Gern moͤchte ich Dich, guͤnſtiger Le¬ ſer! unter jene dunkle Platanen fuͤh¬ ren, wo ich die ſeltſame Geſchichte des Bruders Medardus zum erſtenmale las. Du wuͤrdeſt Dich mit mir auf dieſel¬ be, in duftige Stauden und bunt gluͤ¬ hende Blumen halb verſteckte, ſteinerne Bank ſetzen; Du wuͤrdeſt, ſo wie ich, recht ſehnſuͤchtig nach den blauen Ber¬ gen ſchauen, die ſich in wunderlichenIV Gebilden hinter dem ſonnigten Thal aufthuͤrmen, das am Ende des Laub¬ ganges ſich vor uns ausbreitet. Aber nun wendeſt Du Dich um, und er¬ blickeſt kaum zwanzig Schritte hinter uns ein gothiſches Gebaͤude, deſſen Portal reich mit Statuͤen verziert iſt. — Durch die dunklen Zweige der Plata¬ nen ſchauen Dich Heiligenbilder recht mit klaren lebendigen Augen an; es ſind die friſchen Freskogemaͤhlde, die auf der breiten Mauer prangen. — Die Sonne ſteht gluthroth auf dem Gebuͤrge, der Abendwind erhebt ſich, uͤberall Leben und Bewegung. Fluͤ¬ ſternd und rauſchend gehen wunderbare Stimmen durch Baum und Gebuͤſch:V als wuͤrden ſie ſteigend und ſteigend zu Geſang und Orgelklang, ſo toͤnt es von ferne heruͤber. Ernſte Maͤnner, in weit gefalteten Gewaͤndern, wandeln, den frommen Blick emporgerichtet, ſchwei¬ gend, durch die Laubgaͤnge des Gartens. Sind denn die Heiligenbilder leben¬ dig worden, und herabgeſtiegen von den hohen Simſen? — Dich umwehen die geheimnißvollen Schauer der wunderba¬ ren Sagen und Legenden die dort ab¬ gebildet, Dir iſt, als geſchaͤhe Alles vor Deinen Augen, und willig magſt Du daran glauben. In dieſer Stim¬ mung lieſeſt Du die Geſchichte des Me¬ dardus, und wohl magſt Du auch dann die ſonderbaren Viſionen des MoͤnchsVI fuͤr mehr halten, als fuͤr das regelloſe Spiel der erhitzten Einbildungskraft. —
Da Du, guͤnſtiger Leſer! ſo eben Heiligenbilder, ein Kloſter und Moͤnche geſchaut haſt, ſo darf ich kaum hinzu¬ fuͤgen, daß es der herrliche Garten des Capuzinerkloſters in B. war, in den ich Dich gefuͤhrt hatte.
Als ich mich einſt in dieſem Klo¬ ſter einige Tage aufhielt, zeigte mir der ehrwuͤrdige Prior, die von dem Bruder Medardus nachgelaſſene, im Archiv auf¬ bewahrte Papiere, als eine Merkwuͤr¬ digkeit, und nur mit Muͤhe uͤberwand ich des Priors Bedenken, ſie mir mit¬ zutheilen. Eigentlich, meinte der Alte, haͤtten dieſe Papiere verbrannt werdenVII ſollen. — Nicht ohne Furcht, Du wer¬ deſt des Priors Meinung ſeyn, gebe ich Dir, guͤnſtiger Leſer! nun das aus jenen Papieren geformte Buch in die Haͤnde. Entſchließeſt Du Dich aber, mit dem Medardus, als ſeyſt Du ſein treuer Gefaͤhrte, durch finſtre Kreuz¬ gaͤnge und Zellen — durch die bunte — bunteſte Welt zu ziehen, und mit ihm das Schauerliche, Entſetzliche, Tolle, Poſſenhafte ſeines Lebens zu ertragen, ſo wirſt Du Dich vielleicht an den man¬ nigfachen Bildern der Camera obſcura, die ſich Dir aufgethan, ergoͤtzen. — Es kann auch kommen, daß das ge¬ ſtaltlosſcheinende, ſo wie Du ſchaͤrfer es ins Auge faſſeſt, ſich Dir bald deut¬VIII lich und rund darſtellt. Du erkennſt den verborgenen Keim, den ein dunk¬ les Verhaͤngniß gebahr, und der, zur uͤppigen Pflanze emporgeſchoſſen, fort und fort wuchert in tauſend Ranken, bis eine Bluͤthe, zur[Frucht] reifend, allen Lebensſaft an ſich zieht, und den Keim ſelbſt toͤdtet. —
Nachdem ich die Papiere des Capu¬ ziners Medardus recht aͤmſig durchgele¬ ſen, welches mir ſchwer genug wurde, da der Seelige eine ſehr kleine, unle¬ ſerliche moͤnchiſche Handſchrift geſchrie¬ ben, war es mir auch, als koͤnne das, was wir insgemein Traum und Ein¬ bildung nennen, wohl die ſymboliſche Erkenntniß des geheimen Fadens ſeyn,IX der ſich durch unſer Leben zieht, es feſtknuͤpfend in allen ſeinen Bedingun¬ gen, als ſey der aber fuͤr verloren zu achten, der mit jener Erkenntniß die Kraft gewonnen glaubt, jenen Fa¬ den gewaltſam zu zerreiſſen, und es aufzunehmen, mit der dunklen Macht, die uͤber uns gebietet.
Vielleicht geht es Dir, guͤnſtiger Leſer! wie mir, und das wuͤnſchte ich denn, aus erheblichen Gruͤnden, recht herzlich.
Die Jahre der Kindheit und das Kloſterleben.
Nie hat mir meine Mutter geſagt, in wel¬ chen Verhaͤltnißen mein Vater in der Welt lebte; rufe ich mir aber alles das in's Ge¬ daͤchtniß zuruͤck, was ſie mir ſchon in meiner fruͤheſten Jugend von ihm erzaͤhlte, ſo muß ich wohl glauben, daß es ein mit tiefen Kenntnißen begabter lebenskluger Mann war. Eben aus dieſen Erzaͤhlungen und einzelnen Aeußerungen meiner Mutter, uͤber ihr fruͤhe¬ res Leben, die mir erſt ſpaͤter verſtaͤndlich worden, weiß ich, daß meine Eltern von einem bequemen Leben, welches ſie im Be¬4 ſitz vieles Reichthums fuͤhrten, herab ſan¬ ken in die druͤckendſte bitterſte Armuth, und daß mein Vater, einſt durch den Satan ver¬ lockt zum verruchten Frevel, eine Todſuͤnde beging, die er, als ihn in ſpaͤten Jahren die Gnade Gottes erleuchtete, abbuͤßen wollte, auf einer Pilgerreiſe nach der heiligen Linde im weit entfernten kalten Preußen. — Auf der beſchwerlichen Wanderung dahin, fuͤhlte meine Mutter nach mehreren Jahren der Ehe zum erſtenmahl, daß dieſe nicht un¬ fruchtbar bleiben wuͤrde, wie mein Vater befuͤrchtet, und ſeiner Duͤrftigkeit unerachtet war er hoch erfreut, weil nun eine Viſion in Erfuͤllung gehen ſollte, in welcher ihm der heilige Bernardus Troſt und Vergebung der Suͤnde durch die Geburt eines Sohnes zugeſichert hatte. In der heiligen Linde er¬ krankte mein Vater, und je weniger er die vorgeſchriebenen beſchwerlichen Andachts¬ uͤbungen ſeiner Schwaͤche unerachtet aus¬ ſetzen wollte, deſto mehr nahm das Uebel5 uͤberhand; er ſtarb entſuͤndigt und getroͤſtet in demſelben Augenblick, als ich gebohren wurde. — Mit dem erſten Bewuſtſeyn daͤm¬ mern in mir die lieblichen Bilder von dem Kloſter, und von der herrlichen Kirche in der heiligen Linde, auf. Mich umrauſcht noch der dunkle Wald — mich umduften noch die uͤppig aufgekeimten Graͤſer, die bunten Blu¬ men, die meine Wiege waren. Kein gifti¬ ges Thier, kein ſchaͤdliches Inſekt niſtet in dem Heiligthum der Gebenedeyten; nicht das Sumſen einer Fliege, nicht das Zirpen des Heimchens unterbricht die heilige Stille, in der nur die frommen Geſaͤnge der Prieſter erhallen, die, mit den Pilgern goldne Rauch¬ faͤßer ſchwingend, aus denen der Duft des Weyhrauchopfers emporſteigt, in langen Zuͤ¬ gen daherziehen. Noch ſehe ich, mitten in der Kirche, den mit Silber uͤberzogenen Stamm der Linde, auf welche die Engel das wun¬ derthaͤtige Bild der heiligen Jungfrau nie¬ derſetzten. Noch laͤcheln mich die bunten Ge¬6 ſtalten der Engel — der Heiligen — von den Waͤnden, von der Decke der Kirche an! — Die Erzaͤhlungen meiner Mutter von dem wundervollen Kloſter, wo ihrem tiefſten Schmerz gnadenreicher Troſt zu Theil wur¬ de, ſind ſo in mein Innres gedrungen, daß ich Alles ſelbſt geſehen, ſelbſt erfahren zu haben glaube, unerachtet es unmoͤglich iſt, daß meine Erinnerung ſo weit hinausreicht, da meine Mutter nach anderthalb Jahren die heilige Staͤtte verließ. — So iſt es mir, als haͤtte ich ſelbſt einmahl in der oͤden Kir¬ che die wunderbare Geſtalt eines ernſten Mannes geſehen, und es ſey eben der fremde Mahler geweſen, der in uralter Zeit, als eben die Kirche gebaut, erſchien, deſſen Sprache niemand verſtehen konnte und der mit kunſtgeuͤbter Hand in gar kurzer Zeit, die Kirche auf das herrlichſte ausmahlte, dann aber, als er fertig worden, wieder ver¬ ſchwand. — So gedenke ich ferner noch eines alten fremdartig gekleideten Pilgers mit lan¬7 gem grauen Barte, der mich oft auf den Armen umhertrug, im Walde allerley bunte Mooſe und Steine ſuchte, und mit mir ſpielte; unerachtet ich gewiß glaube, daß nur aus der Beſchreibung meiner Mutter ſich im In¬ nern ſein lebhaftes Bild erzeugt hat. Er brachte einmal einen fremden wunderſchoͤ¬ nen Knaben mit, der mit mir von gleichem Alter war Uns herzend und kuͤßend ſaßen wir im Graſe, ich ſchenkte ihm alle meine bunten Steine und er wußte damit allerlei Figuren auf dem Erdboden zu ordnen, aber immer bildete ſich daraus zuletzt die Geſtalt des Kreuzes. Meine Mutter ſaß neben uns auf einer ſteinernen Bank, und der Alte ſchau¬ te hinter ihr ſtehend, mit mildem Ernſt unſern kindiſchen Spielen zu. Da traten einige Juͤnglinge aus dem Gebuͤſch, die, nach ihrer Kleidung und nach ihrem ganzen Weſen zu urtheilen, wohl nur aus Neugierde und Schauluſt nach der heiligen Linde gekommen waren. Einer von ihnen rief, indem er uns8 gewahr wurde, lachend: Sieh da! eine hei¬ lige Familie, das iſt etwas fuͤr meine Map¬ pe! — Er zog wirklich Papier und Crayon hervor und ſchickte ſich an uns zu zeichnen, da erhob der alte Pilger ſein Haupt und rief zornig: Elender Spoͤtter, du willſt ein Kuͤnſtler ſeyn und in deinem Innern brannte nie die Flamme des Glaubens und der Liebe; aber deine Werke werden todt und ſtarr blei¬ ben wie du ſelbſt, und du wirſt wie ein Verſtoßener in einſamer Leere verzweifeln und untergehen in deiner eignen Armſeelig¬ keit. — Die Juͤnglinge eilten beſtuͤrzt von dannen. — Der alte Pilger ſagte zu meiner Mutter: ich habe euch heute ein wunderba¬ res Kind gebracht, damit es in euerm Sohn den Funken der Liebe entzuͤnde, aber ich muß es wieder von euch nehmen und ihr werdet es wohl, ſo wie mich ſelbſt, nicht mehr ſchauen. Euer Sohn iſt mit vielen Ga¬ ben herrlich ausgeſtattet, aber die Suͤnde des Vaters kocht und gaͤhrt in ſeinem Blute,9 er kann jedoch ſich zum wackern Kaͤmpen fuͤr den Glauben aufſchwingen, laßet ihn geiſt¬ lich werden! — Meine Mutter konnte nicht genug ſagen, welchen tiefen unausloͤſchlichen Eindruck die Worte des Pilgers auf ſie ge¬ macht hatten; ſie beſchloß aber demunerach¬ tet meiner Neigung durchaus keinen Zwang anzuthun, ſondern ruhig abzuwarten, was das Geſchick uͤber mich verhaͤngen und wozu es mich leiten wuͤrde, da ſie an irgend eine andere hoͤhere Erziehung, als die ſie ſelbſt mir zu geben im Stande war, nicht denken konnte. — Meine Erinnerungen aus deutlicher ſelbſt gemachter Erfahrung, heben von dem Zeitpunkt an als meine Mutter, auf der Heimreiſe, in das Ciſterzienſer Nonnenklo¬ ſter gekommen war, deſſen gefuͤrſtete Aeb¬ tiſſin, die meinen Vater gekannt hatte, ſie freundlich aufnahm. Die Zeit von jener Be¬ gebenheit mit dem alten Pilger, welche ich in der That aus eigner Anſchauung weiß, ſo daß ſie meine Mutter nur Ruͤckſichts der Re¬10 den des Mahlers und des alten Pilgers er¬ gaͤnzt hat, bis zu dem Moment, als mich meine Mutter zum erſtenmal zur Aebtiſſin brachte, macht eine voͤllige Luͤcke: nicht die leiſeſte Ahnung iſt mir davon uͤbrig geblie¬ ben. Ich finde mich erſt wieder, als die Mutter meinen Anzug, ſo viel es ihr nur moͤglich war, beſſerte und ordnete. Sie hat¬ te neue Baͤnder in der Stadt gekauft, ſie verſchnitt mein wildverwachſ'nes Haar, ſie putzte mich mit aller Muͤhe und ſchaͤrfte mir dabei ein, mich ja recht fromm und artig bei der Frau Aebtiſſin zu betragen. Endlich ſtieg ich, an der Hand meiner Mutter, die breiten ſteinernen Treppen herauf und trat in das hohe, gewoͤlbte, mit heiligen Bildern ausge¬ ſchmuͤckte Gemach, in dem wir die Fuͤrſtin fanden. Es war eine große majeſtaͤtiſche ſchoͤne Frau, der die Ordenstracht eine Ehr¬ furcht einfloͤßende Wuͤrde gab. Sie ſah mich mit einem ernſten bis ins Innerſte dringen¬ den Blick an, und frug: iſt das euer Sohn?11 — Ihre Stimme, ihr ganzes Anſehn — ſelbſt die fremde Umgebung, das hohe Gemach, die Bilder, alles wirkte ſo auf mich, daß ich, von dem Gefuͤhl eines inneren Grauens ergriffen, bitterlich zu weinen anfing. Da ſprach die Fuͤrſtin, indem ſie mich milder und guͤtiger anblickte: was iſt dir Kleiner, fuͤrchteſt du dich vor mir? — Wie heißt euer Sohn, liebe Frau? — „ Franz, erwiederte mei¬ ne Mutter, da rief die Fuͤrſtin mit der tief¬ ſten Wehmuth: Franziskus! Und hob mich auf und druͤckte mich heftig an ſich, aber in dem Augenblick preßte mir ein jaͤher Schmerz, den ich am Halſe fuͤhlte, einen ſtarken Schrei aus, ſo daß die Fuͤrſtin erſchrocken mich los ließ, und die durch mein Betragen ganz be¬ ſtuͤrzt gewordene Mutter auf mich zuſprang um nur gleich mich fortzufuͤhren. Die Fuͤr¬ ſtin ließ das nicht zu; es fand ſich, daß das diamantne Kreuz, welches die Fuͤrſtin auf der Bruſt trug, mich, indem ſie heftig mich an ſich druͤckte, am Halſe ſo ſtark beſchaͤdigt12 hatte, daß die Stelle ganz roth und mit Blut unterlaufen war. Armer Franz, ſprach die Fuͤrſtin, ich habe dir weh gethan, aber wir wollen doch noch gute Freunde werden. “— Eine Schweſter brachte Zuckerwerk und ſuͤßen Wein, ich ließ mich, jetzt ſchon dreiſter geworden, nicht lange noͤthigen, ſondern naſchte tapfer von den Suͤßigkeiten, die mir die holde Frau, welche ſich geſetzt und mich auf den Schooß genommen hatte, ſelbſt in den Mund ſteckte. Als ich einige Tropfen des ſuͤßen Getraͤnks, das mir bis jetzt ganz unbekannt geweſen, gekoſtet, kehrte mein munterer Sinn, die beſondere Lebendigkeit, die, nach meiner Mutter Zeugniß, von mei¬ ner fruͤhſten Jugend mir eigen war, zuruͤck. Ich lachte und ſchwazte zum groͤßten Ver¬ gnuͤgen der Aebtiſſin und der Schweſter, die im Zimmer geblieben. Noch iſt es mir un¬ erklaͤrlich, wie meine Mutter darauf verfiel, mich aufzufordern, der Fuͤrſtin von den ſchoͤ¬ nen herrlichen Dingen meines Geburtsortes13 zu erzaͤhlen, und ich, wie von einer hoͤheren Macht inſpirirt, ihr die ſchoͤnen Bilder des fremden unbekannten Mahlers ſo lebendig, als habe ich ſie im tiefſten Geiſte aufgefaßt, beſchreiben konnte. Dabei ging ich ganz ein in die herrlichen Geſchichten der Heiligen, als ſei ich mit allen Schriften der Kirche ſchon bekannt und vertraut geworden. Die Fuͤrſtin, ſelbſt meine Mutter, blickten mich voll Erſtaunen an, aber jemehr ich ſprach, deſto hoͤher ſtieg meine Begeiſterung und als mich endlich die Fuͤrſtin frug: Sage mir liebes Kind, woher weißt du denn das al¬ les? — da antwortete ich, ohne mich einen Au¬ genblick zu beſinnen, daß der ſchoͤne wun¬ derbare Knabe, den einſt ein fremder Pil¬ gersmann mitgebracht haͤtte, mir alle Bil¬ der in der Kirche erklaͤrt, ja ſelbſt noch man¬ ches Bild mit bunten Steinen gemahlt und mir nicht allein den Sinn davon geloͤſet, ſondern auch noch viele andere heilige Ge¬ ſchichten erzaͤhlt haͤtte. —
14Man laͤutete zur Veſper, die Schweſter hatte eine Menge Zuckerwerk in eine Duͤte gepackt, die ſie mir gab und die ich voller Vergnuͤgen einſteckte. Die Aebtiſſin ſtand auf und ſagte zu meiner Mutter: ich ſehe euern Sohn als meinen Zoͤgling an, liebe Frau! Und will von nun an fuͤr ihn ſorgen. Meine Mutter konnte vor Wehmuth nicht ſprechen, ſie kuͤßte, heiße Thraͤnen vergie¬ ßend, die Haͤnde der Fuͤrſtin. Schon woll¬ ten wir zur Thuͤre hinaustreten, als die Fuͤr¬ ſtin uns nachkam, mich nochmals aufhob, ſorgfaͤltig das Kreuz bei Seite ſchiebend, mich an ſich druͤckte, und heftig weinend, ſo daß die heißen Tropfen auf meine Stirne fielen, ausrief: Franziskus! — Bleibe fromm und gut! — Ich war im Innerſten bewegt und mußte auch weinen, ohne eigentlich zu wiſſen warum. —
Durch die Unterſtuͤtzung der Aebtiſſin ge¬ wann der kleine Haushalt meiner Mutter, die unfern dem Kloſter in einer kleinen Meie¬15 rei wohnte, bald ein beſſeres Anſehen. Die Noth hatte ein Ende, ich ging beſſer ge¬ kleidet und genoß den Unterricht des Pfar¬ rers, dem ich zugleich, wenn er in der Klo¬ ſterkirche das Amt hielt, als Chorknabe diente. —
Wie umfaͤngt mich noch wie ein ſeeliger Traum die Erinnerung an jene gluͤckliche Jugendzeit! — Ach wie ein fernes herrliches Land, wo die Freude wohnt, und die unge¬ truͤbte Heiterkeit des kindlichen unbefangenen Sinns, liegt die Heimat weit, weit hinter mir, aber wenn ich zuruͤckblicke, da gaͤhnt mir die Kluft entgegen, die mich auf ewig von ihr geſchieden. Von heißer Sehnſucht ergriffen, trachte ich immer mehr und mehr die Geliebten zu erkennen, die ich druͤben, wie im Purpurhimmel des Fruͤhroths wan¬ delnd, erblicke, ich waͤhne ihre holden Stim¬ men zu vernehmen. Ach! — giebt es denn eine Kluft, uͤber die die Liebe mit ſtarkem Fittig ſich nicht hinwegſchwingen koͤnnte. 16Was iſt fuͤr die liebe der Raum, die Zeit! — Lebt ſie nicht im Gedanken und kennt der denn ein Maaß? — Aber finſtre Geſtalten ſteigen auf, und immer dichter und dichter ſich zuſammendraͤngend, immer enger und enger mich einſchließend, verſperren ſie die Ausſicht und befangen meinen Sinn mit den Drangſalen der Gegenwart, daß ſelbſt die Sehnſucht, welche mich mit namenloſem wonnevollem Schmerz erfuͤllte, nun zu toͤd¬ tender heilloſer Qual wird! —
Der Pfarrer war die Guͤte ſelbſt, er wußte meinen lebhaften Geiſt zu feſſeln, er wußte ſeinen Unterricht ſo nach meiner Sin¬ nesart zu formen, daß ich Freude daran fand, und ſchnelle Fortſchritte machte. — Meine Mutter liebte ich uͤber alles, aber die Fuͤrſtin verehrte ich wie eine Heilige, und es war ein feierlicher Tag fuͤr mich, wenn ich ſie ſehen durfte. Jedesmal nahm ich mir vor, mit den neuerworbenen Kenntniſſen recht vor ihr zu leuchten, aber wenn ſiekam,17kam, wenn ſie freundlich mich anredete, da konnte ich kaum ein Wort herausbringen, ich mochte nur ſie anſchauen, nur ſie hoͤ¬ ren. Jedes ihrer Worte blieb tief in mei¬ ner Seele zuruͤck, noch den ganzen Tag uͤber, wenn ich ſie geſprochen, befand ich mich in wunderbarer feierlicher Stimmung und ihre Geſtalt begleitete mich auf den Spaziergaͤngen, die ich dann beſuchte. — Welches namenloſe Gefuͤhl durchbebte mich, wenn ich, das Rauchfaß ſchwingend am Hoch¬ altare ſtand, und nun die Toͤne der Orgel von dem Chore herabſtroͤmten und, wie zur brau¬ ſenden Fluth anſchwellend, mich fortriſſen — wenn ich dann in dem Hymnus ihre Stim¬ me erkannte, die, wie ein leuchtender Strahl zu mir herabdrang, und mein Inneres mit den Ahnungen des Hoͤchſten — des Heilig¬ ſten erfuͤllte. Aber der herrlichſte Tag, auf den ich mich Wochenlang freute, ja, an den ich niemals ohne inneres Entzuͤcken den¬ ken konnte, war das Feſt des heiligen Ber¬I. [2] 18nardus, welches, da er der Heilige der Ci¬ ſterzienſer iſt, im Kloſter durch einen gro¬ ßen Ablaß auf das feierlichſte begangen wurde. Schon den Tag vorher ſtroͤmten aus der benachbarten Stadt, ſo wie aus der ganzen umliegenden Gegend, eine Menge Men¬ ſchen herbei und lagerten ſich auf der großen blumigten Wieſe, die ſich an das Kloſter ſchloß, ſo daß das frohe Getuͤmmel, Tag und Nacht nicht aufhoͤrte. Ich erinnere mich nicht, daß die Witterung in der guͤnſtigen Jahreszeit (der Bernardustag faͤllt in den Auguſt) dem Feſte jemahls unguͤnſtig gewe¬ ſen ſeyn ſollte. In bunter Miſchung ſah man hier andaͤchtige Pilger, Hymnen ſingend, daher wandeln, dort Bauerburſche ſich mit den geputzten Dirnen jubelnd umhertummeln — Geiſtliche, die in frommer Betrachtung, die Haͤnde andaͤchtig gefaltet, in die Wolken ſchauen — Buͤrgerfamilien im Graſe gelagert, die die hochgefuͤllten Speiſekoͤrbe auspacken und ihr Mahl verzehren. Luſtiger Geſang,19 fromme Lieder, die inbruͤnſtigen Seufzer der Buͤſſenden, das Gelaͤchter der Froͤhlichen, Klagen, Jauchzen, Jubel, Scherze, Ge¬ bet erfuͤllen wie in wunderbarem betaͤu¬ bendem Conzert die Luͤfte! — Aber, ſo wie die Glocke des Kloſters anſchlaͤgt, verhallt das Getoͤſe ploͤtzlich — ſo weit das Auge nur reicht, iſt alles in dichte Reihen gedraͤngt auf die Knie geſunken, und nur das dumpfe Murmeln des Gebets unterbricht die heilige Stille. Der letzte Schlag der Glocke toͤnt aus, die bunte Menge ſtroͤmt wieder durch einander, und aufs neue erſchallt der nur Minuten lang unterbrochene Jubel. — Der Bi¬ ſchoff ſelbſt, welcher in der benachbarten Stadt reſidirt, hielt an dem Bernardustage in der Kirche des Kloſters, bedient von der untern Geiſtlichkeit des Hochſtifts, das fei¬ erliche Hochamt, und ſeine Kapelle fuͤhrte auf einer Tribune, die man zur Seite des Hochaltars errichtet, und mit reicher, ſel¬ tener Hauteliſſe behaͤngt hatte, die Muſik20 aus. — Noch jetzt ſind die Empfindungen, die damals meine Bruſt durchbebten, nicht erſtorben, ſie leben auf, in jugendlicher Fri¬ ſche, wenn ich mein Gemuͤth ganz zuwende jener ſeeligen Zeit, die nur zu ſchnell ver¬ ſchwunden. Ich gedenke lebhaft eines Glo¬ ria, welches mehrmals ausgefuͤhrt wurde, da die Fuͤrſtin eben dieſe Compoſition vor allen andern liebte. — Wenn der Biſchoff das Gloria intonirt hatte, und nun die maͤch¬ tigen Toͤne des Chors daher brauſ'ten: Glo¬ ria in exelsis deo! — war es nicht, als oͤffne ſich die Wolken-Glorie uͤber dem Hoch¬ altar? — ja, als ergluͤhten durch ein goͤtt¬ liches Wunder die gemalten Cherubim und Seraphim zum leben, und regten und be¬ wegten die ſtarken Fittige, und ſchwebten auf und nieder, Gott lobpreiſend mit Ge¬ ſang und wunderbarem Saitenſpiel? — Ich verſank in das hinbruͤtende Staunen der be¬ geiſterten Andacht, die mich durch glaͤnzen¬ de Wolken in das ferne bekannte heimatliche21 Land trug, und in dem duftenden Walde er¬ toͤnten die holden Engelsſtimmen, und der wunderbare Knabe, trat wie aus hohen Li¬ lienbuͤſchen mir entgegen, und frug mich laͤ¬ chelnd: wo warſt du denn ſo lange, Francis¬ cus? — ich habe viele ſchoͤne bunte Blu¬ men, die will ich dir alle ſchenken, wenn du bei mir bleibſt, und mich liebſt immer¬ dar. —
Nach dem Hochamt hielten die Nonnen, unter dem Vortritt der Aebtiſſin, die mit der Inful geſchmuͤckt war, und den ſilber¬ nen Hirtenſtab trug, eine feierliche Prozeſ¬ ſion durch die Gaͤnge des Kloſters und durch die Kirche. Welche Heiligkeit, welche Wuͤr¬ de, welche uͤberirrdiſche Groͤße ſtrahlte aus jedem Blick der herrlichen Frau, leitete jede ihrer Bewegungen! Es war die triumphi¬ rende Kirche ſelbſt, die dem frommen glaͤu¬ bigen Volke Gnade und Seegen verhieß. Ich haͤtte mich vor ihr in den Staub wer¬ fen moͤgen, wenn ihr Blick zufaͤllig auf mich22 fiel. — Nach beendigtem Gottesdienſt wur¬ de die Geiſtlichkeit, ſo wie die Kapelle des Biſchoffs, in einem großen Saal des Kloſters bewirthet. Mehrere Freunde des Kloſters, Offizianten, Kaufleute aus der Stadt, nah¬ men an dem Mahle Theil, und ich durfte, weil mich der Conzertmeiſter des Biſchoffs lieb gewonnen, und gern ſich mit mir zu ſchaffen machte, auch dabei ſeyn. Hatte ſich erſt mein Inneres, von heiliger Andacht durch¬ gluͤht, ganz dem Ueberirdiſchen zugewendet, ſo trat jetzt das frohe Leben auf mich ein, und umfieng mich mit ſeinen bunten Bildern. Allerlei luſtige Erzaͤhlungen, Spaͤße und Schwaͤnke wechſelten unter dem lauten Ge¬ laͤchter der Gaͤſte, wobei die Flaſchen fleißig geleert wurden, bis der Abend hereinbrach, und die Wagen zur Heimfahrt bereit ſtanden.
Sechszehn Jahre war ich alt geworden, als der Pfarrer erklaͤrte, daß ich nun vor¬ bereitet genug ſey, die hoͤheren theologiſchen Studien in dem Seminar der benachbarten23 Stadt zu beginnen: ich hatte mich nemlich ganz fuͤr den geiſtlichen Stand entſchieden, und dies erfuͤllte meine Mutter mit der in¬ nigſten Freude, da ſie hiedurch die geheim¬ nißvollen Andeutungen des Pilgers, die in gewiſſer Art mit der merkwuͤrdigen, mir un¬ bekannten Viſion meines Vaters in Verbin¬ dung ſtehen ſollten, erklaͤrt und erfuͤllt ſah. Durch meinen Entſchluß glaubte ſie erſt die Seele meines Vaters entſuͤhnt, und von der Quaal ewiger Verdammniß errettet. Auch die Fuͤrſtin, die ich jetzt nur im Sprachzimmer ſehen konnte, billigte hoͤchlich mein Vorha¬ ben, und wiederholte ihr Verſprechen, mich bis zur Erlangung einer geiſtlichen Wuͤrde mit allem Noͤthigen zu unterſtuͤtzen. Uner¬ achtet die Stadt ſo nahe lag, daß man von dem Kloſter aus, die Thuͤrme ſehen konnte, und nur irgend ruͤſtige Fußgaͤnger von dort her, die heitre anmuthige Gegend des Klo¬ ſters zu ihren Spaziergaͤngen waͤhlten, ſo wurde mir doch der Abſchied von meiner24 guten Mutter, von der herrlichen Frau, die ich ſo tief im Gemuͤthe verehrte, ſo wie von meinem guten Lehrer, recht ſchwer. Es iſt ja auch gewiß, daß dem Schmerz der Tren¬ nung jede Spanne außerhalb dem Kreiſe der Lieben, der weiteſten Entfernung gleich duͤnkt! — Die Fuͤrſtin war auf beſondere Weiſe be¬ wegt, ihre Stimme zitterte vor Wehmuth, als ſie noch ſalbungsvolle Worte der Ermah¬ nung ſprach. Sie ſchenkte mir einen zierli¬ chen Roſenkranz, und ein kleines Gebetbuch mit ſauber illuminirten Bildern. Dann gab ſie mir noch ein Empfehlungsſchreiben an den Prior des Capuziner Kloſters in der Stadt, den ſie mir empfahl gleich aufzu¬ ſuchen, da er mir in allem mit Rath und That eifrigſt beiſtehen werde.
Gewiß giebt es nicht ſo leicht eine anmu¬ thigere Gegend, als diejenige iſt, in welcher das Capuziner Kloſter dicht vor der Stadt liegt. Der herrliche Kloſter-Garten mit der Ausſicht in die Gebuͤrge hinein, ſchien mir25 jedesmahl, wenn ich in den langen Alleen wandelte, und bald bei dieſer, bald bei je¬ ner uͤppigen Baumgruppe ſtehen blieb, in neuer Schoͤnheit zu erglaͤnzen. — Gerade in dieſem Garten traf ich den Prior Leonar¬ dus, als ich zum erſtenmal das Kloſter be¬ ſuchte, um mein Empfehlungsſchreiben von der Aebtiſſin abzugeben. — Die dem Prior eigne Freundlichkeit wurde noch erhoͤht, als er den Brief las, und er wußte ſo viel an¬ ziehendes von der herrlichen Frau, die er ſchon in fruͤhen Jahren in Rom kennen ge¬ lernt, zu ſagen, daß er ſchon dadurch im erſten Augenblick mich ganz an ſich zog. Er war von den Bruͤdern umgeben, und man durchblickte bald das ganze Verhaͤltniß des Priors mit den Moͤnchen, die ganze kloͤ¬ ſterliche Einrichtung und Lebensweiſe: die Ruhe und Heiterkeit des Geiſtes, welche ſich in dem Aeußerlichen des Priors deutlich aus¬ ſprach, verbreitete ſich uͤber alle Bruͤder. Man ſah nirgends eine Spur des Mißmuths26 oder jener feindlichen ins Innere zehrenden Verſchloſſenheit, die man ſonſt wohl auf den Geſichtern der Moͤnche wahrnimmt. Uner¬ achtet der ſtrengen Ordensregel, waren die Andachtsuͤbungen dem Prior Leonardus mehr Beduͤrfniß des dem himmliſchen zugewand¬ ten Geiſtes, als aszetiſche Buße fuͤr die der menſchlichen Natur anklebende Suͤnde, und er wußte dieſen Sinn der Andacht ſo in den Bruͤdern zu entzuͤnden, daß ſich uͤber Alles, was ſie thun mußten um der Regel zu ge¬ nuͤgen, eine Heiterkeit und Gemuͤthlichkeit er¬ goß, die in der That ein hoͤheres Seyn, in der irdiſchen Beengtheit erzeugte. — Selbſt eine gewiſſe ſchickliche Verbindung mit der Welt, wußte der Prior Leonardus herzuſtel¬ len, die fuͤr die Bruͤder nicht anders als heilſam ſeyn konnte. Reichliche Spenden, die von allen Seiten dem allgemein hochge¬ achteten Kloſter dargebracht wurden, mach¬ ten es moͤglich, an gewiſſen Tagen die Freun¬ de und Beſchuͤtzer des Kloſters in dem Re¬27 fektorium zu bewirthen. Dann wurde in der Mitte des Speiſeſaals eine lange Tafel ge¬ deckt, an deren oberem Ende der Prior Leo¬ nardus bei den Gaͤſten ſaß. Die Bruͤder blieben an der ſchmalen, der Wand entlang ſtehenden Tafel, und bedienten ſich ihres einfachen Geſchirres, der Regel gemaͤß, waͤh¬ rend an der Gaſttafel alles ſauber und zier¬ lich mit Porzellan und Glas beſetzt war. Der Koch des Kloſters wußte vorzuͤglich auf eine leckere Art Faſtenſpeiſen zuzubereiten, die den Gaͤſten gar wohl ſchmeckten. Die Gaͤſte ſorgten fuͤr den Wein, und ſo waren die Male im Capuziner-Kloster ein freundli¬ ches gemuͤthliches Zuſammentreten des Pro¬ fanen mit dem Geiſtlichen, welches in wech¬ ſelſeitiger Ruͤckwirkung, fuͤr das Leben nicht ohne Nutzen ſeyn konnte. Denn, indem die im weltlichen Treiben Befangenen hinaustra¬ ten, und eingingen in die Mauern, wo al¬ les das ihrem Thun ſchnurſtracks entgegen¬ geſetzte Leben der Geiſtlichen verkuͤndet, mu߬28 ten ſie, von manchem Funken, der in ihre Seele fiel, aufgeregt, eingeſtehen, daß auch wohl auf andere Wege, als auf dem, den ſie eingeſchlagen, Ruhe und Gluͤck zu finden ſey, ja, daß vielleicht der Geiſt, je mehr er ſich uͤber das Irrdiſche erhebe, dem Men¬ ſchen ſchon hienieden ein hoͤheres Seyn be¬ reiten koͤnne. Dagegen gewannen die Moͤn¬ che an Lebens-Umſicht und Weisheit, da die Kunde, welche ſie von dem Thun und Trei¬ ben der bunten Welt außerhalb ihrer Mau¬ ern erhielten, in ihnen Betrachtungen man¬ cherlei Art erweckte. Ohne dem Irrdiſchen einen falſchen Werth zu verleihen, mußten ſie in der verſchiedenen, aus dem Innern beſtimmten Lebensweiſe der Menſchen, die Nothwendigkeit einer ſolchen Strahlenbre¬ chung des geiſtlichen Prinzips, ohne welche alles farb - und glanzlos geblieben waͤre, an¬ erkennen. Ueber Alle hocherhaben, Ruͤckſichts der geiſtigen und wiſſenſchaftlichen Ausbil¬ dung, ſtand von je her der Prior Leonardus. 29Außerdem, daß er allgemein fuͤr einen wa¬ ckern Gelehrten in der Theologie galt, ſo, daß er mit Leichtigkeit und Tiefe die ſchwie¬ rigſten Materien abzuhandeln wußte, und ſich die Profeſſoren des Seminars oft bei ihm Rath und Belehrung holten, war er auch mehr, als man es wohl einem Kloſtergeiſtli¬ chen zutrauen kann, fuͤr die Welt ausgebil¬ det. Er ſprach mit Fertigkeit und Eleganz das Italiaͤniſche und Franzoͤſiſche, und ſei¬ ner beſonderen Gewandheit wegen, hatte man ihn in fruͤherer Zeit zu wichtigen Miſ¬ ſionen gebraucht. Schon damals, als ich ihn kennen lernte, war er hochbejahrt, aber indem ſein weißes Haar von ſeinem Alter zeugte, blitzte aus den Augen noch jugendli¬ ches Feuer, und das anmuthige Laͤcheln, welches um ſeine Lippen ſchwebte, erhoͤhte den Ausdruck der innern Behaglichkeit und Gemuͤthsruhe. Dieſelbe Grazie, welche[ ſei¬ ne] Rede ſchmuͤckte, herrſchte in ſeinen Bewe¬ gungen, und ſelbſt die unbehuͤlfliche Or¬30 denstracht ſchmiegte ſich wunderſam den wohlgebauten Formen ſeines Koͤrpers an. Es befand ſich kein Einziger unter den Bruͤ¬ dern, den nicht eigne freie Wahl, den nicht ſogar das von der innern geiſtigen Stimmung erzeugte Beduͤrfniß in das Kloſter gebracht haͤtte; aber auch den Ungluͤcklichen, der im Kloſter den Port geſucht haͤtte, um der Ver¬ nichtung zu entgehen, haͤtte Leonardus bald getroͤſtet; ſeine Buße waͤre der kurze Ueber¬ gang zur Ruhe geworden, und, mit der Welt verſoͤhnt, ohne ihren Tand zu achten, haͤtte er, im Irrdiſchen lebend, doch ſich bald uͤber das Irrdiſche erhoben. Dieſe ungewoͤhnli¬ chen Tendenzen des Kloſterlebens, hatte Leo¬ nardus in Italien aufgefaßt, wo der Kultus, und mit ihm die ganze Anſicht des religioͤ¬ ſen Lebens heitrer iſt, als in dem Katholi¬ ſchen Deutſchland. So wie bei dem Bau der Kirchen, noch die antiken Formen ſich er¬ hielten, ſo ſcheint auch ein Stral aus je¬ ner heitern lebendigen Zeit des Alterthums31 in das myſtiſche Dunkel des Chriſtianism ge¬ drungen zu ſeyn, und es mit dem wunderba¬ ren Glanze erhellt zu haben, der ſonſt die Goͤtter und Helden umſtralte.
Leonardus gewann mich lieb, er unter¬ richtete mich im italiaͤniſchen und franzoͤſi¬ ſchen, vorzuͤglich waren es aber die mannig¬ fachen Buͤcher, welche er mir in die Haͤnde gab, ſo wie ſeine Geſpraͤche, die meinen Geiſt auf beſondere Weiſe ausbildeten. Bei¬ nahe die ganze Zeit, welche meine Studien im Seminar mir uͤbrig ließen, brachte ich im Capuziner-Kloſter zu, und ich ſpuͤrte, wie immer mehr meine Neigung zunahm, mich einkleiden zu laſſen. Ich eroͤffnete dem Prior meinen Wunſch; ohne mich indeſſen gerade davon abbringen zu wollen, rieth er mir, wenigſtens noch ein paar Jahre zu warten, und unter der Zeit mich mehr, als bisher in der Welt umzuſehen. So wenig es mir indeſſen an anderer Bekanntſchaft fehlte, die ich mir vorzuͤglich durch den bi¬32 ſchoͤflichen Conzertmeiſter, welcher mich in der Muſik unterrichtete, erworben, ſo fuͤhlte ich mich doch in jeder Geſellſchaft, und vor¬ zuͤglich wenn Frauenzimmer zugegen waren, auf unangenehme Weiſe befangen, und dies, ſo wie uͤberhaupt der Hang zum contempla¬ tiven Leben, ſchien meinen innern Beruf zum Kloſter zu entſcheiden. —
Einſt hatte der Prior viel Merkwuͤrdiges mit mir geſprochen, uͤber das profane Leben; er war eingedrungen in die ſchluͤpfrigſten Materien, die er aber mit ſeiner gewoͤhnli¬ chen Leichtigkeit und Anmuth des Ausdrucks zu behandeln wußte, ſo daß er, alles nur im mindeſten Anſtoͤßige vermeidend, doch immer auf den rechten Fleck traf. Er nahm endlich meine Hand, ſah mir ſcharf ins Au¬ ge, und frug, ob ich noch unſchuldig ſey? — Ich fuͤhlte mich ergluͤhen, denn indem Leo¬ nardus mich ſo verfaͤnglich frug, ſprang ein Bild in den lebendigſten Farben hervor, welches ſo lange ganz von mir gewichen. —Der33Der Conzertmeiſter hatte eine Schweſter, welche gerade nicht ſchoͤn genannt zu wer¬ den verdiente, aber doch in der hoͤchſten Bluͤthe ſtehend, ein uͤberaus reizendes Maͤd¬ chen war. Vorzuͤglich zeichnete ſie ein im reinſten Ebenmaaß geformter Wuchs aus; ſie hatte die ſchoͤnſten Arme, den ſchoͤnſten Bu¬ ſen in Form und Colorit, den man nur ſe¬ hen kann. — Eines Morgens als ich zum Conzertmeiſter gehen wollte, meines Unter¬ richts halber, uͤberraſchte ich die Schweſter im leichten Morgenanzuge, mit beinahe ganz entbloͤßter Bruſt; ſchnell warf ſie zwar das Tuch uͤber, aber doch ſchon zu viel hatten meine gierigen Blicke erhaſcht, ich konnte kein Wort ſprechen, nie gekannte Gefuͤhle regten ſich ſtuͤrmiſch in mir, und trieben das gluͤ¬ hende Blut durch die Adern, daß hoͤrbar meine Pulſe ſchlugen. Meine Bruſt war krampfhaft zuſammengepreßt, und wollte zer¬ ſpringen, ein leiſer Seufzer machte mir endlich Luft. Dadurch, daß das Maͤdchen,I. [3] 34ganz unbefangen auf mich zukam, mich bei der Hand faßte, und frug, was mir dann waͤre, wurde das Uebel wieder aͤrger, und es war ein Gluͤck, daß der Conzertmeiſter in die Stube trat, und mich von der Quaal er¬ loͤſ'te. Nie hatte ich indeſſen ſolche falſche Akkorde gegriffen, nie ſo im Geſange deto¬ nirt, als dasmal. Fromm genug war ich, um ſpaͤter das Ganze fuͤr eine boͤſe Anfech¬ tung des Teufels zu halten, und ich prieß mich nach kurzer Zeit recht gluͤcklich, den boͤ¬ ſen Feind durch die[asketiſchen] Uebungen, die ich unternahm, aus dem Felde geſchla¬ gen zu haben. Jetzt bei der verfaͤnglichen Frage des Priors, ſah ich des Conzertmei¬ ſters Schweſter mit entbloͤßtem Buſen vor mir ſtehen, ich fuͤhlte den warmen Hauch ihres Athems, den Druck ihrer Hand — meine innere Angſt ſtieg mit jedem Momen¬ te. Leonardus ſah mich mit einem gewiſſen ironiſchen Laͤcheln an, vor dem ich erbebte. Ich konnte ſeinen Blick nicht ertragen, ich35 ſchlug die Augen nieder, da klopfte mich der Prior auf die gluͤhenden Wangen und ſprach: „ Ich ſehe mein Sohn, daß Sie mich gefaßt haben, und daß es noch gut mit Ihnen ſteht, der Herr bewahre Sie vor der Verfuͤhrung der Welt, die Genuͤſſe, die ſie Ihnen darbie¬ tet ſind von kurzer Dauer, und man kann wohl behaupten, daß ein Fluch darauf ruhe, da in dem unbeſchreiblichen Eckel, in der voll¬ kommenen Erſchlaffung, in der Stumpfheit fuͤr alles Hoͤhere, die ſie hervorbringen, das beſſere geiſtige Prinzip des Menſchen unter¬ geht. “— So ſehr ich mich muͤhte, die Frage des Priors, und das Bild, welches dadurch hervorgerufen wurde, zu vergeſſen, ſo woll¬ te es mir doch durchaus nicht gelingen, und war es mir erſt gegluͤckt, in Gegenwart je¬ nes Maͤdchens unbefangen zu ſeyn, ſo ſcheu¬ te ich doch wieder jetzt mehr als jemals ihren Anblick, da mich ſchon bei dem Ge¬ danken an ſie, eine Beklommenheit, eine in¬ nere Unruhe uͤberfiel, die mir um ſo gefaͤhr¬36 licher ſchien, als zugleich eine unbekannte wundervolle Sehnſucht, und mit ihr eine Luͤſternheit ſich regte, die wohl ſuͤndlich ſeyn mochte. Ein Abend ſollte dieſen zweifelhaf¬ ten Zuſtand entſcheiden. Der Conzertmeiſter hatte mich, wie er manchmal zu thun pfleg¬ te, zu einer muſikaliſchen Unterhaltung, die er mit einigen Freunden veranſtaltet, einge¬ laden. Außer ſeiner Schweſter, waren noch mehrere Frauenzimmer zugegen, und dieſes ſteigerte die Befangenheit, die mir ſchon bei der Schweſter allein den Athem verſetzte. Sie war ſehr reizend gekleidet, ſie kam mir ſchoͤner als je vor, es war, als zoͤge mich eine unſichtbare unwiderſtehliche Gewalt zu ihr hin, und ſo kam es denn, daß ich, ohne ſelbſt zu wiſſen wie, mich immer ihr nahe befand, jeden ihrer Blicke, jedes ihrer Wor¬ te begierig aufhaſchte, ja mich ſo an ſie draͤngte, daß wenigſtens ihr Kleid im Vor¬ beiſtreifen mich beruͤhren mußte, welches mich mit innerer, nie gefuͤhlter Luſt erfuͤllte. Sie37 ſchien es zu bemerken, und Wohlgefallen daran zu finden; zuweilen war es mir, als muͤßte ich ſie wie in toller Liebeswuth an mich reiſſen, und inbruͤnſtig an mich druͤ¬ cken! — Sie hatte lange neben dem Fluͤgel geſeſſen, endlich ſtand ſie auf, und ließ auf dem Stuhl einen ihrer Handſchuhe liegen, den ergriff ich, und druͤckte ihn im Wahn¬ ſinn heftig an den Mund! — Das ſah eins von den Frauenzimmern, die ging zu des Conzertmeiſters Schweſter, und fluͤſterte ihr etwas in's Ohr, nun ſchauten ſie beide auf mich, und kicherten und lachten hoͤhniſch! — Ich war wie vernichtet, ein Eisſtrom goß ſich durch mein Inneres — beſinnungslos ſtuͤrzte ich fort ins Collegium — in meine Zelle. Ich warf mich, wie in toller Ver¬ zweiflung auf den Fußboden — gluͤhende Thraͤnen quollen mir aus den Augen, ich verwuͤnſchte — ich verfluchte das Maͤdchen — mich ſelbſt — dann betete ich wieder und lachte dazwiſchen, wie ein Wahnſinniger! 38Ueberall erklangen um mich Stimmen, die mich verſpotteten, verhoͤhnten; ich war im Begriff, mich durch das Fenſter zu ſtuͤrzen, zum Gluͤck verhinderten mich die Eiſenſtaͤbe daran, mein Zuſtand war in der That ent¬ ſetzlich. Erſt als der Morgen anbrach, wur¬ de ich ruhiger, aber feſt war ich entſchloſſen, ſie niemals mehr zu ſehen, und uͤberhaupt der Welt zu entſagen. Klarer als jemals ſtand der Beruf zum eingezogenen Klo¬ ſterleben, von dem mich keine Verſuchung mehr ablenken ſollte, vor meiner Seele. So wie ich nur von den gewoͤhnlichen Stu¬ dien loskommen konnte, eilte ich zu dem Prior in das Capuziner-Kloſter, und eroͤff¬ nete ihm, wie ich nun entſchloſſen ſey, mein Noviziat anzutreten, und auch ſchon meiner Mutter, ſo wie der Fuͤrſtin, Nachricht da¬ von gegeben habe. Leonardus ſchien uͤber meinen ploͤtzlichen Eifer verwundert, ohne in mich zu dringen, ſuchte er doch auf dieſe und jene Weiſe zu erforſchen, was mich wohl39 darauf gebracht haben koͤnne, nun mit ei¬ nem Mal auf meine Einweihung zum Klo¬ ſterleben zu beſtehen, denn er ahndete wohl, daß ein beſonderes Ereigniß mir den Impuls dazu gegeben haben muͤſſe. Eine innere Schaam, die ich nicht zu uͤberwinden ver¬ mochte, hielt mich zuruͤck, ihm die Wahrheit zu ſagen, dagegen erzaͤhlte ich ihm mit dem Feuer der Exaltation, das noch in mir gluͤhte, die wunderbaren Begebenheiten mei¬ ner Kinderjahre, welche alle auf meine Be¬ ſtimmung zum Kloſterleben hindeuteten. Leo¬ nardus hoͤrte mich ruhig an, und ohne ge¬ rade gegen meine Viſionen Zweifel vorzu¬ bringen, ſchien er doch, ſie nicht ſonderlich zu beachten, er aͤußerte vielmehr, wie das Alles noch ſehr wenig fuͤr die Aechtheit mei¬ nes Berufs ſpraͤche, da eben hie eine Il¬ luſion ſehr moͤglich ſey. Ueberhaupt pflegte Leonardus nicht gern von den Viſionen der Heiligen, ja ſelbſt von den Wundern der erſten Verkuͤndiger des Chriſtenthums zu40 ſprechen, und es gab Augenblicke, in denen ich in Verſuchung gerieth, ihn fuͤr einen heimlichen Zweifler zu halten. Einſt erdrei¬ ſtete ich mich, um ihn zu irgend einer[be¬ ſtimmten] Aeußerung zu noͤthigen, von den Veraͤchtern des katholiſchen Glaubens zu ſprechen, und vorzuͤglich auf diejenigen zu ſchmaͤhlen, die im kindiſchen Uebermuthe alles Ueberſinnliche mit dem heilloſen Schimpf¬ worte des Aberglaubens abfertigten. Leo¬ nardus ſprach ſanft laͤchelnd: Mein Sohn, der Unglaube iſt der aͤrgſte Aberglaube, und fing ein anderes Geſpraͤch von fremden gleich¬ guͤltigen Dingen an. Erſt ſpaͤter durfte ich eingehen in ſeine herrliche Gedanken uͤber den myſtiſchen Theil unſerer Religion, der die geheimnißvolle Verbindung unſers geiſtli¬ chen Prinzips, mit hoͤheren Weſen in ſich ſchließt, und mußte mir denn wohl geſtehen, daß Leonardus die Mittheilung alles des ſu¬ blimen, das aus ſeinem Innerſten ſich er¬41 goß, mit Recht nur fuͤr die hoͤchſte Weihe ſeiner Schuͤler aufſparte. —
Meine Mutter ſchrieb mir, wie ſie es laͤngſt geahnet, daß der weltgeiſtliche Stand mir nicht genuͤgen, ſondern, daß ich das Klo¬ ſterleben erwaͤhlen werde. Am Medardusta¬ ge ſey ihr der alte Pilgersmann aus der hei¬ ligen Linde erſchienen, und habe mich im Ordenskleide der Capuziner an der Hand ge¬ fuͤhrt. Auch die Fuͤrſtin war mit meinem Vorhaben ganz einverſtanden. Beide ſah ich noch einmal vor meiner Einkleidung, welche, da mir meinem innigſten Wunſche gemaͤß, die Haͤlfte des Noviziats erlaſſen wurde, ſehr bald erfolgte. Ich nahm auf Veranlaſſung der Viſion meiner Mutter den Kloſternahmen Medardus an. —
Das Verhaͤltniß der Bruͤder unter ein¬ ander, die innere Einrichtung Ruͤckſichts der Andachtsuͤbungen und der ganzen Lebensweiſe im Kloſter, bewaͤhrte ſich ganz in der Art, wie ſie mir bei dem erſten Blick erſchienen. 42Die gemuͤthliche Ruhe, die in Allem herrſch¬ te, goß den himmliſchen Frieden in meine Seele, wie er mich, gleich einem ſeeligen Traum aus der erſten Zeit meiner fruͤhſten Kinderjahre, im Kloſter der heiligen Linde umſchwebte. Waͤhrend des feierlichen Akts meiner Einkleidung, erblickte ich unter den Zuſchauern des Conzertmeiſters Schweſter; ſie ſah ganz ſchwermuͤthig aus, und ich glaub¬ te, Thraͤnen in ihren Augen zu erblicken, aber voruͤber war die Zeit der Verſuchung, und vielleicht war es frevelnder Stolz auf den ſo leicht erfochtenen Sieg, der mir Laͤ¬ cheln abnoͤthigte, welches der an meiner Seite wandelnde Bruder Cyrillus bemerkte. „ Woruͤber erfreueſt du dich ſo, mein Bru¬ der? frug Cyrillus. “ Soll ich denn nicht froh ſeyn, wenn ich der ſchnoͤden Welt und ihrem Tand entſage? antwortete ich, aber nicht zu laͤugnen iſt es, daß indem ich dieſe Worte ſprach, ein unheimliches Gefuͤhl, ploͤtz¬ lich das Innerſte durchbebend, mich Luͤgen43 ſtrafte. — Doch dies war die letzte Anwand¬ lung irrdiſcher Selbſtſucht, nach der jene Ruhe des Geiſtes eintrat. Waͤre ſie nimmer von mir gewichen, aber die Macht des Fein¬ des iſt groß! — Wer mag der Staͤrke ſei¬ ner Waffen, wer mag ſeiner Wachſamkeit vertrauen, wenn die unterirrdiſchen Maͤchte lauern. —
Schon fuͤnf Jahre war ich im Kloſter, als nach der Verordnung des Priors mir der Bruder Cyrillus, der alt und ſchwach worden, die Aufſicht uͤber die reiche Reli¬ quienkammer des Kloſters uͤbergeben ſollte. Da befanden ſich allerlei Knochen von Hei¬ ligen, Spaͤne aus dem Kreuze des Erloͤſers und andere Heiligthuͤmer, die in ſaubern Glasſchraͤnken aufbewahrt, und an gewiſſen Tagen dem Volk zur Erbauung ausgeſtellt wurden. Der Bruder Cyrillus machte mich mit jedem Stuͤcke, ſo wie mit den Dokumen¬ ten, die uͤber ihre Aechtheit und uͤber die Wunder, welche ſie bewirkt, vorhanden, be¬44 kannt. Er ſtand, Ruͤckſichts der geiſtigen Aus¬ bildung unſerm Prior an der Seite, und um ſo weniger trug ich Bedenken, das zu aͤu¬ ßern, was ſich gewaltſam aus meinem Innern hervordraͤngte. „ Sollten denn, lieber Bruder Cyrillus, ſagte ich, alle dieſe Dinge gewiß und wahrhaftig das ſeyn, wofuͤr man ſie ausgiebt? — Sollte auch hier nicht die be¬ truͤgeriſche Habſucht Manches untergeſchoben haben, was nun als wahre Reliquie dieſes oder jenes Heiligen gilt? So z. B. beſitzt irgend ein Kloſter das ganze Kreuz unſers Erloͤſers, und doch zeigt man uͤberall wieder ſo viel Spaͤne davon, daß, wie jemand von uns ſelbſt, freilich in frevelichem Spott, be¬ hauptete, unſer Kloſter ein ganzes Jahr hin¬ durch damit geheitzt werden koͤnnte. “— Es geziemt uns wohl eigentlich nicht, erwie¬ derte der Bruder Cyrillus, dieſe Dinge einer ſolchen Unterſuchung zu unterziehen, allein offenherzig geſtanden, bin ich der Meinung, daß, der daruͤber ſprechenden Dokumente un¬45 erachtet, wohl wenige dieſer Dinge das ſeyn duͤrften, wofuͤr man ſie ausgiebt. Allein es ſcheint mir auch gar nicht darauf anzukom¬ men. Merke wohl auf, lieber Bruder Me¬ dardus! wie ich und unſer Prior daruͤber denken, und du wirſt unſere Religion in neuer Glorie erblicken. Iſt es nicht herrlich, lieber Bruder Medardus, daß unſere Kirche darnach trachtet, jene geheimnißvollen Faͤ¬ den zu erfaſſen, die das Sinnliche mit dem Ueberſinnlichen verknuͤpfen, ja unſeren zum irrdiſchen Leben und Seyn gediehenen Orga¬ nism ſo anzuregen, daß ſein Urſprung aus dem hoͤhern geiſtigen Prinzip, ja ſeine in¬ nige Verwandſchaft mit dem wunderba¬ ren Weſen, deſſen Kraft wie ein gluͤhen¬ der Hauch die ganze Natur durchdringt, klar hervortritt, und uns die Ahndung eines hoͤheren Lebens, deſſen Keim wir in uns tragen, wie mit Seraphsfittigen umweht. — Was iſt jenes Stuͤckchen Holz — jenes Knoͤch¬ lein, jenes Laͤppchen — man ſagt aus dem46 Kreuz Chriſti ſey es gehauen, dem Koͤrper — dem Gewande eines Heiligen entnommen; aber den Glaͤubigen, der ohne zu gruͤbeln, ſein ganzes Gemuͤth darauf richtet, erfuͤllt bald jene uͤberirrdiſche Begeiſterung, die ihm das Reich der Seeligkeit erſchließt, das er hienieden nur geahnet; und ſo wird der geiſtige Einfluß des Heiligen, deſſen auch nur angebliche Reliquie den Impuls gab, erweckt, und der Menſch vermag Staͤrke und Kraft im Glauben von dem hoͤheren Geiſte zu em¬ pfangen, den er im Innerſten des Gemuͤths um Troſt und Beiſtand anrief. Ja, dieſe in ihm erweckte hoͤhere geiſtige Kraft wird ſelbſt Leiden des Koͤrpers zu uͤberwinden ver¬ moͤgen, und daher kommt es, daß dieſe Re¬ liquien jene Mirakel bewirken, die, da ſie ſo oft vor den Augen des verſammelten Volks geſchehen, wohl nicht gelaͤugnet werden koͤn¬ nen. “— Ich erinnerte mich augenblicklich ge¬ wiſſer Andeutungen des Priors, die ganz mit den Worten des Bruders Cyrillus uͤberein¬47 ſtimmten, und betrachtete nun die Reliquien, die mir ſonſt nur als religioͤſe Spielerei er¬ ſchienen, mit wahrer innerer Ehrfurcht und Andacht. Dem Bruder Cyrillus entging dieſe Wirkung ſeiner Rede nicht, und er fuhr nun fort, mit groͤßerem Eifer und mit recht zum Gemuͤthe ſprechender Innigkeit, mir die Sammlung Stuͤck vor Stuͤck zu erklaͤren. Endlich nahm er aus einem wohlverſchloſſe¬ nen Schranke ein Kiſtchen heraus und ſagte: „ hierinnen, lieber Bruder Medardus! iſt die geheimnißvollſte wunderbarſte Reliquie ent¬ halten, die unſer Kloſter beſitzt. So lange ich im Kloſter bin, hat dieſes Kiſtchen nie¬ mand in der Hand gehabt, als der Prior und ich; ſelbſt die andern Bruͤder, viel we¬ niger Fremde, wiſſen etwas von dem Daſeyn dieſer Reliquie. Ich kann die Kiſte nicht oh¬ ne inneren Schauer anruͤhren, es iſt als ſey darinn ein boͤſer Zauber verſchloſſen, der, gelaͤnge es ihm, den Bann der ihn umſchließt und wirkungslos macht, zu zerſprengen, Ver¬48 derben und heilloſen Untergang jedem berei¬ ten koͤnnte, den er ereilt. — Das was darin¬ nen enthalten, ſtammt unmittelbar von dem Widerſacher her, aus jener Zeit, als er noch ſichtlich gegen das Heil der Menſchen zu kaͤmpfen vermochte. “— Ich ſah den Bruder Cyrillus im hoͤchſten Erſtaunen an; ohne mir Zeit zu laſſen, etwas zu erwiedern, fuhr er fort: „ Ich will mich lieber Bruder Medar¬ dus gaͤnzlich enthalten, in dieſer hoͤchſt my¬ ſtiſchen Sache nur irgend eine Meinung zu aͤußern, oder wohl gar dieſe — jene — Hy¬ potheſe aufzutiſchen, die mir durch den Kopf gefahren, ſondern lieber getreulich dir das erzaͤhlen, was die, uͤber jene Reliquie vor¬ handenen Dokumente davon ſagen. — Du fin¬ deſt dieſe Dokumente in jenem Schrank und kannſt ſie ſelbſt nachleſen. — Dir iſt das Le¬ ben des heiligen Antonius zur Gnuͤge be¬ kannt, du weißt, daß er, um ſich von allem Irrdiſchen zu entfernen, um ſeine Seele ganz dem Goͤttlichen zuzuwenden, in dieWuͤ¬49Wuͤſte zog, und da ſein Leben den ſtrengſten Buß - und Andachtsuͤbungen weihte. Der Widerſacher verfolgte ihn und trat ihm oft ſichtlich in den Weg, um ihn in ſeinen from¬ men Betrachtungen zu ſtoͤren. So kam es denn, daß der h. Antonius einmal in der Abenddaͤmmerung eine finſtre Geſtalt wahr¬ nahm, die auf ihn zuſchritt. In der Naͤhe erblickte er zu ſeinem Erſtaunen, daß aus den Loͤchern des zerriſſenen Mantels, den die Geſtalt trug, Flaſchenhaͤlſe hervorguckten. Es war der Widerſacher, der in dieſem ſelt¬ ſamen Aufzuge ihn hoͤhniſch anlaͤchelte und frug, ob er nicht von den Elixieren, die er in den Flaſchen bei ſich truͤge, zu koſten be¬ gehre? Der heilige Antonius, den dieſe Zu¬ muthung nicht einmal verdrießen konnte, weil der Widerſacher, ohnmaͤchtig und kraftlos ge¬ worden, nicht mehr im Stande war, ſich auf irgend einen Kampf einzulaſſen, und ſich da¬ her auf hoͤhnende Reden beſchraͤnken mußte, frug ihn: warum er denn ſo viele FlaſchenI. [4] 50und auf ſolche beſondere Weiſe bei ſich truͤ¬ ge? Da antwortete der Widerſacher: Siehe, wenn mir ein Menſch begegnet, ſo ſchaut er mich verwundert an und kann es nicht laſ¬ ſen nach meinen Getraͤnken zu fragen, und zu koſten aus Luͤſternheit. Unter ſo vielen Elixieren findet er ja wohl eins, was ihm recht mundet und er ſaͤuft die ganze Flaſche aus, und wird trunken, und ergiebt ſich mir und meinem Reiche. — So weit ſteht das in allen Legenden; nach dem beſonderen Do¬ kument, das wir uͤber dieſe Viſion des heili¬ gen Antonius beſitzen, heißt es aber weiter, daß der Widerſacher, als er ſich von dannen hub, einige ſeiner Flaſchen auf einen Raſen ſtehen ließ, die der h. Antonius ſchnell in ſeine Hoͤle mitnahm und verbarg, aus Furcht, ſelbſt in der Einoͤde koͤnnte ein Verirrter, ja wohl gar einer ſeiner Schuͤler, von dem ent¬ ſetzlichen Getraͤnke koſten und ins ewige Ver¬ derben gerathen. — Zufaͤllig, erzaͤhlt das Dokument weiter, habe der heilige Antonius51 einmal eine dieſer Flaſchen geoͤffnet, da ſey ein ſeltſamer betaͤubender Dampf herausge¬ fahren und allerlei ſcheusliche ſinneverwir¬ rende Bilder der Hoͤlle, haͤtten den Heiligen umſchwebt, ja ihn mit verfuͤhreriſchen Gau¬ keleien zu verlocken geſucht, bis er ſie durch ſtrenges Faſten und anhaltendes Gebet wie¬ der vertrieben. — In dieſem Kiſtchen befin¬ det ſich nun aus dem Nachlaß des h. Anto¬ nius eben eine ſolche Flaſche mit einem Teu¬ fels-Elixier und die Dokumente ſind ſo au¬ thentiſch und genau, daß wenigſtens daran, daß die Flaſche wirklich nach dem Tode des h. Antonius unter ſeinen nachgebliebenen Sa¬ chen gefunden wurde, kaum zu zweifeln iſt. Uebrigens kann ich verſichern, lieber Bruder Medardus! daß, ſo oft ich die Flaſche, ja nur dieſes Kiſtchen, worin ſie verſchloſſen, beruͤhre, mich ein unerklaͤrliches inneres Grauen anwandelt, ja daß ich waͤhne, etwas von einem ganz ſeltſamen Duft zu ſpuͤren, der mich betaͤubt und zugleich eine innere52 Unruhe des Geiſtes hervorbringt, die mich ſelbſt bei den Andachtsuͤbungen zerſtreut. Indeſſen uͤberwinde ich dieſe boͤſe Stim¬ mung, welche offenbar von dem Einfluß ir¬ gend einer feindlichen Macht herruͤhrt, ſollte ich auch an die unmittelbare Einwirkung des Widerſachers nicht glauben, durch ſtand¬ haftes Gebet. Dir, lieber Bruder Medardus, der du noch ſo jung biſt, der du noch Alles, was dir deine von fremder Kraft aufgeregte Fantaſie vorbringen mag, in glaͤnzenderen lebhafteren Farben erblickſt, der du noch, wie ein tapferer aber unerfahrner Krieger, zwar ruͤſtig im Kampfe, aber vielleicht zu kuͤhn, das Unmoͤgliche wagend, deiner Staͤrke zu ſehr vertrauſt, rathe ich, das Kiſtchen nie¬ mals, oder wenigſtens erſt nach Jahren zu oͤffnen, und damit dich deine Neugierde nicht in Verſuchung fuͤhre, es dir weit weg aus den Augen zu ſtellen. —
Der Bruder Cyrillus verſchloß die ge¬ heimnißvolle Kiſte wieder in den Schrank,53 wo ſie geſtanden, und uͤbergab mir den Schluͤſſelbund, an dem auch der Schluͤſſel je¬ nes Schranks hing: die ganze Erzaͤhlung hatte auf mich einen eignen Eindruck ge¬ macht, aber je mehr ich eine innere Luͤſtern¬ heit emporkeimen fuͤhlte, die wunderbare Re¬ liquie zu ſehen, deſto mehr war ich, der War¬ nung des Bruders Cyrillus gedenkend, be¬ muͤht, auf jede Art mir es zu erſchweren. Als Cyrillus mich verlaſſen, uͤberſah ich noch einmal die mir anvertrauten Heiligthuͤmer, dann loͤſte ich aber das Schluͤſſelchen, wel¬ ches den gefaͤhrlichen Schrank ſchloß, vom Bunde ab, und verſteckte es tief unter meine Skripturen im Schreibpulte. —
Unter den Profeſſoren im Seminar gab es einen vortrefflichen Redner, jedesmal, wenn er predigte, war die Kirche uͤberfuͤllt; der Feuerſtrom ſeiner Worte riß alles unwi¬ derſtehlich fort, die inbruͤnſtigſte Andacht im Innern entzuͤndend. Auch mir drangen ſei¬ ne herrlichen begeiſterten Reden ins Innerſte,54 aber indem ich den Hochbegabten gluͤcklich pries, war es mir, als rege ſich eine innere Kraft, die mich maͤchtig antrieb, es ihm gleich zu thun. Hatte ich ihn gehoͤrt, ſo predigte ich auf meiner einſamen Stube, mich ganz der Begeiſterung des Moments uͤberlaſſend, bis es mir gelang, meine Ideen, meine Worte feſtzuhalten und aufzuſchreiben. — Der Bru¬ der, welcher im Kloſter zu predigen pflegte, wurde zuſehends ſchwaͤcher, ſeine Reden ſchlichen wie ein halbverſiegter Bach muͤh¬ ſam und tonlos dahin, und die ungewoͤhnlich gedehnte Sprache, welche der Mangel an Ideen und Worten erzeugte, da er ohne Con¬ zept ſprach, machte ſeine Reden ſo unausſteh¬ lich lang, daß vor dem Amen ſchon der groͤßte Theil der Gemeinde, wie bei dem bedeu¬ tungsloſen eintoͤnigen Geklapper einer Muͤhle, ſanft eingeſchlummert war, und nur durch den Klang der Orgel wieder erweckt werden konnte. Der Prior Leonardus war zwar ein ganz vorzuͤglicher Redner, indeſſen trug er55 Scheu zu predigen, weil es ihn bei den ſchon erreichten hohen Jahren zu ſtark angriff, und ſonst gab es im Kloſter keinen, der die Stelle jenes ſchwaͤchlichen Bruders haͤtte er¬ ſetzen koͤnnen. Leonardus ſprach mit mir uͤber dieſen Uebelſtand, der der Kirche den Beſuch mancher Frommen entzog; ich faßte mir ein Herz und ſagte ihm, wie ich ſchon im Seminar einen innern Beruf zum Predi¬ gen geſpuͤrt und manche geiſtliche Rede auf¬ geſchrieben habe. Er verlangte, ſie zu ſehen, und war ſo hoͤchlich damit zufrieden, daß er in mich drang ſchon am naͤchſten heiligen Tage, den Verſuch mit einer Predigt zu machen, der um ſo weniger mißlingen wer¬ de, als mich die Natur mit Allem ausge¬ ſtattet habe, was zum guten Canzelredner gehoͤre, nehmlich mit einer einnehmenden Geſtalt, einem ausdrucksvollen Geſicht und einer kraͤftigen tonreichen Stimme. Ruͤck¬ ſichts des aͤußern Anſtandes, der richtigen Geſtikulation unternahm Leonardus ſelbſt mich56 zu unterrichten. Der Heiligentag kam her¬ an, die Kirche war beſetzter als gewoͤhnlich, und ich beſtieg nicht ohne inneres Erbeben die Canzel. — Im Anfange blieb ich mei¬ ner Handſchrift getreu, und Leonardus ſagte mir nachher, daß ich mit zitternder Stimme geſprochen, welches aber gerade den andaͤch¬ tigen wehmuthsvollen Betrachtungen, womit die Rede begann, zugeſagt, und bei den mehrſten fuͤr eine beſondere wirkungsvolle Kunſt des Redners gegolten habe. Bald aber war es, als ſtrahle der gluͤhende Funke himmliſcher Begeiſterung durch mein Inne¬ res — ich dachte nicht mehr an die Hand¬ ſchrift, ſondern uͤberließ mich ganz den Ein¬ gebungen des Moments. Ich fuͤhlte, wie das Blut in allen Pulſen gluͤhte und ſpruͤhte — ich hoͤrte meine Stimme durch das Gewoͤlbe donnern — ich ſah mein erhobenes Haupt, meine ausgebreiteten Arme, wie von Strah¬ lenglanz der Begeiſterung umfloſſen. — Mit einer Sentenz, in der ich alles Heilige und57 Herrliche, das ich verkuͤndet, nochmals wie in einem flammenden Fokus zuſammenfaßte, ſchloß ich meine Rede, deren Eindruck ganz ungewoͤhnlich, ganz unerhoͤrt war. Heftiges Weinen — unwillkuͤhrlich den Lippen entflie¬ hende Ausrufe der andachtvollſten Wonne — lautes Gebet, hallten meinen Worten nach. Die Bruͤder zollten mir ihre hoͤchſte Bewun¬ derung, Leonardus umarmte mich, er nannte mich den Stolz des Kloſters. Mein Ruf verbreitete ſich ſchnell, und um den Bruder Medardus zu hoͤren, draͤngte ſich der vor¬ nehmſte, der gebildetſte Theil der Stadtbe¬ wohner, ſchon eine Stunde vor dem Laͤuten, in die nicht allzugroße Kloſterkirche. Mit der Bewunderung ſtieg mein Eifer und mei¬ ne Sorge, den Reden im ſtaͤrkſten Feuer Ruͤnde und Gewandtheit zu geben. Immer mehr gelang es mir, die Zuhoͤrer zu feſſeln, und, immer ſteigend und ſteigend, glich bald die Verehrung, die ſich uͤberall, wo ich ging und ſtand in den ſtaͤrkſten Zuͤgen an den Tag58 legte, beinahe der Vergoͤtterung eines Heili¬ gen. Ein religioͤſer Wahn hatte die Stadt ergriffen, alles ſtroͤmte bei irgend einem An¬ laß, auch an gewoͤhnlichen Wochentagen, nach dem Kloſter, um den Bruder Medardus zu ſehen, zu ſprechen. — Da keimte in mir der Gedanke auf, ich ſey ein beſonders Erkohr¬ ner des Himmels; die geheimnißvollen Um¬ ſtaͤnde bei meiner Geburt, am heiligen Orte zur Entſuͤndigung des verbrecheriſchen Va¬ ters, die wunderbaren Begebenheiten in mei¬ nen erſten Kinderjahren, alles deutete dahin, daß mein Geiſt, in unmittelbarer Beruͤhrung mit dem Himmliſchen, ſich ſchon hienieden uͤber das Irrdiſche erhebe, und ich nicht der Welt, den Menſchen angehoͤre, denen Heil und Troſt zu geben, ich hier auf Erden wandle. Es war mir nun gewiß, daß der alte Pilgram in der heiligen Linde, der hei¬ lige Joſeph, der wunderbare Knabe aber das Jeſuskind ſelbſt geweſen, das in mir den Heiligen der auf Erden zu wandeln beſtimmt,59 begruͤßt habe. Aber ſo wie dies Alles im¬ mer lebendiger vor meiner Seele ſtand, wur¬ de mir auch meine Umgebung immer laͤſti¬ ger und druͤckender. Jene Ruhe und Hei¬ terkeit des Geiſtes, die mich ſonſt umfing, war aus meiner Seele entſchwunden — ja alle gemuͤthliche Aeußerungen der Bruͤder, die Freundlichkeit des Priors, erweckten in mir einen feindſeeligen Zorn. Den Heili¬ gen, den hoch uͤber ſie erhabenen, ſollten ſie in mir erkennen, ſich niederwerfen in den Staub, und die Fuͤrbitte erflehen vor dem Throne Gottes. So aber hielt ich ſie fuͤr befangen in verderblicher Verſtocktheit. Selbſt in meine Reden flocht ich gewiſſe Anſpielun¬ gen ein, die darauf hindeuteten, wie nun ei¬ ne wundervolle Zeit, gleich der in ſchimmern¬ den Strahlen leuchtenden Morgenroͤthe, an¬ gebrochen, in der Troſt und Heil bringend der glaͤubigen Gemeinde ein Auserwaͤhlter Gottes auf Erden wandle. Meine eingebil¬ dete Sendung kleidete ich in myſtiſche Bil¬60 der ein, die um ſo mehr wie ein fremdarti¬ ger Zauber auf die Menge wirkten, je we¬ niger ſie verſtanden wurden. Leonardus wur¬ de ſichtlich kaͤlter gegen mich, er vermied, mit mir ohne Zeugen zu ſprechen, aber endlich, als wir einſt zufaͤllig von allen Bruͤdern ver¬ laſſen, in der Allee des Kloſtergartens ein¬ hergingen, brach er los: „ Nicht verhehlen kann ich es dir, lieber Bruder Medardus, daß Du ſeit einiger Zeit durch dein ganzes Betragen mir Mißfallen erregſt. — Es iſt etwas in deine Seele gekommen, das dich dem Leben in frommer Einfalt abwendig macht. In deinen Reden herrſcht ein feind¬ liches Dunkel, aus dem nur noch manches hervorzutreten ſich ſcheut, was dich wenig¬ ſtens mit mir auf immer entzweien wuͤrde. — Laß mich offenherzig ſeyn! — Du traͤgſt in dieſem Augenblick die Schuld unſeres ſuͤndi¬ gen Urſprungs, die jedem maͤchtigen Empor¬ ſtreben unſerer geiſtigen Kraft die Schran¬ ken des Verderbniſſes oͤffnet, wohin wir uns61 in unbedachtem Fluge nur zu leicht verirren! — Der Beifall, ja die abgoͤttiſche Bewunde¬ rung, die dir die leichtſinnige, nach jeder An¬ reizung luͤſterne Welt gezollt, hat dich ge¬ blendet, und du ſiehſt dich ſelbſt in einer Ge¬ ſtalt, die nicht dein eigen, ſondern ein Trug¬ bild iſt, welches dich in den verderblichen Abgrund lockt. Gehe in dich, Medardus! — entſage dem Wahn der dich bethoͤrt — ich glaube ihn zu kennen! — ſchon jetzt iſt dir die Ruhe des Gemuͤths, ohne welche kein Heil hienieden zu finden, entflohen. — Laß dich warnen, weiche aus dem Feinde der dir nachſtellt. — Sey wieder der gutmuͤthige Juͤngling, den ich mit ganzer Seele lieb¬ te. “— Thraͤnen quollen aus den Augen des Priors, als er dies ſprach; er hatte mei¬ ne Hand ergriffen, ſie loslaſſend entfernte er ſich ſchnell, ohne meine Antwort abzuwar¬ ten. — Aber nur feindſeelig waren ſeine Worte in mein Innres gedrungen; er hatte des Beifalls, ja der hoͤchſten Bewunderung62 erwaͤhnt, die ich mir durch meine außeror¬ dentliche Gaben erworben, und es war mir deutlich, daß nur kleinlicher Neid jenes Mi߬ behagen an mir erzeugt habe, das er ſo un¬ verholen aͤußerte. Stumm und in mich ge¬ kehrt, blieb ich vom innern Groll ergriffen, bei den Zuſammenkuͤnften der Moͤnche, und ganz erfuͤllt von dem neuen Weſen, das mir aufgegangen, ſann ich den Tag uͤber, und in den ſchlafloſen Naͤchten, wie ich alles in mir aufgekeimte, in praͤchtige Worte faſſen und dem Volk verkuͤnden wollte. Je mehr ich mich nun von Leonardus und den Bruͤdern entfernte, mit deſto ſtaͤrkeren Banden wußte ich die Menge an mich zu ziehen. —
Am Tage des heiligen Antonius war die Kirche ſo gedraͤngt voll, daß man die Thuͤ¬ ren weit oͤffnen mußte, um dem zuſtroͤmen¬ den Volke zu vergoͤnnen, mich auch noch vor der Kirche zu hoͤren. Nie hatte ich kraͤf¬ tiger, feuriger, eindringender geſprochen. Ich erzaͤhlte, wie es gewoͤhnlich, Manches aus63 dem Leben des Heiligen, und knuͤpfte daran fromme, tief ins Leben eindringende Betrach¬ tungen. Von den Verfuͤhrungen des Teu¬ fels, dem der Suͤndenfall die Macht gegeben, die Menſchen zu verlocken, ſprach ich, und unwillkuͤhrlich fuͤhrte mich der Strom der Rede hinein in die Legende von den Elixie¬ ren, die ich wie eine ſinnreiche Allegorie dar¬ ſtellen wollte. Da fiel mein in der Kirche umherſchweifender Blick auf einen langen hageren Mann, der mir ſchraͤg uͤber auf eine Bank geſtiegen, ſich an einen Eckpfeiler lehn¬ te. Er hatte auf ſeltſame fremde Weiſe einen dunkelvioletten Mantel umgeworfen, und die uͤbereinander geſchlagenen Arme da¬ rin gewickelt. Sein Geſicht war leichenblaß, aber der Blick der großen ſchwarzen ſtieren Augen, fuhr wie ein gluͤhender Dolchſtich durch meine Bruſt. Mich durchbebte ein unheimliches grauenhaftes Gefuͤhl, ſchnell wandte ich mein Auge ab und ſprach, alle meine Kraft zuſammennehmend, weiter. Aber64 wie von einer fremden zauberiſchen Gewalt getrieben, mußte ich immer wieder hinſchau¬ en, und immer ſtarr und bewegungslos ſtand der Mann da, den geſpenſtiſchen Blick auf mich gerichtet. So wie bittrer Hohn — ver¬ achtender Haß, lag es auf der hohen gefurch¬ ten Stirn, in dem herabgezogenen Munde. Die ganze Geſtalt hatte etwas furchtbares — entſetzliches! — Ja! — es war der unbe¬ kannte Maler aus der heiligen Linde. Ich fuͤhlte mich, wie von eiskalten grauſigen Faͤu¬ ſten gepackt — Tropfen des Angſtſchweißes ſtanden auf meiner Stirn — meine Perioden ſtockten — immer verwirrter und verwirrter wurden meine Reden — es entſtand ein Fluͤ¬ ſtern — ein Gemurmel in der Kirche — aber ſtarr und unbeweglich lehnte der fuͤrchterli¬ che Fremde am Pfeiler, den ſtieren Blick auf mich gerichtet. Da ſchrie ich auf in der Hoͤllenangſt wahnſinniger Verzweiflung. „ Ha Verruchter! hebe dich weg! — hebe dich weg — denn ich bin es ſelbſt! — ich binder65der heilige Antonius! — Als ich aus dem bewuſtloſen Zuſtand, in den ich mit jenen Worten verſunken, wieder erwachte, befand ich mich auf meinem Lager, und der Bruder Cyrillus ſaß neben mir, mich pflegend und troͤſtend. Das ſchreckliche Bild des Unbe¬ kannten ſtand mir noch lebhaft vor Augen, aber je mehr der Bruder Cyrillus, dem ich alles erzaͤhlte, mich zu uͤberzeugen ſuchte, daß dieſes nur ein Gaukelbild meiner durch das eifrige und ſtarke Reden erhitzten Fan¬ taſie geweſen, deſto tiefer fuͤhlte ich bittre Reue und Schaam uͤber mein Betragen auf der Kanzel. Die Zuhoͤrer dachten, wie ich nachher erfuhr, es habe mich ein ploͤtzlicher Wahnſinn uͤberfallen, wozu ihnen vorzuͤglich mein letzter Ausruf gerechten Anlaß gab. Ich war zerknirſcht — zerruͤttet im Geiſte; eingeſchloſſen in meine Zelle, unterwarf ich mich den ſtrengſten Bußuͤbungen, und ſtaͤrkte mich durch inbruͤnſtige Gebete zum Kampfe mit dem Verſucher, der mir ſelbſt an heili¬I. [5] 66ger Staͤtte erſchienen, nur in frechem Hohn die Geſtalt borgend von dem frommen Ma¬ ler in der heiligen Linde. Niemand wollte uͤbrigens den Mann im violetten Mantel er¬ blickt haben, und der Prior Leonardus ver¬ breitete nach ſeiner anerkannten Gutmuͤthig¬ keit auf das eifrigſte uͤberall, wie es nur der Anfall einer hitzigen Krankheit geweſen, wel¬ cher mich in der Predigt auf ſolche entſetzli¬ che Weiſe mitgenommen, und meine verwirr¬ ten Reden veranlaßt habe: wirklich war ich auch noch ſiech und krank, als ich nach meh¬ reren Wochen wieder in das gewoͤhnliche Kloͤ¬ ſterliche Leben eintrat. Dennoch unternahm ich es wieder die Kanzel zu beſteigen, aber, von innerer Angſt gefoltert, verfolgt von der entſetzlichen bleichen Geſtalt, vermochte ich kaum zuſammenhaͤngend zu ſprechen, viel we¬ niger mich wie ſonſt, dem Feuer der Bered¬ ſamkeit zu uͤberlaſſen. Meine Predigten wa¬ ren gewoͤhnlich — ſteif — zerſtuͤckelt. — Die Zuhoͤrer bedauerten den Verluſt meiner Red¬67 nergabe, verlohren ſich nach und nach, und der alte Bruder, der ſonſt gepredigt und nun noch offenbar beſſer redete, als ich, erſetzte wieder meine Stelle. —
Nach einiger Zeit begab es ſich, daß ein junger Graf, von ſeinem Hofmeiſter, mit dem er auf Reiſen begriffen, begleitet, unſer Klo¬ ſter beſuchte, und die vielfachen Merkwuͤrdig¬ keiten deſſelben zu ſehen begehrte. Ich mu߬ te die Reliquienkammer aufſchließen und wir traten hinein, als der Prior, der mit uns durch Chor und Kirche gegangen, abgerufen wurde, ſo daß ich mit den Fremden allein blieb. Jedes Stuͤck hatte ich gezeigt und erklaͤrt, da fiel dem Grafen der, mit zierlichem altteutſchen Schnitzwerk geſchmuͤckte, Schrank ins Auge, in dem ſich das Kiſtchen mit dem Teufels-Elixier befand. Unerachtet ich nun nicht gleich mit der Sprache heraus wollte, was in dem Schrank verſchloſſen, ſo dran¬ gen beide, der Graf und der Hofmeiſter, doch ſo lange in mich, bis ich die Legende vom h. 68Antonius und dem argliſtigen Teufel erzaͤhl¬ te, und mich uͤber die, als Reliquie aufbe¬ wahrte Flaſche, ganz getreu nach den Wor¬ ten des Bruder Cyrillus ausließ, ja ſogar die Warnung hinzufuͤgte, die er mir Ruͤck¬ ſichts der Gefahr des Oeffnens der Kiſte und des Vorzeigens der Flaſche gegeben. Uner¬ achtet der Graf unſerer Religion zugethan war, ſchien er doch eben ſo wenig, als der Hofmeiſter auf die Wahrſcheinlichkeit der hei¬ ligen Legenden viel zu bauen. Sie ergoſſen ſich beide in allerlei witzigen Anmerkungen und Einfaͤllen uͤber den komiſchen Teufel, der die Verfuͤhrungsflaſchen im zerriſſenen Mantel trage, endlich nahm aber der Hof¬ meiſter eine ernſthafte Miene an und ſprach: „ Haben Sie an uns leichtſinnigen Weltmen¬ ſchen kein Aergerniß, ehrwuͤrdiger Herr! — Seyn Sie uͤberzeugt, daß wir beide, ich und mein Graf, die Heiligen als herrliche von der Religion hoch begeiſterte Menſchen ver¬ ehren, die dem Heil ihrer Seele, ſo wie dem69 Heil der Menſchen, alle Freuden des Lebens, ja, das Leben ſelbſt opferten, was aber ſol¬ che Geſchichten betrifft, wie die ſo eben von Ihnen erzaͤhlte, ſo glaube ich, daß nur eine geiſtreiche, von dem Heiligen erſonnene Alle¬ gorie durch Mißverſtand, als wirklich ge¬ ſchehen, ins Leben gezogen wurde. “—
Unter dieſen Worten hatte der Hofmei¬ ſter den Schieber des Kiſtchens ſchnell aufge¬ ſchoben und die ſchwarze, ſonderbar geform¬ te Flaſche herausgenommen. Es verbreitete ſich wirklich, wie der Bruder Cyrillus es mir geſagt, ein ſtarker Duft, der indeſſen nichts weniger, als betaͤubend, ſondern vielmehr angenehm und wohlthaͤtig wirkte. „ Ei, rief der Graf: ich wette, daß das Elixier des Teufels weiter nichts iſt, als herrlicher aͤchter Syrakuſer. “— „ Ganz gewiß, erwiederte der Hofmeiſter: und ſtammt die Flaſche wirklich aus dem Nachlaß des h. Antonius, ſo geht es Ihnen, ehrwuͤrdiger Herr! beinahe beſ¬ ſer, wie dem Koͤnige von Neapel, den die70 Unart der Roͤmer, den Wein nicht zu pfro¬ pfen, ſondern nur durch darauf getroͤpfeltes Oel zu bewahren, um das Vergnuͤgen brach¬ te, altroͤmiſchen Wein zu koſten. Iſt dieſer Wein auch lange nicht ſo alt, als jener gewe¬ ſen waͤre, ſo iſt es doch fuͤrwahr der aͤlteſte, den es wohl geben mag, und darum thaͤten ſie wohl, die Reliquie in Ihren Nutzen zu verwenden und getroſt auszunippen. “— „ Ge¬ wiß, fiel der Graf ein: dieſer uralte Syra¬ kuſer wuͤrde neue Kraft in Ihre Adern gie¬ ßen und die Kraͤnklichkeit verſcheuchen, von der Sie, ehrwuͤrdiger Herr! heimgeſucht ſchei¬ nen. “ Der Hofmeiſter holte einen ſtaͤhlernen Korkzieher aus der Taſche und oͤffnete, mei¬ ner Proteſtationen unerachtet, die Flaſche. — Es war mir als zucke mit dem Herausflie¬ gen des Korks ein blaues Flaͤmmchen empor, das gleich wieder verſchwand. — Staͤrker ſtieg der Duft aus der Flaſche und wallte durch das Zimmer. Der Hofmeiſter koſtete zuerſt und rief begeiſtert: „ herrlicher — herr¬71 licher[Syrakuſer]! In der That, der Wein¬ keller des heiligen Antonius war nicht uͤbel, und machte der Teufel ſeinen Kellermeiſter, ſo meinte er es mit dem heiligen Mann nicht ſo boͤſe, als man glaubt — koſten Sie Graf! “— Der Graf that es, und beſtaͤtigte das, was der Hofmeiſter geſprochen. Beide ſcherz¬ ten noch mehr uͤber die Reliquie, die offen¬ bar die ſchoͤnſte in der ganzen Sammlung ſey — ſie wuͤnſchten ſich einen ganzen Keller voll ſolcher Reliquien u. ſ. w. Ich hoͤrte Alles ſchweigend mit niedergeſenktem Haupte, mit zur Erde ſtarrendem Blick an; der Frohſinn der Fremden, hatte fuͤr mich, in meiner duͤ¬ ſteren Stimmung, etwas quaͤlendes; verge¬ bens drangen ſie in mich, auch von dem Wein des heiligen Antonius zu koſten, ich verweigerte es ſtandhaft und verſchloß die Flaſche, wohl zugepfropft, wieder in ihr Be¬ haͤltniß. —
Die Fremden verließen das Kloſter, aber als ich einſam in meiner Zelle ſaß, konnte72 ich mir ſelbſt ein gewiſſes innres Wohlbeha¬ gen, eine rege Heiterkeit des Geiſtes nicht ablaͤugnen. Es war offenbar, daß der gei¬ ſtige Duft des Weins mich geſtaͤrkt hatte. Keine Spur der uͤblen Wirkung, von der Cyrillus geſprochen, empfand ich, und nur der entgegengeſetzte wohlthaͤtige Einfluß zeig¬ te ſich auf auffallende Weiſe: je mehr ich uͤber die Legende des heiligen Antonius nach¬ dachte, je lebhafter die Worte des Hofmei¬ ſters in meinem Innern wiederklangen, deſto gewiſſer wurde es mir, daß die Erklaͤrung des Hofmeiſters die richtige ſey, und nun erſt durchfuhr mich, wie ein leuchtender Blitz der Gedanke: daß, an jenem ungluͤcklichen Ta¬ ge, als eine feindſeelige Viſion mich in der Predigt auf ſo zerſtoͤrende Weiſe unterbrach, ich ja ſelbſt im Begriff geweſen, die Legende auf dieſelbe Weiſe, als eine geiſtreiche be¬ lehrende Allegorie des heiligen Mannes vor¬ zutragen. Dieſem Gedanken knuͤpfte ſich ein anderer an, welcher bald mich ſo ganz und73 gar erfuͤllte, daß alles Uebrige in ihm unter¬ ging. — Wie, dachte ich, wenn das wunder¬ bare Getraͤnk mit geiſtiger Kraft dein Inne¬ res ſtaͤrkte, ja die erloſchene Flamme entzuͤn¬ den koͤnnte, daß ſie in neuem Leben empor¬ ſtrahlte? — Wenn ſchon dadurch eine geheim¬ nißvolle Verwandſchaft deines Geiſtes mit den in jenem Wein verſchloſſenen Natur¬ kraͤften ſich offenbaret haͤtte, daß derſelbe Duft, der den ſchwaͤchlichen Cyrillus betaͤub¬ te, auf dich nur wohlthaͤtig wirkte? — Aber, war ich auch ſchon entſchloſſen, dem Rathe der Fremden zu folgen, wollte ich ſchon zur That ſchreiten, ſo hielt mich immer wieder ein inneres, mir ſelbſt unerklaͤrliches Wider¬ ſtreben davon zuruͤck. Ja, im Begriff, den Schrank aufzuſchließen, ſchien es mir, als erblicke ich in dem Schnitzwerk das enſetz¬ liche Geſicht des Malers, mit den mich durch¬ bohrenden lebendigtodtſtarren Augen, und von geſpenſtiſchem Grauen gewaltſam er¬ griffen, floh ich aus der Reliquienkammer,74 um an heiliger Staͤtte meinen Vorwitz zu bereuen. Aber immer und immer verfolgte mich der Gedanke, daß nur durch den Genuß des wunderbaren Weins mein Geiſt ſich er¬ laben und ſtaͤrken koͤnne. — Das Betragen des Priors — der Moͤnche — die mich, wie einen geiſtig Erkrankten, mit gutgemeinter, aber niederbeugender Schonung behandelten, brachte mich zur Verzweiflung, und als Leo¬ nardus nun gar mich von den gewoͤhnlichen Andachtsuͤbungen dispenſirte, damit ich mei¬ ne Kraͤfte ganz ſammeln ſolle, da beſchloß ich, in ſchlafloſer Nacht von tiefem Gram ge¬ foltert, auf den Tod alles zu wagen, um die verlorne geiſtige Kraft wieder zu gewinnen, oder unterzugehn.
Ich ſtand vom Lager auf, und ſchlich wie ein Geſpenſt, mit der Lampe, die ich bei dem Marienbilde auf dem Gange des Klo¬ ſters angezuͤndet, durch die Kirche nach der Re¬ liquienkammer. Von dem flackernden Scheine der Lampe beleuchtet, ſchienen die heiligen75 Bilder in der Kirche ſich zu regen, es war, als blickten ſie mitleidsvoll auf mich herab, es war, als hoͤre ich in dem dumpfen Brau¬ ſen des Sturms, der durch die zerſchlagenen Fenſter ins Chor hineinfuhr, klaͤgliche war¬ nende Stimmen, ja, als riefe mir meine Mut¬ ter zu aus weiter Ferne: Sohn Medardus, was beginnſt du, laß ab von dem gefaͤhrli¬ chen Unternehmen! — Als ich in die Reli¬ quienkammer getreten, war alles ſtill und ruhig, ich ſchloß den Schrank auf, ich ergriff das Kiſtchen, die Flaſche, bald hatte ich einen kraͤftigen Zug gethan! — Glut ſtroͤmte durch meine Adern und erfuͤllte mich mit dem Gefuͤhl unbeſchreiblichen Wohl¬ ſeyns — ich trank noch einmal, und die Luſt eines neuen herrlichen Lebens ging mir auf! — Schnell verſchloß ich das leere Kiſtchen in den Schrank, eilte raſch mit der wohlthaͤti¬ gen Flaſche nach meiner Zelle, und ſtellte ſie in mein Schreibepult. — Da fiel mir der kleine Schluͤſſel in die Haͤnde, den ich da¬76 mals, um jeder Verſuchung zu entgehen, vom Bunde loͤſ'te, und doch hatte ich ohne ihn, ſowohl damals, als die Fremden zuge¬ gen waren, als jetzt, den Schrank aufge¬ ſchloſſen? — Ich unterſuchte meinen Schluͤſ¬ ſelbund, und ſiehe ein unbekannter Schluͤſſel, mit dem ich damals und jetzt den Schrank geoͤffnet, ohne in der Zerſtreuung darauf zu merken, hatte ſich zu den uͤbrigen gefunden. — Ich erbebte unwillkuͤhrlich, aber ein bun¬ tes Bild jug das andere bei dem, wie aus tiefem Schlaf aufgeruͤttelten Geiſte voruͤber. Ich hatte nicht Ruh, nicht Raſt, bis der Morgen heiter anbrach,[und] ich hinabeilen konnte in den Kloſtergarten, um mich in den Strahlen der Sonne, die feurig und gluͤhend hinter den Bergen emporſtieg, zu baden. Leo¬ nardus, die Bruͤder, bemerkten meine Veraͤn¬ derung; ſtatt daß ich ſonſt in mich verſchloſ¬ ſen, kein Wort ſprach, war ich heiter und lebendig. Als rede ich vor verſammelter Ge¬ meinde, ſprach ich mit dem Feuer der Be¬77 redſamkeit, wie es ſonſt mir eigen. Da ich mit Leonardus allein geblieben, ſah er mich lange an, als wollte er mein Innerſtes durch¬ dringen; dann ſprach er aber, indem ein lei¬ ſes ironiſches Laͤcheln uͤber ſein Geſicht flog: hat der Bruder Medardus vielleicht in einer Viſion neue Kraft und verjuͤngtes Leben von oben herab erhalten? — Ich fuͤhlte mich vor Schaam ergluͤhen, denn in dem Augenblick kam mir meine Exaltation, durch einen Schluck alten Weins erzeugt, nichtswuͤrdig und arm¬ ſeelig vor. Mit niedergeſchlagenen Augen und geſenktem Haupte, ſtand ich da, Leonar¬ dus uͤberließ mich meinen Betrachtungen. Nur zu ſehr hatte ich gefuͤrchtet, daß die Spannung, in die mich der genoſſene Wein verſetzt, nicht lange anhalten, ſondern viel¬ leicht zu meinem Gram noch groͤßere Ohn¬ macht nach ſich ziehn wuͤrde; es war aber dem nicht ſo, vielmehr fuͤhlte ich, wie, mit der wiedererlangten Kraft, auch jugendlicher Muth, und jenes raſtloſe Streben nach dem78 hoͤchſten Wirkungskreiſe, den mir das Kloſter darbot, zuruͤckkehrte. Ich beſtand darauf, am naͤchſten heiligen Tage wieder zu predigen, und es wurde mir vergoͤnnt. Kurz vorher ehe ich die Kanzel beſtieg, genoß ich von dem wunderbaren Weine; nie hatte ich darauf feuriger, ſalbungsreicher eindringender ge¬ ſprochen. Schnell verbreitete ſich der Ruf meiner gaͤnzlichen Wiederherſtellung, und ſo wie ſonſt fuͤllte ſich wieder die Kirche, aber je mehr ich den Beifall der Menge erwarb, deſto ernſter und zuruͤckhaltender wurde Leo¬ nardus, und ich fing an, ihn von ganzer Seele zu haſſen, da ich ihn von kleinlichem Neide und moͤnchiſchem Stolz befangen glaubte. —
Der Bernardustag kam heran, und ich war voll brennender Begierde, vor der Fuͤr¬ ſtin recht mein Licht leuchten zu laſſen, wes¬ halb ich den Prior bat, es zu veranſtalten, daß mir es vergoͤnnt werde, an dem Tage im Ciſterzienſer Kloſter zu predigen. — Den Leonardus ſchien meine Bitte auf beſondere79 Weiſe zu uͤberraſchen, er geſtand mir unver¬ holen, daß er gerade dieſesmal im Sinn ge¬ habt habe, ſelbſt zu predigen, und daß des¬ halb ſchon das noͤthige angeordnet ſey, deſto leichter ſey indeſſen die Erfuͤllung meiner Bitte, da er ſich mit Krankheit entſchuldigen und mich ſtatt ſeiner herausſchicken werde. —
Das geſchah wirklich! — Ich ſah meine Mutter, ſo wie die Fuͤrſtin, den Abend vor¬ her; mein Innres war aber ſo ganz von meiner Rede erfuͤllt, die den hoͤchſten Gipfel der Beredſamkeit erreichen ſollte, daß ihr Wiederſehen nur einen geringen Eindruck auf mich machte. Es war in der Stadt verbrei¬ tet, daß ich ſtatt des erkrankten Leonardus predigen wuͤrde, und dies hatte vielleicht noch einen groͤßeren Theil des gebildeten Publi¬ kums herbeigezogen. Ohne das mindeſte auf¬ zuſchreiben, nur in Gedanken die Rede, in ihren Theilen ordnend, rechnete ich auf die hohe Begeiſterung, die das feierliche Hoch¬ amt, das verſammelte andaͤchtige Volk, ja80 ſelbſt die herrliche hochgewoͤlbte Kirche in mir erwecken wuͤrde, und hatte mich in der That nicht geirrt. — Wie ein Feuerſtrom floſſen meine Worte, die mit der Erinnerung an den heiligen Bernhard die ſinnreichſten Bilder, die froͤmmſten Betrachtungen ent¬ hielten dahin, und in allen auf mich gerich¬ teten Blicken, las ich Staunen und Bewun¬ derung. Wie war ich darauf geſpannt, was die Fuͤrſtin wohl ſagen werde, wie erwartete ich den hoͤchſten Ausbruch ihres innigſten Wohlgefallens, ja es war mir, als muͤſſe ſie den, der ſie ſchon als Kind in Erſtaunen ge¬ ſetzt, jetzt die ihm inwohnende hoͤhere Macht deutlicher ahnend, mit unwillkuͤhrlicher Ehr¬ furcht empfangen. Als ich ſie ſprechen woll¬ te, ließ ſie mir ſagen, daß ſie, ploͤtzlich von einer Kraͤnklichkeit uͤberfallen, niemanden, auch mich nicht ſprechen koͤnne. — Dies war mir um ſo verdrießlicher, als nach meinem ſtolzen Wahn, die Aebtiſſin in der hoͤchſten Begeiſterung das Beduͤrfniß haͤtte fuͤhlen ſol¬len,81len, noch ſalbungsreiche Worte von mir zu vernehmen. Meine Mutter ſchien einen heim¬ lichen Gram in ſich zu tragen, nach deſſen Urſache ich mich nicht unterſtand zu forſchen, weil ein geheimes Gefuͤhl mir ſelbſt die Schuld davon aufbuͤrdete, ohne daß ich mir dies haͤtte deutlicher entraͤthſeln koͤnnen. Sie gab mir ein kleines Billet von der Fuͤrſtin, das ich erſt im Kloſter oͤffnen ſollte: kaum war ich in meiner Zelle, als ich zu meinem Erſtaunen folgendes las:
„ Du haſt mich, mein lieber Sohn (denn noch will ich Dich ſo nennen) durch die Rede, die Du in der Kirche unſeres Kloſters hielteſt, in die tiefſte Be¬ truͤbniß geſetzt. Deine Worte kommen nicht aus dem andaͤchtigen ganz dem himmlischen zugewandten Gemuͤthe, Dei¬ ne Begeiſterung war nicht diejenige, welche den Frommen auf Seraphsfittigen emportraͤgt, daß er in heiliger Verzuͤk¬ kung, das himmliſche Reich zu ſchauenI. [6] 82vermag. Ach! — Der ſtolze Prunk Dei¬ ner Rede, Deine ſichtliche Anſtrengung, nur recht viel auffallendes, glaͤnzendes zu ſagen, hat nur bewieſen, daß Du, ſtatt die Gemeinde zu belehren und zu frommen Betrachtungen zu entzuͤnden, nur nach dem Beifall, nach der werthlo¬ ſen Bewunderung der weltlich geſinnten Menge trachteſt. Du haſt Gefuͤhle ge¬ heuchelt, die nicht in Deinem Innern waren, ja Du haſt ſelbſt gewiſſe ſichtlich ſtudierte Mienen und Bewegungen er¬ kuͤnſtelt, wie ein eitler Schauſpieler, Alles nur des ſchnoͤden Beifalls wegen. Der Geiſt des Truges iſt in Dich gefahren, und wird Dich verderben, wenn Du nicht in Dich gehſt und der Suͤnde ent¬ ſageſt. Denn Suͤnde, große Suͤnde, iſt Dein Thun und Treiben, um ſo mehr, als Du Dich zum froͤmmſten Wandel, zur Entſagung aller irrdiſchen Thorheit im Kloſter, dem Himmel verpflichtet. 83Der heilige Bernardus, den Du durch Deine truͤgeriſche Rede ſo ſchnoͤde belei¬ digt, moͤge Dir nach ſeiner himmliſchen Langmuth verzeihen, ja Dich erleuchten, daß Du den rechten Pfad, von dem Du durch den Boͤſen verlockt abgewichen, wieder findeſt, und er fuͤrbitten koͤnne fuͤr das Heil Deiner Seele. Gehab Dich wohl! “
Wie hundert Blitze durchfuhren mich die Worte der Aebtiſſin, und ich ergluͤhte vor innerm Zorn, denn nichts war mir gewiſſer, als daß Leonardus, deſſen mannigfache An¬ deutungen uͤber meine Predigten eben dahin gewieſen hatten, die Andaͤchtelei der Fuͤrſtin benutzt, und ſie gegen mich und mein Red¬ ner-Talent aufgewiegelt habe. Kaum konnte ich ihn mehr anſchauen, ohne vor innerlicher Wuth zu erbeben, ja es kamen mir oft Ge¬ danken, ihn zu verderben, in den Sinn, vor denen ich ſelbſt erſchrack. Um ſo unertraͤgli¬ cher waren mir die Vorwuͤrfe der Aebtiſſin84 und des Priors, als ich in der tiefſten Tiefe meiner Seele, wohl die Wahrheit derſelben fuͤhlte; aber immer feſter und feſter behar¬ rend in meinem Thun, mich ſtaͤrkend durch Tropfen Weins aus der geheimnißvollen Fla¬ ſche, fuhr ich fort, meine Predigten mit al¬ len Kuͤnſten der Rhetorik auszuſchmuͤcken und mein Mienenſpiel, meine Geſtikulationen ſorg¬ faͤltig zu ſtudieren, und ſo gewann ich des Beifalls, der Bewunderung immer mehr und mehr.
Das Morgenlicht brach in farbigten Strahlen durch die bunten Fenſter der Klo¬ ſterkirche; einſam, und in tiefe Gedanken ver¬ ſunken, ſaß ich im Beichtſtuhl; nur die Tritte des dienenden Layenbruders, der die Kirche reinigte, hallten durch das Gewoͤlbe. Da rauſchte es in meiner Naͤhe, und ich erblick¬ te ein großes ſchlankes Frauenzimmer, auf fremdartige Weiſe gekleidet, einen Schleier uͤber das Geſicht gehaͤngt, die durch die Sei¬ tenpforte hereingetreten, ſich mir nahte, um85 zu beichten. Sie bewegte ſich mit unbe¬ ſchreiblicher Anmuth, ſie kniete nieder, ein tiefer Seufzer entfloh ihrer Bruſt, ich fuͤhlte ihren gluͤhenden Athem, es war als um¬ ſtricke mich ein betaͤubender Zauber, noch ehe ſie ſprach! — Wie vermag ich den ganz eignen, ins Innerſte dringenden Ton ihrer Stimme zu beſchreiben. — Jedes ihrer Wor¬ te griff in meine Bruſt, als ſie bekannte, wie ſie eine verbotene Liebe hege, die ſie ſchon ſeit langer Zeit vergebens bekaͤmpfe, und daß dieſe Liebe um ſo ſuͤndlicher ſey, als den Geliebten heilige Bande auf ewig feſſel¬ ten; aber im Wahnſinn hoffnungsloſer Ver¬ zweiflung, habe ſie dieſen Banden ſchon ge¬ flucht. — Sie ſtockte — mit einem Thraͤnen¬ ſtrom, der die Worte beinahe erſtickte, brach ſie los: „ Du ſelbſt — Du ſelbſt, Medardus biſt es, den ich ſo unausſprechlich liebe! “— Wie im toͤdtenden Krampf zuckten alle meine Nerven, ich war außer mir ſelbſt, ein niege¬ kanntes Gefuͤhl zerriß meine Bruſt, ſie ſe¬86 hen, ſie an mich druͤcken — vergehen vor Wonne und Qual, eine Minute dieſer Seelig¬ keit fuͤr ewige Marter der Hoͤlle! — Sie ſchwieg, aber ich hoͤrte ſie tief athmen. — In einer Art wilder Verzweiflung raffte ich mich gewaltſam zuſammen, was ich geſpro¬ chen, weiß ich nicht mehr, aber ich nahm wahr, daß ſie ſchweigend aufſtand und ſich entfernte, waͤhrend ich das Tuch feſt vor die Augen druͤckte, und wie erſtarrt, bewuſtlos im Beichtſtuhle ſitzen blieb. —
Zum Gluͤck kam niemand mehr in die Kirche, ich konnte daher unbemerkt in meine Zelle entweichen. Wie ſo ganz anders er¬ ſchien mir jetzt Alles, wie thoͤrigt, wie ſchaal mein ganzes Streben. — Ich hatte das Ge¬ ſicht der Unbekannten nicht geſehen und doch lebte ſie in meinem Innern und blickte mich an mit holdſeeligen dunkelblauen Augen, in denen Thraͤnen perlten, die wie mit verzeh¬ render Gluth in meine Seele fielen, und die Flamme entzuͤndeten, die kein Gebet, keine87 Bußuͤbung mehr daͤmpfte. Denn dieſe unter¬ nahm ich, mich zuͤchtigend bis aufs Blut mit dem Knotenſtrick, um der ewigen Verdamm¬ niß zu entgehen, die mir drohte, da oft je¬ nes Feuer, das das fremde Weib in mich ge¬ worfen, die ſuͤndlichſten Begierden, welche ſonſt mir unbekannt geblieben, erregte, ſo daß ich mich nicht zu retten wußte, vor wol¬ luͤſtiger Qual.
Ein Altar in unſerer Kirche war der heiligen Roſalia geweiht, und ihr herrliches Bild in dem Moment gemalt, als ſie den Maͤrtyrer Tod erleidet. — Es war meine Geliebte, ich erkannte ſie, ja ſogar ihre Klei¬ dung war dem ſeltſamen Anzug der Unbe¬ kannten voͤllig gleich. Da lag ich ſtunden¬ lang, wie von verderblichem Wahnſinn be¬ fangen, niedergeworfen auf den Stufen des Altars und ſtieß heulende entſetzliche Toͤne der Verzweiflung aus, daß die Moͤnche ſich entſetzten und ſcheu von mir wichen. — In ruhigeren Augenblicken lief ich im Kloſter¬88 garten auf und ab, in duftiger Ferne ſah ich ſie wandeln, ſie trat aus den Gebuͤſchen, ſie ſtieg empor aus den Quellen, ſie ſchwebte auf blumigter Wieſe, uͤberall nur ſie, nur ſie! — Da verwuͤnſchte ich mein Geluͤbde, mein Daſeyn! — Hinaus in die Welt wollte ich, und nicht raſten, bis ich ſie gefunden, ſie erkaufen mit dem Heil meiner Seele. Es gelang mir endlich wenigſtens, mich in den Ausbruͤchen meines den Bruͤdern und dem Prior unerklaͤrlichen Wahnſinns zu maͤßigen, ich konnte ruhiger ſcheinen, aber immer tie¬ fer ins Innere hinein, zehrte die verderbliche Flamme. Kein Schlaf! — Keine Ruhe! — Von ihrem Bilde verfolgt, waͤlzte ich mich auf dem harten Lager und rief die Heiligen an, nicht, mich zu retten von dem verfuͤhreri¬ ſchen Gaukelbilde, das mich umſchwebte, nicht, meine Seele zu bewahren vor ewiger Verdammniß, nein! — mir das Weib zu ge¬ ben, meinen Schwur zu loͤſen, mir Freiheit zu ſchenken zum ſuͤndigen Abfall! —
89Endlich ſtand es feſt in meiner Seele, meiner Quaal durch die Flucht aus dem Klo¬ ſter ein Ende zu machen. Denn nur die Be¬ freiung von den Kloſtergeluͤbden ſchien mir noͤthig zu ſeyn, um das Weib in meinen Armen zu ſehen und die Begierde zu ſtillen, die in mir brannte. Ich beſchloß, unkenntlich geworden durch das Abſcheeren meines Barts und weltliche Kleidung, ſo lange in der Stadt umherzuſchweifen, bis ich ſie gefun¬ den, und dachte nicht daran, wie ſchwer, ja wie unmoͤglich dies vielleicht ſeyn werde, ja, wie ich vielleicht, von allem Gelde[entbloͤßt], nicht einen einzigen Tag außerhalb den Mau¬ ern wuͤrde leben koͤnnen.
Der letzte Tag, den ich noch im Kloſter zubringen wollte, war endlich herangekom¬ men, durch einen guͤnſtigen Zufall hatte ich anſtaͤndige buͤrgerliche Kleider erhalten; in der naͤchſten Nacht, wollte ich das Kloſter verlaſſen, um nie wieder zuruͤckzukehren. Schon war es Abend geworden, als der Prior90 mich ganz unerwartet zu ſich rufen ließ; Ich erbebte, denn nichts glaubte ich gewiſſer, als daß er von meinem heimlichen Anſchlage et¬ was bemerkt habe. Leonardus empfing mich mit ungewoͤhnlichem Ernſt, ja mit einer im¬ ponirenden Wuͤrde, vor der ich unwillkuͤhrlich erzittern mußte. „ Bruder Medardus, fing er an: Dein unſinniges Betragen, das ich nur fuͤr den ſtaͤrkeren Ausbruch jener geiſti¬ gen Exaltation halte, die Du ſeit laͤngerer Zeit vielleicht nicht aus den reinſten Abſich¬ ten herbeigefuͤhrt haſt, zerreißt unſer ruhiges Beiſammenſeyn, ja es wirkt zerſtoͤrend auf die Heiterkeit und Gemuͤthlichkeit, die ich als das Erzeugniß eines ſtillen frommen Lebens bis jetzt unter den Bruͤdern zu erhalten ſtreb¬ te. — Vielleicht iſt aber auch irgend ein feindliches Ereigniß, das Dich betroffen, daran Schuld. Du haͤtteſt bei mir, deinem vaͤter¬ lichen Freunde, dem du ſicher Alles vertrauen konnteſt, Troſt gefunden, doch Du ſchwiegſt, und ich mag um ſo weniger in Dich drin¬91 gen, als mich jetzt Dein Geheimniß, um ei¬ nen Theil meiner Ruhe bringen koͤnnte, die ich im heitern Alter uͤber alles ſchaͤtze. — Du haſt oftmals, vorzuͤglich bei dem Altar der heiligen Roſalia, durch anſtoͤßige entſetz¬ liche Reden, die Dir wie im Wahnſinn zu entfahren ſchienen, nicht nur den Bruͤdern, ſondern auch Fremden, die ſich zufaͤllig in der Kirche befanden, ein heilloſes Aergerniß gegeben; ich koͤnnte Dich daher nach der Klo¬ ſterzucht hart ſtrafen, doch will ich dies nicht thun, da vielleicht irgend eine boͤſe Macht — der Widerſacher ſelbſt, dem Du nicht genugſam widerſtanden, an Deiner Verirrung Schuld iſt, und gebe dir nur auf, ruͤſtig zu ſeyn in Buße und Gebet. — Ich ſchaue tief in Dei¬ ne Seele? — Du willſt ins Freie! “—
Durchdringend ſchaute Leonardus mich an, ich konnte ſeinen Blick nicht ertragen, ſchluchzend ſtuͤrzte ich nieder in den Staub, mich bewußt, des boͤſen Vorhabens. „ Ich verſtehe dich, fuhr Leonardus fort, und glau¬92 be ſelbſt, daß beſſer, als die Einſamkeit des Kloſters, die Welt, wenn Du ſie in Froͤmmig¬ keit durchziehſt, Dich von Deiner Verirrung heilen wird. Eine Angelegenheit unſeres Kloſters erfordert die Sendung eines Bru¬ ders nach Rom. Ich habe Dich dazu ge¬ waͤhlt, und ſchon morgen kannſt Du, mit den noͤthigen Vollmachten und Inſtruktionen ver¬ ſehen, deine Reiſe antreten. Um ſo mehr eigneſt Du Dich zur Ausfuͤhrung dieſes Auf¬ trages, als Du noch jung, ruͤſtig, gewandt in Geſchaͤften, und der italiaͤniſchen Sprache vollkommen maͤchtig biſt. — Begieb Dich jetzt in deine Zelle; bete mit Inbrunſt, um das Heil deiner Seele, ich will ein Gleiches thun, doch unterlaſſe alle Kaſteiungen, die Dich nur ſchwaͤchen und zur Reiſe untauglich machen wuͤrden. Mit dem Anbruch des Tages er¬ warte ich Dich hier im Zimmer. “—
Wie ein Strahl des Himmels erleuchte¬ ten mich die Worte des ehrwuͤrdigen Leonar¬ dus, ich hatte ihn gehaßt, aber jetzt durch¬93 drang mich wie ein wonnevoller Schmerz die Liebe, welche mich ſonſt an ihn gefeſſelt hatte. Ich vergoß heiße Thraͤnen, ich druͤck¬ te ſeine Haͤnde an die Lippen. Er umarmte mich, und es war mir, als wiſſe er nun meine geheimſten Gedanken, und ertheile mir die Freiheit, dem Verhaͤngniß nachzugeben, das, uͤber mich waltend, nach Minuten langer Seeligkeit mich vielleicht in ewiges Verder¬ ben ſtuͤrzen konnte.
Nun war die Flucht unnoͤthig geworden, ich konnte das Kloſter verlaſſen, und ihr, ihr, ohne die nun keine Ruhe, kein Heil fuͤr mich hienieden zu finden, raſtlos folgen, bis ich ſie gefunden. Die Reiſe nach Rom, die Auf¬ traͤge dahin, ſchienen mir nur von Leonar¬ dus erſonnen, um mich auf ſchickliche Weiſe aus dem Kloſter zu entlaſſen.
Die Nacht brachte ich betend, und mich bereitend zur Reiſe, zu, den Reſt des geheim¬ nißvollen Weins fuͤllte ich in eine Korbfla¬ ſche, um ihn als bewaͤhrtes Wirkungsmittel94 zu gebrauchen, und ſetzte die Flaſche, welche ſonſt das Elixier enthielt, wieder in die Kiſte.
Nicht wenig verwundert war ich, als ich aus den weitlaͤuftigen Inſtruktionen des Priors wahrnahm, daß es mit meiner Sen¬ dung nach Rom nun wohl ſeine Richtigkeit hatte, und daß die Angelegenheit, welche dort die Gegenwart eines bevollmaͤchtigten Bruders verlangte, gar viel bedeutete und in ſich trug. Es fiel mir ſchwer aufs Herz, daß ich geſonnen, mit dem erſten Schritt aus dem Kloſter, ohne alle Ruͤckſicht mich meiner Freiheit zu uͤberlaſſen; doch der Ge¬ danke an ſie ermuthigte mich, und ich be¬ ſchloß, meinem Plane treu zu bleiben.
Die Bruͤder verſammelten ſich, und der Abſchied von ihnen, vorzuͤglich von dem Va¬ ter Leonardus, erfuͤllte mich mit der tiefſten Wehmuth. — Endlich ſchloß ſich die Kloſter¬ pforte hinter mir, und ich war geruͤſtet zur weiten Reiſe im Freien.
Der Eintritt in die Welt.
In blauen Duft gehuͤllt, lag das Kloſter un¬ ter mir im Thale; der friſche Morgenwind ruͤhrte ſich und trug, die Luͤfte durchſtreichend, die frommen Geſaͤnge der Bruͤder zu mir her¬ auf. Unwillkuͤhrlich ſtimmte ich ein. Die Sonne trat in flammender Gluth hinter der Stadt hervor, ihr funkelndes Gold erglaͤnzte in den Baͤumen und in freudigem Rauſchen fielen die Thautropfen wie gluͤhende Diaman¬ ten herab auf tauſend bunte Inſektlein, die ſich ſchwirrend und ſumſend erhoben. Die Voͤgel erwachten und flatterten, ſingend und96 jubilirend und ſich in froher Luſt liebkoſend, durch den Wald! — Ein Zug von Bauer¬ burſchen und feſtlich geſchmuͤckter Dirnen kam den Berg herauf. „ Gelobt ſey Jeſus Chriſtus! riefen ſie, bei mir voruͤberwan¬ delnd. “ In Ewigkeit! antwortete ich, und es war mir, als trete ein neues Leben, voll Luſt und Freiheit, mit tauſend holdſeeligen Er¬ ſcheinungen auf mich ein! — Nie war mir ſo zu Muthe geweſen, ich ſchien mir ſelbſt ein andrer, und, wie von neuerweckter Kraft beſeelt und begeiſtert, ſchritt ich raſch fort durch den Wald, den Berg herab. Den Bauer, der mir jetzt in den Weg kam, frug ich nach dem Orte, den meine Reiſeroute als den erſten bezeichnete, wo ich uͤbernachten ſollte; und er beſchrieb mir genau einen naͤ¬ hern, von der Heerſtraße abweichenden, Richt¬ ſteig mitten durch's Gebuͤrge. Schon war ich eine ziemliche Strecke einſam fortgewan¬ delt, als mir erſt der Gedanke an die Unbe¬ kannte und an den phantaſtiſchen Plan ſieauf¬97aufzuſuchen wiederkam. Aber ihr Bild, war wie von fremder unbekannter Macht ver¬ wiſcht, ſo daß ich nur mit Muͤhe die blei¬ chen entſtellten Zuͤge wieder erkennen konnte; je mehr ich trachtete, die Erſcheinung im Geiſte feſtzuhalten, deſto mehr zerrann ſie in Nebel. Nur mein ausgelaſſenes Betragen im Kloſter, nach jener geheimnißvollen Be¬ gebenheit, ſtand mir noch klar vor Augen. Es war mir jetzt ſelbſt unbegreiflich, mit wel¬ cher Langmuth der Prior das alles ertragen, und mich ſtatt der wohlverdienten Strafe in die Welt geſchickt hatte. Bald war ich uͤber¬ zeugt, daß jene Erſcheinung des unbekannten Weibes nur eine Viſion geweſen, die Folge gar zu großer Anſtrengung, und ſtatt, wie ich ſonſt gethan haben wuͤrde, das verfuͤhreri¬ ſche verderbliche Trugbild der ſteten Verfol¬ gung des Widerſachers zuzuſchreiben, rech¬ nete ich es nur der Taͤuſchung der eignen auf¬ geregten Sinne zu, da der Umſtand, daß die Fremde ganz wie die heilige Roſalia geklei¬I. [7] 98det geweſen, mir zu beweiſen ſchien, daß das lebhafte Bild jener Heiligen, welches ich wirklich, wiewohl in betraͤchtlicher Ferne und in ſchiefer Richtung aus dem Beichtſtuhl ſe¬ hen konnte, großen Antheil daran gehabt habe. Tief bewunderte ich die Weisheit des Priors, der das richtige Mittel zu meiner Heilung waͤhlte, denn, in den Kloſtermauern eingeſchloſſen, immer von denſelben Gegen¬ ſtaͤnden umgeben, immer bruͤtend und hin¬ einzehrend in das Innere, haͤtte mich jene Viſion, der die Einſamkeit gluͤhendere, keckere Farben lieh, zum Wahnſinn gebracht. Im¬ mer vertrauter werdend mit der Idee nur ge¬ traͤumt zu haben, konnte ich mich kaum des Lachens uͤber mich ſelbſt erwehren, ja mit einer Frivolitaͤt, die mir ſonſt nicht eigen, ſcherzte ich im Innern uͤber den Gedanken, eine Heilige in mich verliebt zu waͤhnen, wo¬ bei ich zugleich daran dachte, daß ich ja ſelbſt ſchon einmal der heilige Antonius ge¬ weſen. —
99Schon mehrere Tage war ich durch das Gebuͤrge gewandelt, zwiſchen kuͤhn emporge¬ thuͤrmten ſchauerlichen Felſenmaſſen, uͤber ſchmale Stege, unter denen reiſſende Wald¬ baͤche brausten; immer oͤder, immer be¬ ſchwerlicher wurde der Weg. Es war hoher Mittag, die Sonne brannte auf mein unbe¬ decktes Haupt, ich lechzte vor Durſt, aber keine Quelle war in der Naͤhe, und noch im¬ mer konnte ich nicht das Dorf erreichen, auf das ich ſtoßen ſollte. Ganz entkraͤftet ſetzte ich mich auf ein Felsſtuͤck, und konnte nicht widerſtehen, einen Zug aus der Korbflaſche zu thun, unerachtet ich das ſeltſame Getraͤnk ſo viel nur moͤglich, aufſparen wollte. Neue Kraft durchgluͤhte meine Adern, und erfriſcht und geſtaͤrkt ſchritt ich weiter, um mein Ziel, das nicht mehr fern ſeyn konnte, zu erreichen. Immer dichter und dichter wurde der Tan¬ nenwald, im tiefſten Dickigt rauſchte es, und bald darauf wieherte laut ein Pferd, das dort angebunden. Ich trat einige Schritte weiter100 und erſtarrte beinahe vor Schreck, als ich dicht an einem jaͤhen entſetzlichen Abgrund ſtand, in den ſich, zwiſchen ſchroffen ſpitzen Felſen, ein Waldbach ziſchend und brauſend hinabſtuͤrzte, deſſen donnerndes Getoͤſe ich ſchon in der Ferne vernommen. Dicht, dicht an dem Sturz, ſaß auf einem uͤber die Tiefe hervorragenden Felſenſtuͤck, ein junger Mann in Uniform, der Hut mit dem hohen Feder¬ buſch, der Degen, ein Portefeuille lagen ne¬ ben ihm. Mit dem ganzen Koͤrper uͤber den Abgrund haͤngend, ſchien er eingeſchlafen und immer mehr und mehr heruͤber zu ſin¬ ken. — Sein Sturz war unvermeidlich. Ich wagte mich heran; indem ich ihn mit der Hand ergreifen und zuruͤckhalten wollte, ſchrie ich laut: um Jeſuswillen! Herr! — er¬ wacht! — Um Jeſuswillen. — So wie ich ihn beruͤhrte, fuhr er auf aus tiefem Schlafe, aber in demſelben Augenblick ſtuͤrzte er, das Gleichgewicht verlierend, hinab in den Ab¬ grund, daß, von Felſenſpitze zu Felſenſpitze ge¬101 worfen, die zerſchmetterten Glieder zuſam¬ menkrachten; ſein ſchneidendes Jammerge¬ ſchrei verhallte in der unermeßlichen Tiefe, aus der nur ein dumpfes Gewimmer herauf¬ toͤnte, das endlich auch erſtarb. Leblos vor Schreck und Entſetzen ſtand ich da, endlich ergriff ich den Hut, den Degen, das Porte¬ feuille, und wollte mich ſchnell von dem Un¬ gluͤcksorte entfernen, da trat mir ein junger Menſch aus dem Tannenwalde entgegen, wie ein Jaͤger gekleidet, ſchaute mir erſt ſtarr ins Geſicht, und fing dann an, ganz uͤbermaͤ¬ ßig zu lachen, ſo daß ein eiskalter Schauer mich durchbebte.
„ Nun, gnaͤdiger Herr Graf, ſprach end¬ lich der junge Menſch, die Maskerade iſt in der That vollſtaͤndig und herrlich, und waͤre die gnaͤdige Frau nicht ſchon vorher davon unterrichtet, wahrhaftig, ſie wuͤrde den Her¬ zensgeliebten nicht wieder erkennen. Wo ha¬ ben Sie aber die Uniform hingethan, gnaͤdi¬ ger Herr? “— Die ſchleuderte ich hinab in102 den Abgrund, antwortete es aus mir hohl und dumpf, denn ich war es nicht, der dieſe Worte ſprach, unwillkuͤhrlich entflohen ſie meinen Lippen. In mich gekehrt, immer in den Abgrund ſtarrend, ob der blutige Leich¬ nam des Grafen ſich nicht mir drohend erhe¬ ben werde, ſtand ich da. — Es war mir, als habe ich ihn ermordet, noch immer hielt ich den Degen, Hut und Portefeuille krampfhaft feſt. Da fuhr der junge Menſch fort: „ Nun gnaͤdiger Herr, reite ich den Fahrweg her¬ ab nach dem Staͤdtchen, wo ich mich in dem Hauſe dicht vor dem Thor linker Hand ver¬ borgen halten will, Sie werden wohl gleich herab nach dem Schloſſe wandeln, man wird Sie wohl ſchon erwarten, Hut und Degen nehme ich mit mir. “— Ich reichte ihm bei¬ des hin. „ Nun leben Sie wohl, Herr Graf! recht viel Gluͤck im Schloſſe, “rief der junge Menſch und verſchwand ſingend und pfeifend in dem Dickigt. Ich hoͤrte, daß er das Pferd, was dort angebunden, losmachte, und mit103 ſich fortfuͤhrte. Als ich mich von meiner Betaͤubung erholt und die ganze Begebenheit uͤberdachte, mußte ich mir wohl eingeſtehen, daß ich bloß dem Spiel des Zufalls, der mich mit einem Ruck in das ſonderbarſte Verhaͤlt¬ niß geworfen, nachgegeben. Es war mir klar, daß eine große Aehnlichkeit meiner Ge¬ ſichtszuͤge und meiner Geſtalt, mit der des ungluͤcklichen Grafen, den Jaͤger getaͤuſcht, und der Graf gerade die Verkleidung als Ca¬ puziner gewaͤhlt haben muͤſſe, um irgend ein Abentheuer in dem nahen Schloſſe zu beſte¬ hen. Der Tod hatte ihn ereilt, und ein wunderbares Verhaͤngniß mich in demſelben Augenblick an ſeine Stelle geſchoben. Der innere unwiderſtehliche Drang in mir, wie es jenes Verhaͤngniß zu wollen ſchien, die Rolle des Grafen fortzuſpielen, uͤberwog jeden Zwei¬ fel und uͤbertaͤubte die innere Stimme, welche mich des Mordes und des frechen Frevels bezieh. Ich eroͤffnete das Portefeuille, wel¬ ches ich behalten; Briefe, betraͤchtliche Wech¬104 ſel fielen mir in die Hand. Ich wollte die Papiere einzeln durchgehen, ich wollte die Briefe leſen um mich von den Verhaͤltniſſen des Grafen zu unterrichten, aber die innere Unruhe, der Flug von tauſend und tauſend Ideen, die durch meinen Kopf brauſten, ließ es nicht zu.
Ich ſtand nach einigen Schritten wieder ſtill, ich ſetzte mich auf ein Felsſtuͤck, ich woll¬ te eine ruhigere Stimmung erzwingen, ich ſah die Gefahr, ſo ganz unvorbereitet mich in den Kreis mir fremder Erſcheinungen zu wagen; da toͤnten luſtige Hoͤrner durch den Wald, und mehrere Stimmen jauchzten und jubelten immer naͤher und naͤher. Das Herz pochte mir in gewaltigen Schlaͤgen, mein Athem ſtockte, nun ſollte ſich mir eine neue Welt, ein neues Leben erſchließen! — Ich bog in einen ſchmalen Fußſteig ein, der mich einen jaͤhen Abhang hinabfuͤhrte; als ich aus dem Gebuͤſch trat, lag ein großes ſchoͤn gebautes Schloß vor mir im Thal¬105 grunde. — Das war der Ort des Abentheu¬ ers, welches der Graf zu beſtehen im Sinn gehabt, und ich ging ihm muthig entgegen. Bald befand ich mich in den Gaͤngen des Parks, welcher das Schloß umgab; in einer dunklen Seiten-Allee ſah ich zwei Maͤnner wandeln, von denen der eine, wie ein Welt¬ geiſtlicher gekleidet war. Sie kamen mir naͤ¬ her, aber ohne mich gewahr zu werden gin¬ gen ſie in tiefem Geſpraͤch bei mir voruͤber. Der Weltgeiſtliche war ein Juͤngling, auf deſſen ſchoͤnem Geſichte die Todtenblaͤſſe ei¬ nes tief nagenden Kummers lag, der andere ſchlicht aber anſtaͤndig gekleidet, ſchien ein ſchon bejahrter Mann. Sie ſetzten ſich, mir den Ruͤcken zuwendend, auf eine ſteinerne Bank, ich konnte jedes Wort verſtehen, was Sie ſprachen. „ Hermogen! ſagte der Alte: Sie bringen durch Ihr ſtarrſinniges Schwei¬ gen Ihre Familie zur Verzweiflung, Ihre duͤſtre Schwermuth ſteigt mit jedem Tage, Ihre jugendliche Kraft iſt gebrochen, die Bluͤthe106 verwelkt, Ihr Entſchluß, den geiſtlichen Stand zu waͤhlen, zerſtoͤrt alle Hoffnungen, alle Wuͤnſche Ihres Vaters! — Aber willig wuͤr¬ de er dieſe Hoffnungen aufgeben, wenn ein wahrer innerer Beruf, ein unwiderſtehlicher Hang zur Einſamkeit, von Jugend auf den Entſchluß in Ihnen erzeugt haͤtte, er wuͤrde dann nicht dem zu widerſtreben wagen, was das Schickſal einmal uͤber ihn verhaͤngt. Die ploͤtzliche Aenderung Ihres ganzen We¬ ſens, hat indeſſen nur zu deutlich gezeigt, daß irgend ein Ereigniß, das Sie uns hart¬ naͤckig verſchweigen, Ihr Inneres auf furcht¬ bare Weiſe erſchuͤttert hat, und nun zerſtoͤ¬ rend fortarbeitet. — Sie waren ſonſt ein froher unbefangener lebensluſtiger Juͤngling! — Was konnte Sie denn dem Menſchlichen ſo entfremden, daß ſie daran verzweifeln in eines Menſchen Bruſt koͤnne Troſt fuͤr ihre kranke Seele zu finden ſeyn. Sie ſchwei¬ gen? Sie ſtarren vor ſich hin? — Sie ſeuf¬ zen? Hermogen! Sie liebten ſonſt Ihren Va¬107 ter mit ſeltener Innigkeit, iſt es Ihnen aber jetzt unmoͤglich worden, ihm Ihr Herz zu erſchließen, ſo quaͤlen Sie ihn wenigſtens nicht durch den Anblick ihres Rocks, der auf den fuͤr ihn entſetzlichen Entſchluß hindeu¬ tet. Ich beſchwoͤre Sie, Hermogen! werfen Sie dieſe verhaßte Kleidung ab. Glauben Sie mir, es liegt eine geheimnißvolle Kraft in dieſen aͤußerlichen Dingen; es kann Ih¬ nen nicht mißfallen, denn ich glaube von Ih¬ nen ganz verſtanden zu werden, wenn ich in dieſem Augenblick freilich auf fremdartig ſcheinende Weiſe der Schauſpieler gedenke, die oft, wenn ſie ſich in das Coſtum gewor¬ fen, wie von einem fremden Geiſt ſich ange¬ regt fuͤhlen, und leichter in den darzuſtellen¬ den Charakter eingehen. Laſſen Sie mich, meiner Natur gemaͤß, heitrer von der Sache ſprechen, als ſich ſonſt wohl ziemen wuͤrde. — Meinen Sie denn nicht, daß wenn dieſes lange Kleid nicht mehr ihren Gang zur duͤ¬ ſtern Gravitaͤt einhemmen wuͤrde, Sie wieder108 raſch und froh dahin ſchreiten, ja laufen, ſpringen wuͤrden, wie ſonſt? Der blinkende Schein der Epauletts, die ſonſt auf Ihren Schultern prangten, wuͤrde wieder jugendli¬ che Gluth auf dieſe blaſſen Wangen werfen, und die klirrenden Sporen wuͤrden, wie lieb¬ liche Muſik, dem muntern Roſſe ertoͤnen, das Ihnen entgegen wieherte, vor Luſt tanzend, und den Nacken beugend dem geliebten Herrn. Auf, Baron! — Herunter mit dem ſchwarzen Gewande, das Ihnen nicht anſteht! — Soll Friedrich Ihre Uniform hervorſuchen? “
Der Alte ſtand auf und wollte fortgehen, der Juͤngling fiel ihm in die Arme. „ Ach, Sie quaͤlen mich, guter Reinhold! rief er mit matter Stimme: Sie quaͤlen mich unaus¬ ſprechlich! — Ach, je mehr Sie ſich bemuͤ¬ hen, die Saiten in meinem Innern anzu¬ ſchlagen, die ſonſt harmoniſch erklangen, de¬ ſto mehr fuͤhle ich, wie des Schickſals eherne Fauſt mich ergriffen, mich erdruͤckt hat, ſo daß, wie in einer zerbrochenen Laute, nur109 Mißtoͤne in mir wohnen! “— So ſcheint es Ihnen, lieber Baron, fiel der Alte ein: Sie ſprechen von einem ungeheuern Schickſal, das Sie ergriffen, worinn das beſtanden, verſchwei¬ gen Sie, dem ſey aber, wie ihm wolle, ein Juͤngling, ſo wie Sie, mit innerer Kraft, mit jugendlichem Feuermuthe ausgeruͤſtet, muß vermoͤgen ſich gegen des Schickſals eherne Fauſt zu wappnen, ja er muß, wie durch¬ ſtrahlt von einer goͤttlichen Natur, ſich uͤber ſein Geſchick erheben, und ſo dies hoͤhere Seyn in ſich ſelbſt erweckend und entzuͤn¬ dend ſich emporſchwingen, uͤber die Qual die¬ ſes armſeeligen Lebens! Ich wußte nicht Ba¬ ron, welch ein Geſchick denn im Stande ſeyn ſollte, dies kraͤftige innere Wollen zu zerſtoͤ¬ ren. — Hermogen trat einen Schritt zuruͤck, und den Alten mit einem duͤſteren, wie im verhaltenen Zorn gluͤhenden Blicke, der et¬ was Entſetzliches hatte, anſtarrend, rief er mit dumpfer, hohler Stimme: ſo wiſſe denn, daß ich ſelbſt das Schickſal bin, das mich ver¬110 nichtet, daß ein ungeheures Verbrechen auf mir laſtet, ein ſchaͤndlicher Frevel, den ich abbuͤße in Elend und Verzweiflung. — Da¬ rum ſey barmherzig und flehe den Vater an, daß er mich fort laſſe in die Mauern! — „ Baron, fiel der Alte ein: Sie ſind in ei¬ ner Stimmung, die nur dem gaͤnzlich zerruͤt¬ teten Gemuͤthe eigen, Sie ſollen nicht fort, Sie duͤrfen durchaus nicht fort. In dieſen Tagen kommt die Baroneſſe mit Aurelien, die muͤſſen Sie ſehen. “ Da lachte der Juͤng¬ ling, wie in furchtbarem Hohn, und rief mit einer Stimme, die durch mein Innres droͤhn¬ te: „ Muß ich? — muß ich bleiben? — Ja, wahrhaftig, Alter, Du haſt Recht, ich muß bleiben, und meine Buße wird hier ſchreckli¬ cher ſeyn, als in den dumpfen Mauern. “— Damit ſprang er fort durch das Gebuͤſch, und ließ den Alten ſtehen, der, das geſenkte Haupt in die Hand geſtuͤtzt, ſich ganz dem Schmerz zu uͤberlaſſen ſchien. „ Gelobt ſey Jeſus Chriſtus! “ſprach ich, zu ihm hinantre¬111 tend. — Er fuhr auf, er ſah mich ganz ver¬ wundert an, doch ſchien er ſich bald auf mei¬ ne Erſcheinung, wie auf etwas ihm ſchon bekanntes zu beſinnen, indem er ſprach: „ Ach gewiß ſind Sie es, ehrwuͤrdiger Herr! deſſen Ankunft uns die Frau Baroneſſe zum Troſt der in Trauer verſunkenen Familie, ſchon vor einiger Zeit ankuͤndigte? “— Ich bejahte das, Reinhold ging bald ganz in die Heiterkeit uͤber, die Ihm eigenthuͤmlich zu ſeyn ſchien, wir durchwanderten den ſchoͤnen Park, und kamen endlich in ein dem Schloſſe ganz nah¬ gelegenes Boskett, vor dem ſich eine herrli¬ che Ausſicht ins Gebuͤrge oͤffnete. Auf ſei¬ nen Ruf eilte der Bediente, der eben aus dem Portal des Schloſſes trat, herbei, und bald wurde uns ein gar ſtattliches Fruͤhſtuͤck auf¬ getragen. Waͤhrend, daß wir die gefuͤllten Glaͤſer anſtießen, ſchien es mir, als betrachte mich Reinhold immer aufmerkſamer, ja, als ſuche er mit Muͤhe eine halb erloſchene Er¬ innerung aufzufriſchen. Endlich brach er112 los: „ mein Gott, ehrwuͤrdiger Herr! Alles muͤßte mich truͤgen, wenn Sie nicht der Pa¬ ter Medardus aus dem Capuziner Kloſter in .. r — waͤren, aber wie ſollte das moͤglich ſeyn? — und doch! Sie ſind es — Sie ſind es gewiß — ſprechen Sie doch nur! “— Als haͤtte ein Blitz aus heitrer Luft mich getrof¬ fen, bebte es bei Reinholds Worten mir durch alle Glieder. Ich ſah mich entlarvt, entdeckt, des Mordes beſchuldigt, die Ver¬ zweiflung gab mir Staͤrke, es ging nun auf Tod und Leben. „ Ich bin allerdings der Pater Medardus aus dem Capuziner Kloſter in .. r — und mit Auftrag und Vollmacht des Kloſters auf einer Reiſe nach Rom be¬ griffen. “— Dies ſprach ich mit all' der Ruhe und Gelaſſenheit, die ich nur zu erkuͤnſteln vermochte. „ So iſt es denn vielleicht nur Zufall, ſagte Reinhold: daß ſie auf der Reiſe, vielleicht von der Heerſtraße verirrt, hier ein¬ trafen, oder wie kam es, daß die Frau Ba¬ roneſſe mit Ihnen bekannt wurde und ſie her¬ſchick¬113ſchickte? — Ohne mich zu beſinnen, blind¬ lings das nachſprechend, was mir eine frem¬ de Stimme im Innern zuzufluͤſtern ſchien, ſagte ich: auf der Reiſe machte ich die Be¬ kanntſchaft des Beichtvaters der Baroneſſe, und dieſer empfahl mich, den Auftrag hier im Hauſe zu vollbringen. „ Es iſt wahr, fiel Reinhold ein: ſo ſchrieb es ja die Frau Baroneſſe. Nun, dem Himmel ſey es ge¬ dankt, der Sie zum Heil des Hauſes dieſen Weg fuͤhrte, und daß Sie, als ein frommer wackrer Mann, es ſich gefallen laſſen, mit Ihrer Reiſe zu zoͤgern, um hier Gutes zu ſtiften. Ich war zufaͤllig vor einigen Jah¬ ren in .. r und hoͤrte Ihre ſalbungsvollen Reden, die Sie in wahrhaft himmliſcher Be¬ geiſterung von der Kanzel herab hielten. Ih¬ rer Froͤmmigkeit, Ihrem wahren Beruf, das Heil verlorner Seelen zu erkaͤmpfen mit gluͤ¬ hendem Eifer, Ihrer herrlichen aus innerer Begeiſterung hervorſtroͤmenden Rednergabe, traue ich zu, daß Sie das vollbringen wer¬I. [8] 114den, was wir Alle nicht vermochten. Es iſt mir lieb, daß ich Sie traf, ehe Sie den Ba¬ ron geſprochen, ich will dies dazu benutzen, Sie mit den Verhaͤltniſſen der Familie be¬ kannt zu machen, und ſo aufrichtig ſeyn, als ich es Ihnen, ehrwuͤrdiger Herr, als einem heiligen Manne, den uns der Himmel ſelbſt zum Troſt zu ſchicken ſcheint, wohl ſchuldig bin. Sie muͤſſen auch ohnedem, um Ihren Bemuͤhungen die richtige Tendenz und ge¬ hoͤrige Wirkung zu geben, uͤber Manches we¬ nigſten Andeutungen erhalten, woruͤber ich gern ſchweigen moͤchte. — Alles iſt uͤbrigens mit nicht gar zu viel Worten abgethan. — Mit dem Baron bin ich aufgewachſen, die gleiche Stimmung unſrer Seelen machte uns zu Bruͤdern, und vernichtete die Scheidewand, die ſonſt unſere Geburt zwiſchen uns gezo¬ gen haͤtte. Ich trennte mich nie von ihm, und wurde in demſelben Augenblick, als wir unſere akademiſchen Studien vollendet, und er die Guͤter ſeines verſtorbenen Vaters hier115 im Gebuͤrge in Beſitz nahm, Intendant die¬ ſer Guͤter. — Ich blieb ſein innigſter Freund und Bruder, und als ſolcher eingeweiht in die geheimſten Angelegenheiten ſeines Hauſes. Sein Vater hatte ſeine Verbindung mit ei¬ ner ihm befreundeten Familie, durch eine Heirath gewuͤnſcht, und um ſo freudiger er¬ fuͤllte er dieſen Willen, als er in der ihm beſtimmten Braut ein herrliches, von der Natur reich ausgeſtattetes Weſen fand, zu dem er ſich unwiderſtehlich hingezogen fuͤhlte. Selten kam wohl der Wille der Vaͤter ſo vollkommen mit dem Geſchick uͤberein, das die Kinder in allen nur moͤglichen Beziehun¬ gen fuͤr einander beſtimmt zu haben ſchien. Hermogen und Aurelie waren die Frucht der gluͤcklichen Ehe. Mehrentheils brachten wir den Winter in der benachbarten Hauptſtadt zu, als aber bald nach Aureliens Geburt die Baroneſſe zu kraͤnkeln anfing, blieben wir auch den Sommer uͤber in der Stadt, da ſie unausgeſetzt des Beiſtandes geſchickter Aerzte116 bedurfte. Sie ſtarb, als eben im heranna¬ henden Fruͤhling ihre ſcheinbare Beſſerung den Baron mit den frohſten Hoffnungen er¬ fuͤllte. Wir flohen auf das Land, und nur die Zeit vermochte den tiefen zerſtoͤrenden Gram zu mildern, der den Baron ergriffen hatte. Hermogen wuchs zum herrlichen Juͤng¬ ling heran, Aurelie wurde immer mehr das Ebenbild ihrer Mutter, die ſorgfaͤltige Erzie¬ hung der Kinder war unſer Tagewerk und unſere Freude. Hermogen zeigte entſchiede¬ nen Hang zum Militair, und dies zwang den Baron, ihn nach der Hauptſtadt zu ſchi¬ cken, um dort unter den Augen ſeines alten Freundes, des Gouverneurs, die Laufbahn zu beginnen. — Erſt vor drei Jahren brachte der Baron mit Aurelien und mit mir wie¬ der, wie vor alter Zeit, zum erſtenmal den ganzen Winter in der Reſidenz zu, theils, ſei¬ nen Sohn wenigſtens einige Zeit hindurch in der Naͤhe zu haben, theils ſeine Freunde, die ihn unaufhoͤrlich dazu aufgefordert, wieder117 zu ſehen. Allgemeines Aufſehen in der Hauptſtadt erregte, damals die Erſcheinung der Nichte des Gouverneurs, welche aus der Reſidenz dahin gekommen. Sie war eltern¬ los und hatte ſich unter den Schutz des Oheims begeben, wiewohl ſie, einen beſon¬ deren Fluͤgel des Pallaſtes bewohnend, ein eignes Haus machte, und die ſchoͤne Welt um ſich zu verſammeln pflegte. Ohne Euphemien naͤher zu beſchreiben, welches um ſo unnoͤ¬ thiger, da Sie, ehrwuͤrdiger Herr! ſie bald ſelbſt ſehen werden, begnuͤge ich mich zu ſa¬ gen, daß alles, was ſie that, was ſie ſprach, von einer unbeſchreiblichen Anmuth belebt, und ſo der Reiz ihrer ausgezeichneten koͤrperlichen Schoͤnheit, bis zum Unwider¬ ſtehlichen erhoͤht wurde. — Ueberall, wo ſie erſchien, ging ein neues herrliches Leben auf, und man huldigte ihr mit dem gluͤhendſten Enthuſiasmus; den Unbedeutendſten, Lebloſe¬ ſten wußte ſie ſelbſt in ſein eignes Inneres hinein zu entzuͤnden, daß er, wie inſpirirt, ſich118 uͤber die eigne Duͤrftigkeit erhob, und ent¬ zuͤckt in den Genuͤſſen eines hoͤheren Lebens ſchwelgte, die ihm unbekannt geweſen. Es fehlte natuͤrlicherweiſe nicht an Anbetern, die taͤglich zu der Gottheit mit Inbrunſt fleh¬ ten; man konnte indeſſen nie mit Beſtimmt¬ heit ſagen, daß ſie dieſen oder jenen beſon¬ ders auszeichne, vielmehr wußte ſie mit ſchalkhafter Ironie, die, ohne zu beleidigen, nur wie ſtarkes brennendes Gewuͤrz anregte und reitzte, Alle mit einem unaufloͤslichen Bande zu umſchlingen, daß ſie ſich, feſtgezau¬ bert in dem magiſchen Kreiſe froh und lu¬ ſtig bewegten. Auf den Baron hatte dieſe Cirze einen wunderbaren Eindruck gemacht. Sie bewies ihm gleich bei ſeinem Erſcheinen eine Aufmerkſamkeit, die von kindlicher Ehr¬ furcht erzeugt zu ſeyn ſchien; in jedem Ge¬ ſpraͤch mit ihm, zeigte ſie den gebildetſten Verſtand und tiefes Gefuͤhl, wie er es kaum noch bei Weibern gefunden. Mit unbeſchreib¬ licher Zartheit ſuchte und fand ſie Aureliens119 Freundſchaft, und nahm ſich ihrer mit ſo vieler Waͤrme an, daß ſie ſogar es nicht verſchmaͤhte fuͤr die kleinſten Beduͤrfniſſe ih¬ res Anzuges und ſonſt wie eine Mutter zu ſorgen. Sie wußte dem bloͤden unerfahrnen Maͤdchen in glaͤnzender Geſellſchaft auf eine ſo feine Art beizuſtehen, daß dieſer Beiſtand, ſtatt bemerkt zu werden, nur dazu diente, Au¬ reliens natuͤrlichen Verſtand und tiefes rich¬ tiges Gefuͤhl ſo herauszuheben, daß man ſie bald mit der hoͤchſten Achtung auszeichnete. Der Baron ergoß ſich bei jeder Gelegenheit in Euphemiens Lob, und hier traf es ſich vielleicht zum erſtenmal in unſerm Leben, daß wir ſo ganz verſchiedener Meinung wa¬ ren. Gewoͤhnlich machte ich in jeder Geſell¬ ſchaft mehr den ſtillen aufmerkſamen Beo¬ bachter, als daß ich haͤtte unmittelbar einge¬ hen ſollen in lebendige Mittheilung und Un¬ terhaltung. So hatte ich auch Euphemien, die nur dann und wann, nach ihrer Gewohn¬ heit Niemanden zu uͤberſehen, ein paar freund¬120 liche Worte mit mir gewechſelt, als eine hoͤchſt intereſſante Erſcheinung recht genau beobachtet. Ich mußte eingeſtehen, daß ſie das ſchoͤnſte, herrlichſte Weib von allen war, daß aus Allem was ſie ſprach, Verſtand und Gefuͤhl hervorleuchtete; und doch wurde ich auf ganz unerklaͤrliche Weiſe von ihr zu¬ ruͤckgeſtoßen, ja ich konnte ein gewiſſes un¬ heimliches Gefuͤhl nicht unterdruͤcken, das ſich augenblicklich meiner bemaͤchtigte, ſobald ihr Blick mich traf, oder ſie mit mir zu ſpre¬ chen anfing. In ihren Augen brannte oft eine ganz eigne Gluth, aus der, wenn ſie ſich unbemerkt glaubte, funkelnde Blitze ſchoſ¬ ſen, und es ſchien ein inneres verderbliches Feuer, das nur muͤhſam uͤberbaut, gewalt¬ ſam hervorzuſtrahlen. Naͤchſt dem ſchwebte oft um ihren ſonſt weich geformten Mund eine gehaͤſſige Ironie, die mich, da es oft der grellſte Ausdruck des haͤmiſchen Hohns war, im Innerſten erbeben machte. Daß ſie oft den Hermogen, der ſich wenig oder gar121 nicht um ſie bemuͤhte, in dieſer Art an¬ blickte, machte es mir gewiß, daß Manches hinter der ſchoͤnen Maske verborgen, was wohl Niemand ahne. Ich konnte dem unge¬ meſſenen Lob des Barons freilich nichts ent¬ gegenſetzen, als meine phyſiognomiſchen Be¬ merkungen, die er nicht im mindeſten gelten ließ, vielmehr in meinem innerlichen Abſcheu gegen Euphemien nur eine hoͤchſt merkwuͤr¬ dige Idioſynkraſie fand. Er vertraute mir, daß Euphemie wahrſcheinlich in die Familie treten werde, da er alles anwenden wolle, ſie kuͤnftig mit Hermogen zu verbinden. Die¬ ſer trat, als wir ſo eben recht ernſtlich uͤber die Angelegenheit ſprachen, und ich alle nur moͤgliche Gruͤnde hervorſuchte, meine Mei¬ nung uͤber Euphemien zu rechtfertigen, ins Zimmer, und der Baron, gewohnt in Allem ſchnell und offen zu handeln, machte ihn au¬ genblicklich mit ſeinen Plaͤnen und Wuͤnſchen Ruͤckſichts Euphemiens bekannt. Hermogen hoͤrte alles ruhig an, was der Baron dar¬122 uͤber und zum Lobe Euphemiens mit dem groͤßten Enthuſiasmus ſprach. Als die Lob¬ rede geendet, antwortete er, wie er ſich auch nicht im mindeſten von Euphemien angezo¬ gen fuͤhle, ſie niemals lieben koͤnne, und da¬ her recht herzlich bitte, den Plan jeder naͤ¬ heren Verbindung mit ihr aufzugeben. Der Baron war nicht wenig beſtuͤrzt, ſeinen Lieb¬ lingsplan ſo beim erſten Schritt zertruͤmmert zu ſehen, indeſſen war er um ſo weniger bemuͤht, noch mehr in Hermogen zu drin¬ gen, als er nicht einmahl Euphemiens Ge¬ ſinnungen hieruͤber wußte. Mit der ihm eig¬ nen Heiterkeit und Gemuͤthlichkeit, ſcherzte er bald uͤber ſein ungluͤckliches Bemuͤhen, und meinte, daß Hermogen mit mir vielleicht die Idioſynkraſie theile, obgleich er nicht be¬ greife, wie in einem ſchoͤnen intereſſanten Weibe ſolch ein zuruͤckſchreckendes Prinzip wohnen koͤnne. Sein Verhaͤltniß mit Eu¬ phemien blieb natuͤrlicherweiſe daſſelbe; er hatte ſich ſo an ſie gewoͤhnt, daß er keinen123 Tag zubringen konnte, ohne ſie zu ſehen. So kam es denn, daß er einmal, in ganz heit¬ rer gemuͤthlicher Laune, ihr ſcherzend ſagte; wie es nur einen einzigen Menſchen in ih¬ rem Zirkel gebe, der nicht in ſie verliebt ſey, nemlich Hermogen. — Er habe die Ver¬ bindung mit ihr, die er, der Baron, doch ſo herzlich gewuͤnſcht, hartnaͤckig ausgeſchlagen.
Euphemie meinte, daß es auch wohl noch darauf angekommen ſeyn wuͤrde, was ſie zu der Verbindung geſagt, und daß ihr zwar jedes naͤhere Verhaͤltniß mit dem Ba¬ ron wuͤnſchenswerth ſey, aber nicht durch Hermogen, der ihr viel zu ernſt und lau¬ niſch waͤre. Von der Zeit, als dieſes Ge¬ ſpraͤch, das mir der Baron gleich wieder er¬ zaͤhlte, ſtattgefunden, verdoppelte Euphemie ihre Aufmerkſamkeit fuͤr den Baron und Au¬ relien: ja in manchen leiſen Andeutungen fuͤhrte ſie den Baron darauf, daß eine Ver¬ bindung mit ihm ſelbſt dem Ideal, das ſie ſich nun einmal von einer gluͤcklichen Ehe124 mache, ganz entſpreche. Alles, was man Ruͤckſichts des Unterſchieds der Jahre, oder ſonſt entgegenſetzen konnte, wußte ſie auf die eindringendſte Weiſe zu widerlegen, und mit dem Allen ging ſie ſo leiſe, ſo fein, ſo ge¬ ſchickt Schritt vor Schritt vorwaͤrts, daß der Baron glauben mußte, alle die Ideen, alle die Wuͤnſche, die Euphemie gleichſam nur in ſein Inneres hauchte, waͤren eben in ſeinem Innern emporgekeimt. Kraͤftiger, lebensvol¬ ler Natur, wie er war, fuͤhlte er ſich bald von der gluͤhenden Leidenſchaft des Juͤng¬ lings ergriffen. Ich konnte den wilden Flug nicht mehr aufhalten, es war zu ſpaͤt. Nicht lange dauerte es, ſo war Euphemie, zum Er¬ ſtaunen der Hauptſtadt, des Barons Gattin. Es war mir, als ſey nun das bedrohliche grauenhafte Weſen, das mich in der Ferne geaͤngſtigt, recht in mein Leben getreten, und als muͤße ich wachen und auf ſorglicher Hut ſeyn fuͤr meinen Freund und fuͤr mich ſelbſt. — Hermogen nahm die Verheirathung ſei¬125 nes Vaters mit kalter Gleichguͤltigkeit auf. Aurelie, das liebe ahnungsvolle Kind, zerfloß in Thraͤnen. “
„ Bald nach der Verbindung ſehnte ſich Euphemie ins Gebuͤrge; ſie kam her, und ich muß geſtehen, daß ihr Betragen in ho¬ her Liebenswuͤrdigkeit ſich ſo ganz gleich blieb, daß ſie mir unwillkuͤhrliche Bewun¬ derung abnoͤthigte. So verfloſſen zwei Jahre in ruhigem ungeſtoͤrten Lebensgenuß. Die beiden Winter brachten wir in der Haupt¬ ſtadt zu, aber auch hier bewies die Baroneſſe dem Gemahl ſo viel unbegraͤnzte Ehrfurcht, ſo viel Aufmerkſamkeit fuͤr ſeine leiſeſten Wuͤnſche, daß der giftige Neid verſtummen mußte, und keiner der jungen Herren, die ſich ſchon freien Spielraum fuͤr ihre Galanterie bei der Baroneſſe getraͤumt hatten, ſich auch die kleinſte Gloſſe erlaubte. Im letzten Win¬ ter mochte ich auch wieder der Einzige ſeyn, der, ergriffen von der alten kaum verwunde¬126 nen Idioſynkraſie, wieder arges Mißtrauen zu hegen anfing. “
„ Vor der Verbindung mit dem Baron war der Graf Viktorin, ein junger ſchoͤner Mann, Major bei der Ehrengarde, und nur abwechſelnd in der Hauptſtadt, einer der ei¬ frigſten Verehrer Euphemiens, und der Ein¬ zige, den ſie oft wie unwillkuͤhrlich, hingeriſ¬ ſen von dem Eindruck des Moments, vor den Andern auszeichnete. Man ſprach einmal ſo¬ gar davon, daß wohl ein naͤheres Verhaͤlt¬ niß zwiſchen ihm und Euphemien ſtatt fin¬ den moͤge, als man es nach dem aͤußern An¬ ſchein vermuthen ſolle, aber das Geruͤcht ver¬ ſcholl eben ſo dumpf als es entſtanden. Graf Viktorin war eben den Winter wieder in der Hauptſtadt, und natuͤrlicherweiſe in Eu¬ phemiens Zirkeln, er ſchien ſich aber nicht im mindeſten um ſie zu bemuͤhen, ſondern viel¬ mehr ſie abſichtlich zu vermeiden. Demun¬ erachtet war es mir oft, als begegneten ſich, wenn ſie nicht bemerkt zu werden glaubten,127 ihre Blicke, in denen inbruͤnſtige Sehnſucht, luͤſternes, gluͤhendes Verlangen wie verzeh¬ rendes Feuer brannte. Bei dem Gouverneur war eines Abends eine glaͤnzende Geſellſchaft verſammelt, ich ſtand in ein Fenſter gedruͤckt, ſo daß mich die herabwallende Drapperie des reichen Vorhangs halb verſteckte, nur zwei bis drei Schritte vor mir ſtand Graf Vik¬ torin. Da ſtreifte Euphemie, reizender ge¬ kleidet als je, und in voller Schoͤnheit ſtrah¬ lend, an ihm voruͤber; er faßte, ſo daß es niemand, als gerade ich bemerken konnte, mit leidenſchaftlicher Heftigkeit ihren Arm, — ſie erbebte ſichtlich; ihr ganz unbeſchreib¬ licher Blick — es war die glutvollſte Lie¬ be, die nach Genuß duͤrſtende Wolluſt ſelbſt — fiel auf ihn. Sie lispelten einige Worte, die ich nicht verſtand. Euphemie mochte mich erblicken; Sie wandte ſich ſchnell um, aber ich vernahm deutlich die Worte: wir werden bemerkt! “
„ Ich erſtarrte vor Erſtaunen, Schrecken128 und Schmerz! — Ach, wie ſoll ich Ihnen, ehrwuͤrdiger Herr! denn mein Gefuͤhl be¬ ſchreiben! — Denken Sie an meine Liebe, an meine treue Anhaͤnglichkeit, mit der ich dem Baron ergeben war — an meine boͤſe Ahnungen, die nun erfuͤllt wurden; denn die wenigen Worte hatten es mir ja ganz er¬ ſchloſſen, daß ein geheimes Verhaͤltniß zwi¬ ſchen der Baroneſſe und dem Grafen ſtatt fand. Ich mußte wohl vor der Hand ſchwei¬ gen, aber die Baroneſſe wollte ich bewachen mit Argusaugen, und dann, bei erlangter Ge¬ wißheit ihres Verbrechens, die ſchaͤndlichen Bande loͤſen, mit denen ſie meinen un¬ gluͤcklichen Freund umſtrickt hatte. Doch wer vermag teufliſcher Argliſt zu begegnen; um¬ ſonſt, ganz umſonſt waren meine Bemuͤhun¬ gen, und es waͤre laͤcherlich geweſen, dem Baron das mitzutheilen, was ich geſehen und gehoͤrt, da die Schlaue Auswege genug gefun¬ den haben wuͤrde, mich als einen abgeſchmack¬ ten, thoͤrichten Geiſterſeher darzuſtellen. “—
Der129„ Der Schnee lag noch auf den Bergen, als wir im vergangenen Fruͤhling hier ein¬ zogen, demunerachtet machte ich manchen Spaziergang in die Berge hinein; im naͤch¬ ſten Dorfe begegne ich einem Bauer, der in Gang und Stellung etwas fremdartiges hat, als er den Kopf umwendet, erkenne ich den Grafen Viktorin, aber in demſelben Augen¬ blick verſchwindet er hinter den Haͤuſern und iſt nicht mehr zu finden. — Was konnte ihn anders zu der Verkleidung vermocht haben, als das Verſtaͤndniß mit der Baroneſſe! — Eben jetzt weiß ich gewiß, daß er ſich wie¬ der hier befindet, ich habe ſeinen Jaͤger vor¬ uͤber reiten geſehn, unerachtet es mir unbe¬ greiflich iſt, daß er die Baroneſſe nicht in der Stadt aufgeſucht haben ſollte! — Vor drei Monaten begab es ſich, daß der Gou¬ verneur heftig erkrankte und Euphemien zu ſehen wuͤnſchte, ſie reiſte mit Aurelien augen¬ blicklich dahin, und nur eine Unpaͤßlichkeit hielt den Baron ab, ſie zu begleiten. NunI. [9] 130brach aber das Ungluͤck und die Trauer ein in unſer Haus, denn bald ſchrieb Euphemie dem Baron, wie Hermogen ploͤtzlich von ei¬ ner oft in wahnſinnige Wuth ausbrechenden Melancholie befallen, wie er einſam umher¬ irre, ſich und ſein Geſchick verwuͤnſche und wie alle Bemuͤhungen der Freunde und der Aerzte bis jetzt umſonſt geweſen. Sie koͤnnen denken, ehrwuͤrdger Herr, welch einen Ein¬ druck dieſe Nachricht auf den Baron machte. Der Anblick ſeines Sohnes wuͤrde ihn zu ſehr erſchuͤttert haben, ich reiſte daher allein nach der Stadt. Hermogen war durch ſtarke Mittel, die man angewandt, wenigſtens von den wilden Ausbruͤchen des wuͤthenden Wahn¬ ſinns befreit, aber eine ſtille Melancholie war eingetreten, die den Aerzten unheilbar ſchien. Als er mich ſah, war er tief bewegt — er ſagte mir, wie ihn ein ungluͤckliches Verhaͤng¬ niß treibe, dem Stande, in welchem er ſich jetzt befinde, auf immer zu entſagen, und nur als Kloſtergeiſtlicher koͤnne er ſeine Seele er¬131 retten von ewiger Verdammniß. Ich fand ihn ſchon in der Tracht, wie ſie, ehrwuͤrdiger Herr, ihn vorhin geſehen, und es gelang mir ſeines Widerſtrebens unerachtet endlich ihn hieher zu bringen. Er iſt ruhig, aber laͤßt nicht ab von der einmal gefaßten Idee, und alle Bemuͤhungen das Ereigniß zu erforſchen, das ihn in dieſen Zuſtand verſetzt, bleiben fruchtlos, unerachtet die Entdeckung dieſes Geheimniſſes vielleicht am erſten auf wirkſa¬ me Mittel fuͤhren koͤnnte ihn zu heilen. “
„ Vor einiger Zeit ſchrieb die Baroneſſe, wie ſie auf Anrathen ihres Beichtvaters ei¬ nen Ordensgeiſtlichen herſenden werde, deſſen Umgang und troͤſtender Zuſpruch, vielleicht beſſer als alles andere, aus Hermogen wir¬ ken koͤnne, da ſein Wahnſinn augenſcheinlich eine ganz religioͤſe Tendenz genommen. — Es freut mich recht innig, daß die Wahl Sie, ehrwuͤrdiger Herr! den ein gluͤcklicher Zu¬ fall in die Hauptſtadt fuͤhrte, traf. Sie koͤn¬ nen einer gebeugten Familie die verlorne Ru¬132 he wieder geben, wenn Sie Ihre Bemuͤhun¬ gen, die der Herr ſegnen moͤge, auf einen doppelten Zweck richten. Erforſchen Sie Hermogens entſetzliches Geheimniß, ſeine Bruſt wird erleichtert ſeyn, wenn er ſich, ſey es auch in heiliger Beichte, entdeckt hat, und die Kirche wird ihn dem frohen Leben in der Welt, der er angehoͤrt, wieder geben, ſtatt ihn in den Mauern zu begraben. — Aber treten Sie auch der Baroneſſe naͤher. — Sie wiſſen Alles — ſie ſtimmen mir bei, daß meine Bemerkungen von der Art ſind, daß ſo wenig ſich darauf eine Anklage gegen die Baroneſſe bauen laͤßt, doch eine Taͤu¬ ſchung, ein ungerechter Verdacht kaum moͤg¬ lich iſt. Ganz meiner Meinung werden Sie ſeyn, wenn Sie Euphemien ſehen und kennen lernen. Euphemie iſt religioͤs ſchon aus Tem¬ perament, vielleicht gelingt es Ihrer beſon¬ deren Rednergabe, tief in ihr Herz zu drin¬ gen, ſie zu erſchuͤttern und zu beſſern, daß ſie den Verrath am Freunde, der ſie um133 die ewige Seligkeit bringt, unterlaͤßt. Noch muß ich ſagen, ehrwuͤrdiger Herr! daß es mir in manchen Augenblicken ſcheint, als trage der Baron einen Gram in der Seele, deſſen Urſache er mir verſchweigt, denn außer der Bekuͤmmerniß um Hermogen kaͤmpft er ſicht¬ lich mit einem Gedanken, der ihn beſtaͤndig verfolgt. Es iſt mir in den Sinn gekom¬ men, daß vielleicht ein boͤſer Zufall noch deutli¬ cher ihm die Spur von dem verbrecheriſchen Umgange der Baroneſſe mit dem fluchwuͤr¬ digen Grafen zeigte, als mir. — Auch meinen Herzensfreund, den Baron, empfehle ich, ehr¬ wuͤrdiger Herr! Ihrer geiſtlichen Sorge. “—
Mit dieſen Worten ſchloß Reinhold ſei¬ ne Erzaͤhlung, die mich auf mannigfache Weiſe gefoltert hatte, indem die ſeltſamſten Widerſpruͤche in meinem Innern ſich durch¬ kreuzten. Mein eignes Ich zum grauſamen Spiel eines launenhaften Zufalls geworden, und in fremdartige Geſtalten zerfließend, ſchwamm ohne Halt wie in einem Meer all'134 der Ereigniſſe, die wie tobende Wellen auf mich hineinbrausten. — Ich konnte mich ſelbſt nicht wieder finden! Offenbar wur¬ de Viktorin durch den Zufall der meine Hand, nicht meinen Willen, leitete in den Abgrund geſtuͤrzt! — ich trete an ſeine Stelle, aber Reinhold kennt den Pater Medardus, den Prediger im Capuziner Kloſter in. .r, und ſo bin ich ihm das wirklich, was ich bin! — Aber das Verhaͤltniß mit der Baroneſſe, welches Viktorin unterhaͤlt, kommt auf mein Haupt, denn ich bin ſelbſt Viktorin. Ich bin das, was ich ſcheine, und ſcheine das nicht, was ich bin, mir ſelbſt ein unerklaͤrlich Raͤthſel, bin ich entzweit mit meinem Ich!
Des Sturms in meinem Innern uner¬ achtet, gelang es mir die dem Prieſter ziem¬ liche Ruhe zu erheucheln, und ſo trat ich vor den Baron. Ich fand in ihm einen be¬ jahrten Mann, aber in den erloſchenen Zuͤ¬ gen lagen noch die Andeutungen ſeltner Fuͤlle und Kraft. Nicht das Alter, ſondern der135 Gram hatten die tiefen Furchen auf ſeiner breiten offnen Stirn gezogen, und die Locken weiß gefaͤrbt. Unerachtet deſſen herrſchte noch in Allem, was er ſprach, in ſeinem gan¬ zen Benehmen, eine Heiterkeit und Gemuͤth¬ lichkeit, die Jeden unwiderſtehlich zu ihm hinziehen mußte. Als Reinhold mich als den vorſtellte, deſſen Ankunft die Baroneſſe an¬ gekuͤndigt, ſah er mich an mit durchdringen¬ dem Blick, der immer freundlicher wurde, als Reinhold erzaͤlte, wie er mich ſchon vor mehreren Jahren im Capuziner Kloſter zu .. r predigen gehoͤrt, und ſich von meiner ſeltnen Rednergabe uͤberzeugt haͤtte. Der Baron reichte mir treuherzig die Hand und ſprach, ſich zu Reinhold wendend: „ Ich weiß nicht, lieber Reinhold! wie ſo ſonderbar mich die Geſichtszuͤge des ehrwuͤrdigen Herrn bei dem erſten Anblick anſprachen; ſie weckten eine Erinnerung die vergebens ſtrebte, deut¬ lich und lebendig hervorzugehen. “
Es war mir als wuͤrde er gleich heraus¬136 brechen: es iſt ja Graf Viktorin, denn auf wunderbare Weiſe glaubte ich nun wirklich Viktorin zu ſeyn, und ich fuͤhlte mein Blut heftiger wallen und aufſteigend meine Wan¬ gen hoͤher faͤrben. — Ich baute auf Rein¬ hold, der mich ja als den Pater Medardus kannte, unerachtet mir das eine Luͤge zu ſeyn ſchien: nichts konnte meinen verworrenen Zu¬ ſtand loͤſen.
Nach dem Willen des Barons ſollte ich ſogleich Hermogens Bekanntſchaft machen, er war aber nirgends zu finden; man hatte ihn nach dem Gebuͤrge wandeln geſehen und war deshalb nicht beſorgt um ihn, weil er ſchon mehrmals Tagelang auf dieſe Weiſe entfernt geweſen. Den ganzen Tag uͤber blieb ich in Reinholds und des Barons Ge¬ ſellſchaft, und nach und nach faßte ich mich ſo im Innern, daß ich mich am Abend voll Muth und Kraft fuͤhlte, keck all' den wun¬ derlichen Ereigniſſen entgegen zu treten, die meiner zu harren ſchienen. In der einſamen137 Nacht oͤffnete ich das Portefeuille, und uͤber¬ zeugte mich ganz davon, daß es eben Graf Viktorin war, der zerſchmettert im Abgrunde lag, doch waren uͤbrigens die an ihn gerich¬ teten Briefe gleichguͤltigen Inhalts, und kein einziger fuͤhrte mich nur auch mit einer Syl¬ be ein in ſeine naͤhere Lebensverhaͤltniſſe. Ohne mich darum weiter zu kuͤmmern, be¬ ſchloß ich dem mich ganz zu fuͤgen, was der Zufall uͤber mich verhaͤngt haben wuͤr¬ de, wenn die Baroneſſe angekommen und mich geſehen. — Schon den andern Morgen traf die Baroneſſe mit Aurelien ganz uner¬ wartet ein. Ich ſah beide aus dem Wagen ſteigen und, von dem Baron und Reinhold empfangen, in das Portal des Schloſſes ge¬ hen. Unruhig ſchritt ich im Zimmer auf und ab von ſeltſamen Ahnungen beſtuͤrmt, nicht lange dauerte es, ſo wurde ich herabgeru¬ fen. — Die Baroneſſe trat mir entgegen — ein ſchoͤnes, herrliches Weib, noch in voller Bluͤthe. — Als ſie mich erblickte, ſchien ſie138 auf beſondere Weiſe bewegt, ihre Stimme zitterte, ſie vermochte kaum Worte zu fin¬ den. Ihre ſichtliche Verlegenheit gab mir Muth, ich ſchaute ihr keck ins Auge, und gab ihr nach Kloſterſitte den Seegen — ſie erbleichte, ſie mußte ſich niederlaſſen. Rein¬ hold ſah mich an, ganz froh und zufrieden laͤchelnd. In dem[Augenblick] oͤffnete ſich die Thuͤre und der Baron trat mit Aurelien hin¬ ein. —
So wie ich Aurelien erblickte, fuhr ein Strahl in meine Bruſt, und entzuͤndete all' die geheimſten Regungen, die wonnevollſte Sehnſucht, das Entzuͤcken der inbruͤnſtigen Liebe, alles was ſonſt nur gleich einer Ah¬ nung aus weiter Ferne im Innern erklungen, zum regen Leben; ja das Leben ſelbſt ging mir nun erſt auf farbigt und glaͤnzend, denn alles vorher lag kalt und erſtorben in oͤder Nacht hinter mir. — Sie war es ſelbſt, ſie die ich in jener wundervollen Viſion im Beichtſtuhl geſchaut. Der ſchwermuͤthige139 kindlich fromme Blick des dunkelblauen Au¬ ges, die weichgeformten Lippen, der wie in betender Andacht ſanft vorgebeugte Nacken, die hohe ſchlanke Geſtalt, nicht Aurelie, die heilige Roſalie ſelbſt war es. — Sogar der Azurblaue Schawl, den Aurelie uͤber das dunkelrothe Kleid geſchlagen war im fantaſti¬ ſchen Faltenwurf ganz dem Gewande aͤhn¬ lich, wie es die Heilige auf jenem Gemaͤhlde, und eben die Unbekannte in jener Viſion trug. — Was war der Baroneſſe uͤppige Schoͤnheit gegen Aureliens himmliſchen Lieb¬ reiz. Nur ſie ſah ich, indem alles um mich verſchwunden. Meine innere Bewegung konn¬ te den Umſtehenden nicht entgehen. „ Was iſt Ihnen, ehrwuͤrdiger Herr! fing der Ba¬ ron an; Sie ſcheinen auf ganz beſondere Weiſe bewegt? “— Dieſe Worte brachten mich zu mir ſelbſt, ja ich fuͤhlte in dem Augen¬ blick eine uͤbermenſchliche Kraft in mir em¬ porkeimen, einen nie gefuͤhlten Muth alles140 zu beſtehen, denn Sie mußte der Preis des Kampfes werden.
„ Wuͤnſchen Sie ſich Gluͤck, Herr Baron! rief ich, wie von hoher Begeiſterung ploͤtz¬ lich ergriffen: wuͤnſchen Sie ſich Gluͤck! — eine Heilige wandelt unter uns in dieſen Mauern, und bald oͤffnet ſich in ſeegensrei¬ cher Klarheit der Himmel, und ſie ſelbſt, die heilige Roſalia, von den heiligen Engeln umgeben, ſpendet Troſt und Seeligkeit den Gebeugten, die fromm und glaͤubig ſie an¬ flehten. — Ich hoͤre die Hymnen verklaͤrter Geiſter, die ſich ſehnen nach der Heiligen, und ſie im Geſange rufend, aus glaͤnzenden Wolken herabſchweben. Ich ſehe ihr Haupt ſtrahlend in der Glorie himmliſcher Verklaͤ¬ rung, emporgehoben nach dem Chor der Hei¬ ligen, der ihrem Auge ſichtlich! — Sancta Rosalia, ora pro nobis! “
Ich ſank mit in die Hoͤhe gerichteten Augen auf die Knie, die Haͤnde faltend zum Gebet, und Alles folgte meinem Beiſpiel. 141Niemand frug mich weiter, man ſchrieb den ploͤtzlichen Ausbruch meiner Begeiſterung ir¬ gend einer Inſpiration zu, ſo daß der Ba¬ ron beſchloß, wirklich am Altar der heiligen Roſalia, in der Hauptkirche der Stadt, Meſ¬ ſen leſen zu laſſen. Herrlich hatte ich mich auf dieſe Weiſe aus der Verlegenheit geret¬ tet, und immer mehr war ich bereit, Alles zu wagen, denn es galt Aureliens Beſitz, um den mir ſelbſt mein Leben lieb war. — Die Baroneſſe ſchien in ganz beſonderer Stim¬ mung, ihre Blicke verfolgten mich, aber ſo wie ich ſie unbefangen anſchaute, irrten ihre Augen unſtaͤt umher. Die Familie war in ein anderes Zimmer getreten, ich eilte in den Garten hinab und ſchweifte durch die Gaͤnge, mit tauſend Entſchluͤſſen, Ideen, Plaͤnen fuͤr mein kuͤnftiges Leben im Schloſſe arbeitend und kaͤmpfend. Schon war es Abend wor¬ den, da erſchien Reinhold und ſagte mir, daß die Baroneſſe, durchdrungen von meiner142 frommen Begeiſterung, mich auf ihrem Zim¬ mer zu ſprechen wuͤnſche. —
Als ich in das Zimmer der Baroneſſe trat, kam ſie mir einige Schritte entgegen, mich bei beiden Aermen faſſend, ſah ſie mir ſtarr ins Auge, und rief: „ iſt es moͤg¬ lich — iſt es moͤglich! — Biſt Du Medar¬ dus, der Capuziner Moͤnch? — Aber die Stim¬ me, die Geſtalt, Deine Augen, Dein Haar! ſprich oder ich vergehe in Angſt und Zwei¬ fel. “— Viktorinus! liſpelte ich leiſe, da um¬ ſchlang ſie mich mit dem wilden Ungeſtuͤm, unbezaͤhmbarer Wolluſt, — ein Gluthſtrom brauſte durch meine Adern, das Blut ſiedete, die Sinne vergingen mir in namenloſer Won¬ ne, in wahnſinniger Verzuͤckung; aber ſuͤndi¬ gend war mein ganzes Gemuͤth nur Aurelien zugewendet und Ihr nur opferte ich in dem Augenblick, durch den Bruch des Geluͤbdes, das Heil meiner Seele.
Ja! Nur Aurelie lebte in mir, mein ganzer Sinn war von ihr erfuͤllt, und doch143 ergriff mich ein innerer Schauer, wenn ich daran dachte, ſie wieder zu ſehen, was doch ſchon an der Abendtafel geſchehen ſollte. Es war mir, als wuͤrde mich ihr frommer Blick heilloſer Suͤnde zeihen, und als wuͤrde ich, entlarvt und vernichtet, in Schmach und Ver¬ derben ſinken. Eben ſo konnte ich mich nicht entſchließen, die Baroneſſe gleich nach jenen Momenten wieder zu ſehen, und alles dieſes beſtimmte mich, eine Andachtsuͤbung vor¬ ſchuͤtzend, in meinem Zimmer zu bleiben, als man mich zur Tafel einlud. Nur weniger Tage bedurfte es indeſſen, um alle Scheu, alle Befangenheit zu uͤberwinden; die Baro¬ neſſe war die Liebenswuͤrdigkeit ſelbſt, und je enger ſich unſer Buͤndniß ſchloß, je rei¬ cher an frevelhaften Genuͤſſen es wurde, de¬ ſto mehr verdoppelte ſich ihre Aufmerkſam¬ keit fuͤr den Baron. Sie geſtand mir, daß nur meine Tonſur, mein natuͤrlicher Bart, ſo wie mein aͤcht kloͤſterlicher Gang, den ich aber jetzt nicht mehr ſo ſtrenge, als Anfangs144 beibehalte, ſie in tauſend Aengſten geſetzt habe. Ja bei meiner ploͤtzlichen begeiſterten Anrufung der heiligen Roſalia, ſey ſie bei¬ nahe uͤberzeugt worden, irgend ein Irrthum, irgend ein feindlicher Zufall habe ihren mit Viktorin ſo ſchlau entworfenen Plan verei¬ telt, und einen verdammten wirklichen Capu¬ ziner an die Stelle geſchoben. Sie bewun¬ derte meine Vorſicht, mich wirklich tonſuri¬ ren und mir den Bart wachſen zu laſſen, ja mich in Gang und Stellung ſo ganz in mei¬ ne Rolle einzuſtudiren, daß ſie oft ſelbſt mir recht ins Auge blicken muͤſſe, um nicht in abentheuerliche Zweifel zu gerathen.
Zuweilen ließ ſich Viktorins Jaͤger, als Bauer verkleidet, am Ende des Parks ſehen, und ich verſaͤumte nicht, insgeheim mit ihm zu ſprechen, und ihn zu ermahnen, ſich be¬ reit zu halten, um mit mir fliehen zu koͤn¬ nen, wenn vielleicht ein boͤſer Zufall mich in Gefahr bringen ſollte. Der Baron und Rein¬ hold ſchienen hoͤchlich mit mir zufrieden, unddran¬145drangen in mich, ja des tiefſinnigen Hermo¬ gen mich mit aller Kraft, die mir zu Gebo¬ the ſtehe, anzunehmen. Noch war es mir aber nicht moͤglich geworden, auch nur ein einziges Wort mit ihm zu ſprechen, denn ſichtlich wich er jeder Gelegenheit aus, mit mir allein zu ſeyn, und traf er mich in der Geſellſchaft des Barons oder Reinholds, ſo blickte er mich auf ſo ſonderbare Weiſe an, daß ich in der That Muͤhe hatte, nicht in augenſcheinliche Verlegenheit zu gerathen. Er ſchien tief in meine Seele zu dringen und meine geheimſte Gedanken zu erſpaͤhen. Ein unbezwinglicher tiefer Mißmuth, ein un¬ terdruͤckter Groll, ein nur mit Muͤhe be¬ zaͤhmter Zorn lag auf ſeinem bleichen Ge¬ ſichte, ſo bald er mich anſichtig wurde. — Es begab ſich, daß er mir einmal, als ich eben im Park luſtwandelte, ganz unerwartet entgegen trat; ich hielt dies fuͤr den ſchickli¬ chen Moment, endlich das druͤckende Verhaͤlt¬ niß mit ihm aufzuklaͤren, daher faßte ich ihnI. [10] 146ſchnell bei der Hand, als er mir ausweichen wollte, und mein Rednertalent machte es mir moͤglich, ſo eindringend, ſo ſalbungsvoll zu ſprechen, daß er wirklich aufmerkſam zu wer¬ den ſchien, und eine innere Ruͤhrung nicht unterdruͤcken konnte. Wir hatten uns auf ei¬ ne ſteinerne Bank am Ende eines Ganges, der nach dem Schloß fuͤhrte, niedergelaſſen. Im Reden ſtieg meine Begeiſterung, ich ſprach davon daß es ſuͤndlich ſey, wenn der Menſch, im innern Gram ſich verzehrend, den Troſt, die Huͤlfe der Kirche, die den Ge¬ beugten aufrichte, verſchmaͤhe, und ſo den Zwecken des Lebens, wie die hoͤhere Macht ſie ihm geſtellt, feindlich entgegen ſtrebe. Ja daß ſelbſt der Verbrecher nicht zweifeln ſolle an der Gnade des Himmels, da dieſer Zwei¬ fel ihn eben um die Seeligkeit bringe, die er, entſuͤndigt durch Buße und Froͤmmigkeit, erwerben koͤnne. Ich forderte ihn endlich auf, gleich jetzt mir zu beichten, und ſo ſein Inneres wie vor Gott auszuſchuͤtten, indem147 ich ihm von jeder Suͤnde, die er begangen, Abſolution zuſage: da ſtand er auf, ſeine Augenbraunen zogen ſich zuſammen, die Au¬ gen brannten, eine gluͤhende Roͤthe uͤberflog ſein leichenblaſſes Geſicht, und mit ſeltſam gellender Stimme rief er: „ Biſt Du denn rein von der Suͤnde, daß Du es wagſt, wie der Reinſte, ja wie Gott ſelbſt, den Du ver¬ hoͤhneſt, in meine Bruſt ſchauen zu wollen, daß Du es wagſt, mir Vergebung der Suͤn¬ de zuzuſagen, Du, der Du ſelbſt vergeblich ringen wirſt nach der Entſuͤndigung, nach der Seeligkeit des Himmels, die ſich Dir auf ewig verſchloß? Elender Heuchler, bald kommt die Stunde der Vergeltung, und in den Staub getreten, wie ein giftiger Wurm, zuckſt Du im ſchmachvollen Tode vergebens nach Huͤlfe, nach Erloͤſung von unnennbarer Quaal aͤchzend, bis Du verdirbſt in Wahn¬ ſinn und Verzweiflung! “— Er ſchritt raſch von dannen, ich war zerſchmettert, vernich¬ tet, all' meine Faſſung, mein Muth, war148 dahin. Ich ſah Euphemien aus dem Schloſſe kommen mit Hut und Schawl, wie zum Spa¬ ziergange gekleidet; bei ihr nur, war Troſt und Huͤlfe zu finden, ich warf mich ihr ent¬ gegen, ſie erſchrak uͤber mein zerſtoͤrtes We¬ ſen, ſie frug nach der Urſache, und ich er¬ zaͤhlte ihr getreulich, den ganzen Auftritt, den ich eben mit dem wahnſinnigen Hermo¬ gen gehabt, indem ich noch meine Angſt, meine Beſorgniß, daß Hermogen vielleicht durch einen unerklaͤrlichen Zufall unſer Ge¬ heimniß verrathen, hinzuſezte. Euphemie ſchien uͤber Alles nicht einmal betroffen, ſie laͤchelte auf ſo ganz ſeltſame Weiſe, daß mich ein Schauer ergriff, und ſagte: gehen wir tiefer in den Park, denn hier werden wir zu ſehr beobachtet, und es koͤnnte auffallen, daß der ehrwuͤrdige Pater Medardus ſo hef¬ tig mit mir ſpricht. Wir waren in ein ganz entlegenes Boskett getreten, da umſchlang mich Euphemie mit leidenſchaftlicher Heftig¬ keit; ihre heißen gluͤhenden Kuͤſſe brannten149 auf meinen Lippen. „ Ruhig, Viktorin, ſprach Euphemie, ruhig kannſt Du ſeyn uͤber das Alles, was dich ſo in Angſt und Zweifel ge¬ ſtuͤrzt hat; es iſt mir ſogar lieb, daß es ſo mit Hermogen gekommen, denn nun darf und muß ich mit Dir uͤber Manches ſprechen, wo¬ von ich ſo lange ſchwieg. — Du mußt ein¬ geſtehen, daß ich mir eine ſeltene geiſtige Herrſchaft uͤber Alles, was mich im Leben umgiebt, zu erringen gewußt, und ich glaube, daß dies dem Weibe leichter iſt, als Euch. Freilich gehoͤrt nichts geringeres dazu, als daß außer jenem unnennbaren unwiderſtehli¬ chen Reiz der aͤußern Geſtalt, den die Natur dem Weibe zu ſpenden vermag, dasjenige hoͤhere Prinzip in ihr wohne, welches eben jenen Reiz mit dem geiſtigen Vermoͤgen in Eins verſchmilzt, und nun nach Willkuͤhr be¬ herrſcht. Es iſt das eigne wunderbare Her¬ austreten aus ſich ſelbſt, das die Anſchauung des eignen Ichs vom andern Standpunkte geſtattet, welches dann als ein ſich dem hoͤ¬150 heren Willen ſchmiegendes Mittel erſcheint, dem Zweck zu dienen, den er ſich als den hoͤchſten, im Leben zu erringenden, geſetzt. — Giebt es etwas hoͤheres als das Leben im Leben zu beherrſchen, alle ſeine Erſcheinun¬ gen, ſeine reichen Genuͤſſe wie im maͤchtigen Zauber zu bannen, nach der Willkuͤhr, die dem Herrſcher verſtattet? — Du, Viktorin, gehoͤrteſt von je her zu den wenigen, die mich ganz verſtanden, auch Du hatteſt Dir den Standpunkt uͤber dein Selbſt geſtellt, und ich verſchmaͤhte es daher nicht, Dich wie den koͤniglichen Gemahl auf meinen Thron im hoͤheren Reiche zu erheben. Das Ge¬ heimniß erhoͤhte den Reiz dieſes Bundes, und unſere ſcheinbare Trennung diente nur dazu, unſerer fantaſtiſchen Laune Raum zu geben, die wie zu unſerer Ergoͤßlichkeit mit den untergeordneten Verhaͤltniſſen des ge¬ meinen Alltagslebens ſpielte. Iſt nicht un¬ ſer jetziges Beiſammenſeyn das kuͤhnſte Wag¬ ſtuͤck, das, im hoͤheren Geiſte gedacht, der151 Ohnmacht konventioneller Beſchraͤnktheit ſpot¬ tet? Selbſt bei Deinem ſo ganz fremdarti¬ gen Weſen, das nicht allein die Kleidung erzeugt, iſt es mir als unterwerfe ſich das Geiſtige dem herrſchenden es bedingenden Prinzip, und wirke ſo mit wunderbarer Kraft nach außen, ſelbſt das koͤrperliche anders for¬ mend und geſtaltend, ſo daß es ganz der vor¬ geſetzten Beſtimmung gemaͤß erſcheint. — Wie herzlich ich nun bei dieſer tief aus mei¬ nem Weſen entſpringenden Anſicht der Din¬ ge alle konventionelle Beſchraͤnktheit verachte, indem ich mit ihr ſpiele, weißt Du. — Der Baron iſt mir eine bis zum hoͤchſten Ueber¬ druß ekelhaft gewordene Maſchine, die zu meinem Zweck verbraucht todt da liegt, wie ein abgelaufenes Raͤderwerk. — Reinhold iſt zu beſchraͤnkt, um von mir beachtet zu wer¬ den, Aurelie ein gutes Kind, wir haben es nur mit Hermogen zu thun. — Ich geſtand Dir ſchon, daß Hermogen, als ich ihn zum erſtenmale ſah, einen wunderbaren Eindruck152 auf mich machte. — Ich hielt ihn fuͤr faͤhig, einzugehen in das hoͤhere Leben, das ich ihm erſchließen wollte, und irrte mich zum erſten Mal. — Es war etwas mir feindliches in ihm, was in ſtetem regen Widerſpruch ſich gegen mich auflehnte, ja der Zauber, womit ich die Andern unwillkuͤhrlich zu umſtricken wußte, ſtieß ihn zuruͤck. Er blieb kalt, duͤ¬ ſter verſchloſſen, und reitzte, indem er mit eigner wunderbarer Kraft mir widerſtrebte, meine Empfindlichkeit, meine Luſt den Kampf zu beginnen, in dem er unterliegen ſollte. — Dieſen Kampf hatte ich beſchloſſen, als der Baron mir ſagte, wie er Hermogen eine Ver¬ bindung mit mir vorgeſchlagen, dieſer ſie aber unter jeder Bedingung abgelehnt habe. — Wie ein goͤttlicher Funke durchſtrahlte mich, in demſelben Moment, der Gedanke, mich mit dem Baron ſelbſt zu vermaͤhlen, und ſo mit einem Mal all' die kleinen kon¬ ventionellen Ruͤckſichten, die mich oft ein¬ zwaͤngten auf widrige Weiſe, aus dem Wege153 zu raͤumen: doch ich habe ja ſelbſt mit Dir, Viktorin, oft genug uͤber jene Vermaͤhlung geſprochen, ich widerlegte Deine Zweifel mit der That, denn es gelang mir, den Alten in wenigen Tagen zum albernen zaͤrtlichen Lieb¬ haber zu machen und er mußte das, was ich gewollt, als die Erfuͤllung ſeines innigſten Wunſches, den er laut werden zu laſſen kaum gewagt, anſehen. Aber tief im Hintergrunde lag noch in mir der Gedanke der Rache an Hermogen, die mir nun leichter und befrie¬ digender werden ſollte. Der Schlag wurde verſchoben, um richtiger, toͤdtender, zu tref¬ fen. — Kennte ich weniger Dein Inneres, wuͤßte ich nicht, daß Du Dich zu der Hoͤhe meiner Anſichten zu erheben vermagſt, ich wuͤrde Bedenken tragen, Dir mehr von der Sache zu ſagen, die nun einmal geſchehen. Ich ließ es mir angelegen ſeyn, Hermogen recht in ſeinem Innern aufzufaſſen, ich er¬ ſchien in der Hauptſtadt, duͤſter, in mich ge¬ kehrt, und bildete ſo den Contraſt mit Her¬154 mogen, der in den lebendigen Beſchaͤftigun¬ gen des Kriegsdienſtes ſich heiter und luſtig bewegte. Die Krankheit des Oheims verbot alle glaͤnzende Zirkel, und ſelbſt den Beſu¬ chen meiner naͤchſten Umgebung wußte ich auszuweichen. — Hermogen kam zu mir, vielleicht nur um die Pflicht, die er der Mut¬ ter ſchuldig, zu erfuͤllen, er fand mich in duͤ¬ ſtres Nachdenken verſunken, und als er, be¬ fremdet von meiner auffallenden Aenderung, dringend nach der Urſache frug, geſtand ich ihm unter Thraͤnen, wie des Barons mißli¬ che Geſundheitsumſtaͤnde, die er nur muͤhſam verheimliche, mich befuͤrchten ließen, ihn bald zu verlieren, und wie dieſer Gedanke mir ſchrecklich, ja unertraͤglich ſey. Er war er¬ ſchuͤttert, und als ich nun mit dem Ausdruck, des tiefſten Gefuͤhls, das Gluͤck meiner Ehe mit dem Baron ſchilderte, als ich zart und lebendig in die kleinſten[Einzelheiten] unſe¬ res Lebens auf dem Lande einging, als ich immer mehr des Barons herrliches Gemuͤth,155 ſein ganzes Ich in vollem Glanz darſtellte, ſo daß es immer lichter hervortrat, wie graͤn¬ zenlos ich ihn verehre, ja wie ich ſo ganz in ihm lebe, da ſchien immer mehr ſeine Ver¬ wunderung, ſein Erſtaunen zu ſteigen. — Er kaͤmpfte ſichtlich mit ſich ſelbſt, aber die Macht, die jetzt wie mein Ich ſelbſt in ſein Inneres gedrungen, ſiegte uͤber das feindli¬ che Prinzip, das ſonſt mir widerſtrebte; mein Triumph war mir gewiß, als er ſchon am andern Abend wieder kam. “
„ Er fand mich einſam, noch duͤſtrer, noch aufgeregter als geſtern, ich ſprach von dem Baron und von meiner unausſprechli¬ chen Sehnſucht, ihn wieder zu ſehen. Hermo¬ gen war bald nicht mehr derſelbe, er hieng an meinen Blicken, und ihr gefaͤhrliches Feuer fiel zuͤndend in ſein Inneres. Wenn meine Hand in der ſeinigen ruhte, zuckte dieſe oft krampfhaft, tiefe Seufzer entflohen ſeiner Bruſt. Ich hatte die hoͤchſte Spitze dieſer bewuſtloſen Exaltation richtig berechnet. Den156 Abend als er fallen ſollte, verſchmaͤhte ich ſelbſt jene Kuͤnſte nicht, die ſo verbraucht ſind, und immer wieder ſo wirkungsvoll er¬ neuert werden. Es gelang! — Die Folgen waren entſetzlicher, als ich ſie mir gedacht, und doch erhoͤhten ſie meinen Triumph, in¬ dem ſie meine Macht auf glaͤnzende Weiſe bewaͤhrten. — Die Gewalt, mit der ich das feindliche Prinzip bekaͤmpfte, das wie in ſelt¬ ſamen Ahnungen in ihm ſich ſonſt ausſprach, hatte ſeinen Geiſt gebrochen, er verfiel in Wahnſinn, wie Du weißt, ohne daß Du je¬ doch bis jetzt die eigentliche Urſache gekannt haben ſollteſt. — Es iſt etwas eignes, daß Wahnſinnige oft, als ſtaͤnden ſie in naͤherer Beziehung mit dem Geiſte, und gleichſam in ihrem eignen Innern leichter, wie wohl be¬ wuſtlos angeregt vom fremden geiſtigen Prin¬ zip, oft das in Uns verborgene durchſchauen, und in ſeltſamen Anklaͤngen ausſprechen, ſo daß uns oft die grauenvolle Stimme eines zweiten Ichs mit unheimlichen Schauer be¬157 faͤngt. Es mag daher wohl ſeyn, daß, zu¬ mahl in der eignen Beziehung, in der Du, Hermogen und ich ſtehen, er auf geheimni߬ volle Weiſe Dich durchſchaut, und ſo Dir feindlich iſt, allein Gefahr fuͤr Uns iſt des¬ halb nicht im mindeſten vorhanden. Be¬ denke, ſelbſt wenn er mit ſeiner Feindſchaft gegen Dich offen ins Feld ruͤckte, wenn er es ausſpraͤche: traut nicht dem verkappten Prie¬ ſter, wer wuͤrde das fuͤr was anderes halten, als fuͤr eine Idee, die der Wahnſinn erzeug¬ te, zumahl, da Reinhold ſo gut geweſen iſt, in Dir den Pater Medardus wieder zu erken¬ nen? — Indeſſen bleibt es gewiß, daß Du nicht mehr, wie ich gewollt und gedacht hat¬ te, auf Hermogen wirken kannſt. Meine Ra¬ che iſt erfuͤllt und Hermogen mir nun wie ein weggeworfenes Spielzeug unbrauchbar, und um ſo uͤberlaͤſtiger als er es wahrſchein¬ lich fuͤr eine Bußuͤbung haͤlt, mich zu ſehen, und daher mit ſeinen ſtieren lebendigtodten Blicken mich verfolgt. Er muß fort, und ich158 glaubte Dich dazu benutzen zu koͤnnen, ihn in der Idee ins Kloſter zu gehen zu beſtaͤrken, und den Baron, ſo wie den rathgebenden Freund Reinhold, zu gleicher Zeit durch die dringendſten Vorſtellungen, wie Hermogens Seelenheil nun einmal das Kloſter begehre, geſchmeidiger zu machen, daß ſie in ſein Vor¬ haben willigten. — Hermogen iſt mir in der That hoͤchſt zuwider, ſein Anblick erſchuͤttert mich oft, er muß fort! — Die einzige Per¬ ſon, der er ganz anders erſcheint, iſt Aure¬ lie, das fromme kindiſche Kind; durch ſie allein kannſt Du auf Hermogen wirken, und ich will dafuͤr ſorgen, daß Du in naͤhere Bezie¬ hung mit ihr trittſt. Findeſt Du einen ſchick¬ lichen Zuſammenhang der aͤußern Umſtaͤnde, ſo kannſt Du auch Reinholden, oder dem Ba¬ ron entdecken, wie Dir Hermogen ein ſchwe¬ res Verbrechen gebeichtet, daß Du natuͤrli¬ cherweiſe, Deiner Pflicht gemaͤß, verſchweigen muͤßteſt. — Doch davon kuͤnftig mehr! — Nun weißt Du alles, Viktorin, handle und159 bleibe mein. Herrſche mit mir uͤber die laͤp¬ piſche Puppenwelt, wie ſie ſich um uns dreht. Das Leben muß uns ſeine herrlich¬ ſten Genuͤſſe ſpenden, ohne uns in ſeine Be¬ engtheit einzuzwaͤngen. “— Wir ſahen den Baron in der Entfernung, und gingen ihm, wie im frommen Geſpraͤch begriffen, entge¬ gen. —
Es bedurfte vielleicht nur Euphemiens Erklaͤrung uͤber die Tendenz ihres Lebens, um mich ſelbſt die uͤberwiegende Macht fuͤh¬ len zu laſſen, die wie der Ausfluß hoͤherer Prinzipe mein Inneres beſeelte. Es war et¬ was uͤbermenſchliches in mein Weſen getre¬ ten, das mich ploͤtzlich auf einen Standpunkt erhob, von dem mir alles in anderm Ver¬ haͤltniß, in anderer Farbe als ſonſt erſchien. Die Geiſtesſtaͤrke, die Macht uͤber das Leben womit Euphemie prahlte, war mir des bit¬ terſten Hohns wuͤrdig. In dem Augenblick, daß die Elende ihr loſes unbedachtes Spiel, mit den gefaͤhrlichſten Verknuͤpfungen des160 Lebens zu treiben waͤhnte, war ſie hingege¬ ben dem Zufall oder dem boͤſen Verhaͤngniß, das meine Hand leitete. Es war nur mei¬ ne Kraft, entflammt von geheimnißvollen Maͤchten, die ſie zwingen konnte im Wahn, den fuͤr den Freund und Bundesbruder zu halten, der, nur ihr zum Verderben die aͤu¬ ßere zufaͤllige Bildung jenes Freundes tra¬ gend, ſie wie die feindliche Macht ſelbſt um¬ krallte, ſo daß keine Freiheit mehr moͤglich. Euphemie wurde mir in ihrem eitlen ſelbſt¬ ſuͤchtigen Wahn veraͤchtlich, und das Ver¬ haͤltniß mit ihr um ſo widriger, als Aurelie in meinem Innern lebte, und nur ſie die Schuld meiner begangenen Suͤnden trug, wenn ich das, was mir jetzt die hoͤchſte Spitze alles irrdiſchen Genuſſes zu ſeyn ſchien, noch fuͤr Suͤnde gehalten haͤtte. Ich beſchloß von der mir einwohnenden Macht den vollſten Gebrauch zu machen, und ſo ſelbſt den Zau¬ berſtab zu ergreifen, um die Kreiſe zu be¬ ſchreiben, in denen ſich all' die Erſcheinun¬gen161gen um mich her mir zur Luſt bewegen ſoll¬ ten. Der Baron und Reinhold wetteiferten mit einander, mir das leben im Schloſſe recht angenehm zu machen; nicht die leiſeſte Ahnung von meinem Verhaͤltniß mit Euphe¬ mien ſtieg in ihnen auf, vielmehr aͤußerte der Baron oft, wie in unwillkuͤhrlicher Herzens¬ ergießung, daß erſt durch mich, ihm Eu¬ phemie ganz wiedergegeben ſey, und dies ſchien mir die Richtigkeit der Vermuthung Reinholds, daß irgend ein Zufall dem Ba¬ ron wohl die Spur von Euphemiens verbo¬ tenen Wegen entdeckt haben koͤnne, klar an¬ zudeuten. Den Hermogen ſah ich ſelten, er vermied mich mit ſichtlicher Angſt und Be¬ klemmung, welches der Baron und Reinhold der Scheu vor meinem heiligen frommen We¬ ſen, und vor meiner geiſtigen Kraft, die das zerruͤttete Gemuͤth durchſchaute, zuſchrieben. Auch Aurelie ſchien ſich abſichtlich meinem Blick zu entziehen, ſie wich mir aus, und wenn ich mit ihr ſprach, war auch ſie aͤngſt¬I. [11] 162lich und beklommen, wie Hermogen. Es war mir beinahe gewiß, daß der wahnſinnige Hermogen, gegen Aurelie, jene ſchreckliche Ahnungen, die mich durchbebten, ausgeſpro¬ chen, indeſſen ſchien mir der boͤſe Eindruck zu bekaͤmpfen moͤglich. — Wahrſcheinlich auf Veranlaſſung der Baroneſſe, die mich in naͤ¬ heren Rapport mit Aurelien ſetzen wollte, um durch ſie auf Hermogen zu wirken, bat mich der Baron, Aurelien in den hoͤheren Ge¬ heimniſſen der Religion zu unterrichten. So verſchaffte mir Euphemie ſelbſt die Mittel, das herrlichſte zu erreichen, was mir meine gluͤhende Einbildungskraft in tauſend uͤppi¬ gen Bildern vorgemahlt. Was war jene Viſion in der Kirche anderes, als das Ver¬ ſprechen der hoͤheren auf mich einwirkenden Macht, mir die zu geben, von deren Beſitz allein die Beſaͤnftigung des Sturms zu hof¬ fen, der in mir raſend, mich wie auf toben¬ den Wellen umherwarf. — Aureliens An¬ blick, ihre Naͤhe, ja die Beruͤhrung ihres163 Kleides, ſetzte mich in Flammen. Des Blu¬ tes Gluthſtrom ſtieg fuͤhlbar auf in die ge¬ heimnißvolle Werkſtatt der Gedanken, und ſo ſprach ich von den wundervollen Geheimniſ¬ ſen der Religion in feurigen Bildern, deren tiefere Bedeutung die wolluͤſtige Raſerei der gluͤhendſten verlangenden Liebe war. So ſollte dieſe Gluth meiner Rede, wie in elek¬ triſchen Schlaͤgen, Aureliens Inneres durch¬ dringen, und ſie ſich vergebens dagegen wapp¬ nen. — Ihr unbewuſt ſollten die in ihre Seele geworfenen Bilder ſich wunderbar ent¬ falten, und glaͤnzender, flammender in der tieferen Bedeutung hervorgehen, und dieſe ihre Bruſt dann mit den Ahnungen des un¬ bekannten Genuſſes erfuͤllen, bis ſie ſich, von unnennbarer Sehnſucht gefoltert und zerriſ¬ ſen, ſelbſt in meine Arme wuͤrfe. Ich berei¬ tete mich auf die ſogenannten Lehrſtunden bei Aurelien ſorgſam vor, ich wußte den Aus¬ druck meiner Rede zu ſteigern; andaͤchtig, mit gefaltenen Haͤnden, mit niedergeſchlagenen164 Augen hoͤrte mir das fromme Kind zu, aber nicht eine Bewegung, nicht ein leiſer Seuf¬ zer verriethen irgend eine tiefere Wirkung meiner Worte. — Meine Bemuͤhungen brach¬ ten mich nicht weiter; ſtatt in Aurelien das verderbliche Feuer zu entzuͤnden, das ſie der Verfuͤhrung Preis geben ſollte, wurde nur qualvoller und verzehrender die Gluth, die in meinem Innern brannte. — Raſend vor Schmerz und Wolluſt, bruͤtete ich uͤber Plaͤne zu Aureliens Verderben und, indem ich Euphemien Wonne und Entzuͤcken heu¬ chelte, keimte ein gluͤhender Haß in meiner Seele empor, der, im ſeltſamen Widerſpruch, meinem Betragen bei der Baroneſſe etwas wildes, entſetzliches gab, vor dem ſie ſelbſt erbebte. — Fern von ihr war jede Spur des Geheimniſſes, das in meiner Bruſt verbor¬ gen, und unwillkuͤhrlich mußte ſie der Herr¬ ſchaft Raum geben, die ich immer mehr und mehr uͤber ſie mir anzumaßen anfing. — Oft kam es mir in den Sinn, durch einen wohl¬165 berechneten Gewaltſtreich, dem Aurelie erlie¬ gen ſollte, meine Quaal zu enden, aber ſo wie ich Aurelien erblickte, war es mir, als ſtehe ein Engel neben ihr, ſie ſchirmend und ſchuͤtzend und Trotz bietend der Macht des Feindes. Ein Schauer bebte dann durch meine Glieder, in dem mein boͤſer Vorſatz erkaltete. Endlich fiel ich darauf, mit ihr zu beten: denn im Gebet ſtroͤmt feuriger die Gluth der Andacht, und die geheimſten Re¬ gungen werden wach, und erheben ſich wie auf brauſenden Wellen, und ſtrecken ihre Po¬ lypenarme aus, um das Unbekannte zu fahen, das die unnennbare Sehnſucht ſtillen ſoll, von der die Bruſt zerriſſen. Dann mag das Irr¬ diſche, ſich wie Himmliſches verkuͤndend, keck dem aufgeregten Gemuͤth entgegen treten, und im hoͤchſten Genuß ſchon hienieden die Erfuͤllung des uͤberſchwenglichen verheißen; die bewuſtloſe Leidenſchaft wird getaͤuſcht, und das Streben nach dem Heiligen, Ueberirr¬ diſchen wird gebrochen in dem namenloſen166 nie gekannten Entzuͤcken irrdiſcher Begierde. — Selbſt darinn, daß ſie von mir verfaßte Gebete nachſprechen ſollte, glaubte ich Vor¬ theile fuͤr meine verraͤtheriſche Abſichten zu finden. — Es war dem ſo! — Denn neben mir knieend, mit zum Himmel gewandtem Blick meine Gebete nachſprechend, faͤrbten hoͤher ſich ihre Wangen, und ihr Buſen wall¬ te auf und nieder. — Da nahm ich wie im Eifer des Gebets ihre Haͤnde, und druͤckte ſie an meine Bruſt, ich war ihr ſo nahe, daß ich die Waͤrme ihres Koͤrpers fuͤhlte, ihre losgeloͤſten Locken hingen uͤber meine Schul¬ ter; ich war außer mir vor raſender Begier¬ de, ich umſchlang ſie mit wildem Verlangen, ſchon brannten meine Kuͤße auf ihrem Mun¬ de, auf ihrem Buſen, da wand ſie ſich mit einem durchdringenden Schrei aus meinen Armen; ich hatte nicht Kraft ſie zu halten, es war als ſtrahle ein Blitz herab, mich zer¬ ſchmetternd! — Sie entfloh raſch in das Ne¬ benzimmer! die Thuͤre oͤffnete ſich, und Her¬167 mogen zeigte ſich in derſelben, er blieb ſte¬ hen, mich mit dem furchtbaren entſetzlichen Blick des wilden Wahnſinns anſtarrend. Da raffte ich alle meine Kraft zuſammen, ich trat keck auf ihn zu, und rief mit trotziger gebietender Stimme: „ was willſt Du hier? Hebe Dich weg Wahnſinniger! “ Aber Her¬ mogen ſtreckte mir die rechte Hand entgegen, und ſprach dumpf und ſchaurig: „ ich wollte mit Dir kaͤmpfen, aber ich habe kein Schwert, und Du biſt der Mord, denn Blutstropfen quillen aus Deinen Augen und kleben in dei¬ nem Barte! “—
Er verſchwand, die Thuͤre heftig zuſchla¬ gend, und ließ mich allein, knirſchend vor Wuth uͤber mich ſelbſt, der ich mich hatte hinreiſſen laſſen von der Gewalt des Mo¬ ments, ſo daß nun der Verrath mir Verder¬ ben drohte. Niemand ließ ſich ſehen, ich hatte Zeit genug, mich ganz zu ermannen, und der mir innwohnende Geiſt gab mir bald168 die Anſchlaͤge ein, jeder uͤblen Folge des boͤſen Beginnens auszuweichen.
Sobald es thunlich war, eilte ich zu Euphemien, und mit keckem Uebermuth er¬ zaͤhlte ich ihr die ganze Begebenheit mit Aurelien. Euphemie ſchien die Sache nicht ſo leicht zu nehmen, als ich es gewuͤnſcht hatte, und es war mir begreiflich, daß, ihrer geruͤhmten Geiſtesſtaͤrke, ihrer hohen Anſicht der Dinge unerachtet, wohl kleinliche Eifer¬ ſucht in ihr wohnen, ſie aber uͤberdem noch befuͤrchten koͤnne, daß Aurelie uͤber mich kla¬ gen, ſo der Nimbus meiner Heiligkeit ver¬ loͤſchen, und unſer Geheimniß in Gefahr ge¬ rathen werde: aus einer mir ſelbſt uner¬ klaͤrlichen Scheu, verſchwieg ich Hermogens Hinzutreten und ſeine entſetzlichen mich durch¬ bohrenden Worte.
Euphemie hatte einige Minuten geſchwie¬ gen, und ſchien, mich ſeltſamlich anſtarrend, in tiefes Nachdenken verſunken. —
„ Sollteſt Du nicht, Viktorin! ſprach ſie169 endlich: errathen, welche herrliche Gedanken meines Geiſtes wuͤrdig mich durchſtroͤmen? — Aber Du kannſt es nicht, doch ruͤttle friſch die Schwingen, um dem kuͤhnen Fluge zu folgen, den ich zu beginnen bereit bin. Daß Du, der Du mit voller Herrſchaft uͤber alle Erſcheinungen des Lebens ſchweben ſollteſt, nicht neben einem leidlich ſchoͤnen Maͤdchen knien kannſt, ohne ſie zu umarmen und zu kuͤſſen, nimmt mich Wunder, ſo wenig ich Dir das Verlangen verarge, das in Dir aufſtieg. So wie ich Aurelien kenne, wird ſie voller Schaam uͤber die Begebenheit ſchweigen, und ſich hoͤchſtens nur unter irgend einem Vorwande Deinem zu leidenſchaftlichen Un¬ terrichte entziehen. Ich befuͤrchte daher nicht im mindeſten die verdrießlichen Folgen, die dein Leichtſinn, deine ungezaͤhmte Begierde haͤtte herbeifuͤhren koͤnnen. — Ich haſſe ſie nicht, dieſe Aurelie, aber ihre Anſpruchloſig¬ keit, ihr ſtilles Frommthun, hinter dem ſich ein unleidlicher Stolz verſteckt, aͤrgert mich. 170Nie habe ich, unerachtet ich es nicht ver¬ ſchmaͤhte mit ihr zu ſpielen, ihr Zutrauen gewinnen koͤnnen, ſie blieb ſcheu und ver¬ ſchloſſen. Dieſe Abgeneigtheit ſich mir zu ſchmiegen, ja dieſe ſtolze Art mir auszuwei¬ chen, erregt in mir die widrigſten Gefuͤhle. — Es iſt ein ſublimer Gedanke, die Blume, die auf dem Prunk ihrer glaͤnzenden Farben ſo ſtolz thut, gebrochen und dahin welken zu ſehen! — ich goͤnne es Dir, dieſen ſublimen Gedanken auszufuͤhren, und es ſoll nicht an Mitteln fehlen, den Zweck leicht und ſicher zu erreichen. — Auf Hermogens Haupt ſoll die Schuld fallen und ihn vernichten! “— Euphemie ſprach noch mehr uͤber ihren Plan und wurde mir mit jedem Worte verhaßter, denn nur das gemeine verbrecheriſche Weib ſah ich in ihr, und ſo ſehr ich nach Aure¬ liens Verderben duͤrſtete, da ich nur dadurch Befreiung von der graͤnzenloſen Quaal wahn¬ ſinniger Liebe, die meine[Bruſt] zerfleiſchte, hoffen konnte, ſo war mir doch Euphemiens171 Mitwirkung veraͤchtlich. Ich wies daher zu ihrem nicht geringen Erſtaunen ihren An¬ ſchlag von der Hand, indem ich im Innern feſt entſchloſſen war, das durch eigne Macht zu vollfuͤhren, wozu Euphemie mir ihre Bei¬ huͤlfe aufdringen wollte.
So wie die Baroneſſe es vermuthet, blieb Aurelie in ihrem Zimmer, ſich mit ei¬ ner Unpaͤßlichkeit entſchuldigend, und ſo ſich meinem Unterricht fuͤr, die naͤchſten Tage ent¬ ziehend. Hermogen war wider ſeine Ge¬ wohnheit jetzt viel in der Geſellſchaft Rein¬ holds und des Barons, er ſchien weniger in ſich gekehrt, aber wilder, zorniger. Man hoͤrte ihn oft laut und nachdruͤcklich ſprechen, und ich bemerkte, daß er mich mit Blicken des verhaltenen Grimms anſah, ſo oft der Zufall mich ihm in den Weg fuͤhrte: das Betragen des Barons und Reinholds ver¬ aͤnderte ſich in einigen Tagen auf ganz ſelt¬ ſame Weiſe. Ohne im Aeußerlichen, im min¬ deſten von der Aufmerkſamkeit und Hochach¬172 tung, die ſie mir ſonſt bezeigt, nachzulaſſen, ſchien es, als wenn ſie, gedruͤckt von einem wunderbaren ahnenden Gefuͤhl, nicht jenen gemuͤthlichen Ton finden konnten, der ſonſt unſre Unterhaltung belebte. Alles was ſie mit mir ſprachen, war ſo gezwungen, ſo fro¬ ſtig, daß ich mich ernſtlich muͤhen mußte, von allerlei Vermuthungen ergriffen, wenigſtens unbefangen zu ſcheinen. —
Euphemiens Blicke, die ich immer rich¬ tig zu deuten wußte, ſagten mir, daß irgend Etwas vorgegangen, wovon ſie ſich beſon¬ ders aufgeregt fuͤhlte, doch war es den gan¬ zen Tag unmoͤglich, uns unbemerkt zu ſpre¬ chen. —
In tiefer Nacht, als Alles im Schloſſe laͤngſt ſchlief, oͤffnete ſich eine Tapetenthuͤre in meinem Zimmer, die ich ſelbſt noch nicht bemerkt, und Euphemie trat herein, mit ei¬ nem zerſtoͤrten Weſen, wie ich ſie noch niemals geſehen. „ Viktorin, ſprach ſie: es droht uns Verrath, Hermogen, der wahnſinnige173 Hermogen iſt es, der, durch ſeltſame Ahnun¬ gen auf die Spur geleitet, unſer Geheimniß entdeckt hat. In allerlei Andeutungen, die gleich ſchauerlichen entſetzlichen Spruͤchen ei¬ ner dunklen Macht, die uͤber uns waltet, lauten, hat er dem Baron einen Verdacht eingefloͤßt, der ohne deutlich ausgeſprochen zu ſeyn, mich doch auf quaͤlende Weiſe ver¬ folgt. — Wer Du biſt, daß unter dieſem heiligen Kleide Graf Viktorin verborgen; das ſcheint Hermogen durchaus verſchloſſen geblieben; dagegen behauptet er, aller Ver¬ rath, alle Argliſt, alles Verderben, das uͤber uns einbrechen werde, ruhe in Dir, ja wie der Widerſacher ſelbſt, ſey der Moͤnch in das Haus getreten, der von teufliſcher Macht be¬ ſeelt, verdammten Verrath bruͤte. — Es kann ſo nicht bleiben, ich bin es muͤde, dieſen Zwang zu tragen, den mir der kindiſche Alte auferlegt, der nun mit kraͤnkelnder Eiferſucht, wie es ſcheint, aͤngſtlich meine Schritte be¬ wachen wird. Ich will dies Spielzeug, das174 mir langweilig worden, wegwerfen, und Du, Viktorin, wirſt Dich um ſo williger meinem Begehren fuͤgen, als Du auf einmal ſelbſt der Gefahr entgehſt, endlich ertappt zu wer¬ den, und ſo das geniale Verhaͤltniß, daß un¬ ſer Geiſt ausbruͤtete, in eine gemeine ver¬ brauchte Mummerei, in eine abgeſchmackte Eheſtandsgeſchichte herabſinken zu ſehen! Der laͤſtige Alte muß fort, und wie das am be¬ ſten ins Werk zu richten iſt, daruͤber laß uns zu Rathe gehen, hoͤre aber erſt meine Mei¬ nung. Du weißt, daß der Baron jeden Mor¬ gen, wenn Reinhold beſchaͤftigt, allein hin¬ ausgeht in das Gebuͤrge, um ſich an den Ge¬ genden nach ſeiner Art zu erlaben. — Schlei¬ che Dich fruͤher hinaus, und ſuche ihm am Ausgange des Parks zu begegnen. Nicht weit von hier, giebt es eine wilde ſchauer¬ liche Felſengruppe; wenn man ſie erſtiegen, gaͤhnt dem Wandrer auf der einen Seite ein ſchwarzer bodenloſer Abgrund entgegen, dort iſt, oben uͤber den Abgrund heruͤberragend,175 der ſogenannte Teufelsſitz. Man fabelt, daß giftige Duͤnſte aus dem Abgrunde ſteigen, die den, der vermeſſen hinabſchaut, um zu erforſchen, was drunten verborgen, betaͤuben und rettungslos in den Tod hinabziehen. Der Baron, dieſes Maͤhrchen verlachend, ſtand ſchon oft auf jenem Felsſtuͤck, uͤber dem Abgrund, um die Ausſicht, die ſich dort oͤff¬ net, zu genießen. Es wird leicht ſeyn, ihn ſelbſt darauf zu bringen, daß er Dich an die gefaͤhrliche Stelle fuͤhrt; ſieht er nun dort, und ſtarrt in die Gegend hinein, ſo erloͤſt uns ein kraͤftiger Stoß Deiner Fauſt, auf immer von dem ohnmaͤchtigen Narren. „ — „ Nein, nimmermehr ſchrie ich heftig: ich kenne den entſetzlichen Abgrund, ich kenne den Sitz des Teufels, nimmermehr! fort mit dir und dem Frevel, den Du mir zumutheſt! “ Da ſprang Euphemie auf, wilde Gluth entflammte ih¬ ren Blick, ihr Geſicht war verzerrt, von der wuͤthenden Leidenſchaft, die in ihr tobte. „ Elender Schwaͤchling, rief ſie: Du wagſt es176 in dumpfer Feigheit, dem zu widerſtreben, was ich beſchloß? Du willſt Dich lieber dem ſchmachvollen Joche ſchmiegen, als mit mir herrſchen? Aber Du biſt in meiner Hand, vergebens entwindeſt Du Dich der Macht, die Dich gefeſſelt haͤlt zu meinen Fuͤßen! — Du vollziehſt meinen Auftrag, Morgen darf der, deſſen Anblick mich peinigt nicht mehr leben! “—
Indem Euphemie die Worte ſprach, durch¬ drang mich die tiefſte Verachtung ihrer arm¬ ſeeligen Prahlerei, und im bittern Hohn lachte ich ihr gellend entgegen, daß ſie er¬ bebte, und die Todtenblaͤſſe der Angſt und des tiefen Grauens, ihr Geſicht uͤberflog. — „ Wahnſinnige, rief ich: die Du glaubſt uͤber das Leben zu herrſchen, die Du glaubſt mit ſeinen Erſcheinungen zu ſpielen, habe Acht, daß dies Spielzeug nicht in Deiner Hand zur ſchneidenden Waffe wird, die Dich toͤdtet! Wiſſe Elende, daß ich, den Du in Deinem ohnmaͤchtigen Wahn zu beherrſchen glaubſt,Dich177Dich wie das Verhaͤngniß ſelbſt in meiner Macht feſtgekettet halte, Dein frevelhaftes Spiel iſt nur das krampfhafte Winden des gefeſſelten Raubthiers im Kaͤfig! — Wiſſe, Elende, daß Dein Buhle zerſchmettert in je¬ nem Abgrunde liegt, und daß Du ſtatt ſeiner den Geiſt der Rache ſelbſt umarmteſt! — Geh und verzweifle! “
Euphemie wankte; im convulſiviſchen Er¬ beben war ſie im Begriff zu Boden zu ſin¬ ken, ich faßte ſie und druͤckte ſie durch die Tapetenthuͤre den Gang hinab. — Der Ge¬ danke ſtieg mir auf, ſie zu toͤdten, ich unter¬ ließ es ohne mich deſſen bewußt zu ſeyn, denn im erſten Augenblick, als ich die Ta¬ petenthuͤre ſchloß, glaubte ich die That voll¬ bracht zu haben! — Ich hoͤrte einen durch¬ dringenden Schrei und Thuͤren zuſchlagen.
Jetzt hatte ich mich ſelbſt auf einen Standpunkt geſtellt, der mich dem gewoͤhn¬ lichen menſchlichen Thun ganz entruͤckte; jetzt mußte Schlag auf Schlag folgen, und, michI. [12] 178ſelbſt als den boͤſen Geiſt der Rache verkuͤn¬ dend, mußte ich das Ungeheuere vollbringen. — Euphemiens Untergang war beſchloſſen, und der gluͤhendſte Haß ſollte, mit der hoͤch¬ ſten Inbrunſt der Liebe ſich vermaͤhlend, mir den Genuß gewaͤhren, der nun noch dem uͤbermenſchlichen mir innwohnenden Geiſte wuͤrdig. — In dem Augenblick, daß Euphe¬ mie untergegangen, ſollte Aurelie mein werden.
Ich erſtaunte uͤber Euphemiens innere Kraft, die es ihr moͤglich machte, den andern Tag unbefangen und heiter zu ſcheinen. Sie ſprach ſelbſt daruͤber, daß ſie vorige Nacht in eine Art Somnambulismus gerathen, und dann heftig an Kraͤmpfen gelitten, der Ba¬ ron ſchien ſehr theilnehmend, Reinholds Bli¬ cke waren zweifelhaft und mißtrauiſch. Au¬ relie blieb auf ihrem Zimmer, und je weni¬ ger es mir gelang, ſie zu ſehen, deſto raſen¬ der tobte die Wuth in meinem Innern. Eu¬ phemie lud mich ein, auf bekanntem Wege in ihr Zimmer zu ſchleichen, wenn Alles im179 Schloſſe ruhig geworden. — Mit Entzuͤcken vernahm ich das, denn der Augenblick der Erfuͤllung ihres boͤſen Verhaͤngniſſes war gekommen. — Ein kleines ſpitzes Meſſer, das ich ſchon von Jugend auf bei mir trug, und mit dem ich geſchickt in Holz zu ſchneiden wußte, verbarg ich in meiner Kutte, und ſo zum Morde entſchloſſen, ging ich zu ihr. „ Ich glaube, fing ſie an: wir haben beide geſtern ſchwere aͤngſtliche Traͤume gehabt, es kam viel von Abgruͤnden darinn vor, doch das iſt nun vorbei! “— Sie gab ſich darauf, wie gewoͤhnlich meinen frevelnden Liebkoſun¬ gen hin, ich war erfuͤllt von entſetzlichem teufliſchen Hohn, indem ich nur die Luſt empfand, die mir der Mißbrauch ihrer eig¬ nen Schaͤndlichkeit erregte. Als ſie in mei¬ nen Armen lag, entfiel mir das Meſſer, ſie ſchauerte zuſammen, wie von Todesangſt er¬ griffen, ich hob das Meſſer raſch auf, den Mord noch verſchiebend, der mir ſelbſt an¬ dere Waffen in die Haͤnde gab. — Euphemie180 hatte italiaͤniſchen Wein und eingemachte Fruͤchte auf den Tiſch ſtellen laſſen. — Wie ſo ganz plump und verbraucht, dachte ich, verwechſelte geſchickt die Glaͤſer, und genoß nur ſcheinbar die mir dargebotenen Fruͤchte, die ich in meinen weiten Ermel fallen ließ. Ich hatte zwei, drei Glaͤſer von dem Wein, aber aus dem Glaſe, das Euphemie fuͤr ſich hingeſtellt, getrunken, als ſie vorgab, Ge¬ raͤuſch im Schloſſe zu hoͤren, und mich bat ſie ſchnell zu verlaſſen. — Nach ihrer Ab¬ ſicht ſollte ich auf meinem Zimmer enden? Ich ſchlich durch die langen ſchwach erhell¬ ten Corridore, ich kam bei Aureliens Zim¬ mer voruͤber, wie feſtgebannt blieb ich ſte¬ hen. — Ich ſah ſie, es war als ſchwebe ſie daher, mich voll Liebe anblickend, wie in jener Viſion, und mir winkend, daß ich ihr folgen ſollte. — Die Thuͤre wich durch den Druck meiner Hand, ich ſtand im Zimmer, nur an¬ gelehnt war die Thuͤre des Kabinets, eine ſchwuͤle Luft wallte mir entgegen, meine Lie¬181 besgluth ſtaͤrker entzuͤndend, mich betaͤubend; kaum konnte ich athmen. — Aus dem Kabi¬ nett quollen die tiefen angſtvollen Seufzer der vielleicht von Verrath und Mord Traͤu¬ menden, ich hoͤrte ſie im Schlafe beten! — „ Zur That, zur That, was zauderſt Du, der Augenblick entflieht, “ſo trieb mich die unbe¬ kannte Macht in meinem Innern. — Schon hatte ich einen Schritt ins Kabinett gethan, da ſchrie es hinter mir: „ Verruchter, Mord¬ bruder! nun gehoͤrſt Du mein! “und ich fuͤhlte mich mit Rieſenkraft von hinten feſtgepackt. — Es war Hermogen, ich wand mich, alle meine Staͤrke aufbietend, endlich von ihm los und wollte mich fortdraͤngen, aber von neu¬ em packte er mich hinterwaͤrts und zerfleiſch¬ te meinen Nacken mit wuͤthenden Biſſen! — Vergebens rang ich, unſinnig vor Schmerz und Wuth, lange mit ihm, endlich zwang ihn ein kraͤftiger Stoß, von mir abzulaſſen, und als er von neuem uͤber mich herfiel, da zog ich mein Meſſer; zwei Stiche, und er ſank182 roͤchelnd zu Boden, daß es dumpf im Corri¬ dor wiederhallte. — Bis heraus aus dem Zimmer hatten wir uns gedraͤngt im Kam¬ pfe der Verzweiflung. —
So wie Hermogen gefallen, rannte ich in wilder Wuth die Treppe herab, da riefen gellende Stimmen durch das ganze Schloß: Mord! Mord! — Lichter ſchweiften hin und und her, und die Tritte der Herbeieilenden ſchallten durch die langen Gaͤnge, die Angſt verwirrte mich, ich war auf entlegene Sei¬ tentreppen gerathen. — Immer lauter, im¬ mer heller wurde es im Schloſſe, immer naͤ¬ her und naͤher erſcholl es graͤßlich: Mord, Mord! Ich unterſchied die Stimme des Ba¬ rons und Reinholds, welche heftig mit den Bedienten ſprachen. — Wohin fliehen, wo¬ hin mich verbergen? — Noch vor wenig Au¬ genblicken, als ich Euphemien mit demſelben Meſſer ermorden wollte, mit dem ich den wahnſinnigen Hermogen toͤdtete, war es mir, als koͤnne ich, mit dem blutigen Mordinſtru¬183 ment in der Hand, vertrauend auf meine Macht, keck hinaustreten, da keiner, von ſcheu¬ er Furcht ergriffen, es wagen wuͤrde, mich aufzuhalten; jetzt war ich ſelbſt von toͤdtli¬ cher Angſt befangen. Endlich, endlich war ich auf der Haupttreppe, der Tumult hatte ſich nach den Zimmern der Baroneſſe gezo¬ gen, es wurde ruhiger, in drei gewaltigen Spruͤngen war ich hinab, nur noch wenige Schritte vom Portal entfernt. Da gellte ein durchdringender Schrei durch die Gaͤnge, dem aͤhnlich, den ich in voriger Nacht ge¬ hoͤrt. — Sie iſt todt, gemordet durch das Gift, das ſie mir bereitet, ſprach ich dumpf in mich hinein. Aber nun ſtroͤmte es wieder hell aus Euphemiens Zimmern. Aurelie, ſchrie angſtvoll um Huͤlfe. Aufs neue erſcholl es graͤßlich: Mord, Mord! — Sie brachten Hermogens Leichnam! — „ Eilt nach dem Moͤrder, “hoͤrt ich Reinhold rufen. Da lachte ich grimmig auf, daß es durch den Saal, durch die Gaͤnge droͤhnte, und rief mit ſchreck¬184 licher Stimme: „ Wahnwitzige, wollt ihr das Verhaͤngniß fahen, das die frevelnden Suͤn¬ der gerichtet? “— Sie horchten auf, der Zug blieb wie feſt gebannt, auf der Treppe ſte¬ hen. — Nicht fliehen wollt 'ich mehr, — ja ihnen entgegen ſchreiten, die Rache Gottes an den Frevlern in donnernden Worten ver¬ kuͤndend. Aber — des graͤßlichen Anblicks! — vor mir! — vor mir, ſtand Viktorins blu¬ tige Geſtalt, nicht ich, er hatte die Worte geſprochen. — Das Entſetzen ſtraͤubte mein Haar, ich ſtuͤrzte in wahnſinniger Angſt her¬ aus, durch den Park! — Bald war ich im Freien, da hoͤrte ich Pferdegetrappel hinter mir, und indem ich meine letzte Kraft zu¬ ſammennahm, um der Verfolgung zu entge¬ hen, fiel ich uͤber eine Baumwurzel ſtrau¬ chelnd zu Boden. Bald ſtanden die Pferde bei mir. Es war Viktorins Jaͤger. „ Um Jeſuswillen, gnaͤdiger Herr, fing er an: was iſt im Schloſſe vorgefallen, man ſchreit Mord! Schon iſt das Dorf im Aufruhr. — Nun,185 was es auch ſeyn mag, ein guter Geiſt hat es mir eingegeben aufzupacken, und aus dem Staͤdtchen hieher zu reiten; es iſt alles im Felleiſen auf Ihrem Pferde, gnaͤdiger Herr, denn wir werden uns doch wohl trennen muͤſſen vor der Hand, es iſt gewiß recht was gefaͤhrliches geſchehen, nicht wahr? “— Ich raffte mich auf, und mich aufs Pferd ſchwin¬ gend, bedeutete ich den Jaͤger in das Staͤdt¬ chen zuruͤckzureiten, und dort meine Befehle zu erwarten. Sobald er ſich in der Finſter¬ niß entfernt hatte, ſtieg ich wieder vom Pferde und leitete es behutſam in den dicken Tan¬ nenwald hinein, der ſich vor mir ausbreitete.
Die Abentheuer der Reiſe.
Als die erſten Strahlen der Sonne durch den finſtern Tannenwald brachen, befand ich mich an einem friſch und hell uͤber glatte Kieſelſteine dahin ſtroͤmenden Bach. Das Pferd, welches ich muͤhſam durch das Dickigt geleitet, ſtand ruhig neben mir, und ich hatte nichts angelegentlicheres zu thun, als das Felleiſen, womit es bepackt war, zu unter¬ ſuchen. — Waͤſche, Kleidungsſtuͤcke, ein mit Gold wohl gefuͤllter Beutel, fielen mir in die Haͤnde. — Ich beſchloß, mich ſogleich umzu¬ kleiden; mit Huͤlfe der kleinen Scheere und187 des Kamms, den ich in einem Beſteck gefun¬ den, verſchnitt ich den Bart, und brachte die Haare, ſo gut es gehen wollte, in Ordnung. Ich warf die Kutte ab, in welcher ich noch das kleine verhaͤngnißvolle Meſſer, Viktorins Portefeuille, ſo wie die Korbflaſche mit dem Reſt des Teufels-Elixiers vorfand, und bald ſtand ich da, in weltlicher Kleidung mit der Reiſemuͤtze auf dem Kopf, ſo daß ich mich ſelbſt, als mir der Bach mein Bild herauf¬ ſpiegelte, kaum wieder erkannte. Bald war ich am Ausgange des Waldes, und der in der Ferne aufſteigende Dampf, ſo wie das helle Glockengelaͤute, das zu mir heruͤbertoͤnte, ließen mich ein Dorf in der Naͤhe vermu¬ then. Kaum hatte ich die Anhoͤhe vor mir erreicht, als ein freundliches ſchoͤnes Thal ſich oͤffnete, in dem ein großes Dorf lag. Ich ſchlug den breiten Weg ein, der ſich hinabſchlaͤngelte, und ſobald der Ab¬ hang weniger ſteil wurde, ſchwang ich mich aufs Pferd, um ſo viel moͤglich mich an das188 mir ganz fremde Reiten zu gewoͤhnen. — Die Kutte hatte ich in einen hohlen Baum verborgen, und mit ihr all' die feindſeeligen Erſcheinungen auf dem Schloſſe in dem fin¬ ſtern Wald gebannt; denn ich fuͤhlte mich froh und muthig, und es war mir, als habe nur meine uͤberreizte Fantaſie mir Viktorins blutige graͤßliche Geſtalt gezeigt, und als waͤren die letzten Worte, die ich den mich verfolgenden entgegen rief, wie in hoher Be¬ geiſterung, unbewußt, aus meinem Innern hervorgegangen, und haͤtten die wahre ge¬ heime Beziehung des Zufalls, der mich auf das Schloß brachte, und das was ich dort begann, herbeifuͤhrte, deutlich ausgeſprochen. — Wie das waltende Verhaͤngniß ſelbſt trat ich ein, den boshaften Frevel ſtrafend, und den Suͤnder in dem ihm bereiteten Unter¬ gange entſuͤndigend. Nur Aureliens holdes Bild lebte noch wie ſonſt in mir, und ich konnte nicht an ſie denken, ohne meine Bruſt beengt, ja phyſiſch einen nagenden Schmerz189 in meinem Innern zu fuͤhlen. — Doch war es mir, als muͤſſe ich ſie vielleicht in fernen Landen wieder ſehen, ja, als muͤſſe ſie, wie von unwiderſtehlichem Drange hingeriſſen, von unaufloͤslichen Banden an mich gekettet, mein werden. —
Ich bemerkte, daß die Leute, welche mir begegneten, ſtill ſtanden und mir verwun¬ dert nachſahen, ja daß der Wirth im Dorfe vor Erſtaunen uͤber meinen Anblick kaum Worte finden konnte, welches mich nicht we¬ nig aͤngſtigte. Waͤhrend, daß ich mein Fruͤh¬ ſtuͤck verzehrte, und mein Pferd gefuͤttert wurde, verſammelten ſich mehrere Bauern in der Wirthsſtube, die, mit ſcheuen Blicken mich anſchielend, mit einander fluͤſterten. — Immer mehr draͤngte ſich das Volk zu, und, mich dicht umringend, gafften ſie mich an mit dummen Erſtaunen. Ich bemuͤhte mich, ruhig und unbefangen zu bleiben, und rief mit lauter Stimme den Wirth, dem ich be¬ fahl mein Pferd ſatteln, und das Felleiſen190 aufpacken zu laſſen. Er ging, zweideutig laͤ¬ chelnd hinaus, und kam bald darauf mit ei¬ nem langen Mann zuruͤck, der mit finſtrer Amtsmiene und komiſcher Gravitaͤt auf mich zuſchritt. Er faßte mich ſcharf ins Auge, ich erwiederte den Blick, indem ich aufſtand und mich dicht vor ihn ſtellte. Das ſchien ihn etwas außer Faſſung zu ſetzen, indem er ſich ſcheu nach den verſammelten Bauern umſah. „ Nun was iſt es, rief ich: ihr ſcheint, mir etwas ſagen zu wollen. “ Da raͤu¬ ſperte ſich der ernſthafte Mann, und ſprach, indem er ſich bemuͤhte, in den Ton ſeiner Stimme recht viel gewichtiges zu legen: „ Herr! Ihr kommt nicht eher von hinnen, bis Ihr Uns, dem Richter hier am Orte, um¬ ſtaͤndlich geſagt, wer Ihr ſeid, mit allen Qua¬ litaͤten, was Geburt, Stand und Wuͤrde an¬ belangt, auch woher Ihr gekommen; und wo¬ hin Ihr zu reiſen gedenkt, nach allen Quali¬ taͤten, der Lage des Orts, des Namens, Pro¬ vinz und Stadt, und was weiter zu bemer¬191 ken, und uͤber das Alles muͤßt ihr Uns, dem Richter, einen Paß vorzeigen, geſchrieben und unterſchrieben, unterſiegelt nach allen Quali¬ taͤten, wie es recht iſt und gebraͤuchlich! “— Ich hatte noch gar nicht daran gedacht, daß es noͤthig ſey, irgend einen Namen anzuneh¬ men, und noch weniger war mir eingefallen, daß das Sonderbare, Fremde meines Aeu¬ ßern — welches durch die Kleidung, der ſich mein moͤnchiſcher Anſtand nicht fuͤgen wollte, ſo wie durch die Spuren des uͤbelverſchnit¬ tenen Bartes erzeugt wurde — mich jeden Au¬ genblick in die Verlegenheit ſetzen wuͤrde, uͤber meine Perſon ausgeforſcht zu werden. Die Frage des Dorfrichters kam mir daher ſo unerwartet, daß ich vergebens ſann, ihm irgend eine befriedigende Antwort zu geben. Ich entſchloß mich zu verſuchen, was ent¬ ſchiedene Kekheit bewirken wuͤrde, und ſagte mit feſter Stimme: „ wer ich bin, habe ich Urſache zu verſchweigen, und deshalb trach¬ tet Ihr vergeblich meinen Paß zu ſehen, uͤbri¬192 gens huͤtet Euch, eine Perſon von Stande, mit Eueren laͤppiſchen Weitlaͤuftigkeiten, nur einen Augenblick aufzuhalten. “ „ Hoho! rief der Dorfrichter, indem er eine große Doſe hervorzog, in die, als er ſchnupfte, fuͤnf Haͤnde der hinter ihm ſtehenden Gerichts¬ ſchoͤppen hineingriffen, gewaltige Priſen her¬ ausholend: hoho, nur nicht ſo barſch, gnaͤdig¬ ſter Herr! — Ihre Excellenz wird ſich ge¬ fallen laſſen muͤſſen, Uns dem Richter Rede zu ſtehen, und den Paß zu zeigen, denn, nun gerade herausgeſagt, hier im Gebuͤrge giebt es ſeit einiger Zeit allerlei verdaͤchtige Ge¬ ſtalten, die dann und wann aus dem Walde kucken, und wieder verſchwinden, wie der Gott ſey bei uns ſelbſt, aber es iſt verfluch¬ tes Diebs - und Raubgeſindel, die den Rei¬ ſenden auflauern und allerlei Schaden an¬ richten durch Mord und Brand, und Ihr, mein gnaͤdigſter Herr, ſeht in der That ſo abſonderlich aus, daß Ihr ganz dem Bilde aͤhnlich ſeyd, daß die hochloͤbliche Landesre¬gie¬193gierung von einem großen Raͤuber, und Hauptſpitzbuben geſchrieben und beſchrieben, nach allen Qualitaͤten an uns den Richter geſchickt hat. Alſo nur ohne alle weitere Umſtaͤnde und ceremoniſche Worte, den Paß oder in den Thurm! “— Ich ſah, daß mit dem Mann ſo nichts auszurichten war, ich ſchickte mich daher an, zu einem andern Ver¬ ſuch. „ Geſtrenger Herr Richter, ſprach ich, wenn Ihr mir die Gnade erzeigen wolltet, daß ich mit Euch allein ſprechen duͤrfte, ſo wollte ich alle Eure Zweifel leicht aufklaͤren, und im Vertrauen auf Eure Klugheit Euch das Geheimniß offenbaren, das mich in dem Aufzuge, der Euch ſo auffallend duͤnkt, her¬ fuͤhrt. “ „ Ha ha! Geheimniſſe offenbaren, ſprach der Richter: ich merke ſchon, was das ſeyn wird; nun geht nur hinaus, ihr Leute, bewacht die Thuͤre und die Fenſter, und laßt Niemanden hinein und heraus! “— Als wir allein waren, fing ich an: „ Ihr ſeht in mir, Herr Richter, einen ungluͤcklichen Fluͤchtling,I. [13] 194dem es endlich durch ſeine Freunde gluͤckte, einem ſchmachvollen Gefaͤngniß, und der Ge¬ fahr, auf ewig ins Kloſter geſperrt zu wer¬ den, zu entgehen. Erlaßt mir die naͤheren Umſtaͤnde meiner Geſchichte, die das Gewebe von Raͤnken und Bosheiten einer rachſuͤchti¬ gen Familie iſt. Die Liebe zu einem Maͤd¬ chen niedern Standes, war die Urſache mei¬ ner Leiden. In dem langen Gefaͤngniß war mir der Bart gewachſen, und man hatte mir ſchon die Tonſur geben laſſen, wie Ihrs be¬ merken koͤnnet, ſo wie ich auch in dem Gefaͤng¬ niſſe, in dem ich ſchmachtete, in eine Moͤnchs¬ kutte gekleidet gehen mußte. Erſt nach mei¬ ner Flucht, hier im Walde, durfte ich mich umkleiden, weil man mich ſonſt ereilt haben wuͤrde. Ihr merkt nun ſelbſt, woher das Auffallende in meinem Aeußern ruͤhrt, das mich bei Euch in ſolch boͤſen Verdacht ge¬ ſetzt hat. Einen Paß kann ich Euch, wie Ihr ſeht, nun nicht vorzeigen, aber fuͤr die Wahrheit meiner Behauptungen, habe ich195 gewiſſe Gruͤnde, die Ihr wohl fuͤr richtig anerkennen werdet. “— Mit dieſen Worten zog ich den Geldbeutel hervor, legte drei blanke Dukaten auf den Tiſch, und der gravitaͤtiſche Ernſt des Herrn Richters ver¬ zog ſich zum ſchmunzelnden Laͤcheln. „ Eure Gruͤnde, mein Herr, ſagte er, ſind gewiß einleuchtend genug, aber nehmt es nicht uͤbel, mein Herr! es fehlt ihnen noch eine gewiſſe uͤberzeugende Gleichheit nach allen Qualitaͤ¬ ten! Wenn Ihr wollt, daß ich das ungerade fuͤr gerade nehmen ſoll, ſo muͤſſen Eure Gruͤnde auch ſo beſchaffen ſeyn. “— Ich ver¬ ſtand den Schelm, und legte noch einen Du¬ katen hinzu. „ Nun ſehe ich, ſprach der Rich¬ ter, daß ich Euch mit meinem Verdacht Un¬ recht gethan habe; reiſet nur weiter, aber ſchlagt, wie Ihr es wohl gewohnt ſeyn moͤ¬ get, huͤbſch die Nebenwege ein, haltet Euch von der Heerſtraße ab, bis ihr Euch des verdaͤchtigen Aeußern ganz entledigt. “— Er oͤffnete die Thuͤre nun weit, und rief laut,196 der verſammelten Menge entgegen: „ der Herr da drinnen iſt ein vornehmer Herr, nach al¬ len Qualitaͤten, er hat ſich Uns, dem Richter, in einer geheimen Audienz entdeckt, er reiſet Inkognito, das heißt, unbekannterweiſe, und daß Ihr alle davon nichts zu wiſſen und zu vernehmen braucht, ihr Schlingel! — Nun, gluͤckliche Reiſe, gnaͤd'ger Herr! “ Die Bauern zogen, ehrfurchtsvoll ſchweigend, die Muͤtzen ab, als ich mich auf das Pferd ſchwang. Raſch wollte ich durch das Thor ſprengen, aber das Pferd fing an ſich zu baͤumen, mei¬ ne Unwiſſenheit, meine Ungeſchicklichkeit im Reiten verſagte mir jedes Mittel, es von der Stelle zu bringen, im Kreiſe drehte es ſich mit mir herum, und warf mich endlich, unter dem ſchallenden Gelaͤchter der Bauern, dem herbeieilenden Richter und dem Wirthe in die Arme. „ Das iſt ein boͤſes Pferd, “ſagte der Richter mit unterdruͤcktem Lachen. — „ Ein boͤſes Pferd! “wiederholte ich, mir den Staub abklopfend. Sie halfen mir wieder herauf,197 aber von neuem baͤumte ſich ſchnaubend und pruhſtend das Pferd, durchaus war es nicht durch das Thor zu bringen. Da rief ein alter Bauer: „ Ey ſeht doch, da ſitzt ja das Zeterweib, die alte Lieſe, an dem Thor und laͤßt den gnaͤdigen Herrn nicht fort, aus Scha¬ bernak, weil er ihr keinen Groſchen gege¬ ben. “— Nun erſt fiel mir ein altes zerlump¬ tes Bettelweib ins Auge, die dicht am Thor¬ wege niedergekauert ſaß und mich mit wahn¬ ſinnigen Blicken anlachte. „ Will die Zeter¬ hexe gleich aus dem Weg! “ſchrie der Rich¬ ter, aber die Alte kreiſchte: „ der Blutbruder hat mir keinen Groſchen gegeben, ſeht ihr nicht den todten Menſchen vor mir liegen? uͤber den kann der Blutbruder nicht wegſprin¬ gen, der todte Menſch richtet ſich auf, aber ich druͤcke ihn nieder, wenn mir der Blut¬ bruder einen Groſchen giebt. “ Der Richter hatte das Pferd bei dem Zuͤgel ergriffen und wollte es, ohne auf das wahnwitzige Ge¬ ſchrei der Alten zu achten, durch das Thor198 ziehen, vergeblich war indeſſen alle Anſtren¬ gung, und die Alte ſchrie graͤßlich dazwiſchen. „ Blutbruder, Blutbruder, gieb mir Groſchen, gieb mir Groſchen! “ Da griff ich in die Ta¬ ſche und warf ihr Geld in den Schooß, und jubelnd und jauchzend ſprang die Alte auf in die Luͤfte, und ſchrie: „ ſeht die ſchoͤnen Gro¬ ſchen, die mir der Blutbruder gegeben, ſeht die ſchoͤnen Groſchen! “ Aber mein Pferd wie¬ herte laut, und kourbettirte, von dem Richter losgelaſſen, durch das Thor. „ Nun geht es gar ſchoͤn und herrlich mit dem Reiten, gnaͤ¬ diger Herr, nach allen Qualitaͤten “ſagte der Richter, und die Bauern, die mir bis vor's Thor nachgelaufen, lachten noch einmahl uͤber die Maaßen, als ſie mich unter den Spruͤn¬ gen des muntern Pferdes, ſo auf und nieder fliegen ſahen, und riefen: „ ſeht doch, ſeht doch, der reitet wie ein Capuziner! “—
Der ganze Vorfall im Dorfe, vorzuͤglich die verhaͤngnißvollen Worte des wahnſinni¬ gen Weibes, hatten mich nicht wenig aufge¬199 regt. Die vornehmſten Maaßregeln, die ich jetzt zu ergreifen hatte, ſchienen mir, bei der er ſten Gelegenheit alles Auffallende aus meinem Aeußern zu verbannen, und mir irgend einen Namen zu geben, mit dem ich mich ganz un¬ bemerkt in die Maſſe der Menſchen eindraͤn¬ gen koͤnne. — Das Leben lag vor mir, wie ein finſtres undurchſchauliches Verhaͤngniß, was konnte ich anders thun, als mich in meiner Verbannung ganz den Wellen des Stroms uͤberlaſſen, der mich unaufhaltſam dahin riß. Alle Faden, die mich ſonſt an beſtimmte Lebensverhaͤltniſſe banden, waren zerſchnitten, und daher kein Halt fuͤr mich zu finden. Immer lebendiger und lebendiger wurde die Heerſtraße, und Alles kuͤndigte ſchon in der Ferne, die reiche lebhafte Han¬ delsſtadt an, der ich mich jetzt naͤherte. In wenigen Tagen lag ſie mir vor Augen; ohne gefragt, ja ohne einmal eben genau betrach¬ tet zu werden, ritt ich in die Vorſtadt hin¬ ein. Ein großes Haus mit hellen Spiegel¬200 fenſtern uͤber deſſen Thuͤre ein goldner ge¬ fluͤgelter Loͤwe prangte, fiel mir in die Au¬ gen. Eine Menge Menſchen wogte hinein und hinaus, Wagen kamen und fuhren ab, aus den untern Zimmern ſchallte mir Gelaͤch¬ ter und Glaͤſerklang entgegen. Kaum hielt ich an der Thuͤre, als geſchaͤfftig der Haus¬ knecht herbeiſprang, mein Pferd bei dem Zuͤ¬ gel ergriff, und es, als ich abgeſtiegen, hin¬ einfuͤhrte. Der zierlich gekleidete Kellner kam mit dem klappernden Schluͤſſelbunde, und ſchritt mir voran die Treppe herauf; als wir uns im zweiten Stock befanden, ſah er mich noch einmal fluͤchtig an, und fuͤhrte mich dann noch eine Treppe hoͤher, wo er mir ein maͤ¬ ßiges Zimmer oͤffnete, und mich dann hoͤflich frug, was ich vor der Hand befuͤhle, um zwei Uhr wuͤrde geſpeiſet im Saal No. 10. erſter Stock u. ſ. w. „ Bringen Sie mir eine Flaſche Wein! “ Das war in der That das erſte Wort, das ich der dienſtfertigen Ge¬ ſchaͤfftigkeit dieſer Leute einſchieben konnte.
201Kaum war ich allein, als es klopfte, und ein Geſicht zur Thuͤre hereinſah, das einer komiſchen Maske glich, wie ich ſie wohl ehe¬ mahls geſehen. Eine ſpitze rothe Naſe, ein paar kleine funkelnde Augen, ein langes Kinn und dazu ein aufgethuͤrmtes gepudertes Tup¬ pee, das, wie ich nachher wahrnahm, ganz unvermutheter Weiſe hinten in einen Titus ausging, ein großes Jabbot, ein brennend rothes Gillet, unter dem zwei ſtarke Uhrket¬ ten hervorhingen, Pantalons, ein Frack, der manchmahl zu enge, dann aber auch wieder zu weit war, kurz mit Conſequenz uͤberall nicht paßte! — So ſchritt die Figur, in der Kruͤmmung des Buͤcklings, der in der Thuͤre begonnen, herein, Hut, Scheere und Kamm in der Hand, ſprechend: „ Ich bin der Friſeur des Hauſes, und biete meine Dienſte, meine unmaßgeblichen Dienſte gehorſamſt an. “— Die kleine windduͤrre Figur hatte ſo etwas poſſierliches, daß ich das Lachen kaum unterdruͤcken konnte. Doch war mir202 der Mann willkommen, und ich ſtand nicht an, ihn zu fragen, ob er ſich getraue, meine durch die lange Reiſe, und noch dazu durch uͤbles Verſchneiden ganz in Verwirrung ge¬ rathene Haare in Ordnung zu bringen! Er ſah meinen Kopf mit kunſtrichterlichen Augen an, und ſprach, indem er die rechte Hand, grazioͤs gekruͤmmt, mit ausgeſpreitzten Fin¬ gern auf die rechte Bruſt legte. „ In Ord¬ nung bringen? — O Gott! Pietro Belcampo, Du, den die ſchnoͤden Neider ſchlechtweg Pe¬ ter Schoͤnfeld nennen, wie den goͤttlichen Regimentspfeifer und Horniſten Giacomo Punto, Jakob Stich, Du wirſt verkannt. Aber ſtellſt Du nicht ſelbſt Dein Licht unter den Scheffel, ſtatt es leuchten zu laſſen vor der Welt? Sollte der Bau dieſer Hand, ſollte der Funke des Genies, der aus dieſem Auge ſtrahlt, und wie ein lieblich Morgenroth die Naſe faͤrbt im Vorbeiſtreifen, ſollte Dein gan¬ zes Weſen nicht dem erſten Blick des Ken¬ ners verrathen, daß der Geiſt Dir einwohnt,203 der nach dem Ideal ſtrebt? — In Ordnung bringen! — ein kaltes Wort mein Herr! “—
Ich bat den wunderlichen kleinen Mann, ſich nicht ſo zu ereifern, indem ich ſeiner Geſchicklichkeit alles zutraue. „ Geſchicklich¬ keit? fuhr er in ſeinem Eifer fort, was iſt Geſchicklichkeit? — Wer war geſchickt? — Je¬ ner der das Maaß nahm, nach fuͤnf Augen¬ laͤngen und dann ſpringend dreißig Ellen weit in den Graben ſtuͤrzte? — Jener der ein Lin¬ ſenkorn auf zwanzig Schritte weit durch ein Naͤhnadeloͤhr ſchleuderte? — Jener der fuͤnf Centner an den Degen hing, und ſo ihn an der Naſenſpitze balanzirte ſechs Stunden, ſechs Minuten, ſechs Sekunden und einen Au¬ genblick? — Ha was iſt Geſchicklichkeit! Sie iſt fremd dem Pietro Belcampo, den die Kunſt die heilige durchdringt. — Die Kunſt, mein Herr, die Kunſt! — Meine Fantaſie irrt in dem wunderbaren Lockenbau, in dem kuͤnſtli¬ chen Gefuͤge, das der Zephirhauch in Wellen¬ zirkeln baut und zerſtoͤrt. — Da ſchafft ſie204 und wirkt und arbeitet. — Ha es iſt was goͤttliches um die Kunſt, denn die Kunſt, mein Herr, iſt eigentlich nicht ſowohl die Kunſt von der man ſo viel ſpricht, ſondern ſie ent¬ ſteht vielmehr erſt aus dem Allen, was man die Kunſt heißt! — Sie verſtehen mich, mein Herr, denn Sie ſcheinen mir ein denkender Kopf, wie ich aus dem Loͤckchen ſchließe, das ſich rechter Hand uͤber Dero verehrte Stirn gelegt. “— Ich verſicherte, daß ich ihn voll¬ kommen verſtaͤnde, und indem mich die ganz originelle Narrheit des Kleinen hoͤchlich er¬ goͤtzte, beſchloß ich, ſeine geruͤhmte Kunſt in Anſpruch nehmend, ſeinen Eifer, ſeinen Pa¬ thos nicht im mindeſten zu unterbrechen. „ Was gedenken Sie denn, ſagte ich, aus meinen verworrenen Haaren herauszubrin¬ gen? “— „ Alles was Sie wollen, erwiederte der Kleine: ſoll Pietro Belcampo des Kuͤnſt¬ lers Rath aber etwas vermoͤgen, ſo laſſen Sie mich erſt in den gehoͤrigen Weiten, Brei¬ ten und Laͤngen, Ihr werthes Haupt, Ihre205 ganze Geſtalt, Ihren Gang, Ihre Mienen, Ihr Gebehrdenſpiel betrachten, dann werde ich ſagen, ob Sie ſich mehr zum antiken oder zum romantiſchen, zum heroiſchen, großen, erhabenen, zum naiven, zum idylliſchen, zum ſpoͤttiſchen, zum humoriſtiſchen hinnei¬ gen; dann werde ich die Geiſter des Cara¬ calla, des Titus, Carls des Großen, Heinrich des Vierten, Guſtav Adolphs, oder Virgils, Taßo's, Boccaccio's, heraufbeſchwoͤren. — Von ihnen beſeelt zucken die Muskeln mei¬ ner Finger, und unter der ſonoren zwitſchern¬ den Scheere geht das Meiſterſtuͤck hervor. Ich werde es ſeyn, mein Herr, der Ihre Cha¬ rakteriſtik, wie ſie ſich ausſprechen ſoll im Leben, vollendet. Aber jetzt bitte ich, die Stube einigemal auf und abzuſchreiten, ich will beobachten, bemerken, anſchauen, ich bitte! “
Dem wunderlichen Mann mußte ich mich wohl fuͤgen, ich ſchritt daher, wie er gewollt, die Stube auf und ab, indem ich mir alle206 Muͤhe gab, den gewiſſen moͤnchiſchen An¬ ſtand, den keiner ganz abzulegen vermag, iſt es auch noch ſo lange her, daß er das Klo¬ ſter verlaſſen, zu verbergen. Der Kleine betrachtete mich aufmerkſam, dann aber fing er an, um mich her zu trippeln, er ſeufzte und aͤchzte, er zog ſein Schnupftuch hervor und wiſchte ſich die Schweißtropfen von der Stirne. Endlich ſtand er ſtill, und ich frug ihn, ob er nun mit ſich einig worden, wie er mein Haar behandeln muͤſſe. Da ſeufzte er und ſprach: „ Ach, mein Herr! was iſt denn das? — Sie haben ſich nicht Ihrem na¬ tuͤrlichen Weſen uͤberlaſſen, es war ein Zwang in dieſer Bewegung, ein Kampf ſtreitender Na¬ turen. Noch ein paar Schritte, mein Herr! “— Ich ſchlug es ihm rund ab, mich noch einmal zur Schau zu ſtellen, indem ich er¬ klaͤrte, daß wenn er nun ſich nicht entſchlie¬ ßen koͤnne, mein Haar zu verſchneiden, ich darauf verzichten muͤſſe, ſeine Kunſt in An¬ ſpruch zu nehmen. „ Begrabe Dich, Pietro,207 rief der Kleine in vollem Eifer: denn Du wirſt verkannt in dieſer Welt, wo keine Treue, keine Aufrichtigkeit mehr zu finden. Aber Sie ſollen doch meinen Blick, der in die Tiefe ſchaut bewundern, ja den Genius in mir verehren, mein Herr! Vergebens ſuchte ich lange all das Widerſprechende, was in Ihrem ganzen Weſen, in Ihren Bewegun¬ gen liegt, zuſammen zu fuͤgen. Es liegt in ihrem Gange etwas, das auf einen Geiſtli¬ chen hindeutet. Ex protundis clamavi ad te Domine — Oremus — Et in omnia sae¬ cula saeculorum Amen! “— Dieſe Worte ſang der Kleine mit heiſ'rer quaͤckender Stimme, indem er mit treuſter Wahrheit, Stellung und Gebehrde der Moͤnche nachahmte. Er drehte ſich wie vor dem Altar, er kniete und ſtand wieder auf, aber nun nahm er einen ſtolzen trotzigen Anſtand an, er runzelte die Stirn, er riß die Augen auf und ſprach: „ mein iſt die Welt! — Ich bin reicher, kluͤ¬ ger, verſtaͤndiger, als ihr Alle, ihr Maul¬208 wuͤrfe; beugt Euch vor mir! Sehen Sie, mein Herr, ſagte der Kleine, das ſind die Hauptingredienzien Ihres aͤußern Anſtandes, und wenn Sie es wuͤnſchen, ſo will ich, Ihre Zuͤge, Ihre Geſtalt, Ihre Sinnesart beach¬ tend, etwas Caracalla, Abaͤlard und Boccaz zuſammengießen, und ſo in der Gluth, Form und Geſtalt bildend, den wunderbaren antik¬ romantiſchen Bau aͤtheriſcher Locken und Loͤck¬ chen beginnen. “— Es lag ſo viel wahres in der Bemerkung des Kleinen, daß ich es fuͤr gerathen hielt, ihm zu geſtehen, wie ich in der That geiſtlich geweſen, und ſchon die Tonſur erhalten, die ich jetzt ſo viel moͤglich zu verſtecken wuͤnſche.
Unter ſeltſamen Spruͤngen, Grimaſſen und wunderlichen Reden, bearbeitete der Kleine mein Haar. Bald ſah er finſter und muͤrriſch aus, bald laͤchelte er, bald ſtand er in athletiſcher Stellung, bald erhob er ſich auf den Fußſpitzen, kurz es war mir kaum moͤglich, nicht noch mehr zu lachen,als209als ſchon wider meinen Willen geſchah. — Endlich war er fertig, und ich bat ihn, noch ehe er in die Worte ausbrechen konnte, die ihm ſchon auf der[Zunge] ſchwebten, mir je¬ manden heraufzuſchicken, der ſich, eben ſo wie Er des Haupthaars, meines verwirrten Barts annehmen koͤnnte. Da laͤchelte er ganz ſeltſam, ſchlich auf den Zehen zur Stu¬ benthuͤre und verſchloß ſie. Dann trippelte er leiſe bis mitten ins Zimmer, und ſprach: „ goldene Zeit, als noch Bart und Haupthaar in Einer Lockenfuͤlle ſich zum Schmuck des Mannes ergoß, und die ſuͤße Sorge eines Kuͤnſtlers war. — Aber du biſt dahin! — der Mann hat ſeine ſchoͤnſte Zierde verworfen, und eine ſchaͤndliche Klaſſe hat ſich hingege¬ ben, den Bart mit entſetzlichen Inſtrumenten bis auf die Haut zu vertilgen. O, ihr ſchnoͤ¬ den ſchmaͤhlichen Bartkratzer und Bartputzer, wetzt nur Eure Meſſer auf ſchwarzen, mit uͤbelriechendem Oehl getraͤnkten Riemen zum Hohn der Kunſt, ſchwingt Eure betroddeltenI. [14] 210Beutel, klappert mit Euern Becken und ſchaumt die Seife, heißes, gefaͤhrliches Waſſer umherſpritzend, fragt im frechen Frevel Eu¬ ere Patienten, ob ſie uͤber den Daumen oder uͤber den Loͤffel raſirt ſeyn wollen. — Es giebt Pietro's die Euerm ſchnoͤden Gewerbe entgegenarbeiten und, ſich erniedrigend zu Eu¬ erm ſchmachvollen Treiben, die Baͤrte auszu¬ rotten, noch das zu retten ſuchen, was ſich uͤber die Wellen der Zeit erhebt. Was ſind die tauſendmahl variirten Backenbaͤrte in lieb¬ lichen Windungen und Kruͤmmungen, bald ſich ſanft ſchmiegend der Linie des ſanften Ovals, bald traurig niederſinkend in des Halſes Vertiefung, bald keck emporſtrebend uͤber die Mundwinkel heraus, bald beſchei¬ den ſich einengend in ſchmaler Linie, bald ſich[auseinanderbreitend] in kuͤhnem Locken¬ ſchwunge — was ſind ſie anders, als die Er¬ findung unſerer Kunſt, in der ſich das hohe Streben nach dem Schoͤnen, nach dem Hei¬ ligen entfaltet? Ha, Pietro! zeige, welcher211 Geiſt dir einwohnt, ja, was du fuͤr die Kunſt zu unternehmen bereit biſt, indem du herabſteigſt zum unleidlichen Geſchaͤfft der Bartkratzer. “— Unter dieſen Worten hatte der Kleine ein vollſtaͤndiges Barbierzeug hervorgezogen und fing an, mich mit leichter geuͤbter Hand von meinem Barte zu befreien. Wirklich ging ich aus ſeinen Haͤnden ganz anders geſtaltet hervor, und es bedurfte nur noch anderer, weniger ins Auge fallender Kleidungsſtuͤcke, um mich der Gefahr zu entziehen, wenig¬ ſtens durch mein Aeußeres eine mir gefaͤhr¬ liche Aufmerkſamkeit zu erregen. Der Kleine ſtand, in inniger Zufriedenheit mich anlaͤchelnd, da. Ich ſagte ihm, daß ich ganz unbekannt in der Stadt waͤre, und daß es mir ange¬ nehm ſeyn wuͤrde, mich bald nach der Sitte des Orts kleiden zu koͤnnen. Ich druͤckte ihm fuͤr ſeine Bemuͤhung, und um ihn auf¬ zumuntern, meinen Commiſſionair zu machen, einen Dukaten in die Hand. Er war wie verklaͤrt, er beaͤugelte den Dukaten in der212 flachen Hand. „ Wertheſter Goͤnner und Maͤzen, fing er an: ich habe mich nicht in Ihnen betrogen, der Geiſt leitete meine Hand, und im Adlerflug des Backenbarts ſind Ihre hohe Geſinnungen rein ausgeſprochen. Ich habe einen Freund, einen Damon, einen Oreſt, der das am Koͤrper vollendet, was ich am Haupt begonnen, mit demſelben tiefen Sinn, mit demſelben Genie. Sie merken, mein Herr, daß es ein Koſtumkuͤnſtler iſt, denn ſo nenne ich ihn, ſtatt des gewoͤhnlichen trivialen Ausdrucks Schneider. — Er ver¬ liert ſich gern in das Ideelle, und ſo hat er, Formen und Geſtalten in der Fantaſie bil¬ dend, ein Magazin der verſchiedenſten Klei¬ dungsſtuͤcke angelegt. Sie erblicken den mo¬ dernen Elegant in allen moͤglichen Nuͤancen, wie er, bald keck und kuͤhn alles uͤberleuch¬ tend, bald in ſich verſunken nichts beachtend, bald naiv taͤndelnd, bald ironiſch, witzig, uͤbellaunigt, ſchwermuͤthig, bizarr, ausgelaſ¬ ſen, zierlich, burſchikos erſcheinen will. Der213 Juͤngling, der ſich zum erſtenmal einen Rock machen laſſen, ohne einengenden Rath der Mama, oder des Hofmeiſters; der Vierziger, der ſich pudern muß, des weißen Haars wegen; der lebensluſtige Alte, der Gelehrte, wie er ſich in der Welt bewegt, der reiche Kaufmann, der wohlhabende Buͤrger: alles haͤngt in meines Damons Laden vor Ihren Augen; in wenigen Augenblicken ſollen ſich die Meiſterſtuͤcke meines Freundes Ihrem Blick entfalten. “— Er huͤpfte ſchnell von dannen, und erſchien bald mit einem großen, ſtarken, anſtaͤndig gekleideten Manne wieder, der ge¬ rade den Gegenſatz des Kleinen machte, ſo¬ wohl im Aeußern, als in ſeinem ganzen We¬ ſen, und den er mir doch eben als ſeinen Damon vorſtellte. — Damon maß mich mit den Augen, und ſuchte dann ſelbſt aus dem Paket, das ihm ein Burſche nachgetragen, Kleidungsſtuͤcke heraus, die den Wuͤnſchen, welche ich ihm eroͤffnet, ganz entſprachen. Ja erſt in der Folge habe ich den feinen214 Takt des Koſtuͤmkuͤnſtlers, wie ihn der Klei¬ ne prezioͤs nannte, eingeſehen, der in dem Sinn durchaus nicht aufzufallen, ſondern un¬ bemerkt und doch beim Bemerktwerden ge¬ achtet, ohne Neugierde uͤber Stand, Gewerbe u. ſ. w. zu erregen, zu wandeln, ſo richtig waͤhlte. Es iſt in der That ſchwer, ſich ſo zu kleiden, daß der gewiſſe allgemeinere Cha¬ rakter des Anzuges irgend eine Vermuthung, man treibe dies oder jenes Gewerbe, nicht aufkommen laͤßt, ja daß Niemand daran denkt, darauf zu ſinnen. Das Koſtuͤm des Welt¬ buͤrgers wird wohl nur durch das Negative bedingt, und laͤuft ungefaͤhr darauf hinaus, was man das gebildete Benehmen heißt, das auch mehr im Unterlaſſen, als im Thun liegt. — Der kleine ergoß ſich noch in al¬ lerlei ſonderbaren grotesken Redensarten, ja da ihm vielleicht wenige ſo williges Ohr verliehen als ich, ſchien er uͤbergluͤcklich ſein Licht recht leuchten laſſen zu koͤnnen. — Da¬ mon, ein ernſter, und wie mir ſchien ver¬215 ſtaͤndiger Mann, ſchnitt ihm aber ploͤtzlich die Rede ab, indem er ihn bei der Schulter faßte und ſprach: „ Schoͤnfeld! Du biſt heute wie¬ der einmal recht im Zuge tolles Zeug zu ſchwatzen; ich wette, daß dem Herrn ſchon die Ohren wehe thun, von all' dem Unſinn, den Du vorbringſt. “— Belcampo ließ traurig ſein Haupt ſinken, aber dann ergriff er ſchnell den beſtaubten Hut, und rief laut, indem er zur Thuͤre hinausſprang: „ ſo werd 'ich pro¬ ſtituirt von meinen beſten Freunden! “— Da¬ mon ſagte, indem er ſich mir empfahl: „ Es iſt ein Haſenfuß ganz eigner Art, dieſer Schoͤnfeld! — Das viele Leſen hat ihn halb verruͤckt gemacht, aber ſonſt ein gutmuͤthiger Menſch und in ſeinem Metier geſchickt, wes¬ halb ich ihn leiden mag, denn leiſtet man recht viel wenigſtens in einer Sache, ſo kann man ſonſt wohl etwas weniges uͤber die[Schnur] hauen. “— Als ich allein war, fing ich vor dem großen Spiegel, der im Zimmer aufgehaͤngt war, eine foͤrmliche Ue¬216 bung im Gehen an. Der kleine Friſeur hat¬ te mir einen richtigen Fingerzeig gegeben. Den Moͤnchen iſt eine gewiſſe ſchwerfaͤllige ungelenke Geſchwindigkeit im Gehen eigen, die durch die lange Kleidung, welche die Schritte hemmt und durch das Streben, ſich ſchnell zu bewegen, wie es der Cultus erfor¬ dert, hervorgebracht wird. Eben ſo liegt in dem zuruͤckgebeugten Koͤrper und in dem Tragen der Aerme, die niemals herunter¬ haͤngen duͤrfen, da der Moͤnch die Haͤnde, wenn er ſie nicht faltet in die weiten Aer¬ mel der Kutte ſteckt, etwas ſo Charakteriſti¬ ſches, das dem Aufmerkſamen nicht leicht entgeht. Ich verſuchte dies Alles abzulegen, um jede Spur meines Standes zu verwi¬ ſchen. Nur darinn fand ich Troſt fuͤr mein Gemuͤth, daß ich mein ganzes Leben als aus¬ gelebt moͤcht' ich ſagen, als uͤberſtanden an¬ ſah, und nun in ein neues Seyn ſo eintrat, als belebe ein geiſtiges Prinzip die neue Ge¬ ſtalt, von der uͤberbaut ſelbſt die Erinnerung217 ehemaliger Exiſtenz immer ſchwaͤcher und ſchwaͤcher werdend, endlich ganz unterginge. Das Gewuͤhl der Menſchen, der fortdauernde Laͤrm des Gewerbes, das ſich auf den Stra¬ ßen ruͤhrte, alles war mir neu und ganz da¬ zu geeignet, die heitre Stimmung zu erhal¬ ten, in die mich der komiſche Kleine verſetzt. In meiner neuen anſtaͤndigen Kleidung wagte ich mich hinab an die zahlreiche Wirthstafel, und jede Scheu verſchwand, als ich wahr¬ nahm, daß mich niemand bemerkte, ja daß mein naͤchſter Nachbar ſich nicht einmal die Muͤhe gab mich anzuſchauen, als ich mich neben ihn ſetzte. In der Fremdenliſte hatte ich, meiner Befreiung durch den Prior geden¬ kend mich Leonhard genannt, und fuͤr einen Privatmann ausgegeben, der zu ſeinem Ver¬ gnuͤgen reiſe. Dergleichen Reiſende mochte es in der Stadt gar viele geben, und um ſo weniger veranlaßte ich weitere Nachfrage. — Es war mir ein eignes Vergnuͤgen, die Stra¬ ßen zu durchſtreichen und mich an dem An¬218 blick der reichen Kaufladen, der ausgehaͤng¬ ten Bilder und Kupferſtiche zu ergoͤtzen. Abends beſuchte ich die oͤffentlichen Spazier¬ gaͤnge, wo mich oft meine Abgeſchiedenheit mitten im lebhafteſten Gewuͤhl der Menſchen mit bittern Empfindungen erfuͤllte. — Von niemanden gekannt zu ſeyn, in niemandes Bruſt die leiſeſte Ahnung vermuthen zu koͤn¬ nen, wer ich ſey, welch ein wunderbares merkwuͤrdiges Spiel des Zufalls mich hieher geworfen, ja was ich Alles in mir ſelbſt ver¬ ſchließe, ſo wohlthaͤtig es mir in meinem Verhaͤltniß ſeyn mußte, hatte doch fuͤr mich etwas wahrhaft ſchauerliches, indem ich mir ſelbſt dann vorkam, wie ein abgeſchiedener Geiſt, der noch auf Erden wandle, da Alles ihm ſonſt im Leben befreundete laͤngſt geſtor¬ ben. Dachte ich daran, wie ehemals den be¬ ruͤhmten Kanzelredner Alles freundlich und ehrfurchtsvoll gruͤßte, wie Alles nach ſeiner Unterhaltung, ja nach ein paar Worten von ihm geitzte, ſo ergriff mich bittrer Unmuth. —219 Aber jener Kanzelredner war der Moͤnch Me¬ dardus, der iſt geſtorben und begraben in den Abgruͤnden des Gebuͤrges, ich bin es nicht, denn ich lebe, ja mir iſt erſt jetzt das Leben neu aufgegangen, das mir ſeine Genuͤße bie¬ tet. — So war es mir, wenn Traͤume mir die Begebenheiten im Schloſſe wiederholten, als waͤren ſie einem Anderen, nicht mir, ge¬ ſchehen; dieſer Andere war doch wieder der Capuziner, aber nicht ich ſelbſt. Nur der Gedanke an Aurelien verknuͤpfte noch mein voriges Seyn mit dem jetzigen, aber wie ein tiefer nie zu verwindender Schmerz toͤdtete er oft die Luſt, die mir aufgegangen, und ich wurde dann ploͤtzlich herausgeriſſen aus den bunten Kreiſen, womit mich immer mehr das Leben umfing. — Ich unterließ nicht, die vielen oͤffentlichen Haͤuſer zu beſuchen, in de¬ nen man trank, ſpielte u. d. m. und vorzuͤg¬ lich war mir in dieſer Art ein Hotel in der Stadt lieb geworden, in dem ſich, des guten Weins wegen, jeden Abend eine zahlreiche220 Geſellſchafft verſammelte. — An einem Tiſch im Nebenzimmer ſah ich immer dieſelben Perſonen, ihre Unterhaltung war lebhaft und geiſtreich. Es gelang mir, den Maͤnnern die einen geſchloſſenen Zirkel gebildet hatten, naͤher zu treten, indem ich erſt in einer Ecke des Zimmers ſtill und beſcheiden meinen Wein trank, endlich irgend eine intereſſante littera¬ riſche Notiz nach der ſie vergebens ſuchten, mittheilte, und ſo einen Platz am Tiſche er¬ hielt, den ſie mir um ſo lieber einraͤumten, als ihnen mein Vortrag, ſo wie meine man¬ nigfachen Kenntniſſe, die ich, taͤglich mehr eindringend in all' die Zweige der Wiſſen¬ ſchafft, die mir bisher unbekannt bleiben mußten, erweiterte, zuſagten. So erwarb ich mir eine Bekanntſchafft, die mir wohl that, und, mich immer mehr und mehr an das Le¬ ben in der Welt gewoͤhnend, wurde meine Stimmung taͤglich unbefangener und heitrer; ich ſchliff all' die rauhen Ecken ab die mir von meiner vorigen Lebensweiſe uͤbrig geblieben. —
221Seit mehreren Abenden ſprach man in der Geſellſchafft die ich beſuchte, viel von ei¬ nem fremden Mahler, der angekommen und eine Ausſtellung ſeiner Gemaͤhlde veranſtal¬ tet habe: Alle außer mir hatten die Gemaͤlde ſchon geſehen, und ruͤhmten ihre Vortrefflich¬ keit ſo ſehr, daß ich mich entſchloß auch hin¬ zugehen. Der Mahler war nicht zugegen, als ich in den Saal trat, doch machte ein alter Mann den Cicerone und nannte die Meiſter der fremden Gemaͤlde, die der Mah¬ ler zugleich mit den ſeinigen ausgeſtellt. — Es waren herrliche Stuͤcke, mehrentheils Ori¬ ginale beruͤhmter Meiſter, deren Anblick mich entzuͤckte. — Bei manchen Bildern, die der Alte fluͤchtige, großen Freskogemaͤhlden entnommene Copien nannte, daͤmmerten in meiner Seele Erinnerungen aus meiner fruͤh¬ ſten Jugend auf. — Immer deutlicher und deutlicher, immer lebendiger ergluͤhten ſie in regen Farben. Es waren offenbar Copien aus der heiligen Linde. So erkannte ich222 auch bei einer heiligen Familie in Joſephs Zuͤgen ganz das Geſicht jenes fremden Pil¬ gers, der mir den wunderbaren Knaben brachte. Das Gefuͤhl der tiefſten Wehmuth durchdrang mich, aber eines lauten Ausrufs konnte ich mich nicht erwehren, als mein Blick auf ein lebensgroßes Portrait fiel, in dem ich die Fuͤrſtin, meine Pflegemutter, er¬ kannte. Sie war herrlich, und mit jener im hoͤchſten Sinn aufgefaßten Aehnlichkeit, wie Van Dyk ſeine Portraits mahlte, in der Tracht, wie ſie in der Prozeſſion am Ber¬ nardustage vor den Nonnen einherzuſchreiten pflegte, gemahlt. Der Mahler hatte gerade den Moment ergriffen, als ſie nach vollende¬ tem Gebet ſich anſchickt aus ihrem Zimmer zu treten um die Prozeſſion zu beginnen, auf welche das verſammelte Volk in der Kirche, die ſich in der Perſpektive des Hintergrun¬ des oͤffnet, erwartungsvoll harrt. In dem Blick der herrlichen Frau lag ganz der Aus¬ druck des zum himmliſchen erhobenen Ge¬223 muͤths, ach es war, als ſchien ſie Vergebung fuͤr den frevelnden frechen Suͤnder zu erfle¬ hen, der ſich gewaltſam von ihrem Mutter¬ herzen losgeriſſen und dieſer Suͤnder war ja ich ſelbſt! Gefuͤhle, die mir laͤngſt fremd wor¬ den, durchſtroͤmten meine Bruſt, eine unaus¬ ſprechliche Sehnſucht riß mich fort, ich war wieder bei dem guten Pfarrer im Dorfe des Ciſterzienſerkloſters, ein muntrer, unbefange¬ ner, froher Knabe, vor Luſt jauchzend, weil der Bernardustag gekommen. Ich ſah ſie! — Biſt du recht fromm und gut geweſen Franziskus? frug ſie mit der Stimme, deren vollen Klang die liebe daͤmpfte, daß ſie weich und lieblich zu mir heruͤbertoͤnte. — Biſt du recht fromm und gut geweſen? Ach, was konnte ich ihr antworten? — Frevel auf Frevel habe ich gehaͤuft, dem Bruch des Ge¬ luͤbdes folgte der Mord! — Von Gram und Reue zerfleiſcht, ſank ich halbohnmaͤchtig auf die Knie, Thraͤnen entſtuͤrzten meinen Au¬ gen. — Erſchrocken ſprang der Alte auf mich224 zu und frug heftig: was iſt Ihnen, was iſt Ihnen, mein Herr? — Das Bild der Aeb¬ tiſſin iſt meiner, eines grauſamen Todes ge¬ ſtorbenen Mutter ſo aͤhnlich, ſagte ich dumpf in mich hinein, und ſuchte, indem ich auf¬ ſtand, ſo viel Faſſung als moͤglich zu gewin¬ nen. „ Kommen Sie, mein Herr! ſagte der Alte: ſolche Erinnerungen ſind zu ſchmerz¬ haft, man darf ſie vermeiden, es iſt noch ein Portrait hier, welches mein Herr fuͤr ſein Beſtes haͤlt. Das Bild iſt nach dem Leben gemalt und unlaͤngſt vollendet, wir haben es verhaͤngt, damit die Sonne nicht die noch nicht einmal ganz eingetrockneten Farben ver¬ derbe. “— Der Alte ſtellte mich ſorglich in das gehoͤrige Licht und zog dann ſchnell den Vorhang weg. — Es war Aurelie! — Mich ergriff ein Entſetzen, das ich kaum zu be¬ kaͤmpfen vermochte. — Aber ich erkannte die Naͤhe des Feindes, der mich in die wogende Fluth, der ich kaum entronnen, gewaltſam hineindraͤngen, mich vernichten wollte, undmir225mir kam der Muth wieder, mich aufzulehnen gegen das Ungethuͤm, das in geheimnißvollem Dunkel auf mich einſtuͤrmte. —
Mit gierigen Blicken verſchlang ich Au¬ reliens Reize, die aus dem in regem Leben gluͤhenden Bilde hervorſtrahlten. — Der kindliche milde Blick des frommen Kindes ſchien den verruchten Moͤrder des Bruders anzuklagen, aber jedes Gefuͤhl der Reue er¬ ſtarb in dem bittern feindlichen Hohn, der, in meinem Innern aufkeimend, mich wie mit giftigen Stacheln hinaustrieb aus dem freundlichen Leben. — Nur das peinigte mich, daß in jener verhaͤngnißvollen Nacht auf dem Schloſſe, Aurelie nicht mein wor¬ den. Hermogen's Erſcheinung vereitelte das Unternehmen, aber er buͤßte mit dem Tode! — Aurelie lebt, und das iſt genug, der Hoff¬ nung Raum zu geben, ſie zu beſitzen! — Ja es iſt gewiß, daß ſie noch mein wird denn das Verhaͤngniß waltet, dem ſie nicht entgehen kann; und bin ich nicht ſelbſt dieſes Verhaͤngniß?
I. [15] 226So ermuthigte ich mich zum Frevel, in¬ dem ich das Bild anſtarrte. Der Alte ſchien uͤber mich verwundert. Er kramte viel Worte aus uͤber Zeichnung, Ton, Kolorit, ich hoͤrte ihn nicht. Der Gedanke an Aurelie, die Hoff¬ nung, die nur aufgeſchobene boͤſe That noch zu vollbringen, erfuͤllte mich ſo ganz und gar, daß ich forteilte ohne nach dem fremden Ma¬ ler zu fragen, und ſo vielleicht naͤher zu er¬ forſchen, was fuͤr eine Bewandniß es mit den Gemaͤhlden haben koͤnne, die wie in ei¬ nem Cyklus Andeutungen uͤber mein ganzes Leben enthielten. — Um Aureliens Beſitz war ich entſchloſſen alles zu wagen, ja es war mir, als ob ich ſelbſt uͤber die Erſchei¬ nungen meines Lebens geſtellt und ſie durch¬ ſchauend, niemals zu fuͤrchten, und daher auch niemals zu wagen haben koͤnne. Ich bruͤ¬ tete uͤber allerlei Plaͤne und Entwuͤrfe, mei¬ nem Ziele naͤher zu kommen, vorzuͤglich glaubte ich nun, von dem fremden Maler manches zu erfahren und manche mir fremde227 Beziehung zu erforſchen, die mir zu wiſſen, als Vorbereitung zu meinem Zweck, noͤthig ſeyn konnte. Ich hatte nehmlich nichts ge¬ ringeres im Sinn, als in meiner jetzigen neuen Geſtalt auf das Schloß zuruͤckzukehren, und das ſchien mir nicht einmal ein ſonder¬ lich kuͤhnes Wagſtuͤck zu ſeyn. — Am Abend ging ich in jene Geſellſchaft; es war mir da¬ rum zu thun, der immer ſteigenden Span¬ nung meines Geiſtes, dem ungezaͤhmten Ar¬ beiten meiner aufgeregten Fantaſie Schran¬ ken zu ſetzen. —
Man ſprach viel von den Gemaͤlden des fremden Malers, und vorzuͤglich von dem ſeltnen Ausdruck, den er ſeinen Portraits zu geben wuͤßte; es war mir moͤglich in dies Lob einzuſtimmen, und mit einem beſondern Glanz des Ausdrucks, der nur der Reflex der hoͤhnenden Ironie war, die in meinem Innern wie verzehrendes Feuer brannte, die unnennbaren Reize, die uͤber Aureliens from¬ mes engelſchoͤnes Geſicht verbreitet, zu ſchil¬228 dern. Einer ſagte, daß er den Maler, den die Vollendung mehrerer Portraits, die er angefangen, noch am Orte feſthielte, und der ein intereſſanter herrlicher Kuͤnſtler, wiewohl ſchon ziemlich bejahrt ſey, morgen Abends in die Geſellſchaft mitbringen wolle.
Von ſeltſamen Gefuͤhlen, von unbekann¬ ten Ahnungen beſtuͤrmt, ging ich den andern Abend, ſpaͤter als gewoͤhnlich, in die Geſell¬ ſchafft; der Fremde ſaß mit mir zugekehrtem Ruͤcken am Tiſche. Als ich mich ſetzte, als ich ihn erblickte, da ſtarrten mir die Zuͤge jenes fuͤrchterlichen Unbekannten entgegen, der am Antoniustage an den Eckpfeiler ge¬ lehnt ſtand, und mich mit Angſt und Ent¬ ſetzen erfuͤllte. — Er ſah mich lange an mit tiefem Ernſt, aber die Stimmung, in der ich mich befand, ſeit dem ich Aureliens Bild geſchaut hatte, gab mir Muth und Kraft die¬ ſen Blick zu ertragen. Der Feind war nun ſichtlich ins Leben getreten, und es galt, den Kampf auf den Tod mit ihm zu beginnen. —229 Ich beſchloß, den Angriff abzuwarten, aber dann ihn mit den Waffen, auf deren Staͤrke ich bauen konnte, zuruͤckzuſchlagen. Der Fremde ſchien mich nicht ſonderlich zu beach¬ ten, ſondern ſetzte, den Blick wieder von mir abwendend, das Kunſtgeſpraͤch fort, in dem er begriffen geweſen, als ich eintrat. Man kam auf ſeine Gemaͤlde, und lobte vorzuͤg¬ lich Aureliens Portrait. Jemand behauptete, daß das Bild, unerachtet es ſich auf den er¬ ſten Blick als Portrait ausſpreche, doch als Studie dienen, und zu irgend einer Heiligen benutzt werden koͤnne. — Man frug nach meinem Urtheil, da ich eben jenes Bild ſo herrlich mit allen ſeinen Vorzuͤgen in Wor¬ ten dargeſtellt, und unwillkuͤhrlich fuhr es mir heraus, daß ich die heilige Roſalia mir nicht wohl anders denken koͤnne, als eben ſo wie das Portrait der Unbekannten. Der Maler ſchien meine Worte kaum zu bemer¬ ken, indem er ſogleich einfiel: „ in der That iſt jenes Frauenzimmer, die das Portrait ge¬230 treulich darſtellt, eine fromme Heilige, die im Kampfe ſich zum Himmliſchen erhebt. Ich habe ſie gemalt, als ſie, von dem ent¬ ſetzlichſten Jammer ergriffen, doch in der Re¬ ligion Troſt, und von dem ewigen Verhaͤng¬ niß, das uͤber den Wolken thront, Huͤlfe hoffte; und den Ausdruck dieſer Hoffnung, die nur in dem Gemuͤth wohnen kann, das ſich uͤber das Irrdiſche hoch erhebt, habe ich dem Bilde zu geben geſucht. “— Man ver¬ lohr ſich in andere Geſpraͤche, der Wein, der heute, dem fremden Maler zu Ehren, in beßrer Sorte[und] reichlicher getrunken wurde als ſonſt, erheiterte die Gemuͤther. Jeder wußte irgend etwas ergoͤtzliches zu erzaͤhlen, und wiewohl der Fremde nur im Innern zu lachen, und dies innere Lachen ſich nur im Auge abzuſpiegeln ſchien, ſo wußte er doch oft nur durch ein paar hineingeworfene kraͤf¬ tige Worte, das Ganze in beſonderem Schwun¬ ge zu erhalten. — Konnte ich auch, ſo oft mich der Fremde ins Auge faßte, ein un¬231 heimliches grauenhaftes Gefuͤhl nicht unter¬ druͤcken, ſo uͤberwand ich doch immer mehr und mehr die entſetzliche Stimmung, von der ich erſt ergriffen, als ich den Fremden erblickte. Ich erzaͤhlte von dem poſſierlichen Belcampo, den Alle kannten, und wußte zu ihrer Freude ſeine fantaſtiſche Haſenfuͤßigkeit recht ins grelle Licht zu ſtellen, ſo daß ein recht gemuͤthlicher dicker Kaufmann, der mir gegenuͤber zu ſitzen pflegte, mit vor Lachen thraͤnenden Augen verſicherte: das ſey ſeit langer Zeit der vergnuͤgteſte Abend, den er erlebe. Als das Lachen endlich zu verſtum¬ men anfing, frug der Fremde ploͤtzlich: „ ha¬ ben Sie ſchon den Teufel geſehen, meine Herren? “— Man hielt die Frage fuͤr die Einleitung zu irgend einem Schwanck, und verſicherte allgemein, daß man noch nicht die Ehre gehabt; da fuhr der Fremde fort: „ Nun es haͤtte wenig gefehlt, ſo waͤre ich zu der Ehre gekommen, und zwar auf dem Schloſſe des Barons V. im Gebuͤrge. “— Ich erbebte,232 aber die andern riefen lachend: nur weiter, weiter! „ Sie kennen, nahm der Fremde wieder das Wort: wohl Alle wahrſcheinlich, wenn Sie die Reiſe durch das Gebuͤrge machten, jene wilde ſchauerliche Gegend, in der, wenn der Wanderer aus dem dicken Tannenwalde auf die hohen Felſenmaſſen tritt, ſich ihm ein tiefer ſchwarzer Abgrund oͤffnet. Es iſt der ſogenannte Teufelsgrund, und oben ragt ein Felſenſtuͤck hervor, welches den ſogenannten Teufelsſitz bildet. — Man ſpricht davon, daß der Graf Viktorin, mit boͤſen Anſchlaͤgen im Kopfe, eben auf dieſem Felſen ſaß, als ploͤtz¬ lich der Teufel erſchien, und, weil er beſchloſ¬ ſen, Viktorins ihm wohlgefaͤllige Anſchlaͤge ſelbſt auszufuͤhren, den Grafen in den Ab¬ grund ſchleuderte. Der Teufel erſchien ſo¬ dann als Capuziner auf dem Schloſſe des Barons, und nachdem er ſeine Luſt mit der Baroneſſe gehabt, ſchickte er ſie zur Hoͤlle, ſo wie er auch den wahnſinnigen Sohn des Barons, der durchaus des Teufels Inkognito233 nicht dulden wollte, ſondern laut verkuͤndete: es iſt der Teufel! erwuͤrgte, wodurch denn aber eine fromme Seele aus dem Verderben errettet wurde, das der argliſtige Teufel be¬ ſchloſſen. Nachher verſchwand der Capuziner auf unbegreifliche Weiſe, und man ſagt, er ſey feige geflohn vor Viktorin, der aus ſei¬ nem Grabe blutig emporgeſtiegen. — Dem ſey nun allem, wie ihm wolle, ſo kann ich Sie doch davon verſichern, daß die Baroneſſe an Gift umkam, Hermogen meuchlings er¬ mordet wurde, der Baron kurz darauf vor Gram ſtarb, und Aurelie, eben die fromme Heilige, die ich in der Zeit, als das entſetz¬ liche geſchehen auf dem Schloſſe mahlte, als verlaſſene Waiſe in ein fernes Land, und zwar in ein Ciſterzienſerkloſter, fluͤchtete, deſſen Aeb¬ tiſſin ihrem Vater befreundet war. Sie ha¬ ben das Bild dieſer herrlichen Frau in mei¬ ner Gallerie geſehn. Doch das Alles wird Ihnen dieſer Herr (er wies nach mir) viel umſtaͤndlicher und beſſer erzaͤhlen koͤnnen, da234 er waͤhrend der ganzen Begebenheit auf dem Schloſſe zugegen war. “— Alle Blicke waren voll Erſtaunen auf mich gerichtet, entruͤſtet ſprang ich auf und rief mit heftiger Stimme: „ Ey, mein Herr, was habe ich mit Ihren albernen Teufelsgeſchichten, mit Ihren Mord¬ erzaͤhlungen zu ſchaffen, Sie verkennen mich, Sie verkennen mich in der That, und ich bitte, mich ganz aus dem Spiel zu laſſen. “ Bei dem Aufruhr in meinem Innern, wurde es mir ſchwer genug, meinen Worten noch die¬ ſen Anſtrich von Gleichguͤltigkeit zu geben; die Wirkung der geheimnißvollen Reden des Malers, ſo wie meine leidenſchaftliche Un¬ ruhe, die ich zu verbergen mich vergebens bemuͤhte, war nur zu ſichtlich. Die heitre Stimmung verſchwand, und die Gaͤſte, nun ſich erinnernd, wie ich, Allen gaͤnzlich fremd, mich ſo nach und nach dazu gefunden, ſahen mich mit mißtrauiſchen argwoͤhniſchen Bli¬ cken an. —
Der fremde Maler war aufgeſtanden und235 durchbohrte mich mit den ſtieren lebendig¬ todten Augen, wie damals in der Capuziner¬ kirche. — Er ſprach kein Wort, er ſchien ſtarr und leblos, aber ſein geſpenſtiſcher An¬ blick ſtraͤubte mein Haar, kalte Tropfen ſtan¬ den auf der Stirn, und von Entſetzen ge¬ waltig erfaßt, erbebten alle Fibern. — „ Hebe Dich weg, ſchrie ich außer mir: Du biſt ſelbſt der Satan, Du biſt der frevelnde Mord, aber uͤber mich haſt Du keine Macht! “
Alles erhob ſich von den Sitzen: „ was iſt das, was iſt das? “rief es durch einander; aus dem Saale draͤngten ſich, das Spiel ver¬ laſſend, die Menſchen hinein, von dem fuͤrch¬ terlichen Ton meiner Stimme[erſchreckt]. „ Ein Betrunkener, ein Wahnſinniger! bringt ihn fort, bringt ihn fort, “riefen mehrere. Aber der fremde Maler ſtand unbeweglich mich anſtarrend. Unſinnig vor Wuth und Verzweiflung, riß ich das Meſſer, womit ich Hermogen getoͤdtet, und das ich ſtets bei mir zu tragen pflegte, aus der Seitentaſche,236 und ſtuͤrzte mich auf den Mahler, aber ein Schlag warf mich nieder, und der Maler lachte im fuͤrchterlichen Hohn, daß es im Zimmer wiederhallte: „ Bruder Medardus, Bruder Medardus, falſch iſt Dein Spiel, geh und verzweifle in Reue und Schaam. “— Ich fuͤhlte mich von den Gaͤſten angepackt, da ermannte ich mich, und wie ein wuͤthen¬ der Stier draͤngte und ſtieß ich gegen die Menge, daß Mehrere zur Erde ſtuͤrzten, und ich mir den Weg zur Thuͤre bahnte. — Raſch eilte ich durch den Corridor, da oͤff¬ nete ſich eine kleine Seitenthuͤre, ich wurde in ein finſtres Zimmer hineingezogen, ich wiederſtrebte nicht, weil die Menſchen ſchon hinter mir herbrauſten. Als der Schwarm voruͤber, fuͤhrte man mich eine Seitentreppe hinab in den Hof, und dann durch das Hin¬ tergebaͤude auf die Straße. Bei dem hellen Schein der Laternen erkannte ich in meinem Retter den poſſierlichen Belcampo. „ Die¬ ſelben ſcheinen, fing er an: einige Fatalitaͤt237 mit dem fremden Mahler zu haben, ich trank im Nebenzimmer ein Glaͤschen, als der Laͤrm anging, und beſchloß, da mir die Gelegen¬ heit des Hauſes bekannt, Sie zu retten, denn nur ich allein bin an der ganzen Fatalitaͤt Schuld. “ Wie iſt das moͤglich? frug ich voll Erſtaunen. — „ Wer gebietet dem Moment, wer widerſtrebt den Hingebungen des hoͤhern Geiſtes! fuhr der Kleine voll Pathos fort: Als ich Ihr Haupthaar arrangirte, Verehrter, ent¬ zuͤndeten ſich in mir comme à l'ordinaire die ſublimſten Ideen, ich uͤberließ mich dem wil¬ den Ausbruch ungeregelter Fantaſie, und daruͤ¬ ber vergaß ich nicht allein, die Locke des Zorns auf dem Hauptwirbel gehoͤrig zur weichen Runde abzuglaͤtten, ſondern ließ auch ſogar ſieben und zwanzig Haare der Angſt und des Entſetzens uͤber der Stirne ſtehen, dieſe rich¬ teten ſich auf bei den ſtarren Blicken des Malers, der eigentlich ein Revenant iſt, und neigten ſich aͤchzend gegen die Locke des Zorns, die ziſchend und kniſternd auseinander fuhr. 238Ich habe alles geſchaut, da zogen Sie, von Wuth entbrannt, ein Meſſer, Verehrter, an dem ſchon diverſe Blutstropfen hingen, aber es war ein eitles Bemuͤhen, dem Orkus den zuzuſenden, der dem Orkus ſchon gehoͤrte, denn dieſer Maler iſt Ahasverus der ewige Jude, oder Bertram de Bornis, oder Mephi¬ ſtopheles, oder Benvenuto Cellini, oder der heilige Peter, kurz ein ſchnoͤder Revenant, und durch nichts anders zu bannen, als durch ein gluͤhendes Lockeneiſen, welches die Idee kruͤmmt, welche eigentlich Er iſt, oder durch ſchickliches Friſiren der Gedanken, die er ein¬ ſaugen muß, um die Idee zu naͤhren, mit elektriſchen Kaͤmmen. — Sie ſehen, Verehr¬ ter! daß mir, dem Kuͤnſtler und Fantaſten von Profeſſion, dergleichen Dinge wahre Pomade ſind, welches Spruͤchwort, aus mei¬ ner Kunſt entnommen, weit bedeutender iſt, als man wohl glaubt, ſobald nur die Po¬ made aͤchtes Nelkenoͤhl enthaͤlt. “ Das tolle Geſchwaͤtz des Kleinen, der unterdeſſen mit239 mir durch die Straßen rannte, hatte in dem Augenblick fuͤr mich etwas grauenhaftes, und wenn ich dann und wann ſeine ſkurile Spruͤn¬ ge, ſein komiſches Geſicht bemerkte, mußte ich, wie im konvulſiviſchen Krampf, laut auflachen. Endlich waren wir in meinem Zimmer; Belcampo half mir packen, bald war Alles zur Reiſe bereit, ich druͤckte dem Kleinen mehrere Dukaten in die Hand, er ſprang hoch auf vor Freude und rief laut: „ Heyſa, nun habe ich ehrenwerthes Geld, lauter flimmerndes Gold mit Herzblut ge¬ traͤnkt, gleißend und rothe Strahlen ſpielend. Das iſt ein Einfall und noch dazu ein luſti¬ ger, mein Herr, weiter nichts. “
Den Zuſatz mochte ihm mein Befremden uͤber ſeinen Ausruf entlocken; er bat ſich es aus, der Locke des Zorns noch die gehoͤrige Ruͤnde geben, die Haare des Entſetzens kuͤr¬ zer ſchneiden und ein Loͤckchen Liebe zum Andenken mitnehmen zu duͤrfen. Ich ließ ihn gewaͤhren, und er vollbrachte Alles unter240 den poſſierlichſten Gebehrden und Grimaſ¬ ſen. — Zuletzt ergriff er das Meſſer, welches ich beim Umkleiden auf den Tiſch gelegt, und ſtach damit, indem er eine Fechterſtel¬ lung annahm, in die Luft hinein. „ Ich toͤdte Ihren Widerſacher, rief er: und da er eine bloße Idee iſt, muß er getoͤdtet werden koͤn¬ nen, durch eine Idee, und erſtirbt demnach an dieſer, der meinigen, die ich, um die Ex¬ preſſion zu verſtaͤrken, mit ſchicklichen Leibes¬ bewegungen begleite. „ Apage Satanas apage, apage, Ahasverus, allez vous en! “— Nun das waͤre gethan, ſagte er, das Meſſer weglegend, tief athmend und ſich die Stirne trocknend, wie einer, der ſich tuͤchtig angegriffen, um eine ſchwere Arbeit zu vollbringen. Raſch wollte ich das Meſſer verbergen, und fuhr damit in den Aermel, als truͤge ich noch die Moͤnchskutte, welches der Kleine bemerkte und ganz ſchlau belaͤchelte. Indem blies der Poſtillon vor dem Hauſe, da veraͤnderte Belcampo ploͤtzlich Ton und Stellung, erholte241holte ein kleines Schnupftuch hervor, that als wiſche er ſich die Thraͤnen aus den Au¬ gen, buͤckte ſich einmal uͤber das andere ganz ehrerbietig, kuͤßte mir die Hand und den Rock und flehte: „ zwei Meſſen fuͤr meine Großmutter, die an einer Indigeſtion, vier Meſſen fuͤr meinen Vater, der an unwillkuͤhr¬ lichem Faſten ſtarb, ehrwuͤrdger Herr! Aber fuͤr mich jede Woche eine, wenn ich geſtor¬ ben. — Vor der Hand Ablaß fuͤr meine vielen Suͤnden. — Ach, ehrwuͤrdger Herr, es ſteckt ein infamer ſuͤndlicher Kerl in meinem Innern, und ſpricht: Peter Schoͤnfeld, ſei kein Affe, und glaube, daß du biſt, ſondern ich bin eigentlich du, heiße Belcampo und bin eine geniale Idee, und wenn du das nicht glaubſt, ſo ſtoße ich dich nieder mit ei¬ nem ſpitzigen haarſcharfen Gedanken. Dieſer feindliche Menſch, Belcampo genannt, Ehr¬ wuͤrdiger! begeht alle moͤgliche Laſter; unter andern zweifelt er oft an der Gegenwart, be¬ trinkt ſich ſehr, ſchlaͤgt um ſich, und treibtl. [16] 242Unzucht mit ſchoͤnen jungfraͤulichen Gedan¬ ken: dieſer Belcampo hat mich, den Peter Schoͤnfeld, ganz verwirrt und confuſe ge¬ macht, daß ich oft ungebuͤhrlich ſpringe und die Farbe der Unſchuld ſchaͤnde, indem ich ſingend in dulci jubilo mit weißſeidenen Struͤmpfen in den Dr — ſetze. Vergebung fuͤr beide, Pietro Belcampo, und Peter Schoͤn¬ feld! “— Er kniete vor mir nieder und that als ſchluchze er heftig. Die Narrheit des Menſchen wurde mir laͤſtig. — „ Seyn Sie doch vernuͤnftig, “rief ich ihm zu, der Kellner trat hinein um mein Gepaͤck zu holen. Bel¬ campo ſprang auf, und wieder in ſeinen lu¬ ſtigen Humor zuruͤckkommend, half er, indem er in einem fort ſchwazte, dem Kellner das herbeibringen, was ich noch in der Eile ver¬ langte. „ Der Kerl iſt ein ausgemachter Ha¬ ſenfuß, man darf ſich mit ihm nicht viel ein¬ laſſen, “rief der Kellner, indem er die Wa¬ genthuͤre zuſchlug. Belcampo ſchwenkte den Hut und rief: bis zum letzten Hauch meines243 Lebens! als ich mit bedeutendem Blick den Finger auf den Mund legte.
Als der Morgen zu daͤmmern anfing, lag die Stadt ſchon weit hinter mir, und die Geſtalt des furchtbaren entſetzlichen Men¬ ſchen, der wie ein unerforſchliches Geheim¬ niß mich grauenvoll umfing, war verſchwun¬ den. — Die Frage der Poſtmeiſter: wohin? ruͤckte es immer wieder aufs neue mir vor, wie ich nun jeder Verbindung im Leben ab¬ truͤnnig worden, und den wogenden Wellen des Zufalls preisgegeben, umherſtreiche. Aber, hatte nicht eine unwiderſtehliche Macht mich gewaltſam herausgeriſſen aus Allem, was mir ſonſt befreundet, nur damit der mir inn¬ wohnende Geiſt in ungehemmter Kraft ſeine Schwingen ruͤſtig entfalte und rege? — Raſt¬ los durchſtrich ich das herrliche Land, nir¬ gends fand ich Ruhe, es trieb mich unauf¬ haltſam fort, immer weiter hinab in den Suͤden, ich war, ohne daran zu denken, bis jetzt kaum merklich von der Reiſeroute abge¬244 wichen, die mir Leonardus bezeichnet, und ſo wirkte der Stoß, mit dem er mich in die Welt getrieben, wie mit magiſcher Gewalt fort in gerader Richtung. —
In einer finſtern Nacht fuhr ich durch einen dichten Wald, der ſich bis uͤber die naͤchſte Station ausdehnen ſollte, wie mir der Poſtmeiſter geſagt, und deshalb gerathen hatte, bei ihm den Morgen abzuwarten, wel¬ ches ich, um nur ſo raſch als moͤglich ein Ziel zu erreichen, das mir ſelbſt ein Geheim¬ niß war, ausſchlug. Schon als ich abfuhr, leuchteten Blitze in der Ferne, aber bald zo¬ gen ſchwaͤrzer und ſchwaͤrzer die Wolken her¬ auf, die der Sturm zuſammengeballt hatte, und brauſend vor ſich her jagte: der Donner hallte furchtbar im tauſendſtimmigen Echo wieder, und rothe Blitze durchkreuzten den Horizont, ſo weit das Auge reichte; die ho¬ hen Tannen krachten, bis in die Wurzel er¬ ſchuͤttert, der Regen goß in Stroͤmen herab. Jeden Augenblick liefen wir Gefahr von den245 Baͤumen erſchlagen zu werden, die Pferde baͤumten ſich, ſcheu geworden durch das Leuch¬ ten der Blitze, bald konnten wir kaum noch fort; endlich wurde der Wagen ſo hart um¬ geſchleudert, daß das Hinterrad zerbrach. So mußten wir nun auf der Stelle bleiben, und warten, bis das Gewitter nachließ, und der Mond durch die Wolken brach. Jetzt be¬ merkte der Poſtillion, daß er in der Finſter¬ niß ganz von der Straße abgekommen, und in einen Waldweg gerathen ſey; es war kein anderes Mittel, als dieſen Weg, ſo gut es gehen wollte, zu verfolgen, und ſo viel¬ leicht mit Tagesanbruch in ein Dorf zu kom¬ men. Der Wagen wurde mit einem Baumaſt geſtuͤtzt, und ſo ging es Schritt vor Schritt fort. Bald bemerkte ich, der ich voran ging, in der Ferne den Schimmer eines Lichts, und glaubte Hundegebell zu vernehmen; ich hatte mich nicht getaͤuſcht, denn kaum waren wir einige Minuten laͤnger gegangen, als ich ganz deutlich Hunde anſchlagen hoͤrte. Wir246 kamen an ein anſehnliches Haus, das in ei¬ nem großen, mit einer Mauer umſchloſſenen Hofe ſtand. Der Poſtillion klopfte an die Pforte, die Hunde ſprangen tobend und bel¬ lend herbei, aber im Hauſe ſelbſt blieb alles ſtille und todt, bis der Poſtillion ſein Horn erſchallen ließ; da wurde im obern Stock das Fenſter, aus dem mir das Licht entgegen¬ ſchimmerte geoͤffnet, und eine tiefe rauhe Stimme rief herab: Chriſtian, Chriſtian! — Ja, geſtrenger Herr, antwortete es unten. Da klopft und blaͤſt es, fuhr die Stimme von oben fort: an unſerm Thor, und die Hunde ſind ganz des Teufels. Nehm 'er einmal die Laterne und die Buͤchſe No. 3. und ſehe er zu, was es giebt. — Bald dar¬ auf hoͤrten wir, wie Chriſtian die Hunde ab¬ lockte, und ſahen ihn endlich mit der Laterne kommen. Der Poſtillion meinte, es ſey kein Zweifel, wie er gleich, als der Wald begon¬ nen, ſtatt gerade aus zu fahren, ſeitwaͤrts eingebogen ſeyn muͤſſe, da wir bei der Foͤr¬247 ſterwohnung waͤren, die von der letzten Sta¬ tion eine Stunde rechts abliege. — Als wir dem Chriſtian den Zufall, der uns betroffen, geklagt, oͤffnete er ſogleich beide Fluͤgel des Thors, und half den Wagen hinein. Die beſchwichtigten Hunde ſchwaͤnzelten und ſchnuͤf¬ felten um uns her, und der Mann, der ſich nicht vom Fenſter entfernt, rief unaufhoͤrlich herab: was da, was da? was fuͤr eine Caravane? — ohne daß Chriſtian, oder einer von uns Beſcheid gegeben. Endlich trat ich, waͤhrend Chriſtian Pferde und Wagen unter¬ brachte, ins Haus, das Chriſtian geoͤffnet, und es kam mir ein großer ſtarker Mann mit[ſonneverbranntem] Geſicht, den großen Hut mit gruͤnem Federbuſch auf dem Kopf, uͤbri¬ gens im Hemde, nur die Pantoffeln an die Fuͤße geſteckt, mit dem bloßen Hirſchfaͤnger in der Hand, entgegen, indem er mir barſch entgegen rief: „ woher des Landes? — was turbirt man die Leute in der Nacht, das iſt hier kein Wirthshaus, keine Poſtſtation. — Hier248 wohnt der Revierfoͤrſter, und das bin ich! — Chriſtian iſt ein Eſel, daß er das Thor ge¬ oͤffnet. “ Ich erzaͤhlte ganz kleinmuͤthig mei¬ nen Unfall, und daß nur die Noth uns hier hineingetrieben, da wurde der Mann ge¬ ſchmeidiger, er ſagte: nun freilich, das Un¬ wetter war gar heftig, aber, der Poſtillion iſt doch ein Schlingel, daß er falſch fuhr, und den Wagen zerbrach. — Solch ein Kerl muß mit verbundenen Augen im Walde fah¬ ren koͤnnen, er muß darinn zu Hauſe ſeyn, wie unſer eins. — Er fuͤhrte mich herauf, und indem er den Hirſchfaͤnger aus der Hand legte, den Hut abnahm und den Rock uͤber¬ warf, bat er, ſeinen rauhen Empfang nicht uͤbel zu deuten, da er hier in der abgelege¬ nen Wohnung, um ſo mehr auf der Hut ſeyn muͤſſe, als wohl oͤfters allerlei liederlich Ge¬ ſindel den Wald durchſtreife, und er vorzuͤg¬ lich mit den ſogenannten Freiſchuͤtzen, die ihm ſchon oft nach dem Leben getrachtet, beinahe in offner Fehde liege. „ Aber, fuhr er fort:249 die Spitzbuben koͤnnen mir nichts anhaben, denn mit der Huͤlfe Gottes verwalte ich mein Amt treu und redlich, und im Glauben und Vertrauen auf ihn, und auf mein gut Ge¬ wehr, biete ich ihnen Trotz. “— Unwillkuͤhr¬ lich ſchob ich, wie ich es noch oft aus alter Gewohnheit nicht laſſen konnte, einige ſal¬ bungsvolle Worte uͤber die Kraft des Ver¬ trauens auf Gott ein, und der Foͤrſter erhei¬ terte ſich immer mehr und mehr. Meiner Proteſtationen unerachtet weckte er ſeine Frau, eine betagte, aber muntre ruͤhrige Matrone, die, wiewohl aus dem Schlafe geſtoͤrt, doch freundlich den Gaſt bewillkommte, und auf des Mannes Geheiß ſogleich ein Abendeſſen zu bereiten anfing. Der Poſtillion ſollte, ſo hatte es ihm der Foͤrſter als Strafe aufgege¬ ben, noch in derſelben Nacht mit dem zer¬ brochenen Wagen auf die Station zuruͤck, von der er gekommen, und ich von ihm, dem Foͤrſter, nach meinem Belieben, auf die naͤch¬ ſte Station gebracht werden. Ich ließ mir250 das um ſo eher gefallen, als mir ſelbſt we¬ nigſtens eine kurze Ruhe noͤthig ſchien. Ich aͤußerte deshalb dem Foͤrſter, daß ich wohl bis zum Mittag des folgenden Tages da zu bleiben wuͤnſche, um mich ganz von der Er¬ muͤdung zu erholen, die mir das beſtaͤndige, unaufhoͤrliche Fahren, mehrere Tage hindurch verurſacht. „ Wenn ich Ihnen rathen ſoll, mein Herr, erwiederte der Foͤrſter, ſo bleiben Sie Morgen den ganzen Tag uͤber hier, und warten Sie bis Uebermorgen, da bringt Sie mein aͤlteſter Sohn, den ich in die fuͤrſtliche Reſidenz ſchicke, ſelbſt bis auf die naͤchſte Station. “ Auch damit war ich zufrieden, in¬ dem ich die Einſamkeit des Orts ruͤhmte, die mich wunderbar anziehe. „ Nun, mein Herr! ſagte der Foͤrſter: einſam iſt es hier wohl gar nicht, Sie muͤßten denn ſo nach den ge¬ woͤhnlichen Begriffen der Staͤdter, jede Woh¬ nung einſam nennen, die im Walde liegt, unerachtet es denn doch ſehr darauf ankommt, wer ſich darinn aufhaͤlt. Ja, wenn hier in251 dieſem alten Jagdſchloß noch ſo ein gries¬ grammiger alter Herr wohnte, wie ehemals, der ſich in ſeinen vier Mauern einſchloß, und keine Luſt hatte an Wald und Jagd, da moͤchte es wohl ein einſamer Aufenthalt ſeyn, aber ſeitdem er todt iſt und der gnaͤdige Lan¬ desfuͤrſt, das Gebaͤude zur Foͤrſterwohnung einrichten laſſen, da iſt es hier recht lebendig worden. Sie ſind doch wohl ſo ein Staͤd¬ ter, mein Herr! der nichts weiß von Wald und Jagdluſt, da koͤnnen Sie ſich's denn nicht denken, was wir Jaͤgersleute fuͤr ein herrlich freudig Leben fuͤhren. Ich mit mei¬ nen Jaͤgerburſchen mache nur eine Familie aus, ja, Sie moͤgen das nun kurios finden, oder nicht, ich rechne meine klugen anſtelli¬ gen Hunde auch dazu; die verſtehen mich und paſſen auf mein Wort, auf meinen Wink und ſind mir treu bis zum Tode. — Sehen Sie wohl, wie mein Waldmann da, mich ſo verſtaͤndig anſchaut, weil er weiß, daß ich von ihm rede? — Nun, Herr, giebt es bei¬252 nahe immer was im Walde zu thun, da iſt denn nun Abends ein Vorbereiten und Wirth¬ ſchaften, und ſo wie der Morgen graut, bin ich aus den Federn, und trete heraus, ein luſtig Jaͤgerſtuͤckchen auf meinem Horn bla¬ ſend. Da ruͤttelt und rappelt ſich Alles aus dem Schlafe, die Hunde ſchlagen an, ſie juchzen vor Muth und Jagdbegier. Die Burſche werfen ſich ſchnell in die Kleider, Jagdtaſch' umgeworfen, Gewehr uͤber der Schulter, treten ſie hinein in die Stube, wo meine Alte das Jaͤgerfruͤhſtuͤck bereitet, und nun gehts heraus in Jubel und Luſt. Wir kommen hin an die Stellen, wo das Wild verborgen, da nimmt jeder vom andern ent¬ fernt einzeln ſeinen Platz, die Hunde ſchlei¬ chen, den Kopf geduckt zur Erde und ſchnuͤf¬ feln und ſpuͤren, und ſchauen den Jaͤger an, wie mit klugen menſchlichen Augen, und der Jaͤger ſteht, kaum athmend, mit geſpanntem Hahn regungslos, wie eingewurzelt auf der Stelle. — Und wenn nun das Wild heraus¬253 ſpringt aus dem Dickigt, und die Schuͤſſe knallen, und die Hunde ſtuͤrzen hinterdrein, ey Herr, da klopft einem das Herz und man iſt ein ganz andrer Menſch. Und jedesmal iſt ſolch 'ein Ausziehen zur Jagd was neues, denn immer komme was ganz beſonderes vor, was noch nicht da geweſen. Schon dadurch, daß das Wild ſich in die Zeiten theilt, ſo daß nun dies, dann jenes ſich zeigt, wird das Ding ſo herrlich, daß kein Menſch auf Er¬ den es ſatt haben kann. Aber, Herr! auch der Wald ſchon an und vor ſich ſelbſt, der Wald iſt ja ſo luſtig und lebendig, daß ich mich niemals einſam fuͤhle. Da kenne ich jedes Plaͤtzchen und jeden Baum, und es iſt mir wahrhaftig ſo, als wenn je¬ der Baum, der unter meinen Augen aufge¬ wachſen und nun ſeine blanken regen Wipfel in die Luͤfte ſtreckt, mich auch kennen und lieb haben muͤßte, weil ich ihn gehegt und gepflegt, ja ich glaube ordentlich, wenn es manchmal ſo wunderbar rauſcht und fluͤſtert,254 als ſpraͤche es zu mir mit ganz eignen Stim¬ men, und das waͤre eigentlich das wahre Lobpreiſen Gottes und ſeiner Allmacht, und ein Gebet, wie man es gar nicht mit Wor¬ ten auszuſprechen vermag. — Kurz, ein recht¬ ſchaffener frommer Jaͤgersmann, fuͤhrt ein gar luſtig herrlich Leben, denn es iſt ihm ja wohl noch etwas von der alten ſchoͤnen Frei¬ heit geblieben, wie die Menſchen ſo recht in der Natur lebten, und von all' dem Ge¬ ſchwaͤnzel und Geziere nichts wußten, womit ſie ſich in ihren gemauerten Kerkern quaͤlen, ſo daß ſie auch ganz entfremdet ſind all' den herrlichen Dingen, die Gott um ſie herge¬ ſtellt hat, damit ſie ſich daran erbauen und ergoͤtzen ſollen, wie es ſonſt die Freien tha¬ ten, die mit der ganzen Natur in Liebe und Freundſchaft lebten, wie man es in den al¬ ten Geſchichten lieſet. “—
Alles das ſagte der alte Foͤrſter mit ei¬ nem Ton und Ausdruck, daß man wohl uͤber¬ zeugt ſeyn mußte, wie er es tief in der Bruſt255 fuͤhle, und ich beneidete ihn in der That um ſein gluͤckliches Leben, um ſeine im Inner¬ ſten tiefbegruͤndete ruhige Gemuͤthsſtimmung, die der meinigen ſo unaͤhnlich war.
Im andern Theil des, wie ich jetzt wahrnahm, ziemlich weitlaͤuftigen Gebaͤudes wies mir der Alte ein kleines nett aufgeputz¬ tes Gemach an, in welchem ich meine Sa¬ chen bereits vorfand, und verließ mich, in¬ dem er verſicherte, daß mich der fruͤhe Laͤrm im Hauſe nicht wecken wuͤrde, da ich mich von der uͤbrigen Hausgenoſſenſchaft ganz ab¬ geſondert befinde, und daher ſo lange ruhen koͤnne, als ich wolle, nur erſt, wenn ich hin¬ abrufe, wuͤrde man mir das Fruͤhſtuͤck brin¬ gen, ich aber ihn, den Alten, erſt beim Mit¬ tagseſſen wiederſehen, da er fruͤh mit den Burſchen in den Wald ziehe, und vor Mit¬ tag nicht heimkehre. Ich warf mich auf das Lager, und fiel, ermuͤdet wie ich war, bald in tiefen Schlaf, aber es folterte mich ein entſetzliches Traumbild. — Auf ganz wun¬256 derbare Weiſe fing der Traum mit dem Be¬ wußtſeyn des Schlafs an, ich ſagte mir nehm¬ lich ſelbſt: nun das iſt herrlich, daß ich gleich eingeſchlafen bin, und ſo feſt und ruhig ſchlummere, das wird mich von der Ermuͤ¬ dung ganz erlaben; nur muß ich ja nicht die Augen oͤffnen. Aber demunerachtet war es mir, als koͤnne ich das nicht unterlaſſen, und doch wurde mein Schlaf dadurch nicht unterbrochen: da ging die Thuͤre auf, und eine dunkle Geſtalt trat hinein, die ich zu meinem Enſetzen, als mich ſelbſt, im Capuzi¬ nerhabit, mit Bart und Tonſur erkannte. Die Geſtalt kam naͤher und naͤher an mein Bett, ich war regungslos, und jeder Laut, den ich herauszupreſſen ſuchte, erſtickte in dem Starrkrampf, der mich ergriffen. Jetzt ſetzte ſich die Geſtalt auf mein Bett, und grinſete mich hoͤhniſch an. „ Du mußt jetzt mit mir kommen, ſprach die Geſtalt: wir wol¬ len auf das Dach ſteigen, unter die Wetter¬ fahne, die ein luſtig Brautlied ſpielt, weilder257der Uhu Hochzeit macht. Dort wollen wir ringen mit einander, und wer den andern herabſtoͤßt, iſt Koͤnig, und darf Blut trin¬ ken. — Ich fuͤhlte, wie die Geſtalt mich packte, und in die Hoͤhe zog, da gab mir die Verzweiflung meine Kraft wieder. „ Du biſt nicht ich, du biſt der Teufel, “ſchrie ich auf, und griff wie mit Krallen dem bedroh¬ lichen Geſpenſt ins Geſicht, aber es war, als bohrten meine Finger ſich in die Augen, wie in tiefe Hoͤlen, und die Geſtalt lachte von Neuem auf in ſchneidendem Ton. In dem Augenblick erwachte ich, wie von einem ploͤtzlichen Ruck emporgeſchuͤttelt. Aber das Gelaͤchter dauerte fort im Zimmer. Ich fuhr in die Hoͤhe, der Morgen brach in lichten Strahlen durch das Fenſter, und ich ſah vor dem Tiſch, den Ruͤcken mir zugewendet, eine Geſtalt im Capuzinerhabit ſtehen. — Ich er¬ ſtarrte vor Schreck, der grauenhafte Traum trat ins Leben. — Der Capuziner ſtoͤberte unter den Sachen, die auf dem Tiſche lagen. I. [17] 258Jetzt wandte er ſich, und mir kam aller Muth wieder, als ich ein fremdes Geſicht mit ſchwarzem verwildertem Barte erblickte, aus deſſen Augen der gedankenloſe Wahnſinn lachte: gewiſſe Zuͤge erinnerten entfernt an Hermogen. — Ich beſchloß abzuwarten, was der Unbekannte beginnen werde, und nur irgend einer ſchaͤdlichen Unternehmung Ein¬ halt zu thun. Mein Stilet lag neben mir, ich war deshalb und ſchon meiner koͤrperli¬ chen Leibesſtaͤrke wegen, auf die ich bauen konnte, auch ohne weitere Huͤlfe des Frem¬ den maͤchtig. Er ſchien mit meinen Sachen wie ein Kind zu ſpielen, vorzuͤglich hatte er Freude an dem rothen Portefeuille, das er hin und her gegen das Fenſter wandte, und dabei auf ſeltſame Weiſe in die Hoͤhe ſprang. Endlich fand er die Korbflaſche mit dem Reſt des geheimnißvollen Weins; er oͤffnete ſie und roch daran, da bebte es ihm durch alle Glieder, er ſtieß einen Schrei aus, der dumpf und grauenvoll im Zimmer wieder klang. 259Eine helle Glocke im Hauſe ſchlug drei Uhr, da heulte er wie von entſetzlicher Quaal er¬ griffen, aber dann brach er wieder aus in das ſchneidende Gelaͤchter, wie ich es im Traum gehoͤrt; er ſchwenkte ſich in wilden Spruͤngen, er trank aus der Flaſche und rannte dann, ſie von ſich ſchleudernd, zur Thuͤre hinaus. Ich ſtand ſchnell auf, und lief ihm nach, aber er war mir ſchon aus dem Geſichte, ich hoͤrte ihn die entfernte Treppe hinabpoltern, und einen dumpfen Schlag, wie von einer hart zugeworfenen Thuͤre. Ich verriegelte mein Zimmer, um eines zweiten Beſuchs uͤberhoben zu ſeyn, und warf mich aufs neue ins Bette. Zu er¬ ſchoͤpft war ich nun, um bald wieder ein¬ zuſchlafen; erquickt und geſtaͤrkt erwachte ich, als ſchon die Sonne ins Gemach hineinfun¬ kelte. — Der Foͤrſter war, wie er es geſagt hatte, mit ſeinen Soͤhnen und den Jaͤger¬ burſchen in den Wald gezogen; ein bluͤhen¬ des freundliches Maͤdchen, des Foͤrſters juͤn¬260 gere Tochter, brachte mir das Fruͤhſtuͤck, waͤhrend die Aeltere mit der Mutter in der Kuͤche beſchaͤftigt war. Das Maͤdchen wußte gar lieblich zu erzaͤhlen, wie ſie hier alle Tage froh und friedlich zuſammen lebten, und nur manchmal es Tumult von vielen Men¬ ſchen gaͤbe, wenn der Fuͤrſt im Revier jage, und dann manchmal im Hauſe uͤbernachte. So ſchlichen ein paar Stunden hin, da war es Mittag, und luſtiger Jubel und Hoͤrner¬ klang verkuͤndeten den Foͤrſter, der mit ſei¬ nen vier Soͤhnen, herrlichen bluͤhenden Juͤng¬ lingen, von denen der juͤngſte kaum funfzehn Jahr alt ſeyn mochte, und drei Jaͤgerbur¬ ſchen, heimkehrte. — Er frug, wie ich denn geſchlafen, und ob mich nicht der fruͤhe Laͤrm vor der Zeit geweckt habe; ich mochte ihm das uͤberſtandene Abentheuer nicht erzaͤhlen, denn die lebendige Erſcheinung des grau¬ enhaften Moͤnchs, hatte ſich ſo feſt an das Traumbild gereiht, daß ich kaum zu unterſcheiden vermochte, wo der Traum261 uͤbergegangen ſey ins wirkliche Leben. — Der Tiſch war gedeckt, die Suppe dampfte, der Alte zog ſein Kaͤppchen ab, um das Ge¬ bet zu halten, da ging die Thuͤre auf, und der Capuziner, den ich in der Nacht geſehen, trat hinein. Der Wahnſinn war aus ſeinem Geſichte verſchwunden, aber er hatte ein duͤ¬ ſtres ſtoͤrriſches Anſehen. „ Seyn Sie will¬ kommen, ehrwuͤrdiger Herr! rief ihm der Alte entgegen: — ſprechen Sie das Gratias und ſpeiſen Sie dann mit uns. “— Da blickte er um ſich mit Zornfunkelnden Augen, und ſchrie mit fuͤrchterlicher Stimme: „ der Satan ſoll Dich zerreiſſen mit Deinem ehrwuͤrdigen Herrn und Deinem verfluchten Beten; haſt Du mich nicht hergelockt, damit ich der drei¬ zehnte ſeyn ſoll, und Du mich umbringen laſſen kannſt von dem fremden Moͤrder? — Haſt Du mich nicht in dieſe Kutte geſteckt, damit niemand den Grafen, Deinen Herrn und Gebieter, erkennen ſoll. — Aber huͤte Dich, Verfluchter, vor meinem Zorn! “— Da¬262 mit ergriff der Moͤnch einen ſchweren Krug, der auf dem Tiſche ſtand, und ſchleuderte ihn nach dem Alten, der nur durch eine ge¬ ſchickte Wendung dem Wurf auswich, der ihm den Kopf zerſchmettert haͤtte. Der Krug flog gegen die Wand, und zerbrach in tau¬ ſend Scherben. Aber in dem Augenblick pack¬ ten die Jaͤgerburſche den Raſenden, und hiel¬ ten ihn feſt. „ Was! rief der Foͤrſter: Du verruchter gotteslaͤſterlicher Menſch, Du wagſt es, hier wieder mit Deinem raſenden Begin¬ nen unter fromme Leute zu treten, Du wagſt es, mir, der ich Dich aus viehiſchem Zu¬ ſtande, aus der ewigen Verderbniß errettet, aufs neue nach dem Leben zu trachten? — Fort mit Dir in den Thurm! “— Der Moͤnch fiel auf die Knie, er flehte heulend um Er¬ barmen, aber der Alte ſagte: „ Du mußt in den Thurm, und darfſt nicht eher wieder hieher kommen, bis ich weiß, daß Du dem Satan entſagt haſt, der Dich verblendet, ſonſt mußt Du ſterben. “ Da ſchrie der Moͤnch auf,263 wie im troſtloſen Jammer der Todesnoth, aber die Jaͤgerburſche brachten ihn fort, und berichteten, wiederkehrend, daß der Moͤnch ruhiger geworden, ſobald er in das Thurm¬ gemach getreten. Chriſtian, der ihn bewache, habe uͤbrigens erzaͤhlt, daß der Moͤnch die ganze Nacht uͤber in den Gaͤngen des Hau¬ ſes herumgepoltert, und vorzuͤglich nach Ta¬ gesanbruch geſchrien habe: „ gieb mir noch mehr von Deinem Wein, und ich will mich Dir ganz ergeben; mehr Wein, mehr Wein! “ Es habe dem Chriſtian uͤbrigens wirklich ge¬ ſchienen, als taumle der Moͤnch wie betrun¬ ken, unerachtet er nicht begriffen, wie der Moͤnch an irgend ein ſtarkes berauſchendes Getraͤnk gekommen ſeyn koͤnne. — Nun nahm ich nicht laͤnger Anſtand, das uͤberſtandene Abentheuer zu erzaͤhlen, wobei ich nicht vergaß der ausgeleerten Korbflaſche zu gedenken. „ Ey, das iſt ſchlimm, ſagte der Foͤrſter, doch Sie ſcheinen mir ein muthiger frommer Mann, ein Anderer haͤtte des Todes ſeyn koͤn¬264 nen vor Schreck. “ Ich bat ihn, mir naͤher zu ſagen, was es mit dem wahnſinnigen Moͤnch fuͤr eine Bewandniß habe. „ Ach, er¬ wiederte der Alte: das iſt eine lange aben¬ theuerliche Geſchichte, ſo was taugt nicht beim Eſſen. Schlimm genug ſchon, daß uns der garſtige Menſch, eben als wir, was uns Gott beſcheert, froh und freudig genießen wollten, mit ſeinem frevelichen Beginnen ſo geſtoͤrt hat; aber nun wollen wir auch gleich an den Tiſch. “ Damit zog er ſein Muͤtzchen ab, ſprach andaͤchtig und fromm das Gratias, und unter luſtigen frohen Geſpraͤchen ver¬ zehrten wir das laͤndliche, kraͤftig und ſchmack¬ haft zubereitete Mahl. Dem Gaſt zu Ehren ließ der Alte guten Wein heraufbringen, den er mir nach patriarchaliſcher Sitte aus ei¬ nem ſchoͤnen Pokal zutrank. Der Tiſch war indeſſen abgeraͤumt, die Jaͤgerburſche nahmen ein paar Hoͤrner von der Wand, und blie¬ ſen ein Jaͤgerlied. — Bei der zweiten Wie¬ derholung fielen die Maͤdchen ſingend ein,265 und mit ihnen wiederholten die Foͤrſtersſoͤhne im Chor die Schlußſtrophe. — Meine Bruſt erweiterte ſich auf wunderbare Weiſe: ſeit langer Zeit war mir nicht im Innerſten ſo wohl geweſen, als unter dieſen einfachen, frommen Menſchen. Es wurden mehrere ge¬ muͤthliche wohltoͤnende Lieder geſungen, bis der Alte aufſtand, und mit dem Ausruf: „ Es leben alle brave Maͤnner, die das edle Waid¬ werk ehren, “ſein Glas leerte; wir ſtimmten Alle ein, und ſo war das frohe Mahl, das mir zu Ehren durch Wein und Geſang ver¬ herrlicht wurde, beſchloſſen.
Der Alte ſprach zu mir: „ nun, mein Herr! ſchlafe ich ein halbes Stuͤndchen, aber dann gehen wir in den Wald, und ich erzaͤhle es Ihnen, wie der Moͤnch in mein Haus ge¬ kommen, und was ich ſonſt von ihm weiß. Bis dahin tritt die Daͤmmerung ein, dann gehen wir auf den Anſtand, da es, wie mir Franz ſagt, Huͤhner giebt. Auch Sie ſollen ein gutes Gewehr erhalten, und Ihr Gluͤck ver¬266 ſuchen. “ Die Sache war mir neu, da ich als Seminariſt zwar manchmal nach der Schei¬ be, aber nie nach Wild geſchoſſen; ich nahm daher des Foͤrſters Anerbieten an, der hoͤch¬ lich daruͤber erfreut ſchien, und mir mit treu¬ herziger Gutmuͤthigkeit in aller Eil noch vor dem Schlaf, den er zu thun gedachte, die er¬ ſten unentbehrlichſten Grundſaͤtze der Schie߬ kunſt beizubringen ſuchte.
Ich wurde mit Flinte und Jagdtaſche ausgeruͤſtet, und ſo zog ich mit dem Foͤrſter in den Wald, der die Geſchichte von dem ſeltſamen Moͤnch in folgender Art anfing.
„ Kuͤnftigen Herbſt ſind es ſchon zwei Jahre her, als meine Burſche im Walde oft ein entſetzliches Heulen vernahmen, das, ſo wenig menſchliches es auch hatte, doch wie Franz, mein juͤngſt angenommener Lehrling meinte, von einem Menſchen herruͤhren moch¬ te. Franz war dazu beſtimmt, von dem heu¬ lenden Ungethuͤm geneckt zu werden, denn, wenn er auf den Anſtand ging, ſo verſcheuchte267 das Heulen, welches ſich dicht bei ihm hoͤren ließ, die Thiere, und er ſah zuletzt, wenn er auf ein Thier anlegen wollte, ein borſtiges unkenntliches Weſen aus dem Gebuͤſch ſprin¬ gen, das ſeinen Schuß vereitelte. Franz hatte den Kopf voll von all' den ſpukhaften Jaͤ¬ gerlegenden, die ihm ſein Vater, ein alter Jaͤger, erzaͤhlt, und er war geneigt, das We¬ ſen fuͤr den Satan ſelbſt zu halten, der ihm das Waidhandwerk verleiden, oder ihn ſonſt verlocken wolle. Die anderen Burſche, ſelbſt meine Soͤhne, denen auch das Ungethuͤm aufgeſtoßen, pflichteten ihm endlich bei, und um ſo mehr war mir daran gelegen, dem Dinge naͤher auf die Spur zu kommen, als ich es fuͤr eine Liſt der Freiſchuͤtzen hielt, meine Jaͤger vom Anſtand wegzuſchrecken. — Ich befahl deshalb meinen Soͤhnen und den Burſchen, die Geſtalt, falls ſie ſich wieder zeigen ſollte, anzurufen, und falls ſie nicht ſtehen, oder Beſcheid geben ſollte, nach Jaͤ¬ gerrecht, ohne weiteres, nach ihr zu ſchie¬268 ßen. — Den Franz traf es wieder, der erſte zu ſeyn, dem das Ungethuͤm auf dem An¬ ſtand in den Weg trat. Er rief ihm zu, das Gewehr anlegend, die Geſtalt ſprang ins Ge¬ buͤſch, Franz wollte hinter drein knallen, aber der Schuß verſagte, und nun lief er voll Angſt und Schrecken zu den andern, die von ihm entfernt ſtanden, uͤberzeugt, daß es der Satan sey, der ihm zum Trutz das Wild verſcheuche, und ſein Gewehr verzau¬ bere; denn in der That traf er, ſeit dem ihn das Ungethuͤm verfolgte, kein Thier, ſo gut er ſonſt geſchoſſen. Das Geruͤcht von dem Spuck im Walde, verbreitete ſich, und man erzaͤhlte ſchon im Dorfe, wie der Satan dem Franz in den Weg getreten, und ihm Frei¬ kugeln angeboten, und noch anderes tolles Zeug mehr. — Ich beſchloß, dem Unweſen ein Ende zu machen, und das Ungethuͤm, das mir ſelbſt noch niemals aufgeſtoßen, auf den Staͤtten, wo es ſich zu zeigen pflegte, zu ver¬ folgen. Lange wollte es mir nicht gluͤcken;269 endlich, als ich an einem neblichten Novem¬ berabend gerade da, wo Franz das Ungethuͤm zuerſt erblickt, auf dem Anſtand war, rauſchte es mir ganz nahe im Gebuͤſch, ich legte leiſe das Gewehr an, ein Thier vermuthend, aber eine graͤßliche Geſtalt mit rothfunkelnden Augen und ſchwarzen borſtigen Haaren, mit Lumpen behangen, brach hervor. Das Un¬ gethuͤm ſtierte mich an, indem es entſetzende heulende Toͤne ausſtieß. Herr! — es war ein Anblick, der dem beherzteſten Furcht ein¬ jagen koͤnnte, ja mir war es, als ſtehe wirk¬ lich der Satan vor mir, und ich fuͤhlte, wie mir der Angſtſchweiß ausbrach. Aber im kraͤftigen Gebet, das ich mit ſtarker Stimme ſprach, ermuthigte ich mich ganz. So wie ich betete, und den Namen Jeſus Chriſtus ausſprach, heulte wuͤthender das Ungethuͤm, und brach endlich in entſetzliche gotteslaͤſter¬ liche Verwuͤnſchungen aus. Da rief ich: Du verfluchter, buͤbiſcher Kerl, halt ein mit Dei¬ nen gotteslaͤſterlichen Reden, und gieb Dich270 gefangen, oder ich ſchieße Dich nieder. Da fiel der Menſch wimmernd zu Boden, und bat um Erbarmen. Meine Burſche kamen herbei, wir packten den Menſchen, und fuͤhr¬ ten ihn nach Hauſe, wo ich ihn in den Thurm bei dem Nebengebaͤude einſperren ließ, und den naͤchſten Morgen, den Vorfall der Obrig¬ keit anzeigen wollte. Er fiel, ſo wie er in den Thurm kam, in einen ohnmaͤchtigen Zu¬ ſtand. Als ich den andern Morgen zu ihm ging, ſaß er auf dem Strohlager, das ich ihm bereiten laſſen, und weinte heftig. Er fiel mir zu Fuͤßen, und flehte mich an, daß ich mit ihm Erbarmen haben ſolle; ſchon ſeit mehreren Wochen habe er im Walde gelebt, und nichts gegeſſen, als Kraͤuter und wildes Obſt, er ſey ein armer Capuziner aus einem weit entlegenen Kloſter, und aus dem Ge¬ faͤngniſſe, in das man ihn Wahnſinns hal¬ ber geſperrt, entſprungen. Der Menſch war in der That in einem erbarmungswuͤrdigen Zuſtande, ich hatte Mitleiden mit ihm, und271 ließ ihm Speiſe und Wein zur Staͤrkung reichen, worauf er ſich ſichtlich erholte. Er bat mich auf das eindringendſte, ihn nur ei¬ nige Tage im Hauſe zu dulden, und ihm ein neues Ordenshabit zu verſchaffen, er wolle dann ſelbſt nach dem Kloſter zuruͤckwandeln. Ich erfuͤllte ſeinen Wunſch, und ſein Wahn¬ ſinn ſchien wirklich nachzulaſſen, da die Pa¬ roxismen minder heftig und ſeltner wurden. In den Ausbruͤchen der Raſerei ſtieß er ent¬ ſetzliche Reden aus, und ich bemerkte, daß er, wenn ich ihn deshalb hart anredete, und mit dem Tode drohte, in einen Zuſtand inne¬ rer Zerknirſchung uͤberging, in dem er ſich kaſteite, ja ſogar Gott und die Heiligen an¬ rief, ihn von der Hoͤllenquaal zu befreien. Er ſchien ſich dann fuͤr den heiligen Antonius zu halten, ſo wie er in der Raſerei immer tobte: er ſey Graf und gebietender Herr, und er wolle uns alle ermorden laſſen, wenn ſeine Diener kaͤmen. In den lichten Zwi¬ ſchenraͤumen bat er mich um Gotteswillen272 ihn nicht zu verſtoßen, weil er fuͤhle, daß nur ſein Aufenthalt bei mir ihn heilen koͤnne. Nur ein einzigesmal gab es noch einen har¬ ten Auftritt mit ihm, und zwar, als der Fuͤrſt hier eben im Revier gejagt, und bei mir uͤbernachtet hatte. Der Moͤnch war, nachdem er den Fuͤrſten mit ſeiner glaͤnzen¬ den Umgebung geſehen, ganz veraͤndert. Er blieb ſtoͤrriſch und verſchloſſen, er entfernte ſich ſchnell, wenn wir beteten, es zuckte ihm durch alle Glieder wenn er nur ein andaͤch¬ tiges Wort hoͤrte, und dabei ſchaute er meine Tochter Anne mit ſolchen luͤſternen Blicken an, daß ich beſchloß, ihn fortzubringen, um allerlei Unfug zu verhuͤten. In der Nacht vorher, als ich den Morgen meinen Plan ausfuͤhren wollte, weckte mich ein durchdrin¬ gendes Geſchrei auf dem Gange, ich ſprang aus dem Bette, und lief ſchnell mit ange¬ zuͤndetem Licht, nach dem Gemach, wo meine Toͤchter ſchliefen. Der Moͤnch war aus dem Thurm, wo ich ihn allnaͤchtlich eingeſchloſ¬ſen,273ſen, gebrochen und in viehiſcher Brunſt nach dem Gemach meiner Toͤchter gerannt, deſſen Thuͤre er mit einem Fußtritt ſprengte. Zum Gluͤck hatte den Franz ein unausſtehlicher Durſt aus der Kammer, wo die Burſche ſchlafen, hinausgetrieben, und er wollte ge¬ rade nach der Kuͤche gehen, um ſich Waſſer zu ſchoͤpfen, als er den Moͤnch uͤber den Gang poltern hoͤrte. Er lief herbei, und packte ihn gerade in dem Augenblick, als er die Thuͤre einſtieß, von hinten her; aber der Junge war zu ſchwach, den Ra¬ ſenden zu baͤndigen, ſie balgten ſich unter dem Geſchrei der erwachten Maͤdchen in der Thuͤre, und ich kam gerade in dem Augen¬ blick herzu, als der Moͤnch den Burſchen zu Boden geworfen, und ihn meuchleriſch bei der Kehle gepackt hatte. Ohne mich zu be¬ ſinnen, faßte ich den Moͤnch, und riß ihn von Franzen weg, aber ploͤtzlich, noch weiß ich nicht, wie das zugegangen, blinckte ein Meſſer in des Moͤnchs Fauſt, er ſtieß nachI. [18] 274mir, aber Franz, der ſich aufgerafft, fiel ihm in den Arm, und mir, der ich nun wohl ein ſtarker Mann bin, gelang es bald, den Ra¬ ſenden ſo feſt an die Mauer zu druͤcken, daß ihm ſchier der Athem ausgehen wollte. Die Burſche waren, ob dem Laͤrm, alle wach wor¬ den, und herbeigelaufen; wir banden den Moͤnch, und ſchmiſſen ihn in den Thurm, ich holte aber meine Hetzpeitſche herbei, und zaͤhlte ihm zur Abmahnung von kuͤnftigen Un¬ thaten aͤhnlicher Art, einige kraͤftige Hiebe auf, ſo daß er ganz erbaͤrmlich aͤchzte und wimmerte; aber ich ſprach: Du Boͤſewicht, das iſt noch viel zu wenig fuͤr deine Schaͤnd¬ lichkeit, daß Du meine Tochter verfuͤhren wollen, und mir nach dem Leben getrachtet, eigentlich ſollteſt du ſterben. — Er heulte vor Angſt und Entſetzen, denn die Furcht vor dem Tode, ſchien ihn ganz zu vernich¬ ten. Den andern Morgen war es nicht moͤg¬ lich, ihn fortzubringen, denn er lag todten¬ aͤhnlich in gaͤnzlicher Abſpannung da, und275 floͤßte mir wahres Mitleiden ein. Ich ließ ihm in einem beſſern Gemach ein gutes Bette bereiten, und meine Alte pflegte ſeiner, in¬ dem ſie ihm ſtaͤrkende Suppen kochte, und aus unſerer Hausapotheke das reichte, was ihm dienlich ſchien. Meine Alte hat die gute Gewohnheit, wenn ſie einſam ſitzt, oft ein andaͤchtig Lied anzuſtimmen, aber wenn es ihr recht wohl ums Herz ſeyn ſoll, muß meine Anne mit ihrer hellen Stimme, ihr ſolch ein Lied vorſingen. — Das geſchah nun auch vor dem Bette des Kranken. — Da ſeufzte er oft tief, und ſah meine Alte und die Anne mit recht wehmuͤthigen Bli¬ cken an, oft floſſen ihm die Thraͤnen uͤber die Wangen. Zuweilen bewegte er die Hand und die Finger, als wolle er ſich kreuzigen, aber das gelang nicht, die Hand fiel kraftlos nie¬ der; dann ſtieß er auch manchmal leiſe Toͤne aus, als wolle er in den Geſang einſtimmen. Endlich fing er an zuſehends zu geneſen, jetzt ſchlug er oft das Kreuz nach Sitte der276 Moͤnche, und betete leiſe. Aber ganz unver¬ muthet fing er einmal an lateiniſche Lieder zu ſingen, die meiner Alten und der Anne, unerachtet ſie die Worte nicht verſtanden, mit ihren ganz wunderbaren heiligen Toͤnen bis ins Innerſte drangen, ſo daß ſie nicht genug ſagen konnten, wie der Kranke ſie er¬ baue. Der Moͤnch war ſo weit hergeſtellt, daß er aufſtehen, und im Hauſe umherwan¬ deln konnte, aber ſein Ausſehen, ſein Weſen war ganz veraͤndert. Die Augen blickten ſanft, ſtatt daß ſonſt ein gar boͤſes Feuer in ihnen funkelte, er ſchritt ganz nach Kloſter¬ ſitte, leiſe und andaͤchtig mit gefaltenen Haͤnden umher, jede Spur des Wahnſinns war verſchwunden. Er genoß nichts als Ge¬ muͤſe, Brod und Waſſer, und nur ſelten konnte ich ihn in der letzten Zeit dahin brin¬ gen, daß er ſich an meinen Tiſch ſetzte, und etwas von den Speiſen genoß, ſo wie einen kleinen Schluck Wein trank. Dann ſprach er das Gratias und ergoͤtzte uns mit ſeinen277 Reden, die er ſo wohl zu ſtellen wußte, wie nicht leicht einer. Oft ging er im Walde einſam ſpazieren, ſo kam es denn, daß ich ihn einmal begegnete, und ohne gerade viel zu denken frug: ob er nicht nun bald in ſein Kloſter zuruͤckkehren werde. Er ſchien ſehr bewegt, er faßte meine Hand und ſprach: „ „ Mein Freund, ich habe Dir das Heil mei¬ ner Seele zu danken, Du haſt mich errettet von der ewigen Verderbniß, noch kann ich nicht von Dir ſcheiden, laß mich bei Dir ſeyn. Ach, habe Mitleid mit mir, den der Satan verlockt hat, und der unwiederbringlich ver¬ lohren war, wenn ihn der Heilige, zu dem er flehte in angſtvollen Stunden, nicht im Wahnſinn in dieſen Wald gebracht haͤtte. — Sie fanden mich, fuhr der Moͤnch nach eini¬ gem Stillſchweigen fort: in einem ganz ent¬ arteten Zuſtande, und ahnden auch jetzt ge¬ wiß nicht, daß ich einſt ein von der Natur reich ausgeſtatteter Juͤngling war, den nur eine ſchwaͤrmeriſche Neigung zur Einſamkeit278 und zu den tiefſinnigſten Studien ins Klo¬ ſter brachte. Meine Bruͤder liebten mich alle ausnehmend, und ich lebte ſo froh, als es nur in dem Kloſter geſchehen kann. Durch Froͤmmigkeit und muſterhaftes Betragen, ſchwang ich mich empor, man ſah in mir ſchon den kuͤnftigen Prior. Es begab ſich, daß einer der Bruͤder von weiten Reiſen heim kehrte, und dem Kloſter verſchiedene Reliquien, die er ſich auf dem Wege zu ver¬ ſchaffen gewußt, mitbrachte. Unter dieſen befand ſich eine verſchloſſene Flaſche, die der heilige Antonius dem Teufel, der darin ein verfuͤhreriſches Elixier bewahrte, abgenom¬ men haben ſollte. Auch dieſe Reliquie wurde ſorgfaͤltig aufbewahrt, unerachtet mir die Sa¬ che ganz gegen den Geiſt der Andacht, den die wahren Reliquien einfloͤßen ſollen, und uͤberhaupt ganz abgeſchmackt zu ſeyn ſchien. Aber eine unbeſchreibliche Luͤſternheit be¬ maͤchtigte ſich meiner, das zu erforſchen, was wohl eigentlich in der Flaſche enthalten. 279Es gelang mir, ſie bei Seite zu ſchaffen, ich oͤffnete ſie, und fand ein herrlich duftendes, ſuͤß ſchmeckendes ſtarkes Getraͤnk darinn, das ich bis auf den letzten Tropfen genoß. — Wie nun mein ganzer Sinn ſich aͤnderte, wie ich einen brennenden Durſt nach der Luſt der Welt empfand, wie das Laſter in verfuͤh¬ reriſcher Geſtalt, mir als des Lebens hoͤchſte Spitze erſchien, das Alles mag ich nicht ſagen, kurz, mein Leben wurde eine Reihe ſchaͤndli¬ cher Verbrechen, ſo daß, als ich meiner teuf¬ liſchen Liſt unerachtet verrathen wurde, mich der Prior zum ewigen Gefaͤngniß verur¬ theilte. Als ich ſchon mehrere Wochen in dem dumpfen feuchten Kerker zugebracht hat¬ te, verfluchte ich mich und mein Daſeyn, ich laͤſterte Gott und die Heiligen, da trat, im gluͤhend rothen Scheine, der Satan zu mir und ſprach, daß, wenn ich meine Seele ganz dem Hoͤchſten abwenden, und ihm die¬ nen wolle, er mich befreien werde. Heulend ſtuͤrzte ich auf die Knie und rief: es iſt kein280 Gott, dem ich diene, Du biſt mein Herr, und aus Deinen Gluthen ſtroͤmt die Luft des Lebens. — Da brauſte es in den Luͤften, wie eine Windsbraut, und die Mauern droͤhnten, wie vom Erdbeben erſchuͤttert, ein ſchneiden¬ der Ton pfiff durch den Kerker, die Eiſen¬ ſtaͤbe des Fenſters fielen zerbroͤckelt herab, und ich ſtand von unſichtbarer Gewalt hin¬ ausgeſchleudert im Kloſterhofe. Der Mond ſchien hell durch die Wolken, und in ſeinen Strahlen erglaͤnzte das Standbild des heili¬ gen Antonius, das mitten im Hofe bei ei¬ nem Springbrunnen aufgerichtet war. — Ei¬ ne unbeſchreibliche Angſt zerriß mein Herz, ich warf mich zerknirſcht nieder vor dem Heiligen, ich ſchwor dem Boͤſen ab, und flehte um Erbarmen; aber da zogen ſchwarze Wolken herauf, und aufs neue brauſte der Orkan durch die Luft, mir vergingen die Sinne, und ich fand mich erſt im Walde wieder, in dem ich wahnſinnig vor Hunger und Verzweiflung umhertobte, und aus dem281 Sie mich erretteten. “ “— So erzaͤhlte der Moͤnch, und ſeine Geſchichte machte auf mich ſolch einen tiefen Eindruck, daß ich nach vie¬ len Jahren, noch ſo wie heute im Stande ſeyn werde, Alles Wort fuͤr Wort zu wiederho¬ len. Seit der Zeit hat ſich der Moͤnch, ſo fromm, ſo gutmuͤthig betragen, daß wir ihn Alle liebgewannen, und um ſo unbegreiflicher iſt es mir, wie in voriger Nacht ſein Wahn¬ ſinn hat aufs neue ausbrechen koͤnnen. “
„ Wiſſen Sie denn gar nicht, fiel ich dem Foͤrſter ins Wort: aus welchem Capuzi¬ nerkloſter der Ungluͤckliche entſprungen iſt? “— „ Er hat mir es verſchwiegen, erwiederte der Foͤrſter: und ich mag um ſo weniger darnach fragen, als es mir beinahe gewiß iſt, als es wohl derſelbe Ungluͤckliche ſeyn mag, der un¬ laͤngſt das Geſpraͤch des Hofes war, uner¬ achtet man ſeine Naͤhe nicht vermuthete, und ich auch meine Vermuthung zum wahren Be¬ ſten des Moͤnchs, nicht gerade bei Hofe laut werden laſſen mochte. “— „ Aber ich darf ſie282 wohl erfahren, verſetzte ich: da ich ein Frem¬ der bin, und noch uͤberdies mit Hand und Mund verſprechen will, gewiſſenhaft zu ſchwei¬ gen. “— „ Sie muͤſſen wiſſen, ſprach der Foͤr¬ ſter weiter: daß die Schweſter unſerer Fuͤrſtin Aebtiſſin des Ciſterzienſerkloſters in *** iſt. Dieſe hatte ſich des Sohnes einer armen Frau, deren Mann mit unſerm Hofe in ge¬ wiſſen geheimnißvollen Beziehungen geſtan¬ den haben ſoll, angenommen, und ihn auf¬ ziehen laſſen. Aus Neigung wurde er Ca¬ puziner, und als Kanzelredner weit und breit bekannt. Die Aebtiſſin ſchrieb ihrer Schwe¬ ſter ſehr oft uͤber den Pflegling, und betrau¬ erte vor einiger Zeit tief ſeinen Verluſt. Er ſoll durch den Mißbrauch einer Reliquie ſchwer geſuͤndigt haben, und aus dem Klo¬ ſter, deſſen Zierde er ſo lange war, verbannt worden ſeyn. Alles dieſes weiß ich aus ei¬ nem[Geſpraͤch] des fuͤrſtlichen Leibarztes mit einem andern Herrn vom Hofe, das ich vor einiger Zeit anhoͤrte. Sie erwaͤhnten einiger283 ſehr merkwuͤrdiger Umſtaͤnde, die mir jedoch, weil ich all' die Geſchichten nicht von Grund aus kenne, unverſtaͤndlich geblieben, und wie¬ der entfallen ſind. Erzaͤhlt nun auch der Moͤnch ſeine Errettung aus dem Kloſtergefaͤng¬ niß auf andere Weiſe, ſoll ſie nehmlich durch den Satan geſchehen ſeyn, ſo halte ich dies doch fuͤr eine Einbildung, die ihm noch vom Wahnſinn zuruͤckblieb, und meine, daß der Moͤnch kein anderer, als eben der Bruder Medardus iſt, den die Aebtiſſin zum geiſtli¬ chen Stande erziehen ließ, und den der Teu¬ fel zu allerlei Suͤnden verlockte, bis ihn Got¬ tes Gericht mit viehiſcher Raſerei ſtrafte. “
Als der Foͤrſter den Nahmen Medardus nannte, durchbebte mich ein innerer Schauer, ja die ganze Erzaͤhlung hatte mich, wie mit toͤdtlichen Stichen, die mein Innerſtes trafen gepeinigt. — Nur zu ſehr war ich uͤberzeugt, daß der Moͤnch die Wahrheit geſprochen, da nur eben ein ſolches Getraͤnk der Hoͤlle, das er luͤſtern genoſſen, ihn aufs neue in ver¬284 ruchten gotteslaͤſterlichen Wahnſinn geſtuͤrzt hatte. — Aber ich ſelbſt war herabgeſunken zum elenden Spielwerk der boͤſen geheim¬ nißvollen Macht, die mich mit unaufloͤslichen Banden umſtrickt hielt, ſo daß ich, der ich frei zu ſeyn glaubte, mich nur innerhalb des Kaͤ¬ fichts bewegte, in den ich rettungslos geſperrt worden. — Die guten Lehren des frommen Cyrillus, die ich unbeachtet ließ, die Erſchei¬ nung des Grafen und ſeines leichtſinnigen Hof¬ meiſters, alles kam mir in den Sinn. — Ich wußte nun, woher die ploͤtzliche Gaͤhrung im Innern, die Aenderung meines Gemuͤths ent¬ ſtanden; ich ſchaͤmte mich meines frevelichen Beginnens, und dieſe Schaam galt mir in dem Augenblick fuͤr die tiefe Reue und Zer¬ knirſchung, die ich in wahrhafter Buße haͤtte empfinden ſollen. So war ich in tiefes Nach¬ denken verſunken, und hoͤrte kaum auf den Alten, der nun, wieder auf die Jaͤgerei ge¬ kommen, mir manchen Strauß ſchilderte, den er mit den boͤſen Freiſchuͤtzen, gehabt. 285Die Daͤmmerung war eingebrochen, und wir ſtanden vor dem Gebuͤſch, in dem die Huͤh¬ ner liegen ſollten; der Foͤrſter ſtellte mich auf meinen Platz, ſchaͤrfte mir ein, weder zu ſprechen, noch ſonſt mich viel zu regen, und mit geſpanntem Hahn recht ſorglich zu lau¬ ſchen. Die Jaͤger ſchlichen leiſe auf ihre Plaͤtze, und ich ſtand einſam in der Dunkel¬ heit, die immer mehr zunahm. — Da traten Geſtalten aus meinem Leben hervor im duͤ¬ ſtern Walde. Ich ſah meine Mutter, die Aebtiſſin, ſie ſchauten mich an mit ſtrafen¬ den Blicken. — Euphemie rauſchte auf mich zu mit todtenbleichem Geſicht, und ſtarrte mich an mit ihren ſchwarzen gluͤhenden Au¬ gen, ſie erhob ihre blutigen Haͤnde, mir dro¬ hend, ach es waren Blutstropfen Hermogens Todeswunde entquollen, ich ſchrie auf! — Da ſchwirrte es uͤber mir in ſtarkem Fluͤgelſchlag, ich ſchoß blindlings in die Luft, und zwei Huͤhner ſtuͤrzten getroffen herab. „ Bravo! “286rief der unfern von mir ſtehende Jaͤgerburſche, indem er das dritte herabſchoß. — Schuͤſſe knallten jetzt rings umher, und die Jaͤger verſammelten ſich, jeder ſeine Beute herbei¬ tragend. Der Jaͤgerburſche erzaͤhlte, nicht ohne liſtige Seitenblicke auf mich, wie ich ganz laut aufgeſchrien, da die Huͤhner dicht uͤber meinen Kopf weggeſtrichen, als haͤtte ich großen Schreck, und dann ohne einmal recht anzulegen, blindlings drunter geſchoſſen, und doch zwei Huͤhner getroffen; ja es ſey in der Finſterniß ihm vorgekommen, als haͤtte ich das Gewehr ganz nach anderer Richtung hingehalten, und doch waͤren die Huͤhner ge¬ ſtuͤrzt. Der alte Foͤrſter lachte laut auf, daß ich ſo uͤber die Huͤhner erſchrocken ſey, und mich nur gewehrt habe, mit Drunterſchießen. — „ Uebrigens, mein Herr! fuhr er ſcherzend fort: will ich hoffen, daß ſie ein ehrlicher frommer Waidmann, und kein Freijaͤger ſind, der es mit dem Boͤſen haͤlt, und hinſchießen kann, wo er will, ohne das zu fehlen, was287 er zu treffen Willens. “— Dieſer gewiß un¬ befangene Scherz des Alten, traf mein In¬ nerſtes, und ſelbſt mein gluͤcklicher Schuß in jener aufgeregten entſetzlichen Stimmung, den doch nur der Zufall herbeigefuͤhrt, er¬ fuͤllte mich mit Grauen. Mit meinem Selbſt mehr als jemals entzweit, wurde ich mir ſelbſt zweideutig, und ein inneres Grauſen umfing mein eignes Weſen mit zerſtoͤrender Kraft.
Als wir ins Haus zuruͤckkamen, berich¬ tete Chriſtian, daß der Moͤnch ſich im Thurm ganz ruhig verhalten, kein einziges Wort ge¬ ſprochen, und auch keine Nahrung zu ſich ge¬ nommen habe. „ Ich kann ihn nun nicht laͤnger bei mir behalten, ſprach der Foͤrſter: denn wer ſteht mir dafuͤr, daß ſein, wie es ſcheint, unheilbarer Wahnſinn nach langer Zeit nicht aufs Neue ausbricht, und er ir¬ gend ein entſetzliches Unheil hier im Hauſe anrichtet; er muß morgen in aller Fruͤhe mit Chriſtian und Franz nach der Stadt; mein288 Bericht uͤber den ganzen Vorgang iſt laͤngſt fertig, und da mag er denn in die Irrenan¬ ſtalt gebracht werden. “
Als ich in meinem Gemach allein war, ſtand mir Hermogens Geſtalt vor Augen, und wenn ich ſie faſſen wollte mit ſchaͤrfe¬ rem Blick, wandelte ſie ſich um in den wahn¬ ſinnigen Moͤnch. Beide floſſen in meinem Gemuͤth in Eins zuſammen, und bildeten ſo die Warnung der hoͤhern Macht, die ich wie dicht vor dem Abgrunde vernahm. Ich ſtieß an die Korbflaſche, die noch auf dem Boden lag; der Moͤnch hatte ſie bis auf den letzten Tropfen ausgeleert, und ſo war ich jeder neuen Verſuchung, davon zu genießen, entho¬ ben: aber auch ſelbſt die Flaſche, aus der noch ein ſtarker berauſchender Duft ſtroͤmte, ſchleuderte ich fort, durch das offne Fenſter uͤber die Hofmauer weg, um ſo jede moͤgliche Wirkung des verhaͤngnißvollen Elixiers zu vernichten. — Nach und nach wurde ich ru¬ higer, ja der Gedanke ermuthigte mich, daßich289ich auf jeden Fall in geiſtiger Hinſicht erha¬ ben ſeyn muͤſſe uͤber jenen Moͤnch, den das dem meinigen gleiche Getraͤnk in wilden Wahnſinn ſtuͤrzte. Ich fuͤhlte, wie dies ent¬ ſetzliche Verhaͤngniß bei mir voruͤbergeſtreift; ja daß der alte Foͤrſter, den Moͤnch eben fuͤr den ungluͤcklichen Medardus, fuͤr mich ſelbſt, hielt, war mir ein Fingerzeig der hoͤheren heiligen Macht, die mich noch nicht ſinken laſſen wollte, in das troſtloſe Elend. — Schien nicht der Wahnſinn, der uͤberall ſich mir in den Weg ſtellte, nur allein vermoͤgend, mein Inneres zu durchblicken, und immer dringen¬ der vor dem boͤſen Geiſte zu warnen, der mir, wie ich glaubte, ſichtbarlich in der Ge¬ ſtalt des bedrohlichen geſpenſtiſchen Mahlers erſchienen? —
Unwiderſtehlich zog es mich fort nach der Reſidenz. Die Schweſter meiner Pflege¬ mutter, die, wie ich mich beſann, der Aeb¬ tiſſin ganz aͤhnlich war, da ich ihr Bild oͤf¬ ters geſehen, ſollte mich wieder zuruͤckfuͤhrenI. [19] 290in das fromme ſchuldloſe Leben, wie es ehe¬ mals mir bluͤhte, denn dazu bedurfte es in meiner jetzigen Stimmung nur ihres Anblicks und der dadurch erweckten Erinnerungen. Dem Zufall wollte ich es uͤberlaſſen, mich in ihre Naͤhe zu bringen.
Kaum war es Tag worden, als ich des Foͤrſters Stimme im Hofe vernahm; fruͤh ſollte ich mit dem Sohne abreiſen, ich warf mich daher ſchnell in die Kleider. Als ich herabkam, ſtand ein Leiterwagen mit Stroh¬ ſitzen zum Abfahren bereit, vor der Haus¬ thuͤr; man brachte den Moͤnch, der mit tod¬ tenbleichem und verſtoͤrtem Geſicht ſich ge¬ duldig fuͤhren ließ. Er antwortete auf keine Frage, er wollte nichts genießen, kaum ſchien er die Menſchen um ſich zu gewahren. Man hob ihn auf den Wagen, und band ihn mit Stricken feſt, da ſein Zuſtand allerdings bedenklich ſchien, und man vor dem ploͤtzli¬ chen Ausbruch einer innern verhaltenen Wuth keinesweges ſicher war. Als man ſeine Aer¬291 me feſtſchnuͤrte, verzog ſich ſein Geſicht krampfhaft, und er aͤchzte leiſe. Sein Zu¬ ſtand durchbohrte mein Herz, er war mir verwandt worden, ja nur ſeinem Verderben verdankte ich vielleicht meine Rettung. Chri¬ ſtian und ein Jaͤgerburſche ſetzten ſich neben ihm in den Wagen. Erſt im fortfahren fiel ſein Blick auf mich, und er wurde ploͤtzlich von tiefem Staunen ergriffen; als der Wa¬ gen ſich ſchon entfernte (wir waren ihm bis vor die Mauer gefolgt) blieb ſein Kopf ge¬ wandt, und ſein Blick auf mich gerichtet. „ Sehen Sie, ſagte der alte Foͤrſter: wie er Sie ſo ſcharf ins Auge faßt; ich glaube, daß Ihre Gegenwart im Speiſezimmer, die er nicht vermuthete, auch viel zu ſeinem raſen¬ den Beginnen beigetragen hat, denn ſelbſt in ſeiner guten Periode blieb er ungemein ſcheu, und hatte immer den Argwohn, daß ein Fremder kommen, und ihn toͤdten wuͤrde. Vor dem Tode hat er nehmlich eine ganz ungemeſſene Furcht, und durch die Drohung292 ihn gleich erſchießen zu laſſen, habe ich oft den Ausbruͤchen ſeiner Raſerei wider¬ ſtanden. “
Mir war wohl und leicht, daß der Moͤnch, deſſen Erſcheinung mein eignes Ich in ver¬ zerrten graͤßlichen Zuͤgen reflektirte, entfernt worden. Ich freuete mich auf die Reſidenz, denn es war mir, als ſolle dort die Laſt des ſchweren finſtern Verhaͤngniſſes, die mich niedergedruͤckt, mir entnommen werden, ja, als wuͤrde ich mich dort, erkraͤftigt, der boͤſen Macht, die mein Leben befangen, ent¬ reißen koͤnnen. Als das Fruͤhſtuͤck ver¬ zehrt, fuhr der ſaubre mit raſchen Pfer¬ den beſpannte Reiſewagen des Foͤrſters vor. — Kaum gelang es mir, der Frau fuͤr die Gaſtlichkeit, mit der ich aufgenom¬ men, etwas Geld, ſo wie den beiden bild¬ huͤbſchen Toͤchtern einige Galanteriewaaren, die ich zufaͤllig bei mir trug, aufzudringen. Die ganze Familie nahm ſo herzlichen Ab¬293 ſchied, als ſey ich laͤngſt im Hauſe bekannt geweſen, der Alte ſcherzte noch viel uͤber mein Jaͤgertalent. Heiter und froh fuhr ich von dannen.
Das Leben am fürſtlichen Hofe.
Die Reſidenz des Fuͤrſten bildete gerade den Gegenſatz zu der Handelsſtadt, die ich verlaſſen. Im Umfange bedeutend kleiner, war ſie regelmaͤßiger und ſchoͤner gebaut, aber ziemlich menſchenleer. Mehrere Stra¬ ßen worin Alleen gepflanzt, ſchienen mehr Anlagen eines Parks zu ſeyn, als zur Stadt zu gehoͤren; alles bewegte ſich ſtill und fei¬ erlich, ſelten von dem raſſelnden Geraͤuſch ei¬ nes Wagens unterbrochen. Selbſt in der Kleidung, und in dem Anſtande der Einwoh¬295 ner, bis auf den gemeinen Mann, herrſchte eine gewiſſe Zierlichkeit, ein Streben, aͤußere Bildung zu zeigen.
Der fuͤrſtliche Pallaſt war nichts weni¬ ger als groß, auch nicht im großen Styl er¬ baut, aber Ruͤckſichts der Eleganz, der rich¬ tigen Verhaͤltniſſe, eines der ſchoͤnſten Ge¬ baͤude, die ich jemals geſehen; an ihn ſchloß ſich ein anmuthiger Park, den der liberale Fuͤrſt den Einwohnern zum Spaziergange ge¬ oͤffnet.
Man ſagte mir in dem Gaſthauſe, wo ich eingekehrt, daß die fuͤrſtliche Familie ge¬ woͤhnlich Abends einen Gang durch den Park zu machen pflege, und daß viele Einwohner dieſe Gelegenheit niemals verſaͤumten, den guͤtigen Landesherrn zu ſehen. Ich eilte um die beſtimmte Stunde in den Park, der Fuͤrſt trat mit ſeiner Gemahlin und einer geringen Umgebung aus dem Schloſſe. — Ach! — bald ſah ich nichts mehr, als die Fuͤrſtin, ſie die meiner Pflegemutter ſo aͤhnlich war! — Die¬296 ſelbe Hoheit, dieſelbe Anmuth in jeder Ih¬ rer Bewegungen, derſelbe geiſtvolle Blick des Auges, dieſelbe freie Stirne, das himm¬ liſche Laͤcheln. — Nur ſchien ſie mir im Wuchſe voller und juͤnger, als die Aebtiſſin. Sie redete liebreich mit mehreren Frauen¬ zimmern, die ſich eben in der Allee befanden, waͤhrend der Fuͤrſt mit einem ernſten Mann im intereſſanten eifrigen Geſpraͤch begriffen ſchien. — Die Kleidung, das Benehmen der fuͤrſtlichen Familie, ihre Umgebung, alles griff ein in den Ton des Ganzen. Man ſah wohl, wie die anſtaͤndige Haltung in einer gewiſſen Ruhe und anſpruchsloſen Zierlich¬ keit, in der ſich die Reſidenz erhielt, von dem Hofe ausgieng. Zufaͤllig ſtand ich bei einem aufgeweckten Mann, der mir auf alle moͤgliche Fragen Beſcheid gab, und manche muntere Anmerkung einzuflechten wußte. Als die fuͤrſtliche Familie voruͤber war, ſchlug er mir vor einen Gang durch den Park zu ma¬ chen, und mir, dem Fremden, die geſchmack¬297 vollen Anlagen, zu zeigen, welche uͤberall in denſelben anzutreffen: das war mir nun ganz recht, und ich fand in der That, daß uͤberall der Geiſt der Anmuth und des ge¬ regelten Geſchmacks verbreitet, wiewohl mir oft in den im Park zerſtreuten Gebaͤuden, das Streben nach der antiken Form, die nur die grandioſeſten Verhaͤltniſſe duldet, den Bauherrn zu Kleinlichkeiten verleitet zu haben ſchien. Antike Saͤulen, deren Capitaͤler ein großer Mann beinahe mit der Hand erreicht, ſind wohl ziemlich laͤcherlich. Eben ſo gab es in entgegengeſetzter Art im andern Theil des Parks ein paar gothiſche Gebaͤude, die ſich in ihrer Kleinheit gar zu kleinlich ausnahmen. Ich glaube, daß das Nachahmen gothiſcher Formen beinahe noch gefaͤhrlicher iſt, als jenes Streben nach dem Antiken. Denn iſt es auch allerdings rich¬ tig, daß kleine Kapellen dem Baumeiſter, der Ruͤckſichts der Groͤße des Gebaͤudes, und der darauf zu verwendenden Koſten einge¬298 ſchraͤnkt iſt, Anlaß genug geben, in jenem Styl zu bauen, ſo moͤchte es doch wohl mit den Spitzbogen, bizarren Saͤulen, Schnoͤr¬ keln, die man dieſer oder jener Kirche nach¬ ahmt, nicht gethan ſeyn, da nur der Bau¬ meiſter etwas wahrhaftiges in der Art lei¬ ſten wird, der ſich von dem tiefen Sinn, — wie er in den alten Meiſtern wohnte, wel¬ che das willkuͤhrlich, ja das heterogen ſchei¬ nende, ſo herrlich zu einem ſinnigen bedeu¬ tungsvollen Ganzen zu verbinden wußten, — beſeelt fuͤhlt. Es iſt mit einem Wort, der ſeltene Sinn fuͤr das Romantiſche, der den gothiſchen Baumeiſter leiten muß, da hier von dem ſchulgerechten, an das er ſich bei der antiken Form halten kann, nicht die Re¬ de iſt. Ich aͤußerte alles dieſes meinem Be¬ gleiter; er ſtimmte mir vollkommen bei, und ſuchte nur fuͤr jene Kleinigkeiten darinn ei¬ ne Entſchuldigung, daß die in einem Park noͤthige Abwechslung, und ſelbſt das Beduͤrf¬ niß, hie und da Gebaͤude, als Zufluchtsort299 bei ploͤtzlich einbrechendem Unwetter, oder auch nur zur Erholung, zum Ausruhen zu finden, beinahe von ſelbſt jene Mißgriffe her¬ beifuͤhre. — Die einfachſten anſpruchsloſe¬ ſten Gartenhaͤuſer, Strohdaͤcher auf Baum¬ ſtaͤmme geſtuͤtzt, und in anmuthige Gebuͤſche verſteckt, die eben jenen angedeuteten Zweck erreichten, meinte ich dagegen, waͤren mir lieber, als alle jene Tempelchen und Capell¬ chen; und ſollte denn nun einmal gezimmert und gemauert werden, ſo ſtehe dem geiſtrei¬ chen Baumeiſter, der Ruͤckſichts des Umfan¬ ges und der Koſten beſchraͤnkt ſey, wohl ein Styl zu Gebothe, der, ſich zum antiken oder zum gothiſchen hinneigend, ohne kleinliche Nachahmerei, ohne Anſpruch, das grandioſe alte Muſter zu erreichen, nur das Anmu¬ thige, den dem Gemuͤthe des Beſchauers wohlthuenden Eindruck bezwecke.
„ Ich bin ganz Ihrer Meinung, erwie¬ derte mein Begleiter: indeſſen ruͤhren alle dieſe Gebaͤude, ja die Anlage des ganzen300 Parks von dem Fuͤrſten ſelbſt her, und die¬ ſer Umſtand beſchwichtigt, wenigſtens bei uns Einheimiſchen, jeden Tadel. — Der Fuͤrſt iſt der beſte Menſch, den es auf der Welt geben kann, von je her hat er den wahrhaft landesvaͤterlichen Grundſatz, daß die Unterthanen nicht ſeinetwegen da waͤren, er vielmehr der Unterthanen wegen da ſey, recht an den Tag gelegt. Die Freiheit, alles zu aͤußern, was man denkt; die Geringfuͤgig¬ keit der Abgaben, und der daraus entſprin¬ gende niedrige Preis aller Lebensbeduͤrfniſſe; das gaͤnzliche Zuruͤcktreten der Polizei, die nur dem boshaften Uebermuthe ohne Ge¬ raͤuſch Schranken ſetzt, und weit entfernt iſt den einheimiſchen Buͤrger, ſo wie den Frem¬ den, mit gehaͤſſigem Amtseifer zu quaͤlen; die Entfernung alles ſoldatiſchen Unweſens, die gemuͤthliche Ruhe, womit Geſchaͤfte, Ge¬ werbe getrieben werden: alles das wird Ih¬ nen den Aufenthalt in unſerm Laͤndchen er¬ freulich machen. Ich wette, daß man Sie301 bis jetzt noch nicht nach Namen und Stand gefragt hat, und der Gaſtwirth keinesweges, wie in andern Staͤdten, in der erſten Vier¬ telſtunde mit dem großen Buche unterm Arm feierlich angeruͤckt iſt, worin man genoͤthigt wird, ſeinen eignen Steckbrief mit ſtumpfer Feder und blaſſer Tinte hineinzukritzeln. Kurz, die ganze Einrichtung unſeres kleinen Staats, in dem die wahre Lebensweisheit herrſcht, geht von unſerm herrlichen Fuͤrſten aus, da vorher die Menſchen, wie man mir geſagt hat, durch albernen Pedantismus ei¬ nes Hofes, der die Ausgabe des benachbar¬ ten großen Hofes in Taſchenformat war, ge¬ quaͤlt wurden. Der Fuͤrſt liebt Kuͤnſte und Wiſſenſchaften, daher iſt ihm jeder geſchickte Kuͤnſtler, jeder geiſtreiche Gelehrte willkom¬ men, und der Grad ſeines Wiſſens nur iſt die Ahnenprobe, die die Faͤhigkeit beſtimmt, in der naͤchſten Umgebung des Fuͤrſten er¬ ſcheinen zu duͤrfen. Aber eben in die Kunſt und Wiſſenſchaft des vielſeitig gebildeten Fuͤr¬302 ſten, hat ſich etwas von dem Pedantismus geſchlichen, der ihn bei ſeiner Erziehung ein¬ zwaͤngte, und der ſich jetzt in dem ſklaviſchen Anhaͤngen an irgend eine Form, ausſpricht. Er ſchrieb und zeichnete den Baumeiſtern mit aͤngſtlicher Genauigkeit jedes Detail der Gebaͤude vor, und jede geringe Abweichung, von dem aufgeſtellten Muſter, das er muͤh¬ ſam aus allen nur moͤglichen antiquariſchen Werken herausgeſucht, konnte ihn eben ſo aͤngſtigen, als wenn dieſes oder jenes dem verjuͤngten Maasſtab, den ihm die beengten Verhaͤltniſſe aufdrangen, ſich durchaus nicht fuͤgen wollte. Durch eben das Anhaͤngen an dieſe oder jene Form, die er liebgewon¬ nen, leidet auch unſer Theater, das von der einmal beſtimmten Manier, der ſich die hete¬ rogenſten Elemente fuͤgen muͤſſen, nicht ab¬ weicht. Der Fuͤrſt wechſelt mit gewiſſen Lieblingsneigungen, die aber gewiß niemals irgend jemanden zu nahe treten. Als der Park angelegt wurde, war er leidenſchaftli¬303 cher Baumeiſter und Gaͤrtner, dann begei¬ ſterte ihn der Schwung, den ſeit einiger Zeit die Muſik genommen, und dieſer Begeiſte¬ rung verdanken wir die Einrichtung einer ganz vorzuͤglichen Capelle. — Dann beſchaͤf¬ tigte ihn die Mahlerei, in der er ſelbſt das Ungewoͤhnliche leiſtet. Selbſt bei den taͤgli¬ chen Beluſtigungen des Hofes, findet dieſer Wechſel ſtatt. — Sonſt wurde viel getanzt, jetzt wird an Geſellſchaftstagen eine Faro¬ bank gehalten, und der Fuͤrſt ohne im min¬ deſten eigentlicher Spieler zu ſeyn, ergoͤtzt ſich an den ſonderbaren Verknuͤpfungen des Zufalls, doch bedarf es nur irgend eines Impulſes, um wieder etwas anderes an die Tagesordnung zu bringen. Dieſer ſchnelle Wechſel der Neigungen hat dem guten Fuͤr¬ ſten den Vorwurf zugezogen, daß ihm dieje¬ nige Tiefe des Geiſtes fehle, in der ſich wie in einen klaren ſonnenhellen See das far¬ benreiche Bild des Lebens unveraͤndert ſpie¬ gelt; meiner Meinung nach thut man ihm304 aber Unrecht, da eine beſondere Regſamkeit des Geiſtes nur ihn dazu treibt, dieſem oder jenem nach erhaltenem Impuls mit beſonde¬ rer Leidenſchaft nachzuhaͤngen, ohne daß dar¬ uͤber das eben ſo edle vergeſſen, oder auch nur vernachlaͤſſigt werden ſollte. Daher kommt es, daß Sie dieſen Park ſo wohl er¬ halten ſehen, daß unſere Capelle, unſer Thea¬ ter fortdauernd auf alle moͤgliche Weiſe un¬ terſtuͤtzt und gehoben, daß die Gemaͤhldeſamm¬ lung nach Kraͤften bereichert wird. Was aber den Wechſel der Unterhaltungen bei Hofe betrifft, ſo iſt das wohl ein heitres Spiel im Leben, das jeder dem regſamen Fuͤrſten zur Erholung vom ernſten oft muͤhe¬ vollen Geſchaͤft recht herzlich goͤnnen mag. “
Wir gingen eben bei ganz herrlichen, mit tiefem mahleriſchem Sinn gruppirten Ge¬ buͤſchen und Baͤumen voruͤber, ich aͤußerte meine Bewunderung, und mein Begleiter ſagte: „ alle dieſe Anlagen, dieſe Pflanzun¬ gen, dieſe Blumengruppen ſind das Werkder305der vortrefflichen Fuͤrſtin. Sie iſt ſelbſt vol¬ lendete Landſchaftsmahlerin, und außerdem die Naturkunde ihre Lieblingswiſſenſchaft. Sie finden daher auslaͤndiſche Baͤume, ſel¬ tene Blumen und Pflanzen, aber nicht wie zur Schau ausgeſtellt, ſondern mit tiefem Sinn ſo geordnet, und in zwangloſe Par¬ thien vertheilt, als waͤren ſie ohne alles Zu¬ thun der Kunſt aus heimathlichem Boden ent¬ ſproſſen. — Die Fuͤrſtin aͤußerte einen Ab¬ ſcheu gegen all' die aus Sandſtein unbehol¬ fen gemeißelten Goͤtter und Goͤttinnen, Na¬ jaden und Driaden, wovon ſonſt der Park wimmelte. Dieſe Standbilder ſind deshalb verbannt worden, und Sie finden nur noch einige gute Copien nach der Antike, die der Fuͤrſt gewiſſer, ihm theurer Erinnerungen we¬ gen gern im Park behalten wollte, die aber die Fuͤrſtin ſo geſchickt — mit zartem Sinn des Fuͤrſten innerſte Willensmeinung ergreifend — aufſtellen zu laſſen wußte, daß ſie auf je¬I. [20] 306den, dem auch die geheimere Beziehungen fremd ſind, ganz wunderbar wirken. “
Es war ſpaͤter Abend geworden, wir verließen den Park, mein Begleiter nahm die Einladung an, mit mir im Gaſthofe zu ſpeiſen, und gab ſich endlich als den Inſpektor der fuͤrſtlichen Bildergallerie zu erkennen.
Ich aͤußerte ihm, als wir bei der Mahl¬ zeit vertrauter geworden, meinen herzlichen Wunſch, der fuͤrſtlichen Familie naͤher zu treten, und er verſicherte, daß nichts leichter ſey, als dieſes, da jeder gebildete, geiſtreiche Fremde im Zirkel des Hofes willkommen waͤre. Ich duͤrfe nur dem Hofmarſchall den Beſuch machen, und ihn bitten, mich dem Fuͤrſten vorzuſtellen. Dieſe diplomatiſche Art, zum Fuͤrſten zu gelangen, gefiel mir um ſo weniger, als ich kaum hoffen konnte, gewiſ¬ ſen laͤſtigen Fragen des Hofmarſchalls, uͤber das „ Woher? “uͤber Stand und Charakter zu entgehen; ich beſchloß daher, dem Zufall zu vertrauen, der mir vielleicht, den kuͤrzeren307 Weg zeigen wuͤrde, und das traf auch in der That bald ein. Als ich nehmlich eines Morgens in dem, zur Stunde gerade ganz menſchenleeren, Park luſtwandelte, begegnete mir der Fuͤrſt in einem ſchlichten Oberrock. Ich gruͤßte ihn, als ſey er mir gaͤnzlich un¬ bekannt, er blieb ſtehen, und eroͤffnete das Geſpraͤch mit der Frage: „ ob ich fremd hier ſey? “— Ich bejahte es, mit dem Zuſatz, wie ich vor ein paar Tagen angekommen, und bloß durchreiſen wollen; die Reize des Orts, und vorzuͤglich die Gemuͤthlichkeit und Ruhe die hier uͤberall herrſche, haͤtten mich aber vermocht zu verweilen. Ganz unabhaͤngig, bloß der Wiſſenſchaft und der Kunſt lebend, waͤre ich geſonnen, recht lange hier zu blei¬ ben, da mich die ganze Umgebung auf hoͤch¬ ſte Weiſe anſpreche und anziehe. Dem Fuͤr¬ ſten ſchien das zu gefallen, und er erbot ſich mir als Cicerone alle Anlagen des Parks zu zeigen. Ich huͤtete mich zu verrathen, daß ich das Alles ſchon geſehen, ſondern ließ mich308 durch alle Grotten, Tempel, gothiſche Capel¬ len, Pavillons fuͤhren, und hoͤrte geduldig die weitſchweifigen Commentare an, die der Fuͤrſt von jeder Anlage gab. Ueberall nannte er die Muſter, nach welchen gearbeitet wor¬ den, machte mich auf die genaue Ausfuͤhrung der geſtellten Aufgaben aufmerkſam, und ver¬ breitete ſich uͤberhaupt uͤber die eigentliche Tendenz, die bei der ganzen Einrichtung die¬ ſes Parks zum Grunde gelegen, und die bei jedem Park vorwalten ſollte. Er frug nach meiner Meinung; ich ruͤhmte die Anmuth des Orts, die uͤppige herrliche Vegetation, unterließ aber auch nicht Ruͤckſichts der Ge¬ baͤude, mich eben ſo wie gegen den Gallerie - Inſpektor zu aͤußern. Er hoͤrte mich auf¬ merkſam an, er ſchien manches meiner Ur¬ theile nicht gerade zu verwerfen, indeſſen ſchnitt er jede weitere Diskuſſion uͤber dieſen Gegenſtand durch die Aeußerung ab, daß ich zwar in ideeller Hinſicht Recht haben koͤnne, indeſſen mir die Kenntniß des Praktiſchen,309 und der wahren Art der Ausfuͤhrung fuͤr's Leben, abzugehen ſcheine. Das Geſpraͤch wandte ſich zur Kunſt, ich bewies mich als guter Kenner der Mahlerei, und als prakti¬ ſcher Tonkuͤnſtler, ich wagte manchen Wi¬ derſpruch gegen ſeine Urtheile, die geiſtreich und praͤzis ſeine innere Ueberzeugung aus¬ ſprachen, aber auch wahrnehmen ließen, daß ſeine Kunſtbildung zwar bei weitem die uͤber¬ traf, wie ſie die Großen gemeinhin zu erhal¬ ten pflegen, indeſſen doch viel zu oberflaͤch¬ lich war, um nur die Tiefe zu ahnen, aus der dem wahren Kuͤnſtler die herrliche Kunſt aufgeht, und in ihm den goͤttlichen Funken des Strebens nach dem Wahrhaftigen ent¬ zuͤndet. Meine Widerſpruͤche, meine Anſich¬ ten galten ihm nur als Beweis meines Di¬ lettantismus, der gewoͤhnlich nicht von der wahren praktiſchen Einſicht erleuchtet werde. Er belehrte mich uͤber die wahren Tenden¬ zen der Mahlerei und der Muſik, uͤber die Bedingniſſe des Gemaͤhldes, der Oper. — Ich310 erfuhr viel von Colorit, Drapperie, Pyrami¬ dalgruppen, von ernſter und komiſcher Mu¬ ſik, von Szenen fuͤr die Prima donna, von Choͤren, vom Effekt, vom Helldunkel, der Be¬ leuchtung u. ſ. w. Ich hoͤrte alles an, ohne den Fuͤrſten, der ſich in dieſer Unterhaltung recht zu gefallen ſchien, zu unterbrechen. Endlich ſchnitt er ſelbſt ſeine Rede ab, mit der ſchnellen Frage: ſpielen Sie Faro? — Ich verneinte es. „ Das iſt ein herrliches Spiel, fuhr er fort: in ſeiner hohen Einfach¬ heit das wahre Spiel fuͤr geiſtreiche Maͤn¬ ner. Man tritt gleichſam aus ſich ſelbſt her¬ aus, oder beſſer, man ſtellt ſich auf einen Standpunkt, von dem man die ſonderbaren Verſchlingungen und Verknuͤpfungen, die die geheime Macht, welche wir Zufall nennen, mit unſichtbarem Faden ſpinnt, zu erblicken im Stande iſt. Gewinn und Verluſt ſind die beiden Angeln, auf denen ſich die ge¬ heimnißvolle Maſchiene bewegt, die wir an¬ geſtoßen, und die nur der ihr einwohnende311 Geiſt nach Willkuͤhr forttreibt. — Das Spiel muͤſſen Sie lernen, ich will ſelbſt Ihr Lehr¬ meiſter ſeyn. “— Ich verſicherte, bis jetzt nicht viel Luſt zu einem Spiel in mir zu ſpuͤren, das, wie mir oft verſichert worden, hoͤchſt gefaͤhrlich und verderblich ſeyn ſolle. — Der Fuͤrſt laͤchelte, und fuhr, mich mit ſeinen leb¬ haften klaren Augen ſcharf anblickend, fort: „ Ey, das ſind kindiſche Seelen, die das be¬ haupten, aber am Ende halten Sie mich wohl fuͤr einen Spieler, der Sie ins Garn locken will. — Ich bin der Fuͤrſt; gefaͤllt es Ihnen hier in der Reſidenz, ſo bleiben Sie hier, und beſuchen Sie meinen Zirkel, in dem wir manchmal Faro ſpielen, ohne daß ich zugebe, daß ſich irgend jemand durch dies Spiel derangire, unerachtet das Spiel bedeu¬ tend ſeyn muß, um zu intereſſiren, denn der Zufall iſt traͤge, ſo bald ihm nur Unbedeu¬ tendes dargeboten wird. “
Schon im Begriff mich zu verlaſſen, kehrte der Fuͤrſt ſich noch zu mir, und frug:312 „ mit wem habe ich aber geſprochen? “— Ich erwiederte, daß ich Leonard heiße, und als Gelehrter privatiſire, ich ſey uͤbrigens keines¬ weges von Adel, und duͤrfe vielleicht daher von der mir angebotenen Gnade, im Hofzir¬ kel zu erſcheinen, keinen Gebrauch machen. „ Was Adel, was Adel, rief der Fuͤrſt hef¬ tig: Sie ſind, wie ich mich uͤberzeugt habe, ein ſehr unterrichteter, geiſtreicher Mann. — Die Wiſſenſchaft adelt Sie, und macht Sie faͤhig, in meiner Umgebung zu erſcheinen. Adieu, Herr Leonard, auf Wiederſehen! “— So war denn mein Wunſch fruͤher und leich¬ ter, als ich es mir gedacht hatte, erfuͤllt. Zum erſtenmal in meinem Leben, ſollte ich an einem Hofe erſcheinen, ja, in gewiſſer Art ſelbſt am Hofe leben, und mir gingen all' die abentheuerlichen Geſchichten von den Kabalen, Raͤnken, Intriguen der Hoͤfe, wie ſie ſinnreiche Roman - und Comoͤdienſchreiber aushecken, durch den Kopf. Nach Ausſage dieſer Leute, mußte der Fuͤrſt von Boͤſewich¬313 tern aller Art umgeben, und verblendet, in¬ ſonderheit aber der Hofmarſchall ein ahnen¬ ſtolzer abgeſchmackter Pinſel, der erſte Miniſter ein raͤnkevoller habſuͤchtiger Boͤſewicht, die Kammerjunker muͤſſen aber lockere Menſchen und Maͤdchenverfuͤhrer ſeyn. — Jedes Ge¬ ſicht iſt kunſtmaͤßig in freundliche Falten ge¬ legt, aber im Herzen Lug und Trug; ſie ſchmelzen vor Freundſchaft und Zaͤrtlichkeit, ſie buͤcken und kruͤmmen ſich, aber jeder iſt des andern unverſoͤhnlicher Feind, und ſucht ihm hinterliſtig ein Bein zu ſtellen, daß er rettungslos umſchlaͤgt, und der Hintermann in ſeine Stelle tritt, bis ihm ein gleiches wie¬ derfaͤhrt. Die Hofdamen ſind haͤßlich, ſtolz, raͤnkevoll, dabei verliebt, und ſtellen Netze und Sprenkeln, vor denen man ſich zu huͤ¬ ten hat, wie vor dem Feuer! — So ſtand das Bild eines Hofes in meiner Seele, als ich im Seminar ſo viel davon geleſen; es war mir immer, als treibe der Teufel da recht ungeſtoͤrt ſein Spiel, und unerachtet314 mir Leonardus manches von Hoͤfen, an de¬ nen er ſonſt geweſen, erzaͤhlte, was zu mei¬ nen Begriffen davon durchaus nicht paſſen wollte, ſo blieb mir doch eine gewiſſe Scheu vor allem Hoͤfiſchen zuruͤck, die noch jetzt, da ich im Begriff ſtand, einen Hof zu ſe¬ hen, ihre Wirkung aͤußerte. Mein Verlan¬ gen, der Fuͤrſtin naͤher zu treten, ja eine in¬ nere Stimme, die mir unaufhoͤrlich, wie in dunklen Worten zurief, daß hier mein Ge¬ ſchick ſich beſtimmen werde, trieben mich un¬ widerſtehlich fort, und um die beſtimmte Stunde befand ich mich, nicht ohne innere Beklemmung, im fuͤrſtlichen Vorſaal. —
Mein ziemlich langer Aufenthalt in je¬ ner Reichs - und Handelsſtadt, hatte mir dazu gedient, all das ungelenke, ſteife, eckigte meines Betragens, das mir ſonſt noch vom Kloſterleben anklebte, ganz abzuſchleifen. Mein von Natur geſchmeidiger, vorzuͤglich wohlgebauter Koͤrper, gewoͤhnte ſich leicht an die ungezwungene freie Bewegung, die dem315 Weltmann eigen. Die Blaͤſſe, die den jun¬ gen Moͤnch auch bei ſchoͤnem Geſicht entſtellt, war aus meinem Geſicht verſchwunden, ich befand mich in den Jahren der hoͤchſten Kraft, die meine Wangen roͤthete, und aus meinen Augen blitzte; meine dunkelbraunen Locken verbargen jedes Ueberbleibſel der Ton¬ ſur. Zu dem Allen kam, daß ich eine feine zierliche ſchwarze Kleidung im neueſten Ge¬ ſchmack trug, die ich aus der Handelsſtadt mitgebracht, und ſo konnte es nicht fehlen, daß meine Erſcheinung angenehm auf die ſchon Verſammelten wirken mußte, wie ſie es durch ihr zuvorkommendes Betragen, das, ſich in den Schranken der hoͤchſten Feinheit haltend, nicht zudringlich wurde, bewieſen. So wie nach meiner, aus Romanen und Co¬ moͤdien gezogenen Theorie, der Fuͤrſt, als er mit mir im Park ſprach, bei den Worten: ich bin der Fuͤrſt, eigentlich den Oberrock raſch aufknoͤpfen, und mir einen großen Stern entgegen blitzen laſſen mußte, ſo ſoll¬316 ten auch all' die Herren, die den Fuͤrſten um¬ gaben, in geſtickten Roͤcken, ſteifen Friſuren u. ſ. w. einhergehen, und ich war nicht we¬ nig verwundert, nur einfache, geſchmackvolle Anzuͤge zu bemerken. Ich nahm wahr, daß mein Begriff vom Leben am Hofe wohl uͤber¬ haupt ein kindiſches Vorurtheil ſeyn koͤnne, meine Befangenheit verlohr ſich, und ganz er¬ muthigte mich der Fuͤrſt, der mit den Worten auf mich zutrat: „ Sieh da, Herr Leonard! “und dann uͤber meinen ſtrengen kunſtrichter¬ lichen Blick ſcherzte, mit dem ich ſeinen Park gemuſtert. — Die Fluͤgelthuͤren oͤffneten ſich, und die Fuͤrſtin trat in den Converſations¬ ſaal, nur von zwei Hofdamen begleitet. Wie erbebte ich bei ihrem Anblick im Innerſten, wie war ſie nun, beim Schein der Lichter, meiner Pflegemutter noch aͤhnlicher als ſonſt. — Die Damen umringten ſie, man ſtellte mich vor, ſie ſah mich an mit einem Blick, der Erſtaunen, eine innere Bewegung ver¬ rieth; ſie lispelte einige Worte, die ich nicht317 verſtand, und kehrte ſich dann zu einer alten Dame, der ſie etwas leiſe ſagte, woruͤber dieſe unruhig wurde, und mich ſcharf an¬ blickte. Alles dieſes geſchah in einem Mo¬ ment. — Jetzt theilte ſich die Geſellſchaft in kleinere und groͤßere Gruppen, lebhafte Ge¬ ſpraͤche begonnen, es herrſchte ein freier un¬ gezwungener Ton, und doch fuͤhlte man es, daß man ſich im Zirkel des Hofes, in der Naͤhe des Fuͤrſten befand, ohne daß dies Ge¬ fuͤhl nur im mindeſten gedruͤckt haͤtte. Kaum eine einzige Figur fand ich, die in das Bild des Hofes, wie ich ihn mir ſonſt dachte, ge¬ paßt haben ſollte. Der Hofmarſchall war ein alter lebensluſtiger aufgeweckter Mann, die Kammerjunker muntre Juͤnglinge, die nicht im mindeſten darnach ausſahen, als fuͤhrten ſie Boͤſes im Schilde. Die beiden Hofdamen ſchienen Schweſtern, ſie waren ſehr jung, und eben ſo unbedeutend, zum Gluͤck aber ſehr anſpruchslos geputzt. Vor¬ zuͤglich war es ein kleiner Mann mit aufge¬318 ſtuͤtzter Naſe, und lebhaft funkelnden Augen, ſchwarz gekleidet, den langen Stahldegen an der Seite, der, indem er ſich mit unglaubli¬ cher Schnelle durch die Geſellſchaft wand und ſchlaͤngelte, und bald hier, bald dort war, nirgends weilend, keinem Rede ſtehend, hundert witzige ſarkaſtiſche Einfaͤlle, wie Feuerfunken umherſpruͤhte, uͤberall reges Leben entzuͤndete. Es war des Fuͤrſten Leib¬ arzt. — Die alte Dame, mit der die Fuͤrſtin geſprochen, hatte unbemerkt mich ſo geſchickt zu umkreiſen gewußt, daß ich, ehe ich mir's verſah, mit ihr allein im Fenſter ſtand. Sie ließ ſich alsbald in ein Geſpraͤch mit mir ein, das, ſo ſchlau ſie es anfing, bald den einzi¬ gen Zweck verrieth, mich uͤber meine Lebens¬ verhaͤltniſſe auszufragen. — Ich war auf dergleichen vorbereitet, und uͤberzeugt, daß die einfachſte anſpruchloſeſte Erzaͤhlung in ſolchen Faͤllen die unſchaͤdlichſte und gefahr¬ loſeſte iſt, ſchraͤnkte ich mich darauf ein, ihr zu ſagen, daß ich ehemals Theologie ſtudiert,319 jetzt aber, nachdem ich den reichen Vater be¬ erbt, aus Luſt und Liebe reiſe. Meinen Ge¬ burtsort verlegte ich nach dem pohlniſchen Preußen, und gab ihm einen ſolchen barba¬ riſchen Zaͤhne und Zunge zerbrechenden Na¬ men, der der alten Dame das Ohr verletzte, und ihr jede Luſt benahm noch einmal zu fragen. „ Ei, ei, ſagte die alte Dame: Sie haben ein Geſicht, mein Herr, das hier ge¬ wiſſe traurige Erinnerungen wecken koͤnnte, und ſind vielleicht mehr als Sie ſcheinen wol¬ len, da ihr Anſtand keinesweges auf einen Studenten der Theologie deutet. “
Nachdem Erfriſchungen gereicht worden, ging es in den Saal, wo der Farotiſch in Bereitſchaft ſtand. Der Hofmarſchall machte den Banquier, doch ſtand er, wie man mir ſagte, mit dem Fuͤrſten in der Art im Ver¬ ein, daß er allen Gewinn behielt, der Fuͤrſt ihm aber jeden Verluſt, in ſo fern er den Fond der Bank ſchwaͤchte, erſetzte. Die Herren verſammelten ſich um den Tiſch, bis auf den320 Leibarzt, der durchaus niemals ſpielte, ſon¬ dern bei den Damen blieb, die an dem Spiel keinen Antheil nahmen. Der Fuͤrſt rief mich zu ſich, ich mußte neben ihm ſtehen, und er waͤhlte meine Karten, nachdem er mir in kurzen Worten das Mechaniſche des Spiels erklaͤrt. Dem Fuͤrſten ſchlugen alle Karten um, und auch ich befand mich, ſo genau ich den Rath des Fuͤrſten befolgte, fortwaͤhrend im Verluſt, der bedeutend wurde, da ein Louis¬ d'or als niedrigſter Point galt. Meine Kaſſe war ziemlich auf der Neige, und ſchon oft hatte ich geſonnen, wie es gehen wuͤrde, wenn die letzten Louisd'ors ausgegeben, um ſo mehr war mir das Spiel, welches mich auf ein¬ mal arm machen konnte, fatal. Eine neue Taille begann, und ich bat den Fuͤrſten, mich nun ganz mir ſelbſt zu uͤberlaſſen, da es ſcheine, als wenn ich, als ein ausgemacht ungluͤcklicher Spieler, ihn auch in Ver¬ luſt braͤchte. Der Fuͤrſt meinte laͤchelnd, daß ich noch vielleicht meinen Verluſt haͤtte ein¬brin¬321bringen koͤnnen, wenn ich nach dem Rath des erfahrnen Spielers fortgefahren, indeſ¬ ſen wolle er nun ſehn, wie ich mich beneh¬ men wuͤrde, da ich mir ſo viel zutraue. — Ich zog aus meinen Karten, ohne ſie anzu¬ ſehen, blindlings eine heraus, es war die Dame. — Wohl mag es laͤcherlich zu ſagen ſeyn, daß ich in dieſem blaſſen lebloſen Kar¬ tengeſicht, Aureliens Zuͤge zu entdecken glaub¬ te. Ich ſtarrte das Blatt an, kaum konnte ich meine innere Bewegung verbergen; der Zuruf des Banquier's, ob das Spiel gemacht ſey, riß mich aus der Betaͤubung. Ohne mich zu beſinnen, zog ich die letzten fuͤnf Louisdor's, die ich noch bei mir trug, aus der Taſche, und ſetzte ſie auf die Dame. Sie gewann, nun ſetzte ich immer fort und fort auf die Dame, und immer hoͤher, ſo wie der Gewinn ſtieg. Jedesmal, wenn ich wieder die Dame ſetzte, riefen die Spieler: nein es iſt unmoͤglich, jetzt muß die Dame untreu werden — und alle Karten der uͤbrigen Spie¬I. [21] 322ler ſchlugen um. „ Das iſt mirakulos, das iſt unerhoͤrt, erſcholl es von allen Seiten, in¬ dem ich ſtill, und in mich gekehrt, ganz mein Gemuͤth Aurelien zugewendet, kaum das Gold achtete, das mir der Banquier einmal uͤber's andere zuſchob. — Kurz in den vier letzten Taillen hatte die Dame unausgeſetzt gewon¬ nen, und ich die Taſchen voll Gold. Es waren an zweitauſend Louisdor's, die mir das Gluͤck durch die Dame zugetheilt, und unerachtet ich nun aller Verlegenheit entho¬ ben, ſo konnte ich mich doch eines innern unheimlichen Gefuͤhls nicht erwehren. — Auf wunderbare Art fand ich einen gehei¬ men Zuſammenhang zwiſchen dem gluͤcklichen Schuß aufs Gerathewohl, der neulich die Huͤhner herabwarf, und zwiſchen meinem heutigen Gluͤck. Es wurde mir klar, daß nicht ich, ſondern die fremde Macht, die in mein Weſen getreten, alles das Ungewoͤhn¬ liche bewirke, und ich nur das willenloſe Werkzeug ſey, deſſen ſich jene Macht bediene,323 zu mir unbekannten Zwecken. Die Erkennt¬ niß dieſes Zwieſpalts, der mein Inneres feindſeelig trennte, gab mir aber Troſt, in¬ dem ſie mir das allmaͤhliche Aufkeimen eig¬ ner Kraft, die bald ſtaͤrker und ſtaͤrker wer¬ dend, dem Feinde widerſtehen, und ihn be¬ kaͤmpfen werde, verkuͤndete. — Das ewige Abſpiegeln von Aureliens Bild, konnte nichts anderes ſeyn, als ein verruchtes Verlocken zum boͤſen Beginnen, und eben dieſer freve¬ liche Mißbrauch des frommen lieben Bildes, erfuͤllte mich mit Grauſen und Abſcheu.
In der duͤſterſten Stimmung, ſchlich ich des Morgens durch den Park, als mir der Fuͤrſt, der um die Stunde auch zu luſtwan¬ deln pflegte, entgegentrat. „ Nun, Herr Leo¬ nard, rief er: wie finden Sie mein Faro - Spiel? — was ſagen Sie von der Laune des Zufalls, der Ihnen alles tolle Beginnen ver¬ zieh, und das Gold zuwarf. Sie hatten gluͤcklicherweiſe die Carte Favorite getroffen, aber ſo blindlings duͤrfen Sie ſelbſt der Carte324 Favorite nicht immer vertrauen. “— Er ver¬ breitete ſich weitlaͤuftig uͤber den Begriff der Carte Favorite, gab mir die wohl erſonnen¬ ſten Regeln, wie man dem Zufall in die Hand ſpielen muͤſſe, und ſchloß mit der Aeußerung, daß ich nun mein Gluͤck im Spiel wohl ei¬ frigſt verfolgen werde. Ich verſicherte dage¬ gen freimuͤthig, daß es mein feſter Vorſatz ſey, nie mehr eine Karte anzuruͤhren. Der Fuͤrſt ſah mich verwundert an. — „ Eben mein geſtriges wunderbares Gluͤck, fuhr ich fort: hat dieſen Entſchluß erzeugt, denn alles das, was ich ſonſt von dem Gefaͤhrlichen, ja Ver¬ derblichen dieſes Spiels gehoͤrt, iſt dadurch bewaͤhrt worden. Es lag fuͤr mich etwas Entſetzliches darinn, daß, indem die gleich¬ guͤltige Karte, die ich blindlings zog, in mir eine ſchmerzhafte herzzerreiſſende Erinnerung weckte, ich von einer unbekann¬ ten Macht ergriffen wurde, die das Gluͤck des Spiels, den loſen Geldgewinn mir zu¬325 warf, als entſproͤſſe es aus meinem eignen Innern, als wenn ich ſelbſt, jenes Weſen denkend, das aus der lebloſen Karte mir mit gluͤhenden Farben entgegenſtrahlte, dem Zu¬ fall gebieten koͤnne, ſeine geheimſten Ver¬ ſchlingungen erkennend. “— „ Ich verſtehe Sie, unterbrach mich der Fuͤrſt: Sie liebten un¬ gluͤcklich, die Karte rief das Bild der ver¬ lornen Geliebten in Ihre Seele zuruͤck, ob¬ gleich mich das, mit ihrer Erlaubniß, poſſier¬ lich anſpricht, wenn ich mir das breite, blaſſe komiſche Kartengeſicht der Coeurdame, die Ihnen in die Hand fiel, lebhaft imaginire. — Doch Sie dachten nun einmal an die Ge¬ liebte, und ſie war Ihnen im Spiel treuer und wohlthuender, als vielleicht im Leben; aber was darinn entſetzliches, ſchreckbares liegen ſoll, kann ich durchaus nicht begrei¬ fen, vielmehr muß es ja erfreulich ſeyn, daß Ihnen das Gluͤck wohlwollte. Ueberhaupt! — iſt Ihnen denn nun einmal die ominoͤſe Ver¬ knuͤpfung des Spielgluͤcks mit ihrer Gelieb¬326 ten ſo unheimlich, ſo traͤgt nicht das Spiel die Schuld, ſondern nur ihre individuelle Stim¬ mung. “— „ Mag das ſeyn, gnaͤdigſter Herr, erwiederte ich: aber ich fuͤhle nur zu lebhaft, daß es nicht ſo wohl die Gefahr iſt, durch bedeutenden Verluſt in die uͤbelſte Lage zu gerathen, welche dieſes Spiel ſo verderblich macht, ſondern vielmehr die Kuͤhnheit, gera¬ dezu wie in offener Fehde, es mit der gehei¬ men Macht aufzunehmen, die aus dem Dun¬ kel glaͤnzend hervortritt, und uns wie ein verfuͤhreriſches Trugbild in eine Region ver¬ lockt, in der ſie uns hoͤhnend ergreift, und zermalmt. Eben dieſer Kampf mit jener Macht ſcheint das anziehende Wageſtuͤck zu ſeyn, das der Menſch, ſeiner Kraft kindiſch vertrauend, ſo gern unternimmt, und das er, einmal begonnen, beſtaͤndig, ja noch im To¬ deskampfe den Sieg hoffend, nicht mehr laſ¬ ſen kann. Daher kommt meines Beduͤnkens die wahnſinnige Leidenſchaft der Faroſpieler, und die innere Zerruͤttung des Geiſtes, die327 der bloße Geldverluſt nicht nach ſich zu zie¬ hen vermag, und die ſie zerſtoͤrt. Aber auch ſchon in untergeordneter Hinſicht, kann ſelbſt dieſer Verluſt auch den leidenſchaftloſen Spie¬ ler, in den noch nicht jenes feindſeelige Prin¬ zip gedrungen, in tauſend Unannehmlichkei¬ ten, ja in offenbare Noth ſtuͤrzen, da er doch nur durch die Umſtaͤnde veranlaßt ſpielte. Ich darf es geſtehen, gnaͤdigſter Herr! daß ich ſelbſt geſtern im Begriff ſtand, meine ganze Reiſekaſſe geſprengt zu ſehen. “— „ Das haͤtte ich erfahren, fiel der Fuͤrſt raſch ein: und Ihnen den Verluſt dreidoppelt erſetzt, denn ich will nicht, daß ſich jemand meines Vergnuͤgens wegen ruinire, uͤberhaupt kann das bei mir nicht geſchehen, da ich meine Spieler kenne, und ſie nicht aus den Augen laſſe. “— „ Aber eben dieſe Einſchraͤnkung, gnaͤ¬ digſter Herr! erwiederte ich: hebt wieder die Freiheit des Spiels auf, und ſetzt ſelbſt je¬ nen beſonderen Verknuͤpfungen des Zufalls Schranken, deren Betrachtung Ihnen, gnaͤ¬328 digſter Herr, das Spiel ſo intereſſant macht. Aber wird nicht auch dieſer oder jener, den die Leidenſchaft des Spiels unwiderſtehlich ergriffen, Mittel finden zu ſeinem eignen Verderben der Aufſicht zu entgehen, und ſo ein Mißverhaͤltniß ſein Leben bringen, das ihn zerſtoͤrt? — Verzeihen Sie meine Frei¬ muͤthigkeit, gnaͤdigſter Herr! — Ich glaube uͤberdem, daß jede Einſchraͤnkung der Frei¬ heit, ſollte dieſe auch gemißbraucht werden, druͤckend, ja, als dem menſchlichen Weſen ſchnurſtracks entgegenſtrebend, unausſtehlich iſt. “— „ Sie ſind nun einmal, wie es ſcheint, uͤberall nicht meiner Meinung, Herr Leonard, “fuhr der Fuͤrſt auf, und entfernte ſich raſch, indem er mir ein leichtes „, Adieu “zuwarf. — Kaum wußte ich ſelbſt, wie ich dazu gekom¬ men, mich ſo offenherzig zu aͤußern, ja ich hatte niemals, unerachtet ich in der Han¬ delsſtadt oft an bedeutenden Banken als Zu¬ ſchauer ſtand, genug uͤber das Spiel nachge¬ dacht, um meine Ueberzeugung im Innern329 ſo zu ordnen, wie ſie mir jetzt unwillkuͤhr¬ lich von den Lippen floß. Es that mir leid, die Gnade des Fuͤrſten verſcherzt, und das Recht verlohren zu haben, im Zirkel des Ho¬ fes erſcheinen, und der Fuͤrſtin naͤher treten zu duͤrfen. Ich hatte mich indeſſen geirrt, denn noch denſelben Abend erhielt ich eine Einladungskarte zum Hofkonzert, und der Fuͤrſt ſagte im Vorbeiſtreifen mit freundli¬ chem Humor zu mir: „ guten Abend, Herr Leo¬ nard, gebe der Himmel, daß meine Capelle heute Ehre einlegt, und meine Muſik ihnen beſſer gefaͤllt, als mein Park. “—
Die Muſik war in der That recht artig, es ging alles praͤzis, indeſſen ſchien mir die Wahl der Stuͤcke nicht gluͤcklich, indem eins die Wirkung des andern vernichtete, und vorzuͤglich erregte mir eine lange Szene, die mir, wie nach einer aufgegebenen For¬ mel komponirt zu ſeyn ſchien, herzliche Lan¬ geweile. Ich huͤtete mich wohl, meine wahre innere Meinung zu aͤußern, und hatte um ſo330 kluͤger daran gethan, als man mir in der Folge ſagte, daß eben jene lange Szene eine Compoſition des Fuͤrſten geweſen.
Ohne Bedenken fand ich mich in dem naͤchſten Zirkel des Hofes ein, und wollte ſelbſt am Faroſpiel Theil nehmen, um den Fuͤrſten ganz mit mir auszuſoͤhnen, aber nicht wenig erſtaunte ich, als ich keine Bank er¬ blickte, vielmehr ſich einige gewoͤhnliche Spieltiſche formten, und unter den uͤbrigen Herren und Damen, die ſich im Zirkel um den Fuͤrſten ſetzten, eine lebhafte geiſtreiche Unterhaltung begann. Dieſer oder jener wußte manches ergoͤtzliche zu erzaͤhlen, ja Anekdoten mit ſcharfer Spitze wurden nicht verſchmaͤht; meine Rednergabe kam mir zu ſtatten, und es waren Andeutungen aus mei¬ nem eignen Leben, die ich unter der Huͤlle romantiſcher Dichtung auf anziehende Weiſe vorzutragen wußte. So erwarb ich mir die Aufmerkſamkeit und den Beifall des Zirkels; der Fuͤrſt liebte aber mehr das heitre humo¬331 riſtiſche, und darinn uͤbertraf niemand den Leibarzt, der in tauſend poſſierlichen Einfaͤl¬ len und Wendungen unerſchoͤpflich war.
Dieſe Art der Unterhaltung erweiterte ſich dahin, daß oft dieſer oder jener etwas aufgeſchrieben hatte, das er in der Geſell¬ ſchaft vorlas, und ſo kam es denn, daß das Ganze bald das Anſehen eines wohlorgani¬ ſirten litterariſch aͤſthetiſchen Vereins erhielt, in dem der Fuͤrſt praͤſidirte, und in welchem Jeder das Fach ergriff, welches ihm am mehr¬ ſten zuſagte. — Einmal hatte ein Gelehrter, der ein trefflicher tiefdenkender Phyſiker war, uns mit neuen intereſſanten Entdeckungen im Gebiet ſeiner Wiſſenſchaft uͤberraſcht, und ſo ſehr dies den Theil der Geſellſchaft anſprach, der wiſſenſchaftlich genug war, den Vortrag des Profeſſors zu faſſen, ſo ſehr langweilte ſich der Theil, dem das Alles fremd und unbekannt blieb. Selbſt der Fuͤrſt, ſchien ſich nicht ſonderlich in die Ideen des Profeſſors zu finden, und auf den Schluß mit herzlicher332 Sehnſucht zu warten. Endlich hatte der Profeſſor geendet, der Leibarzt war vorzuͤg¬ lich erfreut, und brach aus in Lob und Be¬ wunderung, indem er hinzufuͤgte, daß dem tiefen Wiſſenſchaftlichen wohl zur Erheiterung des Gemuͤths etwas folgen koͤnne, das nun eben auf nichts weiter Anſpruch mache, als auf Erreichung dieſes Zwecks. — Die ſchwaͤch¬ lichen, die die Macht der ihnen fremden Wiſ¬ ſenſchaft gebeugt hatte, richteten ſich auf, und ſelbſt des Fuͤrſten Geſicht uͤberflog ein Laͤcheln, welches bewies, wie ſehr ihm die Ruͤckkehr ins Alltagsleben wohlthat.
„ Sie wiſſen, gnaͤdigſter Herr! hob der Leibarzt an, indem er ſich zum Fuͤrſten wand¬ te: daß ich auf meinen Reiſen nicht unter¬ ließ, all' die luſtigen Vorfaͤlle, wie ſie das Leben durchkreuzen, vorzuͤglich aber die poſ¬ ſierlichen Originale, die mir aufſtießen, treu in meinem Reiſejournal zu bewahren, und eben aus dieſem Journal bin ich im Begriff etwas mitzutheilen, das ohne ſonderlich be¬333 deutend zu ſeyn, doch mir ergoͤtzlich ſcheint. — Auf meiner vorjaͤhrigen Reiſe kam ich in ſpaͤter Nacht in das ſchoͤne große Dorf vier Stunden von B.; ich entſchloß mich in den ſtattlichen Gaſthof einzukehren, wo mich, ein freundlicher aufgeweckter Wirth empfing. Er¬ muͤdet, ja zerſchlagen von der weiten Reiſe, warf ich mich in meinem Zimmer gleich ins Bette, um recht auszuſchlafen, aber es mochte eben Eins geſchlagen haben, als mich eine Floͤte, die dicht neben mir geblaſen wurde, weckte. In meinem Leben hatt ich ſolch ein Blaſen nicht gehoͤrt. Der Menſch mußte un¬ geheure Lungen haben, denn mit einem ſchnei¬ denden durchdringenden Ton, der den Cha¬ rakter des Inſtruments ganz vernichtete, blies er immer dieſelbe Paſſage hintereinander fort, ſo daß man ſich nichts abſcheuligeres, unſin¬ nigeres denken konnte. Ich ſchimpfte und fluchte auf den verdammten tollen Muſikan¬ ten, der mir den Schlaf raubte, und die Oh¬ ren zerriß, aber wie ein aufgezogenes Uhr¬334 werk rollte die Paſſage fort, bis ich endlich einen dumpfen Schlag vernahm, als wuͤrde etwas gegen die Wand geſchleudert, worauf es ſtill blieb, und ich ruhig forſchlafen konnte. “
„ Am Morgen hoͤrte ich ein ſtarkes Gezaͤnk unten im Hauſe. Ich unterſchied die Stim¬ me des Wirths und eines Mannes, der un¬ aufhoͤrlich ſchrie: „ „ verdammt ſey Ihr Haus, waͤre ich nie uͤber die Schwelle getreten. — Der Teufel hat mich in Ihr Haus gefuͤhrt, wo man nichts trinken, nichts genießen kann! — alles iſt infam ſchlecht, und hundemaͤßig theuer. — Da haben Sie Ihr Geld, Adieu, Sie ſehn mich nicht wieder in Ihrer ver¬ maladeiten Kneipe. ““— Damit ſprang ein kleiner, windduͤrrer Mann, in einem Kaffebrau¬ nen Rocke und fuchsrother runder Peruͤcke, auf die er einen grauen Hut ganz ſchief und martialiſch geſtuͤlpt, ſchnell zum Hauſe her¬ aus, und lief nach dem Stalle, aus dem ich ihn bald auf einem ziemlich ſteifen Gaule in335 ſchwerfaͤlligem Gallopp zum Hofe hinausrei¬ ten ſah. “
„ Natuͤrlicherweiſe hielt ich ihn fuͤr einen Fremden, der ſich mit dem Wirth entzweit habe, und nun abgereiſet ſey; eben deshalb nahm es mich nicht wenig Wunder, als ich Mittags, da ich mich in der Wirthsſtube be¬ fand, dieſelbe komiſche kaffeebraune Figur, mit der fuchsrothen Perruͤcke, welche des Morgens hinausritt, eintreten, und ohne Um¬ ſtaͤnde an dem gedeckten Tiſch Platz nehmen ſah. Es war das haͤßlichſte und dabei poſ¬ ſierlichſte Geſicht, das mir jemals aufſtieß. In dem ganzen Weſen des Mannes lag ſo etwas drollig ernſtes, daß man ihn betrach¬ tend, ſich kaum des Lachens enthalten konnte. Wir aßen mit einander, und ein wortkarges Geſpraͤch ſchlich zwiſchen mir und dem Wirth hin, ohne daß der Fremde, der gewaltig aß, daran Antheil nehmen wollte. Offenbar war es, wie ich nachher einſah, Bosheit des Wirths, daß er das Geſpraͤch geſchickt auf nationelle336 Eigenthuͤmlichkeiten lenkte, und mich gerade¬ zu frug, ob ich wohl ſchon Irrlaͤnder kennen gelernt, und von ihren ſogenannten Bulls etwas wiſſe? Allerdings! erwiederte ich, in¬ dem mir gleich eine ganze Reihe ſolcher Bulls durch den Kopf ging. Ich erzaͤhlte von je¬ nem Irrlaͤnder, der, als man ihn frug, war¬ um er den Strumpf verkehrt angezogen, ganz treuherzig antwortete; auf der rechten Seite iſt ein Loch! — Es kam mir ferner der herrliche Bull jenes Irrlaͤnders in den Sinn, der mit einem jaͤhzornigen Schotten zuſammen in einem Bette ſchlief, und den bloßen Fuß unter der Decke hervorgeſtreckt hatte. Nun bemerkte dies ein Englaͤnder, der im Zimmer befindlich, und ſchnallte flugs dem Irrlaͤnder den Sporn an den Fuß, den er von ſeinem Stiefel heruntergenommen. Der Irrlaͤnder zog ſchlafend den Fuß wieder unter die Decke, und ritzte mit dem Sporn, den Schotten, der daruͤber aufwachte, und dem Irrlaͤnder eine tuͤchtige Ohrfeige gab. Dar¬337Darauf entſpann ſich unter ihnen folgendes ſinnreiche Geſpraͤch: was Teufel ficht Dich an, warum ſchlaͤgſt Du mich? — Weil Du mich mit Deinem Sporn geritzt haſt! — Wie iſt das moͤglich, da ich mit bloßen Fuͤßen bei Dir im Bette liege? — Und doch iſt es ſo, ſieh nur her. — Gott verdamm mich, Du haſt Recht, hat der verfluchte Kerl von Hausknecht mir den Stiefel ausgezogen, und den Sporn ſitzen laſſen. — Der Wirth brach in ein unmaͤßiges Gelaͤchter aus, aber der Fremde, der eben mit dem Eſſen fertig worden, und ein großes Glas Bier heruntergeſtuͤrzt hatte, ſah mich ernſt an, und ſprach: Sie haben ganz Recht, die Irrlaͤnder machen oft dergleichen Bulls, aber es liegt keinesweges an dem Volke, das regſam und geiſtreich iſt, vielmehr weht dort eine ſolche verfluchte Luft, die einen mit dergleichen Tollheiten, wie mit Einem Schnupfen befaͤllt, denn, mein Herr! ich ſelbſt bin zwar ein Englaͤnder, aber in Irrland gebohren und erzogen, undI. [22] 338nur deshalb jener verdammten Krankheit der Bulls unterworfen. — Der Wirth lachte noch ſtaͤrker, und ich mußte unwillkuͤhrlich ein¬ ſtimmen, denn ſehr ergoͤtzlich war es doch, daß der Irrlaͤnder, nur von Bulls ſprechend, gleich ſelbſt einen ganz vortrefflichen zum Be¬ ſten gab. Der Fremde, weit entfernt durch unſer Gelaͤchter beleidigt zu werden, riß die Augen weit auf, legte den Finger an die Naſe und ſprach: In England ſind die Irrlaͤnder das ſtarke Gewuͤrz, das der Geſellſchaft hin¬ zugefuͤgt wird, um ſie ſchmackhaft zu machen. Ich ſelbſt bin in dem einzigen Stuͤck dem Fallſtaff aͤhnlich, daß ich oft nicht allein ſelbſt witzig bin, ſondern auch den Witz Anderer erwecke, was in dieſer nuͤchternen Zeit kein geringes Verdienſt iſt. Sollten Sie denken, daß in dieſer ledernen leeren Bierwirthsſeele ſich auch oft dergleichen regt, bloß auf mei¬ nen Anlaß? Aber dieſer Wirth iſt ein gu¬ ter Wirth, er greift ſein duͤrftig Capital von guten Einfaͤllen durchaus nicht an, ſondern339 leiht hie und da in Geſellſchaft der Reichen nur einen aus auf hohe Zinſen; er zeigt, iſt er dieſer Zinſen nicht verſichert, wie eben jetzt, hoͤchſtens den Einband ſeines Haupt¬ buchs, und der iſt ſein unmaͤßiges Lachen; denn in dies Lachen hat er ſeinen Witz ein¬ gewickelt. Gott befohlen, meine Herrn! — damit ſchritt der originelle Mann zur Thuͤre hinaus, und ich bat den Wirth ſofort um Auskunft uͤber ihn. Dieſer Irrlaͤnder, ſagte der Wirth, der Ewſon heißt, und deswegen ein Englaͤnder ſeyn will, weil ſein Stamm¬ baum in England wurzelt, iſt erſt ſeit kurzer Zeit hier, es werden nun gerade zwei und zwanzig Jahre ſeyn. — Ich hatte, als ein junger Menſch, den Gaſthof gekauft und hielt Hochzeit als Herr Ewſon, der auch noch ein Juͤngling war, aber ſchon damals eine fuchs¬ rothe Perruͤcke, einen grauen Hut und einen kaffeebraunen Rock von demſelben Schnitt wie heute trug, auf der Ruͤckreiſe nach ſeinem Vaterlande begriffen, hier vorbeikam, und340 durch die Tanzmuſik, die luſtig erſchallte, hereingelockt wurde. Er ſchwur, daß man nur auf dem Schiffe zu tanzen verſtehe, wo er es ſeit ſeiner Kindheit erlernt, und fuͤhrte, um dies zu beweiſen, indem er auf graͤßliche Weiſe dazu zwiſchen den Zaͤhnen pfiff, einen Hornpipe aus, wobei er aber bei einem Hauptſprunge ſich den Fuß dermaßen ver¬ renkte, daß er bei mir liegen bleiben, und ſich heilen laſſen mußte. — Seit der Zeit hat er mich nicht wieder verlaſſen. Mit ſei¬ nen Eigenheiten habe ich meine liebe Noth; jeden Tag, ſeit den vielen Jahren, zankt er mit mir, er ſchmaͤhlt auf die Lebensart, er wirft mir vor, daß ich ihn uͤbertheure, daß er ohne Roſtbeef und Porter nicht laͤnger leben koͤnne, packt ſein Felleiſen, ſetzt ſeine drei Peruͤcken auf, eine uͤber die andere, nimmt von mir Abſchied, und reitet auf ſei¬ nem alten Gaule davon. Das iſt aber nur ſein Spatzierritt, denn Mittags kommt er wieder zum andern Thore herein, ſetzt ſich,341 wie Sie heute geſehen haben, ruhig an den Tiſch, und ißt von den ungenießbaren Spei¬ ſen fuͤr drei Mann. Jedes Jahr erhaͤlt er einen ſtarken Wechſel; dann ſagt er mir ganz wehmuͤthig Lebewohl, er nennt mich ſeinen beſten Freund, und vergießt Thraͤnen, wobei mir auch die Thraͤnen uͤber die Backen lau¬ fen, aber vor unterdruͤcktem Lachen. Nach¬ dem er noch, Lebens und Sterbens halber, ſei¬ nen letzten Willen aufgeſetzt, und, wie er ſagt, meiner aͤlteſten Tochter ſein Vermoͤgen vermacht hat, reitet er ganz langſam und betruͤbt nach der Stadt. Den dritten oder hoͤchſtens vierten Tag iſt er aber wieder hier, und bringt zwei Kaffebraune Roͤcke, drei fuchsrothe Perruͤcken, eine gleißender, wie die andere, ſechs Hemden, einen neuen grauen Hut und andere Beduͤrfniſſe ſeines Anzuges, meiner aͤlteſten Tochter, ſeiner Lieblingin, aber ein Tuͤtchen Zuckerwerk mit, wie einem Kinde, unerachtet ſie nun ſchon achtzehn Jahr alt worden. Er denkt dann weder an ſeinen342 Auffenthalt in der Stadt, noch an die Heim¬ reiſe. Seine Zeche berichtigt er jeden Abend, und das Geld fuͤr das Fruͤhſtuͤck wirft er mir jeden Morgen zornig hin, wenn er wegrei¬ tet, um nicht wieder zu kommen. Sonſt iſt er der gutmuͤthigſte Menſch von der Welt, er beſchenkt meine Kinder bei jeder Gelegen¬ heit, er thut den Armen im Dorfe wohl, nur den Prediger kann er nicht leiden, weil er, wie Herr Ewſon es von dem Schulmei¬ ſter erfuhr, einmal ein Goldſtuͤck, das Ewſon in die Armenbuͤchſe geworfen, eingewechſelt und lauter Kupferpfennige dafuͤr gegeben hat. Seit der Zeit weicht er ihm uͤberall aus, und geht niemals in die Kirche, weshalb der Prediger ihn fuͤr einen Atheiſten ausſchreit. Wie geſagt, habe ich aber oft meine liebe Noth mit ihm, weil er jaͤhzornig iſt, und ganz tolle Einfaͤlle hat. Erſt geſtern hoͤrte ich, als ich nach Hauſe kam, ſchon von wei¬ tem ein heftiges Geſchrei, und unterſchied Ewſons Stimme. Als ich ins Haus trat,343 fand ich ihn im ſtaͤrkſten Zank mit der Haus¬ magd begriffen. Er hatte, wie es im Zorn immer geſchieht, bereits ſeine Perruͤcke weg¬ geſchleudert, und ſtand im kahlen Kopf, ohne Rock, in Hemdermeln dicht vor der Magd, der er ein großes Buch unter die Naſe hielt, und ſtark ſchreiend und fluchend mit dem Finger hineinwies. Die Magd hatte die Haͤnde in die Seiten geſtemmt, und ſchrie: er moͤge Andere zu ſeinen Streichen brau¬ chen, er ſey ein ſchlechter Menſch, der an nichts glaube u. ſ. w. Mit Muͤhe gelang es mir, die Streitenden auseinander zu brin¬ gen, und der Sache auf den Grund zu kom¬ men. — Herr Ewſon hatte verlangt, die Magd ſolle ihm Oblate verſchaffen zum Brief¬ ſiegeln; die Magd verſtand ihn Anfangs gar nicht, zuletzt fiel ihr ein, daß das Oblate ſey was bei dem Abendmahl gebraucht werde, und meinte, Herr Ewſon wolle mit der Ho¬ ſtie verruchtes Geſpoͤtte treiben, weil der Herr Pfarrer ohnedies geſagt, daß er ein Gottes¬344 laͤugner ſey. Sie widerſetzte ſich daher und Herr Ewſon, der da glaubte nur nicht richtig ausgeſprochen zu haben, und nicht verſtan¬ den zu ſeyn, holte ſofort ſein engliſch-deut¬ ſches Woͤrterbuch, und demonſtrirte daraus der Bauermagd, die kein Wort leſen konnte, was er haben wolle, wobei er zuletzt nichts als engliſch ſprach, welches die Magd fuͤr das ſinnverwirrende Gewaͤſche des Teufels hielt. Nur mein Dazwiſchentreten verhin¬ derte die Pruͤgelei, in der Herr Ewſon viel¬ leicht den Kuͤrzeren gezogen. “
„ Ich unterbrach den Wirth in der Er¬ zaͤhlung von dem drolligen Manne, indem ich frug, ob das vielleicht auch Herr Ewſon geweſen, der mich in der Nacht durch ſein graͤßliches Floͤtenblaſen ſo geſtoͤrt, und geaͤr¬ gert habe. Ach, mein Herr! fuhr der Wirth fort, das iſt nun auch eine von Herr Ewſons Eigenheiten, womit er mir beinahe die Gaͤſte verſcheucht. Vor drei Jahren kam mein Sohn aus der Stadt hieher; der Junge blaͤſt345 eine herrliche Floͤte, und uͤbte hier fleißig ſein Inſtrument. Da fiel es Herrn Ewſon ein, daß er ehemals auch Floͤte geblaſen, und ließ nicht nach, bis ihm Fritz ſeine Floͤte und ein Conzert, das er mitgebracht hatte, fuͤr ſchwe¬ res Geld verkaufte.
Nun fing Herr Ewſon, der gar keinen Sinn fuͤr Muſik, gar keinen Takt hat, mit dem groͤßten Eifer an, das Conzert zu blaſen. Er kam aber nur bis zum zweiten Solo des erſten Allegro's, da ſtieß ihm eine Paſſage auf, die er nicht herausbringen konnte, und dieſe einzige Paſſage blaͤſt er nun ſeit den drei Jahren faſt jeden Tag hundertmal hin¬ tereinander, bis er im hoͤchſten Zorn erſt die Floͤte und dann die Perruͤcke an die Wand ſchleudert. Da dies nun wenige Floͤten lan¬ ge aushalten, ſo braucht er gar oft neue, und hat jetzt gewoͤhnlich drei bis vier im Gange. Iſt nur ein Schraubchen zerbrochen oder eine Klappe ſchadhaft, ſo wirft er ſie mit einem: Gott verdamm mich, nur in346 England macht man Inſtrumente, die was tau¬ gen! — durchs Fenſter. Ganz erſchrecklich iſt es, daß ihn dieſe Paſſion der Floͤtenblaͤſerei oft Nachts uͤberfaͤllt, und er dann meine Gaͤ¬ ſte aus dem tiefſten Schlafe dudelt. Sollten Sie aber glauben, daß hier im Amtshauſe ſich, beinahe eben ſo lange als Herr Ewſon bei mir iſt, ein engliſcher Doktor aufhaͤlt, der Green heißt, und mit Herrn Ewſon darinn ſympathiſirt, daß er eben ſo originell, eben ſo voll ſonderbaren Humors iſt? — Sie zan¬ ken ſich unaufhoͤrlich, und koͤnnen doch nicht ohne einander leben. Es faͤllt mir eben ein, daß Herr Ewſon auf heute Abend einen Punſch bei mir beſtellt hat, zu dem er den Amtmann und den Doktor Green eingeladen. Wollen Sie es ſich, mein Herr, gefallen laſ¬ ſen, noch bis Morgen fruͤh hier zu verweilen, ſo koͤnnen Sie heute Abend bei mir das poſ¬ ſierlichſte Kleeblatt ſehen, das ſich nur zu¬ ſammen finden kann. — “
„ Sie ſtellen ſich es vor, gnaͤdigſter Herr,347 daß ich mir den Aufſchub der Reiſe gern ge¬ fallen ließ, weil ich hoffte den Herrn Ewſon in ſeiner Glorie zu ſehen. Er trat, ſo wie es Abend worden, ins Zimmer, und war ar¬ tig genug, mich zu dem Punſch einzuladen, indem er hinzuſetzte, wie es ihm nur leid thaͤte, mich mit dem nichtswuͤrdigen Getraͤnk, das man hier Punſch nenne, bewirthen zu muͤſſen; nur in England trinke man Punſch, und da er naͤchſtens dahin zuruͤckkehren wer¬ de, hoffe er, kaͤme ich jemals nach England, mir es beweiſen zu koͤnnen, daß er es ver¬ ſtehe, das koͤſtliche Getraͤnk zu bereiten. — Ich wußte, was ich davon zu denken hatte. — Bald darauf traten auch die eingeladenen Gaͤſte ein. Der Amtmann war ein kleines kugelrundes, hoͤchſt freundliches Maͤnnlein mit vergnuͤgt blickenden Augen, und einem rothen Naͤschen; der Doktor Green ein robu¬ ſter Mann von mittlern Jahren mit einem auf¬ fallenden Nationalgeſicht, modern, aber nach¬ laͤſſig[gekleidet], Brill 'auf der Naſe, Hut auf348 dem Kopfe. — Gebt mir Sekt, daß meine Au¬ gen roth werden! rief er pathetiſch, indem er auf den Wirth zuſchritt, und ihn, bei der Bruſt packend, heftig ſchuͤttelte: hallunkiſcher Cambyſes, ſprich! wo ſind die Prinzeſſinnen? Nach Kaffee riechts, und nicht nach Trank der Goͤtter! — Laß ab von mir, o Held! weg mit der ſtarken Fauſt, zermalmſt im Zorne mir die Ribben! — rief der Wirth keuchend. Nicht eher, feiger Schwaͤchling, fuhr der Doktor fort, bis ſuͤßer Dampf des Punſches Sinn umnebelnd Naſe kitzelt, nicht eher laß ich Dich, Du ganz unwerther Wirth! — Aber nun ſchoß Ewſon grimmig auf den Doktor los, und ſchalt: Unwuͤrdger Green! gruͤn ſoll's Dir werden vor den Augen, ja grei¬ nen ſollſt Du gramerfuͤllt, wenn Du nicht ablaͤßt von ſchmachvoller That! — Nun, dacht' ich, wuͤrde Zank und Tumult losbre¬ chen, aber der Docktor ſagte: So will ich, fei¬ ger Ohnmacht ſpottend, ruhig ſeyn, und harr'n349 des Goͤttertranks den Du bereitet, wuͤrd'ger Ewſon. — Er ließ den Wirth los, der ei¬ ligſt davon ſprang, ſetzte ſich mit einer Ca¬ to's Miene an den Tiſch, ergriff die geſtopfte Pfeife, und blies große Dampfwolken von ſich. — Iſt das nicht, als waͤre man im Theater? ſagte der freundliche Amtmann zu mir, aber der Doktor, der ſonſt kein teutſches Buch in die Hand nimmt, fand zufaͤllig Schle¬ gels Shakeſpear bei mir, und ſeit der Zeit ſpielt er, nach ſeinem Ausdruck, uralte bekannte Melodien auf einem fremden Inſtrumente. Sie werden bemerkt haben, daß ſogar der Wirth rhythmiſch ſpricht, der Doktor hat ihn ſo zu ſagen eingejambt. — Der Wirth brach¬ te den dampfenden Punſchnapf, und unerach¬ tet Ewſon und Green ſchwuren, er ſey kaum trinkbar, ſo ſtuͤrzten ſie doch ein großes Glas nach dem Andern hinab. Wir fuͤhrten ein leidlich Geſpraͤch. Green blieb wortkarg, nur dann und wann gab er auf komiſche Weiſe, die Oppoſition behauptend, etwas von350 ſich. So ſprach z. B. der Amtmann von dem Theater in der Stadt, und ich verſicher¬ te: der erſte Held ſpiele vortrefflich. — Das kann ich nicht finden, fiel ſogleich der Dok¬ tor ein: glauben Sie nicht, daß, haͤtte der Mann ſechsmal beſſer geſpielt, er des Beifalls viel wuͤrdger ſeyn wuͤrde? Ich mußte das nothgedrungen zugeben, und meinte nur, daß dies ſechsmal beſſer ſpielen dem Schauſpie¬ ler Noth thue, der die zaͤrtlichen Vaͤter ganz erbaͤrmlich tragire. — Das kann ich nicht finden, ſagte Green wieder: der Mann giebt Alles, was er in ſich traͤgt! Kann er da¬ fuͤr, daß ſeine Tendenz ſich zum ſchlechten hinneigt? er hat es aber im Schlechten zu ruͤhmlicher Vollkommenheit gebracht, man muß ihn deshalb loben! — Der Amtmann ſaß mit ſeinem Talent, die beiden anzuregen zu allerlei tollen Einfaͤllen und Meinungen, in ihrer Mitte, wie das exzitirende Prinzip, und ſo ging es fort, bis der ſtarke Punſch zu wirken anfing. Da wurde Ewſon ausge¬351 laſſen luſtig, er ſang mit kraͤchzender Stim¬ me Nationallieder, er warf Perruͤcke und Rock durchs Fenſter in den Hof, und fing an mit den ſonderbarſten Grimaſſen, auf ſo drollige Weiſe zu tanzen, daß man ſich vor Lachen haͤtte ausſchuͤtten moͤgen. Der Doktor blieb ernſthaft, hatte aber die ſeltſamſten Viſionen. Er ſah den Punſchnapf fuͤr eine Baßgeige an, und wollte durchaus darauf herumſtrei¬ chen, mit dem Loͤffel Ewſons Lieder akkom¬ pagnirend, wovon ihn nur des Wirths drin¬ gendſte Proteſtationen abhalten konnten. — Der Amtmann war immer ſtiller und ſtiller geworden, am Ende ſtolperte er in eine Ecke des Zimmers, wo er ſich hinſetzte und heftig zu weinen anfing. Ich verſtand den Wink des Wirths, und frug den Amtmann um die Urſache ſeines tiefen Schmerzes. — Ach! ach! brach er ſchluchzend los: der Prinz Eu¬ gen war doch ein großer Feldherr, und dieſer heldenmuͤthige Fuͤrſt mußte ſterben. Ach, ach! — und damit weinte er heftiger, daß352 ihm die hellen Thraͤnen uͤber die Backen lie¬ fen. Ich verſuchte ihn uͤber den Verluſt dieſes wackern Prinzen des laͤngſt vergange¬ nen Jahrhunderts moͤglichſt zu troͤſten, aber es war vergebens. Der Doktor Green hatte indeſſen eine große Lichtſcheere ergriffen, und fuhr damit unaufhoͤrlich gegen das offne Fen¬ ſter. — Er hatte nichts geringeres im Sinn, als den Mond zu putzen, der hell hinein¬ ſchien. Ewſon ſprang und ſchrie, als waͤre er beſeſſen von tauſend Teufeln, bis endlich der Hausknecht, des hellen Mondſcheins uner¬ achtet, mit einer großen Laterne in das Zim¬ mer trat, und laut rief: da bin ich, meine Herren! nun kann's fortgehen. Der Doktor ſtellte ſich dicht vor ihm hin, und ſprach, ihm die Dampfwolken ins Geſicht blaſend: will¬ kommen, Freund! Biſt Du der Squenz der Mondſchein traͤgt, und Hund, und Dorn¬ buſch? Ich habe Dich geputzt, Hallunke, darum ſcheinſt Du hell! Gut 'Nacht denn, viel des ſchnoͤden Safts hab' ich getrunken,gut353gut 'Nacht, mein werther Wirth, gut' Nacht mein Pylades! — Ewſon ſchwur, daß kein Menſch zu Hauſe gehen ſolle, ohne den Hals zu brechen, aber niemand achtete darauf, vielmehr nahm der Hausknecht den Doktor unter den einen, den Amtmann, der noch im¬ mer uͤber den Verluſt des Prinzen Eugen lamentirte, unter den andern Arm, und ſo wackelten ſie uͤber die Straße fort nach dem Amtshauſe. Mit Muͤhe brachten wir den naͤr¬ riſchen Ewſon in ſein Zimmer, wo er noch die halbe Nacht auf der Floͤte tobte, ſo daß ich kein Auge zuthun, und mich erſt im Wa¬ gen ſchlafend, von dem tollen Abend im Gaſthauſe erholen konnte. “
Die Erzaͤhlung des Leibarztes wurde oft durch lauteres Gelaͤchter, als man es wohl ſonſt im Zirkel eines Hofes hoͤren mag, unterbrochen. Der Fuͤrſt ſchien ſich ſehr er¬ goͤtzt zu haben. „ Nur eine Figur, ſagte er zum Leibarzt: haben Sie in dem Gemaͤhlde zu ſehr in den Hintergrund geſtellt, und dasI. [23] 354iſt Ihre eigne, denn ich wette, daß Ihr zu Zeiten etwas boshafter Humor den naͤrri¬ ſchen Ewſon, ſo wie den pathetiſchen Doktor zu tauſend tollen Ausſchweifungen verleitet hat, und daß Sie eigentlich das excitirende Prinzip waren, fuͤr das Sie den lamentablen Amtmann ausgeben. “— „ Ich verſichere, gnaͤ¬ digſter Herr! erwiederte der Leibarzt, daß dieſer aus ſeltner Narrheit componirte Clubb, ſo in ſich abgeruͤndet war, daß alles fremde nur diſſonirt haͤtte. Um in dem muſikali¬ ſchen Gleichniß zu bleiben, waren die drei Menſchen der reine Dreiklang, jeder ver¬ ſchieden, im Ton aber harmoniſch mitklin¬ gend, der Wirth ſprang hinzu wie eine Sep¬ time. “— Auf dieſe Weiſe wurde noch man¬ ches hin und her geſprochen, bis ſich, wie gewoͤhnlich, die fuͤrſtliche Familie in ihre Zimmer zuruͤckzog, und die Geſellſchaft in der gemuͤthlichſten Laune auseinander ging. — Ich bewegte mich heiter und lebensluſtig in einer neuen Welt. Je mehr ich in den ru¬355 higen gemuͤthlichen Gang des Lebens in der Reſidenz und am Hofe eingriff, je mehr man mir einen Platz einraͤumte, den ich mit Ehre und Beifall behaupten konnte, deſto weniger dachte ich an die Vergangenheit, ſo wie daran, daß mein hieſiges Verhaͤltniß ſich je¬ mals aͤndern koͤnne. Der Fuͤrſt ſchien ein beſonderes Wohlgefallen an mir zu finden, und aus verſchiedenen fluͤchtigen Andeutun¬ gen, konnte ich ſchließen, daß er mich auf dieſe oder jene Weiſe in ſeiner Umgebung feſt zu ſtellen wuͤnſchte. Nicht zu laͤugnen war es, daß eine gewiſſe Gleichfoͤrmigkeit der Aus¬ bildung, ja eine gewiſſe angenommene gleiche Manier in allem wiſſenſchaftlichen und kuͤnſt¬ leriſchen Treiben, die ſich vom Hofe aus uͤber die ganze Reſidenz verbreitete, man¬ chem geiſtreichen, und an unbedingte Freiheit gewoͤhnten Mann, den Auffenthalt daſelbſt bald verleidet haͤtte; indeſſen kam mir, ſo oft auch die Beſchraͤnkung, welche die Einſeitig¬ keit des Hofes hervorbrachte, laͤſtig wurde,356 das fruͤhere Gewoͤhnen an eine beſtimmte Form, die wenigſtens das Aeußere regelt, dabei ſehr zu ſtatten. Mein Kloſterleben war es, das hier, freilich unmerklicher Weiſe, noch auf mich wirkte. — So ſehr mich der Fuͤrſt auszeichnete, ſo ſehr ich mich bemuͤhte, die Aufmerkſamkeit der Fuͤrſtin auf mich zu ziehen, ſo blieb dieſe doch kalt und verſchloſ¬ ſen. Ja! meine Gegenwart ſchien ſie oft auf beſondere Weiſe zu beunruhigen, und nur mit Muͤhe erhielt ſie es uͤber ſich, mir wie den andern ein paar freundliche Worte zuzuwerfen. Bei den Damen, die ſie umga¬ ben, war ich gluͤcklicher; mein Aeußeres ſchien einen guͤnſtigen Eindruck gemacht zu haben, und indem ich mich oft in ihren Kreiſen be¬ wegte, gelang es mir bald, diejenige wunder¬ liche Weltbildung zu erhalten, welche man Galanterie nennt, und die in nichts anderm beſteht, als die aͤußere koͤrperliche Geſchmei¬ digkeit, vermoͤge der man immer da, wo man ſteht oder geht, hinzupaſſen ſcheint, auch in357 die Unterhaltung zu uͤbertragen. Es iſt die ſonderbare Gabe, uͤber Nichts mit be¬ deutenden Worten zu ſchwatzen, und ſo den Weibern ein gewiſſes Wohlbehagen zu erregen, von dem, wie es entſtanden, ſie ſich ſelbſt nicht Rechenſchaft geben koͤnnen. Daß dieſe hoͤhere und eigentliche Galanterie ſich nicht mit plumpen Schmeicheleien abge¬ ben kann, fließt aus dem Geſagten, wiewohl in jenem intereſſanten Geſchwaͤtz, das wie ein Hymnus der Angebeteten erklingt, eben das gaͤnzliche Eingehen in ihr Innerſtes liegt, ſo daß ihr eignes Selbſt ihnen klar zu werden ſcheint, und ſie ſich in dem Reflex ihres eignen Ichs mit Wohlgefallen ſpie¬ geln. — — Wer haͤtte nun noch den Moͤnch in mir erkennen ſollen! — Der einzige mir gefaͤhrliche Ort war vielleicht nur noch die Kirche, in welcher es mir ſchwer wurde, je¬ ne kloͤſterliche Andachtsuͤbungen, die ein be¬ ſonderer Rhythmus, ein beſonderer Takt aus¬ zeichnet, zu vermeiden. —
358Der Leibarzt war der Einzige, der das Ge¬ praͤge, womit Alles, wie gleiche Muͤnze aus¬ geſtempelt war, nicht angenommen hatte, und dies zog mich zu ihm hin, ſo wie Er ſich deshalb an mich anſchloß, weil ich, wie er recht gut wußte, Anfangs die Oppoſition ge¬ bildet, und meine freimuͤthigen Aeußerungen, die dem fuͤr kecke Wahrheit empfaͤnglichen Fuͤrſten eindrangen, das verhaßte Faroſpiel mit einem Mal verbannt hatten.
So kam es denn, daß wir oft zuſammen waren, und bald uͤber Wiſſenſchaft und Kunſt, bald uͤber das Leben, wie es ſich vor uns ausbreitete, ſprachen. Der Leibarzt verehrte eben ſo hoch die Fuͤrſtin, als ich, und ver¬ ſicherte, daß nur ſie es ſey, die manche Ab¬ geſchmacktheit des Fuͤrſten abwende, und die¬ jenige ſonderbare Art Langeweile, welche ihn auf der Oberflaͤche hin und hertreibe, dadurch zu verſcheuchen wiſſe, daß ſie ihm oft ganz unvermerkt ein unſchaͤdliches Spielzeug in die Haͤnde gebe. Ich unterließ nicht, bei die¬359 ſer Gelegenheit mich zu beklagen, daß ich, ohne den Grund erforſchen zu koͤnnen, der Fuͤrſtin durch meine Gegenwart oft ein un¬ ausſtehliches Mißbehagen zu erregen ſcheine. Der Leibarzt ſtand ſofort auf, und holte, da wir uns gerade in ſeinem Zimmer befanden, ein kleines Miniaturbild aus dem Schreibe¬ pult, welches er mir, mit der Weiſung, es recht[genau] zu betrachten, in die Haͤnde gab. Ich that es, und erſtaunte nicht wenig, als ich in den Zuͤgen des Mannes, den das Bild darſtellte, ganz die meinigen erkannte. Nur der Aenderung der Friſur und der Kleidung, die nach verjaͤhrter Mode gemahlt war, nur der Hinzufuͤgung meines ſtarken Backenbarts, dem Meiſterſtuͤck Belcampo's, bedurfte es, um das Bild ganz zu meinem Portrait zu ma¬ chen. Ich aͤußerte dies unverholen dem Leib¬ arzt. „ Und eben dieſe Aehnlichkeit, ſagte er: iſt es, welche die Fuͤrſtin erſchreckt und beun¬ ruhigt, ſo oft Sie in ihre Naͤhe kommen, denn Ihr Geſicht erneuert das Andenken einer ent¬360 ſetzlichen Begebenheit, die vor mehreren Jah¬ ren den Hof traf, wie ein zerſtoͤrender Schlag. Der vorige Leibarzt, der vor einigen Jah¬ ren ſtarb, und deſſen Zoͤgling in der Wiſſen¬ ſchafft ich bin, vertraute mir jenen Vorgang in der fuͤrſtlichen Familie, und gab mir zu¬ gleich das Bild, welches den ehemaligen Guͤnſtling des Fuͤrſten, Francesko, darſtellt, und zugleich, wie Sie ſehen, Ruͤckſichts der Mahlerei, ein wahres Meiſterſtuͤck iſt. Es ruͤhrt von dem wunderlichen fremden Mah¬ ler her, der ſich damals am Hofe befand, und eben in jener Tragoͤdie, die Hauptrolle ſpielte. “— Bei der Betrachtung des Bildes regten ſich gewiſſe verworrene Ahnungen in mir, die ich vergebens trachtete klar aufzu¬ faſſen. — Jene Begebenheit ſchien mir ein Geheimniß erſchließen zu wollen, in das ich ſelbſt verflochten war, und um ſo mehr drang ich in den Leibarzt, mir das zu vertrauen, welches zu erfahren, mich die zufaͤllige Aehn¬ lichkeit mit Francesko zu berechtigen ſchei¬361 ne. — „ Freilich, ſagte der Leibarzt: muß die¬ ſer hoͤchſt merkwuͤrdige Umſtand Ihre Neu¬ gierde nicht wenig aufregen, und ſo ungern ich eigentlich von jener Begebenheit ſprechen mag, uͤber die noch jetzt, fuͤr mich wenigſtens, ein geheimnißvoller Schleier liegt, den ich auch weiter gar nicht luͤften will, ſo ſollen Sie doch alles erfahren, was ich davon weiß. Viele Jahre ſind vergangen, und die Hauptperſonen von der Buͤhne abgetreten, nur die Erinnerung iſt es, welche feindſeelig wirkt. Ich bitte, gegen niemanden von dem, was Sie erfuhren, etwas zu aͤußern. “ Ich verſprach das, und der Arzt fing in folgen¬ der Art ſeine Erzaͤhlung an:
„ Eben zu der Zeit, als unſer Fuͤrſt ſich vermaͤhlte, kam ſein Bruder in Geſellſchaft eines Mannes, den er Francesco nannte, un¬ erachtet man wußte, daß er ein Deutſcher war, ſo wie eines Mahlers, von weiten Rei¬ ſen zuruͤck. Der Prinz war einer der ſchoͤn¬ ſten Maͤnner, die man geſehen, und ſchon362 deshalb ſtach er vor unſerm Fuͤrſten hervor, haͤtte er ihn auch nicht an Lebensfuͤlle und geiſtiger Kraft uͤbertroffen. Er machte auf die junge Fuͤrſtin, die damals bis zur Aus¬ gelaſſenheit lebhaft, und der der Fuͤrſt viel zu formell, viel zu kalt war, einen ſeltenen Eindruck, und eben ſo fand ſich der Prinz von der jungen bildſchoͤnen Gemahlin ſeines Bruders angezogen. Ohne an ein ſtrafbares Verhaͤltniß zu denken, mußten ſie der unwi¬ derſtehlichen Gewalt nachgeben, die ihr in¬ neres Leben, nur wie wechſelſeitig ſich ent¬ zuͤndend, bedingte, und ſo die Flamme naͤh¬ ren, die ihr Weſen in Eins verſchmolz. — Francesko allein war es, der in jeder Hin¬ ſicht ſeinem Freunde an die Seite geſetzt werden konnte, und ſo, wie der Prinz auf die Gemahlin ſeines Bruders, ſo wirkte Francesko auf die aͤltere Schweſter der Fuͤr¬ ſtin. Francesko wurde ſein Gluͤck bald ge¬ wahr, benutzte es mit durchdachter Schlau¬ heit, und die Neigung der Prinzeſſin wuchs363 bald zur heftigſten brennendſten Liebe. Der Fuͤrſt war von der Tugend ſeiner Gemahlin zu ſehr uͤberzeugt, um nicht alle haͤmiſche Zwiſchentraͤgerei zu verachten, wiewohl ihn das geſpannte Verhaͤltniß mit dem Bruder druͤckte; und nur dem Francesko, den er ſei¬ nes ſeltnen Geiſtes, ſeiner lebensklugen Um¬ ſicht halber lieb gewonnen, war es moͤglich, ihn in gewiſſen Gleichmuth zu erhalten. Der Fuͤrſt wollte ihn zu den erſten Hofſtel¬ len befoͤrdern, Francesko begnuͤgte ſich aber mit den geheimen Vorrechten des erſten Guͤnſtlings, und mit der Liebe der Prinzeſ¬ ſin. In dieſen Verhaͤltniſſen bewegte ſich der Hof ſo gut es gehen wollte, aber nur die vier durch geheime Bande verknuͤpfte Perſonen waren gluͤcklich in dem Eldorado der Liebe, das ſie ſich gebildet, und das An¬ deren verſchloſſen. — Wohl mochte es der Fuͤrſt, ohne daß man es wußte, veranſtaltet haben, daß mit vielem Pomp eine italiaͤniſche Prinzeſſin am Hofe erſchien, die fruͤher dem364 Prinzen als Gemahlin zugedacht war, und der er, als er auf der Reiſe ſich am Hofe ihres Vaters befand, ſichtliche Zuneigung bewieſen hatte. — Sie ſoll ausnehmend ſchoͤn, und uͤberhaupt die Grazie, die Anmuth ſelbſt geweſen ſeyn, und dies ſpricht auch das herrliche Portrait aus, was ſie noch auf der Gallerie ſehen koͤnnen. Ihre Ge¬ genwart belebte den in duͤſtre Langeweile verſunkenen Hof, ſie uͤberſtrahlte Alles, ſelbſt die Fuͤrſtin und ihre, Schweſter nicht ausgenommen. Francesko's Betragen aͤn¬ derte ſich bald nach der Ankunft der Italiaͤ¬ nerin auf eine ganz auffallende Weiſe; es war, als zehre ein geheimer Gram an ſei¬ ner Lebensbluͤthe, er wurde[muͤrriſch], ver¬ ſchloſſen, er vernachlaͤſſigte ſeine fuͤrſtliche Geliebte. Der Prinz war eben ſo tiefſinnig geworden, er fuͤhlte ſich von Regungen er¬ griffen, denen er nicht zu widerſtehen ver¬ mochte. Der Fuͤrſtin ſtieß die Ankunft der Italiaͤnerin einen Dolch ins Herz. Fuͤr die365 zur Schwaͤrmerei geneigte Prinzeſſin, war nun mit Francesko's Liebe alles Lebensgluͤck entflohen, und ſo waren die vier Gluͤcklichen, Beneidenswerthen, in Gram und Betruͤbniß verſenkt. Der Prinz erholte ſich zuerſt, in¬ dem er, bei der ſtrengen Tugend ſeiner Schwaͤ¬ gerin, den Lockungen des ſchoͤnen verfuͤhreri¬ ſchen Weibes nicht widerſtehen konnte. Je¬ nes kindliche, recht aus dem tiefſten Innern entſproſſene Verhaͤltniß mit der Fuͤrſtin, ging unter, in der namenloſen Luſt, die ihm die Italiaͤnerin verhieß, und ſo kam es denn, daß er bald aufs neue in den alten Feſſeln lag, denen er, ſeit nicht lange her, ſich ent¬ wunden. — Je mehr der Prinz dieſer Liebe nachhing, deſto auffallender wurde Frances¬ ko's Betragen, den man jetzt beinahe gar nicht mehr am Hofe ſah, ſondern der einſam umherſchwaͤrmte, und oft Wochenlang von der Reſidenz abweſend war. Dagegen ließ ſich der wunderliche menſchenſcheue Mahler mehr ſehen als ſonſt, und arbeitete vorzuͤg¬366 lich gern in dem Attelier, das ihm die Ita¬ liaͤnerin in ihrem Hauſe einrichten laſſen. Er mahlte ſie mehrmals mit einem Ausdruck ohne Gleichen; der Fuͤrſtin ſchien er abhold, er wollte ſie durchaus nicht mahlen, dagegen vollendete er das Portrait der Prinzeſſin, ohne daß ſie ihm ein einzigesmal geſeſſen, auf das aͤhnlichſte und herrlichſte. Die Ita¬ liaͤnerin bewies dieſem Mahler ſo viel Auf¬ merkſamkeit, und Er dagegen begegnete ihr mit ſolcher vertraulicher Galanterie, daß der Prinz eiferſuͤchtig wurde, und dem Mahler, als er ihn einmal im Attelier arbeitend an¬ traf, und er, feſt den Blick auf den Kopf der Italiaͤnerin, den er wieder hingezaubert, ge¬ richtet, ſein Eintreten gar nicht zu bemerken ſchien, — rund herausſagte: Er moͤge ihm den Gefallen thun, und hier nicht mehr arbeiten, ſondern ſich ein anderes Attelier ſuchen. Der Mahler ſchnikte gelaſſen den Pinſel aus, und nahm ſchweigend das Bild von der Staffelei. Im hoͤchſten Unmuthe riß es der367 Prinz ihm aus der Hand, mit der Aeuße¬ rung: es ſey ſo herrlich getroffen, daß er es beſitzen muͤſſe. Der Mahler, immer ruhig und gelaſſen bleibend, bat, nur zu erlauben, daß er das Bild mit ein paar Zuͤgen vol¬ lende. Der Prinz ſtellte das Bild wieder auf die Staffelei, nach ein paar Minuten gab der Mahler es ihm zuruͤck, und lachte hell auf, als der Prinz uͤber das graͤßlich verzerrte Geſicht erſchrak, zu dem das Por¬ trait geworden. Nun ging der Mahler lang¬ ſam aus dem Saal, aber nah an der Thuͤre kehrte er um, ſah den Prinzen an mit ern¬ ſtem durchdringendem Blick, und ſprach dumpf und feierlich: nun biſt Du verlohren! “—
„ Dies geſchah als die Italiaͤnerin ſchon fuͤr des Prinzen Braut erklaͤrt war, und in we¬ nigen Tagen die feierliche Vermaͤhlung vor ſich gehen ſollte. Des Mahlers Betragen achtete der Prinz um ſo weniger, als er in dem allgemeinen Ruf ſtand zuweilen von ei¬ niger Tollheit heimgeſucht zu werden. Er368 ſaß, wie man erzaͤhlte, nun wieder in ſei¬ nem kleinen Zimmer, und ſtarrte Tagelang eine große aufgeſpannte Leinwand an, indem er verſicherte, wie er eben jetzt an ganz herr¬ lichen Gemaͤhlden arbeite; ſo vergaß er den Hof und wurde von dieſem wieder vergeſſen. “
„ Die Vermaͤhlung des Prinzen mit der Italiaͤnerin ging in dem Pallaſt des Fuͤrſten auf das feierlichſte vor ſich; die Fuͤrſtin hatte ſich in ihr Geſchick gefuͤgt, und einer zweck¬ loſen nie zu befriedigenden Neigung entſagt; die Prinzeſſin war wie verklaͤrt, denn ihr geliebter Francesko war wieder erſchienen, bluͤhender, lebensfroher als je. Der Prinz ſollte mit ſeiner Gemahlin den Fluͤgel des Schloſſes beziehen, den der Fuͤrſt erſt zu dem Behuf einrichten laſſen. Bei dieſem Bau war er recht in ſeinem Wirkungskreiſe, man ſah ihn nicht anders, als von Architekten, Mahlern, Tapezierern umgeben, in großen Buͤchern blaͤtternd, und Plane, Riſſe, Skiz¬ zen vor ſich ausbreitend, die er zum Theilſelbſt369ſelbſt gemacht, und die mitunter ſchlecht ge¬ nug gerathen waren. Weder der Prinz noch ſeine Braut durften fruͤher etwas von der in¬ neren Einrichtung ſehen, bis am ſpaͤten Abend des Vermaͤhlungstages, an dem ſie von dem Fuͤrſten in einem langen feierlichen Zuge durch die in der That mit geſchmackvoller Pracht dekorirten Zimmer geleitet wurden, und ein Ball in einem herrlichen Saal, der einem bluͤhenden Garten glich, das Feſt be¬ ſchloß. In der Nacht entſtand in dem Fluͤ¬ gel des Prinzen ein dumpfer Laͤrm, aber lau¬ ter und lauter wurde das Getoͤſe, bis es den Fuͤrſten ſelbſt aufweckte. Ungluͤckahnend ſprang er auf, eilte, von der Wache begleitet, nach dem entfernten Fluͤgel, und trat in den brei¬ ten Corridor, als eben der Prinz gebracht wurde, den man vor der Thuͤre des Braut¬ gemachs durch einen Meſſerſtich in den Hals ermordet gefunden. Man kann ſich das Ent¬ ſetzen des Fuͤrſten, der Prinzeſſin Verzweif¬ lung, die tiefe herzzerreiſſende Trauer derI. [24] 370Fuͤrſtin denken. — Als der Fuͤrſt ruhiger worden, fing er an, der Moͤglichkeit, wie der Mord geſchehen, wie der Moͤrder durch die uͤberall mit Wachen beſetzten Corridore habe entfliehen koͤnnen, nachzuſpaͤhen; alle Schlupf¬ winkel wurden durchſucht, aber vergebens. Der Page, der den Prinzen bedient, erzaͤhlte, wie er ſeinen Herrn, der, von banger Ahnung ergriffen, ſehr unruhig geweſen, und lange in ſeinem Cabinet auf und abgegangen ſey, endlich entkleidet, und mit dem Armleuchter in der Hand bis an das Vorzimmer des Brautgemachs geleuchtet habe. Der Prinz haͤtte ihm den Leuchter aus der Hand genom¬ men und ihn zuruͤckgeſchickt; kaum ſey er aber aus dem Zimmer geweſen, als er ei¬ nen dumpfen Schrei, einen Schlag, und das Klirren des fallenden Armleuchters gehoͤrt. Gleich ſey er zuruͤckgerannt und habe bei dem Schein eines Lichts, das noch auf der Erde fortgebrannt, den Prinzen vor der Thuͤre des Brautgemachs, und neben ihm ein klei¬371 nes blutiges Meſſer liegen geſehen, nun aber gleich Laͤrm gemacht. — Nach der Erzaͤh¬ lung der Gemahlin des ungluͤcklichen Prin¬ zen war er, gleich nachdem ſie die Kammer¬ frauen entfernt, haſtig ohne Licht in das Zimmer getreten, hatte alle Lichter ſchnell ausgeloͤſcht, war wohl eine halbe Stunde bei ihr geblieben und hatte ſich dann wieder ent¬ fernt; erſt einige Minuten darauf geſchah der Mord. — Als man ſich in Vermuthun¬ gen, wer der Moͤrder ſeyn koͤnne, erſchoͤpfte, als es durchaus kein einziges Mittel mehr gab, dem Thaͤter auf die Spur zu kommen, da trat eine Kammerfrau der Prinzeſſin auf, die in einem Nebenzimmer, deſſen Thuͤre ge¬ oͤffnet war, jenen verfaͤnglichen Auftritt des Prinzen mit dem Mahler bemerkt hatte; den erzaͤhlte ſie nun mit allen Umſtaͤnden. Niemand zweifelte, daß der Mahler ſich auf unbegreifliche Weiſe in den Pallaſt zu ſchlei¬ chen gewußt, und den Prinzen ermordet ha¬ be. Der Mahler ſollte im Augenblick ver¬372 haftet werden, ſchon ſeit zwei Tagen war er aber aus dem Hauſe verſchwunden, niemand wußte wohin, und alle Nachforſchungen blie¬ ben vergebens. Der Hof war in die tiefſte Trauer verſenkt, die die ganze Reſidenz mit ihm theilte, und es war nur Francesko, der, wieder unausgeſetzt bei Hofe erſcheinend, in dem kleinen Familienzirkel manchen Sonnen¬ blick aus den truͤben Wolken hervorzuzau¬ bern wußte. “
„ Die Prinzeſſin fuͤhlte ſich ſchwanger, und da es klar zu ſeyn ſchien, daß der Moͤrder des Gemahls die aͤhnliche Geſtalt zum ver¬ ruchten Betruge gemißbraucht, begab ſie ſich auf ein entferntes Schloß des Fuͤrſten, damit die Niederkunft verſchwiegen bliebe, und ſo die Frucht eines hoͤlliſchen Frevels wenig¬ ſtens nicht vor der Welt, der der Leichtſinn der Diener die Ereigniſſe der Brautnacht ver¬ rathen, den ungluͤcklichen Gemahl ſchaͤnde. “—
„ Francesko's Verhaͤltniß mit der Schwe¬ ſter der Fuͤrſtin wurde in dieſer Trauerzeit373 immer feſter und inniger, und eben ſo ſehr verſtaͤrkte ſich die Freundſchaft des fuͤrſtlichen Paars fuͤr ihn. Der Fuͤrſt war laͤngſt in Francesko's Geheimniß eingeweiht, er konnte bald nicht laͤnger dem Andringen der Fuͤrſtin und der Prinzeſſin widerſtehen, und willigte in Francesko's heimliche Vermaͤhlung mit der Prinzeſſin. Francesko ſollte ſich im Dienſt eines entfernten Hofes zu einem hohen mili¬ tairiſchen Grad aufſchwingen, und dann die oͤffentliche Kundmachung ſeiner Ehe mit der Prinzeſſin erfolgen. An jenem Hofe war das damals, bei den Verbindungen des Fuͤr¬ ſten mit ihm, moͤglich. “
„ Der Tag der Verbindung erſchien, der Fuͤrſt mit ſeiner Gemahlin, ſo wie zwei ver¬ traute Maͤnner des Hofes (mein Vorgaͤnger war einer von ihnen) waren die Einzigen, die der Trauung in der kleinen Capelle im fuͤrſtlichen Pallaſt beiwohnen ſollten. Ein einziger Page, in das Geheimniß eingeweiht, bewachte die Thuͤre. “
374„ Das Paar ſtand vor dem Altar, der Beichtiger des Fuͤrſten, ein alter ehrwuͤrdiger Prieſter, begann das Formular, nachdem er ein ſtilles Amt gehalten. — Da erblaßte Francesko, und mit ſtieren, auf den Eckpfei¬ ler beim Hochaltar gerichteten Augen, rief er mit dumpfer Stimme: was willſt Du von mir? — An den Eckpfeiler gelehnt ſtand der Mahler, in fremder ſeltſamer Tracht, den vio¬ letten Mantel um die Schulter geſchlagen, und durchbohrte Francesko mit dem geſpen¬ ſtiſchen Blick ſeiner hohlen ſchwarzen Augen. Die Prinzeſſin war der Ohnmacht nahe, Al¬ les erbebte vom Entſetzen ergriffen, nur der Prieſter blieb ruhig, und ſprach zu Fran¬ cesko: warum erſchreckt Dich die Geſtalt die¬ ſes Mannes, wenn Dein Gewiſſen rein iſt? Da raffte ſich Francesko auf, der noch ge¬ kniet, und ſtuͤrzte mit einem kleinen Meſſer in der Hand auf den Mahler, aber noch ehe er ihn erreicht, ſank er mit einem dumpfen Geheul ohnmaͤchtig nieder, und der Mahler375 verſchwand hinter dem Pfeiler. Da erwach¬ ten Alle wie aus einer Betaͤubung, man eilte Francesko zu Huͤlfe, er lag todtenaͤhnlich da. Um alles Aufſehen zu vermeiden, wurde er von den beiden vertrauten Maͤnnern in die Zimmer des Fuͤrſten getragen. Als er aus der Ohnmacht erwachte, verlangte er heftig, daß man ihn entlaſſe in ſeine Wohnung, oh¬ ne eine einzige Frage des Fuͤrſten uͤber den geheimnißvollen Vorgang in der Kirche zu beantworten. Den andern Morgen war Francesko aus der Reſidenz, mit den Koſt¬ barkeiten, die ihm die Gunſt des Prinzen und des Fuͤrſten zugewendet, entflohen. Der Fuͤrſt unterließ nichts, um dem Geheimniſſe, dem geſpenſtiſchen Erſcheinen des Mahlers, auf die Spur zu kommen. Die Capelle hatte nur zwei Eingaͤnge, von denen einer aus den inneren Zimmern des Pallaſtes nach den Logen neben dem Hochaltar, der andere hingegen aus dem breiten Hauptcorridor in das Schiff der Kapelle fuͤhrte. Dieſen Ein¬376 gang hatte der Page bewacht, damit kein Neugieriger ſich nahe, der andere war ver¬ ſchloſſen, unbegreiflich blieb es daher, wie der Mahler in der Capelle erſcheinen, und wieder verſchwinden koͤnnen. — Das Meſſer, welches Francesko gegen den Mahler ge¬ zuͤckt, behielt er, ohnmaͤchtig werdend, wie im Starrkrampf in der Hand, und der Page (derſelbe, der an dem ungluͤcklichen Vernich¬ tungsabende den Prinzen entkleidete, und der nun die Thuͤre der Capelle bewachte) be¬ hauptete, es ſey daſſelbe geweſen, was da¬ mals neben dem Prinzen gelegen, da es ſeiner ſilbernen blinkenden Schaale wegen ſehr ins Auge falle. — Nicht lange nach die¬ ſen geheimnißvollen Begebenheiten kamen Nachrichten von der Prinzeſſin; an eben dem Tage, da Francesko's Vermaͤhlung vor ſich gehen ſollte, hatte ſie einen Sohn gebohren, und war bald nach der Ent¬ bindung geſtorben. — Der Fuͤrſt betrau¬ erte ihren Verluſt, wiewohl das Geheim¬377 niß der Brautnacht ſchwer auf ihr lag, und in gewiſſer Art einen vielleicht ungerechten Verdacht gegen ſie ſelbſt erweckte. Der Sohn, die Frucht einer frevelichen verruch¬ ten That, wurde in entfernten Landen unter dem Nahmen des Grafen Viktorin erzogen. Die Prinzeſſin (ich meine die Schweſter der Fuͤrſtin) im Innerſten zerriſſen von den ſchrecklichen Begebenheiten, die in ſo kurzer Zeit auf ſie eindrangen, waͤhlte das Kloſter. Sie iſt, wie es Ihnen bekannt ſeyn wird, Aebtiſſin des Ciſterzienſer-Kloſters in ***. — Ganz wunderbar, und geheimnißvoll ſich be¬ ziehend auf jene Begebenheiten an unſerm Hofe, iſt nun aber ein Ereigniß, das ſich un¬ laͤngſt auf dem Schloſſe des Barons F. zu¬ trug, und dieſe Familie, ſo wie damals un¬ ſern Hof, auseinander warf. — Die Aebtiſſin hatte nemlich, geruͤhrt von dem Elende ei¬ ner armen Frau, die mit einem kleinen Kin¬ de auf der Pilgerfahrt von der heiligen Linde ins Kloſter einkehrte, ihren — “
378Hier unterbrach ein Beſuch die Erzaͤh¬ lung des Leibarztes, und es gelang mir den Sturm, der in mir wogte zu verber¬ gen. Klar ſtand es vor meiner Seele, Francesko war mein Vater, er hatte den Prinzen mit demſelben Meſſer ermordet, mit dem ich Hermogen toͤdtete! — Ich be¬ ſchloß, in einigen Tagen nach Italien ab¬ zureiſen, und ſo endlich aus dem Kreiſe zu treten, in den mich die boͤſe feindliche Macht gebannt hatte. Denſelben Abend er¬ ſchien ich im Zirkel des Hofes; man erzaͤhlte viel von einem herrlichen bildſchoͤnen Fraͤu¬ lein, die als Hofdame in der Umgebung der Fuͤrſtin heute zum erſtenmahl erſcheinen wer¬ de, da ſie erſt geſtern angekommen.
Die Fluͤgelthuͤren oͤffneten ſich, die Fuͤr¬ ſtin trat herein, mit ihr die Fremde. — Ich erkannte Aurelien.
Ende des erſten Theils.
In ſelbigem Verlage iſt kuͤrzlich erſchienen.
Beckers, K. F., Weltgeſchichte. Bd. 3. Dritte Auflage. 8. 1 Rthlr. 20 Gr.
Das ganze Werk, vollſtaͤndig in 10 Baͤnden, 19 Rthlr. 20 Gr.
Blaͤtter, freimuͤthige, fuͤr Deut¬ ſche, in Beziehung auf Krieg, Politik und Staatswirthſchaft. Jahrgang 1815. 1s bis 4s Heft.
Inhalt: Heft I. Napoleons Erwachen. 2. Gleichgewicht und Uebergewicht in Europa, in Briefen aus Wien und Berlin, 1r — 5r Brief. 3. Politiſche Ruͤgen 4. Bemerkungen zu dem Aufſatz des Baron Bignon, uͤber den Geiſt der franzoͤſiſchen Armee. 5. Protokoll des franzoͤſi¬ ſchen Staatsraths, um die Rechtmaͤßigkeit des letz¬ ten Thronraubes darzuſtellen; mit Anmerkungen. 6. Ruͤckblicke auf die neueſten Zeitereigniſſe. Maͤrz und April.
Heft II. 1. Gleichgewicht und Uebergewicht in Europa, in Briefen aus Wien und Berlin, 6r und 7r Brief. 2. Beitraͤge zur Charakteri¬ ſtik engliſcher Staatsmaͤnner, nebſt einer Schil¬ derung Buonaparte's. 3. Der Dey von Elba in Paris. 4. Ideen zur ſchnelleren Beweglich - und Brauchbarmachung einer Armee. 5. Ueber die Unzweckmaͤßigkeit der freiwilligen Jaͤger-Ab¬ theilungen, als ſolche. 6. Ueber die Zweckmaͤßig¬ keit des Landſturms in Kriegs - und Friedenszei¬ ten. 7. Ruͤckblicke auf die neueſten Zeitereigniſſe. Mai 8. Inſtruction fuͤr die Polizei-Lieutenants in Frankreich.
Heft III. 1. Des Herzogthums Sachſen Ver¬ bindung mit Preußen, in Beziehung auf innere Verhaͤltniſſe. 2. Ueber den zu befuͤrchtenden Holzmangel. 3. Ueber die Abſchaffung der Holz¬ petroi in Berlin. 4. Frankreich unter Buona¬ parte, beſonders in Hinſicht ſeiner Staatsverwal¬ tung. 5. Charakteriſtik des Grafen Vlacas, Mi¬ niſter Ludwigs XVIII. 6. Ruͤckblicke auf die neueſten Zeitereigniſſe. Juni. — Als Beilage den Plan der Schlacht bei La belle Alliance.
Heft IV. I. Frankreich unter Buonaparte. (Fortſetzung.) 2. Wuͤrtembergs alte und neue Landſtaͤndiſche Verfaſſung. 3. Ueber Staatsge¬ burt, Staatsleben und Staatstod. 4. Die Di¬ plomaten und die Feldherren. 5. Ideen uͤber eine neue, dem preuſſ. Staate durch eine geſchriebene Urkunde zu ertheilende Verfaſſung. 6. Die Zeit¬ ſchrift: Allemannia. 7. Gluth - und Wuth-Rede des Pater Abraham a Sancta Clara. 8. Ue¬ ber Preußens Rheiniſche Mark. 9. Ueber den Tugendbund. (Enthaͤlt das Dokument uͤber die Verfaſſung dieſes Bundes.) 10. Ueber die Ver¬ haͤltniſſe des pohlniſchen Bauern zu ſeinem Herren. 11. Aufforderung an preuſſ. Staatsmaͤnner.
Friedrichs, T. H., zweiter ſatyriſcher Feld¬ zug. Nebſt Humoriſtiſchen Abſchweifungen. Ein Baͤndchen. geheftet. 1 Rthlr. 8 Gr.
Inhalt:
Zueignungsſchreiben an den Oberlieferanten und geheimen Finanzagenten, Herrn Abraham David Wallfiſch.
1. Ueber den Zuſtand der Cultur und Huma¬ nitaͤt im kuͤnftigen Jahrhundert, nebſt An¬ weiſung zum zweckmaͤßiger Gebrauch des Kant¬
ſchu's. Eine poetiſche Viſion. 2. Ueber die Kunſt zu lachen, mit Hinſicht auf
das große Hanswurſttheater der Welt. 3. Israels Jubel, oder der Geburtstag des großen
Lieferanten. Nebſt einer Excurſion in das
Schlaraffenland. 4. Napoleoniſches Syſtem, oder kurzgefaßte Theo¬
rie der Eroberungskunſt. Eine Vorleſung des
Mephiſtopheies, gehalten im geheimen Klubb
der Teufel. 5. Leben, Thaten, Denkſpruͤche und hoͤchſt merk¬
wuͤrdige Schickſale eines Papagoyen.
6. Der idealiſche Staat, oder die deutſche Co¬ lonie auf den Canariſchen Inſeln. Eine Traͤumerei aus dem vorigen Jahrzehend.
7. Vorſchlag zur Errichtung einer Maulhelden¬ legion.
8. Curioſe und hoͤchſt erbauliche Fata einer
reiſenden Dorfgeſellſchaft. 9. Gemaͤlde aus dem Traumreiche.
∘ a. Das Dichterparadies und Beſchreibung ei¬ nes poetiſchen Gabelfruͤhſtuͤcks von Sternen¬ glanz, Mondſchein, Roſenduft und Mor¬ genthau.
∘ b. Humoriſtiſcher Abſtecher ins Eliſium. 10. Lebenslauf philoſophiſche Lebensanſichten
eines Liederlichen. 11. Der Narrenvormund und deſſen Plan zur
Errichtung eines General-Land-Narrenhauſes. 12. Selbſtvertheidigung des Juſtiz-Commiſſarius
Nimm gegen die Beſchuldigung daß er ein
geheimer Bekenner des Judenthums ſey. 13. Faſtenpredigt des Paſtor Fiducius, worin
er die Gemeinde in Sandloch zur Genuͤgſam¬
keit und Uebung chriſtlicher Geduld ermahnt. 14. Schattenriſſe. — Der Aeziſe-Inſpektor Schnuͤffler. — Der Prediger Suͤß. — Der Oberlandesgerichtsrath Schlenderianus. — Der Paͤchter Schwienhuſen. — Der Redakteur Drehling. — Die Geheimeraͤthe von X und v. N.
15. Zum Beſchluß! Eine Satyre des Verfaſſers auf ſich ſelbſt.
Goͤthe's, I. W. v. - des Epimenides Erwachen, Feſtſpiel. geh. 12 Gr.
Muͤchlers, K., Anekdoten-Almanach fuͤr 1815. Taſchenformat, mit Kupfern. geheftet. 1 Rthlr. 8 Gr.
Dies iſt der 7te Jahrgang Die Folge aller 7 Bde. vollſtaͤndig koſtet 8 Rthlr. 8 Gr.
Plan und Beſchreibung der Schlacht vom 18. Juni 1815. bei la belle Alliance. Fol. 6 Gr.
Preußen und Sachſen. November 1814. geheftet. 8 Gr.
Theremins, Fr., Predigt am 16. July 1815. zur Feier der am 3ten geſchloſſe¬ nen Capitulation von Paris, in der Dom - Kirche zu Berlin gehalten. geheftet. 3 Gr.
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