit, die Klagen über leichtſinnige und zu frühe Ehen in dieſen Kreiſen — Klagen, mit denen man gegen - über den untern Klaſſen ohnedieß zu leicht bei der Hand iſt — nicht mehr zunehmen; dann werden ſich bei den verheiratheten Geſellen die möglichen ſegensvollen Wirkungen der Ehe, Sparſamkeit, Fleiß und An - ſtrengung, mehr und mehr einſtellen. Sie ſtehen dann den kleinen Meiſtern, die für Magazine oder andere Meiſter arbeiten, gleich; ſie ſtehen immer noch weſentlich über dem Fabrikarbeiter, können bei Geſchicklichkeit und Sparſamkeit immer ſelbſt in die Reihe der Unternehmer eintreten, ſei es allein, ſei es im Wege der Aſſoziation.
Die alte Rangordnung im Handwerk, der feſte Stufengang iſt allerdings damit unwiederbringlich ver - nichtet, wie ſie zugleich durch die neuere Technik, durch die353Die Auflöſung der alten Handwerkszuſtände.verſchiedenen Arbeitskräfte, die man heute nebeneinander in einem Geſchäfte braucht, unhaltbar geworden ſind. Für leichtere Arbeit verwendet man jetzt vielfach Frauen - hände, für gemeine Arbeit Tagelöhner. Letztere auch im Handwerk anzuwenden iſt ganz paſſend, ermäßigt die Zahl derer, die Meiſter werden wollen, vermeidet Vergeudung höherer Kräfte zu niederer Arbeit. Das hat ja auch die Verordnung von 1849 zugelaſſen. Sie wollte aber hin - dern, daß der gelernte Tiſchlergeſelle bei einem Zimmer - meiſter arbeite, ſie wollte alle Meiſter zwingen ſich nicht an Geſellen, ſondern an Meiſter der andern Gewerbe zu wenden, wenn ſie deren Hülfe brauchten. Es war ein lächerlicher Verſuch, den Lauf der Dinge zu feſſeln, es war überdieß ein erbärmlicher unmoraliſcher Verſuch, weil man dem Fabrikanten erlaubte, was man dem Meiſter verbot.
Mit der andern Technik, mit der veränderten Ab - grenzung der Geſchäfte gegeneinander, mit der größern Spezialiſirung aller Produktion iſt, um hierauf noch zu kommen, auch die Stellung des Lehrlings, ſoweit es ſich gerade um das Erlernen des Gewerbes handelt, eine total andere geworden. Wurde er früher oft ein Jahr lang und länger als Laufburſche verwendet, von der Frau Mei - ſterin zu allen möglichen häuslichen Dienſtleiſtungen gebraucht und mißbraucht, ſo lernte und ſah er doch ſpäter Alles, was in der Werkſtatt gemacht wurde, und alle die verſchiedene Arbeiten ſeines Gewerbes kamen in der Werkſtatt vor. Die Prüfungen nöthigten ihn zu einer gewiſſen Ausbildung nach allen Seiten.
Der Mißbrauch erſterer Art iſt nicht verſchwunden; wo heute, um Taglöhner oder Dienſtboten zu ſparen,Schmoller, Geſchichte d. Kleingewerbe. 23354Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.allzu zahlreich Lehrlinge angenommen werden, da lernen ſie in der erſten Zeit ſo wenig wie früher. Aber auch ſpäter lernen ſie theilweiſe heute nicht mehr ſo viel wie früher, weil die einzelnen Geſchäfte nur einſeitig auf wenige Artikel ſich werfen. Und innerhalb des ſpezialiſirten Geſchäfts wird der Lehrling zu einer ein - zelnen beſtimmten Art der Arbeit gebraucht. Wie ſoll er da viel lernen? Die Prüfung iſt weggefallen und damit jedenfalls auch ein gewiſſer Sporn. Die zu große Unabhängigkeit vom 14. Jahre ab ſteigert bei der Maſſe nicht den Trieb, etwas zu lernen. Die allgemeine Aus - bildung bleibt ſo leicht zurück. 1Viel Wahres über dieſe und ähnliche Punkte in den amtlichen Protokollen, welche über die „ Verhandlungen der 1865 zur Berathung der Koalitionsfrage berufenen Kommiſſion “publizirt wurden. Berlin, Decker 1865.Böhmert, der eifrigſte Vertheidiger der Gewerbefreiheit, muß zugeben, daß die ſchweizer Gewerbetreibenden ſehr gerne deutſche Geſellen aus Ländern, wo noch Prüfungen exiſtiren, haben, weil ſie dieſelben für fleißiger, geſchickter und anſtelliger halten. Und aus ähnlichem Grunde ſind deutſche Ge - ſellen in Frankreich und England beliebt.
Daraus will ich entfernt keinen Schluß ziehen, der auf Wiederherſtellung des Zunftweſens und der Zunft - prüfungen ginge. Dieſe Wiederherſtellung wäre aus andern Gründen ſchädlich, ja unmöglich. Aber das glaube ich mit dem Angeführten bewieſen zu haben, daß die Beibehaltung der alten vierjährigen Lehrling - ſchaft, ohne die Prüfungen und ohne die alte viel - ſeitige Werkſtatt, die aufwachſende gewerbliche Gene -355Die Bildung des Lehrlings.ration noch tiefer herabdrückt, noch mehr dazu beiträgt, alle Geſchäfte in die Hände der höhern Unternehmer - klaſſe zu bringen. Dem iſt nur abzuhelfen, wenn man in den Kreiſen der Handwerker den gewerblichen Schulen die Aufmerkſamkeit ſchenkt, die ſie verdienen, wenn man die jungen Leute zu ihrem Beſuche anhält, wenn man dieſelben je kürzere Zeit in verſchiedene Etabliſſements als Volontaire oder Arbeiter unterbringt, wobei ſie praktiſch alles in ihr Geſchäft Einſchlägige lernen und ſehen, wenn man endlich möglichſt durch freiwillige Prüfungen den Ehrgeiz zu wecken, den Bemühungen ein feſtes Ziel zu ſetzen ſucht.
Das iſt die neue Art, wie man die gewerbliche Jugend heranbilden muß. Die Jugend ſoll arbeiten lernen; aber die Jugendjahre ſollen daneben vor Allem eine Bildungs -, nicht bloß eine Arbeitszeit ſein. Und das Gefährliche aller in neuerem Style eingerichteten Geſchäfte iſt es, ſchon den 14 jährigen als reinen Ar - beiter zu gebrauchen, ohne ihn etwas lernen zu laſſen, ohne ihm einen Ueberblick über die ſämmtlichen kauf - männiſchen und techniſchen Spezialitäten ſeiner Geſchäfts - branche zu geben.
Die Gehülfenzahl nach den preußiſchen Provinzen 1822, 1846 und 1861, ſowie nach den preußiſchen Regierungsbezirken und einigen andern Zollvereinsſtaaten 1861. Die preußiſche Ge - hülfenzahl in Stadt und Land 1828, 1849 und 1858. Die Gehülfenzahl in den großen preußiſchen Städten 1861. Die Gehülfenzahl in Sachſen nach Stadt und Land 1849 und 1861. — Die Gehülfenzahl in einzelnen Gewerben; ſächſiſche Zahlen von 1849, preußiſche von 1822 — 61, württembergiſche von 1835 — 61, berliner von 1861. Die Reſultate dieſer Tabellen. Die Gewerbe, in welchen die Gehülfenzahl ſelbſt in neuerer Zeit niedrig bleibt. Die Gewerbe mit höherer Gehülfenzahl. Die Baugewerbe. Die Meiſter und Flick - arbeiter. Die Zahlen der preußiſchen Baugewerbe von 1816 — 61. Die provinziellen Gegenſätze in der Organiſation der Geſchäfte: die größern Bauunternehmnngen im Oſten, der Bau für eigne Rechnung durch die kleinen Meiſter im Weſten.
An die Thatſache, daß in Preußen im Jahre 1861 die Gehülfenzahl im Durchſchnitt des ganzen Staates und der ſämmtlichen Handwerke die Meiſterzahl erreicht hat, knüpfte ich die allgemeinen Betrachtungen an, welche ſich aus der Umbildung der Handwerksgeſchäfte nach dieſer Richtung hin ergeben. Ich kehre jetzt zu den Reſultaten der Statiſtik zurück.
357Die Verſchiedenheit der Gehülfenzahl.So unbeſtreitbar das allgemeine Reſultat iſt, das ich aus den Durchſchnittszahlen des ganzen preußiſchen Staates und ſeiner geſammten Kleingewerbe folgerte, ſo nothwendig iſt es andererſeits, hier wieder, wie ſchon oft, daran zu erinnern, daß jede ſolche Durchſchnittszahl in gewiſſem Sinne falſch iſt, ein falſches Bild giebt, ſofern ſie den Schein erweckt, als ob dieſer Durchſchnitts - zahl entſprechende Zuſtände nun, gleichmäßig verbreitet, in den verſchiedenen Gegenden und Geſchäften vorhanden wären. Die Wahrheit iſt, daß ſehr verſchiedene Zu - ſtände, verſchieden nach Gegenden wie nach Geſchäfts - branchen, dieſes Durchſchnittsreſultat ergeben haben. Soll unſere Betrachtung alſo nicht einſeitig ſein, ſo müſſen wir neben dem allgemeinen Reſultat dieſe Ver - ſchiedenheiten noch in Betracht ziehen. Sie bieten an ſich ſelbſt und in Bezug auf die hier beſprochene Frage der Meiſter - und Gehülfenzahl ein Intereſſe; außerdem aber wird ihre Unterſuchung manche frühere Ausfüh - rungen, z. B. die über die lokalen Gegenſätze, noch in helleres Licht rücken. Einige Wiederholungen ſind dabei leider nicht zu vermeiden.
Dieterici hat ſchon früher1Mittheilungen II, S. 9. auf den großen Unter - ſchied aufmerkſam gemacht, der zwiſchen den einzelnen preußiſchen Provinzen herrſcht. Bei der Vergleichung von 1822 und 1846 hat er die Lücken der Aufnahme von 1822 durch Schätzungen ergänzt. Ich ſtelle neben ſeine Zahlen die für 1861 von mir nach der offiziellen Aufnahme berechneten. Daß die Aufnahme von 1861358Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.einige Kategorien von Handwerkern mehr umfaßt, iſt für dieſe Durchſchnitte ganz gleichgültig. Das Reſultat iſt folgendes: es kamen auf 100 Meiſter
Die Mark Brandenburg erſcheint in ihren Zahlen ausſchließlich von der Hauptſtadt, von dem Charakter der hauptſtädtiſchen Geſchäfte beeinflußt. Ein Drittel ihrer Meiſter und Gehülfen gehören Berlin an. Daher laſſe ich dieſe Provinz außer Betracht.
In den Zahlen der andern Provinzen zeigt ſich vor Allem wieder der große Unterſchied zwiſchen dem Weſten und Oſten des preußiſchen Staates, hauptſächlich aber der Unterſchied in der Entwicklung beider Theile. Die Gegenſätze ſind 1822 total andere als 1861. Im Jahre 1822 ſtehen die Rheinprovinz, Sachſen und Pommern voran in der Gehülfenzahl, es folgen Weſtfalen und Schle - ſien; Preußen und Poſen haben die geringſte Gehülfen - zahl. Schon 1846 liegen die Dinge anders. Poſen z. B. hat jetzt ſchon die gleiche Gehülfenzahl wie Weſtfalen und die Rheinprovinz. Vollends bis 1861 dreht ſich das Verhältniß vollſtändig um. Am Rhein, in Weſtfalen, in Sachſen wächſt die Gehülfenzahl wohl auch noch etwas,359Die Gehülfenzahl nach den preußiſchen Provinzen.aber unbedeutend. In der Rheinprovinz ſind 1861 noch Verhältniſſe, die auf ein Ueberwiegen kleiner Geſchäfte, auf die Möglichkeit für jeden Geſellen, ſelbſt Meiſter zu werden, deuten. Im Oſten dagegen iſt die Gehülfen - zahl auf das 2 — 3 fache gegen 1822 geſtiegen, obwohl anzunehmen iſt, daß das Landhandwerk hier, ſoweit es exiſtirt, auch heute noch weniger Gehülfen hat, als das Landhandwerk am Rhein. Die Zahlen zeigen, daß hier die Gehülfen nicht bloß gewachſen ſind, wie es im All - gemeinen einem etwas geſtiegenen Wohlſtand entſpricht, ſie zeigen, daß hier ganz andere Zuſtände ſich gebildet haben, ſie zeigen, daß hier mehr und mehr das Handwerk der großen Städte, daß in den bedeutendern Städten mehr und mehr die größern Handwerksgeſchäfte und die Magazine überwiegen.
Aehnliche Gedanken ergeben ſich uns, wenn wir noch etwas weiter ins Detail gehen, uns die Ergebniſſe nach den einzelnen preußiſchen Regierungsbezirken geordnet anſehen. Ich laſſe ihnen als weitere Ergänzung gleich die Zahlen für einige der neuen preußiſchen Provinzen und kleinern deutſchen Staaten, berechnet nach den Frantz’ſchen Summen,1Die Zahlen weichen, wie mehr erwähnt, von den offiziellen, ſoweit ſie exiſtiren, theilweiſe etwas ab; aber ich konnte hier keine anderen zu Grunde legen; Viebahn hat über - haupt keine Summen der Meiſter und Gehülfen getrennt, und offizielle Summirungen exiſtiren nur von ein paar Staaten. Die Frantz’ſchen Zahlen haben wenigſtens die Wahrſcheinlichkeit für ſich, nach derſelben Methode gewonnen zu ſein. folgen. Es kamen auf die:360Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.
Die niedrigſte Gehülfenzahl haben die armen vor - wiegend landwirthſchaftlichen Gegenden, wie Naſſau und Oberheſſen. Wo der Wohlſtand ſteigt, der rein land - wirthſchaftliche Charakter zurücktritt, iſt die Gehülfenzahl etwas größer. Aber dieſes Steigen der Gehülfenzahl geht nun nicht weiter dieſen beiden Urſachen entſprechend. Wohlhabende gewerbliche Gegenden wie Württemberg, Baden, die Regierungsbezirke Koblenz, Trier, Aachen behalten ihre mittlere Gehülfenzahl; der Regierungsbezirk Erfurt hat eine niedrigere Gehülfenzahl als die Regie - rungsbezirke Merſeburg und Magdeburg und iſt ſo wohl - habend als ſie, hat auch wohl ſo ziemlich gleichen gewerb - lichen Charakter. Die größte Gehülfenzahl außer den letztgenannten haben die Regierungsbezirke Königsberg, Danzig, Potsdam, Breslau, Liegnitz, alſo der Oſten, der weder am reichſten iſt, noch überall durch ſpezifiſch gewerblichen Charakter ſich auszeichnet. Da zeigt es ſich wieder, daß die ganze Vermögens - und Einkommen - vertheilung, das Wohnen in großen oder kleinen Städten, die Grundbeſitzvertheilung es beſtimmt, ob ſich heute die kleinern Handwerksgeſchäfte noch halten.
Bei einzelnen Staaten, wie Baiern und Sachſen, hängt die größere Gehülfenzahl vielleicht etwas mit der früheren Erſchwerung des Meiſterwerdens zuſammen. Viel wohl nicht. Auf die Dauer wirkt die freie Kon - kurrenz — allerdings an anderer Stelle und mit andern ſonſtigen Wirkungen — noch mehr auf größere Geſchäfte als die Zunftverfaſſung.
In den Gegenden und Bezirken, in welchen die Gehülfenzahl am niedrigſten iſt, in welchen gegen 60362Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.bis 80 Gehülfen auf 100 Meiſter kommen, wird immer - hin dieſe Zahl ausreichen, um die Meiſterſtellen wieder zu beſetzen. Ein regelmäßiger Zufluß aus Gegenden mit größerer Gehülfenzahl iſt kaum anzunehmen. Be - ſonders zwiſchen den verſchiedenen Staaten war eine derartige Beweglichkeit der Arbeitskräfte früher ſehr erſchwert. Iſt ja jetzt erſt im norddeutſchen Bunde die Freizügigkeit geſchaffen.
Dagegen iſt allerdings zwiſchen Stadt und Land einer und derſelben Gegend und Provinz eine ſolche Fluktuation der Arbeitskräfte anzunehmen. Wünſcht auch der Lehrling, der in der Stadt gelernt, der Ge - ſelle, der dort gearbeitet hat, wo möglich dort zu bleiben, der Mittelloſe muß auf’s Land zurück, wenn er ſelb - ſtändig werden will; andere werden durch Familien - verhältniſſe, durch Land - und Hausbeſitz dazu gezwungen. Das iſt bei den Gehülfenzahlen nach Stadt und Land, zu welchen wir uns jetzt wenden, nicht zu überſehen.
Nach der Aufnahme von 1828 berechnet Hoff - mann,1Nachlaß kl. Schriften S. 399. Der Durchſchnitt für das ganze Land ſtellt ſich dort zu 48 Gehülfen (auf 100 Meiſter), während ich oben 56 berechnet habe. Das hat ſeine Urſache darin, daß Hoffmann ſeiner Berechnung nicht die geſammten Handwerker, ſondern nur die 13 wichtigſten Arten zu Grunde legt. die 13 wichtigſten Arten der Handwerker zu - ſammenfaſſend, im Durchſchnitte auf 100 Meiſter
Nach den einzelnen Provinzen vertheilen ſich 1828 die Gehülfen der Landmeiſter folgendermaßen; auf 100 Landmeiſter kamen
Im Weſten hat wenigſtens jeder dritte Land - meiſter einen Geſellen oder Lehrling; im Nordoſten arbeiten von 100 Landmeiſtern 89 ohne jede gewerb - liche Hülfe.
Im Jahre 1849 haben Gehülfen und Meiſter in den preußiſchen Städten etwa das Gleichgewicht erreicht, es kamen auf 100 Meiſter da 98, auf dem Lande 56 Gehülfen. Neun Jahre ſpäter, im Jahre 1858, haben 100 ſtädtiſche Meiſter 115,4, 100 Landmeiſter 71,8 Gehülfen. Das Landhandwerk hat 1858 beinahe ſo viel Gehülfen, daß es ſeine Meiſterſtellen allein beſetzen könnte. Die Zahl der Lehrlinge, gegenüber den Geſellen, erſcheint im Ganzen 1858 als normal: 125202 Lehrlinge auf 377093 Geſellen; alſo jene etwa ⅓ dieſer; in den Städten freilich nähert ſich die Zahl der Lehrlinge nahezu der Hälfte der Geſellen, auf dem Lande beträgt ſie etwa ein Viertel derſelben.
Nach der Aufnahme von 1861 ſtellt ſich das Ver - hältniß der Meiſter und Gehülfen in den größern preu - ßiſchen Städten folgendermaßen:364Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.
Die mehr beſprochenen provinziellen Gegenſätze zeigen ſich auch hier. Die größte Gehülfenzahl hat nicht Berlin, ſondern Königsberg, Elbing und Breslau. In Berlin1Mittheilungen II, S. 9. kamen ſchon 1822 auf 100 Meiſter 185, 1846 - 210 Gehülfen, 1861 dagegen 207. Daraus365Die Gehülfen in den größern Städten 1861.ließe ſich ein Schluß ziehen, den ich freilich nur mit einer gewiſſen Vorſicht ausſprechen möchte, — nämlich der, daß für die Mehrzahl der Handwerke der Ueber - gang zu einem größern Betriebe, auch heute noch eine gewiſſe Grenze hat, wenigſtens 1861 noch hatte. Ich ſuchte oben zu zeigen, daß das heutige Handwerk nicht zu dem wird, was man ſpezifiſch Großinduſtrie nennt, ſondern nur zu etwas umfaſſenderen und anders orga - niſirten Geſchäften übergeht. Erwägt man überdieß, daß gerade in den großen Städten doch noch viele kleine Meiſter, Anfänger, Flickarbeiter ohne alle Gehülfen arbeiten, ſo könnte man allerdings den Schluß für berechtigt halten, 2 — 3 Gehülfen auf einen Meiſter im Durchſchnitt ſei das Maximum. Immer aber bleibt dieſer Schluß problematiſch; er iſt richtig für einzelne, für viele Gewerbszweige, daneben unrichtig für andere, welche auch in der Handwerkertabelle verzeichnet ſind und bis zu 10 und mehr Gehülen auf einen Meiſter haben können, wie das Zimmer - und Maurergewerbe, einzelne Metall - und Holzgewerbe, Glockengießereien, große Möbelanſtalten.
Daß im Königreich Sachſen die Zahl der Gehülfen im Durchſchnitt des ganzen Staates weſentlich höher iſt, als die in Preußen, ſahen wir ſchon; ſie iſt höher als die irgend eines preußiſchen Regierungsbezirks. Stadt und Land haben gleichmäßig blühende Gewerbe aller Art; die dortige Handwerkertabelle umfaßt mehr wahrſcheinlich als die irgend eines andern größern deutſchen Landes ſolche Geſchäfte, die für den Abſatz im Großen thätig ſind.
366Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.Schon im Jahre 1849 kamen im Durchſchnitt des ganzen Landes bei den 50 wichtigſten Handwerken1Zeitſchrift des ſächſ. ſtatiſt. Büreaus 1860. S. 105. auf 100 Meiſter 111 Gehülfen, in den Städten allein nur 112, alſo kaum mehr als im Durchſchnitt des ganzen Landes. Trennt man Geſellen und Lehrlinge, ſo kommen nach dieſer Rechnung auf 100 Meiſter
Dabei ſind aber die beſonders auf dem Lande als Hausinduſtrie betriebenen Gewerke einbegriffen; von einem Theil derſelben rührt die hohe Zahl Gehülfen des platten Landes her, ſo von den Bürſtenmachern, den Landklempnern und Nagelſchmieden; andere wieder, wie die Weber, haben keine beſonders hohe Gehülfen - zahl. Daneben iſt nicht zu vergeſſen, was ich oben ſchon erwähnte, daß die Gehülfenzahl auf dem Lande viel zu hoch erſcheint durch die Art der Zählung. Tauſende von Maurern, Zimmerleuten, Buchdruckern und andern Geſellen und Arbeitern, die in der Stadt arbeiten, wohnen auf dem Lande und werden da gezählt.
Für die Vergleichung von 1849 und 1861 ſind andere Zahlen zu Grunde zu legen; nämlich die der öfter ſchon angeführten Tabelle,2Zeitſchrift des ſächſ. ſtatiſt. Büreaus 1863. S. 102. welche die Meiſter und Gehülfen in 36 Handwerken, getrennt nach größern,367Die Gehülfenzahl in Sachſen.kleinern Städten und plattem Lande, aufführt. Die Tabelle beſchränkt ſich auf die ſpezifiſch lokalen Gewerbe und ſchließt alle Hausinduſtrien und fabrikmäßigen Hand - werke, wie die Weber, Tuchmacher, Tuchſcheerer, Strumpfwirker, Poſamentiere, Inſtrumentenmacher, Färber, Nadler und Aehnliche aus. Nach den dortigen abſoluten Zahlen habe ich die folgenden Verhältniſſe berechnet. Es kamen auf 100 Meiſter:
Das Verhältniß der drei verſchiedenen Arten des Handwerks unter ſich iſt ebenſo ſchlagend, wie die Um - bildung jeder einzelnen Art von 1849 — 61. Das An - wachſen der Gehülfenzahl auf dem Lande iſt am über - raſchendſten. Es entzieht ſich aber jeder weitern Erörte - rung, da man nicht abſieht, wie weit es aus den vorhin angeführten Gründen der Wirklichkeit, d. h. dem thatſäch - lichen Umfang der Geſchäfte auf dem Lande entſpricht. Keine weſentliche Aenderung zeigt ſich in den kleinern Städten, wie das nach den obigen Unterſuchungen über das kleinſtädtiſche Handwerk zu erwarten war. Die ſtärkſte Zunahme der Gehülfenzahl fand in den großen Städten ſtatt. Es iſt ein totaler Umſchwung der Ver - hältniſſe, der zwiſchen dieſen beiden Zahlen liegt. Vor - her noch 1½, jetzt im Geſammtdurchſchnitt 2 — 3 Ge - hülfen auf einen Meiſter. Damit iſt in den ſämmt -368Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.lichen ſächſiſchen Städten über 10000 Einwohner die Grenze erreicht, die wir vorhin als eine Art Maximum hinſtellten, die Grenze, die ſelbſt in der Großſtadt Berlin und den andern größten preußiſchen Städten 1861 nicht überſchritten iſt.
Dieſes Maximum aber, wie alle die vorſtehenden Verhältnißzahlen ſind berechnet als Durchſchnitte verſchie - dener Gewerbe. Eine wirklich konkrete Anſchauung der Verhältniſſe gewinnen wir erſt, wenn wir die einzelnen Gewerbe unterſcheiden. Jedes iſt in ſeiner Technik, in ſeiner Organiſation, in ſeinem Verhältniß zum Publikum wieder ein anderes, wie ein Blick auf die folgenden Tabellen lehrt. Um das ſtatiſtiſche Material nicht zu ſehr zu häufen, beſchränke ich mich auf die Mittheilung von vier Tabellen. Die ſächſiſche umfaßt 50 Gewerbe nach dem Stande von 1849. 1Zeitſchrift des ſächſ. ſtatiſt. Büreaus 1860. S. 105.Die preu - ßiſche für die Jahre 1822 und 1846 ſtammt von Dieterici;2Mittheilungen II, S. 8. die Jahre 1858 und 1861 habe ich nach den Quellen nachgerechnet. Die württembergiſche Tabelle iſt von mir in meiner württembergiſchen Gewerbeſtatiſtik3Württembergiſche Jahrbücher 1862, 2tes Heſt, S. 248. berechnet. Als Gegenſatz zu dieſen drei ganze Länder umfaſſenden Ueberſichten füge ich noch den Stand einiger der wichtigern Berliner Handwerke im Jahre 1861 bei, berechnet nach den Zahlen der offiziellen Publikation. 4Preußiſche Statiſtik in zwangloſen Heften V, 172 — 182.
369Die Gehülfenzahl in einzelnen Gewerben.Es kamen 1849 in Sachſen auf 100 Meiſter:
Die preußiſchen Zahlen ſind, wie wir das ſchon aus den allgemeinen Ergebniſſen wiſſen, geringer; es kamen da auf 100 Meiſter Gehülfen:
Schmoller, Geſch. d. Kleingewerbe. 24370Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.
Und nochmal geringer als die preußiſchen ſind die württembergiſchen Gehülfenzahlen; es kamen dort Ge - hülfen auf 100 Meiſter:
371Die Gehülfenzahl in einzelnen Gewerben.
Ganz anders natürlich lauten die Verhältnißzahlen Berlins; ich theile zugleich die abſoluten Zahlen der Meiſter, Gehülfen und Lehrlinge mit; man zählte 1861:
24 *372Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.
Wir ſehen große Gegenſätze in dieſen Zahlen und Gegenſätze verſchiedener Art. Von den provinziellen Gegenſätzen will ich weiter nicht reden; es ſind die ſchon mehr beſprochenen. Auch die ſukzeſſive Aenderung von 1822, reſp. 1835 bis 1861 bietet nach den obigen Ausführungen zunächſt nichts Neues. Was uns hier intereſſirt, iſt der Unterſchied der einzelnen Gewerbe unter ſich. Die äußerſten Differenzen, die ſich da zeigen, liegen ziemlich weit auseinander. Bei den Glaſern373Die Gehülfenzahl in einzelnen Gewerben.kamen 1861 in Preußen auf 100 Meiſter 49, bei den Maurern 566 Gehülfen; in Sachſen iſt 1849 der äußerſte Gegenſatz 47 und 2574, in Württemberg 1861 43 und 209, in Berlin 1861 - 92 und 1686.
Je ärmlicher und einfacher ein Gewerbe in der Regel iſt, je mehr es Landmeiſter unter ſich begreift, je weniger es großes Kapital zum Anfang des Geſchäfts fordert, je mehr es ausſchließlich auf perſönlichen Dienſt - leiſtungen des Meiſters beruht, deſto niedriger iſt die Gehülfenzahl. Man ſieht beſonders an der württem - bergiſchen, aber auch an der preußiſchen Tabelle, daß wo und ſofern die Verhältniſſe ſo einfach bleiben, die Ge - hülfenzahl, welche auf 100 Meiſter kommt, 43 — 80 nicht überſchreitet. Jede zeitweilig höhere Zahl ſinkt wieder, da die Geſellen, in ein gewiſſes Alter gekommen, keine Urſache haben, nicht ein eigenes Geſchäft anzu - fangen.
Anders wieder in den Gewerben, welche größeres Kapital erfordern, welche für größern Abſatz anfangen zu arbeiten; die hausinduſtriellen Betriebe bilden zwar gerade einen gewiſſen Gegenſatz zu den großen Geſchäften, aber wo ſie blühen, hat der Meiſter, welcher für den Kaufmann oder Verleger arbeitet, doch häufig einige Geſellen oder einen Lehrling, wie ſich das bei den ſächſiſchen Nagelſchmieden, Klempnermeiſtern, Poſamen - tieren zeigt. Die Gewerbe, welche durchgängig die höchſte Zahl von Gehülfen zeigen, ſind die Gerber, Töpfer, Hutmacher und vor allem die Baugewerbe. Alle die genannten neigen mehr oder weniger zu größern Geſchäften. Ihnen am nächſten ſtehen die Gürtler, Klempner,374Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.Schloſſer und Buchbinder, Gewerbe, welche ſchwung - haft betrieben zur Maſchinenanwendung und zur Spezialiſirung auf einzelne Artikel übergegangen ſind. In allen dieſen Gewerben kann nicht mehr davon die Rede ſein, daß die Geſellen ſämmtlich ſelbſtändig werden können.
Wenn in den Gewerben, welche außer dem Hauſe arbeiten laſſen, die ſämmtlichen ſo Beſchäftigten als Gehülfen, und nicht, wie vielfach, als Meiſter gezählt wären, ſo würde die Gehülfenzahl in verſchiedenen Ge - werben noch weſentlich höher ſein.
Diejenigen Gewerbe, welche eine gleich hohe Gehülfen - zahl im Durchſchnitt haben, werden ſich an techniſcher Entwickelung, Kapitalbedürfniß, Einkommen und ſozialer Stellung ungefähr auch gleich ſtehen. Aber doch nicht vollſtändig. Das eine Gewerbe bedarf mehr des Kapi - tals, das andere mehr der perſönlichen Arbeitskräfte. Die Fleiſcher, Schneider und Schuſter z. B. haben 1861 in Preußen dieſelbe Gehülfenzahl. Und doch ſteht im Durchſchnitt der Schneidermeiſter etwas unter dem Schuhmachermeiſter, jedenfalls überragt der Fleiſcher - meiſter beide durchſchnittlich an Einkommen und ſozialer Stellung. Der Schuſter hat in der Regel ſchon etwas mehr Kapital in ſeinem Geſchäft ſtecken, er treibt eher als der Schneider Vorrathshandel. Eine andere Stellung als beide hat der Fleiſcher, der Geld zum Vieheinkauf braucht, der meiſt ein Pferd hält, um auf den Einkauf zu fahren, der eines eigenen Hauſes, einer Schlacht - ſtätte ſchwer entbehren kann. Im Jahre 1822 haben die Fleiſcher ein Drittel weniger Gehülfen als die375Die Gewerbe mit gleicher Gehülſenzahl.Schuſter und doch iſt damals ſchon der Fleiſchermeiſter durchſchnittlich wohlhabender als der Schuhmacher.
Uebrigens haben die Nahrungsgewerbe in Wirklich - keit einen größern Umfang; ſie beſchäftigen mehr Hände, als hier erſichtlich iſt; aber es ſind nicht ſowohl techniſch gebildete Gehülfen, Lehrlinge und Geſellen, als Knechte und Mägde. Wenn 1864 in den thüringiſchen Staaten1Kollmann, Geſchichte und Statiſtik des Geſindeweſens, in Hildebrand’s Jahrbücher X, S. 298. auf 100 Selbſtändige in den Nahrungsgewerben 71 Dienſtboten, in den Bekleidungsgewerben aber nur 5, bei den Bauhandwerken 21, bei den Gewerben, welche ſich mit Einrichtung der Wohnungen und Herſtellung von Geräthſchaften abgeben, 11, bei allen übrigen Ge - werben endlich 6 Dienſtboten kommen, ſo ſind das Ver - hältnißzahlen, wie ſie ſich ähnlich auch wohl anderwärts ergeben würden, ſofern Aufnahmen nach der Richtung exiſtirten. Sie zeigen einen ſprechenden Unterſchied der einzelnen Gewerbearten in der Wohlhabenheit und in dem Bedürfniß an helfenden Händen für das Geſchäft. Sie zeigen, daß die Zahlen der techniſchen Gehülfen nicht allein maßgebend ſind.
Von beſonderem Einfluß auf die Gehülfenzahl iſt die Thatſache, ob das betreffende Gewerbe auf dem Lande mit vorkommt. Zahlreiche Landmeiſter ohne Ge - hülfen neben ſtädtiſchen Meiſtern mit 2 — 3 Gehülfen geben für den Durchſchnitt des ganzen Gewerbes doch nur 60 — 80 Gehülfen auf 100 Meiſter. Die Rade - macher haben in Preußen 1861 - 55, die Glaſer 49376Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.Gehülfen; die Tiſchler, Schloſſer und ähnliche Gewerbe ſehr viel mehr. Und doch wird zwiſchen den ſtädtiſchen Geſchäften kein ſehr großer Unterſchied ſein.
In Berlin iſt die Gehülfenzahl ſehr viel größer, als im Durchſchnitt des ganzen Landes. Einzelne Arten von Gewerben werden in der Großſtadt zu etwas ganz Anderem. Aber in der Hauptſache iſt doch die Ab - ſtufung zwiſchen den einzelnen Arten der Gewerbe die - ſelbe, und bei der überwiegenden Mehrzahl kommen auf einen Meiſter doch nicht über 1 — 3 Gehülfen durchſchnittlich. Nur wenige Gewerbe haben eine noch größere Gehülfenzahl und auch das ſind faſt lauter ſolche Gewerbszweige, bei welchen große und kleine Geſchäfte neben einander vorkommen. Von den in der Fabrik - tabelle Berlins verzeichneten Geſchäften ſind ſie faſt alle noch weit entfernt. Es kamen durchſchnittlich auf einen Arbeitgeber 1861 in Berlin:1Engel, die Induſtrie der großen Städte, Berliner Gemeindekalender II, S. 143. bei den Spinnereien 15,7, den Webereien 7,6, den Fabriken für Metallproduktion 21,8, denen für Metallwaaren 22,9, denen für mine - raliſche Stoffe 16,3, denen für Pflanzenſtoffe 7,9, denen für Holzwaaren 12,3, denen für Verzehrungsgegenſtände 8,9 Arbeiter. Dieſen Fabriken ſtehen von den oben angeführten Gewerbszweigen nur die Baugewerbe gleich. Jeder Pflaſterermeiſter in Berlin hatte 1861 durch - ſchnittlich 6, jeder Steinhauermeiſter 8, jeder Zimmer - meiſter 14, jeder Maurermeiſter 16 Geſellen und Lehrlinge.
377Die Baugewerbe.Zahlreiche[Arbeitskräfte] ſind in den Baugewerben für den Meiſter nothwendig; vielfach iſt er in den größern Städten überhaupt ein großer Spekulant und Unternehmer geworden, der über tauſende von Thalern muß verfügen können. Immer aber zeigt ſich auch hierin noch eine große Verſchiedenheit der Verhältniſſe. Darüber möchte ich noch einige Worte bemerken, auch einige weitere Betrachtungen über die Baugewerbe, auf die ich nicht mehr im Speziellen komme, beifügen.
Zuerſt eine Bemerkung über die obigen Zahlen. Wenn nach den Tabellen 1861 ein Maurer - oder Zimmer - meiſter in Württemberg 1 — 2, in Preußen 4 — 5, in Sachſen 18 — 25, in Berlin 14 — 16 Gehülfen beſchäf - tigt, ſo ſind das nicht durchaus vergleichbare Zahlen. Die polizeilichen Beſtimmungen über das Meiſterwerden ſind verſchieden, und in Folge davon iſt theilweiſe eine beſondere Mittelklaſſe zwiſchen den Meiſtern und den Gehülfen ausgeſchieden, theilweiſe iſt dieß nicht der Fall. In Württemberg z. B. fehlt dieſer Unterſchied. Die Meiſterprüfung war überdieß niemals allzuſchwer; die Zahl der Geſellen iſt daher nicht ſo ſehr viel ſtärker als die der Meiſter; ein Verhältniß, das noch durch die übrigen Urſachen, die dort überhaupt auf kleinern Be - trieb hinwirken, unterſtützt wurde.
In Preußen hatte das Gewerbepolizeiedikt von 1811 die Beibehaltung der Prüfungen für die Bauhand - werker ausgeſprochen, die Inſtruktionen von 1821 und 1833 hatten dieſelben geordnet. 1Rönne, Gewerbepolizei II, 99.Die Anforderungen378Die Vertheilung der Gewerbetreibenden.waren mäßige, aber immerhin mußte man beſonders auf dem Lande eine Reihe von kleinen Arbeiten auch Leute ſelbſtändig ausführen laſſen, welche die Prüfung nicht beſtanden hatten. Dieſe ſogenannten Flickarbeiter wurden aber erſt 1837 als beſondere Rubrik bei der ſtatiſtiſchen Aufnahme gezählt. Bei der Vergleichung von 1822 und 46, welche Dieterici anſtellte, rechnet er die Flickarbeiter zu den Meiſtern, und demgemäß habe ich in den Berechnungen für 1858 und 61 daſſelbe gethan. Dagegen zeigen die Zahlen für Berlin nur das Verhältniß der eigentlichen Meiſter zu den Gehülfen. Läßt man für die Zahlen des ganzen Staates die Flick - arbeiter weg, ſo ſtellt ſich das Verhältniß ganz anders, als die obigen Zahlen es darſtellen; es kommen dann auf 100 Meiſter
Dieſe Zahlen beweiſen zugleich, daß die nach den obigen Zahlen ſich ergebende Abnahme der Gehülfenzahl von 1858 bis 1861 (von 653 auf 440 Gehülfen bei den Zimmerleuten, von 927 auf 566 bei den Maurern pro 100 Meiſter) nur eine ſcheinbare, von der Zunahme der Flickarbeiter herrührende iſt. Die Zunahme der Flickarbeiter war ſelbſt wieder nicht Folge einer volkswirthſchaftlichen, ſondern einer polizei - lichen Anordnung. Eine ſolche war durch die Gewerbe - ordnung von 1845 und die Gewerbenovelle von 1849 eigentlich nicht hervorgerufen worden; man war wohl379Die Baugewerbe in Preußen.von 1849 an etwas ſtrenger; aber die alten Prüfungs - inſtruktionen waren bis 1856 in Geltung geweſen. Erſt die neue Inſtruktion vom 24. Januar 1856 hatte die Meiſterprüfungen weſentlich zu erſchweren, die Arbeiten, welche zur ſelbſtändigen Ausführung ältern Geſellen als Flickarbeitern überlaſſen bleiben, ziemlich enge einzu - ſchränken geſucht. Darauf hin hatten die Meiſter zuerſt abgenommen; nach wenigen Jahren mußten die Flick - arbeiter, die nun trotz ihres engen Wirkungskreiſes um ſo nothwendiger wurden, um ſo mehr zunehmen.
Um jedoch über die ganzen hier in Betracht kom - menden Gewerbe eine klarere Ueberſicht zu geben, laſſe ich zunächſt die zwei folgenden hiſtoriſchen Tabellen folgen. Sie enthalten eine ziemlich vol