Die Koͤnigin iſt weg: Das Spiel iſt ver - loren, ſagte Herr v. G.; da von der Abreiſe meines Vaters geredet ward.
Ich wuͤrde dieſen Umſtand meinem Vater nicht nachleichreden, wenn ich mich nicht bei den Leſern des zweiten Theils entſchuldigen muͤßte, warum ich aus der Noth eine Tu - gend gemacht, und mich in den feſten Ort der Erzaͤhlung geworfen.
Freylich iſt man hiebey vor den leichten Truppen der Kritik ſicherer; was aber meine kunſtrichterlichen Leſer dazu ſagen werden, die entweder bei der ſchweren Cavallerie in Dienſten ſtehen — oder blos aus Luſt und Liebe leſen, und gar nicht in gelehrten Kriegs - dienſten ſind, muß die Zeit lehren. — Aug und Ohr haben zwar viel Aehnlichkeit mit einander, allein alle Welt ſpricht von ſchoͤ - nen Augen; ein verzaͤrtelter Kenner aber nur vom ſchoͤnen Ohr. Das Geſicht iſt un - ſtreitig der edelſte Sinn, ohn’ ihn iſt kein anderer Sinn vollſtaͤndig. Auch ſelbſt, wennich6ich im gemeinen Leben erzaͤhlen hoͤre, ſeh’ ich — ich ſehe den Erzaͤhler ſteif an, recht als ſchien ich es zu bedauren, daß ich dieſe Geſchichte nicht im Original geſehen, ich ver - lange, der Erzaͤhler ſoll ſie nachhandeln: Soll, was und wie es geſchehen, leibhaftig zeigen. Je mehr ein Erzaͤhler zu ſehen iſt, je mehr freu ich mich, je mehr ſind ich die Kopie getroffen. Oft’ hab ich gedacht, daß es eine Geſchichte geben koͤnne, (ob einen Ro - man, weis ich nicht, wo man nicht hoͤre, ſondern ſehe, durch und durch ſehe, wo nicht Erzaͤhlung ſondern Handlung waͤre, wo man alles oder wenigſtens mehr ſehe, als hoͤre. — Man ſieht freilich den Erzaͤhler im gemeinen Leben; allein die Wahrheit zu ſagen, man hoͤrt ihn mehr, und es wuͤrd’ Affektation ſeyn, wenn er mehr zu ſehen, als zu hoͤren waͤre. Ein Erzaͤhler, wenn er im Druck erſcheint, wie wenig iſt er zu ſe - hen! wie weit weniger als im gemeinen Le - ben! — — — — Dergleichen Geſchichte, wo, wie meine Mutter ſagen wuͤrde, ge - wandelt und gehandelt wird, will man ſie eine redende, eine Geſchichte mit eignen Worten nennen, meinthalben! Daß eine Ge - ſchichte durchweg in Geſpraͤchen, eine inFrag7Frag und Antworten, ein ganz ander Ding ſey, verſteht ſich. Waͤren in einer redenden Geſchichte auch nur ausgeriſſene Lebensblaͤt - ter, wie leicht wuͤrden ſie zuſammen zu ſetzen ſeyn. — Man wuͤrde dem Leſer noch oben ein eben hiedurch unvermerkt Gelegenheit zu mehrerer Anſtrengung geben, und ihn zum Mitarbeiter an ſeinem Werke machen. — — Daß ich es bei dieſer Geſchichte zu dieſem Ziel nicht angelegt, beſcheid’ ich mich von ſelbſt, und ich bin ſchon zufrieden, wenn mein Lebenslauf nur hier und da Darſtellung ent - haͤlt, und wenn ſich in dem Schluſſe des erſten Bandes die Perſonen ſelbſt zu erkennen und zu verſtehen gegeben. Rede und du biſt, koͤnnte das Motto zu dieſen Geſpraͤchen ſeyn: es liegt eine beſondre Natur in der Rede. — —
Zwar waren auch ohne meinen Vater noch vortrefliche Officier auf dem Brette, die noch immer redend eingefuͤhrt zu werden verdient haͤtten; allein der kommandirende General war gefallen. — Wer wuͤrde mei - nem Vater wohl dieſe Ehre ſtreitig gemacht haben, wenn er nicht zu oft auf die Kanzel geſtiegen?
Herr v. G. hatte, um auf dem Brette zu bleiben, den Gang des Elephanten:
A 3Wer8Wer den Springer vorſtellte, wiſſen wir alle —
Vielleicht finden meine Leſer noch mehr aus dem Schachſpiel in der Geſellſchaft, aus der mein Vater ploͤtzlich ſchied. Dies Spiel iſt Bild der Welt, wenn auch nur Koͤnig und Koͤnigin in Erwaͤgung genom - men werden. — So wie ſie im Schach ge - ſchehen, ſo gemeinhin in der Welt — Herr v. W. hatte den Dionyſius beſchaͤmt, und den Waldhorniſten ein anſehnliches und fuͤhl - bares Compliment in die Hand gedruͤckt. Die Art, wie er dieſes Geſchenk gegeben, haben wir nicht noͤthig abzulauern, um ihn mehr zu wißen; denn wir wiſſen ihn ſchon inwendig und auswendig. Er hatte Urſache, dieſe Schreier zum Schweigen zu bringen; denn es gingen die Vigilien wegen eines den folgenden Tag zu feyernden Trauerfeſies an.
Der Laufer, Herr Herrmann, bedeu - tete mehr, nachdem mein Vater weg war, und Herr v. W. ihn deckte. Herr Herrmann ſchien ſich ſo gar, vielleicht in Ruͤckſicht die - ſer Deckung, ein Direktorium uͤber mich an - zumaaßen. Ich konnt’ ihm hiezu keine Be - fugniß zugeſtehen; denn obgleich er mir zu Bruſttuͤchern ehemals Maas genommen; ſoglaubt9glaubt’ ich doch dieſerhalb keine Pflicht zur Verehrung auf mir zu haben. Die Feyer - kleider waren ihm ohnedem nicht anver - trauet worden. Von meiner Seite ge - hoͤrte die Nachſicht auf Minchens Rech - nung. Ihretwegen that ich, was ich that; indeſſen vergaß ich nicht, daß ſie ſelbſt mich mit dem Herrn Herrmann, als Vater, nicht beſchweren wolte. Herr v. G. war durch den Alten ſo geruͤhrt, daß er nicht ins Leben zuruͤckkehren konnte; er ſahe ſchon jetzt immer gen Himmel, obgleich noch nicht die acht Tag’ um waren, wo der Alte ein Zeug - niß in perpetuam rei memoriam fuͤr ihn im Himmel einzulegen verſprochen. Die Vigi - lien des Herrn von W. kamen dem Herrn v. G. ſo zur rechten Zeit, daß er mit feſtlich ward. Die Frau v. W., und ihre kleine Tochter, unterhielten ſich von dem armen bedraͤngten Sterbenden, den mein Vater troͤſten ſolte. Frau v. G. ſelbſt hatte ſich zu dieſem Vorfall, obgleich der Sterbende nicht von Adel — nicht einſt ein Litteratus, mit - hin nach Landesart ein Bauer war, hoch - adlich herunter zu laſſen geruhet, und ſo war unſere Geſellſchaft des alten Mannes, der in acht Tagen ſterben wird, und des unſchuldi -A 4gen10gen Sohnsmoͤrders wegen, in eine ſo heilige Schwermuth geſunken, daß Herr v. W., der den ſanft und ſeligen Hintritt ſeines Ael - tervaters zu feyern anfieng, mit Herz und Sinn dieſes Feſt, und wie mir’s vorkam fruͤher, als es ſonſt geſchehen waͤre, begann.
Die Herren v. X. Y. Z. und ihre Ge - mahlinnen gehoͤrten nicht zur heiligſchwer - muͤthigen Geſellſchaft. Sie waren zwar ver - ſtummet; allein blos, weil die Waldhorni - ſten verſtummt waren, denen Herr v. W. das Maul geſtopft hatte. Dieſe Herren ſchienen von curſcher Politik, Wein und Waldhoͤrnern trunken, ſo daß ſie ſich weder in Ruͤckſicht des Leibes, noch der Seele, aufrecht halten konnten. Sie ſaßen nicht, ſondern lagen auf ihren Stuͤhlen; jeder hatte ſich zwei Stuͤhle zugeeignet, den dritten Stuhl rechne ich nicht, auf dem der rechte Arm uͤbergeſchlagen lag: denn auf dieſem dritten ungerechneten ſaß die eine Haͤlfte des Nach - bars. Die Herren v. X. Y. Z. waren alſo in einander gekettet. So ſchwach indeſſen dieſe gute Herren ſchienen; ſo hatten ſie doch ſo viel Staͤrke, Hand an ihre Pfeiffen zu le - gen, und ſich in Rauch zu huͤllen. Sie ſchmauchten wie aus einem Munde, undhiel -11hielten ſo genau Takt, als ihn Herr Herr - mann, wenn er ein Poſitiv ſchlug, oder meine Mutter, wenn ſie ihrem Hauſe eine neue Melodie beibringen wollte, nur halten konnten. Aus dieſer Lage zu urtheilen, waͤ - ren die Herren v. X. Y. Z. ſo leicht nicht aus dem Schlaf zu bringen geweſen: es haͤtte denn an den Herzog Jocobus gedacht wer - den muͤſſen, der den Uniten, welche ſich mit der Katholiſchen Religion vereiniget, als ver - triebenen Exulanten rußiſcher Nation, die freie Religionsuͤbung zugeſtanden — oder an den Titel Wohlgebohren, welcher der Rit - terſchaft im Jahr unſers Herrn, ein tau - ſend ſechshundert und vier und achtzig bewil - liget wurde, obgleich ſie durch aus und durch all Hochwohlgebohren heißen wollten — oder an den Rangſtreit mit der Geiſtlichkeit, woruͤber bitter geſtritten worden — oder an den Oberkammerherrn v. — und deſſen maͤnnliche Deſcendenten — oder an die Ka - tholiſche Religion in Curland. —
Dergleichen Staatsanſtoͤße wuͤrden viel - leicht (gewiß weiß ichs nicht) die Herren v. X. Y. Z. ermuntert und von drittehalb Stuͤhlen auf einen, oder gar auf die Beine gebracht haben.
A 5Es12Es war indeſſen niemand aus der heilig - ſchmermuͤthigen Geſellſchaft, der dieſen Ap - pel zu ſchlagen, und den Verſuch zu machen Luſt hatte, ob die liegende Herren hierdurch aufzuwiegeln waͤren? Daß ſie nicht ſtill ge - blieben, iſt zuverlaͤßig: ob ſie aber aufgebro - chen waͤren — daran zweifl’ ich. Giebts denn nicht Agenten von Haus aus? —
Ein Wort der Ermunterung waͤr’ es auch geweſen, wenn man den Hunden ein Patent als Adjudanten des Menſchen aus - gefertigt: oder einen meerſchaumen Pfeifenkopfs - handel aufgebracht haͤtte.
Die gnaͤdigen Frauen v. X. Y. Z. ſaßen, die Haͤnde um den Magen kreuzweiſe gelegt, als ob ſie ihre Magen zur Verdauung ein - ſeegnen wolten. Sie ſahen hierbey die Frau v. G. ſteif und feſt an, als ob ſie ſich fuͤr die empfangene Gaben bedanken, und ſich, vor wie nach, ihrer Protektion empfeh - len wolten. Der Frau v. G. Aushuͤlfe bei Gelegenheit des Schooshuͤndchens war ihnen, und das mit Recht, im friſchen An - denken. —
Mein Reiſegeferth war nicht Fiſch nicht Fleiſch. Er hatte mit mir Bruͤderſchaftgemacht,13gemacht, und ich hatte Hofnung ihn zu er - weichen, und ihn zu einen gutgeſinnten Kir - chenpatron zu bekehren, der die Jagd an - dern Pflichten unterordnen muß; allein die Herren v. X. Y. Z., als jagdgerechte Jaͤger, hatten ihn wieder ganz und gar — wie es ſchon aus den Tiſchreden des vorigen Bandes zum Theil hervorſtrahlt. Er war in Gedan - ken, Geberden, Worten und Werken, mit den Herren v. X. Y. Z. auf Wild ausge - wandert: denn ſelbſt in der tiefſten Stille, die auf die Herren v. X. Y. Z. lag, hielten ſie die Pfeifen als ein Mordgewehr, zielten und machten Puf, Paf, und wieder Puf Paf! Mein Reiſegefehrte hielt ſeine Pfeife, zielte wie ſie, und toͤnte Puf, Paf! wie ſie, und wieder Puf, Paf! — Er war in ihrer Wolke auf und angenommen. —
Doch muß ich (und das wird meinen Le - ſern eine erfreuliche Nachricht ſeyn, weil der juͤngere Herr v. G. ein Sohn des aͤltern Herrn v. G. iſt) pflichtſchuldigſt bemerken, daß er ſeinen kuͤnftigen Paſtor nicht voͤllig vergeſſen hatte. Wenn er ſeine Pfeife nach - ſtopfte und aus dem Takte kam, brach ſich ſein Blick durch den Nebel zu mir, und da ſeine Pfeife gluͤhete und nicht ſogleich wiedergela -14geladen werden konnte, kam er ſogar zu mir, faßte mich bruͤderlich an und fragte: warum ſo traurig? und warum nicht auf Puf und Paf mitgemacht? So was, fuͤgt’ er hinzu, ſtaͤrkt das Auge, und wenn wir morgen auf die Jagd gehen, haſt du ſchon eine vorlaͤu - fige Theorie, die du benutzen kannſt — ich verſicherte, heut am wenigſten zum Puf, Paf Anſatz zu haben. Ich verdenk dir deinen Truͤbſinn nicht, fuhr er fort — Dein Va - ter — —
Scheiden heißt ſterben, hatt’ ich zu ihm geſagt, da mein Vater abfuhr, und dies Wort zu ſeiner Zeit war ſo gluͤcklich geweſen, den Weg zu ſeinem Herzen zu finden, der ſo leicht nicht zu finden war. Seine Liebes - grenze ging nicht weiter, als bis Vater und Mutter, und zur Noth Schweſter und Bru - der. — Weiter, glaub’ ich, geht ſie auch bei keinem Jaͤger, Koch und Schlaͤchter, welches Profeſſionsverwandte oder hoͤchſtens von einem und demſelben Handwerk unter - ſchieden ſind, wie Frauens - und Manns - ſchneider. — Außer Vater und Mutter, und zur Noth Bruder und Schweſter, ſchien dem Herrn v. G. dem juͤngern alles Wild — — —
Man15Man gieng den Abend zeitig zur Tafel, weil alles die Karten verbeten hatte. — Zur Ehre der Herren v. X. Y. Z. muß ich noch anfuͤhren, daß ſie nach ihrem Ausſchlaf, um die edle Zeit auszukaufen, eine Stunde Wuͤr - fel geſpielt. —
Bei Tafel war alles auf den Ton des Herrn v. W. geſtimmt, der mit ſchwarzer Weſte, ſchwarzen Beinkleidern, und einem Flor um den linken Arm, bei der Mahlzeit erſchien. Man ſprach viel von den Schick - ſalen der Menſchen und von der Ungewißheit der Todesſtunde. Herr v. W. erzaͤhlte den Lebenslauf des Herr v. W., ſeines Herrn Grosvaters, dem heute aufs neue parentirt ward. Herr v. G. ſprach vom Tode, wie ein Gerechter, der in ſeinem Tode getroſt iſt. Die Vernunft, ſagt’ er, iſt ein Kuͤſſen; al - lein kein Kopfkuͤſſen. Die Einbildungskraft muß auch Beſchaͤftigung haben, wenns zum Scheiden geht. Wohl uns indeſſen, daß wir nicht wiſſen, wenn wir ſterben: denn wir wuͤrden dann nicht leben, nicht ſterben — beides iſt gut. — Doch, fuhr er fort, giebts einige, die’s wiſſen, die auf die Stunde ihrer Erloͤſung mit Gewißheit rechnen koͤnnen — Nur heute — — hier ſchwieg er, und ſtuͤtzteſich16ſich traurig auf. Ich verſtand ihn ganz. Seine Frau fragt’ ihn: iſt dir nicht wohl? mit einem Tone, der mich uͤberfuͤhrte, daß ſie ihren Mann nach ſich am meiſten liebte, und warum ſollte ſie’s nicht? er war ja von gutem Adel. Sehr wohl, erwidert’ er, mein Kind. — Sie ſtand auf und kuͤßt’ ihn; er blieb mit aufgeſtaͤmmten Arm. Es ging al - les ſtill, wie bei einer Leichenwache zu, und dieſes brachte die Herren v. X. Y. Z. zum Aufbruch. Schon lange hatten ſie nach dem Monde geſehen und es ihm uͤbelgenommen, daß er nicht eher aufgegangen war; denn es ward nicht getrunken, wie des Mittags: nicht geſchrieen, wie des Mittags: nicht ge - blaſen wie des Mittags. Das haͤtte frei - lich der Mond bedenken ſollen. Sie zogen unter einander auf die Wache, um keine Zeit zu verſaͤumen. Der erſte Strahl war ein all - gemeiner Wink zum Abſchiede. Sie empfah - len ſich und fuhren mit ihren gnaͤdigen Frauen, denen des Mittags die Zeit lang geworden war, weil viel, und des Abends weil wenig geſprochen worden, heim. Die Waldhoͤrner wurden auf eine kuͤnſtliche Art in Poſthoͤrner verwandelt und man macht’ ein ſolches Lerm; als wenn dreißig blaſende Poſtillions vorher -ritten.17ritten. Der Herr v. W., den dies unverſe - hens uͤberfiel, brach ein Glas, das er eben in der Hand hatte und begoß ſich ſeine Trauer - weſte, die, wie er ſagte, zum Gluͤck ſchwarz waͤre. So bricht unſer Leben, ſagt’ er, um den Glasbruch geſchickt bey dem gegenwaͤrti - gen Fall anzuwenden. —
Es war der Herr v. W. wie von neuem geboren, da die Herren v. X. Y. Z. fort waren, und ſo giengs auch dem Herrmann, der zwar viel uͤber die Herren X. Y. Z. ge - dacht, allein wenig geſagt hatte. Mir war immer bang, die guten Herren wuͤrden aus Freude, von den Waldhoͤrnern und ihren An - haͤngern befreit zu ſeyn, aus dem Trauerton des Feſtes kommen; indeſſen fiel es ihnen zeitig wieder ein, daß die heutige Freude in ihren Schranken bleiben muͤßte. Der arme Herrmann hatte wegen der Herren v. X. Y. Z. in eccleſia preſſa gelebt. Was er, ſo lang ſie da waren, thun konnte, war aufs Aug’ ein - geſchrenkt. Dieſes, dem Herrn v. W. ge - widmet, war oft Gelegenheitsmacher, oft Theilnehmer, nachdem Herr Herrmann we - niger oder mehr von den Herren v. X. Y. Z. und ihren Damen bemerkt werden konnte. Er wußt’ aus vieljaͤhriger Erfahrung, wasZweiter Th. Bder18der Adel in Curland zu bedeuten habe, und fuͤhlt’ es auch noch in den Gliedern, daß er wegen einer Grabſchrift drey Tage und drey Naͤchte wachen muͤſſen. Er dacht’ an alle Ehrenerklaͤrungen und Maulſchlaͤge, die er zu uͤbernehmen nothgedrungen worden, und an ſeine eigene Grabſchrift, die man noch le - bend auf ihn gemacht: Hier wacht der lebendig Todte. — Viele Leute pflegten dieſer Grabſchrift wegen mit Herrn Herrmann ein Geſpoͤtte zu treiben und zu behaupten, daß er mit lebendigem Leibe ſpuͤcke.
Ein Tag, wie der heutige, fieng Herr v. G. an, nachdem er die Haͤnde gefalten und ſie gen Himmel gebrochen hatte, ein Tag, wie der heutige, iſt eines ſolchen Abends werth! Ich hab dieſen Tag gelebt, und wenn gleich viel vom Leben dieſes Tages auf die Rechnung der zehnjaͤhrigen Entfernung gehoͤret; ich ſetze zehn fuͤr eins — zwoͤlf Tage koͤnnte man im Jahre von dieſer Art leben. Wer wolt’ aber vergeſſen, daß der Tod aufs Leben folgt, fuhr Herr v. G. fort! Der Herr v. W. wußte nicht Worte zu finden, dem Herrn v. G. ſeine Erkenntlichkeit zu beweiſen; denner19er hielte dieſes alles fuͤr Folgen ſeiner ſchwar - zen Weſt und Beinkleider und des Flors um den linken Arm, ob gleich die Weſte begoſſen war. Gern haͤtt’ er, in der erſten Hitze ſei - ner Erkenntlichkeit, das Gartengeſpraͤch mit Herrn Herrmann uͤber den Herrn v. G. oͤffentlich wiederrufen: allein dieſes wuͤrde ſich nicht geſchickt haben. Die Worte: „ Traget die Groben, weil ihr hoͤflich ſeid, waren ihm unertraͤglich geworden, ſo erkenntlich war er, und dieſe Anlage zur Erkenntlichkeit werden ſich meine Leſer ſchon bei dem Feſte der Deut - ſchen angezeichnet haben.
Die Frau v. W. und die uͤbrigen ſchrie - ben die heilige Schwermuth des Herrn v. G. auf die Rechnung des Sterbenden, dem mein Vater in die andre Welt zu leuch - ten gegangen war.
Ich hatte den Hauptſchluͤſſel zu dem Her - zen des Herrn v. G., den er bis dahin hin - terhalten hatte. Jezt erzaͤhlt’ er der Frau v. W., was mit ihm und dem alten Manne vorgefallen war, doch ſo, daß es alle hoͤren konnten. Wem haͤtt’ er dieſe Geſchicht’ auch beſſer dediciren koͤnnen, als der Frau v. W.? Der Herr v. G. ſah es mir an, daß mir dieſe Geſchichte nicht neu waͤre und ich fandB 2keine20keine Urſache zuruͤckzuhalten, daß ich den al - ten Mann mit dem einen Handſchuh ſelbſt gehoͤret haͤtte. Ich hatte mein Bekenntnis noch nicht vollendet, als Herr v. G. auf - ſprang, mir ſeine eingeweihte Hand reichte: der Seegen dieſes Himmliſchen, ſagt’ er, indem er mir die Hand druͤckte, wird auch auf dir ruhen, du Sohn deines Vaters! Nach mir gab er dieſe Hand der Frau v. W. ihrer Tochter, und zuletzt ſeinem Sohne, der aber nicht wußte, was ihm geſchah. —
Der Herr v. W. haͤtte dieſen Handſchlag fuͤr einen Mangel der feinen Lebensart ge - halten, wenn der Herr v. G., der ſich aber von ſelbſt zu beſcheiden wußte, auch ihm ihn angeboten haͤtte; indeſſen war Herr v. W. doch ſehr bewegt uͤber dieſe Geſchichte und wer weis, wenn dieſer Himmliſche ein Edel - mann geweſen waͤre, ob er ihn nicht mit in ſein Trauerfeſt eingeſchaltet haͤtte. Jetzo konnt’ er auf dieſe Ehre nicht Anſpruch ma - chen, und das um ſo weniger, da er nur einen Handſchuh getragen.
Herr Herrmann wolte bey dieſer Gele - genheit den Herrn v. G. mit Witz unter den Arm greifen, auf den Herr v. G. ſich geſtuͤtzt hatte, und ihn durch einen Einfalltroͤſten.21troͤſten. Der elendeſte Troſt von allen, der jedem klugen Mann ekelt! Um zum witzigen Ziel zu kommen, mußt er einen langen un - angenehmen Umweg machen. — Endlich an Ort und Stelle. Er erzaͤhlte, daß der Paſtor in — — einen Amtmann uͤber die ſchlechte Zeit zur Ruhe geſprochen und ihn auf den Himmel gewieſen haͤtte. Der Amt - mann aber in ſeiner Einfalt haͤtt’ ihm zur Antwort gegeben: „ Herr Paſtor, wie man „ hoͤrt, ſoll es auch da nicht mehr ſeyn, wie „ zuvor. “
Herr v. W. war gewohnt, alles was er ſprach, abzuruͤnden, und dieſes vermißt’ er zuweilen am Herrmann, der, eh man es ſich verſah, aus der Rolle kam. Wahrlich er ſpielte zuviel Rollen. — Ob nun gleich Herrmann alles that, was er dem Herrn v. W. an den Augen anſehen konnte; und immer Colophonium (Geigenharz) in der Hand hielt, um den Bogen des Herrn v. W. zu ſtaͤrken; ſo war dem Herrn v. W., der aus Hoͤflichkeit erkenntlich zu ſeyn wohl ver - ſtand, jedoch dieſer Gedanke voͤllig unpaſſend und ungeſchliffen. Er ſchuͤttelte ſein Haupt und verwies dem Herrn Herrmann dieſe Ge - ſchichte, wiewohl aus Erkenntlichkeit — blosB 3mit22mit einem Winke, der ſagen ſolte: „ alles zu „ ſeiner Zeit “Herr v. G. aber ſprang auf. Der Funke, fieng er an, war nicht werth, daß ſie ſo oft darnach ſchlugen. Ich habe dieſe Geſchichte, welche nach ihrer Ausſage dem Paſtor in — begegnet ſeyn ſoll, ſchon in meiner Jugend gehoͤrt. Der Herr v. W. nahm ſich des Herrn Herrmanns nicht an, weil Herr Herrmann ſich nicht in die Zeit geſchickt hatte, und Herr v. G. behauptete, um den Witz deſto geſchwinder los zu werden, daß man ſich nicht beßer des Todes erinnern koͤnne, als wenn man ſchlafen gienge. Heil dem, ſagt’ er, der ſo ſtirbt, als ein Bauer einſchlaͤft, der gedroſchen hat. Nach ausge - ſtandener ſchwerer Arbeit in der Welt laͤßt ſichs ſelig und ruhig ſterben. In der letzten Stunde des Lebens ſieht man ſchon den Un - terſchied zwiſchen reicher Mann und armer Lazarus. — —
Man wuͤnſchte ſich eine gute Nacht. Herrmann beurlaubte ſich. Herr v. W. lies es bey dem Wunſch’ eine gute Nacht nicht bewenden, ſondern wuͤnſchte noch ergiebiger, daß die ewige Vorſicht ſowohl den Herrn v. G. als die gnaͤdige Frau vor allen Trauer - faͤllen bewahren und ſie die hoͤchſten Stuffendes23des menſchlichen Lebens hinauf fuͤhren moͤch - te. — Herr Herrmann nahm Gelegenheit, dem Herrn v. W. wegen des Ablebens ſeines Hochwohlgebohrnen Herrn Grosvaters zu condoliren. Ich buͤckte mich blos, und da er dieſes gleichmaͤßig fuͤr eine Condolenz an - ſah, wandt’ er ſich zu jedem von uns beyden, zu mir zuerſt, und wuͤnſchte jedem was be - ſonders, jedem aber eine lange Reihe gluͤckli - cher Jahre. —
Der Herr v. G. nahm die Frau v. W. bei der Hand, um ihr das Schlafzimmer an - zuweiſen. Da die Frau v. G. durchaus ſie auch begleiten wolte; gab ihr Herr v. W., nach vielen Complimenten und Bitten zu - ruͤck zu bleiben, auch die Hand. Dem juͤn - gern Herrn v. G. ward das kleine Fraͤulein v. W. angewieſen. Mich mußte der gewe - ſene Hofmeiſter, den ſein geweſener Unterge - bener nicht mehr vor voll anſahe, wiewohl in das nehmliche Zimmer bringen, wo ich ſchon die vorige Nacht geſchlafen hatte, und das ich alſo ohne dieſe Anweiſung gefunden haben wuͤrde. Hier ſolt’ auch der alte Herr ſchlafen. Dieſer lezte Umſtand, obſchon er von der Frau v. G. zu meiner Erniedrigung ausgekuͤnſtelt ſchien, und mich einen Augen -B 4blick24blick befremdete, war mir doch gleich nach dieſem Augenblick willkommen. Ein betruͤb - tes Herz liebet zaͤrtlicher, und wahre Liebe iſt keine frohe Leidenſchaft. — Sie faͤngt mit Seufzern an, ſo wie wir mit Thraͤnen ge - boren werden. Mine war mit Leib und Seel vor meinen Augen, es iſt doch ihr Va - ter, dacht’ ich, und reichte dem Herrn Herr - mann die Hand. So Hand in Hand kamen wir ins Schlafzimmer. Hier legte der alte Herr ſein Protektionsanſehen, womit er mich ohnehin nur nach der Abreiſe meines Vaters, und das ſehr beylaͤufig, heimgeſucht hatte, zugleich mit ſeiner Peruͤk’ ab, und that un - gemein vertraut mit mir. Um ſeine heuti - ge Hofnarrenfuͤhrung zu entſchuldigen, zog er auf den Adel los. Traget die Narren, ſagt’ er, weil ihr klug ſeyd, und reſtituirte alſo dieſen Spruch in integrum, nachdem er von ihm und dem Herrn v. W. in der Art war verdrehet worden: Traget die Groben, weil ihr hoͤflich ſeyd. Ich weis nicht, wie’s mir anwandelte, daß ich dem alten Herrn bey den Worten: traget die Narren, weil ihr klug ſeyd, ins Wort fiel: „ allein macht euch nicht ſelbſt zum Narren „
Es25Es that mir leid, ſobald ich dieſen Zu - ſatz ausgeſprochen hatte. Der alte Herr ſchien es zu empfinden, und ſetzte ſeine Rechtfertigungen fort. Ein Litteratus iſt freylich, ſagt’ er, ein halber Edelmann; in - deſſen iſt zwiſchen halb und ganz ein Unter - ſchied. Man laß’ ihnen das von, wenn ſie uns nur den Verſtand laſſen. Da er her - ausgieng, ſich eine Flaſche Wein zu beſor - gen, um noch eine Pfeife, wie er ſagte, in bona pice et pace zu rauchen: nahm ich das Teſtament meines Vaters heraus, wel - ches ich die ganze Zeit uͤber verborgen in der Hand gehalten. Ich hatte beynah dieſen Abend nur mit einer Hand gegeſſen; denn ich konnte dies Teſtament in der Taſche kei - nen Augenblick allein laſſen. Die Hand, mit der ichs hielt, war in einer ſolchen Tran - ſpiration, als wenn ſie nicht zu den uͤbrigen Theilen des Koͤrpers gehoͤrte.
ανεχου και απὲχου las ich, und las wieder: ανεχου και απὲχου. Oefne ſie nicht eher, als wenn du in der groͤßten Noth biſt, und was iſt die groͤßte Noth? — dacht ich bey mir ſelbſt. Ich fand, daß Geld in dieſem letzten Willen lag, und da es ſich nicht thun lies, meinen Kaſten aufzuſchließen,B 5und26und dieſe donationem mortis cauſſa zu den Denkzetteln meiner Mutter zu legen, die mir als eine donatio inter viuos vorkam; ſo de - ponirt’ ich dieſe Schrift vor der Hand ins Bett unters Kopfkuͤſſen, und dacht’ an mei - ne Mutter, und an den hochheiligen Abend vor der erſten Predigt bey dieſem Interims - depoſito. Ich mußt’ eilen; denn der alte Herr kam wieder, und ein Bedienter hinter her, mit Wein und einem Teller voll Rauch - toback. Da iſt Eſſen und Trinken, ſagte der alte Herr, und that dabey, als ob er etwas ſehr witziges geſagt haͤtte, welches ich aber nicht finden konnte. Bald darauf fieng er ſich an zu beklagen, daß er einen guten Freund ſeines Hauſes an mir verloͤhre, und ich nahm Gelegenheit, mich nach ſeinem Sohne zu erkundigen; vielleicht, dacht’ ich, faͤngt er von ſelbſt von ſeiner Tochter an, — wenn er doch anfienge!
Ich ſah es ſeinen Augenwimpern, ſeiner Naſ’ und Stirn an, daß er ſein ganzes Geſicht umſtimmen mußte, eh’ er heraus zu bringen im Stande war, daß der Sohn eines Litte - ratus ein Schneider geworden waͤre, ob - gleich mein Bruſttuch, wie man es in Cur - land nennt, noch von der ſelbſt eigenen ge -lehrten27lehrten Hand des alten Herrn edirt war. Zwey, die ich im Kaſten hatte, waren ſo gar durch ihn geflickt — und verbeſſert und vermehrt zum andernmal aufgelegt. Das iſt dem Benjamin nicht, fuhr er fort, in ſeiner Wiege vorgeſungen, und da er Darius war, hatt’ er ſo gut Koͤnig zu ſeyn die Ehre, als ein anderer. Manchem kommen die ge - bratene Tauben entgegen, ein anderer muß ihnen Netz und Strick legen, und ſie erſt fangen und braten. — Das Schneider - handwerk, fuhr er nach einer Weile fort, da ich nicht noͤthig fand, ihm auf den Wie - gengeſang und die Dariusehre zu antwor - ten, das Schneiderhandwerk iſt bey alle dem fuͤr den Sohn eines Litteratus noch das ſchick - lichſte. Gott der Herr ſetzte ſelbſt, nach dem betruͤbten Suͤndenfall, dieſes geſchenkte Handwerk ein, und verfertigte die erſten Kleider. — Was zu thun? Er ſitzt bey einem ſehr geſchickten Schneider auf Prima, und wird kuͤnftige Oſtern Student, oder Geſell, wie es die Leute nennen. (Dieſe Worte waren ein Gemiſch von Stolz und Satyre. Sie waren der alte Herr ſelbſt. Wer ihn hier nicht findet, findet ihn nirgend.) Meine ſelige Frau ſagte mir gleich nach uͤber -ſtande -28ſtandenen Wochen, Benjamin wird entweder Schneider oder Litteratus, welches ſie der Nothtaufe wegen vermeynte, die Benjamin empfieng. Das, verſicherte ſie, hab ich von alten Leuten, was die Nothtauf’ empfaͤngt, wird eines von beiden. — Ich ſuchte ſie auf den rechten Weg zu lenken, und wolte durch - aus nur vom Litteratus hoͤren und wiſſen; allein ſie blieb bey ihrem entweder und oder, Das Bein, welches ſich, als er Darius war, zu ſeinem Vortheil wendete, und die rechte Hand, der er auch redlich nachgehol - fen, beſtaͤrkten meine Hofnung, und war - um ſolt er nicht? Sein Vater iſt ein Lit - teratus, und meine ſelige Frau war auch von gutem Hauſe; wenigſtens kann man ih - ren Vater ohne Bedenken nennen, (das war niederſchlagend Pulver fuͤr mich, damit ich mich ja nicht uͤberheben moͤchte) und — hier glaubte der alte Herr, daß jemand zu uns kaͤme, und kehrte das Blatt bey der dritten Reihe von oben auf eine ſehr komiſche Art um, „ das alte Weib, ſagt’ er, als ob er fortfuͤhre, hatte dem Organiſten einen Streich geſpielt, und er ſang bey ihrer Trauung mit einem jungen Menſchen, der ſie des leidigen Geldes wegen heyrathete:
Was29(nehmlich wenn ſie ſtirbt)
Der alte Herr ſahe ſeinen Irthum ein, der jemand, von dem er befuͤrchtete, daß er uns bey dieſen Familienangelegenheiten uͤber - fallen wuͤrde, gieng unſre Thuͤr vorbey. Herrmann nahm alſo ſein und auf
und, fuhr er fort, (als wenn er das Blatt zuvor zu rechter Zeit umgekehrt haͤtte) was wolt’ ich ſagen? und meiner Frauen Ent - weder, Oder iſt erfuͤllet! Entweder Littera - tus oder Schneider. — Was Gott thut, ſagt’ ich, das iſt wohlgethan! Dieſe Worte brachten ihn auf Minchen, ich weis nicht wie —
Minchen verdient einen Litteratus, fuhr er fort. Sie verdient, ſagt’ ich, einen Lit - teratus, der ihren Bruder nicht vernachlaͤſ - ſiget, wenn gleich er ein Schneider iſt. Dies beſchaͤmte den alten Herrn, der, ſobald nuretwas30etwas unſere Thuͤr vorbey rauſchte, ſeinen Sohn verſteckte, um ſich als Litteratus zu zeigen. Ich glaub’ er waͤr’ eher geſtorben, als daß er geſtern Abend uͤber Tafel, da man ſich ungefehr nach ſeinen Kindern er - kundigte, bemerken ſollen, daß Benjamin das Schneiderhandwerk ergriffen. „ Eine „ Tochter und einen Sohn, antwortete er „ auf die Erkundigung nach ſeinen Kindern, und mehr keine Sylbe. — Ich kann mir vorſtellen, wie ſorgfaͤltig er ſein eigenes Bie - geleiſen, Nadel und Zwirn und Scheere und Schuſterpfriem und Leiſten und Toͤpferrad verborgen haben wird.
Minchen, ſagt’ er, ohn auf meine Zu - rechthuͤlfe zu achten, iſt ein Maͤdchen „ die der Familie keine Schande machen wird „
Er erzaͤhlte mir ihre Vorzuͤge, die ich gottlob! beſſer wußte, wie ein Mann, der ſeines Sohns ſich ſchaͤmen konnte, blos weil der Sohn ein Schneider war. Bey alledem hoͤrt’ ich ihr Lob mit Vergnuͤgen. Da er aber auf ihre Kinderjahre kam, ward ich entzuͤckt. Ich fuͤhlte die Worte von gan - zem Herzen: Was Gott thut, das iſt wohlgethan!
Der31Der alte Herr hieß mich waͤhrend dieſer Erzaͤhlung Herr Candidat, und freute ſich, daß auch ich ihn Herr Candidat nennte. Eine Hoͤflichkeit iſt der andern werth. Je oͤfter ich Herr Candidat ſagte, je mehr er - zaͤhlt’ er mir von Minchen mit einer ge - wiſſen vaͤterlichen Wohlmeinung, und je oͤf - ter nannt’ er auch mich wieder Herr Candi - dat. Er fieng an, mir dieſen Titel beyzu - legen.
Ein Paar loſe Buben (ich erzaͤhl ein Paar Geſchichtchen von meiner Mine) hat - ten aus einem Finkenneſte zwey Eyerchen geſtolen, und den Inhalt derſelben heraus - geblaſen. Dies erzaͤhlten dieſe Buben dem kleinen Minchen. Sie bildete ſich ein — ſie hat eine ſtarke Einbildungskraft — daß das beraubte Paar ihr verlaßnes Neſt vom benachbarten Baume anſaͤhe, und ſich ihr Leid einander klagte. — Minchen klagte mit. Das liebe Maͤdchen wußte, daß man der Henne die Eyer nicht wegnimmt, daß ſie ſolche als getreues Hausthier dem Men - ſchen hinlegt. Sie bat ihre Mutter um zwey Eyer, die ihr heute und geſtern die Henne mit der ſchwarzen Muͤtze geſchenkt hatte, und hat den Benjamin, ihr den Ge -fallen32fallen zu thun, die Wallfahrt auf den Bir - kenbaum zu uͤbernehmen, und das verlaßne eiskalt gewordene Finkenneſt durch die zwey Huͤnereyer zu entſchaͤdigen. Dieſer ſchlug es der Gefahr wegen aus, er war zu der Zeit noch link und lahm — und bemerkte ſehr weislich, daß die Huͤnereyer groͤßer waͤren, als die Finkeneyer, die er ſelbſt in den Haͤnden der Buben geſehen. Minchen freute ſich daruͤber: indem ſie glaubte, den Schaden deſto vollſtaͤndiger zu erſetzen. Ge - gen kleine! große! Sie bat ihren Bruder, und bat ihn wieder. Er aber blieb bey ſei - nem Nein, und ſeiner weiſen Bemerkung. — Endlich ſah ſie den Baum einigemal an, uͤbermaas ſich und ihn, und da ſie ganz al - lein war, erſtieg ſie ihn, und legte die bey - den Eyer in das verlaßne Neſt, in Hof - nung, es wuͤrden ſich die Eigenthuͤmer wie - der zu Hauſe finden. Die Voͤgel, die haͤu - fig auf den Aeſten des Baumes ſaßen, den ſie erſtieg, wurden nicht im mindeſten ver - ſcheucht. Sie ſahen ſie ohngefehr, wie fromme Leute einen Engel ſehen wuͤrden. — Den beyden Finken, die Minchen vor die beſtolne Eltern hielt, ſah’ und hoͤrte ſie die Freud’ und Dankbarkeit an. Voll Entzuͤ -ckung33ckung uͤber dies alles huͤpfte Minchen auf dem Baum, und fiel auf die Erde, ſo daß ſie ſich nicht regen konnte. Einer von den boͤſen Buben ſah ſie liegen; allein es war ihm nicht viel anders, als ein ausgeblaſe - nes Finkeney. Ihre Mutter, der man ih - ren wuͤrklichen Tod angekuͤndiget hatte, kam halb todt zu ihrer Tochter, die ſich nach und nach erholte. Der ganze Fehler meynte Minchen, (wiewohl kindlich) laͤge darin, daß ſie ſich ſchon auf dem Baum gefreut haͤtte —
Ich haͤtte ſie ſollen auf dieſem Bette der Ehren ſehen, ſagt’ ich, da der alte Herr an dieſe Stelle kam. — Sie iſt eine gebohrne Koͤnigin, ſetzt’ ich hinzu.
Bey Gott iſt das einerley, erwiedert’ ich, nur bey den Finken nicht. — Ich glaube, Herr Candidat, bey unſern meiſten guten Handlungen iſt ein Huͤnerey, anſtatt eines Finkeney’s. —
Lieben Leſer! ſeht da Minchen! Iſts moͤglich, daß der alte Herr ſo was erzaͤh - len, und der alte Herr bleiben konnte? —
Minchen gieng einen ſchoͤnen Morgen ins Feld, und begegnet’ einen Jungen mit bey - den Haͤnden in den Haaren und weinen bit - terlich. Er hatt’ einen Milchtopf zerbrochen, und befuͤrchtete von ſeiner Mutter daruͤber geſchlagen zu werden. Sey gutes Muths, ſagte Minchen, und nahm ihm die rechte Hand von den Haaren, die linke Hand gab ſich von ſelbſt. Er lies ſich troͤſten. Je naͤher er aber zum Dorfe kam, je langſamer gieng er, und da er das Haus ſah, fieng er von neuem an zu weinen, und wolte durch - aus wieder mit der rechten Hand in die Haa - re — die linke nach. — Die Mutter des Jungen kam ihnen entgegen, und ihr erſtes Wort war: der Topf. Minchen trat vor und ſagte: liebe Nachbarin, ich! ich! bin den Topf ſchuldig. Seht! ich gieng ſchnell zu, und da war der Topf hin. MeineMut -35Mutter hat heute die Waͤſche, und da wißt ihr kann man nicht ſagen, daß ein Topf gebrochen iſt. Wenn die Waͤſche vorbey iſt, will ich euch einen andern Topf brin - gen. Die Baͤurin war gegen des alten Herrn Toͤchterchen ſo galant, daß ſie kei - nen Topf verlangte. Minchen verbat dieſes Geſchenk. Der Jung indeſſen, ſo - bald er merkte, daß die Mutter ſich gefun - den hatte, ſprach Minchen los, und eignete ſich der Wahrheit gemaͤß alle Schuld zu. Nehmt keinen Topf, Mutter, ſie hat ihn nicht zerbrochen, ich ſah, wie es alles ſo ſchoͤn gruͤn und gelb auf dem Felde war, und da fiel der Topf mir aus der Hand. Die Baͤurin war ſo bewegt, daß ſie Minen wie eine Heilige verehrte, und an ihrer Hand zu Hauſe begleitete. Ich erkundigte mich nach dem Jungen, und wuͤrd’ es gern ge - ſehen haben, daß Helm ſich durch dieſe große That in ſeiner Jugend ausgezeichnet haͤtte; allein der Herr Candidat verſicherte, daß dieſer Edle im ſiebenten Jahre ſelig verſtor - ben waͤre. Alle Welt, fuͤgte der alte Herr hinzu, ſagte: der Jung’ iſt zu ſchad’ fuͤr dieſe Welt, und die Wahrheit zu ſagen, ich wundre mich, daß Mine ſo gros gewordenC 2iſt36iſt. Der liebe Gott weis freylich was gut iſt, Herr Candidat, erwiedert’ ich, und will gern ſo was im Himmel haben; indeſſen iſt es auch auf der Erde zur Art noͤthig. Was wuͤrde ſonſt am Ende aus uns werden?
Der alte Herr gefiel mir ſo ſehr bey die - ſer Gelegenheit, daß ich ihn bey mir ſelbſt we - gen ſeiner heutigen Fuͤhrung und wegen vie - ler andern mir bewußten Umſtaͤnde zu entſchul - digen anfieng. Wuͤrde nicht Minchens Zeugnis ſelbſt wider ihn das Wort genom - men haben, ich haͤtt’ ihn noch laͤnger und mehr entſchuldiget, und vielleicht eben ſo oft Vater genannt, als ich ihn jetzo Herr Candidat zu ſeiner Seelenfreude nannte.
Es fiel mir zur rechten Zeit ein, daß man mit dem Vaternamen ſehr behutſam ſeyn muͤſſe, da das ganze Chriſtenthum dar - innen beſtehet, daß Gott unſer Vater iſt.
Minchen (aus der Erzaͤhlung des alten Herrn) nahm ſich in ihrer Kindheit immer der ſchwaͤchlichſten Pflanzen an. Sie begeg - nete ihnen, wie armen Leuten. Sie begoß ſie zuerſt, und ſtreichelte, liebkoſete und troͤ - ſtete ſie. Wenn der Wind eins beſchaͤdigte, zog ſie ihm das gebrochene Bein in Ord - nung, und heilte den Schaden. Gieng ihreins37eins aus, war es ihr ſo, als wenn was le - bendiges geſtorben waͤre. Gott hab es ſe - lig, ſagte ſie, und begrub es in die Erde, die, wie ſie ſagte, unſer aller Mutter iſt.
Das iſt die Weiſe aller guten Seelen, bemerkt’ ich, und der Herr Candidat fuͤhrte bey dieſer Gelegenheit an, daß mein Vater keinen Citronen oder Pomranzenkern in die Erde geſteckt. Ich halte dies, haͤtt’ er zu ihm geſagt, fuͤr eine Suͤnd’ in einem Lande, wie Curland, einen Citronenbaum zu pflan - zen. Aber die Blaͤtter riechen ſchoͤn, und ſind gut im Schnupftobak, ſagt ich zum Herrn Vater. Der Blaͤtter wegen, erwie - dert’ er, muß man keinen Citronenbaum in die Welt ſetzen. Nichts halb, lieber Freund! und ein Blat iſt kaum ein Viertel. — Ich ſahe wohl ein, daß der Herr Candidat mei - nen Vater bei dieſem Umſtande ſehr unrichtig berechnete; indeſſen ſah ich keine Pflicht ab, ihn auf den rechten Weg zu lenken, und hie - durch die edle Zeit zu verlieren. Wo iſt eine Zeit, die edler waͤre, als die, wo ich von Minchens Kinderjahren erzaͤhlen hoͤrte. Wer ein Maͤdchen kennen will, frage nicht wie es jezt iſt, da es Ja ſagen ſoll; ſondern wie’s als Kind war, wo noch an kein Ja gedachtC 3wer -38werden konnte. Dies war freylich mein Fall nicht mit Minchen. Ich hatt’ ihre Kinder - jahre nicht zu dieſem Belag in beweiſender Form noͤthig; allein ich war entzuͤckt, meine Vorſtellungen von den erſten Jahren ihres Lebens ſo genau getroffen zu finden; ich fand alles, wie ich’s mir gedacht hatte.
Noch eins von Minchen unter ſo vielem. Ein benachbarter von Adel hatt’ einen kleinen juͤdiſchen Knaben, der mit Pfeifenkoͤpfen fuͤr andre Juden herumgieng, in Feſſeln legen laſſen, weil er eben zu der Zeit, da dieſer Judenknabe ihm Pfeifenkoͤpfe angebothen, ſein Federmeſſer nicht vorfinden konnte. Der Knabe ward gleich bis aufs Hemde ausge - zogen; allein man entdeckte kein Federmeſſer, ob gleich er noch keinen Tritt oder halben Schritt aus dem adlichen Hofe ſeit der Zeit geſetzet hatte, da das Meſſer vermißt war. Der Edelmann behielte zu Anfang wohlbe - daͤchtig alle Pfeifenkoͤpfe. Da ſich die zwey Eigenthuͤmer zur rechtlichen Vindication an - gaben, macht’ er ihnen viele Schwierigkeiten und ſetzt’ auf das verlohrne Meſſer einen uner - hoͤrten Lieblingswerth. (Pretium affectionis) Es wuͤrden die Vindicanten nichts dagegen ausgerichtet haben, wenn ſich nicht zwey an -dre39dre benachbarte Edelleute, die zu ihren Piſto - len: macht euch fertig, ſagten, dieſer Juden und ihrer Pfeifenkoͤpfe angenommen haͤtten. Der arme Junge blieb alſo der einzige Gegen - ſtand der Grauſamkeit, die durch dieſen Vor - gang noch mehr vergroͤßert ward. Der Un - gluͤckliche ſolte verbuͤßen, daß ſich die Juden als Vindicanten und die zwey Edelleute als Sekundanten gemeldet hatten. Man konnte nicht begreifen, was Herr v. — mit dieſem Arreſt beabſichtigte; indeſſen ſchien er zu glau - ben, daß ſich einer von den Iſraeliten mel - den, und den armen Jungen loͤſen wuͤrde. Alles bedaurte den ungluͤcklichen Knaben. Chriſt und Jude ſprach von des Edelmanns Grauſamkeit. Der Chriſt ſagt’ indeſſen, es iſt ein Judenknabe, und der Jude, wer wirds mit dem vornehmen Chriſten anbinden. Die zwey Eigenthuͤmer der Pfeifenkoͤpfe, welche dem Ungluͤcklichen die Commißionsguͤter an - vertrauet hatten, giengen auch wie der Prie - ſter und Levite vorbey, und wuͤnſchten ſich, ſo oft an die Grauſamkeit des Edelmanns ge - dacht wurde, Gluͤck, daß ſie ihre Pfeifenkoͤ - pfe in Sicherheit haͤtten. Der grauſame Edelmann, dem das Brod und Waſſer mit der Zeit zu koſtbar ward, welches er zu demC 4hohen40hohen Ausloͤſungspreis treufleißig geſchlagen hatte, ſetzte dieſen Preis bis auf die Helfte herab. Allein niemand that einen Both. Wegen der Pfeifenkoͤpfe ſchlugen ſich ſogleich zwey Edelleut’ ins Mittel, und bedrohter ihren Mitbruder, mit ihm Kugeln zu wech - ſeln, oder ihm einen rothen Hahn aufs Haus zu ſetzen. Was iſt aber ein Judenjunge ge - gen meerſchaume Pfeifenkoͤpfe? Die Eigen - thuͤmer hatten ſich, unter uns geſagt, mit dieſen Renomiſten abgefunden. Die Hoch - wohlgebohrnen Schlaͤger droheten nicht um - ſonſt, ſondern vor Geld und gute Worte. —
Der arme Judenjunge! Zu den ſchoͤnen Reden, womit man ihn bedaurete, und ſich uͤber die Grauſamkeit des Edelmanns beklagte, kam nun noch der Umſtand, den man hinzu - fuͤgte: der Edelmann haͤtte den Preis des Federmeſſers und den des Brods und Waſ - ſers, womit der Knab’ im Gefaͤngniße bekoͤ - ſtiget worden, auf die Helfte herabgeſchla - gen — hiebey bliebs. — Es war um Weynachten, da Minchen und ihr Bruder ihren bemittelten Verwannten muͤtterlicher Seits beſuchten, um ein Chriſtgeſchenk, wel - ches in allerley Spielzeug beſtand, abzuho - len. — Dieſer Verwannte wohnte dem Ty -ran -41rannen noch naͤher. Man weis, wie gern Kinder, und beſonders wie gern Maͤdchens ſpielen. Es war Weynachten, wo die Na - tur den Kindern, außer den Schneebaͤllen, die keinem Maͤdchen anſtehen, alles Spiel - zeug verſagt. — Weynachten iſt ein wah - res Kinderfeſt, an dem das Spiel zur an - dern Natur wird. Es liegt uns im chriſt - lichen Blut, und alte Leute ſelbſt muͤſſen ſich zwingen, wenn ſie nicht ſelbſt in Weynachten ſpielen wollen. — Alles dieſes zuſammen - gerechnet, in Summe, konnte Minchen von ihrem Entſchluß nicht abwendig machen. Ihre Verwannten waren furchtſam wie Tau - ben, die in der Nachbarſchaft von Raubvoͤ - geln geniſtelt haben. Der arme Judenjunge ſtoͤrt’ ihre heilige Chriſtfreude. Sie waren nicht halb ſo weynachtsfroh, als ſie es ſonſt geweſen ſeyn wuͤrden. Das Federmeſſer hatte ſich nach der Zeit vorgefunden, und der un - ſchuldige Knabe war blos wegen des verzehr - ten Brods und Waſſers in Ketten und Ban - den. — Minchen ſchickte ſtillſchweigend durch ihren Bruder Benjamin, der aber kein Stuͤck von dem Seinigen dazu legte, ihr Weynachtsſpielzeug dem Edelmann, um den Knaben zu befreyen. Benjamin hatte Gele -C 5gen -42genheit zu Schlitten hinzukommen: denn ſonſt waͤr’ ihm dieſer Liebesdienſt, weil er hinkte, auch etwas zu ſtehen gekommen, ob - ſchon er von ſeinem Spielzeug kein Stuͤck da - zu gelegt hatte, und obgleich es nur uͤber Feld war. Haͤtt’ er nicht Gelegenheit gehabt, eine Schlittenfarth zu gewinnen, die bey ihm uͤber alles gieng, es waͤr’ aus der Negotia - tion nichts geworden. — Zu Benjamins Ruhme wird bemerkt, daß er ſeiner Schwe - ſter die Erlaubnis gegeben, ſich ſeines Spiel - zeugs, deſſen Eigenthum er ſich aber aus - druͤcklich vorbehielt, zu bedienen. Es war indeſſen nicht Spielzeug fuͤr Maͤdchen, die am liebſten eine Wiege, eine Puppe, und ſo etwas lieben. Benjamin ward, weil er als ein Knabe mit Spielzeug angemeldet wurde, vorgelaſſen. Der ehrliche Benjamin erweckte ſogleich ein Haͤndeklatſchen, da er nur ins Zimmer trat; denn man glaubt’ einen großen Kram, und es war nur ein Arm voll. Urſache genug! daß ſogleich ſcrutinirt und Benjamin bei dieſem Verhoͤr nach Lan - desmanier mit dem Stock hochadlich bedro - het wurde. Benjamin lies es nicht zur pein - lichen Frage kommen, ſondern geſtand alles haarklein. — Meine Schweſter, ſagte derbe -43bedraͤngte Benjamin, hat an allem Unheil ſchuld. Kurz, es blieb kein Wort auf ſeinem verzagten Herzen. — Benjamin war zu dieſer Zeit noch nicht zum Darius gediehen, und wer kennt’ ihn nicht vom Finkenneſt?
Der Teufel, dachte Herr v. —, wenn es nur nicht ein ſatyriſcher Ball iſt, den der alte Herr auf mich ſchlaͤget, und hatte Luſt, ihn auf den jungen Herrn zuruͤckzuſchlagen, und den armen Benjamin mit ſeinem chriſt - lichen Spielzeuge dem Judenjungen zuzuge - ſellen. Da aber Benjamin, der aus See - len - und Leibesangſt aͤchtzte, kniefaͤllig bat, ſeinem Vater nichts von allem, was der gnaͤ - dige Herr geſehen und gehoͤret hatte, zu entdecken, weil Herr Herrmann von die - ſer Sache nichts, gar nichts wußte, und ihn an einem ganz andern Ort glaubte; ſo fiel dem Blutygel zu guter Zeit ein, daß der alte Herr freylich nur von hinten mit einem Cavalier geſcherzet haben wuͤrde. —
Der Teufel, dacht’ er wieder, (man ſah es ihm ordentlich an, daß er jeden Ge - danken mit dem Teufel anhob,) der alte Herr wuͤrde nicht den Sohn geſchickt ha - ben! — Die Sonne gieng wieder in ſei - nem Angeſicht fuͤr Benjamin auf. DerTeu -44Teufel, ſagt’ er, deine Schweſter muß ein feines Maͤdel ſeyn! Die Sache gab zu vie - len ſatyriſchen Fragen, Benjamins Schwe - ſter betreffend, Anlaß. Er fragte nach ih - rem Alter? und ob ſie denn eine ſolche Nei - gung zu Juden haͤtte? Der Schluß war, daß nur ein Stuͤck Spielzeug zuruͤckbehalten wur - de, welches ſich der Junker Fritz ſogleich zuge - eignet hatte. Der Judenknabe ward losge - laſſen; — Benjamin aber mußte dieſer Grosmuth wegen, um der Hochadlichen Herrſchaft zur Weynachtszeit ein Vergnuͤ - gen zu machen, dreymal um den großen Tiſch hinken, und alles wolte vor Lachen niederſinken. Eine natuͤrliche Polonoiſe! ſchrie alles, und lachte, was es konnte; nur der hinkende Benjamin nicht. Der Junker Fritz gab ſein Spielzeug der gnaͤdigen Mam - ma zu halten, und verſuchte dem Benjamin nachzuſpotten, da er aber bey einem Haar ein adliches Bein gebrochen haͤtte; ſo blieb es bey einem mahl, und Benjamin ſahe nach dem armen Judenknaben, der blas wie eine Leiche ſtand. Der Tod haͤtt’ ihn bald befreyt, wenn Benjamin dem Tode nicht zuvor gekommen waͤre. Benjamin bot dem Judenknaben, ſo bald ſie aus der adlichenGeſell -45Geſellſchaft im Freien waren, von ſeinem, oder beßer, von ſeiner Schweſter heiligen Chriſt an, um ſich dafuͤr Eßen zu kaufen. Der Judenknabe verbat es aus Religions - eifer, und blieb lieber hungrig und durſtig, als daß er ſich fuͤr dieſes chriſtliche Spielzeug labte. Benjamin hatte ſich bey dieſer Ge - legenheit die Schlittenfahrt ſo verekelt, daß er nie ohne Herzensangſt daran denken konnte. Dieſes Vergnuͤgen hatte fuͤr ihn keinen Werth mehr. Er hinkte zu Hauſ’ und dankte Gott, daß niemand druͤber lachte, als wie er dreymahl um den großen Tiſch hinken mußte. —
Obgleich Benjamin das Spielzeug bis auf ein Stuͤck, ſo der Junker Fritz behalten hatte, zuruͤckbrachte, indem er wegen des uͤbrigen, dreymal um den Tiſch hinken muͤſ - ſen; ſo ward doch dieſe Begebenheit ſo be - kannt, daß Minchen daruͤber viel ausſte - hen, und die bitterſten Thraͤnen weinen mußte. (Ich hab Urſache, aus der Er - zaͤhlung des Herrn Candidaten zu ver - muthen, daß der Herr Vater Minchen ſelbſt im Litterateneifer reichlich und taͤglich beſchaͤmt haben wird.) Man zog Min - chen unter ihres Gleichen mit dem Juden -knaben46knaben auf, und ſie nahm es ſich unendlich zu Herzen. Ich habe, ſagte ſie in ihrer Unſchuld zu Benjamin, den Judenknaben nicht geſehen, und will es auch nicht. — Der Spott zehrte ſie ſo ab, als das Gefaͤng - nis bey Waſſer und Brod den Judenknaben. Sie fiel in ein Fieber, und nun gieng der alte Herr in ſich, welcher mit Beyhuͤlfe des Doktors Saft wieder Seel und Leib ins Ge - leiſe brachte. — Der alte Herr bemerkte, daß ſich die Liebe zur Schlittenfarth beym Benjamin wieder gefunden, und daß Min - chen noch bis auf den heutigen Tag bleich im Geſicht wie gewaͤßerte Milch wuͤrde, wenn man das Wort Jude ausſpraͤche, wie — (Der Herr Candidat legte ſeine Pfeife hin, und kam mir dicht ans Ohr, da er mir dieſe Pille eingab) ihr Herr Vater uͤber den Ausdruck Melchi - ſedech.
Dieſe Zugabe ſetzte mich nicht wenig in Erſtaunen, und ich machte die Bemerkung, daß jeder Menſch, der unſchuldigſte nicht ausgenommen, ein Wort haͤtte, wobey ihm nicht wohl zu Muth’ wuͤrde, es ſey Melchi - ſedech — Judenjunge — ich zum Exem - pel — — —
Gott!47Gott! muß man denn, rief ich aus, noch ehe der Herr Candidat geendiget hatte, Gott! muß man denn ein Fieber ausſtehen, durch den D. Saft gerettet, und mit ei - nem Judenjungen gepaart werden, wenn man Gutes thut! Der alte Herr ſetzte noch hiezu: und dreymal um den großen Tiſch hinken!
O Minchen! welch eine Seele haſt du! (dies fuͤhlt’ ich nur) wie gluͤcklich bin ich, daß ſie mein iſt! — ich war außer mir. —
Bey dem Alexanderſpiel hatt’ es Min - chen in der erſten Zeit uͤbel aufgenommen, daß ihr Bruder Darius immer geſchlagen wurde. Laß mich den Darius machen, ſagte ſie zu Benjamin. — Du wirſt ſehen wir gewinnen. Benjamin aber entſchuldigte ſich ſehr weiſe mit der Geſchichte, welcher er nachgeben muͤßte, obgleich ich auch beym Ringen, eh’ er Darius und ich Alexander war, jederzeit bey allem ſeinem Schweis des Angeſichts Ueberwinder war. Nach - dem ſie groͤßer war, ſetzte der Herr Candi - dat hinzu, ließ ſie ſich gern ſchlagen und ge - fangen nehmen. Sie ſah’ es ohnfehlbar ſelbſt ein, daß es die Geſchichte ſo mit ſich brachte. Wie viel Muͤhe hatt’ ich, nichtuͤber -48uͤberlaut zu rufen: Mine! Mine! liebe Mine! Der alte Herr bemerkte, daß Min - chen fuͤr ein Frauenzimmer zu viel Herz haͤtte, und rechnet’ es ihr zum Fehler an. — Entweder, ſagt’ er, iſt die Rolle daran Schuld, die ſie bey den Kriegen als aͤlteſte Prinzeßin Tochter des Darius uͤbernahm — oder ſie kennt keine Damen von Stande. — Mag ſie ſich doch, fuhr er fort, der Littera - tus, der ſie zur Frau macht, beßer ziehen. Sie fuͤrchtet ſich fuͤr keine Maus und keinen Froſch, und wenn die Spinnen den Weg verwuͤrkt haben, zieht ſie das Geweb’ wie einen Vorhang in die Hoͤhe mit bloßen Haͤn - den. — Noch bemerkte der Herr Candidat, daß Mine in ihrer Jugend, obſchon ſie we - gen des Finkenneſts einmal ruͤhmlichſt vom Baum gefallen, doch nicht nachgelaſſen, wie - wohl nur auf der Erde zu huͤpfen, und zu ſpringen. — Je groͤßer ſie aber wurde, je ernſthafter, ſetzt’ er hinzu. Nur ſehr ſehr ſelten wandelt ihr jetzo, fuhr er fort, das Huͤpfen und Springen an, weit oͤfter aber das Weinen — welches nach dem Tod ihrer Mutter ohn’ End’ und Ziel iſt, und das — (der alte Herr zog ſelbſt den Mund zur Thraͤ - ne in Ordnung, indeſſen wolt’ es die Pfeifenicht49nicht zugeben —) und das, ſagt’ er, ſo ſchoͤne Thraͤnen, und ſchien nicht undeutlich zu verſtehen zu geben, daß zwiſchen Thraͤnen und Thraͤnen ſchoͤn und heßlich ſtatt finde. — Was mich wunderte war, daß er ſelbſt fuͤhl - te, Minchen ſaͤnge vortreflich. Was das Spielen betrift, fuhr er fort, ſo hat ſie ihre eigene Manier. Freylich, dacht’ ich, den ſteinigten Acker verſteht ſie nicht auszudruͤ - cken, auch nicht die fuͤnf Gerſten Brodte und ein wenig Fiſchlein. Da der Herr Candidat außer ihren erſten Jugendjahren — nichts von Minchen zu ſagen wußte, was mir nicht weit genauer und richtiger bekannt war; ſo lenkt’ ich ihn auf die Univerſitaͤten, allein ich fand ihn nicht bewaͤrth. Er ſagte davon we - niger, wie mein Vater von ſeinem Vater - lande, und dies war wohl natuͤrlich, da mein Vater gewiß ein Vaterland hatte, der Herr Candidat aber ſchwerlich auf irgend einer Uni - verſitaͤt geweſen ſeyn wird. — Des Herrn Candidaten fruͤhere Spargel, Pfeife in der freien Luft, und Wein bey der Quelle, waren bey dieſer Gelegenheit ein Vade mecum von Studentenſtreichen, womit er meine Frage nicht befriedigte. Ich brach alſo ab, ohne ihm, ſo ſchlecht er auchZweiter Th. Dbeym50beym Examen beſtand, den Candidatentitel zu entziehen. Ich weiß nicht, ob ich ſchon wo bemerkt habe, daß er kein Curlaͤnder von Geburt war, und daß man ihm ſeine Litte - ratenwuͤrde aus der erſten Hand nicht wider - legen konnte.
Ich merkt’ aus meiner Munterkeit, daß ich dieſe Nacht Minchens wegen eben ſo we - nig ſchlafen wuͤrde, als ich die vorige Nacht des neuen Bettes halber geſchlafen; indeſſen ſah ich dem Herrn Candidaten, meinem ſehr werthen Herrn Collegen, der ſeine Bouteille Wein ausgetrunken und ſeinen Teller mit Tobak bis auf eine halbe Pfeife ausgeraucht hatte, an, daß er ſchlaftrunken war. Wein und Tobak hatten hiebey, wie es mir vorkam, nicht den mindeſten Einfluß. Er fieng mit mir zu complimentiren an, in welchem Bett ich ſchlafen wolte und verlangte durchaus das Bette, wo das Depoſitum lag, weil das, ſo ich ihm beſtimmt hatte, und in welchem mein Vater geſchlafen, mit einem Geſimſe war. Vorhaͤnge konnten in dem Hauſe des Herrn v. G. an dem Bette nicht ſeyn. Ich glaube, ſagte der Herr Candidat, da wir uͤber dieſen Umſtand ſprachen, Herr v. G. haͤtte, wenn er Adam im Paradieſe geweſen, ſich keineSchuͤrze51Schuͤrze von Feigenblaͤttern gemacht. Der Herr v. W. brachte ſich, wenn er zum Herrn v. G. kam, ſeine ſeidne Vorhaͤnge mit. Ohn - fehlbar wird wohl die Farbe der Vorhaͤnge nach Beſchaffenheit des Feſtes geweſen ſeyn. Mit Zuverlaͤßigkeit weiß ich’s nicht. — Da ich den Herrn Candidaten verſicherte, daß ich in dieſem Bette ſchon eine Nacht ſchlaflos zu - gebracht und den Tribut bezahlt haͤtte: ſo bat er ſich, wenn es ohne mir etwas zu ent - ziehen geſchehen koͤnnte, ein Kopfkuͤſſen von den Meinigen aus. Das war eine neue Ver - legenheit fuͤr mich wegen des lezten Willens, den ich ſeinem Aug’ entziehen wolte. Er ſtand an meinem Bette und wolt’ aus Be - ſcheidenheit und Dankbarkeit das Kuͤßen ſelbſt nehmen: ich hatte viele Kunſt noͤthig, ihm das unterſte in die Hand zu ſpielen. Kaum war er im Bette, ſo ſchlief er, wovon er durch ſein Schnarchen untruͤgliche Beweiſe gab. Ich widmete Minchen dieſe Nacht, und wenn ich ſchlummerte, ſah ich den Ju - denjungen und das Finkenneſt und den Milch - topf, alles in Lebensgroͤße. — Gegen den Morgen ſchlief ich feſter ein; indeſſen ſagt’ ich dem Herrn Candidaten den erſten guten Morgen, weil ich ihn aufwachen hoͤrte, undD 2fuhr52fuhr mit ſechſen aus meinem Bette. Er dankte fuͤr den guten Morgen; allein er blieb bey dem Dank, wie ’s ſich eignet’ und ge - buͤhrt’, im Bette. — Nach ſeinem ſchoͤnen guten Morgen war ſein erſtes Wort, daß ich zweymal Minchen gerufen haͤtte. Ich weis nicht, fuͤgt’ er ſehr hoͤflich hinzu, ob es mei - ne Tochter iſt? Gewiß, erwiedert’ ich, und begrif es ſelbſt nicht, wie’s zugieng; ich war beym Woͤrtchen Gewiß nicht im mindeſten verlegen: vielleicht kam es, weil der alte Herr noch im Bette war. — Wie haͤtt’ ich Minchen verleugnen koͤnnen! Wir haben ge - ſtern, fuhr er fort, viel von ihr geſprochen, der Herr Candidat werden es verzeihen, daß ich Sie ſo lange von meiner Tochter unterhal - ten. Ich konnte kein Wort hierauf antwor - ten — ohnfehlbar wolte der Herr Candidat einen voͤlligen Herzensaufſchluß; allein wie ſolt’ ich den bewilligen? Der alte Herr Can - didat war noch immer im Bett und, wie’s mir vorkam, auf einem Haͤufchen. Er ſchien nicht in Lebensgroͤße zu liegen und ſo lang er war; er wußte ſich nicht nach ſeiner Decke zu ſtrecken.
Damit meine Leſer nur ja nicht auf den Gedanken fallen, daß ich noch viele Tagein53in — — geblieben und ihnen all dieſe Tage meines Aufenthalts — — eben ſo langwei - lig wie bisher erzaͤhlen werde; ſo will ich nur kurz und gut bemerken, daß der folgende Tag zu unſerm Aufbruch beſtimmt war. — Hof - fentlich wird ihnen dieſe Anzeige eine froͤli - che Botſchaft ſeyn. —
Der junge Herr v. G. nahm mich we - gen der Jagd in Anſpruch. Ich hatt’ ihm daruͤber mein Wort gegeben und ſogar den Commandoſtab hiebey anvertrauet. Ohne Murren nahm ich alſo ſeinen Antrag als eine Ordre an, Vormittage dieſe Jagd anzuſtel - len. Die Wahrheit zu ſagen: ich wolt’ ihn auf der Jagd wo moͤglich von der Jagd ab - bringen, und dieſen Jaͤgertrieb beſchraͤn - ken. —
Ich war in dieſer ritterlichen Uebung we - nig erfahren, obgleich ich ein Auge zum Ziel - ſchuß auf ein Haar hatte, ohne mir durch Puf, Paf, und durch das Exercitium mit der Tobakspfeife, dieſe Geſchicklichkeit erzielt, oder ihr auch nur nachgeholfen zu haben. — Warum willſt du, ſagt’ ich, ein ſo blutiges Andenken zuruͤcklaſſen, eben da du von hin - nen ziehſt? Mein Recht nicht zu vergeben, erwiedert’ er. Du glaubſt es nicht, manD 3muß54muß die Baͤren und Woͤlfe im Reſpekt er - halten, wenn es auch nur durch einen Schuß iſt, die Beſtien machen unſer einem ſonſt das Eigenthum ſtrittig — der Haaſe kennt ſeinen Junker. —
Wir hatten oft angelegt, und eben legte mein Reiſegefehrt’ an, da ich eine Menſchen - ſtimme hoͤrte: Rett! Rett!
Herr v. G. kam nicht aus der Stellung: ich lief und ſchrie wo? wo? hier! hier! wo? wo? hier! hier! — und denn wieder Rett! Rett! und mitten drunter mit einer erbaͤrm - lichen Stimme: Lorchen im Waſſer! — Auch dies brachte den Herrn Braͤutigam in keine andre Lage; er hatt’ angelegt. — — Noch viele Rett’s! Rett’s! und viele hiers! hiers! und noch mehrere wo? wo? ich rief wo bis ich ſah — ich ſah die Begleiterin der Fraͤu - lein v. W. jaͤmmerlich die Haͤnde ringen. Hier, hier, rief ſie noch zu guter lezt. — O Gott! matt! matt! Die Waſſer uͤber Sie! — Ich warf meine Flinte weg, und dieſe gieng los. Luiſe fiel in Ohnmacht. Das wird ſich geben, dacht’ ich, und ſprang ins Waſſer, und brachte das liebe kleine Ge - ſchoͤpf heraus. Die Angſt hatte ihre kleine Haͤnde gelaͤhmt. Das Waſſer war ihr mehran55an die Seele, als an den Leib, gegangen — jezt war ſie — friſch wie ein Fiſch worden, wuͤrde meine Mutter des Reims wegen ge - ſagt haben. —
Luischen, ſagte ſie, da ſie ihre Beglei - terin wie todt liegen ſah. Ich nahm einen Hut mit Waßer, um Luischen ins Seyn zu - ruͤckzubringen; allein das Wort ihrer Pfleg - befohlnen: Luischen, hatte ſie ſchon aufer - weckt. Ich kam mit meinem Hut voll Waſ - ſer zu ſpaͤt, und goß dies Waßer, welches zum Schlagwaßer beſtimmt und eingeweihet war, ſo andaͤchtig aus, als meine Mutter das Reſtchen vom Taufwaßer ausgegoſ - ſen haben wuͤrde, welches nach ihrer Mei - nung ein paradiſiſches Gruͤn befoͤrdert. — Wir wollen, ſagt’ ich zu Luiſen, unſer Schaͤfchen aufs Trockne bringen. Es lief Waßer von ihr herab, wie nach einem ſtar - ken Regen von den Daͤchern. Luiſe wolt ſie ſchelten, daß ſie einem Steige zu ſehr ge - trauet haͤtte; allein Luiſe ſahe wohl ein, daß das Wiedervergeltungsrecht zu Hauſe nicht ausbleiben wuͤrde. Es ward alſo verabredet, daß ſich das Fraͤulein v. W. ganz ſauber und ſchoͤn ankleiden, und darauf erſt ihrer Mutter den Vorfall erzaͤhlen ſollte. Wißen,D 4ſagte56ſagte ſie, muß Sie’s. Mich, bat ich, laſ - ſen Sie aus dieſer Geſchichte. Sie? ant - wortete die Kleine, und reichte mir die Hand. Ich wußte nicht ob dies Sie? Ja oder Nein war. Es ſprach das liebe kleine Maͤdchen Sie ganz beſonders aus. — Ich koͤnnt’ es ihr zur Noth noch nach ſprechen! — Waͤhrend der Zeit kam mein Reiſegefehrt’, und, ohne ſich nach ſeiner Braut zu erkun - digen, macht’ er mir Vorwuͤrfe, daß ich ihn mit meinen Wos und Luiſe mit ihren Retts und Hiers geſtoͤret haͤtte. Bruder, ſagt’ ich, das Wort Rett iſt das deutſche hohe Nothwort. Wenn es ein Sterbender hoͤrt, muß er ſich noch aufrichten. — Nur keiner, fiel er ganz gelaſſen ein, der ange - legt hat, und was haſt denn du getroffen? fuhr er fort. Dies edle Geſchoͤpf, ſagt’ ich. Er ward von allem unterrichtet, und ver - ſicherte hoch und theuer, daß wenn er nicht angelegt gehabt, er gewiß eben ſo, wie ich, ge - laufen und die Flinte weggeworfen haben wuͤrde, ſo unverantwortlich es gleich waͤre, Pul - ver und Schrot, dieſe Gabe Gottes, umkom - men zu laßen. Luiſe lachte herzlich. — Die liebe Kleine ſah mich blos lieblich an. Beyde wußten ſich nicht drinn zu finden,daß57daß Pulver eine Gabe Gottes ſey. Der junge Herr v. G. konnte nicht leugnen, den Namen Lorchen gehoͤrt zu haben, indeſſen hatt’ er angelegt, das wolte mehr ſagen, als Lorchen. Es iſt wahr, durchs Ohr kommt weniger Mitleiden ins Herz, als durchs Auge. Man kann eher ſeine Stimme als ſein Auge verſtellen, und wen ſiehſt du, wenn du jemand ins Auge ſiehſt? — dich ſelbſt im Kleinen. Du biſt in gewißer Art gegen dich ſelbſt mitleidig; allein hier iſt nicht von mehr oder weniger die Rede, ſon - dern von Menſchenſtimme und von einem Jaͤger, der angelegt hat. —
Das kleine Fraͤulein und ihre Begleiterin ſchlichen ſich nach Hauſe, recht als ob die Frau v. W. ſie hier ſchon beym Waſſer be - merken koͤnnte. —
Mein Reiſegefehrt’ unterrichtete mich in noch einigen Jaͤgerkunſtworten, und da ihm eben ein Haaſ’ aufſtieß, den er traf, war unſre Jagd zu Ende. — Ich ließ mir ſei - nen Unterricht mit vielem Eifer gefallen, um ihn deſto mehr zu meiner Predigt vorzu - bereiten, die ich uͤberdacht hatte, und noch uͤberdachte. Gewiß war mein Reiſegefehrte vergnuͤgter uͤber ſeinen Haaſen, als ich uͤberD 5die58die Ehre, ſeine kleine Braut gerettet zu ha - ben. Er lies mich merken, daß im Hof - dorf’ ein ſchmuckes Maͤdchen waͤre, ſo wie Fraͤulein v. W. wie er ſich ausdruͤckt’ in die - ſem Jammerthal nicht werden wuͤrde, und wenn Herr v. W. nicht ein Gut haͤtte, das er ihm gleich, ohne ſich ſelbſt zu entbloͤßen, nach ritterlich uͤberwundenen academiſchen Jahren uͤberlaßen koͤnnte; ſo wuͤrd’ er, auſ - ſer dem ſchmucken Maͤdchen im Hofdorfe, ſchon eine Frau finden. Ich ſprach viel von der guten Gemuͤthsart der Kleinen, und der edlen Gemuͤthsart ihrer Mutter; allein dies ſchien ihm gegen das Gut, das er nach uͤber - wundenen Univerſitaͤtsjahren zu bejagen ge - daͤchte, eine unbedeutende Kleinigkeit zu ſeyn.
Obgleich der Vorfall mit Lorchen mir eben keinen gluͤcklichen Erfolg uͤber eine Pre - digt erwarten lies, die ich meinem kuͤnftigen Kirchenpatron zu halten entſchloßen war; ſo wolt’ ich doch nicht alle Hofnung aufgeben. Meine Leſer wißen ſchon, daß ich waͤhrend dem Anlegen auf die Bekehrung meines jetzi - gen Reiſegefehrten und kuͤnftigen Goͤnners gezielt hatte, und wer haͤlt nicht gern eine Predigt, die er im Concept hat?
Bruder,59Bruder, fieng ich an: die Spinne faͤngt Fliegen.
Da ſah man uns kommen. Ich ward, weil ich leer kam, ausgelacht; uͤber Tafel aber, da die Frau v. W. die Geſchicht’ ihrer Tochter erzaͤhlte, beſtand Herr v. G. der juͤngere ſchlechter, als ich. Herr v. G. be - ſchaͤmte ſeinen Sohn. Wer wird ſeine Braut um einen elenden Haaſen uͤberlaßen, die Erſtgeburt um ein Linſengericht? So ſeyd ihr Jaͤger alle. Ich bin auch ein Jaͤ - ger, das weißt du, aber —. Frau v. G. entſchuldigt’ ihren Sohn, ich weiß nicht mehr womit? Frau v. W. dankte mir herz - lich, und ihr Gemahl ſchalt aus Hoͤflichkeit auf ſeine Tochter, um dem jungen Herrn v. G. Genugthuung zu verſchaffen. Mei - netwegen war er in erſchrecklicher Verlegen - heit: denn ſo ſehr dieſer Vorfall zu einem neuen Feſte Anlaß zu geben ſchien; ſo bliebes65es ihm doch bedenklich, weil ich nicht von Adel war, und wie haͤtt’ ich mir ein ander Schickſal, als der Mann mit dem einem Hand - ſchu, verſprechen koͤnnen, der a Dato nach ſieben Tagen ſterben wird. — Er kaͤmpft’ indeſſen, weil es ſeine Tochter betraf, mei - netwegen auf eine unbeſchreibliche Art, und endlich kam es dahin, daß er mit vielen Complimenten ſich bedankte, und dieſe Be - gebenheit an den Rand zu verzeichnen ſich verbindlich machte; wie denn auch meine Geſundheit bey Tafel von ihm ausgebracht wurde. Es war eine unausſprechliche Hoͤf - lichkeit, mit der mir der Herr v. W. zu ver - ſtehen gab, daß beym: was iſt geſchehen? die Frage wer thats? nothwendig ſey.
Hoͤflichkeit und Feſtlichkeit ſcheinen und ſind zuweilen wirklich Antipoden: allein un - ſer Herr v. W. hatte dieſe Eigenſchaften ſo zuſammen vereinigt, daß ſie wie eins waren. Beyde ſtammen vom Hofe: der Geringere iſt hoͤflich aus Falſchheit oder Furcht, der Vornehme aus Stolz, und dies iſt auch die rechte Quelle der Feſtlichkeit. So wie ſich eine große freye Stadt zum Hofe ver - haͤlt, ſo die Urbanitaͤt, die Staͤdlichkeit, zur Hoͤflichkeit.
Zweiter Th. EWenn66Wenn dieſe Bemerkungen zur Erlaͤute - rung des Charakters des Herrn v. W. etwas beyzutragen im Stande waͤren, ſo wuͤrd’ es mir lieb ſeyn. — Was mich bey der Frage: wer thats? betraf; ſo war ich hiebey verlege - ner, als bey dem Sprung ins Waſſer. Ich konnte nichts mehr, als meinen Reiſegefehr - ten entſchuldigen. Der herzliche Blick der Frau v. W. und das frohe Laͤcheln der Kleinen war mir mehr, als zehn Feſte des Herrn v. W. Dieſer Vorfall inzwiſchen bracht’ uns eine geraume Zeit nicht aus dem Zank. Ein Vorwurf vom Herrn v. G. dem aͤltern, dann eine Entſchuldigung von ſeiner Gemahlin, und vom Herrn v. W., der es mit keinem verderben wollte. Beylaͤufig, oder am Ran - de, wiederholt’ er ſeinen Dank, die Frau v. W. ihren Blick, und das kleine Fraͤulein ihr Laͤcheln.
Die große Achtung, die Herr v. G. der aͤltere gegen meinen Vater aͤußerte, bewies zwar die Redlichkeit ſeiner Ausſoͤhnung; al - lein ſie machte mir ihre zehnjaͤhrige Tren - nung zugleich unbegreiflicher. Es ward vieles wiederholt, was mein Vater geſagt hatte, und alles mit einer dem Herrn v. G. eigenen Wendung, ſo, daß es wie neu aus -ſah.67ſah. Sein plein good ſenſe, ſein geſunder Menſchenverſtand, wußte gleich ein Exem - pel, wenn eine Regel gegeben ward; und vielleicht verhielt er ſich gegen meinen Vater, um den Vergleich ins Kurze zu ziehen, wie Regel und Erlaͤuterungsbeyſpiel.
Wir haben heut Ragout, eingeſchnitte - nen Braten, ſagte Herr v. G. Alles von geſtern. — Wir wiederholen die Predigt, und fragen ſie uns ab. —
Wenn je ein Ausdruck auf meinen Va - ter paßt, und der Wahrheit angemeſſen iſt; ſo iſt es der von einer Predigt. Dies Kleid war wie auf den Leib gegoſſen, konnte man ſagen, um von der Bemerkung, daß Worte Kleider der Gedanken waͤren, Gebrauch zu machen. Wer kann aber meinem Vater, den Paſtor, und meiner Mutter, die Paſto - rin verdenken? Die Predigt und den Geſang!
Herr v. G. erklaͤrte ſeiner Gemahlin was naif und was Laune ſey, woruͤber ſie zuweilen eine naife und launigte Unterredung gehabt. Laune, ſagt’ er, iſt der koͤrnigte Ausdruck eines naifen Gedanken. Naifitaͤt iſt eine Satyre auf die Kunſt, es beſte - he dieſe Satyre in Gedanken, Geberden, Worten oder Werken. — Er belehrte ſie,E 2daß68daß ſie ſich nicht ferner Laune zueignen koͤnnte. Wer Laune hat, fuͤgt’ er hinzu, muß un - term Barte lachen, wenn von einer guten Laune die Red’ iſt: obwohl bey jeder Laune wenigſtens ein Zug vom Lachen unterm Barte, zur Ehre des Lachens, ſich hervor - ſchleicht, oder durchbricht, wenn es gleich ſtock finſter auf dem Geſicht iſt. — Un - term Barte lachen, ſagte die Frau v. G. mit einem Veraͤnderungszeichen!
Naif aber, meine gnaͤdige Frau, ſind Sie — der Herr v. G. buͤckte ſich gegen die Frau v. W. Sie wieder — ihr Mann aus Hoͤflichkeit auch; die Frau v. G. hatte heut’ ihren guten Tag. — Ein launigtes Weib, fuhr Herr v. G. fort, wuͤrd’ ein Weib mit einem Barte heißen, und alſo ſetzt er hin - zu — —
Daß es verſchiedene Arten von Laune giebt, ſahen wir geſtern, ſagte Herr v. G. Nachdem die Feſte ſind, erwiederte Herr v. W. Je nachdem, fuhr Herr v. G. fort, je nachdem ein kluger Menſch Ding’ anſieht, je nachdem ſehen ſie ihn wieder an. Die Vorſtellung von Gluͤck und Ungluͤck kommt nicht von den Dingen in der Welt, ſondernvon69von der Gemuͤthsart der Menſchen. Der Standpunkt thut bey Seel und Leib viel, ſehr viel! alles! — Die miſantropiſche Laune, wolt er fortfahren, da ihm wieder ſein Sohn und das Fraͤulein Lorchen einfiel. — Diesmal aber, wie mich duͤnkt, zum Vor - theil meines Reiſegefehrten. —
Es ward von der Donquichotterie und den Windmuͤhlen und verfluchten Schloͤßern in der Liebe geſprochen. Jede Luͤge, ward bemerkt, hat was richtiges in ſich, ſonſt wuͤrd ſie kein Menſch anhoͤren und ausſte - hen koͤnnen. (Meine Mutter nahm hier - aus den Beweis, daß es am Ende Geſpen - ſter gaͤbe.) Die Feenmaͤrchen wurden ana - tomirt, und die Naturtheilchen abgeſondert.
Wo iſt, ward gefragt, ein feu’rfangen - der Juͤngling, der nicht bis ins ein und zwanzigſte Jahr wuͤnſcht, daß der Vater ſei - ner Schoͤnen abbrennen moͤchte, um die Ge - liebte aus dem Feuer zu retten? Es ſind ihm dieſe Lebensguͤter (wie meine Mutter ſingen wuͤrde)
Nackt, wie die Tugend iſt, will er ſeine Fiducia; allein iſt dies der Weg zur guten Ehe? Dies war die zwote Frage.
Herr v. G. behauptete in dienſtlicher Antwort, zum Wohlgefallen der Frau v. W., daß man heyrathen muͤßte, um einen ge - treuen Gehuͤlfen oder Gehuͤlfin zu haben, und eben hiedurch entſchuldigt’ er in gewißer Art ſeinen Sohn, welches ihm die Frau v. G. auf eine naive Weiſe zu verſtehen gab. Um ſich herauszuhelfen, ſagt’ er von mei - nem Vater gehoͤrt zu haben, daß man ſich auch in die Tugend verlieben koͤnnte. Man muß aber, wie der Paſtor bemerkte, nicht aus Neigung, ſondern aus Urtel des Ver - ſtandes, tugendhaft ſeyn, nicht, weil die Tu - gend huͤbſch iſt, ſondern weil es die Tugend iſt. Man muß ſie lieben, wie ſein Weib, und nicht wie ſein Maͤdchen. — Ein Tugendverliebter wird kalt, wie jeder uͤbertriebene Liebhaber. —
Aber, fiel die Frau v. G. ein —
Ich weiß dein Aber, fuhr Herr v. G. fort, die Damen wollen Neigung. — Sie glauben, daß eine unſichtbare hoͤhere Macht ihr Band geſchlungen habe. Neigung iſt ihnen der Him - mel, in dem die Ehen geſchloſſen werden.
Frau71Frau v. W. war auch einigermaaßen fuͤrs Aber, und es erinnerte ſich der Herr v. G. zu rechter Zeit, daß mein Vater be - hauptet haͤtte, wir Menſchen ſpraͤchen im - mer von Neigung, auch ſelbſt da, wo Urtel des Verſtandes entſchieden haͤtte. Es ſchei - net, daß der Menſch ſeiner Vernunft nicht recht trauet. Bey einem Hauptargument hat er noch verſchiedene ad hominem, ſetzte Herr v. G. hinzu, ohne beſonders zu bemer - ken, ob es ſein Eigenthum, oder von mei - nem Vater herkaͤme. Es ſchien, als ob er vieles von meinem Vater jure antichretico beſaͤße.
Herr v. G. brach ſich ſehr den Kopf uͤber die Extreme, von denen ihm mein Vater be - ſondere Dinge geſagt haͤtte. Zwey Extre - me ſind zwey Enden, wiederholte der Herr v. G., als wenn er zu ſich ſelbſt ſpraͤche. Zwey Enden, die man den Augenblick ver - binden kann. So war der Teufel Gottes - freund. Wolluſt und Nothdurft ſind Nach - barskinder. Schwindſucht und Waſſerſucht, Schlafloſigkeit und Schlafſucht, Licht und Schatten, Leben und Sterben, himmliſche erhabenſte Weisheit und Einfalt. — Die groͤßte Wuth iſt, wenn ein Menſch den an -E 4dern72dern frißt — und geſchieht das nicht? Ha - ben nicht die Menſchen mehr, als Wolfshun - ger? Iſt es mit ihnen nicht oft in dem Zwoͤlften? Iſt nicht oft leiblicher Bruder des leiblichen Bruders Teufel, welcher die Seelen verſchlingt, als ſchluͤrft’ er weiche Eyer, oder Auſtern?
Herr v. G. kam aufs Freßen zuruͤck, und doch, ſagt er, (alles wie zu ſich ſelbſt)
Die groͤßte Liebe auszudruͤcken, ſagt man: ich moͤchte dich vor Liebe auffreſſen. Niemand hat mehr Blasphemien geſagt, als ein Quaͤker. Er, und ein Gottesleug - ner, ſind naͤher verwandt, als man glau - ben ſolte.
Ich habe nicht noͤthig zu bemerken, daß Herr v. G. dieſes lange vor ſich ſo ausſprach, daß, wenn ers auch nicht ſo oft treulich und ſonder Gefehrde angefuͤhrt, jeder doch theils aus ſeinem Ton, theils aus ſeinem Kopf - ſchuͤtteln, geſehen haben wuͤrde: es ſey nicht ſein, ſondern meines Vaters.
Dies! dies! dies! Herr v. G. ſagte drey - mal dies, wie meine Mutter dreymal das Wir im Glauben ſang, dies iſt mir et - was am Paſtor, das ich noch bey keinemMen -73Menſchen ſonſt, er ſey Paſtor oder nicht Pa - ſtor, gefunden habe. Es iſt was Seel und Leib eigenes, was theoſophiſches, wie ſoll ichs nennen? Unſer Freund Paſtor hat den heili - gen Buſch im Brande geſehen. — Rechnet man dazu, daß er die Bibel nicht in ſchwarz Saffian gebunden hat, ſondern im weißem Pergament, ſelbſt — ohne goldnen Schnitt, daß er ſie nicht als Medicin, ſondern als taͤg - lich Brod braucht; ſo iſt der gute Paſtor ein ganz beſondrer Paſtor. Seine andern Sei - ten, daß er z. E. die Glatze nicht mit Puder bedeckt, daß er kein Jaherr iſt, daß ſein Ausdruck nicht Scheidemuͤnze, nicht Gang - und Gaͤbemuͤnze, oder courent, ſondern aus der Sparbuͤchſe genommenes Geld iſt, und um, mit Erlaubnis, in eine andre Figur zu kommen, nicht wie auf den Kauf gemacht, ſondern wie beſtelte Arbeit ausſieht; ſo, daß es von ihm heißen kann: „ was er ſpricht, „ das geraͤth wohl! “
Beym letzten daß erzaͤhlte der Herr v. G. eine Geſchichte, die ſich noch vor der Schei - dung vom Tiſch und Bette, und alſo vor zehn Jahren, zugetragen haͤtte.
Ein Barbier ſchnitt mit moͤrderiſcher Hand dem — den Hals ab, nachdem er ihn zuvoͤrderſt ganz ſauber und koͤſtlich von der Buͤrde ſeines Barts befreyet, und leicht ums Kinn gemacht hatte. Waͤr ich Inquirent, (haͤtte mein Vater nicht blos geſagt, ſondern behauptet,) wuͤrde eine meiner Hauptfragen, ſowohl im Generalverhoͤr, als bey den Spe - cialartikeln, ſeyn:
(Der Boͤſewicht! ſetzte Herr v. G., ohne das Comma abzuwarten und meinen Vateraus -75ausreden zu laßen, hinzu, das kommt vom Aderlaſſen heraus! Man ſolte nicht Leute an den Hals laßen, die Blut ſehen koͤnnen, als ſaͤhen ſie ſuͤße Milch. —)
Der Moͤrder haͤtte bekannt, daß er mit Mordgedanken zum — gegangen. Alle Um - ſtaͤnde beſtaͤtigten dieſe Ausſage. Der erſte Strich war in ſeiner Seele Mord. Warum vollbracht’ er ihn erſt beym lezten? — Nota bene. Er fand den — allein, und ſo blie - ben ſie auch — die That kam nach vier Stunden erſt aus. —
Ich weiß nicht, ſagte meine Mutter im erſten Bande und deſſen zweyhundert und ſie - benzigſten Seite, ich weiß nicht, gegen das gemeinſte Volk hab’ ich, bis ich bekannt bin, ruͤckhaltende Achtung; ich glaube, das macht das Bild Gottes. Wenn meine Leſer den erſten Band nicht bey der Hand haben; ſo war es bey Gelegenheit der Blutreinigung, deretwegen meine Grosmutter muͤtterlicher Seits das alte Geſinde behielt, welcher blu - tigen Meynung meine liebe Mutter, in Ruͤck - ſicht der Koͤniglichen Frau Mutter Babbe, beytrat.
So ohngefehr beantwortete mein Vater ſeine General - und Specialfrage: denn ichmuß76muß aufrichtig geſtehen, daß ſich der Herr v. G. daruͤber ſo ungefehr, wie uͤber die be - ſte Welt, ausdruͤcke.
Unſer Paſtor, fuhr Herr v. G. fort, nachdem er ſich von ſo vielen daß losgemacht, unſer Paſtor beſitzet etwas, was man nicht ausſprechen kann, in dieſem Punkte. Er iſt ein Gegenfuͤßler von einem Lauen, und ich kenne keinen Menſchen, der mehr Theil - nehmer waͤr’ als er!
Obgleich der Herr v. G. dieſen Zug in meines Vaters Charakter nicht in ſeinem hei - ligen Dunkel ſtoͤrte, ſo daß er hoͤchſtens nur den heiligen, nicht aber den lezten, den al - lerhoͤchſten Vorhang, hoheprieſterlich zog, und in gewiſſer Art eben ſo unbegreiflich blieb, als mein Vater ſelbſt; ſo muß ich doch bey dieſer Gelegenheit geſtehen, daß mein Vater wuͤrklich in dieſem Stuͤck was ganz beſonders eigenthuͤmliches beſaß. Ich hab’ ihn einen im Himmel Angeſchriebenen, einen Verklaͤr - ten genannt, und als einen aus dem Reiche Gottes dargeſtelt, von welchem wir beten: dein Reich komme!
Ich weiß nicht mehr, wer von ihm in ſeinem eigenen Paſtorat, da er eben den Ruͤ - cken gekehret hatte, das Urtheil ausſprach,daß77daß er, ſobald er ſpraͤche, den Sprengwedel in der Hand haͤtte, und die Seele mit ge - weihtem Waſſer beſprenge, und daß er jeder - zeit mit gewaſchenen Haͤnden erſchien, ſo wie man von dem alten und neuen Gebrauch ſich, ehe man in den Tempel gieng, zu beſprengen und zu reinigen, zu ſagen pfleget: mit un - waſchenen Haͤnden. Vielleicht uͤbertrieb es mein Vater an vielen Orten, wie jener Juͤnger, der anfaͤnglich auf die Art des Herrn v. W. mit ſeinem Herrn und Meiſter com - plimentirte, nachher aber auf einmal aus - brach: nicht die Fuͤß’ allein, ſondern die Haͤnd’ und das Haupt. — —
Der Socinianismus iſt etwas kleinſtaͤdt - ſches, etwas verlahmtes, etwas ermuͤdetes, pflegte mein Vater zu ſagen. Entweder Hof, oder plattes Land. Kalt oder warm. Alles oder nichts. Aut aut —
Eltern ſehen ſonſt nicht, daß Kinder wachſen, und Kinder ſehen nicht, daß ihre Eltern alt werden, weil ſie ſich taͤglich und ſtuͤndlich ſehen; wenn es aber ein Fremder bemerkt, denn reißt ſich ihr Aug’ auf. — Mir werden meine Leſer den Vorwurf nicht machen, und wenn ſie mit mir in Ruͤckſicht dieſes Charakters nicht zufrieden ſind; ſo ge -hoͤrt78hoͤrt es nicht auf meine, ſondern auf die Rech - nung meines Vaters. — Wer mir aber den Einwand entgegen ſetzt, daß ich meine Cha - raktere nicht friſirt und gepudert, und voͤllig vom Haupt zu Fuß geſchmuͤckt, und fein an - gethan praͤſentire; hat es in den Tod ver - geſſen, daß ich eine Geſchicht’ erzaͤhle. Schon im Roman muß man ſeine Leute kennen, der Natur nachfolgen, und den Menſchen ſich oͤf - fentlich ankleiden laſſen. Man muß den Men - ſchen im Seelencamiſoͤlchen, in der Federmuͤ - tze, wenn er ein Gelehrter, und mit einem ſeidnen Tuch kuͤnſtlich rußiſch um den Kopf gebunden, wenn er ein Edelmann iſt, dar - ſtellen — in naturalibus. Jeder Menſch hat ſeine Art, ſich anzukleiden und zu erzaͤhlen, und dieſe beyde Arten ſtimmen mit einander ſo uͤberein, daß wenn ich jemanden ſich an - kleiden ſehe, ich ſagen will, wie er erzaͤhlt, und umgekehrt, wenn ich ihn erzaͤhlen hoͤre, will ich ſagen, wie er ſich ankleidet. Die Art ſich auszukleiden, kann den Kenner vie - lerley lehren, und unter andern auch, wie der ſich entkleidende ſterben werde. Hievon ein andermal. — —
Eine Erzaͤhlung, der man das Studierte, das Gefliehene, das Geordnete anſieht, iſtunaus -79unausſtehlich. — So wie es in der Welt geht, ſo muß es auch in der Geſchichte ge - hen. — Bald ſo, bald ſo. — Der Hoͤrer, der Leſer, mag ſich hieraus ein Miniatur - ſtuͤckchen auf theophraſtiſch, bruͤyeriſch zeich - nen, wenn er will. —
Belaͤge zu dieſer Bemerkung die Menge in meinem Lebenslauf, und um meine Leſer auf der Stelle zu uͤberzeugen —
Herr v. G. erzaͤhlte, daß mein Vater nicht die mindeſte Wirthſchaftskenntniße be - ſeſſen haͤtte, da er Paſtor geworden.
Jetzt weiß er ſo gut, wie Einer, wenn Zeit zu ſaͤen und Zeit zu erndten iſt, wenn man dreſchen, malzen, Haus - Acker - Gar - ten - und Fiſchergeraͤthe beſſern muß. Er verſteht ſich auf die Eisfiſcherey, auf die Nachtfroͤſte, Holz und Miſtfuhren, Flachs - und Hanfbrechen.
Wie er anzog, wolte der gute Paſtor, fuhr Herr v. G. fort, den Paſtoratsbauern ſeine Schwaͤche nicht verrathen, und was that er? Eh’ er durch Geſicht und Ohr ſo weit gebracht war, als er jetzt iſt? Er viſitirte ſein Inventarium. Das Regiſter in der Hand frug er:Neun80Neun Braune? Ja. neunzehn Schimmel? Ja. acht Fuͤchſe? Ja. dreißig Kuͤhe? Ja. Wer hier nicht den Paſtorem loci findet —
Herr v. G. war mit Ehren zu melden ein großmaͤchtiger Wirth. Er las, ver - ſuchte, fehlte und verſtand zuletzt ſeinen Bo - den, als wenn er mit ihm ſprechen koͤnnte. Er benutzte, im Ganzen genommen, ſeine Aecker auf eine Art, welche ihm den Neid ſei - ner hochwohlgebohrnen Bruͤder zuzog. Der gemeine Mann ſagte: er haͤtte den Alp. Die Frau v. G. nannte die oͤconomiſchen Buͤcher, die er ſich mit vielen Koſten ver - ſchrieb „ Wurzelbuͤcher „ und wußte ſehr ge - nau, wenn und wo er durch Verſuche ver - loren hatte. So war der Herr v. G., um ſeinen eigenen Ausdruck zu adoptiren, eine Erdſcholle, ein glebæ adſcriptus; allein er war ſelbſt auch dies als v. G. Wenn ich ihnen mit dem Ausdruck einen Dienſt erwei - ſen kann, gnaͤdige Frau v. G., er war ein Wurzelmann — Die Blaͤtter fallen im Herbſt in der Truͤbſal abe. —
Ob -81Obgleich wir ein Trauerfeſt hatten, und der Herr v. W., ſein Waffentraͤger, und Herr v. G. ſehr hoͤflich gegen einander wa - ren, welches gemeinhin bey Trauerfeſten zu ſeyn pflegt; ſo konnte doch Herr v. G. nicht umhin, wiewohl ohne ihnen dieſe Saladiere anzubieten, gelegentlich anzumerken, daß derjenige, der nicht bezahlen koͤnnte, ſehr hoͤflich waͤre, welches geſtern mit alten Maͤn - nern, wenn ſie junge Weiber zur Ehe haͤt - ten, bewieſen ſey.
Wie denn Herr v. G. ſich wider alle Ge - burtstags Gluͤckwuͤnſche erklaͤrte. — Wer wird, ſagt er, gratuliren, daß man ſchwaͤ - cher geworden? Zum Geburtstage muß man nur bis zum dreyßigſten, und da in der Weichlichkeit der Juͤnger immer ſtaͤrker, als der Meiſter iſt, nach unſerm Weltlauf bis zum fuͤnf und zwanzigſten, ein und zwan - zigſten, und wohl neunzehnten Lebensjahre Gluͤck wuͤnſchen — es waͤre denn, daß man auf die andere Welt Ruͤckſicht nehmen wolte, nach der aber in geſunden Tagen wenig Nachfrag’ iſt. —
Noch eins! Mein Vater haͤtte geſagt, ſagte Herr v. G., wer einen Brief ſchreibt,Zweiter Th. Fmuß82muß glauben, er ſchreibe ihn an die Welt, und wer ein Buch, ich ſag’ ein Buch, ſchreibt, ſchreib’ es an einen guten Freund, wenn man nicht in beyden Faͤllen alltaͤglich ſeyn will. —
Ich ergreife dieſes noch eins als eine er - wuͤnſchte Gelegenheit, um meinem Leſer auf Ehre zu verſichern, daß ich dies noch eins nicht aus den Augen gelaſſen, und dieſes Ganze an Einen gerichtet habe. Ich habe dieſes Einen in dem erſten Bande erwehnt, und es iſt eben derjenige, der mich auf der ein und zwanzigſten Seite beſuchte, und dem ich auf eben der Seite (ich rede von der er - ſten Ausgabe, denn wer ſteht mir dafuͤr, daß es zu mehrern kommt) eine gluͤckliche Reiſe gewuͤnſcht habe.
Wie viel liegt in dem Wort Einer? Wer es faſſen kann, der faß’ es, und wers nicht kann, wird auch ſchwerlich begreifen, was eigentlich Einheit in einer jeden Schrift liſt, welche da ſeyn muß, die Schrift wandle gleich im finſtern Thal, ſie gehe gleich durch dick und duͤnn, durch Licht und Finſterniß. Eine Schrift, welche dieſes Ziel nicht hat, und nicht an Ort und Stelle kommt, iſt eine Mißgeburt. — Je weiter man es gebrachthat,83hat, alles zu Einem einzulenken, und kein Rad zu viel und keins zu wenig in ſeinem Buch zu uhrmachen, je mehr Ganzes iſt da. Man ſagt: Ein Apoſtel Paulus, Ein Rath, Eine chriſtliche Gemeine wolle mit gebuͤhren - der Andacht verleſen hoͤren. — — Gott ſchuf nur einen Menſchen! ſein Bild! und wenn ihr Herren Praͤadamiten in die Kreuz und in die Queere euch dagegen baͤumet. In dem Gedanken: Ein Menſch und ſein Weib von ihm genommen, liegt was Goͤttliches, was Großes! was — Ein Syſtem, wenn es ſo ganz da liegt, ſo ganz, wie Thier und Menſch, iſt Arbeit eines Halbgottes. Wo iſt ein Syſtem dieſer Art? Wenn es ja fer - tig werden kann, wird es das Werk eines Deutſchen ſeyn. — Im Syſtem geht man vom Ganzen zu den Theilen. Man ſieht den Menſchen ganz. Ein Blick iſt genug hiezu, und ſodann anatomirt man ihn. — Sonſt geht man von den Theilen zum Ganzen. Ein Syſtem heißt nicht Compendium, und iſt nicht ein auf Drat gezogenes Gerippe. Seht die Welt! Sie iſt ein Menſch im Großen. So ganz wie ein Menſch. Gott ſieht ſie, wie ich meinen Haushahn, meinen Philax, meinen Leopold; wir aber finden ſie ſo inF 2Un -84Unordnung, daß es Kunſtrichter gegeben hat, die dem lieben Gott gern was ins Ohr daruͤber geſagt haͤtten.
Wo das, was ich verſtehe, gut iſt, da leg’ ich beyde Haͤnde auf den Mund, wenn ich an etwas ſtoße, das ich nicht verſtehe. —
Mein Einer, an den ich dieſes Buch ge - ſchrieben, iſt mein lieber getreuer — — den ich auch getreu lieben werde bis in den Tod. Dieſes ganze Buch iſt eine Dedication, eine Zuſchrift, in Ruͤckſicht auf ihn, ein Brief mit einem cachet volant ſub ſigillo volante (unter offenem fliegenden Siegel) allein kein Wunſch iſt ſehnlicher, als daß meine Leſer hiebey nichts verloren, ſondern vielmehr reich - lich gewonnen haben moͤgen. — — —
Mitten in dieſen und andern Wiederho - lungen kam ein Brief von meinem Vater an den Herrn v. G., und an mich?
Nichts an mich, zum offenbarſten Be - weiſe, daß mein Vater nicht fuͤrs Schrei - ben war.
Auch der Brief an den Herrn v. G. war kurz und enthielt nur eine Anwei - ſung, einen Fingerzeig, wegen der Beylage. Unſer Bekannte, der das erſte und letzte - mal, da er eine Flinte losdruͤckte, oderviel -85vielmehr, da ſie ohne ſein Vorwiſſen und Mitwuͤrkung in ſeiner unerfahrnen Hand losgieng, ſeinen Sohn erſchoß, hatte ſeine Lebensumſtaͤnde eigenhaͤndig verfaßt, und ſie ſeinem Troͤſter, meinem Vater, in die Haͤnde gelegt. Der Herr v. G., den der Alte mit dem einen Handſchu aufmerkſam gemacht, hatte meinen Vater beſchworen, ihm den Erfolg von dem Troſtamte, welches dieſer Ungluͤckliche in ſeiner Seelenangſt auf - gefordert hatte, zu berichten.
Ein kurzer Brief, ſagte Herr v. G., da er den Brief meines Vaters entfaltete, der, wie ich bey Gelegenheit des Converſus bemerkt habe, fuͤrs muͤndliche war. Dies gab Anlaß, von meines Vaters Weiſe kurz zu ſchreiben, nach ſeinem Beyſpiel ein lan - ges Geſpraͤch zu halten, das Herr v. G. auf eine mir unvergeßliche Weiſe beſchloß. Die Sprache Gottes! Gott ſprach, hauchte nur auf, und es ward. Gott iſt auch Schriftſteller worden, fuhr Herr v. G. fort. Das Wort Fleiſch. — Es iſt viel von Gottes Wort zu ſagen. Ein Ausdruck, den alle Welt im Munde fuͤhrt, und doch ein tiefer, tiefer Ausdruck!
F 3Eine86Eine lange Beylage, ſagte Herr v. G., nachdem er den kurzen Brief durch und durch geblickt hatte. Er las ihn nicht, er blickt’ ihn auf. Die Beylage ward woͤrtlich ab - geleſen. Einige Stellen hatten Thraͤnen uͤberſchwemmt, und ſie ſchienen wie verwuͤ - ſtete Wieſen, die das ausgerißene Waßer zerſtoͤret hat.
Hier iſt ein wohlgemeynter Auszug. Es war der — — der einzige Sohn eines Amtmanns. Seine Mutter, die Tochter eines Litteratus. Seine Eltern ſtarben in Ketten. Der ungnaͤdige Herr Principal hatt’ ihnen Defekte gezogen, ohne ſich Zeit zu nehmen, eine Probe bey ſeiner Rechnung zu machen.
Die Cavaliere, ſchreibt er, rechnen ge - meinhin mit ihren Amtleuten ohne Probe, und ſind Klaͤger! Richter und Henker!
Unſer Bekannte hatte Gelegenheit ge - habt, in ſeiner erſten Jugend ſchreiben und rechnen zu lernen, ohne daß er ſich unter - ſtehen durfte, von dieſer Kunſt bey der Ver - rechnung des Herrn v. — in Ruͤckſicht ſei - nes Vaters Gebrauch zu machen, und ihr durch eine Probe nachzuhelfen. Er entgieng mit vieler Muͤhe der Schuldunterthaͤnigkeit,konnte87konnte von Gluͤck ſagen, daß er frey blieb, und als Bedienter ſich in einem andern hoch - adelichen Hofe anzubringen die Erlaubniß erhielt. Er verſprach Charlotten die Ehe, einer freyen Perſon, die aber weder reich noch ſchoͤn war. — Sie hatten ſich von dem erſten Augenblick geliebt, da ſie ſich ge - ſehen hatten. Sie war verliebt und tugend - haft, das iſt nicht viel aus einander, und verliebt und tugendhaft war alles, was man von Charlotten ſagen konnte. Gewiß wuͤrd’ unſer Bekannte an ihrer Hand gluͤcklich ge - worden ſeyn. Er hatt’ ihr die Ehe einmal, da es donnerte, verheißen, und ſo laut, wie er ſchreibt, daß er faſt den Donner uͤber - ſchrien! — Alles was Charlott’ und un - ſer Bekannte ſahen, alles was ſie hoͤrten beſtaͤtigt’ ihre Liebe — denn Aufforderung, hatten ſie nicht mehr noͤthig. Unſer Bekann - te hatt’ eine Laube gepflanzt, welche Char - lotte begoß. Sie wuchs mit ihrer Lieb’ um die Wette. Charlotte hatte das Gluͤck, wie’s die Leute hießen, den gnaͤdigen Herrn in verliebten Aufruhr zu ſetzen. Sie war die vierte, der er ein ſeidenes Schnupftuch zugeworfen; allein die drey, ſo vor ihr ge - weſen, die Cammerjungfer nicht ausgenom -F 4men,88men, waren auf einen andern Fuß genom - men. Er fieng an zu ſeufzen, und Char - lotten foͤrmlich die Cour zu machen. Wenn niemand dabey war, kuͤßt er ihr die Haͤnde, und das Cammermaͤdchen ſeiner Frau Ge - mahlin Gnaden hatt’ ihn auf Knien vor Charlotten geſehen. Dieſes verdroß dem Cammermaͤdchen beynahe mehr, als der gnaͤdigen Frau, welche letztere die Kunſt ſich zu entſchaͤdigen aus dem Grunde verſtand, und den Herrn Gemahl laͤnger verloren hatte, als die Cammerzofe den Liebhaber. Indeſ - ſen fand auch die entſchaͤdigte gnaͤdige Frau unſchicklich, daß Se. Hochwohlgebohrnen einem Dienſtmaͤdchen die Cour machten. Die Cour! auf Knien! So was hielte Sie ihrer Ehre zu nahe, und das Cammermaͤd - chen ſetzte hinzu: wenn Charlotte noch eine Cammerjungfer waͤre!
Charlotte haͤtte, wenn ſie den Plan der gnaͤdigen Frau und des Cammermaͤdchens befolgen, und den gnaͤdigen Herrn oͤffentlich laͤcherlich machen wollen, ein ziemlich groſ - ſes Spiel gewonnen; allein ſie wolte nicht durchs Spiel reich werden. Sie ſuchte Se. Hochwohlgebohrnen auf den rechten Weg zu bringen, er aber blieb auf dem Irwege zuihrem89ihrem Herzen. Da ſie ihn nicht los werden konnte, entfernte ſie ſich, wie ſie ſtand und gieng, und lies wie Joſeph ihre Plundern zuruͤck, die man ihr bey Haͤngen und Wuͤr - gen auslieferte. Die Sache macht’ Aufſe - hen, und Charlotte war die einzige Perſon, die den Herrn v. — vom Theater der dor - tigen Gegend bringen konnte. Sie that es, und da unſer Bekannte ſie ſelbſt darum bat, kehrte ſie zuruͤck ins Hauß. Solche Herren wißen ſich durch Ableiter vor dem Ungewit - ter zu ſichern. Sie wißen nicht, was eine fehlgeſchlagene Liebe ſagen will. Der Herr v. — hatte ſich mit weniger Muͤhe, ohne zu knien, verſorgt und unſer Bekannte be - ſaß Charlotten nun ohn’ Anfechtung. Sie war ihm jetzo theurer; denn ihre Tugend hatte geſiegt und das Feld behalten. —
Es iſt unausſprechlich, wie gluͤcklich un - ſere Verliebten waren. Er pfluͤckt’ ihr die erſten Blumen, und die Natur ſchien ſie recht geflißentlich fuͤr ihn, oder eigentlich fuͤr Charlotten, zu verwahren. Nur ein durch Liebe geweihtes Auge konnte die Blu - men finden, die er fand. Sie hingegen bracht’ ihm die erſten Fruͤchte. Er aß ſieF 5aus90aus ihrer Hand, und dann ſchmekten ſie ihm deſto ſuͤßer.
Nach dem Auftritt mit dem Herrn v. — ſchien Charlott’ unſerm Bekannten eine Maͤr - tyrin, und er glaubt’, daß dieſe erhabene Idee ſeiner Liebe Schaden gethan haben koͤn - ne. Nachdem ich ſie, ſchreibt er, uͤber - menſchlich liebte, ſchien ſich ein gewißes Feuer im Herzen zu legen.
Er geſtehet mit allen Merkzeichen einer wahren Reue, die niemand gereuet, daß ſein Herz vorzuͤglich durch die Geſchenke ſei - nes Principals den ganzen Reſt von An - haͤnglichkeit zu Charlotten verloren. Welch ein Verluſt! O Gott, welch ein Verluſt! Ich ward wie ein ſchwankendes Rohr, ſchreibt er, lange vom Winde hin und her getrieben. Ein Flick Land, und ein blanker Hut mach - ten das Garaus mit mir. Ich balancirte ſchon zuvor. Dies Flickwerk gab den Aus - ſchlag. Der gnaͤdige Herr konnte Char - lottens Gutherzigkeit empfinden. Viel vom gnaͤdigen Herrn! Er haßt’ und ehrte Char - lotten, wie die Teufel glauben und zittern. Sie hatte ſeine Beſchaͤmung oder Beſchimpfung in ihrer Gewalt: allein ihre edle himmliſche Seele wußte von keiner Rache. Charlot -tens91tens Herz hatte nicht ſeines Gleichen. Sie frug nicht, ehe ſie Mitleiden zeigt’, ob der Ungluͤckliche Schuld an ſeinem Ungluͤck waͤre? Oft dacht’ ich, wenn ſie weinte mit den Weinenden, und wenn es ihr genug war, Elend zu ſehen, um bewegt zu werden: Sie laͤßt, wie Gott der Herr, regnen uͤber Ge - recht’ und Ungerechte! — Dieſe edle Den - kungsart vermochte vielleicht den gnaͤdigen Herrn, durch ſein Geſchenk die gute Sache mit Charlotten ins Reine zu bringen. Der Hut, ſagt’ er zu mir, iſt mir zu groß. Das Land iſt mir zu klein! Es iſt beydes ſein. — Weg war ich, ja wohl weg. —
Unſer Bekannte verdarb ſein Herz von Tage zu Tage. Je mehr Charlott’ ihm ſagte, daß ihm der Hut ſchlecht ſtuͤnde, (ſie ſah da - bey auf ſein Herz; er war ſonſt ein ſchoͤner Mann,) je gleichguͤltiger ward er gegen ſie. Er hatt’ an jedem Finger eine Schoͤne, die ſich in dem blanken Hute ſpiegelt’, um ſich nach Maasgabe deſſelben das Tuch und den Halß zurecht zog, bis endlich Luiſe ihn zur heiligen Ehe beſtimmte. Sein Hut war ab - getragen und Luiſe war reich. Dieſe Luiſe iſt das ungluͤckliche Weib, das nach dem un - gluͤckſeligen Schuß mehr aus Gram uͤber denGram92Gram ihres Mannes, als uͤber den Verluſt ihres einzigen Sohnes ſtarb; wie ich im er - ſten Bande bereits bemerkt habe. Das Stuͤck Acker, ſo ihm der Herr v. — ſchenkte, war zur Noth eine Brodſtelle; allein einen blan - ken Hut warf es nicht ab. Bis auf den Zu - ſchlag mit Luiſen hatte Charlotte noch Hof - nung gefaßt. Sie, die alles zum Beſten zu kehren gewohnt war, verlohr nicht all’ Aus - ſicht zur Beſſerung ihres ungetreuen Liebha - bers. Vom Tage ſeiner Verlobung mit Char - lotten ſank ſie in Schwermuth! o Gott! ſie ſank tief. Dicke Wolken uͤberzogen ſie, und es war ſo feyerlich anzuſehen, als wenn ſchwarze Wolken den Mond beziehen. — Wer dieſen Bezug nicht bemerkt hat, thue Charlotten die Ehre, und bemerk’ ihn noch. Waͤhrend der Zeit, da ſich unſer Bekannte von Charlotten gedrehet, bekam ſie einen Freyer, der ſie herzlich zu lieben vorgab. Man konnt’ an der Ehrlichkeit ſeiner Liebe nicht zweifeln, da er reich und ſie arm war. Dies wußte ſie zu empfinden; allein ſie em - pfand auch, daß es nicht unſer Bekannte war!
Die erſte Liebe, merkte Herr v. G. bey dieſer Gelegenheit an, ſtimmt unſer Herzauf93auf ewig. Der Ausſchweifendſte koͤnnte be - haupten, er habe nur eine einzige geliebt, und in Wahrheit, das koͤnnt’ ihn heilen, — wenn es ſein Ernſt waͤre, heil zu werden. Man liebt immer die erſte Liebe, auch ſelbſt, wenn man am Hof’ iſt. In jeder neuen Theaterprinzeßin iſt wenigſtens ein Zug von der erſten Liebe. Sie iſt uns ins Herz ge - ſchrieben, im theologiſchen Sinn, — und beweiſet, daß von Anbeginn nur ein Weib und ein Mann geweſen. Der arme Freyer! Es war ſeine erſte Liebe, er heyrathete; allein es war keine Charlotte. Die Braut unſers Bekannten wandte ſich an Charlot - ten; denn ſie hatte zu ihrem Braͤutigam mit dem abgetragenen blanken Hut kein ab - ſolutes Vertrauen. — Charlotte gab ihm mit weinenden Augen das beſte Zeugniß. Sie kuͤßte die Ruthe, womit ſie gezuͤchtiget ward. Sie kuͤßte Luiſen herzlich. — Arme Charlotte! Ihrem beklommenen Herzen Luft zu machen heyrathete ſie; allein, was iſt von einer Heyrath aus Verzweiflung zu er - warten? Sie macht’ ihren Mann ungluͤck - lich, und ſie war es noch weit mehr. Sie kuͤßt’ ihn zitternd, wie eine Taube, die den uͤber ſich hangenden Moͤrder ſieht, indem ſieihren94ihren Gatten ſchnaͤbelt. Charlotte ſah den Habicht ganz allein, und mithin wußt’ ihr Mann nicht, was ihr war! — Sie hatte keine Kinder, und Charlotte ward allgemein fuͤr eine Perſon erklaͤret, die ſchwermuͤthig waͤre. Beſonders aͤußerte ſich dieſer Truͤb - ſinn, wenn ſie was blankes ſah; es muͤßte denn durch die Sonne verguͤldet ſeyn, ſonſt konnte ſie nichts ſchimmerndes ohne Thraͤ - nen anſehen. Ihr Silber und Zinn muß - te nicht glaͤnzend gemacht werden. Am liebſten aß ſie von Holz. — Man verſchloß ſo gar Scheer und Meſſer eine zeitlang. Ein Schrecken war das einzigſte, was Charlotten ins Lachen bringen konnte. Ihr Lachen hielte man vor Hitze, ſo wie ihre Thraͤnen vor Froſt, bis man mit ihrer Art bekannter ward, und Meſſer und Scheere wieder aufſchloß.
Charlotte konnte keine Kinder ausſtehen; allein wenn ſie heimlich den einzigen Sohn unſers Bekannten habhaft werden konnte, druͤckte ſie ihn feſt an ihr Herz. Es war ruͤh - rend anzuſehen. — Unſer Bekannte hatte das Gluͤck, ſich zu uͤberreden, Charlotte ſey nicht ſeinet, ſondern ihres einzigen Mannes wegen, ſchwermuͤthig. Es war Charlottens Mann der beſte Mann in der Welt; indeſſenward95ward er ordentlich gehaßt, und wenn man ihn am Ende ſo boͤſe nicht fand, als man ihn ausgab, kam es auf den gnaͤdigen Herrn, man ſagt’ es ſich ins Ohr, daß Charlotte ſei - netwegen ſo truͤbe geworden waͤre. —
Sie ſtarb — und ſo froh, daß es er - baulich war, von ihrem Tode zu hoͤren. Wer ſie ſterben geſehen; war bis an die Thuͤr des dritten Himmels entzuͤckt worden. Char - lotte war aber gewiß weiter eingedrungen zur ewigen Freud und Herrlichkeit. Wer ihre lezten Worte gehoͤrt hatte, redete von ihr mit Ausgelaſſenheit. — Es hatte kein Aug ge - ſehen, es hatte kein Ohr gehoͤrt, es war in keines Menſchen Herz kommen, was die Um - ſtehenden geſehen und gehoͤrt hatten, und was ihnen ins Herz gekommen. Ihr Ehe - mann hatt’ in Wahrheit die Freuden des Ehe - ſtandes nicht an ihrer Hand erfahren; allein ihr Andenken ließ ihn an keine zweite Verbin - dung gedenken.
Unſere Verbindung, ſagt’ er, war fuͤr die andere Welt, wo keine Thraͤnen mehr von Charlottens Augen fallen werden! Sie ſind getrocknet, dieſe Thraͤnen, und Engelsfreud iſt in ihren Augen. — Halleluja! Charlottebat96bat ihm ſterbend ab, und er ihr, und alle, die Meſſer und Scheer verſchloſſen hatten, verlangten ihren Segen. —
Vergib mir, ſagte ſie zu ihrem Manne, es wird dir alles im Himmel gelohnt werden. Am Grab’ endet ſich alles Elend, aller Kum - mer. — Dort wird das Buch meines Schick - ſals aufgethan, damit ich leſ’ und verſtehe, was hier kein weiſer Mann zu erklaͤren wuß - te. Alle Finſterniß wird dort Licht ſeyn. O! wie froh werd ich ſeyn, den Zuſammenhang meines Lebens kennen zu lernen. — Ihr Mann rang die Haͤnde, und wenn ſie ihm abbat, weint’ er bitterlich. — Ehe ſie ihr edles Auge ſchloß, ſah ſie ſich rund herum. Bey ihrem Manne ließ ſie das Auge etwas ruhen, und nachdem ſie dieſen Lauf vollen - det, ſah ſie gen Himmel und ihr Auge ſchloß ſich, als wenn man muͤd’ iſt, von ſelbſt. Es durfte nicht zugedruͤckt werden. — Sie ent - ſchlief. — Wahrlich! wahrlich! ſie ſtarb in einer ſeligen Stunde. — Ihr Liebling, der Sohn unſers Bekannten, ſpielt’ oft auf ihrem Grabe, das kein Kraut des Fluchens, Dornen und Diſteln, entehrte, obgleich es rund herum ſtand. Es ſchien, als ob Dor - nen und Diſteln Achtung fuͤr das Grab un -ſerer97ſerer Seligen haͤtten. Der Sturmwind, wenn er daher fuhr, und die Kirchenlinden abſplit - terte, und Aeſte brach, ſchonte der Blumen auf dieſer heiligen Staͤte. Sie war jedem heilig, wie die Pforte des Himmels. —
Ich glaube, meine Leſer verlieren bey die - ſem Auszuge: denn das weitſchweifige Origi - nal hatte Stellen, die ſchrecklich waren.
Unſer Bekannte war durch dieſen denk - wuͤrdigen Tod noch nicht auf Bußgedanken gebracht. Er konnte Charlottens Leiche ſo gar folgen, ohne eine Thraͤne fallen zu laſſen!
Das nenn ich, ſagte Herr v. G., Ge - richt der Verſtockung! Die Troſtloſigkeit des Mannes unſrer Charlotten beſtaͤtigte das Vor - urtheil, daß er Charlotten ungluͤcklich ge - macht haͤtte. Man hielt es fuͤr Gewiſſens - biſſe. Die Umſtaͤnd’ ihres Todes, die un - ſerm Bekannten, wiewohl zum groͤßten Theil ſehr unrichtig und nur beylaͤufig, erzaͤhlet worden, beſtaͤtigten dieſen unerhoͤrten Wahn. — Da Charlott’ ihrem Ungetreuen auswich, und ihn nicht anders, als in ihrem Herzen ſah, ſo unterhielt alles die Ruhe unſeres Be - kannten, um mich deſto unruhiger zu ma - chen (Dies ſind ſeine eigene Worte.)
Zweiter Th. GDer98Der Herr v. G. bemerkte, daß ihm nichts ſchrecklicher, als ein ganz ruhiger Menſch waͤre. Die Ruhe der Weiſen ſey ſo ſehr, bemerkt’ er, mit einer gewiſſen ſeligen Unru - he, mit einer Sehnſucht verknuͤpft, daß man ſie eine ſelige Unruhe nennen koͤnnte. Ruh’ iſt Dekoration, wie’s eine Aufrichtigkeit von der Art giebt, eine Aufrichtigkeit, die ver - kleideter Mord iſt — und wodurch man ſiche - rer betruͤgt, als durch Ruͤckhalt. —
Unſern Herrn und Meiſter, ſagte Herr v. G., konnte nur eine gewiſſe Ruhe, die Folge von einem goͤttlichen Ruf, kleiden — Seinen Apoſteln kommt ſie ſchon nicht zu — dem Sokrates nicht — wohl aber der Ma - ria, des Herrn Mutter, und jedem Weibe, die einen Sohn hat, der ſeiner Mutter Ehre macht. — Solch ein Weib hat es vollen - det. — Hier in der Welt ſind wir in der ſtrei - tenden Kirche. — Wer wird die Haͤnde in den Schoos legen, wer ſein Auge ſinken laſ - ſen? Ruh’ iſt der Anzug der Seligen, der Vollendeten des Herrn! Von Gott kann man ſagen: er ſah’ an, was er gemacht hatte, und ſiehe da: Es war alles ſehr gut! — — —
Der Gang auf Vogelwild unſeres Be - kannten war ſein lezter ruhiger oder verſtock -ter99ter Gang. Der Schuß, wodurch er ſeinen Sohn toͤdtete, ſprengte ſein Gewiſſen auf. Knall und Fall paßte nicht blos auf ſeinen Sohn, ſondern auch auf ſeine Ruhe. Er fuͤhrt’ an, daß er im Schuß den nemlichen Knall gehoͤrt haͤtte, als im Donnerſchlag, den er uͤberſchrien, und den er zum gerechten Zeugen fuͤr ſeine ehrliche Liebe zu Charlotten aufgerufen! Die Molltoͤne hatten ſein Herz nicht erweichen koͤnnen, ſo wie goͤttliche Wohlthaten die wenigſten Menſchen zu Gott lenken. Es mußt’ einſchlagen, und nun fielen die Schuppen von ſeinen Augen. Der Schuß ſchleifte ſeine ganze Veſtung.
Da ſtand er, und trauerte wie ein Baum, dem ein brauſend wuͤthender Angrif des Sturms alle ſeine Blaͤtter auf einmal raubt, und ihn ſchnell ganz nackt auszieht. — Nun war ihm Charlottens Grab die ein - zigſte Zuflucht; hier ſah er Charlotten und ſeinen Sohn, der auf dieſem Grab’ oft ge - ſpielt hatte. — Was fuͤr ein ſchreckliches Licht war ihm aufgeblitzt! Gott iſt gerecht, ſchrieb er, und alle ſeine Gerichte ſind gerecht. Seine Ausdruͤcke waren brennend. Sie gien - gen durch Mark und Bein. Wie gern haͤtt’ er ſein verpfaͤndetes Wort eingeloͤſet. SeinG 2Weib100Weib war ihm unertraͤglich, und er ſich noch unertraͤglicher, weil ſie’s ihm war. Sein einziger Umgang war mit dem Manne ſeiner Charlotte, der ihm alles haarklein erzaͤhlen mußte, was unſer Bekannter, nachdem er zur Erkenntniß der Suͤnden gekommen war, beſſer verſtand, als ſein Freund. Die Lau - be, welche er gepflanzet und Charlotte begoſ - ſen, war ihm fuͤrchterlich finſter worden; in - deſſen gieng die Sonne keinen Tag unter, wo er ſie nicht beſuchte. Er ſuchte Charlotten drinn und weinte. Er, der ehemals mit dem Fruͤhling um die Wette bluͤhte, konnt’, außer dem Herbſt, keine Jahreszeit ausſtehen. Abgefallenes Laub ſah er lieber, als eine Ro - ſenknoſpe, und wenn er einen verdorreten Baum fand, ſetzt’ er ſich unter ihn: er war ihm der liebſte. —
Gott hat mich verſtoßen, ſeufzt’ er zu - weilen, und niemand konnt’ ihn ſeufzen hoͤ - ren, ohn ihn herzlich zu bedauren, — das bracht’ einen neuen Seufzer hervor. Wenn er zum Nachtmahl gieng, weint’ er ſo, als wenn er unter den Kriegsknechten geweſen waͤre, und jetzo oͤffentliche Kirchenbuße thaͤte. Er war ſtets zerſchlagenen zerrißenen Herzens. Sein ganzes Leben war eine immerwaͤhrendeLita -101Litaney, ein ewiges Kyrie eleiſon. Froh wuͤrd er ſeiner Erloͤſung entgegen gegangen ſeyn, wenn nicht Charlotte und ſein Sohn im Himmel geweſen. — Seinen Sohn durft’ er nur vor den Menſchen bekennen; deſto mehr litt’ er, daß er Charlottens Na - men verbeißen mußte. In der Still nannt’ er ihn tauſendmal in einem fort. Er zitterte vor dem Tage ſeines Todes, und das Leben war ihm auch unertraͤglich. O Gott! es muß ein ſchrecklicher Zuſtand ſeyn, wenn man nicht leben, nicht ſterben kann. Am Ende war ihm doch das Leben das unertraͤg - lichſte. Er ſehnte ſich vom Fegfeuer dieſes ſeines Lebens, und von allem Uebel befreyt zu werden, — und wenn ihn eine Furcht vor dem Himmel ergrif, wo er ſeinen Sohn, Charlotten und Luiſen finden wuͤrde; ſchlug er ſeine Haͤnde gen Himmel: Vergieb! war alles was er ſagen konnte.
Sein Morgen und Abendgebet war:
und ſo beſchloß er auch ſeinen Aufſatz, den meine Mutter nicht der Sache angemeſſener beſchließen koͤnnen.
Charlottens Mann ſolt’ ihm nach ſei - nem Teſtament im erſten Paar folgen, und alles erben, was er nachließ. Folgen will ich ihm, ſagte dieſer Ungluͤckliche; was ſoll mir aber ſein Gut, da ich ſeit Charlottens Tode nicht mehr lebe. —
Dies war der Schluͤßel zu der Seelen - angſt unſers Bekannten. Sein Sohn war nur der erſte Eingang. Charlotte war das Thema. —
Er hatte, wie mein Vater in ſeinem Briefe bemerkte, ſich auch darum Vorwuͤrfe gemacht, daß er dieſen innern Gram ſeinem Weib’ und dem Manne Charlottens und ſei - nem Beichtvater, meinem Vater, und ſei - ner Beichtmutter, meiner Mutter, verheim - liget; allein mein Vater abſolvirt’ ihn des - falls, weil er eben durch dieſe Verſchwiegen - heit gebuͤßet. Er rief nicht blos, ich ſoll meinen Gerg ſehen, ſondern auch, ich ſoll Charlotten ſehen, und er wolte nicht blos von meinem Vater eine Anleitung, ſich ge - gen ſeinen Sohn, ſondern auch gegen Char - lotten, zu fuͤhren. — Dieſe Umſtaͤnde wa -ren103ren ſo verwandt in ſeinen Empfindungen, daß bey ihm All eins war, Charlott’ und ſein Sohn. —
Den Ehemann Charlottens uͤberfiel eine ordentliche Art von Eiferſucht, da ihm unſer Bekannt’ im Himmel zuvorkam; allein mein Vater heilt’ ihn.
Er hatte ſich feyerlich erklaͤret, nichts von dem Nachlaß des Bekannten ſich zuzueig - nen, und da ihm mein Vater die Folgen hie - von vorſtellte, verſprach er zu nehmen und zu geben. Mit der Linken nahm er, und mit der Rechten wandt’ er dies Erbtheil bis zum letzten Dreyer den Armen des Kirchen - ſprengels zu. „ Dank fuͤr die Anweiſung, „ ſagt’ er zu meinem Vater, das ſind die „ rechten Erben „ —
Das letzte Wort unſers Bekannten war ein mit gefaltenen gen Himmel gehobenen Haͤnden, bey denen er aber ſein Geſicht, als wenn er ſich vor dem Donner fuͤrchtete, wegwandte: Gedenke mein! Er hielt ſich fuͤr einen vierfachen Moͤrder. — Seines Sohnes, Luiſens, ſeines Weibes, und Luiſens Ehemanns. — —
Herr v. G. war dieſer Geſchichte wegen aͤußerſt bewegt, und Herr v. W. fieng denG 4heili -104heiligen Abend zum Freudenfeſt diesmal ſpaͤ - ter an, um das Trauerfeſt, das ohnehin fruͤher ſeinen Anfang genommen, hiedurch recht vollſtaͤndig zu machen.
Ich habe mich, wie meine Leſer ſchon wiſ - ſen, bey dem Auszuge kurz gefaßt, und wenn ich die Anmerkungen, welche vorfielen, hin - zufuͤgen ſolte, wuͤrde die Stuͤtze vollends groͤſ - ſer, als das Gebaͤude, geworden ſeyn.
Die Frau v. W. hatte die Haͤnde gefal - ten, als wenn Hausgottesdienſt gehalten wuͤrde, und ihre Thraͤnen fielen gerad her - ab, ohne daß ſie, ihr Kleid zu ſchonen, et - was unterſetzte, wie man Regenwaſſer auf - faͤngt. — Sie floſſen von ihrem Kleide, wie Thautropfen von Blumen. — Die Frau v. G. weint’ in ihr einbalſamirtes Schnupftuch. —
Es freute den Herrn v. G., dieſe Bewe - gung an ihr wahr zu nehmen, da unſer Be - kannter kein Edelmann war. Waͤhrend die - ſer Vorleſung und der Nutzanwendung, die Herr v. G. aus ſeinem guten Herzen ſchuͤt - tete, fiel mir all’ Augenblick Mine ein. Gern haͤtt’ ich ihr geſagt, was ich bey die - ſer Geſchicht’ empfunden, und ſiehe da, ihr Bruder Darius Benjamin! — — Miriſt105iſt es oft begegnet, daß das alles, was mir von der Lieb’ ahndete, auf ein Haar eintraf, und dies beſtaͤtigte meine Idee, daß eine un - ſichtbare Hand mit meiner Liebe ſey, ſo wie ſie’s mit jeder reinen Lieb’ iſt. —
Benjamin hatt’ einen verſtelten Auftrag an ſeinen Vater, der unaufhaltſam boͤſe war, daß ſich Benjamin unterſtanden, ihn hier aufzuſuchen. Es fiel ihm gar nicht ein, daß das Schneiderhandwerk fuͤr den Sohn eines Litteratus noch das allerſchicklichſte ſey, daß Gott der Herr ſelbſt nach dem be - truͤbten Suͤndenfall dieſes geſchenkte Hand - werk eingeſetzet, und die erſten Roͤcke verfer - tiget, daß ſein Sohn auf Prima ſaͤße, und kuͤnftige Oſtern Student werden wuͤrde. Noch boͤſer wuͤrde der alte Herr geweſen ſeyn, wenn Benjamin nicht ſein Ehrenkleid ange - legt, und die Haar’ in Verſe gezwungen haͤtte; ſo nannte meine Mutter die damalige Art in Curland, Locken im eigentlichſten Sinn — anzunehen. Dem Benjamin war dieſe Friſur die natuͤrlichſte.
Waͤhrend der Zeit, daß der alte Herr dem Benjamin ſeine Herausnahme, ihn hier aufzuſuchen, verwieß, winkte Darius ſeinem Freunde Alexander, daß er aus ei -G 5ner106ner ganz andern Urſache hergekommen, die er in der Taſche haͤtte. Benjamin ſollte ſo - gleich fort. Herrmann ſtand Schildwache, damit niemand den Primaner ſaͤhe, und be - fahl ſeinen Sohn, vom Fenſter zu gehen. — Der arme Junge mußte ſich lange kehren und wenden, bis er ein Plaͤzchen fand, wo man am wenigſten entdecken konnte, daß Benja - min, des alten Herrn Sohn, hier waͤre. Ich wuͤrd ihn nicht von dieſer Wache weg - gebracht haben, wenn ich nicht mit Benja - min wie du und du umgegangen. Dies brach - te den Herrn Candidaten von der Thuͤr, und vielleicht fiel ihm zu rechter Zeit ein, daß er ſelbſt zu Hauſe Fingerhut, Buͤgeleiſen, Na - del und Zwirn, (wiewohl unter ein Paar Schloͤßer verwahrt,) haͤtte. — Er loͤſete ſich von der Schildwach’ ab, und Benjamin und ich waren allein. —
Mir war von je her angſt und bange uͤber Benjamin, wie meine Leſer es ſelbſt wißen, weil er das geſchlagen werden ſchon gewohnt war. Das Finkenneſt und der Juden - junge hatten dieſe Angſt und Bangigkeit wieder aufgefriſcht, die der Gedanke, daß Minchen Benjamins Schweſter war, zum groͤßten Theil widerlegt hatte. Benjamin war ſchonbey107bey der vaͤterlichen Belagerung ungewoͤhn - lich beherzt. Er hatte nicht Ruh noch Raſt, mich von ſeiner Schweſter zu gruͤßen, und mir ihren Brief, das Handgeld, ſo er, als un - ſer Vertrauter, genommen, zu uͤberreichen. Hier iſt er. Ich hatte nicht Zeit, den Ben - jamin in ſeinen neuen Poſten einzufuͤhren. Ein Brief von Minen! — wie konnt’ ich das? Ich beſpart’ alſo das Introduktions - geſchaͤft’ auf eine gelegenere Zeit. —
Gottlob! daß du noch in Curland biſt, und gottlob! daß ich noch von dir Abſchied nehmen kann. Gottlob! gottlob! — Ich bin ſehr daruͤber bekuͤmmert, daß es ſo unordent - lich bey unſerm lezten Geſpraͤch hergieng. In Wahrheit, ich weiß kein Wort von dem, was du mir zu guter lezt geſagt haſt, oder haſt du mir nichts zu guter lezt geſagt? Nichts? — Was noch aͤrger iſt, und was mich noch mehr bekuͤmmert, darf ich dir nicht ſagen. Du wirſt es leider! zu ſehr, zu ſehr wißen, und dir daruͤber Gedanken machen! Ich fuͤhl es, daß ich ſelbſt, daß ich dir auch kein Sterbenswort geſagt — nichtszu108zu guter lezt — und doch liegts auf meinem Herzen, wie ein Berg. O lieber Junge, verzeih mir! — Es war alles ſo geſchwind, ich ſah dich nicht gehen, du biſt auch nicht gegangen, du biſt verſchwunden. — Vielleicht hiengſt du ſchon lange, lange nicht mehr an meiner Hand, eh’ ich dich mißte, eh’ ich wußte, daß ich allein war. Allein! großer Gott, ich allein! Ein ſchrekliches Wort — allein! O wie betruͤbt bin ich! wie ſehr be - truͤbt! und am meiſten, daß wir einen ſo ſchnellen Tod ſterben. Wir beten:
Ich habe bis hieher geglaubt, es ſey gut ſchnell zu ſterben, wenn es nur nicht ein boͤſer Tod iſt, denn du haſt es mich gelehrt; allein nimm deine Lehre zuruͤck, ein ſchneller, duͤnkt mich jetzt, iſt immer ein boͤſer! Leib und Seel’, denk’ ich, wißen nicht wo ſie ge - blieben, wenn es zu ſchnell geht, ſo wie ich von dir nichts wußte. — Junge! die ganze Zeit uͤber und noch dieſen Augenblick ſeh’ ich mich nach dir um, allein du biſt nicht mehr. — Gott ſegne dich, und behuͤte dich! Dich! Dich! Dich! Mir iſt ſo, mein Lieber,als109als wenn dieſer Brief der lezte ſey, den du, eh’ ich ſterbe, von mir leſen wirſt, der lezte, duͤnkt mich, ohne zu wißen warum? Dieſe Ahndung faͤhrt mir kalt durch alle Glieder, und laͤßt ein Zittern und Beben zuruͤck, ein Zittern und Beben, daß ich die Feder nicht halten kann, auch die Gedanken nicht. — Lieber Junge! wie kann mir ſo was ahnden? Ich bin noch nie ohnmaͤchtig geweſen; allein wenn dieſer ganze Brief nicht ſchon eine wuͤrk - lich’ Ohnmacht iſt; — ſo iſt mir ſo, als ſey eine in der Naͤhe. — Unſer Briefplan, Lieber! wird eine Abaͤnderung leiden. — Benjamin kann dir muͤndlich die Urſache ſa - gen. Es ſind ihrer viel, Benjamin iſt mein Bruder, mein Geliebter, mach ihn, wenn er dir dieſen Brief abgiebt, zu dem Deini - gen. Weih’ ihn dazu ein! damit es Ein - druck bey ihm mache! — Wir haben beyde, Benjamin und ich, lange lange uͤberlegt, und ganze Seiten in Gedanken ausgeſtrichen und links und rechts verſucht, — das beſt’ iſt und bleibt, daß du deine Briefe nicht an Benjamin uͤberſchreibſt und — ſondern — ſondern — — — Benjamin kennt ihn vollſtaͤndig. Es bleibt, daß du die Brief’ an — — meinem Vater zur Abgab’ em -pfiehlſt110pfiehlſt. Die meinige wird Benjamin durch ſeine Ueberſchrift an dich verkleiden, wenn er und ich wißen, wo du zu finden biſt. Du ſchreibſt den erſten. Er an Sie. So bleibts, ſo und anders nicht. Findeſt du dieſen Plan ganz oder zum Theil unrecht, aͤndere, das heißt beßere, anders aͤnderſt du nicht, das weiß ich. Von Benjamin erwart’ ich deinen Entſchluß, und da ich deine lezten Worte bis in den Tod vergeßen habe, ſchreib mir andere lezte, im Fall du die erſten lezten ſelbſt vergeßen haſt — und haſt du keine Gelegenheit zu ſchreiben, lehre ſie den Benjamin auswendig, damit er ſie mir ja unverſehrt uͤberbringe, und ſie mir eine Feuerſaͤule werden, und eine Wolken - ſaͤule, je nachdem ichs bedarf. Bald zittre ich, bald wuͤtet ein maͤchtiges Feu’r in mir. Sommer und Winter, dicke Nacht und Sommermittag. Das iſt wohl die Liebe, Herzensjunge, ſonſt wuͤßt’ ich nicht, was es ſeyn koͤnnte. O Junge, wie ſehn’ ich mich nach deinem: zu guter lezt, zu guter lezt, zu guter lezt!
Es bleibt mit der Aufſchrift und mit allem. Außer dem Briefe, den mir, wenn das Gluͤck gut iſt, Benjamin jetzt bringt,ſchreibſt111ſchreibſt du mir den erſten. — Alles uͤbrige wird dir Benjamin ſagen.
Wenn du es nicht ſelber endlich fuͤrs beſte gehalten haͤtteſt, dem Benjamin den Vor - hang unſrer Lieb’ aufzuziehen, ich waͤre ver - gangen in meinem Elend. Der Brief, den Benjamin von dir mitbringt, wird nicht gerechnet. Er an Sie zuerſt, wenn du an Ort und Stelle biſt, wo dich Gott hingeleiten wolle durch ſeinen heiligen Engel, dem ich, wie dir, eine gluͤckliche, gluͤckliche Reiſe wuͤn - ſche. Ich haͤng’ an einem deiner Blick’, ich weiß aber nicht, ob es der lezte war. So hieng ich nie an deinem Mund, ſo feſt nie, als an dieſem Blick. Was iſt aber in dei - nem Auge? Schwermuth, tiefe Schwer - muth? Um wen traureſt du, Lieber, um wen? Kannſt du um wen anders trauren, als um deine Mine? Iſt ſie tod, deine Mi - ne? Hat ſie ausgekaͤmpft, den ſchweren Kampf, die Dulderin? Mir liegt der Spruch ſo tief in der Seele: ſey getreu bis in den Tod, ſo will ich dir die Krone des Lebens geben; daß die Krone des Lebens vor mei - nen Augen ſchimmert. — Liebe und An - dacht, pflegſt du zu ſagen, ſind zwey Lieder auf eine Melodie. Iſt denn die Liebe nicht,wie112wie die Seel’ ewig? Wo biſt du, mein Ge - liebter? Denke mein, denke mein! — Ge - ſchwind, wie der Geſang des Vogels durch den Wald laͤuft, geſchwinder biſt du entflo - hen. — Am Abend duftet, was man pflanzet am lieblichſten, und die Seele duftet eben ſo lieblich, wenn ſie der Tod uͤberfaͤlt. Ich weis nicht, was ich ſchreibe, du wirſt es aber wißen, was ich ſchreiben wolte. Ich bitte Gott, daß er’s dir eingebe, wenn du es nicht von ſelbſt wißen ſolteſt. Wir ſind eins, lieber Junge, du und ich! — Ver - giß nicht, mit Benjamin einen andern Weg zu bahnen, wenn der meinige nicht gut iſt, du mußt alles bis auf ein Haar abreden, wenn du meinen Vorſchlag nicht annimmſt. Benjamin wird dir die Urſache zur Abaͤnde - rung ſagen, ich kann es nicht, ich weiß ſie nicht mehr, ich weiß nichts, nichts mehr, als daß ich dich liebe, und dich lieben werde im Gluͤck und im Ungluͤck, im Leben und im Sterben, bis vor Gottes Angeſicht! O! wie wohl iſt mir, da ich daran denke! wie wohl!
Da iſt er wieder dein Blick! — War - um ſo finſter? Iſt denn der Tod ſo bitter? Lebe wohl, das weiß ich noch, daß ich esdir,113dir, daß du es mir ſagteſt. Aber das letzte? — ich kann nicht mehr. Lebe gluͤck - lich und wohl, und Gott ſegne dich und be - huͤte dich, er laße ſein Antlitz leuchten uͤber dir und ſey dir gnaͤdig! — ich leb’ und ſterbe dein. —
N. S. Am Ende hab’ ich wieder nicht recht Abſchied genommen. Gott ſegne dich — ich bete lange fuͤr dich, und werd’ jeden Mor - gen und jeden Abend, und vor Tiſch und nach Tiſch, fuͤr dich beten. — Ich werde mir manches Gebet entziehen, und es fuͤr dich thun. — Der liebe Gott ſey mit dir! und gebe dir noch einen Engel zu, da du auf Rei - ſen geheſt — und wohl ein Paar noͤthig haſt. — Du ſchreibſt bald! und bald kommſt du wieder, und wenn ich nicht todt bin, biſt du bald ganz der Meinige. Wie Gott will! Er, der Gnaͤdige, ſey dir gnaͤdig, der allein Gnaͤdige ſey es dir! Amen! Amen! Amen! Ich bin auch im Tode dein, und ewig dein! und ewig, ewig, ewig dein, dein, dein, dein. — Ich weiß nicht wie mir iſt! Der Tod wird uns nicht ſcheiden. Wir ſind und bleiben eins. — Der Tod nicht? was ich ſchreibe! Sind wir nicht ſchon geſchieden, biſt du nicht fort? und wenn ich ſtuͤrbe, werZweiter Th. Hwird114wird mir das Auge zudruͤcken, das nach dir noch ſtarr offen ſtehn wird. Sonſt hat es nach nichts zu ſehen, in dieſem Jammerthal, nach Vater nicht, nach Mutter nicht, nach der ganzen Welt nicht. Du wuͤrdeſt es mit einem ſanften Kuß ſchluͤßen, wie die Abend - luft eine Lilie, das wuͤrdeſt du, mein Einzi - ger, wenn du geblieben waͤreſt. Dies, dies truͤbt mich bey deinem Abſchiede, du wuͤrdeſt meine Leiche mit Thraͤnen ſalben, wenn du geblieben waͤreſt. — Ich wuͤrd’ in deinem Arm ſterben, wenn du geblieben waͤrſt. — O wie mir iſt! Verzeih, Geliebter! ich weiß nicht was ich ſchreibe — und werfe Blicke hin und her auf dieſen Brief, und faſt moͤcht’ ich ihn zuruͤck halten, wenn ich nicht ſchrei - ben muͤßte des guter lezt und des neuen Vor - ſchlages wegen. Schreib mir doch was dir ahndet, und Gott ſey mit ſeiner Gnade bey und uͤber dir! Amen, jezt und in Ewigkeit, Amen, in Ewigkeit Amen!
Ich hatte dieſen Brief nicht ohne die heißeſten Thraͤnen leſen koͤnnen. All’ Augen - blick druͤckt’ ich ihn an meine Lippen unddann,115dann, als ob dies viel zu wenig waͤr’, und dann wieder an mein Herz, das ihm entge - gen ſchlug. — Benjamin hatte des Vaters Poſten eingenommen, und war auf die Wa - che gezogen, wie er mir nachher erzaͤhlte; denn geſehen hatt’ ichs nicht, ich wolt’, ich mußte ſchreiben. — O wie war mir! — als ſchrieb ich ein Todesurtel, als ſchrieb ich mit Blut — ſo angſt und bang! und dann wieder ſo vergnuͤgt ums Herz, daß Blut uͤber und uͤber ſtuͤrzte, und denn wieder ſo ſanft, als im Junius, wenn es geregnet, und jede Blume Wonnetrunken iſt, und ſich noch auf ihrem Ruͤcken fuͤr den ſchwuhlen Mittag des kuͤnftigen Tages einen großen, großen Tro - pfen aufgeſpart hat. — Alle Jahreszeiten in einer Viertelſtunde — ich weiß nicht, was eigentlich mit mir vorgieng. Nur das weiß ich, daß Benjamin einigemal zu mir kam eilfertig, um ſeinen Poſten nicht kalt werden zu laßen, und mich in ſeine Arme nahm, und mir die Arme kuͤßte; meine Thraͤnen waren ihm zu heilig, um ihren Lauf zu hemmen und ſie mit den Seinigen zu miſchen. Kein Waßer, ſagt’ er, zu dieſem Wein — der gute Benjamin!
H 2Und116Und dann fieng er wieder an: ich werd’ ihr alles ſagen. Alles. Er ſchrie: alles und jedes, bis ers merkte, daß er zu laut ge - weſen, und nun ſeufzt’ er wieder: Alles und jedes! Ich brach die Haͤnde, daß es ruͤhrend war. Das nicht, erwiedert’ er. Warum ringſt du? Zwar iſts, als ſaͤh’ ich den En - gel und Jacob ringen! ſo ſchoͤn ringſt du! ſo ſchoͤn ringt nur Lieb’ und Pflicht! Das nicht, ſagt’ ich, Benjamin! das nicht! — Mein zu guter letzt iſt Segen von Gott, dies Ringen zu dem Allguͤtigen iſt Sorge fuͤr ſie! Mehr ſag’ ihr nicht, mehr ’nicht von dieſem zu guter letzt, als was ſie tragen kann. Ich weinte herzlich und Benjamin weint’ auch. Wir waren beide ſehr bewegt — und ich wett’ es, waͤre gekommen, wer da wolte, er haͤtte mich um keine Thraͤne gebracht, nicht um eine einzige. —
Ich billigte den Plan ohn’ ihn zu uͤber - denken: denn wie konnt’ ich das? Benja - min waͤre nicht die Nacht geblieben, um alles nicht. Warum? Das ſolten meine Leſer rathen. Seines durch ihn beſchaͤmten Va - ters halben? Nein! geliebteſter Leſer! Nein! — Minens wegen. Mehr braucht’ ich nicht zum Beweiſe, daß er meines Ver -trauens117trauens werth ſey. Ich vergaß ſeine Rolle beym Finkenneſt, beym Judenjungen, und als Darius, ich dachte nur dran, daß er Minchens ihrer, blos ihretwegen, nicht die Nacht bleiben wolte. — Dein Plan iſt gut, weil du ihn gemacht haſt, ſagt’ ich ihm, — du ſiehſt, ich kann nichts uͤberdenken. — Es kam mir alles uͤbern Halß, Minens Brief, der Mann mit dem einen Handſchu, und die Geſchicht’ unſeres Bekannten. Wenn ich ein Boͤſewicht waͤre, ſagt’ ich zu Benja - min, wie koͤnnt’ ich dieſe Geſchichte wißen, und Minen untreu ſeyn? Ich empfahl Ben - jamin die Laube, welche der Ueberwundene gepflanzt hatte, die jetzt fuͤrchterlich finſter war. So finſter und zehnmal finſterer ſey es um meine Seele, wenn ich Minen ver - geße! — Erinnern ſie ſie, Benjamin, an die kalte Hand ihrer Mutter! — Ich liebe Minen ſehr, ſehr. —
Da ſank ich abgemattet nieder, und er - hohlte mich erſt nach einer Viertelſtunde. —
Was ich mich freue, (fieng Benjamin an, hielte beyde Haͤnde gefalten, und huͤpft’ auf ſeinem Poſten immer auf einer Stelle.)
Wir umarmten unß.
Benja -123Ich ſchaͤm’ es mich, das weiß Gott! nie - derzuſchreiben: Benjamin gefragt zu haben, ob er Geld brauche? Seine Antwort war Nein, und ein ſolches Nein, daß ich kein Wort mehr daran wagen durfte.
Warum traͤgſt du denn Geld in der Ta - ſche los, fuhr er fort? Das weiß ich ſelbſt nicht, war meine Antwort. — Es war die - ſes ein Gebrauch, den ich an Kindesſtatt auf - genommen hatte, und noch trag ich mein all - taͤgliches Geld, wie ein großer Koͤnig den Toback, in der Taſche. Ich hab’ es in der Folge gefunden, daß ſich das Geld ſo ſehr an den Beutel gewoͤhnt, daß es nicht heraus will, wenn gleich Menſchen da ſind, die es zu for - dern befugt ſind. Das Geld iſt kein ſeidnes Netz, kein Schloͤßchen werth; wer erſt los - winden und aufſchluͤßen muß, findet ge - meinhin die nemliche Schwierigkeit beym Herzen. —
Ich klagte mich beym Benjamin an, daß ich, weil er das Schlagen gewohnt geweſen, ihn nicht zu unſerm Vertrauten in Vorſchlaggebracht125gebracht haͤtte. — Ich verwieß ihm alles, was ihm in der Geſchichte vom Huͤnerey und Judenjungen zu verweiſen war, und nun fieng ich an: erſteige Berge, und ſchaudre nicht vor Thaͤlern! Sey Mann! Sey Mi - nens Bruder! und der Meinige! Ich habe dir nicht zugetraut, was ich heut’ in dir gefun - den. —
Hiemit weihet’ ich ihn zu unſerm dritten Blatt’ ein, das bey jeder ehrlichen Liebe vor der Hochzeit ſeyn muß, ſo bald die Sache nicht eins, zwey, drey, zu End’ iſt.
Wir gaben uns die Hand, und ſahen gen Himmel. —
Benjamin brach auf, und ich gab ihm noch einen heißen Kuß fuͤr Minen mit. — Benjamin ritt’, ohn’ Abſchied von ſeinem Vater zu nehmen, davon.
Da ich ins Zimmer trat, wo die Geſell - ſchaft war, fiel mir die Angſt des alten Herrn in alle fuͤnf Sinnen. Er ſchlich ſich an mich,und126und brannte zu wiſſen, ob Benjamin ſchon weg waͤre? — Obgleich ſein ſo unbaͤndiger Stolz, welcher dieſes Angſtfeuer angeſteckt hatte, eine ſo ſchleunige Loͤſchung nicht ver - diente; ſo konnt’ ich’s doch nicht uͤber mein Herz bringen, den Herrn Candidaten ſo lich - terloh brennen zu ſehen. Er war der Vater meiner Mine. — Er konnte wahrlich das Geſicht nicht ſo verziehen, wenn ihn das Zip - perlein plagte, und er dem Nicolaus Herr - mann leiblich aͤhnlich war, als jezt, da er befuͤrchtete, ſein Sohn wuͤrd’ ihn verdunkeln. Eben darum hatt’ er auch den Benjamin aus dieſer Gegend ſo weit entfernt. Wie dies ſeine Schweſter, nachdem Benjamin vollends der Vertraut’ unſrer heiligen Liebe geworden, bedauret, wie ſehr ich’s zu bedauren fand, darf ich nicht bemerken, da es ſich, wie vieles in dieſer Geſchichte, von ſelbſt verſtehet. —
Um mir Zaum und Gebiß in den Mund zu legen, ſprach er geſtern, wie meine Le - ſer es ſich erinnern werden, von ſeinem Sohn, als von einem angehenden Praͤpo - ſitus! Wie ſehr ward ſein Stolz beſtraft! — Ich konnt’, um aufrichtig zu ſeyn, mich des Laͤchelns nicht enthalten, da ich ſahe, wie der Herr Candidat mit ſeiner geſtrigen fal -ſchen127ſchen Muͤnze angehalten ward, die ihm auf der Stelle confiſciret wurde. — Heute haͤtt’ ich uͤberlaut lachen muͤßen; allein ich konnt’ es nicht, weit eher haͤtt’ ich mich aͤr - gern koͤnnen. —
Ich ſah’ und hoͤrte den Herren v. G. un - willig, ohne zu wißen, was ihn unwillig ge - macht; endlich erfuhr ich, daß es darum waͤre, weil der Herr Candidat Herrmann mein Schlafgeſell geweſen. Feur und Waſ - ſer, Schuld und Unſchuld, hoͤrt’ ich ihn ſagen! —
Er ordnet’ an, daß ich die letzte Nacht durchaus mit ſeinem Sohne ſchlafen ſolt; auch Gottfried, der unſer Begleiter war, mußt’ in dies Zimmer. Dies Zimmer, ſagt’ er, heißt Koͤnigsberg, und ihr muͤßt ſo thun, liebe Reiſende, als ob ihr ſchon an Ort und Stelle waͤret. Die Frau v. G. hatte verſchiedene Einwendungen wider dieſ’ Anordnung; indeßen kam ſie nicht zum Wort, und die Einrichtung des Herrn v. G. ward ganz puͤnktlich befolgt.
Gottfried brachte mir, ſo bald wir nur in Koͤnigsberg, oder in unſerm Schlafge - mach, waren, von meiner Mutter viele Gruͤß’ und einen zweygliedrigen Segen,auch128auch verſichert’ er mich hoch und theuer, daß er unmoͤglich von hinnen ziehen koͤnnen, oh - ne der Frau Paſtorin, der Mutter ſeines zweyten Herrn, aufzuwarten. — Es kam mir vor, daß Gottfried ſehr geweint hatte, und wie konnte dies fehlen, da er von den Ermahnungen einer Paſtorin kam? Eine ſchriftlich’ Inſtruktion ſchien er ſo wenig, als der Converſus zu haben, allein man ſah dem ehrlichen Gottfrieden einen geheimen Auftrag an. Ich war inzwiſchen viel zu ſehr ein Sohn meines Vaters, um desfals mit Gottfrieden eine Unterſuchung anzuſtellen. — Mein Reiſegefehrt’ und ich gingen zu Bett, als wenn wir wirklich ſchon unſern Stab in ein fremdes Land geſetzet haͤtten. Wie ge - faͤlts dir hier? fieng er an. Wie in Cur - land, erwiedert’ ich, es iſt uͤberall Gottes Erd - boden.
Schon mehr als ein und zweymal iſt auf den vorigen Blaͤttern an Koͤnigberg gedacht, auch hab ich bemerkt, wie dieſes der Ort un - ſerer Beſtimmung war, welches beyde Vaͤ - ter abvotirt hatten: indeßen war es nur ein Interlocut, die Definitivſentenz ſolte nach - folgen, — wenn wir unſern Vaͤtern von unſerm academiſchen Leben zu Koͤnigsberg inPreuſ -129Preußen, einen getreuen Bericht wuͤrden eingeſandt haben. —
Es war unter der vorigen Regierung auf der Koͤnigsbergſchen Akademie auch Alexander und Darius geſpielt, und ein grauſam laͤcherlicher Streit zwiſchen Pietiſten und Ortodoxen gefuͤhert worden. Nicht blos Theologen, ſondern auch Juriſten und Mediciner, hatten ſich werben laßen. — Es waren Presbyterianer und engliſche Kirche, Pilatus und Herodes, Wigs und Torrys. — Dies veranlaßte uͤberhaupt ein kurzweiliges Geſpraͤch uͤber den Pietismus und Inpietis - mus, und hiebey ward eines curlaͤndiſchen Theologen Bedenken vom Pietismo in dreyen Abſchnitten betrachtet, mir einer Vorrede von Erdmann Neumeiſtern. Hamburg bey Philipp Hertel, im Jahr 1737 zum Grun - de geleget. Dieſer curlaͤndiſche Theologus oder Bedenker ſoll Paſtor Johann Wilhelm Weinman ſeeliger, geweſen ſeyn. Er hat in Frag und Antworten die Pietiſten an - gegriffen, indem er nemlich ſelbſt fragt’ und ſelbſt antwortet’, und ſo, wie’s oft ſehr kluͤglich in dergleichen Faͤllen zu geſchehen pflegt, ſo war auch hier die Antwort eher, als die Frage fertig.
Zweiter Th. JDie130Die ſechs und ſiebenzigſte Antwort auf die ſechs und ſiebenzigſte Frage des erſten Abſchnittes ließ den Herrn v. G. und mei - nen Vater herzlich lachen.
Frage.
Hat ſich denn der Pietismus auch in Eurland einniſteln wollen?
Antwort.
(Ich laß’ einen großen Theil dieſer Ant - wort unangefuͤhrt, damit meine Leſer deſto beßer das Ende fuͤhlen moͤgen. ) — — de externis tantum, non autem de occultis, ju - dicat eccleſia.
Als ob, ſagte mein Vater.
Ja wohl, antwortete Herr v. G.
Eine Stell’ aus der Vorrede des mehr beſagten Grundtextes wider die Pietiſten, wo der Vorredner Neumeiſter noch am ſaͤu - berlichſten mit dem Knaben Abſalon ver - faͤhrt. —
„ Doch auch ihre (der Pietiſten) Tu - „ genden will ich nicht verſchweigen. Es „ preiſet ſich an ihnen die Gottſeligkeit, wenn „ ſie nemlich aus ihr ein Gewerbe machen. „ Die Liebe zu Gottes Wort und geiſtlichen„ Buͤchern,131„ Buͤchern, denn ſie laßen eine unzaͤhlige „ Menge Bibeln, Arends wahres Chriſten - „ thum, und andere Schriften drucken, ih - „ ren Gewinſt damit zu treiben. Die Liebe „ gen den Naͤchſten, ihn von den Beſchwer - „ den des Seinigen zu befreyen, und ſich „ ſelbſt damit zu beluſtigen. Die bruͤderliche „ Liebe gegen ihre heilige Schweſtern. Die „ Selbſtverleugnung, da ſie ſich verleugnen „ laßen, wenn ſie von ihren Schuldnern ge - „ mahnt werden. Die Kreuzigung des Flei - „ ſches, ſonderlich bey gebratenen Haaſen, „ die in Form eines Kreuzes in der Schuͤßel „ liegen. Die Maͤßigkeit beym ungariſchen „ Wein. Die Keuſchheit auf dem Kranken - „ bette. Die Freygebigkeit, ſie andern zu „ empfehlen. Die Gutthaͤtigkeit, fuͤr ihren „ Bauch. Die Gnuͤgſamkeit, wenn alles „ bey ihnen uͤberlaͤuft. Die Dienſtfertigkeit, „ ehrliche Maͤnner aus Amt und Dienſt zu „ bringen. Die Demnth, zu knien, wo es „ nicht noͤthig iſt. Die Vorſichtigkeit, ihre „ Bosheit nicht an den Tag zu bringen. Die „ Geduld, wenn es mit ihren Tuͤcken nicht „ recht fort will. Die Beſtaͤndigkeit, in ih - „ rer Heucheley. Die Eintraͤchtigkeit, da „ ſie alle eines Sinnes ſind, diejenigen dieJ 2„ nicht132„ nicht von ihnen ſind, zu verlaͤumden, zu „ ſchaͤnden, zu verfolgen. Der Gehor - „ ſam, den ſie ihren eigenen Luͤſten leiſten. — „
Es war allerliebſt anzuſehen, wie ſich Herr v. G. und mein Vater bey dieſer Ver - leſung gebehrdeten.
Als ob, ſagte mein Vater. Ja wohl, antwortete Herr v. G. Es ward bey die - ſer Gelegenheit eine Geſchichte folgendes In - halts eingeſchaltet:
Eine Perſon weiblichen Geſchlechts, die ihrer geſegneten Umſtaͤnde wegen, Gewiſ - ſensſchmerzen empfand, und eben darum in den andaͤchtigen Erquickungsſtunden nach Troſt liebaͤugelte, weil ſie Pein in dieſer Flamme litt; hoͤrt’ in dieſen pietiſtiſchen Zu - ſammenkuͤnften ohne End und Ziel vom verkehrten Herzen reden. Sie kam nie - der! und ſiehe da! ein Kind mit einem verkehrten Herzen!
Es hat dieſes Kind (nach dem Bericht des Candidaten, der dieſe verkehrte Herzens - geſchichte von Univerſitaͤten mitgebracht,) nur drey Tage gelebt. Seine Mutter folgt’ ihm, und zwar ebenfals nach drey Tagen, von dieſem Todestage an gerechnet. Sie verbat indeſſen ſorgfaͤltig im letzten Willenalle133alle Beſichtigung nach ihrem Tode, um nicht durch ihr eigenes noch ein verkehrtes Herz mehr an Tageslicht zu bringen.
Herr v. G. erzaͤhlte dieſe interimiſtiſche Geſchichte; ich konnte, fuhr er fort, dem Candidaten nicht beßer antworten, als durch eine gleichmaͤßige Geſchichte von einem Jagdhunde, der ſich die Beine abgelaufen haͤtt’, und ein Dachs geworden waͤre.
Und um dem Herrn Candidaten mit die - ſer Herzensgeſchichte, keinen Heller ſchuldig zu bleiben, fuͤgt’ ich noch vom Paradiesgaͤrt - lein den Umſtand hinzu, daß dies Werkchen oft und viel in Feuersgefahr geweſen; al - lein es verbrannte nicht nur ſelbſt nicht, ſchrie ich! ſondern es beſprach auch das Feu - er; es war eben ſo gut, als ein halb Du - tzend Feuerhaken, und ein Dutzend Schlan - genſpruͤtzen, und iſt alſo dies Paradiesgaͤrt - lein das wohlfeilſte Recept wider Feuersge - fahr. Probatum eſt — —
Der curlaͤndiſche Bedenker nimmt ſich die Freyheit, im erſten Abſchnitt ſeines cate - chetiſchen Unterrichts eine hiſtoriſche Erzaͤh - lung vorauszuſenden, was fuͤr Unruhe der Pietismus in der evangeliſchen Kirche vonJ 3Anfang134Anfang bis zur jetzigen Zeit erwecket, und da ſind viele Hoͤfe, Staͤdt’ und Flecken, wo dieſe Krankheit gewuͤtet, und nicht der Kin - der in der Wiege verſchonet. Auf dieſer Reiſe kommt er gluͤcklich und wohlbehalten nach Koͤnigsberg, und ruft ach! und wehe! —
Was wuͤrd’ er aber jetzt rufen, ſagte Herr v. G.?
Der Herzens Candidat hatte verſichert, der jetzige Koͤnig von Preußen haͤtte das ganze alte Teſtament durch den Codicem Fridericia - num abgeſchaft, und das neue Teſtament durch eine Inſtruktion verkuͤrzet. —
Als ob, ſagte mein Vater.
Ja wohl, ſagte Herr v. G.
und das war das letzte mal, daß ich als ob, und ja wohl, von ihnen hoͤrte.
Die Gewohnheit der Pietiſten, wo ſie ſtehen, oder liegen, oder ſitzen, die Haͤnde zu kreuzen und laut zu beten, brachten den Herrn v. G. und meinen Vater aufs Gebet.
Man kann wohl, ſagt’ er, wie Dioge - nes uͤberall eßen; allein nicht uͤberall beten.
Warum, erwiederte mein Vater, — Iſt Gott nicht uͤberall?
Herr135Es fielen außer dieſem piiſſimo deſiderio noch mancherley pia deſideria vor. Es ward ſtuͤck - weiſe von Bitte, Gebet, Fuͤrbitte und Dank - ſagung gehandelt — wovon ich aber vor jetzt nachzuhandeln bedenklich finde. —
Dies Geſpraͤch iſt uͤber Pauſch und Bo - gen, wie mir alles war, was bey meinerK 2An -148Ankunft in — — dem Hauſe des Herrn v. G. vorfiel.
Mein Vater betete weniger, als er vom Gebet ſprach, und es gefiel mir ſeine Anmer - kung, die er zu einer Zeit machte, daß vom Gebet reden, auf gewiſſe Weiſe beten heiſ - ſen koͤnne. — Wenn dieſe Anmerkung rich - tig iſt; ſo wird man faſt behaupten koͤnnen, es waͤr’ ohn Unterlaß in dieſer Geſchichte ge - betet worden. — Dieſes Geſpraͤch haͤtt’, ich geſteh es, uͤberſchlagen werden koͤnnen, ich wolt’ indeſſen ehrlich bey dieſer Sache ver - fahren, und ſo, wie in der ganzen Schrift verfahren iſt. Des ungeneigten Kunſtrichters wegen (der geneigte Leſer wird es ſo genau nicht nehmen) muß ich anfuͤhren, daß dieſes alles und jedes nach der Tafel an dem Tage vorgefallen, da wir nach — zum Herrn v. G. kamen, und zwiſchen Herrn v. G. und meinem Vater eine Koppelweide bruͤderlich verabredet ward, und da dieſer Vergleich mit einem aͤchten Glaſe Wein aus einem Schauer begoſſen ward, und wo ich, quod bene no - tandum, alles uͤber Pauſch und Bogen ſah und hoͤrte; wovon der Schluß dieſes Ge - ſpraͤchs einen hinreichenden Beweis zu geben im Stand’ iſt.
Dies149Dies iſt alſo das Datum zum Gebetsgeſpraͤch, zur Frage wohin?
Dies nach der Hand aber, ſag’ ich meinen Leſern ins Ohr, wie ich es mit mancher Nach - richt aus gutem Herzen gemacht habe.
Herr v. G. wolte nicht, daß wir den an - dern Tag zeitig unſre Reiſ’ antreten ſolten. —
Große Reiſen, ſagt’ er, immer nach Mittage. Tagereiſen fangen des Morgens an. Er war ſehr kurz in den Ermahnungen an ſeinen Herrn Sohn. —
Er rieth ihm nach Anleitung meines Va - ters an, lebendige Thiere zu halten. Sein theurer Herr Sohn hatte ſchon, wegen des Satans, den er gern mitgenommen haͤtte, eine abſchlaͤgige Antwort erhalten, und war alſo ſeine etwas ſtoͤrriſche Frage ſehr natuͤrlich: Was fuͤr Thiere? Der junge Herr v. G. hielt den Hund fuͤr einK 3Com -150Compendium aller nuͤtzlichen Thiere, fuͤr ein lebendiges Thier κατ̕ εξοχὴν.
Noch eine andere Bemerkung, eh’ ich die Antwort auf die ſtoͤrriſche Frage: was fuͤr Thiere? mittheile: es hatte der gute Herr v. G. der aͤltere viele Huͤner. Aus ſeinem geſchmackreich gebauten Huͤnerhaͤuslein, und der Weiſe des Herrn v. G., ſie ſelbſt zu fuͤt - tern, haͤtte man ſchluͤßen ſollen, daß er das alte Wahrſagerprincipium angenommen, und daß er aus der Begierde, womit die Huͤner fraßen, ſo, daß die Koͤrner auf dem Boden herum tanzten, Gluͤck oder Ungluͤck ſagen koͤnnte. —
Huͤner, antwortete der Herr v. G. ſei - nem Sohne. Alles was Othem und Leben hat, zieht an, fieng ich an. Die Sympa - thie hat im Othem ihren Hauptſitz. — Im Othem iſt Leben und Tod. —
Der Herr v. G. der aͤltere loͤſete mich ab, und wandte ſich zu ſeinem Sohne.
Du wirſt bey deinen Huͤnern bleiben, wenn du dir Huͤner anſchaffeſt und meinen Rath befolgſt, du wirſt mancher Geſellſchaft eine abſchlaͤgige Antwort geben. Der Satan haͤtte dich zur Jagd verfuͤhrt, ob er gleichauch151auch Othem hat, und mit dir ſympathiſirt, — auf der Akademie keine Jagdhunde! —
In Pohlen halten ſich einige Familien ein Paar, um die Teller zur zweyten, dritten und vierten Schuͤſſel ſtehendes Fußes rein lecken zu laſſen. — Das wirſt du nicht noͤthig ha - ben. Die Reinlichkeit hat man uͤberall um - ſonſt. —
Haſt du Huͤner und Tauben, fuhr er fort, und hat der Wirth ein Gaͤrtchen beym Hauſe, verdople die Miethe. — Jeder Menſch muß einen Zeitpunkt in ſeinem Leben haben, wo er zu Hauſe bleibt. Laß dir den Vorfall mit deiner Braut, der lieben Kleinen, zur Lehre dienen, — und thue der Jagd einen Poſſen, und ſchieß’ und hetz’ in drey Jahren nicht. — Converſation iſt dem Studieren und ſelbſt der Lektuͤr ſpinnefeind. — Vergeßt nicht, (ſein Blick traf uns beyde) daß ihr aus einem freyen Lande ſeyd. — Die Monarchie hat viel verfuͤhreriſches; allein Sie verſaͤuret das Herz, ſie nimmt Seel’ und Gewiſſen in Beſchlag. — Ein Monarch! Ja, was ſo ein Herr nicht alles thut! Wunder uͤber Wunder! — Es iſt aber auch darnach. — Das leichteſte Stuͤckchen Brod iſt es, das Gott giebt. Sie ſaͤen nicht, ſie erndten nicht,K 4wie152wie die Lilien auf dem Felde, und Gott naͤhret ſie doch. — Der Paſtor, ihr Vater, (Herr v. G. der aͤltere wandte ſich zu mir) der mich ehegeſtern beten gelehrt, wird mich nie, nie dahin bringen, in dieſer Ruͤckſicht etwas an - ders zu beten, als daß Gott der Herr Cur - land wo moͤglich noch unabhaͤngiger mach’, als es jetzt Gott ſey Lob und Preis ſchon iſt! — Je unabhaͤngiger, je mehr Gott aͤhnlicher. Ich hab’ einen Franzoſen gekannt, der von Curland ſagte, das elendeſte Land, das ich kenne! Man kann im Sommer nicht ſeinen Winterrock verſetzen. Das Wetter wechſelt wunderlich. — Du guter Schlucker! Ich will dir dein Land und deinen allerchriſt - lichen Koͤnig laſſen. — Gott ehr mir mein ſchlecht und rechtes Haus, wo manche prie - ſterliche Schwalbe niſtet. — Du ſolſt ſo viel Freyheit haben, wie ich gutes Ding Wohl - ehrwuͤrdiger Vogel! Seht nur Kinder! wie die mich da eben anſieht! ich kann den Schwalben nichts nachſagen, und außer dem Umſtande, daß ſie den Todtengraͤber Tobias blind gemacht, — weiß ich nichts boͤſes von ihnen!
Preußen hat einen gebohrnen Koͤnig, den man nicht X vor U machen kann, derkoͤnig -153koͤnigliche Gaben hat; allein roth, blau und gruͤn, machen ſchwarz, kohlſchwarz. — Gern haͤtt’ ich den Herrn v. G. gebeten, mir dieſes Raͤthſel zu loͤſen; allein er hielt inne.
Nach einer Weile fuhr er fort: der Staat, dem ihr zueilt, hat — ich geſteh es, einen Philoſophen und einen Koͤnig zum Beherrſcher. Er hoͤrt jeden, er ſieht jeden, er hilft ſo weit ſeine lange Koͤnigshand es kann. — Jeden! und es iſt mir ordent - lich bange, daß er euch die Monarchie in ei - nem zu vortheilhaften Lichte zeigen werde. — Pruͤfet alles, und das Gute behaltet. Eine Schwalbe macht keinen Sommer!
Die Monarchen ſolten nur angeloben zu hoͤren, phyſiſch zu hoͤren; allein thun ſie es? Sie meßen ihre Superioritaͤt nicht mit ih - ren allerunterthaͤnigſten treugehorſamſten Knechten, ſondern mit andern Monarchen, und da mag der Teufel Unterthan ſeyn. Sie haben keinem Rechenſchaft zu geben, als dem lieben Gott in der andern Welt, und den Poeten und Geſchichtſchreibern in dieſer. — Die letzten haben nicht aufs Recht geſchwo - ren, und nehmen Geſchenk’ an, und mit dem lieben Gott hats Zeit genug, daß ſieK 5Ihm154Ihm im Titel den Rang laßen! Kommt Zeit kommt Rath. —
Der Herr v. G. der aͤltere hielte dieſe Anrede mit einer unausſprechlichen Waͤrme, Er ſchien im Ernſt zu fuͤrchten, wir wuͤrden uns in Preußen werben laßen, und Koͤnig - ſche werden. —
Noch muß ich bemerken, daß er ſich waͤhrend der Zeit, da er Curland prieß, aufs gruͤne Gras geworfen hatte, als wenn er der freyen Erde ſeinen Dank ablegen und ſie umarmen, umfaßen wolte. — Es ſchien, da er geendiget hatte, als beſorg’ er, nicht aufſtehen zu koͤnnen.
Dies bewog den alten Herrn, ihm un - ter den Arm zu greifen; allein Herr Herr - mann kam beym Herrn v. G. jederzeit zu kurz, er mocht’ es anlegen, wie ers wolte. Es riß Herr v. G. den allzeit dienſtfertigen Herrmann auf Gottes Erdboden. Da lag mein Schwiegervater ſo lang er war. Herr v. G. ſtand auf, ſo friſch als ein Juͤngling von funfzehn Jahren. — Es war bey die - ſem Niederriß nicht Gewaltthaͤtigkeit, ſon - dern nur Staͤrke. — Es war ſchoͤn anzu - ſehn! — —
Den155Den Abſchied durchaus im Freyen! Er verfliegt eher, ſagte Herr v. G. Es ward auch im Freyen Abſchied genommen. Wolte Gott, fuhr Herr v. G. fort, wir koͤnnten auch ſo den letzten Abſchied nehmen, und im Frey - en ſterben, und warum ſolten wir es nicht? Wo iſt uns am meiſten Gutes geſchehen? Der Geiſt ſucht das Freye, und wird dort nicht wohnen in einem Hauſe mit Men - ſchen Haͤnden gemacht. Der Tod wuͤrde nur halb ſo ſchwer ſeyn. Wahrlich der Menſch entzieht ſich zu ſehr der Luft, und zieht eben dadurch Leib und Seel eine Art von Stockung zu. Ward unſer Geiſt denn nicht, wenn er das Freye ſucht, ſchon ent - zuͤckt, obgleich ihn der Leib wie ein Bleyge - wicht zur Erde zog! —
Die Frau v. G. hatte noch viel auf ih - rem Herzen; indeßen empfahl ſie ihrem Soh - ne das Alter zu ehren, und es macht ihr viele Muͤhe, die Sache endlich zu drehen, wohin ſie ſie wolte. Sie ſagte, daß ſie fuͤr einen alten Baum, fuͤr einen alten Mann, (an eine alte Frau dachte ſie nicht,) und fuͤr eine alte Familie große Hochachtung haͤtte. —
Alſo156Alſo auch fuͤr eine alte Familie: Ein neuer Edelmann, ſetzte ſie, um es noch ein - druͤcklicher zu machen, hinzu, iſt ein Baum, der noch nicht die Blattern gehabt, der noch nicht oculirt iſt. — Weiter lies ſie ihr Ge - mahl nicht, das paßt, ſagt’ er, wie die Fauſt aufs Auge, und in Wahrheit, du weißt nicht, wer Koch oder Kellner iſt. —
Von der Frau v. W. wieder einen Blick — von ihrer liebenswuͤrdigen Tochter ein Laͤcheln. Leben Sie wohl und gluͤcklich, ſagte die Frau v. W., — und gluͤcklich! hall’te die liebe Kleine nach. — Die Worte fielen auf den jungen Herrn v. G.; allein das Aug’ auf mich. —
Ich weiß nicht, wer auf den Gedanken kam, daß mein Reiſegefehrt’ ſeiner kleinen Braut einen Kuß geben ſolte. Ihrem Ret - ter auch einen, ſagte Herr v. G., und die Frau v. W. als wenn ſie darauf gewartet haͤtte, freylich kleine Undankbare, das ſolteſt du von ſelbſt thun — ich nahm mich ſehr un - geſchickt dabey. Die arme Kleine ward roth uͤber roth — und da ich mich zum letzten - mal gegen ſie beugte, trat ihr eine Thraͤn’ in ihr blaues ſchoͤnes Auge, welches ſo durch - ſchimmerte, wie ein Veilchen durch ein Thau -troͤpf -
157troͤpfchen. — Gott ſegne die gute Frau v. W. und ihre Tochter, dacht’ ich, und den Herrn v. G., der mir zum Kuß verhalf, und zu der ſchoͤnen Thraͤne! —
Jetzt war die Reih’ an den Herrn v. W. und den Herrn Herrmann. Ich hatte ſchon eini - gemal mich an den Herrn v. W. gewendet; al - lein er hatt’ es ſehr hoͤflich verbeten, weil es — wie er ſich auszudruͤcken gefaͤlligſt beliebte — noch nicht an ihn waͤre.
Er umarmte meinen Reiſegefehrten und that mir, wie wohl mit ſteifen Arm, eine gleiche Ehr’ an. — Hiebey macht’ er, (weil es eine Abſchiedsumarmung war,) ein grißgraͤmiſches Geſicht. —
Bey meiner Umarmung weniger,
Bey des jungen Herrn v. G. mehr.
Der Herr v. G. der aͤltere ſagte, Herr Bruder, du ſiehſt ja aus, als ob du vom verbotenen Baum gegeßen haͤtteſt! —
Laß mich, ſagt’ er, und that ſo peinlich, als verloͤr’ er ein Glied vom Finger. —
Es iſt, fieng er an: Es iſt — er unterbrach ſich wieder mit einem tiefen Seufzer. — —
Es iſt mein Herr Schwiegerſohn, brach er endlich heraus, und die heißeſten Wuͤn - ſche, daß der große Gott ihn auf ſeinen Rei -ſen158ſen begleiten, ſeine Studien zu ſeiner Ehre und des Vaterlandes Nutzen ſegnen, und ihn zu ſeiner Zeit in die Arme ſeiner kleinen Braut geſund zuruͤckbringen wolle! — Das, das iſt ein Theil, der kleinſte, von der Em - pfindung. —
Zieh ein Paar weiße Handſchu auf, ſagte Herr v. G., ſolch’ eine Rede verdient es, deine Briefe ſind all’ auf Poſtpapier mit verguldetem Schnitt und —
Dieſer Eingrif war ſehr erwuͤnſcht, um den Herrn v. W., der viel zu leiden ſchien, zurecht zu bringen. Ich bin ein Diener der deutſchen Sprache, ſagt’ er, Herr Bruder! allein ein gewißes je ne ſais quoi ſuch’ ich in Gedanken, Geberden, Worten und Wer - ken. —
Das iſt auf deutſch, du ſuchſt nichts, rein nichts, erwiederte der brave Herr v. G. —
Mir konnte Herr v. W. nichts mehr ſa - gen, als Dank! und tauſend Dank! — Sein Compliment war noch nicht ausgeknetet.
Du haſt mich geſtoͤrt, ſagt’ er zum Herrn v. G., wie ehegeſtern die Waldhoͤr - ner. — Das wundert mich, fiel ihm Hert v. G. ein, du faͤhrſt ja ſonſt immer mit fuͤnfRaͤdern,159Raͤdern, auf allen Fall, eins aufgebunden — du haͤtteſt ja das fuͤnfte abbinden koͤnnen. —
Der alte Herr drengte ſich vor, um mich vor aller Augen zu kuͤßen. Ich that es, die - ſer Schwachheit unerachtet doch, und — das ganz ehrlich, ich entzog ihm nichts. —
Gruͤßen Sie, ſagt’ ich ihm —
ich werd, erwiedert’ er.
Ich. tauſendmal —
Er. tauſendmal —
Dieſer Gruß gehoͤrte nicht Vater, nicht Mutter, ſondern blos Minen, blos ihr, alle tauſend ihr, all ihr. — Mir kam es vor, daß der alte Herr es fuͤhlte, wen es galt, und fuͤr dieſes Gefuͤhl druͤckt’ ich ihm die Hand, und er ſchien uͤberaus mit mir zufrie - den zu ſeyn, ich ſagt’ ihm noch ganz leiſe, tauſendmal, tauſendmal! —
Herr v. G. ſah mich an, und ſein Blick wolt’ in Beziehung auf meinen herzlichen Ab - ſchied vom alten Herrn ſagen: junger Menſch, dir fehlt Erfahrung! Man ſiehts; ſonſt wuͤr - deſt du den Herrmann ſo nicht herzen und kuͤſſen, den ich nur eben koͤrperlich zur Erde riß, mit ſeiner Seele mach’ ichs all’ Augen - blick ſo, — der gute Herr v. G. irrte dies -mal160mal mit dieſer Gebehrde. — Zwar hatt’ er, wie meine Leſer ſo gut wiſſen als ich, einen naturfindenden umfaſſenden Blick, daß er aus dieſem Abſchiede haͤtte wiſſen koͤnnen und ſollen, Herrmann hab’ eine Tochter, deren Freund, deren Seelenmann ich ſey — allein diesmal fand er nicht den rechten Weg. —
Die Frau v. G. konnte ſich nicht des La - chens erwehren, da ſie meinen Feldkeſſel, den mir mein Vater mitgeben laſſen, und den meine Mutter nicht zu kennen die Ehre hatte, (ſonſt waͤr’ er gewis nicht mitgekommen,) aufbinden ſahe. — Der junge Herr v. G. hatt’ alles nach Jagdmanier, als ob er auf eine weite Jagd ſich begeben ſolte, obgleich der Herr v. G. der aͤltere den Satan ſeinem Sohn abgeſchlagen und ihn verſichert hatte, „ daß jeder Menſch einen Zeitpunkt in ſei - „ nem Leben haben muͤßte, wo er zu „ Hauſe bleibt. “obgleich er ihm die Jagd wohlmeynend wie - derrathen, und ihm Huͤner empfohlen, um nach der Meynung meines Vaters etwas, was Othem hat, um und neben ſich zu haben.
Obgleich — ſo war doch der Sohn wie Jaͤger ausſtaffirt! —
Der161Der gute Herr v. G. der aͤltere that dies in ſeiner Unſchuld! Seht da einen Original - zug von Curland, dem Herr v. G. der aͤltere nicht ausweichen wolt’ und konnte. — Die gruͤne Farb’ iſt Trumph.
Herr v. W. ſchlug eine Begleitung aus Hoͤflichkeit vor; allein Herr v. G. verbat ſie nachdruͤcklich. — Es blieb alles ſo lange ſte - hen, als es uns ſehen konnte, und da wolt’ ich wetten, Herr v. W. noch ein wenig laͤn - ger. —
Sobald wir ihrem Nachblick entfahren waren, kuͤßte mich mein Reiſegefehrt von freyen Stuͤcken herzlich. — Wir wollen uns einander alles ſeyn — Vater und Mutter, ſagt’ er — ich ſeufzete, denn ich dacht’ an Minchen. —
Wir langten in der Haupt und Reſidenz - ſtadt Mitau an, um hier mit einem Koͤnigs - bergſchen Fuhrmann, (man nennt derglei - chen Leute Rigaſche Fuhrleute,) die Fahrt bis Koͤnigsberg zu verabreden. — Ich fand in dem Fuhrmann und ſeinem Untergebenen ein Paar ſo geſunde und ſtarke Menſchen, daß ich wohl einſahe, wie man auch im mo - narchiſchen Staat, der Ermahnung des Herrn v. G. auf dem curſchen Graſ’ unerachtet,Zweiter Th. Lſeinen162ſeinen ſtattlichen Schritt haben, gerade aus - ſehen und ſich wohl befinden koͤnne. — Ich konnte nicht aufhoͤren, dieſe Menſchen zu fragen und ſie anzuſehen, ſo daß ich die Haupt - und Reſidenzſtadt Mitau daruͤber vergaß, die am Ende auch nur zur Johanniszeit unter die ſichtbaren gehoͤrt und gewis unter den ſichtbaren nicht die vornehmſt’ iſt. Um Jo - hann iſt eine allgemeine Wallfahrth nach Mi - tau; dann laͤßt der Edelmann in Begleitung eines Theils Bauren die Eßwaaren, und ſo gar Meubles, an dieſen Johannisort nach - bringen. Dem Vorreuter iſt auf dem linken Arm ein Silberblech aufgeneht, worauf das hochadliche Wapen ſteht, um — Mitau Ehre zu machen. —
Ich hatte mir, die Wahrheit zu ſagen, einen zu großen Begrif von Mitau gemacht, woran meine Mutter zum groͤßten Theil Schuld war. Dies bitt’ ich zu den preußi - ſchen Leuten hinzuzurechnen, um das unbe - traͤchtliche Intereſſe herauszubringen, das ich an Mitau nahm. — Das vom Herzoge Ernſt Johann angelegte Schloß, wozu 1738 den vierzehnten Junius der Grundſtein gelegt worden, und welches in die Stelle des alten ſeit 1269 geſtandenen verwuͤſteten errichtetwor -163worden, ſtand da zum glaͤnzenden Beweiſe, daß Plan und Ausfuͤhrung, Verlobung und Hochzeit, zweyerley ſind. Dieſe Betrach - tungen fuͤhrten mich zu Minen, und was fuͤhrte mich nicht alles zu ihr?
Meine Mutter wuͤrd’ es mir ſehr ver - dacht haben, daß das anſchauende Erkennt - niß meinen Begrif von Mitau ſo ſehr herab - geſtimmet. Wohnet denn, wuͤrd’ ohn’ In - tegralrechnung ihre Bemerkung geweſen ſeyn, wohnet denn nicht der Herr Superinten - dent hier?
Mein Reiſegefehrt war im Mittelpunkt’ und konnte nicht aufhoͤren zu ſehen. Mie - tau ſchien ihm
Die Hauptſtadt der Welt! — obgleich es nicht Johann war. Die Reſidenz iſt fuͤr jeden Edelmann das Treibhaus im kalten Cli - ma. So wie’s Arzeneyen giebt, die nur durch das heilige himmliſche Feuer der Son - ne gekocht, gebleicht und getrocknet werden koͤnnen; ſo iſt auch die Reſidenz die Inſola - tion in Abſicht des Edelmannes. Mein Rei - ſegefehrt empfand alle Nepos wollas, die erL 2in164in ſeinem Leben geben wuͤrde: und Adam haͤtte nicht auf die Schwangerſchaft von al - len Seelen, die in ihm lagen, ſo ſtolz ſeyn koͤnnen, wenn man ihre Fortpflanzung per traducem ſich traͤumet, wie Herr v. G. auf alle Nepos wollas, als die Inſignien eines Edelmannes in Pohlen und Curland. Was iſt denn, fieng ich an, in Mitau? Man muß es in Johann ſehen, erwiedert’ er! Denn iſts illuminirt, erwiedert’ ich, und wenn die Lichter ausgebrannt ſind, was iſt’s denn? Kennſt du ein Johannswuͤrmchen, fragt’ ich zur Wiedervergeltung? ich will es dir praͤſentiren. Es iſt ein Wuͤrmchen gruͤnlicht auf dem Bauch. — Hier hat es auch ein kleines Blaͤschen, welches einen gruͤnlichen hellen Glanz wirft, ſo bald dies Blaͤschen ſich einzieht — weg iſt ihr Glanz. Die Exiſtenz dieſes Wuͤrmchens waͤhret nur einige Sommernaͤchte. — Mein Reiſege - fehrt’ lachte — ich mochte nun denken, daß der Superintendent in Mitau ſey oder nicht; ſo war es mir doch ſo, als ob ich nicht in Curland, ſondern da zu Hauſe gehoͤre, wo man fruͤher Spargel ißt, eine Pfeife in der freyen Luft raucht, den Wein bey der Quelle hat, und lange Manſchetten traͤgt. KeinWun -165Wunder alſo, daß Mitau nicht meine Re - ſidenz war. In Curland gehoͤrt ich in un - ſerm Paſtorat und auf dem Gute des Herrn v. G. zu Hauſe. Ueberhaupt ſchei - nen die Curlaͤnder zu keiner Stadt Luſt und Liebe zu haben. Sie gehoͤren aufs Land, wo ſie auch Geſchmack anzubringen wißen. — Sie ſind geſtiefelt und geſporet, und es laͤßt keinem Curlaͤnder, wenn gleich er ſich in Un - koſten ſetzt, und Schu und Struͤmpf’ an - legt. Sie ſind gebohrne Cavalleriſten. Wenn ſie geputzt ſind, muß es ihr Pferd auch ſeyn. Ich hab’ allerliebſte Reit - und Jagdkleider in Curland geſehen, die Mitgabe meines Reiſegefehrten kann hier zum Belag dienen, unerachtet ſein Herr Vater durch - aus keinen Jaͤger auf der Univerſitaͤt haben wolte, ſeinem Sohn den Satan abſchlug, und unter lebendigen Thieren die Huͤner in Vorſchlag brachte. —
Unſere Preußen verzoͤgerten uns beynahe zwey Tage, ehe wir endlich die curſche Re - ſidenz verließen. Das herzogliche Schloß hat ſo wenig Verhaͤltniß zu dem uͤbrigen Theil der Stadt, als das mitauſche Pflaſter zur Regelmaͤßigkeit und Ordnung. In Wahrheit, wenn man die Nation beſchrei -L 3ben166ben wolte, muͤßte man Mitau beſchreiben. Ich fiel auf den Gedanken, indem ich dies niederſchrieb, ob nicht jede Reſidenz das Land im verjuͤngten Maasſtabe ſey, allein ich habe mich geirrt; es giebt ſo viel Ausnahmen, ſo viel ungerathene Soͤhne bey dieſer Regel, daß die Regel ſelbſt den Mutternamen Regel nicht verdient. — Unter dem Alltaͤglichen, was auf der Reiſe vorkommt, fielen mir die armen Menſchen auf, die an Hecken ſitzen, und ſie den Reiſenden oͤfnen. In Wahr - heit, dacht’ ich, das koͤnnen nicht alles Leute von niedriger Geburt ſeyn. Ich ſah’ einen alten Mann in einem dergleichen Diogenes - haͤuschen am Heck, der einen ſo vortrefli - chen Kopf hatte. — Das war wenigſtens ein Litteratus! und wo anders ſah ich ein armes krankes Weib, die in der groͤßten Be - hendigkeit aus ihrer Behauſung kam, und Hand ans Werk legen wolte; allein kraͤm - pfigte Zufaͤlle laͤhmten ihr ſtehendes Fußes die Hand. — Es war ruͤhrend anzuſehn. Die Preußen wolten ihr keinen Schilling ge - ben, weil ſie ein altes Weib war, und der Kraͤmpfe wegen das Heck nicht oͤfnen konn - te; ich entſchaͤdigte ſie zwar, allein ich mußte die Entſchaͤdigung auf Gottes Acker, auf dieErde,167Erde, werfen. — Nicht Geld konnte ſie halten. Dafuͤr ward ich im Wagen aus - gelacht — und wer weiß, was noch der Kritikus thut? —
In Wahrheit, wenn ſich jemand finden ſolte, die Lebenslaͤufe aller dieſer Ungluͤck - lichen in Diogeneshaͤuschen zu ſchreiben, auf einer Reiſe, die freylich nicht durch die Welt ſeyn duͤrfte, wie ohnedem noch niemand gereiſet iſt; gewiß er waͤr’ ein vortreflicher Schriftſteller, und wuͤrde geleſen werden, bis an den lieben juͤngſten Tag. —
Ich hatte, um mir eine Bewegung zu machen, den Wagen verlaßen, und hiezu kam noch dankbare Empfindung gegen mein freyes Vaterland, die ich unmoͤglich ſitzend aushalten konnte. Ich ſahe die Graͤnzſchei - dung, und da ich eben einen gruͤnen Platz fand, beredet’ ich meinen Gefehrten, Cur - land zu umarmen. Wir legten uns hin, ſo lang wir waren. — Der Wagen fuhr langſam weiter, ſo unvermerkt, wie aus ei - ner Monarchie Despotiſmus wird, wenn ſie es nicht ſchon an ſich iſt, woruͤber die Gelehr - ten noch uneins ſind. —
Lebe denn wohl! herzlich geliebtes Va - terland! Ich danke dem Himmel, daß deinL 4freyer168freyer Boden das erſte war, was mein Fuß betrat. Das fuͤhl’ ich noch! noch! daß er frey war, und ich wuͤnſchte, meine Leſer moͤchten es auch, wo nicht uͤberall, ſo doch wenigſtens an einigen Stellen gefuͤhlt haben! Natur und freyer Staat ſind Geſchwiſterkind, und vertragen ſich wie Kinder! — Etwas reine klare Natur muß bey jedem Werk der Kunſt ſeyn, und dies etwas eignet ſich See - lenwuͤrde zu, es iſt Seele, es iſt goͤttlicher Hauch, lebendiger Othem in die Naſe. Die Kunſt, die Verſchoͤnerung, iſt Leib. — Man kann in Wahrheit auch die Menſchenſee - le durch den Menſchenkoͤrper verſchoͤnern. — Nur leider heut zu Tage wird der Koͤrper nicht verſchoͤnert, ſondern geſchwaͤcht. Ich leugn’ es nicht, daß dadurch, daß der auswendige Menſch gelitten, der inwendige Menſch zum Theil zugenommen, wir haben mehr Seele und weniger Koͤrper bekommen; es fraͤgt ſich aber, ob wir gewonnen oder verloren ha - ben? Wir haben aufgehoͤrt zu genießen, und haben angefangen zu denken!
Wer lacht, macht zu lachen: wer weint, macht zu weinen. Denn es giebt kein ge - faͤhrlicheres Thier, den Affen ſelbſt nicht ausgenommen, als den Menſchen, alleinwer169wer darſtellt, wer handelt, und handeln laͤßt, bereitet ein Lachen von ganzem Herzen, von ganzer Seele, und von allen Kraͤften, und auch ſolch ein Weinen. — Wer im ge - meinen Leben keinen Blick hervorlacht, ſon - dern nur durch ſein Handeln mit Fleiß zum Lachen Gelegenheit giebt, iſt komiſch im ho - hen Grade! Und in Wahrheit, ein verſtohl - nes Ach gilt mehr, wenn man darauf vor - bereitet iſt, das iſt, wenn man leiden geſe - hen, und es nicht blos gehoͤret, als eine Suͤndfluth von Thraͤnen. Pruͤft nach die - ſen Angaben die Dichter alter und neuer Zeit. Ich fuͤr mein Theil wolte hier nur ſagen, ſo wie Darſteller vom Selbſtlacher und Selbſt - weiner unterſchieden iſt; ſo wie Werk vom Wort, ſo monarchiſcher Staat vom Freyen. Wer es faßen kann, der faß’ es. —
Ich merk’ es, daß ich meinem gruͤnen Platz entlaufen bin! und will mich gleich wieder, ſo lang ich bin, hinſtrecken, um mein Vaterland zu Ende zu ſegnen. — Der Menſch iſt zum Scheiden geboren. Ster - ben lernen und philoſophiren, iſt von je her fuͤr einerley gehalten worden; denn in Wahr - heit, dieſe Welt iſt entweder ein Vorberei -L 5tungs -170tungsort, oder wir ſind die elendeſten unter allen Geſchoͤpfen! Drum nehm ich ſo gern Abſchied auf die Art, wie vom Vaterlande, wenn ich ſchon weg bin. — Ich empfand warlich mehr, als ich ſagen kann, und was noch mehr, als ſagen iſt: ſchreiben kann. — Noch wo ich gruͤn ſehe, kommt mir vor, als ſaͤh’ ich Freyheit. Seht! was ich die - ſem Scheidewaͤndchen zwiſchen Curland und Preußen, und dem gruͤnen Fleck, auf dem Herr v. G. der aͤltere uns belehrte, daß wir Curlaͤnder waͤren,
zu verdanken habe! — ich wuͤnſch’ allen Koͤnigſchen, wes Standes und Geburt ſie ſeyn moͤgen, ſonder Argliſt und Gefehrde, etwas Gruͤnes, damit ſie wenigſtens einiger - maaßen wißen, was Freyheit ſey? Monar - chiſcher Staat iſt wie eine Lanze, oben klingt es, unten iſt Holz, wie ein Kegelſpiel, das die Kugel nicht trift. — Was Se. Ma - jeſtaͤt nicht allerhoͤchſt eigenhaͤndig faͤllt, das thun die fallende Kegel, einer wirft den an - dern mit. — So wie geſteiftes und unge - ſteiftes Kleid, ſo Monarchie und freyer Staat. Hier ſtammen wir in gerader Linie von der Mutter Natur ab; dort hoͤchſtens von der Seitenlinie. Im monarchiſchenStaat171Staat waͤchſt, was noch in die Hoͤhe ſchießt, wie eine Bohne an der Stange. Im freyen Staate, ſagt man, ſind die Menſchen wild, das heißt mit andern Worten: im monar - chiſchen Staat ſind die Menſchen, Menſchen. Warum denn alles nach der Regel de tri? Ein Koͤnigſcher, ein Unterthan, iſt ein zah - mes Thier, das aus der Hand frißt, und nicht weis, was es erſt thun ſoll, ob freſ - ſen? oder die Hand kuͤßen? Er ſitzt beſtaͤn - dig auf den Tod, und wartet nur auf den Appetit ſeines allergnaͤdigſten. Ruft nicht Penſionairs! Im freyen Staat iſt wenigſtens eben ſo viel Sclaverey, als Freyheit. Dies hat mir Herr v. G. beßer gelehrt, der mei - nes Wißens keine Penſion zog. Wo Wai - zen waͤchſt, waͤchſt Unkraut, und je beßer der Boden, je beßer ſchießt beydes hervor. — Die ganze Natur iſt fuͤr und wider ſich, alles kreutzt ſich in der Welt, Voͤgel und Aeſte. Was ſich neckt, das liebt ſich. — Seht da wieder Natur im freyen Staat, Homerſche, Schakeſpaͤrſche Natur! Das Lobopfer, das ihr der Monarchie bringt, ihr Profeßores Poeſeos! was iſts? Erbau - liche Gedanken neben einer Hecke, die eben gekoͤpft iſt, auf die Melodie: Nun ſich derTag172Tag geendet hat, und keine Sonn mehr ſcheint.
Lebe wohl, herzlich geliebtes Vaterland! Du haſt mich gelehrt, die Freyheit ſchaͤtzen, obgleich du ſelbſt bey weitem noch nicht frey biſt, ſondern dich zu Pohlen verhaͤlſt, wie ein Aufſchlag zum Kleide. — Frevelhafte Beſchuldigung iſt es, daß man in deinem Schoos wie eine Flinte ſey, die nicht mehr, nicht weniger knallt, es fall’ ein Sperling oder ein Menſch, nach Gottes Bilde ge - macht. Es giebt monarchiſche Staaten, wo man ſich uͤber den Kopf eines Moͤrders wenigſtens zwoͤlf Monate bedenkt, ſo, daß das Publikum die Verbindung zwiſchen Ver - brechen und Strafe vergißt, und der Paſtor loci recht gemaͤchlich Gelegenheit nehmen kann, den Geiſt und Kraft der Religion an dieſem Boͤſewicht ad oculum zu demon - ſtriren. Alle Moͤrder ſterben alsdenn wie der Schaͤcher am Kreutze! Dagegen fließt in dieſen Staaten das Blut von tauſend Edlen im Kriege. Niemand loͤtet die Wunden der Redlichen. — Es giebt Thiere, ſagte mein Vater, die im Marmor, aber nicht im Leben gefallen, und ſo wie der Bienen - ſchwarm, ſo der freye Staat. — Nichtalſo173alſo, mein Vater: ich glaub, daß das Den - ken im monarchiſchen Staat, und das Re - den im Freyen zu Hauſe gehoͤre, oft auch das thun, — ſo wie ein Sclave nur eigent - lich unverſchaͤmt ſeyn kann; im freyen Staat kennt man dies Wort nicht. —
Meine Leſer werden ohne Fingerzeig ein - ſehen, daß ich dieſes nicht auf dem gruͤnen Platz ſchreibe, ſondern in einem Staat. — Bald haͤtt’ ich zu viel geſagt. Ich empfand auf dieſem gruͤnen Platz, und zwiſchen em - pfinden und denken iſt oft ſo ein Unterſchied, wie zwiſchen wachen und traͤumen. Ein ſchoͤner Traum! ich gaͤb’ einen Tag drum unbeſehens. —
Meine Empfindungen wurden den Preuſ - ſen, dem Fuhrmann und ſeinem Untergebe - nen zu lange. — Ich ſchlief ihnen zu viel. Sie ſchrien mich heraus, und gaben mir zu verſtehen, daß hier guter Weg ſey, wo der Wagen ohne Noth aufgehalten wuͤrde, und daß ſchon Stellen vorfallen wuͤrden, wo ich Gelegenheit haben wuͤrde, mich zur Ruhe zu begeben. (eigentlich zu empfinden.)
So gruͤndlich gleich dieſe Aufforderung war, ſo verdroß mich doch dieſes Commando, und ich konnte nicht umhin, ich weiß ſelbſtnicht174nicht wie ich darauf fiel, zu fragen, warum ſie denn nicht Soldaten waͤren? Ich haͤtte doch gehoͤrt, daß alles was einen ſtattlichen Schritt in Preußen haͤtte, gerad ausſeh’ und ſich wohlbefaͤnde, Soldat waͤre, dahero auch zaͤrtliche Muͤtter Gott auf Knien danken ſol - ten, ſobald ſie aus dem Wochenbett’ auf die Fuͤße kaͤmen, wenn er ſie einen Kruͤppel auf die Welt zu bringen gewuͤrdiget, weil dieſer allein das Recht haͤtte, eine Stuͤtze der Fa - milie zu werden. — Herr! ſagten die Preuſ - ſen, wer ihnen das geſagt hat, iſt ein H — t. Beym hoͤchſtſeeligen Herrn giengs zuweilen in dieſem Stuͤck bunt uͤber Eck — und da konnte man manches nicht ſpitz kriegen. Gott laß ihn hoͤchſtſeelig ruhen! Unſer jetzige Herr, ſie zogen ihre abgekrempften Huͤt’ ab, braucht Fuhrleut’ und Generals, und es thut in Preußen nichts, ob man einen Orden, oder eine Peitſch’ umgehangen hat. (Sie hatten die Peitſchen wuͤrklich auf Ordensart.) Ich laße keinem Menſchen die Mittelſteine, wenn ich nicht will. Ein General und ein Corpo - ral geht mich mit keiner Ader an! — Ich fuͤr mich, ſie fuͤr ſich. — Wer dem Herrn die Abgaben giebt, iſt ihm angenehm, ſo wie dem lieben Gott, wer recht thut, und wenndie175die Soldaten zur Revue ſind, verſtehn Sie mich, (der Alte ſprach,) junger Herr Cur - laͤnder, ſo bin ich waͤhrend der Zeit Major von der Cavallerie, und dieſer mein Schwe - ſterſohn iſt Junker, und ich verſichre dem Herrn, daß wir unſern Saͤbel fuͤhren, er machte Luftſtreich’ und der Junker gleichfalls, wie einer —
Es fiel mir eben, da die preußiſche Grenz’ anfieng, eine große hohe Eich’ ins Auge, die ſich nicht um das, was unter ihr war, bekuͤmmerte. Sie hatte ſogar gegen unten keine Schattenaͤſte fuͤr ihr’ Unterthanen. — Stolz wuchs ſie gen Himmel, und ſelbſt ich hatte Muͤh’ ihren Gipfel zu erreichen. — Sieh da einen Monarchen, ſagt ich zum jun - gen Herrn v. G., und er verſtand die Eich’ und mich auf ein Haar. —
Ich wuͤnſchte, daß mein Vater dieſe koͤnigſche Fuhrleute geſehen haͤtte; — denn ich ſelbſt war ſo begeiſtert, daß ich gern Luftſtreiche mit dieſen tapfern Preußen um die Wette gewagt haͤtte, wenn mir nicht mein Reiſegefehrt heimlich auf den Fuß ge - treten, und eben ſo heimlich die rechte Hand gedruͤckt haͤtte, als wolt’ er treten und druͤ -cken.176cken. — Bruder, laß den Major und Jun - ker, den Fuhrmann und ſeinen Unterge - benen. — —
Es war gleich alles wie abgeſchnitten. — Unſere Heerfuͤhrer waren ſo ſehr von allem Eifer zuruͤckgebracht, daß ſie uns herzlich ver - ſicherten, wie die Fuhrleut’ und Studenten in Koͤnigsberg Schwaͤger und Freunde waͤ - ren! Trotz dem gruͤnen Platz, und dem klei - nen Streit, der zuweilen vorfiel. — Sie bewieſen uns ihre aufrichtige ſchwaͤgerliche Verwandſchaft, daß ſie den folgenden Tag ſchon um drey Uhr halt machten, um uns, oder eigentlich mir, Zeit und Raum zu laſ - ſen, eine Leichenbeerdigung zu hoͤren und zu ſehen. —
Wir waren eben im Begrif in — — Mittag zu machen, da die Glocke gezogen ward! Ich verſtand auf den erſten Anſchlag, daß es Trauertoͤne werden ſolten.
Wer iſt todt, fragt’ ich den Hauswirth? Fragen Sie, antwortet’ er, wer wird begra - ben? Auch das, erwiedert’ ich, und wer?
Schoͤn, fuhr er fort, nun werd ich Sie fragen, wer wird begraben?
Ich ſah den unwitzigen Mann ernſthaft an, und wenn nicht eben eine Sturmglockefuͤr177fuͤr mein Herz zu hoͤren geweſen waͤre, es waͤre ſchwerlich beym Anblick geblieben. — Der Hauswirth war indeſſen ſo gefaͤllig, mir ſogleich auf meinen erſten Augenſchlag (der Herr v. G. trat und druͤckte mich wieder,) aus dem Traume zu helfen. Mein Herr, ſetzte der Hauswirth im Geſchichtsſtyl hinzu: Es iſt ein Fremder, ein Unbekannter. Nie - mand weiß, wo er her iſt. Ohnfehlbar hat er nicht nach Hauſe reichen koͤnnen, denn man ſieht ihm ſein hohes Alter an. — Er hat ein ſehr gutes Ausſehen, — weil man einige Gulden und eine Schreibtafel (beydes hat der Pfarrer gleich an ſich genommen) bey ihm gefunden; ſo wird er mit einer Lei - chenpredigt begraben. —
Gott, ſchrie ich, das iſt der Alte!
Alt iſt er, ſagte der kupfernaſige Hauswirth, — ganz gelaſſen. —
Ich konnte nicht mehr — ich will hin, ich will hin — und ſeine kalte ſtarre Hand angreifen. — Noch iſt Seegen Gottes drinn. Da die Gebeine jenes Mannes, den man in Eliſa Grab warf, die Gebeine des Prophe - ten beruͤhrten, wurden ſie lebendig — und es trat der Mann auf ſeine Fuͤße. —
Zweiter Th. MIch178Ich will hin, ich will hin — und wenn ich ſeinen einen Handſchu erben koͤnnte! — O welch eine Erbſchaft haͤtt’ ich gethan!
Der Hauswirth nahm, waͤhrend dieſer heiligen Entſchluͤße, Toback und zog ihn ſehr hoch in die Hoͤhe. —
Jetzt erſt wandt’ ich mich zu unſern Fuhr - leuten, um ſie zu uͤberreden, den Mittag und Abend in einem weg zu halten.
Abgemacht. —
Der Herr v. G. erkundigte ſich nach Wild, — und ich gieng ſpornſtreichs in die Kirche. —
Eben hatte der Pfarrer den Text, den er zu der Leichenpredigt ausgeſondert hatte, verleſen. Den Spruch fand der Leichenpre - diger in der Schreibtafel des Seligen aufge - ſchrieben und dreymal unterſtrichen. Er ſte - het in der zweyten Epiſtel an die Corinther im ſechſten Capitel, vom vierten bis zehn - ten Vers: „ Sondern in allen Dingen laſſet uns beweiſen, als die Diener Gottes, in gro - ßer Geduld, in Truͤbſalen, in Noͤthen, in Aengſten, in Schlaͤgen, in Gefaͤngniſ - ſen, in Aufruhren, in Arbeit, in Wachen,in179in Faſten, in Keuſchheit, in Erkenntnis, in Langmuth, in Freundlichkeit, in dem heiligen Geiſte, in ungefaͤrbter Liebe, in dem Worte der Wahrheit, in der Kraft Gottes, durch Waffen der Gerechtigkeit, zur Rechten und zur Linken, durch Ehr’ und Schande, durch boͤſe Geruͤchte und gute Geruͤchte, als die Verfuͤhrer und doch wahrhaftig; als die Unbekannten und doch bekannt; als die Sterbenden und ſiehe wir leben; als die Gezuͤchtigten und doch nicht ertoͤdtet; als die Trauri - gen, aber allezeit froͤhlich; als die Armen, aber die doch viel reich machen; als die nichts inne haben, und doch alles haben. “ Ein Thema pflegt bey den Geiſtlichen ein lee - res Haus zu ſeyn, wo man mancherley und manches anſchlagen kann, ein Nagel, an den man viel haͤngt, ich weiß nicht, ob man nicht auch in dieſem Sinn ſehr richtig ſagen wuͤrde: man muß nicht zu viel an einen Na - gel haͤngen?
Das Ziel, nachdem der Paſtor loci an - legte, war der Schein und das Seyn des Chriſten! Meine Mutter haͤtte, wenn ſie ſelbſt dieſe Leichenpredigt gehalten, kein ge - reimteres Thema gefunden; ich fuͤr mein Theil hatt’ alle Faſſung noͤthig, um mich zu -M 2ruͤck180ruͤck zu halten. — Ich brannte vor Begierde, den Sarg dieſes Seligen aufzuſprengen, und mir einen Seegen abzufordern. Es war ſehr zu merken, daß ich dem Pfarrer ein Meteor war, und ein unverhofter Gaſt, — er ha - ſpelte ſeine Predigt in hoͤchſter Eil herab; in - deſſen verzaͤhlt’ er all’ Augenblick die Faͤden, und dies zwang ihn von neuem zu zaͤhlen. — Endlich die Nutzanwendung, zum Schein und Seyn.
„ Meine Geliebte! der ſelig verſtorbene „ ſchien uns anfaͤnglich ein Mann nach der „ Weiſe Melchiſedech. “ Ich fragt’ ihn nach Namen? Geburtsort? Vaterland? Ob er noch in dieſer Welt etwas zu berichtigen haͤt - te? Auf alle dieſe Fragen nicht eins zur Antwort.
(Ich ward uͤber und uͤber roth, und nun erſchien mir der Pfarrer als ein Meteor, und ein ungebetener Gaſt, und das aͤrgſte bey die - ſer Verlegenheit war, daß ich nicht haſpeln konnte. Nichts iſt einem Verlegenen heilſa - mer, als wenn er reden kann; er faͤlt zwar immer tiefer drein, indeſſen iſt es ihm Labſal reden zu koͤnnen, wenn er auch nur ſtam - meln und ſtottern ſolte. Er iſt wenigſtens vor einer Seelenlaͤhmung ſicher, die eben ſo,wie181wie eine koͤrperliche, oft Zeit Lebens auf die Seel’ einen Einflus hat. Die Zung’ iſt in ſolchen Faͤllen Ventilator in einem ſtockigen Zimmer. — Sie bringt friſche Luft herein.)
Da ich einſahe, fuhr der Leichenprediger fort, daß unſer Seliger Urſachen zur Zuruͤck - haltung hatte, wandt’ ich ſchnell um, und klopft’ an eine andre Thuͤr, die zum Seelen - heil fuͤhrt. Hier blieb er mir kein Wort ſchuldig. — Nach ſeinem ſeligen Hintritt klaͤrte ſich alles auf. Er fand nicht fuͤr gut zu erzaͤhlen, was ſeine Schreibtafel enthielt, er wolt’ ſich nicht die Augenblicke entwenden, die er himmliſch anwenden konnte. Sein Wandel war nicht von hier, ſondern von dro - ben. — Das erſte, was ich oͤfnete, war ſeine Schreibtafel, die wie ein Commu - nionbuch gebunden war. Seinen Geldbeutel, worinnen vierzig Gulden waren, oͤfnete ich nachher.
(Ich war im preußiſchen Gelde ganz un - erfahren, und ich muß mich noch huͤten, um ja hiebey nicht wider das Coſtume zu ſuͤn - digen.)
In ſeinem Communionbuch von Schreib - tafel fand ich mehr, als ich gefragt hatte. Man pflegt oft in Schreibtafeln das Geheim -M 3ſte,182ſte, das man oft ſeinem geheimſten Rathe nicht entdeckt, zu finden. Es iſt der Maͤn - ner Schooshuͤndchen.
Unſer Selige heißt — — — — — — —
Ha, kunſtrichterlicher Leſer! da hatteſt du ſchon deine Bleyfeder zum Strich geſpitzt. — Wieder einer ohne Namen, eine unbe - nannte Geſchichte! Stecke dein Schwert in die Scheide; denn wer das Schwert nimmt, wird durchs Schwert umkommen, und damit ich bey dieſer Gelegenheit auch an eine andre Thuͤr anklopfe, die zum Seelenheil fuͤhrt, bet’ ich ein Vater unſer fuͤr dich! — damit du nicht vielleicht ohne Namen dahin faͤhreſt in deinen Suͤnden. — Halt den Hut vor! —
Unſer Selige heißt — — — — — — — wie er ſeinen Namen ganz mit allen Punkten und Clauſuln ausgeſchrieben.
Er faͤhrt fort:
Ich war reich — ich hatte ſo viel, daß meine großſtaͤdtſche Freunde zuweilen zu mir kamen, und ſich laͤndlich vergnuͤgen konnten. —
Ich ward arm, faͤhrt er fort: der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen, derName183Name des Herrn ſey gelobt! Wie er um das Seinige gekommen, meine Lieben, iſt nicht angefuͤhrt. In ſeinem Wohlſtande hatt’ er zum Aufbau eines Luſthauſes und Luſtgartens fuͤr eben dieſe Freunde, wenn ſie ihr ſtocken - des Blut wieder in Fluß bringen wolten, zwey tauſend Gulden angeliehen, ſchwer Geld.
Da er arm geworden, erließen ſie ihm die Schuld, und gaben ihm ſeinen Schuld - brief zuruͤck. Sie bedachten vielleicht, daß er nur ihretwegen dieſen Bau unternommen. — „ Was dankt’ ich Gott „ ſchreibt der Se - lige „ daß ich unter meinen Freunden Men - ſchen fand. „ So in der Naͤhe, dacht ich! — Gott ſchlaͤget, Gott heilet, Halleluja! „ Un - ſer Selige hatte zwar nicht das Gluͤck des Hiobs, der zwiefaͤltig ſo viel bekam, als er gehabt hatte, und außer dem ſchoͤnen Gro - ſchen und dem guͤldenen Stirnband, ſo ihm ſeine Bruͤder und Schweſtern und Bekannten verehrten, noch vierzehntauſend Schaafe, und ſechstauſend Cameel und tauſend Jochrinder und tauſend Eſel — wie er denn auch nach ſeinem gehabten Unfall einhundert vierzig Jahre lebte und Kinder und Kindeskinder ſa - he, bis in das vierte Glied. — Unſer Se - lige konnte zwar nicht ſeine Freunde zum laͤnd -M 4lichen184lichen Vergnuͤgen mehr einladen, ſein Gaͤrt - chen und ſein Luſthaͤuschen war in fremden Haͤnden; allein er hatte doch Nahrung und Kleider! — Seine Freunde hatten auch nach der Zeit ſich bitter und ſauer Brunnen an - gewoͤhnt, welchen ſie die nemliche Kraft als guter friſcher Milch, und einem Garten - haͤuschen und einem Luſtgarten, beyleg - ten. — Der Selige hatte ſich indeſſen ſo weit herausgewunden, daß er viertauſend und ſiebenzig Gulden nach Koͤnigsberg neh - men konnte, um ſein Verkehr durch einige neue Waaren zu verſtaͤrken. Bey viertau - ſend und ſiebenzig Gulden baar Geld konnt’ ein ſo ehrlicher Mann, als er, auf noch ein - mal ſo viel Credit rechnen. — Seine An - verwandten hoͤrten von den viertauſend ſie - benzig Gulden, und nahmen ihn allein. —
Sie fragten nach der Handſchrift. Hier, ſagt’ er, und zog ſie aus der Schreibtafel. So lang ich lebe, ſoll auch dieſe Handſchrift leben; ich koͤnnte vielleicht aufhoͤren dankbar zu ſeyn, wie viele Menſchen, wenn ſie zu ſatt werden, Gottes vergeſſen. — Hier, ſagt’ er, ohne Flecken, ohne Runzel, oder des etwas, ſo wie ich ſie geſtellt hatte, und zuruͤck erhielt. —
Der185Der Senior Familiaͤ, ein alter herzlo - ſer Mann, nahm ſie entgegen, und es ward dem Dankbaren angedeutet, daß da man von den viertauſend Gulden, ohne an die ſieben - zig zu denken, gehoͤret, er wohl ihre zwey - tauſend Gulden, zuſammt den Verzoͤgerungs - zinſen, entrichten koͤnnte.
Freunde, fieng er an: allein man droht’ ihm mit dem breiten Wege Rechtens, der zur Verdammnis fuͤhret, und viele ſind, die darauf wandlen.
Freunde, fieng der Selige wieder an: allein (und dies kraͤnkt’ ihn am meiſten) ſie machten ihm Vorwuͤrfe, daß er noch dazu die zweytauſend Gulden zu Luſthaus und Garten verwendet haͤtte.
Aber — fieng er wieder an, und der Senior Familiaͤ fiel ihm ins Wort, freylich hatte Sie Gott damals reichlich geſeegnet, und Sie konnten an Luſt denken, jetzt aber bey viertauſend ſiebenzig Gulden muͤßen Sie an Zahlung denken. — Denkt, ſagte der Selige. Zahlt, ſagten die Verwandten, die Unſeligen. Sie hatten ohne Flecken, ohne Runzel, oder des etwas, das Document, und er hatte keinen Beweis der Schenkung, und wenn ich auch, ſchreibt er, Beweis derM 5Schen -186Schenkung gehabt haͤtte — und wenn auch — —
Er bezahlte.
„ Nur die Zinſen! es macht’ auf jeden „ der Herren eine Kleinigkeit. —
Keinen Dreyer, ſagte Senior Familiaͤ. Es ſind die uſurae morae (die Verzoͤge - rungszinſen,) er hatte dieſen Biſſen Latein von einem Rechtsgelehrten erhandelt! —
Der Selige mußte von Heller zu Pfen - nig, Capital und Zinſen berichtigen, und da einig’ andere von ſeinen unbetraͤchtlichern Glaͤubigern, die ihm aber nichts erlaſſen, ſondern theils auf ſeine Verbeſſerung wegen der alten Schuld gewartet, theils ihn mit neuem Flickvorſchus unterſtuͤtzet hatten, die - ſes hoͤreten, verlangten auch ſie Geld und reſervirten ſich quaevis juris competentia con - tra quem vel quos, wenn der Arme nicht noch ſo viel uͤbrig behalten haͤtte, daß ihr neuer Vorſchuß hinreichend berichtiget wer - den koͤnnte. Es fehlten ihm dreyhundert Gulden, der Arme gieng zum Senior Fami - liaͤ, und dieſer? Er hatte nur eben Zeit zu einem Vorſchlage, der dem Seligen bis in die Seele gieng. Er ſchlug ihm vor, ſeinenWa -187Wagen und vier Pferde zu verkaufen, um auszulangen. —
Vierzig Gulden war alles, was unſer Selige eruͤbrigte, und ein Paar Fuͤße, die ſeine ſchwermuͤthige Seele mit genauer Noth tragen konnten. Sein Leib wog nicht vier Pfunde.
„ Vierzig Gulden „ ſagt’ er zu ſich ſelbſt, und ſah ſeinen ledig gewordenen Geldbeutel an! Er hob’ ihn und fuͤhlt’ es, daß auch er noch zu ſchwer fuͤr ſeine Fuͤße war. — Wenn ſich doch Gott erbarmen wolte! rief er! hier in der Welt iſt’s mit der Erbarmung aus! Wenn doch Gott ſich erbarmen wolte! — Wenn er doch meine Thraͤnen ſo zaͤhlen wolte, wie die Schlucker mein Geld! Er hatt’ auf dieſen ſauren Tag eine angenehme Nacht; es traͤumt’ ihm, daß das Luſthaͤuschen und das Gaͤrtchen, welches wie er verarmte ſubhaſtirt ward, ihm wieder zufielen, und alles ſo gruͤn, ſo ſchoͤn, daß es ihn duͤnkte, als hoͤr’ er die Stimme: Ey du frommer und ge - treuer Knecht, du biſt uͤber wenig treu ge - weſen, ich will dich uͤber viel ſetzen, gehe ein zu deines Herrn Freude.
Was das fuͤr eine Freud’ im Traum war, ſchreibt’ er, iſt unausſprechlich! Sowas188was kann man nicht leben, ſo was muß man traͤumen. Er ging zu Fuß aus Koͤnigsberg, und es ſey, daß die Ungewohnheit ein Fuß - gaͤnger zu ſeyn, oder daß der gerechte Schmerz uͤber dergleichen Verfahren ihn noch tiefer, als ſein hohes Alter, angrif; unſer Selige ward in — — krank. Ich fuͤhlte, ſchreibt er, beym erſten Stich in der linken Seite, daß mein Stuͤndlein vorhanden ſey, und die Erfuͤllung des Traumes: Geh’ ein zu deines Herrn Freude. —
Dieſe Worte wiederhohlte der Sterbende unzaͤhligemal, und allemal mit einer Freude, die wie Kraft der zukuͤnftigen Welt ausſah. —
Er hatte in Ruͤckſicht ſeiner Wohnung nichts weiter auf ſeinem Herzen, als die Bitte, ſeinen Tod in — —, wo er zu Hauſe gehoͤrte, zu melden und alle, die ſich ſeiner erinnern ſolten, gruͤßen zu laſſen.
Er hatte nicht Frau nicht Kind. Gehabt zwar beydes; allein beydes war vorausge - gangen, um ihm dort entgegen zu kommen. Gott ruft mich, ſchreibt er, zu rechter Zeit. Ich habe meine Schulden bezahlt, und bin keinem weiter, als dem lieben Gott, ſchul - dig, der mit mir wahrlich, das hoff’ ich, anders rechnen wird, als meine Verwand -ten.189ten. — Die mir zu tragen ſchwergewordene vierzig Gulden bleiben zu meinem Begraͤbnis und fuͤr —
und fuͤr, waren ſeine letzten Worte. —
Ich haͤtte dieſen Bruch, fuhr der Pfar - rer fort, heben und es ſo erklaͤren koͤnnen: und fuͤr den Paſtorem loci; denn ich hab’ ihn zweymal mit Gottes Wort beſucht, und den glimmenden Tocht der Hofnung, die in ihm war, ſo wenig ausgeloͤſcht, daß ich ihn vielmehr vollends anfachte; — allein ich hab’ Euch auch all’ an dieſem und fuͤr Theil neh - men laſſen wollen. Den Organiſten und die Leichenbegleiter, — und an uns allen ver - dient der Selig’ einen Gotteslohn! —
Mir fiel eine natuͤrliche Erklaͤrung des und fuͤr ein. Da ſchon des Begraͤbniſſes er - wehnt war; ſo hat der Selige dacht’ ich mit ſeinem und fuͤr die Dorfarme gemeint: denn in Wahrheit, das waren bey ſeinen Umſtaͤn - den ſeine naͤchſten Anverwandten! — Es ge - hen freylich verſchiedene Sterbende, die noch viel Unrecht auf ihrem Herzen und Gewiſſen haben, zur Beichte, um am Himmel nicht aufgehalten zu werden: ſie laſſen ſich hier plombiren, um dort bey der Himmelspforte ſich keiner Reviſion auszuſetzen, und da traͤgtes190es ſich freylich wol zu, daß dem Geiſtlichen, dem Beſucher, etwas in die Hand gedruͤckt wird. — Unſer Todte! das wett’ ich, nicht alſo! —
Wohl dem! rief unſer Pfarrer aus, wohl dem, der ſo lang er mit ſeinem Bruder auf dem Weg’ iſt, das heißt: ſo lange ſie beyde die Straße dieſes Lebens gehen, ihm erſetzt, was er ihm unrecht gethan, den abbittet, den er beleidiget; den in integrum reſtituirt, den er beſchaͤdiget hat. Wohl dem! der alles mit warmer Hand abtraͤgt; denn wie leicht kann der Glaͤubiger ſterben? und die Erſe - tzung iſt alsdenn nicht moͤglich; wie leicht kann der Lebenslauf des Schuldners gehemmt werden, und wie leicht kann es kommen, daß ſie aufhoͤren, einen und denſelben Weg zu wandeln! Weh’ alsdenn dem Schuld - ner! Alles iſt aus! — Er kann nicht mehr bezahlen, ſo gern er auch wolte. Seine Muͤnze galt nur in dieſer Welt, mit einem ewigen Vorwurf geht er in die Ewigkeit uͤber. Dieſe Stell uͤberwog die ganze Predigt. Wer ſie lieſet, der merke drauf; ſo lang er eine warme Hand hat, ſo lang er noch auf dem Wege mit ſeinem Glaͤubiger iſt, und mit ihm lebenslaͤuft! —
Es191Es ſtarb, der Selige, (meine Leſer hoͤren wieder den Paſtorem loci) ſeines Lebens muͤd’ und ſatt, mit der dringenden Bitt’, ihm auf unſerm Gottesacker ein Raͤumlein zu goͤnnen, bey frommer Chriſten Grab. So wie Abraham zu den Kindern Heth, nach dem erſten Buch Moſe im drey und zwan - zigſten Capitel, im vierten Vers ſprach:
ich bin ein Fremder bey euch: gebet mir ein Begraͤbniß; ſo ſprach auch unſer Seliger, und obgleich er nicht vierhundert Seckel Silbers, das im Kauf gang und gaͤbe war, wie Abraham zu bezahlen im Stande war; ſo war unſer Alte doch auch nicht der Abraham, und wir nicht die Kinder Heth. — Das Plaͤtzchen, das wir ihm verſtattet, iſt kein Erbbegraͤbniß, wer wolt auch ſeine Anver - wandte mit den zwey tauſend Gulden Capi - tal und den Verzoͤgerungszinſen zur Nach - barſchaft haben! Man erzaͤhlt, daß Haͤnde, die ihre Eltern geſchlagen, nicht verweſen, ſondern aus dem Grabe herauswachſen, ob - gleich ich viele ungerathene Kinder, bisher aber leider! noch keine herausgewachſene Hand, geſehen habe. — Wahrlich wir wuͤrden alle die Haͤnde der Anverwandten unſres Seligen ſehen, wenn dieſe Sagewahr192wahr waͤre, — und die Hand des Senioris Familiaͤ hager und ungeſtaltet mit langen un - abgeſchnittenen Naͤgeln. — Wie ſchrecklich — Nein — nicht fuͤr hundert Seckel Sil - bers, das im Kauf gang und gaͤb’ iſt, nicht fuͤr tauſend! — Fuͤr dich aber, Seliger, machet die Thuͤr’ unſeres Kirchhofs weit und die Thoͤre hoch, damit er bey uns einziehe! — Wenn der Fall nicht ſo, wie er wuͤrklich iſt, geweſen waͤre, wir haͤtten keinen Dreyer fuͤr dieſes Plaͤtzchen genommen. — Die Kirche dankt dir, lieber Seliger, fuͤr das, was ſie durch meine Hand erhalten hat, und ich danke dir fuͤr das, ſo uns allen zugewendet worden, bis auf den letzten Traͤger. Ju - das verrieth wegen dreyßig Silberlinge ſeinen Meiſter. — Hier ſind freylich nur vierzig Kupferlinge, und es iſt allerdings mehr Schein als Seyn dran; indeßen wie bald wird ſein abgetragener Leib in einer Hand Raum haben. — Dieſe Handvoll ehrliche Erde giebt er uns ohnehin als Agio von den vierzig Gulden. —
Uns allen lehre der Herr unſeres Lebens bey dieſer Gelegenheit unſer Schein und Seyn, daß heißt: er lehr uns wohl beden - ken, daß wir nicht wißen, wenn der Herrkommt193kommt — Darum wachet! So geſund wir ſcheinen, ſo iſt doch nichts gewiſſer, als daß es ein End mit uns haben muͤße, daß unſer Leben ein Ziel habe und wir davon muͤßen. Das iſt unſer Seyn! —
Ihr Gebeugten im Volke! freuet euch in dem Herrn, und abermal ſag’ ich euch! freuet euch; denn ihr werdet ſterben! und eben dann, wenn ihr nicht aus noch ein wißt, wird euch der Herr gen Himmel zeigen — da werdet ihr Friede haben und nicht hoͤren die Stimme des Steuereinnehmers, da werden getrocknet werden die Thraͤnen von den Wan - gen der Wittwen, da werden die Gottloſen aufhoͤren mit Toben, und ſanft ruhen die des Lebens Laſt und Hitze gerragen haben. — Faſſet eure Seelen in Geduld, und wenn euch eine Krankheit anficht, denket, daß ſich eure Erloͤſung nahet. Sehet an den Feigen - baum und alle Baͤume, wenn ſie jetzt aus - ſchlagen; ſo ſehet ihrs und merket, daß jetzt der Sommer nahe ſey. — Bey Menſchen - kindern iſt es umgekehrt. — Wenn der auswendige Menſch ſtirbt, faͤngt der inwen - dige zu leben an. Gern haͤtt’ ich dieſe Le - bensumſtaͤnde, die mir, ſo wie ſie da ſind, gewiß nicht wenig Muͤhe gemacht, da ſehrZweiter Th. Nviele194viele Worte halb verwiſcht und viel unleſer - lich geſchrieben war, gern haͤtt’ ich, weil mir wohl bekannt iſt, daß ihr lieber einen Lebens - lauf, als eine Predigt hoͤret, gern haͤtte ich dieſe Lebensumſtaͤnde verſtaͤrkt, wenn ich mehr im Taſchenbuch gefunden haͤtte. Zum Beſchluß wollen wir vom ein und dreißigſten Vers bis zum ſechs und vierzigſten des fuͤnf und zwanzigſten Capitels des Evangelii Mat - thaͤi verleſen hoͤren und verleſen:
Wenn aber des Menſchenſohn kommen wird in ſeiner Herrlichkeit, und alle heilige Engel mit ihm, dann wird er ſitzen auf dem Stuhl ſeiner Herrlichkeit. Und werden vor ihm alle Voͤlker verſammlet werden. Und er wird ſie von einander ſcheiden, gleich als ein Hirte die Schaafe von den Boͤcken ſchei - det. Und wird die Schaafe zu ſeiner Rech - ten ſtellen, und die Boͤcke zur Linken. Da wird denn der Koͤnig ſagen zu denen zu ſeiner Rechten: kommet her, ihr Geſegneten mei - nes Vaters, ererbet das Reich, das euch bereitet iſt von Anbegin der Welt. Denn ich bin hungrig geweſen, und ihr habt mich geſpeiſet. Ich bin durſtig geweſen, und ihr habt mich getraͤnket. Ich bin ein Gaſt ge - weſen, und ihr habt mich beherberget. Ichbin195bin nackend geweſen, und ihr habt mich be - kleidet. Ich bin krank geweſen, und ihr habt mich beſuchet. Ich bin gefangen ge - weſen, und ihr ſeyd zu mir kommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten und ſagen: Herr, wenn haben wir dich hungrig geſehen, und haben dich geſpeiſet? oder dur - ſtig, und haben dich getraͤnket? Wenn haben wir dich einen Gaſt geſehen und beherberget? oder nackend, und haben dich gekleidet? Wenn haben wir dich krank oder gefangen ge - ſehen, und ſind zu dir kommen? Und der Koͤnig wird antworten und ſagen zu ihnen: wahrlich, ich ſag’ euch: was ihr gethan habt, einem unter dieſen meinen geringſten Bruͤdern, das habt ihr mir gethan. Dann wird er auch ſagen zu denen zur Linken: ge - het hin von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet iſt dem Teufel und ſeinen Engeln. Ich bin hungrig geweſen, und ihr habt mich nicht geſpeiſet. Ich bin durſtig geweſen, und ihr habt mich nicht ge - traͤnket. Ich bin ein Gaſt geweſen, und ihr habt mich nicht beherberget. Ich bin nackend geweſen, und ihr habt mich nicht bekleidet. Ich bin krank und gefangen geweſen, und ihr habt mich nicht beſuchet. Da werdenN 2ſie196ſie ihm auch antworten und ſagen: Herr, wenn haben wir dich geſehen hungrig oder durſtig, oder einen Gaſt, oder nackend, oder krank, oder gefangen, und haben dir nicht gedienet? Dann wird er ihnen antworten und ſagen: wahrlich ich ſag euch, was ihr nicht gethan habt Einem unter dieſen gering - ſten, das habt ihr mir auch nicht gethan. Und ſie werden in die ewige Pein gehen; aber die Gerechten in das ewige Leben. — — —
Ins ewige Leben verhelf uns alle zuſam - men der Herr des Lebens, Amen!
Nach der Predigt lies der gute Pfarrer ſingen: Lieber Gott, wenn werd ich ſter - ben, und ſeine werthen Zuhoͤrer, welches bis auf mich lauter Bauren und Fiſcher waren, ſangen dies Lied mit einem ſo himmliſch ſehn - ſuchtsvollen der Welt abgeſtorbenem Herzen, daß ich ſehr geruͤhrt ward. Man hoͤrt’ es ihnen genau an, daß niemand unter ihnen vierzig Kupferlinge im Vermoͤgen hatte, und daß ſie alle des Tages Laſt und Hitze dieſes Lebens truͤgen. — Der Pfarrer ſang eben ſo herzlich, nur mit dem Unterſchiede, daß er mit ſeiner Stimme die ganze Gemeine commandirte.
Mei -197Meinen Leſern zu gefallen, die kein Ge - ſangbuch haben, will ich die Stelle, die mir der Pfarrer vorzuͤglich ins Ohr und Herz ſang, abſchreiben:
Man haͤtte glauben ſollen, das Gewißen haͤtte beym guten Pfarrer wegen ſeiner Er - klaͤrung der Wort’: und fuͤr, dieſe Reihe mitgeſungen; allein ich verſichr’ auf Ehre, das Gewißen gab ſeine Stimme nicht dazu. — Beynahe moͤcht’ ich das Gewißen auf ein Haar kennen, wenn es mitſingt. — Es haͤlt ſelten Melodie, ſingt lahm und ſo, als duͤrft’ es nicht. —
Schriebe meine Mutter dies Buch, ſie haͤtte von dieſem Liede keinen Buchſtab aus - gelaſſen; indeſſen will ich einigen meiner Le - fer dieſen Gefallen thun. —
Die ganze Gemeine, o Gott! wie in - bruͤnſtig ſang ſie dieſe Zeilen:
Vorzuͤglich fiel mir ein alter Mann bey die - ſer Stell’ auf, der ohnfehlbar nicht mehr Traͤger wegen ſeiner ſehr hohen Jahre ſeyn konnte, und ſich in einem etwas finſtern Kir - chenwinkel aufgeſtuͤtzt hatte. — Ich haͤtte mich nicht enthalten koͤnnen, dieſem aufge -ſtuͤtz -199ſtuͤtzten etwas aus meinem ανεχου και απε - χου zu geben, wenn ich es bey mir gehabt. — Dieſem alten Mann gehoͤrte, das merkte man, noch ein Haufen Kinder an, der um Brod ſchrie! Es war recht, als wenn alle dieſe Kleinen mitleierten. —
Zwinge dich nicht, ſchreibt meine Mut - ter, ohne Geld auszugehen, das heißt: aus einem guten ein ſchlechter Menſch werden wollen. — diesmal freut’ ich mich aber, ohne dieſes verſiegelte Schatzpaͤckchen gewe - ſen zu ſeyn, da ich zu Hauſe kam; denn ich haͤtte mich in Wahrheit nicht gehalten, und meines Vaters Auflage gerade zu entgegen gehandelt! „ In der groͤßten Noth! „ Dies brachte mich zum Geluͤbde bey mir ſelbſt, dies Schatzpaͤckchen nie bey mir zu tragen. Ohne Geld aber, liebe Mutter! werd’ ich nicht ausgehen.
Bey der lezten Strophe, die ich meinen Leſern auch nicht entziehen will, war der Ton ganz anders:
Ob nun gleich der Alte, den ich bis oben zu, begraben geſehen, nicht der mit dem einen Handſchu war, als welchen Handſchu ich mithin eben ſo wenig, als den Segen dieſes himmliſchen, aus ſeiner Hand erben konnte; ſo war ich doch ſehr belohnt, daß Mittag und Abend in einem weggehalten ward. — Ich dacht’ an Minen, wie beym Schloß in Mitau, und bey aller Gelegenheit; und wie haͤtte wol ein Vorfall, der mich zum ſtehen, zum denken, bringen konnte, nicht zugleich Minen und ihn in einem Paar dar - ſtellen ſollen? Wenn man liebt, iſt uͤberall ſchoͤne Natur fuͤr den Liebenden. —
Mein Reiſegefehrt kam eben von der Jagd, und hatte drey Voͤgel erlegt, die wir uns braten ließen. Ich hatte noch nichts gegeßen, und er hatte ſich weide - maͤnnlich ermuͤdet. —
Indem wir uns niederſetzten, und ich ihm von meinem Todten, er mir von ſeinen drey Voͤgeln erzaͤhlte; ſiehe da der Paſtor loci! und mit ihm ein Melotenpflaſtergeruch, ſo, daß der Paſtor die ganze Stube wuͤrzte. —
Er201Er konnte nicht unterlaßen, denjenigen, der heut ihm die Ehre gethan, ſein Zuhoͤrer zu ſeyn, naͤher kennen zu lernen, und da wir aus ſeiner Art ſich zu fuͤhren, uns uͤber - zeugten, daß er nicht abſchlagen wuͤrde, mit uns vor’n Willen zu nehmen; ſo baten wir ihn, ſeine Kapuſe abzulegen. Der Herr v. G. erzaͤhlt’ eben, drey Voͤgel geſchoßen zu haben. Eben drey, ſagte der Paſtor, und fand hiebey was beſonders. Der Mann ein Vogel, beſchloß ich! und der Paſtor konnte nicht aufhoͤren zu wiederholen: eben drey! Der arme Pfarrer entdeckt’ uns gele - gentlich ſeine recht ſchlechte Verfaßung. — In Curland, ſagt’ er, ſind meine Herren Amtsbruͤder Edelleute! Moͤgen ſie doch. — Wenn ich nur einen beßern Fang, wie vorm Jahr haͤtte!
Dieſen Wunſch klaͤrt’ er uns durch die Erzaͤhlung auf, daß er auf den Droßelfang gewieſen waͤre, und dieſes ein Hauptaccidenz bey der Pfarre ſey. — Ohnfehlbar war dies die Urſache, warum er: eben drey ſo oft ſagte. Wir oͤfneten dem armen Paſtor noch unſern Eßkorb, den uns die Frau v. G. reichlich gefuͤllt hatte. Unſer Wein war ihm Labſal. — Ich konnte mich kaumN 5des202des Lachens enthalten, da er den heut be - grabenen einen Zugvogel nannte. Da ich die Verſaßung dieſes ehrlichen Droßelpfarrers hoͤrte; fand ich die Erklaͤrung, die er von den letzten Worten: und fuͤr gemacht hatte, der Sache ſo vollkommen an - gemeßen, daß ich uͤberzeugt war, das Geld haͤtte nicht beßer angelegt werden koͤnnen, wenn es ins Hoſpital gekommen waͤre! Die ſo genannte Paſtoralklugheit iſt, in einer gu - ten Ueberſetzung, eine wohlehrwuͤrdige Be - muͤhung, auf anderer Leute Koſten zu leben, bey unſerm Droßelpaſtor nicht alſo. —
Ich erkundigte mich noch nach verſchie - denen Umſtaͤnden des zur Ruhe gebrachten; allein außer dem, was der gute Pfarrer in der Kirche angebracht, wußt’ er kein Wort. —
Ich gab dem Paſtor loci fuͤr den Alten, der ſich in einem finſtern Kirchenwinkel auf - geſtuͤtzt hatte, und die Worte:
uͤberlaut ſang, eine Kleinigkeit, um ſie ihm morgen abzugeben. So hat er, ſagt’ ich, zwey frohe Tage, — denn wenn er gleich Alters wegen nicht getragen hat —
Aller -203Allerdings, fiel der Pfarrer ein, ich habe die Anordnung gemacht, daß ſie alle was zu eßen und zu trinken haben. Der Alte ein Theil mehr, weil er noch außer den gro - ßen Kindern, drey kleine Kinder zu Hauſe hat. —
Da der Paſtor hoͤrte, daß wir auf die Akademie giengen, wuͤnſcht’ er uns tauſend Gluͤck. Mit einer beſondern Freude, die ihn wohl kleidet’, erzaͤhlt’ er von ſeinen aka - demiſchen Jahren, wo er ſich alles ganz ge - nau zu beſinnen wußte, wie alle von gewiſ - ſen Jahren, die nach Art von Leuten, welche treflich in die Ferne ſehen, ſchlecht aber in der Naͤhe ſehen koͤnnen, alles haarklein wiſ - ſen, was in ihrer Jugend geſchahe, wenig aber oder gar nichts von dem, was geſtern und ehegeſtern vorfiel. — Das iſt die beſte, beſte Zeit, ſagt’ er, ſo bald man ein laſtbares Geſchaͤftsvieh wird, iſts aus. Ich pfluͤge zwar Gottes Acker; indeſſen fallen doch all’ Augen - blick Menſchenſatzungen vor. Wohl dem, mein Herr v. G., dem die Geburt das Recht ge - geben — ein Menſch zu ſeyn fuͤr ein Amt zu halten. „ Wenn Jagdten dabey ſind „ fiel ihm Herr v. G. ein. —
Der204Der ehrliche Pfarrer ließ ſich merken, daß er herzlich gern einen Adjunctus haͤtte, und wenn es auch nur der Geſellſchaft, und der Maulbeerbaͤume wegen waͤre, welche das ehrwuͤrdige Conſiſtorium ihm zu pflanzen aufgegeben haͤtte. Endlich kam ſeine Toch - ter Marthe hinter dem Berge hervor, und man ſahe wohl, daß der Adjunctus nicht blos ſeiner Geſellſchaft und der Maulbeer - baͤume halber gewuͤnſcht ward. Noch hat er keinen gefunden, der einen ſo uͤberwiegen - den Droßelgeſchmack gehabt, daß er ihm andere Vortheile aufzuopfern kein Bedenken getragen haͤtte. — Man ſagt, ſetzt’ er hinzu, daß man darum nicht gern ein Teſta - ment mache, damit den Erben nicht die Zeit zu lang wuͤrde; allein ich verſichr’ auf Ehre, daß ich bey der Anfrage meines Schwieger - ſohns wie ich geruhet, und wie ich mich be - faͤnde? keine Falſchheit vermuthen wuͤrde.
Die Gegend war wuͤſt’ und oͤde. Ich habe keine Biene gehoͤrt, und ich wolte was drum geben, daß hier kein Bienengewaͤchß im ganzen Bezirk anfzutreiben geweſen.
Nachdem der Paſtor drey bis vier Glaͤ - ſer Wein getrunken hatte, ſang er das Stu - dentenliedchen:Vivat205Viuat Academia!
Nach dem Liede, (dacht ich mit einem Verwunderungszeichen,) nach dem Liede: Lieber Gott, wenn werd ich ſterben? indeſſen, wenn gleich ein ſolcher Zugvogel nicht tagtaͤglich kommt, ſo wird ein Predi - ger doch mit der Zeit mit dem Tode ſo be - kannt, wie eine geuͤbte Woͤchnerin mit einer Entbindung. Muth, das bin ich vollkommen uͤberzeugt, iſt nicht Staͤrke der Seele, ſon - dern Bekanntſchaft mit dem Gegenſtande. —
Unſer alte Pfarrer war nicht ohne Em - pfindung; er ward ſehr leicht roth, wenn man ihn nur mit einem Blick etwas zu hart anfuͤhlte. Gleich roth — iſt ein ſo ſichres Zei - chen von einem empfindlichen als empfindſa - men Menſchen, von einem Menſchen, der ſich fuͤhlt, und der auch fuͤhlt, was um und neben ihm iſt! ſo wie es was ſanftes, was weibiſches verraͤth, wenn man Muſik liebt! — Der gute Paſtor! in Wahrheit, er brauchte keinen andern Beweis von ſeiner Froͤmmigkeit, als ſein heiteres Gott erge - benes Auge, in dem Ruh’ und Zufriedenheit lag. Ich will nicht, ſagt’ er, wie Iſrael uͤber die Wachteln murren, und waͤr’ es auch der vierzig Wuͤſtenjahre, der vierzig Fe -ſtungs -206ſtungsjahre wegen, — ich bin ſchon, fuͤgt’ er ſeufzend hinzu, zehn Jahre bey dieſer Wachtelſtelle. —
Es wußt’ unſer Gaſt nicht viel von dem Zuſtande der Koͤnigsbergſchen Univerſitaͤt, außer daß er uns einen Catalogum lectionum aus den Intelligenzzetteln vorwies, und uns verſicherte, daß es noch bis jetzo nicht fried - lich hergienge; er war ein Inpietiſt, denn einen Orthodoxen kann ich ihn nicht nennen, fals nehmlich die Orthodoxie, wie ich faſt vermuthe, eine Strenge der Obſervanz iſt, ſich und andere an angenommene Regeln zu binden. — Ihm ſchien der Pietismus ſo ſehr nicht zu Herzen zu gehn, obgleich er nicht umhin konnte zu bemerken, daß die Pietiſten viel ſaͤhen, was kein Impietiſt ſaͤhe, und viel empfaͤnden, was ſie nicht ausdruͤ - cken koͤnnten. Es blieb dabey, ohne die inpietiſtiſche Parthie unſers guten Paſtors zu nehmen, daß Gedanken, die man nicht aus - druͤcken koͤnnte, unreifes Obſt waͤren. Bald, ſagte der Paſtor, haͤtt’ ich geſagt, daß ein Wort ein verdauter Gedanke ſey. — Er ward roth dabey! —
So wie Gaͤrtner ihre Blumen oft ſo pflanzen, daß die Farb’ einer in die andreſpielt,207ſpielt, und dadurch jede einzele verdirbt; ſo iſts auch auf Univerſitaͤten. —
Bey dem zweyten Vers des: Viuat Academia! ward die Frag’ aufgeworfen, warum man beym Trunk ſo gern Lerm mach’ und vorzuͤg - lich Fenſter einwuͤrfe: welches auch ſolche Juͤnglinge thaͤten, die bey ſpaͤtern Jahren einen ſtillen innerlichen Rauſch bekaͤmen? —
Unſer Paſtor nahm Abſchied. Sein leztes Wort war viuat Academia! Wir verpfaͤndeten uns ſchluͤßlich, ſo oft wir dieſe Straße zoͤ - gen, uns ihm aufzudringen. Dies Wort bitt’ ich zu ſtreichen, fiel er ein, vielleicht giebt mir Gott bald ein Stuͤck Brod anſtatt der Droßeln, und alsdenn bitt’ ich zu mir — Alles andere: Gott ſey mit Euch, lebt wohl, faßt’ er zuſammen in das vielbedeutende vi - uat Academia!
Kaum hatten wir uns niedergelegt, ſo hoͤrten wir einen ſchrecklichen Streit, den unſere Fuhrleute, die von Mittag bis Abend in einem Zuge gezecht hatten, erregten. —
Ich wolte Mittler ſeyn; allein mein Rei - ſegefehrt verbat es dringend.
Warum208Warum, Bruder, willſt du gerad oder ungerad ſpielen? Deine Worte werden nichts gegen dieſe Roß und Maͤuler verfangen. — Glaub mir, ich zittre vor einem Lande, wo ein Fuhrmann Major, ſein Schweſterſohn Junker, und ein Paſtor ein Droſſelfaͤnger iſt. —
Das Ungewitter legte ſich und ſtieg wie - der auf — ich ſchlief vielleicht beym haͤrte - ſten Schlag’ ein. —
Habt ihr je in einer Geſellſchaft, in der alles uͤberlaut war, auf eurem Stuhl ge - ſchlafen? Wie ſuͤß! — Mein Reiſegefehrt verſicherte mich des folgenden Tages, daß er noch nach meinem Einſchlaf zwey Stunden gewacht haͤtte. —
Unſer Major und Junker waren mit den Wirthsleuten des Hauſes an dieſem gutenMor -209Morgen ſo einig, daß man nichts anders hoͤrt’ als bitten: bald! bald! wieder zuzuſprechen, und Verſprechungen bald! bald!
Wie ſchoͤn es ſich, ſagte Herr v. G., nach dem geſtrigen Gewitter abgekuͤhlet hat! — Da ſiehſt du, Bruder, erwiedert’ ich, der Teufel traue den Preußen, beſchloß er! — —
Und nun in Koͤnigsberg! Ein großer weitlaͤuftiger Ort. — Ich fragte meine Fuhr - leute, wo dieſer und jener Profeßor wohne, die mir dem Namen nach bekannt waren? Das weiß Gott am beſten, ſagten ſie. —
Im Kneiphoff gehoͤrt die Akademie in die Kirche, und vor dieſem kam der Magnifi - cus mit einem Purpurmaͤntelchen, es war ſpannlang und mit einer goldnen Borte be - braͤmt, alle Michaelis und alle Oſtern in dieſe Kirche. —
nun nicht mehr?
Nein! nun nicht mehr. Man erzaͤhlt, daß ein grober Kerl von Bauer, der von ohngefehr zu dieſer Ceremonie zu Maas ge -Zweiter Th. Okom -10[210]kommen, uͤberlaut der Puͤffel! (doch was verſteht ein Bauer von Safran!) geſagt ha - ben ſoll:
Wie ſich doch ſo ein alt und wohlbetag - ter Herr noch zum Narren macht! —
Nach der Zeit geht der Magnificus ohne ſpannlanges Maͤntelchen in die Kirche. —
Die Kneiphofſche Kirche iſt der Dom, und auch die akademiſche Kirche. Die zur Akademie gehoͤrigen Gebaͤude ſind in einer ſo vertrauten Nachbarſchaft mit dieſer Kirche, daß alles wie Eins ausſieht. — Dies iſt eine Erklaͤrung zur Fuhrmanns Erzaͤhlung.
Wir ſtiegen bey dem Major ab, der uns zwey Zimmer mit der Verſicherung aufraͤumte, daß wir ſie ſo lange gebrauchen koͤnnten, bis wir ein gutes Quartier bekommen wuͤrden. Er fuͤr ſein Theil ſchluͤg’ uns die Magiſtergaſſe im Kneiphofe vor, wo die meiſten Studen - ten logiren — und der Name ſelbſt ſchien ihm ſehr angemeſſen. Es waͤhrete nicht drey Stun - den, ſo waren drey Landsleute bey uns, wel - che die Sorg’ uͤber ſich nahmen, uns ein Quartier zum Kuͤßen, wie ſie’s nannten, anzuangeln. Dies Wort war damals, ſo wie das Wort Fidel, Univerſitaͤtsparole.
Dieſe211Dieſe Nacht blieben wir bey unſerm Fuhrmann. Den Morgen um neun Uhr kamen ſchon unſre fidele Landsleute, verſtaͤrkt mit drey andern; das Quartier zum Kuͤſſen war angeangelt, — und wir Burſchen, (um ganz akademiſch zu ſprechen) zogen vom Pfer - dephiliſter aus.
Iſt es Hecht? oder Barſch? fragt’ ich, was ſie uns angeangelt haben? und ſie lachten herzlich uͤber eine ſo unakademi - ſche Frage. —
Wir giengen unſer Quartier beſehen, das uns uͤber alle Maaße gefiel. Es hatt’ es ein Curlaͤnder bewohnt, der heim reißte, um nachher in franzoͤſiſche Dienſte zu gehen.
Warum in franzoͤſiſche, ſagt’ ich?
Zum groͤßten Theil der Sprachewegen. Auch gut! Ehemals verliebte man ſich, um fran - zoͤſiſch und das Feine der Sprache, das je ne ſais quoi des Herrn v. W., zu lernen! —
Es ward verabredet, daß die Landsmann - ſchaft von dem Abziehenden und dem Anzie - henden bewirthet werden ſolte. — Jeder, ſagten die Aelteſten und Vorſteher, giebt ſein Theil, und zwar der Abziehende allein ſo viel, als ihr Anziehende beyde — denn er kommt bald nach Canaan. —
O 2Um212Um indeſſen dieſen Schmaus mit Ehren zu geben, ward beſchloſſen, daß wir zuvor immatriculirt werden ſolten.
Einer der Landsleute begleitet’ uns zu Sr. Spektabilitaͤt, wie man den Decanus der Facultaͤten nennet, zum Examen.
Curlaͤnder? fanden Se. Spektabilitaͤt der Decanus der philoſophiſchen Facultaͤt fuͤr gut zu fragen, als wollten ſie zugleich an - deuten, daß das Examen darnach eingerich - tet werden wuͤrde. Man hat uͤberhaupt die Gewohnheit, Fremde entweder ganz und gar nicht, oder hoͤchſtens nur ſehr wenig zu exa - miniren. — Es ſind, wie ſich unſer ehrliche Paſtor in — — ausgedruͤckt haben wuͤrde, Zugvoͤgel.
Se. Spektabilitaͤt ſchienen ohnedem uͤber - ſchwenglich luſtig, und, wie wir nach der Zeit erfuhren, waren ſie die Nacht vorher Grosvater geworden. — Sie kamen uns mit einem mundvoll Latein entgegen, und erkundigten ſich in dieſer Sprache nach un - ſerm Namen? Geburtsort? und Alter? Ich antwortete ſehr behende, und da das lateini - ſche Geſpraͤch blos zum Spaß angehoben, von mir aber im Ernſt fortgefuͤhrt wurde; ſo wolten Se. Spektabilitaͤt es durch -aus213aus nicht glauben, daß ich ein Curlaͤnder waͤre. — Nachdem ich ihm dieſes in lateini - ſcher, nachhero aber, um es deſto kraͤftiger zu machen, auch in deutſcher Sprache ver - ſicherte, fand er fuͤr gut mich zu fragen: ob mein Vater ein Curlaͤnder waͤre? Dies ſetzte mich aus aller Faſſung, beſonders da er dieſen Ausfall in reinem Deutſch that, und meinem Reiſegefehrten dieſe verfaͤngliche Frage zu Ohren gekommen war. Ich ward Blut - roth — und nach einer Weile (dergleichen Empfindung iſt immer wie ein kaltes Fieber) fuͤhlt ich, daß ich wie eine bleich gewordene Roſe ausgeſehen haben muͤßte. — Der Pro - feßor, (das merkt’ ich auch,) ſah mich ſo an, wie man eine bleichgewordene Roſ’ anzuſe - hen gewohnt iſt — mit einer großen Theil - nehmung. Er trieb dieſe Frage nicht weiter; allein ich war beſtimmt, bey Sr. Spekta - bilitaͤt aus dem Regen in die Traufe zu kommen.
Erſt einige Fragen nach Art meiner Gros - mutter muͤtterlicher Seits, z. E. wie ſich la - tinum von latinitas unterſchiede?
Was der Magiſter Saliorum fuͤr eine Wuͤrde bekleidet? was fuͤr ein unlauteres un - orthodoxes Wort dem Tiberius Gewiſſens -O 3biſſe214biſſe gemacht, da er Neujahrsgeſchenke ver - beten, und daruͤber ein Edict erlaſſen?
Wie Attejus Capito, dem er daruͤber ge - beichtet, ihn abſolviret?
Was Marcus Pomponius Marcellus, als der zweyte Hofprediger, ihm im Beichtſtuhl geſagt?
(Jener meynte, das Wort koͤnnte wohl dem Kayſer zu Gefallen auf - und angenom - men werden, dieſer aber war ſo ſtockortho - dox, daß er dem Kayſer gerade zu ſagte, er koͤnne zwar den Menſchen das Buͤrgerrecht ertheilen; allein den Worten nicht.)
Was den Virgilius bewogen, wie er ſelbſt geſagt, aurum ſe ex Ennii ſtercoribus legere, und warum er nicht, da doch Ennius ingenio maximus, arte rudis geweſen, lieber gerade zu, zur Natur oder zum Homer, gegangen, der fuͤr uns Adam der Natur iſt, ob es gleich in dieſem Stuͤck Praͤadamiten gegben? —
Bey jedem großen Werk muͤſſen zwey Koͤpfe arbeiten; wenn auch der eine nur den Kalk loͤſchen, oder einen Grundſtein legen oder abmeſſen ſolte. Moſes und Aron ſind gemeinhin noͤthig. Einer erfindet, der an - dere ſagt. Einer ſchaft den Leib, der andere die Seele. Einer weiſet den Weg, der an -O 4dre215dre geht. Niemand, der ſterblich iſt, kann ein ſelbſtſtaͤndiges Genie ſeyn!
Hier ein Wort von der Natur des Dich - ters und von dem Lande, wo er ſie pfluͤckt.
Er pfluͤckt ſeine Natur; denn der Ort, wo er ſie nahm, iſt, wenn man die Natur wiederſucht, die der Dichter beherzigte, wie abgemaͤht: man ſieht hoͤchſtens die Staͤte, das, was der Dichter ſah, iſt es wohl mehr erſichtlich?
Des Dichters Natur iſt unſterblich. Sie macht die Seele, die Monaden in ſeinem Werke. —
Man ſagt, und in Wahrheit kluge Leute ſind unter dieſem Man ſagt inbegriffen. Er - giebiger Boden zieht nicht Genies, ſondern ſchwieriger. — Nicht alſo! Reiſet nach Hol - land, um nur eine einzige Reiſe vorzuſchla - gen, hier hat der Fleiß alles gethan. Wie das Land, ſo die Koͤpfe. Ein ſchwieriger Bo - den zieht Kritik, ein ergiebiger Genies.
Wieder eine Frage.
Was den Caſimirus, den vierten Koͤnig in Pohlen, zum Befehl bewogen, die lateini - ſche Sprache in Pohlen zu treiben?
In wie viel Tagen Joſephus Juſtus Sca - liger, des Jul. Cæſ. Scaliger Sohn, dengan -216ganzen Homer, und alſo 63,000 griechiſche Verſe durchgeleſen, und zwar ſo, daß die Frage wegfiel: verſtehſt du auch, was du lieſeſt? Es waren, glaub’ ich, ein und zwan - zig. Elias, ſetzten Se. Spektabilitaͤt hinzu, oder, wie er ſich ſchreibt, Helias Putſchius, der ſo bald er auf die Welt kam, herzlich zu lachen anfieng, bis in ſein vierzehntes Jahr kein latein konnte, und eben drum als Grammaticus und Criticus es ſo weit brachte, wie Einer, nennt den Joſeph in ſeiner Epi - ſtola dedicatoria vor den zwey und dreyßig Grammatiken, die er commandirt, illuſtrem et incomparabilem Virum. (Wir ſolten, bemerkten Se. Spektabilitaͤt, alle ſpaͤter die Wiſſenſchaften anfangen, alle wie Putſchius ſein latein. Wir waͤren auf Ehre weiter! — Fruͤhzeitige Unterrichte ſind feine Ketten, die uns binden, oft ſo fein, wie Seidenfaͤden. — Bey ſpaͤtern Anfaͤngen wuͤrde der Schuͤler wo nicht ſelbſt was erfin - den, ſo doch den Lehrer drauf bringen.)
Die Scaligers bildeten ſich ein, aus dem Geſchlecht der Fuͤrſten de la Scala abzuſtam - men, ſagten Se. Spektabilitaͤt. Jammer und Schade, fuhren ſie fort, Putſchius ver -gaß217gaß ſein latein bald; denn er ſtarb im ſechs und zwanzigſten Jahre, ſo, daß er alſo nur etwas uͤber zehn Jahre latein gekonnt hat. — Se. Spektabilitaͤt kamen wieder auf ihre Raͤthſelaufgaben, und wandten ſich zur Auf - loͤſung Notarum, und vorzuͤglich juridicarum, und ſo wie unſer Grosvater ſich herzlich auf - hielt, daß man Aut verkuͤrzet durch A. Ante durch AN̅. Auctor durch AVCT. Eſt durch E. ſo gab er mir vielerley Abreviaturknoten zu entchiffern und zu loͤſen. — Ich lies mich mit einer Bemerkung hoͤren, wie man ein Volk aus der Sprache kennen lernen und be - urtheilen kann; ſo ſind, ſagt’ ich, in der Sprache vorzuͤglich dieſe Abreviaturen, ſo bald ſie ins Allgemeine gehen, eine Findgru - be. Sie ſind das Volk in compendio. Jeder Menſch hat indeſſen ſeine eigene Abreviatu - ren, und dies iſt ein Grundriß eines jeden Menſchen. — Bey dem Abreviaturknoten bewieß ich mich als Alexander, und da das meiſte, ſo bis dahin verhandelt war, latei - niſch zwiſchen uns vorfiel; ſo konnte mein Reiſegefehrt und Begleiter nicht wiſſen, wo ich gieng, und wo ich ſtand — mithin wuß - ten ſie nicht, was aus dem Kindlein wer - den wuͤrde!
O 5Kann218Kann was aͤhnlicheres zwiſchen meiner Grosmutter muͤtterlicher Seits, und dieſem ſeit der vorigen Nacht gewordenen Grosvater ſeyn? Meine Grosmutter iſt mir ſeit der Zeit eben ſo ſpectabilis, (ſichtbar) als ein Decanus. Seltene Fragen ſind ſeltene Fra - gen. Raͤthſel ſind Raͤthſel. Knoten ſind Kno - ten. Die Sprache thut hiebey nichts. — —
Ich rechne nicht blos auf Leſer, ſondern auf Leſerinnen, und dieſe guten Kinder ha - ben nicht noͤthig, mit fremden Kaͤlbern zu pfluͤgen, und ihre Liebhaber wegen einer Ue - berſetzung, die ohnehin ſtutzerfrey ausfallen doͤrft’, in Anſpruch zu nehmen: denn was der Magiſter ſaliorum fuͤr eine Wuͤrde beklei - det, heißt mit andern Worten, was der En - gel Gabriel fuͤr Federn in ſeinen Fluͤgeln ge - habt? und alles, was ſie von Tiberius, En - nius, Attejus Capito und Marcus Pomponius Marcellus geleſen, betrift den Nabel des Adams, die Farbe Rahels, die Frag’: ob David ein Adagio oder ein Allegro vor Saul geſpielt? Ob Pilatus ſich mit Seife gewa - ſchen, und wie viel Selas in der heiligen Schrift vorkommen?
Durch die Aufloͤſung der Abreviaturen, wo ich — meine Leſer wiſſen warum? giengund219und nicht am Berge ſtand, wetzt ich alle ge - machte Scharten aus, und Se. Spektabili - taͤt beliebten mich wuͤrklich auch fuͤr ein ſicht - bares Geſchoͤpf zu halten! wofuͤr ich Sr. Spektabilitaͤt noch jetzt dienſtergebenſt verbun - den bin. —
Nun ließen mich Se. Spektabilitaͤt einige Stellen aus den Carminibus ſaliariis ins La - tein kuͤnſteln, und ſodann dieſes Kunſtſtuͤck mit einigen Stellen aus den zwoͤlf Tafeln machen.
Meinem Reiſegefehrten bot er auch einen lateiniſchen Rapier an; allein er erhielt eine abſchlaͤgige Antwort, und ich nahm das Wort fuͤr ihn. — Ὡς αἰεὶ τὸν ὁμοῖον ἁγει ϑεος ὡς τὸο ὁμοῖον, ſagten Se. Spektabilitaͤt, und ich weiß nicht, ob dieſe Stelle, oder ein Hund, der auf der Straße ſich hoͤren ließ, und eben dadurch den Herrn v. G. aufſprengte und ans Fenſter zog, Se. Spektabilitaͤt auf die Frage brachte: Ob auch im Griechiſchen? Der ehrliche Noſter holte ſeinen Homer — nicht aus einem rußigen Buͤcherſchrank. Homer war ſo wenig, wie die Bibel, dieneben220neben ihm lag, beſtaͤubt. Ich dachte, wenn ja ein Mann Grosvater zu werden verdient, iſt Ers. Er lies mich eine der Lieblingsſtellen meines Vaters, die ein adliches Thier an - gieng, uͤberſetzen, ich wußte ſie eben, weil ſie eine vaͤterliche Lieblingsſtelle war, faſt auswendig. Sie faͤngt an
Mein Vater hatte die Gewohnheit nicht an - genommen, die haͤufig graßirt, das Griechi - ſche zu verlateinen, ich mußt’ es verdeutſchen, und dieſe Gewohnheit behielt ich bey, und mein Reiſegefehrt lernte den Hund Argos kennen, der nach zwanzig Jahren ſeinen Herrn Ulyſſes erkannte, ſich von ſeinem Sterb - lager aufrichtete, mit dem Schwanze we - delte; indeſſen nicht mehr das Vermoͤgen hat - te, mit ſeiner Zunge ſeinen Herrn zu beruͤh - ren, um ihm Dank zu lecken. — Dieſer weinte! —
Argos221Argos aber, der ſeine ſtarren Augen noch angeſtrenget hatte, ſeinen Herrn zu ſehen, ſtarb, nachdem er ihn geſehen hatte, in Frie - den. — Gott hab’ ihn ſelig, ſagte Herr v. G., und eine Thraͤne blinkt’ in ſeinen Augen; — denn es war ein Hund, von dem geredet ward. — Herr v. G., ſie haben mir etwas ſehen laſſen, ſagte der Großvater, was eben ſo gut iſt, als griechiſch verſtehn. — Wollte Gott, anwortete Herr v. G., ich koͤnnte griechiſch, des Argos wegen. — Es ſind mehr ſchoͤne Seelen im Homer, fuhr der Grosvater fort. — Herr v. G. wiederhohlte: des Argos wegen. —
Endlich fiengen Se. Spektabilitaͤt (auch dies, weil ſie Grosvater geworden waren,) etwas aus der lieben Weltweisheit an. Es ſah ſo aus, als wenn wir einen Ritt dran wagen wolten.
Quid eſt —
Wenn Ewr. Spektabilitaͤt es im Deutſchen erlauben? —
Der gute Mann ſtimmte bey, und aus unſerm Examen ward ein Geſpraͤch, ein Pik - nik, wo jeder ſein Schuͤſſelchen giebt. —
Die222Die Philoſophie und die deutſche Sprache, — wolte Gott, dies koͤnnt’ ein Paar wer - den fuͤr und fuͤr! — Wolte Gott, unſere Philoſophen moͤchten ſolche Gewißenskoliken haben, als Tiberius uͤber jenes Wort im Edict, und uͤber das Wort Monopolium, von welchem mir bekannt iſt, daß er es mit ſalua venia verbraͤmt, und uͤber das Wort ἔμβλημα, welches er wie Se. Spektabilitaͤt beylaͤufig anzumerken beliebten, aus einem Edikt ausradiren laßen. —
Es giebt Natur-Philoſophie und Kunſt - Philoſophie. Leben! Leben! Leben! und Schulweisheit. Philoſophie, die blos weiß, und Philoſophie, die weiß und thut, ge - lehrten Wuſt und Weisheit. Ariſtoteles war ein Kuͤnſtler, Epikur, Diogenes, (mit Fleiß zuſammen,) waren Naturaliſten, und Sokrates desgleichen. — Die kuͤnſtliche wird ganz und gar gelehrt, bey der natuͤr - lichen iſt nur eine gewiſſe Methode, die ge - zeigt wird. Das Faß des Diogenes, die Brey des Epikurs, wie verehrungswerth! — Die Fenſter im Auditorio, wo natuͤrliche Weisheit gelehrt wird, gehen all’ ins ge -meine223meine Leben. — Die natuͤrliche lehrt die Zeit gebrauchen, die kuͤnſtliche, ſie vertreiben. Die Naturphiloſophie iſt fließend Waßer, Springwaßer, die kuͤnſtlich’ iſt Waßer, wel - ches ſteht. Die Kunſtphiloſophie treibt Com - mißionshandel, die Naturphiloſophie hat blos eigenes Produkt. Das Leben der Na - turphiloſophie iſt eine Copia vidimata ihrer Grundſaͤtze, und zu ihren Angaben ein ſolch erklaͤrender nachhelfender Belag, daß ohne Beylage ſub Vide ihre ganze Lehre wie gar nichts iſt. Wohl dem, der von dieſem Waſ - ſer des Lebens getrunken hat! Die Idee der Weisheit liegt der Naturphiloſophie zum Grunde, die nicht gleichguͤltig, ſondern gleich - muͤthig macht. — Iſt wohl ein paßende - res Motto zur kuͤnſtlichen Philoſophie, als „ die Herren werden doch wohl Spas ver - ſtehn „ Will man ein Emblem, ſo iſt’s ein optiſcher Kaſten. —
Vom natuͤrlichen Philoſophen ſagt man, er philoſophirt. Ein kuͤnſtlicher Philoſoph hat Philoſophie. Er hat ſie vor Geld und gute Worte zum Verkauf und zur Pacht. — Man muß es bey der Philoſophie nicht anle - gen, ein Buch, den beliebten Autor, ſon - dern die Sache zu verſtehn. Man will ſichvorzuͤg -224vorzuͤglich ſelbſt verſtehn, und das Buch Gottes, die Welt. — Dieſe Philoſophie kann nicht auswendig gelernt werden; es iſt was inwendiges, ein Philoſoph zu ſeyn. Denken und leben heißt: philoſophiren. Wenn man die Wiſſenſchaften in die, der Gelahrtheit, und die, der Einſicht eintheilt; ſo wuͤrd’ ich die kuͤnſtliche Philoſophie zur Gelahrtheit rechnen, und ſo, wie man z. E. von einem Hiſtorikus ſagen kann: er ſey ein Gelahrter, er habe viel gelernt; ſo auch von einem Kunſtphiloſophen. Die natuͤrliche Philoſophie beſtehet nicht in Nachricht, ſon - dern in Einſicht. Man kann nicht vom na - tuͤrlichen Philoſophen ſagen: er habe viel ge - lernt; allein er kann viel lehren. Alle Ver - nunfterkenntniß aus Begriffen, gehoͤret zwar zur Philoſophie; allein der Philoſoph iſt ei - gentlich ein Fuͤhrer der Vernunft, und brin - get den Menſchen an Ort und Stelle. Der Menſch iſt nicht bey ſich, heißt, oder ſolte heißen: er habe dieſen eigentlichen philoſo - phiſchen Weg verfehlt. Die Beſtimmung des Menſchen, und die Mittel dahin zu ge - langen, das iſt das Ziel, wo alle philoſo - phiſche Erkenntniß zuſammen trift. Es iſt die Probe der Philoſophie. Der gemeineMann225Mann meynt und wuͤnſcht, und ſelbſt dazu iſt er ex ſpeciali gratia privilegirt; der Weiſe denkt und will. Verſtand und Wille zu - ſammen iſt eine Seele. Wer kann die Seele halbiren? Der Mann hat Geiſt und Leben, das heißt: der Mann iſt ein Philoſoph na - tuͤrlicher Art. Zwar ſagt man auch, dies Buch hat Geiſt und Leben; allein alsdann denkt man, der Verfaßer, ein Philoſoph der beſagten Art, hat es geſchrieben, und es ſich ſo aͤhnlich gemacht, daß er ihm etwas Geiſt und Leben abgegeben. Er hat es angehau - chet! — wie Gott den bis auf die Seele fer - tigen Adam. Der Mann iſt im Buch ge - troffen! — — — Oft hab’ ich gehoͤrt: wenn man den Mann ſieht, und ſein Buch, ſolte man ſie wohl fuͤr Vater und Sohn hal - ten? Ja — und wenn ihr ſie nicht dafuͤr haltet, liegt es an euch. Wie der Autor, ſo das Buch, per omnia ſæcula ſæculorum. Jeder Phyſionomiſt muß den Autor aus dem Buch abziehen, und zum reden treffen. Das Buch hat Hand und Fuß, der Mann hat Hand und Fuß, heißt ein Mann mit Winkelmaaß und Waage, der alles mißt und paßt, und ein Buch von der nemlichen richtigen abgemeſſenen Weiſe, wo wederZweiter Th. PMan -226Mangel noch Ueberfluß iſt, ſondern juſt die erforderlichen Gelenke. — Die Naturphi - loſophie iſt keine Feindin von reinen Vernunfts - begriffen; allein ſie beſtaͤtiget ſie, wenn ich ſo ſagen ſoll, auf der Stelle. — Sie ſchaft ſich gleich einen Abdruck — wie Gott die Welt. — Die Religion faͤngt heut zu Tage mit dem Catechismus, und die Philoſophie mit einem Compendio an. — Allein in Wahrheit, man ſolt’ auf ein lebendiges Er - kenntniß dringen, dann wuͤrde man doch ein - mal einen Philoſophen zu ſehen bekommen. —
Roußeau, damit ich eine Bemerkung mache, die in unſern Tagen zu Hauſe ge - hoͤrt, Roußeau, (ſchade! daß er todt iſt,) war wirklich eine Spektabilitaͤt unter den Philoſophen. — Der bloße philoſophiſche Kuͤnſtler weiß nichts rechtes, nicht daß ein Gott iſt; der arme Schelm! man koͤnnte die natuͤrliche: Philoſophie κατ̕ εξοχην, die kuͤnſt - liche: Vernuͤnfteley nennen. Die Vernuͤnf - teley und die Zweifelſucht ſind Grenznachba - ren. Ein Zweifler und ein Aberglaͤubiſcher ſind Schweſter und Bruder. — Ein Zweif - ler macht ſich ſein Leben nicht gemaͤchlich. — Nein, er hat ſich mehr aufgelegt. Er hat Ja und Nein zu tragen, wenn er denkt. Im227Im Fall er aber blos ſpaßt, iſt er nur ein Scheinzweifler, und ein Mann, der alles der Nachfrage wegen hat. Man glaubt ge - meinhin, ein Zweifler ſey kein Vielwiſſer; allein er iſt es im eigentlichſten Verſtande, und es kann gemeinhin von ihm heißen: das Wiſ - ſen blaͤſet auf. Wer Dinge, die gaͤng und gaͤbe ſind, bepruͤft, und keinen Stein auf den andern laͤßt, iſt kein Zweifler, ſondern ein Pruͤfer; im Fall er nemlich aus pro und contra, aus links und rechts, ſich etwas auspunktirt, was Stich haͤlt. Solch ein Mann iſt nicht aufgeblaſen, ſondern beſchei - den. Seine Zweifel leiteten ihn auf den rechten Weg zur Ueberzeugung, zur Wahr - heit und zum Leben. — Ein Lehrer der Naturphiloſophie kann von ſich und ſeinen Juͤngern ſagen; ich leb’, und ihr ſolt auch leben. — Wer hat je mit den Pietiſten uͤber die Wahrheit der chriſtlichen Religion geſtrit - ten? Wer ſo lebt, als er lehrt, darf nur bitten, ihm die Ehre zu thun, bey ihm ein - zuſprechen. Man iſt heut zu Tage von der Naturphiloſophie ſo abgekommen, daß man den, der ſo lebt, als er lehrt oder glaubt, einen Schwaͤrmer nennt. — Sehr unrich - tig! —
P 2Meine228Meine Leſer werden, hoff ich, nicht vergeſſen haben, daß ſie zu einem Pikenik ge - laden ſind, wo nur Se. Spektabilitaͤt und ich, (meinen Vater kann ich immer mit ein - rechnen,) ihr Schuͤßelchen auftrugen. Wenn ein Koch dieſe Schmauſerey angeordnet haͤtte, waͤr es freylich abgemeſſener geweſen — ob ſchmackhafter, weiß ich nicht.
Ich bemuͤhe mich auch hier, Lebenslaͤu - fer zu ſeyn, und dieſ’ Abſchrift iſt dem Ori - ginal aͤhnlich. — Wir fielen von einem aufs andre. Wir ſcheitelten die Haare nicht. Wuͤrd ich nicht einen Roman ſchrei - ben, wenn ich nicht auch von einem aufs andre fallen und die Haare ſcheiteln ſolte? Ein Roman! fern ſey er von mir! —
Die Eintheilung der Philoſophie in die natuͤrlich’ und kuͤnſtliche, iſt die Hauptein - theilung, die philoſophiſche Eintheilung der Philoſophie. Sonſt giebt es Eintheilungen Gott weiß wie viel! — In Abſicht der Kraͤfte des Menſchen, in Abſicht der Prin - cipien, in Abſicht der Objekte, der Erkennt - niſſe. —
Ein Philoſoph muß das allgemeine in concreto, und das einzelne in abſtracto er - waͤgen, und wenn man gleich gern zugiebt,daß229daß bey jeder Wiſſenſchaft die Idee des Gan - zen die Avantgarde macht, und daß aus der Eintheilung des Ganzen die Theile entſtehen, und daß, um die Theile zu wiſſen, man erſt das Ganze von Perſon zu kennen die Ehre haben muͤße; ſo iſt doch nicht gut, wenn ein erſchreklicher Eingang praͤludirt und pro - logirt wird, ehe man zum Thema ſchreitet, auch wenn die Praͤludia, wie die des Herr - manns, noch ſo ausſtudirt ſind. Wozu die Prolegomena, und das erſchrekliche Geſchrey: da werden ſie ſehn! da werden ſie ſehn! Gleich das Lied, iſt am beſten! Wenn ich heiß - hungrig bin und der Wirth, der mich gela - den hat, zeiget mir erſt ſeine drey Porcelain Service, und ſodann ſein Silberzeug, und endlich ſeine Faiance, bis ich mich uͤberhun - gert, und keine ordentliche Mahlzeit thun kann, wie wenig Urſach hab ich den Wunſch einer geſegneten Mahlzeit anzunehmen, und mich ergebenſt zu bedanken; ich wolt’ anbeiſ - ſen, und nicht mit der Gabel anſpießen. Warum nicht kurz praͤſentirt: Herr Gott dich loben wir. Befiehl du deine Wege. Philoſo - phie! Verſtands - und Willenphiloſophie, theo - retiſche und praktiſche, wenn es ja nach der alten Leyer gehen ſoll. Vernunfts - und Er -P 3fah -230fahrungsphiloſophie. Empiriſche und ratio - nale, und damit die Eintheilung in Ruͤck - ſicht des Objekts nicht vernachlaͤßiget wer - de — Philoſophie der engelreinen Vernunft, und der menſchlichen Sinne. Die Philoſophie der Sinne heißt die Naturlehre. Die Sin - ne ſind zwiefach, innerlich und aͤußerlich. Was ich mit dem innerlichen Sinn gewahr werde, iſt einzig und allein meine Seele. Alſo giebts Seelennaturlehre und Koͤrperna - turlehre. — Empiriſch und rational kann jene und dieſe ſeyn, und was kann nicht alles ſo ſeyn? — — Ich kann zwar nur mit mir ſelbſt Seelenbetrachtungen anſtellen; allein ich kann nach dem Kennzeichen der Ueberein - ſtimmung auf andre ſchließen. Welch ein großes Wort: lern dich ſelbſt kennen! — Mancher Philoſoph, der ſich auf die Seelen - naturlehre legt, und viel drinn philoſophirt, kommt endlich zu einer Art nota bene, zu einer Art von Geiſterſeherey, von Anſchauung vom Platonismus und myſtiſchen Weſen. Er wird entzuͤckt, und wenn man gleich mit dem Verſtande nicht ſehen, ſondern nur denken kann; ſo iſt er doch in einer Verfaſſung, wo es heißen koͤnnte: Es hat kein Auge geſehen, kein Ohr gehoͤrt, es iſt in keines MenſchenHerz231Herz kommen, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben. Oft verſehen ſich dieſe guten Leute ſo, daß ſie an ihren Ort geſtellet wer - den, der nicht der angenehmſt’ iſt. — Bie - gen oder brechen iſt die Loſung dieſer Seher! Jammer und Schade, daß es gemeinhin bricht! —
Iſt denn in den aͤußern Sinnen Wahr - heit, ihr Sinnenglaͤubige? Seht die Sonn’ an, geht oder ſteht ſie? Selbſt wenn unſer Urtel mit der Erſcheinung uͤbereinſtimmt, und wenn man ſagen kann, die Sach’ iſt wahr - ſcheinlich, iſt ſie drum ſo und nicht anders?
Gott allein kann die Gegenſtaͤnde mit dem Verſtand’[anſchauen]; denn ſie ſind durch ihn und in ihm. — Er hat alles in originali, wir uns ſelbſt nur ſo! — Was heißt: Gott ſchauen und in Gott alle Dinge? — — Durch eine einzelne Vorſtellung erkennen, koͤnnte man anſchauen nennen, durch allge - meine Begriffe erkennen, wuͤrde denken heiſ - ſen. Man kann phyſiſch und myſtiſch ſchauen, durch Koͤrper und Seelenaugen. Die Seele hat, nach der Myſtiker myſtiſchem Dafuͤr - halten, wie die Cyclopen nur ein Auge.
Die Logik iſt Verſtands Grammatik. Sie lehrt uns, von keinem Gegenſtande etwas —P 4ſelbſt232ſelbſt vom Verſtande nichts; allein ſie lehret uns von Dingen, die wir gar nicht kennen viel, und, was noch mehr iſt, gelehrt — reden. Von Dingen, die man weiß, von denen man uͤberzeugt iſt, ſpricht man nur wenig. Man handelt wie oben gezeigt wor - den. Dingen aber, von denen man nicht uͤberzeugt iſt, legt man durch eine gewiſſe Hitze einen Grund bey. Man legt es recht dazu an, ſich dadurch, daß man den an - dern uͤberzeugt, auch ſelbſt zu uͤberzeugen, und oft iſt man hiebey gluͤcklich, ſo daß man in der That auch hier durchs Lehren lernt. Es kann eine allgemeine Grammatik aller Spra - chen geben, ſo auch eine des Denkens, die nemlich allgemeine Regeln des Denkens ent - halten muͤßte. Was thun Woͤrter zur Gram - matik! Allgemeine Regeln der Sprachen wuͤrd’ eine allgemeine Grammatik ſeyn. Vielleicht haͤtte die lateiniſche dazu all’ Anlage. Die Dialektik iſt die Logik des Scheins. Wahrheit iſt der Inhalt der Erkenntniſſe, mithin kann ſie durch die Dialektik nicht erkannt werden. Die Dialektik traͤgt die Liverey des Verſtan - des, ſie iſt die Kunſt des Scheins, die Wiſ - ſenſchaft der Sachwalter und der Sceptiker. — Die Roͤmer waren nicht ſpeculativiſch inder233der Philoſophie, ſondern geſund. Sie waren nicht Ariſtoteliker ſondern Menſchen. Den Cicero machten die Wiſſenſchaften ruhig; denn er ſprach wenigſtens, wie Sokrates lebte, und ſchon dieſe von der Naturphiloſophie ent - zuͤndeten Worte weheten ihm Ruhe zu. — Durch die Scholaſtiker iſt dem Summus Ari - ſtoteles ein Ehrengedaͤchtnis geſtiftet. Der Ausleger weiß immer ein Drittel mehr, als ſein Autor; ſo geht es immer, und ſo gieng es auch hier! Man findet von dieſem Greuel der Verwuͤſtung noch Ueberbleibſel, und vor - zuͤglich ſind dieſe Antiquitaͤten noch in der Lo - gik zu ſehen. — Da giebt es Alterthuͤmer die Menge, (Einen Winkelmann bey den Anti - quitaͤten der Logik, wuͤnſcht ich blos der Seltenheit wegen; dieſes iſt ein Wunſch der ohne Fingerzeig weit juͤnger, als mein Exa - men, iſt.)
Des Ariſtoteles, Gott! verzeih mir mei - ne Suͤnden! oder vielmehr ſeiner Ausleger wegen; denn wahrlich Er, fuͤr ſeine Perſon, war ein Mann, der ſich gewaſchen hatte, ſolte man eine Feindſchaft wider all’ undeut - ſche Namen in der Philoſophie haben. — Die Ausleger! was ſind ſie meiſtentheils und was ſind ſie in caſu beſonders? Canaͤle in die kreuzP 5und234und quer, die dem Lande die feuchte Kraft nehmen, und den Reiſenden hindern. — —
Viele behaupten, daß wir mit Erkennt - niſſen auf die Welt kommen, die man all - maͤhlig herausſpinnt, wie Garn aus Flachs. Dieſe halten die Seele fuͤr eine beſchriebene, andere halten ſie fuͤr eine unbeſchriebene Ta - fel. Beyde fuͤr Tafeln von Wachs, und nicht von Stein, wie die Tafeln Moſis. Alle Suͤn - den aus der Erbſuͤnde herleiten, heißt: eben dadurch eine wuͤrkliche Suͤnde mehr begehen. Es waren ſchon Weiſe des Alterthums, die der Meynung waren, daß alles noch Ueber - bleibſel von unſerer vorigen Gemeinſchaft mit Gott waͤre, daß alles, damit ich mich deut - lich und chriſtlich ausdruͤcke, aus dem Para - dieſe herkaͤme. Was mein Vater von ange - bohrnen Begriffen dachte, konnte ich nicht anbringen, Se. Spektabilitaͤt uͤberkrieſchen mich, und was Se. Spektabilitaͤt davon dachten, ergiebt ſich ziemlich deutlich aus dem vorigen. Sie glaubten, der Tiſch ſey nicht mit Eßen und Trinken beſetzt; allein auf dem Tiſch ſtuͤnd’ ein Beutel mit Dukaten und Thalern, groß und klein Geld, je nach - dem die Faͤhigkeiten ſind, Eßen und Trinken anzuſchaffen. Die Erkenntniße moͤgen nunaus235aus den Sinnen geſchoͤpft werden, oder die Sinne moͤgen blos Gelegenheitsmacher ſeyn; dies ſey der Weg zur Erkenntniß. — —
Es iſt die Frag’, ob wir alle gut, alle boͤſ’ oder bald gut, bald doͤſ’ auf die Welt kommen?
Wenn wir in die Hoͤhe wollen, muͤßen wir ſteigen. — Wenn der Menſch alles aus dem lieben Gott beweiſet, ſo will er ohne Leiter auf den Kirchthurm, gluͤckliche Reiſe! So philoſophiren nenn’ ich, einen leichtſinni - gen Eyd ſchwoͤren. Man muß ſich nicht anders auf Gott berufen, als bis Noth am Mann iſt. Du ſolſt den Namen deines Got - tes nicht unnuͤtzlich fuͤhren! — Eure Rede ſey Ja, ja, Nein, nein, was druͤber iſt, iſt vom Uebel. So wie ſich Gott durch die Werk’ offenbaret hat, und der Menſch von allen Geſchoͤpfen, die wir die Ehre haben zu kennen, ſein Meiſterſtuͤck iſt; ſo will er auch keinen Sprung zu ihm hinauf, ſon - dern will, daß es fein in dem Geleiſe der Na - tur bleibe, die nicht ſpringt. Die Inſtan - zien, die Gott angeordnet hat, muͤßen nicht uͤbergangen werden. Schein iſt ein Urtheil, das aus der falſchen Anleitung des Verſtan -des236des entſpringt, Wahrheit iſt die Ueberein - ſtimmung der Erkenntniß mit dem Gegen - ſtande. Wenn alſo gefragt wird, was iſt Wahrheit? reine gediegene Wahrheit? ſo kann man nicht beßer drauf antworten, als Wahrheit iſt Wahrheit. Wenn mir nicht ein Gegenſtand gegeben wird; ſo kann ja auch keine Probe der Uebereinſtimmung ge - zogen werden. Eine Erklaͤrung der Wahr - heit in der Art zu geben, daß ſie auf alle Objekte ohn’ Unterſchied paßt, iſt unmoͤglich. Jeder hat ſeine Uhr, jeder ſeine Brille, je - der ſein Pferd — und jeder ſeinen Hund, ſeinen Argos, ſetzte Herr v. G. hinzu. Ein allgemeines Wahrheitsmerkzeichen, wo iſt es? Eine Regel, die all’ Objekte umfaßt und ſie herzt und kuͤßt, wo iſt ſie? Ich muß verglei - chen Erkenntniß und Gegenſtand; wenn ich aber keinen Gegenſtand habe, wie kann ich’s? Vielleicht koͤnnte ſie, die Uebereinſtimmung der Erkenntniß mit den Geſetzen des Verſtan - des und der Vernunft heißen, und der Ir - thum, der Widerſtreit der Erkenntniß mit den Geſetzen des Verſtandes und der Ver - nunft — vielleicht! — —
Die Seel’ in jeder Sache, oder dasje - nige in der Erkenntniß von ihr, was in al -len237len Vorſtellungen, die wir von der Sache haben koͤnnen, gilt, iſt das wahre darin.
In ſo weit ſich eine Sache nicht wider - ſpricht, in ſo weit iſt eine Seitenwand zum Wahrheitsgebaͤude fertig, in ſo weit iſt eine Be - dingung da, unter der etwas wahr iſt. Wer kann und will aber ſagen: alles was ſich nicht widerſpricht, iſt wahr? Es kann wahr werden. Es iſt in Gott wahr, jeder Gedanke bey ihm ſteht da. Das Principium des Widerſpruchs iſt immer ein negatives Wahrheits kennzeichen. Es iſt nur eine Laterne in der Hand; allein es ge - hoͤrt mehr dazu, als meiner Mutter Hand - laternchen, wenn man hier ſicher und ohn - angefallen an Stell’ und Ort kommen ſoll.
Die Sinne lehren das Formale eines Dinges, der Verſtand das Materiale. Das, wodurch das Mannigfaltige auf gleiche Art gedacht werden kann, heißt Regel. Der Verſtand iſt das Vermoͤgen der Vorſtellungen nach Regeln. Wir haben viele Vorſtellun - gen, die wir nicht wahrnehmen, deren wir uns nicht bewußt ſind. Man kann mit ei - nem Menſchen ſprechen, ohne daß man weiß, was er fuͤr ein Kleid hat, und man kann denken, ohne daß man es wahrnimmt. Ein abſtrakter Kopf iſt, der ſo denkt, daß ernur238nur immer auf das ſieht, was den Begrif - fen gemein iſt. Das Vermoͤgen, ſich Dinge durch Begriffe vorzuſtellen, heißt denken. Einen Begrif analyſiren, ihn klar machen, iſt ein Hauptſtuͤck der Philoſophie. Sie macht Gold; denn wenn es aus der Erde kommt, iſt es Erde, durch Laͤuterungen wird es Gold. — Ein Moralphiloſoph kann kei - nen Buchſtab mehr, als dies. Laͤge der Begrif der Tugend nicht in uns, wie koͤnn - ten wir von ihm uͤberzeugt werden? Wie? — Begrif, Urtheil, Schluß, major, mi - nor, concluſio! Ein Uebergang von einem Urtheil zum andern, heißt Schluß. Major enthaͤlt mehr in ſich, als das Subjekt quæ - ſtionis. Es iſt der Vater vieler Kinder, Soͤhne und Toͤchter. Ehe man ſein Zimmer bezieht, ſieht man den ganzen Pallaſt. — Das Praͤdicat iſt groͤßer, als das Subjekt. — Es behaupten einige: Empfindung waͤre die groͤßte Wahrheit; allein ſie giebt nur Stof zum Urtheil. Die Sinne urtheilen nicht; die Vernunft urtheilt. Die Sinne ſind Stahl, Feuerſtein und Zunder. Zum Ir - thum (Heil mir und meinem Buche!) gehoͤrt ſo gut, als zur Wahrheit, Verſtand. Die239Die Unwiſſenheit allein kann ſich ohn’ ihn be - helfen. Der Verſtand wird beym Irthum anders gewendet. Beym Irthum iſt Illu - ſion des Verſtandes. Sinne und Verſtand ſind Waßer und Wein. Wer hat Wein ohne Waßer getrunken? Schon in der Traube iſt Waßer! —
Jedes muß ſein Maas und Gewicht ha - ben. Die Schranken des Verſtandes brin - gen nicht Irthuͤmer hervor, ſondern nur weniger Erkenntniße. Ein engbegraͤnzter Verſtand irrt weniger als ein großer! Bey Gelehrten ſind mehr Irthuͤmer, bey gemei - nen Leuten aber mehr Vorurtheile. — Wenn man den Menſchen bindet; ſo laͤuft er nicht davon. — Man ſagt von großen Genies, ihre Irthuͤmer, ihre Fehler, waͤren ſchoͤn. — Schmeicheley!
Ein Kleid hebt das Geſicht. Ein kleines Maͤnnchen kann ſo richtig gebaut ſeyn, als der groͤßeſte; es kommt nur auf das Ver - haͤltniß unter den kleinen Theilchen an. Ir - thum, wenn ihn ein Kluger begeht, iſt Ta - ſchenſpielerey; es gehoͤrt ein Auge dazu, den Trug zu entdecken, und dies Aug hat nicht jeder. Irthum liegt oft in Saͤtzen, oft in der Anwendung dieſer Saͤtze. Ein Fehler inAbſicht240Abſicht der Saͤtze heißt wirckliche, in Abſicht der Anwendung Schwachheitsſuͤnde.
Erſt buchſtabiren, dann leſen, ſagten unſere liebe Alten. — Erſt ein Urtheil uͤber Pauſch und Bogen, dann ein richtiges. Erſt der Laͤufer, dann der Herr. Wer in ſeinen vorlaͤufigen Urtheilen das rechte trift, heißt: ein Gluͤckskind, oder ſolt’ es eher heißen, als der, in deſſen Familie viele alte Tanten ſind. Es waͤre wohl werth, ein Buchſtabirbuch in dieſem Verſtande, in dieſem Sinn, herauszu - geben, und uͤber die vorlaͤufige Urtheile eine Anleitung zu ertheilen. Die Franzoſen ſind vorlaͤufige Urtheiler. — Der erſte Gedank’ iſt oft der beſte, und in Wahrheit, es giebt vorlaͤufige Urtheile, die werth ſind, in Rah - men gefaßt zu werden!
Vorurtheile ſind Urtheile aus der bloßen Sinnlichkeit, die man fuͤr Urtheile aus dem Verſtande haͤlt. Die Sinnlichkeit laͤuft dem Verſtande vor. Den Grund, den wir ha - ben, von einer Sache zu urtheilen, der aber nicht aus den Geſetzen des Verſtandes genom - men iſt, heißt ein Vorurtheil. Die Eltern haben Vorliebe zu ihren Kindern; hieraus entſtehet eine Vorſprache, welches die Rede - kunſt des Vorurtheils iſt. —
Ein241Ein Vorurtheil iſt eine Luͤge, nur daß ſie nicht immer vom Vater, dem Teufel, iſt.
Große Koͤpfe ſtiften viel Gutes; allein auch wahrlich viel Unheil: denn ſie werden verehrt, und niemand unterſteht ſich, weiter zu gehen. Sie ſind ein Wall, den kein Re - mus zu erſteigen ſich unterfaͤngt. Jeder Menſch hat einen Hang, ſeine Meynungen andern mitzutheilen, und der Gelehrteſte iſt nicht gleichguͤltig gegen das Urtheil ſeiner Waͤſcherin und ſeines Ofenheizers. Die Me - thode iſt dogmatiſch uͤber apodiktiſche Wahr - heiten, und dies iſt die Methode der Unter - weiſung und Behauptung. Die Methode iſt aber ſceptiſch, polemiſch, wo man erſt unter - ſucht, ob etwas apodiktiſch heißen kann. Dies iſt die Methode der Unterſuchung, Bepruͤ - fung oder Kritik. Die polemiſche Method’ iſt die Laͤuterung, das Sterben, die Verwe - ſung in der Kenntniß, ehe wir zum Licht und Leben kommen. Die ſceptiſche Philoſophie iſt hievon verſchieden, von welcher wir oben loco congruo ſchon ein Woͤrtchen gewechſelt. Zweifeln und ſein Urtheil aufſchieben, iſt ſo unterſchieden, als vorurtheilen und nach - urtheilen.
Zweiter Th. QHier242Hier eine ſchoͤne Predigt uͤber die Worte: Der Glaube kommt durch die Predigt, viua vox docet. —
Ein muͤndlicher Vortrag verraͤth die Art zu denken. Sie zeigt den Lehrer unangeklei - det. Beym Hoͤren denkt man immer mehr, als beym Leſen. Hoͤren iſt auch natuͤrlicher, als leſen. Zwar koͤnnen auch Buͤcher er - bauen; allein es iſt hier das nemliche Ver - haͤltniß, wie zwiſchen Kirchen und Hauß - andacht. —
Man muß beym Leſen die Seele des Buchs ſuchen, und der Idee nachſpuͤren, welche der Auctor gehabt hat, alsdann hat man das Buch ganz. Zuweilen iſt freylich die Seele ſchwer zu finden, wie bey manchem Menſchen ſie wahrlich auch ſchwer zu finden iſt. Der Verfaßer ſelbſt wuͤrde Muͤhe haben, die Seel aus ſeinem Buch herauszurechnen — indeſſen hat jedes Buch eine Seele! Et - was hervorſtehendes wenigſtens, und ge - meinhin pflegt ſich hiernach das Uebrige zu bequemen. —
Es ſcheint in der Welt bey allen Sachen eine Fibel noͤthig zu ſeyn, uͤberall ein gewiſ - ſer Mechanismus, uͤberall eine Schule, eine Akademie. — Wer nur ein Buch lieſet,vergißt,243vergißt, daß das Jahr vier Jahreszeiten, und daß jeder Tag vier Tagezeiten habe. Man leſe vier Buͤcher auf einmal, und man wird finden, daß dies dem Gemuͤthe Erho - lung ſey! Ein einzig Buch leſen heißt im Seelenverſtande: den Pflug fuͤhren, oder dreſchen. — Neue Beſchaͤftigung iſt wahr - lich Erholung. Warum iſt die Geſellſchaft Erholung? Weil ein kluger Mann hier mehr, als ein Buch, lieſet. Der hat es weit gebracht, der Menſchen leſen kann! —
(Gott weiß! dies iſt ein großes Stu - dium. Die ſchoͤnſte Gegend, was iſt ſie ge - gen einen Menſchen? Und wer die Geſell - ſchaft aus dieſem Geſichtspunkt nimmt, kann gelehrt werden, ohn’ ein gedrucktes Buch, das ohnehin ſelten Leben hat.)
Es giebt einen gewiſſen Leſegeiz, alles, was man lieſet, in ſeinen Nutzen zu verwen - den. — Einen Leſevielfraß, alles zu ver - ſchlingen, — und da ereignen ſich oft Kopf - druͤcken und Verſchleimungen. Sich in ei - nem Buche betrinken heißt: druͤber ſehen und hoͤren vergeßen, und es ſo vorzuͤglich finden, daß nichts druͤber iſt. — Wenig und gut leſen, iſt großen Koͤpfen eigen. Es iſt ſchwerer, ſo ſchreiben, als ſo reden, daßQ 2es244es einen intreßirt. Das beſt’ iſt, ſich ſelbſt herausdenken, nicht bey Hand und Lehrbuͤ - chern, ſondern bey ſeinem Genie in die Schule gehen und ihm Folge leiſten, und die Lo - gik dem natuͤrlichen Gange ſeines ſelbſt eige - nen Geiſtes, ſo wie die Moral ſeinem Ge - wißen, zu verdanken zu haben! Wohl dem, der ſich von allem entkleiden kann, was nicht er ſelbſt (das letzte Hemde nicht ausgenom - men) iſt! Wohl dem, der ſeine Willkuͤhr dem Geſetz der Wahrheit und der Tugend unterwirft, wohl dem, der Weſen vom Schein, Schatten vom Licht abſondert! Men - ſchenfurcht, Menſchenehre und den ganzen un - wuͤrdigen Troß von Vorurtheilen, ſie moͤgen gleich die hoͤchſte Stuffe des menſchlichen Le - bens und ihre achtzig erreicht haben, und mit dem regierenden Hauſe in Einverſtaͤnd - niß leben, vom Hauptpaſtor kanoniſirt, und vom Profeßore Philoſophiae ordinario als ein Anhang dem Catechismus der Vernunft bey - gebunden ſeyn, fuͤr das haͤlt, was ſie ſind — Menſchenſatzungen und Tand! — — Wohl —
Alles rationale zuſammen genommen, heißt Metaphyſik. Sie iſt die Seele der Philoſophie. Die Methapyſik enthaͤlt Urtheildes245des Verſtandes, abgeſondert von aller Er - fahrung, und von allen Verhaͤltnißen der Sinne, wenn z. E. von der Moͤglichkeit, Zufaͤlligkeit u. ſ. w. gehandelt wird. Hier reden wir nicht vom Schein, ſondern vom Seyn, um dem Droßelpaſtor nachzuahmen. Die Metaphyſik hat kein Verhaͤltniß zu den Sinnen. Es will hier alles geiſtiſch gerich - tet ſeyn. Sie iſt ein Lexicon der reinen Vernunft; ein Verſuch, die Saͤtze des rei - nen Denkens in eine Tabelle zu bringen. Was in der Logik Urtheile ſind, ſind in der Ontologie Begriffe, unter die wir die Dinge ſetzen, Titel des Verſtandes, Inhalt der Vernunft. Die Metaphyſik muß critiſiren. Ihr Gebrauch iſt negativ, wenn —
Wir waren im Begrif, uns recht viel Metaphyſik ins Auge zu ſtreuen; allein ſiehe da! Die Hausmuͤtze Sr. Spektabilitaͤt, die Grosmutter, wuͤrgte die Thuͤr’ auf, und blinkte durch ein Ritzchen. Man ſahe, daß die alte Frau noch einen Brand im Auge hatte. Sie ſchlug einen Strahl ins Zim - mer. Dieſer Wink ſolt’ ihren lieben Ehe - gatten zum Schluß bringen, weil ſie ohn - fehlbar beym Grosſohn den Abend verſpro - chen waren. Man ſah es Sr. Spektabili -Q 3taͤt246taͤt an, daß Sie wußten, was man einem Blick durchs Ritzchen ſchuldig waͤre. Es gieng uͤber und uͤber. — Ich weiß nicht, ob ich dies uͤber und uͤber ſchriftlich werde nachmachen koͤnnen.
Die moraliſche Maximen, fingen Se. Spektabilitaͤt, nach dieſem Blick durchs Ritzchen, (ich weiß nicht warum?) an, zei - gen, wie ich der Gluͤckſeligkeit wuͤrdig wer - den koͤnne; die pragmatiſchen zeigen, ihrer theilhaftig zu werden. Die Moral leh - ret der Gluͤckſeligkeit wuͤrdig zu ſeyn; ihrer theilhaftig zu werden, iſt eine Lehre der Ge - ſchicklichkeit. Es iſt nicht moͤglich, die Regeln der Klugheit und der Sittlichkeit zu trennen. Es iſt kein natuͤrlicher Zuſammenhang zwi - ſchen dem Wohlverhalten und der Gluͤckſelig - keit: um es zu verbinden, muß man ein goͤttliches Weſen annehmen. Ohne dies kann ich keine Zweck’ in der Welt finden, keine Einheit. — Ich ſpiel in der Welt blinde Kuh. — Ohne Gott hab’ ich keinen Punkt, wo ich anfangen ſoll, nichts, was mich leitet. Gott iſt groß und unausſprech - lich! — — Die Menſchen bedienen ſich ihrer Vernunft a priori, zum Nachtheil des prakti - ſchen Gebrauchs, wenn ſie nicht durch kuͤnſtli -che247che Schranken zuruͤckgehalten werden. Dieſes iſt auch die Pflicht der Metaphyſik. — —
(Zehnmal fiengen Se. Spektabilitaͤt: quid eſt? an, und zehnmal macht’ ich eine Verbeugung, um ihn vom Fragen ab - zubringen. —)
Das erſte, was ich bey mir gewahr werde, iſt das Bewußtſeyn, dies iſt kein be - ſonderes Denken, ſondern die Bedingung und die Form, unter der wir denkende We - ſen ſind. Wie ſchoͤn bauen und wuͤrken nicht manche Thiere, wie nah kommen ſie uns nicht auf die Seele; allein eins, was nicht erſetzt werden kann, das Bewußtſeyn fehlt, und wahrlich es fehlt wenig! und es fehlt viel! Mein Reiſegefehrt wolte wegen der Hunde einwenden; indeſſen konnt’ er nichts mehr, als huſten. —
Alles was da iſt, iſt im Raum und der Zeit. Raum und Zeit ſind Formen der An - ſchauungen, ſie gehn den Erſcheinungen vor, wie das Formale dem Weſentlichen. Ich muß Zeit und Raum haben, damit, wenn Erſcheinungen vorfallen, ich ſie hinſtellen und beherbergen koͤnne. Die Objekte der aͤuſ - ſern Sinne werden im Raum, die der in - nern Sinne, in der Zeit, angeſchaut. HierQ 4ein248ein ganz kleiner Commentarius uͤber den theologiſchen terminum technicum Zeit und Raum zur Buße, der, wie Se. Spektabi - litaͤt ſich ausdruͤckten, nicht außerm Wurf laͤge. Wie vielen Dingen mußten wir auf der Stelle, des Blicks durch die Ritze wegen, einen Scheidebrief geben. Wir nannten blos ihre Namen, und behalfen uns damit, daß wir dieſe Namen nannten, und uns einan - der zulaͤchelten. — Ein wahres Exa - men! — —
Bey reinen Verſtandsbegriffen haben wir keine Begriffe von Sachen, ſondern nur Titel, worunter wir uns eine Sache denken koͤnnen. Durch dieſe Titel koͤnnen wir nichts ausrichten, außer wenn wir ſie auf Gegen - ſtaͤnde der Erfahrung und Anſchauung an - wenden. Wer kann aber ohne die Titel des Verſtandes vorauszuſetzen, wer kann Er - fahrungen anſtellen? Wer Fiſch’ ohne Netz oder Hamen fangen? Die Metaphyſik ent - haͤlt alles, und enthaͤlt nichts. Sie macht nichts von den Gegenſtaͤnden aus; allein ohne ſie kann man nichts von Gegenſtaͤnden ausmachen. Sie iſt das Zollhaus, die oͤf - fentliche Wage der philoſophiſchen Erkennt - niß. Sie enthaͤlt Titel des Denkens; alleinkeine249keine Praͤdicata der Dinge. Nur die Er - ſcheinungen verleihen Begriffe von den Din - gen. — —
Vernuͤnfteley (Se. Spektabilitaͤt wurden von einer Muͤcke verfolgt, die um ſie herum - ſauſete, und ſich nicht haſchen lies,) iſt das, was kein Objekt hat. Was eine Bedingung der Vorſtellung und des Begrifs vom Ge - genſtand iſt, machen wir oft zur Bedingung des Gegenſtandes ſelbſt, die ſubjektive Be - dingung zur objektiven. — Die Muͤcke ver - hinderte Se. Spektabilitaͤt, dieſes Thema weiter auszufuͤhren. Im Ernſt, die Muͤcke haͤtte nicht beßer ihre Sache machen koͤnnen, wenn ſie von der Frau Gemahlin Sr. Spek - tabilitaͤt waͤr’ auf den Hals geſchickt worden.
Der analytiſche Theil der Metaphyſik enthaͤlt Definitionen meiner Begriffe, der ſynthetiſche, Bereicherung von Erkenntniſ - ſen. Der Begrif von den Monaden muß billig nur auf denkende Weſen gedeutet wer - den, fiengen Se. Spektabilitaͤt mit einem friſchen Athemzuge, nach einer geendigten Cadenz an, und ſchienen noch ſehr viel Me - taphyſik auf ihrem Gewiſſen zu haben; al - lein die Thuͤre gieng auf. — — Wir ſahen ein Grosmuͤtterchen in Sterbensgroͤße; dennQ 5ſie250ſie war ſo zuſammen gefallen, daß man Ke - gel mit ihr ſchieben koͤnnen, wie Herr v. G. bemerkte. Was fuͤr Feuer im rechten Auge! Damit hatte ſie durch die Ritze geblitzet, das linke Auge war ſchon aus der Welt gegan - gen, es war ſtumpf und todt, als wenn eine Blatter darauf gefallen waͤre; allein das war es nicht. Die Zeit hatt’ es ſo ab - gefeilt. — Die Tochter, fieng ſie an, und ohne ſie auszuhoͤren, ſchrie die uͤberfallene Spektabilitaͤt — Gleich, gleich! — Nur das Signum depoſitionis. Er ſchrieb uns einen Paßierzettel, einen Freybrief, womit wir uns noch bey Sr. Magnificenz zu mel - den haͤtten.
Waͤhrend der Ausfuͤllung dieſes gedruck - ten Zettels wandt’ er ſich zu mir:
Sie, fieng er an, werden ſich wohl der Univerſitaͤt widmen? ich, fragt’ ich, etwas einfaͤltig? Der Herr v. G. nicht, erwidert’ er, ich auch nicht! Alles was geſchieht, hat ſeine Urſach, fuhr er fort, und warum?
Es war ſo gar, mit Ewr. Spektabilitaͤt Erlaubnis, Streit, ob ich gar auf eine Uni - verſitaͤt gehen ſolte?
Die -251Dieſer Streit war wohl gewiß generis feminini, und die Frau Mutter? =
Ich. Wenn ſie daran Theil nahm, ſo geſchah’ es blos, um den Akademien Ruhm, Preiß und Ehre zu geben, und Staͤrk und Kraft; denn ſie behauptete, daß das Para - dies die erſte Univerſitaͤt geweſen, weil die erſten Eltern relegirt worden. —
Der neue Grosvater lachte herzlich uͤber dieſen Einfall und — machte mir viele Complimente auf Rech - nung meiner lieben Landsleute.
Der eine der Landsleute, der uns zu Sr. Spektabilitaͤt begleitet hatte, war die ganze Zeit uͤber in Seelennoth geweſen. — Es waren ihm alles boͤhmiſche Waͤlder, bis auf den Caſimirus den IV ten Koͤnig von Pohlen, welcher vom Koͤnig’ in Schweden Carolo Canuto in Danzig examinirt ward, und mit ſeinem ganzen Hofſtaat kein Latein verſtand. Dieſen Koͤnig kannt’ er par renom - mée; alles uͤbrige war ihm dicke Finſter - niß. Er erzaͤhlte mir beym Weggehen, daß er gefuͤrchtet haͤtte, der Profeßor wuͤrd’ ihn aus Hoͤflichkeit ein Woͤrtchen mitfragen. — und wenn, ſagt’ ich?
Bru -252Bruder, erwiedert’ er, deutſch, latein und griechiſch — alles war mir gleich un - verſtaͤndlich. —
Wegen der zwoͤlf Tafeln fragt’ er mich in Vertrauen, wie der gute Profeßor auf zwoͤlf Ta - feln gefallen waͤre, da ihm doch nur zwey ſtei - nerne Tafeln bekannt waͤren? — und mußt’ ich ihm erklaͤren, daß Se. Spektabilitaͤt nicht von den Tafeln Moſis geredet haͤtten. — —
Ich erinnre mich an ein Verſprechen zu - ruͤck. Den Regen kennen meine Leſer; al - lein die Traufe bin ich ihnen noch ſchuldig. —
Nachdem das Signum Depoſitionis un - terſchrieben und beſiegelt war, und wir uns der Gewogenheit Sr. Spektabilitaͤt, als un - ſers Vorgeſetzten, empfohlen hatten, ſagten Se. Spektabilitaͤt laͤchelnd zu mir:
So wuͤnſch’ ich ihnen denn ein Seceſſum, Secretum, Angulum, das iſt, ein Paſtorat in ihrem Vaterlande, damit ſie bald ihre zu - ruͤckgelaſſene Schoͤne heyrathen koͤnnen! —
Das war die Traufe. Ich weiß nicht, was ich geantwortet; nur das weiß ich, daß es nicht griechiſch, nicht latein, nicht deutſch war, und daß ich mich gern noch einmal lie - ber examiniren laſſen wollen, als —. Se. Spektabilitaͤt beſchloſſen den ganzen Actummit253mit einer guͤldenen Aberegel: minus eſt actio - nem habere, quam rem. —
Unſer Begleiter begegnete mir mit einer ganz vorzuͤglichen Achtung. Beym Schmauſe ſagt’ er der ganzen Landsmannſchaft, was ich fuͤr ein Kerl waͤre, und daß ich von zehn Tafeln mehr wuͤßte, als er bis heute gewußt haͤtte. Man verſicherte mich, daß kein Cur - laͤnder bey Menſchen Gedenken durch ſo viel Truͤbſal des Examens in das akademiſche Reich eingegangen waͤre, und daß beſonders Se. Spektabilitaͤt gar kein beißiger Hund waͤren. —
Wer Henker, ſetzt’ er hinzu, konnt’ es wiſſen, daß er eben die Nacht vorher Gros - vater geworden. — Ich dachte bey dieſer Gelegenheit an den Backofen, der bey mei - ner Geburt, wie der Tempel zu Epheſus, als Alexander gebohren ward — abbrannte, und hatt’ in Verbindung mit dieſem Examen - vorfall, nach meiner Mutter Anweiſung, recht erbauliche Gedanken. Das Teſtimo - nium unſers Begleiters ſetzte mich in eine ſolche Achtung bey meinen Landsleuten, daß ich dux fax et tuba war, und kein Duell konnte vorfallen, keine Fackel angezuͤndet, keine Muſik gebracht werden, wo mir nicht,der254der zwoͤlf Tafeln wegen, ein votum deciſi - uum waͤr’ eingeraͤumet worden.
Bald haͤtt’ ich Sr. Magnificenz vergeſſen, wohin uns Se. Spektabilitaͤt ſandten. Gott verzeih mir meine Suͤnd’ ich dachte, von Pi - latus zu Herodes. —
Se. Magnificenz ſahen den weißen Stein, den wir aus den Haͤnden Sr. Spektabilitaͤt mit hatten, und wollten uns anfaͤnglich auf den Stein und Bein des Albrechts, Stifters dieſer hohen Schule, ſchwoͤren laſſen; allein ſie beſannen ſich eines andern, eines beſſern, und verwandelten den Eid in einen Handſchlag — worauf wir die akademiſche Geſetze erhielten, und mit großen Siegeln zu den lieben Unſri - gen nach Hauſe kehrten, wo uns die Lands - manſchaft mit einem curſchen Liedchen bewill - kommete. Jede Strophe ward mit einem Lihgo oder Frohlocken beſchloßen. Es war mir, als waͤr’ ich mit dem Ritter Jachins und ſeinen Leuten zuſammen! —
Unſere Landsleute beſahen die großen Siegel und die Schriften, als wenn ſie ihnen was Neues waͤren, und blieſen den Sand von unſern Taufſcheinen. — — Kinder, hieß es am Ende, ihr kriegt darauf nicht ei - nen Dreyer geborgt. — —
Ich255Ich muß noch einen Vorfall nachholen, der in dem Hauſe Sr. Magnificenz auf mich zukam.
Der Edelmann, ſagten Sie, zahlet dop - pelt, und hat die Ehre, einen Degen zu tra - gen, der in preußiſchen Staaten dem buͤrger - lichen Studenten wegen vieler vorgefallenen Schlaͤgereyen verboten iſt. — Die auswaͤr - tigen Familien ſind uns indeſſen nicht ſo be - kannt, (mit einem Fragzeichen,) alſo beyde Edelleute? Mein Reiſegefehrt nahm hier das Wort, wie ich beym Latein. Beyde, ſagt’ er. — Verzeihung, Bruder, erwiedert’ ich —
Es verdroß mich, daß ich in einem frem - den Lande, wo ich mein Geld und, im Fall der Noth, mein ανέχου και απέχου aus - zugeben willens war, und wo es keinem was angieng, ob ich als Edelmann, oder als Buͤr - ger, aͤß’ und traͤnke, durchaus Adel oder Una - del documentiren ſolte — und wie? dacht’ ich, hat man hier zur Ruhe des Degens, wenn ihn der Edelmann traͤgt, ein beſſeres Zutrauen, als wenn ihn ein Buͤrgerlicher angelegt hat?
Ich bezahlte, wie ein Edelmann; allein ich hat ſehr, mich als Buͤrgerlicher in Al -bum256bum Studioſorum einzufuͤhren. Dies fiel Sr. Magnificenz nicht wenig auf. Da aber Dieſelben die vorige Nacht nicht Grosvater geworden waren; ſo gaben Dieſelben weiter nichts darauf, ſondern nahmen was ihnen gebuͤhrte, und wuͤnſchten wohl zu leben. —
Ich konnte nicht umhin, von dieſem Um - ſtande gegen meine buͤrgerliche Landesleute Gebrauch zu machen; allein dieſe lachten herz - lich uͤber meine Einfalt. — „ Den Edelmann „ dir ſo nah zu legen, und ihn nicht zu neh - „ men „ — und eine Luͤge? „ Sie wird ja „ bezahlt „ und wenn ich heim komme? „ Ja „ denn muͤſſen wir freylich Ew. Hochwohl - „ gebohrnen oder mein Goͤnner ſagen, „ in - „ deſſen ſind wir doch Litterati „ — Daß Euch Gott helfe, dacht’ ich, Litterati, ohne von keinen Tafeln mehr, als von den zween des Moſes, zu wiſſen!
Der Abend ward mit Eßen und Trinken und Muſik zugebracht. — Einige gaben dem Abreiſenden das Geleit, und da in der gan - zen Straße, ſo weit nur das Geſicht reichte, die ganze Nacht hindurch Licht brannte; ſo brachte mich dieſes auf die Frage, was dieſe Erleuchtung und nachbarliche Aufmerkſamkeit zu bedeuten haͤtte? Die Antwort unſers Vor -fahrs257fahrs war: Seht da, Kinder! So viel Lich - ter, ſo viel Maͤdels, die ich euch unentgeld - lich laße; indeſſen will ich wohlmeynend an - raͤthig ſeyn, daß ſich jeder eins oder zwey ausſondre, und die andern fahren laſſe. Sonſt geht es Euch wie mir! Dieſe, jene, dort, hier, die, da, diſſeits, jenſeits, links, rechts, kurz, in all den Haͤuſern, die ihr ſeht, ſind Maͤdchen, die den ganzen ausgeſchlagenen Tag, von fruͤh bis in die ſinkende Nacht, im Fenſter liegen und liebaͤugeln, die guten Din - ger! Man ſieht ihnen den Verdruß an, daß ſie nicht Mittag und Abend am Fenſter hal - ten koͤnnen! — Ihr koͤnnt es nicht glauben, wie die Maͤdchen unſrer Landsmannſchaft treu, hold und gewaͤrtig ſind. Ein Praͤſent - chen, und ihr habt das ganze Spiel gewon - nen. — Glaubt mir, die all zuſammen, wo ihr Licht ſeht, waren mein! Sie ſahen mich ſo ſteif und feſt an, als ob ſie mich mit den Augen faßen wolten! Die guten Dinger! und ich ſahe ſie all zuſammen ſo, (der Him - mel weiß, wie mein Aug’ auf dieſe Art aus - fiel,) daß jede glaubte, ich ſaͤhe nur ſie an! Ich regierte hier wie Sultan, hol mich der Teufel! nur daß jedes Fenſter glaubte, es haͤtte mein Schnupftuch. — Die guten Din -Zweiter Th. Rger!258ger! Die eine da! Ein Aug’ ins Himmels - blau getaucht — der, den ſie mit dieſem Aug’ anſieht, glaubt, er ſaͤhe den Himmel in Mi - niatuͤr. — Wenn ich ſie zuweilen (denn ſie verdient’ es) ganz allein anſah’, dann! dann! fragte mich ihr Auge ſo, daß es mein Inner - ſtes hoͤren konnte: iſt’s auch wahr? und wenn ihr mein Auge vorlog! Ja, es iſt wahr! o wie zitterte dann ſuͤße Verwirrung in ihrem Auge, recht als ob wir zur Trau gehen ſolten, und noch weiter. — Das iſt ein Maͤdchen, ſo ich dir goͤnne, (er wandte ſich zu mir.) Ihr Athem goͤttlich! Bruder! Wen ſie anhaucht, von dem koͤnnt’ es heißen: alſo ward der Menſch eine lebendige Seele! Sie ſpielt eine Laute, Bruder! Des Abends im Sommer, wenn ſie am Fenſter dieſem Inſtrument die Zunge loͤſet — Zephirs, die eben der Hitze halber Mittagsruhe gehalten — denn es iſt im Sommer hier ſehr heiß, flatterten ganz friſch und munter herum, und brachten mir alles, bis auf die geheimſte Bebung zu! Auf Ehr’ in jedem Finger hat ſie eine Seele! und wenn alle dieſe Seelen einen Ton heraus - brachten — Bruder, da iſt die Nachtigal ein Kind! — Leb wohl, Amalia! Leb wohl! Ich laß dir einen braven Jungen zuruͤck, derauch259auch Bebungen verſteht. Schau, wie ſie die Laute haͤlt, und wie ſie den Ordensband ſich ſo leicht umhaͤngt, als floͤß’ er, Bruder! — Die Laut’ iſt an ſich ein ſo gutherziges In - ſtrument! Amalia traurte juͤngſt, und da kam die Weiße ihres Arms aus der Dunkelheit ſo abſtechend hervor, daß ich ſitzen blieb, wie vom Schlage geruͤhrt. Haſt du bemerkt, wenn das Hemd’ auf dem Buſen eines Dorfmaͤd - chens ſich einen Finger breit verſchiebt und bey dem ſonnenſchwarzen Buſen den weißen Fleck verraͤth! — Das, ſagte Herr v. G., hab ich bemerkt, meine Leſer wiſſen wo?
Die, ſagt’ unſer Mahler zum Herrn v. G., die in dieſem Hauſe! Bruder, ſchwarz Haar, wie Ebenholz! Ein Auge, das immer drey Schritt weiter gieng, als meines, ſo ſtark auch meines zudrang. — Ein Buſen! zehntau - ſend Liebesgoͤtter tanzten darauf. — Pfui, ſagte Herr v. G., was muß das fuͤr ein Buſen ſeyn! Unſer Reiſende hatte Muͤhe, ihn mit dem Buſen und den Liebesgoͤttern auszuſoͤh - nen, die er auf zehn reducirte, wobey ſich am Ende Herr v. G. zufrieden gab. Bey deiner lebt man, bey des — (auf mich) ſtirbt man. Bey deiner haͤlt man ſich gerade, denn ſie iſt eine Goͤttin. Man ſieht gen Himmel —R 2Bey260Bey deiner (wieder auf mich) legt man den Kopf von einer zur andern Seite, denn ſie iſt eine Schaͤferin! O die ſchoͤnen Schaͤferſtun - den! Ich hab noch vergeſſen, fuhr er zu mir fort, ihr Buſen wallt, ſo wie eine Laute, er bebt nur herauf, und Bruder! ihre Stimme, wenn ſie ſingt — Sie thut es ſelten, ſie hat eine blonde Stimme, du wirſt mich verſtehen, ſie ſtiehlt das Herz, deine Brunette (zum Herrn v. G.) nimmt es mit Gewalt! ſie raubt! — Sie kommt nicht mit vollen Segeln! Sie iſt ſtolz, und ſcheint ſich wenig aus einem Siege zu machen; denn ſie iſt ſich bewuſt, daß ſie Herzen wie Fliegen zu fangen im Stand’ iſt. Jene ſtreichelt, dieſe ſchlaͤgt; allein wenn ſich dieſe Koͤnigin herablaͤßt, iſt’s auch ſo, als wenn die Sonne aufgeht. Man hat ſich beſof - fen, wenn man ſie liebt, und einen Jeſuiter - rauſch, wenn es die mit der blonden Stimme gilt. — Dieſe ſpielt kein Inſtrument. Die Orgel wuͤrde ſie ſpielen: allein wenn ſie ſingt — das thut ſie oft, Bruder, ſo praͤchtig wie ein Donnerwetter! Dieſe beyden Auserwaͤhl - ten empfehl ich euch zu Gemahlinnen, die andern — zur linken Hand und ſo neben an, zum Spiel! — Noch eine Warnungsanzeige eh ich von hinnen gehe. — Die beyden wa -ren261ren freylich die Hauptperſonen und meine Gemahlinnen; allein auch unter den andern giebts Dingerchen zum raſend werden! Sie waren gleich in den erſten acht Tagen alle mein! Ich meyne mit den Augen, und nun hielt da unten zu — ein Kaufmann Hochzeit, der die ganze Gegend und mich mit bat. Ich kam zum erſtenmal mit all dieſen angeangel - ten Maͤdchen zuſammen; jedes Auge forderte Rechenſchaft. Da ward ich, wie Caͤſar, mit drey und zwanzig Wunden erſtochen. — Sah ich eine an, ſo waren die andern wie Tyger auf mich, und forderten Antwort uͤber meine Untreue! O wer da mehr Augen gehabt haͤt - te, als zwey! Ich wußte nicht aus noch ein — bis ich endlich Muth zum Entſchluß faßte, und mich zu vieren bekannte, und in Ruͤckſicht der andern die Augenehen aufhob, und dies Band trennte. Dieſe vier halfen mir ſelbſt die an - dern abfertigen — und dieſen vieren bin ich auch ſo treu geblieben, als moͤglich. Sie ha - ben ſich bis an mein End’ in meinem Gewahr - ſam befunden! Seht! da iſt es am hellſten. Es blieb nicht bey den Augen in Ruͤckſicht die - ſer vier; indeſſen doͤrft’ ihr nichts von mir fuͤrchten. —
R 3Mich262Mich muͤßte der Teufel plagen, ſetzte der Abſchiedsredner fort, ein Maͤdchen in Koͤ - nigsberg zu heyrathen, wo Curlaͤnder grad’ uͤber logirt haben! — Ihr werdet Wunder ſehen! und glauben! Schaut die andern ſelbſt, von denen ich mich, nach dem fatalen Gefech - te, ſcheiden mußte, auch die noch Licht! — Wenn es angeht, ſchraͤnke ſich jeder auf zwey ein, damit kann man beſtehen und bey Ehren bleiben, einer das rechte, der andern das linke Auge! — —
Wie wenig ich von dieſer Uebergabe Ge - brauch gemacht, darf ich nicht bemerken. — Herr v. G. vergaß zwar ſeine Dorfdirne, ſeine ſchmucke Trine, nicht; indeſſen legt’ er ſich dennoch, wenn er nicht zu jagdmuͤde war, ins Fenſter, und dann hatt’ er ſie, nach ſeinem etwas jagdfreyen Ausdruck, wie am Roſen - kranz! — Ich habe mich nie in Liebeshaͤndel andrer Leute gemiſcht, nur das konnte mir nicht verborgen bleiben, daß er ſeine uͤbrige Zeit (er hatt’ indeſſen nicht viel uͤbrig,) den beyden von unſerm Vorgaͤnger beſchriebenen Maͤdchens ſchenkte, mit denen er, wie er zu ſagen pflegte, ſo ziemlich bekannt waͤre. — Sie ſind, ſagt’ er, meine Dorfdirn’ in man - gelhafter Copie; allein mich ſoll der Teufelbeym263beym erſten Kuß, den ich ihnen zudruͤcke, ho - len, wenn ich nicht mein Dorfmaͤdchen viel hoͤher ſchaͤtze, als ſie! — Ehrlicher! und das heißt genau genommen, auch ſchoͤner! Meine Trine, ausgewachſen wie eine Goͤttin, kein Mißglied an ihr, keins verkruͤmmet und ver - kratzt. — Alles reif, herausgegangen wie die Natur! —
redet dein Vater aus dir? fiel ich ihm ein. getroffen, erwiedert’ er, aber meine Empfin - dung beſtaͤtigt ſeine Rede.
Mein akademiſcher Wandel — ich kam nicht mit Denkſucht ſondern mit Lernſucht, in die Hoͤrſaͤle, nicht verwoͤhnt, ſondern hung - rig und durſtig. Ich dachte nicht meinen Le - benslauf zu ſchreiben, welcher Einfall mich nur ſeit kurzem uͤberfiel, ſondern ich wolte le - ben lernen. Ich durfte nicht meine Hengſte der Einbildungskraft ausſpannen, die mich zu tauſend Zeitungslorbern fuͤhren ſolten; denn ich hatte ſie nie angeſpannet. Ich flog nicht, ich gieng, und wußte, wie es waͤchſernen Fluͤ - geln, wenn ſie der Sonne nahe kommen, zu gehen pflegt. Hoͤchſtens lief ich — um aus einer Stunde zeitig genug in die andre zu ſtuͤr - zen. Im Hoͤrſal dacht’ ich: Er hats geſagt; zu Hauſe frug ich mich: was hat er geſagt?
R 4Ich264Ich ſchreibe (meine Leſer werden es, wie ich nach der Liebe hoffe, wiſſen) Leben, nicht Schule, und was kann ich alſo von meinem akademiſchen Laufe ſagen, was eingroßer Theil meiner Leſer nicht ſchon ſelbſt, wie ihren Haus - und Wirthſchaftscalender, aus und inwendig wuͤßte. Die Lehrer laſen; ich hoͤrte. Ich lernte von allem, was ich ſchon wußte, die Grammatik, auf der Reitſchule, auf dem Tanz - boden, in der Philoſophie, in — allem. Ich lernte meinen Lehrern den kuͤrzeſten Weg zum Ziel ab, und war aufmerkſam auf die Straße, die zu gehen, und auf die Straße, die zu mei - den, war. Solte man nicht uͤberhaupt auf Univerſitaͤten mehr Polemik als Thetik in al - len menſchmoͤglichen Wiſſenſchaften lehren? Und ſolte nicht Kritik, in einem beſondern Sinn, der Gegenſtand der akademiſchen Be - ſchaͤftigungen ſeyn? Der iſt in meinen Augen der beſte Profeſſor, der am gruͤndlichſten ſei - nen Schuͤlern zu ſagen weiß, was nicht ver - lohnt gelernt zu werden, und die Titel von dem, was Lernens werth iſt. Meine Haupt - bemuͤhung in Ruͤckſicht der Gelehrſamkeit auf der Univerſitaͤt war, ein Lexicon zuſammen zu tragen, wo ich die Gelehrſamkeit weiter nach - ſchlagen koͤnnte, wenn ich, wie Felix, geleg -nere265nere Zeit haben wuͤrde. Gottlob! Dieſe ge - legene Zeit iſt gekommen. Die Sprachen, die ich angefangen, ſetzt’ ich fort, in ſo weit es von ihnen und mir heißen konnte: der Schmidt hat mehr, als eine Zange. Ich wuͤn - ſche, daß ſie ihre Zeit gut anwenden moͤgen, war damals in dem Munde eines Profeßors, wenn er mit einem Studenten ſprach, ſo viel, als guten Morgen, guten Abend und gute Nacht! — Die Pietiſten ſetzten hinzu: Gott ſegne ihre Studia, und mehr, als dies, weiß ich von dieſen Leuten nicht zu ſagen. —
Se. Spektabilitaͤt nannten mich, wo ſie mich reichen konnten, den curſchen Philoſo - phen und empfohlen mich ihren Herren Col - legen, wo ich nicht viel Grosvaͤter fand; in - deſſen wuͤnſchten alle, daß ich meine Zeit gut anwenden, und daß Gott meine Studia ſeg - nen moͤgte! Wenn ſie zum Inpietismus ge - hoͤrten, blieb der eingliedrige Segen weg. —
Froh denk ich noch heut, (es iſt eben Michaelstag,) an dieſe akademiſche Zeit, und rufe mit dem guten Droſſelpaſtor: viuat Aca - demia! Mir fehlte nichts, als Mine, der Kirchhof, das Waͤldchen, und die andre hei - lige Oerter, wozu noch die gruͤndicke Laube des Bekannten gekommen war; indeſſen er -R 5ſetzte266ſetzte mir die Einbildungskraft alles. Ich las Minens Briefe, beſchaͤftigte mich mit den von ihr eingeweihten Sachen, und kam mir wie ein Wittwer vor, der ſeine Frau in ſei - nen von ihr zuruͤckgelaſſenen Kindern ſucht. Seine ſchoͤnſte Zeit iſt, wenn er mit ihnen ſpielen kann. — Meine Spaziergaͤnge waren Kirchhoͤfe, Waͤldchens, und uͤberhaupt Oer - ter, die mich deſto deutlicher an Minen erin - nern konnten. Sie ſah ich uͤberall. Ich ſtu - diert’ an ihrer Hand. — Sie beſeelte mich mit Muth, und war mir ſans comparaiſon das, was jedem Ritter ſeine Schoͤne iſt. —
Mein lieber v. G. blieb keinem Profeſſor einen Dreyer ſchuldig, das iſt alles, was ihm zum Ruhm im Teſtimonio behauptet werden koͤnnen, wenn er ein dergleichen Ding noͤthig gehabt haͤtte. Ich ſtudirt’ in ſeine Seele, als ſein Sachwalter, und erzaͤhlt’ ihm des Abends im Zeitungston, was ich den Tag uͤber in eig - nem Nahmen, und vi ſpecialis mandati, ge - hoͤrt hatte, woruͤber er, wenn er jagdmuͤde war, ſanft einſchlief. — Ich indeſſen ſetzte meine Wiederholung fort, und hatte dadurch den Vortheil, mit dem gehoͤrten Wort bekann - ter zu werden. Die Digeſtion der Wiſſenſchaf - ten wird eben hiedurch unendlich befoͤrdert,wenn267wenn man erzaͤhlt, was man weiß. Man lernt auf dieſe Art, mit der Wiſſenſchaft converſiren, und ſie auf einen freundſchaftlichen Fuß neh - men: der Hoͤrer ſey uͤbrigens jagdmuͤde oder nicht. — Was konnte Herr v. G. dafuͤr, daß es um Koͤnigsberg ſolche ſchoͤne Jagdplaͤtze gab, und daß ihm davon viele Feldmarken, die durch zwey beſondre Thore lagen, als plus licitanti zugeſchlagen wurden. — Herr v. G. hatte ſich vortrefliche Jagdbuͤcher angelegt, und war jetzo ſo ſattelfeſt in der Jagdterminologie, daß er nicht allein Hochſelbſt fuͤr Fund zeitle - bens ſicher war; ſondern er war noch oben ein im Stande, andern Fund zuzuwenden, die ihre Zeit auf der Akademie nicht ſo gut, wie er, angewendet hatten. Mir verſprach er, wenn es noͤthig ſeyn ſolte, aus Noth zu helfen, du hilfſt mir wieder, ſetzt’ er hinzu, wenn etwas vom Argos vorfaͤllt. — Am Ende, fuhr er fort, duͤnkt mich, daß uͤberall bey eurer welt - geprieſenen Gelehrſamkeit Jagdterminologie iſt. — — Den mangelhaften Copien ſeiner Dorfdirn entgieng oft zu viel durch dieſe Jagdneigung, und gern haͤtten ſie ihn davon abgebracht — allein ſo ſehr hatten ſie ihn nicht getroffen, wie er ſehr jagdmaͤßig ſich ge - gen mich erklaͤrte. — Die eine ließ ihre blon -de268de Stimme hoͤren, die andere donnerwetterte; allein es gehoͤrte mehr dazu, als Orgel und Laute, den Herrn v. G. auf die Springe zu bringen. Bey alledem war er Sieger, und die beyden Schoͤnen geſchlagen. Die andern Schoͤnen in der Straße ſah er an, wie ſolche Feldmarken, die ihm nicht als plus licitanti zugeſchlagen waren. Bruder, ſagt’ er zu mir, in Ruͤckſicht der Beyden, ſie ſind abgerichtet, ſie ſind dreßirt, ſie verſtehn alles auf ein Haar. — Die werthen Eltern dieſer beyden ſetzten die Freundſchaft mit uns fort, wobey ich freylich in der Hauptſache ſehr leer aus - gieng. Dieſe Freundſchaft war alſo nicht an die Perſonen, die hier logirten, ſondern an die Zimmer gebunden, nicht eine perſonal, ſondern eine real Bekanntſchaft, wie es jede nachbarliche Bekanntſchaft iſt. Freylich trug es ſich zuweilen zu, daß die Dirnen den Herrn v. G. in die Enge brachten; allein er pflegte ſehr richtig mir ins Ohr zu bemerken, daß die Stadtſchoͤnen, wenn gleich ſie mit Witz ausziehen, doch ohne Witz in die Flucht ge - ſchlagen werden koͤnnen, wenn nur — — Herr v. G. beſaß von dieſem Wenn nur ge - rade ſo viel, um ſeinen Poſten zu behaupten. — Der Schweiß Abels, hatt’ er im Jagd -eifer269eifer geſagt, ſchrie zu Gott um Rache, und unſre Stadtnympfen wolten ihm hart fallen. — Ich war Augen - und Ohrenzeuge von ihrem witzigen Ausfall — er ſah ſie nur an und ſie, gleich in die Flucht. —
Unſere Bekanntſchaften waren, außer den beyden Nachbarn, das Hauß eines Creys - richters, auf deßen Hauß uns unſer Vorfahr gleichfals eine Aßignation zuruͤck gelaßen. Die - ſer Creysrichter, der eine alte Frau des Gel - des wegen geheyrathet, hatte keine Kinder. Er braucht’ ein Paar junge Leute zu ſeinen haͤufigen Geſellſchaften, als Hausofficire, und obgleich dieſe Stellen beſetzt waren; ſo honorirt’ er doch die Aßignation unſers Vor - fahren, deßen Andenken uͤberhaupt im Se - gen war. Ich nahm ſelten an dieſen Zeit - verkuͤrzungen Antheil; indeſſen lernten wir ei - nen koͤniglichen Rath bey dem Creysrichter kennen, der an Leib und Seel auffiel, und ſich auch bey jedermann zu erhalten im Stande war. Er ſchien gegen vierzig, und hatte ſehr feine Kenntniße. Er las die Alten und kannte die Neuern. Er legt’ es nicht dazu an, daß man ihm dies anhoͤren und anſehen moͤchte; allein wo er ſtand und gieng ſtreut’ er Funken. Er verdraͤngte keinen. Er ver -nich -270nichtete nicht Sproͤslinge von Witz der Juͤng - linge, die mit ihm zu Tiſche ſaßen, um den Saft den bejahrten Zweigen zuzuleiten. Witz und Verſtand war ihm Witz und Verſtand — es mochte hervorſproßen, wo es wolte. — Er wußte wohl, daß alles Obſt nicht reif ſey, das der Wind herabwirft. — Es war nicht abgezogener Geiſt, nicht Lebenstinktur — was er ſprach. Beym Creysrichter ſprach er, wie der Creyßrichter, der uͤber nichts als Schlaͤgereyen, neue Brautſchaften, Todes - faͤlle, oder dergleichen Dinge mehr, ſich ver - lauten lies; indeſſen wußt unſer Rath uͤber die gemeinſten Dinge beſonders zu ſeyn. Oft war er ganz ſtill, und alsdann ſah man es ihm an, daß er wohlbedaͤchtig mit den fal - ſchen Spielern in der Geſellſchaft nicht mit - ſpielen wolte. — Ich fand, wenn er ſprach, ſo viel eigenes, daß ich tauſendmal wuͤnſchte, wenn er doch ſchreiben moͤchte, oder wenn er doch wenigſtens mehr ſpraͤche. Er verbeſſerte nie ein Urteil, das er in Geſellſchaft hoͤrte, und legte ſich nie das Anſehen einer Appella - tions und Reviſions Inſtanz bey. Wenn ich eine Rechtsſache gehabt haͤtte, waͤre mir ſein Gutachten Entſcheidung geweſen. Viele hatten dies Zutrauen zu ſeinem Herzen undVer -271Verſtande, und ſein Laudum, (ſein Schieds - ſpruch,) galt ihnen mehr, als ein fuͤr Geld und gute Wort’ in beſter Form genommenes Urtel. — Er war ungeheyrathet. Man ſagt’, er waͤr’ in der Liebe ungluͤcklich gewe - ſen! Schade! Es haben Curlaͤnder vielleicht, bemerkte Herr v. G., ſeiner Schoͤne gerad uͤber logirt. — Mag wohl ſeyn! — Dieſer wuͤrdige Mann war im Stande, Menſchen zu leſen, und dis ſchien ſein Hauptgeſchaͤft’ in Ge - ſellſchaft zu ſeyn. Durch vereinte Kraft eins ſeyn, iſt der Zweck der großen Staatsgeſellſchaf - ten, ſagt’ er zu mir! So im Großen, ſo im Klei - nen! Inſtinkt und Vernunft lehren uns, daß ein großer Theil unſerer Gluͤckſeligkeit von Menſchen abhaͤngt, und darum ſeh ich Men - ſchen, darum geh’ ich nach ihnen aus, und freue mich herzlich, wenn ich was unerwar - tetes vorfinde. Im Collegio iſt alles auf ei - nen gewiſſen beſtimmten Horizont calku - lirt. — — —
Noch ſeh’ ich den Mann mit ſeiner ofnen, weit ofnen Stirn, ſchwarz Haar, ein Aug’, in dem man ihn im Kleinen — allein doch ganz ſahe. Zuweilen hatt’ er kleine Abendgeſellſchaft - ten, woran er mich Theil nehmen ließ. Dieſes Collegium verſaͤumt ich nie. Ich fand einenOfficier,272Officier, einen koͤniglichen Rath, ſeinen Col - legen, einen Prediger, und einen Profeßor; allein alle waren große Lehrer in ihrer Art fuͤr mich. — Da war er zuweilen ausgelaſ - ſen. — Er warf Muͤnzen aus, und ich muß aufrichtig bekennen, daß wenn ich je in meinem Leben mit Leib und Seel zugleich gegeßen und getrunken; ſo war es hier: ich wundre mich noch jetzt, daß es mir ſo gut bekam. Wenn er es nicht laͤnger ausſetzen konnte, gab er eine große Mahlzeit. Da that er wenig mehr, als vorlegen, und hiezu braucht’ er auch als dann den Officier, den koͤniglichen Rath, den Predi - ger, den Profeßor, und mich. — — — —
Ich habe ſchon bemerket, daß ich das votum deciſiuum bey der Landsmannſchaft hatte, und ſo lang’ ich den Praͤſidentenſtuhl bekleidete, iſt kein Stein von einer curſchen Hand gehoben, um ehrlichen Leuten die Fen - ſter zu verwuͤſten. — Mit der Zeit waͤr’ ich weiter bis zum Kopf meiner Landsleute gekommen. Vors erſte hatt’ ich Urſach, mir Gluͤck zu wuͤnſchen, daß ich uͤber ihre Haͤnde disponiren konnte. —
Wenn ein Landsmann kam, oder gieng, ward ein Mahl gegeben, wozu ich zwarmeine273meine Stimme, allein nicht meinen Magen gab.
Herr v. E. war, unter vielen andern, Koͤnig eines ſolchen Mahls. Er war von ſeiner Mutter, die Wittwe geworden, aus Frankreich nach Curland gerufen. Seine Ge - ſchaͤft’ indeſſen hatten ihn noch ein halbes Jahr in und um Koͤnigsberg zuruͤck gehalten ohne daß wir uns zuſammen getroffen. Kein Wunder! Er gieng nicht in die Hoͤrſaͤle, und gieng nicht auf die Jagd. Seine Geſchaͤfte wa - ren wie man ſich leicht vorſtellen wird — Liebesangelegenheiten. Freylich hatten die koͤnigsbergſchen Schoͤnen Urſach’ einem Manne Complimente zu machen, der von Paris kam, und ſie nicht verſchmaͤhete. — Endlich ſchlug ſeine Stunde. — Ich war, ohne ſelbſt zu wiſſen, wie’s zugieng, bey dieſem Mahl, und lernt’ ei - nen Menſchen ohne Kopf und Herz kennen, der auf den preußiſchen Adel loszog, weil ihm nie - mand, (die Sach’ ohn’ Allegorie vorzutragen,) obgleich er angeklopft, aufgethan. — Wahrlich dies brachte mir eine ſehr gute Meynung vom preußiſchen Adel bey, die ich auch nie aufzu - geben Urſache gefunden. Ich brachte die Nacht, da Herr v. E. mit Extrapoſt abgieng, wider Gewohnheit ſchlaflos zu, und ſeltenZweiter Th. Shab274hab’ ich einen Menſchen gefunden, in dem je - der Zug mir ſo entgegen arbeitete! — Dem Herrn v. G. war er auch unausſtehlich. Er ſolt’ ihn bis Schacken begleiten; allein er konnte nicht. Herr v. E. kroch, und war ſtolz, er war Franzos und Curlaͤnder. Fuͤr und wider ſich — und gewiß auch Freund und Feind eines jeden, der es mit ihm an - binden wollen. — Sein Geſicht und Er ſchie - nen zweyerley! und waren es auch immer. — Er frug uns, ob wir nicht an unſere Maͤd - chens was zu beſtellen haͤtten! Da fuhr es mir ſo durch die Seele, daß ich außer mir war! — Herr v. G. ſagte, daß er ihn am wenigſten zum Liebespoſtillon brauchen wuͤrde, weil er aus Frankreich kaͤme, und Sie, fuhr er fort, indem er ſich zu mir wandte? — Ich habe, ſagt’ ich, nur eben Briefe von ihr. — Er nahm es als Scherz, und ich fand diesmal, und hab es oft gefunden, daß ſelbſt bey dergleichen Verlegenheiten die Wahr - heit am beſten aushilft. Ich hatte wirklich Briefe von Minen. —
Sie erfuͤlte redlich ihr Verſprechen, ſie hielt ein Tagebuch, und alle Vierteljahr’ er - hielt ich es durch den bezeichneten Weg. Das erſte Paͤckchen kam nach Monatsfriſt, ichhoffe275hoffe, niemand werde fragen: warum? Er an Sie gieng vor ſich, ſo bald ich an Ort und Stelle war. Ich fuͤhlt’ jeden Kuß in ihren Briefen, ſo warm, ſo ſonnenwarm, obgleich er ſeine funfzig Meilen gereiſet war. In Wahrheit, haͤtt’ ich Minchen nicht ge - habt, ich haͤtte nicht die Haͤlfte von dem auf der Univerſitaͤt gethan, was ich jetzt that, nicht die Haͤlfte vor mich gebracht. —
Da bin ich an einer ſchweren Stelle mei - nes Lebens! wo ich noch zittr’ und bebe! Der Himmel helfe mir auch in dieſem Buch uͤber! Er! der ſie mir leben geholfen, helfe ſie mir auch ſchreiben. — Ein bittrer Kelch! — Gottes Wille geſcheh’ auf Erden, wie im Himmel! —
Ich will Ihm nicht fluchen, dem Va - ter meiner Mine, denn dieſe Holdſelige verbietet es mir! — Ich will Ihm nicht fluchen. —
Sie ſchrieb mir ehemals: „ ich will meinen Vater nie unſern Vater „ nennen. Der meinige iſt er, weils „ Gott hat haben wollen, warum ſolſt du „ dich aber mit ihm beſchweren? „S 2O276O Mine, warum warſt aber du mit ihm beſchweret. Warum? du Dulderin, du Maͤrtyrinn! du Heilige! mit dieſem Peini - ger, mit dieſem Tyrannen, mit dieſem Un - heiligen — mit dieſem —
Ich will abbrechen, bis ich beßer gefaßt bin, ſonſt wuͤrd’ ich dein heiliges Gebot uͤber - treten, du heiliger Engel, und ihm doch — fluchen. —
Auf heute, morgen und uͤbermorgen, nehm ich von meinen Leſern Abſchied. — Ich will mir ordentlich Zeit nehmen, mich zu faſ - ſen — und wenn ich es in dreyen Tagen nicht bin, noch einen und noch einen — zu - geben, und bis acht Tage zu dieſer Faßung ausſetzen! In dieſer ſtillen Woche ſoll meine Seele gen Himmel ſich aufrichten, und mit meiner Mutter will ich beten:
Rede, Herr! dein Knecht hoͤret. — Thue mit mir, wie’s dir wohlgefaͤlt. In deine Haͤnde befehl ich meinen Geiſt. —
An einem ſchwarz bezogenen Tage, da es Vormittag donnerte. —
Ich habe meine Leſer nur drey Tag’ al - lein gelaßen. — Jemehr ich mir Zeit nehme,mich277mich zu faßen, jemehr verlier’ ich das Gleich - gewicht. — Faſt glaub’ ich, daß die Faßung ſo ſchnell komme, als der Schreck, die Huͤlfe wie die Krankheit, und wenn alle Faßung nur Betaͤubung waͤre? —
Der Gedanke hat mich am meiſten in die - ſen drey heiligen Tagen erfriſcht, daß es Tu - genden gaͤbe, die es nicht geben wuͤrde, wenn nicht boͤſe Menſchen in der Welt waͤren. Wahrlich, die groͤßten Tugenden werden hie - durch an Tageslicht gebracht. — Durch Schatten wird das Bild erhoͤht. Es iſt, ich geſteh’ es gern, dieſes eben nicht einer von den Gedanken, die einer goͤttlichen Eingebung nahe kommen; allein wenn Noth am Mann iſt, ſchmeckt Haußmannskoſt am beſten, und bekommt auch ſo. — Der Ungluͤckliche, der Furchtſame, glaubt alles, wenn es nur Troſt enthaͤlt. —
Fluchen will ich dem Herrmann nicht; allein ich will treu befunden werden.
Von dem erſten Tag’ an, da meine Leſer den alten Herrn kennen lernten, fanden ſie einen Mann, (kaum kann das Wort Mann von jemanden gebraucht werden, der ſich nicht nach ſeiner Decke zu ſtrecken verſteht. — Doch Minchens wegen —) einen Mann,S 3der278der allem, was man Belang heißen kann, gerad’ entgegen war. Sie fanden eine ge - ſchwaͤchte, eine zu Fall gekommene Perſon, einen Hofnarren, Cammerherrn, Forſt und Jaͤgermeiſter, einen Witzdiener, Poſitiv - ſchlaͤger. — Einen, von dem man nicht be - haupten kann, daß er ſeinen Namen, wie mein Vater ſein Vaterland, geflißentlich ver - ſchloß, (wie einer meiner Splitterrichter des erſten Bandes der Meynung geweſen,) ſon - dern den man den alten Herrn zu nennen fuͤr gut fand, und der, weil mit dem Wort’ Alt das Wort Herr verſchwaͤgert war, (wo - mit man wahrlich in Curland nicht ver - ſchwendriſch iſt) nichts mehr erwarten konnte, und mit dieſer Ehre ſehr zufrieden ſchien, und wie haͤtte wohl dieſer Schneider, Schu - ſter, Toͤpfer, Ton und Tauſendkuͤnſtler, und waͤr’s auch nur des Podagras wegen, wel - ches keine gemeine Krankheit iſt, wider den Ehrennamen, Nicolaus Herrmann, eine Sylbe einwenden und den Kopf ſchuͤtteln koͤnnen? Der alte Herr war kriechend und ſtolz, wie die Stolzen immer zu ſeyn pflegen. — Obgleich er ſeinen Abſchied als Witzdiener in hoͤchſten Gnaden erhalten; ſo ſprudelte doch ein ſchwarzes Blut in ſeiner ſatyriſchenAder279Ader auf, ſobald es Gelegenheit gab. Die Ader war recht ſchwarz und fuͤrchterlich auf - gequollen zu ſehen. — Seine ganze Geberde verſtelte ſich, ſo bald dieſ’ Ader auflief. Er pflegte ſich ſelbſt einen Invaliden des Apolls zu nennen, und Dank ſey meiner Mutter, die ihn, wie ich mich eben erinnre, bey die - ſer Gelegenheit einmal frug: wie’s mit ſei - ner Wund’ am Kopf ſtuͤnde? Die Zeiten, ſagte Herrmann ſelbſt, ſind gottlob vorbey, und dies waren Zeiten, da er Graͤber ſchaͤn - dete; allein kann auch ein Mohr ſeine Haut bleichen, und ein Parder ein Fleckkuͤgelchen benutzen? Erſt mehr Fechter, jetzt mehr Taͤnzer!
Ich bin der Meynung, daß ſich die Phyſionomiſten nie eher, als in der Miene eines Pasquillanten, (waͤr’ es auch ein Re - cenſent,) und Moͤrders irren koͤnnen? Da muß ein ſehr feiner Unterſchied ſeyn! Sie ſind eines Handwerks: beyde ſchlagen aus Gewinſt todt — und es kommt nur auf Um - ſtaͤnd’ an. Beyde legen Haͤnd’ an uns, und ſo wie es blos von der Kuͤrze der Jahre kommt, daß nicht jeder, dem der Strick in den Liniamenten liegt, gehangen wird; ſo —
S 4Wenn280Wenn ich in einer großen Geſellſchaft ei - nen Witzling ſehe, der nach Landesmanier wie der dritte Mann zum Spiel gebeten wird, und der uͤber Tiſch und Stuͤhle ſchreit, iſt mir nicht anders, als waͤr’ ich mit dem verſtockten Schaͤcher zuſammen! Wer in ei - ner Geſellſchaft von zwoͤlf Perſonen witzig ſeyn, und ſich hoͤren und ſehen laßen kann, iſt ein ſchrecklicher Menſch. — Wo zwey und drey verſammlet ſind, da iſt Witz an Ort und Stelle. Niemand iſt geiziger, als ein wirklich witziger. Er wirft ſeine Perlen nicht weg. — Ein Witziger ohn’ Urtheil iſt ein Witzling — und wehe dem Menſchen, durch welchen Aergerniß kommt! Vorrede genug —
Herrmann hatte, nach dem Tode der Mutter meiner Mine und der Meinigen, noch Luſt ſich ein Hochzeitbett anzulegen. Der Tiſchler, den er daruͤber beſprach, glaubt es ſey ein Sarg, da er ſich in der Still’ an ihn wandte. Der Tiſchler wandte ſich mit einem warum? auch in der Still’ an Herr - mann zuruͤck. — Ich hab’ es von meiner Mutter, daß eben dieſer Tiſchler in ſeiner Gewerksſtube herzlich geweint habe, wenn er einen Sarg fuͤr einen Redlichen im Land’ erbau -281erbaute. Meine Mutter nannt’ ihn oft des Todes Zimmermann, und gratulirte Cur - land und der dortigen Gegend, wo hoͤlzerne Haͤuſer etwas gewoͤhnliches ſind, weil ſie, ſchon im Leben, mit ihrem lezten Hauſe ſich bekannt gemacht. — Wir ſind ſchon im Le - ben im Sarge, pflegte ſie zu ſagen. Wir ſterben taͤglich, heil uns! Der eigentliche Sarg wird uns kein ſo wild fremdes Ge - mach ſeyn! —
„ Lieber Freund „ fieng Herr Herrmann wieder in der Still’ an, und der liebe Freund lies ihn nicht zum Worte, wenigſtens nicht zum Ende, kommen.
Sie ſind ja, unterbrach er ihn, munter und geſund — friſch und geſund hab’ ich ſie nie gekannt. —
„ Eben darum, weil ich munter und ge - ſund bin. — „
Recht! Es ſteht uns nicht vor der Stirne geſchrieben.
„ Vor der Stirn? — „
Sie fochten lang in die Luft, bemerkt mein Waffentraͤger Benjamin, von dem ich dies alles hab’, ehe ſie zuſammen trafen. —
„ Ein Himmelbett, „ ſagte Herrmann, al - lein da man einen Sarg eben ſo gut, woS 5nicht282nicht beßer, als ein Brautbett’, ein Him - melbette nennen kann; ſo erwiederte der Tiſchler: „ ſchoͤner Ausdruck! „ Der gute Tiſchler konnte den Sarg nicht aus Sinn und Gedanken bringen, und ſelbſt, da ihm Herrmann ziemlich laut (er war hitzig ge - worden,) geſagt hatte: „ Ein Brautbette „ ſchuͤttelte der Tiſchler noch den Kopf — und dies Schuͤtteln war dem Herrmann widriger, als das vorige Misverſtaͤndniß vom Him - melbett’, und von der Stirn, und von munter und geſund.
In Ruͤckſicht der Jahre haͤtte freylich Herrmann eher an Sarg, als an Braut, oder, wie man es gewoͤhnlich in Curland nennt, an ein Himmelbette denken koͤnnen; wenigſtens haͤtte Herrmann, der ein Weib, wie unſere Mutter gehabt, eine andere, der Seligen — und ihm anſtaͤndigere Wahl treffen ſollen. Ich will, um aller Parthey - lichkeit auszuweichen, an ſeine Tochter nicht denken, obgleich auch Toͤchter, wenn ſie wie Mine ſind, hiebey einen Blick verdie - nen. —
Seine Schoͤne war eine Perſon, die ſich in der Nachbarſchaft, Gott weiß wie! ein kleines Vermoͤgen erworben hatte. DerUn -283Unterricht der Kinder ward dem Herrmann in die Laͤnge zu beſchwerlich, und es iſt freylich eine andre Sache Kinderlehrer, und eine andre Hofnarr zu ſeyn. Dies war die Ur - ſach, warum er zuweilen zu ſehr fuͤr die koͤr - perliche Uebungen war, und die Kinder ohn’ Unterricht ganze Wochen hinſchlendern ließ. Hiedurch litte ſein guter Ruf. Seine Se - lige wußt’ alles zum Beſten zu kehren. Nach ihrem Tode war er ſich ganz und gar allein uͤberlaßen, und das hieß, an der Hand ei - nes ſchlechten Fuͤhrers ſeyn. — Die Schul - jugend trieb ſich um, und der Lehrer desglei - chen. Kurz, Herrmann war wieder auf der ſchlimmen Seite und lebendig todt, ja wohl! lebendig todt!
Ich will mir, ſagte Herrmann, einen ruhigen guten Tag machen: eigentlich wolt’ er ſich dieſen ruhigen guten Tag fuͤr baar Geld kaufen, ohne zu bedenken, daß Ruhe nicht feil ſey. Immer noch uͤberzeugt, daß es beßer ſey, ein Schneider, als ein Hofnarr, zu ſeyn, blieb des Herrmanns Loſung zwar:
Gottlob! die Zeiten ſind vorbey; in - deſſen war er doch feſt entſchloßen, aus ei - nem Hofnarren ein Stocknarr zu werden. Der284Der Unterſchied iſt ungefehr, wie zwiſchen Poſtbot’ und Nachtwaͤchter.
Magdalene, (ſo hieß die Schoͤne quaͤ - ſtionis,) war nicht abgeneigt, mit dieſem Manne zu ziehen. Sie hatte nicht erman - gelt, weit und breit herumzublicken, und ihr Augennetz auszuwerfen; allein ſie hatte nichts gefangen, ſie hatt’, um die Sache deutlicher zu machen, nicht abgeſehen, daß ſich ein anderer mit ihr in dieſem Leben ein - ſpannen wuͤrde. — Magdalene weinte herz - lich, ſo oft ſie an den ſeligen gnaͤdigen Herrn dachte, deſſen gnaͤdige zuruͤckgebliebene Wittwe ſo herzlich nicht uͤber dieſen Verluſt weinte. Dies macht’ Aufſehen in der ganzen Gegend, die nur eine ſolche Kleinigkeit von Anlaß brauchte, um laut zu ſagen, was jedes laͤng - ſtens, und ſchon bey Lebzeiten des ſeligen gnaͤ - digen Herrn, da Magdalene noch nicht ſo herzlich weinen durfte, gedacht hatte. Man machte uͤber dieſe Thraͤnen der Magdalene, bittre Anmerkungen, ſo daß, da der groͤßte Theil davon an die beyden Weinenden kam, Wohlſtandes wegen Magdalene weniger, als die nachgebliebene Frau Wittwe, zu weinen anfieng. Der wunderbare Wohlſtand!
Es285Es hatte der Herr Gemahl der Frau v. E. in ſeinem lezten Willen die feyerliche Verfuͤgung gemacht, daß ſeine Gemahlin und Mamſell Dene, (ſo ward Magdalene im ganzen Hauſ’ und uͤberall genannt,) ſich nicht von einander trennen, ſondern beyſam - men bleiben ſolten, bis ſie der Tod ſchiede. Das war ein neuer Gegenſtand zu Anmer - kungen, welche die ganze Gegend machte, ſo bald das Teſtament eroͤfnet war. Die Frau Wittwe, die vor der Eroͤfnung des Teſtaments, und vorzuͤglich bey Gelegenheit der Thraͤnen, den Plan gemacht hatte, De - nen in allen Gnaden zu verabſchieden, war jetzo, wie ſie ſich ausdruͤckte, gezwungen, dieſe Klett’ am Kleide zu leiden. Sie ſah’ es alſo im Herzen ſehr gern, daß Herr Herrmann Denen die Aufwartung machte. Zwar hatte ſie ſich ſo feſt an dem Willen ihres verſtorbe - nen Gemahls gebunden, daß ſie keine Tren - nung von Denen moͤglich glaubte; indeſſen glaubte ſie, durch Denens Umgang mit Herrmann wenigſtens die Scene zu veraͤn - dern, und der Nachred’ eine andere Wen - dung zu geben. Einen Rechtsgelehrten hatte ſie nicht das Herz, daruͤber zu Rathe zu zie - hen. — Es giebt Krankheiten, die mannicht286nicht gern entdeckt. Dene fand von dieſer Seite nicht die mindeſte Schwierigkeit, wohl aber war ihr bedenklich, daß ſie die Eheſchei - dungsſtrafen, wenn ſie den Aufſtand anheben ſolte, zu tragen wuͤrd’ angewieſen werden. Wenn aber die Frau v. E. anfienge, dachte Dene, was koͤnnteſt du nicht fuͤr Bedin - gungen vorſchreiben! — Dene ſahe wohl, wie uͤberlaͤſtig ſie der Wittwe war, ſie mochte mehr oder weniger weinen, als ſie. Wenn Dene alſo nach dieſer ihrer Verbindung mit dem Herrn Herrmann gefragt ward, war ihre Antwort: Sie belieben zu ſcherzen, oder, ich bitte tauſendmal um Verzeihung, oder, mir fehlt ohne den Herrn Herrmann nichts auf der Welt. Roth zu werden hatte ſie entweder ſchon laͤngſt verlernt, oder hatt’ es nie gekonnt. Es blieb alſo ihre Verbindung mit dem Herrn Herrmann problematiſch. Die Nachbarſchaft pflegte die gnaͤdige Frau und Denen zu nennen Sara und Hagar. — Sowohl Sara als Hagar aͤrgerten ſich uͤber dieſe Beynahmen, ohne gegen einander ſich dieſe Aergerniß merken zu laßen. —
Magdalene hatte, ſeit ihrer vieljaͤhrigen Praxis, alle Kniffe auf einem Schnuͤrchen, wodurch unſer in Liebesangelegenheiten aber -glaͤu -287glaͤubiſches Geſchlecht gefeßelt gehalten wer - den kann, ſo daß es noch dieſe Feßeln als Ordensketten verehret. — Sie hatte den alten Herrn erſt aͤußerſt verliebt gemacht, und war ihm in allem — wenigſtens ein Viertel Meilchen, (ich rede von deutſchen Meilen,) zuvor gekommen. Auf einmal eine andere Dekoration. Wer A ſagt, muß auch B ſa - gen, war bey Denen keine Regel, und alle ausgelernte Koqetten denken ſo. Der alte Herr hatte durch eine uͤberaus gefaͤllige Auf - nahme in dem Hauſe der Sara, ſich das Wohlleben ſo angewoͤhnt, daß, wenn auch nicht die koͤrperliche Uebungen ſeine Schul - jugend, die wie Schaafe in der Irre gieng, zerſtreut haͤtten, dieſe guten Tage ſich mit den Schulſtunden nicht laͤnger vertragen ha - ben wuͤrden. Was ſolte der alte Herr an - fangen? Der Unterhalt, den ihm ſeine ver - ſtorbene Witzprincipalen zugeſtanden hatten, war klein, und zum Theil ungewiß. Dene hatte, nach der Meynung des alten Herrn, mit Herzen Mund und Haͤnden A geſagt; allein nun war ſie nicht aus der Stelle, und bey weitem nicht zum B. zu bringen; viel - mehr ſchien ſie zuweilen gar das A zuruͤckge - hen zu wollen, wenigſtens ward aus demgroßen288großen A ein ſo kleines, daß man es bey - nah dafuͤr nicht anſehen konnte. — Ich habe, dachte der alte Herr, das unreine Waßer ausgegoſſen, ohne reines aufgefangen zu haben — obgleich er wirklich reines Waſ - ſer ausgegoſſen hatte, um unreines zu ſchoͤ - pfen. — — Dies macht’ ihn aͤußerſt verle - gen; allein dieſe Scharten wezt’ er zu Hauſ’ aus, und Mine, die arme Mine, haͤtte nicht in Egypten mehr ausſtehen koͤnnen, als bey dieſem wetzenden Vater, der reines Waſſer ausgegoßen hatte, und keinen Tro - pfen unreines auffangen konnte, ſeine Zunge zu kuͤhlen; denn es gieng ihm, wie dem rei - chen Mann, in ſeinem Praͤludio. Der Frau Sara Gnaden, welche ſich auf dergleichen Wendungen, (meine Muter wuͤrde Raͤnke und Schwaͤnke geſchrieben haben,) wohl ver - ſtand, ſuchte dem alten Herrn Troſt zuzunei - gen, und ihn wenigſtens durch guten Fraß und Sof zu ſtaͤrken, und zu feſtigen, ſeine Laſt zu tragen. — Dene blieb indeſſen halsſtar - rig beym kleinen, ganz kleinen a, und ſo wie kein Ungluͤck allein, ſondern paarweiſe kommt; ſo mußt’ es auch dem Amtmann S. einfallen, um Denen in einem Brief’, eh ihr Trauer - jahr noch um war, foͤrmlich anzuhalten. —Die -289Dieſen Amtmann, der ohnehin in den nem - lichen Jahren des Herrmanns ſich befand, obgleich ihn kein Zipperlein plagte, wuͤrde Dene um alles nicht einem Litteratus, (ohn - erachtet dieſer Litteratus den kalten Brand hatte,) vorgezogen haben, indeſſen konnt’ ihr nichts erwuͤnſchter kommen, um den Herrn Herrmann voͤllig aufs Haupt zu ſchla - gen. — Herrmann litte zuſehens; denn er war in das Geld der Dene ſterblich ver - liebt. — So wenig Herz auch der alte Herr hatte, ſo wuͤrd’ er doch mit dieſem Amtmann eins verſucht haben, (nemlich in Briefen,) wenn nicht die gnaͤdige Wittwe das glim - mende Tocht der Hofnung in dem Herzen des alten Herrn aufgefacht haͤtte. — Zwar brannt’ es ſehr ſchwach; indeſſen brannt’ es doch. — Zu keiner kleinen Freude des alten Herrn, veranſtaltete die Wittwe einen Be - ſuch beym Herrn Herrmann. So viel Ehr’ ihm dieſer Beſuch war, ſo wußt’ er doch nicht, wie er ſeine Gaͤſte aufnehmen wuͤrde. — Der Frau Sara Gnaden wolten mit, wie haͤtt’ auch die viel Ehr[und] Tugend belobte Jungfer Magdalene, ohn’ eine ſolche Bede - ckung, zu einer los und ledigen Mannsper - ſon kommen koͤnnen? Die Frau Sara warZweiter Th. Tjetzt290jetzt ihre veſte Burg, in welche ſie ſich zu werfen Willens war, wenn die boͤſe Nachrede ſie verfolgen wuͤrde. — Im Herzen konnt’ ihr nichts willkommner, als dieſer Vorſchlag ſeyn; denn ſie wolte gar zu gern, ihr kuͤnfti - ges Bleibchen kennen lernen, und auch ihre Stieftochter, von der ſo viel gutes geſagt ward. Uebermorgen alſo! — Der alte Herr beur - laubte ſich ſo gleich, und reiſete mit Freuden und mit Kummer zu ſeiner Wohnung. —
Mine! Mine! Mine, das arme von einem Briefe an mich verſcheuchte Maͤdchen, kam und erfuhr die große Neuigkeit von dem Heil, das dieſem Hauſe wiederfahren ſolte. Der Stolz macht’ ihren Vater verdrießlich; denn es war nicht nach Herzensluſt in ſeinem Hauſ’ einge - richtet — uͤberall blickte Duͤrftigkeit hervor. — Wuͤrde nicht die Hofnung auf Denen die - ſer Leidenſchaft Zaum und Gebiß angelegt ha - ben; die arme Mine, was haͤtte ſie nicht noch mehr ausgeſtanden, als ſie ausſtand! — Das arme Maͤdchen, das viel zu edel war, um ein einziges Wort von ihren haͤus - lichen Verfaßungen gegen mich auch nur fallen zu laſſen: das ſich in alles ſchi - cken konnte: das ſelbſt auch ihren Bruder Benjamin, obgleich er das Schneiderhand -werk291werk lernte, zu dieſer Denkungsart hinauf geſtimmt, der um alles in der Welt willen nichts von meinem ανέχου και απηχου an - genommen haͤtte, dies arme Maͤdchen ſolte zu meinen Eltern gehn — und borgen, da - mit die hohen Gaͤſte, wie Herrmann ſie nannte, uͤbermorgen wie es ſich eigne und gebuͤhre aufgenommen werden koͤnnten. Verzeihung, Vater! das kann ich nicht, ſagte Mine ſehr gefaßt. Herrmann ſtampfte, wuͤtete und tobte, bis ihm Mine endlich einen Plan vorlegte, der ohne, daß geborgt werden duͤrfte, zu beſtreiten waͤre. — Mag es — antwortet’ er, wiewohl noch unwillig, mag es — denn er konnte es Minen nicht ver - zeihen, daß ſie zu meinen Eltern zu gehen verweigert hatte. Er gab ihr, wiewol un - ter Hyeroglyphen, zu verſtehen, daß ſie mei - netwegen dieſes Schrittes wegen die Pein - lichkeit eben ſo noͤthig nicht haͤtte. — Mine verſtand nicht blos was er ſagte, ſondern auch, was er dachte; indeſſen verſchwieg[Herrmann] meinen Namen vorſichtig, und da Mine ihren Plan gut einzukleiden wußte, uͤberwand ihn die Hofnung, Magdalenens Reichthum zu uͤberzaͤhlen, endlich ganz. — Die Freude nahm Oberhand, und dieſe ver -T 2fuͤhrt’292fuͤhrt’ ihn, Minen ſeine Heyrath rund aus zu entdecken. Das gute Maͤdchen hoͤrte keine Neuigkeit; allein ſie konnte nicht um - hin, ihm im Hintergrunde des Gemaͤldes, das ſo ſchoͤn in ſeiner Erzaͤhlung ausſah, die Fehler zu zeigen. Die Sache war in - deſſen nach ihrer Meynung zu weit gekom - men, als daß ſie ſich lange bei dieſen Feh - lern im Hintergrunde verweilte. —
Mine hatte durch ihrer Haͤnde Arbeit ſich ſchon ſeit der Zeit, daß ihr Vater De - nens wegen die Schulanſtalten aufgehoben, beinah allein erhalten. — Jetzt brachte ſie von dieſem ihrem kuͤmmerlich ernaͤhten Ver - dienſt, von freyen Stuͤcken etwas in den Plan zur Aufnahme, ohne ſich einſt daruͤber ein Verdienſt zuzueignen, und es dem Va - ter zu entdecken. Das gute Kind! — Der feyerliche Tag erſchien, den Sara und Ha - gar zum Beſuch beſtimmt hatten. Der alte Herr konnte dieſen Mittag nicht eßen nicht trinken, er blies ſelbſt den Staub ab, wo er noch Staub in dem Zimmer entdeckte, und vergaß ſo ſehr, daß er Litteratus war, daß er Holz geſpalten haben wuͤrde, wenn es auf dieſen Umſtand bei Minens Plan an - gekommen waͤre. — Er trug nicht tagtaͤglichMan -293Manſchetten; allein er legte ſie, wie die Paſtores den Kragen, in die große Bibel, um die Manſchetten in Zuͤchten und Ehren zu erhalten. Diesmal nahm er ein ganz neues Paar; allein dem unerachtet mußte Mine ſie ihm noch aufbiegeln, und, da ſie’s ihm nicht zu Dank machte, vollendet’ er die - ſes Werk ſelbſt. So lang, wie des Him - melsbuͤrgers, waren die Manſchetten des Herrmanns nicht: allein Herrmann war auch in Wahrheit nicht werth, meines Va - ters Landsmann, in dem allerentfernteſten Sinne, zu ſeyn.
Mine hatte Tannenreiſer und Kalmus in die Zimmer geſtreut, und mit Wacholder ge - raͤuchert, da Herrmann eben mit den Augen ſeinen Gaͤſten entgegen gelaufen war. — Dies mußt’ alles, bis auf das lezte Woͤlk - chen Rauch, das ſich im Zimmer herum zog — heraus; ſo bald Herrmann wieder kam, weil es, wie er ſagt’, in großen Haͤuſern nicht mehr Sitte ſey, Tannen, Kalmus und Wacholderrauch zu riechen. Man ſpritzet, fuhr er fort, die Zimmer mit wohlriechen - dem Waſſer aus, um den Staub eben hie - durch niederzuſchlagen. Die Naſe des alten Herrn fand, nachdem ſchon alles aus demT 3Zim -294Zimmer war, noch ſo einen gemeinen und, wie er ihn nannte, Coriandergeruch, daß er durchaus Modeweihwaßer verlangte, um es auszuſprengen. Mine konnt’ ihm damit nicht dienen — ſie haͤtte gern das Gruͤne im Zimmer beybehalten.
Es ſchlug die Stunde, da er ſeine Gaͤſt’ erwartete, und da man nach Ortsumſtaͤnden ſie mit Grund erwarten konnte; allein verge - bens. — Herrmann, ob ſchon er einen Bo - ten ausgeſandt hatte, um ja den hohen Gaͤ - ſten weit genug entgegen kommen zu koͤnnen, konnte ſich nicht entbrechen, auf die Zinne des Tempels zu ſteigen. Es konnte bei die - ſer Gelegenheit nicht fehlen, daß ſeine Unter - und Oberkleider, obgleich er die letzte durch einen Mantel von Glanzleinwand in Obhut genommen, vom Staub’ angegriffen wur - den. — Er hatte nichts von ſeinen Gaͤſten entdeckt, und das war ſehr natuͤrlich. Wenn der gute Mann ſein hoͤchſtunzulaͤngliches Ge - ſicht zuvor uͤbermeſſen; ſo haͤtt’ er dieſe Muͤhe ſparen, und den Mautel von Glanzleinwand in ſanfter Ruhe laſſen koͤnnen. — Er war von unten bis oben zu beſchaͤftiget, ſich wie - der zu reinigen und zu laͤutern, und zittert’ an Haͤnd’ und Fuͤßen, und uͤber Leib undLeben,295Leben, wenn er was rauſchen hoͤrte. Da ſind ſie, ſchrie er, und lief und kam wieder, und lief noch einmal, und kam noch einmal wieder. Obgleich Mine, die heute wohl Marta haͤtte heißen koͤnnen, ihm eben ſo oft, als er lief und wieder kam „ der Bote „ nach - ſchrie; ſo war er doch in einem ſolchen Ge - dankenconcours, daß er nicht aus noch ein wußte. — Endlich, (nachdem er ſchon eine halbe Stunde rein und ſauber, wie aus ei - nem Schreinchen gezogen, da ſtand,) der Bote! — Wie ein Blitz war er fort. „ Noch eine halbe Viertel Meile „ auch die halbe Vier - tel Meile hielt ihn nicht. — Er flog. — Re - gine, das Hausmaͤdchen, ſchrie ihn dies - mal bey aller ſeiner Eil zuruͤck, ohnfehlbar glaubt’ er, daß Mine ihm noch eine Frage zu thun haͤtte.
Wollen Sie, ſagte ſie auf lettiſch, nicht den Glanzleinwandsmantel uͤberziehen? — Keine Furie kann wuͤtender werden, als un - ſer alte Herr ward, und nun haͤtt’ ihn nichts zuruͤckgebracht, nichts —
Sie kamen — Mine war hoͤflich, ohne ſich wegzuſchleudern. Sie batte mich vor Augen und im Herzen — und der alte Herr konnte nicht aufhoͤren, mit Gebehrden ihrT 4zu296zu verſtehen zu geben, daß ſie zu wenig, viel zu wenig, thaͤte. — Er, daß wiſſen ja meine Leſer, war ein Regenwurm. —
Die gnaͤdige Sara hatte ſo viel mitge - bracht, daß Minchens wohlgemeinter Plan voͤllig vereitelt ward. Die hohen Gaͤſte haͤt - ten, duͤnkt mich, wenn es auch nur der gu - ten wohlmeynenden Hand Minchens wegen, geweſen waͤre, ſich zu demjenigen bequemen koͤnnen, was dieſes gute arme Maͤdchen des Hausfriedens halber zum Theil von ihrem Rehgelde angerichtet hatte; allein Sara und Hagar waren viel zu ſtolz, um ſich ſo tief herabzulaſſen. —
Mine hatte den Einfall, gleiches mit glei - chem zu vergelten, und nichts von dem Mit - gebrachten anzugreifen; allein konnte ſie’s ihres Vaters wegen? Er winkte ſo lange, bis ſie nahm und aß. — Nun haͤtt’ er zu winken aufhoͤren koͤnnen und ſollen; allein er ſetzt’ es fort, und wollte durchaus, daß Mine ſich den Magen verderben ſollte. Das that ſie nicht. — Es war ein unbeſchreiblicher Stolz, womit dieſe Antiken, Sara und Hagar, uͤber Minen herfuhren. Daß ſie nicht von den natuͤrlichen wohlgemeinten Speiſen nahmen, wuͤrde den beiden Damen endlich zu verzei -hen297hen geweſen ſeyn; allein es war unverzeih - lich, daß ſie ſich uͤber Gottes Gaben heruͤber bogen, und die Naſe ruͤmpften. — Sie maa - ßen Minen hundertmal mit ihren Augen, und hier und da hielt ſich der Blick auf, als ob er ein Plaͤtzchen gefunden haͤtte, das werth waͤr’, ein wenig anzuhalten. Dies alles war Minen unertraͤglich. Sie durfte nicht hundertmal auf - und abblicken, um dieſes Paar voͤllig zu uͤberſehen, und ihre Ueberle - genheit zu fuͤhlen. — Die Wittwe Sara that einige Fragen an ſie. Womit ſie ſich die Zeit vertriebe? Ob ſie einen Liebhaber haͤtte? Ob ſie auch die Kuͤche verſtuͤnde? Anzuſehen, ſetzte ſie hinzu, iſt es nicht. — Ihre Haͤnde ſind ſo kuͤchenrein, als einer Dame vom Stan - de. — Nicht wahr, liebe Dene? — Dene enthielt ſich aller Fragen; allein man konnt’ es deutlich bemerken, daß ſie ſich ſolche in be - ſter Form Rechtens vorbehielt. Ihre Stun - de hatte noch nicht geſchlagen. —
Das abgebohnte Clavier brachte die ho - hen Gaͤſte auf die Muſik, und die gnaͤdige Sara auf die Frage: ob Minchen muſikaliſch waͤre? Mine beantwortete dieſe Frage mit der ihr eignen Beſcheidenheit. — Obgleich die hohen Gaͤſte keinen Beweiß, in wie weitT 5ſie298ſie muſikaliſch ſey, begehrten; ſo beſtand doch „ der alte Herr darauf, „ Mine ſolte ſingen und ſpielen „ da er es ſeinen hohen Gaͤſten ſo nahe legte, beſtanden ſie auch darauf; denn eine Bitte war es noch lange nicht. — Etwas be - kanntes, ſagt’ er, denn er wußte wohl, daß ein Praͤludium, wenn es Hand und Fuß ha - ben ſolte, bey ihm vierzehn Tage zuvor be - ſtellt werden mußte. — Mine ſang und ſpiel - te, weil ſie ſingen und ſpielen mußte. — Es war indeſſen keine Dedication an die hohen Anweſende. Wenn dieſe Damen Gefuͤhl ge - habt; haͤtten ſie wohl den Vogel im Bauer gehoͤrt! Indeſſen hatten die hohen Gaͤſte we - der ſo feine Ohren, noch ſo feine Herzen. —
Dene hatt’ ein Paar Strahlen der Hof - nung auf den alten Herrn fallen laſſen, die ihn entzuͤckten. —
Uebermorgen erwart ich meinen Sohn, ſagte die gnaͤdige Sara zum Herrmann, ſie werden doch ſo gut ſeyn, und zu uns kom - men. Minen fuhr es in alle Glieder. Mir war es, wie ſie ſchreibt, als ob Sara hinzu - ſetzen wuͤrde: bringen Sie ihre Tochter mit. — Ihre Befuͤrchtung war vergebens. Der Stolz ließ dieſe Bitte nicht zu. —
Noch299Noch ein Paar Blicke von oben bis un - ten, und dann wieder von unten bis oben, ohne daß der Blick Minen die Ehre that, ir - gendwo zu weilen, und nun — Gott be - wahre Sie, mein Kind! — Ein gewoͤhnli - ches Compliment. Mine ſchreibt: „ Mir war „ es als haͤtt’ ich geſagt: vor ſolchen Leu - „ ten — ich erſchrack; allein ich hatt’ es „ nur herzlich und von ganzer Seele gedacht „ So ward hier, und ſo wird jederzeit, das Geſetz erfuͤllt: Unrecht ſtraft ſeinen eigenen Herrn. — —
Der alte Herr war in Seelenangſt, auf welche Art, ohne ſich zu viel herauszuneh - men, er die gnaͤdige Wittwe in den Wagen bringen ſolte. — Endlich legt’ er Hand ans Werk. — Mit Denen ward er geſchwinder fertig. Sie hatt’ ihm Muth und Leben ein - gefloͤßt. — Er wolte durchaus zu Pferd’ und den hohen Gaͤſten vorreiten; allein ſie ver - baten es, der uͤblen Rachrede wegen, und alſo begnuͤgt’ er ſich, ſie wieder bis auf die Stelle zu begleiten, wo er ſie entgegen ge - nommen. —
Froh kam er zu Minen; allein dies konnte die Strafpredigt nicht abwenden, die er ihr hielte, viel zu wenig, viel zu wenig ſich ge -buͤckt,300buͤckt, geſungen, geſpielt und gegeſſen zu ha - ben. —
Es iſt ſchwer, ſchreibt Mine, ſehr ſchwer, wenn man eine ſo gute Mutter gehabt, einer Dene als Mutter zu huldigen, und waͤre das vierte Gebot nicht —
Der alte Herr verfehlte nicht, der Ein - ladung der gnaͤdigen Sara gemaͤß, ſich zu rechter Tageszeit einzufinden, und wer haͤtte das gedacht? Der Herr Sohn der Madam Sara war kein andrer, als der Herr v. E., der franzoͤſiſche Curlaͤnder, welcher kriechend und ſtolz, fuͤr und wider ſich, und gewis auch Freund und Feind eines jeden Menſchen war, je nachdem es die Umſtaͤnde gaben. — DerAffe301Affe mit den Halbſtiefeln! Der alte Herr fand ihn ſchon, da er ankam, und machte tauſend Umſtaͤnde, daß er ihm nicht entgegen gekommen! —
Der Teufel, Herr! wo haben Sie wiſ - ſen koͤnnen, daß ich kommen wuͤrde? —
Die gnaͤdige Mamma! —
Wir waren beym Herrn Herrmann, ich und Dene, fieng die gnaͤdige Mamma an. Dank Herr Herrmann fuͤr alle erzeigte Hoͤf - lichkeiten! — Fuͤr den ſchoͤnen Sang ihrer Tochter! das iſt wahr, Herr Herrmann! Sie koͤnnen ſich was auf ſolch eine Tochter einbilden. Iſt es ihre rechte Tochter? Ein huͤbſches Maͤdchen! Nur ſcheint ſie mir die Finger nicht in kaltes, nicht in warmes, Waſ - ſer zu ſtecken. — Ihre Hand faßt ſich wie Atlaß an.
Da war unſer Ankoͤmmling wie ein Geyer auf die Taube. —
Ich liebe ſchoͤne Haͤnde, gnaͤdige Mam - ma, die nicht kalt und warm vertragen, die ſich wie Atlaß anfaſſen laſſen, wenn ſind Sie zu Hauſe, Herr Herrmann?
Wenn Ewr. Hochwohlgebohrnen befeh - len. —
Ich302Ich will meiner Mutter nicht die Ehr’ allein laſſen, ſie beſucht zu haben: denn in Wahrheit, es kann kein Menſch ein groͤßerer Liebhaber von einer ſchoͤnen Hand, oder von der Muſik ſeyn, das iſt beynah’ einerley, als ich. —
Die Wittwe v. E. (ich habe ſie lang ge - nug und bis zum Ueberdruß meiner Leſer Sara genannt,) macht’ ihrem Sohn Vor - wuͤrfe, daß er ſie ſo lang auf ſich haͤtte war - ten laſſen. Dein Brief aus Koͤnigsberg —
Schoͤnſte Mutter, (Frau von E. hoͤrte dies gern,) ich fand in Koͤnigsberg noch dies und das, und Sie wiſſen wohl, wenn man dies und das findt; ſo kann man ſo geſchwin - de nicht. — Wir wiſſen das dies und das, wobey Herr v. E. in und um Koͤnigsberg, vor ſeiner Ruͤckkunft nach Curland, noch zum Ritter zu werden den Beruf hatte; nicht zum irrenden, denn hiezu hatt’ er keinen An - ſatz. —
Deine Mutter aber haͤtteſt du uͤber dein Dies und Das nicht vergeſſen ſollen, ſagte die Frau v. E. —
Vergeſſen! Schoͤnſte, vergeſſen! — Noch unterwegs traf ich ein huͤbſches liebes Kind, und ſagen Sie ſelbſt, wie kann man eine ſchoͤneGegend303Gegend ſehen, und nicht wenigſtens darauf athmen? und ſich freuen, daß man athmen kann? Die gnaͤdige Wittwe holte ſehr tief Athem, und ward durch dieſe und dergleichen Unterredungen, die alle ergaben, daß Herr v. E. ein großer Verehrer von ſchoͤnen Gegen - den war, zur eigentlichen Materie gebracht. Du weißt, mein Kind, fieng ſie an, was dein ſeliger Vater wegen der Fraͤulein S. noch bey ſeinen Lebetagen berichtiget. — Du weißt, daß dein Herz und deine Hand vergeben ſind, und wenn du dieſe Gegend, die dir bald ei - genthuͤmlich zugehoͤren ſoll, mehr in Erwaͤ - gung gezogen, ich wette du haͤtteſt deine Mut - ter nicht ſo lange warten laſſen. — Im Te - ſtament denkt’ er an dieſe deine Verlobte, welche dich mehr liebet, als du dir vorſtellen kannſt. Sein lezter Wille ſetzet feſt, hier nahm ſie ihren Sohn, um ſich mit ihm die - ſes Teſtaments wegen, zur vertraulichen Un - terredung einzuſchließen. — —
Herrmann hatte Gelegenheit, mit ſeiner Dene eine gleich vertrauliche Unterredung an - zuſtellen, bei der es beynah bis zum B. ge - kommen waͤre. Es war dieſes im eigentlichen Sinn fuͤr Herrmann ein Schaͤferſtuͤndchen — denn er liebte, er liebte brennend — nichtDenen,304Denen, ſondern das liebe Ihrige, und davon ſolt’ in dem gegenwaͤrtigen Stuͤndchen gehan - delt werden. — Es fiel ſehr auf, daß die Frau v. E. ſich mit ihrem Sohne, nicht ſei - ner Heyrath wegen, eingeſchloſſen. Dieſe diente nur zum Vorwand’ und Ueberrock: Dene war die Hauptrolle. Herrmann em - pfand den gluͤcklichen Vorfall, daß ſich die Frau v. E. und ihr Sohn paarten; denn wo ein vertrautes Paar ſich ſondert, da giebts mehr. —
Sehen Sie nur, Herr Herrmann, fieng Dene an, es iſt bei alledem eine eigene Sa - che mit dem Teſtament, ich bin mit der gnaͤ - digen Frau wie getraut, wir koͤnnen es nicht, der Tod ſoll uns ſcheiden. —
Das daͤcht’ ich, ſagte Herrmann, haͤtte nichts zu ſagen. —
Ein Teſtament! —
Eine Eheſcheidung! —
recht, lieber Herrmann. —
nun, meine Engliſche? —
Aber die Scheidungsſtrafen? —
Das305Das iſt zu machen. —
Und wie?
Und wie? Sie giebt Ihnen ein Jaͤhrli - liches, ſo lang ſie leben. —
Wenn ſie will. —
Sie muß wollen.
Wenn ich zur Scheidung Anlaß gebe?
Wenn auch! — im Herzen glaub ich ſieht ſie nicht ungern —
Daß ich gehe? — Dies iſt auch meine Hofnung. —
Zu der Meinigen gehoͤrt mehr. —
Was mehr?
Sie, meine Engliſche —
Lieber Herrmann, ich dacht’ eben dran.
O wie gluͤcklich bin ich!
Ich dacht’ eben, wenn die Frau v. E. dieſe Penſion nur auf meine Lebenszeit ver - ſchraͤnkt, ſo wuͤrden meine kuͤnftige Erben —
O engliſche, o guͤtigſte! Sie denken auch nach ihrem Tode. — (Er weinte, denn dasZweiter Th. Uward306ward ihm nicht ſchwer. Ein Menſch, wie er, haͤtte beim Wort Tode heulen und zaͤhn - klappen ſollen; allein es waren dieſe Thraͤ - nen, wie alles an ihm war. Seine Empfin - dungen waren Kunſt. Sie ergoſſen ſich nie, ſie wurden nur durchs Druckwerk getrieben. Er hatte beides Lachen und Weinen in einem Behaͤltniß — wie man wolte, wolt’ er mit. —)
O, den werd ich, den werd ich nicht uͤberleben! —
Dene, welcher unfehlbar der ſelige gnaͤ - dige Herr beim Ueberleben einfiel, fieng auch bitterlich zu weinen au. Herrmann deutete dieſes auf ſich, und umfaßte ihre Knie und — da hoͤrten dieſe Turteltauben die zuruͤck kommende Frau v. E. und ihren Sohn, das Teſtament in der Hand.
Jedes, Dene und Herrmann, giengen in ein ander Fenſter. Es hatte ſich ſchon jedes etwas kalt gewordenes Theewaßer aufs Schnupftuch gegoßen, um deſto gruͤndlicher alles zu verwiſchen. —
Herr v. E. wandte ſich, da er zuruͤckkam, das Teſtament noch in der Hand, zu Denen — da find ich, liebe Dene, fing er an, eine naͤrriſche Clauſul. — Hat der Teufel je ſowas307was gehoͤrt, zwey Frauenzimmer ſollen ſich verheyrathen! — Sie haben mir nie was boͤſes gethan, liebe Dene, und noch bey meines Vaters Leben, wo ſie im Hauſe was galten, hab ich alles Liebes und Gutes, es verſteht ſich in allen Ehren, von ihnen ge - noßen; — allein ſo weit geht die Erkennt - lichkeit nicht, und ſo nah ſind wir mit ihrer Erlaubniß nicht verwandt, daß meine Mut - ter eine Perſon im Hauſ’ ertragen ſolte, die ihretwegen gar nicht ins Haus kommen ſol - len. Sie verſtehen mich doch, Dene?
O ja, ſagte Dene. —
Sie haben alſo ihren Abſchied. —
Frau v. E. ohne daß ſie ſich eben uͤber - eilen duͤrfen. —
Herr v. E. heute, morgen, uͤbermor - gen. —
Dene, und wegen meiner treugeleiſteten Dienſte? —
Frau v. E. ſah’ ihren Sohn an, als ob ſie ſagen wolte: hab’ ich es nicht gedacht? —
Herr v. E. Es wird ſich finden —
Frau v. E. die herzlich froh war, daß ſie Denen ſo auf gute Manier, ohn’ einſt ei - nem Rechtsgelehrten desfals zu beichten, losU 2war,308war, fiel ihrem Sohn ins Wort: — Dene ſoll nicht drunter leiden! — Wir werden dar - uͤber eins werden! —
Dene kuͤßte der Frau v. E. die Hand, und dem Herrn v. E. desgleichen, und ſo war alſo Herr v. E. ein treflicher Executor teſtamenti.
Herrmann erzaͤhlte dieſe Geſchichte, da er heim kam, ſeiner Tochter Minen. — Denn er war außer ſich. — Kein Stein des Anſtoſ - ſes mehr auf dem Wege zu Denens Herzen — aber, ein großes Aber, blieb ihm im Herzen ſtecken, weil es noch nicht berichtiget war, was Dene zum Abtrag haben ſolte. Minen ergrif eine große Angſt. Sie hatte beſtaͤndig Ahndungen. — In dem Augen - blick, ſchreibt ſie, da mein Vater den v. E. ausſprach, noch eh’ er ihn ausſprach, wußt’ ich, daß Herr v. E. zu uns kommen wuͤrde, nur wer er war, wußt’ ich nicht halb, nicht ein Viertel. —
Den achten Tag, ſo lange hatte ſich Herrmann wegen kleiner podagriſcher Anfaͤlle, die ihm ſehr ungelegen kamen, zu Hauſe ge - halten, langte Herr v. E., wie er ſchwor, der Muſik wegen, an, und neben her zu ſe - hen, wie Herrmann ſich befaͤnde. Minethat309that einen heftigen Schrey, da ſie den Herrn v. E. ſah. Er aber, nachdem er ſie durchs Glaß betrachtet, fand ſie aller allerliebſt — und das ſagt’ er ihr ſo ohne Ruͤckhalt, als ob ſie zum Kauf ſtuͤnde, wo jedem Vorbey - gehenden frey ſtehet, ohne Umſtaͤnd’ allerliebſt zu ſagen. —
Es blieb bei dieſem allerliebſt nicht. Sie war im Negliſchee, und da fand er das Band am Buſen ſo ſehr der Jahrszeit angemeſſen, daß man es nicht beſſer in Paris haͤtte waͤh - len koͤnnen. — Er packte ſeine drey Glaͤſer, (durch alle drey hatt’ er ſie geſehen,) ein, und ſchien es dazu anzulegen, Minen mit ſeinen leiblichen Augen zu erreichen. Er war fertig, ſie in naͤhern Augenſchein zu nehmen. Da nahm Mine ihre ganze Gewalt im Aug zuſammen, um ihn zur Erde zu ſehen. — Er fuͤhlte dieſen Blick, obgleich er ein ganzes run - des Jahr in Paris geweſen war, und er kam wieder zuruͤck, zu ſeinen drey Glaͤſern, und zum Allerliebſt. Von dieſer Stelle haͤtt’ ihn das Auge der Tugend ſelbſt nicht wegblitzen koͤnnen. — Mine hatte nichts mehr noͤthig, als dieſen Zwitter von Franzos und Cur - laͤnder zu ſehen, um ihn unausſtehlich zu finden. — Sie wuͤrd’ uͤber den erſten Sterb -U 3lichen310lichen mich nicht vergeſſen haben. Sie war ganz mein. Sobald ſie dieſen Gecken geſe - hen hatte, ſahe ſie, was ſie oft geſehen, daß ihre Ahndungen nicht immer traͤfen. — Ein Geck dieſer Art kann nicht ſchwer zu ent - fernen ſeyn, dachte ſie, und in Wahrheit ſie dachte ſehr richtig, denn mich duͤnkt, nichts iſt einem jeden gutdenkenden Maͤdchen leich - ter, als einen Stutzer, der ein Jahr in Pa - ris geweſen, auf ſeine Graͤnze und zu ſeinen drey Glaͤſern zu bringen — ich weiß wohl wer unverſchaͤmter iſt.
Es iſt mir unbekannt, ob meine Leſer ſchon einen curſchen Franzoſen geſehen haben! Werth zu ſehen iſt er! Franzos und Curlaͤn - der reimen ſich, als Chapeaubashuͤtchen und Stallmeiſterſtiefel, als Sonnenſchirm und Jagdtaſche. —
Ich habe ſchon die Ehre gehabt, den Herrn v. E. als meinen Nebenbuhler zu praͤ - ſentiren, und jetzt kennen ihn meine Leſer noch oben ein.
Herr v. E. konnte nicht ein Auge, oder eigentlich ein Glaß, von Minen laßen. — Er war außer ſich, ſteckte die drey Glaͤſer an ihren Ort, und kam wieder an das der Jahreszeit ſo angemeſſene Band am Buſen,das311das man in Paris nicht beſſer waͤhlen koͤn - nen. — Mine warf ihn auch wieder mit ei - nem Blick zu Gottes Erdboden — den Elen - den! der nicht werth war, daß ihm die Sonne beſchien. — Dem Kuß zum Abſchiede ward ihr ſchwer zu entgehen, ſie entgieng ihm zwar; indeſſen fiengen ihre Ahndungen wieder ihr Recht zu behaupten an. — Herrmann ſelbſt ſchien die Freyheiten, die ſich Herr v. E. her - ausgenommen, zu mißbilligen. Dieſen Schein dedicirt’ er indeſſen blos Minen hin - ter des Herrn v. E. Ruͤcken. — Uebrigens verſtattete das Podagra dem Herrmann nicht, ſo hart er ſich gleich ſtelte, den Herrn v. E. ſo weit zu begleiten, als ſeine Geburt es mit ſich brachte, und wegen dieſes Umſtan - des konnt’ er nicht aufhoͤren, um Verzeihung zu bitten. —
Schon den folgenden Tag ward Herr - mann zur Frau v. E. gebeten; allein er konnte von dieſem Ruf erſt den dritten Tag Gebrauch machen. — Herrmann war noch nie ſo bitterboͤſ’ aufs Podagra geweſen, als diesmal.
Herr v. E. haͤtte beynah, wie er ſich aus - druͤckte, den Verſtand uͤber Minen verlo - ren! — Dazu, glaub’ ich zwar, wuͤrde we -U 4nig312nig erforderlich geweſen ſeyn, weil er gewiß keine große Summe zu verlieren hatte; in - deſſen ſahe man aus allem, daß, ſo bereiſet er gleich war, er ſelten eine ſo ſchoͤne Gegend, als Minchen, gefunden, obgleich er ein gan - zes rundes Jahr in Paris geweſen.
Da er ohne und mit den drey Glaͤſern geſehen, daß Minchen kein bonum vacans, (erbloſes lediges Gut,) wobey der Dieb gal - genfrey ſtehlen kann, ſondern zu tugendhaft waͤr’, um ſein aller Allerliebſt zu beherzigen; ſo fand er noͤthig, einen andern Weg einzu - ſchlagen, und dieſe Feſtung, nach ſeinem Ausdruck, die nicht im Sturm uͤbergieng, durch Liſt einzunehmen. —
Nachdem ich das Teſtament, fieng er an, genau erwogen, find ich Ihre Schei - dung von Denen ſo leicht nicht, gnaͤdige Mutter, als zuvor.
(Herrmann und Dene gegenwaͤrtig.)
Das dacht’ ich wohl, erwiederte Frau v. E. in ihrer Unſchuld. Ein Teſtament iſt ein Teſtament. — Es iſt der Wille eines Vaters! eines Gemahls! der lezte Wille — und ich glaube nicht, daß ſie ſich von Denen ſo leicht zu trennen im Stande ſind. —
Die313Die Frau v. E. wuͤrde mehr geſagt haben, wenn nicht der Herr Sohn dieſes Drama in Gegenwart Denens und Herrmanns aufgefuͤh - ret. Die Mutter ſchrieb dieſen Umſtand auf die Rechnung ſeines Leichtſinns; allein er ge - hoͤrt’ auf ein unwuͤrdigeres Blatt, auf die Rechnung einer niedrigen Liſt. Es war die - ſes Drama Ausduͤnſtung eines boͤſen Her - zens. Die Mutter blinzte bald mit dem rech - ten, bald mit dem linken Auge; allein der Sohn ließ den Vorhang nicht fallen, das Stuͤck hatte ſeine fuͤnf Aufzuͤge — Dene und Herrmann hoͤrten wie natuͤrlich auf. Er machte dem Herrmann, auf den es bey die - ſer Liſt angelegt war, ſo bange, daß er ſte - henden Fußes Minen verrathen und verkauft haͤtte, wenn er damit dem Teſtament eine guͤnſtige Wendung geben koͤnnen. Dies war das Ziel, nach welchem Herr v. E. redete. —
Je mehr ſeine Mutter bey dieſer Sache abbrach, je weitſchweifiger ward er. Sein Auge lag auf der Erde, und konnt’ alſo dem Winken der Frau v. E. nicht begegnen. — Die Mutter nahm ihn endlich bey der. Hand — er kuͤßte die Hand, und fuhr fort. — Wollen wir nicht allein, ſagte ſie? War -U 5um314um, ſchoͤnſte Mutter, antwortet’ er: es ſind ja unſere Freunde. —
Seht! was iſt Recht und Unrecht! Wachs in einer warmen Hand; du aber, gerechter Gott, ſiehſt auf alle, die auf Er - den wohnen!
Nach einem ſehr ausſtudirten Vortrage aller der Schwierigkeiten, warum Dene nicht das muͤtterliche Haus verlaßen koͤnnte, ſucht’ er mit Fleiß eine Gelegenheit, den Herrmann allein zu ſprechen, um ihn vol - lends in ſein Netz zu ziehen. Herr v. E. that, da er dieſe Gelegenheit hatte, als ob ſie ganz von ungefehr gekommen oder, wie man ſagt, vom Himmel gefallen waͤre. —
Noͤthig hatt’ er nicht, den Herrmann uͤber Denen auszufragen; denn alles war gegenkuͤndig; indeſſen fieng er von Denen, als von einer Sache, zu ſprechen an, bey der man wenig oder nichts verloͤre. Dies wirkte. — Er brachte den Herrmann immer weiter, bis er ihn endlich ſo weit hatte, daß er zu allem Ja zu ſagen warm war; nur Dene mußte von dieſem Ja abhaͤngen. Was meynen Sie, ſagte Herr v. E., wuͤrd’ ihre Tochter wohl Denens Platz vertreten? KurzMine315Mine ſolte Dene werden. — Ein Engel, ein Teufel. Herrmann nahm nicht nur den Apfel vom verbotenen Baum und aß, ſon - dern riß noch einen ganzen Aſt mit. Er dankt’ in tiefſter Unterthaͤnigkeit fuͤr die gnaͤ - dige Verſorgung, und es ward auf Treu und Glauben verabredet und abgeſchloſſen, daß Mine die erledigte Stelle der Dene ein - nehmen ſolte.
Boͤſewichter! warum ſtarrte nicht euer Kopf, da ihr dieſe Verraͤtherey, dieſen Mord, dachtet, und eure Zunge, da ihr ihn aus - ſpracht! Herrmann, deine Tochter! die Ge - rechte! kannſt du verrathen und verkaufen? Minen! die dir nicht mehr zugehoͤrt, ſondern mir! Minen! — —
Herr v. E. brachte den Herrmann krum und gebuͤckt zu ſeiner Mutter. Er trug die Sach’ oͤffentlich vor, das heißt: in Gegen - wart ſeiner Mutter und Denens, die nun wohl einſahen warum? Sie laͤchelten beyde; allein ſie fanden die Sach’ an ſich ſehr uͤber - dacht. — Die Frau v. E. hatte nur noch die eine Bedenklichkeit, daß ehe Mine Dene wuͤrde, ihr Sohn ſich mit der Fraͤulein S. verheyrathen ſolte. Es iſt nicht darum, ſon -dern316dern darum, ſagte die gnaͤdige Mutter. — Sie behauptete, dergleichen Dinge zu verſte - hen und endlich, nach vielen Zweifeln und Aufloͤſungen, blieb es dabey, daß er ſich, ehe Mine zur Frau v. E. zoͤge, wenigſtens oͤffent - lich verlobt haben muͤßte. Wer die Beyſtim - mung des Herrmanns zu dieſem Morde fuͤr Uebertaͤubung gehalten, wird jetzt auf dieſe Entſchuldigung Verzicht thun und — was vom Herrmann denken? Zu Anfange ſolte Herrmann, dem unter dieſer Bedingung ſein Ja gegeben war, Minens Ja abholen. — Dene mußt’ unter dieſer Bedingung B. ſagen; allein dieſer Plan ward abgeaͤndert. Herr v. E. entſchloß ſich, ſelbſt in hoher Perſon Mi - nens Ja abzuholen — wenn gleich Minchen nicht ehe Dene wird, ſagt’ er, als bis ich verlobt bin; ſo kann ich doch mit ihr den Contrakt vollziehen und ihn, um eine feſte Bindung zu haben, verkitten. Warum nicht, frug Herrmann? alles frug ihm nach? Das Stratagem, dachte Herr v. E., kann nicht fehlſchlagen, und du haſt das ſuͤße Vergnuͤ - gen, Minen Ja ſagen zu hoͤren — „ und „ wenn ichs auch nur durchs Glaß hoͤren ſoll. „ — Wer hoͤrt nicht gern Maͤdchen — Jas „ — ich will hin! — „
Herr317Herr v. E. machte jetzt einen ganz andern Auftritt, als im erſten Akt. Der Knoten war geſchuͤrzt. Wer den Vogel im Kefig hat, be - darf keinen Vogelleim. Ohne ihr Band am Buſen der Jahreszeit angemeſſen zu finden, ohne die Exclamation: aller allerliebſt! trug er Minen, die auf dieſen Antrag nicht im mindeſten vorbereitet war, das bewuſte Brod - ſtellchen an. — Vielleicht wuͤrd’ ein weniger kluges Maͤdchen, als Mine, drey Schritt zu - ruͤckgetreten und Bedenkzeit nachgeſucht, oder wohl gar Jageſagt haben; obgleich es an ſich immer ein falſcher, ein Pariſerzug war, dieſe Anwerbung ſelbſt, und nicht durch gute Maͤn - ner, auf deutſche Weiſe zu thun. — Mine ſagte: Nein! — Ein ſo ofnes Nein, ein ſo kurz und gutes Nein, daß Herr v. E. nicht weiter das Herz hatte, auf ein Ja bei dieſem hartſchaͤligen Maͤdchen, (wie er es zu nennen beliebte,) zu beſtehen. Herrmann war bey dieſer Anwerbung nicht gegenwaͤrtig. — Herr v. E., der von Minen Ja (dies Wortſpiel von Ja; denn ſie ſolte den Worten nach Aus - geberin, Geſellſchafterin, werden) hoͤren wolte, fand ſie auch ſchoͤn beym Nein. Er kuͤßt’ ihr die Hand! — brennend —
Ich318Ich beklage, ſagt’ er, und wußte nicht von ſich ſelbſt, ich beklage meine Mutter, mei - ne liebe, liebe Mutter, meine ſchoͤne Mutter, die ſchoͤnſte, die ich kenne. Es faͤhrt mir durch Mark und Bein, wenn mein Finger noch ſo leiſe den Ihrigen tipt. Eine aller, aller, aller - liebſte Mutter. Der Saum ihres Kleides macht mich ſchon gluͤcklich — ſein Auge re - dete weiter. — Es war ſo unverſchaͤmt, ſo ungezogen, als moͤglich. Viele Leute glau - ben zwar, daß man mit dem Auge nicht un - gezogen ſeyn koͤnnte. — Die Pariſer! —
Herrmann reiſete mit, und kam ſo bald Herr v. E. zu ſeiner S. abgieng, wieder heim. Er that Minen eine Frage, die ihr durch die Seele gieng. Wie gefaͤlt dir der Herr v. E., fieng er an — allein Mine, die das vierte Ge - bot wußte, und auf die Frage: wie ihr Dene gefiel? — „ als Mutter „ antworten konnte, beſaß keine Faßung auf dieſe außer dem Ge - biet des vierten Gebots liegende Frage: wie ihr Herr v. E. gefiele, zu antworten. Sie vergaß hiebey den Vater im Kupler, und ſprach ſo gewaltiglich, ſo zudringlich, daß ſie den Herrmann aus aller Faſſung ſetzte. — „ Solch einen Antrag „ fieng Mine an: ihre Zunge war feurig, „ ſolch einen Antrag mir! „ War319„ War ich denn auch nicht einmal eines gefir - „ nißten eines verkleideten werth? mußte mir „ denn dieſer Entwurf ganz wie er war! und „ nicht einſt gekruͤmmelt dargelegt werden! „ Mir! — zwar waͤre mir die Bosheit auch „ in ihrer Larve nicht entgangen, ich haͤtte das „ Gift auch im Wein erkannt, und wenn ich „ zu ſchwach geweſen, wahrlich! Gottes En - „ gel haͤtten mir den Vorhang aufgezogen, „ wenn er noch ſo kuͤnſtlich waͤre gewebt wor - „ den! aber dieſe Dummdreiſtigkeit im La - „ ſter! — Gott! „ — — ſie reckte ihre Hand weit gen Himmel, um ſich durch dieſe Voll - macht zu der guten Sache zu berechtigen: ſie ſprach im Namen der Tugend, als ihre Macht - haberin, und Herrmann rang die Haͤnde, ſchlug an ſeine Bruſt und verſprach, ſie nicht zu verrathen, und zu verkaufen: ſie nicht zu vertauſchen, auch ſelbſt — was konnt’ er mehr verſprechen, auch ſelbſt — „ wenn ich druͤber Denen verlieren ſoll! „ —
Dieſe Busandacht bewegte Minen, ſie fiel ihm um den Hals, ſie weinte, ſie betete, ſie verſprach ihn mit ihrer Haͤnde Arbeit zu ernaͤhren, und ihren Bruder, der bald aus der Lehre treten wuͤrde, zur Beyſteuer zu be - quemen, um ohne Denen leben zu koͤnnen. „ Dieſe320„ Dieſe Haͤnde „ ſie faltete ſie, und ſprach ſo feyerlich, als wenn ſie einen Eid ablegte, „ dieſe Haͤnde ſollen Tag und Nacht arbeiten „ „ — Herrmann war wirklich bewegt. „ Iſt „ ihnen der Unterricht der Kinder ſchwer, ſie „ koͤnnen ja nicht blos ein Mundwerk, ſon - „ dern mehr als ein Handwerk — „ Pfuy, ſagte der alte Herr, ſo geruͤhrt er auch war. Mine wolte das Handwerk dieſes Pfuys we - gen verreden; allein Herrmann ließ ſie nicht vom Fleck. Handwerk! fuhr er fort. Wie kannſt du mir ein Handwerk vorruͤcken? Was hab’ ich denn fuͤr eins getrieben? Die Schnei - derey an ihren Ort geſtelt, wo ich doch auch kein Kleid, keinen Ueberrock, ſondern Sa - chen fertigte, die nicht ins Auge fielen. Bruſttuͤcher und ſo was. — Von Stie - feln Schuh, von Schuhen Pantoffeln kuͤnſteln, heißt das Schuſtern? Und etwas aus Thon drechſeln, heißt das Toͤpfer ſeyn? Ich war, damit du’s einmal fuͤr allemal weißt, Freyſchneider, Freyſchuſter, Freytoͤpfer, ſo wie viele von unſern Hochwohlgebohrnen Herren, wenn ſie von Reiſen kommen, Frey - maͤurer ſind. Mine gab ſich alle nur erſinn - liche Muͤhe, ihren Vater zu beruhigen; al - lein vergebens. Er konnt’ ihr das Hand -werk321werk nicht verzeihen, und die Schule? fuhr Mine fort. Auch nicht! erwiederte Herr - mann, der nicht Commißbrod eſſen wolte, wenn er magenverderbendes Gebacknes haben konnte. Du weißt, ſagt’ er ihr, daß wir die letzte Zeit jaͤhrlich eingeſchuſtert haben. — (Gern haͤtt’ er dieſes Wort zuruͤck gehabt. ) — Du weißt — — Mine weinte. — Sie lei - tet’ ihren Vater auf Gott, den Brunnquell aller Gnaden! Wie ein Vater ſich erbarmet uͤber ſeine Kinder, ſo wird ſich Gott erbarmen uͤber uns, wenn wir ihn fuͤrchten — wenn wir auf ſeinem Wege wandeln, ſeine Rechte halten und darnach thun. Ich will Nacht und Tag zu Gott empor rufen! Ich will eine Naͤhſchule halten, ich will beten und arbeiten, bey Brod und Waſſer. — Ich will alles, alles verſuchen, was ehrlich und recht iſt, vor Gott und Menſchen. — — Aller Augen warten auf den Herrn! Er giebt Speiſe zu ſeiner Zeit, er thut ſeine milden Haͤnd’ auf, ſaͤttiget alles was lebet, bis auf die himmelſchreiende Ra - ben. Sind wir denn nicht, als ſie! — Mine ſagte dies mit ſolcher Zuverſicht, daß Herr - mann ihr nicht weiter den Vorſchlag von Mund und Handwerk nachtrug. —
Zweiter Th. XHerr -322Herrmann wiederholte ſein Verſprechen langſam, bedaͤchtig, als ſchwoͤr’ er einen Eyd, Minen zu behalten, auch wenn er Denen druͤber einbuͤßen moͤchte. —
„ Wie haͤtt’ ich, ſchreibt Mine, ihm Glau - „ ben verweigern koͤnnen! — Das Blut, das „ mir bey dieſer Scene zu Herzen ſchoß, redete „ fuͤr ihn „ — — So weit konnt es Mine nicht bringen, daß er nicht mehr nach — zur Frau v. E. reiſete. —
Wer hingeht, ſagte Herrmann, muß zu - ruͤckgehen: indeſſen wiederholt’ er mit einem feyerlichen Gott anrufenden Blick ſein Ver - ſprechen. Es war gleich den folgenden Tag nach ſeinen Bruſtſchlaͤgen, nach ſeinem Blick, oder, welches einerley iſt, nach ſeinen Schwuͤ - ren, da er zur Frau v. E. dringend geladen ward. Mine nahm Gelegenheit, da ſie ihren Vater auf dem rechten Wege hatte, ihm unſere Verbindung ſo deutlich zu machen, daß nur noch die Worte fehlten: ich bin mit Alexan - der verlobt, wir ſind Eins. — Mit Fleiß oͤfnete ſie ihm Ausſichten, wodurch er Denens wegen entſchaͤdigt werden ſolte, und glaubte ſie, wie ſie ſchreibt, ihn im Geiſtlichen und im Leiblichen gewonnen zu haben. So unbe -ſchei -323ſcheiden Herrmann in dergleichen Faͤllen war; ſo haſcht’ er doch nach keiner Sylbe mehr von mir, als ihm Mine gab. Dieſe Beſcheiden - heit leiſtete Minen Buͤrgſchaft fuͤr alles. — Vergeſſen Sie ihre Tochter nicht, ſagte Mine, da er von ihr Abſchied nahm, Gott wird ſie auch nicht vergeſſen, wenn ihnen Huͤlfe, Troſt, Rath, — Noth iſt. Es bleibt, erwiederte Herrmann, und ſchwur wieder mit einem Blick. — —
Um alſo zuruͤckzugehen, gieng Herrmann noch — und Mine war voll guter Hofnun - gen, und dieſe gab ſie, ſo ſehr ſie gleich das lange Ausbleiben des Vaters befremdete, doch noch den ganzen Tag, den Abend, die Nacht, den folgenden Mittag, nicht auf. —
Da aber Herrmann auch den Mittag drauf noch nicht zu Hauſe kam, ſtiegen wieder Wolken oder Ahndungen auf. Sie wartete noch dis Mittag des folgenden Tages, und nun war es Minen mittagsklar, daß ihr Vater ſo viel Zeit nicht bedoͤrfe, um zuruͤck zu ge - hen. Gegen Abend ein Brief von Herr - mann! — Mine wußte ſchon, eh ſie ihn oͤf - nete, was drinn war, und meine Leſer wer - den es auch wiſſen —
X 2„ ich324Das war der abſcheuliche Inhalt eines Briefes, den ein Mann ſchreiben konnte, in deſſen Mark Gichtgift verborgen lag, das oft, eh’ er ſichs verſah, aufgaͤhrte! Der mit fey - erlichen Gott anrufenden Blicken geſchworen hatte. — O Herrmann, konnteſt du ſo mit dem vaͤterlichen Segen ſpotten, und ſo mit dem Tode? und ſo mit Eyden?
Mit dieſem Brief’ ein ſehr gemeines Fuhrwerk, um alles deſto glaubwuͤrdiger zu belaͤgen — und die Sache deſto kluͤglicher zu machen. Man wolte durch dieſen Einfall den vorigen zu plumpen Plan ausputzen, und in einem elenden Zimmer Schildereyen auf - ſchlagen. —
Mine ſchrieb ſehr kalt an ihren Va - ter, bedaurete ſeine Zufaͤlle, kommen wuͤrde ſie nicht, die Urſachen muͤßten ihm erin - nerlich ſeyn, ſie hoff’ er wuͤrde ſein Verſpre - chen erfuͤllen, und hiemit: leben Sie wohl! —
Dieſer Brief machte dem Herrmann na - tuͤrlich ſehr viele Muͤhe, um ſich herauszu - winden; denn er hatt’ aller ſeiner Betheu - rungen unerachtet, auf den erſten gegenſei -tigen325tigen Angriff alles, alles, aufgeopfert, alles. — Das Wort von der Hofnung, daß Herr - mann ſein Verſprechen erfuͤllen wuͤrde, das Mine eingeſtreuet hatte, machte ſeiner Hermenevtik die meiſte Muͤhe. Herr v. E. ſowohl, als Dene, wolten daraus herleiten, daß er zween Herren diene. Dieſer ſaure Schweiß bey der Auslegung brachte den Herr - mann wider Minen auf eine hoͤchſt ungerecht’ und unnatuͤrlich’ Art auf. Nun hatt’ er mit genauer Noth dieſe Briefſtelle gerettet und die hohen Anweſenden uͤberzeugt, daß er nur ei - nem Herrn diene, und nun war ihm auch nichts heilig. Der Satan fuhr in ihn. Er wolte Gift miſchen, und wußt’ es nur nicht anzu - fangen. — Er entdeckte meine Verlobung mit Minen, als den einzigen Grund ihres Neins. — Die Sache ward im ganzen Zuſam - menhange genommen, und nach dem er meine Mutter und meinen Vater und mich! (Herr v. E. erinnerte ſich meiner Haarklein,) in Lebensgroͤße dargeſtellt, ſo ward beſchloſſen, meiner Mutter Minens Liebesverſtaͤndniß mit mir, zu entdecken, ihr einen von meinen Briefen in der Urſchrift beyzulegen, und Mi - nen alle Auswege zu beſchneiden, den Stri - cken ſo vieler Teufel zu entkommen —
X 3Arme,326Arme, arme Mine!
Herrmann kam, um ſeine Krankheit deſto wahrſcheinlicher zu machen, und Minen deſto gewiſſer ins Verderben zu ſtuͤrzen, erſt nach dreyen Tagen, von dieſem ungluͤcklichen Brief’ an gerechnet, nach Hauſe. Was Mine waͤhrend dieſer Zeit ausgehalten, iſt unbeſchreiblich. Die erſte Beſchaͤftigung des Herrmanns nach ſeiner Ruͤckkunft war, einen von meinen Briefen an Minen zu entwenden. Dieſer Vorpoſten macht’ ihm keine Muͤhe, weil Mine von dieſer Seite nichts befuͤrchtete. Vielleicht kuͤhlt’ ihn dieſer Umſtand, oder vielmehr die Vorſtellung, daß Zorn die gute Sache verderben koͤnnte. Seine Maske war Guͤt’ und Freundlichkeit. Eine leichte Rolle fuͤr einen Boͤſewicht. Der entwandte Brief ward ſogleich an die Behoͤrde, nemlich an meine Mutter, und zwar in Begleitung ei - nes anonymiſchen Briefes verſandt.
Ich weiß nicht, ob meinen Leſern mit einem Theil des anonymiſchen Uriasbriefes ge - dient ſeyn werde, womit dieſe Rotte Mi - nen bei meiner Mutter anſchwaͤrzte, um ihr die letzte Troſtquelle zu ſtopfen. Herr - mann war dabey der Faͤnchenfuͤhrer; dennoben327oben ein raͤcht’ er ſich an meiner Mutter, ohne daß ſie wußte, von wannen es kam.
„ Da leſen Sie ſelbſt! hochzuehrende Frau Paſtorin. Sie kennen Bild und Uberſchrift — wahrlich ein unwuͤrdiger Sohn einer ſo wuͤrdigen gottesfuͤrchtigen Mutter, die ge - nug fuͤr ihn gebetet und geſungen hat! So viel iſt indeſſen gewiß, daß er nicht der Ver - fuͤhrer, ſondern der Verfuͤhrte ſey. Retten Sie ſeine Seele, die im Argen liegt, und machen Sie, daß er ſie aus dem Argen ziehe, und in ſeinen Haͤnden trage. — Die ganze Gegend, und vorzuͤglich die in derſelben, ſo ſeine Predigt angehoͤret, ziehen uͤber ihn die Achſeln. Man glaubt, er habe Wilhelmi - nen ein lebendiges Andenken zuruͤckgelaſſen. Das wolle der Himmel nicht! Indeſſen waͤr’ aus den Worten: Mann und Weib, du und du, auf ein dergleichen im Verborgenen gebildetes Andenken, dem Sie, hochzueh - rende Frau Paſtorin! gewiß den Namen Großkind entziehen wuͤrden, nicht unſicher zu ſchließen. — Das beſt’ iſt, Wilhelminen — den Kauf aufzukuͤndigen, und ihr bey Haͤn -X 4gen328gen und Wuͤrgen alles Einverſtaͤndniß mit dem Herrn Sohn zu unterſagen, der in Koͤnigs - berg nichts thut, als Wilhelminen ſchriftlich lieben. Man weiß aus ſicherer Hand — „ Genug, ich kann nichts mehr abſchreiben.
Mein Brief an Minen, den Herrmann entwendet hatte, und der dieſem Schleich - handel den Schein des Rechts beylegte, war wie gewoͤhnlich treu und herzlich. — Die Stelle:
„ O! Mine, o Weib! Du biſt mir wie ge - „ genwaͤrtig, und alles, alles, iſt mir ge - „ genwaͤrtig. Denkſt du auch dran, wenn „ wir uns die Augen kuͤßten, als traͤnken „ wir ſie aus, wenn ich deine Hand ſo feſt „ an mein Herz hielt, daß du jeden und „ den allergeheimſten Schlag drinn fuͤhlen „ konnteſt, den Puls der Liebe — „
Dieſe Stelle klammerte meine Mutter ein, und nahm ſie in frommen Beſchlag. Zur Seite ſchrieb ſie „ Gedenke nicht der Suͤn - „ den meiner Jugend und meiner Uebertretun - „ gen, gedenke aber mein nach deiner großen „ Barmherzigkeit! — Ueberall, wo Weib ſtand, zog ſie einen Strich, als zoͤge ſie ei - nen Vorhang — —
Mine329Mine konnt’ es nicht uͤber ihr Herz brin - gen, ſich nach dem Befinden ihres Vaters zu erkundigen. Er dagegen hatt’ auch kein Herz, an ſeine Krankheit zu denken. Herr - manns Geſicht war bei aller angenommenen Freundlichkeit ſo durchſichtig, daß Mine woͤrtlich ihr Schickſal daraus abnehmen konnte. —
Er fieng die Lobred’ auf Herrn v. E. mit dem Eingang an: Wir haben uns geirrt, Mine. Irren iſt menſchlich. Wir haben uns geirrt. Herr v. E. iſt nicht der Herr v. E. den wir glaubten, ſondern ein ganz anderer Herr v. E.. Der Text der Lobrede betraf ſeine Verlobung mit der Fraͤulein S., und ſeine Erd - Wand - Band - Niet - und Nagel - feſte Liebe zu ihr.
Oft kam die Verlobungserzaͤhlung ſo un - zeitig, daß Mine mehr als zu deutlich ſehen konnte, was dieſe Wiederholung ſagen wollte. — Nach einer Weile fieng er an: du kannſt nicht glauben, mein Kind, wie du dich durch deine Tugend dem Herrn v. E. empfohlen haſt: er hat zum erſten und zum zweiten mal ein Geſchenk fuͤr dich in der Hand gehabt; allein du haſt ihm ſo viel Achtung eingefloͤßt, daß er es nicht wagen doͤrfen —
X 5Ein330Ein Geſchenk, warum das?
Beym Geſchenk, liebes[Kind], fraͤgt nie - mand warum?
Mine konnt’ und wolte nicht, ihren Va - ter an ſeine Schwuͤre erinnern. Sie zit - terte. —
Wenn ſich zu ſeiner Zeit ein Candidat faͤnde, der dich heyrathen wolte, fuhr Herr - mann fort, er ſolte gewiß nicht lange auf ein Paſtorat warten doͤrfen. — Hat der Herr v. E. Paſtorate zu vergeben, frug Mine bitter? Das nicht; allein die Con - nexion der Edelleute untereinander —
Wieder nach einer Weile. Magdalene wird meine Frau! Das war nicht der erſte Blitz, der Minen durchs Herz gieng. — Meine Frau! wiederholte Herrmann: ob du aber ihre Tochter werden willſt, haͤngt von dir ab — die alte gnaͤdige Frau will dich — du ſolſt nichts mit der jungen Herrſchaft zu thun haben. Herr v. E. heyrathet, das weißt du doch?
Ja, ſagte Mine, ich weiß —
Wieder nach einer Weile. Er will, wenn du verlangſt, noch herkommen undſich331ſich wegen ſeines Antrages bey dir entſchul - digen, den er dir ſehr unzeitig gethan. Sei - ner Mutter kam dieſer Antrag zu.
Ich ſolte denken, ſagte Mine — und dann wieder nach einer Weile: er ſieht ſeinen Fehler ein. —
Mit, oder ohne Glaß, erwiederte Mine ſo bitter, ſo Todes bitter, daß das weiſe Hofmaͤnnchen ganz aus dem Concept kam.
Mine war in einer ſchrecklichen Situa - tion. — Sie ſagt’, ihr Plan waͤr’, ihre kuͤnf - tige Stiefmutter zu ehren, nie wuͤrde ſie in den Hof, mein Leben, ſetzte ſie ſehr lebhaft hinzu, und meine Ehr’ iſt eins!
„ So „ ſagte Herrmann.
Ja, Vater, ſagte Mine. — „ Und weißt du auch „ Er wolte zu drohen an - fangen; allein eben zu rechter Zeit fiel ihm ſeine Mask’ ein, er begnuͤgte ſich daher gros - muͤthigſt, Minen den Bettelſtab, Elend und Verachtung, zu prophezeihen.
Arme Mine, edel ungluͤckliches Maͤdchen! Ich empfinde, was du empfandeſt, und doͤrft’ ich doch nicht erzaͤhlen, was Minen ſehr na - tuͤrlich noch weit ungluͤcklicher, noch bedau - renswuͤrdiger machen mußte.
Dies332Dies verfolgte ungluͤckſelige Maͤdchen entſchloß ſich in den Armen meiner Mutter eine Freyſtadt zu ſuchen. Sie war aufs aͤuſ - ſerſte gebracht. Es ſchrieb an ſie. Den Brief hat Mine mir nie gezeigt. Es iſt deine Mutter! ſchrieb die Holdſelige, und machte einen —
Ehe ſie aber dieſen Brief abſchicken konnte, ſiehe da! ein Brief von meiner Mutter an Minen. Die Wuͤrkung des Uriasbriefes und ſeiner Beylage. Dieſer Brief fieng ſich an:
„ Es will verlauten, daß Sie meinen „ Sohn verfuͤhret haͤtten und noch verfuͤhren „ — „ und ſchon dieſer Anfang lehret, daß meine Mutter dem Uriasbriefe ſeine Schliche abgemerket und den Verfaſſer fuͤr das, was er war — einen Schwarzkuͤnſtler, gehalten. Sie glaubte ſein Hokuspokus vom lebendigen Andenken nicht; allein anſtatt daß ſie der verfolgten Mine, ihrer ſo wohlgerathenen Schwiegertochter, die Hand geben und ſie in Schutz nehmen ſollen, was that ſie? Sie verſchwieg dieſen ganzen Vorgang meinem Vater! und wenn ich ihren Brief ganz mei - nen Leſern mittheilen ſolte; wuͤrd’ ich der Ach - tung zu nahe treten, die ich meiner Mutter ſchuldig bin. Sie ließ Minen, aus beſonderer Milde, Vorzuͤge; nur den konnte ſie ihr nichtzuge -333zugeſtehen, die Frau eines Paſtors, und die Schwiegertochter einer ſo ahnenreichen Pa - ſtorin zu werden. Es waͤre nicht das erſte - mal, ſchreibt ſie, daß ein Cavalier ein ar - mes Maͤdchen geheyrathet haͤtte, ſie wuͤnſchte, daß aus Scherz Ernſt, und Mine die Frau v. E. wuͤrde: „ denn unverhofft - ſetzte ſie hin - zu - kommt oft -
Ein Paar Stellen muß ich ohngekuͤrzt geben:
„ Es waͤre Stank fuͤr Dank, wenn Sie „ die Nachbarsrechte ſo gewiſſenlos aus den „ Augen ſetzen, und meine grauen Haare ſo „ mit Schimpf und Schande hinab ins Grab „ bringen wolten. Ich habe etwas in Origi - „ nali geleſen, auf deſſen Rechnung eine grau - „ gewordene Stelle meines Hauptes gehoͤrt. „ Ich weiß die Minute, da ſie grau ward. „ Gott verzeih dem Urheber dieſes etwas in „ Originali die graue Stelle auf meinem „ Haupte. — Laſſet alles ehrlich und ordent - „ lich zugehen, das, daͤcht’ ich, hieße wohl „ ziemlich klar und deutlich, die Tochter ei - „ nes noch zu bezweifelnden Litterati koͤnne „ meine Schnur nicht werden. — Ich habe „ ſchwarz auf weiß, und verbitt’ alle Spruͤnge „ durch einen Reif; alle Kunſtſtuͤcke der Ent -„ ſchul -334„ ſchuldigung, und kurz und gut, alles und „ jedes zur Antwort, die ich, ſo warm als „ ich ſie erhalte, zuruͤckſenden werde. Ih - „ ren Zuſpruch muß ich noch aus einer Ur - „ ſach mehr verbitten, auch ſelbſt wenn Sie „ an der Hand meines Sohnes kaͤmen, wuͤrd’ „ ich fuͤr beyde uͤber Feld gegangen, und „ nicht zu Hauſe ſeyn. So was kann nicht „ geſchlichtet, ſondern muß gerichtet werden. „ Ungern hab’ ich an Sie geſchrieben; allein „ um nicht Oel zum Feuer zu gießen, und „ das allgemeine Gerede noch gemeiner zu ma - „ chen, das ohnehin ſchon in fliegende Blaͤt - „ ter ausartet, wie eine Raupe in einen „ Schmetterling — blos darum dieſer Brief, „ der erſt’ und der letzte —
Da war nun Mine von aller Welt verlaßen! Dieſe Gerechte! das ſchwarz und weiß, und das allgemeine Gerede, und das etwas in Originali, auf deſſen Rechnung eine grau - gewordene Stelle gehoͤrte, die Gott dem Ur -heber335heber verzeihen ſolte, waren Minen unbe - greifliche Dinge; — allein die Hauptſache war deſto brgreiflicher. — Mine that ihren Mund nicht auf. — Zu meinem Vater ſich zu wenden, hatte ſie kein Herz. — Es fiel ihr der Ueberfall im Waͤldchen ein. — Dieſer hatte bey Minen etwas zuruͤckgelaſſen, was ſie hielt — ſie wolte ſchon; allein ſie konnt’ es nicht vollenden, o! liebe, liebe Mine, warum nicht? —
Als ich einem meiner Freunde aus freyer Fauſt meinen Lebenslauf erzaͤhlte, und an dieſe Stelle kam, bey der ich ihn fragte: ha - ben Sie das von meiner Mutter gedacht? antwortet’ er: ja, Freund; denn ſie konnte buchſtabiren, ſie ſetzte ihren Caſum, und war fromm.
Ob mein Freund recht gerichtet, moͤ - gen meine Leſer, nicht hier, ſondern uͤber ein kleines beurtheilen. — —
Herr v. E. kam jeden Sonntag’ in unſre Kirche. Mine ſah ihn nicht an; allein er ſahe ſie, und wie er ſahe? das wiſſen wir ſchon. Er verlobte ſich wirklich mit dem Te - ſtaments Fraͤulein; den Sonntag darauf war er in unſrer Kirche mit ihr, und trieb dieSache336Sache ſo weit mit Minen, daß alles das Kir - chengeſtuͤhl, wo Herr v. E. ſaß, und Minen, in einer Reihe anſahe, ſo, daß mein Vater ſelbſt ein paarmal ein Wort zweymal ſagen, und ein andres lang ziehen mußt’, um ſich auf das folgende zu beſinnen. So ſehr ward er geſtoͤhrt! Mine hoͤrt’, indem ſie aus der Kirche gieng „ der Braut im Geſtuͤhl druͤckt’ er „ die Hand, und von Jungfer Minchen laͤßt er „ kein Auge, was iſt beſſer Hand oder Auge? „
Herrmaun ward in dieſer Verlobungszeit mit keiner Ladung beehrt; allein daß er mit dem Herrn v. E. in Verbindung war, ergab ſich unter andern daraus, weil ſie haͤufig Briefe wechſelten, weil verſchiedenes in die Kuͤche kam, wovon aber Mine keinen Biſſen aß, und weil Herrmann ſo gefaͤllig gegen Mi - nen that, daß ſie ſich vollſtaͤndig uͤberzeugte: es gieng’ etwas vor. —
Sie hatte ſchon oft an ihren Bruder in dieſen Herzensnoͤthen geſchrieben; jetzt ſchrieb ſie dringender, und Benjamin kam. Seine Ankunft konnte bey Herrmann um ſo weniger Verdacht erwecken, da er ſelbſt verlangt hat - te, daß ſein Sohn zur Schicht und Theilung kommen ſolte. Es iſt unausſprechlich, wie ſich Mine freute, ihres Geliebten Gevollmaͤch -tigten,337tigten, ihrer Liebe Zeugen, ihren Benjamin zu ſehen. — Sie konnte ſich nicht zuruͤckhal - ten, dieſe Freude vor den Augen des Vaters aufflammen zu laſſen — Schoͤn, wie ein Opferfeur!
Mine entdeckt’ ihrem Bruder mehr, als ſie zu ſchreiben im Stande geweſen, und Ben - jamin kannte ſie kaum wieder; ſo ſehr hatte ſie ſich veraͤndert: arme, arme Mine, rief er, und ſah ſich um, ob es auch Herrmann ge - hoͤrt haͤtte. — Die ungewoͤhnlich ſtarke Cor - reſpondenz ihres Vaters mit dem v. E. fiel beyden zu deutlich auf. Zwar giengen alle Briefe: An die Hochedelgebohrne Ehr und Tugend belobte Jungfer Magdalene — dienſtfreundlichſt in indeſſen ſchien ſie nur uͤberhaupt das Feigen - blatt zu ſeyn. Bald, ſchreibt Mine, hatt’ ich Hofnung, es wuͤrd’ ein Ende gewinnen, daß ich’s koͤnnt’ ertragen, bald verlohr ich den letzten warmen Tropfen Muth — und ich zittert’ uͤber Leib und Leben. — So gieng es auch dem Benjamin. — Ohne daß dieſer ſei - ner Schweſter ſagte, (wer weiß, ob ſie’s zu - gegeben haͤtte?) entſchloß er ſich, da Herr -Zweiter Th. Ymann338mann einen guten Nachbar beſuchte — (noch ward er nicht zum Herrn v. E. beſchieden,)
das Pult zu oͤfnen, und eine handvoll Briefe zu nehmen. Er rief ſeine Schweſter, „ lies „ ſagt’ er. Sie konnte nicht weit kommen. Es uͤberfiel ſie eine Ohnmacht, nach wenigen Rei - hen. Meine Leſer ſollen einen Brief ganz le - ſen und eine Antwort ganz.
Brief des v. E. an Herrmann.
Herr! ſie ſollen nicht Denen haben und wenn ich Denen ſelbſt heyrathen ſolte. Ich ſelbſt! hoͤrt der Herr! wenn ich ſie ſelbſt ſolte. Ihr kruumer Puckel und ihr Haͤndedruck macht es nicht. Fuͤr was iſt was! Ich bin Sohn, und will das vaͤterliche Teſtament aufrecht erhalten. Das will ich! ich will das! Der Herr ſchreibt nicht hin, nicht her! nicht gehauen, nicht geſtochen. Ich muß wiſſen, woran ich bin! denn ich liebe ihre bildſchoͤne Tochter zum Entſetzen. Unter uns geſagt, ich denk auch nicht, daß Sie ihr Va - ter ſind. Minchens Mutter wird ſonder Zweifel ſo bildſchoͤn geweſen ſeyn, wie die Tochter noch iſt, und deſſen Gebeine moͤgen ſanft ruhen, der den Weg mit der Mutter ging, den ich, wenn ich lebe und geſund bleibe, mit der Tochter gehen will. — DasMaͤd -339Maͤdchen hat Verſtand, wie ein Engel, oder beßer, wie ein Teufel. Gegen mich iſt ſie ein Teufel. Damit Sie, lieber Herr - mann, ſich alles zuruͤckerinnern, worauf es bey der Sache ankommt; ſo bitt’ ich ja nicht zu vergeſſen und zu verſaͤumen, Min - chen alle zwoͤlf Stunden, und wenn es auch oͤfter waͤre, zu ſagen, daß ich heyrathe und zwar aus lichterloher Liebe. Sie wiſſen es anders, lieber Freund! allein Mine braucht es nicht anders zu wiſſen, wenn ich nicht muͤßte. — Es iſt wenigſtens ein zehnfaches Muß, das eilfte ſag’ ich keinem, als Ih - nen, meinem vertrauteſten Freunde! Ich habe Reiſeſchulden, und im kurzen werden ein halb Duzend A Datos eintreffen. Se - hen Sie nur, lieber Herrmann! um ſie recht von meiner ehrlich und redlichen Ab - ſicht zu uͤberzeugen; ich will das Teſtaments - fraͤulein und Minchen zu gleicher Zeit, mit einer Klatſche zwo Fliegen. — Sagen Sie ſelbſt, wie mir bey der Trau zu Muthe ſeyn muͤßte, wenn ich nicht auf den Troſt ihres Engels rechnen koͤnnte. Ihr gutes Herz wird mich nicht verwahrloſen. Alle Welt hat Holz zu dieſem Brande gelegt, und nun verbrenn’ ich in dieſer Flamme. Ich weißY 2alle340alle Fehler bey dieſer Sache: denn ſonſt waͤre Mine ſchon mein — ihrer ſtoiſchen Tugend unerachtet, die eben ſo wenig, wie heut zu Tag’ irgend eine Feſtung, Stich haͤlt. — Wir leben in uͤberwindlichen Zei - ten. — Ich knirſche mit den Zaͤhnen vor Liebe und vor Wuth, daß ich ſo ſchlecht ge - ſpielt habe. Wenn meine Mutter Minen den Antrag gethan, haͤtt’ ich gewonnen Spiel gehabt; allein alsdann koͤnnten Sie, Freund! ihre Kunſt nicht zeigen, alles wie - der in Ordnung zu bringen. Kurz, Herr! ſo wahr ein Teufel in der Hoͤll’ und ich ein Cavalier in Curland bin, das iſt viel geſagt, Dene iſt nicht die Ihrige, wenn Minchen nicht die Meinig’ iſt. — Eine Hand waͤſcht die andre. Wird aber Mine, Dene; ſie verſtehen doch deutſch? ſo ſollen Sie von meiner Mutter, nemlich von ihrem Witt - wengehalt, von Teſtaments wegen, ſo lange Dene lebt, und wenn Dene eher als Sie ſtirbt, noch ſo lang Sie leben, achtzig Tha - ler Albertus haben. Gelt! das ſchmeckt! Außer dem geb’ ich Ihnen ein fuͤr allemal noch zweyhundert Thaler Albertus, ſobald Minchen ſich zum Ziele legt. — Die Kinder ſol - len als deutſche Leute gezogen werden, wiemein341mein ſeliger Vater Denens Kinder gezogen hat. Um die Sach’ ihnen ganz auf ein Haar deutlich zu machen: ich verlange Mi - nen nur her, und Sie haben die Wette zum groͤßten Theil gewonnen. Es muͤßte mit dem Feu’rſpeyenden Drachen zugehen, wenn ich nicht Minchen bewegen ſollte. — Nur her, Herr Magiſter! und das Uebrige wird ſich finden, wie eine auswendig gelernte Pre - digt. Wenn Minchen ſich weigert, wie ſich ein Aſt weigert, wenn man Kirſchen pfluͤcken will: ein hundert funfzig Thaler Alb., wenn Sie nichts hoͤren und wiſſen will und doch herkommt, hundert Thaler Alb. und bald vergeſſen! Muß man doch dem Herrn alles zu Haͤchſel ſchneiden! — — Die Kruſte kann der Herr Braͤutgam nicht vertragen, darum Krume, wo nicht gar Pappe. — Ge - nug, wenn Sie ſich alle Muͤh’, es verſteht ſich all’ erdenkliche geben, Minen zu beque - men, und man dennoch Nein ſchreyt, und weint und klagt; iſt noch ein Mittel. Ich denke doch, Sie wiſſen was ein Cavalier in Curland vermag? und daß er wie Koͤnige lange Haͤnde hat? Drei verſchwiegene Kerls zu Hand - und Spanndienſten, ſind auf einen Wink hier, und dort und da. — Das beſteY 3waͤre342waͤre, ſie braͤchten Minchen her. — Schla - gen ſie vor, was ſie vor gut finden, ſparen Sie keinen Fleiß. Auch auf den Fall der drey handfeſten Kerls, funfzig Thaler Alb. und in allen Faͤllen, wo nur Mine iſt, auch Dene. Sonſt aber, hol mich der Teufel, nicht — ewig nicht! — Der Herr ſoll wie - der ſeine Klippſchule halten, und ſeine Knack - wurſt eſſen, und Kofent dazu trinken. So was von Minchen trift man nicht ſo leicht. Ich bin nicht etwa in ſie verliebt; ich bin in ſie verruͤckt, und das kommt wohl zum groͤß - ten Theil, weil ich eben Braͤutigam bin, und den verliebten ſpielen ſoll. Eine ver - dammte Rolle! Bey einer Braut, die mir ſo unertraͤglich iſt, und die mir noch uner - traͤglicher waͤre, wenn ich nicht eine Mine haͤtte, bey der ich mich erholen koͤnnte. Mi - nen gehoͤrt alles, was ich der Teſtaments - braut ſag’, und wahrlich ich wuͤrd’ ihr nichts ſagen koͤnnen, ich wuͤrde vergeſſen, was ver - liebt ſeyn und verliebt thun hieße, wenn ich Minen nicht zur Uebung haͤtte. Aber Mi - nens Tugend? — Iſt ſo etwas Tugend, ſo iſt wenig auf der Welt — hol mich der Teu - fel — wenig! — Ich ſchwoͤre nur fuͤr Eva, weil Niemand als Adam da war. — InParis343Paris und andern Orten eſſen die Schaͤfchen aus der Hand. Nur ganz zuletzt in Koͤ - nigsberg hab’ ich Ihnen ein Maͤdchen — muͤndlich mehr! Einen ſo langen Brief hab’ ich, ſeitdem ich ſchreiben kann, nicht ge - ſchrieben. Waͤr Minchen nicht der Inhalt; ſo muͤßte mich der Teufel plagen, ſo viel zu ſchreiben. Das Teſtamentsfraͤulein ſoll bey meiner Seel keinen uͤber ſechs Reihen beſitzen. Haben Sie nicht was guts von Liebesbrief - ſteller? damit ich draus ein Paar Briefe fuͤr die S. abſchreiben kann. Ich hab’ aus vie - len Gruͤnden, und auch darum, an Sie ge - ſchrieben, weil ich dich kenne du verzagter argwoͤhnſcher Hund! Nun haſt du doch was ſchriftliches in der Hand, und kannſt mich vor allen Gerichten knaͤbeln. Neu iſts bey alledem, daß meine Teſtamentsbraut die Courtage fuͤr Minchen bezahlt. Glaubt mir Herrmann! ich meyn’ es ehrlich mit Minen. Man wird von Tag zu Tag aͤlter, und muß ſolide denken. — Wenn der Paſtor uns, S. und mich, traut; laß Mine dabey ſtehen. Der Teſtamentsfraͤulein geb’ ich zwar die Hand, denn das bringt die Ceremonie ſo mit; aber Minen will ich ein ganzes Aug voll Jas ſchenken, und hol mich der Teufel,Y 4ich344ich will ſie ſelbſt anſehen, wenn ich Ja zu S. ſage, und dies Ja ſoll ſo leiſe ſeyn, daß es der liebe Gott ſelbſt kaum hoͤren ſoll. Mehr, glaub’ ich, kann Minchen nicht zur Gewiſſensberuhigung fordern, wenn Sie Superintendentin waͤre, und mehr kann ſie nicht fordern, wenn ſie zehn Jahr Jura ſtu - dirt haͤtte. Dieſer Brief muß zerriſſen wer - den, ſo bald er geleſen iſt, oder ich ſtecke dem Herrn Herrmann das Haus an. Hat Magdalena nicht oͤfter Wochen gehalten, als meine Mutter? und einen Mund voll Zaͤhne abgerechnet, was fehlt ihr zur Ehre, die Frau eines Litteratus zu werden? Reinen Wein, oder ich heiß nicht
— — v. E. —
Wenn meine Leſer die ſaubere Antwort auf dieſen curſch-franzoͤſiſchen Brief leſen wollen; hier iſt ſie:
Hochwohlgebohrner Herr und Goͤnner, Gnaͤdiger Herr Baron und Goͤnner,
Ew. Hochwohlgebohrnen werden gnaͤdigſt zu verzeihen geruhen, daß ich gleich anfaͤng - lich in aller Ehrfurcht bemerke, wie ich mich wohl zu beſcheiden weiß, an Briefe von gnaͤ - digen Haͤnden nicht gewaltthaͤtige Hand zulegen;245[345]legen; indeſſen iſt dieſer hohe Brief fuͤr Mi - nen wie verbrannt, und noch aͤrger wie ver - brannt, da ſie nicht einſt die uͤbrig gebliebene Aſche ſehen ſoll. Es wird Ew. Hochwohlge - bornen par renommee bekannt ſeyn, daß es mir nicht an Witz und Faͤhigkeit gebricht; in - deſſen ſieht mir jetzo alles ſtill, und ich muß aufrichtigſt bekennen, daß ich bei dieſer Sa - che keinen Einfall anzubeißen weiß, wenns mir das Leben koſten ſollte. Die Ochſen ſte - hen, mit Ew. Hochwohlgebohrnen Erlaubniß, am Berge. — Der Auftrag, womit Ew. Hochwohlgebohrnen mich zu beehren geruhet, zeiget von ſo vielem gnaͤdigen Zutrauen, daß ich beſchaͤmt bekennen muß, nie auf ſo viel Gnade gerechnet zu haben. Minen, (ver - zeihen Ew. Hochwohlgebohrnen, daß ich mit dem Namen meiner Tochter den Punkt an - hebe; es geſchieht blos in Ausſicht der Ehre, die ihr vorſtehet,) hab’ ich alles geſagt, was ein redlich geſinnter Vater ſeiner ins Verder - ben laufenden Tochter nur bei dieſer Gelegen - heit ſagen kann. Sie bleibt indeſſen bei dem, was Ew. Hochwohlgebohrnen ſchon wiſſen. Ich habe leiſ’ und laut geredet, ſau’r und ſuͤß, boͤſes und gutes gezeigt, Finſterniß und Licht, was hats geholfen? Was die TugendY 5ohne346ohne Brod iſt, weiß ich leider aus eigner Er - fahrung, und da Ew. Hochwohlgebohrnen entſchloſſen ſind ſich zu verheyrathen; ſo faͤllt ja alle Gelegenheit zum Verdacht weg, wel - ches in Abſicht eines Maͤdchens, nach meiner wiewohl unmaasgeblichen Meynung, die ganze Maͤdchentugend iſt. Meidet den Schein, kommt mir als die ganze Maͤdchenordnung des Heils vor. Es iſt nichts verſaͤumt, ſie iſt gebeten, ſie iſt bedroht, ſie iſt geſegnet, ihr iſt geflucht; allein ſie bleibt bey ihrem Eigen - ſinn. Ich ſag’ es ohn’ End und Ziel: Herr v. E. ſind Braͤutigam, und da ich es ihr ſchon ſo oft geſagt habe, thu ich als ſagt’ ichs zu mir ſelbſt! „ der Herr v. E. Braͤutigam! wie’s „ ihm doch laſſen wird! „ u. ſ. w. Es waͤr’ alſo mein Rath, uͤber drey Wochen, ſo lange geruhen Ew. Hochwohlgebohrner ſich gnaͤdigſt zu behelfen, zu uns zu kommen, und noch Hochſelbſt einen Beſuch zu kuͤnſteln. Wie wuͤrd’ ich mich freuen, wenn er einſchluͤge. Solt’ auch dieſer Vorſchlag vergebens ſeyn; ſo muß ich ſchon auf die drey verſchwiegene Kerls votiren, und werd’ich alsdann muͤnd - lich Zeit und Ort zu beſtimmen die Gnade ha - ben; indeſſen bitt’ ich, ihr dieſe Widerſpen - ſtigkeit nicht nachzutragen, ſondern ihr ſo -gleich347gleich zur bewuſten Brodſtelle zu verhelfen, und mit der Zeit ſie ihrem Seelenhirten, als Paſtorin, zu uͤberliefern. Ew. Hochwohl - gebohrnen koͤnnen ſich ganz ſicher darauf ver - laſſen, daß ich nicht zum erſtenmal bey einer ſolchen Gelegenheit, wo drey verſchwiegene Kerls dabey ſind, in Dienſt geweſen; nur bey einer Tochter, ich muß es zu meiner Schande bekennen, doͤrft’ es mir ſchwer werden, falſch zu weinen, und die Haͤnde zu reiben. Viel - leicht kann ich indeſſen ſo gluͤcklich ſeyn, und mir die einhundert funfzig Thaler Alb. ver - dienen, daher wiederhohl’ ich ganz unter - thaͤnigſt meine Bitte, mir und ihr annoch drey Wochen huldreichſt nachzuſehen. Fuͤr die Nachricht von Magdalenens gluͤcklichen Nie - derkuͤnften bin Ew. Hochwohlgebohrnen ich ganz dienſtlich verbunden; indeſſen wuͤnſcht’ ich doch ohnſchwer zu wiſſen, wie oft ſie Dero ſeliger Herr Vater begnadiget, um ſie deſto hoͤher ſchaͤtzen zu koͤnnen. Wiewohl ich ohne Stolz glaube, daß es ihr nicht gleichguͤltig ſeyn koͤnne, daß ſie einem Litteratus zu Theil wer - de. Ew. Hochwohlgebohrnen Bedienter hat ſich ſehr ſchoͤn bey dieſem Briefe genommen. Er verdient das Geſchenk, wozu Ew. Hoch - wohlgebohrnen ihm bedingliche Hofnung gege - ben. — Meine Tochter iſt auf keinen Schat -ten348ten von Verdacht gefallen, und da ich, wie ihr bekannt iſt, mit der Jungfer Dene in einem Liebesverſtaͤndniß ſtehe, ſo kann es ſie nicht befremden, daß ich in dieſer kritiſchen Zeit mehr ſchreibe, als ich ſonſt zu ſchreiben gewohnt geweſen. Wenn Mine an Ort und Stelle und, (was ich unter Ort und Stell’ einbegreife,) zu ſich ſelbſt zuruͤckgekommen ſeyn wird; ſo wird ſie’s einſehen, wie redlich gut es Ew. Hochwohlgebohrnen mit ihr ge - meynet. Ich weiß nicht, was ſie bei der hef - tigſten Gewiſſenskolik, (anders kann ich die Stiche nicht nennen, welche die Maͤdchens uͤber dergleichen Dinge zuweilen, wenn ein Ungewitter aufſteigt, befallen,) mehr beruhi - gen koͤnnte, als wenn ſie erwaͤget, daß ſie die Ehre gehabt, in gewiſſer Art ſelbſt mit Ew. Hochwohlgebohrnen getraut zu werden. Das Aug iſt doch wohl mehr am Menſchen, als die Hand, obgleich mir noch wohl bekannt iſt, daß Ew. Hochwohlgebohrnen eine weiße Hand nicht verachten, wie es denn auch wohl zu ſeiner Zeit ein Leckerbiſſen ſeyn kann. Uebri - gens rechnet Ew. Hochwohlgebohrnen ganz unterthaͤniger Diener es ſich zur vorzuͤglichſten Ehre, daß Ew. Hochwohlgebohrnen ihn mit einem ſo langen Briefe zu beehren geruhet. Von Liebesbriefen im neuen Geſchmack iſt mirwohl349wohl außer dem bewaͤhrten Talander nichts bekannt; indeſſen wenn es Ew. Hochwohlge - bohrnen gar zu viel Muͤhe machen ſolte; ſo ſteh ich ſehr zu Befehl, und leg’ auch zu die - ſem End’ ein Proͤbchen nach eigener Weiſe bey. Wenn Ew. Hochwohlgebohrnen ſo viel Zutrauen zu mir haͤtten, die Uebergabe der Jungfer Dene an mich gnaͤdigſt zu bewilligen, ehe Minchen uͤbergeben wird, und ohne daß es eben Zug um Zug gienge; ſo koͤnnten Sie ja Denen noch oben ein den Eyd abnehmen, daß Mine Ihnen allenfalls gegen einen Sola Wech - ſel, Kontrakt, Revers, oder wie es in den Rechten am beſten und ſchnellſten gilt, abge - liefert werde. Dene wuͤrde hiebey mehr als vier Kerls verſchlagen; indeſſen iſt dieſes nur ein unvorgreiflicher Vorſchlag, uͤber den ich nicht entruͤſtet zu werden ganz unterthaͤnigſt bitte.
Ich erſterbe, nachdem ich die Hand des Ge - bers mit den aufrichtigſten Wuͤnſchen, daß es ihm reichlich wiedervergolten werde, ge - kuͤßt, mit der tiefſten Ehrfurcht
Ew. Hochwohlgebohrnen Meines gnaͤdigen Herrn Barons und hohen Goͤnners ganz unterthaͤnigſter Knecht und Diener woͤrtlich abgeſchrieben den — abgeſchickt den —
Es350Es fanden ſich auch ein Paar kurze Briefe, worin Montags der Termin zur Suͤhne an - geſetzt war. Herrmann wolt’ alsdann mit - fahren und wiederkommen, und dann ſolte der Ueberfall verabredet, und Mine mit Ge - walt fortgeſchleppt werden. Der alte Herr wuͤnſchte nichts ſehnlicher, als daß er die hundert funfzig Thaler Alb. verdienen moͤchte. Bey dieſen vaͤterlichen Wuͤnſchen blieb es, bis auf den letzten Brief. Hier ſchreibt er: ich thue jetzt auf alles Geld Verzicht, wenn Ew. Hochwohlgebohrnen Minen gutwillig be - reden koͤnnen. Ich habe ſie ehegeſtern durchs Schluͤßelloch beten geſehen und gehoͤrt. O! gnaͤdiger Herr! ich wuͤrd’ ein ungluͤcklicher Menſch Zeitlebens ſeyn, wenn dieſe Entfuͤh - rung uͤbel fuͤr Minen ablaufen ſolte. Um alles wuͤnſcht’ ich, daß Mine nicht ſo kraͤftig, ſo maͤchtig, als ich ſie durchs Schluͤßelloch ſah und hoͤrte, wider mich beten moͤchte. Da muß Donner und Blitz wuͤten, wowider ſie betet. — O gnaͤdigſter Herr! Sie werden ſie wohl gutwillig an Ort und Stelle brin - gen? —
Daß der Herr v. E. des Herrmanns Vorſchlag verworfen, ihm Denen zuvorzuge - ben, und ſie auf die Entehrung Minchens inEydes -351Eydespflicht zu nehmen, darf ich kaum be - merken. Herr v. E. muͤßte nicht in — — in — — und — — geweſen ſeyn, wenn er einem Eyde haͤtte trauen ſollen — und du Boͤſewicht kannſt du ſo was auf einen Eyd ausſetzen? — kannſt du deine Tochter durchs Schluͤßelloch behorchen, wenn ſie mit Gott allein iſt, wenn ſie betet! — — Gerechter Gott!
Nach dieſem allen, was konnte fuͤr ein anderer Entſchluß gefaßt werden, als — zu fliehen. — Ohne Geld, ohne Beyſtand? Schrecklich! Was hilf’s aber dem Menſchen, wenn er die ganze Welt gewoͤnne, und naͤhme Schaden an ſeiner Seele, oder was kann der Menſch geben, damit er ſeine Seele loͤſe? — Mine war entſchloſſen, und Benjamin war Alexander. — Mine, dies war das Re - ſultat, ſolte zu Fuß nach — gehen. Da wuͤrde Benjamin Wagen und Pferde beſor - gen, und ſie kaͤm’ alsdann zu ihm, nicht zu ſeinem Meiſter, ſondern — — und von da nach Mitau, bei einem Anverwandten ihrer ſeligen, ſeligen Mutter. Um alles deſto geheimer zu machen, ſolte Mine allein bis —. Von — wolte Benjamin ſie bis Mitau begleiten, — von Mitau Mine wie -der352der allein mit einem Fuhrmann nach Koͤnigs - berg, nicht zu mir — — Ach Mine! Mine! warum nicht zu mir? ſondern nach L — wieder zu einem Verwandten ihrer ſeligen Mutter. Von da aus, einen Brief zu ſei - ner Zeit an mich, daß ich kaͤme, und ſie im Schoos ihrer Freunde ſpraͤche. — Dieſer Plan ward bebetet und beſungen. Es bricht mir das Herz, wenn ich dran denke. Arme Mine! ich haͤtte wiſſen ſollen! Arme —
Und wenn, frug Mine? Dienſtags, Schweſter, Sonntags kannſt du noch Gott in ſeinem Hauſe anflehen, daß er mit uns ſey, und vor uns her eine Wolken und Feu’r - ſaͤule ziehen laſſe! — Gott! ſagte Mine und rang ihre Haͤnde, aus denen ein kalter Angſt - ſchweiß drang. Gott, du weißt! — Leite mich! Fuͤhre mich! Verlaß mich nicht! — Ich gehe deinen Weg, den Weg der Tu - gend! ich hoff’ auf dich! — Vater und Mutter haben mich verlaſſen, aber der Herr nimmt mich an. Hier bin ich! mach’ es mit mir wie’s dir wohlgefaͤllt. Laß meine Seele, wenn ſie ſchwach wird, empfinden was geſchrieben ſteht: Fuͤrchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott: ich ſtaͤrke dich: ich helfe dir auch, icherhal -353erhalte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit! Amen!
Herrmann war in Gedanken weggegan - gen, und kam in Gedanken zuruͤck. In Wahrheit, er hatte Urſach zu denken! —
Mine war nachgebend gegen ihren Vater, ohn’ eine Luͤge, auch nur mit dem Auge, zu begehen; dies bracht’ ihn zu Ruhepunkten — zu Hofnungen, hundert und funfzig Thaler Alb. in der Lotterie zu gewinnen. —
Benjamin drang auf die Berechnung, weil er nicht Zeit haͤtte, ſich laͤnger aufzu - halten. Es war dies Donnerſtags Abends. — Morgen, ſagte Herrmann. — Sie be - rechneten ſich Freytags, und dieſe Berech - nung waͤhrete keine Stunde. Sein Erbtheil war auf den Fingern abzuzaͤhlen, es war nicht viel! Da Benjamin ſehr bat, weil er der Gewerkslade Geld zu zahlen haͤtt’, ihm den wenigen Muttertheil baar auszu - zahlen; ſo zeigt’ ihm Herrmann die Unmoͤg - lichkeit. — Ich will, wenn du es durchaus und durchall noͤthig haſt, an den Herrn v. E. ſchreiben, mir dieſes Anlehn auf Abſchlag De - nens zu geben. — Mine ſtieß ihren Bruder an, der es ſogleich ausſchlug. Mit ſolchem Gelde, ſagten ſie, da ſie wieder allein waren,Zweiter Th. Zwuͤr -354wuͤrden wir nicht weit kommen. — Benja - min hatte vor, dieſes Geld ſeiner Schweſter mitzugeben. Jetzt mußte der lezte Weg ein - geſchlagen, und Minens Kleider und viel von ihren Sachen, welche ohn’ Aufſehen wegge - nommen werden konnten, verkaufet werden. Benjamin beſorgte dies mit einer unbeſchreib - lichen Behutſamkeit. Er brachte zehn Thaler Albertus zuſammen. Mine bat ihren Bru - der herzlich, zu bleiben, und ihr noch Mon - tags beym Termin zur Suͤhne beyzuſtehen; allein er konnte nicht — ſondern befahl ſie dem Schutze Gottes. — Dein Mann, ſagt er, iſt Gottes Liebling, und du biſt es auch, ihr ſeyd beyde fromm! Wie kann euch Gott verlaſſen? Euch ſeine Kinder! — Sie wein - ten, da ſie ſchieden. Zum leztenmal im vaͤ - terlichen Hauſe, lieber Benjamin — wo ich die erſte Thraͤne weinte, wo! — Sie konnte vor Thraͤnen nicht mehr. — Auch Benjamin weinte. — — O! Schweſter, fieng er an: Du warſt von je her weit — weit beſſer als ich! Alexander und du haben mich zum Menſchen gemacht. — Du warſt nie boͤſe, Benjamin, ſagte Mine, jetzt biſt du gut! gut! „ und „ dann wieder „ du warſt nie boͤſe — „ O Gott! fieng Benjamin an, wenn ich denke, wie dudich355dich nicht blos des Viehes, ſondern der Pflan - ze, der Blumen auf dem Feld’ erbarmteſt, wenn ich denke, wie du dich nicht ſatt ſehen konnteſt an dem gruͤnen Graſe und an den gelben Bluͤmchen, wenn ich denke, wie du mich bateſt, die Rinnen zu oͤfnen, wenn ſie ver - ſtopft waren, damit das arme Waſſer, wie du ſagteſt, nicht aufgehalten wuͤrde! Wenn ich bedenke, daß ich dir oft dergleichen Bitten ab - ſchlug, und dir den Ruͤcken kehrte, wenn du mir ſo was uͤbermenſchliches, ſo was himm - liſchguͤtiges, bateſt: wenn ich denke. — Laß dies — fiel ihm Mine ein, du wareſt nie boͤſe, denk vielmehr, wo wir oft unſchuldig ſaßen, und Sallat fuͤr unſere fromme ſelige Mutter laſen, und wo wir mit Alexandern herzlich froh waren, mit Alexandern! Denk, wo wir rothe und weiße Johannisbeeren pfluͤckten, und ich euch den Saft mit Zucker zubereitete, und wir uns einander ſagten, wenn es uns herzlich ſchmeckte: zweyerley Wein, rother und weißer! Denk an meine Liebe zu Alexan - dern, und an ſeine zu mir! Du bleibſt hier, Bruder! Laß mich jetzt Uebergabe halten; ich will alles in deine Haͤnde geben. —
Komm, da liegt unſere Mutter begraben! Oft hab’ ich hier gebetet. Oft Gott gedankt;Z 2denn356denn hier hat Er mich manche ſeelenfrohe Stunde leben laſſen! Sie knieten beyde aufs Grab und weinten bitterlich. — —
Ich nehm Abſchied von dir, o du mir liebes Grab! — ſie bog ihr Haupt auf ſelbi - ges, als ob ſie’s kuͤßte. O moͤcht’ ich, wie die Selige ruhen, die du bedeckeſt, liebe ſanfte Erde! o moͤcht’ ich — Sie konnten beyde nicht mehr.
Bruder, ich beſchwoͤre dich bey der heili - gen Aſche unſerer Mutter, die auferſtehen wird am juͤngſten Tage, daß du dies Grab ehreſt. Pfleg’ es, wart ſein. — Gott erhoͤr dich, wenn du hier beteſt. — Geh’ oft hin, und wenn der Vater Hochzeit haͤlt, vergiß nicht auf dieſem Grabe zu weinen. — Wenn dich Gott aus Curland ruft, es iſt moͤglich — gieb dies Grab in die Haͤnde deines Vertrau - teſten, beſchwoͤr ihn, wie ich dich beſchworen habe, daß er ſein pfleg’ und warte! O liebe, liebe Mutter, bald! bald! werd’ ich dich wie - derſehen! Ja, Benjamin, bald werd’ ich ſie ſehn, und ſie von dir herzlich gruͤßen! Du biſt ihr gut, unſerer Mutter. — Hier wieder eine Thraͤnenſcene. — —
Lebe wohl, liebes Grab, lebe wohl bis an den lieben juͤngſten Tag! —
Ich357Ich uͤbergebe dir dieſen heiligen Ort, wo ich mit Alexandern getraut bin. Mit dei - nem Freunde! Gott gab uns zuſammen, Menſchen wollen uns ſcheiden! — allein ſie ſollen es nicht! — ſie ſollen es nicht! — Was meynſt du, Benjamin? Benjamin ſchluchzte „ ſie ſollen nicht „ —
Hier iſt der Ort, wo er mich zum erſten - mal kuͤßte! Sieh, wie die Natur ihn ge - ſchmuͤckt hat. — Es ſind mir heilige Oerter geweſen. Du weißt, wie mich Alexander liebte „ ich weiß „ ſagte Benjamin. So! So! lag ich in ſeinem Arm, wenn er mich kuͤßte. O ſeine Kuͤße! Wahrheit und Leben war in ihnen! Ich ſein! Er mein! Wenn ich was liebliches gegeſſen oder getrunken hatte, wo - von der Nachgeſchmack noch auf meinen Lip - pen war, fand er meinen Kuß nicht halb ſo! O der liebe, liebe Junge! Ich will dich! ſo natuͤrlich wie du biſt, ſagt’ er, und ich wolt’ ihn auch ſo natuͤrlich, wie er war. Wir liebten beyde die Natur, und wahrlich die Na - tur liebt’ uns wieder. Sie hat viel an uns gethan! Der Bach ſpricht nicht, Benjamin, allein wenn wir zuſammen giengen, hoͤrten und verſtanden wir ihn aufs genaueſte. Die ganze liebe guͤtige Natur ſprach mit uns,Z 3und358und alles ſo zuthaͤtig, ſo freundlich. — O Benjamin, alle dieſe heilige Oerter befehl ich dir! —
Hier! Benjamin! falte deine Haͤnde! denn die Staͤte iſt heilig! Hier ſah Alexan - der mein Geſicht, er ſah mich im Monden - glanz, wie er mich nach der Auferſtehung ſe - hen wird in all’ Ewigkeit. — Dort ſah’ ich ein Geſicht! ich ſah Alexandern im Sonnen - glanz! — ich ſah uns beid’ im Himmel! ihn in Sonne, mich in Mond gekleidet — und meine Mutter zog mir das Sterbhemd’ ab, und kleidete mich ein zur ewigen Selig - keit. — Dieſe Staͤte, Bruder, iſt heilig und jene Staͤt’ iſt heilig! — Amen! Sie iſt heilig, ſie iſt Gottes Hauß, die Pforte des Himmels! Amen! — —
Die Oerter, wo wir in unſerer Jugend froh waren, da wir noch keinen v. E. und keine Dene kannten, laß ſie dir empfohlen ſeyn! Vergiß ſie nicht! Wir haben hier den beſten Theil gelebt, glaub mir, den beſten Theil! — Komm! — Paulus war der juͤngſt’ unter den Apoſteln, und doch ein auserwaͤhltes Ruͤſtzeug. — Sieh hier mei - nen Paulus! dies iſt der lezte Ort, den ich in deine Haͤnde befehle! ich bin zulezt mit ihmver -359vertraut worden, der — (unſer Bekannte) pflanzte dieſe Laube, ſeine Charlotte begoß ſie. — Hier bejammert’ er ſie, da ihm ſeine Augen aufgiengen, hier wallfahrtet’ er taͤg - lich, du weißt ſeinen Lebenslauf — ſeinen ſtummen ſeinen bohrenden Gram! — Gott hat ſeines Leidens ein Ende gemacht. — Dieſe Laube, Bruder! ſey der Ort, wo du deine Schweſter beweinen kannſt. — O hier! ſind ſchon viele, viele Thraͤnen vergoſſen! — Gott laß es dir wohlgehen, lieber Benjamin, wenn du heyratheſt. Lehre hier in dieſer Laube deinem Weibe ihre Schweſter kennen, und ſag’ihr, daß ſie ungluͤcklich war. Lehre deinen Kindern hier weinen. Es iſt eine ſchwere Sache, Gott gefaͤllig zu weinen. — Schreibe dir, Benjamin, alle dieſe Oerter tief ins Herz! und Gott ſey mit dir — mit meinem Alexander und mir! — —
So ſchieden Benjamin und Mine aus dem vaͤterlichen Hauſe. — Er reiſete Frey - tags gegen die Nacht. —
Woͤrtlich von Minen:
„ Sonnabends — den — — „
„ Wie geruͤhrt, lieber Mann meiner „ Seele, wie geruͤhrt ich geſtern war, weißt „ du beſſer, als ich es dir heute ſagen koͤnnte! Z 4„ O360„ O Gott, wie ſehr anders bin ich heut! Fel - „ ſenhart iſt mein Herz! Gallenbitter meine „ Zunge! Weißt du von wenn an? Vom Ab - „ ſchied an, den mein Vater vom Benjamin „ nahm. Nach einer ſo warm empfundenen „ Sonne, ein kaltes: gluͤckliche Reiſe an Ben - „ jamin, und denn hinterher, wenn du den „ Augenblick Geld zur Gewerkslade noͤthig „ haſt, will ich den Herrn v. E. druͤber ſchrei - „ ben! — Da fuhr all das unausſtehliche „ Weſen, das Unweſen, was ich noch dieſen „ Augenblick an mir habe, fuhr in mich! „
Liebe Mine, kalt und warm bekommt dem Herzen ſo wenig, als dem Magen. In den Worten: gluͤckliche Reiſe! ſahſt du dei - nen Vater ganz! Alle Briefe des v. E., alle Briefe deines Vaters, — und nicht blos die erſten wenigen Reihen, die du geleſen haſt — bis auf den lezten, lezten Hefen, dachteſt du dieſe Briefe, alle Briefe, den ganzen hoͤlliſchen Plan, alles, alles dachteſt du dir, und dir ekelte vor dieſer loſen Speiſe! — —
Mine befand ſich den ganzen Sonnabend in einer ſchrecklichen Lage! Ihr Vater haͤtt’ ihr das ſturmlaufende Herz anſehen muͤſſen, wenn er ein Auge auf ſeine Tochter gehabt haͤtte. Sie war mehr als unruhig. — EinAuf -361Aufruhr in jeder Ader, das Blut ſchien alle Aderdaͤmme brechen zu wollen. — Doch! ſie ſelbſt —
Gott ſey gelobt und gebenedeyt! Ich hab’ uͤberwunden! Ich bin wieder ruhig, und wieder gut! — O lieber Mann, man hat mir erzaͤhlt, daß eh’ die lezte Todesangſt eintritt, jeder Ster - bende entſetzlich unruhig ſey, da er nichts weiter kann, ſoll er das Deckbette reißen — unſere Mutter riß es nicht. — So, lieber Mann, war ich geſtern! ich riß das Deck - bett’ und warf mich graͤslich, bald zur Rech - ten, bald zur Linken. — Allein nach dieſer Unruhe folgt bey Sterbenden was — der Name des Herrn ſey gelobt! Bey mir folgte — ſanfte, ſanfte Ergebung. — Ich gieng noch mit einem aufgewiegelten Herzen, mit ſiedendem Blut. — Alle Adern ſchienen mir den Dienſt aufzuſagen, und wolten ſpringen — ſo gieng ich in die Kirche — zum lezten - mal, dacht’ ich! Gewiß ein ruͤhrender Ge - danke; mir war ers nicht. — Ich fieng an zu beten, ich druͤckte die Augen dicht zum Gebet zu; allein konnt’ ich? — Die Augen riſſen ſich los. Sie hielten nicht zuſammen, und ich mußte das Kirchengeſtuͤhl anſehen, wo der Verfuͤhrer mich zur allgemeinen Stoͤh -Z 5rung362rung buhleriſch angeſehen! — Ich mußt’, ich mochte wollen oder nicht, ich ſah dieſen Ort, und wenn Teufel drinn geweſen waͤren, er haͤtte mir nicht fuͤrchterlicher ſeyn koͤnnen! Ich denke, mein Liebſter, ein Unſchuldiger, den falſche Zeugen vom Leben zum Tode ge - bracht, ſieht ſo den Richtplatz, wie ich dieſen Ort — ich ſah deiner Mutter Stuhl. Ver - zeih lieber Mann, zwar ſah’ ich keinen Teu - fel drinn; allein ich dachte doch Arges in meinem Herzen. Das eine fromme Frau! Das eine heilige Saͤngerinn! dacht’ ich — da kam deine Mutter. — Sie gruͤßte mich, allein ſo verſtohlen, als ob ſie dieſen Gruß vor der Gemeine bergen, und ja nicht mer - ken laſſen wolte. Das konnte wohl freylich meine Hitze nicht niederſchlagen! Gottlob, der Boͤſewicht blieb dieſen Sonntag aus. Es verzeih mir der allerbarmherzigſte Gott mein ſteinernes Herz, das ich in ſein Hauß mitnahm, das ſich noch mehr verſteinerte, verfelſete! — —
Schon beim Liede vor der Predigt: Ich hab’ mein Sach Gott heimgeſtellt ꝛc. fieng dies Herz an fleiſchern zu werden, und die Predigt! O Gott welch eine Arzeney fuͤr mein Herz! Es war recht, als ob dein Va -ter363ter von meinem Entſchluß wußte, als wenn er mich! mich! predigte. — Bis dahin war jede Nerve geſpannt. Kein Schlaf hatte die lezte zween Naͤchte mein Auge gebrochen. Kein Gebet brach es. — Es war ſtarr. — Mein Blut ſchlug Wellen, o lieber Junge, dieſe Predigt bedrohete den Wind und das Meer, und es ward ganz ſtille — ich ſahe dich, da ich deinen Vater, den Boten Got - tes, ſah. Er kam herein, der Geſegnete des Herrn, er ſtand nicht drauſſen, der Name des Herrn ſey gelobt! O mein Einziger! Ich wuͤnſchte nicht, noch ſolch einen Abend, ſolch eine Nacht, ſolch einen Tag und ſolch eine Nacht, und noch ſolch einen Morgen zu le - ben, als vom Freytag Abend bis zur Pre - digt. — Eine Hitze, und keinen Tropfen Waſſer in dieſer Hitze, wo mir die Zung’ an den Gaumen klebte, warum bat ich nicht Gott in dieſer Duͤrre um Thau und Erqui - ckung, warum ſucht’ ich nicht durch ſeine heilige Religion mich abzukuͤhlen, und in die ſelige Faſſung zu ſetzen, in der ich jetzt bin, wo es wie im Fruͤhling weder zu kalt noch zu warm iſt. Gott iſt nah’ allen, die ihn an - rufen, warum nannt’ ich ihn nicht, im Geiſt und in der Wahrheit, Vater, da der leib -liche364liche es ganz und gar aufgehoͤrt hatte zu ſeyn! Warum betet’ ich nicht um Thraͤnen? Warum ſang ich nicht mit Innbrunſt:
Warum? Ey koͤnnen! Ich mache mir jetzt Vorwuͤrfe; allein es iſt, als hoͤrt’ ich eine Stimme zu meiner Losſprechung. Das Gebet iſt auch eine Gabe Gottes, und Thraͤ - nen ſind ein unausſprechliches Geſchenk! Habe denn Dank, Allguͤtiger, daß ich jetzt beten, daß ich jetzt weinen kann! Habe Dank fuͤr dieſe Gabe, fuͤr dies Geſchenk! Es iſt das ſchrecklichſte, mein Lieber, das hab’ ich erfahren, wenn ein Vater zum Sohn gluͤckliche Reiſe ſagt, und wenn er ſeine Toch - ter verhandelt! Habe Mitleiden mit deiner Mine, wenn du dies lieſeſt, und Gott wird es mit dir haben, und dich nie ſolch eine Herzens Duͤrre erleben laſſen! —
Gleich die erſte Strophe:
wie empfieng ſie mein Herz! Sie zogen ſichein365ein, dieſe Troſtworte, wie Thau auf einer welken Pflanze. —
Bey der dritten Strophe regnet’ es ſchon:
O lieber Junge! ſinge, wenn du dieſes ließt. — Gott weiß, wenn du es leſen wirſt, ſinge dieſes ſchoͤne Regenlied! —
Deines Vaters Predigt war Vollendung fuͤr mich, wie auf mich gemacht. Wort fuͤr Wort auf mich. O lieber Junge, wie gluͤcklich iſt man, wenn man todt iſt — wie namlos gluͤcklich! —
Er kam ohne Gebet mit den Worten auf die Kanzel:
„ Geh366Ich zeichnete mir dieſe Stelle, ſie ſteht im erſten Buch Moſis im zwoͤlften Capitel im erſten Vers; ich zeichnete ſie aber heimlich. Ein oͤffentliches Zeichen, dacht’ ich, wuͤrde mich verrathen — ich konnt’ in einigen Mi - nuten nicht aufblicken. — Wahrlich, Gott redete mit mir durch deinen Vater! Wie er die Wort’ anfieng: Geh aus deinem Vater - lande, von deiner Freundſchaft, und aus deines Vaters Hauſe, wars mir, als ob es die ganze Gemeine nun wußte, daß ich weggehen wuͤrde. Der erſte Aufblick, den ich wagte, war nach dem Stuhl meines Vaters. Er war leer; kurz vor dem Gelaute war ihm was vorgefallen. — Dies ſtaͤrkte mich; ich ſah mich rund um. — O lieber Junge! Laß mich noch mehr von der Predigt deines Va - ters predigen, die mich ſo erquickt hat. Gott lindre dafuͤr ſeine Todesangſt, und ſo wie er mich geſtaͤrkt und getroͤſtet hat; ſo ſtaͤrk und troͤſt ihn der Herr, wenn er heim faͤhrt aus dieſem Elend, und ſo wie er die Bande loͤſete, die mein Herz und meine Augen hiel -ten;367ten; ſo loͤſ’ auch der Herr ſeine Bande, und mach’ ihm alles leicht, wenn ſeine Stunde kommen! Die Stimme Gottes an Abraham war mir ein ſichres Geleit, ein Paß auf mei - ner Reiſe, ich war gefaßt, getroſt — und ſo heiter, als waͤr ich ſchon angelangt, und wo? Ich gieng in meinen Gedanken nirgend anders, als in die ſelige Ewigkeit, aus mei - nes Vaters Hauſe — aus meinem Vater - land’ und aus meiner Freundſchaft! — Gern haͤtt’ ich communicirt, wenn es ſo angegan - gen waͤre — ich war recht dazu vorbe - reitet, recht —
Der Text zur Predigt war Ebr. im drey - zehnten Capitel der vierzehnte Vers: Wir haben hie keine bleibende Statt, ſondern die zukuͤnftige ſuchen wir!
Alles auf mich! — Du kannſt dir dei - nen Vater vorſtellen, der auch nicht in Cur - land zu Hauſ’ iſt. Er redete mitten durchs Herz. So hat er noch nie gepredigt. Es war Seelenſpeiſe auf den Weg. — Er pre - digt’ als wenn er auch ſchon den Abend von hinnen ziehen ſolte. —
Dein Vater fuͤhrt’ in ſeiner Predigt die Geſchichte vom Sohne der Wittwe zu Nain an, er erhob ſeine Stimme, und dieſe nahmſich368ſich ſo heraus, daß jedes aufmerkte. Als er aber nah’ an das Stadtthor kam, Luc. im ſiebenten Capitel im eilften Vers: als er aber nah’ an das Stadtthor kam, ſiehe da trug man einen Todten heraus, der ein einziger Sohn war ſeiner Mutter. —
So wenig dieſe Wort’ eine Deutung auf mich zu haben ſchienen; ſo fielen doch auch dieſe Worte ſchwer auf mich, und es war mir, als ſagte wer „ das biſt du — du biſt die Perſon des Todes! — „
Wie kommt das, mein Lieber, wenn es einem ſo iſt, als hoͤrte man eine Stimme: das biſt du!
Nach der Predigt ward geſungen aus Befiel du deine Wege die letzten Verſe:
Der Anfang war:
Der lezte Vers iſt ſchon laͤngſt mein Lieb - ling geweſen, und, nach dieſer Leichenpre - digt auf mich, war ers noch weit mehr.
O Lieber! das Amen, welches dein Va - ter ſagte, war ein Amen fuͤr alle; allein fuͤr mich beſonders — fuͤr mich! Es war ein Wink fuͤr mich, in dieſem Gottes Hauſ’ Ab - ſchied zu nehmen, wo wir unſer Glaubensbe - kenntniß vor dem Altar ablegten, und auch oft zu Gott in die Hoͤhe ſchwuren: wir wer - den uns lieben, bis vor deinen Thron! — O Gott, dieſer Abſchied war mir ruͤhrend, und wie ruͤhrend aus No. 5. zu gehen, wo ich ſo oft geſeſſen, wo ich ſo oft einen uͤberzeugten Mann Gottes Wort reden gehoͤrt, wo ich ſo oft inbruͤnſtig geſungen und gebetet und er - hoͤret worden, wo ich dich predigen gehoͤrt, mein Lieber! — Gott ſey fuͤr alles gelobet und gebenedeyet, Halleluja! Er ſey mit ſei - nem Hauſe! Amen! ich betete fuͤr dich und fuͤr mich — und riß mich endlich von No. 5. los. Sanft faßt’ ich dieſe Bank noch an, recht als wenn ich ihr die Hand druͤckte, und nun raft’ ich mich auf, um nach Hauſe zu gehen, da mir deine Mutter ins Auge kam. Zweiter Th. A aWas370Was weiß ich, ob ſie’s mir anſehen koͤnnen, daß ich geweint hatte, oder ob etwas anders die Urſache war: Sie gruͤßte mich liebreich! Zum leztenmal dacht’ ich, und eine Thraͤ - ne ſtuͤrzt’ aus meinen Augen! — Deines Vaters Hand, oder die Deinige, war auch das lezte, was ich anſah, und hiemit fielen mir die Wort’ ein: Der Herr behuͤte deinen Ausgang und Eingang, von nun an bis in Ewigkeit! —
Da ich zu Hauſe war, und die Predigt deines Vaters, und den liebreichen lezten Gruß deiner Mutter, mir wiederholte, uͤber - fiel mich der Gedanke, deinen Eltern lieber alles zu entdecken. Wer ſteht dir, dacht’ ich, fuͤr den Erfolg? Fuͤr deinen Vater war mir zwar ſeine Predigt Buͤrge geworden, ſeine Hand war mir Buͤrge, du warſt mir Buͤrge; indeſſen ſchlug der Eifer deiner Mutter fuͤr den Stamm Levi, dieſen Gedanken nieder. Die feſte Verabredung mit Benjamin, die Gewalt, die ſich ein curſcher Cavalier bey - legt — und endlich das Waͤldchen, waren Beytraͤge zur Entkraͤftung meines Muths — ich kaͤmpfte lange, endlich ſiegte der Zwei - fel. — —
Mine371Mine packte noch das uͤbrige zuſammen, berichtigte jeden Dreyer, wo ſie etwa fuͤr Milch, oder fuͤr Fruͤchte etwas ſchuldig war, ſchenkt’ ihren Pathen im Dorfe viele Saͤchel - chen, die ihr auf der Reiſe nichts helfen konnten. — Nichts, ſchreibt ſie, Montags fruͤhe
Nichts iſt, mein Einziger! von den ge - ſegneten Sachen zuruͤckgeblieben! Alles, alles, was ich von dir habe, alles, was dein Mund, deine Hand eingeweyhet hat, geht mit mir. Regine bat mich, da ſie ſahe, daß ich im Aus - theilen begriffen war, um das Band, das dir ſo ſehr gefallen hatte; du hatteſt es oft in deiner Hand. — Nein, Regine, das nicht — ich gab ihr ein ander Band, und da ich kein ſchlechtes hatte, eins, das zehnmal hoͤher im Weltwerth war.
Du packſt ja, Mine, ſagte Herrmann, in - dem er ſich Sonntags an den Tiſch, der mit Schoͤpſenfleiſch und weißen Kohl beſetzt war, hinſetzte. — Mine muß es ſehr merklich ge - macht haben.
Ich raͤume auf, antwortete ſie.
Schoͤn, mein Kind! es ahndet dir viel - leicht ein Beſuch!
A a 2Ein732[372]Ein Beſuch?
Es koͤnnte ſich zutragen, daß Herr v. E. kaͤme! Wenn es ſich zutruͤge, liebe Mine, wenn? Folg deinem Vater und ſey gefaͤllig. —
Sie hatte kein Wort im Vermoͤgen; al - lein ſie war ſo ruhig, daß Hermann dieſe Ruhe fuͤhlte und ſie zu ſeinem Vortheil ent - gegen nahm. Er klopft’ ihr auf die Wange, und ſagte, du biſt doch ein huͤbſches gutes Maͤdchen, und wirſt eine Paſtorin werden zum kuͤſſen. Auch daruͤber entruͤſtete ſich Mine nicht. — Sie blieb ruhig. Herrmann zaͤhlte ſchon die hundertfunfzig Judasthaler in Ge - danken. —
Montag Nachmittag kam Herr v. E., alles wie es geſchrieben ſtand. Die Suͤhne ward eroͤfnet. Herrmann entfernte ſich, nach - dem er, wie er glaubte, die Sach’ in Gang gebracht. So bald die Hauptpartheyen allein waren, fieng Herr v. E. ohne Glas ſeine Rede mit vielem Bitten um Verzeihung an, und machte ſich als Braͤutigam mit Fraͤulein S. bekannt. Mine gab drauf nichts, als das All - taͤgliche. Es hatte wieder das Anſehen, daß Herr v. E. ein Geſchenk in der Naͤhe haͤtte. Er wollte wagen, es zum Vorſchein zu brin - gen; allein es ſchien, als duͤrft’ ers nicht. Nun373Nun nahm er einen andern Weg, und be - merkte, daß er mich kenne. Zwar haͤtt’ er nur einen Abend in meiner Geſellſchaft zuge - bracht; indeſſen waͤr’ ein Abend hinreichend, wenn man Leute wie mich traͤfe. — Mine hatte ſich ſo ſehr in ihrer Gewalt, daß ſie Fragen nach mir that, die Herr v. E. zu mei - nem Vortheil beantwortete. Mine ward dadurch aufgeraͤumt, und Herr v. E. ergrif dieſen Zeitpunkt, im Namen ſeiner Mutter ſeine Anwerbung zu thun. So ſetzt’ er hinzu, haͤtte dieſe Sache gleich gefaßt werden koͤnnen, und gefaßt werden ſollen. Verzei - hen Sie dieſen, verzeihen Sie alle und jede Fehler — ich bin jung; allein merken Sie es nicht ſelbſt, fuͤgt’ er hinzu, bin ich nicht aͤlter geworden, ſeitdem ich mich verlobt ha - be? Meine Mutter darf alſo hoffen?
Mine ſagt’ ihm mit einem Anſtande, der nicht ſeines Gleichen hatte, daß ſie nie ge - wohnt geweſen Hofnungen zu geben, die ſie zu erfuͤllen außer Stande waͤre. Sie muͤß’t es abſchlagen, und warum? fiel Herr v. E. hitzig ein.
Sie und mich zu ſchonen — und, wol - len Sie noch mehr, ihre kuͤnftige Gemah - lin. —
A a 3Er374Er widerlegte ſie Schritt vor Schritt mit vielem kuͤnſtlichen Zubehoͤr. Da Mine aber feſt in ihrer Gottſeligkeit blieb, und das ſegne Gott und ſtirb des Herrn v. E. mit engliſcher Geduld trug, lief Herr v. E. uͤber, und ſtand da ganz, wie er war. Mine er - ſchrack, da ſie die ploͤtzliche Verwandlung der Schlang’ in einen Tyger ſah; indeſſen kam ſie nicht aus der Faſſung. —
Es ſcheint, Sie haben ihrem Adonis zu - geſchworen, keine Mannsperſon anzuſehen, fieng Herr v. E., nach einigen Erholungsbli - cken, ſpitzig und hohnlaͤchelnd an. Seine Zaͤhne blieben unbedeckt. —
Eben wuͤrd’ ich das Gegentheil bewieſen haben, wenn ich einen Adonis haͤtte, erwie - derte Mine.
Du ſolſt nicht andere Goͤtter haben ne - ben mir, iſt zwar, fuhr Herr v. E. fort, das erſte Gebot im Catechismus; allein die Liebe hat keinen Catechismus.
Die Meinige hat einen —
Herr v. E. war in Unordnung gekom - men, und hatte tief vergeſſen, was in ſeiner Rolle ſtand, er extemporirte, ward zudringlich grob, und Mine gab ihm auf eine Art ſeinen Abſchied, daß er mitten im Worte blieb. —Ihre375Ihre Haͤnde riß er an ſeine Lippen, eine nach der andern, und brannt’ ihnen Kuͤße auf. Mine fuͤhlt’ in jedem Handkuß das Siegel, das er auf ſeinen teufliſchen Plan druͤckte, und ein Schreckſchauer ergrif ſie uͤber den andern. — Seine Handkuͤſſe brannten wie hoͤlliſch Feuer, auf einmal faßte ſich Mine zuſammen, und entriß ihm beyde Haͤnde. — Er zum Herrmann, mit dem er heftig ſprach. — Im Plan folgte, daß Herr - mann mitfahren ſollte; allein dies unterblieb — und Herr v. E. fuhr allein. —
Herrmann ſchien nicht zu wiſſen, wie er gegen Minen ſeyn ſollte. — Er wolt’ und konnte nicht. — Mine ſank in eine entſetz - liche Angſt: denn es fiel ihr ein, daß v. E. vielleicht ſeinen Plan abgeaͤndert, und der Ueberfall noch dieſen Abend erfolgen koͤnnte! — zwar ſagt’ ihr Herrmann, daß er morgen nach — reiſen wuͤrde. Er haͤtte mich heute ſchon mitgenommen; indeſſen ſind zu viel Gaͤſte. — Minchens Befuͤrchtungen wurden hiedurch nicht im mindeſten widerlegt. Die Art, wie Herrmann ſich gegen Minen betrug, beſtaͤtigte vielmehr ihre Furcht. — Masken dachte ſie uͤber Masken! und rang die Haͤnde, betete und war in einem unausſprechlichenA a 4Zuſtan -376Zuſtande Gott der Huͤlfe, rief ſie, ſende mir Troſt und Rath! — Wende dich, Herr, zu mir nach deiner großen Barmherzigkeit, und verbirg dein Angeſicht nicht von mir; denn mir iſt angſt, erhoͤre mich! Ich vergeh’ in meinem Elende!
Wahrlich ſie vergieng — — —
Was konnte ſie anfangen? Wahr oder nicht wahr, ein Entſchluß mußte gefaßt wer - den. — Sie ſchloß kein Auge, blieb in Klei - dern, und nach einem Gebet um Rettung! um Huͤlfe! frug ſie bei dem Herrn ihres Lebens, bey Gott, um die Erlaubniß an, (ich ſchaudre, da ich es ſchreibe,) ſich das Leben zu nehmen. — Sie las Todtenlieder, ſingen konnte ſie nicht, und fand in dem Liede: Ich bin ja, Herr, in deiner Macht, Ruhe.
betete ſie dreymal nach einander,
und nun war ſie entſchloſſen.
O377O Gott! wohin kann die Tugend kommen? Mine war entſchloſſen, ſich das Leben zu nehmen, wenn man Gewalt brauchen ſollte. Freylich wuͤrd ein’ Caſuiſt feiner diſtinguirt, und die Grenze richtiger abgemeſſen haben, wenn und zu welcher Zeit — allein Gott der Herr laͤßt nicht durch Caſuiſten Recht ſprechen und — Sein Richter iſt das Gewiſſen, ſein Urtel nicht: in Sachen — entgegen erkennen und ſprechen wir, ſondern: kommt und geht! Ich will in Gottes Haͤnde fallen! Er iſt gerecht, er iſt barmherzig! Sie warf ſich zur Erde und betet’ an, den der gemacht hat Himmel und Erde, ſie bat um Hofnung der Seligkeit, wenn ſie eine Selbſt - moͤrderin wuͤrde, um Verzeihung, wenn ſie in der Art fehle! Sie betete: ſo du wilt Herr! Suͤnde zurechnen, Herr, wer kann, wer wird beſtehen! Bey dir iſt die Verge - bung — und nach einer Weile: „ erforſche mich, Herr, und, pruͤfe wie ich’s meyne, wie ich’s meyne! Sieh ob ich auf falſchem Wege bin, und leite mich, fuͤhre mich zu - recht, auf den Weg zum Leben! Laß, wenn ich irre, Gnade fuͤr Recht ergehen! Gnade! Gnade! Wenn dieſe Hand! Moͤrder an die - ſem Herzen wird, und es durchbohrt — oA a 5Gott!378Gott! Gnade! Gnade! — Allbarmherziger, nimm mich an zu Gnaden, und laß mich ſe - lig ſterben. — —
Denkt, empfindſame Leſer, wie Minen zu Muth geweſen! Sie ſucht’ ein Meſſer und mußte lang ſuchen. — Find’ ich es nicht, dachte ſie, kann es Gottes Wille nicht ſeyn. — Sie fand! ſie fand! — ſchaͤrfte das Meſſer, hielt es gen Himmel, flehte noch einmal zu Gott! verſuchte wieder zu ſingen, konnte nicht, legte das Meſſer, das zuge - ſchlagen war, vor ſich zur Erd, und warf ſich aufs Bett! Die Unruh ihres Herzens war groß. Sie ſprang ſchnell auf, nahm ihre Bibel, riß das Meſſer auf, und legt’ es auf die Spruchſtelle im erſten Buch der Chronick im zwei und zwanzigſten Capi - tel im dreizehnten Vers:
„ Mir iſt faſt angſt: doch ich will in die „ Hand des Herrn fallen; denn ſeine Barm - „ herzigkeit iſt ſehr groß, und will nicht in „ Menſchenhaͤnde fallen.”
Nach einem namloſen Seeſenſchmerz, nach einer wahren Todesnoth, legte ſich Mine wieder auf ihr Bett in Kleidern, wie ſie war.
betete ſie
in379Sie legt’ es nicht an zu ſchlafen, denn daran war nicht zu denken — Sie wolte nur ruhen — auch das konnte ſie nicht. All’ Au - genblick ſprang ſie auf, dies Iſaacsopfer! Je naͤher aber zum Morgen, je ruhiger. Sie fieng an einzuſehen, daß ſie ſich vergebens gefuͤrchtet hatte. — Sie war indeſſen ſo ſehr an Furcht und Zittern gewoͤhnt, daß auch der helle lichte Morgen ſie nicht voͤllig beruhigen konnte. —
Da kamen Pferd und Wagen nach ih - rem Vater, und dieſe brachten ihr die verlohr - ne Ruhe mit. Mine dankte Gott, der Großes an ihr gethan, der bisher geholfen, und al - les, alles, wohlgemacht hatte. — Sie konnte weder die aufgeſchlagene Bibel, noch das aufgeſchlagene Meſſer, anſehen! — Mit Entſetzen wand ſie ihr Geſicht weg, und machte beydes zu! Es kam ihr vor, als ſaͤhe ſie Menſchenblut auf dem Meſſer! Der Ort, wo ſie dies Meſſer gewetzet, machte ſieſchwind -380ſchwindlicht, da er ihr ins Auge fiel. — Das Meſſer warf ſie unter Dank und Gebet fort. Gott, ſagte ſie, laſſ’ es nie einen finden, der es brauchen will, als ich wolte. Sie glaubte hiedurch dieſen ſchrecklichen Vor - ſatz aus ihren Gedanken geworfen zu haben; allein hierin fand ſie ſich getaͤuſcht. — Durch ſtille ſeyn und hoffen, heißt es, werdet ihr ſtark ſeyn! Wer kann aber, o Gott, wer kann immer ſtille ſeyn und hoffen? —
Waͤhrend der Zeit war Herrmann reiſe - fertig. —
Moͤrder, wo willſt du hin? fuͤrchteſt du dich denn nicht, daß die Erde ihren Mund oͤfne, und dich verſchlinge, und die Wolken ſich trennen, und Feuer und Schwefel auf dich regnen laſſen! — Du kennſt Minen,wie381wie Judas ſeinen Meiſter. Der Abend, da du mir die Geſchichte vom Judenknaben und von den Huͤnereyern erzaͤhlteſt, wird wider dich zeugen, Frevler! Kuppler! Boͤ - ſewicht! — —
Mine nahm von ihrer Zelle Abſchied, und konnte nicht umhin, noch einmal nach ihrer Mutter Grab zu blicken. Hiebey lies ſie es bewenden. Sie befahl Reginen das Hauß, und ſagt’ ihr, ſie doͤrfe nicht warten, ſondern koͤnne nur immerhin zeitig zu Bett gehen, womit Reginen ſehr gedient war. Ich, fuhr Mine fort, werde dieſe Nacht nicht zu Hauſe kommen, und nun ging Mine mit dem Geſang:
aus ihrem Vaterlande, und aus ihrer Freundſchaft, und aus ihres Vaters Hauſe, in ein Land, das ihr der Herr, wie ſie glaubte, zeigen wuͤrde. — Ihre Fuͤß’ und Haͤnde zitterten; indeſſen fand ſie ſich durch die Gedanken geſtaͤrkt, daß ſie den Anſchlaͤ - gen der Bosheit entgienge. Sie fand an dem beſtimmten Ort ein Wagchen und zwey Pferde. Ohne zu fragen wie? und wohin? ſetzte382ſetzte ſie ſich auf. Alles verſtand ſich einan - der. Der Fuhrmann hatte ſelbſt nicht noͤ - thig, die Pferde zu ihrer Schuldigkeit aufzu - ſchreyen. Es gieng alles ſeinen Gang. Bis hieher hat der Herr geholfen, ſagte ſie, und fieng an freyer zu athmen. Sie haͤtte ſchla - fen koͤnnen, ſo ruhig war ſie; allein die Dankempfindungen gegen Gott verwieſen den Schlaf aus ihren Augen. Arme Mine! Du weißt nicht, was auf dich wartet — arme Mine! Sie kam in den Flecken, wo Ben - jamin war. Vortreflich! dachte ſie, und noch ein vortreflich dachte ſie hinzu, da der Wagen nicht bey der Thuͤr des Meiſters ihres Bruders hielt: — Alles Plangemaͤß — nur ihr Bruder Benjamin fehlte. Zwar fand ſie eine willige Frau, die ſie herzlich bewill - kommte; allein ihren Bruder Benjamin fand ſie nicht. Anfangs fieng ſie an zu zweifeln, ob ſie Benjamin nach der Verabredung vor - finden ſolte? oder nicht? Ihr Kopf, das heißt ihr Gedaͤchtniß, hatte ſehr gelitten, ſie frug ſich ob Ja? oder Nein? und da ſie noch mit Ja und Nein kaͤmpfte, fieng die gute Frau an: „ Sie werden ſich doch nicht erſchre - cken! Die gewiſſeſte Art uns einen Schreck beyzubringen. Sie werden doch nicht! Gott! rief383rief Mine und glaubte, ſie ſey verrathen und verkauft. Nach vielen unertraͤglichen Sie werden doch nicht erfuhr die Ungluͤckliche erſt, daß ihr Bruder in den lezten Zuͤgen waͤre. Noch ehe Benjamin ſich legte, hatt’ er in dieſem Hauſe von ſeiner Schweſter geredet; allein blos vorlaͤufig. Iſt es moͤglich, fieng Mine an! Es iſt erſchrecklich zu leſen, was Mine hiebey ausgeſtanden. — — Sie zit - terte zu ihm hin, ohn’ an die Gefahr zu den - ken, der ſie ſich blos gab, und da ſie an ſein Bette trat, und ſeine Hand nahm — ſchlug er mit Heftigkeit auf ſie zu! — Was Ge - walt! Dene — wie! Gewalt! Bluthund! ich werde dir Gewalt lehren! Gegen Minen Gewalt, du Aftermutter! Er ſprang aus dem Bett, und da er ſich weder im Guten noch im Boͤſen beruhigen ließ, ſo mußt’ er gebunden werden — und Mine davon Au - genzeuge ſeyn! —
„ Der Meiſter, der mich ohne Beden - „ ken bey meinem Namen nannte, und ſich „ einbildete, daß ich, blos weil ich von Ben - „ jamins Krankheit gehoͤret haͤtte, da waͤre, „ erzaͤhlte mir, daß Benjamin gleich Freytags, „ als er zuruͤck gekommen, uͤber Kopfweh ge - „ klaget. — In der Nacht haͤtt’ er eine grau -„ ſame384„ ſame Hitze bekommen, und dieſe haͤtte Sonn - „ tag Abend ſeinen Verſtand voͤllig zerruͤttet. — „ In ſeiner Phantaſie haͤtt’ er: rett ſie! rett „ ſie, die arme Schweſter, gerufen. Seht „ ihr nicht Raͤuber? Diebe? Rett ſie, rett „ ſie, und dann all Augenblick: ſpannt an! „ ſpannt an! Sie kommt! ſpannt an! — „ und dann wieder haͤtt’ er die Hausfrau bey „ der Hand genommen. — Ach liebe, liebe „ Frau, was ich auf meinem Gewiſſen habe. „ — Sind wir auch allein? Ihnen will ichs „ wohl entdecken — ich kann keine Verge - „ bung der Suͤnden haben — ich bin ein „ Hoͤllenbrand! Und wiſſen ſie warum? ich „ hab meinen Vater nicht todt geſchlagen, „ und das haͤtt’ ich ſollen. — Es ſind lauter „ Flicken, liebe Jungfer, ſagte der Meiſter, „ es kann kein Menſch ein Kleid daraus ma - „ chen. Sie ſehen doch, wie er leider! iſt. „ Er kennt ſeine eheleibliche Jungfer Schwe - „ ſter nicht. —”
Mine, die wohl einſahe, wie alles die - ſes zuſammenhieng, und die noch uͤberdem ſehr leicht herausbringen konnte, daß ihr un - gluͤckliches Schickſal ihren Bruder ſo ſehr an - gegriffen, daß er in die entſetzliche Krankheit, die einen Menſchen auf eine Zeitlang aus demBuch385Buch der Menſchen ſtreicht, gefallen — machte ſich bittre Vorwuͤrfe. Ich bin Schuld an ſeinem Tode, ſchrie ſie mahl auf mahl! Ich legt’ ihm mehr auf, als er tragen konnte. Mine war ſo von Mitleiden und Kummer durchdrungen, daß ſie nichts mehr, als ein erbarm dich Gott! uͤber das andre ausrufen konnte. — Sie fiel ſich indeſſen ſelbſt zur rech - ten Zeit ein. Stirbt er, ſagte ſie zu den be - wegten Leuten, die ihren Lehrling mit Thraͤ - nen in den Augen gebunden hatten. Stirbt er: werd ich ihn finden, wo man nicht rett ſie! rett ſie! mehr rufen darf. — In den Wohnungen der Gerechten! — Bald! bald werd’ ich ihm folgen. — Hilft ihm Gott, wie ich hoff’ und bete; ſo bitt’ ich ihm zu ſagen, daß ein Frauenzimmer bey ihm geweſen, die ihre Haͤnde zu Gott aufgehoben, da man die Seinigen gebunden haͤtte, die Kyrie Eleiſon gerufen. — — Sie konnte nicht ausreden — ſo bewegt war ſie. — Sie gieng und kam wieder, faßt’ ihn an und ſagte Benjamin! — Er ſah ſie mit ſtarrem Blick an, wolte ſich losreißen — konnte nicht, und ſie gieng be - truͤbt bis in den Tod! —
Benjamin hatte die Reiſe nach Mitau nicht beſtelt. Mine dacht’ aus dem: ſpanntZweiter Th. B ban,386an, ſpannt an, ſie kommt! Ja „ allein ſie fand Nein “und ſah’ ſich genoͤthiget, alles ſelbſt zu berichtigen. — Wer beten kann, pflegte mein Vater ſelbſt auf der Kanzel zu ſagen, kann auch mit Vornehmen und Ge - ringen umgehen — und dies fiel ihr ein, wie ſie ſchreibt. — Sie fand die Beſtaͤtigung zu derſelben Stund, traf Anordnungen, ſchloß Contrakt und reiſete nach Mitau. — Kurz vor der Stadt hatte Mine einen neuen Schreck, gegen den alles, was ſie am Kran - kenbett’ ihres Bruders erlitten, nach ihrem Ausdruck wie gar nichts war. Sie war abgeſtiegen, weil der uͤble Weg dieſe Wa - generleichterung nothwendig gemacht. Sie ſuchte ſich gruͤne ſchoͤne Stellen aus, wo ſie gieng, und wo ſie mit den Voͤgeln des Him - mels den Schoͤpfer lobte, in deſſen heilige Haͤn - de ſie ſich befahl. „ Wenn auch hie und da „ ſchwere Stellen auf dem Wege des Lebens „ ſind, es giebt doch, dacht’ ich, links oder „ rechts gruͤne blumenreiche Stellen, aus denen „ uns die ſchoͤne Natur willkommen heißt. Gott „ ſegne meinen Mann, hilf meinem Bruder! „ — ſo dacht’ ich, oder ſo betete, ſo dankt’ „ ich Gott “ſchreibt Mine, und ſchnell ſprengte ein Reuter auf ſie zu, der ſie ſteif anſahe,und
387und wen ſolte man wohl weniger vermuthen, als den Herrn v. E.? Er war es ſelbſt! Er ſelbſt! — Kein Erdbeben kann ſo erſchuͤt - tern, als dieſer Anblick Minen! — „ Ich „ verlohr “ſchreibt ſie „ gleich auf der Stell’ „ alle Kraft, Staͤrk’ und Macht. Gott, „ wie unergruͤndlich ſind deine Gerichte, wie „ unerforſchlich deine Wege! Das Meſſer, „ das ich, auf den Fall mich Raͤuber, Boͤſe - „ wichter uͤberfallen ſollten, fuͤr meinen Bu - „ ſen geſchaͤrft hatte, war der Dankbarkeit „ gegen Gott, der Liebe zum Leben, und dem „ Zutrauen, daß der, welcher bisher gehol - „ fen, auch weiter helfen wuͤrde — geopfert. „ Da war ich alſo ohne Rettung in des Moͤr - „ ders Haͤnden “—
Er war es! Er! v. E. ſelbſt!
„ Schon wolt’ ich niederknien und von „ dem Boͤſewicht den Tod als die einzige „ Gnad erbetteln. Moͤrder dieſer Art ſind „ aber ſo menſchlich nicht, umzubringen. Sie „ morden Seelen! Gewiſſen! Mir fielen „ die Wort’ unſers Herrn und Meiſters ein: „ Hebe dich weg, Satan! — Schon wolt’ „ ich knien und Abgoͤtterey begehen, als ein „ Wagen kam. “
B b 2In388In dieſem Wagen ſaß ſeine Verlobte und Frauenzimmer ihrer Verwandtſchaft. Herr v. E. hatt’ alſo keine Zeit, Minen naͤher kennen zu lernen. Allerliebſte Augen, ſagt’ er, in dem Wagen! Ich kenne nur noch ein Paar der Art! Ohnfehlbar eignete ſich die Braut dieſes Compliment zu, das aber Mi - nen gehoͤrte. Alles lacht’ ohn End’ und Ziel im Wagen uͤber dieſes Abentheuer, und Herr v. E. mußte Schand halber ſich beym Wagen, der ſich zur Linken wandt, halten: indeſſen ſandt’ er unvermerkt einen ſeiner Ge - treuen Minen nach, ſie zu examiniren: wo - hin? und wo her? Mine, welche zwar in dieſem Vorfall, daß Herr v. E. mit Blind - heit geſchlagen war, und ſie verließ, aufs neue geſehen hatte, daß ſie auf Gottes We - gen waͤre, konnte ſich doch von dieſem Um - ſtande nicht erholen. — Es kam alles Schlag auf Schlag. — Da ſie den Abgeſandten des Satans ſahe, machte ſie einen Schrey! der dieſen Inquirenten mit erſchreckte. Sie wußte nicht ſeinen Auftrag, und ſtelte ſich nichts anders vor, als daß er ſie fort - ſchleppen wuͤrde. Der Abgeſandte hielt Mi - nen fuͤr keinen Biſſen, der einer Jagd werth waͤre. Es war dieſer Helfershelfer nie berHerr389Herrmann geweſen — noch in der Kirche zu — und wie konnte man alles Wild fahen, was Herr v. E. aufjagen ließ? Ermuͤdet von dergleichen Auftraͤgen, begnuͤgte der Abge - ſandte ſich, als er von Minen „ nach Mitau, zu meiner Muhme” heraus hatte, kehrte zuruͤck, und log ſeinem Befehlshaber das uͤbrige zu, um dieſen Roman fein ſaͤuberlich zu endigen. Durch dieſen Vorfall war Mine ſo außer Faſſung gebracht, daß ſie nicht ein - mal Gott danken konnte. — Es war ihr alles, wie im Traum! Groß iſt, Herr, deine Huͤte, fieng ſie zuweilen an, und dann rief ſie wieder: Herr! hilf, ich verderbe! Wenn ſie ſich recht geſammlet hatte, erſchrack ſie vor ſich ſelbſt. — Faſt kannte ſie ſich nicht, ſo ſehr hatte ſie ſich veraͤndert. — Kurz vor Mitau fand ſie ſich wieder, und rang ihre Haͤnde zu Gott! Der dich behuͤtet, ſchlaͤfet und ſchlummert nicht, dachte ſie, in Finſter - niß iſt er dein Licht! Die dir nachſtellen, er - ſchrecken ſehr, und werden zu Schanden ploͤz - lich. — So dachte Mine, und freute ſich, daß Bibel und Geſangbuch ſeit einiger Zeit ihre Hauptbuͤcher, ihre einzigen Buͤcher, ge - weſen. Dein Wort, rief ſie, iſt meiner Fuͤße Leuchte und Licht auf meinen Wegen! —
B b 3Mine390Mine kam nach Mitau. Ihre Anver - wandten, die ſie bald ausfragte, waren in der traurigſten Verfaſſung. Sie hatten in der Nachbarſchaft einem Cavalier ein Stuͤck Land abgepachtet, und da an den Schaden nicht ausdruͤcklich im Contrakt gedacht war; ſo mußten ſie von Heller zu Pfennig bezahlen, und den Schaden erſetzen, obgleich er vom Himmel kam. —
„ Der liebe Gott hats gethan “ſagten die armen Leute vor Gericht; allein die Richter behaupteten W. R. J. V. R. W. daß dieſer Contrakt ohne den lieben Gott gemacht waͤre. — Die Armen! In der Welt habt ihr Angſt, ſagt Chriſtus zu ſeinen Juͤngern, und das konnte man von dieſen Armen mit Wahrheit behaupten! Alles, was ſie an und um ſich hatten, ward ihnen genommen. Sie behiel - ten ſich nur allein uͤbrig und die Erinnerung an einen Contrakt, der ohne den lieben Gott gemacht war. W. R. J. V. R. W. Anſtatt, daß Mine alſo von dieſen Armen Beyſtand erwartete, ließ ſie ihnen etwas von ihren Sa - chen. Sie wolt’ ihnen auch durchaus von ihrem wenigen Vorrath an Gelde die Helfte abgeben; allein dieſe Armen erklaͤrten dies fuͤr den groͤſten Diebſtal. Mine muſt’ ihnen denSter -391Sterbenslauf ihrer Mutter, (die Verwandt - ſchaft kam von Mutter Seite her,) erzaͤhlen, und die guten Leute freuten ſich uͤber ihre Ver - ſorgung! Wer einmal oben iſt, o! der iſt wohl verſorgt! ſagten ſie beyde. Wer weiß, wie nahe mir mein End’, ſetzten ſie hinzu, auch Mine ſagte: Wer weiß, und alle drey freu - ten ſich.
Die ungluͤcklichen Leute hatten einen Sohn, der Paſtor an der Grenze war, wie ſie ſich ausdruͤckten! Wenn er lieber was anders waͤre, wuͤnſchten ſie, dann wuͤrden wir eher Huͤlfe von ihm erwarten koͤnnen. Mine befragte ſie, ob ſie denn ſchon Proben von ſei - ner Haͤrte haͤtten? Haͤrte koͤnnen wir es nicht nennen, erwiederten ſie. Er hat ſich das Be - ten ſtatt des Gebens ſo angewoͤhnt, und frey - lich kommt man dabey am wohlfeilſten ab. Hohl doch, ſagt’ er, liebe Mutter, hohl doch den Brief vom neuen Jahr, da iſt ein Ge - bet drinn, das ein Kirchengebet werden koͤnnte!
Unſer Nachbar, ſagte die liebe Mutter, anſtatt daß ſie den Brief mit dem Gebet holte, welches ein Kirchengebet werden koͤnnte, un - ſer Nachbar hatt’ eben ſo ein Pachtungluͤck; aber wie weit gluͤcklicher iſt der! Er hat ei -B b 4nen392nen Schneider zum Sohne, der ſchon alles reichlich mit Zinſen erſetzt hat, was der Va - ter verloren. — Sag nicht, Mutter, be - ſchloß der Alte — du weißt noch nicht, was unſer thun wird! — geben iſt gut — beten iſt auch gut. — Nicht wahr, Jungfer Muͤhm - chen? frug der Alte. —
Minchens ehrliche Anverwandten halfen die Sache mit einem preußiſchen Fuhrmann berichtigen, und da Mine ihren Freunden von ihrer Geſchichte ſo viel, als ihnen zu wiſ - ſen noͤthig war, entdeckt hatte; blieb die Hauptſache eine geſchwinde Abreiſe. —
Minens Verwandte gab ihr einen Brief nach L. in Preußen, neun Meilen hinter Koͤ - nigsberg, mit, wo eine leibliche Schweſter des ehrlichen verungluͤckten Paͤchters wohnte, und wohin auch Minchen gleich Anfangs hin - dachte. Es ſind reiche Leute, ſagt’ er. Viel - leicht thaͤten ſie an uns etwas. — Gott wird es ihnen bezahlen, hier zeitlich und dort ewiglich. —
Und Minens Vater? —
Er hatt’ einen harten Kampf mit dem Herrn v. E., daß er Minen nicht weichher - ziger, wie er ſich auszudruͤcken beliebte, ge - macht. — Dieſer Kampf hatte ſchon, wieſich393ſich meine Leſer erinnern werden, in Herr - manns Hauſe angefangen, und ward noch hitziger fortgeſetzet, da Herrmann zum Herrn v. E. kam.
Was will die Naͤrrin, ſchrie er? Nach einer Viertelſtunde raunte er dies was will ſie? dem Herrmann ins Ohr.
Um aus der Noth eine Tugend zu ma - chen, war Herrmann es ganz unterthaͤnigſt zu - frieden, daß Gewalt fuͤr Recht gehen, und Mine dem Herrn v. E. als ein Schlachtopfer gebunden zu Fuͤßen geleget wuͤrde. Ich hoffe doch, ſagte Herrmann, daß es alles ehrlich und ordentlich mit Minen zugehen werde — denn wahrlich, Hochwohlgebohrner und gnaͤ - diger Herr Baron! es iſt ein Maͤdchen, die ſterben koͤnnte, ehe man ſichs verſeh’ und ey, dann Vater ſeyn! — Verſteht ſich, ſagte Herr v. E., ehrlich und ordentlich — ich werde doch Herr! zum Teufel wiſſen, mit einem Maͤdel eine Comoͤdie zu ſpielen! Hat der Herr ſchon gehoͤrt, daß die Perſonen im lez - ten Akt des Luſtſpiels ſterben? und ein Luſt - ſpiel, hoͤrt der Herr! ein Luſtſpiel ſoll es wer - den! Dieſes Luſtſpiel waͤre Dienſtags vollen - det worden; allein Herr v. E. mußte nolens volens ſeine Braut zu einem ihrer Anver -B b 5wand -394wandten, der bey Mitau wohnte, begleiten. Herrman blieb, auf Geheiß des[Herrn] v. E. ſo lange bey der Frau v. E. Gnaden, und bey der Jungfer Denen Hochedelgebohrnen.
In zwey bis drey Tagen bin ich hier; ſchrie noch Herr v. E. dem Herrmann vom Pferde zu, und dann ohne Verzug. — Sie hatten ſich in die Haͤnde geſchlagen, wenn al - les gut gienge, ſoll es nicht bey vierzig Tha - ler Alb. bleiben. — Gott gebe, daß es gut geht, ſagte Herrmann; das Uebrige werden meine Leſer an ſeinen Ort zu ſtellen und ein - zuſchalten wiſſen. Wuͤrde Herr v. E. Mi - nen nahe bey Mitau vermuthet haben, und haͤtte ſein Abgeſandter ihm hievon auch nur die entfernteſte Spuren zuruͤck gebracht; das Gelaͤchter im Wagen wuͤrd’ ihn eben ſo we - nig von ihren Augen abgebracht haben, als Gottes Wort in der Kirche. Sein Herz hieng an Minen, und eben weil es an ihr hieng, verfolgt’ er das Maͤdchen nicht weiter, das nach ſeiner Einſicht blos Minens Augen haͤtte; obgleich ſie es gottlob ſelbſt war. —
Herr v. E. traf nach dreyen Tagen ein, fand den Herrmann froͤlich und guter Dinge, und es ward der Mord ganz puͤnktlich verab - redet. Herrmann reiſete nach Hauſ’ umalles395alles zu dieſer Gewaltthaͤtigkeit vorzubereiten. Regine hatte von Minens Entfernung dem Herrmann keine Nachricht ertheilet. Zwar hatte Mine ihr nur blos geſagt, daß ſie die Nacht nicht heimkommen wuͤrde; indeſſen dachte Regine, wer weiß, was fuͤr ein Zufall ſie bindet! — Herrmann kam betruͤbt nach Hauſe. — Ich glaub’, es iſt es jeder Nach - richter, wenn er den Streich vollfuͤhren ſoll, wenn er ſich bewußt iſt: unſchuldig Men - ſchenblut. Hermann fand die unbeſorgte Re - gine, und ſtatt Minen folgende Schrift:
Sie wiſſen ſelbſt mein Vater — Vater werd ich ſie nennen, es gehe wie es gehe. — Sie wiſſen ſelbſt, daß ich nicht aus Tuͤcke des Herzens aus meinem Vaterlande, und aus meiner Freundſchaft, und aus meines Vaters Hauſe gegangen, in ein Land, das Gott mir gezeigt hat! — Sie wiſſen alles! Ich bin ihre Tochter! Mehr als dies: Sie wiſſen alles, darf ich mich nicht unterſtehen zu ſchreiben, und ſolten oder wolten Sie nicht alles wiſſen; ſo waͤr’ es ein ſehr unzei - tiges Geſchaͤfte, mehr zu ſchreiben. Gott verzeih’ es mir! wenn ich jetzt oder jemalsdie396die Achtung aus dem Auge verloren, die ich Ihnen ſchuldig bin. — Mein Weg geht, wie ich fuͤhle, zum Himmel ein. Ich habe zu viel Angſt, zu viel Kummer erlitten, um hoffen zu koͤnnen, eher als vor Gottes Thron bey meiner ſeligen, ja wohl, ſeligen Mutter gluͤcklich zu ſeyn! Dann, dann wird, o wie freu’ ich mich deſſen! das Grab in Abſicht meines hinfaͤlligen Theils meine Behauſung, Finſterniß mein Bette, die Verweſung mein Vater, und die Wuͤrmer die Meinigen ſeyn — allein mein Geiſt! — dort, dort werden abgewiſcht werden die Thraͤnen von meinen Augen. — Im Himmel iſt mein Theil und Erbe. — Ich bitte Gott, daß ich Sie einſt auch da finden moͤge, mein Vater! da wo Ruh’ iſt! Sie haben mir auf volle acht Tag’ Ausgabegeld gegeben; die Rechnung vom Sonntag und Montag liegt auf ihrem Schreibtiſche. Reginen hab’ ich Geld auf zwey bis drey Tage zuruͤckgelaſſen, hier iſt das Uebrige vom Wochengelde. — Ich habe nichts von dem Ihrigen mir zugeeignet, ich hab’ Ihnen nichts entwendet. Sie berech - neten ſich mit meinem Bruder Benjamin, und wie’s mir vorkam; legten ſie auch mein Theil ab. Dieſen ſchenk ich meinem Bruder. Ich397Ich wuͤnſchte wohl, daß Dene nichts truͤge, was meine theure Mutter getragen hat, wenn es ihr, wie ich vermuthe, nicht ſchon an ſich zu ſchlecht iſt. — — Solten Sie, mein Vater, wider all mein Vermuthen etwas miſſen, ſo muß Regine davon Anzeige thun koͤnnen, die indeſſen, wie Sie wiſſen, die Ehrlichkeit ſelbſt iſt. Ich gehe, und das koͤnnen Sie ſich leicht vorſtellen, mit ſchwe - rem Herzen, o Gott! mit ſchwerem Herzen von hier. An dieſem Briefe hab’ ich drey Tage geſchrieben. Thraͤnen beziehen mir ſo die Augen, daß ich auch jetzt nicht ſehe, was ich ſchreibe. — Gott ſey mir gnaͤdig! Ich bet’ auch fuͤr Sie! und werd’ es nie aufhoͤ - ren zu thun. Haben Sie tauſend Dank fuͤr alles Gute, ſo Sie meiner Munter, und ſo Sie mir gethan. Meine Mutter laͤßt ſich noch durch mich bedanken. Gott vergelt es Ihnen! — Ihr Grab war mein Labſal, ſonſt waͤr’ ich vergangen in meinem Elende. Verzeihen ſie alle meine Fehler, wodurch ich Sie in meiner Jugend betruͤbt habe. Seit vielen Jahren, duͤnkt mich, hab’ ich Ihnen nicht Gelegenheit zur Unzufriedenheit gegeben. Man muß Gott mehr gehorchen, als den Menſchen. — Meine Entfernung rechnenSie398Sie nicht unter Fehler, die ich ihnen abzu - bitten ſchuldig waͤre — ich bitte ſie Ihnen dennoch ab, weil ich weiß, daß ſie Ihnen einigen Verdruß machen wird. Der Him - mel gebe, daß er ſo klein ſey, als nur moͤg - lich, nur moͤglich. — Wenn Sie nicht glau - ben wollen, daß mich Gott zu gehen geheiſ - ſen hat; ſo laſſen Sie ſich von dem Herrn Paſtor die Predigt vom vorigen Sonntag ge - ben. Dieſe Predigt ließ Gott durch ihn an mich halten — das koͤnnen Sie mir glau - ben, weil ich es empfunden habe, und wenn Sie die Predigt leſen, werden Sie’s auch empfinden, und mir wenigſtens eine gluͤckli - che Reiſe wuͤnſchen, wie ſie meinem Bruder wuͤnſchten. — Die Frau Paſtorin haben Leute, das weiß ich, wider mich aufge - bracht.
Ich bitte Sie, meine liebe Frau Paſto - rin, um Gottes willen, um Gottes willen, nicht zu denken, daß ich ihren Sohn verfuͤhrt habe, und noch verfuͤhre. Eben ſo wenig, als er mich verfuͤhret hat, und verfuͤhren wird, eben ſo wenig ich, ihn. — Sie ſind eine gute ver - ehrungswuͤrdige Frau, meine geiſtliche Mut - ter, die mich uͤber die Taufe gehalten hat — ach! — — Gott der Herr ſegne Sie! Ichkuͤß’399kuͤß ihnen und dem Herrn Paſtor, dem Bo - ten Gottes, die Hand. Gott wird ihn ſo in ſeinem Lezten erquicken, als er mich vori - gen Sonntag in meinem Lezten in — er - quicket hat.
Lieber Vater, ſagen Sie dieſe Stellen der Frau Paſtorin vor, und danken Sie dem Herrn Paſtor tauſendmal, tauſendmal! Lie - ber Herr Paſtor! Engel Gottes! ich dank’ Ihnen tauſendmal, tauſendmal! —
Ich wuͤnſchte ſehr, mein Vater, daß dieſe frommen Leute gut von mir daͤchten, des Ge - bets dieſer Frommen wegen, dem ich mich empfehle. Setzen Sie mich, mein Vater, in die Guͤte, in das fromme Andenken der Frau Paſtorin zuruͤck. Schlagen Sie mir, lieber Vater, dieſe lezte Bitte nicht ab: und denn noch eine nicht: — das Grab meiner Mutter in Ehren zu halten! Wenn die Erde nachlaͤßt, und das Grab ſinkt, laßen Sie, laßen Sie doch Erde, gute ſchwarze Erde nachſchuͤtten, damit es nicht das Anſehen, das edle Anſehn eines Grabes, eines Huͤgels, ver - liere. Meine Mutter iſt ja die Hand voll ſchwarzer Erde werth! — Nun leben Sie wohl! — Wenn Sie Denen heyrathen, laſ - ſen Sie ſie nicht veraͤchtlich von meiner Mut -ter400ter reden. Es iſt eine ſelige Mutter. Verdop - peln Sie Ihre Liebe gegen meinen Bruder Benjamin. Er iſt jetzt das einzige Kind, das von einer Mutter ſtammt, die im Himmel iſt. — Gruͤßen Sie ihn von mir tauſendmal. So oft er zu Ihnen kommt, gruͤßen Sie ihn tauſendmal. — Gruͤßen Sie alle, die ſich mei - ner zu erinnern die Guͤte haben. Verfolgen Sie mich nicht, denn ich geh’ auf Gottes We - gen. Regine iſt ſo unſchuldig an meiner Ent - fernung, als die Sonn’ am Himmel. Gruͤßen Sie auch Reginen von mir! Ich bitte Regi - nen ab, daß ich ſie wegen meiner Flucht ge - taͤuſchet habe. — Gott laß’ es Ihnen allen, allen, allen, wohl gehen zeitlich! geiſtlich! und ewig! wohl! wohl! Wenn Herr von E. ſeine Gemahlin treu lieben wird, nur dann wird er gluͤcklich ſeyn. Gott ſteht das Herz an, und alle guten Leute, die Gottes Bild an ſich tragen, desgleichen. Ich wuͤnſch’ auch ihm alles, alles Gute! Hiemit leben Sie wohl alle! alle! Leben Sie wohl! —
Herrmann war geruͤhrt — weinen konnt’ er nicht. Schon wolt’ er den ganzen Han - del mit Denen wieder aufgeben, und zu mei -nem401nem Vater gehen, und ſeine Suͤnde in den Schoos ſeines Beichtvaters bekennen. Er konnte ſich nicht entbrechen, vor ſich zu ſagen, als ob er ſich auf das Compliment zu meinem Vater beſoͤnne: Vater, ich habe geſuͤndiget im Himmel und vor dir, ich bin hinfort nicht werth, daß ich dein Beichtſohn heiße. —
Dieſe Bußgedanken wurden aber bald zerſtreuet. Nimmt Herr v. E. Denen von mir! Was heb’ ich an? Graben mag ich nicht; doch ſchaͤm’ ich mich zu betteln. Dies ſetzt’ er ſeinen Bußgedanken entgegen, und wenn ſie gleich nicht voͤllig in die Flucht ge - ſchlagen wurden; ſo waren ſie doch wenig - ſtens wankend gemacht. Je weiter er dem Vorfall nachdachte, je mehr befeſtigte ſich ſein Entſchluß, ſich unter die gewaltige Hand des Herrn v. E. zu demuͤthigen. Sein letz - ter Vorſatz war, dem Herrn v. E., der, wenn er wollte, ihn ganz und gar an den Bettelſtab bringen koͤnnte, alles zu entdecken — und ſich ihm auf Gnad und Ungnad, auf Tod und Leben, zu ergeben. Er nahm den Brief mit (die Hand zittert’ ihm, da er ihn angrif,) und ritt nach — zum Herrn v. E. —
Zweiter Th. C cNun,402Nun, Teufel, war der Willkommen —
Hochwohlgebohrner! gnaͤdiger Herr! hier! —
Was? (Herr v. E. nahm und las —)
Blitz! Donner! Zeter! Wetter! Wo iſt die Beſtie?
Gnaͤdiger Herr! Verzeihen Sie —
Er iſt doll!
Wie Ew. Hochwohlgebohrnen befehlen.
Die Beſtie, wo iſt ſie?
Das iſt Gott bekannt!
Nach einem laugen Mißverſtaͤndniß kam es heraus, daß der Abgeſandte Jacob die Beſtie war. Ich hab ſie begegnet! Gewis und wahrhaftig, ſie war es, ſchrie Herr v. E.
Ketten! — Jacob! wo iſt die Beſtie? Jacob kam, und, nach den entſetzlichſten Fluͤ - chen, wurde Jacob in Eiſen geſchmiedet Die - ſer Kerl, mit dem ein kurzer Proceß gemacht ward, ſchien der Ableiter der Wuth des Herrn v. E. zu ſeyn — v. E. erholte ſich. — So lang als ich ſie nicht habe, ſollſt du ſo liegen, Beſtie, das war das Urtel. —
Es wurden Steckbriefe und Boten zu Fuß, zu Pferde und zu Wagen, ausgeſandt — al - lein Mine kam gluͤcklich nach — Koͤnigs - berg! — Sie erſchrack uͤber dieſen Ort! Sogroß403groß, ſagte ſie zu den Fuhrleuten! Es war der nehmliche Major, und der nehmliche Junker, die mich nach Koͤnigsberg gebracht hatten! — Mine ſchlief in Koͤnigsberg auf der nemlichen Stelle, wo ich geſchlafen hatte, und es ſey, daß Ahndung es ihr eingab, oder was weiß ich wie ſie empfand, daß ich da geweſen. Bis dahin hatte ſie hievon keinen Gedanken gehabt. — Jetzt kam es ihr ſchnell ein, wie alles kommt, was gut iſt. — Mine lenkte das Geſpraͤch auf die hohe Schule, und immer weiter und weiter, bis die Majorin ſelbſt von mir anfing. Der Major hatte mich laͤngſt vergeſſen. Ueberhaupt ſchwaͤcht nichts ſo ſehr das Gedaͤchtniß, als Reiſen. Die Majorin gab ſo viel Umſtaͤnd’ an, daß Mine mich vor ſich ſahe. Haͤtte Kummer und Elend, und vorzuͤglich der Ueberfall des Boͤſewichts, da Mine zu Fuße gieng, und die peinlichen Fragen des Abgeſandten, der jetzt in Eiſen ge - ſchmiedet war, dieſe Arme nicht ſo ſehr zuruͤck - geſetzt, ich glaube die Liebe haͤtt’ ihre Gruͤnde, mich nicht zu ſehen, uͤberwunden. Jetzt uͤberwanden die Gruͤnde. Wer ſiehet gern Leute, die man recht zaͤrtlich liebt, wenn man ſo kuͤmmerlich iſt, wie Mine war. Ihre Gruͤnde:
C c 2„ Die404„ Die Paſtorin nennt mich eine Verfuͤh - „ rerin! Koͤnnt’ ich es nicht werden? Und „ unter welchem Namen ſolt ich? Unter weſ - „ ſen Schutz? Was wuͤrden ſeine Bekannten „ von mir denken? von ihm ſagen? wie und „ wo ſoll er mich ſehen?” Mine, die uͤber - all auf Gottes Wegen gieng, hatte ſchon der Majorin geſagt, daß ſie keinen Verwandten in Koͤnigsberg haͤtte, und daß ſie nach L — wolte. Es war ſchon unterwegs abgemacht, daß man ſie dorthin ſenden wuͤrde. Eine ge - wiſſe fraͤuliche Delikateſſe, die, wenn ſie Schwaͤche waͤre, ſelbſt unſerm Geſchlecht, angenehmer als Staͤrk’ iſt, gab jedem Ge - danken Nachdruck —
„ Koͤnnte man nicht denken, ich waͤre ſei - „ netwegen? — Er kann und wird mich ſe - „ hen, im Schoos meiner Verwandten — und „ ſterb’ ich — in der ſeligen Ewigkeit! —”
Kurz, es ward beſchloſſen, nach L —. Der Herr Major ſagte: Frau, ſolch ein Frauen - zimmer haſt du noch nicht geſehen, und die Frau Majorin that mir die Ehre, Notabene nachdem mein Andenken bey ihr aufgefriſcht war, bey dieſer Gelegenheit zu bemerken, daß ſie ſolch einen jungen Herrn, als mich, ſo leicht nicht geſehen haͤtte. Mine ſchreibt:„ dies405„ dies kam mir ſo unerwartet, daß ich feuer - „ roth wurde, — ich freute mich, mein Lie - „ ber, ſo ſehr ſich Mine freuen konnte! — „ Da Mine eine Luſt bezeigte, die Stadt zu beſehen, ſo ward den Morgen eine Kutſche angeſpannet. Die Majorin machte Umſtaͤn - de, mit Minen zuſammen zu ſitzen. Sie wolte gerad uͤber ſitzen. Endlich — — All Augenblick, wenn Mine einen jungen Men - ſchen ſah, fiel ſie zuruͤck. Sie glaubte mich —
Den nemlichen Tag nach Tiſche.
Herr v. G. und ich.
Wir giengen, nachdem wir uns umge - zogen. Schon ſahen wir ſein roth abgeputz - tes Hauß, freueten uns unſere Kriegscame - raden zu ſehen, und frugen einander. — Da begegneten uns ein Paar Landleut’ im Wa - gen, die uns hineinwinkten. — Wir nah - men dieſen Wink entgegen — und fuhren ihren Weg nach Hollſtein, (einem Luſtorte bei Koͤnigsberg.) Warum konnten wir nicht zum Major, obſchon wir das roth abgeputzte Hauß ſahen? Große Frage! warum? O Gott warum? Eine kurze Freude fuͤr meine Leſer! —
Der Weg nach Hollſtein iſt einer der ſchoͤnſten, den man fahren kann. Auf der einen Seite Waſſer, wo Schiffe ſich kreuzen, auf der andern die anmuthigſten Wieſen. — Man koͤnnte, ſagt’ einer in unſern Wagen, um den Wieſen ein Compliment zu machen, Billard darauf ſpielen! —
Ich407Ich war blind und taub! Wie konnt’ es anders! Schon ſechs Wochen uͤber das Vier - teljahr, und kein Brief von Minen!
Mine reiſte den andern Tag nach L — zu ihren Verwandten. — Wie ſie zum Thor heraus fuhr, fielen ihr wieder die Wort’ ein: Man trug einen Todten aus der Stadt, der war der einzige Sohn ſeiner Mutter. Sie konnte dieſe Worte nicht los werden. —
Mine ſchreibt: „ mein Weg, mein Lieber, „ wie du ſchon weißt, wie ich dir ſchon tau - „ ſendmal geſchrieben habe, gieng Himmel an, „ uͤberall Himmel an. —”
Sie fand ihren Verwandten auf dem Brete. Seine Frau war ſchon laͤngſt geſtor - ben. Muͤd’ und matt fiel Mine, bey dem An - blick ihres Verwandten in Ohnmacht. Nach - dem ſie ſich erholt hatte und den Todten an - ſah, fand ſie eine Aehnlichkeit von ihrer Mut - ter in allen ſeinen Zuͤgen. Sie konnt’ ihr Aug nicht von ihm laſſen. Sie ſelbſt:
„ Es ſey, mein Lieber, daß alle Todten „ eine Aehnlichkeit haben, die im Herrn ſter - „ ben, oder der Selige hatte, der Verwand - „ ſchaft wegen, wuͤrklich aͤhnliche Zuͤge von „ meiner Mutter. Mir war es Zug an Zug! „ — Lieber Gott, dacht’ ich, indem ich ihnC c 4„ ſtarr408„ ſtarr anfah, nun hab ich auch einen Brief in „ den Himmel. Du weißt doch, mein Lieber, „ den Brief aus Mitau! — Gott, dein heiliger „ Wille geſchehe! — Nur daß du mich „ nicht verlaͤßeſt, wenn ich dieſen ſeligen Weg „ gehe — und die lezte, letzte Reiſe thue.
„ Wieder ein Wegweiſer Himmel an! „ Himmel an, mein Lieber! Ich glaube nicht, „ daß ich mehr weit zum Ziele habe. — Es „ kann, es kann nicht mehr weit ſeyn! —”
„ Ich wolt’ in Koͤnigsberg mich mit dem „ Fuhrmann und ſeiner Frau abfinden, die „ Leute hatten mir viel, ſehr viel Gutes ge - „ than; allein weder er, noch ſie, waren zu „ einem Dreyer zu bequemen. Ich ſchenkte „ der kleinen Tochter, die nicht von mir ließ, „ einen Kopfputz, und mehr war den Leuten „ nicht aufzudringen. — Sie hatten mir gar „ zu eſſen und zu trinken auf den Weg gege - „ ben, ohne daß ich’s wußte. — Mein Gott, „ was giebt es doch fuͤr gute Menſchen in der „ Welt! Dieſe Guͤte bewegte mich bis zu„ Thraͤ -409„ Thraͤnen, die, Gott ſey geprieſen, ſogleich „ da ſind, und mir ſehr treue und gute Dien - „ ſte thun. —”
Der Prediger in L —, wahrlich ein Mann, der nicht blos betete, ſondern auch arbeitete, der nicht blos lehrte, ſondern auch gab, kam eben von der Erfuͤllung des lezten Willens des Seligen! Es hatte der Verſtorbene verord - net, da er keine Erben hatte, daß ſein ganzer Nachlaß an das Hoſpital und die Hausarmen gegeben werden ſolte. Der gute Prediger hatt’ alle die frohen Zuͤge der Armen in ſeinem Ge - ſicht, die er veranlaſſet hatte, und ſo kam er ins Trauerhauß. — Einen Tag eher, und Mine haͤtte fuͤr die bewuſten Armen in Mitau Anſpruch auf dieſen lezten Willen machen koͤn - nen! Es war ſeit undenklichen Jahren keine Nachricht von ihnen in L eingelaufen, und der Selige glaubte, ſie ſchon alle da zu fin - den, wo er hingieng.
„ Auch ich Hoſpitalitin, ſchreibt Mine, „ haͤtt’ ein Recht an dieſer Austheilung gehabt, „ ich pruͤfte mich vor Gott, ob ich es einem „ beneidete? auch der es weniger, wie ich, „ noͤthig hatte; allein ich beſtand in der Wahr - „ heit. — Mein Lieber! ich bin verlaſſen; „ allein Gott weiß, dieſer Gedanke koſter mirC c 5keinen410„ keinen bittern Augenblick. — Keinen ein - „ zigen iſt der verlaſſen, der auf Gottes We - „ gen geht! Wenn mir einfaͤlt, wo Brod in „ der Wuͤſten? bild ich mir ein, wenn ich kein „ Brod habe, werd’ ich auch keinen Hunger „ haben, und das iſt jetzt mein unaufhoͤrliches „ Denken, ſo lang ich bey der Leiche bin — „ und denn noch ein großer uͤber alle maaßen „ wichtiger Gedank’ iſt mein: bald wird mich „ gar nicht mehr hungern und duͤrſten — „ und nicht mehr auf mich fallen Froͤſte des „ Schrecks, und keine Flamme der Anfechtung „ mich mehr ergreifen. Ich fuͤhl’ es, Gelieb - „ ter, innerlich, obgleich mir aͤußerlich nichts „ anzuſehen iſt, es werde bald Amen mit mir „ ſeyn. — Glaub mir, ich bin mehr dort, „ wie hier; ich ſehne mich nach meiner rech - „ ten Behauſung! denn kann ich nicht mit „ Wahrheit ſagen: Ich habe hier keine blei - „ bende Statt gefunden, ſondern die zukuͤnf - „ tige ſuch’ ich. — Bald! bald! wird man „ einen Todten heraustragen. — Was ſolt’ „ ich mich alſo graͤmen, und wider Gott mur - „ ren, der den Himmel ausbreitete und die „ Erde gruͤndete, und ſo groß er iſt, doch auch „ meinen Schmerz wog, warum ſolt ich mur - „ ren, und uͤber die klagen, die den Nach -„ laß411„ laß meines Verwandten in Empfang ge - „ nommen. Da ich den Herrn ſucht’, ant - „ wortete er mir, und errettete mich aus aller „ meiner Furcht. — Er ließ mein Angeſicht „ nicht zu Schanden werden, da mich v. E. „ und ſein Bothſchafter ſahen. Ich Elende „ rief, und es hoͤrte mich der Herr, und half „ mir aus allen meinen Noͤthen. Der Engel „ des Herrn lagerte ſich um mich her, und „ ſchlug mit Blindheit, die mich greifen wol - „ ten! — Du kannſt nicht glauben, Gelieb - „ ter, wie froh ich bin! Froh bey einem Tod - „ ten! — Er iſt entgangen, ich werd’ auch „ entgehen. — Von ganzer Seel empfind ich „ die Worte: der Menſch lebt nicht vom Brod „ allein! — Ich habe ſo wenig Hunger, daß „ ich noch drey Tag’ ohne Eſſen und Trinken „ bleiben koͤnnte. Ich ſchmecke und ſehe, wie „ freundlich der Herr iſt, wohl dem, der auf „ ihn trauet! „
Der Pfarrer in L — fand Minen ver - ehrungswuͤrdig. Er ſah ihr an, was ſie war. Er war mit einem geſtaͤrkten Auge zu ihr gekommen. Mit einem Anſtande, frey wie die Tugend, erzaͤhlt’ ihm dies lie