PRIMS Full-text transcription (HTML)
[I]
Zur Geſchichte der deutſchen Kleingewerbe im 19. Jahrhundert.
Statiſtiſche und nationalökonomiſche Unterſuchungen
Halle,Verlag der Buchhandlung des Waiſenhauſes.1870.
[II][III]

Meinem Schwager Dr. Guſtav Rümelin, k. w. Staatsrath a. D., Vorſtand des k. w. ſtatiſt. Bureaus, Dozenten der Philoſophie und Statiſtik an der Univerſität Tübingen, in Liebe und Dankbarkeit gewidmet.

[IV][V]

Vorrede.

Die nachſtehenden Unterſuchungen ſind urſprünglich veranlaßt durch die Redaktion des Arbeiterfreundes. Seit geraumer Zeit dem Namen nach Mitarbeiter dieſer Zeitſchrift fühlte ich längſt die moraliſche Ver - pflichtung, dieſe nominelle Mitarbeiterſchaft zu einer faktiſchen zu machen. Um den wiederholten Aufforde - rungen der Redaktion zu genügen, nahm ich eine Arbeit wieder vor, die mich ſeit lange beſchäftigte, die Bearbeitung der Handwerkerſtatiſtik der wichtigern deutſchen Zollvereinsſtaaten. Bald aber ſah ich, daß die Vollendung dieſer Arbeit einen Umfang gewinne, der die Veröffentlichung in einer Zeitſchrift ausſchließe. Damit war eine ſelbſtändige Publikation geboten, wie ſie nunmehr erfolgt. Meiner Verpflichtung gegenüber dem Arbeiterfreund kam ich dadurch nach, daß mir die Verlagsbuchhandlung des Waiſenhauſes geſtattete, einen Theil der Unterſuchungen (etwa die Hälfte derſelben) daneben im Arbeiterfreund abdrucken zu laſſen. Es folgte aus dieſer Kombination der Uebelſtand, daß der Druck der erſten Bogen im Januar 1869, noch ehe der Entwurf der neuen Gewerbeordnung ausge - geben war, begann, während die letzten erſt im Sep -VIVorrede.tember und Oktober 1869 ganz vollendet und gedruckt wurden.

Seit mir im Jahre 1862 die Ausarbeitung der im Dezember 1861 aufgenommenen württembergiſchen Gewerbeſtatiſtik übertragen worden war, hatte ich die hiermit zuſammenhängenden Fragen und Unterſuchungen ſtets mit beſonderer Vorliebe im Auge behalten. Als ich nach Preußen kam, hatte ich doppelte Veranlaſſung mich immer und immer wieder für wiſſenſchaftliche Vor - leſungen, für Vorleſungen in Gewerbe - und Hand - werkervereinen, ſowie für literariſche Arbeiten mit der preußiſchen Gewerbeſtatiſtik, ſowie mit der des Nachbar - landes, mit der ſächſiſchen, zu beſchäftigen. So hatte ſich das Material, die verſchiedenſten Arten der Berech - nung, der Tabellen bei mir gehäuft; meine eigenen Anſichten waren im Laufe dieſer Zeit mannigfach andere geworden, als ich mich durch die genannte äußere Ver - anlaſſung zur definitiven Ausarbeitung entſchloß. Ich theilte früher, meinen allgemeinern Studien und meinen politiſchen Anſchauungen gemäß, die hergebrachten An - ſichten der liberalen Nationalökonomie, die rein opti - miſtiſche Auffaſſung unſerer volkswirthſchaftlichen Fort - ſchritte, die Idee, in der Gewerbefreiheit an ſich liege ausſchließlich das Heilmittel für alle Uebelſtände. Je tiefer aber meine Studien gingen, deſto mehr ſah ich nicht die Unrichtigkeit, im Gegentheil die Berechtigung, aber auch die Einſeitigkeit dieſes Standpunktes ein, deſto mehr verwandelten ſich mir frühere Abſtraktionen in konkrete Unterſcheidungen, der ſchönfärbende Optimis - mus in die Einſicht, daß nothwendig aus den großenVIIVorrede.Umwälzungen unſerer Zeit neben glänzenden, unerhör - ten Fortſchritten tiefe ſoziale und wirthſchaftliche Miß - ſtände ſich ergeben; es verwandelte ſich mir der Nihilis - mus des laissez faire et laissez passer in die Forderung poſitiver Reformen, wobei die Reformen mir immer mehr als die Hauptſache erſchienen, nicht die Frage, ob ſie der Staat oder die Geſellſchaft in die Hand zu nehmen habe.

Doch zunächſt haben dieſe Unterſuchungen für jene tiefer liegenden Fragen nur das Material zu ſammeln, einen Theil des status quo feſtzuſtellen. Der erſte Zweck der Arbeit lag für mich darin, die ſo vielfach mißbräuchlich benutzten ſtatiſtiſchen Zahlen kritiſch zu unterſuchen, nur vergleichbare Zahlen zuſammen zu ſtellen, durch richtige Anordnung der Zahlen die Fragen zu ſtellen, welche ſie beantworten können. Ich habe daher auch nicht geſcheut, ſelbſt mit einer breiten und hier und da ermüdenden Ausführlichkeit die Entſtehung und den Werth der einzelnen Zahlen klar zu legen, durch zahlreiche Anmerkungen jedem Leſer die eigene Prüfung und Nachrechnung zu ermöglichen. Die Mehr - zahl meiner Rechnungen habe ich durch einen ausge - zeichneten Mathematiker, Herrn Ulrich, Beamten der Verſicherungsgeſellſchaft Iduna prüfen laſſen; auch im Druck ſind die Zahlen mit möglichſter Sorgfalt rektifizirt, ſo daß hoffentlich die niemals ganz zu vermeidenden Druck - und Rechenfehler unbedeutend ſind. Daneben habe ich angeſtrebt, die Zahlen ſo mitzutheilen, daß auch der Nichtfachmann ſie leicht verſteht, d. h. ich habe ſie, durchaus in kleine Tabellen gruppirt, zwiſchen demVIIIVorrede.Texte mitgetheilt, auch abſichtlich die Hauptreſultate der Tabelle nochmals in Worten ausgeſprochen, was ja in offiziellen Publikationen, wie in Werken für den Statiſtiker von Fach zu vermeiden iſt.

Wenn ich dabei möglichſt ſuchte, die Zahlen ganz für ſich ſprechen zu laſſen, ſo weiß doch jeder Statiſtiker, daß das nur möglich iſt, wenn der, welcher die Zahlen vorführt, eine genaue vollſtändige Kenntniß der realen Verhältniſſe hat, um die es ſich handelt. Und dazu rechne ich nicht nur eine Kenntniß der ſpezifiſch gewerb - lichen Zuſtände, der Technik der Gewerbe, der Abſatz - und Preisverhältniſſe, ſondern ebenſo ſehr eine Kenntniß der pſychologiſchen und ſittlichen Zuſtände, der Perſonen, um die es ſich handelt, der Art, wie die betreffenden wirthſchaftlichen Klaſſen ſozial und ſonſt mit einander verkehren und ſtehen.

Ich habe mich in dieſer Beziehung bemüht, das große literariſche Material, das in den Handelskammer - berichten, in den Ausſtellungsberichten, ſowie in den volkswirthſchaftlichen Zeitſchriften liegt, zu verwerthen. Ich ſammle ſeit Jahren an der ſehr umfangreichen Brochürenliteratur über deutſche Volkswirthſchaft des 19ten Jahrhunderts. Auf manchen Reiſen und Wan - derungen habe ich den Süden und den Norden des Zollvereins durchſtreift, die großen Fabriken beſichtigt, die Werkſtätten der Handwerker aufgeſucht und in den Wohnungen der Arbeiter eingeſprochen. Aber immer bleibt das, was man ſo ſelbſt geſehen, ſogar das, was man ſelbſt geleſen und ſtudirt hat, gegenüber dem großen Gebiete des gewerblichen Lebens ein kleinesIXVorrede.Bruchtheil. So kann es nicht fehlen, daß da oder dort vielleicht die Information eine ungenügende war, die Ausarbeitung eine ungleiche wurde. Die Grenz - linie zwiſchen Zahlenmittheilung und ausführender Be - trachtung konnte ſchon wegen der verſchiedenen Bedeu - tung der einzelnen Fragen, Staaten und Gewerbe keine ganz gleichmäßige ſein. Aber darauf kommt es auch nicht an. Das Weſentliche liegt immer wieder im Ge - ſammtergebniß. Dieſes iſt wohl mehr durch die gleich - ſam mathematiſch feſtgeſtellten ſtatiſtiſchen Reſultate daneben aber immer auch durch die ſonſtigen Studien und Anſichten, durch das Temperament und die Erleb - niſſe des Autors bedingt. Ein ſubjektiver Reſt bleibt immer. Es iſt die Schattenſeite jeder wiſſenſchaftlichen Arbeit; es iſt aber auch im gewiſſen Sinne ein Vor - zug. Es ſoll ein ſubjektiver Reſt bleiben. Eine Arbeit derart, welche mit über die wichtigſten volkswirthſchaft - lichen Fragen der Gegenwart ſich ausſpricht, ſoll ſub - jektiv im guten Sinne des Wortes, ſie ſoll eine erlebte ſein. Sie ſoll ſich gründen auf ſelbſtändige Forſchung, die unter Kenntniß aller bisherigen Reſultate der Wiſſenſchaft, doch bei der Beobachtung von allen Schul - theorien zu abſtrahiren, mit eigenem Auge und offenem Herzen zu ſehen vermag.

Das iſt doppelt nothwendig für Fragen, welche vom Streite der politiſchen Parteien ſeit Jahren ſo hin - und hergezerrt wurden, daß auf allen Seiten die Unbefangenheit des Urtheils verloren ging, daß man die Parteideviſen über die Dinge ſtellte, daß man beiderſeits mit Argumenten focht, die aus der Rüſt -XVorrede.kammer der doch ſchon vielfach wieder veralteten Partei - ſchriften geholt (hier aus Adam Müller, Haller, Sismondi, dort aus Adam Smith und Baſtiat), auf die im Augenblick ſtreitigen Objekte oft kaum paßten. Beſonders die extremen Flügel beider großen politiſchen Parteien haben intolerant, wie die Extreme immer ſind, ſich gerade auch für volkswirthſchaftliche Dinge ein Parteidogma zurecht gemacht, an deſſen Unfehlbar - keit und Unantaſtbarkeit ſie mit der ganzen Leiden - ſchaftlichkeit einer pfäffiſchen Orthodoxie feſthalten. Dieſer Vorwurf trifft nicht bloß unſere konſervativen, er trifft beſonders auch die radikalen Volkswirthe.

Man kann mit den Hauptzielen der volkswirth - ſchaftlichen liberalen Agitation des letzten Jahrzehntes, mit den Hauptzielen des volkswirthſchaftlichen Kon - greſſes vollſtändig einverſtanden ſein, man kann das Verdienſt jener volkswirthſchaftlichen Agitation um die praktiſche Durchführung wichtiger, allerdings über - wiegend negativer Reformen, man kann das poſitive Verdienſt Schulze-Delitzſch’s ſehr hoch ſtellen, ohne darum die ganz einſeitigen theoretiſchen Grundlagen jener volkswirthſchaftlichen Partei zu theilen jenes abſtrakte Schuldogma, das die unbedingte Harmonie aller Privatintereſſen, das die unbedingte Berechtigung jedes wirthſchaftlichen Egoismus predigt, das, die pſychologiſchen, ſozialen und ſittlichen Vorbedingungen jedes konkreten volkswirthſchaftlichen Zuſtandes ver - kennend, das wirthſchaftliche Leben aus abſtrakten Motiven ableitet. Man kann die Grenzen einer über - mächtigen Bureaukratie eingeengt, den Polizeiſtaat inXIVorrede.einen wahrhaft konſtitutionellen verwandelt wünſchen, man kann ein Parteigänger politiſcher und wirthſchaft - licher Freiheit ſein, ohne darum die rechtlichen und ſtaatlichen Grundlagen der Volkswirthſchaft zu ver - kennen, wie es jenen radikalen Volkswirthen ſo oft begegnet. Sie wollen eine im Augenblick an der Re - gierung befindliche Partei, die theilweiſe freilich zugleich eine wirthſchaftliche Klaſſe mit egoiſtiſchen Intereſſen iſt, bekämpfen; und ſie bekämpfen häufig die ewig ſittliche Natur, das ewige Recht des Staates ſelbſt, oder erklären ſie, wie ihr Gegner, das wirthſchaftliche Privatintereſſe, das die meiſten ihrer Mitglieder als wirthſchaftliche Klaſſe haben, ohne Weiteres für das Staatsintereſſe, für das allgemeine Intereſſe ſelbſt.

Solche Verwechslung von Partei - und Klaſſen - intereſſen mit theilweiſe oder ſcheinbar wiſſenſchaftlichen Ausführungen und Ergebniſſen kommt rechts und links vor; ſie begegnet den Heißſpornen beider Parteien oft ganz unbewußter Weiſe; manche, denen ſie begegnet, glauben dabei in ehrlichſter Weiſe zu handeln. Oft aber auch iſt das nicht der Fall. Und das iſt gerade die Gefahr, welcher die Nationalökonomie mehr als jede andere Wiſſenſchaft ausgeſetzt iſt. Nicht die vielen Laien und Dilettanten, welche in beſter Abſicht heute volkswirthſchaftliche Abhandlungen ſchreiben, ſind gefähr - lich für eine klare und geſunde öffentliche Meinung, ſondern jene geſchulten Advokaten und Literaten, welche im Dienſte einzelner Börſenunternehmungen, einzelner wirthſchaftlicher Klaſſen, einzelner Zeitungen und Zeit - ſchriften, welche ausſchließlich die Intereſſen dieſer oderXIIVorrede.jener Klaſſe, oft gar einzelner Perſonen verfolgen, doch immer ſich den Anſchein geben, als ſei ihre egoiſtiſche Intereſſentenpolemik ein Ergebniß der Wiſſen - ſchaft oder wenigſtens durchaus im Einklang mit der allgemeinen Wohlfahrt, mit dem Staatsintereſſe.

Eine unbefangene Forſchung, welche ſich bemüht, frei von allen Schultheorien und Intereſſen, nur von den Dingen ſelbſt auszugehen, wird das Meiſte unter anderem Geſichtswinkel ſehen, als der Parteimann und als der Klaſſenintereſſent; ſie wird Irrthümer einer - ſeits, berechtigte Momente andererſeits auf beiden Seiten ſehen und muß dieß, will ſie anders ehrlich verfahren, offen ausſprechen. Die politiſchen Parteien und die wirthſchaftlichen Klaſſen als ſolche werden da - durch nicht befriedigt werden; ja man läuft Gefahr, alle vor den Kopf zu ſtoßen, ohne eine zu befriedigen. Die Wiſſenſchaft kann ſich darüber nicht grämen. Sie hat nicht den Parteien zu dienen, ſondern über ihnen zu ſtehen, ſie hat nur einen Zweck, den ehrlich und mit Anſtrengung aller ihrer Mittel nach Wahr - heit zu ſtreben.

Auch nur auf einem ſolchen Standpunkt wird es gelingen, was man ſo oft verlangt hat, ſo oft an - ſtrebt, über die Theorien Adam Smith’s wahrhaft hinauszukommen hinauszukommen nicht durch all - gemeine Deklamationen, durch unwahre Anpreiſungen vergangener Zeiten und überlebter Inſtitutionen, ſon - dern durch die exakte Forſchung, welche, die einzelnen Gebiete nach einander durch emſige Arbeit klarlegend, den großen Gedanken des Zuſammenhangs allerXIIIVorrede.ſozialen Probleme doch immer feſthält, vor Allem den Grundgedanken einer tiefern Auffaſſung, die Ueber - zeugung von der nothwendigen Einheit und Ver - knüpfung des wirthſchaftlichen mit dem ſittlichen Leben der Völker immer vor Augen behält.

Wenn es mir gelungen iſt, in dieſem Sinne einen Beitrag zur ethiſchen Begründung der National - ökonomie geliefert zu haben, in dem Sinne gearbeitet zu haben, in welchem ſchon J. G. Hoffmann, dann Roſcher und Stein, Engel und Hildebrand, trotz ihrer verſchiedenen Ausgangspunkte, ſowie neuerdings mehrere der jüngern deutſchen Nationalökonomen geforſcht und gearbeitet haben, dann glaube ich meinen Zweck erreicht zu haben. Wenn mir das gelungen iſt, dann auch nur glaube ich das volle Recht zu haben, dem Manne dieſe Unterſuchungen zu widmen, der von tiefſtem Einfluß auf meine geiſtige Entwicklung vor Allem durch ſein Beiſpiel, durch ſeinen Umgang, wie durch ſeine wiſſenſchaftlichen Arbeiten dazu beigetragen hat, mich zu erziehen zu wiſſen - ſchaftlicher Arbeit und zum Muthe ſelbſtändiger unab - hängiger Ueberzeugung!

Halle a / S. im Oktober 1869.

Guſtav Schmoller.

[XIV][XV]

Inhaltsverzeichniß.

  • Seite
  • Einleitung1 10
  • Ein Rückblick ins 18te Jahrhundert.
  • 1. Das allgemeine Darniederliegen der Gewerbe13 22
  • 2. Die preußiſche Verwaltung und die preußiſche Induſtrie des 18ten Jahrhunderts23 46
  • Die Hauptreſultate der preußiſchen Aufnahmen von 1795 1861.
  • 1. Die preuß. Handwerksſtatiſtik von 1795 / 180349 58
  • 2. Die preuß. Handwerkertabellen von 1816 4359 69
  • 3. Die preuß. Handwerkertabellen von 1846 6170 99
  • Die Hauptreſultate der Aufnahmen in Baden, Württemberg, Baiern und Sachſen im 19ten Jahrhundert.
  • 1. Die badiſche Handwerkerſtatiſtik von 1829 61103 107
  • 2. Die württembergiſche Handwerkerſtatiſtik von 1835 61 und die Folgen der Gewerbefreiheit von 1862 67108 117
  • 3. Die bairiſche Handwerkerſtatiſtik von 1810 61118 137
  • 4. Die ſächſiſche Handwerkerſtatiſtik von 1830 1861, die Gewerbefreiheit von 1862 66138 156
  • Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr im 19 ten Jahrhundert.
  • 1. Die Urſachen159 195
  • 2. Die neuere Art der Produktion196 210
  • 3. Das Verkaufsgeſchäft des kleinen Handwerkers 211 227 4. Die Magazine und der Hauſirhandel228 254
  • XVI
  • Seite
  • Die lokale und geſchäftliche Vertheilung der Ge - werbetreibenden.
  • 1. Das Handwerk in Stadt und Land257 287
  • 2. Das Handwerk nach Provinzen und Staaten288 325
  • 3. Das Verhältniß der Gehülfen zu den Meiſtern im Allgemeinen326 355
  • 4. Das Verhältniß der Gehülfen zu den Meiſtern im Speziellen356 390
  • Der Kampf des großen und kleinen Betriebs in einzelnen Gewerbszweigen.
  • 1. Die Nahrungsgewerbe im Allgemeinen und die in der Fabriktabelle verzeichneten im Speziellen393 410
  • 2. Die Bäcker und Fleiſcher411 430
  • 3. Die Wirthſchafts - und verwandten Gewerbe431 446
  • 4. Die Baumwoll - und Leinenſpinnerei447 471
  • 5. Die Wollſpinnerei, die Zwirn -, Strick -, Stick - und Nähgarnfabriken, die Garnbleiche und Färberei und die Seilerei472 491
  • 6. Die Weberei überhaupt und die Weberei als häusliche Nebenbeſchäftigung im Speziellen 492 510 7. Die handwerksmäßige lokale Weberei511 533
  • 8. Die Leinen - und Baumwollweberei für den Abſatz im Großen nebſt ihren Hülfsgewerben534 575
  • 9. Die Wollweberei im Großen, die Seiden -, die Band - und die Strumpfweberei576 614
  • 10. Die Schuhmacher, Schneider und ver - wandten Gewerbe615 652
  • Schluß und Reſultate653 704
[1]

Einleitung.

Zweck und Gegenſtand der Unterſuchungen. Die bisherigen Bearbeitungen der Gewerbeſtatiſtik. Die Quellen der Ge - werbeſtatiſtik und der kritiſche Werth gewerbeſtatiſtiſcher Auf - nahmen. Die Trennung der Aufnahmen in Fabrik - und Handwerkertabellen.

Das Geſetz vom 8. Juli 1868, betreffend den Betrieb der ſtehenden Gewerbe, hat für das ganze Gebiet des norddeutſchen Bundes die Gewerbefreiheit, ſoweit ſie nicht vorher ſchon exiſtirte, gebracht. Lange Angeſtrebtes iſt damit erreicht, eine für alle Gewerbe nothwendige Geſetzesänderung erzielt. Aber irren würde man ſicher, wenn man einen allzugroßen ſchnellen Ein - fluß dieſer Aenderung auf die Lage und Entwickelung der Handwerke erwartete, wenn man glaubte, die Gewerbe - freiheit bringe den beſtehenden Kleingewerben zunächſt Vortheil. Ihre Entwickelung iſt mehr durch andere Umſtände, als durch die Gewerbegeſetzgebung bedingt. Die Technik in den einzelnen Gewerben, die Konkurrenz mit der Großinduſtrie, die Bildung und Rührigkeit der Handwerker ſelbſt, die landwirthſchaftliche und die ſonſtige induſtrielle Entwickelung einer Gegend, die Dich - tigkeit der Bevölkerung, die Verkehrsmittel ſind eben ſo wichtig oder wichtiger, als die Gewerbeverfaſſung.

Schmoller, Geſch. d. Kleingewerbe. 12Einleitung.

Mag dem aber ſein, wie ihm wolle, ſicher iſt es am Platze, bei einer ſo wichtigen Aenderung der Geſetz - gebung den Blick rückwärts und vorwärts zu wenden und ſich von Neuem die oft beſprochene Frage vorzulegen, welches war, iſt und wird die Lage der Kleingewerbe ſein? Vieles iſt darüber geſchrieben und geſagt wor - den, vielfach hat man einzelne Punkte unterſucht, ſo gerade den Einfluß der Gewerbefreiheit, die Konkurrenz der Großinduſtrie, die neuen Organiſationen, Aſſozia - tionen, Kreditvereine, die dem Handwerke Hülfe bringen ſollen und theilweiſe auch ſchon gebracht haben. Viel weniger aber hat man nach dem Geſammtreſultat aller der verſchiedenen zuſammenwirkenden Momente gefragt, wie ſie in der Gewerbeſtatiſtik uns vorliegen.

Was ich in den folgenden Unterſuchungen beabſich - tige, iſt weder eine zuſammenfaſſende deutſche Gewerbe - ſtatiſtik, noch eine vollſtändige Geſchichte der Klein - gewerbe, noch der Gewerbegeſetzgebung; eben ſowenig beabſichtige ich ein näheres Eingehen auf das Aſſozia - tionsweſen; ich will das gewerbeſtatiſtiſche Material der bedeutendern deutſchen Zollvereinsſtaaten, ſoweit es gedruckt vorliegt, kritiſch unterſuchen, damit das letzte Ergebniß aller zuſammenwirkenden Urſachen möglichſt feſtſtellen und aus dieſer feſtgeſtellten Beobachtung ver - ſuchen, Schlüſſe über die Vergangenheit und gegen - wärtige Lage der Kleingewerbe, über dieſe und jene damit zuſammenhängende Frage zu ziehen.

Die folgenden Betrachtungen und Unterſuchungen glauben um ſo mehr am Platze zu ſein, ſowie auch in loſer, ſkizzenhafter Form auftreten zu dürfen, als es3Frühere Bearbeitungen.mit einer gleich zu erwähnenden Ausnahme an jeder vollſtändigen neuen Bearbeitung beſonders der preußiſchen Gewerbeſtatiſtik fehlt. Der trefflichen Bearbeitung von Hoffmann,1Die Bevölkerung des preußiſchen Staates. Berlin 1839. S. 114 ff. welche die gewerbeſtatiſtiſchen Reſultate bis 1837 in Betracht zieht, iſt keine vollſtändig ebenbürtige gefolgt. Dieterici hat die Ergebniſſe der Aufnahmen von 1843 552Dieterici die ſtatiſt. Tabellen des preuß. Staates für 1843, Berlin 1845; Tabellen und amtliche Nachrichten über den preuß. Staat I VI. (enthaltend die Aufnahme von 1849, theilweiſe mit der von 1852.) Berlin 1851 55; Tabellen und amtliche Nachrichten für 1852, 1855 und 1858, je ein Band (letzterer nach dem Tode Dieterici’s von Engel herausgegeben.) Mitthei - lungen des ſtatiſtiſchen Bureaus in Berlin, 13 Bände. 1848 60. veröffentlicht, Engel die von 1858 und 1861. 3Preußiſche Statiſtik in zwangloſen Heften V. Die Er - gebniſſe der Volkszählung und Volksbeſchreibung nach den Auf - nahmen vom 3. Dezember 1861, reſp. Anfang 1862. Ber - lin 1864.Einzelne Fragen ſind von Dieterici in dem Tabellenwerk von 1843, wie in den Mittheilungen erörtert;4Dieterici, Mittheilungen des ſtatiſt. Bureaus: I, 68 ent - hält nur die Mittheilungen der Geſammtreſultate der Gewerbe - aufnahme von 1846, um zu berechnen, wie viele Perſonen zur eigentlich arbeitenden Klaſſe gehören; I, 213 291 und II, 1 16 enthält eine Vergleichung der wichtigern Handwerke von 1822 und 46, wobei hauptſächlich der Beweis geführt werden ſoll, daß die Gewerbefreiheit nicht zur Ueberſetzung des Hand - werks geführt habe; II, 235 64 eine Vergleichung des König - reichs und der preuß. Provinz Sachſen nach dem Stand von 1846, worin die intenſivere gewerbliche Entwickelung des König - für 1849 iſt die Bearbeitung in dem V. Folio -1 *4Einleitung.band der offiziellen Tabellen auch eine etwas weiter gehende. Die Reſultate von 1846 58 ſind im erſten Band der Zeitſchrift des ſtatiſtiſchen Bureaus zu einer überſichtlichen Tabelle wenigſtens vereinigt. 1Zeitſchrift des königlich preuß. ſtatiſtiſchen Bureaus I, S. 50 52. 1860.Die Reſul - tate von 1846 61 ſind für die einzelnen Gewerbe im Jahrbuch für die amtliche Statiſtik vergleichend zuſammen - geſtellt. Die Publikation der Aufnahme von 1861 iſt eine beſſere und eingehendere, als die früheren. Eine befriedigende Bearbeitung des Materials kann ich in all dem nicht ſehen.

Längſt nachdem ich mit dieſer Bearbeitung begon - nen, erſchien der dritte Band von Viebahn’s ausge - zeichneter Statiſtik des zollvereinten und nördlichen Deutſchlands, der das Gewerbeweſen umfaßt. So voll - endet derſelbe iſt, ſo viel ich geſtehe, aus demſelben gelernt zu haben, ſo mannigfach ich mich auf ſeine Reſultate und Berechnungen da und dort beziehen werde, ſo wenig konnte er mich abhalten, meine Unterſuchun -4reichs trotz Zunftverfaſſung nachgewieſen wird; III, 177 183 eine Ueberſicht der mit Weberei und Spinnerei im Zollverein beſchäftigten Perſonen; IV, 252 308 eine Vergleichung der Gewerbeaufnahmen der Zollvereinsſtaaten von 1846, in der Hauptſache ſich auf Mittheilung der Zahlen beſchränkend; V, 212 269 eine Ueberſicht der gewerblichen und Fabrikations - verhältniſſe des preuß. Staates am Ende der Jahre 1846 und 49, ebenfalls in der Hauptſache nur die Zahlen mittheilend; VII, 328 352, die Meiſter und Gehülfen 1849 und 52, nicht viel mehr als die Zahlen und den allgemeinen Beweis der Zunahme.5Literatur und Quellen.gen zu Ende zu führen und zu publiziren. Viebahn will nur den gegenwärtigen Standpunkt der deutſchen Induſtrie darſtellen; er geht nur ſelten auf ältere Zahlen über 1861, noch ſeltener über 1846 zurück. Ich will nirgends wie er darſtellen, eine vollſtändige Beſchreibung geben, ich will nur ein paar große Fragen hiſtoriſch unterſuchen, ſoweit es mit dem gewerbeſtati - ſtiſchen Material möglich iſt. Die Fragen, welche mir die wichtigſten ſind, kann Viebahn ſchon um des knappen Raumes in einem Sammelwerke willen vielfach kaum berühren, theilweiſe übergeht er ſie ganz.

Von den andern deutſchen Staaten haben eben - falls nur wenige genügende Bearbeitungen ihrer Hand - werksſtatiſtik aufzuweiſen. Am umfaſſendſten noch ſind die von Sachſen1Zeitſchrift des ſtatiſt. Bureaus des königl. ſächſ. Mini - ſteriums des Innern 1860 Nr. 9 und 10: Zur Statiſtik der Handwerke in Sachſen; 1863 Nr. 9 und 10: Zur Statiſtik der Handwerke im Königreich Sachſen 1849 und 61. Das klaſ - ſiſche Quellenwerk Engel’s über ſächſ. Gewerbeſtatiſtik, der dritte Folioband der Mittheilungen (Dresden 1854) kommt für unſere Unterſuchungen weniger in Betracht, da es nur die Beſchäf - tigungsſtatiſtik des einen Jahres 1849 enthält; die dortige Unterſuchung geht mehr auf Fragen, die hier ausgeſchloſſen ſind, wie z. B. die lokale Vertheilung der ſächſ. Induſtrie, die Alters - und Civilſtandsverhältniſſe der Gewerbtreibenden. und Württemberg;2Württembergiſche Jahrbücher 1862. Heft 2. Das Königreich Württemberg 1863. die bairiſche3Die Bevölkerung und die Gewerbe des Königreichs Baiern, nach der Aufnahme von 1861 verglichen mit 1847. München 1862.6Einleitung.und badiſche1Dietz, die Gewerbe im Großherzogthum Baden. Karls - ruhe 1863. Bearbeitung geht nicht viel über die Mit - theilung der Zahlen hinaus, die hannöverſche2Zur Statiſtik des Königreichs Hannover. Heft 10. Ge - werbeſtatiſtik von 1861. Hannover 1864. beſchränkt ſich nur auf das Jahr 1861 und bietet daher unſerer hiſtoriſchen Unterſuchung kein Feld. Die thüringiſche Gewerbeſtatiſtik,3Statiſtik Thüringens, Mittheilungen des ſtatiſtiſchen Bureaus vereinigter thüringiſcher Staaten, herausgegeben von Dr. Bruno Hildebrandt I. Jena 1865 67. S. 228 324. Die Gewerbtreibenden im Großherzogthum Sachſen 1861 ſind auch verzeichnet in: Beiträge zur Statiſtik des Großherzog - thums Sachſen-Weimar-Eiſenach. Erſtes Heft. Weimar 1864. S. 57 65. ſoweit ſie mir bekannt iſt, geht über das Jahr 1861 nur durch ein paar Mittheilungen aus Gotha und Koburg zurück; in der Hauptſache beſchränkt ſie ſich auf 1861 und auf die Umrechnung der abſo - luten Zahlen in Prozentverhältniſſe nach einigen Haupt - richtungen. Auch auf Thüringen und die andern kleinen Staaten beabſichtige ich nicht näher einzugehen; auf allzukleinem Raume können zu leicht beſondere exzeptionelle Urſachen einwirken, die das Reſultat trüben.4Derart waren die Verhältniſſe in Bremen, wo der übertriebenſte Zunftgeiſt die Gewerbe hemmte und die Zuſtände mit der Gewerbefreiheit um ſo plötzlicher ſich änderten; ſiehe als Belag hierfür die intereſſante Vergleichung der bremiſchen Ge - werbeſtatiſtik von 1862 und 64: Zur Statiſtik des bremiſchen Staats. Bremen 1865. S. 24 ff. Es wäre aber ſicher ſehr falſch, aus den dortigen Zahlen auf eine Handwerkerzunahme, die überhaupt aus allgemeinen Urſachen erfolge, ſchließen zu wollen. Die7Kritik der Aufnahmen.geſammte Aufnahme in den Zollvereinsſtaaten von 1861 iſt vom Centralbureau des Zollvereins publizirt, aber ohne daß nur die Totalſummen der Tabellen gezogen wären. 1Statiſtiſche Ueberſichten der Fabriken und vorherrſchend für den Großhandel beſchäftigten Gewerbsanſtalten, der dafür arbeitenden mechaniſchen Kräfte und ſämmtlicher Dampfmaſchi - nen, der Handels - und Transportgewerbe, ſowie der Hand - werker im Gebiete des Zollvereins. Berlin, Jonas 1864.

Neuere Aufnahmen ſeit 1861 exiſtiren leider faſt gar keine, was um ſo mehr zu bedauern iſt, als gerade von 1861 68 unſer gewerbliches Leben ſich ſo ſehr verändert hat.

Ehe ich zur Sache komme, muß ich noch eine Bemerkung vorausſchicken. Die Nichtbeachtung und Nichtbearbeitung der Gewerbeſtatiſtik hatte und hat bei vielen hervorragenden Statiſtikern und Nationalökonomen einen, wenn nicht ganz genügenden, doch auch nicht ganz unſtichhaltigen Grund nämlich die Unvollkommenheit der Aufnahmen. Ueber Großgewerbe, Ackerbau, Forſt - wirthſchaft kann die Statiſtik eine Reihe wichtiger und theilweiſe leicht konſtatirbarer Verhältniſſe und Merk - male feſtſtellen. Das Handwerk hat in der Regel nur eine Perſonalſtatiſtik; nur die Zahl der Meiſter, der Geſellen und Lehrlinge oder beider letzteren zuſammen läßt ſich aufnehmen, daraus ihr Verhältniß zur Bevölke - rung berechnen. Damit weiß man noch unendlich wenig über die Produktion, über Blüthe oder Verfall, über die geſchäftliche Organiſation. Was ſagt eine geringere Zahl Geſchäfte, wenn jedes beſtehende Geſchäft mit ſo viel mehr Maſchinen arbeitet? was ſagt eine bloße8Einleitung.Perſonalſtatiſtik ohne Statiſtik der techniſchen Hülfs - mittel und des Umſatzes? Die ältern einfachen Kate - gorien Meiſter und Gehülfen paſſen auf heutige Zu - ſtände nicht mehr ganz, erſchöpfen ſie wenigſtens nicht. Vielfach ſind heute verſchiedene Handwerke in Geſammt - unternehmungen vereinigt; daſſelbe Geſchäft treibt Pelz - handel, Hutfabrikation, Handſchuhmacherei. Dadurch und durch andere ſolche Verhältniſſe entſteht eine Reihe von Schwierigkeiten, Bedenken, Unkorrektheiten. Nur bei einer möglichſt genauen Kenntniß der realen gewerb - lichen Verhältniſſe, um die es ſich handelt, wie der Art der Aufnahmen werden ſich die Irrthümer, die noth - wendige Folge dieſer Mißſtände ſind, nicht ganz, aber doch einigermaßen vermeiden laſſen.

Der allgemeine Werth der Aufnahmen unterliegt neben dieſen ſpeziellen Bedenken noch dem Zweifel, der aus einer Vergleichung mit der Aufnahme der Bevölke - rungstabellen hervorgeht. Die Bevölkerungsaufnahmen haben ſich ſucceſſiv verbeſſert, eine wiſſenſchaftlich bear - beitete Technik der Aufnahmen hat ſich gebildet; die Selbſtangaben in den Haus - oder Haushaltungsliſten ſind glaubwürdige Zeugniſſe der betreffenden Perſonen über einfache verſtändliche Fragen. So ſind die Gewerbe - tabellen nicht aufgenommen; ſie ſtützen ſich meiſt nicht auf Selbſtangaben; ſchon die Rubriken der Tabellen ſind zu komplizirt, um die Leute ſie ſelbſt ausfüllen zu laſſen. Die Ausfüllung der erſten Tabellen fällt in die Hand von Lokalbehörden (Orts - oder Kreisvorſtän - den), bei denen oftmals die gehörige Einſicht, öfter vielleicht noch der gehörige Wille fehlt. Für die Ver -9Kritik der Aufnahmen.gleichung der verſchiedenen Staaten kommt hinzu, daß man ſich bis zu einem gewiſſen Grade ſchon 1846, vollſtändig 1861 zu einem gemeinſamen Schema in den Zollvereinsſtaaten einigte, daß man aber keine ſichere Garantie dafür hat, ob die Ausführung eine einheit - liche, gleichmäßige iſt, ob dieſelben Kategorien überall gleichmäßig aufgefaßt wurden.

Gerechten Zweifeln und Bedenken unterliegt auch die ganze in Preußen übliche Trennung der Aufnahme in zwei beſondere Tabellen, in die Fabriktabelle und die Handwerkertabelle. 1Die Angriffe gegen dieſe Eintheilung gehen hauptſächlich von Engel aus: ſ. Zeitſchrift des ſtatiſt. Bur. 1863. S. 80. und Preuß. Statiſtik V. S. 49.Engel hat nicht ganz Unrecht, wenn er ſagt, es fehle an jeder ſcharfen Definition für dieſe Trennung, ganz abgeſehen davon, daß die Uebergänge von der einen zur andern Art ſo zahlreich und fein ſchattirt ſeien, daß es ſchwer zu ſagen ſei, wo das Hand - werk aufhöre, die Fabrik anfange. Es gibt Gerbereien, Schmieden, Glockengießereien in der Handwerkertabelle verzeichnet, die größer ſind als viele Fabriken. Als Meiſter werden nicht bloß ſelbſtändige Unternehmer, ſondern viele Arbeiter bezeichnet, die zu Hauſe für Verleger arbeiten.

Mag dem aber ſein, wie ihm wolle, die Trennung iſt eine gegebene Thatſache; für künftige Aufnahmen wird ſie als offene Frage zu diskutiren ſein, für die früheren iſt ſie da und es fragt ſich bloß, ob ſie die Thatſachen ſo entſtellt, daß wegen ihr gar keine richtige Bearbei - tung möglich iſt.

10Einleitung.

Das zu behaupten wäre lächerlich. Gerade für eine Unterſuchung, die nur die Kleingewerbe in Betracht ziehen will, bietet die Trennung ſogar Vortheile. Und wenn man von Einzelheiten abſieht, ſo entſpricht ſie ſelbſt heute noch im Ganzen den realen Zuſtänden, hat ihnen jedenfalls bis in die fünfziger Jahre entſprochen. In der Hauptſache ſind die Geſchäfte, welche in der Handwerkertabelle ſtehen, etwas Anderes als die in der Fabriktabelle ſtehenden. Entſcheidet im Detail oft nur Willkür und Zufall, ob eine Unternehmung in der einen oder andern Tabelle verzeichnet iſt, für die Haupt - kategorien iſt die Scheidung doch klar; für ſie hat die - ſelbe jedenfalls in den verſchiedenen Jahren nach gleichen Grundſätzen ſtattgefunden. Und wenn manche Unterneh - mung, die in der Fabriktabelle ſteht, in die Handwerker - tabelle gehört, ſo wird auch der umgekehrte Fehler ſtatt - gefunden haben, und das Geſammtreſultat wird in Folge dieſer Ausgleichung doch relativ der Wahrheit ſich nähern.

Für mancherlei Fragen und Verhältniſſe werden bedeutende Zweifel bleiben. Da wird man verſuchen müſſen die Zahlen kritiſch zu rektifiziren, wenn es geht. Wenn das nicht geht, wird man die Schlüſſe vorerſt hypothetiſch ziehen und ſo zunächſt ein vorläufiges Re - ſultat erhalten.

Verfährt man nur wiſſenſchaftlich, ſo hat man trotz der Unvollkommenheit der Aufnahmen ein werth - volles Unterſuchungsmaterial, das bei richtiger und vor - ſichtiger Frageſtellung der Wahrheit entſprechende Ant - worten nicht ſchuldig bleibt.

[11]

Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.

[12][13]

1. Das allgemeine Darniederliegen der Gewerbe.

Die Nachwehen des dreißigjährigen Krieges und die Zuſtände überhaupt. Die zeitgenöſſiſchen Klagen über die elende Lage der Handwerke. Die verſchiedene Wirkung der Zuſtände auf die Lokalgewerbe und die für den größeren Abſatz arbeiten - den Gewerbe. Aus der Münchener Handwerksſtatiſtik des 17. Jahrhundert. Einzelne gewerbeſtatiſtiſche Notizen aus dem 18. Jahrhundert: Bairiſche Tuchmacher; Niedergrafſchaft Katzenellnbogen; Herzogthum Magdeburg; Fürſtenthum Würz - burg; Schweidnitz; Kaufbeuern; Speier.

Obgleich wir für das 18. Jahrhundert keine umfaſ - ſenden Gewerbeaufnahmen haben, ſei es geſtattet, mit einigen Worten an die damaligen Zuſtände zu erinnern. 1Siehe darüber Biedermann, Deutſchland im 18. Jahr - hundert. Leipzig 1854. I, 235 329. Maſcher, das deutſche Gewerbeweſen. Potsdam 1866. 349 477. Gülich, geſchicht - liche Darſtellung des Handels, der Gewerbe ꝛc. Jena 1830. II, 197 335.

Noch litt Deutſchland an den Nachwehen des dreißigjährigen Krieges. Der deutſche Handel war ver - nichtet. Die Kleinſtaaterei hemmte jede Bewegung. Das Gewerberecht war ausgeartet in den verrottetſten Zopf. Mißbräuche aller Art wucherten. Vergeblich ſuchten14Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.Reichs - wie Landesgeſetzgebung dagegen anzukämpfen. Vergeblich war Alles, weil Stumpfſinn und Apathie, kleinlicher Spießbürgergeiſt und beſchränkte Indolenz überall herrſchten, weil Gevatter Schneider und Hand - ſchuhmacher möglichſt ohne Anſtrengung und Arbeit ſich nothdürftige Nahrung zu ſchaffen und zu erhalten ſuch - ten. Ein großer Theil der Handwerker, auch der ſtädtiſchen, war zu Halbbauern herabgeſunken. Feindlich und apathiſch verhielt ſich die Mehrzahl gegen neue Anregungen, wie ſie von den flüchtigen franzöſiſchen Proteſtanten, von den Fürſtenhöfen ausgingen. Das Fabrikweſen oder vielmehr einzelne für weitern Abſatz arbeitende Hausinduſtrien wurden in einzelnen Ländern, wie in Preußen, in Sachſen, auch in Oeſtreich von aufgeklärten Fürſten gepflegt und gehoben; nur wenige Induſtrien, wie die Leinenmanufaktur, hatten aus alter Zeit her noch eine gewiſſe Blüthe gerettet; aber das berührte in der Hauptſache die hergebrachten Hand - werkszuſtände nicht viel, jedenfalls nur in einzelnen Ländern.

Die ökonomiſche Lage der meiſten Handwerker war ebenſo kümmerlich als ihre Technik unvollendet, ihre Arbeit ſchlecht. Das dauernde Siechthum, wie es ebenſo Folge der Geſetzgebung und der politiſchen Zu - ſtände, als der techniſchen Ungeſchicklichkeit und ſpieß - bürgerlichen Trägheit war, hatte aber je nach der Art der Gewerbe und lokal, je nach den mitwirkenden ſon - ſtigen Verhältniſſen, ziemlich verſchiedene Folgen. In einigen Gegenden und Gewerben allgemeiner Rückgang ſelbſt der Meiſterzahl, in andern im Gegentheil eine15Die Klagen über gewerbliche Noth.Ueberſetzung des Handwerks. Ueberall aber treffen wir gleichmäßig die Klagen über gewerblichen Nothſtand.

Juſtus Möſer klagt,1Patriotiſche Phantaſien. Berlin 1775. I, 181 ff. daß man Handel und Hand - werk auf dem platten Lande geſtattete, da könne ſich der Handwerker in allen kleinern Städten nicht mehr halten. An einer andern Stelle2Eod. S. 21. ſucht er die Urſache des Verfalls in der Krämerei: Man laſſe ſich, ruft er, die Rollen von unſern Handwerkern nur ſeit hun - dert Jahren zeigen. Die Krämer haben ſich gerade dreifach vermehrt, und die Handwerker unter der Hälfte verlohren. Der Eiſenkram hat den Kleinſchmid, der Bureau - und Stuhlkram den Tiſchler, der Goldkram den Bortenwirker, der goldene, härene, gelbe und weiße Knopf den Knopfmacher und Gelbgießer verdorben. Und kann man ſich eine Sache gedenken, womit der Krämer jetzt nicht heimlich oder öffentlich handelt? Aehnlich ſpricht ſich auch Bergius in ſeinem Polizei - magazin aus. 3Siehe Bd. VI. 392 93 (1786).Beide täuſchen ſich über Urſache und Wirkung; die Krämerei war nicht die Urſache des Ver - falls der Handwerke, ſondern mit und durch den Verfall des Handwerks und mit dem Aufblühen der Fabriken entſtand erſt der regere Detailhandel.

Als fernern Beleg über die elenden Zuſtände im Allgemeinen möchte ich noch die Klagen von Krug aus der Zeit gegen 1800 hervorheben, die doppelt ſchwer wiegen, da ſie ſich auf Preußen beziehen, das immerhin den andern Staaten, wie wir ſehen werden, noch weſent -16Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.lich voraus war. Krug1Betrachtungen über den National-Reichthum des preuß. Staates II, 153 ff. legt ſich die Frage vor, ob der Wohlſtand der Städte im Ganzen gegen ältere Zeiten zu - oder abgenommen habe. Eine Erfahrung, antwortet er, welche man nicht bloß in den preußi - ſchen Städten, ſondern in den Städten vieler anderer Staaten gemacht hat und noch immer machen kann, möchte wohl dieſe Frage für die Abnahme des Reich - thums und Wohlſtands im Ganzen entſcheiden. Er erinnert an die mittelalterlichen Bauten der Städte, er klagt wohl ziemlich übertrieben , daß nur die - jenigen Induſtriellen, die dem Luxus, den nichtswür - digen Künſten, Gaukeleien und Spielereien der Vor - nehmen dienen, noch zunehmen. Wenn wir ſagt er den Wohlſtand des Bürgerſtandes oder der induſtriöſen Klaſſen in den Städten ohne Rückſicht auf jetzt herrſchende Moden und den Einfluß des Zeitgeiſtes auf die Bedürfniſſe dieſes Standes betrachten, ſo wird wohl für wenige Städte der geſunkene Wohlſtand des Handwerksſtandes geleugnet und gründlich widerlegt werden können. Die Klagen über zunehmende Nahrungs - loſigkeit der Landſtädte werden in allen Provinzen gehört und ſind in neuerer Zeit immer ausgebreiteter gewor - den; in den kleinen Landſtädten hat der Luxus noch nicht unter der Mehrheit der Handwerker Platz finden können, und die alte Simplicität der Sitten und der Bedürfniſſe iſt hier noch am mehrſten zu finden. Es haben viele Urſachen zuſammengewirkt, welche den Wohl -17Die Klagen über gewerbliche Noth.ſtand des Bürgerſtandes zerſtört haben und die haupt - ſächlichſten derſelben mögen in falſchen Abgabenſyſtemen, in der Verwandlung einträglicher Gewerbe in Fabrik - anſtalten, in der Aufhebung oder Beeinträchtigung der Innungen und in den Handelseinſchränkungen zu ſuchen ſein.

Wir wollen mit Krug hier nicht rechten, in wie weit er Recht hat mit ſeinen Klagen, mit den Urſachen, die er anführt. Er vermengt Wahres mit Falſchem; er ſieht vorübergehende Mißſtände zu Ende des Jahr - hunderts für dauernde Urſachen an; er verkennt man - ches Gute, weil es neu iſt, weil es ihm als zuſammen - hängend mit verderblichem Luxus erſcheint1Die ſtatiſtiſchen Belege, welche er von den Städten der Kurmark als Beweis des Verfalls anführt, zeigen wohl einzelnes Schlimme, aber zum größern Theile beweiſen ſie das Gegentheil, nämlich den volkswirthſchaftlichen Fortſchritt der kurmärkiſchen Städte. aber ſo viel beweiſen ſeine Worte, blühend war das Hand - werk des 18. Jahrhunderts nicht.

Suchen wir nun Einiges über die Zahlen der Handwerker und ihrer Gehülfen beizubringen.

Der vorhin ſchon erwähnte Unterſchied in der Rückwirkung der allgemeinen Zuſtände auf die Zahl der Handwerker mußte ſich zeigen Hauptſächlich zwiſchen den reinen Lokalgewerben, die für den täglichen Abſatz die nothwendigſten Waaren liefern, und jenen, die ent - behrlichere Waaren, ſowie Waaren für den entfernteren Abſatz produziren. Bei letztern wird der Ruin viel ſchneller eintreten, die Meiſterzahl wird raſch ſinken;Schmoller, Geſch. d. Kleingewerbe. 218Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.erſtere können lange der Zahl nach dieſelben bleiben, aber ſie machen immer ſchlechtere Geſchäfte, führen Jahr - zehnte hindurch ein elendes Daſein.

Ein zwar weiter zurück liegender, aber ſchlagender Beleg hiefür iſt die Münchener Handwerksſtatiſtik von 1618, 1633 und 1649. 1München während des dreißigjährigen Krieges, eine Rede von Georg von Sutner. München, Lindauer 1796. S. 60. 66 ff.Die Geſammtzahl der Meiſter betrug nach den Steuerbüchern, während die Bevölkerung der Stadt in dem einen Jahr 1635 um 15000 Men - ſchen durch den Tod ärmer geworden ſein ſoll,2Siehe eod. S. 36 und Hanſer, Deutſchland nach dem 30 jährigen Kriege. Leipzig, Winter 1862. S. 213. 1618 ...... 1781 1633 ...... 1469 1649 ...... 1110

Einzelne Gewerbe, wie die Sammtweber, Kunſtfüh - rer, Meſſingarbeiter, Saitenmacher, ſind ganz verſchwun - den. Andere ähnlicher Art zeigen wenigſtens eine ſehr ſtarke Abnahme. Es ſind

19Handwerksſtatiſtik jener Zeit.

Keine weſentliche Aenderung, ja theilweiſe eine Zunahme zeigen dagegen folgende Kategorien:

Dieſelbe Bewegung, die hier als akute Krankheit ſich zeigt, ſehen wir von da bis gegen 1800 als chro - niſche Krankheit. Einzelne Handwerke nehmen reißend ab, während ſie daneben an manchen Orten, begünſtigt durch beſondere Verhältniſſe und fürſtliche Bemü - hungen, auch wieder aufblühen; die Mehrzahl der gewöhnlichen Handwerke aber nimmt kaum ab, jeden - falls nicht ſtark genug, um den bleibenden aus - kömmliche Nahrung zu ſchaffen. Die Zunftverfaſſung gibt dem Einzelnen zu viel, um zu ſterben, zu wenig, um ordentlich zu leben, und ſo iſt das Handwerk im Verhältniß zur Bevölkerung an vielen Orten viel zu ſtark beſetzt. Auch erblicher Hausbeſitz, der geſtattet, von der Miethe zu leben, nebenhergehende Acker - und Gartenwirthſchaft wirkte da und dort auf Ueber - ſetzung.

Daher die ſcheinbar widerſprechenden Zahlen und Angaben. Nicolai1Theil VI. S. 594. vergl. Gülich II, 285. führt in ſeiner Reiſe durch Deutſch - land folgende Statiſtik des Tuchmachergewerbes in Baiern an; es waren:2 *20Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.

Dagegen ergibt ſich eine vollſtändige Ueberſetzung des Handwerks aus folgenden Zahlen. In der Nieder - grafſchaft Katzenellnbogen1Siehe Schlözer, Staatsanzeigen VI. 159 191. Maſcher, Gewerbeweſen S. 433. kommen 1783 nach der zuverläſſigen Angabe eines dortigen Beamten, des Kam - meraſſeſſor Hüpeden, auf 19596 Seelen nicht weniger als 1663 Handwerker, Künſtler und Handelsleute mit 87 Geſellen und 21 Lehrlingen zuſammen 1751 hand - werksmäßig beſchäftigte Perſonen. Es ſind darunter einige wenige Leute, die heute nicht in der Handwerks -, ſondern in der Handelstabelle verzeichnet werden; neh - men wir nur 1600 handwerksmäßig beſchäftigte Per - ſonen auf 19596 Seelen an, ſo ſind es 8,16 % der ganzen Bevölkerung, während 1861 die Handwerker in dem gewerbreichen Sachſen erſt 8, in Preußen 5 6 % der Bevölkerung betragen, während 1845 in den größ - ten deutſchen Städten die ſämmtlichen Gewerbetreiben - den 4 6 %, nur in Berlin und Wien bis 10 %2Nach Reden, Zeitſchrift des Vereins für deutſche Sta - tiſtik I, 763: Vergleichende Zuſammenſtellung der Bevölke - rung und der Zahl der Gewerbtreibenden in 14 deutſchen Städten. ausmachen. Daß es ſich um eine zu große Zahl Mei - ſter handelt, die ſich des halb kümmerlich nährt, zeigt[21]Handwerksſtatiſtik jener Zeit.die Gehülfenzahl; 168 auf 1663, alſo 10 % der Meiſter; in Sachſen kommen 1861 auf jeden Meiſter etwa Gehülfen, in Preußen auf jeden Meiſter einer alſo 100 bis 150 % der Meiſter.

Maſcher und Kotelmann1Gewerbeweſen S. 432. Kotelmann, die Urſachen des Pauperismus unter den deutſchen Handwerkern, deutſche Vier - teljahrsſchrift 1851. Heft 1. S. 193 ff., beſonders S. 202 und 226. theilen ohne Angabe der Quellen noch einige Daten mit, die ein ähnliches Bild ergeben. Im Herzogthum Magdeburg kommen 1784 auf 280332 Seelen 33203 Handwerker, darun - ter 2297 Geſellen und 1988 Lehrlinge und 1868 Meiſter, Geſellen und Lehrlinge in Fabriken beſchäftigt. Es bleiben alſo 27050 ſelbſtändige kleine Meiſter mit 4285 Gehülfen: mit den Gehülfen über, ohne ſie bei - nahe 10 % der ganzen Bevölkerung. Das wenig indu - ſtrielle Fürſtenthum Würzburg hat auf 262409 Seelen 13762 ſelbſtändige Gewerbetreibende mit 2176 Gehül - fen, zuſammen 15938 oder 6,08 % der Bevölkerung. Schweidnitz hatte 1788 folgende Bevölkerung: Civil - ſtand 6118 Seelen, Militär 2865, zuſammen 8983 Seelen, davon 1072 Handwerker, alſo auf einen Handwerker etwa 8,3 Seelen; der Handwerkerſtand 12 % der Bevölkerung. Kaufbeuern hatte 1783 etwa 4000 Seelen mit 800 Gewerbtreibenden, worunter indeſſen 300 Weber eingerechnet ſind. Wenn wir dieſe in Abzug bringen, ſo machen die Handwerker immer noch 12,5 % aus. In Speier, das noch zu Ende des 16. Jahrhunderts 1000 Tuch - und Leinweberſtühle22Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.zählte, das 1792 deren nur noch 20 hatte, kommen in dieſem Jahre auf 5129 Einwohner doch noch 674 ſelbſtändige Gewerbtreibende mit 290 Gehülfen, alſo 964 Perſonen, das ſind 18,79 % der Bevölkerung. Sie müſſen in ſehr ſchlimmer Lage geweſen ſein, wenn man auch annimmt, ſie hätten neben dem Abſatz in der Stadt noch einen weitreichenden in der Umgegend gehabt. Kaum 100 dieſer Meiſter konnten von ihrem Gewerbebetrieb leben. Ich kenne ſagt ein Augen - zeuge, der damalige Zunftherr Adam Weiß zu Speier äußerſt thätige rechtſchaffene Profeſſioniſten, die Tag und Nacht anhaltend zu arbeiten wünſchen. Allein ſie finden keine Beſchäftigung und müſſen zu ihrem gro - ßen Leidweſen gezwungen müßig gehen. Voll Wehmuth ſieht man ſie für die Ihrigen gegen den Hungertod käm - pfen, und kaum verſchafft ihnen ihr Sieg das trockene Brod.

So ſind die gewerblichen Zuſtände Deutſchlands im 18. Jahrhundert beinahe allenthalben. Immerhin aber gab es einzelne Theile des Reichs, wo die Lage des Gewerbsmannes etwas beſſer war, wie ich ſchon vorhin erwähnte. In Oeſtreich war durch Karl VI., durch Maria Thereſia und Joſeph II. Manches geſche - hen. Auch in Sachſen war einiger gewerblicher Fort - ſchritt nicht zu leugnen. Vor Allem aber hatte man es in den preußiſchen Landen verſtanden, den Wohl - ſtand zu fördern. Es iſt nöthig, darauf noch einen Blick zu werfen.

[23]

2. Die preußiſche Verwaltung und die preußiſche Induſtrie des 18. Jahrhunderts.

Die Thätigkeit des großen Kurfürſten und König Friedrich’s. Friedrich Wilhelm I., die poſitiven Beförderungen der Indu - ſtrie und die Reform der Zunftverfaſſung. Friedrich der Große; ſeine Juſtiz, Toleranz und Einwanderungspolitik; die poſitiven Beförderungen beſonders der Gewebeinduſtrie; die fortgeſetzte Reform des Zunftweſens, die weſtpreußiſche Hand - werksordnung von 1774. Der Erfolg dieſer Maßregeln nach Marperger, Mirabeau, Krug; das Handwerk in Berlin 1784, in Brandenburg 1784. Allgemeine Würdigung der preußi - ſchen Verwaltung des 18. Jahrhunderts; die Berechtigung der Maßregeln, beſonders der Reglements in Bezug auf die Hausinduſtrie.

Schon der große Kurfürſt beginnt mit jener plan - mäßigen Leitung und Beförderung der Gewerbe und des Handels durch die Staatsregierung. 1Das ziemlich vollſtändige Material für die Geſchichte die - ſer Bemühungen liegt vor in Mylius, Corpus Const. Marchic. V und in der Fortſetzung, im Novum Corpus Const. Prussic. 1751 1800. Es fehlt aber noch an einer irgendwie genü - genden Bearbeitung. Einen kurzen Abriß enthält die geſchicht - liche Einleitung in Rönne, Gewerbepolizei des preuß. Staats. Breslau 1851. S. 8 ff.Seine Haupt - bemühung war, tüchtige niederländiſche und franzöſiſche24Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.Gewerbsleute ins Land zu ziehen. Durch die Edikte von 1667, 1669 und 1683 ſollte in jeder Weiſe die Wiederbebauung wüſter Stellen in Städten und Dör - fern befördert werden. An Stelle des höchſt ungleich auf einzelnen Häuſern haftenden alten Schoſſes ſetzte er die ſpäter vielgeſchmähte Acciſe in den Städten durch, die zunächſt ſehr zur Hebung der ſtädtiſchen Gewerbe beitrug, Handwerker, Krämer und Kaufleute von ander - wärts anzog. Es wurde ein Gedränge verſpürt, um Häuſer zu kaufen. Die Edikte vom 3. November 1686, 7. Mai 1688 und 13. Juli 1688 ſollten die ganze Gewerbeverfaſſung beſſern. Theure Meiſterſtücke wur - den verboten; alle Geſchloſſenheit der Zünfte auf eine beſtimmte Anzahl Meiſterſtellen ward verpönt. Alle Ein - wanderer erhielten freies Meiſter - und Bürgerrecht. Wo es nothwendig war, wurden die Zunftſchranken durch Perſonalprivilegien durchbrochen. Die Linneninduſtrie der Grafſchaft Ravensberg, früher durch niederländiſche Flüchtlinge begründet, wurde durch die Leggeordnung von 1652 wieder weſentlich gehoben. 1Vergl. Mirabeau, de la monarchie prussienne. Lon - dres 1788. III, 217.Die Maße, die Qualität, die Namen beſtimmter Gewebe wurden feſt - geſetzt, die Leinwand nachgemeſſen, mit herrſchaftlichem Stempel verſehen, das Verhältniß von Stadt und Land geordnet. Er begann damit, das Privilegium der Städte in Bezug auf die Weberei aufzuheben, wie das noch mehr ſein Sohn gethan hat. 2Daſelbſt S. 221 22. Mylius V. Abth. II. S. 428. Patent vom 25. Juni 1729. eod. S. 754: Spinner und Leine -

25Der große Churfürſt und König Friedrich I.

Auch in den übrigen Zweigen der Gewerbepolizei ſetzte König Friedrich eine ähnliche Politik fort;1Siehe Stenzel, Geſchichte des preuß. Staats. Hamburg 1841. III., 47 ff. beſon - ders die Beförderung aller Art von Einwanderern wurde ſyſtematiſch betrieben. Magdeburg wurde von den Pfälzern vollſtändig wieder aufgebaut. In Berlin mehr - ten ſich die franzöſiſchen Geſchäfte und Gewerbe. Im Jahre 1690 ſollen ſchon 43 Arten neuer Gewerbszweige durch die Wallonen und Franzoſen in der Mark hei - miſch geworden ſein. Heftig klagten die einheimiſchen Gewerbe über dieſe neue Konkurrenz; aber die Regierung achtete nicht auf dieſe Klagen.

Unter Friedrich Wilhelm, dem ſparſam klugen, hausväterlichen Tyrannen ſeiner Unterthanen, knüpften ſich an dieſe Maßregeln weitere und tiefer eingreifende; Ausfuhrverbote von Rohſtoffen, beſonders von Wolle, Einfuhrverbote oder hohe Zölle reſp. Acciſeabgaben für fremde Manufakte werden erlaſſen. Walkmühlen, Fär - bereien, Preſſen, Wollmagazine werden von der Regie - rung angelegt. Das Berliner Lagerhaus, als ſtaatliche Muſter-Tuchfabrik, wird gegründet. Niedere Steuern oder vollſtändige Steuerfreiheit, Freiheit von Einquartie - rung und Werbung, Vorſchüſſe auf 3 Jahre vom Tage ihrer Verheiratung werden fremden Tuch -, Raſch -, Zeug -, Fries -, Strumpf - und Hutmachern verſprochen. 2Stenzel III, 413.2weber ſoll man auf dem Lande ſo viel als man kann und will anſetzen dürfen.26Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.In der Inſtruktion an die Fabrikinſpektoren von 17291Mylius V. Abth. II. S. 467. wird dieſen aufgetragen, zu ſehen, daß die armen Tuchmacher Verleger bekommen, welche ihnen Wolle und Arbeitslohn vorſchießen. Strenge wird befohlen, daß die im Zuchthaus zu Spandau das Raſch - und Zeugmachen erlernt haben, in die Zunft aufzunehmen ſeien. In dem Generalprivilegium für die Tuchmacher der Mark von 17342Mylius V. Abth. II. S. 375. wird erklärt, das Gewerbe ſei ein ungeſchloſſenes, jeder Meiſter dürfe Geſellen halten ſo viel, als er wolle; ein niederes Maximum von 4 5 Thalern wird für die Koſten des Meiſterwerdens feſtgeſetzt; zwiſchen Fremden und Einheimiſchen, welche Meiſter werden wollen, ſoll kein Unterſchied gemacht werden. Damit es nicht an Garn fehle für die Webe - rei, wird das Spinnen allen Hökerweibern, Handwerks - frauen und Bürgertöchtern, die in öffentlichen Buden feil halten, anbefohlen.

In Bezug auf die Zunftverfaſſung überhaupt wer - den ſchon vor dem Reichsgeſetz von 1731 weſentliche Aenderungen getroffen. Das Handwerk ſoll in der Hauptſache den Städten bleiben, aber nicht der bloß bornirte Egoismus der Zunftgenoſſen der Stadt ſoll über die Ausnahmen entſcheiden. Es werden 1718 Prin - cipia regulativa3Mylius V. Abth. II. S. 670. über das Verhältniß von Stadt und Land erlaſſen; nicht bloß Spinner und Leineweber, ſon - dern auch Schmiede, Schneider, Zimmerleute, Rade - macher ſind zuzulaſſen, in jedem Dorfe wenigſtens ſo27Friedrich Wilhelm I. viele als 1624 Handwerksſtellen da waren. Genaue Verzeichniſſe über die Zahl der alten Stellen werden publicirt. Jede Gutsherrſchaft kann für ſie ſelbſt arbei - tende Handwerker anſetzen, ſo viel ſie will. Die Land - meiſter dürfen beliebig Geſellen halten und Jungen lehren, nur ſie nicht losſprechen. 1Eod. S. 735, Anno 1724.Den Dorfküſtern und Schulmeiſtern ſoll wegen ihres ſchlechten Gehalts fort erlaubt werden, eine Profeſſion zu treiben.

Mehrmals (1718 und 1721)2Mylius V. Abth. I. 411. Abth. II. S. 674. werden Verzeich - niſſe der in einzelnen Städten fehlenden Handwerker veröffentlicht, um Einwanderer gegen freies Bürger - und Meiſterrecht, Bauholz und mehrjährige Abgaben - freiheit dahin zu ziehen. Alle theuren Meiſterſtücke werden 1723 verboten. 3Mylius V. Abth. II. 734.Waiſen und Soldatenkindern ſoll das Vorwärtskommen in der Zunft in jeder Weiſe erleichtert werden.

Hauptſächlich aber wurde das Reichsgeſetz gegen die Zunftmißbräuche mit Nachdruck durchgeführt. Ein beſon - derer Anhang in Mylius von 618 Spalten enthält die ſämmtlichen hienach revidirten Zunftſtatuten aus den Jahren 1734 37. Mit polizeilicher Gewalt durch die beaufſichtigenden Altmeiſter, durch die Steuerräthe und Fabrikinſpektoren wird verſucht, in alle Gewerbe Ord - nung, Fortſchritt, tüchtige Arbeit zu bringen; viel Kleinliches und Veraltetes wird in hausväterlichem Sinne beibehalten, aber die eigentlich monopoliſtiſchen Mißbräuche werden ſchonungslos verfolgt.

28Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.

Die Verwaltung des größten preußiſchen Königs ging von denſelben Anſchauungen aus;1Das Material bei Mylius; ſonſt; Roſcher, über die volkswirthſch. Anſichten Friederichs des Großen, akad. Feſtſchrift der kgl. ſächſ. Geſellſchaft der Wiſſenſch. ; Lippe-Weißenfeld, Weſtpreußen unter Friederich dem Großen. 1866; Mirabeau de la mon. prussienne Bd. III; Dohm, Denkwürdigkeiten Bd. IV. S. 85 132. 377 527. Hannover 1819; Preuß, Friederich der Große Bd. III u. IV und Urkundenband III u. IV. Berlin 1833 u. 34. Hertzberg, Huit dissertations. Berlin 1787. aber die Durch - führung war großartiger, feſter, planvoller, wie ſeine Einſicht, ſeine Kenntniſſe und ſein Charakter dem ſeines Vorgängers unendlich überlegen waren. Dagegen wirkte unter ihm die höchſte Anſpannung der Finanzen, die übermäßige Ausbildung des indirekten Steuerſyſtems den Bemühungen um Hebung des Wohlſtandes ſtärker entgegen als früher.

Als der wichtigſte Grundſatz ſeiner hierin ſeinem Vater weit überlegenen Regierung ſtand der voran, das Juſtizverfahren ſo zu beſſern und ſo unabhängig zu machen, die Gewiſſensfreiheit ſo feſtzuſtellen, daß Preu - ßen der Zielpunkt aller Auswanderung blieb und noch mehr werde. Hunderte von Dörfern hat er gegründet,2Hertzberg, S. 191. Tauſende von fleißigen Handwerkern und Fabrikanten hat er ins Land gezogen. Wie früher wurden Liſten der an den einzelnen Orten fehlenden Handwerker publi - zirt. Maſſenhaft wurden beſonders Bauhandwerker aus dem Voigtlande und dem Sächſiſchen nach Weſtpreußen29Friedrich II. übergeſiedelt (1776). 1Lippe-Weißenfeld S. 75 und 115.In Schleſien allein ſollen 1763 77 nicht weniger als 30000 Gewerbtreibende eingewandert ſein.

Die poſitiven Beförderungen der Induſtrie waren ſchroff merkantiliſtiſche, die eben, weil ſie ſchroff ein - greifen, manche Intereſſen verletzten, oft geändert, modifizirt werden mußten, wie z. B. die Wollausfuhr - verbote. Aber überallhin kam durch ſeine Anregungen gewerbliche Thätigkeit. Der ſchleſiſche Bergbau iſt auf ihn zurückzuführen; eine große Eiſenwaaren-Fabrik wurde in Neuſtadteberswalde ins Leben gerufen; die Berliner Staats-Eiſengießerei, die Mutter der ganzen Berliner Maſchineninduſtrie, iſt ſein Werk. Die Krefelder Seiden - induſtrie erblühte unter ihm; die Elberfelder und Bar - mer Induſtrie2Siehe darüber: Hocker, die Großinduſtrie Rheinlandes und Weſtfalens, ihre Geographie, Geſchichte, Produktion und Statiſtik. Leipzig 1867. S. 180 188. erwuchs unter ihm aus bloßer Bleicherei und Färberei zur großartigſten Weberei. Die Bielefel - der Linneninduſtrie wurde durch Einrichtung holländiſcher Bleichanſtalten, durch ein Handels - und Bleichgericht, durch Beförderung des Abſatzes auf diplomatiſchem Wege unterſtützt. Am meiſten vielleicht geſchah für die Gewebeinduſtrie Schleſiens und der Mark, beſonders Berlins. Techniſche Reglements, wie z. B. 1754 für die neumärkiſchen Tuchmacher, auch einzelne Spezial - befehle ordneten die geſammte Spinnerei und Weberei. Die Garnausfuhr wurde verboten, das Spinnen in jeder Weiſe befördert, ſelbſt den Soldaten wurde es30Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.befohlen,1Mirabeau III. 74. 78. den Baumwollſpinnern ſogar Jahresprämien gezahlt. 2Novum Corpus Const. Pruss. 1753. S. 455.Niedere Steuern, Freiheit von jeder Meiſter - abgabe und von Einquartierung für die Weber und Spinner, volle Gleichſtellung von Stadt und Land für dieſe Gewerbe, Einrichtung von Schauanſtalten, Woll - magazine, Gewährung von Staatsdarlehen, von Penſio - nen an Lyoner und Schweizer Seidenweber neben dem Webelohn, den ſie vom Fabrikanten erhielten; das waren die früher ſchon beliebten, jetzt noch mehr ausgebildeten Mittel. Weſentlich war die Sorge für die kleinen Handwerker, die für Verleger und Fabriken arbeiteten; es war das um ſo wichtiger, als die Hausinduſtrie damals noch faſt die allgemeine Form war, in der die geſammte Eiſen - und Gewebeinduſtrie ſich bewegte. Die wohlhabenderen Meiſter arbeiteten auf eigene Rechnung und verkauften an die Verleger; die ärmeren erhielten den Rohſtoff vom Verleger und hatten die fertige Waare abzuliefern. Für dieſe Handwerker ſind die Edikte bemüht, Kredit und Rohſtoff zu ſchaffen, für die Fabri - kanten Sicherheit des ihnen gehörigen Rohſtoffes durch ſtrenge Strafen gegen Veruntreuung, durch ein 1756 eingeführtes Separations - und Vindikationsrecht, das ihnen im Konkurſe der kleinen Meiſter die gelieferten Rohſtoffe an ſich zu nehmen erlaubt. Im Verhältniß beider zu einander wird ſtrenge darüber gewacht, daß kein Betrug, keine Uebervortheilung, kein unbilliger Nothverkauf ſtattfinde.

31Die Zunftreformen.

Die allgemeine Gewerbegeſetzgebung in Bezug auf Zünfte und Innungen wird noch mehr als früher von alten Mißbräuchen gereinigt. In den Jahren 1751 55 werden eine ſehr große Zahl Innungsprivilegien beſon - ders für Preußen (im e. S.) revidirt;1Novum Corpus Const. Pruss. I, 1159. daneben wird durch einzelne Spezialbefehle dieſer und jener Uebelſtand abgeſtellt. Ueber die Richtung dieſer Geſetzgebung nur einige Worte. Die Loskaufung vom Meiſterſtücke gegen Geld und Geſchenke wird 1747 verboten. Als mit der Noth des Jahres 1771 viele Handwerksgeſellen am Kolbergiſchen Feſtungsbau im Taglohn arbeiten, wird ſtrenge eingeſchärft, ſie derohalben nicht aus der Zunft zu ſtoßen. 2Verordnung vom 21. März 1771; dieſe, wie manche andere Edikte und Verordnungen, die ich in den Original - drucken geſammelt habe, iſt nicht im Nov. Corp. abgedruckt.Aus der Handwerkerordnung für Weſt - preußen von 1774 hebe ich folgendes hervor: alle alten Artikel und Bräuche, alle Schmauſereien ſind abge - ſchafft; bei allen wichtigen Dingen, beſonders bei Hand - habung der Zunftgerichtsbarkeit, muß ein Magiſtrats - mitglied anweſend ſein; nur leicht verkäufliche Meiſterſtücke dürfen gefordert werden; Meiſter aus andern Städten müſſen überall zugelaſſen werden, wenn ſie das etwaige Plus an Meiſtergeld nachzahlen; jeder Meiſter hält ſo viel Geſellen und Stühle, als er will; nur die Lehr - lingszahl kann auf Wunſch durch die Ortsbehörde unter Zuſtimmung der Kriegs - und Domänenkammer beſchränkt werden; alle fremden Geſellen, die nach fremdem Recht eine Stufe in der Zunfthierarchie erreicht haben, ſind32Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.in Preußen zuzulaſſen, wie wenn ſie in Preußen nach dortigem Recht dieſe Stufe erreicht hätten; alle Geburts - beſchränkungen für das Lehrlingwerden ſind beſeitigt, ebenſo die zahlreichen Gründe der Unredlichkeit; volle Freiheit des Jahrmarktverkehrs, auch für Fremde, wird ſtatuirt; mehrere einander naheſtehende Zünfte ſollen kombinirt werden, damit die Streitigkeiten aufhören.

Das waren im Großen und Ganzen die Grund - ſätze, nach denen im 18. Jahrhundert die brandenbur - giſch-preußiſchen Gewerbe behandelt wurden. Was war der Erfolg? der Erfolg trotz dem, was dieſer Staat im 18. Jahrhundert erduldet. Ich erinnere dabei nur an die Peſt, die Preußen und Pommern 1709 1711 faſt entvölkerte,1Stenzel III, 188. an den Steuerdruck und die Kriege unter dem großen König, an die volkswirthſchaftliche Kriſis, welche nach dem 7 jährigen Kriege hauptſächlich durch die Münzwirren entſtand,2Preuß, Urkundenbuch III, S. 86 ff. Briefwechſel zwiſchen Friederich dem Großen und ſeinen Miniſtern über den Verfall des Handels, der Fabriken und über das Projekt einer neuen Billetbank. 1766. an die Wirkungen der Hungerjahre von 1770 74. Trotz alledem war der Erfolg ein großer, wie ich nur durch einige zeitgenöſſiſche Urtheile und ſtatiſtiſche Zahlen beweiſen will.

Schon zu Anfang des Jahrhunderts gilt der preu - ßiſche Gewerbfleiß als ein den Nachbarſtaaten überlege - ner. Man ſehe die Handwerksſtäte ruft Mar - perger3Paul Jakob Marperger’s, Mitglied der königl. preuß. Sozietät der Wiſſenſchaften, Kurtzgefaßte geographiſche, hiſto - ſchon 1710 voller fleißiger Handwerksleute33Der Erfolg der Maßregeln.und die öffentlichen Kramladen voll köſtlicher Waaren, welche die Kaufleute theils aus der Fremde verſchrieben, theils auch durch ihre eigene Induſtrie im Lande ſelbſt von denen Handwerksleuten zuwege gebracht haben. Viel ſicherer aber lauten die Nachrichten und die ſtatiſtiſchen Ergebniſſe, wenn wir uns in die letzten Lebensjahre König Friederich’s verſetzen. 1Die Geſammtüberſicht über die preußiſche Induſtrie im Jahre 1785 nach Hertzberg, huit dissertations S. 254 theile ich nicht mit, da ich ſie mit keinen frühern oder ſpätern Zahlen direkt vergleichen kann; immerhin iſt ſie ſehr lehrreich, ſie zeigt klar die Entwickelung der preußiſchen Gewerbe bis gegen 1785.

Bedeutend war vor Allem die ſchleſiſche Gewebe - induſtrie gewachſen. Unter der öſtreichiſchen Regierung zählte man 12000 Webſtühle für Leinwand, zu Ende der Regierung Friederich’s des Großen 20000. 2Mirabeau III, 92.Die Produktion an Stücken Tuch war geweſen:3Daſ. 96.

Die Produktion von Strümpfen in Schleſien war geweſen:4Daſ. 106.

3riſche und merkatoriſche Beſchreibung aller derjenigen Länder und Provinzen, welche dem königl. preuß. und churbrand. Scepter unterworfen. Berlin 1710. Zu vergleichen auch Büſching’s neue Erdbeſchreibung, dritter Theil. Bd. II. S. 2067 68. Vierte Aufl. Hamb. 1765.Schmoller, Geſch. d. Kleingewerbe. 334Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.

Mirabeau, der ſo ſehr ſich bemüht, die Erfolge von König Friederich’s Verwaltungsgrundſätzen herabzu - ſetzen, ruft doch über Schleſien aus: il y régne une population, une culture et une industrie vraiement immense. Schneer1A. Schneer, über die Noth der Leinenarbeiter in Schleſien. Berlin, Veit 1844. ſchildert die Zuſtände der Weber - diſtrikte gegen 1800 als behagliche, allerdings durch jede Stockung des Abſatzes bedrohte, die Weber als ſelb - ſtändige Unternehmer, die auf den Leinwandmärkten an die Kaufleute verkaufen. Im Allgemeinen, ſagt er, war namentlich unter den Leinwandkaufleuten Reich - thum und Ueppigkeit und unter den arbeitenden Klaſſen der Leinwandinduſtrie ein gewiſſer Wohlſtand und ein leichtſinniges Wohlleben verbreitet.

Aehnliches ließe ſich von der weſtfäliſchen Linnen - induſtrie,2Siehe Mirabeau III, 199. von der rheiniſchen Seiden -, Baumwolle - und Eiſeninduſtrie berichten. Ich will mich darauf beſchrän - ken, über die Mark Brandenburg und Berlin noch Eini - ges mitzutheilen. Krug3II, 162. ſtellt in Bezug auf die kur - märkiſchen Städte die lehrreiche, oben ſchon erwähnte Vergleichung zwiſchen 1750 und 1801 an. Es gab in denſelben:

35Preußiſche Gewerbeſtatiſtik.

Die Tabelle beweist freilich, daß mit dem Fort - ſchritt der Induſtrie und der Bevölkerung auch die ſchlimmen Elemente (Arme, Züchtlinge) wachſen; aber im Ganzen deutet ſie doch mehr auf Fortſchritt als auf Rückſchritt.

In Berlin hatte Handel und Verkehr außerordent - lich zugenommen; vor Allem die für den Großhandel arbeitenden Gewerbe hatten ſich entwickelt, aber auch der kleine Handwerkerſtand befand ſich in guter Lage. Reden theilt gewerbeſtatiſtiſche Zahlen aus den Jahren 1783 85 mit,1Zeitſchrift des Vereins für deutſche Statiſtik II, 476: Die Gewerbthätigkeit Berlins in älterer und neueſter Zeit. die er mit den Zahlen von 1847 vergleicht. Von Handwerksmeiſtern macht er 19 Kate - gorien namhaft, welche zuſammen 1784 2,22 %, 1847 3,14 % der ganzen Bevölkerung ausmachen. Nicht alle einzelnen Kategorien aber haben zugenommen von 1784 bis 1847. Abgenommen gegenüber der Bevölkerung haben folgende:3 *36Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.

Dagegen haben zugenommen:

Die erſtern Betriebe ſind ſolche, bei welchen ſchon bis 1847 die kleinern Geſchäfte durch größere verdrängt ſind, bei welchen durch Maſchinen, verbeſſerte Technik37Die Gewerbe Berlin’s.und größere Arbeiterzahl das gewiß auch geſtiegene Bedürfniß befriedigt wird.

Die letztern Betriebe ſind ſolche, bei denen das noch nicht geſchehen iſt, bei denen der ſteigende Wohl - ſtand eine größere Zahl kleiner Geſchäfte bis 1847 her - vorgerufen hat.

Jedenfalls ergiebt ſich ſo viel aus den Zahlen, daß der Unterſchied zwiſchen 1784 und 1847 kein allzugroßer iſt. Sehr ſtark abgenommen hat nur die Zahl der Lohgerber und Maurermeiſter, ſtark zugenommen nur die der Tiſchler, Tapeziere, Klempner, Drechsler, Buch - binder, Inſtrumentenmacher. Bei den übrigen liegen die Verhältnißzahlen nicht weit auseinander, ein Beweis, daß ſchon 1784 die gewerblichen Zuſtände Berlins beſſere waren, als in den meiſten übrigen deutſchen Städten.

Eine andere Bemerkung drängt ſich daneben noch auf. Welch ungeheurer Umſchwung in der Zeit von 1784 bis 1847, und in den wichtigern Kleingewerben Berlins doch keine ſehr bedeutende Aenderung.

Von größern Gewerben hatten ſich in Berlin vor Allem die Lederfabrikation, die Blumenfabrikation, die Strohhutmanufakturen, die Zuckerſiedereien, die Kattun - druckereien, die Weberei aller Art entwickelt. Ich will die Zahlen nicht alle wiederholen; viele dieſer Induſtrien ſind 1783 85 ſtärker vertreten als 1847 49: Web - ſtühle wurden 1783 gezählt für Seide 2316, für Wolle 2566, für Linnen 238, für Baumwolle 1048, zuſammen 6168; die Zahlen nehmen noch zu bis ins neue Jahrhundert; 1804 ſind 3691 Baumwollſtühle vor - handen; 1849 zählt man in Berlin 2147 Stühle für38Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.Seide, 2270 für Wolle, 63 für Linnen, 2113 für Baumwolle. Mirabeau1III, 113. muß von der Berliner Indu - ſtrie geſtehen: Les manufactures établies à Berlin y trouvent un marché immense sous la main, le concours de toutes les sciences, de tous les artistes; ils peuvent donner à leurs ouvrages une perfection, une beauté qui les fassent rechercher au dehors. Tant d’avantages, joints aux priviléges exclusifs qui leur assurent le marché dans les états du roi de Prusse, doivent étendre considérablement leurs profits et accélérer leur activité.

Nicht überall natürlich in den preußiſchen Landen war die gewerbliche Entwickelung eine ſo glänzende; beſonders der kleine Handwerkerſtand befand ſich noch da und dort in ähnlicher Lage wie im übrigen Deutſchland. Die oben angeführten Magdeburger Zahlen zeigen, wie klein die Zahl der Gehülfen war, und das iſt immer ein ungünſtiges Zeichen. Aehnliches wird aus weſt - fäliſchen Städten berichtet. So zählte Bochum 17802Jacobi, das Berg -, Hütten - und Gewerbeweſen des Regierungsbezirks Arnsberg. Iſerlohn 1857. S. 532. auf 13 Schreinermeiſter 2 Geſellen, auf 26 Schuh - machermeiſter 3, auf 21 Bäckermeiſter 1, auf 8 Zim - merleute 1, auf 5 Maurermeiſter 1 Geſellen; die mei - ſten andern Handwerke waren ganz ohne Geſellen. Als Beweis aber, daß gerade auch in dieſem Punkte die preußiſchen Zuſtände vielfach beſſere waren, als im übri - gen Deutſchland, möchte ich ſchließlich einige Zahlen aus der Handwerksſtatiſtik der Stadt Brandenburg von 178439Die preußiſchen Handwerke.anführen. 1Schlözer, Staatsanzeigen VI, 154.Es waren bei einer Bevölkerung von 8980 Civil - und 2290 Militärperſonen

Dieſe Geſellen - und Lehrjungenzahlen deuten im Gegenſatz zu den eben und oben angeführten auf ein ſehr blühendes Handwerk hin.

Nach dieſen Bemerkungen über die Art der preußiſchen Gewerbebeförderung und über den thatſäch - lichen Erfolg derſelben, kann ich nicht umhin, noch einige allgemeinere Betrachtungen über dieſelbe anzuſtellen; denn wenn auch dieſe Unterſuchungen in erſter Linie die realen Zuſtände feſtſtellen, nicht die jeweilige Geſetz - gebung beurtheilen wollen, ſo iſt es doch gerade hier am Platze, ein Wort gerechter Würdigung auszuſprechen, da bis in die neueſte Zeit die Beurtheilung von doktri - närer Einſeitigkeit beeinflußt iſt. Mirabeau, Dohm, Preuß, Stenzel ſind Theoretiker des entgegengeſetzten Extrems, und das Urtheil über die preußiſche Gewerbe -40Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.geſetzgebung des vorigen Jahrhunderts iſt bis auf die neueſte Zeit von ihren Ausſprüchen faſt gänzlich abhängig geblieben.

Unter der Herrſchaft des Merkantilſyſtems, wie ſpäter unter dem der Phyſiokraten und Smithianer hat man ſich in doktrinärer Weiſe zu allgemein an allgemeine Sätze gehalten. Damals war das Prinzip: Staatsein - miſchung unter allen Umſtänden; nichts lehrte man entſteht ohne ſie; der Steuerrath, die Kriegs - und Domänenkammer weiß Alles beſſer. Dann wurde ebenſo einſeitig Fernhaltung aller Staatsintervention, Beſei - tigung aller Gewerbegeſetzgebung Prinzip; die Regie - rung lehrte man kann nur ſchaden, ſie verſteht niemals die Dinge beſſer als die Gewerbetreibenden; alle Induſtrie gedeiht nur, wenn man ſie ſich ganz ſelbſt überläßt. Früher ſpezialiſirte man zu ſehr, man dachte mehr an die Vorbedingungen des gewerblichen Lebens im Kleinen und Einzelnen; dadurch, daß man da ein - griff, wollte man latente Kräfte entbinden, Hinderniſſe beſeitigen. Später generaliſirte man zu ſehr; man dachte nur an die allgemeinſten Vorbedingungen; in die klei - nern Urſachen und perſönlichen Hemmniſſe, gleichſam in die Reibungswiderſtände des praktiſchen Lebens wollte man gar nicht eingreifen. Beide Prinzipien ſind gleich wahr und gleich falſch. Keins derſelben, wenn auch das eine mehr als das andere, wird an ſich Induſtrien ins Leben rufen; weder die volle Gewerbefreiheit noch die weitgehendſten Gewerbereglements und Vorſchriften wirken ganz direkt und können darum Selbſtzweck ſein. Für alles gewerbliche Leben und Gedeihen ſind eine41Würdigung der preuß. Gewerbepolizei.ganze Reihe der verſchiedenartigſten und komplizirteſten Kulturbedingungen nothwendig: ſtaatliche und ſoziale Zu - ſtände, Bevölkerungsdichtigkeit, Kapitalanſammlung, per - ſönliche Kräfte, Kenntniſſe, moraliſche Eigenſchaften, Handelsverbindungen und manches Andere. Viele dieſer Vorbedingungen ſind von beiden Prinzipien gleich unab - hängig. Auf andere Vorbedingungen aber wirken ſie, und das Urtheil über ſie richtet ſich eben danach, ob und wie ſie auf eine Anzahl dieſer Vorbedingungen fördernd wirken. Jedes der beiden Prinzipien wird bei der Man - nigfaltigkeit der realen Verhältniſſe da und dort hem - men, da und dort fördern. Jedes iſt dann am Platze, wenn es nach den zeitlichen Geſammtverhältniſſen von Land und Volk im Ganzen mehr fördert, als hemmt. Je nach den pſychologiſchen, moraliſchen und ſozialen Ver - hältniſſen wird das eine ſo ſehr am Platze ſein, wie das andere. Ein zartes Pflänzchen iſt ein ander Ding als eine mehrhundertjährige Eiche, ein Kind bedarf anderer Pflege als der Mann. Niemals aber wird man Fana - tiker des Prinzips ſein dürfen, weil man es immer auch zu einer beſtimmten Zeit und in einem beſtimmten Staate mit den verſchiedenartigſten Menſchen, Kräften und Zu - ſtänden zu thun hat. Es wird auch in Zeiten allge - meinſter Staatseinmiſchung Verhältniſſe geben, wo freie Bewegung, freie Konkurrenz am Platze iſt; umgekehrt auch in Zeiten allgemeiner Gewerbefreiheit wird es Punkte geben, wo ſtaatliche Aufſicht, polizeiliche Vor - ſchriften am Platze ſind, weil ſie im konkreten Falle die Vorbedingungen gewerblichen Lebens, techniſche Ge - ſchicklichkeit, angeſtrengte Arbeitsenergie, reelle Ehrlichkeit,42Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.die doch auch beim Syſteme der Freiheit letzter Zweck ſind, mehr fördern. Man wird beſonders nie vergeſſen dürfen, daß gewiſſe Klaſſen der Geſellſchaft, gewiſſe Kreiſe der Volkswirthſchaft viel langſamer ſich entwickeln. Das Handwerk, der Kleinhandel, der Detailverkehr iſt etwas total Anderes als die Großinduſtrie und der Groß - handel. Es handelt ſich um andere Menſchen, um andere Wirkungen, um andere Möglichkeiten der Ent - wickelung.

Dieſe Erörterung mag ſehr theoretiſch klingen, ſie ſollte nur das apodiktiſche Urtheil einleiten, das ich wage. Jedem, der glaubt, durch ein Syſtem der vollen Ge - werbefreiheit und ſtaatlichen Nichtintervention wäre die preußiſche Induſtrie von 1650 1800 ſo oder gar noch beſſer gewachſen, als ſie mit dem entgegengeſetzten Syſtem wirklich ſich entwickelte, dem muß jedes tiefere hiſtoriſche und nationalökonomiſche Urtheil abgeſprochen werden. Und damit iſt das Syſtem im Ganzen für jene Zeit gerechtfertigt, mag es auch im Einzelnen viel Unrichtiges gethan oder mit ſich gebracht haben, eben weil man an dem im Ganzen richtigen Syſtem auch damals zu dok - trinär feſthielt.

Giebt man Letzteres auch zu, iſt nicht zu leugnen, daß man zu einſeitig an den Segen ſtaatlicher Pflege glaubte, ſo darf man dabei nicht vergeſſen, daß die allgemeine Zunftgeſetzgebung nach vielen Richtungen hin im Sinne größerer Freiheit reformirt wurde. Die Ge - ſchloſſenheit der Zunft wurde beſeitigt, wie die egoiſtiſche Herrſchaft der Altmeiſter. Jeder Meiſter durfte Geſellen halten, ſo viel er wollte, durfte ſich niederlaſſen, wo43Würdigung der preuß. Gewerbepolizei.er wollte; durch liberales Heranziehen Fremder wurde die Konkurrenz befördert, die gewerblichen Rechte des platten Landes wurden weſentlich ausgedehnt. Es ließe ſich noch ſehr zweifeln, ob alle dieſe Maßregeln nicht einen mindeſtens ebenſo großen Fortſchritt im Sinne der Freiheit und Rechtsgleichheit repräſentiren als die Gewerbe - freiheit von 1810, ob ſie nicht einen größern Fortſchritt enthalten gegenüber den vorherigen Zunftmißbräuchen, als das Geſetz von 1868 gegenüber dem von 1849. Die poſitiven Förderungen einzelner Gewerbe durch Kredit, Prämien, Reglements, Verbot fremder Waaren ent - ſprachen im Allgemeinen der entſetzlichen Lethargie und Lähmung aller gewerblichen Kreiſe jener Zeit, entſprachen der geſellſchaftlichen Stellung und Bildung der kleinen Leute, der für Verleger arbeitenden Meiſter, auf denen in der Hauptſache die ganze damalige Induſtrie ruhte. Oft wurde fehlgegriffen, öfter aber das Richtige getroffen. Die regierenden Elemente waren den Gewerbtreibenden an Einſicht und Kenntniß damals ſo überlegen, daß ſie ihnen ſagen konnten, was zu thun ſei.

In Bezug auf die Gewebeinduſtrie, auf die zahl - reichen Spinner - und Weberdörfer und Städte, die damals ins Leben gerufen, ſpäter theilweiſe in ſo große Noth gekommen ſind, hat man oft gezweifelt, ob die Politik eine richtige war; ob es richtig war, ſo viele Arbeitskräfte zu einer Thätigkeit zu veranlaſſen, die in ihrer Einfachheit geringen Lohn gab und bei jeder Zoll - ermäßigung oder - Beſeitigung in Gefahr war, wieder ſiſtirt zu werden. Die Nothſtände zeigten ſich auch ſehr bedeutend in den Napoleoniſchen Kriegen und bis gegen44Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.1818. Knuth1Dieterici, der Volkswohlſtand im preuß. Staate. Ber - lin 1846. S. 102. z. B. erklärt 1817 von der großen Berliner Kattunweberei auf einfachen Stühlen, ſie gehöre zu den allererbärmlichſten Erwerbsmitteln, ein Kattun - weber verdiene täglich höchſtens 6 7 Groſchen, ein Tiſch - lergeſelle einen Thaler.

Dennoch wäre es falſch, aus den Nothſtänden der Weberei von 1800 1818, aus der Thatſache, daß die einfache Kattunweberei nicht nach Berlin paßte, den Schluß zu ziehen, daß die ganze Beförderung der Ge - webeinduſtrie falſch war. In der Hauptſache war die Weberei geſund und nach den Verhältniſſen des vorigen Jahrhunderts naturgemäß. Die Art der Hausinduſtrie ermöglichte einen glücklichen Uebergang des kleinen fleißigen Arbeiters zum Unternehmer. Viele arme Leinwandweber vom Lande zogen in die Städte und wurden da nach und nach wohlhabende Fabrikanten. 2Dieterici, Volkswohlſtand S. 98.Das Eingreifen in die Kreditverhältniſſe dieſer kleinen Weber hatte ihre ſehr gute Seite; nichts iſt für den kleinen Mann ſchlim - mer als die Kreditloſigkeit, durch nichts iſt ein Syſtem der Hausinduſtrie mehr gefährdet, als durch Lotterkredit, der in Abhängigkeit, Uebervortheilung und Ausſaugung des kleinen Mannes nur zu leicht ausartet. Die ganze Ueberwachung der Hausinduſtrie durch techniſche Regle - ments und Schauämter war Bedingung einer gedeih - lichen Entwickelung in jener Zeit. Ganz richtig ſagt Roſcher,3Volkswirthſch. Anſichten Friederich’s d. Gr. S. 37. ſolche Regierungsthätigkeit erſetze, was dem45Würdigung der preuß. Gewerbepolizei.kleinen Handwerker ſonſt ganz fehle, nämlich durch ihre techniſchen Rathgeber die Verbindung des Gewerbes mit der Wiſſenſchaft, durch ihre Handelskonſule die fortlau - fende Kenntniß der fremden Märkte, durch ihre Schau - und Stempelanſtalten die weitreichende Notorietät einer großen Firma. Auch Mirabeau muß zugeben, daß man überall die Blüthe der Induſtrie auf dieſe Reglements zurückführt. 1z. B. III, 218.Ich will von zeitgenöſſiſchen Stimmen nur Juſti2Vollſtändige Abhandlung von denen Manufakturen und Fabriken. Kopenhagen 1758. I, 122. anführen, der 1758 ſagt: In den meiſten deutſchen Staaten, ohngeachtet man das Anſehen haben will, die Manufakturen zu gründen, fehlet es noch gar ſehr an ſolchen Reglements. Nur in denen preußiſchen Staaten, wo man die wahren Maßregeln ſelten außer Acht läßt, haben alle Arten von Manufakturen die um - ſtändlichſten und vortreflichſten Ordnungen, und man muß dieſelben zu Rathe ziehen, wenn man dergleichen Reglements verfertigen will.

Wenn ich ſo im Ganzen die Friedericianiſche Ver - waltung als eine den damaligen Zuſtänden entſprechende bezeichne, ſo will ich daneben nicht leugnen, daß manche der merkantiliſtiſchen Maßregeln verkehrt, daß die Regie -, Acciſe - und Steuerverwaltung drückend und hart war. Beſonders aber darf man für das Ende des Jahrhun - derts nicht vergeſſen, daß die Zuſtände ſelbſt ſich änder - ten; was 1740 noch am Platze war, konnte 1800 ſchon unerträglich ſein. Und eine eingreifende Verwal -46Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert.tungspolitik, wie die preußiſche, erforderte Talent, Sach - kenntniß, unermüdliche Thätigkeit, um immer wieder die Reglements in Einklang mit den Zeitbedürfniſſen zu bringen. Nach dem Tode des großen Königs war an die Stelle dieſer unermüdlichen Thätigkeit Stagnation getreten.

Unter allen Umſtänden bleibt wahr, was Viebahn von Friederich dem Großen ſagt: er hat Preußen nicht nur politiſch zur Großmacht erhoben, er hat ſein Land auch kommerziell, gewerblich und geiſtig in die Reihe der erſten der welthiſtoriſchen Staaten geſtellt. Er hat es gethan mit den Mitteln, die die Zeit gab und for - derte. Einem in Individualismus aufgelösten Volke hat er unerbittlich in allen Gebieten und ſo auch auf dem volkswirthſchaftlichen Gebiete die höchſte Pflicht gepredigt und gelehrt, alles Einzelne und Individuelle dem Ganzen zu opfern.

[47]

Die Hauptreſultate der preußiſchen Aufnahmen von 1795 1861.

[48][49]

1. Die preußiſche Handwerksſtatiſtik von 1795 / 1803.

Die Zuſtände gegen 1800. Die Gewerbefreiheit. Die wirth - ſchaftliche Entwickelung bis gegen 1831. Der Werth der Krug’ſchen Zahlen. Die Vergleichung der Aufnahmen von 1795 / 1803 und von 1831. Das Reſultat ziemlich unveränderter Verhältniſſe.

Ich habe mein Urtheil über die preußiſche Ver - waltung wohl ſchon durch die Reſultate der Statiſtik zu ſtützen geſucht; ich habe aber dabei eine wichtige Quelle noch nicht berührt, die preußiſche Handwerksſtatiſtik von Krug in ſeinen Betrachtungen über den Nationalreich - thum des preußiſchen Staates. 1II, S. 172 205.Es wird paſſend ſein, bei ihr, an der Grenzſcheide des Jahrhunderts einen Moment zu verweilen und ſie hauptſächlich mit einer ſpätern Aufnahme zu vergleichen, ſie dadurch zu einem lebensvollen Bilde zu geſtalten.

Waren die gewerblichen Zuſtände gegen 1800 ſchon mannigfach durch die alte Geſetzgebung gehemmt, im Ganzen war der Wohlſtand ein ſteigender bis gegen 1805 und 1806. Die außerordentliche Steigerung der Getreide - und Bodenpreiſe in ganz Norddeutſchland von 1770 abSchmoller, Geſch. d. Kleingewerbe. 450Die preußiſchen Aufnahmen.hatte die Kaufkraft der ländlichen Kreiſe ſehr geho - ben. 1Siehe: Gülich II, 293 336; Krug I, 404 ff.Die erſten franzöſiſchen Kriege erſtreckten ihre ungünſtigen Wirkungen kaum auf Preußen. Erſt ſeit 1799 machte ſich die Stockung in den norddeutſchen Handelsſtädten geltend. Erſt nach 1806 trat im ganzen Lande die Lähmung des Verkehrs, die wirthſchaftliche Erſchöpfung durch die Kriege, traten die Einquartierungen, Verwüſtungen, Kontributionen ein.

In dieſe Zeit fällt die Einführung der Gewerbe - freiheit. Sie war für Preußen und Littauen ſchon 1806 und 1808, für den ganzen damaligen preußiſchen Staat durch das Edikt vom 2. November 1810 einge - führt worden. Am linken Rheinufer verſtand ſie ſich mit der franzöſiſchen Herrſchaft von ſelbſt; für Weſtfalen wurde ſie durch die Dekrete vom 5. Auguſt 1808 und 12. Februar 1810, für das Großherzogthum Berg durch das Dekret vom 31. März 1809 eingeführt.

Sicher iſt die in Preußen eingeführte Gewerbe - freiheit eine jener unſchätzbaren liberalen Konzeſſionen geweſen, die zuſammen ſo ſegensreich gewirkt, den National - geiſt gehoben, die unwiderſtehliche Kraft der Bevöl - kerung im Jahre 1813 erzeugt haben. Aber es wird ſchwer ſein, nachzuweiſen, welche direkte, unmittelbare Wirkung die geſetzliche Aenderung auf die wirthſchaftliche Lage der Kleingewerbe gehabt habe. Manches wird ſich ſogleich mit der Publikation des Ediktes geändert haben; mancher Geſelle wird ein eigenes Geſchäft angefangen haben, mancher ſich an einem paſſendern Orte, in dem51Die Zuſtände gegen 1800.benachbarten Dorfe ſtatt in der Stadt niedergelaſſen haben; aber die gewerblichen Geſammtverhältniſſe werden ſich zunächſt nicht viel geändert haben, weil ſie unter dem Drucke vieler anderer, mächtiger wirkender Urſachen ſtanden.

Mit dem Frieden erfolgte die Vergrößerung Preußens; in den neuerworbenen Landestheilen ließ man die her - gebrachte Gewerbeverfaſſung unverändert, die Gewerbe - freiheit am Rhein und in Weſtfalen, die Zunftverfaſſung in Sachſen. Immer war es der überwiegend größere Theil der Monarchie, in dem von da ab bis 1845 volle Gewerbefreiheit herrſchte.

Die erſten Jahre nach dem Frieden waren nicht eben günſtige für die wirthſchaftliche Entwickelung. Die Nachwehen der großen Verluſte und Zerſtörungen, die Hungersnoth 1816 17, die Ackerbaukriſis 1820 25 waren harte Schläge. Die Grenzveränderung brachte für die Induſtrie der rheiniſchen Städte manchen Verluſt; das Aufhören der Kontinentalſperre, die engliſche Kon - kurrenz, die ſich um ſo heftiger jetzt auf Deutſchland warf, der Mangel einer gemeinſamen Ordnung des Zoll - weſens, das Alles waren zunächſt ungünſtige Um - ſtände. Dem gegenüber war für Preußen die neue Ordnung des Zollweſens im Jahre 1818 ein großer Fortſchritt. Die öſtlichen Provinzen ſtanden nun der rheiniſchen Induſtrie offen; Aachen, Elberfeld, Barmen, Berlin, zeigen einen raſchen Aufſchwung,1Gülich II, 420 ff. wie überhaupt alle preußiſchen Lande, während allerdings die vom4 *52Die preußiſchen Aufnahmen.preußiſchen Zollſyſtem ausgeſchloſſenen nächſtliegenden Nachbarlande litten. Ein anderes wichtiges Moment für die allgemeine Beſſerung der Lage waren die Ende der zwanziger Jahre wieder ſteigenden Produktenpreiſe. Die Getreideausfuhr nach England nahm wieder zu, das Wollgeſchäft des norddeutſchen Landwirths war in der höchſten Blüthe, die Ackerbaukriſis ſo ziemlich zu Ende. Somit werden wir nicht irren, wenn wir die Jahre gegen 1830 als ſolche bezeichnen, in denen die beſon - deren Mißſtände, die ſich an die Kriegsjahre und an die erſten Friedensjahre anſchloſſen, weſentlich zurück - getreten ſind, in denen alſo die Gewerbefreiheit in ihren reinen Folgen ſich erſichtlich zeigen muß; daneben ſind es Jahre, in denen die Konkurrenz der Groß - induſtrie noch kaum begonnen hat, jedenfalls noch nicht in dem Maße vorhanden iſt, wie heutzutage.

Deshalb glaube ich, richtig zu verfahren, wenn ich, wie früher ſchon Dieterici, die preußiſche Gewerbe - ſtatiſtik von 1795 / 1803 gerade mit der von 1831 vergleiche. Die erſte ein Bild der Zuſtände vor dem Krieg, ein Bild relativ blühender Kleininduſtrie, wie ſie unter der Herrſchaft des Zunftweſens und der ſtaat - lichen Maßregelung möglich war; die zweite ein Bild der Zuſtände, wie ſie nach ſo ziemlicher Beſeitigung der Kriegswehen unter der beinahe vollſtändigen Herrſchaft der Gewerbefreiheit ſich geſtalten.

Krug’s ſtatiſtiſche Aufnahmen ſind in den Jahren 1795 1803 nach den einzelnen preußiſchen Provinzen gemacht; ſie erſtrecken ſich nicht auf ſämmtliche Provinzen oder Departements. Die in Betracht kommenden ſind53Die Krug’ſchen Zahlen.das Poſener, Kaliſcher, Warſchauer Departement, Pom - mern, Neumark, Schleſien, Kurmark, Magdeburg, Paderborn, Minden und Ravensburg, Grafſchaft Mark, Kleve, Lingen und Tecklenburg, Oſtfriesland, Neuchatel. Da dieſe Departements ſich gleichmäßig auf die Monarchie vertheilen, ſo kann die Methode nicht angefochten werden, nach der Bevölkerung und der Meiſterzahl dieſer Auf - nahmen, die muthmaßliche Meiſterzahl für die ganze Monarchie zu berechnen. Die Handwerksgeſellen bleiben außer Betracht, da Krug ihre Zahl gar nicht nach den einzelnen Gewerben, ſondern nur nach Provinzen mittheilt.

Folgen wir nun für 1831 den Zahlen Dieterici’s,1Der Volkswohlſtand, S. 180. ſo ergiebt zunächſt eine allgemeine Vergleichung von 26 der wichtigſten Handwerke, daß 1795 1803 auf 10.023900 Einwohner 194183 Meiſter in denſelben, 1831 auf 13.038960 Einwohner 300752 Meiſter, damals alſo einer auf 51,6 Menſchen, jetzt auf 43,4 Men - ſchen kamen. Damals ſind 1,93 %, jetzt 2,3 % der Bevölkerung Handwerksmeiſter in den betreffenden 26 Hauptgewerben. Die Zahl der Meiſter iſt alſo ſtärker geſtiegen als die Bevölkerung; aber wir werden dieſer Steigerung ein geringeres Gewicht beilegen, wenn wir uns erinnern, daß in den Zahlen von 1795 / 1803 die armen unbevölkerten Landſtriche (Südpreußen und Neuoſtpreußen) ſtecken, die an Rußland abgetreten wurden, in denen von 1831 eine Reihe ſehr entwickelter Gegen - den, die erſt 1815 zu Preußen kamen, wie Theile der Rheinprovinz und der Provinz Sachſen.

54Die preußiſchen Aufnahmen.

Eine genauere Einſicht gewährt die folgende ſpezielle Vergleichung einiger der wichtigern Gewerbe, wobei je in der erſten Spalte die Zahl der Meiſter, in der zweiten die der Einwohner, welche auf einen Meiſter kommen, verzeichnet iſt.

Hiernach iſt die Meiſterzahl geringer geſtiegen als die Bevölkerung bei den Schmieden, den Hutmachern, den Goldſchmieden; das ſind Gewerbe, in denen die Bildung der größeren Geſchäfte die wahrſcheinlichſte Urſache des Rückganges iſt. In den wichtigſten der angeführten Gewerbe hat ſich die Proportion zwiſchen Bevölkerung und Meiſterzahl ſehr wenig verändert, ſo55Der Vergleich von 1803 und 1831.bei den Schuhmachern, Schneidern, Bäckern, Fleiſchern, Rade - und Stellmachern, kaum etwas mehr bei den Böttchern, Riemern, Sattlern, Seilern. Eine weſent - lich ſtärkere Zunahme als die Bevölkerung zeigen nur die Tiſchler und Drechsler, die Maurer, die Buchbinder und Zinngießer.

Dieſe Zahlen ſind beredt. Sie zeigen uns das Leben und die Entwickelung der wichtigſten Handwerke für die Zeit von 1800 1831 gleichſam als etwas Elementares, das von den Stürmen der Zeit, von der Aenderung der äußern Gewerbeverfaſſung weniger berührt wird, als man gewöhnlich erwartet. Die Gemeinde - verfaſſung, die ſtändiſchen Rechte, das ganze Agrarrecht war ein anderes geworden; die Gewerbefreiheit, die unbedingte Zulaſſung der Handwerker auf dem Lande war eingetreten. Das ſtädtiſche Acciſeweſen war ein anderes geworden, die Gewerbeſteuer war eingeführt worden. Und es erſcheint beinahe, als ob All das ſpurlos an den Kleingewerben vorbeigegangen wäre. In vielen Gewerben dieſelbe Meiſterzahl trotz der außer - ordentlichen Veränderungen, die zwiſchen 1800 und 1831 liegen. Auch die großen Aenderungen in der Technik mancher Gewerbe, die Dampfmaſchinen und die anderen neuen Maſchinen und Entdeckungen zeigen keinen weſent - lichen Einfluß bis dahin auf die Handwerke. Selbſt der geſtiegene Wohlſtand, wenn man für 1831 überhaupt einen ſolchen gegenüber 1800 annehmen will, zeigt ſich nicht in einer größern Zahl von Bäcker -, Fleiſcher -, Schuhmacher - und Schneidermeiſtern; dieſe Haupt - gewerbe dienen ja auch ziemlich elementaren, ſich nicht56Die preußiſchen Aufnahmen.ſo leicht ändernden Bedürfniſſen; ſondern nux in der größern Zahl Maurer, Tiſchler, Drechsler; d. h. man baut 1831 wieder mehr, man richtet die Wohnungen beſſer ein, aber man ißt, man kleidet und beſchuht ſich auf alte Weiſe.

Man mag allerdings daran erinnern, daß dieſelbe Meiſterzahl nicht nothwendig dieſelbe Technik, denſelben Wohlſtand, dieſelbe Geſellen - und Lehrlingszahl andeutet. Aber ſehr viel hat ſich darin gerade bis 1831 nicht geändert; was die Gehülfenzahl betrifft, ſo führe ich als Beweis dafür an, daß die Meiſter - und Gehülfen - zahl von 1819 bis 1828 ſich in ziemlich gleicher Pro - portion ändert;1Nach den Zahlen bei Ferber, Beiträge zur Kenntniß der gewerblichen und kommerziellen Zuſtände der preußiſchen Monarchie. Aus amtlichen Quellen. Berlin, Trautwein 1829. Tabelle zu S. 329. Neue Beiträge S. 160. gerade die Gewerbefreiheit mußte dahin wirken, daß zunächſt die Tendenz zur Bildung größerer Geſchäfte mit mehr Gehülfen eher etwas aufgehalten wurde.

Freilich iſt bei dieſer Vergleichung nur auf den Anfang und das Ende der Periode geſehen, auf die Zeit von 1795 / 1803 und auf die von 1831. Dazwiſchen hat der Handwerkerſtand wohl ſtärker geſchwankt. Im Jahre 1811 waren in Preußen noch 286000 Gewerbe - patente ertheilt worden; dieſe Zahl ſinkt bis 1814 auf 242700, iſt alſo in dieſem Jahre um 15½ % niedriger; dann ſteigt die jährliche Zahl wieder; im Jahre 182057Der Vergleich von 1803 und 1831.iſt ſie 20 % höher als 1814 15. 1Rau, Grundſätze der Volkswirthſchafts - Politik. 2te Abth. 5. Aufl. S. 29; es ſind Zahlen, welche der preuß. Staats - zeitung entlehnt ſind.Durch ſolche Schwankungen in Folge der Kriege wird aber unſere Behauptung nur noch in helleres Licht geſtellt. Trotz - dem, daß Alles erſchüttert, geändert, umgeſtürzt wurde, kann man ſagen bringen es gleichmäßig ſich erhal - tende volkswirthſchaftliche Bedingungen dahin, daß nach wenigen Jahren Alles ſo ziemlich im alten Geleiſe iſt, daß ähnliche Zahlenproportionen ſich bei den ſtatiſtiſchen Aufnahmen wieder ergeben.

Dabei will ich allerdings Eins im Voraus als Einſchränkung meiner Behauptung hinzufügen. Die elementare, vom Wechſel der Jahre, wie der ſtaatlichen Verfaſſung und Verwaltung wenig berührte Natur der wichtigſten Handwerke, die vor Allem gegenüber dem viel wechſelvollern Leben der Großinduſtrie zu betonen iſt, wird ſich immer geltend machen; immer werden die Aenderungen ſchwer ſich vollziehen, ſchon weil ſie zuſammenhängen mit den ſchwer ſich ändernden Lebens - gewohnheiten, häuslichen Sitten und Bräuchen des ganzen Volkes. Aber zunächſt beweiſen die vorſtehenden Zahlen nur, daß die großen Ereigniſſe von 1795 1831 daran wenig geändert haben. Wir werden ſehen, daß ſpäter vielleicht unbedeutendere Ereigniſſe, aber Ereigniſſe anderer Art, tiefer eingreifen. Nur ſolange die Technik, die häusliche Wirthſchaft und die Verkehrsverhältniſſe dieſelben bleiben und die haben ſich bis 1831 wenig geändert , wird die Thatſache, daß die vorzüglichſten58Die preußiſchen Aufnahmen.Handwerke in erſter Linie für lokale, nothwendige, ſtets ziemlich konſtante Bedürfniſſe arbeiten, dem Handwerk den ſichern, unveränderten Boden erhalten.

Zugleich iſt nicht zu vergeſſen, daß hier nur von 26 Arten der wichtigern lokalen Handwerke die Rede war. Die ganze Weberei und andere handwerksmäßige Hausinduſtriezweige ſind nicht mit einbegriffen. Auch in den folgenden Unterſuchungen müſſen die Weber zunächſt außer Betracht bleiben, da unſere Betrachtung ſich von jetzt an ſtreng an die Art der ſtatiſtiſchen Aufnahmen halten muß.

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2. Die preußiſchen Handwerkertabellen von 1816 43.

Geſchichte der Aufnahme. Kritiſche Feſtſtellung der Hauptſummen. Ergebniß: Stabilität von 1816 28; Blüthe der Klein - gewerbe von 1828 43. Die einzelnen Faktoren der Geſammt - änderung nach den einzelnen Gewerben, nach Meiſtern und Gehülfen.

Nach dieſen einleitenden Bemerkungen über die Zuſtände vor und nach den Kriegsjahren wenden wir uns ausſchließlich der Zeit nach 1815 zu. Und das Erſte wird ſein, uns einen Geſammteindruck der Ge - ſchichte des Handwerks zu verſchaffen durch Betrachtung der Geſammtſummen, welche die preußiſchen Gewerbe - tabellen in den einzelnen Aufnahmejahren ergeben.

Ueber die Aufnahme und den Umfang der Tabellen iſt Folgendes zu bemerken.

Nachdem J. G. Hoffmann, als Leiter des ſtati - ſtiſchen Bureaus, im Jahre 1816 die wichtigſten Hand - werker in der Populationsliſte hatte mitzählen laſſen, richtete er 1819 zum erſten Male eine beſondere Gewerbe - tabelle ein, die nun von drei zu drei Jahren bei den Regierungen ausgefüllt werden ſollte. Dieſe Tabelle blieb trotz mancher Aenderungen in den Grundzügen unver -60Die preußiſchen Aufnahmen.ändert bis 1843. Erſt die Aufnahme von 1846 erfolgte auf weſentlich anderer, breiterer Grundlage.

Die ältere Tabelle war von Hoffmann ſo einfach als möglich entworfen. 1Siehe Tabellen und amtliche Nachrichten über den preuß. Staat für das Jahr 1849 Band V. Berlin 1854. S. IV. ff., und Böckh, die geſchichtliche Entwickelung der amtlichen Statiſtik des preußiſchen Staates. Berlin 1863. S. 47, 53 ff., 78 ff.Ihr Hauptinhalt waren die wichtigſten mechaniſchen Künſtler und Handwerker. Nicht bei allen, wohl aber bei der Mehrzahl wurden die Gehülfen (Geſellen und Lehrlinge zuſammen) gezählt. Nicht inbegriffen ſind z. B. Fiſcher, Gärtner, Barbiere, Friſeure, ebenſo wenig Spinner und Weber. Nach den Künſtlern und Handwerkern enthält die Tabelle noch die gehenden Webſtühle, die Mühlen, die Handelsgewerbe, die Transportgewerbe, das Geſinde. Für die Zuſtände des preußiſchen Staates vor 50 Jahren gaben dieſe Rubriken immerhin ein genügendes Bild, wenn ſie auch für einzelne Gegenden und ihr entwickelteres Gewerbe - leben, hauptſächlich für die Rheinprovinz nicht ganz aus - reichten. Ihr Vortheil war, daß ſie in ihrer Einfach - heit leicht auszufüllen waren.

Das Bedürfniß nach Erweiterung zeigte ſich aber bald. Neue Rubriken wurden hinzugefügt; beſonders 1837 erweiterte Hoffmann die Tabelle weſentlich durch Aufnahme einer Anzahl Fabriken, der Dampfmaſchinen u. ſ. w. Auch 1837 aber wurde an der eigentlichen Handwerkertabelle wenig geändert; für die Kürſchner, Mechaniker, Buchbinder wurde die Gehülfenzahl hinzu -61Kritik der Aufnahmen.gefügt; die Zimmermeiſter wurden in Zimmermeiſter und Zimmerflickarbeiter, die Maurer in Maurermeiſter, Flicker, Ziegeldecker und Steinmetzen zerlegt; 1840 wurden die Färber in Färber und Kattundrucker geſchie - den. Es läßt ſich ſomit eine vergleichbare Tabelle bis 1843 inkl. leicht herſtellen.

Die Aufnahmen, ſowie offizielle Summirungen der - ſelben ſind nicht gleichmäßig publizirt. Man iſt genöthigt, die Zahlen für die verſchiedenen Jahre aus ſehr ver - ſchiedenen offiziellen, halboffiziellen oder ganz privaten Arbeiten der jeweiligen Direktoren des ſtatiſtiſchen Bureaus zuſammen zu ſuchen. Daher ſind auch darüber einige kritiſche Bemerkungen nöthig.

Die Summe der Meiſter und Gehülfen für 1816 iſt der Publikation Dieterici’s in ſeinem Volkswohl - ſtande entnommen. 1Siehe daſelbſt S. 187.Die Summe, wie ſie von da aus in alle ſpäteren, amtliche und nichtamtliche Schriften überging, iſt aber inſofern etwas zu niedrig, als in ihr die Kuchenbäcker, Korbmacher, Buchdrucker und Tuchſcheerer fehlen. Doch würden dieſe nach Analogie der ſpätern Zahlen nicht mehr als circa 7000 Meiſter und 4000 Gehülfen betragen. 2Für die Gehülfenzahl von 1816 bis zur Gegenwart bemerke ich, daß ſie mit den im Jahrbuch für die amtliche Sta - tiſtik des preuß. Staates Jahrg. II, S. 238 publizirten Zahlen nicht ganz übereinſtimmen können. Es ſind dort die männlichen Gehülfen getrennt von den weiblichen; ich habe überall die Summe beider beibehalten, da die Zahlen der weiblichen Ge - hülfen verſchwindend klein ſind und die großen Geſammtzahlen

62Die preußiſchen Aufnahmen.

Die Summen für 1819, 1822, 1825 und 1828 ſind Ferber’s Beiträgen,1Beiträge Tabelle S. 228. Neue Beiträge, Tabelle S. 160. alſo einer halbamtlichen Publi - kation entnommen. Ferber giebt nicht näher an, was ſeine Zahlen umfaſſen; deswegen glaube ich annehmen zu müſſen, daß ſie ſich auf die ſämmtlichen damals aufgenommenen Handwerker erſtrecken.

Für das Jahr 1831 iſt mir keine amtliche Sum - mirung der Handwerker bekannt, außer der bei Diete - rici,2Volkswohlſtand S. 253. die aber unvollſtändig iſt, indem ſie ebenfalls die Kuchenbäcker, Korbmacher, Buchdrucker und Tuchſcheerer wegläßt. Durch Hinzufügung dieſer iſt meine Zahl höher als die von Dieterici, wie ſie ebenfalls in alle ſpätere Werke übergegangen iſt.

Für 1834 iſt mir keine amtliche Summirung bekannt. Ich habe daher die Zahlen nach der amt - lichen Spezialpublikation berechnet, die in Dieterici’s ſtatiſtiſcher Ueberſicht3Dieterici, ſtatiſtiſche Ueberſicht der wichtigſten Gegen - ſtände des Verkehrs und Verbrauchs im preuß. Staate und im deutſchen Zollverbande von 1831 36. Berlin 1838. S. 462 68. enthalten iſt.

2durch dieſe Beibehaltung ſich nicht weſentlich ändern. Außerdem können die Zahlen von 1816 43 deswegen nicht ganz dieſelben ſein, weil ich in meiner Zählung für alle die Gewerbe, für welche die Zählung der Gehülfen erſt ſpäter eintrat, die Ge - hülfen bis 1843 wegließ. Groß ſind übrigens die Unterſchiede der Zahlen nicht.

63Zur Kritik der Zahlen.

Auch für die folgenden Aufnahmen habe ich die Summen nach den Spezialtabellen neu berechnet, für 1837 und 40 nach den Fortſetzungen der ſtatiſtiſchen Ueberſichten,1Erſte Fortſetzung, Berlin 1842. S. 384 401. Zweite Fortſetzung, Berlin 1844. S. 600 618. für 1843 nach dem beſondern für dieſes Jahr veröffentlichten Tabellenwerk. 2Dieterici, die ſtatiſtiſchen Tabellen S. 130.Ich habe dabei die ſämmtlich bisher gezählten Gewerbe mitgezählt, die Gehülfen da weggelaſſen, wo ſie früher auch fehlten, um ſo die Summen direkt vergleichbar mit den frühern Aufnahmen zu machen. Dadurch ſtimmen die Zahlen aber nicht ganz überein mit den gelegentlich von Die - terici erwähnten oder ſpeziell von ihm berechneten. 3Für 1837 erwähnt Dieterici, 2te Fortſetzung S. 619, 368429 Meiſter mit 231266 Gehülfen; er giebt nicht an, wie er das berechnet hat; ohne Zweifel läßt er wieder die Tuchſcheerer, Korbmacher, Buchdrucker, Kuchenbäcker weg; für 1840 giebt er daſ. S. 619 und 627 (an letzterer Stelle nach Provinzen ſummirt) 387687 Meiſter mit 286612 Gehülfen an; die gerin - gere Meiſterzahl hat dieſelbe Urſache, die höhere Gehülfenzahl als unſere hat ihren Grund in dem Mitzählen aller aufgenom - menen Gehülfen. Für 1843 giebt er in ſeinem Volkswohl - ſtand S. 254 eine Summirung (400932 Meiſter mit 309570 Gehülfen), die von da in alle ſpätere Literatur übergegangen iſt. Sie iſt weſentlich niedriger als unſere, da ſie, zur Ver - gleichung mit einer ebenfalls lückenhaften Tabelle von 1831 gemacht, wieder verſchiedene Kategorien wegläßt. In den ſtatiſt. Tabellen pro 1843 S. 145 giebt er eine andere Summirung nach Provinzen (410221 Meiſter mit 358660 Gehülfen), die wieder weſentlich höher iſt als unſere; die Zahl der Meiſter nur um 2000, die Urſache iſt mir nicht klar; die Zahl der Gehülfen um circa 47000, weil Dieterici hier für alle Gewerbe, in

64Die preußiſchen Aufnahmen.

In der nun folgenden Tabelle, in welche ich die Bevölkerung Preußens nach Dieterici’s Handbuch der Statiſtik des preußiſchen Staates1Berlin 1861. S. 134. Ich erwähne das nur, weil Kolb z. B. etwas andere Zahlen angiebt. einſetze, vergleiche ich das Verhältniß des Handwerkerſtandes zur Total - bevölkerung. Die erſte Prozentberechnung giebt Ant - wort auf die Frage, wie viel Prozente der Bevölke - rung machen Meiſter und Gehülfen zuſammen aus? Die zweite auf die Frage, wie viel Prozente der Bevöl - kerung machen die Meiſter mit ihren Familien und Gehülfen aus? Die Familie eines Meiſters iſt dabei nach dem Vorgang Dieterici’s2Statiſtiſche Tabellen pro 1843 S. 145. zu 4,1 Perſonen gerechnet. Da die Gehülfen alle als unverheiratet angenommen ſind, während die zahlreichen Maurer - und Zimmer - geſellen wenigſtens zu einem großen Theil verheiratet ſind, ſo bleiben jedenfalls die Summen der ſo gewon - nenen ganzen vom Handwerk lebenden Bevölkerung weit eher unter, als über der Wirklichkeit.

Daß überhaupt gefragt werden muß, nicht ob die Zahl der Handwerker an ſich, ſondern ob ſie im Ver - hältniß der Bevölkerung zugenommen hat, darüber brauche ich wohl kein Wort hinzu zu fügen. Nur daran möchte ich noch erinnern, daß allerdings bei einer ſo ſtark fortſchreitenden Bevölkerung, wie bei der preußiſchen von 1816 43, eine Zunahme im Verhältniß der Bevöl -3denen auch damals die Gehülfen noch nicht gezählt wurden, eine ungefähre Schätzung derſelben einſtellt, dahin gehend, daß wenigſtens ſo viele Gehülfen als Meiſter vorhanden ſeien.65Die Zahlen von 1816 43.kerung ſchon einen kleinen Fortſchritt andeutet. Da die Zunahme der Bevölkerung in erſter Linie Folge zahl - reicher Geburten iſt, ſo ſind es zunächſt die niedrigſten Altersklaſſen, die reichlicher ausgefüllt ſind, während die höhern, die ſchon einem beſtimmten Beruf angehören, ſich gleich bleiben, ja vielleicht, wie in dieſem Fall, durch die Kriege dezimirt ſind. Der Handwerkerſtand behauptet ſich nun auf ſeinem Niveau, wenn er nur im Verhältniß zu den geſammten Erwachſenen die gleiche Prozentzahl beſchäftigt. Behauptet er im Verhältniß zur ganzen, hauptſächlich an Kindern reichen Bevölkerung die gleiche Prozentzahl, ſo nimmt er offenbar von den Erwachſenen relativ etwas mehr in Anſpruch als vorher.

Doch hier endlich nach langen Vorbemerkungen die Tabelle ſelbſt:

Man unterſcheidet bei Betrachtung dieſer Tabelle leicht zwei Perioden. Von 1816 31 beinahe Stabilität, die nur 1825 durch ein vorübergehendesSchmoller, Geſch. d. Kleingewerbe. 566Die preußiſchen Aufnahmen.Anwachſen unterbrochen iſt; von 1834 an eine ſucceſſive Zunahme des Handwerkerſtandes gegenüber der Bevöl - kerung. Die Urſachen liegen überwiegend in den allge - meinen, früher ungünſtigen, ſpäter günſtigen Vorbe - dingungen der wirthſchaftlichen Entwickelung, an die ich, ſoweit ſie die Zeit von 1816 31 betreffen, ſchon oben1Oben S. 51 52. erinnerte. Man erholte ſich erſt wieder von Krieg und Ackerbaukriſis. Der Einfluß der vorangeſchrittenen Induſtrieländer war noch gering, der deutſche Handel noch gelähmt durch die Zollſchranken.

Weſentlich beſſer geſtalten ſich die Zuſtände in den dreißiger Jahren. Der Zollverein beginnt ſeine Seg - nungen fühlbar zu machen; der deutſche Exporthandel nimmt zu, neue Gewerbszweige entſtehen; Zuckerfabriken, Baumwollſpinnereien werden gebaut. Daneben freilich iſt der Einfluß des Auslandes noch gering; die erſten Eiſenbahnen ſind in England eben erſt vollendet; noch haben die großen internationalen Ausſtellungen nicht gewirkt, noch haben wir kaum einen heimiſchen Maſchinen - bau, noch exiſtiren unſere großen polytechniſchen Schulen nicht oder ſind eben erſt gegründet. Der Fortſchritt mußte ſich alſo in den hergebrachten Formen halten, d. h. hauptſächlich in einer Zunahme der Kleingewerbe zeigen.

Auch für wichtige Induſtriezweige, welche auf den Abſatz im Großen angewieſen ſind, bleibt die Form der Hausinduſtrie vorerſt unangetaſtet ſo für wichtige Theile der Metallinduſtrie; ſo für die Weberei, die nicht67Die Reſultate von 1816 43.in dieſen Zahlen begriffen iſt. Die Tuchmacher und Tuch - ſcheerer ſind zwar theilweiſe ſchon in übler Lage; aber ſonſt iſt der Handwebſtuhl noch unangefochten. Die Zahl der Webſtühle nimmt ſogar in den meiſten Branchen einen raſchen Aufſchwung bis 1840; erſt in den rück - gehenden Zahlen von 1843 zeigt ſich der Eintritt der Weberkriſis, die ſiegende Konkurrenz der neuen vollen - deteren Technik.

Die vorſtehenden Folgerungen aus der Tabelle für 1816 43 galten dem Hauptreſultat, das dahin ging: Stabilität in den zwanziger, Fortſchritt in den dreißiger Jahren. Ein ſolches Geſammtreſultat kann nun aber auf ſehr verſchiedene Weiſe erreicht ſein; es kann ausſchließlich durch die Meiſter - oder durch die Gehülfenzahl oder gleichmäßig durch beide, es kann erzielt ſein dadurch, daß einzelne Gewerbe ganz zu Grunde gingen, während andere um ſo kräftiger erblühten. Obwohl hier noch nicht näher in dieſes Detail eingegangen werden ſoll, muß ich wenigſtens einige Worte nach beiden Richtungen hin beifügen.

Die Bewegung der einzelnen Gewerbe iſt natür - lich keine ganz gleichmäßige; aber doch handelt es ſich um keine allzugroßen Differenzen, nicht um den Unter - gang einzelner Gewerbe, für die andere an die Stelle träten. Es gehen einzelne etwas zurück, andere und