Wenn die hiſtoriſche Entwickelung der heutigen Staatsverfaſſung des Teutſchen Reichs, wo - von ich hier den zweyten Theil liefere, ihrer Abſicht und erhabenen Veranlaßung nur einigermaßen ein Gnuͤge leiſten ſollte; ſo brachte es die Natur der Sache mit ſich, daß die hier in Betrachtung kom - menden Gegenſtaͤnde mit dem Fortgange der Zeiten immer zahlreicher wurden, und, je neuer ſie ſind, je unmittelbarer ſie auf unſern jetzigen Zuſtand wirken, deſto ausfuͤhrlicher ſie behandelt, deſto heller ſie ins Licht geſetzt werden mußten; — ſo wie in einer per - ſpectiviſchen Ausſicht die uns naͤheren Gegenſtaͤnde ſich unſerm Auge ungleich genauer und entwickelter darſtellen als die entferntern. — Das iſt die Ur - ſache, warum dieſer zweyte Theil kaum einen Zeit - raum von zwey Jahrhunderten faſſen konnte, an ſtatt daß der erſte Theil, ohne an der Bogenzahl groͤßer zu ſeyn, ſich uͤber ſechzehn Jahrhunderte hin - aus erſtreckte, — freylich je hoͤher uͤber unſere Zei - ten hinauf, deſto gedraͤngter, deſto weniger mita 2Dar -Vorrede. Darſtellung aller einzelnen Stuͤcke, wie ſie ſich ſonſt vielleicht naͤher betrachtet zergliedern ließen. — Ich denke nicht, daß es einer weitern Entſchuldigung be - duͤrfen wird, warum dieſer zweyte Theil noch nicht den Beſchluß des ganzen Werkes enthaͤlt. Der dritte Theil, der den Ueberreſt dieſer hiſtoriſchen Entwickelung kaum noch von einem halben Jahrhun - derte vor ſich hat, wird den gegenwaͤrtigen und vo - rigen Theil an Groͤße doch nicht erreichen; es muͤßte dann ſeyn, daß einige Bemerkungen vom Zuſtande des Teutſchen Reichs, wie es jetzt wuͤrklich iſt, die ich vielleicht als Reſultate oder zum Theil auch als Ergaͤnzungen der vorhergegangenen hiſtoriſchen Ent - wickelung hinzufuͤgen werde, eine groͤßere Bogen - zahl einnehmen moͤchten, als ich mir jetzt noch vor - ſtelle. Ein Regiſter uͤber das ganze Werk gedenke ich am Ende deſſelben zum bequemeren Gebrauche des ganzen Buches hinzuzufuͤgen.
Goͤttingen den 15. Jun. 1786.
Johann Stephan Puͤtter.
I. Erſtes Beyſpiel einer Reſignation des regierenden Kaiſers. — II. Erneuerung der Wahlcapitulation und Chur - verein. — III. Abgang der Kaiſerkroͤnung zu Rom. — IV. V. Ende der Kirchenverſammlung zu Trient. — VI. Un - abgeſtellt gebliebene Mißbraͤuche der catholiſchen Kirche. — VII. Gegenſeitige Beſchwerden der Catholiſchen und Proteſtan - ten. — VIII. Wilhelms von Grumbach Unternehmungen gegen Wuͤrzburg, und damit verbundene Gothaiſche Unruhen. — IX. Dadurch veranlaßter Deputationstag und gemeinſamer Reichskreistag.
Die Regierung, die Ferdinand der I. als Kai -I. ſer fuͤhrte, hatte gleich anfangs das beſon - dere, daß ſie nicht, wie gewoͤhnlich nach dem Tode,P. Entw. d. Staatsverf. Th. II. Aſon -2VI. Neuere Zeit. Ferd. I — III. 1558-1648. ſondern nach der Reſignation ſeines Vorgaͤngers ihren Anfang nahm. Dieſes erſte Beyſpiel in ſeiner Art konnte in ſoweit dazu dienen, ein Her - kommen zu begruͤnden, daß ein Kaiſer ſeine Re - gierung niederlegen koͤnne, ohne erſt dazu eine Einwilligung des Reichstages oder auch nur der Churfuͤrſten zu beduͤrfen; daß aber, was die Art und Weiſe betrifft, eine feierliche Erklaͤrung an das churfuͤrſtliche Collegium daruͤber erforderlich ſey, wie ſie Carl der V. durch eine eigne Geſandt - ſchaft thun ließ.
Die Wahlcapitulation, die Ferdinand ſchon im Jahre 1531. als Roͤmiſcher Koͤnig beſchworen hatte, war auf den Fall gerichtet geweſen, wenn er nach dem Tode ſeines Bruders zur Regierung kommen wuͤrde. Weil ſich jetzt der Fall nicht erſt nach dem Tode, ſondern nach der Reſignation Carls des V. ereignete; ſo nahm das churfuͤrſtli - che Collegium davon Anlaß, Ferdinanden beym Antritt ſeiner kaiſerlichen Regierung von neuem eine Capitulation vorzulegen; (wie doch ſeitdem, wenn Roͤmiſche Koͤnige zur Regierung gekommen ſind, nicht wieder geſchehen iſt, da man es bey derjenigen, die bey der Roͤmiſchen Koͤnigswahl beſchworen iſt, zu laßen pflegt.) Die Hauptſache war wohl diesmal, daß man die Erwehnung des Religionsfriedens, der inzwiſchen geſchloſſen war, der nunmehrigen kaiſerlichen Wahlcapitulation aus - druͤcklich einruͤckte. Eben das geſchah auch in der Churverein, die diesmal von den Churfuͤrſten mit mehreren Zuſaͤtzen erneuert wurde; (wie ſie ſeitdem bis auf den heutigen Tag im Gange ge - blieben iſt.)
Eine31) Ferd. I. Max II. 1558-1576.Eine Unzufriedenheit, die der Pabſt uͤber Fer -III. dinanden aͤußerte, weil er als Roͤmiſcher Koͤnig den Religionsfrieden geſchloſſen hatte, und ein Widerſpruch, den er gegen die Niederlegung der Regierung von Seiten Carls des V. einlegte, weil ſeiner Meynung nach ſolche in ſeine Haͤnde haͤtte geſchehen ſollen, hatte fuͤr den paͤbſtlichen Stuhl den widrigen Erfolg, daß Ferdinand unterließ, die kaiſerliche Kroͤnung, wie bisher gewoͤhnlich, und noch von Carl dem V. geſchehen war, zu Rom zu empfangen. In der Folge iſt dieſe Kroͤ - nung daruͤber ganz in Abgang gekommen. Sonſt war weder unter dieſer noch unter der folgenden Regierung Max des II., den ſein Vater Ferdi - nand zum Roͤmiſchen Koͤnige hatte wehlen laßen, und der wieder die Roͤmiſche Koͤnigswahl ſeines Sohns Rudolfs des II. zu Stande brachte, eine erhebliche Veraͤnderung in der Verfaſſung des Teut - ſchen Reichs wahrzunehmen.
Nur das Ende der Trientiſchen Kirchen -IV. verſammlung, das noch in Ferdinands Regie - rung fiel, war ſo beſchaffen, daß an ſtatt der Hoffnung, die man ſich noch immer von einer Wie - dervereinigung der Religion gemacht hatte, die Scheidewand zwiſchen der catholiſchen und evan - geliſchen Kirche durch die zu Trient gefaßten Schluͤſſe noch ungleich ſtaͤrker, als vorher, gemacht war. Viele Saͤtze, die bisher unter den Catho - liſchen ſelbſt noch als problematiſch angeſehen wa - ren, hatten die Trientiſchen Praͤlaten zu Glaubens - artikeln gemacht, und ſo, wie alle andere, fuͤr die, ſo nicht damit uͤbereinſtimmig daͤchten, mit ihrem Fluche (anathema eſto) beleget.
A 2Fer -4VI. Neuere Zeit. Ferd. I — III. 1558-1648.Ferdinand ſelbſt hatte Muͤhe, nur dafuͤr zu wachen, daß nicht die geiſtliche Gewalt zum Nach - theile der catholiſchen weltlichen Maͤchte noch wei - ter um ſich griff, wie man es zu Trient gut vor hatte, an ſtatt der Reformation der Kirche, die ſelbſt catholiſche Maͤchte von der Kirchenverſamm - lung erwarteten, vielmehr das Blatt umzuwenden, und auf eine Reformation oder noch groͤßere Ein - ſchraͤnkung der weltlichen Maͤchte zu denken. Man - ches von der Art wandte Ferdinand noch gluͤcklich ab. Verſchiedentlich wurde aber doch auf eine indirecte Art der Weg dazu gebahnet. So war z. B. in Eheſachen bisher in den meiſten Laͤndern Rechtens geweſen, daß Ehen, wenn ſie ohne elter - liche Einwilligung eingegangen waren, als null und nichtig auch von weltlichen Gerichten hatten aufgehoben werden koͤnnen. Um auch dieſe Gat - tung Eheſachen den weltlichen Gerichten zu ent - ziehen, ward zu Trient feſt geſetzt, daß Ehen des - wegen nicht fuͤr nichtig gehalten werden ſollten, wenn ſie gleich ohne der Eltern Einwilligung ein - gegangen waͤren. Das catholiſche Teutſchland hat ſich nun zwar bequemt, die Schluͤſſe der Trien - tiſchen Kirchenverſammlung anzunehmen. Ver - ſchiedene andere catholiſche Reiche haben ſie aber entweder gar nicht angenommen, oder doch nicht anders als mit Vorbehalt ihrer Freyheiten.
Noch einige Jahre vorher, ehe das Concilium zu Trient zu Ende gieng, hatte Ferdinand (1559.) den Begriff der Kirchenreformation vom Jahre 1548. erneuern laßen, worin zwar das Hauptwerk der Lehre der catholiſchen Kirche ungeaͤndert blieb, jedoch viele Andaͤchteleyen uͤbergangen und nicht ge -billiget51) Ferd. I. Max II. 1558-1576. billiget waren. Das Concilium machte aber kei - nen Gebrauch davon, und war ſo weit entfernt, in ſolchen Dingen, die alle aufgeklaͤrte Catholiken als Mißbraͤuche erkannten, die aber der Geiſtlich - keit und inſonderheit den Moͤnchsorden vortheilhaft waren, einige Aenderung zu treffen, daß vielmehr nach geendigter Kirchenverſammlung ſowohl die laͤngſt geruͤgten Ablaßmißbraͤuche als die Moͤnchs - bruͤderſchaften und andere Erfindungen des mitt - lern Zeitalters ſelbſt durch Befoͤrderung der Jeſuiten nicht nur im Gange erhalten, ſondern zum Theil noch weiter ausgedehnt wurden(a)Im Jahre 1569. ließen die Jeſuiten zu Rom drucken:” Indulgentiae nonnullae, quas perſonae ſocietatis conſequi poſſunt. ” Nach deren Inhalt ſollten indulgentias plenarias haben:” Celebran - tes aut communicantes toties quoties; recitantes coronam domini noſtri I. C. quae continet 33. pater et 33. aue; dicentes canticum graduum; dicentes pſalmum miſerere.” Dann hieß es:” Dicendo 15. pater noſter, et 15. aue in memo - riam omnium vulnerum, quae Chriſtus D. N. pertulit, 1500. annorum indulgentiae; ſingulis diebus recitantes pater noſter et ter leſum nomi - nantes, ſemel in die, 1000. annorum indulgen - tiae.” Ferner hieß es darin:” Sacerdotibus cele - brantibus miſſas tres pro anima alicnius defun - cti vsque ad tertium gradum incl. ſuper vno altari in eccleſia collegii (S. I.) vel domus ab eius ſuperiore ſtatuto conceſſum eſt liberari eam a poenis purgatorii per modum ſuffragii” etc. Wie uͤbrigens die Jeſuiten nach Art der Moͤnchs - bruͤderſchaften ihre Michels - und Marianiſche So - dalitaͤten fuͤr Studenten, und wieder andere So - dalitaͤten der ſchmerzhaften Mutter fuͤr Weiber, der heiligen Dreyfaltigkeit fuͤr Buͤrger, noch an - dere fuͤr Weltgeiſtliche, fuͤr ledige Handwerksbur -ſche,.
Zwi -A 36VI. Neuere Zeit. Ferd. I — III. 1558-1648.Zwiſchen den Catholiſchen und Proteſtan - ten aͤußerten ſich zwar auf jedem Reichstage ſchon gegenſeitige Beſchwerden, da inſonderheit jene uͤber die fortgehende Einziehung der Kloͤſter, letz - tere uͤber den geiſtlichen Vorbehalt klagten. Auch kam die Trennung zwiſchen Lutheriſchen und Refor - mirten noch immer mehr zur Sprache. Jedoch unter dieſen beiden Regierungen blieb es noch da - bey, daß uͤberhaupt der Religionsfriede in ſeiner Kraft erhalten wurde. Vergleicht man damit die Verfolgungen, welche die Proteſtanten in den Niederlanden und in Frankreich auszuſtehen hat - ten, ſo kann man nicht verkennen, daß es theils den perſoͤnlichen Geſinnungen Ferdinands des I. und Max des II., theils dem gluͤcklichen Gleichgewichte der catholiſchen und evangeliſchen Churfuͤrſten zu - zuſchreiben war, daß Teutſchland noch ſo ruhig blieb.
Ein Vorfall, der noch in oͤffentliche Unruhen ausbrach, war nicht ſowohl der Religionstrennung zuzuſchreiben, als vielmehr noch ein wahres Ueber - bleibſel der ehemaligen Fauſtrechtsgeſinnungen. Ein(a)ſche, ingleichen Todesangſtbruͤderſchaften, Herzjeſu - bruͤderſchaften, Herzjeſu-Andachten u. ſ. w. ver - anſtaltet; wie ſie 1561. zu Augsburg ihre Con - troverspredigten, wie ſie ihre ſo genannte Exerci - tien und Selbſtpeitſchereyen eingefuͤhret, und wie ſie, nach Art der unter den Namen St. Vincenz - ſegen, St. Petersſegen, St. Felixſegen, St. Lucas - ſegen u. ſ. w. bey den Ordensgeiſtlichen einge - ſchlichenen Generalabſolutionen, vorzuͤglich eine Art von Vollmacht zur paͤbſtlichen Segenserthei - lung ſich eigen zu machen gewußt, — das alles iſt in den Sendſchreiben uͤber das waͤhrend der Je - ſuiterepoche ausgeſtreuete Unkraut allenfalls aus - fuͤhrlicher zu finden.71) Ferd. I. Max II. 1558-1576. Ein Fraͤnkiſcher Reichsritter, Wilhelm von Grum - bach, hatte den Biſchof Melchior von Wuͤrzburg in ſeiner eignen Reſidenz erſchießen laßen, und her - nach nicht nur mittelſt Belagerung der Stadt Wuͤrzburg das Domcapitel zu einem Vergleiche ge - noͤthiget, ſondern auch den Herzog Johann Fried - rich den Mittlern von Gotha dergeſtalt eingenom - men, daß derſelbe ihn in Gotha und in dem da - zu gehoͤrigen Schloſſe Grimmenſtein aufnahm, und auf den Fall eines Angriffs ſowohl zur Gegenwehr als zu anderen Unternehmungen weitausſehende kriegeriſche Anſtalten machte. Der Sache wurde nur damit ein Ende gemacht, daß ſowohl wider den Herzog von Gotha als wider Grumbachen und alle ſeine Helfershelfer die kaiſerliche Achtserklaͤrung ergieng, deren Vollziehung dem Churfuͤrſten von Sachſen aufgetragen wurde, der nach einer kurzen Belagerung endlich Gotha und Grimmenſtein in ſeine Gewalt bekam, worauf Grumbach nebſt eini - gen ſeiner Genoſſen am Leben geſtraft, und der ungluͤckliche Herzog von Gotha auf Zeitlebens in Gefangenſchaft nach Oeſterreich abgefuͤhrt wurde.
Dieſe Unruhen, die in ihrer Art die letztenIX. waren, gaben unter andern Anlaß, daß von einer Verordnung, die ſchon in den Reichsabſchieden 1548. 1555. 1559. auf ſolche Faͤlle gemacht war, Gebrauch gemacht wurde, indem an ſtatt eines vollſtaͤndigen Reichstages nur die Churfuͤrſten und von wegen der Fuͤrſten, Praͤlaten, Grafen und Reichsſtaͤdte nur einige deputirte Staͤnde zu einem ſo genannten Deputationstage zuſammen berufen wurden, um deſto geſchwinder, wie es dergleichen eilende Faͤlle erforderten, die noͤthigen Schluͤſſe faſ -A 4ſen8VI. Neuere Zeit. Ferd. I — III. 1558-1648. ſen zu koͤnnen. Der Deputationsabſchied, der diesmal unterm 18. Maͤrz 1564. zu Worms er - richtet wurde, enthielt einige nuͤtzliche Verfuͤgun - gen, wie die Kreisanſtalten gegen ſolche landfrie - densbruͤchige Unruhen noch wirkſamer gemacht werden ſollten. Inſonderheit ward darin bemerk - lich gemacht, daß zu Zeiten eine große Anzahl Reu - ter und Knechte unter blinden Namen ohne einige Anzeige des Kriegsherrn, oder auch unter dem Vorwande, das Kriegsvolk dieſem oder jenem Po - tentaten zuzufuͤhren, aufgebracht wuͤrden, zu Zeiten auch dergleichen Kriegsvolk ohne Vorwiſſen und Erlaubniß einer ordentlichen Obrigkeit ſich ſelbſt - eignes Vorhabens zuſammenſchluͤge, und ganze Laͤn - der mit Verſammlungen, Muſterplaͤtzen, Lagern, Durchzuͤgen, Brandſchatzungen und Pluͤnderungen beunruhigte. Wogegen allerdings Auftraͤge an die Kreisoberſten jeden Kreiſes das einzige wirk - ſame Mittel ſchienen. Ueber das alles wurde im Jahre 1567. von wegen ſaͤmmtlicher Kreiſe (nur den Burgundiſchen ausgenommen) noch eine eigne allgemeine Reichskreisverſammlung zu Erfurt gehal - ten, wo man die Ueberbleibſel jener Unruhen vollends zu berichtigen ſuchte(b)Der Abſchied dieſer Verſammlung vom 27. Sept. 1567. findet ſich in der neueren Samml. der R. A. Th. 3. S. 263.. Damit iſt auch ſeitdem die innere Ruhe von Teutſchland gegen landfrie - densbruͤchige Unternehmungen von der Art mehr befeſtiget worden.
I. Einfuͤhrung des Rechts der Erſtgebuhrt in dem Hauſe Oeſterreich, allem Anſehen nach von Max dem II. — II. Eben dergleichen Verordnungen erſchienen nach und nach in mehreren fuͤrſtlichen und graͤflichen Haͤuſern; — III. Einfluß des Rechts der Erſtgebuhrt auf die Zahl der weltlichen Stimmen im Reichsfuͤrſtenrathe. — IV. Zufaͤllige Richtſchnur dieſer Zahl vom Jahre 1582. her.
Nach Max des II. Tode aͤußerte ſich zuerſt imI. Hauſe Oeſterreich eine Veraͤnderung, die wahrſcheinlich auf einem von demſelben errichteten neuen Hausgeſetze beruhete. Bis dahin war nehm - lich, ſo oft ein regierender Herr vom Hauſe meh - rere Soͤhne hinterlaßen hatte, von dieſen eine Thei - lung vorgenommen worden; ſo, daß zwar das eigentliche Herzogthum Oeſterreich nach Vorſchrift des Gnadenbriefes K. Friedrichs des I. vom Jahre 1156. immer ungetheilt nur nach dem Rechte der Erſtgebuhrt vererbt worden war, aber doch die uͤbrigen Laͤnder des Hauſes, als Steiermark, Ty - rol u. ſ. w. vertheilet waren, und juͤngeren Soͤh - nen und deren Nachkommen zu einem Sitze gedient hatten, um ebenfalls als regierende Herren leben zu koͤnnen. So hatte nach einem Teſtamente, das Ferdinand der I. am 25. Febr. 1554. errichtet, und ſeine Soͤhne durch einen beſonderen Vertrag amA 51. Maͤrz10VI. Neuere Z. Ferd. I — III. 1558-1648. 1. Maͤrz 1564. genehmiget hatten, Max der II. zwar Ungarn, Boͤhmen und Oeſterreich fuͤr ſich alleine bekommen. Aber ſeine Bruͤder waren doch auch regierende Herren, Ferdinand in Tyrol und den Vorderoeſterreichiſchen Landen, Carl in Steier - mark, Kaͤrnthen, Krain. Hingegen von ſechs Soͤhnen, die Max der II. hinterließ, bekam nur der Erſtgebohrne, Rudolf der II., Land und Leute zu regieren. Den uͤbrigen war nur ihr ſtandes - maͤßiger Unterhalt angewieſen, oder ſie wurden auf andere Art verſorgt. Alſo laͤßt ſich aus dem Er - folge urtheilen, daß Max der II. das Recht der Erſtgebuhrt durch eine neue allgemeinere Ver - ordnung eingefuͤhrt haben muß, obgleich dieſe Ver - ordnung ſelbſt, ſo viel ich weiß, noch zur Zeit nicht bekannt geworden iſt. Seine Nachkommenſchaft hat jedoch nicht lange den Genuß davon gehabt, da ſie ſchon mit der erſten Generation ein Ende nahm. Sein Bruder Ferdinand in Tyrol hinter - ließ zwar Soͤhne, aber aus einer unſtandesmaͤßi - gen Ehe mit eines Augsburgiſchen Patricien Toch - ter, Philippine Welſerinn; Daher den Kindern dieſer Ehe weder das vaͤterliche Erbtheil, noch der erzherzoglich Oeſterreichiſche Titel zu Theil wurde. Die Steiermaͤrkiſche Linie hat den Stamm hernach alleine fortgeſetzt, und in Carls Sohne und Enkel, den beiden Ferdinanden dem II. und III., alle Staaten der Teutſchen Linie des Hauſes Oeſterreich vereiniget; außer daß Ferdinands des II. Bruder Leopold nach Abſterben des mit der Welſerinn ver - maͤhlten Erzherzog Ferdinands einen Theil der Ty - roliſchen Verlaßenſchaft bekam, und wieder auf ſei - nen Sohn, Ferdinand Carl, vererbte, der erſt 1662. ohne maͤnnliche Nachkommenſchaft geſtorben iſt.
Nach112) Rud. II. bis 1582. Erſtgebuhrt.Nach und nach kamen jetzt in mehr fuͤrſtli -II. chen und graͤflichen Haͤuſern Primogeniturver - ordnungen zum Vorſchein, als in Mecklenburg 1573., in Braunſchweig-Wolfenbuͤttel 1582., in Baiern 1588., in Pfalzzweybruͤcken 1591., in Lippe 1593., in Sain-Wittgenſtein 1593., in Heſſendarmſtadt 1606., in Holſteingottorp 1608., in Naſſauoranien 1618., in Wied 1624., in Lothringen 1625., in Heſſencaſſel 1628. u. ſ. w. Doch waren auch viele Haͤuſer dem Rechte der Erſtgebuhrt noch ſo entgegen, daß ſie glaubten, es koͤnne mit dem bibliſchen Spruche:” Sind wir dann Kinder, ſind wir auch Erben,” nicht beſte - hen, und deswegen vielmehr einen Fluch darauf legten, wenn auch nur ihre Nachkommen dieſe Art der Erbfolge einzufuͤhren ſich in Sinn kommen laßen wollten.
Eine der Folgen des haͤufiger eingefuͤhrten RechtsIII. der Erſtgebuhrt aͤußerte ſich bald darin, daß nach und nach mehr fuͤrſtliche Haͤuſer erloſchen, weil nicht mehr, wie bey fortgeſetzten Theilungen, meh - rere Bruͤder ſich ſtandesmaͤßig vermaͤhlen und ihren Stamm fortſetzen konnten. Inſonderheit wurde es bald in den weltlich fuͤrſtlichen Stimmen auf dem Reichstage merklich, daß ſie an der Zahl abnahmen, wenn immer weniger regierende Herren im Fuͤrſtenrathe erſchienen. Bisher hatte es zum Vortheile des weltlichen Fuͤrſtenſtandes demſelben oft ein Uebergewicht uͤber die geiſtlichen Fuͤrſten verſchafft, daß man die Stimmen nach der Anzahl der erſcheinenden Perſonen zehlte. Bey den geiſt - lichen Fuͤrſten war dieſe Anzahl einmal wie das andere unveraͤnderlich. Auf der weltlichen Bankver -12VI. Neuere Z. Ferd. I — III. 1558-1648. vermehrte ſich die Anzahl der Stimmen bey jedem Todesfall, wenn ein Vater mehr Soͤhne hinterließ, die ſich in die vaͤterlichen Lande theilten. So galt z. B. ganz Heſſen nur fuͤr eine Stimme, ſo lange Phi - lipp der Großmuͤthige lebte, der es allein in Be - ſitz hatte. Als hernach ſeine vier Soͤhne ſich in Caſſel, Marburg, Rheinfels und Darmſtadt ver - theilten, konnten ſie vier Stimmen im Fuͤrſtenrathe fuͤhren. So wie das Recht der Erſtgebuhrt mehr in Gang kam, verlohr ſich dieſer Vortheil.
Doch eben dieſe Umſtaͤnde hatten vielleicht ei - nigen Antheil daran, daß unter dieſer kaiſerlichen Regierung die ganze Reichstagsverfaſſung, was die Zahl der fuͤrſtlichen Stimmen betrifft, eine an - dere Wendung nahm. Ohne daß man Urſache und Umſtaͤnde genau angeben kann, ſcheint der Reichstag 1582. fuͤr die folgende Zeit eine ganz neue Richtſchnur abgegeben zu haben. An ſtatt, daß bisher die Zahl der weltlichen Stimmen, nach - dem in einem Hauſe bald mehr, bald weniger re - gierende Herren waren, veraͤnderlich geweſen war, indem man immer nur die erſcheinenden Perſonen zehlte; ſo wurde in der Folge mehr auf die Laͤn - der, als auf die Perſonen, geſehen. Und zwar gerade, wie zufaͤlliger Weiſe die Zahl der Stimmen auf dem Reichstage 1〈…〉〈…〉 82. ſich verhalten hatte; ſo ward ſie nachher immer beybehalten. Waren damals mehrere Linien, ſo blieben auch fuͤr die Zukunft eben ſoviel Stimmen, wenn gleich die Li - nien zuſammen ſtarben, wie z. B. der Fall im Hauſe Braunſchweig-Luͤneburg war, das damals mehrere Linien in Calenberg, Zelle, Wolfenbuͤttel und Grubenhagen hatte, wovon zwey bald hernacherlo -132) Rud. II. bis 1582. Erſtgebuhrt. erloſchen, deren Stimmen aber doch im Fuͤrſten - rathe ihren Fortgang behalten haben. Hatte hin - gegen im Jahre 1582. ein Land nur einen Herrn, der hernach mehrere Soͤhne, die ſich wieder ver - theilten, hinterließ; ſo blieb auf dem Lande doch nur eine Stimme haften. Das war z. B. der Fall im Hauſe Anhalt, da der Fuͤrſt Joachim Ernſt 1582. noch ganz Anhalt hatte, ſeine Soͤhne aber 1586. vier regierende Linien zu Deſſau, Bern - burg, Coͤthen, Zerbſt ſtifteten, und doch nur eine Stimme behielten. Oder wenn nach 1582. auch die Beſitzer eines Landes ganz ausſtarben, und das Land einem andern Fuͤrſten zufiel, ſo wurde doch die vorige Stimme fortgefuͤhrt, wie z. B. der Fall gleich im Jahre 1583. mit den gefuͤrſteten Grafen von Henneberg, die damals ausſtarben, und ſeit - dem noch mit Pommern, Leuchtenberg, und mehr anderen Laͤndern ſich zugetragen hat; an ſtatt daß mit allen Laͤndern, deren Beſitzer vor 1582. aus - geſtorben, auch ihre Stimmen erloſchen ſind, wie die Beyſpiele von Kaͤrnthen, Steiermark, Krain, Teck, und unzehlig andere davon zum Beweiſe dienen.
I. Spaniſche und jefuitiſche Rathſchlaͤge. — Nieder - laͤndiſche Unruhen. — II. Weitere Trennung der Lutheri - ſchen und Reformirten durch das ſo genannte Concordien - buch. — III. Jeſuitiſche Angriffe auf die Verbindlichkeit des Religionsfriedens. — IV. V. Aufgeſtellte Grundſaͤtze zur Behauptung einer gewaltſamen catholiſchen Gegenreforma - tion. — VI. Deren Erfolg in Steiermark und Wuͤrzburg, — VII. und, nach etlichen Religionsveraͤnderungen, im Badi - ſchen. — VIII. Verdraͤngung der Proteſtanten zu Aachen. — IX. X. Durchſetzung des geiſtlichen Vorbehalts im Erzſtifte Coͤlln und Hochſtifte Straßbutg. — XI. Bedenkliche Lage der mit Proteſtanten beſetzten Stifter in Ober - und Nieder - ſachſen. — XII-XIV. Bewegungen uͤber den neuen Gre - goriſchen Calender.
Der groͤßte Unterſchied zwiſchen Rudolfs des II. und den beiden vorigen Regierungen zeigte ſich bald darin, daß der Kaiſer fuͤr ſeine Perſon wenigen Antheil an Geſchaͤfften nahm, und ſich von Eingebungen des Spaniſchen Hofes und jeſui - tiſcher Rathſchlaͤge lenken ließ. Nach dem An - fange, der in den Niederlanden und in Frankreich ſchon gemacht war, ſollte nun die Reihe auch an Teutſchland kommen, um ſowohl da als in den Niederlanden die evangeliſche Religion gaͤnzlich zu vertilgen. In den Niederlanden kam es daruͤber zur genauern Vereinigung zwiſchen ſieben Provin - zen, die am 23. Jan. 1579. eine Union zu Uetrecht mit einander ſchloſſen, und in deren Gefolg am 26. Jul. 1581. der Krone Spanien den Gehorſam voͤllig aufkuͤndigten. Daruͤber behielten die Thaͤt -lich -153) Rud. II. neue Relig. Unruhen. lichkeiten, die ſchon ſeit dem Jahre 1568. hier zum Ausbruch gekommen waren, einen ſolchen Fortgang, daß erſt nach einem 80. jaͤhrigen Kriege dieſe Sache zum Frieden kam. Bis dahin war ſehr natuͤrlich, daß dieſe Niederlaͤndiſche Unru - hen ſich oft in Teutſche Sachen verflochten. Den Teutſchen Proteſtanten konnte das Schickſal der Niederlaͤnder nicht gleichguͤltig ſeyn. Der kaiſer - liche Hof und der catholiſche Religionstheil hielten es meiſt mit der Krone Spanien. So fanden beide Theile bey jeder Gelegenheit eine gewiſſe Willfaͤhrigkeit zu gegenſeitigen Unterſtuͤtzungen.
Fuͤr die Proteſtanten war es ein großes Un -II. gluͤck, daß die theologiſchen Streitigkeiten, die ſich ſchon zwiſchen Luthern und Zwingli hervorgethan hatten, durch Johann Calvin zu Genf noch viel weiter getrieben wurden, und nach Melanchthons Tode unter den Theologen in Ober - und Nieder - ſachſen in große Gaͤhrungen ausbrachen, denen man nur dadurch abhelfen zu koͤnnen glaubte, wenn man ſich uͤber ein neues ſymboliſches Buch ver - einigte, zu dem ſich alle Kirchen - und Schuldiener der evangeliſchen Kirche bekennen ſollten. Ein ſol - ches Concordienbuch, wie man es nannte, wo - zu ein Tuͤbingiſcher Theologe, Jacob Andreaͤ, den Hauptentwurf gemacht hatte, brachte man nach muͤhſamen Unterhandlungen mehrerer Jahre im Jahre 1580. im Kloſter Bergen bey Magdeburg zu Stande. Man ſetzte darin uͤber alle Saͤtze, die unter den Theologen von beiden Partheyen bisher beſtritten waren, ſolche Beſtimmungen feſt, daß dadurch zwiſchen Lutheriſchen und Reformir - ten beynahe eben eine ſolche Scheidewand gezogenwur -16VI. Neuere Z. Ferd. I — III. 1558-1648. wurde, als das Concilium zu Trient zwiſchen Ca - tholiſchen und Proteſtanten gethan hatte. In den meiſten Teutſchen evangeliſchen Laͤndern wurde die - ſes Concordienbuch zwar eingefuͤhrt, aber doch nicht in allen. Viel weniger fand es in Daͤnemark und England den gehofften Beyfall. Inzwiſchen entſtand eben daruͤber zwiſchen den Lutheriſchen und reformirten Staͤnden in Teutſchland ein der gemei - nen Sache der Proteſtanten aͤußerſt nachtheiliges Mißverſtaͤndniß. Selbſt das gluͤckliche Gleichge - wicht, ſo bisher die drey evangeliſchen Churhoͤfe gegen die drey geiſtlichen gehalten hatten, litt gar ſehr durch das uͤble Vernehmen, das ſich zwiſchen Churſachſen und Churpfalz hervorthat, da letzteres zur reformirten Parthey gehoͤrte, und derſelben treu blieb.
Alle dieſe Umſtaͤnde wußten inſonderheit die Jeſuiten vortrefflich zu benutzen. Sie glaubten jetzt, ohne Scheu behaupten zu koͤnnen, daß der Religionsfriede an ſich nicht nur nicht zu Recht beſtaͤndig und hoͤchſtens nur ein Bedingungsweiſe eingegangenes, aber nun laͤngſt entkraͤftetes Tem - poralwerk ſey, ſondern daß er jetzt auch uͤberall nicht mehr in Anwendung gebracht werden koͤnne; — auf die Reformirten nicht, weil die Lutheriſchen ſelbſt ſie nicht fuͤr ihre Glaubensgenoſſen anerkaͤnn - ten; — auf die Lutheriſchen auch nicht, weil ſie ſich nicht mehr an der alleine im Religionsfrieden zum Grunde gelegten Augsburgiſchen Confeſſion hielten, ſondern ein neues ſymboliſches Buch, die Concordienformel angenommen haͤtten, wovon der Religionsfriede nichts wuͤßte.
Sie173) Rud. II. neue Relig. Unruhen.Sie behaupteten uͤberdies, mit eben dem Rechte,IV. wie ehedem ein Churfuͤrſt von Sachſen, ein Land - graf von Heſſen und andere evangeliſche Reichs - ſtaͤnde in ihren Laͤndern und Gebieten die evange - liſche Religionsuͤbung eingefuͤhrt haͤtten, koͤnnten jetzt catholiſche Landesherren, die evangeliſche Unterthanen haͤtten, denſelben ihre Religions - uͤbung wieder nehmen, und ſie zur catholiſchen zuruͤckzubringen; zumal da ohnedem der Guͤltig - keit der Erklaͤrung, die Ferdinand der I. zum Vortheile der Freyſtellung des Gottesdienſtes fuͤr evangeliſche Unterthanen unter catholiſchen Landes - herren ertheilet hatte, widerſprochen wurde.
Wenn man die Frage aufwarf, ob es auchV. recht ſey, allenfalls Gewalt zu brauchen, um Pro - teſtanten in den Schooß der catholiſchen Kirche zuruͤckzubringen; ſo wurde in jeſuitiſchen Schriften der Unterſchied gemacht, daß es zwar unrecht ſeyn wuͤrde, wenn man Juden oder Tuͤrken zum Chri - ſtenthume zwingen wollte, weil ſolche noch nicht zur chriſtlichen Kirche gehoͤrten. Aber Proteſtan - ten ſeyen einmal durch die Taufe ſchon Glieder der chriſtlichen Kirche geworden, und alſo ſchuldig, zu glauben, was die Kirche glaube, oder koͤnnten widrigenfalls mit allen moͤglichen Zwangsmitteln dazu angehalten werden. Das ſey ohnedem ihr eigenes Beſtes, und verhalte ſich eben ſo, wie man einen raſenden Menſchen oder einen, der im hitzi - gen Fieber liege, zu ſeinem eignen Beſten binde und zwinge, um Arzney zu nehmen, und ſich und an - dern nicht zu ſchaden.
Durch ſolche Gruͤnde unterſtuͤtzt, durch denVI. lebhafteſten Haß gegen alles, was Ketzer hieß, an -P. Entw. d. Staatsverf. Th. II. Bge -18VI. Neuere Z. Ferd. I — III. 1558-1648. gefeuert, und belebt durch den Eifer ſo vielen Men - ſchen, die ſonſt verdammt ſeyn wuͤrden, die Se - ligkeit zu verſchaffen, ſich ſelbſt aber damit ein Verdienſt fuͤr die Ewigkeit zu erwerben, — fien - gen jetzt catholiſche Fuͤrſten an, eine ſo genannte Gegenreformation in ihren Laͤndern vorzuneh - men. Das Schickſal traf inſonderheit die Pro - teſtanten in den Oeſterreichiſchen Erblaͤndern unter dem Erzherzog Carl von Steiermark, und die im Wuͤrzburgiſchen, wo der Biſchof Julius in den Jahren 1585 — 1587. ſich ſchmeichelte uͤber 100. tauſend Menſchen zu ſeiner Kirche zuruͤckgebracht zu haben, und wo diejenigen, die ſich nicht be - quemen wollten, ſowohl aus ſeiner Reſidenz als aus 120. Orten ſeines Biſthums nebſt ihren Pre - digern gewaltſam vertrieben wurden.
Auch an anderen Mitteln und Kuͤnſten wurde nichts geſpahret, wo man es nur moͤglich ma - chen konnte, Perſonen von Stande, oder auf die ſonſt etwas ankam, zum Uebergange zur catho - liſchen Kirche zu bewegen, oder Kinder aus ver - miſchten Ehen in der catholiſchen Religion erziehen zu laßen. So ward erſt Johann Piſtorius, ein Rath des Marggrafen Jacobs von Baden-Hoch - berg, catholiſch, und darauf auch dieſer Marg - graf ſelbſt, der auch ſchon in ſeinem Landesan - theile die catholiſche Religion wieder einfuͤhrte; wiewohl das nicht von Beſtand war, weil er fruͤh - zeitig ſtarb, und ſein Bruder Ernſt Friedrich her - nach wieder der evangeliſchen Religion ihren freyen Lauf ließ. Aber in Baden-Baden ward Phi - lipp der II. von ſeiner Mutter Anverwandten ca - tholiſch erzogen, und ſein Vetter und NachfolgerEduard193) Rud. II. neue Relig. Unruhen. Eduard bekannte ſich ebenfalls zur catholiſchen Religion. Daruͤber kam es auch im Badiſchen zu Veraͤnderungen zum Nachtheile der evangeli - ſchen und zum Vortheile der catholiſchen Religion.
Fuͤr evangeliſche Einwohner in ReichsſtaͤdtenVIII. gab es keine beſſere Ausſichten, da zu Aachen den ſeit 1567. aus Antwerpen dorthin gefluͤchteten reformirten Buͤrgern ſowohl ihre Religionsuͤbung, als die ſeit 1574. ſchon erlangte Rathsfaͤhigkeit durch eine kaiſerliche Commiſſion abgeſprochen wurde.
Um endlich den geiſtlichen Vorbehalt zumIX. Nachtheile der Proteſtanten durchzuſetzen, wurde in zwey namhaften Faͤllen alles angewandt, und die Abſicht gluͤcklich erreicht. Im Erzſtifte Coͤlln hatte der Churfuͤrſt Gebhard, gebohrner Truchſeß von Waldburg, am 19. Dec. 1582. ſich oͤffentlich zur reformirten Religion bekannt, und den 2. Febr. 1583. ſich mit der Graͤfinn Agnes von Mansfeld trauen laßen; in der Meynung, des geiſtlichen Vorbehalts ungeachtet doch das Erzſtift zeitlebens beyzubehalten. Er wurde aber mit Huͤlfe Spani - ſcher aus den Niederlanden dorthin gezogener Voͤl - ker genoͤthiget, das Erzſtift mit dem Ruͤcken anzu - ſehen, und dem an ſeine Stelle ernannten Prin - zen Ernſt von Baiern zu uͤberlaßen.
Nicht beſſer gieng es dem Prinzen JohannX. Georg von Brandenburg, der im Jahre 1592. zu Straßburg von den dortigen Domherren, deren damals 14. evangeliſch, 7. catholiſch waren, jedoch mit Widerſpruch der letzteren zum Biſchof erweh - let, aber auch bald genoͤthiget wurde, dem vonB 2den20VI. Neuere Z. Ferd. I — III. 1558-1648. den catholiſchen Domherren ihm entgegengeſetzten Prinzen Carl von Lothringen zu weichen.
In den Erz - und Hochſtiftern des Ober - und Niederſaͤchſiſchen Kreiſes, als in Magdeburg, Bremen, Halberſtadt, Verden, Luͤbeck, Minden, Schwerin, Camin, Ratzeburg, Merſeburg, Naum - burg, Brandenburg, Havelberg, waren meiſt Herren von den Haͤuſern Sachſen, Brandenburg, Braunſchweig, Mecklenburg, Pommern und Hol - ſtein in Beſitz. Aber ihre Lage konnte nicht an - ders als ſehr bedenklich werden, ſobald es ſich anließ, daß der geiſtliche Vorbehalt mit Gewalt wuͤrde durchgeſetzt werden.
Noch vermehrten ſich die Mißhelligkeiten bei - der Religionstheile, als ein neuer Calender, der unter dem Anſehen des Pabſts Gregors des XIII. ſeit dem 15. Oct. 1581. in den catholiſchen Staa - ten eingefuͤhrt war, auf dem Reichstage 1582. fuͤr ganz Teutſchland in Antrag kam, aber nur von den catholiſchen Staͤnden, nicht von den evange - liſchen angenommen wurde. Der bisherige Julia - niſche Calender (noch von Julius Caͤſar her) war allerdings unrichtig; das Sonnenjahr war darin zu 365. Tagen 6. Stunden berechnet, an ſtatt daß es einige Minuten weniger betrug. Dieſes machte nach dem Verlaufe ſovieler Jahrhunderte ſchon einen Unterſchied von 10. Tagen aus, die man da - her in dieſem Gregoriſchen Calender vom 5. bis zum 15. Oct. 1581. auf einmal uͤberſchlug, um wieder in eine richtige Ordnung zu kommen.
Die Richtigkeit und Erheblichkeit dieſer aſtro - nomiſchen Berechnung ſah freylich nicht ein jederein;213) Rud. II. neue Relig. Unruhen. ein; ein beruͤhmter Rechtsgelehrter, Andreas Gail, that daruͤber den Ausſpruch: Mit dem neuen Calender iſt es Narrenwerk. Das Hauptwerk kam aber darauf an: ob eine paͤbſtliche Vorſchrift hier - in den Ausſchlag geben koͤnne? Weil von Berich - tigung des Calenders auch die Beſtimmung der Zeit des Oſterfeſtes und anderer Feiertage abhieng, ſo ſah man es als einen kirchlichen Gegenſtand an. Auf der Kirchenverſammlung zu Coſtnitz war des - wegen ſchon davon die Rede geweſen. Endlich hatte man zu Rom ſelbſt einige Aſtronomen die Sache berechnen laßen. Und ſo glaubte der Pabſt, die Sache aus ſeiner Gewalt durchſetzen zu koͤn - nen. Das fand natuͤrlicher Weiſe bey allen pro - teſtantiſchen Maͤchten Widerſpruch. Die Proteſtan - ten blieben daher uͤberall bey dem bisherigen alten Calender; zehlten alſo ihre Monathstage um 10. Tage ſpaͤter, als die Catholiſchen.
In Reichen und Staaten, wo nur einerleyXIV. Religionsverwandte waren, hatte es am Ende nicht ſo viel zu bedeuten, welchem Calender man folgte. Aber in einem Reiche, wie in Teutſchland, wo auf dem Reichstage und bey vielen anderen Gele - genheiten catholiſche und evangeliſche Staͤnde bey - ſammen waren, oder in Staͤdten, wo von beider - ley Religionen Einwohner waren, konnte es nicht anders als vielerley Verwirrung machen, wenn der eine Theil Oſtern, Pfingſten, Weinachten, Neujahr u. ſ. w. zehn Tage eher oder ſpaͤter als der andere feierte; ohne zu gedenken, was in an - deren Dingen, die auf gewiſſe Tage beſtimmt wa - ren, als in Wechſelſachen, Meſſen, Jahrmaͤrkten u. ſ. w. fuͤr Irrungen daraus entſtehen mußten. B 3Es22VI. Neuere Z. Ferd. I — III. 1558-1648. Es konnte alſo nicht fehlen, daß bloß der Unter - ſchied des alten und neuen Calenders vielfaͤltig neuen Stoff zu Beſchwerden und Streitigkeiten bald zwi - ſchen Herren und Unterthanen, bald zwiſchen Mit - buͤrgern einer Stadt, abgeben mußte.
I. Streit uͤber die Gerichtbarkeit des Reichshofraths bey Gelegenheit der Achtserklaͤrung der Stadt Donawerth und einer Heſſiſchen Succeſſionsſtreitigkeit. — II. Urſpruͤng - liche Vorzuͤge des Cammergerichts. — III. Bedenklichkeiten in Anſehung des Reichshofraths, ſofern er Gerichtbarkeit ausuͤben ſollte. — IV. Einleitung der Sache in der Frage: ob der Kaiſer neben dem Cammergerichte noch eine Gericht - barkeit habe? — V. Richtige Beurtheilung dieſer Frage — VI. ſelbſt nach dem wahren kaiſerlichen Intereſſe. — VII. Un - gluͤckliche Hemmung der Cammergerichtsviſitation 1588. — VIII. Was anfangs ſcheinbarblendende Vortheile zu bewaͤhren ſchien, erhielt ſich doch nicht in der Folge. — IX. Concept der Cammergerichtsordnung 1613.
Endlich kam unter dieſer Regierung auch das wieder zur Sprache, daß Faͤlle, die ſich zur Ausuͤbung der kaiſerlichen Gerichtbarkeit eigneten, nicht mehr dem Cammergerichte alleine uͤberlaßen wurden, ſondern auch der Reichshofrath der - gleichen Sachen an ſich zog, und ſelbſt ſolche Aus - ſpruͤche, die ehedem die Kaiſer nur nach gehaltenem Fuͤrſtenrechte zu thun pflegten, jetzt fuͤr ſich alleine unternahm. So geſchah es, daß die Stadt Dona - werth, eine zum Schwaͤbiſchen Kreiſe gehoͤrige evangeliſche Reichsſtadt, weil ſich ihre Einwohnereiner234) Rud. II. Reichshofrathsgerichtb. einer gegen den bisherigen Beſitzſtand eigenmaͤch - tig unternommenen Kloſterproceſſion widerſetzt hat - ten, ohne große Umſtaͤnde in die Acht erklaͤrt, und die Vollziehung dieſer Acht nicht dem Schwaͤbiſchen Kreiſe, ſondern dem Herzoge von Baiern aufgetra - gen wurde, der ſich bald der Stadt ſo zu bemaͤchti - gen wußte, daß ſie daruͤber aus einer evangeliſchen Reichsſtadt in eine catholiſche Landſtadt verwan - delt wurde. Und ſo nahm der Reichshofrath auch eine Klage des Hauſes Heſſendarmſtadt gegen Heſſencaſſel an, da jenes wegen der unter beiden Haͤuſern in Streit gediehenen Succeſſion im erle - digten Marburgiſchen Antheile mit Vorbeygehung der Auſtraͤgalinſtanz ſich gerade an den kaiſerlichen Hof wandte. Worauf in der Folge immer meh - rere Rechtsſachen am Reichshofrathe angebracht und vorgenommen wurden.
Die Sache konnte fuͤr jeden Reichsſtand, derII. daruͤber nachdachte, nicht gleichguͤltig ſeyn. Das Cammergericht war einmal dasjenige Gericht, woruͤber Kaiſer und Reich ſich vereiniget hatten, daß es die kaiſerliche Gerichtbarkeit in der hoͤchſten Inſtanz ausuͤben ſollte, ohne daß man daran ge - dacht hatte, daß außer dem Cammergerichte noch an irgend einem andern Orte, als allenfalls nur an einem unter des Kaiſers perſoͤnlichen Vorſitz mit Reichsſtaͤnden ſelbſt beſetzten Fuͤrſtenrechte, kaiſerliche Rechtsſpruͤche ſtatt finden koͤnnten. Da - bey war dem Cammergerichte eine durch viele Reichs - geſetze beſtimmte Proceßordnung vorgeſchrieben, woran die Reichsſtaͤnde inſonderheit bey den jaͤhr - lichen Viſitationen des Cammergerichts noch immer Verbeſſerungen zu veranlaßen, gute GelegenheitB 4hat -24VI. Neuere Z. Ferd. I — III. 1558-1648. hatten. Selbſt was die Mitglieder des Gerichts betrifft, hatten die Reichsſtaͤnde es in ihrer Ge - walt, ſowohl durch die Praͤſentationen, die ſie zu vergeben hatten, dafuͤr zu ſorgen, daß Maͤnner, zu denen ſie Zutrauen haben konnten, an das Ge - richt kamen, als auch bey den Viſitationen ein wachſames Auge daruͤber zu halten, daß ein jeder ſeine Pflicht nicht aus den Augen ſetze, oder allen - falls einer jeden beſchwerten Parthey noch ein foͤrm - liches Rechtsmittel der Reviſion offen ſtand.
Der Reichshofrath beſtand hingegen aus lau - ter Perſonen, die nur der Kaiſer nach eignem Wohl - gefallen annahm, und in ſeiner unbeſchraͤnkten Abhaͤngigkeit hatte, ohne daß hier weder an ein reichsſtaͤndiſches Praͤſentationsrecht, noch an eine Viſitation und Reviſion, noch an Beobachtung einer ſtrengen Proceßordnung zu denken war. Die ganze Einrichtung des Reichshofraths war auch von ſeinem erſten Urſprunge her nicht fuͤr Juſtitzſachen gemacht, ſondern ſo, wie ein Staatsminiſterium eingerichtet zu ſeyn pfleget, deſſen Weſen nur dar - in beſteht, daß es ſeinem Herrn in vorkommen - den Faͤllen ſo, wie es demſelben am vortheilhafte - ſten iſt, zu rathen hat, die Entſcheidung ſelbſt je - doch dem Willen des Herrn uͤberlaßen muß. Der Reichshofrath war von Anfang an darauf einge - richtet, daß er uͤber die ihm vorkommenden Sachen dem Kaiſer ſchriftliche Gutachten erſtatten, und die Entſcheidung darauf von der Perſon des Kaiſers oder aus dem kaiſerlichen Cabinete erwarten ſollte. Was konnte jeder Reichsſtand hieruͤber fuͤr Be - trachtungen anſtellen, wenn er ſich jetzt den Fall gedachte, daß eine ihn betreffende Rechtsſache amkaiſer -254) Rud. II. Reichshofrathsgerichtb. kaiſerlichen Hofe zur Entſcheidung kommen moͤchte? Wie mußte aber vollends den Proteſtanten zu Muthe werden, da ſie wußten, daß am Reichs - hofrathe nicht, wie am Cammergerichte, auch evan - geliſche Mitglieder, ſondern nur catholiſche Reichs - hofraͤthe waren, und da ſie bald erfuhren, daß der Einfluß, den Jeſuiten und Spaniſche Miniſter auf das kaiſerliche Cabinet hatten, auch in Entſchließun - gen auf Reichshofrathsgutachten oder in anderen unmittelbaren Einfluͤſſen auf dieſes hohe Collegium nicht unwirkſam blieben?
In einem Schriftwechſel, den die Donawer -IV. thiſche Achtserklaͤrung veranlaßte, kam es am erſten hieruͤber zur Sprache. Man ſuchte die Streitfrage ſo einzulenken: ob der Kaiſer mit dem Cammer - gerichte noch eine concurrente Gerichtbarkeit habe? Man ſuchte alſo nicht ſowohl das Reichs - hofrathscollegium, als die Perſon des Kaiſers ſelbſt hier zum Gegenſtande aufzuſtellen. Nun hieß es: der Kaiſer habe ſeine Gerichtbarkeit zwar dem Cam - mergerichte aufgetragen, aber (wie jetzt mit jeſui - tiſchſcholaſtiſchem Scharfſinn diſtinguirt wurde) nicht abdicativiſch, ſo, daß er ſich ſeiner Gericht - barkeit damit ganz begeben oder derſelben ganz ent - ſaget haͤtte; ſondern nur communicativiſch habe der Kaiſer dem Cammergerichte ſeine Gerichtbar - keit mitgetheilt, ohne daß ihm die Haͤnde gebun - den waͤren, auch noch neben dem Cammergerichte eben dieſe Gerichtbarkeit auszuuͤben.
Nach richtigen Grundſaͤtzen eines geſundenV. allgemeinen Staatsrechts, aus der Natur des Ju - ſtitzweſens geſchoͤpft, und mit der beſonderen Ver -B 5faſ -26VI. Neuere Z. Ferd. I — III. 1558-1648. faſſung des Teutſchen Reichs geſchichtsmaͤßig ver - glichen, haͤtte es nicht ſchwer fallen koͤnnen, dar - auf zu antworten: daß allerdings die Ausuͤbung der kaiſerlichen Gerichtbarkeit, wie ſie am Cammer - gerichte geſchehen ſolle, einmal von Kaiſer und Reich durch gegenſeitige reichsgefetzliche Ueberein - kunft dergeſtalt feſtgeſetzt ſey, daß ohne ebenmaͤßige gegenſeitige Einwilligung beider Theile nicht wie - der davon zuruͤckgegangen werden koͤnne, und alſo der kaiſerliche Hof fuͤr ſich alleine dieſem einmal mit den Staͤnden verglichenen hoͤchſten Reichsge - richte nicht noch ein anderes an die Seite zu ſetzen berechtiget ſey.
Im Grunde waͤre ſelbſt das wahre kaiſerliche Intereſſe beſſer dabey gefahren, wenn man es bey dem verglichenen Cammergerichte gelaßen, und daſſelbe nur deſto mehr in Aufnahme zu bringen geſucht haͤtte. Je vollkommener man dieſes Ge - richt haͤtte machen koͤnnen, um deſſen Erkenntniſſe uͤber alle Vorwuͤrfe zu erheben, je mehr wuͤrde das kaiſerliche Anſehen dabey gewonnen haben, da es allerdings keine gruͤndlichere Stuͤtze als an Handhabung einer gerade durchgehenden Gerechtig - keit haben konnte. So aber ließ man das Cam - mergericht vielmehr ſinken, obgleich auch deſſen Erkenntniſſe unter des Kaiſers alleinigem Namen und Siegel ausgefertiget wurden.
Was inſonderheit dem Cammergerichte unter dieſer Regierung einen unwiederbringlichen Stoß gab, beſtand darin, daß man die jaͤhrlichen ordent - lichen Viſitationen deſſelben aus dem Gange kom - men ließ. Nach der bisherigen Einrichtung, daimmer274) Rud. II. Reichshofrathsgerichtb. immer ſieben Reichsſtaͤnde nach der Ordnung, wie ſie auf dem Reichstage Sitz und Stimme hatten, dazu kamen, waren gemeiniglich unter den ſieben Staͤnden mehr catholiſche als evangeliſche, ohne daß letztere, wenn ſie ſich uͤber partheyiſches Ueber - ſtimmen beſchwerten, Gehoͤr fanden. So waren noch 1587. bey der damaligen Viſitation und Re - viſion fuͤnf catholiſche und nur zwey evangeliſche Staͤnde; nehmlich 1) Churmainz, 2) Churſachſen, 3) Salzburg, 4) Herzog Johann Caſimir zu Sach - ſen, 5) Praͤlaten, 6) Schwaͤbiſche Grafen, 7) Reichsſtadt Coͤlln, wovon nur die zwey Stimmen vom Hauſe Sachſen auf evangeliſcher Seite waren. Fuͤr das Jahr 1588. folgten nun in der Ordnung des reichstaͤglichen Sitzes 1) Churmainz, 2) Chur - brandenburg, 3) Magdeburg, 4) Marggraf Georg Friedrich von Brandenburg, 5) Praͤlaten, 6) Wet - terauiſche Grafen, 7) Reichsſtadt Regensburg. Darunter waren ganz zufaͤlliger Weiſe einmal um - gekehrt nur zwey catholiſche Stimmen (Churmainz, und Praͤlaten), die uͤbrigen fuͤnf hingegen evan - geliſch. Um dieſe Mehrheit der Stimmen auf evangeliſcher Seite nicht zur Wuͤrklichkeit kommen zu laßen, wurde der Fortgang dieſer Viſitation zuruͤckgehalten, und daruͤber dieſe herrliche Anſtalt auf unuͤberſehliche Zeit ins Stecken gebracht(c)Joh. Phil. Conr. Falke Verwahrung und Befeſtigung des Reviſionsgerichts (Hannov. 1777.) S. 29. §. 25. Meine Litteratur des T. Staats - rechts Th. 2. S. 188.. Womit das Cammergericht in einen Verfall gerieth, der dem kaiſerlichen Anſehen eben ſo ſehr, als den daſelbſt in Rechtsſachen verwickelten Partheyen zum Nachtheil gereichte.
Frey -28VI. Neuere Z. Ferd. I — III. 1558-1648.Freylich waren es ſcheinbarblendende Vor - theile, ſolche wichtige Sachen, wie die bereits erwehnte Marburgiſche Succeſſionsſache, und die noch wichtigeren Faͤlle, die bald hinzukamen, von der Juͤlichiſchen Erbfolge und von den Zwiſtigkei - ten im Hauſe Baden und mehr anderen evange - liſchen Haͤuſern unmittelbar an den kaiſerlichen Hof zu ziehen, und nach deſſen Staatsabſichten zu lenken. Allein am Ende mißlangen doch meiſt ſelbſt dieſe ſo ſcheinbar angelegten Verſuche. Und was war nicht ſchon damit verlohren, daß man Bloͤße gab, gegen kaiſerliche Rechtsſpruͤche Beſchwerden, die jeder Unbefangener nicht fuͤr ungegruͤndet hal - ten konnte, zu veranlaßen!
Fuͤr das Cammergericht wurde noch auf dem Reichstage 1598. eine nuͤtzliche Verfuͤgung getrof - fen, die aber auch bis jetzt noch nicht ihre voͤl - lige Wirkung gehabt hat. Es waren nehmlich ſeit dem Jahre 1555., da die Cammergerichts - ordnung unter Carl dem V. das letztemal promul - girt war, in den nachherigen Viſitationsſchluͤſſen und Reichsabſchieden ſoviele Zuſaͤtze und Veraͤn - derungen erfolget, daß man faſt bey jeder Stelle der Cammergerichtsordnung erſt muͤhſam nachfor - ſchen mußte, ob man ſie noch als Geſetz anfuͤh - ren koͤnnte, oder ob nicht ein neueres Geſetz eine Aenderung darin gemacht habe. Es ward daher beſchloſſen, einigen Cammergerichtsbeyſitzern den Auftrag zu geben, daß ſie die Cammergerichts - ordnung mit Einſchaltung ſolcher neuen Verbeſſe - rungen und Zuſaͤtze von neuem umarbeiten ſollten. Dieſe Umarbeitung iſt geſchehen, und ſchon im Jahre 1603. dem Churfuͤrſten von Mainz zuge -ſtellt,294) Rud. II. Reichshofrathsgerichtb. ſtellt, auch von ſelbigem dem Reiche vorgelegt worden. Man hat ſie aber im Jahre 1613. nur unter dem Titel: Concept der verbeſſerten Cammergerichtsordnung, drucken laßen(d)Meine Litteratur des Staatsrechts Th. 2. S. 419., damit ſie noch erſt von einer Viſitation aufs neue durchgeſehen, und dann nach Befinden von Kaiſer und Reich mit der geſetzlichen Kraft verſehen wer - den koͤnnte. So weit iſt es aber bis auf den heutigen Tag damit nicht gediehen. Die dama - ligen Zeiten waren am wenigſten dazu gemacht, ein ſolches Werk zu Stande zu bringen, das ru - hige Zeiten und uͤbereinſtimmende Geſinnungen des Kaiſers und der Staͤnde erforderte.
I. Bewegungen uͤber die kuͤnftige Succeſſion in den Erbſtaaten des Hauſes Oeſterreich. — II. Weitausſehender Succeſſionsſtreit uͤber Juͤlich und Berg ꝛc. — III. Gegen - ſeitige Buͤndniſſe beider Religionstheile unter den Namen Union und Lige. — IV. Des Kaiſer Matthias Thronfolge und Wahlcapitnlation. — V. Umſchlag der Juͤlichiſchen Sache durch Verunwilligung der Haͤuſer Brandenburg und Pfalzneuburg; — des letztern Religionsveraͤnderung. — VI. Thaͤtlichkeiten zu Prag, und damit unerwartet eroͤffneter Anfang des dreyßigjaͤhrigen Krieges.
Schon unter Rudolf dem II. kam außer den ſchon erwehnten Haͤndeln von Coͤlln, Aachen, Donawerth, Heſſen, u. ſ. w. noch immer eine Un - ruhe uͤber die andere zum Ausbruch. Selbſt im Hauſe Oeſterreich kam es zu weit ausſehenden Bewegungen, da man damit umgieng, nach Ru - dolfs Tode mit Uebergehung ſeines Bruders Mat - thias gleich der Steiermaͤrkiſchen Linie, zu deren Religionseifer man mehr Vertrauen hatte, die Succeſſion zuzuwenden; dem aber Matthias durch eigne Beſitzergreifungen in den Jahren 1608. und 1611. noch zuvorzukommen wußte. Woruͤber auch die Proteſtanten ſowohl in Oeſterreich als in Boͤhmen und Schleſien neue Religionsverſiche - rungen erhielten.
Der315) Rud. II. u. Matth. Succeſſ. Str.Der wichtigſte Vorfall ereignete ſich aber nochII. mit dem Tode des letzten Herzogs Johann Wil - helms von Juͤlich († 1609. Maͤrz 25.). Auf die damit eingetretene Erledigung der betraͤchtlichen Laͤnder Juͤlich, Berg, Cleve, Mark, Ravensberg und Ravenſtein war man ſchon von mehreren Jah - ren her aufmerkſam geweſen, weil man voraus wußte, daß ſoviele Haͤuſer, als Churſachſen, Chur - brandenburg, Pfalzneuburg, Pfalzzweybruͤcken, die Saͤchſiſchen Herzoge von der Ernſtiſchen Linie und der Marggraf von Burgau Anſpruͤche darauf machen, und ſich ſchwerlich in Guͤte daruͤber ver - einigen wuͤrden. Dieſe Sache wurde doppelt weit ausſehend, da zwar der Churfuͤrſt Johann Sigis - mund von Brandenburg und der Pfalzgraf Phi - lipp Ludewig von Neuburg am 31. May 1609. ſich einsweilen uͤber eine gemeinſchaftliche Inte - rimsregierung verglichen hatten; der Kaiſer aber den Erzherzog Leopold zum Sequeſter ernannte, der auch die Feſtung Juͤlich ſchon in ſeine Gewalt be - kam, bis erſt im Sept. 1610. Franzoͤſiſche und Hollaͤndiſche Huͤlfsvoͤlker zum Vortheil jener beſitzen - den Haͤuſer ihn daraus vertrieben.
Unter dieſen Umſtaͤnden kam es ſchon amIII. 3. Febr. 1610. uͤber alle die Vorfaͤlle, wodurch die evangeliſchen Reichsſtaͤnde ſich beſchwert hielten, zu einer Union derſelben, zu deren Haupte der Churfuͤrſt Friedrich der IV., hernach ſein Sohn und Nachfolger Friedrich der V. erklaͤret wurde; aber bald kam es auch zu einer derſelben entgegenge - ſetzten catholiſchen Lige, wovon Herzog Max von Baiern das Haupt wurde, ohne daß ſich einige Hoffnung zum Vergleiche anließ, da alle in ſol -cher32VI. Neuere Z. Ferd. I — III. 1558-1648. cher Abſicht angeſtellte Zuſammenkuͤnfte und Unter - handlungen fruchtlos abliefen.
Nach Rudolfs des II. Tode ward zwar ſein Bru - der Matthias, dem er ſchon bey lebendigem Leibe zuletzt alle ſeine Erblande hatte abtreten muͤßen, ganz ruhig zum Kaiſer erwehlet; außer daß einige das erſtemal in ſeine Wahlcapitulation zum Vor - theile der Churfuͤrſten neu eingeruͤckte Stellen einen Widerſpruch der Fuͤrſten gegen dieſe Wahlcapitu - lation veranlaßten. Aber alle uͤbrige oͤffentliche Angelegenheiten blieben noch in ihrer vorigen Gaͤh - rung. Nur in einer derſelben ereignete ſich ein ganz unerwarteter Umſchlag, und an einem andern Orte, wo man ſichs gewiſſermaßen am wenigſten verſehen haͤtte, kam endlich ein Kriegsfeuer, das ſich gar nicht uͤberſehen ließ, zum voͤlligen Ausbruch.
Jener Umſchlag ereignete ſich in der Juͤlichi - ſchen Sache, da der Prinz Wolfgang Wilhelm von Pfalzneuburg (Philipp Ludewigs aͤlteſter Sohn) vom Churfuͤrſten von Brandenburg, zu deſſen Toch - termann er beſtimmt war, zu Cleve uͤber Tafel eine Ohrfeige bekam, und daruͤber ſich an den Bairiſchen Hof wandte, wo er ſich 1613. mit einer Schweſter des Herzog Maximilians vermaͤhlte, und am 23. May 1614. catholiſch wurde(e)Ein Brief, den der Pfalzgraf Wolfgang Wilhelm hieruͤber am 24. Apr. 1614. an ſeinen Vater geſchrieben, findet ſich im Teutſchen Zu - ſchauer B. 3. Heft 7. (1785.) S. 39. Er meldet darin: er habe geſucht, den Herzog Max von Baiern zur evangeliſchen Religion zu bringen; ſey aber von ihm vielmehr vom Vorzuge der ca -tholi -. Damitnahm335) Rud. II. u. Matth. Succeſſ. Str. nahm vorerſt die Juͤlichiſche Sache eine ganz an - dere Wendung, indem Pfalzneuburg von nun an den Beyſtand des catholiſchen Religionstheils und der Krone Spanien hoffen durfte. Hernach iſt aber außerdem dieſe Religionsveraͤnderung an ſich ſelbſt fuͤr einen betraͤchtlichen Theil von Teutſch - land noch eine Quelle vieler wichtigen Revolutio - nen geworden. Man hoffte zwar anfangs, da der Vater Philipp Ludewig noch lebte, daß die Religionsveraͤnderung auf das Land keinen Einfluß haben wuͤrde. Allein Philipp Ludewig uͤberlebte dieſen Vorfall nicht lange mehr († 1614. Aug. 12.). Wie hernach Wolfgang Wilhelm am 21. Febr. 1615. als regierender Herr nach Neuburg kam, ließ er nicht nur die Schloßkirche gleich von neuem weihen und zum catholiſchen Gottesdienſte einrich - ten, ſondern auch ſonſt im ganzen Lande die ca - tholiſche Religionsuͤbung einfuͤhren. Seine Bruͤ - der, Auguſt und Johann Friedrich, die vermoͤge vaͤterlichen Teſtaments in Sulzbach und Hilpolt - ſtein ihre eigne Anſitze hatten, blieben zwar evan - geliſch. Aber vermoͤge der Hoheit, die Wolfgang Wilhelm als der Erſtgebohrne auch in dieſen Ge - bieten behauptete, ließ derſelbe auch da bald ge - waltſame Anſtalten zur catholiſchen Gegenreforma - tion machen. (In der Folge werden wir hoͤren, wie dieſe Neuburgiſche Linie hernach 1685. ſelbſt zum Beſitz des Churfuͤrſtenthums Pfalz gekommen, und auch da beynahe den ganzen Religionszuſtand veraͤndert hat.)
Doch(e)tholiſchen Religion uͤberzeuget worden, beſonders durch den Catechismus von Peter Caniſius. Er hoffe jetzt ſelbſt ſeinen Vater noch zu eben der Ueberzeugung zu bringen ꝛc.
P. Entw. d. Staatsverf. Th. II. C34VI. Neuere Z. Ferd. I — III. 1558-1648.Doch weder die durch dieſe Pfaͤlziſche Religions - veraͤnderung veranlaßte Beſchwerden, noch die Juͤ - lichiſche, noch eine der andern bisher angefuͤhrten einzelnen Streitſachen, ſondern ein ganz beſonderer Vorfall, da es uͤber Beſchwerden wegen Ueber - tretung der Boͤhmiſchen Religionsverſicherungen zu Prag zu Thaͤtlichkeiten kam, machte den An - fang des unſeligen Krieges, den ſchon der Name des dreyßigjaͤhrigen als einzig in ſeiner Art in un - ſerer Geſchichte auszeichnet.
I. Schlacht bey Prag. Deren Folge, Achtserklaͤrung des Churfuͤrſten von der Pfalz. — II. Uebertragung der Pfaͤl - ziſchen Chur an das Haus Baiern. — Damit auf ewig gehemmte bisherige Religionsgleichheit der Churfuͤrſten. — III. Andere Fortſchritte gegen Badendurlach und Heſſencaſ - ſel. — Von Tilly unterſtuͤtzte catholiſche Gegenreforma - tion. — IV. Kaiſerliches Reſtitutionsedict gegen die Pro - teſtanten. — V. Verungluͤckte Unternehmung des Koͤnigs in Daͤnemark. — Friede zu Luͤbeck. — VI. Einzige noch uͤbrige proteſtantiſche Macht in Schweden, — VII. die Gu - ſtav Adolf uͤber alle Erwartung geltend macht, — VIII. auch ſein Tod im Siege bey Luͤtzen nicht gleich unterbricht, — bis nach einer Niederlage bey Noͤrdlingen Churſachſen zu Prag Frieden ſchließt. — IX. Inhalt des Prager Frie - dens. — X. Deſſen erſter Erfolg.
Sobald mit der Schlacht auf dem weiſſen Berge vor Prag (1620 Oct. 29., Nov. 8.) das Gluͤck der Waffen ſich zum Vortheile Ferdinands des II. anließ, wurde gleich der Entwurf gemacht,den356) Ferd. II. 30. jaͤhr. Kr. bis 1635. den Churfuͤrſten von der Pfalz (Friedrich den V.) dafuͤr, daß er ſich hatte geluͤſten laßen, die ihm von den mißvergnuͤgten Boͤhmiſchen Landſtaͤnden angetragene Krone anzunehmen, mit der Achts - erklaͤrung zu zuͤchtigen. Die Schwierigkeit, die ſelbſt der damalige Reichshofrathspraͤſident, Graf von Hohenzollern, machte, war nicht vermoͤgend, ihren Ausſpruch zuruͤckzuhalten, wie ſie vom Spa - niſchen Miniſter Ognate und von jeſuitiſchen Rath - gebern an die Hand gegeben war. Selbſt der Fortgang des Kriegsgluͤcks beguͤnſtigte die Voll - ziehung dieſer Acht nicht nur in der Oberpfalz, die gleich damals dem Herzoge von Baiern zugedacht ward, ſondern auch in der Unterpfalz am Rheine, die, nach einem ſchon von Spaniſchen Kriegsvoͤl - kern gemachten Anfange, mit der Eroberung von Heidelberg und Manheim (1622. Sept. Nov.) gaͤnzlich vom General Tilly uͤberwaͤltiget wurde.
Dieſe Umſtaͤnde wurden unverzuͤglich dazu be -II. nutzt, auf einem ſo genannten Chur - und Fuͤrſten - tage, den Ferdinand der II. noch zu Ende des Jah - res 1622. nach Regensburg ausſchreiben ließ, die bisherige Religionsgleichheit der ſechs Churfuͤrſten auf ewig zu unterbrechen, indem mittelſt eines am 13. (23) Febr. 1623. durch Mehrheit der Stim - men gefaßten Schluſſes die bisherige Pfaͤlziſche Chur auf Baiern uͤbertragen wurde. Der Kaiſer hatte wohlbedaͤchtlich keinen vollſtaͤndigen Reichstag hierzu beſchrieben, ſondern nebſt den Churfuͤrſten nur einige wenige Fuͤrſten, von denen er keinen Widerſpruch beſorgen durfte. Die Chur - fuͤrſten von Sachſen und Brandenburg erſchienen zwar nur durch Geſandten, welche die Sache zumC 2Be -36VI. Neuere Z. Ferd. I — III. 1558-1648. Berichte an ihre Hoͤfe ſtellten. Allein auch dieſe beiden Churhoͤfe wurden in den Jahren 1624. und 1626. nach einander dazu vermocht, ihre Ein - willigung dazu zu geben. Auffallend war es, daß weder auf des geaͤchteten Churfuͤrſten Sohn, noch Bruͤder, noch Stammsvettern des Hauſes Pfalz einige Ruͤckſicht genommen, ſondern mit aller deren Uebergehung die Chur an einen weit entferntern Stammsvetter eines ganz andern Stammes uͤber - tragen wurde. Aber jene Abſicht, die Religions - gleichheit der Churfuͤrſten auf ewig aufzuheben, kann das alles begreiflich machen. Wenn je ein von weitem angelegter Entwurf gelungen iſt, ſo war es dieſer.
Nun kam die Reihe auch an die Haͤuſer Ba - dendurlach und Heſſencaſſel, denen jetzt mit widri - gen Erkenntniſſen in ihren Angelegenheiten vom Reichshofrathe zugeſetzt wurde. Hauptſaͤchlich aber ward der General Tilly, wie ſonſt kein Feind mehr gegen ihn unter Waffen ſtand, noch dazu beſtimmt, nunmehr die catholiſche Gegenrefor - mation mit Zwangsmitteln, wo man ſie noͤthig fand, gegen evangeliſche Unterthanen catholiſcher Landesherren zu unterſtuͤtzen, und ſowohl Biſthuͤmer und Erzbiſthuͤmer oder Abteyen und Domherren - ſtellen, die ſchon in evangeliſchen Haͤnden waren, als andere von evangeliſchen Landesherren oder Reichsſtaͤdten eingezogene oder mit evangeliſchen Perſonen beſetzte Stifter und Kloͤſter wieder in catholiſche Haͤnde zuruͤckzubringen.
Da vollends auch der Koͤnig in Daͤnemark, dem ſich der Niederſaͤchſiſche Kreis noch mit neuenKriegs -376) Ferd. II. 30. jaͤhr. Kr. bis 1635. Kriegsruͤſtungen in die Haͤnde geworfen hatte, am 27. Aug. 1626. bey Lutter am Barenberge von Tilly geſchlagen war; ergieng endlich am 6. Maͤrz 1629. ein ſchon geraume Zeit in Bereitſchaft ge - haltenes foͤrmliches Reſtitutionsedict, vermoͤge deſſen alles, was von Stiftern oder Kloͤſtern und Kirchen, nach der Catholiſchen Meynung wider - rechtlich, in evangeliſche Haͤnde gekommen war, auf catholiſchen Fuß wieder hergeſtellt werden ſollte. Auch ſollten catholiſche Staͤnde an der in ihren Lan - den vorzunehmenden Reformation nicht gehindert, und uͤberall keine andere als der ungeaͤnderten Augs - burgiſchen Confeſſion Verwandte geduldet werden. Die Vollziehung dieſes Edicts folgte, ſo weit man reichen konnte, bald auf dem Fuße nach. Unter andern wurden jetzt dem Erzherzoge Leopold Wil - helm, dem der Erzherzog Leopold ſchon 1625. die Biſthuͤmer Straßburg und Paſſau reſignirt hatte, nicht nur das Biſthum Halberſtadt und die Abtey Hirſchfeld eingeraͤumt, ſondern auch das Erzbis - thum Magdeburg, mit Hindanſetzung des daſelbſt an ſtatt des bisherigen Adminiſtrators poſtulirten Saͤchſiſchen Prinzen Auguſts, vom Pabſte ange - wieſen. Ueberhaupt konnten die Proteſtanten aus damaligen jeſuitiſchen Schriften(f)Inſonderheit gehoͤrt hieher Pacis compoſi - tio ICtorum Dillingenſium, Dilling. 1629. 4. und ein ſonderbarer Schriftwechſel, den die” Ver - „ theidigung der evangeliſchen Staͤnde Augapfels, „ nehmlich der A. C. und des Religionsfriedens,” (Lpz. 1628 4.) veranlaßte, als Brill auf den evan - geliſchen Augapfel, Brillenputzer, Ausputzer des Brillenputzers u. ſ. w. Mein Handb. der Reichshiſt. Th. 1. S. 653. am beſten ab - nehmen, was ſie noch ferner zu erwarten hatten.
DieC 338VI. Neuere Z. Ferd. I — III. 1558-1648.Die Diverſion, die inzwiſchen der Cardinal Richelieu wegen der Succeſſion in dem eben er - ledigten Herzogthum Mantua in Italien veranlaßt hatte, und der Friede, den hierauf der Kaiſer am 12. May 1629. zu Luͤbeck mit dem Koͤnige in Daͤnemark ſchloß, machten in allem dem ſo we - nig Aenderung, daß der Koͤnig vielmehr ſich an - heiſchig machen mußte, der Teutſchen Reichsſachen ſich nicht weiter, als in Anſehung des Herzog - thums Holſtein, annehmen zu wollen. Selbſt die Herzoge von Mecklenburg, die unter dem Vor - wande, weil ſie Daͤniſche Voͤlker in ihrem Lande aufgenommen hatten, in die Acht erklaͤret waren, und deren Herzogthum der Kaiſer ſo gar dem Ge - neral Wallenſtein verliehen hatte, wurden nicht einmal im Luͤbecker Frieden mit eingeſchloſſen.
Der einzige Koͤnig in Schweden blieb noch uͤbrig, dem alle dieſe Unternehmungen nicht gleich - guͤltig ſeyn konnten. Allein den achtete man zu Wien ſo wenig, daß vielmehr gerade gegen ihn noch die Hauptabſicht dahin gieng, in dem Kriege, den er mit den Polen fuͤhrte, den letzteren bey - zuſtehen, und allenfalls mit einer Flotte auf der Oſtſee ſelbſt in Schweden einzubrechen. So weit war der Kaiſer entfernt, Guſtav Adolfen auch nur als Koͤnig in Schweden zu erkennen, und auch nur ſeine Geſandten zu den Luͤbeckiſchen Friedens - handlungen zuzulaßen.
Doch eben dieſer Guſtav Adolf war es, der allein noch zur Rettung der Teutſchen Freyheit und der evangeliſchen Religion beſtimmt zu ſeyn ſchien. Durch einen von Richelieu bewirkten ſechsjaͤhri -gen396) Ferd. II. 30. jaͤhr. Kr. bis 1635. gen Stillſtand mit Polen von dieſer Seite geſichert, hatte er ſein geuͤbtes Kriegsheer kaum auf Teut - ſchen Boden hinuͤber gefuͤhret, als ſeine Fortſchritte gerechtes Erſtaunen verurſachten. Konnte er gleich die Tillyſche Zerſtoͤhrung von Magdeburg nicht hin - dern, weil er ſich erſt den Beſitz von Pommern verſichern, und die feſten Plaͤtze in Brandenburg und Sachſen erſt mit dem Degen in der Fauſt weg - nehmen mußte; ſo bekam er doch mit dem Siege, den er nunmehr in Verbindung mit den beiden Chur - fuͤrſten von Sachſen und Brandenburg am 7. Sept. 1631. bey Leipzig uͤber Tilly erfocht, auf einmal eine ſolche Ueberlegenheit, daß ihm jetzt ſowohl in die kaiſerlichen Erblande als in ganz Teutſchland der Weg offen ſtand.
Der zweyte am 6. Nov. 1632. bey Luͤtzen uͤberVIII. den General Wallenſtein erfochtene Sieg wurde zwar durch Guſtav Adolfs eignes Leben nur zu theuer erkauft. Aber unter dem an ſeine Stelle getretenen Feldherrn, dem Herzoge Bernhard von Weimar, und unter dem Schwediſchen Canzler, Axel Oxen - ſtiern, blieben die Sachen doch noch im gluͤcklichen Zuge, bis eine Niederlage, die ſich Bernhard am 27. Aug. (7. Sept.) 1634. bey Noͤrdlingen zuzog, die uͤblen Folgen hatte, daß die Schweden bis nach Pommern zuruͤckmußten, und Churſachſen inzwiſchen am 30. May 1635. zu Prag einen fuͤr die Proteſtanten ſehr untroͤſtlichen Frieden ſchloß.
Vom Inhalte dieſes Prager Friedens iſt hierIX. nur folgendes zu merken. Alle Stifter, die nach dem Paſſauer Vertrage, und alle unmittelbare Stifter, die auch vorher eingezogen worden, ſollten noch 40. Jahre bleiben, wie ſie am 12. Nov. 1627. C 4gewe -40VI. Neuere Z. Ferd. I — III. 1558-1648. geweſen. Dabey ſollte es auch in Zukunft bleiben, ſofern nicht in den 40. Jahren ein anderes vergli - chen wuͤrde. Das Erzſtift Magdeburg ſollte der Saͤchſiſche Prinz Auguſt auf Zeitlebens, das Bis - thum Halberſtadt ſollte der Erzherzog Leopold Wil - helm behalten. Eine Amneſtie ſollte vom Jahre 1630. her ſtatt finden, mit ausdruͤcklicher Aus - ſchlieſſung der Boͤhmiſchen und Pfaͤlziſchen Haͤndel. Durch einen Nebenreceß ward die Lauſitz mit voͤlli - gem Eigenthume an Churſachſen uͤbertragen.
So wenig dieſe Friedensbedingungen den Wuͤn - ſchen und Hoffnungen, die man ſich vorher gemacht hatte, entſprachen, ſo wurden doch die meiſten Staͤnde noch in eben dem Jahre 1635. nach einan - der genoͤthiget, ſich zum Beytritt zu dieſem Prager Frieden zu bequemen. Namentlich geſchah das nach einander (1635. Jul. 4.) von der Stadt Frankfurt am Main und von mehreren zu Straßburg verſam - melten Fuͤrſten und Grafen, (Jul. 6.) von der Stadt Erfurt, (Jul. 20.) vom Herzoge Wilhelm von Sach - ſenweimar, (Jul. 29.) von den Herzogen von Meck - lenburg, wie auch von den Herzogen Auguſt und Georg von Braunſchweig-Luͤneburg, (Aug. 13.) vom geſammten Niederſaͤchſiſchen Kreiſe, (Aug. 26.) von den Hanſeſtaͤdten, (Aug. 27.) von dem Chur - fuͤrſten von Brandenburg u. ſ. w. Dem Herzoge von Wuͤrtenberg ließ man den Frieden nicht ein - mal angedeihen; die Wuͤrtenbergiſchen Kloͤſter wur - den vielmehr, mit Abſchaffung der darin angeleg - ten Schulen, den Catholiſchen wieder eingeraͤumt. Der Marggraf von Badendurlach meldete ſich nicht einmal, ſondern hielt ſich lediglich an Frankreich. Der Landgraf Wilhelm von Heſſencaſſel ließ ſichuͤber417) Ferd. II. u. III. 30. jaͤhr. Kr. bis 1648. uͤber Annehmung des Friedens zwar in Unterhand - lungen ein, die aber langſam von ſtatten giengen.
I. Bruch der Krone Frankreich, und erneuertes Gluͤck der Schwediſchen Waffen. — II. Reichstag zu Regensburg, und Abſicht des Kaiſers, die Reichsſtaͤnde von den beiden Kronen zu trennen. — III-VI. Sonderbarer Querſtrich, den ein einziges Buch, der Hippolithus a Lapide, darin ge - macht, — VII. VIII. nebſt noch einer wichtigen Veraͤnderung, die mit dem Tode des Churfuͤrſten von Brandenburg vor - gieng. — IX. Im Reichsabſchiede 1641. mußte ſchon nach - gegeben werden, Muͤnſter und Osnabruͤck an ſtatt Coͤlln und Luͤbeck zu den Friedenscongreſſen zu beſtimmen. — X. Friedenspraͤliminarien zu Hamburg. — XI. Reichsdeputa - tionstag. — Fortgang und Ende der Weſtphaͤliſchen Frie - denshandlungen zu Muͤnſter und Osnabruͤck.
In der mißlichen Lage, worin der Prager FriedeI. die Freyheit des Teutſchen Reichs und der evangeliſchen Religion geſetzt hatte, war es fuͤr beide ein Gluͤck, daß nunmehr ſelbſt Frankreich gegen die Spaniſchen Niederlande losbrach, und daß, nach einer von Frankreich wieder vermittelten Verlaͤnge - rung des Schwediſchpolniſchen Stillſtandes auf an - derweite 26. Jahre (1635. Sept. 12.), auch die Schwediſchen Waffen wieder im Felde das Ueber - gewicht gewannen. Unter Ferdinand dem III. wurde von 1639. an der Schauplatz des Krieges von der Schwediſchen Hauptarmee mit dem beſten Erfolge meiſt immer in des Kaiſers eigne Erblande verſetzt. Eben das geſchah vom Herzoge Bern -C 5hard42VI. Neuere Z. Ferd. I — III. 1558-1648. hard von Weimar am Rheine, inſonderheit in Elſaß, unter dem Vorſchub eines Subſidientracta - tes, den die Krone Frankreich am 27. Oct. 1635. mit ihm geſchloſſen hatte. Davon waren aber auch die Fruͤchte, daß nach ſeinem Tode die Krone Frank - reich ſeine Eroberungen ſich zu eigen machte, und deſto eifriger an dem weitern Fortgange des Krie - ges Theil nahm.
Jetzt machte Ferdinand der III. noch einen Ver - ſuch, ſich mit den geſammten Reichsſtaͤnden zu ſetzen, um mit vereinigten Kraͤften die beiden frem - den Maͤchte Frankreich und Schweden vom Teut - ſchen Boden wegzuſchaffen. Nachdem ſeit dem Jahre 1613., in einer Zeit von 27. Jahren, kein Reichstag mehr war gehalten worden, hielt Fer - dinand endlich im Jahre 1640. wieder einen Reichs - tag zu Regensburg, wo ſich nicht geringe Hoff - nung anließ, jene Abſicht vielleicht erreichen zu koͤnnen. Der Kriegsdrangſale muͤde, und zum Theil vielleicht von uͤbertriebenen Vorſtellungen des Verhaͤltniſſes zwiſchen Teutſchen Reichsſtaͤnden und der Majeſtaͤt des Kaiſers eingenommen, ſchie - nen viele Reichsſtaͤnde nicht abgeneigt, den kaiſer - lichen Geſinnungen ſich zu fuͤgen.
Eine Unternehmung, die der Schwediſche Ge - neral Banner mitten im Winter auf die Regens - burgiſche Reichsverſammlung wagte, gieng zwar nicht nach Wunſch von ſtatten. Aber deſto erheb - licher war der Querſtrich, den hier in den kaiſer - lichen Entwuͤrfen ein einziges Buch machte; — ein Buch, das deswegen in hiſtoriſcher Entwicke - lung der Teutſchen Reichsverfaſſung eben ſo ſehr, als manche Kriegs - und Friedensgeſchichte, eineStel -437) Ferd. II. u. III. 30. jaͤhr. Kr. bis 1648. Stelle verdienet. Ein gewiſſer Bogislaus Phi - lipp Chemnitz, deſſen Vater Martin Chemnitz (ein Sohn eines ehemaligen beruͤhmten Lutheriſchen Theologen gleiches Namens) erſt in Stettin, her - nach in Schleswig geheimer Rath und Canzler ge - weſen war, der vielleicht von ſeinem Vater zu die - ſem Zwecke dienliche Collectaneen geerbt hatte, und der uͤbrigens zwar auch ſtudiert, aber ſelbſt erſt Hollaͤndiſche, hernach Schwediſche Kriegsdienſte genommen hatte, — dieſer Mann ſchrieb eben damals in Lateiniſcher Sprache ein Buch von der wahren Staatsbeſchaffenheit des Teutſchen Reichs (de ratione ſtatus in imperio noſtro Romano - Germanico.) Der Lateiniſche Titel ſollte das ausdruͤcken, was die Franzoſen Raiſon d’ Etat nennen. Seine Hauptabſicht ſchien dahin gerich - tet zu ſeyn, den Teutſchen Reichsſtaͤnden das Vor - urtheil zu benehmen, als ob das Teutſche Reich eine ſolche Fortſetzung des ehemaligen Roͤmiſchen Reichs waͤre, daß der Inhalt des Roͤmiſchjuſtinia - niſchen Geſetzbuches noch jetzt dazu gebraucht werden koͤnnte, um das Teutſche Reich ſich als eine ſolche Monarchie, wie das ehemalige Roͤmiſche Reich, vorzuſtellen, und einem Kaiſer Ferdinand ſolche Ma - jeſtaͤt und Hoheitsrechte, wie ſie weiland Kaiſer Ju - ſtinian ausgeuͤbt habe, beyzulegen. Nach ſeiner Vorſtellung ſollte in Teutſchland eigentlich eine ari - ſtocratiſche Regierung ſtatt finden, und die wahre Majeſtaͤt des Reichs vielmehr auf der geſammten Reichsverſammlung, als auf der Perſon des Kai - ſers, haften.
Mit ſolchen Grundſaͤtzen beleuchtete er nunIV. nicht nur die Reichsverfaſſung im Ganzen, ſon -dern44VI. Neuere Z. Ferd. I — III. 1558-1648. dern auch mit Durchgehung der wichtigſten ein - zelnen Hoheitsrechte, als der geſetzgebenden Ge - walt, des Rechts in Anſehung der Religion, Kriegs und Friedens, Juſtitzweſens, Steuerweſens, Muͤn - ze u. ſ. w. In allem bemuͤhet er ſich die irrigen Vorſtellungen der bisherigen Schriftſteller und Staatsmaͤnner, und zugleich die wahren Gebre - chen der Teutſchen Reichsverfaſſung mit ihren Quellen und Urſachen an Tag zu legen. Dann thut er aber auch Vorſchlaͤge, wie denſelben abzu - helfen ſey; — aber mit unter ſo abſcheuliche Vor - ſchlaͤge, daß er ſo gar in die Worte ausbricht: Man ſolle gegen die Kinder des verſtorbenen Ty - rannen (ſo nennt er Ferdinand den II. ) geſammter Hand die Waffen ergreifen, ſein ganzes Haus vom Teutſchen Boden vertreiben, und ſeine Laͤn - der confiſciren. Am Ende ſagt er:” Viele, die das Herz nicht am rechten Orte haben, werden ſich wundern, daß wir ſelbſt gegen den Kaiſer die Feder fuͤhren. Aber ſchon lange ſind wir bereit geweſen, gegen jenes unſerm Vaterlande und altvaͤterlicher Freyheit ſo gefaͤhrliches Haus, ſo lange ſich noch eine Ader in uns reget, mit der Feder oder mit dem Schwerdte zu fechten. Man nehme uns das Leben, den Himmel wird man uns doch nicht rauben; und ſo werden wir doch frey vom Joche die Welt verlaßen” ꝛc.
Im erſten Abdruck erſchien das Buch 1640. zu Stettin in Quart, unter dem verkappten Namen: Hippolithus a Lapide. Der Wendiſche Name Chemnitz ſoll einen Stein bedeuten; der Vorname Philipp war nur mit wenigen Veraͤnderungen der Buchſtaben in Hippolithus verwandelt. Alſohatte457) Ferd. II. u. III. 30. jaͤhr. Kr. bis 1648. hatte der Verfaſſer ſeinen wahren Namen ſo ſehr eben nicht verſteckt. Dennoch ſind wenige ver - kappte Schriftſteller ſo lange verborgen geblieben, wie dieſer. Er hat hernach 1648. und 1653. noch eine ausfuͤhrliche Geſchichte des Schwediſch - Teutſchen Krieges geſchrieben, und iſt als Schwe - diſcher Hiſtoriograph, nachdem ihn die Koͤniginn Chriſtina noch geadelt und mit einem Gute be - ſchenkt hatte, 1678. geſtorben.
Das Buch wurde zu Wien gleich verboten undVI. verbrannt; aber in Holland, unter der Aufſchrift Freyſtadt 1647. 12., deſto haͤufiger nachgedruckt, und uͤberall verbreitet, und begierig, nur zu ſehr mit Beyfall, geleſen. Noch in den Jahren 1712. und 1720. ſind Franzoͤſiſche Ueberſetzungen davon erſchienen; noch 1761. eine Teutſche mit eben ſo bitteren Anmerkungen in zwey Octavbaͤnden. Nicht leicht hat ein litterariſches Product ſo großen Ein - druck in Staatsverhaͤltniſſen gemacht, wie dieſes. Gleich damals that es merkliche Wirkung gegen die kaiſerliche Abſicht, die bisherigen Geſinnungen der Reichsſtaͤnde zu deſto groͤßerer Anhaͤnglichkeit an den kaiſerlichen Hof gegen die auswaͤrtigen Kronen zu benutzen. In der Folge hat es fuͤr das ganze Studium des Teutſchen Staatsrechts beynahe Epo - che gemacht. Sowohl Fuͤrſten und Churfuͤrſten als ihre Staatsraͤthe fiengen an ſich jetzt in einem ganz andern Lichte als bisher zu betrachten. Unbemerkt floͤßten ſich ſolche Grundſaͤtze von einem Zeitalter zum andern ein.
Das alles aber gleich damals noch mehr geltendVII. zu machen, haͤtte nichts gelegener kommen koͤnnen,als46VI. Neuere Z. Ferd. I — III. 1558-1648. als der gerade um eben die Zeit eingetretene Todes - fall des Churfuͤrſten Georg Wilhelms von Bran - denburg († 1640. Nov. 21.). Derſelbe war von ſeinem Miniſter, Grafen von Schwarzenberg, ganz nach den Abſichten des kaiſerlichen Hofes gelenket worden. Die Befehlshaber in ſeinen Feſtungen ſtanden ſo gar in kaiſerlichen Pflichten. Den Schwe - diſchen Abſichten wurde hingegen zu Berlin immer entgegen gearbeitet, weil ſie auf Beybehaltung des Herzogthums Pommern gerichtet zu ſeyn ſchienen, das nach Abgang des letzten Herzog Bogislavs den Vertraͤgen nach dem Hauſe Brandenburg zufallen ſollte.
Der neue Churfuͤrſt Friedrich Wilhelm, der zwar damals erſt 20. Jahre alt war, aber ſich bald den Beynamen des Großen erwarb, nahm gleich ganz andere Grundſaͤtze an. Vor allen Dingen machte er ſich Meiſter von ſeinen Feſtungen, und los von aller bisherigen Abhaͤngigkeit vom kaiſer - lichen Hofe. Mit Schweden ſetzte er ſich hingegen auf einen ſolchen Fuß, daß, wenn die Krone Schwe - den vom Hauſe Brandenburg ein Opfer verlangte, er auf ihren Beyſtand zur hinlaͤnglichen Entſchaͤ - digung rechnen konnte, hingegen die gemeine Sache der Teutſchen Freyheit und der evangeliſchen Reli - gion nicht darunter leiden durfte.
So ward der im Sept. 1640. von Ferdinand dem III. perſoͤnlich eroͤffnete Reichstag am 10. Oct. 1641. zwar mit einem Reichsabſchiede beſchloſ - ſen, worin noch ein und anderes nach des Kaiſers Wuͤnſchen durch Mehrheit der Stimmen eingeruͤckt war; aber ohne daß es in der Folge Beſtand hatte. Ver -477) Ferd. II. u. III. 30. jaͤhr. Kr. bis 1648. Verſchiedene Puncte wurden ſchon ganz anders ge - faſſet, als es nach dem Sinne des kaiſerlichen Ho - fes haͤtte gefaſſet werden ſollen. Inſonderheit was den Ort betraf, wo allenfalls die Friedenshandlun - gen mit den beiden Kronen Frankreich und Schwe - den vorgenommen werden ſollten, hatte ſchon Ferdi - nand der II. die Sache ſo einzuleiten geſucht, daß mit Frankreich zu Coͤlln unter paͤbſtlicher, mit Schweden zu Hamburg oder Luͤbeck unter Daͤniſcher Vermitte - lung die Unterhandlungen vor ſich gehen ſollten. Wegen allerley Colliſionen, die zwiſchen den paͤbſt - lichen und proteſtantiſchen Botſchaftern entſtehen moͤchten, ſchien es nicht wohl thunlich, den Friedens - congreß nur an einem Orte zu eroͤffnen. Zu Wien brachte man aber gern zwey von einander entfernte Orte in Vorſchlag, um deſto eher die beiden Kronen in den Friedenshandlungen von einander trennen zu koͤnnen, und allenfalls nur mit einer mit Zuruͤckſetzung der andern zu ſchließen. Zu Coͤlln fanden ſich auch ſchon paͤbſtliche, kaiſerliche und Spaniſche Geſandten ein. Allein der Franzoͤſiſche Geſandte, Comte d’Avaux, gieng vielmehr nach Hamburg, wo nebſt dem Schwediſchen Geſandten Johann Salvius auch ſchon drey kaiſerliche Geſandten waren. Nun wur - den ſelbſt im Reichsabſchiede an ſtatt Coͤlln und Luͤ - beck die Staͤdte Muͤnſter und Osnabruͤck, die nur wenige Meilen von einander entlegen waren, zu den zweyerley Friedenscongreſſen beſtimmt. Auch mußte ſchon nachgegeben werden, daß auch Reichsſtaͤnde ſowohl einzeln als insgeſammt bey den Friedenshand - lungen erſcheinen koͤnnten, und daß uͤber die Be - ſchwerden der Reichsſtaͤnde und des Juſtitzweſens halber ein beſonderer Reichsdeputationstag gehalten werden ſollte.
Auf48VI. Neuere Z. Ferd. I — III. 1558-1648.Auf dieſen Fuß kam es nun auch zu Hamburg am 25. Dec. 1641. zu Friedenspraͤliminarien, worin der kaiſerliche Geſandte von Luͤtzow mit dem Franzoͤſiſchen und Schwediſchen vorerſt wegen Aus - wechſelung der Geleitsbriefe ſich verglich, und dann der Anfang der Friedenshandlungen zu Muͤnſter und Osnabruͤck auf den 25. Maͤrz 1642. angeſetzt wurde. Doch ſelbſt die Ratification dieſer Praͤliminarien mußten die Schweden noch erſt mit einem neuen Siege bewirken. Und ſo vergiengen noch mehrere Jahre, bis nach mancherley Abwechſelungen das im Ganzen doch den beiden Kronen guͤnſtig gebliebene Kriegsgluͤck am Ende Ferdinand den III. noͤthigte, zu den beiden Friedensſchluͤſſen, wie ſie zu Muͤnſter und Osnabruͤck endlich muͤhſam verglichen waren, ſeine Einwilligung zu geben.
Der im Reichsabſchiede 1641. beſchloſſene Reichsdeputationstag kam ſchon im May 1643. in Gang, und berichtigte vieles, was die innere Reichs - verfaſſung, in ſonderheit manche Verbeſſerung und ge - nauere Beſtimmung des Reichsjuſtitzweſens betraf. Die beiden Weſtphaͤliſchen Friedenscongreſſe wurden erſt den 10. Apr. 1645. eroͤffnet, und bekamen nach dem großen Aufſehen, was die am 1. Jun. 1645. im Namen beider Kronen geſchehenen Propoſitionen gemacht hatten, erſt ihr rechtes Leben, als am 19. Nov. 1645. endlich ſelbſt der erſte kaiſerliche Staatsmini - ſter, Graf von Trautmannsdorf, ſich beym Congreſſe einfand; obgleich doch noch beynahe jeder Fortſchritt in der Friedenshandlung mit neuen Kriegsoperationen bewirkt werden mußte, bis noch ganz zuletzt die Schwe - diſche Ueberrumpelung der kleinen Seite von Prag der Sache den letzten Nachdruck gab.
I. Friede zwiſchen Spanien und den vereinigten Nieder - landen. — II. III. Deſſen Erfolg in Anſehung des Teutſchen Reichs. — IV. Abgebrochene Friedenshandlungen zwiſchen Spanien, und Frankreich und Portugall; wie auch zwiſchen Frankreich und Lothringen; — doch wurden dieſe Maͤchte als gegenſeitige Bundesgenoſſen im Osnabruͤckiſchen Frieden mit eingeſchloſſen. — V. Bewilligte Unabhaͤngigkeit der Schweiz.
Zu Muͤnſter kam es ſchon am 20. (30.) Jan.I. 1648. zum Frieden zwiſchen der Krone Spa - nien und den vereinigten Niederlanden. Letz - tere wurden als unabhaͤngig von jener anerkannt, und behielten alles, was ſie erobert hatten und damals beſaßen, ſowohl in den uͤbrigen Nieder - landen, als in anderen Welttheilen Aſien, Africa und America. Wegen Oſtindien ward ausgemacht, daß die Spanier ihre dortige Schifffahrt nichtP. Entw. d. Staatsverf. Th. II. Dwei -50VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. weiter ausbreiten ſollten. Auch ſollten die Unter - thanen des einen Theils keine Beſitzungen des an - dern Theils in Oſt - und Weſtindien beſuchen und daſelbſt Handlung treiben. Selbſt die Schelde und andere Ausfluͤſſe in die See ſollten fuͤr die Spaniſchen Niederlande geſchloſſen bleiben. Hin - gegen in den Spaniſchen Beſitzungen ſollten die Teutſchen Hanſeſtaͤdte mit den vereinigten Nie - derlanden, und dieſe mit jenen gleiche Handlungs - freyheiten zu genießen haben.
Mit der in dieſem Frieden nunmehr anerkann - ten Unabhaͤngigkeit der vereinigten Niederlande entzogen ſich dieſe natuͤrlicher Weiſe auch aller Ho - heit des Teutſchen Reichs. Doch nahm das Reich ſelbſt an dieſem Frieden keinen Theil. Die Krone Spanien hatte ſich aber im 53. Artikel des Frie - dens anheiſchig gemacht, die Fortſetzung und Beob - achtung der Neutralitaͤt, Freundſchaft und guter Nachbarſchaft von Seiten des Kaiſers in zwey Monathen, und von Seiten des Reichs binnen Jahresfriſt zu bewirken. Dieſe Erklaͤrung erfolgte auch vom Kaiſer unterm 6. Jul. 1648.(g)Londorps acta publica Th. 6. S. 343., Meiern acta comitial. Th. 1. S. 408. und auf einen kaiſerlichen Antrag vom 16. Aug. 1653.(h)Meiern am a. O. S. 407. nach einer Reichstagsberathſchlagung vom 18. Febr. 1654.(i)Meiern am a. O. S. 480. in einem foͤrmlichen Reichsſchluſſe vom 22. Maͤrz 1654.(k)Londorp Th. 7. S. 603. Io. L. B. de Meermann diſſ. de ſolutione vinculi, quod olim fait inter S. R. I. et foederati Belgii respublicas, Lugd. Bat. 1774..
Die511) Hollaͤnder u. Schweizer.Die Staaten der vereinigten Niederlande hat -III. ten inzwiſchen ſchon lange vorher, da ſie in ihren Beſchwerden uͤber die Spaniſche Regierung vom Reiche huͤlflos gelaßen waren, auch dem Reiche alle Verbindlichkeit von ihrer Seite abgeſagt. Von Ferdinand dem II. nahmen ſie ſchon keine Schrei - ben mit der Anrede: Liebe Getreue, mehr an. Sie begnuͤgten ſich nicht einmal mit der an die Venetianer gewoͤhnlichen Anrede: Illuſtriſſimi, ſondern verlangten: Celſi et potentes domini, und veſtra celſitudo(l)Meermann l. c. §. 56. 57. p. 102-105., §. 71. p. 123.. Gleich anderen Euro - paͤiſchen Maͤchten haben ſeitdem auch die vereinig - ten Niederlande das Teutſche Reich mit Geſandten beſchickt, und die Anerkennung ihrer Unabhaͤngig - keit in der That ſelbſt uͤberfluͤßig erhalten. Da - mit hat nun der Burgundiſche Kreis, wie er zur Zeit des unter Carl dem V. 1548. errichteten Ver - trages war, einen gewaltigen Abfall gelitten. Diejenigen Niederlande, die ſeitdem noch unter Spaniſcher Herrſchaft blieben, ſtanden zwar noch ferner unter eben dem Vertrage. Aber was jetzt noch ihrentwegen zum Reiche bezahlt werden ſollte, beruhte nun auf neuer Beſtimmung.
Außer dieſer Angelegenheit, welche die KroneIV. Spanien mit den vereinigten Niederlanden zu berichtigen hatte, ſollte dieſe Krone auch mit Frank - reich und Portugall, ingleichen die Krone Frank - reich mit Lothringen ausgeſoͤhnet werden. Al - lein alle Unterhandlungen, die hieruͤber angeſtellt wurden, zerſchlugen ſich fruchtlos, ſo daß dieſeIrrun -D 252VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. Irrungen, um die uͤbrigen Friedensſchluͤſſe damit nicht aufzuhalten, gaͤnzlich zuruͤckgeſetzt werden mußten, und alſo daruͤber der Krieg zwiſchen die - ſen Maͤchten noch ſeinen Fortgang behielt. An dem Frieden, der zu Muͤnſter zwiſchen dem Kaiſer und der Krone Frankreich geſchloſſen ward, konnte deswegen die Krone Spanien keinen Antheil neh - men. Jedoch im Osnabruͤckiſchen Frieden (Art. 17. §. 10.) ward der Koͤnig in Spanien unter den im Frieden mit eingeſchloſſenen Bundesgenoſſen des Kaiſers mit benannt, ſo wie auch England, Daͤ - nemark, Polen, Portugall, Rußland, Lothrin - gen, Venedig, die vereinigten Niederlande, die Schweiz, und Siebenbuͤrgen in dieſem Frieden mit begriffen wurden.
Die Schweizer, die ſich wegen ihrer Unab - haͤngigkeit ebenfalls bey den Weſtphaͤliſchen Frie - denshandlungen gemeldet hatten, erreichten ihre Abſicht voͤllig. Sie hatten ſich zwar ſchon ſeit Max des I. Zeiten im Beſitz der Unabhaͤngigkeit erhalten. Es war aber noch kein Friedensſchluß daruͤber errichtet. Das Cammergericht fuhr auch zu Zeiten fort, Erkenntniſſe gegen ſie zu erlaßen. Dawider hatten ſie aber ſchon unterm 14. May 1647. mit Einwilligung des Reichs eine kaiſer - liche Erklaͤrung erlangt: daß ſie ſich im voͤlligen Beſitz einer gaͤnzlichen Befreyung vom Reiche befaͤnden, und den Reichsgerichten auf keine Weiſe unterworfen ſeyen. Eben das wurde jetzt von neuem in beiden Friedensſchluͤſſen feſtgeſetzt, im Osnabruͤckiſchen im ſechſten, im Muͤnſteriſchen im achten Artikel (§. 61.), die beide voͤllig gleich - lautend waren. Damit blieb es alſo auch beydem532) Satisfact. u. Compenſationen. dem Abgange, den von dieſer Seite das Teutſche Reich an ſeinem ehemaligen Zuwachſe des Bur - gundiſchen Koͤnigreiches ſchon laͤngſt erlitten hatte. Die Ausdruͤcke des Friedens waren ſo gefaßt, daß die Stadt Baſel und ganz Helvetien, oder die Stadt Baſel und die uͤbrigen Helvetiſchen Cantons benannt wurden. Der Biſchof von Baſel war nicht darunter begriffen, ſondern blieb mit ſeinem Lande nach wie vor ein Teutſcher Reichsſtand.
I. Gemeinſchaftlicher und beſonderer Inhalt der beiden Friedensſchluͤſſe zu Muͤnſter und Osnabruͤck. — II-IV. Gnug - thuungsforderungen der Krone Schweden an Land und Leu - ten, und einigen vorzuͤglichen Gerechtſamen. — V-VII. Da - von abgehangene Verguͤtungen der Haͤuſer Brandenburg, Mecklenburg und Braunſchweig-Luͤneburg. — VIII. Ganz beſondere nur dem Hauſe Heſſencaſſel zugeſtandene Vorthei - le. — IX. Gnugthuung der Krone Frankreich.
Beide Friedensſchluͤſſe zu Muͤnſter und Os -I. nabruͤck waren uͤberhaupt ſo gefaſſet, daß jener inſonderheit das, was Frankreich ſich fuͤr ſich ausbedang, letzterer das, was Schweden nur alleine bedungen hatte, jeder beſonders ent - hielt, andere Dinge aber, welche beide Kronen durch ihre Unterhandlungen unterſtuͤtzt hatten, in beiden Friedensinſtrumenten gleichlautend einge -D 3ruͤckt54VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. ruͤckt wurden. Das Osnabruͤckiſche Inſtrument war eher fertig, als das Muͤnſteriſche; woruͤber die Franzoͤſiſchen Geſandten zuletzt von Muͤnſter nach Osnabruͤck hinuͤber kamen, um nicht etwa zuruͤckgeſetzt zu werden. Allein das Osnabruͤcki - ſche Friedensinſtrument ward ſo lange hinterlegt, bis auch das Muͤnſteriſche voͤllig berichtiget war, und beide endlich an einem Tage (1648. Oct. 14 / 24.) unterzeichnet werden konnten.
Beiden Kronen Frankreich und Schweden war unmittelbar nichts angelegener, als das, was ſie fuͤr die Kriegskoſten und ſonſt zu ihrer Gnug - thuung begehrten, weil ſie durch das Gluͤck der Waffen zu ihrem Vortheile fuͤr entſchieden hielten, daß ſie durch widerrechtlich ihnen zugefuͤgte Be - ſchwerden zu einem gerechten Kriege genoͤthiget ſeyen. Die Krone Schweden verlangte anfangs nebſt dem Herzogthume Pommern noch verſchie - dene zu ihrem Vortheile zu ſeculariſirende Erz - und Biſthuͤmer, und ſo gar auch das Herzog - thum Schleſien. Bey den großen Schwierig - keiten, die ſich in Anſehung der Seculariſationen von Seiten aller Catholiſchen vorausſehen ließen, mußte es den groͤßten Ausſchlag geben, daß der kaiſerliche Hof doch am Ende lieber in Seculari - ſationen einwilligte, als von ſeinen eignen Erblan - den ein Opfer machte. Damit alſo, daß Schwe - den von der Forderung eines Stuͤcks der kaiſer - lichen Erblande abließ, wurden jene uͤbrige Forde - rungen endlich gluͤcklich durchgeſetzt. So bekam Schweden 1) ganz Vorpommern ſammt der Inſel Ruͤgen, und einige namhaft gemachte Stuͤcke von Hinterpommern, als Stettin, Garz, Dam, Gol -nau,552) Satisfact. u. Compenſationen. nau, die Inſel Wollin, das friſche Haf und die dazu gehoͤrigen Orte Peine, Schweine, Divenau; 2) die Stadt Wismar mit dem Hafen und allem Zugehoͤre, wie es die Herzoge von Mecklenburg beſeſſen; 3) das Erzbiſthum Bremen und das Biſthum Verden, beide in weltliche Laͤnder ver - wandelt, als Herzogthuͤmer, mit Aufhebung dor - tiger Domcapitel und Stifter.
Die Schweden begehrten nicht dieſe LaͤnderIII. vom Teutſchen Reiche abzureiſſen und in voͤlliger Unabhaͤngigkeit zu beſitzen. Sie ſollten Reichs - lehne bleiben, und die Krone Schweden ſollte ſie kuͤnftig als ein Teutſcher Reichsſtand, mit Sitz und Stimme auf Reichs - und Kreisverſammlungen ſo - wohl wegen Bremen und Verden, als wegen Vor - pommern, beſitzen, auch ſonſt alle damit verbun - dene Vorrechte und Freyheiten behalten. Woge - gen auch den Staͤdten Bremen, Wismar und Stralſund ſowohl als den uͤbrigen Hanſeſtaͤdten die Beybehaltung ihrer bisherigen Freyheiten aus - bedungen wurde. Doch bedang ſich auch die Krone Schweden noch das Vorrecht aus, eine Univerſi - taͤt anlegen zu duͤrfen, und die bereits angelegten Zoͤlle oder Licente zu behalten.
Weil aber bey allem dem einige BeſorgnißIV. uͤbrig blieb, daß der kaiſerliche Hof der Krone Schweden die bisherigen Umſtaͤnde entgelten laßen moͤchte, wenn ſie als Beſitzer dieſer Laͤnder in Rechtsſachen bey den Reichsgerichten, inſonderheit am Reichshofrath, verwickelt werden moͤchte; ſo bedang ſich die Krone Schweden noch das ganz beſondere Vorrecht aus, daß, wenn in ZukunftD 4ſie56VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. ſie jemand von wegen ihrer nunmehrigen Teutſchen Laͤnder bey Reichsgerichten belangen wuͤrde, ſie als beklagter Theil die ſonſt nur einem Klaͤger zuſte - hende Wahl haben ſollte, ob ſie am Reichshofrathe oder am Cammergerichte belangt ſeyn wollte? woruͤber ein jeder Klaͤger ſie erſt um ihre Erklaͤ - rung erſuchen ſollte. Sodann mußte fuͤr alle dieſe Schwediſchteutſchen Laͤnder ein unbeſchraͤnktes Ap - pellationsprivilegium ausgefertiget werden, daß aus ſelbigen gar keine Appellation mehr an die Reichs - gerichte ſtatt finden ſollte. Damit jedoch die Un - terthanen dann kuͤnftig nicht eine Inſtanz weniger haͤtten, ſollte an einem gelegenen Orte ein eignes Oberappellationsgericht fuͤr die Schwediſchteutſchen Laͤnder angelegt werden, (wie hernach zu Wismar geſchehen iſt.)
Weil auf Pommern das Haus Brandenburg ein unwiderſprechliches Recht hatte, und alſo dem - ſelben nicht zugemuthet werden konnte, zu Befrie - digung der Krone Schweden fuͤr das, was ſie vom ganzen Reiche forderte, fuͤr ſich alleine ein Opfer zu machen; ſo entſprang aus dieſem Stuͤcke der Schwediſchen Gnugthuung eine natuͤrliche Compenſations - oder Verguͤtungs Forderung fuͤr das Churhaus Brandenburg, welche die Krone Schweden bey den Friedenshandlungen mit allem Nachdruck unterſtuͤtzte. Der Churfuͤrſt verlangte fuͤr ſich das Erzbiſthum Magdeburg, und die Bis - thuͤmer Halberſtadt, Minden, Osnabruͤck und Muͤnſter zu ſeculariſiren, und dann begehrte er (nach dem Beyſpiele von Schweden) auch von kaiſerlichen Erblanden einige Stuͤcke, namentlich die Schleſiſchen Fuͤrſtenthuͤmer Glogau und Sagan. Nach572) Satisfact. u. Compenſationen. Nach vielen Widerſpruͤchen und beſchwerlichen Unterhandlungen kam es endlich dahin, daß Chur - brandenburg die Biſthuͤmer Halberſtadt, Minden, Camin, als weltliche Fuͤrſtenthuͤmer, das Erzbis - thum Magdeburg aber als ein Herzogthum haben ſollte. Nur letzteres behielt noch auf Zeitlebens der Saͤchſiſche Prinz Auguſt, der es ſchon als Ad - miniſtrator beſaß. (Nach deſſen hernach 1680. erfolgtem Tode bekam es der Churfuͤrſt erſt wuͤrk - lich in Beſitz.).
Unter der Schwediſchen Gnugthuung war fer -VI. ner die Stadt Wismar, welche der Herzog von Mecklenburg abtreten mußte. Dafuͤr wurden demſelben die Biſthuͤmer Schwerin und Ratzeburg als weltliche Fuͤrſtenthuͤmer, nebſt den Johanniter - Commenden Mirow und Nemerow, zur Verguͤ - tung gegeben.
Endlich waren etliche Prinzen vom HauſeVII. Braunſchweig-Luͤneburg ſchon mit Coadjutorien auf die Erzbiſthuͤmer Magdeburg und Bremen und auf die Biſthuͤmer Halberſtadt und Ratzeburg ver - ſehen geweſen. Die daraus erlangten Hoffnun - gen und Rechte giengen mit obigen Seculariſatio - nen und Ceſſionen dieſer Laͤnder verlohren. Zu deren Verguͤtung wurde ausgemacht, daß im Bis - thume Osnabruͤck abwechſelnd mit einem catholi - ſchen Biſchofe immer einmal um das andere die Succeſſion eines zu poſtulirenden juͤngern Prinzen vom Hauſe Hannover ſtatt finden ſollte. Auch wurden die Kloͤſter Walkenried und Groͤningen dem Hauſe Braunſchweig uͤberlaßen. Und uͤberdies, zwar nicht im Frieden ſelbſt, aber doch in einerD 5gleich -58VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. gleichzeitigen durch die Friedensunterhandlungen bewirkten Ausfertigung bekam auch dieſes haus ein kaiſerliches Privilegium, wie die Krone Schweden, als beklagter Theil jedesmal zwiſchen beiden Reichs - gerichten die freye Wahl zu haben.
Das Haus Heſſencaſſel war zwar nicht in dem Falle, auf Verguͤtungen oder ſo genannte Com - penſationen Anſpruͤche machen zu koͤnnen, weil es weder an Schweden noch an ſonſt jemanden etwas abzugeben hatte. Von allen Teutſchen Fuͤrſten war aber der Landgraf Wilhelm der V., dem ſein Vater Moritz ſchon 1627. die Regierung uͤberge - ben hatte, der erſte geweſen, der ſich mit dem Koͤnige Guſtav Adolf in Verbindung eingelaßen hatte. Und ſeine Wittwe Amalia Eliſabeth, ge - bohrne Graͤfinn von Hanau-Muͤnzenberg, hatte ſeit 1637., da ihr Gemahl geſtorben war, in Vor - mundſchaͤft ihres unmuͤndigen Sohns, Wilhelms des VI. (geb. 1629.), dieſe Verbindung mit ſol - cher Standhaftigkeit und Klugheit fortgefuͤhrt, daß ſie jetzt auch eine vorzuͤgliche Unterſtuͤtzung von Seiten der Krone Schweden fand(m)Auch der Franzoͤſiſche Geſandte, Duc de Longueville, ſagte bey dieſer Gelegenheit zu den uͤbrigen Geſandten:” Madame la Landgrave m’a fait tant de politeſſes qu’ il me faut confeſſer que je ne parle qu’ avec quelque paſſion pour elle. — Il faut faire beaucoup aux faveurs d’une Dame ſi vertueuſe comme eſt Madame la Land - grave. Pourquoi Meſſieurs ſurmontez vous même et donnez toute ſatisfaction à Madame.” Adami de pacif. Osn. Monaſt. (Lipſ. 1737. 4. ) p. 525.. Kurz das Haus Heſſen war von allen reichsſtaͤndiſchen Haͤu - ſern das einzige, das, ohne einen beſonderen Grundwegen592) Satisfact. u. Compenſationen. wegen Verguͤtung oder ſonſt dazu anfuͤhren zu koͤnnen, es dahin brachte, daß ihm zu Gefallen ein geiſtliches Fuͤrſtenthum ſeculariſirt wurde. Es bekam die gefuͤrſtete Abtey Hirſchfeld als ein welt - liches Fuͤrſtenthum zu beſitzen.
Zur Gnugthuung der Krone Frankreich erhieltIX. dieſelbe im Muͤnſteriſchen Frieden erſtlich die voͤllige Hoheit uͤber die Staͤdte und Biſthuͤmer Metz, Tull, Verduͤn, wie ſie ſolche ſchon ſeit 1552., aber bis - her ohne eine foͤrmliche Abtretung von Kaiſer und Reich, beſeſſen hatte, nur mit Vorbehalt des Ver - haͤltniſſes, worin dieſe drey Biſchoͤfe als Suffra - ganbiſchoͤfe unter dem Erzbiſchofe von Trier ſtan - den. Sodann bekam Frankreich die Hoheit uͤber Pignerol, und das Beſatzungsrecht in Philipps - burg, und endlich die Landgrafſchaft Elſaß mit allem, was das Haus Oeſterreich bisher in Elſaß gehabt hatte; wogegen dem Erzherzoge Ferdinand Carl, der bisher dieſe Landgrafſchaft beſeſſen hatte, drey Millionen Livres von Frankreich zur Verguͤ - tung verſprochen wurden. Den Biſchoͤfen von Straßburg und Baſel, der Reichsſtadt Straßburg, nebſt noch zehn anderen Reichsſtaͤdten, die zur Landvogtey Hagenau gehoͤrten, wie auch den Ab - teyen Murbach, Luͤder, Andlau, Gregorienthal, und den Pfalzgrafen von Luͤtzelſtein, den Grafen und Herren von Hanan, Fleckenſtein, Oberſtein, nebſt der geſammten Reichsritterſchaft in Rieder - elſaß ward ihre Verbindung mit dem Teutſchen Reiche und unmittelbare Reichsfreyheit ausdruͤck - lich vorbehalten.
I. Schwierigkeiten wegen der Amneſtie, — II. die der Kaiſer nur von 1630. oder 1627. her geſtatten wollte, je - doch der Regel von 1618. nachgeben mußte; — III. nur mit beſonderer Beſtimmung wegen der in den kaiſerlichen Erb - landen confiſcirten Guͤter; — IV. wie auch wegen der Pfaͤlzi - ſchen Reſtitution, — V. und vieler noch beſonders benann - ter Partheyen. — VI. Beſondere Entſcheidung der Irrun - gen des Hauſes Heſſen. — Aber unentſchieden gelaßene Juͤ - lichiſche und Donawerthiſche Sache.
Von anderen Forderungen, die der Krieg ſelbſt veranlaßt hatte, war die natuͤrlichſte, daß beide Kronen fuͤr ſich und alle ihre Bundesgenoſ - ſen außer dem, was nicht durch beſondere Abreden davon ausgenommen war, wie es bey allen Frie - densſchluͤſſen die gewoͤhnliche Regel iſt, eine all - gemeine Amneſtie, und alſo eine durchgaͤngige Herſtellung in den Zuſtand, wie ſich alles vor An - fange des Krieges im Jahre 1618. befunden hatte, begehrten. Von einer ſolchen Amneſtie wollte aber der kaiſerliche Hof lange Zeit durchaus nichts wiſ - ſen, weil davon nicht nur eine voͤllige Herſtellung des Hauſes Pfalz, ſondern auch die Zuruͤckgebung vieler confiſcirten Guͤter, die Ferdinand der II. der Boͤhmiſchen Unruhen halber in ſeinen Erblanden eingezogen und großentheils wieder an andere Guͤnſtlinge vergeben hatte, abhangen wuͤrde.
Wohlbedaͤchtlich hatte deswegen Ferdinand der III. auf dem Reichstage zu Regensburg unterm 20. Aug. 1641. eine nur ſo genannte General -amneſtie613) Amneſtie. amneſtie dahin bekannt machen laßen: daß” alle „ bisher unausgeſoͤhnte Staͤnde, wenn ſie ſich mit „ dem Kaiſer zuſammenſetzen wuͤrden, wohin auch „ das wandelbare Gluͤck der Waffen kuͤnftig fallen „ moͤchte, der weltlichen Guͤter halber von 1630., „ der geiſtlichen vom 12. Nov. 1627. an zu rech - „ nen, voͤllige Reſtitution zu gewarten haben ſoll - „ ten; nur mit Ausnahme der Staͤnde und Unter - „ thanen aus den kaiſerlichen Erblanden, ingleichen „ der auf beſondere Tractaten ausgeſetzten Pfaͤlzi - „ ſchen Sache und anderer Beſchwerden.” Und ſo war auch damals in dem mit Mehrheit der Stimmen bewirkten Reichsabſchiede vom 10. Oct. 1641. dieſe ſo ſehr eingeſchraͤnkte Amneſtie wieder - holet worden. Nach einer der beſchwerlichſten Un - terhandlungen kam es jetzt endlich dahin, daß doch zur allgemeinen Regel feſtgeſetzt wurde, daß alles, was waͤhrend des ganzen Krieges auf feindſelige oder thaͤtliche Art aus ſeiner Ordnung geſetzt wor - den, wieder voͤllig in den Stand, wie es vor dem Anfange des ganzen Krieges geweſen, hergeſtellt werden ſollte.
Weil jedoch der kaiſerliche Hof wegen vorge -III. dachter Confiſcationen durchaus nicht nachgeben wollte; die beiden Kronen hingegen auch unbillig fanden, daß diejenigen, die ſich aus den kaiſer - lichen Erblanden in ihre Dienſte begeben, deswegen um ihre Guͤter kommen ſollten; ſo wurde uͤber dieſen Punct endlich der Mittelweg getroffen, daß letztere ihre Guͤter wieder bekommen ſollten, wenn die Con - fiſcation erſt nach der Zeit, als ſie in Dienſte einer dieſer Kronen getreten, geſchehen ſey; nicht aber, wenn ſie ſchon vorher geſchehen.
Wegen62VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648.Wegen der Pfaͤlziſchen Reſtitution mußte ſo viel nachgegeben werden, daß Baiern ſowohl die alte Pfaͤlziſche Churwuͤrde als die Oberpfalz nebſt der Grafſchaft Cham behielt. Hingegen ward fuͤr Pfalz eine neue achte Chur errichtet, mit Vorbehalt deren kuͤnftiger Erloͤſchung, falls die Bairiſch-Wilhelmiſche Linie ausgehen wuͤrde, als in welchem Falle die Bairiſche Chur nebſt der Oberpfalz an das Pfaͤlziſch-Rudolfiſche Haus zu - ruͤckfallen ſollte. Im uͤbrigen ward dieſes Chur - haus in der Unterpfalz, ſammt allen zugehoͤrigen geiſtlichen und weltlichen Guͤtern und Gerechtſa - men, mit der voͤlligen Amneſtie auf den Fuß, wie alles vor den Boͤhmiſchen Unruhen im Jahr 1618. geweſen, hergeſtellt. Auch was ſonſt von Activ - und Paſſiv-Anſpruͤchen dieſes hauſes vor - gekommen war, wurde noch durch beſondere Ver - ordnungen beſtimmt.
So wurden endlich auch nach den Grundſaͤtzen der Amneſtie die Herzoge von Wuͤrtenberg, der Marggraf von Baden-Durlach, der Herzog von Croy, die Haͤuſer Naſſau, Hanau, Solms, Iſen - burg, Rheingrafen, Sain-Hachenburg, Falken - ſtein, Waldeck, Oettingen, Hohenlohe, Loͤwen - ſtein, Erbach, und ſelbſt einige namhaft gemach - te Privatperſonen zum Theil mit ausdruͤcklicher Entſcheidung einzelner Irrungen, in den vorigen Stand hergeſtellt; doch ohne daß denen, die nicht mit Namen benannt waren, am Rechte der allge - meinen Amneſtie etwas abgehen ſollte.
Von einzelnen Irrungen, die ſchon vor dem Ausbruche des dreyßigjaͤhrigen Krieges entſtanden,und633) Amneſtie. und zum Theil als deſſen Urſachen mit anzuſehen waren, wurden nur die, ſo das Haus Heſſen betrafen, im Frieden verglichen. Oder vielmehr der Vergleich, welcher zu Caſſel am 14. Apr. 1648. zwiſchen Heſſen-Caſſel und Heſſen-Darmſtadt uͤber die Marburgiſche Succeſſion geſchloſſen war, wurde im Frieden ſo gut, als ob er von Wort zu Wort darin eingeruͤckt waͤre, beſtaͤtiget; wie auch der Ver - gleich, den Heſſen-Caſſel mit Waldeck am 11. Apr. 1635. geſchloſſen, und den Heſſen-Darmſtadt am 14. Apr. 1648. genehmiget hatte, nebſt dem Rechte der Erſtgebuhrt, wie es ſowohl in der Caſſeliſchen als Darmſtaͤdtiſchen Linie eingefuͤhrt, und vom Kaiſer confirmirt war. Hingegen die Juͤlichiſche Succeſſionsſache blieb noch unentſchieden, und auf weitern Weg der Guͤte oder Rechtens ausgeſetzt. Und der Stadt Donawerth Herſtellung ward eben - falls erſt der Beurtheilung des naͤchſtkuͤnftigen Reichstages heimgeſtellt.
I. Ein Hauptgegenſtand des Friedens waren die Be - ſchwerden der Reichsſtaͤnde, wegen derer eigentlich der Krieg gefuͤhret war; — ſowohl politiſche als Religionsbeſchwer - den; — letztere wurden nur im Osnabruͤckiſchen Frieden behandelt. — II. Allgemeine Beſtaͤtigung des Religionsfrie - dens mit Inbegriff der Reformirten. — III. Beſtimmung des Verhaͤltniſſes zwiſchen Lutheriſchen und Reformirten; — IV. wovon man die Beyſpiele theils vom Brandenburgiſchen, theils vom Zerbſtiſchen und Hanauiſchen vor Augen hatte. — V. VI. Zwiſchen Catholiſchen und Evangeliſchen verglichenes Entſcheidungsziel des Jahrs 1624. — VII. inſonderheit in Anſehung der geiſtlichen Stiftungen, — VIII. und der geiſt - lichen Gerichtbarkeit, — IX. die uͤbrigens nebſt dem ganzen Dioeceſanrechte uͤber die Proteſtanten von neuem voͤllig aufgeho - ben wurde. — X. Gleichmaͤßige Beſtimmung wegen der Reli - gionsuͤbung — XI. und Hausandacht; — XII. nur mit beſon - derer Ausnahme der kaiſerlichen Erblande. — XIII. Eigene Erwehnung der Reichsritterſchaft. — XIV-XVI. Beſondere Beſtimmung des Religionszuſtandes der Reichsſtaͤdte. — XVII. Solchemnach erwuchs in den beſonderen Teutſchen Staa - ten allerdings ein ſehr ungleiches Verhaͤltniß der verſchiedenen Religionen. — XVIII. XIX. In Anſehung des geſammten Reichs ward aber eine vollkommene gegenſeitige Gleichheit beider Religionen feſtgeſetzt; — XX. wo ſichs thun ließ, ſelbſt mit voͤllig gleicher Anzahl Perſonen von beiden Reli - gionen; — XXI. XXII. oder doch ſo, daß in Faͤllen, da ſich beide Religionstheile trennten, nicht die Mehrheit der Stimmen, ſondern nur guͤtliche Vergleichung gelten ſollte, — XXIII. XXIV. es moͤchte von Religionsſachen oder anderen Gegenſtaͤnden die Frage ſeyn; — XXV. nicht aber, daß drey Religionen unter einander gegenſeitige Rechte haben ſollten, — da von Lutheriſchen und Reformirten unter ſich auf Catholiſche und Proteſtanten unter ſich kein Schluß gilt. — XXVI. Andere Religionen ſind darunter nicht begriffen.
Der Hauptgegenſtand der Friedenshandlungen, wegen deſſen eigentlich der Krieg gefuͤhrt worden war, beſtand in den Beſchwerden derTeut -654) Religionsverhaͤltniſſe. Teutſchen Reichsſtaͤnde, die theils in das Reli - gionsweſen einſchlugen, theils nur die politiſche Verfaſſung des Reichs betrafen. Jene wurden alleine von Schweden im Osnabruͤckiſchen Frieden behandelt. Was bloß politiſche Beſchwerden wa - ren, die wurden ſowohl mit Frankreich als Schwe - den in jedem der beiden Friedensſchluͤſſe gleichlau - tend verglichen.
In Anſehung der Religion war das erſte, daßII. der Paſſauer Vertrag vom Jahre 1552. und der Religionsfriede vom Jahre 1555. von neuem aufs vollkommenſte beſtaͤtiget wurden, ohne daß irgend ein Widerſpruch dagegen geachtet werden ſolle. Damit wurden die Einwendungen, die inſonderheit in jeſuitiſchen Schriften wider die Guͤl - tigkeit und fortwaͤhrende Verbindlichkeit dieſer Reichsgrundgeſetze gemacht waren, auf einmal ge - hoben. Da man aber auch noch den beſonderen Zweifel aufgeworfen hatte, ob auch die Reformir - ten zu den Augsburgiſchen Confeſſionsverwandten gehoͤrten, und der Religionsfriede alſo auch ihnen zu gute kommen koͤnnte; ſo ward auch dieſe Frage voͤllig zum Vortheile der Reformirten entſchieden.
Das Verhaͤltniß, ſo zwiſchen Lutheriſchen undIII. Reformirten unter einander in Frage kommen koͤnnte, oder zum Theil ſchon gekommen war, er - hielt ebenfalls in einem eignen Artikel ſeine Be - ſtimmung. Was vor dem Frieden durch Vertraͤge oder ſonſt ſchon auf einen gewiſſen Fuß geſetzt war, dabey ließ man es bewenden. Fuͤr die Zu - kunft wurden aber inſonderheit die Faͤlle, wenn ein Lutheriſcher oder reformirter Landesherr von einerP. Entw. d. Staatsverf. Th. II. Edie -66VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. dieſer beiden Religionen zur andern uͤbergehen, oder einen Landesfolger von der andern Religion bekommen wuͤrde, ganz genau beſtimmt. In bei - den Faͤllen ſollte der Landesherr nicht nur den Hof - gottesdienſt nach ſeiner Religion in ſeiner Reſidenz zu halten, ſondern auch im Lande ſeinen Glaubens - genoſſen ihre Religionsuͤbung zu geſtatten berech - tiget ſeyn; jedoch dem andern Religionstheile ſonſt keinen Nachtheil zufuͤgen, deren Gottesdienſt, Con - ſiſtorium und ganzes Kirchen - und Schulweſen viel - mehr unveraͤndert bleiben ſollte.
Nach dieſer Richtſchnur konnte das ſeit 1613. der reformirten Religion zugethane Churhaus Bran - denburg, als es hernach 1680. zum Beſitz des Herzogthums Magdeburg kam, das bis dahin Lu - theriſche Landesherren gehabt hatte, z. B. zu Halle in der ſo genannten Reſidenz den reformirten Got - tesdienſt halten laßen. Aber die Stadtkirchen blie - ben Lutheriſch, und auf der 1697. daſelbſt errich - teten Univerſitaͤt wurden die theologiſchen und phi - loſophiſchen Lehrſtellen nicht anders als mit Luthe - riſchen Lehrern beſetzt. Im Zerbſtiſchen(n)Von den Soͤhnen des Fuͤrſten Joachim Ernſts von Anhalt († 1586.), der ſich zur reformirten Religion bekannt hatte, war der Fuͤrſt Rudolf von Anhaltzerbſt 1622., mit Hinterlaßung einer Luthe - riſchen Gemahlinn, Magdalene gebohrner Graͤ - finn von Oldenburg, geſtorben, die hernach ihren Sohn, Johannes (geb. 1621.) bey ihrem Bruder in der Lutheriſchen Religion erziehen ließ. Das war der Grund der Veraͤnderungen, die im Zerb - ſtiſchen zum Vortheile der Lutheriſchen Religion vorgiengen. undHan -674) Religionsverhaͤltniſſe. Hanauiſchen(o)Die Hanau-Muͤnzenbergiſche Linie, worin der Graf Philipp Ludewig reformirt war, erloſch im Jahre 1642. Der Graf Friedrich Caſimir von der Hanau-Lichtenbergiſchen Linie, der hernach zur Succeſſion kam, war Lutheriſch, und machte in Hanau verſchiedene Veraͤnderungen zum Vortheile ſeiner Religion. waren noch vor dem Weſtphaͤli - ſchen Frieden groͤßere Veraͤnderungen zum Vor - theile der Lutheriſchen vorgegangen; dabey ließ es der Friede bewenden.
Zwiſchen den Catholiſchen und Evangeli -V. ſchen kam es zu anderen Beſtimmungen. Hier lagen eine Menge Streitfragen im Wege, woruͤber eine Vereinigung beider Religionstheile, um aus - zumachen, was da Recht oder Unrecht ſey, gar nicht zu erwarten war. Meiſt flochten ſich gewiſſe Religionsgrundſaͤtze ein, worin immer ein Theil ohne dem Gewiſſen Gewalt anzuthun nicht glaubte dem andern nachgeben zu koͤnnen. In ſolcher Ruͤck - ſicht war es noch ein Gluͤck, daß man einen Aus - weg fand, ohne in die Frage: wer Recht oder Unrecht habe? hineingehen zu duͤrfen. Da es nehmlich bey Gelegenheit der Amneſtie uͤber die Frage, von welchem Jahre dieſelbe anzurechnen ſey, zu ſo vielerley Eroͤrterungen und Unterhand - lungen gekommen war; ſo fiel man endlich auf den Gedanken, ob nicht auch die Herſtellung der Beſchwerden uͤber die Religionsſachen ſich nach dem Zuſtande eines gewiſſen Jahres vergleichen laßen moͤchten; ſo daß man daraus ein ewiges Entſcheidungsziel machen koͤnnte, und dann nur nachforſchen duͤrfte, wie ſich die Sachen geradedamalsE 268VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. damals befunden, ohne daß in Anſehung der etwa ſonſt dabey in Betrachtung kommenden Rechtsfra - gen oder Religionsgrundſaͤtze ein Theil dem andern nachgeben duͤrfte.
So hatte der Kaiſer ſchon in der oben erwehn - ten ſo genannten Generalamneſtie vom 20. Aug. 1641. einfließen laßen, daß eine Reſtitution der geiſtlichen Guͤter, vom 12. Nov. 1627. an zu rech - nen, ſtatt finden ſollte. Die Proteſtanten beſtan - den aber darauf, daß man auch darin auf den erſten Anfang des Krieges, alſo aufs Jahr 1618., zuruͤckgehen muͤßte. Unter Vermittelung des Grafen von Trautmannsdorf kam es nach und nach dahin, daß zu Feſtſetzung eines ſolchen Entſchei - dungszieles die Catholiſchen von 1627. bis 1626. 1625. hinaufruͤckten; die Proteſtanten hingegen von 1618. auf 1620. 1621. 1623. herunterließen; bis dann endlich beide Theile uͤber das Jahr 1624. ſich verglichen, und, wo ſichs thun ließ, ſelbſt den erſten Tag dieſes Jahres zum beſtimmten Ent - ſcheidungsziele annahmen.
Nach dieſem Entſcheidungsziele ſollte nun vor - erſt das Schickſal aller geiſtlichen Stiftungen fuͤr die Zukunft beſtimmt werden. Zwar diejeni - gen Stifter, woruͤber zum Vortheile der Krone Schweden und ihrer Bundesgenoſſen beſondere Verordnungen verglichen waren, blieben nur die - ſen, unabhaͤngig von jenem Entſcheidungsziele, unterworfen. Aber alle uͤbrige unmittelbare Stif - tungen ſollten von nun an ewig in eben dem Re - ligionsverhaͤltniſſe bleiben, wie ſie am 1. Jan. 1624. geweſen waren, nachdem ſich damals catholiſcheoder694) Religionsverhaͤltniſſe. oder evangeliſche Glaubensgenoſſen in ihrem wuͤrkli - chen Beſitze befunden hatten(p)Von unmittelbaren Biſthuͤmern behielten die Evangeliſchen vermoͤge dieſer Verordnung nur das zu Luͤbeck, wo zur Zeit des Weſtphaͤliſchen Friedens der Prinz Johannes von Holſtein-Got - torp Biſchof war. Mit demſelben hatte das Dom - capitel zu Luͤbeck am 6. Jul. 1647. einen Vertrag errichtet, daß nach ihm und dem damaligen Coad - jutor noch ſechs Biſchoͤfe aus dem Hauſe Holſtein - Gottorp gewehlet werden ſollten. Luͤnigs Reichs - arch. part. ſpec. Th. 1. S. 551., Imhof notitia procerum imperii lib. 1. cap. 23. §. 6. p. 196. Zu Meiſſen, Merſeburg, Naumburg, Brandenburg und Havelberg blieben zwar evangeliſche Domca - pitel; aber die Biſthuͤmer, deren drey erſten das Haus Sachſen, den beiden anderen das Haus Brandenburg die Reichsunmittelbarkeit beſtritt, waren zur Zeit des Entſcheidungsjahrs ſchon in Adminiſtration von Herren dieſer beiden Haͤuſer.. Damit ward auch nunmehr fuͤr die Zukunft der bisherige Streit uͤber den geiſtlichen Vorbehalt dergeſtalt erlediget, daß es von nun an dabey blieb, daß, wenn der Inhaber irgend einer geiſtlichen Stelle ſeine Religion veraͤn - derte, auch der Verluſt der Stelle davon abhieng, und ein anderer von eben der Religion, die der Abgegangene verlaßen, an deſſen Stelle genommen werden ſolle. Auch uͤber alle mittelbare Kloͤſter oder andere Stiftungen mit allen ihren Zugehoͤren ſollte bloß der wuͤrkliche Beſitzſtand, wie er am 1. Jan. 1624. geweſen, fuͤr beſtaͤndig zur alleinigen Richtſchnur dienen.
Selbſt die Ausuͤbung der geiſtlichen Gericht -VIII. barkeit ward in ſoweit nach dem Entſcheidungs - jahre beſtimmt, daß uͤber catholiſche Unterthanenevan -E 370VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. evangeliſcher Reichsſtaͤnde das biſchoͤfliche Dioece - ſanrecht ſowohl in Laͤndern als in vermiſchten Reichsſtaͤdten nur da ſtatt finden ſollte, wo es im Jahre 1624. in Uebung geweſen; nach wel - chem Beſitzſtande ſich auch die geiſtliche Gericht - barkeit in Beytreibung der Einkuͤnfte catholiſcher Stiftungen in evangeliſchen Laͤndern richten ſollte. Hinwiederum ſollten evangeliſche Unterthanen ca - tholiſcher Reichsſtaͤnde nur nach Maßgabe eben dieſes Entſcheidungsziels, jedoch allemal mit dem Vorbehalte, daß nichts der Augsburgiſchen Conſeſ - ſion oder ihrem Gewiſſen zuwider geſchehen duͤrfe, der catholiſchen geiſtlichen Gerichtbarkeit unterwor - fen ſeyn; da hingegen, wenn ſie im Jahre 1624. ihr eignes Conſiſtorium gehabt, ihnen auch ſolches bleiben ſollte.
Sonſt aber wurde nicht nur die geiſtliche Ge - richtbarkeit, wie man ſolche in Auslegung des Re - ligionsfriedens nur im engern Verſtande hatte neh - men wollen, ſondern auch das voͤllige Dioeceſan - recht und die ganze geiſtliche Gerichtbarkeit mit allen ihren Gattungen gegen die evangeliſchen Reichsſtaͤnde und ihre Unterthanen ſowohl unter catholiſchen und evangeliſchen, als bloß unter evan - geliſchen Partheyen unter ſich gaͤnzlich aufgeho - ben, und ausdruͤcklich hinzugeſetzt, daß das Dioe - ceſanrecht und die geiſtliche Gerichtbarkeit ſich auf die Graͤnzen eines jeden Landes einſchraͤnken ſolle. Damit war wieder ein wichtiger Punct entſchieden, weil noch nach dem Religionsfrieden in proteſtan - tiſchen Laͤndern benachbarte catholiſche Biſchoͤfe manchmal Rechte ſich zueignen wollten, die ſie nicht unter der geiſtlichen Gerichtbarkeit, wie ſieder714) Religionsverhaͤltniſſe. der Religionsfriede aufgehoben hatte, begriffen wiſ - ſen wollten, ſondern zu anderen Gegenſtaͤnden ihrer Dioeceſanrechte rechneten. Jetzt waren ſowohl evangeliſche Reichsſtaͤnde als ihre Unterthanen fuͤr dergleichen Anſpruͤche auf beſtaͤndig geſichert.
Was hernach die unter beiden Religionsthei -X. len eben ſo ſehr beſtrittene Frage anbetraf, wie es mit der Religionsuͤbung evangeliſcher Untertha - nen unter catholiſchen Landesherren gehalten wer - den ſollte? ſo ward auch da zum Entſcheidungs - ziele angenommen, daß ſolche Unterthanen, die nur in irgend einem Theile des ganzen Jahres 1624. ihren oͤffentlichen oder Privatgottesdienſt gehabt, denſelben mit allen Zugehoͤren behalten ſollten. Wo ſie im Jahre 1624. gar keine Religionsuͤbung gehabt, ſollte ihnen frey gelaßen werden, aus dem Lande wegzuziehen, oder auch dem Landesherrn unbenommen bleiben, ihnen den Abzug aus dem Lande anzubefehlen. Doch ſollte auch alsdann den Unterthanen, nachdem ſie ſchon vor dem Weſt - phaͤliſchen Frieden ihrer Religion zugethan geweſen, oder erſt nachher ſich dazu gewandt haͤtten, eine Zeit von fuͤnf oder drey Jahren zum Abzuge geſtat - tet, auch weder mit ungebuͤhrlichen Abgaben, noch mit Verſagung ihrer benoͤthigten Zeugniſſe und Kundſchaften, noch mit Einſchraͤnkung der Frey - heit ihre Guͤter zu verkaufen, oder ferner verwal - ten zu laßen, und deshalb ab - und zuzureiſen, et - was in Weg gelegt werden.
Sofern aber weder von gezwungenem noch frey -XI. willigem Abzuge die Frage ſey, ſollten ſolche Unter - thanen auch da, wo ſie im Jahre 1624. gar keineE 4Re -72VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. Religionsuͤbung gehabt, doch ruhig geduldet wer - den. Man ſollte ſie ungeſtoͤhrt bey ihrer Haus - andacht laßen. Oder es ſollte ihnen auch unver - wehrt ſeyn, dem Gottesdienſte an benachbarten Orten beyzuwohnen. Desgleichen ſollte ihnen frey ſtehen, ihre Kinder in auswaͤrtige Schulen zu ſchicken, oder durch Privatlehrer zu Hauſe unter - richten zu laßen. Ueberall aber ſollten dergleichen evangeliſche oder catholiſche Unterthanen weder ver - aͤchtlich gehalten, noch von der buͤrgerlichen Ge - meinſchaft, noch vom Genuſſe gemeiner Rechte, noch von ehrlichen Begraͤbniſſen ausgeſchloſſen, ſondern anderen Mitbuͤrgern gleich gehalten werden.
Nur fuͤr ſeine eigne Erblande wollte ſich der Kaiſer die Haͤnde weiter nicht binden laßen, außer daß den Herzogen in Brieg, Liegnitz, Muͤnſter - berg und Oels, wie auch der Stadt Breslau ihre bisherige evangeliſche Religionsuͤbung gelaßen, und außerdem den Schleſiſchen Proteſtanten noch drey neue Kirchen bey Schweinitz, Jauer und Glogau zu bauen geſtattet, auch den Schleſiſchen Prote - ſtanten kein gezwungener Abzug zugemuthet wer - den ſollte. Doch ward der Krone Schweden und den evangeliſchen Reichsſtaͤnden ausbedungen, um weitere Religionsfreyheit fuͤr ihre Glaubensgenoſ - ſen allenfalls kuͤnftig noch eine Fuͤrſprache oder Fuͤrbitte einzulegen.
Der unmittelbaren Reichsritterſchaft wur - den hingegen eben die Rechte in Anſehung ihrer Guͤter und Unterthanen beygelegt, wie ſie von Reichsſtaͤnden feſtgeſetzt waren. (In den folgen - den Wahlcapitulationen iſt ſie deswegen in ſolchenStel -734) Religionsverhaͤltniſſe. Stellen, wo von Rechten der Landesherren uͤber ihre Unterthanen die Rede war, mehrentheils durch eine beſondere Parentheſe mit eingeſchloſſen worden.)
In Anſehung der Reichsſtaͤdte wurde endlichXIV. zwiſchen pur evangeliſchen oder pur catholiſchen und vermiſchten Reichsſtaͤdten noch ein Unterſchied gemacht; ſo daß fuͤr pur evangeliſche ſolche er - klaͤret wurden, in welchen im Jahre 1624. außer der evangeliſchen Religionsuͤbung keine andere von der Obrigkeit und Buͤrgerſchaft (nachdem nehmlich nach Verſchiedenheit der Verfaſſung einer jeden Stadt entweder jene allein, oder etwa nur mit Zuziehung der letztern es habe thun koͤnnen) ein - gefuͤhrt geweſen ſey, wenn auch gleich einige ca - tholiſche Einwohner daſelbſt wohnten, oder ein und ander Kloſter oder Stift und dazu gehoͤrige Kirche catholiſch geblieben ſey.
Als vermiſchte Reichsſtaͤdte von gleichemXV. Verhaͤltniſſe beiderley Religionen wurden nur Augs - burg, Duͤnkelſpuͤhl, Biberach, Ravensburg und Kaufbeuern benannt. Fuͤr deren innere Verfaſſung wurde zugleich meiſt eine voͤllige Religionsgleichheit in Beſetzung aller obrigkeitlichen Stellen, oder wo nur eine Stelle vorhanden, darin eine Abwechſe - lung beider Religionen vorgeſchrieben. Auch wur - de namentlich wegen Augsburg noch ausdruͤcklich feſtgeſetzt, daß die Mehrheit der Stimmen in Sa - chen, welche die Religion gerade zu oder auch nur durch entfernten Einfluß betraͤfen, durchaus nicht geachtet werden ſollte.
E 5Von74VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648.Von den uͤbrigen Reichsſtaͤdten, die nicht als vermiſcht angeſehen werden konnten, waren eigent - lich nur 13. an der Zahl, denen das Entſchei - dungsjahr zu ſtatten kam, um ſie fuͤr pur catho - liſch rechnen zu koͤnnen. Ungleich mehrere an der Zahl, nehmlich 33., von denen die meiſten auch uͤberdies ungleich wichtiger und maͤchtiger waren, gehoͤrten zum evangeliſchen Reichstheile.
So war demnach ſowohl nach dem Ausſchlage, den das Entſcheidungsjahr gab, als nach anderen Vorſchriften des Weſtphaͤliſchen Friedens, nicht nur in den kaiſerlichen Erblanden, ſondern auch in allen uͤbrigen beſonderen Teutſchen Staaten das Verhaͤltniß der catholiſchen und evangeliſchen Re - ligionsverwandten gar ſehr unterſchieden, nachdem in einem derſelben die catholiſche Religion ganz alleine, in einem andern die evangeliſche alleine die Oberhand behielt, in andern beiderley Religio - nen in mehr oder minderem Gleichgewichte neben einander ſtatt fanden. Evangeliſcher Seits hatte man zwar noch in den Weſtphaͤliſchen Friedens - handlungen mehrmalen darauf angetragen, daß auch in jeden einzelnen Laͤndern und Reichsſtaͤdten voͤllig freygeſtellt werden moͤchte, von welcher der beiden Religionen jeder Einwohner und Buͤrger ſeyn moͤchte. Von Seiten der Catholiſchen war man aber ſo weit entfernt, darein zu willigen, daß vielmehr in den meiſten catholiſchen Laͤndern einem jeden Unterthanen zur Pflicht gemacht wur - de, erſt einen Religionseid abzulegen, ehe er zum Lehns - oder Huldigungs - oder Dienſt-Eide gelaßen werden koͤnnte.
So,754) Religionsverhaͤltniſſe.So, ſage ich, war und blieb das VerhaͤltnißXVIII. der beiderley Religionen in den beſonderen Teut - ſchen Staaten gar ſehr unterſchieden, da aller - dings bald die eine, bald die andere als die herr - ſchende Religion angeſehen werden konnte, nur an wenigen Orten eine Religionsgleichheit obwal - tete. Aber ſollte nun auch fuͤr das Teutſche Reich im Ganzen die catholiſche Religion noch als die herrſchende gelten? die evangeliſche nur als un - gleich geduldete, etwa wie die juͤdiſche? — Das war freylich wohl der Sinn der Jeſuiten und derer, die von ihren Grundſaͤtzen eingenommen waren, die ſelbſt im Religionsfrieden hoͤchſtens nichts als eine den Proteſtanten verſprochene Si - cherheit, etwa auf den Fuß, wie in Laͤndern, wo man den Juden Schutz ertheilt, ſolchen Schutz - juden, zugeſtanden wiſſen wollten. Das Teutſche Reich im Ganzen als ein in Anſehung der Reli - gion vermiſchtes Reich anzuſehen, und einen Re - ligionstheil dem andern darin gleich gelten zu laßen, wollte ihnen nicht in den Sinn. Gleichwohl war das eben ſo, als wenn man die ganze Schweiz noch fuͤr einen pur catholiſchen Staat rechnen, oder doch die catholiſche Religion als die herrſchende anſehen wollte, da von den 13. Cantons nur 4. evangeliſch, 7. catholiſch, und 2. vermiſcht ſind.
Freylich war und blieb die Perſon des KaiſersXIX. catholiſch. Es ward auch nicht ausgemacht, wie ſich vielleicht haͤtte denken laßen koͤnnen, daß ab - wechſelnd bald ein catholiſcher, bald ein evangeli - ſcher Kaiſer ſeyn ſollte. Es war aber doch auch durch kein Grundgeſetz ausgemacht, daß kein evan - geliſcher Kaiſer ſeyn koͤnnte. Und allemal konnteder76VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. der Umſtand alleine, daß die Perſon des Kaiſers catholiſch blieb, in Beſtimmung des Religionsver - haͤltniſſes fuͤr das ganze Teutſche Reich den Aus - ſchlag nicht geben. Bey einem ſo zuſammenge - ſetzten Staatskoͤrper, wie dieſer war, kam es viel - mehr auf das Verhaͤltniß an, worin die verſchie - denen beſonderen Staaten, woraus Teutſchland zu - ſammengeſetzt iſt, ſich gegen einander verhielten. Da moͤchte man nun die Zahl der Einwohner, oder das Gewicht der Laͤnder, in Anſehung ihrer Ein - kuͤnfte, Kriegsmacht, und ſelbſt ihre Beytraͤge zu den Reichsbeſchwerden, zum Maßſtabe angenom - men haben; ſo ſtaͤnde noch wohl dahin, auf wel - cher Seite ſich ein Uebergewicht hervorgethan ha - ben moͤchte. Selbſt die Zahl der reichsſtaͤndiſchen Stimmen war bisher unter den Churfuͤrſten gleich, unter den Reichsſtaͤdten uͤberwiegend evangeliſch geweſen; im Fuͤrſtenrath allein waren der catho - liſchen Stimmen nur einige wenige mehr, als der evangeliſchen. So war es doch wohl keine unbil - lige Forderung, wenn der evangeliſche Religions - theil darauf beſtand, daß in Anſehung des Teut - ſchen Reichs im Ganzen ein Religionstheil ſo gut wie der andere gehalten werden muͤßte! Nun das wurde dann endlich auch im Osnabruͤckiſchen Frie - den als einer der erſten Grundſaͤtze angenommen: daß unter beiderley Religionen Staͤnden eine voll - kommene gegenſeitige Gleichheit ſtatt finden ſolle; ſo daß eben das, was dem einen Theile, auch dem andern Recht ſeyn ſolle.
Mit dieſem Grundſatze konnte nichts weniger beſtehen, als wenn ein Theil dem andern bloß mit Mehrheit der Stimmen ein Uebergewicht abzuge -win -774) Religionsverhaͤltniſſe. winnen ſuchen wollte; woruͤber ſchon bey allen Gelegenheiten Beſchwerden der evangeliſchen Staͤn - de vorgekommen waren. Um dieſe Beſchwerden zu heben, wurde fuͤr ſolche Faͤlle, wo es darauf ankommen wuͤrde, von Kaiſer und Reichs wegen eine gewiſſe Anzahl Perſonen anzuſtellen, zur Re - gel angenommen, daß immer eine gleiche Anzahl Perſonen von beiden Religionen angeſetzt werden ſollte, als namentlich bey Reichsgerichten, Reichs - deputationen und Commiſſionen, die in Angelegen - heiten verſchiedener Religionsverwandten unter ein - ander zu erkennen ſeyn moͤchten. Wo ſich aber die Zahl der Stimmen ſelbſt nicht in voͤllige Gleich - heit ſetzen ließ, wie in reichsſtaͤndiſchen Verſamm - lungen, wo man die Stimmen nehmen mußte, wie ſie einmal waren; da ſollte doch, ſobald ſich die beiderley Religionsverwandten in zwey ver - ſchiedenen Meynungen trennten, nicht die Mehrheit der Stimmen, ſondern bloß guͤtliche Vergleichung den Streit entſcheiden.
Daß man der Mehrheit der Stimmen nichtXXI. nachgehen koͤnne, wenn von Religionsſachen die Frage ſey, hatte der catholiſche Religionstheil allen - falls einraͤumen zu koͤnnen ſich ſchon mehrmalen erklaͤret. Auch konnte bey dem Satze, den die Proteſtanten behaupteten, daß in Sachen, wo es auf eines jeden Gewiſſen ankomme, ein jeder nur als einzeln fuͤr ſich, keinesweges aber als Mitglied der buͤrgerlichen Geſellſchaft zu betrachten, und deren collegialiſcher Entſcheidung zu unterwerfen ſey, mit Grunde nichts erinnert werden. Die Proteſtanten trugen aber darauf an, daß auch dieſer Fall, wenn Staͤnde als einzeln zu betrachtenwaͤ -78VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. waͤren, uͤberhaupt zur Ausnahme von der Mehr - heit der Stimmen mit ausgedruͤckt werden moͤchte. Wobey viele der Meynung waren, daß auch Con - tributionsſachen, wenn mehrere Stimmen die uͤbri - gen wider ihren Willen zu Steuerbewilligungen noͤthigen wollten, darunter begriffen ſeyn muͤßten. Doch dieſer Punct des Contributionsweſens, der allerdings einigen Anſtand hatte, mußte am Ende unverglichen gelaßen, und zur Entſcheidung des naͤchſten Reichstages ausgeſetzt werden (die gleich - wohl noch immer nicht erfolget iſt, und alſo keine geringe Unvollkommenheit in unſerer Reichsverfaſ - ſung uͤbrig laͤßt, da wider reichstaͤgliche Steuer - bewilligungen noch immer eingewandt werden kann, daß es noch nicht ausgemacht ſey, ob auch die Mehrheit der Stimmen darin entſcheiden koͤnne.)
Nun hatte aber uͤberdies ſchon mehrmalen die Erfahrung gelehret, daß theils ſelbſt die Frage: ob dieſes oder jenes eine Religions: oder Gewiſſensſache ſey? in Streit gekommen war, und theils auch nicht ſelten in bloß weltlichen Sachen nur in Ruͤck - ſicht naher oder entfernter Vortheile, die der catho - liſche Religionstheil fuͤr ſich oder auch nur fuͤr einen oder andern ſeiner Religionsverwandten davon hof - fen konnte, die Mehrheit der Stimmen dazu benutzt wurde, Sachen durchzuſetzen. Darum war nun der erſte Antrag der Proteſtanten in ihren im Nov. 1645. uͤbergebenen Beſchwerden uͤber dieſen Punct ſo gefaſſet:” daß nicht allein in Religions-Con - „ tributions -, und denen Sachen, da die Staͤnde „ (einzeln) vt ſinguli zu conſideriren, ſondern auch „ in allen und jeden anderen, ſie treffen an, was „ ſie immer wollen, darin die Roͤmiſchcatholiſchen„ eins,794) Religionsverhaͤltniſſe. „ eine, und die Evangeliſchen die andere Parthey „ conſtituiren, das Ueberſtimmen hinfuͤro nicht mehr „ gelten ſolle”(q)Londorp acta publ. Th. 1. S. 138., Meiern acta pac. Weſtph. Th. 1. S. 701. 824.. Von den hier benannten vie - rerley Gegenſtaͤnden blieb nun zwar der zweyte, die Contributionsſachen betreffend, wie ich vorhin ſchon angemerkt habe, ausgeſetzt. Die drey uͤbri - gen wurden aber endlich im Frieden in folgenden Worten beſtimmt:” In Religionsſachen, und allen anderen Geſchaͤfften, worin die Staͤnde nicht als ein Corpus angeſehen werden koͤnnen, wie auch wenn die catholiſchen und evangeliſchen Staͤnde in zwey Theile gehen (oder zweyerley Meynungen be - haupten,) ſo ſoll allein guͤtliche Vergleichung den Streit entſcheiden, ohne die Mehrheit der Stim - men zu achten.”
In den Verbindungsworten: wie auch, warXXIII. hier offenbar der Uebergang von den beiden vor - her benannten Gegenſtaͤnden, worin die Mehrheit der Stimmen wegfallen ſollte, auf einen davon unterſchiedenen dritten Gegenſtand enthalten, der unſtreitig den Sinn hatte, daß ohne alle Ein - ſchraͤnkung, ſo oft und in welchen Faͤllen es auch ſeyn moͤchte, wenn der catholiſche und evangeliſche Religionstheil zweyerley Meynungen gegen einan - der behaupteten, kein Theil den andern uͤberſtim - men ſollte. Sowohl nach der Veranlaßung als dem Zuſammenhange dieſer Stelle des Friedens war nicht die Frage, (wie man ſie nachher ver - ſchiedentlich aufgeworfen hat): in welchen Faͤllen oder uͤber welcherley Gegenſtaͤnde beide Religions - theile ſich zu trennen berechtiget ſeyn ſollten? ſon -dern80VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. dern die Frage war: wann ſoll die Mehrheit der Stimmen ihre Wirkſamkeit verliehren? Die Ant - wort war: Nicht nur in Religionsſachen, und anderen Faͤllen, wo jede Staͤnde nur als einzeln zu betrachten ſind; ſondern auch in allen und jeden Sachen, wo beide Religionstheile ſich in ihren Behauptungen von einander trennen.
Es war alſo nichts weniger als dem Sinne dieſer Stelle gemaͤß, wenn man die eingeſchraͤnkte Auslegung davon machen wollte, daß eine ſolche Trennung der beiden Religionstheile nicht anders als in Religionsſachen ſtatt finden duͤrfe. Eben darum war das zur wahren Schutzwehr der Pro - teſtanten feſtgeſetzt, daß, wenn in reichsſtaͤndiſchen Verſammlungen die catholiſchen Staͤnde die Mehr - heit der Stimmen zu ihrem Vortheile benutzen woll - ten, dagegen dieſes Huͤlfsmittel zur Hand genommen werden koͤnne, ohne erſt in eine beſondere Eroͤrterung hineingehen zu duͤrfen, ob von einer Religionsſache, oder von einem nahen oder entferntern Einfluſſe der Religion die Frage ſey, oder nicht. Zu Erhaltung des Gleichgewichts zwiſchen beiden Religionstheilen war das unſtreitig das einzige Mittel. Auf an - dere Art wuͤrde jener Grundſatz von der vollkomme - nen Gleichheit der beiden Religionen, und daß ein Theil mit dem andern gleiche Rechte haben ſollte, nie zur Erfuͤllung haben gebracht werden koͤnnen.
Ich ſage, Gleichheit der beiden Religio - nen. Das iſt ſowohl die Sprache des Weſtphaͤ - liſchen Friedens als der nachherigen Reichsgrund - geſetze; Nicht drey Religionen. Denn wenn gleich unter den Augsburgiſchen Confeſſionsverwandtenſowohl814) Religionsverhaͤltniſſe. ſowohl Reformirte als Lutheriſche begriffen ſind; ſo iſt doch das Verhaͤltniß zwiſchen dieſen beiden ganz anders beſtimmt, als zwiſchen ihnen und den Catholiſchen. Was Lutheriſche und Reformirte ein - ander geſtatten, kann nicht von Catholiſchen gegen Proteſtanten behauptet werden. Auch gilt umge - kehrt nicht unter jenen, was zur Richtſchnur zwi - ſchen Catholiſchen und Proteſtanten angenommen iſt. Unter andern zeigt ſich das ſelbſt in Anſehung des Entſcheidungsjahres 1624., das durch eine ganz beſondere Verordnung des Weſtphaͤliſchen Frie - dens nur noch in der Pfalz zum Entſcheidungsziele zwiſchen den dortigen Lutheriſchen und Reformirten angenommen iſt, ſonſt aber zwiſchen dieſen beiden Religionsverwandten nicht zur Entſcheidung die - net. — So, ſage ich, ſind nicht alle drey Reli - gionen, ſondern nur zwey einander voͤllig gleich - geſetzt, obgleich unter einer von dieſen beiden wie - der zweyerley Abtheilungen begriffen ſind, die aber unter ſich wieder ihr beſonderes Verhaͤltniß haben.
Außer dieſen benannten Religionen ſollte nunXXVI. aber nach weiterer Vorſchrift des Weſtphaͤliſchen Friedens keine andere im Reiche aufgenommen noch geduldet werden. So hat ſich wenigſtens von Reichs wegen keine andere Religion eines gleichen Buͤrgerrechts zu erfreuen. Doch hat das nicht den Sinn gehabt, daß auch in einzelnen Laͤndern oder Reichsſtaͤdten keine andere Religionsuͤbung geſtattet, oder gar kein anderer Glaubensgenoſſe geduldet werden duͤrfte; wie davon das haͤufige Beyſpiel der Juden ſchon das Gegentheil zeiget, da ihnen zwar kein allgemeines Reichsbuͤrgerrecht zu ſtatten koͤmmt, aber doch ein jeder ReichsſtandP. Entw. d. Staatsverf. Th. II. Fſo -82VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. ſowohl Schutz als Freyheit des Gottesdienſtes ge - ben kann. Auch von Quaͤkern, Menoniſten u. d. g. laͤßt ſich deswegen eben das behaupten.
I. Befeſtigung der Landeshoheit uͤberhaupt — II. mit Jubegriff des Rechts der Buͤndniſſe. — III. Zugleich geſi - cherter Beſitz der Reichspfandſchaften. — IV. Befeſtigter Zuſtand der Reichsſtaͤdte, Reichsritterſchaft und Reichsdoͤrfer.
Von politiſchen Beſchwerden, die in den Weſt - phaͤliſchen Friedenshandlungen zu eroͤrtern vorkamen, betraf eine der erſten die Landeshoheit der Teutſchen Reichsſtaͤnde. So ſehr der Beſitz - ſtand und ein Herkommen von mehreren Jahrhun - derten her derſelben das Wort redete; ſo wurden doch noch oͤftere Zweifel erhoben, was ein jeder Reichs - ſtand in ſeinem Lande eigentlich fuͤr Rechte auszuuͤben begehren koͤnne. Man wollte einem jeden allen - falls nur die beſonders ihm verliehenen Regalien, aber nicht den vollſtaͤndigen Inbegriff aller Hoheits - rechte zugeſtehen. Dagegen bewirkten aber beide Kronen den Ausſpruch des Friedens: daß” alle und jede Reichsſtaͤnde in freyer Ausuͤbung ihres Territorialrechts und im Beſitze aller ihrer Rechte geſchuͤtzt und befeſtiget, und von niemanden, wer es auch ſey, kuͤnftig geſtoͤhrt werden ſollten.” Was alſo irgend in einem Staate die hoͤchſte Gewaltals835) Landesherrliche Rechte. als einen Inbegriff von Hoheitsrechten in ſich faſ - ſet, das wird auch nunmehr der Landeshoheit eines jeden Reichsſtandes zugeeignet; nur daß dieſe nicht unabhaͤngig iſt, ſondern Kaiſer und Reich noch uͤber ſich hat, und gewiſſe Rechte, die dem Kaiſer ſchon vor der Vollſtaͤndigkeit der Landes - hoheit in ganz Teutſchland zukamen, demſelben als ſo genannte Reſervatrechte eigen geblieben ſind, als vorzuͤglich das Recht der Standeserhoͤhungen und academiſcher Wuͤrden, und einige andere Rechte, wozu wenigſtens noch immer eine kaiſer - liche Verleihung erforderlich iſt, als das Recht der Zoͤlle und der Muͤnze. Alle uͤbrige Rechte, die auch etwa von neuem erſt in Gang kommen, ſind nun von ſelbſten in der Landeshoheit begriffen.
Namentlich wurde noch inſonderheit hinzuge -II. fuͤgt, daß jeden einzelnen Reichsſtaͤnden beſtaͤndig frey ſtehen ſollte, zu ihrer Erhaltung und Sicher - heit ſowohl unter ſich als mit Auswaͤrtigen Buͤnd - niſſe zu machen; doch ſo, daß ſolche nicht gegen Kaiſer und Reich gerichtet ſeyn, noch gegen den Landfrieden und gegen die Pflicht, womit ein jeder dem Kaiſer und Reiche zugethan iſt, anſtoßen duͤr - fen. Dadurch war nunmehr ausgemacht, daß ein jeder Reichsſtand nicht nur als Bundesgenoſſe einer andern Macht, ſondern auch als ſelbſt krieg - fuͤhrender Theil ſich in Buͤndniſſe von allen Gat - tungen einlaßen, folglich auch Krieg fuͤhren und Frieden ſchließen koͤnne. Der Landfriede und das Verhaͤltniß, worin alle Reichsſtaͤnde als Mitglie - der eines Reichs in gegenſeitiger Verbindung ſte - hen, bringt jedoch die natuͤrliche Einſchraͤnkung mit ſich, daß ein Reichsſtand den andern nichtF 2mit84VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. mit Krieg uͤberziehen darf. (Wie aber, wenn zwey auswaͤrtige Maͤchte mit einander Krieg fuͤh - ren, und eine derſelben einen, die andere einen andern Reichsſtand zum Bundesgenoſſen bekoͤmmt? So hat ſichs doch fuͤgen koͤnnen, daß im nachhe - rigen Nordiſchen Kriege Churſachſen mit Daͤnemark, Braunſchweig-Zelle mit Schweden verbuͤndet war, und Sachſen als Daͤniſche Huͤlfsvoͤlker ins Zelli - ſche einbrachen!)
Noch war unter dem, was Reichsſtaͤnde an Rechten und Laͤndern beſaßen, manches, das ur - ſpruͤnglich ehedem einmal von ein oder anderm Kaiſer ihnen nur Pfandweiſe eingegeben war. Solche Reichspfandſchaften waren zwar meiſt von einem Kaiſer zum andern erneuert worden; auch war ſchon ſeit Carl dem V. in der Wahl - capitulation das Verſprechen mit enthalten, einem jeden Stande ſeine Pfandſchaft beſtaͤtigen und ihn dabey ſchuͤtzen zu wollen. Inzwiſchen blieb doch immer nach der Natur des Pfandrechts eine Wiedereinloͤſung moͤglich; womit Ferdinand der II. mit den Reichsſtaͤdten Lindau und Weißenburg im Nordgau ſchon einen Anfang zu machen ver - ſucht hatte. Der daraus entſtandenen Beſorgniß ward damit abgeholfen, daß zwar Pfandſchaften der Staͤnde unter einander fuͤr wiedereinloͤsbar erklaͤret wurden, Reichspfandſchaften aber ihren Beſitzern gelaßen werden ſollten(r)In den neueſten Wahlcapitulationen (1742.) Art. 10. §. 4. iſt es noch beſtimmter gefaßt:” die Staͤnde bey ihren inhabenden Reichspfandſchaften ohne Wiederloͤſung und Wiederrufung zu ſchuͤtzen, und bis auf anderweite Vergleichung ruhig dabey bleiben zu laßen.”. Vorzuͤglichwa -855) Landesherrliche Rechte. waren damit viele Reichsſtaͤdte gerettet, denen ehemalige Kaiſer ihre reichsvogteyliche Rechte ver - pfaͤndet hatten, mit deren Einloͤſung die meiſten Reichsſtaͤdte den Kaiſer zu ihrem wahren Landes - herrn bekommen haben wuͤrden. Den Reichs - ſtaͤdten Lindau und Weiſſenburg, denen ihre Reichs - pfandſchaften wuͤrklich ſchon genommen waren, wur - de ſelbſt deren Ruͤckgabe zugeſichert.
Ueberhaupt wurden alle Reichsſtaͤdte in ihrenIV. hergebrachten Regalien und dem voͤlligen Umfange ihrer Hoheit und Gerichtbarkeit innerhalb ihrer Ringmauern und in ihren Gebieten aufs vollkom - menſte geſchuͤtzt. Auch der Reichsritterſchaft wurde ihre hergebrachte Reichsunmittelbarkeit ge - ſichert, und der Religion halber eben das zuge - ſtanden, was von Reichsſtaͤnden uͤberhaupt ver - ordnet war. Selbſt einige unmittelbare Gemein - den, die noch unter dem Namen Reichsdoͤrfer uͤbrig ſind, wurden in dem Frieden mit einge - ſchloſſen.
I. Antrag der beiden Kronen wegen der nothwendig zu erfordernden Einwilligung des Reichstages mit dem freyen Stimmrechte der Reichsſtaͤnde in wichtigen Reichsſachen. — II. Vergebliche kaiſerliche Bemuͤhungen dagegen. — III. Der Reichsſtaͤdte entſcheidendes Stimmrecht, — IV. mit der Re - und Correlation zwiſchen den drey reichsſtaͤndiſchen Collegien, — V. ohne daß eine Mehrheit der Stimmen un - ter dieſen drey Collegien ſtatt findet. — VI. Fuͤr das Cammergericht feſtgeſetzte Religionsgleichheit der Beyſitzer, — VII. und darnach eingerichtete Praͤſentationen, — VIII. mit Vorbehalt der Freyheit einzelner evangeliſchen Staͤnde in catholiſchen Kreiſen. — IX. Praͤſidentenſtellen am Cammer - gerichte. — X. Cammerrichtersſtelle. — XI. Religions - gleichheit der Canzleyperſonen.
Wegen des Antheils, den die Reichsſtaͤnde an der Regierung des ganzen Reichs zu haben begehrten, gab es nicht weniger Anſtaͤnde zu he - ben. Der kaiſerliche Hof wollte es beynahe als eine nur von ſeinem Belieben abhangende Sache anſehen, ob er einen Reichstag zu halten noͤthig finde oder nicht, und in welchen Sachen er das Gutachten der Staͤnde beduͤrfe oder entrathen koͤn - ne? Auch ſchien man die Benennung eines Reichs - gutachtens im engſten Verſtande ſo deuten zu wollen, daß es nur als ein guter Rath anzuſehen ſey, deſſen Befolgung oder Nichtbefolgung auf des Kaiſers Gutfinden ankomme, ohne daß derſelbe eben an der Einwilligung des Reichs als an einer Nothwendigkeit gebunden ſey. Hierwider thaten beide Kronen gleich den Antrag:” daß die Reichs - ſtaͤnde ohne Widerſpruch in allen Berathſchlagungenuͤber876) Reichstag u. C. G. uͤber Reichsgeſchaͤffte des freyen Stimmrechts ſich zu erfreuen haben muͤßten; inſonderheit wenn es darauf ankomme, Geſetze zu machen oder zu erklaͤren, Krieg zu fuͤhren, Steuern aufzulegen, Werbungen oder Einquartierungen der Soldaten zu veranſtalten, neue Feſtungen in der Staͤnde Gebieten anzulegen, oder alte mit Beſatzungen zu belegen, Frieden oder Buͤndniſſe zu ſchließen, oder andere dergleichen Geſchaͤffte vorzunehmen. Nichts dergleichen, noch irgend etwas aͤhnliches ſollte kuͤnftig jemals geſchehen oder zugelaßen wer - den, wenn nicht der Reichstag ſeine Einwilligung dazu gaͤbe, und allen Staͤnden die Freyheit ihrer Stimmen dabey gelaßen wuͤrde”.
Vergeblich ſchlugen die kaiſerlichen GeſandtenII. vor, daß wenigſtens noch eine Clauſel hinzugefuͤgt werden moͤchte,” daß alles doch nur mit Vorbe - halt der Rechte, die fuͤr den Kaiſer alleine, oder doch nur fuͤr ihn und das churfuͤrſtliche Collegium alleine gehoͤrten, und uͤberhaupt nach alter Weiſe zu verſtehen ſeyn ſolle.” Da die Geſandten der beiden Kronen von dieſer Aeußerung Gelegenheit nahmen, darauf anzutragen, daß der kaiſerliche Hof allenfalls ein Verzeichniß der ſo genannten Reſervatrechte, die dem Kaiſer alleine zukaͤmen, herausgeben moͤchte; fanden die kaiſerlichen Mi - niſter das doch auch bedenklich. Man wuͤrde vielleicht uͤber verſchiedene Rechte, ob ſie zu den Reſervaten gehoͤrten, noch Streit erregt haben; und am Ende waͤre dann die kaiſerliche Gewalt nur auf einige namhaft gemachte einzelne Rechte beſchraͤnkt worden. So wurde alſo endlich jene Stelle voͤllig ſo, wie ſie von beiden Kronen ent -F 4wor -88VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. worfen war, in beide Friedensſchluͤſſe eingeruͤckt. Von dieſer Zeit an hat nur noch daruͤber zu Zeiten Zweifel entſtehen koͤnnen, was unter den Ausdruͤcken:” Reichsgeſchaͤffte — und andere dergleichen Ge - ſchaͤffte — oder irgend etwas aͤhnliches” — noch begriffen ſeyn moͤchte, oder wie weit hingegen der Umfang der kaiſerlichen Reſervatrechte uͤber gewiſſe Gegenſtaͤnde mit Recht ausgedehnt werden koͤnne; z. B. wenn die oberſtrichterliche Gewalt ein kaiſer - liches Reſervatrecht iſt, ob und wie weit bey einer Viſitation des Cammergerichts der Kaiſer fuͤr ſich alleine zu Werke gehen, und dieſe oder jene Ver - fuͤgungen erlaßen koͤnne?
Von der inneren Verfaſſung des Reichstags kam nur das zur Sprache, daß den Reichsſtaͤd - ten ſowohl auf der allgemeinen Reichsverſamm - lung als in beſonderen reichsſtaͤndiſchen Zuſammen - kuͤnften nicht minder als anderen Reichsſtaͤnden ein entſcheidendes Stimmrecht gebuͤhren ſolle. Von der Zeit an, als zuerſt eigne Abgeordnete der Reichsſtaͤdte bey den Reichsverſammlungen erſchienen waren, hatte man ihnen nur eine gut - achtliche, keine entſcheidende Stimme (nur ein votum conſultatiuum, kein deciſiuum) zugeſte - hen wollen. Schon unter Carl dem V. hatten die Reichsſtaͤdte gegen die uͤbrigen Reichsſtaͤnde daruͤber Klage erhoben. Jetzt erhielten ſie im Frieden den Ausſpruch zu ihrem Vortheile, daß ſie unter der Benennung der Reichsſtaͤnde immer mit begriffen ſeyen, und daß ihre Stimme mit den Stimmen der uͤbrigen Staͤnde von gleichem Werthe ſeyn ſollte.
In896) Reichstag u. C. G.In allem uͤbrigen blieb es bey dem bisheri -IV. gen Herkommen, vermoͤge deſſen es nunmehr ſchon lange hergebracht war, daß das ehurfuͤrſtliche Col - legium vom Fuͤrſtenrathe immer abgeſondert ſeine Berathſchlagungen anſtellte, und hernach dieſe beide hoͤhere Collegien, (wie man ſie in Anſehung der Reichsſtaͤdte nannte,) erſt durch eine ſo ge - nannte Re - und Correlation ſich eines gemein - ſamen Schluſſes vereinigten, ehe man die Reichs - ſtaͤdte, als das nunmehrige dritte reichsſtaͤndiſche Collegium dazu zog, um ſich eines gemeinſamen Schluſſes aller drey Reichscollegien und eines daraus zu errichtenden Reichsgutachtens zu ver - einbaren.
Wenn nicht alle drey Reichscollegien einig ſind,V. bleibt gemeiniglich die Sache liegen. Eine Mehr - heit der Stimmen gilt unter den drey Reichs - collegien nicht. Selbſt die beiden hoͤheren Col - legien haben ſich erklaͤrt, dergleichen wider das reichsſtaͤdtiſche Collegium nicht zu begehren. Viel - weniger wird es dieſem zugeſtanden, in zwieſpaͤl - tigen Meynungen der beiden hoͤheren Collegien den Ausſchlag zu geben. In ſolchem Verſtande darf alſo jenes entſcheidende Stimmrecht, das der Weſtphaͤliſche Friede den Reichsſtaͤdten zugeſteht, nicht genommen werden. Von einer Mehrheit der Stimmen unter den drey Reichscollegien war da nicht die Rede, ſondern nur vom Stimmrechte der Staͤnde uͤberhaupt, das nunmehr den Reichs - ſtaͤdten auf gleiche Art, wie anderen Reichsſtaͤn - den, eingeraͤumt wurde; im Gegenſatze der bloßen Conſultativſtimme, die man ihnen ſonſt nur hatteF 5zuge -90VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. zugeſtehen wollen(s)Meine Beytraͤge zum Teutſchen Staats -[und] Fuͤrſtenrechte Th. 1. S. 77-88.. Die wichtigſte Wirkung davon zeigt ſich bey Reichsdeputationen, wo eini - ge Churfuͤrſten, Fuͤrſten, Praͤlaten, Grafen und Staͤdte im Namen aller Staͤnde beyſammen be - rathſchlagen, und alsdann jede Stimme einer ein - zelnen Reichsſtadt ſoviel gilt, als die von einem Fuͤrſten oder Churfuͤrſten oder von einem ganzen graͤflichen oder reichspraͤlatiſchen Collegium.
Wegen des Cammergerichts wurde feſtge - ſetzt, daß in Sachen catholiſcher und evangeliſcher Reichsſtaͤnde unter einander, oder auch in Sachen einerley Glaubensgenoſſen, wenn ein dritter Inter - venient von anderer Religion dazu komme, eine voͤllige Religionsgleichheit unter den Mitglie - dern des Gerichts beobachtet werden ſollte. Man war deswegen ſchon vorher uͤbereingekommen, daß das ganze Cammergericht mit Perſonen von bei - den Religionen in gleicher Anzahl beſetzt werden ſollte; wie es auch dem allgemeinen Grundſatze von der voͤlligen gegenſeitigen Gleichheit beider Re - ligionstheile in Anſehung des Reichs gemaͤß war. Wie man aber zugleich gut fand, das Cammer - gericht mit 50. Beyſitzern zu beſetzen, damit deſto mehr Senate gemacht, und damit alle in ſo großer Zahl dahin kommende Rechtsſachen deſto ſicherer erlediget werden koͤnnten; ſo wurden doch den evan - geliſchen Reichsſtaͤnden nicht 25., wie es nach der voͤlligen Gleichheit haͤtte geſchehen ſollen, ſondern nur 24. Praͤſentationen zugetheilt. Die catholi - ſchen Reichsſtaͤnde ſollten zwar auch nur 24. Praͤ -ſen -916) Reichstag u. C. G. ſentationen zu vergeben haben. Aber zwey, die noch an der Zahl 50. fehlten, wurden dem Kai - ſer, doch beide catholiſch, zu praͤſentiren uͤber - laßen. Alſo kam dennoch das Cammergericht zu keiner voͤlligen Religionsgleichheit, ſondern unter 50. Beyſitzern konnten 26. catholiſche, nur 24. evangeliſche ſeyn.
Ueber die evangeliſchen Praͤſentationen wur -VII. de gleich im Frieden eingeruͤckt, daß die evange - liſchen Churfuͤrſten Pfalz, Sachſen, Brandenburg, jeder zwey, die beiden pur evangeliſchen Kreiſe Ober - und Niederſachſen jeder vier, und zuſammen abwech - ſelnd noch einen, die evangeliſchen Staͤnde in den vermiſchten Kreiſen Franken, Schwaben, Ober - rhein und Weſtphalen fuͤr jeden Kreis zwey, und auch fuͤr dieſe vier Kreiſe abwechſelnd noch einen, alſo zuſammen 24. evangeliſche Beyſitzer praͤſenti - ren ſollten. (Von Seiten der catholiſchen Staͤnde wurde die Vertheilung ihrer Praͤſentationen erſt auf dem folgenden Reichstage voͤllig berichtiget, ſo daß auch die vier catholiſchen Churfuͤrſten Mainz, Trier, Coͤlln, Baiern, jeder 2., die Kreiſe Oeſter - reich und Burgund, jeder ebenfalls 2., der Bai - riſche Kreis 4., die catholiſchen Staͤnde der ver - miſchten Kreiſe Franken, Schwaben, Oberrhein, Weſtphalen von jedem dieſer Kreiſe 2., alſo zu - ſammen ebenfalls 24. catholiſche Beyſitzer zu praͤ - ſentiren bekamen.)
Im Bairiſchen Kreiſe waren zwar ein undVIII. andere evangeliſche Reichsſtaͤnde, als die Grafen von Wolfſtein und Ortenburg, und die Reichs - ſtadt Regensburg. Er wurde aber doch wegender92VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. der ungleich groͤßern Anzahl catholiſcher Mitglieder als pur catholiſch angeſehen. Daß inzwiſchen jenen evangeliſchen Kreisſtaͤnden es nicht zum Nach - theile gereichen ſolle, daß ihnen kein Antheil an den Praͤſentationen des Kreiſes zugeſtanden war, dafuͤr ward ſelbſt im Weſtphaͤliſchen Frieden durch eine beſondere Verwahrung geſorget. Ein aͤhnli - cher Fall war im Niederſaͤchſiſchen Kreiſe, der fuͤr pur evangeliſch galt, wenn gleich der Biſchof von Hildesheim ein Mitglied deſſelben war.
Von der erſten Errichtung des Cammerge - gerichts her wußte man von keinen anderen Stel - len, als von Cammerrichter und Urtheilern, wo - mit das Gericht beſetzt ſeyn ſollte. Letztere, oder wie man ſie jetzt nannte, die Beyſitzer oder Aſſeſ - ſoren des Cammergerichts ſollten zur Haͤlfte wenig - ſtens aus der Ritterſchaft ſeyn. Man hoffte, daß auch Perſonen von hohem Adel ſich ans Cammer - gericht begeben wuͤrden. Gleich anfangs fand ſich auch ein Graf von Eberſtein, dem man doch die Ehre anthat, daß er als ein Beyſitzer vom Her - renſtande (aſſeſſor generoſus) unmittelbar nach dem Cammerrichter vor allen uͤbrigen Beyſitzern den Rang bekam. Weil nach damaligen Begrif - fen ein Gericht ohne Vorſitz des Richters nicht gehalten werden konnte, ſo zeigte ſich gleich der Nutze, daß in Abweſenheit oder Krankheit des Cammerrichters doch einer vom Herrenſtande da war, der an ſeiner Stelle den Vorſitz fuͤhren konn - te. Dieſer Vortheil verdoppelte ſich, als man vollends anfieng, die Beyſitzer in verſchiedene Se - nate abzutheilen, deren jeder dann doch billig einen Vorſitzenden aus dem Herrenſtande haben ſollte. So936) Reichstag u. C. G. So wurde es bald in Geſetzen zur Nothwendig - keit gemacht, daß allezeit zwey Grafen oder Frey - herren am Cammergerichte ſeyn ſollten, um in denen Senaten, worin der Cammerrichter nicht gegenwaͤrtig ſey, den Vorſitz zu fuͤhren, und be - noͤthigten Falls uͤberhaupt des Cammerrichters Stelle vertreten zu koͤnnen. Nun nannte man ſie die praͤſidirenden Beyſitzer, und endlich Cammer - gerichtspraͤſidenten. Ihre Praͤſentation ward aber dem Kaiſer uͤberlaßen. So ward ihrer nun auch im Weſtphaͤliſchen Frieden gedacht, und zwar ſo, daß nach Verhaͤltniß der 50. Aſſeſſoren 4. Praͤ - ſidenten, 2. catholiſche und 2. evangeliſche vom Kaiſer ernannt werden ſollten(t)So gut der Kaiſer verbindlich gemacht werden konnte, zwey evangeliſche Praͤſidenten zu ernennen; eben ſo gut haͤtten auch die beiden Beyſitzer, die der Kaiſer zu praͤſentiren haben ſollte, von beiden Religionen ſeyn koͤnnen, um alle 50. Beyſitzer in voͤllig gleicher Anzahl beider Religionen zu haben. So aber blieb doch das ungleiche Verhaͤltniß 26. catholiſcher und nur 24. evangeliſcher Beyſitzer, das man auch ſeitdem nie gehoben hat..
Die Cammerrichtersſtelle ließ ſich zwar nichtX. vertheilen, und blieb billig der Ernennung des Kaiſers allein uͤberlaßen. Es war aber doch ſchon in Vorſchlag geweſen, abwechſelnd einmal einen catholiſchen, und das anderemal einen evan - geliſchen Cammerrichter anzuſetzen(u)Beſage des Prager Friedens (1635.) §. 26. hatte Churſachſen darauf angetragen: daß nach dem damaligen catholiſchen Cammerrichter ein Augsburgiſcher Confeſſionsverwandter, und nachAb -, wobey dasCam -94VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. Cammergericht im Ganzen wohl nicht verlohren haben wuͤrde. Allein im Weſtphaͤliſchen Frieden wurde dem Kaiſer die Ernennung des Cammer - richters ſchlechterdings uͤberlaßen, ohne ihn der Religion wegen einzuſchraͤnken.
Die Canzleyperſonen, die als Subalternen zur Ausfertigung und zu Archivarbeiten am Cam - mergerichte gebraucht werden, hat der Churfuͤrſt von Mainz als Reichserzcanzler zu ernennen. We - gen des Einfluſſes, den auch dieſe Perſonen wenig - ſtens in Befoͤrderung oder Verzoͤgerung einzelner Rechtsſachen haben koͤnnen, war es nicht unbillig, daß auch fuͤr ſie eine Religionsgleichheit beobachtet wuͤrde. Schon im Religionsfrieden 1555. hieß es deswegen,” daß Cammerrichter und Beyſitzer, desgleichen alle andere Perſonen des Cammer - gerichts von beiden der alten Religion und der Augsburgiſchen Confeſſion geordnet ſeyn ſollten.” Eben die Abſicht gab der Weſtphaͤliſche Friede deut - lich gnug zu erkennen, da er der einzufuͤhrenden Religionsgleichheit bey Cammerrichter, Praͤſiden - ten, Aſſeſſoren und allen, die bey Handhabung der Gerechtigkeit Dienſte zu leiſten haͤtten (quos - cumque iuſtitiae miniſtros), gedachte. Die genauere Beſtimmung wurde aber hieruͤber dem naͤchſten Reichstage uͤberlaßen, und iſt ſeitdem bis auf den heutigen Tag nicht erfolget. (Churmainzberuͤft(u)Abgang deſſelben wieder ein Catholiſcher, und alſo fortan per vices geordnet werden moͤchte. Es ward aber damals noch auf eine andere Zu - ſammenkunft ausgeſetzt; doch ſollte es eheſtens vorgenommen werden. Samml. der R. A. Th. 3. S. 538.956) Reichstag u. C. G. beruͤft ſich auf ſein althergebrachtes Recht, dieſe Stellen zu vergeben, ohne daß man ihm darin Schranken ſetzen duͤrfe. Jenem Rechte unbe - ſchadet koͤnnen aber doch perſoͤnliche Eigenſchaf - ten, wie die Canzleybedienten beſchaffen ſeyn ſol - len, durch Reichsgeſetze vorgeſchrieben werden. So wenig das kaiſerliche Recht, Praͤſidenten am Cammergerichte zu ernennen, darunter gelitten hat, daß dieſe Ernennung von beiden Religionen geſchehen muß; ſo wenig konnte Churmainz ge - gen eine aͤhnliche Einſchraͤnkung ſich auf ſein althergebrachtes Recht berufen. Fuͤr das Cam - mergericht wuͤrde ſelbſt im Ganzen eine gewiſſe Aemulation, die ſich unter den verſchiedenen Re - ligionsverwandten vielleicht ſelbſt bis auf beſſere Haͤnde im Schreiben erſtreckt haben duͤrfte, ihren ganz guten Nutzen gehabt haben. Wenn aber ſeitdem dieſe Chorde nur von weitem hat beruͤhrt werden wollen, iſt es kaum glaublich, wie ſehr ſichs der geſammte catholiſche Religionstheil hat angelegen ſeyn laßen, es auf alle Weiſe zu ver - hindern.)
I. Des Reichshofraths Concurrenz mit dem Cammer - gerichte wurde fuͤr bekannt angenommen, und nur den Vorwuͤrfen entgegengearbeitet. — II. Zur Proceßordnung ſollte die Cammergerichtsordnung dienen, — III. und eine eigne Reichshofrathsordnung gemacht werden, — die Ferdi - nand der III. hernach fuͤr ſich machen ließ. — IV. Die Religionsgleichheit blieb ebenfalls eingeſchraͤnkt. — V. Eine Viſitation ſollte erſt kuͤnftig berichtiget werden. — VI. VII. Zum Rechtsmittel ſollte eine Reviſion gleich der am Cammergerichte ſtatt finden.
Nun blieb in den Weſtphaͤliſchen Friedenshand - lungen noch der wichtige Punct vom Reichs - hofrathe zu eroͤrtern uͤbrig. Derſelbe wurde von den kaiſerlichen Miniſtern ſolchem Eifer betrieben, daß ſie mehrmalen aͤußerten: Das hieße, dem Kaiſer an Krone und Scepter greifen, wenn man in Anſehung des Reichshofraths Einſchraͤnkungen machen wollte. Nichts deſto weniger kam die Hauptfrage, wie ſie bisher aufgeſtellt war: ob der Kaiſer oder vielmehr der Reichshofrath noch eine concurrirende Gerichtbarkeit mit dem Cam - mergerichte behaupten koͤnne? gerade zu im Weſt - phaͤliſchen Frieden nicht zur ausdruͤcklichen Ent - ſcheidung. Man wußte aber von Seiten der Kaiſerlichen die Sache ſo einzuleiten, daß nur ein - zelne Anſtaͤnde, die man dem Reichshofrathe ent - gegenſetzte, durch beſondere Verordnungen geho - ben wurden; die Sache ſelbſt ſchien man eben damit ſchon als bekannt anzunehmen.
So977) Reichshofraths Gerichtb.So hatte man dem Reichshofrathe den Vor -II. wurf gemacht, daß er keine Gerichts - und Pro - ceßordnung habe, ohne welche doch die Ausuͤbung einer Gerichtbarkeit ſich nicht wohl denken laße, weil ſie ſonſt bloß willkuͤhrlich ſeyn wuͤrde. Es waren zwar ſchon von Ferdinand dem I., Rudolf dem II. und Matthias eigne Reichshofrathsord - nungen vorhanden(v)Die Reichshofrathsordnung Ferdinands des I. war vom 3. Apr. 1559. Die von Rudolf dem II. fuͤhrte den Titel: Reichshofraths-Inſtru - ction. Die von Matthias war vom 3. Jul. 1617. Sie finden ſich beyſammen in einem Anhange von Vffenbach de conſil. imp. aul. mantiſſ. p. 5[-]40.. Allein das waren nicht ſowohl eigentliche Proceßordnungen, als vielmehr nur Inſtructionen, wie ſie ein jedes Rathscolle - gium, das auch zu anderen Geſchaͤfften als zu Juſtitzſachen beſtimmt iſt, von ſeinem Herrn haben kann, nehmlich eine Anweiſung, wie Geſchaͤffte, von welcher Art ſie auch ſeyn moͤgen, zum Vor - trage und zur Eroͤrterung gebracht werden ſollen. Man durfte nur die Cammergerichtsordnung mit dieſen Reichshofrathsordnungen in Vergleichung ſtellen, um ſich im erſten Anblick zu uͤberzeugen, wie weit letztere von ſolchen Beſtimmungen ent - fernt waren, die einem Gerichte zur Vorſchrift in Behandlung der Rechtsſachen dienen koͤnnen. — Doch dieſem Vorwurf begegnete der Graf von Trautmannsdorf mit der ganz kurzen Erklaͤrung, daß der Kaiſer ſich gefallen laßen werde, daß die Cammergerichtsordnung auch dem Reichshofrathe zur Richtſchnur dienen ſolle. Im Frieden wurde alſo feſtgeſetzt: Was den gerichtlichen Proceßbetref -P. Entw. d. Staatsverf. Th. II. G98VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. betreffe, ſolle die Cammergerichtsordnung auch am Reichshofrathe, oder, wie man hier den Ausdruck brauchte, am kaiſerlichen Hofgerichte in allen Stuͤcken befolget werden.
Man konnte zwar noch die Einwendung da - gegen machen, daß die Cammergerichtsordnung, die in vielen Stellen die ganz beſondere Verfaſſung des Cammergerichts, als z. B. deſſen Eintheilung in Senate u. d. g., vorausſetze, nicht in allen Stuͤcken auf den ganz anders eingerichteten Reichs - hofrath paſſen wuͤrde. Allein auch dieſe Einwen - dung ward damit gehoben, daß man Hoffnung machte, daß noch eine beſondere Reichshofraths - ordnung verfaſſet werden ſollte, worin die naͤheren Beſtimmungen, die in beſonderer Anwendung auf des Reichshofraths eigne Verfaſſung noch noͤthig befunden werden moͤchten, eingeruͤckt werden koͤnn - ten. (Die Reichsſtaͤnde hofften, daß dieſe neue Ordnung vermoͤge der im Frieden ſelbſt ſchon der reichstaͤglichen Berathſchlagung unterworfenen ge - ſetzgebenden Gewalt auf dem Reichstage zur Ab - faſſung und Berichtigung in Vortrag kommen wer - de. Ferdinand der III. nahm es aber auf den Fuß, wie die vorigen Kaiſer die bisherigen Reichshof - rathsordnungen, als eigentliche Inſtructionen fuͤr ihre Raͤthe, fuͤr ſich alleine gemacht hatten Er ließ alſo ohne Zuziehung des Reichs eine neue Reichshofrathsordnung, mit Einruͤckung einiger woͤrtlich aus dem Weſtphaͤliſchen Frieden uͤberſetz - ten Stellen, noch ehe der naͤchſte Reichstag in Gang kam, zu Wien abfaſſen und gedruckt dem Reiche bekannt machen; erklaͤrte jedoch, als die Reichsſtaͤnde Schwierigkeit machten, eine ſolcheGeſetz -997) Reichshofraths Gerichtb. Geſetzgebung anzunehmen, daß er geneigt ſeyn wuͤrde, Erinnerungen der Staͤnde dawider anzu - nehmen.)
Einen andern Vorwurf hatte man dem Reichs -IV. hofrathe gemacht, daß er bloß mit catholiſchen Raͤthen beſetzt ſey. Dagegen ließ ſich der Graf von Trautmannsdorf gefallen, daß die Verordnung des Osnabruͤckiſchen Friedens von der am Cammer - gerichte zu beobachtenden Religionsgleichheit auch auf den Reichshofrath erſtreckt werden ſollte. ” Und zu dieſem Ende, wurde hinzugeſetzt, ſoll der Kaiſer einige der Augsburgiſchen Confeſſion ver - wandte gelehrte und der Reichsſachen kundige Maͤn - ner aus den evangeliſchen oder vermiſchten Krei - ſen zu Reichshofraͤthen annehmen, und zwar in ſolcher Anzahl, damit bey entſtehendem Falle die Gleichheit der Urtheiler von beiden Religionen ge - halten werden koͤnne.” (In der nachherigen Reichs - hofrathsordnung erklaͤrte ſich Ferdinand der III. beſtimmter: der Reichshofrath ſolle uͤber 18. Per - ſonen mit Einſchließung des Praͤſidenten ſich nicht erſtrecken; unter dieſen 18. Perſonen wolle er aber ſechs der Augsburgiſchen Confeſſion verwandte aus den Reichskreiſen annehmen. Jene Anzahl der 18. Reichshofraͤthe iſt mehrmalen weit uͤberſchrit - ten worden. Unter Leopolds Regierung waren ihrer einmal 39.; aber doch immer nur 6. evan - geliſche Reichshofraͤthe, und von dieſen manchmal ein oder anderer geraume Zeit abweſend.)
Eine Viſitation, wie ſie am CammergerichteV. uͤblich war, ließ ſich am Reichshofrathe wohl nicht erwarten. Wegen der Verbindung, worin derG 2Reichs -100VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. Reichshofrath nach ſeiner urſpruͤnglichen Beſtim - mung mit der Reichshofcanzley geweſen war, hatte man in vorigen Zeiten dem Churfuͤrſten von Mainz wohl zugeſtanden, (wie noch die Reichs - hofrathsordnung des Kaiſer Matthias vom Jahre 1617. es beſchreibt)” den Reichshofrath zu beſu - chen, und demſelben zu praͤſidiren, auch mit des Kaiſers Vorwiſſen denſelben ſonſt nach Erheiſchung der Nothdurft zu viſitiren.” Doch dieſe Churmain - ziſche Viſitation war mit der, wie ſie am Cammer - gerichte uͤblich war, in gar keine Vergleichung zu ſtellen; gab alſo wiederum Stoff zu einem Vor - wurfe, den man dem Reichshofrathe machte, daß die Reichsſtaͤnde nicht das Vertrauen zu demſel - ben, wie zum Cammergerichte, haben koͤnnten. Im Osnabruͤckiſchen Frieden wurde hieruͤber nur das verfuͤget:” Die Viſitation des Reichshofraths ſolle vom Churfuͤrſten von Mainz geſchehen, ſo oft es noͤthig ſeyn moͤchte, mit Beobachtung deſſen, was auf dem Reichstage von geſammten Reichs wegen deshalb gut gefunden werden moͤchte.” (In der Reichshofrathsordnung ſagt Ferdinand der III. :” Soviel die Viſitation unſers Reichshofraths be - treffen thut, laßen wir es bey der Verordnung des zu Muͤnſter und Osnabruͤck aufgerichteten Frie - densſchluſſes allerdings verbleiben.” In den neue - ſten Wahlcapitulationen ſtehet ſeit 1742. noch fol - gende Stelle:” Wir ſollen und wollen ein Reichs - gutachten uͤber das, was im Weſtphaͤliſchen Frie - den zur naͤchſten Reichsdeliberation ausgeſetzt wor - den, und den modum viſitandi (die Art und Weiſe der Viſitation des Reichshofraths) betrifft, erfordern, und dem darauf erfolgenden Reichs - ſchluß ſeine gehoͤrige Kraft und Nachdruck geben;inzwi -1017) Reichshofraths Gerichtb. inzwiſchen aber und bis dahin geſchehen laßen, daß von dem Churfuͤrſten von Mainz als des heil. Reichs Erzcanzler vorerſt dieſe Viſitation vor - genommen, damit alle drey Jahre ſo lange, bis auf dem Reichstage ein anderes beliebt, conti - nuirt, die bey der Viſitation ergangenen Acten jedes - mal der Reichsverſammlung vorgelegt, auch, we - fern darunter der geringſte Mangel erſcheint, ſo - fort auf dem Reichstage gemeſſene Vorſehung ge - macht werde.” Der Erfolg hiervon iſt noch zu erwarten.)
Sowohl mit dem Mangel der Viſitation alsVI. einer foͤrmlichen Proceßordnung ſtand auch noch der Vorwurf in Verbindung, den man dem Reichs - hofrathe machte, daß es an einem beſtimmten Rechtsmittel fehlte, wodurch Partheyen, die ſich beſchwert hielten, ſich noch zu Abhelfung ihrer Beſchwerden Hoffnung machen koͤnnten, wie am Cammergerichte einer jeden beſchwerten Parthey der Gebrauch der Reviſion offen ſtand. Dieſen Vorwurf zu heben wurde in dem Osnabruͤckiſchen Frieden verordnet:” Damit auch die am Reichs - hofrathe ſtreitenden Partheyen nicht alles Rechts - mittels beraubt ſeyn moͤchten, ſolle einer Parthey, die ſich von einem Reichshofraths-Urtheile be - ſchwert halte, an ſtatt der am Cammergerichte uͤblichen Reviſion frey geſtellt ſeyn, an kaiſerliche Majeſtaͤt zu ſuppliciren, damit die gerichtlichen Acten von neuem nachgeſehen (revidirt) wuͤrden, mit Zuziehung anderer der Sache gewachſenen un - partheyiſchen Raͤthe von beiden Religionen in glei - cher Anzahl, die bey Abfaſſung des vorigen Urtheils nicht gegenwaͤrtig geweſen, oder doch wenigſtensG 3nicht102VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. nicht die Referenten - oder Correferenten-Stelle vertreten.” (Dieſe Stelle wiederholte hernach die Reichshofrathsordnung Ferdinands des III. ohne weitern Zuſatz. Es blieb aber die große Frage, wie ſie ins Werk zu richten ſeyn ſollte, da am Reichshofrathe alles im vollſtaͤndig verſammelten Rathe vorgehen ſoll, und alſo unthunlich iſt, zur Eroͤrterung einer Reviſion andere Raͤthe zu neh - men, die dem vorigen Erkenntniſſe nicht beygewohnt haͤtten. Nach der wuͤrklichen Praxi wird nur, ſo oft eine Parthey zur Reviſion ihre Zuflucht nimmt, ein neuer Re - und Correferent beſtellt. — Ein Umſtand, der allerdings deſto erheblicher iſt, je mehr auf Re - und Correferenten anzukommen pflegt.)
In Vergleichung mit der Reviſion am Cam - mergerichte iſt hier ſelbſt der Vortheil, daß die Reichshofraths-Reviſionen nicht, wie am Cammer - gerichte jetzt ſeit zwey Jahrhunderten der Fall ge - weſen, uneroͤrtert bleiben, ſondern ohne großen Verzug zur Endſchaft gebracht werden koͤnnen. Aber freylich iſt es auch kein ſolches Devolutiv - mittel, wodurch die Sache, wie bey der Viſitation des Cammergerichts, in ganz andere Haͤnde koͤmmt; ſondern die Beurtheilung der Frage: ob das vo - rigemal recht oder unrecht geſprochen ſey? haͤngt von eben den Stimmen ab, die das vorige Erkennt - niß ſelbſt haben machen helfen. Sonſt werden allerdings die Vorſchriften, welche die Reichsge - ſetze in Anſehung der Zeitfriſten, Formalien und anderer Erforderniſſe bey der Reviſion am Cam - mergerichte enthalten, ſoviel ſich thun laͤßt, auch beym Reichshofrathe in Anwendung gebracht. Unter andern muͤßen auch hier die Partheyen ſogenann -1037) Reichshofraths Gerichtb. genannte Succumbenzgelder erlegen, d. i. gewiſſe Summen Geldes, die der Reichshofrath nach Beſchaffenheit der Sache auf mehrere hundert oder tauſend Thaler anſetzt, die derjenige, welcher die Reviſion verlangt, vorlaͤufig binnen gewiſſer Zeit erlegen muß, und zwar auf die Bedingung, daß er ſie nur alsdann zuruͤckbekoͤmmt, wenn ſeine Beſchwerden gegruͤndet befunden werden, und das vorige Erkenntniß abgeaͤndert wird. Bleibt es hingegen der Reviſion ungeachtet beym vorigen Erkenntniſſe, ſo ſind die Succumbenzgelder ver - fallen. Bey Cammergerichts-Reviſionen hat als - dann die Viſitation daruͤber zu verfuͤgen, ohne daß doch weder die Viſitatoren ſelbſt, noch die Cammergerichts-Beyſitzer Vortheil davon haben. Am Reichshofrathe gibt es aber mehrere Faͤlle, wo gewiſſe Sporteln, z. B. Laudemialgelder bey Belehnungen, die an Seitenverwandten, oder aus neuer kaiſerlicher Begnadigung ertheilt werden, un - ter ſaͤmmtliche Mitglieder des Reichshofraths ver - theilt werden, und gewiſſermaßen einen Theil der Beſoldung mit ausmachen. Auf gleiche Art wer - den alle Reviſionsſporteln, ſobald die Reviſion ver - worfen, und das vorige Erkenntniß gerecht befun - den iſt, unter ſaͤmmtlichen Mitgliedern des Reichs - hofraths vertheilt.
I. Aufrechthaltung der Auſtraͤgalinſtanz und anderer Vorrechte in Anſehung des Gerichtsſtandes. — II. Ver - weiſung einiger Sachen an den Reichstag. — III-VII. Aus dieſer Stelle nachher erwachſener Streit: ob dem Cammer - richter in Faͤllen einer Stimmengleichheit eine entſcheidende Stimme gebuͤhre? — VIII. IX. Hemmung der Mehrheit der Stimmen, wenn einmuͤthige Stimmen des andern Re - ligionstheils dagegen ſind. — X. Grab des ehemaligen Fuͤrſtenrechts, da der Weſtphaͤliſche Friede es nur in des Katſers Belteben ſtellt, in wichtigeren Sachen das Gutachten einiger Staͤnde zu fordern. — XI. XII. Einfluß dieſer Ver - ordnung auf die Deutung einer andern Stelle der Cammer - gerichtsordnung, vermoͤge deren dem Kaiſer das Erkenntniß in Sachen, die ganze Fuͤrſtenthuͤmer betreffen, vorbehalten wird. — XIII. Noch ſtand damit in Verbindung die Frage von der Art und Weiſe, gegen Reichsſtaͤnde Achtserklaͤrungen zu erkennen, — XIV. die erſt 1711. entſchieden worden. — XV. XVI. Von Reichshofrathsgutachten.
Beiden Reichsgerichten, ſowohl dem Reichs - hofrathe als dem Cammergerichte wurde im Weſtphaͤliſchen Frieden noch die Weiſung gegeben, daß ſie weder das Recht der Auſtraͤge, noch die erſte Inſtanz der Territorialgerichte, noch die Be - freyungen von der Appellation, die einige Staͤnde durch Privilegien erhalten, außer Acht laßen, und weder durch Mandate noch durch Commiſſionen, Avocationen oder auf irgend eine andere Art dar - in Eingriff thun ſollen.
In gewiſſen Faͤllen wurden die Reichsgerichte gar angewieſen, die Partheyen an den Reichstag zu verweiſen. Dieſe Faͤlle waren erſtlich, wennuͤber1058) Reichsgerichte uͤberhaupt. uͤber den Verſtand der Reichsgeſetze ein Zweifel ein - trete, der einer authentiſchen Erklaͤrung beduͤrfe; und zweytens, wenn in Rechtsſachen ſolcher Par - theyen, in Anſehung deren die Religionsgleichheit zu beobachten waͤre, eine Verſchiedenheit der Mey - nungen unter beiderley Religionen gleicher Anzahl Stimmen ſich hervorthaͤte, ſo daß alle catholiſche Stimmen einer, alle evangeliſche einer andern Meynung waͤren. Sachen anderer Partheyen, oder wenn die Stimmen zwar in der Anzahl gleich, aber von beiden Religionsſeiten untermiſcht waͤren, ſollten nach der Cammergerichtsordnung abgethan werden.
Ueber dieſe Stelle des Weſtphaͤliſchen FriedensIII. ſind in der Folge verſchiedene Anſtaͤnde erwachſen. Zuverlaͤßig iſt es, daß, ſo oft in neueren Geſetzen die Cammergerichtsordnung angefuͤhrt wird, keine andere als die vom Jahre 1555. gemeynt iſt. Alle vorige ſind ſelbſt in derſelben aufgehoben, ſofern ihr Inhalt nicht darin wiederholet worden. Wenn alſo eine Stelle aus einer der aͤlteren Cammerge - richtsordnungen durch ein neueres Reichsgeſetz wieder hergeſtellt werden ſollte; ſo wuͤrde daſſelbe unfehlbar zugleich ganz eigentlich beſtimmen, was fuͤr eine aͤltere Cammergerichtsordnung, ob die von 1495. oder die von 1500. 1521. u. ſ. w. gemeynt ſey, daß man ſie herſtellen wolle. Man kann daher unmoͤglich annehmen, daß in dieſer Stelle des Weſtphaͤliſchen Friedens, wo die Cammerge - richtsordnung uͤberhaupt ohne Beyfuͤgung einer Jahrzahl oder andern naͤhern Beſtimmung ange - fuͤhrt wird, darunter gerade die erſte Cammerge -G 5richts -106VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. richtsordnung von 1495. oder irgend eine andere als die von 1555. verſtanden ſeyn ſollte.
Gleichwohl haben einige behaupten wollen, hier ſey die Meynung geweſen, eine Stelle aus jener erſten Cammergerichtsordnung von 1495. zu erneuern, vermoͤge deren der Cammerrichter in dem Falle, wenn die Stimmen der Urtheiler in zwey gleiche Theile zerfielen, eine entſcheidende Stimme haben ſollte. Bey der erſten Errich - tung des Cammergerichts, da man noch gleichſam mit einem Fuße im mittlern Zeitalter ſtand, ließ ſich das vielleicht als thunlich gedenken, da man von vorigen Zeiten her gewohnt war, daß eben keine ſo ſubtile Rechtsſachen vorkamen, die nicht eine Perſon von Stande und Erfahrung nur mit einiger Beurtheilungskraft und Ueberlegung haͤtte richtig entſcheiden koͤnnen, ohne einer großen Ge - lehrſamkeit aus den Roͤmiſchen und paͤbſtlichen Ge - ſetzbuͤchern zu beduͤrfen. Wie aber am Cammer - gerichte bald alles zum ſchriftlichen Verfahren kam, und von den Sachwaltern mit lauter Gruͤnden aus dieſen Lateiniſchen Rechtsbuͤchern gefochten wurde; ſo ergab ſichs bald, daß eine ſolche durch Probe - relationen und Examen bewaͤhrte Geſchicklichkeit zur richtigen Entſcheidung ſolcher Sachen gehoͤrte, daß man ſie einem Fuͤrſten oder Grafen, der ſonſt doch ein ſehr guter Cammerrichter ſeyn konnte, um die Gerichtsperſonen durch ſein Anſehen und recht - ſchaffenes Betragen in Ordnung zu erhalten, nicht zumuthen durfte. Es war alſo gewiß nicht von ungefaͤhr, daß man dieſe Stelle aus der erſten Ordnung von 1495, in keiner der folgenden wie -der -1078) Reichsgerichte uͤberhaupt. derholte, und inſonderheit in der von 1548. und 1555. ſie wohlbedaͤchtlich ausließ. Wenn die Verfaſſer des Weſtphaͤliſchen Friedens in dieſer Stelle die Abſicht gehabt haͤtten, nunmehr den - noch jene entſcheidende Stimme des Cammerrich - ters von neuem in Gang zu bringen, wuͤrden ſie ſich ganz anders erklaͤret haben.
Eine Schwierigkeit liegt zwar noch darin, daßV. die Cammergerichtsordnung vom Jahre 1555. ein weitlaͤuftiges Werk iſt, das aus drey Theilen be - ſtehet, wovon der erſte 86., der andere 36., der dritte 55. Titel, und jeder Titel wieder mehrere Paragraphen hat. Hier haͤtte billig genau ange - zeigt werden ſollen, welcher Paragraph, aus wel - chem Titel, in welchem Buche, eigentlich gemey - net ſey. Vermuthlich hat derjenige, der hier die Feder gefuͤhret hat, einige dunkele Erinnerung ge - habt, einmal etwas hieher gehoͤriges in der Cam - mergerichtsordnung geleſen zu haben; hat ſich aber nicht die Muͤhe gegeben, erſt nachzuſchlagen. Sonſt wuͤrde er vielleicht veranlaßt haben, die Sache etwas beſtimmter zu faſſen, da in der Cammergerichtsordnung weiter nichts ſtehet, als daß man in vollem Rathe ſich eines Urtheils ver - gleichen ſolle. Moͤchte es doch nur der einzige Fall ſeyn, daß unſere Reichsgeſetze nur ſo ins all - gemeine angefuͤhret wuͤrden, oder moͤchte doch die - ſes Beyſpiel in allen aͤhnlichen Faͤllen zur War - nung dienen!
In der Reichshofrathsordnung iſt zwar demVI. Praͤſidenten eine entſcheidende Stimme beygelegt worden. Aber Reichshofrathspraͤſidenten ſind ge -mei -108VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. meiniglich erſt mehrere Jahre vorher ſelbſt Reichs - hofraͤthe geweſen, alſo ſchon in Relationen und Stimmengeben geuͤbt und gepruͤfet worden. Und von der Cammergerichtsordnung kann allenfalls beym Reichshofrathe, aber nicht von der Reichs - hofrathsordnung beym Cammergerichte Gebrauch gemacht werden.
Wenn auch ohne alle Ruͤckſicht auf die Reli - gion z. B. zwey catholiſche Churfuͤrſten, wie die von Coͤlln und Pfalz vor einigen Jahren wegen des Licents zu Kaiſerswerth beynahe in dem Falle waren, eine am Cammergerichte in gleiche Stim - men verfallene Rechtsſache haͤtten; wuͤrde doch wohl ſehr zu zweiflen ſeyn, ob ſie es gerathen fin - den moͤchten, die Entſcheidung derſelben bloß auf die Perſon des Cammerrichters ankommen zu laßen. Zwiſchen verſchiedenen Religionsverwandten wuͤrde es freylich noch mehr Bedenken haben. Wenn auch ein Cammerrichter einmal die noͤthige Ge - lehrſamkeit und andere erforderliche Eigenſchaften dazu hat; ſo wuͤrde doch fuͤr die Zukunft die Sache nie geſichert ſeyn, da hier von der Stelle eines Cammerrichters uͤberhaupt die Rede iſt, und von den Eigenſchaften, die geſetzmaͤßig damit ver - bunden erwartet werden koͤnnen.
Noch iſt in dieſer Stelle des Weſtphaͤliſchen Friedens eine Verordnung enthalten, die zu erken - nen gibt, daß auch bey Reichsgerichten, wenn deren Mitglieder nach den beiden Religionen zweyerley Meynungen behaupten, nicht die Mehr - heit der Stimmen entſcheiden, ſondern die Sache an den Reichstag verwieſen werden ſoll. Hierwird1098) Reichsgerichte uͤberhaupt. wird aber ausdruͤcklich hinzugefuͤgt, daß, wenn auch nur ein oder anderes Mitglied der einen Re - ligion der Meynung der anderen Religionsver - wandten beytritt, dieſe Verordnung nicht in An - wendung kommen ſolle. Alſo wird hier zur Hem - mung der Mehrheit der Stimmen eine voͤllige Einmuͤthigkeit erfordert; ganz anders als in dem oben vorgekommenen Falle der Religionstrennung auf dem Reichstage, wo die Einſchraͤnkung, daß derjenige Religionstheil, der ſich vom andern tren - net, unter ſich ganz einmuͤthig ſeyn muͤße, nicht hinzugefuͤgt worden. Woraus ſich ſicher abneh - men laͤßt, daß eine ſolche Einmuͤthigkeit der Stim - men nur in jenem, nicht in letzterem Falle erfor - derlich ſey, weil ſonſt eben die Einſchraͤnkung auch bey dieſem Falle wuͤrde bemerklich gemacht worden ſeyn; zumal da am Cammergerichte in den Se - naten zugleich eine geringere Anzahl Perſonen und dieſe wieder in voͤlliger Religionsgleichheit beyſam - men ſind, da es freylich ſonderbar geweſen waͤre, wenn in einem Senate von 4. catholiſchen und eben ſo viel evangeliſchen Beyſitzern drey die Mehr - heit der 5. uͤbrigen Stimmen haͤtten hemmen ſol - len. Hingegen auf der allgemeinen Reichsver - ſammlung oder auch nur im Reichsfuͤrſtenrathe, wo eine ſo große Anzahl Stimmen auf einer jeden Religionsſeite ſind, wuͤrde die Mehrheit der Stim - men ſelten gehoben werden koͤnnen, wenn es nicht anders als mit voͤllig einmuͤthigen Stimmen eines geſammten Religionstheils geſchehen koͤnnte. Folg - lich laͤßt ſich gar wohl einſehen, was fuͤr ein Grund der Verſchiedenheit hier eine Einſchraͤnkung nur in einem Falle veranlaßt habe, die deswegen auf den andern nicht zu ziehen iſt.
Am110VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648.Am Cammergerichte fehlt es ſeitdem nicht an Beyſpielen, daß Sachen dieſer Art von da an den Reichstag verwieſen ſind. Vom Reichs - hofrathe iſt meines Wiſſens noch kein Fall vor - gekommen. Und doch ſollte man da wohl erwar - ten koͤnnen, daß die ſechs evangeliſchen Reichs - hofraͤthe mehrmalen Urſache gehabt haben moͤchten, ſich der Mehrheit der uͤbrigen Stimmen zu wider - ſetzen. Es mag aber auch hier wohl ſeltener vor - kommen, daß von den ſechs evangeliſchen Reichs - hofraͤthen nicht einer oder der andere den Stimmen der uͤbrigen beytreten ſollte. Oder man ſucht viel - leicht auch ſonſt zwiſchen beiderley Meynungen eine Vereinigung zu treffen; wo nicht die Sache gar liegen bleibt, und alſo gar keinen Ausgang gewinnt.
Endlich kam noch bey Gelegenheit des Reichs - hofraths in den Friedenshandlungen vor, daß, wenn ehedem auch wichtige Sachen vom Kaiſer außer dem Cammergerichte zur Eroͤrterung genommen waͤren, ſolches mit Zuziehung einer gewiſſen An - zahl Fuͤrſten geſchehen ſey, wie Max der I. in der Baiern-Landshutiſchen Erbfolgsſache noch ein ſolches Fuͤrſtenrecht gehalten, auch ſelbſt Rudolf der II. noch 1580. bey Entſcheidung eines Streits zwi - ſchen dem Churfuͤrſten von Trier und der Stadt Trier ein Gutachten der Churfuͤrſten erfordert hat - te(w)Hontheim hiſt. Treuir. diplom. tom. 3. p. 132.. Dieſes Herkommen ließ ſich allerdings nicht widerſprechen; die kaiſerlichen Miniſter tha - ten alſo auch nicht, als wenn ſie daſſelbe bey Seite ſetzen oder entkraͤften wollten. Sie ſchienenviel -1118) Reichsgerichte uͤberhaupt. vielmehr ganz in die Sache hineingehen zu wollen, indem ſie ſich erklaͤrten, der Kaiſer wuͤrde ſich nicht abgeneigt bezeigen,” in groͤßeren Sachen und ſol - chen, wovon Unruhen im Reiche zu beſorgen ſeyn moͤchten, auch einiger Churfuͤrſten und Fuͤrſten bei - der Religionen Gutachten zu vernehmen.” Allein da es darauf angekommen waͤre, das dem Kaiſer zur Pflicht zu machen, daß er ein ſolches Gut - achten zu begehren und zu befolgen verbunden ſeyn ſolle; ſo wurde im Frieden ſelbſt nur geſetzt: es ſolle ihm frey geſtellt bleiben. In dieſem ein - zigen Worte lag alſo in der That das Grab des uralten Herkommens des ehemaligen Fuͤrſtenrechts. Alles, was mit deſſen Zuziehung ehedem geſche - hen war, konnte nunmehr bloß mit Zuziehung des Reichshofraths geſchehen.
Unter andern hat das auf eine der wichtigſtenXI. Stellen in der Cammergerichtsordnung einen be - merkenswuͤrdigen Einfluß gehabt. Zu der Zeit, als man im Jahre 1521. dem Kaiſer Carl dem V. ein Reichsregiment an die Seite ſetzte, um allen - falls in ſeiner Abweſenheit die Reichsgeſchaͤffte in ihrem Fortgange zu erhalten, und an ſeiner Stelle zu beſorgen, behielt ſich doch der Kaiſer vor, daß, wenn Sachen vorfielen, die ganze Fuͤrſtenthuͤ - mer betraͤfen, ſolche nicht vom Reichsregimente, ſondern von ihm perſoͤnlich vorgenommen werden ſollten. So floß damals in der Regimentsordnung 1521. folgende Stelle ein:” Ob auch Sachen vor - fielen, Fuͤrſtenthuͤmer, Herzogthuͤmer, Grafſchaf - ten ꝛc. belangend, ſo vom Reiche (ohne Mittel) zu Lehn ruͤhren, ſo einem Theile gaͤnzlich und end - lich abgeſprochen werden ſollen; derſelbigen Er -kennt -112VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. kenntniß wollen wir uns (als Roͤmiſcher Kaiſer) vorbehalten; doch ſonſt in anderen Sachen die - ſem unſerm Regiment und der Cammergerichts - ordnung unabbruͤchig(x)Samml. der R. A. Th. 2. S. 173. §. 7., Harpprechts Staatsarchiv des C.G. Th. 4. S. 24., Meine opuscula p. 357..” Als das Reichsregi - ment hernach nicht von Beſtand war, ließ Carl der V. 1548. dieſe Stelle (nur die letzte Clauſel ausgenommen,) in die Cammergerichtsordnung ein - ruͤcken, wo ſie auch 1555. beybehalten wurde, alſo noch jetzt ihre Rechtskraft hat.
So lange noch der Gedanke von einem Fuͤr - ſtenrechte moͤglich war, ſo ließ ſich dieſe Stelle ganz wohl dahin deuten, daß auch Rechtsſachen uͤber ſolche wichtige Gegenſtaͤnde nicht dem Cam - mergerichte uͤberlaßen, ſondern vom Kaiſer ſelbſt mit Zuziehung mehrerer Fuͤrſten eroͤrtert werden ſollten. Aber nunmehr ward daraus ein Vorzug, den ſich der Reichshofrath mit Behauptung einer ausſchließlichen Gerichtbarkeit in dieſen Sachen zueignete. Seitdem wird nun nur uͤber den Ver - ſtand dieſer Worte geſtritten, da ſehr begreiflich iſt, daß das Cammergericht mit Unterſtuͤtzung der Reichsſtaͤnde denſelben einen ſo einſchraͤnkenden Sinn als moͤglich beyzulegen ſucht, der Kaiſer hin - gegen zum Vortheile des Reichshofraths die Worte eher ausdehnend als einſchraͤnkend verſtanden haben will. Das Cammergericht behauptet z. B. es gehe nur bis auf Grafſchaften herunter, nicht auf Reichs - herrſchaften oder Dynaſtien; auch von Grafſchaf - ten und Fuͤrſtenthuͤmern ſeyen doch nur ſolche hier zu verſtehen, die reichslehnbar ſeyen, keineAllo -1138) Reichsgerichte uͤberhaupt. Allodial-Laͤnder; und dann ſey nur von petitori - ſchen, nicht auch von poſſeſſoriſchen Erkenntniſſen die Rede, und zwar uͤber ganze Laͤnder, nicht, wo etwa nur ein Drittheil oder anderer gewiſſer Theil eines Landes in Frage ſtehe. Von allem dem be - hauptet aber der Reichshofrath mit Beyſtimmung des Kaiſers das Gegentheil. Seit 1742. hat die Sache zur authentiſchen Erklaͤrung des Reichstags gebracht werden ſollen; ſo jedoch noch nicht ge - ſchehen iſt.
Ein aͤhnlicher Gegenſtand kam ſelbſt in denXIII. Weſtphaͤliſchen Friedenshandlungen vor, ohne aber auch da zur Entſcheidung zu gelangen. Wenn je eine Sache ehedem zum Fuͤrſtenrechte gehoͤret hatte, ſo war es der Fall, wenn ein Reichsſtand in die Acht erklaͤrt werden ſollte. Die Achtserklaͤrun - gen der Stadt Donawerth, des Churfuͤrſten von der Pfalz, der Herzoge von Mecklenburg und mehr andere waren aber nur durch des Reichshofraths Haͤnde gegangen, oder gar bloß im kaiſerlichen Cabinete, wer weiß mit weſſen Zuziehung oder auf weſſen Eingebung, beſchloſſen worden. Das ſchien dann doch der Muͤhe werth zu ſeyn, daruͤber we - nigſtens eine beſondere Verordnung zu machen. Im Frieden ſelbſt kam man aber nur ſo weit, daß uͤber die Art und Weiſe, wie kuͤnftig Achts - erklaͤrungen zu erkennen ſeyn moͤchten, auf dem naͤchſten Reichstage gehandelt werden ſollte.
Erſt im Jahre 1711. iſt hernach ein Reichs -XIV. ſchluß uͤber dieſen Umſtand dahin zu Stande ge - kommen, daß nun zwar die Reichsgerichte berech - tiget bleiben, einen Proceß auf die AchtserklaͤrungP. Entw. d. Staatsverf. Th. II. Hin114VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. in Gang zu bringen, und den Fiſcal oder den be - leidigten und klagenden Theil mit dem Beklagten daruͤber bis zu Ende rechtlich verfahren zu laßen. Aber wenn die Acten zum Spruche beſchloſſen ſind, ſollen ſie an den Reichstag geſchickt, daſelbſt von einer Reichsdeputation von beiderley Religion Staͤn - den aus den drey Reichscollegien in gleicher An - zahl eroͤrtert, deren Gutachten aber an das ge - ſammte Reich gebracht, und das von dieſem zu vergleichende Urtheil endlich im Namen des Kaiſers eroͤffnet, die Execution aber nicht anders als nach der Kreisverfaſſung vollzogen werden; widrigen - falls ſoll alles null und nichtig ſeyn. (Noch im Jahre 1758. gieng man zu Wien damit um, den Koͤnig in Preuſſen als Churfuͤrſten von Branden - burg in die Acht zu erklaͤren, ohne den hier ver - glichenen Weg der Reichsdeputation einſchlagen zu wollen. Der evangeliſche Reichstheil beſtand aber darauf, daß eine Achtserklaͤrung nicht anders, als auf die einmal verglichene Art und Weiſe rechts - beſtaͤndig vorgenommen werden koͤnne. Wobey es dann auch vor dasmal blieb.)
An ſtatt ein Fuͤrſtenrecht oder andere reichs - ſtaͤndiſche Gutachten zuzuziehen, iſt am Reichshof - rathe eine ganz andere Art in wichtigen Sachen zu verfahren hergebracht, die im Weſtphaͤliſchen Frieden zwar nicht beruͤhrt iſt, aber durch deſſen uͤbrige Verordnungen doch noch eine ganz eigne Ruͤckſicht bekommen hat. Nehmlich von der erſten Errich - tung dieſes kaiſerlichen Hofraths her war es ganz natuͤrlich, daß, wenn am kaiſerlichen Hofe Gna - den - oder Staats-Sachen, wie auch Belehnungs - Sachen vorkamen, der Reichshofrath fuͤr ſich dar -in1158) Reichsgerichte uͤberhaupt. in nichts entſcheiden konnte, ſondern nur dem Kai - ſer ſein Gutachten zu geben hatte, demſelben aber die endliche Entſchließung darauf nach ſeinem Gut - finden heimſtellen mußte. So ſtand ſchon in der erſten Ordnung vom Jahre 1501., daß der Hof - rath dem Kaiſer in allen vorkommenden Faͤllen von der Art ſchriftlich Gutachten geben ſolle. Sonſt pflegen große Herren wohl perſoͤnlich ihren Mini - ſterien beyzuwohnen, und deren Gutachten muͤnd - lich zu vernehmen. Hier ſcheint aber von je her nie die Abſicht geweſen zu ſeyn, daß der Kaiſer ſelbſt den Reichshofraths-Sitzungen beywohnen wollte. Das ſchriftliche Gutachten mußte alſo dem Kaiſer zugeſchickt, und mit deſſen Entſchließung, geneh - miget oder abgeaͤndert, zuruͤck erwartet werden.
So lange der Reichshofrath nur ein Staats -XVI. collegium blieb, ohne foͤrmliche Gerichtbarkeit aus - zuuͤben, war bey dieſer Einrichtung der Reichs - hofrathsgutachten nichts zu erinnern. Aber nun ſtellte der Reichshofrath auch ein Juſtitzcollegium vor. Man konnte alſo jetzt erwarten, daß Er - kenntniſſe in Rechtsſachen gar keiner andern Be - ſtimmung faͤhig ſeyn wuͤrden, als wie ſie durch Vereinigung oder Mehrheit der Stimmen unter den Mitgliedern des Gerichts bloß nach ihrer Ue - berzeugung und der Pflicht eines unpartheyiſchen Richters ſich ergeben wuͤrden. Wie aber, wenn nun auch in Rechtsſachen Reichshofraths-Gutach - ten an das kaiſerliche Cabinet ergiengen? Wie, wenn hier andere Miniſter, die mit Reichsſachen ſonſt nichts zu thun haben ſollten, und die auf die Gerechtigkeit keine beſondere Pflicht geleiſtet haben, zur Berathſchlagung gezogen wuͤrden? Wie,H 2wenn116VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. wenn gar ein Beichtvater Einfluß haben koͤnnte (wie von den Zeiten der Ferdinande Spuhren vorkommen ſollen, daß alle Reichshofrathsgutachten erſt durch die Haͤnde des Beichtvaters, der ein Jeſuit war, gegangen ſeyen(y)In dieſer Ruͤckſicht ward ſchon 1644. die Erinnerung gemacht, kuͤnftig der Reichshofraths - ordnung einzuverleiben:” daß ſonderlich dem ge - heimen und Conſcienz-Rathe in Juſtitzſachen die Haͤnde gaͤnzlich gebunden werden moͤchten.” Meiern acta comitial. Th. 2. S. 280.; ſo freylich in Anſehung des Teutſchen Reichs kein geringes Stuͤck der Herrſchaft der Welt von Seiten dieſes Ordens geweſen waͤre?) Wie, wenn ſich ſelbſt aus einigen Beyſpielen her - vorgethan haͤtte, daß in den Reichshofraths-Gut - achten nicht bloß Rechtsgruͤnde, ſondern auch po - litiſche Gruͤnde mit angebracht wuͤrden? — Kurz hier ließen ſich freylich allerley Betrachtungen an - ſtellen, die wenigſtens begreiflich machen, daß auch dieſer Artikel nicht ohne Beſchwerden geblieben iſt. Gemeiniglich ergibt ſich aber doch aus den Aus - fertigungen der Erkenntniſſe, wie ſie auf die Reichs - hofrathsgutachten zu erfolgen pflegen, daß es heißt: Kaiſerliche Majeſtaͤt haben gehorſamſten Reichs - hofraths Gutachten approbirt.
Auſſer der kaiſerlichen Gerichtbarkeit, wie ſie heutiges Tages am Cammergerichte und Reichs - hofrathe, als den beiden hoͤchſten Reichsgerichten, fuͤr ganz Teutſchland in der hoͤchſten Inſtanz aus - geuͤbt wird, konnte nach der Verfaſſung des mitt - lern Zeitalters der Kaiſer auch uͤber mittelbare Mit - glieder des Reichs in Concurrenz mit deren ordent - licher Obrigkeit eine Gerichtbarkeit erſter Inſtanz ausuͤben; ſo daß ein Unterthan den andern ſowohlbeym1178) Reichsgerichte uͤberhaupt. beym Kaiſer als bey den landesherrlichen Gerich - ten belangen konnte. Dieſe Gattung der kaiſer - lichen Gerichtbarkeit ward bisweilen in gewiſſen Diſtricten einem beſondern Richter verliehen, der alsdann in dem ihm angewieſenen Diſtricte ſowohl uͤber mittelbare als unmittelbare Perſonen und Guͤ - ter Recht ſprechen konnte, jedoch der Appellation an den Kaiſer unterworfen blieb. Von ſolchen kaiſerlichen Landgerichten, wie man ſie nannte, ſind verſchiedene in Abgang gekommen, weil mit der heutigen Verfaſſung, da ein jeder Reichsſtand eine voͤllig ausſchließliche Gerichtbarkeit in ſeinem Lande behauptet, und keine Evocation ſeiner Unter - thanen in erſter Inſtanz an die Reichsgerichte ge - ſtattet, jene Art der kaiſerlichen Gerichtbarkeit ſich nicht wohl vereinbaren laͤßt. Indeſſen waren zur Zeit des Weſtphaͤliſchen Friedens noch einige ſolche Gerichte im Gange, als inſonderheit das kaiſer - liche Hofgericht zu Rothweil, und das kaiſerliche Landgericht in Schwaben. Ueber beide wurde in den Friedenshandlungen verſchiedenes verhandelt, weil viele Reichsſtaͤnde in Schwaben und Franken erhebliche Beſchwerden dawider vorbrachten, und auf eine gaͤnzliche Abſtellung dieſer Landgerichte drangen. Das in Schwaben war aber in Haͤn - den des Hauſes Oeſterreich; Daher konnte im Frieden weiter nichts bewirket werden, als daß auf dem naͤchſten Reichstage uͤber Abſchaffung der kaiſerlichen Landgerichte weiter gehandelt werden ſollte. (Eben das iſt in den folgenden Wahlca - pitulationen wiederholet worden, aber noch nicht zur Vollziehung gekommen.)
I-III. Vorzuͤglich wurden noch auf den naͤchſten Reichs - tag verwieſen die Errichtung einer beſtaͤndigen kaiſerlichen Wahlcapitulation, — IV. V. und die Art, wie kuͤnftig mit Roͤmiſchen Koͤnigswahlen zu Werk gegangen werden ſollte. — VI. Mehr andere Gegenſtaͤnde benannte der Friede, als eine Sportelordnung, Verbeſſerung des Reichsjuſtitzweſens, der Reichspolizey, — VII. und des Reichsſteuerweſens. — VIII - XII. Ferner war die Rede von ordentlichen und auſſerordent - lichen Reichsdeputationen; — XIII-XVII. wie auch von Di - rectorien in reichsſtaͤndiſchen Verſammlungen. — XVIII-XX. Endlich unter aͤhnlichen Gegenſtaͤnden, die erſt vom naͤchſten Reichstage ihre Erledigung zu erwarten haben ſollten, war hauptſaͤchlich noch das Poſtweſen begriffen, wie es das Haus Taxis in Aufnahme gebracht hatte; — XXI. theils in Col - liſion mit der dem Freyherrn von Par verliehenen Oeſter - reichiſchen Landpoſt und kaiſerlichen Hofpoſt, — XXII-XXV. theils mit anderen reichsſtaͤndiſchen Territorialpoſten.
Das Schickſal, von den Weſtphaͤliſchen Friedens - handlungen an den naͤchſten Reichstag verwie - ſen zu werden, traf noch mehrere betraͤchtliche Ge - genſtaͤnde, von denen nur noch zwey das Gluͤck ge - habt haben, nebſt dem oben erwehnten Artikel von der Achtserklaͤrung im Jahre 1711. zu einem ge - wiſſen Schluſſe zu kommen.
Einer derſelben betraf die Abfaſſung der kai - ſerlichen Wahlcapitulation, die bisher immer von den Churfuͤrſten alleine geſchehen, und nur in ſoweit von den uͤbrigen Staͤnden genehmiget wor - den war, als die Churfuͤrſten nur das allgemeineBeſte1199) Sachen an Reichst. verwieſen. Beſte des Reichs vor Augen gehabt zu haben ſchienen. In der Wahlcapitulation des Kaiſer Matthias hatten ſie aber angefangen, einige Ar - tikel nur zu ihrem Vortheile einzurichten, z. B. daß nur ihre, nicht des ganzen Reichs Einwilligung in gewiſſen Faͤllen noͤthig ſeyn ſollte. Daruͤber hatten die uͤbrigen Reichsſtaͤnde Widerſpruch er - regt, und fanden beym Friedenscongreß in ſo weit Unterſtuͤtzung, daß man fuͤr billig erkannte, daß eine auf beſtaͤndig zur Richtſchnur dienende Wahl - capitulation in Kraft eines wahren allgemeinen Reichsgrundgeſetzes auf dem naͤchſten Reichstage mittelſt gemeinſamer Einwilligung ſaͤmmtlicher Reichsſtaͤnde entworfen werden moͤchte.
(Die Sache kam jedoch noch nicht auf dem naͤch -III. ſten Reichstage 1653., ſondern erſt 1664. in wuͤrk - liche Berathſchlagung, und, nach neuen Schwierig - keiten, die uͤber den Eingang und Schluß entſtan - den, erſt 1711. zu einem Vergleiche, vermoͤge deſ - ſen den Churfuͤrſten zwar unbenommen blieb, mit einem neu zu erwehlenden Roͤmiſchen Koͤnige oder Kaiſer noch weiter zu capituliren, aber doch nicht in gemeinen Reichsgeſchaͤfften oder gemeinſame Ge - rechtſame ſaͤmmtlicher Reichsſtaͤnde betreffend, und ohne weder in der verglichenen beſtaͤndigen Capi - tulation ohne der uͤbrigen Staͤnde Bewilligung etwas zu aͤndern, noch anderen Reichsgeſetzen und Gerechtſamen der Staͤnde Abbruch zu thun. So blieben die folgenden Wahlcapitulationen bis 1711. noch auf den vorigen Fuß; Aber die von Carl dem VI. wurde zuerſt nach der beſtaͤndigen Wahl - capitulation eingerichtet, deren Ordnung und Haupt - inhalt auch hernach immer beybehalten wurde, bisH 4auf120VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. auf einige Zuſaͤtze, die von neuem Widerſpruch gefunden haben, und nach Beſchaffenheit einer jeden Stelle zu pruͤfen ſind. Ueber einige Gegen - ſtaͤnde haben ſeitdem ſelbſt die Churfuͤrſten Beden - ken gefunden, etwas neues in die Wahlcapitulation einzuruͤcken; nur durch churfuͤrſtliche Collegialſchrei - ben haben ſie dann den Kaiſer erſucht, ſolche Sa - chen an die allgemeine Reichsverſammlung zur Be - rathſchlagung zu bringen.)
Ein anderer Gegenſtand, der mit der beſtaͤn - digen Wahlcapitulation ungefaͤhr gleiches Schick - ſal hatte, betraf die Roͤmiſchen Koͤnigswahlen. Obgleich Teutſchland ein unwiderſprechliches Wahl - reich war, ſo hatte man doch zur Zeit des Weſt - phaͤliſchen Friedens ſchon eine Reihe von 200. Jah - ren hindurch wahrzunehmen gehabt, daß die Kai - ſerwuͤrde unverruͤckt beym Hauſe Oeſterreich geblie - ben war. Das zu bewirken, glaubte man, habe hauptſaͤchlich ein jedesmaliger Kaiſer nur das chur - fuͤrſtliche Collegium geſucht auf ſeiner Seite zu haben, um von Fall zu Fall durch eine Roͤmiſche Koͤnigswahl ſich der ferneren Thronfolge zu ver - ſichern. Weil die goldene Bulle der Roͤmiſchen Koͤnigswahl nicht gedenket, ſondern nur die Kai - ſerwahlen den Churfuͤrſten uͤberlaͤßt; ſo ward die Frage aufgeworfen, ob die Churfuͤrſten auch mit der Roͤmiſchen Koͤnigswahl bloß nach ihrem Gut - duͤnken zu Werke zu gehen berechtiget ſeyen, und ob es nicht auch rathſamer ſeyn moͤchte, wenig - ſtens die jedesmalige Beſtimmung der Frage: ob auch eine Roͤmiſche Koͤnigswahl noͤthig und zutraͤg - lich ſey? nicht den Churfuͤrſten alleine zu uͤber - laßen, damit nicht unvermerkt durch dieſes Mittel,da1219) Sachen an Reichst. verwieſen. da der Kaiſer leichter die Churfuͤrſten alleine, als das ganze Reich, auf ſeine Seite bringen koͤnne, die Kaiſerwuͤrde doch ſo gut wie erblich bloß dem Hauſe Oeſterreich zu Theil werden moͤchte. Beide Kronen Frankreich und Schweden hielten eben das fuͤr ſehr wichtig, und unterſtuͤtzten deswegen dieſes Anliegen auf alle Weiſe. Allein im Frieden wurde auch hiervon nur ſo viel verordnet, daß die Sache auf dem naͤchſten Reichstage vorgenommen wer - den ſollte.
(Ehe der naͤchſtfolgende Reichstag zu StandeV. kam, brachte Ferdinand der III. 1653. doch noch die Roͤmiſche Koͤnigswahl Ferdinands des IV. zu wege; und ſo auch Leopold 1690. noch die von Joſeph. Aber 1711. kam es auch hieruͤber zwi - ſchen den beiden hoͤheren Reichscollegien zum ver - gleichsmaͤßigen Schluſſe:” daß die Churfuͤrſten bey Lebzeiten des Kaiſers nicht leichtlich zur Wahl eines Roͤmiſchen Koͤnigs ſchreiten ſollen, es waͤre denn, daß der regierende Kaiſer ſich aus dem Rei - che begeben und beſtaͤndig oder allzulange ſich aus - waͤrts aufhalten wollte, oder derſelbe wegen hohen Alters oder beharrlicher Unpaͤßlichkeit der Regierung nicht mehr vorſtehen koͤnnte, oder ſonſt eine ander - weite hohe Nothdurft, daran des Reichs Conſer - vation und Wohlfahrt gelegen, es erforderte, noch bey Lebzeiten des Kaiſers einen Roͤmiſchen Koͤnig zu wehlen.” Dieſe letzteren Worte haben ſeitdem doch wieder Anlaß gegeben, daß von neuem die Frage entſtanden iſt: ob daruͤber, ob außer den vorhin benannten Faͤllen eine ſonſtige hohe Noth - durft von der Art vorhanden ſey, die Churfuͤrſten alleine, oder nur mit Einwilligung der uͤbrigenH 5Staͤn -122VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. Staͤnde den Ausſchlag zu geben berechtiget ſeyn ſollen? Wenn Vergleiche den Rechten nach keine ausdehnende Erklaͤrung geſtatten, ſo iſt hier nach den Worten des Vergleichs den Fuͤrſten kein Recht beygelegt, die Frage: ob eine Nothdurft da ſey? mit beſtimmen zu helfen. Noch 1764. iſt deswe - gen auch die Frage: ob eine Roͤmiſche Koͤnigswahl noͤthig ſey? nur durch einen churfuͤrſtlichen Colle - gialſchluß entſchieden worden.)
Noch verſchiedene andere Gegenſtaͤnde ſind im Weſtphaͤliſchen Frieden auf den naͤchſten Reichstag verwieſen, ohne ſeitdem bis jetzt noch ihre Erledi - gung erhalten zu haben. So ſollte 1) eine Spor - teln-Taxe am Cammergerichte und 2) eine vollſtaͤn - dige Verbeſſerung des Reichsjuſtitzweſens vorge - nommen werden. (Davon kam aber in dem fol - genden Reichsabſchiede hauptſaͤchlich nur das zu Stande, was auf dem Deputationstage 1643. vorgearbeitet war.) Auch 3) die Reichspolizey - ordnung, wie ſie 1548. und 1577. abgefaßt wor - den war, ſollte von neuem verbeſſert werden. (Dar - in iſt es aber bey einigen Verſuchen geblieben, die 1670. auf dem Reichstage in Berathſchlagung, aber nicht zum Schluſſe kamen. Einige wenige Stuͤcke ſind in einzelnen Reichsſchluͤſſen zur Geſetz - gebung gediehen, als inſonderheit die Handwerks - mißbraͤuche 1731. und noch 1771. die Abſchaf - fung des blauen Montags und 1772. der Unehr - lichkeit gewiſſer Handwerker.)
Vom Reichsſteuerweſen ward nicht nur die Hauptfrage: ob die Mehrheit der Stimmen darin gelten ſolle? der Entſcheidung des naͤchſten Reichs -tages1239) Sachen an Reichst. verwieſen. tages uͤberlaßen, ſondern auch vieles, das ſonſt noch damit in genauer Verbindung ſtand. Bey der Art, wie die ſo zufaͤllig entſtandene Reichsma - trikel des Jahres 1521. zur beſtaͤndigen Richtſchnur des Reichsſteuerfußes geworden war, und bey den vielfaͤltigen Veraͤnderungen, die ſich ſeitdem mit vielen Reichsſtaͤnden zugetragen hatten, konnte es nicht fehlen, daß ſich in dem Verhaͤltniſſe der Beytraͤge, die jeder Reichsſtand thun ſollte, große Maͤngel hervorthun mußten. Manche, die als un - mittelbare Reichsſtaͤnde und Mitglieder dieſes oder jenen Kreiſes zur Reichsſteuer mit angeſetzt waren, hatten ſeitdem das Schickſal gehabt, von anderen als Unterthanen behandelt zu werden. Manche wa - ren in ihren Vermoͤgensumſtaͤnden ſo heruntergekom - men, daß ſie nicht nur eine Herabſetzung ihrer An - lage, ſondern auch einen Nachlaß ihrer Ruͤckſtaͤnde ſuchten. Andere haͤtten hingegen wohl eine Erhoͤ - hung ihres Anſatzes ertragen koͤnnen. Alſo war es wohl der Muͤhe werth, vom naͤchſten Reichstage zu erwarten, daß alle die Puncte von Moderations - und Remiſſions-Geſuchen, von Wiederherbeybrin - gung abgekommener und unter andere Hoheit gezoge - ner, oder nach der Sprache der Reichsgeſetze eximir - ter Staͤnde, und von Ergaͤnzung der Reichskreiſe ge - hoͤrig eroͤrtert werden moͤchten, und alsdann eine[vollſtaͤndige] und richtigere Reichsmatrikel erſt ganz von neuem zu Stande gebracht wuͤrde. Hernach wuͤr - de auch die Frage von der Mehrheit der Stimmen in Steuerſachen weniger Schwierigkeit gefunden haben; Denn die wichtigſte Schwierigkeit war allemal die, daß viele ſich immer beklagten, durch die Mehr - heit der Stimmen in unverhaͤltnißmaͤßige Beſchwer - den gezogen zu werden, und daß ſelbſt unter derAn -124VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. Anzahl Stimmen und den von jeder Stimme zu erwartenden Beytraͤgen gar kein ertraͤgliches Ver - haͤltniß obwalte. (Alle dieſe Dinge ſind zwar ſeit 1711. in den neueren Wahlcapitulationen von neuem zur reichstaͤglichen Berichtigung empfohlen worden, aber noch immer nicht dazu gekommen.)
Noch gedachte der Weſtphaͤliſche Friede in et - lichen Stellen der ordentlichen Reichsdeputa - tion, zu deren Berichtigung auch noch verſchie - denes dem naͤchſten Reichstage uͤberlaßen wurde. Man hatte nehmlich ſeit 1548. die Verfuͤgung ge - troffen, daß, wenn es auch zu weitlaͤuftig fiel, eine allgemeine Reichsverſammlung auszuſchreiben, oder, wenn ſie ſchon im Gange waͤre, laͤnger beyſammen zu laßen, allenfalls nur die Churfuͤrſten und von allen uͤbrigen Staͤnden nur eine gewiſſe Anzahl de - putirte Fuͤrſten, Grafen, Praͤlaten und Reichsſtaͤdte zuſammen berufen oder beyſammen gelaßen werden moͤchten, um Geſchaͤffte, die keinen Verzug litten, oder zweckmaͤßiger von wenigern als gar zu zahl - reichen Verſammlungen behandelt werden koͤnnten, im Namen des geſammten Reichs vorzunehmen. Solche Reichsdeputationstage, die man wie ver - juͤngte Reichsverſammlungen anſehen konnte, wo - bey auch uͤbrigens meiſt voͤllig wie beym Reichs - tage verfahren wurde, waren ſchon mehrmalen mit Nutzen gehalten worden, wie davon die Reichs - deputationsabſchiede 1564. 1571. und 1600. zum Beweiſe dienen koͤnnen. Der Weſtphaͤliſche Friede ſetzte aber auch hier eine voͤllig zu beobachtende Religionsgleichheit feſt, und uͤberließ nur dem naͤchſten Reichstage, die auf evangeliſcher Seite noch fehlende Anzahl der Perſonen zu ergaͤn -zen1259) Sachen an Reichst. verwieſen. zen(z)Osnabr. Friede Art. 5. §. 51. und uͤberhaupt dieſe ordentliche Reichsde - putation zur gemeinen Reichswohlfahrt noch naͤher einzurichten(a)Osnabr. Friede Art. 8. §. 3..
(Dieſen Auftrag hat nun der naͤchſte Reichs -IX. tag 1654. dergeſtalt vollzogen, daß ſoviele evan - geliſch fuͤrſtliche, graͤfliche und reichsſtaͤdtiſche Stim - men hinzugefuͤgt ſind, als noͤthig war, um beide Religionstheile auch hier in voͤllige Gleichheit zu ſetzen, weil von denen, die auf catholiſcher Seite einmal unter der Zahl dieſer Deputirten waren, keiner davon abgehen wollte; Selbſt in Anſehung der Churfuͤrſten, deren damals vier catholiſche und drey evangeliſche gerechnet wurden, verordnete der Reichsabſchied 1654., daß bey dem naͤchſten De - putationstage zwiſchen den drey evangeliſchen Chur - fuͤrſten ein viertes unter ihnen alternirendes Vo - tum ſtatt haben ſollte(b)Reichsabſch. 1654. §. 191. 194.. Dieſen Vorſchriften gemaͤß ward auch noch unter Ferdinand dem III. ein ſolcher Reichsdeputationstag eroͤffnet, und unter Leopolden fortgeſetzt. Man brach ihn aber ab, um einem Reichstage Platz zu machen, der ſeitdem zufaͤlliger Weiſe immerwaͤhrend geworden iſt, und eben damit die ordentliche Reichsdeputa - tion, ſo lange dieſe Umſtaͤnde fortwaͤhren, entbehr - lich gemacht hat. Seit 1742. hat zwar die Wahl - capitulation wieder in Erinnerung gebracht, die ordentliche Reichsdeputation wieder in Stand und Activitaͤt zu ſetzen. Allein die Perſonen, aus wel - chen jetzt unſere Reichsverſammlung beſteht, ſindſelbſt126VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. ſelbſt in ſo geringer Anzahl, daß man deswegen nicht noͤthig hat, den Reichstag in eine Deputa - tion zu verwandeln, deren Hauptzweck ohnedem wegfaͤllt, ſo lange der Reichstag ſelbſt beyſammen iſt; ohne der Schwierigkeiten zu gedenken, die wegen des Religionsverhaͤltniſſes ſowohl in Anſe - hung der Churfuͤrſten als ſonſt von neuem entſtan - den ſind.)
Schon lange vorher, ehe man an jene ordent - liche Reichsdeputation dachte, war eine ganz an - dere Gattung Deputationen uͤblich, die man jetzt zum Unterſchiede von jenen außerordentliche Reichsdeputationen nennt, auf welche ebenfalls eine im Weſtphaͤliſchen Frieden enthaltene Verord - nung gerichtet iſt. So oft nehmlich im Namen ſaͤmmtlicher Reichsſtaͤnde gewiſſe Ausrichtungen vor - kamen, es ſey nun am Orte des Reichstages ſelbſt, z. B. dem Kaiſer oder anderen hohen Standes - perſonen ein Compliment zu machen, oder auch außerhalb des Reichstages etwa einen Friedens - congreß zu beſchicken oder einer Cammergerichts - viſitation beyzuwohnen, u. ſ. w., ſo wurden jedes - mal aus allen drey Reichscollegien ſo viele Staͤnde, als man noͤthig fand, dazu auserſehen. Auch hierauf erſtreckte der Weſtphaͤliſche Friede die aus - druͤckliche Vorſchrift der unter den Deputirten zu be - obachtenden Religionsgleichheit; woruͤber doch ſeit - dem neue Anſtaͤnde erwachſen ſind. Man hat nehm - lich erſtlich die Frage aufgeworfen: ob die Wahl und Ernennung ſolcher Deputirten von beiderley Religionen einem jeden Religionstheile fuͤr ſich zu uͤberlaßen ſey? oder ob z. B. im geſammten Fuͤr - ſtenrathe ſowohl die evangeliſchen als catholiſchenDepu -1279) Sachen an Reichst. verwieſen. Deputirten durch einen nach Mehrheit der Stim - men abzufaſſenden Collegialſchluß ernannt werden ſollen? Letzternfalls wuͤrde wohl zu erwarten ſeyn, daß zwar Staͤnde von beiden Religionen in gleicher Anzahl, aber nicht von gleichem Nachdruck, ſon - dern z. B. lauter maͤchtige catholiſche, und minder - maͤchtige evangeliſche Deputirte ernannt werden moͤchten. Es iſt aber gleich in den erſten Faͤllen, die ſich nach dem Weſtphaͤliſchen Frieden ereigne - ten, ſo gehalten worden, daß jeder Religionstheil ſeine eigne Deputirten beſtimmt hat(c)Am 27. Apr. (7. May) 1653. ward im Reichsfuͤrſtenrathe eine Deputation beſchloſſen, um die fuͤrſtlichen Erinnerungen zur Wahlcapitulation zuſammenzutragen. Daruͤber ward das fuͤrſtliche Concluſum dahin gefaſſet: Es ſeyen Deputirte in gleicher Anzahl von beiden Religionen zu er - wehlen,” und deren Denomination beiden Religions - „ verwandten heimzuſtellen, welche ſelbſt unter „ einander ſich wuͤrden zu vergleichen wiſſen.” Schauroths Samml. vom corp. euang. Th. 1. S. 413.. Von Seiten des evangeliſchen Religionstheils hat man ſeitdem ſehr der Muͤhe werth gefunden, bey die - ſem Herkommen zu bleiben, und ſich keine davon abweichende Art der Ernennung der Deputirten aufdringen zu laßen(d)Die Schluͤſſe, die das evangeliſche Corpus am 4. Nov. 1664. und 6. Dec. 1710. hieruͤber ge - faſſet hat, finden ſich bey Schauroth am a. O. S. 392. u. f..
Außerdem hat ſich aber, inſonderheit bey denXI. außerordentlichen Comitialdeputationen, auch noch folgender beſonderer Anſtand hervorgethan. Wenn am Orte des Reichstages Deputirte zu ernennenwaren,128VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. waren, hatte das churfuͤrſtliche Collegium gewoͤhn - lich den erſten geiſtlichen und den erſten weltlichen Churfuͤrſten dazu genommen, alſo in vorigen Zei - ten Churmainz und Churpfalz, aber ſeit 1623. Churmainz und Churbaiern. Jetzt, da der Weſt - phaͤliſche Friede auch hier die Religionsgleichheit beobachtet wiſſen wollte, mußte entweder an ſtatt Churbaiern Churſachſen eintreten; oder, da Chur - baiern jetzt auch hier ein beſtaͤndiges Recht ſolchen Deputationen beyzuwohnen behauptete, mußten nebſt Churmainz und Churbaiern auch zwey evan - geliſche Churfuͤrſten, alſo Churſachſen und Chur - brandenburg zu jeder außerordentlichen Reichs - deputation zugelaßen werden. Unter den erſten Mitgliedern des Reichsfuͤrſtenraths gab es gleiche Anſtaͤnde, dergleichen nachher auch bey den Chur - fuͤrſten ſich noch von neuem geaͤußert haben. Dar - uͤber iſt es zuletzt dahin gekommen, daß die Aus - richtung ſolcher Comitialdeputationen, wozu ſonſt ein jedes der drey Reichscollegien einige ſeiner Mit - glieder herzugeben pflegte, jetzt gemeiniglich Chur - mainz alleine aufgetragen werden, wiewohl mit jedesmaligem Vorbehalte, daß kein nachtheiliges Recht daraus erwachſen ſolle.
So geringfuͤgig dieſe Sache ſcheint, ſo erheb - lich kann ſie in mancher Ruͤckſicht werden. Unter andern bringt ein altes Herkommen mit ſich, daß ein jedes Reichsgutachten dem Kaiſer, oder in deſ - ſen Abweſenheit dem Principalcommiſſarien durch eine außerordentliche Reichsdeputation feierlich uͤberbracht wird. Das Reichsgutachten an ſich wird uͤbrigens nur von Mainziſcher Canzleyhand mit den Worten: Churfuͤrſtlich Mainziſche Canzley,unter -1299) Sachen an Reichst. verwieſen. unterſchrieben und beſiegelt. Was hier der Aus - fertigung einer ſo wichtigen Urkunde an Feierlich - keit abzugehen ſcheint, ward durch jene perſoͤnliche Feierlichkeit, wenn Mitglieder aller drey Reichs - collegien das Reichsgutachten ſelbſt uͤberreichten, hinlaͤnglich erſetzt. Aber wenn nun Churmainz im Reichsgutachten allein die Feder fuͤhrt, und alſo bei - des die Ausfertigung und feierliche Ueberbringung deſſelben jetzt allein in ſeiner Gewalt hat; ſollten ſich da nicht zu Zeiten bedenkliche Umſtaͤnde ereignen koͤnnen? — Mich duͤnkt, das koͤnnte wohl pa - triotiſche Wuͤnſche veranlaßen, daß die außerordent - lichen Comitialdeputationen auf einen gewiſſen Fuß kommen moͤchten. Wenn außerhalb des Reichs - tages außerordentliche Deputationen zu ernennen ſind, wird ein beſtaͤndiges Deputationsrecht weni - ger eingeraͤumt, ſondern jede Deputation nach den Umſtaͤnden ernannt.
Nebſt der Materie von Reichsdeputationen ge -XIII. dachte endlich der Weſtphaͤliſche Friede auch noch der Directorien der reichsſtaͤndiſchen Verſammlun - gen, wovon ebenfalls auf dem naͤchſten Reichs - tage gehandelt werden ſollte. Es hatte nehmlich in allen reichsſtaͤndiſchen Verſammlungen von ih - rem erſten Urſprunge her ſich meiſt von ſelbſten ergeben, daß, wenn eine gewiſſe Ordnung in den Geſchaͤfften und Berathſchlagungen herrſchen ſollte, doch einer zuerſt das Wort fuͤhren, einen Vortrag thun, andere zu Ablegung ihrer Stimmen daruͤber veranlaßen, und die Stimmen nach ihrer Gleich - foͤrmigkeit oder Mehrheit zu einem gewiſſen Schluſſe ſammlen mußte. Kurz jede collegialiſche Berath -P. Entw. d. Staatsverf. Th. II. Jſchla -130VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. ſchlagung konnte nicht wohl ohne ein gewiſſes Di - rectorium, wie man nachher jenes alles in dieſem Worte zuſammengefaſſet hat, von ſtatten gehen. Jedes Collegium hatte es nun freylich in ſeiner Gewalt, einem ſeines Mittels durch freye Wahl ein ſolches Directorium aufzutragen. Gemeiniglich geſchah es inzwiſchen, daß der erſte im Range auch jene Directorialverrichtungen uͤbernahm. Dadurch hoͤrte jedoch das reichsſtaͤndiſche Collegium nicht auf, ſeine voͤllige Freyheit und die vollkommene Gleichheit ſeiner Mitglieder beyzubehalten. Nicht etwa, wie ein Cammercollegium aus mehreren Cammerraͤthen beſteht, denen der Fuͤrſt einen Cam - merpraͤſidenten mit ſelbſtbeliebiger Macht vorſetzen kann, der alsdann Befehlsweiſe ſprechen darf. Sondern hier hatte unter mehreren voͤllig gleichen Mitgliedern einer collegialiſchen Verſammlung nur einer als der erſte im Range (primus inter pares) das Directorium zu fuͤhren.
So war z. B. was das churfuͤrſtliche Colle - gium betrifft, Churmainz, indem es das Directo - rium darin zu fuͤhren bekam, damit nicht berech - tiget, ſeine Mitchurfuͤrſten gleichſam als ſeine Un - tergebenen anzuſehen, oder nach Willkuͤhr zu ver - fahren, oder gar Befehlsweiſe zu ſprechen. Son - dern von ſelbigen Zeiten her, da die Churfuͤrſten meiſt noch in eignen Perſonen ſich zu verſammlen pflegten, lieſet man mit Vergnuͤgen, wie der Chur - fuͤrſt von Mainz bey allen Gelegenheiten, z. B. wenn die Frage war, was bey der naͤchſten Seſ - ſion vorzunehmen ſeyn moͤchte? erſt freundſchaft - liche Ruͤckſprache mit den uͤbrigen Churfuͤrſten hielt,und1319) Sachen an Reichst. verwieſen. und nach deren Entſcheidung ſich richtete(e)So kam z. B. in den Wahlhandlungen des Kaiſer Matthias folgendes vor: Den 19. May 1612. —” hat man ſich verglichen, auf Morgen, „ geliebt es Gott, fruͤh um 7. Uhr wieder im Ra - „ the zu ſeyn. — Den 20. May. — Als man „ geſtrigem genommenen Verlaß nach fruͤh um 7. Uhr „ wieder im Rathe zuſammengekommen, hat Mainz „ zu vorſtehender Deliberation nachfolgenden Ein - „ gang gemacht: Dieweil man geſtern die — Ca - „ pitulation zu verleſen angefangen, — ſtellten Se. „ churfuͤrſtliche Gnaden zu Dero Mitchurfuͤrſten „ freundlicher Beliebung, ob man in ſolcher Ver - „ leſung continuiren — wolle? Das iſt alſo von „ den ſaͤmmtlichen Herren Churfuͤrſten approbirt, „ und darauf fortgeleſen worden” ꝛc. Moſers Anmerk. zur Wahlcap. K. Franz, Anh. 2. S. 420.; weit entfernt, daß er alleine haͤtte unternehmen ſollen, nach ſeinem Gutfinden zu beſtimmen, ob und welche Materien jedesmal zur Berathſchlagung gebracht werden ſollten?
In der That ſah man das Directorium mehrXV. fuͤr eine mit Muͤhe verknuͤpfte Dienſtleiſtung an, als fuͤr einen Vorzug von der Art, wie er ſich nur in ungleichen Verhaͤltniſſen uͤber Untergeord - nete oder Subalternen gedenken laͤßt. Wo chur - fuͤrſtliche Verſammlungen nur durch Geſandten beſchickt wurden, und Churmainz gemeiniglich mehr als einen Geſandten ſchickte; da war der erſte Geſandte ordentlicher Weiſe nur zum eigentlichen Repraͤſentiren und Stimmen angewieſen; der zweyte oder letzte im Range, der gewoͤhnlich zu Mainz die Canzlerſtelle bekleidete, meiſt ein Ge - lehrter von Profeſſion, wenn die erſten Geſandt -ſchafts -J 2132VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. ſchaftsſtellen mit Domherren oder Standesperſonen beſetzt waren, hatte das Directorial-Miniſterium (man nahm hier das Wort Miniſterium im eigent - lichen Verſtande einer Dienerſchaft oder Dienſtlei - ſtung) zu beſorgen. So wenig hielt man anfangs das Directorium fuͤr einen Vorzug, der zu einer Art von Befehlshabung fuͤhren koͤnnte.
Mit der Zeit nahmen ſich aber diejenigen, die ein Directorium in reichsſtaͤndiſchen Verſammlun - gen zu fuͤhren hatten, weit mehr heraus. Sie fiengen an, Seſſionen nach ihrem Gutfinden an - ſagen zu laßen, Materien nach ihrer Auswahl in Vortrag zu bringen, in Aufrufung, Niederſchrei - bung, Sammlung der Stimmen mit mancherley einſeitiger Willkuͤhr zu verfahren, kurz bey allen Gelegenheiten ſich gewiſſe ausſchließliche Vorrechte anzumaßen. Das Churmainziſche Directorium ſchien den Vortheil doppelt benutzen zu wollen, da es zugleich als Erzcanzler des Teutſchen Reichs alle Ausfertigungen in Reichsſachen, und was da - hin einſchlug, zu beſorgen hatte. Bey einer nam - haften Gelegenheit wurde ihm aber einmal zu Gemuͤthe gefuͤhrt, daß ſein Directorium urſpruͤng - lich eigentlich nur eine dem unterſten der Mainzi - ſchen Geſandten obgelegene Dienſtleiſtung, kein Ma - giſterium, ſondern ein Miniſterium, geweſen ſey, und noch ſeyn muͤße.
Im Reichsfuͤrſtenrathe war die Sache beynahe noch bedenklicher, da von Carl dem V. her der Oeſterreichiſche Geſandte mit dem Salzburgiſchen abwechſelnd nach den Materien das Directorium zu fuͤhren hatte, und mit doppeltem Nachdruckſpre -1339) Sachen an Reichst. verwieſen. ſprechen zu koͤnnen glaubte, weil der Herr, dem er diente, zugleich die Kaiſerwuͤrde bekleidete. Auch in allen uͤbrigen collegialiſchen Verſammlun - gen der Grafen, Praͤlaten, Reichsſtaͤdte verdiente die Sache alle Aufmerkſamkeit. Hauptſaͤchlich aber kam in Anſehung der Kreisdirectorien noch der beſondere Umſtand in Betrachtung, daß in ſo fern, als den kreisausſchreibenden Fuͤrſten von Kaiſer und Reichs wegen gewiſſe Theile der voll - ziehenden Gewalt aufgetragen waren, hier nicht ſo voͤllig, wie in anderen bloß collegialiſchen Ver - haͤltniſſen, eine vollkommene Gleichheit ohne alle Subordination behauptet werden konnte. Wenig - ſtens durfte von dem, was in ſolchen Faͤllen ver - moͤge der Kreisverfaſſung geſchehen konnte, auf andere reichsſtaͤndiſche Directorien kein Schluß ge - macht werden. — Nun uͤber alles das kamen ſchon bey den Weſtphaͤliſchen Friedenshandlungen allerley Beſchwerden vor. Man konnte ſie aber da nicht eroͤrtern, ſondern verwies ſie an den Reichs - tag, wo ſie nebſt vielen anderen Dingen ihre Er - oͤrterung immer noch erſt zu erwarten haben.
Außer den bisher beſchriebenen Gegenſtaͤnden,XVIII. die der Friede ganz namentlich an den naͤchſten Reichstag verwies, kamen bey den Friedenshand - lungen noch verſchiedene andere Materien vor, die nur unter der allgemeinen Anzeige begriffen wur - den, daß auch noch aͤhnliche Gegenſtaͤnde vor - gekommen waͤren, die auf dem Friedenscongreſſe nicht haͤtten abgethan werden koͤnnen, und alſo noch auf kuͤnftiger reichstaͤglicher Eroͤrterung beru - hen wuͤrden. Von dieſer Art war vorzuͤglich dasJ 3Poſt -134VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. Poſtweſen, das deswegen hier noch einige Erlaͤu - terung verdienet.
An ſtatt daß ehedem nur einige Reichsſtaͤdte, als Nuͤrnberg, Coͤlln, Bremen, ꝛc. ein gewiſſes Botenweſen unterhielten, da woͤchentlich eine Fuhr oder ein Schiff an einen gewiſſen entfern - tern Ort, z. B. von Nuͤrnberg nach Hamburg, oder nach Wien abgieng, dem jedermann Sachen gegen eine billige Abgabe mitgeben konnte; oder daß man ſonſt ſich damit behalf, an Orten, wo Canz - leyboten unterhalten, und oͤfters mit obrigkeitlichen Ausrichtungen abgeſchickt wurden, denſelben oder auch Metzgern, die zum Viehkauf ausgiengen, Briefe mitzugeben, ward, nach der in Frankreich ſchon ſeit 1463. in Gang gebrachten Poſtanſtalt, in Teutſchland der erſte Anfang des Poſtweſens damit gemacht, daß Franz von Taxis dem Kaiſer Max dem I. den Vorſchlag that, zwiſchen Wien und Bruͤſſel eine reitende Poſt anzulegen. Wor - auf ihn der Kaiſer Max im Jahre 1516. zu ſei - nem Poſtmeiſter beſtellte. Nach ſeinem Tode (1518.) fuͤhrte ſeines Bruders Sohn Johann Baptiſta auch unter Carl dem V. dieſe Stelle fort. Deſſen Sohn Leonhard ward im Jahre 1543. von Carl dem V. als Niederlaͤndiſcher Generalpoſtmei - ſter beſtellt, und errichtete in eben dem Jahre eine beſtaͤndige reitende Poſt aus den Niederlanden uͤber Luͤttich und Trier nach Speier, und von da durch das Wuͤrtenbergiſche uͤber Augsburg und Tirol nach Italien. Vom Kaiſer Ferdinand dem I. be - wirkte eben dieſer Leonhard von Taxis ſchon im Jahre 1563. einen Befehl an alle Churfuͤrſten undFuͤr -1359) Sachen an Reichst. verwieſen. Fuͤrſten, ihn bey Carls des V. Beſtallungsbriefe zu laßen, und ſeinen Poſtboten bey Tag und Nacht offenen Durchgang zu geſtatten. Doch die Nie - derlaͤndiſchen Unruhen haͤtten beynahe die ganze Sache ruͤckgaͤngig gemacht. Allein ſeit 1595., da Leonhard von Taxis vom Kaiſer Rudolf dem II. in Freyherrenſtand erhoben, und zum Generalober - poſtmeiſter im Reiche beſtellt ward, kam erſt die Sache auf feſtern Fuß, indem jetzt mit verſchie - denen Reichsſtaͤnden, durch deren Laͤnder die Po - ſten giengen, eigne Vertraͤge daruͤber errichtet wur - den. Nun wurde 1603. noch eine neue Poſt von Frankfurt nach Rheinhauſen (zur Communication mit Frankreich), angelegt, und, nachdem Leonhards Sohn, Lamoral Freyherr von Taxis, im Jul. 1615. vom Kaiſer Matthias eine erbliche Beleh - nung uͤber das Generalpoſtmeiſteramt im Reiche erhalten, erfolgten noch mehr neue Poſten in der Pfalz, in Heſſen, nach Nuͤrnberg, Leipzig, Ham - burg u. ſ. w.
Lamoral ward ſchon in Grafenſtand erhoben,XX. und ruͤhmte ſich ſchon vor dem Jahre 1626. jaͤhr - lich uͤber hundert tauſend Ducaten Ueberſchuß von ſeinen Poſten zu haben. Nach Befehlen, die der Kaiſer Ferdinand der II. unterm 23. Nov. 1627. erließ, ſollte vollends dieſes Taxiſche Poſtweſen in den damaligen Kriegszeiten in ganz Teutſchland als ein kaiſerlich hochbefreytes Regal eingefuͤhrt werden.
Inzwiſchen hatte Ferdinand der II. auch ſchonXXI. im Jahre 1624. den Freyherrn von Par mit den Poſten in den Oeſterreichiſchen Erblanden und zugleich als kaiſerlichen Hofpoſtmeiſter be -J 4lehnt.136VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. lehnt. In dieſer letztern Eigenſchaft behauptete er dem kaiſerlichen Hofe auch außer den Erblanden zu folgen, und alsdann auch ohne Ruͤckſicht auf die Taxiſchen Poſten das Poſtweſen ſich zueignen zu koͤnnen. Hierwider erhielt nun zwar der Graf von Taxis am 12. Jun. 1641. ein churfuͤrſtliches Gutachten an den Kaiſer zu ſeinem Vortheile(f)Luͤnigs Reichsarchiv Th. 4. S. 544.. Im uͤbrigen behielt aber doch das Pariſche Poſt - weſen in den Erblanden ſelbſt ſeinen ungehinder - ten Fortgang.
Hatte nun das Haus Oeſterreich in ſeinen Lan - den des Taxiſchen Reichsgeneralpoſtmeiſteramts un - geachtet noch eigne Territorialpoſten angelegt, ſo glaubten jetzt auch andere fuͤrſtliche Haͤuſer mit eben dem Rechte ein gleiches thun zu koͤnnen. So erhielt z. B. im Jahre 1640. ein Kaufmann zu Hildesheim, Roͤtger Hinuͤber, eine Conceſſion vom Herzog Georg von Braunſchweig-Luͤneburg, in deſ - ſen Landen Poſten anzulegen. Auch die Reichsſtaͤdte hielten ſich nicht fuͤr ſchuldig, in ihrem ſchon von aͤlteren Zeiten hergebrachten Botenweſen durch die Taxiſchen Poſten ſich hindern zu laßen.
Das Haus Taxis berief ſich hingegen auf die einmal als Reichsgeneralpoſtmeiſter erhaltene kai - ſerliche Belehnung, und auf kaiſerliche General - poſtpatente, dergleichen Ferdinand der II. noch am 14. Aug. 1635. ins Reich erlaßen hatte. Selbſt eine im Roͤmiſchen Geſetzbuche vorkommende Ver - ordnung ehemaliger Roͤmiſcher Kaiſer(g)L. 9. C. de curſu publico. ſollte zum Beweiſe dienen, daß das Poſtregal ein kai -ſer -1379) Sachen an Reichst. verwieſen. ſerliches Reſervatrecht ſey, und niemanden zukom - me, als dem es der Kaiſer ausdruͤcklich verliehen habe. (Dieſes Roͤmiſche Geſetz ſprach eigent - lich von einer Art Vorſpann, die außer dem Kai - ſer nur noch zweyerley benannten obrigkeitlichen Stellen zukommen ſollte. — Eine feine Probe, aus Gerechtſamen und Verfuͤgungen der ehemali - gen Kaiſer zu Rom und Conſtantinopel noch jetzt ausſchließliche Hoheitsrechte fuͤr das Oberhaupt des Teutſchen Reichs zu behaupten.)
Auf der andern Seite wurden ſchon uͤber un -XXIV. maͤßige Poſtraxen große Beſchwerden gefuͤhret, deren Abſtellung ſelbſt im Weſtphaͤliſchen Frieden verordnet wurde(h)Osnabr. Friede Art. 9. §. 1.. Die uͤbrigen Irrungen blie - ben aber in den Friedenshandlungen unerlediget, und mit anderen unverglichenen Gegenſtaͤnden der kuͤnftigen Reichsverſammlung uͤberlaßen. Darauf kam zwar in die Wahlcapitulation 1658. eine Stelle mit Beziehung auf das churfuͤrſtliche Gutachten 1641. zum Vortheile der Taxiſchen Reichspoſt gegen die Pariſche kaiſerliche Hofpoſt. Da inzwiſchen nach geendigtem dreyßigjaͤhrigen Kriege auch Churbran - denburg eigne Poſten in ſeinen Landen angelegt hatte, welchem Beyſpiele hernach ferner die Haͤu - ſer Sachſen, Braunſchweig und Heſſen folgten; ſo ward weder von dieſen Territorialpoſten, noch vom reichsſtaͤdtiſchen Botenweſen in der Wahlca - pitulation etwas erwehnet. Vielmehr gab eine Erinnerung, die der Churfuͤrſt von Branden - burg bey dieſer Gelegenheit thun ließ, daß ſeinemPoſt -J 5138VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. Poſtregale nichts zum Nachtheile verfuͤgt werden moͤchte, zu der Erklaͤrung Anlaß, daß jene Stelle der Wahlcapitulation nicht das Territorialrecht der Reichsſtaͤnde, ſondern nur die Colliſion der Reichs - und kaiſerlichen Hofpoſtaͤmter zum Gegenſtande habe(i)Moſers Anmerk. zur Wahlcapitul. Carls des VII. Th. 2. S. 676..
Auch in den Berathſchlagungen uͤber die be - ſtaͤndige Wahlcapitulation konnte man zu keiner entſcheidenden Beſtimmung hieruͤber gelangen, die deswegen noch immer dem Reichstage vorbehalten blieb, aber bis jetzt noch nicht erfolgt iſt. Nur ſeit 1690. wurde noch bey einer andern Gelegen - heit der kaiſerlichen Poſten in der Staͤnde Landen und Gebieten gedacht, jedoch mit dem merkwuͤrdigen Zuſatze:” wo dergleichen kaiſerliche Poſtaͤmter vor - „ handen und hergebracht” ſind. Nach dieſer Be - ſtimmung wird es noch jetzt ſo gehalten, daß die kaiſerlichen oder Taxiſchen Poſten nur da ſtatt fin - den, wo ſie vorhanden und hergebracht ſind. Wo das nicht iſt, koͤnnen ſie keinem Reichsſtande auf - gedrungen werden. Denn um ſelbige Zeit, als die Taxiſchen Poſten in Gang kamen, war die Landeshoheit eines jeden Reichsſtandes ſchon ſo beſchaffen, daß keinem wider ſeinen Willen der - gleichen Anſtalten in ſeinem Lande aufgedrungen werden konnten; wie daher auch uͤberall, wo das Haus Taxis mit ſeinen Poſten aufgenommen und zugelaßen zu werden verlangte, dazu die Einwil - ligung der Landesherrſchaft geſucht wurde. Eben ſo wenig konnte einem Reichsſtande verwehrt wer -den,1399) Sachen an Reichst. verwieſen. den, vermoͤge ſeiner Landeshoheit auch neu auf - kommende Anſtalten, wie dieſe damals war, in ſeinem Lande ſelbſt anzulegen, ohne daß es dazu einer kaiſerlichen Conceſſion bedurfte, oder irgend eine andere Einſchraͤnkung dagegen ſtatt fand, als die ſich ein Reichsſtand durch eingegangene Ver - traͤge ſelbſt gemacht hatte. Das Haus Taxis, das inzwiſchen bis zur fuͤrſtlichen Wuͤrde hinauf - geſtiegen iſt, kann bey der Menge Poſten, die es gleichwohl in einem großen Theile von Teutſch - land im Gange hat, mit ſeiner Lage wohl zufrie - den ſeyn. Man will jetzt den Ueberſchuß dieſer Poſteinkuͤnfte jaͤhrlich auf eine Million Rthlr. ſchaͤtzen.
I. II. Schwierigkeiten, die ſich wegen Vollziehung des Friedens hervorthaten. — III. Unerwartete Forderung der Schwediſchen Kriegsvoͤlker, — IV. die auf fuͤnf Millionen Thaler verglichen, — V. und auf ſieben Kreiſe ver - theilt wurde. — VI. Aehnliche Forderung von Heſſencaſ - ſel. — VII. Abrede, was ſonſt gleich nach unterzeichnetem Frieden zu deſſen Vollziehung geſchehen ſollte, — VIII. un - ter andern, wie die Schwediſchen Gelder terminsweiſe be - zahlt, und dagegen Plaͤtze geraͤumt und Kriegsvoͤlker abge - dankt werden ſollten. — IX. Kuͤnftige reichsgrundgeſetzliche Kraft des Friedens, — X-XII. mit deſſen ausbedungener Gewaͤhrleiſtung fuͤr alle Theilhaber des Friedens, — XIII. vermoͤge deren ein Schwerdt das andere in der Scheide erhalten muß. — XIV. Truͤbe Ausſichten, die ſich gleich nach geſchlofſenem Frieden zeigten. — XV. Kaiſerliche Be - fehle zur Vollziehung des Friedens. — XVI. Widriger Schluß des Congreſſes zu Muͤnſter. — XVII. Executions - handlungen zu Prag und Nuͤrnberg. — Executionshaupt - receß. — XVIII. Selbigem zufolge angeſetzte Reichsdepu - tation, und deren Reſtitutionsverzeichniſſe. — XIX. Nun - mehrige Conſiſtenz des Friedens. — XX. Endlich auch noch gehobene Schwierigkeiten wegen der Pfaͤlziſchen Reſtitution in Anſehung des Erzamts, — XXI. und der Stadt Fran - kenthal.
Das alles, was ich bisher beſchrieben habe, mag hinlaͤnglich ſeyn, um ſich einen Begriff zu machen, welchen weitumfaſſenden Einfluß der Weſtphaͤliſche Friede auf die ganze Teutſche Reichs - verfaſſung bekommen hat. Aber wie bey den Frie - denshandlungen alles ſo weit verhandelt war, daß man ſchon dem voͤlligen Schluſſe des Friedens und der Unterſchrift deſſelben entgegen ſah; ſo kamen noch zwey Gegenſtaͤnde aufs Tapet, dievon14110) Schwed. Militz u. Exec. von der groͤßten Wichtigkeit waren, und, ſo große Schwierigkeiten ſie auch fanden, doch noch berich - tiget werden mußten.
Mit den zu den eigentlichen Friedenshandlun -II. gen bevollmaͤchtigten Schwediſchen Geſandten war meiſt ſchon alles ſo, wie es ſich noch jetzt im Osnabruͤckiſchen Frieden in deſſen erſten 15. Arti - keln findet, vollkommen berichtiget, als nur noch die Frage uͤbrig blieb, wie es mit Vollziehung der vielerley abgeredeten Puncte ſowohl jetzt zu - naͤchſt nach Unterſchrift des Friedens als fuͤr die fernere Zukunft gehalten werden ſollte. Inſonder - heit hatte man hiebey eines Theils auf die vieler - ley Reſtitutionsfaͤlle ſowohl von wegen der Amne - ſtie als zu Abthuung der verhandelten Beſchwer - den zu ſehen, und andern Theils auf die Erledi - gung der mit fremden Kriegsvoͤlkern beſetzten Plaͤtze und Laͤnder, und, wie es bey den damaligen Krie - gen noch gewoͤhnlich war, zugleich auf Abdankung der bisher gebrauchten Kriegsvoͤlker.
Ehe hieruͤber noch die Berathſchlagungen inIII. Gang kamen, fand ſich außer den Schwediſchen Geſandten noch von der Schwediſchen Armee ein beſonderer Abgeordneter, Johann Ersken, beym Congreſſe zu Osnabruͤck ein, mit dem Antrage: Weil doch noch zehn Monathe hingehen duͤrften, ehe der Friede und die darauf zu erwartende Ab - dankung der Kriegsvoͤlker zu Stande kommen moͤch - te, bis dahin aber die Armee es noch immer in ihrer Gewalt haben wuͤrde, nach ihrer Ausbrei - tung in ganz Teutſchland Brandſchatzungen aus - zuſchreiben; ſo haͤtte ſie ſtatt deſſen eine Rechnungent -142VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. entwerfen laßen, vermoͤge deren 50. Escadrons Cavallerie, jedes monathlich 19064. Rthlr., 6. Re - gimenter Dragoner, jedes monathlich 10980. Rthlr., 63. Regimenter Infanterie, jedes monathlich 8619. Rthlr. 12 Ggr., die Artillerie 100000., die Generalitaͤt 220507. Rthlr. 12. Ggr. haben muͤß - ten, ſo zuſammen auf zehn Monathe zwanzig Mil - lionen Thaler ausmachen wuͤrde. Dieſe 20. Mil - lionen verlangte gedachter Ersken vermoͤge ſeines von dem Schwediſchen Kriegsheere habenden Auf - trages noch im Frieden ſelbſt zur baaren Auszahlung vom ganzen Teutſchen Reiche verſichert zu haben, um alsdann mit Abdankung der Militz und Raͤumung der feſten Plaͤtze zu Werke gehen zu koͤnnen, und dage - gen dann auch keine Brandſchatzungen weiter aus - zuſchreiben, jedoch mit Vorbehalt der Unterhaltsgel - der fuͤr die Beſatzungen und uͤbrige Militz, ſo lange ſie noch im Dienſte begriffen ſeyn wuͤrden.
So allgemeingroßes Erſtaunen dieſe unerwar - tete Forderungen machten, ſo unmoͤglich erklaͤrten doch die Schwediſchen Geſandten, daß ihnen aus - zuweichen ſeyn wuͤrde. Man mußte ſich alſo, man mochte wohl oder uͤbel, auch hieruͤber in Unterhandlungen einlaßen. Auf die 20. Millionen Thaler wurden anfangs nur 2. Millionen Gulden geboten. Herr Ersken beſtand aber auf 10. Mil - lionen Thaler. Man bot drey, hernach vier Mil - lionen Gulden. Ersken gieng bis auf 8., hernach 7. Millionen Thaler herunter. Endlich vereinigte man ſich im Junius 1648. auf fuͤnf Millionen Thaler.
Die14310) Schwed. Militz u. Exec.Die Forderung war zwar eigentlich an dasV. ganze Teutſche Reich gerichtet. Allein von den zehn Kreiſen, worin Teutſchland eingetheilt iſt, gieng erſtlich der Burgundiſche Kreis ab, weil deſſen Inhaber, der Koͤnig in Spanien, an dem Frieden keinen Theil nahm. Das Haus Oeſter - reich und das Haus Baiern behaupteten fuͤr ihre Kriegsvoͤlker allenfalls zu gleichen Forderungen be - rechtiget zu ſeyn. Alſo entließ man auch die bei - den Kreiſe Oeſterreich und Baiern von dieſer Ver - bindlichkeit. Die uͤbrigen ſieben Kreiſe mußten ſich aber bequemen, die Zahlung zu leiſten.
Eine aͤhnliche Forderung von 600. tauſend Tha -VI. lern wurde nur noch der Frau Landgraͤfinn von Heſſencaſſel zu ihrer Schadloshaltung und fuͤr die Raͤumung der mit Heſſiſchen Voͤlkern beſetzten Plaͤtze zugeſtanden. Deren Zahlung wurde auf die Erzſtifter Mainz und Coͤlln, auf die Biſthuͤmer Paderborn und Muͤnſter und auf die Abtey Fulda angewieſen.
Nun blieb noch uͤbrig zu beſtimmen, wie esVII. mit der Vollziehung und kuͤnftiger Feſthaltung des Friedens ſelber gehalten werden ſollte. In dieſer Abſicht ward feſtgeſetzt, daß von der Zeit an, da die Geſandten den Frieden unterzeichnet haben wuͤrden, in acht Wochen die allerſeitige Genehmigungsurkunden gegen einander ausgewech - ſelt werden ſollten. Doch ſchon unmittelbar nach der Unterſchrift des Friedens ſollten alle Feindſelig - keiten auf hoͤren, und die verglichenen Puncte ſofort zur Vollziehung gebracht werden. Zu dem Endeſollte144VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. ſollte ſofort ein kaiſerliches Edict ins Reich erge - hen, vermoͤge deſſen ein jeder, dem der Friede etwas zu reſtituiren oder zu leiſten auflege, an - gewieſen werden ſollte, ſchon in der Zwiſchenzeit zwiſchen der Unterſchrift und Genehmigung des Friedens demſelben nachzuleben. Eben das Edict ſollte auch ſowohl den kreisausſchreibenden Fuͤrſten als den Kreisoberſten eines jeden Kreiſes anbefeh - len, auf Erſuchen derer, die vermoͤge des Friedens reſtituirt werden ſollten, denſelben die erforderliche Huͤlfsvollſtreckung zu leiſten. Nur wenn ſie ſelbſt dabey intereſſirt waͤren, oder den Executionsauftrag ablehnten, ſollten die ausſchreibenden Fuͤrſten oder Kreisoberſten eines benachbarten Kreiſes denſelben uͤbernehmen. Auch ſollte einem jeden unbenom - men ſeyn, wo er es noͤthig faͤnde, eine kaiſerliche Commiſſion zur Vollziehung deſſen, was der Friede zu ſeinem Vortheile enthalte, zu erbitten, wozu ein jeder Theil zwey oder drey Commiſſarien vor - ſchlagen, der Kaiſer aber von jeder Seite einen, mit Beobachtung der noͤthigen Religionsgleichheit, wehlen koͤnnte.
Von den fuͤr die Schwediſche Militz bedun - genen fuͤnf Millionen Thaler ſollten ebenfalls gleich nach Unterſchrift des Friedens 1800. tauſend Tha - ler baar, 1200. tauſend Thaler in Anweiſungen auf gewiſſe Reichsſtaͤnde, die zwey uͤbrigen Millio - nen zu Ende des Jahres 1649. und 1650. ent - richtet werden. Wogegen dann auch die Raͤumung der beſetzten Plaͤtze und die Abdankung des Kriegs - volkes, ſoviel davon nicht jede Macht zu ihrer Sicher - heit in ihr eigen Land zuruͤckzufuͤhren dienlich findenwuͤr -14510) Schwed. Militz u. Exec. wuͤrde, mit gleichen Schritten, und nach einer zwi - ſchen den Befehlshabern der Kriegsheere zu treffen - den Verabredung ins Werk gerichtet werden ſollte.
Wider die Verbindlichkeit des Friedens ſollteIX. weder irgend eine gegenwaͤrtige oder kuͤnftige Pro - teſtation, oder Widerſpruch, noch ſonſt jemalen etwas, es ruͤhre auch her, von wem es wolle, geachtet werden. Der Friede ſelbſt ſollte auch fuͤr die Zukunft als ein Reichsgrundgeſetz allen und jeden Mitgliedern des Reichs zur Richtſchnur die - nen, und zu dem Ende auch dem naͤchſten Reichs - abſchiede ſowohl als der kaiſerlichen Wahlcapitu - lation einverleibt werden. Wer ihm entgegen handeln wuͤrde, ſollte des Friedbruchs ſchuldig er - klaͤrt und zur vollkommenen Gnugthuung angehal - ten werden.
Alle und jede Theilhaber des FriedensſchluſſesX. ſollten hingegen verbunden ſeyn, deſſen Inhalt ge - gen einen jeden zu vertheidigen. Wenn ſichs zutruͤge, daß irgend etwas dawider vorgenommen wuͤrde, ſo ſollte der beleidigte Theil den Beleidi - ger zwar vor allen Dingen von aller Thaͤtlichkeit abmahnen, und die Sache ſelbſt entweder in Guͤte oder im Wege Rechtens eroͤrtert werden. Wenn aber auf keine von beiderley Arten die Sache in drey Jahren berichtiget wuͤrde, ſollten alle und jede Theilhaber des Friedens gehalten ſeyn, dem beleidigten Theile mit vereinigten Rathſchlaͤgen und Kraͤften beyzuſtehen, und zu Abſtellung des Un - rechts die Waffen zu ergreifen, ſobald der leidende Theil nur anzeigte, daß weder der Weg der Guͤte noch des Rechts ſtatt gefunden habe; ohne uͤbri -P. Entw. d. Staatsverf. Th. II. Kgens146VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. gens jemands Gerichtbarkeit und der Verwaltung der Gerechtigkeit Abbruch zu thun.
Durch dieſe Stelle, welche ſowohl im Muͤn - ſteriſchen als Osnabruͤckiſchen Frieden gleichlautend eingeruͤckt wurde, bekamen vors erſte die beiden Kro - nen Frankreich und Schweden die Pflicht und das Recht der Gewaͤhrleiſtung uͤber den ganzen In - halt des Friedens, und alſo beynahe uͤber die ganze Reichsverfaſſung; — freylich nur in ſo weit, als der Weſtphaͤliſche Friede etwas beſtimmte, deſſen Ue - bertretung hernach in Frage kaͤme, ohne uͤber dieſe Graͤnze hinaus ſich in Reichsſachen mengen zu duͤrfen. — So konnten z. B. beide Kronen aller - dings daruͤber wachen, daß die Churfuͤrſten ſich nicht entziehen durften, uͤber die Art und Weiſe der Roͤmiſchen Koͤnigswahl mit den Fuͤrſten ſich in Unterhandlung einzulaßen. Da aber dieſes Ge - ſchaͤfft mit dem 1711. geſchloſſenen Vergleiche ſeine Endſchaft erreicht hat; ob jetzt dennoch die Krone Frankreich noch berechtiget ſey, jede einzelne Roͤ - miſche Koͤnigswahl als einen Gegenſtand der Ga - rantie des Friedens anzuſehen, das iſt eine andere Frage. Doch wenn nun dieſe auswaͤrtige Kronen behaupten, es ſey ein Fall der Garantie vorhan - den, und wenn man dann auch in Teutſchland das Gegentheil glaubt; wer ſoll da entſcheiden? So laßen ſich Faͤlle denken, wo ſelbſt dieſe Fra - ge nicht anders als durch das Gluͤck der Waffen zu entſcheiden ſeyn wuͤrde.
Es iſt aber ferner dieſe Gewehrleiſtung des Friedens nicht etwa nur den beiden Kronen auf - getragen, ſondern allen und jeden Theilhabern desFrie -14710) Schwed. Militz u. Exec. Friedens, d. i. allen denen, die als kriegfuͤhrende und Friedenſchließende Theile oder deren Bundes - genoſſen auf einer oder der andern Seite ſtanden. Waren alſo z. B. in Anſehung derer Sachen, wo die Religion in Betrachtung kam, auf der einen Seite der Kaiſer und alle catholiſche Reichsſtaͤnde, und auf der andern Seite alle evangeliſche Reichsſtaͤnde; ſo galt unwiderſprechlich auf alle Faͤlle, wenn einem evangeliſchen Mitgliede des Reichs gegen die Vor - ſchrift des Friedens von catholiſcher Seite zu nahe geſchaͤhe, die Gewaͤhrleiſtung des Friedens auch fuͤr den evangeliſchen Religionstheil. Auch dieſer blieb alſo berechtiget, in jedem Contraventionsfalle dem beleidigten Theile mit Rath und That beyzuſtehen, und ſelbſt zu den Waffen zu greifen, ohne daß weiter etwas erforderlich war, als nach Ablauf der zu Guͤte oder Recht beſtimmten dreyjaͤhrigen Friſt vom beleidigten Theile darum erſucht zu werden.
Freylich ſollte ſonſt nach ebenmaͤßiger Vor -XIII. ſchrift des Friedens kein Reichsſtand mit Gewalt der Waffen oder anderen Thaͤtlichkeiten ſich ſelber helfen, ſondern ſich am Wege Rechtens begnuͤgen. Allein der Friede ſelbſt darf nur nicht uͤberſchritten oder hintangeſetzt werden. Sonſt bleibt da jene Gattung der Selbſthuͤlfe, die auf der Gewaͤhrlei - ſtung des Friedens beruhet, nach den klaren Worten des Friedens vorbehalten. — (So koͤnnte es aber von neuem zu einem innerlichen Kriege in Teutſchland kommen; — gar zur ſchlimmſten Gattung buͤrger - licher Kriege, zu einem Religionskriege, wie ſelbſt der dreyßigjaͤhrige Krieg einer war! — Aller - dings waͤre das moͤglich, wie der Erfolg der Ge - ſchichte auch mehr als einmal die MoͤglichkeitK 2bey -148VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. beynahe bis zur Wuͤrklichkeit gebracht hat. Allein wer wuͤrde dabey gewinnen! — und wer anders verliehren, als zuverlaͤßig beide Theile! — Und was folgt daraus? — was anders, als daß beide Theile Urſache haben, den Weſtphaͤliſchen Frieden, der einmal ſo viel Blut gekoſtet hat, und fuͤr ganz Teutſchland ſo theuer zu ſtehen gekommen iſt, von allen Seiten heilig und unverbruͤchlich zu hal - ten, — auch ſchon von weitem zu meiden, was nur zum Fall der eintretenden Gewaͤhrleiſtung fuͤh - ren koͤnnte, — alſo bruͤderlich als Mitglieder eines Staats mit einander zu leben — oder doch nie außer Acht zu laßen, daß ein Schwerdt das an - dere in der Scheide erhalten moͤge!)
Unmittelbar, nachdem der Friede ſowohl zu Muͤnſter als Osnabruͤck am 14. (24.) Oct. 1648. gezeichnet war, zeigten ſich ſchon truͤbe Ausſich - ten, ob er auch jemals zur Vollziehung gelangen wuͤrde. Das verabredete kaiſerliche Edict ward zwar unterm 7. Nov. 1648. ins Reich erlaßen. Allein an ſtatt der acht Wochen, binnen welchen die Ratification erfolgen ſollte, vergiengen uͤber drey Monathe, ohne daß es dazu kam; es geſchah kein Schritt zu Befolgung deſſen, was im Edict befohlen war; man hoͤrte von nichts als Wider - ſpruͤchen und Schwierigkeiten, die ſich von allen Enden und Orten hervorthaten. Die Kriegsvoͤl - ker blieben noch, wo ſie waren; der ihnen vor - behaltene Unterhalt verurſachte noch taͤgliche Er - preſſungen großer Geldſummen. Auch die Con - greſſe zu Muͤnſter und Osnabruͤck konnten noch nicht geendigt werden. Was wuͤrde erſt geſchehen ſeyn, wenn nicht in Abfaſſung des Friedens ſchonzum14910) Schwed. Militz u. Exec. zum Voraus auf alles, was zur Vollziehung deſ - ſelben gehoͤrte, ſo ſorgfaͤltig Bedacht genommen worden waͤre!
Nachdem endlich am 8. Febr. 1649. die Aus -XV. wechſelung der Ratificationen geſchehen war, erfolgte am 2. Maͤrz 1649. nach einem von den Staͤnden dazu gemachten Entwurfe ein genauer beſtimmtes kaiſerliches Schreiben an die kreisaus - ſchreibenden Fuͤrſten, wie nach dem Buchſtaben des Friedens oder auch nach allgemeinen Grund - ſaͤtzen deſſelben die darin verordneten Reſtitutionen auf Unkoſten deſſen, der zur Reſtitution angehal - ten werden muͤßte, geſchehen ſollten, und wie allenfalls Zweifel von Erheblichkeit, die ſich etwa uͤber das bloße Factum des Beſitzſtandes ereignen moͤchten, aͤußerſt ſummariſch gleich an Ort und Stelle der Execution zu eroͤrtern ſeyn wuͤrden.
Kaum hatte hierauf der Osnabruͤckiſche Con -XVI. greß, wo meiſt der evangeliſche Reichstheil war, in der beſten Zuverſicht im Maͤrz 1649. ſich aus einander begeben; ſo ließen die zu Muͤnſter noch beyſammen gebliebenen Reichsſtaͤnde ſich in Sinn kommen, am 13. Apr. 1649. noch einen Schluß dahin zu faſſen: daß von den verſchiedenen Ge - genſtaͤnden der Vollziehung des Friedens erſt die Abdankung der Kriegsvoͤlker und Raͤumung der von ihnen beſetzten Plaͤtze, und nachher alsdann die Reſtitutionen, ſo der Friede verordnet habe, vor - genommen werden ſollten. Wenn es dieſem Schluſſe nachgegangen waͤre, wuͤrden wohl wenige Par - theyen die ihnen zugeſicherte Herſtellung oder an - dere Leiſtungen wuͤrklich erlanget haben, ſobald vonK 3Sei -150VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. Seiten der Kriegsheere weiter kein Nachdruck mehr zu erwarten geweſen waͤre. Allein natuͤrlicher Weiſe widerſprachen die Schwediſchen Geſandten dieſem ganzen Schluſſe, womit auch der Muͤnſte - riſche Congreß im Junius 1649. ein Ende nahm.
Mittlerweile waren zwiſchen den Befehlsha - bern der kaiſerlichen und Schwediſchen Kriegsheere ſchon im Nov. 1648. zu Prag einige Unterhand - lungen angegangen, die jetzt zu Nuͤrnberg fortge - ſetzt wurden, wo ſich nebſt den kaiſerlichen und Schwediſchen Geſandten bald nach und nach auch der meiſten Reichsſtaͤnde Abgeordnete einfanden. Hier ward noch im Jun. 1649. eine Deputation aus allen drey Reichscollegien niedergeſetzt, und von derſelben vorerſt am 11. Sept. 1649. ein Praͤliminaͤr-Receß des Inhalts errichtet: Gleich nach Unterſchrift dieſes Receſſes ſollten gewiſſe be - nannte Laͤnder und Plaͤtze gegen einander ausge - wechſelt, und ihren rechtmaͤßigen Herren zuruͤck - gegeben werden, als die Oberpfalz gegen die Unterpfalz, Prag gegen Augsburg u. ſ. w. Dann ſollten in drey Terminen, jedem von 14. Tagen, von den fuͤnf Millionen fuͤr die Schwediſche Armee drey Millionen, in jedem dieſer Termine aber auch eine gewiſſe Anzahl Regimenter abgedankt, und ferner gewiſſe namhaft zu machende Plaͤtze von beiden Seiten gegen einander geraͤumet werden. Hernach ſollte in ſechs Monathen die Zahlung der vierten, und wieder in ſechs Monathen die Zahlung der fuͤnften Million erfolgen. Waͤhrend obiger drey Termine ſollten alle liquide Reſtitu - tionsfaͤlle unverzuͤglich ihre Vollziehung erhalten; andere, die etwa wegen der großen Menge oderwegen15110) Schwed. Militz u. Exec. wegen Schwierigkeit des Beweiſes nicht ſo ge - ſchwind eroͤrtert werden koͤnnten, doch in drey Monathen vom Tage dieſes Receſſes anzurechnen.
Die hierzu ernannten Reichsdeputirten fiengenXVIII. auch gleich an, die Unterſuchung der Reſtitutions - faͤlle vorzunehmen, und Executionscommiſſionen zu erkennen. Es verzog ſich aber doch noch bis zum 16. Jun. 1650., daß man mit den beiden Verzeichniſſen derer, die in den drey Terminen von 14. Tagen, und derer, die in drey Monathen reſtituirt werden ſollten, zu Stande kam. Da - mit ward dann nun auch der Friedens-Execu - tions-Hauptreceß geſchloſſen, der vollends be - richtigte, wie in jeden 14. Tagen Zug um Zug eine Million Thaler an die Schweden bezahlt, ſo - viel benannte Plaͤtze gegenſeitig geraͤumet, ſoviel Regimenter abgedankt, und die in den Reſtitu - tionsliſten fuͤr die drey Termine benannten Par - theyen reſtituirt werden ſollten. Fuͤr den erſten Termin waren deren 39., fuͤr den zweyten 17., fuͤr den dritten 19., und fuͤr die nachherigen drey Monathe 60., ohne andere auszuſchließen, die ſich noch melden und ihr Recht dazu beybringen wuͤrden. (Gluͤcklich waren die, welche gleich in den erſten drey Terminen Zug um Zug mit zu ihrer Reſtitution gelangten. Andere haben großen - theils bis auf den heutigen Tag das leere Nach - ſehen behalten, als unter andern z. B. die refor - mirten Einwohner zu Aachen und Coͤlln mit ihrem Privatgottesdienſte, ungeachtet ſie in dem Ver - zeichniſſe fuͤr die drey Monathe ausdruͤcklich mit benannt waren.)
K 4So152VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648.So kam alſo erſt im Jun. 1650. der ſchon im Oct. 1648. geſchloſſene Friede nunmehr in ſo weit zu ſeiner Conſiſtenz, daß jetzt erſt Teutſch - land anfangen konnte, die Fruͤchte des Friedens zu genießen. Noch wurde dennoch noͤthig gefun - den, durch ein am 27. Jun. 1650. ins Reich erlaßenes kaiſerliches Edict alle Disputationen, Predigten und andere Unternehmungen gegen den Frieden und deſſen Vollziehung zu unterſagen. Nichts deſto weniger erſchien noch unterm 3. Jan. 1651. eine paͤbſtliche Bulle, worin Innocenz der X. den ganzen Frieden, weil er ohne ſein Zuthun uͤber geiſtliche Sachen disponirt habe, fuͤr null und nichtig erklaͤrte.
Von einigen beſonderen Schwierigkeiten, die ſich noch in der Vollziehung des Friedens hervor - thaten, darf ich die nicht unberuͤhrt laßen, die den Churfuͤrſten von der Pfalz betrafen. Bey der fuͤr denſelben neu errichteten achten Churwuͤrde war noch kein Erzamt fuͤr ihn ausgemacht, ſo man doch als ein nothwendiges Erforderniß bey jeder weltlichen Chur anſah. Man mußte alſo jetzt noch auf ein neues Erzamt denken. Was dabey in Betrachtung kam, war ein anſtaͤndi - ger Titel, ſodann eine ſchickliche feierliche Ver - richtung bey der Kroͤnung eines Kaiſers oder Roͤ - miſchen Koͤniges, und in feierlichen Proceſſionen dem Kaiſer etwas vorzutragen, das zugleich den Mittelſchild im churfuͤrſtlichen Wapen ausfuͤllen koͤnnte. Zum Gluͤck fiel man darauf, daß ſich im Erzſchatzmeiſteramte das alles vereinigen ließe. Beym Titel war an ſich nichts zu erin -nern.15310) Schwed. Militz u. Exec. nern. Bey der Kroͤnung uͤberließ man dem Erz - ſchatzmeiſter, die Kroͤnungsmuͤnzen unter das Volk auszuwerfen; und von den Reichsinſignien, die dem Kaiſer vorzutragen ſind, war noch die Krone uͤbrig, die der Erzſchatzmeiſter nun eben ſo, wie der Erztruchſeß den Reichsapfel, der Erzmarſchall das Schwerdt, und der Erzkaͤmmerer den Scepter im Wappen fuͤhren konnte. Durch ein Reichs - gutachten vom 1. Nov. 1649. ward das alles be - richtiget. Am 22. Dec. 1651. bequemte ſich end - lich der Churfuͤrſt Carl Ludewig, es anzunehmen, da er bis dahin noch immer das Erztruchſeßamt nicht hatte wollen fahren laßen.
Eine noch groͤßere Schwierigkeit fand ſich inXXI. der Beſitznehmung ſeines Landes in der Unter - pfalz am Rheine, deſſen voͤllige Herſtellung ihm der Friede zugeſichert hatte. Dieſe erfolgte zwar in ſo weit, daß die Baiern am 25. Sept. 1649. Heidelberg, Manheim und andere Plaͤtze, die ſie bis dahin beſetzt hatten, raͤumten; worauf Carl Ludewig am 7. Oct. 1649. ſelbſt wieder nach Hei - delberg kam. Aber in Frankenthal (einer Pfaͤl - ziſchen Stadt, die zwiſchen Manheim und Worms liegt,) war noch Spaniſche Beſatzung. Weil die Krone Spanien am Weſtphaͤliſchen Frieden keinen Antheil nahm, ſo hielt ſie ſich auch nicht fuͤr ſchuldig, ihre Beſatzung aus Frankenthal abgehen zu laßen. Der Churfuͤrſt hielt ſich inzwiſchen an Kaiſer und Reich, um ſeine voͤllige Herſtellung in der ganzen Pfalz zu erhalten. Im Execu - tionsreceſſe vom 16. Jun. 1650. ward ihm eins - weilen zur Verſicherung die Reichsſtadt HeilbronnK 5ein -154VII. Neuere Zeit. Weſtph. Fr. 1648. eingeraͤumt. Endlich wurde der Krone Spanien die Stadt Biſanz (Beſançon) als die Haupt - ſtadt in der Grafſchaft Burgund (Franche - Comté), ſo bisher eine Reichsſtadt geweſen war, der Krone Spanien, als Inhaberinn beſagter Grafſchaft, von Kaiſer und Reich als eine Land - ſtadt abgetreten, wogegen nunmehr am 23. Apr. 1652. auch Frankenthal von den Spaniern ge - raͤumt ward.
I. Merklich veraͤnderte Verfaſſung des Teutſchen Reichs, — II. wie es nunmehr aus lauter beſonderen Staaten beſtand, — nur noch unter einem Oberhaupte vereiniget; — III. ganz an - ders, als in Frankreich, da die Koͤnige immer ihre Cammerguͤter behalten, und zuletzt alles wieder mit der Krone vereiniget haben; — IV. ohne daß weder Carl der V. noch die Ferdinande das ruͤckgaͤngig machen koͤnnen, was endlich der Weſtphaͤliſche Friede voͤllig befeſtigte. — V. So ward Teutſchland ein zuſammengeſetzter Staatskoͤrper, — VI. VII. der jetzt anders im Ganzen, anders in ſeinen einzelnen Theilen zu betrach - ten iſt. — VIII. Letztere ſind lauter beſondere Staaten, — von einander eben ſo unterſchieden, wie die verſchiedenen Europaͤiſchen Staaten. — IX. X. Daraus entſpringt noch ein beſonderer Unterſchied der mittelbaren und unmittelba - ren Mitglieder des Teutſchen Reichs, — XI. XII. und des Verhaͤltniſſes, worin beide unter der kaiſerlichen Regierung ſtehen; — inſonderheit in Anſehung der kaiſerlichen Reſer - vatrechte — XIII. oder in Anſehung deſſen, was vor den Reichstag gehoͤret; — XIV. deſſen Schluͤſſe erſt durch Ge - nehmigung des Kaiſers die Kraft verbindlicher Reichsgeſetze erlangen.
Bey ſo vielerley Veraͤnderungen, die theils die vielen wichtigen Verordnungen des Friedens, theils die ſo lange angehaltenen und ſo allgemein gewordenen Drangſale des Krieges mit ſich brach - ten, war es nicht zu bewundern, wenn nunmehr beynahe auf einmal eine ſehr veraͤnderte Verfaſ - ſung des Teutſchen Reichs im Ganzen merklich ward, oder doch erſt recht zu ihrer Feſtigkeit ge - langte, und jetzt bald in ſehr erheblichen Folgen ſich zeigte.
Wie zwar nicht leicht ſo gar große Veraͤnde - rungen ganz ploͤtzlich auf einmal entſtehen, ohne daß zum voraus manche Vorbereitungen wahr - zunehmen waͤren, deren Folgen ſich erſt nach und nach zu entwickeln pflegen; ſo war freylich auch Teutſchland ſchon ſeit etlichen Jahrhunderten in dem Falle, daß man wohl ſehen konnte, daß es nicht ſo, wie Frankreich und andere Europaͤiſche Reiche, ein ſolch ungetheiltes Reich bleiben wuͤr - de, das nicht anders, als nur im Ganzen, wie ein einiger Staat betrachtet werden koͤnnte. Nach dem, was ich oben bey den Zeiten Henrichs des IV. und Friedrichs des II. von der Erblichkeit der Her - zoge und Grafen, als urſpruͤnglicher Kronbedien - ten, und von den Hoheitsrechten, die nach und nach geiſtlichen und weltlichen Reichsſtaͤnden eigen wurden, bemerklich gemacht habe(k)Oben Th. 1. S. 163. 204. u. f., konnte man ſchon lange nicht mehr ſagen, daß die kaiſerliche Regierung die einzige in ganz Teutſchland ſey; und daß alſo ganz Teutſchland in allem Betrachte nur als ein einiger Staat angeſehen werden koͤnne. Jedergeiſt -1571) Verfaſſ. des T. Reichs uͤberh. geiſtlicher und weltlicher Churfuͤrſt oder Fuͤrſt, Graf und Praͤlat, war in der That ſchon lange wahrer Regent in ſeinem Lande. Jede Reichsſtadt machte einen eignen kleinen Freyſtaat aus. Selbſt Staͤd - te, die nicht Reichsſtaͤdte waren, hatten ſich großen - theils beynahe auf eben den Fuß geſetzt. Jeder Reichsritter beherrſchte den Bezirk, der zu ſeinem Rittergute gehoͤrte, wie ſein eignes Gebiet. So gar gab es Doͤrfer, die ſich als kleine Freyſtaa - ten anſahen. Alſo war Teutſchland ſchon lange in ſo vielerley beſondere Staaten vertheilt, als es Churfuͤrſtenthuͤmer, Fuͤrſtenthuͤmer, Grafſchaf - ten, Reichspraͤlaturen, Reichsſtaͤdte, Reichsritter und Reichsdoͤrfer gab. Nur in ſo weit, als alle dieſe beſondere Staaten das Band, das ſie ur - ſpruͤnglich noch als Mitglieder eines Reichs zu - ſammen hielt, nicht ganz zerriſſen, ſondern noch in gegenſeitiger beſtaͤndiger Verbindung, und un - ter einerley Reichsgrundgeſetzen einem gemeinſa - men hoͤchſten Oberhaupte unterworfen blieben, — nur in ſo weit konnte man ſagen, daß Teutſch - land im Ganzen doch noch immer Einen Staat ausmache, noch immer Ein Reich ſey.
So lange es in Frankreich noch Herzoge vonIII. Burgund und Bretagne gab, ſah man ſelbſt in Frankreich noch Ueberbleibſel einer aͤhnlichen Ver - faſſung, die in vorigen Zeiten mit der Teutſchen beynahe voͤllig gleichfoͤrmig geweſen war. Aber bald zeigte ſich der große Unterſchied, worin beide Reiche, das Teutſche und Franzoͤſiſche, in ihrer innerlichen Verfaſſung von einander abgien - gen, in zwey Hauptſtuͤcken; einmal darin, daß der Koͤnig in Frankreich bey allem Anwachſe derFran -158VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. Franzoͤſiſchen Herzoge, Grafen, und Praͤlaten, doch immer eigne Cammerguͤter behielt, der Kai - ſer hingegen alle Cammerguͤter nach und nach ein - buͤßte; und dann darin, daß in Frankreich nach und nach alles, wie zuletzt auch noch Bourgogne und Bretagne, mit der Krone vereiniget wurde, in Teutſchland hingegen ſelbſt die Hoffnung, auch nur verpfaͤndete Cammerguͤter wieder einzuloͤſen, zuletzt verlohren gieng.
Alles das, ſage ich, war ſchon lange in Teutſchland auf einen ſolchen Fuß gekommen, daß man wohl urtheilen konnte, daß es ſchwerlich mehr zu aͤndern ſeyn wuͤrde; zumal da ſelbſt der Zu - ſchnitt, den der uͤbermaͤchtige Kaiſer Carl der V. ſchon mit großem Anſcheine eines gluͤcklichen Fort - ganges dazu gemacht hatte, dennoch durch eine von Frankreich unterſtuͤtzte muthige Unternehmung eines einzigen Teutſchen Fuͤrſten vereitelt worden war. Inzwiſchen waren noch nicht alle Fragen, die man uͤber die ſonderbare Verfaſſung, die ſich in Teutſchland faſt ganz einzig in ihrer Art gebil - det hatte, aufwerfen konnte, ſchon ſo beſtimmt entſchieden, daß ſich nicht noch Einwendungen haͤt - ten dagegen machen laßen, und daß nicht einen Ferdinand den II. nach den Siegen bey Prag, bey Lutter am Barenberge und bey Noͤrdlingen noch die Luſt haͤtte anwandeln koͤnnen, noch einen Verſuch, wie Carl der V., zu machen, um Teutſch - land ſo, wie Frankreich, wieder unter Einen Herrn zu bringen. In ſo weit kann man den ganzen dreyßigjaͤhrigen Krieg als einen gegenſeitigen Streit uͤber dieſen Verſuch anſehen. In ſo weit iſt aber auch klar, daß der Weſtphaͤliſche Friede hier -uͤber1591) Verfaſſ. des T. Reichs uͤberh. uͤber die endliche Entſcheidung voͤllig zum Aus - ſchlag wider die Ferdinandiſchen Entwuͤrfe, zum Vortheile der Verfaſſung, wie ſie ſchon ſo lange wuͤrklich im Gange geweſen war, zum Beſten der Teutſchen Reichsſtaͤnde gegeben hat. — Nicht daß derſelbe die Landeshoheit, und was davon ab - haͤngt, erſt begruͤndet haͤtte; — nein, ſie war ſchon ſeit Jahrhunderten im Anwachſe, und ſchon vor dem dreyßigjaͤhrigen Kriege ſo gut, wie in ihrer voͤlligen Reife; — aber gleichſam das Sie - gel hat erſt der Weſtphaͤliſche Friede darauf ge - druͤckt, — fuͤrs vergangene damit alle Zweifel ge - hoben, — fuͤr die Zukunft der Sache ihre rechte Conſiſtenz gegeben.
So iſt alſo nunmehr Teutſchland als Ein ReichV. betrachtet zwar noch ein einiger Staatskoͤrper, aber nicht wie die uͤbrigen Europaͤiſchen Reiche ein ein - facher, ſondern ein zuſammengeſetzter Staats - koͤrper, deſſen einzelne Theile wieder lauter beſon - dere Staaten ſind, die nur noch ihren Zuſammen - hang unter dem Kaiſer als einem gemeinſamen hoͤchſten Oberhaupte behalten haben. Mit dieſem Begriffe verſchwinden alle Schwierigkeiten, die man ſich bisher von der Regierungsform des Teut - ſchen Reiches gemacht hat, da man zweifelte und ſtritt, ob ſie monarchiſch, ariſtocratiſch, democra - tiſch, oder vermiſcht ſey. Man dachte nicht daran, daß zum Maßſtabe der verſchiedenen Regierungs - formen ſich noch eine hoͤhere Abtheilung einfacher und zuſammengeſetzter Staaten denken ließ, und nur auf erſtere jene dreyfache Eintheilung paßte. Die Beyſpiele der ſieben Provinzen der vereinig - ten Niederlande, der dreyzehn Cantons der Schwei -zer160VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. zer Eidgenoſſen, und der dreyzehn vereinigten Staaten in Nordamerica zeigen die Moͤglichkeit der Vereinigung mehrerer Staaten in einen zuſammen - geſetzten Staatskoͤrper, deſſen einzelne Theile deswe - gen doch nicht aufhoͤren, beſondere Staaten zu ſeyn. Das Teutſche Reich hat nur noch das eigene, daß es, ungeachtet ſeiner Zergliederung in ſo viele be - ſondere Staaten, dennoch ſein monarchiſches Ober - haupt von vorigen Zeiten her beybehalten hat. Das laͤßt ſich aber ganz wohl vereinigen, wie man alle zuſammengeſetzte Weſen anders im Gan - zen, anders in ſeinen einzelnen Theilen zu betrach - ten hat.
Als ein zuſammengeſetzter Staatskoͤrper beſteht Teutſchland aus ſo vielerley Staaten, als es Reichsſtaͤnde und Gebiete hat, wovon jeder unter ſeiner ganz eignen Regierung ſteht, die wieder faſt nach allen moͤglichen Gattungen unterſchieden, mehr oder minder monarchiſch, ariſtocratiſch oder democratiſch, iſt. Im Ganzen hat aber das Teutſche Reich, als Ein Reich betrachtet, noch immer ſeine monarchiſche Verfaſſung, ſo lange die Perſon des Kaiſers von aller hoͤhern menſch - lichen Gewalt unabhaͤngig iſt; denn darin zeigt ſich eben der weſentlichſte Unterſchied zwiſchen Mon - archien und Republiken, daß in dieſen nie eine einzelne Perſon unabhaͤngig ſeyn kann, wie nur in jenen gekroͤnte Haͤupter ſind. Kann alſo Teutſch - land im Ganzen betrachtet in Aufzehlung aller Europaͤiſchen Staaten eben ſo wenig als Groß - britannien, Schweden, Polen, aus der Zahl der Reiche und Monarchien weggelaßen werden; ſo iſt deswegen doch keine Folge, daß der Kaiſer eineabſo -1611) Verfaſſ. des T. Reichs uͤberh. abſolute monarchiſche Gewalt haben muͤße, wie wir ſie bey den Koͤnigen in Daͤnemark, Frankreich und anderen wahrnehmen; ſondern er bleibt ein Monarch, wenn er gleich eben ſo wenig ohne Be - willigung des Reichstages, als ein Koͤnig in Groß - britannien ohne Zuziehung des Parlaments, die dahin gehoͤrigen Geſchaͤffte vornehmen kann, und wenn er gleich nicht, wie andere Koͤnige, ſeinen Thron erblich, ſondern eben, wie der Koͤnig in Polen, aus freyer Wahl beſitzt.
Betrachten wir aber dieſen zuſammengeſetztenVII. Staatskoͤrper mit einem davon unzertrennlichen Blicke auf ſeine beſondere Theile; ſo zeigt ſich offenbar eine weit groͤßere Aehnlichkeit mit den ver - einigten Niederlaͤndiſchen, Helvetiſchen und Nord - americaniſchen Staaten, als mit anderen bloß ein - fachmonarchiſchen Reichen. Von jenen bleibt frey - lich allezeit das unterſcheidende Merkzeichen uͤbrig, daß wir nicht bloß unter einem Congreſſe, oder unter gewiſſen Generalſtaaten, ſondern noch immer unter einem monarchiſchen, aber mit keiner unbe - ſchraͤnkten Gewalt verſehenen, ſondern meiſt an reichsſtaͤndiſche Einwilligung gebundenen gemeinſa - men hoͤchſten Oberhaupte vereiniget ſind. Das hin - dert aber, ſo oft eine Ruͤckſicht auf die einzelnen Theile in Betrachtung koͤmmt, jenen dritten Ver - gleichungspunct nicht, worin gedachte vereinigte Staaten mit der Verfaſſung des Teutſchen Reichs, ſofern es in lauter beſondere Staaten vertheilet iſt, verglichen werden koͤnnen.
Jedes Churfuͤrſtenthum, jedes Fuͤrſtenthum,VIII. jede Grafſchaft, jede Reichsſtadt, jedes noch ſoP. Entw. d. Staatsverf. Th. II. Lklei -162VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. kleine Gebiet, das jetzt unter der Anzahl der be - ſonderen Teutſchen Staaten begriffen iſt, hat ſeine ganz eigne Regierung, ſeine eigne Grundgeſetze, ſein eignes Steuerweſen, Juſtitzweſen, Polizey, Muͤnze, und was noch mehr iſt, wenn es will und kann, ſeine eigne Kriegsverfaſſung, und das Recht Buͤndniſſe zu machen, Krieg zu fuͤhren, Frieden zu ſchließen und Geſandten zu ſchicken. Kurz, was irgend einem, der mehrere unabhaͤn - gige Staaten in Europa bereiſet, deren Verſchie - denheit in Verfaſſung, Geſetzen und anderen Ein - richtungen begreiflich machen kann, das wird einen Reiſenden in Teutſchland bald eben ſo deutlich, und oft noch viel auffallender belehren, daß es ganz verſchiedene Staaten ſind, wo er oft nicht halbe Tagereiſen braucht, um bald republicaniſche, bald monarchiſche, bald eingeſchraͤnkte, bald beynahe deſpotiſche, bald erbliche, bald auf Wahlfreyheit beruhende Regierungsformen wahrzunehmen, um mit jedem neuen Gebiete wieder ganz andere Ge - ſetze, ganz andere Muͤnzen, andere Poſten, an - dere Soldaten zu finden. Ungleich haͤufiger wird ein jeder, der auch nur kurze Zeit auf Teutſchem Boden lebt, die Erfahrung machen, daß Teutſch - land aus mehreren ganz verſchiedenen Staaten beſteht, als daß es noch unter einem gemeinſa - men hoͤchſten Oberhaupte vereiniget iſt.
Ein der Teutſchen Verfaſſung ganz eignes Verhaͤltniß, ſo hieraus erwachſen iſt, wird in Unterſcheidung mittelbarer und unmittelbarer Mitglieder des Teutſchen Reichs bemerklich ge - macht. Gleichwie nehmlich zweyerley Dinge, de - ren Verhaͤltniß unter einander ſich denken laͤßt,ohne1631) Verfaſſ. des T. Reichs uͤberh. ohne ein drittes dazwiſchen zu denken, in unmit - telbarem, ſonſt aber nur in mittelbarem Verhaͤlt - niſſe gegen einander ſtehen, (wie z. B. das Ver - haͤltniß zwiſchen Großeltern und Enkeln nur mit - telbar, zwiſchen Eltern und Kindern hingegen un - mittelbar gedacht werden kann;) ſo ſtehet zwar alles, was ſich an Perſonen oder Sachen in Teutſch - land findet, unter der Hoheit des Teutſchen Reichs und ſeines gemeinſamen Oberhaupts. Aber da z. B. ein Rittergut, das in einem Teutſchen Fuͤr - ſtenthume liegt und der fuͤrſtlichen Landeshoheit unterworfen iſt, doch nur in ſo weit ein Theil des Teutſchen Reichs iſt, als es zugleich einen Theil jenes Fuͤrſtenthums ausmacht; ſo kann es in An - ſehung des ganzen Reichs doch nur als ein mit - telbares Mitglied deſſelben angeſehen werden. Un - mittelbar ſind hingegen nur ſolche Guͤter oder Ge - biete, die nicht zugleich Theile eines andern Teut - ſchen Staats, ſondern nur Theile des ganzen Reichs ſind.
Nach dieſem Begriffe iſt jetzt ganz Teutſch -X. land in lauter mittelbare und unmittelbare Glie - der vertheilt. Letztere ſind der Regel nach zugleich Reichsſtaͤnde, die ſelbſt eigne Staaten zu regieren haben; jene ſind als Theile dieſer Staaten deren Landeshoheit unterworfen. Doch gibt es auch einige unmittelbare Mitglieder des Reichs, die nicht Sitz und Stimme auf dem Reichstage haben, und alſo nicht Reichsſtaͤnde ſind (als deren Weſen ei - gentlich in ſothanem Sitz und Stimme beſteht,) als namentlich die Reichsritterſchaft und Reichs - doͤrfer. Manche Ritterguͤter, Kloͤſter, und Staͤdte haben auch ihre Unmittelbarkeit verlohren, und ſindL 2als164VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. als mittelbare Unterthanen unter anderer Staͤnde Hoheit gebracht worden. Ueber einige wird noch jetzt geſtritten, ob ſie fuͤr mittelbar oder unmittel - bar gelten ſollen.
Nun concentrirt ſich die ganze Verfaſſung des Teutſchen Reichs dahin, daß uͤber mittelbare Glie - der deſſelben von kaiſerlichen Hoheitsrechten nur in ſo weit noch die Frage ſeyn kann, als entweder Beſchwerden uͤber ihre ordentliche Obrigkeiten gefuͤh - ret werden, oder gewiſſe kaiſerliche Reſervatrechte, die ſchon vor Entſtehung der Landeshoheit im Gange geweſen, in ganz Teutſchland bey der kai - ſerlichen Gewalt geblieben ſind, wie inſonderheit noch der Fall mit Standeserhoͤhungen, academi - ſchen Wuͤrden und Ernennung kaiſerlicher Hofpfalz - grafen und Notarien iſt. Doch werden auch ſol - che mit den davon abhangenden rechtlichen Wir - kungen in den meiſten Laͤndern nicht anerkannt, wenn ſie nicht erſt der landesherrlichen Pruͤfung und Genehmigung vorgelegt ſind.
Ueber unmittelbare Mitglieder des Reichs kann kein Hoheitsrecht anders als im Namen des Kai - ſers in Ausuͤbung kommen; nur wieder mit Un - terſchied, ob es dem Kaiſer alleine uͤberlaßen iſt, wie die meiſten Gnadenſachen, Belehnungen und die Gerichtbarkeit, wie deren Ausuͤbung nunmehr an beiden Reichsgerichten, nur mit Vorbehalt der Auſtraͤgalinſtanz, geſchieht; oder ob des Reichs - tages, oder doch der beiden hoͤheren Reichscolle - gien, oder auch nur der Churfuͤrſten Einwilligung dazu gehoͤret. Hieruͤber ſind nun theils im Weſt - phaͤliſchen Frieden, theils in den kaiſerlichen Wahl -capitu -1651) Verfaſſ. des T. Reichs uͤberh. capitulationen verſchiedene Beſtimmungen enthalten; jedoch uͤber letztere iſt noch nicht aller Streit ge - hoben, in welchen Faͤllen der Churfuͤrſten Einwil - ligung alleine hinlaͤnglich ſey.
Selbſt der Weſtphaͤliſche Friede hat noch Zwei -XIII. fel uͤbrig gelaßen, was außer den darin benann - ten Faͤllen, die fuͤr den Reichstag gehoͤren ſollen, unter der angehaͤngten Clauſel von anderen aͤhn - lichen Faͤllen zu verſtehen ſey oder nicht. Auch ſcheint in denen Sachen, die vor den Reichstag gehoͤren, inſonderheit wenn etwas in Frage ſtehet, das in allen Teutſchen Laͤndern die Geſetzkraft ha - ben ſoll, oder wovon die Beſchwerde auf die Reichsſtaͤnde ſelbſt zuruͤckfaͤllt, das Gewicht mehr auf Seiten der Staͤnde als des Kaiſers zu ſeyn. Daher es beynahe haͤufiger geſchieht, daß von Seiten der Reichsſtaͤnde etwas in Bewegung ge - bracht wird, um es unter kaiſerlichem Anſehen zum Reichsſchluß zu bringen, als daß der Kaiſer etwas vortraͤgt, wo ihm nur die Einwilligung des Reichs abgehet. In ſo weit laͤßt ſich wenigſtens zwi - ſchen dem Kaiſer und dem Reichstage noch ein ganz anderes Verhaͤltniß wahrnehmen, als dasjenige, worin ein Koͤnig von Großbritannien gegen das Parlament, oder die Koͤnige von Schweden und Polen gegen ihren Reichstag ſtehen. Da ſind es immer an ſich nur Privatperſonen, hier ſind es wahre Regenten von Land und Leuten, die Sitz und Stimme auf dem Reichstage haben. Selbſt der Congreß in Nordamerica beſteht nur aus Ab - geordneten der vereinigten Staaten, deren jeder von dem Staate, der ihn abgeordnet hat, abhaͤn - gig und an deſſen Inſtruction gebunden iſt. Un -L 3ſere166VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. ſere Reichsſtaͤnde ſind ſelbſt Regenten der Laͤnder, deren Beſitz ihnen Sitz und Stimme auf dem Reichstage gewaͤhret; die Stimme ſelbſt fuͤhren ſie nach ihrem eignen Gutfinden; oder wenn ſie andere dazu bevollmaͤchtigen, ſteht es bey ihnen, denſelben zugleich Anweiſung zu geben, wie ſie ſtimmen ſollen.
Zum foͤrmlichen Reichsſchluß in Kraft eines Reichsgeſetzes oder ſonſt fuͤr ganz Teutſchland aus - zuuͤbenden Majeſtaͤtsrechts gehoͤrt dann freylich außer dem Reichsgutachten, woruͤber ſich die Reichs - ſtaͤnde vereinigen koͤnnen, noch die Genehmigung des Kaiſers, mit deren Verſagung derſelbe jene Kraft des Reichsgutachtens hemmen kann. Doch gibt es auch Faͤlle, wo eine gemeinſame Abrede ſaͤmmtlicher oder mehrerer Reichsſtaͤnde ohne kai - ſerliche Genehmigung ihre Wirkſamkeit haben kann, wie auf ſolche Art uͤber den Muͤnzfuß ſchon mehr - malen mehrere Staͤnde gewiſſe vertragsmaͤßige Ver - einigungen getroffen und ins Werk gerichtet haben.
I. Nicht nur von Seiten des Kaiſers, ſondern auch von Seiten der Landesobrigkeiten in den beſonderen Teut - ſchen Staaten gilt von Rechts wegen kein Deſpotismus. — II. Jeder beſondere Staat hat zwar ſeine eigne Autono - mie; — III. jedoch mit unbenommener Zuflucht zum hoͤhern Richter. — IV. Der meiſten Landesherren Gewalt iſt uͤber - dies durch Landſtaͤnde eingeſchraͤnkt. — V. Nur einige Laͤn - der, die urſpruͤnglich nur aus mehreren Doͤrfern beſtanden, haben gar keine Landſtaͤnde. — VI. In einigen fehlt auch wohl eine oder andere Gattung derſelben, z. B. Praͤlaten oder Ritterſchaft. — VII. Hin und wieder werden nur noch Deputationstage gehalten; oder ſind auch alle land - ſtaͤndiſche Verſammlungen aus dem Gange gekommen.
So ſehr die Verfaſſung des Teutſchen Reichs,I. wie ſie der Weſtphaͤliſche Friede erſt auf recht feſten Fuß geſetzt hat, ſowohl dem ganzen Reiche als deſſen Gliedern ſammt und ſonders dafuͤr Buͤrge ſeyn kann, daß von Seiten der kaiſerlichen Regierung nicht leicht eine Ausuͤbung deſpotiſcher Gewalt zu beſorgen iſt; eben ſo zweckmaͤßig iſt nach eben die - ſer Grundverfaſſung auch fuͤr die Sicherheit und Wohlfahrt aller und jeder beſonderen Teutſchen Staaten geſorgt, wenn anders nur irgend alles in dem Verhaͤltniſſe bleibt, wie es nach dem Zuſchnitt jener geſetzmaͤßigen Verfaſſung ſeyn ſollte.
Ein jeder dieſer beſonderen Staaten, er magII. noch ſo klein oder groß oder mittelmaͤßig ſeyn, iſtL 4in168VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. in ſeiner inneren Einrichtung, ſofern nur nichts gegen Reichsgeſetze, die doch ſehr wenige Ein - ſchraͤnkungen dieſer Art enthalten, oder gegen ver - tragsmaͤßige oder andere Gerechtſame anderer Reichsmitglieder dabey vorgehet, aufs vollkom - menſte ſeiner eignen Freyheit uͤberlaßen. Nicht nur Fuͤrſten und Grafen, ſondern auch alle Mit - glieder der Reichsritterſchaft genießen in ihren Familienſachen eine unbeſchraͤnkte Autonomie, d. i. die Freyheit, ihre Einrichtungen nach eigenem Gutfinden zu machen und nach ihren eignen Ge - ſetzen zu leben. Und eben die Autonomie gilt in der innern Einrichtung eines jeden Landes, ei - ner jeden Reichsſtadt und eines jeden reichsunmit - telbaren Gebietes, ſofern diejenigen, die daruͤber zu ſprechen haben, unter ſich verſtanden ſind. Nur alsdann wenn ein oder der andere Theil der Mey - nung iſt, daß ihm unrecht geſchehe, koͤnnen ſolche Sachen im Wege des Rechts zur reichsgerichtlichen Eroͤrterung oder nach Befinden auch an die allge - meine Reichsverſammlung gelangen.
Eben dadurch iſt nicht nur jede Landſchaft und jede Reichsſtadt, ſondern jeder einzelner Unterthan geſichert, daß auch keine landesherrliche oder obrig - keitliche Gewalt zu ihrem Nachtheile gemißbraucht werden kann; ganz anders als in unabhaͤngigen Staaten, ſie moͤgen monarchiſch, oder ariſtocra - tiſch oder democratiſch regiert werden, wo in keinem Falle gegen Mißbrauch der hoͤchſten Gewalt noch die Zuflucht zu einem hoͤhern Richter offen ſtehet.
In den meiſten Laͤndern ſind uͤberdies die lan - desherrlichen Regierungen durch Landſtaͤnde ein -ge -1692) Verfaſſ. der Laͤnder mit Landſtaͤnd. geſchraͤnkt, die dann ebenfalls zur Schutzwehr ge - gen Deſpotismus dienen koͤnnen. Nach der ur - ſpruͤnglichen Teutſchen Verfaſſung, wie ſie zur Zeit des Weſtphaͤliſchen Friedens noch mehr als jetzt zu erkennen war, ließ ſich ſelbſt einige Gleichheit zwi - ſchen der Verfaſſung des Reichs im Ganzen und der einzelnen Laͤnder, wie in mehr anderen Din - gen, ſo auch hierin wahrnehmen, daß ungefaͤhr auf eben die Art, wie der Kaiſer zum Reichstage, ſo die meiſten Fuͤrſten ſich zu ihren Landtagen ver - hielten. Ordentlicher Weiſe waren es alle im Lande befindliche Praͤlaten, alle Beſitzer freyer Rit - terguͤter und alle urſpruͤngliche Staͤdte des Landes, die auf dem Landtage Sitz und Stimme hatten. Nur der einzige Unterſchied war freylich nicht zu verkennen, daß nicht ſo, wie ganz Teutſchland unter Reichsſtaͤnde vertheilt und dem Kaiſer nichts uͤbrig geblieben iſt, die Landſtaͤnde das ganze Land ausmachen, ſondern ein großer Theil des Landes landesherrlich Cammergut iſt. Hauptſaͤchlich war alſo alsdann den Landesherren ihrer Landſtaͤnde Einwilligung noͤthig, wenn geſetzliche Verfuͤgungen, Steuern oder andere Hoheitsrechte auch auf ihren Guͤtern und in ihren Gebieten zur voͤlligen Wirk - ſamkeit gelangen ſollten. Wenn es auch damit ſo weit gekommen war, daß uͤberhaupt allgemeine Landesangelegenheiten auf Landtagen verhandelt wurden, und Landſtaͤnde alſo ſich gewiſſer maßen als Repraͤſentanten des ganzen Landes anſahen; ſo war doch die Aehnlichkeit, welche die Reichs - verfaſſung mit Congreſſen verbundener Staaten hat, von der Verfaſſung der Teutſchen Laͤnder, die Land - ſtaͤnde haben, weit entfernt.
L 5Eigent -170VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657.Eigentlich waren aber auch nur in ſolchen Laͤndern Landſtaͤnde, wo zu der Zeit, als die Lan - deshoheit zuerſt aufkam, ſchon Kloͤſter, Ritterguͤ - ter und Staͤdte vorhanden waren. Manche Gra - fen und Herren, deren Land oder Laͤndchen nur aus ihrem eignen Stammſitz und einer Anzahl dazu gehoͤriger Doͤrfer beſtand, die alſo nur leibeigne nicht freye Unterthanen zu regieren hatten, haben nie Landſtaͤnde gehabt, wenn auch gleich in der Folge ihr Stammſitz ſelbſt, oder ein oder anderes Dorf, nachher zur Stadt gemacht worden iſt. Selbſt groͤßere Laͤnder koͤnnen jetzt aus mehreren ſolchen Grafſchaften und Herrſchaften zuſammengeſetzt ſeyn, ohne Landſtaͤnde zu haben, wie davon ſelbſt die Pfalz am Rheine zum Beyſpiele dienen kann.
Hin und wieder hat auch der Umſtand, daß der Adel ſich etwa zur unmittelbaren Reichsritterſchaft haͤlt, und ſo die Kloͤſter ſich zu Reichspraͤlaturen hinaufgeſchwungen, und aus Staͤdten Reichsſtaͤdte geworden ſind, daran hinderlich fallen koͤnnen, daß keine landſchaftliche Verfaſſung aufgekommen iſt, oder auch eine oder andere Claſſe von Landſtaͤnden fehlet; wie z. B. im Wuͤrtenbergiſchen nur Praͤla - ten und Staͤdte die Landſchaft ausmachen, weil es da keine landſaͤßige Ritterſchaft gibt. In anderen proteſtantiſchen Laͤndern fehlt es zum Theil am Praͤ - latenſtande, wo man alle dazu gehoͤrig geweſene Stiftungen ſeculariſiret, oder auch eine oder andere derſelben nur der Ritterſchaft zugewandt und deren landſchaftlicher Vertretung einverleibet hat.
In manchen Laͤndern, wo noch zur Zeit des Weſtphaͤliſchen Friedens Landtag zu halten ganzgewoͤhn -1712) Verfaſſ. der Laͤnder mit Landſtaͤnd. gewoͤhnlich war, ſind die landſchaftlichen Verfaſ - ſungen in ſpaͤteren Zeiten beynahe ganz in Abnahme gerathen, oder doch an ſtatt eines vollſtaͤndigen Land - tages nur Verſammlungen eines groͤßeren oder en - gern Ausſchuſſes der Landſchaft oder ſo genannte Deputationstage in Gang gekommen. Viele an - ſehnliche Laͤnder fahren aber noch jetzt fort, von Zeit zu Zeit Landtag zu halten. Freylich laͤßt ſich der moͤgliche Fall gedenken, daß eine aus Eigenſinn verſagte landſchaftliche Einwilligung eine oder an - dere gemeinnuͤtzige Anſtalt zuruͤckhalten koͤnne. Aber ob der Fall nicht haͤufiger zu beſorgen ſey, daß, wo Landſchaften nichts zu ſagen haben, willkuͤhrliche Auflagen und deſpotiſche Geſinnungen eines Lan - desherrn oder Miniſters ein Land zu Grunde richten koͤnnen, iſt eine andere Frage. Es fehlt zwar nicht an Beyſpielen, daß uͤbel geſinnte Miniſter auch in Laͤndern, wo noch Landtage uͤblich ſind, groß Unheil geſtiftet haben. Wuͤrde aber das Un - heil vielleicht nicht noch groͤßer geworden ſeyn, wenn keine Landſtaͤnde da geweſen waͤren? Oder wenn es auf den Credit eines Landes ankoͤmmt, oder, wenn einem unter zwey Laͤndern, wo Landſtaͤnde ſind, oder wo keine ſind, die Wahl gelaßen wuͤrde, wo man ſich niederlaßen wollte; ſollte es da wohl ſchwer fallen, ſich daruͤber zu beſtimmen, welchem von beiden man den Vorzug geben moͤchte?
I. In den geiſtlichen Laͤndern machen die Domcapitel den erſten Landſtand aus, oder vertreten auch wohl uͤberhaupt die Stelle der Landſchaft. — II. Sie errichten beſondere Wahlcapitulationen mit den geiſtlichen Fuͤrſten. — III. Wenn kein Coadjutor zum voraus gewehlt iſt, fuͤhren ſie in der Sedisvacanz die Regierung. — IV. Auch ſonſt haben ihre Vorrechte großen Einfluß auf die Verfaſſung der geiſtlichen Laͤnder. — V. Sind ſie gleich nicht Grundherren oder Mit - eigenthuͤmer des Landes; ſo bekleiden doch Domherren meiſt wichtige Stellen im Lande. — VI. Einiger Unterſchied, nach - dem Prinzen oder Edelleute geiſtliche Fuͤrſten werden. — VII. Vortheile adelicher Familien, deren Verwandte Biſchoͤfe oder auch nur Domherren ſind. — VIII. Manche Stifter ſind fuͤrſtlichen Haͤuſern auf lange Zeit nach einander zu Theil geworden. — IX. Sonſt gibt es gemeiniglich oͤftere Ab - wechſelungen in der Regierung, — und eben deswegen we - niger Gleichfoͤrmigkeit in Grundſaͤtzen. — X-XII. Außerdem ſind die geiſtlichen Laͤnder mit ſtarken Abgaben nach Rom beſchwert. — XIII. Alles das macht einen merklichen Unter - ſchied zwiſchen dem Wohlſtande geiſtlicher und weltlicher Laͤnder.
Unſere geiſtliche Laͤnder haben noch das beſon - dere, daß ſie Domcapitel haben, d. i. eine gewiſſe Anzahl geiſtlicher Herren von ſtiftsmaͤßigem Adel, die berechtiget ſind, das Haupt ihrer Kirche, das dann zugleich der Regent des dazu gehoͤrigen geiſtlichen Landes wird, zu wehlen, oder auch ſelbſt dazu gewehlet zu werden. Dieſe Domcapitel ma - chen in den meiſten geiſtlichen Laͤndern zugleich den erſten Landſtand aus. Oder, wo auch keine Land - ſtaͤnde ſind, erſetzen ſie gewiſſermaßen ihre Stelle, in ſo fern als wenigſtens ohne Einwilligung der Domcapitel in wichtigen Sachen, die den Staatoder1733) Verfaſſ. der geiſtl. Laͤnder. oder die Kirche betreffen, nichts verbindliches vor - genommen werden darf.
Als Wahlfuͤrſtenthuͤmer haben dieſe LaͤnderII. noch eine beſondere Aehnlichkeit mit der Teutſchen Reichsverfaſſung. Wie da einem jeden Kaiſer oder Roͤmiſchen Koͤnige bey ſeiner Wahl eine Wahlca - pitulation vorgelegt wird; ſo muͤßen die meiſten geiſtlichen Fuͤrſten auch bey ihrer Wahl eine Ca - pitulation beſchwoͤren, die ihnen das Domcapitel vorlegt(l)Oben Th. 1. S. 158.. Nach Vorſchrift des paͤbſtlich canoni - ſchen Rechts und nach der Art, wie von Rechts wegen alle geiſtliche Stellen ohne alle andere Ruͤck - ſicht nur nach Wuͤrde der Perſon beſetzt, keines - weges aber durch Geld oder andere Vortheile er - langt werden ſollten, verſteht ſich freylich, daß ein wehlendes Domcapitel von dem zu wehlenden geiſtlichen Fuͤrſten ſich keine Vortheile verſprechen laßen darf, ohne in den Vorwurf einer Simonie zu fallen; wie dann verſchiedene Fuͤrſten aus die - ſem Grunde von Paͤbſten und Kaiſern von der Verbindlichkeit ſolcher Capitulationen losgeſprochen, und dieſe zum Theil fuͤr null und nichtig erklaͤrt worden ſind. Sofern jedoch eine biſchoͤfliche oder erzbiſchoͤfliche Wahlcapitulation nur ſolcher Ver - ſprechungen, die bloß dem wehlenden Domcapitel zum Vortheile gereichen, ſich enthaͤlt, und nur auf ſolche Dinge, die der Verfaſſung unſerer Teutſchen Laͤnder und der catholiſchen Kirche ohnedem gemaͤß ſind, ſich einſchraͤnkt; ſo iſt dabey nichts zu erin - nern. Fuͤr das Biſthum Osnabruͤck gab ſelbſt der Weſtphaͤliſche Friede die Verordnung, daß eine beſtaͤndige Wahlcapitulation zwiſchen dem Domca -pitel174VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. pitel und dem Hauſe Braunſchweig errichtet wer - den ſollte; wie auch geſchehen iſt. So wenig laͤßt ſich uͤberhaupt bezweiflen, daß nicht alle bi - ſchoͤfliche Wahlcapitulationen verworfen werden koͤnnen.
Auch dieſe beſondere Aehnlichkeit zeigt ſich hier noch mit der Reichsverfaſſung, daß, wenn nicht zum voraus ein Nachfolger, wie fuͤr das Teutſche Reich ein Roͤmiſcher Koͤnig, ſo hier ein Coadjutor gewehlt iſt, ein Interregnum, oder, wie es hier heißt, eine Sedisvacanz entſteht, und alsdann eine Interimsregierung, wie dort von Reichsvicarien, ſo hier vom Domcapitel eintritt. Ein ſolch regierendes Domcapitel, wie es als - dann genannt wird, hat aber, ſo lange die Se - disvacanz waͤhret, die ganze Regierung zu fuͤhren und alle Hoheitsrechte, ſelbſt mit Inbegriff des Stimmrechts auf reichsſtaͤndiſchen Verſammlungen auszuuͤben; außer daß den Domcapiteln der geiſt - lichen Churfuͤrſten die Theilnehmung an Kaiſer - und Roͤmiſchen Koͤnigswahlen, und dem Chur - mainziſchen inſonderheit das Directorium auf dem Reichstage und unter den Churfuͤrſten beſtritten wird.
Solche Domcapiteliſche Regierungen geben als - dann (damit es der Teutſchen Verfaſſung an kei - ner Gattung faſt nur erdenklicher Mannigfaltig - keiten von Regierungsformen fehle,) ein voͤlliges Beyſpiel wahrer ariſtocratiſcher Regierungen ganzer Laͤnder ab. Natuͤrlicher weiſe hat es auch nicht an Veranlaßungen gefehlt, dafuͤr zu ſorgen, daß nicht Maͤngel und Verſuchungen, worin Ari -ſtocra -1753) Verfaſſ. der geiſtl. Laͤnder. ſtocraten vorzuͤglich leicht gerathen koͤnnen, auch hier einreißen oder gefaͤhrlich werden moͤchten; wie z. B. wohl Domherren die Einkuͤnfte des Landes waͤhrend ihrer Regierung nur unter ſich vertheilen wollten u. d. g. Ueberhaupt hat ſich jedoch un - moͤglich verhuͤten laßen, daß nicht der Umſtand, daß Domherren zu Zeiten ſelbſt regierende Herren ſind, und nicht nur das ausſchließliche Recht ha - ben, den regierenden Fuͤrſten zu wehlen, ſondern auch ſelbſt dazu gewehlt werden koͤnnen, — daß nicht dieſer Umſtand ſelbſt auf die ganze Verfaſſung ſolcher geiſtlicher Laͤnder einen merklichen Einfluß haͤtte bekommen ſollen.
Wenn gleich den Domcapiteln nicht zugeſtan -V. den wird, was einige behaupten wollen, auch bey Lebzeiten des regierenden Fuͤrſten Grundher - ren des Landes zu ſeyn, und ein gewiſſes Mit - eigenthum deſſelben zu haben(m)Dav. Ge. Strube von der Teutſchen Dom - capitel Erb - und Grundherrſchaft, in ſeinen Neben - ſtunden Th. 1. (1742.) S. 1-181.; ſo bleibt doch immer ein ſolches Verhaͤltniß zwiſchen dem geiſt - lichen Fuͤrſten und ſeinem Domcapitel, daß dieſes nie gaͤnzlich zuruͤckgeſetzt werden darf. In den meiſten geiſtlichen Laͤndern, (wo nicht etwa, wie zu Bonn, der Hof mit dem Domcapitel nicht an eben dem Orte iſt,) ſind gemeiniglich die Praͤſi - dentenſtellen in der Regierung, in der Cammer, im geheimen Rathe und anderen Landescollegien ſelbſt mit Domherren beſetzt. Auch wohl zu Ober - aͤmtern im Lande, oder zu Statthalterſchaften, Ge - ſandtſchaften und dergleichen Stellen werden vor - zuͤglich Domherren gebraucht. Oder wo auchderen176VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. deren Gelegenheit ſelbſt nicht iſt, ſolche Stellen zu bekleiden, da bringt doch die Verbindung, worin gemeiniglich nur der ſtiftsmaͤßige Adel in ſolchen Laͤndern durch Familienverhaͤltniſſe mit Domherren oder ſelbſt mit dem regierenden Fuͤrſten ſtehet, na - tuͤrlicher Weiſe das mit ſich, daß außer dem Dom - capitel der geſammte Adel auf alle Vortheile im Lande den vorzuͤglichſten Anſpruch machen kann. Wenn Auslaͤndern, die Teutſchland naͤher kennen lernen, die Vorzuͤge, die der Teutſche Adel an den meiſten Hoͤfen genießt, auffallend vorkommen; ſo ſind ſie doch nirgend ſo ausgezeichnet, als in den meiſten geiſtlichen Laͤndern.
Nur alsdann, wenn etwa einmal ein Prinz von einem großen Hauſe zum Beſitz eines geiſtli - chen Landes koͤmmt, kann ſich vielleicht einige Maͤßigung hierin wahrnehmen laßen. Iſt aber, wie doch gemeiniglich der Fall iſt, der Fuͤrſt ſelbſt von adelicher Herkunft; ſo laͤßt ſich auch von ſelb - ſten wohl nicht anders erwarten, als daß dieje - nigen Familien, die das Gluͤck haben, des Fuͤrſten Bruͤder, Schwaͤger, Vettern u. ſ. w. unter den ihrigen zu zehlen, nicht unterlaßen werden, die Gunſt des Fuͤrſten auf alle moͤgliche Weiſe zu benutzen, auch anderen das nahe Verhaͤltniß, wor - in ſie zum Fuͤrſtenthrone ſtehen, allenfalls wohl fuͤhlbar zu machen.
Sieht man alſo unſere geiſtliche Stiftungen von der Seite an, wie ſie zur Verſorgung ſol - cher Herren von Adel, die nicht zu Stammhal - tern ihres Hauſes beſtimmt ſind, und zur Auf - nahme ihrer Geſchlechter dienen ſollen; ſo wirddieſe1773) Verfaſſ. der geiſtl. Laͤnder. dieſe Abſicht in den meiſten geiſtlichen Laͤndern voll - kommen erreicht. Eine Familie, die nach mehre - ren Generationen nur einmal das Gluͤck hat, einen geiſtlichen Herrn ihres Stamms zum Fuͤrſten be - foͤrdert zu ſehen, koͤmmt nicht ſelten auf einmal aus Verlegenheiten, worin ſie eine Schuldenlaſt von hundert und mehr Jahren her geſtuͤrzt haben kann, oder auch in ſolche Gluͤcksumſtaͤnde, daß ſie auf Jahrhunderte ihrer ferneren Aufnahme entge - genſehen darf. Gluͤckts auch nicht mit dem Fuͤrſten - hute, ſo kann doch ein Domherr in mehreren Stif - tern zugleich ſo eintraͤgliche Pfruͤnden beſitzen, daß auch Domherren, wenn ſie nur einigermaßen gute Haushaͤlter ſind, und mit ihren Verwandten es gut meynen, dieſen allemal betraͤchtliche Verlaßen - ſchaften und andere Vortheile zuwenden koͤnnen.
Von Prinzen aus großen Haͤuſern fehlt esVIII. nicht an Beyſpielen, daß ſie oft in juͤngeren Jah - ren zum Beſitz eines oder mehrerer geiſtlicher Fuͤr - ſtenthuͤmer gelangen, und daß alſo alsdann ihre Regierungen nach Verhaͤltniß ihrer Lebensjahre geraume Zeit dauern koͤnnen, oder auch wohl von einem Herrn des Hauſes auf den andern gleichſam aus einer Hand in die andere kommen; wie z. B. von 1583. bis 1760. lauter Prinzen von Baiern das Erzſtift Coͤlln, und mehrentheils noch zugleich andere Biſthuͤmer gehabt haben. Sonſt aber ſind doch geiſtliche Fuͤrſten gemeiniglich ſchon Herren von gewiſſen Jahren, wenn eine Biſchofswahl auf ſie faͤllt. Folglich gibt es hier ſeltener lang - wierige Regierungen.
Eben dieſe oͤftere Abwechſelung in der Re -IX. gierung, zumal wenn noch domcapiteliſche Regie -P. Entw. d. Staatsverf. Th. II. Mrun -178VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. rungen dazwiſchen kommen, hat wieder ihre Unbe - quemlichkeiten, da theils ein jeder dann vorzuͤglich nur auf ſeine Lebenszeit fuͤr ſich und ſeine Familie die Vortheile ſeines erhabenen Standes, ſo gut er kann, zu benutzen ſuchen wird, theils auch noch ungleich weniger, als in erblichen Laͤndern, von einer Regierung zur anderen eine gewiſſe Gleichfoͤr - migkeit in Grundſaͤtzen beybehalten wird. Da kann ſichs alſo nicht ſelten fuͤgen, daß von einer Regierung zur andern nicht nur Guͤnſtlinge und Miniſter, ſondern auch ganze Regierungsſyſteme, Entwuͤrfe und Anſtalten ſich[aͤndern], und in ganz entgegengeſetzten Geſtalten erſcheinen. — Viele glauben ſchon darin einen hinlaͤnglichen Grund wahrzunehmen, warum ſelten gemeinnuͤtzige An - ſtalten von allen Gattungen, es ſey zur Aufnahme der Handlung und des Gewerbes, oder zur Befoͤr - derung der Kuͤnſte und Wiſſenſchaften, oder was ſonſt zu eines Landes Aufnahme dienen kann, in geiſtlichen Laͤndern ſo, wie in weltlichen, zu gedei - hen pflegen.
Es iſt aber noch etwas, das die geiſtlichen Laͤnder druͤckt, und unablaͤßig druͤcken wird, ſo lange ſie in dem Verhaͤltniſſe bleiben werden, wor - in ſie die Roͤmiſche Hierarchie bisher feſt gehalten hat. Der Fuͤrſtbiſchof, den Carl der Große noch gleich den uͤbrigen Erzbiſchoͤfen und Biſchoͤfen ſei - nes Reichs jenſeits und dieſſeits der Alpen nur als den erſten im Range namhaft machte, der aber ſeitdem das Gluͤck hatte, als das ſichtbare Oberhaupt der ganzen chriſtlichen Kirche verehrt zu werden, iſt zwar verhaͤltnißmaͤßig gleich unſe - ren Teutſchen Fuͤrſtenbiſchoͤfen und Erzbiſchoͤfen auchmit1793) Verfaſſ. der geiſtl. Laͤnder. mit Land und Leuten und davon zu hebenden Ein - kuͤnften reichlich gnug verſehen worden. Weil aber ſoviele ſeiner hierarchiſchen oberſten Gewalt unterworfene Kirchen und Laͤnder ihm ſoviele Muͤhe machen, und an ſo genannten Curialiſten, die er zu ſolchen Geſchaͤfften und Ausfertigungen braucht, ihm ſo großen Aufwand verurſachen; ſo hat er es nicht unbillig gefunden, daß ſeine ehemalige Collegen und nachherige Unterthanen, wie er nun - mehr die Teutſchen Biſchoͤfe und Erzbiſchoͤfe anſah, ſeinen Aufwand noch mit ſtattlichen Geldbeytraͤgen erleichtern moͤchten, wie ſolche auch unter dem Namen Annaten, Palliengelder oder anderen Dienſt - leiſtungen an Gelde (ſeruitium) nach und nach gluͤcklich in Gang gebracht wurden(n)Oben Th. 1. S. 281. III. , und nach den vergeblichen Bemuͤhungen der Kirchenver - ſammlungen zu Coſtnitz und Baſel unter dem Schutze der Aſchaffenburger Concordate(o)Oben Th. 1. S. 289. 298. im Gange blieben(p)Annaten werden eigentlich nur von gerin - geren Beneficien und von Praͤlaturen, die nicht Conſiſtorial ſind, bezahlt, und kommen bloß der paͤbſtlichen Cammer zu gute, ohne daß die Car - dinaͤle etwas davon bekommen. Was von Erz - biſthuͤmern, Biſthuͤmern und Conſiſtorial-Praͤlatu - ren bezahlt wird, koͤmmt halb an die paͤbſtliche Cammer, halb an das Cardinalscollegium, daher es commune ſeruitium heißt. (Von 1396. her betrug es fuͤr Salzburg 10. tauſend Goldgulden.) Unter dem Namen minuta ſeruitia werden auſſer - dem noch Sporteln an die Bedienten des Pabſtes und des Cardinalscollegii bezahlt. Die daran Theil nehmen, ſind folgende: 1) Auditor cardi -nalis.
SelbſtM 2180VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657.Selbſt die Franzoͤſiſche Kirche, die doch ſonſt ſo viele vorzuͤgliche Freyheit behauptet, hat inden(p)nalis protectoris, 2) ſecretarius congregationis conſiſtorialis, in qua validitas electionis discuti - tur, 3) relator cardinalis, 4) vicecancellarius, 5) ſecretarius protectoris, 6) ſcriptores apoſtolici, 7) abbreuiatores, 8) Capellani, 9) Cubicularii, 10) Centenarius, 11) Camerarii, 12) Parefrenarii papae, 13) Mazerii et alii participantes, 14) prae - fectus ſollicitatorum, 15) protonotarii apoſtolici, 16) pro mantellettis clericorum camerae, 17) Cu - ſtos cancellariae, 18) Corrector cancellariae, 19) Oſtiarius cancellariae, 20) Clerici camerae, 21) pro plumbo, 22) pro ſollicitatione. Nachricht von Juvavia S. 162. 165., wo am Ende noch dieſe Bemerkung hinzugefuͤgt wird:” Freylich ein „ Schwarm Roͤmer, wovon die Primaplana meiſt „ auf die Beyſchuͤſſe der uͤbrigen Chriſtenheit an - „ gelegt iſt; folglich, wie dieſe entgehen, die apo - „ ſtoliſche Cammer in die groͤßte Verlegenheit ge - „ rathen muß.” Im XVI. und XVII. Jahrhundert betrug die Taxe fuͤr Salzburg pro communi et minutis ſeruitiis zuſammen 25. bis 26. tauſend Scudi. — Was gibt es aber auch fuͤr eine Menge Ausfertigungen zu Rom zu machen, ſo oft ein neuer Erzbiſchof gewehlt wird? Nehmlich 1) ein vorlaͤufiges paͤbſtliches Placet; 2) die eigentliche Beſtaͤtigungs-Bulle; 3) eine Bulle an die Suffra - ganbiſchoͤfe; 4) eine an das Domcapitel; 5) eine an die uͤbrige Geiſtlichkeit; 6) eine an die Vaſallen; 7) noch mehr ſolche Bullen an das Volk der Stadt und Dioeces; 8) die Conſecrations-Bulle; 9) das Commiſſorium, um das Pallium anzulegen; 10) die dabey zu gebrauchende Formel; 11) die vom neuen Erzbiſchofe abzulegende Eidesformel; und 12) noch eine große Anzahl ſo genannter Facultaͤ - ten, wodurch den Erzbiſchoͤfen beſondere Gewalt verliehen wird, z. B. Abſolutionen, Dispenſatio - nen u. d. g. zu ertheilen, die freylich von Rechts wegen die erzbiſchoͤfliche Gewalt ſchon von ſelbſten in ſich faſſen ſollte. Nachr. v. Juv. S. 157-161.1813) Verfaſſ. der geiſtl. Laͤnder. den Concordaten, wodurch zwar Franz der I. ſich und ſeinen Nachfolgern das große Recht, alle Franzoͤſiſche Biſchoͤfe und Erzbiſchoͤfe zu ernennen ausbedungen, doch der Annaten ſich nicht entle - digen koͤnnen, (die aus Frankreich jaͤhrlich noch immer ungefaͤhr 3 Millionen 600. tauſend Livres betragen ſollen.) Alſo ſind auch unſere Teutſche Biſchoͤfe und Erzbiſchoͤfe dieſen Abgaben, wie ſie einmal hergebracht waren, unterworfen geblieben; nur freylich diejenigen ausgenommen, die in pro - teſtantiſche Haͤnde gekommen ſind, die nun einmal das ganze Band mit Rom zerriſſen haben.
Bey den Friedens-Executionshandlungen zuXII. Nuͤrnberg gedachte (beſage eines in Gegenwart des kaiſerlichen Geſandten Volmar am 12. Jul. 1650. gehaltenen Protocolls) der Churmainziſche Geſandte Discursweiſe:” Der Pabſt begehrte von dem Trie - „ riſchen Coadjutor 30. tauſend Ducaten fuͤrs Pal - „ lium; den Churfuͤrſten von Mainz vexirte er eben „ auch ſo. Das waͤre eine ſchoͤne Andacht; beide „ Erzſtifte waͤren ruinirt, und man ſollte eine ſolche „ Summe Geldes nach Rom ſchicken, daß ſie da „ etwas zu verzehren haͤtten. In Italien waͤren auch „ Erzbiſchoͤfe, die gaͤben uͤber 100. Kronen nicht. — „ Herr Volmar lachte, und ſagte, ſie ſollten dem „ Pabſte ſchreiben: wo er ihnen die Taxe fuͤr das „ Pallium nicht erließe, wollten ſie Lutheriſch wer - „ den. — Jener: es moͤchte uͤbel aufgenommen „ werden; ſonſt waͤre es wohl das beſte Mittel.” (q)Meiern Nuͤrnbergiſche Friedensexecutions - handlungen Th. 2. S. 462. Noch in unſerm XVIII. Jahrhunderte mußte der Erzbiſchof Jacob Ernſtvon
Sol -M 3182VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657.Solche Geldſummen, die ſo oft und ohne alle Ruͤckkehr nach Rom gehen, muͤßen freylich unſeren geiſtlichen Laͤndern zur Laſt fallen. Und ſo laͤßt ſich uͤberhaupt begreifen, wie, ungeachtet ſonſt die mei - ſten geiſtlichen Laͤnder den beſten Grund und Boden haben, auch ſonſt der gelindern Regierung wegen das Spruͤchwort aufgekommen iſt: daß unter Krumm - ſtab (unter dem oben krumm gebogenen biſchoͤflichen Hirtenſtabe) gut wohnen ſey, dennoch die meiſten geiſtlichen Laͤnder gegen andere ſo wenig aufkommen koͤnnen(r)Manche leſenswuͤrdige Betrachtungen fin - den ſich hieruͤber in einer von einem catholiſchen Verfaſſer herruͤhrenden Schrift, unter dem Titel:” Chriſt. Friedr. Menſchenfreunds Unterſuchung der Frage: warum iſt der Wohlſtand der prote - ſtantiſchen Laͤnder ſo gar viel groͤßer, als der catho - liſchen? Salzb. u. Freiſingen 1772.” 8. (96. S.). Der Unterſchied wuͤrde recht auffallend dargethan werden koͤnnen, wenn man eine genaue Beſchreibung der im Weſtphaͤliſchen Frieden ſecula - riſirten Laͤnder, wie ſie jetzt ſind, und wie ſie in vori - gen Zeiten geweſen, mit einander in Vergleichung ſtellen koͤnnte.
(q)von Salzburg, zwar fuͤr das Pallium nur 995. Scudi, aber fuͤr die paͤbſtliche Beſtaͤtigung ſeiner Wahl 31338., alſo zuſammen 32333. Scudi bezah - len. Der folgende Erzbiſchof, Andreas Jacob von Dietrichſtein, bat um einige Maͤßigung (bezahlte auch uͤberhaupt nur 20. tauſend Scudi.) Bene - dict der XIV. nahm es aber ſehr uͤbel, und ſagte im Maͤrz 1748. zum Salzburgiſchen Agenten Cri - velli:” Indegno artificio che avete concertato — per rendermi odioſo ai Cardinali e à tutta Roma. Que[ſ]to é lo ſtudio conſueto della nazione Tedeſca di voler vedere vilipeſo il Papa e la ſanta ſede.” Nachr. von Juvavia S. 164.
I. Vortheile der Teutſchen Verfaſſung, daß unſere Lan - desherren eigentlich nur die Gewalt haben ſollen Gutes, nichts Boͤſes zu thun. — II. III. Nur der Wahn, Herr des Landes zu ſeyn, und eine ungluͤckliche Nacheiferungsſucht hat oft uͤble Folgen. — IV. Vor den Zeiten des dreyßig - jaͤhrigen Krieges war unter den Fuͤrſten noch eine ganz an - dere Lebensart. — V. Der Aufwand fieng aber ſchon an merklich zu ſteigen. — VI. VII. Auf dem Weſtphaͤliſchen Friedenscongreſſe entſtand vollends der Streit uͤber Rang und Excellenz zwiſchen republicaniſchen und churfuͤrſtlichen Geſandten, — VIII-X. und die Churfuͤrſten ſetzen ſich Koͤ - nigen gleich. — XI. XII. Das veranlaßte aber wieder Nach - eiferung der Fuͤrſten und anderer Staͤnde. — XIII. Einige Haͤuſer wurden ſelbſt durch den Weſtphaͤliſchen Frieden merk - lich vergroͤßert. — Auch bequemten ſich immer mehrere, das Recht der Erſtgebuhrt einzufuͤhren, — XIV. und die Nachgebohrnen nicht ſowohl mit einer eignen Botmaͤßigkeit, als nur mit jaͤhrlichen Geldzahlungen zu verſorgen.
Alles zuſammengenommen, was der TeutſchenI. Verfaſſung eigen iſt, wie ſie der Weſtphaͤ - liſche Friede nunmehr eigentlich auf feſten Fuß ge - ſetzt hat, zeigt ſich ein Hauptvortheil derſelben dar - in, daß, wenn alles in der gehoͤrigen Ordnung iſt, ein jeder Landesherr Mittel und Wege gnug hat, in ſeinem Lande Gutes zu thun, und, wenn er hingegen Boͤſes thun moͤchte, entweder Land - ſtaͤnde dagegen ins Mittel treten, oder auch alle und jede Unterthanen noch bey einem hoͤhern Rich - ter Huͤlfe ſuchen koͤnnen. — Gewiß im GanzenM 4eine184VII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. eine gluͤckliche Verfaſſung, womit zugleich dafuͤr geſorget iſt, daß von der Landeshoheit, wie ſie ſich in ſo gar vielerley Haͤnden findet, die freylich nicht von einerley Weisheit und Herzensguͤte ge - lenket werden koͤnnen, doch nicht ſo großes Unheil zu beſorgen iſt, wie ſonſt kleine Tyrannen fuͤr ih - ren kleinen Bezirk oft noch gefaͤhrlicher, als große fuͤr groͤßere Staaten, ſeyn koͤnnen.
Nur zwey Klippen gibt es noch, die der Teut - ſchen Verfaſſung ganz beſonders eigen zu ſeyn ſcheinen, deren Vermeidung unſern regierenden Herren und denen, die es werden ſollen, nicht gnug empfohlen werden kann. Einmal ſcheint ſelbſt das Teutſche Wort: Landesherr, vielen ſolche Begriffe beyzubringen, als wenn ſie in eben dem Verhaͤltniſſe, wie ein Beſitzer eines Gutes daſſelbe fuͤr ſein Eigenthum haͤlt, ſo auch wahre Herren ihrer Laͤnder waͤren, um nur nach ihrem Gutfinden und nach ihrer perſoͤnlichen Convenienz damit ſchalten und walten zu koͤnnen. Freylich ſind die Vorfahren unſerer jetzigen Reichsſtaͤnde urſpruͤnglich nur als Privatbeſitzer großer Guͤter anzuſehen geweſen, und erſt nach und nach in die Lage als wahre Regenten gekommen. Da ſie aber das nun einmal ſind, ſo muͤßen ſie auch nicht den - ken, daß die Laͤnder nur ihrenthalben da ſind, oder daß nur eine Anzahl Sclaven zu ihrem Gebote ſte - hen, und daß nur Rechte, keine Verbindlichkeiten ihren erhabenen Stand begleiten, ſondern daß ſie auch wahre Regentenpflichten auf ſich haben, die nur dahin gerichtet ſeyn duͤrfen, Land und Leute gluͤcklich zu machen, und den Unterthanen Sicher - heit und Wohlfahrt zu verſchaffen.
Ein1854) Einige Eigenheiten der T. Verf.Ein anderer Umſtand, der inſonderheit ſeit denIII. Zeiten des Weſtphaͤliſchen Friedens mehrmalen zum Ungluͤck ganzer Haͤuſer und Laͤnder ausgeſchlagen iſt, und ebenfalls vorzuͤglich der Teutſchen Verfaſ - ſung eigen zu ſeyn ſcheint, beſtehet in einer unbegraͤnzten Nacheiferungsſucht, worin bey der großen Menge unſerer Teutſchen Landesherren, die nicht nur an Macht und Groͤße, ſondern auch nach den Stuffen ihrer Wuͤrde, als Churfuͤrſten oder Fuͤrſten, geiſtliche oder weltliche, alte oder neue Fuͤrſten, Grafen und Praͤlaten, ſo gar ſehr ver - ſchieden ſind, dennoch immer einer dem andern nichts nachgeben will, ſondern, wie der Churfuͤrſt Koͤnige, ſo der Fuͤrſt wieder Churfuͤrſten, der Graf Fuͤrſten u. ſ.w. zu Beyſpielen ſeines Aufwandes wehlet.
Es laßen ſich inſonderheit in Vergleichung derIV Zeiten vor und nach dem Weſtphaͤliſchen Frieden manche lehrreiche Bemerkungen machen, wie ſehr ſich in der Zeit ſowohl der Aufwand als die Sit - ten und Geſinnungen an unſeren Teutſchen Hoͤfen geaͤndert haben. Ein herzoglicher Rentſchreiber ſchrieb einmal in ſein Tagebuch:” Heute dato iſt „ unſer Herzog mit allen ſeinen Junkern in das „ Weinhaus gegangen, haben da banketirt, und „ habe ich dafuͤr acht Thaler ausgezahlt, dat het „ ſchlampampen.” (s)Reißlers Reiſen Th. 1. S. 113., (Aufl. 2. S. 84.)Ein anderer Herzog ſchickte ſeinen Sohn auf Reiſen, und ſchrieb an einen Churfuͤrſten:” Nachdem unſer Sohn groß „ und bengelhaft wird, ſo finden wir noͤthig, ihn „ in die Fremde zu ſchicken, und vornehmlich an „ Eurer Liebden Hof, damit er daſelbſt mores lerne. „ WirM 5186VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. „ Wir haben ihn alſo mit einem reiſigen Knechte „ wohl verſehen.” (t)Reißler am a. O.Landgraf Philipp von Heſſen - Rheinfels (geb. 1541. † 1583.) hoͤrte, als er einen Beſuch von einigen Herren vom Hauſe Pfalz erwartete, daß ein gewiſſer Privatmann eben” große Welſche oder Indianiſche Haͤhne” hatte. Damit er nun” die Pfalzgrafen der Gebuͤhr nach wohl tractiren moͤchte,” bat er ihn, gegen Bezahlung ihm einen oder zwey ſolche Haͤhne zukommen zu laßen; der Cammerſchreiber ſollte die Schuld dafuͤr gleich entrichten. Auch ſchrieb er ſeinem Beamten: er moͤchte 200. Haͤmmel fuͤr ihn kaufen, die er zu Rheinfels in ſeinen Pfirch ſchlagen wollte(u)Schloͤzers Briefwechſel Th. 7. S. 198..
Eben dieſem Landgrafen Philipp machte ſein Bruder, der Landgraf Wilhelm der IV. von Heſſen - Caſſel, in einem weitlaͤuftigen Briefe vom 14. Maͤrz 1575. eine lebhafte Beſchreibung vom Verfalle des Fuͤrſtenſtandes, wie er ihn wegen des ſchon damals geſtiegenen Aufwandes beſorgte. Unter andern ließ er einfließen: Ihr Vater, Land - graf Philipp der Großmuͤthige, habe, ungeachtet er das ganze Land, das ſeine Soͤhne in vier Theile getheilt, zuſammen beſeſſen, und noch die Schmalkaldiſchen Bundesſachen zu beſorgen gehabt habe, dennoch nur einen Canzler, und einen Do - ctor, nebſt einem Secretaͤr gehabt, wovon der erſtere fuͤr 80. Fl., der andere fuͤr 50. Fl., der dritte zwanzig Jahre ohne Beſoldung gedienet. Jetzt habe ein jeder von ihnen weit mehr Docto - ren, Secretarien und Schreiber in hoher Beſol - dung. Zudem halte ein jeder einen ſolchen Hau -fen1874) Einige Eigenheiten der T. Verf. fen Jaͤger, Koͤche und Hausgeſinde, daß ſchier zu einem jeden Berge ein eigner Jaͤger, zu einem jeden Topfe ein eigner Koch, und zu jedem Faſſe ein Schenker ſey. Dazu komme das Spiel und Ausreiſen auf Taͤnze und zu fremden Fuͤrſten, wel - che beide Stuͤcke (fuͤgt er hinzu) den Beutel weid - lich fegen und raͤumen. Auch klagt er uͤber auf - kommende Welſche Pracht in Kleidung von Sam - met und Seide, und in Ausputzung der Pferde mit Federn und ſammeten Zeugen,” anders nicht, „ als waͤren wir Welſche Ziebetkatzen, welches ſich „ gar uͤbel in dieſe Landesart ſchicket. Denn wahr - „ lich Welſche und Teutſche Pracht dienet nicht zu - „ ſammen; ſintemal ob ſich wohl die Welſchen in „ Kleidung ſtattlich halten, ſo eſſen ſie deſto uͤbler „ und ſpahrſamer, laßen ſich mit einem Gerichte „ Eyer und Salat begnuͤgen, da die Teutſchen Maul „ und Bauch voll haben wollen.” (v)F. C. v. Moſer Teutſches Hofrecht Th. 1. S. 28-31.
Vergleicht man damit den Zuſtand der Teut -VI. ſchen Hoͤfe, wie ſie ſich nach den Zeiten des Weſt - phaͤliſchen Friedens nach und nach hervorthun, ſo zeigt ſich freylich ein ganz anderes Bild derſelben, wovon manches ſelbſt auf den beiden Congreſſen zu Muͤnſter und Osnabruͤck die erſte Grundlage be - kommen hat.
Unter andern aͤußerte ſich hier der Umſtand,VII. daß der Kaiſer Ferdinand der II. im Jahre 1636. der Republik Venedig in einem beſondern Decrete den Rang vor den Churfuͤrſten zugeſichert hatte, den doch ſelbſt das Haus Baiern, ehe es nochein -188VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. einmal die Churwuͤrde hatte, den Venetianern ſo wenig als auswaͤrtigen Fuͤrſten zugeſtehen wollen. Wie nun der Venetianiſche Botſchafter von den kaiſerlichen Geſandten zu Muͤnſter mit Kutſchen eingeholet, und mit dem Excellenztitel, der hier zuerſt als ein Eigenthum der Geſandten vom erſten Range in Gang kam, beehret worden war, ſo beides bisher die churfuͤrſtlichen Geſandten nicht erhalten hatten; ſo beſtanden die Churfuͤrſten darauf, daß ihnen fuͤr ihre Botſchafter nunmehr ein Gleiches zugeſtanden werden muͤßte, um der Republik Ve - nedig keinen Vorzug einraͤumen zu duͤrfen, ob - gleich dieſe wegen der Inſel Cypern, die ſie von 1473. bis 1570. als ein Koͤnigreich beſeſſen hatte, ſich in die Reihe der Koͤnige ſetzen wollte. Die Churfuͤrſten waren in ihrer Forderung ſo ſtand - haft, und wurden von den beiden Kronen Frank - reich und Schweden dergeſtalt unterſtuͤtzt, daß end - lich 1643. ein Courier die kaiſerliche Entſchließung uͤberbrachte: den churfuͤrſtlichen Botſchaftern dann in Gottes Namen die Excellenz zu geben.
Hiermit kamen nun die Churfuͤrſten in un - widerſprechlichen Beſitz, auf gleiche Art, wie Roͤ - nige, Geſandten vom erſten Range oder ſo ge - nannte Botſchafter, (Ambaſſadeurs) ſchicken zu koͤnnen. Sie fuhren auch fort, nicht nur uͤber Venedig, ſondern uͤberhaupt uͤber Republiken, de - ren Zahl jetzt ſelbſt mit den Helvetiſchen Cantons und den vereinigten Niederlanden vermehrt war, den Rang zu behaupten. Sie ruͤckten alſo (1653.) in Ferdinands des IV. Wahlcapitulation ein: daß weder auswaͤrtiger Potentaten und Fuͤrſten, noch der Republiken Geſandten die Praͤcedenz vor denchur -1894) Einige Eigenheiten der T. Verf. churfuͤrſtlichen Geſandten geſtattet, noch der Vor - wand, als waͤren die Republiken fuͤr gekroͤnte Haͤupter, und alſo denſelben in Wuͤrden gleich zu halten, geachtet werden ſollte. Nur gekroͤnter Koͤnige, oder koͤniglicher Wittwen und zur Regie - rung beſtimmter Pupillen Botſchafter ſollten chur - fuͤrſtlichen Geſandten, dieſe aber aller auswaͤrtigen Republiken Geſandten, und auch den Fuͤrſten in Perſon ohne Unterſchied vorgehen. Die dawider ehedem ertheilten kaiſerlichen Decrete (inſonderheit, wie hernach 1658. namentlich hinzugefuͤgt wurde, das von 1636.) ſollten abgeſtellt und kraftlos ſeyn. In der Folge haben ſie uͤber dieſes Vorrecht (1671. Aug. 24.) noch einen beſonderen Vertrag unter ſich geſchloſſen, und in den neueren Wahlcapitu - lationen (1711. u. f.) noch deutlicher beſtimmt, daß ihren Geſandten vom erſten Range, es moͤgen auch deren mehr, als einer, ſeyn, allen und jeden gleiche honores, in allem, wie den koͤniglichen Geſandten gegeben werden ſollen. So behaupten demnach die Churfuͤrſten bis auf den heutigen Tag, den Koͤnigen gleich gehalten zu werden.
Zu Begruͤndung dieſes Vorrechts beziehen ſieIX. ſich auf eine uralte von etlichen hundert Jahren her fortgeſetzte Obſervanz, vermoͤge deren ſie weder am kaiſerlichen noch an anderen Hoͤfen niemals anderen als gekroͤnten Haͤuptern oder koͤniglichen Wittwen und zur Regierung beſtimmten Pupillen gewichen ſeyen, ſondern jederzeit gleich nach den - ſelben ſowohl in Perſon als durch ihre Geſandten ihre Ehrenſtelle genommen und hergebracht haͤtten. Freylich ſchien ihnen der Umſtand entgegen zu ſtehen, daß ſie doch nicht ſo, wie Koͤnige und freyeRe -190VIII. Folgend. Weſtph. Fr. 1648-1657. Republiken, einer voͤlligen Unabhaͤngigkeit ſich zu erfreuen, ſondern noch Kaiſer und Reich als eine hoͤhere Gewalt uͤber ſich haͤtten. Allein in vori - gen Zeiten war der Mangel der Unabhaͤngigkeit kein ſolches Hinderniß, weil man es nicht fuͤr wi - derſprechend hielt, daß auch Koͤnige noch den Kai - ſer, als den Herrn der Welt und das ſichtbare weltliche Haupt der ganzen Chriſtenheit uͤber ſich haben koͤnnten; wie dann ſelbſt unter den Chur - fuͤrſten einer ihres Mittels Koͤnig in Boͤhmen war. Zudem hatte ſchon der Kaiſer Carl der IV. die Churfuͤrſten mit der Perſon des Kaiſers fuͤr ſo genau verbunden erklaͤret, daß, wer ſich an einem Chur - fuͤrſten vergriffe, eben ſo wie gegen den Kaiſer des Verbrechens beleidigter Majeſtaͤt ſchuldig erklaͤrt werden ſollte. Inſonderheit waren endlich bey den Kaiſerwahlen die Churfuͤrſten in der That ſo gut wie unabhaͤngig, und indem ſie da zugleich von anderen Maͤchten beſchickt wurden, hatten ſie immer Gelegenheit, ihren Geſandten auch in der wuͤrklichen Praxi die voͤllige Gleichheit mit koͤnig - lichen Geſandten zu verſchaffen.
Damit aber alles das nicht etwa bloß bey den Ehrenbezeugungen, die ſie fuͤr ihre Geſandten be - haupteten, ſtehen bliebe, fiengen nun die Churfuͤr - ſten bald an, auch ihre Hoͤfe auf den Fuß der koͤniglichen einzurichten. Hatte ein Churfuͤrſt vor - her etwa einen Hofmarſchall und etliche Cammer - junker und Edelknaben gehalten; ſo wurden jetzt Cammerherren und Oberſthofaͤmter, als ein Ober - hofmarſchall, Oberkaͤmmerer, Oberſtallmeiſter u. ſ. w. eingefuͤhrt. Auch in Curialien und im Ceremo - niel wurde alles hoͤher geſtimmt. Die Anrede:Durch -1914) Einige Eigenheiten der T. Verf. Durchlauchtigſter Churfuͤrſt, und Eure churfuͤrſt - liche Durchlaucht wurde gaͤng und gaͤbe gemacht. Das ganze Ceremoniel in der Hofhaltung ſelber und inſonderheit im Empfange fremder Geſandten wurde ganz nach dem Beyſpiele der koͤniglichen Hoͤfe eingerichtet; einige nur mehr nach dem Fran - zoͤſiſchen, einige nach dem Spaniſch-Burgundiſchen Zuſchnitt.
Alles das galt nun eigentlich nur von Chur -XI. fuͤrſten. An dem, was ihren Geſandten zu Muͤn - ſter und Osnabruͤck zugeſtanden war, hatten die Fuͤrſten keinen Theil bekommen. Ihnen hat man nie eingeraͤumt, andere Geſandten, als vom zwey - ten Range, zu ſchicken. Alle uͤbrige Gruͤnde, welche die Churfuͤrſten fuͤr ſich hatten, kamen auch nur denſelben, nicht den Fuͤrſten zu ſtatten. Inzwiſchen gab es verſchiedene Fuͤrſten, die mit den Churfuͤrſten von einem Hauſe waren, als die Herzoge von Pfalzneuburg, Zweybruͤcken, Wei - mar, Eiſenach, Gotha, die Marggrafen von An - ſpach und Bayreuth. Andere fuͤrſtliche Haͤuſer ſchienen wenigſtens manchem Churfuͤrſten, zumal den geiſtlichen, an Macht und Anſehen nicht viel nachgeben zu duͤrfen. Was war da anders zu erwarten, als Nacheiferung in Vergroͤßerung des Hofſtaats, in Erhoͤhung der Curialien und des Ceremoniels(w)Im Jahre 1700. wurde zu Nuͤrnberg im Namen der correſpondirenden altfuͤrſtlichen Haͤuſer ein beſonderer Schluß daruͤber gefaſſet: daß es billig und noͤthig ſey, bey den fuͤrſtlichen Hoͤfenin, und in moͤglichſter Gleichſetzung der fuͤrſtlichen mit allen anderen Geſandten?
Ahm -192VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657.Ahmten aber ſo die groͤßeren altfuͤrſtlichen Haͤuſer den churfuͤrſtlichen nach, ſo merkte man bald, daß auch die geiſtlichen Fuͤrſten nicht zuruͤck - bleiben wollten. Auch mindermaͤchtige altfuͤrſtliche Haͤuſer thaten ein Gleiches. Denen folgten wie - der neufuͤrſtliche Haͤuſer, dieſen die Reichsgrafen; endlich fehlte nicht viel, daß nicht auch Reichs - praͤlaten und Reichsritter an dieſem Geiſte der Nacheiferungsſucht Theil nahmen. So kam es beynahe dahin, wie der erhabene Verfaſſer des An - timachiavells die Beſchreibung davon macht, daß kaum ein Laͤndchen in Teutſchland uͤbrig blieb, deſſen regierender Herr ſich nicht duͤnkte, etwas aͤhnliches von Ludewig dem XIV. zu ſeyn, ſein Verſailles zu bauen, Maͤtreſſen und Soldaten zu halten(x)Antimachiavel chap. 10..
Noch(w)in Chargen und Titeln den churfuͤrſtlichen ſich gleich zu halten. Zu dem Ende ſey den Premiermini - ſtern und wuͤrklichen geheimen Raͤthen der Titel Excellenz, wie bey den churfuͤrſtlichen Hoͤfen, zu geben. Und weil die Churfuͤrſten auch eine beſon - dere Praͤrogativ durch die Cammerherren ſuchten, da doch erſt vor 30. Jahren dieſe Chargen bey den Churfuͤrſten angefangen, nachdem ſie vorher nur an kaiſer - und koͤniglichen Hoͤfen geweſen; ſo haͤt - ten die Reichsfuͤrſten auch dergleichen Chargen an ihren Hoͤfen einzufuͤhren,” zumal da es keine wei - „ tere Speſen oder Unkoſten verurſache, ſondern „ an ſtatt des Cammerjunkers der Titel Cammer - „ herr gegeben werden koͤnne.” Doch ſey darauf zu ſehen, daß er nur ſolchen Perſonen gegeben werde, die nicht geringer, als Raͤthe, General - wachtmeiſter oder Oberſten, im Range ſtaͤnden, damit ſie an churfuͤrſtlichen Hoͤfen oder an dritten Orten keine Schwierigkeit finden moͤchten. Moſers Staatsrecht Th. 35. S. 484.
1934) Einige Eigenheiten der T. Verf.Noch ein Umſtand, der die Zeiten vor undXIII. nach dem Weſtphaͤliſchen Frieden ſehr unterſchie - den macht, beſtand in der merklichen Vergroͤße - rung verſchiedener Saͤuſer. Einige derſelben hatten unmittelbar durch den Frieden ſelbſt be - traͤchtlich gewonnen, als die Haͤuſer Brandenburg, Mecklenburg und Heſſen an ſeculariſirten Stiftern; ſo wie faſt alle proteſtantiſche Reichsſtaͤnde an Einkuͤnften ehemaliger Kloͤſter und Stifter, die ihnen der Beſitz vom 1. Jan. 1624. nunmehr auf ewig ſicherte. Nach und nach entſchloſſen ſich auch immer mehrere Haͤuſer das Recht der Erſtgebuhrt einzufuͤhren, ſo daß in einem jeden ſolchen Hauſe, oder doch in einer ſolchen Linie, worin dieſe Succeſſionsordnung beliebt wurde, von nun an immer nur Ein regierender Herr ſeyn ſollte; wodurch dann nicht nur weiteren Verthei - lungen ſolcher Laͤnder vorgebeugt, ſondern auch dazu der Grund gelegt wurde, daß durch heim - fallende oder ſonſt neu zu erwerbende Laͤnder auch in Zukunft immer groͤßerer Zuwachs des Hauſes zu hoffen war; wie inſonderheit das Beyſpiel des Hauſes Brandenburg immer einleuchtender werden mußte.
In manchen Haͤuſern wurde zwar noch denXIV. nachgebohrnen Herren ein Stuͤck Landes zur eignen Bewohnung und Benutzung, nur mit Vorbehalt der Hoheit fuͤr den regierenden Herrn, angewie - ſen, wie im Hauſe Heſſen-Caſſel der Nebenlinie von Heſſen-Rheinfels und Rotenburg, und im Hauſe Heſſendarmſtadt den Landgrafen von Hom - burg an der Hoͤhe, im Hauſe AnhaltbernburgP. Entw. d. Staatsverf. Th. II. Neiner194VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657einer Nebenlinie von Anhalt-Hoym, im Hauſe Lippe den Grafen von Brake, in Iſenburg den Grafen von Philippseich u. ſ. w. Doch in allen dieſen Faͤllen erwuchſen uͤber das eigentliche Ver - haͤltniß zwiſchen den regierenden und nachgebohr - nen Herren in der Folge ſolche Streitigkeiten, daß dieſe Einrichtung bald ihren Beyfall verlohr, und zuletzt alle nachgebohrne Herren meiſt nur auf den Genuß einer Penſion an baarem Gelde ge - ſetzt wurden. Auch damit naͤherten ſich unſere Teutſche beſondere Staaten der Art, wie ganze Koͤnigreiche regiert und vererbt, und Prinzen von Gebluͤte nur mit gewiſſen Einkuͤnften an Gelde verſehen werden, noch immer mehr.
I. II. Die Teutſchen Staͤdte kamen faſt alle mit dem Verfall der Hanſe und der Handlung in große Abnahme. — III. Dazu kamen die auſſerordentlichen Unfaͤlle des dreyßig - jaͤhrigen Krieges, — IV. wovon ſich wenige Staͤdte haben erholen koͤnnen. — V. Auf Landtagen zogen ſie uͤberdies gegen Praͤlaten und Adeliche meiſt den kuͤrzern, — VI-XI. inſonderheit in Anſehung der Steuerfreyheit und Landes - ſchulden. — XII-XV. Auch kamen die meiſten Landſtaͤdte in weit groͤßere Abhaͤngigkeit von ihren Landesherren, als in vorigen Zeiten.
In den meiſten Laͤndern zeigte ſich nach denI. Zeiten des Weſtphaͤliſchen Friedens noch inſon - derheit ein ſehr veraͤndertes Verhaͤltniß zwiſchen den darin gelegenen Staͤdten und ihren Landesherren. Schon waͤhrend des dreyßigjaͤhrigen Krieges gieng fuͤr viele Staͤdte eine maͤchtige Stuͤtze zu Grunde, die ſie bisher an der Hanſe gehabt hatten. Neue Handlungsgrundſaͤtze, die in den Niederlanden ſchon unter Carl dem V., und in England unter der Koͤniginn Eliſabeth aufgekommen waren, nebſt dem Widerwillen, den man in Daͤnemark und Schweden gegen die Hanſe gefaſſet hatte, legten den erſten Grund dazu, daß die Handlungsvor - theile der Teutſchen Hanſe nach und nach verloh - ren giengen; woruͤber viele Staͤdte, die nicht mehr den bisherigen Vortheil genoſſen, und nun nur die Laſt der Geldbeytraͤge fuͤhlten, ſich der Hanſe zu entziehen anfiengen. Noch im dreyßigjaͤhrigenN 2Krie -196VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. Kriege rechnete Ferdinand der II. darauf, durch die Hanſe eine Flotte auf der Oſtſee in Stand zu bringen; in welcher Abſicht er in den Jahren 1626. 1628. eine Zuſammenkunft der Staͤdte Luͤbeck, Hamburg, Roſtock, Wismar, Stralſund und Lauenburg veranlaßte, und der Hanſe aufs neue zu großen Handlungsvortheilen in den Spaniſchen Staaten Hoffnung machte. Er konnte aber ſeine Abſicht nicht erreichen. Als hernach im Jahre 1630. wieder ein Hanſetag ausgeſchrieben war, da aber faſt alle Staͤdte ausblieben, und die mei - ſten eine Abneigung bezeigten den Bund fortzu - ſetzen; ward derſelbe nur noch von den drey Reichs - ſtaͤdten Luͤbeck, Hamburg und Bremen erneuert, die ſeitdem bis auf den heutigen Tag in dieſer Verbindung noch geblieben ſind(y)Buͤſch Welthaͤndel (Aufl. 2. Hamb. 1783. 8.) S. 136-140..
Wenn alſo gleich im Osnabruͤckiſchen Frieden die Krone Schweden verbindlich gemacht ward, den Hanſeſtaͤdten die Freyheit der Handlung und Schifffahrt, wie ſie ſolche vor dem Kriege gehabt, aufrecht zu erhalten(z)Osnabr. Friede Art. 10. §. 16., ſo hat doch das den Teutſchen Landſtaͤdten, die ſonſt in ſo großer An - zahl an dieſem Bunde Theil genommen hatten, nicht mehr zu ſtatten kommen koͤnnen. Eine mit Beziehung auf dieſe Verordnung des Weſtphaͤli - ſchen Friedens ſeit 1742. in die neueren Wahl - capitulationen eingeruͤckte Stelle verſpricht zwar noch die Handlung treibenden Staͤdte uͤberhaupt, namentlich aber doch inſonderheit die vor anderenzum1975) Veraͤnderter Zuſtand der Staͤdte. zum gemeinen Beſten zur See trafikirenden Staͤdte Luͤbeck, Bremen und Hamburg bey ihrer Schiff - fahrt und Handlung, Rechten und Freyheiten zu ſchuͤtzen(a)Wahlcap. Art. 7. §. 2.. Von anderen Staͤdten ſind außer einigen wenigen, denen ihre Lage an der Oſtſee oder an einem großen Strohme, oder etwa eine beſondere Meß - und Stapelfreyheit, oder eine beſondere Fabrik und Handlungs-Induͤſtrie noch zu ſtatten gekommen, ſeit dem Weſtphaͤliſchen Frie - den wenige uͤbrig geblieben, die ſich betraͤchtlicher Handlungsvortheile ruͤhmen koͤnnen.
Auch ſonſt haben meiſt nur ſolche Staͤdte, inIII. welchen etwa eine landesherrliche Reſidenz und Hofhaltung, oder eine Univerſitaͤt, oder ein be - ruͤhmtes mineraliſches Waſſer, oder Salzwerk, Bergbau und dergleichen Gewerbe iſt, noch wie - der in einige Aufnahme gebracht werden koͤnnen. Gar viele Landſtaͤdte haben ſich von den Unfaͤl - len des dreyßigjaͤhrigen Krieges her gar nicht wieder erholen koͤnnen. Es wuͤrde aber auch ein alle Erwartung uͤbertreffend ſchreckliches Bild ſeyn, wenn man jede einzelne Teutſche Stadt in dem Zuſtande, wie ſie vor und in dem dreyßigjaͤhrigen Kriege geweſen, in einer treu verglichenen Abbil - dung vor ſich ſehen ſollte. — Eine Stadt, wie Magdeburg, vor der Tillyſchen Zerſtoͤhrung von 30. tauſend Einwohnern auf einmal bis auf 400. zu Grunde gerichtet, und keinen Stein auf dem andern gelaßen. — Die Stadt Frankenthal von 1800. Buͤrgern, die meiſt Kuͤnſtler und Fabrican - ten waren, auf 324. Einwohner zuſammenge -ſchmol -N 3198VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. ſchmolzen. — In Goͤttingen von 1000. Haͤuſern im Kriege 179. niedergeriſſen oder umgefallen, 237. ledig und wuͤſt ſtehen geblieben, 137. nur von Wittwen, 460. von Buͤrgern oder Fremden bewohnt. — In Minden 1625. eine Tillyſche Beſatzung, die in zwey Jahren 600. tauſend Rthr. koſtete, wovon noch jetzt ſo genannte Eintheilungs - capitalien auf den Buͤrgerhaͤuſern haften. — In dem einzigen Wuͤrtenbergiſchen Amte und Stadt Leonberg 1270. Buͤrger abgegangen, 885. Haͤuſer verbranut, 11594. Morgen Aecker unbebaut liegen geblieben. — Im ganzen Herzogthume Wuͤrtenberg 57721. Haushaltungen eingegangen, 8. Staͤdte, 45. Doͤrfer, 158. Pfarr - und Schulhaͤuſer, 65. Kirchen, und 36086. Privathaͤuſer abgebrannt! — Wenn man mehr ſolche Verzeichniſſe von Laͤndern und Staͤdten haͤtte; wuͤrde man da nicht bewun - dern muͤßen, daß ſolche Wunden doch noch ſo, wie es geſchehen iſt, nach hergeſtelltem Frieden haben geheilt oder verſchmerzt werden koͤnnen?
Der Bevoͤlkerung ward zwar damit etwas aufgeholfen, daß von den abgedankten Kriegshee - ren viele da, wo ſie ſich eben befanden, oder wo es ihnen vorzuͤglich gefiel, ſich verheiratheten und haͤuslich niederließen(b)Im Wuͤrtenbergiſchen blieben auf einmal zwey tauſend Mann von der Schwediſchen Armee; Weiber und Land mochten ſie leicht gnug fuͤr ſich finden. Sattlers Wuͤrtenb. Geſch. Th. 9. S. 97., Spittlers Wuͤrtenb. Geſch. S. 274.. Auch von Fluͤchtlingen, die ſich in andere Laͤnder begeben hatten, mochten ſich wohl viele in ihrem verlaßenen Vaterlande wieder einfinden. Aber den vorigen Wohlſtand wieder zufinden,1995) Veraͤnderter Zuſtand der Staͤdte. finden, oder von neuem herzuſtellen, das war eine ganz andere Sache; zumal da jetzt uͤberall Nach - traͤge zu den Schulden, die im Kriege gemacht waren, und noch die ganz neue Laſt des Beytra - ges zu den fuͤnf Schwediſchen Millionen hinzukam.
In vielen Laͤndern wurde jetzt freylich Land -V. tag auf Landtag gehalten, um das landſchaftliche Schuldenweſen in Ordnung zu bringen, und an - dere gemeinnuͤtzige Anſtalten zu treffen. Allein hier zeigte ſich wieder ein Umſtand, der in der Ver - faſſung der meiſten Laͤnder bis auf den heutigen Tag nicht zu heben geweſen, aber den Staͤdten und der von deren Gewerbe zu erwartenden Aufnahme der Laͤnder aͤußerſt nachtheilig iſt. Auf Landtagen haben zwar Staͤdte, ſo gut wie der Adel und Praͤlatenſtand, ihre Stimmen; ohne ihre Einwil - ligung koͤnnen auch den Einwohnern der Staͤdte keine Laſten aufgebuͤrdet werden. Allein von Sei - ten der Ritterſchaft kann ein jeder Beſitzer eines Rittergutes auf dem Landtage erſcheinen, und fuͤr ſich ſelber ſprechen; jeder Praͤlat desgleichen. Von Staͤdten erſcheinen nur Deputirte, die zuſammen - genommen ſelten das Gewicht haben, wie der Praͤ - latenſtand und die Ritterſchaft. Auch gehoͤrt fuͤr einen jeden einzeln ſchon eine große Gabe von Be - redtſamkeit und Geſchicklichkeit, und nicht wenig Herzhaftigkeit, Standhaftigkeit und patriotiſche Geſinnung dazu, wenn er das Intereſſe der Stadt mit eben dem Eifer und Erfolge wahren ſoll, wie jene Herren ihre eigne Sache wahren.
Nun waren freylich beym Urſprunge des Teut -VI. ſchen Steuerweſens die Umſtaͤnde ſo, daß die Lan -N 4des -200VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. desherren bey den Landſtaͤnden gemeiniglich nur darauf antrugen, daß bewilliget werden moͤchte, die Unterthanen nicht nur in den landesherrlichen Aemtern, ſondern auch in den praͤlatiſchen und adelichen Gerichten ſowohl als in den Staͤdten mit Steuern zu belegen, um die meiſt verſchuldeten Cammerguͤter zu retten, oder auch wohl zur Er - gaͤnzung deſſen, wozu deren Einkuͤnfte nicht mehr hinreichen wollten, dem Landesherrn unter die Ar - me zu greifen. So wenig hier des Landesherrn eignes Cammergut mit in die Beſteurung gezogen wurde; ſo wenig war auch nur die Abſicht, we - der des Praͤlaten eignes Gut, noch die Ritterguͤ - ter ſelbſt mit Steuern zu belegen, ſondern es galt nur um eine allgemeine Beſteurung der Bauern, die ohne Einwilligung der Praͤlaten und der Ritterſchaft uͤber deren Hinterſaſſen ſonſt nicht ſtatt gefunden haͤtte. In ſo weit war alſo in Anſehung jener Steuern, die nur zur Rettung oder Ergaͤnzung der landesherrlichen Cammerguͤter bewilliget wurden, allerdings eine Steuerfreyheit der Praͤlaten und des Adels gegruͤndet, daß ſie nicht fuͤr ihre eigne Guͤter, die ſie ſelbſt in ihrem unmittelbaren Genuß hatten, ſondern nur fuͤr die Bauern, deren Gerichts - oder Gutsherren ſie wa - ren, die Steuern bewilligten.
Dieſe Steuerfreyheit wurde noch dadurch un - terſtuͤtzt, daß der Praͤlat auf die Immunitaͤt, wel - che von alten Zeiten her vermoͤge der paͤbſtlichen Rechte allen Kirchenguͤtern zukaͤme, und der Adel auf die Lehnsdienſte mit Ritterpferden, womit er ſein Rittergut mit eigner Ausruͤſtung in eigner Perſon verdienen muͤße, ſich berief. Beides warauf2015) Veraͤnderter Zuſtand der Staͤdte. auf Staͤdte nicht anwendbar; nur in jener Ruͤck - ſicht wurde ihnen auch eine Steuerfreyheit zuge - ſtanden, daß von demjenigen, was die Staͤdte ſelbſt als ihr Eigenthum im Ganzen beſaßen, oder von den gemeinen Stadt - und Kaͤmmereyguͤtern, keine Steuern bezahlt werden durften, ſondern nur von jeden einzelnen Buͤrgern und Einwohnern der Staͤdte. Allein was war das nicht fuͤr ein großer Unterſchied: Gegen zehn Staͤdte in einem Lande konnten leicht etliche hundert Ritterguͤter ſeyn; dieſe blieben einzeln alle ſteuerfrey, und mußten nur ihre Hinterſaſſen beſteuern laßen; jene genoſ - ſen nur eine Freyheit in Anſehung ihres Geſammt - eigenthums; jeder einzelner Buͤrger mußte bezah - len. Alſo fiel die ganze Laſt des Steuerweſens auf den Buͤrger und Bauern, und druͤckte jenen deſto empfindlicher, je groͤßere Beytraͤge von den Staͤdten nach Verhaͤltniß der Anzahl und ange - nommenen Vermoͤgensumſtaͤnde ihrer Einwohner erwartet wurden, und je mehr gemeiniglich uͤber - das eine jede Stadt noch ihre eigne Schuldenlaſt und vielerley andere Anſtalten hatte, zu deren Unterhaltung jeder Buͤrger das ſeinige beytra - gen mußte.
Nun mochte das alles endlich ſeyn, ſofern vonVIII. Steuern zu Ergaͤnzung der landesherrlichen Cam - mereinkuͤnfte die Rede war. Aber wenn doch nun in Kriegszeiten ein feindliches Heer von einem ganzen Lande Forderungen machte, und, im Fall ihnen kein Gnuͤge geſchaͤhe, mit Feuer und Schwerdte drohete, — wenn dann ſolche Brandſchatzungen wuͤrklich geliefert, oder zu deren Befriedigung Gel - der aufgenommen wurden, und damit das ganzeN 5Land202VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. Land ſich von Verheerung rettete; — ſollten da auch der Praͤlaten eigne Guͤter und die Ritterguͤ - ter des Adels frey ſeyn? — Da trat unſtreitig ein ganz anderer Grund der Beſteurung ein; wo - bey weder die Immunitaͤt der Geiſtlichkeit, noch die Dienſtleiſtung der Ritterpferde da in Betrach - tung kommen konnte; wie daher ſchon unter Carl dem V. mehrmalen die Verbindlichkeit zur Tuͤrken - ſteuer, ohne irgend auf einige Steuerfreyheit Ruͤck - ſicht zu nehmen, ganz allgemein anerkannt worden war. — Und wie wenn vollends der Dienſt mit Ritterpferden ganz aufhoͤrte, wie derſelbe wuͤrk - lich im dreyßigjaͤhrigen Kriege nur noch ſelten, hernach faſt gar nicht mehr vorkam, und endlich bey der ganz veraͤnderten Kriegsart ganz aus dem Gange gekommen iſt? —
Nichts deſto weniger hat der Adel und Praͤ - latenſtand in den meiſten Laͤndern jene alte Steuer - freyheit, wo nicht ganz unbeſchraͤnkt, doch bis auf geringe unverhaͤltnißmaͤßige Beytraͤge auch in ſolchen Faͤllen behauptet, wo nach richtigen Grundſaͤtzen des allgemeinen Staatsrechts bil - lig ein jedes Mitglied eines Landes nach Verhaͤlt - niß ſeines Vermoͤgens und des Schutzes und an - derer Vortheile, die er davon im Lande genießt, auch das ſeinige zur allgemeinen Mitleidenheit bey - tragen ſollte. Inſonderheit war das der Fall in vielen Laͤndern mit den Schulden, welche von gan - zen Landſchaften zu Entrichtung ihrer Beytraͤge zu den Schwediſchen fuͤnf Millionen oder auch wegen anderer Drangſale des dreyßigjaͤhrigen Krieges hatten gemacht werden muͤßen.
Nicht2035) Veraͤnderter Zuſtand der Staͤdte.Nicht ſelten geſchah es zugleich, daß einzelneX. Praͤlaten oder Edelleute, oder auch wohl die Lan - desherrſchaften ſelbſt das Geld, ſo die Landſchaft aufnehmen mußte, auf deren Credit entweder ſelbſt verzinslich vorſchoſſen, oder doch in der Folge von anderen Glaͤubigern, welche ihre Capitalien dazu hergeliehen hatten, die daruͤber erhaltenen land - ſchaftlichen Schuld - und Pfandverſchreibungen ein - loͤſeten. Alsdann gab es ſelten beſſere Mittel, Capitalien auf Zinſen ſo ſicher anzubringen. Was haͤtte nun Landesherren oder auch Praͤlaten und Ritterſchaft bewegen ſollen, auf Abtragung ſolcher landſchaftlichen Capitalien oder auf Verminderung dieſer Art Nationalſchulden ſonderlich bedacht zu ſeyn?
So geriethen aber ganz natuͤrlich inſonderheitXI. die Staͤdte immer tiefer in unabſehlich fortwaͤhrende Steuerlaſten. Und wie waͤre es da moͤglich geweſen, daß Staͤdte in Aufnahme haͤtten kommen koͤnnen? — zumal wenn nun noch in manchen Gegenden hin - zukam, daß Praͤlaten und Ritterſchaft auf ihren Guͤtern oder in ihren Gerichtsdoͤrfern zum Theil ſelbſt ſolche Anſtalten unterhielten, die man bis - her nur als ein Eigenthum der buͤrgerlichen Nah - rung in Staͤdten angeſehen hatte, als Bierbraue - reyen zum feilen Kaufe, Kaufmannſchaft, zuͤnftige Handwerker, u. d. g.
Hin und wieder mochte auch wohl in StaͤdtenXII. bey der Art, wie ihre Stadtobrigkeit beſetzt war, und wie das gemeine Stadtweſen verwaltet wurde, manches zu erinnern ſeyn. Wenigſtens fehlte esda204VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. da nicht an Klagen der Buͤrgerſchaft, daß der Stadt - rath meiſt aus Perſonen, die mit einander verwandt oder verſchwaͤgert waͤren, beſtaͤnde; daß gemeine Stadtguͤter zum Theil zu Privatvortheilen ver - wandt wuͤrden; daß keine richtige Rechnung ge - ſchaͤhe u. ſ. w. Um alles das hatte bisher ſelten ein Landesherr ſich mit Nachdruck bekuͤmmern duͤr - fen, ſo lange jede Stadt ſelbſt ihre Wehr und Waffen hatte, und durch Verbindung mit der Hanſe oder anderen Staͤdten ſich in einer gewiſſen Unabhaͤngigkeit zu erhalten wußte. Doch dieſe Umſtaͤnde hatten ſich nun mit den Zeiten des drey - ßigjaͤhrigen Krieges und Weſtphaͤliſchen Friedens gar ſehr geaͤndert. Viele Staͤdte hatten ſich ſchon zur Abhaͤngigkeit von ihren Landesherren bequemen muͤßen; andere wurden nach und nach noch immer mehr dazu genoͤthiget. Und dabey gewannen nun allerdings viele Staͤdte fuͤr ihre innere Aufnahme, wenn eine billige Landesherrſchaft nur in der Abſicht, ſie wieder empor zu bringen, ſich um ihre innere Wirthſchaft bekuͤmmerte.
Unſer Goͤttingen kann ſelbſt davon ein Bey - ſpiel abgeben. Erſt im Jahre 1664. nahm Her - zog Chriſtian Ludewig das der Stadt verſetzt gewe - ſene Gerichtsſchulzenamt, wie auch Zoll, Muͤnze und Wechſel, nach geſchehener Einloͤſung wieder in Beſitz. Hernach erkannte Herzog Johann Friede - rich im Jahre 1677. eine Commiſſion uͤber Klage der Gilden wegen uͤbler Verwaltung der Stadt - kaͤmmerey, wegen ungleicher Eintheilung der ge - meinen Beſchwerden, wegen ſchlechter Einrichtung des Brauweſens, wegen uͤbler Beſetzung der Raths -ſtellen2055) Veraͤnderter Zuſtand der Staͤdte. ſtellen u. ſ. w. Zuletzt erließ Herzog Ernſt Auguſt im Jahre 1690. gar den ganzen Rath, und be - ſtellte ihn ganz von neuem(c)Goͤttingiſche Chronik Th. 1. S. 214. 218. 220..
Wie ſehr ſtach aber auch nunmehr das Verhaͤlt -XIV. niß der Stadt gegen ihren Landesherrn oder andere fuͤrſtliche Perſonen gegen vorige Zeiten ab? Als im Jahre 1500. eine Mecklenburgiſche Prinzeſſinn nach Caſſel vermaͤhlt ward, und nebſt ihren fuͤrſt - lichen Eltern und Geſchwiſtern mit 400. Reitpfer - den und 200. Wagenpferden durch Goͤttingen kam; ſchickte ihr der Rath von Goͤttingen zwey Raths - freunde mit 40. Pferden ungefaͤhr auf 2. Stun - den entgegen, und ſtellte 300. geharniſchte Buͤr - ger an das Thor, wo ſie hereinkamen, da in - zwiſchen die anderen Thore geſchloſſen gehalten wurden. Die fuͤrſtlichen Herrſchaften wurden hernach in verſchiedene Herbergen verlegt, und mit einem Faſſe Eimbecker Bier, 10. Stuͤbchen Wein, 10. Malter Haber ꝛc. beſchenkt(d)Goͤtting. Chron. Th. 1. S. 21..
Noch im Jahre 1571. ward der Rath derXV. Stadt Goͤttingen von ihrem angebohrnen Landes - fuͤrſten, Herzog Julius zu Braunſchweig, zu Ge - vattern gebeten, und ſchickte zwey Rathsherren mit einem Secretaͤr dahin, die Gevatterſchaft zu uͤbernehmen. Auch der Erbprinz Henrich Julius ließ im Jahre 1585. den Goͤttingiſchen Stadtrath zur Feier ſeiner Vermaͤhlung mit einer Saͤchſiſchen Prinzeſſinn nach Wolfenbuͤttel einladen; wo auchdie206VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. die Buͤrgermeiſter mit ihren Trabanten und noch fuͤnf Knechten alle wohl ausſtaffiert erſchienen(e)Goͤtting. Chron. Th. 1. S. 23.. Damals fand ſich aber auch die Stadt noch meiſt in ſolcher Aufnahme, wie man ums Jahr 1475. allein von Tuch - und Zeugmachern 800. Meiſter zu Goͤttingen gezehlt hatte, und wie man gewohnt war, daß Kaufleute von Augsburg, Frankfurt, Nuͤrnberg, Luͤbeck, Hamburg, Leipzig und Luͤne - burg auf den Goͤttingiſchen Jahrmarkt kamen. Auch hatte die Stadt nicht nur mehrere Doͤrfer, ſondern auch ein ganzes benachbartes Amt, und noch ein adeliches Gericht Pfandweiſe in Beſitz(f)Goͤtting. Chron. Th. 1. S. 37. 38.. ‒ Ich denke, dieſes einzige Beyſpiel kann hinlaͤng - lich ſeyn, um ſich einigen Begriff davon zu ma - chen, wie ſehr ſich der Zuſtand vieler, wo nicht der meiſten Teutſchen Landſtaͤdte mit den Zeiten des dreyßigjaͤhrigen Krieges und Weſtphaͤliſchen Friedens geaͤndert hat.
I. Alle Reichsſtaͤdte haben eine republicaniſche Regie - rungsform; — II. III. nur mehr oder minder ariſtocra - tiſch; — IV. zum Theil auch wohl democratiſch. — V. Ei - nige haben noch Ueberbleibſel ehemaliger Reichsvogteyen. — VI. Uebrigens hat eine jede Reichsſtadt jetzt ihre Landes - hoheit. — VII. Der Kaiſer erhebt aber noch eine jaͤhrliche Steuer aus einigen Reichsſtaͤdten; — uͤbt auch ſonſt wohl noch mehr Gewalt uͤber Reichsſtaͤdte als uͤber andere Reichs - ſtaͤnde aus.
Nun habe ich nur noch uͤbrig, auch von unſerenI. Reichsſtaͤdten etwas zu gedenken, da ſolche unter der bisher beſchriebenen Verfaſſung der Teut - ſchen Fuͤrſtenthuͤmer und Grafſchaften nicht begrif - fen ſind, ſondern wieder ihre einer jeden eigenthuͤm - liche Verfaſſung haben. Man wuͤrde ſich ſehr ir - ren, wenn man daͤchte, daß vielleicht alle Reichsſtaͤdte in ihrer innerlichen Einrichtung auf einerley Fuß geſetzt waͤren. Nein, auch hier hat Teutſche Frey - heit das zuwegegebracht, daß eine jede Stadt ihre innere Einrichtung voͤllig nach ihrer eignen Con - venienz hat machen koͤnnen. Zwar das haben Reichsſtaͤdte mit anderen Teutſchen Staͤdten ge - mein, daß ein Collegium, das gemeiniglich den Namen Buͤrgermeiſter und Rath fuͤhret, die Obrig - keit der Stadt ausmacht. In ſo weit haben alſo alle Reichsſtaͤdte eine republicaniſche Regierungs - form, daß keine derſelben etwa von einem ein - zelnen Befehlshaber auf monarchiſchen Fuß regie -ret208VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. ret wird. Vielmehr iſt dadurch, daß die meiſten Reichsſtaͤdte das ehemalige kaiſerliche Recht, einen Reichsvogt oder Reichsſchultheißen in einer jeden Reichsſtadt zu halten, mit der im Weſtphaͤliſchen Frieden feſtgeſetzten Unwiederloͤslichkeit der Reichs - pfandſchaften auf beſtaͤndig an ſich gebracht haben, ihre republicaniſche Freyheit jetzt auf feſten Fuß geſetzt. Aber ob nun der Magiſtrat in der Reichs - ſtadt ariſtocratiſch, oder mit Zuziehung der Buͤr - gerſchaft mehr oder minder democratiſch die Regie - rung zu fuͤhren habe, das iſt noch eine ganz an - dere Frage.
In vielen Reichsſtaͤdten hat es hieruͤber manch - mal blutige Auftritte gegeben, da oft die Gilden gewaltſam der Obrigkeit ſich widerſetzt haben, wenn dieſelbe ihrer Meynung nach deſpotiſch und unrecht zu Werke gehen wollen. Nachdem alsdann der eine oder der andere Theil in ſolchen buͤrgerlichen Kriegen den kuͤrzern gezogen, und mehr oder min - der nachtheilige Vergleichsvertraͤge eingehen muͤßen; oder nachdem auch manchmal die Beſchwerden an den Kaiſer oder an eines der hoͤchſten Reichsge - richte gediehen, und von dieſen Gerichtsſtellen ſel - ber oder durch kaiſerliche Localcommiſſionen Ent - ſcheidungen erfolget ſind; hat bald der Magiſtrat, bald die Buͤrgerſchaft den Vortheil auf ihrer Seite erhalten.
So gibt es einige Reichsſtaͤdte, die ſehr ari - ſtocratiſch regiert werden, wie die Reichsſtadt Nuͤrnberg; zum Theil auf eine ſolche Art, die von allen Regierungsformen die gehaͤſſigſte iſt, daß beynahe auf den Fuß einer erblichen Ariſtocratiegewiſſe2096) Verfaſſung der Reichsſtaͤdte. gewiſſe adeliche oder patriciſche Geſchlechter aus - ſchließlich oder doch vorzuͤglich in den Rath zu kom - men berechtiget ſind. Verſchiedentlich hat das je - doch ſo gemildert werden muͤßen, daß keine nahe Verwandte zu gleicher Zeit im Rathe ſeyn duͤrfen, und daß außer einigen etwa privilegirten Geſchlech - tern doch auch andere vom Buͤrgerſtande zum Ra - the genommen werden muͤßen; oder auch, daß in Beſtimmung der jedesmal zu befoͤrdernden Perſo - nen theils die Buͤrgerſchaft mittelſt eines zu thuen - den Vorſchlages oder auch mit einer Excluſivſtim - me mit beywirken kann, oder theils auch das Loos unter mehreren den Ausſchlag zu geben gebraucht wird.
In vielen Reichsſtaͤdten hat ſich der MagiſtratIV. allerley Arten von Einſchraͤnkungen muͤßen gefallen laßen, als daß zu Abfaſſung neuer Geſetze, zu Einfuͤhrung neuer Auflagen, zu willkuͤhrlichen Aus - gaben, die uͤber gewiſſe Summen gehen, zu Ver - aͤußerungen gemeiner Stadtguͤter u. ſ. w. die Ein - willigung der Buͤrgerſchaft erfordert wird, daß derſelben die Rechnungen uͤber Einnahme und Aus - gabe vorgelegt werden muͤßen, und was dergleichen mehr iſt. Das alles macht nun zwar noch keine eigentliche Democratie aus, ſo lange nicht der Ma - giſtrat als ein der geſammten Stadt und Buͤrger - ſchaft ſubordinirtes Collegium anzuſehen iſt. Man hat auch nicht noͤthig, eine aus Ariſtocratie und Democratie vermiſchte Regierungsform daraus zu machen. Sondern ſo, wie Monarchien in ſolche, die durch Staͤnde eingeſchraͤnkt, oder es nicht ſind, eingetheilt werden, ſo laßen ſich auch zweyerley Gattungen von Ariſtocratien denken, nachdem dieP. Entw. d. Staatsverf. Th. II. OAri -210VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. Ariſtocratien entweder in gewiſſen Faͤllen an Ein - willigung des Volks gebunden ſind, oder alles nur fuͤr ſich thun koͤnnen. Und jene Gattung einge - ſchraͤnkter ariſtocratiſcher Regierungsform iſt ei - gentlich die, welche in den meiſten Reichsſtaͤdten, wo die Buͤrgerſchaft in wichtigen Dingen ihre Ein - willigung zu geben hat, wuͤrklich obwaltet. In - zwiſchen hat in mancher Reichsſtadt, z. B. ſelbſt in Hamburg, als ein Grundſatz angenommen wer - den muͤßen, daß das Kyrion (τὸ κύριον, mit die - ſem Griechiſchen Worte hat man da die eigentliche Regierungsmacht auszudruͤcken geſucht,) nicht dem Magiſtrate alleine, ſondern dem Rathe und der Buͤrgerſchaft insgeſammt zuſtehe.
Alles uͤbrige beruhet nun in jeder Reichsſtadt auf ganz beſonderen Beſtimmungen. Nur einige haben ſich doch der ehemaligen Reichsvogteyen nicht ganz entledigen koͤnnen, wo nehmlich benach - barte Reichsſtaͤnde noch jetzt ſolche hergebracht ha - ben, wie das Churhaus Pfalz von wegen Juͤlich und Berg in Aachen, und Heſſendarmſtadt zu Wetz - lar. Von wegen ſolcher Hoͤfe wird alsdann ein eigner Beamter in der Stadt, worin ſie die Vog - tey haben, gehalten; uͤber die damit verbundenen Gerechtigkeiten pflegt es aber oft zu Streitigkeiten zu kommen, z. B. uͤber das Recht der Beſatzung, uͤber Ausuͤbung der peinlichen Gerichtbarkeit, uͤber Einmengung in Polizeyſachen u. d. g. Bey man - chen Reichsſtaͤdten iſt es nur eine Art von Schutz - gerechtigkeit, die ein benachbarter Reichsſtand ausuͤbt, wie z. B. das Haus Braunſchweig zu Goslar.
Uebri -2116) Verfaſſung der Reichsſtaͤdte.Uebrigens ſteht jetzt einer jeden Reichsſtadt inVI. ihrem Gebiete ſowohl innerhalb als außer ihren Ringmauern unſtreitig das Recht der Landesho - heit eben ſo gut, als den hoͤheren Reichsſtaͤnden, zu. Doch wird ſolche nicht ſowohl dem Magiſtra - te fuͤr ſich, als einer jeden Stadt im Ganzen zuge - ſtanden. Und einiger Unterſchied laͤßt ſich doch von anderen Reichsſtaͤnden wahrnehmen. Denn da dieſe z. B. gemeiniglich als Vaſallen dem Kaiſer den Lehnseid ſchwoͤren und darum keine beſon - dere Huldigung leiſten, ſo iſt bey den Reichsſtaͤd - ten, die fuͤr ſich nicht lehnbar ſind, wenn ſie gleich zufaͤlliger Weiſe auch Lehnguͤter beſitzen koͤnnen, doch noch uͤblich, daß ſowohl Buͤrgerſchaft und Beſatzung, (wenn welche da iſt,) als der Magi - ſtrat der Stadt jedem neuen Kaiſer huldigen muͤ - ßen; es ſey nun, daß der Kaiſer dieſe Huldigung in Perſon empfaͤngt, wie noch nach der Kaiſerkroͤ - nung zu Frankfurt bisher uͤblich geweſen, oder daß er einen kaiſerlichen Commiſſarien dazu ernennt, oder daß auch der Stadt, wie jetzt vielfaͤltig zu ge - ſchehen pflegt, Dispenſationsweiſe geſtattet wird, durch einen Agenten zu Wien den Huldigungseid vermoͤge beſonderer Vollmacht vom Magiſtrate und der ganzen Buͤrgerſchaft in ihre Seele ablegen zu laßen.
Von einer jaͤhrlichen Steuer, welche der Kai -VII. ſer ehedem aus allen Reichsſtaͤdten zu erheben hat - te, haben ſich zwar viele in neueren Zeiten frey ge - macht. Viele ſind aber auch noch in dem Falle, daß ſie jaͤhrlich eine ſolche Steuer abtragen muͤßen, wie z. B. von der Stadt Frankfurt alle HerbſteO 22784.212VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. 2784. Gulden bezahlt werden(g)Wahldiarium K. Franz Th. 2. S. 179.. Bey man - chen Gelegenheiten iſt es doch auch ſonſt nicht zu verkennen, daß der kaiſerliche Hof uͤber Reichs - ſtaͤdte ſich ungleich mehr herauszunehmen pflegt, als es uͤber andere Reichsſtaͤnde gewoͤhnlich iſt.
I. Roͤmiſche Koͤnigswahl Ferdinands des IV. — II. Juͤngſter Reichsabſchied. — III. IV. Reichshofrathsordnung. — V. Der Reichsſtaͤnde Erinnerungen dawider, und daruͤber erfolgtes kaiſerliches Decret. — VI. Der juͤngſte Reichsab - ſchied gedenkt des Reichshofraths nur in wenigen Stellen; in den meiſten ſpricht er nur vom Cammergerichte. — VII. Die heutigen Cammerzieler nehmen hier ihren Anfang; — VIII. wie auch das heutige Praͤſentationsweſen. — IX. X. Um die Reviſion am Cammergerichte wieder in Gang zu brin - gen ward eine Viſitation beſchloſſen, die von fuͤnf Claſſen, jeder von 24. Staͤnden vorgenommen werden ſollte, die aber erſt nach 100. Jahren zu Stande kam, und doch verungluͤck - te. — X. Die Anzahl der Rechtsſachen am Cammergerichte verminderte ſich inzwiſchen durch erhoͤhete Appellationsſum - men und Privilegien; — XI. wogegen Verſchickung der Acten geſtattet, oder eigne Oberappellationsgerichte angelegt werden mußten. — XII. XIII. Erneuerte Executionsordnung, und den Reichsſtaͤnden geſtattete Beyziehung der Untertha - nen zu Unterhaltung noͤthiger Feſtungen und Beſatzungen.
Unmittelbar nach dem Weſtphaͤliſchen Frieden und deſſen endlich ſo weit vollbrachten Execu - tionshandlungen war eine allgemeine Erwartungdes2137) R. H. R. O. u. R. A. 1654. des Reichstages, auf welchem ſo viele vom Frie - den ſelbſt dahin verwieſene wichtige Gegenſtaͤnde noch zu eroͤrtern uͤbrig waren. Ferdinand der III. erließ zwar ſchon am 27. Apr. 1652. die gewoͤhn - lichen Ausſchreiben, beſage deren der Reichstag im October 1652. zu Regensburg eroͤffnet werden ſollte. Aber er bewirkte noch erſt zu Augsburg den 21. May 1653. die Roͤmiſche Koͤnigswahl ſeines Sohns Ferdinands des IV., wodurch ſchon die im Weſtphaͤliſchen Frieden gemachte Hoffnung zu einer zwiſchen den Churfuͤrſten und den uͤbrigen Staͤnden zu treffenden Abrede wegen der Roͤmi - ſchen Koͤnigswahlen und einer beſtaͤndigen Wahl - capitulation vorerſt zur großen Unzufriedenheit der Fuͤrſten zuruͤckgeſetzt wurde; wiewohl der baldige Tod Ferdinands des IV. († 1654. Jun. 29.) doch wieder einen großen Querſtrich machte.
Zu den Berathſchlagungen des ReichstagesII. wurde erſt am 17. Jun. 1653. mit der kaiſerlichen Propoſition der Weg geoͤffnet. Kein volles Jahr nachher (1654. May 17.) erfolgte auch diesmal noch ein Reichsabſchied, der ſeitdem der letzte in ſeiner Art geblieben iſt, und daher noch immer der juͤngſte Reichsabſchied heißt. Deſſen ausfuͤhr - licher Inhalt betraf hauptſaͤchlich einige Verbeſſe - rungen des Reichsjuſtitzweſens, wie ſie groͤßten - theils im Jahre 1643. von der damaligen Reichs - deputation waren vorbereitet geweſen. Viele Re - ſtitutionen, die noch vom Weſtphaͤliſchen Frieden her von wegen der Amneſtie oder Beſchwerden uͤbrig geblieben waren, und alle uͤbrige Geſchaͤffte, die der Friede auf dieſen Reichstag verwieſen hat - te, wurden von neuem auf eine anderweite Reichs -O 3depu -214VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. deputation oder auf einen kuͤnftigen Reichstag aus - geſetzt.
Wegen des Reichshofraths war inſonderheit das ganze Reich in der Erwartung geweſen, daß der Kaiſer auf dem Reichstage in Vortrag brin - gen wuͤrde, eine demſelben beſonders angemeſſene Gerichts - und Proceßordnung abzufaſſen. Nach der buchſtaͤblichen Vorſchrift des Weſtphaͤliſchen Friedens, daß ohne Berathſchlagung und Einwil - ligung des Reichstages keine Geſetze mehr gemacht werden ſollten(h)Osnabr. Fr. Art. 8. §. 2. S. oben S. 87., hatten ſie feſt darauf gerechnet, daß auch eine Reichshofrathsordnung nicht an - ders als mittelſt einer vollſtaͤndigen Reichstags - berathſchlagung zu Stande gebracht werden koͤnnte. Ferdinand der III. hatte es aber auf den Fuß ge - nommen, wie ehedem Ferdinand der I., Rudolf der II. und Matthias ſchon Reichshofrathsordnun - gen oder vielmehr Inſtructionen fuͤr die Reichshof - raͤthe fuͤr ſich alleine gemacht hatten(i)Oben S. 97. u. f.. Un - term 16. Maͤrz 1654. ließ er eine nur unter ſei - nem Namen vollzogene Reichshofrathsordnung be - kannt machen, ohne erſt des Reichs Genehmigung daruͤber abzuwarten.
In dieſer neuen Reichshofrathsordnung war das Hauptwerk aus vorgedachten aͤlteren Ordnun - gen oder Inſtructionen beybehalten; ein und an - ders aus demjenigen, was bey der Reichsdeputa - tion 1643. vorgekommen war, mit eingeruͤckt; und das meiſte, was der Weſtphaͤliſche Friede verord -net2157) R. H. R. O. u. R. A. 1654. net hatte, buchſtaͤblich uͤberſetzt; vieles aber auch ſo eingerichtet, daß es der Abſicht des Friedens gar nicht entſprach. Da es z. B. im Frieden hieß: daß die Cammergerichtsordnung auch am Reichs - hofrathe durchgaͤngig beobachtet werden ſollte(k)Osnabr. Fr. Art. 5. §. 54.:” Quoad pro - ceſſum iudiciarium ordinatio camerae imperialis etiam in iudicio aulico ſeruabitur per omnia.” ; erklaͤrte jetzt die Reichshofrathsordnung: daß die Reichshofraͤthe des Cammergerichts Ordnung ſo - viel moͤglich beobachten ſollten. Dabey ward aber jetzt die ſchon 1617. in des K. Matthias Ordnung eingeruͤckte Stelle wiederholet, daß der Reichshof - rath inſonderheit, was die Subſtanz des Proceſſes betreffe, nicht davon abweichen, ſonſt aber an un - noͤthige Gerichtsſollennien keinesweges gebunden ſeyn ſollte. — Ein Umſtand, der ſich daraus er - laͤutert, weil man mit Beziehung auf einige Stel - len des Roͤmiſch-Juſtinianiſchen Geſetzbuchs be - hauptete, wie ſchon bey mehreren Gelegenheiten vorgekommen war, daß die hoͤchſte Gerichtsſtelle unter den Augen des Monarchen an ſubtile Rechts - foͤrmlichkeiten ſo genau nicht gebunden ſey, ſon - dern gleichſam mit offenen Segeln verfahren koͤn - ne. — In einer andern Stelle hatte der Weſt - phaͤliſche Friede wegen der Viſitation des Reichs - hofraths ſich auf dasjenige bezogen, was auf dem Reichstage daruͤber ausgemacht werden wuͤrde. Ferdinand der III. ließ es aber hinwiederum bey dem bewenden, was der Friede verordnet hatte(l)Oben S. 99. u. f..
DieO 4216VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657.Die Reichsſtaͤnde unterließen nun zwar nicht, ihre Erinnerungen wider dieſe Reichshofrathsord - nung bey jeder Gelegenheit anzubringen. Sie er - hielten aber nicht eher, als im Jahre 1714. ein durch ſolche wiederholte Erinnerungen bewirktes Decret, worin Carl der VI. noch einige Dinge be - ſonders einſchaͤrfte(m)z. B. Art. 19.:” Alldieweil auch Ihro kaiſerlichen Majeſtaͤt vorgekommen, daß oͤfters eini - ge Raͤthe, obwohl ſie der ganzen Relation nicht beygewohnet, dennoch mit votiret, und dem Ver - laut nach dadurch ſowohl, als auch zu Zeiten einer dem andern zu Gefallen, beygeſtimmet, die ma - iora gemacht worden ſeyen; ſo wollen zwar Ihre kaiſerliche Majeſtaͤt von einem Gott - Recht - und Ehrliebenden Reichshofrath ein ſolches nicht ver - muthen. Sie haben jedoch um Rechts und Ord - nung willen ernſtlich zu verordnen hiemit gnaͤdigſt gut befunden, daß man ſolche Partheylichkeit un - terlaſſen, und nicht nur ſich des allzulangen, zu - weilen unnoͤthigen Votir - und Referirens, ſodann des Zeitungsleſens, und andern ohnachtſamen Zeit - vertreibens in ſo hohem Richteramte, gleichwie ei - nen jeden ſein eigenes Gewiſſen ermahnen wird, enthalten, und fuͤrohin diejenigen Raͤthe, welche dem Anfange einer Relation nicht beygewohnet, in einer unvollkommen angehoͤrten Sache nicht befragt werden, oder allenfalls ſich des Votirens enthal - ten; und wofern der Reichshofraths-Praͤſident, oder deſſen Amtsvertreter vermerken thaͤte, daß ei - ner dem andern zu Gefallen votiren, oder fuͤr oder gegen eine Sache oder deſſen Referenten eine Fa - ction unter den Raͤthen waͤre, (welches ſich in ei - einem, und zwar ſolchen Gerichte ganz und gar nicht geziemet, auch wider der Raͤthe Eid und Pflich - ten laͤuft,) der Praͤſident oder deſſen Amtsverwe - ſer, alsdann der Reichshofrathsordnung gemaͤßver -. Darauf bezog ſich her - nach eine Stelle in den neueren Wahlcapitulatio -nen2177) R. H. R. O. u. R. A. 1654. nen (ſeit 1742.), wodurch die Reichshofrathsord - nung nebſt demjenigen, was in jener Verordnung 1714. aus den Erinnerungen der Staͤnde einge - ruͤckt ſey, proviſoriſch zur Richtſchnur empfohlen ward,” bis von Kaiſer und Reich eine den heuti - gen Umſtaͤnden gemaͤß eingerichtete vollſtaͤndige Reichshofrathsordnung verfaſſet werden koͤnne.” Wovon der Erfolg nun noch immer zu erwarten ſeyn wird.
Im Reichsabſchiede 1654. kam nur einmalVI. gleichſam im Vorbeygehen vor: der Kaiſer habe uͤber die ſchon bey den Weſtphaͤliſchen Friedens - handlungen vorgekommene Frage, wie es mit Schuldnern, die im Kriege zuruͤckgekommen, ge - halten werden ſollte,” ſowohl vom Reichshofrathe als vom Cammergerichte” Bericht erfordert(n)R. A. 1654. §. 170.:” ſowohl von unſerm gehorſamſten Reichshofrathe als von unſerm Cam - mergerichte ꝛc.”. Hernach kam noch eine Stelle, wo verordnet wur - de, daß, wenn jemand gegen die Executionsord - nung am Reichshofrathe oder Cammergerichte Pro -ceſſe(m)verfahren, die Ungebuͤhr gegen den Schuldigen ahnden, diejenigen aber, ſo ſich daran nicht keh - ren wollten, zu verfuͤgender Nothdurft Ihro kaiſer - lichen Majeſtaͤt anzeigen, ſonſt nach den maioribus ſchließen, oder auch in wichtigen Sachen, wo die Meynungen in ziemlicher Anzahl zertheilet, und beide Theile mit wohl feſten Gruͤnden verſehen waͤ - ren, darob vor dem endlichen Schluß allerhoͤchſt - gedacht Ihro kaiſerlichen Majeſtaͤt von beiden Mey - nungen ſchriftlich berichten und Dero Entſchluß von Ihro erwarten ſolle.” Schmauß corp. iur. publ. S. 1262.O 5218VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. ceſſe ſuchen wuͤrde, er nicht gehoͤrt, ſondern gleich abgewieſen werden ſollte(o)R. A. 1654. §. 180.. Außerdem wurde aber des Reichshofraths in dieſem Reichsabſchiede nicht gedacht, und bey den vielen Verordnungen, die fuͤr den Proceß darin enthalten waren, nie vom Reichshofrathe, oder uͤberhaupt von zwey hoͤchſten Reichsgerichten, ſondern nur vom Cammergerichte geſprochen; ungeachtet kein Zweifel iſt, daß eben die Vorſchriften, die hier dem Cammergerichte ge - geben ſind, auch dem Reichshofrathe zur Richt - ſchnur dienen muͤßen. (Die meiſten Verordnun - gen, die hier fuͤr das Cammergericht gemacht wur - den, waren ſchon von der Reichsdeputation 1643. vorbereitet, da die Frage von der reichsgerichtli - chen Concurrenz des Reichshofraths noch nicht ſo ausgemacht war. Vielleicht war das die Urſache, daß auch in dieſem Reichsabſchiede noch nicht der Reichshofrath, ſondern nur das Cammergericht ausdruͤcklich zum Gegenſtande der Geſetzgebung ge - nommen wurde.)
Vom Cammergerichte handelte der Reichs - abſchied, der groͤßtentheils mit deſſen Angelegen - heiten angefuͤllet war, deſto ausfuͤhrlicher. Man nahm fuͤr bekannt an, daß in Gefolg des Weſt - phaͤliſchen Friedens dieſes Tribunal jetzt mit funf - zig Aſſeſſoren beſetzt werden ſollte, deren jeder, wie man jetzt feſtſetzte, tauſend Rthlr. (oder 2000. Gulden) zur Beſoldung haben ſollte. Man be - ſchloß deswegen auch, die Cammergerichts-Matri - kel, oder das Verzeichniß, was ein jeder Reichs - ſtand jaͤhrlich in zwey halbjaͤhrigen Zielern zur Un - terhaltung des Cammergerichts beytragen ſollte,dar -2197) R. H. R. O. u. R. A. 1654. darnach verhaͤltnißmaͤßig zu erhoͤhen, und die Zahl der Zieler in den jaͤhrlichen Berechnungen vom Jah - re 1654. an neu anzufangen (wie man ſie auch ſeit - dem noch immer fortfuͤhrt, ſo daß bis zu Ende des Jahrs 1785. das 263te Ziel berechnet worden.) Man konnte ſich deſto eher ſchmeicheln, daß es an den noͤthigen Geldbeytraͤgen nicht fehlen wuͤrde, weil ausdruͤcklich im Reichsabſchiede verordnet wur - de:” es ſolle den Staͤnden bevorſtehen, ihre Land - ſtaͤnde, Buͤrger und Unterthanen zur Beyhuͤlfe zu ziehen”(p)R. A. 1654. §. 14..
Die Churfuͤrſten und Kreiſe, von denen dieVIII. Aſſeſſoren praͤſentirt werden ſollten, ſaͤumten nicht die noͤthigen Anſtalten dazu zu machen. Auf ei - nem Niederſaͤchſiſchen Kreistage verglich man ſich uͤber fuͤnf Maͤnner, die dazu auserſehen waren. Allein die Gelder, die wuͤrklich einliefen, reichten kaum hin, uͤberhaupt 13. Aſſeſſoren mit ihren Be - ſoldungen zu verſehen. Sobald ſich Praͤſentirte uͤber dieſe Zahl einfanden, mußten ſie, wenn ſie anders der Gottgefaͤlligen Juſtitz zu Ehren nicht umſonſt arbeiten wollten, ſo lange zuruͤckreiſen, bis wieder ſo viele Stellen erlediget waren, daß ſie die Reihe traf einruͤcken zu koͤnnen. Alſo blieb das Cammergericht immerfort nur mit einer gerin - gen Anzahl Maͤnner beſetzt, die der Menge Arbei - ten bey weitem nicht gewachſen waren. Gewiſſen Nachrichten zufolge ſollten ſchon im Jahre 1620. uͤber 50. tauſend Stuͤcke Acten in den Cammerge - richtsgewoͤlbern uneroͤrtert gelegen haben(q)Meiern Weſtphaͤl. Friedenshandl. Th. 3. S. 316.. Wenndie220VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. die Zahl auch vielleicht uͤbertrieben iſt, laͤßt ſich doch ſicher annehmen, daß eine ungeheure Menge Rechts - ſachen, die von einem Jahre zum andern noch im - mer anwuchs, immer uneroͤrtert uͤbrig bleiben mußten(r)Noch der letztern 1776. verungluͤckten Viſi - tation wurde vom Canzleyverwalter ein Verzeich - niß von 61233. Acten zugeſtellt. Doch ließ ſich nicht genau beſtimmen, wie viele Sachen darunter noch eigentlich ihre Entſcheidung erwarteten. (Ba - lemanns) Beytraͤge zur Reviſion der C. G. O. (Lemgo 1778. 4.) S. 11..
Eine gleiche Bewandtniß hatte es mit den vie - len Reviſionen, deren ſeit 1582. keine mehr war eroͤrtert worden; deren Anzahl aber eben deswegen zugenommen hatte, weil es damals gnug war, nur ein Reviſionsgeſuch anzubringen, um gegen die Vollziehung des Urtheils, das man dadurch an - focht, geſichert zu ſeyn. Damit war nun natuͤr - lich beynahe das ganze Anſehen des Gerichts ver - lohren gegangen, weil den Partheyen, wenn ſie auch mit Muͤhe und Koſten ein Urtheil erhielten, doch keinen Vortheil davon hatten, ſobald ihr Ge - gner nur mit einem Reviſionsgeſuche die Rechts - kraft und Vollſtreckung des Urtheils hemmte.
Um hierwider Rath zu ſchaffen, beſchloß der Reichsabſchied, daß am 1. Nov. 1654. eine auſ - ſerordentliche Reichsdeputation von 24. Reichs - ſtaͤnden nach der Religionsgleichheit ſich zu Speier einfinden, und naͤchſt Verrichtung der Viſitation die Reviſionsſachen unter Hand nehmen ſollten, zu welchem Ende die 24. Staͤnde in vier Senate ver - theilt werden ſollten. Am 1. Nov. 1655. ſollten24.2217) R. H. R. O. u. R. A. 1654. 24. andere Staͤnde die erſteren abloͤſen; hernach halbjaͤhrig ferner ſolche Abloͤſungen geſchehen, bis die alten Reviſionsſachen erlediget ſeyn wuͤrden. Man verglich ſich deswegen uͤber fuͤnf ſolche Claſ - ſen jedesmaliger 24. Staͤnde beider Religionen, wie ſie ſich nach einander abloͤſen ſollten. Wenn man damit fertig waͤre, ſollte alsdann die ehemali - ge Art der ordentlichen Viſitationen nach einem daruͤber inzwiſchen zu verabredenden Entwurfe wie - der in Gang gebracht werden. Allein aus der gan - zen Sache wurde nichts. (Nicht eher, als im May 1767. kam die Viſitation, die ſchon im Nov. 1654. geſchehen ſollte, in Gang; und leider nahm im May 1776. auch jene vom May 1767. bis da - hin fortgewaͤhrte Viſitation ein ungluͤckliches Ende.) Zum Gluͤck wurde noch im Reichsabſchiede 1654. ausgemacht, daß von nun an keine Reviſion mehr die Vollziehung der Urtheile hindern ſollte, wenn anders der obſiegende Theil Caution leiſten wuͤrde, auf den Fall, wenn uͤber kurz oder lang ein refor - matoriſches Reviſionsurtheil erfolgen ſollte, das erhaltene zuruͤckzugeben. Doch wie wenige ſind im Stande, eine ſolche Caution zu Stande zu bringen?
Die Anzahl der Rechtsſachen, die an das Cam -XI. mergericht gelangten, wurde dadurch etwas gemin - dert, daß die bisherige geſetzliche Appellations - ſumme, unter welcher niemanden dahin zu appel - liren geſtattet werden ſollte, diesmal von 300. auf 600. Gulden erhoͤhet wurde(s)Die geſetzliche Appellationsſumme war 1521. erſt nur auf 50. Fl. angeſetzt geweſen. Im Reichs -ab -. VerſchiedeneReichs -222VII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. Reichsſtaͤnde haben noch hoͤhere Summen, unter welchen von ihren Gerichten nicht appellirt werden ſollte, durch kaiſerliche Privilegien ausgewirkt(t)Von 1554. Apr. 6. hatte die Stadt Ham - burg ein Appellationsprivilegium auf 700. Gold - gulden; von 1586. Maͤrz 22. der Biſchof von Wuͤrz - burg auf 1000. Goldgulden; von 1588. May 23. die Stadt Luͤbeck auf 500. Goldgulden; von 1595. Jul. 30. die Stadt Augsburg auf 600. Goldgul - den; von 1621. Jul. 14. das Herzogthum Holſtein auf 1000. Goldgulden; von 1623. Apr. 3. die Stadt Coͤlln auf 1000. Goldgulden; von 1637. Sept. 19. die Grafſchaft Oldenburg auf 1000. Rheiniſche Gulden; von 1648. Nov. 24. das Her - zogthum Braunſchweig-Wolfenbuͤttel auf 2000. Goldgulden; von 1650. Nov. 6. die Grafſchaft Ranzau auf 500. Goldgulden; von 1651. Oct. 28. das Herzogthum Mecklenburg auf 1000. Goldgul - den; von 1655. Jul. 28. die Grafen Reuß auf 400. Goldgulden ꝛc.. Einige haben ſogar unbeſchraͤnkte Befreyung von allen Appellationen erhalten(u)Von unbeſchraͤnkten Appellationsbefreyun - gen ſind die erſten Beyſpiele fuͤr das Haus Oeſter - reich von 1530. Sept. 8., und fuͤr die Burgundi - ſchen Niederlande in dem daruͤber geſchloſſenen Ver - trage 1548. Jul. 26. §. 5. 6. Auch Wuͤrtenberg hat ſeit ſeiner Erhoͤhung zum Herzogthume 1495. und vermoͤge einer 1555. von Carl dem V. beſtaͤ - tigten Hofgerichtsordnung die Befreyung von Ap -pella -.
Da -(s)abſchiede 1570. §. 66. war ſie auf 150., im De - putationsabſchiede 1600. §. 14. auf 300. Fl. erhoͤ - het worden. Nun beſtimmte der juͤngſte R. A. §. 112. die Summe von 600. Fl. oder 400. Rthlr. (die nach dem jetzigen Werthe der Dinge doch wie - der nicht mehr verhaͤltnißmaͤßig iſt, ſondern wohl von neuem erhoͤhet zu werden verdiente.)
2237) R. H. R. O. u. R. A. 1654.Damit gleichwohl die Unterthanen durch ſolcheXII. Beſchraͤnkung der Appellation an die Reichsgerich - te nicht die Wohlthat einer weitern Inſtanz ver - loͤhren, ward ihnen vorbehalten, in ſolchen Sa - chen, die nicht appellabel waͤren, doch um Revi - ſion und Verſchickung der Acten an ein unpar - theyiſches Rechtscollegium zu bitten(v)Reichsabſchied 1654. §. 113.. Oder man erwartete, daß ein von der Appellation an die Reichsgerichte gaͤnzlich befreyter Reichsſtand an deren Stelle in ſeinem Lande ein eignes Ober - appellationsgericht errichtete, wie ſolches zu Dresden und Berlin geſchehen, und im Weſtphaͤ - liſchen Frieden der Krone Schweden zur Pflichtgemacht(u)pellationen an die Reichsgerichte behauptet, ſofern Wuͤrtenbergiſche Unterthanen nur unter ſich, nicht mit auswaͤrtigen im Rechtsſtreite begriffen ſind. Die uͤbrigen unbeſchraͤnkten Appellationsprivilegien ſind in folgender Ordnung nach einander ertheilt worden: 1559. May 2. an das geſammte Haus Sachſen; 1586. Jul. 24. an Churbrandenburg; 1620. May 16. an das Haus Baiern; 1648. im Weſtphaͤliſchen Frieden an die Krone Schweden we - gen Pommern, Bremen und Verden; 1652. Jul. 17. an Churpfalz; 1653. Apr. 20. an Churcoͤlln, (ſo jedoch durch einen Landtagsſchluß 1655. außer Gang geſetzt worden); 1655. Apr. 30. an Chur - mainz; 1716. Aug. 16. an Churbraunſchweig; 1721. Sept. 30. an Churtrier; 1742. Dec. 7. an Heſſencaſſel; 1746. May 31. an Preuſſen fuͤr ſei - ne nicht churfuͤrſtliche Laͤnder; 1747. May 11. an Heſſendarmſtadt; 1748. Nov. 8. an Hannover fuͤr Sachſenlauenburg und das Land Hadeln; 1764. Jul. 1. an Pfalzzweybruͤcken, und an Churpfalz fuͤr Juͤlich und Berg; und endlich in Gefolg des Teſchner Friedens 1779. an Mecklenburg.224VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. gemacht war, das Tribunal zu Wismar anzu - legen(w)Osnabr. Friede Art. 10. §. 12..
Von dem uͤbrigen Inhalte des juͤngſten Reichs - abſchiedes verdienet nur noch eine Stelle hier er - wehnt zu werden, wo in Beziehung auf vorige Reichsabſchiede die Executionsordnung von neuem eingeſchaͤrft wurde, ſowohl wider auswaͤr - tige Gewalt als etwa hervorbrechende Empoͤrun - gen die erforderliche Huͤlfleiſtung mit wuͤrklicher ſtarker Hand unverzuͤglich ins Werk zu richten, auch deswegen die Stellen der Kreisoberſten uͤber - all zu beſetzen. Dabey wurde am Ende noch hin - zugefuͤgt, daß” eines jeden Churfuͤrſten und Stan - „ des Landſaſſen, Unterthanen und Buͤrger zu Be - „ ſetzung und Erhaltung der einem oder anderm „ Reichsſtande zugehoͤrigen noͤthigen Feſtungen, „ Plaͤtze und Garniſonen ihren Landesfuͤrſten, Herr - „ ſchaften und Oberen mit huͤlflichem Beytrage ge - „ horſamlich an Hand zu gehen ſchuldig ſeyn” ſoll - ten(x)R. A. 1654. §. 180.. Dieſe Stelle wurde ſeitdem vielfaͤltig dazu benutzt, den Landſchaften es zur Schuldig - keit anzurechnen, daß ſie auch ohne ihre Einwilli - gung ſowohl zu den hier benannten Gegenſtaͤnden als beſage der oben(y)R. A. 1654. §. 14. S. oben S. 219. ſchon vorgekommenen Stel - le auch zu den Cammerzielern mit Steuern beleget werden koͤnnten.
Hiergegen widerſetzten ſich verſchiedene Land - ſchaften, die ſich auf ihre Vertraͤge und herge -brach -2257) R. H. R. O. u. R. A. 1654. brachte Verfaſſung beriefen, vermoͤge deren der Landesherr ſolche Ausgaben von ſeinen Cammer - einkuͤnften zu beſtreiten ſchuldig ſey, uͤberall aber keine Steuer ohne ihre Einwilligung ſtatt finden koͤnne. Allein nach dem ſubordinirten Verhaͤlt - niſſe, worin alle Teutſche Landſchaften unter Kai - ſer und Reich ſtehen, ließ ſich wohl nicht bezwei - flen, daß ein allgemeines Reichsgeſetz, worin fuͤr die gemeinſame Wohlfahrt des ganzen Reichs etwas neues verordnet wurde, auch von jeder einzelnen Landſchaft befolget werden muͤße. Die Landſchaf - ten haben auch, fruͤh oder ſpaͤt, doch endlich durch - gaͤngig ſich dazu bequemen muͤßen. Jene von neuem vorgeſchriebene Wahlen der Kreisoberſten ſind aber auch diesmal nicht zur Vollziehung ge - kommen. In den meiſten Kreiſen haben die kreis - ausſchreibenden Fuͤrſten dieſe Stelle oder doch die derſelben beygelegten Vorzuͤge ſich ſelbſten zuge - eignet.
I. II. Unter dem Namen Simultaneum kam die Frage auf: ob ein catholiſcher Landesherr zum Vortheile ſeiner Re - ligion in einem evangeliſchen Lande, wo im Jahre 1624. keine catholiſche Religionsuͤbung geweſen, dieſelbe einfuͤhren koͤnne? — III. Der Weſtphaͤliſche Friede geſtattet derglei - chen nur zwiſchen Lutheriſchen und Reformirten, — IV. oder in wiedereingeloͤſeten verpfaͤndeten Laͤndern, — V. oder wo Herr und Land von einerley Religion ſind. — VI Nur in dieſem Falle bleibt es beym Reformationsrechte als einem Territorialrechte; Wo Herr und Land verſchiedener Religion ſind, gilt bloß das Entſcheidungsjahr. — VII. Beides ſind zwey neben einander beſtehende Regeln; nicht jenes Regel, dieſes Ausnahme. — VIII. Sonſt kann man auch nicht ſa - gen, daß evangeliſche Unterthanen behalten, was ſie haben, wenn ihnen das Simultaneum aufgedrungen wird. — IX. Hier gilt auch nicht die Vergleichung mit Fremdlingen von anderer Religion, die nur aus Gnaden aufgenommen ſind. — X — XII. Alles das erlaͤutern die beſonderen Faͤlle, die gleich anfangs vorgekommen ſind, — von Hildesheim, — XIII. von Pfalzſulzbach, — XIV. von Hoͤrter, — XV. von Wertheim; — XVI. wobey man von catholiſcher Seite immer ſtuffenweiſe zu Werke gieng.
Nebſt den geſetzlichen Verordnungen, die im Reichsabſchiede 1654. zu Stande gebracht wurden, kamen auf dieſem Reichstage ſonſt noch einige Sachen von großer Wichtigkeit vor, die nicht alle ihre voͤllige Erledigung erhielten; inſon - derheit wo ſich unter den beiden Religionsthei - len eine Ungleichheit ihrer Geſinnungen hervorthat.
Eine der wichtigſten Angelegenheiten, worin beide Religionstheile uͤber den Sinn des Weſtphaͤ -liſchen2278) Simultaneum. liſchen Friedens verſchiedene Meynungen hegten, aͤußerte ſich ſchon auf dieſem Reichstage uͤber die Frage: ob an einem Orte, oder in einem Lande, wo in dem Entſcheidungsjahre 1624. nur die evan - geliſche Religionsuͤbung im Gange geweſen, ein catholiſcher Landesherr neben her noch die Uebung ſeiner Religion (als ein ſimultaneum religionis exercitium) einfuͤhren koͤnne? (Mit dem einzigen Worte: Simultaneum, hat man hernach dieſe ganze Frage angedeutet, die bis auf den heutigen Tag einen der wichtigſten Gegenſtaͤnde ausmacht, woruͤber beide Religionstheile in Teutſchland unei - nig ſind; nicht etwa bloß als theoretiſche Specula - tion, ſondern eine Quelle, woraus der veraͤnderte Religionszuſtand ganzer Laͤnder herzuleiten iſt; al - ſo wohl der Muͤhe werth, der Sache etwas tiefer auf den Grund zu gehen, und die dabey in Be - trachtung kommenden hiſtoriſchen Vorfaͤlle zu ent - wickeln.)
Der Osnabruͤckiſche Friede hatte im ſiebentenIII. Artikel, der das Verhaͤltniß zwiſchen Lutheriſchen und Reformirten beſtimmte, ausdruͤcklich feſtge - ſetzt, daß in einem Lutheriſchen Lande, das einem reformirten Landesfolger zu Theil wuͤrde, oder deſ - ſen Lutheriſcher Beſitzer ſich zur reformirten Reli - gion bekennen wuͤrde, der reformirte Landesherr berechtiget ſeyn ſollte, nicht nur fuͤr ſich einen re - formirten Hofgottesdienſt zu halten, ſondern auch reformirten Gemeinden im Lande ihre Religions - uͤbung, nur ohne Nachtheil der Lutheriſchen, zu geſtatten, und ſo umgekehrt auch ein Lutheriſcher Landesherr in einem reformirten Lande Lutheriſche Religionsuͤbung ohne uͤbrigens den ReformirtenP 2Ab -228VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. Abbruch zu thun(z)Oben S. 65. III. . Bey der nahen Verwandt - ſchaft, worin dieſe beiden Religionen mit einander ſtanden, war es ſehr wohl zu begreifen, daß un - ter ihnen gegenſeitig es ungleich weniger Bedenken hatte, dergleichen einzuraͤumen, als catholiſchen Landesherren in evangeliſchen Laͤndern. Im fuͤnf - ten Artikel, wo das Verhaͤltniß zwiſchen Catholi - ſchen und Evangeliſchen ſeine Beſtimmung erhielt, war nun jener Vorbehalt, daß auch ein catholi - ſcher Landesherr in einem evangeliſchen Lande noch eine catholiſche Religionsuͤbung neben her einzu - fuͤhren berechtiget ſeyn ſollte, gar nicht eingeruͤckt. Das alleine konnte ſchon jeden Unpartheyiſchen be - lehren, daß zwar zwiſchen Lutheriſchen und Refor - mirten, aber keinesweges zwiſchen Catholiſchen und Proteſtanten ein ſo genanntes Simultaneum dem Sinne und Zuſammenhange des Weſtphaͤliſchen Friedens gemaͤß ſey.
Nur als eine Ausnahme von der Regel verord - nete der fuͤnfte Artikel des Osnabruͤckiſchen Frie - dens, daß ein catholiſcher Landesherr, der ein ehe - dem verpfaͤnderes Land, worin waͤhrender Pfand - ſchaft die evangeliſche Religion eingefuͤhrt ſey, wie - der einloͤſe, auch ſeine Religionsuͤbung wieder ein - zufuͤhren berechtiget ſeyn ſolle(a)Osnabr. Fr. Art. 5. §. 27.. Da war aber offenbar nur von dem ganz beſonderen Falle eines verpfaͤndeten und wieder eingeloͤſeten Landes die Rede. In anderen Faͤllen mußte nach der Ab - ſicht des Friedens unſtreitig das Gegentheil ſtatt finden; ſonſt waͤre es nicht noͤthig geweſen, dieſeVer -2298) Simultaneum. Verordnung nur auf dieſen beſondern Fall einzu - ſchraͤnken.
Noch deutlicher ergibt ſich aber aus dem gan -V. zen Zuſammenhange des fuͤnften Artikels, inſon - derheit aus der Verbindung, worin §. 30. und 31. unmittelbar auf einander folgen, daß man die zweyerley ganz verſchiedenen Faͤlle vor Augen ge - habt hat, auf deren Auseinanderſetzung ſelbſt nach der Natur der Sache hier alles ankoͤmmt; nehm - lich einmal den Fall, wenn Landesherr und Un - terthanen einerley Religion ſind; davon han - delt §. 30., und laͤßt es da billig bey dem Rechte, das ein jeder Regent, der mit ſeinem Lande einer - ley Religion iſt, in Anſehung fremder Religions - verwandten ausuͤben kann, wie z. B. das Chur - haus Hannover zu Hannover, Zelle, Goͤttingen auf ſolche Art einen catholiſchen Gottesdienſt ge - ſtatten koͤnnen, und Joſeph der II. jetzt in ſeinen Erblanden die Duldung der evangeliſchen Reli - gionsuͤbung einfuͤhren koͤnnen; welches alles ge - dachter §. 30. unter dem Namen des Reforma - tionsrechts (ius reformandi) in ſich faſſet. Ein ganz anderer Fall aber iſt es, wenn evange - liſche Unterthanen einen catholiſchen Lan - desherrn haben, und dieſer nun zum Vortheile ſeiner Religion Aenderungen im Lande vornehmen will. Da ſetzt der §. 31. im fuͤnften Artikel zur einzigen Richtſchnur das Entſcheidungsziel des Jahres 1624. Wie es damals war, ſo muß es in dem Falle bleiben. War da in einer Stadt, oder in einem Dorfe oder Flecken nur evangeliſcher Gottesdienſt, ſo darf der catholiſche Landesherr daP 3auch230VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. auch keinen anderen Gottesdienſt neben her einfuͤh - ren. Alſo gilt da kein Simultaneum.
Nach dieſer in der Sache ſelbſt liegenden Aus - einanderſetzung der beiden Paragraphen, worauf es hier ankoͤmmt(b)§. 30. u. 31. des 5. Art. im Osn. Frieden., iſt es gewiß nicht die Abſicht geweſen, jenen §. 30., worin das Recht zu refor - miren oder anderen Glaubensgenoſſen ihre Reli - gionsuͤbung zu geſtatten als ein Territorialrecht anerkannt wird, zur Regel, und den §. 31., der das Entſcheidungsjahr zur Richtſchnur ſetzt, zur Ausnahme zu machen, und dadurch ein ſolches Verhaͤltniß zwiſchen dieſen beiden Stellen des Frie - dens zu begruͤnden, daß bey der erſtern als der Re - gel eine noch ſo weit ausgedehnte, bey der andern, als Ausnahme von der Regel, eine nie gnug ein - zuſchraͤnkende Auslegung ſtatt finden muͤßte. Nein, beide Paragraphen koͤnnen als zwey gleich kraͤftige Regeln, die nur zweyerley ganz verſchiedene Faͤlle vor Augen haben, ganz wohl mit einander beſte - hen; Nehmlich §. 30. wenn Herr und Land einer - ley, §. 31. wenn ſie verſchiedener Religion ſind. In jenem Falle ließ man es bey der Regel, daß die Aufnahme und zu geſtattende Religionsuͤbung anderer Religionsverwandten von der landesherr - lichen Gewalt abhange. Im andern Falle gab man eine ganz andere eben ſo allgemeine Regel, daß da alles nach dem Entſcheidungsziele des Jahrs 1624. gehalten werden ſollte.
Die Verbindung der beiden §§., wie ſie un - mittelbar auf einander folgen, gibt das deutlich gnug zu erkennen. Im §. 30. heißt es: dasRecht,2318) Simultaneum. Recht, das einem jeden Reichsſtande vermoͤge der Landeshoheit in Anſehung der Religion zukomme, ſolle ungekraͤnkt bleiben. Gleich darauf heißt es §. 31.: Deſſen ungeachtet ſollen jedoch evangeli - ſche Unterthanen eines catholiſchen Landesherren ih - re Religionsuͤbung mit allem Zugehoͤre ſo behal - ten, wie ſie ſolche zu irgend einer Zeit des Jahres 1624. gehabt haben. In Beziehung auf dieſe Verordnung werden hernach in dem darauf folgen - den §. 33. alle Urtheile, Vertraͤge und Verglei - che, die mit dem Religionszuſtande, wie er im Jahre 1624. geweſen, nicht uͤbereinſtimmen, fuͤr nichtig und unkraͤftig erklaͤret, mit dem ausdruͤck - lichen Zuſatze: daß nur die Obſervanz des Jah - res 1624. als Regel gelten ſolle(c)Osnabr. Fr. Art. 5. §. 33.:” annihilatis omnibus anni 1624. obſeruantiae, vtpote quae in - ſtar regulae obtineat, contrariis latis ſententiis, reuerſalibus, pactis” &c. .
Wenn alſo gleich im §. 31. nur der AusdruckVIII. vorkam: daß evangeliſche Unterthanen eines catho - liſchen Landesherrn behalten ſollten, was ſie im Jahre 1624 gehabt haͤtten; ſo war doch damit nicht die Meynung, daß ſie zufrieden ſeyn muͤßten, wenn ihnen im ſtrengſten Verſtande eigentlich nichts genommen wuͤrde, und daß hingegen nichts dabey zu erinnern waͤre, wenn gleich neben dem Gottesdienſte, den ſie im Jahre 1624. fuͤr ſich alleine gehabt haͤtten, jetzt neben her auch noch ein catholiſcher Gottesdienſt eingefuͤhret wuͤrde. Gnug wo 1624. nur einerley Religionsuͤbung geweſen war, und jetzt zweyerley Gottesdienſt ſeyn ſollte,daP 4232VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. da konnte man nicht ſagen, daß es bey der auf dieſen Fall nun einmal zur Regel angenommenen Obſervanz des Jahres 1624. bliebe; ohne zu ge - denken, wie wenig zu erwarten war, daß den Pro - teſtanten nichts genommen werden wuͤrde, wenn ſie einen catholiſchen Landesherrn haben, deſſen Schutz und Gunſt alsdann ſeine Glaubensgenoſſen bald immer weiter zu benutzen ſuchen wuͤrden, wie die Erfahrung bald nur zu ſehr lehrte, daß in ſolchen Faͤllen ſowohl Kirchen als Kirchenguͤter und Theilnehmung aller Einkuͤnfte und Pfarrgebuͤhren in Anſpruch genommen wurden. Einige Schrift - ſteller haben zwar nachher ein ſchaͤdliches und un - ſchaͤdliches Simultaneum von einander unterſchei - den, und dem Scheine nach doch nur letzteres ver - theidigen wollen. Aber die Erfahrung hat am be - ſten gelehret, daß ein unſchaͤdliches Simultaneum nach catholiſchen Grundſaͤtzen gar nicht zu erwarten war; und, was gnug iſt, mit der Richtſchnur des Entſcheidungsjahrs, die nun einmal Regel ſeyn ſoll, kann gar kein Simultaneum beſtehen.
Eine Hauptbetrachtung, die auch hier nicht außer Acht zu laßen iſt, beruhet in allen den Ver - haͤltniſſen, die zwiſchen der catholiſchen und evan - geliſchen Religion in Frage kommen, allemal auf der irrigen Vorſtellung, die beſonders von den Je - ſuiten ausgebreitet und unterhalten wurde, als ob die evangeliſche Religion zur catholiſchen in dem Verhaͤltniſſe ſtaͤnde, wie ein Fremdling, der in einem Lande neu aufgenommen wuͤrde, und allen - falls nur das, was ihm einmal geſtattet ſey, im engſten Begriffe fuͤr ſich behaupten koͤnne; da hin - gegen diejenigen, die ihn aufgenommen, immerdie2338) Simultaneum. die Vermuthung fuͤr ſich haͤtten, daß alles, was ſie vorher gehabt, und dem Fremdlinge nicht aus - druͤcklich eingeraͤumet haͤtten, von ihnen jedesmal mit Recht zuruͤckgenommen und nur fuͤr ſich behau - ptet werden koͤnnte(d)Oben Th. 1. S. 409. VII. . Hoͤchſtens wuͤrde dieſe Vergleichung paſſen, wenn ein catholiſcher Staat z. B. Spanien Proteſtanten als Coloniſten aus an - dern Laͤndern unter gewiſſen Bedingungen aufge - nommen haͤtte. Aber auf unſere Teutſche evange - liſche Staͤdte und Laͤnder, deren eingebohrne Ein - wohner und Unterthanen nicht etwa als Fremdlin - ge aufgenommen, ſondern ihre Religion nach ver - aͤnderten Einſichten und mit Einſtimmung ihrer Obrigkeiten geaͤndert hatten, wie ſollte da jene Ver - gleichung paſſen? Wie ſollten nicht vielmehr gera - de im Gegentheile nach der Vergleichung catholi - ſche nur als Fremdlinge in einem evangeliſchen Lan - de angeſehen werden, wenn auch gleich die Perſon des Landesherrn catholiſch geblieben, oder wie der Fall am haͤufigſten ſich ereignet hat, durch eine Religionsveraͤnderung von ſeiner Seite oder ver - moͤge einer auf ihn gefallenen Succeſſion catho - liſch geworden war? So lange ſolche Vorſtellun - gen und Geſinnungen obwalteten, konnten Prote - ſtanten, die einen catholiſchen Landesherrn hatten, ſich wenig Hoffnung machen, in ungeſtoͤhrtem Be - ſitze ihres Religionszuſtandes vom Jahre 1624. her zu bleiben.
Schon vor dem Weſtphaͤliſchen Frieden hat -X. ten ſich einige Faͤlle ereignet, wo ſich dieſe Geſin - nungen deutlich gnug zu erkennen gaben. ImBi -P 5234VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. Biſthum Hildesheim, deſſen groͤßten Theil ſeit 1523. das Haus Braunſchweig ingehabt hatte, war faſt durchgaͤngig die evangeliſche Religion an - genommen worden. Aber im Jahre 1643. wur - de der Herzog Chriſtian Ludewig von Braunſchweig genoͤthiget, dem damaligen Churfuͤrſten Ferdinand von Coͤlln, der zugleich Biſchof von Hildesheim war, das ſo genannte große Stift, oder den groͤ - ßern Theil des Landes, ſo das Haus Braunſchweig bis dahin in ſeinem Beſitz erhalten hatte, mittelſt eines zu Braunſchweig am 17. (27.) Apr. 1643. daruͤber errichteten Receſſes wieder abzutreten(e)Luͤnigs Reichsarchiv part. ſpecial. Th. 1. S. 523.. Bey dieſer Gelegenheit wurde an eben dem Tage der Religion wegen noch ein beſonderer Nebenre - ceß errichtet, vermoͤge deſſen fuͤr den evangeliſchen Adel nur noch auf 70., fuͤr die uͤbrigen Untertha - nen auf 40. Jahre der oͤffentliche Gottesdienſt fer - ner ſtatt finden ſollte. Doch ſollte dem Churfuͤr - ſten als Biſchofe von Hildesheim und ſeinen Nach - folgern frey ſtehen, die oͤffentliche catholiſche Reli - gionsuͤbung uͤberall daneben einzufuͤhren; ſo, daß, wo an einem Orte zwey Kirchen vorhanden, eine da - von den Catholiſchen uͤberlaßen werden ſolle. Wo aber nur eine Kirche waͤre, ſollte beiden Theilen zugelaßen ſeyn, in derſelben zu verſchiedenen Zei - ten und Stunden ihren Gottesdienſt zu uͤben. Auch ſollten zu dem Ende Beichtſtuͤhle, Canzeln, Klocken, Schluͤſſel und Kirchhoͤfe beiden ſowohl Catholiſchen als Evangeliſchen gemein ſeyn(f)Luͤnig am a. O. S. 537. 540..
Wie2358) Simultaneum.Wie dieſer Vertrag dem nachher bey den Weſt -XI. phaͤliſchen Friedenshandlungen verglichenen Ent - ſcheidungsziele des Jahrs 1624. gaͤnzlich entgegen war, und alſo vermoͤge der Stelle des Friedens, welche alle demſelben entgegenlaufende Vertraͤge fuͤr nichtig erklaͤrte, nicht beſtehen konnte; ſo gab ſich der catholiſche Religionstheil bey den Friedens - handlungen alle Muͤhe, dieſen Hildesheimiſchen Vertrag doch mittelſt einer ausdruͤcklichen Ausnah - me von jener Nichtigerklaͤrung zu retten. Allein gerade im Gegentheile wurde vielmehr im Frieden ſelbſt bey eben der Stelle noch ausdruͤcklich hinzu - gefuͤgt, daß namentlich auch dieſer wegen des Hil - desheimiſchen Religionsweſens im Jahre 1643. geſchloſſene Vertrag als null und nichtig angeſehen werden ſollte, nur neun Kloͤſter ausgenommen, die ohne Ruͤckſicht auf das Jahr 1624. auf catho - liſchen Fuß bleiben ſollten(g)Osnabr. Fr. Art. 5. §. 33..
Nun konnte das nachher ſo genannte Simul -XII. taneum nicht deutlicher beſchrieben werden, als es hier geſchehen war. Waͤre es alſo der Abſicht des Friedens nicht zuwider geweſen; ſo haͤtte es ja gar keine Schwierigkeit haben koͤnnen, wenigſtens die - ſes Simultaneum, eben ſo wie die ausdruͤcklich ausbehaltenen neun Kloͤſter, aus dem nichtig er - klaͤrten Vertrage beyzubehalten. Da dieſes aber nicht geſchah, lag offenbar hierin ein neuer Be - weis, daß das Simultaneum gegen den Zuſtand der Religion, wie er im Jahre 1624. an jedem Orte geweſen, der Abſicht des Weſtphaͤliſchen Frie - dens allerdings nicht gemaͤß ſey. — Und den - noch war auch nach dem Frieden das BiſthumHil -236VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. Hildesheim wieder eines der erſten, wo die Sache von neuem rege gemacht wurde, indem den Capu - cinern zu Hildesheim ein Kloſter, das ſie im Jah - re 1624. nicht beſeſſen hatten, jetzt von neuem ein - geraͤumt und hergeſtellt werden ſollte; woruͤber die Sache eben auf dem Reichstage 1653. in Bewe - gung kam.
Ein anderer Fall entſtand aus dem oben ſchon einmal erwehnten Verhaͤltniſſe zwiſchen Pfalzneu - burg und Pfalzſulzbach(h)Oben S. 33.. Hier hatte der Pfalzgraf von Neuburg am 17. Jul. 1628. erſt im voͤlligen Geiſte der gewaltſamen Gegenreforma - tion Befehle ergehen laßen:” daß alle Kirchen - und Schuldiener, die ſich zur catholiſchen Reli - gion nicht bequemen wollten, ſich in drey Wochen aus dem Lande begeben ſollten, desgleichen alle Beamten in ſechs Monathen, ohne daß auch bis dahin ihnen geſtattet ſeyn ſollte, einigen Lutheri - ſchen Gottesdienſt zu beſuchen ꝛc. ”(i)Struvs Pfaͤlziſche Kirchenhiſtorie S. 562.. Wie die - ſe Befehle durch das nachher verglichene Entſchei - dungsziel vermoͤge des Weſtphaͤliſchen Friedens ih - re Kraft verlohren; ſo ſuchte Pfalzneuburg noch nach dem Frieden wenigſtens das Simultaneum im Sulzbachiſchen einzufuͤhren; Das gab Gele - genheit, daß Bamberg bey den Friedens-Execu - tionshandlungen (1650. Aug. 3.) ſchon den Na - men Simultaneum gebrauchte, und es zu verthei - digen ſuchte. Die Evangeliſchen erwiederten aber gleich damals: ob einem ſein Haus verbleibe, wennein2378) Simultaneum. ein anderer ſich zur Haͤlfte mit eindringen wollte? (k)Meiern Exec. Handl. Th. 2. S. 599.Auch der Reichshofrath, ob er gleich damals noch bloß aus catholiſchen Mitgliedern beſtand, war dennoch ſelbſt der Meynung, daß ſich dieſes Sulz - bachiſche Simultaneum nicht vertheidigen laße(l)Moſer von der Landeshoheit im Geiſtl. S. 616.. Inzwiſchen nahm auch hier die Sache nachher eine andere Wendung, da der Pfalzgraf Chriſtian Au - guſt von Sulzbach, der 1632. ſeinem Vater Au - guſt gefolget war, am 30. Dec. 1655. ſich eben - falls zur catholiſchen Religion bekannte(m)Struvs Pfaͤlz. Kirchenhiſt. S. 628. Koe - lers Muͤnzbeluſt. Th. 1. S. 323..
Ein dritter Vorfall ereignete ſich zu Hoͤxter,XIV. in einer an der Weſer gelegenen Stadt, die zur Abtey Corvey gehoͤret, aber unter des Hauſes Braunſchweig Schutzgerechtigkeit ſtehet. Hier war ebenfalls im Entſcheidungsjahre 1624. nur evangeliſche Religionsuͤbung geweſen. Der Abt zu Corvey fuͤhrte aber auch da das catholiſche Si - multaneum ein. Bey dieſer Gelegenheit wurde (1651. Maͤrz 19.) zuerſt der Grundſatz geaͤußert: daß das landesherrliche Reformationsrecht die Re - gel ausmache, das Entſcheidungsjahr nur als eine Ausnahme davon zu betrachten ſey(n)Moſer von der Landeshoheit im Geiſtl. S. 619..
Endlich war auch noch in Wertheim der be -XV. ſondere Fall, daß von mehreren Grafen von Loͤ -wen -238VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. wenſtein, welche die Grafſchaft Wertheim gemein - ſchaftlich beſaßen, ein Graf Johann Dieterich, der in Spaniſchen Kriegsdienſten war, ſchon im Jahre 1621. ſich zur catholiſchen Religion bekannt, aber bis ins Jahr 1631. ſich in einer Niederlaͤn - diſchen Herrſchaft Rochefort aufgehalten hatte. Als derſelbe hernach zu Wertheim wider Willen ſeiner evangeliſchen Stammsvettern und Mitregen - ten das catholiſche Simultaneum einfuͤhren woll - te; kam es auch da zur Sprache.
Alle dieſe Faͤlle waren jedoch nur geringe Vor - ſpiele von dem, was nachher noch nach dieſen Grundſaͤtzen durchgeſetzt worden; wobey ſich deut - lich wahrnehmen laͤßt, wie man, vielleicht mit gu - tem Vorbedachte, ſtuffenweiſe nach und nach da - mit zu Werk gegangen iſt. Ungeachtet der Hil - desheimiſche Fall deutlich gnug zeigt, daß man catholiſcher Seits dieſe Grundſaͤtze ſchon vor Er - oͤffnung der Friedenscongreſſe zu Muͤnſter und Os - nabruͤck geheget hat; ſo geſchah doch bey den Frie - denshandlungen ſelber keine Aeuſſerung davon; wahrſcheinlich um nicht etwa zu veranlaßen, daß wohl gar das Gegentheil ausdruͤcklich im Frieden verordnet werden moͤchte. Bey den Executions - handlungen fieng man ſchon an, Verſuche einer fuͤr das Simultaneum guͤnſtigen Auslegung des Friedens zu machen. Auf dem Reichstage 1653. wurden nun eigene gleichſam problematiſch geſchie - nene Fragen daruͤber aufgeworfen(o)Von den Directorien der beiden hoͤheren Collegien wurden vier Fragen entworfen, folgen - den weſentlichen Inhalts: I) Ob in Reichsſtaͤdtenge -. DerenEr -2398) Simultaneum. Eroͤrterung blieb aber auf einen Reichsdeputations - tag, der zunaͤchſt gehalten werden ſollte, ausge - ſetzt; womit zugleich auch alles, was noch von Reſtitutionen wegen Amneſtie und Beſchwerden uͤbrig war, dahin verſchoben blieb.
(o)gemiſchter Religion ein oder anderm Theile frey ſtehe, auf ſeine Koſten und ohne Schmaͤlerung des gemeinen Guts und Stiftungen, Kirchen, Schu - len, Kloͤſter ꝛc. einzufuͤhren, ungeachtet derglei - chen am 1. Jan. 1624. nicht vorhanden geweſen? II) Ob ein Landesherr in ſeiner Landſtadt nicht oͤde und verlaſſen ſtehende Kirchen zu ſeiner Reli - gionsuͤbung gebrauchen koͤnne, ſofern nur der an - dern Religionsuͤbung, wie ſie 1624. geweſen, kein Nachtheil geſchehe? III) Ob nicht ein gleiches von einem ſolchen Landesherrn geſchehen koͤnne, der mit einem andern verſchiedener Religion in Ge - meinſchaft regiere? IV) Ob ein evangeliſcher Reichsſtand eines auswaͤrtigen Kloſters Einkuͤnfte, ſo er 1624. eingezogen, nicht dem Kloſter reſtitui - ren muͤſſe?
I — III. Bev den Berathſchlagungen, welche die evan - geliſchen Reichsſtaͤnde uͤber das Simultaneum und andere Re - ligionsbeſchwerden anzuſtellen hatten, bekam Churſachſen von neuem das Directorium zu fuͤhren. — IV. So bekam das Corpus der evangeliſchen Staͤnde ſeine heutige Verfaſſung, — V. wozu der Weſtphaͤliſche Friede den Grund der Gerechtſa - me, als Corpus zu handeln, voͤllig befeſtiget hatte, — VI. ſo gut, wie jeder Reichskreis ein Corpus ausmacht. — VII. Erſt in neueren Zeiten hat man angefangen, den Na - men Corpus anzufechten; — VIII. IX. wobey jedoch die Evangeliſchen große Urſache haben zu beharren.
Mit den Fragen, die uͤber das Simultaneum in Bewegung kamen, ſtand noch eine wichtige Sache in Verbindung, welche die Art und Weiſe betraf, wie der evangeliſche Religionstheil, oder wie nun der Ausdruck nach und nach gewoͤhnlich wurde, das Corpus der evangeliſchen Staͤnde (corpus euangelicorum,) auf eben dieſem Reichstage ſeine Berathſchlagungen und ein eignes Directorium von neuem in Gang brachte.
Es kam nehmlich bald am Anfange dieſes Reichstages vor, wie die evangeliſchen Staͤnde wahrnaͤhmen, daß verſchiedene ihrer Glaubensge - noſſen ſchon gegen den Weſtphaͤliſchen Frieden be - ſchwert waͤren, und daß uͤber die Auslegung eini - ger Stellen des Friedens Streitigkeiten aufgewor - fen wuͤrden. Wie ſie nun Nachricht erhielten, daßdie2419) Corpus der evangel. Staͤnde. die Catholiſchen unter ſich ſchon daruͤber gefaſſet waͤren, und alſo noͤthig fanden, auch ihres Orts daruͤber in Berathſchlagung zu treten, um das, was ſie im Frieden erhalten, nicht alſobald wie - der zu verliehren; ſo erſuchten ſie Churſachſen, wie es ſchon in vorigen Zeiten der evangeliſchen Sa - chen ſich eifrig angenommen habe, auch jetzt wie - der das Directorium in den evangeliſchen Con - ferenzen zu uͤbernehmen; welches ſonſt, wenn Churſachſen Schwierigkeit machen ſollte, dem Mag - deburgiſchen Geſandten einsweilen zu uͤbertragen ſeyn wuͤrde(p)Meiern Regensb. Reichstagshandl. Th. 1. S. 232. u. f..
Von den Zeiten des Schmalkaldiſchen BundesIII. her hatte Churſachſen, als der damalige erſte evan - geliſche Reichsſtand, ſchon bey allen Berathſchla - gungen der evangeliſchen Reichsſtaͤnde das Dire - ctorium gefuͤhret. Nur in den Zeiten, da vor dem dreyßigjaͤhrigen Kriege die proteſtantiſche Union geſchloſſen war, hatte Churpfalz, ſo noch uͤber Churſachſen den Rang hatte, als Haupt der Union, wovon ſich ohnedem Churſachſen damals zuruͤckhielt, die evangeliſchen Sachen zu dirigiren bekommen. Hernach hatte ſeit Guſtav Adolfs Zei - ten ſowohl waͤhrenden Krieges, als bey den Weſt - phaͤliſchen Friedenshandlungen, meiſt die Krone Schweden alles zu beſorgen gehabt. Jetzt war aber Churſachſen wieder der erſte evangeliſche Reichsſtand, und bekam nun billig wieder, wie ehedem, das Directorium in den Berathſchlagun - gen des evangeliſchen Religionstheils.
DerP. Entw. d. Staatsverf. Th. II. Q242VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657.Der Stoff zu dieſen Berathſchlagungen wurde nun immer haͤufiger. Es geſchah ſehr oft, daß ein jeder Religionstheil dem andern ſeine Mey - nung zu erklaͤren hatte; daß alſo beide Theile, als zwey moraliſche Perſonen, mit einander handel - ten; daß ein jeder Theil in ſolcher Abſicht zuvor unter ſich Berathſchlagungen anſtellen, und ge - meinſame Schluͤſſe faſſen mußte. Alles das war ſchon ſeit dem erſten Anfange der Religionstren - nung her geſchehen, und der urſpruͤnglichen Frey - heit der Teutſchen Reichsſtaͤnde voͤllig angemeſſen, die von je her nach ihren beſonderen Verhaͤltniſſen eigne Berathſchlagungen anſtellen und Schluͤſſe faſſen konnten, wie z. B. die beſonderen Verfaſſun - gen der Churfuͤrſten, der reichsſtaͤdtiſchen Ver - ſammlungen, der graͤflichen Collegien, und ſelbſt der Kreiſe auf ſolche Art ihren Urſprung genommen hatten.
Nur im Anfange hatte man zum Theil immer noch einige Hoffnung gehabt, daß noch eine Ver - einigung der beiden Religionstheile moͤglich ſeyn, und alſo deren Trennung nicht auf beſtaͤndig fort - waͤhren moͤchte. Zum Theil war auch im Streit geweſen, ob und wie weit eine ſolche Trennung beider Religionstheile ſtatt finden koͤnne, und was fuͤr rechtliche Wirkungen davon abhangen ſollten. Nunmehr hatte aber der Weſtphaͤliſche Friede zur ewigen Richtſchnur angenommen, daß ein Reli - gionstheil dem andern voͤllig gleich gehalten wer - den, daß keiner uͤber den andern mit Mehrheit der Stimmen ein Uebergewicht behaupten, und daß uͤber jede Verletzung des Friedens ein geſammter Religionstheil mit dem beleidigten Theile ſowohlin2439) Corpus der evangel. Staͤnde. in Rathſchlaͤgen als mittelſt vereinigter Kraͤfte gemeine Sache zu machen berechtiget ſeyn ſollte. Alſo war jetzt bey der Vereinigung aller Staͤnde von einerley Religion vollends nichts mehr zu erin - nern. Und es war ſchon laͤngſt vorher zu ſehen geweſen, daß eine Vereinigung der beiden Reli - gionen ſich nicht mehr hoffen ließe; daß alſo die Einrichtungen, die ein jeder Religionstheil jetzt in Anſehung ſeiner Berathſchlagungen und ferner zu faſſenden Schluͤſſe machte, eben ſo fortwaͤhrend bleiben wuͤrden, wie auf aͤhnliche Art ein jeder Kreis ein eignes immer fortwaͤhrendes Corpus ausgemacht hatte.
So wenig es alſo widerſprechend war, wennVI. das geſammte Corpus der Reichsſtaͤnde, in ſo fern als es ſich nach der Lage der Laͤnder in zehn Theile zergliedert hatte, jetzt zehn Corpora ausmachte; ſo wenig war auch dabey zu erinnern, daß in ſofern, als die beiden Religionstheile ſich trennten, jetzt ein jeder Religionstheil ein eignes Corpus aus - machte; wie nach und nach der ganz ſchickliche Ausdruck: Corpus der evangeliſchen Staͤnde, und Corpus der catholiſchen Staͤnde, und daß bei - de Religionstheile de corpore ad corpus mit einander handelten, aufgekommen war, und in der Folge immer mehr gaͤnge und gaͤbe wurde. Selbſt catholiſche Staͤnde trugen anfangs bey meh - reren Gelegenheiten kein Bedenken den Namen Cor - pus ſowohl von ihrem(q)z. B. I) in der wegen der Ryßwickiſchen Clauſel ertheilten Erklaͤrung vom 29. Sept. 1709. in Fabers Staatscanzley Th. 15. S. 156.:” Man„ koͤnn - als dem evangeliſchen Religionstheile zu gebrauchen(r).
InQ 2244VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657.In der Folge moͤgen aber einige geglaubt ha - ben, gewiſſe Abſichten eher durchſetzen zu koͤnnen,wenn(r)„ koͤnnte von corporis catholicorum wegen die gan - „ ze ehrbare Welt urtheilen laßen ꝛc. ” — Man „ wollte daher zu denſelben (evangeliſchen Staͤn - „ den) ſich dahin verſehen, ſie wuͤrden auf des ca - „ tholiſchen corporis Declaration in gutem Vertrauen „ ſich naͤher vernehmen zu laßen von ſelbſten belie - „ ben.” So kam auch II) in der zu Coͤlln den 4. Maͤrz 1711. gezeichneten Erklaͤrung der kaiſerlichen Adminiſtration wegen Reſtitution der reformirten Gemeinde zu Oedenkirchen der Ausdruck vor:” von „ dem auf dem Reichstage zu Regensburg verſam - „ melten corpore catholicorum.” Fabers Staats - canzley Th. 17. S. 46. Desgleichen ward III) am 13. Oct. 1719. im Namen Churmainz erklaͤrt:” ſo wuͤrde man es mit dem ganzen catholiſchen cor - „ pore zu thun haben.” Fabers Staatscanzley Th. 35. S. 369. Man ſehe auch allenfalls die von Conferenzen des catholiſchen Religionstheils be - kannt gewordenen Verhandlungen von den Jahren 1703. und 1729. in eben der Staatscanzley Th. 9. S. 51-55., Th. 53. S. 236-247.(r)(r) So geſchah I) ſchon auf dem Reichstage 1598. von den Oeſterreichiſchen Directorialgeſand - ten der Vortrag:” Sie koͤnnten wegen Ihro kai - „ ſerlichen Majeſtaͤt unangezeigt nicht laßen, daß „ ein Unterſchied zu halten in den Sachen. Denn „ was die Gewiſſen betraͤfe, dieſelbigen Sachen „ waͤren bey dem Religionsfrieden zu laßen; wie „ dann in ſolchen nicht, wie in anderen Sachen, „ ſondern durch ſondere Raͤthe gehandelt (wer - „ de), alſo daß die Catholiſchen einen beſon - „ dern Rath, die andern auch einen beſon - „ dern Rath gehabt.” Schauroths Samml. vom corp. euang. Th. 2. S. 793. II) In dem 1700. mit dem Koͤnige in Preußen geſchloſſenen Krontractate verſprach der Kaiſer Leopold die Er - oͤrterung der Religionsbeſchwerden ſich angelegenſeyn2459) Corpus der evangel. Staͤnde. wenn ſie nur mit evangeliſchen Staͤnden einzeln zu thun haͤtten, und dieſen alle Mittel und Wege geſammter Hand ſich zu vereinigen immer mehr eingeſchraͤnkt oder gar benommen wuͤrden. Die ſo geſinnt waren, haben nachher angefangen, des Ausdrucks Corpus von beiden Religionstheilen ſich nicht nur zu enthalten, ſondern ſo gar zu wider - ſprechen, wenn der evangeliſche Religionstheil die - ſe Benennung nach wie vor von ſich gebrauchte. Oder man hat es nur mit dem Beyſatz: das an - maßliche, oder das ſich ſo nennende Corpus, be - nannt. Natuͤrlicher Weiſe hat das dem evangeli - ſchen Religionstheile nicht gleichguͤltig ſeyn koͤnnen. In einem hernach (1720 Nov. 16.) daruͤber an den Kaiſer Carl den VI. erlaßenen Vorſtellungs - ſchreiben hat man deswegen ſo gruͤndlich als nach - druͤcklich geaͤußert, daß man zwar in Anſehung der Benennung gleichguͤltig ſeyn koͤnnte, ob die ge - ſammten evangeliſchen Reichsſtaͤnde als ein Cor - pus, oder als ein Religionstheil, eine Gemein - heit u. ſ. w. benannt werden moͤchten; daß es aber deſto bedenklicher ſey, wenn die Abſicht, wie esſchie -(r)ſeyn zu laßen,” ſobald dieſelben vom corpore Au - „ guſtanae confeſſionis an Sie allerunterthaͤnigſt „ wuͤrden gebracht werden.” Schauroth am a. O. S. 823. III) In der Churmainziſchen Erklaͤ - rung vom 13. Oct. 1719. hieß es ebenfalls unter andern:” Ihre Churfuͤrſtliche Gnaden haͤtten ſich „ dergleichen nicht verſehen, indem man ſich von „ Seiten corporis euangelici ſelbſt — engagirt haͤt - „ te ꝛc.” Fabers Staatscanzley Th. 35. S. 366. Noch mehr aͤhnliche Stellen finden ſich zuſammen - getragen in Ern. Lud. Posselt ſyſtemate iurium corporis euangelici (Kehl 1786. 8. ) p. 50. ſq. Q 3246VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. ſchiene, dahin gienge, mit dem Namen zugleich die Sache ſelbſt, und die einmal im Weſtphaͤli - ſchen Frieden ſo theuer erworbenen Rechte der ver - einigten Berathſchlagung und Zuſammenhaltung zu untergraben(s)Schauroths Samml. vom corp. euang. Th. 2. S. 759. 791. u. f..
Der Erfolg der Geſchichte hat es nur gar zu oft gelehret, wie große Urſache der evangeliſche Religionstheil hat, als Corpus zuſammen zu hal - ten; wozu auf catholiſcher Seite freylich weit we - niger Nothwendigkeit vorhanden iſt, da in den Reichstagsberathſchlagungen ohnedem die Catholi - ſchen ordentlicher Weiſe die Mehrheit der Stim - men auf ihrer Seite haben, und da in einzelnen Vorfaͤllen, wo der Unterſchied der Religion Ein - fluß hat, gemeiniglich ein Proteſtant der leidende Theil iſt. Selbſt die Verſchiedenheit der Reli - gionsgrundſaͤtze bringt das mit ſich, daß Prote - ſtanten, entfernt von Bekehrungsſucht oder Ver - folgung anderer Religionsverwandten, gerne je - dem duldend ſeine Gewiſſensfreyheit laßen; ſo aber bey Catholiſchen, wenigſtens nach dem paͤbſt - lichen und jeſuitiſchen Syſteme, der Fall bisher nicht geweſen iſt.
Catholiſche Reichsſtaͤnde koͤnnten alſo, ohne als Ein Corpus ſichtbar zu handeln, um ſo eher zu rechte kommen, da ſie weder wider eine gegen - theilige Mehrheit der Stimmen, noch wider Be - ſchwerden, die ihnen zugefuͤgt werden, ſo leicht zu kaͤmpfen haben, und da uͤberdas alle Mitglieder der catholiſchen Kirche durch das genaue Bandder2479) Corpus der evangel. Staͤnde. der Unterwuͤrfigkeit, das ſie unter Einem Ober - haupte und dem geſammten Clerus, als deſſen Un - terbefehlshaber, ohnedem in ſolcher Vereinigung gehalten werden, daß ſie keiner weitern beſonderen Verbindung beduͤrfen. Daran fehlt es aber auf Seiten der Proteſtanten dergeſtalt, daß, wenn die evangeliſchen Staͤnde des Teutſchen Reichs nicht noch als ein Corpus zuſammenhielten, die Erhaltung ihrer Freyheit und der im Weſtphaͤli - ſchen Frieden erworbenen Rechte bald auf ſchwa - chen Fuͤßen ſtehen wuͤrde. Es war alſo weder uͤberfluͤßig noch geſetzwidrig, daß der evangeliſche Religionstheil gleich auf dem erſten Reichstage nach dem Weſtphaͤliſchen Frieden ſich von neuem auf den Fuß ſetzte, als ein Corpus ſein eigenes Directorium und ſeine eigene Verfaſſung zu ha - ben, um jedesmal gefaßt zu ſeyn, ſowohl Berath - ſchlagungen anſtellen, als Schluͤſſe faſſen zu koͤn - nen, wie es den Umſtaͤnden nach erforderlich ſeyn moͤchte. Die erſte Conferenz wurde diesmal am 22. Jul 1653. beym Churſaͤchſiſchen Geſandten gehalten.
I. II. Im Reichsfuͤrſtenrathe bekamen die evangeliſchen Biſthuͤmer eine eigene Querbank. — III. Die ſeculariſirten Laͤnder kamen von der geiſtlichen Bank zur weltlichen hinuͤ - ber, — als namentlich Bremen, — IV. Verden, — V. Halberſtadt, Minden, Schwerin, Camin, Ratzeburg, Hirſchfeld. — VI. Einigen nenen Fuͤrſten wurde zwar Sitz und Stimme geſtattet; — VII. aber mit erheblichen Ver - wahrungen fuͤr die Zukunft. — VIII. IX. Womit nunmeht der Reichsfuͤrſtenrath vollends ſeine geſchloſſene Anzahl Stim - men bekam, — X. indem jetzt auch die Curiatſtimmen der Grafen und Praͤlaten auf den heutigen Fuß kamen. — XI. Ende des Reichstages 1654. und Anfang der Reichsdepu - tation 1655.
Noch war verſchiedenes auf dieſem Reichstage wegen der Stimmen im Reichsfuͤrſtenra - the zu berichtigen, da theils die Stelle, die den vermoͤge des Weſtphaͤliſchen Friedens in proteſtan - tiſche Haͤnde gekommenen Hochſtiftern anzuweiſen ſey, theils die Aufnahme einiger neuen Stimmen in Frage kam.
Fuͤr das Biſthum Luͤbeck, das auf beſtaͤndig, und fuͤr das Biſthum Osnabruͤck, das abwech - ſelnd einen evangeliſchen Biſchof zu erwarten hat - te, wie auch fuͤr den Saͤchſiſchen Prinzen, Auguſt, der noch auf ſeine Lebenszeit das Erzbiſthum Mag - deburg als Adminiſtrator behalten ſollte, war imWeſt -24910) Neue Stimmen im Fuͤrſtenrath. Weſtphaͤliſchen Frieden ausgemacht, daß ein jeder evangeliſcher geiſtlicher Fuͤrſt auf einer beſonderen Querbank im Reichsfuͤrſtenrathe ſeinen Sitz neh - men, ſeine Stimme aber in der bisher gewoͤhnli - chen Ordnung ablegen ſollte(t)Osnabr. Friede Art. 5. §. 22..
Wegen der ſeculariſirten Stifter war im Frie -III. den ſelbſt nur fuͤr Bremen ausgemacht, daß es auf der weltlichen Bank den fuͤnften Platz einnehmen ſollte(u)Osnabr. Fr. Art. 10. §. 9., den es auch jetzt zwiſchen Pfalzneuburg und Pfalzzweybruͤcken in Beſitz nahm. Nachher hat aber doch Magdeburg, als es nach des Saͤch - ſiſchen Prinzen Auguſts Tode (1680.) an Chur - brandenburg fiel, den zweyten Platz auf der welt - lichen Fuͤrſtenbank bekommen; da dann Bremen billig zwiſchen Pfalzſimmern und Pfalzneuburg hin - auf haͤtte ruͤcken muͤßen, wenn es den im Weſtphaͤ - liſchen Frieden einmal erhaltenen fuͤnften Platz haͤt - te behalten ſollen. Das iſt aber nicht geſchehen; und ſo wird die Stimme vom Herzogthume Bre - men, wie ſie jetzt das Haus Hannover zu fuͤhren hat, wuͤrklich nicht nach Vorſchrift des Weſtphaͤ - liſchen Friedens auf der fuͤnften, ſondern erſt auf der ſechſten Stelle der weltlichen Fuͤrſtenbank ab - gelegt.
Fuͤr das Herzogthum Verden mag wohl derIV. Geſandte der Krone Schweden, die es damals be - ſaß, es dahin gebracht haben, daß es gleich nach der Stimme von Pommern folgte, und dieſe Stel - le hernach, ungeachtet die Pommeriſchen StimmenſelbſtQ 5250VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. ſelbſt mit anderen altfuͤrſtlichen Stimmen nach ei - ner verabredeten Alternationsordnung abwechſeln, doch immer unveraͤndert behalten hat.
Wegen der uͤbrigen ſeculariſirten Stifter kam es erſt auf dieſem Reichstage im May 1654. zur Richtigkeit, daß Halberſtadt unmittelbar nach den Braunſchweigiſchen Stimmen noch vor den alternirenden, Minden gleich nach Sachſenlauen - burg, Schwerin, Ratzeburg und Hirſchfeld nach Henneberg zu votiren kamen. Fuͤr Camin iſt erſt 1668. Der Platz zwiſchen Schwerin und Ratzeburg ausgemacht worden.
Was andere neue Stimmen betrifft, die jetzt erſt neu eingefuͤhrt werden ſollten, ſo hatte Ferdi - nand der III. ſchon auf dem Reichstage 1641. er - klaͤrt, daß er drey neue Fuͤrſten, von Hohenzollern, von Eggenberg und von Lobkowitz, zu Sitz und Stimme im Reichsfuͤrſtenrathe zugelaßen habe. Die wuͤrkliche Einfuͤhrung kam aber damals nicht zu Stande, weil Fuͤrſten und Churfuͤrſten dagegen erinnerten, daß die beiden letztern, als bloß Oe - ſterreichiſche Landſaſſen, keine unmittelbare Guͤter im Reiche beſaͤßen, und keinem Kreiſe mit Bey - traͤgen zu den gemeinen Beſchwerden des Reichs und der Kreiſe zugethan waͤren, ohne welche Be - dingungen keine Stimme im Fuͤrſtenrathe zuge - laßen werden koͤnnte(v)R. A. 1641. §. 97. 98.. Jetzt wurde angezeiget, daß dieſe Bedingungen erfuͤllet ſeyen; worauf ſchon am 30. Jun. 1653. die Einfuͤhrung beſagter drey neuer Fuͤrſten im Fuͤrſtenrathe erfolgte. So wur - den auch am 28. Febr. 1654. noch die Fuͤrſten vonSalm25110) Neue Stimmen im Fuͤrſtenrath. Salm, Dietrichſtein, Piccolomini, Auersberg, jeder mit einer Stimme, und am 3. Maͤrz 1654. die Fuͤrſten von Naſſau mit zwey Stimmen, nehm - lich die catholiſche Linie von Hadamar und Siegen mit einer, und die evangeliſche Linie von Dillen - burg und Diez mit der andern, alſo zuſammen neun neue fuͤrſtliche Stimmen auf dieſem Reichs - tage eingefuͤhrt.
Alles das wurde auch im Reichsabſchiede(w)R. A. 1654. §. 197.VII. wiederholet, jedoch erſtlich mit der beygefuͤgten Verwahrung,” daß diejenigen, welche ohne vor - hergegangene Vollziehung der ſchuldigen Praͤſta - tionen, inſonderheit der unmittelbaren Beguͤterung im Reiche, diesmal nur wegen ihrer perſoͤnlichen Verdienſte im Fuͤrſtenrathe eingefuͤhret worden, von niemanden uͤber kurz oder lang zum Praͤjuditz angefuͤhrt oder zur Conſequenz gezogen, auch dieſe Sitz und Stimme auf ihre Erben und Nachfolger nicht extendirt werden ſollte, ſie haben ſich dann mit unmittelbaren fuͤrſtenmaͤßigen Reichsguͤtern verſehen.” Daneben wurde nun noch hinzuge - fuͤgt:” daß forthin ohne vorgehende Realerfuͤllung aller nothwendigen und beſtimmten Requiſiten, in - ſonderheit erſtgemeldter Beguͤterung, und ohne der Churfuͤrſten und Staͤnde Vorwiſſen und Conſens keiner zur Seſſion und Stimme im Fuͤrſtenrathe zugelaßen werden ſollte.”
Die Sache war deswegen von großer Wichtig -VIII. keit, weil ſonſt, wenn neue Fuͤrſten ſo leicht zu Sitz und Stimme im Fuͤrſtenrathe gelangen koͤnn - ten, der kaiſerliche Hof bald Mittel und Wege ge -fun -252VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. funden haben wuͤrde, die Mehrheit der Stimmen auf dem Reichstage immer auf ſeiner Seite zu ha - ben, und alsdann mit Reichsſchluͤſſen, die nur mit den meiſten Stimmen zu Stande gebracht werden duͤrften, alles nach eignem Gutfinden durch - zuſetzen. Der kaiſerliche Hof ſchien das fuͤr ſich zu haben, daß in vorigen Zeiten alle Standeser - hoͤhungen, wodurch der Kaiſer Grafen oder Praͤ - laten zu Fuͤrſten erhoben hatte, auch auf dem Reichstage mit Zulaßung ihres fuͤrſtlichen Sitz - und Stimmrechts keine Schwierigkeit gefunden hatten, wie die Beyſpiele der Haͤuſer Savoyen, Holſtein, Wuͤrtenberg, Henneberg, und ſelbſt des noch erſt 1576. in Fuͤrſtenſtand erhobenen Hauſes Arenberg zum Beweiſe eines ſolchen Her - kommens dienen konnten. Allein vors erſte war bis ins XVI. Jahrhundert uͤberhaupt die Zahl der Stimmen im Fuͤrſtenrathe, nachdem mehr oder weniger Perſonen erſchienen, noch ſehr veraͤnder - lich, und inſonderheit der Unterſchied der graͤflichen Curiatſtimmen und der fuͤrſtlichen Virilſtimmen vielleicht noch nicht ſo beſtimmt, wie jetzt; da dann auch der Uebergang einer graͤflichen Stimme zur fuͤrſtlichen, wenn es nur um einen hoͤhern Rang zu thun geweſen waͤre, nicht ſoviel auf ſich gehabt haben wuͤrde, als wenn nunmehr damit eine ganz neue Stimme auf kommen, und die Zahl der fuͤrſt - lichen Stimmen uͤberhaupt einen Zuwachs bekom - men ſollte.
Hauptſaͤchlich aber konnte es nicht anders, als aͤußerſt auffallend ſeyn, da die Ferdinande ſich nicht mehr begnuͤgten, wie es ehedem nur geſchehen war, alte reichsgraͤfliche Haͤuſer, deren Grafſchaf -ten25310) Neue Stimmen im Fuͤrſtenrath. ten die Groͤße mancher Fuͤrſtenthuͤmer uͤbertrafen, in Fuͤrſtenſtand zu erheben, ſondern gerade zu an - fiengen, bloß adeliche Geſchlechter, die in den Oe - ſterreichiſchen Erblanden nur als Landſaſſen beguͤ - tert waren, erſt zu Grafen, hernach zu Fuͤrſten zu machen. Wenn es dabey geblieben waͤre, haͤt - ten nach und nach mehr Oeſterreichiſche Landſaſſen, als urſpruͤnglich reichsſtaͤndiſche Familien, in den Fuͤrſtenrath gebracht werden koͤnnen; — freylich zum augenſcheinlichen Vortheile derer, die dem kaiſerlichen Hofe eine unbeſchraͤnkte Macht uͤber ganz Teutſchland beyzulegen wuͤnſchten; aber auch in Vergleichung mit der wahren Teutſchen Ver - faſſung ſo uͤbertrieben, daß daruͤber am Ende auch dieſes kaiſerliche Vorrecht noch mehr als ehedem eingeſchraͤnkt wurde. — Wahrſcheinlich haben dieſe Umſtaͤnde ſchon auf dasjenige einen Einfluß gehabt, was ich oben vom Jahre 1582. ange - merkt habe, wie man von dieſem Jahre her eine gewiſſe geſchloſſene Zahl der Stimmen im Fuͤrſten - rathe angenommen hat(x)Oben S. 12..
Eben dieſe geſchloſſene Zahl der Stimmen be -X. kam auch dadurch jetzt noch eine groͤßere Ruͤndung, da endlich auch die ſaͤmmtlichen Curiatſtimmen auf dieſem Reichstage voͤllig auf den heutigen Fuß kamen. Bisher war nehmlich von allen Praͤlaten nur eine Curiatſtimme uͤblich geweſen, und von den Reichsgrafen hatte man unter dem Namen der Wetterauiſchen und Schwaͤbiſchen Grafen insge - ſammt nur zwey Stimmen gezehlt. Die Fraͤnki - ſchen Grafen hatten aber ſchon geraume Zeit her mit den Schwaͤbiſchen Grafen, mit denen ſie ſonſtzuſam -254VIII. Folgen d. Weſtph. Fr. 1648-1657. zuſammengehalten hatten, wegen ihrer Religions - verſchiedenheit nicht mehr gemeine Sache machen koͤnnen, und daher ſchon auf dem vorigen Reichs - tage 1640. eine eigne Curiatſtimme erhalten. Nach dieſem Vorgange bekamen jetzt auch die noch uͤbrigen Weſtphaͤliſchen Grafen auf gegenwaͤrtigem Reichstage die vierte graͤfliche Curiatſtimme. Und ſo brachten es endlich auch die Praͤlaten dahin, daß ſie nach ihrer Abtheilung in zwey Baͤnke unter dem Namen Schwaͤbiſche und Rheiniſche Praͤlaten eben - falls zwey Curiatſtimmen erhielten; ſo daß nun - mehr nach abgelegten ſaͤmmtlichen Virilſtimmen aller geiſtlichen und weltlichen Fuͤrſten noch ſechs Curiatſtimmen, nehmlich zwey Praͤlatiſche, und vier graͤfliche, ebenfalls abwechſelnd von der geiſt - lichen zur weltlichen Bank, folgten, und damit von allen Stimmen im Fuͤrſtenrathe den Beſchluß machten.
Nachdem endlich der Reichstag im May 1654. mit dem oben beſchriebenen Reichsabſchiede geſchloſ - ſen worden war; nahm die ordentliche Reichsde - putation, auf welche der Reichsabſchied haupt - ſaͤchlich die vom Weſtphaͤliſchen Frieden her noch ruͤckſtaͤndig gebliebenen Reſtitutionsfaͤlle verſchoben hatte, am 13. Sept. 1655. zu Frankfurt am Main ihren Anfang; ohne jedoch viel gedeiliches auszu - richten. Durch den baldigen Tod des Kaiſers († 1657. Maͤrz 23.) und das darauf erfolgte In - terregnum kam uͤberhaupt faſt alles in eine ziemlich veraͤnderte Lage.
I. Streit zwiſchen Churbaiern und Churpfalz uͤber das Rheiniſche Reichsvicariat. — II. Thaͤtlichkeiten, die dar - uͤber auf dem Wahlconvente vorfielen. — III. Wahl Leo - polds, und deſſen Wahlcapitulation. — Vergleich zwiſchen Churmainz und Churcoͤlln uͤber das Kroͤnungsrecht. — IV. Pyrenaͤiſche und Oliviſche Friedensſchluͤſſe. — Unabhaͤngig - keit des Herzogthums Preuſſen. — V. Rheiniſche Allianz und andere reichsſtaͤndiſche Buͤndniſſe. — Ueberwaͤltigung der Stadt Muͤnſter. — VI. Anfang des Reichstages, der ſeitdem immerwaͤhrend geworden iſt. — VII. Damit ver - aͤnderte Geſtalt des Reichstages, da derſelbe jetzt aus lauter Bevollmaͤchtigten beſtehet; — VIII. die jetzt als Geſand - ten behandelt werden. — IX. Die churfuͤrſtlichen Comi - tialgeſandten wurden ſelbſt als Ambaſſadeurs characteriſirt, und genoſſen viele Vorzuͤge vor den fuͤrſtlichen. — X. Dar - uͤber ſind aber vielerley Colliſionen entſtanden. — XI. XII. Im Namen des Kaiſers erſcheinen beym Reichstage Com - miſſarien, — ein Fuͤrſt als Principalcommiſſarius und ein Concommiſſarius. — XIII. Durch jenen laͤßt der Kaiſer die Hauptpropoſition bey Eroͤffnung des Reichstages thun, und in der Folge Commiſſionsdecrete an das Reich erge -hen.256IX. Leop. u. Joſeph I. 1657-1711. hen. — XIV. Vielerley Ceremonielſtreitigkeiten, ſo es ehe - dem am Reichstage gegeben, und zum Theil noch gibt; — XV. ingleichen Rangſtreitigkeiten. — Ein beſonderes Bey - ſpiel davon bey Gelegenheit des ehemaligen Geſundheittrin - kens. — XVI. Verſchiedene Arten der Legitimation der Geſandten durch Creditive und Vollmachten. — XVII. Ge - ſandten auswaͤrtiger Maͤchte, — deren Creditive ſind nur an die Staͤnde oder deren Geſandten gerichtet. — XVIII. Einige neue Fuͤrſten dieſer Zeit.
Das Interregnum veranlaßte diesmal einen heftigen Streit uͤber das Rheiniſche Reichs - vicariat. Der Churfuͤrſt von Baiern behauptete, es gebuͤhre ihm, weil im Weſtphaͤliſchen Frieden die ehemalige Pfaͤlziſche Chur mit allen Rechten ſeinem Hauſe uͤbertragen ſey. In der Pfalz glaub - te man hingegen, das Rheiniſche Reichsvicariat ſey nicht ſowohl ein Zugehoͤr der Pfaͤlziſchen Chur, als vielmehr ein der Wuͤrde eines Pfalzgrafen am Rhein anklebendes Eigenthum, und alſo unter den an Baiern mit der Pfaͤlziſchen Churwuͤrde uͤber - tragenen Rechten nicht mit begriffen geweſen. (Wenn man bedenkt, daß beym Reichsvicariate die Ausuͤbung der oberſtrichterlichen Gewalt eines der weſentlichſten Stuͤcke iſt, und daß urſpruͤnglich die Wuͤrde eines Pfalzgrafen hauptſaͤchlich im Rich - teramte beſtanden; ſo ſchienen die Pfaͤlziſchen Gruͤnde von nicht geringem Gewichte zu ſeyn. Bey der erſten Uebertragung der Pfaͤlziſchen Chur an das Haus Baiern, wie ſie Ferdinand der II. noch ohne einen Reichsſchluß bewerkſtelliget hatte, war zwar das Vicariat unter den dazu gehoͤrigen Rechten mit benannt worden. Im Weſtphaͤliſchen Frieden ſelbſt war aber das Vicariat nicht mit uͤbertragen. Es war auch ſchwer abzuſehen, was die Churwuͤrde an ſich mit dem Vicariate fuͤr Ver -bin -2571) Anfang des beſtaͤnd. Reichst. bindung haben ſollte. Inzwiſchen ſchien es auf der andern Seite vielleicht jetzt mehr Schwierigkeit zu haben, daß der Churfuͤrſt von der Pfalz, der nunmehr unter den Churfuͤrſten der unterſte im Range war, dieſes große Vorrecht in Uebung ha - ben ſollte.) Der Churfuͤrſt von Baiern, der vom Tode des Kaiſers eher Nachricht haben konnte, als der Churfuͤrſt von der Pfalz, nahm gleich das Vicariat in Beſitz, und hatte den catholiſchen Religionstheil, da der Churfuͤrſt von der Pfalz reformirt war, gleich voͤllig auf ſeiner Seite.
Bey der Kaiſerwahl ſelbſt gab dieſe Streitig -II. keit noch zu einem ganz außerordentlichen Vorfall Anlaß. Der Bairiſche Geſandte, Doctor Oexel, las in der churfuͤrſtlichen Verſammlung einen Auf - ſatz vor, worin der Ausdruck vorkam, daß Pfalz ſeine Chur verwirket habe. Der Churfuͤrſt Carl Ludewig von der Pfalz, der perſoͤnlich zugegen war, ahndete gleich auf der Stelle dieſen Ausdruck, und warf dem D. Oexel, als derſelbe dennoch zu leſen fortfuhr, das Dintefaß an den Kopf. Mit Muͤ - he legte das churfuͤrſtliche Collegium dieſe Sache noch durch einen Vergleich bey, und ſetzte fuͤr die Zukunft auf aͤhnliche Thaͤtlichkeiten die Suspenſion der Wahlſtimme zur Strafe.
Die Kaiſerwuͤrde einmal vom Hauſe Oeſter -III. reich abzubringen, wurden diesmal allerley Verſu - che gemacht. Die Krone Frankreich ſuchte die Wahl auf den Churfuͤrſten von Baiern, die Kro - ne Schweden auf den Pfalzgrafen von Neuburg zu lenken. Sie fiel aber doch auf Leopold von Oe - ſterreich. In der Wahlcapitulation fehlte esP. Entw. d. Staatsverf. Th. II. Rnicht258IX. Leop. u. Joſeph I. 1657-1711. nicht an neuen Zuſaͤtzen; aber ein von der Fran - zoͤſiſchen Geſandtſchaft veranlaßter Antrag, die Clauſel einzuruͤcken, daß der Kaiſer, ſobald er ei - nen Artikel der Capitulation uͤberſchritte, ſeiner Krone verluſtig ſeyn ſollte, konnte doch nicht durch - geſetzt werden. Hingegen ein uralter Streit, den die Churfuͤrſten von Mainz und Coͤlln uͤber das Recht die Kaiſerkroͤnung zu verrichten mit einander gehabt hatten, ward (1657. Jun. 16.) gluͤcklich dahin verglichen, daß einem jeden das Kroͤnungs - recht in ſeiner Dioeces zukommen, ſonſt aber einer um den andern abwechſeln ſollte.
Von den beiden Kriegen, die noch von der vo - rigen Regierung her im Gange waren, aber in den erſten Jahren der jetzigen Regierung durch die Py - renaͤiſchen und Oliviſchen Friedensſchluͤſſe geendi - get wurden, iſt hier nur ſo viel zu bemerken, als beide Friedensſchluͤſſe auf die Teutſche Verfaſſung einen Einfluß hatten. Dahin gehoͤrt aus dem Pyrenaͤiſchen Frieden der Abgang, den der Bur - gundiſche Kreis wieder an den Orten in Artois, Flandern, Hennegau und Luͤxenburg erlitt, die der Friede mit aller Hoheit an Frankreich abtrat. Durch den Oliviſchen Frieden wurde dem Hauſe Bran - denburg der wichtige Vortheil der durch einen Tra - ctat zu Wehlau (1657. Sept. 19.) erlangten Un - abhaͤngigkeit des Herzogthums Preuſſen beſtaͤtiget.
Noch ehe es zum Oliviſchen Frieden kam, hat - ten die geiſtlichen Churfuͤrſten und verſchiedene geiſt - liche und weltliche Fuͤrſten (1658. Aug. 4 / 14.) zu Frankfurt ein Buͤndniß mit einander geſchloſſen, um die Nordiſchen Kriegsunruhen vom TeutſchenBo -2591) Anfang des beſtaͤnd. Reichst. Boden abzuhalten. Dieſe ſo genannte Rheini - ſche Allianz wurde ſelbſt nach dem Frieden (1660. Aug. 31.) noch auf drey Jahre erneuert, und bald darauf kam meiſt unter eben den Bundesge - noſſen (1661. Maͤrz 16 / 26.) noch eine Verbindung zu Stande, um zu Erhaltung ihrer Regalien, be - ſonders des Rechts der Buͤndniſſe, Krieges und Friedens, gemeine Sache zu machen. So ward das Recht der Buͤndniſſe, das man als ein durch den Weſtphaͤliſchen Frieden beſtaͤtigtes Kleinod an - ſah, immer lebhafter in Ausuͤbung gebracht. Un - ter andern wußte es der damalige Biſchof von Muͤnſter, Bernhard von Galen, ſehr gut zu be - nutzen, um mit Oeſterreichiſcher und Franzoͤſiſcher Huͤlfe (1661. Maͤrz 26.) die Stadt Muͤnſter voͤllig unter ſeine Botmaͤßigkeit zu bringen.
Die Reichsdeputation, welche ſeit dem EndeVI. der vorigen Regierung zu Frankfurt verſammlet war, hatte zwar auch nach Ferdinands des III. Tode bisher noch ihren Fortgang behalten, aber nichts erhebliches ausgerichtet. Ein neuer Tuͤr - kenkrieg, worein ſich Leopold verwickelt ſah, machte es demſelben zur Nothwendigkeit, an ſtatt jener Reichsdeputation einen vollſtaͤndigen Reichstag nach Regensburg auszuſchreiben; — gewiß nicht in der Meynung, daß daraus eine immerwaͤh - rende allgemeine Reichsverſammlung erwach - ſen ſollte; ſondern nur in der Hoffnung bald eine ergiebige Huͤlfe gegen die Tuͤrken bewilliget zu be - kommen, und dann nach wenigen Monathen dem Reichstage ein Ende zu machen. Allein die Fuͤr - ſten, — unzufrieden, daß die ihnen im Weſt - phaͤliſchen Frieden wegen der beſtaͤndigen Wahlca -R 2pitu -260IX. Leop. u. Joſeph I. 1657-1711. pitulation und Roͤmiſchen Koͤnigswahl gemachte Hoffnung bisher ſo wenig in ihre Erfuͤllung gegan - gen war, — drangen jetzt deſto eifriger darauf, daß vor oder doch zugleich mit der Berathſchla - gung uͤber die Tuͤrkenhuͤlfe auch die beſtaͤndige Wahlcapitulation vorgenommen werden ſollte. Zu Aufrechthaltung ihrer Gerechtſame hatten ſie (1662. Apr. 10 / 20.) ſo gar in Nachahmung der Churverein eine beſondere Fuͤrſtenverein unter einander errich - tet. Sie brachten es alſo dahin, daß unmittel - bar, nachdem die vom Kaiſer begehrte Tuͤrkenhuͤl - fe bewilliget war, auch an die beſtaͤndige Wahl - capitulation Hand angelegt wurde. Ein Entwurf derſelben kam in wenig Wochen zu Stande; allein nun erhob ſich ein neuer Streit uͤber den Eingang und Schluß, worin ſich die Churfuͤrſten das Recht neue Zuſaͤtze einzuruͤcken vorbehalten wollten. Da - zu kamen bald ſo viel andere neue Gegenſtaͤnde wichtiger Berathſchlagungen, daß ſich der Reichs - tag in eine ungewoͤhnliche Laͤnge verzog, und end - lich deſſen Verewigung daraus erfolgte, wie ſich dadurch bis auf den heutigen Tag unſere Reichs - verfaſſung als einzig in ihrer Art auszeichnet, daß nicht, wie es bisher gehalten war, und wie es noch jetzt in anderen Reichen, wo Reichsſtaͤnde ſind, gewoͤhnlich iſt, ein Reichstag jedesmal nur gewiſſe Zeit waͤhrt, ſondern auf beſtaͤndig ſeinen Fortgang behaͤlt.
Damit hat nun unſer Reichstag ſelbſt eine ſehr veraͤnderte Geſtalt bekommen. So lange er nur von kurzer Dauer war, erwartete man immer, daß ſowohl der Kaiſer als die Churfuͤrſten, Fuͤr - ſten, Grafen und Praͤlaten, wo nicht alle, dochgu -2611) Anfang des beſtaͤnd. Reichst. guten Theils, in Perſon erſchienen; ſo wie man in anderen Reichen, wo Reichsſtaͤnde ſind, es nie anders erwartet, als daß diejenigen, die einmal Sitz und Stimme auf dem Reichstage oder im Parlamente haben, ihr Stimmrecht jedesmal in eigner Perſon ausuͤben. Auf unſeren Reichstagen war es zwar ſchon lange hergebracht, daß ein Reichsſtand auch durch Bevollmaͤchtigte ſeine Stim - me ablegen konnte. Man ſah es aber doch bisher nur als Ausnahme von der Regel an, an ſtatt daß es jetzt zur allgemeinen Regel wurde, daß alle Staͤnde nur ihre Bevollmaͤchtigten am Reichstage hatten. War es alſo ehedem weder unmoͤglich noch ungewoͤhnlich geweſen, daß perſoͤnlich erſchie - nene Reichsſtaͤnde in collegialiſchen Berathſchla - gungen gleich aus eigener Entſchließung ohne wei - tere Ruͤckfrage hatten Schluͤſſe faſſen koͤnnen; ſo brachte es jetzt die Natur einer aus lauter Bevoll - maͤchtigten beſtehenden Verſammlung von ſelbſten mit ſich, daß ihre Stimmen nie anders als nach Vorſchrift ihrer Principalen, und alſo erſt nach vorgaͤngiger Anfrage und erhaltener Inſtruction abgelegt werden konnten.
Hiernaͤchſt entſtand jetzt ganz natuͤrlich die Fra -VIII. ge: was das fuͤr eine Art von Bevollmaͤchtigten ſey, aus denen jetzt der Reichstag beſtand? In vorigen Zeiten hatte man meiſt unbeſtimmte Be - nennungen von Raͤthen, Abgeordneten, Bevoll - maͤchtigten, Anwaͤlden, Sendboten u. ſ. w. ge - braucht. Jetzt fieng man durchgehends an, ei - nem jeden reichsſtaͤndiſchen Bevollmaͤchtigten am Reichstage als einen Geſandten anzuſehen, und voͤllig auf geſandtſchaftlichen Fuß zu behandeln. R 3Der262IX. Leop. u. Joſeph I. 1657-1711. Der ganze Reichstag bekam alſo unvermerkt die Geſtalt eines Congreſſes von lauter Geſandten, in großer Aehnlichkeit mit einem Friedenscongreſſe, den mehrere Maͤchte durch ihre Geſandten be - ſchicken. In anderem Betrachte ließ er ſich auch mit einem Congreſſe vergleichen, der im Namen mehrerer auf beſtaͤndig verbuͤndeter Staaten gehal - ten wird, wie in der Schweiz, und in den verei - nigten Niederlanden, oder jetzt auch in Nordame - rica etwas aͤhnliches iſt; nur daß hier die Ver - ſammlung unter dem Anſehen eines gemeinſamen hoͤchſten Oberhaupts geſchieht, daß aber auch nicht bloß Abgeordnete, als bevollmaͤchtigte von ihren Principalen abhangende Repraͤſentanten, hier er - ſcheinen, wie allenfalls bey uns nur in Anſehung der Reichsſtaͤdte der Fall iſt; ſondern ſo, daß ein jedes Mitglied der beiden hoͤheren Reichscollegien ſelbſt ein wahrer Beherrſcher des Staates iſt, von deſſen wegen er durch ſeinen Geſandten die Stim - me nur nach ſeiner eignen Vorſchrift ablegen laͤßt.
Die Churfuͤrſten haben nun gar bey der Reichsverſammlung, wie ſie es bey Kaiſer - und Roͤmiſchen Koͤnigswahlen gewohnt ſind, ihre Co - mitialgeſandten zu foͤrmlichen Botſchaftern (Am - baſſadeurs oder Geſandten vom erſten Range erklaͤret, ſo daß dieſelben ſich unter einander den Excellenztitel und alle unter Botſchaftern unab - haͤngiger Maͤchte gewoͤhnliche Ehrenbezeigungen gegenſeitig erwiedern, auch ſolche von jeden anderen erwarten, ohne ſie doch den fuͤrſtlichen Geſandten zuruͤck zu geben. Dieſe Vorzuͤge hatten ſie in den erſten Jahren des gegenwaͤrtigen Reichstages auch wuͤrklich ſchon in Beſitz, ſo daß alle fuͤrſtliche Ge -ſand -2631) Anfang des beſtaͤnd. Reichst. ſandten bey den churfuͤrſtlichen ohne Unterſchied den erſten feierlichen Beſuch ablegten, und denſel - ben die Excellenz gaben, ohne ſie zuruͤckzubekom - men. Die churfuͤrſtlichen ſchienen aber in dieſen Vorzuͤgen kaum Ziel und Maaß halten zu wollen. Sie verlangten z. B. bey feierlichen Gaſtmahlen auf roth beſchlagenen Stuͤhlen zu ſitzen, da die fuͤrſt - lichen nur gruͤne haben ſollten. Sie wollten durch Edelknaben mit goldenem Meſſer und Gabel, die fuͤrſtlichen ſollten durch Livreebedienten nur mit Silber bedient werden. Neu ankommenden chur - fuͤrſtlichen Geſandten mußte die Stadt Regens - burg das gewoͤhnliche Geſchenk von Wein, Frucht und Fiſchen in groͤßerer Anzahl, als den fuͤrſtli - chen geben. Am Maytage pflegte der Reichspro - foß den Geſandten Maybaͤume zu ſtecken; da ſoll - ten den churfuͤrſtlichen ſechs, den fuͤrſtlichen nur vier geſteckt werden; u. ſ. w.
Am empfindlichſten fiel es endlich den Geſand -X. ten altfuͤrſtlicher Haͤuſer, daß die churfuͤrſtlichen ſo gar in ihren eignen Haͤuſern uͤber die fuͤrſtlichen die Hand nehmen wollten. Daruͤber brachen zuletzt (1682) die altfuͤrſtlichen Geſandten allen feier - lichen Umgang mit den churfuͤrſtlichen ab, und fien - gen unter einander eben das Ceremoniel an, wie es die churfuͤrſtlichen unter ſich zu halten pflegten, ga - ben hingegen den churfuͤrſtlichen nicht mehr Titel und andere Ehrenbezeigungen, als ſie von denſel - ben zuruͤckbekamen. Und ſo iſt es ſeitdem großen - theils noch bis auf den heutigen Tag geblieben; ohne zu gedenken, was noch in Anſehung der neu - fuͤrſtlichen, graͤflichen und reichsſtaͤdtiſchen Ge - ſandten oder Stimmfuͤhrer, wie ſie zum Theil auchR 4ge -264IX. Leop. u. Joſeph I. 1657-1711. genannt werden, ingleichen mit Geſandten vom zweyten Range, die von fremden Maͤchten am Reichstage zu ſeyn pflegen(y)Noch im Jahre 1711. beſchloſſen die Chur - fuͤrſten, daß ihre Geſandten vom erſten Range alle andere, die nur vom zweyten Range waͤren, nur in oder vor dem Zimmer empfangen, und die Hand uͤber ſie nehmen ſollten. In einem anderweiten Schluſſe (1726. Nov. 18.) haben ſie nachher ſo weit nachgegeben, daß jene von letzteren zwar den erſten Beſuch und den Excellenztitel erwarten, je - doch dieſelben an der halben Treppe empfangen, auch ſo wieder bis dahin begleiten, und ihnen im Gehen, Stehen, Sitzen die Hand geben. Sie verlangen hingegen Empfang und Begleitung we - nigſtens am Ende der Treppe, wenn ſie auswaͤr - tige Geſandten vom zweyten Range beſuchen. Fa - bers Staatscanzley Th. 49. S. 690., fuͤr vielerley Ab - ſtuffungen und Colliſionen hinzugekommen ſind.
Eine andere Frage war noch, zu was fuͤr ei - ner Gattung Bevollmaͤchtigten diejenigen zu rech - nen ſeyen, die des Kaiſers Stelle beym Reichstage vertreten ſollten. Bey anderen Gelegenheiten, wenn kaiſerliche Miniſter an Teutſche Hoͤfe oder auch an Kreiſe geſchickt werden, traͤgt man kein Bedenken, ſie auch Geſandten zu nennen. Am Reichstage iſt aber unter Carl dem V. der Aus - druck Commiſſarien aufgekommen, wie er dem Verhaͤltniſſe, worin eine hoͤhere Macht gegen ihre Untergeordneten ſtehet, gemaͤßer zu ſeyn ſcheint. Der Erzbiſchof von Salzburg, der dieſe Stelle bey Eroͤffnung des Reichstages 1663. vertrat, bedien - te ſich zuerſt des Ausdrucks: wegen obtragender kaiſerlicher Principalcommiſſion. Der Name Prin - cipalcommiſſarius, der hierauf zur Gewohnheitgewor -2651) Anfang des beſtaͤnd. Reichst. geworden iſt, bezog ſich darauf, daß ihm vom kaiſerlichen Hofe noch ein Mann von Geſchaͤfften an die Seite geſetzt war, der in vorigen Zeiten als Aſſiſtenzrath characteriſirt war, und jetzt als Mit - bevollmaͤchtigter erſchien, oder wie es in der Folge (1688.) aufkam, Concommiſſarius genannt wurde.
Daraus hat ſich nun am Reichstage ein ſol -XII. ches Herkommen gebildet, daß immer nur Einer als kaiſerlicher Principalcommiſſarius anerkannt wird, der fuͤrſtlichen Standes ſeyn muß. Ob es ein geiſtlicher oder weltlicher, ein alter oder neuer Fuͤrſt ſey, das iſt einerley. Aber kein Graf wird zu dieſer Stelle zugelaßen, weil ſich ſchon in aͤlte - ren Reichsgeſetzen eine Stelle findet, wo es heißt:” kaiſerlicher Majeſtaͤt verordnete Commiſſarien, ſo Fuͤrſten des Reichs ſeyn ſollen”(z)R. A. 1543. §. 17.. Einen Gra - fen von Weiſſenwolf, der 1668., und einen Gra - fen von Windiſchgraͤtz, der 1683. zu dieſer Stelle beſtimmt war, wollte man deswegen nicht zulaßen. Letzterer ſollte damals nebſt dem Biſchofe von Eich - ſtaͤdt, der Principalcommiſſarius war, als Mit - principal-Repraͤſentant legitimirt werden; ſo aber ebenfalls nicht zugegeben wurde, weil beym Reichs - tage nur Ein Principalcommiſſarius ſeyn koͤnne.
Dieſer alleine iſt alſo derjenige, den man amXIII. Reichstage fuͤr berechtiget haͤlt, die Perſon des Kaiſers foͤrmlich vorzuſtellen. Selbſt bey Eroͤff - nung des Reichstages oder anderen feierlichen Vor - faͤllen kann er die Stelle einnehmen, die ſonſt nurfuͤrR 5266IX. Leop. u. Joſeph I. 1657-1711. fuͤr den Kaiſer, wenn er da waͤre, beſtimmt iſt. Auch die Hauptpropoſition, womit der Reichs - tag (ungefaͤhr ſo, wie das Parlament zu London mit der koͤniglichen Anrede) eroͤffnet ward, ließ der Principalcommiſſarius verleſen. Was außer der Hauptpropoſition der Kaiſer dem Reiche von Zeit zu Zeit zu eroͤffnen hat, geſchieht durch kaiſerliche Hofdecrete, die nur zu Regensburg im Namen des Principalcommiſſarien umgefertiget, und von ihm unterſchrieben werden. Alsdann nennt man ſie kaiſerliche Commiſſionsdecrete. Wenn aber der Principalcommiſſarius nicht zu Regensburg ſelbſt anweſend iſt, darf der Concommiſſarius an ſeiner Stelle die Unterſchrift nicht beſorgen; ſon - dern ſo wird unmittelbar vom kaiſerlichen Hofe das Hofdecret mit der Unterſchrift des Reichsvicecanz - lers an den Reichstag geſchickt.
In dem Hofe, den der Principalcommiſſarius haͤlt, in feierlichen Gaſtgeboten und Geſellſchaf - ten, die er gibt, und in den verſchiedenen Stuf - fen der Ehrenbezeigungen, die da einem jeden wi - derfahren, vereiniget ſich nun der Mittelpunct des ganzen Ceremoniels, wie es am Reichstage viel - leicht mehr, als an irgend einem andern Orte, mit aller Puͤnctlichkeit beobachtet zu werden pfleget. Wenigſtens werden kaum irgend von anderen Or - ten ſo vielerley Ceremonielſtreitigkeiten aufzuweiſen ſeyn, als ſie hier vorgekommen ſind, und noch im - mer vorzukommen pflegen. — Hier war es eben, wo in den erſten Jahren des jetzigen Reichstages der Unterſchied zwiſchen churfuͤrſtlichen und fuͤrſtli - chen Geſandten ſo weit getrieben wurde, daß letz - tere bey der Tafel ſo gar nur auf gruͤnen Stuͤhlenſitzen2671) Anfang des beſtaͤnd. Reichst. ſitzen ſollten, wann jene auf rothen ſaßen. End - lich brachten die Fuͤrſten es doch dahin, daß uͤber - all nur gruͤne Stuͤhle geſetzt wurden. Als das zum erſtenmal geſchah, erſchien ein churfuͤrſtlicher Geſandter mit einem rothen Mantel, den er waͤh - render Tafel ſo uͤber den Stuhl zuruͤckfallen ließ, daß es doch ſo ſcheinen konnte, als ob er auf ei - nem rothbeſchlagenen Stuhle ſaͤße. Hernach be - richtete er an ſeinen Hof, er glaube dadurch doch den fuͤr die churfuͤrſtlichen Geſandten bisher herge - brachten Vorzug gerettet zu haben. — Eine an - dere Diſtinction von der Art wurde darin geſucht, daß churfuͤrſtlichen Geſandten der Stuhl auf den Teppich geſetzt wurde, worauf der Principalcom - miſſarius unter dem Baldachine ſaß; den fuͤrſtli - chen nur auf den bloßen Boden des Zimmers, bis endlich vermittelt wurde, daß den fuͤrſtlichen Ge - ſandten der Stuhl doch wenigſtens noch auf die Frangen des Teppichs geſetzt werden ſollte.
Kam nun vollends noch etwa der Rang zwi -XV. ſchen mehreren gebetenen Gaͤſten in Colliſion, z. B. zwiſchen geiſtlicher und weltlicher Fuͤrſten Ge - ſandten, oder zwiſchen churfuͤrſtlichen Geſandten vom erſten, und auswaͤrtigen Geſandten vom zwey - ten Range, oder zwiſchen Comitialgeſandten und dem Concommiſſarius, und ſo zwiſchen allerſeiti - gen Gemahlinnen; ſo gab es nicht ſelten die un - angenehmſten Verlegenheiten fuͤr alle dabey inter - eſſirte Theile. Unter andern entſtanden ſelbſt uͤber die Ordnung, in welcher die Geſundheiten bey Tafel nach der ehemaligen Gewohnheit getrun - ken werden ſollten, große Mißhelligkeiten. Der kaiſerliche Hof ließ ſelbſt einmal (1679.) bey eini -gen268IX. Leop. u. Joſeph I. 1657-1711. gen churfuͤrſtlichen Hoͤfen Beſchwerde daruͤber fuͤh - ren, daß die churfuͤrſtlichen Geſandten nicht zuge - ben wollten, daß nach der Geſundheit des Kaiſers und der Kaiſerinn, nicht auch erſt auf die Geſund - heit des Hauſes Oeſterreich und Burgund, und des Principalcommiſſarien, getrunken wuͤrde, ehe die Reihe an die Churfuͤrſten und an das fuͤrſtli - che Collegium kaͤme(a)In einem gewiſſen Aufſatze ward hiebey noch die gruͤndliche Anmerkung gemacht:” Man koͤnne aus dieſem Streite uͤber das Geſundheittrinken urtheilen, wie ſtark man damals an des Princi - palcommiſſarien Tafel getrunken haben muͤße. Denn erſtlich habe man des Kaiſers Geſundheit getrunken, dann der Kaiſerinn, hernach der Chur - fuͤrſten insgeſammt, und noch beſonders derjeni - gen, deren Geſandten zugegen geweſen, ferner des geſammten Reichsfuͤrſtenraths, des Principal - und Concommiſſarien, der chur - und fuͤrſtlichen Geſandten; außer was ſonſt noch von Krieg und Frieden oder anderen Veranlaßungen ausgebracht worden; zumal da die Glaͤſer dem loͤblichen Ge - brauche nach nicht klein waren, man auch nicht die Freyheit hatte, ſich nach Belieben einſchenken zu laßen.”. Dieſer Umſtand und manches andere hat ſich nun ſeitdem zwar durch neuere Veraͤnderungen der Sitten gehoben. In - zwiſchen iſt es weit gefehlt, daß auch jetzt noch alle Streitigkeiten von der Art gehoben ſeyn ſollten.
Jeder neuer Principalcommiſſarius legitimirt ſich durch ein Creditiv und durch eine offene Voll - macht, ſo er vom Kaiſer unterſchrieben mitbringt; jenes in Geſtalt eines verſchloſſenen Schreibens an ſaͤmmtliche reichsſtaͤndiſche Geſandten, denen es deswegen von Churmainz durch die Dictatur mit - getheilt wird. Die Vollmacht wird vom Mainzi -ſchen2691) Anfang des beſtaͤnd. Reichst. ſchen Geſandten nur zu den Acten gelegt. Der Concommiſſarius bringt nur ein Creditiv vom Kai - ſer mit, keine Vollmacht. Des Mainziſchen Ge - ſandten Vollmacht macht hinwiederum der Princi - palcommiſſarius durch ein Commiſſionsdecret der ganzen Reichsverſammlung bekannt. Alle uͤbrige Comitialgeſandten ſtellen ihre Vollmachten dem Mainziſchen Geſandten zu; worauf jedes Colle - gium in ſeiner erſten Seſſion von ſeinem Directo - rialgeſandten davon benachrichtiget wird. Einige werden auch wohl noch beſonders an den Principal - commiſſarius accreditirt, ſo aber keine Nothwen - digkeit iſt; einen jeden auf vorgedachte Art legiti - mirten Reichstagsgeſandten muß der Principal - commiſſarius ohnedem dafuͤr erkennen.
Auswaͤrtiger Maͤchte Geſandtſchaften koͤn -XVII. nen auch in den Fall kommen, einer Vollmacht oder ſo genannten Plenipotenz benoͤthiget zu ſeyn, wenn ſie Auftraͤge haben, mit der Reichsverſamm - lung verbindliche Vertraͤge zu ſchließen. Sonſt bringen ſie ordentlicher Weiſe nur Creditive mit, die nur an das geſammte Corpus der Reichsſtaͤnde oder ihrer Geſandten gerichtet ſind, nicht mit an die Perſon des Kaiſers oder des Principalcommiſ - ſarien. — Ein Umſtand, worin die Teutſche Reichsverfaſſung einzig in ihrer Art iſt, da ſonſt an verſammelte Reichsſtaͤnde, abgeſondert von der Perſon ihres Monarchen, keine eigene Geſandt - ſchaften uͤblich ſind. — Hier bekoͤmmt auch ein jeder abgehender Geſandter fremder Maͤchte ſein Recreditiv von Seiten der geſammten Reichs - ſtaͤnde.
Was270IX. Leop. u. Joſeph I. 1657-1711.Was an Geſchaͤfften in Leopolds erſten Regie - rungsjahren auf dem Reichstage vorkam, beſtand außer den Unterhandlungen uͤber die beſtaͤndige Wahlcapitulation meiſt nur in voruͤbergehenden Dingen, die hier keinen Platz verdienen. Nur die Zahl der fuͤrſtlichen Virilſtimmen wurde doch wieder mit einigen neuen Fuͤrſten vermehret, de - ren Einfuͤhrung dem Kaiſer zu Ehren bewilliget wurde. So hatte Leopold inſonderheit ſeinen Staatsminiſter, Johann Ferdinand Grafen von Portia, in Fuͤrſtenſtand erhoben, deſſen Einfuͤh - rung in den Fuͤrſtenrath am 26. Apr. 1664. ge - ſchah. Worauf ferner noch Oſtfriesland und Fuͤr - ſtenberg (1667. Sept. 6.), und Schwarzenberg und Waldeck (1674. Aug. 22.) eingefuͤhret wurden.
I. Verordnungen zum Vortheile der Reichsſtaͤnde in Anſehung ihrer Landſteuern. — II. Deren Ausdehnung auf die Legationskoſten zu reichsſtaͤndiſchen Verſammlungen. — Dadurch erleichterte Fortwaͤhrung des Reichstages — und doch in der Folge verminderte Zahl der Comitialgeſandten. — III. Noch verlangte weitere Ausdehnung der Landſteuern; — IV. die aber der Kaiſer, zur Sicherung mancher Landſchaf - ten gegen Deſpotismus, verſagte. — V. Nur das ward bewilliget, was in jedem Lande rechtmaͤßig hergebracht ſey, und die Landesvertheidigung erfordere. — VI. So waren in vielen Laͤndern ſchon Fraͤuleinſteuern und andere Beytraͤ - ge zu Ergaͤnzung der Cammereinkuͤnfte uͤblich. — VII. Auſ - ſerdem blieb billig der Grundſatz: daß kein Reichsſtand ſei - nen Unterthanen ohne ihre Einwilligung Steuern auflegen duͤrfe. — VIII. Mit Bewilligung der Landſchaften ward jetzt in verſchiedenen Laͤndern Acciſe eingefuͤhrt. — IX-XI. Verſchiedene Staͤdte hatten um dieſe Zeit noch das Schick - ſal ihre bisherige Freyheit zu verliehren, — als Erfurt, — Magdeburg, — Braunſchweig. — XII. Doch retteten ſich noch die Staͤdte Bremen und Coͤlln. — XIII. Ueber die Juͤlichiſche Succeſſionsſache zwiſchen Churbrandenburg und Pfalzneuburg errichteter Vergleich, — XIV. doch ohne die Weſtphaͤliſche Kreispraͤſentation zum Cammergerichte und die Juͤlichiſche Stimme im Fuͤrſteurathe in Gang zu brin - gen. — XV-XVIII. Anfang einer beſtaͤndigen Kriegsver - faſſung in den groͤßeren Teutſchen Staaten.
Eine der wichtigſten Angelegenheiten, die aufI. dem Reichstage betrieben wurden, betraf das Steuerweſen in der Reichsſtaͤnde Laͤndern. Da - von war ſchon in Leopolds Wahlcapitulation eineStel -272IX. Leop. u. Joſeph I. 1657-1711. Stelle eingeruͤckt, vermoͤge deren die Landſchaften und Unterthanen den im juͤngſten Reichsabſchied ihnen auferlegten Beytraͤgen zu Unterhaltung noͤ - thiger Feſtungen und Beſatzungen, wie auch des Cammergerichts ſich nicht entziehen ſollten, den Landſtaͤnden aber auch nicht geſtattet werden ſollte, die Dispoſition uͤber die Landſteuer mit Ausſchlie - ßung des Landesherrn ausſchließlich ſich alleine zu - zueignen, oder in dergleichen und anderen Sachen ohne der Landesfuͤrſten Vorwiſſen und Bewilligung Convente anzuſtellen(b)Wahlcap. Art. 15. §. 3..
Jetzt wurde noch in einem Reichsgutachten unterm 26. Jan. 1667. darauf angetragen: daß ein jeder Reichsſtand die noͤthigen Legationsko - ſten zum Reichstage, wie auch zu Deputations - tagen und Kreisverſammlungen, von ſeinen Un - terthanen erheben moͤge(c)Pachner von Eggenſtorf Samml. der Reichsſchluͤſſe Th. 1. S. 261. 377. 405.. Dieſes genehmigte auch der Kaiſer am 19. Jun. 1670(d)Pachner am a. O. S. 451. Schmauß corp. iur. publ. S. 1076.. Somit war jetzt auch eine Schwierigkeit weniger, den Reichstag zu verewigen, da ein jeder Reichsſtand die dazu erforderlichen Geſandtſchaftskoſten nicht mehr von ſeinen eignen Cammereinkuͤnften zu tra - gen brauchte, ſondern durch Landſteuern erheben konnte. (Mancher Reichsſtand hat ſeitdem viel - leicht noch Vortheil davon gehabt, wenn die Land - ſchaft gewiſſe Steuerbeytraͤge dazu uͤbernommen hat, und ſich in dieſer Ausgabe noch etwas er -ſpah -2732) Reichsangeleg. 1670-1672. ſpahren laͤßt. Wenigſtens ſchicken manche Hoͤfe, die ſonſt, wenn ſie in beiden hoͤheren Collegien Stimmen hatten, fuͤr jedes einen eignen, oder uͤberhaupt auch wohl nur zu einer churfuͤrſtlichen Stimme mehrere Geſandten ſchickten, jetzt nur ei - nen Geſandten fuͤr beide Collegien. Haͤufig fuͤhrt auch ein Geſandter jetzt die Stimmen von mehr als einem Reichsſtande; da dann, je mehr Stim - men einer hat, je wohlfeiler er diejenigen, die ihm ihre Stimmen anvertrauen, bedienen kann. Dieſer Umſtand macht unter andern begreiflich, wie nach und nach die Anzahl ſaͤmmtlicher Comi - tialgeſandten ſich ungemein vermindert hat. Von den meiſten Reichsſtaͤdten ſind nach und nach nur einige Rathsherren der Reichsſtadt Regensburg zu ihren Stimmfuͤhrern beſtellet worden.)
Viele Reichsſtaͤnde wuͤnſchten aber noch eineIII. weitere Ausdehnung der oben aus dem juͤngſten Reichsabſchiede angefuͤhrten Stelle(e)R. A. 1654. §. 180. oben S. 224., und zwar dahin:” daß eines jeden Reichsſtandes Landſtaͤnde und Unterthanen nicht allein zur Landesdefenſions - verfaſſung, ſondern auch zur Handhabung und Er - fuͤllung der dem Weſtphaͤliſchen Frieden nicht zu - wider laufenden Buͤndniſſe, wie auch nicht nur zu Erhaltung und Beſatzung der noͤthigen, ſondern unbeſtimmt (ohne Einſchraͤnkung) der Feſtungen, Oerter und Plaͤtze, auch zu Verpflegung der Voͤl - ker, und anderen hierzu gehoͤrigen Nothwendigkei - ten, ihren Landesfuͤrſten, Herrſchaften und Oberen die jedesmal erfordernden Mittel, und folglich alles, was an ſie und ſo oft es begehrt werde, ge -hor -P. Entw. d. Staatsverf. Th. II. S274IX. Leop. u. Joſeph I. 1657-1711. horſamlich und unweigerlich darzugeben ſchuldig ſeyn ſollten.” Auch ſollten dagegen weder bey Reichsgerichten Klagen der Unterthanen angenom - men werden, noch denſelben einige Privilegien oder Exemtionen dawider zu ſtatten kommen.
Auf dieſen Fuß ward nun zwar unterm 29. Oct. 1670. durch Mehrheit der Stimmen ein Reichsgutachten zu Stande gebracht(f)Pachner am a. O. S. 495.. Der Kaiſer verſagte aber demſelben in der im Febr. 1671. darauf ertheilten Entſchließung ſeine Geneh - migung, und erklaͤrte vielmehr, daß er ſich gemuͤ - ßiget halten wuͤrde, einen jeden bey dem, wozu er berechtiget, und wie es bisher hergebracht ſey, zu laßen(g)Pachner am a. O. S. 518. u. f. Schmauß am a. O. S. 1077. u. f.. (Dieſe preiswuͤrdige kaiſerliche Er - klaͤrung hat ſeitdem manche Landſchaft noch fuͤr uͤbertriebene Steueranlagen und uͤberhaupt fuͤr De - ſpotismus gerettet. — Zugleich ein herrliches Beyſpiel von den Vorzuͤgen der Teutſchen Reichs - verfaſſung, da zwar Reichsſchluͤſſe auch zum Vor - theile der Landeshoheit wirkſam ſeyn koͤnnen; je - doch ſchon vieles dazu gehoͤret, die Mehrheit der Stimmen in ſolcher Abſicht zu wege zu bringen, und, wenn ſolche auch da iſt, doch der Kaiſer durch ſeine verſagte Genehmigung noch die Freyheit der Landſchaften retten und ſchuͤtzen kann, wie es alle - mal dem kaiſerlichen Intereſſe gemaͤß ſeyn wird.)
Das einzige gab Leopold in ſeiner im Febr. 1671. ertheilten Entſchließung nach: daß diejeni - gen Reichsſtaͤnde, welche ein mehreres, als imjuͤng -2752) Reichsangeleg. 1670-1672. juͤngſten Reichsabſchiede enthalten, gegen ihre Un - terthanen und Landſaſſen rechtmaͤßig hergebracht haͤtten, dabey geſchuͤtzt werden ſollten. Auch ſoll - ten die Unterthanen ferner angewieſen werden, zu allem demjenigen zu contribuiren, was das Reich zur allgemeinen Sicherheit verwillige und die Exe - cutionsordnung mit ſich bringe, oder auch die Lan - desvertheidigung gegen jeden Angriff oder Ueber - fall dem Herkommen und erheiſchender Nothdurft nach erfordere(h)Pachner am a. O. S. 519. Schmauß am a. O. S. 1078..
Unter jener Clauſel, was in jedem Lande her -VI. gebracht ſey, war fuͤr viele Laͤnder ſchon eine ge - wiſſe Gattung oder Anzahl Steuern begriffen, die als allgemeine Beytraͤge zur Unterſtuͤtzung der Cam - mer oder zu Ergaͤnzung der von derſelben zu beſtrei - tenden Ausgaben ein vor allemal eingefuͤhret wa - ren. Auch war es in den meiſten Laͤndern ſchon zum Herkommen geworden, daß, wenn eine Tochter vom Hauſe ſtandesmaͤßig vermaͤhlet wurde, zu deren Brautſchatz und Ausſteuer die Landſchaften unter dem Namen der Fraͤuleinſteuer gewiſſe Summen hergaben. Manche Reichsſtaͤn - de ließen aber auch ſonſt keine Gelegenheit vorbey, Geldbeytraͤge von den Unterthanen zu begehren, ſo oft nur außerordentliche Ausgaben von einiger Er - heblichkeit vorkamen, als zu beſſerem Auskommen nachgebohrner Herren, zu Standeserhoͤhungen, zu Reiſen, zu Brunnencuren u. ſ. f. (Ein regieren -derS 2276IX. Leop. u. Joſeph I. 1657-1711. der Reichsgraf hatte einmal ein Bein gebrochen; eine dazu bewilligte Beinbruchsſteuer mußte viele Jahre nach einander bezahlet werden.)
So billig es iſt, daß zu gemeinnuͤtzigen An - ſtalten, die einem jeden zu ſtatten kommen, auch ein jeder ſeinen verhaͤltnißmaͤßigen Beytrag gibt, und ſo gering es ſcheint, wenn ein einfacher Steuer - beytrag fuͤr einen jeden Unterthanen auch nur ei - nen oder etliche Pfennige ausmacht, und doch von einem ganzen Lande dadurch betraͤchtliche Summen zuſammengebracht werden; ſo bedenklich iſt es, wenn nur einmal die Bahn gebrochen iſt, daß auf Begehren der Landesherrſchaft Steuern bezahlt werden muͤßen, fuͤr deren Vervielfaͤltigung alsdann niemand geſichert iſt. Eben damit aber laͤuft man Gefahr, von dem erſten Hauptzwecke aller Staa - ten abzuweichen, der eben dahin gehen ſoll, daß ein jeder mit dem Seinigen ſicher ſey. Bin ich aber einer unbeſchraͤnkten Steuerforderung meines Landesherrn unterworfen, ſo verliehre ich dieſe Si - cherheit, die doch eigentlich den wichtigſten Grund enthaͤlt, warum man in buͤrgerlichen Geſellſchaf - ten ſovieles von der natuͤrlichen Freyheit aufopfert. Alſo war nichts billiger, als daß es dabey blieb, daß außer den Steuern, die einmal durch allge - meine Reichsgeſetze oder beſondere Landesgrundge - ſetze gebilliget ſind, kein Reichsſtand ſeine Unter - thanen ohne ihre Einwilligung mit Steuern zu be - legen berechtiget ſeyn ſollte.
Unter den verſchiedenen Gattungen von Steu - ern waren ſchon lange Zeit her in vielen LaͤndernVer -2772) Reichsangeleg. 1670-1672. Verſuche gemacht worden, unter dem Namen Trankſteuer, oder Acciſe und Licent, gewiſſe Ab - gaben aufs Getraͤnke oder andere Beduͤrfniſſe zu legen. Um dieſe Zeit fieng man aber zuerſt im Brandenburgiſchen an, (unter dem Finanzminiſter von Grumbkow 1676.) an ſtatt der bisher haupt - ſaͤchlich nur auf liegenden Gruͤnden oder auf Vieh, und auf dem Nahrungsſtande gelegenen Beſchwer - den aus einer weiter ausgedehnten Conſumtions - ſteuer oder Acciſe den Hauptſteuerfuß zu machen, ſo hernach in mehr Laͤndern (z. B. im Churbraun - ſchweigiſchen 1686.) Nachahmung gefunden hat; wie dabey, wo die Landſtaͤnde ihre Einwilligung dazu gaben, nichts zu erinnern war. Eigenmaͤch - tig kann aber auch das kein Landesherr einfuͤhren, ſo wenig als die Einfuͤhrung des Stempelpapiers, deſſen Erfindung wir den Hollaͤndern zu danken haben, ohne landſchaftliche Einwilligung von Rechtswegen ſtatt findet.
Waͤhrend der Zeit, als Kaiſer und Reich mitIX. den bisher beſchriebenen Gegenſtaͤnden beſchaͤfftiget waren, traf nach dem oben ſchon vorgekommenen Beyſpiele der Stadt Muͤnſter(i)Oben S. 259. ein aͤhnliches Schickſal noch mehrere Staͤdte, die ſich bisher in einer Art von Unabhaͤngigkeit erhalten hatten. So ward inſonderheit die Stadt Erfurt, die bis - her nur unter Saͤchſiſchem Schutze geſtanden hatte, von Churmainz in Anſpruch genommen, und nach einer am 17. Sept. 1664. wider ſie ausgewirktenkai -S 3278IX. Leop. u. Joſeph I. 1657-1711. kaiſerlichen Achtserklaͤrung, mit Huͤlfe eines Fran - zoͤſiſchen Kriegsheeres am 5. Oct. 1664. genoͤthiget, nur mit Vorbehalt einiger Freyheit, inſonderheit in Anſehung der Religion, der Hoheit des Chur - fuͤrſten ſich zu unterwerfen.
Die Stadt Magdeburg hatte ebenfalls in Be - ziehung auf alte Privilegien, welche der Weſtphaͤ - liſche Friede beſtatiget habe, die landesherrliche Gewalt des damaligen Adminiſtrators nicht aner - kennen wollen. Sie ward jedoch durch einen am 29. May 1666. gezeichneten Vergleich dahin ge - bracht, nicht nur dem Adminiſtrator, ſondern auch auf deſſen Abgang ſchon zum voraus dem Hauſe Brandenburg die Erbhuldigung zu leiſten.
Ein gleiches bewirkte endlich auch das Haus Braunſchweig von der Stadt Braunſchweig, da dieſe nach einer von dem Grafen Georg Friedrich von Waldeck commandirten Belagerung am 12. Jun 1671. genoͤthiget ward, eine herzogliche Be - ſatzung einzunehmen, und ſich ebenfalls zur Huldi - gung zu bequemen.
Die Stadt Bremen ward zwar ebenfalls von einem Schwediſchen Kriegsheere beſchoſſen, erhielt ſich aber doch noch durch einen Vergleich, den die Krone Schweden am 15. Nov. 1666. mit ihr ſchloß, im Beſitz ihrer Reichsunmittelbarkeit. Und ſo ward auch noch die Reichsſtadt Coͤlln gegen die Unternehmungen, womit ſie 1670. vom Churfuͤr - ſten von Coͤlln mit Franzoͤſiſcher Huͤlfe bedrohet ward, dennoch mittelſt Hollaͤndiſcher Unterſtuͤtzung gluͤcklich gerettet.
Die2792) Reichsangeleg. 1670-1672.Die im Weſtphaͤliſchen Frieden unverglichenXIII. gebliebene Juͤlichiſche Succeſſionsſache, die ſeit - dem ſchon einmal (1651.) in weitausſehende Thaͤt - lichkeiten ausgebrochen war, kam endlich am 9. Sept. 1666. zu einem Vergleiche zwiſchen Chur - brandenburg und Pfalzneuburg, auf den Fuß, daß die bisherige Gemeinſchaft zwar fortwaͤhren, je - doch der Beſitz getheilt ſeyn ſollte. Churbranden - burg ſollte Cleve, Mark und Ravensberg, Pfalz - neuburg ſollte Juͤlich, Berg und die Herrſchaften Winnendal und Breskeſand beſitzen. Ueber Ra - venſtein ſollte ein Compromiß entſcheiden, und das Condirectorium des Weſtphaͤliſchen Kreiſes ſollte von einem Tage zum andern wechſelsweiſe von bei - den Haͤuſern gefuͤhret werden.
Bey allem dem blieb die Art, wie die Praͤſen -XIV. tationen am Cammergerichte vom Weſtphaͤliſchen Kreiſe geſchehen ſollten, noch unberichtiget; daher dieſe Stellen am Cammergerichte immer unbeſetzt blieben. Auch war dieſes der einzige Fall in ſei - ner Art, daß ein fuͤrſtliches Haus nach dem Jahre 1582. erloſchen war, und doch von deſſen Lande im Reichsfuͤrſtenrathe keine Stimme gefuͤhrt wur - de; wie dennoch unſtreitig haͤtte geſchehen koͤnnen, wenn beide Haͤuſer Brandenburg und Pfalz ſich daruͤber verglichen haͤtten, und von den uͤbrigen Praͤtendenten nicht etwa auch noch ein Wider - ſpruch zu erwarten geweſen waͤre. So aber iſt bis auf den heutigen Tag dieſe Stimme nicht wieder in Gang gekommen.
Unter allen dieſen Vorfaͤllen bildete ſich allge -XV. maͤlig noch eine der wichtigſten Veraͤnderungen inS 4der280IX. Leop. u. Joſeph I. 1657-1711. der Teutſchen Staatsverfaſſung, da verſchiedene der maͤchtigeren Reichsſtaͤnde einen ſtehenden Kriegsſtaat von beſtaͤndigen Regimentern zu un - terhalten anfiengen.
So hatte der Churfuͤrſt Georg Wilhelm von Brandenburg nur 12. Compagnien zur Beſatzung in Berlin, Spandau, Cuͤſtrin und Colberg ge - habt. Sein Sohn und Nachfolger, Friedrich Wilhelm hatte ſchon vor 1665. zwey Regimenter Infanterie, und ließ 1665. noch eines zu Regens - burg, Nuͤrnberg und Frankfurt anwerben. Im Jahre 1666. errichtete er das zweyte Regiment Cuͤraſſiere. Und ſo fuhr er von Jahren zu Jah - ren fort, daß er am Ende ſeiner Regierung 1688. ſchon ein ſtehendes Kriegsheer von 35. Bataillons Fußvolk jedes zu 4. Compagnien von 150. Mann; 300 Mann Artillerie; 32. Escadrons Cuͤraſſiere; 8. Escadrons Dragoner, und 18. Garniſonscom - pagnien, zuſammen 28500. Mann hinterließ(k)Stammliſte der Preuſſiſchen Armee (Frf. u. Lpz. 1756. 4.) S. 1. 59. 116. u. f..
Von der ſtehenden Kriegsmacht des Hauſes Geſterreich gehen die Nachrichten meiſt nur bis auf das Jahr 1683. hinauf, weil vorher die in Kriegszeiten errichteten Regimenter nach geſchloſſe - nem Frieden gleich wieder abgedankt wurden. Das aͤlteſte noch jetzt ſtehende Regiment Infanterie hat 1681. der Graf Ernſt Ruͤdiger von Stahrenberg errichtet, der hernach durch die Vertheidigung der Stadt Wien gegen die Tuͤrken 1683. ſo beruͤhmt wurde. Im Jahre 1683. wurden auf einmal 15. Regimenter errichtet, die alle noch jetzt vorhandenſind;2812) Reichsangeleg. 1670-1672. ſind; darauf folgten 1684. noch 2., 1685. 1., 1689. 1., 1691. 1., 1698. 1., 1701. 2., 1702. 2., 1703. 1., 1704. 1., 1706. 1., 1709. 1., 1710. 1., 1713. 1., 1715. 2., 1716. 1., 1717. 1., 1718. 1., 1721. 1., 1725. 2., 1734. 5., 1742. 7., 1744. 1., 1745. 1. ꝛc. Das aͤlteſte Oeſterreichiſche Cuͤraſſier-Regiment iſt von 1680., ein anderes von 1682. Im Jahre 1683. wur - den ihrer auf einmal 11. errichtet, 1684. 1., 1701. 2., 1702. 1., 1721. 1. Dragoner-Regimen - ter entſtanden 1683. 5., 1688. 1., 1701. 1., 1710. 1., 1718. 1., 1725. 1., 1734. 2. ꝛc. Huſaren-Regimenter 1689. 1., 1696. 1., 1702. 1., 1734. 3., 1735. 1., 1741. 1., 1742. 1., 1743. 1. ꝛc .(l)Kurzgefaßte Geſchichte aller kaiſerlichkoͤnig - lichen Regimenter bis 1759. Frf. u. Lpz. 1760. 8.. Zu Leopolds Zeiten ward ein Infanterie-Regiment zu 2500., die Compagnie zu 150. Mann gerechnet; ein Regiment Cavalle - rie zu 1000., die Compagnie zu 100. Mann(m)Rinks Leben Leopolds S. 245.. Im Jahre 1673. rechnete man die Oeſterreichiſche Kriegsmacht auf 60. tauſend Mann(n)Keyßlers Reiſen Th. 2. S. 1001.. Im Jahre 1705. beſtand ſie aus 97.244. Mann zu Fuß, 35000. zu Pferde, zuſammen 132.244. Mann(o)Rinks Leben Leopolds S. 253..
Von den Regimentern, welche jetzt das Chur -XVIII. braunſchweigiſche Kriegsheer ausmachen, wardauſſerS 5282IX. Leop. u. Joſeph I. 1657-1711. auſſer der Garde zu Pferde und zu Fuß, deren Urſprung ſich ſchon hoͤher hinauf fuͤhren laͤßt, und drey Regimentern, deren Errichtungsjahr nicht bekannt iſt, ein Regiment zu Fuß 1667. errich - tet, dann 1668. 1. ; 1670. 1. ; 1675. 4. ; 1680. 1. ; 1691. 1. ; 1692. 1. ; 1702. 1. ; 1704. 1. ; 1707. 1. ; 1717. 1. ; 1724. 1. ; 1741. 1. ; 1745. 1. ꝛc. Von Cavallerie-Regimentern mit Inbe - griff der Dragoner entſtanden, auſſer zwey aͤlteren, deren Errichtungsjahr nicht bekannt iſt, 1671. 1. ; 1675. 2. ; 1680. 1. ; 1682. 1. ; 1689. 2. ; 1701. 2. ; 1744. 1. ; 1745. 1. ; ꝛc .(p)J. F. S. kurzgefaßte Geſchichte aller Chur - braunſchweigluͤneburgiſchen Regimenter ꝛc. Frf. u. Lpz. 1760. 8. ; F. v. W. kurzgefaßte Geſchichte der Errichtung ſaͤmmtlicher Churbraunſchweigiſchen Truppen ꝛc. Zelle 1769. 8..
I. II. Zum Reichskriege, wie der mit Frankreich jetzt zum Ausbruche kam, mußten jedesmal die Contingente be - williget, und die Reichsgeneralitaͤt beſtellt werden. — III. Wegen der letztern gab ein beſonderer Vorfall Anlaß, daß der catholiſche Religionstheil ſich des im Weſtphaͤliſchen Frie - den gegruͤndeten Rechts, die Mehrheit der Stimmen zu hemmen, bediente. — IV. Zu den Nimweger Friedens - handlungen ward dem Kaiſer vom Reiche Vollmacht gege - ben; — doch einzelnen Staͤnden vorbehalten, den Congreß zu beſchicken; — V. woruͤber die Fuͤrſten den Churfuͤrſten im Geſandtſchaftsrechte gleich zu kommen ſuchten. — VI. Von den Friedenshandlungen ſelbſt erfuhr das Reich nichts, bis ſie vollendet waren, — da dem Reiche nichts uͤbrig blieb, als den geſchloſſenen Frieden zu genehmigen. — VII. Unter den Friedensbedingungen war der Verluſt der Graf - ſchaft Burgund, — VIII. nebſt der Stadt und dem Erz - ſtifte Biſanz. — IX. Aus Philippsburg wurde eine Reichs - feſtung. — X. Einige Ceſſionen an die Haͤuſer Braunſchweig und Brandenburg, — welchem letztern in der Folge noch die Anwartſchaft auf Oſtfriesland und auf die Grafſchaft Limburg in Franken gegeben wurde.
Die beſtaͤndige Kriegsverfaſſung, die jetzt nachI. und nach in Teutſchland aufkam, galt doch nur von einigen einzelnen Reichsſtaͤnden. Von Reichs wegen war noch nicht daran zu denken. Da mußte bey jedem bevorſtehenden Reichskriege erſt einem jeden Reichsſtande ſein Contingent zu ſtellen angeſagt werden, und die Generalitaͤt wur - de jedesmal auf dem Reichstage beſtellt, wie man ſie zur Befehlshabung der Reichsarmee noͤthig fand,und284IX. Leop. u. Joſeph I. 1657-1711. und zwar nunmehr nach der auch hier erforderli - chen Religionsgleichheit.
Bey dem Kriege, womit Ludewig der XIV. 1671. die Hollaͤnder bedrohete, (weil ſie ihm in Ausfuͤhrung der Anſpruͤche, die er auf die Spani - ſchen Niederlande wegen des in Brabant uͤblichen Devolutionsrechts gemacht hatte, hinderlich gewe - ſen waren,) ließ es ſich bald dazu an, daß auch das Teutſche Reich genoͤthiget werden duͤrfte, ge - gen Frankreich die Waffen zu ergreifen; wie es dann 1674. wuͤrklich zum Reichskriege mit Frank - reich kam, der erſt 1679. mit dem Nimweger Frie - den ein Ende nahm.
Um auf dieſen Krieg gefaßt zu ſeyn, kam es ſchon 1672. zu Berathſchlagungen auf dem Reichs - tage uͤber Beſtellung der Reichsgeneralitaͤt, wo - bey ſich ein Vorfall ereignete, der wegen verſchie - dener dabey vorgekommenen Umſtaͤnde hier erwehnt zu werden verdienet. Es ſollten nehmlich unter an - dern vier Generalmajorsſtellen von Reichs wegen beſetzt werden. Dazu waren diesmal zwey fuͤrſtli - che Competenten, der Herzog von Weimar und der Marggraf von Bayreuth, und zwey adeliche, ein Herr von Leyen und ein Herr von Stauf. Die Mehrheit der Stimmen fiel auch fuͤr ſie aus, und zwar ſo, daß die beiden fuͤrſtlichen Com - petenten als Generalwachtmeiſter zu Pferde, die adelichen als Generalmajors zu Fuß angeſetzt wer - den ſollten. Letztere waren aber catholiſch, jene evangeliſch. Daruͤber beſannen ſich die catholiſchen Staͤnde, daß es ihnen nachtheilig ſeyn moͤchte, ein ſolches Beyſpiel gelten zu laßen, da zwar der Zahlnach2853) Rkrieg u. Nimw. Fr. 1672-1679. nach die Religionsgleichheit beobachtet waͤre, aber doch eine Ungleichheit darin laͤge, daß die zwey evangeliſchen Herren bey der Cavallerie, die zwey catholiſchen nur bey der Infanterie angeſetzt wer - den ſollten. Nun war zufaͤlliger Weiſe die Mehr - heit der Stimmen im Fuͤrſtenrathe diesmal fuͤr je - ne ausgefallen, weil einige catholiſche Stimmen gefehlt, andere gleichfoͤrmig mit den Proteſtanten ſich geaͤußert hatten. Hier entſtand alſo der uner - wartete Fall, daß der catholiſche Religionstheil einmal die Mehrheit der Stimmen gegen ſich ſah. Dieſe zu hemmen beriefen ſich nun die catholiſchen Staͤnde im Fuͤrſtenrathe (1672. Apr. 10.) auf die Verordnung des Weſtphaͤliſchen Friedens, daß nicht die Mehrheit der Stimmen ſondern nur guͤt - liche Vergleichung ſtatt finden ſollte, ſobald ein Religionstheil eine vom andern abgehende Mey - nung erklaͤrte. Sie beſtanden darauf, daß nicht beide Generalmajors zu Pferde evangeliſch, und beide zu Fuß catholiſch ſeyn duͤrften, ſondern noth - wendig ſowohl jene Stellen zu Pferde, als dieſe zu Fuß nach der Religionsgleichheit beſetzt werden muͤßten. Man verglich ſich endlich (1672. Jun. 10.), daß man anſtatt vier diesmal ſechs Generalma - jors ernennen wollte, und zwar zu den oben be - nannten noch einen catholiſchen, Herrn von An - drimont, zu Pferde, und einen evangeliſchen, Herrn von Kielmannsegge, zu Fuß; wie ſolches her - nach im Reichsgutachten 1672. Jul. 22. (Aug. 1.) vollzogen wurde(q)Pachners von Eggenſtorf Reichstagsſchluͤſſe. Th. 1. S. 574.. Dieſer Vorfall war ſchon deswegen merkwuͤrdig, weil damit der catholiſche Religionstheil noch eher, als der evangeliſche jeneVor -286IX. Leop. u. Joſeph I. 1657-1711. Vorſchrift des Weſtphaͤliſchen Friedens in Ausuͤ - bung brachte, uͤberhaupt aber damit ein lehrrei - ches Beyſpiel gab, was davon fuͤr ein Gebrauch gemacht werden konnte.
Die Nimweger Friedenshandlungen wa - ren in Anſehung der dabey zu beobachtenden Art und Weiſe ſelbſt in Ruͤckſicht auf die Teutſche Reichsverfaſſung von großer Erheblichkeit, weil diesmal nach dem Weſtphaͤliſchen Frieden der erſte Fall war, da ein Friedensſchluß einem gefuͤhrten Reichskriege ein Ende machen ſollte. Hier kam alſo nicht wenig darauf an, wie man ſich von Reichs wegen dabey benehmen wuͤrde, um das im Weſtphaͤliſchen Frieden befeſtigte Recht geltend zu machen, daß der Kaiſer ohne Einwilligung des Reichs keinen Frieden ſchließen ſollte. Gleich an - fangs war es zwar im Werke, daß eine eigne Reichsdeputation ernannt werden ſollte, um den Congreß zu Nimwegen von Reichs wegen zu be - ſchicken. Weil ſich aber allerley Schwierigkeiten dabey hervorthaten, der Kaiſer hingegen im April 1677. von dem, was bis dahin zu Nimwegen vor - gegangen war, dem Reichstage Nachricht geben ließ, und damit fortzufahren verſprach; ſo wurde (1677. May 31.) beſchloſſen, diesmal dem Kaiſer das Friedenswerk alleine zu uͤberlaßen; unter der Bedingung, daß der Kaiſer alles, was zu Nim - wegen ferner vorgienge, dem Reiche in Zeiten mittheilen, und deſſen Gutachten daruͤber erwar - ten ſollte. Doch wurde auch einzelnen Staͤnden vorbehalten, den Congreß fuͤr ſich durch eigene Geſandten zu beſchicken.
Die -2873) Rkrieg u. Nimw. Fr. 1672-1679.Dieſes letztere machte damals bald die Eifer -V. ſucht zwiſchen Churfuͤrſten und Fuͤrſten von neuem rege, da letzteren nicht wie jenen geſtattet wurde, Geſandten vom erſten Range nach Nimwegen zu ſchicken; ungeachtet der beruͤhmte Leibnitz, der damals zu Hannover lebte, fuͤr die altfuͤrſtlichen Haͤuſer, wozu damals auch das geſammte Haus Braunſchweig noch gehoͤrte, ein eignes Buch hier - uͤber ſchrieb(r)Caesarinvs Fürstenerivs de iuve ſupre - matus ac legationis principum Germaniae, 1677. 12. Meine Litteratur des Staatsrechts Th. 1. S. 249 - 253..
Was aber jene Bedingung betrifft, unter wel -VI. cher das Reich dem Kaiſer die Friedenshandlungen uͤberlaßen hatte, ſo ließ der Kaiſer unterm 23. Jun. 1678. zwar dem Reiche zwoͤlf Puncte zur Berath - ſchlagung vorlegen. Aber ohne hernach dem Rei - che weitere Nachricht zu geben, ließ er am 20. Jan. 1679. ſich beym Reiche entſchuldigen, daß er von dem fernern Erfolge der Nimwegiſchen Friedens - handlungen dem Reiche nicht mehrere vertrauliche Nachricht habe geben laßen koͤnnen, weil alles eine Zeit her (wie freylich gemeiniglich bey Friedens - handlungen der Fall zu ſeyn pfleget) auf lauter Un - verlaͤßigkeit beruhet habe. Dabey ließ er dem Reiche jetzt noch einige Projecte und Gegenprojecte mittheilen, jedoch mit der hinzugefuͤgten Aeuße - rung, daß ſich auch darauf noch keine Berathſchla - gungen ſicher begruͤnden laßen wuͤrden. Aber bald hernach wurde zu Nimwegen am 5. Febr. 1679. der Friede von den kaiſerlichen Geſandten, zugleich im Namen des geſammten Reichs, ſchon unter -zeich -288IX. Leop. u. Joſeph I. 1657-1711. zeichnet, nachdem man im Frieden ſelbſt eine aus - druͤckliche Clauſel eingeruͤckt hatte, daß von Reichs wegen kein Widerſpruch und keine Verwahrung gegen dieſe nur von den kaiſerlichen Geſandten ge - ſchehene Unterſchrift angenommen werden ſollte. Nichts deſto weniger ward dem Reiche nur noch ei - ne Friſt von acht Wochen ausbedungen, um den Frieden zu ratificiren. Und das alles ward nun durch ein kaiſerliches Commiſſionsdecret vom 3. Maͤrz 1679. dem Reiche bekannt gemacht, mit der Entſchuldigung, daß es die Zeit nicht anders ertra - gen habe, daß es aber in Zukunft nicht zur Con - ſequenz gezogen werden ſollte. Verſchiedene Staͤn - de konnten zwar ihre Unzufriedenheit daruͤber nicht bergen. Inzwiſchen mußte ſich doch das Reich am 23. Maͤrz 1679. zur Genehmigung des Friedens bequemen, von dem es ſich gar nicht ruͤhmen konnte, daß es zu deſſen Schließung mit beygewirkt haͤtte. Der Koͤnig in Daͤnemark und der Churfuͤrſt von Brandenburg fuͤhrten zwar den Krieg fuͤr ſich alleine noch einige Zeit fort. Sie mußten ſich aber ebenfalls bald