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Druck von Johann N. Vernay.
Der Inhalt dieses zweiten, die gesammte Arbeit abschliessenden Bandes ist nach denselben Grundsätzen und in der gleichen Weise verfasst, wie jener des ersten Bandes. Es liegt daher keinerlei Veranlassung vor, den auf Plan und Durchführung be - züglichen Erörterungen, welche in der Vorrede zum ersten Bande enthalten waren, irgend welche sachliche Bemerkungen beizufügen.
Besonders hervorheben will ich nur, dass — wie schon auf dem Titelblatte dieses Bandes ersichtlich — einige neue, werthvolle Kräfte an der Arbeit sich betheiligt haben. Es sind dies die Herren: Director Robert Müller des k. u. k. hydrographischen Amtes in Pola, Linien - schiffs-Lieutenant Friedrich Ritter Müller v. Elblein, Linienschiffs - Lieutenant Eduard Edler v. Friedenfels und Linienschiffs-Fähnrich Alfred Freiherr v. Koudelka.
Sowohl in Bezug auf diese neuen Genossen, als in Bezug auf jene Herren, die schon von früher her mit ihrer Thätigkeit dem Werke angehören, kann ich an dieser Stelle nur dem wärmsten Danke für ihre Hingebung und für die Vortrefflichkeit ihrer Leistungen Ausdruck geben, wie ich dies schon beim Erscheinen des ersten Bandes gethan. Auch im zweiten Bande war es nur durch das Ineinander - greifen und gegenseitige Unterstützen der einzelnen Verfasser möglich, die Gleichmässigkeit von Darstellung und Inhalt der verschiedenen Abschnitte zu bewahren. Es geht daher wohl auch nicht gut an, etwa hier die Antheile der Einzelnen an der Arbeit zu specialisiren; nur soviel mag etwa gesagt sein, dass naturgemäss und ihrem Berufe ent - sprechend Herrn Professor Dr. Zehden, Herrn Professor Dr. Cicalek (Häfen des Mittelmeerbeckens, der West - und Nordküsten des europä - ischen Continentes, ferner Amerikas, Japans und Chinas) und Herrn Secretär Schwarz (Häfen Grossbritanniens, Indiens, Ost -, Süd - und West - Afrikas und der australischen Gewässer), vorzugsweise die Bearbeitung des commerciellen Stoffes — im weitesten Sinne des Wortes — zukam, während die anderen Herren den historischen, beschreibenden und nautischen Theil der einzelnen Darstellungen besorgten. Aber diese Scheidung war keineswegs so strenge, dass nicht häufig gegenseitige Ergänzung platzgegriffen hätte; Jeder gab eben dem gemeinsamen Werke, was er hatte.
Auch der Unterstützung von auswärts will ich hier so wie im ersten Bande dankend gedenken und nur noch beifügen, dass auch die Direction des k. k. österreichischen Handelsmuseums werthvolles Quellenmaterial in zuvorkommendster Weise zur Verfügung gestellt hat.
Dass das Werk ganz frei von Irrthümern oder Lücken sei, kann freilich nicht behauptet werden — es scheint mir jedoch auch ganz un - möglich, alle Mängel gänzlich zu vermeiden. An die Leser, welchen Fehler auffallen, richte ich aber die Bitte, solche nicht nur mit der Schwierigkeit der Arbeit zu entschuldigen, sondern auch gefälligst davon Mittheilung machen zu wollen, damit bei einer zweiten Auflage die entsprechende Verbesserung vorgenommen werden könne.
Wien, im October 1891.
Dorn.
Nicht aus dem nebelhaften Reiche der Sagen und Märchen, sondern mit der nüchternsten Klarheit tritt die atlantische Küste Amerikas in die Geschichte ein. Fünfzig Jahre nach der Fahrt des grossen Columbus hatten die Conquistadores und Piloten des XVI. Jahrhunderts die Umrisse der neuen Welt in den Grundzügen festgestellt, und die Riesenreiche, die sie entdeckten, waren um diese Zeit bereits vertheilt. Den Romanen fiel der Löwenantheil zu; die Ger - manen, von den Tropen sowie den reichen Minen ausgeschlossen, grün - deten im kalten Norden ihre kleinen, auf dem Pfluge und dem Principe der religiösen Duldung aufgebauten Colonien am atlantischen Ocean.
Das unerbittliche Recht des Stärkeren vollzog die furchtbare Enterbung der Urbewohner eines ganzen Welttheiles.
Für die eingebornen Stämme war der Kampf ums Dasein mit dem Sturze der Culturreiche der Montezuma und Inka für ewige Zeiten verloren, und so viel Blut seit Jahrhunderten für das legitimste Interesse, die Selbsterhaltung, auch geflossen ist, es war vergebens geopfert.
In zahllose Stämme gesondert, ohne gemeinsame Sprache und Religion und der geistigen Impulse einer idealen und praktischen Weltanschauung entbehrend, mussten diese Völkerschaften im un - gleichen Kampfe gegen eine übermächtige Cultur unterliegen. Ihr Schicksal lautet: Untergang oder Verschmelzung mit dem Sieger. Von den ursprünglichen Wohnsitzen vertrieben und decimirt, haben deren auch viele der Enterbten heute selbst die Eigenthümlichkeit ihres Stammes grossentheils aufgegeben, andere dagegen eilen im fortge - setzten Kampfe der gänzlichen Vernichtung entgegen.
Die Seehäfen des Weltverkehrs. II. Band. 12Die atlantische Küste von Amerika.Wenn aber auch die europäischen Einwanderer in dem einen Er - folge, der siegreichen Zurückdrängung und allmäligen Vernichtung der autochthonen Bewohner, einander glichen, so gab sich doch in der weiteren Entwicklung, im Ausbaue der neuen Ansiedlungen der tief - greifende Unterschied zwischen germanischer und romanischer Ab - stammung deutlich kund, deutlicher selbst als in dem alten Europa, wo doch gemeinsame äussere Cultur und vielfache Berührung stets wenigstens oberflächlich eine gewisse Uebereinstimmung, ein Alle gleich - mässig umfassendes Europäerthum erscheinen liess. Der kräftig aus - gebildete Charakter der Einwanderer, vielfach auch die Entfernung der einzelnen Ansiedlungen von einander liessen Vermischungen und Uebergänge in der neuen Heimat nicht zu, und so blieb die Eigenart der Stämme grösstentheils bis heute gewahrt.
Stets zeigte sich ein Unterschied zwischen dem germanischen und romanischen Amerika. Ersteres griff schon im XVII. Jahrhundert, wenn auch sehr bescheiden, in den europäischen Handel ein; letzteres war seit den Tagen der Besitzergreifung durch die Spanier und Por - tugiesen für die übrige Welt vollkommen abgeschlossen; der ameri - kanische Handel war ein Monopel von Lissabon und Sevilla. Keine fremde Flagge durfte spanisch-amerikanische Häfen aufsuchen, kein Ausländer spanisch-amerikanischen Boden betreten; ja, damit Alexander v. Humboldt noch zu Anfang unseres Jahrhunderts seine berühmte wissenschaftliche Reise machen konnte, bedurfte es eines eigenhändigen Handschreibens des Königs von Preussen an den König von Spanien, der allein diesen unerhörten Ausnahmsfall bewilligen konnte. Unter solchen Umständen ist es gewiss erklärlich, dass Humboldt „ der wissenschaftliche Entdecker “Amerikas wurde. Er wies unter anderem zuerst auf den ganz eigenthümlichen Aufbau des schlanken Continents hin, dessen Rückgrat das längste Gebirge der Erde, die 14.000 km langen Cordilleren vom Feuerlande bis zu den ewigen Eisbergen Nord - west-Canadas, so steil aus dem stillen Ocean aufsteigt, dass auf der ganzen Länge des Continentes diesem Meere kein einziger grösserer schiffbarer Strom zueilt. Die Ostabhänge der riesigen Andes dagegen sammeln die Feuchtigkeitsmassen, welche namentlich die Passate herbeischleppen und werden so die Quellengebiete der amerikanischen Riesenströme. Die Stromgebiete des Lorenz, Mississippi, Orinoco, Ama - zonas und La Plata umfassen vier Fünftel der Oberfläche von ganz Amerika und weisen selbst die Hochthäler der Cordilleren commerciell auf den atlantischen Ocean hin. Auf Grund dieser natürlichen Voraussetzung entwickelten sich alle grossen Emporien des amerikanischen Handels3Die atlantische Küste von Amerika.an der Europa zugewandten atlantischen Küste. Plätzen, wie Montreal, Boston, New-York, Baltimore, New-Orleans, Vera Cruz, Havanna, Para, Rio de Janeiro, Montevideo, Buenos Ayres hat die weltentlegene, vom Innern durch Riesengebirge abgeschiedene Westküste des Erd - theiles nur wenig Aehnliches an die Seite zu stellen.
Die Suprematie ist der Ostküste wohl für ewige Zeiten gewahrt durch die eben angedeutete natürliche Configuration und Bewässerung des Continents, durch die Nähe Europas, welches man von einzelnen atlantischen Häfen heute schon in sechs Tagen erreichen kann, und end - lich durch die ausgezeichnete Küstenentwicklung selbst, welche ihren Glanzpunkt in der ebenso schönen als für den Welthandel günstig gelegenen westindischen See erreicht. Hier liegt auch jene berühmte Stelle bei Panama, wo sich die bis 7000 m hohe und an vielen Stellen mehrere Tausend Kilometer breite Cordillerenkette bis 100 m senkt und auf 40 km Breite zusammenschnürt. Hier dürfte wohl noch in unserem Jahrhundert der schon von Cortez geplante Canal beide Weltmeere verbinden. Dieser Canal wird aber in erster Linie für die Interessen des atlantischen Oceans und speciell für die Ostküste Amerikas arbeiten, welchen er die Häfen am Pacific commerciell viel mehr nähern wird, als dieses die Pacificbahnen vermögen.
Aber nicht nur das inselreiche Westindien, die ganze krause atlan - tische Küste Amerikas besitzt hunderte von Buchten, Baien und Fluss - mündungen, welche ganz dazu berufen wären, statt der Urwälder grosse Handelsstätten in den Fluten zu spiegeln.
Welcher grossartigen und namentlich raschen Entwicklung aber das menschenleere Amerika, das ja erst in unserem Jahrhunderte selbständig in den internationalen Wettbewerb eingetreten ist, fähig ist, zeigt nicht nur der beispiellose Aufschwung Nordamerikas zum zweiten Handelsstaate der Erde, sondern ebenso die neueste Entwick - lung Argentinas.
Beide Beispiele lehren mit der ganzen Rücksichtslosigkeit histo - rischer Wahrheiten, dass alle Entwicklung in Amerika von der Ein - wanderung, und zwar der Einwanderung einer tüchtigen, Ackerbau treibenden Bevölkerung abhängt.
Alle Herrlichkeiten, welche die Spanier auf dem Schwerte auf - gebaut hatten, ihre einst weltberühmten Minen, ihr Plantagenbau, ihre Handelsmonopole und Regalien sind halb oder ganz zerfallen; auf dem reichsten Boden der Erde wohnen ihre Nachkommen vielfach als Bettler in elenden Adobehütten, während die armen germanischen Feldbauern die riesige Union aufbauten und in derselben einen Volks -1*4Die atlantische Küste von Amerika.wohlstand schufen, wie ihn die Welt noch nie gesehen. Der Weizen - bauer besiegte allerorten den Goldgräber.
Diese Einwanderung, die Zukunft Amerikas, kommt vom Osten. Die atlantischen Häfen nehmen die eine neue Heimat Suchenden auf, vertheilen sie über die unermesslichen Gebiete; die atlantischen Häfen werden so auch die natürlichen Brennpunkte der Cultur, welche von hier aus immer weiter über den fernen Westen die segnenden Strahlen von Licht und Wärme ergiesst.
Die grossartige Völkerwanderung über den atlantischen Ocean hat aber auch einen ungeahnten Einfluss auf die Welt der Technik genommen und sie zu bewunderungswürdigen Leistungen ermuntert, die, sämmtlich auf die Bewältigung des kolossalen Personenverkehres zwischen zwei gewaltigen Continenten abzielend, eine völlige Revolution des ganzen Seeverkehres einleiteten.
So ward, gleichwie das schlanke und rohgemeisselte Canoe der Indianer aus dem Bannkreise einer neuen Cultur verschwand, auch das frühere unbehilfliche Segelschiff der Auswanderer durch die Kunst - bauten einer hochentwickelten Technik verdrängt, und an seiner Stelle durchschneidet gegenwärtig der scharfe Bug mächtiger, schneller und prunkvoller Stahldampfer, wahrhafter Paläste der Atlantis, die Wogen des Oceans.
[5]Ein Gebiet von ungeheurer Ausdehnung ist es, das die mächtige Krone Grossbritanniens unter dem stolzen Namen „ Dominion of Canada “durch ebenso kluge, wie ununterbrochene Ausnützung der Verhältnisse allmälig zu erwerben und politisch zu vereinigen verstanden hat. Den ganzen Norden des amerikanischen Welttheiles umfassend, an zwei Oceane gelehnt und im Süden von der hervorragenden Handels - strasse durchzogen, welche der majestätische St. Lorenz-Strom und in dessen Verlängerung die fünf gewaltigen Seen bilden, weist das den europäischen Continent an Flächenraum überragende Reich die glän - zendsten Vorbedingungen für seine Entwicklung auf.
Schon jetzt haben das engere Canada, dann Neu-Braunschweig und Neu-Schottland einen hohen Rang auf der Stufenleiter der cultu - rellen Bestrebungen erreicht und bilden den kräftigen Kern, von dem aus ein frisches Leben befruchtend hinüberquillt in die endlose Wild - niss der westlichen Gebiete des canadischen Reiches.
Der mächtige St. Lorenz-Strom, seine wasserreichen Nebenflüsse und die mit grossen Kosten hergestellten Schiffahrtscanäle sind Ver - kehrsadern erster Ordnung, welche das fruchtbare und an malerischen Effecten reiche Land der tausend Seen mit dem atlantischen Ocean direct verbinden. Gleicherart durchzieht ein von Halifax ausgehendes das ganze Reich bis zum stillen Ocean durchquerendes, gross ge - plantes Eisenbahnnetz die wichtigsten Productionsgebiete und ver - mittelt deren commerciellen Anschluss an die südlichen Nachbarländer der nordamerikanischen Union.
Unermessliche Schätze harren noch der Hebung aus jungfräu - licher Erde.
Das canadische Reich umfasst 8·3 Millionen Quadratkilometer und ist von 5 Millionen Einwohnern bevölkert. Hievon entfallen auf das eigentliche Canada, nämlich die Provinzen:
6Die atlantische Küste von Amerika.Scharf sondern sich in den genannten Provinzen die nationalen und kirchlichen Verhältnisse, und zwar ist die Bevölkerung des im Gebiete der grossen Seen keilförmig eingeschobenen Ontario, früher Ober-Canada genannt, zumeist britischer Abkunft und protestantisch, in Quebec (Unter-Canada) hingegen französisch und katholisch. Die ursprüngliche Indianerbevölkerung hat wie überall in Amerika auch hier der „ weissen Ameise “das Feld geräumt und lebt in einer Zahl von 131.000 (1883) Köpfen und mehreren Stämmen angehörend zer - streut im Lande.
Wenn uns aus der Geschichte der ältesten Culturstätten die glanzvollen Namen grosser Fürsten, Heerführer, Staatsmänner und Heroen des Geistes entgegenleuchten, so gehört in der so treffend be - zeichneten „ neuen “Welt der ganze Ruhm der historischen Vergangen - heit jenen kühnen Seefahrern, die von einem mächtigen Gedanken ge - leitet und allen Gefahren trotzend, als unerschrockene Pionniere der Cultur unbekannten Zielen entgegensteuerten.
In dieser Hinsicht sind an Canada die Namen Caboto und Car - tier gefesselt.
Sebastian Caboto, der Sohn des Genuesen Giovanni Caboto, des Entdeckers von Labrador (1494), betrat 1497 die Insel Neufoundland und befuhr in späteren Jahren die Hudsonsbai-Strasse. Auch ist er als Seefahrer an der atlantischen Küste von Südamerika (1526 bis 1530) zur Berühmtheit gelangt. Jacques Cartier erscheint dagegen nicht nur als eigentlicher Entdecker Canadas, damals „ La nou - velle France “genannt, sondern auch als erfolgreicher Colonisator derselben. Aus St. Malo stammend, trifft er, im Auftrage Franz I. auf der Fahrt nach Labrador begriffen, im Jahre 1534 zum erstenmale an der Mündung des St. Lorenzstromes ein, erwirbt im folgenden Jahre die Freundschaft des mächtigen Indianerhäupt - lings Donnacona, der in Stadacona, einem Orte an der Stätte des heutigen Quebec, residirte, und befährt den Strom bis hinauf nach Montreal (das indianische Hoche - laga). 1541 gewinnt er durch den Bau eines Forts bei Cap Rouge südlich des heutigen Quebec einen festen Stützpunkt. Von hier aus begann das Werk der Colonisation.
1608 gründet S. Champlain, der Entdecker des nach ihm be - nannten grossen Sees, die Stadt Quebec, und am 18. Mai 1642 legt Paul de Chomedey, Sieur de Maisonneuve den Grund zur Ville Marie de Montreal, heute kurzweg Montreal genannt.
Das Emporblühen der französischen Besitzung war geeignet, die Eifersucht Grossbritanniens zu erwecken, und da auch Grenzstreitig - keiten mit den südlichen englischen Colonien ausbrachen, so erdröhnte7Montreal und Quebec.die erhabene Wildniss der Uferlandschaften des Stromes wiederholt vom Donner der Kanonen. Mächtige englische Flotten erschienen da - selbst und bedrohten im Kampfe gegen die französische Militärmacht die hervorragenden Städte. Insbesondere hatte Quebec während dieser Zeit vier feindliche Angriffe durchzuleben, welche den Wohlstand tief erschütterten. Am 18. September 1759 fiel die von Marquis v. Mont - calm tapfer vertheidigte Stadt in die Hände der Engländer unter Ad - miral Sanders und General Wolfe. Die ganze Colonie gelangte aber erst durch den Pariser Frieden von 1763 unter die Herrschaft von Grossbritannien. Ein fünfter Angriff auf Quebec erfolgte 1775 während des Unabhängigkeitskrieges der amerikanischen Union.
An der Entwicklung Canadas war die 1670 gegründete und mit vielen Rechten ausgestattet gewesene Hudsonsbai-Compagnie, obgleich sie der Ein - wanderung aus Rücksichten für den Pelzhandel entgegenarbeitete, dennoch hervor - ragend betheiligt, indem die Gesellschaft als thatkräftige Mitbewerberin bei Hebung der Schätze des Landes auftrat. Ihre Ländereien wurden 1869 von der englischen Krone käuflich erworben.
Den heutigen Aufschwung dankt die Colonie allein der Staats - kunst Englands, welche es verstanden hat, dem Lande die Quellen eines dauernden Wohlstandes zu erschliessen. Wie überall, wo das Banner Englands weht, war auch in Canada die Hebung und wei - teste Ausbildung des Unterrichtswesens die sichere Grundlage für die Erreichung des hohen Zieles. Ausser den Universitäten zu Toronto, Montreal und Quebec bestehen noch zahlreiche höhere Collegien und Akademien sowie über 8000 Gemeindeschulen.
Gegenüber dem, dadurch in den Hintergrund gedrängten, franzö - sischen Colonisationssysteme in Canada, welches auf den im feudalen Kastensystem des Mutterlandes wurzelnden Anschauungen damaliger Zeit beruhte und dessen Träger, die adelstolzen Seigneurs, den Werth der Intelligenz nicht zu schätzen vermochten und das Schulwesen unter - drückten, führen obige Zahlen eine niederschmetternde, aber gleich - zeitig lehrreiche Sprache.
Die Schiffahrtsverhältnisse sind durch die Eigenthümlichkeiten des Lorenz-Stromgebietes und jene des durch die Insel Neufoundland eingeschlossenen St. Lorenz-Golfes bedingt.
Die Hauptzufahrt zum Strome führt im Norden der Insel durch die Meerenge Belle Isle und vorbei an der in der Strommündung gelagerten Insel Anticosti.
Eine zweite Zufahrt ist jene zwischen den Inseln Cap Breton und Neu - foundland.
Beide Routen sind von den erwähnten Engen bis Montreal gerechnet, je ungefähr 1800 km lang.
8Die atlantische Küste von Amerika.Montreal liegt 460 km und Quebec 166 km aufwärts der Strommündung, welche bei einer Breite von 18 bis 55 km allmälig in den tief eingeschnittenen Golf übergeht.
Der enorme Wasserreichthum des herrlichen Stromes gestattet, dass die grössten Oceandampfer bis Montreal verkehren können, und hat die canadische Regierung ausser den Canalbauten und Schleusen auch grossartige Regulirungs - arbeiten, wie z. B. an der Stromausweitung (St. Peter-Seen) zwischen Quebec und Montreal vornehmen lassen.
Die Navigation ist indes nur auf die schöne Jahreszeit beschränkt und muss vom 25. November bis 25. April der Eisverhältnisse wegen auf Strom und Golf ganz eingestellt verbleiben. Oft ist der Lorenz-Golf noch anfangs Mai mit Trifteis bedeckt, das den Schiffen sehr gefährlich wird. Im Herbste ereignete es sich nicht selten, dass Schiffe, welche, um vor Schluss der Navigation hohe Fracht - sätze zu erlangen, sich verspäteten, dann im Golfe vom Eise überrascht, besetzt und erdrückt wurden.
Im Strome und an den Küsten hat die Regierung ein durchaus einheit - liches Markirungs - und Betonnungssystem eingeführt.
Die Strömung ist im ganzen Flusslaufe meist scharf und reissend. Bei Quebec erreicht deren Geschwindigkeit bei 56 m Wassertiefe 7·5 km in der Stunde, bei Montreal aber steigt sie auf 12 km Schnelligkeit.
Die Gezeiten sind stromaufwärts bis zum St. Peter-See, also auf mehr als 300 km fühlbar, doch steigt noch in Quebec die Flut um 5·5 m.
Die Mündung des Ottawa-Flusses, der nach einem Laufe von 1100 km in den Lorenz-Strom sich ergiesst, bildet eine hügelgekrönte Insel, an deren Ostseite, wie unser Plan zeigt, auf terrassenförmig ansteigendem Abhange die prächtige, industriereiche Stadt Montreal unter 45° 30′ nördl. Breite und 73° 33′ westl. Länge von Greenwich (Notre-Dame) immer weiter ausgreifend sich dehnt und streckt. Der 230 m hohe Montreal-Berg (Mount Royal), seit 1874 zu einem herr - lichen Parke umgewandelt, überragt recht malerisch das weite Häuser - gewirre. Von der mit Gartenanlagen ausgestatteten und als Ausflugsort beliebten Insel St. Helen, die kaum 700 m gegenüber dem Stadttheile St. Mary im Strome liegt, geniesst man einen dankbaren Ausblick über Stadt und Hafen. Gegen Süden zu fesselt uns die gewaltige Victoria - Röhrenbrücke (Victoria Tubular Bridge) der Grand Trunk-Eisenbahn, welche auf 24 Steinpfeilern in einer Länge von 2800 m den Strom übersetzt. Mit Recht wird der stolze Bau als ein wunderbarer Triumph der Technik bezeichnet, denn ungewöhnlich waren die zu besiegenden Schwierigkeiten, welche einestheils die reissende Strömung, dann aber[9]
Montreal.
Die Seehäfen des Weltverkehrs. II. Band. 210Die atlantische Küste von Amerika.auch die Rücksichten auf die ungeheuren Schwankungen der Luft - temperatur (+ 30 bis — 40°C. ) dem Ingenieur entgegenstellten. Robert Stephenson und A. M. Ross vollendeten 1859 das berühmte Werk, wodurch erst die directe Verbindung zwischen Toronto und Portland hergestellt war.
Vom Westende der Brücke an, dort wo der Lachine-Canal aus - mündet, beginnt nahezu Nord-Süd laufend der 3 km lange, mit Docks, Anlegeplätzen, Molen und Ladevorrichtungen reich ausgestattete Hafen - quai, längs dessen die äusserst belebte River-Street sich hinzieht.
Der Hafen ist das fesselnde Spiegelbild des regen Verkehrs eines der bedeutendsten Handelsemporien Nordamerikas. Ueberall herrscht Arbeit und Bewegung. Die zahlreichen Dampferlinien, welche Montreal berühren, besitzen nördlich der Lachine-Docks eigene Bassins; hieran reihen sich die Anlegeplätze der luxuriösen, nach Quebec verkehrenden Flussdampfer, dann liegt weiter bis zu dem einstigen indianischen Hochelaga, dem ersten französischen Niederlassungsorte, eine ganze Flotte von Segelschiffen und Dampfern jeder Grösse; den Strom durch - eilen nach allen Richtungen Dampfer und Ferryboote, die nach Lon - gueuil und St. Lambert verkehren; kurz, wir sehen das Getriebe einer völlig fieberhaften Thätigkeit blossgelegt.
In stolzer Ruhe zeichnet sich seitlich des bewegten Hafenbildes die herrliche Perspective der Häusermassen, aus welchen neben zahl - reichen Kirchen und öffentlichen Gebäuden besonders die Thürme der majestätischen Notre-Dame-Kirche und die imposante City-Hall hervor - ragen. Der Gesammteindruck ist ein überraschend grossartiger, und wird noch erhöht werden, wenn die gegenwärtig im Bau befindliche Kathedrale von St. Peter, welche dem berühmten römischen Dome nachgebildet ist, als architektonisches Element hinzugetreten sein wird. Montreal ist eine ausgesprochen katholische Stadt, welche durch ihre kirchlichen Bauwerke einen hervorragenden Platz in der neuen Welt einnimmt. Bisher galt die im gothischen Style gehaltene Pfarrkirche von Notre-Dame (nicht Kathedrale, wie sie oft irrthümlich genannt wird) bei einem Fassungsraume von 15.000 Menschen als einer der grössten Dome Amerikas, allein der neue Renaissancebau von St. Peter, dessen Kuppel die Höhe von 80 m erreicht, wird sie an räumlicher Ausdehnung weit übertreffen. Gegenwärtig bestehen acht grosse katho - lische Kirchen in verschiedenen Stylarten, neben 21 kleineren prote - stantischen, welche, den verschiedenen Congregationen und National - kirchen gewidmet, sich durch eine stylvolle Architektonik aus - zeichnen.
11Montreal und Quebec.Noch mehr als durch ihre kirchlichen Bauten glänzt die Stadt durch die ausserordentlich hohe Zahl von Wohlthätigkeitsanstalten, wie Spitäler, Asyle u. dgl.
Imponirend ist gleichfalls die grosse Ausbreitung und Frequenz der Lehranstalten, unter welchen sich nebst zahlreichen Schulen aller Bildungsrichtungen zwei Universitäten und viele höhere Collegien mit Facultäten für alle Wissenschaftszweige befinden.
So ausgestattet gebührt Montreal, wo Künste und Wissenschaften ein gastliches Heim gefunden haben, auch in humanitärer Hinsicht der erste Rang in der ganzen weiten Dominion of Canada.
Aehnlich wie in vielen Handelsplätzen liegen auch in Montreal die Wohnquartiere der Geschäftswelt (Residential-Suburbs) ausserhalb der dem Handel gewidmeten Stadttheile und sind durch imposante palastähnliche Bauten ausgezeichnet. Unter diesen ist das monumentale Windsor-Hotel, das an der Nordseite des Dominion-Square gegenüber der neuen Kathedrale seine vornehme, von einer mächtigen Kuppel überragte Façade entwickelt, sehenswerth. Die mit fürstlicher Pracht ausgestatteten Räume desselben haben dem hauptsächlich von Ameri - kanern aus den Vereinigten Staaten gerne aufgesuchten Gebäude einen Weltruf verschafft.
Der Dominion-Square ist ein Glanzpunkt von Montreal in archi - tektonischem Sinne, wie auch in gesellschaftlicher Hinsicht, namentlich zur Winterszeit, wenn auf seinem Plane in feenhaftem Eispalaste die Wogen des Frohsinnes hoch aufschäumen. Während des sechs Monate andauernden Winters zwingt die unerbittliche Macht der Natur, indem sie Flüsse und Canäle mit starken Eisdecken überzieht, den Handel zum Stillstande. Die rührige Stadtbevölkerung geniesst dann die ihr aufgedrungene Ruhepause in Lust und Freude. Namentlich der Carneval bringt, wie etwa in Rom und Venedig oder in den La Plata - Städten, grossartige Lustbarkeiten. Allein so viel Vergnügungen der Winter auch zuführen mag, er ist doch wie ein Fluch, der auf der schönen Stadt wie auf ganz Canada schwer lastet.
Montreal steht an der Grenze des französischen und des englischen Canadas. Wohl bilden die Franzosen noch mehr als die Hälfte der Bevölkerung von Montreal, die für den Jänner 1888 auf 200.000 Seelen geschätzt wurde. Aber die Vorherrschaft im Handel besitzen die Eng - länder; ihre Sprache ist die Geschäftssprache. Der am Fusse des „ Mount Royal “gelegene untere Stadttheil, das alte Hafenviertel, ist französisch; an den Terrassen aufwärts liegt das grossstädtische, das angelsächsische Montreal, dort wohnen die Engländer und Schotten,2*12Die atlantische Küste von Amerika.welche das materielle Leben Montreals leiten. In ihren Händen liegt der grösste Theil des Handels, der Industrie; sie beherrschen das Capital und das ganze Bankwesen. Wie zähe auch der Widerstand der Franzosen ist, Montreal muss doch allmälig seinen französischen Charakter einbüssen, schon weil der kräftige Menschennachschub aus Frankreich fehlt. Es bleibt übrigens immerhin ein Beweis von der nationalen Widerstandskraft der Franzosen, dass man in Ostcanada 130 Jahre nach dem Verluste der politischen Zusammengehörigkeit noch immer französisch spricht und fühlt.
Montreal ist die commercielle Hauptstadt Canadas, eine schöne, wohlhabende Stadt, der Sitz der canadischen Capitalisten, der grossen Dampfer -, Eisenbahn - und Telegraphenverwaltungen und der mächtigsten Bankinstitute. Diese dominirende Stellung Montreals ist begründet in seiner geographischen Lage; hier hat ein weitverzweigtes Netz von Wasserverbindungen (Flüsse und Canäle) seinen Mittelpunkt, bis hieher konnten schon von jeher Seeschiffe den Lorenz befahren.
Allein das System des St. Lorenz, obschon ungleich wasser - reicher, bildet keine leistungsfähige, durchgehende Strasse wie der Mississippi; zahlreiche Stromschnellen, selbst Wasserfälle unterbrechen seinen Lauf und den seiner Nebenflüsse. Namentlich zwischen den grossen Seen und Montreal lagen und liegen die Verhältnisse zum Theil noch sehr schlimm; für die weitgehenden Anforderungen des modernen Verkehres ist der Lorenz erst seit einigen Jahrzehnten erschlossen und die Arbeiten sind noch nicht ganz beendet. Jetzt ist zwischen Montreal und Quebec eine durchgehende Fahrrinne von 8·38 m (27½ Fuss englisch) hergestellt und dadurch die Concurrenzfähigkeit von Montreal als grossem Seehafen dauernd gesichert.
Die Hindernisse, welche sich oberhalb Montreal der Schiffahrt entgegenstellen, werden durch 6 Canäle mit einer Gesammtlänge von 114·24 km (71 Meilen englisch) umgangen, deren Tiefe allmälig von 3·66 m (12′ englisch) auf 4·27 m (14′ englisch) gebracht wird. Diese Canalbauten sind bereits so weit gediehen, dass schon heute See - schiffe von 1500 t von Duluth an der Westspitze des Oberen Sees direct nach Liverpool fahren. In der Regel aber werden die Waaren in Montreal auf die weit grösseren Oceandampfer umgeladen. In wenigen Jahren werden Dampfer von 2000 — 3000 t direct von Europa die 1500 englische Meilen landeinwärts liegenden Häfen am Oberen See aufsuchen. Diese Thatsache muss tief einschneidend auf die Einwanderungs -, aber noch mehr auf die Exporttarife des nordameri - kanischen (auch canadischen) Massenexports (Getreide, Holz) wirken.
13Montreal und Quebec.Unter den seitlich zuströmenden Wasserverbindungen hat für Montreal die grösste Bedeutung der Ottawa-River, welcher oberhalb der Insel von Montreal auf der linken Seite in den St. Lorenzo mündet. Ungeheuere Felder von Baumstämmen schwimmen den Strom hinab, an Ottawa, der herrlich schönen Hauptstadt, vorüber, welche der Mittelpunkt des canadischen Holzhandels und der Holzindustrie
A H Stromschnellen von S. Mary (12 km stündl. Geschw. ), B Strafhaus (Jail), C Wasserreservoirs, D Werften von S. Lambert, E Eisenbahnstation, F Leuchtfeuer, G Victoria-Röhrenbrücke über den Lorenzstrom, J Mount-Royal-Park, K Hôtel Dien, L Notre Dame-Kirche, M Lachine-Canal, N Bassin des Lachine-Canales, O Victoria Pier, P City-Hall.
ist, und werden von Montreal oder Quebec aus nach allen Welt - gegenden verschifft.
Eine dritte Wasserverbindung, wichtig für die Versorgung Mont - reals mit Kohlen, führt durch den Champlain-See nach New-York.
Auf diesen billigen Strassen versorgt sich der Handel Montreals, das um 463 km (260 Seemeilen) näher zu Liverpool und um 352 km (190 Seemeilen) näher zu Antwerpen liegt als New-York, die Metropole14Die atlantische Küste von Amerika.des Handels an der atlantischen Küste Nordamerikas. Und doch braucht die „ Empire City “die Rivalität Montreals niemals zu fürchten, denn die äusserst strengen canadischen Winter beschränken seinen See - verkehr auf höchstens 7 Monate im Jahre; im Winter ist Montreal eine Binnenstadt.
New-York und Boston sind in erster, Portland, Halifax und St. John in zweiter Linie die Winterhäfen Montreals. Diesen Verkehr sichern zwei Eisenbahnbrücken zu jeder Jahreszeit dem Platze Montreal. Die Verbindung mit zahlreichen Bahnlinien macht Montreal zum ersten und wichtigsten Eisenbahnknotenpunkte Canadas. Seit der Eröffnung der Canada-Pacificbahn im Mai 1886 hat es auch an internationaler Bedeutung gewonnen, denn dieselbe verbindet durch einen 4676 km (2·906 englische Meilen) langen und solid gebauten Schienenstrang Montreal mit Port-Moody, respective der Vancouver-Insel am stillen Ocean, und stellt in Verbindung mit der Intercolonial-Eisenbahn Halifax - Montreal (1376 km oder 850 englische Meilen) dermalen die kürzeste Ueberlandsroute zwischen Europa und Ostasien, respective Nordost - Australien her.
Die Linie Halifax-Vancouver, die einen Theil der „ Empire-Route “bildet, so genannt, weil sie ausschliesslich über Gebiet des britischen Reiches geht, bietet dem Handel Englands nach allen Häfen in Japan und China hinab bis Hongkong und dem Verkehre nach dem Nord - osten Australiens einen bedeutend kürzeren Weg als über den Suez - canal. „ Via Montreal “besteht heute schon alle vierzehn Tage eine Postverbindung zwischen England und Ostasien; Briefe und werth - volle Güter, wie der Thee Japans, werden auf ihr versendet und auch die Reisenden bedienen sich ihrer im Sommer gerne, weil ihr Seeweg durch kühle Meere führt.
Die grosse Bedeutung dieser Canada-Pacificbahn liegt aber gar nicht in der Concurrenz im internationalen Verkehre, sondern darin, dass sie ein Pionnier der Cultur für Südcanada ist und dass sie auch den 311,000 km2 grossen „ fruchtbaren Gürtel “Manitobas und die getreidereichen Nordweststaaten der Union dem Einflusse des Handels von Montreal zugeführt.
Allerdings hört man, wenn von Montreals Grösse gesprochen wird, noch ziemlich viel Zukunftsmusik, was der Mangel eines dicht bevölkerten Hinterlandes erklärlich macht, aber auch in Canada lebt man rasch und doppelt rasch, seit die Eisenbahnen das Innere er - schliessen. Die Hauptsache ist, dass alle Zukunftswege über Montreal15Montreal und Quebec.gelenkt sind, dessen Handel übrigens schon heute ein bedeutender ist. Es ist der erste Einfuhrplatz des Landes; von den Summen der Zoll - einnahmen der Dominion, die bis auf eine ganz kleine Ziffer von Ein - fuhrartikeln erhoben wurden, kommen auf Montreal allein fast zwei Fünftel.
Eingeführt werden Erzeugnisse der Industrie Amerikas und Europas, doch nur mehr die besseren Qualitäten.
Von Nahrungs - und Genussmitteln verdienen im Import aus dem Auslande Erwähnung: Reis, Kaffee, Thee und Tabak; Rohzucker (1887 um 3 Millionen Dollars) zum Theile auch aus Europa stammend und Droguen; Salz und Soda werden vornehmlich aus dem Vereinigten Königreiche gebracht. Von dort und aus Deutschland kommen Eisen - und Stahlwaaren (Werth 1887 4 Millionen Dollars). Für die heimische Industrie sind Baumwolle und Jute bestimmt. Mit Steinkohlen versorgt man sich aus den Seeprovinzen der Dominion und aus der Union.
Gewissermassen den Uebergang zum Export bilden die Artikel, welche wie Weizen, Weizenmehl und Mais aus der Union kommen und Montreal im Transito nach dem Osten passiren.
Der wichtigste Stapelartikel Montreals ist lebendes Vieh (1887 für 14·7 Mil - lionen Dollars), welches nach Europa verschifft wird. Darin ist Montreal bahn - brechend aufgetreten; es steht heute in der Ausdehnung seines Exportes von lebendem Rindvieh nur hinter New-York zurück, während es in der Schafausfuhr die führende Stellung behauptet.
In grossen Stock-Yards, d. h. Viehhöfen, die durch Geleise mit der Grand - Trunk-Eisenbahn in Verbindung stehen und 10.000 Stück Rindvieh und ebenso - viel Schafe fassen, erholen sich die Thiere von der Eisenbahnfahrt. Zu 300 bis 600 Stück lebendes Rindvieh werden auf einem Dampfer verladen, statt eines Ochsen können je 8 — 9 Schafe in einem gleichen Raume untergebracht werden. Im Frühjahre geht meist Vieh nach England, welches den Winter über in Brenne - reien gemästet worden. Schafe werden Juni bis August verschifft, nachdem sie die Sommerweide gehabt haben. Die Schiffe, welche Vieh verfrachten, können bei dem geringen Gewichte desselben fast eben so viel Getreide einnehmen, wie ohne Vieh1)Sering. Die landwirtschaftliche Concurrenz Nordamerikas S. 324 ff.. So stützt der Viehhandel den Getreidehandel. Von thierischen Producten werden noch Käse und Eier exportirt. Das Pflanzenreich lieferte Weizen und Weizenmehl, Mais und Hafer (zusammen 4 — 6 Millionen Hektoliter) und Erbsen (0·6 — 1 Million Hektoliter) meist für England; Holz für Grossbritannien und Südamerika zum Exporte; von Producten des Mineralreiches gehen Phosphate nach England und Deutschland.
Der Gesammthandel Montreals erreichte folgende Werthe:
Montreals Schiffsverkehr 1886 / 87 betrug:
Der Verkehr mit der See ist wohl nicht nach Dampfern und Segelschiffen gesondert ausgewiesen, aber wir wissen, dass die Segelschiffe mit kaum 8 Percent des Tonnengehaltes daran betheiligt sind, weil sie sich stromaufwärts bugsiren lassen müssen, was etwa 1 Dollar pro Tonne kostet.
Die englischen Schiffe dominiren nach Zahl und Tonnengehalt im Seever - kehre (1886 / 87 903.818 Tonnen), dann folgen die canadischen (1886 / 87 213.783 Tonnen); unter den Schiffen fremder Flaggen sind die deutschen die wichtigsten, neben ihnen sind noch Schweden und Norwegen zu nennen.
Zwischen Montreal und Europa bestehen 11 regelmässige Dampferlinien, von welchen 9 nach England, 1 nach Antwerpen und 1 nach Hamburg gehen.
Der Verkehr im Löschen und Laden wickelt sich rasch ab; denn den Schiffen steht ein ganz modern eingerichteter Quai in der Länge von 7·6 km (4·7 engl. Meilen) zur Verfügung, an welchem die Dampfer anlegen können. Der Hafen ist des Nachts elektrisch be - leuchtet.
In Montreal bestehen eine Börse für Effecten und Devisen (Stock-Exchange) und eine Getreidebörse.
Consulate haben in Montreal: Argentina, Belgien, Brasilien (G. C.), Chile (G. C.), Deutsches Reich, Frankreich (V. C.), Hawaiï, Italien (G. C.), Liberia, Nieder - lande (V. C.), Oesterreich-Ungarn, Peru, Spanien (V. C.), Schweden und Norwegen (V. C.), Vereinigte Staaten von Amerika (G. C.), Uruguay.
Die malerische Lage von Quebec und der landschaftliche Reiz seiner Umgebung wirken auf jeden Besucher des Lorenz-Stromes völlig überraschend. Diese Thatsache erklärt es zur Genüge, dass der Local - patriotismus der Bewohner diese Eigenschaft der Stadt selbst über den herrlichen Anblick von Constantinopel, Neapel, Rio Janeiro und anderen wegen besonderer Reize berühmten Punkten zu stellen pflegt. 17Montreal und Quebec.Gewiss ist, dass nur sehr wenige Gebiete der Erde das Gesammtbild von Quebec an Herrlichkeit und Reiz zu überbieten vermögen.
Die von der mächtigen und als uneinnehmbar geltenden Citadelle gekrönte Stadt bedeckt, wie aus dem Plane zu ersehen, den Hügel - zug einer Halbinsel, welche durch die Mündung des St. Charles - Flusses gebildet ist. Auf steilen Felsenwänden, zu deren Füssen der
Quebec.
Stadttheil Champlain längs des Ufers entstanden ist, klimmen an der Ostseite die Festungswerke bis zum 106 m hoch gelegenen Niveau der Citadelle hinan. Gegen Westen zu entfaltet das Häusergewirre von Quebec seine malerischen Massen, die hineingreifen in die grüne Uferlandschaft des St. Charles-Flusses.
Ein blendendes Panorama entzückt den Besucher der berühmten Dufferin - und Durham-Terrace, die, 70 m über dem Hafen ge - legen, der fashionabelste Platz von Quebec ist. Majestätisch wälzt zu Füssen des Beschauers der blaue Lorenzstrom seine von zahllosen Schiffen jeder Art belebten Wogen dem Ocean zu. Zwischen Segel -Die Seehäfen des Weltverkehrs. II. Band. 318Die atlantische Küste von Amerika.schiffen und kleineren Fahrzeugen schiessen die grossen palastähnlichen Salondampfer und die prächtigen Könige der Oceane mit voller Kraft daher, und längs der Ufer sind Hunderte von Fahrzeugen in lang - gestreckter Linie mit Laden und Löschen beschäftigt. Besonders an - ziehend und lebhaft ist das Hafenbild, wenn im Frühjahre bei Er - öffnung der Schiffahrt die Frühlingsflotte (spring-fleet, auch fall-fleet) mehrere hundert Schiffe stark, auf einmal im Hafen erscheint, um den durch fünf Monate brach gelegenen Seeverkehr wieder aufzunehmen.
Gegenüber von Quebec erblickt man die an den Abhängen eines grünen Höhenzuges gelagerte Stadt Levis. Zwischen Häusergruppen unterscheidet man Kirchen, Klöster, Schulen und weiter zu gegen Point Levis reizend in Gärten gebettete Villen. Auf der Levis-Höhe sind zum Schutz des Hafens drei starke Forts erbaut. Weiter ostwärts erscheint der grüne Rücken der Insel Orleans (vormals Bacchus-Insel genannt), eines fruchtbaren Eilandes, an dessen Südseite die Schiff - fahrtstrasse vorbeiführt. Prächtig ist auch das Bild des linken Strom - ufers, längs welchem blühende Ortschaften, wie St. Anne, Chateau Richer, L’Ange Gardien und Beauport, vom grünen Hintergrunde rei - zend sich abheben. Dort gewahrt man die Nebelwolke des gewaltigen, über den 80 m hohen Abgrund stürzenden Montmorency-Wasserfalles. Den Horizont endlich begrenzen formenreiche Höhenzüge, deren äusserste im Azur des Firmamentes aufgehen.
Die „ Terrace “ist der Brennpunkt der Gesellschaft von Quebec, die dort während der Sommernachmittage und Abende den Klängen der Musik lauscht. Einen besonderen Reiz gewinnt die mit sechs Kiosken gezierte Promenade durch die anerkannte Schönheit der Frauen - welt und die Eleganz ihrer Haltung. Ueberhaupt hat die innige Durch - dringung der englischen und französischen Bevölkerungselemente in Canada eine liebenswürdige Bevölkerung geschaffen, die ebenso die englische Derbheit wie den leichtfertigen französischen Sinn abge - streift hat.
Am 19. September 1889 ereignete sich in unmittelbarer Nähe der Dufferin-Terrace eine entsetzliche Katastrophe, die ganz Quebec in Trauer und Bestürzung versetzte.
Von dem die Königsbastion der Citadelle tragenden Felsen löste sich Abends 7½ Uhr eine Erd - und Felsmasse im Gewichte von vielen Tausenden von Tonnen und stürzte mit ungeheurer Wucht in die gegen 100 m unterhalb liegende Champlainstrasse, wo sieben Häuser voll - ständig zertrümmert und über einhundert Menschen unter fast acht Meter hohem Gerölle begraben wurden.
19Montreal und Quebec.Aehuliche Katastrophen, die man den Einflüssen von langanhal - tendem Regen zuschreibt, ereigneten sich an demselben steilen Ab - sturze zu wiederholtenmalen, so 1841 und 1852. In beiden Fällen wurden Häuser zermalmt und gingen Menschen zu Grunde.
Auch die Dufferin-Terrace wird nach der neuesten Katastrophe für unsicher gehalten.
Im Jahre 1881 wurden die unterhalb der Felswand gelegenen Häuser weggerückt und ein äusserst starker Schutzdamm, der etwaige Felsstürze aufhalten sollte, errichtet.
An der Nordseite der Terrace vermittelt ein Elevator die Ver - bindung mit der Unterstadt (Lower Town), die von Cap Diamond an gegen den St. Charlesfluss immer mehr an Breite gewinnt. Die Ober - stadt (Upper Town), welche nebst Kirchen grösstentheils öffentliche Gebäude enthält, ist dagegen in den Festungswerken eingeschlossen, deren höchstes Object die vorgenannte Citadelle ist. Das Obser - vatorium der letzteren liegt unter 46° 48′ nördl. Breite und 71° 12′ westl. Länge von Greenvich.
Im Gouverneursgarten der Oberstadt erhebt sich der 20 m hohe Obelisk des 1827 enthüllten Wolfe - und Montcalm-Monumentes.
Gegen Südwest dehnt sich das Hochplateau Abrahamplain, auf welchem General Wolfe das französische Heer von Canada schlug und dadurch das Schicksal der Colonie entschied.
Quebec besitzt einige prächtige Kirchen, wie die französische Basilika, die an Reliquien reiche Kirche der Ursulinerinnen, die eng - lische Kathedrale u.a.m. Bedeutend, wenn auch nicht in dem Masse wie in Montreal, ist die Zahl der Wohlthätigkeits - und Bildungs - anstalten von Quebec, das in jeder Hinsicht den Ruf einer interessanten Stadt rechtfertigt.
Letzter Zeit ist nahe der Mündung des St. Charlesflusses der grossartige neue Hafen entstanden, der zwei Bassins (Docks) von 1200 m Länge und 300 m Breite enthält, die durch einem mit Waarenhäusern versehenen Wellenbrecher geschützt sind und mit dem im dorischen Style aufgeführten Zollgebäude in Verbindung stehen.
Ein ähnliches Hafenbassin ist auch bei Levis-Point vorhanden, wie denn für die Bedürfnisse der Schiffahrt auch noch durch acht Schwimmdocks und Aufholwerften bestens vorgesorgt ist.
Nicht in jedem Winter überzieht die Gewässer des Lorenzstromes eine feste Eiskruste, doch ereignet es sich, dass die reissende Strö - mung den Eisstoss zu einer imposanten Brücke (Ice-Bridge) staut,3*20Die atlantische Küste von Amerika.über welche hinweg das Volk hinüber nach Point Levis und von dort nach der Insel Orleans wallt.
Quebec im Mittelpunkte eines rein französischen Gebietes, hat seinen französischen Charakter noch viel treuer bewahrt als Montreal. Fast der ganze öffentliche Verkehr, alle Aufschriften, Ankündigungen bedienen sich der französischen Sprache. Allerdings hört man dort
A Hafen von Quebec, B Kirche von Beauport, C Dochester-Brücke, D Maritime Etablissements, E Werften und Docks, G Eisenbahnstation, H Bassin von Quebec, J Neuer Hafen und Docks, K Dufferin - Terrace, L Citadelle, M Mündung des St. Charles-Flusses, N Zollamt (Custom-House).
nicht das moderne Französisch, sondern die Sprache der Periode Lud - wig XIV., der Zeit der grossen Classiker. Selbstverständlich ist auch in Sitte und Tracht die Vergangenheit vielfach conservirt.
Die Bedeutung des Flusshafens Quebec ist nicht mehr dieselbe, wie im vorigen Jahrhundert, wo er die wirkliche „ Capitale “des französischen Canada gewesen. Es musste dem jüngeren Montreal als Handelsplatz weichen, weil es zu weit entfernt ist von den Quellen des Wohlstandes der Dominion of Canada.
21Montreal und Quebec.Der Hafen zwischen der Stadt und der Insel Orleans ist 50 m tief und bietet der grössten Flotte Raum, allein er ist des Eises halber bloss vom April bis November offen.
Hesse-Wartegg nennt Quebec mit Recht die Portierloge des Continents; denn die Schiffe, welche von und nach Montreal gehen, landen wohl auch zum grossen Theile an den Quais von Quebec, aber sie führen seinem Handel wenig Nahrung zu.
Der Import dient nur der Befriedigung der localen Bedürfnisse.
In Quebec mit Beauce und Rivière du Loup wurden 1886 / 87 686.393 Dollars Zölle erhoben, das sind wenig mehr als 3 Percent des ganzen Zollertrags der Dominion of Canada.
Im Exporthandel steht obenan der Holzhandel. Auch der Walfischfang ist eine wichtige Erwerbsquelle für Quebec.
Der Schiffsverkehr von Quebec erreichte 1886 / 87 folgende Ziffern:
Im Seehandel ist die englische Flagge die wichtigste (1886 / 87 336 Schiffe mit 548.058 Tonnen), dann folgen die fremden Flaggen, unter denen Schweden, Norwegen und Deutschland hervorragen; aber auch holländische, russische, fran - zösische und argentinische Schiffe besuchen Quebec, wohl meist um Holz einzu - nehmen. Die canadische Flagge spielt die kleinste Rolle. Wie sich bei einem Hafen, der Holz exportirt, von selbst versteht, geht ein ansehnlicher Theil der Schiffe in Ballast ein.
Consulate: Vereinigte Staaten von Amerika, Argentina (G. C.), Belgien (G. C.), Chile, Deutsches Reich, Frankreich (G. C.), Portugal, Schweden, Nor - wegen, Spanien (G. C.).
Der allgemeine Charakter der Bodenfläche von Neu-Schottland gleicht vielfach jenem von Canada. Wir finden dasselbe flache von Flüssen und Wasserläufen durchsetzte Hügelland, Seen und Wälder vor, wie in Canada.
Die Südost - oder atlantische Küste ist daher sehr reich an tief eingeschnittenen Buchten und Häfen und nur allmälig senkt das Land sich zu grossen Meerestiefen herab. Im Durchschnitte findet man erst 12 Seemeilen seewärts der Küste eine Wassertiefe von 100 m.
Einer der schönsten Häfen der Erde ist jener von Halifax, der in die Chebucto-Bay einmündet und in dem malerischen „ Bedford - Basin “, einem kleinen Binnenmeere, ausläuft.
Er erstreckt sich 15 Seemeilen weit in nördlicher Richtung und besitzt Raum und Wassertiefe für jede Zahl der grössten Oceanschiffe. Die Hafenzufahrt ist durch fünf prächtige Leuchtthürme markirt und bei Nebelwetter, das die einsetzenden Seebrisen zu begleiten pflegt, werden die Schiffe durch drei Nebelhörner gewarnt.
Es ist keineswegs ein blendendes Bild, das Halifax und seine Umgebung zu bieten vermag — denn es fehlt durchaus an kräftiger Terrainbewegung — und wenngleich einzelne Partien nicht reizlos, ja manche, wie die grüne Pleasantspitze, sogar malerisch uns entgegen - blicken, so ist doch der Gesammteindruck der Gegend ein ausge - sprochen monotoner.
Als Hauptwaffenplatz der englischen Land - und Seestreitkräfte in Amerika hat Halifax eine bedeutende Zahl von Befestigungen er - halten, deren massige Formen auf Hügeln und Inseln zu bemerken sind.
Durch eigenthümliche Verhältnisse ist der Platz viel rascher eine Kriegsstation geworden, als er zu einem Handelsemporium ge - deihen konnte, denn 1749 durch eine Expedition unter Edward Corn - wallis, Gouverneur von Neu-Schottland, gegründet, wurde das kaum23Halifax und St. John.entstehende Halifax sogleich als Sammelpunkt für die gegen Canada aufzubietenden Streitkräfte bestimmt, und eine ähnliche Rolle fiel dem Hafen während des Unabhängigkeitskampfes und in der Zeit der napoleonischen Kriege zu.
Erst nach Aufrichtung der amerikanischen Union ward hier, wie überhaupt in Canada, die commercielle Thätigkeit durch die Einwan - derung vieler Tausende königstreuer Elemente (die exilirten Loyalists) belebt und begann Halifax — seither zur Hauptstadt von Neu-Schott - land erhoben — als Handelsplatz aufzustreben.
Die Stadt bedeckt die flachen Böschungen einer Halbinsel, welche durch den tief eindringenden „ Nordwestarm “gebildet ist. Die breiten, geraden und senkrecht sich kreuzenden Strassenzüge charakterisiren die Stadt als eine neue Schöpfung; noch mehr erwecken diesen Ein - druck aber die mitunter reizend stylisirten hölzernen Häuser, aus welchen das Gros der Baulichkeiten besteht. Im sogenannten „ brick district “(Ziegeldistrict), dem Geschäftstheil der Stadt, dürfen übrigens keine neuen Holzhäuser mehr gebaut werden. Halifax besitzt jedoch auch schöne und imposante Steinbauten, wie die City-Hall, den Bahn - hof, das Post - und Zollamt, mehrere Kirchen u. dgl.
Die unter 44° 39′ nördl. Breite und 63° 34′ westl. von Green - wich und 75 m über dem Meere liegende Citadelle überragt die Stadt und kreuzt das Feuer mit der gewaltigen Redoute der Georgsinsel, welche letztere dem sehr belebten Quai gegenüberliegt.
Längs des Quai führt die langgestreckte Water-Street, die Haupt - handelsstrasse von Halifax, an welcher die Werften und Waaren - häuser liegen und der grosse Seeverkehr pulsirt. Dort sind die Anlege - plätze der Oceandampfer und der Ferryboote, welche die Verbindung mit dem industriellen Vororte Dartmouth besorgen, der gegenüber der Stadt auf der östlichen Hafenseite freundlich an der Küste lagert. Am Quai liegt weiter nördlich das weitläufige 1758 gegründete Seearsenal (Navy Yard) der englischen Flottenstation, das zu den grössten ähn - lichen Etablissements am amerikanischen Continente zählt und neuestens einen Trockendock in Granitbau erhielt, der Schiffe bis zu 170 m Länge aufnehmen kann.
Anschliessend an das Arsenal erblickt man das hübsche Gebäude der Intercolonial-Eisenbahn, deren Endstation Halifax bildet. Der Schienenstrang führt von hier längs der Küste nördlich, übersetzt auf einer Pfeilerbrücke die Enge des Bedford-Basins, berührt Dart - mouth und zieht dann weiter gegen Canada.
24Die atlantische Küste von Amerika.Eine der reizendsten Strassen von Halifax ist die mit hübschen Privathäusern und anmuthigen Gärten gezierte Pleasant Street; sie führt zum ausgedehnten Parke Pleasant Point, einem bevorzugten Vereinigungsorte der Stadtbevölkerung. Der weitläufige Grund ist Eigenthum der Regierung, wird aber von dieser gegen einen Pachtzins von einem Shilling per Jahr der Gemeinde überlassen.
Halifax hat 36.000 Einwohner, es ist eine englische Stadt und seine kräftige Bevölkerung wohl geeignet für Handel und Schiffahrt.
Halifax.
In dem gesegneten Neu-Schottland blühen Ackerbau, Viehzucht und Berg - bau. Die Kohlen, welche meist bei Truro, in der Nähe von Halifax, gewonnen werden, finden ihren Markt in Neufoundland, in der Union und in Westindien. Die Hauptquellen des Wohlstandes sind jedoch die ausgedehnten Waldungen, welche das Innere der Halbinsel bedecken, und der Fischfang in den zahlreichen Seen und deren Abflüssen, sowie an den Küsten und auf der Neufoundland-Bank. Der Werth der Fischereiproducte Neu-Schottlands beträgt jährlich über 8 Millionen Dollars, das sind etwa 45 % des Gesammtertrages der Dominion of Canada; die Fische finden, wie das Holz, Absatz in England, Südamerika und Westindien.
Halifax, welches den grössten Theil dieses Handels besorgt, wäre schon dadurch ein nennenswerther Hafen. Seine von Jahr zu Jahr steigende Bedeutung liegt aber darin, dass es für die ganze Ostküste Canadas der Winterhafen ist.
25Halifax und St. John.Im Gegensatze zu Quebec und Montreal, mit denen er in Eisenbahnverbin - dung steht, wird dieser Hafen auch während der kalten Wintermonate nicht zu oft vom Eise gesperrt. Alle grossen überseeischen Dampferlinien, die im Sommer Montreal besuchen, laufen im Winter Halifax an; für die grossen Fischerflotten Neu Schott -
A Hafen von Halifax, B Einfahrt zum Hafen, C Post-Amt, D Point Pleasant-Park mit Prince of Wales - Thurm, E Eisenbahnstation, F Leuchtfeuer, G City-Hall.
lands, welche alljährlich die Küsten Neufoundlands und Labradors besuchen, ist Halifax eine Hauptstation. Von hier aus wird auch St. Johns, die Fischermetropole des verarmenden Neufoundlands mit Lebensmitteln versorgt; ausserdem ist Halifax der einzige Punkt der Dominion, in welchem England eine Garnison (1480 Mann) hält. All das vereinigt sich, um Halifax viel Leben und grossen Reichthum zu -Die Seehäfen des Weltverkehrs. II. Band. 426Die atlantische Küste von Amerika.zuführen. Heute verräth schon der erste Blick auf die regelmässig gebaute Stadt mit ihren grossen Docks, dass man sich in einem der grössten Handelshäfen Ostcanadas befindet.
Der Schiffsverkehr von Halifax betrug 1886 / 87:
Die britische Flagge hat im Verkehre von Halifax das Uebergewicht; die canadische aber auch eine viel grössere Bedeutung als die fremden Flaggen. Unter den letzteren ragen hervor die der Vereinigten Staaten von Amerika, von Schweden und Norwegen und des Deutschen Reiches.
Ein Viertel des gesammten Tonnengehaltes der einlaufenden Schiffe kommt in Ballast.
Halifax ist der Ausgangspunkt (vom atlantischen Ocean gerechnet) der ausschliesslich britischen Eisenbahnlinie, welche durch den Continent von Nord - amerika führt.
In demselben Masse als dieser grosse „ Cultur-Pionnier “das Hinterland bis Columbia hebt, in demselben Masse steigt Halifax an Bedeutung. Schon heute ist es End - oder doch Anlaufstation für zahlreiche Dampferlinien.
Die Verbindung mit Europa besorgt neben den Linien, die nur im Winter Halifax anlaufen, die Allan-Line, die jeden zweiten Dienstag von Liverpool über Queenstown, St. Johns (Neufoundland) nach Halifax und Baltimore geht. Halifax liegt für den Verkehr mit Europa günstig, da seine Entfernung vom St. Georgs - Canal um 800 Seemeilen kleiner ist als die New-Yorks. Daher landen auch nicht weit von ihm im Nordwesten fünf von den zehn transatlantischen Kabeln, die für den telegraphischen Verkehr Europas mit Nordamerika bestimmt sind. Drei Kabelleitungen gehen von dort weiter nach den Vereinigten Staaten.
Consulate: Belgien, Dänemark, Deutsches Reich, Frankreich (V. C.), Hawaiï, Italien, Niederlande (V. C.), Oesterreich-Ungarn, Portugal, Schweden und Norwegen (V. C.), Vereinigte Staaten von Nordamerika (G. C.), Uruguay.
Wir schliessen hier, wie wir glauben ganz naturgerecht, die Beschreibung von St. John in Neubraunschweig an, das berufen scheint, einen Theil des Exportes aus dem Innern Canadas, soweit er heute über Halifax geht, an sich zu ziehen.
St. John hat 26.127 Einwohner (1881); es liegt an der Fundy - Bai und an der linken Seite der Mündung des St. John River, der bis Fredericktown aufwärts von Seedampfern befahren wird.
Neu-Braunschweig ist ein Land der Zukunft; heute ist sein In - neres fast zu vier Fünftel von Urwald bedeckt, der nur durch die Läufe der Flüsse und zahlreiche Seen unterbrochen wird. Auf diese27Halifax und St. John.Art ist es wohl sehr erklärlich, dass sich das ganze Geschäftsleben dieses Platzes um die zwei Artikel Holz und Fische dreht.
Die kolossalen Holzmassen, welche im Frühjahre und Herbst den St. John River herabschwimmen, werden theils hier schon zum Schiffbau benützt oder in alle Welt, vor allem nach Grossbritannien verschifft. Hier werden auch grossartige Flosse, „ Ocean Timber Rafts “zusammengestellt, die ein Gewicht von 7000 bis 8000 Tonnen haben und von Dampfern geleitet, auf dem Meere nach New-York gehen.
Im Jahre 1888 wurde dort ein Holzlager von 32 Millionen Quadratfuss über - wintert, die Verschiffungen von Dielen und Brettern beliefen sich auf 156,035.720 Qua - dratfuss, von Fichtenholz wurden 457 Tons ausgeführt, von Birkenholz 5221 Tons.
In Neu-Braunschweig erreicht der Werth aller Fischereiproducte 3¼ bis 4 Millionen Dollars. Geradezu unglaublich ist der Fischreichthum der Flüsse und Seen, namentlich an Lachsen und Lachsforellen.
Der Schiffverkehr von St. John betrug 1886 / 87:
Die Summe der Tonnenzahl der englischen und canadischen Schiffe erreicht nicht die der fremden Flaggen, von denen die der Vereinigten Staaten neun Zehntel umfasst. Neben ihnen sind noch erwähnenswerth die Schiffe unter norwegischer, schwedischer und spanischer Flagge.
Aehnlich wie in Halifax verspürt man auch bereits in St. John die Wir - kungen der allgemeinen Entwicklung Canadas und sucht die günstige Position durch künstliche Nachhilfe so weit als möglich auszunützen.
Zu dem alten Anschlusse an die nach Halifax führende Intercolonialbahn bei Moncton, das an dem Nordende der Fundy-Bay liegt, erhielt St. John 1889 eine kürzere Verbindung nach Quebec und Montreal durch eine Bahn, die, das Gebiet der Union durchschneidend, längs des Flusses St. John nach Norden führt.
Man erwartet, dass ein beträchtlicher Theil der bisher über die Vereinigten Staaten eingeführten Waaren direct nach Canada über St. John verschifft werden wird, dessen Hafen nie zufriert.
Als Importplatz war St. John schon vor Eröffnung dieser neuen Eisenbahn - linie ziemlich wichtig, seit ihrer Eröffnung steigert sich seine Bedeutung entschieden.
Canada macht sich aber in Bezug auf jede Art des eigentlichen Verkehres in demselben Masse von der Union unabhängig, als die Chancen seiner eigenen Entwicklung durch die Einwanderung steigen.
Consulate: Chile (V. C.), Deutsches Reich, Frankreich (C. A.), Hawaiï, Niederlande (V. C.), Spanien (V. C.), Schweden und Norwegen (V. C.), Uruguay, Vereinigte Staaten.
Durch die Fährlichkeiten der Einfahrt sind wir in den ge - schützten Bereich des inneren Hafens vorgedrungen. Meilenlang, un - absehbar liegt von Thürmen und hohen Schloten überragt die Häuser - masse von Boston vor unserem Blick. Von zahllosen Schiffen sind die Quais und Ankerplätze besetzt und reges Treiben belebt die Hafenfläche.
Der gewaltige Kern von Boston, das ursprüngliche Tremont, bedeckt den hügelförmig gekrümmten Rücken einer Halbinsel; er tritt aus dem Häusermeer scharf und symmetrisch hervor.
Wie es jetzt dort am höchsten Punkte glitzert, ja zu hellem Glanze aufflammt, als ergösse von dort aus die warme Glut des Lebens sich über Stadt und Land! Der magische Lichtquell, der seine Strahlen weit und breit entsendet, ist die mächtige goldene Kuppel des Repräsentantenhauses (State-House) von Massachusetts. So dominirend strebt das Bauwerk auf, so hervorragend ist seine Lage, dass es von jedem Punkte des vielgewundenen Hafens stets als ein auffallendes und bestechendes Hauptobject im Stadtbild erscheint. Die gleissende Kuppel ist so recht das Wahrzeichen Bostons, ja selbst des ge - waltigen Reiches der nordamerikanischen Union, und der Glanz, den ihre kühn gewölbte Fläche auf das reiche Emporium zu ihren Füssen ausstrahlt, ist dem Glanze jener Freiheit vergleichbar, die weite Rechte verleiht, aber auch ernste Pflichten auferlegt. Unter ihrer Herrschaft allein konnte die überschäumende Flut eines kraftvollen Lebens bis tief in die weitesten Bevölkerungsschichten eindringen und, in tausend Formen beglückend, den Aufbau der grossartigen Ver - hältnisse begünstigen, die unter dem Sternenbanner der Union so un - geahnt, so völlig wunderbar sich ausgestaltet haben.
Das freiheitliche Selbstbestimmungsrecht schuf dort eine neue Gesellschaft, welche durch Intelligenz, tüchtige Lebensanschauung,29Boston.Selbständigkeit, Streben nach höherer geistiger Bildung, durch Fleiss und Beharrlichkeit, wie nicht minder durch Unternehmungsgeist und ernste humanitäre Gesinnung ausgezeichnet ist.
Solche in der Majorität eines grossen Volkes wirkende Eigen - schaften müssen den Rahmen seiner Entwicklung immer mehr aus - weiten, und so gewaltig ist der Triumphzug der letzteren, dass es gegenwärtig keines Menschen geistigem Blicke noch vergönnt ist, die endlichen Ziele, welchen die neue Gesellschaft mit ihrem socialistischen Drängen, ihrer Frauenemancipation zustrebt, auch nur zu ahnen.
Die weiteste Ausbildung und Verwerthung der Geistesgaben und der Arbeitskraft ist aber der Angelpunkt aller Bestrebungen in der Union. Jede Beschränkung in dieser Hinsicht hätte den Gang der Dinge unnachsichtlich in kleinliche Verhältnisse zurückgedrängt und die Bevölkerung unfähig gemacht, den reichen Segen, mit dem die Natur die unermesslichen Strecken des Reiches überhäufte, einstmals in vollwerthige, geistige und materielle Wohlfahrt umzusetzen.
Allerdings steht heutzutage die Bewältigung der Natur und die Ausbeutung der Bodenschätze noch im Vordergrund der Volksthätig - keit, wodurch der Kampf ums Dasein zu grosser Schärfe zugespitzt wurde, aber gleichwie diese Richtung zu den staunenswerthen Leistungen der Union auf den Gebieten der Production und Technik geführt hat, ebenso lässt sich zuversichtlich erwarten, dass auch die höhere Geistesthätigkeit, die in den mächtig angewachsenen Gross - städten der Union lebhaft zu Tage tritt, für Kunst und Wissenschaft immer breitere Grundlagen schaffen und in nicht ferner Zeit den gleichen Bestrebungen der alten Welt ebenbürtig zur Seite stehen wird.
Angesichts der enormen Ausbreitung von Boston, dessen Gebiet heute eine Fläche von 9564 Hektaren oder zwei geographischen Qua - dratmeilen einnimmt, vermag der Beschauer nur schwer mit der That - sache sich abzufinden, dass hier, wie allwärts in den gottgesegneten Ländereien der Union, vor 260 Jahren tiefer Urwald, in dem der barbarische Ruf des Indianers mit dem Gebrülle des Raubthieres sich mengte, den Boden bedeckte. Welche vereinigte Kraft und Ausdauer musste aufgeboten werden, um in so kurzer Zeit aus dem Nichts einen der gewaltigsten Brennpunkte des Weltverkehres und einen geistigen Vorposten der Union zu schaffen!
Der Massenzuwachs der Entwicklung fällt jedoch erst in die Zeit der Eisenbahnen, also in die Periode des Dampfes.
Versenken wir uns nun in die Vergangenheit, um eine Vor - stellung des interessanten Werdeprocesses von Boston zu gewinnen
30Die atlantische Küste von Amerika.Bald nach Gründung der niederländischen Colonie Novum Bel - gium (New-York) erschienen an vielen Küstenpunkten Neu-Englands (gegenwärtig die Staaten Maine, New-Hampshire, Vermont, Massa - chusetts, Rhode Island und Conecticut) die Colonnen der ersten An - siedler aus Grossbritannien.
Bei Plymonth, in einer Bucht südlich von Boston, wohin gegen - wärtig die Old Colonial-Eisenbahn führt, landete im Jahre 1620 die zu historischer Berühmtheit gelangte Schar der Puritaner, der Stamm - väter einer Aristokratie nach amerikanischem Zuschnitt, die heute mit Stolz auf die Thaten ihrer Vorfahren, der „ Pilgerväter “, zurückblickt.
In Salem, 20 km nördlich des heutigen Boston, entstand gleich - falls eine Colonie, die aber 1630 verlassen und nach Charlestown verlegt ward. Auch letzter Punkt entsprach nicht, weil dort gutes Trinkwasser fehlte, und so wanderte man am 17. September 1630 nach der knapp anliegenden Halbinsel Trimountain, später Tremont (von den Indianern Shawmutt) genannt, deren drei Hügel ihr den Namen gaben. Dort entstand die Niederlassung Boston, das an die gleichnamige Stadt in England erinnern sollte, von wo viele der Co - lonisten — und unter diesen neben dem Gouverneur Winthrop ihr be - deutendster Mann, Isaac Johnston — herstammten.
Boston ward infolge seiner günstigen Lage alsbald zum Cen - trum der Colonie Massachusetts, ein Name indianischer Abstammung, gewählt. Rasch waren andere Küstenorte angesiedelt und in den ersten zehn Jahren kamen 20.000 Einwanderer nach Boston. Die Stadt besass 1639 bereits eine bewaffnete Macht von 1000 Mann, und die Colonie Neu-England zählte 1674 schon 120.000 Einwohner.
Während der Befreiungskämpfe spielte Boston, wo die repu - blikanische Strömung der Geister gegen die Bedrückung der Colonie durch die englische Regierung zum Durchbruch kam, eine wichtige Rolle.
1770 geschah in der jetzigen State-Street (damals King Str.) ein Angriff des Volkes gegen englische Soldaten, andere blutige De - monstrationen folgten und die Vernichtung der ungeheuren Thee - ladungen im Hafen zeigte die ganze Erbitterung der Bevölkerung gegen die ausbeutende Gesetzgebung Englands. Die Theeschiffe waren Ende November und anfangs December 1773 angekommen, und als am 16. December die Regierung auf der unerschwinglichen Besteuerung der tiefgehassten Theeladungen verharrte, wurden die Schiffe von be - waffneten Volkshaufen gestürmt und sämmtlicher Thee in das Meer geworfen. Diese Ereignisse, deren Eindruck die freiheitlich gesinnte31Boston.Majorität der Colonisten zum Opfermuth entflammte, waren die Ein - leitung der grossen Unabhängigkeitskämpfe, welche den unsterblichen Ruhm Washingtons begründeten.
Am 3. Juli 1775 übernahm General Washington in Cambridge (der Vorstadt Bostons) das Commando über die republikanischen Streitkräfte, konnte aber erst im März 1776 die Operationen gegen Boston beginnen. In der Nacht zum 4. März besetzte er die Höhen von Dorchester und liess dort sogleich Erdwerke aufrichten und diese armiren. Bei Morgengrauen erblickten die Engländer ihre Gegner in wohlverschanzten festen Positionen. Ein Sturm verhinderte den in Boston commandirenden General Howe, die Amerikaner zu vertreiben; dadurch wurde seine Lage immer kritischer und war am 17. März geradezu unhaltbar geworden. Vor Einbruch der Nacht segelte die Besatzung an Bord der englischen Flotte ab, und Washington zog triumphirend in Boston ein.
Die Engländer versuchten nicht mehr, die Stadt zu bezwingen, und nach der Unabhängigkeitserklärung war Boston, wenn auch nicht die erste Stadt der Union mit Hinblick auf die Einwohnerzahl, so doch die einflussreichste derselben und betrat den Weg der Ent - wicklung und Blüthe, den sie bis heute verfolgt.
Die Leistungen in letzterer Richtung sind grossartig zu nennen.
Im Jahre 1804 wurde South-Boston (das alte Dorchester Neck), dann das 1830 auf der Insel Noddle entstandene East-Boston, in späteren Jahren Charlestown, Roxbury, Cambridge und das südwest - lich davon am rechten Charlesufer entstandene Brighton in das Ge - meindegebiet von Boston einbezogen.
Bald genügte die von der Natur angewiesene Fläche des an der Vereinigung dreier Flüsse gelegenen inselförmigen Terrains nicht mehr den enorm gesteigerten Bedürfnissen. Man entschloss sich daher, „ Land zu machen “, um Raum für die Erweiterung der Stadt und der Vororte zu gewinnen.
Die diesbetreffenden Fortschritte im Laufe dieses Jahrhundertes können geradezu als immens bezeichnet werden. Die Anschüttungen im Hafen und an den Flussufern betragen allein im älteren Boston ungefähr 1200 ha. Auf diesem Terrain erhebt sich gegenwärtig unter anderem das fashionable West-End, das auf unserem Hafenplane mit D bezeichnet ist.
Das Anschüttungsmaterial wurde durch Abtragung von Hügeln gewonnen. Die Stadterweiterung ging mit einer Stadtregulirung Hand in Hand, und da war dem amerikanischen Unternehmungsgeiste ein32Die atlantische Küste von Amerika.unbegrenzter Spielraum gegeben. Hier entstand die haarsträubende Operation der house-mover, die mit unglaublicher Kühnheit und Sicher - heit ganze Gebäude auf Stahlrollen in Bewegung setzten und ver - schoben.
In dieser Weise wurden auch ganze Stadt-Districte mit allen ihren Steinbauwerken um mehrere Fuss gehoben und einzelne Strassen durch Verrückung der Häuserzeilen breiter gemacht.
Während auf diese Weise die Stadt an Ausdehnung und Com - fort gewann, wurde durch die rapide Steigerung der Eisenbahnver - bindungen von Boston ein anderes Element des Aufschwunges ge - schaffen, das der Entwicklung der Stadt eine neue Richtung gegeben hat. Die vielen radialen Bahnen, die auf 50 km hinaus jede Ortschaft der Umgebung mit dem Centrum verbinden, ermöglichten, abseits der commerciellen Vortheile, dass die Geschäftswelt das eigene Heim weit weg vom Schauplatze der Berufsthätigkeit sich einrichten konnte. So entstanden Vorstädte und Villeggiaturen, die an Ausdehnung und Schönheit völlig unvergleichlich genannt werden können. Diese Anla - gen, welche die Vorzüge einer Stadt mit der Annehmlichkeit des Landlebens reizend verbinden, stehen mit Boston in commercieller und gesellschaftlicher Hinsicht in engsten Beziehungen, ja gehören im Grunde genommen zur Stadt.
Auch hier bereitet sich dieselbe Entwicklung vor, welche seiner - zeit zur Verschmelzung der früher erwähnten fünf vorstädtischen Municipalitäten mit Boston geführt hat, weshalb anzunehmen ist, dass in nicht ferner Zeit noch andere umliegende Ortschaften von der Grosscommune absorbirt werden dürften. Der grossartige Auf - schwung der Stadt und ihrer Umgebung hat selbstverständlich den Werth des Eigenthums im östlichen Theile des Staates Massachusetts ausserordentlich gehoben.
Bevor wir eine Wanderung durch die Stadt antreten, seien dem Hafen von Boston und dessen Zufahrten einige Worte gewidmet.
Die grosse, im Süden durch das weit in See vorspringende Cap Cod gebildete Massachusetts-Bay besitzt an der westlichen Küsten - erstreckung die Einbuchtungen des Broad-Sound im Norden und der Boston-Bay im Süden. Zwischen beiden windet sich durch ein Ge - wirre von Fährlichkeiten aller Art die Einfahrt nach Boston. Bis auf 15 km hinaus reichen die Untiefen und Riffe.
Die Hauptzufahrtsstrasse ist der in den Broad-Sound-Canal ein - mündende South-Channel. Das durch Leuchtfeuer und Bojen aus - reichend markirte Fahrwasser führt auf die Präsident-Rhede (Presi -[33]
Boston.
Die Seehäfen des Weltverkehrs. II. Band. 534Die atlantische Küste von Amerika.dent-Road) und von da durch den engen Pass zwischen dem Palmyra - Riff (N) und dem durch das starke Fort Independance vertheidigten Castle-Eilande, dann vorbei an der gleichfalls befestigten Governor - Insel in den inneren Hafen von Boston. Die letztgenannte Insel ist als Geburtsort des berühmten Staatsmannes Benjamin Franklin, der hier 1706 das Licht der Welt erblickte, von historischem Interesse.
Eine zweite Zufahrt zur Präsident-Rhede, der Main-Ship-Canal, ist nur für Schiffe bis 7 m Tauchung bei ruhiger See navigabel. Das ungeheure Fort Warren auf der Georg-Insel dominirt diesen Canal.
Weit ausgedehnte lagunenartige Niederungen (Flats), über welche nur einzelne Hügel von geringer Höhe emporragen, bilden den Ab - schluss des Hafens gegen die Seeseite. In das Hafenbecken münden in breiten Ausweitungen die drei Flüsse Charles, Mystic und Chelsea, welche eine natürliche Scheidung der Stadttheile von Boston voll - ziehen, gleichzeitig aber dem Hafen sehr bewegte Contouren von grosser Quai-Entwicklung geben. Diese Eigenthümlichkeit gestattete die Anlage ausgedehnter Landungsbassins (Wharfs) an den Quais von Alt-Boston, Charlestown und East-Boston für Schiffe jeder Grösse. So haben denn auch die nach Boston verkehrenden grossen Dampf - schiffahrts-Unternehmungen dort eigene Warfs, und der lebhafte Local - verkehr zu Wasser konnte die herrlichsten Anlegeplätze in allen Theilen des Hafens gewinnen. Ebenso entstanden dort Waarenmaga - zine in grossem Style, und die Schiffahrt erhielt in ausreichendstem Masse alle Hilfsmittel zur schnellen Bewältigung der Lade - und Lösch - Operationen. Auch für die Behebung von Havarien jeder Art ist durch den Bestand zahlreicher technischer Etablissements vorgesorgt.
In Charlestown besitzt die Kriegsmarine der Vereinigten Staaten ein ausgedehntes Seearsenal (X), das, 1800 gegründet, der ameri - kanischen Flotte zahlreiche, auf seinen Werften erbaute Schiffe zu - führte. Das Arsenal verfügt über ein Trockendock von 112 m Länge, und die grosse Seilerei ist die bedeutendste in Amerika.
Charlestown ist durch den riesigen Bunkerhill-Obelisken, ein Denkmal zur Erinnerung an das dort am 17. Juni 1843 vorgefallene Gefecht scharf gekennzeichnet. Von der Höhe des Bauwerkes bietet sich ein herrlicher Rundblick über den Hafen dar.
Wie sehr die Stadtgemeinde und Regierung bestrebt sind, dem äusserst angewachsenen Verkehr die weitesten Erleichterungen zu bieten, und wie sehr sie dadurch den Aufschwung der Stadt zu för - dern wissen, zeigt ein Blick auf den Hafenplan. Die Zahl der stabilen Brücken, welche die verschiedenen Stadttheile über die Flussläufe35Boston.hinweg untereinander und mit dem Hinterlande verbinden, ist in der That bedeutend zu nennen. Aus diesem Reichthum an Verbindungen, von denen viele von ansehnlicher Länge, spricht dieselbe kraftvolle und zielbewusste Energie, welche allein dem amerikanischen Leben die angestaunte Intensität gegeben hat.
Der natürliche Centralpunkt von Boston ist der Hay Market - Square (Heumarktplatz), dessen Nordseite der im Verkehr nach Port - land sehr besuchte Bahnhof der Maine-Eisenbahn einnimmt. Dort und in nächster Nähe münden viele der wichtigsten Verkehrsadern der Stadt. Zur Charles-River-Bridge zieht nordwärts die Charlestown - Street nach dem Stadttheil dieses Namens, und etwas südlich des Hay Market führt die Hannover-Street zum nördlichsten Punkt des Hafen-Quais.
Die wichtigste und ausgedehnteste Strasse ist aber Washington - Street, die in einer Länge von 4 km die ganze Stadt in der Rich - tung gegen Roxbury durchzieht. In ihrem Namen spiegelt sich die unendliche Verehrung, welche den Manen Washington’s gezollt wird.
Die Strasse durchschneidet mehrere Plätze, deren bedeutendster im südwestlichen Theile der mit anmuthigen Gartenanlagen gezierte Franklin-Square ist.
Hervorragende und zahlreiche Monumentalbauten zeichnen diese belebte Pulsader aus. An ihr liegen grosse Hôtels, wie Continental, Adams und Metropolitan, dann Theater (Globe, Park u. a.), Kirchen, worunter die imposante katholische Kathedrale, die Gebäude der Journalistik, wie Herald-Building, Journal-Building u. a.
Die Journalistik von Boston hat einen enormen Aufschwung genommen und behauptet einen hervorragenden Rang in den Ver - einigten Staaten. Im Jahre 1704, also 74 Jahre nach der Gründung der Stadt, erschien das erste Blatt, die „ Boston New Letters “. Ge - genwärtig besteht eine grosse Zahl von Zeitungen mit sehr hohen Auflagen. So erscheint der „ Herald “täglich in 100.000 Exemplaren, erlebte aber schon Tagesauflagen bis zu 302.030 Exemplaren, eine gewiss interessante Erscheinung in der Geschichte der Journalistik.
Durch die grosse Zahl und vortreffliche Einrichtung der Schulen, deren mehr als 400 bestehen, durch seine Hochschulen und Collegien, durch die Menge der gelehrten Gesellschaften, seine wissenschaftlichen und Kunstsammlungen, Museen, Bibliotheken, von welchen die Boston public library mehr als 450.000 Bände und über 200.000 Flug - schriften zählt, wie überhaupt durch die geistigen Bestrebungen der Bevölkerung und die dort angesammelten Reichthümer nimmt Boston5*36Die atlantische Küste von Amerika.eine glanzvolle Stellung ein und verdient mit Recht den stolzen Bei - namen: das amerikanische Athen.
Das geistige Leben ist daher dort sehr entwickelt und der Buchhandel florirt.
Längs der Bassins und Docks des Hafenquais führt, Boston umklammernd, die breite, ihres Namens würdige Atlantic-Avenue, ein grossartiger Verkehrsweg, dessen Besuch uns den Mechanismus des gewaltigen Seeverkehres überblicken lässt.
Die Avenue steht mit der nach South-Boston laufenden Federal - Avenue in Verbindung.
In dem ehemaligen Boston Neck sind prächtige, mit der Washing - ton-Street parallel laufende Strassen entstanden, wie Albany-Street, Harrison-Avenue, Columbus-Avenue und Shawmutt-Avenue, welch letztere in die schöne Tremont-Avenue einmündet; an diese grenzt der ebenso ausgedehnte wie prächtige Common-Park, gewöhnlich Common genannt, in dessen Anlage landschaftlicher Reiz mit Kunst - geschmack vereinigt wurde. Er ist daher der Focus des fashionablen Lebens von Boston. Dort liess an den Ufern lieblicher Teiche, auf grünen Hügeln und in schattigen Boschetts der ausgesprochene Sinn der Bevölkerung für die Pflege geschichtlicher Erinnerungen eine Fülle von Denkmälern entstehen, wie man sie selbst in manchen ehrwür - digen Metropolen der alten Welt, die weitaus reicher an Ereignissen, in solcher Zahl nicht vorfindet.
Die Monumente sind zumeist hervorragenden Männern der Revo - lutionszeit gewidmet, einer Periode, in der alle früheren Erinnerungen an das verhasste Königthum der Zerstörung anheimfielen, so dass kaum mehr die Tradition von ihrem einstigen Bestande Kunde zu geben vermag.
Auch die alten Friedhöfe, die inmitten der Stadt, obgleich auf - gelassen, als Andenken erhalten bleiben, geben von der Verehrung für die Vorkämpfer der Freiheit ein beredtes Zeugniss. Einzelne In - schriften sind der heutigen Generation allerdings nicht mehr recht verständlich. So trägt der Stein, welcher den Capitän Malcolm am Old North-Buryal-Ground deckt, die Worte: „ Ein wahrer Sohn der Freiheit, ein Freund des Volkes, ein Feind der Bedrückung, und einer der vordersten Gegner der Revenue-Acte von Amerika. “ Die Veranlassung zu seinem Lobe war ein kühner Streich, den der Capitän 1768 vollführte, indem er eine Ladung Wein landete, ohne dass er den Zoll für selbe entrichtet hätte. Heute würde man die Affaire als Schmuggel bezeichnen, damals galt sie aber als eine patriotische That, weil der Zoll als ungerecht und illegal angesehen wurde.
37Boston.Auf den Common-Park blickt der Renaissancebau des State - House, dessen goldene Kuppel eingangs erwähnt wurde. Letztere liegt unter 42° 21′5 nördl. Breite und 71° 4′ westl. Länge von Green - wich. In der überaus prächtigen Commonwealth-Avenue (D) erhält der Park eine originelle Fortsetzung nach West-Boston. Diese Avenue ist die breiteste der Stadt; ihren mittleren Theil nehmen in der ganzen Länge von zwei Kilometern Parkanlagen ein, an deren Seiten die Fahrwege führen. Durch den Luxus der dortigen Paläste und Prunk - bauten präsentirt die Avenue sich als eine sehenswerthe Weltstrasse von seltener Grossartigkeit. Die Haupt-Strassenzüge von West-Boston laufen mit der erwähnten Avenue parallel und bilden das glanzvolle Hauptquartier der Aristokratie der Stadt.
Der Gesammteindruck von Boston ist ein durchaus angenehmer und äusserst fesselnder.
Nach der Grösse seiner Bevölkerung ist Boston die vierte Stadt der Vereinigten Staaten von Amerika. Es hatte nach dem allge - meinen Census vom 1. Juni 1880 437.290 Einwohner. Für 1889 wird die Bevölkerung auf 542.000 Seelen geschätzt. Der tonange - bende Theil der Bevölkerung der Stadt verleugnet ebensowenig, wie die der Neuengland-Staaten überhaupt, den Charakter seines Ursprungs. Bibelfeste Puritaner, die man in England als Dissenters und Non - conformisten bedrückte, weil sie mit den Satzungen der bischöf - lichen Staatskirche nicht übereinstimmten, hatten dieses bewaldete Land zu ihrer neuen Heimat erwählt.
Hier sind, unter der Breite von Rom, die Winter so kalt, wie die von Memel an der Nordspitze Ostpreussens, die Sommer so heiss, wie die von Budapest. Nur durch angestrengte Arbeit und unermüdlichen Fleiss konnten die Colonisten dem Boden die nöthigen Bedürfnisse abringen. Dieselbe Hand, welche den Pflug lenkte, musste aber auch gewöhnt sein, den Carabiner zu führen, denn Tag und Nacht galt es, das dem Boden Abgewonnene gegen die räuberischen Indianer zu vertheidigen. Dieser schwere Kampf gegen Natur und Menschen erzog ein hartes, kühnes, unternehmendes, aber auch freiheitliebendes Volk. Seine Verfassung und Gemeinde - ordnung war eine demokratische, denn alle waren auf Arbeit ange - wiesen und von gemeinsamen Gefahren umgeben. In religiösen Fragen war man tolerant, hatte man doch zumeist aus Gründen religiöser Verfolgung die Heimat verlassen, aber in der Ausübung der eigenen Religion fanatisch streng. In Allen lebte die Ueberzeugung, dass sie von der Hand der Vorsehung zu Besonderem auserwählt seien. Diese38Die atlantische Küste von Amerika.zähe und hartköpfige Race, welche Musik und Tanz für Sünde hielt, bildete den Grundstock der grossen demokratischen Republik, deren Geburtsstadt Boston ist. Wenn auch zwischen dem Denken und Fühlen der heutigen Amerikaner und jenem der alten Puritaner ein him - melweiter Unterschied ist, so ist doch nicht zu verkennen, dass ihr Geist dem ganzen Culturleben der Union gewissermassen die Grund - farbe gibt; ja die Neuengland-Staaten haben für alle Staaten bis an den stillen Ocean bis heute und wohl noch für lange entschieden die geistige Führerschaft.
Der Einwanderer englischer Abstammung fügt sich diesem Geiste leicht, die anderen Nationen dürfen sich gegen die herrschende Sitte nicht auflehnen.
Ein sichtbares Zeichen dieser Macht ist die Heiligung des Sonn - tags nach der strengen Weise der Puritaner. Selbst die katholische Kirche, die ihren Gläubigen in anderen Ländern am Tage des Herrn die Aeusserung heiteren Frohsinnes nicht verwehrt, musste sich in der Union dem heimischen Gebrauche anbequemen.
Von den Neuengland-Staaten geht die Temperenz-Bewegung in der Union aus, welche gegen den Genuss geistiger Getränke, selbst gegen den des Bieres, gerichtet ist. In Maine, das im äusser - sten Nordwesten der Union liegt und eine Bevölkerung von 649.000 Seelen hat, dürfen nach einem Gesetze vom Jahre 1851 geistige Ge - tränke weder erzeugt noch verkauft werden. Nur in den Apotheken kann man sich solche verschaffen.
Auch die Agitation gegen die starke Einwanderung der letzten zwanzig Jahre in die Union hat hier ihren Sitz.
In den Neuengland-Staaten verwandelten sich die aristokratisch angehauchten Briten in die „ Yankees “, jenen originalen Menschen - typus, welcher der so heterogenen Bevölkerung Nordamerikas den geistigen Stempel aufdrückt und die Söhne der verschiedensten Völker und Racen zu einem neuen Volke amalgamirt.
Für den richtigen Nordamerikaner ist Boston die Stadt der freien Sitte, ebenso wie für den Romanen Paris. Boston ist für die Amerikaner viel mehr eine echt amerikanische Stadt, als New-York. Boston ist in gewisser Weise die geistige Capitale der Union.
Hier in Boston bildet ein reiches erbgesessenes Bürgerthum den Grundstock der Gesellschaft; unter ihnen bewegen sich Nachkommen der berühmten „ Mayflower “- Einwanderer aus dem XVII. Jahrhunderte, fast mit aristokratischen Alluren. Diesem gebildeten, soliden Reich - thume verdankt Boston seine vielen wissenschaftlichen und künst -39Boston.lerischen Institute, welche selbst von denen New-Yorks den Leistungen nach nicht übertroffen werden. Es wäre aber ganz falsch, Boston als eine Stadt aufzufassen, wohin sich bloss reiche Amerikaner zurück - ziehen, um die erworbenen Vermögen mit Geist zu geniessen; das „ ameri - kanische Athen “ist vielmehr im tiefsten Kerne noch immer, was es von Anfang war, eine Kaufmannstadt.
Die Bostoner Kaufleute hatten schon im XVIII. Jahrhunderte den Ruf grosser Tüchtigkeit und Schlauheit, doch herrscht hier im Ge - schäftsleben ein vornehmerer Ton als anderswo. Wenn die Capita - listen Bostons für ein Unternehmen eintreten, so wird es auf solider Basis durchgeführt. Sie haben in kurzer Zeit das imposante Eisenbahnnetz von Mexico geschaffen, um die romanische Nachbar - republik wirthschaftlich an die Vereinigten Staaten zu ketten und der hochentwickelten Industrie der Neuengland-Staaten ein unbestrittenes Absatzfeld zu sichern.
Sie betheiligten sich im Westen des eigenen Landes in aus - gedehntem Masse am Baue der Eisenbahnen, an Industrie - und Ackerbauunternehmungen. Da nun die gesteigerte Concurrenz auch dort schon den Gewinn gegen frühere Jahre bedeutend geschmälert hat, so werfen sie jetzt ein grösseres Augenmerk auf den lang ver - nachlässigten Süden der Vereinigten Staaten, der in der That einer raschen Blüthe auf allen Gebieten der Production entgegenzugehen scheint.
Boston ist aber auch eine hervorragende Industriestadt, für Lederindustrie wohl der erste Platz der Union. Sehr ansehnlich ist die Fabrication von Metallwaaren, Maschinen, Glas, Zucker, Wolle, Baumwolle, Bier.
Die Bedürfnisse dieser Industrien Bostons und seiner Hinterländer einerseits, die natürliche Production dieser Hinterländer andererseits spiegeln sich in dem Handel dieser Hafenstadt ab.
Als Handelsplatz ist Boston der wichtigste Ort der Neu-Englandstaaten, einer der vier Welthäfen der Union am atlantischen Ocean, der nur von New-York an Bedeutung übertroffen wird und Philadelphia und Baltimore vorangeht.
Die geschäftliche Thätigkeit von Boston ist in erster Linie auf das ameri - kanische Binnenland gerichtet; und zwar bildet das Hinterland von Boston nicht allein der Nordosten der Union, sondern auch der reiche Süden von Canada. Für letzteren war Boston bis zur Eröffnung der kürzeren Verbindung zwischen Montreal und St. John (Neubraunschweig) der einzige Winterhafen, über welchen der Ver - kehr lohnend war. Von Südcanada und aus Chicago kommt der grösste Theil des lebenden Rindviehes, das über Boston nach den englischen Häfen Liverpool, London und Glasgow gesendet wird. Die Ausfuhr erreichte 1888 54.115 Stück im Werthe von 4·7 Millionen Dollars, 1887 43.660 Stück, 1886 45.215 Stück. Ueberdies40Die atlantische Küste von Amerika.wird in den Bostoner Schlächtereien „ Dressed Beef “hergestellt und nach Liver - pool verschifft. Die Ausfuhr von Producten der Schweinezucht stammt aus Chicago.
Ausfuhr von „ Provisions “1888:
Boston ist einer der grössten Butter märkte der Union.
Boston ist ferner ein wichtiger Exportplatz für Getreide, und zwar in erster Linie für Mais; für Weizenmehl ist es ein disponirender Platz. Ausgeführt wurden 1888 1,170.508 hl Mais, 231.141 hl Weizen, 100.832 q Maismehl, 1,327.738 q Weizenmehl, zusammen im Werthe von 10,751.851 Dollars; Exportwerth 1887 14,008.907 Dollars; 1886 14,044.441 Dollars.
Einer der wichtigsten Ausfuhrartikel ist rohe Baumwolle sowohl der Menge als dem Werthe nach. Ausfuhr 1888 547.799 q im Werthe von 12,596.990 Dollars; 1887 9,680.600 Dollars; 1886 10.520.797 Dollars. Blättertabak wurde 1888 (Fiscaljahr) in der Menge von 31.820 q (Werth 862.646 Dollars), 1887 in der Menge von 92.062 q (Werth 2,296.225 Dollars) ausgeführt. Das Jahr 1888 zeigt gegen das Vorjahr einen ähnlichen Rückschlag in der Tabakausfuhr Bostons, wie das Jahr 1880 gegen 1879. Erdöl wurde 1888 in der Menge von 203.100 hl (Werth 539.674 Dollars) ausgeführt.
Im Verkehre mit Südamerika spielen neben Mehl und Provisionen auch Bauhölzer eine grosse Rolle. Sie stammen zum Theile aus den Küstenprovinzen von Canada. Die rege Baulust, die seit einigen Jahren in Buenos Ayres, der Gross - stadt am La Plata, herrscht, hat den Handel sehr gefördert. Andere wichtige Be - stimmungsorte sind Rosario, Montevideo und die Südstaaten der Union. Diesem lebhaften südamerikanischen Verkehr dient seit 1888 auch einer der grössten Schooner der Welt mit fünf Masten, der die umfangreichste Ladung von Bauholz führte, die bis jetzt in einem Fahrzeuge verladen wurde. Alle diese Artikel sind in fremden Staaten erzeugt; aus Massachusetts selbst kommen nur Aepfel in steigenden Mengen nach Europa zur Ausfuhr.
Aus Boston und seiner Umgebung aber stammen die ausgeführten Industrie - producte, wie Baumwollfabricate. Diese werden in den benachbarten Orten Lowell, welches man das amerikanische Manchester nennt, in Fallriver, Lawrence und New-Bedford erzeugt; der Absatz nach Südamerika und Afrika steigt unaus - gesetzt.
In den Neu-Englandstaaten werden etwa 25 % alles Sohlenleders und 75 % alles Oberleders fabricirt; doch kommt fast sämmtliches in anderen Staaten gefertigtes Leder in Boston zum Verkauf. Die Erzeugung von Leder und Schuhwaaren ist die vornehmste Exportindustrie Bostons, in diesem Zweige geht die Stadt allen anderen Orten der Union voran.
Die Lederfabriken sind in und um Boston. Auch an den grossen Gerbereien im Conemaughthale des Districtes Cambria-Pennsylvania sind Bostoner Häuser be - theiligt. Durch die furchtbaren Ueberschwemmungen, welche im Mai 1889 dort Tausende von Menschenleben, Millionen Dollars Eigenthum vernichtet haben, ist dieses Thal in der ganzen Welt bekannt geworden.
[41]A Innerer Hafen von Boston (Inner Harbour), B Rettungsboot-Station (Lifeboat-Station), C Stadt-Park (Common Park), D West-Boston mit der Common Wealth-Avenue, E Maschinen-Haus, F Leuchtfeuer, G Anschüttungsterrain bei South-Boston, H Huntington Avenue, I Innerer Hafen, J Charles-River, K Mystic-River, L Chelsea-River, M Fort Independence, N Palmyra-Riff, O Cragies-Bridge (Brücke nach Charlestown), P Charles-River-Bridge (Brücke nach Charlestown), Q Warren-Bridge (Brücke nach Charlestown), R Congress-Street-Bridge (Brücke nach South-Boston), S Washington-Bridge (Brücke nach South-Boston), T Federal-Bridge (Brücke nach South-Boston), U Dover-Street-Bridge (Brücke nach South-Boston), V Prison Point-Bridge (Brücke nach East-Cambridge), W Washington-Strasse, X Navy-Yard (Arsenal der Kriegsmarine), Y Haymarket-Platz, Z Tremont-Strasse.
Die niedrigen Preise der Häute, welche jetzt um 35 % billiger sind als vor 10 Jahren und mit denen zugleich das Leder billiger wurde, haben wieder die Fabri - cation der Schuhwaaren auf die heutige Höhe gebracht. Sie lässt grossen Gewinn, weil die Preise des Schuhzeugs in der Zeit fast unverändert geblieben sind. Die Ausfuhr von Leder ist in steter Zunahme begriffen, sie umfasst jedoch bisher nur die geringeren Gattungen des Artikels. Der Versandt von Schuhwaaren aus Boston belief sich 1888 auf 3,276.344 Kisten zu je 24 Paaren, gegen 3,074.534 Kisten im Jahre 1887 und 2,874.172 Kisten 1886. Von den benachbarten Orten Brock - ton, Lynn, Haverhill und Milford wurden 1888 in Summe 1,044.478 Kisten Schuh - waaren verschickt. Die Lederfabrikanten beklagen sich, dass die Schuhe immer mehr an Stelle der Stiefel treten und dass der Lederconsum dadurch sich ver - mindere. Die Zufuhr von Häuten erfolgt zum Theile aus Montevideo, Buenos Ayres, Rio grande do Sul und erreicht jährlich 5 Millionen Dollars.
Andere Artikel der Einfuhr sind India Rubber, ferner Schafwolle für die Bedürfnisse der Fabriksstadt Lowell. Einfuhr von Schafwolle: 1888 (Fiscaljahr 1. Juli 1887 bis 30. Juni 1888) 221.800 q im Werthe von 7,653.244 Dollars, 1887 185.630 q im Werthe von 6,555.802 Dollars. Sie wird von den grossen Märkten in Antwerpen und London bezogen und stammt aus Australien und Südamerika, Carpet - wolle aus Brasilien und Aleppo. Da die Schafwollproduction der Union sinkt, weil auch sie mit den grossen Gebieten der Schafzucht auf der südlichen Erdhälfte nicht concurriren kann, so steigt der Verbrauch fremder Wollen. Wir ersehen dies auch aus der Grösse des Stocks von Schafwolle in dem Industriegebiete von Boston und Lowell. Ende 1887 waren von 137.336 q Wolle überhaupt 7058 q fremder Wollen, 1888 von 86.030 q schon 8011 q. Die Baumwoll - und Schafwollfabriken dieses Bezirkes beschicken die grossen Auctionen, die immer Ende Mai in New - York abgehalten werden. Man versucht, solche Auctionen auch in Boston einzu - führen.
Von Zucker wurden 1888 (Fiscaljahr 1. Juli 1887 bis 30. Juni 1888) 1,894.580 q im Werthe von 11,069.885 Dollars, 1887 2,006.940 q im Werthe von 11,065.487 Dollars eingeführt. Die Einfuhr Melasse erreichte 1888 230.637 hl im Werthe von 1,060.854 Dollars, 1887 227.360 hl im Werthe von 1,028.750 Dollars. Zucker und Melasse bilden den ersten Einfuhrartikel des Platzes. Das Geschäft für Rohzucker zerfällt der Zeit nach in zwei Theile; bis September beherrschen die Zufuhren aus Westindien, das ist aus Cuba und Portorico den Markt, von da bis zum Frühjahr die Sendungen aus Brasilien, Java, Manilla und die von Rübenzucker aus Europa, vornehmlich aus Deutschland. Die Ernte Westindiens entscheidet die Preise. In Boston sind immer grosse Vorräthe von Zucker, die in den dortigen grossen Raffinerien weiter verarbeitet werden. Von raffinirtem Zucker gelangen pulverisirter und granulirter zur Einfuhr.
Die Einfuhr von Kaffee steigt, weil in den letzten Jahren die Verbindungen mit Brasilien zahlreicher geworden sind: 1888 (Fiscaljahr) wurden 8.943 q im Werthe von 335.450 Dollars, 1887 5.669 q im Werthe von 202.715 Dollars ein - geführt.
Auch die Zufuhr von Orangen aus Florida ist durch häufige Dampfer - verbindungen und eine kürzere Eisenbahnverbindung, die 1888 hergestellt wurde, reichlicher geworden. Es kamen 1888 von dort 250.000 Kisten (zu je 20 Pfund englisch = 9·072 kg) an. Ist die Saison der Florida-Orangen zu Ende, so beginnt die Einfuhr der Südfrüchte vom Mittelmeere her, namentlich aus Sicilien. Von43Boston.dort wurden 1888 ungefähr 215.000 Kistchen Orangen und 70.000 Kistchen Citronen direct bezogen. Die Dampfer, deren man sich jetzt in diesem Zweige des Handels fast ausschliesslich bedient, laufen auf der Herreise wohl auch spanische Häfen, wie Valencia und Malaga, an, um mit der dortigen Frucht die Ladung zu vervollständigen. Der Verkauf geschieht auf öffentlichen Auctionen gleich nach Ankunft der Dampfer.
Aus Grossbritannien und den Niederlanden werden regelmässig Kartoffeln über Hamburg und Bremen, Bohnen aus Deutschland und Oesterreich eingeführt, wenn die Ernte der kleinen, weissen Gattung, die in der Union gebaut wird, misslingt.
Man führt ferner ein: Eier (1888 um 257.274 Dollars), Speiseöle aus Süd - europa, Wein, Bier und Spirituosen (1888 um 677.568 Dollars). Einen Haupttheil des Importes bilden jedoch die Producte der europäischen Textilindustrie, nament - lich Schafwollwaaren (Fiscaljahr 1888 3·3 Millionen Dollars), Leinenwaaren (1888 1·7 Millionen Dollars) und Baumwollwaaren (1888 1·6 Millionen Dollars), dann Chemikalien, Eisen und Stahl (Fiscaljahr 1888 5·6 Millionen Dollars), Papier, Glas - und Porzellanwaaren.
Bei Eisen ist zu bemerken, dass das aus Europa bezogene Eisen nicht mehr wie früher in den Neu-Englandstaaten verarbeitet wird, sondern direct nach Penn - sylvanien geht, wo es mit dem einheimischen Eisen vermischt wird. Die Eisen - industrie der Neu-Englandstaaten geht eben zurück, und namentlich die Nägel - fabriken, welche ehedem das ganze Land versorgten, müssen der Concurrenz der westlichen Staaten weichen.
Die Seefischerei war für Boston von jeher ein bedeutender Factor des Wohlstandes.
Der Hafen ist ein Ausgangspunkt für den Walfischfang. Von den 106 Schiffen, welche die Vereinigten Staaten darin beschäftigen, gehören 83 dem Staate Massa - chusetts an. Die reichsten „ Walfischwiesen “und das wichtigste Gebiet für den Fang der Stockfische und Robben sind die Gewässer im Süden von Neufoundland.
An den Küsten der Neu-Englandstaaten ist jedoch seit einigen Jahren der Betrieb der Fischerei sehr wenig ergiebig; die Fischer müssen nördliche Gewässer aufsuchen, die Preise für alle Fischgattungen sind gestiegen. Den grössten Rück - gang weist der Fang von Makrelen aus, dieser ergab 1885 330.033 Fässer, 1886 89.315, 1887 78.000 und 1888 gar nur 40.769 Fässer; man führt jetzt diesen Fisch aus England und Irland zu. Die Makrelen meiden die Nähe von Massa - chusetts und streichen an den Küsten der britischen Besitzungen. Von besonderer Wichtigkeit für den Markt sind Häringe und Stockfische.
Der Schiffbau, einst in Boston so bedeutend, bildet ein vernachlässigtes Gebiet der Industrie; man baut hier nur mehr kleine Küstenschooner und kleine Dampfer für den Localverkehr. Ansehnlicher ist der Schiffbau im Staate Maine, besonders in Portland, dessen wichtigstem Hafen. Die Concurrenz der grossen englischen Werften, wo man Stahlschiffe baut, vernichtet den Schiffbau Amerikas.
Schiffsverkehr Bostons:
Bei diesen Ziffern ist der Küstenhandel nicht eingerechnet; daher sind bei den auslaufenden Schiffen jene weggelassen, welche hier einliefen und dann nach New-York weiterreisten.
In dem hier ausgewiesenen Verkehre dominirt die englische Flagge mit drei Vierteln der gesammten Tonnenzahl; die amerikanische liefert nur 16 %; an dem Rest sind zumeist die norwegische, die belgische, die spanische und die deutsche Flagge betheiligt. Wenn wir von den Norwegern, diesen Frachtenführern der Meere, absehen, so erhalten wir im Verein mit den Bemerkungen über die Herkunft des Importes und die Richtung des Exportes ein Bild der Handels - stellung Bostons.
Etwa den vierten Theil des Verkehres vermitteln noch die Segelschiffe; ein Handelsartikel nach dem andern geht diesen verloren und wendet sich den Dampfern zu, so seit Anfang 1888 der ganze Zuckerimport; nur Melasse ist ihnen geblieben.
Die Küstenschiffahrt wird lebhaft mit den Provinzen Canadas und den Südstaaten betrieben; Landesfrüchte, Holz und Eis sind die wichtigsten Fracht - gegenstände. Von fremden Schiffen finden nur Dampfer Verwendung.
Boston liegt um drei Längengrade näher zu Europa als New-York; die Zahl seiner regelmässigen Dampferverbindungen mit Europa, nament - lich mit den englischen Plätzen Liverpool, London, Hull und Glasgow, ist 1888 stark gestiegen; manche reguläre Linien haben ihre Ab - fahrten auf fünf bis sechs im Monate ausgedehnt.
Die directe Post aus Europa kommt mit der Cunard-Line, die jeden Donnerstag von Liverpool über Queenstown nach Boston geht, und von dort jeden Sonnabend zurückkehrt. Boston ist auch ein wich - tiger Hafen für Einwanderer, von denen 1887 hier 46.819 Personen landeten. Die meisten gehen nach dem Westen, dagegen bleiben die zu Lande kommenden Canadier in Massachusetts und Vermont.
Die gegen Europa vorgeschobene Lage Bostons empfahl die Umgebung als Anknüpfungspunkt für transatlantische Kabel. In Boston landet das 1879 gelegte Kabel der Compagnie française du télégraphe de Paris à New-York, das von Brest ausgeht und in St. Pierre eine Zwischenstation macht. Drei weitere Kabel enden nicht weit von Boston.
Acht Eisenbahnen haben in Boston ihren Endpunkt. Die wichtig - sten sind die Küstenbahnen nach Nordosten, nach Portland und darüber hinaus; die Verbindung nach Montreal und Quebec im Norden; die Bahn, welche nach Westen über Albany, Buffalo, Toledo nach Chicago führt, und endlich die Linie über Providence und New-Haven nach New-York.
Der grosse Geldverkehr dieser reichen und unternehmenden Stadt, in der viele Bankinstitute ihren Sitz haben, wird durch ein Clearinghouse geregelt.
45Boston.Der Verkehr im auswärtigen Waarenhandel erreichte folgende Höhe:
An Einfuhrzöllen wurden in Boston 1888 21·2 Millionen Dollars, 1887 22·9 Millionen Dollars und 1886 20·9 Millionen Dollars eingehoben.
Consulate: Argentina, Belgien, Chile, Costarica, Dänemark, Deutsches Reich, Frankreich, Griechenland, Grossbritannien, Haïti, Hawaiï, Mexico, Nieder - lande, Nicaragua, Oesterreich-Ungarn, Peru, Spanien, Türkei (G. C.), Venezuela.
Boston hat auch den grösseren Theil des Handels von dem für den auswärtigen Verkehr jetzt in Niedergang begriffenen Portland an sich gezogen, das weiter gegen Nordosten im Staate Maine liegt, 33.810 Einwohner hat und Endpunkt der Grand Trunk Railway ist, welche Montreal mit dem Meere verbindet. Auch wird Portland als Winterhafen für die Dominion of Canada benützt, wenn die aus Europa kommenden Dampfer wegen Eisbildung in Halifax nicht einlaufen können.
Ueber Portland und Falmouth wurden im Fiscaljahre 1888 einheimische Waaren im Werthe von 1,377.680 Dollars ausgeführt, 1885 um 3,883.624 Dollars. Hauptartikel der Ausfuhr ist Holz. Die Einfuhr fremder Waaren erreichte 1888 einen Werth von 1,280.632 Dollars, und dürfte in Zukunft weit kleiner werden, weil wegen des amerikanischen Zuckertrustes die Raffinerie von Portland den Be - trieb eingestellt hat.
Portland ist sehr wichtig für den Bau von Schiffen und für die Küstenschiffahrt. Sein Schiffsverkehr mit dem Auslande erreichte 1888 im Eingange 80.543 Tons, im Ausgange 142.225 Tons.
Mit völlig elementarer Gewalt und viel rascher, wie in der alten Welt, vollzieht sich jenseits des Oceans das Anwachsen der Knoten - punkte des grossen Verkehres zu jenen gewaltigen Emporien, die eine markante Erscheinung der Gegenwart bilden.
Ein solcher Centralpunkt ist New-York, der leuchtendste Stern im Banner der Vereinigten Staaten, die grossartigste und mächtigste Handelsstadt Amerikas und vermöge Ausdehnung und Reichthum die Nebenbuhlerin selbst der hervorragendsten Grossstädte des Erdballs.
Den enormen Aufschwung hat die Stadt hauptsächlich der Gunst ihrer Lage und dem hochentwickelten Unternehmungsgeiste ihrer thätigen Bewohner zu danken. New-York hat mit unwiderstehlicher Ge - walt den directen Schiffsverkehr von den grössten Seeplätzen der Erde an sich gezogen und auf zahllosen Schienensträngen, die dort wie in einem Brennpunkte sich vereinigen, wie auf der herrlichen Wasser - strasse des Hudsonstromes, entsendet es den kräftigen Pulsschlag seines Lebens bis tief in das Herz des Continentes.
Die Stadt ist so recht eine Schöpfung der neuen Zeit; der tiefe Hintergrund einer ereignissreichen, classischen Geschichte mangelt ihr gänzlich.
Im Jahre 1524 soll Verrazzani, ein Florentiner Seefahrer, die Insel Manhattan entdeckt haben, die gegenwärtig das Häusermeer von New-York trägt, allein erst 1609 erscheint der im Dienste der hol - ländisch-ostindischen Gesellschaft stehende Engländer Hudson in dem nach ihm benannten Strome und gründet drei Jahre später die erste holländische Ansiedlung auf der erwähnten Insel, welche 1626 gegen einen Kaufpreis von 24 Dollars (in Waaren) von den Indianern an die Gesellschaft abgetreten wurde.
So entstand die Colonie Neu-Niederland, deren Hauptort Neu - Amsterdam den Keim des heutigen New-York gebildet hatte. Den47New-York.letzteren Namen erhielt die Stadt erst im Jahre 1664, als die Colonie in die Hände Englands fiel und dem Herzog Jakob von York ver - liehen wurde. Damals zählte New-York nur wenige Tausend Ein - wohner.
In der ersten Geschichtsperiode der Stadt ist manches Blatt den Kämpfen gegen die Indianer und den Aufständen der importirten Negersclaven gewidmet. Unter der Bedrückung und Ausbeutung der englischen Regierung hatte auch New-York zu leiden, aber bald brandet der unaufhaltsame Wellenschlag der Freiheitsbewegung auch am Hudson, und 1776 zieht Washington, „ der Vater des Vaterlandes, der Erste im Kriege, der Erste im Frieden, der Erste im Herzen seines Volkes “, als Sieger in der Stadt ein.
Sieben Jahre später erfolgt die Unabhängigkeitserklärung der 13 Frei-Staaten und 1783 der Friedensschluss mit England, ein Er - eigniss von tief eingreifender Bedeutung für die weitere Entwicklung der Union und deshalb der hervorragendste Markstein ihrer jungen Geschichte. Hiefür hat die vor Kurzem in allen Theilen des Landes mit stolzem Empfinden begangene Centennarfeier den glänzenden Be - weis erbracht.
Aber nicht allein der in freisinnigen Traditionen aufgewachsene Amerikaner, sondern wohl jeder Denkende wird von einem Gefühle der Bewunderung umfangen, wenn er des ungeahnten Aufschwunges aller Verhältnisse durch die Macht der freien Entwicklung gedenkt.
Diese letztere lenkte selbst die Denk - und Anschauungsweise der Bevölkerung in Richtungen, die mehrfach von jenen verschieden sind, die uns Europäer zu beherrschen pflegen. Obwohl Amerikaner vom Scheitel bis zur Sohle, ist der echte Sohn der Union gleichzeitig Weltbürger; die ganze Erde ist das Gebiet seiner Thätigkeit, seines Schaffens.
Die Grossartigkeit der heimatlichen Verhältnisse hat in seiner Vorstellung selbst die weiten Gebiete der Oceane reducirt; die Redens - art: „ J am going on the other side “, ich gehe an die jenseitige Küste, das heisst über den Ocean nach Europa, kennzeichnet das Weltbürger - thum des Amerikaners am besten.
Von der Ausdehnung des Schiffahrtsverkehres in den Gewässern von New-York empfängt man die ersten mächtigen Eindrücke schon vor der Einfahrt in die grosse Bucht bei Sandy-Hook, einer mit Doppelleuchtfeuer markirten sandigen Düne. Die imposantesten Dampfer und zahllose Segler jeder Grösse steuern hier an uns vorbei, New -48Die atlantische Küste von Amerika.York ist das Ziel ihrer Fahrt. Ebenso streben ganze Flotten von beladenen Schiffen der Atlantis zu.
Die Thatsache, dass in New-York jährlich beiläufig 30.000 Schiffe, worunter über 5000 Dampfer, ein - und auslaufen, beleuchtet am besten die Lebhaftigkeit des Verkehres.
Die Zufahrt in die Bai von New-York ist infolge zahlreicher Untiefen, wie auch wegen der Ablagerungen des Hudson, die dort Sandbarren bildeten, von vielerlei Fährlichkeiten begleitet. Durch das Barrenlabyrinth winden sich nur zwei für die grössten Schiffe passir - bare Canäle.
Das bei Sandy-Hook vier Seemeilen weit in See verankerte Leuchtschiff mit rothem Doppelfeuer markirt die Nähe der Einfahrt. Von hier aus ist New-York noch 18 Seemeilen entfernt.
Da nun sowohl Dampf - als Segelschiffe an die Aufnahme von Lootsen gebunden sind, so findet man die Fahrzeuge der letzteren nicht nur bei Sandy-Hook, sondern oft schon im Umkreise von 100, ja sogar von 300 Meilen weit auf hoher See. Nach Passirung der Barre steuern die Schiffe nun gegen die Engen (narrows) zwischen Staten und Long-Island, welche den Schlüssel für die Einfahrt in die obere Bucht von New-York bilden. Die hier auf eine Seemeile an - einanderrückenden Hügel der genannten Inseln tragen deshalb auch bedeutende Fortificationen.
Zahlreiche Villeggiaturen in der Umgebung einer reichen Vege - tation geben den Narrows viel landschaftlichen Reiz, aber beim Vordringen in die obere Bai von New-York tritt an die Stelle der lieblichen Ufer das überraschende Bild des enormen Lebensapparates von New-York, das in seiner Grossartigkeit wohl einzig dasteht.
Der Schiffsverkehr scheint sich hier zu verdoppeln, rastlos eilen Dampfer, Segler und Boote einher, und am Horizonte streben tausende von qualmenden Schloten empor. Aus Dunst und Rauch entwickeln sich allmälig die Umrisse kolossaler Baulichkeiten, bis die endlos er - scheinende Stadt, über der an allen Punkten weisse Dampfwolken aufsteigen, sichtbar wird. In seiner Grossartigkeit ist das Bild fast unheimlich, an einzelnen Stellen wieder bis zur Rauheit un - freundlich.
Das Wahrzeichen von New-York ist die ostwärts gewendete Kolossal-Statue der Freiheit. Der Zufall fügte es, dass die Göttin des Lichtes den Fuss auf die Fundamente eines düsteren Forts gesetzt, welches den flachen Rücken des nahe der Stadt liegenden Bedloes - Eilandes gekrönt hatte. Die 46 m hohe, erst im Jahre 1886 vollendete49New-York.Statue Bartholdi’s, die grösste der Welt, bildet mit ihrem imposanten Unterbaue aus Granit ein Unicum unter den Leuchtthürmen. Aus 93 m Höhe über dem Meeresspiegel entsendet die Freiheitsgöttin blen - dende Strahlen elektrischen Lichtes meilenweit über Land und Meer.
Zu den charakteristischen Punkten der Rhede gehören noch das räumlich unbedeutende Ellis-Eiland unter der Jersey-Küste und Go - vernors-Insel unter Brooklyn. Auf letztgenannter, durch reizende
New-York (Hafen-Einfahrt).
Anlagen gezierten Insel weilt der Militärgouverneur von New-York. Eine mächtige Citadelle, das Fort Columbus, nimmt die Mitte der Insel ein. Hier leisten vorbeifahrende Kriegsschiffe den Geschützsalut an die Flagge der Vereinigten Staaten und aus den Geschützen des Forts erdröhnt die Erwiderung.
Die Sinne des Ankommenden werden fortan durch den über - wältigenden Eindruck umfangen, welchen die nun in ihrer weiten Aus - dehnung sich erschliessenden inneren Hafenbecken mit ihrem unbe - schreiblichen Getriebe hervorbringen.
Die Seehäfen des Weltverkehrs. II. Band. 750Die atlantische Küste von Amerika.Links von der Battery, der südlichsten Spitze der die Stadt New-York tragenden Manhattan-Insel, öffnet sich vor dem Blicke der mächtige, in fast gerader Richtung gestreckte Arm des Hudson - oder North-River, rechts der East-River mit seinen Windungen und Buchten. Beide umspülen die Gestade der eigentlichen Stadt New-York, während ihre Schwesterstädte Brooklyn am linken Ufer des East-River, Jersey - City und Hoboken hingegen am rechten Hudson-Ufer ihr gegenüber liegen.
Nicht allein die Grösse der himmelanstrebenden Paläste New - Yorks, nicht die unzähligen Kirchthürme und die seltsamen Formen der kolossalen, merkantilen und industriellen Zwecken dienenden Baulichkeiten, noch das majestätisch auf Hügeln erbaute Brooklyn sind es, welche uns fesseln, sondern das jede Vorstellung über - bietende Leben und Treiben auf der Wasserfläche tritt in den Vorder - grund unseres Interesses.
Die breiten Wasserstrassen haben die directe Verbindung der Schwesterstädte durch viele Brücken nicht möglich gemacht; daher vollzieht sich täglich eine wahre Völkerwanderung zu Schiff zwischen den Ufern der beiden Flüsse. New-Yorks thätige Bevölkerung hat die bestmöglichen Verkehrsmittel an jenen prächtige Dampfbooten, welche ganze Ortbewohnerschaften sammt Hab und Gut, Wagen und Pferd in wenigen Minuten von den meilenweit entlegenen Punkten eines Stadttheils zu einem anderen überführen können. Solcher Boote verkehren gegen 400, alle „ full speed “, mit ganzer Kraft, rauchend, pustend und pfeifend, und trotz dieses betäubenden Getöses werden die Ausweicheregeln pünktlich befolgt, so dass höchst selten Unfälle vorkommen.
Der gewaltige Hudson bildet das Endziel der prächtigen Post - dampfer des europäischen Verkehrs, welche zumeist die Gestade von Jersey-City und Hoboken, das wahre Centrum des Eisenbahnnetzes, aufsuchen.
Der Hauptverkehr von hoher See wendet sich hingegen nach dem East-River, welcher sich im oberen Laufe sehr verengt, überdies durch seine zahlreichen natürlichen Buchten und Einschnitte den Schiffen insbesondere im Winter bessere Zufluchtsstätten bietet.
Alles sucht Schutz in seinem schirmenden Arme, wo das mari - time Hilfspersonal, alle dienstbaren Fahrzeuge, unzählige Schlepp - dampfer (boxer) und tausende von arbeitsamen Menschen concentrirt sind. Zahllose Localboote verkehren auch am East-River, auf dem das ruhelose Treiben den Höhepunkt erreicht.
51New-York.Ambulanten Städten gleich, verschieben sich die schwimmenden Gebäude vor den dahinterliegenden Häusermassen, welche in erhabener Ruhe den Hintergrund bilden.
Wie ein herrlicher Rahmen spannt sich über dieses Bild in schwindelnder Höhe, und nur über zwei mächtige Thürme geführt, jenes Wunderwerk, die East-River-Schwebebrücke (Suspension - oder kurzweg Brooklyn-Bridge genannt), welche die Schwesterstädte New - York und Brooklyn seit wenigen Jahren vereint. Mit vollem Rechte verdient das geniale Werk als ein Triumph der Ingenieurkunst be - zeichnet zu werden. Unter ihrem Scheitel passiren die stolzest ge - takelten Seeschiffe, da die höchsten Mastspitzen kaum an sie heran - reichen, und über ihren Rücken schreiten jährlich 40 Millionen Men - schen, per Bahn, Achse oder zu Fuss. Ein herrliches Panorama ge - niesst man von ihrer Mitte aus. Weithin überblickt man New-Jersey, den Hudson bis zu den fernen, ihn begrenzenden Bergen, man sieht die endlos scheinenden Städte, das malerische Long-Island und Staten - Island, und durch die Narrows eröffnet sich auch ein Ausblick auf den weiten Ocean.
Die Verhältnisse und Bedürfnisse des Seeverkehres haben in New-York nicht nur zu den besten Verkehrseinrichtungen geführt, son - dern es wurde auch ein ebenso tüchtiges wie verlässliches Personal grossgezogen, welchem sich die Bevölkerung mit Beruhigung anvertraut. Die Hafenämter erfüllen ehrenvoll den Zweck und ihr ausübendes Per - sonal die schweren Pflichten, welche ihnen die Regelung des Seever - kehres auferlegt. Der Lootsen - und Hafendienst ist vorzüglich organi - sirt, die Quais, Docks und sonstigen Hafenanlagen sind, wenn auch nicht schön, doch zweckentsprechend ausgestattet und ausreichend. Stabile Steinbauten sind indes selten; Anlegedämme (Piers) aus Pfählen oder combinirte Bauten aus Stein und Holz, welche den Eisverhält - nissen im Winter und der Gezeitenströmung besser entsprechen, sind bevorzugt. Ebbe und Flut treiben nämlich auch hier ihr unausge - setztes Spiel, und selbst des Hudsons Macht unterliegt an seiner Mün - dung den Gesetzen des Oceans.
Für die sanitären und klimatischen Verhältnisse New-Yorks ist die Nähe des Oceans von hoher Bedeutung. Obwohl es in der Breite von 41° N. bei Länge 74° West von Greenwich, also in der Höhe Neapels gelegen ist, und obwohl die Jahresmitteltemperatur + 12°C. erreicht, sind die Temperaturunterschiede New-Yorks doch excessive. Die erlahmende drückende Hitze der Hochsommertage wird durch die wohlthuenden, aus dem Ocean einströmenden Brisen gemässigt, und7*52Die atlantische Küste von Amerika.ebenso verhindert der directe Einfluss der See, dass der Hafen in strenger Winterszeit durch Eismassen sich schliesst. In seltenen Fällen ereignet es sich zwar, dass durch schweres Eis fast aller Verkehr für kurze Zeit stagnirt; dann gleichen Hudson und Bay fast einer polaren Gegend. Doch dauert dies nie lange, aber die Herrschaft des Winters mit seinen orkanartigen, meist aus Nordwest tobenden Stürmen und den starken Schneefällen wird oft zur Geissel der Navigation in der Bucht von New-York und vor der Einfahrt in dieselbe. Fast in jedem Winter ereignen sich an dieser Küste Unfälle, welchen Menschen - leben und grosse Werthe zum Opfer fallen.
Das Winterbild des Hafens ist eigenthümlich. Die verkehrenden Dampfboote sind mit dicken Eiskrusten bedeckt, und Eisbrecher mit mächtigen Sporen trachten die wichtigsten Verkehrsadern offen zu halten. Dennoch ereignet es sich, dass selbst Ferryboote auf ihrer kurzen Route von einem zum anderen Ufer der Eismassen wegen plötzlich die Fahrt zu hemmen gezwungen sind. Dann schlägt man Brücken über die Eisdecke und befreit die Gefangenen; doch sobald die Verhältnisse es nur irgend ermöglichen, werden die Fahrten wieder aufgenommen. Leichtes Eis überwältigen die wohlconstruirten Fahr - zeuge mit eigener Kraft.
Ein anderes grosses Hemmniss für den Verkehr sind die im Frühjahre und Herbst oft einsetzenden dichten Nebel. Für die nahen Strecken des Localverkehres hat man auf Mittel gesonnen, dieser Calamität zu begegnen. Mit bewundernswerther Geschicklichkeit führen die Capitäne ihre Fahrzeuge, einzig dem Schalle horchend, in das undurchdringliche Grau. Sowohl die Schiffe selbst als auch deren Anlegestationen haben nämlich gleichartige akustische Apparate, welche fortwährend in Thätigkeit erhalten werden. Welch sonderbares Con - cert bei der Verschiedenartigkeit der Töne und der Unzahl der Fahr - zeuge! Bald sind es helle Glocken, bald erschütternde tiefe Töne der Dampfpfeifen, oder die ergreifenden Klänge oder ganze Accorde von Aeolsharfen, mit welchen Schiff und Station sich anzulocken trachten. Dennoch vollziehen sich Ankunft und Abfahrt mit staunenswerther Präcision und Raschheit.
Die Fahrpreise auf Ferrybooten für das Uebersetzen auf das jen - seitige Stadtufer sind äusserst niedrig; sie betragen nur 1 Cent in den Morgen - und Abendstunden, unter Tags aber 2 Cent.
Nach dem letzten Census im Jahre 1880 entfielen auf New-York allein 1,206.300 Einwohner, auf Brooklyn 566.663, auf Jersey-City und Hoboken 151.721, Long-Island-City 17.129, also zusammen[53]
New-York.
54Die atlantische Küste von Amerika.1,941.813 Einwohner. Hiezu kommen noch 100.000 ambulante Fremde. Wird aber das ganze unmittelbare Abhängigkeitsgebiet von New-York in Betracht gezogen, also die sogenannten Vorstädte, so müssen Newark mit 136.508, Elizabeth mit 25.000 Einwohnern und andere Städte, die nur als Wohnorte von New-Yorker Geschäftsleuten gelten, hinzugerechnet werden. Allein auch ohne diese Addition darf der heutige Wohnplatz von New-York schon durch die seit 1880 erfolgte Zunahme der Bevölkerung auf eine Einwohnerzahl von rund zweiundeinhalb Millionen geschätzt werden.
Die eigentliche Stadt New-York nimmt nicht nur die ganze Fläche der Manhattan-Insel ein, sondern sie hat den Harlem-River im Norden schon längst überschritten.
Immer zahlreicher werden die Brücken und Schienenstränge, welche die Insel mit dem herrlichen Hinterlande Westchester ver - binden, und von den 24 Bezirken, in welche die Stadt New-York zerfällt, gehören 22 dem insularen, 2 dem Gebiete am Festlande an.
Der belebteste Stadtheil ist die untere Stadt (down-town) an der südlichsten Spitze der Insel, wo das geschäftliche Leben concentrirt ist. Dort liegt die prächtige, von granitenen Quais umrandete Park - anlage Battery, von der aus die ganze Bai und die vorliegenden Inseln übersehen werden.
In unmittelbarer Nähe steht Castle-Garden, das weltbekannte Gebäude für die Einwanderer, das Eingangsthor in die neue Welt, zum Glücke oder zum Verderben. Unter dem Schutzdache des Castle Garden ist die erste Etappe auf dem Pfade des Erwerbes.
An Castle-Garden schliesst sich unmittelbar die untere Stadt mit ihren engen und düsteren Strassen an. Hier herrscht das regste Leben, denn die hier stehenden, meist 8, auch 10 Stockwerke hohen Gebäude bergen alle nur erdenklichen geschäftlichen und politischen Bureaux, die Consulate, Agenturen, Geschäftslocale u. dgl. Die gesammte Be - völkerung New-Yorks scheint der Südspitze der Stadt zuzuströmen oder sich von hier in die grossen Adern ihres Verkehres zu ergiessen.
Die Gestalt der Manhattan-Insel hat das räumliche Anwachsen von New-York in der Längsrichtung bedingt. Gegenwärtig misst die Stadt 29·6 km in der Länge, wovon 25 km auf den insularen Theil entfallen, während die durchschnittliche Breite 4·4 km beträgt. Der weitaus grössere, erst in diesem Jahrhundert entstandene Stadttheil zeigt in seiner Anlage ein fast mathematisches Gepräge. Unüberseh - bare Avenuen, die ganze Länge der Insel durchziehend, stellen ein System von Abscissen und die sie schnurgerade und senkrecht durch -55New-York.kreuzenden Strassen ein solches von Ordinaten dar. Auf unseren Plänen von New-York haben wir das System durch erklärende Buch - staben und Ziffern veranschaulicht.
Die Avenuen, vom Osten der Stadt gegen Westen gezählt, werden mit Nummern von 1 bis 12 benannt, von welcher Bezeichnung nur Lexington - und Madison-Avenue eine Ausnahme machen. Erstere liegt zwischen der 3. und 4., letztere zwischen der 5. und 6. Avenue, so dass sich die Gesammtzahl der Avenuen auf 14 beläuft.
Die Strassen der Neustadt sind ebenfalls nur mit Nummern be - zeichnet, welche ihren Anfang im Anschlusse an die Down-Town haben, wo sie noch durch die Querzüge der älteren mit Namen bezeichneten Strassen begrenzt sind. Erst die 14. Strasse durchzieht die ganze Breite der Insel vom Ufer des Hudson bis zu jenem des East-River, desgleichen alle folgenden bis zur 155., der nördlichsten, diesseits des Harlem-River gelegenen, insoferne sie nicht wie die 66. bis 110 durch den Centralpark, diese herrliche Oase in der Häusermasse von New-York, eine wohlthuende Unterbrechung erfahren. Die 5. Avenue ist die eigentliche Achse dieses Strassennetzes. Sie theilt New-York in eine östliche und westliche Hälfte.
Der Stempel der Einförmigkeit, welcher den Strassen New-Yorks durch deren Anlage aufgeprägt ist, wird jedoch wett gemacht durch das dort herrschende rege Leben.
Der über 9 km lange Broadway, welcher vom südlichsten Theile der Down-Town durch diese gegen Nord zieht und wie ein muthwil - liger Strich auf symmetrischem Plane die neuere Stadt bis zum Cen - tralpark schräge durchläuft, ist weltberühmt.
Er ist die Pulsader der Stadt; an seinen Borden ist nicht nur Pracht und Luxus ausgestellt, sondern jeglicher Handel und alle Ge - werbe entfalten dort ihr Schaugepränge. Die kaufmännische Thätigkeit hat hier das Hauptquartier aufgeschlagen.
Fast alle Häuser des Broadway sind bis in die obersten Stock - werke nichts anderes als grossartige Magazine, ein Markt nicht nur für die Stadt, sondern auch für all die entfernten Handelsplätze der Vereinigten Staaten.
Aushängeschilder in allen Formen und Farben und mächtige Annoncen trachten das Interesse der Passanten zu wecken und zu fesseln.
Zu allen Tages - und Abendzeiten wogt die Menge die Trottoirs entlang, während das Rollen und Gerassel unzähliger Wagen und der Pferdebahn die Strasse mit einem wahrhaft betäubenden Getöse erfüllt. 56Die atlantische Küste von Amerika.Den Gipfelpunkt erreicht dies Getriebe in der Höhe von Wallstreet, der Strasse der Banken und Crösusse.
Vorüber an Trinity-Church, wo der blumengeschmückte Friedhof und weiterhin auch das Prachtgebäude der Equitable-Life-Insurance - Company ein seltsames Memento mori wachrufen, bis zu St. Pauls Church-Yard, wo der Broadway über die Breite gewöhnlicher Strassen sich erweitert, herrscht das dichteste Gedränge.
Das Ueberschreiten des Broadway ist hier mit Mühe und Gefahr verbunden und erfordert grosse Geschicklichkeit.
Durch Union-Square, einen schönen Platz, welcher mit den Statuen Washington’s, Lincoln’s und Lafaytte’s geschmückt ist, erleidet die gerade Linie des Broadway eine Unterbrechung und nochmals eine solche bei dem Garten von Madison-Square. Hier ist das Centrum der Vergnügungswelt, des Reichthumes und der Noblesse. Neben Theatern und Musikhallen stehen hier die besten Hotels, die ele - gantesten Clubhäuser, welche New-York aufzuweisen vermag.
Obwohl New-York herrliche, an Grösse einzig dastehende öffent - liche Gebäude besitzt, nahe an 500 Kirchen zählt und die Palais in Strassen und Avenuen in Pracht und Luxus förmlich wetteifern, kann ein allgemein bevorzugter Baustyl nicht wahrgenommen werden. Am Broadway, wie in den meisten fashionablen Avenuen und Strassen herrscht eine bunte Abwechslung; dagegen ist das Gros der Häuser - zeilen von einer so nüchternen Einförmigkeit, dass man annehmen könnte, es ziehe sich meilenweit ein und dasselbe Gebäude dahin.
Der hervorragendste historische Platz New-Yorks ist Bowling-Green, ein Platz der Down-Town, an welchem die Wiege New-Yorks ge - standen, indem die sechs, derzeit die Südseite des Platzes einfassenden Gebäude jene Stelle bedecken, auf welcher einst das alte holländische, später englische Fort gestanden hat; das Washington-Gebäude, Broad - way Nr. 1, war die Stätte des Hauptquartiers des General Washington. City-Hall, das Stadthaus, mit der Statue Washington’s, Sub-Treasury, das Schatzamt, in dorischem Style aus weissem Marmor erbaut, die Frucht - und Effectenbörse, das Zollamt, das Gebäude der Unionbank, jenes der Manhattancompany, das Post-Office, Western-Union-Telegraph - Comp., Court-House (Gerichtshof), das Palais der Staatszeitung, der Equitable-Versicherungsgesellschaft gehören zu den weitaus bedeutendsten Gebäuden der Stadt.
Unter der grossen Zahl von Kirchen in New-York, die insge - sammt wegen der strengen Sonntagsheiligung ausserordentlich stark besucht werden, und deren es für alle Religionen und Secten gibt,57New York.ist ihrer Grösse und Vornehmheit wegen die Trinity-Kirche er - wähnenswerth. Ebenso verdient die neue katholische (St. Patriks) Kathedrale als herrlichste Zierde der 5. Avenue besondere Beachtung. Sie ist ein herrlicher, aus weissem Marmor aufgeführter gothischer Bau, der als das schönste Gotteshaus New-Yorks und der neuen Welt gilt. Von den Galerien ihrer 100 m hohen Thürme eröffnet sich ein herrlicher Rundblick über New-York und dessen Umgebung.
New-York verfügt über ausgezeichnete Hotels: Fifth-Avenue, Park-Avenue, Metropolitan-Hotel, Astor-House gehören zu den hervor - ragendsten. Ueberdies gibt es unzählige Boarding-Houses, Pensionen, Restaurationen für den feinsten Geschmack, wie Delmonico, und wieder andere für die grosse Mehrzahl jener, denen nur bescheidene Mittel zur Verfügung stehen.
Zu den ebenso grossartigen wie dieser Weltstadt zur Ehre ge - reichenden Anlagen, welche die vitalsten Interessen seiner enormen Bevölkerung begünstigen, gehören die Wasserwerke, der Central - bahnhof (Central-Railway-Depot) und die charakteristischen Hoch - bahnen, die Elevated-Railways.
Die Wasserversorgung erhält die Stadt vom unbedeutenden Crotonflusse aus Westchester, aus einer Entfernung von circa 75 km. Schon im Jahre 1842 war der Aquäduct, welcher das gesunde, krystallhelle Wasser aus der herrlichen Region der Croton-Wasser - scheide über den Harlem-River nach dem Vertheilungsreservoir in das Herz von New-York führt, fertiggestellt. Mit immensen Kosten wurden im Centralpark ein Vorreservoir und noch mehrere andere Reservoirs angelegt, welche fast anderthalb Milliarden Gallonen Wasser ein - sammeln. Durch geeignete Pumpwerke und hohe Wasserthürme wurde auch für Speisung der höchstgelegenen Punkte der Stadt Vorsorge getroffen. Die Kosten dieser Anlagen betrugen 30 Millionen Dollars. Der tägliche Wasserverbrauch New-Yorks stellt sich auf 95 Millionen Gallonen.
Ebenso kunstvoll ausgeführt wie genial erdacht ist die Ver - einigung der Bahnen im Centrum der Stadt. Durch Tunnels unter dem Strassenniveau, wodurch der Verkehr in den Strassen unbeinflusst bleibt, sind die Bahnen zur Centralstation geleitet. Von den 20 ver - schiedenen Bahnen (jene auf Long-Island ausgenommen), deren Aus - gangspunkt New-York ist, haben nur drei ihren Bahnhof im Central - depot und hiemit im eigentlichen Stadtgebiete. Dies sind die „ New - York-Central & Hudson-River - “, „ New-York & Harlem - “und „ New - York-New-Haven & Hartford-Bahn “.
Die Seehäfen des Weltverkehrs. II. Band 858Die atlantische Küste von Amerika.Die prachtvolle dreitheilige Halle dieses in der Höhe der 42. Strasse liegenden Central-Bahnhofes kann 30 Zügen unter ihren Dächern vollkommen Schutz gewähren, und die Gebäude sind mit allem Comfort ausgestattet. Die auf den drei Hauptgeleisen lau - fenden Züge sinken schon nach wenig hundert Metern Laufes unter das Strassenniveau in einen der Tunnels und steigen erst kurz vor dem Uebergange über den Harlem-River wieder in das Terrain auf.
Alle anderen Bahnhöfe, mit Ausnahme jener von Long-Island, welche ihre Centralen in Brooklyn haben, liegen jenseits des Hudson in Jersey-City oder Hoboken. Ein zweiter Bahnhof der New-York & Harlem-Bahn, welcher am Ufer des Hudson-River in der Höhe der 30. Strasse liegt, wird meist nur von Localzügen berührt.
Die ungeheure Längenausdehnung New-Yorks, der Umstand, dass fast dessen gesammte, dem Geschäfte und der Arbeit zuströmende Bevölkerung genöthigt ist, ihre Wohnsitze in den vom Ziele der Arbeit weitab liegenden Stadttheilen aufzuschlagen, hat schliesslich zur Er - richtung von Hochbahnen geführt, welche mit Dampf betrieben werden. Omnibusse und Fuhrwerke, selbst die in reichlicher Zahl die Stadt in der Länge und Quere durchlaufenden Pferdebahnen haben für die sich täglich, insbesondere in den Morgen - und Abenstunden vollziehenden Völkerwanderungen kaum mehr genügt, als die ersten Elevated-Trains die langen Avenuen durchbrausten. Die Elevated-Railroads sind ein Charakteristicum der Stadt New-York. Die langen und geraden Avenuen haben ganz naturgemäss die Anlage solcher, allerdings für die Bewohner dieser Strassen nicht behaglichen Einrichtungen hervor - gerufen. Doch keine Rücksicht konnte den Anforderungen des Be - darfes lange widerstehen, und jetzt sind die anfangs mit getheilter Freude begrüssten Hochbahnen zum unabweisbaren Bedürfnisse ge - worden. Unterirdische Bauten waren der Terrainverhältnisse halber ausgeschlossen, und so erheben sich nun die Schienenwege auf eisernen säulenartigen Unterbauten von verhältnissmässig leichter Construction, unterhalb welchen der volle Strassenverkehr sich vollziehen kann. Die Hochbahnen sind nicht nur in eine einzige Gesellschaft, die Manhatten - Company, vereint, sondern stellen auch in ihrer Anlage ein einheit - liches und zusammenhängendes System von Schienenwegen dar.
Das Centrum dieses Netzes, von welchem alle Linien ausgehen, und nach welchem sie zurückkehren, liegt fast ganz am Südende der Stadt, östlich von Battery, von wo aus diese Bahnen vermittelst der die Züge erwartenden Ferryboote mit allen weiteren Verkehrsadern jenseits des East - und Hudson-River unmittelbar communiciren. Eine59New-York.riesige bogenförmige Terrasse, ein von eisernen Stützen getragenes Plateau, stellt das einheitliche Stationsgebäude dar, auf welchem sich die Corridore mit Schaltern für die Kartenausgabe und die Warte - stellen befinden. Weitaus der interessanteste Punkt der Hochbahnen ist jene Haltestelle, welche mit dem mächtigen Plateau, dem Kopfe der schwebenden East-Riverbrücke, in Verbindung steht. Wer das bunte Getriebe, die enorme Bewegung ganzer Volksmassen, die Ver - körperung des Kampfes ums Dasein mit einem Blicke erschauen will, der betrachte jenes Brückenthor, in welches sich die Bevölkerungen der Riesenstädte New-York und Brooklyn zu Bahn und Wagen aller Art und in unendlichen Reihen von Fussgängern Stunde um Stunde begegnen.
Vom Centralpunkte ziehen die Hochbahnen mit Doppelgeleisen durch die wichtigsten Strassen und Knotenpunkte des Geschäftslebens der unteren Stadt und durchlaufen dann die 1., 3., 6. und 9. Avenue bis ans nördliche Stadtende am Harlem-River. Sie sind theils ganz nahe und je nach den Terrainverhältnissen an den höheren oder niederen Stockwerken der Häuser geführt oder laufen in der Strassenmitte auf vollkommen freistehendem Unterbau. Die 6. und die 9. Avenuebahn vereinen sich in der Nähe des Centralparks in eine einzige Linie. Ein Querarm der Hochbahnen führt auch zum Central-Railway-Depot, ein anderer nach dem East-River.
Die Fahrt von der Südspitze bis zum Nordende der Stadt währt circa eine Stunde.
Der einheitliche Tarif erleichtert wesentlich die rasche Abfertigung der Passagiere und die mathematische Eintheilung und Anlage der Stadt die schnelle Orientirung.
Ein Vorzug aller Verkehrsmittel New-Yorks, der besonders hervorgehoben zu werden verdient, ist die unvergleichliche Billigkeit derselben und der Umstand, dass der Passagier weder auf Hochbahnen, noch bei Benützung der Pferdebahnen und sonstiger Beförderungsmittel durch eine Controle weiter belästigt wird.
Alle Wagen sind durchgehends comfortabel eingerichtet und im Winter jene der Hochbahnen mittelst Dampfheizung, jene der Pferdebahn durch Oefen erwärmt.
Nachts verkehren die Züge der Hochbahnen in geringerer Zahl wie am Tage, und jene, welche im directen Anschlusse an die einlangenden Züge der grossen Verkehrsbahnen stehen, sausen gleich Expresszügen die Stadt abwärts, nur an 6 — 8 Stellen haltend, während dies sonst gegen 25mal der Fall ist.
Andere Fuhrwerke hingegen, wie Miethwagen, Cabs etc., sind ausserordent - lich theuer.
Neuestens wurde in New-York eine Strassenbahn eröffnet, deren Wägen durch elektrische Accumulatoren bewegt werden. Die ver - brauchten Elemente der letzteren werden an gewissen Haltestellen gewechselt.
Nicht nur durch sein bewegtes Leben, die bunten Bilder seiner Strassen und die Möglichkeit, nach Wahl und Geschmack zu leben,8*60Die atlantische Küste von Amerika.ist New-York ein unversiegbarer Born für Zerstreuung, sondern es besitzt auch Einrichtungen, welche geradezu als mustergiltig hingestellt werden müssen.
Die polizeilichen Institutionen sind berühmt, ihre Organe regeln mit unverdrossenem Opfermuthe den Strassenverkehr und geniessen im Publicum auch jene unbedingte Achtung, deren sie sich so würdig erweisen. Der Einheimische wie der Fremde findet im Bedarfsfalle an ihnen einen Beschützer und verlässlichen Führer. Die meisten sind der deutschen Sprache mächtig, welche nach der nationalen in New-York die verbreitetste ist.
Die Feuerwehren sind musterhaft organisirt, hunderte von Stätten für öffentliche Wohlfahrt, Lebensrettung und sonstige Hilfeleistung sind telegraphisch und telephonisch miteinander verbunden. Ebenso leisten die Telegraphen - und Postanstalten unübertreffliche Dienste.
Dass New-York, die Geburtsstätte des elektrischen Lichtes, über eine glänzende Beleuchtung verfügt, ist natürlich. Wenngleich seine weitaus grösseren Gebiete noch Gaslicht verwenden, so haben der Broad - way, manche Avenuen und Strassen wie fast alle grossen öffentlichen Anstalten und Privatetablissements das Licht der Neuzeit eingeführt, und viele tausende elektromotorischer Anlagen stehen in Betrieb.
Der vorwiegend praktische und geschäftliche Sinn des Ameri - kaners hat jedoch sein Gefühl für das Schöne und Edle durchaus nicht unterdrückt. Er ist durchglüht vom Verlangen, im Augapfel seines weiten Vaterlandes Tempel für Kunst und Wissenschaft zu gründen, welche sich würdig an jene der alten Welt anreihen und zu den Zierden der Stadt gereichen sollten, so wurden denn auch in New-York viele derlei Institute gegründet.
Zum Theile verdanken sie ihr Entstehen der Fürsorge des Staates, in überwiegender Zahl jedoch der Initiative der Provinz - und Stadt - behörden und insbesondere der Munificenz seiner Bewohner, deren Namen sie oft tragen.
Zu den hervorragendsten Sehenswürdigkeiten dieser Art gehören: das Metropolitan Museum of art, Historical Society, Lenox Library, Astor Library, die National Academy of design u. a. m.
Die privaten Bildergalerien, wie jene von Vanderbilt, sind sehenswerth. Ausser den grossen Instituten, welche der Pflege der Wissenschaft gewidmet sind und alle Zweige derselben umfassen, gibt es hunderte von bildenden und humanitären Anstalten, und ist das Clubwesen sehr ausgebreitet.
61New-York.Obwohl New-York vorwiegend Handelsstadt ist, kann auch die Entwicklung und Bedeutung seiner Industrie nicht übersehen werden. Sie nimmt noch heute den ersten Rang unter den Industriestädten der Union ein und besitzt unzählige Etablissements, namentlich hat sich die Manufacturbranche in neuerer Zeit ganz besonders entwickelt.
New-York bietet für jede Art von Vergnügungen die reichste Abwechslung. Es zählt nebst dem Metropolitan-Opera-House, dem
New-York (Brocklyn-Brücke).
neuesten und schönsten seiner Theater, und der Academy of Music noch 32 mehr oder minder bedeutende Bühnen und entfaltet in jeder Richtung ein reiches Kunstleben.
Unter den 32 öffentlichen Gärten oder im Baumschmucke pran - genden Plätzen nimmt der Centralpark wohl den ersten Rang ein. Mit kühnem Eingriffe hat die Kunst in dem von Natur ungünstigen Boden ein wahres Paradies geschaffen. Diese Oase in der Steinmasse von New-York ist über 4½ km lang und 1 km breit. Die schönen Reit -, Fahr - und Gehwege, die herrliche Gruppirung der Pflanzungen,62Die atlantische Küste von Amerika.bald mächtige Baumreihen, bald üppige Wiesen, seine Bassins, Teiche, Seen und Fontainen, seine Statuen und die vielen stylvollen Bauten, Brücken, die Spielplätze und Restaurants, wie nicht minder die um - gebenden Gebäude, unter welchen das Metropolitan Museum of Art schon wegen der Schätze, die es birgt, die grösste Anziehungskraft übt, Alles dies stempelt den Park nicht nur zu einer der herrlichsten Anlagen, sondern erhebt ihn auch zum ersten Vergnügungsplatze und Vereinigungsorte der New-Yorker Welt.
Die grösste Wohlthäterin der in das Meer von Häusern ge - drängten, im Strudel der Geschäfte ermüdenden Menschheit ist jedoch die Natur, die, mit reichem Segen das weite Land bedenkend, der Millionenbevölkerung die wunderbarsten Erholungsplätze in der Nähe bereit hält.
Nach allen Richtungen erschaut man knapp ausserhalb der Stadt herrliche Waldungen, prächtige Fluren, und das weite Gebiet ist umbrandet von den Wogen des Oceans, benetzt von rieselnden Quellen und getheilt von grossen Wässern. Nicht nur der Hudson mit seinen reizenden Ufern lockt, wenn Alles spriesst und grünt, die Stadtbewohner an seine Gestade und Triften, auch die Inseln, wie Long -, Coney - und Staten-Island, und das Küstengebiet von Jersey nehmen, sobald sie im Frühlingsschmucke erscheinen, Hunderttausende von Bewohnern in ihre prächtigen Villen und Sommerhäuser auf und locken an festlichen Tagen unübersehbare Menschenmassen in ihre Gefilde. Dort wird ihnen Erholung von den Strapazen der Arbeit und hat der Unternehmungsgeist unzählige Vergnügungsplätze geschaffen. Jeder Sport findet dort seine Berechtigung, und insbesondere ist Coney - Island mit seinem Rennplatze das Ziel jener, die an den Pferderennen, der Entfaltung der Freude und des Luxus ihr Auge weiden wollen.
Coney-Island mit ihrem gegen sandig verlaufenden Süd-Ufer ist auch der eigentliche, der Hauptbade - und Wasserplatz, der mit den besten Einrichtungen und mit prächtigen Hôtels für seine Be - sucher ausgestattet ist. West-Brighton auf Coney-Island hat nicht nur einen 1000 Fuss in den Ocean ragenden eisernen Pier, sondern trägt auch jenes monströse Hôtel, welches, in Form eines Elephanten gebaut, aus meilenweiter Ferne von See aus erblickt werden kann. Sogar in den Zähnen dieses Ungethümes sind Sommerwohnungen eingerichtet. Sechs Localeisenbahnen und eine Pferdebahn verbinden die Insel direct mit Brooklyn und unzählige Dampfboote mit New-York und Jersey - City. 150.000 Personen können in einem Tage hin und her übersetzt werden.
63New-York.Doch nicht nur hieher, sondern auch nach den entfernteren Punkten der Küste von New-Jersey und bis Sandy Hook, endlich nach Staten - Island, welches seine eigenen Eisenbahnen hat, fährt man mit Ferry - booten oder anderen Dampfschiffen ebenso gut als billig.
Zu New-York gehören die Inseln im East-River, Blackwells, Wards und Randalls.
Erstere besitzt grossartige Gebäude, wie Spitäler, Strafanstalten, Arbeitshäuser und dergleichen öffentliche Institute. Ward-Island hat ebenfalls ähnliche Anstalten, von welchen ein Theil für Zwecke der Emigration gewidmet ist, und auf Randall-Island sind nebst anderen auch Correctionsanstalten für verwahrloste Kinder und Kinderspitäler erbaut.
Neuestens plant man den Bau einer mächtigen Brücke, welche New-York über Blackwell-Island mit Long-Island verbinden soll.
So wird dem Wunderwerk der Suspension - oder Brooklyn-Brücke bald ein zweites zur Seite gestellt sein. Bis nun ist erstere jedoch der Stolz der Bevölkerung New-Yorks und gleichzeitig das Denkmal ihres genialen Constructeurs Ingenieur Roebling, dem es nicht ver - gönnt war, die Vollendung seines kühnen Werkes zu erleben. Sein Sohn führte selbes zu Ende, und 1883 wurde die Brücke dem Ver - kehre übergeben.
Dem Interesse an dieser gewaltigen schwebenden Strasse, welche in ihrer kunstvollen Gliederung von einiger Entfernung aus als ein überaus zarter Bau er - scheint, seien nachfolgende Daten gewidmet.
Mächtige Anläufe, Wälle von Mauerwerk, welche von den Ufern fast 500 m in das Stadtgebiet von New-York und 300 m in jenes von Brooklyn ragen, bilden gleichsam die Zufahrts-Plateaux zur Brücke, an welche sich beiderseits die Ele - vated-Railways directe anschliessen. Für Fussgänger sind die Plateaux durch Treppen, für Wagen auf besonderen Zufahrtsrampen erreichbar.
In den Wällen liegen die kräftigen Verankerungen, an welchen die Enden der vier Stahlkabel von 40 cm Durchmesser befestigt sind. Diese Kabel laufen in majestätischen Bogen über die beiden Thurmpfeiler, die einzigen Stützen des Brückengehänges. Die Thürme, welche in dem felsigen Grunde des East-River ihre Fundamente haben, sind aus Granit erbaut, am Wasserspiegel 42 m lang und bei 15 m breit; sie ragen 85 m über das Meeresniveau empor. Die Kabel sind ohne weitere Befestigung auf der Thurmkrone bloss aufgelegt. Von unzähligen senkrecht abhängenden Stahltauen wird die eigentliche Brücke, ein sehr solides Eisengitterwerk, getragen.
Die ganze Länge der Brücke beträgt 1785 m, ihre Breite 17½ m. Zwischen den Pfeilern misst sie 843 m Länge und ist derart mit letzteren verbunden, dass sie allen Stürmen zu widerstehen im Stande ist. Ihre normale Belastung mit 1380 t wird durch eine Maximaltragfähigkeit von 49.200 t gewährleistet. Ueber die Brücke führen zwei Schienenwege, auf welchen die Wagen vermittelst64Die atlantische Küste von Amerika.eines endlosen Drahtseiles bewegt werden. Der Dampftreibapparat hiefür befindet sich an der Brooklyner Seite der Brücke. Zu beiden Seiten der Bahn führen die Strassen für den Wagenverkehr, und oberhalb der Bahnen in der Mitte der Weg für Fussgänger.
Die Erbauungskosten der Brücke erreichten die Höhe von nahezu 15 Mil - lionen Dollars.
Brooklyn, obgleich eine gewaltige Stadt an sich, ist in den Be - griff New-York vollkommen aufgegangen. Allein wie letzteres, stellt auch diese Stadt einen Complex kleinerer Cities vor, deren Individua - litäten in den Hintergrund treten mussten. In gleicher Weise ver - lief auch der biologische Process der anderen mit New-York ver - bundenen Nachbarstädte.
Brooklyn ist die drittgrösste Stadt der Vereinigten Staaten; sie hat ihre eigene Verwaltung und Vertretung.
Eine stattliche Reihe öffentlicher Gebäude, worunter City-Hall, ein vornehmer Marmorbau im jonischen Style, und zahlreiche luxuriöse Privatbauten, geben ihr das Gepräge der Wohlhabenheit. Der Kunst und Wissenschaft lässt die Stadt eine warme Fürsorge angedeihen, überhaupt ist in ihren Einrichtungen der Kern von New-York das Vorbild gewesen. Auch in Brooklyn durchzieht ein Broadway die Stadt, und die Züge der Elevated-Railways durchbrausen Avenuen und Strassen.
Die Häuser sind zum grossen Theile solide Steinbauten, und die meist unter rechtem Winkel sich schneidenden Strassen in gerader Richtung geführt, wenngleich das Terrain hügelig und stellenweise sehr steil ist. Von einigen hochgelegenen Strassen, wie von Monta - gue-Terrace, geniesst man eine lohnende Aussicht auf New-York und den Hafen; die Luft ist hier reiner als in der Schwesterstadt. Im Volksmunde wird Brooklyn als Schlafstätte der New-Yorker be - zeichnet oder auch die Stadt der Kirchen genannt, deren sie eine Menge besitzt.
Hervorragend durch Schönheit ist jedoch keine derselben. Da - gegen ist Brooklyn reich an grossen und schönen Parkanlagen. Zur Berühmtheit ist der grossartige und unvergleichliche Ocean-Parkway gelangt, ein prächtiger, 82 m breiter und über 10½ km langer Boule - vard. Er ist die beliebteste der Fahrstrassen, welche vom Prospect - Park bis zum Oceanstrand von Coney-Island führt.
Auch die Industrie von Brooklyn ist sehr bedeutend, und ver - dienen die grossartigen Petroleum-Raffinerien hervorgehoben zu werden.
Brooklyn und Long-Island-City umsäumen das ganze linksseitige Ufer des East-River, der eigentlich kein Fluss, sondern die enge Fort -[65]
New-York (Freiheitsstatue auf der Bedloes-Insel).
Die Seehäfen des Weltverkehrs. II. Band. 966Die atlantische Küste von Amerika.setzung jenes Canales ist, der Long-Island im Norden bespült. Den Namen East-River führt dieser Canal erst von der Stelle an, wo der Harlem-River in denselben einmündet.
An einer Bucht des East-River liegt Navy-Yard, das grösste See-Kriegsarsenal der Vereinigten Staaten mit seinen Werften, Maga - zinen und grossen aus Granit gebauten Trockendocks.
Für die Zwecke des Handelsverkehrs entstanden im Südwesten der Stadt die weitläufigen Atlantic-Docks, an welche sich weiterab auch jene der Erie - und Brooklyn-Basins anschliessen. Der Gross - artigkeit dieser Anstalten verdankt Brooklyn den Ruf als eine der Hauptkornkammern der Erde.
Die Länge der Dämme der Atlantic-Docks beträgt gegen 4 km, und in dem Bassin, das nur eine 60 m breite Einfahrt hat, finden 500 Schiffe gleichzeitig Raum. Riesige Waarenhäuser und neun thurm - hohe Getreideelevatoren umfassen dort die Quais. Die Elevatoren werden ausschliesslich mit Dampf betrieben. Erie - und Brooklyn - Basin dienen dem gleichen Zwecke; die drei genannten Plätze sind die einzigen, in welchen Docks im eigentlichen Sinne des Wortes, d. h. Trockendocks angelegt sind. Die enormen Dimensionen der letzteren reichen für die grössten Seeschiffe vollkommen aus.
Durch die Elevated-Railways und Pferdebahnen wird das weite Ge - biet von Brooklyn in meilenweiten Strecken durchzogen und haben alle Linien den Anschluss entweder zum Fusspunkte der East-River - Bridge oder zur Fulton-Ferry, welche die frequentirteste Fähre für die Verbindung nach allen Richtungen ist.
Der wechselseitige, nie rastende Verkehr zwischen den drei Städten Brooklyn, New-York einerseits und Jersey-City andererseits hat unwillkürlich auch die letztere in den Gesammtbegriff New-York einbezogen. Wenngleich alle drei Städte getrennte Gemeinschaften bilden und Jersey-City sogar in einem anderen Staate, in New-Jersey, ge - legen ist, repräsentiren sie doch alle ein einziges grosses Eingangsthor für die Vereinigten Staaten, ein einziges Importgebiet. Jersey-City ist auch eines jener Meere von Wohngebäuden, das meist New-Yorker Geschäftsleuten dient, welche ihren Familiensitz in ruhigeren Gegenden, entfernt vom Getriebe des Business, aufschlagen.
Die Hügel hinter der Stadt sind von schönen Villen besetzt, Grand Street im Herzen derselben ihre schönste Strasse. Ausserdem hat die Stadt bedeutende Fabriken; ihre Manufactur - und Glasindustrie, Zuckerraffinerien sind wohlentwickelt, Eisen -, Stahl - und Zinkwerke, Giessereien, Kessel - und Locomotivfabriken sind zahlreich vorhanden.
67New-York.An Hoboken findet Jersey-City ihre Ergänzung, obgleich auch dieses eine gesonderte Municipalität bildet. Hier leben vornehmlich Deutsche, welche den Stock der Bevölkerung Hobokens ausmachen, und ihre Sitten und Gebräuche drücken der Stadt den Stempel des Deutschthums auf. Es ist kaum denkbar, und doch trifft es zu, dass Menschen, welche seit Decennien hier leben, keine andere als ihre deutsche Muttersprache kennen. Viele Deutsche sind Industrielle oder Handelsleute, die meisten jedoch gehören den arbeitenden Classen an und betreiben mechanische Gewerbe.
Auf einem Hügel im Norden bei Hoboken steht auch das durch Commodore Stevens gegründete polytechnische und wissenschaftliche Institut seines Namens. Die Umgebung selbst ist herrlich und die elysäischen Felder, tiefschattige Promenaden an den Hügeln aufwärts vom Hudson-River, gehören zu den pittoreskesten Punkten in der Um - gebung New-Yorks.
In Jersey-City und Hoboken haben 16 Bahnen ihre Anfangs - und Auslauf-Stationen, und von hier aus verkehren die Eisenbahnfähren zu den Geleisen jenseits des Hudson-Rivers. Strahlenförmig führen diese Bahnen, von welchen zwei den Ufern des Hudson folgen, in das Innere des Landes, um in zahllosen Zweigen an jene Weltstrassen anzu - schliessen, welche die östlichen Gestade der Vereinigten Staaten mit dem fernen Westen und dem Stillen Ocean verbinden.
Schon seit einem Viertel-Jahrhundert ist New-York der drittwich - tigste Hafen der Welt, seit einem halben Jahrhundert der grösste Stapel - und Handelsplatz Amerikas, der alle anderen Seeplätze der Union weit hinter sich lässt. Denn der Handel New-Yorks mit dem Auslande um - fasst 55 — 58 % desjenigen aller Häfen der Vereinigten Staaten zu - sammengenommen. Die folgende Tabelle bringt hiefür den ziffer - mässigen Nachweis.
Auswärtiger Handel, Edelmetalle eingeschlossen:
Der kolossale Verkehr landeinwärts ist zunächst die nothwendige Folge des gewaltigen überseeischen Handels. Daneben hat New-York einen ausgedehnten selbständigen Verkehr mit seinem directen Hinter - lande, bedingt durch die Grösse der Bevölkerung, welche heute für den Wohnplatz New-York mit 2½ Millionen Einwohner nicht zu hoch gerechnet ist, und durch ein ausgebreitetes Fabrikswesen. Alle diese9*68Die atlantische Küste von Amerika.Factoren zusammen mit dem Umstande, dass es sein Antlitz Europa und Westindien zuwendet, haben New-York zum Hauptsammelplatze der Reichthümer der Union gemacht, deren Verwendung von diesem Brennpunkte aus mit den Hilfsmitteln einer vollendeten Technik des Handels und mit rücksichtsloser Energie geleitet wird. Gleichen Schritt mit der Grossartigkeit des Handels - und des Gewerbebetriebes hält der Luxus der oberen Stände, über den von Zeit zu Zeit erstaunlich klingende Berichte nach Europa kommen. New-York ist dadurch auch ein reiches Absatzgebiet für die Luxusindustrien Europas.
Unwillkürlich stellt man sich die Frage, warum von den pracht - vollen Häfen, an denen die Ostküste Amerikas so reich ist, gerade die Mündung des Hudson zu dieser herrschenden Stellung berufen wurde und so das ehrwürdige Philadelphia und Boston, die Wiege der Freiheit der Union, in den Hintergrund drängte. Auch diese Städte liegen ja ganz nahe jenen Gebieten, in denen sich heute der Schwer - punkt des wirtschaftlichen Lebens der Union befindet. Sein commer - cielles Uebergewicht verdankt New-York der schon von Washington so sehr protegirten Anlage von Canälen. New-York erhielt 1825 mit der Eröffnung des berühmten Erie-Canales, welcher von Buffalo an der Ostspitze des Erie-Sees nach Albany am Hudson führt, eine bequeme und billige Verbindung mit der mächtigen Kette der grossen Seen. Dies war der erste und blieb der einzige Canal, welcher das Gebirge der Alleghanies überschreitet und bis in die Vierzigerjahre den ge - sammten Handel der Binnengebiete mit dem atlantischen Ocean mono - polisirte. Ihm verdanken Staat und Stadt New-York ihre rasche wirthschaftliche Entwicklung und die heutige commercielle Stellung. Die Bevölkerung der Stadt New-York stieg 1820 — 1840 von 124.000 auf 313.000 Einwohner. Durch den Bau des Oswego-Canales, welcher vom Ontario-See ausgeht, und die Ausführung des Champlain-Canales, der von Albany nordwärts zum Lorenz-Strom zieht, erhielt der Erie - Canal werthvolle Anschlüsse, auf denen ihm grosse Mengen von Holz und Getreide zugeführt werden. In der Zeit vor den Eisenbahnen standen die Schiffe im Erie-Canale oft in einer ununterbrochenen Reihe von 10 km Länge und warteten wochenlang auf die Durchschleusung. Um den Verkehr bewältigen zu können, vertiefte man 1835 den Canal auf 2 m, und seitdem trägt er Schiffe von 200 — 250 Tons Ladung, welche auf dem 580 km langen Canale von Pferden und Maulthieren ge - schleppt werden und durch 72 Schleusen die Wasserscheide über - winden. Auf dem Hudson verwendet man zum Transporte der Canal - schiffe Dampfboote.
69New-York.Durch den Erie-Canal war für den Nordosten der Union die Hauptlinie des Verkehres endgiltig festgestellt, und als man in den Vierzigerjahren in Amerika mit regem Eifer, nicht vorsichtig zögernd wie bei uns in Europa, an den Bau von Eisenbahnen ging, mussten die Unternehmer der so geschaffenen Lage Rechnung tragen. Die Stellung New-Yorks als Handelsplatz wurde durch das neue, sehr leistungsfähige Verkehrsmittel unausgesetzt befestigt. Gleichzeitig sank die Bedeutung des Erie-Canales für den Handel von New-York, aber er ist auch heute noch für die Stadt keine blosse historische Erinnerung; ja seit der grossen Bewegung der „ grangers “, der weizenbauenden Farmer gegen das Frachtmonopol der Eisenbahnen, ist seine Wich - tigkeit als Regulator der Höhe der Getreidefrachtsätze für die sieben Monate des Jahres, in welchen der Frost seine Benützung nicht hindert, allgemein anerkannt.
Aber nicht nur die billige Fracht sichert den Canalbooten eine bleibende Bedeutung für den Getreidetransport, sondern ebenso sehr der Umstand, dass die 2500 q tragenden Boote Magazine sind, die der Getreidespeculant wochenlang im Hudson liegen lassen und aus welchen er mittelst sogenannter schwimmender Elevatoren direct in die Seedampfer überladen kann.
Im Jahre 1888 kamen in dem „ Tide Water “, das ist im Hudson, der dem Einflusse von Ebbe und Flut unterworfen ist, vom Erie-Canal 1·5 Millionen metr. Tonnen und vom Champlain-Canal 0·66 Millionen metr. Tonnen Frachten an; sie bestanden überwiegend aus Getreide und Holz. 1·2 Millionen metr. Tonnen wurden vom Gezeitenwasser in diese Canäle gebracht, und die gesammte Handelsbewegung auf den Canälen des Staates New-York erreichte 4·4 Millionen metr. Tonnen im Werth von 107 Millionen Dollars; von der Summe entfielen 84·2 Millionen Dollars auf den Erie-Canal.
Um die Bedeutung des Erie-Canales zu heben, hat die Regierung des Staates New-York seit dem 1. Jänner 1883 alle Schiffahrtsge - bühren aufgehoben. Aber die grossen Trunk-Linien, welche auf ihren Geleisen die Weizenladungen aus dem Westen nach New-York bringen, begegnen dieser Concurrenz durch ausnehmend niedrige Frachtsätze und halten sich bis jetzt für den Ausfall schadlos durch die hohen Tarife, welche der sehr lebhafte Localverkehr entrichten muss. Doch hängt in der Zukunft alles davon ab, ob es der öffentlichen Meinung gelingt, durchzusetzen, dass auf Grund der bestehenden „ Interstate Commerce Bill “Güter, welche auf dem Wege ins Ausland den Hafen70Die atlantische Küste von Amerika.von New-York nur passiren, nicht weniger zahlen als diejenigen, welche für den Verbrauch im Inlande bestimmt sind.
Schon aus diesen Betrachtungen geht hervor, dass Getreide einer der wichtigsten Ausfuhrartikel von New-York ist, und die Gruppe der „ Brotstoffe “, welche auch Mehl umfasst, steht dem Werthe nach sogar an der Spitze der Ausfuhr.
Von den Brotfrüchten, welche in der Union erzeugt werden, haben Weizen und Mais allein Bedeutung für den Welthandel. Doch nur Weizen wird in der Form von Körnern und Mehl ausgeführt, und diese Ausfuhr bildet somit eine directe Concurrenz für die Länder Europas, welche Weizenbau betreiben. In den letzten Fiscaljahren, welche man in Amerika vom 1. Juli bis zum 30. Juni rechnet, wurden aus dem Hafen von New-York von einheimischem Weizen und Mehl exportirt:
Die Ausfuhr fremden Weizens ist gering und beschränkte sich 1888 auf 109.000 q. Die oben angeführten Mengen machen ungefähr je zwei Fünftel der ge - sammten Weizen - und Mehlausfuhr der Union aus.
In den zahlreichen Elevators von Chicago und anderen Plätzen, soge - nannten Collecting Places, welche im Getreidehandel dieselbe Rolle spielen wie die Banken im Geldverkehre, wird der Ueberschuss der Weizenernte aus den Staaten im Süden, Westen und Nordwesten der Seen gesammelt und zum grösseren Theil über New-York ins Ausland dirigirt. Man bedient sich dabei entweder des Wasserweges über die Seen und den Erie-Canal oder der Eisenbahnlinien, doch kommt es auch vor, dass man beide Routen, die zu Wasser führende und die Eisen - bahnwege, combinirt. Die Raten für die Verfrachtung des Weizens von Chicago nach New-York sind niedrig. Sie betrugen 1888 durchschnittlich für das Bushel (35·2 l) in Cents (à 2·1 kr. oder 4·25 Pfennige) bei der Beförderung mit den Eisen - bahnen 14·50 Cents, also 30·8 kr. für eine Entfernung von rund 900 englischen Meilen = 1450 km.
Also nicht einmal einen Neukreuzer Gold oder zwei Pfennige kostete im Grosshandel die Beförderung eines Liters Weizen auf die riesige Entfernung von Chicago bis New-York. Wenn man die Route über die Seen und den Bahnweg combinirte, stellte sich 1888 die Fracht per Bushel auf 14·7 Cents, bei ausschliess - licher Benützung des Wasserweges auf 5·93 Cents. Aber es vergehen Wochen, bis auf dem zuletzt genannten Wege das Getreide von Chicago nach New-York kommt.
Aus diesem Grunde gingen auch trotz der riesigen Differenz der Fracht von den 28,858.600 q Getreide und Mehl, die 1888 aus dem Innern nach New-York geführt wurden, 18·7 Millionen q auf dem Eisenbahnwege und nur 9·2 Millionen q auf dem Wasserwege dahin.
Da wir nun schon mit dem Capitel der Frachtraten uns eingelassen haben, so wollen wir auch gleich als nothwendige Ergänzung die Höhe der Getreide - frachten von New-York nach Liverpool (3028 Seemeilen oder 5608 km), dem Hauptbestimmungshafen des amerikanischen Getreides, anführen. Diese betrug 188871New-York.pro Bushel durchschnittlich 2·67 Pence oder 5·34 Cents, das Penny zu 2 Cents berechnet.
Mais ist für die Versorgung der Union die weitaus wichtigste Getreideart, das „ Corn “; er findet dort eine so vielseitige Verwendung, dass er eine ganze Reihe unserer Feldfrüchte nach ihrem Gebrauchswerthe ersetzen muss. In der Ausfuhr aber tritt er weit hinter dem Weizen zurück; es wurden nämlich 1888 nur 2,201.330 q im Werthe von fast 5 Millionen Dollars über New-York nach aus - wärts versendet.
Der Getreidehandel New-Yorks ist mit eine Folge der eigenthümlichen und grossartigen Organisation des Getreidehandels der Union, den man nach Sering1)Sering, a. a. O. S. 498 ff., dessen Ausführungen wir hier benützen, als ein einheitliches Kunstwerk bezeichnen muss. Denn die gewonnenen Bodenproducte werden mit denkbar grösster Oeko - nomie auf den Markt gebracht.
In Europa haben wir ein Netz von kleinen Zwischenhändlern, welche die ländlichen Districte durchziehen, den Bauern die Ernte abkaufen und an die Grosshändler in den Hauptstädten abliefern. Das Getreide wird in Säcken ver - sendet und jede einzelne Umladung, welche nothwendig ist, wird durch Menschen - hände bewirkt. Nur wenige grosse Handelsplätze, wie Köln, Mannheim, Budapest, haben Einrichtungen, welche sich an das amerikanische System anschliessen.
Abgesehen von den Küstenländern des Stillen Oceans wird in ganz Nord - amerika das Getreide ausschliesslich in losem Zustande befördert, sowohl in den Eisenbahnwägen wie in den Canalbooten und den Oceandampfern. Dadurch wird es ermöglicht, in ausgedehntestem Masse beim Transporte, Umladen, Abwägen und Einladen des Getreides mechanische Hilfskräfte zu gebrauchen. Mit mechanischen Vorrichtungen zur Bewegung der Körner sind heute alle Silo-Speicher ausgestattet, welche in allen Eisenbahn - und Wasserstationen des atlantischen Getreideexport - gebietes und in den Hafenstädten errichtet sind. Man hebt das Getreide mittelst eines Paternosterwerkes, d. i. eines mit Schaufeln besetzten endlosen Gurtes, auf die Höhe des Gebäudes. Dort wird es in einer Windkammer und durch Siebe ge - reinigt und abgewogen, und schliesslich lässt man es durch eine Holzröhre in den für dasselbe bestimmten Lagerraum laufen. Ein solcher Raum heisst „ Bin “, und jeder bildet einen grossen, tiefen, nach unten spitz zugehenden Kasten. Oeffnet man den Schieber, welcher sich auf dem Boden des Bin befindet, so kann man die Körner durch eine bewegliche Röhre in den Eisenbahnwagen oder das Schiff gleiten lassen. Wie das oben geschildert wurde, baut man in den Seestädten die Elevatoren auf langen Molos (Piers) ins Meer hinaus, so dass die Schiffe unmittelbar anlegen können, während vom Lande her die beladenen Eisenbahnwaggons einfahren. Von dem Momente an, wo das Getreide den Wagen des amerikanischen Farmers verlassen hat, bis zu seiner Ankunft in dem europäischen Hafen kommt menschliche Ar - beitskraft bei der Handhabung desselben nur insoweit in Anwendung, als letztere das Uhrwerk der Elevatoren regelt, die Eisenbahnzüge und Schiffe lenkt. Es bedarf keines Hinweises, in wie hohem Grade dadurch Zeit und Geld gespart und die Concurrenz verschärft wird.
Diese mechanischen Einrichtungen haben die wirtschaftlichen und recht - lichen Formen geschaffen, in denen der nordamerikanische Getreidehandel sich vollzieht. Jeder Farmer erhält für das im Elevator eingelieferte Getreide einen72Die atlantische Küste von Amerika.Lagerschein, „ warehouse receipt “, der ein Ordrepapier ist, das, regelmässig durch Indossement übertragen, leicht von Hand zu Hand wandert. Dieser Lagerschein gibt ihm aber nicht ein Recht auf das von ihm abgelieferte Getreide, sondern auf eine gleiche Menge Getreide von derselben Qualität. Selbstverständlich ist die Classificirung des Getreides genau und zuverlässig, eigene beeidete Getreideinspec - toren überwachen dieselbe. Durch dieses Verfahren ist die Besichtigung und der Verkauf der Waaren vereinfacht, der Handel, insbesondere der überseeische Export - handel, hat nur mit einigen wenigen grossen Qualitätsclassen zu rechnen, die Spe - culation kennt die Vorräthe in den Elevatoren, den „ visible supply “, genau, da sämmtliche Lagerscheine zu ihrer Giltigkeit einer Eintragung in öffentliche Re - gister bedürfen, und der Kunde wird reell bedient, weil eine unparteiische Jury die Qualitäten (Nummern) bestimmt und ganz minderwerthige Waare vom Exporte gänzlich zurückweist.
Für die innere Organisation des amerikanischen Getreidehandels hatte das System der Elevatoren die wichtige Folge, dass derselbe sich in wenigen grossen Handelshäusern concentrirt, welche die Elevatoren ganze Eisenbahnlinien entlang gepachtet haben oder zu eigen besitzen. Dadurch ist der Landwirt von den kleinen Zwischenhändlern befreit, die bei uns einen so grossen Theil des Gewinnes einstreichen, er steht direct mit dem Welthandel in Verbindung. Auf der anderen Seite aber können kühne Speculanten leicht, wenigstens für einige Zeit, die Preise erfolgreich drücken oder heben und so die natürliche Bildung des Preises hindern.
Zu diesem Ende werden jährlich auf der Produce Exchange von New-York im Termingeschäfte Quantitäten von Getreide umgesetzt, welche den Verkehr in effectiver Waare um ein Vielfaches übertreffen.
In New-York sind selbstverständlich alle Einrichtungen, welche das Aus - laden und die Verschiffung des Getreides erleichtern und beschleunigen, in der höchsten Vollendung vorhanden. In dem dortigen Hafen bestanden 1887 22 feste und 31 schwimmende Elevatoren; die festen haben einen Fassungsraum von fast 9·9 Millionen Hektolitern, und die festen und schwimmenden können zusammen in der Stunde 167.000 hl (474.000 Bushels) Getreide umladen. Der grösste Eleva - tor ist Beard’s Elevator am Erie-Basin in Brooklyn, in welchem 969.000 hl (2,750.000 Bushels) Getreide lagern können. Die grösste Leistungsfähigkeit besitzt der Elevator der N. Y. Central & H. R. Railroad, welcher in der Stunde die Um - ladung von 21.143 hl (60.000 Bushels) Getreide besorgt. Der grösste schwimmende Elevator kann in der Stunde nur 2819 hl (8000 Bushels) bewältigen. Da auch nachts bei elektrischem Lichte gearbeitet wird, zählt der Aufenthalt, den ein Schiff braucht, um nach dem Löschen der eingebrachten Ladung Getreide als Rückfracht nach Europa aufzunehmen, nur nach Stunden. Wegen dieser raschen Lademöglichkeit completiren Dampfer wenige Stunden vor Abreise noch ihre Ladung mit Getreide, welches zu sehr billigen Tarifen als Rückfracht nach Europa geht.
Wir schliessen diesen Abschnitt mit dem Hinweise, dass die grossen Mengen von Weizenmehl, die über New-York ausgehen, in St. Paul Minnesota und Minnea - polis erzeugt werden, welche an den Anthony-Fällen des mit Turbinen besetzten Mississippi, 472 englische Meilen oder 760 km nordwestlich von Chicago, liegen.
Von dem amerikanischen Mais gelangt der kleinere Theil in der Form von Körnern und Mehl, der grössere Theil aber in Gestalt lebender Thiere und thierischer Producte zur Ausfuhr, und man muss auch bedenken, dass in der Union das Gebiet der Viehzucht weit das des Ackerbaues übertrifft. Für den Ex -73New-York.port lebenden Rindviehs ist der Umstand günstig, dass die werthvollen Racen im Osten der Union zu finden sind. Im Jahre 1888 wurden von New-York, wo sich ausgedehnte „ stock yards “(Viehställe) befinden, 51.990 Stück Rindvieh im Werthe von fast 5 Millionen Dollars meist nach England in die Hafenplätze Liver - pool, Glasgow und London verschifft. Im September 1889 ging mit dem Dampfer „ England “der „ National Line “der grösste bisher dagewesene Viehtransport von New-York nach Liverpool: das Schiff führte 1022 Stück lebendes Rindvieh im Durch - schnittgewichte von 635 kg und 1700 Carcasse (Viertel) von geschlachtetem Rind - vieh. Seit demselben Monate schickt New-York Ochsen nach Deutschland, weil die hohen Fleischpreise, welche dort jetzt herrschen, die Ausfuhr dahin gewinnbringend erscheinen liessen.
Die Ausfuhr lebender Rinder und frischen Rindfleisches in Kühlschiffen be - begann erst 1875.
Von frischem Rindfleisch, welches in die wichtige Gruppe „ Provisions “des amerikanischen Zolltarifs gehört, wurden 1888 286.450 q im Werthe von 5·9 Millionen Dollars über New-York ausgeführt.
Etwa zwei Drittel des von New-York ausgeführten frischen Fleisches stammen von Vieh, das in New-York geschlachtet wurde, ein Drittel aus Chicago und Kansas-City. Die Gesammtzufuhr von frischem Fleisch erreichte im Kalender - jahre 1888 in New-York 885.000 q.
Fleischconserven werden in den Städten Chicago, Kansas-City, St. Louis, Indianopolis, Omaha und Cincinnati in grossem Umfange hergestellt. Für sie ist New-York ebenfalls ein sehr wichtiger Ausfuhrplatz. Von Büchsenfleisch (canned beef) gingen 1888 über diesen Hafen 80.578 q, von gesalzenem und eingepöckeltem Rindfleisch 141.180 q ins Ausland; 1887 betrug der Export aller Gattungen Rindfleisch zusammen nur 407.106 q.
Den umfangreichen Rinderschlachtungen entspricht die Ausfuhr von Talg, für Europa bestimmt, welche 1888 252.000, 1887 135.700 q erreichte. Weit mehr Talg wird aber in der Form des Margarinöls (1888 136.740 q im Werthe von 2·6 Millionen Dollars) ausgeführt, gegen das die Ausfuhr der Margarinbutter weit zurücktritt, offenbar um an Fracht zu ersparen. Man überlässt es den europäischen Fabrikanten, aus dem Oele Kunstbutter herzustellen. Im Staate New-York ist überdies die Erzeugung von Kunstbutter durch strenge Gesetze verboten.
Auch die Butter, welche aus der Union nach Europa geht, hat zum grösseren Theile schon etwas gelitten und wird erst in Europa verbessert; die feinen Sorten bleiben im Lande. Aus New-York wurden 1888 41.060 q Butter ex - portirt, fünf Sechstel der Butterausfuhr der Union.
New-York ist einer der grössten Buttermärkte der Welt, die Zufuhren betrugen im Kalenderjahre 1888 1,993.462, 1887 2,005.108 Colli. Noch höher stiegen sie 1889, wo im Sommer in New-York und Umgebung eine Zeitlang Vorräthe von 55.000 — 60.000 q Butter aufgehäuft waren; jede Woche kamen neue Zufuhren von etwa 18.000 q, denn die Regen erzeugten in diesem Jahre einen wunderbaren Graswuchs. Natürlich liefert der Staat New-York nicht allein diese Mengen, dafür mit Pennsylvanien die am höchsten bezahlten Sorten. Im Käsehandel nimmt New York eine ähnliche hervorragende Stellung ein. Die Anfuhr von Käse erreichte im Kalenderjahre 1888 1,667.909, 1887 1,678.364 Colli, die Ausfuhr ins Ausland im Fiscaljahre 1888 341.329 q im Werthe von 7·4 Mil - lionen Dollars, 1887 317.856 q. Die Butter - und Käsefabrication hat im ganzenDie Seehäfen des Weltverkehrs. II. Band. 1074Die atlantische Küste von Amerika.Westen eine hohe und rasch steigende Bedeutung gewonnen, weil man mit Hilfe von Kühlwagen und von Kühlräumen, die in allen wichtigeren Sammelstellen errichtet sind, Butter, Käse, Eier und andere leicht verderbliche Producte inner - halb fünf Tagen vom äussersten Westen nach den Küstenplätzen sicher transportirt und längere Zeit hindurch aufbewahrt.
Die Organisation des Butter - und Käsehandels der Union zeugt nach Sering, dessen klare Schilderung wir auch hier benützen, von derselben kaufmännischen Virtuosität, welche alle anderen Zweige des dortigen Grosshandels auszeichnet. In den Hauptcentren sind besondere Dairy Boards of Trade, Handelskammern für Milchwirtschaft, eingerichtet, wo die entsprechenden Producte börsenmässig ge - handelt und die Preise mit Rücksicht auf den Weltmarkt regulirt werden. In der Stadt New-York ist die grösste Butter - und Käsebörse der Union mit einem Jahresumsatze von 100 Millionen Dollars.
Den wichtigeren Theil des Exportes von Provisions bilden aber die Pro - ducte der Schweinezucht. Von diesen wurden 1888 Waaren im Werthe von 37·4 Millionen Dollars, 1887 um 38·3 Millionen Dollars ausgeführt. Sie kamen aus den obengenannten Centren der Fabrication von Fleischconserven. Im An - fange der Achtzigerjahre war die Ausfuhr der Menge und dem Werthe nach weit grösser als in den letzten Jahren. Die Verbote, welche eine Reihe der grössten Staaten Europas theils aus Furcht vor den Trichinen, theils um ihre einheimische Schweinezucht zu schützen, gegen die Einfuhr von Producten der amerikanischen Schweinezucht erlassen haben, sind die Ursache dieses namhaften Rückganges. Ueber New-York wurden im Fiscaljahre 1888 ins Ausland geschickt: 872.540 q Speck im Werthe von 16·3 Millionen Dollars, 120.540 q Schinken im Werthe von 3·1 Millionen Dollars, 162.770 q Pöckelfleisch im Werthe von 2·7 Millionen Dol - lars und 920.230 q Schmalz im Werthe von 15·3 Millionen Dollars.
Die Ausfuhr des Jahres 1887 weist folgende Ziffern auf: Speck und Schinken zusammen 1,123.200 q, Werth 20·3 Millionen Dollars, Pöckelfleisch 161·392 q im Werthe von 2·3 Millionen Dollars und Schmalz 1,021.240 q im Werthe von 15·7 Millionen Dollars. Der grösste Theil des exportirten lebenden Rindviehes und der Provisionen geht nach England, nur von Schmalz gelangen ansehnliche Quantitäten auch nach Westindien, Deutschland und Frankreich, und Oleomargarin hauptsächlich nach den Niederlanden, zum Theile auch nach Deutschland.
Der dritte grosse Ausfuhrartikel der Union und also auch New-Yorks ist Baumwolle. Die Union ist der erste Baumwollproducent der Welt (7 — 8 Millionen Ballen). Man nimmt in der Union an, dass der dritte Theil der einheimischen Baumwollernte im Lande verarbeitet wird und dass zwei Drittel nach Europa aus - geführt werden. Gegenwärtig geht ungefähr der fünfte Theil dieses Exportes über New-York; er betrug 1888 2,068.166 q im Werthe von 46·5 Millionen Dollars, 1887 1,836.000 q im Werthe von 38·5 Millionen Dollars. Hauptbestimmungshafen ist Liverpool. New-York und Umgebung ist auch Sitz einer ansehnlichen Baum - wollindustrie. Ueber New-York werden sechs Siebentel der amerikanischen Baum - wollstoffe exportirt, so 1888 147.263.000 Yards, Gesammtwerth aller Fabricate 10·2 Millionen Dollars.
Hier sei auch erwähnt, dass über New-York jährlich 1 Million q aus Baum - wollsamen gewonnene Oelkuchen und Oelkuchenmehl im Werthe von 3 Millionen Dollars ausgeführt werden.
75New-York.Der vierte grosse Stapelartikel New-Yorks ist Petroleum. Von diesem wurden im Fiscaljahre 1888 14,894.230 hl im Werthe von 33·1 Millionen Dollars, 1887 15,118.140 hl im Werthe von 32·6 Millionen Dollars ausgeführt. Der Rück - gang des Jahres 1888 ist durch die ungewöhnliche Höhe der Frachten zu er - klären, welche die Schiffseigenthümer durch den grösseren Theil des Jahres 1888 begehrten. Von der Gesammtmenge des Jahres 1888 waren nur 1,723.000 hl Rohöl, alles übrige raffinirtes Oel, für dessen Herstellung auch in New-York gross - artige Etablissements bestehen. Der Transport des Petroleums wird immer häufiger lose in Tank-Schiffen besorgt, wobei man die Verfrachtung der Fässer erspart und durch Pumpen das Beladen der Schiffe rasch vollziehen kann.
Frankreich ist der erste Abnehmer von Rohpetroleum, England von Naphtha, das Deutsche Reich von raffinirtem Petroleum. An dieses reihen sich Gross - britannien, Belgien und Holland.
In Asien sind die wichtigsten Bestimmungsplätze des raffinirten Petroleums Calcutta, Batavia, Yokohama, Shanghai und Hongkong, in Südamerika Brasilien und die Laplata-Staaten. Australien mit Neuseeland bezieht aus New-York unge - fähr dieselbe Menge raffinirten Petroleums wie Shanghai.
Certificate über Rohpetroleum sind in New-York ein Hauptgegenstand der Speculation, an der sich selbst die Schuljugend betheiligt. Die folgenden Ziffern sind geeignet, einen Begriff von den geradezu ungeheuren Umsätzen zu geben, welche auf den dortigen Waarenbörsen gemacht werden.
Die Production der Union war im Kalenderjahre 1888 auf Grund einer im Jahre 1887 zwischen den Betheiligten getroffenen Vereinbarung auf 16,259.975 Barrels (1 Barrel = 159 l) beschränkt. Eine solche künstliche Beschränkung der Production, die den Zweck hat, die Preise zu treiben, ist bei Petroleum ziemlich leicht, weil gegen die Standard Oil Compagny, die das ganze Petroleumgeschäft der Union beherrscht, eine Opposition unmöglich ist. Im Jahre 1888 verminderten sich die Vorräthe von Woche zu Woche, was Anlass zu umfangreichen Speculationen gab. Auf der Consolidated Stock Exchange und auf der Stock Exchange, an der die Geschäfte erst im April begannen, wurden 1888 zusammen 1.344,022.000 Barrels, 1887 auf der ersteren allein 1.254,765.000 Barrels verkauft.
Brotstoffe, Provisionen, Baumwolle und Petroleum bilden dem Werthe nach zwei Drittel der Ausfuhr New-Yorks an Waaren einheimischer Erzeugung.
Ausser ihnen übersteigt nur der Werth von Tabak und Tabakfabricaten, ferner der von Baumwollwaaren, die wir schon angeführt haben, den Werth von 10 Millionen Dollars.
Für die Ausfuhr des einheimischen Blättertabaks ist New-York der wichtigste Hafen der Union, obwohl die Zone des Tabakbaues im Südwesten dieses Hafens liegt. Von Blättertabak und Rippen wurden 1888 640.000 q im Werthe von 11·8 Millionen Dollars, 1887 803.900 q im Werthe von 15 Millionen Dollars ausgeführt. Die wichtigsten Bestimmungsländer sind Italien, Spanien Frankreich, Bremen und Hamburg. Den Schwerpunkt des Tabakhandels und Ex - portes von New-York bildet Western-Tabak (Kentucky -, Tennessee-Tabak u. s. w.). Von diesem wurden 1888 92.812 Hogheads, von Virginia-Tabak 20.237 Hogheads zugeführt, von einheimischem Cigarrenblatt (Sead-leaf), aus Havana -, Javasamen u. s. w. gezogen, 116.391 Kisten gegen 90.889 im Jahre 1887 verkauft.
Die Tabakindustrie New-Yorks, welche, nebenbei bemerkt, vielfach in Händen von eingewanderten Czechen ist, verarbeitet auch Tabak von Cuba, und zwar10*[76]
A East-River-Passage, B Station der Long-Island-Bahn, C Manhattan-Beach-Station, D Central-Eisenbahn-Station, E New-York-Cent. und Hudson-River-Bahn, F Leuchtfeuer, G New-York & Harlem - und N. Haven & Hartford-Bahn, H Fleetwood-Park, J Harlem Riv. & P. Cester-Bahn, K Station derselben, L Bahnhof und Oeldepot der N. Y. Cent. & Hudson-Bahn, M Bahnhof und Ferry der Delaware-Lac. Erie & Western-Bahn, N Bahnhof und Ferry der Pennsilvania-Bahn, O Anschluss der Pennsilvania und Red-Bahn. P Croton-Reservoir, Q Metropolitan-Kunst-Museum, R Broadway-Str., S The Ramble-Reservoir, T Naturhistorisches Museum, U Conservatorium, V Bryant-Park, W Washington - Park, X Union-Square, Y Madison-Square, Z Tompkins-Square, 1 Park, 2 Morris-Square, 3 Morningsede-Park, 4 Sacré-Coeur-Kloster, 5 Riverside-Park, 6 Erste Avenue, 7 Fünfte Avenue, 8 Achte Avenue, 9 Zwölfte Avenue, 10 150. Strasse, 11 110. Strasse, 12 50. Strasse, 13 22. Strasse. 14 1. Strasse, 15. Harlem-Brücke, 16 Central-Brücke, 17 West-Chester-Avenue, 18 Nord 3. Avenue, 19 Boston-Road, 20 Strafhaus, 21 Irrenhaus, 22 Correctionshaus, 23 Trinity-Friedhof, 24 Calvary-Friedhof, 25 West Shore & Ontario terminal Comp., 26 Kohlendepot der Del. & Hudson Can. Comp., 27 Oeldepot der N. Y. Lac. Eris & W. -Bahn, 28 Elisian Fields.
[77]
A East-River-Passage, B Erie-Basin, C Atlantic-Basin, D Freiheitsstatue auf Bedloes I. E Brooklyn-Kettenbrücke, F Leuchtfeuer, G Fort Gibson auf Ellis I., H Fort Columbus. J Castle garden auf the Battery, K Arsenal der Kriegsmarine, L Bassins der Local - und Flussboote, M Fulton-Strasse, N Hamilton-Strasse, O Greenwood-Friedhof, P Evergreen Friedhof, Q Washington-Park, R Broadway-Strasse, S City-Hall, T Postgebäude, U Union-Course-Platz, V Ridgewood-Reservoir, W Morris-Canal, X Brooklyn 3. Avenue. Y Bahnen zum Strande der Coney-Insel, Z Quarantaine.
78Die atlantische Küste von Amerika.meist Havanatabak, ferner Tabak von Sumatra. Die Einfuhr erreichte 1888 66.530 q (Werth 8·9 Millionen Dollars), die Wiederausfuhr 6150 q (Werth 0·8 Millionen Dollars). Tabak ist ein wichtiger Artikel der Rückfracht, besonders für die Schiffe, welche Auswanderer aus Bremen bringen.
Ueber die Höhe der Tabakindustrie New-Yorks, welche auch für den Export arbeitet, geben die Steuerlisten für das Kalenderjahr 1888 die Auskunft, dass 25.000 q Rauchtabak, 540 q Schnupftabak, 763,184.674 Stück Cigarren und 591,951.860 Stück Cigarretten erzeugt wurden.
Der Export New-Yorks an Tabakfabricaten, welcher 1888 ungewöhnlich gross war, hatte einen Werth von 2·9 Millionen Dollars.
Der Frachtmenge und dem Werthe nach sind als Ausfuhrartikel auch Kupfer - erze und Rohkupfer hervorzuheben mit einem Gesammtwerthe von 7·4 Millionen Dollars im Jahre 1888.
Für den Holzhandel bestehen in New-York und Brooklyn ausgedehnte Lagerplätze. Der Wohnplatz New-York verbraucht grosse Mengen Bauholz, welches aus den Wäldern im Nordwesten der Seen und aus Canada stammt. So trafen 1886 858,000.000 Kubikfuss Holz (Werth 23·8 Millionen Dollars) in New-York ein und 520,000.000 Kubikfuss wurden in der Stadt selbst zu Bauten und Reparaturen verwendet. Im Holzhandel New-Yorks ist ein Capital von 12 Millionen Dollars angelegt. Zur Ausfuhr gelangten 1888 Hölzer im Werthe von 4·4 Millionen Dollars, Holzfabricate im Werthe von 3·4 Millionen Dollars, darunter für die Hälfte Möbel.
Aus der Gruppe der Fabricate nehmen unter den Exportartikeln New-Yorks Maschinen und Maschinenbestandtheile den ersten Rang nach den Baumwoll - fabricaten ein, denn sie repräsentiren einen Werth von 7 — 8 Millionen Dollars, dem gegenüber die Einfuhr nur den zehnten Theil erreicht. Hervorzuheben sind Ackerbau - und Nähmaschinen; Dampfmaschinen spielen in der Ausfuhr keine be - sondere Rolle. Viel wichtiger sind Sägeblätter und die unübertrefflichen Werk - zeuge, von denen 1888 um 1·8 Millionen Dollars exportirt wurden.
Offenbar haben die amerikanischen Maschinenfabriken noch vollauf zu thun mit der Befriedigung des einheimischen Bedarfes.
Wichtige Ausfuhrartikel New-Yorks sind ferner Chemikalien, vor allem Medicinen (1888 Werth 3·1 Millionen Dollars), Waggons und Wagen (1888 Werth 1·1 Millionen Dollars).
Wir wenden uns nun Artikeln zu, in welchen die einheimische Production nicht genügt. Unter ihnen ist Zucker der wichtigste, und seine Bedeutung steigt unausgesetzt, weil nicht nur die Bevölkerung der Union rasch steigt, sondern auch die relative Grösse des Consums erstaunlich zunimmt. Es kommen 1888 schon 24·1 k Zucker auf den Kopf der Bevölkerung, gegen 17·3 k im Jahre 1879.
Der Schwerpunkt des Zuckerhandels von New-York, welches der wichtigste Einfuhrhafen der Union für Zucker ist, liegt in den Bezügen aus dem Auslande, denn im Kalenderjahre 1888 kamen im Hafen von New-York nur 130.318 q ein - heimischen Zuckers, dagegen 6,147.312 q fremden Zuckers direct aus dem Aus - lande an. Der Stock umfasste am 1. Jänner 1888 391.429 q, am 31. December 1888 253.842 q. Wir müssen jedoch gleich bemerken, dass im Zuckerhandel New - Yorks das Jahr 1888 kleinere Ziffern ausweist als irgend eines der Jahre seit 1883, weil sich sämmtliche Raffinerien New-Yorks einem Zuckertrust angeschlossen hatten. Ausserdem waren die Bezüge aus Cuba, welches in der Regel mehr als zwei Fünftel des in New-York eingeführten Zuckers liefert, ungewöhnlich klein. 79New-York.Das übrige Westindien und Brasilien reihen sich an Cuba. In New-York wird ferner Zucker aus Manila, Java, dem übrigen Ostindien und China eingeführt, und auch Europa, dessen Rübenzuckerproduction sich in den letzten Jahren un - heimlich vergrössert hat, schickte Zucker. Die Ziffern schwankten in den letzten fünf Jahren zwischen 550.000 q und 1,197.000 q.
Ebenso ging die Einfuhr von Melasse 1888 bedeutend zurück, weil die Sendungen aus dem Auslande, welche den grösseren Theil der Anfuhren von New - York bilden, kleinere waren. Die grössten Mengen liefern Cuba, Portorico, Trinidad und Barbados. Die Einfuhr von Melasse für den Consum betrug im Kalenderjahre 1888 520.450 hl, davon waren 340.970 hl aus dem Auslande; die entsprechenden Ziffern des Jahres 1887 waren 674.400 hl und 438.900 hl.
Folgende Tabelle zeigt die Einfuhr von Zucker und Melasse aus dem Aus - lande in New-York in den letzten drei Jahren.
Aus dem Auslande wird nur Rohzucker eingeführt und in den grossartigen Fabriken von New-York raffinirt.
Von hier gehen einheimische (1887 / 8 133.950 hl) und fremde Melasse (26.921 hl) und fremder Rohzucker (108.820 q) in die Raffinerien von Canada; be - deutender aber ist die Ausfuhr von einheimischem raffinirten Zucker, welche 1887 / 8 116.750 q im Werthe von 1,643.787 Dollars erreichte.
Auch die einheimische Production von Wein, Spirituosen und Bier genügt nicht. In der ganzen Union und in New-York überwiegt in diesen Waaren die Einfuhr die Ausfuhr. Die Hauptmenge des in New-York consumirten Weines ist California-Wein. Die Gesammtzufuhr mit der Bahn und zu Wasser, wovon letztere einen grossen Bruchtheil bildet, erreichte 1888 255.100 hl, 1887 226.300 hl 1886 139.900 hl. Aus diesen Ziffern ersehen wir die Ausbreitung des einheimischen Weinbaues, welcher in Californien einen Boden und ein Klima zur Verfügung hat, wie wenige Erdstriche überhaupt. Alle Sorten ausländischen Weines, welche mit den einheimischen concurriren, zeigen in den letzten Jahren in der Einfuhr einen Rückgang. Es sind dies die Weine von Bordeaux, Burgund, Cette und die spani - schen Rothweine. Am auffälligsten ist dieser Rückgang bei den Bordeaux - und Burgunder-Weinen, die in Fässern exportirt werden. Die Einfuhr betrug 1888 16.300 hl gegen 20.700 hl im Jahre 1885. Die Einfuhr der werthvolleren Flaschen - weine, die eben im Lande keinen Concurrenten finden, hält sich auf ihrer Höhe und zeigt 1888 die Ziffer von 111.045 Dutzend Flaschen.
Dafür zeigen deutsche und ungarische Weine eine ganz ansehnliche Stei - gerung der Einfuhrziffer, die sich daraus erklärt, dass die Einwanderer, welche aus denselben Ländern kommen, die von Jugend auf gewohnten Getränke, so - bald sie zu Wohlstand gelangt sind, auch hier nicht länger entbehren wollen. Von diesen zwei Gattungen wurden im Kalenderjahre 1885 32.612 hl Fass - weine und 438,304 Dutzend Flaschen, 1888 36.000 hl Fassweine und 61.604 Dutzend Flaschen eingeführt. Eingeführt werden ferner italienische Weine; be - sonders beliebt sind starke Flaschenweine, Sherry, endlich Portwein und Ma - deira, deren Verbrauch andauernd zunimmt. Aber der Günstling unter den aus -80Die atlantische Küste von Amerika.ländischen Weinen ist der Champagner. Trotz hoher (7 Dollars für 1 Dutzend grösserer Flaschen) und lästiger Zölle und demzufolge hoher Preise ist der Wein so populär, dass nicht nur eine Festfeier ohne ihn als unvollständig gilt, sondern er auch tagtäglich, einfach wie besserer Tischwein in allen Hotels getrunken wird. Das erklärt, warum in New-York 1885 193.037 und 1888 bereits 249.402 Dutzend Flaschen Champagner eingeführt wurden. Die beliebtesten Marken sind Mumm, G. H. & Cy und Heidsieck, Piper.
Die Verhältnisse des Handels mit Spirituosen sind gleichartig mit den - jenigen des Weinverkehres. Der einheimische Whisky, dessen vornehmste Erzeu - gungsstätte Kentucky (Louisville) ist, und californischer Cognac verdrängen ausländi - schen Cognac, holländischen Gin, Scotish und Irish Whisky, welche überdies mit hohen Einfuhrzöllen belastet sind. Aber gegen „ English Gin “, Marke „ Old Tom “nützen die hohen Zölle nicht viel; die steigende Einwanderung aus England bedingt auch eine Einfuhr dieses Getränkes. Von einheimischem Whisky wurden in Kalenderjahre 1888 in New-York zugeführt 128.800 hl, von californischem Cognac 11.686 hl, von einheimischem Alkohol 132.120 hl.
Die grossen Fortschritte, welche die Destillateure der Neu-Englandstaaten in der Erzeugungsweise des Rumes gemacht haben, führte eine Verminderung der Einfuhr und eine Steigerung der Ausfuhr von St. Croix - und Jamaica-Rum herbei, während die steigende Einfuhr von Bier aus England und Deutschland hervor - gerufen ist durch die theilweise nicht befriedigende Beschaffenheit der einheimi - schen Production, für die auch New-York sehr wichtig ist.
Die Gesammteinfuhr aller Spirituosen, Cognac (Brandy) eingeschlossen, aus - ländischen Ursprungs, betrug 1887 / 88 79.600 hl der Werth 1,384.276 Dollars, die von Bier 67.500 hl im Werthe von 439.864 Dollars, welchen Ziffern in diesen Artikeln eine viel kleinere Ausfuhr gegenübersteht. Von Sprit amerikanischen Ur - sprungs wurden wiedereingeführt 79.600 hl im Werthe von 4·4 Millionen Dollars.
Die Production von Reis, die im Südosten der Union ihren Sitz hat, bedarf der Ergänzung aus dem Auslande, welches über New-York 330.300 q Reis eingeführt.
Auffallend ist die bedeutende Einfuhr von Hopfen aus dem Auslande, obwohl Amerika einer der grössten Hopfenproducenten der Welt ist. Auf eine Aus - fuhr von 25.640 q kam 1887 / 88 eine Einfuhr von 17.800 q, von welcher Summe nur ganz kleine Mengen zur Wiederausfuhr gelangen. Um dem amerikanischen Hopfenbau aufzuhelfen, haben sich viele Bräuer verpflichtet, nur einheimischen Hopfen zu verwenden. Und in der That sind die Handelsverhältnisse des Jahres 1889 für die Amerikaner sehr günstig. Der in der letzten Zeit erfolgte Uebergang der grössten Brauereien der Union in die Hände englischer Consortien macht jedoch die Hoffnung der einheimischen Hopfenbauer auf grösseren Geldertrag hinfällig.
Zur Ergänzung der einheimischen Ernten führt man Kartoffel (1,242.600 hl), Bohnen und Erbsen (391.800 hl) ein. Die Wiederausfuhr dieser Waaren ist klein.
New-York ist ein Hauptsitz des Häutehandels der Union, dessen Be - darf kaum zu einem Sechstel aus dem Zollgebiete gedeckt wird. Montevideo und Buenos-Ayres liefern jedes mehr Häute nach New-York als die Vereinigten Staaten, und Centralamerika, in welchem Posten freilich auch Sendungen aus Californien und der Westküste von Mexico stecken, steht ihnen nicht nach.
Die Einfuhr von Häuten unterliegt in der Union keinem Zoll. Im Kalender - jahre 1888 wurden im Ganzen 3,358.548, 1887 2,939.438 Stück zugeführt. Dieser81New-York.Zufuhr von Häuten entspricht in der Union eine grossartige Lederindustrie, welche exportirend ist, aber des Zusammenhanges wegen hier erledigt wird. Es herrscht Ueberproduction, und daher sehen wir seit einer Reihe von Jahren die Preise des Leders unausgesetzt zurückgehen. Statt den Betrieb einzuschränken, sieht man den Erfolg einzig darin, die Preise der rohen Häute zu drücken und wartet auf die Engländer, welche bei überfüllten Lagern zu Spottpreisen mit den Vorräthen aufräumen.
Die wichtigste Ledersorte der Union und also auch des Marktes New-York ist Hemlockleder, so genannt, weil es mit der Rinde der Hemlocktanne gegerbt ist. Mit Eichenlohe erzeugtes Leder wird eigens als solches bezeichnet. Von Hemlock - leder wurden im Jahre 1888 3,157.841, 1887 3,546.151 Häute nach New-York ge - bracht, bei einer Gesammtzufuhr von 4,121.429 Stück Sohlenleder im Jahre 1888 und 4,662.398 Stück im Jahre 1887. Von Oberleder und Kalbleder kamen 1888 459.544 Stück, 1887 473.243 Stück an.
Der Export ist vornehmlich nach England gerichtet, das mehr als doppelt so viel aufnimmt wie der europäische Continent. Die Ausfuhr New-Yorks an ge - gerbten Häuten betrug 1888 1,582.105 Stück, 1887 1,497.735 Stück.
Umfangreich ist selbstverständlich der Handel New-Yorks mit Schuh - waaren. Gewöhnliche Waare kommt aus Massachusetts, bessere Qualitäten, wie Knöpfelschuhe für Frauen, Schuhe aus Lackleder und solche mit elastischen Einsätzen, liefert New-York selbst. Die Schuhindustrie dieser Stadt ist in einem blühenden Zustande, sie exportirt bereits feinste Waare nach Cuba, auch nach China und Japan.
In alaungarem Leder (Skins for Morocco) und Damenhandschuhen findet dafür eine bedeutende Einfuhr aus Europa statt. Herrenhandschuhe macht man nur aus amerikanischem Leder, man verlangt dort starke Waare. In New-York bestehen zwei, in Jersey-City eine grosse Handschuhfabrik; die bedeutendsten Unterneh - mungen sind jedoch in der Umgebung von Albany.
Handel New-Yorks in Leder und Lederwaaren in Dollars 1887 / 88:
Die Ausfuhr ausländischer Waaren wurde weggelassen, weil sie unbedeutend ist.
Ueber New-York, die Stadt der Union, wo der Luxus der Reichen am auf - fälligsten zutage tritt, geht der grösste Theil des Pelzhandels der Union. Die Ein - fuhr, die zu drei Vierteln confectionirte Waare umfasst, erreichte 1887 / 88 5,595.537 Dollars, die Ausfuhr einheimischer Erzeugnisse, aus rohen Pelzhäuten bestehend, 4,520.657 Dollars, die Ausfuhr fremder Producte 201.108 Dollars.
In verhältnissmässig engen Grenzen bewegt sich der Handel mit Producten der Fischerei. Für die Einfuhr (1887 / 88 Werth 1,806.000 Dollars) sind Anchovies, Sardinen und Häringe besonders wichtig, für die Ausfuhr einheimischer Production, die ungefähr so gross wie die Einfuhr, Stockfische und Austern. Um nicht weniger als 661.420 Dollars wurden Austern verschickt, die meist nach England gingen. Die Ausfuhr fremder Fische betrug 380.762 Dollars.
Die Seehäfen des Weltverkehrs. II. Band. 1182Die atlantische Küste von Amerika.Unter den Spinnstoffen, welche die Union einführen muss, dominirt Seide; immer grösser werden die Einfuhrmengen, weil die Seidenindustrie gewaltig zu - nimmt, deren Hauptsitz Paterson im Staate New-Jersey ist, von wo drei Viertel der Bänder stammen, welche das Land erzeugt. Ein Drittel der Rohseide, welche die Union bezieht, geht heute noch über New-York, kommt also über Europa, doch wird das Verhältniss im Platz allmälig weniger günstig, da die Seiden Ostasiens, die ja für den Seidenhandel ausschlaggebend sind, direct über S. Francisco be - zogen werden. Von ausländischer Rohseide wurden 1887 / 88 786.907 kg eingeführt. Der Einfuhrwerth aller Sorten unverarbeiteter Seide betrug 7,714.518 Dollars.
Steigend ist auch die Einfuhr von Wolle, weil der einheimische Ertrag ab - nimmt — denn die Zucht der Pferde ist rentabler als die der Schafe —, ander - seits weil der Consum steigt. Die Hauptmenge des Importes umfasst aber Teppich - wollen. Es wurden 1887 / 88 226.910 q fremde Wollen im Werthe von 6,122.967 eingeführt, 17.000 q fremde Wollen im Werthe von 534.331 Dollars ausgeführt. Im Handel mit Schafwolle ist heute New-York wichtiger als Boston.
Fast die ganze Einfuhr der Union in Flachs erfolgt über New-York (1887 / 88 21.110 q); hier gehen ein zwei Drittel des Importes von Hanf und der als Ersatz desselben verwendeten Stoffe (264.956 q im Werthe von 4,198.740 Dollars), fast die ganze Jute (918.658 q) und beinahe aller Sisalhanf (300.093 q). Der Werth aller Artikel, welche aus dieser Gruppe der Rohproducte eingeführt werden, beträgt (1887 / 88) 12,933.964 Dollars, der Werth der ausgeführten fremden Stoffe 286.806 Dollars.
Andere Naturproducte, welche fast auschliesslich über New-York eingeführt werden, sind: India Rubber und Guttapercha (1887 / 88 153.050 q im Werthe von 14,742.162 Dollars, die Grundlage einer grossartigen, der Union eigenthümlichen Industrie), Korkholz und Indigo. Bedeutend ist New-Yorks Einfuhr von Pflanzen - ölen, dann von Früchten, deren Werth 1887 / 88 14,634.985 Dollars erreichte. Aus Europa kommen Limonien, Orangen, Korinthen und getrocknete Pflaumen, aus Westindien Bananen. Die Einfuhr von Orangen wird bald stark sinken, denn in den warmen Theilen der Union, in Californien und Florida, wurden grosse Orangenculturen angelegt, und die Orangenzüchter Siciliens und Spaniens verlieren eines ihrer ersten Absatzgebiete. Wir wollen insbesondere noch die Einfuhr von getrockneten Pflaumen hervorheben, welche zum grösseren Theile aus Bosnien kommen und bis auf geringe Mengen nur über New-York eingeführt werden. Ein - fuhr 1887 / 88 299.470 q.
Uebrigens ist es eine Frage der Zeit, wie lange die Union noch Pflaumen einführt, denn ihre Obstcultur nimmt in den letzten Jahren einen rapiden Auf - schwung und gerade in den Gebieten westlich und südlich von New-York ist der Hauptsitz des Obstbaues der Union; mindestens ein Drittel des Obstes der Union wird hier allein geerntet. Es herrscht eine weitgehende Specialisirung: gewisse Ge - genden ziehen Erd - und Himbeeren, andere Kirschen, andere Pflaumen, andere Pfir - siche. Der Amerikaner hat auf diesen Obstreichthum eine umfangreiche Industrie gegründet, die sich mit dem Conserviren des Obstes beschäftigt. In der Art der Obst - verwerthung sind die amerikanischen Obststaaten allen Ländern vorangeschritten und die getrockneten oder in den grossen „ Canneries “fabriksmässig eingemachten Früchte finden ihren Markt in der ganzen Welt. Doch bilden grüne und reife Aepfel, ferner getrocknete Aepfel den Haupttheil des Exportes, der schon 3·4 Mil - lionen Dollars erreicht hat und wegen der guten Schiffsverbindungen ebenso wie83New-York.die Ausfuhr der Austern zum grössten Theile über New-York stattfindet und nach Europa geht. Ausfuhr von New-York 1887 / 88: getrocknete Aepfel 46.630 q, grüne und reife Aepfel 304.776 Barrels, also etwa 450.000 — 460.000 hl.
Ausschliesslich auf die Einfuhr ist Nordamerika bei Kaffee, Thee und dem grössten Theile der Droguen angewiesen. Für Kaffee ist New-York einer der ersten Weltmärkte, fünf Sechstel der Kaffee-Einfuhr der Union entfallen auf diesen Hafen, der zugleich für Kaffee ein grosser Umschiffungsplatz ist. Kaffee ist einer der wichtigsten Artikel der Speculation auf der New-Yorker Waarenbörse. Es wurden hier 1887 / 88 1,622.470 q (Werth 51,078.178 Dollars), 1886 / 87 1,942.700 q (Werth 46,231.302 Dollars), 1885 / 86 1,929.620 q (Werth 32,380.659 Dollars) zugeführt. Das sind ein Viertel bis ein Drittel der Production der Welt. Am 31. December 1888 umfasste der damals ungewöhnlich kleine Stock Kaffee 120.000 q. Einfuhren kamen aus Brasilien, ferner grössere Mengen aus Venezuela. Andere Bezugsländer sind die Insel Haïti, Columbia, Mexico und Java mit Sumatra. Die Ausfuhr von fremdem Kaffee betrug 1887 / 88 59.700 q und war nach Frankreich und England gerichtet.
Auch als Einfuhrplatz für Thee behauptet New-York die erste Stelle in der Union, obwohl viel Thee über San Francisco kommt. Eingeführt wurden 1887 / 88 269.660 q (Werth 6,122.967 Dollars), 1886 / 87 252.909 q (Werth 7,325.121 Dollars), 1885 / 86 272.070 q (Werth 6,617.451 Dollars). Die Union bezieht mehr als die Hälfte des Thees aus Japan.
Von Cacao wurden 1887 / 88 64.115 q eingeführt.
In das grosse und weit verzweigte Gebiet des Droguenhandels lassen wir uns nicht näher ein, wir bemerken nur, dass in der Union in steigendem Masse Morphin und Opium, zubereitet zum Rauchen, verbraucht wird.
Eingeführt werden ferner Gewürze, Weinstein (1887 / 88 74.220 q) aus Italien, Frankreich und Oesterreich-Ungarn, Sodanitrate aus Chile (1887 / 88 497.800 q), Zinn in Blocks u. s. w. (131.780 q im Werthe von 8,073.971 Dollars) Salz (879.820 q) aus England.
Den Haupttheil der Einfuhr von Fabricaten bilden in der Union trotz der gewaltigen Zunahme der einheimischen Industrie die Erzeugnisse der Textilindustrie (Dry goods), welche mit Inbegriff der Rohseide 1887 / 88 einen Werth von 112·4 Millionen Dollars, 1886 / 87 von fast 107 Millionen Dollars, und damit etwa drei Viertel der Einfuhr dieser Waarengattung in die Vereinigten Staaten repräsentiren. Zu der folgenden Tabelle bemerken wir, dass bei jedem Jahre etwa 7 Millionen Dollars für den Import von Rohseide abzuziehen sind und dass an „ Miscellaneous dry goods “jährlich bei 15 Millionen Dollars hinzuzurechnen sind.
Einfuhr von Erzeugnissen der Textilindustrie in Dollars:
Wir ersehen aus diesen Ziffern, dass sich der amerikanische Markt in Baum - wollwaaren am meisten vom Auslande unabhängig gemacht hat, namentlich in den Staaten des Südens sind viele Fabriken für die Verarbeitung des dort einheimi - schen Rohproductes entstanden. Den Kunden wird natürlich von den Kaufleuten vieles als fremde Waare angerechnet, was im Inlande erzeugt ist. Baumwoll - und11*84Die atlantische Küste von Amerika.Schafwollwaaren kommen aus Grossbritannien, Deutschland und Frankreich, Seiden - stoffe aus Frankreich, Deutschland und England, Leinenwaaren aus dem Vereinigten Königreiche und Deutschland.
Die Producte der bedeutenden einheimischen Baumwoll - und Schafwoll - industrie werden zum grossen Theile auf grossen Auctionen umgesetzt, welche im Mai in New-York stattfinden. Flanelle sind die wichtigsten Artikel auf diesen Auctionen. Der Hauptmarkt für bedruckte Baumwollstoffe ist Fall River. Eine ansehnliche Ausfuhr einheimischer Producte besteht nur bei den Baumwollwaaren und umfasst braune Shirtings und Drills. Werth aller ausgeführten Baumwollwaaren 1887 / 88 10,216.141 Dollars. Hauptabsatzgebiet ist China, Mexico, Haïti und Brasilien.
Eisen und Eisenwaaren sind ebenfalls ein wichtiger Theil der Einfuhr, welcher vornehmlich England und das Deutsche Reich interessirt. Wenn auch die Eisenindustrie der Union 1885 57,758.000 q, 1886 65,205.606 q, 1888 65,950.270 q erreichte, den grossartigen Bedürfnissen der Union, welche 1886 14.479 km, 1887 21.016 km, 1888 11.456 km neuer Eisenbahnen eröffnete, vermag sie noch lange nicht zu genügen. Zunächst finden wir Roheisen; die Grösse der Einfuhr desselben zeigt einen gewissen Zusammenhang mit der Kilometerzahl der neuen Eisenbahn - linien, denn es wurden im Kalenderjahre 1886 2,030.673 q, 1887 2,474.000 q, 1888 1,695.955 q ausländisches Roheisen, Spiegeleisen eingeschlossen, im Hafen von New-York eingeführt.
Minder wichtig ist die Einfuhr von Stahl-Ingots (1887 / 88 683.000 q im Werthe von 1,812.110 Dollars).
Der dritte Theil des Einfuhrwerthes von Eisen und Eisenwaaren entfällt auf Weissblech, für das auch Westfalen von besonderer Bedeutung ist; an dieses reihen sich Draht und Bandeisen (1887 / 88 888.856 q), dann Messerschmied - waaren.
Die Einfuhren von Eisenerz, von Eisen und Stahl, dann von Waaren aus Eisen und Stahl hatten in den letzten fünf Fiscaljahren folgenden Werth:
Die relative Bedeutung New-Yorks für die Einfuhr von Eisen und Eisen - waaren ist in den letzten Jahren etwas gesunken. Die oben angeführten Ziffern entsprechen nicht ganz der Hälfte der Einfuhr der Union. Dass die Ausfuhr der Eisenfabricate der Hauptsache nach auf Maschinen und deren Bestandtheile be - schränkt ist, wurde schon angegeben.
Von feineren Glaswaaren, insbesondere von versilbertem und auch von unversilbertem Spiegelglas, geht der weitaus grösste Theil über New-York ins Land. An der Gesammteinfuhr New-Yorks für Glas und Glaswaaren von 5,756.541 q (1877 / 88) hat Belgien den Hauptantheil; Oesterreich verliert immer mehr Terrain in diesem Handel.
Porzellan - und Thonwaaren wurden jährlich um mehr als 3 Millionen Dollars aus England, Deutschland, Frankreich und Oesterreich eingeführt.
Einer Einfuhr von Papier und Papierfabricaten im Werthe von 1,810.714 Dollars, die überwiegend von Deutschland geliefert wird, steht eine Aus - fuhr einheimischer Erzeugnisse gegenüber, die dem Werth nach zwei Fünftel der oben genannten Ziffer erreicht.
85New-York.New-York beherrscht auch die Einfuhr von chemischen Fabricaten, wie Theerfarben, Glycerin und Soda, die von Erzeugnissen, welche in erster Reihe dem Wechsel der Mode unterliegen, wie Hüte (Werth 1887 / 88 5,747.020 Dollars), den Import von Corsetten (1 Million Dollars), Knopfwaaren (3·3 Milionen Dollars), welche meist aus Oesterreich stammen. Es ist der erste Einfuhrplatz und der wichtigste Markt der Union für „ Fancy Articles “, Luxusartikel, wie Parfümerien, Perlen, Schmuckfedern, Puppen u. s. w. (1887 / 88 fast 6 Millionen Dollars), für Edel - steine (9 — 10 Millionen Dollars) und Gold - und Silberwaaren, für Uhren und endlich für Kunstwerke im engeren Sinne (1,578.797 Dollars), und für Bücher, Landkarten, Stiche (3,191.794 Dollars), welche meist einem hohen Einfuhrzolle unterliegen.
Zum Schlusse geben wir eine Uebersicht des Handels von New-York mit dem Auslande in den letzten fünf Jahren nach den zwei Hauptgruppen:
Brooklyn. (Atlantic Docks)
I. Waarenverkehr in Dollars.
II. Verkehr in Edelmetallen in Dollars.
Dem grossartigen Einfuhrhandel entspricht der Ertrag der Zölle, die in Amerika hoch angesetzt sind und die wichtigste Einnahmsquelle dieses merkwürdigen Staats - wesens bilden, welches nicht weiss, wie es den Ueberschuss seiner Staatseinnahmen über die Ausgaben nutzbringend anlegen soll.
86Die atlantische Küste von Amerika.Die Zolleinnahmen betrugen:
Betrachten wir die Staaten, mit denen Amerika am meisten Handelsver - bindungen unterhält, so zeigt sich folgendes Bild: Aus Grossbritannien und England erhält New-York jedes Jahr um 100 Millionen Dollars Waaren, seine Waarenaus - fuhr dahin erreicht 140 — 150 Millionen Dollars. Das Deutsche Reich und Frank - reich schicken jedes jährlich um mehr als 60 Millonen Dollars. Deutschland erhält dafür um 25 Millionen Dollars, Frankreich um 15 Millionen Dollars amerikanische Erzeugnisse. Belgiens Handel mit New-York ist passiv. Um 10 Millionen Dollars bewegen sich die Einfuhr aus den Niederlanden und die Ausfuhr dahin, um je 5 Millionen Dollars die beiden Theile des Handels mit Italien und Spanien. Oesterreich-Ungarn, die Schweiz und auch Russland führen weit mehr dahin ein, als sie von dort erhalten. Dänemark und Schweden und Norwegen decken ihre Einfuhr aus New-York nicht durch die Ausfuhr einheimischer Waaren.
Der werthvollste Theil des Handels New-Yorks spielt sich im Verkehre mit Europa ab. Von den Ländern Amerikas sind für New-York jene die wichtigsten, welche Zucker und Kaffee an die Union abgeben, wie Brasilien, Westindien, (unter den dortigen Inseln voran Cuba), Venezuela. Der Export von amerikanischen Industrieproducten hält sich noch in engen Grenzen, die amerikanischen Kaufleute, an der Spitze die New-Yorks, haben aber ihr Augenmerk unausgesetzt auf alle jene Länder gerichtet, welche bisher ein reiches und sicheres Absatzgebiet für die Industrien Europas bilden. Die überseeischen Länder, wie Australien, Brasilien, Argentina etc., sind gute Kunden, weil sie an hohe Preise gewöhnt sind. Darauf, diese Staaten zu gewinnen, sind auch hauptsächlich die Bemühungen der Amerikaner zurückzuführen, einen Gesammtbund aller Staaten der neuen Welt zu errichten.
Für New-York ist gegenwärtig noch die Ausfuhr nach dem englischen Australasien wichtiger, als beispielsweeis die nach Brasilien und Mexico zusammen - genommen. In Asien sind Britisch-Ostindien und China die für New-York wich - tigsten Verkehrsländer.
Es ist unzweifelhaft, dass der Exporthandel New-Yorks noch in den Kinder - schuhen steckt, dass er sich aber von Jahr zu Jahr mehr entwickeln wird, namentlich wenn es gelingt, die Union bei überseeischen Zahlungen von der Ver - mittlung Englands zu befreien und eine Reihe einheimischer Schiffahrtsunter - nehmungen zu gründen und zu erhalten, denn im Jahre 1887 / 88 wurden von dem Gesammthandel New-Yorks mit dem Auslande, welcher, die Edelmetalle mit ein - begriffen, 852·2 Millionen Dollars umfasste, 114·1 Millonen Dollars durch ameri - kanische, 736·1 Millionen Dollars durch fremde Schiffe vermittelt und um 2 Mil - lionen Dollars gingen Waaren mit der Eisenbahn nach Canada.
An der Errichtung subventionirter Schiffahrtslinien, welcher übrigens die Verfassung Schwierigkeiten bereitete, arbeitet soeben die Regierung, denn darüber ist man sich vollkommen klar, dass nichtsubventionirte Linien eine existenzfähige Concurrenz bei den bestehenden Tarifen nicht aufnehmen können.
Hier mag sogleich der Schiffsverkehr von New-York besprochen werden, welcher im auswärtigen Handel die Hälfte des Tonnenverkehrs aller Unions -87New-York.häfen zusammen bildet, der grösser ist als der Tonnenverkehr Liverpools und dem Londons ziemlich nahe kommt.
Tonnenverkehr New-Yorks im Handel mit dem Auslande:
Den stärksten Tonnenverkehr mit dem Auslande hatte New-York 1880 und 1881, in jedem mit mehr als 15 Millionen Tons. Die Einzelangaben über die Schiffahrt New-Yorks wollen wir auf das Jahr 1887 / 88 beschränken.
Auswärtiger Verkehr:
Im Küstenverkehre liefen 1888 13.710, 1887 15.224 Fahrzeuge ein. Drei Viertel derselben kamen aus östlichen Häfen; von diesen bilden Segelschiffe den grössten Theil. Von den aus südlichen Häfen eintreffenden Schiffen waren 1888 bereits zwei Fünftel Dampfschiffe.
Baumwolle aus dem Süden wird jetzt nur mehr mit Dampfern gebracht. Im überseeischen Verkehre haben die Segelschiffe den Getreideverkehr verloren und den Export von Petroleum in Kisten. Da fortwährend neue „ Tank “- Steamers eingestellt werden, so wird der Transport des Petroleums in Fässern, der bisher den Seglern geblieben war, theilweise überflüssig werden.
Im Allgemeinen lässt sich also annehmen, dass der Handel New-Yorks und der Union überhaupt die Frachten mehr und mehr auf die Verschiffung mittelst Dampfers beschränken werde. Der daraus erwachsende Verdienst wird aber, wie die obige Tabelle des Schiffsverkehrs New-Yorks nach Flaggen zeigt, nicht den einheimischen, sondern den Dampfern Europas, vorab den Engländern zufallen.
New-York nennt wohl (1888) die ganz anständige Zahl von 4002 Schiffen mit 915.510 Tons seine Marine; von ihnen waren 1074 Dampfer mit 369.794 Tons, aber diese dienen überwiegend dem Küstenhandel. Im transatlantischen Verkehre können seine Fahrzeuge, wie die der Union überhaupt, mit den englischen, deutschen, französischen, norwegischen u. s. w. nicht concurriren, die Postverbin - dung mit Europa besorgen ausschliesslich europäische Dampfer. Ja selbst der Handelsverkehr mit Westindien und Südamerika wird zum Theil durch europäische Schiffe vermittelt.
New-York ist das Ziel der meisten regelmässigen Dampferlinien, die Europa mit Nordamerika verbinden. Von Liverpool gehen jeden Mitt - woch die Schiffe der White Star-Line, am Sonnabend die der Cu -88Die atlantische Küste von Amerika.nard-Line ab und sollen den 3028 Seemeilen langen Weg über Queenstown fahrplanmässig in 9 Tagen machen. Die neuesten Schiffe legen selben aber schon in 7 Tagen zurück. Von Liverpool kommen ferner die Guion -, beziehungsweise die Inman-Line, dann die National - Line, die Anchor-Line.
Aus Deutschland gehen nach New-York: 1. Der Norddeutsche Lloyd, welcher jeden Mittwoch und Sonnabend Schiffe über South - hampton nach New-York gehen lässt; Fahrtdauer 9 — 10 Tage, Weg 3568 Seemeilen; 2. die Hamburg-amerikanische Packetfahrt - Actien-Gesellschaft von Cuxhafen über Southhampton bis New - York 8½ Tage; eine zweite Linie dieser Gesellschaft berührt Hâvre.
Die Verbindung Hâvres mit New-York erfolgt ferner einmal in der Woche durch die Compagnie Générale Transatlantique; 3187 Seemeilen in 8 Tagen. Wöchentliche Verbindungen unterhalten ferner die Anchor-Line mit Glasgow, die Niederländisch-amerikanische Dampfschiffahrts-Gesellschaft abwechselnd mit Amsterdam und Rotter - dam, die Red Star-Line mit Antwerpen.
Ausserdem sind zu nennen fünf Linien vom mittelländischen Meere her, eine von Spaniens Westküste, je eine Verbindung mit Bordeaux, Hamburg, Kopenhagen, Stettin und zwei mit London.
Von allen diesen Linien sind die gesperrtgedruckten Postlinien. Sie und alle übrigen betreiben auch in grossartigem Massstabe den Trans - port von Auswanderern in die Union. Die am stärksten besuchten Ein - schiffungsplätze sind Liverpool, Bremen, Hamburg, Antwerpen, Hâvre. In New-York, dem Hauptziele der Einwanderung, landeten 1887 / 8 417.453 Passagiere aus Europa und nur 969 aus anderen Erdtheilen. Die Zahl aller in New-York gelandeten Passagiere aber betrug in demselben Jahre 491.027. Denn 57.759 amerikanische Bürger, welche „ auf die andere Seite “(des grossen Wassers) gegangen waren, kehrten heim, und 14.845 Europäer kamen herüber, um zum Ver - gnügen oder aus Geschäftsrücksichten die Union zu besuchen. Von der Gesammtziffer der Angekommenen waren 395.332 im Zwischendeck, 95.695 in Cabinen gereist. Diese Ziffern lassen ahnen, was die nach Amerika gehenden Dampfschiffahrts-Gesellschaften an dem Personen - transporte verdienen. In den Jahren 1884 — 1888 betraten nicht weniger als 1,768.033 Menschen (drei Viertel aller Einwanderer in die Union) in New-York den Boden der neuen Welt und passirten Castle Garden. Es sind ihrer mehr, als heute den Staatsmännern der Union lieb ist. Eine Reihe von Massregeln haben diese bereits getroffen und noch schärfere bereiten sie vor, um die Einwanderung von chinesischen89New-York.Kulis, sogenannten Paupers (Mittellosen und Krüppeln), Verbrechern und unter Contract engagirten Arbeitern zu verhindern, auf dass nur körperlich und moralisch gesunde, freie und wenigstens halbwegs bemittelte oder arbeitsfähige Bürger in das Land einwandern können.
New-Yorks Hauptbemühung ist darauf gerichtet, die regel - mässigen Verbindungen mit Westindien, vor allem aber mit Brasilien zu vermehren; in diese Länder gehen wenigstens nebst englischen Schiffen auch einheimische Dampfschiffahrts-Unternehmungen.
Der früher geschilderte Verkehr New-Yorks mit dem Auslande ist in den letzten Jahren so gestiegen, dass die heutigen Piers, Werften und Docks am East - und North-River nicht mehr genügen. Das Dock - departement plant, an der Westseite der Stadt zwischen Strasse 11 und 23 eine bisher für den Hafenverkehr im Grossen wenig benützte Uferstrecke von mehr als einer englischen Meile Länge zweckmässig umzugestalten und dort 23 mächtige Piers zu errichten. Auch die Verbindung New-Yorks mit seinen Schwesterstädten im Westen ist heute eine umständliche und soll vereinfacht werden. Eine Actiengesell - schaft, für die jetzt englisches Capital eintritt, hat Probebohrungen vorgenommen, um nach dem Vorbilde des Tunnels zwischen Liver - pool und Birkenhead New-York unter dem Hudson mit New-Jerseys Bahnenterminus durch zwei Tunnels zu verbinden. Das eigentliche New-York steht nur mit den im Nordosten liegenden Neu-England - staaten und Canada (Montreal) durch drei Linien in directer Eisen - bahnverbindung. Die New-York nächste Eisenbahnbrücke, die über den Hudson führt, liegt bei Poughkeepsie, am Beginne des letzten Drittels des Weges nach Albany, und diese wurde erst Ende 1888 nach dreijährigem Baue fertig.
Mit Ausnahme der Eisenbahn New-York-Central and Hudson - River-Railroad, an der auch Poughkeepsie liegt, münden sämmtliche für New-York wichtige Trunk-Lines in Jersey-City. Mit dem Namen Trunk-Lines bezeichnet man in Amerika kurz die grossen durchgehenden Bahnen, welche den Verkehr der Massenartikel zwischen den atlan - tischen Häfen und den Plätzen des Innern vermitteln. Durch ihre Anlage wurde die Besiedelung des Innern erleichtert und der Handel von New-York riesig gehoben. Mit der Eröffnung der ältesten Pacific - bahn nach San Francisco (5229 km) am 10. Mai 1869 wurde New - York auch zu einem wichtigen Umschiffungsplatze für die euro - päisch-asiatische Post, welche den Weg durch die Union mit Ex - presszug erster Classe in fünf Tagen zurücklegt. Chicago (1448 km) ist von hier in 24 Stunden, Philadelphia (145 km) in 2 Stunden,Die Seehäfen des Weltverkehrs. II. Band. 1290Die atlantische Küste von Amerika.Baltimore (202·5 km) in 5½ Stunden, Washington (367 km) in 7 Stun - den, New-Orleans (2163 km) in 55 Stunden, endlich Mexico über Laredo in 6 Tagen zu erreichen. Nach Boston fährt man 6¾ Stun - den (349 km), zu den Niagarafällen 16 Stunden (711 km) und nach Montreal 14 Stunden (628 km).
Der ausgedehnte Handelsverkehr, die Bedürfnisse der hochent - wickelten und reichen Journale New-Yorks haben 1884 zur Er - richtung einer directen transatlantischen telegraphischen Verbindung der Commercial Cable Compagnie geführt. (Mackay Bennet Cable, welches in New-York selbst landet.)
Alle besprochenen Handels - und Verkehrseinrichtungen zeigen wohl die commercielle Bedeutung New-Yorks, nichts orientirt aber schneller über den Umfang des geschäftlichen Verkehres von New - York als die Ziffern über die Thätigkeit des dortigen Clearing Houses. Das Geschäftsjahr endet mit dem 30. September, und in dem Jahre 1888 / 89 gingen durch das Clearing House Checks im Betrage von 34.796,465.529 Dollars; die Saldi bezifferten sich auf 1.757,637.473 Dollars, somit die Gesammttransactionen auf 36.554,103.002 Dollars. Das gibt für den Geschäftstag im Durch - schnitte 120,640.604 Dollars.
Wall-Street ist das Podium des Finanz - und Bankwesens der grossen Republik. Hier sind die New-Yorker Fondsbörse, die New - Yorker Productenbörse, das Clearing House, das Sub-Treasury und das Assey-Office (Probir-Amt) der Vereinigten Staaten, um welche sich die zahlreichen Banken und Mäkler gruppiren. Am 12. December 1888 bestanden in der City New-York allein 46 Banken, im übrigen Theile des Staates 275, zusammen 321 Nationalbanken. Die Zahl der Staatsbanken wird für den 8. December desselben Jahres mit 41 in der Stadt New-York, mit 131 für den ganzen Staat angegeben. Stadt und Grafschaft New-York hatten am 1. Jänner 1889 24 Sparbanken (Savings Banks) mit Einlagen in der Höhe von 293,269.285 Dollars und 715.413 Einlegern, der ganze Staat 125 Banken mit 526,677.515 Dollars Einlagen.
In einem Lande, wo es keine Pensionen gibt, wie in der Union, und wo die Bevölkerung nicht in den Tag hineinlebt, sondern Jeder mit Kraft und Ausdauer für seine Zukunft sorgt, blüht naturgemäss auch das Versicherungsgeschäft. In New-York hat auch die grösste Lebensversicherungsgesellschaft der Erde, die „ Equitable “, ihren Sitz, anderer berühmter Namen nicht zu gedenken.
Alle diese Ziffern und Daten predigen die Thatsache, dass der91New-York.Amerikaner ein kühner und unternehmender Kaufmann sei; dass er aber ein Vorsichtiger bei aller Liberalität des Credites ist, zeigt die einzig in ihrer Art dastehende Bradstreet Cy. in New-York, das grösste Institut der Welt für kaufmännisches Auskunftswesen. Es wurde be - reits 1849 gegründet, beschäftigt jetzt in seinen Bureaus 1500 sorg - fältig ausgewählte Arbeitskräfte und ein Heer von Correspondenten und hat ausser Amerika in London, Paris, Wien und Berlin Vertretungen. In New-York laufen die Nachrichten über eine Million Firmen der Union zusammen und werden gewissenhaft revidirt und ergänzt. Jedes Vierteljahr erscheinen „ Bradstreet Commercial Reports “, ein einzig dastehendes Denkmal der Organisirung des Handelsbetriebes.
Der Amerikaner ist eben ein Kaufmann, der sein Vermögen hundert - mal im Leben auf eine Karte setzt, aber sich in seinen Geschäften nie durch falsche Sentimentalität leiten lässt. Er bedient reell, will aber auch jeden Tag wissen, wie seine Kunden stehen. New-York ist in der Creditfrage wie in allen anderen Fragen des öffentlichen Lebens und der Sitte so recht die „ Empire city “, tonangebend im Guten wie im Schlechten für das ganze Riesenreich der Uniformität, bis an die Gestade des Stillen Oceans.
Consulate haben in New-York folgende Staaten:
Argentinische Republik (G. C.), Belgien, Bolivia (G. C.), Chile, Chioa, Co - lumbia (G. C.), Costarica (G. C.), Dänemark, Deutsches Reich (G. C.), Dominikanische Republik, Ecuado (G. C.), Frankreich (G. C), Griechenland (G. C.), Grossbritannien (G. C.), Haïti (G. C.), Hawai (G. C.), Honduras (G. C.), Italien (G. C.), Japan (G. C.), Liberia (G. C.), Mexico (G. C.), Monaco (G. C.), Norwegen (G. C.), Nicaragua (G. C.), Oesterreich-Ungarn (G. C.), Paraguay (G. C.), Peru, Portugal (G. C.), Russland (G. C.), Salvator (G. C.), Schweden und Norwegen, Schweiz, Serbien (G. C.), Siam, Spanien (G. C.), Türkei, Uruguay, Venezuela (G. C.).
Wenn der enorme Werth der Einwanderung für die Entwick - lung der Vereinigten Staaten Nordamerikas gewürdigt zu werden ver - dient, so darf das Jahr 1682, in welchem die Auswanderung aus Europa, hauptsächlich aus England, nach dem Unterlaufe des Dela - ware zum erstenmale in grossartiger Weise sich vollzog, als ein für die Zukunft der Union entscheidender Abschnitt bezeichnet werden. Es liefen nämlich im genannten Jahre dreiundzwanzig Schiffe mit unternehmenden Auswanderern, die der Verfolgung in Europa ent - flohen oder doch europamüde waren, in den mächtigen Strom ein. Erst im nächsten Jahre folgte der geistige Urheber dieser Völkerwanderung, der berühmte Q[u]äker William Penn, als wahrer Hirte seiner frei - willigen Gemeinde.
Das schöne und waldreiche Land, welches ihm von der eng - lischen Regierung als Entschädigung für eine bedeutende Geldforde - rung (16.000 Pfund Sterling) in Privatbesitz übergeben worden war, wurde auf Wunsch des Königs Karl II. von England Pennsylvanien genannt und trägt also heute noch den Namen seines ehemaligen Besitzers. Von den ursprünglichen Ansiedlungen am Delaware, die von Holländern und Schweden herstammten, von welchen besonders die letzteren viel geleistet haben, sind fast alle Spuren verwischt, nur der geistige Ansporn und die moralische Energie, welche die ersten Pionniere der Cultur beseelten, wurden das Erbe der späteren, vom Glücke mehr begünstigten Einwanderer.
Noch 1683, in dem Jahre seiner Ankunft, gründete Penn die Stadt Philadelphia und kaufte nicht nur Landgebiete von den Indianern, mit denen er sich freundschaftlich abzufinden wusste, sondern legte auch den Grund zu einer Verfassung, die das Gedeihen der neuen Colonie zu fördern geeignet war. Dieselbe Verfassung ist darum[93]
Philadelphia.
94Die atlantische Küste von Amerika.wichtig, weil sie 1776 die Grundlage bei der Constituirung der Vereinigten Staaten bildete.
Ideal veranlagt und von dem Wunsche beseelt, sich und den Bewohnern der neuen Stadt ein idyllisches, paradiesisches Heim zu gründen, entwarf er den Stadtplan von Philadelphia schon ursprüng - lich für grosse Verhältnisse. Die am unteren Theile jener Landzunge, welche durch den Zusammenfluss des Delaware und des Schuylkill - flusses gebildet wird, gelegene Stadt sollte nach Penn’s Plan in weiten Strassen sich vom Ufer des einen Flusses bis zu jenem des anderen erstrecken und mit grossartigen Parkanlagen ausgestattet sein. Penn’s Ideale konnten allerdings nicht ganz verwirklicht werden, denn das mächtige Anwachsen und Gedeihen der Colonie und der Stadt über - flügelte alle Erwartungen, aber sein Plan bildet noch immer den Grundriss selbst des heutigen Philadelphia, obwohl die Stadt weit über eine Million Einwohner zählt.
Philadelphia ist reich an historischen Erinnerungszeichen, die den Stolz seiner Bevölkerung bilden. Die hervorragendsten Denkmäler ihrer allerdings jungen Geschichte sind Penn’s Haus, dann eine alte schwedische Kirche, welche, im Jahre 1677 erbaut, als Gotteshaus und gleichzeitig als Fort diente, jedoch im Jahre 1770 reconstruirt wurde, endlich die aus dem Jahre 1729 stammende Independence-Hall, das heiligste dieser Monumente. Auch die im Jahre 1727 begonnene Christkirche, wenngleich von vielen der 500 Kirchen Philadelphias an Schönheit überragt, zählt zu diesen Reliquien, weil die Klänge ihrer alten Glocken mit jenen der Glocke des Staatshauses einstens die Geburt der Freiheit verkündeten.
Pietätvoll wurde Penn’s Wohnhaus, das erste aus Ziegeln er - richtete, vor wenigen Jahren nach Fairmount-Park übertragen, d. h. geschoben, um nicht der Demolirung anheimzufallen.
Die Carpenters-Hall und Independence-Hall, in welchen der erste und zweite Congress tagten, dürfen mit Recht als Wiege der amerikanischen Unabhängigkeit angesehen werden. Die dem Besucher jederzeit offenstehende Independence-Hall wird in demselben Zustande erhalten, in welchem sie sich am 4. Juli 1776, als dort die Unab - hängigkeit proclamirt wurde, befand.
Als Centrum der Freiheitsbewegung war Philadelphia durch län - gere Zeit Sitz des ersten Präsidenten und bis 1800 auch jener der Regierung der Vereinigten Staaten; bis zum Jahre 1797 wurden dort die Congressversammlungen abgehalten. Philadelphia war damals grösser als New-York, die grösste Stadt der jungen Union und auch95Philadelphia.die Hauptstadt von Pennsylvanien; dieses Vorrecht musste sie aber später der Stadt Harrisburg einräumen. Dessen ungeachtet blieb erstere die be - deutendste Stadt dieses Landes, die zweitgrösste der Vereinigten Staaten und an Flächenausdehnung sogar die grösste der Union. Die Tracirung der Stadt erstreckt sich nämlich über den ganzen Bezirk (County) von Philadelphia und weist eine Längsausdehnung (Nord - Süd) von mehr als 40 km bei einer Breite (Ost-West) von 9 — 15 km aus; jetzt ist bereits der grösste Theil dieser ungeheueren Fläche ausgebaut. Die Ost-West laufenden Strassen führen vom Ufer des Delaware nach jenem des Schuylkill und setzen sich theilweise noch jenseits desselben in West-Philadelphia fort. Zwei herrliche Brücken, welche aus dem centralen Theile über den klaren und tiefen Schuylkill führen, verbinden die zwei Stadttheile. Als Basis für die Nord und Süd laufenden Strassen ist Front-Street, nahe an den Borden des Delaware, anzusehen. Von dieser werden die Strassen gegen Westen mit fortlaufenden Nummern gezählt. Die grosse Ausdehnung nach Nord und Süd machte eine Theilung der Stadt in zwei Gebiete der besseren Orientirung halber nöthig. Die Grundlinie dieser Theilung ist Marketstreet, welche schnurgerade Ost-West sich vom Ufer des Delaware und über die Brücke nach West-Philadelphia fortsetzt. Alle ihr parallel laufenden Strassen tragen ausnahmslos Namen.
Wie ein Stern, der seine Strahlen nach allen Richtungen sendet, steht im Centrum der Stadt, dort wo sich die Marketstreet mit der Broadstreet senkrecht kreuzt, jener Complex von Prachtgebäuden, welche den Namen The New Public buildings (City-Hall) führen. Alle Staats - und Stadtämter sind darin untergebracht und über der gegen Broadstreet gewendeten Façade ragt ein 163 m hoher Thurm, der höchste Steinbau der Welt, in die Lüfte; er bildet ein gross - artiges Monument zu Ehren des Gründers der Stadt. Die Statue Penn’s blickt von der Thurmspitze herab auf das Gebiet seines einstigen Wirkens. Diesen Platz wies die Pietät der Bewohner dem Denkmale an, weil das herrliche Bauwerk jenen Platz einnehmen musste, der Penn’s Namen trug und durch Penn’s Standbild geziert war. An den prachtvollen marmorreichen Façaden der Public buildings wogt un - aufhörlich die Menschenmenge vorüber, denn die elegante Welt der Broadstreet und die geschäftlich eilende der Marketstreet. der Haupt - ader des geschäftlichen Verkehres, begegnen sich dort. Der luxuriöse Riesenbau der Public-buildings verschlang eine Bausumme von 15 Mil - lionen Dollars. Seine isolirte Lage mit vier freien Fronten sichert dem prunkvollen Rathhause einen besonders vornehmen Rang unter all96Die atlantische Küste von Amerika.den prächtigen öffentlichen und Privat-Gebäuden, durch deren Zahl und Schönheit Philadelphia an und für sich alle amerikanischen Städte überragt. Es ist, als bliebe warmes Empfinden für das Schöne ebenfalls durch Penn’s Geist für immer an diese Stätte gebunden.
Die glücklichen Verhältnisse Philadelphias kommen in seinen glanzvollen Bauten und in dem eleganten Aeussern der Stadt, die ohne Uebertreibung zum Juwel der Union geworden ist, zur Geltung. In munificenter Weise entstanden dort Institute und Anstalten zur Pflege von Kunst und Wissenschaft sowie zur Verbreitung und Hebung des Wohlthätigkeitssinnes in einer Zahl, wie sie anderwärts kaum anzutreffen ist. Die schon im Jahre 1749 gegründete Universität von Pennsyl - vanien, welche in West-Philadelphia einen Prachtbau erhalten hat, und das Girard-College, von einem reichen Schweizer als Waisenhaus gegründet, geniessen Weltruf. Von den staatlichen Gebäuden wären noch das Customhause (Zollamt), die Münze und die zwei Straf - anstalten als mustergiltig zu erwähnen. Ebenso sind die verschie - denen Banken und Finanzinstitute, deren Mehrzahl in Chestnutstreet gelegen ist, in ihrer Art hervorragend. Dagegen beanspruchen die miliärischen Etablissements, und zwar ein Armee-Arsenal und der Navy - Yard (Arsenal der Flotte), keine Bedeutung. Die Academy of fine arts, die Academy of Music und zahlreiche Bibliotheken, wie z. B. Phila - delphia library, sind Institutionen, welche jeder Grosstadt zur höchsten Zierde gereichen würden. Das schon über hundert Jahre bestehende Lippincot’sche Buchhandlungshaus, ein Literaturinstitut ersten Ranges, der Public Ledger, eine der grossartigsten Zeitungsunternehmungen, gehören zu den markanten Erscheinungen Philadelphias auf dem Ge - biete der Industrie des Geistes.
Jedoch nicht allein die Prunkgebäude des Reichthums, der sein Lager hauptsächlich in Market - und in den mit dieser an Glanz rivalisirenden Chestnut - und Broadstreet aufgeschlagen hat und diese Strassen zu den fashionablesten Stadtpromenaden erhob, sondern auch die Wohnhäuser der wohlhabenden Bürgerschaft, noch mehr aber jene der arbeitenden Classe, die kaum anderswo so glänzend versorgt ist als hier, beanspruchen unsere vollste Aufmerksamkeit; Philadel - phia setzt nämlich die grösste Ehre darein, den arbeitenden Classen bequeme und saubere Unterkunft zu bieten.
Obwohl vorzugsweise Industriestadt, ist Philadelphia wie über - haupt der ganze an schiffbaren Flüssen, Canälen und Bahnen so reiche Staat Pennsylvanien ein reiches Handelsgebiet und die stets wachsende Bedeutung desselben drängte zur Gründung von Hand -[97]
F Leuchtfeuer. Die Seehäfen des Weltverkehrs. II. Band. 1398Die atlantische Küste von Amerika.lungshäusern, die seither von dominirendem Einflusse geworden sind, wie: Wood’s Haus, Hood, Strawbridge & Clothers, deren ebenso muster - haft wie grossartig angelegte Geschäftshäuser in der alten und neuen Welt ihresgleichen nicht finden. Gleichfalls vorzüglich und luxuriös eingerichtet sind die Hôtels, deren erste: Continental, Girard-House und Colonnade, wie fast alle besseren in Chestnutstreet liegen und mit den modernsten Errungenschaften der Technik ausgestattet sind. Unter den 11 Theatern der Stadt ist die Academy of Music eines der ersten und grössten Amerikas. Zu den besonderen Vorzügen Philadelphias ge - hören auch seine Badeanstalten, deren viele dem Volke — und das ist wohl ein hoher Triumph des Gemeinwesens — unentgeltlich zur Ver - fügung stehen. Zur Zeit der Bädereröffnung erfüllt darob wahrer Jubel die Stadt. Dann prangen auch die Gärten der Squares, ein Hauptschmuck der Stadt, in prächtigem Grün; von den acht grossen dieser Plätze ist Bittenhouse-Square nicht nur der schönste im Baumschlage, sondern auch der Liebling der noblen Welt.
Zu den grössten städtischen Parkanlagen der Erde zählt wohl der seiner Schönheit wegen berühmte, im Nordwesttheile der Stadt an beiden Ufern des Schuylkillflusses gelegene Fairmount-Park. Die Nothwendigkeit, aus den klaren Fluten des genannten Flusses das Trinkwasser für die Stadt zu schöpfen, führte unwillkürlich zu dem Beschluss, die Industrie aus dieser Gegend zu bannen. Unzählige Fabriken und Mühlen, welche am Flusse lagen, mussten flussabwärts ziehen oder abgebrochen werden, und der ganze weite Grund 8 km aufwärts der Stadt und noch 9½ km an den romantischen Ufern des Wissahickonflusses, eines Nebenflusses des Schuylkill, wurden käuflich für Philadelphia erworben Dort enstand dann auf beiden Flussseiten der riesige Fairmount-Park, dessen mit Thälern und Hügeln geschmückte Landschaften ihn zu einem ebenso grossartigen wie reizenden Erholungs - und Vergnügungsorte der Stadt erhoben. Mehrere Pferdebahnlinien führen dahin, und ist der Haupteingang in Green - Street gelegen. In der Nähe desselben gewahrt man den Fairmount - Hügel mit den vier Reservoirs der Schuylkillwasserwerke. Von seiner Höhe geniesst man eine lohnende Aussicht auf die Stadt und auf den viel - fach überbrückten Schuylkillfluss. Interessante Objecte des Parkes sind am linken Ufer des Schuylkill die Kolossalstatue Lincolns, ferner Georgs - und Lemon-Hill, dann weiter nordwestlich ein Hügel im ehemaligen Sedgely-Park mit einem kleinen Bretterhaus, Grant’s Cottage, welches vom General während des Bürgerkrieges bei City Point als Haupt - quartier benützt und nach der Beendigung des Krieges als Erinnerung99Philadelphia.an den grossen Mann hieher gebracht worden war. Am Fusse des Hügels liegt die prächtige mit Bronzefiguren geschmückte und über fünf Pfeiler geführte Girard-Avenue-Brücke, ein imposanter Bau, der den Ost - mit dem Westparke verbindet. Sie ist 300 m lang, 30 m breit und 16 m hoch über Wasser. Ganz nahe dieser Brücke liegt auch jene, welche die Pennsylvania - mit der Camden-Eisenbahn ver - bindet. Ueber Girardbridge gelangt man im westlichen Parke zum zoologischen Garten, der die schönste Thiersammlung in Amerika ent - hält und mit ungeheueren Kosten erhalten wird. Auf diesen, Solitude genannten Grund wurde das Haus Penn’s — jetzt nach dessen Tochter Letitia-House genannt — aus Philadelphia überführt und aufgestellt. Im Territorium des Fairmountparkes, welches einst herrschaftliche Villeggiaturen enthielt, stehen noch manche aus der alten Coloniezeit herstammende Häuser, die noch jetzt als theure Andenken erhalten werden. Im nordwestlichen Parktheile am malerischen rechten Ufer des Schuylkill, welcher die schönsten Fahrwege hat, wurde im Jahre 1876 die Centennial-Weltausstellung abgehalten, von deren Gebäuden das auf einer Höhe stehende prächtige Palmenhaus, die Horticultural - Hall und die solid und schwer gebaute Memorial-Hall zum Andenken stehen geblieben sind. Letztere, ein stylvoller Kuppelbau, ist bestimmt, unter ihren Granit - und Eisenhüllen Werke vaterländischer Kunst zu beherbergen. Das letzte und doch bedeutendste der alten Bau - werke, welche zu den Zierden des Fairmountparkes gehören, ist das reizend gelegene Belmont-Mansion, das als ein besonders werthes Kleinod geschätzt wird, denn Washington, Franklin, Lafayette, Tal - leyrand, Louis-Philippe und andere bedeutende Männer weilten dort als Gäste des Besitzers, des Dichters und grossen Patrioten Richard Peters.
Die Grundlage des Wohlstandes und enormen Aufschwunges von Philadelphia ist seine Industrie. Nahezu jeder Zweig derselben ist hier vertreten und erhält besonders seit der Entwicklung des Bahnnetzes durch die Raschheit und Billigkeit der Kohlenzufuhr aus den reichen Lagern die kräftigsten Impulse. Hervorragend ist die Eisenindustrie in allen ihren Detailzweigen, insbesondere aber haben Locomotiv - und Schiffbau unter den Firmen wie Baldwin, Cramp & Sons Weltruf erlangt. Weitaus das regste und turbulenteste Getriebe herrscht am Hafen zu beiden Seiten des Delaware. Während am westlichen linken Ufer in Camden fünf Bahnen nur einen Theil des Landverkehres be - wältigen, entwickelt sich längs der Delaware-Avenue, dem Quai von Philadelphia, die Geschäftsthätigkeit in ihrer ganzen Grösse.
13*100Die atlantische Küste von Amerika.Hier ist auch das Centrum der Approvisionirung der Stadt. Alle Artikel und alles nur Erdenkliche für den gewöhnlichen Lebensbedarf werden hier in unermesslichen Quantitäten aufgestapelt, Fische, Austern, Gemüse, Obst, Geflügel u. a. Insbesondere wenn die berühmten Pfir - siche des ganzen Delawaregebietes hier zu Markte und die Früchte New-Jerseys ebendaselbst zur Verfrachtung gelangen, erreicht das Getriebe einen interessanten Höhepunkt.
An den südlichen Stadtquais, wohin auch der Frachtenbahnhof der Pennsylvania Rail-Road verlegt ist, befinden sich mächtige Getreide - elevatoren und grossartige Industrie-Etablissements. Die grössten Ocean - schiffe liegen dort dicht am Quai, gewissermassen direct unter den Gebäudefronten der Stadt und bewirken das Löschen oder Verladen der Waaren, zu deren Transport diesseits des Delaware neun Eisen - bahnlinien nach allen Gebieten der Union sich verzweigen. Der See - verkehr Philadelphias ist grossartig entwickelt. Mit bewundernswerther Pünktlichkeit treffen die grossen Oceanschiffe der American -, der Red Star -, der Allan-Line hier ein. Ebenso sieht man die schmucken Schiffe der Clydes steam-lines von New-York, dann all die sonstigen mit Waaren schwer beladenen Schiffe, unzählige Yachten, Schlepper, Boote und die prächtigen Salonschiffe, welche den wasserreichen Strom auf - und abwärts nach den vielen Städten befahren, die dessen Ufer förmlich belagern.
Viele der Städte und Orte, die weitab, selbst an den 90 See - meilen entfernten Gestaden des atlantischen Oceans liegen, sind Aus - flugs - und Badeorte der Bewohner von Philadelphia, und kaum anderswo gibt es einen schöneren Grund, einen wohligeren Wellen - schlag, als in den lauen Sommerfluten der atlantischen Küste bei Philadelphia. Bis Atlantic-City, 60 Meilen weit, und bis Cap May, der Pforte in den offenen Ocean, laufen in kaum zwei Stunden die Bahnzüge von Camden, wohin man aus Philadelphia mit Ferrybooten zu jeder Zeit übersetzen kann. Eine besondere Erscheinung im Bilde des Seelebens der Delaware-Bai sind die Dampfer, welche als Eigen - thum der grossartigen Kohlentransportgesellschaft, der Reading-Railroad ständig diese Gewässer befahren. Wohl ein Dutzend dieser Schiffe von zusammen mehr als 15.000 Tonnen Tragfähigkeit versorgt alle Ort - schaften und Städte bis an die oceanische Küste mit der unentbehr - lichen Steinkohle. Die Hauptstation und Ladestelle dieser Schiffe ist unmittelbar an der Endstation der Bahn im Norden der Stadt, wo sich auch die ausgedehnten Werften und Trockendocks der Firma Cramp und die bedeutendsten industriellen Etablissements erstrecken.
[101]A Anlageplätze für Schiffe, B Kohlen - magazin der Phil. u. Read. -Bahn, C Koh - lenmagazin von Greenwich, D Camden - Bahnh. E Kensington-Bahnhof, F Broad - Station, G Washington-Station, H Ger - mantown-Junction, J Balt. u. Ohio-Sta - tion, K Phil. & Read-Station, L North - Pennsylvania-Junction, M City-Hall (Public Buildings), N State House, O Naval-Asylum, P Armenhaus, Q Penn - sylvania-Hospit. Insane, R zoologischer Garten, S Girards-College, T Fried - höfe, U Universität, V Wasserreservoir, W Georgshügel, X Memorialhall, Y Gas - werke, Z Seearsenal. — 1 Markat-Street, 2 Broad-Street, 3 Erie-Avenue, 4 So - merset-Street, 5 Kensington-Avenue, 6 Susquehanna-Avenue, 7 Montgomery - Avenue, 8 Cambria-Street, 9 Richmond - Street, 10 Girard-Avenue, 11 Ridge - Avenue, 12 Spruce-Street, 14 Snyder - Street, 15 Front-Street, 16 8. Strasse, 17 18. Strasse, 19 34. Strasse, 20 40. Strasse, 21 48. Strasse, 22 60. Strasse, 23 Federal-Street, 24 Camden - u. At - lantic-Junction, 25 Revadway, 26 Se - cond-Street, 27 Fairmount-Avenue, 28 Strafhaus, 29 Ferry, 30 Chestunt - Street.
Selbst die Bitternisse des Winters, die in dem unsteten Klima Philadelphias oft sehr empfunden werden, bilden am Delaware kein Hinderniss für die regste Schiffahrt. Wie an der ganzen Ostküste der Union, wird auch in Philadelphia während des Winters der Strom bis weit hinab in die Bai mit Eis bedeckt, aber mittelst starker Dampfer, welche fortwährend in Bewegung erhalten werden und das Eis durchbrechen, wird die Bahn zum Ocean frei erhalten.
Von wo immer man sich der Stadt nähern mag, ist die Fahrt und der Anblick fesselnd und interessant. Alle Bahnen, von welchen fünf auf die eigentliche Stadt entfallen, durchlaufen herrliche Gegenden. Die meisten übersetzen den Schuylkill auf fünf verschiedenen Brücken, und sind alle Stationen durch mehrfache Verbindungsbahnen, welche auch den Verkehr nach den Quais herstellen, wie in einen Ring inein - ander geschlossen. Nur der Delaware hat dem Laufe der Eisenbahnen gewisse Grenzen angewiesen. Die wichtigste Bahn, die Main-Line der Pennsylvania Rail-Road, hat mit immensen Kosten ganze Strassen - gevierte an sich gebracht und im Centrum der Stadt neben den Public buildings einen Prachtbahnhof gebaut, der an Luxus, Gross - artigkeit und Comfort kaum von irgend einer europäischen Station übertroffen wird. West-Philadelphia durchlaufend, übersetzt der Schienen - weg der Main-Line den Schuylkillfluss auf jener Strasse, welche die Fortsetzung der Marketstrasse bildet. Der Viaduct, welcher an Stelle der demolirten Häuserreihe die Zufahrt über das Terrain ebnet, ist ein Meisterwerk der Baukunst und deshalb eine Sehenswürdigkeit und eine Zierde der Stadt; unter dessen Bögen erleidet keine einzige der Nord-Süd laufenden Strassen eine Unterbrechung.
Am Südende der Stadt, wo Schuylkill und Delaware sich ver - einigen, auf dem niederen League-Island, liegt der Navy-Yard, das Seearsenal der Vereinigten Staaten. Wenn man von Philadelphia süd - wärts dem Ocean zusteuert, so entschwinden nach unzähligen Win - dungen des Flusses die qualmenden Schlote, der Rauch und Dampf, die letzten Zeichen des nie ruhenden Arbeitslebens einer der arbeit - samsten Städte des Erdballs. Das Fahrwasser des Delaware ist, wie unsere Karte zeigt, durch Betonnung und reichliche Leuchtfeuer markirt. Ueber 24 derlei Lichter weisen den Seeweg, der gegen Süden zu sich rasch erweitert, aber unter der trügerischen Wasserfläche doch nur bestimmte tiefere Furchen der Schiffahrt offen lässt. Oft brandet und stürmt es schon gewaltig und die hohen Wogen des Oceans rollen mit Macht an die flachen, meist sandigen Küsten der Bai, ehe bei Cap May das nördliche oder bei Cap Henlopen das südliche grosse103Philadelphia.Leuchtfeuer, welche beide das grosse Ausgangsthor nach dem Ocean markiren, passirt und der offene Kampf mit den Elementen begonnen werden kann.
Das Anlaufen der Bucht bietet in stürmischer Winterszeit gar manche Schwierigkeiten und Gefahren, weshalb durch die Regierung der Vereinigten Staaten innerhalb Cap Henlopen ein Wellenbrecher errichtet worden ist. Hinter diesem finden die vor den Stürmen des Oceans flüchtenden Schiffe einen geschützten Ankerplatz, bevor sie die Bai aufwärts in den Delaware segeln.
Philadelphia, die reizende Stadt, in welcher, wie erwähnt, die Amerikaner 1876 zur Feier der 100 Jahre früher erfolgten Erklärung ihrer Unabhängigkeit eine Weltausstellung abhielten, ist nach New - York der grösste Wohnplatz der Vereinigten Staaten, sie ist ein wichtiger Fabriksort und der Hafen des wohlangebauten und industrie - reichen Staates Pennsylvanien. Nicht viel weiter als 100 km nach Nordwesten entfernt liegen die grössten Lager der Union an Anthra - citkohlen, durch Canäle und Flussläufe mit ihn verbunden. Auffallend muss es erscheinen, dass eine solche Stadt als Handelsplatz nicht nur New-York weichen musste, dass sie sogar an Bedeutung weit hinter demselben rangirt. Diese Erscheinung wird erklärlich, wenn man be - denkt, dass keiner dieser Canäle die Alleghanies überschreitet und dass die grossen Trunklinien, von denen die Pennsylvania Rail-Road - Compagnie allein nach Philadelphia geht, in jeder Weise die benach - barten Häfen New-York und Baltimore begünstigen. Denn für den Verkehr mit Philadelphia drückt auf die Pennsylvania-Eisenbahn keine Concurrenzlinie, wie auf den Strecken nach New-York und Baltimore. Güter aus dem Westen, welche nach diesen Plätzen be - stimmt sind, zahlen daher niedrigere Frachtsätze, als wenn sie nach Philadelphia gehen. Der Hafen ist nicht frei von der Gefahr des Zu - frierens und bedarf auch sonst mancher Verbesserungen, um dann durch seine Grösse, durch die Tiefe des Fahrwassers und die Vortrefflichkeit seiner Docks ein Landungsplatz ersten Ranges zu werden.
Man will zur Hebung des Verkehres die in der Mitte des Delaware liegenden Inseln Smiths und Windmill ganz, Pettys Insel zum Theile entfernen und einen Canal vom oberen Ende der Stadt bis zur Delawarebai schaffen, welcher 183 m breit und 7·9 m tief sein wird. Dann wird Philadelphia, von dem man mit Expresszügen in zwei Stunden nach New-York und in 2½ Stunden nach Baltimore gelangt, vielleicht wieder jenen Theil des Handels der Union erlangen,104Die atlantische Küste von Amerika.der ihm von rechtswegen und nach seiner natürlichen Lage als einer Stadt ersten Ranges gebührt, die an einem tiefen Flusse liegt.
Dem Range nach ist Philadelphia wohl der dritte Hafen der Union an der atlantischen Küste, doch blühend kann man seinen Handel nicht nennen. Phila - delphias auswärtiger Handel in Dollars betrug:
Die Wiederausfuhr fremder Waaren und die Verschiffung von Edelmetallen sind so beschränkt, dass wir die obigen Ziffern als gleichbedeutend annehmen können mit der Höhe der Einfuhr fremder Waaren und der Ausfuhr einheimischer Producte.
Für Petroleum ist Philadelphia der zweite Ausfuhrhafen der Union; dieser Artikel stellt ein Drittel des Werthes der gesammten Ausfuhr des Platzes.
Ausfuhr von Petroleum:
Die Standard Oil Company lässt viel Petroleum in Röhren nach Philadelphia leiten, es daselbst raffiniren und dann in Tankschiffen verfrachten.
Der Handel Philadelphias mit Brotstoffen ist im Verfall. Es wurden hier zugeführt Mehl 1888 1,186.500 q gegen 1,231.000 q im Jahre 1887, Weizen 1888 900.000 hl gegen 3,263.400 hl im Jahre 1887, Mais 1888 1,047.000 hl gegen 1,420.000 hl im Jahre 1887. Die Steigerung in der Zufuhr von Hafer und Gerste gleicht den Verlust, welcher bei den oben genannten drei Artikeln eingetreten ist, nicht aus.
Der grösste Theil des Werthes der ausgeführten Brotstoffe entfiel 1888 auf Weizenmehl 603.000 q im Werthe von 2,825.331 Dollars. In früheren Jahren war Weizen an der Spitze, von welchem 1887 noch 2,073.500 hl im Werthe von 7,760.112 Dollars, 1888 nur mehr 258.850 hl im Werthe von 993.104 Dollars aus - geführt. Dieser Rückgang ist in erster Linie die Folge des Druckes, welchen New - York auf Philadelphia ausübt. Werth der Ausfuhr der Brotstoffe 1888 4,329.003, 1887 11,358.511 Dollars.
Die Ausfuhr von Baumwolle ist seit Jahren nur geringen Schwankungen unterworfen; sie erreichte 1888 107.825 q im Werthe von 3,395.902 Dollars. Etwas grössere Unterschiede zeigt nach den einzelnen Jahren die exportirte Menge der Oelkuchen, welche an Gewicht das der Baumwolle etwas übersteigt. Werth ungefähr eine halbe Million Dollars. Der vierte grosse Ausfuhrartikel sind die ver - schiedenen Gattungen der Provisions; Werth 1888 4,725.777, 1887 3,934.482 Dollars. Von besondererer Bedeutung sind Speck (1888 104.900 q, Werth 1,892.920 Dollars) und Schmalz (1888 43.114 q). Die Ausfuhr von frischem Fleisch zeigt nach den einzelnen Jahren bedeutende Unterschiede, dagegen ist die von lebendem Rindvieh nach Europa in den letzten Jahren constant gestiegen (1888 7037 Stück), wenn sie auch noch weit zurücksteht hinter dem Umsatz der nördlicher gelegenen105Philadelphia.Häfen. Philadelphia liegt eben schon weit ab von den Gebieten, in welchen die Viehzucht eine Hauptgrundlage des Wohlstandes ist.
Als Exportartikel sind noch hervorzuheben Blättertabak (1888 35.200 q), bituminöse Kohle (1888 1·5 Millionen q), endlich Melasse und Syrup, weil in Phi - ladelphia die grössten Zuckerraffinerien der Union sind. Die drei grossen alten Etablissements dieser Stadt haben sich an dem von New-York aus - gehenden Zucker-Trust nicht betheiligt und dadurch von der Steigerung der Preise profitirt, gleichzeitig aber auch ihre Erzeugungsmenge gewaltig erweitert. 1889 wurde von Spreckel, dem grössten Raffineur Californiens, eine vierte Fabrik errichtet.
Wegen dieser Industrie sind Zucker und Melasse aus Cuba und dem übrigen Westindien die wichtigsten Einfuhrartikel Philadelphias, welches für die - selben jetzt wichtiger ist als Boston.
Eisenerze, für Pittsburg, das Centrum der amerikanischen Eisenindustrie, bestimmt, ferner Eisen und Eisenwaaren bilden die nächste wichtige Gruppe der Einfuhr, welche 1888 einen Werth von 5,443.885 Dollars, 1887 einen solchen von 8,288.136 Dollars hatte, weil in dem letzten Jahre wegen des forcirten Baues der Eisenbahnen ungewöhnlich viel von Eisenerzen (6·1 Millionen q), Roheisen (466.000 q), altem Eisen (800.000 q) und Stahlblöcken war eingeführt worden. Die Einfuhr von Weissblech dagegen beträgt regelmässig zwischen 550.000 und 660.000 q.
Für die Einfuhr von Producten der Textilindustrie ist Philadelphia wie in den anderen Artikeln der dritte Platz der Union; alle zusammen haben einen Werth von 5·5 — 6·4 Millionen Dollars.
Mehr Interesse bietet der Import der Wolle, des Rohmaterials für die Teppichindustrie Philadelphias, welche in Amerika einzig dasteht. Von den 1888 eingeführten 77.000 q Wolle (Werth 2 Millionen Dollars) waren 69.400 q allein Teppichwolle. Keine Industrie Philadelphias hat einen solchen Aufschwung ge - nommen wie die Erzeugung von gewöhnlichen und Smyrnateppichen. Sie wurde 1857 eingeführt und umfasst jetzt in der ganzen Grafschaft 172 Etablissements in mehr als 200 Fabriksgebäuden, beschäftigt 7250 Kraftstühle und 17.800 Arbeiter und lieferte 1888 55,300.000 m2 Teppiche im Werthe von 45 Millionen Dollars. Die wichtigste Gattung der Teppiche sind „ Igrains “, ein dauerhaftes Fabricat, dann Brüsseler, Wilton-Teppiche und gewirkte Tapeten. Auf 1500 Handstühlen macht man sehr werthvolle Smyrnateppiche (1888 4·6 Millionen m2, Werth 12 Millionen Dollars).
Eine wichtige Industrie Philadelphias ist die Bierbrauerei; aber die mäch - tige Temperenzbewegung bedroht ihren Bestand. Sie hat 1888 schon die Einführung der „ High Licence “durchgesetzt, welche für Ausschank geistiger Getränke nur Licenzen in des Höhe von 500 Dollars kennt.
Die Schuhindustrie Philadelphias erzeugt Waaren im Werthe von 9 Mill. Dollars. Auch der Bau von Locomotiven und eisernen Schiffen wird an den Ufern des Delaware betrieben. Diese Industrie wird einen mächtigen Antrieb erhalten, wenn die Unionregierung auf der einige Kilometer unterhalb gelegenen League - Insel die beantragte grossartige Werfte baut, deren Bassin Raum für 28 Kriegs -Die Seehäfen des Weltverkehrs. II. Band. 14106Die atlantische Küste von Amerika.schiffe ersten Ranges bieten soll und durch einen 411·5 m langen und 198 m breiten Speisecanal mit dem Delaware in Verbindung stehen wird.
In Philadelphia bestehen ein Clearinghouse und alle Einrichtungen, welche der Beförderung des Handels dienen. Hier hat auch die älteste Münze der Union, 1793 gegründet, ihren Sitz, von ihr wurden bis 30. Juni 1887 um 664,196.225 Dollars Goldmünzen, um 275,835.402 Dollars Silbermünzen und um 18,439.147 Dollars kleinere Münzen geliefert. Die Thätigkeit der Münze ist in den letzten Jahren meist auf Silbermünzen gerichtet, von denen 1886 / 87 31,357.162 Stück hergestellt wurden.
Die Postverbindung mit Europa geht über New-York; directe wöchentliche Verbindung besteht mit Liverpool, Fahrdauer 15 Tage, und eine dreiwöchentliche mit Antwerpen durch die Red Star-Line, welche beide Einwanderer befördern. In Philadelphia landeten 1887 / 88 39.344 Passagiere, von diesen waren 37.325 eigent - liche Einwanderer; die meisten kamen aus dem Vereinigten Königreiche, aus Nor - wegen und Schweden.
Der Schiffsverkehr mit dem Auslande umfasste:
Im Jahre 1888 liefen ein:
Nach der Tonnenzahl steht die britische Flagge an der Spitze mit fast zwei Dritteln des ganzen Verkehres, an sie reihen sich die nationale Flagge, die norwegische und die deutsche. Wenn Schiffe, die aus dem Auslande gekommen sind, nach einem amerikanischen Hafen gehen, so werden sie beim Auslaufen im auswärti - gen Verkehre nicht mehr eingerechnet.
Consulate haben in Philadelphia folgende Staaten: Argentinische Repu blik, Belgien (G. C.), Chile, Columbia, Costarica, Deutsches Reich, Ecuador, Griechenland, Grossbritannien, Honduras, Liberia, Mexico, Niederlande, Nicaragua, Oesterreich-Ungarn, Paraguay, Schweiz, Spanien, Türkei, Venezuela.
Das grösste und herrlichste Meeresbecken an der Ostküste der Vereinigten Staaten, welches die Fluten des atlantischen Oceans dem Herzen des Continentes näher bringt, ist die Chesapeake-Bai.
Von der am 37. Breitegrade liegenden, durch ein Leuchtschiff und die Leuchthürme von Smith-Island und Cap Henry gekennzeich - neten Einfahrt an erstreckt sich der prächtige Fjord über 160 See - meilen nordwärts.
In unzähligen, tief in das Land von Virginia und Maryland ein - schneidenden Buchten eilen die süssen Wässer eines fast unentwirr - baren Netzes von Wasseradern der salzigen Flut entgegen. Die wasser - reichen Ströme, welche sich in dieses Sammelbecken von Westen und Norden her ergiessen, erhöhen dessen unschätzbaren Werth für die Schiffahrt und bringen die Städte und Orte, die an ihren Ufern erblühten, in unmittelbare Verbindung mit der See.
Die Schwierigkeiten der Navigation in der Chesapeake-Bai mit ihren ausgedehnten Sandbänken und Untiefen, ihren vielen Riffen und Inseln sind längst überwunden, seitdem die Dampfkraft auch bei der Schiffahrt ihre Triumphe feiert. Auch die Segler durcheilen, den Spruch „ time is money “beherzigend, die langwierigen und gefährlichen Pas - sagen der Binnengewässer im Schlepp von Dampfbooten unter Füh - rung bewährter Lootsen, welche die Schiffe durch das mit 54 Leucht - feuern markirte Fahrwasser der Bai zum Endziele hindurch steuern.
Die Uferstrecken, im unteren Theile der Bai flach und sandig, gehen im Norden allmälig in Hügelland über, und ein herrliches Klima kleidet die Gegend, in welcher Süd und Nord die Hände sich reichen, in die üppigsten Gewande.
Die in ihrer ganzen Längenausdehnung schiffbare Chesapeake - Bai ist infolge ihrer vielfachen Zerklüftung, der Beschaffenheit ihres Grundes und der reichen Stoffablagerung durch die zuströmenden14*108Die atlantische Küste von Amerika.Bäche, Flüsse und Ströme die idealste natürliche Zuchtstätte für die Auster.
Tausende von Menschen finden Beschäftigung bei der Austern - cultur und ganze Flotten von Fahrzeugen, welche ausschliesslich der Austernfischerei dienen, beleben die Bai den grössten Theil des Jahres hindurch.
So friedlich und idyllisch das erwähnte Gewerbe dem ersten Anscheine nach sich auch darstellen mag, so erfordert es namentlich in stürmischer Winterszeit manchmal gar harte Kämpfe mit dem Ele - mente. Auch verleitet die Freiheit zur See den Austernpiraten oft, auf unerlaubtem Gebiete nach Beute auszugehen, und trotz Seepolizei, welche die Rechte der Fischer in ihre Grenzen zu weisen bemüht ist, liefern sich die Flotten der letzteren nicht selten förmliche See - schlachten.
Die jährliche Ausbeute an Austern in der Bai ist eine enorm reiche. Von 11 Millionen Bushels, jedes nach der Marktusance zu 300 Stück, also gegen 3⅓ Milliarden Austern, gelangen 7½ Millionen Bushels nach Baltimore, jenem Weltmarkte, in dessen Handel sie einen der grössten Werthe repräsentiren.
Baltimore ist der grosse Magnet, der, durch seine Lage be - günstigt, nicht nur die Naturproducte der Bai und der umliegenden Seegebiete, sondern auch den grossen überseeischen Verkehr, ja selbst die Küstenschiffahrt fast ausschliesslich an sich gezogen hat, so zwar, dass der transoceanische Verkehr die anderen in der Chesapeake-Bai liegenden schönen Städte, wie Annapolis, die politische Hauptstadt Marylands, nur nebensächlich berührt.
140 Seemeilen von der Pforte des Oceans entfernt, durch einen prächtigen, Schiffen jeder Grösse zugänglichen Hafen und durch seine für den Ueberlandsverkehr nach allen Staaten der Union äusserst glückliche centrale Lage, vereinigt Baltimore alle jene Vorzüge, welche diesen Platz gegenwärtig zu einer vorzüglichen strategischen Basis im Kampfe nach Gewinn stempeln. Man könnte sagen, der hohe Rang Baltimores als eines der Brennpunkte des Welthandels lag schon in seiner Wiege.
Die 10 Seemeilen lange, oft kaum 100 m breite Zufahrt nach dem Hafen ist nur ein tiefes Rinnsal in jenem 3 bis 5 Meilen breiten Aste der Chesapeake-Bai, in welchem ihre Vereinigung mit dem Pa - tapsko-River sich vollzieht.
Das tiefe Fahrwasser ist durch Betonnungen markirt und erst unweit der Stadt erweitert es sich zu einem grossen Becken, welches109Baltimore.die Anlage des Hafens hervorrief. Die südlichen Ufer der Stadt be - spülend, zerfällt die Wasserfläche durch einen halbinselförmigen Vor - sprung wieder in mehrere Zweige, von welchen der tief einschneidende North-West-Branch den eigentlichen Hafen Baltimores bildet. Die Ein - fahrt zu demselben liegt zwischen dem sie beherrschenden Fort Mc Henry und dem gegenüberliegenden Lazarethe und ist kaum 400 m breit; dann jedoch erweitert und verengt sich der Hafen abwechselnd und bildet abermals mehrere Abtheilungen, deren erste bei 6·7 m Tiefe der Haupthafen für die grossen Schiffe ist, während die dritte und seichte Einbuchtung fast in das Herz der Stadt hineinreicht und das Basin genannt wird. Die prächtigen Quais sind mit allen Einrichtungen ausgestattet, welche der Grossverkehr in modernem Sinne erfordert. Werften, Docks und Werkstätten tragen den Bedürfnissen der Schiff - fahrt und die an den beiden Uferseiten des Hafens auslaufenden Ge - leise von 6 Hauptbahnen dem Verkehre Baltimores nach den fernen Regionen des Continentes vollauf Rechnung. Eine Ferryanstalt, welche täglich bis 250 befrachtete Waggons von der einen Quaiseite des Hafens nach der anderen zu überführen vermag, schliesst den Kreis - lauf des Baltimore umgebenden Schienennetzes. Zu den Sehenswürdig - keiten des Hafens gehören die an der Südseite bei Locust-Point be - findlichen Getreideelevatoren, diese unentbehrlichen Hilfsapparate und Wahrzeichen der grossen Kornkammern Amerikas. Die schweren Fundamente des einen sind auf 11.000 eingerammten Pfählen auf - gelegt.
Locust-Point mit seinem grossartigen Waarenverkehre und seinen enormen Kohlenlagern ist auch die Anlagestelle aller aus Europa an - langenden Dampfer und die ganze südliche Halbinsel, auf welcher die Stadt weit in das Becken ragt, ist der Hauptsitz gewerblicher und geschäftlicher Thätigkeit.
Die schöne Jahreszeit führt ganze Heere von Touristen durch ihre Gassen, die sonst hauptsächlich der Magazinirung von Tabak, Austern, Früchten und deren Verpackung gewidmet sind. Da nahezu tausend Schooner 7 Monate des Jahres hindurch im Austernhandel verkehren und unzählige Schiffe und Dampfer die Früchte West - indiens und der heimischen Production hier zu Markte bringen, sind die Quais auch ausserhalb des Hafens am ganzen Saume der Halb - insel von Schiffen belagert
Bis Middle-Branch, dem westlichsten See-Einschnitte, reihen sich jene Schiffe, welche am Sitze der Petroleumraffinerien ihrer Landungen directe aus den Stätten der Erzeugung harren.
110Die atlantische Küste von Amerika.Ein hervorragender Industriezweig ist die Ledererzeugung und Verarbeitung, welche einen bedeutenden Rang einnimmt; aber auch Schiff -, Brücken - und architektonischer Eisenbau stehen in der Blüthe und ausgedehnte Eisengiessereien, Werkstätten und Waggon - fabriken sind Annexe der Baltimore -, Ohio - und der Northern-Central - Eisenbahnen.
Eines jener Centren für allerlei Industrien, wie: Brauereien, Er - zeugung chemischer Producte, Fabriken für Baumwolle, Bleiweiss, land - wirthschaftliche Geräthe, Locomotive, Räder etc. ist Canton, der Fort Mc Henry gegenüberliegende Stadttheil und eigentlich eine Stadt für sich. Die daselbst in hoher Entwicklung stehende Kupferindustrie scheint berufen zu sein, bald eine leitende Rolle auf dem Weltmarkte zu spielen.
Baltimores Ruhm, gar manche Errungenschaften der Technik allen Städten voran in Anwendung gebracht und auch die erste Eisenbahn besessen zu haben, kommt auch heute noch zur Geltung. Die mit enormem Kostenaufwande geschaffenen Tunnels, welche das hügelige Terrain durchbohren, sämmtliche im Norden der Stadt mün - denden Bahnen vereinen und ihre Geleise dem Niveau des Meeres zu - führen, bezeugen, wie Unternehmungsgeist und technische Kühnheit der Bürger von Baltimore fortleben und bewunderungswürdige Bauten schaffen, die der Stadt zum Nutzen gereichen. In Bezug auf den tech - nisch fortschrittlichen Sinn der Einwohner könnte man Baltimore mit Nürnberg vergleichen.
Der grössere, der Baltimore - und Potomak-Tunnel behauptet als unterirdischer Schienenstrang den zweiten Rang an der atlanti - schen Seite Nordamerikas. Er ist 2112 m lang und kreuzt 29 Strassen in Tiefen bis zu 16 m unter ihrem Grunde; der kleinere Union-Tunnel ist 1033 m lang. Durch beide führen Doppelgeleise und verkehren mit Ausnahme der Baltimore - und Ohio-Bahn die anderen fünf Bahnen auf diesen unterirdischen Wegen.
So verbreiten der Hafen mit seinem Wohlstand, die blühenden Gewerbe und Institutionen des Verkehrs einen bestechenden Schimmer über die ganze Stadt, die wie wenig andere in der kurzen Zeit ihres Bestandes sich zu einer Weltstadt emporschwingen und doch auch jene Stimmung der Fröhlichkeit und Heiterkeit bewahren konnte, die sie vor allen Städten der Union auszeichnet.
Das rasche Anwachsen der Stadt zu einer Bevölkerung von 420.000 Seelen vollzog sich in erstaunlich kurzer Zeit. In den Strassen treffen wir Schritt für Schritt auf Schwarze, welche gegen 16 % der Bevölkerung der Stadt ausmachen.
111Baltimore.An den Ufern des durch seine wilden Wässer berüchtigten Flüsschens „ Jones Falls “, welches noch jetzt Baltimore von Nord nach Süd durchzieht und die Stadt in eine östliche und westliche Hälfte theilt, entstand im Jahre 1682 das erste Haus; 44 Jahre später folgte der Bau eines zweiten und im Jahre 1730 begann endlich die Anlage einer Stadt, die aber erst im Jahre 1745 ihren jetzigen Namen, zu Ehren des Gründers und einstigen Besitzers von Maryland, Lord Baltimore, erhielt.
Das Städterecht wurde Baltimore im Jahre 1796 verliehen.
Wie alle Städte der Union, betheiligte sich auch Baltimore am Unabhängigkeitskampfe, und fochten seine Bewohner rühmlichst unter Washington. Im Kriege der Vereinigten Staaten gegen Grossbritan - nien erfolgte 1814 ein Angriff der englischen Flotte auf das Fort Mc Henry, der erfolgreich abgewehrt wurde.
Das Fort ward seither umgebaut und beherrscht heute noch Stadt und Hafen.
Obwohl auf hügeligem Terrain und deshalb auch das Rom Amerikas genannt, ist Baltimore eine sehr regelmässig angelegte Stadt. Ihre Strassenzüge laufen in der grossen Mehrzahl Ost-West und Nord - Süd, sich in rechten Winkeln kreuzend.
Nur einige, obzwar für sich wieder regelmässig angelegte Stadt - theile sind in schräger Stellung zum grossen Häusermeere des Grund - planes gebracht.
Baltimore-Street, die Hauptader, welche die Stadt von Ost gegen West in der ganzen Ausdehnung durchzieht und sie in eine nördliche und südliche Hälfte theilt, ist auch die Basis, von welcher aus die Numerirung der Gebäude nach diesen beiden Richtungen erfolgt. Das vielfach überbrückte Flüsschen Jones Falls theilt dagegen die Stadt in eine Ost - und Westhälfte.
Baltimore -, Lexington -, Howard -, Eutaw - und Charles-Street sind als Hauptstrassen des geschäftlichen Stadtverkehres die belebtesten und bevorzugtesten, der nördliche Theil von Charles-Street, Vernon - und Eutaw-Place auch die fashionabelsten Quartiere.
Zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt gehört vor Allem das kolossale Monument, welches Baltimore dem Helden Washington, dem Vater des Landes, geweiht hat. Es nimmt die Mitte von Mount Vernon-Place ein und ist eine prachtvolle, das Standbild Washington’s tragende dorische Säule aus weissem Marmor, welche mit dem Sockel 55 m über die Basis und 85 m über den Wasserspiegel emporragt.
Von herrlichen Anpflanzungen und architektonisch schönen Ge -112Die atlantische Küste von Amerika.bäuden umgeben, bietet der Mount Vernon-Place mit seinen vier radial auslaufenden Strassenzügen und der weit sichtbaren, hoch empor - ragenden Säule ein Bild, wie es kaum schöner gedacht werden kann und wie es jeder Grossstadt zum Schmuck gereichen würde.
Von der Galerie des Monumentes, zu welcher im Innern der Säule eine Wendeltreppe führt, geniesst man einen herrlichen Aus - blick auf die Stadt, den Hafen und die Umgebung.
Zwei Monumente in Baltimore sind der Erinnerung an die Ver - theidigung gegen die Engländer geweiht; dann wurden noch der Gründer des Freimaurer-Ordens der Odd Fellows und der vaterlän - dische Dichter Poe durch Denkmäler ausgezeichnet.
Unter den hervorragenden Baulichkeiten verdient das Peabody - Institute als grossmüthige Stiftung zur Verbreitung der Wissenschaften und Förderung der Kunst zuerst genannt zu werden.
Der prachtvolle Marmorbau schliesst reichhaltige Bibliotheken, Kunstgalerien und Schulen und ein Conservatorium für Musik in sich und wurde im Beisein des philanthropischen Stifters im Jahre 1857 eingeweiht.
Die City Hall ist einer der schönsten Municipalpaläste Ame - rikas, und von besonderer Eleganz sind noch die Börse und das Post - gebäude.
Zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt gehört auch der 65 m in die Lüfte ragende Schrotthurm, der bei einem Umfange von 55 m an der Basis und 16 m an seiner Spitze ein Meisterwerk der Ziegelleger Baltimores darstellt. Der Grundstein zu demselben war im Jahre 1828 und mit ihm zugleich auch jener der Baltimore - und Ohio-Eisenbahn gelegt worden.
Privatbaulichkeiten von feinem Geschmacke besitzt Baltimore unzählige, während die Häuser in ihrer grossen Gesammtheit in schmucker Ziegelausführung bei massvoller Grösse zwar keinen gigan - tischen, aber dafür einen desto freundlicheren und wohlgefälligeren Eindruck machen. In Baltimore, wie in ganz Amerika wird ungleich den modernen Grossstädten Europas noch dem Wunsche „ my home is my castle “Rechnung getragen und werden solche homes nur von je einer einzigen Familie bewohnt.
Doch auch der Kirchen dürfen wir nicht vergessen. Die be - rühmteste, ein minder schöner, doch imposanter, unter dem ersten Bischofe der Vereinigten Staaten im Jahre 1806 gegründeter Bau, ist die katholische Kathedrale mit ihrer grossen Orgel und schönen[113]
Baltimore.
Die Seehäfen des Weltverkehrs, II. Band. 15114Die atlantische Küste von Amerika.Bildern, welche sie den Schenkungen Ludwig XVIII. und Karl X. von Frankreich verdankt.
Von ungleich schönerem Aeussern sind die Mount-Vernon - Methodisten - und die Presbyterianerkirche, erstere wegen ihres Reich - thums an herrlicher Ausstattung von verschiedenfärbigem Marmor, letztere wegen ihres 81 m hohen Thurmes nennenswerth. Ausser den erwähnten gibt es noch über 20 als Bauwerke hervorragende und unzählige andere Kirchen und Gotteshäuser für alle Glaubensbekennt - nisse und Secten.
An öffentlichen Hochschulen und Bildungsanstalten, an Kunst - akademien und Instituten der Wohlthätigkeit steht Baltimore keiner der Städte der Union nach, und viele dieser Anstalten, so auch die Hopkins University, verdankt die Stadt dem in Amerika so häufig sich kundgebenden Wohlthätigkeitssinne und dem Grossmuthe der Bürger der Vereinigten Staaten.
Dem Kunstgenusse sind neben den zwei schönen fast gleich grossen Theatern Academy of Music und Ford’s Grand Opera House noch fünf andere gewidmet.
Vorzügliche Hôtels stehen den Besuchern der Stadt in reicher Auswahl zur Verfügung.
Die Umgebung von Baltimore ist überaus reizend. Die Hügel im Umkreise schützen die Stadt vor den rauhen Luftströmungen, wozu noch der Einfluss des warmen Golfstromes hinzutritt, um das Klima herrlich und gesund zu gestalten.
Fast nach allen Richtungen, besonders aber in die nördliche Umgebung, erstrecken sich prächtige Fahrstrassen in romantische Thäler und Schluchten der reich bewaldeten Gegend, welche mit ihren Flüssen, Wasserfällen und Seen nicht nur die Wanderungen der Freunde und Bewunderer der Natur, sondern gar reichlich die Sehn - sucht der Nimrode belohnt.
Für Jene, welche Gaben der Flora müheloser zu geniessen wünschen, ist durch eine reiche Auswahl an schönen Stadtgärten Fürsorge getroffen, und die Lage des Patterson-Parks im Osten der Stadt gewährt sogar eine glänzende Aussicht über Baltimore und seinen schönen belebten Hafen. Pferde - und Dampfstrassenbahnen durchkreuzen die Stadt nach allen Richtungen und erleichtern den Verkehr nach den entlegeneren Landschaften und fashionablen Pro - menaden, insbesondere nach dem herrlichen Druid-Hill-Park, dessen urwüchsige Schönheit und herrliche Fernsichten gewährende Partien zu einem Besuche förmlich herausfordern.
115Baltimore.Allerdings gibt es Vieles, das zum Verbleiben in der Stadt selbst anzuregen vermag, denn wer vermöchte den Reizen der Gross - stadt sich zu verschliessen, wenn sie in so reichem Masse wie hier uns erfreuen. Die Schönheit der Frauen Baltimores ist berühmt, die Gastfreundschaft seiner Bewohner die herzlichste, und wessen Auge empfände nicht Wohlgefallen an all dem Luxus und den Freuden des Lebens, welche Reichthum und Wohlstand zu gewähren im Stande sind und die im rege pulsirenden Strassenleben zur vollen Geltung kommen.
Man kann Baltimore, die Stätte grossartiger, ja überwältigender Culturarbeit, deren geistige und materielle Leistungen nicht nur ihrer eigenen Wohlfahrt zugute kommen, sondern zu jener ganzer Völker beitragen, nur mit Bewunderung verlassen, besonders wenn man die Thatsache festhält, dass die ganze Herrlichkeit ein Gebilde der neuen Zeit ist, und staunend sagen muss: dort, wo jetzt Baltimore blüht, stand vor anderthalb Jahrhunderten nur ein winziges Haus!
Von den grossen altlantischen Häfen der Union nimmt Baltimore in der Ausfuhr den dritten, in der Einfuhr den vierten Rang ein, denn die letztere ist vollständig abhängig von dem nicht zu weit ent - fernt gelegenen grossen New-York. Für die Ausfuhr aber hat Balti - more bei seiner weit nach Westen vorgeschobenen Lage den grossen Vortheil, dem Ohio und dem Mississippigebiete um wenigstens 500 km näher zu liegen als einer der bisher behandelten Hafenplätze. Dadurch wird theilweise der Uebelstand ausgeglichen, dass der bereits 1828 begonnene Chesapeak-Ohiocanal schon auf dem halben Wege nach Pittsburg sein Ende gefunden hat und nur bis in das Cumberland (Md.) reicht. Er dient daher ausschliesslich dem Kohlentransporte.
Den Hauptverkehr Baltimores vermitteln die sieben von hier ausgehenden Eisenbahnlinien. Die Baltimore - und Ohio-Eisenbahn ist die wichtigste; ihre Endpunkte sind St. Louis per Chicago (über Washington erreicht), dann New-Jersey (via Piladelphia). Auf ihr ge - langten 1888 29·5 Millionen q Güter nach Baltimore, davon wurden 4·2 Millionen q verschifft.
Die Northern Central Railroad, ein Theil des Pennsylvania-Systems, führt von Baltimore in gerader Linie nach Norden bis in die Nähe des Niagarafalles und führte unserem Hafen 1888 16·1 Millionen q zu; die Baltimore - und Potomac-Eisenbahn, auch ein Theil des Penn - sylvania-Systems, deren südlichen Terminus Richmond bildet, brachte 2·8 Millionen q und die Western-Maryland-Eisenbahn fast 1 Mil - lion q.
15*116Die atlantische Küste von Amerika.Seine Kaufleute legen auch nicht die Hände in den Schoss und in Tariffragen hat ihrer Agitation Baltimore manche Vortheile zu ver - danken. Umsomehr muss man sich wundern, dass das so dankbare Project, quer durch die Halbinsel Maryland einen Seeschiffahrts - canal in die Delaware-Bay zu bauen, von der Ausführung noch weit entfernt zu sein scheint. Und doch handelt es sich bei dem Durchstiche dieser durchaus ebenen Halbinsel nicht um besondere technische Schwierigkeiten, wie auch der Voranschlag zeigt, der auf nicht mehr als 8 Millionen Dollars lautet. Baltimore würde durch diesen Canal den nördlichen Häfen Europas, wohin sein Handel hauptsächlich gerichtet ist, um 480 km näher gerückt werden, nicht zu gedenken der ungeheuren Vorheile, welche der Küstenhandel am atlantischen Ocean aus ihm schöpfen würde. Dieses Zögern ist umso - weniger begreiflich, da die entscheidenden Persönlichkeiten Baltimores täglich sehen, wie sehr der bestehende Chesapeake and Delaware - Canal sich für die Küstenschiffahrt bewährt hat.
Man hat doch schon bedeutende Summen für die Verbesserung der Zufahrt des Hafens ausgegeben, namentlich für die Vertiefung des Canals an der Mündung des Patapsco in die Chesapeak-Bai. Aber in Baltimore besteht das System, die nothwendigen Arbeiten gewisser - massen nur tropfenweise auf eine Reihe von Jahren vertheilt vor - zunehmen.
Baltimore ist in erster Linie Handelsstadt, in zweiter Industrie - stadt. Wenn wir den einzelnen Stapelartikeln dieses für amerikanische Begriffe „ alten Handelsplatzes “unsere Aufmerksamkeit zuwenden, be - greifen wir dessen steigende Blüthe und Entwicklung nach jeder Richtung.
Die wichtigsten Handelsartikel Baltimores sind Getreide und Mehl. Im Jahre 1888 betrugen die Empfänge von Getreide 5,929.150 hl, 1887 8,858.140 hl. Den Höhepunkt des Getreidehandels von Baltimore bildet das Jahr 1879 mit Zu - fuhren von 21,082.000 hl. Dieses Schicksal des Rückganges des Getreidehandels theilt Baltimore mit New-York und Philadelphia.
Immerhin ist Baltimore der zweite Exportplatz der Union für Getreide ge - blieben. Durch fünf feste und vier schwimmende Elevatoren wird dieser Handel vermittelt. Die festen Elevatoren haben einen Fassungsraum von 1,779.500 hl und können täglich 1880 Getreidewaggons entladen und Schiffe mit 942.678 hl Ge - treide beladen.
Der Getreideexport Baltimores betrug 1888 3,074.200 hl, 1887 6,360.100 hl. Die Getreidecorners hielten 1888 die Preise hoch und arbeiteten dadurch der Ge - treideausfuhr der Union entgegen. Von dem Exporte des Jahres 1888 waren 1,466.299 hl Weizen, das übrige bestand fast ausschliesslich aus Mais, dem Haupt - producte des Getreidebaues der Union, dessen Verwendung in Europa zu dem[117]
A Hafen von Baltimore, B Fahrwasser zum Hafen, C Hafen von Annapolis, D Einfahrt aus der Chesapeake-Bay, E Fort Mc Heury, F Leuchtfeuer, G Patapsco-River.
118Die atlantische Küste von Amerika.zwecke des menschlichen Genusses, wie die Amerikaner mit Recht sagen, noch in den Kinderschuhen steckt. Denn in der Union entfallen auf den Kopf der Bevöl - kerung 11·3 hl Mais gegen 1·5 hl Weizen. Grosse Mengen von Weizen werden in der Form von Mehl ausgeführt. Vor dem Jahre 1884 waren New-York und Bo - ston die ersten Verschiffungshäfen der Union für Mehl, gegenwärtig hat Baltimore Boston weit überholt und strebt New-York gewaltig nach. Die Verschiffungen sind in den letzten drei Jahren so bedeutend geworden, dass sie die Beachtung aller Getreide - und Mehlmärkte der Union auf sich richten mussten. In und um Balti - more ist auch der Sitz einer ausgedehnten Mühlenindustrie, deren Leiter sich an den Trusts weniger betheiligen als die des Nordwestens und in dem Bezuge des Getreides durch die Zufuhren von der Chesapeak-Bai her von den Eisenbahnen zum Theile unabhängig sind. Die Stadtmühlen Baltimores liefern ungefähr 450.000 q Mehl, die in Canton und Locust Point 886.000 q. Diese beiden Quellen einge - rechnet, empfängt Baltimore jetzt jährlich mehr als 2·7 Millionen q Mehl; der Export erreichte 1888 2,149.050 q, 1887 2,810.500 q, 1884 betrug er erst 389.146 q.
Als Verschiffungshafen für Baumwolle kommt Baltimore nicht mehr in Betracht, weil Süd-Carolina jetzt direct über Charleston und Savannah ausführt. Die 269.612 Ballen, welche 1888 hier ankamen, waren aus Nord-Carolina. Von diesen wurden 173.067 Ballen exportirt, 35.000 Ballen in den Spinnereien des Ortes verwendet und der Rest im Küstenhandel verschifft.
Weil Baltimore der Zone des Tabakbaues so nahe liegt, so werden hier die Tabake von der Bai, die von Maryland, Ohio, Virginia und Kentucky gehandelt. Der Verkehr in zwei letztgenannten Sorten nimmt zu. Ausgeführt wurden 1887 / 88 263.817 q (Werth 4·3 Millionen Dollars), 1887 / 86 277.354 q. Die bedeutende Tabakindustrie des Platzes befindet sich fast ausschliesslich in den Händen von Deutschen.
Von den Exportartikeln des Pflanzenreiches sind noch hervorzuheben Bau - holz und Fassdauben, welche nach Liverpool gehen, ferner Kleesamen. Auch ist zu bemerken, dass in Maryland und Virginien in ausgedehntem Masse der An - bau von Futterpflanzen betrieben wird. Und in dem leichten sandigen, Lehmboden des Theiles von Maryland, welcher im Osten der Chesapeake-Bai liegt und sich eines wunderbaren Klimas erfreut, baut man mit Vorliebe Gemüse und zieht Früchte, für die man nicht nur in den nahen grossen Städten Baltimore, Philadelphia und New-York lohnenden Absatz hat. So ist hier die Pfirsichernte die Grundlage des Wohlstandes der Farmer, von welchen manche Obstgärten besitzen, die 40 — 100 ha bedecken. Die Anfänge dieses Zweiges der Gärtnerei reichen nicht weiter zurück als 25 Jahre. In dem centralen Theile des Staates pflanzt man Tomatoes (Liebes - oder Paradeisäpfel) und Mais, süsse und gewöhnliche Kartoffel und Melonen, in den hügeligen Districten Aepfel und Birnen. Auf diesen Culturen beruht der wichtigste Erwerbszweig des Staates, das Einlegen der Früchte und Gemüse in Büchsen, für welche Maryland das Hauptcentrum an den Küsten des atlantischen Oceans bildet. Mais und Liebesäpfel legt man hauptsächlich in den ländlichen Districten ein, vor allem in der County Harford, wo 1882, als das Ge - schäft in der höchsten Blüthe war, 38 Millionen Büchsen gefüllt wurden; für Früchte und Gemüse ist Baltimore Hauptort. Die Erzeugung von Früchten und Gemüsen für die Firmen, welche einlegen (Canning-Houses), liefert dem Farmer das höchste Erträgniss, welches in diesen Staaten zu erreichen ist.
119Baltimore.Die Saison für das Einlegen beginnt im Mai und dauert bis September, also rund 100 Tage. Nicht weniger als 18 Gattungen von Früchten, welche bis auf Ananas und Reine-Claudes (Greengages) alle ausschliesslich aus diesem Staate stammen, werden eingemacht, und ein grosser Theil der Arbeit wird von Einwanderern aus Böhmen besorgt, die eine zwölfstündige Arbeitszeit haben und nach dem Stück bezahlt werden. Die Packing-houses der Stadt können täglich 14.000 hl (40.000 Bushels) Erbsen und 35.000 hl (100.000 Bushels) Liebesäpfel einlegen; jedes Bu - shel gibt 13 Büchsen von Weissblech. Im Jahre 1878 wurden aus Maryland 968.733 Kisten mit präservirten Liebesäpfeln ausgeschickt; jede Kiste enthält zwei Dutzend Büchsen, das macht zusammen 23,249.592 Büchsen. Bei einem Ver - kaufspreise von 1 Dollar für ein Dutzend Blechbüchsen gibt dies 1,937.466 Dol - lars. Fürs Ausland ist auch der Export getrockneter Aepfel sehr wichtig. Doch ist für Früchte und Austern New-York der Verschiffungshafen. Die Saison für das Einlegen der Früchte dauert vom Mai bis September, die Austernsaison vom September bis April. Durchschnittlich kommen in dieser Zeit 9000 Fahrzeuge mit Austern beladen in Baltimore an; ½ Millionen Bushels (à 300 Stück) versendet man, 800.000 consumirt die Stadt Baltimore. In neuerer Zeit werden die Schalen der Austern mit leichtem Draht verschnürt, so dass sie sich nicht öffnen können. Eine solche „ muzzled “- Auster verträgt den weiten Transport bis St. Peters - burg und Rom. Der Austernfang ist in den Händen grosser Unternehmer, welche die Fischer, meist in Amerika neu angekommene Einwanderer, in unmenschlicher Weise ausbeuten.
Baltimore ist gegen Süden hin der letzte Hafen, über den lebendes Rindvieh nach England ausgeführt wird, und zwar hier durch Vermittlung der Calverton - und Claremont-Viehhöfe. 1887 / 88 waren 21.683 Stück Rindvieh im Werthe von 1·8 Millionen Dollars, welche aus den hügeligen Theilen Marylands und Virginias stammten, wo man auch die Erzeugung von Butter und Käse in sogenannten „ Creameries “, Centralmolkereianstalten, betreibt.
Dafür hat die Ausfuhr von Provisions stark abgenommen, doch erreichte sie 1887 / 88 noch immer den Werth von mehr als 4 Millionen Dollars. Die Haupt - artikel waren Speck (104.670 q), Talg (76.000 q) und gesalzenes Rindfleisch (16.600 q).
Die Zufuhren von Petroleum haben durch den grossen Einfluss, welchen Standard Oil Cy auf diesen Geschäftszweig ausübt, abgenommen. 1886 / 87 wurden 413.800 hl, 1887 / 88 322.610 hl Petroleum exportirt.
Dagegen ist 1888 wegen der hohen Preise, welche Kupfer in Europa erlangt hatte, die Ausfuhr von Kupfererzen aus der Region des oberen Sees über Balti - more gestiegen.
Von Importartikeln ist in erster Linie Weissblech für die Zwecke der Conservenindustrie zu nennen. Einfuhr 1887 / 88 401.500 q im Werthe von 2,624.599 Dollars, für welche mehr als 700.000 Dollars Zoll entrichtet wurden, das ist der dritte Theil der Zolleinnahme Baltimores. In Baltimore wird der fünfte Theil aller Blechbüchsen der Union erzeugt, Pläne, den Zoll auf Weissblech zu verdoppeln, treffen also die Stadt sehr hart.
Nicht unbedeutend ist die Einfuhr von Eisenerz (1887 / 88 2,315.000 q im Werthe von 404.094 Dollars). Verwendet wird dasselbe von den Pennsylvania - Stahlwerken, welche 1887 400 ha Land nahe der Stadt und am Flusse gelegen erworben haben. Hier mischt man die einheimischen und die fremden Erze und120Die atlantische Küste von Amerika.erhält so einen billigen und verwendbaren Stahl. Diese Werke sind das grösste Fabriksunternehmen, das seit den Tagen des Bürgerkrieges in Philadelphia ge - gründet worden ist. Die Anlage ist auf acht Hohöfen mit einem täglichen Fas - sungsraume von 2000 T. berechnet; sie umfasst ferner eine Stahlschienenfabrik, die täglich 1000 T. produciren kann, eine Nägelfabrik und noch andere Etablissements. Auch der Bau von Stahlschiffen wird ins Auge gefasst. Diese Werke bilden ein wichtiges Seitenstück zu den industriellen Werken der Baltimore-Ohio-Eisenbahn, welche bei 4000 Arbeiter beschäftigen.
Der Werth der Einfuhr von Eisen, Stahl und aus diesen gefertigten Waaren erreicht jährlich ungefähr 4 Millionen Dollars.
Wichtig sind ferner Schwefel, Dungstoffe, Salpeter, Soda, Salz.
Besonders hervorheben muss man Kaffee, für welchen Baltimore der zweitwichtigste Platz der Union ist. Die Zufuhren sind in den letzten Jahren sehr gesunken, sie betrugen 1887 / 88 81.500 q (Werth 2·5 Millionen Dollars), 1886 / 87 151.000 q, 1884 / 85 327.650 q.
Für Zucker und Melasse hat Baltimore gegenwärtig nur geringe Bedeutung, grössere für Bananen und andere Früchte. Ausländische Erzeugnisse der Textil - industrie kommen über New-York; Werth aller Zweige derselben 1887 / 88 685.512 Dollars.
Aus diesen Details ergibt sich, dass der Import gegen den Export gewaltig zurücksteht und daher auch die Zolleinnahmen klein sein müssen.
Zwei Drittel der Ausfuhr gehen nach Grossbritannien, ein Sechstel nach Deutschland; es folgen Frankreich, Brasilien, Belgien und Holland. Zu der Ein - fuhr liefert England zwei Drittel der Gesammtsumme, kaum ein Fünftel Brasilien.
Die Bürger von Baltimore sind mit dem Gange des Handels und der Schiffahrt ihres Hafens zufrieden. Letztere umfasste im auswärtigen Verkehre:
Den grössten Antheil haben fremde Schiffe, insbesondere englische Dampfer, die meist aus Liverpool kommen, dann deutsche und französische. Auf die ein - heimische Schiffahrt entfällt nur ein Vierzehntel des auswärtigen Verkehres, an welchem amerikanische Dampfer gar nicht betheiligt sind. Von der Tonnenzahl kommt etwa ein Achtel auf Segelschiffe.
Von Europa bestehen regelmässige Verbindungen mit Baltimore
Ausser dem Handel mit dem Auslande besteht noch ein Fluss - und Bai - handel von grosser Bedeutung. Der Küstenhandel berührt alle Punkte an der atlantischen Küste und erstreckt sich bis San Francisco. Ansehnliche Mengen von Kohlen, für die Baltimore ein wichtiger Platz ist, werden dahin gesendet. In
A Einfahrt zum inneren Hafen, B Patapsco-Flussmündung, C Kohlenplätze, D Anlegeplätze der euro - päischen Dampfer, E City-Warves, F Leuchtfeuer, G City-Docks und Mündung der Jones Falls, H Atlantic-Warves, J Mündung des Gwinns Falls, K Long Bridge, L Winans Warf, M Fort Covington, O Eisenbahn-Ferry, P Docks, Q Battery-Square, R Gaswerke, S Mount-Clare-Bahnhof, T Camden - Bahnhof, U Union-Station, V Maryland-Central-St., W North-Cent. und Baltimor-Potomac-St., X Phil. - Wilmington und Baltimor-St., Y Patterson-Park, Z Public Square. — 1 Mount-Vernon-Piatz mit Monu - ment, 2 Peabody-Institut, 3 Erste Presbyt. Kirche, 4 Hopkins-Universität, 5 Kathedrale, 6 Academy of Music, 7 Grand opera, 8 City Hall, 9 Old Fellow Hall, 10 Battle-Monument, 11 Börse, 12 Schrott - thurm, 13 Wildey-Monument, 14 Jackson-Square, 15 Hopkins-Spital, 16 Strafhaus, 17 St. Mary-Seminar, 18 Lafayette-Square, 19 Harlem-Square, 20 St. Peters-Friedhof, 21 Greeamount-Friedhof, 22 Baltimore - Friedhof, 23 St Charles-Str, 24 Howard-Str., 25 St. Eutaw-Str., 26 Fremont Avenue, 27 Pennsil - vania Av., 28 Madison Av., 29 Harford Av., 30 Belleair Av., 31 Franklin-Str., 32 Lexington-Str., 33 Bal - timore-Str., 34 Monument-Str., 35 Central Av. 36 Broadway, 37 City East Av.
diesem Küstenhandel, welcher den grösseren Theil des Hafenverkehres bildet, liefen 1886 / 87 3281 Fahrzeuge mit 2,315.508 Registertonnen ein.
Die Rhederei Baltimores umfasste 30. Juni 1888 1172 Schiffe mit 120.100 T., von diesen waren 158 Dampfer mit 55.513 T.
Für die Einwanderung ist Baltimore der vierte Platz der Union; 1887 / 88 brachten 80 Dampfer 33.297 Emigranten und 1228Die Seehäfen des Weltverkehrs. II. Band. 16122Die atlantische Küste von Amerika.Reisende hieher. Von den Einwanderern stammten zwei Drittel aus Deutschland, der Rest aus Oesterreich-Ungarn, aus Russland und Polen. Die Eiwanderung aus England beträgt selten mehr als 1400 Menschen.
Diese Einwanderung wendet sich, wie in der ganzen Union zu - meist, der Agricultur zu, ein guter Theil aber besteht aus energischen, weil wohl gebildeten Handwerkern, auf deren Schultern sich die amerikanische Industrie zu ihrer Europa drohenden Macht emporge - arbeitet hat. Viele solche Arbeiter, welche in Baltimore den Boden des Freistaates betreten, finden sofort in den Fabriken dieser Stadt lohnende Arbeit. In der Industrie von Baltimore, welcher 1886 630 Fabriken, jede mit mehr als 25 Arbeitern, dienten, spielen daher die Deutschen, von denen wenige im Lande geboren sind, eine grosse Rolle. Die Tabakindustrie, die Piano - und Möbelindustrie, die Schuh - und Be - kleidungsindustrie sind fast ausschliesslich in ihren Händen; auch die Conservengeschäfte sind zu einem bedeutenden Grade deutsch. In den kleineren Fabriken und im Kleingewerbe bilden die Deutschen ge - radezu die Mehrheit. Und dazu muss man bedenken, dass hier Industrie und Gewerbe viel mehr Gelegenheit zum Erwerbe geben, als in anderen Städten.
Als Ausdruck des Wohlstandes erscheinen die Bankumsätze, die 1887 659,496.899 Dollars betrugen, der Verkehr, welcher durch die Baltimore Corn and Flour Exchange vermittelt wird, und vor allem der Umstand, dass in Baltimore die Bevölkerung bequemer wohnt als in irgend einer der grossen Städte des Ostens. Hier kommen auf ein Haus 6·54 Bewohner, in New-York 16.37, in Brooklyn 9·11.
Consulate: Argentinien, Belgien, Brasilien (G. C), Chile, Columbia, Deutsches Reich, Griechenland, Grossbritannien, Niederlande, Nicaragua, Oester - reich-Ungarn, Spanien, Türkei, Uruguay, Venezuela.
Eine Zahl aufstrebender Hafenplätze der atlantischen Küsten - strecke zwischen Baltimore und der Floridastrasse mögen im Nach - folgenden hier Erwähnung finden. Ihr Ausfuhrhandel hat sich auf Kosten der Golfhäfen der Union entwickelt, ihr Einfuhrhandel ist von New-York fast vollständig unterdrückt.
An der Mündung des Jamesflusses in der Chesapeak-Bai liegt an einer tiefeingeschnittenen Bucht, in welcher der kleine Elizabethfluss sich ergiesst, die aufstrebende Stadt Norfolk mit 26.000 Einwohnern.
Der geräumige, jedoch seichte Hafen empfängt die Abflüsse des etwa 18 geographische Quadratmeilen umfassenden Küstensumpfes Dis - mal Swamp, dessen mittlere Niederung der Drummond-See einnimmt.
123Baltimore.Norfolk wurde 1682 gegründet, gelangte aber erst im Bürger - kriege zu einiger Bedeutung, indem es von den Conföderirten genom - men, zu deren Hauptflottenstation bestimmt wurde. In der Nähe bei Hampton Road ward am 9. März 1862 der denkwürdige Zweikampf zwischen den ersten Panzerschiffen der streitenden Parteien (das Schiff Merimac der Conföderirten gegen das Thurmschiff Monitor der Nord - staaten, welch letzteres Sieger blieb) ausgefochten, welcher eine völlige Umwälzung in den Seekriegsmitteln zur Folge hatte.
Norfolk mit dem auf der andern Seite des Elizabethflusses liegenden Ports - mouth ist ein ziemlich wichtiger Verschiffungsplatz für rohe Baumwolle (1887 / 88 501.440 q im Werthe von 10,674.430 Dollars) und Blättertabak (46.280 q im Werthe von 799.867 Dollars), bituminöse Kohle und Hölzer. Der Export ein - heimischer Artikel erreichte in dem genannten Jahre 12,289.110 Dollars, der Im - port aus dem Auslande nur 95.036 Dollars. Der Küstenhandel mit Bauholz (Gelbfichte) steigt unausgesetzt, und die Schneidemühlen des Hafengebietes sind sehr stark beschäftigt. In das Innere werden Austern und Erstlingsfrüchte versendet. Der Schiffsverkehr mit dem Auslande umfasste 1888 523 Schiffe mit 586.988 Tons, davon 399 Dampfer mit 519.154 Tons, meist der englischen Flagge angehörig. Von Norfolk gehen regelmässig Dampfschiffe nach Boston und Providence, nach New-York, Baltimore, Washington und Richmond.
Aufwärts von Norfolk liegt am James-River Richmond, im Sclavenkriege die Hauptstadt der Südstaaten und Rivalin Washing - ton. Zu seinem Hafen - und Zollbezirke gehört West Point am Flusse York, 80 Kilometer oberhalb dessen Mündung in die Chesapeak - Bai, ein wichtiger Verschiffungsplatz für Baumwolle, der aber wegen nicht genügenden Fahrwassers ziemlich schwierig zu erreichen ist.
Aus dem Hafenbezirke von Richmond wurden 1887 / 88 144.122 Ballen oder 307.180 q Baumwolle im Werthe von 6,851.054 Dollars ins Ausland geschickt.
Richmond verfügt über bedeutende Wasserkräfte, welche in der dortigen Mühlen - und Eisenindustrie Verwendung finden. Der Mehlexport geht zurück und betrug 1887 / 88 59.820 q, welche für die Märkte Südamerikas bestimmt waren.
Die Stadt, in welcher 1888 und 1887 je 559 neue Häuser gebaut wurden, zählt heute 100.000 Einwohner.
Auswärtiger Handel 1887 / 88 Ausfuhr 7,206.942 Dollars, nach England, Brasilien und Spanien bestimmt.
Consulate: Belgien, Deutsches Reich, Grossbritannien, Oesterreich-Ungarn.
Seiner Eisenbahn - und Dampfschiffahrtsverbindungen wegen ist Wilmington, die grösste Stadt von Nord-Carolina, erwähnenswerth. Sie zählt 18.000 Einwohner und liegt am Cape Fear-River, 30 km von dessen Mündung entfernt.
Baumwolle, Tabak und Nadelhölzer sind die Hauptproducte von Nord - Carolina. Hier und im ganzen Südosten der Union blüht die Terpentinindustrie. Terpentinspiritus findet in der Verarbeitung des Kautschuks seine Hauptver - vendung.
16*124Die atlantische Küste von Amerika.Exportirt wurden 1887 / 88 261.540 q Baumwolle im Werthe von 5,529.273 Dollars, 79.315 hl Terpentinspiritus im Werthe von 695.476 Dollars und Hölzer im Werthe von 240.000 Dollars. Summa des Werthes aller Ausfuhrartikel 6,814.363 Dollars, die fast alle auf fremden, zum grössten Theile englischen Schiffen verfrachtet wurden.
Schiffsverkehr 1887 / 88 360 Schiffe mit 150.994 Tons. Mehr als ein Drittel des Werthes des Exportes wurde durch Segler vermittelt.
In Süd-Carolina ist das an commercieller Bedeutung rasch zu - nehmende Charleston der einzige bedeutende Exportplatz und zu - gleich die grösste und wichtigste Stadt des Staates.
Sie breitet sich malerisch auf einer Halbinsel aus, die durch den Zusammenfluss des Cooper - mit dem Ashleyflusse in der stark befestigten Charleston-Bai gebildet ist.
Nach dem Census von 1880 zählte die Stadt 49.999 Einwohner, dürfte aber gegenwärtig mit 55.000 Einwohner nicht zu hoch ge - schätzt werden.
Charleston ist zumeist regelmässig angelegt und weist eine Zahl prächtiger Gebäude auf. Das erst kürzlich vollendete Zollgebäude ist unstreitig das schönste Bauwerk der Stadt.
Der kostspielige, in romanisch-korinthischem Style aufgeführte Marmorbau wendet die imposante, säulengeschmückte Front dem Cooperflusse zu.
Ebenso bildet die Citty-Hall mit ihrer doppelten Flucht von Marmortreppen eine hervorragende Zierde der Stadt. Unter den zahl - reichen kirchlichen Bauten ist die aus dem Jahre 1752 stammende St. Michaelskirche (Episcopal) ihres schönen Thurmes wegen, der aus grosser Entfernung von der See aus sichtbar ist, beachtenswerth. Leider ist wenig Aussicht vorhanden, dass die seit dem grossen Brande im Jahre 1861 zerstörte römisch-katholische Cathedrale wieder aufgebaut werde; ihre Ruinen geben aber noch immer Zeugniss von der einstigen Herrlichkeit des Werkes.
King - und Meeting-Street sind die beiden in Nord-Südrichtung laufenden Hauptstrassen. Die erstgenannte enthält die hervorragendsten Geschäfte und ist gleichzeitig die fashionable Promenade der schönen Stadt. Von der Battery-Spitze am äussersten Ende der Stadt geniesst man eine lohnende Aussicht auf die Bai und den Hafen.
Die Bai erstreckt sich bei einer Breite von fast zwei Seemeilen gegen sechs Meilen tief ins Land. Die nahezu eine Seemeile breite Einfahrt wird durch starke Forts vertheidigt, worunter Fort Sumter im Bürgerkriege eine wichtige Rolle spielte.
Die Quais von Charleston sind mit Bassins und weitläufigen125Baltimore.Anlageplätzen wohl ausgestattet und bieten hunderten von Schiffen für Lade - und Löschoperationen hinlänglichen Raum. Charleston wurde 1679 als englische Niederlassung gegründet. Am Unab - hängigkeitskriege sowie am Bürgerkriege nahm der auch militärisch wichtige Platz hervorragenden Antheil.
Zu wiederholtenmalen das Ziel erbitterter Angriffe, erlitt die Stadt grossen Schaden am Handel, und viele Gebäude wurden durch die Bombardements der Nordstaatenflotte zerstört.
Am 31. August 1886 wurde die Stadt durch ein so starkes Erdbeben heimgesucht, dass viele der älteren Häuser einstürzten oder arge Beschädigungen erlitten, infolge dessen gegenwärtig eine lebhafte Bauthätigkeit zu Gunsten der Stadtverschönerung herrscht.
Im Staate Süd-Carolina waren 1888 638.596 ha Land mit Baumwolle be - baut und 612.000 Ballen geerntet, jeder in diesem Jahre zu 488·05 Pfund englisch (= 221·4 kg) gerechnet. Infolge dessen ist Carolina für den Export der Baum - wolle der fünfte Hafen der Union.
Die Zufuhr erreichte 1888 / 89 416.490 Ballen, 1887 / 88 450.068 Ballen. Ins Ausland gingen 1888 / 89 259.126 Ballen, im Küstenverkehre wurden versendet 148.310 Ballen.
Die Ausfuhr ins Ausland ist zumeist nach Spanien, Russland, Italien ge - richtet, in zweiter Linie nach Liverpool und Frankreich, der Küstenhandel nach New-York gerichtet. Der Rest der empfangenen Baumwolle wird in Charleston verarbeitet, denn seit einigen Jahren sind in allen Südstaaten und so auch in Charleston Baumwollfabriken entstanden. Baumwolle ist der erste Ausfuhrartikel des Hafens. Ins Ausland gingen 1887 / 88 617.168 q im Werthe von 14,449.446 Dollars, 1886 / 87 592.720 q im Werthe von 13,491.983 Dollars.
Reis ist der zweite Stapelartikel von Süd-Carolina, der aus dem Staate, aus Georgia und dem Auslande hieher gelangt. Die Ausfuhren von einheimischem und fremdem Reis betrugen 1888 119.900 q, 1887 142.000 q. Aus Charleston geht Reis nicht ins Ausland, er wird nur im Küstenhandel verführt; die Einfuhr des - selben ist gering.
In Charleston sind immer grosse Holzvorräthe zu finden, welche in den einheimischen Anstalten verarbeitet werden. Von den verschiedenen Gattungen von Holz und Bauholz wurden zusammen 1888 45,269.411 Fuss, 1887 32,672.735 Fuss verschifft, aber nur ein Zwölftel davon ins Ausland, und zwar nach Westindien und Südamerika. Aus dem grossen Waldgebiete, welches den Südosten der Union erfüllt, kamen 1888 nach Charleston 806 533 hl Terpentin und 314.470 q Harz.
Eine Specialität des Hafens von Charleston ist die Ausfuhr von Phosphaten. Der Aufbruch der in der Nähe der Stadt Charleston befindlichen Phosphatlager fällt in das Jahr 1867 mit einer Production von 61 q. 1888 / 89 wurden 3,252.000 q gewonnen, die jetzt bis auf ganz kleine Mengen im Inlande verarbeitet und zum grössten Theile mit Segelschiffen verfrachtet werden. Der Verkehr dieses Hafens hängt heutzutage zum grossen Theile von der Phosphatindustrie ab; ansehnliche Werke wurden an den Ufern der Flüsse Ashley und Cooper gewonnen, Bahnen führen zu den Gruben, von denen sowohl die an den Flüssen als die im Binnen -126Die atlantische Küste von Amerika.lande gelegenen gute Erträgnisse liefern und die Basis einer bedeutenden localen Industrie für Düngmittel bilden. Bis vor kurzem wurden sie nach England aus - geführt, dort zersetzt und präparirt und kamen dann ins Land zurück. Dieser neuen Industrie dient auch die Einfuhr von Kainit, Schwefel und Sodanitrat. Künstliche Düngmittel, in Amerika „ Fertilizers “, die „ fruchtbarmachenden “ge - nannt, sind der zweitwichtigste Exportartikel des Hafens, natürlich nur im Inland - verkehr. Ein wichtiger Artikel ist Bandeisen, welches zu Reifen für Baumwoll - ballen verarbeit wird.
Auswärtiger Handel von Charleston in Dollars:
Mit Einrechnung des einheimischen Handels erhöhte sich im Kalender - jahre 1888 die Ausfuhr Charlestons auf 33·6 Mill. Dollars. Ausser den schon oben genannten Artikeln sind noch wichtig in Charsleton verfertigte Baumwollwaaren, ferner Früchte und Vegetabilien (2 Mill. Dollars).
Der Schiffsverkehr mit dem Auslande ist klein, 1887 / 88 188.573 t, 1886 / 87 224.553 t umfassend, zu denen die Engländer den grössten Theil stellen. Die amerikanischen Schiffe haben nur den ganzen Küstenverkehr. Diesen eingerechnet, betrug die Frequenz des Hafens von Charleston 1888 1480 Schiffe mit 881.087 t, 1887 1719 Schiffe mit 1,379.438 t, der Ausfall von 1888 gegen 1887 traf nur die Dampfschiffe.
Consulate: Argentina, Belgien, Columbia, Costarica, Deutsches Reich, Frankreich, Grossbritannien, Niederlande, Schweiz, Spanien.
Unter den Baumwollhäfen der Union behauptet Savannah den dritten Rang. Die regelmässig nahe der Mündung des gleich - namigen Flusses an dessen rechten Ufer erbaute Stadt zählt zu den reizendsten der Union. An den Kreuzungen der breitesten Strassen sind anmuthige Gärten eingeschaltet, die einen prächtigen Schmuck der Strassen bilden. Die Stadt zählt bereits 24 solcher origineller Parkanlagen. Unter den öffentlichen Gebäuden verdienen das Zollamt, das Postgebäude, die Börse mit hohem Thurm, das Gerichtsgebäude u. a. Beachtung.
Savannah schreitet auch auf geistigem Gebiete rüstig vorwärts, und haben die Georgia historical Society und jüngst auch die Telfair Academy of Arts schöne Halls sich erbaut. Das Schulwesen ist vor - züglich ausgebildet und die Chatam-Academy ist der Centralpunkt des Systems.
Die Stadt zählte beim Census vom Jahre 1880 30.681 Einwohner, gegenwärtig aber wird die Zahl auf ungefähr 40.000 geschätzt.
Savannah ist die Hauptstadt und zugleich der wichtigste Handels - platz von Georgia.
Die grossen Waarenhäuser befinden sich in der dem Flussufer127Baltimore.zunächst liegenden Bai-Strasse, kurzweg the Bai genannt, welche der grosse Handelsmarkt von Savannah ist.
Savannahs Exporthandel hat sich in den letzten Jahren sehr gehoben, sein Hauptartikel ist Baumwolle.
Viel geht davon mit Küstendampfern nach nördlichen Häfen und wird durch die regelmässigen Linien derselben nach Europa versendet.
Im Jahre 1887 / 88 wurden in Savannah 892.388 Ballen, 1886 / 87 804.412 Ballen Baumwolle empfangen. Die directe Ausfuhr ins Ausland erreichte 1887 / 88 395.826 Ballen oder 862.360 Quintals im Werthe von 18,018.774 Dollars.
Georgia ist gegenwärtig auch noch eine Hauptbezugsquelle für verschiedene Hölzer, zumal für Fichtenholz. Die Benützung der Fichtenwälder zum Zwecke der Erzeugung von Harz und Terpentinspiritus schränkt das Waldgebiet, welches wohl heute noch sehr umfangreich ist, von Jahr zu Jahr mehr ein. Hölzer gehen ins Ausland höchstens für den Werth von einer Viertel Million Dollars; für Terpentin - spiritus aber ist Savannah der erste Hafen der Ausfuhr ins Ausland, das südlicher gelegene Brunswick der vierte. Ausfuhr von Terpentinspiritus 1887 / 88: aus Savannah 155.900 hl im Werthe von 1,349.846 Dollars, aus Brunswick 42.275 hl im Werthe von 455.454 Dollars.
Auswärtiger Handel Savannahs:
Ein Drittel der Ausfuhr geht nach England, ein Sechstel nach Deutschland; es folgen Spanien, Russland, die Niederlande und Belgien.
Der auswärtige Schiffsverkehr umfasste 1887 / 88 497 Schiffe mit 235.990 t, welche der britischen und auch der norwegischen Flagge angehörten.
Der Gesammtverkehr 1888 833 Dampfer mit 1,139.436 t und 475 Segel - schiffe mit 259.634 t, zusammen 1308 Schiffe mit 1,398.070 t. Savannah steht in Dampfschiffsverbindung mit Baltimore, Philadelphia, New-York, Boston und mit Florida.
Consulate: Argentina, Chile, Columbia, Deutsches Reich, Grossbritannien, Niederlande, Spanien, Venezuela.
Wir nähern uns den flachen Gestaden Floridas, dieser merk - würdigen Halbinsel, welche in ihrem südlichen Theile als ein Mittel - ding von Sumpf und See, die sogenannten Everglades, als eine gross - artige Korallenbank erscheint. Nur hie und da erheben sich aus dem grünen Sumpfe gleich Inseln höhere, trockene Riffe, die sogenannten Hammocks. Solche Korallenriffs sind auch die Keys, welche im Osten und Süden vorgelagert sind.
Die Halbinsel wächst noch immer an. An der Südküste bauen die Korallen weiter in dem warmen, bewegten Wasser des Golfstromes, der aus dem Meerbusen von Mexico herausbricht in den atlantischen Ocean; an der Ostküste zeigt sich die Kraft des anschwemmenden Wassers.
128Die atlantische Küste von Amerika.Einen grossen Theil Floridas bedecken Kiefernwaldungen, deren werthvollstes Holz die Yellow Pine liefert. Der Moorboden ist mit Cypressen bewachsen. Unzweifelhaft wird Florida einst eine Haupt - stütze des Holzhandels der Union werden. Vorderhand ist die Orange der wichtigste Ausfuhrartikel Floridas nach dem Norden und Westen der Union, dessen Concurrenz schwer auf den Bauern Siciliens und Südspaniens lastet.
Hunderttausende von Orangebäumen, meist von wilden Stöcklingen gezogen, liefern Früchte, jeder von 100 bis zu 10.000 Stück, die auf den Bäumen schon mit 15 — 20 Dollars für 1000 Stück bezahlt werden.
Wichtige Orte sind zunächst das am linken Ufer des St. John - flusses, 40 km von dessen Mündung gelegen, das ganz moderne Jack - sonville mit 25.000 Einwohnern, die volksreichste Stadt von Florida, Centrum der dortigen Eisenbahnen und Ausgang vieler Küsten - und Flussdampfer.
Seine Einwohner zeigen eine rastlose Energie, die einzig dasteht in den Südstaaten der Union, und halten Alligatoren, ein niedliches Raubzeug, als Hausthiere.
Die Stadt wird ihres gleichmässigen und gesunden Klimas wegen von vielen Fremden und Leidenden aufgesucht.
Südlich von Jacksonville liegt St. Augustine, eine Gründung der Spanier, die älteste Stadt des Landes, wo die Cultur der Orange schon von 1835 einen wichtigen Artikel des Verkehres lieferte.
Auf dem Keys des mexicanischen Meerbusens finden wir Key - West, einen befestigten Hafenplatz, wo Arbeiter aus Cuba Havana - cigarren verfertigen. Von hier wird ein starker Schmuggel nach West - indien betrieben, wie von allen Orten an der Westseite Floridas.
Dieser illegitime Handel bringt als unerwünschte Gegenleistung häufig das gelbe Fieber nach Florida, welches dort furchtbare Ver - wüstungen anrichtet. Ueber Key-West gehen die beiden Kabel von Florida nach Havana. Die Stadt steht wegen ihrer Lage an der Floridastrasse in regelmässiger Dampferverbindung mit New-York, Havana, Punta Garda, Tampa, New-Orleans und Galveston.
An der Westküste der Halbinsel Florida liegt in der vormals Espirita Santo, jetzt Tampa genannten, eingeschnittenen Bai die Stadt Tampa, welche von herrlicher tropischer Vegetation umgeben ist. Ueber Tampa führt die kürzeste Verbindung zwischen Chicago und Havana.
Im äussersten Westen Floridas, nicht weit von Mobile, nimmt Pensacola einen gewissen Aufschwung als Ausfuhrhafen für Holz das vornehmlich nach England geht.
129Baltimore.Das östliche Gebiet des Mississippi-Sundes enthält die gegen 50 km in nördlicher Richtung eingeschnittene Mobile-Bai, deren Ein - fahrt die auf beiden Seiten derselben erbauten Forts Gaines und Morgan beherrschen. Am nördlichsten Ende dieser Bai liegt unter 30° 42′ nördl. Br. und 88° westl. L. von Greenwich am rechten Ufer des gleichnamigen Flusses die zum Staate Alabama gehörende Stadt Mobile. Dieselbe ist auf einer Niederung erbaut, längs welcher auf einige Kilometer von der Stadt entfernt ein hoher malerischer Hügel - zug streicht.
Bei Mobile war der eigentliche Sitz der französischen Colonisation, und die 1702 von Canadiern gegründete Niederlassung verblieb für einige Zeit die Hauptstadt von Louisiana. 1763 ging Mobile und dessen Landgebiet in englischen Besitz über, 1780 erhielt es Spanien und 1813 übernahmen es die Vereinigten Staaten. Mobile ward 1819 mit 800 Einwohnern zur Stadt erhoben und hat seither eine über - raschende Entwicklung genommen. Gegenwärtig zählt Mobile nahezu 40.000 Bewohner. Die Fortificationen waren während des Bürger - krieges nahezu bis zur Beendigung desselben die hervorragendsten Bollwerke der Conföderirten und erst am 5. August 1864 forcirte Admiral Farragut mit seiner Flotte die Einfahrt.
Wenn man von Osten kommt, ist Mobile der erste wichtigere Hafen der Union am mexicanischen Meerbusen, der Verschiffungsplatz des Staates Alabama und von den interessirten Eisenbahngesellschaften zum Hauptkohlendepôt an der Golfküste bestimmt. Denn drei grosse Kohlenfelder und ausgedehnte Eisenlager mit einem jungen, gewaltig aufblühenden Birmingham finden sich im Norden des Staates. Südlich vom Lande des Bergbaues liegt der „ schwarze Gürtel “, der Sitz der Baumwollcultur des Staates, den auch schwarze Menschen bewohnen, und an der Küste eine breite, herrliche Waldzone, wichtig für die Ver - sorgung der östlichen Küstenplätze bis New-York hinauf mit Holz, Harz und Terpentinsprit.
Der wichtigste Stapelartikel wird immer Baumwolle bleiben. Von dieser wurden 1888 / 89 229.003 Ballen im Werthe von 10,321.164 Dollars, 1887 / 88 207.377 Ballen ausgeführt, und zwar etwa drei Viertel davon nach Häfen und Spinnereien der Vereinigten Staaten, der Rest nach England.
Werth der Ausfuhr ins Ausland 1888 / 89 3,066.648 Dollars.
Mit dem Innern ist Mobile durch eine Küstenbahn und vier nach Norden führende Linien verbunden.
Consulate haben hier: Belgien, Deutsches Reich, Mexico, Niederlande.
Im Angesichte der schlammigen Niederungen des Mississippi - Deltas, das mit seinen wie eine Adlerklaue ausgespreizten Armen weit in den mexikanischen Golf hinausgreift, stehen wir vor einem Gebiete der Zukunft, vor einem Lande, das mit gigantischen Schritten einer hervorragenden Bedeutung im grossen Weltverkehr entgegeneilt. Ge - waltig, wie seine Zukunft, sind auch die Mittel, welche die Natur in überschwänglichem Masse hier angehäuft hat.
Ungeheure Territorien, deren Fruchtbarkeit mit dem ergiebigen Boden des Nillandes oder den gesegnetsten Fluren Italiens wetteifert, aber diese an Ausdehnung hundertfach überragt, durchströmt der mächtige Mississippi, der Vater der Ströme, und seine braunen Fluten und die gewaltigen Nebenflüsse desselben tragen den Segen reicher Ernten südwärts zum Ocean. Vergegenwärtigen wir uns das 3·2 Millionen Quadratkilometer umfassende Stromgebiet des Mississippi, welches der majestätische Fluss in einer Längserstreckung von 4200 km, davon 3780 km als schiffbarer Wasserweg durchströmt und berücksichtigen wir die Tragkraft der grossen schiffbaren Nebenflüsse: Missouri, Illinois, Kansas, Ohio, Red-River und anderer, so kommen wir zur Ueberzeugung, dass der Mississippi als Wasserstrasse betrachtet eine der allerersten Stellen unter den Strömen der Erde einnimmt.
Die Schiffahrt hat an der Mündung des Mississippi mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen, welche durch die sumpfigen Niederungen des ganzen Küstengebietes, hauptsächlich aber durch das schutzlose weit in See hinausreichende Delta mit seinen Bänken und Sandbarren hervorgerufen sind. Die Union und der Staat Louisiana haben indes zur Erhaltung einer navigablen Einfahrtstrasse ausserordentlich kost - spielige hydraulische Bauten aufführen lassen, durch welche bisher eine Wassertiefe von 7·3 m im South-Pass, dem gegenwärtigen Wasser - wege nach New-Orleans, erlangt worden ist.
131New-Orleans.Das Mississippi-Delta ist eine höchst interessante Naturerscheinung. Schon vor der Mündung des Red-River, 220 km landeinwärts des Deltas, entsendet der Vater der Flüsse zahlreiche Seitenarme (Bayou), welche das weite mit undurch - dringlichem Wald und Schilf bedeckte Küstengebiet durchziehen und dort mit - unter Seen und Sümpfe bilden. Das eigentliche Delta, d. i. die Spaltung des Stromes, beginnt jedoch, wie unser Plan zeigt, erst am äusseren Anschwemmungs - terrain, das am Südende einer 30 km langen schmalen Landzunge (Hals), sich ge - bildet hat.
Dort scheidet sich der Strom in drei Hauptarme (Passes), und zwar in den Ost -, in den Südwest - und den zwischen beiden liegenden Süd-Pass. Der Ostpass gabelt sich gleichfalls wieder in drei grosse Arme, und zwar in den Pass à l’Outre, Nordost - und Südost-Pass; er entsendet aber gleichwie die anderen Hauptarme noch einzelne Bayous zur See.
Früherer Zeit diente der Südwestpass für die grosse Schiffahrt, allein seit - dem die Wasserbauten im Südpass vollendet waren, ist der letztere zur aus - schliesslichen Benützung gelangt.
Durch Aufbau von Dämmen und Buhnen an der Deltagabelung (Head of Passes) zwang man den Strom, die grösste Wassermasse gegen den Südpass zu ergiessen; am Ende des letzteren aber wurden mit grossen Kosten zwei mächtige Dämme (Jetties) bis zur Barre hinaus in See geführt. Die gesteigerte Strömung spülte dann, wie es beabsichtigt war, in kurzer Zeit die 2 m seichte Barre hinweg und grub sich ein Bett von 7·3 m Tiefe, durch welches nun die Fahrstrasse nach New-Orleans führt.
Die genialen Pläne zu den vorerwähnten Bauten, welch letztere seither den stärksten Orkanen widerstanden, hatte Capitän James B. Eads, der Erbauer der Mississippi-Brücke bei St. Louis, entworfen.
Noch einer Eigenthümlichkeit des Stromes und dessen untersten Laufes sei hier gedacht. Durch die enormen Ablagerungen des Mississippi erhöhte sich mit der Zeit der Boden seines Bettes derartig über das flache Mündungsgebiet, dass der Strom heute zwischen allmälig ansteigenden Uferdämmen dahinfliesst, ein Um - stand, der jedes Austreten desselben zu einer das Land weit und breit verheeren - den Ueberschwemmung steigert.
Die Schiffahrt flussaufwärts nach New-Orleans bietet für Dampfer keine besondere Schwierigkeit, nur für Segelschiffe ist die Fahrt na - mentlich bei einzelnen scharfen Krümmungen mit eminenten Gefahren verbunden. Das Fahrwasser ist breit und gestattet gegenwärtig allen Handelsschiffen von 7 m Tauchung die Zufahrt. Es steht aber zu er - warten, dass die reissende Strömung im Südpasse eine selbst für die grössten Schiffe genügende Vertiefung der Mündung hervorbringen werde, und zwar hofft man eine Tiefe von mindestens 9 m zu er - langen.
Innerhalb des Deltas ist der Strom sehr wassermächtig und längs der Quaifront von New-Orleans erreicht er eine grösste Tiefe von 63 m.
Der ganze südliche Theil des Deltalandes bis zur militärischen17*132Die atlantische Küste von Amerika.Stromsperre zwischen den Forts Jackson und St. Philipp, welche Ad - miral Farragut während des Bürgerkrieges im April 1862 forcirte, wodurch er New-Orleans bezwang, ist nahezu uncultivirt. Nur zwei An - siedlungen sind dort entstanden, und zwar Eadsport am äussersten Ende des 20 km langen Südpasses mit den Werkstätten der Jetty - Compagnie und das Städtchen Balize dort, wo der Nordost - und Süd - ost-Pass sich abzweigen. Balize, eine altspanische Niederlassung, die bei ihrer Gründung knapp an der See angelegt worden war, fristet nun weit vom Meere entfernt eine bescheidene Existenz.
Nördlich der obengenannten Forts beginnen die fruchtbarsten Plantagen; zunächst Buras Settlement am Westufer mit reicher Orangencultur. Die Orangenbäume gedeihen hier trotz der tiefen Wintertemperaturen in vorzüglicher Weise. Ausgedehnte Culturen ent - standen auch im ganzen Umkreise der Stadt New-Orleans, besonders bei Carrolton und Algier. Gegenüber von Buras wurde die Quarantaine - anstalt errichtet.
Weiter nördlich in der Umgebung der Orte Bohemia, Point à la Hache, Jesuits Bend bis English Turn in der Nähe von New - Orleans ist der ergiebige Boden mit herrlichen Zuckerrohr - und Reis - pflanzungen bedeckt.
Bei Jesuits Bend war es, wo zur Zeit der Spanier die Jesuiten das erste Zuckerrohr in Louisiana pflanzten. Damals bestanden dort ausgedehnte Indigoculturen, die seither aufgelassen und durch Zucker - rohrplantagen verdrängt wurden.
Längs des linken Mississippi-Ufers fährt von New-Orleans aus die New-Orleans - und Golf-Eisenbahn bis zur Endstation Bohemia. Der Schienenweg durchschneidet reiche Plantagen.
Bei Poydras zweigt ein Bahnast nach Shell-Beach, einem Orte am Borgue-See, ab.
Je mehr wir stromaufwärts vordringen, desto häufiger werden zwischen dem Grün der einförmigen Uferlandschaft die Baulichkeiten der Planters und einzelne Fruchthäuser sichtbar, bis bei einer mäch - tigen Krümmung des Stromes zuerst das durch seine weisse Façade markante Ursulinerinnenkloster von New-Orleans und gleich darauf die endlos weitgestreckte Hafenfront der Stadt mit ihren Thürmen, Kuppeln, hochaufragenden Schloten, den hunderten am Quai liegen - den prächtigen Fluss - und Seedampfern, Segelschiffen und ganzen Flotten jener flachen Fahrzeuge, welche den Productenreichthum der nörd - lichen Staaten flussabwärts zuführen, sichtbar wird.
Die zehn Stockwerke hohe Zuckerraffinerie nächst des Zucker -[133]
New-Orleans.
134Die atlantische Küste von Amerika.quais (Ausmündung des Canal-Street), wo die Dampfer aus den Zucker - districten landen, ist eines der robustesten, und die am Jackson Square liegende dreithürmige Kathedrale St. Louis das schönste Object im wechselvollen Hafenbilde.
Das niedrige Terrain, auf welchem die Stadt sich ausbreitet, lässt keine malerische Entwicklung ihrer äusseren Gestaltung zu, allein die 11 km lange Hafenfront mit dem längs derselben rege pulsirenden Leben ist immerhin höchst überraschend.
Am rechten Ufer des Mississippi entstanden die Vorstädte Algier mit vielen Trockendocks und Anlegeplätzen, und Gretna, das als Ausflugsort gerne aufgesucht wird.
New-Orleans ist in der doppelsinnigen Bezeichnung als „ Crescent City “, die halbmondförmige und zugleich die wachsende Stadt bekannt, welche Benennung von der durch die Krümmung des Mississippi bedingten halbmondförmigen Gestalt des älteren Stadttheiles, welcher gleichwie ein breites Band dem Uferlaufe sich anschmiegte, herrührt.
Das ungeheuere Anwachsen von New-Orleans steht mit seinen überaus günstigen commerziellen und Verkehrsverhältnissen in directer Beziehung. Im Jahre 1803 zählte die Stadt 9000 Einwohner, 1880 aber bereits 216.000, 1890 246.000 Einwohner, davon gehört ein Viertel farbigen Racen an.
Im Winter, wenn der wohlhabende Theil der Einwohner, der bei Eintritt der warmen Jahreszeit vor dem gelben Fieber die Flucht zu ergreifen pflegt, wieder in die Stadt zurückkehrt, mag die Be - wohnerzahl derselben mit 250.000 Seelen nicht zu hoch veranschlagt werden.
In Louisiana hat das französische Element sich erhalten, wie in Florida das spanische. Dieser in New-Orleans sehr zur Geltung kom - menden Erscheinung ist es wohl zuzuschreiben, dass die dortige Ge - sellschaft im Umgange freier und angenehmer ist als etwa im Norden der Union. Nur die Damenwelt behauptet, wie überall in der Union, so auch in New-Orleans die Privilegien der weitesten Emancipation, die jedoch in liebenswürdigster Weise bethätigt werden.
Aus der Sclavenzeit datirt die auffallende Missachtung der Farbigen, und kaum anderswo ist im Lande der Gleichheit an die Stelle des Standesunterschiedes der Farbenunterschied so schroff getreten, wie in Louisiana und den ehemaligen Sclavenstaaten.
New-Orleans ist am linken Ufer des Stromes auf der Niederung zwischen diesem und dem ausgedehnten Küstensee Pontchartrain auf - gebaut. Einer jener weiten mit riesigen Cypressen bewachsenen135New-Orleans.Sümpfe, wie solche in den Niederungen des Mississippi überall vor - kommen, bedeckte einstens diesen Plan, welchen nur eine leichte Bodenwelle von etwa ⅔ m Höhe, die Metairie Ridge, kaum wahr - nehmbar überragt. Jenseits dieser folgt nordwärts endloses Marsch - land, das die Stürme des Sees alljährlich überfluten.
Ein ungünstigerer Baugrund für eine Stadt, besonders aber für eine im Aufblühen und in der Erweiterung begriffene, lässt sich kaum denken. Dennoch wurden die vielfachen und völlig ungeahnten Hindernisse grösstentheils überwunden.
Um die Stadt gegen die alljährlichen Hochwässer des Mississippi zu schützen, mussten 3 m hohe Dämme, die Levée, aufgeführt werden, und da das Niveau der Stadt mehr als einen Meter unter der normalen Wasserhöhe des Stro - mes liegt und gegen Norden zu bis zu den Metairie Ridge sich senkt, war eine unterirdische Canalisirung, die schon wegen des hohen Grundwasserniveaus hätte unterbleiben müssen, nicht ausführbar. An deren Stelle setzte man eine allerdings kostspielige Oberflächendrainage für Niederschlags - und Abfallwässer mit Ausschluss der Fäcalstoffe, die selbständig abtransportirt werden müssen.
Bei dem erwähnten Drainagesysteme führen offene Strassenrinnsale die Wässer einem weiten die Stadt durchziehenden Netze ebenfalls offener Canäle zu, an deren Endpunkten der Inhalt durch mächtige Dampfpumpen in den Pont - chartrain-See befördert wird. Das mit dem See verbundene Bayou St. John ist in das Canalsystem aufgenommen worden.
Für normale Verhältnisse genügt das System hinlänglich, allein wenn bei anhaltenden Ostwinden das Niveau des genannten Sees durch die Wasserstauung im mexikanischen Golfe beträchtlich steigt, dann überfliessen die Canäle und der nördliche Theil der Stadt wird einige Tage hindurch überschwemmt.
Weit später als im nördlichen Theile der Union verdichtete sich in den Südstaaten derselben die Verkehrsthätigkeit, denn während im Norden der Andrang der regsamen germanischen und anglosächsischen Einwanderung zum hervorragendsten Factor der Entwicklung wurde, verblieben die Südstaaten nur spärlich bevölkert, bis in den letzten Jahrzehnten mit dem Aufhören der Sclavenarbeit auch dorthin der befruchtende Strom der Völkerwanderung sich wendete.
Allerdings lagen die Verhältnisse in den Süd - oder Golfstaaten nicht besonders günstig, denn neben den natürlichen Hindernissen, welche die Colonisation erschwert haben mochten, machte sich auch die geringe politische Stabilität durch häufig wechselnde Regierungen geltend.
Dessenungeachtet dürfte doch ein wesentlicher Schuldtheil an dem Zurückbleiben der genannten Staaten auf Rechnung der ur - sprünglich romanischen Bevölkerung gesetzt werden können.
Ebenso wichtig ist aber der Umstand, dass die wahre Blüthe New-Orleans’ als Handelsstadt mit der Blüthe seines Hinterlandes136Die atlantische Küste von Amerika.am oberen Mississippi zusammenhängt und erst zum Durchbruche kommen konnte, seit das Mississippi-Becken unter Pflug genommen wird, also seit 15 — 20 Jahren.
Golddurstige Spanier, welche der verunglückten Expedition des Pamphilio de Narvaez zur Eroberung von Florida angehörten und im Jahre 1536 den Rückzug gegen den Mississippi antraten, waren die ersten Europäer, welche den Vater der Ströme erblickten.
Ein Jahr später erhielt Ferdinando de Loto aus Xeres die Bewilligung Karl’s V., auf eigene Kosten dieselbe Halbinsel zu erobern. Seine gut ausgerüstete Expedition landete dort am 31. Mai 1539, allein bevor der kühne Abenteurer 1542 den Mississippi erreichte, war sein Heer völlig vernichtet. De Loto starb an der Mündung des Red-River, und die elenden Reste seiner Scharen flüchteten 1543 nach harten Entbehrungen stromwärts an die Meeresküste.
Das verhängnissvolle Schicksal der Spanier scheint von weiteren Versuchen, das erwähnte Gebiet zu erobern, nachhaltig abgeschreckt zu haben, denn 130 Jahre lang betrat kein weisser Mann die dortige Küste.
Erst im Jahre 1682 erschien eine französische Expedition am Mississippi Delta, nachdem sie von Canada aus den oberen Lauf des Stromes erreicht und den letzteren bis zur Mündung befahren hatte. Robert Cavalier de la Salle und Seigneur Henry de Tonti, ein italienischer Officier, die muthigen Führer der Un - ternehmung, richteten am 9. April des genannten Jahres ein Kreuz am Delta auf und erklärten das Land im Namen Ludwig XIV. als Besitz der französischen Krone. Diesem Könige zu Ehren erhielt das Land den Namen Louisiana.
Die eigentliche Colonisation fand aber erst im Jahre 1699 durch eine Ex - pedition von 300 Mann statt. Der erste Gouverneur war Sauvolle und 1701 folgte nach dem Tode desselben Bienville.
Es scheint, dass die Verhältnisse der Colonie recht günstig sich gestaltet haben, zumindest aber, dass gute Aussichten für eine günstige Entwicklung er - wartet wurden, denn 1712 verlieh Ludwig XIV. einem Ant. Crozat auf fünfzehn Jahre das Patent für den ausschliesslichen Handel in der ganzen „ Provinz “vom mexikanischen Golfe bis zu den grossen Seen im Norden und von den Alleghanïes bis zu den Rocky-Mountains im Westen.
Als Gegenleistung war bedungen, dass Crozat jährlich zwei Schiffe mit Co - lonisten nach Louisiana sende und nach Verlauf von neun Jahren sämmtliche Aus - lagen der Colonialverwaltung mit Einschluss jener für das Heer auf eigene Rech - nung übernehme.
Der erwähnte Pact, ohne Zweifel einer der originellsten Verträge in der Colonialgeschichte, gibt Zeugniss von dem weiten Fluge der Bestrebungen Ludwig’s XIV., die darauf abzielten, im Rücken der englisch-puritanischen Küsten - colonien ein Weltreich zu gründen, das auf Canada sich gestützt hätte.
Allein Crozat fand seine Rechnung nicht; schon nach fünf Jahren übergab er das Patent dem Herzog von Orleans, damaligen Regenten während der Minder - jährigkeit Ludwig’s XV. (1717).
Im gleichen Jahre wurde die Colonisation von Louisiana als commerzielle Unternehmung einer Westindischen Compagnie, auch Mississippi-Compagnie ge - nannt, auf die Dauer von 25 Jahren übertragen (John Law). Auch diese Gesell -137New-Orleans.schaft konnte sich nicht halten und verzichtete nach fünfzehn Jahren auf die weitere Ausübung der Rechte.
Unterdessen hatte Bienville 1718 die Stadt New-Orleans gegründet; aber schon im folgenden Jahre wurden die Bewohner der bescheidenen Ansiedlung durch eine grosse Ueberschwemmung vertrieben und der Ort blieb bis 1722 unbewohnt. Nun erst kehrten die Flüchtlinge zurück. Das Städtchen zählte 1722 bereits 200 Einwohner, die in Holzhütten untergebracht waren. Zum Schutze gegen Hoch - wasser hatte man längs des Gebietsumfanges hohe Deiche aufgeführt.
Die Entwicklung schritt nun zwar langsam, aber stetig vorwärts.
Im Jahre 1762 cedirte Ludwig XV. Louisiana an Spanien, letzteres nahm aber erst 1769 nach Beruhigung der darob erbosten Colonisten von dem Land factisch Besitz.
New-Orleans wurde 1794 durch Erdwälle und Bastionen befestigt.
New-Orleans (Jackson-Square).
Die spanische Periode war nur von kurzer Dauer und Louisiana kam infolge einer geheimen Convention im Friedensvertrage zwischen Spanien und dem fran - zösischen Consul Napoleon Buonaparte am 1. October 1800 wieder in den Besitz Frankreichs. Das Schicksal wollte, dass Louisiana neuerdings das Object schlauer Speculation wurde. Da die französische Republik mit England im Kriege war und einen Angriff auf New-Orleans befürchten musste, so entschloss sich Buonaparte, die Colonie an die Vereinigten Staaten von Nordamerika zu verkaufen. Talleyrand eröffnete in der That mit Livingston und Monroe die Unterhandlungen, welche für die erschöpften Finanzen Frankreichs am 30. April 1803 sehr vortheilhaft zum Abschluss kamen, da für Louisiana ein Kaufschilling von 15 Millionen Dollars herausgeschlagen wurde.
So wehte denn das Sternenbanner auf den Wällen New-Orleans’ und eine neue Zeit begann für diesen jetzt so bedeutungsvollen Platz. 1812 ward Lousiana als neunzehnter Staat der Union einverleibt.
Während des amerikanisch-englischen Krieges erschien im December 1814 eine fünfzig Segel zählende britische Flotte unter Admiral Sir Alexander CochraneDie Seehäfen des Weltverkehrs. II. Band. 18138Die atlantische Küste von Amerika.mit einem 10.000 Mann starken Corps Ausschiffungstruppen unter General Packen - haue an der Küste von Louisiana, um New-Orleans zu nehmen. Das Flaggenschiff Tonant, dasselbe, welches Nelson bei Abukir nach heldenmüthigem Kampfe den Franzosen entrissen hatte, war zur Recognoscirung am 9. December in den Borgue - See (Mississippi-Sund) östlich von New-Orleans vorgedrungen und bekämpfte dort die kleine amerikanische Flottille mit so günstigem Erfolge, dass diese die Landung des englischen Corps an der Westseite des Sees keineswegs mehr behindern konnte.
Die Engländer liessen indes kostbare Zeit verstreichen und landeten erst am 23. December einen Theil der Truppen.
In New-Orleans befehligte der amerikanische General Jackson eine Streit - macht von nur 4000 Mann, von welchen 3200 Mann in einer stark befestigten Position östlich der Stadt mit dem rechten Flügel am Mississippi gelagert stan - den. Durch das Zögern der Engländer gewann Jackson hinlänglich Zeit, seine Stellung ausserordentlich zu verstärken und mit schweren Batterien auszustatten. Als nun die Engländer am 8. Januar 1815 mit ihrer ganzen Macht zum Angriff schritten, wurden sie trotz bewunderungswürdiger Tapferkeit mit ungeheuren Ver - lusten zurückgewiesen.
Mit diesem ersten Versuch war die Unternehmung gegen Louisiana ge - scheitert, und die Engländer zogen im Laufe des Monates Januar ihre Streitkräfte zurück.
Nach dem Friedensschlusse und bis zum Beginne des Bürgerkrieges im Jahre 1861 nahmen Louisiana und New-Orleans durch Einwanderung an Bevölke - rungszahl mächtig zu, und die Zuckerrohrcultur entwickelte sich zu reicher Pro - duction.
Im Secessionistenkrieg, in welchem Louisiana die Sache der Sclaven - staaten ergriff, fiel New-Orleans schon im April 1862 in die Gewalt der Nord - staaten, nachdem Admiral Farragut mit seiner Flotte die Stromsperre forcirt hatte und vor der wehrlosen Stadt erschienen war.
Louisiana, das durch den Krieg grosse Verluste an Werthen, namentlich durch gänzlichen Stillstand in der Bebauung der Plantagen erlitten hatte, wurde nun zur Operationsbasis einiger Unternehmungen gegen die aufständischen Staaten. Erst nach dem Friedensschlusse traten Production und Handel wieder in ihre Rechte. Ueber New-Orleans nahm nun der grösste Theil der im Innern aufge - stapelten und durch den Krieg zurückgebliebenen Vorräthe an Baumwolle den Weg zum Ocean, welcher Umstand sehr viel beigetragen hat, diesen Handelsplatz zu stärken.
Nach einem langen Provisorium erhielt Louisiana im Jahre 1879 eine neue Constitution und schreitet nun in jeder Richtung der Entwicklung und Blüthe entgegen.
Wie unser Stadtplan zeigt, ist New-Orleans grösstentheils regel - mässig angelegt. Bei der Tracirung der Strassen musste dem Laufe des Stromes, der hier eine scharfe Krümmung bildet, Rechnung ge - tragen werden, weshalb die aus dem westlichen in den östlichen Stadttheil führenden Querstrassen im Allgemeinen zum Stromufer parallel gezogen und von Längsstrassen unter rechtem Winkel ge - schnitten sind.
139New-Orleans.Im nördlichen an den Pontchartrain gelehnten Stadttheile hin - gegen werden die Strassen Nord -, Süd - und Ostwest laufen, wenn dieses Gebiet ausgebaut sein wird, was zur Stunde gleichwie in anderen Partien der Stadt noch nicht der Fall ist.
So sind in New-Orleans Strassenzüge von ungeheuerer Aus - dehnung entstanden, die, wie die viele Meilen lange Clairborne-Street, mit den längsten Avenuen von New-York einen Vergleich nicht scheuen.
Neben der eben genannten Strasse ist die mit ihr und dem Strome parallel laufende St. Charles-Avenue, die von Carrollton bis zur prächtigen Canal-Street führt, die längste Verkehrsader der Stadt.
Die breite, mit einer schönen Baumallee gezierte Canal-Street, welche vom Mississippi bis zu den vorne erwähnten Metairie Ridge sich erstreckt, behauptet dagegen den ersten Rang unter den fashio - nablen und durch Massenverkehr hervorragenden Strassen. Hier haben die bedeutendsten Geschäfte ihre Niederlagen, hier ist der Sammel - platz der kauflustigen, wie im südlichen Abschnitt der Strasse jener der promenirenden Welt; Canal-Street ist der Vereinigungsort aller Ver - kehrsmittel nach allen Theilen der Stadt. Die Strasse ist überdies die Grenzscheide zwischen der amerikanischen und creolischen Bevölkerung, welch letztere östlich derselben lebt. Dort zwischen der Münze (20) und dem Customhouse (21) lag das ursprüngliche von Wällen und Bastionen umgebene New-Orleans, dessen Quai noch zu Beginn dieses Jahrhundertes eine Länge von nur 600 m besass. Der prächtige Jackson - Square bildete dort den Mittelpunkt der alten Hafenfront. Dort, wo die Canal-Street am Strome ausmündet, ist der berühmte Baumwoll - quai, allwo jährlich gegen zwei Millionen Ballen Baumwolle verladen und exportirt werden.
Carondelet - und Gravier-Streets sind Brennpunkte des Baum - wollegeschäftes, und an der Kreuzung der erwähnten Strassen steht der mit Sculpturen reich gezierte Renaissancebau der Baumwollbörse, einer seit 1871 bestehenden Institution.
Ebenso sind die Börsen für Producte und Zucker in schönen Gebäuden untergebracht.
Auch New-Orleans konnte dem in den Vereinigten Staaten ein - gebürgerten Gebrauche nicht widerstehen und wählte für die öffent - lichen Gebäude den antiken Styl. Das grossartige Customhouse, welches einen Block von mehr als 100 m Seitenlänge und 25 m Höhe bildet, ist im massigen egyptischen Styl aufgeführt. Tiefe, auf einen kost - spieligen Pfahlrost aufgelegte Fundamente mussten hergestellt werden,18*140Die atlantische Küste von Amerika.um die ungeheuere Last des Granitgebäudes zu stützen. Der 1847 begonnene Bau ist gegenwärtig nach Ueberwindung vieler Schwierig - keiten und mancherlei Unfällen nahezu vollendet. Er verschlang eine Bausumme von fast sechs Millionen Dollars.
Das Customhouse ist indes ein Prachtgebäude mit vorzüglichen Einrichtungen. Die luxuriös ausgestattete Marmorhalle im Centrum der Gebäudes ist der weltberühmten St. Georges-Hall in Liverpool nach - empfunden, doch etwas kleiner als diese gehalten. Beachtenswerth sind darin neben prächtigen Ornamenten einige schöne Basreliefs und fünfzehn Säulen aus weissem Marmor von je 13 m Höhe, deren jede 5000 Dollars gekostet hat.
Als schöner Kunstbau verdient die City-Hall genannt zu werden, diese zeigt die Architectur des Minerva-Tempels der Akropolis von Athen. Die Front des massiv gebauten Gebäudes ist mit weissem Marmor bekleidet, mit schönen jonischen Säulen und symbolischen Figuren geziert.
In der Common-Street hat in drei imposanten griechischen Tempeln die reich dotirte Tulanes-Universität von Louisiana ein herr - liches Heim gefunden. Sie ist eine Stiftung Mr. Paul Tulanes’ und be - steht seit dem Jahre 1884.
Noch viele andere öffentliche Gebäude, wie die Börse, die Münze, das Gerichtsgebäude, tragen das Gepräge des Reichthums zur Schau und bilden hervorragende Zierden der lebensfroh aufstrebenden Stadt.
Unter den kirchlichen Bauten haben wir bereits des prächtigen Renaissancebaues der Kathedrale St. Louis gedacht, deren Front dem Jackson-Square zugewendet ist. Nebst diesem Gotteshaus zählt New - Orleans noch sieben römisch-katholische Kirchen, von welchen die St. Patricks-Kirche den höchsten Thurm der Stadt besitzt. Derselbe ist nach dem Münster von York construirt und hat 76 m Höhe.
Erwähnt sei auch das alte Ursulinerinnenkloster, das gegen - wärtig als Residenz der römisch-katholischen Bischöfe dient.
Die bischöfliche Kirche verfügt über vier Gotteshäuser, den anderen christlichen Glaubensbekenntnissen dienen weitere vier Kirchen und die reformirte Judengemeinde erbaute sich den im byzantinischen Style gehaltenen Tempel Sinai, den zwei kleine Thürme zieren.
Wenngleich die Stadt, im Grunde genommen, eine Schöpfung der neuesten Zeit ist, so hat sie dank dem ausgeprägten patriotischen Gefühle der Bevölkerung doch schon den Schmuck schöner, hervor - ragenden Männern gewidmeter Monumente, die Thaten des Generals Jackson, Siegers vom 8. Jänner 1845, Henry Clay’s, des Staatsmannes,141New-Orleans.Franklin’s, Robert E. Lee's, des berühmten Generals der Conföderirten im Bürgerkriege, sind durch mehr weniger prunkvolle Standbilder aus Marmor und Erz zur Erinnerung späterer Generationen verherrlicht.
Auch Margaret Haughery, eine Wohlthäterin der Waisen von New-Orleans, wurde durch ein sinniges Denkmal, das erste einer Frau in Amerika gesetzte Monument, ausgezeichnet.
Die Denkmale zieren die öffentlichen, meist mit schönen Park - anlagen versehenen Plätze. Am Lafayette-Square bezeichnet eine steinerne Marke die geographische Position des Punktes mit 29° 51′ 5″ nördl. Br. und 90° 4′ 9″ westl. L. v. Gr. Die Breite ist um kaum 3′ nördlicher als jene der grossen Cheops-Pyramide bei Cairo.
Mississippi-Dampfer.
Gleichwie in den meisten grösseren Städten der Union ist auch in New-Orleans die Zahl der Wohlthätigkeitsanstalten, wie Spitäler, Asyle u. dgl., eine sehr grosse, welche Thatsache einen Beweis für die lebhaften humanitären Bestrebungen der liebenswürdigen Bevöl - kerung bildet.
Auch das Schulwesen ist ausgebildet, jedoch steht Louisiana auf diesem Gebiete weit hinter den anderen Staaten der Union zurück, welcher Umstand der starken Vertretung der farbigen Race in der Bevölkerung zugeschrieben wird.
Das stark entwickelte, zum Frohsinn geneigte gesellige Leben bekunden die zahlreichen Clubs für alle Sportrichtungen, welchen unter anderem der ausgedehnte, wenngleich nur 4 m tiefe Pontchar - train-See ein weites Feld der Thätigkeit eröffnet.
142Die atlantische Küste von Amerika.Die in New-Orleans stark vertretenen Deutschen haben ihren „ Liedertafel-Club “der Pflege der Musik und des Gesanges gewidmet. New-Orleans verfügt übrigens auch über mehrere schöne Theater, von welchen das französische Opernhaus und das Saint Charles-Theater die grössten sind.
Die Verkehrsverhältnisse sind abseits zahlreicher Tramwaylinien auch durch den Bestand einer gross angelegten Stadtbahn, welche mit den einmündenden Eisenbahnlinien in Verbindung steht, ausser - ordentlich günstige. So sehen wir denn New-Orleans schon jetzt ma - teriell und geistig für seine zukünftige Mission als Weltstadt in jeder Beziehung wohl vorbereitet.
Von der Crescent-City kann man wie von dem alten Venedig oder den Handelsplätzen des nördlichen Hollands sagen, Alles ist aus dem Wasser entsprungen! Das Wasser bildete nicht bloss die Haupt - handelsstrassen, auf welchen die Wichtigkeit dieses Gemeinwesens beruht, sondern ihm musste auch der Boden abgerungen werden, auf dem es begründet wurde, und heute noch sind Theile der Stadt nur unvollkommen vor dem Eindringen der Feuchtigkeit geschützt und daher stehen nach E. Deckert viele Häuser auf einem Gerüste von Balken, das sich mehrere Fuss über den Erdboden erhebt, als eine Art moderner Pfahlbauten. Den Todten aber bereitet man auf den Kirchhöfen, um sie nicht in das Grundwasser und den Morast hinein - zubetten, festgemauerte, luft - und wasserdichte oberirdische Grab - gewölbe, die wie mächtige Backöfen aussehen, und in denen die Leichen in der That durch die Einwirkung der Sonnenhitze einem sehr schnellen trockenen Verwesungsprocesse unterliegen.
Mitten in ihrem Ueberflusse an Wasser leiden die Bewohner von New-Orleans Mangel an Trinkwasser. Diese Mündungsstadt des Mississippi kann nie eine Hochquellenleitung erhalten.
Man muss das Regenwasser, welches die tropischen Regen - güsse überreich spenden, in ungeheueren Gefässen aus Cedernholz auffangen. Diese hölzernen „ Cisternen “, die unmittelbar an die Häuser angebaut sind, und dieselben öfters wie gedrungene Festungsthürme überragen, geben der äusseren Physiognomie der Stadt einen eigen - artigen Charakterzug.
New-Orleans gilt bei Einheimischen und Fremden als eine un - gesunde Stadt. Und doch ist hier trotz gelben Fiebers und Malaria, trotz der starken Negerbevölkerung (27 %), die von einer Gesundheits - pflege keine Ahnung hat, die Sterblichkeit kleiner (25·98 Fälle auf 1000 Einwohner) als in New-York (26·47), wo Erkrankungen der143New-Orleans.Luftwege, eine Folge des excessiven Klimas, so viele Menschen dahinraffen.
Als Handelsplatz ist New-Orleans der natürliche Ausfuhrplatz des kolossalen Stromgebietes des Mississippi. Dampfer können Frach - ten führen von den St. Anthonys-Fällen bis in den Golf von Mexiko (3478 km) und von Pittsburg in Ohio bis Fort Benton in Montana (6972 km). Lichterschiffe aber können den Missouri hinauf bis zu den „ Grossen Fällen “, in deren Nähe der Fluss das Felsengebirge ver - lässt. Nach allen Richtungen hin verästeln sich die Zweige dieses Stromsystems.
Im Ganzen sind gegenwärtig 45 Flüsse auf eine Länge von 25.900 km der Schiffahrt zugänglich, oder die vierfache Länge der Oceanlinie von New-York nach Liverpool, und mehr als viermal so viel, wie die Entfernung quer durch den Continent auf der kürzesten Eisenbahnlinie zwischen New-York und S. Francisco. Und durch Bauten hofft man wenigstens für die Zeit des guten Wasserstandes noch 1600 km Flussläufe in der Nähe der Quellgebiete schiffbar zu machen.
In allen Theilen gleichwerthig ist dieses Netz von Wasserstrassen wohl nicht. So kann gleich die Strecke des Hauptstromes zwischen St. Louis (Mo.) und St. Paul (Min.) von der grossen Schiffahrt nur 4 — 5 Monate im Jahre benützt werden. Aber abwärts von St. Louis, wo am 4. Juli 1874 die grosse von Eads erbaute Eisenbahnbrücke eröffnet wurde, ist der Strom das ganze Jahr hindurch auch für Dampfer und Segelschiffe von bedeutendem Tiefgange fahrbar. Nur die „ Snags “, Baumstämme, die sich auf dem Grunde des Fahrwassers festgerammt haben und den Fahrzeugen ihre spitzen Aeste und ab - gebrochenen Stümpfe entgegenstellen, sind der Schiffahrt sehr gefähr - lich. Die Snags zu entfernen, sind eigene Boote bestimmt, welche auch mit Dynamitpatronen ausgerüstet werden.
Bei aller Bewunderung für die grossartige Ausdehnung der Schiffahrtstrassen des Mississippi-Systems und für die 1114 Dampfer, welche seine Gewässer beleben, darf man sich aber nicht verleiten lassen, die heutige Bedeutung desselben für den Handel zu über - schätzen.
Ganz gegen die Verkehrsgesetze haben in der Union die aller - dings unglaublich billig arbeitenden Eisenbahnen einen grossen Theil des Verkehres vom Mississippi abgezogen und führen selbst schwere Massengüter quer über die Ströme dem atlantischem Ocean zu.
So hat der Missouri mit der Vollendung der verschiedenen144Die atlantische Küste von Amerika.Pacificbahnen jede Bedeutung für den grossen Waarenverkehr ein - gebüsst, die regelmässige Dampfschiffahrt auf ihm hatte fast ganz aufgehört.
Selbst der Ohio, der wichtigste Nebenfluss des Mississippi, dessen Schiffbarkeit schon 139 km oberhalb Pittsburg beginnt, hat einen grossen Theil seines früheren durchlaufenden Verkehres an die Eisenbahnen abgegeben.
Allerdings zeigt die neueste Zeit ein Wanken dieses Verhält - nisses und ein Steigen des Flussverkehres, und zwar im selben Masse, als die Farmer gegen Westen vordringen.
Wenn wir nun insbesondere die Handelsstellung von New-Orleans betrachten, so fällt uns auf, dass der Norden und der Süden der Union heute noch in ihrem Cultur - und Wirthschaftsleben zwei sehr verschiedene Welten sind, welche durch den Mississippi nicht zu kräftig mit einander verbunden werden.
Schon vor der Zeit der Eisenbahnen überwog im Norden die Richtung des Verkehres von West nach Ost, weil sich dieser auf den Illinois - und den Erie-Canal stützte.
Die zahlreichen Eisenbahnen haben diese Tendenz gefestigt und alle Hafenplätze des Ostens bis Savannah herunter Theile jenes Ver - kehres an sich gerissen, der nach dem Baue des Landes und seiner Flussläufe New-Orleans eigenthümlich sein sollte. Wer aus dem Ge - biete selbst des mittleren Mississippi über New-Orleans nach Europa Waaren sendet, statt mit der Eisenbahn über die Ostplätze, macht eben einen grossartigen Umweg, der viel Zeit kostet, und der nur gewählt wird, wenn er bedeutend billiger zu stehen kommt.
Aus diesem Grunde kam die Verwandlung der Wald - und Prairie - wildnisse des Nordens in ertragreiche Mais - und Weizenfelder der in der Welt einzig dastehenden Verkehrslinie Chicago-New-York zu Gute. Im Süden von ihr concurriren wieder St. Louis mit seiner Uferfront von 30 km Länge, Louisville und Cincinnati mit New-Orleans. Ja durch die Trunk-Linien östlich und westlich vom Mississippi reicht das
Legende zum Plan von New-Orleans. A Landungsplatz der Schiffe, B Pontchartrain-See, C Southern Yacht Club, D Clubhäuser, E City - Park, F Leuchtfeuer, G Fair-Ground, H Jockey-Club, J Metairie-Friedhof, K Reitpark Oakland, L Aus - stellungs-Park, M Hauptgebäude desselben, N Bahnhöfe, O Canal-Street, P Carondelet-Walk. Q Espla - nade-Street, R Bernard-Avenue, S Elisian-Fields, T Lafayette-Str., U Ursulinerinnen-Str., V Jourdan - Av., W Lea-Circle, X Louisiana-Av., Y Napoleon-Av., Z Upper-Line. — 1 Charles-Av., 2 Clairborn-Str., 3 Hagen-Av., Florida-Av., 5 St. Claude-Str., 6 Commerce Place, 7 Pelopidas-Str. oder Gentilli-Av., 8 Monroe-Av., 9 St. James-Av., 10 Calhoun-Av., 11 Edinbourg-Av, 12 Peoples-Av., 13 Constitution - Place, 14 Broad-Str., 15 Carrollton-Av., 16 Poydras-Can. und Str., 17 Greenwood-Friedhof, 18 Ka - sernen, 19 Jackson-Square, 20 Münze, 21 Custom-House, 22 Clay-Statue, 23 Ursulinerinnen-Kloster, 24 Lafayette-Square, 25 Gefechtsfeld vom 8. Jänner 1815.
[145]
(Legende siehe auf Seite 144.) Die Seehäfen des Weltverkehrs. II. Band. 19146Die atlantische Küste von Amerika.Handelsgebiet von St. Louis bis in den Westen Louisianas, nach Texas und einen grossen Theil von Mexico, und St. Louis nimmt New-Orleans allmälig sogar den Baumwollhandel weg. Kurz, selbst der Ausfuhr - handel von Massenproducten ist zum weitaus grössten Theile künst - lich vom unteren Mississippi abgelenkt, die Einfuhr beschränkt sich auf Producte der Uferstaaten des mexicanischen und des caraibischen Meerbusens.
Während der Norden den Zug seines Handels nach dem hafen - reichen Osten organisirte, war New-Orleans von der See her nur mit Schwierigkeit zu erreichen. Erst mit der Vollendung der Jetties durch Capitain James Eads, welcher die Schiffahrt auf der mittleren Mün - dung sicherte, begann 1879 eine neue und wichtige Aera für den See - verkehr von New-Orleans, aber keine solche für den eigentlichen Handel. Immer mehr sinkt der Hafen zu einem reinen Transitohafen herab.
Durch die südliche Pacificbahn und deren Zufahrtlinien ist es wohl möglich, von New-Orleans aus San Francisco in fünf Tagen und Mexico in vier Tagen zu erreichen. Californischer Weizen wird über New-Orleans nach New-York verfrachtet, weil der Umweg dieser aus Eisenbahn - und Schiffahrtslinien combinirten Route dadurch mehr als ausgeglichen wird, dass die Transportkosten für 3 km Seefracht gleich denen für 1 km Eisenbahnfracht sind. Aber die durch die west - lichen Bahnen gebrachten Frachten kommen gar nicht nach New - Orleans selbst, sie werden in dem auf der anderen Seite des Mississippi gelegenen Gretna aus den Waggons auf die Schiffe umgeladen.
Die von New-Orleans nach Norden gehenden Bahnen dienen mit Ausnahme der in der nächsten Nähe gelegenen Theile nur dem in - ländischen, nicht dem auswärtigen Verkehre. Nur die Ausführung zweier grosser interoceanischer Verkehrswege könnte dem Handel von New-Orleans, insbesondere seinem unmittelbaren Verkehre mit dem Auslande einen ungeahnten Aufschwung verleihen. Wir meinen die Herstellung eines Durchstiches durch die Wurzel der Halbinsel Florida und die einer Schiffseisenbahn über den Isthmus von Tehuan - tepec in Mexico, welche der geniale Eads geplant hatte.
Denn ein Canal durch das nördliche Florida bedeutet für Schiffe, welche von New-Orleans nach Liverpool bestimmt sind, eine Er - sparniss von 761 km, bei der Fahrt nach New-York von 919 km. Was New-Orleans und alle Häfen an der atlantischen Seite der Union durch die Tehuantepec-Schleppbahn gewännen, sowohl für ihren Ver - kehr mit Californien, als für den mit Ostasien, brauchen wir nicht näher auszuführen.
147New-Orleans.Von dem Panama - und dem Nicaragua-Canale hat New-Orleans keine wesentliche Steigerung seines Wohlstandes zu erwarten.
Den Hauptverkehr von New-Orleans ist nach dem Inlande gerichtet. Dieser inländische Verkehr bezifferte sich 1888 auf 168,474.392 Dollars (1887 auf 164,528.464 Dollars). Der auswärtige Verkehr war viel kleiner, wie die folgenden Ziffern ausweisen, und ist nur in Hinsicht der Ausfuhr von grösserer Bedeutung:
Der Waarenhandel von New-Orleans mit dem Auslande betrug in Dollars:
Rohe Baumwolle ist der einzige Exportartikel von New-Orleans, in welchem dieser Platz eine hervorragende Stellung einnimmt; denn am mexicani - schen Meerbusen zu beiden Seiten des Mississippi ist das wichtigste Baumwollen - gebiet der Erde. Aber der Hafen geht als Baumwollenmarkt langsam zurück, zu - nächst weil die directen Verschiffungen der Baumwolle von den Inlandsmärkten nach Europa, insbesondere die über New-York immer mehr zunehmen. Und wenn die Baumwolle schon über New-Orleans ins Ausland geht, so wird sie dort[nur] von der Eisenbahn auf das Schiff umgeladen.
New-Orleans besitzt eine Baumwollbörse.
Von der Ausfuhr geht etwa die Hälfte nach England, ein Fünftel nach Frankreich, ein Siebentel nach Deutschland. Die übrigen Länder des Consumes sind Russland, Italien, Spanien und Belgien.
New-Orleans besitzt als erster Baumwollhafen der Erde grossartige Eta - blissements für die Aufnahme und Verpackung und Versendung der Baumwolle, und obgleich ein ganzes Heer von Arbeitern und Angestellten in der Branche thätig ist, so ist kein Geschäftszweig so systematisch organisirt, wie der Baum - wollhandel.
Zur Zeit der Ernte (von September bis December) herrscht im Hafen und in allen dem Baumwollgeschäfte gewidmeten Anstalten ein unbeschreibliches Treiben.
Die Baumwolle wird auf den Plantagen in Ballen von ungefähr 450 Pfund Gewicht gepresst und nach New-Orleans gesendet. Die Mississippidampfer laden gewöhnlich bis zu 5000 Ballen, einige aber vermögen sogar 8000 derselben zu transportiren.
Am Quai — die Quais werden in New-Orleans gleichwie die Wälle Levée genannt, obwohl sie grosse Flächen bilden und keineswegs Dämme sind — wird die Ladung ausgeschifft und von den Geschäftshäusern übernommen, um nach eventueller Sortirung und erneuerter Comprimirung weiter vergeben zu werden.
Die Baumwollpressen von New-Orleans sind sehenswerth. Gegenwärtig stehen 25 derselben mit Dampfbetrieb in Verwendung.
19*148Die atlantische Küste von Amerika.Die Arbeit dieser eisernen Giganten vollzieht sich ebenso einfach wie rasch, und es ist höchst interessant, ihre Kraftleistungen zu beobachten.
Handfeste Neger ergreifen und rollen den bereits auf der Plantage ge - pressten Baumwollballen in die Presse, welche ihn mit eisernen Armen umfängt und mit dämonischer Gewalt auf Dreiviertel seines Volumens reducirt. Eisen - bänder, Ties genannt, werden rasch um das Opfer genietet und nun ist es für den Transport fertig.
Aber gegenwärtig wird die Verpackung und Pressung zum grossen Theile auf den Märkten des Innern vorgenommen und die Hälfte der Baumwollpressen steht das ganze Jahr hindurch müssig, viele Geschäftshäuser für Baumwolle haben ihren Erwerbszweig geändert und sich auf Gründung von industriellen Etablisse - ments geworfen.
In New-Orleans sind zum Zwecke der Oelgewinnung aus Baumwollsamen sieben Dampfpressen in Betrieb.
Das Oel geht zum Theile auch nach Europa und kehrt, wie die böse Welt behauptet, nach entsprechender Zubereitung als feinstes Aixer - und italienisches Olivenöl wieder nach Amerika zurück.
In der Ausfuhr von Baumwollsamenöl, von Oelkuchen und Oelkuchenmehl (1888 / 89 807.861 q) steht New-Orleans hinter New-York zurück.
Die nächstwichtige Gruppe der Ausfuhrartikel von New-Orleans, Getreide und Mehl, bewegt sich aus den bereits angeführten Ursachen in bescheidenen Grenzen.
Im Fiscaljahre 1888 / 89 wurden ausgeführt 4,162.660 hl (Werth Dollars 5,768.416), 338.530 hl Weizen (Werth 902.905 Dollars) und 43.070 q Weizenmehl. Das letztere ist nach Westindien und Südamerika bestimmt.
Die Tabakausfuhr von New-Orleans ins Ausland ist seit Jahren im Rück - gang und war 1838 / 89 auf 32.790 q im Werthe von 605.976 Dollars herabge - sunken.
Der Verarbeitung des Tabaks dienen im Districte von Louisiana (1888 / 89) 162 Fabriken. Specialität von New-Orleans ist Perigue-Tabak. Die Fabrication von Cigarren wird durch Arbeiter, welche aus Cuba hieher geflüchtet sind, ver - bessert.
Sonst sind noch zu nennen Producte der Rindvieh - und Schweinezucht (1888 / 89 Werth 141.421 Dollars), Holz und Holzwaaren (Werth 364.790 Dollars), Baumwollstoffe und Bier aus den hiesigen Brauereien.
Die Zahl der eingeführten Waaren ist bald erschöpft. An der Spitze steht Kaffee, in welchem New-Orleans (1888 / 89) der dritte Einfuhrplatz der Union ist.
Die Einfuhr erreichte 1888 / 89 202.707 q im Werthe von 5,875.912 Dollars, 1887 / 88 104.171 q.
Im Werthe kommt dem Kaffee in der Einfuhr am nächsten Rohrzucker mit 1888 / 89 242.517 q (Werth 2,143.898 Dollars), 1887 / 88 192.898 q, welche von den New-Orleans so nahen und zuckerreichen westindischen Inseln stammen.
Die Golfstaaten der Union von Florida bis Texas pflanzen Zuckerrohr, doch die Gewinnung des Rohrzuckers ist nur in Louisiana von grösserer Bedeutung. Mit Recht führt daher dieser Staat den Beinamen „ die Zuckerbowle “.
Die Zuckerindustrie Louisianas verdankte ihre bisherige Ausdehnung nur den hohen Zuckerzöllen der Union, gegen die Consequenzen der Mac Kinley-Bill,149New-Orleans.welche vielen Zucker frei einlassen will, ist sie geschützt durch eine dem früheren Zolle gleich kommende Prämie für heimischen Zucker.
Andere Einfuhrartikel sind Bananen, Cocosnüsse und Feigen (1888 / 89 Werth 908.883 Dollars), Orangen und Limonen (Werth 648.189 Dollars), India-Rubber, Wein, Flachs und Sisalhanf. Von Fabricaten sind zu nennen Baumwollwaaren, Glas und Prozellan.
Wir haben schon angeführt, dass der Handel mit dem Inlande viel bedeutender ist als der mit dem Auslande. Es beruht auf den schon genannten Producten des Landes. Zu diesen kommen noch Reis, für welchen in New-Orleans 15 Schälmühlen bestehen, Moos, welches Neger einsammeln und das als Ersatz für Rosshaare benützt wird; dann Salz, welches in die Schlächtereien der west - lichen Staaten geht und aus Louisiana stammt. Aus dem Innern kommen Producte der Viehzucht, Getreide und Steinkohlen.
Die gewerbliche Thätigkeit von New-Orleans, deren wichtigste Zweige wir bereits behandelt haben, ist nicht sehr bedeutend, aber seit auch die Capitalien des Nordens sich ihr zuwenden, hat sie es 1888 / 89 doch auf Erzeugnisse im Werthe von 44·3 Millionen Dollars gebracht, die von 2998 Etablissements geliefert wurden, gegen 915 Etablissements mit einem Productionswerthe von 18,808.909 Dollars im Jahre 1880.
In der „ Crescent City “greifen Land - und Wasserverkehr nicht weniger eng in einander als in den anderen amerikanischen Städten, die an grossen Flüssen oder Meeresbuchten gelegen sind. Die Bahnhöfe der Stadt New-Orleans und ihrer Vorstadt Gretna auf der rechten Seite des Mississippi sind hart am Ufer des „ Vaters der Gewässer “erbaut. Eine Riesenfähre vermittelt den Verkehr zwischen den so getrennten Kopfstationen.
Die Verbindung zwischen den Eisenbahnen und den Fluss - und Ocean - schiffen ist also eine leichte. Nur einen Wald von Masten, wie in Hamburg oder New-York, darf man nicht erwarten, denn der auswärtige Schiffsverkehr erreichte:
Der auswärtige Verkehr wird bis auf 100.000 T, welche auf Segler ent - fallen, durch Dampfer besorgt.
Der Gesammtverkehr von 1889 erreichte 2218 Schiffe mit 2,618.496 Tons.
Die amerikanische Flagge ist hervorragend an dem inländischen Verkehr be - theiligt, von dem auswärtigen entfällt auf sie nur ein Zehntel des Tonnengehaltes. In diesem Theile des Handel dominirt die britische Flagge; ihr folgen die spa - nische, französische, deutsche und italienische.
Der Postverkehr Europas mit New-Orleans findet über New-York statt. Von New-Orleans wird sie zur See auf amerikanischen Dampfern nach Balize, Living - ston (Honduras) und Puerto Cortez (Guatemala) befördert.
Regelmässige Verbindungen durch Dampfschiffe bestehen nach New-York, den Häfen von Florida und Texas, ferner nach Habana, Vera-Cruz, Central - und Südamerika, London, Liverpool, Hâvre, Bordeaux, Antwerpen, Hamburg.
150Die atlantische Küste von Amerika.Auf dem Mississippi gehen regelmässige Packetlinien nach St. Louis, Cin - cinnati, Memphis, dem Red-River und Ouachita-River, Barkencurse nach St. Louis von Vicksburg.
Der Verkehr des Clearinghauses von New-Orleans erreichte 1888 / 89 (31. August) eine Höhe von 482,849.747 Dollars.
Banken gibt es hier 16.
In New-Orleans wurde 1838 eine Münze der Vereinigten Staaten eröffnet, wurde dann 1861 aufgehoben und 1879 wieder hergestellt. Sie lieferte in den letzten Jahren nur Dollarstücke von Silber, 1888 / 89 18,795.050 Stück.
Consulate haben folgende Staaten: Argentinische Republik, Belgien, Bo - livia, Columbia, Costarica (G. -C. ), Dänemark, Deutsches Reich, Frankreich, Grie - chenland, Grossbritannien, Guatemala, Honduras, Mexico, Niederlande, Nicaragua, Oesterreich-Ungarn, Salvador, Schweiz, Spanien, Türkei, Venezuela.
Als grösste Stadt von Texas und gleichzeitig als dessen Handels - metropole behauptet Galveston eine wichtige Stellung an der Nord - küste des mexikanischen Golfes.
Die Stadt bedeckt das nordöstliche Ende der gleichnamigen Insel und beherrscht die schmale Zufahrt zu der weit in den Con - tinent reichenden Galveston-Bai, die im Grunde genommen ein Küsten - see ist. Der Hafen ist der beste an der ausnehmend flachen Küste zwischen New-Orleans und dem Rio Grande del Norte, weil auf der Südseite ein 5 km langer Damm die Einfahrt zur Galveston-Bai wenigstens halbwegs vor Versandung schützt.
Die junge Stadt ist von breiten und geraden Strassen durchzo - gen, die von zahlreichen Blumengärten flankirt sind.
Neben vielen, mitunter schönen Kirchen besitzt Galveston in dem Freimaurer-Tempel, Zollgebäude und Postamt, in seinen Justizpalästen, Theatern und Halls, in der City-Hall, Baumwollbörse u. a. hervor - ragende Bauwerke.
Unter den Bildungsanstalten sind die römisch-katholische Uni - versität St. Mary, die Ursulinerinnen-Schule, Ball’s Hochschule und einige öffentliche Lehranstalten nennenswerth. Die Stadt zählt bereits bei 50.000 Einwohner.
Texas ist ein gesundes und fruchtbares Land, das Ziel zahlreicher Einwan - derer aus Europa. Aber bei der heute bestehenden Organisation des Handels der Union ist sein Hafen Galveston ein reiner Ausfuhrhafen geblieben und der Werth seiner Einfuhr ist seit 1881 bedeutend zurückgegangen.
Seine Ausfuhrartikel sind Baumwolle und Oelkuchen aus Baumwoll - samen.
151New-Orleans.Die Ausfuhr von Baumwolle betrug 1888 / 89 681.893 q im Werthe von 14,857.032 Dollars, von der die Hälfte nach England, ein Viertel nach Deutsch - land gingen.
An Oelkuchen wurden 292.070 q (Werth 618.233 Dollars) meist nach den Niederlanden verschifft.
In der Einfuhr sind von Wichtigkeit Kaffee (11.290 q), eiserne Reifen für Baumwollballen, Weissblech, Bier und Salz.
Der auswärtige Schiffsverkehr erreichte 1888 / 89 im Einlauf 99.548 T, im Auslauf 109.329 T.
Galveston ist Station der beiden Morgan-Linien, nämlich der Küstenlinie und der Linie zwischen Morgan-City und Vera-Cruz, ferner Endpunkt der Fahrten der New-York and Texas Steamship Cy.
Es steht durch Eisenbahnen mit dem Norden und dem Westen in Ver - bindung.
In Galveston unterhalten Consulate: Belgien, Deutsches Reich, Gross - britannien, Mexico, Oesterreich-Ungarn.
Die Grossartigkeit des Golfes von Mexico und sein wunderbarer Einfluss auf die physiographischen Verhältnisse des nordatlantischen Oceans stehen in directem Gegensatze zu dem Bilde seiner Küsten. Während das majestätische Becken, welches zwischen den Halbinseln von Florida und Yucatan sich erschliesst, als die Geburtsstätte des Golfstromes bezeichnet wird, dessen Macht über den Ocean und weit über Britanniens Gestade reicht, stehen dem Besucher der Küsten dieses Golfes zumeist herbe Enttäuschungen bevor. Allerwärts herrscht Flach - land vor, und insbesondere entbehren die Küsten Mexicos, Yucatan inbegriffen, jedweden Reizes, wenngleich sie durchaus als tropische Gegenden bezeichnet werden müssen. Der Golf, in welchem fast das ganze Jahr hindurch der Passat mit unabänderlicher Gleichheit ein - zieht und laue Fluten aus dem Caraibenmeere einströmen, wird zeit - weise zu einem tückischen Meere, welches von den Seefahrenden umsomehr gefürchtet ist, als dasselbe bei beschränkter Ausdehnung nur wenige gesicherte Zufluchtsstätten bildet.
Natürliche gute Häfen gibt es insbesondere an den Gestaden Mexicos gar nicht, und selbst Vera-Cruz, der einzige bedeutendere Platz der Republik darf kaum Anspruch auf diesen Namen im eigent - lichen Sinne des Wortes erheben. Wo immer das Land angelaufen wird, treten die flachen Küsten erst auf wenige Seemeilen Entfernung deutlich aus dem meist „ mistigen “Hintergrunde hervor und lassen kaum ihre zerklüfteten Formen und die unzähligen Korallenriffe er - kennen, die sich fast vor allen Küstentheilen als Barrièren aufbauen. Höchst selten sind von hoher See aus die imposanten Formen der Hochlandgebirge wahrzunehmen, welche den dunklen Hintergrund der Tierra caliente, dieses heissen gefürchteten Küstenstriches bilden. Meist ist das Tagesgestirn schon unter den Horizont gesunken, wenn seine erblassenden Strahlen über Dunst und Gewölke die Gestalt des Pic153Vera-Cruz.von Orizaba als dunklen Kegel gegen die See projiciren — ein un - trügliches Wahrzeichen für die zu steuernde Richtung und oft der erste Gruss aus dem noch 200 Seemeilen entfernten Lande.
Noch grossartiger ist die Wirkung auf den Beschauenden, wenn an klaren Morgen der 5450 m hohe Bergriese sein von der auf - gehenden Sonne beschienenes spitzes schneebedecktes Haupt hoch über Nebel und Gewölke erhebt. Man wähnt den seit langer Zeit erloschenen Vulcan in allen seinen Details greifen zu können, und doch sind es noch 80 Seemeilen von der Küste landeinwärts bis zu dessen Fuss, auf welcher Strecke die verzehrende Glut der Tropen nur allmälig einer gemässigten Temperatur weicht.
Es können jedoch Wochen und Monate vergehen, bevor man den Anblick eines dieser beiden Bilder geniessen kann, denn so regelmässig der Passat — die grösste Wohlthat und einzige Kühlung — hier weht, so regelmässig erfüllen die von ihm mitgetragenen schweren Dünste die Atmosphäre, insbesondere zur Morgen - und Abendzeit.
Der Pulsschlag der Natur ist kein reger; die nur um Geringes schwankende Gleichheit von Tag - und Nachtlänge, das gleichmässige Klima, welches nur eine nasse und eine trockene Jahreszeit aufweist, die fast öde Küste mit ihren monotonen leichten Sandhügeln wirken um so deprimirender auf den Bewohner der Seestadt, als die ganze Küste insbesondere in den heissen Jahreszeiten vom gelben Fieber heimgesucht ist.
Vera-Cruz kann daher nur eine vorübergehende Anziehungskraft auf jene Fremden üben, welche für die Gefahren und Entbehrungen denen sie ausgesetzt sind, reichen Lohn zu finden hoffen.
Vera-Cruz besitzt, wie aus unserem Plane zu ersehen, keinen Hafen, nur eine schlechte Rhede; zahllose, zu ganzen Bänken ver - einigte Riffe, welche hier vor der Küste lagern, dienen jedoch als Wellenbrecher gegen den durch den Passatwind erzeugten hohen See - gang, der hier aus Südost und Süd weht; aber sie schützen die Rhede nur unvollkommen vor den schweren Wogen der „ Nortes “, Nordstürme des Winters.
Allein es fehlt alles rege Leben auf dieser Rhede, und all die Dampfer, welche Vera-Cruz berühren und den directen Verkehr mit den Vereinigten Staaten, den Antillen, England und Deutschland vermitteln, wie auch die Segler nehmen ihren Ankerplatz zwischen der Stadt und dem auf einer kleinen Insel gelegenen Fort Ulloa nur so lange ein, als dies die Abwicklung der Post - und Handelsgeschäfte erfordert. Schiffe aber, die zu längerem Aufenthalte vor Vera-CruzDie Seehäfen des Weltverkehrs. II. Band. 20154Die atlantische Küste von Amerika.bestimmt sind, wählen den Ankerplatz südlich der Insel Sacrificios; dort müssen auch die später ankommenden Schiffe warten, wenn der Hafen überfüllt ist.
Zahlreiche historische Erinnerungen knüpfen sich insbesondere an das oben genannte Fort, das seit seiner Erbauung in all den Wechselfällen und Kämpfen des Reiches bis zum Jahre 1825 ununter - brochen im Besitze der Spanier geblieben war.
Fort Ulloa bildete den Fusspunkt aller Unternehmungen und Bestrebungen der Spanier, welche auf den Besitz dieses Landes ab - zielten.
Mexico ist ein schwergeprüftes Land. Bis zu dem Zeitpunkte, in welchem das Geheimniss, das so lange auf dem Meere gelegen hatte, durch den grossen Colon und seine Zeitgenossen gelöst wurde, war das heutige Mexico eines jener Gebiete des amerikanischen Continentes, auf welchem eine selbständige, in ihrer Eigenthümlichkeit aber vollendete Cultur zu bewunderungswürdiger Höhe sich entwickelt hatte.
Durch unbekannte Ursachen, möglicherweise durch die Einwirkung von Fremden (Chinesen, Japanesen?), die an jene Küsten verschlagen wurden, er - langten drei Völkerschaften Amerikas, wiewohl selbe unter einander nicht in Ver - bindung standen, eine hohe Stufe der Civilisation, und zwar schon Jahrhunderte vor dem Erscheinen der Spanier. Dies waren die Tolteken in dem Hochlande von Anahuak (Land am Wasser), die Muyscaner in Bogota (Neu-Granada) und die Peruaner. Es wird angenommen, dass ungefähr um die Mitte des VII. Jahrhun - derts die Tolteken von Norden her in Anahuak erschienen und die dort in Ilas - kala und Cholula angesiedelten Olmeken unterjochten. Den Tolteken wird grosser Gewerbefleiss und Kunstsinn nachgerühmt. Sie verbreiteten sich aus dem Thale von Mexico nach allen Richtungen und hinterliessen grossartige Bauwerke, worunter die imposanten Teokali oder Tempel, in welchen zahllose Menschenopfer den Göttern dargebracht wurden, dann die Paläste, Thorgebäude, Befestigungen, Brücken und Wasserleitungen das Staunen der vorgedrungenen Spanier im höchsten Grade erregten. Bis nach Yucatan hinab waren die Tolteken gezogen, allein nach fünf Jahrhunderten verschwand dieser Volksstamm ebenso geheimnissvoll wie er aufgetreten war.
Es erschienen um 1170 die wilden Chichimeken und nach diesen kamen wieder höher gebildete Völker, vielleicht Stammverwandte der Tolteken. Unter diesen glänzten die Azteken oder Mexicaner, deren Name von ihrem Kriegsgotte Mexitli entstanden war, und die Akolhuaner oder Tezkukaner, nach ihrer Haupt - stadt Tezkuko so genannt.
Die Azteken gründeten, obwohl seit dem Ende des XIII. Jahrhunderts im Lande, erst 1325 an der Westseite des grössten der Seen in der Landschaft die zu grosser Blüthe und Pracht aufgelebte Tempelstadt Tenochtitlan oder Mexico, die ganz von Fluten umspült, nur durch drei lange Dämme mit dem Festland in Verbindung stand.
Mit Tezkuko und dem kleinen Königreich Tlakopan schlossen die Mexikaner Anfangs des XV. Jahrhunderts ein Bündniss und erweiterten ihre Macht bis an die Küsten der beiden Oceane und im Süden bis nach Nicaragua.
155Vera-Cruz.Sowohl bei den Azteken wie bei den Tezkukanern hatte die monarchische Regierungsform zu grosser Kraft sich entfaltet. Der Monarch wurde aus der Herrscherfamilie gewählt, musste sich jedoch im Kriege ausgezeichnet haben. Der Priesterstand besass einen bedeutenden Einfluss im Staate, und manche Angehörige der regierenden Familie, wie Montezuma, gehörten der Priesterkaste an.
Unter dem Segen eines prächtigen Klimas und fruchtbaren Bodens zog ein allgemeiner Wohlstand in das Land ein, Gewerbe, Ackerbau und Künste blühten, und wären die entsetzlichen Menschenopfer der Götzen nicht gewesen, so würde zum vollen Glücke der Völker wohl nur weniges gefehlt haben.
Von fremden Völkerschaften, etwa jenseits des grossen Wassers, oder von weissen Menschen wusste man nichts, nur eine dunkle Sage blieb erhalten, nach welcher der Gott der Luft, Quetzalkoatl, nachdem er durch Unterweisung der Be - wohner in allem Guten und Schönen ein goldenes Zeitalter geschaffen hatte, das Land auf einem Zauberschiffe verliess, weil eine Hauptgottheit ihm zürnte. Er habe jedoch versprochen, mit seiner Nachkommenschaft einstens zurückzukehren, um sein Reich dann wieder in Besitz zu nehmen.
Diese Sage lebte unzweifelhaft auf, als die ersten Spanier mit niemals zuvor gesehenen Waffen und Thieren auf wunderbar vom Winde getriebenen Schiffen an der mexikanischen Küste landeten.
Seitdem Colon 1492 die Insel San Salvator betreten, folgte eine Entdeckung der anderen, allein die continentale Ostküste des caraibischen Meeres war dennoch lange Zeit unbekannt geblieben.
Erst 1517 trieb ein Sturm den Hernandez de Cordova an die Küste von Yucatan (Uyucatan), wo er von der Gesittung der dortigen Bewohner und von ihrem kriegerischen Geiste sich überzeugte.
Velasquez, der Gouverneur von Cuba, beschloss, die Entdeckungen fortzu - setzen, und entsendete am 1. März 1518 ein Geschwader von vier Schiffen unter Juan de Grijalva nach Yucatan, allwo letzterer mit den unfreundlichen und widerstrebenden Bewohnern in Verkehr und Tauschhandel trat. Man erhielt kost - bare Edelsteine, edle Metalle und Goldarbeiten für Nadeln, Scheren und Glas - perlen. Das neue Land schien den Entdeckern fabelhafte Reichthümer in Aussicht zu stellen.
Grijalva drang bis zur Mündung des Panuco-Flusses vor, nachdem er auf der Insel Sacrificios (bei Vera-Cruz) gelandet und dort zum allgemeinen Entsetzen in einem Tempel die Ueberreste von geopferten Menschen vorgefunden hatte. Als Velasquez die Wunder des neuen Landes vernahm, entsendete er ein grosses Ge - schwader unter Fernando (Ferdinand) Cortez an die mexicanische Küste mit der Weisung, einen vortheilhaften Tauschhandel mit den Bewohnern zu treiben und die Bekehrung derselben zum christlichen Glauben anzustreben. Blutvergiessen sei zu vermeiden, allein man solle trachten, die Einwohner zur Huldigung Karl V. zu vermögen, welche sie durch Darbringung von Edelsteinen, Gold und Perlen bezeigen können.
Die Entdeckungsfahrt des Cortez gestaltete sich zu einem der abenteuer - lichsten, kühnsten und für die Völker Mexicos folgenschwersten Eroberungszuge, der in der Geschichte seinesgleichen sucht.
Cortez’ bewunderungswürdiger Charakter, ritterlicher Muth, Ausdauer, Zä - higkeit und Festigkeit des Willens, Hochherzigkeit, gepaart mit diplomatischer20*156Die atlantische Küste von Amerika.Begabung, List und unerbittlicher Strenge, alle diese Eigenschaften bilden den Schlüssel zur Erklärung seines grossartigen Erfolges.
Nach sechsmonatlichen Kreuzfahrten landete Cortez am 18 Februar 1519 am Flusse Tabasko.
Sein Geschwader bestand damals aus 11 Schiffen mit 617 Mann, darunter 16 Reiter und 13 mit Feuergewehr bewaffnete Arkebusieren. Die anderen Krieger waren mit Armbrüsten, Lanzen und Schwertern bewehrt. Zehn Kanonen und vier Feldschlangen bildeten die Artillerie.
Es würde zu weit führen, den Eroberungszug in allen seinen Phasen hier darstellen zu wollen, weshalb nur die wichtigsten Resultate hier aufgenommen werden.
Von Tabasko, wo die Indianer in blutiger Schlacht total geschlagen wurden, segelte Cortez nordwärts, landete am 21. April an dem Punkte, wo heute Vera - Cruz sich erhebt, und bezog hier ein Lager.
Von hier aus trat er mit Abgesandten des in Tenochtitlan regierenden, ihn abweisenden Montezuma in Verkehr und beschloss den tollkühnen Vormarsch gegen die Hauptstadt eines von tapferen Kriegern vertheidigten zahlreich bevölkerten Reiches.
Zuvor gründete er die Stadt La Villa rica de la vera Cruz und befestigte sie ansehnlich.
Cortez liess seine Flotte verbrennen und brach am 16. August mit 400 Mann Fussvolk, 15 Reitern und 7 Geschützen nach Mexico auf. Nach blutigen Kämpfen gelang es dem Eroberer des Bündnisses unzufriedener Völkerschaften sich zu ver - sichern, worunter hauptsächlich die Tlaskalaner ihm zur Stütze wurden. Ungeheure Leichenfelder bezeichneten den Weg der Spanier, die schliesslich am 8. November in der herrlichen Hauptstadt eingezogen. Aber erst am 21. August 1521, nachdem sie vorher die Hauptstadt unter schweren Verlusten hatten verlassen müssen und sie dann neuerdings eroberten, waren sie unbeschränkte Herren des Landes. Montezuma ward während dieser Zeit gefangen genommen und starb; der letzte Herrscher des Reiches, der muthige und unversöhnliche Guatemozin gerieth auf der Flucht aus seiner zu einem Trümmerhaufen zusammengesunkenen Residenz - stadt in Gefangenschaft. Diesen Monarchen traf 1525 das traurige Schicksal, unter Henkershand zu sterben.
Die Zahl der in dem Kampfe gegen Cortez gefallenen Azteken wird mit 120.000 bis 240.000 Mann angegeben. Die Spanier hatten indes Verstärkungen erhalten, allein ihre Macht erreichte zu keiner Zeit die Stärke von 1000 Mann. Sie verloren einige Hundert Mann, von welchen etliche 80 den Opfertod in den Tempeln starben.
Die Verluste der Verbündeten werden dagegen auf 30.000 Mann geschätzt.
Am 15. October 1522 ward Cortez von Karl V. zum Statthalter und Ober - befehlshaber von Neuspanien, dies der damalige Name des ganzen eroberten Rei - ches, ernannt und trachtete nun die neue Herrschaft zu befestigen und beson - ders die Hauptstadt zu möglichstem Glanz wieder aufzubauen.
Es ist zweifellos, dass damals sehr viel für das Land geleistet wurde, allein ebenso gewiss ist es, dass bei aller Umsicht und Liebe des Cortez für seine Erwerbung den Bewohnern kein mit ihren früheren Verhältnissen vergleichbarer Zustand geboten worden war. Man hatte zerstört und gestürzt, ohne Ebenbürtiges an die Stelle des Verschwundenen setzen zu können.
[157]Vera-Cruz.
Man vernichtete den Götzendienst mit seinen Menschenopfern und erfüllte statt dessen die Luft mit dem brenzlichen Geruche, der den zahllosen qualmenden Scheiterhaufen entstieg, mit welchen die Unduldsamkeit ihren Geist erschöpfte.
Das einst blühende und glückliche Land ward in den seiner Eroberung folgenden drei Jahrhunderten von den Spaniern systematisch ausgebeutet, ohne dass sie viel für die Hebung der Cultur gethan hätten, allein es ist nicht zu läugnen, dass es unter den Spaniern besser um die öffentlichen Zustände stand, als später unter der Republik. Im Jahre 1808 begann in Mexico die Unabhängigkeits - bewegung und mit dieser der Bürger - und Guerillakrieg. General Iturbide versuchte, ein Kaiserthum Mexico aufzurichten, ward aber, nachdem er die Kaiserwürde als Augustin I. durch zehn Monate, 1822 bis 1823, bekleidet, gestürzt und verbannt. Zwei Jahre später ward er bei dem Versuche einer Landung ergriffen und er - schossen.
Mexico erklärte sich am 16. December 1823 zu einer bundesstaatlichen Republik, die aber erst nachdem die Spanier ihr letztes Bollwerk, das Fort Ulloa von Vera-Cruz, am 19. November 1825 durch Capitulation verloren, die volle Un - abhängigkeit erlangte.
Blutige Bürgerkriege entkräfteten in den folgenden Jahrzehnten das Land und zerrütteten seine Finanzen derartig, dass es seinen Verpflichtungen dem Aus - lande gegenüber nicht nachkommen konnte. Dies war die Veranlassung zum Ein - schreiten der europäischen Mächte, in der Folge zur Aufrichtung des zweiten Kaiserthrones, den Erzherzog Ferdinand Maximilian einzunehmen vom Schicksale bestimmt war.
Vielfache Ursachen, insbesondere aber die perfide Politik Napoleon’s III., der seine Truppen aus Mexico zog und den Kaiser treulos verliess, drängten den übelberathenen Prinzen in das Verhängniss. In Queretaro eingeschlossen, capitu - lirte er im Mai 1867 und gerieth in die Gewalt der Republikaner.
Am 19. Juni ward er gemeinschaftlich mit zweien seiner Generale zu Que - retaro erbarmungslos erschossen.
Juarez, seit 1861 mit der Dictatur bekleidet, wurde im Juli zum Präsidenten der Republik gewählt, stellte die Ruhe im Lande wieder her, allein es wird einer langen Zeitperiode bedürfen, bis in dem an Naturschätzen reichen Lande die Wohlfahrt der Bewohner einzieht.
Aus der Geschichte Mexicos geht hervor, dass die verhältniss - mässig spärliche Bevölkerung des Riesenreiches, durch Kriege und Bürgerkriege an der Entwicklung verhindert und von jedem Wett - bewerbe fast ausgeschlossen, nicht im Stande war, dem Lande zu jenem Aufschwunge zu verhelfen und jenes Gedeihen zu sichern, zu welchem es vermöge seiner natürlichen Reichthümer berufen wäre.
Aber seit Porfirio Diaz Präsident ist, hat sich vieles zum besseren geändert. Mit Gewandtheit und Energie hält die Centralgewalt den äusseren Frieden und die Ruhe und Ordnung im Innern aufrecht. Ein weises System der Sparsamkeit in Verbindung mit der Convertirung der früheren Staatsschuld und die Eröffnung neuer Hilfsquellen hat Mexico ein geordnetes Finanzwesen gegeben. Man darf aber nie ver -159Vera-Cruz.gessen, dass Mexico eines der gottbegnadetsten, reichsten Länder der Erde ist.
Die Regierung fand Zeit, auch anderen Zweigen der Verwaltung ihre Fürsorge zuzuwenden und in erster Linie den Bau der Eisen - bahnen zu fördern.
Es war daher Pflicht der Dankbarkeit und der Vaterlandsliebe der Mexicaner, dass sie 1887 wegen Porfirio Diaz die §§ 78 und 109 ihrer Constitution geändert haben. So konnte der grosse Staatsmann, der vom 1. December 1884 bis 1. December 1888 mit so viel Ge - schick Mexico geführt hatte, neuerdings für vier weitere Jahre an der Spitze des Staates erhalten werden, denn nach der alten Bestimmung war es nicht gestattet, dass derselbe Mann in zwei unmittelbar hinter - einander folgenden Präsidentschaftsperioden Präsident sein konnte.
Dass die immerwährenden Unruhen einer erst halbvergangenen Zeit für den Ausbau moderner Verkehrsmittel nicht günstig waren, ist selbstverständlich.
Kaum über zwei Decennien ist es her, dass Schienenwege den Haupthandelsplatz Vera-Cruz mit der Hauptstadt verbinden, und erst 1884 fanden diese Verkehrsadern an dem Bahnnetze der Vereinigten Staaten ihren Anschluss.
Den Hauptbestandtheil der 12 Millionen Einwohner der unab - hängigen Staaten von Mexico bildet, wie im ganzen romanischen Amerika, das indianische Element. Es ist durch Zähigkeit, Ausdauer und Tapferkeit ausgezeichnet.
Dessen Berührung mit europäischen und anderen fremden Ele - menten hat den Unterschied zwischen den Abkömmlingen der tolte - kisch-aztekischen Völkergruppe und der jetzigen fast ausschliesslich christlich-civilisirten Bevölkerung fast gänzlich aufgehoben, ja selbst die Sprache der Indianer (indios fideles) ist wie in Mexico allgemein die spanische, und nur wenige indianische Stämme, die sogenannten Indios bravos, haben ihren früheren Charakter bewahrt.
So trägt denn auch Vera-Cruz dennoch ein interessantes Ge - präge, indem hier die verschiedensten Menschenarten und Mischlinge aller Art vertreten sind.
Unter der etwa 22.000 Seelen betragenden Bevölkerung von Vera-Cruz und den Vororten sind es vorzüglich die Weissen, in deren Händen sich der Handel befindet, insbesondere Deutsche und Ameri - kaner, während die Würden und Aemter von Landeskindern getragen werden, die übrigens an allen Gewerben und dem Detailhandel regen Antheil nehmen.
160Die atlantische Küste von Amerika.Die unmittelbare Umgebung von Vera-Cruz gleicht einer Wüste; der zitternde Hauch der aus der See und dem Sandboden entsteigenden Dünste, das ringsum blendende Licht der fast aus dem Zenithe nieder - strahlenden Sonne machen das Leben tagsüber fast unerträglich.
Es ist daher nicht zu wundern, dass gerade um die Tageszeit die Stadt Vera-Cruz einer ausgebrannten Stätte am ähnlichsten wird, indem alle Geschäftigkeit ruht und Mensch und Thier in die tiefsten Schatten und Räume der Behausungen flüchten.
Die Stadt ist sehr regelmässig angelegt; längs ihren Südost bis Nordwest laufenden Quais findet sich eine stattliche Reihe zwar niederer, aber schöner und solider Bauten, welche hauptsächlich als See - und Zollämter eingerichtet sind und nicht selten von den über den vorliegenden Sand sich wälzenden Wogen oder doch ihrem Gischte benetzt werden.
Ein Molo ist so ziemlich die einzige dem Seeverkehre gewid - mete Anlage. Menschen und Güter, welche von See kommen, müssen durch die grossen Thore am Fusse dieses Molos ihren Eingang nach der Stadt nehmen, die auch heute noch mächtige Mauern ganz ein - schliessen.
Diese alten Stadtwälle sind als Grabstätten eingerichtet, da die Beerdigung der Todten in anderer Weise im Weichbilde der Stadt nicht ausführbar ist, und um diese Wälle führt aussen eine Strassen - bahn, auf der die bemittelten Einwohner von Vera-Cruz spazieren fahren, wenn sie frische Luft schöpfen wollen.
Würde dem Fremden die fast ständig herrschende todtbringende Epidemie des Vomito nero oder gelben Fiebers den Aufenthalt nicht verleiden, so könnte er sich leicht befreunden, in der sonst reinen, nett und regelmässig angelegten Stadt seinen Aufenthalt zu nehmen.
Die breiten Strassen laufen zumeist schnurgerade, die bedeutend - sten parallel zur Quaifront, und die bescheidenen, doch säuberlichen schneeweissen Gebäude mit den grünen Fensterbalken, ihren luftigen und schattigen Höfen machen einen recht angenehmen Eindruck. Ganz besonders freundlich wirkt das Gebäude der Präfectur mit seinen Säulengängen und der dem vorliegenden Platze zugekehrten Front, vor welcher sich auch der einzige tropische Parkschmuck ausbreitet.
Obwohl für den Fremdenverkehr zur Genüge gesorgt ist, können Ansprüche im modernen Sinne hier kaum erhoben werden. Die durch klimatische Verhältnisse bedingte Eigenart der Gebäude, die geregelte Lebensweise, welche der Fremde im hygienischen Interesse befolgen muss, lassen auch Geselligkeit kaum aufkommen und wirken hemmend161Vera-Cruz.auf die Entfaltung eines regen Lebens in den Strassen, in welchen die bescheidenen Schauläden der kleinen Geschäftswelt keine besondere Anziehungskraft üben.
Ausser den grossen Gefahren durch die vorherrschenden Krank - heiten, unter welchen nebst dem gelben Fieber auch andere Fieber -
A Rhede von Veracruz für grössere Schiffe, B Fort St. Juan de Ulloa, C Korallenriffe, D Kirche S. Francisco, E Pfarrkirche, F Leuchtfeuer, G Merced-Kirche, H Bahnhof.
erkrankungen, wie z. B. die Calientura, auftreten, belästigen den des Klimas Ungewohnten noch vielfältige Plagen, welche das Leben oft zu einem unleidlichen gestalten.
Der eigenthümliche Dunst, die übelriechende sehr feuchte Atmo - sphäre, verschlimmert durch den Umstand, dass Abzugscanäle schwerDie Seehäfen des Weltverkehrs. II. Band. 21162Die atlantische Küste von Amerika.anzulegen sind und die schmutzigen Wässer in offenen Rinnsalen dem Meere zufliessen, sowie die grässliche Plage der Mosquitos werden Jedem unvergesslich sein, der sich genöthigt sah, innerhalb der Mauern von Vera-Cruz ein nahezu vereinsamtes Dasein zu führen.
Kaum bringt die Winterszeit, zu welcher nur in seltenen Fällen die Temperatur unter + 15°C. herabsinkt, dauernde Erlösung aus dem lethargischen Dahinleben, in welchem die vor einer Kaffee - oder Trinkhalle bei den seltsamsten Gemischen von mit Eis versetzten Ge - tränken verbrachten Abendstunden nur durch eine kurze Weile über die unter der Sonnenglut dahingelebte Zeit hinwegtäuschen.
Die Zeit der Geschäfte ist der Morgen. Kaum graut der Tag, so recken die auf allen Gesimsen der Gebäude und auf den Thürmen der Kirchen zu tausenden nistenden Aasgeier ihre Gefieder und erheben ihr heiseres Gekrächze, indem sie die Kehrichtwägen verfolgen, welche ihren unsauberen Inhalt weitab von der Stadt, an die von der fort - währenden Brandung heimgesuchten sandigen Ufer führen.
Diese Aasgeier, Zopilotes, sind eine ganz eigene Species und ein Charakteristicum der Stadt, und so unheimlich ihr Gekrächze, so unangenehm ihr Parfüm, wenn die unscheuen Thiere den Passanten mit ihrem Flügelschlage zufällig Kühlung zuwehen, müssen sie in ge - wissem Sinne als Strassenreiniger betrachtet werden, indem die ver - faulenden Abfälle doch grösstentheils ihrer Gefrässigkeit zum Opfer fallen.
So ein nächtlicher oder früher Morgengang gewährt überhaupt dem Fremdling im Lande manche Ueberraschungen, denn mitten im Lande, ja sogar im Gebiete der Stadt begegnet man unheimlichen Krabbenthieren, welche Crustaceen nicht nur in dem sandigen Terrain ringsum, sondern meilenweite Strecken landeinwärts auch dort, wo undurchdringliches Gestrüppe und reiche üppige Tropenvegetation den Boden zieren, ihren Aufenthalt haben und sogar die Bäume erklettern und bevölkern.
Kaum ein anderes Land der Erde ist wie die Tierra caliente, der Küstenstrich am Golfe, so reich an Formen und Farben allerhand Ungethiers. Auch die Nutzthiere in den Haziendas, welche fast wild aufwachsen, das Pferd, der kleine aber kräftige Stier, das Maulthier, die Hühnerarten zeigen ihr eigenthümliches Gepräge, und der Nimrod, welcher die Strapazen nicht scheut, die spärlich bewohnte Gegend unter manchen Gefahren zu durchkreuzen, der Zoologe, können ein reicheres Terrain nach Jagd oder Forschung kaum anderswo finden.
Die geringe Inanspruchnahme der Gaben des Landes lässt Alles163Vera-Cruz.wuchern, und gleiche Verhältnisse wie auf dem Lande herrschen im Gebiete der Küste, an den wundersam zerrissenen und zerklüfteten Meeresgründen, seinen Lagunen und träge stillstehenden lauen Fluten, in welchen die Riesenschildkröte sowie der mächtige Hai und un - zählige Arten von Fischen in überreicher Zahl und Farbenpracht ein idyllisches Dasein führen. Und über all dem schwebt und bewegt sich eine unvergleichlich mannigfaltig und schön gefiederte Welt.
Auch ohne den mühevollen Besuch der von Vera-Cruz weiterab liegenden Gegenden lässt sich ein höchst werthvoller Einblick in das Weben des Tropenlebens gewinnen, denn Alles, was das Terrain be - herbergt, nützlich und geniessbar oder nicht, wird hier zu Markt gebracht.
So ist die hübsche Halle, in welcher man all die Schätze des Bodens erstehen oder mit Bewunderung betrachten kann, wohl die erste und auch einzige Sehenswürdigkeit von Vera-Cruz, die für alles Fehlende entschädigen muss.
Und hinter den hochgestapelten seltsamen Früchten, die uns mehr durch ihre Form und Art als durch die Ueberzeugung von ihrem Werthe für den Gaumen bestechen, klettert allerlei Federvieh in Käfigen, auch Faul - und Gürtelthiere, Ameisen - und Nasenbären und das lustige Volk der Papageien und Affen, unter welchen uns frohe, grinsende Negergesichter zum Kaufe einladen.
Die Neger sind zumeist die lustigsten Gesellen, und nachdem sich die befreundeten Käufernachbaren soeben gegenseitig mit den langen Zuckerrohren gehörig durchgeprügelt haben, zerkauen sie ihre Waffen, um ihnen den süssen Inhalt auszusaugen.
Diesem kindlichen und kindischen Getriebe gegenüber erscheint der Indianer in seiner stoischen Ruhe doppelt auffällig. Der Sohn des heissen Landes nimmt Alles gelassen hin, und so unscheinbar seine Gestalt, so fest ist doch sein ganzes Wesen und seine Lebensweise einfach und manchmal fast ritterlich.
Selbst in den niedersten Volksclassen werden Streitigkeiten, ins - besondere in Ehrensachen, in ganz solenner Weise ausgetragen, wenn auch der Stock allein hiebei die gewählte Waffe ist.
Der geschäftigste Tag ist seit jeher der Sonnabend, es ist dies der allgemeine Tag für die Begleichung aller Ausstände, und wird mit musterhafter Pünktlichkeit an dieser schönen Gepflogenheit fest - gehalten.
Die Bestreitung der Lebensbedürfnisse ist keine leichte Sache und wird um so schwieriger, je weiter man sich von der nationalen21*164Die atlantische Küste von Amerika.Einfachheit, der Genügsamkeit mit Maiskuchen (tortillas) und Bohnen oder Linsen entfernt, ja zeitweise geradezu unerschwinglich. Selbst die überreichen Producte des Landes und der Umgebung sind infolge des Umstandes, dass sie den Arbeiter und Händler reich entlohnen müssen, und weil das Klima der Conservirung der Artikel so nach - theilig ist, nur zu enormen Preisen erhältlich, und überdies belasten die bedeutenden Eingangszölle jedes Einkommen ganz unverhältniss - mässig.
Vera-Cruz ist, wie schon erwähnt, der einzige bedeutende Hafen - platz an der ganzen Ostküste der mexikanischen Republik. Es genoss seit der Gründung der ersten Niederlassungen durch die Spanier bis 1884 trotz seiner wenig sicheren Lage fast das ausschliessliche Monopol des Gütertransportes von Europa nach dem Innern Mexicos. Denn von hier ist der Weg nach der Hauptstadt Mexico, dem wich - tigsten Gebiete des Consumes, kürzer als von irgend einem anderen Hafenorte der Ostküste aus, die überdies alle gar nur mehr oder weniger einfache Stapelplätze am freien Strande sind, dem die grösseren Dampfschiffe sich nicht nähern dürfen.
Nur Tampico könnte leicht eine Ausnahme von dieser Regel machen.
Ganz bedeutend hob sich die Macht von Vera-Cruz, als 1871 endlich die 424 km lange Hauptlinie Vera-Cruz — Mexico der mexi - canischen Eisenbahngesellschaft vollendet war, deren Bau man von Vera-Cruz aus schon im Jahre 1842 begonnen hatte. Von Jahr zu Jahr steigerte sich nun der Verkehr und erreichte seinen höchsten Stand, als seit 1880 die Banquiers Bostons den Bau grosser Eisenbahn - linien von der Nordgrenze und von der Hauptstadt Mexico aus in Angriff nahmen, um die Nachbarrepublik zunächst wirthschaftlich an die Union zu fesseln und dieses Absatzgebiet durch die Bahnverbin - dungen den europäischen Industriestaaten zu entreissen. Dass diese mit amerikanischem Gelde gebaute Bahn auch von grosser politischer Bedeutung ist, liegt wohl auf der Hand.
Die Eröffnung der mexicanischen Centraleisenbahn im März 1884, welche in El Paso del Norte an das System der südlichen Pacificbahn der Union anschliesst und bis zur Stadt Mexico eine Länge von 1970 km besitzt, wurde von vielen als der Anfang des Niederganges von Vera-Cruz angesehen. Es bestand ja jetzt eine zweite Bahnverbindung nach den dichter bevölkerten Theilen von Mexico, die zu beiden Seiten des 20° nördl. Br. sich ausdehnen.
Auch bot die in amerikanischen Händen befindliche Bahnver -165Vera-Cruz.waltung Alles auf, um mittelst niedriger Durchfrachten und durch Anwendung von Differentialtarifen den internationalen Verkehr an sich zu ziehen. Und in der That gingen 1885 die Einnahmen des Zoll - amtes von Vera-Cruz gegen das Vorjahr um 20 % zurück, aber das war nur der Betrag des Zolles, der in den früheren Jahren für die Einfuhr von Eisenbahnmateriale entrichtet worden war, und diese hörte natürlich auf, als der grosse Bahnbau vollendet war.
Seit diesem Rückschlage hat sich der Einfuhrhandel von Vera - Cruz beständig in günstiger Weise entwickelt, obwohl zu der Eisen - bahn von der Union nach der Stadt Mexico über El Paso del Norte zwei neue hinzugekommen sind, die über den Eagle-Pass und über Laredo, welche gegen die alte Verbindung eine starke Abkürzung des Weges bieten.
Die Eisenbahnen von der Union her haben weniger den alten Aussenhandel Mexicos an sich gerissen, sondern einen neuen Verkehr geschaffen; denn schon die sichere Erwartung der Eröffnung einer neuen Eisenbahn wirkt wahre Wunder in den Gegenden, welche sie durchziehen soll. Die mexicanischen Bahnen sind ebenso Pionniere der Cultur, wie die nordamerikanischen. Auf keinem Gebiete zeigt sich das auffälliger als auf dem des Bergbaues.
Man muss auch im Auge behalten, dass in der Hauptstadt, deren Handelsbedeutung von jeher die aller anderen mexikanischen Plätze um das Vielfache überwogen hat, die unbedingte Ueberlegen - heit der neuen Ueberlandwege wegen der grossen Entfernungen bis zur Grenze allein aufhört und dass daher der alte Handelsweg über Vera-Cruz seine alte Bedeutung in den meisten Artikeln behaupten konnte.
Der Vera-Cruz-Weg ist als Wasserweg billiger als die lange Eisenbahnfracht von New-York oder New-Orleans und Galveston her, und darum behauptet er seine Stellung gegen alle Eisenbahncon - currenz.
Die mexicanische Eisenbahn blieb der neuen Concurrenz gegen - über auch nicht müssig. Sie benützte zunächst die guten Einnahmen der Jahre 1882 — 1884 dazu, ihren Bahnkörper und ihr rollendes Material in einen sehr guten Stand zu setzen, und 1887 ging sie nach einigem Sträuben mit ihren Tarifen gewaltig herunter. Die in kurzer Zeit bevorstehende Eröffnung der Strecke Vera-Cruz — Mexico der interoceanischen Eisenbahn über Jalapa, welche somit eine wirk - liche Concurrenzlinie der alten Bahn ist, wird die Lage von Vera - Cruz noch günstiger gestalten als bisher.
166Die atlantische Küste von Amerika.Die Ordnung und verhältnissmässige Blüthe, deren sich Mexico seit dem weisen Regimente des Porfirio Diaz zu erfreuen hat, kommt auch im Handelsverkehre von Vera-Cruz zum Ausdruck, noch weit mehr aber die Thatsache, dass der Präsident der Bundesrepublik Mexico eine möglichst strenge Centralisation einführt. Dadurch werden immer grössere Ländergebiete der Hauptstadt Mexico tributär, und in demselben Masse, als sich die Hauptstadt hebt, die jetzt von allen Seiten leicht durch Eisenbahnen zu erreichen ist, steigt mittelbar die Bedeutung ihres Hafens Vera-Cruz.
Soweit die Handelslage von Vera-Cruz von allgemeinen Ver - hältnissen abhängt, muss man sie als eine mindestens relativ gün - stige bezeichnen, die Stadt selbst aber hat mit wahrhaft bewunde - rungswürdiger Ruhe bisher fast Alles unterlassen, was den Handel an ihre Ufer fesseln kann. Vielleicht lässt sich keine ausgiebige Ab - hilfe dafür schaffen, dass in Vera-Cruz die Sterblichkeit 5 % der Bevölkerung erreicht, dass hier also von 1000 Einwohnern jährlich 2½ mal so viele in ein besseres Jenseits eingehen als in London.
Aber dass an dem Damme des Zollhauses von Vera-Cruz kein Krahn steht, dass das Geleise der Eisenbahn, welches ins Zollhaus führt, nicht benützt werden darf, dass auf der kurzen Strecke von 550 m, welche die Eisenbahnstation von dem Zollhause trennt, keine Schienen gelegt werden, weil die Lastträger und Frachtenführer von Vera-Cruz thatsächlich ein ausschliessliches Privilegium auf die Be - förderung der Handelslasten haben und dieses auch ausnützen, das sind alte, verrottete, wenn auch privilegirte Uebelstände, welche den Besuch des Hafens so vertheuern, dass man für eine Tonne Güter, die von Bord zur Eisenbahnstation gebracht werden, 35 Dollars Auslagen hat.
Und da die einflussreiche Clique der Spediteure mit den Ar - beitern Hand in Hand geht, wird wohl so bald nichts geändert.
Zudem ist die Zahl der Lichterschiffe ungenügend, der Hafen leicht überfüllt, so dass die später ankommenden Schiffe zur Insel Sacrificios gewiesen werden, wo sie keine Handelsoperationen vor - nehmen können. An den zahlreichen Festtagen, die in Mexico ge - feiert werden, ist das Zollhaus gesperrt und so auch während der 90 — 100 Tage, durch welche zwischen October und April die schweren Nordstürme herrschen, gegen die der Hafen nur wenig Schutz bietet.
Die Eröffnung der Eisenbahnen in die Union und die Furcht, dass auch Tampico bald Kopfstation einer Bahn werden könnte, rückte167Vera-Cruz.Vera-Cruz die Nothwendigkeit vor Augen, seine Rhede in einen Hafen umzugestalten.
Doch bald erlahmte der Feuereifer der creolischen Unternehmer, und das mit so grossen Hoffnungen angefangene Werk wurde einfach an dem Tage aufgegeben, da die Gefahr nicht mehr acut war.
Auch der 1887 neuerdings begonnene Bau eines Wellenbrechers, der das Festland mit den Inseln Galeta und Gallega verbinden soll, kommt nicht zu Ende. Aber schon der Theil der Arbeiten, der fertig ist, hat die Folge, dass der durch den Südwind erzeugte Wellen - gang nicht mehr die Sinkstoffe aus dem Hafen entfernen kann, weil der Wellenbrecher ihn aufhält. Derselbe Damm, der bestimmt ist, den Hafen vor den Nordwinden zu schützen, ist Ursache, dass seine Tiefe sich vermindert.
Doch wird das Alles den Handel von Vera-Cruz so lange nicht schädigen, als kein leistungsfähiger Concurrenzplatz an der Ostküste Mexicos besteht. Und dieser wird Tampico sein, wie uns die Erfah - rung aus den Vierzigerjahren unseres Jahrhunderts beweist.
Sollte die Agitation, aus Vera-Cruz einen Freihafen zu machen, von Erfolg gekrönt werden, so ist sogar eine Steigerung des Verkehres zu erwarten. Mexico hat ja in den Nordgrenzen ein wahres Paradies der Schmuggler, eine zollfreie Zone, welche 2500 km lang und 20 km breit ist, die an ihrem südlichen Rande von 800 — 900 Mann bewacht wird. Dagegen ist die Zollverwaltung in Vera-Cruz in den letzten Jahren streng.
Vera-Cruz ist ein Einfuhrhafen und bietet den Schiffen selten ausreichende Rückfracht, so dass die Tarife aus Liverpool nach Vera - Cruz um 100 % höher sein müssen als die von Liverpool nach New - Orleans.
Der Handel von Vera-Cruz betrug:
Nicht weniger als ein Fünftel des Werthes der Einfuhr entfällt auf Baum - wollstoffe, und zwar 1889 88.189 q (3·6 Millionen Dollars), 1888 73.497 q (3·1 Millionen Dollars).
Weit über drei Viertel des Werthes der Einfuhr liefert England, ein Zehntel Frankreich, den Rest die Union und Deutschland.
Die Einfuhr von Baumwollstoffen unterliegt in Mexico einem geradezu riesigen Zolle, der bei den ordinären Sorten, wie sie England liefert, bis auf 130 % des Werthes steigt.
168Die atlantische Küste von Amerika.England wurde so zu Gunsten der einheimischen Baumwollindustrie zurück - gedrängt, welche nur ordinäre Waaren erzeugt, weil die sogenannten „ Indios “, welche die Masse des Volkes bilden, sehr genügsam sind und jeder im Jahre nur etwa 15 Varas oder 12 Meter ordinärer Baumwollzeuge, sogenannte Estampados und Pintados verbraucht.
Zum Glücke für die Engländer hat ein französisches Consortium die ein - heimische Production monopolisirt und die Preise um 30 % hinaufgetrieben.
Der Bedarf der besseren Bevölkerungsclassen, die etwa 3 Millionen von den 11·5 Millionen Einwohnern umfassen, ist auch nicht zu gross, wird aber noch im Bezuge aller feineren Industrieartikel für lange Zeit von Europa und den Ver - einigten Staaten von Amerika abhängig bleiben.
Von den Schafwollwaaren (1889 8250 q) werden hier besonders die französischen begünstigt, weniger die englischen und die deutschen. In gewöhn - lichen Hosenstoffen hat Mexico eine ansehnliche eigene Industrie.
Leinenwaaren kommen nur aus England, Seidenwaaren (1889 1109 q) überwiegend aus Frankreich.
Nahrungs - und Genussmittel mit Einschluss von Wein, Spiritus und Bier (1889 5,365.746 Dollars) senden Spanien und Frankreich.
In Metallwaaren decken Frankreich und Deutschland je 30 % der Ein - fuhr, den Rest England und die Union. Die Höhe der Einfuhr ist abhängig von dem Bedarfe an Eisenbahnmaterialien.
Von Maschinen kommt die Hälfte aus England, 30 % aus der Union.
Bergbaumaschinen gehen jetzt meist auf dem Landwege nach Mexico (1889 1·3 Millionen Dollars).
Für Galanteriewaaren haben Frankreich und Deutschland ein Monopol.
Mexico verbraucht viel einheimisches Papier, und nur Spanien führt ordi - näre Waare ein.
In die Einfuhr von Droguen und Chemikalien theilen sich Frankreich, Deutschland, die Union und England.
Die Einfuhr von Petroleum, welches ebenfalls einem Zolle unterliegt, besorgt die Union. Die grössere ist Rohpetroleum, weil raffinirtes um vieles höher besteuert wird, so dass die in Vera-Cruz neu errichtete Petroleumraffinerie gute Geschäfte macht.
Zollfrei sind Kohlen (1889 430.000 q) und Quecksilber (6200 q); letzteres wird massenhaft bei der Gewinnung des Silbers verbraucht.
In der Ausfuhr sind, wie die Tabelle zeigt, Edelmetalle wichtiger als die Gesammtheit aller anderen Artikel, denn Mexico ist das erste Silberland der Erde. Dagegen ist die Ausfuhr von Erzen über Vera-Cruz nicht gross (1889 37.460 q), weil diese meist auf dem Landwege in die Union gehen.
Von den Erzeugnissen des Ackerbaues der Umgebung ist besonders hervor - ragend Kaffee, 1889 mit 118.905 q (5·4 Millionen Dollars), 1888 mit 58.044 q. Die Höhe der Ausfuhr ist zum grossen Theile abhängig von dem Kaffeeconsume des Binnenlandes.
Der mexicanische Kaffee ist ausgezeichnet, er findet seinen Hauptabsatz in England.
Unverarbeiteter Tabak (1889 4084 q) geht nach Deutschland und Frank - reich, verarbeiteter (Cigarren) (5964 q) nach England.
169Vera-Cruz.Die Ausfuhr von Zucker und Kautschuk erreicht keine besondere Höhe; wichtiger ist die von Stroh des wilden Reises „ Zacaton “, das zur Erzeugung von Bürsten verwendet wird: 1889 20.676 q, Werth 505.000 Dollars.
Aus dem Thierreiche ist nur die Ausfuhr von Häuten und Fellen hervor - zuheben: 1889 12.243 q, Werth 521.408 Dollars.
Die Edelmetalle werden zum grösseren Theile nach England, die Waaren nach Frankreich, der Union, Deutschland und Spanien versendet.
Es darf nicht unerwähnt bleiben, das die Union seit langem, namentlich aber seit dem Bestande der sogenannten Mac Kinley Bill, Alles daran setzt, mit Mexico eine Zollunion einzugehen, welche gegenseitig freie Einfuhr als Grund - lage hätte; natürlich ginge diese Exportentwicklung der Union auf Kosten Europas.
Der Schiffsverkehr von Vera-Cruz umfasste:
Der Tonnenzahl nach nimmt die spanische Flagge (1889 205.665 t) die erste Stelle ein; die amerikanische ist ihr fast gleich und vermittelt sicher eine grössere Menge von Frachten als die spanische, weil die Ward Line ihren Be - nützern grosse Erleichterungen gewährt. Ihnen folgen die britische, die französi - sche, die mexicanische und die deutsche Flagge.
Die mexicanischen Schiffe treiben fast nur Küstenschiffahrt, welche ihnen allein vorbehalten ist, und nützen ihr Monopol derart aus, dass sie für die Fracht 30 — 50 % mehr begehren als die ausländischen Schiffahrtsunternehmungen rechnen würden.
Vera-Cruz hat regelmässige Dampfschiffsverbindung mit Hamburg über Habana durch die Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actiengesellschaft, mit St. Nazaire und Bordeaux über Santander durch die Cie. Générale Trans - atlantique, mit Liverpool über Bordeaux durch die West-India und Pacific Steam - Ship Cy. und die Harison Line, mit Santander und Cadiz über Habana durch die Compañia transatlantica española und mit New-York durch die Cy. F. Alexandre and Sons.
Die Post aber geht zum grössten Theile über New-York und braucht von dort über Laredo 6 Tage und über den Eagle-Pass 6½ Tage.
Von der Pa. Collal (Anton Lizardo), die 25 km südlich von Vera-Cruz liegt und einen guten Hafen hat, geht ein Kabel nach Habana.
In Vera-Cruz haben Consulate: Belgien, Chile, Columbia, Costarica, Däne - mark, Deutsches Reich, Frankreich, Grossbritannien, Guatemala, Honduras, Italien, Niederlande, Salvador, Schweden, Norwegen, Spanien, Venezuela, Ver - einigte Staaten von Amerika (G. -C.).
Wir haben schon erwähnt, dass man in Vera-Cruz Tampico fürchtet, denn diese Stadt liegt an dem tiefen, bis in ihr Weichbild vollkommen schiffbaren Flusse Tamesé, dessen Einfahrt leider durch eine Sandbank, die „ Barra “, versperrt ist.
Doch als die Amerikaner 1846 während des Krieges mit MexicoDie Seehäfen des Weltverkehrs. II. Band. 22170Die atlantische Küste von Amerika.die Stadt besetzt hatten, schufen sie in wenigen Monaten eine tiefe Fahrrinne durch diese Bank und das Hochplateau von Mexico wurde über Tampico mit Waaren versorgt. Nach dem Abzuge der Ameri - kaner versandete bald wieder der Canal, und in den Strassen von Tampico weideten Hirsche. Da aber zwei Eisenbahnlinien nach Tam - pico hinunter im Bau sind, die man doch einmal vollenden wird, so wird trotz aller Intriguen der Kaufleute von Vera-Cruz auch Tampico zu einem guten Hafen kommen.
Der Hafen von Yucatan, dem reichsten Staate von Mexico, ist Progresso. Die grossen Dampfer können nur in beträchtlicher Ent - fernung, fast ausser Sicht vom Lande vor Anker gehen, und die Ueberfahrt nach dem kleinen hölzernen Molo dieses Haupthafens von Yucatan ist bei einigermassen hohem Seegange gefährlich genug. Progresso hat Eisenbahnverbindung über Merida mit Campêche. Es ist eine Schöpfung der neuesten Zeit, hervorgerufen durch das rasche Aufblühen des Handels von Yucatan.
Die Ausfuhr von Henequen oder Sisalhanf hat ungeahnte Dimensionen an - genommen. So wurden 1889 243.968 Ballen Sisalhanf fast ausschliesslich nach den Vereinigten Staaten von Amerika ausgeführt, ferner 80.000 q Blauholz, Ochsen - häute und Rehfelle.
Die starke Ausfuhr hat eine bedeutende Einfuhr zur Folge, von der etwa ein Drittel auf Deutschland entfällt.
Den Hafen besuchten 1889 810 Schiffe mit 545.894 Reg. -Tons. Die meisten waren mexicanische Küstenfahrer, dann nordamerikanische, britische, spanische und deutsche Schiffe.
In einem geschlossenen Bogenzuge von mehr als 2000 See - meilen Länge bilden die Antillengruppen, welche wir mit dem gemein - samen Namen Westindien bezeichnen, an der Seite des schmalen Isthmus von Panama gleichsam ein zweites Bindeglied zwischen dem massigen Norden und Süden des amerikanischen Continentes und schliessen das Karaibenmeer gegen die Fluten des atlantischen Oceans ab.
Ein kurzer Blick auf die Karte unterrichtet uns über deren tropische Lage vom 10. Grad nördl. Br. bis über den Wendekreis des Steinbockes, allwo in fast ununterbrochener Gleichmässigkeit der Nord - ostpassat über die See und die Inseln streicht und die Glut der fast senkrecht einfallenden Sonnenstrahlen lindert.
Vier Jahrhunderte sind verflossen, seit durch die Entdeckungen des grossen Columbus das Inselreich als eine Vorpostenkette der neuen Welt den Reichen des Ostens erschlossen wurde, denn schon im Jahre 1492 erfolgte durch ihn die Entdeckung der Insel Cuba, St. Domingo (Haïti), 1494 die von Jamaica und Portorico, 1495 die der Karaiben und schon 1498 auch die südlichste der Inseln, welche zu den An - tillen gerechnet werden, jene von Trinidad.
Der Vernichtungskrieg, welcher seit der Besitzergreifung des westindischen Inselreiches für die Krone Spaniens gegen die Urein - wohner, die Karaiben und Arowaks geführt wurde, endete mit der fast völligen Entvölkerung derselben, und die westindischen Besitzungen bildeten kaum mehr als eine Quelle der Ausbeutung, der Handel zwischen ihnen und der alten Welt war ein Monopol, und ihr Export sogar ausschliesslich nach einem einzigen spanischen Hafen, Sevilla, und erst später nach Cadix beschränkt.
Die ungenügende Leistungsfähigkeit europäischer Elemente zur Colonisation und die systematisch und grausam betriebene Verdrängung22*172Die atlantische Küste von Amerika.der Ureinwohner konnten somit nur zum Ruine vieler der kaum ge - gründeten Küstenansiedlungen führen, während die reichen Innen - gebiete der Inseln den Europäern noch fast vollends unbekannt waren.
Daher wurde schon im XVI. Jahrhundert zur Hebung des wirthschaftlichen Werthes der Colonien und um den gänzlichen Untergang des mühevoll begonnenen Werkes der Cultur hintanzu - halten, mit der Importation von Negersclaven begonnen.
Mit dem gleichen Zeitpunkte begann jedoch auch die Periode der Besitzstreitigkeiten; denn mit der intensiven Immigration nach Westindien, insbesondere durch das Auftreten der Flibustier wurde das Gefühl staatlicher Zusammengehörigkeit schwächer und es musste um so früher zum Zusammenbruche der spanischen Macht kommen, als namentlich Franzosen, Engländer und Holländer bemüht waren, sich um jeden Preis an dem Mitbesitze der fruchtbaren Gebiete Westindiens ihr Antheil zu erringen.
Die hieraus folgenden Conflicte der Culturstaaten haben der Geschichte Westindiens gar manches mit Blut getränkte Blatt geliefert. Demungeachtet fällt die Blüthezeit fast aller Inseln des Antillenreiches in die Zeit jener Kämpfe, d. i. in das XVII. Jahrhundert, in welchem die reichlichste Gründung europäischer Ansiedlungen erfolgte.
Heute entfällt von dem 245.516 km2 betragenden Areale der Antillen noch immer mehr als die Hälfte, und zwar die weitaus reichere Hälfte, auf Spanien, während dem Besitzumfange nach zunächst die freien Neger - und Mulattenstaaten von Haïti und St. Domingo, dann Grossbritannien, Frankreich, die Niederlande, Dänemark und endlich auch die centralamerikanische Republik Venezuela an dem Mitbesitze in Westindien ihren Antheil haben.
Die Bevölkerung dieser Gesammtgebiete, welche, die Weissen mit einem Drittel eingerechnet, kaum 4½ Millionen Seelen beträgt, muss wohl als eine ganz spärliche bezeichnet werden, wenn man damit die Bevölkerungsdichte mancher ostindischer Inseln, zum Bei - spiel Javas vergleicht.
Sie sank trotz der in den 1860er Jahren besonders starken Zubringung von indischen Coulies und Chinesen, welche als werth - volle Arbeiter bestimmt waren, den Neger als Sclaven zu ersetzen, immer tiefer und mit ihr auch die Productionsfähigkeit aller west - indischen Colonien.
Auch konnte sich die Bevölkerungszahl trotz der gänzlichen Aufhebung der Sclaverei, in welcher Spanien als letzter Staat folgte, kaum sehr heben.
173Westindische Häfen.Die wunderbaren Länder, deren Reichthum nur zum Geringen im Werthe von Mineralien, wohl aber in der ausserordentlichen Frucht - barkeit des Bodens gelegen ist, harren daher auch heute noch des Zuströmens der Immigration, für welche fast vier Fünftel unbe - bauter Gründe zur Verwerthung bereit stehen.
Die Ursache des geringen Andranges von Ansiedlern ist kaum zu ergründen, doch mag nicht mit Unrecht auf die Gefahren des Klimas und auf den Umstand hingewiesen werden, dass reicher Lohn nur mit jenem Aufwande an Mühe und Arbeit zu gewärtigen steht, welchem sich nur ein bescheidener Theil unternehmender Colonisten gewachsen fühlt.
Eine Steigerung der wirthschaftlichen Bedeutung der westindi - schen Inselwelt durch den Ausbau des Panamacanales ist zwar aber - mals in die Ferne gerückt, doch ist die Schiffahrt im Grossen, für welche Westindien eine kaum 14tägige Entfernung von Europa bedeutet, in stetem Aufschwunge begriffen.
Sie bewegt sich rücksichtlich der Dampferlinien nach bestimmten Centralpunkten und in bestimmten und sicheren Passagen, und erleidet selbst zur Zeit der gefürchteten Stürme des Winters, der Cyklone, keine Einbusse, während der Verkehr der Segelschiffe wie überall ein immer beschränkterer wird.
Demungeachtet muss auch die Segelschiffahrt zwischen Europa und Westindien als eine geradezu ideale betrachtet werden, und der - selbe Passat, unter dessen mildem und stetigem Zuge die Segelfahr - zeuge in circa 20 Tagen aus dem europäischen nach dem amerikani - schen Mittelmeer gelangen, ermöglicht auch jederzeit den Verkehr zwischen den einzelnen Inseln der grossen und kleinen Antillen und ihrer zahllosen abseits der grossen Dampferstationen liegenden Häfen und Buchten. Für den Yachtsport kann ein dankbareres Feld der Unter - nehmung kaum geboten werden.
Während auf den grossen Antillen die Linien ihrer Küsten in unübersehbar fernen Strecken und von hohen Gebirgszügen überragt, das Gepräge von Festland tragen, zeigen insbesondere die kleinen Antillen ihren düsteren vulkanischen Charakter.
Obwohl die ersteren die höheren Gebirgszüge aufweisen und die höchsten Spitzen derselben auf Cuba bis zu 2560 m, auf Jamaica bis zu 2236 m und auf St. Domingo sogar mit 3140 m in die Lüfte ragen, während der höchste Bergesgipfel auf den kleinen Antillen (Dominica) nur bis 1600 m hinanreicht, scheinen doch die letzteren imposanter.
Die Ostküsten aller dieser Inseln, welche dem Passate und dem174Die atlantische Küste von Amerika.Anpralle der See die Stirne bieten, geben sichtbares Zeichen vom Kampfe mit diesen elementaren Mächten. Stets brandet die See und der Wind wiegt die Kronen der Gewächse, welche die östlichen Gefilde bedecken.
Fast vor allen Inseln lagern meilenweite Korallenbänke, welche den Seefahrenden zur Vorsicht zwingen. Insbesondere gilt dies jedoch von den östlichen Gestaden, auf welchen schon in Anbetracht der Seeverhältnisse keine Niederlassungen gegründet sind, welche als Hafen - plätze bezeichnet werden können.
Alle Hafenplätze liegen an den westlichen Uferseiten, d. h. in Lee der Inseln, und sind meist vollkommen seestille Buchten, über welche jedoch gleichwie über die Landgebiete der Passat kühlend dahinstreicht. Nur wenige der kleinen Inseln sind niedrig oder mit flach verlaufenden Ufern; die meisten haben, insbesondere im Osten, schroffe Abhänge, über welche zur Regenzeit gewaltige Wassermassen tosend in die See stürzen.
Wer je das Glück geniessen konnte, einen Theil, ja selbst nur eines der minder bedeutenden Eilande der Antillen zu sehen, die sich wie eine Perlenreihe von den Mündungen des Orinoco bis zur Halb - insel Florida erstrecken, wird die empfangenen Eindrücke nie vergessen.
Die geringen Entfernungen zwischen den einzelnen Inseln ge - währen den gleichzeitigen Anblick mehrerer, und insbesondere bietet die Passage zwischen den Inseln bei Tageszeit ein äusserst reizvolles Bild. Die brandende und tosende See, die starren Vulcane, die herab - stürzenden Bäche, die kühne Vegetation, welche fast überall bis zur salzigen Flut herniedersteigt, die Riffe und das Leben und Treiben der Thierwelt fesseln derart, dass man in Verlegenheit ist, welchem Bilde man die Aufmerksamkeit zuwenden soll.
Nach Millionen zählt die befiederte Welt, welche in allen er - denklichen Arten von Land - und Seevögeln die Gestade der Inseln oder die Scharen sich tummelnder Seethiere umkreisen, unter welch letzteren insbesondere die Potwalle sich durch ihre Wasserkünste kenntlich machen.
Die balsamischen Düfte der tropischen Flora erfüllen meilenweit nach See die Atmosphäre, und wenn die Linie der Inselreihe durch - brochen ist, wird es fühlbar, wie der Passatwind durch die engge - fügte Reihe derselben abgeschwächt dahinweht und der Seegang ein merklich geringerer wird.
Die Navigation nach den in Lee der Inseln gelegenen Häfen gleicht der in einem Binnengewässer, und nur wenige der kleineren Inseln,175Westindische Häfen.die von den brandenden Fluten rings umspült werden, bieten dem Küstenschiffer kleine Unannehmlichkeiten, wie beispielsweise bei Mont - serrat, wo Mann und Gut aus dem Fahrzeuge nur ans Ufer gebracht, dann aber in Kübeln mittelst Drahtseil auf die Terrasse der steil abfallenden Insel befördert werden müssen.
So gewährt das Segeln zwischen den Antillen, welches mit seltenen Ausnahmen zur Zeit der westindischen Drehstürme keine Schwierigkeiten bietet, den höchsten Genuss in reizvollstem Wechsel.
Die Gleichheit der Tage, die insbesondere im Winter milde und doch warme Temperatur, die erquickenden Nächte, durch deren Aether die Sternbilder des grossen Bären und des südlichen Kreuzes zumeist gleichzeitig erblickt werden, üben noch immer denselben Zauber, mit dem sie vor vierhundert Jahren das Herz des sonst kühl denken - den Columbus umfingen.
Es wäre mehr als lohnend, die Wunder dieser Inselwelt, welche von kaum 50 zu 50 Meilen verlockende Häfen zur Aufnahme bietet, im Detail zu betrachten, doch es fehlt der Raum. Hier sollen jene Häfen und Inseln, insoweit dieselben als die Repräsentanten der Colonialmächte und als die Handelscentren für den Weltverkehr mit Westindien hervorgehoben werden müssen, im Nachfolgenden be - sprochen werden.
Von den unermesslichen Gebieten des neuen Welttheiles, welche einst der Krone Spaniens angehörten und unter Karl V. den stolzen Ausspruch rechtfertigten, dass „ in seinem Reiche die Sonne nicht untergehe “, hat Spanien nur wenige Inseln der Antillen aus dem Zusammenbruche seiner einst weltbeherrschenden Macht zu retten vermocht.
Unter diesen nimmt Cuba, die grösste, bevölkertste und reichste der Antillen und zugleich die werthvollste Colonie Spaniens, unser Interesse in erster Linie in Anspruch. Cuba, „ die Königin der An - tillen “oder auch „ die Perle der Antillen “, wie sie zumeist genannt wird, erstreckt sich in raupenförmiger Gestalt von dem nur 45 See - meilen breiten Windward-Canal, welcher die Insel von Haïti trennt, in einer Länge von 650 Seemeilen und bei einer zwischen 27 und 90 See - meilen wechselnden Breite bis in die Einfahrt des mexikanischen Golfes hinein.
Die Natur hat der Insel mit verschwenderischer Fülle alle176Die atlantische Küste von Amerika.Gaben verliehen, welche geeignet wären, dieselbe zu einem Paradiese und zur unversiegbaren Quelle des Reichthums zu machen. Ihre Lage zunächst dem nordamerikanischen Continente sichert ihr den Absatz ihrer tropischen Producte vor allen anderen Concurrenten, ihre zahl - reichen vortrefflichen Häfen, von welchen Habana, Matauzas und Baracoa an der Nordküste, Batabano, Cienfuegos und Santiago an der Südküste vorzüglich zu erwähnen sind, erleichtern den Austausch ihrer Producte mit den Erzeugnissen der gewerbefleissigen kälteren Klimate.
Cuba wurde von Columbus am 28. October 1492 entdeckt und Juana be - nannt; später erhielt sie den Namen Ferdinandina, beide Namen mussten jedoch im Laufe der Zeit dem einheimischen wieder weichen.
Columbus hielt Cuba bis zu seinem Tode für einen östlichen Vorsprung des Festlandes; erst durch die im Jahre 1508 erfolgte Umschiffung Cubas durch Ocampo wurde der Inselcharakter des Landes festgestellt. 1511 wurde die Insel von Diego Velasquez bleibend besetzt und besiedelt; es erfolgten in rascher Folge die Gründung von Buracoa, Santiago, Trinidad und anderer Orte mehr, 1519 jene von Habana. Seither ist Cuba, ausgenommen eine kurze Unterbrechung im Jahre 1762, im spanischen Besitze verblieben.
Diese vielversprechende Entwicklung der Insel gerieth durch die bis zum Jahre 1560 erfolgte gänzliche Ausrottung der Indianer, deren Ersetzung durch Negersclaven nur allmälig den hiedurch bewirkten wirthschaftlichen Nachtheil ausgleichen konnte, durch die engherzige Colonialpolitik der damaligen Zeit, haupt - sächlich aber durch den Umstand ins Stocken, dass in der zweiten Hälfte des XVI. Jahrhunderts der Strom der goldgierigen europäischen Einwanderer sich mehr den neu entdeckten Festlandsgebieten zuwendete.
Auch liessen die unaufhörlichen aufeinanderfolgenden Kriege des Mutter - landes mit Frankreich, England und Holland, deren Schauplatz sich stets über Westindien erstreckte, nicht minder die Brandschatzungen der Flibustier durch 1½ Jahrhunderte Cuba nicht zur Ruhe kommen. Erst in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts fand ein nennenswerther Aufschwung von Handel und Wandel statt. Anstoss hiezu gab die 1762 erfolgte Occupation von Habana und seiner Um - gebung durch die Engländer unter Lord Albemarle. Obwohl England schon nach zehn Monaten Habana gegen Florida eintauschte, war doch die kurze britische Herrschaft dauernd von den wohlthätigsten Folgen für die Insel.
Entgegen dem von den Engländern selbst in ihren Colonien damals noch befolgten Abschliessungssystem gaben sie sogleich Handel und Verkehr auf Ha - bana gänzlich frei und erweckten dadurch mit einem Schlage den Landbau und die industrielle Production aus ihrer bisherigen Lethargie. Spanien sah sich nach Wiederbesitzergreifung der Insel genöthigt, den geänderten Verhältnissen wenigstens zum Theile Rechnung zu tragen. Zunächst wurde (1765) der freie Verkehr Cubas mit Spanien gestattet, nach dem nordamerikanischen Freiheitskampfe wurden Ha - bana und Santiago dem Handel der fremden Nationen eröffnet, und 1790 wurde auch der Sclavenhandel freigegeben. Die französische Revolution, welche zahlreiche Flüchtlinge aus dem benachbarten Haïti und aus Frankreich nach Cuba brachte, wodurch der Insel intelligente und arbeitsfreudige Elemente zugeführt wurden, gab dem zunehmenden Aufschwunge der Colonie neue Impulse.
177Westindische Häfen.Aber erst als im Jahre 1818 allgemeine Handelsfreiheit ertheilt wurde, also zu einer Zeit, während die Colonien aller anderen Staaten noch in den Fesseln des strengsten Prohibitivsystems lagen, war die letzte Schranke auf dem Wege entfernt, auf welchem Cuba nunmehr rasch zu einem Zustande der Prosperität aufstieg, welcher diese Insel weit über alle anderen westindischen Colonien erhob.
Der Vorsprung, den Cuba damals erhielt, ist selbst in der Gegenwart, in welcher aus später erörterten Ursachen auch auf Cuba ein Stillstand, wenn nicht ein Rückschritt zu verzeichnen ist, von den übrigen Inseln der Antillen nicht mehr eingeholt worden.
Mit dem zunehmenden Wohlstande wuchsen aber auch der Parteienhader und die Zerwürfnisse im Innern; seit 1812, in welchem Jahre die erste vom freien
Habana.
Neger Aponte angestiftete Sclavenempörung unterdrückt wurde, waren Negerauf - stände etwas Gewöhnliches. Aber auch das in den früheren Jahrhunderten nie ernstlich getrübte Verhältniss der Colonie zum Mutterlande machte einer tief - gehenden Unzufriedenheit Platz, die sich in einer Reihe von Verschwörungen und blutigen Aufständen äusserte. Es bildete sich eine starke Partei im Lande, welche den Anschluss Cubas an die Vereinigten Staaten Nordamerikas anstrebte und von letzterer Seite moralische und materielle Unterstützung fand.
Selbst officiell traten die Unionstaaten in diese Bewegung ein, indem sie 1848 der spanischen Regierung eine Million Dollars für die Ablösung Cubas boten, und trotz der Zurückweisung dieses Antrages konnte noch zehn Jahre später im nordamerikanischen Senate ein Antrag, wenn auch erfolglos, zur Sprache kommen, Spanien 30 Millionen Dollars für Cuba zu bieten.
Die Seehäfen des Weltverkehrs. II. Band. 23178Die atlantische Küste von Amerika.Als Ursache der Missstimmung der Cubaner mag nicht allein die schwere finanzielle Belastung, welche der zu hohem Reichthum gelangten Colonie auferlegt wurde, angesehen werden, mehr noch muss dieselbe in dem vom Mutterlande ge - übten politischen Regierungssystem gesucht werden, welches den eingeborenen Elementen jedwede Einflussnahme auf die Geschäfte des eigenen Landes benahm, dieselben von der Erlangung von öffentlichen Aemtern ausschloss, dem Gouverneur sowie den Beamten fast absolute Machtbefugnisse einräumte und jede frei - heitliche Regung unterdrückte. Alle diesbezüglich von den Cubanern erhobenen Beschwerden und Forderungen blieben unberücksichtigt, und so war es nur eine natürliche Consequenz, dass, als 1868 die Revolution in Spanien ausbrach, sofort auch auf Cuba der schon lange vorbereitete Aufstand in hellen Flammen aufloderte.
Am 10. October des genannten Jahres wurde von Carlos Manuel Cespedes, einem der Führer der Reformpartei, auf dem Felde von Yara die Unabhängigkeit Cubas proclamirt. Ueber zehn Jahre dauerte nun der mit wechselndem Glücke und von beiden Seiten mit grosser Strenge und Grausamkeit geführte Krieg, in welchem die Cubaner von den amerikanischen Republiken als kriegführende Macht aner - kannt wurden und mannigfacher Unterstützung, besonders von Seiten der nord - amerikanischen Union theilhaft wurden.
Erst 1878 gelang es den Spaniern unter Marschall Jovellar, dem Insurrec - tionskrieg ein Ende zu machen. Eine Versöhnung der Parteien ist aber seither nur in geringem Masse eingetreten. Die fortdauernd schwere, durch die Kriegs - schulden noch gesteigerte Steuerbelastung bei gleich gebliebener politischer Un - selbständigkeit, endlich die grausame Art, auf welche der Insurrectionskrieg auf beiden Seiten geführt wurde, hat einen fast unausrottbaren Hass gegen das Mutter - land erzeugt.
Heute gravitirt Cuba nicht nur geographisch, sondern auch wirthschaft - lich viel mehr nach der Union als gegen Spanien, und von Seiten Nordamerikas geschieht alles Mögliche, diesen Riss, welchen weder die Nationalität noch die Religion verkitten können, grösser zu machen; ja die Mac Kinley-Bill kann in Cuba eine Katastrophe herbeiführen.
Cuba wird der Länge nach von einer Bergkette durchzogen, welche dem Westen der Insel den Charakter eines Hügellandes gibt, im Osten aber sich zu bedeutenden Höhen erhebt (Sierra de Tarquino 2375 m). Zahlreiche Flüsse, welche zwar zumeist nicht schiffbar sind, aber zur Bewässerung der Culturen und zum landschaftlichen Reize der Thäler wesentlich beitragen, entspringen diesem Gebirgszuge.
Die Naturschönheiten Cubas zeichnen sich durch ihre Lieblich - keit und Mannigfaltigkeit aus. Schöne fruchtbare Thäler im Vorder - grunde, mächtige Wälder und Gebirgsscenerien im Hintergrunde, allerwärts eine üppige Vegetation, wie sie nur die oceanische Feuch - tigkeit im Vereine mit der tropischen Sonne hervorbringen kann, und über all dem ein in wunderbarer Klarheit strahlender Himmel ver - einigen sich zu dem entzückenden Bilde einer cubanischen Land - schaft.
Das Klima Cubas ist ein ausgesprochen tropisches, wird aber179Westindische Häfen.durch die frischen Seebrisen gemildert und kann im Innern des Landes als gesund bezeichnet werden. Im Allgemeinen lebt der Europäer in Habana angenehmer als in Madrid oder Sevilla mit ihrem extremen Klima und drückend heissen Sommer. Die mittlere Jahrestemperatur beträgt für Habana 25·3°C., die mittlere Temperatur des kältesten Monats wurde für denselben Ort mit 22·2°C., jene des wärmsten mit 28·0°C. ermittelt.
Wie auf den meisten Antillen, gibt es auf Cuba eine trockene und eine Regenzeit. Für Habana und den nordwestlichen Küstenstrich fällt erstere in die Monate vom November bis Mai, letztere in die Sommermonate. In der heissen regnerischen Jahreszeit tritt an den zum Theil sumpfigen Küstenstrichen, besonders im westlichen Theil bei Habana, meist das gelbe Fieber auf; mit dem Eintritte der „ Nor - thers “, welche vom November bis April in kurzen Intervallen und heftig wehen, verschwindet gewöhnlich der unheimliche Gast.
Cuba ist sehr fruchtbar; es sind jedoch noch weite Ländereien vorhanden, welche der Urbarmachung harren. Bei einem Gesammt - areale von 118.833 km2 schätzt man die Fläche fruchtbaren, aber noch uncultivirten Bodens auf 20 Millionen Acres; 20 Millionen Joch sind noch von Urwald bedeckt. Es ist also für Einwanderer noch ein weites Feld lohnender Thätigkeit offen.
Die Einwohnerzahl Cubas betrug nach dem Census von 1880: 1,521.684, hievon 988.624 Weisse, 489.249 Farbige und 43.811 Coulies; dies gibt 13 Einwohner auf den Quadratkilometer. Dermalen wird die Bevölkerung auf mehr als 1,700.000 Seelen geschätzt.
Cuba hat, wie vorhin angedeutet, in den letzten Jahrzehnten einen wirthschaftlichen Niedergang zu verzeichnen; die Ursachen dieser Erscheinung liegen nicht allein in den die Production lähmenden Wirkungen der Insurrectionskriege und ihren finanziellen Nachwehen, in den durch die Ueberproduction erschwerten Absatzverhältnissen für den Hauptausfuhrsartikel der Insel, den Zucker, sondern auch in dem Mangel an Arbeitskräften, der sich hier wie auf allen Antillen - inseln seit der Sclavenemancipation fühlbar gemacht hat.
Die Sclaverei hat auf Cuba länger als irgendwo sonst in Amerika gedauert.
Obwohl schon seit 1821 gesetzlich verboten, hat doch die Sclaveneinfuhr bis in die Siebzigerjahre gedauert. Die Sclaverei selbst wurde erst 1870 im Principe und 1880 thatsächlich aufgehoben. Wenn die Sclavenemancipation auf Cuba trotzdem relativ nicht so schädliche Folgen gehabt hat wie anderwärts, so hat das seinen23*180Die atlantische Küste von Amerika.Grund darin, dass die Negerbevölkerung infolge der schrittweise vorbereiteten Befreiung von dem hier wie in allen spanischen Colonien milderen Joche der Sclaverei sich verhältnissmässig leichter der freien Arbeit anbequemte, noch mehr aber in dem an und für sich günstigen Zahlenverhältnisse der Weissen zu den Farbigen, was schon darauf hinweist, dass auf Cuba ein grosser Theil der weissen Bevölkerung selbst an der Bodencultur thätig mitwirkt. Trotzdem musste auch, wie aus der vorhergegebenen Einwohnerstatistik hervorgeht, dem Mangel an Arbeitskräften durch Einfuhr von Coulies (zumeist Chinesen und Yacateken) geschritten werden.
Der Wohlstand der Insel Cuba beruht auf den Producten des tropischen Ackerbaues, und zwar solcher Pflanzen, welche die Euro - päer eingeführt haben, Zucker (1508), Kaffee (1709) und heimischen Tabak; der Viehzucht und der Ausbeute der reichen Schätze des Landes an Mineralien wird erst in den letzten Jahren einige Be - achtung geschenkt.
Aber wir dürfen nochmals daran erinnern, dass nur erst der zehnte Theil der Insel wirklich unter Cultur genommen ist und dass die Einwohner jährlich Millionen Dollars für Nahrungs - und Genuss - mittel ins Ausland senden, von denen das Meiste im Lande erzeugt werden könnte.
Die wichtigste Culturpflanze Cubas ist das Zuckerrohr, welches im Volke der „ König der Insel “genannt wird. Seit der Ausfuhrzoll auf Zucker aufgehoben worden ist, hat man auf Cuba grosse Flächen nur mit Zuckerrohr bepflanzt. Auch verarbeitet jetzt nicht mehr jeder kleine Pflanzer selbst sein Rohr, sondern zer - kleinert es nur und führt es einer Centralingenio zu, wo man mit modernen amerikanischen und europäischen Maschinen arbeitet und für den einheimischen Markt und Spanien auch Raffinade herstellt.
Langsam vermehrt sich die Zahl schmalspuriger leichter Eisenbahnen, die zu - nächst für den Transport des Zuckerrohres bestimmt sind, und dadurch wird es Cuba ermöglicht, billiger als früher zu produciren und auf dem Weltmarkte trotz der enormen Ausdehnung der Erzeugung von Rübenzucker concurrenzfähig zu bleiben. Aber diese ausschliessliche Begünstigung des Baues des Zuckerrohres birgt auch schwere Gefahren für Cuba, denn der Preis des Zuckers ist abhängig von der Speculation in New-York und London, und ein Preisfall in diesem Artikel hat fürchterliche Folgen für den Wohlstand der Insel.
Legende zum Hafen von Habana. A Innerer Hafen, B Bucht (Ensenada) de Marimelena, C Schwimmdock, D Seearsenal, E Fruchtmagazin, F Leuchtfeuer, G Pulvermagazin, H Waarenhäuser, I Regla-Sandbank, J Gasometer, K Militär-Baracken, L Promenade Paseo de Tacon, M Christina-Bahnhof, N Prado, O Platz Isabella la Catolica, P Platz Campo de Marte, Q Batterie la Reina, R Bahnhof Regla, S Concha-Bahnhof, T Principe Alfonso-Strasse, U Galiano-Strasse, V Belascoain-Strasse, W Kathedrale, X Reina-Strasse, Y Infante-Strasse, Z Tret - mühle. — 1 Universität, 2 Plaza de Armas, 3 S. Francisco-Platz, 4 Cerro-Strasse, 5 Friedhof S. Lazaro, 6 Spitäler S. Lazaro, 7 Zollamt, 8 Admiralität, 9 Militärspital, 10 Christina-Strasse.
(Legende siehe auf Seite 180.)
Die Ernte wird für 1889 auf 5,440.000 q Zucker und 940.000 q Melasse, für 1888 auf 6,570.000 q Zucker und 1,580.000 q Melasse geschätzt.
Stabiler sind die Ergebnisse des Tabakbaues. Dieselben hängen nur von der Ernte auf Cuba und nicht von internationalen Conjuncturen ab, weil der auf Cuba erzeugte Tabak von der Natur ein Privilegium besitzt, ein Aroma nämlich, das nirgends auf der Welt erreicht wird. Für den Tabakbau findet man auch immer geschickte und willige Arbeiter, die auf den Zuckerplantagen oft schwer zu beschaffen sind.
Der Tabakbau wurde auf Cuba erst im XVII. Jahrhundert in ausgedehntem Massstabe begonnen. Den besten Cigarrentabak der Welt liefert die flache West - spitze der Insel, die Vuelta Abajo, d. h. der Weg ins Tiefland. Man unterscheidet hier die „ Medio Vuelta Abaja “um Pinar del Rio und die Vuelta de Partido bei Habana. Aus diesen beiden Gebieten stammen die Habanatabake, die sich durch ein volles, durchdringendes, blumenreiches Aroma auszeichnen. Die mittleren und östlichen Theile der Insel nennt man Vuelta Arriba, sie liefern die sogenannten Cubatabake und in guten Jahren trägt das im Tabakbau investirte Capital 10 bis 35 %. Eben deshalb werden seit 1888 in England, Australien und Neuseeland Actiengesellschaften gegründet, um Landgüter (Vegas) und Cigarrenfabriken auf Cuba zu erwerben. Im Jahre 1888 wurden für ein Quintal (46 kg) Vuelta Abajo Einlageblätter 30 — 80 Dollars Gold gezahlt.
Der Tabakbau der Insel ist nicht im Stande, die Ansprüche des einhei - mischen Verbrauches, der Ausfuhr und der Industrie zu befriedigen, es kommt daher vor Allem Puertoricotabak zur Einfuhr.
Die Erzeugung von Zucker, Rum, Cigarren und Cigaretten sind die wich - tigsten Industrien von Cuba.
Auch die Viehzucht macht bemerkenswerthe Fortschritte. Man sucht sich also wenigstens etwas von der Alleinherrschaft des Zuckerrohrs zu befreien. Eng - länder errichten Pflanzungen von Henequen und anderen Faserpflanzen und die Eingeborenen wenden der Viehzucht ziemliche Aufmerksamkeit zu.
Für den Handel haben ferner grösseren Werth Honig, Wachs, Hölzer und in neuester Zeit Schwämme, ferner Kupfer - und Eisenerze aus dem Osten der Insel.
Der Hauptort der Insel ist Habana. Am westlichen Theile der Nordküste, wo sich mehrere Handelsstrassen kreuzen, gelegen, ist Habana, genauer San Christobal de la Habana, einer der ersten Handels - plätze der Erde.
Die Stadt liegt an einer ganz eingeschlossenen Bucht, der La - gida, welche sich kleeblattförmig in die drei Becken Regla oder Marimelena, Guasabacoa und Atares theilt. Der Hafen ist einer der schönsten und sichersten der Welt und könnte über 1000 Schiffe fassen; ein circa 2000 m langer gemauerter Quai gestattet selbst den grössten Schiffen das Anlegen, auch ist ein grosses Schwimmdock vor - handen.
Die Einfahrt, welche an ihrer engsten Stelle nur 360 m breit ist, wird durch das Fort San Salvador (westlich), durch Fort Morro (östlich) und durch das neuerer Zeit erbaute ausgedehnte Fort Cabanna183Westindische Häfen.beherrscht. Landseite und Hafen werden durch eine Kette von Batterien und Forts gedeckt. Vom Hafen aus gesehen bietet Habana einen sehr malerischen Anblick. Vom Hintergrunde einer von Pflan - zungen, Gärten, Landhäusern und kleinen Ortschaften bedeckten blühenden Gegend sich abhebend, zeigt sich dem ankommenden Rei - senden das unendliche Häusermeer der Grossstadt, angenehm unter - brochen von dem Grün der inneren Gärten, überragt von zahlreichen Glockenthürmen und den majestätischen Gipfeln der in den Alleen und Gärten der Stadt zahlreich vertretenen königlichen Palme, bis zum Quai herab sich senkend und sich daselbst in dem undurchdring - lichen Gewirre der Maste der Handelsschiffe aller Nationen verlierend.
Dieser erste Eindruck wird allerdings beim Betreten des Landes etwas beeinträchtigt. Die schnurgeraden Strassen der Altstadt oder inneren Stadt, welche der Ankommende zunächst betritt, sind zumeist enge, unrein, die Pflasterung mangelhaft. Die Häuser, obwohl durch - wegs aus Stein und solid gebaut, sind zumeist niedrig, schmucklos und tragen den charakteristischen Stempel des Handelszweckes, welchem sie überwiegend dienen. Ein fortwährendes Jagen, Treiben und Drängen herrscht in den Strassen, bei Tage dem Erwerbe nach, Abends den Vergnügungen und Erholungen entgegen, wofür in den zahlreichen Cafés, Restaurationen und Clubs ausreichend gesorgt ist.
Hingegen weist die „ äussere Stadt “, welche ausserhalb der bis 1863 bestandenen Verwaltung der „ inneren Stadt “gelegen ist, zahl - reiche schöne Gebäude, breite reinliche Strassen und herrliche Spazier - wege, wie den berühmten Prado, auf. Die Strassenbeleuchtung ist im Allgemeinen brillant.
Habana ist Sitz des Gouverneurs sowie sämmtlicher oberster Civil - und Militärbehörden der Insel; hier befinden sich auch die ein - zige Universität der Colonie, ein theologisches Seminar, eine tech - nische Anstalt, eine Agrarschule, endlich eine Militär - und eine Kunst - Akademie; die Einwohnerzahl wird mit 200.000 angegeben.
Unter den sehenswerthen Baulichkeiten der Stadt sind hervor - zuheben: die 1724 erbaute Kathedrale, in welcher die im Jahre 1796 von San Domingo hieher übertragenen Gebeine des grossen Entdeckers Columbus ruhen; die Kirchen San Juan de Dios (1573), Santa Ca - talina (1658), San Agostino (1608) und San Felipe mit einer Biblio - thek; die Paläste des Gouverneurs und des Bischofs auf der Plaza de las Armas, auf welcher die Marmorstatue Ferdinand’s VII. steht; das Gefängniss, die Börse, das Zollamt und das Arillerie-Arsenal. Vier Theater, von welchen das Theater Tacon eines der grössten und184Die atlantische Küste von Amerika.schönsten der Erde ist, sorgen für die geistige Unterhaltung, eine grosse Stiergefechtarena an der Ostseite des Hafens für die Befriedi - gung der spanischen Nationalleidenschaft.
Die Ausflüge in die Umgebung Habanas sind sehr lohnend: namentlich Chorrera und Guanabacoa, letzteres ein Seebad am Ende der Bucht Marimelena sind sehr beliebt. Nebst Eisenbahnen und Tram - ways vermitteln die in grosser Menge vorhandenen Volantes (landes - übliche einspännige Fuhrwerke nach Art der englischen Cabriolets) den Verkehr.
Die sanitären Zustände, welche ehedem des gelben Fiebers wegen berüchtigt waren, haben sich dank den zweckmässigen und energisch durchgeführten polizeilichen Massregeln bedeutend gebessert. In den Wintermonaten hat Habana das lieblichste mildeste Klima. Die heisse ungesunde Jahreszeit bringen die reichen Leute Habanas in Regla zu, welches als im östlichen Theile des Hafens von Habana auf der Landzunge zwischen den Buchten Marimelena und Guasabacoa gelegen, eigentlich als Vorstadt Habanas betrachtet werden kann; auf den Hügeln, welche sich nordöstlich von Regla bis Guasabacoa er - heben, liegen zahlreiche Landhäuser zerstreut.
Aber Habana hat auch seine sociale Frage. In den letzten Jahren sind Tausende nach Habana geströmt, um hier Verdienst zu suchen, und nur ein Theil hat einen solchen gefunden. Die Noth in diesen Schichten ist, dass hier der männliche Arbeiter den weiblichen in Stellungen ersetzt, welche dieser in Spanien unbestritten einnimmt.
Habana ist der wichtigste Handelsplatz von Cuba, denn gut angebaut und ziemlich dicht bevölkert ist nur der Westen der Insel. Habana ist daher auch Ausgangspunkt des grössten Theiles der 1600 km Eisenbahnen der Insel Cuba, welche nach Westen bis Pinal de Rio, nach Südosten über Guines, Santa Clara und Puerto Principe bis Santiago reichen und Zweigbahnen zu den wichtigsten Häfen der Insel und zu den Culturcentren des Innern entsenden. Aber auch die günstige Lage dieses Hafens im Verhältnisse zu den Ver - einigten Staaten sichert Habana sein heutiges Uebergewicht gegen - über den anderen Plätzen der Insel.
Hier gibt auch die Cigarrenindustrie Tausenden von fleissigen und geschickten Creolen und einigen hundert Deutschen eine lohnende und gesunde Beschäftigung. Ein geschickter Arbeiter erhält für 1000 Stück feiner Cigarren 20 — 40 Dollars Lohn. Die feinen für den Export bestimmten Cigarren werden fast nur in Habana erzeugt. Aber die Union hat die schon früher hohen Cigarrenzölle durch die Mac185Westindische Häfen.Kinley-Bill neuerdings in die Höhe geschraubt und wird dadurch eine vermehrte Auswanderung von Habaneser Cigarrenarbeitern nach ihren Key West oder einen Tarifvertrag erzwingen, der seinen Artikeln einen vermehrten Absatz auf Cuba sichert. — Die Amerikaner haben ohnedies schon die Insel commerziell annectirt, da ein grosser Theil des Handels von Cuba mit Europa über New-York geht.
Die Vereinigten Staaten kaufen 80 — 90 % der Zuckerernte von Cuba und über Habana geht etwa ein Fünftel der gesammten Ausfuhr des Zuckers, so 1888 1,436.000 q Zucker und 284.597 hl Melasse, 1887 1,754.000 q Zucker und 218.208 hl Melasse.
Habana ist wegen seiner Lage der einzige Ausfuhrhafen der Insel für Habanatabake und für die hier erzeugten feinen Cigarren. Es wurden von Blätter - tabak 1888 182.636 Ballen, 1887 175.364 Ballen ausgeführt. Habanatabak wird nicht nach dem Gewichte, sondern nach Ballen gehandelt, die nach der Qualität eine wechselnde Anzahl von Blättern enthalten. Das Gewicht der Ballen schwankt daher nach der Güte zwischen 4 und 7 Arroben (46 — 80·5 kg).
Von Cigarren wurden 1888 219,892.000, 1887 162,743.000, von Cigaretten 1888 26,721.232 Päckchen exportirt.
Der weitaus grösste Theil der Ausfuhr geht zunächst nach New-York und Santander und erst von dort aus werden England und Deutschland versorgt; Frankreich dagegen bezieht direct von Habana.
Ueber Habana werden ferner ausgeführt Honig, Wachs und Rum, letzterer nach Spanien und dem romanischen Amerika.
Die Einfuhr umfasst zunächst Industrieerzeugnisse aller Gattungen, welche die Staaten Europas und die Union hieher bringen. Unter den europäischen Staaten hat Spanien England überflügelt. Es folgen Deutschland und Frankreich an der Einfuhr.
Grosse Werthe umfasst die Einfuhr von Nahrungs - und Genussmitteln. Habana importirte 1888 112.000 q, 1887 124.100 q getrocknetes Fleisch aus Südamerika, 1888 25.000 q Stockfische aus Norwegen und Britisch-Amerika, 1888 89.000 q Speck aus der Union, 1888 257.000 q, 1887 235.800 q Mehl aus der Union und Spanien und 1888 416.000 q, 1887 449.000 q Reis aus Ostindien über England.
In der Einfuhr von Steinkohlen (1888 1·5 Mill. q) hat die Union bereits England überflügelt.
Der Schiffsverkehr von Habana betrug 1888 1417 Dampfer mit 2,248.888 t, 762 Segler mit 347 619 t, zusammen 2179 Schiffe mit 2,596.507 t, 1887 im Einlauf allein 1068 Schiffe mit 1,351.732 t.
Besonders wichtig sind die spanische und die amerikanische Flagge, ihnen folgen britische, französische und deutsche Schiffe.
Regelmässige Dampfschiffsverbindungen unterhalten mit Europa die Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actiengesellschaft, Fahrzeit 26 Tage von Ham - burg (Hamburg — Vera-Cruz), die Cie. Générale transatlantique, Fahrzeit 16 Tage von Bordeaux, 18 Tage von St. Nazaire (St. Nazaire Vera-Cruz und Hâvre — Bor - deaux — Vera-Cruz), die Compania transatlantica, Fahrzeit 18 Tage von Cadix (Santander — Cadix — Vera-Cruz — Colon); die amerikanischen Linien gehen von New - York und Tampa aus.
Die Seehäfen des Weltverkehrs. II. Band. 24186Die atlantische Küste von Amerika.Die kürzeste Postverbindung bildet die Linie Bremerhaven — New-York zu Schiff, New-York — Tampa mit der Eisenbahn und Tampa — Habana (2 Tage) zu Schiff, zusammen 14 Tage.
Habana steht durch Kabel mit Florida und Vera-Cruz in telegraphischer Verbindung.
In Habana haben Consulate: Belgien, Brasilien, China (G. -C. ), Columbia, Costarica, Dänemark, Deutsches Reich, Dominikanische Republik (G. -C. ), Ecuador, Frankreich (G. -C. ), Griechenland, Grossbritannien (G. -C. ), Guatemala, Haïti, Hon - duras (G. -C. ), Italien, Mexico (G. -C. ), Niederlande, Oesterreich-Ungarn (G. -C. ), Peru, Portugal, Russland, Schweden und Norwegen (G. -C. ), Uruguay, Venezuela, Vereinigte Staaten (G. -C. ), Württemberg.
Ausser Habana haben wegen der grossen Längenausdehnung von Cuba noch eine Reihe anderer Häfen als Ausfuhrplätze Be - deutung.
Matanzas liegt im Osten von Habana an der Floridastrasse und hat 88.000 Einwohner. Die Stadt steht durch eine Bahn in directer Verbindung mit Habana, ebenso mit dem Hinterlande; sie ist Gouvernements-Hauptstadt, Sitz mehrerer Behörden sowie eines Handels - gerichtes; Matanzas besteht aus regelmässigen, schönen Strassen, be - sitzt mehrere schöne Gebäude und zahlreiche industrielle Etablisse - ments. Matanzas exportirt fast ebensoviel Zucker und Melasse wie Habana, und zwar nach den Vereinigten Staaten.
Weiter nach Osten haben wir zwei wichtige Ausfuhrplätze für Zucker, Cardenas an der Nordküste, Cienfuegos mit 66.000 Einwohnern und Trinidad de Cuba an der Südküste. Im Südosten der Insel hebt sich von dem Hintergrunde einer prachtvollen Bai amphitheatralisch die ehemalige Hauptstadt der Insel, Santiago de Cuba. Sie wurde 1514 gegründet, zählt 74.000 Einwohner und ist Departements-Hauptstadt sowie Sitz eines Erzbischofs. Die Stadt selbst bietet keine besonderen Sehenswürdigkeiten und gilt für sehr unge - sund, woran die die Stadt umgebenden Lagunen zumeist die Schuld tragen dürften. Die industrielle Thätigkeit in Santiago ist bemerkens - werth und im Aufschwunge begriffen; man zählt mehrere Cigarren - fabriken, Kerzenfabriken, Eisengiessereien und Maschinenfabriken.
Die Ausfuhr von Santiago zeigt unter allen Plätzen der Insel die grösste Mannigfaltigkeit, denn hier finden wir neben Zucker (1889 372.000 q) und Rum auch Kaffee (10.000 q) und Cacao (10.400 q).
Santiago ist Ausfuhrplatz guter Cubatabake, bedeutender Mengen von Cedernholz, aus denen Bleistifthülsen und Cigarrenkistchen gemacht werden, und von Mahagoni.
Die Eisenerze (1889 248.480 t) aus den Minen „ The Juragua Iron Co. “, einem amerikanischen Unternehmen, enthalten 64 % metallisches Eisen und werden ebenso wie Manganerze in steigenden Mengen nach der Union eingeführt. Die187Westindische Häfen.Einfuhr von Santiago umfasst dieselben Gegenstände wie die von Habana. Der Schiffsverkehr erreichte 1889 377 Schiffe mit 432.832 T.
Nennenswerthe Ausfuhrhäfen in der Nähe von Santiago sind Guantánamo, Manzanillo und Baracoa, von welch letzterem Hafen um drei Millionen Gulden Bananen verschifft werden.
90 Meilen südlich von Cuba und circa 100 Meilen westlich von Haïti erhebt sich Jamaica, die grösste der britischen Inseln West - indiens, in massigen Formen aus den azurblauen Fluten des karaibi - schen Meeres.
Schon ihr Name, welcher vom indianischen „ Janahica “, d. h. bewaldet und gut bewässert, abstammt, deutet uns den Charakter der Insel als eines grösstentheils von tropischem Urwald bedeckten, von zahlreichen Wasserläufen durchzogenen Gebirgslandes an; Ebenen sind nur in geringem Masse und diese durchwegs auf der Südseite der Insel zu finden. Die „ Blauen Berge “, welche die Insel von West nach Ost in mehreren Ketten durchziehen, erheben sich im östlichen Theile der Insel, welche ein Areale von 10. 859·4 km2 hat, in com - pacten Formen bis zu 2236 m Höhe; die höchsten Spitzen dieser Berge verschwinden oft in den von den dunstschwangeren Passat - winden angehäuften Wolkenbänken. An der Nordseite der Insel fällt das Gebirge steil zur See ab; dieser Configuration entsprechend ver - läuft die Nordküste frei von Untiefen und Riffen, aber auch weniger gut entwickelt. Die südliche Seite der Insel ist dagegen mehr flach oder hügelig, von mehreren Buchten eingeschnitten und reich an Häfen, welche jedoch wegen der dieser Küste fast in ihrer ganzen Ausdeh - nung, mitunter bis weit in See, vorliegenden Schiffahrtshindernisse zumeist schwierig anzulaufen sind.
Jamaica wurde von Columbus am 3. Mai 1494 auf seiner zweiten Reise entdeckt; damals soll die Insel an 100.000 friedliche Einwohner gezählt haben. 1510 nahmen die Spanier Besitz von der Insel, sie wurde von ihnen Santiago genannt. Die Geschichte der bis 1655 währenden Herrschaft der Spanier ist mit der Ausrottung der Eingeborenen, Einführung von Negersclaven und häufigen Kriegen mit den Engländern ausgefüllt.
Am 5. Mai 1655 bemächtigten sich unter Cromwell’s Regierung die Eng - länder unter Admiral Penn und General Venables, welche Haïti vergeblich angegriffen hatten, Jamaicas, ohne dabei einem nennenswerthen Widerstande zu begegnen. Zwei Jahre später versuchten die Spanier unter Gouverneur Sasi mit 1500 Mann von Haïti aus die Insel wiederzuerobern, wurden jedoch zurückge - schlagen.
24*188Die atlantische Küste von Amerika.Dieser Wiedereroberungsversuch sollte jedoch für die spanischen Colonisten Jamaicas, welche man, wohl nicht mit Unrecht, des Einverständnisses mit den Spaniern beschuldigte, weiters aber auch für die neuen Herren der Insel böse Folgen haben. Es wurden nämlich alle spanischen Colonisten von der Insel ver - trieben: die von ihnen zurückgelassenen und der Freiheit wiedergegebenen Neger - sclaven zogen sich in die Blauen Berge, verwilderten daselbst vollständig und waren von nun an eine dauernde Calamität für Jamaica, indem sie nicht nur der Ausbreitung der Cultur in das Innere der Insel fast unbezwingliche Hindernisse entgegensetzten, sondern nur zu häufig ihre räuberischen Streifzüge auch auf die tiefer gelegenen Territorien ausdehnten.
Fast ein Jahrhundert dauerten die Kämpfe und Unterhandlungen mit diesen unter dem Namen Maroons bezeichneten Negern, ohne gegen die in den undurch - dringlichen Wildnissen hausenden und mit all den wilden Instincten ihrer Race kämpfenden Stämme dauernde Erfolge erreichen zu können. Selbst das im Anfang des XVIII. Jahrhunderts angewandte Auskunftsmittel, zur Bekämpfung der Maroon - Neger kriegerische Indianerstämme von der Mosquitoküste anzuwerben, hatte nicht den Erfolg, den man sich von dieser eigenthümlichen Bundesgenossenschaft versprach.
Erst im Jahre 1738 gelang es, die Maroons zur Unterwerfung und fried - lichen Ansiedlung zu bringen. An den erfolgreichen Kämpfen, welche dieser Ca - pitulation vorhergingen, hatten die Schweisshunde, welche man nach cubanischem Beispiel zur Aufspürung und Verfolgung der Neger verwendete, hervorragenden Antheil genommen. 56 Jahre später erhoben sich die Maroons wieder, zogen sich wie früher in die Wälder und Schluchten des Hochgebirges zurück und nahmen ihr räuberisches Metier wieder auf. Mit Hilfe der neuerdings importirten Schweiss - hunde aus Cuba gelang es jedoch, diesmal bald des Aufstandes Herr zu werden. Die Maroons wurden nun nach ihrer Unterwerfung zum grössten Theile nach Sierra Leone deportirt; doch soll es noch in der Gegenwart auf der Insel Ab - kömmlinge der Maroons geben.
Die Geschichte Jamaicas erzählt uns weiter von einer Reihe von Sclaven - aufständen; der blutigste derselben fällt in das Jahr 1831, kurz vor Aufhebung der Sclaverei. Mit der 1838 perfect gewordenen Sclaven-Emancipation hörten wohl naturgemäss diese Empörungen auf; doch brach noch im Jahre 1865 im östlichen Theile der Insel ein Aufstand der Farbigen aus, welcher erst nach blutiger Gegen - wehr unterdrückt wurde.
Auch von aussen her war Jamaica oftmals bedroht. 1694 griff der franzö - siche Admiral du Casse Jamaica an der Südküste an, wurde jedoch, als er in Carliste Bay landen wollte, zurückgeschlagen. Von einer im Jahre 1782 von den Franzosen und Spaniern gemeinsam und mit grossen Mitteln geplanten Invasion wurde Jamaica durch den ewig denkwürdigen Sieg des englischen Admirals Rodney über die Flotte des französischen Admirals De Grasse in den Gewässern von Do - minica bewahrt. Die dankbaren Colonisten Jamaicas errichteten Rodney in Spanish Town, der damaligen Residenzstadt der Insel, eine Marmorstatue, von wo selbe später nach Kingston übertragen wurde.
Jamaica ist überaus fruchtbar und fast durchgehends bewachsen. Seine Wälder liefern vorzügliche Bau -, Luxus - und Farbhölzer; die Ebenen, die zahlreichen, wenn auch engen Thäler und das hügelige189Westindische Häfen.Land im Süden und Westen der Insel eignen sich vorzüglich zum Plantagenbau und bringen alle tropischen Culturgewächse hervor.
Vorzüglich werden Zuckerrohr, Kaffee, Piment, Ingwer, Cacao, Indigo, Tabak, Früchte und Gemüse und neuerer Zeit auch der China - rindenbaum und Thee angebaut. Bezeichnend für die Freigebigkeit, mit welcher die Natur auf Jamaica die Arbeit des Ackerbaues lohnt, und für die Leichtigkeit des Lebenserwerbes auf dieser Insel ist ein daselbst landläufiges Axiom, „ dass dort 30 Arbeitstage im Jahre auf einer Grundfläche von 1 Acre genügen, um eine Familie zu ernähren, und auch noch überschüssige Werthe von 10 — 30 ₤ zu erzeugen “.
Der ausserordentliche Bodenreichthum Jamaicas, seine Grösse und seine günstige Lage zwischen den Antillen einerseits, und den Reichen des centralamerikanischen und südamerikanischen Continents andererseits, würden zu der Annahme berechtigen, als wäre Jamaica eine der reichsten und blühendsten Colonien Westindiens.
Dies ist jedoch keineswegs der Fall; vielmehr ist Jamaica von der hohen Stufe des Wohlstandes, auf welcher sich allerdings die Colonie im Laufe des vorigen und noch im ersten Drittel unseres Jahr - hunderts, ungeachtet der ewigen Kämpfe mit den Maroons, der äusseren Verwicklungen und der häufigen Verwüstungen durch Erdbeben und Orkane, erhoben hatte, tief gesunken. Von den 2,318.000 Acres anbau - fähigen Bodens sind kaum 600.000 Acres Land ausgenützt und hievon kaum der fünfte Theil wirklich bebaut; der grössere Theil des obigen Areals ist nur als Weideland unter Cultur. Und 1787, im Jahre der höchsten Blüthe Jamaicas, waren 1,059.000 Acres unter Cultur und wurden von 210.894 Sclaven bewirthschaftet.
Wie allerwärts auf den westindischen Colonien, sind auch auf Jamaica die Ursachen dieses betrübenden Niederganges der einst so reichen und blühenden Colonie vorzüglich in den Folgen der Aufhebung der Sclaverei zu finden. Aber auf keiner der Antillen war die Wir - kung eine so vernichtende, wie auf Jamaica. Es findet dies seine Er - klärung in dem ausserordentlichen Missverhältniss, in welchem auf dieser Insel die weisse Bevölkerung gegenüber der farbigen zur Zeit der Aufhebung der Sclaverei stand und heute noch steht. Von den 624.000 Einwohnern Jamaicas sind nur 16.418 Weisse, 108.400 Mulatten, 487.386 Neger, 13.000 Coulies (Indier und Yucateken), die auf fünf Jahre contractlich als Arbeiter gebunden sind. Allgemein wird englisch gesprochen.
Es fehlt Jamaica also nicht an Menschen, aber an Arbeitskräften; denn den Haupttheil der Bevölkerung bilden Neger, und der freie190Die atlantische Küste von Amerika.Neger arbeitet in dem Lande, wo er geboren ist, nicht mehr, als ihm eben gutdünkt. Er erhält auf Jamaica für den Tag 1 sh bis 1 sh 6 d Lohn, seine Leistung ist aber höchstens 6 d werth.
Es zeigt sich wohl in den letzten Jahren ein allmäliger Auf - schwung, den die Fürsorge der Regierung und die strenge Hand - habung der Ordnung mit sich gebracht hat. Aber die hier entschei - denden Elemente, die Pflanzer, hängen zu sehr an den alten Ideen, ihnen stecken noch immer die Zeiten der alten, mühelosen Sclavenwirth - schaft im Kopfe. Das Land ist vor allem capitalarm, und Alles dreht sich um kleine Verhältnisse. Da kann nur das Mutterland eingreifen, wie durch Erbauung von Eisenbahnen, von denen heute 108 km in Be - trieb, die von dem Hauptorte Kingston nach Westen und Norden vordringen.
Von grossem Werthe ist ferner der 1872 begonnene und nach vier Jahren vollendete Bewässerungscanal, welcher 49 km lang ist und die Fluten des Rio Cobre über die Ebene von St. Catherine ver - zweigt. Dieser Canal versorgt auch die ehemalige Hauptstadt Jamaicas, Spanish Town, mit Wasser.
Von den zumeist an der Südküste befindlichen Häfen und Küsten - orten Jamaicas nimmt nur Kingston, die Hauptstadt der Insel, und das benachbarte Port Royal unser Interesse in Anspruch. Kingston liegt, wie unser Plan zeigt, an einem über 7 Seemeilen von Ost nach West langen und 1½ bis 2 Seemeilen breiten Hafen, welcher durch eine schmale, niedrige und sandige, beiläufig West gerichtete Land - zunge, die Palisados, gebildet wird. Die Palisados sind mit niedrigem Mangrovegebüsch bedeckt und theilweise mit Cocospalmen bepflanzt; nahe an ihrem westlichen Ende liegt die Stadt Port Royal, ehemals die bedeutendste Handelsstadt der Insel.
Aus den Zeiten, da England durch die unaufhörlichen Kriege mit Frankreich und Spanien und der Maroonkriege wegen genöthigt war, beträchtliche See - und Landstreitkräfte in Westindien zu halten, deren Hauptstation Port Royal war, haben sich die Palisados eine traurige Berühmtheit als Grabstätte für zahllose brave Seeleute und Soldaten, welche vom gelben Fieber hinweggerafft wurden, bewahrt.
Port Royal, früher Cagway geheissen, ist heutzutage nur mehr als Hauptstation der englischen Flottenabtheilung in Westindien von Bedeutung; es befindet sich hier ein Seearsenal, ein Marine - und ein Militärspital; südwestlich ausserhalb der Stadt, nahe der äussersten Spitze der Palisados, steht das an seiner röthlichen Farbe schon von191Westindische Häfen.weitem kenntliche Fort Charles in einer beide Zufahrten zum Hafen beherrschenden Position.
Der Hafen von Kingston ist sehr geräumig und gegen See - gang vollkommen geschützt. Die Stadt, welche sich unmittelbar vom Ufer aus an einem sanften Bergabhang amphitheatralisch hinaufzieht, bietet dem Auge nichts Bemerkenswerthes, erhält aber durch die landschaftliche Umgebung, insbesondere durch die schroff aufsteigenden Gebirgsstöcke im Hintergrunde ein imposantes und sehr malerisches Relief.
Die Strassen der Stadt, deren Einwohnerzahl mit 40.000 ange - nommen werden kann, sind nach amerikanischer Art schnurgerade, schneiden sich unter rechten Winkeln und fallen dem aus Südamerika kommenden Reisenden durch ihre Sauberkeit auf; mit Maulthieren be - spannte Tramwägen erleichtern den Verkehr. Die weisse Bevölkerung besteht aus englischen Kaufleuten, englischen Beamten und englischen Soldaten; sonst sieht man nur Mulatten und Neger. Nur die besseren Gebäude sind aus dunkelrothen Ziegelsteinen aufgeführt. Von hervor - ragenden Gebäuden sind nur die englische Kirche, ein weitläufiger Bau mit einem schönen Thurme und dem Grabe des berühmten Ad - mirals Benbow, und das Gefangenhaus zu erwähnen; bemerkenswerth ist noch die früher erwähnte Statue des Admirals Rodney am Lan - dungsplatze. Hinter der Stadt breitet sich der keiner grösseren eng - glischen Colonialstadt fehlende Rennplatz, zugleich cricket-ground, Paradeplatz etc., aus.
Kingston wird seines milden Winterklimas und seiner ange - nehmen gesellschaftlichen Verhältnisse wegen im Winter gerne aufgesucht.
In der heissen Jahreszeit tritt in Kingston häufig das gelbe Fieber auf. Die höheren Regionen der Insel haben natürlich ein kühleres und gesundes Klima. Regenzeiten gibt es auf Jamaica jährlich zwei; die erste und hauptsächliche beginnt im October und dauert bis December oder Januar; die zweite, schwächer und von geringerer Dauer, tritt im Mai ein.
In der Umgebung von Kingston könnte man sich in einen der Villenorte bei London versetzt fühlen; ein Landsitz reiht sich an den andern, und wie in England sind die Besitzungen durch lebende Zäune abgegrenzt, doch sind dies hier Cactushecken.
Ein Ausflug mit der Bahn nach Spanish Town ist sehr lohnend; diese ehemalige Residenzstadt besitzt viele schöne Gebäude, worunter eine grosse alte Kirche am Kings Square sehenswerth ist. Wer die kleinen Strapazen eines Ausfluges in das Gebirge, wie z. B. nach192Die atlantische Küste von Amerika.Newcastle, nicht scheut, wird durch die grossartigsten Naturscenerien in den wildromantischen, von Gebirgsbächen durchzogenen und von einer Alles überwuchernden tropischen Vegetation erfüllten Thälern und Schluchten reichliche Entschädigung finden.
A Hafen von Kingston, B Zollamt, C Park de Gardens, D Rennplatz, E Steinbrüche, F Leuchtfeuer, G Salzseen, H Asyl für Leporose, J Signalstation.
Ungefähr je 45 % entfallen auf den Verkehr mit England und den Ver - einigten Staaten; auch der Verkehr mit Canada ist wichtig. Die Hauptartikel der Ausfuhr sind seit einigen Jahren Hölzer, von denen seit 1883 immer grössere Mengen ausgeführt werden, so 1888 / 89 115.454 t (Werth 375.226 ₤). Ihnen reihen sich an Kaffee (1889 43.000 q, 1888 50.310 q), Zucker (1889 164.200 q, 1888 249.570 q) und Rum (1889 62.470 hl, 1887 126.820 hl).
Auf Rum ist in Jamaica eine sehr hohe Verbrauchssteuer gelegt, und von einem älteren Jahrgange kostet die Flasche schon auf Jamaica 2 — 4 fl.
Seit einigen Jahren sind Bananen (1889 Werth 252.115 ₤) und Orangen (1889 35 Millionen Stück) und Cocosnüsse, welche in die Union gehen, wichtige Ausfuhrartikel und werden unzweifelhaft bald die erste Stelle einnehmen. Zu nennen sind noch Ingwer und Piment.
193Westindische Häfen.Den Haupttheil der Einfuhr bilden auf Jamaica wie auf den anderen westindischen Inseln Nahrungs - und Genussmittel, unter denen Mehl und Fleisch aus der Union und Fische aus Canada besonders wichtig sind. Von Erzeugnissen der Industrie sind zu nennen Baumwollwaaren (1889 Werth 244.813 ₤), Schuh - waaren (30.330 Dutzend), Kurzwaaren, Seife und Wollwaaren. Baumaterialien und Kohlen (1889 450.000 q) sind ebenfalls wichtig.
Der Schiffsverkehr von Jamaica erreichte ohne den Küstenverkehr 1889 1,074.889 t, 1888 1,084.657 t; 1889 entfielen auf Dampfer 823.754 t, auf Segler 231.135 t. Wir bemerken, dass in Jamaica das Finanzjahr am 30. September endet. Die meisten Schiffe führten die englische Flagge.
Jamaica, beziehungsweise Kingston steht mit Southampton durch die Dampfer der Royal-Mail-Steam-Packet-Company alle 14 Tage (4702 Seemeilen, Fahrzeit 18 Tage) und mit Liverpool durch die Dampfer der West-India und Pa - cific-Steamship Comp. einmal im Monate in Verbindung; die Royal-Mail geht weiter nach Colon und Savanilla, die West-India nach New-Orleans. Die Nord - küste von Jamaica hat regelmässige Verbindungen mit Tampa und New-York. Ein - mal in der Woche macht von Kingston aus ein Dampfer eine Tour rund um die Insel.
Jamaica ist ein wichtiger Knotenpunkt des Telegraphennetzes von Westindien. Kabel gehen nach Cuba, Charleston, Portorico und Colon-Aspinwall.
Die Colonialbank ist die einzige Privatbank von Jamaica.
In Kingston unterhalten Consulate: Belgien, Chile, Columbia, Costarica, Dänemark, Dominikanische Republik, Ecuador, Frankreich, Guatemala, Haïti (G. -C. ), Honduras (G. -C. ), Italien, Niederlande, Oesterreich-Ungarn, Peru, Salvador, Schweden und Norwegen, Spanien, Venezuela, Vereinigte Staaten von Amerika.
Im Verlaufe unserer Schilderung der Antillen haben wir mehr - fach wahrnehmen müssen, wie diese Inseln trotz aller Begünstigungen, welche ihnen die Natur in reichstem Masse hat zu Theil werden lassen, unter der Ungunst der Zeiten von ihrem einstigen Wohlstande herab - gekommen sind.
Am crassesten ist diese bedauerliche Erscheinung auf Haïti, der zweitgrössten und einst blühendsten Insel Westindiens, der einzigen, welcher es durch eine eigenthümliche Verkettung der Umstände gelun - gen ist, sich die staatliche Selbständigkeit zu erringen, zu Tage getreten.
Die Insel Haïti, deren Name indianisch „ Gebirgsland “bedeutet, begreift zwei Staaten in sich, die kleinere Republik Haïti im Westen und die „ Republica Dominicana “im Osten. Die Bevöl - kerung ist sehr ungleich vertheilt; von den 1,377.000 Einwohnern, welche die Insel haben soll, entfallen etwa 960.000 auf den kleinerenDie Seehäfen des Weltverkehrs. II. Band. 25194Die atlantische Küste von Amerika.Staat Haïti, der nur 28.676 km2 umfasst, und nur 417.000 Einwohner auf die 45.000 km2 grosse Dominikanische Republik.
In beiden Republiken bilden die Weissen nur einen kleinen Bruchtheil der Bevölkerung. Die Hauptmasse bilden in Haïti die fran - zösisch redenden Neger, welche sich hier so als Herren der Schöpfung fühlen, dass in diesem Gemeinwesen nach § 7 der Verfassung die Weissen weder ein öffentliches Amt bekleiden, noch ein Stimmrecht ausüben, noch Grundbesitz erwerben dürfen. Die Dominikanische Republik ist ein Mulattenstaat, doch bilden die Weissen ein Zehntel der Bevölkerung, und neuere Reisende berichten, dass sich gerade im Innern des Staates zahlreiche Weisse und helle Mischlinge finden. Da Santo Domingo bis in unser Jahrhundert zu Spanien gehörte, so ist hier das Spanische Landessprache.
Die Geschichte Haïtis wird bis zum Jahre 1844, in welchem erst dauernd die Trennung in zwei Staaten erfolgte, am besten gemeinsam für beide Landes - theile betrachtet.
Nachdem Columbus auf seiner ersten Reise, und zwar am 3. December 1492 die Insel entdeckt hatte, erfolgte bald darauf die Gründung von mehreren Städten auf derselben, zuerst jene von San Domingo, welche Stadt überhaupt die älteste spanische Niederlassung im neuen Welttheile war. Columbus nannte die Insel Espanola, aus dem man später Hispaniola machte. Schon 1505 begann die Einfuhr von Negersclaven, nachdem um diese Zeit schon ein grosser Theil der eingeborenen Indianer infolge grausamer Behandlung durch die Weissen dahingestorben war.
Die Alleinherrschaft der Spanier auf der Insel dauerte bis 1630, in welchem Jahre französische Flibustier von Tortuga aus sich auf Haïti festsetzten. Diese kühnen Freibeuter, welche sich auch Bucaneers nannten, trieben als Hauptbe - schäftigung das Abfangen und Ausplündern der spanischen Silberflotten. Nach und nach besetzten sie den ganzen westlichen Theil der Insel; die französische Regie - rung bewog sie, eine geordnete Niederlassung zu bilden, und im Ryswicker Frieden (1679) wurde diese als französische Colonie anerkannt. Sie gelangte bald zu hoher Blüthe und konnte als die reichste der westindischen Colonien angesehen werden.
Da kam die französische Revolution und damit eine ganz neue Ordnung der Verhältnisse. Die Schlagworte „ Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit “drangen über den Ocean, und am 23. August 1791 erhoben sich die Negersclaven, welche Gleichstellung mit den Weissen verlangten. Unter den gräulichsten Verwüstungen und Blutthaten verbreitete sich in den folgenden Jahren der Aufstand, welcher mit der Ermordung oder Vertreibung fast aller Weissen endete, über die ganze Insel. Die vom französischen Nationalconvent zur Herstellung der Ordnung ent - sendeten Commissäre waren machtlos gegenüber den mit elementarer Gewalt sich vollziehenden Ereignissen, hielten es überdies vielmehr mit den Aufständischen als mit den Weissen, welche zumeist royalistischer Gesinnung verdächtig waren. Ja, als 1793 die Engländer und Spanier vereint die Insel angriffen, wurde Toussaint l’Ouverture, der Führer der Insurgenten, vom Directorium zum Obergeneral der ver - einigten Negertruppen und Franzosen ernannt. Der spanische Theil der Insel195Westindische Häfen.musste 1795 an Frankreich überlassen werden; 1798 gelang es Toussaint, die besten Streitkräfte der Engländer von der Insel zu vertreiben.
Nach diesen Erfolgen strebte Toussaint sich von Frankreich unabhängig zu machen und gab der Insel eine republikanische Verfassung, in welcher ihm die Präsidentschaft auf Lebenszeit zufiel. Bonaparte entsandte 1801 ein Heer von 25.000 Mann unter General Leclerc, um Haïti wieder zu unterwerfen und die Sclaverei wieder herzustellen; es gelang zwar den Franzosen, nach einigen mili - tärischen Erfolgen Toussaint gefangen zu nehmen (er wurde nach Frankreich ge - bracht und starb daselbst 1803), doch brach hierauf im Jahre 1803 der Aufstand unter der Führung des Negergenerals Dessalines von Neuem aus und griff sieg - reich um sich, so dass die Franzosen, welche überdies von einer englischen Flotte bedrängt waren, im November 1803 die Insel räumen mussten. 1804 wurde die Unabhängigkeit der Insel proclamirt; Dessalines, der erste Präsident der Republik, liess sich noch in demselben Jahre zum Kaiser krönen und wirthschaftete nun als grausamer Tyrann im Lande, wurde jedoch schon 1806 ermordet.
Die nun folgenden Ereignisse bis 1844 können wir füglich übergehen; wäh - rend dieses Zeitraumes folgen einander in bunter Reihenfolge blutige Verschwö - rungen, Mordthaten, Revolutionen und Gegenrevolutionen, Spaltungen und Wieder - vereinigung der getrennten Landestheile, in welchen bald die republikanische, bald die monarchische Staatsform herrscht. Bemerkenswerth ist nur, dass der öst - liche Theil der Insel im Jahre 1814 wieder an Spanien kam, 1821 aber sich wieder lossagte und im folgenden Jahre mit dem westlichen Theile unter dem Präsidenten Boyer vereinigt wurde.
Nach dem Tode Boyer’s im Jahre 1844 erfolgte die Scheidung des Landes in die beiden selbständigen Republiken, wie sie dermalen bestehen. In der west - lichen Republik, welche den Namen Haïti beibehielt, blieb bis in die Siebziger - jahre der Bürgerkrieg sozusagen permanent; während der Periode von 1849 bis 1859 führte wieder einmal ein fratzenhaftes Kaiserthum unter dem Neger Sou - louque, welcher sich als Faustinus I. krönen liess und mit unerhörter Grausam - keit und Willkür regierte, ein ephemeres Dasein. Dreimal während dieser Periode, 1849, 1850 und 1855, versuchte es Soulouque, die östliche Nachbarrepublik wieder zu unterwerfen, doch ohne Erfolg. Erst in den letzten zwei Jahrzehnten ist eine gewisse Stabilität in dem Regierungswechsel, doch tobte 1888 und 1889 wieder der Bürgerkrieg mit all seinen Greueln und Folgen in der Republik.
Auch in der Dominikanischen Republik setzte sich nach der Trennung von der Schwesterrepublik das alte Spiel der einander verdrängenden und Aufstände anzettelnden Präsidenten fort.
Im Jahre 1861 versuchten die Spanier, von einer Partei, die eben die Herr - schaft verloren hatte, herbeigerufen, sich wieder im Lande festzusetzen. Nachdem spanische Truppen auf Santo Domingo ausgeschifft worden waren, genehmigte die Königin von Spanien am 19. März 1861 die Annexion der Republik; allein schon 1863 brach ein Aufstand gegen die spanische Herrschaft aus, infolge dessen nach langen Kämpfen 1865 die letzten spanischen Truppen die Insel wieder räumen mussten.
Die ganze neuere Geschichte dieser Insel gibt den Beweis für die Un - fähigkeit der Neger, auch nur eine bereits aufgerichtete Cultur zu erhalten, ge - schweige denn, eine Cultur aufzurichten.
25*196Die atlantische Küste von Amerika.Die Insel Haïti ist sehr gebirgig, alle Ketten streichen von West nach Ost. Der centrale Gebirgszug erhebt sich in Loma Tina, einem südlichen Seitenaste, zu 3140 m. Zwischen dieser Kette und der Sierra Monte Christi an der Nordküste breitet sich die fruchtbare Vega Real aus. Eine dritte Kette durchzieht die südwestliche Halbinsel. Das Klima ist in den Ebenen tropisch, heiss und feucht, wird aber durch die Seebrisen etwas gemildert; auf dem nördlichen Gebirgszuge der Insel herrscht dagegen ein ewiger Frühling. Vom November bis Ende März dauert die grosse trockene Saison; April und Mai bilden die Hauptregenzeit und auf den trockenen Juni und Juli folgt eine zweite kleinere Regenzeit. Unangenehm sind die zahlreichen Gewitter, ge - fährlich die Cyklone, von denen auch Haïti manchmal gestreift wird.
Das Klima ist im Allgemeinen für den Europäer erträglich; thatsächlich kommt das gelbe Fieber auf Haïti seltener vor als auf den benachbarten Inseln Cuba und Portorico. Aber für den Europäer ist im Allgemeinen die Arbeit im Freien in der Sonne in der Zeit von 8 Uhr Morgens bis etwa 5 Uhr Nachmittags völlig ausgeschlossen. Dank der ausserordentlichen Fruchtbarkeit der Insel und der durch die klimatischen Verhältnisse bedingten grossen Mannigfaltigkeit der klimatischen Verhältnisse gedeihen auf Haïti bei geringer Mühe nicht allein tropische und subtropische, sondern auch manche Erzeugnisse der gemässigten Zone. Während die zahlreichen Ebenen sich für den Anbau von Zuckerrohr, Cacao und Baumwolle eignen, wachsen in den Bergen bis zu 1800 m Höhe Kaffee und europäische Gemüse, Aepfel und Pfirsiche, Fichten und Palmen neben einander. Die Küsten zeigen eine ausserordentlich reiche Gliederung und bieten dem Handel zahl - reiche gute Baien und Häfen. Aber die beständigen Unruhen und die Indolenz der Neger lassen keinen Fortschritt erwarten, während der Ackerbau in der Dominikanischen Republik in den letzten Jahren einen bemerkbaren Fortschritt machte.
Und nun gehen wir über zur Betrachtung der wichtigsten Hafen - plätze der beiden Republiken und der besonderen Grundlage des Handels.
Port au Prince, jetzt mit seinem officiellen Namen Port Re - publicain genannt, ist erst 1745 gegründet worden. Port au Prince hat eine schöne Rhede und einen kleinen, aber sicheren Hafen mit 8 — 12 m Tiefe am Nordende der Stadt; die Einfahrt in diesen Hafen wird durch ein unmittelbar aus dem Wasser ragendes Fort vertheidigt. Mehrere andere Forts, alle im schlechten Zustande, beherrschen Stadt und Rhede; unter denselben ist nur Fort Alexandre, im Osten hinter197Westindische Häfen.der Stadt auf einem 100 m hohen Hügel situirt, als sehr markantes Object bemerkenswerth.
Die Stadt, am nördlichen Abhange eines Gebirgsrückens gelegen, welcher sich etwa 20 km südsüdöstlich der Stadt im Princes-Pic zu 1500 m Höhe erhebt, breitet sich unmittelbar am Ufer in einer Aus - dehnung von fast 2 km aus, kann jedoch nur an einem geringen Theile der Uferlänge betreten werden, da das Ufer zum grössten Theile seicht und riffig verlauft. Nördlich und östlich der Stadt erstreckt sich eine
Port au Prince.
weite, von Bergen umschlossene Ebene, der Cul de sac, einst von reichen Plantagen und Landhäusern bedeckt, heute eine wüste, unge - sunde Marschgegend.
Durch seine Lage im Hintergrunde der tief in das Land ein - schneidenden Bai, welche zu beiden Seiten von hohen, schön bewal - deten Gebirgszügen eingerahmt wird und auch nach aussen durch die gleichfalls dicht bewaldete, bis 760 m hohe Insel Gonave einen wir - kungsvollen Abschluss erhält, begünstigt, gewährt Port au Prince einen sehr malerischen und freundlichen Anblick. Aber dieser gute Eindruck verkehrt sich sofort in das Gegentheil, wenn man die Stadt198Die atlantische Küste von Amerika.betritt. Die Strassen, zwar breit und gerade, sind schmutzig und ungepflastert, die Canalisation lässt Alles zu wünschen übrig. Zahl - reiche Ruinen von einst prachtvollen Herrenhäusern geben Zeugniss von der vandalischen Zerstörungswuth, mit welcher hier im Namen der Freiheit gehaust wurde, und von der kläglichen Unfähigkeit und Indolenz der nachgekommenen Geschlechter. Mit Ausnahme des Senats - hauses, eines massigen, aber unschönen Baues, des seinerzeit von den Engländern erbauten Palastes des Präsidenten hinter dem Marsfelde (Place d’armes) und der Statue Pétion’s auf diesem Platze, dann der Wasserleitung fällt keine der Baulichkeiten besonders auf. Die meisten Häuser sind ein -, höchstens zweistöckig und wegen der häufig vor - kommenden Erdbeben zumeist aus Holz gebaut. Erwähnenswerth sind nur noch die katholische Kirche, das Arsenal, das Gefängniss und das Militärspital, letztere beide vielleicht auch wegen der wahr - haft horrenden Zustände, welche in ihnen herrschen.
Port au Prince besitzt wenige schöne mit Bäumen bepflanzte Plätze. Auf der bereits erwähnten Place d’armes sollte eine Ruhmes - halle erbaut werden; der Bau kam aber nicht über den Sockel hinaus und ist nun der Verwitterung preisgegeben.
Port au Prince ist der Sitz der Centralbehörden der Republik, eines Handelstribunales, eines Bischofs und einer Hauptfiliale der „ Bank von Haïti “, welche ihren Sitz in Paris hat und die Aufgabe über - nommen hat, die trostlos zerrütteten Finanzen des Staates zu regeln.
Die Stadt, deren Einwohnerzahl mit 61.000 angegeben wird, besitzt überdies mehrere Unterrichtsanstalten, deren Leistungen aller - dings einen europäischen Massstab nicht vertragen.
Die gewerbliche Thätigkeit ist unbedeutend; der Handel, zwar noch immer lebhaft, ist nur mehr ein Schatten des früheren.
Das ist natürlich, denn 1790 hatte die Gesammtausfuhr Haïtis einen Werth von 74 Millionen Gourdes, 1888 / 89 von 12 Millionen Gourdes, 1887 / 88 von 13·2 Millionen Gourdes.
Davon entfielen 1887 / 88 auf Port au Prince 4,277.108 Gourdes, während sich die Einfuhr auf 2,905.729 Gourdes belief.
Der Stapelartikel Haïtis ist noch immer Kaffee; von diesem wurden 1887 / 88 über unseren Hafen 92.377 q meist nach Hâvre und mindere Sorten direct nach Hamburg ausgeführt.
Der zweite Ausfuhrartikel Haïtis ist Blauholz, in welchem aber Port au Prince keine Rolle spielt. Zu nennen ist noch Cacao 1887 / 88 mit 155.131 kg.
Der Schiffsverkehr umfasste 1889 282 Dampfer mit 483.242 t und 102 Segelschiffe mit 28.380 t, zusammen 384 Schiffe mit 511.622 t, 1888 484 Schiffe mit 563.808 t.
199Westindische Häfen.In Port au Prince unterhalten Consulate: Argentinien, Belgien, Bolivia, Brasilien, Columbia, Dänemark, Deutsches Reich, Dominikanische Republik (G -. C.), Frankreich, Grossbritannien, Guatemala, Honduras, Italien, Liberia (G. -C. ), Mexico, Niederlande, Oesterreich-Ungarn, Peru (G. -C. ), Portugal, Schweden und Norwegen, Uruguay, Venezuela, Vereinigte Staaten von Amerika.
Einfuhr und Ausfuhr von Haïti beherrschen die Franzosen, weil sie den grössten Theil des Kaffees aufnehmen, daher lauten auch die Tratten immer auf Francs und sind in Paris zahlbar, selbst die auf Hamburg gezogenen. Die Fran - zosen unterstützen Haïti als alte Colonie und ein französisch redendes Land. In Port au Prince ist, wie erwähnt, die Hauptniederlassung der „ Banque nationale d’Haïti “, einer anonymen französischen Gesellschaft, deren Sitz Paris ist. Aber schon sind ihnen in der Einfuhr die Deutschen durch das zielbewusste Vorgehen der Hamburger Dampferlinie voraus. Franzosen, Deutsche und Engländer versorgen Haïti mit Industrieartikeln, England mit Reis, die Union mit Mehl, Fleisch und Glaswaaren.
Die regelmässige Dampferverbindung mit Europa unterhalten die Ham - burg-Amerikanische Packetfahrt Actiengesellschaft auf ihren Linien nach Colon (Fahrzeit bis Port au Prince 25 Tage) und Vera-Cruz, die Cie. Générale trans - atlantique auf ihrer Linie Hâvre-Jacmel. Ausserdem bestehen Verbindungen mit Amsterdam, Liverpool, New-York (Atlas-Line, Clyde-Steamship-Cy. und nieder - ländische Postdampfer), New-Orleans und den übrigen Plätzen Westindiens, vor Allem mit Kingston auf Jamaica. Haïti ist in das Welttelegraphennetz auf - genommen.
Nächst Port au Prince ist wichtig Cap Haïtien auf der Nord - küste, einst unter dem Namen Cap Français Hauptstadt der französi - schen Colonie. Es führt aus: Kaffee (1887 / 88 61.000 q) und Cacao, und ist erster Platz der Insel für Blauholz. Ausser diesen sind zu nennen: Aux Cayes, Jacmel, Gonaives und Jérémie (Cacao).
Wie schon erwähnt wurde, sind die Zustände in der Domini - kanischen Republik weit besser als in Haïti. Die Einwohner sind zwar, wie alle Mulatten, träge und sinnlich, aber doch von ehrenhaftem und leutseligem Charakter. Man hasst hier nicht die Fremden, sondern überlässt Einwanderern unentgeltlich Grund und Boden und ertheilt ihnen sofort das Bürgerrecht. Daher finden wir in diesen Staaten englisches, französisches und holländisches Ca - pital investirt.
Die Hauptstadt der Republik und der bedeutendste Handelsplatz derselben, Santo Domingo oder auch Sante Domingo liegt an der Südküste der Insel an der Mündung des Ozama-Flusses, welcher sich nebst anderen drei Flüssen daselbst in eine weite, 10 Seemeilen tief in die Küste einschneidende Bai ergiesst. Die Lage der Stadt ist eine sehr anmuthige; westlich von der Stadt breitet sich eine aus - gedehnte Savannah, amphitheatralich von Hügeln eingerahmt, aus. Auf dieser Seite erheben sich 8 — 10 km von der Küste die ersten200Die atlantische Küste von Amerika.Stufen der Cibao-Kette. Desgleichen erstreckt sich östlich vom Ozama - Fluss eine Ebene 30 — 40 km landeinwärts.
Die Stadt wurde 1496 von Bartholomäus Columbus gegründet; 1586 wurde sie von den Engländern unter Drake erobert und grossen - theils verheert. Der Hafen der Stadt wird durch den Ozama-Fluss selbst gebildet, welcher bis auf 3 Seemeilen von der Mündung eine Tiefe von 3½ — 8 m hat; der Hafen ist eng und kann der der Mün - dung des Flusses vorliegenden Barre wegen, welche bei Ebbe bloss 3·5 m Tiefe hat, nur von Schiffen mittleren Tiefganges, und das nicht ohne zur Einfahrt einen Lootsen zu nehmen, benützt werden. Grössere Schiffe müssen auf der Rhede bleiben, woselbst das Ein - und Aus - schiffen von Waaren grosse Schwierigkeiten macht, ja oft unmöglich ist; auch in nautischer Hinsicht ist die Rhede verrufen und beson - ders zur Zeit der Orkane und vom November bis Mai gefährlich.
Die Stadt ist allseits von einem Wall umgeben; einige verfallene Forts und Bastionen vertheidigen die Einfahrt in den Hafen und die Landseite. Die Strassen sind breit, regelmässig angelegt, aber schmutzig und ungepflastert; die Häuser sind meist gut gebaut; unter ihnen befinden sich viele grössere Gebäude, die noch von der Zeit der spanischen Herrschaft herrühren, aber auch viele Ruinen, die von den Kämpfen der vergangenen Zeiten und von den häufigen Erdbeben Zeugniss ablegen. Sehr sehenswerth ist die auf der Plaza mayor ge - legene, im gothischen Style erbaute Kathedrale mit einer schönen Kuppel, welche die älteste der neuen Welt ist (sie wurde 1514 — 1540 erbaut) und in welcher Columbus’ Gebeine bis 1794 aufbewahrt wurden, in welch letzterem Jahre sie nach Habana überführt wurden. Im Jahre 1877 will man übrigens gelegentlich eines Umbaues in der Kathe - drale in einer Bleicassette die echten Gebeine Colon’s gefunden haben, und man vermuthet, dass die nach Habana überführten einem Verwandten des grossen Entdeckers angehören.
Von sonstigen Gebäuden sind noch erwähnenswerth das Gou - vernementsgebäude, das Arsenal, das ehemalige Jesuitencollegium — jetzt ein Militärmagazin und sehenswerth wegen seines schönen Hochaltars und seiner Kuppel, nebst einer grossen Zahl meist ver - fallener Kirchen.
Santo Domingo, welches 20.000 Einwohner hat, führt vor Allem Zucker aus und steht als Handelsplatz hinter Puerto Plata zurück.
Puerto Plata liegt an der Nordküste und ist Sitz des Gouverne - ments des Norddistrictes. Die Stadt hat einen halbkreisförmigen, ziem - lich unsicheren Hafen von etwa ½ Seemeile Durchmesser. Puerto201Westindische Häfen.Plata, welches dermalen 10.000 Einwohner zählt, wurde im Jahre 1863 während des Aufstandes gegen die spanische Herrschaft fast ganz eingeäschert und konnte sich seither nur mühsam erholen.
Der Handel von Puerto-Plata leidet unter der zunehmenden Concurrenz von Sanchez (Bai von Samaná) an der Ostseite der Insel, von welchem eine 115 km lange Eisenbahn nach La Vega ausgeht, denn die Wege, welche von Puerto-Plata in die Vega Real, den fruchtbarsten Theil des Staates, führen, können selbst die Saumthiere nur dann passiren, wenn es nicht zu lange regnet. Daher vermittelte Puerto-Plata früher die Hälfte, heute nur den dritten Theil des Handels der
San Domingo: A Ankerplatz vor S. Domingo, B Yabacao-Fluss, C Zollamt, D Sta. Barbara-Kirche, E Palais des Präsidenten, F Leuchtfeuer, G Marktplatz, H Kathedrale, J Bastion la Concepcion, K Friedhof, L Remedio-Kirche, M erzbischöfliches Palais, N Congress-Palais. — Port au Prince: O Rhede, P innerer Hafen, Q Zollamt, R Fort Alexander, S Palais des Präsidenten.
Republik. Die Ausfuhr besteht aus Tabak, der geschätzt ist und im Lande von cubanischen Arbeitern zu Cigarren und Cigaretten verarbeitet wird, Kaffee, Maha - goniholz und Cacao. Sie erreichte 1889 898.679 Dollars und geht nach Hamburg, Bremen, Hâvre und Liverpool.
An der Einfuhr von 697.485 Dollars ist neben den genannten Häfen auch New-York betheiligt.
Der auswärtige Schiffsverkehr war 1889 auf 108 Schiffe mit 78.246 Reg. - Tons gesunken.
Puerto-Plata hat auch mehr Dampferverbindungen als Santo Domingo, steht durch vier Dampferlinien mit Europa und Amerika in Verbindung, eine fünfte,Die Seehäfen des Weltverkehrs. II. Band. 26202Die atlantische Küste von Amerika.von der Republik subventionirte amerikanische Dampferlinie verbindet sämmtliche grössere Häfen der Insel untereinander und mit Amerika. Mit England, Nord - amerika, den westindischen Inseln und mit Venezuela ist das Land durch unter - seeische Kabel verbunden; das Telegraphen - und Telephonwesen im Lande ist gut entwickelt.
Portorico, die zweitgrösste der spanischen Inseln Westindiens, schliesst im Osten die Reihe der Grossen Antillen ab. Von Haïti im Westen durch die circa 60 Seemeilen breite Mona-Passage getrennt, erhebt sich die Insel, welche bei ziemlich einfachen Ufercontouren die Gestalt eines Ost-West liegenden Rechteckes und ein Areale von 9620 km2 hat, in einem die ganze Insel ihrer Länge nach durch - ziehenden und nahe dem östlichen Ende im Yunque-Pic seine grösste Höhe von 1120 m erreichenden, wald - und quellenreichen Gebirgsstock zumeist in steilen Abhängen aus der See. Doch finden sich im Innern und stellenweise an der Küste, wo das Hochgebirge ins Land zurück - tritt, weit ausgedehnte Savannen, welche von zahlreichen von den Niederschlägen des Passats gespeisten und oft in herrlichen Wasser - fällen aus den Gebirgsschluchten sich herabstürzenden Flüsschen reich - lich bewässert, an Fruchtbarkeit denen der übrigen Antillen nichts nachgeben.
Die Küsten der Insel sind theils von Klippen, Riffen und Lagunen eingefasst, theils werden sie wie am östlichen Theile der Nordküste unvermittelt von den schroff ins Meer abstürzenden Gebirgsabhängen gebildet, an welchen die vom Nordost-Passate einhergetriebenen mäch - tigen Wogen tosend branden.
Dieser Küstenconfiguration entsprechend hat Portorico nur wenige gute Häfen; San Juan an der Nordküste gilt als der einzige, in welchem grosse Schiffe auch während der Orkausaison sichere Zuflucht finden; nebst diesem können nur noch Guanica und Hovas, die aber als Handelsplätze von keiner Bedeutung sind, als gute Häfen be - zeichnet werden.
In dieser Unzugänglichkeit der Insel mag zum Theile auch die Erklärung für die Thatsache gefunden werden, dass sich die Geschichte Portoricos in verhältnissmässig viel ruhigeren Geleisen bewegt hat, als auf den anderen westindischen Inseln.
Die Besiedlung der Insel, welche am 15. November 1493 von Columbus entdeckt und San Juan Baptista de Puerto Rico benannt wurde, erfolgte erst 1509 von San Domingo aus, und zwar durch Ponce de Leon, den Statthalter einer der spanischen Niederlassungen auf letzterer Insel.
203Westindische Häfen.Die Eingeborenen, deren Zahl für die Zeit der Entdeckung mit circa 600.000 angegeben wird, erfreuten sich im Anfange einer relativen Schonung, erlitten jedoch bald dasselbe Schicksal wie ihre Brüder auf den anderen von den Spaniern in Besitz genommenen Inseln.
Einem kleinen Reste derselben gelang es jedoch, als in der Mitte des XVI. Jahr - hunderts der blutigen Wirren wegen die Insel für längere Zeit von den Spaniern verlassen wurde, sich zu erhalten und, wie wir später sehen werden, ihr Blut bis auf den heutigen Tag, wenn auch nur als Mischung zum weissen, zu vererben.
Gegen Ende des XVI. Jahrhunderts begann die Colonie durch Zuzug von Ansiedlern ziemlichen Aufschwung zu nehmen; bis 1763 war sie aber so ziemlich sich selbst überlassen. Erst von diesem Jahre an begann die spanische Regierung sich für Portorico zu interessiren und erliess in der Folge eine Reihe von Ver - fügungen, insbesondere mit Absicht auf Förderung der Einwanderung und Be - freiung des Handelsverkehres von den drückendsten Fesseln, welche das Prospe - riren der Colonie mächtig förderten, so dass Portorico zu Ende des vorigen und Anfangs dieses Jahrhunderts ähnlich wie Cuba, wenn auch nicht in demselben Masse, eine Periode hohen Wohlstandes zu verzeichnen hatte.
Seither haben sich die ungünstigen Verhältnisse des Weltmarktes für Colonialproducte, welche nebst anderen Umständen auf allen westindischen Inseln eine Bewegung in absteigender Linie verursacht haben, freilich auch auf Porto - rico fühlbar gemacht; allein da letztere Insel sich relativ ruhiger und geordneter innerer Zustände erfreute und auch die erst 1873 erfolgte Aufhebung der Sclaverei, dank dem starken Ueberwiegen der Weissen und Mulatten über die Neger, sich nur wenig fühlbar machen konnte, endlich auch die Bevölkerung sich fortwährend in ziemlich starker Progression vermehrte und noch vermehrt, so trat auch ein eigentlicher Stillstand auf Portorico nicht ein, vielmehr hat sich Production und Handel auch in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts langsam, aber sichtlich erhoben.
Portorico ist seit seiner ersten Besitzergreifung ununterbrochen unter der Herrschaft Spaniens geblieben.
Wohl war die Colonie im XVI., XVII. und XVIII. Jahrhundert mehrmals von Engländern, Franzosen, Holländern und von den Flibustiern angegriffen worden, doch gelang es denselben nie, dauernd festen Fuss auf der Insel zu fassen. Als dann zu Anfang des XVII. Jahrhunderts die Hauptstadt San Juan stark befestigt wurde, wurden die feindlichen Angriffe, welche sich naturgemäss immer gegen diesen Punkt richteten, regelmässig zurückgeschlagen.
Die Bevölkerung Portoricos betrug 1887 813.937 Seelen, was 85 Bewohner auf den Quadratkilometer gibt. Ist sonach schon die Dichtigkeit der Bevölkerung auf Portorico eine weit grössere als auf irgend einer anderen der grossen Antillen, so gestaltet sich dieses Verhältniss noch günstiger, wenn man die Zusammensetzung der Be - völkerung in Betracht zieht; denn mehr als die Hälfte sind Weisse, von dem Reste sind mehr als zwei Drittel Mulatten und kaum ein Drittel Neger. Der von Natur arbeitsscheue Theil der Bevölkerung bildet also hier nur einen kleinen Bruchtheil, wobei bemerkt werden muss, dass auf Portorico die Neger, weil eben durch die Concurrenz an Arbeitskräften26*204Die atlantische Küste von Amerika.die Lebensbedingnisse erschwert sind, sich nolens volens zur Arbeit verstehen müssen.
Interessant ist, dass auf Portorico, wie früher angedeutet, ein Menschenschlag, und zwar in ziemlicher Menge vertreten ist, dessen Abstammung auf eine Vermischung der spanischen Colonisten mit den Ureinwohnern der Insel zurückzuführen ist.
Diese Gibaros, wie sie genannt werden, und die Islenos — letztere Einwanderer von den canarischen Inseln — sind meist kleine Grund - besitzer, Viehzüchter und Feldarbeiter. Ihrem Vorhandensein ist es wohl zu danken, dass auf Portorico eine Masseneinfuhr von Negersclaven nicht erforderlich war, und in weiterer Folge die Sclaven - emancipation keinen so schädlichen Rückschlag in der Production hervorrufen konnte wie beispielsweise auf den englischen Inseln Westindiens.
Die Bodencultur auf Portorico entspricht der Fruchtbarkeit der Insel und dem relativ günstigen Populationsverhältnisse.
Das Klima ist zwar tropisch warm, im Allgemeinen aber ge - sünder als auf den übrigen Antillen.
Portorico bildet mit den benachbarten Inseln Vieques, Culebra, Desechos und Mona ein eigenes Generalcapitanat.
An der Nordküste, beläufig 30 Seemeilen von der Nordostspitze der Insel, liegt San Juan, die Hauptstadt und der Haupthafen Portoricos.
San Juan, vollständiger San Juan de Puerto Rico, wurde, wie erwähnt, im Jahre 1514 gegründet; die Stadt, welche gegenwärtig circa 24.000 Einwohner zählt, steht am westlichen Ende einer bei - läufig 2½ Seemeilen langen WNW gerichteten Felseninsel, der Morro-Insel, welche im Südosten nur durch den sehr schmalen San Antonio-Canal vom Inselland getrennt ist und den nördlichen Ab - schluss der sehr geräumigen und sicheren Bai bildet. Seit September 1889 lässt die Regierung den Hafen vertiefen.
Eine grosse Zahl von Forts und Bastionen haben seiner Zeit San Juan zu einem der festesten Plätze gemacht, aber diese Be - festigungen sind jetzt veraltet.
Der Hafen wird im Westen durch die Cabras-Inseln und die seichten Bänke, welche diese Inseln mit dem Lande verbinden, abge - schlossen; im Süden und Osten wird er durch das hier niedrige und morastige Inselland begrenzt.
Wie unser Kärtchen zeigt, lassen sich innerhalb der grossen Bai, welche den Hafen von San Juan bildet, und deren für Schiffe benützbares Areale durch ausgedehnte Bänke und Lagunen bedeutend205Westindische Häfen.eingeengt wird, zwei eigentliche Häfen unterscheiden: der äussere, welcher durch den von der Einfahrt bis zur Puntilla sich hinziehenden Schiffahrtscanal gebildet wird und welchen zumeist jene Schiffe be - nützen, welche nur kurze Zeit im Hafen verweilen, und der innere, östlich von der Puntilla. Letzterer ist gegen alle Seiten vollkommen geschützt und geniesst überdies den Vortheil des über das niedrige Dünenland östlich der Stadt hinwegstreichenden kühlenden Passats.
A Innerer Hafen, B Zollamt, C Waarenhäuser, D Arsenal, E Anlegeplatz, F Leuchtfeuer, G Gouverne - mentspalast, H St. Helena-Batterie, J Ballaya-Kaserne, K Friedhof, L S. Domingo-Kaserne, M Kathe - drale, N S. Francesco-Kirche, O Marktplatz, P Caguas-Strasse, Q Tierra-Thor, R S. Juan-Thor.
Das Einfahren in den Hafen von San Juan gestaltet sich wegen der vielen und infolge der Schlammablagerungen aus den in die Bucht sich ergiessenden Flüssen variablen Untiefen schwierig; auf der Barre der Hafeneinfahrt bricht sich bei Nordwinden die Brandung mit Mächtigkeit und kann einlaufenden Schiffen gefährlich werden; der Schiffahrtscanal im Hafen ist zwar durch Bojen gekennzeichnet, da dies aber nicht in vollkommen ausreichendem Masse der Fall ist und206Die atlantische Küste von Amerika.infolge des sehr unreinen Wassers die Grenzen des fahrbaren Wassers mit dem Auge nicht erkannt werden können, so ist es nicht rathsam, ohne Lootsen in den inneren Hafen einzulaufen.
Die Stadt San Juan selbst macht einen recht angenehmen Ein - druck; sie besteht aus breiten geraden, unter rechtem Winkel sich kreu - zenden Strassen und gut gebauten, der Orkane wegen aber meist nur einstöckigen, oft auch nur hölzernen Häusern. Für die gewöhnlichen Bedürfnisse der ankommenden Schiffe, wie Kohle, Wasser und Lebens - mittel, ist ausreichend vorgesorgt; für gesellige Unterhaltung dienen zahlreiche Cafés, Casinos und ein in den Jahren 1824 — 1829 erbautes grosses Theater.
Von Gebäuden, welche geeignet wären, die Aufmerksamkeit des Fremden zu fesseln, ist vorzüglich die Kathedrale zu erwähnen, welche drei Schiffe und zwei Reihen seitlicher Kapellen hat; im Ganzen aus Stein erbaut, ist auch dieses Gebäude mit Ausnahme des Theiles über dem Hochaltar mit Holz eingedeckt. Bemerkenswerth sind ferners noch das auf dem grossen Platze stehende Rathhaus mit einem schönen Saale, das Arsenal, das Zollhaus, das Hafencapitanat und verschiedene Regierungsgebäude.
San Juan ist Sitz der Centralbehörden der Colonie; auch resi - dirt ein Bischof hier. In der Stadt herrscht zuweilen Wassermangel, da die Bewohner auf ihre Cisternen angewiesen sind; ausserhalb der Stadt befinden sich jedoch reichlich fliessende Quellen.
Bei dem eigenthümlichen verticalen Baue der Insel, welche ihrer ganzen Länge nach eine Gebirgskette von West nach Ost durchzieht, haben neben San Juan noch eine Reihe anderer Küstenplätze ihre selbständige Handelsbedeutung. Diese sind Arecibo und Aquadilla im Nordwesten, Mayaquez an der Westküste und Ponce an der Südküste, welche Orte neben San Juan von den europäischen Post - dampferlinien angelaufen werden.
An dem Handel von Portorico haben das Mutterland Spanien und Cuba den grössten Antheil, an sie reihen sich die Vereinigten Staaten, dann Gross - britannien, das fast den vierten Theil der Einfuhr liefert, das Deutsche Reich und Frankreich.
Der Handel von Portorico betrug:
Der Hauptartikel ist Kaffee (1889 169.910 q, 1888 232.250 q), welchen Cuba, Frankreich, Deutschland und Spanien aufnehmen.
207Westindische Häfen.Von Zucker (1889 636.100 q, 1888 619.870 q) gehen 300.000 — 400.000 q in die Union, der Rest nach Spanien und England.
Melasse (1889 207.030 q) wird zum grössten Theile in die Union gesendet.
Von Tabak (1889 35.090 q, 1888 15.180 q) gehen etwa 6000 q nach Cuba, das übrige nach Spanien und Deutschland.
Die Ausfuhr von Rindern stieg 1889 auf 6531 Stüek und war nach Französisch - und Britisch-Westindien, dann nach St. Thomas gerichtet. Auch die Ausfuhr von Häuten ist ansehnlich.
Mit dem Ausbau von Eisenbahnen, von denen heute 18 km fertig, 546 km im Bau und projectirt sind, wird sich die Ausfuhr Portoricos ganz bedeutend steigern, denn heute führt eine Fahrstrasse nur längs der Küste um die ganze Insel, in das Innere gelangt man nur auf meist verwahrlosten Reitwegen.
In der Einfuhr hat die regsame Industrie Cataloniens Spanien den Vor - rang vor der Union und Grossbritannien gesichert; den vierten Platz nimmt Deutschland ein.
Den wichtigsten Theil der Einfuhr bilden Nahrungsmittel aller Art. Mehl (1889 140.190 q) senden die Union und Spanien, Reis (1889 195.290 q) Grossbritannien und Deutschland, Stockfische (88.250 q) Canada und die Union, Schweinefleisch Schinken und Speck die Union, candirte Früchte Spanien, Käse die Union, Olivenöl Spanien, Gemüse und Hülsenfrüchte Spanien und die Union und Weine Spanien.
Hölzer kommen aus der Union und Canada, Kohlen aus England, Petro - leum aus der Union.
Weniger bedeutend ist die Einfuhr von Industrieerzeugnissen.
Den Markt in Baumwollstoffen (1889 18.730 q, Werth 1,770.420 Pesos) und Schafwollstoffen beherrschen Spanien und Grossbritannien. In den Er - zeugnissen aus Jute, Hanf und Flachs tritt Spanien hinter Grossbritannien zurück.
In Metallwaaren und insbesondere in Maschinen für Zuckerfabrication ist Grossbritannien der wichtigste Staat; doch die Schienen für die Bahnen, welche im Bau begriffen sind, liefert das thätige Belgien.
Der Schiffsverkehr von Portorico erreichte im auswärtigen Verkehre 1889 2547 Schiffe mit 2,317.414 t, 1888 2752 Schiffe mit 2,206.557 t.
Mehr als drei Fünftel der Tonnenzahl entfallen auf die spanische Flagge, denn die Compañia transatlantica unterhält zwei Linien mit Spanien (Santander, Cadiz) und über Habana mit Vera-Cruz und Colon; zwei ihrer Linien haben Liverpool zum Ausgangspunkte.
Häfen Portoricos laufen ferner an die Hamburg-Amerikanische Packetfahrt - Actiengesellschaft und die Compagnie Générale Transatlantique (Hâvre).
Portorico hat über Jamaica und Trinidad Anschluss an die Welttele - graphenlinien.
Keine zweite Insel der Kleinen Antillen bietet einen so maleri - schen Anblick als das dänische St. Thomas (86 km2) im Osten von Portorico. Seine centrale Lage zwischen den Grossen und Kleinen Antillen und an der kürzesten Linie, die von Europa in das Karai -208Die atlantische Küste von Amerika.bische Meer führt, verschaffte mit der Zeit St. Thomas eine hohe commerzielle Bedeutung als Depôtplatz der Industrieerzeugnisse Eu - ropas und der Naturproducte Westindiens. Seit Kabel - und Dampfer - verbindungen den directen Verkehr dieses Handelsgebietes ermög - lichen, ist der Zwischenhandel hier verschwunden und damit auch alle bedeutenden Handelsfirmen, von denen eine grosse Zahl deutsche waren.
Die Insel ist heiss und nur zum Theile anbaufähig, von Erd - beben und verheerenden Drehstürmen heimgesucht. Sie producirt nicht viel und die 14.389 Bewohner sind ausschliesslich auf den Erwerb angewiesen, welchen der Schiffsverkehr mit sich bringt; dieser erlitt vorübergehend eine Einbusse, als die Engländer ihre Haupt - schiffstation nach Barbados verlegt hatten. Der Freihafen St. Thomas, eigentlich Charlotte Amélie, liegt an der Südküste der Insel am Fusse einer Bergkette, die ihm einen vorzüglichen Schutz gewährt und ist mit Reparatur -, Slip - und Schwimmdock ausgerüstet, besitzt eine leistungsfähige Maschinenfabrik und bequeme Vorrichtungen zum Einladen von Kohlen.
Und als Kohlenplatz hofft St. Thomas wieder auf bessere Zeiten, wenn der Panama-Canal ausgebaut sein wird.
St. Thomas laufen an alle westindischen Linie der Hamburg-amerikanischen Packetfahrt-Actiengesellschaft, eine Zweiglinie der Royal-Mail-Steam-Packet-Cy. (Southampton), die West-India & Pacific-Steamship-Cy. und Harrison-Line (Liver - pool), die Cie. Générale Transatlantique (Hâvre, Bordeaux, Marseille). St. Thomas ist ein Knotenpunkt der westindischen Kabel.
Martinique, die am weitesten gegen den Passat vorgeschobene der „ Inseln ober dem Winde “— wenn man von Barbados, welches ganz ausserhalb des Bogenzuges der Antillen liegt, absieht — ist die bedeutendste Besitzung Frankreichs in Westindien und bildet für sich ein eigenes Gouvernement.
Gleich den anderen, vulcanischen Kräften ihre Entstehung verdankenden Nachbarinseln zeichnet sich auch Martinique durch die Mannigfaltigkeit und das Malerische in den Formen seiner Gebirge aus, welche auf dem kleinen Areale von 988 km2 zusammengedrängt, zu Höhen bis 1350 m (Mt. Pelée) ansteigen.
Martinique hat sehr gut entwickelte Küstencontouren und besitzt eine grosse Zahl von schönen sicheren Baien, welche aber der vor - gelagerten Korallenbänke wegen schwer zugänglich sind; die bereits209Westindische Häfen.erwähnte Bai von Fort Royal, in deren Hintergrunde die politische Hauptstadt der Insel, Fort de France liegt, zählt zu den besten Häfen Westindiens.
Martinique wurde von Columbus im Jahre 1493 entdeckt; doch blieb die Insel bis zum Jahre 1635 im ungestörten Besitze der zum Stamme der kriege - rischen Karaiben gehörenden Eingeborenen.
A Bojen für Schiffe, B Felsgrund des Caye de l’hôpital, C Ankerplatz bei Marthe, D Fort-Kirche, E Theater, F Leuchtfeuer, G botanischer Garten, H Hospital, J Mouillage-Kirche, K Mündung des Mouillage-Flusses.
Im Juli des letztgenannten Jahres wurde Martinique von französischen Colonisten der Insel St. Christophe im Namen der von Richelieu gegründeten „ Companie der amerikanischen Inseln “in Besitz genommen; die erste Ansiedlung fand an der Stelle des heutigen St. Pierre statt. Directe unter die Hoheit des französischen Staates kam Martinique aber erst 1664, in welchem Jahre diese Colonie nebst Guadeloupe und Dependenzen vom Staate angekauft wurde.
Verfehlte volkswirthschaftliche Politik und kriegerische Unruhen liessenDie Seehäfen des Weltverkehrs. II. Band. 27210Die atlantische Küste von Amerika.die Colonie im weiteren Verlaufe des XVII. Jahrhunderts nicht zur Entwicklung gelangen.
Martinique hatte zu jener Epoche mehrere Angriffe seitens der Engländer und der Holländer abzuwehren, was, wenn auch mit grossen Opfern, doch stets mit Erfolg geschah.
Vom Ryswicker Frieden bis zum Ausbruche des siebenjährigen Krieges genoss Martinique die Wohlthaten einer langen Friedensperiode. In dieser Zeit nahm die Colonie einen bemerkenswerthen Aufschwung, so dass Martinique nächst Barbados der Hauptstapelplatz für die colonialen und die europäischen Producte in den Kleinen Antillen wurde. In der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts und bis zum Abschlusse der grossen Napoleonischen Kriege in Europa kam Martinique viermal (1762, 1794, 1809, 1815) für kurze Zeit in den Besitz der Engländer, welche jedoch jeweilig bei Friedensschluss die Insel wieder an Frankreich zurück - geben mussten. Am längsten, nämlich fast acht Jahre, dauerte die Occupation seitens Englands nach der im Jahre 1794 durch Admiral Jervis erfolgten Eroberung der Insel.
Mehr als von den äusseren Entwicklungen hatte Martinique von den Folgen der französischen Revolution zu leiden, welche auf der Insel ähnliche blutige Ver - wicklungen im Innern schufen wie auf Haïti; dass zu jener Zeit die Negerfrage auf Martinique nicht eine gleich verhängnissvolle Lösung für die Weissen gefunden hat wie auf der genannten Insel, ist wohl der früher erwähnten Occupation Martiniques durch die Engländer zu verdanken, welche eben in die Zeit fiel, als auf Haïti die Neger mit Erfolg sich zu Herren der Insel machten.
In die nun folgende Friedensepoche bis zum Jahre 1848, in welchem auf Martinique die Sclaverei infolge der Februar-Revolution ohne irgend welchen Ueber - gang aufgehoben wurde, fallen mehrere, theils im Keime erstickte, theils erst nach blutigen Kämpfen unterdrückte Verschwörungen und Aufstände der Neger und Farbigen; die bedeutendsten waren die in den Jahren 1824 und 1833 von den Mulatten in Scene gesetzten Revolutionen.
Das Klima Martiniques kann während der Trockenzeit, welche von November bis Juli dauert, ein gesundes genannt werden; der Ausdruck „ Trockenzeit “darf übrigens nicht zu wörtlich genommen werden, da auch in dieser Zeit kurze Regenschauer eintreten; während der von Juli bis October dauernden Regenzeit grassirt besonders in den Niederungen häufig das gelbe Fieber, zuweilen auch die Cholera.
So wie Martinique mit den anderen Inseln der Kleinen Antillen den Segen der ausserordentlichen Fruchtbarkeit und der Ueppigkeit der Vegetation in allen Gebirgslagen, den Fischreichthum der Küsten - gewässer und die reiche Fauna des Landes gemeinsam hat, so theilt es mit denselben auch die Schrecken, mit welchen die Natur zuweilen diese gottbegnadeten Inseln heimzusuchen findet. Erdbeben und Orkane, letztere in der Regenzeit auftretend, verwüsten manchmal ganze Länder - strecken und Städte; so wurde Fort de France im Jahre 1839 durch ein Erdbeben ganz zerstört; auch Sturmfluten richten häufig Ver - heerungen in den Häfen und an den Küsten an.
211Westindische Häfen.Eine Specialität Martiniques sind die in der Regenzeit vorkom - menden, von verheerender Wirkung begleiteten Wasserstürze, Déscente genannt, welche eine Folge der in dieser Jahreszeit auftretenden wolkenbruchartigen Regen und der durch dieselben gebildeten Wasser - ansammlungen in den Mulden des Gebirges sind. Nicht unerwähnt können wir endlich die äusserst giftige Lanzenschlange lassen, welche auf Martinique ebenso wie auf der südlichen Nachbarinsel St. Lucia massenhaft vorkommt und eine wahre Landplage geworden ist. Der Biss dieser Schlange ist in wenigen Minuten tödtlich und bildet des - halb ein ernstliches Hinderniss für die weitere Cultivirung der Insel.
Die Bevölkerung von Martinique wird für 1888 mit 175.164 Einwohnern angegeben. Davon sind höchstens 10.000 Weisse, 13.000 ostindische Coulies und die übrigen Neger und Mulatten. Bei der frei - sinnigen Verfassung, welcher Martinique besitzt, sind die Mulatten die Herren der Insel. Die Neger erfreuen sich unter der Herrschaft der Franzosen seit mehr als 100 Jahren der Freiheit, aber sie haben sich der europäischen Cultur trotzdem nicht angeschlossen, sondern leben thatsächlich in einer tiefen Barbarei. Die Noth zwingt sie selten zu arbeiten, weil die Lebensbedürfnisse namentlich seit Einführung des Brotfruchtbaumes spottbillig sind. Fleissige Arbeiter sind die Coulies, deren Einfuhr die Regierung in die Hand genommen hat; sie blicken mit Verachtung auf den Neger herab.
Die Insel liefert Bodenproducte im Werthe von 30 Millionen Francs, trotzdem zwei Drittel der Oberfläche Wälder und Savannen einnehmen. Die Hauptculturen sind Zuckerrohr, das zum Theile schon in grossen Centralfabriken verarbeitet wird, und aus welchem Roh - zucker (550.000 q), Melasse (46.000 hl), Rum und Tafia (243.000 hl) hergestellt werden, dann Cacao (579.000 q). Die altberühmte Kaffee - production liefert nur noch wenig für den Export.
Hauptort der Insel und Sitz des Gouverneurs ist Fort de France mit 17.000 Einwohnern. Die schöne Stadt, in der im Juni 1890 ein Brand 1600 Häuser zerstörte, hat einen ausgezeichneten Hafen.
Aber der Handel und das Geldgeschäft sind in St. Pierre, der volkreichsten Stadt der Insel, concentrirt. St. Pierre liegt, wie alle Handelsplätze auf den Kleinen Antillen, an der Leeküste der Insel. Diese Küste ist im Allgemeinen steil abfallend und frei von Untiefen. Zehn Seemeilen südöstlich von Cap St. Martin, der Nordwestspitze der Insel, bildet die Küste in einer Ausdehnung von circa 5 See - meilen eine flache Einbuchtung, an deren innersten Punkte die Stadt27*212Die atlantische Küste von Amerika.St. Pierre auf einem von den Gebirgsabhängen daselbst freigelassenen schmalen sandigen Ufersaume steht. In ihrer Entwicklung landein - wärts durch diese Bergabhänge begrenzt, dehnt sich die Stadt in einer Länge von mehr als einer Seemeile von der Spitze Ste. Marthe, einem schroff ins Meer fallenden Hügel im Süden, bis zur Mündung des Pères-Flusses im Norden knapp am Ufer aus; ein zweiter Fluss, der Mouillage, welcher im nördlichen Drittel der Stadt mündet, durch - bricht die in ununterbrochener und dichter Folge sich dahinziehende Häuserreihe. St. Pierres Lage im Vordergrunde von mit dichten Wal - dungen und Culturen bedeckten Hügeln, weiter rückwärts die ihre Häupter bis in die Wolken erhebenden Gebirgsriesen, von welchen besonders die Pitons du Carbet im Südosten durch ihre bizarren Formen auffallen, ist eine sehr malerische. Die Stadt selbst macht einen ganz europäischen Eindruck.
Wie aus der vorbeschriebenen Lage hervorgeht, besitzt St. Pierre nur eine ganz offene Rhede; des gegen See sehr rasch abfallenden Grundes wegen sind die Schiffe genöthigt, sich ganz nahe am Ufer der Stadt, senkrecht zu demselben „ vierkant “zu vertäuen, wie man in der Seemannssprache sagt, zu welchem Zwecke am Ufer eine Reihe von Landfesten stehen, sowie auch parallel zum Ufer acht Vertäubojen ausgelegt sind. Während der Regenzeit, welche auch die Zeit der Stürme ist, müssen die Schiffe die Rhede, welche dann sehr gefährlich ist, verlassen.
Das Klima der Stadt ist, besonders zur Regenzeit, verrufen; die besser situirten Einwohner suchen zu dieser Jahreszeit ihre höher ge - legenen Landsitze auf. Aber trotzdem wird jeder Besucher St. Pierres gewiss nur die angenehmsten Erinnerungen von seinem Aufenthalte auf dieser reizenden Insel im Allgemeinen sowie der Stadt im Beson - deren in sich aufnehmen.
Hiezu tragen nicht nur die genussreichen Ausflüge in die an den herrlichsten landschaftlichen Scenerien reiche Umgebung der Stadt, sondern mehr noch die überaus angenehmen gesellschaftlichen Ver - hältnisse der Stadt bei, wie sie nur die echt französische Gastfreund - schaft, Lebensfreude und Liebenswürdigkeit der Bewohner im All - gemeinen und der unvergleichliche Liebreiz, die Anmuth und Grazie der französischen Creolinnen mit sich bringen können.
Die Stadt, welche 29.000 Einwohner beherbergt, trägt in ihrer Anlage und ihren Gebäuden den unverkennbaren Charakter der Handels - thätigkeit. Durch Architektur und Grösse zeichnet sich keine Baulich - keit besonders aus; zu erwähnen wäre nur die Kathedrale, das Rath -213Westindische Häfen.haus, der Justizpalast, das Lyceum, das Theater, das Militärspital und der bischöfliche Palast.
Mit Wasser ist St. Pierre in ganz vorzüglicher Qualität versorgt, ein Vorzug, welcher in einer Tropenstadt besonders ins Gewicht fällt.
Sehr sehenswerth ist der am südlichen Thalabhange des Mouil - lage-Flusses gelegene botanische Garten, welcher zur Acclimatisation für ostindische Gewächse dient.
Der Handel von Martinique erreichte 1888 23·5 Millionen Francs in der Ausfuhr und 22·9 Millionen Francs in der Einfuhr.
Die Ausfuhr setzt sich zusammen aus den obengenannten Naturproducten, sie wird sich mit der Weiterführung der Eisenbahnen, von denen heute schon 194 km in Betrieb stehen, weiter steigern; an der Einfuhr ist Frankreich nur zu drei Fünfteln betheiligt.
Mit Ausschluss des Küstenverkehres erreichte der Schiffsverkehr 1888 1123 Schiffe.
Den regelmässigen Verkehr mit Europa besorgt die Cie. Générale trans - atlantique mit drei Linien; die Linie St. Nazaire-Colon erreicht Fort de France in 13 Tagen, die Linie (Hâvre -) Bordeaux-Colon in 14 Tagen, auch die Linie Mar - seille-Colon läuft hier an. Fort de France ist Ausgangspunkt der Zweiglinie nach Cayenne.
Martinique steht über Portorico mit Nordamerika und Europa, über Trinidad mit der Westküste Südamerikas in telegraphischer Verbindung.
St. Pierre ist Sitz der Banque de la Martinique und der Banque trans - atlantique.
Hier unterhalten Consulate: Dänemark, Grossbritannien, Niederlande, Schweden und Norwegen, Venezuela und die Vereinigten Staaten von Amerika.
Auf der im Norden von Martinique gelegenen französischen Insel Guadeloupe, welche mit ihren Dependenzen 1870 km2 mit 165.000 Einwohnern umfasst, herrschen ähnliche Verhältnisse. Hier ist Basse Terre Sitz der Verwaltung und Pointe à Pitre, das 27.000 Einwohner zählt und einen vollkommen sicheren Hafen be - sitzt, der Mittelpunkt des Handels der Colonie. Ausser Zucker (580.000 q) und Melasse werden hier gewonnen Kaffee, Cacao (340.000 kg), Vanille (15.000 kg) und Rocon.
Die Handelsbewegung von Guadeloupe ist grösser als die von Mar - tinique und erreichte 1888 in der Ausfuhr 26, in der Einfuhr 24 Millionen Francs.
Guadeloupe ist über die anderen Antillen mit der Union und Südamerika telegraphisch verbunden.
Die beiden Hauptplätze von Guadeloupe sind Stationen der drei west - indischen Linien der Cie. Générale transatlantique.
Für den Localverkehr besteht hier eine eigene Dampfergesellschaft.
Unter allen Völkern, welche Colonien in Westindien gründeten, sind die Briten die besten Colonisatoren, darum zeichnen sich auch die Inseln Trinidad und Barbados durch grosse Wohlhabenheit aus.
Die Insel Trinidad wurde von Columbus 1496 auf dessen dritter Reise ent - deckt und ging nach dem Frieden von Amiens im Jahre 1802 in den definitiven Besitz Englands über, nachdem sie schon 1797 den Spaniern entrissen worden war.
Der Aufschwung von Trinidad beginnt 1783, als die Spanier auf der bis dahin vernachlässigten Insel auch Nichtspaniern die Ansiedlung gestatteten und nicht mehr strenge darauf bestanden, dass die Einwanderer Katholiken sein müssten. In der Folge liessen sich so viele Franzosen aus Domingo und Frankreich nieder, welche vor den Revolutionen geflüchtet waren, dass innerhalb weniger Jahre die Bevölkerung ganz französischen Charakter erhielt, welcher sich mit der ihm eigen - thümlichen Zähigkeit bis heutzutage erhalten hat
Nicht weiter als 26 km vom südamerikanischen Festlande ge - legen, erscheint Trinidad als ein losgesprengtes Stück des letzteren.
Das continentale Gepräge der Insel manifestirt sich auch in ihrer Fauna und Flora, und die Natur hat sie mit solchen Schätzen an Schönheit und Reichthum ausgestattet, dass sie als das Paradies Westindiens bezeichnet wird. Die Ergiebigkeit und Fruchtbarkeit ihres Bodens, die Mannigfaltigkeit der gewonnenen Producte sucht ihres - gleichen unter den Inseln im Antillengebiete.
Ihren Namen erhielt die Insel wegen ihrer drei markant empor - steigenden Pics (Monte Tucutche 918 m, Cerro de Aripo 835 m, Monte Blanchicheuse 692 m) zur Weihe der heiligen Dreifaltig - keit, und hat sie denselben sowohl im Wechsel der Zeiten als dem ihrer Beherrscher behalten.
Trinidad zählt heute 196.172 Einwohner. Wir finden hier Eng - länder, Franzosen, Spanier, Neger und Mulatten, eine grosse Zahl ostindischer Coulies, da jährlich bei 2000 einwandern.
Leider hindert die völlige Urbarmachung und Bebauung des Bodens hier wie in ganz Westindien der Mangel an Arbeitskräften, an welchem die Colonie seit 1838, dem Jahre der Aufhebung der Sclaverei, leidet. Die Regierung hat daher in den letzten Jahren die Einwanderung von Coulies aus Ostindien organisirt; leider kehren die meisten von ihnen nach den fünf Jahren, für die sie contractlich ge - bunden sind, wieder in ihre Heimat zurück.
Bis nun ist erst ein Theil von Trinidad, insbesondere jener um Port of Spain und die zweite Hafenstadt St. Fernando sowie der Südosten der Insel colonisirt und nur 380.000 Acres sind von den 1,121.000 Acres (10.859 km2) der ganzen Insel in Privatbesitz.
215Westindische Häfen.Der Ausnützung der Schätze, mit welchen die Natur Trinidad in fast verschwenderischer Weise bedacht hat, steht ein um so grösseres Feld offen, als das Klima, trotzdem es ein heisses genannt werden muss, für den Weissen erträglich und gesund ist. Ausserdem erfreut sich Trinidad des Vorzuges, dass es, obgleich selbst ein Herd vul - canischer Thätigkeit, gegen die Erschütterungen vulcanischer Ausbrüche, welche auf vielen der benachbarten Antillen zu wiederholtenmalen die Werke menschlicher Cultur vernichteten, gefeit ist.
Dieser Umstand und nicht minder die Thatsache, dass Trinidad ausser der Sturmbahn der verheerenden westindischen Orkane (Cyklonen) liegt, lassen ihren Werth für den Colonisten, dessen Aussicht auf sicheren Erfolg nicht getrübt wird, in erhöhtem Glanze erscheinen. Auch die Navigation im Bereiche der Insel wird durch den letzter - wähnten Umstand eine leichte.
Das Leben auf der Rhede der Hauptstadt Port of Spain ist besonders für den Ankömmling, welcher zum erstenmale tropische Gegenden berührt, überaus bezaubernd. Unzählige Canoes und Boote mit Insassen aller erdenklichen Racen und Typen umkreisen und be - lagern förmlich die anlangenden Schiffe.
Unwillkürlich betrachtet man mit seltsamen Gefühlen bald das Getriebe auf der Rhede, bald das liebliche Panorama der Küste. Der Charakter der Stadt ist ganz und echt tropisch; die weiss getünchten Gebäude sind zumeist nur in den Erdgeschossen aus festem Materiale hergestellt, das aufgesetzte Stockwerk hingegen aus Holz. Weit vorspringende Verandas beschatten die Gehwege längst der Häuser - fronten, in welchen sich ein Waarenhaus dem andern anreiht.
Zu den hervorragenden Gebäuden von Port of Spain gehören drei Kirchen, das Stadthaus, ein Theater und ganz besonders das Palais des Gouverneurs im botanischen Garten. Port of Spain ist Sitz des Gouverneurs der Insel und der wichtigsten Schulen, nämlich des Queen’s Royal College und des diesem affilirten römisch - katholischen Collegiums Immaculata Conception.
Ueber alle Beschreibung erhaben sind die Genüsse, welche jede weitere Partie in das Innere der Insel lohnen; wir müssen auf ihre Darstellung verzichten, aber dem Charakter des vorliegenden Buches entsprechend, darf der sogenannte Asphaltsee (Pitchlake) im Süd - westen der Insel, zu Wasser 48 km von Port of Spain entfernt, nicht unerwähnt bleiben. Sein Areale beträgt 109 — 114 Acres und derselbe enthält ungezählte Millionen Tonnen von Asphalt. Ein Syndicat eng - lischer und amerikanischer Unternehmer zahlt jährlich 12.000 Dollars216Die atlantische Küste von Amerika.für das Privilegium der Asphaltgewinnung; durch den Reinigungspro - cess, welchem das Rohmateriale zugeführt wird, wird dasselbe zu einem werthvollen Exportartikel, der als „ Épuré “in den Handel kommt.
Der Ladeplatz für diesen Specialartikel von Trinidad ist La Brea, welches eine Seemeile abseits des Asphaltsees an der Küste liegt.
Der ganze andere Handel der Insel concentrirt sich in der Hauptstadt Port of Spain, von welcher die 90 km Eisenbahnen der Insel ins Innere nach Osten und nach Süden bis zur Hafenstadt San Fernando gehen.
Port of Spain.
Pferdebahnen erleichtern die Zufuhr von den Zuckerplantagen zu den Eisen - bahnstationen. Auch Dampfer -, Telegraphen - und Fernsprechverbindungen machen immer grössere Theile der Insel der Hauptstadt tributär.
Der Handel von Trinidad betrug:
Mehr als die Hälfte des Werthes der Waarenausfuhr entfällt auf Zucker (1889 524.760 q, 1888 555.600 q), Melasse und Rum. Der zweite Artikel ist Cacao (1889 7,896.270 kg, 1888 11,143.680 kg).
Die Einfuhr setzt sich vor Allem zusammen aus Reis, Mehl, Pökelfleisch und getrockneten Fischen.
In der Einfuhr von Industrieartikeln sind hervorragend Erzeugnisse der Textilindustrie, Kurzwaaren und Maschinen, dann Leder.
217Westindische Häfen.Nennenswerth ist auch die Einfuhr von Bauholz aus dem Südosten der Union.
Den stärksten Handel treibt Trinidad mit England, dann mit den Ver - einigten Staaten von Amerika und Venezuela, endlich mit Frankreich.
Der Schiffsverkehr erreichte ohne den Küstenhandel 1889 1,198.778 T. 1888 1,271.381 T, davon gehörten mehr als die Hälfte der britischen Flagge.
In Port of Spain kommen jetzt jeden Monat 35 Dampfer an; regelmässige Linien unterhalten die Royal-Mail-Steam-Packet-Cy aus Southampton, Fahrzeit 15 Tage; die West-India and Pacific-Line, die Harrison-Line und Josef Hoult’s Line aus Liverpool; die London-direct-Line, die Clyde-Line und der Koninklijke West-Indische Maildienst aus Amsterdam; mit Hamburg ist Trinidad direct durch eine englische Linie verbunden.
Nach Nordamerika gehen die Quebec and Gulf-Line, die Atlantic and West - india-Line, und 7 Dampfer vermitteln den Verkehr nach Venezuela.
Trinidad steht über die Antillen und Florida in telegraphischer Ver - bindung mit Europa und durch ein Küstenkabel mit der Ostküste von Südamerika.
In Port of Spain unterhalten Consulate: Brasilien, Columbia, Dänemark, Deutsches Reich, Frankreich, Italien, Niederlande, Portugal, Schweden und Nor - wegen, Spanien, Venezuela, Vereinigte Staaten von Amerika.
Von den Besitzungen der Engländer in den kleinen Antillen ist Barbados, das „ Klein-England “von Westindien, selbst neben Trinidad ganz besonders erwähnenswerth.
Auch nicht der kleinste Fleck der 430 km2 grossen Insel ist unbebaut. Sie hat 182.000 Einwohner, gehört also zu den am dich - test bevölkerten Gegenden der Erde. Hier muss der Neger arbeiten, wenn er leben will, er kann nicht faulenzen wie auf dem verhältniss - mässig dünn bevölkerten und fruchtbaren Jamaica. Der Grundbesitz ist riesig zerstückelt, und die Grundstücke sind zu klein, um Zucker - rohr zu pflanzen, so baut der Neger mit Eifer und Fleiss allerlei Nahrungsgewächse.
Sonst ist ganz Barbados, die wenigen Gärten abgerechnet, dem Baue des Zuckerrohrs unterthan. Da kein Boden mehr frei ist, kann die Insel keinen weiteren Aufschwung nehmen und muss bemüht sein, durch sorgfältige Düngung den Boden ertragsfähig zu erhalten.
Der Hauptort Bridgetown hat etwa 20.000 Einwohner und ist auch Ausgangsstation von drei Zweiglinien der Royal-Mail-Steam - Packet-Cy. von Southampton und dadurch als Umschiffungsplatz und Ordreplatz für Handelsschiffe wichtig.
Die Ausfuhr von Barbados erreichte 1889 1,029.588 ₤, die Einfuhr 1,211.370 ₤. Die Einfuhr beherrschen England und die Vereinigten Staaten, die Ausfuhr geht nach den Vereinigten Staaten, dann nach Englisch-Westindien, Eng - land und Britisch-Nordamerika.
Der Schiffsverkehr erreichte mit Ausschluss des Küstenhandels 1889 1,217.728 T.
Ein Blick auf die Karte zeigt uns, dass Amerika in seiner 14.000 km langen Cordillere nicht nur das längste, sondern auch das mächtigste Kettengebirge der Erde besitzt. Die Höhe dieses Riesen - gebirges, welche sowohl in Nord - als Südamerika in vielen Punkten 6000 m übersteigt, wird nur im Himalaya übertroffen.
Der vom nördlichen bis fast zum südlichen Eismeere breit hin - gelagerte Gebirgswall zeigt in der Landenge von Darien eine merk - würdige Unterbrechung zweifacher Art. Erstens verengert sich der an vielen Stellen mehrere tausend englische Meilen breite Continent zu einem Terrain von nur 74 km und zweitens senkt sich die Kammhöhe der Cordillere im Charakter der Hügellandschaft bis 100 m herab.
Ein glücklicher Zufall führte schon im Anfange des XVI. Jahr - hunderts die land - und goldgierigen spanischen Entdecker an diese merkwürdige Stelle Amerikas. 1513 überschritt Nunez de Balbao, einer der verwegensten unter den Conquistadoren, mit 190 abenteuer - lustigen Spaniern beiläufig auf derselben Linie, wo jetzt der Canal gebaut werden soll, die Landenge und war somit der erste Europäer, dessen Augen die Fluten des Grossen Oceans erblickten.
Die Spanier erkannten bald den commerziellen sowie strategi - schen Werth dieser Landenge. Sie legten einen Maulthierweg über dieselbe an und gründeten 1521 am Grossen Ocean die Stadt Panama, welche durch volle 300 Jahre, bis 1821, in welchem Jahre die spanisch-amerikanischen Colonien die Fremdherrschaft abschüttelten, ein Hauptstützpunkt ihrer Macht blieb. Von hier aus unternahm der kühne Franz Pizarro, ein Genosse des Balbao, seine epochemachende Eroberung von Peru (1530); und von da liefen auch spanische Ver - bindungen nordwärts nach Centralamerika und Mexico.
219Der Panama-Canal.Balbao und Pizarro fassten schon damals den Gedanken, die Landenge von Panama zu durchstechen, doch war derselbe technisch und politisch verfrüht und darum unfruchtbar.
Spanien, ja die ganze damalige Christenheit besassen nicht die Mittel, ein solches Unternehmen auszuführen, selbst wenn es das höchste Staatsinteresse geboten hätte. Nun lag aber der spanischen Colonialpolitik nichts ferner, als ein auf freihändlerischer Tendenz basirtes Bauwerk aufzuführen. Die spanischen Häfen jenseits des Oceans blieben bis in unser Jahrhundert jedem fremden Schiffe ver - schlossen.
Praktisch wurde aber die Südsee aus dem Reiche der Mythen und Fabeln ins Bereich des lebendigen, internationalen Verkehrslebens erst durch die Entdeckung der Goldkörner auf der Farm des Capi - täns Sutter in Californien 1848 gezogen.
Die Zeit von 1848 bis 1886 ist es, wo der Grosse Ocean mit einemmale von allen Seiten in den Welthandel gezogen wurde.
Alle seefahrenden Nationen haben heute das Gefühl, dass dem Welthandel, welcher sich nun fast 400 Jahre auf dem Atlantischen und Indischen Ocean abspielte, ein neues, unermesslich reiches Ge - biet im Stillen Ocean und dessen Gestadeländern erschlossen sei. Alle suchen sich einen Antheil an diesem hohen Gewinne zu sichern; daher das allgemeine Interesse für jeden neuen Handelsweg, der dieses Gebiet erschliesst.
Freilich direct nach der Entdeckung der reichen Goldfelder Californiens beschäftigte sich Niemand mit grossen handelspolitischen Fragen über den Werth der Südsee, dafür trat die realistische Frage: „ Wie komme ich in das Wunderland am Sacramento, wo das Gold in den Bächen liegt und wo man in wenig Tagen vom Bettler zum Millionär werden kann? “in den Vordergrund. Für die vielen Tausende „ Californier “, welche vom wilden Goldfieber getrieben dem fernen Westen Amerikas zusteuerten, gab es nur zwei Wege, beide gleich lang, gleich kostspielig und fast gleich gefährlich; der eine führte um Südamerika herum, der andere durch die menschenleeren Prairien, über die wegelosen Hochthäler der Cordillere, wo Hunger, Kälte, Rothhäute und last not least, der Abschaum der Weissen den Ein - wanderern in tausendfachen Gefahren entgegentraten.
Unter solchen Umständen lag der Gedanke sehr nahe, über die Landenge von Panama zu gehen und die Seereise um wenigstens 5000 Seemeilen abzukürzen. In Wahrheit stürzten sich auch sofort Tausende von Goldsuchern auf diesen von der Natur vorgezeichneten28*220Die atlantische Küste von Amerika.Weg. Unbekümmert, ob sie in Panama Schiffe bekämen oder nicht, eilten sie an den Stillen Ocean, wo viele dem gelben Fieber erlagen, ehe sie das Dorado geschaut hatten.
Doch sehr bald brachten die praktischen Yankees Sinn und Ordnung in diese wilde Jagd nach dem goldenen Wunderlande, indem sie einerseits einen regelmässigen Dampferverkehr zwischen Panama und San Francisco einrichteten, andererseits indem sie die schmale Landenge durch eine Eisenbahn überbrückten.
Die Geschichte dieser Bahn ist jedenfalls eines der merkwürdigsten Capitel in der Geschichte der Eisenbahnen überhaupt.
Schon 1849 erwirkten drei Nordamerikaner John Stephens, Chauncey und Aspinwall bei der Regierung von Columbia (damals Neu-Granada ge - nannt) die Concession zum Baue einer Eisenbahn über den Isthmus. Es wurde festgesetzt, dass diese Gesellschaft für 90 Jahre das ausschliessliche Privilegium auf die Isthmusbahn habe, wodurch jede Concurrenzbahn ausgeschlossen wurde. Ausserdem bekam die Gesellschaft 200.000 Acres Land als Geschenk. Dagegen musste sie jährlich 250.000 Dollars an die Regierung zahlen; auch fällt die Bahn nach 90 Jahren (vom Tage der Eröffnung) dem Staate anheim. Die Endstationen der Bahn, das am Atlantischen Ocean auf der Insel Manzanilla neu angelegte Colon-Aspinwall sowie Panama wurden für Freihäfen erklärt.
Am 1. Jänner 1850 wurde mit dem Baue begonnen, und am 27. Jänner 1856 brauste die erste Locomotive von einem Meere zum anderen. Der Bau dieser etwas über 11 deutsche Meilen (75·6 km) langen Bahn kostete 7½ Millionen Dollars und 10.000 Menschenleben. Eine deutsche Meile also fast 1 Million Dol - lars und 1000 Menschenleben.
Diese Preise sowie der langsame Fortschritt der Arbeit erklären sich einer - seits aus dem Sumpfterrain an der Ostseite, wo die Bahn 13 englische Meilen durch Manglewald gebaut werden musste, und andererseits aus dem nassen, heissen, mörderischen Klima, welchem weder Weisse noch Chinesen widerstanden. Die Arbeiterfrage war eine Hauptschwierigkeit, da man von Woche zu Woche die Lücken unter den Arbeitern kaum auszufüllen wusste.
Der höchste Punkt der Bahn ist 263 englische Fuss, 37 englische Meilen vom Atlantischen Ocean; die Steigung beträgt auf der atlantischen Seite 1: 90, auf der pacifischen 1: 88. Die längste Brücke über den Chagres hat 625 englische Fuss Spannweite. Die Bahn ist eingeleisig, hat vier bequeme Ausweichestellen (Stationen) und alle vier englische Meilen ein Wächterhaus, in dem ein Bahnauf - seher mit 10 Dienern stationirt ist. Letztere haben die Aufgabe, die übermäch - tige Vegetation zu bekämpfen. Würde man dieses 12 Monate unterlassen, so verschwände die Bahn im überwuchernden Urwalde, „ wo das Auge nie die Sonne sieht und der Fuss nie den Boden betritt “.
Obwohl diese Bahn so theuer hergestellt wurde und obwohl Erhaltung und Betrieb bei ½ Million Dollars im Jahre kosteten, war sie jedenfalls eine der rentabelsten, wenn nicht die rentabelste Bahn der Welt. Sie hat vom Emissionswerthe nie weniger als 26 %, in den ersten Jahren aber über 100 % Dividende gezahlt.
221Der Panama-Canal.Diese Erträge werden sofort klar, wenn man die Tarife betrachtet. Ein Fahrgast zahlte für diese vierstündige Fahrt ohne Unterschied 28 Dollars, denn es gab nur eine Wagenclasse. Kinder bis 12 Jahre die Hälfte, bis 6 Jahre ein Viertel. Ein Ochs, Pferd, Maulthier zahlte ebenfalls 28 Dollars, Schafe 12 Dollars. Die Frachten wurden per Pfund mit 7 cents. berechnet.
Die Einnahme war in einem schlechten Jahre, z. B. 1856 1,459.000 Dollars brutto und 929.000 Dollars netto.
Von 1856 bis 1869 (in welchem Jahre die Pacificbahn eröffnet wurde) hatte die Panamabahn rund 500.000 Reisende, 600 Millionen Dollars Gold, 200 Millionen Dollars Silber und 700.000 t Frachtgüter befördert.
Seit 1870 geht die Bahn in ihren Erträgnissen zurück, und zwar infolge der neu entstandenen fünf Pacificbahnen und der Hebung der Dampferfahrten durch die Magelhaensstrasse. Die Steamer haben heute, vergleichen mit 1856, ihre Tarife auf den vierten Theil herabgesetzt.
So hatten denn wohl die viel beneideten Actionäre der Panamabahn auch schlimmere Tage erlebt, doch sie können heute sagen: „ Ende gut, Alles gut “, da 1880 die Panama-Canal-Gesellschaft die Bahn, welche 7½ Millionen Dollars ge - kostet hat, für 17½ Millionen Dollars kaufen musste.
Es wäre ganz falsch zu glauben, dass während der goldenen Tage der Panamabahn Niemand daran dachte, die beiden Weltmeere durch einen Canal zu verbinden. Seit Alexander v. Humboldt für den Gedanken der ersten spanischen Entdecker in Europa mit Wärme ein - getreten war, wurde derselbe nach den verschiedensten Seiten beleuchtet und erwogen. Immer sind es drei Punkte, welche als geeignet für einen interoceanischen Canal von den Projectanten mit einer grösseren oder geringeren Hartnäckigkeit verfochten wurden: die Einsenkung bei Tehuantepec, die Senkung am Nicaraguasee und die Panama - landenge.
Mindestens zwanzig Projecte wurden vermessen, gezeichnet und als durchführber in die Welt geschickt, ohne dass man über akade - mische Erörterungen hinausgekommen wäre. Nur der Plan des Nica - ragua-Weges nahm in den Fünfzigerjahren und neuestens wieder eine praktische Gestalt an.
Die beiden grossen Seen, der Nicaragua - und Managuasee sowie deren mächtiger östlicher Abfluss, der San Juan, bilden auf eine grosse Strecke eine natürliche Wasserstrasse zwischen beiden Meeren, nur im Westen zwischen dem Managuasee und dem Stillen Ocean bleibt eine Wasserscheide von kaum 60 km Breite und einer Höhe von mehr als 150 m zu überwinden.
1850 gründete der bekannte Eisenbahnkönig Vanderbilt eine Compagnie, welche den Transito nach Californien via Nicaragua be - sorgen und daselbst einen Canal bauen sollte. An das letztere dachte222Die atlantische Küste von Amerika.Vanderbilt im Ernste nie. Er begnügte sich, mittelst Dampfern die „ Californier “, welche zwischen 1850 und 1856 zu Tausenden herbei - strömten, den San Juan und den Nicaraguasee hinauf und mittelst Postwagen die westliche Cordillere nach dem Hafen San Juan del Sur hinab zu befördern. Die Bediensteten dieser nordamerikanischen Gesellschaft benahmen sich in Nicaragua wie Flibustier. Die Com - pagnie hielt ihre Verträge in keiner Weise ein, so dass ihr 1856 auf Befehl der Regierung von Nicaragua wegen rückständiger 350.000 Dollars alle Schiffe und Wagen gepfändet und ihr Privilegium als verwirkt erklärt wurde.
Die 1882 gegründete Nicaragua-Canal-Gesellschaft hat mit dieser alten Compagnie nur gemein, dass an ihr auch amerikanisches Capital betheiligt ist. Sie will auch den Canal nicht durch den Managuasee, sondern direct aus dem Nicaraguasee nach Brito am Grossen Ocean führen, das etwas nördlich von dem eben genannten San Juan del Sur liegt.
Man hat 1890 an den Mündungsstellen bei San Juan de Nicaragua (Greytown) am Karaibischen Meere und bei Brito an der pacifischen Seite mit Baggerung und Schüttung langer Dämme begonnen, um so Hafenanlagen zu schaffen.
Nach der jetzt definitiv angenommenen Trace soll der Nicaragua-Canal eine Länge von 310 km erhalten; hievon entfallen auf den Fluss San Juan und den Nicaraguasee 195 km, 34 km werden von angestauten Becken gebildet werden, 45 km sind bis zu einer Tiefe von 80 m in das Terrain einzuschneiden. Auf beiden Seiten des Nicaraguasees sollen je 3 Schleussen von 11 m Gefälle nahe den Mün - dungen in die Meere erbaut werden. Die Baukosten sind auf 100 Millionen Dollars, die Bauzeit auf 6 Jahre angenommen.
Dieser im Wesen höchst überflüssigen Kämpfe freute sich Nie - mand mehr als die 1856 fertig gewordene Panamabahn, welche durch dieselben geradezu ein Monopol erlangte.
Dass man 1880 an die endliche Realisirung des Panama-Canales ging, muss in erster Linie dem wirklich unerwarteten Erfolge, den der Suez-Canal errang, zugeschrieben werden. Für solche grosse finanzielle Unternehmungen gilt ewig der Satz der alten Römer: „ Verba movent, exempla trahunt “. Der Suez-Canal, dem selbst ge - wiegte Handelsgeographen und Marineure jede Zukunft absprachen, zahlt Dividenden, welche den Cours der Actien auf dem Vierfachen des Nominalwerthes halten, und hat viele verspottete, aber gläubige Actionäre nach Jahren der Enttäuschung und Kämpfe zu sehr reichen Leuten, manche zu Millionären gemacht. Darum kaufte auch der kleine französische Particulier, der für exotische Papiere schwärmt, Panama-Actien.
Der zweite, nicht minder wichtige Umstand, welcher dem223Der Panama-Canal.Panama-Unternehmen zugute kam, war der, dass sich derselbe Mann, dessen eiserner Ausdauer allein der Suez-Canal seine Existenz ver - dankt, dass sich Ferdinand von Lesseps an die Spitze des Panama-Unternehmens stellte.
Ihm glaubte man, auf ihn schwur die ganze gebildete Welt, vor Allem aber die Franzosen, und von französischem Gelde wurde bisher der Panama-Canal ebenso wie seinerzeit der Suez-Canal gebaut. Frankreich, dieses Land der Sparer und der Phantasiemenschen, ist der einzig richtige Boden für solche Unternehmungen. Bevor noch der Suez-Canal ganz functionirte, trat das Interesse für einen central - amerikanischen Canal schon immer lebhafter an den Tag. Man suchte durch eigens hiefür eingerufene Congresse in Antwerpen 1871 und Paris 1875 und 1878 die europäische Intelligenz und das Capital dafür zu gewinnen. Eine praktische Gestalt bekamen alle diese Ver - handlungen erst, als 1879 Ferdinand v. Lesseps den Vorsitz des internationalen Congresses in Paris übernahm.
Die vielen Projecte wurden auf fünf*) reducirt, dieselben ein - gehends überprüft und, wenn auch mit Reserve, die Ueberzeugung ausgesprochen, dass das Panama-Project das beste, dem Verkehre am meisten entsprechende und am leichtesten durchführbare sei.
So siegte denn das Panama-Project, als das einzige, welches einen dem Suez-Canale ähnlichen offenen Schifffahrtscanal ohne Schleussen herzustellen versprach, über alle Rivalen.
Hart vertheidigt wurde übrigens gegen Panama nur das Nica - ragua-Project, für welches der verstorbene Präsident Grant sehr ent - schieden eingetreten war, und für welches die Amerikaner (schon ans Opposition gegen das europäische Unternehmen) nicht nur stimmten, an dessen Realisirung sie ja auch bald Hand anlegten.
Welches Vertrauen man speciell in Frankreich dem Unternehmen und besonders dem Hauptunternehmer Lesseps entgegenbrachte, be -224Die atlantische Küste von Amerika.weist die Raschheit, mit der die Geldmittel aufgebracht wurden. Am 7., 8. und 9. December 1880 wurde die Subscription für die ersten 300 Millionen Francs aufgelegt und sofort doppelt gezeichnet.
Unterdessen war der „ Contract “zwischen der Regierung von Columbia und den Concessionären perfect geworden. Der Contract gibt ein Privilegium, das eine Dauer von 99 Jahren, vom Tage der Eröffnung gerechnet, hat. Die Arbeiten mussten mit 1881 beginnen und in 12 Jahren vollendet sein, bei ausserordentlichen Schwierigkeiten kann die Arbeit sechs Jahre länger dauern.
Alles Land, welches die Gesellschaft zu Bauzwecken braucht, wird kostenfrei von der Regierung abgegeben, ausserdem ein Streifen von je 200 m an beiden Seiten des Canales und 500.000 ha Land für Minen und andere Anlagen.
Der Canal, welcher für Schiffe von 140 m Länge, 16 m Breite und 8 m Tiefe fahrbar hergestellt werden muss, ist für alle Nationen ohne Unterschied für den Transito geöffnet, und es bestehen keinerlei Zollformalitäten, ausser für die Güter, die in Columbia ausgeladen werden.
So war denn die „ Compagnie Universelle da Canal Inter - océanique “concessionirt, fondirt, und man konnte mit dem Baue beginnen. Der ewig junge Lesseps reiste sammt seiner Familie nach Panama, woselbst Fräulein Fernande de Lesseps am 1. Jänner 1881 den ersten Spatenstich vornahm.
Bevor wir auf den eigentlichen Canalbau eingehen, dürfte es sich empfehlen, in wenig Worten die oro - und hydrographischen Verhältnisse der Trace auseinander zu setzen.
Da die Landenge von Panama genau von Ost nach West streicht, so wird die Canaltrace von Nord nach Süd, oder besser, eine nord-südöstliche Richtung erhalten.
Die Wasserscheide, hier Sierra Colebra genannt, liegt viel näher dem Grossen als dem Atlantischen Oceane. Nach Norden, also in den Atlantischen Ocean, sendet sie den Rio Chagres mit dem Obsipo, nach Süden in den Grossen Ocean den Rio Grande. Der Uebergang zwischen beiden Flüssen liegt rund 80 m über dem Meere.
Diese Tiefenfurche (Chagres-Obsipo-Rio Grande) benützte der alte spanische Maulthierweg, benützte die Eisenbahn und benützt der Canal, weil sie eben den niedersten und bequemsten Uebergang bildet.
Der Canal sollte nach dem Projecte eine Länge von 73 km, eine Breite von 50 m (im Gebirge 28 m), eine Tiefe von 8·5 m und225Der Panama-Canal.fünf Ausweichestellen mit doppelter Breite auf je 1000 m haben. Es sollte ein schleussenfreier, also im Niveau der beiden Meere ange - legter offener Schifffahrtscanal sein.
Die Hauptschwierigkeiten dieser Riesenarbeit waren vom An - fange an vier: die Durchstechung des Scheidegebirges, die Bewälti - gung der Bergwässer, die Anlage guter Häfen in Panama und Aspin - wall und das Klima.
Was den ersten Punkt anbelangt, so genügt es zu sagen, dass ein Durchstich gemacht werden muss, welcher auf die Länge von 1 km über 90 m Tiefe hat und weitere Kilometer lange Durchstiche von einer Höhe zwischen 20 — 50 m. Dagegen waren die Einschnitte am Suez-Canale, deren tiefster 28 m beträgt, Kinderspiel. Das Ge - stein am Panama-Canale hielt man nach den ersten Untersuchungen, die freilich viel zu flüchtig vorgenommen wurden, für selbsttragend, bestehend aus festen Conglomeraten, Trachyt, aber auch aus Schiefer, so dass spätere Rutschungen nicht wahrscheinlich erschienen. Allein bei dem Fortschritte der Arbeiten zeigte sich, dass das ganze vul - canische Gebirge durch zerfliessende Thone unterbrochen und durch - setzt ist, also vielfach als Rutschterrain behandelt werden müsse, was vor Allem zur Erbauung ganz enorm geneigter Böschungen zwingt.
Die zweite Schwierigkeit, die Bewältigung der Wässer des Rio Chagres, Obsipo und Rio Grande, gilt für die bedeutendste. Diese Flüsse, an sich klein, steigen während der Regenzeit, welche 3000 mm Wasser*)Wien hat 574 mm Regen. bringt, um 12 — 13 m.
Diese Hochwässer, und noch mehr die Schuttmassen, welche die Wogen der wilden Bergströme mitwälzen, bilden eine ewige Ge - fahr für die Existenz des Canales, der nun einmal aus dem Profile des Flusses nicht verlegt werden kann. Er wäre jedes Jahr verschlammt, wenn nicht Vorsorge getroffen würde.
Diese sollte auf folgende Weise getroffen werden: Da, wo der Chagres mit dem Obsipo vereinigt das Gebirge verlässt, um in die Küstenebenen einzutreten, bilden Hügel eine kolossale Mulde. Diese Mulde sollte nun durch einen Damm, welcher an der Sohle 1000 m, oben 1600 m lang und 40 m hoch ist, abgemauert werden, so dass ein Bassin, ähnlich wie die Gileppe bei Verviers in Belgien, ent - standen wäre. Dieses Bassin, einigemale so gross als der Genfer-See, sollte 600 Millionen Cubikmeter Wasser und Massen von Schutt auf -Die Seehäfen des Weltverkehrs. II. Band. 29226Die atlantische Küste von Amerika.nehmen, und durch Canäle sollte der Abfluss dieser Wassermassen in einer Weise, welche dem Panama-Canale nicht mehr gefährlich ge - wesen wäre, geregelt werden. Das Materiale für diesen Riesendamm wollte man aus den Durchstichen im Gebirge gewinnen. Allein bald erkannte man die Unmöglichkeit der praktischen Durchführung und musste sich entschliessen, alle Gewässer in eigens zu erbauenden Abflüssen, also in neu zu grabenden Canälen von dem Schiffahrts - canale fern zu halten.
Die weiteren schwierigen Objecte bilden die Hafenanlagen in Panama und Aspinwall. Die Küste ist sowohl am Atlantischen wie am Grossen Oceane eine äusserst flache, seichte Mangroveküste, welche Hafenanlagen von vorneherein ausschliesst. Deshalb hat man schon Aspinwall seinerzeit auf der Insel Manzanillo angelegt, und hat auch Lesseps auf der Südseite, also in Panama, die 7 km dem Fest - lande vorgelagerte Insel Flamenco als Hafenstation in Aussicht ge - nommen.
An beiden Plätzen müssen indes noch grossartige Baggerungen und Hafenanlagen ausgeführt werden, sollen diese Häfen imstande sein, dem Weltverkehre zu dienen. In Aspinwall soll ein grosser Wellenbrecher, in Panama eine sogenannte Flutdocke gebaut werden. Diese Flutdocke stellte sich aus physikalisch-geographischen Gründen als dringende Nothwendigkeit heraus.
Die Flutbewegung ist nämlich in den beiden Meeren eine höchst verschiedene. Im Grossen Oceane bei Panama erreicht sie eine Höhe von 5 — 6 m, im Atlantischen nur die Höhe von ½ m, ausserdem tritt sie bei Aspinwall um neun Stunden später ein als in Panama. Auf diese Weise würde im Canale eine Strömung entstehen, welche dem Bauwerke selbst gefährlich werden müsste. Zu dem Behufe plante man eben an der Südseite besagte Flutdocke, d. i. ein grosses Bassin mit drei Schleussenthoren (eines für die einfahrenden, eines für die ausfahrenden Schiffe und eines für die Reserve), welches das Ein - dringen der Flut in den Canal verhindern und das Niveau des Wassers stets in gleicher Höhe erhalten würde. Lesseps berechnet diese An - lagen bei Panama allein auf 20 Millionen Francs.
Es genügen wohl diese kurzen Angaben, um sich vollständig klar zu sein, welche Riesenaufgaben dem Ingenieure hier gestellt sind.
Lesseps schätzte die zu bewegenden und auszuhebenden Erd - massen auf 73 Millionen Cubikmeter. Davon entfallen ober der Erde:
227Der Panama-Canal.unter dem Wasser:
Nordamerikanische Ingenieure, welche übrigens, wie schon be - merkt, dem Unternehmen misstrauisch, ja übelwollend gegenüber - stehen, setzen diese Zahlen höher, sie sprechen rund von mindestens 90 — 100 Millionen Cubikmeter, welche bewegt werden müssten.
Heute wissen wir, dass die Zahl auf 150 Millionen Cubikmeter zu erhöhen sein wird.
Bis Ende 1888 arbeiteten 20.000 Menschen und Dampfmaschinen mit 57.000 Pferdekräften am Canale. Es waren 40 grosse Bagger - maschinen, deren jede pro Tag 6000 m3 (schon abgerechnet 25 % Verlust durch Aufenthalt) hebt, 159 Baggerschiffe, 116 Trocken - baggerer, 171 Locomotiven, 29 Dampfschiffe, 468 Pumpen, 131 Loco - mobilen in Thätigkeit. Zur Fortschaffung der Erdmassen sind 314 km breitspurige und 175 km schmalspurige Bahngeleise gelegt, auf welchen 4622 Waggons liefen.
Anfangs arbeitete die Compagnie in eigener Regie, seit dem 1. Jänner 1886 wurden die Arbeiten durch mehrere französische (darunter Couvreux & Hersent, Eiffel), durch amerikanische und andere Unternehmer betrieben, und haben sich dieselben contractlich und gegen hohe Pönalien verpflichtet, den Canal binnen drei Jahren fertig - zustellen.
Bis Ende 1888 wurden circa 56 Millionen Cubikmeter Erde bewegt.
Eine andere Frage ist die nach den Menschen - und Geldopfern.
Wir meinen dabei nicht die Opfer, welche jedes grosse tech - nische Unternehmen fordert, sondern die Opfer des tropischen Klimas.
Der Canal muss mitten durch eine unbewältigte Wildniss, durch einen tropischen Urwald geführt werden. Namentlich an der Atlan - tischen Küste entsteigen unter den Manglebäumen der sumpfigen Landschaft giftige Miasmen und fieberbringende Gase, in denen Wolken von Moskitos und Sandfliegen ihr Gedeihen finden. Aber auch in dem relativ gesünderen Panama sind das gelbe und andere perni - ciöse Fieber ständige Gäste.
29*228Die atlantische Küste von Amerika.Wir haben schon bei der Panamaeisenbahn erwähnt, wie sie auf Chinesenleichen erbaut wurde. Nichts destoweniger fanden sich Verfechter für das Klima von Darien, welche so weit gingen, zu sagen, Panama würde sicher einmal als Vergnügungsaufenthalt ge - wählt werden.
Als beste Illustration für dieses reizende Klima dienen wohl die vielen Barackenspitäler, welche die Canalgesellschaft sofort errichten, die vielen Aerzte, welche sie anstellen musste, und die statistische Sterblichkeitszieffer, welche 4 — 6 % beträgt, eine Zahl, welche in Europa kaum bei Epidemien erreicht wird.
Aber nicht nur unter den gemeinen Arbeitern, welche in Wahr - heit durch Excesse dem Klima zu Hilfe kommen, sondern auch unter der intelligenten Classe, welche gewiss dem Tropenklima entsprechend diät lebt, hielt der Tod reiche Beute. So starben einige der bedeu - tendsten Ingenieure und der Generaldirector für den Panamacanal, Herr Leon Boyer, am gelben Fieber.
Als eigentliche Arbeiter beschäftigte man zumeist Neger und Mischlinge von den westindischen Inseln Cuba, Jamaika, Porto-Rico etc., wo überall Werbebureaux aufgeschlagen waren. Die Neger sind auch nicht fieberfrei, aber viel widerstandsfähiger als Chinesen oder Weisse.
Infolge der hohen Löhne war auch nie eine ernstliche Klage über Arbeitermangel laut geworden.
Ueberblicken wir nochmals die rein technische Seite des Panama - Unternehmens, so müssen wir uns sagen, dass es das grossartigste und schwierigste Unternehmen ist, an welches jemals die Ingenieur - kunst getreten; wir wissen heute, wo wir tiefer blicken können, dass die ersten Untersuchungen und die darauf gebauten Projecte viel zu rosig aufgefasst waren, dass die Schwierigkeiten mit dem Fortschritt der Arbeit nicht geringer, sondern im Gegentheil immer grösser wurden, allein wir müssen auch sagen, dass nach dem gegen - wärtigen Stande der Ingenieurkunst der Ausbau des Panama-Canales ein Ding der Möglichkeit ist, wenn die nöthigen Geldmittel zur Ver - fügung gestellt werden.
Wir stehen jetzt im Momente der schweren Panamakrisis nicht vor einer Niederlage der Technik, sondern vor der kalten ablehnen - den Haltung der Financiers, welche das Unternehmen in dem Augen - blicke fallen liessen, als sie die Rentabilität neuer Zuschüsse be - zweifelten, daher müssen wir uns über den allerwichtigsten Punkt des ganzen Panama-Unternehmens, über die Rentabilität des Canales[229]
A Ausmündung des Canals im Karaibischen Meere, B Ausmündung des Canals im Stillen Ocean, C I, C II grosse Canalschleussen, D Normalprofil des Canals, E Chagres - See, F Leuchtfeuer, G Karaibisches Meer, H Stiller Ocean. — Die grossen Ziffern in Blockschrift zeigen die Kilometer der Canalstrecke an.
230Die atlantische Küste von Amerika.wie man sie bei der Gründung 1880 und später auffasste, klar werden.
Die Rentabilität des Canales hängt natürlich von der Bi - lanzirung der Erträgnisse gegenüber den Anlagekosten ab. Der Rein - ertrag ist wieder der Ausdruck des factischen Verkehres, respective der Bedeutung des Canales für den Weltverkehr. Jede Voraussage, in welchem Masse der Panama-Canal Träger des Weltverkehres sein werde, ist doppelt schwer, weil jede Analogie fehlt. Denn bei dem oft beliebten Vergleiche zwischen Suez - und Panama-Canal muss sofort erwähnt werden, dass der letztere in erster Linie an menschen - und culturarme Gestade führt, während der Suez-Canal in die am dich - testen bevölkerten und reichsten Länder Asiens, nach Indien und China führt, dass er also für diese Weltmärkte vom ersten Tage an Träger eines schon bestehenden grossartigen Verkehres war.
Die Rentabilität des Panama-Canales liegt in letzter Linie, wie die jedes Canales, in einer Wegabkürzung. Der Panama-Canal wird die Umschiffung des gefährlichen, 54° südlich vom Aequator gelegenen Cap Horn überflüssig machen, mithin für alle Schiffe, welche von Europa oder den Oststaaten Amerikas nach den Westküsten Amerikas, nach Oceanien, Australien, Nord-China, Japan steuern, ein viel näherer Weg sein. Jetzt macht ein Schiff von New-York nach San Francisco 13.700 Seemeilen, via Panama wird dasselbe nur 7700 Seemeilen zu machen haben. Von Liverpool nach Callao durchläuft ein Schiff via Cap Horn 17.000 Seemeilen, via Panama 5800. Von New-York nach Yokohama via Cap der guten Hoffnung 15.750 See - meilen, via Panama 11.550
Die riesige Zeit - oder, was dasselbe ist, Geldersparniss wird ausser allem Zweifel die Panamalinie zu einer fast ebenso frequen - tirten Weltpassage machen, wie dieses der Suez-Canal bereits ist. Die Frage ist nur: wann? Denn das können wir uns nicht verhehlen, dass im Grossen Ocean, auf welchem die Panama-Unternehmung fusst, wenn auch nicht Alles, so doch das Meiste, erst geschaffen werden muss. Kaum vierzig Jahre sind vergangen, seit der Grosse Ocean aus einem tausendjährigen Schlafe aufgerüttelt wurde. Seitdem ist unend - lich viel geschehen, aber das Bestehende können wir doch nur als Anfänge grossartiger Entwicklungen betrachten. Die reichen West - staaten der Union sowie die herrlichen Hochebenen Mexicos und Centralamerikas sind durch Eisenbahnen dem Einwanderstrome und damit der Cultur erschlossen.
Durch diese Culturarbeit sind die Pacificbahnen nicht, wie viel -231Der Panama-Canal.fach behauptet wird, Concurrenten, sondern wahre Förderer des Canales, denn immer und immer werden die Producte Westamerikas ebenso wie alle Massenproducte der Erde den billigen Wasserweg aufsuchen und so dem Canale verfallen. China steht momentan am Scheidewege. Es will mit seinem altgewurzelten Fremdenhasse bre - chen und an den Eisenbahnbau gehen; dass hiedurch der Güteraus - tausch zwischen dem Reiche der Mitte und Europa, respective Amerika sich ungeheuer steigern wird, steht ausser Zweifel. Von dieser Fre - quenz fällt wieder ein Löwenantheil dem Panama-Canale zu. Auch die kleinen klimatisch so wunderbaren Inseln Oceaniens werden von Jahr zu Jahr für den Welthandel bedeutender. Höchst wichtig sind sie aber für die Panamarouten, weil sie als Kohlen -, Wasser - und Kabelstationen unbezahlbare Stützpunkte für die Navigation des grössten aller Oceane werden müssen. Das alles wird zweifellos ein - mal so — werden; für den Panama-Canal ist aber die Frage, was ist? die Hauptfrage.
Lesseps legte seiner Berechnung des anzuhoffenden Verkehres die Güterbewegung, welche jetzt um’s Cap Horn und via Panama - bahn geht, sowie die Transitgüter der Pacificbahnen zu Grunde, und berechnet diese auf 6 Millionen Tonnen. Das Passagegeld soll per Tonne 15 Francs betragen, was, wenn diese 6 Millionen Tonen durch den Canal gingen, einen Rohertrag von 90 Millionen Francs ergäbe. Dazu rechnet er noch andere maritime Einnahmen in einer Höhe von 6 Millionen Francs, stellt also eine Gesammteinnahme von 96 Millionen Francs auf.
Dieser Voranschlag, den man keineswegs übertrieben nennen kann, befriedigte allgemein, denn er sicherte eine ganz gute Super - dividende neben der 4 % igen Verzinsung der Actien im Betrage von 1200 Millionen Francs.
Jährliche Auslage für Instandhaltung
1200 Millionen Francs waren nämlich 1886 nach der Meinung Lesseps und seiner Ingenieure im äussersten Falle die Kosten des Canales; 1200 Millionen Francs repräsentiren nahezu dreimal die Kosten des Suez-Canales, welche sich bis zu dessen Fertigstellung auf rund 450 Millionen Francs beliefen.
232Die atlantische Küste von Amerika.Diese 1200 Millionen Francs waren 1886 nahezu für Obligationen verschiedener Emissionen bar eingezahlt worden, und alles schien gut und glatt ablaufen zu wollen. Allein allzu bald zeigte sich, dass die Vorausberechnungen falsch waren, es traten die oben angedeuteten technischen Schwierigkeiten mit ihrem kategorischen Imperativ immer lauter hervor. Es wurde zunächst zwar noch an dem Projecte eines Niveau - canales festgehalten, aber die Eröffnung des Canales wurde vom 1. Jänner 1889 auf den 1. Jänner 1891 verschoben. Allein als die Schwierigkeiten immer grösser werden, besonders als man sich über das Vorhandensein des „ schwimmenden Terains “nicht mehr hinwegtäuschen konnte, ent - schloss sich Lesseps 1887 mit schwerem Herzen den offenen Schiff - fahrtscanal fallen zu lassen und einen Schleussencanal mit 10 Schleussen und 47 m Scheitelhöhe herzustellen. Am 15. November 1887 wurde mit Herrn Eiffel, dem Erbauer des berühmten „ Eiffelthurmes “ein Vertrag abgeschlossen, wonach er sich verpflichtete, bis Mitte 1890 die Schleussen fertigzustellen und sofort die Arbeit in Angriff nahm.
Dieser Schleussencanal sollte noch 670 Millionen Francs kosten, welche durch Ausgabe von Lotterie-Obligationen aufgebracht werden sollten. Ihr Absatz versagte trotz der hohen Verzinsung und trotzdem der greise Lesseps, der sein Leben für die Verwirklichung seiner Idee gelassen hätte, persönlich in Frankreich herumreiste, Vorträge hielt und die Obligationen an den Mann zu bringen suchte.
Nahezu zwei Milliarden Francs nominelles Capital hatten die Franzosen an der Landenge von Darien festgegraben. Da war aber der Credit der Panamagesellschaft und des Namens Lesseps in Frankreich einfach erschöpft.
Lesseps brachte die nöthigen Gelder nicht mehr auf und er - klärte am 14. December 1888, dass die Zahlung der Zinsen und Amortisation für die Actien und fast alle Serien der Obligationen eingestellt werden müsse.
Auf diese Schreckensnachricht folgte der bekannte Sturz der Panamapapiere, welcher nichts anderes laut sagte, als was man im Geheimen längst wusste, dass der Canal nicht 600 und nicht 1200 Mil - lionen Francs, wie Lesseps Anfangs behauptete, kosten würde, son - dern 3000 Millionen und vielleicht noch mehr. Er sagte aber auch, dass sich dieses Anlagecapital von 3 Milliarden aus dem anzuhoffenden Verkehre, besonders durch einen Schleussencanal gar nicht oder doch erst in sehr ferner Zeit rentiren könne. Die Gesellschaft stand mit Beginn des Jahres 1889 vor einer furchtbaren Katastrophe, vor einer Katastrophe, welche in erster Linie die Franzosen, in zweiter Linie233Der Panama-Canal.aber alle seefahrenden Nationen, ja alle Gebildeten überhaupt auf das lebhafteste interessirte und noch interessirt, da das endgiltige Schicksal des halbfertigen Panama-Canales noch bis zur Stunde nicht entschieden ist. Zu allernächst handelte es sich natürlich um das Schicksal der französischen Sparer, die dem Leitsterne Lesseps bis jetzt blind vertrauend gefolgt waren. 1,100.000 Franzosen, darunter viele „ kleine Leute “, standen auf dem Sprunge, ihre Ersparnisse zu verlieren. Eine directe Hilfsaction von Seiten des französischen Staates, welche die Bedrohten zunächst verlangten, war ausgeschlossen, da der Senat in Washington schon früher öfters und besonders in einer Sitzung vom 7. Februar 1889 mit 42 gegen 3 Stimmen „ jede Ver - bindung seitens irgend einer europäischen Macht mit dem Baue oder der Controle irgend welchen Schiffahrtscanales über den Dari - schen Isthmus als den gerechten Interessen der Vereinigten Staaten nachtheilig und als Bedrohung ihres Wohles “betrachtete (Monroë - Doctrin).
Der Staat rettete die Gesellschaft aber dennoch vor dem momen - tanen Zusammenbruche dadurch, dass er die Concursverhängung über die Gesellschaft verhinderte, welche nach französischem Rechte ein einziger Actionär hätte verlangen können, weil die schon während des Baues garantirte Ausbezahlung der Coupons eingestellt war.
Es wurden gerichtliche Administratoren aufgestellt, welche mit den weitest gehenden Vollmachten ausgerüstet, sogar Arrangements gegen die Interessen der alten Gläubiger treffen konnten. Vor Allem wurde durch Verpfändung der Panamabahn-Actien eine Summe (wie hoch ist unbekannt) aufgebracht, um die Arbeiten am Canale nicht sofort einstellen zu müssen. Dann schritt Lesseps daran, eine neue Gesellschaft zu gründen. Die Besitzer der alten Actien und Obliga - tionen sollten fortan keine Zinsen mehr, wie diese ganz falscher - weise vor 1880 bis Ende 1888 bezahlt wurden, erhalten, aber An - spruch auf 80 % der Einnahme aus dem Canale haben. Allein trotz aller Anpreisungen in französischen und auswärtigen Blättern gelang es nicht, die Actien und Obligationen dieser neuen Gesellschaft zu placiren. So wurde am 4. Februar 1889 die alte Gesellschaft (Comp. Univ. Canal Interoc. de Panama) durch das Civilgericht aufgelöst und der Advocat Brunet als Liquidator aufgestellt. Ferdinand Lesseps zog sich im März 1889 auf das tiefste verstimmt vollständig von der Gesellschaft zurück.
Im selben Monate wurden am Isthmus die Arbeiten eingestellt. An eine Erhaltung der fertiggestellten Arbeiten durch längere Zeit istDie Seehäfen des Weltverkehrs. II. Band. 30234Die atlantische Küste von Amerika.gegenüber dem tropischen Klima von Darien mit seinen Regenmassen nicht zu denken, bis jetzt (Anfang 1891) wird eine Art Polizeiauf - sicht über die Magazine, Werkstätten, kurz über das Inventarium der zu Grunde gegangenen Gesellschaft aus den letzten Vermögens - resten aufgebracht. Daneben verrosten die Maschinen, Wägen, Bagger etc. oder versinken im Schlamme, leichtere Gegenstände werden von den Hochwässern weggeschleppt oder auch gelegentlich gestohlen. Wenn der Canalbau nur bis Ende 1891 unterbrochen bleibt, so kann man alle Maschinen als altes Eisen verkaufen oder besser gesagt ver - schenken. Wie die Dinge in Panama gegenwärtig stehen, scheint es fast zu diesem tragischen Ende kommen zu wollen. Die amerikanische Firma Staven & Comp. hat schon Mitte 1890 ihren Riesenbagger an die Nicaragua-Gesellschaft verkauft und nach Greytown gebracht.
Für die Rettung der Panamacanal-Gesellschaft oder besser ge - sagt für die Rettung der bisher geleisteten, im Dienste der gesammten Menschheit stehenden Arbeiten derselben ist nichts geschehen, als dass die Regierung von Columbia geneigt scheint, den Eröffnungs - termin des Canals hinauszuschieben. Woher aber die fehlende Mil - liarde Francs kommen soll, weiss heute Niemand.
Und doch müsste diese Frage in der kürzesten Zeit entschieden werden, denn schon beginnt der tropische Urwald sein grünes Kleid über die Dämme und Gräben zu ziehen, und im raschen Siegeszuge zurückzuerobern, was ihm die technische Kunst des weissen Mannes für ewig zu entreissen schien. Käme in wenigen Jahren ein Forscher oder Reisender an die Stellen, wo noch 1889 pustende Dampfmaschinen, ächzende Bagger eine neue Welthandelsstrasse gruben, er stünde vor einem undurchdringlichen Urwald, und sein Blick vermöchte nicht einmal mehr die Trace zu erspähen, welche ein genialer Geist diesem neuen Weltwege vorgeschrieben hatte.
Früge sich dieser Wanderer, warum das grösste Bauwerk aller Zeiten halbvollendet im Sumpfe des Urwaldes versinken musste, so würden ihm die Palmen vielleicht zuflüstern: „ Es war zu früh ge - boren “.
Lesseps und dessen Freunde irrten vielleicht in der Entwicklung des Weltverkehres. Der Panama-Canal ist vielleicht am Ende des XIX. Jahrhunderts noch kein unabweisliches Bedürfniss für den Welt - handel, die Gestadeländer des grossen Oceans sind eben für diese Forderung noch zu wenig entwickelt; wäre die Forderung nach einem Panama-Canal unabweisbar, so würden sich die Mittel zu dessen Her -235Der Panama-Canal.stellung sicher finden, und es müssten alle seefahrenden Nationen ihre Capitalien dafür zusammentragen.
Wie immer sich das Schicksal des halbvollendeten Canales aber auch gestalten möge, der Name Lesseps wird künftigen Geschlech - tern neben James Watt und Stephenson glänzen, denn er ist für ewige Zeiten mit den beiden Wasserstrassen verbunden, welche dem Welthandel neue Bahnen wiesen, welche über das Wohl und Wehe ganzer Völker und Städte entscheiden.
Colon-Aspinwall an der Limonbay (atlantischer Ocean) und Panamá am stillen Ocean sind handelsgeographisch untrennbar mit einander verbunden. Sie bilden die Endpunkte der 49 englische Meilen langen Ueberlandroute zwischen beiden Weltmeeren, einen zukünftigen Angelpunkt des Welthandels, wie dieses bei Port Said und Suez der Fall ist.
Panamá ist eine alte spanische Gründung, welche nun bald das vierte Säculum ihres Bestandes feiern kann. Die an einer elenden, flachufrigen, sehr ungesunden Rhede gelegene Stadt bildete Jahrhun - derte lang den Stützpunkt vieler handelspolitischen Unternehmungen der Spanier nach der Westküste von Südamerika. In der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts zeigte die Stadt einen starken Verfall; 1843 hatte sie kaum 5000 Einwohner. Seit der Entdeckung der californischen Goldfelder und dem bald folgenden Eisenbahnbau über den Isthmus begann eine neue Blüthe, Panamá wurde Hauptstation für die An - schlussdampfer, welche die europäischen Sendungen via Colon em - pfingen und gegen Valparaiso oder andererseits gegen Acapulco — San Francisco weiter beförderten. Zu den höchsten