Ich habe die erſte Haͤlfte dieſes Aufſatzes in meinen Beytraͤ¬ gen bekannt gemacht. Itzt bin ich im Stande, das Uebrige nachfolgen zu laſſen.
A 2Der[4]Der Verfaſſer hat ſich darinn auf einen Huͤgel geſtellt ‚ von welchem er etwas mehr, als den vorgeſchriebenen Weg ſeines heutigen Tages zu uͤber¬ ſehen glaubt.
Aber er ruft keinen eilfertigen Wan¬ derer, der nur das Nachtlager bald zu erreichen wuͤnſcht ‚ von ſeinem Pfa¬ de. Er verlangt nicht ‚ daß die Aus¬ ſicht ‚ die ihn entzuͤcket, auch jedes an¬ dere Auge entzuͤcken muͤſſe.
Und ſo ‚ daͤchte ich ‚ koͤnnte man ihn ja wohl ſtehen und ſtaunen laſſen ‚ wo er ſteht und ſtaunt!
Wenn[5]Wenn er aus der unermeßlichen Ferne, die ein ſanftes Abendroth ſei¬ nem Blicke weder ganz verhuͤllt noch ganz entdeckt, nun gar einen Finger¬ zeig mitbraͤchte, um den ich oft ver¬ legen geweſen!
Ich meyne dieſen. — Warum wollen wir in allen poſitiven Religio¬ nen nicht lieber weiter nichts, als den Gang erblicken, nach welchem ſich der menſchliche Verſtand jedes Orts einzig und allein entwickeln koͤnnen, und noch ferner entwickeln ſoll; als uͤber eine derſelben entweder laͤ¬cheln,A 3[6]cheln ‚ oder zuͤrnen? Dieſen unſern Hohn ‚ dieſen unſern Unwillen ‚ ver¬ diente in der beſten Welt nichts: und nur die Religionen ſollten ihn verdie¬ nen? Gott haͤtte ſeine Hand bey al¬ lem im Spiele: nur bey unſern Irr¬ thuͤmern nicht?
DieWas die Erziehung bey dem einzeln Menſchen iſt, iſt die Offenbarung bey dem ganzen Menſchengeſchlechte.
Erziehung iſt Offenbarung, die dem ein¬ zeln Menſchen geſchieht: und Offenbarung iſt Erziehung, die dem Menſchengeſchlechte geſchehen iſt, und noch geſchieht.
Ob die Erziehung aus dieſem Geſichts¬ punkte zu betrachten, in der Paͤdagogik Nutzen haben kann, will ich hier nicht un¬ter¬A 510terſuchen. Aber in der Theologie kann es gewiß ſehr großen Nutzen haben, und viele Schwierigkeiten heben, wenn man ſich die Offenbarung als eine Erziehung des Men¬ ſchengeſchlechts vorſtellet.
Erziehung giebt dem Menſchen nichts, was er nicht auch aus ſich ſelbſt haben koͤnnte: ſie giebt ihm das, was er aus ſich ſelber haben koͤnnte, nur geſchwinder und leichter. Alſo giebt auch die Offen¬ barung dem Menſchengeſchlechte nichts, worauf die menſchliche Vernunft, ſich ſelbſt uͤberlaſſen, nicht auch kommen wuͤr¬de:11de: ſondern ſie gab und giebt ihm die wichtigſten dieſer Dinge nur fruͤher.
Und ſo wie es der Erziehung nicht gleichguͤltig iſt, in welcher Ordnung ſie die Kraͤfte des Menſchen entwickelt; wie ſie dem Menſchen nicht alles auf einmal bey¬ bringen kann: eben ſo hat auch Gott bey ſeiner Offenbarung eine gewiſſe Ordnung, ein gewiſſes Maaß halten muͤſſen.
Wenn auch der erſte Menſch mit einem Begriffe von einem Einigen Gotte ſofort ausgeſtattet wurde: ſo konnte doch dieſermit¬12mitgetheilte, und nicht erworbene Begriff, unmoͤglich lange in ſeiner Lauterkeit beſte¬ hen. Sobald ihn die ſich ſelbſt uͤberlaſſene menſchliche Vernunft zu bearbeiten anfing, zerlegte ſie den Einzigen Unermeßlichen in mehrere Ermeßlichere, und gab jedem die¬ ſer Theile ein Merkzeichen.
So entſtand natuͤrlicher Weiſe Vielgoͤt¬ terey und Abgoͤtterey. Und wer weiß, wie viele Millionen Jahre ſich die menſch¬ liche Vernunft noch in dieſen Irrwegen wuͤrde herumgetrieben haben; ohngeachtet uͤberall und zu allen Zeiten einzelne Men¬ſchen13ſchen erkannten, daß es Irrwege waren: wenn es Gott nicht gefallen haͤtte, ihr durch einen neuen Stoß eine beſſere Rich¬ tung zu geben.
Da er aber einem jeden einzeln Men¬ ſchen ſich nicht mehr offenbaren konnte, noch wollte: ſo waͤhlte er ſich ein einzel¬ nes Volk zu ſeiner beſondern Erziehung; und eben das ungeſchliffenſte, das verwil¬ dertſte, um mit ihm ganz von vorne an¬ fangen zu koͤnnen.
§. 9. 14Dieß war das Iſraelitiſche Volk, von welchem man gar nicht einmal weiß, was es fuͤr einen Gottesdienſt in Aegypten hatte. Denn an dem Gottesdienſte der Aegyptier durften ſo verachtete Sklaven nicht Theil nehmen: und der Gott ſeiner Vaͤter war ihm gaͤnzlich unbekannt ge¬ worden.
Vielleicht, daß ihm die Aegyptier allen Gott, alle Goͤtter ausdruͤcklich unterſagt hatten; es in den Glauben geſtuͤrzt hatten, es habe gar keinen Gott, gar keine Goͤt¬ter;15ter; Gott, Goͤtter haben, ſey nur ein Vorrecht der beſſern Aegyptier: und das, um es mit ſo viel groͤßerm Anſcheine von Billigkeit tyranniſiren zu duͤrfen. — Ma¬ chen Chriſten es mit ihren Sklaven noch itzt viel anders? —
Dieſem rohen Volke alſo ließ ſich Gott anfangs blos als den Gott ſeiner Vaͤter an¬ kuͤndigen, um es nur erſt mit der Idee eines auch ihm zuſtehenden Gottes bekannt und vertraut zu machen.
§. 12. 16Durch die Wunder, mit welchen er es aus Aegypten fuͤhrte, und in Kanaan ein¬ ſetzte, bezeugte er ſich ihm gleich darauf als einen Gott, der maͤchtiger ſey, als ir¬ gend ein andrer Gott.
Und indem er fortfuhr, ſich ihm als den Maͤchtigſten von allen zu bezeugen — wel¬ ches doch nur einer ſeyn kann, — ge¬ woͤhnte er es allmaͤlig zu dem Begriffe des Einigen.
§. 14. 17Aber wie weit war dieſer Begriff des Ei¬ nigen, noch unter dem wahren tranſcen¬ dentalen Begriffe des Einigen, welchen die Vernunft ſo ſpaͤt erſt aus dem Begriffe des Unendlichen mit Sicherheit ſchließen lernen!
Zu dem wahren Begriffe des Einigen — wenn ſich ihm auch ſchon die Beſſerern des Volks mehr oder weniger naͤherten — konnte ſich doch das Volk lange nicht er¬ heben: und dieſes war die einzige wahre Urſache, warum es ſo oft ſeinen Einigen Gott verließ, und den Einigen, d. i. Maͤch¬tig¬B18tigſten, in irgend einem andern Gotte ei¬ nes andern Volks zu finden glaubte.
Ein Volk aber, das ſo roh, ſo unge¬ ſchickt zu abgezognen Gedanken war, noch ſo voͤllig in ſeiner Kindheit war, was war es fuͤr einer moraliſchen Erziehung faͤ¬ hig? Keiner andern, als die dem Alter der Kindheit entſpricht. Der Erziehung durch unmittelbare ſinnliche Strafen und Belohnungen.
Auch hier alſo treffen Erziehung und Offenbarung zuſammen. Noch konnteGott19Gott ſeinem Volke keine andere Religion, kein anders Geſetz geben, als eines, durch deſſen Beobachtung oder Nichtbeobachtung es hier auf Erden gluͤcklich oder ungluͤcklich zu werden hoffte oder fuͤrchtete. Denn weiter als auf dieſes Leben gingen noch ſeine Blicke nicht. Es wußte von keiner Unſterblichkeit der Seele; es ſehnte ſich nach keinem kuͤnftigen Leben. Ihm aber nun ſchon dieſe Dinge zu offenbaren, wel¬ chen ſeine Vernunft noch ſo wenig gewach¬ ſen war: was wuͤrde es bey Gott anders geweſen ſeyn, als der Fehler des eiteln Paͤdagogen, der ſein Kind lieber uͤbereilenundB 220und mit ihm prahlen, als gruͤndlich unter¬ richten will.
Allein wozu, wird man fragen, dieſe Erziehung eines ſo rohen Volkes, eines Volkes, mit welchem Gott ſo ganz von vorne anfangen mußte? Ich antworte: um in der Folge der Zeit einzelne Glieder deſſelben ſo viel ſichrer zu Erziehern aller uͤbrigen Voͤlker brauchen zu koͤnnen. Er erzog in ihm die kuͤnftigen Erzieher des Men¬ ſchengeſchlechts. Das wurden Juden, das konnten nur Juden werden, nur Maͤnner aus einem ſo erzogenen Volke.
§. 19. 21Denn weiter. Als das Kind unter Schlaͤgen und Liebkoſungen aufgewachſen und nun zu Jahren des Verſtandes gekom¬ men war, ſtieß es der Vater auf einmal in die Fremde; und hier erkannte es auf einmal das Gute, das es in ſeines Vaters Hauſe gehabt und nicht erkannt hatte.
Waͤhrend daß Gott ſein erwaͤhltes Volk durch alle Staffeln einer kindiſchen Erzie¬ hung fuͤhrte: waren die andern Voͤlker des Erdbodens bey dem Lichte der Vernunft ih¬ ren Weg fortgegangen. Die meiſten der¬ſelbenB 322ſelben waren weit hinter dem erwaͤhlten Volke zuruͤckgeblieben: nur einige waren ihm zuvorgekommen. Und auch das ge¬ ſchieht bey Kindern, die man fuͤr ſich auf¬ wachſen laͤßt; viele bleiben ganz roh; eini¬ ge bilden ſich zum Erſtaunen ſelbſt.
Wie aber dieſe gluͤcklichern Einige nichts gegen den Nutzen und die Nothwendigkeit der Erziehung beweiſen: ſo beweiſen die wenigen heidniſchen Voͤlker, die ſelbſt in der Erkenntniß Gottes vor dem erwaͤhlten Volke noch bis itzt einen Vorſprung zu ha¬ ben ſchienen, nichts gegen die Offenba¬rung. 23rung. Das Kind der Erziehung faͤngt mit langſamen aber ſichern Schritten an; es hohlt manches gluͤcklicher organiſirte Kind der Natur ſpaͤt ein; aber es hohlt es doch ein, und iſt alsdann nie wieder von ihm einzuholen.
Auf gleiche Weiſe. Daß, — die Lehre von der Einheit Gottes bey Seite geſetzt, welche in den Buͤchern des Alten Teſtaments ſich findet, und ſich nicht findet — daß, ſage ich, wenigſtens die Lehre von der Un¬ ſterblichkeit der Seele, und die damit ver¬ bundene Lehre von Strafe und BelohnunginB 424in einem kuͤnftigen Leben, darinn voͤllig fremd ſind: beweiſet eben ſo wenig wider den goͤttlichen Urſprung dieſer Buͤcher. Es kann dem ohngeachtet mit allen darinn ent¬ haltenen Wundern und Prophezeyungen ſeine gute Richtigkeit haben. Denn laßt uns ſetzen, jene Lehren wuͤrden nicht allein darinn vermißt, jene Lehren waͤren auch ſogar nicht einmal wahr; laßt uns ſe¬ tzen, es waͤre wirklich fuͤr die Menſchen in dieſem Leben alles aus: waͤre darum das Daſeyn Gottes minder erwieſen? ſtuͤnde es darum Gotte minder frey, wuͤrde es dar¬ um Gotte minder ziemen, ſich der zeitli¬chen25chen Schickſale irgend eines Volks aus die¬ ſem vergaͤnglichen Geſchlechte unmittelbar anzunehmen? Die Wunder, die er fuͤr die Juden that, die Prophezeyungen, die er durch ſie aufzeichnen ließ, waren ja nicht blos fuͤr die wenigen ſterblichen Juden, zu deren Zeiten ſie geſchahen und aufgezeich¬ net wurden: er hatte ſeine Abſichten damit auf das ganze Juͤdiſche Volk, auf das ganze Menſchengeſchlecht, die hier auf Er¬ den vielleicht ewig dauern ſollen, wenn ſchon jeder einzelne Jude, jeder einzelne Menſch auf immer dahin ſtirbt.
B 5§. 2326Noch einmal. Der Mangel jener Leh¬ ren in den Schriften des Alten Teſtaments beweiſet wider ihre Goͤttlichkeit nichts. Mo¬ ſes war doch von Gott geſandt, obſchon die Sanktion ſeines Geſetzes ſich nur auf dieſes Leben erſtreckte. Denn warum weiter? Er war ja nur an das Iſraelitſche Volk, an das damalige Iſraelitiſche Volk ge¬ ſandt: und ſein Auftrag war den Kennt¬ niſſen, den Faͤhigkeiten, den Neigungen die¬ ſes damaligen Iſraelitiſchen Volks, ſo wie der Beſtimmung des kuͤnftigen, voll¬ kommen angemeſſen. Das iſt genug.
§. 24. 27So weit haͤtte Warburton auch nur gehen muͤſſen, und nicht weiter. Aber der gelehrte Mann uͤberſpannte den Bogen. Nicht zufrieden, daß der Mangel jener Leh¬ ren der goͤttlichen Sendung Moſis nichts ſchade: er ſollte ihm die goͤttliche Sendung Moſis ſogar beweiſen. Und wenn er die¬ ſen Beweis noch aus der Schicklichkeit ei¬ nes ſolchen Geſetzes fuͤr ein ſolches Volk zu fuͤhren geſucht haͤtte! Aber er nahm ſeine Zuflucht zu einem von Moſe bis auf Chri¬ ſtum ununterbrochen fortdaurenden Wun¬ der, nach welchem Gott einen jeden ein¬zeln28zeln Juden gerade ſo gluͤcklich oder ungluͤck¬ lich gemacht habe, als es deſſen Gehorſam oder Ungehorſam gegen das Geſetz verdiente. Dieſes Wunder habe den Mangel jener Leh¬ ren, ohne welche kein Staat beſtehen koͤn¬ ne, erſetzt; und eine ſolche Erſetzung eben beweiſe, was jener Mangel, auf den er¬ ſten Anblick, zu verneinen ſcheine.
Wie gut war es, daß Warburton dieſes anhaltende Wunder, in welches er das Weſentliche der Iſraelitiſchen Theokra¬ tie ſetzte, durch nichts erhaͤrten, durch nichts wahrſcheinlich machen konnte. Dennhaͤtte29haͤtte er das gekonnt; wahrlich — als¬ denn erſt haͤtte er die Schwierigkeit unauf¬ loͤslich gemacht. — Mir wenigſtens. — Denn was die Goͤttlichkeit der Sendung Moſis wieder herſtellen ſollte, wuͤrde an der Sache ſelbſt zweifelhaft gemacht haben, die Gott zwar damals nicht mittheilen, aber doch gewiß auch nicht erſchweren wollte.
Ich erklaͤre mich an dem Gegenbilde der Offenbarung. Ein Elementarbuch fuͤr Kin¬ der, darf gar wohl dieſes oder jenes wich¬ tige Stuͤck der Wiſſenſchaft oder Kunſt, die es vortraͤgt, mit Stillſchweigen uͤbergehen,von30von dem der Paͤdagog urtheilte, daß es den Faͤhigkeiten der Kinder, fuͤr die er ſchrieb, noch nicht angemeſſen ſey. Aber es darf ſchlechterdings nichts enthalten, was den Kindern den Weg zu den zuruͤckbehaltnen wichtigen Stuͤcken verſperre oder verlege. Vielmehr muͤſſen ihnen alle Zugaͤnge zu den¬ ſelben ſorgfaͤltig offen gelaſſen werden: und ſie nur von einem einzigen dieſer Zugaͤnge ableiten, oder verurſachen, daß ſie denſel¬ ben ſpaͤter betreten, wuͤrde allein die Un¬ vollſtaͤndigkeit des Elementarbuchs zu einem weſentlichen Fehler deſſelben machen.
§. 27. 31Alſo auch konnten in den Schriften des Alten Teſtaments ‚ in dieſen Elementarbuͤ¬ chern fuͤr das rohe und im Denken un¬ geuͤbte Iſraelitiſche Volk ‚ die Lehre von der Unſterblichkeit der Seele und kuͤnftigen Vergeltung gar wohl mangeln: aber ent¬ halten durften ſie ſchlechterdings nichts ‚ was das Volk ‚ fuͤr das ſie geſchrieben wa¬ ren ‚ auf dem Wege zu dieſer großen Wahr¬ heit auch nur verſpaͤtet haͤtte. Und was haͤtte es ‚ wenig zu ſagen ‚ mehr dahin verſpaͤtet, als wenn jene wunderbare Vergeltung in dieſem Leben darinn waͤrever¬32verſprochen, und von dem waͤre verſpro¬ chen worden, der nichts verſpricht, was er nicht haͤlt?
Denn wenn ſchon aus der ungleichen Austheilung der Guͤter dieſes Lebens, bey der auf Tugend und Laſter ſo wenig Ruͤck¬ ſicht genommen zu ſeyn ſcheinet, eben nicht der ſtrengſte Beweis fuͤr die Unſterblichkeit der Seele und fuͤr ein anders Leben, in welchem jener Knoten ſich aufloͤſe, zu fuͤh¬ ren: ſo iſt doch wohl gewiß, daß der menſchliche Verſtand ohne jenem Knoten noch lange nicht — und vielleicht auchnie33nie — auf beſſere und ſtrengere Beweiſe gekommen waͤre. Denn was ſollte ihn antreiben koͤnnen, dieſe beſſern Beweiſe zu ſuchen? Die bloſſe Neugierde?
Der und jener Iſraelite mochte freylich wohl die goͤttlichen Verſprechungen und An¬ drohungen, die ſich auf den geſammten Staat bezogen, auf jedes einzelne Glied deſſelben erſtrecken, und in dem feſten Glauben ſtehen, daß wer fromm ſey auch gluͤcklich ſeyn muͤſſe, und wer ungluͤcklich ſey, oder werde, die Strafe ſeiner Miſſe¬ that trage, welche ſich ſofort wieder inCSe¬34Segen verkehre, ſobald er von ſeiner Miſ¬ ſethat ablaſſe. — Ein ſolcher ſcheinet den Hiob geſchrieben zu haben; denn der Plan deſſelben iſt ganz in dieſem Geiſte. —
Aber unmoͤglich durfte die taͤgliche Er¬ fahrung dieſen Glauben beſtaͤrken: oder es war auf immer bey dem Volke, das dieſe Erfahrung hatte, auf immer um die Erkennung und Aufnahme der ihm noch ungelaͤufigen Wahrheit geſchehen. Denn wenn der Fromme ſchlechterdings gluͤcklich war, und es zu ſeinem Gluͤcke doch wohl auch mit gehoͤrte, daß ſeine Zufriedenheitkeine35keine ſchrecklichen Gedanken des Todes un¬ terbrachen, daß er alt und lebensſatt ſtarb: wie konnte er ſich nach einem an¬ dern Leben ſehnen? wie konnte er uͤber et¬ was nachdenken, wornach er ſich nicht ſehnte? Wenn aber der Fromme daruͤber nicht nach¬ dachte: wer ſollte es denn? Der Boͤſe¬ wicht? der die Strafe ſeiner Miſſethat fuͤhlte, und wenn er dieſes Leben ver¬ wuͤnſchte, ſo gern auf jedes andere Leben Verzicht that?
Weit weniger verſchlug es, daß der und jener Iſraelite die Unſterblichkeit derSee¬C 236Seele und kuͤnftige Vergeltung, weil ſich das Geſetz nicht darauf bezog, gerade zu und ausdruͤcklich leugnete. Das Leugnen eines Einzeln — waͤre es auch ein Sa¬ lomo geweſen, — hielt den Fortgang des gemeinen Verſtandes nicht auf, und war an und fuͤr ſich ſelbſt ſchon ein Beweis, daß das Volk nun einen großen Schritt der Wahrheit naͤher gekommen war. Denn Einzelne leugnen nur, was Mehrere in Ueberlegung ziehen; und in Ueberlegung ziehen, warum man ſich vorher ganz und gar nicht bekuͤmmerte, iſt der halbe Weg zur Erkenntniß.
§. 32. 37Laßt uns auch bekennen, daß es ein he¬ roiſcher Gehorſam iſt, die Geſetze Gottes beobachten, blos weil es Gottes Geſetze ſind, und nicht, weil er die Beobachter derſelben hier und dort zu belohnen ver¬ heiſſen hat; ſie beobachten, ob man ſchon an der kuͤnftigen Belohnung ganz verzwei¬ felt ‚ und der zeitlichen auch nicht ſo ganz gewiß iſt.
Ein Volk ‚ in dieſem heroiſchen Gehor¬ ſame gegen Gott erzogen ‚ ſollte es nicht beſtimmt ‚ ſollte es nicht vor allen andernfaͤ¬C 338faͤhig ſeyn, ganz beſondere goͤttliche Ab¬ ſichten auszufuͤhren? — Laßt den Sol¬ daten, der ſeinem Fuͤhrer blinden Gehor¬ ſam leiſtet, nun auch von der Klugheit ſei¬ nes Fuͤhrers uͤberzeugt werden, und ſagt, was dieſer Fuͤhrer mit ihm auszufuͤhren ſich nicht unterſtehen darf? —
Noch hatte das Juͤdiſche Volk in ſeinem Jehova mehr den Maͤchtigſten, als den Weiſeſten aller Goͤtter verehrt; noch hatte es ihn als einen eifrigen Gott mehr ge¬ fuͤrchtet, als geliebt: auch dieſes zum Be¬ weiſe, daß die Begriffe, die es von ſeinemhoͤch¬39hoͤchſten einigen Gott hatte, nicht eben die rechten Begriffe warm, die wir von Gott haben muͤſſen. Doch nun war die Zeit da, daß dieſe ſeine Begriffe erweitert, veredelt, berichtiget werden ſollten, wozu ſich Gott eines ganz natuͤrlichen Mittels bediente; eines beſſern richtigern Maaßſtabes, nach welchem es ihn zu ſchaͤtzen Gelegenheit bekam.
Anſtatt daß es ihn bisher[nur] gegen die armſeligen Goͤtzen der kleinen benachbarten rohen Voͤlkerſchaften geſchaͤtzt hatte, mit welchen es in beſtaͤndiger Eiferſucht lebte:fingC 440fing es in der Gefangenſchaft unter dem wei¬ ſen Perſer an, ihn gegen das Weſen aller Weſen zu meſſen, wie das eine geuͤbtere Vernunft erkannte und verehrte.
Die Offenbarung hatte ſeine Vernunft geleitet, und nun erhellte die Vernunft auf einmal ſeine Offenbarung.
Das war der erſte wechſelſeitige Dienſt, den beyde einander leiſteten; und dem Ur¬ heber beyder iſt ein ſolcher gegenſeitiger Ein¬ fluß ſo wenig unanſtaͤndig, daß ohne ihm eines von beyden uͤberfluͤſſig ſeyn wuͤrde.
§. 38. 41Das in die Fremde geſchickte Kind ſahe andere Kinder, die mehr wußten, die an¬ ſtaͤndiger lebten, und fragte ſich beſchaͤmt: warum weiß ich das nicht auch? warum lebe ich nicht auch ſo? Haͤtte in meines Va¬ ters Hauſe man mir das nicht auch bey¬ bringen; dazu mich nicht auch anhalten ſollen? Da ſucht es ſeine Elementarbuͤcher wieder vor, die ihm laͤngſt zum Ekel ge¬ worden, um die Schuld auf die Elemen¬ tarbuͤcher zu ſchieben. Aber ſiehe! es er¬ kennet, daß die Schuld nicht an den Buͤ¬ chern liege, daß die Schuld ledig ſein ei¬genC 542gen ſey, warum es nicht laͤngſt eben das wiſſe, eben ſo lebe.
Da die Juden nunmehr, auf Veran¬ laſſung der reinern Perſiſchen Lehre, in ih¬ rem Jehova nicht blos den groͤßten aller Nationalgoͤtter, ſondern Gott erkannten; da ſie ihn als ſolchen in ihren wieder her¬ vorgeſuchten heiligen Schriften um ſo eher finden und andern zeigen konnten, als er wirklich darinn war; da ſie vor allen ſinnlichen Vorſtellungen deſſelben einen eben ſo großen Abſcheu bezeugten, oder doch in dieſen Schriften zu haben angewieſen wur¬den,43den, als die Perſer nur immer hatten: was Wunder, daß ſie vor den Augen des Cyrus mit einem Gottesdienſte Gnade fan¬ den, den er zwar noch weit unter dem reinen Sabeismus, aber doch auch weit uͤber die groben Abgoͤttereyen zu ſeyn er¬ kannte, die ſich dafuͤr des verlaßnen Lan¬ des der Juden bemaͤchtiget hatten?
So erleuchtet uͤber ihre eignen uner¬ kannten Schaͤtze kamen ſie zuruͤck, und wurden ein ganz andres Volk, deſſen erſte Sorge es war, dieſe Erleuchtung unter ſich dauerhaft zu machen. Bald war anAb¬44Abfall und Abgoͤtterey unter ihm nicht mehr zu denken. Denn man kann ei¬ nem Nationalgott wohl untreu werden, aber nie Gott, ſo bald man ihn einmal erkannt hat.
Die Gottesgelehrten haben dieſe gaͤnz¬ liche Veraͤnderung des juͤdiſchen Volks ver¬ ſchiedentlich zu erklaͤren geſucht; und Ei¬ ner, der die Unzulaͤnglichkeit aller dieſer verſchiednen Erklaͤrungen ſehr wohl ge¬ zeigt hat, wollte endlich „ die augenſchein¬ „ liche Erfuͤllung der uͤber die Babyloniſche „ Gefangenſchaft und die Wiederherſtellung„ aus45„ aus derſelben ausgeſprochnen und aufge¬ „ ſchriebnen Weiſſagungen, “fuͤr die wahre Urſache derſelben angeben. Aber auch dieſe Urſache kann nur in ſo fern die wahre ſeyn, als ſie die nun erſt veredelten Be¬ griffe von Gott voraus ſetzt. Die Juden mußten nun erſt erkannt haben, daß Wun¬ derthun und das Kuͤnftige vorherſagen, nur Gott zukomme; welches beydes ſie ſonſt auch den falſchen Goͤtzen beygeleget hatten, wodurch eben Wunder und Weiſſagungen bisher nur einen ſo ſchwachen, vergaͤngli¬ chen Eindruck auf ſie gemacht hatten.
§. 42. 46Ohne Zweifel waren die Juden unter den Chaldaͤern und Perſern auch mit der Lehre von der Unſterblichkeit der Seele be¬ kannter geworden. Vertrauter mit ihr wurden ſie in den Schulen der Griechiſchen Philoſophen in Aegypten.
Doch da es mit dieſer Lehre, in Anſe¬ hung ihrer heiligen Schriften, die Bewand¬ niß nicht hatte, die es mit der Lehre von der Einheit und den Eigenſchaften Gottes gehabt hatte; da jene von dem ſinnlichen Volke darinn war groͤblich uͤberſehen wor¬den,47den, dieſe aber geſucht ſeyn wollte; da auf dieſe noch Voruͤbungen noͤthig ge¬ weſen waren, und alſo nur Anſpielun¬ gen und Fingerzeige Statt gehabt hat¬ ten: ſo konnte der Glaube an die Unſterb¬ lichkeit der Seele natuͤrlicher Weiſe nie der Glaube des geſammten Volks werden. Er war und blieb nur der Glaube einer gewiſ¬ ſen Sekte deſſelben.
Eine Voruͤbung auf die Lehre von der Unſterblichkeit der Seele, nenne ich z. E. die goͤttliche Androhung, die Miſſe¬ that des Vaters an ſeinen Kindern bis insdritte48dritte und vierte Glied zu ſtrafen. Dieß gewoͤhnte die Vaͤter in Gedanken mit ihren ſpaͤteſten Nachkommen zu leben, und das Ungluͤck, welches ſie uͤber dieſe Unſchuldige gebracht hatten, voraus zu fuͤhlen.
Eine Anſpielung nenne ich, was blos die Neugierde reizen und eine Frage veranlaſſen ſollte. Als die oft vorkom¬ mende Redensart, zu ſeinen Vaͤtern verſammlet werden, fuͤr ſterben.
Einen Fingerzeig nenne ich, was ſchon irgend einen Keim enthaͤlt, aus wel¬chem49chem ſich die noch zuruͤckgehaltne Wahr¬ heit entwickeln laͤßt. Dergleichen war Chriſti Schluß aus der Benennung Gott Abrahams, Iſaacs und Jacobs. Dieſer Fingerzeig ſcheint mir allerdings in einen ſtrengen Beweis ausgebildet werden zu koͤnnen.
In ſolchen Voruͤbungen, Anſpielungen, Fingerzeigen beſteht die poſitive Voll¬ kommenheit eines Elementarbuchs; ſo wie die oben erwaͤhnte Eigenſchaft, daß es den Weg zu den noch zuruͤckgehaltenen Wahrheiten nicht erſchwere, oder ver¬Dſperre,50ſperre, die negative Vollkommenheit deſ¬ ſelben war.
Setzt hierzu noch die Einkleidung und den Stil — 1) die Einkleidung der nicht wohl zu uͤbergehenden abſtrakten Wahr¬ heiten in Allegorieen und lehrreiche einzelne Faͤlle, die als wirklich geſchehen erzaͤhlet werden. Dergleichen ſind die Schoͤpfung, unter dem Bilde des werdenden Tages; die Quelle des moraliſchen Boͤſen, in der Er¬ zaͤhlung vom verbotnen Baume; der Ur¬ ſprung der mancherley Sprachen, in der Ge¬ ſchichte vom Thurmbaue zu Babel, u. ſ. w.
§. 49. 512) den Stil — bald plan und einfaͤl¬ tig, bald poetiſch, durchaus voll Tavto¬ logieen, aber ſolchen, die den Scharf¬ ſinn uͤben, indem ſie bald etwas anders zu ſagen ſcheinen, und doch das nehmliche ſagen, bald das nehmliche zu ſagen ſchei¬ nen, und im Grunde etwas anders bedeu¬ ten oder bedeuten koͤnnen: —
Und ihr habt alle gute Eigenſchaften eines Elementarbuchs ſowol fuͤr Kinder, als fuͤr ein kindiſches Volk.
D 2§. 51. 52Aber jedes Elementarbuch iſt nur fuͤr ein gewiſſes Alter. Das ihm entwachſene Kind laͤnger, als die Meinung geweſen, dabey zu verweilen, iſt ſchaͤdlich. Denn um dieſes auf eine nur einigermaaſſen nuͤtz¬ liche Art thun zu koͤnnen, muß man mehr hineinlegen, als darinn liegt; mehr hin¬ eintragen, als es faſſen kann. Man muß der Anſpielungen und Fingerzeige zu viel ſuchen und machen, die Allegorieen zu ge¬ nau ausſchuͤtteln, die Beyſpiele zu um¬ ſtaͤndlich deuten, die Worte zu ſtark preſ¬ ſen. Das giebt dem Kinde einen kleinli¬chen,53chen, ſchiefen, ſpitzfindigen Verſtand; das macht es geheimnißreich, aberglaͤubiſch, voll Verachtung gegen alles Faßliche und Leichte.
Die nehmliche Weiſe, wie die Rabbi¬ nen ihre heiligen Buͤcher behandelten! Der nehmliche Charakter, den ſie dem Geiſte ihres Volks dadurch ertheilten!
Ein beſſrer Paͤdagog muß kommen, und dem Kinde das erſchoͤpfte Elementar¬ buch aus den Haͤnden reißen. — Chri¬ ſtus kam.
D 3§. 54. 54Der Theil des Menſchengeſchlechts, den Gott in Einen Erziehungsplan hatte faſ¬ ſen wollen. — Er hatte aber nur den¬ jenigen in Einen faſſen wollen, der durch Sprache, durch Handlung, durch Regie¬ rung, durch andere natuͤrliche und politi¬ ſche Verhaͤltniſſe in ſich bereits verbunden war — war zu dem zweyten großen Schritte der Erziehung reif.
Das iſt: dieſer Theil des Menſchenge¬ ſchlechts war in der Ausuͤbung ſeiner Ver¬ nunft ſo weit gekommen, daß er zu ſeinenmora¬55moraliſchen Handlungen edlere, wuͤrdigere Bewegungsgruͤnde bedurfte und brauchen konnte, als zeitliche Belohnung und Stra¬ fen waren, die ihn bisher geleitet hatten. Das Kind wird Knabe. Leckerey und Spielwerk weicht der aufkeimenden Be¬ gierde, eben ſo frey, eben ſo geehrt, eben ſo gluͤcklich zu werden, als es ſein aͤlteres Geſchwiſter ſieht.
Schon laͤngſt waren die Beſſern von je¬ nem Theile des Menſchengeſchlechts ge¬ wohnt, ſich durch einen Schatten ſolcher edlern Bewegungsgruͤnde regieren zu laſ¬ſen. D 456ſen. Um nach dieſem Leben auch nur in dem Andenken ſeiner Mitbuͤrger fortzuleben, that der Grieche und Roͤmer alles.
Es war Zeit, daß ein andres wah¬ res nach dieſem Leben zu gewaͤrtigendes Le¬ ben Einfluß auf ſeine Handlungen ge¬ woͤnne.
Und ſo ward Chriſtus der erſte zuver¬ laͤſſige, praktiſche Lehrer der Unſterb¬ lichkeit der Seele.
§. 59. 57Der erſte zuverlaͤſſige Lehrer. — Zuverlaͤſſig durch die Weiſſagungen, die in ihm erfuͤllt ſchienen; zuverlaͤſſig durch die Wunder, die er verrichtete; zuver¬ laͤſſig durch ſeine eigene Wiederbelebung nach einem Tode, durch den er ſeine Lehre verſiegelt hatte. Ob wir noch itzt dieſe Wiederbelebung, dieſe Wunder beweiſen koͤnnen: das laſſe ich dahin geſtellt ſeyn. So, wie ich es dahin geſtellt ſeyn laſſe, wer die Perſon dieſes Chriſtus geweſen. Alles das kann damals zur Annehmung ſeiner Lehre wichtig geweſen ſeyn: itzt iſt esD 5zur58zur Erkennung der Wahrheit dieſer Lehre ſo wichtig nicht mehr.
Der erſte praktiſche Lehrer. — Denn ein anders iſt die Unſterblichkeit der Seele, als eine philoſophiſche Speculation, ver¬ muthen, wuͤnſchen, glauben: ein anders, ſeine innern und aͤuſſern Handlungen dar¬ nach einrichten.
Und dieſes wenigſtens lehrte Chriſtus zuerſt. Denn ob es gleich bey manchen Voͤlkern auch ſchon vor ihm eingefuͤhrter Glaube war, daß boͤſe Handlungen nochin59in jenem Leben beſtraft wuͤrden: ſo waren es doch nur ſolche, die der buͤrgerlichen Geſellſchaft Nachtheil brachten, und da¬ her auch ſchon in der buͤrgerlichen Geſell¬ ſchaft ihre Strafe hatten. Eine innere Reinigkeit des Herzens in Hinſicht auf ein andres Leben zu empfehlen, war ihm al¬ lein vorbehalten.
Seine Juͤnger haben dieſe Lehre getreu¬ lich fortgepflanzt. Und wenn ſie auch kein ander Verdienſt haͤtten, als daß ſie einer Wahrheit, die Chriſtus nur allein fuͤr die Juden beſtimmt zu haben ſchien.
ei¬60einen allgemeinern Umlauf unter mehrern Voͤlkern verſchaft haͤtten: ſo waͤren ſie ſchon darum unter die Pfleger und Wohlthaͤter des Menſchengeſchlechts zu rechnen.
Daß ſie aber dieſe Eine große Lehre noch mit andern Lehren verſetzten, deren Wahrheit weniger einleuchtend, deren Nutzen weniger erheblich war: wie konnte das anders ſeyn? Laßt uns ſie darum nicht ſchelten, ſondern vielmehr mit Ernſt unterſuchen: ob nicht ſelbſt dieſe beyge¬ miſchten Lehren ein neuer Richtungs¬ſtoß61ſtoß fuͤr die menſchliche Vernunft ge¬ worden.
Wenigſtens iſt es ſchon aus der Erfah¬ rung klar, daß die Neuteſtamentlichen Schriften, in welchen ſich dieſe Lehren nach einiger Zeit aufbewahret fanden, das zweyte beßre Elementarbuch fuͤr das Men¬ ſchengeſchlecht abgegeben haben, und noch abgeben.
Sie haben ſeit ſiebzehnhundert Jahren den menſchlichen Verſtand mehr als alle andere Buͤcher beſchaͤftiget; mehr als allean¬62andere Buͤcher erleuchtet, ſollte es auch nur durch das Licht ſeyn, welches der menſchliche Verſtand ſelbſt hineintrug.
Unmoͤglich haͤtte irgend ein ander Buch unter ſo verſchiednen Voͤlkern ſo allgemein bekannt werden koͤnnen: und unſtreitig hat das, daß ſo ganz ungleiche Den¬ kungsarten ſich mit dieſem nehmlichen Buche beſchaͤftigten, den menſchlichen Ver¬ ſtand mehr fortgeholfen, als wenn jedes Volk fuͤr ſich beſonders ſein eignes Elemen¬ tarbuch gehabt haͤtte.
§. 67. 63Auch war es hoͤchſt noͤthig, daß jedes Volk dieſes Buch eine Zeit lang fuͤr das Non plus ultra ſeiner Erkenntniſſe halten mußte. Denn dafuͤr muß auch der Knabe ſein Elementarbuch vors erſte anſehen; da¬ mit die Ungeduld, nur fertig zu werden, ihn nicht zu Dingen fortreißt, zu welchen er noch keinen Grund gelegt hat.
[Und] was noch itzt hoͤchſt wichtig iſt: — Huͤte dich, du faͤhigeres Individuum, der du an dem letzten Blatte dieſes Elemen¬ tarbuches ſtampfeſt und gluͤheſt, huͤte dich,es64es deine ſchwaͤchere Mitſchuͤler merken zu laſſen, was du witterſt, oder ſchon zu ſehn beginneſt.
Bis ſie dir nach ſind, dieſe ſchwaͤchere Mitſchuͤler; — kehre lieber noch einmal ſelbſt in dieſes Elementarbuch zuruͤck, und unterſuche, ob das, was du nur fuͤr Wen¬ dungen der Methode, fuͤr Luͤckenbuͤſſer der Didaktik haͤltſt, auch wohl nicht etwas Mehrers iſt.
Du haſt in der Kindheit des Menſchen¬ geſchlechts an der Lehre von der EinheitGot¬65Gottes geſehen, daß Gott auch bloße Ver¬ nunftswahrheiten unmittelbar offenbaret; oder verſtattet und einleitet, daß bloße Vernunftswahrheiten als unmittelbar geof¬ fenbarte Wahrheiten eine Zeit lang gelehret werden: um ſie geſchwinder zu verbreiten, und ſie feſter zu gruͤnden.
Du erfaͤhrſt, in dem Knabenalter des Menſchengeſchlechts, an der Lehre von der Unſterblichkeit der Seele, das Nehmliche. Sie wird in dem zweyten beſſern Elementarbuche als OffenbarungEge¬66geprediget ‚ nicht als Reſultat menſchli¬ cher Schluͤſſe gelehret.
So wie wir zur Lehre von der Einheit Gottes nunmehr des Alten Teſtaments entbehren koͤnnen; ſo wie wir allmaͤlig ‚ zur Lehre von der Unſterblichkeit der Seele ‚ auch des Neuen Teſtaments entbehren zu koͤnnen anfangen: koͤnnten in dieſem nicht noch mehr dergleichen Wahrheiten vorge¬ ſpiegelt werden, die wir als Offenbarun¬ gen ſo lange anſtaunen ſollen ‚ bis ſie die Vernunft aus ihren andern ausgemachtenWahr¬67Wahrheiten herleiten und mit ihnen verbin¬ den lernen?
Z. E. die Lehre von der Dreyeinig¬ keit. — Wie, wenn dieſe Lehre den menſchlichen Verſtand, nach unendlichen Verirrungen rechts und links, nur endlich auf den Weg bringen ſollte, zu erkennen, daß Gott in dem Verſtande, in welchem endliche Dinge eins ſind, unmoͤglich eins ſeyn koͤnne; daß auch ſeine Einheit eine tranſcendentale Einheit ſeyn muͤſſe, welche eine Art von Mehrheit nicht ausſchließt? —E 2Muß68Muß Gott wenigſtens nicht die vollſtaͤn¬ digſte Vorſtellung von ſich ſelbſt haben? d. i. eine Vorſtellung, in der ſich alles be¬ findet, was in ihm ſelbſt iſt. Wuͤrde ſich aber alles in ihr finden, was in ihm ſelbſt iſt, wenn auch von ſeiner nothwendi¬ gen Wirklichkeit, ſo wie von ſeinen uͤbrigen Eigenſchaften, ſich blos eine Vor¬ ſtellung, ſich blos eine Moͤglichkeit faͤnde? Dieſe Moͤglichkeit erſchoͤpft das Weſen ſei¬ ner uͤbrigen Eigenſchaften: aber auch ſei¬ ner nothwendigen Wirklichkeit? Mich duͤnkt nicht. — Folglich kann entweder Gott gar keine vollſtaͤndige Vorſtellung vonſich69ſich ſelbſt haben: oder dieſe vollſtaͤndige Vorſtellung iſt eben ſo nothwendig wirklich ‚ als er es ſelbſt iſt ꝛc. — Freylich iſt das Bild von mir im Spiegel nichts als eine leere Vorſtellung von mir ‚ weil es nur das von mir hat ‚ wovon Lichtſtrahlen auf ſeine Flaͤche fallen. Aber wenn denn nun dieſes Bild alles, alles ohne Ausnahme haͤtte ‚ was ich ſelbſt habe: wuͤrde es ſo¬ dann auch noch eine leere Vorſtellung ‚ oder nicht vielmehr eine wahre Verdopplung meines Selbſt ſeyn? — Wenn ich eine aͤhnliche Verdopplung in Gott zu erkennen glaube: ſo irre ich mich vielleicht nicht ſoE 3wohl ‚70wohl, als daß die Sprache meinen Be¬ griffen unterliegt; und ſo viel bleibt doch immer unwiderſprechlich, daß diejenigen, welche die Idee davon populaͤr machen wollen, ſich ſchwerlich faßlicher und ſchick¬ licher haͤtten ausdruͤcken koͤnnen, als durch die Benennung eines Sohnes, den Gott von Ewigkeit zeugt.
Und die Lehre von der Erbſuͤnde. — Wie, wenn uns endlich alles uͤberfuͤhrte, daß der Menſch auf der erſten und nie¬ drigſten Stufe ſeiner Menſchheit, ſchlech¬ter¬71terdings ſo Herr ſeiner Handlungen nicht ſey, daß er moraliſchen Geſetzen folgen koͤnne?
Und die Lehre von der Genugthuung des Sohnes. — Wie, wenn uns endlich alles noͤthigte, anzunehmen: daß Gott, ungeachtet jener urſpruͤnglichen Unvermoͤ¬ genheit des Menſchen, ihm dennoch mo¬ raliſche Geſetze lieber geben, und ihm alle Uebertretungen, in Ruͤckſicht auf ſeinen Sohn, d. i. in Ruͤckſicht auf den ſelbſt¬ ſtaͤndigen Umfang aller ſeiner Vollkommen¬hei¬E 472heiten, gegen den und in dem jede Unvoll¬ kommenheit des Einzeln verſchwindet, lie¬ ber verzeihen wollen; als daß er ſie ihm nicht geben, und ihn von aller morali¬ ſchen Gluͤckſeligkeit ausſchlieſſen wollen, die ſich ohne moraliſche Geſetze nicht den¬ ken laͤßt?
Man wende nicht ein, daß dergleichen Vernuͤnfteleyen uͤber die Geheimniſſe der Religion unterſagt ſind. — Das Wort Geheimniß bedeutete, in den erſten Zei¬ ten des Chriſtenthums, ganz etwas an¬ders,73ders, als wir itzt darunter verſtehen; und die Ausbildung geoffenbarter Wahr¬ heiten in Vernunftswahrheiten iſt ſchlecht¬ terdings nothwendig, wenn dem menſch¬ lichen Geſchlechte damit geholfen ſeyn ſoll. Als ſie geoffenbart wurden, waren ſie freylich noch keine Vernunftswahrheiten; aber ſie wurden geoffenbaret, um es zu werden. Sie waren gleichſam das Facit, welches der Rechenmeiſter ſeinen Schuͤlern voraus ſagt, damit ſie ſich im Rechnen einigermaaſſen darnach richten koͤnnen. Wollten ſich die Schuͤler an dem vor¬ aus geſagten Facit begnuͤgen: ſo wuͤr¬denE 574den ſie nie rechnen lernen, und die Ab¬ ſicht ‚ in welcher der gute Meiſter ihnen bey ihrer Arbeit einen Leitfaden gab, ſchlecht erfuͤllen.
Und warum ſollten wir nicht auch durch eine Religion, mit deren hiſtori¬ ſchen Wahrheit, wenn man will ‚ es ſo mißlich ausſieht ‚ gleichwohl auf naͤhere und beſſere Begriffe vom goͤttli¬ chen Weſen ‚ von unſrer Natur ‚ von un¬ ſern Verhaͤltniſſen zu Gott ‚ geleitet wer¬ den koͤnnen ‚ auf welche die menſchlicheVer¬75Vernunft von ſelbſt nimmermehr gekom¬ men waͤre?
Es iſt nicht wahr, daß Speculationen uͤber dieſe Dinge jemals Unheil geſtiftet, und der buͤrgerlichen Geſellſchaft nachtheilig geworden. — Nicht den Speculationen: dem Unſinne, der Tyranney, dieſen Spe¬ culationen zu ſteuern; Menſchen, die ihre eigenen hatten, nicht ihre eigenen zu goͤn¬ nen, iſt dieſer Vorwurf zu machen.
§. 79. 76Vielmehr ſind dergleichen Speculatio¬ nen — moͤgen ſie im Einzeln doch aus¬ fallen, wie ſie wollen — unſtreitig die ſchicklichſten Uebungen des menſchlichen Verſtandes uͤberhaupt, ſo lange das menſchliche Herz uͤberhaupt, hoͤchſtens nur vermoͤgend iſt, die Tugend wegen ihrer ewi¬ gen gluͤckſeligen Folgen zu lieben.
Denn bey dieſer Eigennuͤtzigkeit des menſchlichen Herzens, auch den Verſtand nur allein an dem uͤben wollen, was un¬ſere77ſere koͤrperlichen Beduͤrfniſſe betrift, wuͤrde ihn mehr ſtumpfen, als wetzen heiſſen. Er will ſchlechterdings an geiſtigen Ge¬ genſtaͤnden geuͤbt ſeyn, wenn er zu ſeiner voͤlligen Aufklaͤrung gelangen, und dieje¬ nige Reinigkeit des Herzens hervorbringen ſoll, die uns, die Tugend um ihrer ſelbſt willen zu lieben, faͤhig macht.
Oder ſoll das menſchliche Geſchlecht auf dieſe hoͤchſte Stufen der Aufklaͤrung und Reinigkeit nie kommen? Nie?
§. 82. 78Nie? — Laß mich dieſe Laͤſterung nicht denken, Allguͤtiger! — Die Erzie¬ hung hat ihr Ziel; bey dem Geſchlechte nicht weniger als bey dem Einzeln. Was erzogen wird, wird zu Etwas erzogen.
Die ſchmeichelnden Ausſichten, die man dem Juͤnglinge eroͤfnet; die Ehre, der Wohlſtand, die man ihm vorſpiegelt: was ſind ſie mehr, als Mittel, ihn zum Manne zu erziehen, der auch dann, wenn dieſe Ausſichten der Ehre und des Wohlſtandes79 wegfallen, ſeine Pflicht zu thun vermoͤ¬ gend ſey.
Darauf zwecke die menſchliche Erzie¬ hung ab: und die goͤttliche reiche[dahin] nicht? Was der Kunſt mit dem Einzeln gelingt, ſollte der Natur nicht auch mit dem Ganzen gelingen? Laͤſterung! Laͤ¬ ſierung!
Nein; ſie wird kommen, ſie wird ge¬ wiß kommen, die Zeit der Vollendung, dader80der Menſch, je uͤberzeugter ſein Verſtand einer immer beſſern Zukunft ſich fuͤhlet, von dieſer Zukunft gleichwohl Bewegungs¬ gruͤnde zu ſeinen Handlungen zu erborgen, nicht noͤthig haben wird; da er das Gute thun wird, weil es das Gute iſt, nicht weil willkuͤhrliche Belohnungen darauf ge¬ ſetzt ſind, die ſeinen flatterhaften Blick ehedem blos heften und ſtaͤrken ſollten, die innern beſſern Belohnungen deſſelben zu er¬ kennen.
Sie wird gewiß kommen, die Zeit ei¬ nes neuen ewigen Evangeliums,die81die uns ſelbſt in den Elementarbuͤchern des Neuen Bundes verſprochen wird.
Vielleicht, daß ſelbſt gewiſſe Schwaͤr¬ mer des dreyzehnten und vierzehnten Jahr¬ hunderts einen Strahl dieſes neuen ewigen Evangeliums aufgefangen hatten; und nur darinn irrten, daß ſie den[Ausbruch] deſſel¬ ben ſo nahe verkuͤndigten.
Vielleicht war ihr dreyfaches Alter der Welt keine ſo leere Grille; undFge¬82gewiß hatten ſie keine ſchlimme Abſichten, wenn ſie lehrten, daß der Neue Bund eben ſo wohl antiquiret werden muͤſſe, als es der Alte geworden. Es blieb auch bey ihnen immer die nehmliche Oe¬ konomie des nehmlichen Gottes. Im¬ mer — ſie meine Sprache ſprechen zu laſſen — der nehmliche Plan der all¬ gemeinen Erziehung des Menſchenge¬ ſchlechts.
Nur daß ſie ihn uͤbereilten; nur daß ſie ihre Zeitgenoſſen, die noch kaum derKind¬83Kindheit entwachſen waren, ohne Auf¬ klaͤrung, ohne Vorbereitung, mit Eins zu Maͤnnern machen zu koͤnnen glaub¬ ten, die ihres dritten Zeitalters wuͤr¬ dig waͤren.
Und eben das machte ſie zu Schwaͤr¬ mern. Der Schwaͤrmer thut oft ſehr richtige Blicke in die Zukunft: aber er kann dieſe Zukunft nur nicht erwarten. Er wuͤnſcht dieſe Zukunft beſchleuniget; und wuͤnſcht, daß ſie durch ihn beſchleu¬ niget werde. Wozu ſich die Natur Jahr¬tau¬F 284tauſende Zeit nimmt, ſoll in dem Augen¬ blicke ſeines Daſeyns reifen. Denn was hat er davon, wenn das, was er fuͤr das Beſſere erkennt, nicht noch bey ſei¬ nen Lebzeiten das Beſſere wird? Koͤmmt er wieder? Glaubt er wieder zu kom¬ men? — Sonderbar, daß dieſe Schwaͤr¬ merey allein unter den Schwaͤrmern nicht mehr Mode werden will!
Geh deinen unmerklichen Schritt, ewi¬ ge Vorſehung! Nur laß mich dieſer Un¬ merklichkeit wegen an dir nicht verzwei¬feln. 85feln. — Laß mich an dir nicht ver¬ zweifeln, wenn ſelbſt deine Schritte mir ſcheinen ſollten, zuruͤck zu gehen! — Es iſt nicht wahr, daß die kuͤrzeſte Linie im¬ mer die gerade iſt.
Du haſt auf deinem ewigen Wege ſo viel mitzunehmen! ſo viel Seitenſchritte zu thun! — Und wie? wenn es nun gar ſo gut als ausgemacht waͤre, daß das große langſame Rad, welches das Ge¬ ſchlecht ſeiner Vollkommenheit naͤher bringt, nur durch kleinere ſchnellere Raͤder in Be¬we¬F 386wegung geſetzt wuͤrde, deren jedes ſein Einzelnes eben dahin liefert?
Nicht anders! Eben die Bahn, auf welcher das Geſchlecht zu ſeiner Vollkom¬ menheit gelangt, muß jeder einzelne Menſch (der fruͤher, der ſpaͤter) erſt durchlaufen haben. — „ In einem und „ eben demſelben Leben durchlaufen haben? „ Kann er in eben demſelben Leben ein „ ſinnlicher Jude und ein geiſtiger Chriſt „ geweſen ſeyn? Kann er in eben demſel¬ „ ben Leben beyde uͤberhohlet haben? “
§. 94. 87Das wohl nun nicht! — Aber warum koͤnnte jeder einzelne Menſch auch nicht mehr als einmal auf dieſer Welt vorhanden geweſen ſeyn?
Iſt dieſe Hypotheſe darum ſo laͤcherlich, weil ſie die aͤlteſte iſt? weil der menſchliche Verſtand, ehe ihn die Sophiſterey der Schule zerſtreut und geſchwaͤcht hatte, ſogleich darauf verfiel?
F 4§. 96. 88Warum koͤnnte auch Ich nicht hier be¬ reits einmal alle die Schritte zu meiner Vervollkommung gethan haben, welche blos zeitliche Strafen und Belohnungen den Menſchen bringen koͤnnen?
Und warum nicht ein andermal alle die, welche zu thun, uns die Ausſich¬ ten in ewige Belohnungen, ſo maͤchtig helfen?
§. 98. 89Warum ſollte ich nicht ſo oft wieder¬ kommen, als ich neue Kenntniſſe, neue Fertigkeiten zu erlangen geſchickt bin? Bringe ich auf Einmal ſo viel weg, daß es der Muͤhe wieder zu kommen etwa nicht lohnet?
Darum nicht? — Oder, weil ich es vergeſſe, daß ich ſchon da geweſen? Wohl mir, daß ich das vergeſſe. Die Erinnerung meiner vorigen Zuſtaͤnde, wuͤrde mir nur einen ſchlechten Gebrauchdes90des gegenwaͤrtigen zu machen erlauben. Und was ich auf itzt vergeſſen muß, habe ich denn das auf ewig vergeſſen?
Oder, weil ſo zu viel Zeit fuͤr mich verloren gehen wuͤrde? — Verloren? — Und was habe ich denn zu verſaͤumen? Iſt nicht die ganze Ewigkeit mein?
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Fraktur
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