Als ich vor zehn Jahren die kleine Schrift Auch eine Philoſophie der Geſchichte zur Bildung der Menſchheit herausgab: ſollte das Auch dieſes Titels wohl nichts weniger als ein anch'io ſon pittore ſagen. Es ſollte vielmehr, wie auch der Zuſatz „ Beitrag zu vielen Beitraͤgen des Jahr - hunderts „ und das untergeſetzte Motto zeigte, eine No - te der Beſcheidenheit ſeyn, daß der Verfaſſer dieſe Schrift fuͤr nichts minder als fuͤr eine vollſtaͤndige Philoſophie der Geſchichte unſres Geſchlechts gebe, ſondern daß er neben ſo vielen gebahnten Wegen, die man immer und immer be - trat, auch auf einen kleinen Fußſteg wieſe, den man zur Seite liegen ließ und der doch auch vielleicht eines Jdeen - ganges werth waͤre. Die hie und da im Buch citirten Schriften zeigen gnugſam, welches die betretnen und aus - getretnen Wege waren, von denen der Verfaſſer ablenken wollte; und ſo ſollte ſein Verſuch nichts als ein fliegendes Blatt, ein Beitrag zu Beitraͤgen ſeyn, welches auch ſeine Geſtalt weiſet.
Die Schrift war bald vergriffen und ich ward zu ei - ner neuen Ausgabe derſelben ermuntert; unmoͤglich aber* 2konntekonnte dieſe neue Ausgabe ſich jetzt in ihrer alten Geſtalt vors Auge des Publikums wagen. Jch hatte es bemerkt, daß einige Gedanken meines Werkchens, auch ohne mich zu nennen, in andre Buͤcher uͤbergegangen und in einem Umfange angewandt waren, an den ich nicht gedacht hatte. Das beſcheidne „ Auch „ war vergeſſen; und doch war mir es nie eingefallen, mit den wenigen allegoriſchen Worten, Kindheit, Jugend, das maͤnnliche, das hohe Alter unſeres Geſchlechts, deren Verfolg nur auf wenige Voͤlker der Erde angewandt und anwendbar war, eine Heerſtraße auszuzeichnen, auf der man auch nur die Ge - ſchichte der Cultur, geſchweige die Philoſophie der ganzen Menſchengeſchichte mit ſicherm Fuß ausmeſſen koͤnnte. Welches Volk der Erde iſts, das nicht einige Cultur habe? und wie ſehr kaͤme der Plan der Vor - ſehung zu kurz, wenn zu dem, was Wir Cultur nennen und oft nur verfeinte Schwachheit nennen ſollten, jedes Jndi - viduum des Menſchengeſchlechts geſchaffen waͤre? Nichts iſt unbeſtimmter als dieſes Wort und nichts iſt truͤglicher als die Anwendung deſſelben auf ganze Voͤlker und Zeiten. Wie wenige ſind in einem cultivirten Volk cultivirt? und worinn iſt dieſer Vorzug zu ſetzen? und wie fern traͤgt er zu ihrer Gluͤckſeligkeit bei? zur Gluͤckſeligkeit einzelner Menſchen naͤmlich, denn daß das Abſtractum ganzer Staa -tenten gluͤcklich ſeyn koͤnne, wenn alle einzelne Glieder in ihm leiden, iſt Widerſpruch oder vielmehr nur ein Scheinwort, das ſich auf den erſten Blick als ein ſolches blos giebet.
Alſo mußte viel tiefer angefangen und der Kreis der Jdeen viel weiter gezogen werden, wenn die Schrift eini - germaßen ihres Titels werth ſeyn ſollte. Was iſt Gluͤck - ſeligkeit der Menſchen? und wie fern findet ſie auf unſrer Erde ſtatt? wiefern findet ſie, bei der großen Verſchieden - heit aller Erdweſen und am meiſten der Menſchen allenthal - ben ſtatt, unter jeder Verfaſſung, in jedem Klima, bei al - len Revolutionen der Umſtaͤnde, Lebensalter und Zeiten? Giebt es einen Maasſtab dieſer verſchiednen Zuſtaͤnde und hat die Vorſehung aufs Wohlſeyn ihrer Geſchoͤpfe in allen dieſen Situationen als auf ihren letzten und Hauptentzweck gerechnet? Alle dieſe Fragen mußten unterſucht, ſie muß - ten durch den wilden Lauf der Zeiten und Verfaſſungen verfolgt und berechnet werden, ehe ein allgemeines Reſultat fuͤrs Ganze der Menſchheit herausgebracht werden konnte. Hier war alſo ein weites Feld zu durchlaufen und in einer großen Tiefe zu graben. Geleſen hatte ich ſo ziemlich al - les, was daruͤber geſchrieben war und von meiner Jugend an war jedes neue Buch, das uͤber die Geſchichte der Menſch - heit erſchien und worin ich Beitraͤge zu meiner großen Auf -* 3gabegabe hofte, wie ein gefundener Schatz. Jch freuete mich, daß in den neuern Jahren dieſe Philoſophie mehr empor kam und nutzte jede Beihuͤlfe, die mir das Gluͤck verſchafte.
Ein Autor, der ſein Buch darſtellt, giebt, wenn dies Gedanken enthaͤlt, die er, wo nicht erfand (denn wie we - niges laͤßt ſich in unſrer Zeit eigentliches Neues erfinden?) ſo doch wenigſtens fand und ſich eigen machte, ja in denen er Jahre lang wie im Eigenthum ſeines Geiſtes und Her - zens lebte: ein Autor dieſer Art, ſage ich, giebt mit ſeinem Buch, es moͤge dies ſchlecht oder gut ſeyn, gewiſſermaaße einen Theil ſeiner Seele dem Publikum Preis. Er offen - baret nicht nur, womit ſich ſein Geiſt in gewiſſen Zeitraͤu - men und Angelegenheiten beſchaͤftigte, was er fuͤr Zweifel und Aufloͤſungen im Gange ſeines Lebens fand, mit denen er ſich bekuͤmmerte oder aufhalf; ſondern er rechnet auch (denn was in der Welt haͤtte es ſonſt fuͤr Reiz Autor zu werden und die Angelegenheiten ſeiner Bruſt einer wilden Menge mitzutheilen?) er rechnet auf einige, vielleicht weni - ge, gleichgeſtimmte Seelen, denen im Labyrinth ihrer Jahre dieſe oder aͤhnliche Jdeen wichtig wurden. Mit ihnen be - ſpricht er ſich unſichtbar und theilt ihnen ſeine Empfindun - gen mit, wie er, wenn ſie weiter vorgedrungen ſind, ihre beſſe - ren Gedanken und Belehrungen erwartet. Dies unſicht -barebare Commercium der Geiſter und Herzen iſt die einzige und groͤßeſte Wohlthat der Buchdruckerei, die ſonſt den ſchriftſtel - leriſchen Nationen eben ſo viel Schaden als Nutzen gebracht haͤtte. Der Verfaſſer dachte ſich in den Kreis derer, die wirklich ein Jntereſſe daran finden, woruͤber er ſchrieb und bei denen er alſo ihre theilnehmenden, ihre beſſern Gedanken hervorlocken wollte. Dies iſt der ſchoͤnſte Werth der Schrift - ſtellerei und ein gutgeſinneter Menſch wird ſich viel mehr uͤber das freuen, was er erweckte, als was er ſagte. Wer daran denkt, wie gelegen ihm ſelbſt zuweilen dies oder jenes Buch, ja auch nur dieſer oder jener Gedanke eines Buches kam, welche Freude es ihm verſchafte, einen andern von ihm ent - fernten und doch in ſeiner Thaͤtigkeit ihm nahen Geiſt auf ſeiner eignen oder einer beſſern Spur zu finden, wie uns oft Ein ſolcher Gedanke Jahre lang beſchaͤftigt und weiter fuͤhret: der wird einem Schriftſteller, der zu ihm ſpricht und ihm ſein Jnneres mittheilet, nicht als einen Lohndiener ſondern als einen Freund betrachten, der auch mit unvol - lendeten Gedanken zutraulich hervortritt, damit der erfahr - nere Leſer mit ihm denke und ſein Unvollkommenes der Voll - kommenheit naͤher fuͤhre.
BeiBei einem Thema, wie das Meinige „ Geſchichte der Menſchheit, Philoſophie ihrer Ge - ſchichte „ iſt, wie ich glaube, eine ſolche Humanitaͤt des Leſers, eine angenehme und erſte Pflicht. Der da ſchrieb, war Menſch und du biſt Menſch, der du lieſeſt. Er konnte irren und hat vielleicht geirret: du haſt Kenntniſſe, die jener nicht hat und haben konnte; gebrauche alſo, was du kannſt und ſiehe ſeinen guten Willen an; laß es aber nicht beim Tadel, ſondern beßre und baue weiter. Mit ſchwacher Hand legte er einige Grundſteine zu einem Ge - baͤude, das nur Jahrhunderte vollfuͤhren koͤnnen, vollfuͤh - ren werden: gluͤcklich, wenn alsdenn dieſe Steine mit Erde bedeckt und wie der, der ſie dahin trug, vergeſſen ſeyn wer - den, wenn uͤber ihnen oder gar auf einem andern Platz nur das ſchoͤnere Gebaͤude ſelbſt daſtehet.
Doch ich habe mich unvermerkt zu weit von dem ent - fernt, worauf ich Anfangs ausgieng; es ſollte naͤmlich die Geſchichte ſeyn, wie ich zur Bearbeitung dieſer Materie gekommen und unter ganz andern Beſchaͤftigungen und Pflichten auf ſie zuruͤckgekommen bin. Schon in ziemlich fruͤhen Jahren, da die Auen der Wiſſenſchaften noch in al - le dem Morgenſchmuck vor mir lagen, von dem uns die Mittagsſonne unſres Lebens ſo viel entziehet, kam mir oftderder Gedanke ein: ob denn, da alles in der Welt ſeine Philoſophie und Wiſſenſchaft habe, nicht auch das, was uns am naͤchſten an - geht, die Geſchichte der Menſchheit im Ganzen und Großen eine Philoſophie und Wiſſenſchaft haben ſollte? Alles erinnerte mich daran, Metaphyſik und Moral, Phyſik und Naturge - ſchichte, die Religion endlich am meiſten. Der Gott, der in der Natur Alles nach Maas, Zahl und Gewicht geord - net, der darnach das Weſen der Dinge, ihre Geſtalt und Verknuͤpfung, ihren Lauf und ihre Erhaltung eingerichtet hat, ſo daß vom großen Weltgebaͤude bis zum Staubkorn, von der Kraft, die Erden und Sonnen haͤlt, bis zum Fa - den eines Spinnegewebes nur Eine Weisheit, Guͤte und Macht herrſchet, Er, der auch im menſchlichen Koͤrper und in den Kraͤften der menſchlichen Seele alles ſo wunderbar und goͤttlich uͤberdacht hat, daß wenn wir dem Allein - Weiſen nur fernher nachzudenken wagen, wir uns in ei - nem Abgrunde ſeiner Gedanken verlieren; wie, ſprach ich zu mir, dieſer Gott ſollte in der Beſtimmung und Einrich - tung unſres Geſchlechts im Ganzen von ſeiner Weisheit und Guͤte ablaſſen und hier keinen Plan haben? Oder er ſollte uns denſelben verbergen wollen, da er uns in der nie - drigern Schoͤpfung, die uns weniger angeht, ſo viel von**denden Geſetzen ſeines ewigen Entwurfs zeigte? Was iſt das menſchliche Geſchlecht im Ganzen, als eine Heerde ohne Hirten? oder wie jener klagende Weiſe ſagt: Laͤſſeſt du ſie gehen wie Fiſche im Meer und wie Ge - wuͤrm, das keinen Herren hat? — Oder hat - ten ſie nicht noͤthig, den Plan zu wiſſen? Jch glaube es wohl; denn welcher Menſch uͤberſiehet nur den kleinen Ent - wurf ſeines eignen Lebens? und doch ſiehet er, ſo weit er ſehen ſoll und weiß gnug, um ſeine Schritte zu leiten; in - deſſen wird nicht auch eben dieſes Nichtwiſſen zum Vor - wande großer Misbraͤuche? Wie viele ſind, die, weil ſie keinen Plan ſehen, es geradezu laͤugnen, daß irgend ein Plan ſei oder die wenigſtens mit ſcheuem Zittern daran den - ken und zweifelnd glauben und glaubend zweifeln. Sie wehren ſich mit Macht, das menſchliche Geſchlecht nicht als einen Ameishaufen zu betrachten, wo der Fuß eines Staͤr - kern, der unfoͤrmlicher Weiſe ſelbſt Ameiſe iſt, Tauſende zertritt, Tauſende in ihren klein-großen Unternehmungen zernichtet, ja wo endlich die zwei groͤßten Tyrannen der Erde, der Zufall und die Zeit, den ganzen Haufen ohne Spur fortfuͤhren und den leeren Platz einer andern fleißigen Zunft uͤberlaſſen, die auch ſo fortgefuͤhrt werden wird, ohne daß eine Spur bleibe; — Der ſtolze Menſch wehret ſich, ſein Geſchlecht als eine ſolche Brut der Erde und als einen Raubderder alles-zerſtoͤrenden Verweſung zu betrachten; und den - noch dringen Geſchichte und Erfahrung ihm nicht dieſes Bild auf? Was iſt denn Ganzes auf der Erde vollfuͤhrt? was iſt auf ihr Ganzes? Sind alſo die Zeiten nicht geord - net, wie die Raͤume geordnet ſind? und beide ſind ja die Zwillinge Eines Schickſals. Jene ſind voll Weisheit; dieſe voll ſcheinbarer Unordnung; und doch iſt offenbar der Menſch dazu geſchaffen, daß er Ordnung ſuchen, daß er ei - nen Fleck der Zeiten uͤberſehen, daß die Nachwelt auf die Vergangenheit bauen ſoll: denn dazu hat er Erinnerung und Gedaͤchtniß. Und macht nun nicht eben dies Bauen der Zeiten auf einander das Ganze unſres Geſchlechts zum unfoͤrmlichen Rieſengebaͤude, wo Einer abtraͤgt, was der an - dre anlegte, wo ſtehen bleibt, was nie haͤtte gebauet wer - den ſollen und in Jahrhunderten endlich alles Ein Schutt wird, unter dem, je bruͤchiger er iſt, die zaghaften Menſchen deſto zuverſichtlicher wohnen? — — Jch will die Reihe ſolcher Zweifel nicht fortſetzen und die Widerſpruͤche des Menſchen mit ſich ſelbſt, unter einander und gegen die ganze andre Schoͤpfung nicht verfolgen. Gnug, ich ſuchte nach ei - ner Philoſophie der Geſchichte der Menſch - heit, wo ich ſuchen konnte.
** 2ObOb ich ſie gefunden habe? daruͤber mag dieſes Werk, aber noch nicht ſein erſter Theil entſcheiden. Dieſer ent - haͤlt nur die Grundlage, theils im allgemeinen Ueberblick unſrer Wohnſtaͤte, theils im Durchgange der Organiſatio - nen, die unter und mit uns das Licht dieſer Sonne genießen. Niemanden, hoffe ich, wird dieſer Gang zu fern hergeholt und zu lang duͤnken: denn da, um das Schickſal der Menſchheit aus dem Buch der Schoͤpfung zu leſen, es kei - nen andern als ihn giebt, ſo kann man ihn nicht ſorgſam, nicht vielbetrachtend gnug gehen. Wer blos metaphyſiſche Spekulationen will, hat ſie auf kuͤrzerm Wege; ich glaube aber, daß ſie, abgetrennt von Erfahrungen und Analogien der Natur, eine Luftfahrt ſind, die ſelten zum Ziel fuͤhret. Gang Gottes in der Natur, die Gedanken, die der Ewige uns in der Reihe ſeiner Werke thaͤtlich dargelegt hat: ſie ſind das heilige Buch, an deſſen Charakteren ich zwar minder als ein Lehrling aber wenigſtens mit Treue und Eifer buch - ſtabirt habe und buchſtabiren werde. Waͤre ich ſo gluͤck - lich, nur Einem meiner Leſer etwas von dem ſuͤßen Eindruck mitzutheilen, den ich uͤber die ewige Weisheit und Guͤte des unerforſchten Schoͤpfers in ſeinen Werken mit einem Zutrauen empfunden habe, dem ich keinen Namen weiß: ſo waͤre dieſer Eindruck von Zuverſicht das ſichere Band, mit welchem wir uns im Verfolg des Werks auch in dieLa -Labyrinthe der Menſchengeſchichte wagen koͤnnten. Ueber - all hat mich die große Analogie der Natur auf Wahrhei - ten der Religion gefuͤhrt, die ich nur mit Muͤhe unterdruͤcken mußte, weil ich ſie mir ſelbſt nicht zum voraus rauben, und Schritt vor Schritt nur dem Licht treu bleiben wollte, das mir von der verborgenen Gegenwart des Urhebers in ſeinen Werken allenthalben zuſtralet. Es wird ein um ſo groͤße - res Vergnuͤgen fuͤr meine Leſer und fuͤr mich ſeyn, wenn wir, unſern Weg verfolgend, dies dunkelſtralende Licht zu - letzt als Flamme und Sonne werden aufgehen ſehen.
Niemand irre ſich daher auch daran, daß ich zuweilen den Namen der Natur perſonificirt gebrauche. Die Natur iſt kein ſelbſtſtaͤndiges Weſen; ſondern Gott iſt Alles in ſeinen Werken: indeſſen wollte ich dieſen hochhei - ligen Namen, den kein erkaͤnntliches Geſchoͤpf ohne die tiefſte Ehrfurcht nennen ſollte, durch einen oͤftern Gebrauch, bei dem ich ihm nicht immer Heiligkeit gnug verſchaffen konnte, wenigſtens nicht misbrauchen. Wem der Name „ Natur „ durch manche Schriften unſres Zeitalters ſinnlos und niedrig geworden iſt, der denke ſich ſtatt deſſen jene allmaͤchtige Kraft, Guͤte und Weisheit, und nenne in ſeiner Sele das unſichtbare Weſen, das keine Erdenſprache zu nennen vermag.
** 3EinEin gleiches iſts, wenn ich von den organiſchen Kraͤften der Schoͤpfung rede; ich glaube nicht, daß man ſie fuͤr qualitates occultas anſehen werde, da wir ihre offenbaren Wirkungen vor uns ſehen und ich ihnen keinen beſtimmtern, reinern Namen zu geben wußte. Jch behalte mir uͤber ſie und uͤber manche andre Materien, die ich nur winkend anzeigen mußte, kuͤnftig eine weitere Eroͤrte - rung vor.
Und freue mich dagegen, daß meine Schuͤlerarbeit in Zeiten trift, da in ſo manchen einzelnen Wiſſenſchaften und Kenntniſſen, aus denen ich ſchoͤpfen mußte, Meiſterhaͤnde arbeiten und ſammlen. Von dieſen bin ich gewiß, daß ſie den exoteriſchen Verſuch eines Fremdlings in ihren Kuͤn - ſten nicht verachten ſondern verbeſſern werden: denn ich habe es immer bemerkt, daß je reeller und gruͤndlicher eine Wiſſenſchaft iſt, deſto weniger herrſcht eitler Zank unter denen, die ſie anbauen und lieben. Sie uͤberlaſſen das Wortgezaͤnk den Wortgelehrten. Jn den meiſten Stuͤ - cken zeigt mein Buch, daß man anjetzt noch keine Philoſo - phie der menſchlichen Geſchichte ſchreiben koͤnne, daß man ſie aber vielleicht am Ende unſres Jahrhunderts oder Jahr - tauſends ſchreiben werde.
UndUnd ſo lege ich, großes Weſen, du unſichtbarer hoher Genius unſers Geſchlechts, das unvollkommenſte Werk das ein Sterblicher ſchrieb und in dem er Dir nachzuſinnen, nachzugehen wagte, zu deinen Fuͤßen. Seine Blaͤtter moͤ - gen verwehn und ſeine Charaktere zerſtieben: auch die For - men und Formeln werden zerſtieben, in denen ich Deine Spur ſah und fuͤr meine Menſchenbruͤder auszudruͤcken ſtrebte; aber Deine Gedanken werden bleiben und Du wirſt ſie Deinem Geſchlecht von Stufe zu Stufe mehr ent - huͤllen und in herrlichern Geſtalten darlegen. Gluͤcklich wenn alsdenn dieſe Blaͤtter im Strom der Vergeſſenheit untergegangen ſind und dafuͤr hellere Gedanken in den Se - len der Menſchen leben. Weimar, den 23ſten April 1784.
Herder.
Vom Himmel muß unſre Philoſophie der Geſchichte des menſchlichen Geſchlechts anfangen, wenn ſie einiger - maaſſen dieſen Namen verdienen ſoll. Denn da unſer Wohnplatz, die Erde, nichts durch ſich ſelbſt iſt, ſondern von himmliſchen, durch unſer ganzes Weltall ſich erſtreckenden Kraͤften ihre Beſchaffenheit und Geſtalt, ihr Vermoͤgen zur Organiſation und Erhaltung der Geſchoͤpfe empfaͤngt: ſo muß man ſie zufoͤrderſt nicht allein und einſam, ſondern im Chor der Welten betrachten, unter die ſie geſetzt iſt. Mit unſichtbaren, ewigen Banden iſt ſie an ihren Mittelpunkt, die Sonne gebunden, von der ſie Licht, Waͤrme, Leben und Gedeihen erhaͤlt. Ohne dieſe koͤnnten wir uns unſer Plane -A 2ten -4tenſyſtem nicht denken, ſo wenig ein Cirkel ohne Mittelpunkt ſtatt findet; mit ihr und den wohlthaͤtigen Anziehungskraͤf - ten womit ſie und alle Materie das ewige Weſen begabt hat, ſehen wir in ihrem Reich nach einfachen ſchoͤnen und herrli - chen Geſetzen Planeten ſich bilden, ſich um ihre Axe und um einen gemeinſchaftlichen Mittelpunkt in Raͤumen, die mit ihrer Groͤße und Dichtigkeit im Verhaͤltniß ſind, munter und unablaͤſſig umher drehn; ja nach eben dieſen Geſetzen ſich um einige derſelben Monde bilden und von ihnen veſt - gehalten werden. Nichts giebt einen ſo erhabnen Blick, als dieſe Einbildung des großen Weltgebaͤudes; und der menſchliche Verſtand hat vielleicht nie einen weitern Flug gewagt und zum Theil gluͤcklich vollendet, als da er in Copernikus, Kepler, Newton, Hugen und Kanta)(Kants) allgemeine Naturgeſchichte und Theorie des Himmels, Koͤnigsb. und Leipz. 1755. Eine Schrift, die un - bekannter geblieben iſt, als ihr Jnhalt verdiente. Lambert in ſeinen kosmologiſchen Briefen hat, ohne ſie zu kennen, einige mit ihr aͤhnliche Gedanken geaͤuſſert und Bode in ſeiner Kaͤnntniß des Himmels hat einige Muthmaßungen mit ruͤhmlicher Erwaͤhnung gebrauchet. die einfachen, ewigen und vollkommenen Geſetze der Bildung und Bewegung der Planeten ausſann und veſtſtellte.
Mich5Mich duͤnkt, es iſt Hemſterhuis, der es beklagt, daß dies erhabene Lehrgebaͤude auf den ganzen Kreis unſrer Be - griffe die Wirkung nicht thue, die es, wenn es zu den Zei - ten der Griechen mit mathematiſcher Genauigkeit veſtgeſtellt waͤre, auf den geſammten menſchlichen Verſtand wuͤrde ge - than haben. Wir begnuͤgen uns meiſtens, die Erde als ein Staubkorn anzuſehen, das in jenem großen Abgrunde ſchwimmt, wo Erden um die Sonne, wo dieſe Sonne mit tauſend andern um ihren Mittelpunkt und vielleicht mehrere ſolche Sonnenſyſteme in zerſtreuten Raͤumen des Himmels ihre Bahnen vollenden, bis endlich die Einbildungskraft ſo - wohl als der Verſtand in dieſem Meer der Unermeßlichkeit und ewigen Groͤße ſich verliert und nirgend Ausgang und Ende findet. Allein das bloße Erſtaunen, das uns vernich - tigt, iſt wohl kaum die edelſte und bleibendſte Wirkung. Der in ſich ſelbſt uͤberall allgnugſamen Natur iſt das Staub - korn ſo werth, als ein unermeßliches Ganze. Sie beſtimmte Punkte des Raums und des Daſeyns, wo Welten ſich bilden ſollten und in jedem dieſer Punkte iſt ſie mit ihrer unzertrenn - lichen Fuͤlle von Macht, Weisheit und Guͤte ſo ganz, als ob keine andre Punkte der Bildung, keine andre Weltatomen waͤren. Wenn ich alſo das große Himmelsbuch aufſchlage und dieſen unermeßlichen Pallaſt, den allein und uͤberall nur die Gottheit zu erfuͤllen vermag, vor mir ſehe: ſo ſchließe ich,A 3ſo6ſo ungetheilt als ich kann, vom Ganzen aufs Einzelne, vom Einzelnen aufs Ganze. Es war nur Eine Kraft, die die glaͤnzende Sonne ſchuf und mein Staubkorn an ihr erhaͤlt; nur Eine Kraft, die eine Milchſtraſſe von Sonnen ſich viel - leicht um den Sirius bewegen laͤßt, und die in Geſetzen der Schwere auf meinem Erdkoͤrper wirket. Da ich nun ſehe, daß der Raum, den dieſe Erde in unſerm Sonnentempel ein - nimmt, die Stelle, die ſie mit ihrem Umlauf bezeichnet, ihre Groͤße, ihre Maſſe, nebſt allem was davon abhaͤngt, durch Geſetze beſtimmt iſt, die im Unermeßlichen wirken: ſo werde ich, wenn ich nicht gegen das Unendliche raſen will, nicht nur auf dieſer Stelle zufrieden ſeyn und mich freuen, daß ich auf ihr ins Harmonie-reiche Chor zahlloſer Weſen getreten, ſondern es wird auch mein erhabenſtes Geſchaͤft ſeyn, zu fra - gen, was ich auf dieſer Stelle ſeyn ſoll und vermuthlich nur auf ihr ſeyn kann? Faͤnde ich auch in dem was mir das Ein - geſchraͤnkteſte und Widrigſte ſcheint, nicht nur Spuren jener groſſen bildenden Kraft ſondern auch offenbaren Zuſammen - hang des Kleinſten mit dem Entwurf des Schoͤpfers ins Un - gemeſſene hinaus: ſo wird es die ſchoͤnſte Eigenſchaft meiner Gott-nachahmenden Vernunft ſeyn, dieſem Plan nachzuge - hen und mich der himmliſchen Vernunft zu fuͤgen. Auf der Erde werde ich alſo keine Engel des Himmels ſuchen, deren keinen mein Auge je geſehen hat; aber Erdbewohner, Men -ſchen,7ſchen, werde ich auf ihr finden wollen und mit allem vorlieb nehmen, was die große Mutter hervorbringt, traͤgt, naͤhrt, duldet und zuletzt liebreich in ihren Schoos aufnimmt. Jhre Schweſtern, andre Erden moͤgen ſich andrer, auch vielleicht herrlicherer Geſchoͤpfe ruͤhmen und freuen koͤnnen; gnug, auf ihr lebt, was auf ihr leben kann. Mein Auge iſt fuͤr den Sonnenſtral in dieſer und keiner andern Sonnenentfernung, mein Ohr fuͤr dieſe Luft, mein Koͤrper fuͤr dieſe Erdmaſſe, alle meine Sinnen aus dieſer und fuͤr dieſe Erdorganiſation gebildet: dem gemaͤß wirken auch meine Seelenkraͤfte; der ganze Raum und Wirkungskreis meines Geſchlechts iſt alſo ſo feſtbeſtimmt und umſchrieben, als die Maſſe und Bahn der Erde, auf der ich mich ausleben ſoll: daher auch in vie - len Sprachen der Menſch von ſeiner Mutter Erde den Na - men fuͤhret. Je in einen groͤßern Chor der Harmonie, Guͤte und Weisheit aber dieſe meine Mutter gehoͤrt, je feſter und herrlicher die Geſetze ſind, auf der ihr und aller Welten Da - ſeyn ruhet, je mehr ich bemerke, daß in ihnen Alles aus Ei - nem folgt und Eins zu Allem dienet: deſto feſter finde ich auch mein Schickſal nicht an den Erdenſtaub, ſondern an die unſichtbaren Geſetze geknuͤpft, die den Erdſtaub regieren. Die Kraft, die in mir denkt und wirkt, iſt ihrer Natur nach eine ſo ewige Kraft, als jene, die Sonnen und Sterne zuſam - menhaͤlt: ihr Werkzeug kann ſich abreiben, die Sphaͤre ihrerWirkung8Wirkung kann ſich aͤndern, wie Erden ſich abreiben und Sterne ihren Platz aͤndern; die Geſetze aber, durch die ſie da iſt und in andern Erſcheinungen wieder kommt, aͤndern ſich nie. Jhre Natur iſt ewig, wie der Verſtand Gottes und die Stuͤtzen meines Daſeyns (nicht meiner koͤrperlichen Erſcheinung) ſind ſo veſt als die Pfeiler des Weltalls. Denn alles Daſeyn iſt ſich gleich, ein untheilbarer Begrif; im Groͤſſeſten ſowohl als im Kleinſten auf Einerley Geſetze gegruͤndet. Der Bau des Weltgebaͤudes ſichert alſo den Kern meines Daſeyns, mein inneres Leben, auf Ewigkeiten hin. Wo und wer ich ſeyn werde, werde ich ſeyn der ich jetzt bin, eine Kraft im Syſtem aller Kraͤfte, ein Weſen in der unabſehlichen Harmonie einer Welt Gottes.
Die Erde hat zwey Planeten, den Merkur und die Venus unter ſich; den Mars (und wenn vielleicht uͤber ihm noch einer verſteckt iſt) den Jupiter, Saturn, Uranus uͤber ſich; und was fuͤr andre noch da ſeyn moͤgen, bis ſich der regel -
maͤßige9maͤßige Wirkungskreis der Sonne verliert und die eccentri - ſche Bahn des letzten Planeten in die wilde Ellipſe der Ko - metenbahnen hinuͤberſpringet. Sie iſt alſo ein Mittelge - ſchoͤpf, ſo wie der Stelle nach, ſo auch an Groͤße, an Ver - haͤltniß und Dauer ihres Umſchwungs um ſich und ihres Umlaufs um die Sonne; jedes Aeußerſte, das Groͤßeſte und Kleinſte, das Schnellſte und Langſamſte iſt zu beyden Sei - ten von ihr entfernet. So wie nun unſre Erde zur aſtrono - miſchen Ueberſicht des Ganzen vor andern Planeten eine be - queme Stelle hat(b)Kaͤſtners Lob der Sternkunſt: Hamb. Magaz. Th. I. S. 206. u. f.: ſo waͤre es ſchoͤn, wenn wir nur Einige Glieder dieſes erhabnen Sternenverhaͤltniſſes naͤher kennten. Eine Reiſe in den Jupiter, die Venus, oder auch nur in unſern Mond wuͤrde uns uͤber die Bildung unſrer Erde, die doch mit ihnen nach Einerley Geſetzen ent - ſtanden iſt, uͤber das Verhaͤltniß unſrer Erdegeſchlechter zu den Organiſationen andrer Weltkoͤrper, von einer hoͤhern oder von einer tiefern Art, vielleicht gar uͤber unſere zukuͤnf - tige Beſtimmung ſo manchen Aufſchluß geben, daß wir nun kuͤhner aus der Beſchaffenheit von zwei oder drei Gliedern auf den Fortgang der ganzen Kette ſchlieſſen koͤnnten. Dieein -B10einſchraͤnkende, feſtbeſtimmende Natur hat uns dieſe Aus - ſicht verſaget. Wir ſehen den Mond an, betrachten ſeine ungeheuren Kluͤfte und Berge: den Jupiter und bemerken ſeine wilden Revolutionen und Streifen: wir ſehen den Ring des Saturns, das roͤthliche Licht des Mars, das ſanftere Licht der Venus; und raͤthſeln daraus, was wir gluͤcklich oder ungluͤcklich daraus zu erſehen meinen. Jn den Entfernungen der Planeten herrſcht Proportion; auch auf die Dichtigkeit ihrer Maſſe hat man wahrſcheinliche Schluͤſſe gefolgert, und damit ihren Schwung, ihren Um - lauf in Verbindung zu bringen geſucht; alles aber nur ma - thematiſch, nicht phyſiſch, weil uns außer unſrer Erde ein zweytes Glied der Vergleichung fehlet. Das Verhaͤltniß ihrer Groͤße, ihres Schwunges, ihres Umlaufs z. B. zu ihrem Sonnen-Winkel hat noch keine Formel gefunden, die auch hier Alles aus Einem und demſelben cosmogoni - ſchen Geſetz erklaͤre. Noch weniger iſt uns bekannt, wie weit ein jeder Planet in ſeiner Bildung fortgeruͤckt ſei und am wenigſten wiſſen wir von der Organiſation und dem Schickſal ſeiner Bewohner. Was Kircher und Schwe - denborg davon getraͤumt, was Fontenelle daruͤber geſcherzt, was Hugens, Lambert und Kant davon, jeder auf ſeine Weiſe, gemuthmaaßt haben, ſind Erweiſe, daß wir davon nichts wiſſen koͤnnen, nichts wiſſen ſollen. Wir moͤgen mitunſrer11unſrer Schaͤtzung herauf oder herabſteigen: wir moͤgen die vollkommenern Geſchoͤpfe der Sonne nah oder ihr fern ſetzen[;]ſo bleibt alles ein Traum, der durch den Mangel der Fort - ſchreitung in der Verſchiedenheit der Planeten beinah Schritt vor Schritt geſtoͤrt wird und uns zuletzt nur das Reſultat giebt: daß uͤberall wie hier Einheit und Mannichfaltigkeit herrſche, daß aber unſer Maas des Verſtandes, ſo wie un - ſer Winkel des Anblicks, uns zur Schaͤtzung des Fort - oder Zuruͤckganges durchaus keinen Maasſtab gebe. Wir ſind nicht im Mittelpunkt ſondern im Gedraͤnge; wir ſchiffen, wie andre Erden, im Strom umher und haben kein Maas der Vergleichung.
Doͤrfen und ſollen wir indeß aus unſerm Standpunkt zur Sonne, dem Quell alles Lichts und Lebens in unſrer Schoͤpfung vor und ruͤckwaͤrts ſchlieſſen: ſo iſt unſrer Erde das zweideutige goldne Loos der Mittelmaͤßigkeit zu Theil worden, die wir wenigſtens zu unſerm Troſt als eine gluͤck - liche Mitte traͤumen moͤgen. Wenn Merkur den Schwung um ſeine Achſe, mithin ſeine Tag - und Nachtrevolution vielleicht in 6 Stunden, ſein Jahr in 88 Tagen vollbringt und ſechsmal ſtaͤrker von der Sonne erleuchtet wird, als wir: wenn Jupiter dagegen ſeine weite Bahn um die Son - ne in 11 Jahren und 313 Tagen vollendet, und dennochB 2ſeine12ſeine Tag - und Nachtzeit in weniger als 10 Stunden zuruͤck - legt: wenn der alte Saturn, dem das Licht der Sonne 100 - mal ſchwaͤcher ſcheinet, kaum in 30 Jahren um die Sonne kommt und abermals ſich vielleicht in 7 Stunden um ſeine Axe drehet; ſo ſind wir mittlere Planeten, Erde, Mars und Venus, von mittlerer Natur. Unſer Tag iſt wenig von einander, von den Tagen der andern aber ſo ſehr ver - ſchieden, als umgekehrt unſre Jahre. Auch der Tag der Venus iſt beinah 24 Stunden; des Mars nicht 25 lang. Das Jahr der erſten iſt von 224, des letzten von 1 Jahr und 322 Tagen, ob er gleich 3 ½ mal kleiner als die Erde und um mehr als die Haͤlfte von der Sonne entfernt iſt; weiterhin gehen die Verhaͤltniße der Groͤße, des Umſchwungs, der Entfernung kuͤhn auseinander. Auf Einen der drei Mit - telplaneten hat uns alſo die Natur geſetzt, auf denen auch ein mittleres Verhaͤltniß und eine abgewognere Proportion ſo wie der Zeiten und Raͤume, ſo vielleicht auch der Bildung ihrer Geſchoͤpfe zu herrſchen ſcheinet. Das Verhaͤltniß un - ſrer Materie zu unſerm Geiſt iſt vielleicht ſo aufwiegend ge - gen einander, als die Laͤnge unſrer Tag und Naͤchte. Un - ſre Gedankenſchnelligkeit iſt vielleicht im Maas des Umſchwun - ges unſres Planeten um ſich ſelbſt und um die Sonne zu der Schnelligkeit oder Langſamkeit andrer Sterne; ſo wie un - ſre Sinne offenbar im Verhaͤltniß der Feinheit von Organi -ſation13ſation ſtehen, die auf unſrer Erde fortkommen konnte und ſollte. Zu beiden Seiten hinaus giebt es wahrſcheinlich die groͤßeſten Divergenzen. Laſſet uns alſo, ſo lange wir hier leben, auf nichts, als auf den mittelmaͤßigen Erdeverſtand und auf die noch viel zweideutigere Menſchentugend rechnen. Wenn wir mit Augen des Merkurs in die Sonne ſehen und auf ſeinen Fluͤgeln um ſie fliegen koͤnnten; wenn uns mit der Raſchheit des Saturns und Jupiters um ſich ſelbſt, zu - gleich ihre Langſamkeit, ihr weiter großer Umfang gegeben waͤre, oder wenn wir auf dem Haar der Kometen, der groͤſ - ſeſten Waͤrme und Kaͤlte gleich empfaͤngig, durch die weiten Regionen des Himmels ſchiffen koͤnnten: denn doͤrften wir von einem andern, weitern oder engern, als dem proportio - nirten Mittel-Gleiſe menſchlicher Gedanken und Kraͤfte re - den. Nun aber, wo und wie wir ſind, wollen wir dieſem milde-proportionirten Gleiſe treu bleiben; er iſt unſerer Le - bensdauer wahrſcheinlich gerade gerecht.
Es iſt eine Ausſicht, die auch die Seele des traͤgſten Menſchen erwecken kann, wenn wir uns einſt auf irgend eine Weiſe im allgemeinen Genuß dieſer uns jetzt verſagten Reichthuͤmer der bildenden Natur gedenken: wenn wir uns vorſtellen, daß vielleicht, nachdem wir zur Summe der Or - ganiſation unſres Planeten gelangt ſind, ein WandelgangB 3auf14auf mehr als Einem andern Stern das Loos und der Fort - ſchritt unſres Schickſals ſeyn koͤnnte, oder daß es endlich viel - leicht gar unſre Beſtimmung waͤre, mit allen zur Reife ge - langten Geſchoͤpfen ſo vieler und verſchiedener Schweſter - welten Umgang zu pflegen. Wie bei uns unſere Gedanken und Kraͤfte offenbar nur aus unſrer Erd-Organiſation keimen und ſich ſo lange zu veraͤndern und zu verwan - deln ſtreben, bis ſie etwa zu der Reinigkeit und Fein - heit gediehen ſind, die dieſe unſre Schoͤpfuug gewaͤhren kann: ſo wirds, wenn die Analogie unſre Fuͤhrerin ſeyn darf, auf andern Sternen nicht anders ſeyn; und welche rei - che Harmonie laͤſſet ſich gedenken, wenn ſo verſchieden ge - bildete Weſen alle zu Einem Ziel wallen(c)Von der Sonne als einem vielleicht bewohnbaren Koͤrper ſ. Bo - dens Gedanken uͤber die Natur der Sonne in den Beſchaͤftig. der berlinſchen Geſellſch. naturforſchender Freunde B. 2. S. 225. und ſich ein - ander ihre Empfindungen und Erfahrungen mittheilen. Un - ſer Verſtand iſt nur ein Verſtand der Erde, aus Sinnlich - keiten, die uns hier umgeben, allmaͤlich gebildet: ſo iſts auch mit den Trieben und Neigungen unſres Herzens; eine andre Welt kennet ihre aͤußerlichen Huͤlfsmittel und Hinder - niſſe wahrſcheinlich nicht. Aber die letzten Reſultate derſel - ben ſollte ſie nicht kennen? Gewiß! alle Radien ſtreben auch hier zum Mittelpunkt des Kreiſes. Der reine Verſtandkann15kann uͤberall nur Verſtand ſeyn, von welchen Sinnlichkeiten er auch abgezogen worden; die Energie des Herzens wird uͤberall dieſelbe Tuͤchtigkeit d. i. Tugend ſeyn, an welchen Gegenſtaͤnden ſie ſich auch geuͤbet habe. Alſo ringet wahr - ſcheinlich auch hier die groͤßeſte Mannichfaltigkeit zur Ein - heit und die allumfaſſende Natur wird ein Ziel haben, wo ſie die edelſte Beſtrebungen ſo vielartiger Geſchoͤpfe vereini - ge und die Bluͤten aller Welt gleichſam in einen Garten ſammle. Was phyſiſch vereinigt iſt; warum ſollte es nicht auch geiſtig und moraliſch vereinigt ſeyn? da Geiſt und Moralitaͤt auch Phyſik ſind und denſelben Geſetzen, die doch zuletzt alle vom Sonnenſyſtem abhangen, nur in einer hoͤ - hern Ordnung dienen. Waͤre es mir alſo erlaubt, die all - gemeine Beſchaffenheit der mancherlei Planeten auch in der Organiſation und im Leben ihrer Bewohner mit den ver - ſchiednen Farben eines Sonnenſtrals oder mit den verſchied - nen Toͤnen einer Tonleiter zu vergleichen: ſo wuͤrde ich ſa - gen, daß ſich vielleicht das Licht der Einen Sonne des Wah - ren und Guten auch auf jeden Planeten verſchieden breche; ſo daß ſich noch keiner derſelben ihres ganzen Genuſſes ruͤh - men koͤnnte. Nur weil Eine Sonne ſie alle erleuchtet und ſie alle auf Einem Plan der Bildung ſchweben: ſo iſt zu hof - fen, ſie kommen alle, jeder auf ſeinem Wege, der Vollkom - menheit naͤher und vereinigen ſich einſt vielleicht, nach man -cherlei16cherlei Wandelgaͤngen, in Einer Schule des Guten und Schoͤnen. Jetzt wollen wir nur Menſchen ſeyn, d. i. Ein Ton, Eine Farbe in der Harmonie unſrer Sterne. Wenn das Licht, das wir genieſſen, auch der milden gruͤnen Far - be zu vergleichen waͤre, ſo laſſet ſie uns nicht fuͤr das reine Sonnenlicht, unſern Verſtand und Willen nicht fuͤr die Handhaben des Univerſum halten: denn wir ſind offenbar mit unſrer ganzen Erde nur ein kleiner Bruch des Ganzen.
Den Beweis dieſes Satzes giebet ſie ſelbſt, auch ſchon durch das, was ſie auf und unter ihrer Oberflaͤche (denn weiter ſind die Menſchen nicht gekommen) zeiget. Das Waſſer hat uͤberſchwemmt und Erdlagen, Berge, Thaͤler gebildet: das Feuer hat gewuͤtet, Erdrinden zerſprengt, Berge emporgehoben und die geſchmolznen Eingeweide des Jnnern hervorgeſchuͤttet: die Luft, in der Erde eingeſchloſ - ſen, hat Hoͤlen gewoͤlbt und den Ausbruch jener maͤchtigenEle -17Elemente befoͤrdert: Winde haben auf ihrer Oberflaͤche ge - tobet und eine noch maͤchtigere Urſache hat ſogar ihre Zonen veraͤndert. Vieles hievon iſt in Zeiten geſchehen, da es ſchon organiſirte und lebendige Kreaturen gab: ja hie und da ſcheint es mehr als einmal, hier ſchneller, dort langſa - mer geſchehen zu ſeyn, wie faſt allenthalben und in ſo groſ - ſer Hoͤhe und Tiefe die verſteinten Thiere und Gewaͤchſe zei - gen. Viele dieſer Revolutionen gehen eine ſchon gebildete Erde an und koͤnnen alſo vielleicht als zufaͤllig betrachtet wer - den; andre ſcheinen der Erde weſentlich zu ſeyn und haben ſie urſpruͤnglich ſelbſt gebildet. Weder uͤber jene noch uͤber dieſe (ſie ſind aber ſchwer zu trennen) haben wir bisher eine vollſtaͤndige Theorie; ſchwerlich koͤnnen wir ſie auch uͤber jene haben, weil ſie gleichſam hiſtoriſcher Natur ſind und von zu viel kleinen Localurſachen abhaͤngen moͤgen. Ueber dieſe aber, uͤber die erſten weſentlichen Revolutionen unſrer Erde, wuͤnſch - te ich, daß ich eine Theorie erlebte. Jch hoffe, ich werde es: denn obgleich die Bemerkungen aus verſchiedenen Welt - theilen lange noch nicht vielſeitig und genau genug ſind: ſo ſcheinen mir doch ſowohl die Grundſaͤtze und Bemerkungen der allgemeinen Phyſik, als die Erfahrungen der Chemie und des Bergbaues dem Punkt nahe, wo vielleicht Ein gluͤcklicher Blick mehrere Wiſſenſchaften vereinigt und alſo Eine durch die andere erklaͤret. Gewiß iſt Buͤffon nur derCDes -18Des-Kartes dieſer Art mit ſeinen kuͤhnen Hypotheſen, den bald ein Kepler und Newton durch rein zuſammenſtim - mende Thatſachen uͤbertreffen und widerlegen moͤge. Die neuen Entdeckungen, die man uͤber Waͤrme, Luft, Feuer und ihre mancherlei Wirkungen auf die Beſtandtheile, auf Compoſition und Decompoſition unſrer Erdweſen gemacht hat, die ſimpeln Grundſaͤtze, auf die die elektriſche, zum Theil auch die magnetiſche Materie gebracht iſt, ſcheinen mir dazu wo nicht nahe, ſo doch entferntere Vorſchritte zu ſeyn, daß vielleicht mit der Zeit durch Einen neuen Mittel - begrif es einem gluͤcklichen Geiſt gelingen wird, unſre Geo - gonie ſo einfach zu erklaͤren, als Kepler und Newton das Sonnengebaͤude darſtellten. Es waͤre ſchoͤn, wenn hiemit manche als qualitates occultae bisher angenommene Natur - kraͤfte auf erwieſene phyſiſche Weſen reducirt werden koͤnnten.
Wie dem auch ſey, ſo iſt wohl unlaͤugbar, daß die Natur auch hier ihren groſſen Schritt gehalten und die groͤſ - ſeſte Mannichfaltigkeit aus einer ins Unendliche fortgehen - den Simplicitaͤt gewaͤhret habe. Eh unſre Luft, unſer Waſ - ſer, unſre Erde hervorgebracht werden konnte, waren man - cherlei einander aufloͤſende, niederſchlagende Stamina noͤthig; und die vielfachen Gattungen der Erde, der Geſteine, der Cryſtalliſationen, gar der Organiſation in Muſcheln, Pflan -
zen,19zen, Thieren, zuletzt im Menſchen wie viel Aufloͤſungen und Revolutionen des Einen in das Andre ſetzten die vor - aus! Da die Natur nun allenthalben auch jetzt noch alles aus dem Feinſten, Kleineſten hervorbringt und indem ſie auf unſer Zeitmaas gar nicht rechnet, die reichſte Fuͤlle mit der engſten Sparſamkeit mittheilet: ſo ſcheint dieſes auch, ſelbſt nach der moſaiſchen Tradition, ihr Gang geweſen zu ſeyn, da ſie zur Bildung oder vielmehr zu Ausbildung und Ent - wicklung der Geſchoͤpfe den erſten Grund legte. Die Maſ - ſe wirkender Kraͤfte und Elemente, aus der die Erde ward, enthielt wahrſcheinlich als Chaos alles, was auf ihr werden ſollte und konnte. Jn periodiſchen Zeitraͤumen entwickelte ſich aus geiſtigen und koͤrperlichen ſtaminibus die Luft, das Feuer, das Waſſer, die Erde. Mancherlei Verbindungen des Waſſers, der Luft, des Lichts mußten vorhergegangen ſein, ehe der Same der erſten Pflanzenorganiſation, etwa das Moos, hervorgehen konnte. Viele Pflanzen mußten hervor - gegangen und geſtorben ſeyn, ehe eine Thierorganiſation ward; auch bey dieſer gingen Jnſekten, Voͤgel, Waſ - ſer - und Nachtthiere den gebildetern Thieren der Erde und des Tages vor; bis endlich nach allen die Krone der Orga - niſation unſrer Erde, der Menſch, auftrat, Microcos - mus. Er, der Sohn aller Elemente und Weſen, ihr er - leſenſter Jnbegrif und gleichſam die Bluͤthe der Erdenſchoͤ -C 2pfung20pfung konnte nicht anders, als das letzte Schooskind der Natur ſeyn, zu deſſen Bildung und Empfang viele Entwik - kelungen und Revolutionen vorhergegangen ſeyn muſten.
Jndeſſen wars eben ſo natuͤrlich, daß auch Er noch vie - le erlebte und da die Natur nie von ihrem Werk ablaͤßt, noch weniger einem Zaͤrtlinge zu gut, daſſelbe vernachlaͤßigt oder verſpaͤtet: ſo muſte die Austrocknung und Fortbildung der Erde, ihr innerer Brand, Ueberſchwemmungen und was ſonſt daraus folgte, noch lange und oft fortdauren, auch da Menſchen auf Erden lebten. Selbſt die aͤlteſte Schrift - tradition weiß noch von Revolutionen dieſer Art und wir werden ſpaͤterhin ſehen, was dieſe fuͤrchterlichen Erſcheinungen der erſten Zeit beinah aufs ganze menſchliche Geſchlecht fuͤr ſtarke Wirkungen gemacht haben. Jetzt ſind Umwaͤlzungen dieſer ungeheuren Gattung ſeltner, weil die Erde ausgebil - det oder vielmehr alt iſt; nie aber koͤnnen und werden ſie unſerm Geſchlecht und Wohnplatz ganz fremde werden. Es war ein unphiloſophiſches Geſchrei, das Voltaire bey Liſ - ſabons Sturz anhob, da er beinah laͤſternd die Gottheit des - wegen anklagte. Sind wir uns ſelbſt nicht und alle das unſre, ſelbſt unſern Wohnplatz, die Erde, den Elementen ſchuldig? Wenn dieſe, nach immer fortwirkenden Naturge - ſetzen periodiſch aufwachen und das Jhre zuruͤcke fodern,wenn21wenn Feuer und Waſſer, Luft und Wind, die unſre Erde bewohnbar und fruchtbar gemacht haben, in ihrem Lauf fortgehn und ſie zerſtoͤren: wenn die Sonne, die uns ſo lang als Mutter erwaͤrmte, die alles Lebende auferzog und an goldenen Seilen um ihr erfreuendes Antlitz lenkte — wenn ſie die alternde Kraft der Erde, die ſich nicht mehr zu halten und fortzutreiben vermag, nun endlich in ihren bren - nenden Schoos zoͤge; was geſchaͤhe anders, als was nach ewigen Geſetzen der Weisheit und Ordnung geſchehen muß - te? Sobald in einer Natur voll veraͤnderlicher Dinge Gang ſeyn muß: ſo bald muß auch Untergang ſeyn; ſcheinbarer Untergang nehmlich, eine Abwechſelung von Geſtalten und Formen. Nie aber trift dieſer das Jnnere der Natur, die uͤber allen Ruin erhaben, immer als Phoͤnix aus ihrer Aſche erſteht und mit jungen Kraͤften bluͤhet. Schon die Bildung unſres Wohnhauſes und aller Stoffe, die es hergeben konn - te, muß uns alſo auf die Hinfaͤlligkeit und Abwechſelung aller Menſchengeſchichte bereiten; mit jeder naͤhern Anſicht erblicken wir dieſe mehr und mehr.
Wie der Cirkel die vollkommenſte Figur iſt, indem er un - ter allen Geſtalten die groͤßeſte Flaͤche in der leichteſten Con - ſtruction einſchließt und bey der ſchoͤnſten Einfalt die reich - ſte Mannichfaltigkeit mit ſich fuͤhret: ſo iſt unſre Erde, ſo ſind alle Planeten und Sonnen, als Kugelgeſtalten, mithin als Entwuͤrfe der einfachſten Fuͤlle, des beſcheidenſten Reich - thums aus den Haͤnden der Natur geworfen. Erſtaunen muß man uͤber die Vielheit der Abaͤnderungen, die auf un - ſrer Erde wirklich ſind; noch mehr erſtaunen aber uͤber die Einheit, der dieſe unbegreifliche Mannichfaltigkeit dienet. Es iſt ein Zeichen der tiefen nordiſchen Barbarei, in der wir die Unſrigen erziehen, daß wir ihnen nicht von Jugend auf einen tiefen Eindruck dieſer Schoͤne, der Einheit und Mannichfaltigkeit auf unſrer Erde, geben. Jch wuͤnſchte, mein Buch erreichte nur einige Striche zu Darſtellung die - ſer großen Ausſicht, die mich ſeit meiner fruͤheſten Selbſt - bildung erfaßt hat und mich zuerſt auf das weite Meer freierBegriffe23Begriffe fuͤhrte. Sie iſt mir auch ſo lang heilig, als ich dieſen alles umwoͤlbenden Himmel uͤber - und dieſe alles faſ - ſende, ſich ſelbſt umkreiſende Erde unter mir ſehe.
Unbegreiflich iſts, wie Menſchen ſo lange den Schat - ten ihrer Erde im Monde ſehen konnten, ohne zugleich es tief zu fuͤhlen, daß alles auf ihr Umkreis, Rad und Ver - aͤnderung ſei. Wer, der dieſe Figur je beherzigt haͤtte, waͤre hingegangen, die ganze Welt zu Einem Wortglauben in Philoſophie und Religion zu bekehren, oder ſie dafuͤr mit dumpfem aber heiligem Eifer zu morden? Alles iſt auf unſrer Erde Abwechſelung einer Kugel: kein Punkt dem andern gleich, kein Hemiſphaͤr dem andern gleich, Oſt und Weſt ſo ſehr einander entgegen, als Nord und Suͤd. Es iſt eingeſchraͤnkt, dieſe Ab - wechſelung blos der Breite nach berechnen zu wollen, etwa weil die Laͤnge weniger ins Auge faͤllt und nach einem alten ptolomaͤi - ſchen Fachwerk von Climaten auch die Menſchengeſchichte zu theilen. Den Alten war die Erde minder bekannt; jetzt kann ſie uns zu allgemeiner Ueberſicht und Schaͤtzung mehr bekannt ſeyn, als allein durch nord - und ſuͤdliche Grade.
Alles iſt auf der Erde Veraͤnderung: hier gilt kein Einſchnitt, keine nothduͤrftige Abtheilung eines Globus oder einer Charte. Wie ſich die Kugel dreht, drehen ſich auchauf24auf ihr die Koͤpfe, wie die Climaten; Sitten und Religio - nen, wie die Herzen und Kleider. Es iſt eine unſaͤgliche Weisheit darinn, nicht, daß alles ſo vielfach; ſondern daß auf der runden Erde alles noch ſo ziemlich uniſon geſchaffen und geſtimmt iſt. Jn dieſem Geſetz: viel mit Einem zu thun und die groͤßeſte Mannichfaltigkeit an ein zwangloſes Einerlei zu knuͤpfen, liegt eben der Apfel der Schoͤnheit.
Ein ſanftes Gewicht knuͤpfte die Natur an unſern Fuß, um uns dieſe Einheit und Stetigkeit zu geben: es heißt in der Koͤrperwelt Schwere, in der Geiſterwelt Traͤgheit. Wie alles zum Mittelpunkt draͤngt und nichts von der Erde hin - weg kann, ohne daß es je von unſerm Willen abhange: ob wir darauf leben und ſterben wollen? ſo ziehet die Natur auch unſern Geiſt von Kindheit auf mit ſtarken Feſſeln, je - den an ſein Eigenthum, d. i. an ſeine Erde: (denn was haͤtten wir endlich anders zum Eigenthum als dieſe?) Je - der liebet ſein Land, ſeine Sitten, ſeine Sprache, ſein Weib, ſeine Kinder, nicht weil ſie die beſten auf der Welt, ſondern weil ſie die bewaͤhrten Seinigen ſind und er in ih - nen ſich und ſeine Muͤhe ſelbſt liebet. So gewoͤhnet ſich je - der auch an die ſchlechteſte Speiſe, an die haͤrteſte Lebens - art, an die roheſte Sitte des rauheſten Klima und findet zu - letzt in ihm Behaglichkeit und Ruhe. Selbſt die Zugvoͤgelniſten25niſten, wo ſie gebohren ſind, und das ſchlechteſte, rauheſte Vaterland hat oft fuͤr den Menſchenſtamm, der ſich daran gewoͤhnte, die ziehendſten Feſſeln.
Fragen wir alſo: wo iſt das Vaterland der Menſchen? wo iſt der Mittelpunkt der Erde? ſo wird uͤberall die Ant - wort ſeyn koͤnnen: hier, wo du ſteheſt! es ſei nahe dem be - eiſten Pol oder gerade unter der brennenden Mittagsſonne. Ueberall wo Menſchen leben koͤnnen, leben Menſchen und ſie koͤnnen faſt uͤberall leben. Da die große Mutter auf unſrer Erde kein ewiges Einerlei hervorbringen konnte noch mochte: ſo war kein andres Mittel, als daß ſie das ungeheuerſte Vie - lerlei hervortrieb und den Menſchen aus einem Stoff webte, dies große Vielerlei zu ertragen. Spaͤterhin werden wir ei - ne ſchoͤne Stuffenleiter finden, wie ſich, nachdem die Kunſt der Organiſation in einem Geſchoͤpf zunimmt, auch die Faͤ - higkeit deſſelben vermehret, mancherlei Zuſtaͤnde auszudauern und ſich nach jedem derſelben zu bilden. Unter allen dieſen veraͤnderlichen, ziehbaren, empfaͤnglichen Geſchoͤpfen iſt der Menſch das empfaͤnglichſte: die ganze Erde iſt fuͤr ihn ge - macht, Er fuͤr die ganze Erde.
Laſſet uns alſo, wenn wir uͤber die Geſchichte unſres Ge - ſchlechts philoſophiren wollen, ſo viel moͤglich alle enge Ge -Ddanken -26dankenformen, die aus der Bildung Eines Erdſtrichs, wohl gar nur Einer Schule genommen ſind, verlaͤugnen. Nicht was der Menſch bei uns iſt, oder gar was er nach den Begriffen irgend eines Traͤumers ſeyn ſoll; ſondern was er uͤberall auf der Erde und doch zugleich in jeglichem Strich beſonders iſt, d. i. wozu ihn irgend nur die reiche Mannich - faltigkeit der Zufaͤlle in den Haͤnden der Natur bilden konn - te; das laſſet uns auch als Abſicht der Natur betrachten. Wir wollen keine Lieblingsgeſtalt, keine Lieblingsgegend fuͤr ihn ſuchen und finden; wo er iſt, iſt er der Herr und Diener der Natur, ihr liebſtes Kind und vielleicht zugleich ihr aufs haͤrteſte gehaltner Sklave. Vortheile und Nachtheile, Krankheiten und Uebel, ſo wie neue Arten des Genußes, der Fuͤlle, des Segens erwarten uͤberall ſeiner und nachdem die Wuͤrfel dieſer Umſtaͤnde und Beſchaffenheiten fallen; nach - dem wird er werden.
Durch eine leichte fuͤr uns noch unerklaͤrbare Urſache hat die Natur dieſe Mannichfaltigkeit der Geſchoͤpfe auf Er - den nicht nur befoͤrdert ſondern auch eingeſchraͤnkt und feſtge - ſtellet: es iſt der Winkel unſrer Erdaxe zum Sonnen - aͤquator. Jn den Geſetzen der Kugelbewegung liegt er nicht: Jupiter hat ihn nicht; dieſer ſtehet ſenkrecht auf der Bahn zur Sonne. Mars hat ihn wenig; die Venus da -gegen27gegen ungeheuer ſpitz und auch der Saturn mit ſeinem Rin - ge und ſeinen Monden druͤckt ſich ſeitwaͤrts nieder. Welche unendliche Verſchiedenheit der Jahreszeiten und Sonnen - wirkung wird dadurch in unſerm Sternenſyſtem veranlaßt! Unſre Erde iſt auch hier ein geſchontes Kind, eine mittlere Geſellin: der Winkel, mit dem ſie eingeſenkt iſt, betraͤgt noch nicht 24 Grade. Ob ſie ihn von jeher gehabt? davon darf jetzt noch keine Frage ſeyn; gnug ſie hat ihn. Der unna - tuͤrliche wenigſtens uns unerklaͤrliche Winkel iſt ihr eigen ge - worden und hat ſich ſeit Jahrtauſenden nicht veraͤndert; er ſcheinet auch zu dem, was jetzt die Erde und auf ihr das Menſchengeſchlecht ſeyn ſoll, nothwendig. Mit ihm nem - lich, mit dieſer ſchiefen Richtung zur Ekliptik werden be - ſtimmt-abwechſelnde Zonen, die die ganze Erde bewohnbar machen, vom Pol bis zum Aequator, vom Aequator wieder zum Pol hin. Die Erde muß ſich regelmaͤßig beugen, da - mit auch Gegenden, die ſonſt in Cimmeriſcher Kaͤlte und Fin - ſterniß laͤgen, den Stral der Sonne ſehn und zur Organiſa - tion geſchickt werden. Da uns nun die lange Erdgeſchichte zeigt, daß auf alle Revolutionen des menſchlichen Verſtan - des und ſeiner Wirkungen das Verhaͤltniß der Zonen viel Einfluß gehabt: denn weder aus dem kaͤlteſten noch heiſſe - ſten Erdguͤrtel ſind jemals die Wirkungen aufs Ganze er - folgt, die die gemaͤßigte Zone hervorbrachte; ſo ſehen wirD 2aber -28abermals, mit welchem feinen Zuge der Finger der Allmacht alle Umwaͤlzungen und Schattirungen auf der Erde umſchrie - ben und bezirkt hat. Nur eine kleine andre Richtung der Erde zur Sonne und alles auf ihr waͤre anders.
Abgemeßne Mannichfaltigkeit alſo iſt auch hier das Ge - ſetz der bildenden Kunſt des Weltſchoͤpfers. Es war ihm nicht gnug, daß die Erde in Licht und Schatten, daß das menſchliche Leben in Tag und Nacht vertheilt wuͤrde; auch das Jahr unſers Geſchlechts ſollte abwechſeln und nur eini - ge Tage erließ er uns am Herbſt und Winter. Hiernach wurde auch die Laͤnge und Kuͤrze des menſchlichen Lebens, mithin das Maas unſrer Kraͤfte, die Revolutionen des menſchlichen Alters, die Abwechſelungen unſrer Geſchaͤfte, Phaͤnomene und Gedanken, die Nichtigkeit oder Dauer un - ſrer Entſchluͤße und Thaten beſtimmt: denn alles dies, wer - den wir ſehen, iſt zuletzt an dies einfache Geſetz der Tages - und Jahrszeiten gebunden. Lebte der Menſch laͤnger, waͤre die Kraft, der Zweck, der Genuß ſeines Lebens weniger wech - ſelnd und zerſtreut, eilte nicht die Natur ſo periodiſch mit ihm, wie ſie mit allen Erſcheinungen der Jahrszeiten um ihn eilet: ſo faͤnde freilich zwar weder die große Extenſion des Menſchenreichs auf der Erde, und noch weniger das Ge - wirre von Scenen ſtatt, das uns jetzt die Geſchicht darbent:
auf29auf einem ſchmaleren Kreiſe der Bewohnung aber wirkte wahrſcheinlich unſre Lebenskraft inniger, ſtaͤrker, veſter. Jetzt iſt der Jnhalt des Predigerbuchs das Symbol unſerer Erde: Alles hat ſeine Zeit: Winter und Sommer, Herbſt und Fruͤhling, Jugend und Alter, Wirken und Ruhe. Un - ter unſrer ſchraͤge gehenden Sonne iſt alles Thun der Men - ſchen Jahresperiode.
Reine Luft zu athmen ſind wir nicht faͤhig, da wir eine ſo zuſammengeſetzte Organiſation ſind, ein Jnbegrif faſt aller Organiſationen der Erde, deren erſte Beſtandtheile vielleicht alle aus der Luft niedergeſchlagen wurden und durch Ueber - gaͤnge aus dem Unſichtbaren ins Sichtbare traten. Wahr - ſcheinlich war, als unſre Erde ward, die Luft das Zeughaus der Kraͤfte und Stoffe ihrer Bildung und iſt ſie es nicht noch? Wie manche einſt unbekannte Dinge ſind in denD 3neuern30neuern Jahren entdeckt worden, die alle im Medium der Luft wirken. Die elektriſche Materie und der magnetiſche Strom, das Brennbare und die Luftſaͤure, erkaͤltende Salze und vielleicht Lichttheile, die die Sonne nur anregt: lauter maͤchtige Principien der Naturwirkungen auf der Er - de; und wie manche andre werden noch entdeckt werden! Die Luft beſchwaͤngert und loͤſet auf: ſie ſauget ein, macht Gaͤhrungen und ſchlaͤgt nieder. Sie ſcheint alſo die Mut - ter der Erdgeſchoͤpfe, ſo wie der Erde ſelbſt zu ſeyn; das all - gemeine Vehikel der Dinge, die ſie in ihren Schoos zie - het und aus ihrem Schoos forttreibt.
Es bedarf keiner Demonſtration, daß auch in die fein - ſten und geiſtigſten Beſtimmungen aller Erdgeſchoͤpfe die At - moſphaͤre mit einflieſſe und wirke; mit und unter der Sonne iſt ſie gleichſam die Mitregentin der Erde, wie ſie einſt ihre Bildnerin geweſen. Welch ein allgemeiner Unterſchied wuͤr - de ſich ereignen, wenn unſre Luft eine andre Elaſticitaͤt und Schwere, andre Reinigkeit und Dichtigkeit gehabt, wenn ſie ein andres Waſſer, eine andre Erde niedergeſchlagen haͤtte, und in andern Einfluͤſſen auf die Organiſation der Koͤrper wirkte! Gewiß iſt dieſes der Fall auf andern Planeten, die ſich in andern Luftregionen gebildet haben; daher auch jeder Schluß von Subſtanzen und Erſcheinungen unſrer Erde aufdie31die Eigenſchaften jener ſo mißlich iſt. Auf dieſer war Pro - metheus Schoͤpfer: er formte aus niedergeſchlagnem weichen Thon und holte aus der Hoͤhe ſo viel lichte Funken und gei - ſtige Kraͤfte, als er in dieſer Sonnen-Entfernung und in ei - ner ſpecifiſch ſo und nicht anders ſchweren Maſſe habhaft werden konnte.
Auch die Verſchiedenheit der Menſchen, ſo wie aller Produkte der Erdkugel muß ſich alſo nach der ſpecifiſchen Verſchiedenheit des Mediums richten, in dem wir wie im Organ der Gottheit leben. Hier kommt es nicht blos auf Eintheilung der Zonen nach Hitze und Kaͤlte, nicht blos auf Leichtigkeit und Schwere des druͤckenden Luftkoͤrpers; ſon - dern unendlich mehr auf die mancherlei wirkſamen, geiſtigen Kraͤfte an, die in ihr treiben, ja deren Jnbegrif eben vielleicht alle ihre Eigenſchaften und Phaͤnomene ausmacht. Wie der elektriſche und magnetiſche Strom unſre Erde umfließt? welche Duͤnſte und Daͤmpfe hier oder dort aufſteigen? wo - hin ſie treiben? worinn ſie ſich verwandeln? was ſie fuͤr Or - ganiſationen gebaͤhren? wie lange ſie dieſe erhalten? wie ſie ſie aufloͤſen? das alles giebt ſichtbare Schluͤſſe auf die Be - ſchaffenheit und Geſchichte jeglicher Menſchenart: denn der Menſch iſt ja, wie alles andre, ein Zoͤgling der Luft und im ganzen Kreiſe ſeines Daſeyns aller Erdorganiſationen Bruder. Mich
32Mich duͤnkt, wir gehen einer neuen Welt von Kenntniſ - ſen entgegen, wenn ſich die Beobachtungen, die Boile, Boͤr - have, Hales, Graveſand, Franklin, Prieſtlei, Black, Crawfort, Wilſon, Achard u. a. uͤber Hitze und Kaͤlte, Elektricitaͤt und Luftarten, ſamt andern chemiſchen Weſen und ihren Einfluͤſſen ins Erd - und Pflanzenreich, in Thiere und Menſchen gemacht haben, zu Einem Naturſyſtem ſamm - len werden. Wuͤrden mit der Zeit dieſe Beobachtungen ſo vielfach und allgemein als die zunehmende Erkaͤnntniß meh - rerer Erdſtriche und Erdprodukte zulaͤßt, bis das wachſende Studium der Natur gleichſam eine allverbreitete freie Aka - demie ſtiftete, die ſich mit vertheilter Aufmerkſamkeit, aber in Einem Geiſt des Wahren, Sichern, Nuͤtzlichen und Schoͤ - nen die Einfluͤſſe dieſer Weſen hie und da, auf Dies und Jenes bemerkte: ſo werden wir endlich eine geographiſche Aerologie erhalten und dies große Treibhaus der Natur in tauſend Veraͤnderung nach einerley Grundgeſetzen wirken ſehen. Die Bildung der Menſchen an Koͤrper und Geiſt wird ſich mit daraus erklaͤren; zu deren Gemaͤlde uns jetzt nur einzelne jedoch zum Theil ſehr deutliche Schattenzuͤge gegeben ſind.
Aber die Erde iſt nicht allein da im Univerſum; auch auf ihre Atmoſpaͤre, auf dies große Behaͤltniß wirkenderKraͤfte33Kraͤfte wirken andre Himmelsweſen. Die Sonne, der ewi - ge Feuerball, regt ſie mit ſeinen Stralen: der Mond, dieſer druͤckende ſchwere Koͤrper, der vielleicht gar in ihrer Atmo - ſphaͤre hangt, druͤckt ſie jetzt mit ſeinem kalten und finſtern, jetzt mit ſeinem von der Sonne erwaͤrmten Antlitz. Bald iſt er vor, bald hinter ihr; jetzt iſt ſie der Sonne naͤher, jetzt ferner. Andre Himmelskoͤrper nahen ſich ihr, draͤngen auf ihre Bahn und modificiren ihre Kraͤfte. Das ganze Him - melsſyſtem iſt ein Streben gleich-oder ungleichartiger aber mit großer Staͤrke getriebner Kugeln gegen einander; und nur die Eine große Jdee der Allmacht iſts, die dies Getriebe gegen einander wog und ihnen in ihrem Kampf beiſtehet. Der menſchliche Verſtand hat auch hier im weiteſten Laby - rinth ſtrebender Kraͤfte einen Faden gefunden und beinah Wunderdinge geleiſtet, zu denen ihm der ſo unregel - maͤßige, von zwey entgegengeſetzten Druckwerken getriebne und gluͤcklicher Weiſe uns ſo nahe Mond die groͤßeſte Foͤr - derung gab. Werden einſt alle dieſe Bemerkungen und ih - re Reſultate auf die Veraͤnderungen unſrer Luftkugel ange - wandt werden, wie ſie bei der Ebbe und Fluth ſchon ange - wandt ſind: wird ein vieljaͤhriger Fleiß an verſchiednen Or - ten der Erde, mit der Huͤlfe zarter Werkzeuge, die zum Theil ſchon erfunden ſind, fortfahren, die Revolutionen dieſes himmliſchen Meers nach Zeiten und Lagen zu ordnen und zuEeinem34einem Ganzen zu bilden: ſo wird, duͤnkt mich, die Aſtrolo - gie aufs neue in der ruhmwuͤrdigſten nuͤtzlichſten Geſtalt un - ter unſern Wiſſenſchaften erſcheinen und was Toaldo anfing, wozu de Luc, Lambert, Tobias Mayer, Boͤckmann u.a. Grundſaͤtze oder Beihuͤlfe gaben, das wird vielleicht (und gewiß mit großem Blick auf Geographie und Geſchichte der Menſchheit) ein Gatterer vollenden.
Gnug, wir werden und wachſen, wir wallen und ſtre - ben unter oder in einem Meer zum Theil bemerkter, zum Theil geahneter Himmelskraͤfte. Wenn Luft und Witterung ſo vieles uͤber uns und die ganze Erde vermoͤgen: ſo wars auch vielleicht im Groͤßern hier Ein elektriſcher Funke, der in dieſem menſchlichen Geſchoͤpf reiner traf, dort eine Por - tion entzuͤndbaren Zunders, die ſich in Jenem gewaltiger ballte; hier eine Maſſe mehrerer Kaͤlte und Heiterkeit, dort ein ſanftes, milderndes fluͤßiges Weſen, was uns die groͤße - ſten Perioden und Revolutionen der Menſchheit beſtimmt und geaͤndert hat. Nur der allgegenwaͤrtige Blick, unter dem nach ewigen Geſetzen ſich auch dieſer Teig bildet; nur Er iſts, der in dieſer phyſiſchen Kraͤfte-Welt jedem Punkt des Elements, jedem ſpringenden Funken und Aetherſtral ſeine Stelle, ſeine Zeit, ſeinen Wirkungskreis zeichnet, um ihn mit andern entgegengeſetzten Kraͤften zu miſchen und zu mildern.
Der ſimple Anblick einer Weltcharte beſtaͤtigt dieſes. Ket - ten von Gebuͤrgen ſinds, die das veſte Land nicht nur durch - ſchneiden, ſondern die auch offenbar als das Gerippe daſtehn, an und zu dem ſich das Land gebildet hat. Jn Amerika laͤuft das Gebuͤrge laͤngſt dem weſtlichen Ufer durch den Jſthmus hinauf. Es geht queer hin, wie ſich das Land zie - het: wo es mehr in die Mitte tritt, wird auch das Land brei - ter, bis es ſich uͤber Neumexico in unbekannten Gegenden verlieret. Wahrſcheinlich geht es auch hier nicht nur hoͤher hinauf bis zu den Eliasbergen fort; ſondern haͤngt auch in der Breite mit mehreren, inſonderheit den blauen Bergen zu - ſammen, ſo wie in Suͤdamerika, wo das Land breiter wird, auch Berge ſich noͤrd - und oͤſtlich hinziehn. Amerika iſt al - ſo, ſelbſt ſeiner Figur nach, ein Erdſtrich an ſeine Berge ge - haͤngt und gleichſam an ihren Fuß ebner oder ſchroffer hin - angebildet.
E 2Die36Die drei andern Welttheile geben einen zuſammenge - ſetztern Anblick, weil ihr großer Umfang im Grunde nur Ein Welttheil iſt; indeſſen iſts auch bei ihnen ohne Muͤhe kennbar, daß der Erd-Ruͤcken Aſiens der Stamm der Gebuͤrge ſei, die ſich uͤber dieſen Welttheil und uͤber Europa[,]vielleicht auch uͤber Afrika, wenigſtens uͤber ſeinen obern Theil verbrei - ten. Der Atlas iſt eine Fortſtreckung der Aſiatiſchen Ge - buͤrge, die in der Mitte des Landes nur eine groͤßere Hoͤhe gewinnen, und ſich durch die Bergreihen am Nil wahrſchein - lich mit den Mondsgebuͤrgen binden. Ob dieſe Mondsge - buͤrge der Hoͤhe und Breite nach ein wirklicher Erd-Ruͤcken ſeyn? muß die Zukunft lehren. Die Groͤße des Landes und einige zerſtuͤckte Nachrichten ſollten es zu vermuthen geben; indeſſen ſcheint eben auch die proportionirte Wenigkeit und Kleinheit der Fluͤſſe dieſes Erdſtrichs die uns bekannt ſind, noch nicht eben dafuͤr zu entſcheiden, daß ſeine Hoͤhe ein wah - rer Erdguͤrtel ſei, wie der Aſiatiſche Ural oder die Amerika - niſchen Cordilleras. Gnug, auch in dieſen Welttheilen iſt offenbar das Land den Gebuͤrgen angebildet. Alle ſeine Strecken laufen parallel den Aeſten der Berge; wo dieſe ſich breiten und veraͤſtigen, breiten ſich auch die Laͤnder. Dies gilt bis auf Vorgebuͤrge, Jnſeln und Halbinſeln: Das Land ſtreckt ſeine Arme und Glieder, wie ſich das Geripp der Gebuͤrge ſtreckt; es iſt alſo nur eine mannichfaltige in man -cherlei37cherlei Schichten und Erdlagen an ſie angebildete Maſſe, die endlich bewohnbar worden.
Auf die Fortleitung der erſten Gebuͤrge kams alſo an, wie die Erde als veſtes Land da ſtehen ſollte; ſie ſcheinen gleichſam der alte Kern und die Strebepfeiler der Erde zu ſeyn, auf welche Waſſer und Luft nur ihre Laſt ablegten, bis endlich eine Pflanzſtaͤte der Organiſation herabgedachet und geebnet ward. Aus dem Umſchwung einer Kugel ſind dieſe aͤlteſten Gebuͤrgketten nicht zu erklaͤren: ſie ſind nicht in der Gegend des Aequators, wo der Kugelſchwung am groͤßeſten war; ſie laufen demſelben auch nicht einmal parallel, viel - mehr geht die Amerikaniſche Bergreihe gerade durch den Ae - quator. Wir duͤrfen alſo von dieſen mathematiſchen Bezir - kungen hier kein Licht fodern: da uͤberhaupt auch die hoͤch - ſten Berge und Bergreihen gegen die Maſſe der Kugel in ihrer Bewegung ein unbedeutendes Nichts ſind. Jch halte es alſo auch nicht fuͤr gut, in Namen der Gebuͤrgketten Aehn - lichkeit mit dem Aequator und den Meridianen zu ſubſtitui - ren, da zwiſchen beiden kein wahrer Zuſammenhang ſtatt fin - det und die Begriffe damit eher irre gefuͤhrt wuͤrden. Auf ihre urſpruͤngliche Geſtalt, Erzeugung und Fortſtreckung, auf ihre Hoͤhe und Breite, kurz auf ein phyſiſches Naturge - ſetz kommt es an, das uns ihre Bildung und mit derſelbenE 3auch38auch die Bildung des veſten Landes erklaͤre. Ob ſich nun ein ſolches phyſiſches Naturgeſetz finden lieſſe? Ob ſie als Stralen aus Einem Punkt? oder als Aeſte aus Einem Stamm? oder als winklichte Hufeiſen daſtehn? und was ſie, da ſie als nackte Gebuͤrge, als ein Gerippe der Erde hervor - ragten, fuͤr eine Bildungsregel hatten? Dies iſt die wichti - ge bisher noch unaufgeloͤſete Frage, der ich eine gnugthuende Aufloͤſung wuͤnſchte. Wohlverſtanden nehmlich, daß ich hier nicht von herangeſchwemmten Bergen, ſondern vom erſten Grund - und Urgebuͤrge der Erde rede.
Gnug: wie ſich die Gebuͤrge zogen, ſtreckten ſich auch die Laͤnder. Aſien ward zuerſt bewohnbar, weil es die hoͤch - ſten und breiteſten Bergketten und auf ſeinem Ruͤcken eine Ebne beſaß, die nie das Meer erreicht hat. Hier war alſo nach aller Wahrſcheinlichkeit irgend in einem gluͤckſe - ligen Thal am Fuß und im Buſen der Gebuͤrge der erſte erleſene Wohnſitz der Menſchen. Von da breiteten ſie ſich ſuͤdlich in die ſchoͤnen und fruchtbaren Ebnen laͤngſt den Stroͤmen hinab; nordwaͤrts bildeten ſich haͤrtere Staͤmme, die zwiſchen Fluͤſſen und Bergen umherzogen und ſich mit der Zeit weſtwaͤrts bis nach Europa draͤngten. Ein Zug folgte dem andern: ein Volk draͤngte das andre; bis ſie abermals an ein Meer, die Oſtſee, kamen, zum Theil heruͤ -
ber39ber gingen, zum Theil ſich brachen und das ſuͤdliche Europa beſetzten. Dies hatte von Aſien aus ſuͤdwaͤrts ſchon andre Zuͤge von Voͤlkern und Colonien erhalten; und ſo wurde durch verſchiedne, zuweilen ſich entgegengeſetzte Menſchen - ſtroͤme dieſer Winkel der Erde ſo dicht bevoͤlkert als er bevoͤl - kert iſt. Mehr als Ein gedraͤngtes Volk zog ſich zuletzt in die Gebuͤrge und ließ ſeinen Ueberwindern die Plaͤnen und offene Felder: daher wir beinah auf der ganzen Erde die aͤl - teſten Reſte von Nationen und Sprachen entweder in Ber - gen oder in den Ecken und Winkeln des Landes antreffen. Es gibt faſt keine Jnſel, keinen Erdſtrich, wo nicht ein frem - des ſpaͤteres Volk die Ebnen bewohnt und rauhe aͤltere Na - tionen ſich in die Berge verſteckt haben. Von dieſen Ber - gen, auf denen ſie ihre haͤrtere Lebensart fortſetzten, ſind ſo - denn oft in ſpaͤtern Zeiten Revolutionen bewirkt worden, die die Ebnen mehr oder minder umkehrten. Jndien, Perſien, Sina, ſelbſt die weſtlichen aſiatiſchen Laͤnder, ja das durch Kuͤnſte und Erdabtheilungen wohl verwahrte Europa wur - den mehr als einmal von den Voͤlkern der Gebuͤrge in um - waͤlzenden Heeren heimgeſucht; und was auf dem großen Schauplatz der Nationen geſchah, erfolgte in kleinern Bezir - ken nicht minder. Die Maratten in Suͤdaſien: auf mehr als Einer Jnſel ein wildes Gebuͤrgvolk: in Europa hie und da Reſte von alten tapfern Bergbewohnern ſtreiften umher,und40und wenn ſie nicht Ueberwinder werden konnten, wurden ſie Raͤuber. Kurz, die großen Bergſtrecken der Erde ſcheinen ſo wie der erſte Wohnſitz, ſo auch die Werkſtaͤte der Revolu - tionen und der Erhaltung des menſchlichen Geſchlechts zu ſeyn. Wie ſie der Erde Waſſer verleihen, verliehen ſie ihr auch Voͤlker: wie ſich auf ihnen Quellen erzeugen, ſpringt auch auf ihnen der Geiſt des Muths und der Freiheit, wenn die mildere Ebene unterm Joch der Geſetze, der Kuͤnſte und Laſter erliegt. Noch jetzt iſt die Hoͤhe Aſiens der Tummel - platz von großentheils wilden Voͤlkern; und wer weiß, zu welchen Ueberſchwemmungen und Erfriſchungen kuͤnftiger Jahrhunderte ſie da ſind?
Von Afrika wiſſen wir zu wenig, um uͤber das Trei - ben und Draͤngen der Voͤlker daſelbſt zu urtheilen. Die obern Gegenden ſind, auch dem Menſchenſtamm nach, gewiß aus Aſien beſetzt; und Aegypten hat ſeine Cultur wahrſchein - lich nicht vom hoͤhern Erd-Ruͤcken ſeines veſten Landes, ſon - dern von Aſien aus erhalten. Wohl aber iſts von Aethio - piern uͤberſchwemmt worden und auf mehr als Einer Kuͤſte, (weiter kennen wir ja das Land nicht) hoͤrt man von herab - draͤngenden wilden Voͤlkern der Hoͤhe des Erdtheils. Die Gagas ſind als die eigentlichſten Menſchenfreſſer beruͤhmt: die Kaffern und die Voͤlker uͤber Monomotapa ſollen ihnenan41an Wildheit nicht nachgeben. Kurz, an den Mondsbergen, die die weiten Strecken des innern Landes einnehmen, ſcheint auch hier, wie allenthalben die urſpruͤngliche Rauhheit die - ſes Erdgeſchlechts zu wohnen.
Wie alt oder jung die Bewohnung Amerika's ſeyn moͤge: ſo hat ſich gerade am Fuß der hoͤchſten Cordilleras der gebildetſte Staat dieſes Welttheils gefunden, Peru: aber nur am Fuß des Berges, in gemaͤßigten ſchoͤnen Thal Qui - to. Laͤngſt der Bergſtrecke von Chili, bis zu den Patago - nen ſtrecken ſich die wilden Voͤlker hinab. Die andern Bergketten und uͤberhaupt das ganze Land im Jnnern iſt uns zu wenig bekannt; indeß bekannt gnug, um uͤberall den Satz beſtaͤtigt zu finden, daß auf und zwiſchen den Bergen alte Sitte, originale Wildheit und Freiheit wohne. Die mei - ſten dieſer Voͤlker ſind von den Spaniern noch nicht bezwun - gen und ſie mußten ihnen ſelbſt den Namen los bravos ge - ben. Die kalten Gegenden von Nordamerika, ſo wie die von Aſien, ſind dem Clima und der Lebensart ihrer Voͤlker nach, fuͤr eine weite große Berghoͤhe zu halten.
So hat alſo die Natur mit den Bergreihen, die ſie zog, wie mit den Stroͤmen, die ſie herunter rinnen ließ, gleichſam den rohen aber veſten Grundriß aller Menſchengeſchichte undFihrer42ihrer Revolutionen entworfen. Wie Voͤlker hie und da durchbrachen und weiteres Land entdeckten; wie ſie laͤngſt den Stroͤmen fortzogen und an fruchtbaren Oertern Huͤtten, Doͤrfer und Staͤdte bauten; wie ſie ſich zwiſchen Bergen und Wuͤſten, etwa einen Strom in der Mitte, gleichſam ver - ſchanzten und dieſen von der Natur und ihrer Gewohnheit abgezirkten Erdſtrich nun das Jhre nannten: wie hieraus nach der Beſchaffenheit der Gegend verſchiedne Lebensarten, zuletzt Reiche entſtanden, bis das menſchliche Geſchlecht end - lich Ufer fand und an dem meiſtens unfruchtbarern Ufer auf der See gehen und aus ihr Nahrung gewinnen lernte — Das Alles gehoͤrt ſo ſehr zur natuͤrlich-fortſchreitenden Ge - ſchichte des Menſchengeſchlechts, als zur Naturgeſchichte der Erde. Eine andre Hoͤhe wars, die Jagdnationen erzog, die alſo Wildheit unterhielt und noͤthig machte: eine andre, mehr aus - gebreitet und milde, die Hirtenvoͤlkern ein Feld gab und ihnen friedliche Thiere zugeſellte: eine andre, die den Ackerbau leicht und nothwendig machte; noch eine andre, die aufs Schwimmen und den Fiſchfang ſtieß, endlich und zuletzt gar zum Handel fuͤhrte — lauter Perioden und Zuſtaͤnde der Menſchheit, die der Bau unſrer Erde in ſeiner natuͤrlichen Verſchiedenheit und Abwechſelung nothwendig machte. Jn manchen Erdſtrichen haben ſich daher die Sitten und Lebens - arten Jahrtauſende erhalten; in andern ſind ſie, meiſtensdurch43durch aͤuſſere Urſachen, veraͤndert worden, aber immer nach Proportion des Landes, von dem die Veraͤnderung kam, ſo wie deſſen, in dem ſie geſchah und auf das ſie wirkte. Mee - re, Bergketten und Stroͤme ſind die natuͤrlichſten Abſchei - dungen ſo der Laͤnder, ſo auch der Voͤlker, Lebensarten, Sprachen und Reiche; ja auch in den groͤßeſten Revolutio - nen menſchlicher Dinge ſind ſie die Directionslinien oder die Grenzen der Weltgeſchichte geweſen. Liefen die Berge, floͤßen die Stroͤme, uferte das Meer anders; wie unendlich anders haͤtte man ſich auf dieſem Tummelplatz von Natio - nen umhergeworfen!
Jch will nur einige Worte uͤber die Ufer des Meers ſagen: ſein Schauplatz iſt ſo weit, als mannichfaltig und groß die Ausſicht des veſten Landes. Was iſts, das Aſien ſo zuſammenhaͤngend an Sitten und Vorurtheilen, ja recht eigentlich zum erſten Erziehungshauſe und Bildungsplatz der Voͤlker gemacht hat? Zuerſt und vorzuͤglich, daß es ſolch eine große Strecke veſten Landes iſt, in welchem Voͤlker ſich nicht nur leicht fortbreiten, ſondern auch lange und immer zu - ſammenhangen mußten, ſie mochten wollen oder nicht. Das große Gebuͤrge trennt Nord - und Suͤdaſien; ſonſt aber tren - net dieſe weiten Strecken kein Meer: der einzige Caſpiſche See iſt als ein Reſt des alten Weltmeers am Fuß des CaucaſusF 2ſtehen44ſtehen geblieben. Hier fand alſo die Tradition ſo leicht ihren Weg und konnte durch neue Traditionen aus derſelben oder einer andern Gegend verſtaͤrkt werden. Hier wurzelte alſo alles ſo tief, Religion, Vateranſehen, Deſpotiſmus! Je naͤher nach Aſien, deſtomehr ſind dieſe Dinge als alte ewige Sitte zu Hauſe und ohngeachtet aller Verſchiedenheiten ein - zelner Staaten ſind ſie uͤber das ganze Suͤdaſien gebreitet. Das noͤrdliche, das durch hohe Bergmauern von jenem ge - ſchieden iſt, hat ſich in ſeinen vielen Nationen anders, aber Trotz aller Verſchiedenheit der Voͤlker unter ſich, auf einen eben ſo einfoͤrmigen Fuß gebildet. Der ungeheuerſte Strich der Erde, die Tartarei, wimmelt von Nationen verſchiedner Abkunft, die doch beinah alle auf Einer Stufe der Cultur ſtehen: denn kein Meer trennt ſie: ſie tummeln ſich alle um - her auf einer großen Nordwaͤrts - hinabgeſenkten Tafel.
Dagegen, was macht das kleine rothe Meer fuͤr Unter - ſcheidung! Die Abeſſinier ſind ein Arabiſcher Voͤlkerſtamm, die Aegypter ein Aſiatiſches Volk: und welch eine andre Welt von Sitten und Lebensweiſe errichtete ſich unter ihnen! An den unterſten Ecken von Aſien zeigt ſich ein gleiches. Der kleine perſiſche Meerbuſen, wie ſehr trennt er Arabien und Perſien! Der kleine malayiſche Sinus, wie ſehr un - terſcheidet er die Malayen und Kambojer von einander! Bei45Bei Afrika iſts offenbar, daß die Sitten ſeiner Einwohner weniger verſchieden ſind, weil dieſe durch keine Meere und Meerbuſen, ſondern vielleicht nur durch die Wuͤſten von einander getrennt werden. Auch fremde Nationen haben daher weni - ger auf daſſelbe wirken koͤnnen und uns, die wir alles durch - krochen haben, iſt dieſer ungeheure Erdtheil ſo gut als unbe - kannt; blos und allein, weil er keine tiefe Einſchnitte des Meers hat und ſich wie ein unzugangbares Goldland mit Einer ſtumpfen Strecke ausbreitet. Amerika iſt vielleicht auch deswegen voll ſo viel kleiner Nationen, weil es nord - und ſuͤdlich mit Fluͤſſen, Seen und Bergen durchſchnitten und zerhackt iſt. Seiner Lage nach iſts von außen das zu - gangbarſte Land, da es aus zwei Halbinſeln beſtehet, die nur durch einen engen Jſthmus zuſammenhangen, an dem die tiefe Einbucht noch einen Archipelagus von Jnſeln bildet. Es iſt alſo gleichſam ganz Ufer; und daher auch der Beſitz faſt aller Europaͤiſchen Seemaͤchte, ſo wie im Kriege immer der Apfel des Spiels. Guͤnſtig iſt dieſe Lage fuͤr uns Euro - paͤiſche Raͤuber; unguͤnſtig war ſeine innere Durchſchnitten - heit fuͤr die Bildung der alten Einwohner. Sie lebten von einander durch Seen und Stroͤme, durch ploͤtzlich abbrechende Hoͤhen und Tiefen zu ſehr geſondert, als daß die Cultur Eines Erdſtrichs oder das alte Wort der Tradition ihrer Vaͤter ſich, wie in dem breiten Aſien, haͤtte beveſtigen und ausbreiten moͤgen.
F 3War -46Warum zeichnet ſich Europa durch ſeine Verſchiedenheit von Nationen, durch ſeine Vielgewandtheit von Sitten und Kuͤnſten, am meiſten aber durch die Wirkſamkeit aus, die es auf alle Theile der Welt gehabt hat? Jch weiß wohl, daß es einen Zuſammenfluß von Urſachen giebt, den wir hier nicht auseinander leiten koͤnnen; phyſiſch aber iſts unlaͤug - bar, daß ſein durchſchnittenes, vielgeſtaltiges Land mit dazu eine veranlaſſende und foͤrdernde Urſache geweſen. Als auf verſchiednen Wegen und zu verſchiednen Zeiten ſich die Voͤl - ker Aſiens hieher zogen: welche Buchten und Buſen, wie viele und verſchieden laufende Stroͤme, welche Abwechſelung kleiner Bergreihen fanden ſie hier! Sie konnten zuſammen ſeyn und ſich trennen, auf einander wirken und wieder in Friede leben; der vielgegliederte kleine Welttheil ward alſo der Markt und das Gedraͤnge aller Erdvoͤlker im Kleinen. Das einzige mittellaͤndiſche Meer, wie ſehr iſt es die Be - ſtimmerin des ganzen Europa worden! ſo daß man beinah ſagen kann, daß dies Meer allein den Ueber - und Fortgang aller alten und mittlern Cultur gemacht habe. Die Oſtſee ſtehet ihm weit nach, weil ſie noͤrdlicher, zwiſchen haͤrtern Nationen und unfruchtbarern Laͤndern, gleichſam auf einer Neben - ſtraße des Weltmarkts, liegt; indeſſen iſt auch ſie dem gan - zen Nord-Europa das Auge. Ohne ſie waͤren die meiſten ihr angrenzenden Laͤnder barbariſch, kalt und unbewohnbar. Ein47Ein gleiches iſts mit dem Einſchnitt zwiſchen Spanien und Frankreich, mit dem Kanal zwiſchen dieſem und England, mit der Geſtalt Englands, Jtaliens, des alten Griechenlan - des. Man aͤndere die Grenzen dieſer Laͤnder, nehme hier ei - ne Meerenge weg, ſchließe dort eine Straße zu; und die Bildung und Verwuͤſtung der Welt, das Schickſal ganzer Voͤlker und Welttheile geht Jahrhunderte durch auf einem andern Wege.
Zweitens. Fragt man alſo: warum es auſſer unſern vier Welttheilen keinen fuͤnften Welttheil in jenem unge - heuren Meer giebt, in dem man ihn ſo lange fuͤr gewiß gehalten: ſo iſt die Antwort anjetzt durch That - ſachen ziemlich entſchieden: weil es in dieſer Meerestiefe kein ſo hohes Urgebuͤrge gab, an dem ſich ein großes veſtes Land bilden konnte. Die aſiatiſchen Gebuͤrge ſchneiden ſich in Ceylon mit dem Adams-Berge, auf Sumatra und Bor - neo mit den Bergſtrecken aus Malakka und Siam ab; ſo wie die Afrikaniſchen am Vorgebuͤrge der guten Hoffnung und die Amerikaniſchen am Feuerlande. Nun geht der Gra - nit, die Grundſaͤule des veſten Landes, in die Tiefe nieder und kommt, hohen Strecken nach, nirgend mehr uͤberm Meer zum Vorſchein. Das große Neuholland hat keine Gebuͤrg - kette der erſten Gattung; die Philippinen, Molukken unddie48die andern hin und wieder zerſtreueten Jnſeln ſind alle nur vulkaniſcher Art und viele derſelben haben noch bis jetzt Vul - kane. Hier konnten alſo zwar der Schwefel und die Kiefe ihr Werk verrichten und den Gewuͤrzgarten der Welt hinauf - bauen helfen, den ſie mit ihrer unterirdiſchen Glut als ein Treibhaus der Natur wahrſcheinlich mit unterhalten. Auch die Korallenthiere thun was ſie koͤnnen*)S. Forſters Bemerkungen S. 126 u. f. und bringen in Jahrtauſenden vielleicht, die Jnſelchen hervor, die als Punkte im Weltmeer liegen; weiter aber erſtreckten ſich die Kraͤfte dieſer ſuͤdlichen Weltgegend nicht. Die Natur hatte dieſe ungeheuren Strecken zur großen Waſſerkluft beſtimmt: denn auch ſie war dem bewohnten Lande unentbehrlich. Entdecket ſich einſt das phyſiſche Bildungsgeſetz der Urgebuͤrge unſrer Erde, mithin auch der Geſtalt des veſten Landes: ſo wird ſich in ihm auch die Urſache zeigen, warum der Suͤdpol kei - ne ſolche Gebuͤrge, folglich auch keinen fuͤnften Welttheil ha - ben konnte. Wenn er da waͤre; muͤßte er nicht auch nach der jetzigen Beſchaffenheit der Erd-Atmoſphaͤre unbewohnt liegen und wie die Eisſchollen und das Sandwichsland den Seehunden und Pinguins zum Erbeigenthum dienen?
Drittens. Da wir hier die Erde als einen Schau - platz der Menſchengeſchichte betrachten: ſo ergiebt ſich ausdem49dem was geſagt iſt, augenſcheinlich, wie beſſer es war, daß der Schoͤpfer die Bildung der Berge nicht von der Ku - gelbewegung abhaͤngen ließ, ſondern ein andres von uns noch unentdecktes Geſetz fuͤr ſie feſt ſtellte. Waͤre der Aequator und die groͤßeſte Bewegung der Erde unter ihm, an der Entſtehung der Berge Urſach: ſo haͤtte ſich das veſte Land auch in ſeiner groͤßten Breite unter ihm fortſtrecken und den heiſſen Weltguͤrtel einnehmen muͤſſen, den jetzt groͤß - tentheils das Meer kuͤhlet. Hier waͤre alſo der Mittelpunkt des menſchlichen Geſchlechts geweſen, gerade in der traͤgſten Gegend fuͤr koͤrperliche und Seelenkraͤfte; wenn anders die jetzige Beſchaffenheit der geſamten Erdnatur noch ſtatt fin - den ſollte. Unter dem Brande der Sonne, den heftigſten Exploſionen der elektriſchen Materie, der Winde und allen contraſtirenden Abwechſelungen der Witterung haͤtte unſer Geſchlecht ſeine Geburt - und erſte Bildungsſtaͤtte nehmen und ſich ſodenn in die kalte Suͤdzone, die dicht an den heiſ - ſen Erdſtrich graͤnzt, ſo wie in die noͤrdlichen Gegenden, ver - breiten muͤſſen; der Vater der Welt waͤhlte unſerm Urſprun - ge eine beſſere Bildungsſtaͤtte. Jn den gemaͤßigten Erd - ſtrich ruͤckte er den Hauptſtamm der Gebuͤrge der alten Welt; an deſſen Fuß die wohlgebildetſten Menſchenvoͤlker wohnen. Hier gab er ihm eine mildere Gegend, mithin eine ſanftere Natur, eine vielſeitigere Erziehungsſchule und ließ ſie vonGda,50da, veſtgebildet und wohl geſtaͤrkt, nach und nach in die heiſ - ſern und kaͤltern Regionen wandern. Dort konnten die er - ſten Geſchlechter zuerſt ruhig wohnen, mit den Gebuͤrgen und Stroͤmen ſich ſodann allmaͤhlich herabziehn und haͤrterer Ge - genden gewohnt werden. Jeder bearbeitete ſeinen kleinen Umkreis und nutzte ihn als ob er das Univerſum waͤre. Gluͤck und Ungluͤck breiteten ſich nicht ſo unaufhaltſam wei - ter, als wenn Eine wahrſcheinlich hoͤhere Bergkette unter dem Aequator die ganze Nord - und Suͤdwelt haͤtte beherrſchen ſollen. So hat der Schoͤpfer der Welt es immer beſſer ge - ordnet, als wir ihm vorſchreiben moͤgen; auch die unregel - maͤßige Geſtalt unſrer Erde erreichte Zwecke, die eine groͤße - re Regelmaͤßigkeit nicht wuͤrde erreicht haben.
Jch verfolge auch hier noch den Anblick der allgemeinen Weltcharte. Jn Aſien ſtreckt ſich das Gebuͤrge in der groͤſ -ſeſten51feſten Breite des Landes fort und ohngefaͤhr in der Mitte iſt ſein Knote; wer ſollte denken, daß es auf dem untern Hemi - ſphaͤr gerade anderſ, in die groͤßeſte Laͤnge ſich ſtrecken wuͤrde? und doch iſts alſo. Schon dies macht eine gaͤnzliche Ver - ſchiedenheit beider Welttheile. Die hohen Striche Sibe - rienſ, die nicht nur den kalten Nord - und Nordoſtwinden auſgeſetzt, ſondern auch durch die mit ewigem Schnee be - deckten Urgebuͤrge vom erwaͤrmenden Suͤdwinde abgeſchnit - ten ſind, mußten alſo, (zumal da ihr oͤfters ſalziger Boden da - zu kam), auch noch in manchen ſuͤdlichen Strichen ſo erſtar - rend kalt werden, als wir ſie aus Beſchreibungen kennen; bis hie und da andre Reihen dieſer Berge ſie vor den ſchaͤr - fern Winden ſchuͤtzten und mildere Thalgegenden bilden konnten. Unmittelbar unter dieſem Gebuͤrge aber, in der Mitte Aſienſ, welche ſchoͤne Gegenden breiteten ſich nieder! Sie waren durch jene Mauern vor den erſtarrenden Winden des Nords gedeckt und bekamen von ihnen nur kuͤhlende Luͤf - te. Die Natur aͤnderte daher auch ſuͤdlich den Lauf der Ge - buͤrge und ließ ſie auf den beiden Halbinſeln Jndoſtanſ, Ma - lacca, Ceylon u. f. laͤngs hinab laufen. Hiemit gab ſie bei - den Seiten dieſer Laͤnder entgegengeſetzte Jahreſzeiten, regel - maͤßige Abwechſelungen, und machte ſie auch dadurch zu den gluͤcklichſten Erdſtrichen der Welt. Jn Afrika kennen wir die innern Gebuͤrgreihen zu wenig; indeſſen wiſſen wir, daßG 2auch52auch dieſer Welttheil in die Laͤnge und Breite durchſchnitten, wahrſcheinlich alſo in ſeiner Mitte gleichfalls ſehr abgekuͤhlt iſt. Jn Amerika dagegen wie anderſ! Noͤrdlich ſtreichen die kalten Nord - und Nordweſtwinde lange Strecken hinab, ohne daß ein Gebuͤrge ſie breche. Sie kommen aus dem großen Eiſrevier her, das ſich biſher aller Durchfahrt wider - ſetzt hat, und das der eigentliche noch unbekannte Eiſwinkel der Welt zu nennen waͤre. Sodann ſtreichen ſie uͤber große Erdſtriche erfrornen Landes hin und erſt unter den blauen Gebuͤrgen wird das Land milder. Noch immer aber mit ſo ploͤtzlichen Abwechſelungen der Hitze und Kaͤlte, als in kei - nem andern Lande: wahrſcheinlich, weil es dieſer ganzen Nord-Halbinſel an einer zuſammenhaͤngenden veſten Ge - buͤrgmauer fehlet, Winde und Witterung zu lenken und ih - nen ihre beſtimmtere Herrſchaft zu geben - Jm untern Suͤdamerika gegentheils wehen die Winde vom Eiſe des Suͤdpols und finden abermals ſtatt eines Sturmdachſ, das ſie breche, vielmehr eine Bergkette, die ſie von Suͤd gen Nord hinauf leitet. Die Einwohner der mittlern Gegenden, ſo gluͤckliche Erdſtriche es von Natur ſind, muͤſſen alſo oft zwi - ſchen dieſen beiden einander entgegengeſetzten Kraͤften in ei - ner naſſen heiſſen Traͤgheit ſchmachten, wenn nicht kleinere Winde von den Bergen oder dem Meere her ihr Land erfri - ſchen und kuͤhlen.
Sehen53Setzen wir nun die ſteile Hoͤhe des Landes und ſei, nes einfoͤrmigen Bergruͤckens hinzu: ſo wird uns die Ver - ſchiedenheit beider Welttheile noch auffallender und klaͤrer. Die Cordilleras ſind die hoͤchſten Gebuͤrge der Welt; die Alpen der Schweiz ſind beinah nur ihre Haͤlfte. An ihrem Fuß ziehen ſich die Sierra's in langen Reihen hinab, die ge - gen die Meeresflaͤche und die tiefen Thalabgruͤnde ſelbſt noch hohe Gebuͤrge ſind*)S. Ulloaſ Nachrichten von Amerika, Leipz. 1780. mit J. G. Schneiderſ ſchaͤtzbaren Zuſaͤtzen, die den Werth des Werks um die Haͤlfte vermehren.; nur uͤber ſie zu reiſen, giebt Sym - ptome der Uebelkeit und ploͤtzlichen Entkraͤftung an Menſchen und Thieren, die bei den hoͤchſten Gebuͤrgen der alten Welt eine unbekannte Erſcheinung ſind. Erſt an ihrem Fuß faͤngt das eigentliche Land an; und dieſes an den meiſten Orten wie eben, wie ploͤtzlich verlaſſen von den Gebuͤrgen! Am oͤſt - lichen Fuß der Cordilleras breitet ſich die große Ebene der Amazonenſtromſ, die einzige in ihrer Art, fort; wie die Pe - ruaniſchen Bergſtrecken gleichfalls die einzigen ihrer Art blei - ben. Auf tauſend Fuß hat jener Strom, der zuletzt ein Meer wird, noch nicht ⅖ Zoll Fall und man kann eine Erd - ſtrecke von Deutſchlands groͤßeſter Laͤnge durchreiſen, ohneG 3ſich54ſich einen Fuß hoch uͤber die Meeresflaͤche zu erheben*)*) S. Leiſte Beſchreibung des Portugieſiſchen Amerika, vom Cu - dena, Braunſchw. 1780. S. 79 - 80.. Die Berge Maldonado am Plataſtrom ſind gegen die Cordille - ras auch von keinem Belang; und ſo iſt das ganze oͤſtliche Suͤdamerika, als eine große Erdenflaͤche anzuſehen, die Jahr - tauſende lang Ueberſchwemmungen, Moraͤſten und allen Un - bequemlichkeiten des niedrigſten Landes der Erde auſgeſetzt ſeyn muſte und es zum Theil noch iſt. Der Rieſe und der Zwerg ſtehn hier alſo neben einander, die wildeſte Hoͤhe ne - ben der tiefſten Tiefe, deren ein Erdenland faͤhig iſt. Jm ſuͤdlichen Nordamerika iſts nicht anderſ. Luiſiana iſt ſo ſeicht wie der Meeresboden, der zu ihm fuͤhret und dieſe ſeichte Ebne geht weit ins Land hinauf. Die großen Seen, die ungeheuren Waſſerfaͤlle, die ſchneidende Kaͤlte Canada's u. f. zeigen, daß auch der noͤrdliche Erdſtrich hoch ſeyn muͤſ - ſe und daß ſich hier abermalſ, obwohl in einem kleinern Grad, Extreme geſellen. Was dies alles auf Fruͤchte, Thie - re und Menſchen fuͤr Wirkungen habe, wird die Folge zeigen.
Anders ging die Natur auf unſerm obern Hemiſphaͤr zu Werk, auf dem ſie Menſchen und Thieren ihren erſtenWohn -55Wohnſitz bereiten wollte. Lang und breit zog ſie die Ge - buͤrge aus einander und leitete ſie in mehreren Aeſten fort, ſo daß alle drei Welttheile zuſammenhangen konnten und ohn - geachtet der Verſchiedenheit von Erdſtrichen und Laͤndern al - lenthalben ein ſanfterer Uebergang ward. Hier durfte kein Weltſtrich in Aeonenlanger Ueberſchwemmung liegen; noch ſich auf ihm jene Heere von Jnſekten, Amphibien, zaͤhen Land - thieren und andrer Meeresbrut bilden, die Amerika bevoͤlkert haben. Die einzige Wuͤſte Kobi auſgenommen (die Mond - gebuͤrge kennen wir noch nicht) und es heben ſich keine ſo breite Strecken wuͤſter Erdhoͤhen in die Wolken, um in ih - ren Kluͤften Ungeheuer hervor zu bringen und zu naͤhren. Die elektriſche Sonne konnte hier aus einem troknern, ſanf - ter gemiſchten Erdreich feinere Gewuͤrze, mildere Speiſen, ei - ne reifere Organiſation befoͤrdern auch an Menſchen und al - len Thieren.
Es waͤre ſchoͤn, wenn wir eine Bergcharte oder viel - mehr einen Berg-Atlas haͤtten, auf dem dieſe Grundſaͤulen der Erde in den mancherlei Ruͤckſichten aufgenommen und bemerkt waͤren, wie ſie die Geſchichte des Menſchengeſchlechts fodert. Von vielen Gegenden iſt die Ordnung und Hoͤhe der Berge ziemlich genau beſtimmt: die Erhebung des Lan - des uͤber die Meeresflaͤche, die Beſchaffenheit des Bodensauf56auf ſeiner Oberflaͤche, der Fall der Stroͤme, die Richtungen der Winde, die Abweichungen der Magnetnadel, die Grade der Hitze und Waͤrme ſind an andern bemerkt worden und einiges davon iſt auch ſchon auf einzelnen Charten bezeich - net. Wenn mehrere dieſer Bemerkungen, die jetzt in Ab - handlungen und Reiſebeſchreibungen zerſtreut liegen, genau geſammlet und auch auf Charten zuſammengetragen wuͤrden: welche ſchoͤne und unterrichtende phyſiſche Geographie der Erde wuͤrde damit in Einem Ueberblicke auch der Na - tur - und Geſchichtforſcher der Menſchheit haben! der reich - ſte Beitrag zu Vareniuſ, Luloſs und Bergmanns vor - treflichen Werken. Wir ſind aber auch hier nur im Anfan - ge: die Ferber, Pallaſ, Sauſſure, Soulavie u. a. ſammlen, in einzelnen Erdſtrecken zu der reichen Ernde von Aufſchluͤſſen, die wahrſcheinlich einſt die Peruaniſchen Ge - buͤrge, (vielleicht die intereſſantſten Gegenden der Welt fuͤr die groͤßere Naturgeſchichte) zur Einheit und Gewißheit bringen werden.
So ſehr uns in den Eingeweiden der Erde alles noch als Chaos, als Truͤmmer vorkommt, weil wir die erſte Con - ſtruction des Ganzen nicht zu uͤberſehen vermoͤgen: ſo neh - men wir doch, ſelbſt in dem, was uns das Kleinſte und Ro - heſte duͤnkt, ein ſehr beſtimmtes Daſeyn, eine Geſtaltung und Bildung nach ewigen Geſetzen wahr, die keine Will - kuͤhr der Menſchen veraͤndert. Wir bemerken dieſe Geſetze und Formen; ihre innern Kraͤfte aber kennen wir nicht und was man in einigen allgemeinen Worten z. E. Zuſammen - hang, Ausdehnung, Affinitaͤt, Schwere dabei bezeichnet, ſoll uns nur mit aͤuſſern Verhaͤltniſſen bekannt machen, ohne uns dem innern Weſen im mindeſten naͤher zu fuͤhren.
H 2Was60Was indeß jeder Stein - und Erdart verliehen iſt: iſt gewiß ein allgemeines Geſetz aller Geſchoͤpfe unſrer Erde; dieſes iſt Bildung, beſtimmte Geſtalt, eignes Daſeyn. Keinem Weſen kann dies genommen werden: denn alle ſei - ne Eigenſchaften und Wirkungen ſind darauf gegruͤndet. Die unermeßliche Kette reicht vom Schoͤpfer hinab bis zum Keim eines Sandkoͤrnchens, da auch dieſes ſeine beſtimmte Geſtalt hat, in der es ſich oft der ſchoͤnſten Kryſtalliſation naͤhert. Auch die vermiſchteſten Weſen folgen in ihren Theilen demſelben Geſetz; nur weil ſo viel und mancherlei Kraͤfte in ihnen wirken und endlich ein Ganzes zuſammen gebracht werden ſollte, das mit den verſchiedenſten Beſtand - theilen dennoch einer allgemeinen Einheit diene: ſo wurden Uebergaͤnge, Vermiſchungen und mancherlei divergirende Formen. Sobald der Kern unſrer Erde, der Granit, da war, war auch das Licht da, das in den dicken Duͤnſten un - ſres Erdchaos vielleicht noch als Feuer wirkte, es war eine groͤ - bere maͤchtigere Luft als wir jetzt genieſſen, es war ein vermiſch - teres ſchwangeres Waſſer da, auf ihn zu wirken. Die andrin - gende Saͤure loͤſete ihn auf und fuͤhrte ihn zu andern Steinarten uͤber; der ungeheure Sand unſers Erdkoͤrpers iſt vielleicht nur die Aſche dieſes verwitterten Koͤrpers. Das Brenn - bare der Luft befoͤrderte vielleicht den Kieſel zur Kalkerde, und in dieſer organiſirten ſich die erſten Lebendigen des Meers,die61die Schalengeſchoͤpfe: da in der ganzen Natur die Materie fruͤher, als die organiſirte lebendige Form ſcheinet. Noch eine gewaltigere und reinere Wirkung des Feuers und der Kaͤlte ward zur Kryſtalliſation erfordert, die nicht mehr die Muſchelform, in die der Kieſel ſpringt, ſondern ſchon eckigte geometriſche Winkel liebet. Auch dieſe aͤndern ſich nach den Beſtandtheilen eines jeden Geſchoͤpfs, bis ſie ſich in Halbme - tallen und Metallen zuletzt der Pflanzenſproßung naͤhern. Die Chemie, die in den neuen Zeiten ſo eifrig geuͤbt wird, oͤfnet dem Liebhaber hier im unterirdiſchen Reich der Natur eine mannichfaltige zweite Schoͤpfung; und vielleicht enthaͤlt dieſe nicht blos die Materie, ſondern auch die Grund - geſetze und den Schluͤſſel zu alle dem, was uͤber der Erde ge - bildet worden. Jmmer und uͤberall ſehen wir, daß die Na - tur zerſtoͤren muß, indem ſie wiederaufbauet, daß ſie trennen muß, indem ſie neu vereinet. Von einfachen Geſetzen, ſo wie von groben Geſtalten ſchreitet ſie ins Zuſammengeſetzte - re, Kuͤnſtliche, Feine; und haͤtten wir einen Sinn, die Urge - ſtalten und erſten Keime der Dinge zu ſehen, ſo wuͤrden wir vielleicht im kleinſten Punkt die Progreßion der ganzen Schoͤpfung gewahr werden. —
Da indeß Betrachtungen dieſer Art hier nicht unſer Zweck ſind; ſo laſſet uns nur Eins, die uͤberdachte MiſchungH 3be -62betrachten, durch die unſre Erde zur Organiſation unſrer Pflanzen, mithin auch der Thiere und Menſchen faͤhig ward. Waͤren auf ihr andre Metalle zerſtreut geweſen, wie jetzt das Eiſen iſt, das ſich allenthalben, auch in Waſſer, Erde, Pflan - zen, Thieren und Menſchen findet: haͤtten ſich die Erdharze, die Schwefel in der Menge auf ihr gefunden, in der ſich jetzt der Sand, der Thon, und endlich die gute fruchtbare Erde findet: welch andre Geſchoͤpfe haͤtten a f ihr leben muͤſſen! Geſchoͤpfe, in denen auch eine ſchaͤrfere Temperatur herrſchte, ſtatt daß jetzt der Vater der Welt die Beſtandtheile unſrer naͤhrenden Pflanzen zu mildern Salzen und Oelen machte. Hiezu bereitet ſich allmaͤhlich der loſe Sand, der veſte Thon, der mooſige Torf; ja ſelbſt die wilde Eiſenerde und der harte Fels muß ſich dazu bequemen. Die er ver - wittert mit der Zeit und giebt trocknen Baͤumen, wenigſtens dem duͤrren Mooſe Raum; jene war unter den Metallen nicht nur die geſundeſte, ſondern auch die lenkbarſte zur Vegeta - tion und Nahrung. Luft und Thau, Regen und Schnee, Waſſer und Winde duͤngen die Erde natuͤrlich; die ihr zu - gemiſchten kaliſchen Kalkarten helfen ihrer Fruchtbarkeit kuͤnſtlich auf und am meiſten befoͤrdert dieſe der Tod der Pflanzen und Thiere. Heilſame Mutter, wie haushaͤlte - riſch und erſetzend war dein Cirkel! Aller Tod wird neues Leben: die verweſende Faͤulung ſelbſt bereitet Geſundheit und friſche Kraͤfte.
Es63Es iſt eine alte Klage, daß der Menſch, ſtatt den Bo - den der Erde zu bauen, in ihre Eingeweide gedrungen iſt und mit dem Schaden ſeiner Geſundheit und Ruhe unter giftigen Duͤnſten daſelbſt die Metalle aufſucht, die ſeiner Pracht und Eitelkeit, ſeiner Habgier und Herrſchſucht dienen. Daß vieles hierinn wahr ſei, bezeugen die Folgen, die dieſe Dinge auf der Oberflaͤche der Erde hervorgebracht haben und noch mehr die blaſſen Geſichter, die als eingekerkerte Mumien in dieſen Reichen des Pluto wuͤhlen. Warum iſt die Luft in ihnen ſo anders, die, indem ſie die Metalle naͤhrt, Menſchen und Thiere toͤdtet? warum belegte der Schoͤpfer unſre Erde nicht mit Gold und Diamanten, ſtatt daß er jetzt allen ihren Weſen Geſetze gab, ſie todt und lebend mit frucht - barer Erde zu bereichern? Ohne Zweifel weil wir vom Gol - de nicht eſſen konnten und weil die kleinſte genießbare Pflan - ze nicht nur fuͤr uns nuͤtzlicher ſondern auch in ihrer Art or - ganiſcher und edler iſt, als der theureſte Kieſel, der, Diamant, Smaragd, Amethyſt und Sapphier genannt wird. — Jn - deſſen muß man auch hiebei nichts uͤbertreiben. Jn den verſchiednen Perioden der Menſchheit, die ihr Schoͤpfer vorausſah und die er ſelbſt nach dem Bau unſrer Erde zu befoͤrdern ſcheinet, lag auch der Zuſtand, da der Menſch un - ter ſich graben und uͤber ſich fliegen lernte. Verſchiedene Metalle legte er ihm ſogar gediegen nahe dem Auge vor:die64die Stroͤme mußten den Grund der Erde entbloͤßen und ihm ihre Schaͤtze zeigen. Auch die roheſten Nationen haben die Nuͤtzlichkeit des Kupfers erkannt, und der Gebrauch des Ei - ſens, das mit ſeinen magnetiſchen Kraͤften den ganzen Erd - koͤrper zu regieren ſcheinet, hat unſer Geſchlecht beinah allein von einer Stufe der Lebensart zur andern erhoben. Wenn der Menſch ſein Wohnhaus nuͤtzen ſollte: ſo mußte ers auch kennen lernen; und unſre Meiſterin hat die Schranken enge gnug beſtimmt, in denen wir ihr nachforſchen, nachſchaffen, bilden und verwandeln koͤnnen.
Jndeſſen iſts wahr, daß wir vorzuͤglich beſtimmt ſind, auf der Oberflaͤche unſrer Erde als Wuͤrmer umherzukrie - chen, uns anzubauen und auf ihr unſer kurzes Leben zu durch - leben. Wie klein der große Menſch im Gebiet der Natur ſei, ſehen wir aus der duͤnnen Schichte der fruchtbaren Erde, die doch eigentlich allein ſein Reich iſt. Einige Schuhe tie - fer, und er graͤbt Sachen hervor, auf denen nichts waͤchſet, und die Jahre und Jahrszeiten erfodern, damit auf ihnen nur ſchlechtes Gras gedeihe. Tiefer hinab: und er findet oft, wo er ſie nicht ſuchte, ſeine fruchtbare Erde wieder, die einſt die Oberflaͤche der Welt war; die wandelnde Natur hat ſie in ihren fortgehenden Perioden nicht geſchonet. Mu - ſcheln und Schnecken liegen auf den Bergen; Fiſche undLand -65Landthiere liegen verſteint in Schiefern; verſteinte Hoͤlzer und Abdruͤcke von Blumen, oft beinah anderthalb tauſend Fuß tief. Nicht auf dem Boden deiner Erde wandelſt du, armer Menſch, ſondern auf einem Dach deines Hauſes, das durch viel Ueberſchwemmungen erſt zu dem werden konnte, was es dir jetzt iſt. Da waͤchſt fuͤr dich einiges Gras, eini - ge Baͤume, deren Mutter dir gleichſam der Zufall heran - ſchwemmte und von denen du als eine Ephemere lebeſt.
Das Gewaͤchsreich iſt eine hoͤhere Art der Organiſation, als alle Gebilde der Erde und hat einen ſo weiten Umfang, daß es ſich ſowohl in dieſen verliert als in mancherlei Sproſ - ſen und Aehnlichkeiten dem Thierreich naͤhert. Die Pflan - ze hat eine Art Leben und Lebensalter, ſie hat Geſchlechter und Befruchtung, Geburt und Tod. Die Oberflaͤche der Erde war eher fuͤr ſie als fuͤr Thiere und Menſchen da; uͤberall draͤngt ſie ſich dieſen beiden vor und haͤngt ſich inJGras66Grasarten, Schimmel und Mooſen ſchon an jene kahlen Fel - ſen an, die noch keinem Fuß eines Lebendigen Wohnung ge - waͤhren. Wo nur ein Koͤrnchen lockere Erde ihren Samen aufnehmen kann und ein Blick der Sonne ihn erwaͤrmt, ge - het ſie auf und ſtirbt in einem fruchtbaren Tode, indem ihr Staub andern Gewaͤchſen zur beſſern Mutterhuͤlle dienet. So werden Felſen begraſet und bebluͤmt: ſo werden Moraͤ - ſte mit der Zeit zu einer Kraͤuter - und Blumenwuͤſte. Die verweſete wilde Pflanzenſchoͤpfung iſt das immer fortwirken - de Treibhaus der Natur zur Organiſation der Geſchoͤpfe und zur weitern Cultur der Erde.
Es faͤllt in die Augen, daß das menſchliche Leben, ſo - fern es Vegetation iſt, auch das Schickſal der Pflanzen habe. Wie ſie, wird Menſch und Thier aus einem Samen geboh - ren, der auch als Keim eines kuͤnftigen Baums eine Mut - terhuͤlle fodert. Sein erſtes Gebilde entwickelt ſich Pflan - zenartig im Mutterleibe; ja auch außer demſelben iſt unſer Fiberngebaͤude in ſeinen erſten Sproſſen und Kraͤften nicht faſt der Senſitiva aͤhnlich? Unſre Lebensalter ſind die Lebens - alter der Pflanze; wir gehen auf, wachſen, bluͤhen, bluͤhen ab und ſterben. Ohn unſern Willen werden wir hervorge - rufen und niemand wird gefragt: welches Geſchlechts erſeyn?67ſeyn? von welchen Eltern er entſprießen? auf welchem Bo - den er duͤrftig oder uͤppig fortkommen? durch welchen Zu - fall endlich von innen oder von außen er untergehen wolle? Jn alle dieſem muß der Menſch hoͤhern Geſetzen folgen, uͤber die Er ſo wenig als die Pflanze Aufſchluß erhaͤlt, ja de - nen er beinah wider Willen mit ſeinen ſtaͤrkſten Trieben die - net. So lange der Menſch waͤchſt und der Saft in ihm gruͤ - net: wie weit und froͤlich duͤnkt ihm die Welt! Er ſtreckt ſeine Aeſte umher und glaubt zum Himmel zu wachſen. So lockt die Natur ihn ins Leben hinein, bis er ſich mit ra - ſchen Kraͤften, mit unermuͤdeter Thaͤtigkeit alle die Fertigkei - ten erwarb, die ſie auf dem Felde oder Gartenbeet, auf den ſie ihn geſetzt hat, diesmal an ihm ausbilden wollte. Nach - dem er ihre Zwecke erreicht hat, verlaͤßt ſie ihn allmaͤhlich. Jn der Bluͤtenzeit des Fruͤhlings und unſrer Jugend, mit welchen Reichthuͤmern iſt allenthalben die Natur beladen! man glaubt, ſie wolle mit dieſer Blumenwelt eine neue Schoͤpfung beſaamen. Einige Monate nachher, wie iſt al - les ſo anders! Die meiſten Bluͤten ſind abgefallen; wenige duͤrre Fruͤchte gedeihen. Mit Muͤhe und Arbeit des Bau - mes reifen ſie; und ſogleich gehen die Blaͤtter ans Verwel - ken. Der Baum ſchuͤttet ſein mattes Haar den geliebten Kindern, die ihn verlaſſen haben, nach: entblaͤttert ſteht er da; der Sturm raubt ihm ſeine duͤrren Aeſte, bis er endlichJ 2ganz68ganz zu Boden ſinket und ſich das wenige Brennbare in ihm zur Seele der Natur aufloͤſet. — Jſts mit dem Menſchen, als Pflanze betrachtet, anders? Welche Unermeßlichkeit von Hoffnungen, Ausſichten, Wirkungstrieben fuͤllt dunkel oder lebhaft ſeine jugendliche Seele! Alles trauet er ſich zu; und eben weil ers ſich zutrauet, gelingts ihm: denn das Gluͤck iſt die Braut der Jugend. Wenige Jahre weiter; und es veraͤndert ſich alles um ihn, blos weil Er ſich veraͤndert. Das wenigſte hat er ausgerichtet, was er ausrichten wollte, und gluͤcklich, wenn er es nicht mehr und jetzt zu unrechter Zeit ausrichten will, ſondern ſich friedlich ſelbſt verlebet. Jm Auge eines hoͤhern Weſens moͤgen unſre Wirkungen auf der Erde ſo wichtig, wenigſtens gewiß ſo beſtimmt und umſchrie - ben ſeyn, als die Thaten und Unternehmungen eines Baums. Er entwickelt was er entwickeln kann und macht ſich, deſſen er habhaft werden mag, Meiſter. Er treibt Sproſſen und Keime, gebiert Fruͤchte und ſaͤet junge Baͤume; niemals aber kommt er von der Stelle, auf die ihn die Natur geſtellt hat, und er kann ſich keine einzige der Kraͤfte, die nicht in ihn gelegt ſind, nehmen.
Jnſonderheit, duͤnkt mich, demuͤthiget es den Men - ſchen, daß er mit den ſuͤſſen Trieben, die er Liebe nennt, und in die er ſo viel Willkuͤhr ſetzt, beinah ebenſo blind wie diePflanze,
69Pflanze, den Geſetzen der Natur dienet. Auch die Diſtel, ſagt man, iſt ſchoͤn, wenn ſie bluͤhet; und die Bluͤte, wiſſen wir, iſt bei den Pflanzen die Zeit der Liebe. Der Kelch iſt das Bett, die Krone ſein Vorhang, die andern Theile der Blume ſind Werkzeuge der Fortpflanzung, die die Natur bei dieſen unſchuldigen Geſchoͤpfen offen dargelegt und mit aller Pracht geſchmuͤckt hat. Den Blumenkelch der Liebe machte ſie zu einem Salomoniſchen Brautbett, zu einem Kelch der Anmuth auch fuͤr andre Geſchoͤpfe. Warum that ſie dies alles? und knuͤpfte auch bei Menſchen ins Band der Liebe die ſchoͤnſten Reize, die ſich in ihrem Guͤrtel der Schoͤn - heit fanden? Jhr großer Zweck ſollte erreicht werden, nicht der kleine Zweck des ſinnlichen Geſchoͤpfes allein, das ſie ſo ſchoͤn ausſchmuͤckte; dieſer Zweck iſt Fortpflanzung, Er - haltung der Geſchlechter. Die Natur braucht Keime, ſie braucht unendlich viel Keime, weil ſie nach ihrem großen Gange tauſend Zwecke auf einmal befoͤrdert. Sie mußte alſo auch auf Verluſt rechnen, weil alles zuſammen gedraͤngt iſt und nichts eine Stelle findet, ſich ganz auszuwickeln. Aber damit ihr bei dieſer ſcheinbaren Verſchwendung dennoch das Weſentliche und die erſte Friſche der Lebenskraft nimmer fehlte, mit der ſie allen Faͤllen und Unfaͤllen im Lauf ſo zu - ſammengedraͤngter Weſen vorkommen mußte: machte ſie die Zeit der Liebe zur Zeit der Jugend und zuͤndete ihreJ 3Flam -70Flamme mit dem feinſten und wirkſamſten Feuer an, das ſie zwiſchen Himmel und Erde finden konnte. Unbekannte Triebe erwachen, von denen die Kindheit nichts wußte. Das Auge des Juͤnglings belebt ſich, ſeine Stimme ſinkt, die Wange des Maͤdchens faͤrbt ſich: zwei Geſchoͤpfe verlangen nach einander und wiſſen nicht, was ſie verlangen: ſie ſchmach - ten nach Einigung, die ihnen doch die zertrennende Natur verſagt hat und ſchwimmen in einem Meer der Taͤuſchung. Suͤßgetaͤuſchte Geſchoͤpfe, genieſſet eurer Zeit; wiſſet aber, daß ihr damit nicht eure kleine Traͤume, ſondern angenehm gezwungen, die groͤßte Ausſicht der Natur befoͤrdert. Jm erſten Paar Einer Gattung wollte ſie ſie alle, Geſchlechter auf Geſchlechter, pflanzen; ſie waͤhlte alſo fortſprießende Keime aus den friſcheſten Augenblicken des Lebens, des Wohl - gefallens an einander; und indem ſie einem lebendigen We - ſen etwas von ſeinem Daſeyn raubt, wollte ſie es ihm we - nigſtens auf die ſanfteſte Art rauben. Sobald ſie das Ge - ſchlecht geſichert hat, laͤßt ſie allmaͤlich das Jndivi - duum ſinken. Kaum iſt die Zeit der Begattung voruͤber, ſo verliert der Hirſch ſein praͤchtiges Geweih, die Voͤgel ih - ren Geſang und viel von ihrer Schoͤnheit, die Fiſche ihren Wohlgeſchmack und die Pflanzen ihre beſte Farbe. Dem Schmetterlinge entfallen die Fluͤgel und der Athem gehet ihm aus; ungeſchwaͤcht und allein kann er ein halbes Jahrleben.71leben. So lange die junge Pflanze keine Blume traͤgt, wi - derſteht ſie der Kaͤlte des Winters und die zu fruͤhe tragen, verderben zuerſt. Die Muſa hat oft hundert Jahr erlebt: ſobald ſie aber einmal die Bluͤte entfaltet hat, ſo wird keine Erfahrung, keine Kunſt hindern, daß nicht der praͤchtige Stamm im folgenden Jahr den Untergang leide. Die Schirmpalme waͤchſt 35 Jahr zu einer Hoͤhe von 70 Schu - hen, hierauf in 4 Monaten noch 30 Schuh; nun bluͤhet ſie, bringt Fruͤchte und ſtirbt in demſelben Jahr. Das iſt der Gang der Natur bei Entwicklung der Weſen aus einander; der Strom geht fort, indeß ſich eine Welle in der andern verlieret.
Bei der Verbreitung und Ausartnng der Pflanzen iſt eine Aehnlichkeit kenntlich, die ſich auch auf die Geſchoͤpfe uͤber ihnen anwenden laͤßt und zu Ausſichten und Geſetzen der Natur vorbereitet. Jede Pflanze fodert ihr Clima, zu dem nicht die Beſchaffenheit der Erde und des Bodens al - lein, ſondern auch die Hoͤhe des Erdſtrichs, die Eigenheit der Luft, des Waſſers, der Waͤrme gehoͤret. Unter der Erde lag alles noch durch einander und obwohl auch hier jede Stein-Kryſtall - und Metallart ihre Beſchaffenheit von dem Lande nimmt, in dem ſie wuchs und hiernach die eigenſtenVer -72Verſchiedenheiten giebet; ſo iſt man doch in dieſem Reich des Pluto noch lange nicht zu der allgemeinen geographi - ſchen Ueberſicht und zu den ordnenden Grundſaͤtzen gekom - men als im ſchoͤnen Reich der Flora. Die botaniſche Phi - loſophie*)Linnei philoſoph. botanica iſt fuͤr mehrere Wiſſenſchaften ein claßiſches Muſter; haͤtten wir eine philoſophia anthropolo - gica dieſer Art, mit der Kuͤrze und vielſeitigen Genauigkeit ge - ſchrieben: ſo waͤre ein Leitfaden da, dem jede hinzukommen - de Bemerkung folgen koͤnnte. Der Abt Soulaviè hat in ſei - ner hiſt. naturelle de la France meridionale (P. II. T. I.) einen Entwurf zur allgemeinen phyſiſchen Geogra - phie des Pflanzenreichs gegeben und verſpricht ihn auch uͤber Thiere und Menſchen, die Pflanzen nach der Hoͤhe und Beſchaffen - heit des Bodens, der Luft, des Waſſers, der Waͤrme ordnet, iſt alſo eine augenſcheinliche Leiterin zu einer aͤhnlichen Phi - loſophie in Ordnung der Thiere und Menſchen.
Alle Pflanzen wachſen hin und wieder wild in der Welt; auch unſre Kunſtgewaͤchſe ſind aus dem Schoos der freien Natur, wo ſie in ihrem Himmelsſtrich in groͤßeſter Vollkom - menheit wachſen. Mit den Thieren und Menſchen iſts nicht anders: denn jede Menſchenart organiſirt ſich in ihrem Erd - ſtrich zu der ihr natuͤrlichſten Weiſe. Jede Erde, jede Ge -buͤrgart,73buͤrgart, jeder aͤhnliche Luftſtrich, ſo wie ein gleicher Grad der Hitze und Kaͤlte ernaͤhret ſeine Pflanzen. Anf den Lapp - laͤndiſchen Felſen, den Alpen, den Pyrenaͤen wachſen, der Entfernung ohngeachtet, dieſelben oder aͤhnliche Kraͤuter; Nordamerika und die hohen Strecken der Tatarei erziehen gleiche Kinder. Auf ſolchen Erdhoͤhen, wo der Wind die Gewaͤchſe unſanft beweget und ihr Sommer kuͤrzer dauret, bleiben ſie zwar klein; ſie ſind hingegen voll unzaͤlicher Sa - menkoͤrner: da, wenn man ſie in Gaͤrten verpflanzt, ſie hoͤ - her wachſen und groͤßere Blaͤtter, aber weniger Frucht tra - gen. Jedermann ſiehet die durchſcheinende Aehnlichkeit zu Thieren und Menſchen. Alle Gewaͤchſe lieben die freie Luft: ſie neigen ſich in den Treibhaͤuſern zu der Gegend des Lichts, wenn ſie auch durch ein Loch hinaus dringen ſollten. Jn einer eingeſchloſſenen Waͤrme werden ſie ſchlanker und rankichter aber zugleich bleicher, fruchtloſer und laſſen nach - her, zu ploͤtzlich an die Sonne verſetzt, die Blaͤtter ſinken. Ob es mit den Menſchen und Thieren einer verzaͤrtelnden oder zwangvollen Cultur anders waͤre? Mannichfaltigkeit des Erdreichs und der Luft macht Spielarten an Pflanzen, wie an Thieren und Menſchen; und je mehr jene an Sachen der Zierde, an Form der Blaͤtter, an Zahl der Blumenſtiele gewinnen; deſto mehr verlieren ſie an Kraft der Selbſtfort - pflanzung. Ob es bei Thieren und Menſchen, (die groͤßereKStaͤrke74Staͤrke ihrer vielfachern Natur abgerechnet) anders waͤre? Gewaͤchſe, die in warmen Laͤndern zur Baumesgroͤße wach - ſen, bleiben in kalten Gegenden kleine Kruͤppel. Dieſe Pflan - ze iſt fuͤr das Meer, jene fuͤr den Sumpf, dieſe fuͤr Quellen und Seen geſchaffen; die eine liebt den Schnee, die andre den uͤberſchwemmenden Regen der heiſſen Zone; und alles dies charakteriſirt ihre Geſtalt, ihre Bildung. Bereitet uns dieſes alles nicht vor, auch in Anſehung des organiſchen Ge - baͤudes der Menſchheit, ſofern wir Pflanzen ſind, dieſelbe Varietaͤten zu erwarten?
Jnſonderheit iſt es angenehm, die eigne Art zu bemer - ken, mit der die Gewaͤchſe ſich nach der Jahreszeit, ja gar nach der Stunde des Tages richten und ſich nur allmaͤlich zu einem fremden Clima gewoͤhnen. Naͤher am Pol ver - ſpaͤten ſie ſich im Wachſen und reifen deſto ſchneller, weil der Sommer ſpaͤter kommt und ſtaͤrker wirket. Pflanzen, die in den ſuͤdlichen Welttheilen gewachſen, nach Europa ge - bracht wurden, reiften das erſte Jahr ſpaͤter, weil ſie noch die Sonne ihres Clima erwarteten; den folgenden Sommer allmaͤlich geſchwinder, weil ſie ſich ſchon zu dieſem Luftſtrich gewoͤhnten. Jn der kuͤnſtlichen Waͤrme des Treibhauſes hielt jede noch die Zeit ihres Vaterlandes, wenn ſie auch 50 Jahr in Europa geweſen war. Die Pflanzen vom Capbluͤ -75bluͤheten im Winter, weil alsdenn in ihrem Vaterlande Som - merzeit iſt. Die Wunderblume bluͤhet in der Nacht; ver - muthlich, (ſagt Linneus) weil ſodenn in Amerika, ihrem Vaterlande, Tageszeit iſt. So haͤlt Jede Jhre Zeit, ſelbſt ihre Stunde des Tages, da ſie ſich ſchließet und aufthut. „ Dieſe Dinge, ſagt der botaniſche Philoſoph*)S. Abhandl. der ſchwed. Akad. der Wiſſ. B. 1. S. 6 u f., ſcheinen zu weiſen, daß etwas mehr zu ihrem Wachsthum gehoͤre als Waͤrme und Waſſer; „ und gewiß hat man auch bey der or - ganiſchen Verſchiedenheit des Menſchengeſchlechts und bei ſeiner Gewoͤhnung an fremde Climate auf etwas mehr und anderes, als auf Hitze und Kaͤlte zu merken, zumal wenn man von einem andern Hemiſphaͤr redet.
Endlich wie die Pflanze ſich zum Menſchenreich geſelle; welch ein Feld voll Merkwuͤrdigkeiten waͤre dieſes, wenn wir ihm nachgehen koͤnnten! Man hat die ſchoͤne Erfahrung ge - macht**)Jngenhouß Verſuche mit den Pflanzen, Leipz. 780. S. 49., daß die Gewaͤchſe zwar ſo wenig als wir von rei - ner Luft leben koͤnnen, daß aber gerade das, was ſie einſau - gen, das Brennbare ſei, was Thiere toͤdtet und in allen ani - maliſchen Koͤrpern die Faͤulniß befoͤrdert. Man hat bemerkt,K 2daß76daß ſie dieß nuͤtzliche Geſchaͤft, die Luft zu reinigen, nicht mit - telſt der Waͤrme ſondern des Lichts thun, das ſie, ſelbſt bis auf die kalten Mondesſtralen, einſaugen. Heilſame Kinder der Erde! was uns zerſtoͤrt, was wir verpeſtet ausathmen, ziehet ihr an euch; das zarteſte Medium muß es mit euch vereinigen und ihr gebet es rein wieder. Jhr erhaltet die Geſundheit der Geſchoͤpfe, die euch vernichten; und wenn ihr ſterbt, ſeyd ihr noch wohlthaͤtig: ihr macht die Erde ge - ſunder und zu neuen Geſchoͤpfen eurer Art fruchtbar.
Wenn die Gewaͤchſe zu nichts als hiezu dienten, wie ſchoͤn verflochten waͤre ihr ſtilles Daſeyn ins Reich der Thie - re und Menſchen! Nun aber da ſie zugleich die reichſte Spei - ſe der thieriſchen Schoͤpfung ſind und es inſonderheit in der Geſchichte der Lebensarten des Menſchengeſchlechts ſo viel darauf ankam, was jedes Volk in ſeinem Erdſtrich fuͤr Pflan - zen und Thiere vor ſich fand, die ihm zur Nahrung dienen konnten; wie mannichfaltig und neu verflicht ſich damit die Geſchichte der Naturreiche. Die ruhigſten und wenn man ſagen darf, die menſchlichſten Thiere leben von Pflanzen; an Nationen, die eben dieſe Speiſe wenigſtens oͤfters genieſ - ſen, hat man eben dieſe geſunde Ruhe und heitre Sorgloſig - keit bemerket. Alle Fleiſchfreſſenden Thiere ſind ihrer Na - tur nach wilder; der Menſch, der zwiſchen ihnen ſteht, muß,we -77wenigſtens dem Bau ſeiner Zaͤhne nach kein Fleiſchfreſſen - des Thier ſeyn. Ein Theil der Erdnationen lebt großen - theils noch von Milch und Gewaͤchſen; in fruͤheren Zeiten haben mehrere davon gelebet: und welchen Reichthum hat ihnen auch die Natur im Mark, im Saft, in den Fruͤchten, ja gar in den Rinden und Zweigen ihrer Erdgewaͤchſe be - ſchieden, wo oft Ein Baum eine ganze Familie naͤhret! Wunderbar iſt jedem Erdſtrich das Seine gegeben, nicht nur in dem was es gewaͤhrt; ſondern auch in dem, was es an ſich ziehet und wegnimmt. Denn da die Pflanzen von dem Brennbaren der Luft, mithin zum Theil von denen fuͤr uns ſchaͤdlichſten Duͤnſten leben: ſo organiſiret ſich auch ihr Ge - gengift nach der Eigenheit eines jeden Landes und ſie berei - ten fuͤr den immer zur Faͤulniß gehenden animaliſchen Koͤr - per uͤberall die Arzneien, die eben fuͤr die Krankheiten dieſes Erdſtrichs ſind. Der Menſch wird ſich alſo ſo wenig zu be - ſchweren haben, daß es auch giftige Pflanzen in der Natur gebe; da dieſe eigentlich nur abgeleitete Kanaͤle des Gifts, alſo die wohlthaͤtigſten zur Geſundheit der ganzen Gegend ſind und in ſeinen Haͤnden, zum Theil ſchon in den Haͤnden der Natur, die wirkſamſten Gegengifte werden. Selten hat man eine Gewaͤchs - oder Thierart dieſes und jenes Erdſtrichs ausgerottet, ohne nicht bald die offenbarſten Nachtheile fuͤr die Bewohnbarkeit des Ganzen zu erfahren; und hat dieK 3Na -78Natur endlich nicht jeder Thierart und an ſe[i]nem Theil auch dem Menſchen Sinne und Organe gnug verliehen, Pflanzen die fuͤr ihn dienen, auszuſuchen und die Schaͤdlichen zu ver - werfen?
Es muͤßte ein angenehmer Luſtgang unter Baͤumen und Pflanzen ſeyn, wenn mane dieſe großen Naturgeſetze der Nuͤtz - lichkeit und Einwirkung derſelben ins Menſchen - und Thier - reich durch die verſchiednen Striche unſrer Erde verfolgte; wir muͤſſen uns begnuͤgen, auf dem ungemeſſen weiten Felde kuͤnftig bei Gelegenheit nur einige einzelne Blumen zu bre - chen und den Wunſch einer allgemeinen botaniſchen Geo - graphie fuͤr die Menſchengeſchichte einem eignen Liebha - ber und Kenner empfehlen.
Der Menſchen aͤltere Bruͤder ſind die Thiere. Ehe jene da waren, waren dieſe: und auch in jedem einzelnen Landefanden
79fanden die Ankoͤmmlinge des Menſchengeſchlechts die Ge - gend, wenigſtens in einigen Elementen, ſchon beſetzt: denn wovon ſollte außer den Pflanzen ſonſt der Ankoͤmmling le - ben? Jede Geſchichte des Menſchen alſo, die ihn auſſer die - ſem Verhaͤltniß betrachtet, muß mangelhaft und einſeitig werden. Freilich iſt die Erde dem Menſchen gegeben; aber nicht ihm allein, nicht ihm zuvoͤrderſt; in jedem Element machten ihm die Thiere ſeine Alleinherrſchaft ſtreitig. Dies Geſchlecht mußte er zaͤhmen; mit jenem lange kaͤmpfen. Einige entronnen ſeiner Herrſchaft: mit andern lebet er in ewigem Kriege. Kurz, ſo viel Geſchicklichkeit, Klugheit, Herz und Macht jede Art aͤußerte; ſo weit nahm ſie Beſitz auf der Erde.
Es gehoͤrt alſo noch nicht hieher: ob der Menſch Ver - nunft, und ob die Thiere keine Vernunft haben? Haben ſie dieſe nicht, ſo beſitzen ſie etwas anders zu ihrem Vortheil: denn gewiß hat die Natur keines ihrer Kinder verwahrloſet. Verlieſſe Sie ein Geſchoͤpf, wer ſollte ſich ſein annehmen? da die ganze Schoͤpfung in einem Kriege iſt und die entge - gengeſetzteſten Kraͤfte einander ſo nahe liegen. Der Gott - gleiche Menſch wird hier von Schlangen, dort vom Unge - ziefer verfolgt; hier vom Tiger, dort vom Haifiſch verſchlun - gen. Alles iſt im Streit gegen einander, weil alles ſelbſt be -draͤngt80draͤngt iſt; es muß ſich ſeiner Haut wehren und fuͤr ſein Le - ben ſorgen.
Warum that die Natur dies? warum draͤngte ſie ſo die Geſchoͤpfe auf einander? Weil ſie im kleinſten Raum die groͤßeſte und vielfachſte Anzahl der Lebenden ſchaffen woll - te, wo alſo auch Eins das andre uͤberwaͤltigt und nur durch das Gleichgewicht der Kraͤfte Friede wird in der Schoͤpfung. Jede Gattung ſorgt fuͤr ſich, als ob ſie die Einige waͤre; ihr zur Seite ſteht aber eine andre da, die ſie einſchraͤnkt und nur in dieſem Verhaͤltniß entgegengeſetzter Arten fand die Schoͤpferin das Mittel zur Erhaltung des Ganzen. Sie wog die Kraͤfte, ſie zaͤhlte die Glieder, ſie beſtimmte die Trie - be der Gattungen gegen einander; und ließ uͤbrigens die Er - de tragen, was ſie zu tragen vermochte.
Es kuͤmmert mich alſo nicht: ob große Thiergattungen untergegangen ſind? Ging der Mammuth unter: ſo gingen auch Rieſen unter; es war ein anderes Verhaͤltniß zwiſchen den Geſchlechtern. Wie es jetzt iſt, ſehen wir das offenbare Gleichgewicht, nicht nur im Ganzen der Erde, ſondern auch ſelbſt in einzelnen Welttheilen und Laͤndern. Die Cultur kann Thiere verdraͤngen: ſie kann ſie aber ſchwerlich ausrot - ten, wenigſtens hat ſie dies Werk noch in keinem großenErd -81Erdtheil vollendet; und muß ſie ſtatt der verdraͤngeten Wil - den nicht in einem groͤßeren Maas zahmere Thiere naͤhren? Noch iſt alſo, bei der gegenwaͤrtigen Beſchaffenheit unſrer Erde, keine Gattung ausgegangen; ob ich gleich nicht zwei - fle, daß da dieſe anders war, auch andre Thiergattungen ha - ben ſeyn koͤnnen, und wenn ſie ſich einmal durch Kunſt oder Natur voͤllig aͤndern ſollte, auch ein andres Verhaͤltniß der lebendigen Geſchlechter ſeyn werde.
Kurz der Menſch trat auf eine bewohnte Erde: alle Elemente, Suͤmpfe und Stroͤme, Sand und Luft waren mit Geſchoͤpfen erfuͤllt oder fuͤlleten ſich mit Geſchoͤpfen; und er mußte ſich durch ſeine Goͤtterkunſt der Liſt und Macht einen Platz ſeiner Herrſchaft auswirken. Wie er dies gethan ha - be? iſt die Geſchichte ſeiner Cultur, an der die roheſten Voͤl - ker Antheil nehmen; der intereſſanteſte Theil der Geſchichte der Menſchheit. Hier bemerke ich nur Eins, daß die Men - ſchen, indem ſie ſich allmaͤlich die Herrſchaft uͤber die Thiere erwarben, das meiſte von Thieren ſelbſt lernten. Dieſe wa - ren die lebendigen Funken des goͤttlichen Verſtandes, von denen der Menſch in Abſicht auf Speiſe, Lebensart, Klei - dung, Geſchicklichkeit, Kunſt, Triebe in einem groͤßern oder kleinern Kreiſe die Stralen auf ſich zuſammen lenkte. Je mehr, je heller er dieſes that, je kluͤgere Thiere er vor ſichLfand,82fand, je mehr er ſie zu ſich gewoͤhnte und im Kriege oder Frieden vertraut mit ihnen lebte: deſto mehr gewann auch ſeine Bildung; und die Geſchichte ſeiner Cultur wird ſo - nach einem großen Theil nach zoologiſch und geogra - phiſch.
Zweitens. Da die Varietaͤt der Climate und Laͤnder, der Steine und Pflanzen auf unſrer Erde ſo groß iſt; wie groͤßer wird die Verſchiedenheit ihrer eigentlichen lebendigen Bewohner! Nur ſchraͤnke man dieſe nicht auf die Erde ein: denn auch die Luft, das Waſſer, ſelbſt die innern Theile der Pflanzen und Thiere wimmeln von Leben. Zahlloſes Heer, fuͤr das die Welt gemacht iſt, wie fuͤr den Menſchen! Rege Oberflaͤche der Erde, auf der alles, ſo tief und weit die Son - ne reicht, genießt, wirkt und lebet.
Jch will mich in die allgemeinen Saͤtze nicht einlaſſen, daß jedes Thier ſein Element, ſein Clima, ſeinen eigenthuͤm - lichen Wohnplatz habe, daß einige ſich wenig, andre mehr, und wenige Gattungen ſich beinah ſo weit verbreitet haben, als ſich der Menſch verbreitete; wir haben hieruͤber ein ſehr durchdachtes und mit wiſſenſchaftlichem Fleiß geſammletesBuch:83Buch*)Leipz. 1778 - 783. 3 Baͤnde mit einer genauen und feinen zoo - logiſchen Weltcharte.: Zimmermanns geographiſche Geſchichte des Menſchen und der allgemein-verbreiteten vierfuͤßigen Thiere. Was ich hier auszeichne, ſind einige beſondre Be - merkungen, die wir auch bei der Menſchengeſchichte beſtaͤtigt finden werden.
1. Auch die Gattungen, die faſt uͤberall auf der Erde le - ben, geſtalten ſich beinah in jedem Clima anders. Der Hund iſt in Lappland haͤßlich und klein; in Siberien wird er wohlgeſtalter, hat aber noch ſteife Ohren und keine be - traͤchtliche Groͤße; in den Gegenden, wo die ſchoͤnſten Men - ſchen leben, ſagt Buffon, findet man auch die ſchoͤnſten und groͤßeſten Hunde. Zwiſchen den Wendezirkeln verliert er ſeine Stimme und im Stande der Wildheit wird er dem Jackhall aͤhnlich. Der Ochs in Madagaskar traͤgt einen Hoͤcker 50 Pfund ſchwer, der in weitern Gegenden allmaͤlich abnimmt; und ſo variirt dieſes Geſchlecht an Farbe, Groͤße, Staͤrke, Muth beinah nach allen Gegenden der Erde. Ein europaͤiſches Schaaf bekam am Vorgebuͤrge der guten Hoff - nung einen Schwanz von 19 Pfunden: in Jsland treibt es bis 5 Hoͤrner: im Oxfordſchen in England waͤchſt es bis zurL 2Groͤße84Groͤße eines Eſels und in der Tuͤrkei iſts getiegert. So gehen die Verſchiedenheiten bei allen Thieren fort und ſollte ſich der Menſch, der in ſeinem Muskeln und Nervengebaͤude großentheils auch ein Thier iſt, nicht mit den Climaten ver - aͤndern? nach der Analogie der Natur waͤre es ein Wunder, wenn er unveraͤndert bliebe.
2. Alle gezaͤhmten Thiere ſind ehemals wild geweſen und von den meiſten hat man noch, inſonderheit in den aſia - tiſchen Gebuͤrgen ihre wilden Urbilder gefunden; gerade an dem Ort, wo wenigſtens von unſrer obern Erdkugel wahr - ſcheinlich das Vaterland der Menſchen und ihrer Cultur war. Je weiter von dieſer Gegend, inſonderheit wo der Uebergang ſchwerer war, mindern ſich die Gattungen der ge - zaͤhmten Thiere, bis endlich in Neuguinea, Neuſeeland und den Jnſeln des Suͤdmeers das Schwein, der Hund und die Katze ihr ganzer Thierreichthum waren.
3. Amerika hatte groͤßtentheils ſeine eignen Thiere; voͤllig ſeinem Erdſtrich gemaͤß, wie die Bildung deſſelben aus lange uͤberſchwemmten Tiefen und ungeheuren Hoͤhen ſie haben mußte. Wenige große Landthiere hatte es und noch weniger die zaͤhmbar oder gezaͤhmt waren; deſto mehr Gattungen von Fledermaͤuſen, Guͤrtelthieren, Ratten, Maͤu -ſen,85ſen, den Unau, das Ai, Heere von Jnſekten, Amphibien, Kroͤten, Eidexen u. f. Jedermann begreift, was dies auf die Geſchichte der Menſchen fuͤr Einfluß haben werde.
4. Jn Gegenden, wo die Kraͤfte der Natur am wirk - ſamſten ſind, wo ſich die Hitze der Sonne mit regelmaͤßigen Winden, ſtarken Ueberſchwemmungen, gewaltigen Ausbruͤ - chen de[r]elektriſchen Materie, kurz mit allem in der Natur vereinet, was Leben wirkt und lebendig heiſſet: in ihnen gibt es auch die ausgebildetſten, ſtaͤrkſten, groͤßeſten, muthvollſten Thiere, ſo wie die wuͤrzreicheſte Pflanzenſchoͤpfung. Afrika hat ſeine Heerden von Elephanten, Zebra's, Hirſchen, Affen, Buͤffeln: die Loͤwen, Tiger, der Krokodill, das Flußpferd erſcheinen in ihm in voller Ruͤſtung: die hoͤchſten Baͤume heben ſich in die Luft und prangen mit den ſaftreichſten, nuͤtz - lichſten Fruͤchten. Die Reichthuͤmer Aſiens im Pflanzen - und Thierreich kennet ein jeder; ſie treffen am meiſten auf die Gegenden, wo die elektriſche Kraft der Sonne, der Luft der Erde im groͤßeſten Strom iſt. Wo dieſe hingegen ent - weder an ſich ſchwaͤcher und unregelmaͤßiger wirket, wie in den kalten Laͤndern, oder wo ſie im Waſſer, in laugenhaften Salzen, in feuchten Harzen zuruͤckgetrieben oder veſtgehal - ten wird: da ſcheinen ſich auch nimmer jene Geſchoͤpfe zu entwickeln, zu deren Bildung das ganze Spiel der Elektri -L 3citaͤt86citaͤt gehoͤret. Traͤge Waͤrme mit Feuchtigkeit gemiſcht, bringt Heere von Jnſekten und Amphibien hervor; keine je - ner Wundergeſtalten der alten Welt, die ganz von regem Feuer durchgluͤht ſind. Die Muskelkraft eines Loͤwen, der Sprung und Blick eines Tigers, die feine Verſtaͤndigkeit des Elephanten, das ſanfte Weſen der Gazelle, die ver - ſchmitzte Bosheit eines afrikaniſchen oder aſiatiſchen Affen ſind keinem Thier der neuen Welt eigen. Mit Muͤhe ha - ben ſich dieſe gleichſam aus dem warmen Schlamm losge - wunden; dieſem fehlts an Zaͤhnen, jenem an Fuͤßen und Klauen, einem dritten am Schwanz und den meiſten an Groͤße, Muth und Schnellkraft. Auf den Gebuͤrgen wer - den ſie belebterer Art; ſie reichen aber auch nicht an die Thie - re der alten Welt und die meiſten zeigen, daß ihnen in ihrem zaͤhen oder ſchuppenartigen Weſen der elektriſche Strom fehlet.
5. Endlich wird es, was wir bei den Pflanzen bemerk - ten, bei den Thieren vielleicht noch ſonderbarere Erſcheinun - gen geben; nemlich ihre oft widerſinnige Art und ihr lang - ſames Gewoͤhnen an ein fremdes zumal antipodiſches Clima. Der amerikaniſche Baͤr, den Linne 'beſchrieben*)Abhandl. der ſchwed. Akad. der Wiſſenſch. B. 9. S. 300., hielt auchin87in Schweden die amerikaniſche Tag - und Nachtzeit. Er ſchlief von Mitternacht bis zu Mittag und[ ſpazierte] vom Mit - tage bis zu Mitternacht, als ob es ſein amerikaniſcher Tag waͤre; mit ſeinen uͤbrigen Jnſtinkten erhielt er ſich auch ſei - nes Vaterlandes Zeitmaas. Sollte dieſe Bemerkung nicht mehrerer aus andern Strichen der Erde, aus der oͤſt - und ſuͤdlichen Halbſphaͤre werth ſeyn? und wenn dieſe Verſchie - denheit von Thieren gilt, ſollte das Menſchengeſchlecht, ſei - nem eigenthuͤmlichen Charakter unbeſchadet, ganz leer davon ausgehn?
1. Als Linneus die Arten der ſaͤugenden Thiere auf 230 brachte, unter denen er ſchon die ſaͤugenden Waſſerthiere mit begrif, zaͤhlte er der Voͤgel 946, der Amphibien 292, der Fiſche 404, der Jnſekten 3060, der Gewuͤrme 1205 Arten; offenbar alſo waren die Landthiere die mindeſten und die Am -phibien,88phibien, die ihnen am naͤchſten kommen, folgten nach ihnen. Jn der Luft, im Waſſer, in den Moraͤſten, im Sande ver - mehrten ſich die Geſchlechter und Arten; und ich glaube, daß ſie ſich bei weitern Entdeckungen immer ungefaͤhr in dem naͤmlichen Verhaͤltniß vermehren werden. Wenn nach Lin - neus Tode die Arten der Saͤugthiere bis auf 450 gewach - ſen; ſo rechnet Buffon auf 2000 Voͤgel und Forſter allein entdeckte auf einigen Jnſeln des Suͤdmeers in einem kurzen[ Aufenthalt] 109 neue Arten derſelben, wo es durchaus keine neuzuentdeckende Landthiere gab. Gehet dieſes Verhaͤltniß fort und es werden kuͤnftig mehr neue Jnſekten, Voͤgel, Ge - wuͤrme, als voͤllig neue Gattungen der Landthiere bekannt werden, ſo viel ihrer auch in dem noch undurchreiſeten Afrika ſeyn moͤgen; ſo koͤnnen wir nach aller Wahrſcheinlichkeit den Satz annehmen: Die Claſſen der Geſchoͤpfe erweitern ſich, je mehr ſie ſich vom Menſchen entfernen; je naͤ - her ihm, deſto weniger werden die Gattungen der ſo - genannten vollkommenern Thiere.
2. Nun iſt unlaͤugbar, daß bei aller Verſchiedenheit der lebendigen Erdweſen uͤberall eine gewiſſe Einfoͤrmigkeit des Baues und gleichſam Eine Hauptform zu herrſchen ſcheine, die in der reichſten Verſchiedenheit wechſelt. Der aͤhnliche Knochenbau der Landthiere faͤllt in die Augen: Kopf,
Rumpf,89Rumpf, Haͤnde und Fuͤße ſind uͤberall die Haupttheile; ſelbſt die vornehmſten Glieder derſelben ſind nach Einem Prototyp gebildet und gleichſam nur unendlich variiret. Der innere Bau der Thiere macht die Sache noch augenſcheinlicher und manche rohe Geſtalten ſind im Jnwendigen der Haupttheile dem Menſchen ſehr aͤhnlich. Die Amphibien gehen von dieſem Hauptbilde ſchon mehr ab; Voͤgel, Fiſche, Jnſekten, Waſſergeſchoͤpfe noch mehr, welche letzte ſich in die Pflanzen - oder Steinſchoͤpfung verlieren. Weiter reicht unſer Auge nicht; indeſſen machen dieſe Uebergaͤnge es nicht unwahr - ſcheinlich, daß in den Seegeſchoͤpfen, Pflanzen, ja vielleicht gar in den todtgenannten Weſen Eine und dieſelbe Anlage der Organiſation, nur unendlich roher und verworrener, herr - ſchen moͤge. Jm Blick des ewigen Weſens, der alles in Ei - nem Zuſammenhange ſiehet, hat vielleicht die Geſtalt des Eistheilchens, wie es ſich erzeugt und der Schneeflocke, die ſich an ihm bildet, noch immer ein analoges Verhaͤltniß mit der Bildung des Embryons im Mutterleibe. — Wir koͤn - nen alſo das zweite Hauptgeſetz annehmen: daß je naͤher dem Menſchen, auch alle Geſchoͤpfe in der Hauptform mehr oder minder Aehnlichkeit mit ihm haben, und daß die Natur bei der unendlichen Varietaͤt die ſie lie - bet, alle Lebendigen unſerer Erde nach Einem Haupt - plasma der Organiſation gebildet zu haben ſcheine.
M3. Es903. Es erhellet alſo von ſelbſt, daß da dieſe Hauptform nach Geſchlechtern, Arten, Beſtimmungen, Elementen immer variirt werden mußte, Ein Exemplar das andre erklaͤre. Was die Natur bei dieſem Geſchoͤpf als Nebenwerk hinwarf, fuͤhrte ſie bei dem andern gleichſam als Hauptwerk aus; ſie ſetz - te es ins Licht, vergroͤßerte es und ließ die andern Theile, ob - wohl immer noch in der uͤberdachteſten Harmonie, dieſem Theil jetzt dienen. Anderswo herrſchen wiederum dieſe die - nenden Theile und alle Weſen der organiſchen Schoͤpfung erſcheinen alſo als disie[c]ti membra poëtae. Wer ſie ſtudiren will, muß Eins im Andern ſtudiren; wo dieſer Theil ver - huͤllt und vernachlaͤßigt erſcheinet, weiſet er auf ein andres Geſchoͤpf, wo ihn die Natur ausgebildet und offen darlegte. Auch dieſer Satz findet ſeine Beſtaͤtigung in allen Phaͤnome - nen divergirender Weſen.
4. Der Menſch endlich ſcheint unter den Erdthieren das feine Mittelgeſchoͤpf zu ſeyn, in dem ſich, ſo viel es die Einzelnheit ſeiner Beſtimmung zuließ, die meiſten und fein - ſten Stralen ihm aͤhnlicher Geſtalten ſammeln. Alles in gleichem Maas konnte er nicht in ſich faſſen: er mußte alſo dieſem Geſchoͤpf an Feinheit eines Sinnes, jenem an Muskel - kraft, einem Dritten an Elaſticitaͤt der Fibern nachſtehn; ſo viel ſich aber vereinigen ließ, ward in ihm vereinigt. Mitallen91allen Landthieren hat er Theile, Triebe, Sinnen, Faͤhigkei - ten, Kuͤnſte gemein; wo nicht ererbet, ſo doch erlernt, wo nicht ausgebildet, ſo doch in der Anlage. Man koͤnnte, wenn man die ihm nahen Thierarten mit ihm vergleicht, beinah kuͤhn werden zu ſagen: ſie ſeyn gebrochene und durch katop - triſche Spiegel auseinander geworfene Stralen ſeines Bil - des. Und ſo koͤnnen wir den vierten Satz annehmen: daß der Menſch ein Mittelgeſchoͤpf unter den Thieren, d. i. die ausgearbeitete Form ſei, in der ſich die Zuͤge aller Gattungen um ihn her im feinſten Jnbegrif ſam - meln.
Jch hoffe nicht, daß die Aehnlichkeit, auf die ich zwi - ſchen Menſchen und Thieren zeige, mit jenen Spielen der Einbildung werde verwechſelt werden, da man bei Pflanzen und ſogar bei Steinen aͤuſſere Glieder des menſchlichen Koͤr - pers aufhaſchte und darauf Syſteme baute. Jeder Ver - nuͤnftige belacht dieſe Spiele, da gerade mit der aͤuſſern Ge - ſtalt die bildende Natur innere Aehnlichkeiten des Baues ver - deckte und verlarvte. Wie manche Thiere, die uns von auſ - ſen ſo unaͤhnlich ſcheinen, ſind uns im Jnnern, im Knochen - bau, in den vornehmſten Lebens - und Empfindungstheilen, ja in den Lebensverrichtungen ſelbſt auf die auffallendſte Wei - ſe aͤhnlich! Man gehe die Zergliederungen Daubentons,M 2Per.92Perraults, Pallas und andrer Akademiſten durch; und der Augenſchein zeiget es deutlich. Die Naturgeſchichte fuͤr Juͤnglinge und Kinder muß ſich, um dem Auge und Gedaͤchtniß zu Huͤlfe zu kommen, an einzelnen Unterſcheidungen der aͤuſ - ſern Geſtalt begnuͤgen; die maͤnnliche und philoſophiſche Naturgeſchichte ſuchet den Bau des Thiers von innen und auſſen, um ihn mit ſeiner Lebensweiſe zu vergleichen und den Charakter und Standort des Geſchoͤpfs zu finden. Bei den Pflanzen hat man dieſe Methode die natuͤrliche genannt und auch bei den Thieren muß die vergleichende Anatomie Schritt vor Schritt zu ihr fuͤhren. Mit ihr bekommt der Menſch natuͤrlicher Weiſe an ſich ſelbſt einen Leitfaden, der ihn durchs große Labyrinth der lebendigen Schoͤpfung begleite und wenn man bei irgend einer Methode ſagen kann, daß unſer Geiſt dem durchdenkenden vielumfaſſenden Verſtande Gottes nach - zudenken wage, ſo iſts bei dieſer. Bei jeder Abweichung von der Regel, die uns der oberſte Kuͤnſtler als ein Geſetz Polyklets im Menſchen darſtellte, werden wir auf eine Ur - ſache gefuͤhrt: warum er hier abwich? zu welchem Zweck er dort anders formte? und ſo wird uns Erde, Luft, Waſſer, ſelbſt die tiefſte Tiefe der belebten Schoͤpfung ein Vorraths - haus ſeiner Gedanken, ſeiner Erfindungen nach und zu Ei - nem Hauptbilde der Kunſt und Weisheit.
Wel -93Welchen großen und reichen Anblick gibt dieſe Ausſicht uͤber die Geſchichte der uns aͤhnlichen und unaͤhnlichen We - ſen! Sie ſcheidet die Reiche der Natur und die Claſſen der Geſchoͤpfe nach ihren Elementen und verbindet ſie mit ein - ander; auch in dem entfernſten wird der weitgezogne Ra - dius aus Einem und demſelben Mittelpunkt ſichtbar. Aus Luft und Waſſer, aus Hoͤhen und Tiefen ſehe ich gleichſam die Thiere zum Menſchen kommen, wie ſie dort zum Urvater unſers Geſchlechts kamen und Schritt vor Schritt ſich ſeiner Geſtalt naͤhern. Der Vogel fliegt in der Luft: jede Abwei - chung ſeiner Form vom Bau der Landthiere laͤßt ſich aus ſeinem Element erklaͤren; ſobald er auch nur in einer haͤßli - chen Mittelgattung die Erde beruͤhrt, wird er (wie in den Fledermaͤuſen und Vampyrs) dem Gerippe des Menſchen aͤhnlich. Der Fiſch ſchwimmt im Waſſer; noch ſind ſeine Fuͤße und Haͤnde in Floßfedern und einen Schwanz ver - wachſen: er hat noch wenig Artikulation der Glieder. So - bald er die Erde beruͤhrt, wickelt er wie der Manati, wenig - ſtens die Vorderfuͤße los und das Weib bekommt Bruͤſte. Der Seebaͤr und Seeloͤwe hat ſeine vier Fuͤße ſchon kaͤnnt - lich, ob er gleich die hinterſten noch nicht gebrauchen kann und die fuͤnf Zehen derſelben noch als Lappen von Floßfe - dern nach ſich ziehet; er kriecht indeß, wie er kann, leiſe heran, um ſich am Stral der Sonne zu waͤrmen und iſtM 3ſchon94ſchon einen kleinen Tritt uͤber die Dumpfheit des unfoͤrmli - chen Seehundes erhoben. So gehets aus dem Staube der Wuͤrmer, aus den Kalkhaͤuſern der Muſchelthiere, aus den Geſpinnſten der Jnſekten allmaͤlich in mehr gegliederte, hoͤ - here Organiſationen. Durch die Amphibien gehets zu den Landthieren hinauf und unter dieſen iſt ſelbſt bei dem ab - ſcheulichen Unau mit ſeinen drei Fingern und zwei Vorder - bruͤſten ſchon das naͤhere Analogon unſrer Geſtalt ſichtbar. Nun ſpielet die Natur und uͤbet ſich rings um den Menſchen im groͤßeſten Mancherlei der Anlagen und Organiſationen. Sie vertheilte die Lebensarten und Triebe, bildete die Ge - ſchlechter einander feindlich; indeß alle dieſe Scheinwider - ſpruͤche zu Einem Ziel fuͤhren. Es iſt alſo anatomiſch und phyſiologiſch wahr, daß durch die ganze belebte Schoͤpfung unſrer Erde das Analogon Einer Organiſation herrſche; nur alſo, daß je entfernter vom Menſchen, je mehr das Ele - ment des Lebens der Geſchoͤpfe von ihm abſteht, die ſich im - mer gleiche Natur auch in ihren Organiſationen das Haupt - bild verlaſſen mußte. Je naͤher ihm, deſto mehr zog ſie Claſſen und Radien zuſammen, um in ſeinem, dem heiligen Mittel - punkt der Erdeſchoͤpfung was ſie kann, zu vereinen. Freue dich deines Standes o Menſch und ſtudire dich, edles Mit - telgeſchoͤpf, in allem, was um dich lebet.
Das erſte Merkmal, wodurch ſich unſern Augen ein Thier unterſcheidet, iſt der Mund. Die Pflanze iſt, wenn ich ſo ſagen darf, noch ganz Mund: ſie ſaugt mit Wurzeln, Blaͤttern und Roͤhren; ſie liegt noch, wie ein unentwickel - tes Kind, in ihrer Mutter Schoos und an ihren Bruͤſten. Sobald ſich das Geſchoͤpf zum Thier organiſiret, wird an ihm, ſelbſt ehe noch ein Haupt unterſcheidbar iſt, der Mund merklich. Die Arme des Polypen ſind Maͤuler: in Wuͤr - mern, wo man noch wenig innere Theile unterſcheidet, ſind Speiſekanaͤle ſichtbar; ja bei manchen Schaalthieren liegt der Zugang derſelben, als ob er noch Wurzel waͤre, am Un - tertheil des Thieres. Dieſen Kanal alſo bildete die Natur an ihren Lebendigen zuerſt aus und erhaͤlt ihn bis zum orga -Nniſirteſten98niſirteſten Weſen. Die Jnſekten ſind im Zuſtande der Lar - ven faſt nichts als Mund, Magen und Eingeweide; die Geſtalt der Fiſche und Amphibien, endlich ſogar der Voͤgel und Landthiere iſt auch in ihrer horizontalen Lage dazu ge - bildet. Nur je hoͤher hinauf, deſto vielfach geordneter wer - den die Theile. Die Oefnung enget ſich, Magen und Ein - geweide nehmen einen tiefern Platz; endlich bei der aufge - richteten Stellung des Menſchen tritt auch aͤuſſerlich der Mund, der am Kopf des Thiers noch immer der vorſtehende Theil war, unter die hoͤhere Organiſation des Antlitzes zu - ruͤck: edlere Theile erfuͤllen die Bruſt; und die Werkzeuge der Nahrung ſind in die niedere Region hinab geordnet. Das edlere Geſchoͤpf ſoll nicht mehr dem Bauch allein die - nen, deſſen Herrſchaft in allen Claſſen ſeiner untern Bruͤder auch nach Theilen des Koͤrpers und nach Verrichtungen des Lebens ſo weit und groß war.
Das erſte Hauptgeſetz alſo, dem irgend der Trieb eines Lebendigen dienet, iſt Nahrung. Die Thiere haben ihn mit der Pflanze gemein: denn auch die Theile ihres Baues, die Speiſe einſaugen und ausarbeiten, bereiten Saͤfte und ſind ihrem Gewebe nach Pflanzenartig. Blos die feinere Organiſation, in welche die Natur ſie ſetzte, die mehrere Mi - ſchung, Laͤuterung und Ausarbeitung der Lebensſaͤfte, nur
dieſe99dieſe befoͤrdert nach Claſſen und Arten allmaͤlich den feinern Strom, der die edlern Theile befeuchtet, je mehr die Natur jene niedrigern einſchraͤnkte. Stolzer Menſch, blicke auf die erſte nothduͤrftige Anlage deiner Mitgeſchoͤpfe zuruͤck, du traͤgſt ſie noch mit dir; du biſt ein Speiſekanal, wie deine niedrigern Bruͤder.
Nur unendlich hat uns die Natur gegen ſie veredelt. Die Zaͤhne, die bei Jnſekten und andern Thieren Haͤnde ſeyn muͤſſen, den Raub zu halten und zu zerreiſſen, die Kie - fer, die bei Fiſchen und Raubthieren mit wunderbarer Macht wirken; wie edel ſind ſie bei dem Menſchen zuruͤckgeſetzt und ihre ihnen noch einwohnende Staͤrke gezaͤhmet*)Man ſehe von der Kraft dieſer Theile Hallers Element. Phy - ſiol. T. VI. p. 14. 15.. Die vie - len Magen der niedrigern Geſchoͤpfe ſind bei ihm und einigen Landthieren, die ſich von innen ſeiner Geſtalt naͤhern, in Ei - nen zuſammengepreßt und ſein Mund endlich iſt durch das reineſte Goͤttergeſchenk, die Rede, geheiligt. Wuͤrmer, Jn - ſekten, Fiſche, die mehreſten Amphibien ſind ſtumm mit dem Munde: auch der Vogel toͤnet nur mit der Kehle: jedes der Landthiere hat wenige herrſchende Schaͤlle, ſo viel zur Haus - haltung ſeines Geſchlechts gehoͤren; der Menſch allein beſitztN 2wahre100wahre Sprachorgane mit den Werkzeugen des Geſchmacks und der Speiſe, alſo das Edelſte mit den Zeichen der nie - drigſten Nothdurft zuſammen geordnet. Womit er Speiſe fuͤr den niedrigen Leib verarbeitet, verarbeitet er auch in Wor - ten die Nahrung der Gedanken.
Der zweite Beruf der Geſchoͤpfe iſt Fortpflanzung: die Beſtimmung dazu iſt ſchon im Bau der Pflanzen ſicht - bar. Wem dienen Wurzel und Stamm, Aeſte und Blaͤt - ter? wem hat die Natur den oberſten, oder doch den ausge - ſuchteſten Platz eingeraͤumet? der Bluͤte, der Krone; und wir ſahen, ſie ſind die Zeugungstheile der Pflanze. Sie alſo ſind zum ſchoͤnſten Haupttheil dieſes Geſchoͤpfs gemacht: auf ihre Ausbildung iſt das Leben, das Geſchaͤft, das Vergnuͤ - gen der Pflanze, ja ſelbſt die einzige ſcheinbar-willkuͤhrliche Bewegung derſelben berechnet: es iſt dieſe naͤmlich der ſoge - nannte Schlaf der Pflanzen. Gewaͤchſe, deren Samen - behaͤltniſſe hinlaͤnglich geſichert ſind, ſchlafen nicht: eine Pflanze nach der Befruchtung ſchlaͤft auch nicht mehr. Sie ſchloß ſich alſo nur muͤtterlich zu, die innern Theile der Blume gegen die rauhe Witterung zu bewahren; und ſo iſt alles bei ihr, wie auf Nahrung und Wachsthum, ſo auch auf Fortpflanzung und Befruchtung gerechnet: eines andern Zwecks der Thaͤtigkeit war ſie nicht faͤhig.
Nicht101Nicht alſo bei den Thieren. Die Werkzeuge der Fort - pflanzung ſind ihnen nicht zur Krone gemacht, (nur einige der niedrigſten Geſchoͤpfe haben dieſe Theile dem Haupt na - he) ſie ſind vielmehr, auch der Beſtimmung des Geſchoͤpfs nach, edlern Gliedern untergeordnet. Herz und Lunge neh - men die Bruſt ein: das Haupt iſt feinern Sinnen geweiht und uͤberhaupt iſt dem ganzen Bau nach das Fiberngewebe mit ſeiner ſaftreichen Blumenkraft dem reizbaren Triebwerk der Muskeln und dem empfindenden Nervengebaͤude unter - worfen. Die Oekonomie des Lebens dieſer Geſchoͤpfe ſoll offenbar dem Geiſt ihres Baues folgen. Freiwillige Be - wegung, wirkſame Thaͤtigkeit, Empfindungen und Triebe machen das Hauptgeſchaͤft des Thiers aus, je mehr ſich ſeine Organiſation hebet. Bei den meiſten Gattungen iſt die Begierde des Geſchlechts nur auf kleine Zeit eingeſchraͤnkt; die uͤbrige leben ſie freier von dieſem Triebe als manche nie - drige Menſchen, die gern in den Zuſtand der Pflanze zuruͤck - kehren moͤchten. Sie haben natuͤrlich auch das Schickſal der Pflanzen; alle edlern Triebe, die Muskeln - Empfin - dungs - Geiſtes - und Willenskraft ermattet; ſie leben und ſterben eines fruͤhzeitigen Pflanzentodes.
Was unter den Thieren der Pflanze am naͤchſten kommt, bleibt, wie in der Oekonomie des Baues, ſo auch im ZweckN 3ſeiner102ſeiner Beſtimmung dem angefuͤhrten Bildungsprincipium treu: es ſind Zoophyten und Jnſekten. Der Polyp iſt ſei - nem Bau nach, nichts als eine belebte organiſche Roͤhre jun - ger Polypen: das Korallengewaͤchs ein organiſches Haus eigner Seethiere; das Jnſekt endlich, das weit uͤber jenen ſteht, weil es ſchon in einem feinern Medium lebet, zeiget dennoch in ſeiner Organiſation ſowohl als in ſeinem Leben die nahe Grenze jener Pflanzenbeſtimmung. Sein Kopf iſt klein und ohne Gehirn; ſelbſt zu einigen nothduͤrftigen Sin - nen war in ihm nicht Raum: daher es ſie auf Fuͤhlhoͤrnern vor ſich hertraͤget. Seine Bruſt iſt klein; daher ihnen die Lunge und vielen auch das kleinſte Analogon des Herzens fehlet. Der Hinterleib aber, in ſeinen Pflanzenartigen Rin - gen, wie groß und weit iſt er! Er iſt noch der herrſchende Theil des Thiers*)Viele dieſer Geſchoͤpfe holen noch durch ihn Othem: auf ihm laͤuft, ſtatt des Herzens, die Pulsader hinab: ſie bohren ſich mit demſelben ein u. f., ſo wie die Hauptbeſtimmung deſſelben Nahrung und zahlreiche Fortpflanzung.
Bei Thieren edlerer Art legte die Natur, wie geſagt worden, die Werkzeuge der Fortpflanzung, als ob ſie ſich ih - rer zu ſchaͤmen anfinge, tiefer hinab: ſie gab einem Theil mehrere ſogar die ungleichſten Verrichtungen und gewann da -mit103mit in der weitern Bruſt zu edlern Theilen Raum. Selbſt die Nerven, die zu jenen Theilen fuͤhren mußten, ließ ſie weit vom Haupt aus niedrigen Staͤmmen entſpringen und ent - nahm ſie mit ihren Muskeln und Fibern großentheils dem Willen der Seele. Pflanzenartig wird hier der Saft der Fortpflanzung bereitet und auch die junge Frucht noch als Pflanze genaͤhret. Pflanzenartig bluͤhet die Kraft dieſer Theile und Triebe zuerſt ab, wenn das Herz noch und viel - leicht raſcher ſchlaͤgt und der Kopf heller denket. Das Wachs - thum des menſchlichen Koͤrpers in ſeinen Theilen geſchieht, nach Martinets feiner Bemerkung*)S. Martinets Katechiſmus der Natur Th. I. S. 316. wo durch eine Kupfertafel das Wachsthum nach Jahren gezeigt wird., minder in den obern als untern Theilen des Koͤrpers; gleich als ob der Menſch ein Baum waͤre, der unten auf ſeinem Stamm wuͤchſe. Kurz, ſo verſchlungen der Bau unſeres Koͤrpers iſt, ſo iſt of - fenbar, daß die Theile die blos zur animaliſchen Nahrung und Fortpflanzung dienen, auch ihrer Organiſation nach mit nichten die herrſchenden Theile der Beſtimmung eines Thiers, geſchweige des Menſchen werden ſollten und werden konnten.
Und104Und welche waͤhlte denn die Natur zu dieſen? Laſſet uns ihrem Bau von innen und außen folgen.
Durch die Reihen aller lebendigen Erdweſen erſtrecket ſich die Ordnung, daß
Gleichergeſtalt iſts bemerkt, daß
Zuerſt. Die Bildung des Herzens auch in ſeiner un - vollkommenſten Geſtalt fodert einen organiſchen Bau meh -rerer105rerer innern Theile, zu dem ſich keine Pflanze erhebet. Auch in Jnſekten und Wuͤrmern ſieht man ſchon Adern und andre Abſondrungswerkzeuge, zum Theil ſelbſt Muskeln und Nerven, die bei den Pflanzen noch durch Roͤhren und bei den Pflanzenthieren durch ein Gebaͤude, das jenen aͤhnlich iſt, erſetzt wurden. Jn dem vollkommenern Geſchoͤpf ward al - ſo eine feinere Ausarbeitung des Safts, von dem es le - bet, mithin auch der Waͤrme, durch die es lebt, befoͤrdert; und ſo ſproßet der Baum des Lebens vom pflanzenartigen zum weiſſen Saft der Thiere, ſodenn zum roͤtheren Blut und endlich zur vollkommenern Waͤrme organiſcher Weſen. Je mehr dieſe waͤchſt, deſto mehr ſehen wir auch die innere Or - ganiſation ſich abſetzen, ſich vervielfaͤltigen und den Kreis - lauf vollkommener werden, durch deſſen Bewegung jene in - nere Waͤrme wahrſcheinlich allein entſtehen konnte. Nur Ein Principium des Lebens ſcheint in der Natur zu herr - ſchen: dies iſt der aͤtheriſche oder elektriſche Strom, der in den Roͤhren der Pflanze, in den Adern und Muskeln des Thiers, endlich gar im Nervengebaͤude immer feiner und fei - ner verarbeitet wird und zuletzt alle die wunderbaren Triebe und Seelenkraͤfte anfacht, uͤber deren Wirkung wir bei Thie - ren und Menſchen ſtaunen. Das Wachsthum der Pflan - zen, ob ihr Lebensſaft gleich viel organiſcher und feiner iſt, als die elektriſche Kraft, die ſich in der todten Natur aͤußert,Owird106wird durch die Elektrieitaͤt befoͤrdert. Noch auf Thiere und Menſchen hat jener Strom Wirkung; und nicht nur auf die groͤbern Theile ihrer Maſchinen etwa, ſondern ſelbſt wo die - ſe zunaͤchſt an die Seele graͤnzen. Die Nerven, von einem Weſen belebt, deſſen Geſetze beinahe ſchon uͤber die Materie hinaus ſind, da es mit einer Art Allgegenwart wirket, ſind noch von der elektriſchen Kraft im Koͤrper beruͤhrbar. Kurz, die Natur gab ihren lebendigen Kindern das beſte, was ſie ihnen geben konnte, eine organiſche Aehnlichkeit ihrer eignen ſchaffenden Kraft, belebende Waͤrme. Durch ſolche und ſolche Organe erzeuget ſich das Geſchoͤpf aus dem todten Pflanzenleben lebendigen Reiz und aus der Summe dieſes, durch feinere Kanaͤle gelaͤutert, das Medium der Em - pfindung. Das Reſultat der Reize wird Trieb; das Re - ſultat der Empfindungen, Gedanke: ein ewiger Fortgang von organiſcher Schoͤpfung, der in jedes lebendige Geſchoͤpf gelegt ward. Mit der organiſchen Waͤrme deſſelben, (nicht eben wie ſie fuͤr unſre groben Kunſtwerkzeuge von auſſen fuͤhl - bar iſt) nimmt auch die Vollkommenheit ſeiner Gattung, wahrſcheinlich alſo auch ſeine Faͤhigkeit zu einem feinern Ge - fuͤhl des Wohlſeyns zu, in deſſen alles durchgehenden Strom die allerwaͤrmende, allbelebende, allgenieſſende Mutter ſich ſelbſt fuͤhlet.
Zwei -107Zweitens. Je vielfacher die innere Organiſation des Geſchoͤpfs zur feinern Lebenswaͤrme ward, deſto mehr ſehen wir, wird daſſelbe faͤhig, Lebendige zu empfangen und zu gebaͤhren. Abermals eine Sproſſe deſſelben großen Lebens - baumes durch alle Gattungen der Geſchoͤpfe*)Man wende nicht ein, daß auch Polypen, einige Schnecken und ſogar die Blattlaͤuſe Lebendige gebaͤhren: auf dieſe Weiſe ge - biert auch die Pflanze Lebendige, indem ſie Keime treibet. Hier iſt von lebendiggebaͤhrenden ſaͤugenden Thieren die Rede..
Es iſt bekannt, daß die meiſten Pflanzen ſich ſelbſt be - gatten und daß auch, wo die Glieder des Geſchlechts getheilt ſind, ſich viel Androgynen und Polygamen finden. Glei - chergeſtalt iſts bemerkt, daß bei den niedrigern Arten der Thie - re, den Pflanzengeſchoͤpfen, Schnecken, Jnſekten entweder die thieriſchen Zeugungstheile noch fehlen, und das Geſchoͤpf wie Pflanze nur fortzuſproſſen ſcheinet, oder daß es unter ih - nen Hermaphroditen, Androgynen und mehrere Anomalien gebe, die hier aufzuzaͤhlen nicht der Ort iſt. Je vielfacher die Organiſation des Thiers wird, deſto beſtimmter gehn die Geſchlechter aus einander. Hier konnte ſich die Natur nicht mehr an organiſchen Keimen begnuͤgen; die Formung eines in ſeinen Theilen ſo vielartigen und vielgeſtalteten WeſensO 2waͤre108waͤre uͤbel daran geweſen, wenn der Zufall das Werk gehabt haͤtte, mit organiſchen Formen zu ſpielen. Alſo ſchied die weiſe Mutter und trennete die Geſchlechter. Sie wußte aber eine Organiſation zu finden, wo ſich zwei Geſchoͤpfe zu Einem vereinten und in ihrer Mitte ein Drittes wuͤrde, der Abdruck ihrer Beider im Augenblick der innigſten organiſchen Lebenswaͤrme.
Jn dieſer empfangen, wird das neue Weſen allein auch durch ſie fortgebildet. Muͤtterliche Waͤrme umfaͤngt es und bildet es aus. Noch athmet ſeine Lunge nicht und ſeine groͤßere Bruſtdruͤſe ſauget; ſelbſt beim Menſchen ſcheint die rechte Herzkammer noch zu fehlen und ſtatt des Bluts fließet ein weiſſer Saft durch ſeine Adern. Je mehr indeß die muͤt - terliche Waͤrme auch ſeine innere Waͤrme anfacht: deſto mehr bildet ſich das Herz, das Blut roͤthet ſich und gewinnet, ob es gleich die Lunge noch nicht beruͤhren kann, energiſchen Kreislauf. Jn lauten Pulsſchlaͤgen reget ſich das Geſchoͤpf; und tritt endlich vollkommen gebildet auf die Welt, begabt mit allen Trieben der Selbſtbewegung und Empfindung, zu denen es nur in einem lebendigen Geſchoͤpf dieſer Art orga - niſirt werden konnte. Sogleich reichen ihm Luft, Milch, Nahrungsmittel, ſelbſt der Schmerz und jedes Beduͤrfniß Anlaͤſſe dar, auf tauſend Wegen Waͤrme einzuſaugen und ſie
durch109durch Fibern, Muskeln und Nerven zu dem Weſen zu ver - arbeiten, das keine niedrigere Organiſation erarbeiten kann. Es waͤchſt bis zu den Jahren, da es im Ueberfluß ſeiner Le - benswaͤrme ſich fortzubilden, zu vervielfaͤltigen ſtrebt, und der organiſche Lebenszirkel alſo von neuem anfaͤngt — —
So ging die Natur bei den Geſchoͤpfen zu Werk, die ſie Lebendige gebaͤhren laſſen konnte; nicht aber alle konnten dies. Die Thiere kaͤlteren Blutes nicht; ihnen muß alſo die Sonne zu Huͤlfe kommen und ihre Mitmutter werden. Sie bruͤtet das Ungebohrne hervor: ein klarer Beweis daß alle organiſche Waͤrme in der Schoͤpfung Eins ſei, nur durch zahlloſe Kanaͤle feiner und feiner hinaufgelaͤutert. Selbſt die Voͤgel, die waͤrmeren Blutes ſind, als die Erdenthiere, konnten, vielleicht theils ihres kaͤltern Elements, theils ih - rer Lebensart und ganzen Beſtimmung wegen, nicht Leben - dige gebaͤhren. Die Natur verſchonte dieſe leichten fluͤchti - gen Geſchoͤpfe, ihre Jungen bis zur lebendigen Geburt zu tragen, wie ſie ſie auch mit der Muͤhe des Saͤugens verſchon - te. Sabald der Vogel aber, wenn auch nur in einer haͤßli - chen Mittelgattung, die Erde betritt, ſaͤugt er. Sobald das Meerthier warmes Blut und Organiſation gnug hat, ein Le - bendiges zu gebaͤhren, ward ihm auch die Muͤhe aufgelegt, es zu ſaͤugen.
O 3Wie110Wie ſehr trug die Natur hiedurch zur Vervollkomm - nung der Gattungen bei. Der fluͤchtige Vogel kann nur bruͤten; und wie ſchoͤne Triebe beyder Geſchlechter entſtehen ſchon aus dieſer kleinen Haushaltung! Die eheliche Liebe bauet, die muͤtterliche Liebe erwaͤrmet das Neſt; die vaͤter - liche verſorget es und hilft es mit erwaͤrmen. Wie verthei - digt eine Vogelmutter ihre Jungen! wie keuſch iſt in den Geſchlechtern, die zur Ehe gemacht ſind, ihre eheliche Lie - be! — Bei den Thieren der Erde ſollte dies Band, wo moͤglich, noch ſtaͤrker werden: darum bekam die Mutter ihr Lebendiggebohrnes an die Bruſt, es mit den zaͤrteſten Theilen ihrer ſelbſt zu naͤhren. Nur ein grob organiſirtes Schwein iſts, das ſeine eigne Jungen frißt: nur kalte Am - phibien ſinds, die ihre Eier dem Sande oder Moraſt geben. Mit Zaͤrtlichkeit ſorgen alle ſaͤugende Geſchlechter fuͤr ihre Jungen; die Liebe des Affen iſt zum Sprichwort gewor - den, und vielleicht giebt keine andre Gattung ihm nach. Selbſt Seegeſchoͤpfe nehmen daran Theil, und der Manati iſt bis zum Fabelhaften ein Bild der ehelichen und muͤtter - lichen Liebe. Zaͤrtliche Haushaͤlterin der Welt, an ſo ein - fache organiſche Bande knuͤpfteſt du die nothwendigſten Be - ziehungen, ſo wie die ſchoͤnſten Triebe deiner Kinder. Auf eine Hoͤle der Herzmuskel, auf eine athmende Lunge kams an, daß das Geſchoͤpf mit ſtaͤrkerer und feinerer Waͤrmelebte,111lebte, daß es Lebendige gebar und ſaͤugte, daß es zu feineren als den Fortpflanzungstrieben, zur Haushaltung und Zaͤrt - lichkeit fuͤr die Jungen, ja in einigen Geſchlechtern gar zur ehelichen Liebe gewoͤhnt ward. Jn der groͤßern Waͤrme des Bluts, dieſem Strom der allgemeinen Weltſeele, zuͤndeteſt du die Fackel an, mit der du auch die feinſten Regungen des menſchlichen Herzens erwaͤrmeſt.
Endlich ſollte ich noch vom Haupt, als der hoͤchſten Region der Thieresbildung reden; es gehoͤren aber hiezu zuvoͤrderſt andere Betrachtungen als uͤber ihre aͤuſſern For - men und Glieder.
Der unſterbliche Haller hat die verſchiednen Kraͤfte, die ſich im Thierkoͤrper phyſiologiſch aͤuſſern, nehmlich die Ela - ſticitaͤt der Faſer, die Reizbarkeit des Muskels, endlich die Empfindung des Nervengebaͤudes mit einer Genauigkeit un -ter -112terſchieden, die im Ganzen nicht nur unwiderlegbar bleiben, ſondern noch die reichſte Anwendung, auch bei andern als menſchlichen Koͤrpern, zur phyſiologiſchen Seelenlehre ge - waͤhren duͤrfte.
Nun laſſe ichs dahin geſtellet ſeyn, ob nicht dieſe drei allerdings ſo verſchiednen Erſcheinungen im Grunde Ein 'und dieſelbe Kraft ſeyn koͤnnten, die ſich in der Faſer anders, an - ders im Muskel, anders im Nervengebaͤude offenbaret. Da alles in der Natur verknuͤpft und dieſe drei Wirkungen im belebten Koͤrper ſo innig und vielfach verbunden ſind: ſo laͤßt ſich daran kaum zweifeln. Elaſticitaͤt und Reizbarkeit grenzen aneinander, wie Fiber und Muskel zuſammen grenzen. So wie dieſer nur ein verflochtnes Kunſtgebilde jener iſt: ſo iſt auch die Reizbarkeit wahrſcheinlich nichts als eine auf innige Art unendlich vermehrte Schnellkraft, die in dieſer organiſchen Verſchlingung vieler Theile ſich aus dem todten Fiberngefuͤhl zur erſten Stuffe des thieriſchen Selbſt - reizes erhoben. Die Empfindſamkeit des Nervenſyſtems wird ſodenn die dritte hoͤhere Art derſelben Kraft ſeyn, ein Reſultat aller jener organiſchen Kraͤfte; da der ganze Kreis - lauf des Bluts und aller ihm untergeordneten Gefaͤße dazu zu gehoͤren ſcheint, das Gehirn als die Wurzel der Nerven mit dem feinen Saft zu befeuchten, der ſich als Medium derEm -113Empfindung betrachtet, uͤber Muskel - und Faſerkraͤfte ſo ſehr erhebet.
Doch dem ſei wie ihm wolle; unendlich iſt die Weis - heit des Schoͤpfers, mit der er in den verſchiednen Organi - ſationen der Thierkoͤrper dieſe Kraͤfte verband und die niedern allmaͤlich den hoͤhern unterordnen wollte. Das Grundge - webe von allem auch in unſerm Bau ſind Fibern: auf ihnen bluͤhet der Menſch. Die lymphatiſchen und Milchgefaͤße bereiten Saft fuͤr die ganze Maſchine. Die Muskelkraͤfte bewegen dieſe nicht blos zu Wirkungen nach auſſen: ſondern ein Muskel, das Herz, wird das erſte Triebwerk des Blu - tes, eines Safts aus ſo vielen Saͤften, der nicht nur den ganzen Koͤrper erwaͤrmet, ſondern auch zum Haupt ſteigt und von da durch neue Zubereitungen die Nerven belebet. Wie ein himmliſches Gewaͤchs breiten ſich dieſe aus ihrer obern Wurzel nieder; und wie ſie ſich breiten? wie fein ſie ſind? zu welchen Theilen ſie verwandt werden? mit welchem Grad des Reizes hier oder da ein Muskel verſchlungen ſei? wel - chen Saft die Pflanzenartigen Gefaͤße bereiten? welche Tem - peratur im ganzen Verhaͤltniß dieſer Theile gegen einander herrſche? auf welche Sinnen es falle? zu welcher Lebensart es wirke? in welchen Bau, in welche Geſtalt es organiſirt ſei? — wenn die genaue Unterſuchung dieſer Dinge inPein -114einzelner, zumal dem Menſchen nahen Geſchoͤpfen nicht Auf - ſchluͤſſe uͤber ihren Jnſtinkt und Charakter, uͤber das Ver - haͤltniß der Gattungen gegen einander, zuletzt und am mei - ſten uͤber die Urſachen des Vorzuges der Menſchen vor den Thieren gaͤbe: ſo wuͤßte ich nicht, woher man phyſiſche Auf - ſchluͤſſe nehmen ſollte. Und gluͤcklicher Weiſe gehen jetzt die Camper, Wrisberg, Wolf, Soͤmmerings und ſo viel andre forſchende Zergliederer auf dieſem geiſtigen phyſiologi - ſchen Wege der Vergleichung mehrerer Geſchlechter in den Kraͤften der Werkzeuge ihres organiſchen Lebens. — — Jch ſetze meinem Zweck gemaͤß einige Hauptgrundſaͤtze voraus, die die folgenden Betrachtungen uͤber die inwohnenden orga - niſchen Kraͤfte verſchiedner Weſen und zuletzt des Menſchen einleiten moͤgen: denn ohne ſie iſt keine gruͤndliche Ueberſicht der Menſchennatur in ihren Maͤngeln und Vollkommenhei - ten moͤglich.
1. Wo Wirkung in der Natur iſt, muß wirkende Kraft ſeyn; wo Reiz ſich in Beſtrebungen oder gar in Kraͤmpfen zeigt, da muß auch Reiz von innen ge - fuͤhlt werden. Sollten dieſe Saͤtze nicht gelten: ſo hoͤrt aller Zuſammenhang der Bemerkungen; alle Analogie der Natur auf.
2. Nie -1152. Niemand mag eine Grenze ziehen, wo eine augenſcheinliche Wirkung Beweis einer inwohnenden Kraft ſeyn koͤnne und wo ſie es nicht mehr ſeyn ſoll. Denen mit uns lebenden Thieren trauen wir Gefuͤhl und Gedanken zu, weil wir ihre taͤgliche Gewohnheit vor uns ſehen; andre koͤnnen hievon deswegen nicht ausgeſchloſſen ſeyn, weil Wir ſie nicht nahe und innig gnug kennen oder weil uns ihre Werke zu kunſtreich duͤnken: denn unſre Un - wiſſenheit oder Kunſtloſigkeit iſt kein abſoluter Maasſtab al - ler Kunſtideen und Kunſtgefuͤhle der belebten Schoͤpfung.
3. Alſo. Wo Kunſt geuͤbt wird, iſt ein Kunſt - ſinn, der ſie uͤbet und wo ein Geſchoͤpf durch Thaten zeigt, daß es Begebenheiten der Natur zuvor wiſſe, indem es ihnen zu entgehen trachtet; da muß es einen innern Sinn, ein Or - gan, ein Medium dieſer Vorausſicht haben; wir moͤgens begreifen koͤnnen oder nicht. Die Kraͤfte der Natur werden deshalb nicht veraͤndert.
4. Es moͤgen viel Medien in der Schoͤpfung ſeyn, von denen wir nicht das mindeſte wiſſen, weil wir kein Organ zu ihnen haben; ja es muͤſſen derſelben viel ſeyn, da wir faſt bey jedem Geſchoͤpf Wirkungen ſehen, die wir uns aus unſrer Organiſation nicht zu erklaͤren ver - moͤgen.
P 25. Die1165. Die Schoͤpfung iſt unendlich groͤßer, in der Mil - lionen Geſchoͤpfe, jedes von beſonderm Sinn und Triebe eine eigne Welt genießet, ein eignes Werk treibet; als eine andre Wuͤſte, die der unachtſame Menſch allein mit ſeinen fuͤnf ſtumpfen Sinnen betaſten ſoll.
6. Wer einiges Gefuͤhl fuͤr die Hoheit und Macht der Sinn - und Kunſt - und Lebenreichen Natur hat, wird dankbar annehmen, was ſeine Organiſation in ſich ſchließt; ihr aber deswegen den Geiſt aller ihrer uͤbrigen Werke nicht ins Geſicht laͤugnen. Die ganze Schoͤpfung ſollte durchge - noſſen, durchgefuͤhlt, durcharbeitet werden; auf jedem neuen Punkt alſo mußten Geſchoͤpfe ſeyn, ſie zu genieſſen, Organe ſie zu empfinden, Kraͤfte, ſie dieſer Stelle gemaͤß zu beleben. Der Kaiman und der Kolibri, der Kondor und die Pipa; was haben ſie mit einander gemein? und jedes iſt fuͤr ſein Element organiſirt, jedes lebt und webt in ſeinem Elemente. Kein Punkt der Schoͤpfung iſt ohne Genuß, ohne Organ, ohne Bewohner: jedes Geſchoͤpf hat alſo ſeine eigne, eine neue Welt.
Unendlichkeit umfaßt mich, wenn ich, umringt von tau - ſend Proben dieſer Art und ergriffen von ihren Gefuͤhlen, Na - tur, in deinen heiligen Tempel trete. Kein Geſchoͤpf biſt du vor -bei -117beigegangen; du theilteſt dich ihm ganz mit, ſo ganz, wie es dich in ſeiner Organiſation faſſen konnte. Jedes deiner Werke machteſt du Eins und vollkommen und nur ſich ſelbſt gleich. Du arbeiteteſt es von innen heraus und wo du ver - ſagen muſteſt, erſtatteteſt du, wie die Mutter aller Dinge er - ſtatten konnte. — Laſſet uns einige dieſer abgewogenen Verhaͤltniſſe der verſchiednen wirkenden Kraͤfte in mancherlei Organiſationen bemerken; wir bahnen uns damit den Weg zum phyſiologiſchen Standort des Menſchen.
1. Die Pflanze iſt zur Vegetation und Fruchtbrin - gung da: ein untergeordneter Zweck, wie es uns ſcheint; aber im Ganzen der Schoͤpfung zu jedem andern die Grund - lage. Jhn alſo vollfuͤhrt ſie ganz und wirkt um ſo unablaͤſ - ſiger auf denſelben, je weniger ſie in andre Zwecke vertheilt iſt. Wo ſie kann, iſt ſie im ganzen Keim da und treibt neue Schoͤßlinge und Knoſpen: ein Zweig vom Baume ſtellet den ganzen Baum dar. Wir rufen alſo ſogleich Einen der vori - gen Saͤtze hier zu Huͤlfe und haben das Recht, nach aller Analogie der Natur zu ſagen: wo Wirkung iſt, muß Kraft, wo neues Leben iſt, muß ein Principium des neuen Lebens ſeyn und in jedem Pflanzenartigen Geſchoͤpf muß dieſes ſich in der groͤßeſten Wirkſamkeit finden. Die Theo -P 3rie118rie der Keime, die man zur Erklaͤrung der Vegetation ange - nommen hat, erklaͤret eigentlich nichts: denn der Keim iſt ſchon ein Gebilde und wo dieſes iſt, muß eine organiſche Kraft ſeyn, die es bildet. Jm erſten Saamenkorn der Schoͤ - pfung hat kein Zergliederer alle kuͤnftige Keime entdeckt; ſie werden uns nicht eher ſichtbar, als bis die Pflanze zu ihrer eignen voͤlligen Kraft gelangt iſt und wir haben durch alle Erfahrungen kein Recht, ſie etwas anderm, als der organi - ſchen Kraft der Pflanze ſelbſt zuzuſchreiben, die auf ſie mit ſtiller Jntenſitaͤt wirket. Die Natur gewaͤhrte dieſem Ge - ſchoͤpf, was ſie ihm gewaͤhren konnte und erſtattete das Viel - fache, das ſie ihm entziehen mußte, durch die Jnnigkeit der Einen Kraft, die in ihm wirket. Was ſollte die Pflanze mit Kraͤften der Thierbewegung, da ſie nicht von ihrer Stelle kann? warum ſollte ſie andre Pflanzen um ſich her erkennen koͤnnen, da dies Erkenntniß ihr Quaal waͤre? Aber die Luft, das Licht, ihren Saft der Nahrung ziehet ſie an und genießt ſie pflanzenartig; den Trieb zu wachſen, zu bluͤhen und ſich fortzupflanzen uͤbt ſie ſo treu und unablaͤßig, alſ ihn kein andres Geſchoͤpf uͤbet.
2. Der Uebergang von der Pflanze zu den vielen bis - her entdeckten Pflanzenthieren ſtellet dies noch deutlicher dar. Die Nahrungstheile ſind bei ihnen ſchon geſondert:
ſie119ſie haben ein Analogon thieriſcher Sinne und willkuͤhrlicher Bewegung; ihre vornehmſte organiſche Kraft iſt indeſſen noch Nahrung und Fortpflanzung. Der Polyp iſt kein Ma - gazin von Keimen, die in ihm, etwa fuͤr das grauſame Meſ - ſer des Philoſophen, praͤformirt laͤgen; ſondern wie die Pflanze ſelbſt organiſches Leben war, iſt auch Er organi - ſches Leben. Er ſchießt Abſchoͤßlinge, wie ſie, und das Meſſer des Zergliederers kann dieſe Kraͤfte nur wecken, nur reitzen. Wie ein gereizter oder zerſchnittener Muskel mehr Kraft aͤuſſert: ſo aͤuſſert ein gequaͤlter Polyp alles, was er kann, um ſich zu erſtatten und zu ergaͤnzen. Er treibt Glie - der ſo lange ſeine Kraft es vermag und das Werkzeug der Kunſt ſeine Natur nur nicht ganz zerſtoͤrte. An einigen Theilen, in einigen Richtungen, wenn die Theile zu klein, wenn ſeine Kraͤfte zu matt werden, kann ers nicht mehr; wel - ches alles nicht ſtatt faͤnde, wenn in jedem Punkt der praͤ - formirte Keim bereit laͤge. Maͤchtige organiſche Kraͤfte ſinds die wir in ihm, wie im Triebwerk der Gewaͤchſe, ja noch tiefer hinab in ſchwaͤchern, dunklern Anfaͤngen wirken ſehen.
3. Die Schalenthiere ſind organiſche Geſchoͤpfe voll ſo viel Lebens, als ſich in dieſem Element, in dieſem Ge - haͤuſe nur ſammlen und organiſiren konnte. Wir muͤſſen es Gefuͤhl nennen, weil wir kein andres Wort haben; es iſtaber120aber Schnecken - oder Meeresgefuͤhl, ein Chaos der dunkel - ſten Lebenskraͤfte, unentwickelt bis auf wenige Glieder. Siehe die feinen Fuͤhlhoͤrner, den Muskel, der den Seh - nerven vertritt, den offenen Mund, den Anfang des ſchla - genden Herzens; und welch ein Wunder! die ſonderbaren Reproductionskraͤfte. Das Thier erſtattet ſich Kopf, Hoͤr - ner, Kinnlade, Augen: es bauet nicht nur ſeine kuͤnſtliche Schale und reibt ſie ab, ſondern erzeugt auch lebendige We - ſen mit eben der kuͤnſtlichen Schale und manche Geſchlech - ter ſind zugleich Mann und Weib. Jn ihm liegt alſo eine Welt von organiſchen Kraͤften, vermoͤge deren das Ge - ſchoͤpf auf ſeiner Stufe vermag, was keins von ausgewickel - ten Gliedern vermochte und in denen das zaͤhe Schleimge - bilde um ſo inniger und unablaͤßiger wirket.
4. Das Jnſekt, ein ſo kunſtreiches Geſchoͤpf in ſeinen Wirkungen, iſt gerade ſo kunſtreich in ſeinem Bau: ſeine organiſche Kraͤfte ſind demſelben, ſogar einzelnen Theilen nach, gleichfoͤrmig. Noch fand ſich an ihm zu wenigem Ge - hirn, und nur zu aͤuſſerſt feinen Nerven Raum; ſeine Mus - keln ſind noch ſo zart, daß harte Decken ſie von auſſen bepan - zern muͤſſen und zum Kreislauf der groͤßern Landthiere war in ſeiner Organiſation keine Stelle. Sehet aber ſeinen Kopf, ſeine Augen, ſeine Fuͤhlhoͤrner, ſeine Fuͤße, ſeineSchilde,121Schilde, ſeine Fluͤgel: bemerket die ungeheuren Laſten, die ein Kaͤfer, eine Fliege, eine Ameiſe traͤgt; die Macht, die ei - ne erzuͤrnte Weſpe beweiſet: ſehet die fuͤnftauſend Muskeln, die Lyonet in der Weidenraupe gezaͤhlt hat, da der maͤchtige Menſch deren kaum fuͤnftehalbhundert beſitzet; betrachtet endlich die Kunſtwerke, die ſie mit ihren Sinnen und Glie - dern vornehmen und ſchließet auf eine organiſche Fuͤlle von Kraͤften, die in jedem ihrer Theile einwohnend wirken. Wer kann den ausgeriſſenen zitternden Fuß einer Spinne, einer Fliege ſehen, ohne wahrzunehmen, wie viel Kraft des lebendigen Reizes in ihm ſei, auch abgetrennt von ſeinem Koͤrper? Der Kopf des Thiers war noch zu klein, um alle Lebensreize in ſich zu verſammeln; die reiche Natur verbrei - tete dieſe alſo in alle auch die feinſten Glieder. Seine Fuͤhl - hoͤrner ſind Sinne: ſeine feinen Fuͤße Muskeln und Arme: jeder Nervenknote ein kleineres Gehirn, jede reizbare Faſer beinahe ein ſchlagendes Herz; und ſo konnten die feinen Kunſtwerke vollbracht werden, zu denen manche dieſer Gat - tungen ganz gebauet ſind und zu welchen ſie Organiſation und Beduͤrfniß treibet. Welche feine Elaſticitaͤt hat der Faden einer Spinne, einer Seidenraupe! und die Kuͤnſtle - rin zog ihn aus ſich ſelbſt, zum offenbaren Erweiſe, daß ſie ſelbſt ganz Elaſticitaͤt und Reiz, alſo auch in ihren TriebenO.und122und Kunſtwerken eine wahre Kuͤnſtlerin ſei, eine in dieſer Or - ganiſation wirkende kleine Weltſeele.
5. Bei den Thieren von kaltem Blut iſt noch dieſel - be Uebermacht des Reizes ſichtbar. Lange und heftig regt ſich die Schildkroͤte noch nachdem ſie ihr Haupt verloh - ren; der abgeriſſene Kopf einer Natter biß nach 3. 8. 12 Tagen toͤdlich. Der zuſammengezogne Kinnbacken eines todten Krokodills konnte einem Unvorſichtigen den Finger ab - beißen; ſo wie unter den Jnſekten der ausgeriſſene Stachel einer Biene zu ſtechen ſtrebet. — Siehe den Froſch in ſei - ner Begattung; Fuͤße und Glieder koͤnnen ihm abgeriſſen werden, ehe er von ſeinem Gegenſtande ablaͤßt. Siehe den gequaͤlten Salamander; Haͤnde, Finger, Fuͤße, Schenkel kann er verlieren und er erſtattet ſie ſich wieder. So groß und wenn ich ſagen darf ſo allgnugſam ſind die organiſchen Lebenskraͤfte in dieſen Thieren von kaltem Blut, und kurz, je roher ein Geſchoͤpf iſt, d. i. je minder die organiſche Macht ſeiner Reize und Muskeln zu feinen Nervenkraͤften hinauf - gelaͤutert und einem groͤßern Gehirn untergeordnet worden; deſto mehr zeigen ſie ſich in einer verbreiteten, das Leben hal - tenden oder erſtattenden organiſchen Allmacht.
6. Selbſt1236. Selbſt bei Thieren von waͤrmerem Blut hat man bemerkt, daß in Verbindung mit den Nerven ihr Fleiſch ſich traͤger bewege und ihr Eingeweide dagegen heftigere Wir - kungen des Reizes zeige, wenn das Thier todt iſt. Jm To - de werden die Zuckungen ſtaͤrker in dem Maas als die Em - pfindung abnimmt und ein Muskel, der ſeine Reizbarkeit be - reits verlohren, erlangt ſolche wieder, wenn man ihn in Stuͤcke zerſchneidet. Je Nervenreicher alſo das Geſchoͤpf iſt, deſto mehr ſcheints von der zaͤhen Lebenskraft zu verlie - ren, die nur mit Muͤhe abſtirbt. Die Reproductionskraͤfte einzelner, geſchweige ſo vielartiger Glieder als Haupt, Haͤn - de, Fuͤße ſind, verlieren ſich bey den ſogenannten vollkomme - nern Geſchoͤpfen; kaum daß ſich bei ihnen in gewiſſen Jah - ren noch ein Zahn erſetzt oder ein Beinbruch und eine Wun - de ergaͤnzet. Dagegen ſteigen die Empfindungen und Vor - ſtellungen in dieſen Claſſen ſo merklich, bis ſie ſich endlich im Menſchen auf die fuͤr eine Erdorganiſation feineſte und hoͤch - ſte Weiſe zur Vernunft ſammlen.
Doͤrfen wir aus dieſen Jnductionen, die noch viel mehr ins Einzelne geleitet werden koͤnnten, einige Reſultate ſamm - len; ſo waͤren es folgende:
O. 21. Bei1241. Bei jedem lebendigen Geſchoͤpf ſcheint der Cirkel organiſcher Kraͤfte ganz und vollkommen; nur er iſt bei je - dem anders modificirt und vertheilet. Bei dieſem liegt er noch der Vegetation nahe und iſt daher fuͤr die Fortpflan - zung und Wiedererſtattung ſeiner ſelbſt ſo maͤchtig; bei an - dern nehmen dieſe Kraͤfte ab, je mehr ſie in kuͤnſtlichere Glie - der, feinere Werkzeuge und Sinnen vertheilt werden.
2. Ueber den maͤchtigen Kraͤften der Vegetation fan - gen die lebendigen Muskelreize zu wirken an. Sie ſind mit jenen Kraͤften des wachſenden, ſproßenden, ſich wieder - herſtellenden animaliſchen Fiberngebaͤudes nahe verwandt; nur ſie erſcheinen in einer kuͤnſtlich verſchlungenen Form, zu einem eingeſchraͤnkteren, beſtimmteren Zweck der Lebens - wirkung. Jeder Muskel ſteht ſchon mit vielen andern im wechſelſeitigen Spiel; er wird alſo auch nicht die Kraͤfte der Fiber allein, ſondern die ſeinigen erweiſen, lebendigen Reiz in wirkender Bewegung. Der Krampffiſch erſtattet nicht wie die Eidechſe, der Froſch, der Polyp, ſeine Glieder; auch bei denen ſich reproducirenden Thieren erſtatten ſich die Theile, in denen Muskelkraͤfte zuſammengedrungen ſind, nicht ſo, wie die gleichſam abſproſſenden Glieder; der Krebs kann ſeine Fuͤße aber nicht ſeinen Schwanz neu treiben. Jn kuͤnſtlich verſchlungenen Bewegungskraͤften hoͤrt alſo allmaͤ -lich125lich das Gebiet des vegetirenden Organismus auf oder viel - mehr es wird in einer kuͤnſtlichern Form veſtgehalten und auf die Zwecke der zuſammengeſetzteren Organiſation im Ganzen verwendet.
3. Je mehr die Muskelkraͤfte in das Gebiet der Ner - ven treten, deſto mehr werden auch ſie in dieſer Organiſation gefangen und zu Zwecken der Empfindung uͤberwaͤltigt. Je mehr und feinere Nerven ein Thier hat, je mehr dieſe einander vielfach begegnen, kuͤnſtlich verſtaͤrken und zu edlen Theilen und Sinnen verwandt werden, je groͤßer und feiner endlich der Sammelplatz aller Empfindungen, das Gehirn iſt: deſto verſtaͤndiger und feiner wird die Gattung dieſer Organiſationen. Wo gegentheils bei Thieren der Reiz die Empfindung, die Muskelkraͤfte das Nervengebaͤude uͤberwin - den, wo dies auf niedrige Verrichtungen und Triebe ver - braucht wird und inſonderheit der erſte und beſchwerlichſte aller Triebe, der Hunger, noch der herrſchendſte ſeyn mußte: da wird, nach unſerm Maasſtabe, die Gattung theils un - foͤrmlicher im Bau, theils in ihrer Lebensweiſe groͤber. —
Wer wuͤrde ſich nicht freuen, wenn ein philoſophiſcher Zergliederer*)Auſſer andern bekannten Werken finde ich in des aͤltern Alexan - der Monro Works Edinb. 1781. einen Eſſai on compa -rative es uͤbernaͤhme eine vergleichende PhyſiologieO 3meh -126mehrerer, inſonderheit dem Menſchen naher Thiere, nach die - ſen durch Erfahrungen unterſchiednen und veſtgeſtellten Kraͤf - ten im Verhaͤltniß der ganzen Organiſation des Geſchoͤpfs zu geben. Die Natur ſtellet uns ihr Werk hin: von auſſen eine verhuͤllete Geſtalt, ein uͤberdecktes Behaͤltniß innerer Kraͤfte. Wir ſehen ſeine Lebensweiſe: wir errathen aus der Phyſiognomie ſeines Angeſichts und aus dem Verhaͤltniß ſei - ner Theile vielleicht etwas von dem, was im Jnnern vorgeht; hier aber im Jnnern ſind uns die Werkzeuge und Maſſen orga - niſcher Kraͤfte ſelbſt vorgelegt und je naͤher am Menſchen, de - ſto mehr haben wir ein Mittel der Vergleichung. Jch wa - ge es, da ich kein Zergliederer bin, den Wahrnehmungen großer Zergliederer in ein paar Beyſpielen zu folgen: ſie be - reiten uns zum Bau und zur phyſiologiſchen Natur des Men - ſchen vor.
*)rative anatomy, der eine Ueberſetzung, ſo wie die ſchoͤnen Thierſkelette in Cheſelden's Oſteography, Lond. 1783. ei - nen Nachſtich verdienten, der aber in Deutſchland ſchwerlich an die genaue Pracht des Originals kommen doͤrfte.
Der Elephant*)Nach Buffon, Daubenton, Camper und zum Theil Zim - mermanns Beſchreibung eines ungebohrnen Elephanten., ſo unfoͤrmlich er ſcheinet, giebt phyſio - logiſche Gruͤnde genug von ſeinem, dem Menſchen ſo aͤhnli - chen Vorzuge vor allen lebenden Thieren. Zwar iſt ſein Gehirn, der Groͤße des Thiers nach, nicht uͤbermaͤßig; die Hoͤlen deſſelben aber und ſein ganzer Bau iſt dem menſchli - chen ſehr aͤhnlich. „ Jch war erſtaunt, ſagt Camper, eine ſol - che Aehnlichkeit zwiſchen der glandula pinealiſ, den nateſ und teſteſ dieſes Thiers mit denen in unſerm Gehirn zu finden; wenn irgendwo ein ſenſorium commune ſtatt haben kann, ſo muß es hier geſucht werden. “ Die Hirnſchale iſt im Ver - haͤltniß des Kopfs klein, weil die Naſenhoͤle weit oberhalb dem Gehirn laͤuft und nicht nur die Stirn - ſondern auch an - dre Hoͤlen**)Die Trummeln und Hoͤlen der proceſſus mammillares u. f. mit Luft anfuͤllet: denn um die ſchweren Kinnladen zu bewegen wurden ſtarke Muskeln und große Oberflaͤchen erfodert, die die bildende Mutter alſo, um dem Geſchoͤpf eine untragbare Schwere zu erſparen, mit Luft an -fuͤllte.128fuͤllte. Das große Gehirn liegt nicht oberhalb dem kleinen und druͤcket daſſelbe nicht durch ſeine Schwere; die trennen - de Membrane ſteht ſenkrecht. Die zahlreichen Nerven des Thiers wenden ſich großentheils zu den feinern Sinnen und der Ruͤſſel allein empfaͤngt derſelben ſoviel als ſein ganzer ungeheurer Koͤrper. Die Muskeln, die ihn bewegen, ent - ſpringen an der Stirn: er iſt ganz ohne Knorpel, das Werk - zeug eines zarten Gefuͤhls, eines feinen Geruchs und der leichteſten Bewegung. Jn ihm alſo vereinigen ſich mehrere Sinne und berichtigen einander. Das geiſtvolle Auge des Elephanten (das auch am untern Augenliede, dem Menſchen und ſonſt keinem Thier gleich, Haare und eine zarte Mus - kelbewegung hat,) hat alſo die feinern fuͤhlenden Sinne zu Nachbarn und dieſe ſind vom Geſchmack, der ſonſt das Thier hinreißt, geſondert. Was bei andern, znmal Fleiſchfreſſen - den Thieren der herrſchende Theil des Geſichts zu ſeyn pflegt, der Mund, iſt hier unter die hervorragende Stirn, unter den erhoͤheten Ruͤßel tief heruntergeſetzt und beinah verborgen. Noch kleiner iſt ſeine Zunge: die Waffen der Vertheidigung, die er im Munde traͤgt, ſind von den Werkzeugen der Nah - rung unterſchieden; zur wilden Freßgier iſt er alſo nicht ge - bildet. Sein Magen iſt einfach und klein, ſo groß die Ein - geweide ſeyn mußten: ihn kann alſo wahrſcheinlich nicht, wie das Raubthier, der wuͤtende Hunger quaͤlen. Friedlich und
rein -129reinlich lieſet er die Kraͤuter und weil Geruch und Mund von einander getrennt ſind, brauchet er dazu mehr Behut - ſamkeit und Zeit. Zu eben der Behutſamkeit hat ihn die Natur im Trinken und in ſeinem ganzen ſchweren Koͤrper - bau gebildet, ſo daß dieſe ihn eben aus dem Grunde bis zur Begattung begleitet. Kein Trieb des Geſchlechts verwil - dert ihn: denn die Elephantin traͤgt neun Monate, wie der Menſch und ſaͤuget ihr Junges an Vorderbruͤſten. Dem Menſchen gleich ſind die Verhaͤltniſſe ſeiner Lebensalter, zu wachſen, zu bluͤhn, zu ſterben. Wie edel hat die Natur die thie - ſchen Schneidezaͤhne in Hauzaͤhne verwandelt! und wie fein muß das Organ ſeines Gehoͤrs ſeyn, da er die menſchliche Rede in feinen Unterſcheidungen des Befehls und der Affekten ver - ſtehet. Seine Ohren ſind groͤßer, als bei einem andern Thier, dabei duͤnne und nach allen Seiten gebreitet: ihre Oefnung liegt hoch und der ganze dennoch kleine Hinterkopf des Thiers iſt eine Hoͤle des Wiederhalls, mit Luft erfuͤllet. So wußte die Natur, die Schwere des Geſchoͤpfs zu erleich - tern, und die ſtaͤrkſte Muskelkraft mit der feinſten Oekono - mie der Nerven zu paaren; ein Koͤnig der Thiere an weiſer Ruhe und verſtaͤndiger Sinnesreinheit.
Der Loͤwe dagegen*)Jnſonderheit nach Wolfs vortreflicher Beſchreibung in denNov - welch ein andrer Koͤnig derThiereR130Thiere! Auf Muskeln hat es die Natur bey ihm gerichtet; auf Sanftmuth und feine Verſtaͤndigkeit nicht. Sein Ge - hirn machte ſie klein; und ſeine Nerven ſo ſchwach, als es dem Verhaͤltniß nach ſelbſt die Nerven der Katze nicht ſind; die Muskeln dagegen dick und ſtark und ſetzte ſie an ihren Knochen in eine ſolche Lage, daß aus ihnen zwar nicht die vielfachſte und feinſte Bewegung, aber deſto mehr Kraft ent - ſtehen ſollte. Ein eigner großer Muskel, der den Hals er - hebt, ein Muskel des Vorderfußes, der zum Veſthalten dient, ein Fußgelenk dicht an der Klaue; dieſe groß und krumm, daß ihre Spitze nie ſtumpf werden kann, weil ſie nie die Erde beruͤhrt; ſolche wurden des Loͤwen Gaben. Sein Magen iſt lang und ſtark gebogen; das Reiben deſſelben und alſo ſein Hunger muß fuͤrchterlich ſeyn. Klein iſt ſein Herz, aber zart und weit die Hoͤlen deſſelben; viel laͤnger und wei - ter als beim Menſchen. Auch die Waͤnde ſeines Herzens ſind doppelt ſo duͤnn und die Pulsadern doppelt ſo klein, daß das Blut des Loͤwen, ſobald es aus dem Herzen tritt, ſchon viermal und in den Zweigen der 15ten Abtheilung hundert - mal ſchneller laͤuft, als im Menſchen. Das Herz des Ele - phanten dagegen ſchlaͤgt ruhig, beinah wie bei kaltbluͤtigen*)Nov. Commentar. Acad. Scient. Petrop. T. XV. XVI. nach deren Art ich die phyſiologiſch-anatomiſche Beſchreibung meh - rerer Thiere wuͤnſchte.Thieren.131Thieren. Auch die Galle des Loͤwen iſt groß und ſchwaͤrz - lich. Seine breite Zunge laͤuft vorn rund zu, mit Stacheln beſetzt, die anderthalb Zoll lang, mitten auf dem Vordertheil liegen und ihre Spitzen hinterwaͤrts richten. Daher ſein ge - faͤhrliches Lecken der Haut, das ſogleich Blut hervortreibt und bei dem ihn Blutdurſt befaͤllt; wuͤtender Durſt auch nach dem Blut ſeines Wohlthaͤters und Freundes. Ein Loͤwe, der einmal Menſchenblut gekoſtet hat, laͤßt nicht leicht von dieſer Beute: weil ſein durchfurchter Gaum nach dieſer Erquickung lechzet. Dabei gebiert die Loͤwin mehrere Jun - gen, die langſam wachſen: ſie muß ſie alſo lange naͤhren und ihr muͤtterlicher Trieb nebſt eignem Hunger, reizt ihre Raub - gier. Da die Zunge des Loͤwen ſcharf leckt und ſein heißer Hunger ein Durſt iſt: ſo iſts natuͤrlich, daß ihn faules Aas nicht reize. Das eigne Wuͤrgen und Ausſaugen des friſchen Bluts iſt ſein Koͤnigsgeſchmack; und ſein befremdendes An - ſtaunen oft ſeine ganze Koͤnigsgroßmuth. Leiſe iſt ſein Schlaf, weil ſein Blut warm und ſchnell iſt; feige wird er, wenn er ſatt iſt, weil er faulen Vorrath nicht brauchen kann, auch nicht an ihn denket und ihn alſo nur der gegenwaͤrtige Hunger zur Tapferkeit treibet. Wohlthaͤtig hat die Natur ſeine Sinne geſtumpft: ſein Geſicht fuͤrchtet das Feuer, da es auch den Glanz der Sonne nicht ertraͤgt: er wittert nicht ſcharf, weil er auch der Lage ſeiner Muskeln nach nur zumR 2maͤch -132maͤchtigen Sprunge nicht zum Lauf gemacht iſt und keine Faͤulung ihn reizt. Die uͤberdeckte, gefruchte Stirn iſt klein gegen den Untertheil des Geſichts, die Raubknochen und Freßmuskeln. Plump und lang iſt ſeine Naſe: eiſern ſein Nacken und Vorderfuß: anſehnlich ſeine Maͤhne und Schweifmuskeln; der Hinderleib hingegen iſt ſchwaͤcher und feiner. Die Natur hatte ihre furchtbare Kraͤfte verbraucht und machte ihn im Geſchlecht, auch ſonſt wenn ihn ſein Blut - durſt nicht quaͤlt, zu einem ſanften und edlen Thier. So phyſiologiſch iſt alſo auch dieſes Geſchoͤpfs Art und Seele.
Ein drittes Beiſpiel mag der Unau ſeyn, dem Anſehn nach das letzte und ungebildetſte der vierfuͤßigen Thiere; ein Klumpe des Schlammes, der ſich zur thieriſchen Organiſa - tion erhoben. Klein iſt ſein Kopf und rund; auch alle Glieder deſſelben rund und dick, unausgebildet und wulſtig. Sein Hals iſt ungelenk; gleichſam Ein Stuͤck mit dem Kopf. Die Haare deſſelben begegnen ſich mit dem Ruͤcken - haar, als ob die Natur das Thier in zweierlei Richtungen formirt habe, ungewiß, welche ſie waͤhlen ſollte. Sie waͤhl - te endlich den Bauch und Hintern zum Haupttheil, dem auch in der Stellung, Geſtalt und ganzen Lebensweiſe der elende Kopf nur dienet. Der Wurf liegt am After; Magen und Gedaͤrm fuͤllen ſein Jnneres: Herz, Lunge, Leber ſind ſchlechtge -133gebildet und die Galle ſcheint ihm noch gar zu fehlen. Sein Blut iſt ſo kalt, daß es an die Amphibien grenzet; daher ſein ausgeriſſenes Herz und ſein Eingeweide noch lange ſchlaͤgt und das Thier, auch ohne Herz, die Beine zuckt, als ob es in einem Schlummer laͤge. Auch hier bemerken wir alſo die Compenſation der Natur, daß wo ſie empfind - ſame Nerven, ſelbſt rege Muskelkraͤfte verſagen mußte, ſie de - ſto inniger den zaͤhen Reiz ausbreitete und mittheilte. Dies vornehme Thier alſo mag ungluͤcklicher ſcheinen als es iſt. Es liebt die Waͤrme, es liebt die ſchlaffe Ruhe und befindet ſich in beiden Schlammartig wohl. Wenn es nicht Waͤr - me hat, ſchlaͤft es; ja als ob ihm auch das Liegen ſchmerzte, haͤngt es ſich mit der Kralle an den Baum, frißt mit der an - dern Kralle und genießt wie ein hangender Sack im war - men Sonnenſchein ſein Raupenartiges Leben. Die Un - foͤrmlichkeit ſeiner Fuͤße iſt auch Wohlthat. Das weiche Thier darf ſich vermittelſt ihres ſonderbaren Baues nicht einmal auf die Ballen ſondern nur auf die Converitaͤt der Klaue wie auf Raͤder des Wagens ſtuͤtzen und ſchiebet ſich alſo langſam und gemaͤchlich weiter. Seine ſechs und vier - zig Ribben, dergleichen kein andres vierfuͤßiges Thier hat, ſind ein langes Gewoͤlbe ſeines Speiſemagazins und wenn ich ſo ſagen darf, die zu Wirbeln verhaͤrteten Ringe eines freſſenden Blaͤtterſacks, einer Raupe.
R 3Gnug134Gnug der Beiſpiele. Es erhellet, wohin der Begrif einer Thierſeele, und eines Thierinſtinkts zu ſetzen ſei, wenn wir der Phyſiologie und Erfahrung folgen. Jene naͤmlich iſt die Summe und das Reſultat aller in einer Organi - ſation wirkenden lebendigen Kraͤfte. Dieſer iſt die Richtung, die die Natur jenen ſaͤmtlichen Kraͤften da - durch gab, daß ſie ſie in eine ſolche und keine andre Temperatur ſtellte: daß ſie ſie zu dieſem und keinem andern Bau organiſirte.
Wir haben uͤber die Triebe der Thiere ein vortrefliches Buch des ſeligen Reimarus*)Reimarus allgem. Betrachtungen uͤber die Triebe der Thiere, Hamb. 1773. Jmgleichen angefangene Betrachtungen uͤber die beſondern Arten der thieriſchen Kunſttriebe: denen auch J. A. H. Reimarus reiche und ſchoͤne Abhandlung uͤber die Natur der Pflanzenthiere beygefuͤgt iſt., das ſo wie ſein andres uͤber die natuͤrliche Religion ein bleibendes Denkmal ſeines for -ſchenden135ſchenden Geiſtes und ſeiner gruͤndlichen Wahrheitsliebe ſeyn wird. Nach gelehrten und Ordnungsvollen Betrachtungen uͤber die mancherley Arten der thieriſchen Triebe, ſucht er die - ſelbe aus Vorzuͤgen ihres Mechaniſmus, ihrer Sinne und ihrer inneren Empfindung zu erklaͤren; glaubt aber noch, in - ſonderheit bey den Kunſttrieben, beſondere determinirte Na - turkraͤfte und natuͤrlich angebohrne Fertigkeiten anneh - men zu muͤſſen, die weiter keine Erklaͤrung leiden. Jch glaube das letzte nicht; denn die Zuſammenſetzung der gan - zen Maſchine mit ſolchen und keinen andern Kraͤften, Sin - nen, Vorſtellungen und Empfindungen, kurz die Organiſa - tion des Geſchoͤpfs ſelbſt war die gewiſſeſte Richtung, die vollkommenſte Determination, die die Natur ihrem Werk eindruͤcken konnte.
Als der Schoͤpfer die Pflanze baute und dieſelbe mit ſolchen Theilen, mit ſolchen Anziehungs - und Verwandlungs - kraͤften des Lichts, der Luft, und andrer feinen Weſen, die ſich aus Luft und Waſſer zu ihr draͤngen, begabte: da er ſie end - lich in ihr Element pflanzte, wo jeder Theil die ihm weſentli - chen Kraͤfte natuͤrlich aͤuſſert: ſo hatte er, duͤnkt mich, keinen neuen und blinden Trieb zur Vegetation dem Geſchoͤpf an - zuſchaffen noͤthig. Jeder Theil mit ſeiner lebendigen Kraft thut das Seine und ſo wird bei der ganzen Erſcheinung dasRe -136Reſultat von Kraͤften ſichtbar, das ſich in ſolcher und keiner andern Zuſammenſetzung offenbaren konnte. Wirkende Kraͤfte der Natur ſind alle, jede in ihrer Art, lebendig: in ihrem Jnnern muß ein Etwas ſeyn, das ihren Wirkungen von außen entſpricht; wie es auch Leibnitz annahm und uns die ganze Analogie zu lehren ſcheinet. Daß wir fuͤr dieſen innern Zuſtand der Pflanze oder der noch unter ihr wirken - den Kraͤfte keinen Namen haben, iſt Mangel unſrer Spra - che: denn Empfindung wird allerdings nur von dem innern Zuſtande gebraucht, den uns das Nervenſyſtem gewaͤhret. Ein dunkles Analogon indeſſen mag da ſeyn und wenn es nicht da waͤre: ſo wuͤrde uns ein neuer Trieb, eine dem Gan - zen zugegebne Kraft der Vegetation nichts lehren.
Zwei Triebe der Natur werden alſo ſchon bei der Pflanze ſichtbar, der Trieb der Nahrung und Fortpflanzung; und das Reſultat derſelben ſind Kunſtwerke, an welche ſchwer - lich das Geſchaͤft irgend eines lebendigen Kunſtinſekts rei - chet: es iſt der Keim und die Blume. Sobald die Natur die Pflanze oder den Stein ins Thierreich uͤberfuͤhret, zeigt ſie uns deutlicher, was es mit den Trieben organiſcher Kraͤf - te ſei? Der Polyp ſcheint wie die Pflanze zu bluͤhen und iſt Thier: er ſucht und genieſſet ſeine Speiſe Thierartig; er treibt Schoͤßlinge und es ſind lebendige Thiere: er erſtattetſich,137ſich, wo er ſich, erſtatten kann — das groͤßeſte Kunſtwerk, das je ein Geſchoͤpf vollfuͤhrte. Gehet etwas uͤber die Kuͤnſt - lichkeit eines Schneckenhauſes? Die Zelle der Biene muß ihm nachſtehn, das Geſpinſt der Raupe und des Seiden - wurms muß der kuͤnſtlichen Blume weichen. Und wodurch arbeitete die Natur jenes aus? durch innere organiſche Kraͤf - te, die noch wenig in Glieder getheilt in einem Klumpen la - gen und deren Windungen ſich meiſtens dem Gange der Sonne gemaͤß dies regelmaͤßige Gebilde formten. Theile von innen heraus gaben die Grundlage her, wie die Spinne den Faden aus ihrem Untertheile ziehet und die Luft mußte nur haͤrtere oder groͤbere Theile hinzubilden. Mich duͤnkt, dieſe Uebergaͤnge lehren uns gnugſam, worauf alle, auch die Kunſttriebe des kuͤnſtlichſten Thiers beruhen? naͤmlich auf or - ganiſchen Kraͤften, die in dieſer und keiner andern Maſſe, nach ſolchen und keinen andern Gliedern wirken. Ob mit mehr oder weniger Empfindung? kommt auf die Ner - ven des Geſchoͤpfs an; es giebt aber außer dieſen noch reg - ſame Muskelkraͤfte und Fibern voll wachſenden und ſich wie - der herſtellenden Pflanzenlebens, welche zwei von den Ner - ven unabhaͤngige Gattungen der Kraͤfte dem Geſchoͤpf gnugſam erſetzen, was ihm an Gehirn und Nerven ab - geht.
SUnd138Und ſo fuͤhret uns die Natur ſelbſt auf die Kunſttrie - be, die man vorzuͤglich einigen Jnſekten zu geben gewohnt iſt; aus keiner andern Urſache als weil uns ihr Kunſtwerk enger ins Auge faͤllt und wir daſſelbe ſchon mit unſern Wer - ken vergleichen. Je mehr die Werkzeuge in einem Geſchoͤpf zerlegt ſind, je lebendiger und feiner ſeine Reize werden: de - ſto weniger kann es uns fremde duͤnken, Wirkungen wahrzu - nehmen, zu denen Thiere von groͤberm Bau und von einer ſtumpferen Reizbarkeit einzelner Theile nicht mehr tuͤchtig ſind, ſo viel andre Vorzuͤge ſie uͤbrigens haben moͤgen. Eben die Kleinheit des Geſchoͤpfs und ſeine Feinheit wirkte zur Kunſt; da dieſe nichts anders ſeyn kann, als das Reſul - tat aller ſeiner Empfindungen, Thaͤtigkeiten und Reize.
Beiſpiele werden auch hier das beſte ſagen; und der treue Fleiß eines Swammerdamm, Reaumur, Lyonet, Roͤſels u. a. haben uns die Beiſpiele aufs ſchoͤnſte vors Au - ge gemalet. Das Einſpinnen der Raupe, was iſt es an - ders, als was ſo viel andre Geſchoͤpfe unkuͤnſtlicher thun, in - dem ſie ſich haͤuten. Die Schlange wirft ihre Haut ab, der Vogel ſeine Federn, viele Landthiere aͤndern ihre Haare: ſie verjuͤngen ſich damit und erſtatten ih - re Kraͤfte. Die Raupe verjuͤnget ſich auch, nur auf eine haͤrtere, feinere, kuͤnſtlichere Weiſe: ſie ſtreift ihre Dornhuͤlle
ab,139ab, daß einige ihrer Fuͤße daran hangen bleiben und tritt durch langſame und ſchnellere Uebergaͤnge in einen ganz neuen Zuſtand. Kraͤfte hiezu verlieh ihr ihr erſtes Lebensalter, da ſie als Raupe nur der Nahrung diente; jetzt ſoll ſie auch der Erhaltung ihres Geſchlechts dienen und zur Geſtalt hiezu arbeiten ihre Ringe und gebaͤhren ſich ihre Glieder. Die Natur hat alſo bei der Organiſation dieſes Geſchoͤpfs Le - bensalter und Triebe nur weiter auseinander gelegt und laͤßt ſich dieſelbe in eignen Uebergaͤngen organiſch bereiten — dem Geſchoͤpf ſo unwillkuͤhrlich, als der Schlange wenn ſie ſich haͤutet.
Das Gewebe der Spinne, was iſts anders als der Spinne verlaͤngertes Selbſt, ihren Raub zu erhalten? Wie der Polyp die Arme ausſtreckt, ihn zu faſſen: wie ſie die Krallen bekam, ihn veſt zu halten; ſo erhielt ſie auch die Warzen, zwiſchen welchen ſie das Geſpinnſt hervorzieht, den Raub zu erjagen. Sie bekam dieſen Saft unge - faͤhr zu ſo vielen Geſpinnſten, als auf ihr Leben hinreichen und iſt ſie darin ungluͤcklich, ſo muß ſie entweder zu gewalt - ſamen Mitteln Zuflucht nehmen oder ſterben. Der ihren ganzen Koͤrper und alle demſelben einwohnende Kraͤfte orga - niſirte, bildete ſie alſo zu dieſem Gewebe organiſch.
S 2Die140Die Republik der Biene ſagt nichts anders. Die ver - ſchiedenen Gattungen derſelben ſind jede zu ihrem Zweck ge - bildet und ſie ſind in Gemeinſchaft, weil keine Gattung ohne die andre leben koͤnnte. Die Arbeitsbienen ſind zum Honig - ſammlen und zum Bau der Cellen organiſiret. Sie ſamm - len jenen, wie jedes Thier ſeine Speiſe ſucht; ja wenn es ſeine Lebensart fodert, ſie ſich zum Vorrath zuſammentraͤgt und ordnet. Sie bauen die Cellen, wie ſo viel andre Thiere ſich ihre Wohnungen bauen, jedes auf ſeine Weiſe. Sie naͤhren, da ſie Geſchlechtlos ſind, die Jungen des Bienen - ſtocks, wie andre ihre eignen Jungen naͤhren und toͤdten die Drohnen, wie jedes Thier ein andres toͤdtet, das ihm ſeinen Vorrath raubt und ſeinem Hauſe zur Laſt faͤllt. Wie dies alles nicht ohne Sinn und Gefuͤhl geſchehen kann: ſo iſt es indeſſen doch nur Bienenſinn, Bienengefuͤhl; weder der bloße Mechaniſmus, den Buffon; noch die entwickelte ma - thematiſch-politiſche Vernunft, die andre ihnen angedichtet haben. Jhre Seele iſt in dieſe Organiſation eingeſchloſſen und mit ihr innig verwebet. Sie wirkt alſo derſelben ge - maͤß: kuͤnſtlich und fein, aber enge und in einem ſehr kleinen Kreiſe. Der Bienenſtock iſt ihre Welt und das Geſchaͤft deſſelben hat der Schoͤpfer noch durch eine dreifache Organi - ſation dreifach vertheilet.
Auch141Auch das Wort Fertigkeit muͤſſen wir uns alſo nicht irre machen laſſen, wenn wir dieſe organiſche Kunſt bei man - chen Geſchoͤpfen ſogleich nach ihrer Geburt bemerken. Un - ſre Fertigkeit entſtehet aus Uebungen: die ihrige nicht. Jſt ihre Organiſation ausgebildet: ſo ſind auch die Kraͤfte der - ſelben in vollem Spiel. Wer hat die groͤßeſte Fertigkeit auf der Welt? der fallende Stein, die bluͤhende Blume: er faͤllt, ſie bluͤhet ihrer Natur nach. Der Kryſtall ſchießt fertiger und regelmaͤßiger zuſammen, als die Biene bauet und als die Spinne webet. Jn jenem iſt es nur noch orga - niſcher blinder Trieb, der nie fehlen kann; in dieſen iſt er ſchon zum Gebrauch mehrerer Werkzeuge und Glieder hin - auf organiſiret und dieſe koͤnnen fehlen. Das geſunde, maͤch - tige Zuſammenſtimmen derſelben zu Einem Zweck macht Fertigkeit, ſobald das ausgebildete Geſchoͤpf da iſt.
Wir ſehen alſo auch, warum, je hoͤher die Geſchoͤpfe ſteigen, der unaufhaltbare Trieb ſo wie die Jrrthumfreie Fertigkeit abnehme? Je mehr naͤmlich das Eine organiſche Principium der Natur, das wir jetzt bildend, jetzt treibend, jetzt empfindend, jetzt kuͤnſtlichbauend nennen, und im Grunde nur Eine und dieſelbe organiſche Kraft iſt, in mehr Werkzeuge und verſchiedenartige Glieder vertheilt iſt: je mehr es in jedem derſelben eine eigne Welt hat, alſo auch eignenS 3Hin -142Hinderniſſen und Jrrungen ausgeſetzt iſt: deſto ſchwaͤcher wird der Trieb, deſto mehr koͤmmt er unter dem Befehl der Willkuͤhr, mithin auch des Jrrthums. Die verſchiednen Empfindungen wollen gegen einander gewogen und dann erſt mit einander vereinigt ſeyn: lebe wohl alſo hinreiſſender Jnſtinkt, unfehlbarer Fuͤhrer. Der dunkle Reiz, der in einem gewiſſen Kreiſe, abgeſchloſſen von allem andern, eine Art Allwiſſenheit und Allmacht in ſich ſchloß, iſt jetzt in Aeſte und Zweige geſondert. Das des Lernens faͤhige Geſchoͤpf muß lernen, weil es weniger von Natur weiß: es muß ſich uͤben, weil es weniger von Natur kann; es hat aber auch durch ſeine Fortruͤckung, durch die Verfeinerung und Ver - theilung ſeiner Kraͤfte neue Mittel der Wirkſamkeit, mehrere und feinere Werkzeuge erhalten, die Empfindungen gegen einander zu beſtimmen und die beſſere zu waͤhlen. Was ihm an Jntenſitaͤt des Triebes abgeht, hat es durch Ausbreitung und feinere Zuſammenſtimmung erſetzt bekommen: es iſt ei - nes feinern Selbſtgenuſſes, eines freiern und vielfachern Ge - brauchs ſeiner Kraͤfte und Glieder faͤhig worden und alle dies, weil, wenn ich ſo ſagen darf, ſeine organiſche Seele in ihren Werkzeugen vielfacher und feiner auseinander gelegt iſt. Laſſet uns einige wunderbar ſchoͤne und weiſe Geſetze dieſer allmaͤlichen Fortbildung der Geſchoͤpfe betrachten, wie der Schoͤpfer ſie Schritt vor Schritt immer mehr an eineVer -143Verbindung mehrerer Begriffe oder Gefuͤhle, ſo wie an einen eignen freiern Gebrauch mehrerer Sinne und Glieder gewoͤhnte.
1. Jn der todten Natur liegt alles noch in Einem dunkeln aber maͤchtigen Triebe. Die Theile bringen mit innigen Kraͤften zuſammen: jedes Geſchoͤpf ſucht Geſtalt zu gewin - nen und formt ſich. Jn dieſem Trieb iſt noch alles ver - ſchloſſen; er durchdringt aber auch das ganze Weſen unzer - ſtoͤrbar. Die kleinſten Theile der Kryſtalle und Salze ſind Cryſtalle und Salze: ihre bildende Kraft wirkt in der klein - ſten Partikel wie im Ganzen, unzertheilbar von Auſſen, von Jnnen unzerſtoͤrbar.
2. Die Pflanze ward in Roͤhren und andern Theilen aus einander geleitet; ihr Trieb faͤngt an dieſen Theilen nachſich144ſich zu modifiziren, ob er wohl im Ganzen noch einartig wir - ket. Wurzel, Stamm, Aeſte ſaugen; aber auf verſchiedne Art, durch verſchiedne Gaͤnge, verſchiedne Weſen. Der Trieb des Ganzen modifizirt ſich alſo mit ihnen, bleibt aber noch im Ganzen Eins und daſſelbe: denn die Fortpflan - zung iſt nur Effloreſcens des Wachsthums; beide Triebe ſind der Natur des Geſchoͤpfs nach unabtrennbar.
3. Jm Pflanzenthier faͤngt die Natur an, einzelne Werkzeuge, mithin auch ihre inwohnenden Kraͤfte unvermerkt zu ſondern: die Werkzeuge der Nahrung werden ſichtbar: die Frucht loͤſet ſich ſchon im Mutterleibe los, ob ſie gleich noch als Pflanze in ihm genaͤhrt wird. Viele Polypen ſproſ - ſen aus Einem Stamm: die Natur hat ſie an Ort und Stelle geſetzt und mit einer eignen Bewegbarkeit noch verſchonet; auch die Schnecke hat noch einen breiten Fuß, mit dem ſie an ihrem Hauſe haftet. Noch mehr liegen die Sinne dieſer Geſchoͤpfe ungeſchieden und dunkel in einander: ihr Trieb wirkt langſam und innig: die Begattung der Schnecke dauert viele Tage. So hat die Natur dieſe Anfaͤnge der lebendi - gen Organiſation, ſo viel ſie konnte, mit dem Vielfachen verſchont, das Vielfache aber dafuͤr in eine dunkle einfache Regung tiefer gehuͤllt und veſter verbunden. Das zaͤhe Le - ben der Schnecke iſt beinah unzerſtoͤrbar.
4. Als165[145]4. Als ſie hoͤher hinaufſchritt, beobachtete ſie eben die weiſe Vorſicht, das Geſchoͤpf an ein Vielfaches abgetrenneter Sinne und Triebe nur allmaͤlich zu gewoͤhnen. Das Jnſekt konnte auf einmal nicht alles uͤben, was es uͤben ſollte; es muß alſo ſeine Geſtalt und ſein Weſen veraͤndern, um jetzt als Raupe dem Triebe der Nahrung, jetzt als Zwiefal - ter der Fortpflanzung gnug zu thun: beider Triebe war es in Einer Geſtalt nicht faͤhig. Eine Art Bienen konnte nicht alles ausrichten, was der Genuß und die Fortpflanzung dieſes Geſchlechts foderte; alſo theilte die Natur und machte dieſe zu Arbeitern, jene zu Fortpflanzern, dieſe zur Gebaͤhre - rin; alles durch eine kleine Abaͤnderung der Organiſation, wodurch die Kraͤfte des ganzen Geſchoͤpfs eine andre Rich - tung bekamen. Was ſie in Einem Modell nicht ausfuͤh - ren konnte, legte ſie in drei Modellen, die alle zuſam - men gehoͤren, gebrochen aus einander. So lehrte ſie alſo ihr Bienenwerk die Biene in drei Geſchlechtern, wie ſie den Schmetterling und andre Jnſekten ihren Beruf in zwo verſchiednen Geſtalten lehrte.
5. Je hoͤher ſie ſchritt, je mehr ſie den Gebrauch meh - rerer Sinne, mithin die Willkuͤhr zunehmen laſſen wollte: deſto mehr that ſie unnoͤtige Glieder weg, und ſimpli - ficirte den Bau von innen und auſſen. Mit der HautTder166[146]der Raupe giengen Fuͤſſe weg, die der Schmetterling nicht mehr bedurfte: die vielen Fuͤſſe der Jnſekten, ihre mehreren und vielfachern Augen, ihre Fuͤhlhoͤrner und mancherlei an - dre kleine Ruͤſtwerkzeuge verlieren ſich bei den hoͤhern Ge - ſchoͤpfen. Bei jenen war im Kopf wenig Gehirn: dies lag im Ruͤckenmark laͤngs hinunter und jedes Nervenknoͤtchen war ein neuer Mittelpunkt der Empfindung. Die Seele des kleinen Kunſtgeſchoͤpfs war alſo in ſein ganzes Weſen gebrei - tet. Je mehr das Geſchoͤpf an Willkuͤhr und Verſtandes - aͤhnlichkeit wachſen ſoll: deſto groͤßer und Hirnreicher wird der Kopf: die drei Haupttheile des Leibes treten in mehrere Proportion gegen einander, da ſie bei Jnſekten, Wuͤrmern u. f. noch gar Verhaͤltnislos waren. Mit welchen großen maͤch - tigen Schwaͤnzen ſchleppen ſich noch die Amphibien ans Land: ihre Fuͤſſe ſtehn unfoͤrmlich aus einander. Jn Landthieren hebt die Natur das Geſchoͤpf: die Fuͤße werden hoͤher und ruͤcken mehr zuſammen. Der Schwanz mit ſeinen fortgeſetzten Ruͤckenwirbeln ſchmaͤlert und kuͤrzt ſich; er verliert die gro - ben Muskelkraͤfte des Krokodills und wird biegſamer, feiner, bis er ſich bei edlern Thieren gar nur in einen haarigen Schweif aͤndert und die Natur ihn zuletzt, indem ſie ſich der aufrechten Geſtalt naͤhert, gar wegwirft. Sie hat das Mark deſſelben hoͤher hinauf geleitet und an edlere Theile verwendet.
6. Jn -167[147]6. Jndem die bildende Kuͤnſtlerin alſo die Propor - tion des Landthiers fand, die beſte, darinn dieſe Geſchoͤpfe gewiſſe Sinnen und Kraͤfte gemeinſchaftlich uͤben und zu Einer Form der Gedanken und Empfindungen verei - nigen lernten: ſo aͤnderte ſich zwar nach der Beſtimmung und Lebensart jedweder Gattung auch die Bildung derſelben und ſchuf aus eben den Theilen und Gliedern jedem Geſchlecht ſeine eigne Harmonie des Ganzen, mithin auch ſeine eigne von allen andern Geſchlechtern organiſch verſchiedne Seele; ſie behielt indeß doch unter allen eine gewiſſe Aehnlichkeit bei und ſchien Einen Hauptzweck zu verfolgen. Dieſer Haupt - zweck iſt offenbar, ſich der organiſchen Form zu naͤhren, in der die meiſte Vereinigung klarer Begriffe, der vielartigſte und freieſte Gebrauch verſchiedner Sinne und Glieder ſtatt faͤnde; und eben dies macht die mehr oder mindere Men - ſchenaͤhnlichkeit der Thiere. Sie iſt kein Spiel der Will - kuͤhr: ſondern ein Reſultat der mancherlei Formen, die zu dem Zweck wozu ſie die Natur verbinden wollte, nehmlich zu einer Uebung der Gedanken, Sinne, Kraͤfte und Begier - den in dieſem Verhaͤltniß, zu ſolchen und keinen andern Zwe - cken nicht anders als alſo verbunden werden konnten. Die Theile jedes Thiers ſtehen auf ſeiner Stuffe in der engſten Proportion unter einander; und ich glaube, alle Formen ſind erſchoͤpft, in denen nur Ein lebendiges Geſchoͤpf auf unſrerT 2Erde168[148]Erde fortkommen konnte. Dem Thier ward ein vierfuͤßiger Gang: denn als Menſchenhaͤnde konnt 'es noch nicht ſeine Vorfuͤſſe gebrauchen; durch den vierfuͤßigen Gang aber ward ihm ſein Stand, ſein Lauf, ſein Sprung und der Gebrauch aller ſeiner Thierſinne am leichtſten. Noch haͤngt ſein Kopf zur Erde: denn von der Erde ſuchts Nahrung. Der Ge - ruch iſt bei den meiſten herrſchend: denn er muß den Jnſtinkt wecken oder ihn leiten. Bei dieſem iſt das Gehoͤr, bei je - nem das Auge ſcharf; und ſo hat die Natur nicht nur bei der vierfuͤßigen Thierbildung uͤberhaupt, ſondern bei der Bildung jedes Geſchlechts beſonders die Proportion der Kraͤfte und Sinne gewaͤhlt, die ſich in dieſer Organiſation am beſten zuſammen uͤben konnten. Darnach verlaͤngte oder kuͤrzte ſie die Glieder: darnach ſtaͤrkte oder ſchwaͤchete ſie die Kraͤfte: jedes Geſchoͤpf iſt ein Zaͤhler zu dem großen Nen - ner, der die Natur ſelbſt iſt: denn auch der Menſch iſt ja nur ein Bruch des Ganzen, eine Proportion von Kraͤften, die ſich in dieſer und keiner andern Organiſation durch die gemeinſchaftliche Beihuͤlfe vieler Glieder zu Einem Ganzen bilden ſollte.
7. Nothwendig mußte alſo in einer ſo durchdachten Erdorganiſation keine Kraft die andre, kein Trieb den andern ſtoͤren; und unendlich ſchoͤn iſt die Sorgfalt, die die Natur hier verwandte. Die meiſten Thiere haben ihr be -
ſtimmtes169[149]ſtimmtes Clima und es iſt gerade das, wo ihre Nahrung und Erziehung ihnen am leichteſten wird. Haͤtte die Na - tur ſie in dieſer Ertraͤglichkeit vieler Erdſtriche unbeſtimmter gebildet: in welche Noth und Verwilderung waͤre manche Gattung gerathen, bis ſie ihren Untergang gefunden haͤtte! Wir ſehen dies noch an den bildſamen Geſchlechtern, die dem Menſchen in alle Laͤnder gefolgt ſind: ſie haben ſich mit jeder Gegend anders gebildet und der wilde Hund iſt das fuͤrchterlichſte Raubthier worden, eben weil er verwildert iſt. Noch mehr haͤtte der Trieb der Fortpflanzung das Ge - ſchoͤpf verwirren muͤſſen, wenn er unbeſtimmt gelaſſen waͤre; nun aber legte die bildende Mutter auch dieſen in Feſſeln. Er wacht nur zu beſtimmter Zeit auf, wenn die organiſche Waͤrme des Thiers am hoͤchſten ſteiget und da dieſe durch phyſiſche Revolutionen des Wachsthums, der Jahrszeit, der reichſten Nahrung bewirkt wird und die guͤtige Verſorgerin die Zeit des Tragens auch hiernach beſtimmte, ſo ward fuͤr Alt und Jung geſorget. Das Junge kommt auf die Welt, wenn es fuͤr ſich fortkommen kann, oder es darf in einem Ei die boͤſe Jahrszeit uͤberdauern, bis eine freundlichere Sonne es aufweckt; das Alte fuͤhlet nur denn den Trieb, wenn die - ſer es in nichts anderm ſtoͤret. Auch das Verhaͤltniß der beiden Geſchlechter in der Staͤrke und Dauer dieſes Triebes iſt darnach eingerichtet.
T 3Ueber170[150]Ueber allen Ausdruck iſt die wohlthaͤtige Mutterliebe, mit der auf dieſe Weiſe die Natur jedes lebendige Geſchoͤpf zu Thaͤtigkeiten, Gedanken und Tugenden, der Faſſung ſei - ner Organiſation gemaͤß, gleichſam erziehet und thaͤtig ge - woͤhnet. Sie dachte ihm vor, da ſie dieſe Kraͤfte in ſolche und keine andre Organiſation ſetzte und noͤthigte das Ge - ſchoͤpf nun, in dieſer Organiſation zu ſehen, zu begehren, zu handeln, wie ſie ihm vorgedacht hatte und in den Schran - ken dieſer Organiſation Beduͤrfniß, Kraͤfte und Raum gab.
Keine Tugend, kein Trieb iſt im menſchlichen Herzen, von dem ſich nicht hie und da ein Analogon in der Thierwelt faͤnde und zu dem alſo die bildende Mutter das Thier orga - niſch gewoͤhnet. Es muß fuͤr ſich ſorgen, es muß die Sei - nigen lieben lernen: Noth und die Jahrszeit zwingen es zur Geſellſchaft, wenn auch nur zur geſelligen Reiſe. Dieſes Geſchoͤpf zwingt der Trieb zur Liebe, bei jenem macht das Beduͤrfniß gar Ehe, eine Art Republik, eine geſellige Ord - nung. Wie dunkel dies alles geſchehe, wie kurz manches daure: ſo iſt doch der Eindruck davon in der Natur des Thiers da und wir ſehen er iſt maͤchtig da, er kommt wieder, ja er iſt in dieſem Geſchoͤpf unwidertreiblich, unausloͤſchlich. Je dunkler, deſto inniger wirkt alles; je weniger Gedanken ſie verbinden, je ſeltner ſie Triebe uͤben, deſto ſtaͤrker ſind dieTriebe,171[151]Triebe, deſto vollendeter wirken ſie. Ueberall alſo liegen Vorbilder der menſchlichen Handlungsweiſen in denen das Thier geuͤbt wird: und ſie, da wir ihr Nervengebaͤude, ih - ren uns aͤhnlichen Bau, ihre uns aͤhnlichen Beduͤrfniſſe und Lebensarten vor uns ſehen, ſie dennoch als Maſchinen be - trachten zu wollen, iſt eine Suͤnde wider die Natur, wie ir - gend Eine.
Es iſt daher auch nicht zu verwundern, daß je Men - ſchenaͤhnlicher ein Geſchlecht wird, deſto mehr ſeine mecha - niſche Kunſt abnehme: denn offenbar ſtehet ein ſolches ſchon in einem voruͤbenden Kreiſe menſchlicher Gedanken. Der Biber, der noch eine Waſſerratte iſt, bauet kuͤnſtlich. Der Fuchs, der Hamſter und aͤhnliche Thiere haben ihre un - terirdiſche Kunſtwerkſtaͤte; der Hund, das Pferd, das Ka - meel, der Elephant beduͤrfen dieſer kleinen Kuͤnſte nicht mehr: ſie haben Menſchenaͤhnliche Gedanken, ſie uͤben ſich, von der bildenden Natur gezwungen, in Menſchenaͤhnlichen Trieben.
Man hat unſerm Geſchlecht ein ſehr unwahres Lob gemacht, wenn man behauptete, daß ſich jede Kraft und Faͤhigkeit al - ler andern Geſchlechter dem hoͤchſten Grad nach in ihm finde. Das Lob iſt unerweislich und ſich ſelbſt widerſprechend: denn offenbar huͤbe ſodenn eine Kraft die andre auf und das Ge - ſchoͤpf haͤtte ganz und gar keinen Genuß ſeines Weſens. Wie beſtehet es zuſammen, daß der Menſch wie die Blume bluͤhen, wie die Spinne taſten, wie die Biene bauen, wie der Schmetterling ſaugen koͤnnte; und zugleich die Muskel - kraft des Loͤwen, den Ruͤſſel des Elephanten, die Kunſt des Bibers beſaͤſſe? Und beſitzet, ja begreift er nur Eine dieſer Kraͤfte, mit der Jnnigkeit, mit der ſie das Geſchoͤpf genießet und uͤbet?
Von der andern Seite hat man ihn, ich will nicht ſa - gen zum Thier erniedrigen, ſondern ihm einen Charakter ſei - nes Geſchlechts gar abſprechen und ihn zu einem ausgearte -ten173[153]ten Thier machen wollen, das, indem es hoͤhern Vollkom - menheiten nachgeſtrebt, ganz und gar die Eigenheit ſeiner Gattung verlohren. Dies iſt nun offenbar auch gegen die Wahrheit und Evidenz ſeiner Naturgeſchichte. Augen - ſcheinlich hat er Eigenſchaften, die kein Thier hat und hat Wirkungen hervorgebracht, die im Guten und Boͤſen ihm eigen bleiben. Kein Thier frißt ſeines Gleichen aus Lecke - rei: kein Thier mordet ſein Geſchlecht auf den Befehl eines Dritten mit kaltem Blut. Kein Thier hat Sprache, wie der Menſch ſie hat, noch weniger Schrift, Tradition, Reli - gion, willkuͤhrliche Geſetze und Rechte. Kein Thier endlich hat auch nur die Bildung, die Kleidung, die Wohnung, die Kuͤnſte, die unbeſtimmte Lebensart, die ungebundnen Triebe, die flatterhaften Meinungen, womit ſich beinah jedes Jndi - viduum der Menſchen auszeichnet. Wir unterſuchen noch nicht, ob alle dies zum Vortheil oder Schaden unſrer Gat - tung ſei; gnug, es iſt der Charakter unſrer Gattung. Da iedes Thier, der Art ſeines Geſchlechts im Ganzen treu bleibt und Wir allein nicht die Nothwendigkeit ſondern die Will - kuͤhr zu unſrer Goͤttin erwaͤhlt haben; ſo muß dieſer Unter - ſchied als Thatſache unterſucht werden: denn ſolche iſt er un - laͤugbar. Die andre Frage: wie der Menſch dazu gekom - men? ob dieſer Unterſchied ihm urſpruͤnglich ſei oder ob er angenommen und affektirt worden? iſt von einer andern,Unaͤm -174[154]naͤmlich von blos hiſtoriſcher Art; und auch hier muͤßte die Perfectibilitaͤt oder Corruptibilitaͤt, in der es ihm bisher noch kein Thier nachgethan hat, doch auch zum auszeichnenden Charakter ſeiner Gattung gehoͤrt haben. Wir ſetzen alſo alle Metaphyſik bei Seite und halten uns an Phyſiologie und Erfahrung.
1. Die Geſtalt des Menſchen iſt aufrecht; er iſt hierinn einzig auf der Erde. Denn ob der Baͤr gleich einen breiten Fuß hat und ſich im Kampf aufwaͤrts richtet: obgleich der Affe und Pygmaͤe zuweilen aufrecht gehen oder laufen; ſo iſt doch ſeinem Geſchlecht allein dieſer Gang be - ſtaͤndig und natuͤrlich. Sein Fuß iſt veſter und breiter: er hat einen laͤngern großen Zeh, da der Affe nur einen Dau - men hat: auch ſeine Ferſe iſt zum Fußblatt gezogen. Zu dieſer Stellung ſind alle dahinwirkende Muskeln bequemt. Die Wade iſt vergroͤßert: das Becken zuruͤck - die Huͤften aus einander gezogen: der Ruͤcken iſt weniger gekruͤmmt, die Bruſt erweitert: er hat Schluͤſſelbeine und Schultern, an den Haͤnden fein fuͤhlende Finger: der hinſinkende Kopf iſt, auf den Muskeln des Halſes zur Krone des Gebaͤudes erho - ben: der Menſch iſt ανϑρωπος ein uͤber ſich, ein weit um ſich ſchauendes Geſchoͤpf.
Nun175[155]Nun muß es zugegeben werden, daß dieſer Gang dem Menſchen nicht ſo weſentlich ſei, daß etwa jeder andre, ihm ſo unmoͤglich wie das Fliegen wuͤrde. Nicht nur Kinder zeigen das Gegentheil: ſondern die Menſchen, die unter die Thiere geriethen, habens durch Erfahrung bewieſen. Eilf bis zwoͤlf Perſonen*)Sie ſtehen in Linneus Naturſyſtem, in Martini's Nach - trage zu Buffon und andern Orten. dieſer Art ſind bekannt, und obwohl nicht alle hinlaͤnglich beobachtet und beſchrieben worden; ſo ergeben doch einige Beiſpiele deutlich, daß der biegſamen Natur des Menſchen auch der fuͤr ihn ungemaͤßeſte Gang nicht ganz unmoͤglich werde. Sein Kopf ſowohl als ſein Unterleib liegen mehr vorwaͤrts; der Koͤrper kann alſo auch vorwaͤrts fallen, wie der Kopf im Schlummer ſinket. Kein todter Koͤrper kann aufrecht ſtehen und nur durch eine zahl - loſe Menge angeſtrengter Thaͤtigkeiten wird unſer kuͤnſtliche Stand und Gang moͤglich.
Alſo iſt eben auch begreiflich, daß mit dem Thierartigen Gange viele Glieder des menſchlichen Koͤrpers ihre Geſtalt und Verhaͤltniß zu einander aͤndern muͤſſen; wie abermals das Beiſpiel der verwilderten Menſchen zeiget. Der Jrrlaͤn - diſche Knabe, den Tulpius beſchrieben, hatte eine flacheU 2Stirn,176[156]Stirn, ein erhoͤhetes Hinterhaupt, eine weite bloͤckende Kehle, eine dicke an den Gaum gewachſene Zunge, eine ſtark einwaͤrts gezogene Herzgrube; gerade wie es der vierfuͤßige Gang geben mußte. Das niederlaͤndiſche Maͤgdchen, die noch aufrecht gieng und bei der ſich die weibliche Natur ſo - weit erhalten hatte, daß ſie ſich mit einer Strohſchuͤrze deckte, hatte eine braune, rauche, dicke Haut, ein langes und dickes Haar. Das Maͤdchen, das zu Songi in Champagne ge - fangen ward, hatte ein ſchwarzes Anſehen, ſtarke Finger, lange Naͤgel; und beſonders waren die Daumen ſo ſtark und verlaͤngert, daß ſie ſich damit wie ein Eichhoͤrnchen von Baum zu Baum ſchwang. Jhr ſchneller Lauf war kein Gehen, ſondern ein fliegendes Trippeln und Fortgleiten, wobei an den Fuͤßen faſt gar keine Bewegung zu unterſcheiden war. Der Ton ihrer Stimme war fein und ſchwach; ihr Geſchrei durchdringend und erſchrecklich. Sie hatte ungewoͤhnliche Leichtigkeit und Staͤrke und war von ihrer vorigen Nahrung des blutigen und rohen Fleiſches, der Fiſche, der Blaͤtter und Wurzeln ſo ſchwer zu entwoͤhnen, daß ſie nicht nur zu entfliehen ſuchte, ſondern auch in eine toͤdtliche Krankheit fiel, aus der ſie nur durch Saugen des warmen Bluts, das ſie wie ein Balſam durchdrang, zuruͤckgebracht werden konnte. Jhre Zaͤhne und Naͤgel fielen aus, da ſie ſich zu unſern Speiſen gewoͤhnen ſollte: unertraͤgliche Schmerzen zogenihr177[157]ihr Magen und Eingeweide, beſonders die Gurgel zuſam - men, die lechzend nnd ausgetrocknet war. Lauter Erweiſe, wie ſehr ſich die biegſame menſchliche Natur, ſelbſt da ſie von Menſchen gebohren und eine Zeitlang unter ihnen erzogen worden, in wenigen Jahren zu der niedrigen Thierart gewoͤh - nen konnte, unter die ſie ein ungluͤcklicher Zufall ſetzte.
Nun koͤnnte ich auch den haͤßlichen Traum ausmahlen, was aus der Menſchheit haͤtte werden muͤſſen, wenn ſie zu dieſem Looſe verdammt, in einem vierfuͤßigen Mutterleibe zu einem Thierfoͤtus gebildet waͤre: welche Kraͤfte ſich damit haͤtten ſtaͤrken und ſchwaͤchen, welches der Gang der Men - ſchenthiere, ihre Erziehung, ihre Lebensart, ihr Gliederbau haͤtte ſeyn muͤſſen? u. f. f. Aber fliehe unſeliges und ab - ſcheuliches Bild! haͤßliche Unnatur des natuͤrlichen Men - ſchen. Du biſt weder in der Natur da; noch ſollt du durch Einen Strich meiner Farben vorgeſtellt werden. Denn:
2. Der aufrechte Gang des Menſchen iſt ihm einzig natuͤrlich: ja er iſt die Organiſation zum gan - zen Beruf ſeiner Gattung, und ſein unterſcheidender Charakter.
Kein Volk der Erde hat man vierfuͤßig gefunden; auch die wildeſten haben aufrechten Gang, ſo ſehr ſich manche anU 3Bil -178[158]Bildung und Lebensart den Thieren naͤhern. Selbſt die Un - fuͤhlbaren des Diodors, ſammt andern Fabelgeſchoͤpfen alter und mittlerer Schriftſteller gehen auf zwei Beinen; und ich begreife nicht, wie das Menſchengeſchlecht, wenn es je dieſe nie - drige Lebensweiſe als Natur gehabt haͤtte, ſich zu einer andern ſo Zwang - ſo Kunſtvollen jemals wuͤrde erhoben haben. Wel - che Muͤhe koſtete es, die Verwilderten, die man fand, zu unſrer Lebensart und Nahrung zu gewoͤhnen! Und ſie waren nur verwildert; nur wenige Jahre unter dieſen Unvernuͤnftigen geweſen. Das Eskimo'iſche Maͤdchen hatte ſogar noch Be - griffe ihres vorigen Zuſtandes, Reſte der Sprache und Jn - ſtinkte zu ihrem Vaterlande; und doch lag ihre Vernunft in Thierheit gefangen: ſie hatte von ihren Reiſen, von ih - rem ganzen wilden Zuſtande keine Erinnerung. Die andern beſaßen nicht nur keine Sprache; ſondern waren zum Theil auch auf immer zur menſchlichen Sprache verwahrloſet. — Und das Menſchenthier ſollte, wenn es Aeonen lang in die - ſem niedrigen Zuſtande geweſen, ja im Mutterleibe ſchon durch den vierfuͤßigen Gang zu demſelben nach ganz andern Verhaͤltniſſen waͤre gebildet worden, ihn freiwillig verlaſſen und ſich aufrecht erhoben haben? Aus Kraft des Thiers, die ihn ewig herabzog, ſollte er ſich zum Menſchen gemacht und menſchliche Sprache erfunden haben, ehe er ein Menſch war? Waͤre der Menſch ein vierfuͤßiges Thier, waͤre ers Jahrtau -
ſende179[159]fende lang geweſen; er waͤre es ſicher noch und nur ein Wun - der der neuen Schoͤpfung haͤtte ihn, zu dem was er jetzt iſt und wie wir ihn, aller Geſchichte und Erfahrung nach, allein kennen, umgebildet.
Warum wollen wir alſo unerwieſne, ja voͤllig wider - ſprechende Paradoxa annehmen, da der Bau des Menſchen, die Geſchichte ſeines Geſchlechts und endlich, wie mich duͤnkt, die ganze Analogie der Organiſation unſrer Erde uns auf et - was andres fuͤhret? Kein Geſchoͤpf, das wir kennen, iſt aus ſeiner urſpruͤnglichen Organiſation gegangen und hat ſich ihr zuwider eine andre bereitet; da es ja nur mit den Kraͤften wirkte, die in ſeiner Organiſation lagen und die Natur We - ge gnug wußte, ein jedes der Lebendigen auf dem Standpunkt veſtzuhalten den ſie ihm anwies. Beim Menſchen iſt auf die Geſtalt, die er jetzt hat, alles eingerichtet; aus ihr iſt in ſei - ner Geſchichte Alles, ohne ſie nichts erklaͤrlich und da auf dieſe, als auf die erhabne Goͤttergeſtalt und kuͤnſtlichſte Hauptſchoͤnheit der Erde auch alle Formen der Thierbildung zu convergiren ſcheinen, und ohne jene, ſo wie ohne das Reich des Menſchen, die Erde ihres Schmucks und ihrer herrſchenden Krone beraubt bliebe; warum wollten wir dies Diadem unſrer Erwaͤhlung in den Staub werfen und gera - de den Mittelpunkt des Kreiſes nicht ſehen wollen, in wel -chem180[160]chem alle Radien zuſammen zu laufen ſcheinen. Als die bildende Mutter ihre Werke vollbracht und alle Formen er - ſchoͤpft hatte, die auf dieſer Erde moͤglich waren, ſtand ſie ſtill und uͤberſann ihre Werke; und als ſie ſah, daß bei ih - nen allen der Erde noch ihre vornehmſte Zierde, ihr Regent und zweiter Schoͤpfer fehlte: ſiehe da gieng ſie mit ſich zu Rath, draͤngte die Geſtalten zuſammen und formte aus allen ihr Hauptgebilde, die menſchliche Schoͤnheit. Muͤtterlich bot ſie ihrem letzten kuͤnſtlichen Geſchoͤpf die Hand und ſprach: „ ſteh auf von der Erde! Dir ſelbſt uͤberlaſſen, waͤ - reſt du Thier wie andre Thiere; aber durch meine beſondre Huld und Liebe gehe aufrecht und werde der Gott der Thiere. „ Laſſet uns bei dieſem heiligen Kunſtwerk, der Wohlthat, durch die unſer Geſchlecht ein Menſchengeſchlecht ward, mit dankbarem Blick verweilen; mit Verwundrung werden wir ſehen, welche neue Organiſation von Kraͤften in der aufrechten Geſtalt der Menſchheit anfange und wie allein durch ſie der Menſch ein Menſch ward.
Der Orang-Utang iſt im Jnnern und Aeußern dem Menſchen aͤhnlich. Sein Gehirn hat die Geſtalt des Un - ſern: er hat eine breite Bruſt, platte Schultern, ein aͤhnli - ches Geſicht, einen aͤhnlichgeſtalteten Schaͤdel: Herz, Lunge, Leber, Milz, Magen, Eingeweide ſind wie bei dem Men - ſchen. Tyſon*)Tyſon'ſ; Anatomy of a Pygmy compared with that of a Mon - key, an ape and a man Lond. 1751. pag. 92-94. hat 48 Stuͤcke angegeben, in denen er mehr unſerm Geſchlecht als den Affenarten gleichet; und die Verrichtungen, die man von ihm erzaͤhlt, ſelbſt ſeine Thor - heiten, Laſter, vielleicht auch gar die periodiſche Krankheit machen ihn dem Menſchen aͤhnlich.
X 2Aller -184[164]Allerdings muß alſo auch in ſeinem Jnnern, in den Wirkungen ſeiner Seele, etwas Menſchenaͤhnliches ſeyn und die Philoſophen, die ihn unter die kleinen Kunſtthiere ernie - drigen wollen, verfehlen, wie mich duͤnkt, das Mittel der Vergleichung. Der Biber bauet, aber Jnſtinktmaͤßig: ſei - ne ganze Maſchine iſt dazu eingerichtet; ſonſt aber kann er nichts: er iſt des Umganges der Menſchen, der Theilneh - mung an unſern Gedanken und Leidenſchaften nicht faͤhig. Der Affe dagegen hat keinen determinirten Jnſtinkt mehr: ſeine Denkungskraft ſteht dicht am Rande der Vernunft; am armen Rande der Nachahmung. Er ahmt alles nach und muß alſo zu tauſend Combinationen ſinnlicher Jdeen in ſeinem Gehirn geſchickt ſeyn, deren kein Thier faͤhig iſt: denn weder der weiſe Elephant, noch der gelehrige Hund thut, was er zu thun vermag; er will ſich vervollkomm - nen. Aber er kann nicht: die Thuͤr iſt zugeſchloſſen; die Verknuͤpfung fremder Jdeen zu den Seinen und gleichſam die Beſitznehmung des Nachgeahmten iſt ſeinem Gehirn un - moͤglich. Das Affenweib das Bontius beſchrieben, beſaß Schamhaftigkeit und bedeckte ſich mit der Hand, wenn ein Fremder hinzutrat: ſie ſeufzte, weinte und ſchien menſchliche Handlungen zu verrichten. Die Affen, die Battel beſchrie - ben, gehen in Geſellſchaft aus, bewafnen ſich mit Pruͤgeln und verjagen den Elephanten aus ihren Bezirken: ſie grei -fen185[165]fen Neger an und ſetzen ſich um ihr Feuer; haben aber nicht den Verſtand, es zu unterhalten. Der Affe des de la Broße ſetzte ſich zu Tiſch, bediente ſich des Meſſers und der Gabel, zuͤrnte, trauerte, hatte alle menſchliche Affekten. Die Liebe der Mutter zu den Kindern, ihre Auferziehung und Ge - woͤhnung zu den Kunſtgriffen und Schelmereien der Affen - lebensart, die Ordnung in ihrer Republik und auf ihren Maͤr - ſchen, die Strafen, die ſie ihren Staatsverbrechern anthun, ſelbſt ihre poßierliche Liſt und Bosheit, nebſt einer Reihe andrer unlaͤugbarer Zuͤge ſind Beweiſe gnug, daß ſie auch in ihrem Jnnern ſo Menſchenaͤhnliche Geſchoͤpfe ſind, wie ihr Aeuſſeres zeiget. Buffon verſchwendet den Strom ſeiner Beredſamkeit umſonſt, wenn er die Gleichfoͤrmigkeit des Or - ganiſmus der Natur von Jnnen und Außen bei Gelegenheit dieſer Thiere beſtreitet; die Fakta, die er von ihnen ſelbſt geſammlet hat, widerlegen ihn gnugſam und der gleichfoͤr - mige Organiſmus der Natur von Jnnen und Außen, wenn man ihn recht beſtimmt, bleibt in allen Bildungen der Leben - digen unverkennbar.
Was fehlte alſo dem Menſchenaͤhnlichen Geſchoͤpf, daß es kein Menſch ward? Etwa nur die Sprache? Aber man hat ſich bei mehrern Muͤhe gegeben, ſie zu erziehen und wenn ſie derſelben faͤhig waͤren, haͤtten ſie, die alles nachahmen,X 3dieſe186[166]dieſe gewiß zuerſt nachgeahmt: und auf keine Jnſtruction ge - wartet. Oder liegts allein an ihren Organen? auch nicht: denn ob ſie gleich den Jnhalt der menſchlichen Sprache faſ - ſen, ſo hat noch kein Affe, da er doch immer geſtikuliret, ſich ein Vermoͤgen erworben, mit ſeinem Herrn pantomimiſch zu ſprechen und durch Geberdungen menſchlich zu diskuriren. Alſo muß es ſchlechthin an etwas anderm liegen, das dem Traurigen zur Menſchenvernunft die Thuͤr ſchloß und ihm vielleicht das dunkle Gefuͤhl ließ, ſo nahe zu ſeyn und nicht hinein zu gehoͤren.
Was war dies Etwas? Es iſt ſonderbar, daß der Zer - gliederung nach beinahe aller Unterſchied an Theilen des Ganges zu liegen ſcheine. Der Affe iſt gebildet, daß er et - wa aufrecht gehen kann und iſt dadurch dem Menſchen aͤhn - licher, als ſeine Bruͤder; er iſt aber nicht ganz dazu gebil - det und dieſer Unterſchied ſcheint ihm alles zu rauben. Laſ - ſet uns dieſen Anblick verfolgen und die Natur ſelbſt wird uns auf die Wege fuͤhren, auf denen wir die erſte Anlage zur menſchlichen Wuͤrde zu ſuchen haben.
Der Orang-Utang*)S. Campers Kort Berigt wegens de Ontlediug van verſchie -denehat lange Arme, große Haͤnde, kurze Schenkel, große Fuͤße mit langen Zehen; der Daumſeiner187[167]ſeiner Hand aber, der große Zeh ſeines Fußes iſt klein: Buffon und ſchon Tyſon vor ihm nennet das Affenge - ſchlecht alſo vierhaͤndig; und ihm fehlt mit dieſen kleinen Gliedern offenbar die Baſis zum veſten Stande des Men - ſchen. Sein Hinterleib iſt hager, ſein Knie breiter als beim Menſchen und nicht ſo tief; die Knie-bewegende Muskeln ſitzen tiefer im Schenkelbein, daher er nie ganz aufrecht ſte - hen kann, ſondern immer mit eingebogenen Knieen gleichſam nur ſtehen lernet. Der Kopf des Schenkelknochen haͤngt in ſeiner Pfanne ohne Band: die Knochen des Beckens ſtehen wie bei vierfuͤßigen Thieren: die fuͤnf letzten Halswirbel ha - ben lange ſpitzige Fortſaͤtze, die die Zuruͤckbeugung des Kopfs hindern; er iſt alſo durchaus nicht zur aufrechten Stellung geſchaffen und fuͤrchterlich ſind die Folgen, die daraus ſprieſ - ſen. Sein Hals wird kurz und lang die Schluͤſſelbeine, ſo daß der Kopf zwiſchen den Schultern zu ſtecken ſchei -net.*)dene Orang-Outangſ. Amſterd. 1780. Jch kenne dieſen Bericht nur aus dem reichen Auszuge der Goͤttingiſchen gelehrten Anzeigen (Zugabe St. 29. 1780. ) und es iſt zu hoffen, daß er nebſt der Abhandlung uͤber die Sprachwerk - zeuge der Affen aus den Transactionen in die Sammlung kleiner Schriften dieſes beruͤhmten Zergliederers (Leipzig, 1781.) werde eingeruͤckt werden.188[168]net*)Man ſehe die Abbildung der traurigen Figur bei Tyſon von vorn und hinten. Sonach bekommt dieſer ein groͤßeres Vordertheil, hervorragende Kinnladen, eine platte Naſe: die Augen ſtehn dicht an einander: der Augapfel wird klein, daß man kein Weiſſes um den Stern ſieht. Der Mund dagegen wird groß, der Bauch dick, die Bruͤſte lang, der Ruͤcken wie ge - brechlich. Die Ohren treten thierartig empor. Die Au - genhoͤlen kommen dicht an einander: die Gelenkflaͤchen des Kopfs ſtehen nicht mehr in der Mitte ſeiner Grundflaͤche, wie beim Menſchen, ſondern hinterwaͤrts, wie beim Thier. Der Oberkiefer dagegen ruͤckt vorwaͤrts und das eingeſchobne eigne Zwiſchenbein des Affen (os intermaxillare) iſt der letz - te Abſchnitt vom Menſchenantlitz**)Eine Abbildung dieſes Beins ſiehe bei Blumenbach de gene - ris humani varietate natiua Tab. I. fig. 2. Jndeſſen ſchei - nen nicht alle Affen dies os intermaxillare in gleichem Grad zu haben, da Tyſon in ſeinem Zerglierungsbericht, daß es nicht da geweſen, deutlich bemerket..
189[169]Um uns zu dieſem Schluß vorzubereiten: ſo laſſet uns an Menſchengeſichter denken, die auch nur in der weiteſten Ferne ans Thier zu grenzen ſcheinen. Was macht ſie thie - riſch? was gibt ihnen dieſen entehrenden groben Anblick? der hervorgeruͤckte Kiefer, der zuruͤckgeſchobne Kopf, kurz die entfernteſte Aehnlichkeit mit der Organiſation zum vierfuͤßi - gen Gange. Sobald der Schwerpunkt veraͤndert wird, auf dem der Menſchenſchaͤdel in ſeiner erhabnen Woͤlbung ruhet: ſo ſcheinet der Kopf am Ruͤcken veſt, das Gebiß der Zaͤhne tritt hervor, die Naſe breitet ſich platt und thieriſch. Oben treten die Augenhoͤlen naͤher zuſammen: die Stirn geht zu - ruͤck und bekommt von beiden Seiten den toͤdtlichen Druck des Affenſchaͤdels. Der Kopf wird oben und hinten ſpitz: die Vertiefung der Hirnſchale bekommt eine kleinere Weite — und das alles, weil die Richtung der Form verruͤckt ſcheint, die ſchoͤne freie Bildung des Haupts zum aufrechten Gange des Menſchen.
Ruͤcket dieſen Punkt anders und die ganze Formung wird ſchoͤn und edel. Gedankenreich tritt die Stirn hervor und der Schaͤdel woͤlbet ſich mit erhabner ruhiger Wuͤrde. Die breite Thiernaſe zieht ſich zuſammen und organiſirt ſich hoͤher und feiner: der zuruͤckgetretene Mund kann ſchoͤner be - deckt werden und ſo formt ſich die Lippe des Menſchen, dieYder190[170]der kluͤgſte Affe entbehret. Nun tritt das Kinn herab, um ein gerade herabgeſenktes ſchoͤnes Oval zu ruͤnden: ſanft geht die Wange hinan: das Auge blickt unter der vorragen - den Stirn wie aus einem heiligen Gedankentempel. Und wodurch dies alles? Durch die Formung des Kopfs zur auf - rechten Geſtalt, durch die innere und aͤußere Organiſation deſſelben zum perpendicularen Schwerpunkt*)Die Abhandlung Daubentons ſur les differences de la ſitua - tion du grand trou occipital dans I'homme & dans les animaux in den Mem. de l'acad. de Paris 1764. die ich bei Blumenbach angefuͤhrt gefunden, habe ich bisher nicht geleſen; ich weiß alſo auch nicht, wohin ſein Gedanke ge - het oder wie weit er ihn fuͤhret? Meine Meinung iſt aus vorliegenden Thier - und Menſchenſchaͤdeln geſchoͤpfet.. Wer Zweifel hieruͤber hat, ſehe Menſchen - und Affenſchaͤdel; und es wird ihm kein Schatten eines Zweifels mehr bleiben.
Alle aͤußere Form der Natur iſt Darſtellung ihres inne - ren Werks; und ſo treten wir, große Mutter, vor das Al - lerheiligſte deiner Erdenſchoͤpfung, die Werkſtaͤtte des menſch - lichen Verſtandes.
Man hat ſich viel Muͤhe gegeben, die Groͤße des Ge - hirns bei Menſchen mit der Gehirnmaſſe andrer Thiergat -tungen191[171]tungen zu vergleichen und daher Thier und Gehirn gegen einander zu waͤgen. Aus drei Urſachen kann dies Waͤgen und dieſe Zahlbeſtimmung keine reinen Reſultate geben.
1. Weil das Eine Glied des Verhaͤltniſſes, die Maſſe des Koͤrpers, zu unbeſtimmt iſt und zu dem andern fein be - ſtimmten Gliede, dem Gehirn ſelbſt, keine reine Proportion gewaͤhret. Wie verſchiedenartig ſind die Dinge, die in ei - nem Koͤrper wiegen! und wie verſchieden kann das Verhaͤlt - niß ſeyn, das die Natur unter ihnen veſtſtellte! Sie wußte dem Elephanten ſeinen ſchweren Koͤrper, ſelbſt ſein ſchweres Haupt durch Luft zu erleichtern und ohngeachtet ſeines nicht uͤbergroßen Gehirnes iſt er der Weiſeſte der Thiere. Was wiegt im Koͤrper des Thiers am meiſten? Die Knochen und mit ihnen hat das Gehirn kein unmittelbares Verhaͤltniß.
2. Ohnſtreitig kommt viel darauf an: wozu das Ge - hirn fuͤr den Koͤrper gebraucht werde? wohin und zu welchen Lebensverrichtungen es ſeine Nerven ſende? Wenn man alſo Gehirn - und Nervengebaͤude gegen einander woͤge; ſo gaͤbe es ſchon ein feineres und dennoch kein reines Verhaͤltniß: denn das Gewicht beider zeigt doch nie, weder die Feinheit der Nerven, noch die Abſicht ihrer Wege.
Y 23. Alſo192[172]3. Alſo kaͤme zuletzt alles auf die feinere Ausarbei - tung, auf die proportionirte Lage der Theile gegen ein - ander, und wie es ſcheint, am meiſten auf den weiten und freien Sammelplatz an, die Eindruͤcke und Empfindungen aller Nerven mit der groͤßeſten Kraft, mit der ſchaͤrfſten Wahrheit, endlich auch mit dem freieſten Spiel der Man - nichfaltigkeit zu verknuͤpfen und zu dem unbekannten goͤttli - chen Eins, das wir Gedanke nennen, energiſch zu vereinen; wovon uns die Groͤße des Gehirns an ſich nichts ſaget.
Jndeſſen ſind dieſe berechnenden Erfahrungen*)Jn Hallers groͤßerer Phyſiologie iſt deren eine Menge geſamm - let; es waͤre zu wuͤnſchen, daß Hr. Prof. Wrisberg ſeine reichen Erfahrungen, auf welche er ſich in den Anmerkungen zu Hallers kleinerer Phyſiologie bezieht, bekannt machte: denn daß die ſpecifiſche Schwere des Gehirns, die er unterſucht hat, ein feinerer Maasſtab ſei, als der bei den vorhergehenden Berechnungen gebraucht worden, wird ſich bald ergeben. ſchaͤtz - bar und geben, zwar nicht die letzten, aber ſehr belehrende und weiterhinleitende Reſultate; deren ich einige, um auch hier die aufſteigende Einfoͤrmigkeit des Ganges der Natur zu zei - gen, anzufuͤhren wage.
1. Jn193[173]1. Jn den kleinern Thieren, bei denen der Kreislauf und die organiſche Waͤrme noch unvollkommen iſt, findet ſich auch ein kleineres Gehirn und wenigere Nerven. Die Natur hat ihnen, wie wir ſchon bemerkt haben, an innigem oder fein verbreitetem Reiz erſetzt, was ſie ihnen an Empfin - dung verſagen mußte: denn wahrſcheinlich konnte der aus - arbeitende Organismus dieſer Geſchoͤpfe ein groͤßeres Gehirn weder hervorbringen noch ertragen.
2. Jn den Thieren von waͤrmerm Blut waͤchſt auch die Maſſe des Gehirns in dem Verhaͤltniß, wie ihre kuͤnſtli - chere Organiſation waͤchſet; zugleich treten hier aber auch andre Ruͤckſichten ein, die inſonderheit das Verhaͤltniß der Nerven und Muskelkraͤfte gegen einander zu beſtimmen ſchei - net. Jn Raubthieren iſt das Gehirn kleiner: bei ihnen herrſchen Muskelkraͤfte, und auch ihre Nerven ſind großen - theils Dienerinnen deſſelben und des thieriſchen Reizes. Bei Grasfreſſenden ruhigen Thieren wird das Gehirn groͤſ - ſer; obwohl es auch bei ihnen ſich groͤßtentheils noch in Ner - ven der Sinne zu verbrauchen ſcheinet. Die Voͤgel haben viel Gehirn: denn ſie mußten in ihrem kaͤltern Element waͤr - meres Blut haben. Der Kreislauf iſt auch zuſammenge - draͤngter in ihrem meiſtens kleineren Koͤrper; und ſo fuͤllet bei dem verliebten Sperlinge das Gehirn den ganzen Kopf und iſt ⅙ vom Gewicht ſeines Koͤrpers.
Y 33. Bei194[174]3. Bei jungen Geſchoͤpfen iſt das Gehirn groͤßer als bei Erwachſenen; offenbar weil es fluͤßiger und zarter iſt, alſo auch einen groͤßern Raum einnimmt, deßwegen aber kein groͤßeres Gewicht gibt. Jn ihm iſt noch der Vorrath jener zarten Befeuchtung zu allen Lebensverrichtungen und innern Wirkungen, durch welche das Geſchoͤpf ſich in ſeinen juͤngern Jahren Fertigkeiten bilden und alſo viel aufwenden ſoll. Mit den Jahren wird es trockner und feſter: denn die Fer - tigkeiten ſind gebildet da und der Menſch ſowohl als das Thier iſt nicht mehr ſo leichter, ſo anmuthiger, ſo fluͤchtiger Eindruͤcke faͤhig. Kurz, die Groͤße des Gehirns bei einem Geſchoͤpf ſcheint eine nothwendige Mitbedingung; nicht aber die einzige, nicht die erſte Bedingung zu ſeyn, zu ſeiner groͤſ - ſern Faͤhigkeit und Verſtandesuͤbung. Unter allen Thieren hat der Menſch, wie ſchon die Alten wußten, verhaͤltnißmaͤſ - ſig das groͤßeſte Gehirn, worinn ihm aber der Affe nichts nachgibt: ja das Pferd wird hierinn uͤbertroffen vom Eſel.
Alſo muß etwas anders hinzukommen, das die feinere Denkungskraft des Geſchoͤpfs phyſiologiſch foͤrdert; und was koͤnnte dies, nach dem Stufengange von Organiſationen, den uns die Natur vors Auge gelegt hat, anders ſeyn, als der Bau des Gehirns ſelbſt, die vollkommenere Ausarbeitungſeiner195[175]ſeiner Theile und Saͤfte, endlich die ſchoͤnere Lage und Proportion deſſelben zur Empfaͤngniß geiſtiger Empfindun - gen und Jdeen in der gluͤcklichſten Lebenswaͤrme. Laſſet uns ihr Buch aufſchlagen, die feinſten Blaͤtter die ſie je geſchrie - ben, die Gehirntafeln ſelbſt: denn da der Zweck ihrer Orga - niſationen auf Empfindung, auf Wohlſeyn, auf Gluͤckſeligkeit eines Geſchoͤpfs geht: ſo muß das Haupt endlich das ſicher - ſte Archiv werden, in dem wir ihre Gedanken finden:
1. Jn Geſchoͤpfen, bei denen das Gehirn kaum an - faͤngt, erſcheinet es noch ſehr einfach: es iſt wie eine Knoſpe oder ein paar Knoſpen des fortſprießenden Ruͤckenmarkes, die nur den noͤthigſten Sinnen Nerven ertheilen. Bei Fi - ſchen und Voͤgeln, die nach Willis Bemerkung im ganzen Bau des Gehirns Aehnlichkeit haben, nimmt die Zahl der Erhoͤhungen bis zu fuͤnf und mehreren zu: ſie ſondern ſich auch deutlicher auseinander. Jn den Thieren von waͤrme - rem Blut endlich unterſcheidet ſich das kleine und große Ge - hirn kaͤnntlich: die Fluͤgel des letzten breiten ſich, der Orga - niſation des Geſchoͤpfs zufolge, auseinander und die einzel - nen Theile treten zu eben dem Zweck in Verhaͤltniß. Die Natur hat alſo, ſo wie bei der ganzen Bildung ihrer Ge - ſchlechter, ſo auch bei dem Jnbegrif und Ziel derſelben, dem Gehirn, nur Einen Haupttypus, auf den ſie es vom nie -drigſten196[176]drigſten Wurm und Jnſekt anlegt, den ſie bei allen Gattun - gen nach der verſchiednen aͤußern Organiſation des Geſchoͤpfs im kleinen zwar veraͤndert, aber veraͤndernd fortfuͤhrt, ver - groͤßert, ausbildet und beim Menſchen zuletzt aufs kuͤnſtlich - ſte vollendet. Sie kommt mit dem kleinen Hirn eher zu Stande, als mit dem großen, da jenes ſeinem Urſprunge nach dem Ruͤckenmark naͤher und verwandter, alſo auch bei mehre - ren Gattungen gleichfoͤrmiger iſt, bei denen die Geſtalt des großen Gehirns noch ſehr variiret. Es iſt dieſes auch nicht zu verwundern, da vom kleinern Gehirn ſo wichtige Nerven fuͤr die thieriſche Organiſation entſpringen; ſo daß die Na - tur in Ausbildung der edelſten Gedankenkraͤfte ihren Weg von dem Ruͤcken nach den vordern Theilen nehmen mußte.
2. Bei dem groͤßern Gehirn zeiget ſich die mehrere Ausarbeitung ſeiner Fluͤgel in den edlern Theilen auf mehr als Eine Weiſe. Nicht nur ſind ſeine Furchen kuͤnſtlicher und tiefer und den Menſch hat derſelben mehrere und man - nichfaltere als irgend ein anderes Geſchoͤpf: nicht nur iſt die Rinde des Hirns beim Menſchen der zarteſte und feinſte Theil ſeiner Glieder, der ſich ausdunſtend bis auf $$\frac { "1"} { "25"}$$ verlie - ret; ſondern auch der Schatz, den dieſe Rinde bedecket und durchflicht, das Mark des Gehirns, iſt bei den edlern Thie - ren und am meiſten beim Menſchen in ſeinen Theilen unter -ſchiedner,197[177]ſchiedner, beſtimmter und vergleichungsweiſe groͤßer als bei allen andern Geſchoͤpfen. Beim Menſchen uͤberwiegt das große Gehirn das kleine um ein vieles: und das groͤßere Gewicht deſſelben zeigt ſeine innere Fuͤlle und mehrere Aus - arbeitung.
3. Nun zeigen alle bisherigen Erfahrungen, die der gelehrteſte Phyſiolog aller Nationen, Haller, geſammlet, wie wenig ſich das untheilbare Werk der Jdeenbildung in einzelnen materiellen Theilen des Gehirns materiell und zer - ſtreut aufſuchen laſſe; ja mich duͤnkt, wenn alle dieſe Erfah - rungen auch nicht vorhanden waͤren, haͤtte man aus der Be - ſchaffenheit der Jdeenbildung ſelbſt darauf kommen muͤſſen. Was iſts, das wir die Kraft unſres Denkens nach ihren ver - ſchiednen Verhaͤltniſſen bald Einbildungskraft und Gedaͤcht - niß, bald Witz und Verſtand nennen? daß wir die Triebe zu begehren vom reinen Willen abſondern und endlich gar Empfindungs - und Bewegungskraͤfte theilen? Die mindeſte genauere Ueberlegung zeigt, daß dieſe Faͤhigkeiten nicht oͤrt - lich von einander getrennt ſeyn koͤnnen, als ob in dieſer Ge - gend des Gehirns der Verſtand, in jener das Gedaͤchtniß und die Einbildungskraft, in einer andern die Leidenſchaften und ſinnlichen Kraͤfte wohnen: denn der Gedanke unſrer Seele iſt ungetheilt und jede dieſer Wirkungen iſt eine FruchtZder198[178]der Gedanken. Es wird daher beinah ungereimt, abſtrahir - te Verhaͤltniſſe als einen Koͤrper zergliedern zu wollen und wie Medea die Glieder ihres Bruders hinwarf, die Seele aus einander zu werfen. Entgehet uns bei dem groͤbſten Sinn das Material der Empfindung, das vom Nervenſaft, (wenn dieſer auch da waͤre,) ein ſo verſchiednes Ding iſt: wie viel weniger wird uns die geiſtige Verbindung aller Sin - ne und Empfindungen empfindbar werden, daß wir dieſelbe nicht nur ſehen und hoͤren, ſondern auch in den verſchiedenen Theilen des Gehirns ſo willkuͤhrlich erwecken koͤnnten, als ob wir ein Clavichord ſpielten. Der Gedanke, dieſes auch nur zu erwarten, iſt mir fremde.
4. Noch fremder wird er mir, wenn ich den Bau des Gehirns und ſeiner Nerven betrachte. Wie anders iſt hier die Haushaltung der Natur, als wie ſich unſre abſtrahirte Pſychologie die Sinne und Kraͤfte der Seele denket! Wer wuͤrde aus der Metaphyſik errathen, daß die Nerven der Sinne alſo entſtehn, ſich alſo trennen und verbinden? und doch ſind dies die einzigen Gegenden des Gehirns, die wir in ihren organiſchen Zwecken kennen, weil uns ihre Wir - kung vors Auge gelegt iſt. Alſo bleibt uns nichts uͤbrig, als dieſe heilige Werkſtaͤte der Jdeen, das innere Gehirn, wo ſich die Sinne einander naͤhern, als die Gebaͤrmutter an -
zuſehen,199[179]zuſehen, in denen ſich die Frucht der Gedanken unſichtbar und unzertheilt bildet. Jſt jene geſund und friſch und ge - waͤhrt der Frucht nicht nur die gehoͤrige Geiſtes - und Lebens - waͤrme, ſondern auch den geraͤumigen Ort, die ſchickliche Staͤ - te, auf welcher die Empfindungen der Sinne und des gan - zen Koͤrpers von der unſichtbaren organiſchen Kraft, die hier alles durchwebt, erfaſſet und wenn ich metaphoriſch reden darf, in den lichten Punkt vereinigt werden koͤnnen, der hoͤ - here Beſinnung heißt: ſo wird, wenn aͤuſſere Umſtaͤnde des Unterrichts und der Jdeenweckung dazu kommen, das fein - organiſirte Geſchoͤpf der Vernunft faͤhig. Jſt dieſes nicht, fehlen dem Gehirn weſentliche Theile oder feinere Saͤfte: nehmen groͤbere Sinne den Platz ein oder findet es ſich end - lich in einer verſchobenen, zuſammengedruckten Lage: was wird die Folge ſeyn? als daß jene feine Zuſammenſtralung der Jdeen nicht ſtatt finde, daß das Geſchoͤpf ein Knecht der Sinne bleibe.
5. Die Bildung der verſchiednen Thiergehirne ſcheint dies augenſcheinlich darzulegen und eben hieraus, verglichen mit der aͤußern Organiſation und Lebensweiſe des Thieres, wird man ſich Rechenſchaft geben koͤnnen, warum die Natur, die uͤberall auf Einen Typus ausging, ihn nicht allenthalben erreichen konnte und jetzt ſo, jetzt anders abwechſeln mußte. Z 2Der200[180]Der Hauptſinn vieler Geſchoͤpfe iſt der Geruch: er iſt ihnen der nothwendigſte zur Unterhaltung und ihres Jnſtinkts Fuͤhrer. Nun ſiehe, wie ſich im Geſicht des Thiers die Na - ſe hervordraͤngt: ſo draͤngen ſich auch im Gehirn deſſelben die Geruchnerven hervor, als ob zu ihnen allein der Vorder - theil des Haupts gemacht waͤre. Breit, hol und markig ge - hen ſie daher, daß ſie fortgeſetzte Gehirnkammern ſcheinen; bei manchen Gattungen gehen die Stirnhoͤlen weit herauf, um vielleicht auch den Sinn des Geruchs zu verſtaͤrken und ſo, wenn ich ſo ſagen darf, iſt ein großer Theil der Thierſeele geruchartig. Die Sehnerven folgen, da nach dem Geruch dieſer Sinn dem Geſchoͤpf der noͤthigſte war: ſie gelangen ſchon mehr zur mittlern Region des Gehirns, wie ſie auch ei - nem feineren Sinn dienen. Die andern Nerven, die ich nicht hererzaͤhlen will, folgen in der Maaße, wie die aͤußere und innere Organiſation einen Zuſammenhang der Theile fodert, ſo daß z. B. die Nerven und Muskeln der Theile des Hinterhaupts den Mund, die Kinnbacken u. f. ſtuͤtzen und beſeelen. Sie ſchließen alſo gleichſam das Antlitz und machen das aͤußere Gebilde ſo zu einem Ganzen, wie es nach dem Verhaͤltniß innerer Kraͤfte das Jnnere war; nur be - rechne man dieſes nicht blos auf das Geſicht, ſondern auf den ganzen Koͤrper. Es iſt ſehr angenehm, die verſchiednen Verhaͤltniſſe verſchiedner Geſtalten vergleichend durchzugehnund201[181]und die innern Gewichte zu betrachten, die die Natur fuͤr je - des Geſchoͤpf aufhing. Wo ſie verſagte, erſtattete ſie: wo ſie verwirren mußte, verwirrete ſie weiſe, d. i. der aͤußern Or - ganiſation des Geſchoͤpfs und ſeiner ganzen Lebensweiſe har - moniſch. Sie hatte aber immer ihren Typus im Auge und wich ungern von ihm ab, weil ein gewiſſes analoges Em - pfinden und Erkennen der Hauptzweck war, zu dem ſie al - le Erdorganiſationen bilden wollte. Bei Voͤgeln, Fiſchen und den verſchiedenſten Landthieren iſt dies in einer fortge - henden Analogie zu zeigen.
6. Und ſo kommen wir auf den Vorzug des Men - ſchen in ſeiner Gehirnbildung; wovon haͤngt er ab? offen - bar von ſeiner vollkommnern Organiſation im Ganzen und zuletzt von ſeiner aufrechten Stellung. Jedes Thier - gehirn iſt nach der Bildung ſeines Kopfs oder vielmehr dieſe nach ihm geformt, weil die Natur von innen aus wirket. Zu welchem Gange, zu welchem Verhaͤltniß der Theile gegen einander, zu welchem Habitus endlich ſie das Geſchoͤpf be - ſtimmte: darnach miſchte und ordnete ſie auch ſeine organi - ſchen Kraͤfte. Und ſo ward das Gehirn groß oder klein, breit oder ſchmal, ſchwer oder leicht, viel - oder einartig; nach - dem ſeine Kraͤfte waren und in welchem Verhaͤltniß ſie ge - gen einander wirkten. Darnach wurden auch die Sinne desZ 3Ge -202[182]Geſchoͤpfs ſtark oder ſchwach, herrſchend oder dienend. Hoͤ - len und Muskeln des Vorder - und Hinterhaupts bildeten ſich, nachdem die Lymphe gravitirte, kurz nach dem Winkel der organiſchen Hauptrichtung. Von zahlreichen Proben, die hieruͤber aus Gattungen und Geſchlechtern angefuͤhrt werden koͤnnten, fuͤhre ich nur zwei oder drei an. Was bildet den organiſchen Unterſchied unſers Haupts vom Kopf des Affen? der Winkel ſeiner Hauptrichtung. Der Affe hat alle Theile des Gehirns, die der Menſch hat; er hat ſie aber nach der Geſtalt ſeines Schaͤdels in einer zuruͤckgedruͤck - ten Lage, und dieſe hat er, weil ſein Kopf unter einem andern Winkel geformt und er nicht zum aufrechten Gange gemacht iſt. Sofort wirkten alle organiſchen Kraͤfte anders: der Kopf ward nicht ſo hoch, nicht ſo breit, nicht ſo lang wie der unſre: die niedern Sinne traten mit dem Untertheil des Ge - ſichts hervor und es ward ein Thiergeſicht, ſo wie ſein zu - ruͤckgeſchobnes Gehirn immer nur ein Thiergehirn blieb: wenn er auch alle Theile des menſchlichen Gehirns haͤtte; er hat ſie in andrer Lage, in anderm Verhaͤltniß. Die Pa - riſiſchen Zergliederer fanden in ihren Affen die Vordertheile Menſchenaͤhnlich; die innern aber von dem kleinen Gehirn alle im Verhaͤltniß tiefer: die Zirbeldruͤſe war koniſch, ihre Spitze nach dem Hinterhaupt gekehrt u. f. — lauter Ver - haͤltniſſe aus dieſem Winkel der Hauptrichtung zu ſeinemGange,203[183]Gange, zu ſeiner Geſtalt und Lebensweiſe. Der Affe, den Blumenbach*)Blumenbach. de varietat. nativ. gen. hum. p. 32. zergliederte, war noch thieriſcher, wahr - ſcheinlich weil er von einer niedrigern Art war: daher ſein groͤßeres cerebellum, daher die andern fehlende Unterſchiede in den wichtigſten Regionen. Beim Orang-Utang fallen dieſe weg, weil ſein Haupt minder zuruͤckgebogen, ſein Ge - hirn minder zuruͤckgedruͤckt iſt; indeſſen noch zuruͤckgedruͤckt gnug, wenn man es mit dem hoch - und rund - und freige - woͤlbten menſchlichen Gehirn vergleicht, der einzigen ſchoͤnen Kammer der vernuͤnftigen Jdeenbildung. Warum hat das Pferd kein Wundernetz (rete mirabile) gleich andern Thie - ren? weil ſein Haupt empor ſteht und ſich die Hauptader ſchon einigermaßen dem Menſchen aͤhnlich, ohne dieſe Ver - ſiegungen, wie bei hangenden Thierhaͤuptern erhebet. Es ward alſo auch ein edleres, raſches, muthiges Thier, von vieler Waͤrme, von wenigem Schlaf; da hingegen bei Ge - ſchoͤpfen, denen ihr Haupt niederſank, die Natur im Bau des Gehirns ſo viel andre Anſtalten vorzukehren hatte, ſo gar, daß ſie die Haupttheile deſſelben mit einer beinern Wand unterſchied. Alles kam alſo auf die Richtung an, nach und zu der ſie das Haupt, der Organiſation des ganzen Koͤrpers gemaͤß, formte. Jch ſchweige von mehrern Beiſpielen, mit dem Wunſch, daß forſchende Zergliederer inſonderheit beiMen -204[184]Menſchenaͤhnlichen Thieren anf dies innere Verhaͤltniß der Theile nach der Lage gegen einander und nach der Rich - tung des Haupts in ſeiner Organiſation zum Ganzen Ruͤckſicht nehmen moͤgten; hier, glaube ich, wohnt der Un - terſchied einer Organiſation zu dieſem oder jenem Jnſtinkt, zur Wirkung einer Thier - oder Menſchenſeele: denn jedes Geſchoͤpf iſt in allen ſeinen Theilen ein lebendig-zuſammen - wirkendes Ganze.
7. Selbſt der Winkel der menſchlichen Wohlgeſtalt oder Mißbildung ſcheinet ſich aus dieſem einfachen und all - gemeinen Geſetz der Bildung des Haupts zum aufrechten Gange beſtimmen zu laſſen: denn da dieſe Form des Kopfs, dieſe Ausbreitung des Gehirns in ſeine weiten und ſchoͤnen Hemiſphaͤre, mithin die innere Bildung zur Vernunft und Freiheit nur auf einer aufrechten Geſtalt moͤglich war, wie das Verhaͤltniß und die Gravitation dieſer Theile ſelbſt, die Proportion ihrer Waͤrme und die Art ihres Blutumlaufs zeiget: ſo konnte auch aus dieſem innern Verhaͤltniß nichts anders als die menſchliche Wohlgeſtalt werden. Warum neiget ſich die griechiſche Form des Oberhaupts ſo angenehm vor? weil ſie den weiteſten Raum eines freien Gehirns um - ſchließt, ja auch ſchoͤne, geſunde Stirnhoͤlen verraͤth, alſo ei - nen Tempel jugentlich-ſchoͤner und reiner Menſchenge -danken205[185]danken. Das Hinterhaupt dagegen iſt klein: denn das thieriſche cerebellum ſoll nicht uͤberwiegen. So iſts mit den andern Theilen des Geſichts; ſie zeigen als ſinnliche Organe die ſchoͤnſte Proportion der ſinnlichen Kraͤfte des Gehirns an; und jede Abweichung davon iſt thieriſch. Jch bin ge - wiß, daß wir uͤber die Zuſammenſtimmung dieſer Theile einſt noch eine ſo ſchoͤne Wiſſenſchaft haben werden, als uns die blos errathende Phyſiognomik ſchwerlich allein gewaͤh - ren kann. Jm Jnnern liegt der Grund des Aeußern, weil durch organiſche Kraͤfte alles von innen heraus gebildet ward und jedes Geſchoͤpf eine ſo ganze Form der Natur iſt, als ob ſie nichts anders geſchaffen haͤtte.
Blick 'alſo auf gen Himmel, o Menſch! und erfreue dich ſchaudernd deines unermeßlichen Vorzugs, den der Schoͤpfer der Welt an ein ſo einfaches Principium, deine aufrechte Ge - ſtalt knuͤpfte. Gingeſt du wie ein Thier gebuͤckt, waͤre dein Haupt in eben der gefraͤßigen Richtung fuͤr Mund und Na - ſe geformt und darnach der Gliederbau geordnet: wo bliebe deine hoͤhere Geiſteskraft, das Bild der Gottheit unſichtbar in dich geſenket? Selbſt die Elenden, die unter die Thiere ge - riethen, verlohren es: wie ſich ihr Haupt mißbildete, ver - wilderten auch die inneren Kraͤfte: groͤbere Sinnen zogen das Geſchoͤpf zur Erde nieder. Nun aber durch die Bil -A adung206[186]dung deiner Glieder zum aufrechten Gange, bekam das Haupt ſeine ſchoͤne Stellung und Richtung; mithin gewann das Hirn, dies zarte aͤtheriſche Himmelsgewaͤchs, voͤlligen Raum ſich umherzubreiten und ſeine Zweige abwaͤrts zu verſenden. Gedankenreich woͤlbte ſich die Stirn, die thieriſchen Organe traten zuruͤck, es ward eine menſchliche Bildung. Je mehr ſich der Schaͤdel hob, deſto tiefer trat das Gehoͤr hinab, es fuͤgte ſich mit dem Geſicht freundſchaftlicher zuſammen und beide Sinne bekamen einen innern Zutritt zur heiligen Kam - mer der Jdeenbildung. Das kleinere Gehirn, die ſproſſende Bluͤte des Ruͤckens und der ſinnlichen Lebenskraͤfte trat, da es bei den Thieren herrſchender war, mit dem andern Ge - hirn in ein untergeordnetes milderes Verhaͤltniß. Die Stralen der wunderbarſchoͤnen geſtreiften Koͤrper wurden bei dem Menſchen gezeichneter und feiner; ein Fingerzeig auf das unendlich feinere Licht, das in dieſer mittlern Region zu - ſammen und auseinander ſtralet. So ward, wenn ich in ei - nem Bilde reden darf, die Blume gebildet, die auf dem ver - laͤngerten Ruͤckenmark nur empor ſproßte, ſich aber vorn weg zu einem Gewaͤchs voll aͤtheriſcher Kraͤfte woͤlbet, das nur auf dieſem emporſtrebenden Baum erzeugt werden konnte.
Denn ferner: Die ganze Proportion der organiſchen Kraͤfte eines Thiers iſt der Vernunft noch nicht guͤnſtig. Jnſeiner207[187]ſeiner Bildung herrſchen Muskelkraͤfte und ſinnliche Lebens - reize, die nach dem Zweck des Geſchoͤpfs in jede Organiſa - tion eigen vertheilt ſind und den herrſchenden Jnſtinkt jed - weder Gattung bilden. Mit der aufrechten Geſtalt des Menſchen ſtand ein Baum da, deſſen Kraͤfte ſo proportionirt ſind, daß ſie dem Gehirn, als ihrer Blume und Krone, die feinſten und reichſten Saͤfte geben ſollten. Mit jedem Ader - ſchlag 'erhebt ſich mehr als der ſechſte Theil des Bluts im menſchlichen Koͤrper allein zum Haupt: der Hauptſtrom deſ - ſelben erhebt ſich gerade und kruͤmmet ſich ſanft und theilt ſich allmaͤlich, alſo daß auch die entfernteſten Theile des Haupts von ſeinem und ſeiner Bruͤder Stroͤmen Nahrung und Waͤrme erhalten. Die Natur bot alle ihre Kunſt auf, die Gefaͤße deſſelben zu verſtaͤrken, ſeine Macht zu ſchwaͤ - chen und zu verfeinern, es lange im Gehirn zu halten und wenn es ſein Werk gethan hat, es ſanft vom Haupt zuruͤck - zuleiten. Es entſprang aus Staͤmmen, die, dem Herzen nahe, noch mit aller Kraft der erſten Bewegung wirken und vom erſten Lebensanfange an arbeitet die ganze Gewalt des jungen Herzens auf dieſe, die empfindlichſten und edelſten Theile. Die aͤuſſern Glieder bleiben noch ungeformt, da - mit zuerſt nur das Haupt und die innern Theile aufs zartſte bereitet werden. Mit Verwundern ſieht man nicht nur das gewaltige Uebermaaß derſelben, ſondern auch ihre feineA a 2Structur208[188]Structur in den einzelnen Sinnen des Ungebohrnen, als ob die große Kuͤnſtlerin denſelben allein zum Gehirn und zu den Kraͤften innerer Bewegung erſchaffen wollte, bis ſie allmaͤlich auch die andern Glieder als Werkzeuge und Darſtellung des Jnnern nachholet. Schon alſo in Mutterleibe wird der Menſch zur aufrechten Stellung und zu allem, was von ihr abhaͤngt, gebildet. Jn keinem hangenden Thierleibe wird er getragen; ihm iſt eine kuͤnſtlichere Formungsſtaͤte bereitet, die auf ihrer Baſis ruhet. Da ſitzt der kleine Schlafende und das Blut dringt zu ſeinem Haupt bis dieſes durch ſeine eigne Schwere ſinket. Kurz, der Menſch iſt was er ſeyn ſoll (und dazu wirken alle Theile) ein aufſtrebender Baum, gekroͤnt mit der ſchoͤnſten Krone einer feinern Gedanken - bildung.
Jſt unſer weg bisher richtig geweſen; ſo muß, da die Na - tur immer gleichfoͤrmig wirkt, auch bei niedrigern Geſchoͤpfen
dieſelbe209[189]dieſelbe Analogie im Verhaͤltniß ihres Haupts zu dem ge - ſamten Gliederbau herrſchen und ſie herrſcht auf die augen - ſcheinlichſte Weiſe. Wie die Pflanze darauf arbeitet, das Kunſtwerk der Blume, als des Geſchoͤpfs Krone, hervorzu - treiben: ſo arbeitet der ganze Gliederbau in den lebendigen Geſchoͤpfen, um das Haupt als ſeine Krone zu naͤhren. Man ſollte ſagen, daß der Reihe der Geſchoͤpfe nach die Na - tur allen ihren Organiſmus anwende, immer mehr und ein feineres Gehirn zu bereiten, mithin dem Geſchoͤpf einen frei - ern Mittelpunkt von Empfindungen und Gedanken zu ſam - meln. Je weiter ſie hinaufruͤckt, deſto mehr treibt ſie ihr Werk: ſo viel ſie naͤmlich thun kann, ohne das Haupt des Geſchoͤpfs zu beſchweren und ſeine ſinnlichen Lebensverrich - tungen zu ſtoͤren. Laſſet uns einige Glieder dieſer hinauf - ſteigenden organiſchen Empfindungskette, auch in der aͤuſ - ſern Form und Richtung ihres Haupts, bemerken.
1. Jn Thieren, wo das Haupt mit dem Koͤrper noch horizontal liegt, findet die wenigſte Ausarbeitung des Ge - hirns ſtatt; die Natur hat ihre Reize und Triebe tiefer um - her verbreitet. Wuͤrmer und Pflanzenthiere, Jnſekten, Fi - ſche, Amphibien ſind dergleichen. Jn den unterſten Glie - dern der organiſchen Kette iſt kaum noch ein Haupt ſichtbar: in andern kommts wie ein Auge hervor. Klein iſts in denA a 3Jn -210[190]Jnſekten, in den Fiſchen iſt Haupt und Koͤrper noch eins und in den Amphibien behaͤlt es groͤßtentheils noch ſeine Horizon - tallage mit dem ganzen kriechenden Koͤrper. Je mehr es ſich losmacht und hebet: deſto mehr erwacht das Geſchoͤpf aus ſeiner thieriſchen Dumpfheit; um ſo mehr tritt auch das Ge - biß zuruͤck und ſcheinet nicht mehr die ganze vorgeſtreckte Kraft des horizontalen Koͤrpers. Man vergleiche den Hay - fiſch, der gleichſam ganz Rache und Gebiß iſt oder den ver - ſchlingenden ſchleichenden Krokodill mit feinern Organiſatio - nen und man wird durch zahlreiche Beiſpiele auf den Satz gefuͤhret werden, daß: je mehr das Haupt und der Koͤr - per eines Thiers eine ungetrennte horizontale Linie ſind: deſto weniger iſt bei ihm zum erhoͤhetern Gehirn Raum, deſto mehr iſt ſein hervorſpringender, ungelen - kiger Rachen das Ziel ſeiner Wirkung.
2. Je vollkommener das Thier wird, deſto mehr kommts gleichſam von der Erde herauf: es bekommt hoͤhere Fuͤße, die Wirbel ſeines Halſes gliedern ſich nach der Orga - niſation ſeines Baues: und nach dem Ganzen bekommt der Kopf Stellung und Richtung. Auch hier vergleiche man die Panzer - und Beutelthiere, den Ygel, die Ratte, den Viel - fraß und andre niedrige Geſchlechter mit den edleren Thie - ren. Bei jenen ſind die Fuͤße kurz, der Kopf ſteckt zwiſchenden211[191]den Schultern, der Mund ſtehet lang und vorwaͤrts; bei dieſen wird Gang und Kopf leichter, der Hals gegliederter, der Mund kuͤrzer: natuͤrlicher Weiſe bekommt auch das Hirn dadurch einen hoͤhern, weitern Raum. Man kann al - ſo den zweiten Satz annehmen, daß: je mehr ſich der Koͤr - per zu heben und ſich das Haupt vom Gerippe hinauf - waͤrts loszugliedern ſtrebt: deſto feiner wird des Ge - ſchoͤpfs Bildung. Nur muß dieſer Satz, ſo wie der vo - rige nicht nach einzelnen Gliedern, ſondern nach dem ganzen Verhaͤltniß und Bau des Thiers verſtanden werden.
3. Je mehr an dem erhoͤhetern Kopf die Untertheile des Geſichts abnehmen oder zuruͤckgedraͤnget werden: deſto edler wird die Richtung deſſelben, deſto verſtaͤndiger ſein An - tlitz. Man vergleiche den Wolf und den Hund, die Katze und den Loͤwen, das Nashorn und den Elephanten, das Roß und das Flußpferd. Je breiter, groͤber und herabziehender gegentheils die Untertheile des Geſichts ſind, deſto weniger bekommt der Kopf Schaͤdel und der Obertheil des Geſichts Antlitz. Hiernach unterſcheiden ſich nicht nur die Thierar - ten uͤberhaupt, ſondern auch Eine und dieſelbe nach Klimaten. Man betrachte den weiſſen nordiſchen Baͤr und den Baͤr waͤrmerer Laͤnder, oder die verſchiednen Gattungen der Hun - de, Hirſche, Rehe; kurz, je weniger das Thier gleichſamKinn -212[192]Kinnbacke und je mehr es Kopf iſt; deſto vernunft - aͤhnlicher wird ſeine Bildung, Um ſich dieſe Anſicht klaͤrer zu machen, ziehe man vom letzten Halswirbel des Thier - gerippes Linien zur hoͤchſten Scheitelhoͤhe, zum vorderſten Stirnbein und zum aͤußerſten Punkt der Oberkinnlade: ſo wird man in den mancherlei Winkeln nach Geſchlechtern und Arten die mannichfaltige Verſchiedenheit ſehen; zugleich aber auch inne werden, daß alles dies urſpruͤnglich vom mehr oder minder horizontalen Gange herruͤhre und dieſem diene.
Jch begegne mich hier mit dem feinen Verhaͤltniß, das Camper uͤber die Bildung der Affen und Menſchen und un - ter dieſen der verſchiednen Nationalbildungen gegeben hat*)S. Campers kleinere Schriften Th. 1. S. 15 u. f. Jch wuͤnſchte, daß die Abhandlung vollſtaͤndig und auch die zwei Kupfertafeln dazu bekannt gemacht wuͤrden., indem er naͤmlich eine gerade Linie durch die Hoͤlen des Ohrs bis zum Boden der Naſe und eine andere von der hoͤchſten Hervorragung des Stirnbeins bis auf den am meiſten her - vorragenden Theil der Oberkinnlade im ſchaͤrfſten Profil zie - het. Er meint in dieſem Winkel nicht nur den Unterſchied der Thiere ſondern auch der verſchiednen Nationen zu finden und glaubt, die Natur habe ſich dieſes Winkels bedient, alle Verſchiedenheiten der Thiere zu beſtimmen und ſie gleichſamStu -213[193]Stufenweiſe bis zum Schoͤnſten der ſchoͤnen Menſchen zu er - heben. Die Voͤgel beſchreiben die kleinſten Winkel und die - ſe Winkel werden groͤßer, je nachdem ſich das Thier der menſchlichen Geſtalt naͤhert. Die Affenkoͤpfe ſteigen von 42 bis zu 50 Graden; der letzte iſt dem Menſchen aͤhnlich. Der Neger und Kalmucke haben 70, der Europaͤer 80 Gra - de und die Griechen haben ihr Jdeal von 90 bis zu 100 Graden verſchoͤnert. Was uͤber dieſe Linie faͤllt, wird ein Ungeheuer; ſie iſt alſo das Hoͤchſte, wozu die Alten die Schoͤnheit ihrer Koͤpfe gebracht haben. „ So frappant dieſe Bemerkung iſt: ſo ſehr freuet es mich, ſie, wie ich glaube, auf ihren phyſiſchen Grund zuruͤck fuͤhren zu koͤnnen; es iſt dieſer naͤmlich das Verhaͤltniß des Geſchoͤpfs zur hori - zontalen und perpedikularen Kopfſtellung und Bil - dung, von der am Ende die gluͤckliche Lage des Gehirns, ſo wie die Schoͤnheit und Proportion aller Geſichtstheile ab - haͤngt. Wenn man das Camperſche Verhaͤltniß alſo voll - ſtaͤndig machen und zugleich ſeinen Grund erweiſen will: ſo darf man nur ſtatt des Ohrs den letzten Halswirbel zum Punkt nehmen und von ihm zum letzten Punkt des Hinter - haupts, zum oberſten des Scheitels, zum vorderſten der Stirn, zum hervorſpringendſten des Kinnbeins Linien ziehen; ſo wird nicht nur die Varietaͤt der Kopfbildung ſelbſt, ſondern auch der Grund derſelben ſichtbar, daß Alles von der FormungB bund214[194]und Richtung dieſer Theile zum horizontalen und per - pendikularen Gange, mithin zum ganzen Habitus des Ge - ſchoͤpfs abhange und hiernach, zufolge eines einfachen Bil - dungsprincipium, in die groͤßeſte Mannichfaltigkeit Einheit gebracht werden moͤge.
O daß ein zweiter Galen in unſern Tagen das Buch des Alten von den Theilen des menſchlichen Koͤrpers inſon - derheit zu dem Zweck erneute, damit die Vollkommenheit unſ - rer Geſtalt im aufrechten Gange nach allen Proportionen und Wirkungen offenbar wuͤrde! daß er in fortgehender Verglei - chung mit denen uns naͤchſten Thieren den Menſchen vom er - ſten Anfange ſeiner Sichtbarkeit in ſeinen thieriſchen und gei - ſtigen Verrichtungen, in der feinern Proportion aller Theile zu einander, zuletzt den ganzen ſproſſenden Baum bis zu ſei - ner Krone, dem Gehirn verfolgte und durch Vergleichun - gen zeigte, wie eine ſolche nur hier ſproſſen konnte. Die aufgerichtete Geſtalt iſt die ſchoͤnſte und natuͤrlichſte fuͤr alle Gewaͤchſe der Erde. Wie der Baum aufwaͤrts waͤchſt, wie die Pflanze aufwaͤrts bluͤhet: ſo ſollte man auch vermuthen, daß jedes edlere Geſchoͤpf dieſen Wuchs, dieſe Stellung ha - ben und nicht wie ein hingeſtrecktes, auf vier Stuͤtzen ge - ſchlagenes Gerippe ſich herſchleppen ſollte. Aber das Thier mußte in dieſen fruͤheren Perioden ſeiner Niedergeſchlagen -heit215[195]heit noch animaliſche Kraͤfte ausarbeiten und ſich mit Sin - nen und Trieben uͤben lernen, ehe es zu unſrer, der freieſten und vollkommenſten Stellung gelangen konnte. Allmaͤlich nahet es ſich derſelben: der kriechende Wurm erhebt, ſo viel er kann, vom Staube ſein Haupt und das Seethier ſchlei - chet gebuͤckt ans Ufer. Mit hohem Halſe ſtehet der ſtolze Hirſch, daß edle Roß da und dem gezaͤhmten Thier werden ſchon ſeine Triebe gedaͤmpft: ſeine Seele wird mit Vorideen genaͤhrt, die es zwar noch nicht faſſen kann, die es aber auf Glauben annimmt und ſich gleichſam blind zu ihnen gewoͤh - net. Ein Wink der fortbildenden Natur in ihrem unſicht - baren organiſchen Reich; und der thieriſch-hinabgezwun - gene Koͤrper richtet ſich auf: der Baum ſeines Ruͤckens ſproßt gerader und effloreſcirt feiner: die Bruſt hat ſich gewoͤlbet, die Huͤften geſchloßen, der Hals erhoben, die Sinne ſind ſchoͤner geordnet und ſtralen zuſammen ins hellere Bewußt - ſeyn, ja zuletzt in Einen Gottesgedanken. Und das alles, wodurch anders? als vielleicht, wenn die organiſchen Kraͤfte ſattſam geuͤbt ſind, durch Ein Machtwort der Schoͤpfung: Geſchoͤpf, ſteh auf von der Erde!
Nahe dem Boden hatten alle Sinnen des Menſchen nur einen kleinen Umfang und die niedrigen draͤngeten ſich den edlern vor, wie das Beiſpiel der verwilderten Menſchen zei - get. Geruch und Geſchmack waren, wie bei dem Thier, ih - re ziehenden Fuͤhrer. — — Ueber die Erde und Kraͤuter erhoben, herrſchet der Geruch nicht mehr, ſondern das Auge: es hat ein weiteres Reich um ſich und uͤbet ſich von Kindheit auf in der feinſten Geometrie der Linien und Farben. Das Ohr, unter den hervortretenden Schaͤdel tief hinunter ge - ſetzt, gelangt naͤher zur innern Kammer der Jdeenſammlung, da es bei dem Thier lauſchend hinauf ſteht und bei vielen auch ſeiner aͤuſſern Geſtalt nach zugeſpitzt horchet.
Mit dem aufgerichteten Gange wurde der Menſch ein Kunſtgeſchoͤpf: denn durch ihn, die erſte und ſchwerſte Kunſt, die ein Menſch lernet, wird er eingeweihet, alle zu lernen und gleichſam eine lebendige Kunſt zu werden. Siehe das Thier! es217[197]es hat zum Theil ſchon Finger wie der Menſch; nur ſind ſie hier in einem Huf, dort in eine Klaue oder in ein ander Ge - bilde eingeſchloſſen und durch Schwuͤlen verderbet. Durch die Bildung zum aufrechten Gange bekam der Menſch freie und kuͤnſtliche Haͤnde; Werkzeuge der feinſten Handthierun - gen und eines immerwaͤhrenden Taſtens nach neuen klaren Jdeen. Helvetius hat ſo fern Recht, daß die Hand dem Menſchen ein großes Huͤlfsmittel ſeiner Vernunft geweſen: denn was iſt nicht ſch[o]n der Ruͤſſel dem Elephanten? Ja die - ſes zarte Gefuͤhl der Haͤnde iſt in ſeinen Koͤrper verbreitet und bei verſtuͤmmelten Menſchen haben die Zehen des Fußes oft Kunſtſtuͤcke geuͤbet, die die Hand nicht uͤben konnte. Der kleine Daum, der große Zeh, die auch der Struktur ihrer Muskeln nach ſo beſonders gebildet ſind, ob ſie uns gleich verachtete Glieder ſcheinen, ſind uns die nothwendigſten Kunſtgehuͤlfen zum Stehen - Gehen, Faſſen und allen Ver - richtungen der Kunſtarbeitenden Seele.
Man hat ſo oft geſagt, daß der Menſch wehrlos erſchaf - fen worden und daß es einer ſeiner unterſcheidenden Ge - ſchlechtscharaktere ſei, nichts zu vermoͤgen. Es iſt nicht alſo; er hat Waffen der Vertheidigung, wie alle Geſchoͤpfe. Schon der Affe fuͤhrt den Pruͤgel und wehret ſich mit Sand und Steinen: er klettert und rettet ſich vor den Schlangen, ſeinenB b 3aͤrgſten218[198]aͤrgſten Feinden, er deckt Haͤuſer ab und kann Menſchen morden. Das wilde Maͤgdchen zu Songi ſchlug ihre Mit - ſchweſter mit der Keule vor den Kopf und erſetzte mit Klet - tern und Laufen, was ihr an Staͤrke abgieng. Alſo auch der verwilderte Menſch iſt, ſeiner Organiſation nach, nicht ohne Vertheidigung; und aufgerichtet, cultivirt — welch Thier hat das vielarmige Werkzeug der Kunſt, was er in ſei - nem Arm, in ſeiner Hand, in der Geſchlankigkeit ſeines Lei - bes, in allen ſeinen Kraͤften beſitzet? Kunſt iſt das ſtaͤrkſte Gewehr und er iſt ganz Kunſt, ganz und gar organiſirte Waffe. Nur zum Angrif fehlen ihm Klauen und Zaͤhne; denn er ſollte ein friedliches ſanftmuͤthiges Geſchoͤpf ſeyn; zum Menſchenfreſſen iſt er nicht gebildet.
Welche Tiefen von Kunſtgefuͤhl liegen in einem jeden Menſchenſinn verborgen, die hie und da meiſtens nur Noth, Mangel, Krankheit, das Fehlen eines andern Sinnes, Miß - geburt oder ein Zufall entdecket und die uns ahnen laſſen, was fuͤr andre fuͤr dieſe Welt unaufgeſchloſſene Sinne in uns liegen moͤgen. Wenn einige Blinde das Gefuͤhl, das Ge - hoͤr, die zaͤhlende Vernunft, das Gedaͤchtniß bis zu einem Grad erheben konnten, der Menſchen von gewoͤhnlichen Sin - nen fabelhaft duͤnket: ſo moͤgen unentdeckte Welten der Man - nichfaltigkeit und Feinheit auch in andern Sinnen ruhen, die
wir229[199]wir in unſrer vielorganiſirten Maſchine nur nicht entwickeln. Das Auge, das Ohr! Zu welchen Feinheiten iſt der Menſch ſchon durch ſie gelangt und wird in einem hoͤhern Zuſtande gewiß weiter gelangen, da, wie Berklei ſagt, das Licht eine Sprache Gottes iſt, die unſer feinſter Sinn in tauſend Ge - ſtalten und Farben unablaͤßig nur buchſtabiret. Der Wohl - laut, den das menſchliche Ohr empfindet und den die Kunſt nur entwickelt, iſt die feinſte Meßkunſt, die die Seele durch den Sinn dunkel ausuͤbet; ſo wie ſie durchs Auge, indem der Lichtſtral auf ihm ſpielet, die feinſte Geometrie beweiſet. Unendlich werden wir uns wundern, wenn wir, in unſerm Daſeyn einen Schritt weiter, alle das mit klarem Blick ſehn, was wir in unſrer vielorganiſirten goͤttlichen Maſchine mit Sinnen und Kraͤften dunkel uͤbten und in welchem ſich ſei - ner Organiſation gemaͤß das Thier ſchon vorzuuͤben ſcheinet.
Jndeſſen waͤren alle dieſe Kunſtwerkzeuge, Gehirn, Sinne und Hand auch in der aufrechten Geſtalt unwirkſam geblieben, wenn uns der Schoͤpfer nicht eine Triebfeder ge - geben haͤtte, die ſie alle in Bewegung ſetzte; es war das goͤttliche Geſchenk der Rede. Nur durch die Rede wird die ſchlummernde Vernunft erweckt oder vielmehr die nackte Faͤhigkeit, die durch ſich ſelbſt ewig todt geblieben waͤre, wird durch die Sprache lebendige Kraft und Wirkung. Nurdurch220[200]durch die Rede wird Auge und Ohr, ja das Gefuͤhl aller Sinne eins und vereinigt ſich durch ſie zum ſchaffenden Ge - danken, dem das Kunſtwerk der Haͤnde und andrer Glieder nur gehorchet. Das Beiſpiel der Taub - und Stummge - bohrnen zeigt, wie wenig der Menſch auch mitten unter Menſchen ohne Sprache zu Jdeen der Vernunft gelange und in welcher thieriſchen Wildheit alle ſeine Triebe bleiben. Er ahmt nach was ſein Auge ſieht, Gutes und Boͤſes; und er ahmt es ſchlechter als der Affe nach, weil das innere Kri - terium der Unterſcheidung, ja ſelbſt die Sympathie mit ſei - nem Geſchlecht ihm fehlet. Man hat Beiſpiele*)Jn Sacks vertheidigtem Glauben der Chriſten erinnere ich mich einen ſolchen Fall erzaͤhlt gefunden zu haben; mehrere derglei - chen ſind mir aus andern Schriften erinnerlich., daß ein Taub - und Stummgebohrner ſeinen Bruder mordete, da er ein Schwein morden ſah und wuͤhlte, blos der Nachahmung wegen, mit kalter Freude in den Eingeweiden deſſelben: ſchreck - licher Beweis, wie wenig die geprieſne menſchliche Vernunft und das Gefuͤhl unſrer Gattung durch ſich ſelbſt vermoͤge. Man kann und muß alſo die feinen Sprachwerkzeuge als das Steuerruder unſrer Vernunft und die Rede als den Him - melsfunken anſehen, der unſre Sinnen und Gedanken all - maͤlich in Flammen brachte.
Bei221[201]Bei den Thieren ſehen wir Voranſtalten zur Rede und die Natur arbeitet auch hier von unten herauf, um dieſe Kunſt endlich im Menſchen zu vollenden. Zum Werk des Athem - holens wird die ganze Bruſt mit ihren Knochen, Baͤndern und Muskeln, das Zwergfell und ſogar Theile des Unterlei - bes, des Nackens, des Halſes und der Oberarme erfodert; zu dieſem großen Werk alſo bauete die Natur die ganze Saͤu - le der Ruͤckenwirbel mit ihren Baͤndern und Ribben, Mus - keln und Adern: ſie gab den Theilen der Bruſt die Veſtig - keit und Beweglichkeit, die zu ihm gehoͤren und ging von den niedrigern Geſchoͤpfen immer hoͤher, eine vollkommenere Lunge und Luftroͤhre zu bilden. Begierig zieht das neugebohrne Thier den erſten Athemzug in ſich, ja es draͤnget ſich nach dem - ſelben, als ob es ihn nicht erwarten koͤnnte. Wunderbar viel Theile ſind zu dieſem Werk geſchaffen: denn faſt alle Theile des Koͤrpers haben zu ihrem wirkſamen Gedeihen Luft noͤthig. Jndeſſen ſo ſehr ſich alles nach dieſem lebendigen Gottesathem draͤngt: ſo hat nicht jedes Geſchoͤpf Stimme und Sprache, die am Ende durch kleine Werkzeuge, dem Kopf der Luftroͤhre, einige Knorpel und Muskeln, endlich durch das einfache Glied der Zunge befoͤrdert werden. Jn der ſchlichteſten Geſtalt erſcheint dieſe Tauſendkuͤnſtlerin aller goͤttlichen Gedanken und Worte, die mit ein wenig Luft durch eine enge Spalte nicht nur das ganze Reich der Jdeen desC cMen -222[202]Menſchen in Bewegung geſetzt ſondern auch alles ausgerich - tet hat, was Menſchen auf der Erde gethan haben. Unend - lich ſchoͤn iſts, den Stufengang zu bemerken, auf dem die Natur vom ſtummen Fiſch, Wurm und Jnſekt das Geſchoͤpf allmaͤlich zum Schall und zur Stimme hinauffoͤrdert. Der Vo - gel freuet ſich ſeines Geſanges als des kuͤnſtlichſten Geſchaͤfts und zugleich des herrlichſten Vorzugs, den ihm der Schoͤpfer gegeben; das Thier, das Stimme hat, ruft ſie zu Huͤlfe, ſobald es Neigungen fuͤhlet und der innere Zuſtand ſeines Weſens freudig oder leidend hinaus will. Es geſticulirt wenig; und nur die Thiere ſprechen durch Zeichen, denen vergleichungs - weiſe der lebendige Laut verſagt iſt. Die Zunge einiger iſt ſchon gemacht, menſchliche Worte nachſprechen zu koͤnnen, de - ren Sinn ſie doch nicht begreifen: die Organiſation von auſ - ſen, inſonderheit unter der Zucht des Menſchen, eilt dem in - nern Vermoͤgen gleichſam zum voraus. Hier aber ſchloß ſich die Thuͤr und dem Menſchenaͤhnlichſten Affen iſt die Re - de durch eigne Seitenſaͤcke, die die Natur an ſeine Luftroͤhre hing, gleichſam abſichtlich und gewaltſam verſaget*)S. Campers Abhandlung von den Sprachwerkzeugen der Af - fen, Philoſoph. Transa[c]tions 1779. Vol. I. .
Warum that dies der Vater der menſchlichen Rede? warum wollte er das Geſchoͤpf, das alles nachahmt, geradedies223[203]dies Kriterium der Menſchheit nicht nachahmen laſſen und verſperrte ihm dazu durch eigne Hinderniſſe den Weg uner - bittlich? Man gehe in Haͤuſer der Wahnſinnigen und hoͤre ihr Geſchwaͤtz: man hoͤre die Rede mancher Mißgebohrnen und aͤußerſt Einfaͤltigen; und man wird ſich ſelbſt die Urſa - che ſagen. Wie wehe thut uns ihre Sprache und das ent - weihete Geſchenk der menſchlichen Rede! und wie entweihe - ter wuͤrde ſie im Munde des luͤſternen, groben, thieriſchen Af - fen werden, wenn er menſchliche Worte, wie ich nicht zweifle, mit halber Menſchenvernunft nachaͤffen koͤnnte. Ein ab - ſcheuliches Gewebe Menſchenaͤhnlicher Toͤne und Affenge - danken — nein, die goͤttliche Rede ſollte dazu nicht ernie - drigt werden und der Affe ward ſtumm, ſtummer als andre Thiere, wo ein jedes bis zum Froſch und zur Eidexe hinun - ter ſeinen eignen Schall hat.
Aber den Menſchen baute die Natur zur Sprache; auch zu ihr iſt er aufgerichtet und an eine emporſtrebende Saͤule ſeine Bruſt gewoͤlbet. Menſchen, die unter die Thie - re geriethen, verloren nicht nur die Rede ſelbſt, ſondern zum Theil auch die Faͤhigkeit zu derſelben; ein offenbares Kenn - zeichen, daß ihre Kehle mißgebildet worden und daß nur im aufrechten Gange wahre menſchliche Sprache ſtatt findet. Denn obgleich mehrere Thiere Menſchenaͤhnliche Sprachor -C c 2gane224[204]gane haben: ſo iſt doch, auch in der Nachahmung, keines derſelben des fortgehenden Stroms der Rede aus unſrer erhabnen, freien, menſchlichen Bruſt, aus unſerm engern und kuͤnſtlich verſchloſſenen Munde faͤhig. Hingegen der Menſch kann nicht nur alle Schaͤlle und Toͤne derſelben nach - ahmen, und iſt, wie Monboddo ſagt, der Mock-bird unter den Geſchoͤpfen der Erde; ſondern ein Gott hat ihn auch die Kunſt gelehrt, Jdeen in Toͤne zu praͤgen, Geſtalten durch Laute zu bezeichnen und die Erde zu beherrſchen durch das Wort ſeines Mundes. Von der Sprache alſo faͤngt ſeine Vernunft und Cultur an: denn nur durch ſie beherrſchet er auch ſich ſelbſt und wird des Nachſinnens und Waͤhlens, dazu er durch ſeine Organiſation nur faͤhig war, maͤchtig. Hoͤhere Geſchoͤpfe moͤgen und muͤſſen es ſeyn, deren Vernunft durch das Auge erwacht, weil ihnen ein geſehenes Merkmal ſchon genug iſt, Jdeen zu bilden und ſie unterſcheidend zu fixiren; der Menſch der Erde iſt noch ein Zoͤgling des Ohrs, durch welches er die Sprache des Lichts allmaͤlich erſt ver - ſtehen lernet. Der Unterſchied der Dinge muß ihm durch Beihuͤlfe eines andern erſt in die Seele gerufen werden, da er denn, vielleicht zuerſt athmend und keichend, denn ſchal - lend und ſangbar ſeine Gedanken mittheilen lernte. Aus - druͤckend iſt alſo der Name der Morgenlaͤnder, mit dem ſie die Thiere die Stummen der Erde nennen; nur mit derOr -225[205]Organiſation zur Rede empfing der Menſch den Athem der Gottheit, den Samen zur Vernunft und ewigen Vervoll - kommung, einen Nachhall jener ſchaffenden Stimme zu Be - herrſchung der Erde, kurz die goͤttliche Jdeenkunſt, die Mutter aller Kuͤnſte.
Man ſpricht ſichs einander nach, daß der Menſch ohne Jn - ſtinct ſey und daß dies Jnſtinctloſe Weſen den Charakter ſei - nes Geſchlechts ausmache; er hat alle Jnſtincte, die ein Er - dethier um ihn beſitzet; nur er hat ſie alle, ſeiner Organiſa - tion nach, zu einem feinern Verhaͤltniß gemildert.
Das Kind im Mutterleibe ſcheint alle Zuſtaͤnde durch - gehen zu muͤſſen, die einem Erdegeſchoͤpf zukommen koͤnnen. Es ſchwimmt im Waſſer: es liegt mit offnem Munde: ſein Kiefer iſt groß, eh eine Lippe ihn bedecken kann, die ſich nur ſpaͤt bildet; ſo bald es auf die Welt kommt, ſchnappt es nachC c 3Luft226[206]Luft und Saugen iſt ſeine ungelernte erſte Verrichtung. Das ganze Werk der Verdauung und Nahrung, des Hungers und Durſtes geht Jnſtinctmaͤßig oder durch noch dunklere Triebe ſeinen Gang fort. Die Muskeln - und Zeugungs - kraͤfte ſtreben eben alſo zur Entwicklung und ein Menſch darf nur durch Affekt oder Krankheit wahnſinnig ſeyn, ſo ſiehet man bei ihm alle thieriſche Triebe. Noth und Gefahr ent - wickeln bei Menſchen, ja bei ganzen Nationen, die anima - liſch leben, auch thieriſche Geſchicklichkeiten, Sinnen und Kraͤfte.
Alſo ſind dem Menſchen die Triebe nicht ſowohl geraubt als bei ihm unterdruͤckt und unter die Herrſchaft der Ner - ven und der feinern Sinne geordnet. Ohne ſie koͤnnte auch das Geſchoͤpf, das noch großentheils Thier iſt, gar nicht leben.
Und wie werden ſie unterdruͤckt? wie bringt die Natur ſie unter die Herrſchaft der Nerven? Laſſet uns ihren Gang von Kindheit auf betrachten; er zeiget uns das, was man oft ſo thoͤricht, als menſchliche Schwachheit bejammert hat, von einer ganz andern Seite.
Das menſchliche Kind kommt ſchwaͤcher auf die Welt, als keins der Thiere: offenbar weil es zu einer Proportiongebil -227[207]gebildet iſt, die in Mutterleibe nicht ausgebildet werden konnte. Das vierfuͤßige Thier nahm in ſeiner Mutter vier - fuͤßige Geſtalt an und gewann ob es gleich Anfangs eben ſo unproportionirt am Kopf iſt, wie der Menſch, zuletzt voͤlli - ges Verhaͤltniß; oder bei Nervenreichen Thieren, die ihre Jungen ſchwach gebaͤhren, erſtattet ſich doch das Verhaͤltniß der Kraͤfte in einigen Wochen und Tagen. Der Menſch al - lein bleibt lange ſchwach: denn ſein Gliederbau iſt, wenn ich ſo ſagen darf, dem Haupt zuerſchaffen worden, das uͤbermaͤßig groß in Mutterleibe zuerſt ausgebildet ward und alſo auf die Welt tritt. Die andern Glieder, die zu ihrem Wachsthum irrdiſche Nahrungsmittel, Luft und Bewegung brauchen, kommen ihm lange nicht nach, ob ſie gleich durch alle Jahre der Kindheit und Jugend zu ihm und nicht das Haupt verhaͤltnißmaͤßig zu ihnen waͤchſet. Das ſchwache Kind iſt alſo, wenn man will, ein Jnvalide ſeiner obern Kraͤfte und die Natur bildet dieſe unablaͤßig und am fruͤhe - ſten weiter. Ehe das Kind gehen lernt, lernt es ſehen, hoͤ - ren, greifen und die feinſte Mechanik und Meßkunſt dieſer Sinne uͤben. Es uͤbt ſie ſo Jnſtinktmaͤßig als das Thier; nur auf eine feinere Weiſe. Nicht durch angebohrne Fertig - keiten und Kuͤnſte: denn alle Kunſtfertigkeiten der Thiere ſind Folgen groͤberer Reize; und waͤren dieſe von Kindheit an herrſchend da: ſo bliebe der Menſch ein Thier, ſo wuͤrdeer,228[208]er, da er ſchon alles kann, ehe ers lernte, nichts menſchliches lernen. Entweder mußte ihm alſo die Vernunft, als Jn - ſtinkt angebohren werden, welches ſogleich als Widerſpruch erhellen wird, oder er mußte, wie es jetzt iſt, ſchwach auf die Welt kommen, um Vernunft zu lernen.
Von Kindheit auf lernet er dieſe und wird wie zum kuͤnſtlichen Gange, ſo auch zu ihr, zur Freiheit und menſchli - chen Sprache durch Kunſt gebildet. Der Saͤugling wird an die Bruſt der Mutter uͤber ihrem Herzen gelegt: die Frucht ihres Leibes wird der Zoͤgling ihrer Arme. Seine feinſten Sinne, Auge und Ohr, erwachen zuerſt und werden durch Geſtalten und Toͤne geleitet; wohl ihm, wenn ſie gluͤcklich geleitet werden. Allmaͤlich entfaltet ſich ſein Geſicht und hangt am Auge der Menſchen um ihn her, wie ſein Ohr an der Sprache der Menſchen hangt und durch ihre Huͤlfe die erſten Begriffe unterſcheiden lernet. Und ſo lernt ſeine Hand allmaͤlich greifen; nun erſt ſtreben ſeine Glieder nach eigner Uebung. Er war zuerſt ein Lehrling der zwei feinſten Sinne: denn der kuͤnſtliche Jnſtinkt, der ihm an - gebildet werden ſoll, iſt Vernunft, Humanitaͤt, menſchli - che Lebensweiſe, die kein Thier hat und lernet. Auch die gezaͤhmten Thiere nehmen nur thieriſch einiges von Men - ſchen an, aber ſie werden nicht Menſchen.
Hieraus229[209]Hieraus erhellet, was menſchliche Vernunft ſei: ein Name, der in den neuern Schriften ſo oft als ein angebohr - nes Avtomat gebraucht wird und als ſolches nichts als Mis - deutung giebet. Theoretiſch und praktiſch iſt Vernunft nichts als etwas Vernommenes, eine gelernte Proportion und Richtung der Jdeen und Kraͤfte, zu welcher der Menſch nach ſeiner Organiſation und Lebensweiſe gebildet worden. Eine Vernunft der Engel kennen wir nicht: ſo wenig als wir den innern Zuſtand eines tiefern Geſchoͤpfs unter uns in - nig einſehn; die Vernunft des Menſchen iſt menſchlich. Von Kindheit auf vergleicht er Jdeen und Eindruͤcke ſeiner zumal feinern Sinne, nach der Feinheit und Wahrheit, in der ſie ihm dieſe gewaͤhren, nach der Anzahl, die er em - pfaͤngt und nach der innern Schnellkraft, mit der er ſie ver binden lernet. Das hieraus entſtandne Eins iſt ſein Ge - danke und die mancherlei Verknuͤpfungen dieſer Gedanken und Empfindungen zu Urtheilen von dem, was wahr und falſch, gut und boͤſe, Gluͤck und Ungluͤck iſt: das iſt ſeine Vernunft, das fortgehende Werk der Bildung des menſch - lichen Lebens. Sie iſt ihm nicht angebohren; ſondern er hat ſie erlangt und nachdem die Eindruͤcke waren, die er er - langte, die Vorbilder, denen er folgte; nachdem die innere Kraft und Energie war, mit der er dieſe mancherlei Ein - druͤcke zur Proportion ſeines Jnnerſten verband, nachdem iſtD dauch230[210]auch ſeine Vernunft reich oder arm, krank oder geſund, ver - wachſen oder wohlerzogen, wie ſein Koͤrper. Taͤuſchte uns die Natur mit Empfindungen der Sinne: ſo muͤßten wir uns, ihr zu Folge, taͤuſchen laſſen; nur ſo viele Menſchen Einerlei Sinne haͤtten, ſo viele taͤuſchten ſich gleichfoͤrmig. Taͤuſchen uns Menſchen und wir haben nicht Kraft oder Or - gan, die Taͤuſchung einzuſehen und die Eindruͤcke zur beſſern Proportion zu ſammlen: ſo wird unſre Vernunft kruͤppel - haft und oft kruͤppelhaft aufs ganze Leben. Eben weil der Menſch alles lernen muß, ja weil es ſein Jnſtinkt und Be - ruf iſt, alles, wie ſeinen geraden Gang zu lernen: ſo lernt er auch nur durch Fallen gehen und koͤmmt oft nur durch Jrren zur Wahrheit; indeſſen ſich das Thier auf ſeinem vier - fuͤßigen Gange ſicher forttraͤgt: denn die ſtaͤrker ausgedruckte Proportion ſeiner Sinne und Triebe ſind ſeine Fuͤhrer. Der Menſch hat den Koͤnigsvorzug, mit hohem Haupt, aufge - richtet weit umher zu ſchauen, freilich alſo auch vieles dunkel und falſch zu ſehen, oft ſogar ſeine Schritte zu vergeſſen und erſt durch Straucheln erinnert zu werden, auf welcher engen Baſis das ganze Kopf - und Herzensgebaͤude ſeiner Begriffe und Urtheile ruhe; indeſſen iſt und bleibt er ſeiner hohen Verſtandesbeſtimmung nach was kein anderes Erdenge - ſchoͤpf iſt, ein Goͤtterſohn, ein Koͤnig der Erde.
Um231[211]Um die Hoheit dieſer Beſtimmung zu fuͤhlen, laſſet uns bedenken, was in den großen Gaben Vernunft und Frei - heit liegt und wieviel die Natur gleichſam wagte, da ſie die ſelbe einer ſo ſchwachen vielfachgemiſchten Erdorganiſation, als der Menſch iſt, anvertraute. Das Thier iſt nur ein ge - buͤckter Sklave; wenn gleich einige edlere derſelben ihr Haupt empor heben oder wenigſtens mit vorgerecktem Halſe ſich nach Freiheit ſehnen. Jhre noch nicht zur Vernunft gereifte Seele muß nothduͤrftigen Trieben dienen und in dieſem Dienſt ſich erſt zum eignen Gebrauch der Sinne und Neigungen von fern bereiten. Der Menſch iſt der erſte Freigelaſſene der Schoͤpfung; er ſtehet aufrecht. Die Waage des Guten und Boͤſen, des Falſchen und Wahren haͤngt in ihm: er kann forſchen, er ſoll waͤhlen. Wie die Natur ihm zwo freie Haͤnde zu Werkzeugen gab und ein uͤberblickendes Auge, ſeinen Gang zu leiten: ſo hat er auch in ſich die Macht, nicht nur die Gewichte zu ſtellen, ſondern auch, wenn ich ſo ſagen darf, ſelbſt Gewicht zu ſeyn auf der Waage. Er kann dem truͤglichſten Jrrthum Schein geben und ein freiwillig Betrogener werden: er kann die Ketten, die ihn, ſeiner Na - tur entgegen, feſſeln, mit der Zeit lieben lernen und ſie mit mancherlei Blumen bekraͤnzen. Wie es alſo mit der ge - taͤuſchten Vernunft ging, gehets auch mit der mißbrauchten oder gefeſſelten Freiheit; ſie iſt bei den meiſten das Ver -D d 2haͤltniß232[212]haͤltniß der Kraͤfte und Triebe, wie Bequemlichkeit oder Ge - wohnheit ſie veſtgeſtellet haben. Selten blickt der Menſch uͤber dieſe hinaus und kann oft, wenn niedrige Triebe ihn feſſeln und abſcheuliche Gewohnheiten ihn binden, aͤrger als ein Thier werden.
Jndeſſen iſt er, auch ſeiner Freiheit nach, und ſelbſt im aͤrgſten Mißbrauch derſelben ein Koͤnig. Er darf doch waͤh - len, wenn er auch das Schlechteſte waͤhlte: er kann uͤber ſich gebieten, wenn er ſich auch zum Niedrigſten aus eigner Wahl beſtimmte. Vor dem Allſehenden, der dieſe Kraͤfte in ihn legte, iſt freilich ſowohl ſeine Vernunft als Freiheit begraͤnzt und ſie iſt gluͤcklich begraͤnzt, weil der die Quelle ſchuf, auch jeden Ausfluß derſelben kennen, vorherſehen und ſo zu len - ken wiſſen mußte, daß der ausſchweifendſte Bach ſeinen Haͤn - den nimmer entrann; in der Sache ſelbſt aber und in der Natur des Menſchen wird dadurch nichts geaͤndert. Er iſt und bleibt fuͤr ſich ein freies Geſchoͤpf, obwohl die allumfaſ - ſende Guͤte ihn auch in ſeinen Thorheiten umfaſſet und dieſe zu ſeinem und dem allgemeinen Beſten lenket. Wie kein ge - triebenes Geſchoß der Atmoſphaͤre entfliehen kann; aber auch, wenn es zuruͤck faͤllt, nach Einen und denſelben Natur - geſetzen wirket: ſo iſt der Menſch im Jrrthum und in der Wahrheit, im Fallen und Wiederaufſtehen Menſch, zwar einſchwa -233[213]ſchwaches Kind, aber doch ein Freigebohrner: wenn noch nicht vernuͤnftig, ſo doch einer beſſern Vernunft faͤhig, wenn noch nicht zur Humanitaͤt gebildet, ſo doch zu ihr bildbar, Der Menſchenfreſſer in Neuſeeland und Fenelon, der ver - worfene Peſcherei und Newton ſind Geſchoͤpfe Einer und derſelben Gattung.
Nun ſcheinet es zwar, daß auf unſrer Erde alle ihr moͤg - liche Verſchiedenheit auch im Gebrauch dieſer Gaben ſtatt finden ſollte; und es wird ein Stufengang ſichtbar vom Menſchen, der zunaͤchſt ans Thier graͤnzt, bis zum reinſten Genius im Menſchenbilde. Wir doͤrfen uns auch hieruͤber nicht wundern, da wir die große Gradation der Thiere un - ter uns ſehen, und welch einen langen Weg die Natur neh - men mußte, um die kleine aufſproſſende Bluͤthe von Vernunft und Freiheit in uns organiſirend vorzubereiten. Es ſcheint, daß auf unſrer Erde alles ſeyn ſollte, was auf ihr moͤglich war und nur denn werden wir uns die Ordnung und Weis - heit dieſer reichen Fuͤlle gnugſam erklaͤren koͤnnen, wenn wir, Einen Schritt weiter, den Zweck uͤberſehen, wozu ſo Man - cherlei in dieſem großen Garten der Natur ſproßen mußte. Hier ſehen wir meiſtens nur Geſetze der Nothdurft obwal - ten: denn die ganze Erde auch in ihren wildeſten Entlegen - heiten ſollte bewohnt werden; und nur der, der ſie ſo fernD d 3ſtreckte,234[214]ſtreckte, weiß die Urſach, warum er auch Peſchereis und Neu - ſeelaͤnder in dieſer ſeiner Welten zuließ. Dem groͤßeſten Veraͤchter des Menſchengeſchlechts iſts indeſſen unlaͤugbar, daß in ſo viel wilde Ranken Vernunft und Freiheit unter den Kindern der Erde aufgeſchoſſen ſind, dieſe edeln Gewaͤch - ſe unter dem Licht der himmliſchen Sonne auch ſchoͤne Fruͤch - te getragen haben. Faſt unglaublich waͤre es, wenn es uns die Geſchichte nicht ſagte, in welche Hoͤhen ſich der menſchli - che Verſtand gewagt und der ſchaffenden, erhaltenden Gott - heit nicht nur nachzuſpaͤhen ſondern auch ordnend nachzu - folgen bemuͤht hat. Jm Chaos der Weſen, das ihm die Sinne zeigen, hat er Einheit und Verſtand, Geſetze der Ord - nung und Schoͤnheit geſucht und gefunden. Die verbor - genſten Kraͤfte, die er von innen gar nicht kennet, hat er in ihrem aͤußern Gange belauſcht und der Bewegung, der Zahl, dem Maas, dem Leben, ſogar dem Daſeyn nachgeſpuͤrt, wo er dieſelbe im Himmel und auf Erden nur wirken ſah. Alle ſeine Verſuche hieruͤber, ſelbſt wo er irrte oder nur traͤumen konnte, ſind Beweiſe ſeiner Majeſtaͤt, einer Gottaͤhnlichen Kraft und Hoheit. Das Weſen, das Alles ſchuf, hat wirklich einen Stral ſeines Lichts, einen Abdruck der ihm eigenſten Kraͤfte in unſre ſchwache Organiſation gelegt und ſo niedrig der Menſch iſt, kann er zu ſich ſagen: “ich habe etwas mit Gott gemein; ich beſitze Faͤhigkeiten, die der Erhabenſte,den235[215]den ich in ſeinen Werken kenne, auch haben muß: denn er hat ſie rings um mich offenbaret. „ Augenſcheinlich war dieſe Aehnlichkeit mit ihm ſelbſt die Summe aller ſeiner Erde - ſchoͤpfung. Er konnte auf dieſem Schauplatz nicht hoͤher hinauf; er unterließ aber auch nicht, bis zu ihr hinaufzuſtei - gen und die Reihe ſeiner Organiſationen zu dieſem hoͤchſten Punkt hinaufzufuͤhren. Deßwegen ward auch der Gang zu ihm bei aller Verſchiedenheit der Geſtalten ſo einfoͤrmig.
Gleicherweiſe hat auch die Freiheit im Menſchenge - bilde edle Fruͤchte getragen und ſich ſo wohl in dem, was ſie verſchmaͤhte, als was ſie unternahm, ruhmwuͤrdig gezeiget. Daß Menſchen dem unſtaͤten Zuge blinder Triebe entſagten und freiwillig den Bund der Ehe, einer geſelligen Freund - ſchaft, Unterſtuͤtzung und Treue auf Leben und Tod knuͤpf - ten: daß ſie ihrem eignen Willen entſagten und Geſetze uͤber ſie herrſchen laſſen wollten, alſo den immer unvollkommenen Verſuch einer Regierung durch Menſchen uͤber Men - ſchen veſtſtellten und ihn mit eignem Blut und Leben ſchuͤtz - ten: daß edle Maͤnner fuͤr ihr Vaterland ſich hingaben und nicht nur in einem ſtuͤrmiſchen Augenblick ihr Leben, ſondern was weit edler iſt, die ganze Muͤhe ihres Lebens durch lange Naͤchte und Tage, durch Lebensjahre und Lebensalter unver - droſſen fuͤr nichts hielten, um einer blinden undankbarenMenge,236[216]Menge, wenigſtens nach ihrer Meinung, Wohlſeyn und Ruhe zu ſchenken; daß endlich Gotterfuͤllete Weiſe aus edlem Durſt fuͤr die Wahrheit, Freiheit und Gluͤckſeligkeit unſers Geſchlechts Schmach und Verfolgung, Armuth und Noth willig uͤbernahmen und an dem Gedanken veſthielten, daß ſie ihren Bruͤdern das edelſte Gut, deſſen ſie faͤhig waͤren, ver - ſchaft oder befoͤrdert haͤtten; wenn dieſes Alles nicht große Menſchentugenden und die Kraftvolleſten Beſtrebungen der Selbſtbeſtimmung ſind, die in uns lieget: ſo kenne ich keine andre. Zwar waren nur immer wenige, die hierinn dem großen Haufen vorgingen und ihm als Aerzte heilſam aufzwangen, was dieſer noch nicht ſelbſt zu erwaͤhlen wußte; eben dieſe wenigen aber waren die Bluͤthe des Menſchenge - ſchlechts, unſterbliche freie Goͤtterſoͤhne auf Erden. Jhre einzelnen Namen gelten ſtatt Millionen.
Mit dem aufgerichteten Gange gewann der Menſch eine Zartheit, Waͤrme und Staͤrke, die kein Thier erlangen konnte. Jm237[217]Jm Stande der Wildheit waͤre er großentheils inſonderheit auf dem Ruͤcken mit Haaren bedecket; und das waͤre denn die Decke, uͤber deren Entziehung der aͤltere Plinius die Na - tur ſo jammernd anklagt. Die wohlthaͤtige Mutter hat dem Menſchen eine ſchoͤnere Huͤlle gegeben, ſeine zarte und doch ſo harte Haut, die den Unfaͤllen jeder Jahrszeit, den Ab - wechſelungen jedes Klima zu widerſtehen vermag, wenn ei - nige Kunſt, die dieſem Geſchoͤpf zweite Natur iſt, Huͤlfe leiſtet.
Und zu dieſer ſollte ihm nicht nur die nackte Duͤrftigkeit ſondern etwas Menſchlicheres und Schoͤneres, die holde Schaam leiten. Was auch einige Philoſophen ſagen moͤ - gen: ſo iſt ſie dem Menſchen, ja ſchon ein dunkles Analogon derſelben einigen Thierarten, natuͤrlich: denn auch die Aeffin be - decket ſich und der Elephant ſuchet zur Begattung einſame dunkle Waͤlder. Wir kennen beinah keine noch ſo thieriſche Nation*)Mir ſind nur zwei ganz nackte Nationen bekant, die aber auch in einer thieriſchen Wildheit leben, die Peſchereis an der aͤuſſerſten Spitze von Suͤdamerika, ein Auswurf andrer Na - tionen und ein wildes Volk bei Arakan und Pegu, das mir in den dortigen Gegenden noch ein Raͤthſel iſt, ob ichs gleich in einer der neuſten Reiſen Mackingtoſh travels T. I. p. 341. Lond. 1782.) beſtaͤtigt finde. auf der Erde, die nicht zumal bei den WeibernE evon238[218]von den Jahren an, da die Triebe erwachen, die Bedeckung liebe; zumal auch die empfindliche Zartheit dieſer Theile und andre Umſtaͤnde eine Huͤlle fodern. Noch ehe der Menſch alſo ſeine andern Glieder gegen die Wuth der Elemente, ge - gen den Stich der Jnſekten durch Kleider oder Salben zu ſchuͤtzen ſuchte, fuͤhrte ihn ihn eine Art ſinnlicher Oekono - mie des ſchnelleſten und nothwendigſten Triebes auf die Ver - huͤllung. Unter allen edlern Thieren will das Weib geſu - chet ſeyn und bietet ſich nicht dar: ſie erfuͤllet damit unwiſſend Abſichten der Natur und bei den Menſchen iſt das zartere Weib auch die weiſe Bewahrerin der holdſeligen Schamm, die bei der aufrechten Geſtalt ſich gar bald entwickeln mußte —
Alſo bekam der Menſch Kleidung und ſo bald er dieſe und einige andere Kunſt hatte, war er vermoͤgend jedes Kli - ma der Erde auszudauren und in Beſitz zu nehmen. We - nige Thiere, faſt der Hund allein, haben ihm in alle Gegen - den nachfolgen koͤnnen; und doch mit welcher Veraͤnderung ihrer Geſtalt, mit welcher Abartung ihres angebohrnen Tem - peramentes! Der Menſch allein hat ſich am wenigſten und in weſentlichen Theilen gar nicht veraͤndert. Man erſtaunt, wie ganz und einfoͤrmig ſich ſeine Natur erhalten, wenn man die Abaͤnderungen ſeiner wandernden Mitbruͤder unter den Thieren ſiehet. Seine zarte Natur iſt ſo beſtimmt, ſo voll -
kommen239[219]kommen organiſirt, daß er auf einer hoͤchſten Stufe ſtehet und wenige Varietaͤten, die nicht einmal Anomalien zu nen - nen ſind, ſich an ihm moͤglich fanden.
Wodurch nun dieſes? Abermals durch ſeine aufrechte Geſtalt; durch nichts anders. Gingen wir, wie Baͤr und Affe, auf allen Vieren: ſo laſſet uns nicht zweifeln, daß auch die Menſchenracen (wenn mir das unedle Wort erlaubt iſt) ihr eingeſchraͤnkteres Vaterland haben und nie verlaſſen wuͤrden. Der Menſchenbaͤr wuͤrde ſein kaltes, der Men - ſchenaffe ſein warmes Vaterland lieben: ſo wie wir noch ge - wahr werden, daß je thieriſcher eine Nation iſt, deſto mehr iſt ſie mit Banden des Leibes und der Seele an ihr Land und Klima beveſtigt.
Als die Natur den Menſchen erhob, erhob ſie ihn zur Herrſchaft uͤber die Erde. Seine aufrechte Geſtalt gab ihm mit einem feiner-organiſirten Bau auch einen kuͤnſtlichern Blutumlauf, eine vielartigere Miſchung der Lebensſaͤfte, alſo auch jene innigere, veſtere Temperatur der Lebens - waͤrme, mit der er allein ein Bewohner Siberiens und Afri - ka's ſeyn konnte. Nur durch ſeinen aufgerichteten, kuͤnſtli - chern, organiſchen Bau ward er vermoͤgend, eine Hitze und Kaͤlte zu ertragen, die kein andres Erdengeſchoͤpf umfaſſet und ſich dennoch nur im kleinſten Maas zu veraͤndern.
E e 2Nun240[220]Nun ward mit dieſem zarteren Bau und mit allem was daraus folgte, auch freilich einer Reihe Krankheiten die Thuͤr geoͤfnet, von denen das Thier nichts weiß und die Moſkati*)Vom koͤrperlichen weſentlichen Unterſchiede der Thiere und Men - ſchen, Goͤttingen 1771. beredt herzaͤhlet. Das Blut, das ſeinen Kreis - lauf in einer aufrechten Maſchine verrichtet, das Herz, das in eine ſchiefe Lage gedraͤngt iſt, die Eingeweide, die in ei - nem ſtehenden Behaͤltniß ihr Werk treiben; allerdings ſind dieſe Theile bei uns mehreren Gefahren der Zerruͤttung aus - geſetzt als in einem thieriſchen Koͤrper. Jnſonderheit, ſcheint es, muß das weibliche Geſchlecht ſeine groͤßere Zartheit auch theurer als wir erkaufen — — Jndeſſen iſt auch hierinn die Wohlthat der Natur tauſendfach erſetzend und mildernd: denn unſre Geſundheit, unſer Wohlſeyn, alle Empfindungen und Reize unſres Weſens ſind geiſtiger und feiner. Kein Thier genießt einen einzigen Augenblick menſchlicher Geſund - heit und Freude: es koſtet keinen Tropfen des Nektarſtroms, den der Menſch trinkt; ja auch blos koͤrperlich betrachtet. ſind ſeine Krankheiten zwar weniger an der Zahl, weil ſein Koͤrperbau groͤber iſt, aber dafuͤr deſto fortwirkender und veſter. Sein Zellengewebe, ſeine Nervenhaͤute, ſeine Arte - rien, Knochen, ſein Gehirn ſogar iſt haͤrter als das unſre; daher auch alle Landthiere rings um den Menſchen (vielleichtden241[221]den einzigen Elephanten ausgenommen, der in ſeinen Lebens - perioden uns nahe kommt) kuͤrzer als der Menſch leben und des Todes der Natur d. i. an einem verhaͤrtenden Alter; viel fruͤher als Er ſterben. Jhn hat alſo die Natur zum laͤng - ſten und dabei zum geſundeſten, freudenreichſten Leben be - ſtimmt, das eine Erdorganiſation faſſen konnte. Nichts hilft ſich vielartiger und leichter, als die vielartige menſchliche Na - tur; und es haben alle Ausſchweifungen des Wahnſinns und der Laſter, deren freilich kein Thier faͤhig iſt, dazu ge - hoͤrt, unſre Maſchine in dem Maas, wie ſie in manchen Staͤnden geſchwaͤcht und verdorben iſt, zu ſchwaͤchen und zu verderben. Wohlthaͤtig hatte die Natur jedem Klima die Kraͤuter gegeben, die ſeinen Krankheiten dienen und nur die Verwirrung aller Klimate hat aus Europa den Pful von Uebeln machen koͤnnen, den kein Volk, das der Natur gemaͤß lebet, bei ſich findet. Jndeſſen auch fuͤr dieſe ſelbſt-errun - genen Uebel hat ſie uns ein ſelbſt-errungenes Gute gegeben, das einzige, deſſen wir dafuͤr werth waren, den Arzt, der wenn er der Natur folget, ihr aufhilft und wenn er ihr nicht folgen darf oder kann, den Kranken wenigſtens wiſſenſchaft - lich begraͤbet.
Und o welche muͤtterliche Sorgfalt und Weisheit der goͤttlichen Haushaltung wars, die auch die Lebensalter und dieE e 3Dauer242[222]Dauer unſres Geſchlechts beſtimmte! Alle lebendige Erdge - ſchoͤpfe; die ſich bald zu vollenden haben, wachſen auch bald; ſie werden fruͤh reif und ſind ſchnell am Ziel des Lebens. Der Menſch, wie ein Baum des Himmels aufrecht ge - pflanzt, waͤchſet langſam. Er bleibt gleich dem Elephanten am laͤngſten im Mutterleibe; die Jahre ſeiner Jugend dau - ren lange, unvergleichbar laͤnger, als irgend eines Thieres. Die gluͤckliche Zeit alſo zu lernen, zu wachſen, ſich ſeines Le - bens zu freuen und es auf die unſchuldigſte Weiſe zu genieſ - ſen, zog die Natur ſo lang als ſie ſie ziehen konnte. Man - che Thiere ſind in wenigen Jahren, Tagen, ja beinah ſchon im Augenblick der Geburt ausgebildet: ſie ſind aber auch deſto unvollkommener und ſterben deſto fruͤher. Der Menſch muß am laͤngſten lernen, weil er am meiſten zu lernen hat, da bei ihm alles auf eigen-erlangte Fertigkeit, Vernunft und Kunſt ankommt. Wuͤrde nachher auch durch das unnenn - bare Heer der Zufaͤlle und Gefahren ſein Leben abgekuͤrzet: ſo hat er doch ſeine Sorgenfreie lange Jugend genoſſen, da mit ſeinem Koͤrper und Geiſt auch die Welt um ihn her wuchs, da mit ſeinem langſam-heraufſteigenden immer-er - weiterten Geſichtskreiſe auch der Kreis ſeiner Hoffnungen ſich weitete und ſein jugendlich-edles Herz in raſcher Neugier, in ungeduldiger Schwaͤrmerei fuͤr alles Große, Gute und Schoͤ - ne immer heftiger ſchlagen lernte. Die Bluͤte des Ge -ſchlechts -243[223]ſchlechtstriebes entwickelt ſich bei einem geſunden, ungereizten Menſchen ſpaͤter, als bei irgend einem Thier: denn er ſoll lange leben und den edelſten Saft ſeiner Seelen - und Leibes - kraͤfte nicht zu fruͤh verſchwenden. Das Jnſekt, das der Liebe fruͤh dienet, ſtirbt auch fruͤh: alle keuſche einpaarige Thiergeſchlechter leben laͤnger, als die ohne Ehe leben. Der luͤſterne Hahn ſtirbt bald: die treue Waldtaube kann 50 Jahre leben. Fuͤr den Liebling der Natur hienieden iſt alſo auch die Ehe geordnet; und die erſten friſcheſten Jahre ſei - nes Lebens ſoll er gar als eine eingehuͤllete Knoſpe der Un - ſchuld ſich ſelbſt leben. Es folgen darauf lange Jahre der maͤnnlichen und heiterſten Kraͤfte, in denen ſeine Vernunft reift, die bei dem Menſchen, ſogar mit den Zeugungskraͤften, in ein den Thieren unbekanntes hohes Alter hinauf gruͤnet; bis endlich der ſanfte Tod kommt und den fallenden Staub ſowohl als den eingeſchloſſenen Geiſt von der ihnen ſelbſt fremden Zuſammenfuͤgung erloͤſet. Die Natur hat alſo an die brechliche Huͤtte des menſchlichen Leibes alle Kunſt ver - wandt, die ein Gebilde der Erde faſſen konnte; und ſelbſt in dem was das Leben kuͤrzt und ſchwaͤchet, hat ſie wenigſtens den kuͤrzern mit dem empfindlichern Genuß, die aufrei - bende mit der inniger-gefuͤhlten Kraft vergolten.
Jch wuͤnſchte, daß ich in das Wort Humanitaͤt alles faſſen koͤnnte, was ich bisher uͤber des Menſchen edle Bildung zur Vernunft und Freiheit, zu feinern Sinnen und Trieben, zur zarteſten und ſtaͤrkſten Geſundheit, zur Erfuͤllung und Be - herrſchung der Erde geſagt habe: denn der Menſch hat kein edleres Wort fuͤr ſeine Beſtimmung als Er ſelbſt iſt, in dem das Bild des Schoͤpfers unſrer Erde, wie es hier ſichtbar werden konnte, abgedruckt lebet. Um ſeine edelſten Pflich - ten zu entwickeln, doͤrfen wir nur ſeine Geſtalt zeichnen.
Alle Triebe eines lebendigen Weſens laſſen ſich auf die Erhaltung ſein ſelbſt und auf eine Theilnehmung oder Mittheilung an andre zuruͤckfuͤhren; das organiſche Ge - baͤude des Menſchen gibt, wenn eine hoͤhere Leitung dazu kommt, dieſen Neigungen die erleſenſte Ordnung. Wie die gerade Linie die veſteſte iſt: ſo hat auch der Menſch zur Be - ſchuͤtzung ſeiner von außen den kleinſten Umfang, von innendie245[225]die vielartigſte Schnellkraft. Er ſtehet auf der kleinſten Baſis und kann alſo am leichteſten ſeine Glieder decken; der Punkt ſeiner Schwere faͤllt zwiſchen die lenkſamſten und ſtaͤrkſten Huͤften, die Ein Erdengeſchoͤpf hat und wo kein Thier die regſame Staͤrke des Menſchen beweiſet. Seine gedruͤcktere ehrene Bruſt, und die Werkzeuge der Arme eben an dieſer Stellung geben ihm von oben den weiteſten Umkreis der Vertheidigung, ſein Herz zu bewahren und ſeine edelſten Lebenstheile vom Haupt bis zu den Knieen hinab zu ſchir - men. Es iſt keine Fabel, daß Menſchen mit Loͤwen geſtrit - ten und ſie uͤbermannt haben: Der Afrikaner nimmt es mit mehr als Einem auf, wenn er Behutſamkeit, Liſt und Ge - walt verbindet. Jndeſſen iſts wahr, daß der Bau des Men - ſchen vorzuͤglich auf die Vertheidigung, nicht auf den An - grif gerichtet iſt; in dieſem muß ihm die Kunſt zu Huͤlfe kom - men, in jener aber iſt er von Natur das kraͤftigſte Geſchoͤpf der Erde. Seine Geſtalt ſelbſt lehret ihn alſo Friedlichkeit, nicht raͤuberiſche Mordverwuͤſtung: der Humanitaͤt erſtes Merkmal.
2. Unter den Trieben, die ſich auf andre beziehen, iſt der Geſchlechtstrieb der maͤchtigſte; auch Er iſt beim Men - ſchen dem Bau der Humanitaͤt zugeordnet. Was bei dem vierfuͤßigen Thier, ſelbſt bei dem ſchamhaften Elephanten Be -F fgattung246[226]gattung iſt, iſt bei ihm ſeinem Bau nach Kuß und Umar - mung. Kein Thier hat die menſchliche Lippe, deren feine Oberrinne bei der Frucht des Mutterleibes im Antlitz am ſpaͤ - teſten gebildet wird; gleichſam die letzte Bezeichnung des Fingers der Liebe, daß dieſe Lippe ſich ſchoͤn und verſtandreich ſchließen ſollte. Von keinem Thier alſo gilt der ſchamhafte Ausdruck der alten Sprache, daß es ſein Weib erkenne. Die alte Fabel ſagt, daß beide Geſchlechter einſt, wie Blu - men, eine Androgyne geweſen aber getheilt worden; ſie woll - te mit dieſer und andern ſinnreichen Dichtungen als Fabel den Vorzug der menſchlichen Liebe vor den Thieren verhuͤllet ſagen. Auch daß der menſchliche Trieb nicht wie bei dieſen ſchlechthin einer Jahrszeit unterworfen iſt, (obwohl uͤber die Revolutionen hiezu im menſchlichen Koͤrper noch keine tuͤch - tige Betrachtungen angeſtellet worden) zeigt offenbar, daß er nicht von der Nothwendigkeit ſondern vom Liebreiz abhan - gen, der Vernunft unterworfen bleiben und einer freiwilli - gen Maͤßigung ſo uͤberlaſſen werden ſollte, wie alles was der Menſch um und an ſich traͤget. Auch die Liebe ſollte bei dem Menſchen human ſeyn, dazu beſtimmte die Natur, außer ſei - ner Geſtalt, auch die ſpaͤtere Entwicklung, die Dauer und das Verhaͤltniß des Triebes in beiden Geſchlechtern; ja ſie brachte dieſen unter das Geſetz eines gemeinſchaft - lichen freiwilligen Bundes und der freundſchaftlichſtenMit -247[227]Mittheilung zweener Weſen, die ſich durchs ganze Leben zu Einem vereint fuͤhlen.
3. Da außer der mittheilenden Liebe alle andere zaͤrt - lichen Affekten ſich mit der Theilnehmung begnuͤgen: ſo hat die Natur den Menſchen unter allen Lebendigen zum theilnehmendſten geſchaffen, weil ſie ihn gleichſam aus al - lem geformt und jedem Reich der Schoͤpfung in dem Ver - haͤltniß aͤhnlich organiſirt hat, als er mit demſelben mitfuͤhlen ſollte. Sein Fiberngebaͤude iſt ſo elaſtiſch fein und zart, und ſein Nervengebaͤude ſo verſchlungen in alle Theile ſeines vi - brirenden Weſens, daß er als ein Analogon der alles durch - fuͤhlenden Gottheit ſich beinah in jedes Geſchoͤpf ſetzen und gerade in dem Maas mit ihm empfinden kann, als das Ge - ſchoͤpf es bedarf und ſein Ganzes es ohne eigene Zerruͤttung, ja ſelbſt mit Gefahr derſelben, leidet. Auch an einem Baum nimmt unſre Maſchine Theil, ſofern ſie ein wachſender gruͤ - nender Baum iſt; und es gibt Menſchen, die den Sturz oder die Verſtuͤmmelung deſſelben in ſeiner gruͤnenden Ju - gendgeſtalt koͤrperlich nicht ertragen. Seine verdorrete Kro - ne thut uns leid; wir trauren um eine verwelkende liebe Blu - me. Auch das Kruͤmmen des zerquetſchten Wurms iſt ei - nem zarten Menſchen nicht gleichguͤltig; und je vollkomme - ner das Thier iſt, je mehr es in ſeiner Organiſation uns naheF f 2kommt:248[228]kommt: deſto mehr Sympathie erregt es in ſeinem Leiden. Es haben harte Nerven dazu gehoͤrt, ein Geſchoͤpf lebendig zu oͤfnen und in ſeinen Zuckungen zu behorchen; nur der un - erſaͤttliche Durſt nach Ruhm und Wiſſenſchaft konnte allmaͤ - lich dies organiſche Mitgefuͤhl betaͤuben. Zaͤrtere Weiber koͤnnen ſogar die Zergliederung eines Todten nicht ertragen: ſie empfinden Schmerz in jedem Gliede, das vor ihren Augen ge - waltſam zerſtoͤrt wird, beſonders je zarter und edler die Theile ſelbſt werden. Ein durchwuͤhltes Eingeweide erregt Grauen und Abſcheu; ein zerſchnittenes Herz, eine zerſpaltne Lunge, ein zerſtoͤrtes Gehirn ſchneidet und ſticht mit dem Meſſer in un - ſre eignen Glieder. Am Leichnam eines geliebten Todten nehmen wir noch in ſeinem Grabe Theil: wir fuͤhlen die kal - te Hoͤle, die er nicht mehr fuͤhlet und Schauder uͤberlaͤuft uns, wenn wir ſein Gebein nur beruͤhren. So ſympathe - tiſch webte die allgemeine Mutter, die alles aus ſich nahm und mit allem in der innigſten Sympathie mitfuͤhlet, den menſchlichen Koͤrper. Sein vibrirendes Fibernſyſtem, ſein Theilnehmendes Nervengebaͤude hat des Aufrufs der Ver - nunft nicht noͤthig; es kommt ihr zuvor, ja es ſetzet ſich ihr oft maͤchtig und widerſinnig entgegen. Der Umgang mit Wahnſinnigen, an denen wir Theil nehmen, erregt ſelbſt Wahnſinn und deſto eher, je mehr ſich der Menſch davor fuͤrchtet.
Son -249[229]Sonderbar iſts, daß das Gehoͤr ſo viel mehr als das Geſicht beitraͤgt, dies Mitgefuͤhl zu erwecken und zu verſtaͤr - ken. Der Seufzer eines Thiers, das ausgeſtoßne Geſchrei ſeines leidenden Koͤrpers zieht alle ihm aͤhnlichen herbei, die, wie oft bemerkt iſt, traurig um den Winſelnden ſtehn und ihm gern helfen moͤchten. Auch bei den Menſchen erregt das Gemaͤlde des Schmerzes eher Schrecken und Grauſen als zaͤrtliche Mitempfindung; ſobald uns aber nur ein Ton des Leidenden ruft, ſo verlieren wir die Faſſung und eilen zu ihm: es geht uns ein Stich durch die Seele. Jſts, weil der Ton das Gemaͤlde des Auges zum lebendigen Weſen macht, alſo alle Erinnerungen eigner und fremder Gefuͤhle zuruͤckbringt und auf Einen Punkt vereinet? Oder gibt es, wie ich glaube, noch eine tiefere organiſche Urſache? Gnug, die Erfahrung iſt wahr und ſie zeigt beim Menſchen den Grund ſeines groͤßern Mitgefuͤhls durch Stimme und Sprache. An dem was nicht ſeufzen kann, nehmen wir weniger Theil, weil es ein Lungenloſes, ein unvollkommene - res Geſchoͤpf iſt, uns minder gleich organiſiret. Einige Taub - und Stummgebohrne haben entſetzliche Beiſpiele vom Mangel des Mitgefuͤhls und der Theilnehmung an Men - ſchen und Thieren gegeben; und wir werden bei wilden Voͤl - kerſchaften noch Proben gnug davon bemerken. Jndeſſen auch bei ihnen noch iſt das Geſetz der Natur nicht unver -F f 3kennbar.250[230]kennbar. Die Vaͤter, die von Noth und Hunger gezwun - gen, ihre Kinder dem Tode opfern, weihen ſie in Mutterleibe demſelben, ehe ſie ihr Auge geſehn, ehe ſie ihre Stimme ge - hoͤrt haben und manche Kindermoͤrderin bekannte, daß ihr nichts ſo ſchwer geworden und ſo lang im Gedaͤchtniß geblie - ben ſei als der erſte weinende Laut, die flehende Stimme des Kindes.
4. Schoͤn iſt die Kette, an der die allfuͤhlende Mutter die Mitempfindungen ihrer Kinder haͤlt und ſie von Gliede zu Gliede hinaufbildet. Wo das Geſchoͤpf noch ſtumpf und roh iſt, kaum fuͤr ſich zu ſorgen: da ward ihm auch die Sor - ge fuͤr ſeine Kinder nicht anvertrauet. Die Voͤgel bruͤten und erziehn ihre Jungen mit Mutterliebe; der ſinnloſe Strauß dagegen gibt ſeine Eier dem Sande. „ Er vergißet, ſagt jenes alte Buch von ihm, daß eine Klaue ſie zertrete oder ein wildes Thier ſie verderbe: denn Gott hat ihm die Weisheit genommen und hat ihm keinen Verſtand mitgethei - let. „ Durch eine und dieſelbe organiſche Urſache, dadurch das Geſchoͤpf mehr Gehirn empfaͤngt, empfaͤngt es auch mehr Waͤrme, gebiehrt Lebendige oder bruͤtet ſie aus, ſaͤugt und be - kommt muͤtterliche Liebe. Das lebendig gebohrne Geſchoͤpf iſt gleichſam ein Knaͤuel der Nerven des muͤtterlichen Weſens; das ſelbſtgeſaͤugte Kind iſt eine Sproße der Mutterpflanze,die251[231]die ſie als einen Theil von ſich naͤhret. — Auf dies innigſte Mitgefuͤhl ſind in der Haushaltung des Thiers alle die zaͤr - ten Triebe gebauet, dazu die Natur ſein Geſchlecht veredeln konnte.
Bei dem Menſchen iſt die Mutterliebe hoͤherer Art; eine Sproſſe der Humanitaͤt ſeiner aufgerichteten Bildung. Unter dem Auge der Mutter liegt der Saͤugling auf ihrem Schoos und trinkt die zarteſte und feinſte Speiſe; eine thie - riſche und ſelbſt den Koͤrper verunſtaltende Art iſts, wenn Voͤlker, von Noth gezwungen, ihre Kinder, auf dem Ruͤcken ſaͤugen. Den groͤßten Unmenſchen zaͤhmt die vaͤterliche und haͤusliche Liebe: denn auch eine Loͤwenmutter iſt gegen ihre Jungen freundlich. Jm vaͤterlichen Hauſe entſtand die erſte Geſellſchaft, durch Bande des Bluts, des Zutrauens und der Liebe verbunden. Alſo auch um die Wildheit der Men - ſchen zu brechen und ſie zum haͤuslichen Umgange zu gewoͤh - nen, ſollte die Kindheit unſres Geſchlechts lange Jahre dau - ren; die Natur zwang und hielt es durch zarte Bande zu - ſammen, daß es ſich nicht, wie die bald ausgebildeten Thie - re, zerſtreuen und vergeſſen konnte. Nun ward der Vater der Erzieher ſeines Sohns, wie die Mutter ſeine Saͤugerin geweſen war; und ſo ward ein neues Glied der Humanitaͤt geknuͤpfet. Hier lag nemlich der Grund zu einer nothwen -digen252[232]digen menſchlichen Geſellſchaft, ohne die kein Menſch auf - wachſen, keine Mehrheit von Menſchen ſeyn koͤnnte. Der Menſch iſt alſo zur Geſellſchaft gebohren; das ſagt ihm das Mitgefuͤhl ſeiner Eltern, das ſagen ihm die Jahre ſei - ner langen Kindheit.
5. Da aber das bloße Mitgefuͤhl des Menſchen ſich nicht uͤber alles verbreiten und bei ihm als einem eingeſchraͤnk - ten, vielorganiſirten Weſen in allem was fern von ihm lag, nur ein dunkler, oft unkraͤftiger Fuͤhrer ſeyn konnte: ſo hatte die richtig-leitende Mutter ſeine vielfachen und leiſe verweb - ten Aeſte unter ſeine untruͤglichere Richtſchnur zuſammengeord - net; dies iſt die Regel der Gerechtigkeit und Wahrheit. Aufrichtig iſt der Menſch geſchaffen und wie in ſeiner Ge - ſtalt alles dem Haupt dienet, wie ſeine zwei Augen nur Eine Sache ſehen, ſeine zwei Ohren nur Einen Schall hoͤren; wie die Natur im ganzen Aeuſſern der Bekleidung uͤberall Symmetrie mit Einheit verband und die Einheit in die Mitte ſetzte, daß das Zwiefache allenthalben nur auf ſie weiſe: ſo wurde auch im Jnnern das große Geſetz der Billigkeit und des Gleichgewichts des Menſchen Richtſchnur: was du willt, daß andre dir nicht thun ſollen, thue ihnen auch nicht; was jene dir thun ſollen, thue du auch ihnen, Dieſe unwiderſprechliche Regel iſt auch in die Bruſt des Un -men -253[233]menſchen geſchrieben: denn wenn Er andre frißt, erwartet nichts als von ihnen gefreſſen zu werden. Es iſt die Regel des Wahren und Falſchen, des Idem und Idem, auf den Bau aller ſeiner Sinne, ja ich moͤchte ſagen, auf die auf - rechte Geſtalt des Menſchen ſelbſt gegruͤndet. Saͤhen wir ſchief, oder fiele das Licht alſo: ſo haͤtten wir von keiner ge - raden Linie Begrif. Waͤre unſre Organiſation ohne Ein heit, unſre Gedanken ohne Beſonnenhit: ſo ſchweiften wir auch in unſern Handlungen in regelloſen Kruͤmmen einher und das menſchliche Leben haͤtte weder Vernunft noch Zweck. Das Geſetz der Billigkeit und Warheit macht treue Geſellen und Bruͤder: ja wenn es Platz gewinnt, macht es aus Feinden ſelbſt Freunde. Den ich an meine Bruſt druͤcke, druͤckt auch mich an ſeine Bruſt: fuͤr den ich mein Leben aufopfere, der opfert es auch fuͤr mich auf. Gleichfoͤrmigkeit der Geſinnungen alſo, Einheit des Zwecks bei verſchiedenen Menſchen, gleich - foͤrmige Treue bei Einem Bunde hat alles Menſchen - Voͤl - ker und Thierrecht geſtiftet: denn auch Thiere, die in Geſellſchaft leben, befolgen der Billigkeit Geſetz und Men - ſchen, die durch Liſt oder Staͤrke davon weichen, ſind die in - humanſten Geſchoͤpfe, wenn es auch Koͤnige und Monar - chen der Welt waͤren. Ohne ſtrenge Billigkeit und Wahr - heit iſt keine Vernunft, keine Humanitaͤt denkbar.
G g6. Die254[234]6. Die aufrechte und ſchoͤne Geſtalt des Menſchen bildete denſelben zur Wohlanſtaͤndigkeit: denn dieſe iſt der Wahrheit und Billigkeit ſchoͤne Dienerin und Freundin. Wohlanſtaͤndigkeit des Koͤrpers iſt, daß er ſtehe wie er ſoll, wie ihn Gott gemacht hat; wahre Schoͤnheit iſt nichts, als die angenehme Form der innern Vollkommenheit und Ge - ſundheit. Man denke ſich das Gottesgebilde des Menſchen durch Nachlaͤßgkeit und falſche Kunſt verunziert: das ſchoͤne Haar ausgeriſſen oder in Klumpen verwandelt, Naſe und Ohr durchbohrt und herabgezwungen, den Hals und die uͤbri - gen Theile des Koͤrpers an ſich ſelbſt oder durch Kleider ver - derbet; man denke ſich dies und wer wird, ſelbſt wenn die ei - genſinnigſte Mode Gebieterin waͤre, hier noch Wohlanſtaͤn - digkeit des geraden und ſchoͤnen menſchlichen Koͤrpers finden? Mit Sitten und Gebehrden iſt es nicht anders; nicht anders mit Gebraͤuchen, Kuͤnſten und der menſchlichen Sprache. Durch alle dieſe Stuͤcke gehet alſo Ein 'und dieſelbe Huma - nitaͤt durch, die wenige Voͤlker auf der Erde getroffen und hundert durch Barbarei und falſche Kuͤnſte verunziert haben. Dieſer Humanitaͤt nachzuforſchen iſt die aͤchte menſchliche Philoſophie, die jener Weiſe vom Himmel rief und die ſich im Umgange, wie in der Politik, in Wiſſenſchaften wie in allen Kuͤnſten offenbaret.
End -255[235]Endlich iſt die Religion die hoͤchſte Humanitaͤt des Menſchen und man verwundre ſich nicht, daß ich ſie hieher rechne. Wenn des Menſchen vorzuͤglichſte Gabe Verſtand iſt: ſo iſts das Geſchaͤft des Verſtandes, den Zuſammenhang zwiſchen Urſache und Wirkung aufzuſpaͤhen und denſelben wo er ihn nicht gewahr wird, zu ahnen. Der menſchliche Ver - ſtand thut dieſes in allen Sachen, Handthierungen und Kuͤn - ſten: denn auch, wo er einer angenommenen Fertigkeit folget, mußte ein fruͤherer Verſtand den Zuſammenhang zwiſchen Urſache und Wirkung veſtgeſetzt und alſo dieſe Kunſt einge - fuͤhrt haben. Nun ſehen wir in den Werken der Natur ei - gentlich keine Urſache im Jnnerſten ein; wir kennen uns ſelbſt nicht, und wiſſen nicht, wie irgend Etwas in uns wirket. Alſo iſt auch bei allen Wirkungen auſſer uns alles nur Traum, nur Vermuthung und Name; indeſſen ein wahrer Traum, ſobald wir oft und beſtaͤndig einerlei Wirkungen mit einerlei Urſachen verknuͤpft ſehen. Dies iſt der Gang der Philoſo - phie und die erſte und letzte Philoſophie iſt immer Religion geweſen. Auch die wildeſten Voͤlker haben ſich darinn geuͤbt: denn kein Volk der Erde iſt voͤllig ohne ſie, ſo wenig als ohne menſchliche Vernunftfaͤhigkeit und Geſtalt, ohne Spra - che und Ehe, ohne einige menſchliche Sitten und Gebraͤuche gefunden worden. Sie glaubten, wo ſie keinen ſichtbaren Urheber ſahen, an unſichtbare Urheber und forſchten alſo im -G g 2mer256[236]mer doch, ſo dunkel es war, Urſachen der Dinge nach. Frei - lich hielten ſie ſich mehr an die Begebenheiten als an die Weſen der Natur: mehr an ihre fuͤrchterliche und vor - uͤbergehende als an die erfreuende und daurende Seite; auch kamen ſie ſelten ſo weit, alle Urſachen unter Eine zu ordnen. Jndeſſen war auch dieſer erſte Verſuch Religion; und es heißt nichts geſagt, daß Furcht bei den meiſten ihre Goͤtter erfunden. Die Furcht, als ſolche, erfindet nichts: ſie weckt blos den Verſtand, zu muthmaßen und wahr oder falſch zu ahnen. Sobald der Menſch alſo ſeinen Verſtand in der leichteſten Anregung brauchen lernte, d. i. ſo bald er die Welt anders als ein Thier anſah, mußte er unſichtbare maͤchtigere Weſen vermuthen, die ihm helfen oder ihm ſchaden. Dieſe ſuchte er ſich zu Freunden zu machen oder zu erhalten und ſo ward die Religion, wahr oder falſch, recht oder irre gefuͤhrt, die Belehrerin der Menſchen, die rathgebende Troͤſterin ih - res ſo dunkeln, ſo Gefahr - und Labyrinthvollen Lebens.
Nein! du haſt dich deinen Geſchoͤpfen nicht unbezeugt gelaſſen, du ewige Quelle alles Lebens, aller Weſen und For - men. Das gebuͤckte Thier empfindet dunkel deine Macht und Guͤte, indem es ſeiner Organiſation nach, Kraͤfte und Neigungen uͤbt: ihm iſt der Menſch die ſichtbare Gottheit der Erde. Aber den Menſchen erhobſt du, daß er ſelbſt ohnedaß257[237]daß ers weiß und will, Urſachen der Dinge nachſpaͤhe, ih - ren Zuſammenhang errathe und Dich alſo finde, du großer Zuſammenhang aller Dinge, Weſen der Weſen. Das Jn - nere deiner Natur erkennet er nicht, da er keine Kraft Eines Dinges von innen einſieht; ja wenn er dich geſtalten wollte, hat er geirret und muß irren: denn du biſt Geſtaltlos, ob - wohl die Erſte einzige Urſache aller Geſtalten. Jndeſſen iſt auch jeder falſche Schimmer von dir dennoch Licht und jeder truͤgliche Altar, den er dir baute, ein untruͤgliches Denkmal nicht nur deines Daſeyns ſondern auch der Macht des Men - ſchen dich zu erkennen und anzubeten. Religion iſt alſo, auch ſchon als Verſtandesuͤbung betrachtet, die hoͤchſte Humanitaͤt, die erhabenſte Bluͤthe der menſchlichen Seele.
Aber ſie iſt mehr als dies: eine Uebung des menſchli - chen Herzens und die reinſte Richtung ſeiner Faͤhigkeiten und Kraͤfte. Wenn der Menſch zur Freiheit erſchaffen iſt und auf der Erde kein Geſetz hat als das er ſich ſelbſt auflegt: ſo muß er das verwildertſte Geſchoͤpf werden, wenn er nicht bald das Geſetz Gottes in der Natur erkennet und der Voll - kommenheit des Vaters als Kind nachſtrebet. Thiere ſind gebohrne Knechte im großen Hauſe der irrdiſchen Haus - haltung; ſklaviſche Furcht vor Geſetzen und Strafen iſt auch das gewiſſeſte Merkmal thieriſcher Menſchen. DerG g 3wahre258[238]wahre Menſch iſt frei und gehorcht aus Guͤte und Liebe: denn alle Geſetze der Natur, wo er ſie einſiehet, ſind gut und wo er ſie nicht einſiehet, lernt er ihnen mit kindlicher Einfalt folgen. Geheſt du nicht willig, ſagten die Weiſen, ſo mußt du gehen: die Regel der Natur aͤndert ſich deinetwegen nicht; je mehr du aber die Vollkommenheit, Guͤte und Schoͤnheit derſelben erkenneſt, deſto mehr wird auch dieſe lebendige Form dich zum Nachbilde der Gottheit in deinem irrdiſchen Le - ben bilden. Wahre Religion alſo iſt ein kindlicher Gottes - dienſt, eine Nachahmung des Hoͤchſten und Schoͤnſten im menſchlichen Bilde, mithin die innigſte Zufriedenheit, die wirk - ſamſte Guͤte und Menſchenliebe.
Und ſo ſiehet man auch, warum in allen Religionen der Erde mehr oder minder Menſchenaͤhnlichkeit Gottes habe ſtatt finden muͤſſen, entweder daß man den Menſchen zu Gott erhob oder den Vater der Welt zum Menſchengebilde hinab - zog. Eine hoͤhere Geſtalt als die unſre kennen wir nicht; und was den Menſchen ruͤhren und menſchlich machen ſoll, muß menſchlich gedacht und empfunden ſeyn. Eine ſinnliche Nation veredelte alſo die Menſchengeſtalt zur goͤttlichen Schoͤnheit; andre, die geiſtiger dachten, brachten Vollkom - menheiten des Unſichtbaren in Symbole fuͤrs menſchliche Auge. Selbſt da die Gottheit ſich uns offenbaren wollte,
ſprach259[239]ſprach und handelte ſie unter uns, jedem Zeitraum angemeſ - ſen, menſchlich. Nichts hat unſre Geſtalt und Natur ſo ſehr veredelt, als die Religion; blos und allein weil ſie ſie auf ihre reinſte Beſtimmung zuruͤckfuͤhrte.
Daß mit der Religion alſo auch Hofnung und Glau - be der Unſterblichkeit verbunden war und durch ſie unter den Menſchen gegruͤndet wurde, iſt abermals Natur der Sache, vom Begriff Gottes und der Menſchheit beinah unzertrenn - lich. Wie? wir ſind Kinder des Ewigen, den wir hier nach - ahmend erkennen und lieben lernen ſollen, zu deſſen Erkennt - niß wir durch alles erweckt, zu deſſen Nachahmung wir durch Liebe und Leid gezwungen werden und wir erkennen ihn noch ſo dunkel: wir ahmen ihm ſo ſchwach und kindiſch nach; ja wir ſehen die Gruͤnde, warum wir ihn in dieſer Organiſa - tion nicht anders erkennen und nachahmen koͤnnen. Und es ſollte fuͤr uns keine andre moͤglich? fuͤr unſre gewiſſeſte be - ſte Anlage ſollte kein Fortgang wirklich ſeyn? Denn eben dieſe unſre edelſten Kraͤfte ſind ſo wenig fuͤr dieſe Welt: ſie ſtreben uͤber dieſelbe hinuͤber, weil hier alles der Nothdurft dienet. Und doch fuͤhlen wir unſern edlern Theil beſtaͤndig im Kampf mit dieſer Nothdurft: gerade das, was der Zweck der Organiſation im Menſchen ſcheinet, findet auf der Erde zwar ſeine Geburts - aber nichts weniger als ſeine Vollen -dungs -260[240]dungsſtaͤte. Riß alſo die Gottheit den Faden ab und brach - te mit allen Zubereitungen aufs Menſchengebilde endlich ein unreifes Geſchoͤpf zu Stande, das mit ſeiner ganzen Be - ſtimmung getaͤuſcht ward? Alles auf der Erde iſt Stuͤckwerk, und ſoll es ewig und ewig ein unvollkommenes Stuͤckwerk, ſo wie das Menſchengeſchlecht eine bloße Schattenheerde, die ſich mit Traͤumen jagt, bleiben? Hier knuͤpfte die Reli - gion alle Maͤngel und Hoffnungen unſres Geſchlechts zum Glauben zuſammen und wand der Humanitaͤt eine un - ſterbliche Krone.
Man erwarte hier keine metaphyſiſche Beweiſe von der Unſterblichkeit der Seele aus ihrer einfachen Natur, aus ih - rem Spiritualiſmus u. f. Die Phyſik kennet dieſe einfacheNatur261[241]Natur nicht und koͤnnte vielmehr Zweifel gegen ſie erregen, da wir unſre Seele nur in einem zuſammengeſetzten Orga - niſmus durch Wirkungen kennen, die aus einer Mannichfal - tigkeit von Reizen und Empfindungen zu entſprießen ſchei - nen. Der allgemeinſte Gedanke iſt nur das Reſultat un - zaͤhlicher einzelner Wahrnehmungen und die Regentin un - ſers Koͤrpers wirkt auf das zahlloſe Heer untergeordneter Kraͤfte als ob ſie ihnen allen auch dem Ort nach gegenwaͤr - tig waͤre — —
Auch Bonnets ſogenannte Philoſophie der Keime kann hier unſre Fuͤhrerin nicht ſeyn: denn ſie iſt in Abſicht auf den Uebergang zu einem neuen Daſeyn theils unerwieſen, theils nicht zu ihm gehoͤrig. Niemand hat in unſerm Ge - hirn ein geiſtliches Gehirn, den Keim zu einem neuen Da - ſeyn entdeckt; auch das kleinſte Analogon dazu iſt im Bau deſſelben nicht ſichtbar. Das Gehirn des Todten bleibt uns und wenn die Knoſpe unſrer Unſterblichkeit nicht andre Kraͤfte haͤtte: ſo laͤge ſie verdorret im Staube. Ja dieſe Philoſophie iſt, wie mich duͤnkt, auch hieher ganz ungehoͤrig, da wir hier nicht von Abſproßung eines Geſchoͤpfs in junge Geſchoͤpfe ſeiner Art: ſondern von Aufſproßung des ab - ſterbenden Geſchoͤpfs in ein neues Daſeyn reden; vielmehr ſetzte ſie, wenn ſie auch nur in der irdiſchen Generation aus -H hſchlieſ -262[242]ſchließend: wahr waͤre und alle Hofnung auf ihr beruhete, dieſer Hofnung unuͤberwindliche Zweifel entgegen. Jſt es ewig beſtimmt, daß die Blume nur Blume, das Thier nur Thier ſeyn ſoll und vom Anfange der Schoͤpfung her in praͤformirten Keimen alles mechaniſch dalag: ſo lebe wohl, du zauberiſche Hofnung eines hoͤchſten Daſeyns. Zum ge - genwaͤrtigen und zu keinem hoͤhern Daſeyn lag ich ewig im Keim praͤformiret: was aus mir ſproßen ſollte, ſind die praͤ - formirten Keime meiner Kinder und wenn der Baum ſtirbt, iſt alle Philoſophie der Keime mit ihm geſtorben.
Wollen wir uns alſo in dieſer wichtigen Frage nicht mit ſuͤſſen Worten taͤuſchen: ſo muͤſſen wir tiefer und weiter her anfangen und auf die geſammte Analogie der Natur mer - ken. Jns innere Reich ihrer Kraͤfte ſchauen wir nicht; es iſt alſo ſo vergebens als unnoth, innere weſentliche Auf - ſchluͤße von ihr, uͤber welchen Zuſtand es auch ſei, zu begeh - ren. Aber die Wirkungen und Formen ihrer Kraͤfte liegen vor uns; ſie alſo koͤnnen wir vergleichen und etwa aus dem Gange der Natur hienieden, aus ihrer geſammten herrſchenden Aehnlichkeit Hofnungen ſammeln.
1. Vom Stein zum Kryſtall, vom Kryſtall zu den Metallen, von dieſen zur Pflanzenſchoͤpfung, von den Pflanzen zum Thier von dieſen zum Menſchen ſahen wir die Form der Organiſation ſteigen, mit ihr auch die Kraͤfte und Triebe des Geſchoͤpfs vielartiger werden und ſich endlich alle, in der Geſtalt des Menſchen, ſofern dieſe ſie faſſen konnte, vereinen. Bei dem Menſchen ſtand die Reihe ſtill; wir kennen kein Geſchoͤpf uͤber ihm, das vielartiger und kuͤnſtlicher organiſirt ſei: er ſcheint das hoͤchſte, wozu eine Erdorganiſation gebil - det werden konnte.
H h 32. Durch266[246]2. Durch dieſe Reihen von Weſen bemerkten wir, ſo weit es die einzelne Beſtimmung des Geſchoͤpfs zuließ, eine herrſchende Aehnlichkeit der Hauptform, die auf eine unzaͤhlbare Weiſe abwechſelnd, ſich immer mehr der Men - ſchengeſtalt nahte. Jn der ungebildeten Tiefe, im Reich der Pflanzen und Pflanzenthiere war ſie noch unkaͤnntlich; mit dem Organiſmus vollkommenerer Weſen ward ſie deut - licher, die Anzahl der Gattungen ward geringer, ſie verlor und vereinigte ſich zuletzt im Menſchen.
3. Wie die Geſtalten, ſahen wir auch die Kraͤfte und Triebe ſich ihm naͤhern. Von der Nahrung und Fortpflanzung der Gewaͤchſe ſtieg der Trieb zum Kunſtwerk der Jnſekten, zur Haus - und Mutterſorge der Voͤgel und Landthiere, endlich gar zu Menſchen-aͤhnlichen Gedanken und zu eignen ſelbſt-erworbnen Fertigkeiten; bis ſich zu - letzt alles in der Vernunftfaͤhigkeit, Freiheit und Huma - nitaͤt des Menſchen vereinet.
4. Bei jedem Geſchoͤpf war nach den Zwecken der Natur, die es zu befoͤrdern hatte, auch ſeine Lebensdauer eingerichtet. Die Pflanze verbluͤhete bald; der Baum muß - te ſich langſam auswachſen. Das Jnſekt, das ſeine Kunſt - fertigkeit auf die Welt mitbrachte, und ſich fruͤh und zahl -reich267[247]reich fortpflanzte, ging bald von dannen; Thiere, die lang - ſamer wuchſen, die auf einmal weniger gebahren, oder die gar ein Leben der vernunftaͤhnlichen Haushaltung fuͤhren ſoll - ten: denen ward auch ein laͤngeres und dem Menſchen Ver - gleichungsweiſe das laͤngſte Leben. Doch rechnete die Natur hiebei nicht nur aufs einzelne Geſchoͤpf, ſondern auch auf die Erhaltung des ganzen Geſchlechtes und der Geſchlechter, die uͤber ihm ſtanden. Die untern Reiche waren alſo nicht nur ſtark beſetzt, ſondern, wo es der Zweck des Geſchoͤpfs zuließ, daurete auch ihr Leben laͤnger. Das Meer, der unerſchoͤpfli - che Lebensquell, erhaͤlt ſeine Bewohner, die von zaͤher Le - benskraft ſind, am laͤngſten; und die Amphibien, halbe Waſ - ſerbewohner, naͤhern ſich ihnen an Laͤnge des Lebens. Die Bewohner der Luft, weniger beſchwert von der Erdenahrung, die die Landthiere allmaͤlich verhaͤrtet, leben im Ganzen laͤn - ger als dieſe: Luft und Waſſer ſcheinen alſo das große Vor - rathshaus der Lebendigen, die nachher in ſchnellern Ue - bergaͤngen die Erde aufreibt und verzehret.
5. Je organiſirter ein Geſchoͤpf iſt, deſto mehr iſt ſein Bau zuſammengeſetzt aus den niedrigen Reichen. Un - ter der Erde faͤngt dieſe Vielartigkeit an und ſie waͤchſt hin - auf durch Pflanzen, Thiere, bis zum vielartigſten Geſchoͤpf, dem Menſchen. Sein Blut und ſeine vielnamigen Beſtand -theile268[248]theile ſind ein Compendium der Welt: Kalk und Erde, Sal - ze und Saͤuren, Oel und Waſſer, Kraͤfte der Vegetation, der Reize, der Empfindungen ſind in ihm organiſch vereint und in einander verwebet.
Entweder muͤſſen wir dieſe Dinge als Spiele der Na - tur anſehen (und ſinnlos ſpielte die Verſtandreiche Natur nie) oder wir werden darauf geſtoßen, auch ein Reich un - ſichtbarer Kraͤfte anzunehmen, daß in eben demſelben ge - nauen Zuſammenhange und dichten Uebergange ſteht, als wir in den aͤußern Bildungen wahrnehmen. Je mehr wir die Natur kennen lernen, deſto mehr bemerken wir dieſe inwohnenden Kraͤfte auch ſogar in den niedrigſten Ge - ſchoͤpfen, Mooſen, Schwaͤmmen u. dgl. Jn einem Thier, das ſich beinah unerſchoͤpflich reproducirt, in der Muskel, die ſich vielartig und lebhaft durch eignen Reiz beweget, ſind ſie unlaͤugbar und ſo iſt alles voll organiſch-wirkender Allmacht. Wir wiſſen nicht, wo dieſe anfaͤngt, noch wo ſie aufhoͤret: denn wo Wirkung in der Schoͤpfung iſt, iſt Kraft, wo Leben ſich aͤußert, iſt inneres Leben. Es herrſcht alſo allerdings nicht nur ein Zuſammenhang, ſondern auch eine aufſteigende Reihe von Kraͤften im unſichtbaren Reich der Schoͤpfung, da wir dieſe in ihrem ſichtbaren Reich, in organiſirten For - men vor uns wirken ſehen.
Ja269[249]Ja unendlich inniger, ſtaͤter und fortgehender muß die - ſer unſichtbare Zuſammenhang ſeyn, als in unſerm ſtumpfen Sinne die Reihe aͤußerer Formen zeiget. Denn was iſt ei - ne Organiſation, als eine Maſſe unendlich-vieler zuſammen - gedraͤngter Kraͤfte, deren groͤßter Theil eben des Zuſammen - hanges wegen von andern Kraͤften eingeſchraͤnkt, unterdruͤckt oder wenigſtens unſern Augen ſo verſteckt wird, daß wir die einzelnen Waſſertropfen nur in der dunklen Geſtalt der Wol - ke, d. i. nicht die einzelnen Weſen ſelbſt, ſondern nur das Ge - bilde ſehen, das ſich zur Nothdurft des Ganzen ſo und nicht anders organiſiren mußte. Die wahre Stufenleiter der Ge - ſchoͤpfe, welch ein andres Reich muß ſie im Auge des All - wiſſenden ſeyn, als von dem die Menſchen reden! Wir ord - nen Formen, die wir nicht durchſchauen und claßificiren wie Kinder nach einzelnen Gliedmaßen oder nach andern Zeichen. Der oberſte Haushalter ſiehet und haͤlt die Kette aller auf einander dringenden Kraͤfte.
Was dies fuͤr die Unſterblichkeit der Seele thue? Al - les; und nicht fuͤr die Unſterblichkeit unſrer Seele allein, ſon - dern fuͤr die Fortdauer aller wirkenden und lebendigen Kraͤfte der Weltſchoͤpfung. Keine Kraft kann untergehn; denn was hieße es: eine Kraft gehe unter? Wir haben in der Natur davon kein Beiſpiel, ja in unſrer Seele nicht einmalJ ieinen270[250]einen Begrif. Jſt es Widerſpruch, daß Etwas Nichts ſei oder werde: ſo iſt es noch mehr Widerſpruch, daß ein leben - diges, wirkendes Etwas, in dem der Schoͤpfer ſelbſt gegen - waͤrtig iſt, in dem ſich ſeine Gotteskraft einwohnend offen - baret, ſich in ein Nichts verkehre. Das Werkzeug kann durch aͤuſſerliche Umſtaͤnde zerruͤttet werden; ſo wenig aber auch in dieſem ſich nur ein Atom vernichtet oder verlieret, um ſo weniger die unſichtbare Kraft, die auch in dieſem Atom wirket. Da wir nun bei allen Organiſationen wahrnehmen, daß ihre wirkenden Kraͤfte ſo weiſe gewaͤhlt, ſo kuͤnſtlich ge - ordnet, ſo genau auf ihre gemeinſchaftliche Dauer und auf die Ausbildung der Hauptkraft berechnet ſei: ſo waͤre es Un - ſinn, von der Natur zu glauben, daß in dem Augenblick, da eine Combination derſelben, d. i. ein aͤußerlicher Zuſtand auf - hoͤrt, ſie nicht nur ploͤtzlich von der Weisheit und Sorgfalt ablieſſe, dadurch ſie allein goͤttliche Natur iſt: ſondern die - ſelbe auch gegen ſich kehrte, um mit ihrer ganzen Allmacht (denn minder gehoͤrte dazu nicht) nur einen Theil ihres le - bendigen Zuſammenhanges, in dem ſie ſelbſt ewig-thaͤtig lebet, zu vernichten. Was der Allbelebende ins Leben rief, lebet: was wirkt, wirkt in ſeinem ewigen Zuſammenhange ewig.
Da dieſe Principien weiter auseinander zu ſetzen, hier nicht der Ort iſt: ſo laſſet uns ſie blos in Beiſpielen zeigen. Die271[251]Die Blume, die ausgebluͤhet hat, zerfaͤllt; d. i. dies Werk - zeug iſt nicht weiter geſchickt, daß die vegetirende Kraft in ihm fortwirke: der Baum, der ſich ſatt an Fruͤchten getra - gen, ſtirbt; die Maſchine iſt hinfaͤllig worden und das Zu - ſammengeſetzte geht auseinander. Hieraus folget aber im mindeſten nicht, daß die Kraft, die dieſe Theile belebte, die ve - getiren und ſich ſo maͤchtig fortpflanzen konnte, mit dieſer De - compoſition geſtorben ſei; ſie, die uͤber tauſend Kraͤfte, die ſie anzog, in dieſer Organiſation herrſchte. Jedem Atom der zerlegten Maſchine bleibt ja ſeine untere Kraft; wie viel mehr muß ſie der maͤchtigern bleiben, die in dieſer Formung jene alle zu Einem Zweck regierte und in ihren engen Grenzen mit allmaͤchtigen Natureigenſchaften wirkte. Der Faden der Gedanken zerreißt, wenn man es ſich als natuͤrlich denket, daß dies Geſchoͤpf jetzt in jedem ſeiner Glieder die maͤchtige, ſich ſelbſt erſtattende, reizbare Selbſtthaͤtigkeit haben ſoll, wie ſie ſich uns vor Augen aͤußert; daß aber den Augenblick dar - auf alle dieſe Kraͤfte, die lebendigen Erweiſe einer inwohnen - den organiſchen Allmacht, aus dem Zuſammenhange der We - ſen, aus dem Reich der Realitaͤt ſo hinweg ſeyn ſollen, als waͤren ſie nie darinnen geweſen.
Und bei der reinſten und thaͤtigſten Kraft, die wir auf Erden kennen, ſollte dieſer Gedankenwiderſpruch ſtatt finden,J i 2bei272[252]bei der menſchlichen Seele? Sie, die uͤber alle Vermoͤgen niedrigerer Organiſationen ſo weit hinaufgeruͤckt iſt, daß ſie nicht nur mit einer Art Allgegenwart und Allmacht tauſend organiſche Kraͤfte meines Koͤrpers als Koͤnigin beherrſchet: ſondern auch (Wunder aller Wunder!) in ſich ſelbſt zu blicken, und ſich zu beherrſchen vermag. Nichts geht hienie - den uͤber die Feinheit, Schnelle und Wirkſamkeit eines menſch - lichen Gedanken; nichts uͤber die Energie, Reinheit und Waͤrme eines menſchlichen Willens. Mit allem, was der Menſch denkt, ahmet er der ordnenden, mit allem, was er will und thut, der ſchaffenden Gottheit nach; er moͤge ſo unver - nuͤnftig denken als er wolle. Die Aehnlichkeit liegt in der Sache ſelbſt: ſie iſt im Weſen ſeiner Seele gegruͤndet. Die Kraft, die Gott erkennen, ihn lieben und nachahmen kann, ja die nach dem Weſen ihrer Vernunft ihn gleichſam wider Willen erkennen und nachahmen muß, indem ſie auch bei Jrr - thuͤmern und Fehlern nur durch Trug und Schwachheit fehl - te; ſie, die maͤchtigſte Regentin der Erde ſollte untergehen, weil ein aͤußerer Zuſtand der Zuſammenſetzung ſich aͤndert und einige niedere Unterthanen von ihr weichen? Die Kuͤnſt - lerin waͤre nicht mehr, weil ihr das Werkzeug aus der Hand faͤllt? Wo bliebe hier aller Zuſammenhang der Gedan - ken? —
Prieſtlei und andre haben den Spiritualiſten vorgeruͤckt, daß man in der ganzen Natur keinen reinen Geiſt kenne und daß man auch den innern Zuſtand der Materie lange nicht gnug einſehe, um ihr das Denken oder andere geiſtige Kraͤfte abzuſprechen; mich duͤnkt, ſie haben in beidem Recht. Ei - nen Geiſt, der ohne und außer aller Materie wirkt, kennen wir nicht; und in dieſer ſehen wir ſo viele geiſtaͤhnliche Kraͤf - te, daß mir ein voͤlliger Gegenſatz und Widerſpruch dieſer beiden allerdings ſehr verſchiednen Weſen des Geiſtes und der Materie, wo nicht ſelbſt widerſprechend, ſo doch wenig - ſtens ganz unerwieſen ſcheinet. Wie koͤnnen zwei Weſen ge - meinſchaftlich und innig harmoniſch wirken, die, voͤllig un - gleichartig, einander weſentlich entgegen waͤren? und wie koͤn - nen wir dies behaupten, da uns weder Geiſt noch Materie im Jnnern bekannt iſt?
J i 3Wo274[254]Wo wir eine Kraft wirken ſehen, wirkt ſie allerdings in einem Organ und dieſem harmoniſch; ohne daſſelbe wird ſie unſern Sinnen wenigſtens nicht ſichtbar: mit ihm aber iſt ſie zugleich da und wenn wir der durchgehenden Analogie der Natur glauben duͤrfen, ſo hat ſie ſich daſſelbe zugebildet. Praͤformirte Keime, die ſeit der Schoͤpfung bereit lagen, hat kein Auge geſehen; was wir vom erſten Augenblick des Wer - dens eines Geſchoͤpfs bemerken, ſind wirkende organiſche Kraͤfte. Hat ein einzelnes Weſen dieſe in ſich: ſo erzeugt es ſelbſt; ſind die Geſchlechter getheilt, ſo muß jedes derſel - ben zur Organiſation des Abkoͤmmlings beitragen und zwar nach der Verſchiedenheit des Baues auf eine verſchiedene Weiſe. Geſchoͤpfe von Pflanzennatur, deren Kraͤfte noch einartig aber deſto inniger wirken, haben nur einen leiſen Hauch der Beruͤhrung noͤthig, ihr Selbſterzeugtes zu bele - ben; auch in Thieren, wo der lebendige Reiz und ein zaͤhes Leben durch alle Glieder herrſchet, mithin faſt Alles Produ - ctions - und Reproductionskraft iſt, bedarf die Frucht der Be - lebung oft nur außer Mutterleibe. Je vielartiger der Orga - niſation nach die Geſchoͤpfe werden: deſto unkenntlicher wird das, was man bei jenen den Keim nannte; es iſt or - ganiſche Materie, zu der lebendige Kraͤfte kommen muͤſſen, ſie erſt zur Geſtalt des kuͤnftigen Geſchoͤpfs zu bilden. Wel - che Auswirkungen gehen im Ei eines Vogels vor, ehe dieFrucht275[255]Frucht Geſtalt gewinnt und ſich dieſe vollendet! Die orga - niſche Kraft muß zerruͤtten, indem ſie ordnet: ſie zieht Theile zuſammen und treibt ſie auseinander; ja es ſcheint, als ob mehrere Kraͤfte im Wettſtreit waͤren und zuerſt eine Mißge - burt bilden wollten, bis ſie in ihr Gleichgewicht treten und das Geſchoͤpf das wird, was er ſeiner Gattung nach ſeyn ſoll. Siehet man dieſe Wandlungen, dieſe lebendigen Wir - kungen ſowohl im Ei des Vogels als im Mutterleibe des Thiers das lebendige gebaͤhret: ſo, duͤnkt mich, ſpricht man uneigentlich, wenn man von Keimen, die nur entwickelt wuͤrden, oder von einer Epigeneſis redet, nach der die Glieder von außen zuwuͤchſen. Bildung (geneſis) iſts, eine Wirkung innerer Kraͤfte, denen die Natur eine Maſſe vorbereitet hatte, die ſie ſich zubilden, in der ſie ſich ſichtbar machen ſollten. Dies iſt die Erfahrung der Natur: dies be - ſtaͤtigen die Perioden der Bildung in den verſchiedenen Gat - tungen von mehr oder minder organiſcher Vielartigkeit und Fuͤlle von Lebenskraͤften: nur hieraus laſſen ſich die Mißbil - dungen der Geſchoͤpfe durch Krankheit, Zufall oder durch die Vermiſchung verſchiedner Gattungen erklaͤren und es iſt die - ſer Weg der Einzige, den uns in allen ihren Werken die Kraft - und Lebenreiche Natur durch eine fortgehende Analo - gie gleichſam aufdringt.
Man276[256]Man wuͤrde mich unrecht verſtehen, wenn man mir die Meinung zuſchriebe, als ob, wie einige ſich ausgedruͤckt ha - ben, unſre vernuͤnftige Seele ſich ihren Koͤrper in Mutter - leibe und zwar durch Venunft gebauet habe. Wir haben geſehen, wie ſpaͤt die Gabe der Vernunft in uns angebauet werde und daß wir zwar faͤhig zu ihr auf der Welt erſcheinen; ſie aber weder eigenmaͤchtig beſitzen noch erobern moͤgen. Und wie waͤre ein ſolches Gebilde auch fuͤr die reifſte Vernunft des Menſchen moͤglich? da wir daſſelbe in keinem Theil we - der von innen noch auſſen begreifen und ſelbſt der groͤßeſte Theil der Lebensverrichtungen in uns ohne das Bewußtſeyn und den Willen der Seele fortgeht. Nicht unſre Vernunft wars, die den Leib bildete, ſondern der Finger der Gottheit, organiſche Kraͤfte. Sie hatte der Ewige auf dem großen Gange der Natur ſo weit hinaufgefuͤhrt, daß ſie jetzt von ſeiner Hand gebunden, in einer kleinen Welt organiſcher Ma - terie, die er ausgeſondert und zur Bildung des jungen We - ſens ſogar eigen umhuͤllt hatte, ihre Schoͤpfungsſtaͤte fanden. Harmoniſch vereinigten ſie ſich mit ihrem Gebilde, in wel - chem ſie auch, ſo lange es dauert, ihm harmoniſch wirken; bis wenn dies abgebraucht iſt, der Schoͤpfer ſie von ihrem Dienſt abruft und ihnen eine andre Wirkungsſtaͤte bereitet.
Wollen wir alſo dem Gange der Natur folgen: ſo iſt offenbar:
1.277[257]1. Daß Kraft und Organ zwar innigſt verbunden, nicht aber Eins und daſſelbe ſei. Die Materie unſres Koͤrpers war da; aber Geſtalt - und Leblos, ehe ſie die or - ganiſchen Kraͤfte bildeten und belebten.
2. Jede Kraft wirkt ihrem Organ harmoniſch: denn ſie hat ſich daſſelbe zur Offenbarung ihres Weſens nur zugebildet, Sie aßimilirte die Theile, die der Allmaͤchtige ihr zufuͤhrte und in deren Huͤlle er ſie gleichſam einwies.
3. Wenn die Huͤlle wegfaͤllt: ſo bleibt die Kraft, die voraus, obwohl in einem niedrigern Zuſtande und eben - falls organiſch, dennoch vor dieſer Huͤlle ſchon exiſtirte. Wars moͤglich, daß ſie aus ihrem vorigen in dieſen Zuſtand uͤbergehen konnte: ſo iſt ihr auch bei dieſer Enthuͤllung ein neuer Uebergang moͤglich. Fuͤrs Medium wird der ſorgen, der ſie, und zwar viel unvollkommener, hieher brachte.
Und ſollte uns die ſich immergleiche Natur nicht ſchon einen Wink uͤber das Medium gegeben haben, indem alle Kraͤfte der Schoͤpfung wuͤrken? Jn den tiefſten Abgruͤnden des Werdens, wo wir keimendes Leben ſehen, werden wir das unerforſchte und ſo wirkſame Element gewahr, das wir mit den unvollkommenen Namen Licht, Aether, Lebens -K kwaͤrme278[258]waͤrme benennen und das vielleicht das Senſorium des All - erſchaffenden iſt, dadurch er alles belebet, alles erwaͤrmet. Jn tauſend und Millionen Organe ausgegoſſen, laͤutert ſich dieſer himmliſche Feuerſtrom immer feiner und feiner: durch ſein Vehikulum wirken vielleicht alle Kraͤfte hienieden und das Wunder der irrdiſchen Schoͤpfung, die Generation, iſt von ihm unabtrennlich. Vielleicht ward unſer Koͤrperge - baͤude auch eben deswegen aufgerichtet, daß wir, ſelbſt un - ſern groͤbern Theilen nach, von dieſem elektriſchen Strom mehr an uns ziehen, mehr in uns verarbeiten koͤnnten; und in den feinern Kraͤften iſt zwar nicht die grobe elektriſche Ma - terie aber etwas von unſerer Organiſation ſelbſt verarbeite - tes, unendlich feineres und dennoch ihr Aehnliches das Werk - zeug der koͤrperlichen und Geiſtesempfindung. Entweder hat die Wirkung meiner Seele kein Analogen hienieden; und ſodann iſts weder zu begreifen, wie ſie auf den Koͤrper wirke? noch wie andre Gegenſtaͤnde auf ſie zu wirken vermoͤgen? oder es iſt dieſer unſichtbare himmliſche Licht - und Feuergeiſt, der alles Lebendige durchfließt und alle Kraͤfte der Natur ver - einigt. Jn der menſchlichen Organiſation hat er die Fein - heit erreicht, die ihm ein Erdenbau gewaͤhren konnte: ver - mittelſt ſeiner wirkte die Seele in ihren Organen beinah all - maͤchtig und ſtralte in ſich ſelbſt zuruͤck mit einem Bewußt - ſeyn, das ihr Jnnerſtes reget. Vermittelſt ſeiner fuͤllete ſich
der279[259]der Geiſt mit edler Waͤrme und wußte ſich durch freie Selbſt - beſtimmung gleichſam aus dem Koͤrper, ja aus der Welt zu ſetzen und ſie zu lenken. Er hat alſo Macht uͤber daſſelbe ge - wonnen und wenn ſeine Stunde ſchlaͤgt, wenn ſeine aͤuſſere Maſchine aufgeloͤſet wird: was iſt natuͤrlicher, als daß nach innigen, ewigfortwirkenden Geſetzen der Natur er das was ſeiner Art geworden und mit ihm innig vereint iſt, nach ſich ziehe? Er tritt in ſein Medium uͤber und dies ziehet ihn — oder vielmehr Du zieheſt und leiteſt uns, allverbreitete bil - dende Gotteskraft, Du Seele und Mutter aller lebendigen Weſen, Du leiteſt und bildeſt uns zu unſrer neuen Beſtim - mung ſanft hinuͤber.
Und ſo wird, duͤnkt mich, die Nichtigkeit der Schluͤſſe ſichtbar, mit denen die Materialiſten unſre Unſterblichkeit niedergeworfen zu haben meinen. Laſſet es ſeyn, daß wir unſre Seele als einen reinen Geiſt nicht kennen; wir wollen ſie auch als ſolchen nicht kennen lernen. Laſſet es ſeyn, daß ſie nur als eine organiſche Kraft wirke; ſie ſoll auch nicht an - ders wirken doͤrfen, ja ich ſetze noch dazu, ſie hat erſt in die - ſem ihrem Zuſtande mit einem menſchlichen Gehirn denken, mit menſchlichen Nerven empfinden gelernt und ſich einige Vernunft und Humanitaͤt angebildet. Laſſet es endlich ſeyn, daß ſie mit allen Kraͤften der Materie, des Reizes, der Be -K k 2we -280[260]wegung, des Lebens urſpruͤnglich Eins ſei und nur auf einer hoͤhern Stufe in einer ausgebildetern feinern Organiſation wirke; hat man denn je auch nur eine Kraft der Bewegung und des Reizes untergehen ſehen? und ſind dieſe niedern Kraͤfte mit ihren Organen Eins und daſſelbe? der nun Eine unzaͤhlbare Menge derſelben in meinen Koͤrper fuͤhrte und je - der ihr Gebilde anwies, der meine Seele uͤber ſie ſetzte und ihr ihre Kunſtwerkſtaͤte und an den Nerven die Bande an - wies, dadurch ſie alle jene Kraͤfte lenket: wird ihm im gro - ßen Zuſammenhange der Natur ein Medium fehlen, ſie hin - auszufuͤhren? und muß er es nicht thun, da er ſie eben ſo wunderbar, offenbar zu einer hoͤhern Bildung, in dies orga - niſche Haus fuͤhrte?
Die Sache ſcheinet durch ſich klar: denn wie eine lebendige Kraft der Natur, ohne daß eine feindliche Uebermacht ſie ein -ſchraͤnkte281[261]ſchraͤnkte und zuruͤckſtieſſe, ſtillſtehen oder zuruͤckgehen koͤnne, iſt nicht begreiflich. Sie wirkte als ein Organ der goͤttlichen Macht, als eine thaͤtig gewordne Jdee ſeines ewigdaurenden Entwurfs der Schoͤpfung; und ſo mußten ſich wirkend ihre Kraͤfte mehren. Auch alle Abweichungen muͤſſen ſie wieder zur rechten Bahn lenken; da die oberſte Guͤte Mittel gnug hat, die zuruͤckprallende Kugel, ehe ſie ſinkt, durch einen neuen Anſtoß, durch eine neue Erweckung wieder zum Ziel zu fuͤhren. Doch die Metaphyſik bleibe bei Seite; wir wol - len Analogien der Natur betrachten.
Nichts in ihr ſteht ſtill: alles ſtrebt und ruͤckt weiter. Koͤnnten wir die erſte Periode der Schoͤpfung durchſehn, wie Ein Reich der Natur auf das andre gebauet ward: welche Progreßion fortſtrebender Kraͤfte wuͤrde ſich in jeder Entwick - lung zeigen! Warum tragen wir und alle Thiere Kalkerde in unſern Gebeinen? weil ſie einer der letzten Uebergaͤnge groͤberer Erdbildungen war, der ſeiner innern Geſtaltung nach ſchon einer lebendigen Organiſation zum Knochengebaͤude dienen konnte. So iſts mit allen uͤbrigen Beſtandtheilen unſres Koͤrpers.
Als die Thore der Schoͤpfung geſchloſſen wurden, ſtan - den die einmal erwaͤhlten Organiſationen als beſtimmte We -K k 3ge282[262]ge und Pforten da, auf denen ſich kuͤnftig in den Graͤnzen der Natur die niedern Kraͤfte aufſchwingen und weiter bilden ſollten. Neue Geſtalten erzeugeten ſich nicht mehr; es wan - deln und verwandeln ſich aber durch dieſelbe untere Kraͤfte und was Organiſation heißt, iſt eigentlich nur eine Leiterin derſelben zu einer hoͤhern Bildung.
Das erſte Geſchoͤpf, das ans Licht tritt und unter dem Stral der Sonne ſich als eine Koͤnigin des unterirrdiſchen Reichs zeigt, iſt die Pflanze. Was ſind ihre Beſtandtheile? Salz, Oel, Eiſen, Schwefel und was ſonſt an feinern Kraͤf - ten das Unterirrdiſche zu ihr hinaufzulaͤutern vermochte. Wie kam ſie zu dieſen Theilen? durch innere organiſche Kraft, durch welche ſie unter Beihuͤlfe der Elemente jene ſich eigen zu machen ſtrebet. Und was thut ſie mit ihnen? Sie ziehet ſie an ſich, verarbeitet ſie in ihr Weſen und laͤu - tert ſie weiter. Giftige und geſunde Pflanzen ſind alſo nichts als Leiterinnen der groͤbern zu feinern Theilen; das ganze Kunſtwerk des Gewaͤchſes iſt, Niedriges zu Hoͤherem hinauf - zubilden.
Ueber der Pflanze ſtehet das Thier und zehrt von ihren Saͤften. Der einzige Elephant iſt ein Grab von Millionen Kraͤutern; aber er iſt ein lebendiges, auswirkendes Grab erani -283[263]animaliſirt ſie zu Theilen ſein ſelbſt: die niedern Kraͤfte gehn in feinere Formen des Lebens uͤber. So iſts mit allen fleiſch - freſſenden Thieren: die Natur hat die Uebergaͤnge raſch ge - macht, gleich als ob ſie ſich vor allem langſamen Tode fuͤrch - tete. Darum verkuͤrzte ſie und beſchleunigte die Wege der Transformation in hoͤhere Lebensformen. Unter allen Thie - ren iſt das Geſchoͤpf der feinſten Organe, der Menſch, der groͤßeſte Moͤrder. Er kann beinah alles, was an lebendiger Organiſation nur nicht zu tief unter ihm ſteht, in ſeine Na - tur verwandeln.
Warum waͤhlte der Schoͤpfer dieſe dem aͤußern Anblick nach zerſtoͤrende Einrichtung ſeiner lebendigen Reiche? Wa - ren es feindliche Maͤchte, die ſich ins Werk theilten und ein Geſchlecht dem andern zur Beute machten? oder war es Ohnmacht des Schoͤpfers, der ſeine Kinder nicht anders zu erhalten wußte? Nehmet die aͤußere Huͤlle weg und es iſt kein Tod in der Schoͤpfung; jede Zerſtoͤrung iſt Uebergang zum hoͤhern Leben und der weiſe Vater machte dieſen ſo fruͤh, ſo raſch, ſo vielfach, als es die Erhaltung der Geſchlechter und der Selbſtgenuß des Geſchoͤpfs, das ſich ſeiner Huͤlle freuen und ſie wo moͤglich auswirken ſollte, nur geſtatten konnte. Durch tauſend gewaltſame Tode kam er dem langſamen Er - ſterben vor und befoͤrderte den Keim der bluͤhenden Kraft zuhoͤ -284[264]hoͤhern Organen. Das Wachsthum eines Geſchoͤpfs, was iſts anders als die ſtete Bemuͤhung deſſelben, mehrere orga - niſche Kraͤfte mit ſeiner Natur zu verbinden? Hierauf ſind ſeine Lebensalter eingerichtet und ſobald es dies Geſchaͤft nicht mehr kann, muß es abnehmen und ſterben. Die Natur dankt die Maſchine ab, die ſie zu ihrem Zweck der geſunden Aßimilation, der muntern Verarbeitung nicht mehr tuͤchtig findet.
Worauf beruhet die Kunſt des Arztes, als eine Diene - rin der Natur zu ſeyn und den tauſendfach-arbeitenden Kraͤf - ten unſrer Organiſation zu Huͤlfe zu eilen? Verlohrne Kraͤfte erſetzt ſie, matte ſtaͤrkt, uͤberwiegende ſchwaͤcht und baͤndigt ſie; wodurch? durch Herbeifuͤhrung und Aßimilation ſolcher oder entgegengeſetzter Kraͤfte aus den niedern Reichen.
Nichts anders ſagt uns die Erzeugung aller lebendi - gen Weſen: denn ſo tief ihr Geheimniß liege, ſo iſts offen - bar, daß organiſche Kraͤfte im Geſchoͤpf zur groͤßeſten Wirk - ſamkeit aufbluͤhten und jetzt zu neuen Bildungen ſtreben. Da jeder Organismus das Vermoͤgen hat, niedere Kraͤfte ſich ſelbſt zu aßimiliren, ſo hat er auch das Vermoͤgen, ſich, ge - ſtaͤrkt durch jene, in der Bluͤthe des Lebens fortzubilden und den Abdruck ſein ſelbſt mit allen in ihm wirkenden Kraͤften an ſeiner ſtatt der Welt zu geben.
So285[265]So gehet der Stufengang der Ausarbeitung durch die niedrige Natur und ſollte er bei der edelſten und maͤchtigſten ſtill ſtehen oder zuruͤckgehen muͤſſen? Was das Thier zu ſei - ner Nahrung bedarf, ſind nur Pflanzenartige Kraͤfte, damit es Pflanzenartige Theile belebe; der Saft der Muskeln und Nerven dient nicht mehr zur Nahrung irgend eines Erdwe - ſens. Selbſt das Blut iſt nur Raubthieren eine Erquickung; und bei Nationen, die durch Leidenſchaft oder Nothdurft da - zu gezwungen wurden, hat man auch Neigungen des Thiers bemerket, zu deſſen lebendiger Speiſe ſie ſich grauſam ent - ſchloſſen. Alſo iſt das Reich der Gedanken und Reize, wie es auch ſeine Natur fodert, hier ohne ſichtbaren Fort - und Uebergang und die Bildung der Nationen hat es zu einem erſten Geſetz des menſchlichen Gefuͤhls gemacht, jedes Thier das noch lebet in ſeinem Blut, zur Speiſe nicht zu begehren. Offenbar ſind alle dieſe Kraͤfte von geiſtiger Art; daher man vielleicht mancher Hypotheſen uͤber den Nervenſaft als uͤber ein taſtbares Vehikulum der Empfindungen haͤtte uͤberho - ben ſeyn moͤgen. Der Nervenſaft, wenn er da iſt, erhaͤlt die Nerven und das Gehirn geſund, ſo daß ſie ohne ihn nur unbrauchbare Stricke und Gefaͤße waͤren; ſein Nutze iſt alſo koͤrperlich und die Wirkung der Seele nach ihren Empfindun - gen und Kraͤften iſt, was fuͤr Organe ſie auch gebrauchen moͤge, uͤberall geiſtig.
L lUnd286[266]Und wohin kehren nun dieſe geiſtigen Kraͤfte, die allem Sinn der Menſchen entgehen? Weiſe hat die Natur hier ei - nen Vorhang vorgezogen und laͤßt uns, die wir hiezu keine Sinne haben, in das geiſtige Reich ihrer Verwandlungen und Uebergaͤnge nicht hineinſchauen; wahrſcheinlich wuͤrde ſich auch der Blick dahin mit unſrer Exſiſtenz auf Erden und alle den ſinnlichen Empfindungen, denen wir noch unterwor - fen ſind, nicht vertragen. Sie legte uns alſo nur Uebergaͤn - ge aus den niedern Reichen und in den hoͤhern nur aufſteigende Formen dar; ihre tauſend unſichtbare Wege der Ueberleitung behielt ſie ſich ſelbſt vor; und ſo ward das Reich der Ungebohrnen die große υλη oder der Hades, in welchen kein menſchliches Auge reichet. Zwar ſchei - net dieſem Untergange die beſtimmte Form entgegen zu ſtehen, der jede Gattung treu bleibt und in welcher ſich auch das kleinſte Gebein nicht veraͤndert; allein auch hie - von iſt der Grund ſichtbar: da jedes Geſchoͤpf nur durch Geſchoͤpfe ſeiner Gattung organiſirt werden kann und darf. Die veſte Ordnungsreiche Mutter hat alſo die Wege genau beſtimmt, auf denen eine organiſche Kraft, ſie ſei herr - ſchend oder dienend, zur ſichtbaren Wirkſamkeit gelangen ſoll - te und ſo kann ihren einmal beſtimmten Formen nichts ent - ſchluͤpfen. Jm Menſchenreich z. B. herrſcht die groͤßeſte Mannichfaltigkeit von Neigungen und Anlagen, die wir oftals287[267]als wunderbar und widernatuͤrlich anſtaunen, aber nicht be - greifen. Da nun auch dieſe nicht ohne organiſche Gruͤnde ſeyn koͤnnen: ſo lieſſe ſich, wenn uns uͤber dies Dunkle der Schoͤpfungsſtaͤte einige Vermuthung vergoͤnnt iſt, das Men - ſchengeſchlecht als der große Zuſammenfluß niederer or - ganiſcher Kraͤfte anſehen, die in ihm zur Bildung der Hu - manitaͤt kommen ſollten.
Aber nun weiter? Der Menſch hat hier das Bild der Gottheit getragen und der feinſten Organiſation genoſſen, die ihm die Erde geben konnte; ſoll er ruͤckwaͤrts gehen und wieder Stamm, Pflanze, Elephant werden? oder ſtehet bei ihm das Rad der Schoͤpfung ſtill und hat kein andres Rad, worinn es greife? Das letzte laͤſſet ſich nicht gedenken, da im Reich der oberſten Guͤte und Weisheit alles verbunden iſt und in ewigem Zuſammenhange Kraft in Kraft wirket. Schauen wir nun zuruͤck und ſehen, wie hinter uns alles aufs Menſchengebilds zu reifen ſcheint und ſich im Menſchen wiederum von dem, was er ſeyn ſoll und worauf er abſicht - lich gebildet worden, nur die erſte Knoſpe und Anlage findet: ſo muͤßte aller Zuſammenhang, alle Abſicht der Natur ein Traum ſeyn oder auch Er ruͤckt, (auf welchen Wegen und Gaͤngen es nun auch ſeyn moͤge) auch Er ruͤckt weiter. Laſ - ſet uns ſehen, wie die ganze Anlage der Menſchennatur uns darauf weiſe.
Der vornehmſte Zweifel, den man ſich gegen die Unſterb - lichkeit organiſcher Kraͤfte zu machen pflegt, iſt von den Werkzeugen hergenommen, durch die ſie wirken; und ich darf behaupten, daß gerade die Beleuchtung dieſes Zweifels uns das groͤßeſte Licht nicht nur der Hofnung ſondern der Zuver - ſicht ewiger Fortwirkung anzuͤnde. Keine Blume bluͤhet durch den aͤußerlichen Staub, den groben Beſtandtheil ihres Baues; viel weniger reproducirt ſich durch denſelben ein im - mer neu wachſendes Thier und noch weniger kann durch die Beſtandtheile, in die ein Hirn aufgeloͤſet wird, eine innige Kraft ſo vieler mit ihr verbundener Kraͤfte als unſre Seele iſt, denken. Selbſt die Phyſiologie uͤberzeugt uns davon. Das aͤußerliche Bild, das ſich im Auge mahlet, kommt nicht in unſer Gehirn: der Schall, der ſich in unſerm Ohr bricht, kommt nicht mechaniſch als ſolcher in unſre Seele. Kein Nerve liegt ausgeſpannt da, daß er bis zu einem Punkt der Vereinigung vibrire: bei einigen Thieren kommen nicht ein -
mal289[269]mal die Nerven beider Augen und bei keinem Geſchoͤpf die Nerven aller Sinne ſo zuſammen, daß Ein ſichtbarer Punkt ſie vereine. Noch weniger gilt dieſes von den Nerven des geſammten Koͤrpers, in deſſen kleinſtem Gliede ſich doch die Seele gegenwaͤrtig fuͤhlt und in ihm wirket. Alſo iſts eine ſchwache unphyſiologiſche Vorſtellung, ſich das Gehirns als einen Selbſtdenker, den Nervenſaft als einen Selbſtempfin der zu denken; vielmehr ſind es, allen Erfahrungen zufolge, eigne pſychologiſche Geſetze, nach denen die Seele ihre Verrichtungen vornimmt und ihre Begriffe verbindet. Daß es jedesmal ihrem Organ gemaͤß und demſelben harmoniſch geſchehe, daß wenn das Werkzeug nichts taugt, auch die Kuͤnſt - lerin nichts thun koͤnne u. f.; das alles leidet keinen Zwei - fel, aͤndert aber auch nichts im Begrif der Sache. Die Art, mit dem die Seele wirkt, das Weſen ihrer Begriffe kommt hier in Betrachtung. Und da iſts
1. unlaͤugbar, daß der Gedanke, ja die erſte Wahr - nehmung, damit ſich die Seele einen aͤußern Gegenſtand vor - ſtellt, ganz ein andres Ding ſei, als was ihr der Sinn zufuͤhret. Wir nennen es ein Bild; es iſt aber nicht das Bild d. i. der lichte Punkt, der aufs Auge gemahlt wird und der das Gehirn gar nicht erreichet; das Bild der Seele iſt ein geiſtiges, von ihr ſelbſt bei Veranlaſſung der Sinne ge -L l 3ſchaf -290[270]ſchaffenes Weſen. Sie ruft aus dem Chaos der Dinge, die ſie umgeben, eine Geſtalt hervor, an die ſie ſich mit Auf - merkſamkeit heftet und ſo ſchaft ſie durch innere Macht aus dem Vielen ein Eins, das ihr allein zugehoͤret. Dies kann ſie ſich wieder herſtellen, auch wenn es nicht mehr da iſt: der Traum und die Dichtung koͤnnen es nach ganz andern Geſe - tzen verbinden als unter welchen es der Sinn darſtellte und thun dies wirklich. Die Raſereien der Kranken, die man ſo oft als Zeugen der Materialitaͤt der Seele anfuͤhrt, ſind eben von ihrer Jmmaterialitaͤt Zeugen. Man behorche den Wahn - ſinnigen und bemerke den Gang, den ſeine Seele nimmt. Er geht von der Jdee aus, die ihn zu tief ruͤhrte, die alſo ſein Werkzeug zerruͤttete und den Zuſammenhang mit andern Sen - ſationen ſtoͤrte. Auf ſie beziehet er nun alles, weil ſie die herrſchende iſt und er von derſelben nicht loskann; zu ihr ſchaft er ſich eine eigne Welt, einen eignen Zuſammenhang der Gedanken und jeder ſeiner Jrrgaͤnge in der Jdeenverbin - dung iſt im hoͤchſten Maas geiſtig. Nicht wie die Faͤcher des Gehirns liegen, combinirt er, ſelbſt nicht einmal wie ihm die Senſationen erſcheinen: ſondern wie andre Jdeen mit ſeiner Jdee verwandt ſind und wie er jene zu dieſer nur hin - uͤber zu zwingen vermochte. Auf demſelben Wege gehn alle Aſſociationen unſrer Gedanken: ſie gehoͤren einem Weſen zu, das aus eigner Energie und oft mit einer ſonderbaren Jdio -ſynkraſie291[271]ſynkraſie Erinnerungen aufruft und nach innerer Liebe oder Abneigung, nicht nach einer aͤußern Mechanik, Jdeen bin - det. Jch wuͤnſchte, daß hieruͤber aufrichtige Menſchen das Protocoll ihres Herzens und ſcharfſinnige Beobachter, inſon - derheit Aerzte, die Eigenheiten bekannt machten, die ſie an ihren Kranken bemerkten; und ich bin uͤberzeugt, es waͤren lauter Belege von Wirkungen eines zwar organiſchen, aber dennoch eigenmaͤchtigen, nach Geſetzen geiſtiger Verbindung wirkenden Weſens.
2. Die kuͤnſtliche Bildung unſrer Jdeen von Kindheit auf erweiſet daſſelbe und der langſame Gang, auf welchem die Seele nicht nur ſpaͤt ihrer ſelbſt bewußt wird, ſondern auch mit Muͤhe ihre Sinnen brauchen lernet. Mehr als Ein Pſycholog hat die Kunſtſtuͤcke bemerkt, mit der ein Kind von Farbe, Geſtalt, Groͤße, Entfernung Begrif er - haͤlt und durch die es ſehen lernet. Der koͤrperliche Sinn lernt nichts: denn das Bild mahlet ſich den erſten Tag aufs Auge, wie es ſich den letzten des Lebens mahlen wird; aber die Seele durch den Sinn lernt meſſen, vergleichen, geiſtig empfinden. Hiezu hilft ihr das Ohr und die Sprache iſt doch gewiß ein geiſtiges, nicht koͤrperliches Mittel der Jdeen - bildung. Nur ein Sinnloſer kann Schall und Wort fuͤr ei - nerlei nehmen; und wie dieſe beide verſchieden ſind, iſtsKoͤrper292[272]Koͤrper und Seele, Organ und Kraft. Das Wort erinnert an die Jdee, und bringt ſie aus einem andern Geiſt zu uns heruͤber; aber es iſt ſie nicht ſelbſt, und eben ſo wenig iſt das materielle Organ Gedanke. Wie der Leib durch Speiſe zu - nimmt, nimmt unſer Geiſt durch Jdeen zu, ja wir bemerken bei ihm eben die Geſetze der Aßimilation, des Wachs - thums und der Hervorbringung, nur nicht auf eine koͤr - perliche, ſondern eine ihm eigne Weiſe. Auch Er kann ſich mit Nahrung uͤberfuͤllen, daß er ſich dieſelbe nicht zuzueignen und in ſich zu verwandeln vermag: auch Er hat eine Sym - metrie ſeiner geiſtigen Kraͤfte, von welcher jede Abweichung Krankheit, entweder Schwachheit oder Fieber d. i. Verruͤ - ckung wird: auch Er endlich treibet dieſes Geſchaͤft ſeines innern Lebens mit einer genialiſchen Kraft, in welcher ſich Liebe und Haß, Abneigung gegen das mit ihm Ungleichartige, Zu - neigung zu dem was ſeiner Natur iſt, wie beim irrdiſchen Leben aͤußert. Kurz, es wird in uns, (ohne Schwaͤrmerei zu reden) ein innerer geiſtiger Menſch gebildet, der ſeiner eignen Natur iſt und den Koͤrper nur als Werkzeug gebrau - chet, ja der ſeiner eignen Natur zufolge, auch bei den aͤrg - ſten Zerruͤttungen der Organe handelt. Jemehr die Seele durch Krankheit oder gewaltſame Zuſtaͤnde der Leidenſchaften von ihrem Koͤrper getrennt und gleichſam gezwungen iſt, in ihrer eignen Jdeenwelt zu wandeln: deſto ſonderbarere Erſchei -nungen293[273]nungen bemerken wir von ihrer eignen Macht und Energie in der Jdeenſchoͤpfung oder Jdeenverbindung. Aus Ver - zweiflung irret ſie jetzt in den Scenen ihres vorigen Lebens umher und da ſie von ihrer Natur und ihrem Werk, Jdeen zu bilden, nicht ablaſſen kann, bereitet ſie ſich jetzt eine neue wilde Schoͤpfung.
3. Das hellere Bewußtſeyn, dieſer große Vorzug der menſchlichen Seele, iſt derſelben auf eine geiſtige Weiſe und zwar durch die Humanitaͤt allmaͤlich erſt zugebil - det worden. Ein Kind hat noch wenig Bewußtſeyn; ob ſeine Seele gleich ſich unablaͤßig uͤbt, zu demſelben zu gelan - gen und ſich ſeiner ſelbſt durch alle Sinnen zu vergewiſſern. Alle ſein Streben nach Begriffen hat den Zweck, ſich in der Welt Gottes gleichſam zu beſinnen und ſeines Daſeyns mit menſchlicher Energie froh zu werden. Das Thier geht noch im dunkeln Traum umher: ſein Bewußtſeyn iſt in ſo viel Reize des Koͤrpers verbreitet und von ihnen maͤchtig umhuͤl - let, daß das helle Erwachen zu einer fortwirkenden Gedan - kenuͤbung ſeiner Organiſation nicht moͤglich war. Auch der Menſch iſt ſich ſeines ſinnlichen Zuſtandes nur durch Sinne bewußt und ſo bald dieſe leiden, iſts gar kein Wunder, daß ihn eine herrſchende Jdee auch aus ſeiner eignen Anerken - nung hinreiſſen kann und er mit ſich ſelbſt ein trauriges oderM mfroͤ -294[274]froͤliches Drama ſpielet. Aber auch dies Hinreiſſen in ein Land lebhafter Jdeen zeigt eine innere Energie, bei der ſich die Kraft ſeines Bewußtſeyns, ſeiner Selbſtbeſtimmung oft auf den irrigſten Wegen aͤußert. Nichts gewaͤhrt dem Menſchen ein ſo eignes Gefuͤhl ſeines Daſeyns, als Erkennt - niß; Erkenntniß einer Wahrheit, die wir ſelbſt errungen ha - ben, die unſrer innerſten Natur iſt und bei der uns oft alle Sichtbarkeit ſchwindet. Der Menſch vergißt ſich ſelbſt: er verliert das Maas der Zeit und ſeiner ſinnlichen Kraͤfte, wenn ihn ein hoher Gedanke aufruft und er denſelben ver - folget. Die ſcheußlichſten Qualen des Koͤrpers haben durch eine einzige lebendige Jdee unterdruͤckt werden koͤnnen, die damals in der Seele herrſchte. Menſchen, die von einem Affekt, inſonderheit von dem lebhafteſten reinſten Affekt un - ter allen, der Liebe Gottes, ergriffen wurden, haben Leben und Tod nicht geachtet und ſich in dieſem Abgrunde aller Jdeen wie im Himmel gefuͤhlet. Das gemeinſte Werk wird uns ſchwer, ſobald es nur der Koͤrper verrichtet; aber die Lie - be macht uns das ſchwerſte Geſchaͤft leicht, ſie giebt uns zur langwierigſten, entfernſten Bemuͤhung Fluͤgel. Raͤume und Zeiten verſchwinden ihr: ſie iſt immer auf ihrem Punkt, in ihrem eignen Jdeenlande. — Dieſe Natur des Geiſtes aͤußert ſich auch bei den wildeſten Voͤlkern; gleich viel, wo - fuͤr ſie kaͤmpfen: ſie kaͤmpfen im Drang der Jdeen. Auchder295[275]der Menſchenfreſſer im Durſt ſeiner Rache und Kuͤhnheit ſtrebt, wiewohl auf eine abſcheuliche Art, nach dem Genuß eines Geiſtes.
4. Alle Zuſtaͤnde, Krankheiten und Eigenheiten des Organs alſo koͤnnen uns nie irre machen; die Kraft, die in ihnen wirkt, primitiv zu fuͤhlen. Das Gedaͤchtniß z. B. iſt nach der verſchiednen Organiſation der Menſchen verſchie - den; bey dieſen formt und erhaͤlt es ſich durch Bilder, bei jenen durch Zeichen der Abſtraction, Worte oder gar Zahlen. Jn der Jugend, wenn das Gehirn weich iſt, iſt es lebhaft; im Alter, wenn ſich das Gehirn haͤrtet, wird es traͤge und haͤlt an alten Jdeen. So iſts mit den uͤbrigen Kraͤften der Seele; welches alles nicht anders ſeyn kann, ſobald eine Kraft organiſch wirket. Bemerket indeß auch hier die Ge - ſetze der Aufbewahrung und Erneurung der Jdeen: ſie ſind alleſamt nicht koͤrperlich ſondern geiſtig. Es hat Menſchen gegeben, die das Gedaͤchtniß gewiſſer Jahre, ja gewiſſer Theile der Rede, der Namen, Subſtantiven, ſogar einzelner Buchſtaben und Merkzeichen verloren; das Ge - daͤchtniß der vorigen Jahre, die Erinnerung andrer Theile der Rede und der freie Gebrauch derſelben blieb ihnen; die Seele war nur an dem Einen Gliede gefeſſelt, da das Organ litt. Waͤre der Zuſammenhang ihrer geiſtigen Jdeen mate -M m 2riell:296[276]riell: ſo muͤßte ſie, dieſen Erſcheinungen nach, entweder im Gehirn umherruͤcken und fuͤr gewiſſe Jahre, fuͤr Subſtanti - ven und Namen eigne Protokolle fuͤhren; oder ſind die Jdeen mit dem Gehirn verhaͤrtet: ſo muͤßten ſie alle verhaͤrtet ſeyn und doch iſt bei den Alten eben das Andenken der Jugend noch ſo lebhaft. Zu einer Zeit, da ſie, ihrem Organ gemaͤß, nicht mehr raſch verbinden, oder fluͤchtig durchdenken kann, haͤlt ſie ſich deſto veſter an das erworbne Gut ihrer ſchoͤnern Jahre, uͤber das ſie wie uͤber ihr Eigenthum waltet. Un - mittelbar vor dem Tode und in allen Zuſtaͤnden, da ſie ſich vom Koͤrper weniger gefeſſelt fuͤhlt, erwacht dies Andenken mit aller Lebhaftigkeit der Jugendfreude und die Gluͤckſeligkeit der Alten, die Freude der Sterbenden beruhet groͤßtentheils darauf. Vom Anfange des Lebens an ſcheint unſre Seele nur Ein Werk zu haben, innwendige Geſtalt, Form der Humanitaͤt zu gewinnen und ſich in ihr, wie der Koͤrper in der Seinigen, geſund und froh zu fuͤhlen. Auf dies Werk arbeitet ſie ſo unablaͤßig und mit ſolcher Sympathie aller Kraͤfte, als der Koͤrper nur immerdar fuͤr ſeine Geſundheit arbeiten kann, der, wenn ein Theil leidet, es ſogleich ganz fuͤhlt und Saͤfte anwendet, wie er ſie kann, den Bruch zu er - ſetzen und die Wunde zu heilen. Gleicherweiſe arbeitet die Seele auf ihre, immer hinfaͤllige und oft falſche Geſundheit: jetzt durch gute, jetzt durch truͤgliche Mittel ſich zu beruhigenund297[277]und fortzuwirken. Wunderbar iſt die Kunſt, die ſie dabei anwendet und unermeßlich der Vorrath von Huͤlfs - und Heil - mitteln, den ſie ſich zu verſchaffen weiß. Wenn einſt die Semiotik der Seele ſtudirt werden wird, wie die Semiotik des Koͤrpers, wird man in allen Krankheiten derſelben ihre ſo eigne geiſtige Natur erkennen, daß die Schluͤße der Mate - rialiſten wie Nebel vor der Sonne verſchwinden werden. Ja wer von dieſem innern Leben ſeines Selbſt uͤberzeugt iſt, dem werden alle aͤußern Zuſtaͤnde, in welchen ſich der Koͤr - per, wie alle Materie, unablaͤßig veraͤndert, mit der Zeit nur Uebergaͤnge, die ſein Weſen nicht angehn: er ſchreitet aus dieſer Welt in jene ſo unvermerkt, wie er aus Nacht in Tag und aus Einem Lebensalter ins andre ſchreitet.
Jeden Tag hat uns der Schoͤpfer eine eigne Erfahrung gegeben: wie wenig Alles in unſrer Maſchine von uns und von einander unabtrennlich ſei? es iſt des Todes Bruder, der balſamiſche Schlaf. Er ſcheidet die wichtigſten Verrich - tungen unſres Lebens mit dem Finger ſeiner ſanften Beruͤh - rung: Nerven und Muskeln ruhen, die ſinnlichen Empfin - dungen hoͤren auf; und dennoch denkt die Seele fort in ih - rem eignen Lande. Sie iſt nicht abgetrennter vom Koͤrper als ſie wachend war, wie die dem Traum oft eingemiſchte Empfindungen beweiſen; und dennoch wirkt ſie, nach eige -M m 3nen298[278]nen Geſetzen auch im tiefſten Schlaf fort, von deſſen Traͤu - men wir keine Erinnerung haben, wenn nicht ein ploͤtzliches Erwecken uns davon uͤberzeuget. Mehrere Perſonen haben bemerkt, daß ihre Seele bei ruhigen Traͤumen ſogar dieſelbe Jdeenreihe, unterſchieden vom wachenden Zuſtande, unver - ruͤckt fortſetze und immer in Einer, meiſtens jugendlichen, lebhaften und ſchoͤnern Welt wandle. Die Empfindungen des Traums ſind uns lebhafter, ſeine Affekten feuriger, die Verbindungen der Gedanken und Moͤglichkeiten in ihm wer - den leichter, unſer Blick iſt heiterer, das Licht das uns umglaͤnzt, iſt ſchoͤner. Wenn wir geſund ſchlafen, wird unſer Gang oft ein Flug, unſre Geſtalt iſt groͤßer, unſer Entſchluß kraͤf - tiger, unſre Thaͤtigkeit freier. Und obwohl dies alles vom Koͤrper abhaͤngt, weil jeder kleinſte Zuſtand unſrer Seele nothwendig ihm harmoniſch ſeyn muß, ſo lange ihre Kraͤfte ihm ſo innig einverleibt wirken; ſo zeigt doch die ganze ge - wiß ſonderbare Erfahrung des Schlafes und Traums, die uns ins groͤßte Erſtaunen ſetzen wuͤrde, wenn wir nicht daran gewoͤhnt waͤren, daß nicht jeder Theil unſers Koͤrpers auf gleiche Art zu uns gehoͤre, ja daß gewiſſe Organe unſrer Ma - ſchine abgeſpannet werden koͤnnen und die oberſte Kraft wirke aus bloßen Erinnerungen idealiſcher, lebhafter, freier. Da nun alle Urſachen, die uns den Schlaf bringen, und alle ſei - ne koͤrperliche Symptome nicht blos einer Redart nach ſon -
dern299[279]dern phyſiologiſch und wirklich ein Analogon des Todes ſind; warum ſollten es nicht auch ſeine geiſtige Symptome ſeyn? Und ſo bleibt uns, wenn uns der Todesſchlaf aus Krankheit oder Mattigkeit befaͤllt, Hofnung, daß auch er, wie der Schlaf, nur das Fieber des Lebens kuͤhle, die zu einfoͤrmig und lang-fortgeſetzte Bewegung ſanft um - lenke, manche fuͤr dies Leben unheilbaren Wunden heile und die Seele zu einem frohen Erwachen, zum Genuß eines neuen Jugendmorgens bereite. Wie im Traum meine Gedanken in die Jugend zuruͤckkehren, wie ich in ihm, nur halb entfeſ - ſelt von einigen Organen, aber zuruͤckgedraͤngter in mich ſelbſt, mich freier und thaͤtiger fuͤhle: ſo wirſt auch du, er - quickender Todestraum, die Jugend meines Lebens, die ſchoͤn - ſten und kraͤftigſten Augenblicke meines Daſeyns mir ſchmei - chelnd zuruͤckfuͤhren, bis ich erwache in ihrem — oder viel - mehr im ſchoͤnern Bilde einer himmliſchen Jugend.
Wir ſahen, daß der Zweck unſres jetzigen Daſeyns auf Bildung der Humanitaͤt gerichtet ſei, der alle niedrige Be -duͤrfniſſe300[280]duͤrfniſſe der Erde nur dienen und ſelbſt zu ihr fuͤhren ſollen. Unſre Vernunftfaͤhigkeit ſoll zur Vernunft, unſre feinern Sinne zur Kunſt, unſre Triebe zur aͤchten Freiheit und Schoͤ - ne, unſre Bewegungskraͤfte zur Menſchenliebe gebildet wer - den; entweder wiſſen wir nichts von unſrer Beſtimmung und die Gottheit taͤuſchte uns mit allen ihren Anlagen von innen und auſſen (welche Laͤſterung auch nicht einmal einen Sinn hat) oder wir koͤnnen dieſes Zwecks ſo ſicher ſeyn als Gottes und unſers Daſeyns.
Und wie ſelten wird dieſer ewige, dieſer unendliche Zweck hier erreicht! Bei ganzen Voͤlkern liegt die Vernunft unter der Thierheit gefangen, das Wahre wird auf den irreſten Wegen geſucht und die Schoͤnheit und Aufrichtigkeit, zu der uns Gott erſchuf, durch Vernachlaͤßigung und Ruchloſig - keit verderbet. Bei wenigen Menſchen iſt die Gottaͤhnliche Humanitaͤt im reinen und weiten Umfange des Worts eigent - liches Studium des Lebens; die meiſten fangen nur ſpaͤt an, daran zu denken und auch bei den beſten ziehen niedrige Triebe den erhabenen Menſchen zum Thier hinunter. Wer unter den Sterblichen kann ſagen, daß er das reine Bild der Menſchheit, das in ihm liegt, erreiche oder erreicht habe?
Entweder irrte ſich alſo der Schoͤpfer mit dem Ziel, das er uns vorſteckte und mit der Organiſation, die er zu Errei -chung301[281]chung deſſelben ſo kuͤnſtlich zuſammengeleitet hat: oder dieſer Zweck geht uͤber unſer Daſeyn hinaus und die Erde iſt nur ein Uebungsplatz, eine Vorbereitungsſtaͤte. Auf ihr mußte freilich noch viel Niedriges dem Erhabenſten zugeſellet werden und der Menſch im Ganzen iſt nur eine kleine Stufe uͤber das Thier erhoben. Ja auch unter den Menſchen ſelbſt mußte die groͤßeſte Verſchiedenheit ſtatt finden, da alles auf der Erde ſo vielartig iſt und in manchen Gegenden und Zu - ſtaͤnden unſer Geſchlecht ſo tief unter dem Joch des Klima und der Nothdurft lieget. Der Entwurf der bildenden Vor - ſehung muß alſo alle dieſe Stufen, dieſe Zonen, dieſe Abar - tungen mit einem Blick umfaßt haben und den Menſchen in ihnen allen weiter zu fuͤhren wiſſen, wie er die niedrigen Kraͤfte allmaͤlich und ihnen unbewußt hoͤher fuͤhret. Es iſt befremdend und doch unlaͤugbar, daß unter allen Erdbewoh - nern das menſchliche Geſchlecht dem Ziel ſeiner Beſtimmung am meiſten fern bleibt. Jedes Thier erreicht, was es in ſei - ner Organiſation erreichen ſoll; der einzige Menſch erreichts nicht, eben weil ſein Ziel ſo hoch, ſo weit, ſo unendlich iſt und er auf unſrer Erde ſo tief, ſo ſpaͤt, mit ſo viel Hinderniſſen von außen und innen anfaͤngt. Dem Thier iſt die Mutter - gabe der Natur, ſein Jnſtinkt, der ſichre Fuͤhrer; es iſt noch als Knecht im Hauſe des oberſten Vaters und muß gehor - chen. Der Menſch iſt ſchon als Kind in demſelben undN nſoll,302[282]ſoll, außer einigen nothduͤrftigen Trieben, alles was zur Ver - nunft und Humanitaͤt gehoͤrt, erſt lernen. Er lernets alſo unvollkommen, weil er mit dem Samen des Verſtandes und der Tugend auch Vorurtheile und uͤble Sitten erbet und in ſeinem Gange zur Wahrheit und Seelenfreiheit mit Ketten beſchwert iſt, die vom Anfange ſeines Geſchlechts herreichen. Die Fußtapfen, die goͤttliche Menſchen vor und um ihn ge - zeichnet, ſind mit ſo viel andern verwirrt und zuſammenge - treten, in denen Thiere und Raͤuber wandelten und leider! oft wirkſamer waren als jene wenige erwaͤhlte, große und gu - te Menſchen. Man wuͤrde alſo (wie es auch viele gethan haben), die Vorſehung anklagen muͤſſen, daß ſie den Men - ſchen ſo nah ans Thier grenzen laſſen und ihm, da er dennoch nicht Thier ſeyn ſollte, den Grad von Licht, Veſtigkeit und Sicherheit verſagt habe, der ſeiner Vernunft ſtatt des Jn - ſtinkts haͤtte dienen koͤnnen; oder dieſer duͤrftige Anfang iſt eben ſeines unendlichen Fortganges Zeuge. Der Menſch ſoll ſich nemlich dieſen Grad des Lichts und der Sicherheit durch Uebung ſelbſt erwerben, damit er unter der Leitung ſei - nes Vaters ein edler Freier durch eigne Bemuͤhung werde und er wirds werden. Auch der Menſchenaͤhnliche wird Menſch ſeyn: auch die durch Kaͤlte und Sonnenbrand er - ſtarrte und verdorrte Knoſpe der Humanitaͤt wird aufbluͤ - hen zu ihrer wahren Geſtalt, zu ihrer eigentlichen und gan - zen Schoͤnheit.
Und303[283]Und ſo koͤnnen wir auch leicht ahnen, was aus unſrer Menſchheit allein in jene Welt uͤbergehen kann; es iſt eben dieſe Gottaͤhnliche Humanitaͤt, die verſchloſſene Knoſpe der wahren Geſtalt der Menſchheit. Alles Nothduͤrftige dieſer Erde iſt nur fuͤr ſie: wir laſſen den Kalk unſrer Ge - beine den Steinen und geben den Elementen das Jhrige wieder. Alle ſinnlichen Triebe, in denen wir, wie die Thie - re, der irdiſchen Haushaltung dienten, haben ihr Werk voll - bracht; ſie ſollten bei dem Menſchen die Veranlaſſung edle - rer Geſinnungen und Bemuͤhungen werden und damit iſt ihr Werk vollendet. Das Beduͤrfniß der Nahrung ſollte ihn zur Arbeit, zur Geſellſchaft, zum Gehorſam gegen Ge - ſetze und Einrichtung erwecken und ihn unter ein heilſames, der Erde unentbehrliches Joch feſſeln. Der Trieb der Ge - ſchlechter ſollte Geſelligkeit, vaͤterliche, eheliche, kindliche Lie - be auch in die harte Bruſt des Unmenſchen pflanzen und ſchwere, langwierige Bemuͤhungen fuͤr ſein Geſchlecht ihm angenehm machen, weil er ſie ja fuͤr die Seinen, fuͤr ſein Fleiſch und Blut uͤbernehme. Solche Abſicht hatte die Na - tur bei allen Beduͤrfniſſen der Erde; jedes derſelben ſollte eine Mutterhuͤlle ſeyn, in der ein Keim der Humanitaͤt ſproß - te. Gluͤcklich, wenn er geſproßt iſt; er wird unter dem Stral einer ſchoͤnern Sonne Bluͤthe werden. Wahrheit, Schoͤnheit und Liebe waren das Ziel, nach dem der Menſch inN n 2jeder304[284]jeder ſeiner Bemuͤhungen, auch ihm ſelbſt unbewußt und oft auf ſo unrechten Wegen ſtrebte; das Labyrinth wird ſich ent - wirren, die verfuͤhrenden Zaubergeſtalten werden ſchwinden und ein jeder wird, fern oder nahe, nicht nur den Mittel - punkt ſehn, zu dem ſein Weg geht ſondern Du wirſt ihn auch, muͤtterliche Vorſehung, unter der Geſtalt des Genius und Freundes deß er bedarf, mit verzeihender ſanfter Hand ſelbſt zu ihm leiten. *)Auf welchen Wegen dies geſchehen werde — welche Philoſo - phie der Erde waͤre es, die hieruͤber Gewißheit gebe? Wir werden im Verfolg des Werks auf die Syſteme der Voͤlker von der Seelenwanderung und andern Reinigungen kommen und ihren Urſprung und Zweck entwickeln. Jhre Eroͤrterung gehoͤrt noch nicht hieher.
Alſo auch die Geſtalt jener Welt hat uns der gute Schoͤpfer verborgen, um weder unſer ſchwaches Gehirn zu betaͤuben, noch zu ihr eine falſche Vorliebe zu reizen. Wenn wir indeß den Gang der Natur bei den Geſchlechtern unter uns betrachten und bemerken, wie die Bildnerin Schritt vor Schritt das Unedlere wegwirft und die Nothdurft mildert, wie ſie dagegen das Geiſtige anbauet, das Feine feiner aus - fuͤhrt, und das Schoͤnere ſchoͤner belebet: ſo koͤnnen wir ih - rer unſichtbaren Kuͤnſtlerhand gewiß zutrauen, daß auch dieEfflo -305[285]Effloreſcenz unſrer Knoſpe der Humanitaͤt in jenem Daſeyn gewiß in einer Geſtalt erſcheinen werde, die eigentlich die wahre goͤttliche Menſchengeſtalt iſt und die kein Er - denſinn ſich in ihrer Herrlichkeit und Schoͤne zu dichten ver - moͤchte. Vergeblich iſts alſo auch, daß wir dichten; und ob ich wohl uͤberzeugt bin, daß, da alle Zuſtaͤnde der Schoͤpfung aufs genaueſte zuſammenhangen, auch die organiſche Kraft unſrer Seele in ihren reinſten und geiſtigen Uebungen ſelbſt den Grund zu ihrer kuͤnftigen Erſcheinung lege oder daß ſie wenigſtens, ihr ſelbſt unwiſſend, das Gewebe anſpinne, das ihr ſo lange zur Bekleidung dienen wird, bis der Stral ei - ner ſchoͤnern Sonne ihre tiefſten, ihr ſelbſt hier verborgnen Kraͤfte wecket: ſo waͤre es doch Kuͤhnheit, dem Schoͤpfer Bildungsgeſetze zu einer Welt vorzuzeichnen, deren Verrichtun - gen uns noch ſo wenig bekannt ſind. Gnug, daß alle Ver - wandlungen, die wir in den niedrigen Reichen der Natur bemerken, Vervollkommungen ſind und daß wir alſo we - nigſtens Winke dahin haben, wohin wir hoͤherer Urſachen we - gen zu ſchauen unfaͤhig waren. Die Blume erſcheint un - ſerm Auge als ein Samenſproͤschen, ſodenn als Keim; der Keim wird Knoſpe und nun erſt gehet das Blnmengewaͤchs hervor, das ſeine Lebensalter in dieſer Oekonomie der Erde anfaͤngt. Aehnliche Auswirkungen und Verwandlungen gibt es bei mehrern Geſchoͤpfen, unter denen der Schmetter -N n 3ling306[286]ling ein bekanntes Sinnbild geworden. Siehe da kriecht die haͤßliche einem groben Nahrungstriebe dienende Raupe, ihre Stunde kommt und Mattigkeit des Todes befaͤllt ſie: ſie ſtemmet ſich an: ſie windet ſich ein: ſie hat das Geſpinſt zu ihrem Todtengewande, ſo wie zum Theil die Organe ihres neuen Daſeyns ſchon in ſich. Nun arbeiten die Ringe: nun ſtreben die inwendigen organiſchen Kraͤfte. Langſam geht die Verwandlung zuerſt und ſcheint Zerſtoͤrung: zehn Fuͤße bleiben an der abgeſtreiften Haut und das neue Ge - ſchoͤpf iſt noch unfoͤrmlich in ſeinen Gliedern. Allmaͤlich bil - den ſich dieſe und treten in Ordnung: das Geſchoͤpf aber er - wacht nicht eher, bis es ganz da iſt: nun draͤnget es ſich ans Licht, und ſchnell geſchiehet die letzte Ausbildung. Wenige Minuten; und die zarten Fluͤgel werden fuͤnfmal groͤßer als ſie noch eben unter der Todeshuͤlle waren: ſie ſind mit ela - ſtiſcher Kraft und mit allem Glanz der Stralen begabt, der unter dieſer Sonne nur ſtatt fand; zahlreich und groß, um das Geſchoͤpf wie auf Schwingen des Zephyrs zu tragen. Sein ganzer Bau iſt veraͤndert: ſtatt der groben Blaͤtter, zu denen es vorhin gebildet war, genießt es jetzt Nektarthau vom goldnen Kelch der Blumen. Seine Beſtimmung iſt veraͤndert: ſtatt des groben Nahrungstriebes dient es einem feinern, der Liebe. Wer wuͤrde in der Raupengeſtalt den kuͤnftigen Schmetterling ahnen? wer wuͤrde in beiden Einund307[287]und daſſelbe Geſchoͤpf erkennen, wenn es uns die Erfahrung nicht zeigte? Und beide Exſiſtenzen ſind nur Lebensalter Ei - nes und Deſſelben Weſens auf Einer und derſelben Erde, wo der organiſche Kreis gleichartig wieder anfaͤngt; wie ſchoͤ - ne Ausbildungen muͤſſen im Schoos der Natur ruhn, wo ihr organiſcher Cirkel weiter iſt und die Lebensalter, die ſie aus - bildet, mehr als Eine Welt umfaſſen. Hoffe alſo o Menſch und weiſſage nicht: der Preis iſt dir vorgeſteckt, um den kaͤmpfe. Wirf ab was unmenſchlich iſt: ſtrebe nach Wahr - heit, Guͤte und Gottaͤhnlicher Schoͤnheit; ſo kannſt du dei - nes Ziels nicht verfehlen.
Und ſo zeigt uns die Natur auch in dieſen Analogieen werdender d. i. uͤbergehender Geſchoͤpfe, warum ſie den Todesſchlummer in ihr Reich der Geſtalten einwebte. Er iſt die wohlthaͤtige Betaͤubung, die ein Weſen umhuͤllet, in dem jetzt die organiſchen Kraͤfte zur neuen Ausbildung ſtre - ben. Das Geſchoͤpf ſelbſt mit ſeinem wenigern oder meh - rern Bewußtſeyn iſt nicht ſtark gnug, ihren Kampf zu uͤber - ſehn oder zu regieren; es entſchlummert alſo und erwacht nur, wenn es ausgebildet da iſt. Auch der Todesſchlaf iſt alſo eine vaͤterliche milde Schonung; er iſt ein heilſames Opium, unter deſſen Wirkung die Natur ihre Kraͤfte ſammlet und der entſchlummerte Kranke geneſet.
Alles iſt in der Natur verbunden: ein Zuſtand ſtrebt zum andern und bereitet ihn vor. Wenn alſo der Menſch die Kette der Erdorganiſation als ihr hoͤchſtes und letztes Glied ſchloß: ſo faͤngt er auch eben dadurch die Kette einer hoͤhern Gattung von Geſchoͤpfen als ihr niedrigſtes Glied an; und ſo iſt er wahrſcheinlich der Mittelring zwiſchen zwei in einan - der greifenden Syſtemen der Schoͤpfung. Auf der Erde kann er in keine Organiſation mehr uͤbergehen oder er muͤßte ruͤckwaͤrts und ſich im Kreiſe umhertaumeln; ſtillſtehen kann er nicht, da keine lebendige Kraft im Reich der wirkſamſten Guͤte ruhet; alſo muß ihm eine Stufe bevorſtehn, die ſo dicht an ihm und doch uͤber ihm ſo erhaben iſt, als er, mit dem edelſten Vorzuge geſchmuͤckt, ans Thier grenzet. Dieſe Ausſicht, die auf allen Geſetzen der Natur ruhet, giebt uns allein den Schluͤſſel ſeiner wunderbaren Erſcheinung, mithin die einzige Philoſophie der Menſchengeſchichte. Denn nun wird
1. Der309[289]1. Der ſonderbare Widerſpruch klar, in dem ſich der Menſch zeiget. Als Thier dienet er der Erde und hangt an ihr als ſeiner Wohnſtaͤte; als Menſch hat er den Samen der Unſterblichkeit in ſich, der einen andern Pflanzgarten fo - dert. Als Thier kann er ſeine Beduͤrfniſſe befriedigen und Menſchen, die mit ihnen zufrieden ſind, befinden ſich ſehr wohl hienieden. Sobald er irgend eine edlere Anlage ver - folgt, findet er uͤberall Unvollkommenheiten und Stuͤckwerk; das Edelſte iſt auf der Erde nie ausgefuͤhrt worden, das Reinſte[h]at ſelten Beſtand und Dauer gewonnen: fuͤr die Kraͤfte unſers Geiſtes und Herzens iſt dieſer Schauplatz im - mer nur eine Uebungs - und Pruͤfungsſtaͤte. Die Geſchichte unſers Geſchlechts mit ihren Verſuchen, Schickſalen, Unter - nehmungen und Revolutionen beweiſet dies ſattſam. Hie und da kam ein Weiſer, ein Guter und ſtreuete Gedanken, Rathſchlaͤge und Thaten in die Fluth der Zeiten; einige Wel - len kreiſeten ſich umher, aber der Strom riß ſie hin und nahm ihre Spur weg; das Kleinod ihrer edlen Abſichten ſank zu Grunde. Narren herrſchten uͤber die Rathſchlaͤge der Wei - ſen und Verſchwender erbten die Schaͤtze des Geiſtes ihrer ſammlenden Eltern. So wenig das Leben des Menſchen hienieden auf eine Ewigkeit berechnet iſt: ſo wenig iſt die runde, ſich immer bewegende Erde eine Werkſtaͤte bleiben - der Kunſtwerke, ein Garten ewiger Pflanzen, ein LuſtſchloßO oewi -310[290]ewiger Wohnung. Wir kommen und gehen: jeder Augen - blick bringt tauſende her und nimmt tauſende hinweg von der Erde: ſie iſt eine Herberge fuͤr Wandrer, ein Jrrſtern, auf dem Zugvoͤgel ankommen und Zugvoͤgel wegeilen. Das Thier lebt ſich aus und wenn es auch hoͤhern Zwecken zu Folge ſich den Jahren nach nicht auslebet: ſo iſt doch ſein innerer Zweck erreicht; ſeine Geſchicklichkeiten ſind da und es iſt was es ſeyn ſoll. Der Menſch allein iſt im Wider - ſpruch mit ſich und mit der Erde: denn das ausgebildetſte Geſchoͤpf unter allen ihren Organiſationen iſt zugleich das un - ausgebildetſte in ſeiner eignen neuen Anlage, auch wenn er Le - bensſatt aus der Welt wandert. Die Urſache iſt offenbar die, daß ſein Zuſtand, der letzte fuͤr dieſe Erde, zugleich der erſte fuͤr ein andres Daſeyn iſt, gegen den er wie ein Kind in den erſten Uebungen hier erſcheinet. Er ſtellet alſo zwo Wel - ten auf einmal dar; und das macht die anſcheinende Dupli - citaͤt ſeines Weſens.
2. Sofort wird klar, welcher Theil bei den meiſten hienieden der herrſchende ſeyn werde. Der groͤßeſte Theil des Menſchen iſt Thier; zur Humanitaͤt hat er blos die Faͤ - higkeit auf die Welt gebracht und ſie muß ihm durch Muͤhe und Fleiß erſt angebildet werden. Wie Wenigen iſt es nun auf die rechte Weiſe angebildet worden! und auch beiden311[291]den beſten, wie fein und zart iſt die ihnen aufgepflanzte goͤtt - liche Blume! Lebenslang will das Thier uͤber den Menſchen herrſchen und die meiſten laſſen es nach Gefallen uͤber ſich re - gieren. Es ziehet alſo unaufhoͤrlich nieder, wenn der Geiſt hinauf, wenn das Herz in einen freien Kreis will; und da fuͤr ein ſinnliches Geſchoͤpf die Gegenwart immer lebhafter iſt, als die Entfernung, und das Sichtbare maͤchtiger auf daſſelbe wirkt, als das Unſichtbare: ſo iſt leicht zu erachten, wohin die Waage der beiden Gewichte uͤberſchlagen werde. Wie wenig reiner Freuden, wie wenig reiner Erkenntniß und Tugend iſt der Menſch faͤhig! und wenn er ihrer faͤhig waͤre, wie wenig iſt er an ſie gewoͤhnt! Die edelſten Verbindungen hienieden werden von niedrigen Trieben, wie die Schiffarth des Lebens von widrigen Winden geſtoͤrt und der Schoͤ - pfer, barmherzig-ſtrenge, hat beide Verwirrungen in einan - der geordnet, um Eine durch die andre zu zaͤhmen und die Sproſſe der Unſterblichkeit mehr durch rauhe Winde als durch ſchmeichelnde Weſte in uns zu erziehen. Ein vielverſuchter Menſch hat viel gelernet: ein traͤger und muͤßiger weiß nicht, was in ihm liegt, noch weniger weiß er mit ſelbſtgefuͤhlter Freude, was er kann und vermag. Das Leben iſt alſo ein Kampf und die Blume der reinen, unſterblichen Humanitaͤt eine ſchwererrungene Krone. Den Laͤufern ſteht das Ziel am Ende; den Kaͤmpfern um die Tugend wird der Kranz im Tode.
O o 23. Wenn312[292]3. Wenn hoͤhere Geſchoͤpfe alſo auf uns blicken: ſo moͤgen ſie uns wie wir die Mittelgattungen betrachten, mit denen die Natur aus Einem Element ins andre uͤbergehet. Der Straus ſchwingt matt ſeine Fluͤgel nur zum Lauf, nicht zum Fluge: ſein ſchwerer Koͤrper zieht ihn zum Boden. Jndeſſen auch fuͤr ihn und fuͤr jedes Mittelgeſchoͤpf hat die organiſirende Mutter geſorget: auch ſie ſind in ſich vollkom - men und ſcheinen nur unſerm Auge unfoͤrmlich. So iſts auch mit der Menſchennatur hienieden: ihr Unfoͤrmliches faͤllt ei - nem Erdengeiſt ſchwer auf; ein hoͤherer Geiſt aber, der in das Jnwendige blickt und ſchon mehrere Glieder der Kette ſiehet, die fuͤr einander gemacht ſind, kann uns zwar bemit - leiden aber nicht verachten. Er ſiehet, warum Menſchen in ſo vielerlei Zuſtaͤnden aus der Welt gehen muͤſſen, jung und alt, thoͤricht und weiſe, als Greiſe die zum zweitenmal Kin - der wurden, oder gar als Ungebohrne. Wahnſinn und Misge - ſtalten, alle Stufen der Cultur, alle Verirrungen der Menſchheit umfaßte die allmaͤchtige Guͤte und hat Balſam gnug in ihren Schaͤtzen, auch die Wunden, die nur der Tod lindern konnte, zu heilen. Da wahrſcheinlich der kuͤnftige Zuſtand ſo aus dem jetzigen hervorſproßt, wie der unſre aus dem Zuſtande niedrigerer Organiſationen: ſo iſt ohne Zweifel auch das Geſchaͤft deſſelben naͤher mit unſerm jetzigen Daſeyn verknuͤpft, als wir denken. Der hoͤhere Garte bluͤhet nurdurch313[293]durch die Pflanzen, die hier keimten und unter einer rauhen Huͤlle die erſten Sproͤschen trieben. Jſt nun, wie wir geſe - hen haben, Geſelligkeit, Freundſchaft, wirkſame Theilneh - mung beinahe der Hauptzweck, worauf die Humanitaͤt in ihrer ganzen Geſchichte der Menſchheit angelegt iſt: ſo muß dieſe ſchoͤnſte Bluͤthe des menſchlichen Lebens nothwendig dort zu der erquickenden Geſtalt, zu der umſchattenden Hoͤhe gelangen, nach der in allen Verbindungen der Erde unſer Herz vergebens duͤrſtet. Unſre Bruͤder der hoͤhern Stufe lieben uns daher gewiß mehr und reiner, als wir ſie ſuchen und lieben koͤnnen: denn ſie uͤberſehen unſern Zuſtand klaͤ - rer; der Augenblick der Zeit iſt ihnen voruͤber, alle Dishar - monien ſind aufgeloͤſet und ſie erziehen an uns vielleicht un - ſichtbar ihres Gluͤckes Theilnehmer, ihres Geſchaͤfts Bruͤ - der. Nur Einen Schritt weiter; und der gedruͤckte Geiſt kann freier athmen, das verwundete Herz iſt geneſen: ſie ſe - hen den Schritt herannahn und helfen dem Gleitenden maͤch - tig hinuͤber.
4. Jch kann mir alſo auch nicht vorſtellen, daß, da wir eine Mittelgattung von zwo Claſſen und gewiſſermaaßen die Theilnehmer beider ſind, der kuͤnftige Zuſtand von dem jetzigen ſo fern und ihm ſo ganz unmittheilbar ſeyn ſollte, als das Thier im Menſchen gern glauben moͤchte; vielmehr wer -O o 3den314[294]den mir in der Geſchichte unſres Geſchlechts manche Schritte und Erfolge ohne hoͤhere Einwirkung unbegreiflich. Daß z. B. der Menſch ſich ſelbſt auf den Weg der Cultur gebracht und ohne hoͤhere Anleitung ſich Sprache und die erſte Wiſ - ſenſchaft erfunden, ſcheinet mir unerklaͤrlich und immer uner - klaͤrlicher, je einen laͤngern rohen Thierzuſtand man bei ihm vorausſetzt. Eine goͤttliche Haushaltung hat gewiß uͤber dem menſchlichen Geſchlecht von ſeiner Entſtehung an gewal - tet und hat es auf die ihm leichteſte Weiſe zu ſeiner Bahn gefuͤhret. Je mehr aber die menſchliche Kraͤfte ſelbſt in Ue - bung waren: deſto weniger bedorften ſie theils dieſer hoͤhern Beihuͤlfe, oder deſto minder wurden ſie ihrer faͤhig; obwohl auch in ſpaͤtern Zeiten die groͤßeſten Wirkungen auf der Erde durch unerklaͤrliche Umſtaͤnde entſtanden ſind oder mit ihnen begleitet geweſen. Selbſt Krankheiten waren dazu oft Werk - zeuge: denn wenn das Organ aus ſeiner Proportion mit an - dern geſetzt und alſo fuͤr den gewoͤhnlichen Kreis des Erde - lebens uubrauchbar worden iſt: ſo ſcheints natuͤrlich, daß die innere raſtloſe Kraft ſich nach andern Seiten des Weltalls kehre und vielleicht Eindruͤcke empfange, deren eine ungeſtoͤrte Organiſation nicht faͤhig war, deren ſie aber auch nicht be - dorfte. Wie dem aber auch ſei, ſo iſts gewiß ein wohlthaͤti - ger Schleier, der dieſe und jene Welt abſondert und nicht ohne Urſach iſts ſo ſtill und ſtumm um das Grab eines Tod -ten.315[295]ten. Der gewoͤhnliche Menſch auf dem Gange ſeines Le - bens wird von Eindruͤcken entfernt, deren ein einziger den ganzen Kreis ſeiner Jdeen zerruͤtten und ihn fuͤr dieſe Welt unbrauchbar machen wuͤrde. Kein nachahmender Affe hoͤhe - rer Weſen ſollte der zur Freihet erſchaffene Menſch ſeyn: ſondern auch wo er geleitet wird, im gluͤcklichen Wahn ſte - hen, daß er ſelbſt handle. Zu ſeiner Beruhigung und zu dem edlen Stolz, auf dem ſeine Beſtimmung liegt, ward ihm der Anblick edlerer Weſen entzogen: denn wahrſchein - lich wuͤrden wir uns ſelbſt verachten, wenn wir dieſe kennten. Der Menſch alſo ſoll in ſeinen kuͤnftigen Zuſtand nicht hin - einſchauen, ſondern ſich hineinglauben.
5. So viel iſt gewiß, daß in jeder ſeiner Kraͤfte eine Unendlichkeit liegt, die hier nur nicht entwickelt werden kann, weil ſie von andern Kraͤften, von Sinnen und Trieben des Thiers unterdruͤckt wird und zum Verhaͤltniß des Erdelebens gleichſam in Banden lieget. Einzelne Beiſpiele des Ge - daͤchtniſſes, der Einbildungskraft, ja gar der Vorherſagung und Ahnung haben Wunderdinge entdeckt, von dem ver - borgenen Schatz, der in menſchlichen Seelen ruhet; ja ſogar die Sinne ſind davon nicht ausgeſchloſſen. Daß meiſtens Krankheiten und gegenſeitige Maͤngel dieſe Schaͤtze zeigten, aͤndert in der Natur der Sache nichts, da eben dieſe Diſpro -portion316[296]portion erfordert wurde, dem Einem Gewicht ſeine Freiheit zu geben und die Macht deſſelben zu zeigen. Der Ausdruck Leibnitz, daß die Seele ein Spiegel des Weltalls ſei, ent - haͤlt vielleicht eine tiefere Wahrheit, als die man aus ihm zu entwickeln pfleget; denn auch die Kraͤfte eines Weltalls ſcheinen in ihr verborgen und ſie bedarf nur einer Organiſa - tion oder einer Reihe von Organiſationen, dieſe in Thaͤtig - keit und Uebung ſetzen zu doͤrfen. Der Allguͤtige wird ihr dieſe Organiſationen nicht verſagen und er gaͤngelt ſie als ein Kind, ſie zur Fuͤlle des wachſenden Genuſſes, im Wahn ei - gen erworbener Kraͤfte und Sinne allmaͤlich zu bereiten, Schon in ihren gegenwaͤrtigen Feſſeln ſind ihr Raum und Zeit leere Worte: ſie meſſen und bezeichnen Verhaͤltniſſe des Koͤrpers, nicht aber ihres innern Vermoͤgens, das uͤber Raum und Zeit hinaus iſt, wenn es in ſeiner vollen innigen Freude wirket. Um Ort und Stunde deines kuͤnftigen Daſeyns gib dir alſo keine Muͤhe; die Sonne, die deinem Tage leuchtet, miſſet dir deine Wohnung und dein Erdengeſchaͤft und verdunkelt dir ſo lange alle himmliſche Sterne. Sobald ſie untergeht, erſcheint die Welt in ihrer groͤßern Geſtalt: die heilige Nacht, in der du einſt eingewickelt lageſt und einſt eingewickelt liegen wirſt, bedeckt deine Erde mit Schatten und ſchlaͤgt dir dafuͤr am Himmel die glaͤnzenden Buͤcher derUn -317[297]Unſterblichkeit auf. Da ſind Wohnungen, Welten und Raͤume —
Sie ſelbſt wird nicht mehr ſeyn, wenn du noch ſeyn wirſt und in andern Wohnplaͤtzen und Organiſationen Gott und ſeine Schoͤpfung genieſſeſt. Du haſt auf ihr viel Gutes genoſſen. Du gelangteſt auf ihr zu der Organiſation, in der du als ein Sohn des Himmels um dich her und uͤber dich ſchauen lernteſt. Suche ſie alſo vergnuͤgt zu verlaſſen und ſegne ihr als der Aue nach, wo du als ein Kind der Unſterb - lichkeit ſpielteſt und als der Schule nach, wo du durch Leid und Freude zum Mannesalter erzogen wurdeſt. Du haſt weiter kein Anrecht an ſie: ſie hat kein Anrecht an dich: mit dem Hut der Freiheit gekroͤnt und mit dem Gurt des Him - mels geguͤrtet, ſetze froͤlich deinen Wanderſtab weiter.
P pWie318[298]Wie alſo die Blume da ſtand und in aufgerichteter Ge - ſtalt das Reich der unterirdiſchen, noch unbelebten Schoͤ - pfung ſchloß, um ſich im Gebiet der Sonne des erſten Le - bens zu freuen: ſo ſtehet uͤber allen zur Erde gebuͤckten der Menſch wieder aufrecht da. Mit erhabnem Blick und auf gehobnen Haͤnden ſtehet er da als ein Sohn des Hauſes den Ruf ſeines Vaters erwartend.
CLARIN-DNote: Langfristige Bereitstellung der DTA-Ausgabe
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