PRIMS Full-text transcription (HTML)
Ueber Mahlerei und Bildhauerarbeit in Rom fuͤr Liebhaber des Schoͤnen in der Kunſt
Erſter Theil.
Leipzig,bei Weidmanns Erben und Reich.1787.

An Seine Majeſtaͤt den Koͤnig von Grosbritannien, Meinem allergnaͤdigſten Herrn!

Allergnaͤdigſter Herr, Zu den Fuͤßen Ewr. Koͤniglichen Maje - ſtaͤt lege ich dieſen Verſuch zur Befoͤrde - rung des Geſchmacks an edleren Vergnuͤgungen mit einer ehrfurchtsvollen Zuverſicht. Dero allerhoͤchſten Huld und aufgeklaͤrtem Schutze verdanken Ihre Unterthanen jeden Genuß der Ruhe und des Wohlſtandes; die Kuͤnſte ihr ſchoͤnſtes Leben; und ich die allergnaͤdigſte Er - laubniß, die mir vor ein Paar Jahren wurde, mitten unter den Schaͤtzen des alten und neuen

3Roms,

Roms, die gluͤcklichſten Erinnerungen fuͤr die Zukunft einzuſammeln. Dankbarkeit und tiefe Ehrfurcht ſcheinen mir ein Opfer zur Pflicht zu machen: Das einzige was ich darbringen kann, wird durch die fromme Abſicht des Gebers einigen Werth gewinnen. So hoffe ich, und bin in tiefſter Devotion Ewr, Koͤniglichen Majeſtaͤt allerunterthaͤnigſter von Ramdohr.

Inhalt.

Inhalt.

  • Einleitung. S. 1 bis S. 6
  • Beſtimmung der Abſicht dieſes Werks. Erklaͤ - rung des Worts Liebhaber des Schoͤnen in der Kunſt. Ueber die Lehrart, die fuͤr den Liebhaber die paſſendſte iſt. Rechtfertigung des Verfaſſers, daß er dieſes Buch zu ſchreiben wagte. Seine Erwartungen: Die Art wie er ſchreiben zu koͤnnen wuͤnſchet.
  • Allgemeine Anmerkung uͤber die Sammlungen von ſchoͤnen Kunſtwerken der Mahlerei und Bildhauerarbeit in den Pallaͤſten und Kirchen von Rom. S. 7Man muß die Sammlungen in Pallaͤſten zu - erſt ſehen.
  • Pallaſt Farneſe. S. 8 bis S. 37Unter den Pallaͤſten muß man den groͤßeren Farneſiſchen zuerſt ſehen. Der Farneſiſche Hercules. Charakter des Hercules uͤberhaupt. Die Farneſi - ſche Flora. Willkuͤhrliche Beſtimmung der Nah - men weiblicher bekleideter Figuren uͤberhaupt. Gal - lerie der Carracci. Stil der Carracci, vorzuͤglich des Annibale. Noͤthige Erklaͤrung des Worts: Erfindung in der Mahlerei, um darnach das Ver - dienſt des Annibale in Anſehung dieſes Theils der Kunſt zu beurtheilen. Was mahleriſche, was dichteriſche Erfindung in der Kunſtſprache ſey. Stil des Ludovico Carraccio und des Agoſtino Carraccio. Grund warum der Autor auch in der Folge den Stil der vorzuͤglichſten Kuͤnſtler bei ſchick - licher Gelegenheit aus einander ſetzen wird. Be - urtheilung der Gemaͤhlde in dieſer Gallerie. Sta - tuen. Charakter des Mercurs. Caracalla. Farneſiſche Vaſe. Stil der Nachahmer Raphaels, des Michael Angelo und Tizians. Der Farneſiſche Stier. Sehr gehaͤufte Figuren ſind einem jeden Werke der Kunſt ſchaͤdlich. Gar zu beſorgte Ne - benwerke ſchaden dem Eindruck des Ganzen und vorzuͤglich der Hauptfiguren. Der Bildhauer - kunſt iſt die Ueberladung eines Werks mit uͤber - fluͤßigen Figuren viel nachtheiliger als der Mahlerei. Ueberhaupt ſind weitlaͤuftige Compoſitionen dem Bildhauer nicht anzurathen: Ueber der mahleri - ſchen Gruppirung geht die Schoͤnheit einzelner Fi - guren verlohren: Vielleicht iſt er nicht einmahl im Stande die Wuͤrkung einer mahleriſchen Gruppe vollſtaͤndig zu erreichen.
  • Der Vaticaniſche Pallaſt. S. 38 bis S. 199Grund warum dieſer Pallaſt in Ruͤckſicht auf den Zweck dieſes Buchs, in der Ordnung der zweite iſt.
  • Muſeum Clementinum. Eine Anmerkung uͤber den vortheilhafteſten Ort zur Aufſtellung der Statuen. Beſtimmung des ſogenannten Etruſciſchen Stils, ſowohl des ur - ſpruͤnglichen als des nachgeahmten. Der Liebha - ber vermengt den Begriff des Etruſciſchen und des Altgriechiſchen Stils aus guten Gruͤnden. Cha - rakter der Flußgoͤtter. Gruͤnde, warum ſich der Autor berechtiget haͤlt ein vollſtaͤndiges Verzeichniß der Kunſtwerke, die in dieſer Sammlung befind - lich ſind, in den Noten, am Ende der Beſchrei - bung eines jeden Zimmers zu liefern, ob es gleich ſonſt nicht ſeine Abſicht iſt, Nomenclaturen zu geben; (in der Note.) Allgemeine Anmerkung uͤber den Werth antiker Basreliefs. Ueber den aͤchten Aegyptiſchen Stil: Die Kennzeichen deſſel - ben werden angefuͤhrt, um den Autor zu rechtfer - tigen, wenn er die Werke, die ihn an ſich tragen, der Aufmerkſamkeit des Liebhabers unwerth haͤlt. Charakter des Bacchus. Hof mit einem Porticus, ſonſt auch Hof des Belvedere genannt. Nachtheil der Aufſtellung der Statuen an dieſem Orte fuͤr die Wahrnehmung ihrer Schoͤnheit im Einzelnen; Vortheil derſelben fuͤr den Eindruck ſo vieler ver - einigten Schoͤnheiten im Ganzen. Apollo im Bel - vedere. Wahrſcheinlicher Charakter des Apollo als Phoͤbus, verſchieden von demjenigen, worin5erInhalt. er als Beſchuͤtzer der Wiſſenſchaften und Kuͤnſte vorgeſtellet wird. Antinous. Noͤthige Erinne - rung uͤber voreilige Beſtimmung moderner Zuſaͤtze zu antiken Statuen. Laocoon. Beſcheidene Zweifel uͤber die Wahl des Suͤjets, als Vorwurf der Bild - hauerkunſt; Die Bewegung des Koͤrpers ſcheint fuͤr den Marmor zu heftig; der ſchwerfaͤllige Stoff macht ſie unwahrſcheinlich, und die Anſtrengung der Muſkeln ſchadet der Harmonie der ſchoͤnen For - men: Hauptvorzug der Bildhauerkunſt! Das Verdienſt einer ſchoͤnen Gruppirung wird dieſem Werke gleichfalls bezweifelt; Gruppiren, in der Mahlerſprache ſetzt unter andern auch eine Maſſe von angenehmer Form zum Voraus, und dieſe fehlt; was der Form des Ganzen abgeht, ge - winnt der Eindruck der Hauptfigur. Torſo di Belvedere. In welcher Ruͤckſicht Wecke aus der ſpaͤteren Zeit, bei deutlichen Spuhren des Verfalls der Kunſt, dennoch intereſſant bleiben koͤnnen. Charakter eines Meleagers. Ueber den Begriff von Ehrwuͤrdigkeit, den die Alten mit den Locken verbunden zu haben ſcheinen, die ſich an der Wur - zel in die Hoͤhe heben, und deren Spitzen herab - ſinken. Beſondere Vorſtellungsart einer Diana von Epheſus. Sammlung von Thieren. Apollo und die Muſen. Herrlicher Kopf der tragiſchen Muſe. Charakter des Apollo Muſagetes. Vor - laͤufige Bemerkung uͤber Buͤſten mit angeblich an - tiken Nahmen. Ganymedes und deſſen Charakter. Genius. Unzuverlaͤßige Benennung der Nym - phen: Was man fuͤr einen Begriff mit derſelben verbindet. Charakter einer Amazone. HerrlicheBuͤſteInhalt. Buͤſte des Ajax. Sogenannte Gruppe des Cato, und der Porcia. Bedeutung der Goͤttin Nemeſis. Jupiter und deſſen Charakter. Cleopatra. Zwei weibliche Termen mit coloſſaliſchen Koͤpfen, bekannt unter dem Nahmen der Comoͤdie, und Tragoͤdie. Jupiter Serapis, deſſen Charakter und Bedeu - tung. Juno und deren Charakter.
  • Theil des Vaticaniſchen Pallaſts, in dem ſich die Mahlereien befinden. Mahlereien Raphaels. Stil dieſes Kuͤnſtlers. Naͤhere Beſtimmung des Worts: Ausdruck in der Mahlerei, in ſo fern man dadurch das Haupt - verdienſt unſers Kuͤnſtlers bezeichnet. Von den Beiwoͤrtern ſchoͤn, richtig, beſtimmt, fein ꝛc. in der Zeichnung, und welches derſelben von Ra - phaels Zeichnung gelten koͤnne. Mit welcher Vor - ſicht Raphael Bildniſſe lebender Perſonen in ſeinen hiſtoriſchen Gemaͤhlden anbrachte, und wie er die Antiken nutzte. Beſtimmtheit und Richtigkeit der Zeichnung. Raphaels Gewaͤnder. Was zu einem gut geworfenen Gewande, und zu einem wohlgeordneten Faltenſchlage erfordert wird. Zier - lichkeit der Zeichnung. Raphaels Colorit. Be - leuchtung, Helldunkles in dieſes Meiſters Gemaͤhl - den. Beilaͤufige Erklaͤrung des Worts: acci - dens de lumiere. Raphaels Loggie. Ueber Arabeſken. Raphaels Bibel. Plafonds ſcheinen kein ſchicklicher Ort zu ſeyn, um daran intereſſante Gemaͤhlde anzubrin - gen: Soll man die Figuren in horizontaler oderverticalerInhalt. verticaler Richtung in einem Plafond-Gemaͤhlde ſtellen? Der Autor entſcheidet fuͤr die verticale. Raphaels Stanze. Schlacht Conſtantins. Ueber den Ausdruck in Gemaͤhlden welche einzelne Figu - ren vorſtellen, beſonders allegoriſche. Heliodor. Attila. Die Meſſe zu Bolſena. Der heil. Petrus im Gefaͤngniſſe. Der Streit uͤber das Sacra - ment des heil. Abendmahls. Die Schule von Athen. Incendio del Borgo. Sixtiniſche Capelle. Michael Angelo Buonarotti. Deſſen juͤngſtes Ge - richt, und Gemaͤhlde am Plafond. Camera de Papiri. Anton Raphael Mengs. Unterſchied zwi - ſchen Genie und Talent in dem bildenden Kuͤnſtler in Ruͤckſicht auf Erfindſamkeit, Einbildungskraft, Empfindung und Geſchmack. Plafond des Mengs. Vorlaͤufige Beſtimmung der Eigenſchaften einer guten allegoriſchen Zuſammenſetzung fuͤr die ſchoͤne Kunſt. Fortſchritt zur Beurtheilung des mittel - ſten Gemaͤhldes am Plafond. Herrliche Genii und Kinder des Mengs. Saal des Conſiſtoriums, Plafond von Guido Reni.
  • Das Capitol. S. 200 bis S. 267Ritterſtatue Marc Aurels.
  • Muſeum Capitolinum. Marforio. Charakter eines Pan. Charakter der Diana. Kriegerſtatuen: Schwierigkeit, die unbekleideten von Heldenſtatuen zu unterſcheiden. Zimmer mit Aegyptiſchen Kunſtwerken. Griechi - ſche Bearbeitung Aegyptiſcher Ideen: entweder mit Beibehaltung der Aegyptiſchen Vorſtellungsart, oder mit Erfindung einer neuen, der SchoͤnheitmehrInhalt. mehr angemeſſenen. Capitoliniſche Vaſe, mit der Ara als Fußgeſtell. Capitoliniſcher Antinous. Schoͤnes Kind. Jupiter placidus, terminalis, ſonſt auch Plato genannt. Ueber Hermen und Termen uͤberhaupt. Die Bildhauerkunſt folgt in der Wahl der Gewaͤnder andern Grundſaͤtzen als die Mahlerei. Der Ludoviſiſche Fechter. Warum der Autor es nur ſelten wagt, die Epoche anzuge - ben, in der ein altes Kunſtwerk verfertiget iſt. Warnung vor dem Vorurtheil, daß der beigeſetzte Nahme des Kuͤnſtlers ein Beweis der Vortrefflich - keit des Werks ſey. Eine gewagte Erklaͤrung der ſogenannten Ptolomaͤer, als Ringerſtatuen, und Muthmaaßung uͤber ihr Wiedererkennungszeichen; (in der Note.) Griechiſche Iſis. Charakter der Faunen. Juno aus dem Pallaſt Ceſi. Bedeu - tung des Harpocrates, fruͤhere und ſpaͤtere Bil - dung deſſelben. Ueber Statuen die man fuͤr Ue - berbleibſel ehemaliger Gruppen der Familie der Niobe haͤlt. Zeno. Wie Buͤſten, als Bildniſſe beſtimmter Perſonen, intereſſiren koͤnnen, wenn wir gleich von den wenigſten den Nahmen mit Ge - wißheit anzugeben im Stande ſind: Gruͤnde die - ſer Ungewißheit: Selbſt von Alters her eingegra - bene Nahmen entſcheiden nichts fuͤr die Treue der Nachbildung. Perſeus und Andromeda, ein Ge - maͤhlde von Mengs; (in der Note.) Capitolini - ſche Flora, Capitoliniſche Venus. Diana Luci - fera. Kopf Alexanders des Großen. Tauben, die aus einem Gefaͤße trinken; ein beruͤhmtes antikes Moſaik. Hecate. Schoͤnes Gefaͤß aus Bronze. Kopf der Ariadne.
  • Pallaſt de Conſervatori. Begraͤbnißurne der Agrippina. Ueber die Gat - tung von Pferden, welche die Mahler vorzuͤglich gern in ihren Gemaͤhlden anbringen. Beruͤhmte Woͤlfin aus Bronze. Spinarius. Camillus. Hercules aus Bronze.
  • Gemaͤhldeſammlung. Giorgione, Tintoretto, Paolo Veroneſe. Be - urtheilung der einzelnen Gemaͤhlde. Die Perſiſche Sybille. Eine heilige Caͤcilia von Romanelli. Pietro Teſta; (in einer Note.) Giovanni Bellino; (in einer Note.) Fortuna des Guido Reni.
  • Pallaſt Borgheſe. S. 268 bis S. 310Wichtigkeit und Groͤße der Gemaͤhlde. Samm - lung in dieſem Pallaſte. Tizian und ſein Stil. Tizians Kinder. Gelegentliche Nachricht von zwei antiken Basreliefs mit Amorinen in Venedig; (in einer Note.) Tizians Colorit: Von den Er - forderniſſen eines guten Colorits uͤberhaupt. Local - farbe. Modification der Localfarbe vom hoͤchſten Lichte an, bis zum ſtaͤrkſten Schatten: Farben - miſchung, Faͤrbung im eigentlichſten Verſtande. Fra. Seb. del Piombo; (in einer Note.) Andrea del Sarto. Carita Romana. Der Schulmeiſter. Meiſterſtuͤck des Garofalo. Stil des Tibaldi. Diana mit ihren Nymphen von Domenichino. Fra. Sebaſtiano und der Cardinal Hyppolitus di Medices, gemeiniglich Borgia und Machiavell genannt. Gerhard Honthorſt; (in der Note.) Gemaͤhl -Inhalt. Gemaͤhlde Raphaels aus ſeiner erſten Manier. Raphaels Kreuzabnehmung aus ſeiner zweiten. Die Verſuchung des heil. Antonius, von Annibale Carraccio. Verloͤbniß der heil. Catharina, von Parmeggianino; Stil dieſes Meiſters. Heilige Caͤcilia, von Domenichino. Aeneas und Anchiſes, von Baroccio; Stil dieſes Meiſters. Zwei heili - ge Familien, von Tizian. Bildniß einer Blon - dine, von demſelben. Zeichnung von Raphael. Die goͤttliche und die irrdiſche Liebe, von Tizian. Liegender Hermaphrodit, Statue. Venus ver - bindet dem Amor die Augen mit Beiſtand eines ſeiner Bruͤder und der Grazien, von Tizian. David, von Giorgione. Ueber Giacomo Baſſano und ſeine Schuͤler, Leandro und Franceſco.
  • Gemaͤhldeſammlung des Prinzen Aldo - brandini. Eins der beſten Gemaͤhlde des Baroccio. Chriſt zwiſchen den Phariſaͤern, von Leonardo da Vinci. Chriſt der dem heil. Petrus erſcheint, von Annibale Carraccio. Heilige Familie, von Raphael aus ſeiner mittleren Zeit.
  • Villa Borgheſe. S. 311 bis S. 340Basreliefs an den aͤußern Mauern der Pallaͤfte angebracht: Dieſe Art der Verzierung iſt nicht vortheilhaft. Ueber verſchiedene Beinahmen, die man der Venus gibt, und uͤber die Abweichungen in der Art ſie vorzuſtellen. Charakter der Venus. Bedeutung dieſer Goͤttin in der Mythologie. Bor - gheſiſcher Floͤtenſpieler. Lucius Verus, ſchoͤne Buͤſte. ApolloInhalt. Apollo und Daphne, von Bernini. Die Bild - hauerkunſt, deren Werke die vollkommenſte Illu - ſion in Ruͤckſicht auf Geſtalt geben, ſcheint eine vorzuͤgliche Verbindlichkeit auf ſich zu haben, nichts Widriges darzuſtellen. Vermeinter Seneca. Fi - gur eines Sclaven. Borgheſiſche Vaſe. Bezeich - nung eines Apollo Sauroctonon. Der Borghe - ſiſche Faun oder Silen. Charakter eines Silens. Centaur vom Amor gebaͤndigt. Juno mit einem Gewande von Porphyr. Der Borgheſiſche Fech - ter. Ueber Fechterſtatuen uͤberhaupt; (in der Note.) Worauf der Bildhauer bei der Wahl ſeiner Suͤjets vorzuͤglich Ruͤckſicht nimmt; (gleich - falls in der Note.) Der Borgheſiſche Herma - phrodit. Charakter der Hermaphroditen.
Einlei -
[1]

Einleitung.

Der Titel des Buchs ſcheint deſſen Zweck anzuzei - gen, und es durch dieſen von andern Buͤchern abzuſondern, die bisher von Werken der Mahlerei und Bildhauerkunſt in Rom gehandelt haben.

Den Liebhaber uͤber die wahre Abſicht der KuͤnſteBeſtimmung der Abſicht dieſes Werks. zu verſtaͤndigen; ihn das Weſentliche zu ſeinem Ver - gnuͤgen von dem Zufaͤlligen ausſcheiden zu lehren; die Forderungen, welche er an Marmor und Flaͤche, an Pinſel und Meißel, und zwar an jeden insbeſondere zu machen berechtiget iſt, gehoͤrig zu beſchraͤnken; fuͤr die Vorzuͤge eines großen Kuͤnſtlers Verehrung, ge - gen deſſen Fehler Billigkeit einzufloͤßen; Lob und Tadel nach beſtimmteren Begriffen uͤber die verſchiede - nen Erforderniſſe zur Vollkommenheit genauer abzu - waͤgen; fuͤr Wahrheit und Schoͤnheit Sinn zu erwecken; gegen den Zauber des blendenden Witzes Herz und Auge zu verhaͤrten; kurz! zu zeigen, wie und auf was man bei einem Kunſtwerke ſehen ſoll, um wahren dauerhaften Genuß davon erwarten zu koͤnnen: das iſt die Abſicht, die der Verfaſſer bei Verfertigung ſeines Werkes ſich vor Augen ge - ſetzt hat.

Erſter Theil. ADer2Einleitung.
Erklaͤrung des Worts: Liebhaber des Schoͤnen in der Kunſt.

Der Liebhaber iſt der Mann, den Wohlſtand, Faͤhigkeiten und Kenntniſſe, wie ſie allen wohlerzoge - nen Menſchen gemein ſind, zu dem Genuß der Kuͤnſte berechtigen; der Kuͤnſte, die dem Herzen und der Einbildungskraft Nahrung, dem Verſtande eine geſchaͤfftloſe aber nicht entehrende Unterhaltung geben. Dieſer ſteht zwiſchen dem Gelehrten und dem Kuͤnſtler in der Mitte. Nicht Critiker genung, ſeine Gefuͤhle in metaphyſiſche Vernunftſchluͤſſe aufzuloͤſen, nicht Antiquar genung, jede Abweichung von dem Wuͤrk - lichgeſchehenen in der Art, wie es als moͤglich dar - geſtellt iſt, auszuſpaͤhen, endlich nicht Handwerker genung, jeden Kunſtgriff der Behandlung zu entraͤth - ſeln; vermag er den gegenwaͤrtigen Eindruck dennoch auf fruͤhere Empfindungen zuruͤckzufuͤhren, die oft wiederholte Erfahrungen als weſentliche Begleiter des Schoͤnen beſtaͤtiget haben; kennt Geſchichte und Fabel hinreichend, um den Grund der bildenden Zu - ſammenſetzung zu begreifen; und weiß von der mecha - niſchen Ausfuͤhrung ſo viel, als noͤthig iſt, das Ver - dienſt uͤberwundener Schwierigkeiten zu ſchaͤtzen.

Der Liebhaber ſucht zuerſt Vergnuͤgen an dem ſtummen Anblick ſchoͤner Kunſtwerke. Aber dies Vergnuͤgen wird oft Gegenſtand des Geſpraͤchs. Man ſucht ſich mitzutheilen, man lobt, man tadelt. Wie ſelten geſchieht dies, ohne ſich vor den Augen des Kuͤnſtlers oder des Gelehrten laͤcherlich zu machen! Man laͤßt arbeiten, man ſammlet Statuen und Gemaͤhlde, und wird, ein anderer Midas, bald Beſchuͤtzer der Mittelmaͤßigkeit, bald Verfolger des Talents, bald Spiel der Gewinnſucht eines Bro - canteurs.

Der3Einleitung.

Der Liebhaber bedarf alſo einiger Vorbereitung,Ueber die Lehrart, die fuͤr den Lieb - haber die paſſendſte iſt. um wahren dauerhaften Genuß von den Kuͤnſten zu erlangen: Er muß Grundſaͤtze, er muß Kenntniſſe haben. Aber kalte Buchgelehrſamkeit, die ſich nur mit todten Zeichen ins Gehirn druͤckt, iſt fuͤr den Mann, der nur zu ſeiner Unterhaltung lieſt, nicht brauchbar. Dieſer ſucht Beſchaͤfftigung, aber keine qualvolle Anſtrengung. Er weiß und lernt nur ge - rade ſo viel, als er zum Genuße des Augenblicks, zum Stoff der Unterredung in den gemiſchten Cirkeln geſel - liger Muͤſſiggaͤnger noͤthig zu haben glaubt. Kein Syſtem von hiſtoriſchen Datis, keine Aufloͤſung des Gewebes unſerer Empfindungen, keine Enthuͤllung der Geheimniſſe der Behandlung, kein Winkelmann, kein Hemſterhuis, kein Laireße werden die Kenntniſſe, ohne welche man ſich der Betrachtung eines Kunſt - werks nicht nahen ſollte, je in wahren Umlauf brin - gen. Nur eine praktiſche Anweiſung, die in einem allgemein verſtaͤndlichen Vortrage den Leſer, der wenig an anhaltende Aufmerkſamkeit gewoͤhnt iſt, bei jeder Lehre auf ein vorliegendes Beiſpiel, zu wiederholten Mahlen auf das ſchon Geſagte zuruͤckfuͤhrt, ſcheint zur Ausbreitung jeder Wahrheit unter dem groͤßeren Haufen geſchickt zu ſeyn. So erinnert man ſich ſtets: Wie? Wo? Warum? man etwas gelernt habe; und um mit den Worten eines großen Kunſtrichters und eines eben ſo großen Menſchenkenners fortzu - fahren:*)Leſſing im Nathan.

So haͤngt ſich Alles beſſer an:
So lernt mit eins die ganze Seele:
A 2Dieſe4Einleitung.

Dieſe Lehrart habe ich in dieſem Werke gewaͤhlt, und Rom als den groͤßten Sammelplatz von Meiſter - ſtuͤcken der Mahlerei und Bildhauerkunſt, als den Ort, in dem ich die bequemſte Veranlaſſung zu meinen Leh - ren finden wuͤrde. Ich ſchraͤnke mich blos auf Ge - maͤhlde, Statuen, und Basreliefs ein: uͤberzeugt, daß mit der Einleitung in ihre Kenntniß, die Kennt - niß aller uͤbrigen Werke der Bildnerei in Ruͤckſicht auf Schoͤnheit erleichtert werde.

Aber auch von den Werken dieſer Gattung habe ich eine vollſtaͤndige Beſchreibung, eine Nomenclatur, keinesweges liefern wollen. Nur dann wird mich der Vorwurf der Unvollſtaͤndigkeit treffen, wenn ich ein Stuͤck uͤbergangen haben ſollte, das den Sinn fuͤr das Schoͤne auf eine betraͤchtliche Art aufzuſchließen im Stande waͤre, oder zu beſchaͤfftigen verdiente.

Das Schoͤne kann ich nicht erklaͤren. Nur um einem Mißverſtaͤndniſſe vorzubeugen, bemerke ich, daß ich unter Schoͤnheit nicht blos das Wohlgefaͤllige der Formen, ſondern uͤberhaupt jede ſichtbare Voll - kommenheit in den bildenden Kuͤnſten verſtehe.

Man wird Unrichtigkeiten in dieſem Werke fin - den: in den Nachrichten, in den Urtheilen. Beides kann ſeyn, ich bin nicht anmaaßend genung, es zu leugnen.

Ich habe inzwiſchen keine Muͤhe geſpart, ſo viel an mir war, richtige Erkundigungen einzuziehen; und meine Urtheile ſind mit Gruͤnden unterſtuͤtzt. Jeder, der eigene Augen und eigenes Gefuͤhl hat, kann dieſe pruͤfen.

Rechtferti - gung des
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Ich muß hier Einiges von mir anfuͤhren, nicht um mir ein Anſehen zu geben, ſondern um mich zurecht -5Einleitung. rechtfertigen, daß ich, Liebhaber, andern LiebhabernVerfaſſers, daß er dieſes Buch zu ſchreiben wagte: Sei - ne Erwar - tungen: Die Art, wie er ſchreiben zu koͤnnen wuͤn - ſchet. meine Erfahrungen und meine Urtheile mitzutheilen gewagt habe.

Meine Hand hat ſich von Jugend auf im Zeich - nen und Mahlen geuͤbt, und wenn ſie gleich zu unge - horſam geblieben iſt, etwas betraͤchtliches hervorzu - bringen, ſo haben doch dieſe Verſuche, unterſtuͤtzt von dem Unterricht guter Kuͤnſtler, mein Auge an Rich - tigkeit der Zeichnung gewoͤhnt, und mich alle Hinder - niſſe kennen lehren, die Stoff und Mittel der ſichtba - ren Ausfuͤhrung eines Gedankens entgegen ſetzen.

Der Herr Hofrath Heyne iſt mein Lehrer in der Archaͤologie geweſen. Ein Mann, von dem ich es nicht erſt ſagen will, daß er den feinſten Geſchmack mit der aufgeklaͤrteſten Critik, und der ausgebreiteſten Gelehrſamkeit verbindet. Was ich von ihm ſagen moͤchte, iſt mir hier verwehrt: Wie er mir Freund und Fuͤhrer war, und iſt! wie ich ihm mehr als bloße Bildung des Geſchmacks in den Kuͤnſten, wie ich ihm die ganze Bildung meines Herzens verdanke!

Ich habe nachher die betraͤchtlichſten Gallerien in Frankreich, Deutſchland und Italien geſehen, und mit Rom habe ich geendiget. Sechs Monathe lang*)Im Jahre 1784. habe ich hier taͤglich bald allein, bald mit Kuͤnſtlern, bald mit Antiquaren, bald mit Liebha - bern die Meiſterſtuͤcke der Kunſt kennen zu lernen ge - ſucht. Endlich hat der Herr Hofrath Reifenſtein noch die Gefaͤlligkeit gehabt, mich durch die betraͤcht - lichſten Pallaͤſte und Kirchen von Rom zu fuͤhren.

Dieſer Mann, den Charakter und Kenntniſſe gleich ſchaͤtzbar machen, beſitzt das ausgezeichnete Ta -A 3lent,6Einleitung. lent, ſeine Anleitung zur Kenntniß der Kunſt nach den Faͤhigkeiten und dem Geſchmack eines jeden Betrach - ters beſonders einzurichten. Von ihm habe ich vor - zuͤglich die Art zu lernen geſucht, wie man die Lehren der Kunſt dem Liebhaber faßlich und willkommen ma - chen ſoll. Haͤtten wir Hoffnung, daß er jemals ſei - nen Unterricht durch den Druck allgemeiner ausbreiten, und auf die Nachwelt bringen wuͤrde; ſo haͤtte ich das gegenwaͤrtige Werk nicht unternommen.

Aber dieſe Hoffnung haben wir nicht, und ſo kann dieſer Verſuch wenigſtens bis dahin, daß wir etwas Beſſeres erhalten, von Nutzen ſeyn. Er iſt eigentlich fuͤr diejenigen beſtimmt, die ihn an Ort und Stelle mit Werken, von denen er handelt, ver - gleichen wollen. Inzwiſchen hoffe ich zu gleicher Zeit, daß dieſes Buch denen, die von Rom zuruͤckgekehret ſind, manche angenehme Erinnerung, denen, welche die Reiſe dahin noch anzutreten denken, keine ganz unnuͤtze Vorbereitung gewaͤhren werde.

Ich will nichts ſchreiben, was ich nicht geſehen und gefuͤhlt habe. Daß ich ſo daruͤber ſchreiben koͤnnte, wie ich es geſehen, wie ich es gefuͤhlet habe! Daß jenes ſanfte Feuer, das bei dem Anblick der Schoͤnheit in meinen Adern wallte, jetzt in meine Fe - der fließe! Daß aber auch jene heitere Ruhe, die ihrem Gefuͤhle ſo zutraͤglich iſt, meine Seele fuͤlle! Daß ich uͤber die Werke, welche die Grazien und die Muſen erzeugten, rede, wie ihre Lieblinge, die Kuͤnſtler, ſie dachten: mit Adel, mit Anmuth, ohne Kaͤlte und ohne Schwaͤrmerei!

Allgemeine7

Allgemeine Anmerkung Ueber die Sammlungen von ſchoͤnen Kunſt - werken der Mahlerei, und Bildhauerarbeit in den Pallaͤſten und Kirchen von Rom.

Man ſieht die Gemaͤhlde und Statuen, die inMan muß die Samm - lung n in Pall ſten zuerſt ſehen. den Pallaͤſten von Rom aufbewahrt werden, mit mehrerer Bequemlichkeit, als diejenigen, die in den Kirchen befindlich ſind. Denn hier werden ſie nicht allein oft in duͤſtern Capellen des Tageslichts beraubt, ſondern leiden noch uͤberher von dem Dampfe der Wachskerzen. Auch trifft man in dieſen Kirchen nur wenige Antiken an, und dieſe wenigen ſind noch dazu unbetraͤchtlich. Inzwiſchen muß der Liebhaber vorzuͤglich durch den Anblick der Kunſtwerke der Alten das richtige Maaß der Schoͤnheit zu erhalten hoffen. Ich fuͤhre den Liebhaber des Schoͤnen zuerſt in die Pallaͤſte.

A 4Pallaſt8

Pallaſt Farneſe.

Unter den Pallaͤſten muß man den groͤßeren Farneſiſchen zuerſt ſehen.
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Die Werke der Caracci, die man nirgends haͤu - figer als in dem Pallaſte Farneſe antrifft, gewoͤhnen das Auge an Richtigkeit, und an den großen Stil der Zeichnung, die man als Grundlagen der Schoͤnheit anſehen muß. Sie dienen zur Vorberei - tung, um diejenigen Werke, wo das Wahre und Nothwendige unter dem Reitzenden verſteckt iſt, beſſer zu fuͤhlen. 1)Bei dem Verzeichniſſe der Kunſtwerke, die dieſer Pallaſt enthaͤlt, ſind beinahe alle Reiſebeſchreibun - gen unrichtig. Verſchiedene Stuͤcke, die in dem kleineren Farneſiſchen Pallaſte, der ſogenannten Farneſina, ſtehen, geben ſie, als in dieſem groͤßeren befindlich, an. Es ſey daß die Nahmen verwechſelt worden, oder daß die Stuͤcke erſt in der Folge der Zeit verſetzet ſind.

Im Hofe.

2)Diejenigen Kunſtwerke, die mir einer fleißigern Betrachtung und haͤufigern Ruͤckerinnerung beſon - ders wuͤrdig geſchienen haben, habe ich mit einem bezeichnet. Der Farneſiſche Hercules.

Der Farne - ſiſche Hercu - les.
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Eine coloſſaliſche Statue, die aus dem letzten Bogen des Porticus, vom Eingange ab, betrachtet werden muß. Die erſte Sorge des Beobachtersgeht9Pallaſt Farneſe. geht auf die Wahl des Standortes, aus dem er uͤber Schoͤnheit und Wahrheit der Formen urtheilen kann. Dann ſucht er die Idee des Kuͤnſtlers, das was ſein Kunſtwerk ausdruͤcken ſoll, zu erforſchen.

Die Helden und Goͤtter, die bei den Alten einen Vorwurf bildlicher Darſtellung ausmachten, ſcheinen einen gewiſſen allgemein anerkannten Charakter ge - habt zu haben, deſſen Hauptzuͤge ſich gemeiniglich in jeder Vorſtellung wieder finden. Aber dieſer Charakter ward nach Verſchiedenheit des Alters und der Handlung, in der ihn das Auge erblickt, man - nigfaltig modificirt.

Hercules zeigt uͤberall einen Koͤrper, deſſen ur -Charakter des Hercules uͤberhaupt. ſpruͤnglich feſter Bau durch viele Thaten ausgebildet worden, der aber nicht abgehaͤrtet zu werden brauchte. Hercules iſt geſchmeidig aber nicht behende; er ſchlaͤgt nieder, und uͤberſchnellet nicht.

Der Kuͤnſtler ſcheint auf deſſen Bildung durch die Betrachtung des Stiers geleitet zu ſeyn. Wie an dieſem iſt der Kopf klein, der Nacken ſtark, die Bruſt erhoben und vordringend. Kraus ſind ſeine Haare, breit ſeine Schultern, die Stirne hebt ſich mit maͤchtiger Woͤlbung. 3)Vielen hat dieſe Vergleichung eines Stiers mit dem Gott Hercules zu niedrig geſchienen. Allein ſie wird es demjenigen nicht bleiben, der die edle Ge - ſtalt dieſes Thiers in den ſuͤdlichen Theilen von Eu - ropa geſehen hat.

Dieſen allgemeinen Charakter hat nun auch unſer Farneſiſche Hercules; aber er hat auch noch den beſondern: er ruht nach eben vollbrachter Helden - that. Daher die Bewegung des Bluts, von derA 5wir10Pallaſt Farneſe. wir noch ſeine Adern angeſchwellt ſehen; daher die angeſtrengten Muſkeln, die noch nicht wieder abge - ſpannt ſind. Die goldenen Aepfel die er in der Hand traͤgt, die auf den Ruͤcken gelegt iſt, duͤrfte vielleicht nur ein allgemeines Attribut des Siegers ſeyn.

Die Muſkeln ſind aͤußerſt beſtimmt in ihrer Form, in ihrer Lage, dabei ſehr deutlich angegeben, und ohne Haͤrte, wenn man ſie in der gehoͤrigen Ent - fernung betrachtet.

Der Marmor iſt weiß, von der kleinkoͤrnigten Art, den man durch den Nahmen: der Pariſche, von dem groskoͤrnigten unterſcheidet, der Salino genannt wird, weil er aus Lagen von Salzkoͤrnern zu beſtehen ſcheinet.

Die Beine ſind neu, und von Guglielmo della Porta gut4 a)Mengs iſt anderer Meinung: Der Bildhauer, ſagt er, hat an dieſen angeſetzten Beinen die Muſkeln ſo hart, und ſo geſpannt gebildet, daß ſie Stricken aͤhnlich ſehen. Opere di A. R. Mengs ed. di Parma 1780. T. I. p. 204. Ich geſtehe daß mir dieſes nicht aufgefallen iſt. ergaͤnzt. Der alte Meiſter hieß Glycon. Er war aus Athen, ſein Nahme und ſein Vaterland ſtehen am Tronk4 b)Der Hof von Neapel hat ſchon lange gewuͤnſcht, dieſe Statue nach Caſerta abfuͤhren zu koͤnnen. Aber man behauptet in Rom, ſie ſey ein Eigen - thum des roͤmiſchen Senats, welcher ſie dem Pabſt Paul dem Dritten nur zur Verzierung ſeines Fami - lien-Pallaſts in Rom geliehen habe..

Die11Pallaſt Farneſe.

Die Farneſiſche Flora.

Aus der Arcade nach dem Hofe zu geſehen,Die Farneſt - ſche Flora. ſcheint dieſe coloſſaliſche Figur mit aͤußerſter Leichtig - keit fort zu ſchweben. Es iſt eine weibliche Figur, be - kleidet, und in jugendlichem Alter. Mehr kann man von ihrer Bedeutung mit Zuverlaͤſſigkeit nicht ſagen. Nur der Sturz iſt alt. Kopf, Haͤnde und Fuͤße ſind von Guglielmo della Porta ergaͤnzt. Die will - kuͤhrliche Benennung nach dem neuen Kranze dient nur zur Wiedererkennung.

Der groͤßte Theil weiblicher Figuren, die beklei -Willkuͤhrli - che Beſtim - mung der Nahmen weiblicher bekleideter Figuren uͤberhaupt. det ſind, haben ſich ohne ihre Attribute erhalten. Selten zeigt der Ausdruck des Geſichts, oder das Ge - wand die ſymboliſche Vorſtellung an. Der Ergaͤn - zer nimmt ſeine Zuflucht zu dem Antiquar, der ſelten aufrichtig genung iſt, ſeine Unwiſſenheit zu bekennen; gemeiniglich heftet er dem Kuͤnſtler eine willkuͤhrliche oder gar ungereimte Behauptung auf. Man faͤngt jetzt in Rom an den Irrthum einzuſehen, und belegt im Allgemeinen jede bekleidete weibliche Figur, fuͤr die man keinen Nahmen mit Gewißheit anzugeben weiß, mit dem Nahmen: Muſe. Die unſrige wird eine tanzende Muſe genannt. 5)Dieſer Meinung iſt auch Winkelmann Geſchichte der Kunſt. Wiener Edition. S. 309.Allein ehe man die gewoͤhnliche Benennung nicht mit einer ſicherern aus - tauſcht, ſo lange, glaube ich, darf man ſich an die - jenige halten, bei der ſich alle verſtehen.

Das Swelte der Umriſſe, die Leichtigkeit der Stellung und des vortrefflich geworfenen Gewandes,Vorzuͤge,12Pallaſt Farneſe. Vorzuͤge, welche die Groͤße der Statue noch erhebt, geben ihr einen vorzuͤglichen Rang unter den ſchoͤnen Ueberreſten des Alterthums.

Dem Farneſiſchen Hercules gegenuͤber ein ande - rer Hercules. Die Idee iſt dieſelbe wie bei dem vorigen: die Ausfuͤhrung ſcheint keine Copie zu ſeyn. Sie iſt aber von geringem Werthe.

Eine wohlbekleidete Nymphe.

Ein junger Held: nur aus dem Groben ge - hauen, aber von gutem Stile.

Eine Figur im maͤnnlichen Alter, die einen todten Juͤngling auf der Schulter traͤgt; mit - telmaͤßig.

Auf der Treppe.

Zwei coloſſaliſche Statuen von Flußgoͤt - tern. Zwiſchen beiden ein kleiner Meergott, der vom Schwanze eines Delphins umſchlungen wird.

Jupiter, Caſtor, Pollux, Buͤſten.

Der Kopf eines Mannes mit Blumen be - kraͤnzt, von großem Charakter.

Zwei gefangene Koͤnige, von vortrefflichem Stile, deren Gewaͤnder dem Polydoro da Carra - vaggio oft zum Studio gedienet haben.

Gallerie der Carracci.

Gallerie der Carracci.
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Beide Bruͤder Annibale und Agoſtino nebſt ihrem Oncle Ludovico haben an dieſer Gallerie gearbeitet. Allein Annibale mehr als die beiden andern.

Alle13Pallaſt Farneſe.

Alle drei Carracci waren Stifter einer Schule zuStil der Carracci vorzuͤglich des Anniba - le. Bologna, in der ſie den guten Geſchmack, der zu ihrer Zeit ſchon verlohren gegangen war, wieder her - ſtellten: in der ſie den Grundſatz lehrten, durch den ſie, und viele ihrer Schuͤler nach ihnen groß geworden ſind: ahmet die Natur nach, verbeſſert ſie durch das Studium der Antike, und der beſten unter den neuern Meiſtern. Von dieſen waren Pellegrini il Tibaldo, Paolo Veroneſe, und vorzuͤglich Correggio ihre Lieb - lingsmuſter.

Die Carracci waren unter den Mahlern, was die Eclectiker unter den Philoſophen. Sie ſuchten die Vorzuͤge der verſchiedenen Schulen, alle diejeni - gen Vollkommenheiten in ſich zu vereinigen, die man vielleicht nur in dem Ideale des Mahlers vereinigt denken kann.

Ich kenne dies und jenes Bild des Annibale, das in keinem Theile der Kunſt etwas zu wuͤnſchen uͤbrig laͤßt. Allein in demjenigen, den man in der Kunſt - ſprache unter dem Nahmen, dichteriſche Erfindung kennt, iſt er ſich ſelbſt zu ungleich, als daß man ihm einen gegruͤndeten Anſpruch darauf einraͤumen koͤnnte.

Die Erfindſamkeit des Mahlers geht nicht aufNoͤthige Er - klaͤrung des Worts: Er - findung, in der Mahle - rei, um dar - nach das Verdienſt des Annibale in Anſehung dieſes Theils Neuheit des Vorwurfs; er bleibt gern in dem Be - zirke weniger ihm und dem Publico gelaͤufig geworde - ner Ideen. Wenn man von Erfindung in der Mah - lerei ſpricht, ſo denket man nie an Hervorbringung eines neuen dem Zuſchauer unbekannten Vorwurfs, ſondern an Erfindung einzelner Theile, wodurch ein bekannter Gegenſtand auf eine neue Art zuſammen ge - ſetzt wird. Inzwiſchen braucht der Gegenſtand nicht ſchon die bildenden Kuͤnſte beſchaͤfftiget zu haben umbekannt14Pallaſt Farneſe. der Kunſt zu beurtheilen.bekannt zu ſeyn. Genung wenn das Publicum, fuͤr welches das Kunſtwerk beſtimmt iſt, den dargeſtellten Gegenſtand nicht erſt aus der Darſtellung ken - nen lernt.

Was mahle - riſche, was dichteriſche Erfindung in der Kunſt - ſprache ſey?
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Die Figuren eines Gemaͤhldes ſo ſtellen, daß ſie durch Mannigfaltigkeit und Einheit dem Auge ange - nehme Formen, von Stellungen und Gruppen, und zugleich eine leichte Ueberſicht des Ganzen darbieten; ſolche Koͤrper auswaͤhlen, die zur Faͤrbung und Be - leuchtung beſonders geſchickt ſind; heißt in der Kunſt - ſprache: mahleriſch erfinden, oder auch: anordnen. Hingegen zeigt der Kuͤnſtler nach eben dieſer Sprache eine dichteriſche Erfindung, wenn er bei genauer Kenntniß der Graͤnzen ſeiner Kunſt ſolche Gegenſtaͤnde zur Darſtellung waͤhlt, die Kopf und Herzen Nah - rung geben, und dieſe durch Mittel, die in dem Ge - biete eben dieſer Kunſt liegen, dem Verſtaͤndniſſe des Zuſchauers moͤglichſt nahe zu bringen ſucht. Hieher gehoͤren Ausdruck, Allegorie, Hinſtellung der Figu - ren an dem Orte, welchen ihnen der Grad von Auf - merkſamkeit anweiſet, den ihr Antheil an der Haupt - handlung verdient. Ja, es gehoͤren hieher alle Mit - tel deren ſich die mahleriſche Erfindung bedient, nur daß bei ihrer Anwendung das Intereſſe der Bedeu - tung die erſte Ruͤckſicht iſt.

Beide muͤſſen mit einander gehen, aber die mah - leriſche Erfindung muß der dichteriſchen untergeordnet ſeyn. Iſt ſie das nicht, ſo wird zur natuͤrlichen Folge, daß man nicht die Figuren ſo ſtellt, wie ſie die Handlung am deutlichſten machen, ſondern, wie ſie am beſten ins Auge fallen, die mehreſte Abwechſelung in die Stellungen bringen, und die Gruppen amſchick -15Pallaſt Farneſe. ſchicklichſten mit einander verbinden; daß man dem wahren Ausdruck, welchen die Handlung erfordert, einen andern unterſchiebt, den der Contraſt verlangt; daß man bei der Wahl der handelnden Perſonen, nicht auf dasjenige ſieht, was zur Handlung nothwendig iſt, ſondern auf dasjenige, was die Flaͤche ausfuͤllt.

Von dieſen Fehlern iſt Annibale ſelten frei. Sein Ausdruck iſt nicht immer wahr, ſelten edel, und bei - nahe nimmer lieblich. Er hatte wenig Gefuͤhl fuͤr Schoͤnheit, mehr fuͤr Staͤrke: Seine Weiber ſind zu maͤnnlich, ſeine jugendlichen Figuren zu ſchwerfaͤllig, ſeine Alten ohne Majeſtaͤt.

Sein Colorit iſt ohne Lieblichkeit und ohne Har - monie. In Oelgemaͤhlden grau, im al Freſco zie - gelroth. Das Helldunkle iſt in den mehreſten ſeiner Gemaͤhlde mit Einſicht angedeutet, aber ſelten thut es die Wuͤrkung, die ſich der Meiſter davon verſpro - chen zu haben ſcheint.

Das Hauptverdienſt dieſes Kuͤnſtlers iſt die mah - leriſche Anordnung, die Richtigkeit, und der große Stil ſeiner Zeichnung. Wenn das Ueberfluͤßige zur Verſtaͤrkung des Nothwendigen weggelaſſen iſt, wenn kleinere Partien dem Ganzen ſo untergeordnet ſind, daß die Aufmerkſamkeit dadurch nicht zerſtreuet wird, ſo nennt man dies: Groͤße in den Formen; und die Fertigkeit in der Beobachtung dieſer Regel: den großen Stil.

Dieſer zeigt ſich auch in den Gewaͤndern des An - nibale, die in große Falten geworfen das Nackende ſehr gut andeuten, aber jenes Reitzes entbehren, deſ - ſen Verſtaͤndniß kein Studium nach dem Gliedermann aufſchließt. So blickt allerwaͤrts der Mann hervor,der16Pallaſt Farneſe. der durch Nachdenken und lange Uebung groß gewor - den iſt. Der Profeſſor, und zwar der Profeſſor in den Theilen der Kunſt, die mehr zur mahleriſchen Erfindung und zur Ausfuͤhrung, als zur dichteriſchen Erfindung gehoͤren. Die Natur hatte ihm viel me - chaniſches Talent bei vielem Scharfſinn gegeben. Haͤtte er Gefuͤhl des Schoͤnen und diejenige Einbil - dungskraft beſeſſen, die mit dem Herzen in genaue - rem Verbande ſteht, er waͤre der Groͤßte der Kuͤnſt - ler geworden.

So leicht es iſt, die drei Carracci von andern Meiſtern zu unterſcheiden, ſo ſchwer wird die Unter - ſcheidung des Stils dieſer drei Kuͤnſtler unter einander fuͤr ein ungeuͤbtes Auge.

Stil des Lu - dovico Car - raccio,
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Ludovico wird inzwiſchen an ſeiner dunkeln hefen - artigen Farbe, an dem Mangel an Ausdruck und an der ſchwerfaͤlligen oft unrichtigen Zeichnung wieder er - kannt. Er drappierte ſeine Figuren beſſer als ſein Vetter, und ſtellte ſie wenigſtens eben ſo gut, in Ruͤckſicht auf die mahleriſche Wuͤrkung. Er mahlte gern kleine Figuren auf Schiefer.

und des Ago - ſtino Carrac - cio.
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Agoſtino war mehr Poet, und Kupferſtecher, als Mahler. Aber er hatte erhabenere Ideen als ſein Bruder und Oncle, und brachte mehr Ausdruck in ſeine Geſichtsbildungen. In der Ausfuͤhrung iſt er unter beiden.

Grund war - um der Au - tor auch in der Folge den Stil der vorzuͤglich -
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Ich hoffe leicht Entſchuldigung dafuͤr zu erhalten, daß ich den Stil der vorzuͤglichſten Kuͤnſtler bei Gele - genheit ihrer hauptſaͤchlichſten Werke kurz auseinander ſetze. Mit dem Nahmen des Meiſters weiß man alsdann, auf welche Vorzuͤge man in ſeinen Wer - ken zu achten, welche Fehler man zu uͤberſehen hat. Doch17Pallaſt Farneſe. Doch bitte ich bei der Pruͤfung meiner Urtheile ſichſten Kuͤnſtler bei ſchickli - cher Gele - genheit aus - einander ſe - tzen wird. ſtets zu erinnern, daß ich bei Beſtimmung weſent - licher, charakteriſtiſcher Zuͤge nur auf dasjenige Ruͤck - ſicht nehmen konnte, was ſich gemeiniglich wieder finden laͤßt, nicht aber auf Ausnahmen.

Ich gehe nun zu der Beſchreibung der Gallerie ſelbſt uͤber.

Der Triumph des Bacchus und der Ariadne.

Keine einzige Figur hat den Ausdruck, den derBeurthei - lung der Ge - maͤhlde in dieſer Galle - rie. Charakter und die Handlung erfordern. Bacchus hat den Anſtand eines ſchlechten Schauſpielers, der repraͤſentiret, und Ariadne, ſeine neuvermaͤhlte Gat - tin, kehrt ihm den Ruͤcken zu, um den Mahler eine ſchoͤne academiſche Figur im Contrapoſt darzu - bieten. Die Nymphen haben den gemeinen Fehler aller weiblichen Figuren dieſes Meiſters, ſie ſind zu maͤnnlich. Silen iſt ein ekelhaft berauſchter Alter. Hingegen iſt die mahleriſche Erfindung vortrefflich, die Gruppen greifen wohl in einander, und die ein - zelnen Figuren haben ſehr abwechſelnde Stellungen. Schoͤnheit und Reitz darf man beim Annibale nicht ſuchen. Das Colorit faͤllt ins Ziegelrothe, und iſt ohne Harmonie.

Mercur bringt dem Paris den Apfel.

Die Verkuͤrzung des Mercurs iſt unvergleichlich, nur iſt der Koͤrper nicht ſchlank genung. Der Kopf des Paris iſt ſchoͤn, aber der Koͤrper ſtimmt damit nicht ganz uͤberein. Die Schienbeinroͤhren ſind zu ausgebogen; ein Fehler, der mehreren Figuren dieſes Meiſters eigen iſt, und von der zu getreuen Nachah - mung einer gemeinen Natur herruͤhret.

Erſter Theil. BApollo18Pallaſt Farneſe.

Apollo entfuͤhrt den Hyacinth.

Die Stellung des letztern iſt ſehr gefaͤllig.

Polyphem ſpielt vor der Galathea, um - geben von ihren Nymphen.

Der Koͤrper des Polyphems iſt eine vortreffliche academiſche Figur. Kuͤnſtler koͤnnen die Verkuͤrzung des einen Knies nicht genung bewundern. Annibale hat ſich alle Muͤhe gegeben, das Widrige des einen Auges in der Mitte der Stirn zu verbergen; inzwi - ſchen wird doch ein Polyphem, wie ihn der Dichter mahlt, nie ein ſchicklicher Gegenſtand fuͤr den Mahler werden. Wenigſtens hat der Kuͤnſtler dafuͤr geſorgt, daß die Schoͤnheit der Nymphen den Contraſt nicht zu auffallend machte; dieſe ſind nichts weniger als ſchoͤn.

Andromeda und Perſeus.

Die Zuſammenſetzung dieſes Bildes iſt ſelbſt in Ruͤckſicht auf mahleriſche Anordnung fehlerhaft. Der Koͤrper der Andromeda, der an ſich ſchon zu maͤnnlich iſt, wird rieſenmaͤßig, wenn man ihn mit den Figu - ren der Aeltern auf dem zweyten Plane vergleicht. Das fliegende Gewand der Mutter iſt zu ſteif. Ge - waͤnder dieſer Art ſcheinen uͤberhaupt dem Annibale nicht gegluͤckt zu ſeyn.

Pan opfert Dianen Wolle.

Pan iſt unedel, und die Stellung der Diane zu affectirt.

Entfuͤhrung des Ganymedes.

Ein reitzendes Bild. Der Kopf des Ganymedes hat etwas Correggianiſches. Die Stellung iſt ange - nehm, und der Halbſchatten, in dem der Mahler den Koͤrper gehalten hat, thut eine vortreffliche Wuͤrkung. Man19Pallaſt Farneſe. Man verkennt nicht in dem Adler den Ausdruck der Zaͤrtlichkeit.

Polyphem ſchleudert Felſen auf Acis und Galathea.

Polyphem iſt eine vortreffliche Academie; das Bein in der Verkuͤrzung kann zum Muſter einer ſo ſchweren Stellung dienen.

Perſeus verwandelt den Phineus und ſeine Gefaͤhrten in Felſen.

Die Zuſammenſetzung iſt gut gedacht und gut geordnet. Bei der Ausfuͤhrung ſcheint der Kuͤnſtler wider ſeine Gewohnheit die Natur nicht genung zu Rathe gezogen zu haben. Die Figur des Perſeus iſt zu kurz und unedel.

Juno koͤmmt mit dem Guͤrtel der Venus zum Jupiter.

Gedanke und Ausdruck ſind gleich vortrefflich. Schamhaftigkeit die der Begierde weicht, iſt der Charakter der Juno. Inzwiſchen hat der Mahle[r]mit dem entlehnten Guͤrtel ihr nicht zugleich die Reitze der Venus zu geben gewußt. Die Gewaͤnder ſind gut geworfen, aber zu trocken ausgefuͤhrt.

Galathea von Nymphen, Tritonen und Amorinen umgeben, von Agoſtino Carraccio. Man erkennt die Verſchiedenheit des Stils in den Weibern und Kindern, die ohnſtreitig die ſchoͤnſten jugendlichen Figuren in dieſer Gallerie ſind. Daß der Kuͤnſtler die ſchoͤne Nereide aus der Galathea des Raphaels in der Farneſina zum Vorbilde gehabt habe, ſieht man, wie mich duͤnkt, ziemlich deutlich. Der Triton der die Nereide umfaßt, iſt zwar von gemei - nem aber aͤußerſt wahrem Charakter.

B 2Diane20Pallaſt Farneſe.

Diane und Endymion, von Annibale Car - raccio. Der Gedanke uͤbertrifft bei weitem die Aus - fuͤhrung.

Hercules und Jole. Eins der ſchoͤnſten Ge - maͤhlde dieſer Gallerie. Der Mahler hat hier ſogar ſeine gewoͤhnlichen Fehler vermieden. Der Koͤrper der Jole iſt reitzend, und die Faͤrbung iſt gut. Die Zufaͤlle des Lichts und Schattens hat der Kuͤnſtler ſehr gut zu benutzen gewußt. Hercules hat den Charakter der Antike.

Aurora entfuͤhrt den Cephalus. Argens - ville legt dieſes Stuͤck dem Agoſtino bei. Aurora iſt wieder zu maͤnnlich; Geſicht und Stellung haben einen unedlen Ausdruck. Ihr Gewand aber iſt vor - trefflich. Cephalus und Tithon, der auf dem Vor - grunde ſchlaͤft, ſind vortrefflich gezeichnet.

Venus und Anchiſes. Anchiſes zieht der Ve - nus den Schuh aus, und darunter ſtehen die Worte: Genus unde latinum. Sulzer6 a)Allgemeine Theorie der ſchoͤnen Kuͤnſte, Artikel: Allegorie. rechnet die Anbringung dieſer Schrift unter die ſchicklichen Mittel den Mangel guter ſymboliſcher Zeichen zu erſetzen. Ich will es dem Gefuͤhl eines jeden uͤberlaſſen, ob man mehr dabei gewinnt, den beſtimmten Liebhaber der Venus durch dieſe Worte zu erfahren, als man dabei verliert, durch eine Verdollmetſchung die der Kunſt fremd iſt, an die Armuth ihrer Sprache fuͤr gewiſſe Dinge erinnert zu werden. Der Anchiſes iſt ſehr ſchoͤn, der Venus fehlt es aber wieder an weibli - chem Reitze.

Verſchie -21Pallaſt Farneſe.

Verſchiedene Medaillons aus einer Farbe, die Domenichino und Lanfranco nach den Zeichnungen ihres Meiſters ausgefuͤhret haben. Sie ſtellen die Entfuͤhrung der Europa, Eurydice die zur Hoͤlle zuruͤckkehrt, die Entfuͤhrung der Ori - thyia, die Marter des Marſyas, Amor der einen Faun bindet, Salmacis und Herma - phrodit, die Verwandlung der Syrinx, und die Fabel des Leanders und der Hero vor. Dieſe Medaillons ſind ohnſtreitig verſchwendet; ſie werden zum Theil halb von den groͤßern Gemaͤhlden bedeckt.

In den vier Ecken des Saals zuſammen grup - pirte Genii. Stellung und Gruppirung ſind ſchoͤn, ſie haben nur nicht ganz den gehoͤrigen Charakter der Kindheit.

Ueber den Niſchen, in denen die antiken Statuen ſtehen, ſind folgende mythologiſche Suͤjets im Kleinen ausgefuͤhrt:

Arion vom Delphin getragen, Apollo em - pfaͤngt die Leier vom Mercur, Prometheus gibt dem geformten Thone das Leben, Hercu - les befreiet den Prometheus, der Fall des Jcarus (nicht des Phaetons, wie Volkmann ſchreibt) Hercules der den Drachen der Heſperiden toͤd - tet, Calliſto im Bade, die Verwandlung der Calliſto.

Die Charitas, oder die chriſtliche Liebe, die Maͤßigkeit, die Standhaftigkeit, die Gerech - tigkeit, ſcheinen von den Schuͤlern des Annibale nach deſſen Zeichnungen verfertigt zu ſeyn.

B 3Ein22Pallaſt Farneſe.

Ein junges Maͤdgen, das ein Einhorn liebkoſet, in einer Landſchaft. Eins der fruͤhe - ſten Gemaͤhlde des Domenichino. Es zeigt ſchon den Ausdruck naiver Grazie und Sittſamkeit, der dieſem Kuͤnſtler ſo ſehr eigen iſt.

Mehrere academiſche Figuren mehrentheils als Caryatiden rund umher vertheilt, ſind viel - leicht die nackten maͤnnlichen Koͤrper, die ſeit Wieder - herſtellung der Kuͤnſte am richtigſten gezeichnet ſind. Einige derſelben ſind von blaͤſſerem Colorit. Man haͤlt ſie fuͤr Arbeiten des Agoſtino Carraccio. Die Figur, die das Medaillon des Pans und der Syrinx haͤlt, iſt von Ludovico Carraccio.

Hin und wieder ſind auch einige Maſken von vor - trefflichem Ausdruck angebracht.

Sollte ich im Allgemeinen ein Urtheil uͤber dieſe Gallerie faͤllen; ſo wuͤrde ich ſagen: es iſt eine Sammlung richtig, und im großen Stile gezeich - neter academiſcher Figuren, die nach ungefaͤhren Verhaͤltniſſen der Fabel vereinigt, in ſchoͤne Grup - pen vertheilt, die Flaͤche vortrefflich ausfuͤllen.

Statuen in dieſer Gallerie.

Statuen.
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Ganymed. Kopf und Arme modern, ſo wie der Kopf des Adlers.

Eine weibliche bekleidete Figur. Der Kopf ſcheint ein Portrait.

Eine andere weibliche bekleidete Figur reſtaurirt als Ceres.

Ein23Pallaſt Farneſe.

Ein gefluͤgelter Genius reſtaurirt als Apollo. Die Haare auf der Stirn zuſammen ge - bunden, und der Koͤcher am Stamm haben zu dieſem Irrthume Gelegenheit gegeben. Beide Arme ſind modern. Der Charakter iſt vortrefflich. Man ſieht deutlich, daß dieſe Figur ehemals einen Theil einer Gruppe ausgemacht hat.

Ein junger Faun, der ein Kind auf ſeinen Armen haͤlt. Die Statue hat durch die Ergaͤn - zung viel gelitten.

Ein Torſo eines jungen Mannes, der durch einen modernen Kopf, moderne Arme und Beine als Antinous reſtauriret iſt. Das was alt an der Sta - tue iſt, iſt ſchoͤn.

Apollo aus ſchwarzem Marmor den einen Arm auf dem Kopfe, den andern auf der Leier; uͤber Lebensgroͤße. 6 b)Winkelmann G. d. K. Wiener Edit. S. 517.

Mercur. Die Haͤlfte des Caducaͤus iſt an - tik, daher uͤber die Idee des Kuͤnſtlers kein Zweifel ſeyn kann. Allein, ob die Idee des Kuͤnſtlers durch den Charakter erreicht ſey, den er ſeinem Werke gege - ben hat? dies iſt eine andere Frage. Mercur, BoteCharakter des Mer - curs. der Goͤtter, Vorſteher der Palaͤſtra, Sinnbild der Kriegsliſt, muß einen geſchmeidigen, behenden und gewandten Koͤrper haben, und von allen dieſen zeigt unſere Figur gerade das Gegentheil. Die große Aehnlichkeit derſelben mit dem ſogenannten Antinous im Belvedere hat viele bewogen, dieſe letzte nach der Farneſiſchen zu erklaͤren. Allein, kann es nicht moͤg - lich ſeyn, daß der Kuͤnſtler, der einen Mercur zu bil -B 4den24Pallaſt Farneſe. den hatte, hingeriſſen von der Schoͤnheit jener Statue im Belvedere, ſie zum Vorbilde ſeiner Vorſtellung genommen habe? Dieſes ſcheint mir mit vielen andern ſicherer als bei der auffallenden Schwerfaͤlligkeit der Statue im Belvedere, ihr einen Nahmen beizulegen, der dem allgemein beobachteten Charakter des Mer - curs ſo ſchnurſtracks widerſpricht. Es iſt zu bemer - ken, daß unſere Figur, wider die gewoͤhnliche Vor - ſtellungsart bei Goͤttern, Haare uͤber der Schaam traͤgt.

Bacchus. Kopf und Koͤrper ſcheinen allein alt.

Ein Faun, der einen jungen Bacchus traͤgt; eine ſehr ſwelte Figur.

Drei Koͤpfe des Domitians. So wenig Zuverlaͤßigkeit die Benennungen der Buͤſten uͤber - haupt haben, ſo wenig haben es beſonders diejenigen, die mit dem Nahmen dieſes Kaiſers belegt ſind. Man weiß, daß beinahe alle Bildniſſe deſſelben nach ſeinem Tode zerſchlagen wurden.

  • Zwei Caͤſars, Buͤſten.
  • Marc Aurel, Buͤſte.
  • Hadrian, Buͤſte.
Caracalla.
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Caracalla aus Marmor. Einer der ſchoͤn - ſten Koͤpfe des Alterthums. Der Ausdruck trotziger Grauſamkeit iſt vortrefflich.

Farneſiſche Vaſe.
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Eine Vaſe mit Figuren von der Art der - jenigen, die man Etruſciſch nennt. 6 c)Ueber den ſogenannten Etruſciſchen Stil ſehe man die Beſchreibung des Vaticaniſchen Pallaſts nach.Sie ſcheinen ein Opfer des Bacchus vorzuſtellen. Form und Aus - arbeitung ſind gleich vortrefflich.

Zwei -25Pallaſt Farneſe.

Zweites Zimmer. Statuen.

Zwei Hunde.

Ein ſchlafender Amor.

Ein ſehr freies Bacchanal an einem Sar - cophag. Die Ausfuͤhrung ziemlich mittelmaͤßig. Marc Antonio hat es nach einer Zeichnung Raphaels geſtochen, und in dieſer ſind viele Fehler verbeſſert.

Ein ſchoͤner Kopf eines Alten mit Wein - reben bekraͤnzt. Man nennt ihn gewoͤhnlich: Mi - thridates.

Ein Mercur aus Bronze uͤber den Mercur in der Großherzoglichen Gallerie zu Florenz abge - goſſen. 7 a)Winkelmann G. d. K. S. 323.

Figur eines bekleideten Juͤnglings aus Bronze von großer Schoͤnheit.

Zwei Koͤpfe des Pabſtes Paul III. aus Marmor. Der eine iſt von Michael Angelo, der andere, deſſen Gewand mit Stickerei gezieret iſt, von della Porta.

Ein anderes Basrelief mit einem Bac - chanale.

Eine verwundete Amazone, die vom Pferde faͤllt, des Coſtums wegen merkwuͤrdig. Sie traͤgt einen breiten Guͤrtel unter der Bruſt.

Ein Kleiner Meleager von rothem Marmor.

B 5Ein26Pallaſt Farneſe.

Ein Saal mit Gemaͤhlden von Vaſari, Salviati und Zuccari.

Dieſer Saal kann auf eine bequeme Art dazu dienen, den Liebhaber auf die Verdienſte aufmerkſam zu machen, welche die Carracci um die Wiederher - ſtellung des guten Geſchmacks gehabt haben. DieStil der Nachahmer Raphaels, des Michael Angelo, und Tizians. ſpaͤteren Schuͤler der großen Meiſter, Raphael, Mi - chael Angelo, Tizian, begnuͤgten ſich ihre Werke zu beſtehlen, ohne die Natur zu Rathe zu ziehen, ohne uͤber ihre Kunſt zu denken. Sie bedeckten handwerks - maͤßig die Waͤnde mit einer Menge entlehnter Figu - ren, und um neu zu ſcheinen, gaben ſie ihnen gezwun - gene Stellungen, verzerrte Gebaͤhrden, und Geſich - ter ohne Ausdruck. Wollten ſie Reitz anbringen, ſo ward er zur Affektation. Die weſentlichen Zuͤge der Wahrheit wurden der Genauigkeit in Nebendingen aufgeopfert. Kurz! Alles in dieſen Meiſtern zeigt die Nachahmer an, die durch Uebertreibung Originale zu werden hoffen.

Großer Saal mit Statuen.

Gruppe des Alexander Farneſe gekroͤnt von den Haͤnden des Sieges, zu ſeinen Fuͤßen die gefeſſelte Schelde und das kniende Flan - dern. Guasparo Celio hat ſie gezeichnet; die Aus - fuͤhrung iſt von Simone Maſſino. Das ganze Werk iſt mittelmaͤßig, aber merkwuͤrdig, weil dieſe unge - heure Maſſe aus einem einzigen Marmorblocke ge - hauen iſt, der von dem Sturze einer Saͤule aus dem Friedenstempel genommen ſeyn ſoll.

Hier27Pallaſt Farneſe.

Hier ſtehen auch die beiden Figuren der Chari - tas und des Ueberfluſſes von della Porta, welche fuͤr das Grabmal Pauls III. in der Peterskirche be - ſtimmt waren, von Michael Angelo aber verworfen wurden. Ich glaube mit Recht.

Unter den uͤbrigen Statuen bemerkt man einen ſitzenden Apollo und vier Figuren, welche fuͤr Ringer7 b)Ueber den Charakter der Ringer ſehe man die Be - ſchreibung des Capitols nach, imgleichen Villa Borgheſe. gehalten werden. Zwei derſelben haben die Haare reihenweiſe in laͤnglichte und geringelte Lo - cken gelegt. Winkelmann8)Geſchichte der Kunſt. Wiener Edit. S. 659. rechnet ſie unter die ſchoͤnſten Statuen von Rom; daran aber, duͤnkt mich, thut er der Sache zu viel.

Unter den Buͤſten in dieſem Saale iſt wenig Merkwuͤrdiges.

In einem Cabinette.

Mahlereien von Agoſtino und Annibale Carraccio. Sie dienten dem Cardinal Farneſe, der ſeinen Pallaſt mit Mahlereien zieren laſſen wollte, zur Probe der Geſchicklichkeit dieſer Kuͤnſtler.

Am Plafond Hercules zwiſchen Tugend und Laſter in Oel, eine Copie des Originalgemaͤhldes, das nach Neapel gegangen iſt.

Die uͤbrigen Gemaͤhlde ſind al Freſco.

Hercules haͤlt die Himmelskugel, waͤhrend, daß die Aſtronomie und die Mathematik, un -ter28Pallaſt Farneſe. ter der Geſtalt zweier alten Philoſophen, be - ſchaͤfftiget ſind ſie auszumeſſen.

Perſeus haut der Meduſa den Kopf ab, unter dem Beiſtande der Minerva und des Mercurs.

Anapias und Amphinomus retten ihre Ael - tern aus den Flammen.

Ulyſſes entgeht den Nachſtellungen der Sirenen. Eine Compoſition, die von einem ge - ſchnittenen Steine genommen iſt.

Ulyſſes, dem Circe den Zauberbecher dar - reichet.

Hercules, den ein edler Muth ergreift, da er Waffen und Ungeheuer um ſich ſieht.

Alle dieſe Gemaͤhlde haben die Vorzuͤge, die die - ſen Meiſtern eigen ſind. Schoͤne mahleriſche Anord - nung, Wahrheit und Beſtimmtheit der Zeichnung, Groͤße in den Formen.

Rund umher ſind grau in grau gemahlte Verzierungen nach Art der Stuccaturarbeit. Man kann den Betrug nicht hoͤher treiben.

In dem Porticus des Hofes nach dem Garten zu.

Eine bekleidete weibliche Figur coloſſa - liſch. Sie iſt derjenigen aͤhnlich, die im Muſeo Clementino ſtehet, und von großem und vortrefflichem Charakter. Sie traͤgt einen breiten Guͤrtel. Die hohen Sohlen ſcheinen eine tragiſche Muſe anzudeuten. 9 a)Es ſoll eine Urania ſeyn. Siehe Fea’s Italieni -ſche

In29Pallaſt Farneſe.

In einem Verſchlage von Brettern auf dem Hofe.

Der ſogenannte Farneſiſche Stier.

Unter dieſem Nahmen iſt eine Gruppe aus Mar -Der Farne - ſiſche Stier. mor, von ungeheurem Umfange bekannt. Sie ſtellt folgende Fabel vor: Zethus und Amphion, Soͤhne der Antiope und des Jupiter, der ſie unter der Ge - ſtalt eines Satyrs hintergangen hatte, waren am Fuße des Cithaͤron in Boͤotien ausgeſetzt, und unter den Hirten erzogen worden. Lycus Koͤnig von The - ben hatte die Antiope, auf Anreitzen ſeiner Gemahlin der Dirce, ſehr uͤbel behandelt; ſie entfloh; der Zu - fall fuͤhrte ſie zu ihren Soͤhnen auf dem Cithaͤron, die ſie fuͤr ihre Mutter erkannten, und ihre erlittenen Kraͤnkungen an der Dirce auf eine grauſame Weiſe taͤchten; Sie banden ſie an einen wilden Ochſen, und ließen ſie ſchleifen.

Das Werk, das wir hier vor uns haben, ſtellt beide Bruͤder vor, im Begriff die grauſame Strafe an der Dirce zu vollziehen. Außer dieſen Perſonen finden ſich noch dabei eine weibliche Figur, ein Juͤng - ling, und eine Menge Nebenfiguren auf einem Fel - ſenberge.

Dieſes Ganze macht weder eine ſchoͤne Gruppe, noch eine verſtaͤndliche Zuſammenſetzung aus. Es finden ſich einzelne Theile daran, die ſchoͤn ſind, aber als Werk betrachtet, das heißt, als ein vernuͤnftig gedachtes Ganze, kann es fuͤr den Liebhaber keinen Werth haben. Es fehlt durchaus an Ausdruck undZuſam -9 a)ſche Ueberſetzung der Winkelmanniſchen Geſch. d. Kunſt, T. I. p. 322. n. A. 30Pallaſt Farneſe. Zuſammenhang. Man kann es als eine Sammlung von ſchoͤnen Bruchſtuͤcken anſehen.

Winkelmann9 b)Geſch. d. K. W. Edit. S. 717. giebt die Stuͤcke an, die an dieſer Gruppe der gemeinen Meinung zuwider neu ſeyn ſollen, und nennt den Battiſta Bianchi einen Mai - laͤnder als den Ergaͤnzer. Es ſcheint, daß Winkel - mann bei dieſer Angabe zu keck verfahren ſey, und der Herr Hofrath Heyne10)Sammlung antiquariſcher Aufſaͤtze 2r Theil S. 182 und folgende. hat bereits den Irrthum in Anſehung des Nahmens des Ergaͤnzers geruͤgt.

Da die Gruppe als Kunſtwerk ganz außer mei - nem Plane liegt, ſo habe ich mich nicht dabei aufhal - ten wollen, die Wahrheit der Winkelmanniſchen Nachricht im Detail zu pruͤfen. 11)Wer mehr von dieſer Gruppe wiſſen, und zu glei - cher Zeit das Beiſpiel einer ſcharfſinnigen Erlaͤute - rung eines alten Kunſtwerks leſen will, der ſehe den Aufſatz des Herrn Hofraths Heyne uͤber den Farne - ſiſchen Stier in ſeiner Sammlung antiquariſcher Aufſaͤtze nach, im 2ten Theile S. 182. Dies iſt das Reſultat ſeiner Unterſuchung: Die Fabel iſt nach einem Trauerſpiel des Euripi - des gearbeitet. Nach dieſem ward die Strafe waͤh - rend der Orgien des Bacchus auf dem Berge Cithaͤ - ron vollzogen, und Dirce erſchien dabey als Bac - chante. Dies erklaͤrt verſchiedene Nebenwerke. Allein das jetzige Werk hat nicht mehr die Ausſicht des alten, deſſen Plinius erwehnt, von Apollonius und Tauriſcus verfertiget, und von Rhodus nach Rom in die Gebaͤude des Aſinius Pollio verſetzt. Es

Wichti -31Pallaſt Farneſe.

Wichtiger wird es mir hier ein Paar Anmerkun - gen einzuſchieben, wozu mir die Fehler dieſes Werks Anlaß geben: Die Ueberladung deſſelben mit Figuren, die zum Theil nur in entferntem Verhaͤltniſſe mit der Haupthandlung ſtehen, und der Fleiß, der auf die Nebenfiguren gewandt iſt.

Sehr gehaͤufte Figuren ſind jedem Werke derSehr ge - haͤufte Fi - guren ſind einem jeden Werke der Kunſt ſchaͤd - lich. Kunſt ſchaͤdlich. Sie machen ſelten die Abſicht des dargeſtellten Werks deutlicher; gemeiniglich dienen ſie nur dazu, den Begriff, den ſich der Zuſchauer von der Handlung machen ſoll, zu verwirren.

Zum Vergnuͤgen wird Beſchaͤfftigung der Seele erfordert, nicht qualvolle Anſtrengung. Je deutli - cher die Beziehung einer jeden Figur wird, die der Kuͤnſtler in die Compoſition ſeines Werks gebracht hat, um deſto groͤßer iſt die Wuͤrkung.

Sollen wir erſt muͤhſam nachſinnen, warum wir dieſe oder jene Figur hier ſehen, ſo faͤllt die Ruͤhrung weg, die gemeiniglich von dem erſten Blick abhaͤngt.

Es iſt daher jedem Kuͤnſtler anzurathen, daß er nur ſo viel Figuren in ſeinen Werken anbringe, als zum Verſtaͤndniß der Handlung nothwendig ſind. Bedarf11)Es iſt nicht nur in Ergaͤnzung der Figuren ſelbſt, ſondern auch in Beifuͤgung anderer Figuren und durch Ueberhaͤufung von Nebenfiguren geaͤndert. Dieſe Aenderung iſt wahrſcheinlicher Weiſe zu mehr als einer Zeit, erſt bei Aufſtellung in den Baͤdern des Caracalla, worinn es gefunden wurde, dann nach der Wiederentdeckung, einmal, da man es fuͤr einen Hercules mit dem Marathoniſchen Stier hielt, und nachher, da man es zur Fabel der Dirce umarbeitete, vorgegangen.32Pallaſt Farneſe. Bedarf er einiger Nebenfiguren, theils zum Grup - piren, theils dem Auge einen angenehmen RuhepunktGar zu be - ſorgte Ne - benwerke ſchaden dem Eindruck des Ganzen und vorzuͤglich der Haupt - figuren. darzubieten, ſo waͤhle er ſie mit moͤglichſter Sparſam - keit, und behandle ſie nicht mit einem Fleiße, der die Aufmerkſamkeit von den Hauptfiguren abzieht. Ich werde noch oft Gelegenheit finden, zu bemerken, mit welcher Weisheit die großen Kuͤnſtler des Alterthums, die Nebenfiguren mit anſcheinender Nachlaͤßigkeit den Hauptfiguren in ihren Werken aufgeopfert haben.

Ein anderer Grund, warum der Kuͤnſtler ſich der Ueberladung ſeiner Werke mit uͤberfluͤßigen Nebenfi - guren ſo viel moͤglich enthalten muß, iſt dieſer: Die gleichzeitige Beaͤugung aller Theile eines Kunſtwerks gibt dem Auge allein jenen deutlichen Begriff des ſichtbar Geordneten und Uebereinſtimmenden, der, noch weiß man nicht, aus welcher Urſach, der Seele ſo angenehm iſt. Selten bringt eine ſehr weitlaͤuftige Compoſition, an deren Theilen die Axe des Auges ſich langſam hinbewegen muß, dieſen Eindruck hervor.

Der Bild - hauerkunſt iſt die Ueber - ladung eines Werks mit uͤberfluͤßigen Figuren viel nachtheiliger als der Mah - lerei.
20

Der Mahler hat hier freiere Haͤnde als der Bild - hauer. Koͤrper, die an ſich flach ſind aber rund er - ſcheinen, koͤnnen in einem kleinen Raume hinter ein - ander nach den Regeln der Gruppirung oft nur mit halben Koͤrper hervorſtehend zuſammengebracht wer - den. Die Bildhauerarbeit liefert runde Koͤrper. Wollte man dieſe, wie in einem Gemaͤhlde hinter ein - ander ſtellen, ſo wuͤrde der Zuſchauer entweder die Muͤhe bedauern, die an die Ausarbeitung nicht zum Vorſchein kommender Theile verſchwendet iſt, oder er wuͤrde wohl gar dasjenige, was er nicht ſehen kann, und doch zu ſehen wuͤnſcht, fuͤr eine Entbehrung hal - ten, die den Genuß vermindert.

Ferner:33Pallaſt Farneſe.

Ferner: um ein ſolches weitlaͤuftiges Ganze alsUeberhaupt ſind weit - laͤuftige Compoſitio - nen dem Bildhauer nicht anzu - rathen: Ue - ber die mah - leriſche Gruppirung geht die Schoͤnheit einzelner Fi - guren ver - lohren: Vielleicht iſt er nicht ein - mahl im Stande die Wuͤrkung ei - ner mahleri - ſchen Gruppe vollſtaͤndig zu erreichen. eine mahleriſche Gruppe zu uͤberſehen, muß man ſich nothwendig ſo weit davon entfernen, daß die Schoͤn - heit des Details dem Auge entgeht. Soll man hinzu - gehen, die Schoͤnheit der einzelnen Formen zu bewun - dern, oder fern bleiben, und ſich den Eindruck der Form der Gruppe im Ganzen genuͤgen laſſen? Dieſer Streit hat nichts Angenehmes.

Die Wahl des Standorts, aus dem man ein Gemaͤhlde betrachtet, haͤngt von ganz andern Regeln ab, als die Wahl desjenigen, den man bei Betrach - tung eines Bildhauerwerks annehmen muß. Es iſt eine allgemeine Verabredung daruͤber, daß man die Handlung, die auf einem Gemaͤhlde vorgeſtellet wird, ſich denkt, als werde ſie aus einem Fenſter oder durch eine andere Oeffnung geſehen. Der Rahmen ſchneidet den Ort, wo die Handlung vor ſich geht, von dem Standorte ab, und wir denken nicht ſo genau an die Maaße der Entfernung. Bei einer Gruppe von Bildſaͤulen iſt eine ſolche willkuͤhrliche Verabredung nicht wohl moͤglich. Mit ihr ſehen wir zugleich Gar - ten, Zimmer u. ſ. w. und wir machen uns keine Illuſion daruͤber, daß dasjenige, was nur wenige Schritte von uns entfernt iſt, es um einige hundert ſeyn koͤnne.

Nicht das allein: Was macht die Schoͤnheit einer Gruppe? Der Zuſammenhang, das Ineinan - dergreifen der verſchiedenen Figuren, deren Umriſſe das Auge verfolgt, und unmerklich von einer auf die andere endlich zum Ganzen geleitet wird. Der Zipfel des Gewandes einer Figur fuͤhret zunaͤchſt auf die Hand einer andern u. ſ. w. In der Mahlerei ſindErſter Theil. Cſie34Pallaſt Farneſe. ſie an einander geheftet, die Abſaͤtze ſind bedeckt, man denkt ſie, man ſieht ſie nicht. Hingegen in der ganz runden Bildnerei haͤngt Alles von der Wahl des Standortes des Zuſchauers ab, ob die verſchiedenen Figuren in einander greifen: er darf ſich nur ein we - nig anders ſtellen, ſo iſt ein Abſatz da, ſo haͤngt die Gruppe nicht mehr zuſammen.

Die Bildhauerkunſt liefert den vollſtaͤndigſten Be - griff ſchoͤner Formen, in ſo weit dieſe aus Umriſſen, das heißt, aus Erhoͤhungen und Vertiefungen beſtehen. Wenn wir uns ſo weit entfernen, daß dieſe verlohren gehen, ſo opfern wir den erſten Anſpruch auf, den wir an dieſe Kunſt machen duͤrfen.

In der That, die Aufſtellung mehrerer Statuen in mahleriſche Gruppen ſcheint die gewuͤnſchte Wuͤr - kung nicht hervorzubringen.

Das Bad des Apollo vom Girardon zu Ver - ſailles beſtaͤtiget dieſen Grundſatz. Es thut, ſo wie es da ſteht, als ein fuͤr ſich beſtehendes Kunſtwerk keine Wuͤrkung, und ich zweifle, daß man Recht habe, ſich daruͤber zu beklagen, daß die Gruppe der Niobe zu Florenz nicht nach mahleriſchen Regeln neben - einander aufgeſtellt ſey.

Zuweilen werden weitlaͤuftige Compoſitionen von Bildhauerarbeit an Gebaͤuden angebracht, und thun Wuͤrkung. Allein nicht wie ſchoͤne Darſtellungen intereſſanter Handlungen, oder als Ideale ſchoͤner menſchlicher Formen, ſondern als architektoniſche Zierrathen.

Die Bildhauerkunſt verlangt unter den bildenden Kuͤnſten die langſamſte mechaniſche Behandlung. Sollte wohl waͤhrend einer Ausarbeitung, die mehrereJahre35Pallaſt Farneſe. Jahre erfordert, jene Idee von Schoͤnheit ſich in ihrer goͤttlichen Lebhaftigkeit erhalten koͤnnen, die gleich ei - nem Strahle des Lichts den Kuͤnſtler nur in Stunden der Begeiſterung erleuchtet?

Weitlaͤuftige Compoſitionen liegen, wie ich glau - be, ganz außer den Graͤnzen der runden Bildnerei in Stein.

Ein ſchoͤnes Basrelief. Bacchus lehnt ſich auf einen Faun, ein anderer traͤgt eine Vaſe, eine Nymphe ſpielt auf Floͤten, und eine andere ſchlaͤgt Becken zuſammen. Es hat gelitten, aber es bleibt dem ohngeachtet ſowohl in Anſehung der ſchoͤnen Um - riſſe, als der beſorgten Ausarbeitung eines der ſchoͤn - ſten Basreliefs, die ſich aus dem Alterthum auf uns erhalten haben.

Ein anderes gleichfalls beſchaͤdigt, aber gleichfalls ſchoͤn, ſtellt einen jungen Menſchen vor, der eine Leier haͤlt, und ſich auf eine junge weibliche Figur ſtuͤtzt, waͤhrend daß zwei andere auf einem Bette ſitzen.

Auf einem dritten, Amorinen, die ein Wett - rennen mit Wagen halten; einer ſtuͤrzt. In Anſe - hung der Ausfuͤhrung weniger bedeutend.

Auf einem vierten ſieht man eine Geſellſchaft mit Schauſpielern; man nennt es: Trimalcion, der zu ſeinen Gaͤſten kommt. Ein Schwelger, der mei - nen Leſern aus dem Petronius bekannt ſeyn wird. Die Benennung iſt aber ohne allen Grund. Es ſtellt ein Gaſtmahl vor, das vielleicht mit den Bacchiſchen Orgien in Verbindung geſtanden hat.

C 2In36Pallaſt Farneſe.

In dieſem Verſchlage ſtehen noch mehrere Bruch - ſtuͤcke von Statuen, die ſehr ſchoͤn ſind, einige große Fuͤße und viele kleine Koͤpfe.

In dem Gartengebaͤude hinter dem Pallaſte.

Am Plafond des Porticus: Venus findet den Adonis todt, vom Domenichino.

In einem Nebenzimmer: Apollo und Hya - cinth, von eben dem Meiſter.

In einem Zimmer gegenuͤber ſoll noch ein Pla - fond vom Domenichino ſeyn; ich habe es nicht geſehen. Was ich geſehen habe, war ſehr beſchaͤdigt, und ſchien nicht aus des Mahlers beſter Zeit zu ſeyn.

In dem Garten.

Mercur, der die Herſe umarmt, eine an - tike Gruppe. Mercur iſt unproportionirlich groß ge - gen die Herſe. Der Kopf und das eine Bein ſind neu, Rumpf und Haͤnde ſchoͤn, letztere vorzuͤglich be - ruͤhmt. An der Herſe iſt der Kopf mit der Haͤlfte der Bruſt neu, das uͤbrige alt und ſchoͤn. Die Haͤnde ver - dienen alle das Gute, was Winkelmann davon ſagt. 12)Winkelmann G. d. K. S. 282.

Pan lehrt einen Faun auf der Floͤte ſpielen.

Eine Bacchantinn. Kopf und Arme von weißem Marmor ſcheinen neu; das Gewand von ſchwarzem und umguͤrtet, zeigt das Nackte vortreff - lich an.

Eine37Pallaſt Farneſe.

Eine Nymphe. Das Gewand gleichfalls von ſchwarzem Marmor, uͤber den Huͤften geguͤrtet. Kopf und beide Arme ſcheinen neu, das uͤbrige iſt von außer - ordentlicher Leichtigkeit und ſchoͤner Execution13)Winkelmann bemerkt S. 396. Wiener Edition, einen ſchoͤnen Hermaphrodit, der aber hier nicht ſtehet, ſondern wahrſcheinlich nach Neapel gegan - gen iſt. In dem Garten ſoll nach ihm S. 431 eine Venus mit einem Kopfe der Marciana, des Trajans Schweſter Tochter (oder wie Fea in ſeiner Ueber - ſetzung T. I. p. 435. n. c ſagt: der Matidia des Trajans Schweſter) mit einem Schmuck wie eine Feder auf dem Kopfe vorgeſtellet ſeyn. Ich habe ſie bei dem Sculpteur Carlo Albicini reſtauriren ſehen. Sie iſt nach Neapel gegangen. Zwei Sta - tuen der Venus in Lebensgroͤße, deren er Seite 502. erwaͤhnt, ſind gleichfalls nach Neapel gegan - gen. Der Umſtand, den er angiebt, die eine habe ihren eigenen Kopf, iſt falſch, wie ich beim Albi - cini geſehen habe, der ſie reſtaurirte. Eben dies bemerkt auch Fea in ſeiner Ueberſetzung T. II. p. 135. n. B. So wie er ſagt: iſt auch der Kopf an der anderen aufgeſetzt..

C 3Der38

Der Vaticaniſche Pallaſt.

Grund war - um dieſer Pallaſt in Ruͤckſicht auf den Zweck dieſes Buchs in der Ordnung der zweite iſt.
22

Der Liebhaber, der zu mehreren Mahlen den Far - neſiſchen Pallaſt beſucht hat, wird ſein Auge an Groͤße des Stils und an Richtigkeit der Zeichnung gewoͤhnt haben. Jetzt iſt es Zeit, ihn in den Vati - caniſchen Pallaſt zu begleiten, um das Gefuͤhl fuͤr Schoͤnheit in ihm zu entwickeln.

Nicht ohne heilige Ehrfurcht nahe ich mich ſelbſt in der Erinnerung dem Orte, wo meine Seele die heiterſten und unvermiſchteſten Freuden genoſſen hat!

Muſeum Clementi-num.
22

Sammlung der antiken Statuen, die Clemens der XIV. angelegt und Pius der VI. vermehrt hat, gemeiniglich das Muſeum Clementinum genannt.

Eine Anmer - kung uͤber den Ort, der zur Aufſtel - lung der Statuen der vortheilhaf - teſte ſeyn duͤrfte.
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Man hat viel Pracht an das Behaͤltniß ver - ſchwendet, um den Liebhaber um den vollſtaͤndigen Genuß des Aufbehaltenen zu bringen.

Man hat die Statuen rund umher an die Waͤnde von Saͤlen aufgeſtellt, in denen ſie zum Theil gegen das Licht geſehen werden; in Rotunden, deren Fenſter ſie von allen Seiten beleuchten.

Wenn man jetzt von der wahren Wuͤrkung der Statuen urtheilen will, ſo muß man ſie bei Fackeln ſehen, und in Geſellſchaft eines aufgeklaͤrten Fuͤhrers, der die Beleuchtung dirigirt.

Warum39Der Vaticaniſche Pallaſt.

Warum iſt man nicht dem Beiſpiel der Alten in Aufſtellung ihrer Statuen gefolgt? Sie hatten lange Gallerien; an der einen Wand waren Niſchen, darin ſtanden die Statuen; an der andern gegen uͤber waren Fenſter in der Hoͤhe, dadurch fiel ein ſehr vortheilhaf - tes Licht herab.

Man haͤtte dieſen Vortheil mit ſo wenig Muͤhe haben koͤnnen! Ein langer Gang fuͤhrt zu dem gegen - waͤrtigen Behaͤltniß der Statuen, nur an der einen Seite ſind Fenſter. Haͤtte man doch hieher die be - traͤchtlichſten Kunſtwerke zum Anſchauen geſtellt! Die gelehrten Innſchriften, die in die Waͤnde incruſtirt ſind, haͤtte man ja anderswo eben ſo gut leſen koͤnnen.

Erſtes Zimmer.

Zwei Leuchter aus dem Hauſe Barberini. Sie ſtehen auf einem dreieckigten Fußgeſtelle, mit Figuren in Basrelief. Minerva Salutifera, oder Hygea, eine Iſis nach der Lotusblume zu urtheilen, die ſie in der Hand haͤlt, und Mars. Dieſe ſtehen auf dem einen: Auf dem andern Jupiter, Juno und Mercur.

Beide Leuchter ſind in doppelter Ruͤckſicht unſerer Aufmerkſamkeit werth.

Sie ſind von ſchoͤnſter Form: Sowohl im Gan - zen, als in den einzelnen Zierrathen, die mit aͤußerſter Liebe beſorgt, leicht und fließend gezeichnet, und weich behandelt ſind.

Der Stil der Zeichnung in den Figuren contra -Beſtimmung des ſoge - nannten ſtirt mit dieſer Leichtigkeit, mit dieſem Fließenden derC 4Zeichnung40Der Vaticaniſche Pallaſt. Etruſciſchen Stils, ſo - wohl des ur - ſpruͤngli - chen, als des nachgeahm - ten.Zeichnung in den Zierrathen. Er iſt hart und eckigt, dieſer Stil, wie wir ihn den Zeiten zutrauen koͤnnen, in denen man noch nicht bis zu dem Begriff der Schoͤnheit vorgeruͤckt war, ſondern ſich genau an beſtimmte Wahrheit hielt.

Dieſe Vermiſchung fuͤhrt auf die Vermuthung, daß der Kuͤnſtler ſich in einen Stil hineindachte, der dem ausgebildeten Zeitalter, in dem er lebte, nicht eigen war, den er aber beibehalten mußte, wenn er Tempelwerke arbeitete, wo Religion die Hauptabſicht war, wo, ſo zu ſagen, der Geſchmack der Religion nicht geaͤndert werden konnte.

Der groͤßte Theil religioͤſer Vorſtellungen der Al - ten ſtammt aus Zeiten her, in denen ſie von der Schoͤnheit noch keinen Begriff hatten. Bei zuneh - mender Cultur haben ſie dieſelben groͤßtentheils nach jenem Begriffe umgeſchaffen; zuweilen aber haben ſie, vielleicht um den Eindruck feierlicher zu machen, die aͤltere Form in ſo fern beibehalten, als ſie dem Begriffe von Schoͤnheit nicht gerade zu widerſprach.

Man bezeichnet die Figuren des mythiſchen Cir - kels der Alten, deren Vorſtellungsart in den Attribu - ten, in der Darſtellung gewiſſer Handlungen von den bekanntern Begriffen der Fabel abweichen, deren Stil (vielleicht beſſer, deren Manier) Beſtimmtheit, Ebenmaaß, Richtigkeit, aber auch Haͤrte, Trocken - heit, ſcharfe eckigte Umriſſe zeigt; Gewaͤnder, die an das Nackte kleben; mit dem Nahmen Etruſciſcher Werke, oder: Werke im Etruſciſchen Stile.

Dieſe Benennung dient blos zur Unterſcheidung der Werke dieſer Art von ſolchen, an denen wir verfeinerte Begriffe von Schoͤnheit und ſymboliſcherBedeu -41Der Vaticaniſche Pallaſt. Bedeutung bemerken, und daher den Griechen und ihren Nachfolgern den Roͤmern, als Voͤlkern bei denen die Cultur aufs Hoͤchſte geſtiegen iſt, eher zutrauen duͤrfen.

Abkoͤmmlinge aͤlterer Griechen haben ſich fruͤh mit den aͤltern Bewohnern Etruriens vermiſcht, und ihnen ihre religioͤſe Vorſtellungsarten mitgetheilt. EinDer Liebha - ber vermengt den Begriff des Etruſci - ſchen und Alt - griechiſchen Stils aus guten Gruͤn - den. ausgebreiteter Handel, die Nachbarſchaft von Groß - griechenland, haben nachher die Verwandtſchaft unter den Ideen beider Voͤlker unterhalten, und wahrſchein - lich haben ſie ſich bei ihrer gemeinſchaftlichen Ausbil - dung die Hand geboten. Allein zu einer Zeit als die Griechen noch nicht bis zur hoͤchſten Idee von Schoͤn - heit fortgeruͤckt waren, verlohr die foͤderative Repu - blik der Etruſcer Freiheit, oder wenigſtens Ruhe und Wohlſtand. Mit ihnen ging die Unbefangenheit und Hoheit des Geiſtes verlohren, durch die ſich dieſer al - lein zur Vollkommenheit in den Kuͤnſten hebt.

Die aufgeklaͤrteſten Kenner des Alterthums geſte - hen, daß ſowohl in Anſehung der Erfindung als der Ausfuͤhrung der Unterſchied zwiſchen den Werken Etruſciſcher Kuͤnſtler und Altgriechiſcher ſich nur ſehr unzuverlaͤßig angeben laͤßt, wenn nicht Etruſciſche Schrift oder der Ort der Findung die Beſtimmung erleichtert. Wir Liebhaber begnuͤgen uns unter dem allgemeinen Nahmen: Etruſciſcher Werke, ſowohl die Werke dieſes Volks als die Werke der aͤlteren Griechen zu begreifen.

Die Figuren an unſern Leuchtern ſind im Stile Etruſciſcher Werke gearbeitet, aber wie man ſelbſt ausC 5der42Der Vaticaniſche Pallaſt. der Behandlung ſieht, in Zeiten, wo dieſer Stil nicht der herrſchende war.

Ein dritter Leuchter vom Cardinal Zelada hieher geſchenkt. Auf dem dreieckigten Fußgeſtelle Fi - guren: Jupiter, Hercules der den Apollo verfolgt, Apollo der mit dem geſtohlnen Dreifuß flieht. Der letzte iſt beſonders ſchoͤn. Vorſtellungsart und Stil der Ausfuͤhrung an den Figuren ſind Etruſciſch. Der Leuchter ſelbſt ſteht weder an Schoͤnheit der Idee, noch beſorgter Ausfuͤhrung, dem vorigen nach.

Ein vierter Leuchter vom Piraneſe gekauft. Die Form iſt ſimpler als an dem vorigen. Die Fi - guren rund umher ſtellen Bacchantinnen vor. Der Stil, Etruſciſch.

Charakter der Flußgoͤt - ter.
22

Ein Flußgott. Der Charakter der Flußgoͤtter iſt im Ganzen rauhes Alter, aber ohne Graͤmelei, ohne abgemergelten Koͤrper. An unſerer Statue ſind Kopf und Arme von Michael Angelo ergaͤnzt.

Es iſt ſonderbar! Michael Angelo hatte die groͤßte Ehrfurcht fuͤr die Antiken; er hat ſie oft copirt, er hat ſie ergaͤnzt; Man ſollte denken, er muͤßte ſich ſelbſt wider ſeinen Willen in ihren Stil hinein gedacht haben. Aber nein! Sein Geſchmack an dem Auf - fallenden und Wilden, die Sucht, ſeine Kenntniß des Muſkeln - und Knochenbaues zu zeigen, haben ihn ſogar verfuͤhrt, wider die Geſetze der nothwendigen Uebereinſtimmung der Theile unter einander zu han - deln. Der antike Rumpf dieſes Flußgottes zeigt, der Beſtimmtheit unbeſchadet, ein ſanftes fließendes Muſkelnſpiel. Aber der Kopf, den der neuere Kuͤnſt -ler43Der Vaticaniſche Pallaſt. ler aufſetzte, gehoͤrt einem aufgetrockneten Alten, oder vielmehr einem ſkelettirten Studio der Anatomie. 1)So viel ich weiß, iſt noch nirgends ein vollſtaͤndi -Gruͤnde war - um ſich der Autor be - rechtigt haͤlt ein vollſtaͤn - diges Ver - zeichniß der Kunſtwerke, die in dieſer Sammlung befindlich ſind, in den Noten am Ende der Be - ſchreibung eines jeden Zimmers zu liefern: ob es gleich ſonſt nicht ſeine Abſicht iſt, Nomen - claturen zu geben. ges Verzeichniß der Kunſtwerke gedruckt worden, die ſich in dieſer Sammlung befinden. So wenig es ſonſt meine Abſicht iſt, eine bloße Nomenclatur zu liefern, und ſo ſehr ich es mir zum Geſetz ge - macht habe, dem Liebhaber nur dasjenige anzuzei - gen, was ich ſeiner Aufmerkſamkeit werth halke; ſo glaube ich doch hier eine Ausnahme machen, und in den Noten am Ende eines jeden Zimmers dasje - nige hinzuſetzen zu duͤrfen, was zur Vollſtaͤndigkeit eines bloßen Verzeichniſſes in dem Texte mangelt. Vielleicht iſt irgend einem, der aus anderer Ruͤck - ſicht, als des Schoͤnen ſieht, damit gedient; Viel - leicht habe ich in manchem hieher gereiheten Kunſt - werke das Schoͤne uͤberſehen; Oft habe ich nur, um die Aufmerkſamkeit des Leſers nicht zu ermuͤden, im Texte nicht weitlaͤuftiger ſeyn duͤrfen; und end - lich wird die große Menge der hier in kurzer Zeit verſammleten Bildhauerarbeit dankbare Freude uͤber die Schaͤtze des Alterthums die ſich auf uns erhalten haben, und ein ſtaunendes Nachdenken uͤber den unermeßlichen Reichthum des ehemaligen Roms gewaͤhren. Die uͤbrigen Kunſtwerke in dieſem Zimmer ſind: Ein Sarcopbag oder eine groͤßere Begraͤbniß - urne, auf deſſen Deckel eine Nymphe ruht. Zwei Sphynxe von rothem Granit.

Zweites Zimmer.

Ein Basrelief. Pluto, Proſerpine, Iſis, Amor. So ſagt man.

Ich44Der Vaticaniſche Pallaſt.
Allgemeine Anmerkung uͤber den Werth anti - ker Basre - liefs.
23

Ich fuͤhre dieſes Basrelief, das an ſich ſchlecht iſt, nur darum an, um uͤber dieſe Art von Kunſt - werken im Allgemeinen eine Anmerkung zu machen.

Die mehreſten Basreliefs, die ſich aus dem Al - terthume auf uns erhalten haben, und in den Samm - lungen von Antiken angetroffen werden, ſind von Sarcophagen, oder viereckt laͤnglichen Begraͤbnißur - nen, abgeſaͤgt. Von dieſen Begraͤbnißurnen haben wir nur wenige aus dem Flore der Kunſt. Sie wur - den in ſpaͤterer Zeit auf den Kauf und zwar von mit - telmaͤßigen Kuͤnſtlern verfertigt. Dies iſt der Grund, warum ſie nur ſelten des Liebhabers Anſpruͤche auf Schoͤnheit befriedigen. Inzwiſchen werde ich in der Folge einige anzeigen, welche Aufmerkſamkeit verdie - nen, und zu gleicher Zeit, durch welche Vorzuͤge ſie dieſelbe verdienen.

Zwei Leuchter. Sie ſtanden ehemals in der Kirche Santa Coſtanza fuor delle Mure. Von ſchoͤnſter Arbeit, allein, vielleicht ein wenig mit willkuͤhrlichem Blaͤtterwerk uͤberladen.

Vier maͤnnliche aegyptiſche Gottheiten von ſchwarzem Granit, der dem Baſalt gleich koͤmmt. Alle unter einander aͤhnlich, bis auf die Lotusblu - me, die zwei derſelben auf dem Kopfe tragen. Sie ſtehen auf Fußgeſtellen von griechiſcher Arbeit. Ei - nes derſelben iſt mit Figuren gezieret, aber dieſe ſind unbedeutend.

Ueber den aͤchten Ae - gyptiſchen Stil. Die Kennzeichen
23

Man kann an dieſen Statuen den aͤchten Aegypti - ſchen Stil kennen lernen.

Dieſer reine Aegyptiſche Stil iſt von demjenigen verſchieden, in welchem die Griechen die Vorſtellungs - arten religioͤſer Ideen der Aegyptier in die ihnen eigeneſchoͤne45Der Vaticaniſche Pallaſt. ſchoͤne Natur verwandelt haben. Von den Werkendeſſelben werden an - gefuͤhrt, um den Autor zu rechtferti - gen, wenn er die Werke, die ihn an ſich tragen, der Aufmerk - ſamkeit des Liebhabers unwerth haͤlt. dieſer Art werde ich bei der Sammlung der Statuen auf dem Capitol reden.

Die hoͤchſte Stufe des Aegyptiſchen Originalſtils iſt Ueberwindung der Schwierigkeiten in Behandlung der haͤrteren Marmorarten. Man bewundert in den Urhebern der Werke dieſer Art den Handwerker, nicht den Kuͤnſtler. Von Schoͤnheit zeigt ſich keine Ver - muthung, und Wahrheit haben ſie kaum in einzelnen Theilen beobachtet.

Werke in dieſem Stile ſind kein Gegenſtand der Aufmerkſamkeit des Liebhabers; inzwiſchen will ich, um die Abſonderung zu erleichtern, einige Kennzeichen derſelben angeben.

Die Gegenſtaͤnde, die wir in dieſem Stile behan - delt ſehen, ſcheinen alle mit der Verehrung der Gott - heiten dieſes Volks in genauem Verhaͤltniſſe geſtanden zu haben. Es ſind ſonderbahre Geſtalten, allegoriſche Ungeheuer, oder Nachahmungen einer individuellen Menſchenart in einem Coſtume, das ſich mit unſern Begriffen von Schoͤnheit nicht vertraͤgt.

In der Ausfuͤhrung haben ſie einiges mit dem rohen Stile der Kindheit der Kunſt bei jedem Volke gemein. Das Steife, das Gezwungene der Stel - lungen, die Unrichtigkeit der Zeichnung in den Extre - mitaͤten, das ſchlechte Verhaͤltniß der Gliedmaaßen unter einander, und die Sorgfalt, die wir auf die mechaniſche Behandlung gewandt ſehen.

Allein dadurch unterſcheiden ſie ſich von den un - vollkommenen Werken der Griechen, daß dieſe aus uͤbertriebenem Geſchmack am Ebenmaaß, ſtets mit dem Senkblei und dem Winkelmaaße in der Hand dieNatur46Der Vaticaniſche Pallaſt. Natur nachgeahmt zu haben ſcheinen, und daher eher das Geordnete und Regelmaͤßige als das Wahre in ihre Figuren brachten. Hingegen die Aegyptier ſchei - nen die Natur nach dem Augenmaaße nachgeahmt zu haben, theilweiſe, ohne oͤrtliches Verhaͤltniß, ohne Uebereinſtimmung; etwa wie Kinder, die bei ihren rohen Verſuchen die einzelnen Theile, die ſie treffen, in ein wahres Ganze nicht zu vereinigen wiſſen. Da - her das Scharfe, Eckigte, Gradlinigte in den aͤlteren Griechiſchen Werken; daher das Rundliche, Unbe - ſtimmte, Wellenfoͤrmige in den Aegyptiſchen.

Die erſten erſcheinen wie Geſchoͤpfe der Einbil - dungskraft, wie Weſen, deren Art wir nicht kennen: Die andern wie mißrathene Nachahmungen wuͤrklicher und bekannter Geſchoͤpfe.

Man findet außerdem an den Aegyptiſchen Figu - ren eine gezogene Phyſiognomie, laͤnglichte in den Winkeln hinauf gezerrte Augenlieder nach Art derjeni - gen, die wir auf Chineſiſchen Gemaͤhlden ſehen, hohe Backenknochen, platte zuweilen eingebogene Naſen, einen zuruͤckweichenden kleinlichen Kinn, hochliegende durch den Schleier gepreßte Ohren, große Bruͤſte, ſchlauchartige Arme, ſchmaale Lenden, platte Fuͤße mit langen Zehen.

Dieſe ſonderbaren Formen ſind zum Theil dem individuellen Charakter der Vorbilder ihrer Nachah - mung, zum Theil aber auch der Art, wie ſie nach - ahmten, zuzuſchreiben.

Die Bekleidung iſt zuweilen durch bloße Ringe um die Knoͤchel der Gelenke an Fuͤßen und Haͤnden, und auf den Bruͤſten durch eingeſchnittene Strahlen wie Speichen der Raͤder angegeben; zuweilen, (undvielleicht47Der Vaticaniſche Pallaſt. vielleicht zeigt dies die Epoche einer hoͤheren Ausbil - dung an) durch ſtrippenartige Falten.

So viel uͤber die Werke von Aegyptiſchem Origi - nalſtil. Ich wende nun mein Auge von ihnen auf immer.

Drittes Zimmer.

Bacchus lehnt ſich auf einen Faun; zu ſei - nen Fuͤßen ein Panther. Eine Gruppe, die mit einer andern zu Florenz Aehnlichkeit hat. Der Comte Giraud fand die unſrige zu Morena. Die Ergaͤn - zungen ſind ziemlich unbetraͤchtlich. Vielleicht iſt die Hand neu, die Bacchus dem Faun uͤber den Hals fallen laͤßt, und einer der Fuͤße des Fauns.

Der allgemeine Charakter eines Bacchus iſtCharakter des Bac - chus. weichliche Schoͤnheit maͤnnlicher Jugend, ein Koͤrper, wie Winkelmann ſpricht, unter Roſen gepflegt, und beſeelt von heiterer Froͤlichkeit. Die Umriſſe ſind ſanft, und verlieren ſich in einer maͤßigen Voͤlligkeit. Der rundliche aber nicht vorgeſtreckte Bauch und die ausgeſchweiften Huͤften, wie ſie bei Weibern zu ſeyn pflegen, ſind Hauptunterſcheidungszeichen dieſes Gottes.

Gemeiniglich wird er in dem Uebergange aus dem Knabenalter in die Juͤnglingsjahre gebildet, der un - ſrige iſt aber ſchon ausgewachſener Juͤngling. Er legt den Arm auf den Kopf, eine Stellung, die lie - genden Perſonen im Schlafe gewoͤhnlich iſt. Man hat ſie auf Stehende transferirt, als Symbol der Ruhe. Er traͤgt ein Diadem, Attribut der Koͤnigedes48Der Vaticaniſche Pallaſt. des Orients, woher die Griechen die Idee dieſer Gott - heit nahmen.

Ob man dieſe Statue gleich nicht als ein Ideal von Schoͤnheit betrachten kann, ſo iſt das Spiel der Muſkeln doch vortrefflich. Der Faun ſcheint dem Eindruck, den die Hauptfigur machen ſollte, aufge - opfert zu ſeyn.

Ganymed, bei ihm ein Adler. Die beiden Arme und ein Fuß des Knabens, wie auch der Kopf des Adlers ſind wahrſcheinlich neu. Der Kopf ſcheint ein Portrait zu ſeyn, und koͤmmt dem Koͤrper an Lieb - lichkeit nicht bei. Von dem allgemeinen Charakter der Bildniſſe dieſes ſchoͤnen Knabens rede ich weiter unten bei der weit beruͤhmtern Statue deſſelben in die - ſer Sammlung.

Zwei Leuchter, gleichfalls aus der Kirche Santa Coſtanza. Sie ſind hoͤher, als die vori - gen. Die Form ſcheint weniger ſchoͤn, aber die Zier - rathen ſind ſimpler und von beſſerm Geſchmack.

Ein anderer Leuchter von ganz beſonde - rer Form. Ein Pilaſter auf dem oben ein Capital befindlich iſt. Unten ruhet er auf einem Sockel. Auf der einen platten langen Seite iſt ein anderer Leuchter erhoben gearbeitet, und hinten iſt eine Frieſe; alles im ſchoͤnſten Geſchmacke.

Hof mit ei - nem Porti - cus, ſonſt auch Hof des Belvederegenannt.
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Hof des Belvedere nebſt dem Porticus der ihn umgibt.

In der Mitte dieſes Hofes ſteht ein großes Waſ - ſerbehaͤltniß von Porphyr, in deſſen Mitte eine Fon - taine ſpringt. Ein Porticus mit Arcaden geht rundumher49Der Vaticaniſche Pallaſt. umher. Hier ſind Statuen aufgeſtellt: die groͤßeren in den Niſchen der hinteren Wand; die kleineren in den Niſchen der ſtarken Pfeiler, die die Arcaden bil - den. Man ſahe hier außerdem zu meiner Zeit eine Menge von Vaſen, Sarcophagen, und Bruchſtuͤ - cken laͤngs den Waͤnden ohne beſondere Ordnung. Viele dieſer Stuͤcke erwarteten eine weitere Beſtimmung. Da mir dieſe unbekannt iſt, ſo habe ich ſie an dem Orte anzeigen muͤſſen, wo ich ſie gefunden habe. Sollte damit eine Veraͤnderung vorgegangen ſeyn, ſo wird ſich meine Anzeige leicht berichtigen laſſen.

Das Licht faͤllt durch die Mitte des oben offenenNachtheil der Aufſtel - lung der Sta - tuen an die - ſem Orte fuͤr die Wahr - nehmung ih - rer Schoͤn - heit im Ein - zelnen; Vor - theil derſel - ben fuͤr den Eindruck ſo vieler verei - nigten Schoͤnheiten im Ganzen. Hofes auf die rund umherſtehenden Statuen. Dieſe Beleuchtung, die nicht jeder Statue auf gleiche Art anpaſſend ſeyn kann, iſt im Einzelnen nicht zu billi - gen. Allein fuͤr den Eindruck des Ganzen, iſt dieſe Abſonderung der erhabenſten Werke der Kunſt der Menſchen von allen wuͤrklichen Gegenſtaͤnden in der Natur, nicht ohne Vortheil. Man ſieht neben ſich die Formen der hoͤchſten idealiſchen Schoͤnheit, und uͤber ſich den Himmel. Die Einbildungskraft ſteigt auf der bequemſten Leiter bald von den Umſtehenden zu den obern Regionen hinauf, bald von dieſen zu ihren wahrſcheinlichen Bewohnern herab; und das einfoͤrmige Getoͤne des ſtets ſteigenden, ſtets herabfal - lenden Waſſers der Fontaine unterhaͤlt die Seele in der feierlichen Stimmung, die dem Genuß des Schoͤnen ſo zutraͤglich iſt. Der Eintritt in dieſen Porticus oͤff - net das Thor zu einer neuen Schoͤpfung. Wir laſſen draußen Alles was wir vorher empfunden haben; quaͤ - lende Erinnerungen, eitle Wuͤnſche; ſtille Groͤße, ruhi - ger unvermiſchter Genuß fuͤllt unſere ganze Seele aus.

Erſter Theil. D Apollo. 50Der Vaticaniſche Pallaſt.
Apollo im Belvedere.
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Apollo. So wie ich zum erſten Mahle in meinem Leben an Genuas Kuͤſten die Sonne ſich aus dem Meere heben ſah, ſo ſchwebte mir im Belvedere die Statue des Apollo entgegen. Es ergriff mich das Gefuͤhl uͤbermenſchlicher Majeſtaͤt, und ich ward bil - lig gegen die Sterblichen, die bei andern Lehrbegriffen ſich vor dem Bilde eines hoͤheren Weſens zur Anbe - tung niederwerfen koͤnnen.

Der Eindruck, den das erhabenſte Schauſpiel in der Natur und die Darſtellung des erhabenſten Gei - ſtes durch menſchliche Formen auf aͤhnliche Art in mir hervorgebracht haben; fuͤhrt mich auf die Vermu - thung: Das Kunſtwerk iſt die ſymboliſche Vorſtel - lung eines Gegenſtandes in der Natur, den die Kunſt durch wuͤrkliche Nachahmung nur mangelhaft erreicht: Phoͤbus, der Beherrſcher des Himmels, der ſeine erſten Strahlen auf die Erde ſchießt.

So dachte ſich ſchon der Pſalmiſt die aufgehende Sonne:

Sie koͤmmt hervor, wie ein Braͤutigam aus ſeiner Kammer,

Und freuet ſich wie ein Held zu laufen den Weg.

Sicher! Kein Gleichniß iſt dieſes wuͤrkſamſten und praͤchtigſten Gegenſtandes in der Natur wuͤrdiger als der Mann, das Vollkommenſte unter den leben - den Creaturen, an deſſen ausgewachſenem Koͤrper die Kindheit nichts Mangelhaftes uͤbrig laͤßt, und deſſen edle Seele, angefuͤllt mit großen Planen, Majeſtaͤt uͤber jede ſeiner Bewegungen verbreitet.

Hoheit der Seele iſt der Ausdruck unſers Apollo. Aber Ausdruck der Hoheit, die an Stolz graͤnzt, wiedes51Der Vaticaniſche Pallaſt. des erſtgebohrnen Sohnes des Koͤnigs, der aufgehen - den Hoffnung des Volks, nicht ſeines Vaters; ohne jene Miſchung von Guͤte, welche die Groͤße zu gleicher Zeit ſo ehrwuͤrdig und ſo liebenswuͤrdig macht. Mit Ruͤckſicht auf dieſen Ausdruck hat der Kuͤnſtler den Meißel bis in die kleinſten Zuͤge gefuͤhrt, und einer der groͤßten Vorzuͤge dieſes ſchoͤnen Werks iſt die voll - kommene Harmonie, dieſer Geiſt des Ganzen, der uͤber jeden ſeiner Theile ausgegoſſen iſt.

Den Hohn, den Unmuth, den Winkelmann2)S. 814. der G. d. K. W. E. auf dem Geſichte des Gottes bemerkt, habe ich nie darauf finden koͤnnen. Ich glaube daher die Idee eines zuͤrnenden Siegers verwerfen zu duͤrfen, die ohnehin bei mir die Empfindung eines goͤttlich hohen Geiſtes um Etwas vermindert.

Ich halte die Deutung, die ich dieſer Statue gegeben habe, fuͤr nichts weniger als zuverlaͤßig, ob ich gleich finde, daß ſchon Hogarth3)Zergliederung der Schoͤnheit c. II. gegen das Ende. Imgleichen Sulzer allgem. Theorie der ſchoͤnen Wiſſenſch. und Kuͤnſte, Art. Allegorie. und Sulzer mit mir auf aͤhnliche Art daruͤber gedacht haben. Nur ſo viel glaube ich zu meiner Rechtfertigung ſa - gen zu koͤnnen: Wenn mit dem erſten Eindruck, den ein Kunſtwerk auf unſer Herz macht, unſer Verſtand zu gleicher Zeit einen befriedigenden Aufſchluß uͤber deſſen Beſtimmung erhaͤlt, ſo ſind wir wenigſtens bei der Erklaͤrung vor den Vorwurf eines unnoͤthigen Aufwandes von Scharfſinn und eitler Witzelei ge - ſichert.

D 2Darf52Der Vaticaniſche Pallaſt.
Wahrſchein - licher Cha - rakter des Apollo als Phoͤbus, ver - ſchieden von demjenigen worinn er als Beſchuͤ - tzer der Wiſ - ſenſchaften und Kuͤnſte vorgeſtellt wird.
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Darf ich eine Vermuthung wagen, uͤber den ſtrengen Ernſt, den wir in der Mine dieſer Statue bemerken? Apollo iſt als Phoͤbus Sinnbild der Sonne. Ihre Strahlen verbreiten Wachsthum und Leben uͤber die Natur, aber in heißeren Gegenden er - zeugen ſie auch Seuchen, die der erzuͤrnte Gott gleich Pfeilen auf die loſe Brut des Prometheus herab - ſchießt.

Die Seltenheit der Statuen des Apollo in die - ſem Charakter ſcheint die Andeutung einer beſonderen Natur zu beſtaͤtigen. Gemeiniglich finden wir ihn im Fruͤhlinge der Jugend mit dem Ausdruck unver - miſchter Heiterkeit dargeſtellet. Dann aͤhnelt er dem Bacchus, und ſtellt, wie ich glaube, den Geber je - ner Freuden vor, die Ruhe erzeugt, und zu deren Genuß wir der Ruhe und gutherzigen Frohſinns be - duͤrfen: Den Beſchuͤtzer der Kuͤnſte und Wiſſen - ſchaften.

Doch! Sey was es ſey, der Ausdruck eines goͤtt - lich hohen Geiſtes, in Formen ausgewachſener Jugend, macht die unverkennbare Abſicht dieſes Werks aus. Aus ihr muß man ſich erklaͤren, warum der Kuͤnſtler jene ſchlaͤngelnden Muſkeln, jene unzaͤhligen Aus - ſchweifungen des Umriſſes, die dem Marmor zwar den Charakter des wahren Fleiſches geben, allein durch die vielen kleinen Parthien, die ſie bilden, auch dem Charakter der Groͤße leicht gefaͤhrlich werden, nicht deutlich angegeben hat. Der Unterleib vorzuͤg - lich ſcheint gleichſam abgerundet, ohne jene muͤrbe Weichheit, welche die Italiener morbidezza nennen.

Dem53Der Vaticaniſche Pallaſt.

Dem angehenden Kuͤnſtler, der hauptſaͤchlich nach Wahrheit ſtreben muß, iſt nicht anzurathen, mit dem Copiren nach dieſer Statue den Anfang zu machen. Aber er ſchaue ſie oft an, um den Begriff hoher Schoͤnheit in ſeiner Seele zu gruͤnden, und um zu lernen, daß das Genie, wenn es ſeine Ideen ver - koͤrpert, mehr an das Geſetz der Natur, an ihre Ver - fahrungsart im Allgemeinen, als an die Treue der Nachahmung ihrer einzelnen Productionen gebunden iſt; daß die Disharmonie der einzelnen Theile allein die Unwahrſcheinlichkeit fuͤhlbar macht, und daß der große Kuͤnſtler durch die einfache belebende Idee, die er ſeinem Werke im Ganzen einhaucht, auch das nicht getreu Nachgeahmte als wahr darſtellen koͤnne.

Das Bein, mit welchem Apollo vortritt, iſt um 9 Minuten laͤnger als das hintere. So machte der Kuͤnſtler die Verkuͤrzung fuͤhlbarer, ohne Nachtheil der Verhaͤltniſſe.

Daß aber das eine Knie etwas eingebogen iſt, liegt wahrſcheinlich nicht an dem Kuͤnſtler des Werks, ſondern an dem Handwerker, den man dazu brauchte, die abgebrochenen Beine wieder anzuſetzen.

Neu ſind: die linke Hand, und die Finger der Rechten.

Antinous. So nennen wir die Statue einesAntinous. jungen Mannes im Belvedere, von deren wahren Bedeutung wir nichts wiſſen. 4)Antinous ein ſchoͤner Juͤngling aus Bythinien war der Liebling des Kaiſers Hadrian. Er ertrank im Nil, und zur Linderung des Schmerzens ſeines Freundes, vergoͤtterte ihn die Kunſt, die Hadrianbeſchuͤtzte,

D 3Dem54Der Vaticaniſche Pallaſt.

Dem Ohngefaͤhr in ſeiner Stellung uͤberlaſſen, voll ſorgloſer Unbefangenheit, nur mit dem Genuße einer heitern Unthaͤtigkeit beſchaͤfftigt, kurz! ohne allen Anſpruch hat dieſer ſchoͤne Juͤngling einen deſto ſichern, uns zu gefallen.

Die Natur iſt in mehreren Theilen dieſer Figur zum Ideal gehoben; aber die genaue Andeutung des Muſkelnſpiels, und das weiche Fleiſch, das ſie be - deckt, laſſen ihr alle Reitze einer Natur, die wir kennen: Selbſt die Unvollkommenheiten, die wir an andern Theilen bemerken, ſcheinen ſie mit demjenigen, was wir taͤglich um uns ſehen, auszugleichen. Ein Gefuͤhl, das vermoͤge des Ruͤckblicks des Zuſchauers auf ſich ſelbſt, nicht wenig zur Liebenswuͤrdigkeit eines Gegenſtandes beitraͤgt, den er durch einzelne Vorzuͤge ſeiner Aufmerkſamkeit werth haͤlt.

Der
4)

beſchuͤtzte, auf vielfache Weiſe. Allein der Kopf unſerer Statue hat mit einem Antinous nicht die geringſte Aehnlichkeit, und der Kopf, den man in Deutſchland unter dieſem Nahmen in Gyps ver - kauft, gehoͤrt nicht dieſer Statue, ſondern der an - dern dieſes Nahmens auf dem Capitol.

Viele halten ſie fuͤr einen Mercur, bewogen durch die Aehnlichkeit mit einer Statue im Pallaſt Farneſe. Ich habe ſchon dort die Gruͤnde ausge - fuͤhrt, warum ich eine unterſetzte Figur wie dieſe, die ſogar dem Vorwurf des Schwerfaͤlligen nicht ganz entgeht, dem Charakter dieſes Gottes nicht anpaſſend halte. Winkelmann Geſch. der Kunſt, S. 844. Wien. Edit. haͤlt ſie fuͤr einen Meleager. Sie ſcheint mir zu viel Sanftes fuͤr dieſen Jaͤger zu haben.

4)55Der Vaticaniſche Pallaſt.

Der Kopf, die Bruſt, die Schultern und Huͤf - ten ſind ſchoͤn und treu. Dieſer Zuſatz von Treue hat einen Mengs und andere Kenner bewogen, dem jun - gen Kuͤnſtler das Studium unſers Antinous in An - ſehung der angezeigten Theile vorzuͤglich vor dem Stu - dio des Apollo zu empfehlen. Der Bauch und die Beine ſind nicht allein nicht ideal, ſie ſind auch ge - mein, unbeſtimmt und ſchwerfaͤllig.

Die Arme fehlen. Die Beine ſind angeſetzt. Davon zeigen ſich Spuren.

Es iſt ein Unterſchied zwiſchen dem AngeſetztenNoͤthige Er - innerung uͤber voreili - ge Beſtim - mung mo - derner Zuſaͤ - tze zu antiken Statuen. und dem Neuen. Oft haben ſich die alten Stuͤcke abgebrochen bei der Statue gefunden. Der Bruch iſt folglich kein ſicheres Zeichen, daß die angeſetzten Theile neu ſind. Selbſt die aͤußerlich anſcheinende Verſchiedenheit des Marmors iſt kein zuverlaͤßiges Merkmahl der Ergaͤnzung; wenigſtens nicht der Er - gaͤnzung in neueren Zeiten. Schon vor dem Ver - fall der Kuͤnſte ſind einige Stuͤcke an verſchiedenen Fi - guren ergaͤnzt worden. Dazu koͤmmt, daß man, um mit Gewißheit uͤber die Verſchiedenheit des Mar - mors zu urtheilen, denſelben ungeglaͤttet und im Pro - fil ſehen muß.

Das ſicherſte Unterſcheidungszeichen des Alten von dem Neuen iſt die Verſchiedenheit des Stils. Aber um dieſe wahrzunehmen, wird eine vertraute Bekanntſchaft mit dem Geiſt der Alten erfordert, hin - reichend, um ihn ſelbſt in den einzelnen Theilen unver - daͤchtig wieder zu erkennen.

D 4 Lao -56Der Vaticaniſche Pallaſt.
Laocoon.
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Laocoon. 5)Ich habe gleich zu Anfang dieſes Buchs erklaͤrt, daß meine Abſicht dahin geht, den Liebhaber auf die Spur des Schoͤnen der hauptſaͤchlichſten Kunſt - werke in Rom zu fuͤhren. Die Schickſale unſerer Statue, die Unterſuchung der Frage: ob der Kuͤnſt - ler den Dichter, oder der Dichter den Kuͤnſtler nach - geahmet habe, kurz! Alles dasjenige, was man nicht zu wiſſen braucht, um unſere Gruppe ſchoͤn zu fin - den, gehoͤrt nicht hieher. Wer hieruͤber das Vor - trefflichſte leſen will, und zu gleicher Zeit eine Ent - wickelung des Gedankens dieſes Kunſtwerks, die der Geiſt des Urhebers eingegeben zu haben ſcheint, der leſe des Herrn Hofraths Heyne Pruͤfung einiger Nachrichten und Behauptungen vom Lacoon im Belvedere. Sammlung antiquariſcher Aufſaͤtze, IItes Stuͤck n. 1.Eine Gruppe.

Darſtellung hoͤchſter Bewegung der Seele und des Koͤrpers, mit moͤglichſter Bewahrung der Schoͤn - heit, ſcheint, nebſt dem Eindruck des Mitleidens, der davon abhaͤngt, die Abſicht geweſen zu ſeyn, welche der Kuͤnſtler bei Bearbeitung der Geſchichte des Lao - coon ſich vor Augen geſetzt hat.

Laocoon hat den Zorn der Goͤtter auf ſich gela - den: Nach dem Virgil, weil er mit ver - wegener Hand den Speer in die Seite des Pferdes geſchleudert hatte, welches von den Griechen vor Troja zuruͤckgelaſſen, von dem groͤßten Theil der Einwohner dieſer Stadt zu einem geheiligten Geſchenke fuͤr den Tempel der Minerva beſtimmt wurde. Eben bringt er dem Neptun ein Opfer, und ſeine beiden Soͤhne leiſten ihm dabei Dienſte der Opferknaben, als zweiSchlan -57Der Vaticaniſche Pallaſt. Schlangen von ungewoͤhnlicher Groͤße, den Vater mit ſeinen Kindern umſchlingen, und ſie mit ſchmerz - haften Biſſen anfallen. Dies iſt der Zeitpunkt, den der Kuͤnſtler aus der Geſchichte zur Darſtellung ge - waͤhlt hat.

Er konnte nicht gluͤcklicher waͤhlen. Der Vater war mit den Soͤhnen bei einer Handlung beſchaͤfftigt: Sie opferten zuſammen: Die gemeinſchaftliche Ge - fahr, die Banden des Bluts, der Schutz, den das ſchwaͤchere Alter von dem ſtaͤrkeren erwartet, verei - nigte bei einem gleichzeitigen Anfall alle drei Figuren zu einer, und eben dadurch verſtaͤrkten, Vorſtellung des Leidens: aber die verſchiedenen Grade dieſes Lei - dens, die Verſchiedenheit des Alters und der Empfin - dungen die davon abhaͤngen, boten zu gleicher Zeit dem Genie des Kuͤnſtlers die groͤßte Abwechſelung in Formen, Stellungen und Ausdruck dar.

Der Vater, der jetzt den erſten Biß der Schlange fuͤhlt, deſſen Beine bis jetzt allein umſchlungen ſind, beſitzt noch den groͤßten Theil ſeiner Kraͤfte. Inzwi - ſchen unfaͤhig im Stehen das Gleichgewicht zu behal - ten, ſtaͤmmt er ſich ſitzend gegen den Wuͤrfel der Ara, und ſucht nun mit ausgeſpreiteten Armen die Schlan - gen von ſich abzuhalten, mit von einander geriſſenen Beinen ſich aus ihren Windungen loszuarbeiten. Aber zu gleicher Zeit fuͤhlt er den Biß des feindlichen Thiers, ſein Koͤrper beugt ſich ruͤckwaͤrts ab, ſein Auge kehrt ſich zum Himmel, und halb flehend, halb anklagend, ruft er mit gepreßter Stimme um Ret - tung und Gnade. 6)Wir haben eine[vortreffliche] Beſchreibung des Lao -coon

D 5Der58Der Vaticaniſche Pallaſt.

Der juͤngere Sohn iſt von der einen Schlange ganz umklemmt, und das toͤdtliche Gift ihres Biſſes unter der Bruſt ſcheint bereits ſeine Adern zu durch - wuͤhlen. Sein Alter iſt das hinfaͤlligſte; Ermattet ſinkt er zuſammen, oder kruͤmmt ſich vor Schmerz, und wehrt nur mit ſchwacher Hand den Kopf der Schlange ab.

Der

6)coon von Winkelmann, G. d. K. W. Edit. S. 844. Allein in ſeiner Begeiſterung ſahe er mehr als das Werk zeigt. Der einfache Grundſatz, daß der Aus - druck der Schoͤnheit nicht nachtheilig ſeyn duͤrfe, hat den Kuͤnſtler ſehr natuͤrlich abgehalten, einen Men - ſchen darzuſtellen, den der Schmerz zur Raſerei treibt. Er braucht dabei an keinen idealiſchen, lei - denden, erhabenen Helden gedacht zu haben. Der Begriff von großer geſetzter Seele folgt von ſelbſt. Ganz vortrefflich ſetzt dies der Herr Hofrath Heyne, Samml. Ant. Aufſ. II. St. n. 1. S. 22. u. f. aus - einander. Ich fuͤge noch hinzu: Laocoon reißt die Augenlieder, und die Muſkeln um die Augenbrau - nen herum, in die Hoͤhe, die Unterlippe haͤngt ſchlaff herab. Dies iſt dem Ausdruck des Zuruͤckhaltens, des Verbeißens ganz zuwider. Hingegen moͤchte ich dem Herrn Hofrath Heyne einen Zweifel daruͤber machen, daß, wie er ſagt: Das ganze Angſtgefuͤhl des Vaters, der ſeine Kin - der Todesqualen leiden ſieht, den einen ſterbend roͤcheln, den andern um Huͤlfe ſchreien hoͤrt, ſich am Laocoon ausdruͤcke. Es iſt moͤglich, und in einer fortſchreitenden Vorſtellung moͤchte dies ein ſehr gluͤcklicher, und auch von der Bildhauerkunſt in einem andern Werke gluͤcklich auszudruͤckenderGedanke

59Der Vaticaniſche Pallaſt.

Der aͤltere hingegen iſt blos um das linke Bein und den rechten Arm von den Schlangen umwunden. Zwar unaufloͤslich, aber doch ſo, daß er noch nicht durch wuͤrklichen Schmerz, durch heftige Beklem - mung leidet: deſto mehr von Schrecken und Angſt. Er ſchreiet, und er kann vielleicht allein ſchreien er ſtreckt Arme und Augen zum Vater, und flehet,deſſen6)Gedanke ſeyn. Allein bei dem gegenwaͤrtigen koͤn - nen wir uns dies blos denken: Wir ſehen es nicht. Laoco