PRIMS Full-text transcription (HTML)
[I]
Deutſche Geſchichte im Zeitalter der Reformation.
Fünfter Band.
Berlin,1843.Bei Duncker und Humblot.
[II][III]

Inhalt.

  • Seite
  • Neuntes Buch. Zeiten des Interims. Erſtes Capitel. Reichstag zu Augsburg 1547, 48. 3
  • Angelegenheit des Conciliums3
  • Entzweiung zwiſchen Kaiſer und Papſt 10.
  • Weltliche Einrichtungen im Reiche16
  • Abſicht den ſchwaͤbiſchen Bund zu erneuern 16. Landfriede, Kammergericht, Reichsanſchlaͤge 20. Burgundiſcher Vertrag 24. Reichskriegscaſſe 29. Belehnungen 32. Rechtsentſcheidungen 34.
  • Das Interim36
  • Zweites Capitel. Einfuͤhrung des Interims in Deutſchland56
  • Veraͤnderung der Stadtraͤthe 61. Uͤberwaͤlti - gung von Coſtnitz 63. Leipziger Interim 83.
  • Drittes Capitel. Stellung und Politik Carls V 1549 155190
  • Verhandlungen mit Rom113
  • Reichstag zu Augsburg 1550 117. Succeſſionsentwurf119
  • Die Proteſtanten in Trient128
  • Saͤchſiſche und wuͤrtenbergiſche Confeſſion 130.
  • Viertes Capitel. Elemente des Widerſtandes in den großen Maͤchten142
  • Seekrieg im Mittelmeer143
  • Erneuerung des Kriegs in Ungarn152
  • IV
  • Seite
  • Fortgang der Reformation in England158
  • Heinrich II und die Farneſen171
  • Fuͤnftes Capitel. Elemente des Widerſtandes in Deutſchland177
  • Belagerung von Magdeburg 179. Kirchliche Gewaltſamkeiten in Augsburg 188. Beleidi - gung der Reichsfuͤrſten 190. Gefangenſchaft des Landgrafen Philipp 194. Deutſch-oͤſtrei - chiſches und brandenburgiſch-preußiſches In - tereſſe 202. Zuſammenkunft zwiſchen Churf. Moritz und Markgraf Hans 207.
  • Sechstes Capitel. Kriegszug des Churfuͤrſten Moritz wider Carl V 1552210
  • Erſte Entwuͤrfe 210. Moritz 221. Unter - handlung mit Frankreich 224. Kriegszug gegen Carl V 231. Aufloͤſung des Conciliums 246.
  • Zehntes Buch. Epoche des Religionsfriedens.
  • Erſtes Capitel. Verhandlungen zu Linz und zu Paſſau253
  • Vertrag zu Paſſau 277. Entlaſſung Johann Friedrichs 279. Ruͤckkehr des Landgrafen Phi - lipp 283.
  • Zweites Capitel. Franzoͤſiſch-osmaniſcher Krieg 1552, 1553285
  • Belagerung von Metz 287. Feldzug in Un - garn 291. Italien 294.
  • Drittes Capitel. Der Krieg zwiſchen Markgraf Albrecht und Churfuͤrſt Moritz im Jahr 1553299
  • Carl V in Verbindung mit Albrecht 303. Er - neuerung des Succeſſionsentwurfs 306. Hei - delberger Bund 310. Verbindung zwiſchen Moritz, Heinrich von Braunſchweig und Koͤ -
  • V
  • Seite
  • nig Ferdinand gegen Albrecht 311. Stellung und Natur Albrechts 315. Moritz in neuem Bunde mit Frankreich 321. Schlacht bei Sie - vershauſen 325.
  • Viertes Capitel. Allmaͤhlige Beruhigung der deutſchen Territorien330
  • Eintritt Churfuͤrſt Auguſts von Sachſen 330.
  • Friede zwiſchen Auguſt und Albrecht 333. Er - neuerung der Erbverbruͤderung zwiſchen Bran - denburg, Sachſen und Heſſen 333. Zutritt Fer - dinands zum Heidelberger Bund 334. Heinrich von Braunſchweig gegen Albrecht 335. Aus - gang Markgraf Albrechts 344. Beilegung ter - ritorialer Streitigkeiten in Deutſchland 347.
  • Fuͤnftes Capitel. Reichstag zu Augsburg 1555352
  • Berathungen uͤber den Religionsfrieden356
  • Geiſtlicher Vorbehalt 370.
  • Berathungen uͤber Friede und Recht373
  • Executionsordnung, Kreisverfaſſung 373. Neue Kammergerichtsordnung 379.
  • Beſchlußnahme383
  • Sechstes Capitel. Abdankung Carls V393
  • Verbindung des Kaiſers mit England unter Ma - ria 393. Uͤbertragung der Erblande auf Phi - lipp 403, Unterhandlungen wegen der Uͤber - tragung des Kaiſerthums 411 ff. Anfang der ſelbſtaͤndigen Regierung Ferdinands 413. Chur - fuͤrſtenverſammlung zu Frankfurt 415. Chur - verein von 1558 418. Letzte Tage Carls V 423.
  • Siebentes Capitel. Fortgang und innerer Zu - ſtand des Proteſtantismus427
  • Einwirkung des Proteſtantismus auf die Reichs - verfaſſung 430. Reformation der Rheinpfalz, Badens 432. Conceſſionen in Baiern und Oͤſt - reich 433.
  • VI
  • Seite
  • Grundzuͤge der proteſtantiſchen Kirchenverfaſſung435
  • Theologiſche Streitigkeiten443
  • Flacius 446. Major und Oſiander 448. Cal - vin 451. Maͤngel der Verfaſſung 459. Un - erledigte Fragen 462.
  • Achtes Capitel. Entwickelung der Literatur465
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Neuntes Buch. Zeiten des Interims.

Ranke D. Geſch. V. 1[1_3][1_3]

Erſtes Capitel. Reichstag zu Augsburg 1547, 48.

Angelegenheit des Conciliums.

Siege werden bald erfochten: ihre Erfolge zu befeſti - gen, das iſt ſchwer.

Für Carl V war mit dem Siege über die ſchmalkal - diſchen Stände nur erſt die Hälfte der Arbeit gethan: wollte er die Gedanken ausführen, von denen er beſeelt war, ſo ſtand ihm noch ein Gang mit ſeinem eignen Verbündeten bevor.

Wir wiſſen ſchon, wie wenig ihm die Art und Weiſe genug that, in der das Concilium unter dem Einfluß des Papſtes verfuhr: jene Feſtſetzung der ſtreitigen Lehrpuncte in einem Sinne welcher die Proteſtanten abſtoßen mußte, die er herbeizubringen gedachte; noch mehr die Translation der Ver - ſammlung, zu der man geſchritten war, ſo bald nur von der ſo oft verſprochenen Reform ein wenig ernſtlicher die Rede ſeyn ſollte. Keinen Augenblick hatte er dieſe Dinge aus den Augen verloren. Er hat wohl geſagt, im Laufe des Krie - ges habe er mehr an Rom und an das Concilium gedacht als an den Krieg ſelber. Noch war er nicht geſonnen, we - der dieſe Verlegung ſich gefallen zu laſſen, oder auch nur die publicirten Artikel anzuerkennen.

1*4Neuntes Buch. Erſtes Capitel.

In Bologna wagte man doch wirklich nicht, zu con - ciliaren Handlungen zu ſchreiten:1Mendoza an den Kaiſer 26 Mai. Ha sido necesario ha - blar a Farnesio, para que alli (a Bologna) no hiziesse algun acto, y asegurarme primero con la palabra del papa diziendo que de otra maniera yo haria el protesto. man begnügte ſich mit vorläufigen Beſprechungen.

Wie die beiden Häupter dort einwirkten, davon iſt ein Beiſpiel, daß als eine ſolenne Seſſion für die Mitte Sep - tember angekündigt war und der Papſt ſich Ende Auguſt aus Rom erhob, um ihr durch ſeine Gegenwart ſo größeres An - ſehn zu geben, er verſäumte nicht vorher die Geſtirne um die glückliche Stunde zu befragen, der kaiſerliche Geſandte ihm nacheilte und ihn durch Drohungen dahin brachte, daß die Sitzung nur in Form einer Congregation gehalten ward. 2Mendoza an den Kaiſer 27 Aug., 2 Sept., 10 Sept.

So recht römiſch kam es dem Kaiſer vor, daß der päpſt - liche Geſandte, der ihn in Bamberg traf, ihn zu überreden ſuchte, ſeine ſiegreichen Waffen nun gegen England zu wen - den. Er antwortete, er wolle nicht aufs neue den Haupt - mann eines Mannes machen, der ihn in der Mitte der letz - ten Unternehmung verlaſſen habe. Der Nuntius erinnerte ihn mit officieller Frömmigkeit an ſeine Pflichten gegen die Religion. Der Kaiſer entgegnete, er wünſche nur, daß An - dere ihre Pflicht in dieſer Beziehung ſo gut erfüllen möchten wie er die ſeine. 3Bericht von Sfondrato. Pallavicini X, iii.

Blieb er aber dabei, die Sache des Conciliums in ſei - nem Sinne durchzuſetzen, ſo fand er dafür eine mächtige Unterſtützung in dem Übergewicht das er jetzt in Deutſch - land erworben.

5Reichstag zu Augsburg 1547. Concilium.

Am erſten September eröffnete er den Reichstag zu Augsburg, mit einer Propoſition, in der er zunächſt die geiſt - lichen Angelegenheiten da wieder aufnahm, wo ſie vor zwei Jahren abgebrochen worden: aber unter ganz andern Um - ſtänden und mit einer ohne Vergleich größern Ausſicht, ſeine Meinung durchzuſetzen.

Die proteſtantiſche Corporation, welche früher nicht al - lein nach ihrer eignen Meinung, ſondern auch vermöge der ihnen gewordenen Zugeſtändniſſe eine geſetzliche Stellung ein - nahm und an der excluſiv proteſtantiſchen Idee feſthielt, war nicht mehr; der Kaiſer verbat ſich überhaupt abgeſonderte Zuſammenkünfte und Berathungen. Alle die in des Kaiſers Frieden gekommen, hatten ſich mehr oder minder ohne Rück - halt zum Gehorſam in dieſer Hinſicht verpflichtet. Jene pro - teſtantiſche Mehrheit, die ſich zuletzt im Churfürſtenrathe zu bilden begonnen, war durch die Cataſtrophe des Erzbiſchof Hermann von Cölln vollkommen beſeitigt. Die geiſtlichen Fürſten, die ihre Erhaltung hauptſächlich dem Kaiſer ver - dankten, hiengen ihm mit doppelter Ergebenheit an.

Unter dieſen Umſtänden konnte die Beſchlußnahme des Reichstags, als nun der Kaiſer aufs neue die Anerkennung des tridentiniſchen Conciliums forderte, auf keine beſondere Schwierigkeit ſtoßen.

Der Fürſtenrath, der abermal die Initiative ergriff, er - klärte, der wahre Weg die Spaltung in der Religion zu heben ſey eben der, die Erörterung einem freien gemeinen Concil heimzuſtellen, immaßen das allbereit zu Trient an - gefangen worden. Dieſem Gutachten ſtimmten die geiſt - lichen Churfürſten beinahe wörtlich bei. 1Unter den Schriften welche Saſtrow in die Haͤnde bekom -Nicht ſo entſchie -6Neuntes Buch. Erſtes Capitel.den war die Äußerung der weltlichen Mitglieder dieſes Col - legiums; aber ſie widerſprachen wenigſtens nicht: ſie er - kannten an, daß die ſtreitige Religion auf ein gemein frei chriſtlich Concilium remittirt werden ſollte, es möge nun zu Trient gehalten werden oder an einem andern Orte deutſcher Nation. Die Städte hatten ein abweichendes Gutachten vor - bereitet, aber durch die Vorſtellung des kaiſerlichen Rathes Dr Haſe ließen ſie ſich bewegen davon abzuſtehn. Hierauf konnte der Kaiſer dem Papſt erklären: was er mit ſo viel Arbeit und Eifer herbeizuführen geſucht, das ſey nun ge - ſchehen: Churfürſten, geiſtliche, weltliche Fürſten ſo wie die Städte haben ſich dem nach Trient ausgeſchriebenen und daſelbſt begonnenen Concilium unterworfen. 1Instructione al Cl de Trento 9 Nov. 1547. Lo substan - tial sara avisar a S. Sd con quanto trabajo y cuidado nostro se ha procurado que todos los estados de la Germania, assi electo - res principes ecclesiasticos y seglares como las cibdades, se so - mettiessen (como han hecho) al concilio ya inditto e celebrado y que se celebre en Trento.

Nun enthielt aber dieſer Beſchluß im damaligen Augen - blick nicht mehr einfach die Thatſache der Unterwerfung, ſon - dern zugleich denn abſichtlich ward auf die Bezeichnung des Ortes viel Nachdruck gelegt eine Erklärung gegen die Translation der Kirchenverſammlung. Schon gleich in den erſten Tagen nach ihrer Ankunft hatten die geiſtlichen Fürſten den Papſt einmüthig um die Zurückverlegung er - ſucht. Dieſes Begehren ward jetzt durch den allgemeinen Beſchluß der Stände gewaltig verſtärkt.

Und dabei blieben ſie nicht ſtehen. Hatte der Kaiſer1men und ſeiner Lebensbeſchreibung einverleibt hat, fehlt das erſte Gut - achten des Churfuͤrſtenrathes. Das was voranſteht (II, 112) iſt der Zeit nach ſpaͤter als das ihm folgende fuͤrſtliche.7Reichstag zu Augsburg 1547. Concilium.die Publication der zu Trient gefaßten Beſchlüſſe gemißbil - ligt, ſo traten ihm auch darin die Stände bei. Die Für - ſten, denen jene Feſtſetzungen wenigſtens amtlich noch nicht mitgetheilt worden, forderten, wenn in den ſtreitigen Arti - keln bereits etwas beſchloſſen ſey, ſo müſſe das doch aufs neue vorgenommen und vor allem erſt die Erklärung der Proteſtirenden darüber gehört werden. 1 Ob auch im vhall von etlichen ſtreitigen Artikeln im Con - cilio zu Triendt geredt oder beſchloſſen worden waͤre, welches doch nit vor Augen, das dennoch nichtsdeſteminder dieſelbigen Artikel wiederum fuͤr hand genommen und die proteſtirenden genugſamlich darauf ver - hort und von inen gute rechenſchaft irer lere und glauben vernom - men werde. Jene dogmatiſchen Beſtimmungen, auf welchen ſpäter die Rechtgläubigkeit der katholiſchen Kirche zu beruhen geſchienen, wollte fürs Erſte ſo wenig das Reich wie der Kaiſer anerkennen. Es ver - ſteht ſich, daß die proteſtantiſch-geſinnten Mitglieder beider Räthe hierin noch eifriger waren. Die weltlichen Churfür - ſten forderten ausdrücklich die Reaſſumtion der ſchon be - ſchloſſenen Artikel: ſie fügten hinzu, nur nach der Norm der göttlichen Schrift würden dieſelben zu entſcheiden ſeyn. Die Stimmung zeigte ſich überhaupt ganz entſchieden. Verge - bens trug Leonhard Eck darauf an, daß man, um weiter - gehende Fragen abzuſchneiden, den Papſt als Vorſitzer des Conciliums bezeichnen ſolle: die Zeiten ſeines Einfluſſes und Übergewichts waren vorbei; in dem Rathſchlag des Für - ſtenrathes findet ſich nichts hievon. Dagegen lautet das Gutachten der weltlichen Churfürſten dahin, daß der Papſt die Mitglieder des Conciliums aller Pflichten, mit denen ſie ihm verwandt ſeyen, erledigen, und dem Concilium unter -8Neuntes Buch. Erſtes Capitel.worfen ſeyn ſolle: eine Reformation an Haupt und Glie - dern brachten ſie aufs neue in Anregung. Und noch leb - hafter drückten ſich die Städte aus. Die Entſcheidung über die ſtreitigen Artikel dürfe mit nichten Sr Hoheit dem Papſt (das Wort Heiligkeit vermieden ſie) und den Anhängern deſſelben überlaſſen, ſie müſſe frommen, gelehrten, gottesfürch - tigen und von allen Ständen dazu auserwählten Perſo - nen, die von jeder Verpflichtung befreit worden, anheim - geſtellt werden. 1Staͤdtiſches Gutachten bei Saſtrow 143.

Auf Forderungen dieſer Art konnte und mochte Carl V nun zwar in dieſem Augenblicke nicht eingehn. Auf keinen Fall aber war ihm ein Beſtreben zuwider, das auf eine Er - höhung der kaiſerlichen Gewalt und eine Einſchränkung der - jenigen zielte, mit der er alle ſeine Tage zu kämpfen gehabt und ſo eben wieder in heftige Irrungen verwickelt war. Am Reichstag verlautete das Wort, daß der Kaiſer Präſident des Conciliums ſeyn müſſe, nicht der Papſt. In den Reichs - beſchlüſſen war von keinem Vorbehalt päpſtlicher Einwilli - gung die Rede;2Wie ſich Sfondrato beſchwert, Pallav. X, vi, 121. der Kaiſer verſprach in ſeinem eignen Na - men, daß das Concilium in Trient gehalten, und die ganze Tractation er bediente ſich hiebei der Ausdrücke, die die weltlichen Churfürſten gebraucht und die auf die älteſten Schlüſſe in dieſer Sache zurückwieſen gottſelig, chriſtlich, nach göttlicher und der alten Väter heiliger Lehre und Schrift vorgenommen und zu Ende geführt werden ſolle. Die wei - tern Anträge der Churfürſten verwarf er doch nicht geradezu: er bat nur auch in dieſer Hinſicht um das volle Vertrauen der Stände.

9Reichstag zu Augsburg 1547. Concilium.

Hatte der Papſt die Zeit des Krieges benutzen können, um das Concil auf ſeine Weiſe zu leiten, ſo machte der Er - folg der Waffen es wieder dem Kaiſer möglich, ſich dieſer Direction mit größtem Nachdruck zu widerſetzen.

Am 9ten November fertigte er den Cardinal von Trient, Chriſtoph Madrucci, noch Rom ab, um die Zurückverlegung des Conciliums, auf welche er bisher ſo ſtandhaft gedrun - gen, nun auch im Namen des Reiches zu fordern.

Der Kaiſer erwähnte in der Inſtruction, daß er die Anträge welche zum Nachtheil der päpſtlichen Autorität ge - macht worden, nicht angenommen; er verſicherte ausdrück - lich, daß das Concilium im Fall einer Vacanz dem Wahl - recht der Cardinäle keinen Eintrag thun ſolle: aber da jetzt das heilige Werk geſchehen, daß ſich das Reich dem Con - cilium einfach unterwerfe, ſo möge nun auch der Papſt die Umſtände, die ſo günſtig ſeyen wie man ſie niemals hätte hoffen dürfen, benutzen und das Concilium nach Trient zu - rückführen:1para dia certo e señalado con el mas breve termine que ser pudiere. (Worte der Inſtruction.) damit werde er ſeine Pflicht gegen Gott und ſeine Würde erfüllen.

Was würde wohl geſchehen ſeyn, wenn die beiden Ober - häupter ſich verſtanden, eine ernſtliche Verbeſſerung der au - genſcheinlichen Mängel vorgenommen und dann mit verein - ten Kräften und ungetheilter Autorität auf die Herſtellung der alten Kirchenformen hingearbeitet hätten? Würden ſie bei einiger Nachhaltigkeit des Verfahrens damit nicht wirk - lich haben durchdringen können?

Es war ein großes Schickſal, daß in dem entſchei -10Neuntes Buch. Erſtes Capitel.denden Augenblicke die Erbitterung zwiſchen beiden größer war als je.

Paul III fürchtete nichts mehr als die Übermacht eines neu emporkommenden Kaiſerthums. So auffallend es auf allgemeinem Standpunct ausſieht, daß er im Frühjahr 1547 dem Vorfechter des Proteſtantismus eher den Sieg wünſchte, ſo gewiß iſt es doch: mit Freuden vernahm er die Nach - richt von jenem Rochlitzer Ereigniß; der Hof gab zu erken - nen, wie ſehr er wünſchte den Kaiſer in Ungelegenheiten ver - wickelt zu ſehen. Dem König Franz ließ man von Rom aus noch wiſſen, er könne nichts Nützlicheres thun, als Die - jenigen unterſtützen, von denen dem Kaiſer Widerſtand ge - leiſtet werde; mit dem Nachfolger deſſelben, Heinrich II, trat der alte Papſt ſofort in die engſte Verbindung: er brachte die Vermählung ſeines Enkels Horatio mit einer natürlichen Tochter des neuen Königs zu Stande. Hierauf war von einer dem Kaiſer entgegenzuſetzenden Ligue zwiſchen Frankreich, Ve - nedig und dem Papſt unaufhörlich die Rede. Alle Gegner des Kaiſers und ſeiner Partei ſahen in dem Papſt und ſei - nem Hauſe ihre natürlichen Häupter. Pier Luigi Farneſe, der Sohn des Papſtes, hatte an allen Bewegungen gegen den Kaiſer einen mehr oder minder zu Tage liegenden Antheil.

Welch ein Schlag ohne Gleichen war es da, daß eben dieſer Pier Luigi am 10ten September 1547 in Piacenza ermordet ward.

Er hatte daſelbſt im Sinne der italieniſchen Tyrannen alter Schule regiert, die Vorrechte der Edelleute aufgeho - ben, die Bauern dieſen zwar gleichgeſtellt, aber dann mit harten Frohnden belaſtet, eine Menge Geſetze gegeben, die11Entzweiung zwiſchen Kaiſer und Papſt.nur darauf berechnet ſchienen, diejenigen zu ſtrafen welche ſie übertreten würden und ihre Güter zu confiſciren, was dann ohne Weiteres geſchah. So eben baute er ſich ein Schloß, zu welchem er geweihte Plätze eingezogen, Häuſer von Witwen und Waiſen niedergeriſſen; man ſagte wohl, er werde die Angeſehenſten ſeines Gebietes dahin einladen und es mit ihrem Blute dem Satan weihen. So zog er denn auch das Schickſal der alten Tyrannen über ſich herein. Eine Verſchwörung bildete ſich, der er erlag. 1Details aus einer merkwuͤrdigen Vertheidigungsſchrift der Verſchwornen. Supplica delli conti Agostino Landi, Giov. An - gosciola, Alessandro e Camillo fratelli de Pallavicini, nella quale allegano le cagioni che gli indussero a conspirar contra P. L. Farnese. (Inform. politt. IV.)

Wie die Dinge der Welt einmal ſtanden, ſo griff dieſe Ermordung mit allen großen Ereigniſſen zuſammen.

Der kaiſerliche Befehlshaber in Mailand, Ferrante Gon - zaga, der längſt mit Mißvergnügen wahrgenommen daß Pier Luigi franzöſiſche Soldaten nach Piacenza kommen laſſen, ſäumte keinen Augenblick, dieſe Stadt jetzt im Namen des Reiches, das ſeine Anſprüche daran niemals aufgegeben, in Beſitz zu nehmen. Man glaubte allgemein, er habe das Unternehmen der Verſchwornen gekannt und ſey damit ein - verſtanden geweſen. Der florentiniſche Geſandte verſichert es mit Beſtimmtheit;2V. Eccel. puo esser certa che D. Ferrante sapeva quel che s’ordinava a Piacenza. er meint annehmen zu dürfen daß auch Granvella darum gewußt habe. Wir finden Nachrichten, nach welchen der Kaiſer befragt worden, ſich anfangs ge - ſträubt und endlich eingewilligt hatte. 3Avvertimenti al Da di Terranuova: Inf. politt. XII.

12Neuntes Buch. Erſtes Capitel.

Es iſt nicht zu beſchreiben, in welche Stimmung von Haß und verhaltener Wuth der Papſt hiedurch gerieth.

Don Diego Mendoza berichtet, er habe geſagt, wenn man ihm Piacenza nicht wiedergebe, ſo werde er ſich helfen ſo gut er könne, und ſollte er die Hölle zu Hülfe rufen. 1 que hara lo que pudiere y se ajutara con el diablo. (Mendoza 20 Sept)Mendoza iſt überzeugt, ein Bund mit Frankreich ſey dem Abſchluß nahe, man denke den Herzog von Guiſe zum - nig von Neapel zu machen. Ein Wort des Cardinal Far - neſe, der heilige Vater werde ſich mit Jemand verbinden, von dem man es nicht denke, deutet er auf das Vorhaben eines Bundes mit dem Sultan. Dem Geſandten dagegen gieng der Gedanke durch den Kopf, ſich im Namen des Kaiſers der Engelsburg zu bemächtigen: wäre nur der Ver - dacht nicht ſo wachſam geweſen.

Dieſe weltliche Entzweiung machte nun den in den geiſt - lichen Geſchäften eingetretenen Bruch vollends unheilbar.

Der Papſt ſah in den Anträgen, die der Cardinal Ma - drucci brachte, doch nichts als eine neue Feindſeligkeit: er wußte ſehr wohl, daß die Forderung der Zurückverlegung noch keineswegs das letzte Wort des Kaiſers enthielt.

Dazu aber, dieſe Forderung geradehin zurückzuweiſen, war jedoch ſeine Stellung auch nicht angethan. Wie der Kaiſer, ſo mußte auch er maaßhaltend, mit der nöthigen Rechtfertigung vor der Welt erſcheinen.

Zuerſt legte er die Sache einer Deputation von Car - dinälen vor. Deren Urtheil war, daß Kaiſer und Reich es nicht übel deuten könne, wenn S. Heil. in der wichtigen13Entzweiung zwiſchen Kaiſer und Papſt.Angelegenheit die in Bologna verſammelten Prälaten ſelbſt zu Rathe ziehe.

Sehr beſonders: dieſelbe Verſammlung, deren Berech - tigung der Kaiſer leugnete, wurde aufgefordert, ſich über die Anträge zu äußern die er gegen ſie machte.

Und dieſe lehnte nun nicht mit dürren Worten ab, nach Trient zurückzugehn, aber ſie machte Bedingungen die eben ſo gut waren wie eine vollkommen abſchlägliche Antwort. Vor allem ſollten die in Trient zurückgebliebenen Prälaten nach Bologna kommen und ſich mit ihr vereinigen; dann wollte ſie im Voraus wiſſen, ob die deutſche Nation ſich dem Con - cil dergeſtalt unterwerfe, daß ſie die in Trient beſchloſſenen und bereits bekannt gemachten Decrete über die Glaubensfra - gen anerkenne, ſolche niemals in Zweifel zu ziehen ſich ver - pflichte; ferner ob der Kaiſer nicht etwa die bisher beobach - teten conciliaren Formen abzuändern gedenke; ob es der Mehrheit des Conciliums frei ſtehn werde, über neue Trans - lation oder Beendigung definitiv zu beſchließen. 1Schreiben des Cardinal de Monte an den Papſt, Bologna 20 Dec. 1547. Am 19ten war die Congregation gehalten, in wel - cher die Beſchluͤſſe gefaßt worden ſind.

Eine Antwort die den Forderungen der deutſchen Na - tion und den Abſichten des Kaiſers ſchlechthin entgegenlief. Der Papſt händigte ſie dem kaiſerlichen Bevollmächtigten als ſeine eigne ein; dieſer erkannte, daß hier weiter nichts aus - zurichten ſey, und trat ſeine Rückreiſe an. 2Vedendo il Cle che con tutto il negotio che si è pos - suto fare non s’havea altra resolutione, pigliò da S. Sà licentia. (Rel. del Cl di Trento.)

Dem Kaiſer konnte dieß wohl nicht unerwartet kommen;14Neuntes Buch. Erſtes Capitel.er war entſchloſſen es nicht zu dulden, ſondern die alte Dro - hung einer feierlichen Proteſtation endlich zu vollführen.

Auf die förmlichſte Art von der Welt kam es zum Bruch zwiſchen beiden Gewalten.

Am 16ten Januar 1548 erſchienen die kaiſerlichen Pro - curatoren, zwei Spanier, Licentiat Vargas und Doctor Ve - lasco, in der Verſammlung der Prälaten zu Bologna. Wir ſind hier, begann der Licentiat, im Namen unſers Herrn, des römiſchen Kaiſers, um einen Act auszuführen den ihr längſt erwartet. Ihr ſeht wohl welch ein Unglück der Welt bevorſteht, wenn ihr hartnäckig auf einer Meinung behar - ren wollt, die ihr einmal, ohne die gehörige Vorſicht, er - griffen habt. Auch ich bin hier, entgegnete der Le - gat Monte, im Namen Sr Heiligkeit, des unzweifelhaf - ten Nachfolgers Petri, Stellvertreters Jeſu Chriſti, und hier ſind dieſe heiligſten Väter, die das Concilium unter Einwir - kung des heiligen Geiſtes fortſetzen wollen, nachdem es recht - mäßig, aus Gründen die ſie ſelber gebilligt haben, von Trient verlegt iſt. Wir bitten Seine Majeſtät, ihre Meinung zu ändern und uns ihren Schutz zu gewähren, denn man weiß, wie ſchwere Strafen ſich Diejenigen zuziehen, die ein Concilium ſtören, wie hoch auch die Würde ſeyn möge mit der ſie bekleidet ſind.

Nachdem hierauf die kaiſerliche Vollmacht vorgewieſen war das Original auf Pergament, von dem ausdrücklich bemerkt wird, es ſey darin nichts ausgeſtrichen oder radirt geweſen, mit dem kaiſerlichen Inſiegel,1Datirt Augsburg 27 Aug., man ſieht vorlaͤufig. verlas Velasco die Proteſtation, in welcher der Kaiſer aus den öfter erwähn - ten Gründen, die er noch einmal zuſammenfaßte, die un -15Entzweiung zwiſchen Kaiſer und Papſt.verzügliche Rückkehr der verſammelten Prälaten nach Trient forderte. Würden ſie ſich, was er nicht hoffe, dazu nicht ent - ſchließen, ſo proteſtire er hiemit, daß die Translation un - rechtmäßig und ſammt allem was darauf folge, null und nichtig ſey. Ihnen die ſich Legaten nennen, und den hier verſammelten, größtentheils von dem Winke des Papſtes ab - hängigen Biſchöfen, könne unmöglich das Recht zuſtehn, in Sachen des Glaubens und der Reformation der Sitten der chriſtlichen Welt Geſetze vorzuſchreiben, am wenigſten für eine ihnen nicht eigentlich bekannte Provinz; die Antwort welche ſie und S. Heiligkeit dem Kaiſer gegeben, ſey unangemeſſen, voll von Unwahrheiten, nichts als Täuſchung. Er ſelbſt, der Kaiſer, müſſe ſich der vom Papſt vernachläßigten Kirche an - nehmen, und alles thun was nach Recht und Geſetz, nach altem Herkommen und der öffentlichen Meinung der Welt ihm zukomme, kraft ſeines Amtes als Kaiſer und als König.

Der Legat erwiederte, von dem was er gethan, wolle er Gott Rechenſchaft geben, dulden aber könne er nicht, daß die weltliche Gewalt ſich anmaße ein Concilium zu be - herrſchen.

Wir ſehen: er hielt an ſeinem Begriffe von der Un - abhängigkeit der geiſtlichen Gewalt feſt, und ließ ſich nicht aus der Faſſung bringen. Andern aber war doch nicht wohl zu Muthe. Der Secretär des Conciliums ſchließt ſeinen Be - richt hierüber mit dem Gebet, daß dieſer Tag nicht der Anfang des größten Schismas in der Kirche Gottes ſeyn möge. 1Actenſtuͤcke bei Rainaldus Tom. XXI, p. 373.

Die Proteſtation iſt eigentlich eine geiſtliche Kriegserklä - rung. Der Kaiſer war geſonnen, die Feindſeligkeit die er auf16Neuntes Buch. Erſtes Capitel.dieſem Gebiete begann, ſo ernſtlich auszuführen wie jemals eine andre.

Die vornehmſte Maaßregel die er hiezu ergriff, iſt aber ſo durchaus reichs-oberhauptlich und bildet ein ſo weſentli - ches Stück ſeiner Reichsverwaltung, daß wir wohl am be - ſten thun, dieſe zuvörderſt in ihren nächſten weltlichen Be - ziehungen ins Auge zu faſſen.

Weltliche Einrichtungen im Reiche.

Wir berührten oben, welche Plane höchſt umfaſſender Art den Kaiſer durchflogen, als er den Krieg unternahm.

Wollte er aber das Reich einmal erblich machen, wie er dachte, ſo mußte er es vor allem regieren: er mußte ſich in dem Vereine autonomer ſelbſtändiger Mächte die ihn um - gaben, ein Übergewicht verſchaffen, durch welches ſie genöthigt wurden, dem Antriebe zu folgen den er ihnen geben wollte.

Es iſt ſehr merkwürdig, daß er dieß anfangs weniger auf dem Wege der Verfaſſung als durch einen Bund zu thun beabſichtigte.

In den erſten Jahren ſeiner Regierung hatte er em - pfunden, welch ein Moment der Macht in dem ſchwäbiſchen Bunde lag: ſo wie jetzt ſein Glück wieder beſſer wurde, faßte er den Gedanken denſelben zu erneuern und zu erweitern, und unaufhörlich finden wir ihn ſeitdem dahin arbeiten.

Den Capitulationen der oberländiſchen Stände wurden Ausdrücke einverleibt, an welche man ſpäter die Anmuthung knüpfen konnte, in einen Bund dieſer Art zu treten. 1Dem Herzog Ulrich ſagten die kaiſerlichen Abgeordneten,Im Fe -17Abſicht den ſchwaͤbiſchen Bund zu erneuern.bruar 1547 dachte Carl in Perſon eine Verſammlung in Frankfurt zu halten um denſelben zu Stande zu bringen; wir finden ſeine Abgeordneten Caſpar von Kaltenthal und Hein - rich Haſe jenen Franken durchreiſen, dieſen die ſchwäbiſche Ritterſchaft verſammeln, um dazu vorzubereiten. 1Relation was Caſpar v. Kaltentall mit den Stennden des frenkiſchen Krays der Hilff und des tags zu Ulm ausgericht. (Arch. zu Berlin.)So lange jedoch mächtige Feinde im Felde ſtanden, ließ ſich hievon we - nig Erfolg erwarten. Erſt Ende Mai, nachdem der ſäch - ſiſche Krieg glücklich beendigt worden, eröffnete ſich wirklich ein Bundestag zu Ulm, an welchem der Biſchof von Augs - burg und Markgraf Johann von Cüſtrin, dieſer eigentlich an Statt König Ferdinands, der noch in Böhmen beſchäftigt war, als kaiſerliche Commiſſarien auftraten, die alte Bun - desformel vorlegten und zur Annahme derſelben einluden. 2Actenſtuͤcke im Berl. Archiv. (Vgl. den Anhang.)

Bei weitem mächtiger aber wäre dieſer Bund gewor - den als der frühere. Er ſollte das ganze Reich umfaſſen, die einzige zugelaſſene Einung bilden, mit Bundesrichtern ver - ſehen ſeyn, um jede innere Streitſache ohne viele Weitläuf - tigkeiten zu Ende zu bringen; der Landfriede ſollte darin auf das ernſtlichſte gehandhabt, jeder Vergewaltigte namentlich vor allen Dingen wieder in ſeinen Beſitz hergeſtellt, dann erſt ſeine Sache unterſucht werden. Die Reichsverfaſſung war mit Förmlichkeiten überladen; bei dem Eintritt in die ver - ſchiedenen Collegien ward ſchon jedes Mitglied vom Gefühl1ſein Beitritt wuͤrde der Heilbronner Abkunft gemaͤß ſeyn. Sattler III, 258.Ranke D. Geſch. V. 218Neuntes Buch. Erſtes Capitel.ſeiner Selbſtändigkeit erfüllt; Heimbringen, Proteſtiren war faſt herkömmlich geworden: in einem Bunde dagegen, welcher die Vorausſetzung freiwilliger Theilnahme für ſich hatte, waren die Beſchlüſſe einmüthiger, durchgreifender; we - nigſtens der ſchwäbiſche hatte kein Heimbringen geſtattet; den Schlüſſen der Bundesräthe zu folgen war ein jeder verpflichtet.

Es liegt am Tage, wie da das Übergewicht der Macht ſich bei weitem eher durchſetzen konnte als im Reiche; der Kaiſer, der mit den öſtreichiſchen und niederländiſchen Land - ſchaften beizutreten gedachte, würde den Bund ohne Zweifel beherrſcht haben. Die herkömmliche Autorität des Reichs - oberhauptes würde durch die Bundesgewalt zu doppelter Ener - gie gelangt ſeyn.

Eben darum mußte aber dieſer Entwurf doch auch den größten Widerſpruch hervorrufen.

Die Städte bemerkten mit Schrecken, daß ſie fortan an allen Kriegen des Hauſes Öſtreich in obern und nie - dern Landen würden Theil nehmen müſſen; ſchon die Unko - ſten der Zuſammenkünfte würden ihnen läſtig fallen, die un - aufhörlichen Hülfleiſtungen aber ſie zu Grunde richten; ihr Gewerbe nach den benachbarten Ländern, wie England und Frankreich, würde ſie doppelter Gefahr ausſetzen. 1Inſtruction von Ulm. Dieweil menigklich unverporgen, woͤl - chermaßen der Kayſ. und Kon. Mt Erb und andere lender taglichs von frembden Potentaten angefochten werden; Kſ. Mt ſey von den Staͤnden zu bitten von dieſem Iren beſchwerlichen Vorhaben allergnedigſt abzuſteen.

Die Räthe der Fürſten überlegten, daß ſogar die Ter - ritorialhoheit dadurch in Gefahr gerathen dürfte. Biſchöfe, Grafen und Herrn würden ſich von der Regierung des Für -19Abſicht den ſchwaͤbiſchen Bund zu erneuern.ſten abſondern, deſſen Schutz ihnen nicht mehr nöthig ſey, ſobald aller Schutz vom Bunde ausgehe. Churfürſt Moritz erinnerte, die Erbeinung der Häuſer Heſſen, Brandenburg und Sachſen, durch welche die Kaiſer oftmals genöthigt worden mit deren Rathe zu handeln, werde nicht mehr beſtehn;1Aus dem Concept zu einem undatirten, jedoch fruͤheren Schrei - ben Joachims an Moritz: Weil wie E. Chf. Gn. erachten, dieſer bund hier dieſen landen wenig nutzlich oder furtreglich, ſondern allein zu untreglichen koſten gereichen wolt, bittet Chf. freundlich, ſ. Chf. Gn. wolten die Unterrede und damals Ir Chf. Gn. Anzeigen ingedenk ſeyn, ſich in dieſe Buͤndniß nit bereden laſſen, noch dieſelb annemen, mit ferrer einfuͤrung das unſer alte beſchworne Erbeini - gung dadurch abgethan werden wolt. das ſächſiſche Recht, um deswillen man von der Appellation befreit ſey, und viele andere Privilegien würden bedroht werden. 2Rethe zu Torgau an den Churfuͤrſten zu Sachſen. (Dresd Archiv.)

Wilhelm von Baiern, der wieder in ſehr katholiſchem Eifer war, fand eine Verbindung mit proteſtantiſchen Für - ſten auch darum unthunlich, weil man dann genöthigt wer - den könnte dem Reformationsweſen zuzuſehen.

Es war ſchon von ſchlechter Vorbedeutung, daß der Kai - ſer in Ulm nicht vorwärts kam und die Verhandlung über den Bund an den Reichstag ziehn mußte. Hier ließ er ſie aller - dings nicht ſogleich fallen: der vorgelegte Entwurf ward von den beiden höhern Collegien begutachtet, ein Schriftwechſel auf die herkömmliche Weiſe darüber eingeleitet: wohlverſtanden jedoch, mit dem Vorbehalt der Unverbindlichkeit; endlich ward, nach langer Weigerung der Churfürſten, ein gemein - ſchaftlicher Ausſchuß darüber niedergeſetzt; ſo weit kön - nen wir die Sache verfolgen: wie nun aber der Ausſchuß2*20Neuntes Buch. Erſtes Capitel.zuſammentreten ſoll, wo dann jeder weitere Schritt eine wirk - liche Verpflichtung in ſich geſchloſſen haben würde, hören die Acten auf darüber zu berichten;1Im Protocoll des Churfuͤrſtenrathes kann man die Sache bis zum 31 Jan. verfolgen; im Schererſchen Auszug bei Fels heißt es: aber es iſt letzlich alle ſolche Handlung in ihr ſelbſt erſitzen und den Staͤtten ferner nichts deshalb vorbracht. (Fels I, 211.) die Städte ſelbſt ſind verwundert, daß man davon nichts weiter an ſie bringt: Alles ward rückgängig.

Es wirkte wohl zuſammen, daß die Fürſten eine un - überwindliche Abneigung an den Tag legten, und der Kaiſer dagegen die Ausſicht faſſen durfte, zu einigen der für ihn bedeutendſten Zwecke, die er bei dem Entwurf hatte, in den Formen des Reichstags zu gelangen.

In ſeiner Propoſition hatte er außer den religiöſen An - gelegenheiten auch die übrigen herkömmlichen Gegenſtände der Reichsberathung, Landfrieden, Kammergericht, Anſchläge, zur Sprache gebracht.

Schon bei den beiden erſten gelang es ihm, das reli - giöſe und reichsoberhauptliche Intereſſe, worauf es ihm vor allem ankam, beſtens wahrzunehmen.

Als Verletzungen des Landfriedens wurden jetzt auch die Beraubungen der Geiſtlichen ausdrücklich bezeichnet: ne - ben Schlöſſern, Städten, Dörfern, die Niemand angreifen dürfe, erſcheinen zum erſten Mal auch Kirchen, Klöſter, Clau - ſen, die Jurisdictionen ganz im Allgemeinen.

Die Churfürſten hatten vorgeſchlagen, die Verſammlun - gen herrnloſen Kriegsvolks ohne Ausnahme zu verbieten: Kaiſer und Fürſten beliebten, daß ſie nur dann zerſtreut wer -21Weltliche Geſchaͤfte des Reichstags von 1547.den ſollten, wenn ſie nicht vielleicht eine Erlaubniß des Kai - ſers und Königs nachweiſen könnten. 1In den Acten findet ſich undatirt der Entwurf der Churfuͤr - ſten und die Antwort des Fuͤrſtenraths, die Eingabe an den Kaiſer.

Nachdem jene Beſorgniſſe gehoben waren, welche der Bundesentwurf erweckt hatte, zeigte ſich überhaupt eine ſehr enge Verbindung des Kaiſers mit dem Fürſtenrathe.

Die Fürſten drangen darauf, daß fortan wie früher ſämmtliche Mitglieder des Kammergerichts dem katholiſchen Glauben angehören ſollten. Der Kaiſer gab es ihnen nach.

Dagegen forderte der Kaiſer, daß ihm für dieß Mal die Beſetzung des Kammergerichts allein anheimgeſtellt würde. Er brachte dabei die alten Gerechtſame des Kaiſerthums, das Gericht am Hofe zu halten, in Erinnerung. Die Für - ſten gaben es nach.

Hierauf ſchritt man zur Abfaſſung einer neuen Kam - mergerichtsordnung. 2Harpprecht hat die meiſten zwiſchen Kaiſer und Staͤnden gewechſelten Schriften mitgetheilt. Von denen die er vermißte, fin - den ſich mehrere in den von mir benutzten Archiven, namentlich demZwei alte Beiſitzer, Dr Viſch und Dr Braun, ſahen die bisherigen Conſtitutionen durch, brach - ten ſie in Ordnung und ſtellten, wo ſie Mängel und Lücken bemerkten, ihre eigenen Vorſchläge auf. Mit aller Weitläuf - tigkeit welche legislativen Arbeiten ſtändiſcher Verſammlun - gen eigen iſt, verfuhr man bei der Berathung. Zuerſt gieng ein ſtändiſcher Ausſchuß Artikel für Artikel durch wo - bei er denn beſonders die neuen Vorſchläge in Betracht zog, über welche er ſeine Bemerkungen machte. So revi - dirt gelangte der Entwurf an die beiden Collegien der Für - ſten und der Churfürſten, wo er ebenfalls von Anfang bis22Neuntes Buch. Erſtes Capitel.Ende durchgeſprochen ward. Die Collegien ſetzten ſich als - dann mit dem Kaiſer in Verbindung, der nun auch ſeine Bemerkungen machte, worüber man hin und her ſchrieb, bis man ſich endlich vereinigte. Die Weitſchichtigkeit dieſes Ver - fahrens hinderte jedoch nicht, die vorwaltenden Intereſſen, na - mentlich der Fürſten, die der Kaiſer jetzt gewähren ließ, im Auge zu behalten. Bei der Beſtimmung, wie die Präſentation in Zukunft vorgenommen werden ſollte, ward des Antheils der Grafen, Prälaten und Herrn nur noch in Einem Kreiſe gedacht. Gern hätten die Städte an der Berathung einer Sache Theil genommen, von der, wie ſie ſagten, ihr Geneſen und Ver - derben abhänge: ſie blieben aber davon ausgeſchloſſen.

2Berliner: z. B. Bedenken, welche Articul aus der Cammergerichts - ordnung in den Landfrieden gezogen und geſetzt werden ſollen, 14 Dec. 1547; Bedenken uͤber den erſten Theil der Kammergerichtsord - nung 14 Januar 1548; des Ausſchuß Relation uͤber das ander Theil der Kammergerichtsordnung. Darin haben berurte Docto - res aus allen des Reichs Abſcheiden und Conſtitutionen, desgleichen aus dem Landfrieden ſo auf dieſen itzigen Reichstag gebeſſert alle vhelle und ſachen, darin dem kayſ. Kammergericht Gerichtszwang zugeſtellt und gegeben, zu hauf getragen und verfaßt; dieſelbigen vhelle und ſachen, das mehrer theil mit iren umbſtenden und zugehorungen, derwegen ſie jederzeit den Abſcheiden einverleibt, ſo vil von notten, in die Ordnung gezogen. Sie haben dieſen Theil in zwei Ab - theilungen geſondert, 1) perſonen und ſachen dem reich ane mittel, 2) perſonen und ſachen dem reich nit ane mittel untterworffen. Wel - chen zweien Stuͤcken die deputirten Doctores hin und wider new Ad - dition und zuſetz, und volgends dem darzu verordenten Ausſchuß re - lation, warumb ſolche newe zuſetz von inen fuͤr nuͤtzlich eracht, be - richt gethan haben. Demnach hat der Ausſchuß nit umbgehn ſollen oder wollen, ein jeden punct nach dem andern an die hand zu neh - men, was darin befund den alten Abſcheiden gemeß, keine enderung zu thun, ſo viel aber bei der Deputirten neuen zuſetzen vom Aus - ſchuß ſemmtl. fuͤr annehmlich geacht, ſolches iſt mit B ſigniret. (Die Zuſaͤtze der Deputirten ſelbſt mit A.)

23Weltliche Geſchaͤfte des Reichstags von 1547.

Überhaupt erfreuten ſich die Städte an dieſem Reichstag keiner beſondern Berückſichtigung. Auf ihre Klage, daß der Landfriede die Straßen noch immer nicht ſichere, das Ge - leite keinen Schutz gewähre, obgleich man gezwungen ſey ſich daſſelbe zu verſchaffen, auf ihre Bitte, die Obrigkeiten für jede Gewaltthat die in ihrem Gebiete geſchehe verantwort - lich zu machen, nahm der Kaiſer in ſeiner Reſolution auch nicht mit einer Silbe Rückſicht. 1Schreiben des Frankfurter Geſandten Daniel zum Jungen 17 April. (Fr. A.)

Und nicht beſſer gieng es ihnen, als nun die Reichs - anſchläge zur Berathung kamen. Die Fürſten bewilligten dem römiſchen König zur Bewahrung ſeiner Grenzen gegen die Türken 50000 G.; bei der Vertheilung derſelben legten ſie den Anſchlag von Coſtnitz zu Grunde, gegen welchen die Städte immer proteſtirt hatten. Dieſe verſäumten nicht zu bemerken, daß dergeſtalt faſt die Hälfte der ganzen Summe auf ſie falle. Sie gaben an, von einigen unter ihnen fordere man faſt ſo viel Mannſchaft, als ſie Bürger hätten, von andern nicht viel weniger Geld, als ihr ganzes Einkommen betrage. König Ferdinand erwiederte, ihre Klage möge ge - gründet ſeyn, aber von dem Fürſtenrath laſſe ſich nun ein - mal keine Abänderung des gefaßten Beſchluſſes erwarten: er gebe den ehrbaren Städten zu bedenken, daß ihnen ihrer Gewerbe halber noch mehr an einer Bewahrung der Gren - zen liegen müſſe als den Fürſten.

Im Grunde eine ſehr natürliche Folge der Ereigniſſe. Die Städte waren immer in der Oppoſition geweſen; der Fürſtenrath hatte ſich dem Prinzip das den Sieg behaup -24Neuntes Buch. Erſtes Capitel.tete am nächſten gehalten. Das wirkte in den Feſtſetzun - gen des Reichstags nach.

Überdieß kamen eben bei dieſen Berathungen ein paar Angelegenheiten zur Sprache, in denen der Kaiſer der Gunſt der Fürſten bedurfte, und die ihm höchlich am Herzen lagen.

Von allen die wichtigſte war eine nähere Verbindung der Niederlande mit dem Reiche, wie ſchon der Bundesent - wurf dahin gezielt hatte. Da es mit dieſem nicht gelungen war, ſo ſuchte man nun auf dem gewohnten Wege zum Ziele zu kommen. Königin Maria erinnerte den Kaiſer die Gele - genheit nicht zu verſäumen, er könne nie eine beſſere finden. 1Instruction pour Messire Viglius de Zuichem de ce qu’il aura a faire en la presente diete imperiale de Augsbourg a l’en - droit des affaires des pays pardeça. L’occasion pour radresser les dits affaires est a present meilleur qu’elle ne fut oncque pour le bon et heureux succès de S. imple. (Arch zu Bruͤſſel.)

Nun dürfte man aber nicht glauben, die Abſicht der niederländiſchen Regierung ſey geweſen, die reichsſtändiſchen Rechte und Pflichten ſchlechthin zu theilen: nichts würde ihr leichter geworden ſeyn.

Schon unter Maximilian, der die zu ſeiner Zeit verei - nigten Niederlande als den burgundiſchen Kreis bezeichnete, ſuchte das Kammergericht dieſelben ſeiner Jurisdiction zu unterwerfen und ſie zu den Reichsanſchlägen herbeizuziehen. Seitdem hatte das Haus Burgund auch Utrecht und Gel - dern, die zu dem weſtphäliſchen Kreiſe gehörten, erwor - ben: weder das Kammergericht noch die Verſammlungen des Kreiſes hatten ſich dadurch abhalten laſſen, dieſe Länder nach ihrem bisherigen Verhältniß zu behandeln. Allein von den Nie -25Burgundiſcher Vertrag.derlanden hatte man ebenfalls von jeher ſowohl gegen das Eine wie gegen das Andre remonſtrirt; im Jahr 1542 war die Sache am Reichstag in aller Ausführlichkeit ver - handelt worden Auch jetzt, obwohl im Beſitz einer Reichs - gewalt wie ſie ſeit Jahrhunderten keiner ſeiner Vorfahren gehabt, ſetzte ſich der Kaiſer dagegen. Er bemerkte, die Er - richtung des burgundiſchen Kreiſes ſey niemals zur Wirk - ſamkeit gelangt: über Menſchen Gedenken ſey daſelbſt von keinem Proceß des Kammergerichts die Rede geweſen: daſ - ſelbe aber ſey von Geldern und Utrecht zu ſagen: nach dem Bericht der Stände von Geldern ſeyen die Reichsan - ſchläge von ihnen niemals gefordert, geſchweige denn gelei - ſtet worden; die Landſchaft des Stifts Utrecht habe ſich ge - weigert die Auslagen wiederzuerſtatten, welche Königin Maria bei der letzten Türkenſteuer für ſie gemacht habe.

Ich möchte nicht behaupten, daß dieß nun auch die Überzeugung des Kaiſers und ſeiner Räthe geweſen ſey: der - jenige kaiſerliche Rath wenigſtens, der dieſe Sache in Augs - burg bearbeitete, Viglius van Zuichem, ſagte ſpäter den Hol - ländern, als ſie Miene machten eine zu Gunſten des Rei - ches geforderte Anlage zu verweigern, nach altem Recht wür - den ſie verpflichtet ſeyn zehnmal ſoviel beizutragen.

Das Intereſſe der niederländiſchen Regierung war, et - was für ſich zu ſeyn, die Einwirkungen des Reiches ſo we - nig wie möglich zu empfinden und doch den Schutz deſſel - ben zu genießen.

In einer Inſtruction der Königin Maria heißt es, zur Sicherheit der Niederlande ſey es wünſchenswerth, ein Of - fenſiv - und Defenſiv-Bündniß derſelben mit dem Reich zu26Neuntes Buch. Erſtes Capitel.ſchließen, ohne ſie doch darum in ihren Freiheiten zu beein - trächtigen und ſie dem Reiche zu unterwerfen. 1A été advisé de trouver quelque expedient et bon moien, pour l’asseurance dudit pays, de les allier avec led. empire tant par ligue offensive que defensive envers et contre tous, moyen - nant que l’on le pourroit faire sans prejudicier lesd. pays et leurs libertés et priviléges et sans les assujettir and. empire.

Der Kaiſer hoffte dieß dem Weſen nach zu erreichen, indem er ſich endlich bereit erklärte, mit ſeinen Erbniederlan - den in den Reichshülfen immer mit einer beſtimmten Summe aufzukommen, wogegen man jedoch dieſelben ſämmtlich in Einem Kreiſe begreifen und in ihren Exemtionen von den Reichsgerichten beſtätigen müſſe.

Die Dinge lagen ſo, daß die Stände dieß dem Kai - ſer bei weitem mehr als dem Reiche vortheilhafte Begeh - ren dennoch nicht ablehnten.

Sie forderten ihn zunächſt auf, die Lande die er in Einen Kreis zu vereinigen gedenke, namentlich zu bezeichnen, und anzugeben was er von denſelben leiſten wolle und da - gegen vom Reich erwarte.

In ſeiner Antwort am 14ten Mai zählt nun der Kai - ſer ſeine geſammten Erbniederlande auf: die vormals fran - zöſiſchen, Flandern und Artois, ſo gut wie die neu erworbe - nen, Utrecht Overiſſel Gröningen Geldern Zütphen ſelbſt Ma - ſiricht, ſchließt er ein; das Reich ſoll ſich verbinden, ſie wie andre ſeiner Glieder zu vertheidigen, ohne ihnen darum ihre Exemtionen zu entreißen; dafür will er den Anſchlag eines Churfürſten zwiefach zahlen.

Die Stände waren nicht ſogleich mit ihm einverſtan - den: ſie bezweifelten die Gültigkeit jener Exemtionen, ſie hiel -27Burgundiſcher Vertrag.ten einen dreifachen Anſchlag für billiger. Aber der Kaiſer blieb bei ſeinen Behauptungen: ſogar die Freiheit des lo - tharingiſchen Reiches, die auf ſeine Vorfahren und demnach auf ihn fortgeerbt ſey, brachte er in Erinnerung;1 So ſeint auch ſonſt der mehrertheil der niderlandt in dem lottringiſchen reich, ſo dem lottario zwuſchen Frankreich und Germa - nien gelegen, fuͤr ein ſonder reich in der Theilung Caroli Magni enikel zugetheilt worden, und erbsweiß auff ir keyſ. Mt und deren vorfaren von denſelbigen herkommen, welches eine ſondere Provinz, welches von allen Jurisdictionen und Appellationen je und allwegen uͤber unverdechtliche Zeit frei und exemt geweſen. was den Anſchlag betrifft, ſo bemerkte er daß die Niederlande ſchon an ſich für die Bewachung ihrer für das ganze Reich ſo wichtigen Grenzen ſorgen müßten: ein Mehreres laſſe ſich von ihnen nicht erlangen.

Churfürſten und Fürſten erklärten hierauf, es ſey nicht ihre Meinung, ſich mit kaiſerlicher Majeſtät in Disputation einzulaſſen, und nahmen den Vorſchlag an.

So kam der burgundiſche Vertrag zu Stande, der am 26ſten Juni vollzogen worden iſt. Der Kaiſer gelangte durch denſelben zu allen ſeinen Abſichten.

Daß ſeine Erblande als ein einziger Kreis betrachtet wurden, beförderte die Regierungseinheit, nach welcher er über - haupt trachtete, und befreite ihn von dem fremdartigen Ein - fluß benachbarter Kreisverſammlungen. Es hatte für ſein Haus den größten Werth, daß Flandern und Artois, über welche Frankreich noch immer die Oberherrlichkeit in Anſpruch nahm, ſo oft es auch darauf Verzicht geleiſtet, als Theile des Reichs betrachtet, in deſſelben Schutz und Schirm auf - genommen wurden. Der zwiefache Anſchlag eines Churfür - ſten war dafür gewiß kein zu hoher Preis, da die meiſten28Neuntes Buch. Erſtes Capitel.europäiſchen Kriege ohnehin die Niederlande betrafen, und die Feindſeligkeit gegen die Türken, die einzige auf die es noch außerdem ankam, ein anderes dynaſtiſches Intereſſe dar - bot. Man trug Sorge jeden weiteren Anſpruch zu beſei - tigen. Würde z. B. der Reichstag einmal einen gemeinen Pfennig einzubringen beſchließen, dann ſollten, ſo ward feſt - geſetzt, die Niederlande, ſtatt den Beſchluß ausführen, nichts weiter als eine Summe zahlen derjenigen gleich, welche dieſe Auflage in zwei Churfürſtenthümern am Rheine einbringe. 1In dem Berliner Archiv finden ſich außer den Acten uͤber die Anſchlaͤge folgende Stuͤcke in Bezug auf Burgund. 1) Kaiſer - liche Reſolution uf der Chf. FF. und Stend Bedenken der Anſchleg halben des burgundiſchen Kreiſes, 28 Maͤrz; 2) der Churfuͤrſten, Fuͤrſten und Stende Antwort, 12 April; 3) Kaiſerl. Mt andere Re - ſolvirung, 27 April; 4) der Staͤnde Antwort, o. D.; 5) Kaiſ. Mt Replic, 14 Maji; 6) Antwort der Staͤnde 20 Mai, falſch bezeich - net als vom 20 Juni; 7) Neue kaiſ. Erklaͤrung 28 Mai; 8) Notel des Buͤndniſſes 23 Juni.Übrigens ward die innere Unabhängigkeit der Provinzen jetzt erſt eigentlich beſtätigt. Ausdrücklicher als jemals ward zu - geſtanden, daß des Reiches Ordnungen und Satzungen ſie nicht verpflichten ſollten. Und zwar geſchah dieß in derſel - ben Urkunde, in welcher man ebenfalls ausdrücklicher als je - mals früher feſtſetzte, daß der Erb - und Oberherr dieſer Nie - derlande Sitz und Stimme am Reichstag haben ſolle wie Öſtreich. Es liegt ein ſonderbarer Widerſpruch darin, daß der Kaiſer in demſelben Augenblick wo er die Ernennun - gen zum Kammergericht in ſeine Hand nimmt, ſich zugleich ſo angelegentlich bemüht, ſein Erbland von demſelben zu exi - miren, und iſt doch ſehr gut zu erklären. Reich und Kai - ſerthum fallen noch mit nichten zuſammen: dieß iſt vor -29Bewilligung einer Reichskriegscaſſe.übergehend, jenes bleibt immer. Die Politik der vorwalten den Mächte iſt es allezeit geweſen, ſelber Einfluß auszuüben, aber keine Rückwirkung zu erfahren.

In dieſem Augenblicke ſetzte der Kaiſer aber noch eine andre, ſehr ungewohnte, für ſeine Gewalt ſehr bedeutende Bewilligung durch.

Wie es bei jenem Bundesentwurf einer ſeiner vornehm - ſten Gedanken geweſen war, ſich die Mittel zur Fortſetzung des Krieges zu verſchaffen, ſo trug er jetzt auch bei dem Reiche, über das er ſo viel vermochte, auf Bildung eines Vorrathes d. i. einer Reichskriegscaſſe an. Denn vor allem ſey es nun auch nöthig den erlangten Frieden zu er - halten: er könne nicht dafür ſtehn, ob ſich nicht gar bald Jemand innerhalb des Reiches auflehnen oder ein auswär - tiger Fürſt das Reich, wenn auch nur durch geheime Practik, anfechten werde: nun wiſſe jedermann welchen Nachtheil die bisherige Unverfaſſung veranlaßt habe, verfaßte Hand da - gegen wehre Beſchwerungen ohne Mühe ab; ihm, der ſchon ſo viele Bürden trage, könne man keine weitere Anſtrengung zumuthen: er müſſe die Stände erſuchen, einen nahmhaften Geldvorrath zuſammenzubringen, der dann, aber nicht ohne ihr Vorwiſſen, zur Erhaltung Friedens und Rechtens ange - wendet werden ſolle. 1Kaiſ. Mt Propoſition und begeren etlich Geld im Reich zum Vorrath zu erlegen. Actum am Pfingſtabend 20 Mai 1548. (Berl. Archiv.)

Eine Summe Geldes in der Hand eines ohnehin ſo mächtigen Kaiſers, um jede innere Bewegung auf Koſten des Reiches zu erdrücken: wahrhaftig, man braucht nicht30Neuntes Buch. Erſtes Capitel.zu erörtern wie ſehr dieſer Gedanke außerhalb alles Her - kommens deutſcher Stände lag.

Auch fand derſelbe, wie wir aus den Protocollen des Churfürſtenrathes ſehen, ſtarken Widerſtand. Mainz be - merkte: durch die letzten Kriege ſey ein Jeder in ſeinem Kam - mergut erſchöpft, eine neue Forderung an die ohnehin be - ſchwerten Unterthanen dürfte Unruhen veranlaſſen. Bran - denburg meinte, der Kaiſer ſey wohl an ſich mächtig genug, zumal bei den Ordnungen des Kammergerichts und des Land - friedens, einen auftauchenden Widerſtand zu erdrücken: man möge doch ja nicht etwas bewilligen was dann vielleicht nicht geleiſtet werden könne. 1Votum von Brandenburg. Kan nit erachten das die kſ. Mt darumb beweget werden ſolt in dem das unmoͤglich; were beſſer die urſachen jetzo anzuzeigen, denn das man zuſagen ſolt und nit lei - ſten; das h. Reich ſtehe jetzt in ruiglichem weſen, obgleich was ent - ſtund, ſeyen die kaiſ. Mt alſo gefaßt daſſelbig zu hindern; wann ſolchs fuͤglich mit erzellung des unvermogens kaiſerlicher Mt fuͤrge - tragen wirdet, wird es kſ. Mt zu keinen ungnaden bewegen. (Pro - tocoll im Berl. Arch.)So erklärten ſich auch Pfalz und Trier. Sachſen wünſchte wenigſtens Aufſchub. Cölln, jetzt am meiſten kaiſerlich geſinnt, rieth doch in dieſem Fall, den Kaiſer lieber mit der Beitreibung der noch aus dem letz - ten Türkenkrieg rückſtändigen Steuer zu befriedigen. Genug ſie waren im Grunde alle dagegen.

Allein es ſchien jetzt als könne das Reich dem Kaiſer nichts mehr abſchlagen. Ein Ausſchuß ward niedergeſetzt, deſſen Gutachten alle Gegengründe aufzählt, und doch mit der Bewilligung eines halben Romzugs zu dem angegebenen Zwecke ſchließt. Fürſten und Churfürſten zogen daſſelbe in wei - tere Berathung: ſie endigten damit, dieß Erbieten auf einen31Anſehen Carls V. ganzen Romzug zu erhöhen. Es bezeichnet die Einfachheit der Epoche, daß ſie den erſten Termin dieſer Zahlung auf Weihnachten anſetzten, weil man den Unterthanen Zeit laſſen müſſe ihre Ernte einzubringen und zu verkaufen. 1Bedenken des Ausſchuſſes 28 Mai; Antwort der Staͤnde 5 Juni; Kaiſerl. Reſolution 6 Juni; der Staͤnde letzte Antwort 10 Juni.

Seit vielen Jahrhunderten hatte nie ein Kaiſer eine grö - ßere Hingebung erfahren. Bemerken wir nur mit welcher Rückſicht ihm die gerechteſten Beſchwerden vorgetragen wur - den. Denn gewiß lief es ſeiner Capitulation entgegen, daß er ſpaniſche Truppen ins Reich geführt und ſie ſogar hie und da in Beſatzung gelegt hatte. Nichts erregte lebhaftere Klagen, und endlich entſchloſſen ſich die Stände auf den An - trag von Pfalz, die Abſchaffung dieſes Kriegsvolks in Er - innerung zu bringen. Sie thaten das aber nur, indem ſie die Worte wegließen die dem Kaiſer hätten empfindlich fallen können: ſpaniſch, fremd: und es dem kaiſerlichen Ermeſſen überließen, ob die Zeit dazu ſchon gekommen. Der Kaiſer er - wiederte: er wiſſe wohl, daß die Klagen die man gegen ſein Kriegsvolk erhebe, größtentheils ungegründet ſeyen, doch wolle er ſie unterſuchen laſſen: an der Abſchaffung der Mannſchaf - ten aber werde er durch unvermeidliche Nothwendigkeit gehin - dert. Und für dieſe allergnädigſte Antwort nun, die doch abſchläglich iſt, danken ihm die Stände unterthänigſt, flehen ihn nur an, das nothwendige Einſehen zu haben: dann werde er ein gottgefällig Werk thun: ſo ſind es , ſchließen ſie, gemeine Stände um Kaiſerl. Majeſtät auch unterthänigſt zu verdienen willig, und thun ſich derſelben zu Gnaden hie - mit unterthänigſt befehlen. Welch eine Häufung des Gnä -32Neuntes Buch. Erſtes Capitel.digſt und Unterthänigſt in einer Sache, die ſie mit gutem Rechte hätten fordern können.

Der Kaiſer hatte nicht allein den Sieg erfochten und die Macht im Allgemeinen in Händen, ſondern es lagen ihm auch Streitſachen vor, die ihm auf das Wohl oder Wehe der einzelnen Fürſten und ihrer Häuſer einen großen Ein - fluß ſicherten.

Seinen Geburtstag, im Februar 1548, begieng Carl V da - mit, daß er, ſitzend in ſeiner kaiſerlichen Krone, Zierheit und Majeſtät, wie ein gleichzeitiger Bericht ſagt, die Chur Sach - ſen auf ſeinen Verbündeten Moritz übertrug. Zehn Fahnen bezeichneten die verſchiedenen Rechte und Gebietstheile welche Moritz in Empfang nahm. 1Reimar Kock Luͤbeckſche Chronik: Den 24 Febr. hefft Hartch Moritz tho Außborch mercedem iniquitatis, ik wolte ſeggen de Herl - chet duth, hefft de gode alde Coͤrforſte angeſehen und gelachet, dat me mit untruw ſodane herrlchet voͤrdenen ſhal und kann.

Am 8ten April ward Adolf von Schaumburg in Ge - genwart des Kaiſers und des Königs mit allem kirchlichen Pomp zum Erzbiſchof von Cölln geweiht. Es war die zweite Churwürde die der Kaiſer in Folge ſeines Sieges vergabte.

Und ſchon lag die Entſcheidung über eine dritte Chur - würde in ſeiner Hand. Herzog Wilhelm von Baiern ſah mit Verdruß, daß der neue Churfürſt von Sachſen und König Fer - dinand von dem Kriege große Vortheile zogen, er dagegen, der das Meiſte gethan zu haben glaubte, leer ausgieng. Mit ver - doppeltem Ernſt forderte er in die pfälziſche Chur eingeſetzt zu werden: gleich als ſey er der Entſetzte und Beraubte, wollte er den Beſitz der Vettern gar nicht mehr anerkennen, und lehnte, auf ſeinen Vertrag vom J. 1546 ſich ſtützend,33Belehnungen. Pfaͤlziſche Chur.jeden weiteren Rechtsgang ab. So deutlich kam jedoch dem Kaiſer ſeine Verpflichtung mit nichten vor: der Herzog mußte ſich zu weiteren Erörterungen bequemen, und in den Acten finden wir einen weitläuftigen Schriftwechſel über die Sache. Es kam hiebei zu einem Äußerſten das man gar nicht er - warten ſollte. Herzog Wilhelm erkannte die goldne Bulle noch nicht an: er zog in Zweifel, ob Carl IV ohne Bewil - ligung des Papſtes eine Beſtimmung über die Churfürſten - thümer habe treffen können. 1 Zu dem allen iſt nit ein kleiner zweiffel, dieweyl die Orde - nung der Churfuͤrſten von dem bepſtl. Stul erſtlich geſetzt, ob in Koͤ - nig Carls gewalt geſtanden ſey one bepſtl. Heil. bewilligung und vor - wiſſen inn ſachen die chur betreffende etwas news zu verordnen und zu ſetzen. Herzog Wilhelms von Baiern Gegenbericht 22 Mar - tii 1548.Was war aber Rechtens im Reiche, wenn dieſe Urkunde nicht zu Recht beſtand? Aller - dings war ſie im Geiſt der Oppoſition gegen das Papſt - thum gefaßt: wir erkennen darin nur ein neues Motiv für die Verbindung der Ludwigſchen Linie des Hauſes Wittels - bach mit Rom; aber wie hätte der Kaiſer darauf eingehn können, der nur kraft der goldnen Bulle regierte? Mit den Pfalzgrafen, die ihm nahe verwandt waren, verſöhnt, mochte er um ſo weniger daran denken, den Anſprüchen des Her - zogs Statt zu geben.

Schon erhob derſelbe noch einen andern Streit gegen ſeine Vettern. Er forderte die Beſitzungen des Pfalzgrafen Otto Heinrich, der mit dem Kaiſer noch nicht ausgeſöhnt war. Von pfälziſcher Seite erwiederte man, daß die Land - ſchaften dann wenigſtens nicht an Baiern, ſondern an eine andere Linie des pfälziſchen Hauſes fallen müßten.

Ranke D. Geſch. V. 334Neuntes Buch. Erſtes Capitel.

Und ein noch wichtigerer Rechtshandel war indeß von König Ferdinand anhängig gemacht. Er erhob Anſpruch auf Würtenberg, weil Herzog Ulrich den Vertrag von Ca - dan, auf welchem ſein Recht beruhe, durch ſeine Theilnahme an dem ſchmalkaldiſchen Kriege gebrochen habe. Im Fe - bruar ward ein Gericht aus den kaiſerlichen Räthen Seld, Haas, Viglius, Veltwyk unter dem Präſidium des neuen Erzbiſchofs von Cölln zuſammengeſetzt, welche bald eine ſo entſchiedene Hinneigung zu Gunſten des Königs kund ga - den, daß die Anwälte von Würtenberg ſich nur noch auf das unverwirkte Recht des jungen Herzog Chriſtoph bezie - hen zu können glaubten. 1Sattler III, 269.

Einen andern Proceß, der ſeit 20 Jahren ſchwebte, zwi - ſchen Naſſau und Heſſen, hielt der Kaiſer für gut endlich zu entſcheiden. Am 5ten Auguſt, nachdem der Reichstag be - reits beendigt war, ſaß er in ſeinem Pallaſt zu offener Au - dienz auf ſeinem Stuhl; die Procuratoren beider Parteien erſchienen vor ihm: die naſſauiſchen baten um Eröffnung des Urtheils, die heſſiſchen auch wegen der Gefangenſchaft des Landgrafen um ferneren Verzug; der Kaiſer antwortete dadurch, daß er ſeinen Protonotar herbeirief und ihm anbefahl, das Urtel, das er ihm zugleich übergab, bekannt zu machen. Ein großer Theil der bisher von Heſſen behaupteten ſtreiti - gen Pfandſchaften, Nutzungen und Gebiete, darunter halb Darmſtadt, ward dem Grafen von Naſſau zuerkannt, der nun wirklich, wenigſtens auf einige Zeit, in Beſitz gelangte. 2Arnoldi Geſch. von Naſſau III, 1, 130. Saſtrow II, 563.

Nicht ſo entſchieden trat der Kaiſer in der preußiſchen35Rechtsentſcheidungen.Sache auf, die zu Augsburg aufs neue in Anregung kam. Der Deutſchmeiſter Wolfgang Schutzbar von Milchling for - derte die Execution der vorlängſt über Herzog Albrecht aus - geſprochenen Reichsacht. Dagegen brachte ein polniſcher Ge - ſandter, weil Preußen der Krone Polen angehöre, die Auf - hebung derſelben in Antrag. 1Petit rex serenissimus odiosam illam proscriptionem ab - rogari, evelli et eradicari. Oratio Stanislai Laski ap. Dogiel Cod. dipl. Poloniae IV, 318.Ende Januar 1548 ward ein Ausſchuß für dieſe Angelegenheit niedergeſetzt. Die - ſer vereinigte ſich leicht darüber ſelbſt der Churfürſt von Brandenburg ſtimmte dafür daß die Acht ohne ein neues Rechtsverfahren nicht aufgehoben werden dürfe. Streit er - hob ſich erſt, als man nun fragte, ob ſie exequirt werden ſolle oder nicht. Mit vielem Eifer erklärte Baiern, man müſſe dem Rechte ſeinen Lauf laſſen, und die ergangenen Ur - tel ausführen, ohne erſt auf Gefahren die daher entſpringen könnten, Rückſicht zu nehmen: ſonſt werde bald Niemand mehr zur Erhaltung des Kammergerichts beitragen wollen. Damit drang nun Baiern zwar nicht vollſtändig durch; die Majorität des Ausſchuſſes, welche keinen Bruch mit Polen wollte, der den Osmanen zu Statten kommen könne, empfahl dem Kaiſer einen erneuten Verſuch gütlicher Beilegung aber es bildete ſich doch eine Minorität, die auf unbedingte Vollzie - hung des Rechtes antrug. Der Kaiſer hütete ſich wohl den Streit zu entſcheiden. Er war ein Mittel mehr, das Haus Brandenburg, das an dieſer Sache ein ſo großes Intereſſe hatte, und dieß auch gar nicht verhehlte, an ſich zu feſſeln.

Uberhaupt gab es kein großes Haus im Reiche, das3*36Neuntes Buch. Erſtes Capitel.nicht durch die eine oder die andre Sache von dem Wohl - wollen des Kaiſers abhängig geweſen wäre. 1Protocoll bei Bucholtz IX, 447.

Daher kam es eben daß alles ſich beugte, alles ge - horchte. Es war einmal wieder ein Oberhaupt von durch - greifender Macht in Deutſchland, und Jedermann fühlte daß ein ſolches da war.

Das Interim.

Zur Entwickelung dieſer reichsoberhauptlichen Macht ge - hört es nun recht eigen und wird davon bedingt, daß der Kaiſer es unternehmen konnte, auch in den religiöſen Ange - legenheiten Maaß zu geben.

Im Anfang der Verſammlung, als die altgläubig ge - ſinnte Partei ſich ſo zahlreich und ſtark ſah, ward wohl ein Gedanke laut, der auch dem Kaiſer einmal früher in den Sinn gekommen, ob es nicht das Beſte ſey, die Religion in den früheren Stand wiederherzuſtellen. Der Beichtvater hielt die Sache noch immer für nothwendig und die Umſtände für günſtig. Er meinte wohl: vor allem müſſe man die lutheri - ſche Predigt verbieten, ihr unbedingt ein Ende machen: möge dann das Volk glauben was es wolle; fürs Erſte komme es nur auf die Erneuerung des alten Ritus und die Her - ſtellung der Kirchengüter an. 2Disp. fiorentino 19 Nov. 1547: Il confessore et altri theo - logi sono in oppenione che si rimetta in Alemagna il culto di - vino, creda ogn’uno cio che vuole, restituischinsi i beni eccle - siastici et tolgasi via la predicatione luterana, fomento di tutte eresie. Er drückte die Tendenz der kirchlichen Reſtauration aus, welche dem Kaiſer vom ſüdli -37Das Interim.chen Europa her allerdings zu Hülfe gekommen war, aber den Krieg doch nicht entſchieden hatte.

Denen welche Deutſchland kannten und die Lage der Dinge ohne confeſſionelles Vorurtheil anſahen, kam dieß je - doch unausführbar vor. König Ferdinand erwiederte dem Beichtvater, man möge es unternehmen, wenn man ſich in einen neuen Krieg ſtürzen wolle, der aber noch gefährlicher ausfallen werde als der eben beendigte, wenn man die Mittel, die Kraft und den Muth dazu beſitze: er erinnerte, daß man keinen Heller im Schatz habe. Er ſeinerſeits hatte ſchon längſt einen andern Gedanken gefaßt.

War die reine Reſtauration unmöglich, ſo durfte man, wie die Dinge nun einmal giengen, auch von keiner künf - tigen Entſcheidung des Conciliums etwas Förderliches er - warten; man konnte nicht denken, daß das Concilium etwas andres, als die vollſtändige Reſtauration beſchließen würde.

Ließ ſich aber, nach der Niederlage welche die ſtreng - proteſtantiſchen Meinungen erlitten, bei dem Übergewicht das der Kaiſer in allen Angelegenheiten beſaß, jetzt nicht viel - leicht eine Abſicht erreichen, die, obwohl auf einer andern Stufe, ſchon früher gefaßt worden, nemlich: innerhalb des Reiches, ohne Theilnahme des Papſtes, eine Vereinbarung beider Parteien zu treffen?

Schon im Januar 1547, ſo wie die Irrungen mit dem Papſt wieder ernſtlich ausbrachen, rieth Ferdinand ſeinem Bruder, ſich nicht allein auf die Beſchlüſſe des Conciliums zu verlaſſen,1Il semble chose dangereuse, s’en arreter simplement sur la determination dudit concil general. Bucholtz IX, 407. da man dort wohl nicht alle Puncte durch -38Neuntes Buch. Erſtes Capitel.ſetzen werde auf die es ankomme, zumal wenn der Papſt fortfahre wie er angefangen; dem Urtheil erfahrner Theo - logen zufolge ſey es vielmehr, nachdem die ſtreitigen Arti - kel ſo vielfach beſprochen und verhandelt worden, ſo ſchwer nicht, in Deutſchland ſelbſt eine ſolche Conſultation und chriſt - liche Reformation nach den Bedürfniſſen der Deutſchen auf - zuſtellen, von der man hoffen dürfe daß die Proteſtanten wenigſtens zum größten Theile ſie annehmen und auch Papſt und Concil ſie nicht verwerfen würden. Zu Abfaſſung eines ſolchen Entwurfes brachte der König gleich damals einige Männer, die er für geeignet hielt, in Vorſchlag, namentlich Julius Pflug Biſchof von Naumburg, und Michael Hel - ding Weihbiſchof zu Mainz.

Eine ſehr erwünſchte Vorbereitung hiezu war, daß der Fürſtenrath bei der erſten Antwort auf die Propoſition dem Kaiſer heimgeſtellt hatte einſtweilige Ordnung zu treffen.

Wiewohl darin lag, daß eine ſolche nur bis zum Schluß des Conciliums gültig ſeyn ſollte, woher ſich denn der Name des Interim ſchreibt, ſo hatte die Sache doch an ſich eine allgemeine Bedeutung, da jede Vereinbarung dieſer Gegenſätze, wie bedingt auch immer, ein neuer großer Schritt war, und da ferner die conciliaren Angelegenheiten ſo eben hofnungsloſer wurden, als ſie jemals geweſen.

Bei der Sendung des Cardinal Madrucci hatte Carl dem Papſt bereits angekündigt, daß er die Dinge unmög - lich in dem Zuſtand laſſen könne, worin ſie ſeyen; als dieſer nicht allein unverrichteter Sache zurückkehrte, ſondern nun erſt der völlige Bruch erfolgte, hielt er ſich für doppelt be - rechtigt zum Werke zu ſchreiten.

39Das Interim.

Die politiſch-religiöſen Intereſſen des Reiches, die Machtentwickelung die es möglich erſcheinen ließ, jetzt etwas zu erreichen, und die Differenz mit dem Papſt wirkten zuſam - men, um den Gedanken des Interim in Gang zu bringen.

Es hätte aber nicht zum Ziele führen können, hiebei den alten Weg ſtändiſcher Berathung einzuſchlagen. Der Kaiſer ſchien wohl einen Augenblick darauf zu denken. Er erſuchte die Stände, zur Berathung über die Mittel einer chriſtlichen Vereinigung ihre Abgeordneten mit den ſeinen zu - ſammentreten zu laſſen; als ſie, bei ihrer Heimſtellung be - harrend, ihm überließen diejenigen ſelbſt zu wählen die er hiezu für tauglich halte, machte er dieſen Verſuch wirklich; allein ſogleich gab ſich die Unmöglichkeit kund, mti dieſem Verfahren weiter zu kommen. Er konnte doch nicht vermeiden, von beiden Seiten Männer zu ernennen, die ſchon an den bisherigen Streitigkeiten Theil genommen: noch einmal ſaßen der Carmeliter Billik, der päpſtlich geſinnte Politiker Leon - hard von Eck neben dem Vorkämpfer des Proteſtantismus Jacob Sturm. Jene forderten, wie der Beichtvater, die Her - ſtellung der geiſtlichen Güter; dieſer trug, wie vor 25 Jah - ren, auf ein Nationalconcilium an. Man kann ſich darüber nicht wundern. Die großen Ereigniſſe der letzten Jahre ent - hielten doch nichts was eine innere Annäherung der beiden Parteien hervorgebracht hätte. An eine Vereinigung aber war unter dieſen Umſtänden nicht zu denken: nach einigen Tagen löſte die Verſammlung ſich auf und gab ihren Auf - trag dem Kaiſer zurück.

Es mußte nun doch dahin kommen, was auch von An - fang Ferdinands Gedanke geweſen, daß ohne ſo viele Rück -40Neuntes Buch. Erſtes Capitel.ſprache mit den entzweiten Ständen, ſo wie ohne Rückſicht auf den Papſt, unter kaiſerlicher Autorität allein, der Ver - ſuch einer Feſtſetzung gemacht würde, bei der ſich beide Theile beruhigen könnten.

Wie die Ereigniſſe vor allem den Erfolg gehabt die Macht des Kaiſers zu heben, ſo kam es hauptſächlich dar - auf an, wie dieſelbe hiezu benutzt werden würde.

Der Kaiſer nahm wirklich die ihm von ſeinem Bru - der vorgeſchlagenen Theologen an, Julius Pflug und den Weihbiſchof Helding. Churfürſt Joachim II von Branden - burg, in deſſen Ideen es von jeher lag eine Vermittelung zu ſuchen, ließ ſeinen Hofprediger Johann Agricola an der Arbeit Theil nehmen. Die drei Männer waren in gewiſſem Sinne die Repräſentanten der drei vornehmſten theologiſchen Parteien: Agricola, der an Luthers Tiſch geſeſſen, der pro - teſtantiſchen, Helding der altkatholiſchen, Julius Pflug der erasmiſchen. Julius Pflug hatte wohl ſchon früher die Grundlage des Entwurfs ausgearbeitet;1Vgl. Formula sacrorum emendandorum a Julio Pflugio proposita, ed. Gottfr. Müller, Praef. XIII. von Helding findet ſich einiges Handſchriftliche, deſſen ſich Pflug bedient zu ha - ben ſcheint; daß der Antheil Agricolas nur gering geweſen iſt, dürfte ſchon die Ruhmredigkeit beweiſen, mit der er da - von ſpricht, wie denn auch ſonſt darüber nichts erhellt.

Das war nun aber hier nicht die Frage, welche Mei - nungen in dem Geſpräche dieſer drei Gelehrten die Ober - hand bekommen, ſondern vielmehr in wie fern ſie Mittel und Wege finden würden den kaiſerlichen Gedanken zu ver - wirklichen.

41Das Interim.

Dieſer war aber nicht eigentlich religiöſer, ſondern kirch - lich-politiſcher Art. Die Abſicht des Kaiſers mußte ſeyn und war es auch, die Hierarchie aufrecht zu erhalten, in der er ſelber einen ſo hohen Platz einnahm, auf der ſein Kaiſer - thum beruhte, und dabei doch den Proteſtanten die Möglich - keit zu verſchaffen, ſich ihm wieder anzuſchließen, oder wenig - ſtens nicht in offenen Widerſpruch mit ihm zu treten. Es iſt unleugbar, daß darin zugleich ein großes Intereſſe der Na - tion lag, ſowohl für ihren Frieden im Innern als für ihre Macht nach außen. Die Frage war nur, ob es mit dem Verſuche gelingen, ob die Theologen den vereinigenden Mit - telweg entdecken würden.

Wir haben ein Schreiben des Fürſten, deſſen Seele wohl an dieſem Geſchäft den größten Antheil nahm, Joa - chims II von Brandenburg, über die Puncte, auf die es hie - bei vorzüglich ankomme. Es ſind folgende: der Artikel über die Juſtification, der Genuß des Abendmahls nach der Ein - ſetzung des Herrn, Entfernung des Opus operatum aus der Meſſe, und die Ehe der Geiſtlichen. Er verſichert: der ſelige Doctor Luther habe ſich oft erboten, wenn dieſe Puncte er - halten würden, dem Papſte den Fuß zu küſſen und den Bi - ſchöfen ihre Gewalt zu laſſen.

Mag es mit dem Sinne dieſer Äußerung ſtehn wie es wolle, gewiß iſt, daß vor allem die bezeichneten Puncte wirklich der Erledigung bedurften: und wir haben nun zu ſehen, wie der zu Stande gebrachte Entwurf, den der Kaiſer jedoch, um der katholiſchen Orthodoxie vollkommen ſicher zu ſeyn, noch von zwei ſpaniſchen Theologen, Soto und Mal - venda, durchſehen ließ, ehe er ihn den Ständen vorlegte, dieſe Aufgabe angriff.

42Neuntes Buch. Erſtes Capitel.

Noch einmal haben wir den ſchon ſo oft vorgekomme - nen theologiſch-kirchlichen Streitfragen unſre Aufmerkſam - keit zuzuwenden.

Mit denjenigen Artikeln nun, die am meiſten in die Augen fielen, der Prieſterehe und dem Genuſſe von beider - lei Geſtalt, hatte es die wenigſte Schwierigkeit: die kaiſer - lichen Bevollmächtigten urtheilten, in dieſen Stücken ſey die Neuerung zu weit eingeriſſen, zu allgemein geworden, als daß man ſie ohne die größte Bewegung abſtellen könne: das Concilium, dem ſich die Stände unterworfen, werde ohne Zweifel dafür ſorgen, daß darin dem Frieden der Gewiſſen und der Kirche gerathen werde.

Dagegen war bei dem Artikel von der Juſtification, über den ſich ſeit den frühern Discuſſionen das Concil von Trient ausgeſprochen hatte, eben hiedurch die Schwierigkeit ſich zu vereinigen nur noch größer geworden. Waren dieſe Beſchlüſſe auch vom Kaiſer nicht anerkannt, auf ſeine Theo - logen mußten ſie gleichwohl wirken; von dem Begriff der in - härirenden Gerechtigkeit konnten und wollten dieſe nicht ab - weichen. In dieſem Lehrſtück kam es aber dem Kaiſer vor - züglich darauf an, die Beiſtimmung der Proteſtanten möglich zu machen. Gewiß war es keine Täuſchung, wenn trotz der Annahme jenes Prinzips Julius Pflug ſich auf der an - dern Seite doch wieder den Proteſtanten annäherte; ſeine ganze Überzeugung gieng dahin. So wenig wie die Drei - ſtigkeit der Unbegnadigten, die ihm Luthers Auffaſſung zu veranlaſſen ſchien, wollte er doch auch die Sicherheit der Vorgeſchrittenen die auf ihre Werke trotzen. 1Julius Pflug: Aus was guten und loblichen BewegnuſſenGenug man43Das Interim.ſetzte zugleich feſt, daß Gott den Menſchen gerecht mache, nicht aus deſſen Werken, ſondern nach ſeiner Barmherzig - keit: lauter umſonſt, ohne ſein Verdienſt: daß ſich ein Je - der immer an Chriſti Verdienſt zu halten habe. Wie ſich beides mit einander vereinigen laſſe, war freilich eine andre Frage: man hütete ſich aber wohl darauf einzugehn: man hätte fürchten müſſen die Zwiſtigkeit damit wieder zu erneuern: und war ſehr zufrieden eine Satzung gefunden zu haben, welche das als das vornehmſte betrachtete Dogma der Pro - teſtanten gelten ließ.

Und noch mehr konnte man ſich ihnen in dem Artikel von der Meſſe nähern, über den in Trient noch nichts be - ſchloſſen war. Julius Pflug gab zu, daß darin lange Zeit ein hochbeſchwerlicher Mißverſtand geherrſcht habe: er ließ den Begriff von dem Sühnopfer, der darnach dennoch feſt - gehalten worden iſt, fallen: indem er den Ausdruck Opfer feſthielt, verſtand er darunter doch nur ein Gedenkopfer, ein Dankopfer, wie ſie in dem alten Teſtament vorbildlich be - ſtanden und Chriſtus ſie erneuert. In dieſem Sinn iſt der Artikel abgefaßt. Durch das Blutopfer am Kreuz habe Chri - ſtus die Verſöhnung erworben; das Dankopfer ſey nicht dazu eingeſetzt, damit wir dadurch Vergebung der Sünden verdienen, ſondern daß wir ſie, wie ſie am Kreuz verdient iſt, uns durch den Glauben zu Nutze machen. Eine Auffaſſung,1die Kaiſ. Mt verurſacht worden ihre Declaration in Religion ſachen dermaßen wie zw Augsburg auf juͤngſt gehaltenem Reichstage ge - ſchehen, vorzunehmen und zu publiciren. Abgedruckt in Tzſchirners und Staͤudlins kirchengeſch. Archiv Bd IV. Daß damit Pflug nur ſeinen Entwurf meine, wie der Herausgeber Muͤller annimmt, nicht das publicirte Interim, widerſpricht dem Titel geradezu und iſt uͤber - haupt eine Chimaͤre. Jenes Motiv wird p. 115 auseinandergeſetzt.44Neuntes Buch. Erſtes Capitel.die ſich von der proteſtantiſchen hauptſächlich nur durch die Beibehaltung des Wortes Opfer unterſcheidet. Julius Pflug iſt der Meinung, daß dieſe Erklärung Niemand mehr einen Vorwand laſſe, ſich von der Kirche abzuſondern. 1Pflug: Da man ſich einer ſolchen wohlgegruͤndten und ſchein - barlichen Erklaͤrung von der Meſſe vor 30 Jahren haͤtte vergleichen koͤnnen, wuͤrde die Kirche ohne Zweifel ſolcher Meſſe halben in die beſchwerliche Verbitterung und Weiterung nit gefallen ſeyn.

Das war eben die Abſicht, bei allen Conceſſionen die man machte, doch die große kirchliche Einheit aufrecht zu erhalten.

Auch in dem Artikel über die Kirche findet ſich eine ge - wiſſe Annäherung an neuernde Vorſtellungen: er iſt wenigſtens durchaus nicht papiſtiſch. Der Papſt wird als der oberſte Biſchof betrachtet, der den andern vorgeſetzt iſt, um alle Spaltung zu verhüten; aber auch den andern wird zugeſtan - den, daß ſie wahrhaftige Biſchöfe ſeyen aus göttlichen Rech - ten. Der Papſt wird erinnert, ſeine Gewalt ſey ihm ver - liehen zur Erbauung, nicht zur Zerſtörung. Ubrigens aber wird doch der Begriff der Kirche in aller Strenge behaup - tet: es wird ihr das Recht vindicirt die Bibel auszulegen, die Lehre daraus feſtzuſetzen, ſintemal der h. Geiſt bei ihr iſt, und auch über die Cerimonien Beſtimmung zu treffen.

Die Formel beſtätigt die Siebenzahl der Sacramente, ſucht Chrisma und letzte Ölung zu rechtfertigen und hält feſt an der Transſubſtantiation. Auch für das Anrufen der Jungfrau Maria und der Heiligen um ihre Fürbitte, ſo wie für die Beibehaltung der Faſten findet ſie Gründe; den Pomp der Proceſſionen, überhaupt die Ordnung und Pracht der bis - herigen Cerimonien trägt ſie Sorge zu behaupten.

45Das Interim.

Wir ſehen wohl: es iſt die alte Kirche, was hier aufs neue proclamirt ward: etwas weniger abhängig von dem Papſt, mit einer in einigen Artikeln dahin modificirten Doctrin, daß die Abweichungen der Proteſtanten nicht geradezu ver - dammt wurden, aber übrigens ſie ſelbſt mit ihrem Kirchen - dienſt und in ihrer alten Einheit, als deren Mitrepräſentan - ten ſich der Kaiſer betrachtete. Es war ohne Zweifel der kaiſerliche Gedanke ſelbſt der ſich hier ausſprach: und man mußte nun ſehen welchen Anklang er bei der Reichsverſamm - lung finden würde.

Der Kaiſer legte den Entwurf zuvörderſt den mächti - gern der Augsburger Confeſſion beigetretenen Fürſten zur An - nahme vor.

Was auf dieſe Eindruck machte, war die Meinung daß dieſe Formel für das ganze Reich, auch für den altgläubi - gen Theil gelten ſollte.

Auch war dieß ohne Zweifel der urſprüngliche Sinn des Kaiſers: was hätte ſonſt die Erklärung über das gött - liche Recht der Biſchöfe zu bedeuten gehabt? Nur gegen den Papſt war ſie gerichtet. Churfürſt Joachim II verſichert, er habe nicht anders gewußt, als daß dieß die Meinung ſey: eben darum ließ er ſich ſo leicht bewegen die Formel an - zunehmen. Er ſah darin eine Beſtätigung der von ihm von jeher gehegten Meinungen über Juſtification, Sacra - ment, Prieſterehe und Meſſe, und glaubte daß dieſen auf ſolche Weiſe der Weg über ganz Deutſchland hin eröffnet ſey. So - gar einen Fortſchritt der evangeliſchen Lehre meinte er voraus - ſehen zu können. 1In dem Berliner Archiv findet ſich ein Aufſatz zur Verthei -Der Churfürſt von der Pfalz trat ihm bei.

46Neuntes Buch. Erſtes Capitel.

Etwas mehr Schwierigkeiten machte der dritte weltliche Churfürſt, Moritz von Sachſen, obwohl er ſeine Chur der - ſelben Gewalt verdankte, deren Ausfluß dieſe Anordnung war. Man dürfte nicht ſagen, daß dieß ganz in ſeiner Willkühr beruht habe. Er hatte ſeinen Landſtänden in einem wichtigen Augen - blick, und zwar auf das Wort des Kaiſers, unzweideutige Zuſagen über die Beibehaltung ihrer Religion gegeben. Daran erinnerte er jetzt den Kaiſer, und behielt ſich vor, erſt mit ſei - ner Landſchaft zu berathſchlagen. Der Kaiſer erwiederte, er habe nichts weiter verſprochen, als daß er die Lande nicht mit Gewalt von ihrer Religion dringen, ſondern die Ver - gleichung nur auf gebührlichem Wege ſuchen wolle, wie er das jetzt thue; in dem Reiche ſey es nicht Herkommens, über das was Fürſten und gemeine Stände bewilligt, an die Landſchaften zurückzugehn: Moritz möge ſich nicht auch von ſeinen Theologen verführen laſſen, wie ſeinem Vetter ge - ſchehen. Moritz verſprach zuletzt, in dem Reichsrath nicht durch offenen Widerſpruch Irrung zu veranlaſſen, ſondern ſich dahin zu erklären, daß er ſich zwar in dieſer Sache für ſeine Unterthanen nicht verpflichten könne, aber er denke, ſie1digung des Interims, worin es heißt: Luther habe dreierlei gewollt: 1) quod Pontifex Romanus non sit caput ecclesiae, sed Chri - stus; 2) missam non esse sacrificium ex opere operato, quae possit applicari pro vivis et mortuis; 3) cerimonias debere esse liberas et adiaphoras. Jam, heißt es weiter, in hoc scripto omnia haec tolluntur: conceditur, Romanum pontificem esse pri - mum quidem episcopum propter tollenda schismata, et alios episcopos esse simili modo episcopos ut ipse jure divino, et eis esse commissam a Christo administrationem suarum ecclesiarum jure divino; 2) missam non esse sacrificium ex opere operato, sed sacrificium commemorativum etc. etc. 47Das Interim.würden wohl einſehen, daß es nicht in ſeiner Macht ſtehe etwas abzuändern was alle andern Fürſten und Stände ge - willigt. 1 Iſt endlich dahin gehandelt, dieweil ſich mein gnaͤdigſter Herr ane ſ. ch. G. Landſchaft Rat nicht hat entſchließen koͤnnen, wue gemeine Stende durchaus das geſtelte Interim annhemen worden, das im Reichsrathe m. gn. Herre keine zerruttung machen, Sondern vor ſein Suffragium ſagen mochte, es were ſ. ch. Gn. nicht zu thuen ſich ſeiner unterthanen zu mechtigen, ſ. ch. Gn. aber konnten wol er - achten, was alle andern Chff. FF. und Stende ſchloͤſſen, das ſ. ch. Gn. daſſelbige weder endern noch wenden konten. Das iſt alſo der kayſ. Mt durch die koͤn. Mt angezeigt, die ſeint dorann zu frieden ge - weſt. Protocoll im Dresdner Archiv uͤber die Verhandlungen mit den beiden Churfuͤrſten am 17, 19, 20, und mit dem Kaiſer am Palmabend, 24 Maͤrz.Der Kaiſer ſchien das nur für eine eigenthüm - liche Form vollkommener Einwilligung zu halten; wenig - ſtens gegen Andre drückte er ſich ſo aus, als ſey an ſol - cher kein Zweifel.

Leicht waren die jungen kriegsluſtigen Fürſten gewon - nen, Albrecht von Brandenburg, Erich von Braunſchweig, die bisher überhaupt noch keine entſchiedene proteſtantiſche Mei - nung kund gegeben. Dagegen gab es auch unter den eifrig - ſten Anhängern des Kaiſers einige andre, wie Pfalzgraf Wolf - gang, beſonders Markgraf Johann von Cüſtrin, die ſich wi - derſetzten. Beim erſten Überleſen der Formel faßte Johann dem es beſonders nicht zu Sinne wollte, daß man die Heiligen anrufen ſolle, da doch Chriſtus der einige Mittler ſey, einen heftigen Widerwillen dagegen.

Viel zu ſchwach waren jedoch dieſe Fürſten, als daß ſich der Kaiſer um ſie gekümmert hätte. Es war ihm ge - nug daß er ſich der mächtigſten verſichert halten durfte. Die ganze weitere Frage lag für ihn darin, was nun die alt -48Neuntes Buch. Erſtes Capitel.gläubige Partei dazu ſagen würde. Mit Rückſicht auf ſie hatte er den Entwurf ſo überwiegend katholiſch eingerichtet. Er hatte bisher hauptſächlich mit der Majorität des Für - ſtenrathes regiert, er mochte hoffen, denſelben auch jetzt auf ſeine Meinung zu ziehen.

Wäre das geſchehen, ſo würde er einen factiſchen Ein - fluß auf das Innere der Kirche gewonnen haben, der ihm eine überaus großartige Stellung dem Papſt und dem Con - cilium gegenüber gegeben, alles was dort ihm zum Ver - druß unternommen worden, aufgewogen hätte. Dann erſt konnte von der Einheit der Nation in religiöſer Hinſicht wie - der die Rede ſeyn. Man hätte ſehen müſſen was mehr ge - wirkt hätte, die Wiederherſtellung einiger Äußerlichkeiten auf der proteſtantiſchen oder die den neuen Lehrmeinungen ge - machten Conceſſionen auf der katholiſchen Seite.

Wie wäre es aber möglich geweſen, daß nicht auch jetzt der alte Widerſtand ſich geregt hätte, der in Momenten dieſer Art, auf den verſchiedenen Stufen der Entwickelung dieſes Ereigniſſes, immer hervorgetreten war?

Wir berührten daß Herzog Wilhelm von Baiern, ſeitdem ſeine Abſicht auf die Chur nicht durchgegangen, nicht mehr der Freund des Kaiſers war. In ſeinen Anſchreiben ſprach er das Gefühl ſeines Verdienſtes immer hochfahrender, ſeiner Kränkung immer bitterer, übellauniger aus. 1Ein ſolches Schreiben aus der Sammlung von Arrodenius bei Sugenheim p. 37.Als ihm dieſer Entwurf vorgelegt wurde, mit dem doch auch die Macht des Papſtes eingeſchränkt werden ſollte, hielt der Herzog für gut, erſt bei dem Papſt anzufragen, ob er eine Genehmigung49Das Interim.deſſelben billigen würde. Es könnte ausſehen wie Ironie, wäre nicht ein ſo bitterer Ernſt dabei.

In Rom und ſelbſt in Frankreich war man ſchon längſt auf dieſe Entwürfe des Kaiſers aufmerkſam. Cardinal Bel - lay ſchlug dem Papſt vor, ſeine Legaten mit den katholi - ſchen Ständen entfernt vom Reichstag zuſammentreten zu laſ - ſen, um zu einer freien Berathung außerhalb der vom Ein - fluß des Kaiſers beherrſchten Kreiſe zu gelangen. 1Instructio Clis Bellaji super rebus concilii. MS St. Germ. Paris 140, 1. Ubi convenient legati ubi Caesar non sit, erit ma - jor libertas. Vgl. ſ. Schreiben vom 31 Mai.Deſto erwünſchter kam nun die Anfrage des Herzogs dem römi - ſchen Stuhl. Der Papſt, der nicht verſäumte die Hingebung deſſelben zu beloben, antwortete ihm, er könne eine ſolche Genehmigung nur mißbilligen. 2Responsum Pauli III datum cuidam praepotenti Ger - maniae duci , der ſehr deutlich als der Herzog von Baiern bezeichnet wird: es wird an die Forderung erinnert die von eben dort an Pius IV ergangen. Ohne Zweifel ſind die Antworten vor der Bekanntmachung des Interim geſchehen, weil davon die Rede iſt daß es in den Lan - den des Herzogs eingefuͤhrt werden ſollte, was ſpaͤterhin nicht noͤ - thig war.

Bei allem Anſehen das der Kaiſer genoß, machte das doch ſo viel Eindruck auf das fürſtliche Collegium, daß die Antwort die es gab, durchaus im Sinne des Papſtes aus - fiel. Darin wurde das jetzt auch von Rom her in Erin - nerung gebrachte Argument wiederholt, daß ein Geſtatten des früher bei ſchweren Pönen Verbotenen, z. B. des Laien - kelchs und der Prieſterehe, ein Bekenntniß begangener Un - gerechtigkeit enthalten würde: es ſey ſogar zweifelhaft, ob der Papſt in dieſen Stücken nachgeben dürfe, wenn er auch wolle,Ranke D. Geſch. V. 450Neuntes Buch. Erſtes Capitel.weil darin eine Abweichung von den Satzungen der Concilien liegen würde. Beſtimmungen über die Lehre, die doch dem Concilium heimgeſtellt worden, ſeyen aber vollends unſtatthaft: man wiſſe recht gut, was in der gemeinen chriſtlichen Kirche zu glauben, und bedürfe dazu keiner Ordnung des Kaiſers. Die Fürſten gaben dem Kaiſer zu verſtehn, er überſchreite ſeine Befugniſſe, nicht alle ſeine Sätze möchten ſich als gut katholiſch bewähren: lieber möge er die Proteſtanten vermö - gen von der augsburgiſchen Confeſſion abzuſtehn. 1Der Fuͤrſten und verordenten Stend Bedenken auf das In - terim, bei Saſtrow II, 327, jedoch unvollſtaͤndig.

Der Kaiſer antwortete mit großer Lebhaftigkeit. Man ſage ihm, die Lehre ſey dem Concilium heimgeſtellt: aber ſolle er wohl bis dahin einen Jeden in ſeinem ſelbſtgeſchöpften Glau - ben und bei unwiderſprechlichen Mißbräuchen laſſen? Man fordere, er ſolle die Proteſtanten bewegen von der augsbur - giſchen Confeſſion förmlich abzuſtehn: das heiße, unmögliche Dinge verlangen. Er wiſſe jedoch, daß man damit nur die Eintracht deutſcher Nation verhindern wolle; er kenne die Leute wohl, deren verbittertes Gemüth ihn allenthalben ver - haßt zu machen ſtrebe. 2Bucholtz VI, 236. Daniel zum Jungen an Frankfurt 23 April: Kſ. Mt iſt ſolch ires Bedenkens ganz ubel zufrieden geweſt, und ſie weidlich erputzet, mit Vermeldung daß J. Mt inen die Ar - tikel nit haben zuſtellen laſſen daß ſie ir Gutbedunken daruͤber an - zeigen ſolten, ſondern daß ſie es inen wie es geſtellt, gefallen laſſen ſollten.

Und ſo weit gab der Kaiſer dieß Mal wirklich nicht nach, daß er ſich eine ſo anzügliche Anſprache hätte gefallen laſſen: er ließ ſie dem Fürſtenrathe zurückſtellen, als ſo be - ſchaffen daß er ſie nicht annehmen könne.

51Das Interim.

Allein auch dahin brachte er es doch nicht, daß er ſei - nen urſprünglichen Gedanken hätte durchführen können. Die Fürſten ſchloſſen ſich dem Gutachten der geiſtlichen Churfür - ſten an, das allerdings bei weitem milder ausgefallen war, aber doch auch ſehr ſtarke katholiſche Anregungen enthielt, z. B. Herſtellung der Güter, Nothwendigkeit der Dispenſa - tion in Hinſicht der Prieſterehe und des Kelchs, und vor allem dabei ſtehn blieb, daß die Anordnung Niemand an - gehe, der bisher bei der alten Religion geblieben.

Das Letzte mußte der Kaiſer wirklich nachgeben. Er er - klärte endlich, daß ſeine Declaration ſich nur auf die prote - ſtantiſchen Stände beziehen ſolle: nur unter dieſem Vorbehalt konnte er dazu ſchreiten ihr geſetzliche Autorität zu verleihen.

Am 15ten Mai 1548, Nachmittag 3 Uhr, verſammel - ten ſich die Reichsſtände in der kaiſerlichen Behauſung: vor Kaiſer und König. Erzherzog Maximilian ſprach einige ein - leitende Worte; dann ward, was wir als Vorrede bei dem Buche finden, als Propoſition verleſen; der Kaiſer erinnerte an die ihm geſchehene Heimſtellung, legte die Schrift vor, und verlangte unverweilte Annahme derſelben. Während Kaiſer und König auf ihren Stühlen ſitzen blieben, traten die Stände vor ihren Augen in dem Saale ſelbſt nach ihren Collegien zuſammen. Es iſt gewiß, daß ſich manche abwei - chende Meinungen regten. Den mächtigern Proteſtanten war es neu und unerwartet, daß die Erklärung nicht auch für die Katholiken gelten ſollte;1In der Inſtruction des Churfuͤrſten von Brandenburg zum Reichstag von 1550 heißt es: Und wann es nochmalen dahin konnt gehandelt werden, wie es denn auch von anfang und (in) allen Hand - unter den Churfürſten machte4*52Neuntes Buch. Erſtes Capitel.Moritz, unter den Fürſten Johann von Cüſtrin einige Op - poſition; mehrere verlangten, daß die Schrift erſt abgeſchrie - ben und nochmals regelmäßig in Berathung gezogen werden ſollte: aber zuletzt drang doch der kaiſerliche Wille durch.

Nachdem die Unterredung wohl eine Stunde gewährt, trat der Churfürſt von Mainz im Namen der Stände mit der Antwort hervor, daß ſie ſich deſſen, was S. Maj. be - gehre, gehorſamlich halten würden. Der Kaiſer nahm dieſe Bewilligung als den Ausdruck der allgemeinen Meinung an und betrachtete ſeine Schrift nunmehr als Reichsgeſetz. Jetzt erſt ließ er zu, daß ſie in den verſchiedenen Collegien abge - ſchrieben ward: es war dafür geſorgt daß man keine Be - rathung darüber eröffnete.

In dieſem Augenblick war ein neuer päpſtlicher Nun - tius angekommen. Das Interim war der römiſchen Curie und von dieſer der Verſammlung zu Bologna mitgetheilt worden: hier hatten ein paar Theologen Anmerkungen dar - über gemacht, welche darauf hinausliefen, daß in den Arti - keln die in Trient noch nicht entſchieden worden, gar man - ches Unkatholiſche aufgenommen worden, in den übrigen aber ohne Zweifel das Beſte ſey, einfach die tridentiniſchen Satzungen zu wiederholen. 1Am 2ten Mai gieng die erſte Antwort der Legaten des Con -Es erhellt nicht ganz, ob dieſe1lungen nit anders gemeinet noch von uns und andern ſtenden ver - ſtanden worden, allein daß die kaiſ. Mt hernach ohne jemands vor - wiſſen in der Vorrede ein anders eingefuͤrt, daß die ſo der alten re - ligion ſeyn daſſelbige ſo wol als die welche der augsb. Confeſſion, annehmen und halten wollten, ſo waͤre daſſelbe unſers Erachtens nicht auszuſchlagen, denn wir erhielten ja die vornehmſte Punct unſer chriſi - lichen Religion, den Articul von der rechtfertigung, den rechten Brauch der Sacramente, die Prieſterehe, nemen inen auch den Canon aus der meß. 53Das Interim.Einwendungen dem Nuntius ſchon bekannt waren, welche Aufträge er überhaupt in dieſer Hinſicht hatte: auf keinen Fall aber durfte er die Bekanntmachung des Interims billigen. Eben darum eilte der Kaiſer ſeinem Einſpruch zuvorzukom - men. Er gab ihm erſt Audienz, als die Sitzung vorüber, die Publication geſchehen war.

Hatte nun aber der Kaiſer ſeinen urſprünglichen Ge - danken, die Formel von allen Ständen annehmen zu laſ - ſen, aufgeben müſſen, ſo blieb ihm doch noch ein andres Mittel übrig, auch auf das katholiſche Deutſchland kirchli - chen Einfluß zu erlangen.

Von jeher war über das Verderbniß des Clerus ge - klagt, eine durchgreifende Reformation deſſelben gefordert wor - den: zuletzt noch an dem Concilium; da ſich von demſel - ben nichts erwarten ließ, ſo trug Carl V kein Bedenken auch in dieſer Rückſicht auf eigne Hand ans Werk zu gehn.

Schon in dem Pflugiſchen Entwurf handelt der dritte Theil von dieſen Gegenſtänden: bei weitem ausführlicher aber und practiſcher war die Reformationsformel, welche der Kaiſer wirklich zur Berathung brachte.

Über die Wahl der Kirchendiener, ihre verſchiedenen Ämter, Predigt, Verwaltung der Sacramente und Beobach - tung der Cerimonien, ihre Zucht und Sitte wurden hier ganz umſichtige und nützliche Anordnungen gemacht. Einige Miß - bräuche, über die man immer geklagt, z. B. Cumulation der1cils auf das Interim ab (Rainaldus XXI, 397, nr 51); davon haͤtte der Nuntius, der den 11ten Mai in Augsburg ankam, allenfalls auf dem Wege Notiz bekommen koͤnnen. Ihre ausfuͤhrlichere Erklaͤrung war aber erſt vom 12ten.54Neuntes Buch. Erſtes Capitel.Pfründen, wurden abgeſchafft; der Kaiſer verſprach, den - miſchen Stuhl zu bewegen, gewiſſe Vorrechte in dieſer Hin - ſicht fahren zu laſſen; den größten Werth legte er darauf, daß allenthalben Viſitationen gehalten und beſonders die Provincialſynoden wiederhergeſtellt würden; den Biſchöfen ward ein beſtimmter Termin hiefür geſetzt, welchen ſie auch größtentheils eingehalten haben. 1Valde nobis probatur, quod de celebrandis synodis dioe - cesanis ad festum divi Martini proximum constituistis. Caroli V Reformatio ecclesiastica, unter andern bei Goldaſt Constit. III, 325.

Denn darauf war die Hauptabſicht des Kaiſers gerich - tet, die deutſche Hierarchie wieder zu erneuern und ihre Wirk - ſamkeit zu beleben.

Noch war das deutſche Bisthum faſt überall aufrecht erhalten: da wo es erſchüttert worden, z. B. in Meißen und Thüringen, war es jetzt wieder hergeſtellt; es bedurfte nichts weiter, als die päpſtliche Erlaubniß, in den dem Pro - teſtantismus zugeſtandenen exceptionellen Fällen zu dispen - ſiren, um die biſchöfliche Jurisdiction überall wieder zur An - erkennung zu bringen.

Unter den Befugniſſen, die der Kaiſer noch außerdem für die Legaten forderte die ihm der Papſt ſchicken ſollte, finden wir auch die, über die Herſtellung der geiſtlichen - ter zu verfügen, mit deren Inhabern unter kaiſerlicher Bei - ſtimmung darüber Vertrag zu ſchließen.

Wir ſehen: der Kaiſer hoffte noch mit allen dieſen Din - gen zu Stande zu kommen: die Proteſtanten, er allein, ohne Zuthun des Papſtes, zu beruhigen und ſie zur Unterwer - fung unter die Hierarchie des Reiches zu vermögen, 55Das Interim.dieſe auch ſelber durchgreifend zu verbeſſern, ebenfalls durch eigene Macht, ohne beſondere Mitwirkung von Rom: und dann an der Spitze des wiedervereinten Reiches die al - ten Rechte des Kaiſerthums auf die allgemeine Kirche zur Geltung zu bringen.

Zunächſt mußte ſich zeigen was er mit den Proteſtan - ten ausrichten würde.

[56]

Zweites Capitel. Einführung des Interims in Deutſchland.

Wenn es dem Kaiſer gelungen wäre, wie er urſprüng - lich beabſichtigte, der interimiſtiſchen Anordnung die er traf, für alle deutſchen Landſchaften, auch die altgläubigen, Gel - tung zu verſchaffen, ſo würde die Einführung derſelben einen ganz andern Character entwickelt haben, als den ſie annahm, da dieß nicht durchgegangen war.

In jenem Falle hätten die nachtheiligen Einwirkungen, denen ſich die Proteſtanten unterwerfen mußten, durch die Fortſchritte die nach der andern Seite hin möglich wurden, eine Art von Ausgleichung gefunden. Von den leitenden Ideen der religiöſen Bewegung wäre wenigſtens die, welche auf eine nationale Selbſtändigkeit in religiöſen Dingen hin - zielte, genährt und gefördert worden.

Nun aber war alles anders.

Da der Kaiſer ſich bewegen ließ, die Altgläubigen aus - drücklich anzuweiſen, bei der Einheit der alten Kirche zu ver - harren, ſo war an keinen Fortſchritt der reformatoriſchen Beſtrebungen, an keine gemeinſchaftliche und nationale Ent - wickelung des religiöſen Geiſtes zu denken.

Der Kaiſer ſeinerſeits fand noch ein Mittel, ſeine kirch -57Einfuͤhrung des Interims.liche Gewalt aufrecht zu erhalten: er konnte auf dem poli - tiſchen Standpunct auf dem er ſich befand, allenfalls nach - geben. Für die Proteſtanten aber wurde nun jede Herſtel - lung des von ihnen Abgeänderten, jede Annäherung an das entgegengeſetzte Prinzip, von dem ſie ſich erſt losgeriſſen, zu einem Verluſte ohne allen Erſatz.

Bisher hatte ſich der proteſtantiſche Geiſt nach den eig - nen innern Trieben in freier Autonomie entwickelt; er hatte die Lehre durchaus umgeſtaltet, und von den Cerimonien nur das behalten was ihm gemäß war. Jetzt ſollte er zwar nicht das gerade Gegentheil ſeines Weſens anerkennen: er ward in ſeinen Grundmeinungen, in einigen der vornehm - ſten ſeiner Abweichungen geſchont, geduldet; allein dabei wollte man ihm Äußerlichkeiten und Gebräuche, auch wohl Mei - nungsbeſtimmungen aufdringen, die er mit vollem Bedacht, als eigenthümliche Ausflüſſe des von ihm verworfenen Prin - zipes, hatte fallen laſſen.

Die Anordnung, die von dem Gedanken der Verſöh - nung ausgegangen, erhielt den Character der Unterdrückung. Die Proteſtanten bekamen zu empfinden, was es heiße daß ſie ſich hatten entzweien laſſen und ihre Oberhäupter, welche ihr Syſtem darſtellten, beſiegt worden waren.

Allein es gab nun keinen Ausweg mehr: der Reichstag hatte den Beſchluß gefaßt, die vornehmſten Fürſten, auch der proteſtantiſchen Seite, hatten eingewilligt, und der Kaiſer war entſchloſſen die Sache mit aller Kraft ins Werk zu ſetzen. Wie heftig bedeutete er zwei mindermächtige Fürſten die ſich widerſetzten. Dem einen, dem Markgrafen Johann, ließ der Kaiſer, wie die officielle Relation ſagt, mit runden58Neuntes Buch. Zweites Capitel.und dürren Worten vermelden, er werde die Gebühr dage - gen vornehmen müſſen; dem andern, Pfalzgrafen Wolfgang, ward noch gröblicher angekündigt, er werde nächſtens ein paar tauſend Spanier in ſeinem Lande ſehen.

Die erſte große Frage in dieſem Augenblicke lag nun darin, wie ſich die Städte verhalten würden. Hier hatte ein lange ſchon dazu vorbereitetes populares Element die reli - giöſe Bewegung mit der größten Freude und Zuſtimmung empfangen; die ſtädtiſchen Gewalten hatten ihren Wirkungs - kreis dadurch mächtig erweitert, und ſich großentheils in ſich ſelber demgemäß umgebildet; unzählige Mal hatte man ſich und andern gelobt, Leib und Gut bei der Religion zu laſſen. Jetzt kamen die Tage der Prüfung.

An dem Reichstag zu Augsburg regte ſich in den Städ - ten die Abſicht, zu einer gemeinſchaftlichen Proteſtation zu ſchreiten; ſie ſcheiterte aber, der Frankfurter Geſandte trägt Bedenken zu ſagen wodurch. Es muß wohl noch etwas Anderes geweſen ſeyn als die Verſchiedenheit der Religion, von der er ohne Rückſicht hätte reden können.

Der kaiſerliche Hof behielt auch in dieſer Sache den Vortheil, mit den einzelnen verhandeln zu können.

Die Zuſicherungen die denſelben bei den Capitulationen meiſtentheils mündlich gegeben worden, hinderten ihn nicht, auf die Annahme des Interims zu dringen, als bei welchem, wie ihnen verſprochen war, ihre Religion beſtehen könne.

Zuerſt ward diejenige Reichsſtadt aufgefordert, in der die popularen Elemente am ſchwächſten waren, die ſich von jeher dem kaiſerlichen Hofe am nächſten gehalten, Nürnberg. Der Kaiſer wollte ſich aber dieß Mal nicht mit dem Ge -59Einfuͤhr. des Interims. Oberlaͤndiſche Staͤdte.ſammtnamen Rath abfinden laſſen: er ließ den Mitgliedern deſſelben wiſſen, von jedem einzeln werde er ſich Reſolution einholen. 1Am 19ten Juni langte der kaiſerliche Geſandte in Nuͤrnberg an, am 22ſten wußte man ſchon daß die Stadt ſich unterwerfe.Hierauf unterwarfen ſie ſich ſämmtlich: die Äl - tern des Rathes, der Rath ſelbſt, und die Genannten des Rathes; ſie baten nur, daß man ihnen Zeit laſſen möge.

Nicht ganz ſo gefügig zeigte ſich der Rath von Augs - burg: er reichte eine Schrift ein, in welcher er ſich nur zu einigen Annäherungen erbot. Granvella weigerte ſich, die - ſelbe auch nur anzunehmen, und forderte eine einfach beja - hende Antwort. Er drohte, wenn dieſe nicht erfolge, werde der Kaiſer ſich auf eine Weiſe erzeigen, daß andre Ungehor - ſame ein Exempel daran zu nehmen hätten. Hierauf, am 26ſten Juni, wurde großer und kleiner Rath zuſammenberu - fen und folgender Beſchluß gefaßt: in wie fern die Ord - nung die Gewiſſen belange, könne man mit derſelben nicht übereinſtimmen; aber ein geſammter Rath habe vor allem auf das Wohl der Stadt zu ſehen, deren Verderben eine abſchlägliche Antwort herbeiführen würde: und ſo unterwerfe er ſich dem kaiſerlichen Gebot. 2Gruͤndliche und ordentliche beſchreibung der Handlungen in der Stadt Augspurg 1548 und an den folgenden Reichs - tagen. MS der koͤn. Bibliothek zu Dresden.

Dieſer Widerſtreit zwiſchen Gehorſam und Gewiſſen trat an mehreren Stellen hervor: z. B. in der Antwort der Memminger, der Regensburger. Einige Rathsherrn von Re - gensburg bedienten ſich des Ausdrucks, ſie könnten nicht für ihre Perſon einwilligen, ſondern nur im Namen der Stadt. 3Gemeiner, p. 231.60Neuntes Buch. Zweites Capitel.Schmerzliche Nothwendigkeit, die eigne Geſinnung zu ver - leugnen um das Gemeinweſen nicht zu Grunde gehn zu laſ - ſen. Sie ſagten mit alle dem doch zuletzt nur, daß ſie ge - nöthigt ſeyen der Gewalt zu weichen.

Die kaiſerlichen Beamten ſpotteten ihrer Bedenklichkei - ten, nicht ohne wegwerfenden Hohn. Ihr habt Conſcien - zen, rief der Vicecanzler Heinrich Haſe dem Frankfurter Ab - geordneten zu, der ſich auch auf das Gewiſſen bezog, wie Barfüßerärmel, die ganze Klöſter verſchlingen. Beſcheident - lich antwortete der Frankfurter Rathsfreund, er wiſſe nicht, daß ſeine Herrn den Geiſtlichen das Mindeſte mit Gewalt entfremdet. Redet mir nicht davon, verſetzte Haſe, ich weiß es ſo gut wie ein andrer; aber das iſt des Kaiſers Meinung, daß er das Interim gehalten haben will, und ſollte er ein Königreich darüber zuſetzen. Lernt nur das Alte wieder, oder man wird euch Leute ſchicken die es euch leh - ren: ihr ſollt noch ſpaniſch lernen. 1Bericht des Frankfurter Geſandten Humbrecht in der Samm - lung kaiſerlicher Briefe im Frankf. Archiv.

Zuweilen trat auch noch eine andre Schwierigkeit ein, die in der Verfaſſung lag, wie in Straßburg. Der Rath war nach langen vergeblichen Gegenvorſtellungen am Ende geneigt, dem Beiſpiele der übrigen Städte zu folgen; allein die Schöffen entſchieden, daß dieß ein Fall ſey in welchem die Gemeine gefragt werden müſſe. Von dieſer Gemeine aber, welche eine ſehr entſchieden proteſtantiſche Geſinnung hegte, war niemals zu erwarten daß ſie ſich unterwerfen würde. Nur mit großer Mühe und unter allgemeiner Aufregung wurden die Schöffen bewogen ihren Beſchluß zurückzuneh - men. Hierauf ward auch hier dem Biſchof vergönnt, we -61Veraͤnderung der Stadtraͤthe.nigſtens in einigen Kirchen das ganze Interim einzuführen, während man ſich in andern die freie Predigt vorbehielt. 1Roͤhrich II, 196.

Der Kaiſer fühlte ſehr wohl, daß er auf einen Ge - horſam dieſer Art nicht lange zählen, daß er überhaupt mit Magiſtraten welche Krieg wider ihn geführt, ſchwerlich zum Ziele der äußern Einheit, das er ſich einmal geſetzt, werde gelangen können.

Er war nicht in einer Stimmung um vor durchgrei - fenden Mitteln zurückzuſchrecken, und hatte die Macht die dazu gehörte um ſie anzuwenden. Zuerſt Augsburg, wo er ſich aufhielt, ſollte ihn kennen lernen.

Eines Tages, ganz unerwartet, ließ er die Thore der Stadt ſchließen und großen wie kleinen Rath, Doctoren der Rechte, Schreiber und Diener ſämmtlich in ſeinen Pallaſt entbieten. Nachdem ſie eine Weile im Hof gewartet, ward ihnen der große Saal eröffnet: und hier erſchien nun gegen Mittag der Kaiſer, mit einigen ſeiner Räthe, und ließ ihnen durch Georg Seld, einen gebornen Augsburger, kund thun, wie er mit Schmerzen den Verfall, die Schmälerung und die Unordnung ihrer Stadt anſehe, und ſich, um dem Ubel an die Wurzel zu graben, nach fleißiger Nachforſchung und ſeinem beſten Verſtand entſchloſſen habe, die Form ihres jetzigen Regiments zu verändern und ihnen einen neuen Rath zu verordnen. Man habe ihm vorgeſtellt, daß die Verja - gung des alten Clerus und die Theilnahme am ſchmalkal - diſchen Krieg allein von dem Übergewicht der Zünfte und der dadurch herbeigeführten gewaltſamen Herrſchaft des Bür - germeiſters Herbrot herrühre. Dadurch ſeyen die Erbaren, die Geſchlechter die dem Kaiſer mit Leib und Gut anhän -62Neuntes Buch. Zweites Capitel.gig, Fugger, Baumgartner, Welſer, Neithart, Hörwart, un - terdrückt worden. Sey es wohl billig daß die Feinde des Kaiſers auch jetzt noch Herrn der Stadt blieben? Man hatte ihm als das vornehmſte Übel bezeichnet, daß bisher ſo viele unerfahrene Leute, die beſſer ihres Handwerks gewartet, in dem Rath geſeſſen, und er eilte es abzuſtellen. Sofort in Gegenwart der Verſammelten wurden die Namen derjenigen verleſen, denen der Kaiſer die Ämter der Stadt und den klei - nen Rath anvertrauen wolle. Es waren ihrer 41. Wir finden unter ihnen 3 Fugger, 3 Paumgartner, 4 Rehlinger, denn auch dem Älteſten von ihnen, der ſchon 80 Jahr zählte, Alt-Conrad, ward dieſe Verpflichtung nicht erlaſſen, 2 Welſer, 2 Peutinger, überhaupt 31 ſolche Namen die entweder den wenigen wirklich alten Geſchlechtern die noch übrig waren,1Von den 33 alten Geſchlechtern waren im Jahr 1538 nur noch 8 uͤbrig, 2 Haͤuſer Langenmantel, Ravenſpurger, Rehlinger, Wel - ſer, Hofmeier, Ilſung, Hoͤrwart. oder denen welche im Jahr 1538 dieſen mit gleichen Rechten beigefügt worden, angehörten. Der Ge - meinde wurden nur 10 Stimmen bewilligt. Die Zünfte wur - den mit Einem Schlage aufgehoben, ihre Häuſer, Baarſchaf - ten, Privilegien mußten ausgeliefert werden. Am 7ten und 8ten Auguſt ward dem neuen Rath in den verſchiedenen Vierteln geſchworen. Der Kaiſer empfahl ihm noch beſon - ders die Religion und das von den Ständen bewilligte In - terim. Bei der Eidesleiſtung kam die Formel bei den Hei - ligen wieder vor, doch ward ſie nur von den Wenigſten nachgeſprochen. 2Wie Kaiſer Carol der V ainen cleinen und großen rath zu Augsburg entſetzt geurlaubt, einen neuen Rath und Gericht geordent,

63Uͤberwaͤltigung von Coſtnitz.

Ähnliche Veränderungen nahm der Kaiſer auch in an - dern Orten, z. B. in Ulm vor. Der Rath beſtand bisher aus 24 Geſchlechtern und 46 aus der Gemeine. Der Kai - ſer beſetzte ihn für die Zukunft mit 20 Geſchlechtern und 11 aus der Gemeine.

Es hat einen tiefen Zuſammenhang, daß ſich einſt in dem plebejiſchen Element das in den Städten emporkam, die erſte Oppoſition gegen die Hierarchie geregt hatte, und daß nun der Kaiſer, der dieſe aufrecht erhalten wollte, wenn auch in ſeinem beſondern Sinn, eben dieſe plebejiſche Macht von ihrem Antheil an der öffentlichen Gewalt zurückzudrängen unternahm.

Nicht überall aber genügte dieß. Zuweilen ſchien wohl auch der gegenwärtige Widerſtand ein Recht zu verleihen, alte Pläne gegen die Freiheit einer Stadt zu vollführen.

Am 6ten Auguſt 1548 ward Coſtnitz, das nichts mehr verbrochen als Andere, aber von dem Haus Öſtreich ſchon längſt angefochten ward, plötzlich, während die Abgeordne - ten noch mit dem Hofe unterhandelten, in die Acht erklärt, und an demſelben Tage machte auch ſchon ein Haufen Spa - nier einen Verſuch, ſich der Stadt ſelber durch Überfall zu bemächtigen.

Die Einwohner, obgleich überraſcht, wehrten ſich doch vor - trefflich: ſie ſahen ihre Weiber und Kinder an, und waren ent - ſchloſſen ſie gegen den wilden Feind, deſſen Lüſte und Räube - reien ihnen ſataniſch erſchienen, zu vertheidigen, und ſollte die2in der gruͤndlichen und ordentlichen beſchreibung 43. Die Taxe fuͤr die Confirmation des neuen Regiments betrug 1200 G. on das Sigel und Canzleygelt.64Neuntes Buch. Zweites Capitel.Stadt ihr Kirchhof werden. Als die Vorſtadt ſchon erobert war und die erſten Feinde auf der Rheinbrücke erſchienen, ſo daß man befürchtete, ſie möchten zugleich mit den Flie - henden in das Thor eindringen, geſchah jene That, die man nicht mit Unrecht der des Horatius Cocles verglichen hat. Ein Bürger, mit zwei Spaniern im Handgemenge, erfaßte ſie endlich beide, ſchrie zu Gott um Vergebung ſeiner Sün - den und ſtürzte ſich mit ihnen über die Bruſtwehr in den Rhein: ſo daß ſeine Mitbürger wirklich Zeit behielten das Thor an der Brücke zuzuſchlagen, und ſich überhaupt für dieß Mal des Feindes erwehrten.

Das konnte aber alles ihre Freiheit nicht retten. Da ſie jetzt von keiner Seite Schutz hatten, weder auf der deut - ſchen, noch auch von der Schweiz her, wo die evangeliſchen Verbündeten durch die katholiſchen Gegner zurückgehalten wurden, hörten ſie am Ende auf den Rath eines Haupt - manns in König Ferdinands Dienſt, eines gebornen Con - ſtanzers, Hans Egkli, ſich in des Königs Schutz zu bege - ben, als das einzige Mittel um dem Zorne des Kaiſers zu entgehn. Am 14ten October 1548 rückten daſelbſt einige ferdinandeiſche Fähnlein ein.

Die Stadt hatte ſich indeß ſchon von ſelber bequemt das Interim anzunehmen; damit war der König aber nicht zu - frieden. Er befahl ſeinen Commiſſarien die alte wahre Reli - gion wieder in Weſen zu bringen; nach einiger Zeit ward die evangeliſche Predigt bei Todesſtrafe verboten.

Mit der reichsſtändiſchen Freiheit und der evangeliſchen Lehre war es in demſelben Augenblicke vorüber.

Überhaupt entwickelte die Regierungsweiſe, wie ſie der65Verfolgung der Prediger.Kaiſer nunmehr ausübte, den Character einer gehäſſigen Ge - waltſamkeit.

Nachdem man ſich der Gemeinheiten verſichert, kam man nun an die Einzelnen: vor allem an die Prediger. Es waren noch faſt überall die Männer die in den erſten Zei - ten der Gefahr ſich erhoben, alle Wechſelfälle die ſeitdem vorgekommen, beſtanden, an der Entwickelung der dogmati - ſchen Feſtſetzungen lebendigen Antheil genommen, die kirch - lichen Einrichtungen ausgebildet hatten; ihr Name war vor dem Volke gleichſam die Sache ſelbſt. Die Frage ward an ſie gerichtet, ob ſie nun auch feſthalten, oder im Angeſicht des Unglücks, das ihnen ohne allen Zweifel bevorſtand, nach - geben würden.

Die ehrlichen, frommen, beherzten Männer zweifelten nicht: ſie zogen vor, das Unglück über ſich ergehn zu laſſen.

Noch unter den Augen des Kaiſers, in Augsburg er - klärte Wolfgang Meuslin dem Rath, er könne und wolle das Interim nicht annehmen: auch nur den Chorrock, von dem zunächſt die Rede war, könne er nicht anziehen: nicht als ob daran ſo viel gelegen wäre: aber er habe dagegen gepredigt: er könne es nicht thun. Er dankte dem Rath für die Wohlthaten die er in Augsburg genoſſen, und ver - ließ die Stadt unverzüglich.

Vergebens hatte Agricola die Prediger in Nürnberg für ſeine Formel zu gewinnen geſucht. Veit Diedrich, ſo mild er ſonſt war, gab zu erkennen, in der Annahme derſelben würde eine Verleugnung des evangeliſchen Glaubens liegen. Als der Rath den Predigern ſeinen Entſchluß ankündigte, das Interim anzunehmen, und ſie ermahnte nicht dawiderRanke D. Geſch. V. 566Neuntes Buch. Zweites Capitel.zu ſeyn, hörten ſie ſtillſchweigend zu und entfernten ſich ohne eine Antwort zu geben. Nur die geiſtig-unbedeutendern aber unterwarfen ſich. Veit Diedrich ward durch den Tod dieſem Sturme entriſſen. Oſiander meinte, er wolle weichen bis das Wetter vorübergezogen, und verließ Nürnberg; die Stadt kündigte ſeiner Frau das Bürgerrecht auf.

In Ulm trotzte Frecht auf den Artikel ſeiner Vocation, daß er das Evangelium ohne allen Zuſatz von Menſchenlehre predigen ſolle; er ließ ſich auch die Anweſenheit des Kaiſers nicht daran hindern. Dafür ward er ſammt ſeinen vornehm - ſten Amtsgenoſſen in Ketten und Bande gelegt und unter der Obhut einer ſpaniſchen Wacht dem kaiſerlichen Hoflager nach - gefahren. Hinter dem Wagen lief ein Schulknabe her, der es ſich nicht nehmen laſſen wollte, ſeinen geiſtlichen Meiſtern in ihrem Gefängniß Dienſte zu leiſten. 1Auf Fuͤrbitte der Stadt antwortet Arras dem Ulmiſchen Ge - ſandten Marchtaler: daß ſie ſich in irer antwurt ſo uͤbel gehalten, das ſie nit werd weren, das ſich die von Ulm jrer annemen. (March - taler I Sept. 1548.)

Johann Brenz in Schwäbiſch-Hall ſaß mit Frau und Kindern bei Tiſch, als er erfuhr, ein ſpaniſcher Hauptmann ſey angekommen und dringe auf ſeine Auslieferung. Er that als wolle er einen Kranken in der Vorſtadt beſuchen, und eilte davon zu kommen. Auf einem Edelhofe in der Nähe fand er eine Zuflucht, und auch ſeine Familie folgte ihm da - hin nach; doch wagte er nur die Nächte daſelbſt zuzubringen, denn fortwährend ward er geſucht; bei Tage hielt er ſich in dem dichten Dunkel einer unwegſamen Waldung auf. Eine beſſere Freiſtatt fand er endlich in dem würtenbergiſchen Schloß Wettlingen auf dem Gipfel des Hohberges. Er hat daſelbſt67Verfolgung der Prediger.eine Auslegung des 93ſten Pſalmen geſchrieben, mit deſſen Verheißungen er ſich tröſtete. Die Waſſerſtröme erheben ſich, erheben ihr Brauſen, heben empor ihre Wellen: grö - ßer aber iſt der Herr in der Höhe. Herr, dein Wort iſt die rechte Lehre. 1Eins der merkwuͤrdigſten Pſeudonymen: Joanne Witlingio autore.

So hielten ſie ſich allenthalben. In Regensburg er - klärte Dr Nopp und ſeine Gehülfen: ſie wollten ſich mit Weihwaſſer, Öl und Chryſam nicht beflecken; in Frankfurt Ambach und Lullus: ſie würden eher Hunger, Elend und den Tod ertragen als von der reinen Lehre weichen. In Reutlingen nahm Matthäus Alber, welcher dieſer Gemeine jetzt 29 Jahre vorangegangen, an dem Tag ſeinen Abſchied als die erſte Meſſe gehalten ward. Ambroſius Blaurer in Coſtnitz hatte um die Durchführung des proteſtantiſchen Prin - zips in dem obern Deutſchland das Verdienſt eines Refor - mators: von der Kataſtrophe ſeiner Vaterſtadt ward Nie - mand tiefer betroffen: gleich nach Annahme des Interims verließ er ſie. Am erſten November 1548 hielt Erhard Schnepf ſeine Abſchiedspredigt in Tübingen, denn ſein Fürſt konnte ihn nicht länger ſchützen; in langem Zuge begleitete die Gemeinde den ehrwürdigen Greis weit hinaus vor die Stadt. 2Adami Vitae theologorum. Ein wenig länger hielt ſich Straßburg als die übri - gen Städte; aber der Kaiſer hatte auch hier an den Begü - terten, den reichen Handelsleuten Verbündete: ſchon hatten ihrer funfzig die Stadt verlaſſen, noch mehrere drohten nach - zufolgen, wenn man die Ungnade des Kaiſers nicht ver -5*68Neuntes Buch. Zweites Capitel.meide. Hierauf entſchloß ſich die Stadt, Anfang Februar 1549, dem Biſchof zu verſprechen, daß in ihren Mauern nicht mehr wider das Interim gepredigt werden ſolle. 1Bucerus Calvino 9 Jan. 7 Febr., in Epistolis Calvini nr. 96 (ein vortrefflicher Brief) und nr. 98.In dieſem Beſchluß ſahen Männer wie Butzer und Fagius ihre Entlaſſung. Butzer fühlte ſich ohnehin durch den Ruf, daß er allzu nachgiebig ſey, zu viel auf Vergleichung denke, der wie ein Schickſal auf ihm laſtete, gedrückt, und wollte den - ſelben um keinen Preis beſtätigen. Fagius entſchuldigte in ſeiner Abſchiedspredigt den Rath, der ſo lange als möglich feſtgehalten, und die zurückbleibenden Prediger, die gewiß von der rechten Lehre nicht abfallen würden: für ſich bat er um die Fürbitte der Gemeine daß er ſtandhaft bleibe in ſeinem Kreuz. 2Ein Auszug dieſer Predigt findet ſich in der ſchwaͤbiſchen Chronik des Martin Cruſius, der ſie hoͤrte, II, 274.

Ich nenne nur die vornehmſten Namen: eine große Menge Anderer geſellte ſich den Flüchtigen zu. Man wollte bei 400 verjagte Prediger im Oberland zählen.

Dieſe Standhaftigkeit fand nun aber auch weiter im Norden und Oſten Nachahmung.

Einer Vereinbarung welche Markgraf Albrecht von Culm - bach mit ſeinen Landſtänden auf den Grund des Interims getroffen, widerſetzten ſich die Prediger um ſo mehr, da man ſich vorbehalten hatte, daran zu mehren oder zu mindern. Ein langes Sorgen, ſagten ſie, ſey ein langes Sterben: ſie verpflichte ihr Eid, nur das lautere Gotteswort zu lehren; wolle man ſie zwingen davon abzuweichen, ſo wollten ſie hiemit ſammt und ſonders um ihren Abſchied gebeten haben. 69Widerſtand in Norddeutſchland.Albrecht ſchrieb dem Kaiſer, er ſey nicht abgeneigt ſie zu entlaſſen: er wiſſe nur keine andern zu bekommen. 1Lang II, 209. 212. Bucholtz VI, 329.

Im Calenbergiſchen, zu Pattenhauſen, hielt die Geiſt - lichkeit förmlich eine Synode, in der ſie eine Erklärung ge - gen das Interim, die ihr Superintendent Corvinus verfaßt hatte, unterzeichnete.

Fand doch ſelbſt Churfürſt Joachim von Brandenburg, der ſeiner Geiſtlichen eher ſicher zu ſeyn glaubte, da eins ihrer Oberhäupter an der Abfaſſung des Interims Antheil genommen hatte, als er ſie nach Berlin zuſammenrief, den größten Widerſpruch. Sie erklärten, ſie würden die ewige Verdammniß fürchten, wenn ſie von der erkannten Wahrheit abweichen wollten: der Kaiſer ſey mächtig: aber Gott noch viel mächtiger. 2Leuthinger Commentarii 219. 228.

Auch in Sachſen, in dem Lande des Churf. Moritz ſowohl, wie in den Landſtrichen welche den Söhnen Johann Friedrichs verblieben, war man in derſelben Stimmung. Auf einer Verſammlung die Moritz kurz nach ſeiner Rückkehr vom Reichstage nach Meißen berief, zeigten ſich die Theologen beſonders über die Vorrede der kaiſerlichen Formel, die ihnen hier erſt bekannt ward, betroffen, da darin die Doctrin von der ſie abgewichen, als ächt katholiſch bezeichnet ward: ſie erklärten daß ſie nur die Neuerungen abgeſchafft, und zu den urſprünglichen Lehren der wahren katholiſchen Kirche zu - rückgekehrt ſeyen:3Grave et hoc est quod nobis tribuitur, fuisse et esse nos autores schismatum et novitatis, cum partis adversae recens excogitatis et in ecclesiam inveclis doctrinae corruptelis et ab - das Verfahren des Kaiſers, ſo mild es70Neuntes Buch. Zweites Capitel.auch ausſehen möge, bezeichneten ſie als verderblich und tyranniſch; auch die einzelnen Beſtimmungen des Interim griffen ſie mit vielem Ernſt an: in einer Erläuterung der Juſtification von Melanchthons Hand werden die proteſtan - tiſchen Grundſätze mit aller Schärfe hervorgehoben. Ganz nach dieſem Vorgang ſtellten die Stände dem Churfürſten vor, daß die Lehre ihrer Lande eben die ſey, welche die Glie - der der wahren katholiſchen Kirche von jeher bekannt: ſie erinnerten ihn an ſein Verſprechen ſie dabei zu ſchützen, das auf allen Kanzeln dem Volk und durch offenen Druck der Welt bekannt gemacht worden ſey.

Und dazu kam nun daß es im Reiche noch unüber - wundene Regionen gab, welche dem kaiſerlichen Willen zu - gleich politiſchen und geiſtlichen Widerſtand entgegenſetzten.

In ganz Niederſachſen ſprachen ſich die Oberhäupter der Geiſtlichkeit dagegen aus, Äpinus zu Hamburg, Johann Amſterdamus zu Bremen, Medler zu Braunſchweig; überall wurden Synoden gehalten: zu Minden, Mölln, Hamburg; die Städte correſpondirten darüber unter einander, und wur - den endlich einig, wie der kaiſerliche Truchſeß Könneritz be - richtet, das Interim ſämmtlich zu verwerfen, Leib und Gut darüber zuſammenzuſetzen.

Beſonders heftig lautete die Erklärung von Magdeburg. Das Interim verdunkle den Hauptartikel des chriſtlichen Glau - bens, daß wir durch den Glauben ohne alle Werke gerecht und ſelig werden; es richte die Anrufung der Verſtorbenen, Vigilien, Seelmeſſen und die ganze Gottesläſterung des Pap -3usibus cerimoniarum rejectis et repudiatis redierimus ad primam et veterem catholicae ecclesiae doctrinam et traditiones. 71Widerſtand in Norddeutſchland.ſtes wieder auf; es wolle Uns Alle um unſre Seligkeit bringen. 1Der von Magdeburg Entſchuldigung, bit und gemeine chriſt - liche Erinnerung 1549.Und da die Stadt nicht allein unausgeſöhnt, ſondern in der kaiſerlichen Acht war, da ſie nichts weiter zu verlieren hatte, ſo ward ſie plötzlich der Heerd einer leb - haften literariſchen Oppoſition. Eine Fluth von Gegenſchrif - ten in jeder Form, Satyre und Predigt, in Proſa und Verſen, gab das Interim der Verachtung und dem öffent - lichen Haſſe Preis; in abenteuerlichen Caricaturen ward es verſpottet; man hat ſogenannte Interimsthaler, auf denen ein dreiköpfiges Ungeheuer den Urſprung und Inhalt dieſer Schrift verſinnbildet. Da ſo viele Fürſten ſchwankten oder abfielen, wendeten ſich alle Blicke auf Johann Friedrich, der, obwohl ein armer Gefangener und in der Gewalt des Kai - ſers, doch jedes Anſinnen dem Interim beizutreten ſtandhaft zurückwies. Denn wohl wiſſe er, daß es in vielen Artikeln dem Worte Gottes zuwider ſey: würde er es billigen, ſo wäre es als ob er Gott droben in ſeiner Majeſtät und die weltliche Obrigkeit hienieden mit gefährlichen Worten betrü - gen wolle: er würde die Sünde gegen den heiligen Geiſt begehn, die nicht vergeben werde. Ruhig ſah er zu, als man ihm ſeine Bibel und ſeine lutheriſchen Bücher weg - nahm: er werde ſchon behalten was er daraus gelernt. Seine Haltung flößte ſelbſt den Feinden Hochachtung ein; in den Gleichgeſinnten nährte ſie den ſtillen und ſtandhaf - ten Widerſtand der gläubigen Gemüther. War Johann Friedrich früher als der Vertheidiger des reinen Glaubens geachtet und geliebt worden, ſo ward er jetzt als Held und72Neuntes Buch. Zweites Capitel.Märtyrer bewundert und verehrt. Man erzählte ſich, bei der Übergabe jener ablehnenden Erklärung habe ein Donner - ſchlag von heiterm Himmel gleichſam das göttliche Wohl - gefallen bezeugt; man meinte die Geſtalt des Churfürſten in der Luft in den Bildungen der Wolken zu ſehen.

Was würde erſt geſchehen ſeyn, wenn der Kaiſer wirk - lich, wie man ihm gerathen, den Verſuch hätte machen wol - len die alten kirchlichen Zuſtände geradehin zurückzuführen. Er ſuchte jetzt nur einige Äußerlichkeiten herzuſtellen, eine Modification in Lehre und Leben zu Stande zu bringen, in welcher doch auch proteſtantiſche Elemente unverkennbar ent - halten waren: und doch wurde ſein Entwurf mit tiefem und allgemeinem Widerwillen empfangen. Die Unterwür - figkeit der beſiegten, mit dem Ruin ihrer Städte bedrohten oder erſt jetzt im Gefolge der Niederlage eingeſetzten Ma - giſtrate, und einiger ſchwächern Seelen welche das Exil fürch - teten, wollte doch wenig ſagen. Der proteſtantiſche Geiſt, in ſeiner ganzen urſprünglichen Energie, ſetzte ſich dagegen.

Dieſer proteſtantiſche Geiſt aber ſollte in demſelben Au - genblick einen Angriff erfahren, der ihm noch bei weitem tie - fer gieng und gefährlicher wurde.

Churfürſt Moritz hatte das Interim, wie wir wiſſen, nicht geradezu angenommen: er hatte es aber auch nicht ent - ſchieden abgelehnt. Er war dem Kaiſer und dem König viel zu ſehr verpflichtet, um ſich ſo dringenden Wünſchen derſel - ben zu widerſetzen: hatte man ihn doch einſt in Eger der katholiſchen Meſſe beiwohnen ſehen! Dagegen aber hatte er ſeiner Landſchaft, welche die proteſtantiſchen Doctrinen um ſo lebendiger aufgenommen, je länger ſie derſelben entbehren73Haltung des Churfuͤrſten Moritz.müſſen, das Verſprechen gegeben, ſie bei ihrer Religion, wie ſie jetzt ſey, zu ſchützen, eine Zuſage die von dem Kaiſer um der Gefahren des Krieges beſtätigt worden. Die pro - teſtantiſche Geſinnung war durch die Vereinigung der älte - ſten evangeliſchen Länder mit ſeinem bisherigen Territorium nur um ſo ſtärker geworden. Moritz erklärte endlich dem Kaiſer, er für ſeine Perſon habe nichts gegen die Formel des Interim: was ſeine Landſchaft anbetreffe, ſo wolle er alles Mögliche thun um ſie zur Annahme deſſelben zu bewegen. 1Dem Markgr. Hans laͤßt Koͤn. Ferdinand Dienſt. nach Trin. ſagen: J. Koͤnigl. Mt wolle J. f. Gn. unangezeigt nicht laſſen, daß Herzogk Moritz das Interim vor ſein perſon angenommen, ſich auch dabeneben erboten, hoͤchſten und muglichen Fleiß anzuwenden ſeine Landſchaft dahin zu bereden, daß ſie ſolches auch annehmen ſolte.

Bei dem erſten Verſuch aber ward er inne, daß dieß ſo geradezu nicht möglich ſey. Wenn wir recht unterrichtet ſind, fand er überhaupt bei ſeiner Rückkehr in das Land eine ſchlechte Aufnahme. 2Marillac 19 Sept. Vgl. ſpaͤteres Schreiben bei Ribier II, 218.Bei der erſten Zuſammenkunft ſei - ner Stände in Meißen empfieng er, wie berührt, eine ent - ſchieden abſchlägliche Antwort.

Der Kaiſer forderte ihn auf, ungefähr eben ſo zu ver - fahren, wie er ſelbſt in den oberen Landen und Städten verfahren war, vor allen Dingen Melanchthon zu entfernen, von dem ein Gutachten wider das Interim im Druck er - ſchienen war. Die Stände dagegen hielten ihm ſein Verſpre - chen entgegen: ſie ſchienen bereits ihre Augen auf ſeinen Bruder Auguſt zu werfen.

Von entgegengeſetzten Anſprüchen und Pflichten gedrängt faßte Churfürſt Moritz den Gedanken, wenn es ihm nicht74Neuntes Buch. Zweites Capitel.möglich ſey das ganze Interim einzuführen, den Kaiſer doch wenigſtens durch möglichſte Annäherung an die Formel zu befriedigen. Er forderte ſeine Stände und Theologen auf, nochmals in Erwägung zu ziehen, was ſich dem Kaiſer mit gutem Gewiſſen nachgeben laſſe.

Näher ward dieſer Gedanke für ihn beſonders dadurch beſtimmt, daß Julius Pflug in das Bisthum Naumburg zu - rückgekommen war, ſich aber hier trotz aller Befehle des Kaiſers der Beihülfe des weltlichen Armes überaus bedürf - tig fühlte. Und dieſer Biſchof war nun von den gelehrten Theologen der katholiſchen Kirche wohl der gemäßigtſte, den Proteſtanten in ſeinen Meinungen verwandteſte, nächſte. Chur - fürſt Moritz meinte, die Modificationen welche in der augs - burgiſchen Formel nothwendig ſeyn würden, durch den Bi - ſchof, deſſen Autorität er dafür wieder anerkannte, dem Kai - ſer empfehlen zu laſſen.

Hätte irgend ein andrer deutſcher Fürſt dieſen Plan ge - faßt oder auch ausgeführt, ſo würde es ſo viel nicht zu ſa - gen gehabt haben, da die Wirkung doch immer auf ein ein - ziges Land beſchränkt geblieben wäre.

Hier aber war es von der größten Bedeutung. Das Kriegsglück das für den Kaiſer entſchied, hatte die Metro - pole des Proteſtantismus, jenes Wittenberg, von dem bis - her die Feſtſetzung der dogmatiſchen Normen hauptſächlich ausgegangen war, in die Hände des Churfürſten Moritz gebracht. Einſt, bei den erſten Verfolgungen der Lehre, un - ter Friedrich dem Weiſen, war Wittenberg das allgemeine Aſyl geweſen. Und noch lebte daſelbſt der Mann der nächſt Luther das Meiſte zur Entwickelung der neuen Kirche bei -75Haltung Melanchthons.getragen. Dahin war noch immer die Aufmerkſamkeit aller Gläubigen gerichtet. Es war ein nicht allein für Sachſen, ſondern für die ganze evangeliſche Welt im höchſten Grade wichtiges Ereigniß, wenn es dem Churfürſten gelang, dieſen Mann und ſeine Amtsgenoſſen zu einer Annäherung an die kaiſerliche Formel zu vermögen.

Indem er dieß verſuchte, kam ihm zu Statten daß er die in den Kriegsunruhen zerſtreute Univerſität wieder auf - gerichtet, die alten Profeſſoren zurückberufen, ſich um alle zuſammen und jeden beſonders perſönliche Verdienſte erwor - ben hatte, auch um Melanchthon. Melanchthon war nach England und nach Dänemark, nach Tübingen und Frank - furt a. d. Oder berufen worden, auch die Söhne Johann Friedrichs hatten ihm Anträge gemacht; er zog es aber vor, nach Wittenberg zurückzukehren, an das ihn alle Gewohn - heiten des täglichen Lebens feſſelten, wo ſeine Familie ſich wohl befand, ſeine liebſten Freunde, einverſtandene Col - legen lebten;1 als ich bedacht habe, daß die Perſonen wie wir viel Jahr beiſammen geweſen, zu Pflanzung loͤblicher Kuͤnſten und chriſtlicher Lehr nuͤtzlich gedient haben. An Mkg. Joachim, Corp. Ref. VI, 734. ſein Ehrgeiz war, aus dem großen Schiff - bruch, wie er ſagte, die Trümmer zu retten, die Univerſität, deren Ruf und Daſeyn mit dem ſeinen verwachſen war, wie - derherzuſtellen. Die neue Regierung zog ihn bei den Ge - ſchäften zu Rathe, nahm auf ſeine Empfehlungen Rück - ſicht; als ſich einſt der Kaiſer darüber beklagte, daß der mit ihm noch unausgeſöhnte Profeſſor in Wittenberg wieder auftrete, und auf ſeine Auslieferung dringen zu wol - len drohte, denn eben der ſey es, der den vorigen Chur -76Neuntes Buch. Zweites Capitel.fürſten in ſeiner Widerſetzlichkeit beſtärkt habe, nahm die Re - gierung den Gelehrten in Schutz, und ließ ihn wiſſen daß ſie das that. Einſt, auf einer Reiſe hat ſie ihn ſogar gleich als ſey die dringendſte Gefahr vorhanden einen Au - genblick entfernt: es ſchien ihm wohl als hänge von ihrer Gunſt und Fürſprache ſein ganzes Daſeyn ab. Und zu die - ſem Gefühl der Dankbarkeit kam noch ein andres. In den letzten Jahren hatte ſich Melanchthon, aus Furcht den al - ternden Luther zu verletzen, nicht mit voller Freiheit bewegt, beſonders ſeine Gedanken über die Abendmahlslehre nicht wie er wünſchte zu entwickeln gewagt; auch von dem am Wortlaut feſthaltenden Hofe hatte er ſich beſchränkt gefühlt. In dem Umſturz der Regierung, unter deren Schirme die neue Lehre emporgekommen, ſah doch Melanchthon auch wieder auf ſeinem wiſſenſchaftlichen Standpuncte gleichſam eine Erleichterung. So geſchah daß er ſich dem neuen Herrn mit einer ganz unerwarteten Hingebung anſchloß. Mit jenen Räthen, deren bloßer Name Luthers Wider - willen erweckte, trat er in Verhältniß: wir finden ihn den Dr Komerſtadt auf deſſen Landgut beſuchen, er correſpondirt mit Carlowitz. Wer wollte ihn an und für ſich darum ta - deln? Mit dem einen berieth er die Geſchäfte der Univer - ſität, die Herbeibringung der zerſtreuten Einkünfte; bei dem andern ſuchte er etwa für einen alten Freund, Dr Jonas, die Erlaubniß der Rückkehr an ſeine Stelle in Halle nach. Aber indem man dieſe Wendung ſeiner Hinneigung und Abhängigkeit beobachtet, erſchrickt man ſchon vor der Gefahr, in welche ſeine perſönliche Haltung dadurch geräth. In einem unbe - wachten Augenblick, in welchem er dem Carlowitz für die77Haltung Melanchthons.Gewährung eben jener Fürbitte für Jonas dankte,128 April 1548. Corp. Ref. VI, p. 879. ver - lor er das größte Verhältniß ſeiner frühern Zeiten, das ihn zu dem Manne in der Welt gemacht hatte der er war, die Freundſchaft zu Luther, ganz aus den Augen. Das Ge - fühl der Befriedigung brachte ihm ältere vorübergegangene der Verſtimmungen ins Gedächtniß. Er ließ Klagen über Lu - thers Eigenſinn und Streitſucht einfließen: er erlaubte ſich Seitenblicke auf die frühern Herrn. Melanchthons Briefwech - ſel erweckt ſonſt immer Theilnahme, Verehrung, Liebe: dieſen Brief aber wollte ich, hätte er nie geſchrieben. Es mag ſeyn daß er, wenigſtens bis auf einen gewiſſen Grad, Recht hatte: wer würde es ihm verargen, wenn er ſeine Klagen, zu jener Zeit, in den Buſen eines Freundes ausgeſchüttet hätte. Jetzt aber, nach der Kataſtrophe ſeines Fürſten, nach dem Tode des Freundes, Klagen gegen Den, in welchem dieſer immer einen Widerſacher geſehen, und der das Meiſte dazu beigetragen hatte jenen zu ſtürzen! nun, man ſieht, wohin auch ein edler Menſch, von momentanen Bezie - hungen übernommen, gerathen kann. Melanchthon glaubte wohl in ſeiner Beſcheidenheit, daß er ein einfacher Gelehrter ſey. Ein Gelehrter aber wie er, der an den großen Ereig - niſſen mithandelnd Antheil nimmt, führt kein Privatleben: er hat die Pflicht eines Staatsmanns, immer das Ganze ſeiner Thätigkeit im Auge zu behalten, ſeine Vergangenheit, die unaufhörlich fortwirkt, nicht aufzugeben im überwiegenden Gefühl der Nothwendigkeiten des vorhandenen Augenblickes. Und für ihn war dieſe Pflicht ganz beſonders dringend. In ihm mehr als in irgend einem andern lebenden Menſchen78Neuntes Buch. Zweites Capitel.lag die Einheit der proteſtantiſchen Kirche; der freie Fort - gang ihrer Entwickelung knüpfte ſich an ihn. Jetzt war die Zeit gekommen wo er die Zweifel an ſeiner moraliſchen Stärke, die ſich ſchon regten, widerlegen, durch eine männ - liche und unnachgiebige Haltung das Zutrauen zur allgemei - nen Sache befeſtigen mußte. Welche Autorität würde er dann gewonnen haben! wie hätte er mit dem wiſſenſchaft - lichen Sinn und dem religiöſen Gefühl die ſich in ihm durch - drangen, die vereinigten Geiſter noch eine Strecke weiter füh - ren können! Die Werkſtätte der unabhängigen proteſtanti - ſchen Gelehrſamkeit und Theologie, wo ſie auch aufgeſchla - gen werden mochte, die war für ihn Wittenberg, nicht jener Ort an der Elbe. Eine unglückliche locale Vorliebe aber führte ihn in den Bereich einer ſtaatsklugen und verführeri - ſchen Gewalt. Melanchthon drückte ſich in jenem Briefe auch über den ihm ſchon mitgetheilten Entwurf des Interims ſehr entgegenkommend aus. Er billigte den Artikel über die Kirche und die Herſtellung der Gebräuche: er erwähnte ſelbſt, mit welchem Vergnügen er in ſeiner Kindheit die kirchlichen Ceri - monien mitgemacht; er brachte Vorſchläge bei wie die Prediger zu gewinnen ſeyen: und meinte noch, ſeine Mäßigung werde den Mächtigen nicht genugthun. Sie gereichte ihnen zum höchſten Erſtaunen. Carlowitz theilte den Brief Jedermann mit, der ihn ſehen wollte: zahlreiche Abſchriften giengen in Augsburg von Hand in Hand: die Anweſenden können nicht ausdrücken, wie zufrieden ſich die Prälaten darüber äußer - ten, wie unglücklich ſich die Evangeliſchen darüber gefühlt haben; die Geſandten ſchickten das Actenſtück ihren Höfen ein. Auch dem Kaiſer ward das Schreiben vorgeleſen: den79Zuſammenkunft in Pegau.habt ihr, ſoll er ausgerufen haben, ſeht zu, daß ihr ihn feſthaltet.

Von einer Regierung, wie dieſe moritziſche war, ſo nach - haltig und gewandt, ſo feſt in den einmal gefaßten Gedan - ken und gnädig gegen jeden Einzelnen, die ſich vor allem der Perſönlichkeiten zu bemächtigen ſuchte, ließ ſich wohl er - warten daß ſie das verſtehn würde.

Am 23ſten Auguſt ward eine neue Zuſammenkunft zu Pegau gehalten, wo die drei Biſchöfe, unter ihnen noch Georg von Anhalt, der die geiſtliche Adminiſtration von Merſeburg führte, neben Melanchthon noch ein andrer Wittenberger Pro - feſſor, Paul Eber, und eine Anzahl fürſtlicher Räthe erſchienen.

Was man den Theologen damals bereits abgewonnen hatte (es darf wohl angeführt werden, daß Melanchthon ein paar Tage vorher, unter dem 20ſten Aug., dem Carlowitz eine Schrift gewidmet hat), zeigt ſich recht, wenn man das Gut - achten über die Lehre das ſie hier vorlegten, mit dem in Meißen abgegebenen vergleicht, obwohl das Pegauer eigent - lich nur eine Überarbeitung von jenem iſt.

Der Unterſchied war nicht allein, daß ſie Sätze weg - ließen, worin die Verfaſſer des Interim und die tridentini - ſchen Schlüſſe zugleich angegriffen waren, z. B. über die Zweifelloſigkeit der Erlöſung,1Adfirmamus igitur falsum esse et mendacium horribile quod dicunt adversarii, dubitandum esse an habeas remissionem peccatorum, was gegen den § 8 des Interim gerichtet iſt. In dem deutſchen Exemplar heißt es ſchon milder: Und iſt dieſe Rede nicht recht daß man zweifeln ſoll. Aber in der Pegauiſchen Schrift fehlt es ganz. oder in denen der urſprüng - liche Gegenſatz beider Syſteme lebhaft hervorgehoben war,80Neuntes Buch. Zweites Capitel.wie da, wo von den Werken die Rede war, aus denen man ohne Grund Gottesdienſt gemacht: in der Lehre von der Rechtfertigung nahm man ſelbſt den Ausdruck eingegoſſene Gerechtigkeit auf, der der entgegengeſetzten Anſicht angehört. 1In der alten Redaction heißt es: Etsi igitur inchoari obe - dientiam oportet, tamen non est cogitandum hominem habere re - missionem; in der nenen: Etiamsi nova obedientia inchoata est et justitia infusa in homine, non tamen cogitandum est quod pro - pter eam persona habeat remissionem. Es iſt auffallend daß ſie es nichts deſto minder nennen Caput ex formula Mysnica de - scriptum. Julius Pflug war jedoch mit der Art wie das geſchah noch nicht ganz befriedigt. Wenn die Theologen feſtſetzten, die Gerechtigkeit des Verſöhnten bedeute nur, daß Gott ſich den ſchwachen Anfang des Gehorſams um Chriſti willen gefal - len laſſe, ſo forderte man katholiſcher Seits die Formel, daß der Menſch durch den heil. Geiſt erneuert werde und das Rechte mit der That vollbringen könne. Die Theologen ha - ben auf Einreden der fürſtlichen Räthe endlich wirklich zu - gegeben, daß beide Sätze vereinigt wurden. So iſt eine Formel zu Stande gekommen, in der allerdings das prote - ſtantiſche Prinzip vorherrſcht, die aber nichts weniger als aus Einem Guſſe iſt: man ſieht gleichſam mit Augen, wie eine Vorſtellung von anderm Urſprung mit demſelben in Be - rührung geräth und dagegen vorzudringen ſucht. Höchlich zufrieden erklärte ſich Julius Pflug. Da man über die Lehre im Allgemeinen, über die Autorität der Kirche und die Sa - cramente einverſtanden ſey,2Epistola Pflugii ad Georgium Anhaldiae principem 14 Cal. ſo hofft er daß man ſich auch in den übrigen Puncten im Sinne der kaiſerlichen Anord - nung vereinigen werde.

81Zuſammenkunft in Celle.

Indeſſen gewann die Sache doch nicht den raſchen Fort - gang den er vielleicht erwartete. Bei einer Zuſammenkunft einiger Mitglieder der Ritterſchaft und einiger churfürſtlichen Räthe mit den Theologen, die im October zu Torgau veran - ſtaltet wurde, zeigten ſich die letzten unerſchütterlich. An der Univerſität und in der Population war die Stimmung daß man nichts mehr nachgeben dürfe. Man verglich wohl das Interim mit dem Apfel welchen Eva dem Adam dargereicht: ein einziger Biſſen habe dem Manne den Zorn Gottes zu - gezogen. Es gieng eine Schrift von Hand in Hand unter dem Titel, daß man nichts verändern ſoll. 1Entſchuldigung Matthiaͤ Flacii an die Univerſitaͤt zu Wit - tenberg Bog. 2, III. Dr Cruciger meinte noch in den Phantaſien die ſeinem Tode voraus - giengen, mit Disputationen dieſer Art geängſtigt zu werden, aber Widerſtand zu leiſten. 2Eber an Melanchthon 16 Nov. Corp. Ref. VII, 194.Immer dringender jedoch wur - den die churfürſtlichen Räthe. Am 17ten November, als ihr Herr ſich bereitete nach Trient zu reiſen, um mit dem Biſchof von Augsburg den Sohn des Kaiſers Don Phi - lipp an den deutſchen Grenzen zu empfangen, hielten ſie eine neue Zuſammenkunft zu Kloſtercelle mit den vornehmſten Su - perintendenten und Predigern des Landes; nur die drei milde - ſten Profeſſoren, Major, Camerarius und Melanchthon waren zugegen. Die Räthe legten denſelben den Torgauer Entwurf, jedoch mit abermaligen Modificationen vor, und erörterten da -2Oct. 1548. Cum de doctrina de ecclesia ejusque autoritate et potestate, de sacramentis denique jam conveniat inter nos, et ea probemus quae a Caesaris consilio atque voluntate Christiana aliena non sunt. Ranke D. Geſch. V. 682Neuntes Buch. Zweites Capitel.bei die Gefahr die eine Verwerfung deſſelben nach ſich ziehen möchte: man könne bewirken, daß die Kloſtergüter, von de - nen ſich jetzt Kirchen und Schulen erhalten, ihnen wieder entriſſen würden, oder daß gar ein fremdes Kriegsvolk ein - dringe und in Sachſen hauſe wie in Würtenberg. Vorſtel - lungen, die auf die armen Gelehrten, welche an der Wahr - haftigkeit und überlegenen Weltkenntniß dieſer Räthe keinen Augenblick zweifelten, den größten Eindruck hervorbrachten. Sie ſuchten nur den Vorwurf von ſich abzulehnen, als ſeyen ſie ſtarrköpfige Leute: vielmehr betheuerten ſie, auch ſie ſeyen kaiſerlicher Majeſtät und ihrem gnädigſten Herrn zu unterthänigſtem gebührlichem Gehorſam erbötig. Ge - nug ſie gaben nach. 1Schreiben vom 19 Nov. Das deutſche Original: wird ſchwer ſeyn bei dem Volk dieſe beſchwerliche Rede zu ſtillen, waͤre dunkel, wenn es nicht durch die lateiniſche Faſſung erklaͤrt wuͤrde, AA. Synodica X, x, 4: Consideretis ipsi, quam non difficiles se pastores exhibuerint, sed potius faciles, neglectis iniquis ju - diciis et obtrectationibus, quas secuturas esse intelligunt et ut reprimantur difficile esse futurum. Eine Formel kam dort in Celle zu Stande, worin die biſchöfliche Jurisdiction wiederhergeſtellt ward, ohne weitere Bedingung, als die ganz allgemeine, das biſchöfliche Amt ſolle nach göttlichem Befehl ausgerich - tet werden; ja der größte Theil der ſchon abgeſchafften Ce - rimonien ward für wieder annehmbar erklärt, Firmelung, Ölung, canoniſche Geſänge, Lichter, Gefäße, Läuten, faſt der ganze Ritus der alten Meſſe, Faſten, Feiertage. Neh - men wir Rückſicht auf die ſpätern Äußerungen der Theo - logen, ſo läßt ſich wohl nicht bezweifeln, daß man ihnen hier Vieles ſo zu ſagen über den Kopf weggenommen, ihr Stillſchweigen für Übereinſtimmung erklärt hat; aber ſie83Leipziger Interim.wagten noch immer nicht zu widerſprechen. Ganz verän - dert und umgekehrt zeigte ſich das Verhältniß, als die Stände nach Leipzig berufen und dieſe Feſtſetzungen ihnen mitgetheilt wurden. 1Schreiben der Biſchoͤfe in Weller Altes aus allen Theilen der Geſchichte Bd I, p. 607, wie denn die auf die Religion bezuͤg - lichen Acten dieſer Landtage dort uͤberhaupt zuerſt mitgetheilt ſind. Aus einer andern Handſchrift finden ſie ſich jetzt im Corp. Ref. VII, 254 ff. ; mit einigen Zuſaͤtzen, die ſich auf den magdeburgiſchen Krieg und die dem Kaiſer zu leiſtende Geldhuͤlfe beziehen, im Berli - ner Archiv. Auch in den ſchon bekannt gemachten Stuͤcken zeigen ſich da einige merkwuͤrdige Varianten: z. B. bei dem Bedenken ber Theo - logen der Zuſatz gebuͤhrlichen und ſchuldigen Gehorſam, der alſo nicht ein ſpaͤterer Nachtrag iſt, ſondern dem erſten Entwurfe angehoͤrt.Die Stände erhoben Bedenken: die Theologen, weniger eifrig als ihre Pflegbefohlenen, ſuchten dieſelben zu heben. Sie verſicherten, daß die Meſſe doch nie ohne Communicanten Statt finden, das Frohnleichnamsfeſt mit keiner Proceſſion verbunden, dem Öl keine abergläubi - ſche Bedeutung beigelegt werden ſolle. Nach Maaßgabe der zu Pegau und zu Celle getroffenen Vergleichungen ward eine Schrift verfaßt, die unter dem Namen des Leipziger Interim bekannt iſt, und als Norm für die Religionsübung in den ſächſiſchen Landen dienen ſollte. 2Joh. Bugenhagen verſichert, er habe ſeinen grauen Kopf dargeboten, ehe ich wolt annehmen die laͤſterlichen Pfaffenunction, Conſecrationen ꝛc. ; noch ward da (zu Leipzig) vorgetragen die extrema unctio nomine theologorum. Voigt, Briefe der Gelehrten an H. Albrecht p. 93. Melanchthon an Hardenberg 18 Maͤrz 1549 (er will nicht beurtheilt ſeyn ex pagellis, quibus quac - dam inserta sunt quae non sunt nostra ). Corp. Ref. VII, 351.Als die Theolo - gen ihr Werk anſahen, machte es ſie ſelber beſtürzt, daß ſie ſich ſo weit hatten führen laſſen: ſie klagten, ſie ſeyen durch die Meinungen der Machthaber unterdrückt; ihr Troſt war,6*84Neuntes Buch. Zweites Capitel.daß doch alles was ſie zugegeben, ſich mit der Wahrheit vereinigen laſſe, daß ſie dieß Joch nur auf ſich genommen, um die Kirche der Verwüſtung nicht Preis zu geben. Und ſo viel iſt gewiß, daß ſie, obwohl im Weichen und Nachgeben begriffen, in Lehre und Cerimonien doch den evangeliſchen Lehr - begriff in ſeinem Weſen nicht verletzt haben. Viele von dieſen Satzungen und Gebräuchen waren eben ſolche, die Luther in ſeinem Anfang nicht hatte wollen umſtürzen laſſen. Allein welch ein unermeßlicher Unterſchied iſt es doch, das Herge - brachte einſtweilen beſtehn laſſen, und das bereits Abgeſchaffte wiederherſtellen. Dort ſchont der großmüthige Sieger: hier unterwirft ſich, gedrängt und beängſtigt, der Beſiegte. Wenn auch gemildert durch mannichfaltige Zugeſtändniſſe, immer war es doch zuletzt die Idee der Einheit der lateiniſchen Kirche, der man ſich durch die Umſtände genöthigt wieder unter - warf. Nur ſo lange bis die nöthigen päpſtlichen Indulte eingetroffen, überließen die Biſchöfe noch die Ordination den proteſtantiſchen Predigern. Als Churfürſt Moritz von Trient zurückkam, wo er mit dem Prinzen in das beſte Vernehmen getreten, eilte er die Agende vollenden zu laſſen, die ſchon in Celle entworfen worden war: im Mai ward ſie von den Superintendenten angenommen, und bald darauf als Landes - geſetz verkündigt.

Und ſo geſchah nun, daß während ſich anderwärts die Oberhäupter der proteſtantiſchen Geiſtlichkeit zum Widerſtand unter jeder Gefahr und Bedrängniß entſchloſſen, das Geburts - land der proteſtantiſchen Entwickelung, die Mutteruniverſität, von der die Anhänger der neuen Meinungen ausgegangen, ja der große Lehrer ſelbſt, der allgemeine genannt, welcher85Einfuͤhrung des Interims.das höchſte Anſehen genoß, ſich der religiöſen Verordnung des Kaiſers allerdings zwar nicht unterwarf, aber doch näher anſchloß, als Jemand für möglich gehalten hätte. 1Schreiben Chriſtofs von Karlwitz Torgau 16 Maͤrz (Berl. Arch.), im Anhang: Mein gn. H. konte leiden daß es ehe beſcheen, und heldet embſig darumb an. Expositio Ddd librum agendo - rum confecerunt ad formulam mandatam, qui perfectus fuit mense Martio 49.

Sein Beiſpiel und ſein Rath vermochten nun auch An - dere zu einem ähnlichen Verfahren.

Triumphirend verkündigte Agricola in der Schloßkirche zu Berlin die Zugeſtändniſſe der Wittenberger Theologen, über welche zu Jüterbock mit den Räthen Joachims II Rück - ſprache genommen worden, als eine Beſtätigung des kaiſer - lichen Buches, das man ſo viel geſchmäht habe. Hierauf fragten die märkiſchen Prediger in Wittenberg an, was es mit ihren Beſchlüſſen auf ſich habe: ob wirklich das Wei - hen von Waſſer, Salz und Öl, das Heben und Legen des Kreuzes, Singen der Vigilien von ihnen hergeſtellt ſey; ob man ſich wirklich wieder des von den Biſchöfen geweihten Chrisma bediene? Gern, ſagen ſie, wollen wir bei eurer Kirche bleiben und alles halten was ihr haltet, als eure Schüler. Bugenhagen und Melanchthon antworteten, nie - mals ſey es ihnen in Sinn gekommen, das Weihen von Waſſer und Öl zu billigen, noch erſchalle die Lehre rein zu Wittenberg und über den Inhalt der märkiſchen Kirchenord - nung ſey man nicht hinausgegangen. Ihr Landesfürſt möge das Interim nach Maaßgabe dieſer Übereinſtimmung einfüh - ren. So viel ſey übrigens wahr, daß man eher eine harte Knechtſchaft ertragen, als eine Verödung der Kirche zulaſ -86Neuntes Buch. Zweites Capitel.ſen müſſe. Und eben ſo antwortete Melanchthon den frän - kiſchen Predigern. Nicht das ganze Interim, aber eine Kir - chenordnung im Sinne deſſelben hatte man Dieſen vorgelegt, und nur die Wahl zwiſchen deren Annahme oder dem Exil gelaſſen. Viele waren geneigt auszuwandern: Melanchthon dagegen rieth ihnen ſich nicht zu widerſetzen; ſey doch in jener Ordnung weder von Weihungen noch von dem Ca - non die Rede, überhaupt nichts darin enthalten was der Lehre geradezu widerſpreche. Wir müſſen nur darauf den - ken, ſagt er, daß die Kirche nicht verlaſſen, die Stimme der Wahrheit nicht unterdrückt werde: eine gewiſſe Knechtſchaft müſſen wir dulden, wenn ſie nur ohne Gottloſigkeit iſt. 1Schreiben von Pfeffinger, Ziegler und Aleſius an die fraͤn - kiſchen Prediger Lipsiae XIII Cal. Febr. 1549. Quarto est illud quidem durum ac grave, id accipi quod religio et pietas conscien - tiae refutat. Sed si accipi tali sensu et intellectu jubetur qui non est veritati contrarius, feratur et haec molestia. Vestrae conscientiae si sunt integrae et bonae, quod non vestrae gloriae aut fortunarum aut etiam vitae causa, sed ecclesiarum respectu et propter ministerium evangelii hoc jugum subieritis et istam servitutem perpetiamini, permittatis filio dei Jesu Christo salva - tori caetera. Quod si aliqui astute hoc agunt, ut ita paulatim via veritatis obstruatur et reducatur populus in veteres errores, vigilare quidem et diligentes esse oportet et exspectare auxi - lium a domino: hic enim illud consilium malum in capita auto - rum convertet. Abſchrift im Archiv zu Berlin. Ich bemerke noch daß das Schreiben Melanchthons Concionatoribus Francicis , das im Corp. Ref. VII, 140 auf den 12 Sept. geſetzt wird, in der Berliner Abſchrift ausdruͤcklich vom 20ſten Januar datirt iſt: ohne Zweifel mit Recht.

Unglückſeliger Zuſtand! Jedes Widerſtreben gegen das interimiſtiſche Anſinnen erfreute ſein Herz. Den noch Un - bedrängten wünſchte er Glück zu ihrer Freiheit: von den noch obſchwebenden Berathungen über den Canon in der Meſſe,87Einfuͤhrung des Interims.auf deſſen Wiederaufnahme Julius Pflug drang, ſo wie über die Art und Weiſe der herzuſtellenden biſchöflichen Gewalt fürchtete er noch Schlimmeres; aber indem er klagte daß man Drohungen und Sophismen verbinde, geheimen Zwang ausübe, fügte er ſich demſelben doch bis auf einen gewiſſen Punct und rieth Andern ſich ebenfalls zu unterwerfen. Er mußte erleben, daß ſeine beſten und wenigſtens würdigſten Freunde an ihm irre wurden; der anmahnende Brief den Calvin an ihn erließ, war voll von Hingebung, Anerken - nung und Milde, aber er mußte ihm das Herz zerſchneiden. 1Epistolae Calvini nr 117. Plures tu unus paululum ce - dendo querimonias et gemitus excitasti, quam centum mediocres aperta defectione. Der Brief iſt mit 1551 bezeichnet, aber wohl kein andrer als der, deſſen nr 115 Erwaͤhnung geſchieht, alſo vom Juni 1550.

Wie in den Oberlanden, ſo machte ſich hierauf das Interim, obwohl unter gewiſſen Milderungen, auch in den nördlichen und öſtlichen Fürſtenthümern geltend.

In Heſſen ſchritt man endlich zur Einführung dieſer Formel, ſo ſehr die nunmehr herrſchend gewordene Gewohn - heit, das religiöſe Bewußtſeyn, das Selbſtgefühl der Land - ſchaft ſich dagegen ſträubten. Im Frühjahr 1549 melde - ten die Söhne des gefangenen Landgrafen, das Interim ſey zum guten Theil aufgerichtet, wegen des übrigen ſtehe man im Werk: wahrlich nicht mit geringer Beſchwerung vieler chriſtlichen und gutherzigen Gewiſſen.

Den Herzogen von Pommern machte der Kaiſer die Annahme des Interims zur Bedingung ihrer Ausſöhnung. Sie beriefen ihre vornehmſten Theologen und Prädicanten nach Colbatz, und wenigſtens einen Theil derſelben überre -88Neuntes Buch. Zweites Capitel.deten ſie: wie man denn in Greifswald ohnehin gewohnt war, dem Beiſpiele Bugenhagens, den Lehren Melanchthons ſich anzuſchließen. Bartholomäus Suave, Biſchof von Ca - min, aber evangeliſch und verheirathet, mußte auf den aus - drücklichen Befehl des Kaiſers das Bisthum fahren laſſen. Die Fürſten leiſteten auf den kirchlichen Einfluß den ſie bis - her ausgeübt, förmlich Verzicht: dem Rath von Stral - ſund haben ſie erklärt, darin Diejenigen ſchaffen laſſen zu wollen, denen ſolches Amts halber gebühre. Nach dem Mu - ſter des Leipziger Interim ward auch hier zunächſt eine ver - mittelnde Formel aufgeſtellt.

Als Herzog Ulrich von Meklenburg zum Biſchof von Schwerin poſtulirt ward, hielt er doch für gut, die Weihen nach der Gewohnheit der alten Kirche zu nehmen. Der Bi - ſchof Magnus von Skara ertheilte ſie ihm, wie er ſagt un - ter Mitwirkung der Gnade des ſiebenfältigen Geiſtes.

Der Herzog von Cleve mußte jetzt endlich, was er bisher noch immer vermieden, auf die Ausführung ſeines Tractats mit dem Kaiſer denken: in Soeſt, Weſel, Lippſtadt ord - nete er die Einführung des Interim an. Mit vielem Selbſt - gefühl ließ ſich ſein Bevollmächtigter Gropper in Soeſt ver - nehmen: So will es S. kaiſ. Maj. , rief er aus, ſo will es mein gnädigſter Fürſt, ſo will auch ich es haben. 1Hamelmann Hist. renovati evangelii p. 1116.

Im Lippiſchen widerſetzten ſich vergebens die entſchloſ - ſenſten Prädicanten, merkwürdiger Weiſe vornehmlich Die, welche aus dem Mönchthum übergetreten, aber es gab andre die ſich fügten.

In Oſtfriesland ſetzte der Canzler Weſten, deſſen Ge -89Einfuͤhrung des Interims.ſinnung jedoch Vielen zweifelhaft erſchien, ein Kirchenformu - lar durch, kraft deſſen die weißen Chorröcke wieder erſchienen, lateiniſche Geſänge, und was dem mehr: obgleich man auch hier nicht alle Anordnungen des kaiſerlichen Buches einführte.

Wohl hörte die Oppoſition in alle den genannten Län - dern darum nicht auf, aber die äußere Einheit machte doch Tag für Tag Fortſchritte.

Und indeſſen wurden im katholiſchen Deutſchland kraft eines von den Prälaten noch zu Augsburg gefaßten Beſchluſ - ſes überall Synoden der Diöceſen und der Provinzen ge - halten, um die von dem Kaiſer gebotene Reformation ein - zuführen.

Beide Theile wurden von ſeinem Einfluß, ſeinem Wil - len beherrſcht.

Der Fortgang ſeines Unternehmens war ſo glücklich und umfaſſend, daß er wohl meinte auch die ſcandinaviſchen Reiche herbeizubringen, ſein Interim auch in England durch - zuſetzen. Hatte ihn doch der Czaar von Moscau um die Zuſendung wie andrer Gelehrten ſo auch einiger Theologen erſucht, und wenn wir recht unterrichtet ſind, die Abſicht kund gegeben, durch ſeine Bevollmächtigten an dem verſpro - chenen freien chriſtlichen Concil Antheil zu nehmen. 1Chytraͤus Saxonia 488. Desiderium conjunctionis cum Germanico imperio adversus Turcas et concordiae in religione ineundae exponit, quam missis ad liberum generale vel nationale in Germania concilium hominibus suis promovere cupiat.

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Drittes Capitel. Stellung und Politik Carls V 1549 1551.

Dergeſtalt machte ſich, ſeit mehr als drei Jahrhunder - ten zum erſten Mal, ein durchgreifender Wille in Deutſch - land geltend, und zwar in derſelben zwiefachen Richtung, in welcher die alten Kaiſer gewirkt. Es konnte ſcheinen als würde der Druck den man erfuhr wenigſtens dadurch ver - gütet werden, daß die alte Macht der deutſchen Nation, ihr Übergewicht in Europa wiederhergeſtellt würde.

Wir haben jedoch längſt bemerkt, daß die Intereſſen der Nation und ihres Oberhauptes mit nichten in einander aufgiengen.

Carl V war ein Sprößling des burgundiſchen Hauſes, das mit nationalen Beſtrebungen nichts gemein hatte.

Im funfzehnten Jahrhundert, als die kirchliche Einheit nicht mehr ſo unbedingt vorwaltete, die Erbfolgekriege zu haltbarem Beſitzſtand geführt hatten, England von Frank - reich, Italien von Spanien, Polen von Ungarn abgeſondert worden, und ſeitdem die Nationalitäten ſich in feſten Schran - ken zu entwickeln begannen, auch die deutſche Nation den Verſuch machte alle ihre Glieder durch umfaſſende Einrich -91Stellung und Politik Carls V. tungen zu vereinigen, da war auch dieſe burgundiſche Macht emporgekommen: aber im Widerſpruch mit allem nationalen Beſtreben, nur auf Anſprüche der Erbfolge und Übergewicht der Kräfte über die jedesmaligen Gegner gegründet: auf die - ſem Grunde emporſtrebend und vom Glück begünſtigt. Carl der Kühne kam um, indem er ſeine Herrſchaft über die Grenz - lande von Deutſchland und Frankreich auszudehnen ſuchte. Wie weit aber ſollte der Fortgang ſeines Hauſes die Erwar - tungen übertreffen die er hätte hegen können. Carln V, der an dem von ſeinem Ahnherrn gebildeten Hofe, welcher deſſen Ideen feſthielt, erzogen worden, der den dynaſtiſchen Gedanken Burgunds in ſeinem Wahlſpruch Mehr Weiter auf ſeine Münzen prägen ließ, koſtete es einige Mühe, in den verſchiedenen Ländern die ihm zufielen, in Beſitz zu kom - men: in den ſpaniſchen Königreichen, wo er mit einer gro - ßen Rebellion zu kämpfen hatte, in Italien, wo ihm ein mächtiger Nebenbuhler lange Jahre die Spitze bot; aber es gelang ihm damit: dieſer Nebenbuhler, urſprünglich an Anſehen überlegen, vermochte doch das aufkommende Glück Carls V nicht niederzuhalten: bald ſehen wir es wie in ſelb - ſtändigem Fluge ſich erheben und den Glanz der franzöſiſchen Waffen und Macht verdunkeln. Nicht minder gelang es Carl V, die Beſchränkung die ihm jedes einzelne ſeiner Län - der aufzulegen ſuchte, zu durchbrechen. Wir haben bemerkt, wie Caſtilien zu ſeinen deutſchen Kriegen beiſteuerte; ein Sohn jenes ſeines niederländiſchen Freundes, des Vicekönigs Lannoy, führte ihm neapolitaniſche Reiter über die Alpen; Deutſche und Italiener kämpften für ihn auf den africaniſchen Küſten; Antwerpen kam durch den Verkehr mit Spanien92Neuntes Buch. Drittes Capitel.und die Rückwirkung der Colonien in Aſien und Amerika empor und vermittelte ſeine Geldhaushaltung. Eine gewiſſe Einheit iſt dieſer Macht nicht abzuſprechen, aber man würde in Ver - legenheit ſeyn, wenn man ſie mit einem beſtimmten an eine Nation anknüpfenden Ausdruck bezeichnen ſollte. Noch dürfte man nicht von einer ſpaniſchen Monarchie im ſpätern Sinne des Worts reden: dazu war das ſpaniſche Element, da die Niederlande noch ungetrennt gehorchten, da die höchſte Würde, das Kaiſerthum, von ſo ganz anderm Urſprung herrührte, noch nicht vorwaltend genug; eher machten die Brabanter den Anſpruch alles zu regieren,1Die weltregierenden Brabanter mit ihren ſpitzen Finan - zen ſind ihren Nachbarn ein Gegenſtand des Haſſes. Carl Harſt an den Herzog von Cleve 21 Aug. 1540. Unter dem Scheyn das ſy den Keiſer haben, verhoffen ſie alles unter ir Joch zu bringen. doch waren auch ſie durch die Maſſe der übrigen Beſtandtheile weit überwogen: die Einheit der Macht beruhte blos in der Perſon, dem Hauſe des Fürſten ſelbſt, wie denn durch ihn allein geſchah daß die Länder zuſammengehörten.

Wir werden uns, denke ich, nicht täuſchen, wenn wir aus dieſer Lage der Umſtände das Verfahren herleiten, das er in der innern Regierung ſeiner Länder befolgte. Es war keins, aus deſſen Mitte ihm nicht ein beſondrer Wille entgegengetre - ten wäre, wo er nicht mit Landſtänden zu verhandeln gehabt hätte, von deren Bewilligung die Summe ſeiner Einkünfte abhieng: er mußte ihre beſondern localen Intereſſen ſchonen und fördern; aber niemals durfte er irgend einem von ihnen überwiegenden Einfluß auf das Ganze ſeiner Verwaltung ge - ſtatten: er würde damit alle andern verletzt haben und über - haupt aus dem Mittelpunct ſeiner Gedanken gewichen ſeyn. 93Stellung und Politik Carls V. Die Macht die er beſaß, war nichts Fertiges, Abgeſchloſſe - nes, ſondern etwas noch immerfort Werdendes, Sich-ent - wickelndes: noch hatte er nach allen Seiten hin Anſprüche und Pläne, an die er große Gedanken anknüpfte. Die For - derung die er an ſeine Landſchaften ſtellte war hauptſächlich, ihn bei Verfolgung derſelben in ſeinen auswärtigen Ange - legenheiten zu unterſtützen, mit Leuten, Waffen und Geld: beſonders mit Geld, wofür alles andre leicht zu bekommen war: ſie dazu zu ſtimmen, bildete einen vorzüglichen Geſichts - punct ſeiner Staatsverwaltung. Es leuchtet ein, daß die de - liberativen Verſammlungen, die früher überall auf eine wenn gleich minder mächtige, aber doch unabhängige centrale Re - gierung Einfluß gehabt, dadurch nicht wenig verloren. Gar bald finden wir in Caſtilien zwar noch die Städte ſich ver - ſammeln, welche Bewilligungen machen, nicht aber die Gran - den und hohen Prälaten, die den Königen einſt Geſetze ge - geben. Nicht mehr die großen Angelegenheiten, deren Ent - ſcheidung früher von Wirkung und Rückwirkung der entge - gengeſetzten Parteien abhieng, ſondern nur provincielle In - tereſſen kamen überall in den ſtändiſchen Verſammlungen zur Sprache. Überhaupt muß man ſagen daß die Regierung Carls V dem Prinzip ſtändiſcher, republicaniſcher oder muni - cipaler Freiheit nicht günſtig war. In Italien wollte er auch da, wo er nicht ſeine Herrſchaft, nur ſeinen Einfluß gegründet, keine freie Bewegung der Kräfte, die leicht zu einem ihm un - bequemen Umſchwung hätte führen können. Er hat Florenz den Medici überliefert, in Genua alles gethan um das Über - gewicht der Doria zu befeſtigen. Der letzte Mann der die Herſtellung der republikaniſchen Freiheiten in Italien in Sinn94Neuntes Buch. Drittes Capitel.faßte, Franz Burlamacchi von Lucca, iſt in einem ſeiner Ge - fängniſſe zu Mailand geſtorben. Wir berührten, wie die Stadt Gent bei dem erſten Verſuche den ſie machte, von dem alten Begriffe ſtändiſcher Berechtigung aus auf die Krieg - führung Einfluß zu gewinnen, behandelt wurde. In dem Umkreiſe dieſer Gewalt, gleichviel ob ſie eine directe oder eine indirecte Herrſchaft ausübte, durfte kein Widerſtreben ſichtbar werden. Carl V beſaß die Miſchung von Klugheit und Nachhaltigkeit die dazu gehörte um ein ſolches Verfah - ren durchzuführen, ohne doch das Selbſtgefühl der verſchie - denen Provinzen zur Empörung aufzureizen.

Nun liegt am Tage, daß ein ähnliches Syſtem auch in Deutſchland befolgt werden mußte, und befolgt ward.

So höchſt erwünſcht der Beſitz des Kaiſerthums war, welches dieſer ganzen Macht erſt einen Namen gab, ſo gieng doch der Sinn Carls V nicht dahin, außer vielleicht in Ei - nem Puncte, deſſen wir bald gedenken werden, der Corpora - tion, welche ihm die Würde übertragen, den Anſpruch zu geſtatten den ſie machte, bei der Verwaltung derſelben einen weſentlichen Einfluß auszuüben. Er entzog ſeine Niederlande vollends der höchſten Gerichtsbarkeit des Reiches; während er verſprochen die abgekommenen Reichslande wieder herbei - zubringen und bei dem Reiche zu laſſen, riß er vielmehr ein altes Reichsland, das Bisthum Utrecht, davon ab und ein - verleibte es ſeinen eignen Landen; die italieniſchen Lehen, zu - letzt auch Mailand, nachdem es ihm ſo lange zu einem Mo - ment ſeiner Unterhandlungen gedient, vergabte er ohne Rück - ſicht auf die Reichsfürſten; er ſah das Reichsſiegel mit Ver - gnügen aus den Händen des Reichserzcanzlers in die Hände95Stellung und Politik Carls V. ſeines vertrauteſten Rathes Granvella übergehn; der ihm aufgelegten Capitulation zum Trotz hielt er fremde Truppen im Reiche.

Für die innere Verwaltung des Reichs war ihm der religiöſe Zwieſpalt, der ſie übrigens ſo ſchwierig machte, doch in einer andern Beziehung wieder vortheilhaft. Wir wiſ - ſen, wie die Proteſtanten durch die Zugeſtändniſſe die ihnen geſchahen, gewonnen wurden und dabei doch auch die Ka - tholiſchen, beſonders die Biſchöfe, den vornehmſten Rückhalt der ihr Beſtehen ſicherte, in der kaiſerlichen Macht erblickten. Schon bisher kam es denn doch zu allgemeinen Bewilligun - gen, gemeinſchaftlichen Kriegszügen, wiewohl in der Regel erſt nach zweifelhaften Unterhandlungen und neuen Conceſſionen. Nunmehr aber war es ihm gelungen, auch dieſer Nothwen - digkeit widerſprechender Rückſichten zu entkommen; in Folge des Krieges beherrſchte er die Berathungen der Reichsver - ſammlung zu Augsburg, wenn nicht vollſtändig, doch in ihren wichtigſten Momenten: der deutſche Reichstag fieng an, ſeinem Einfluß zu unterliegen, ſo gut wie andre Stände - verſammlungen ſeiner Lande. Auch die Autonomie der Städte hat er, obwohl er ſich zuweilen als Städtefreund bezeichnete, in Deutſchland ſo wenig begünſtigt wie in ſeinen erblichen Gebieten. Den Antheil an der Reichsregierung, den ſie un - ter ſeinen letzten Vorfahren wenn nicht ganz rechtsbeſtän - dig, doch thatſächlich gewonnen, haben ſie unter ihm, eben auch großentheils in Folge des Krieges, welcher eine Art von Städtekrieg und zwar der unglücklichſte von allen ge - weſen iſt, wieder verloren. Genug, zu der Macht welche die Regierung der übrigen dem burgundiſch-öſtreichiſchen Hauſe96Neuntes Buch. Drittes Capitel.angefallenen Länder bildete, kam nun auch eine tief eingrei - fende Reichsgewalt. Carl V war in den Jahren wo wir ſtehen der große Fürſt von Europa.

Fragen wir aber, was er in Beſitz dieſer Stellung nun weiter beabſichtigte, ſo erfüllte ihn vor allem der Ehrgeiz, was er war, in vollem Sinne des Wortes zu ſeyn, nem - lich Kaiſer.

Er hatte dieſe Würde, in Bezug auf Macht, aus der Hand ſeines Vorgängers mehr wie einen Anſpruch empfan - gen: er war entſchloſſen denſelben auszuführen.

Er faßte aber das Kaiſerthum nicht ſo auf, daß er ſich bloß als Oberhaupt des deutſchen Reichskörpers erſchie - nen wäre: er betrachtete ſich alles Ernſtes, wie die alten Kai - ſer gethan, als das weltliche Oberhaupt der Chriſtenheit.

Da hatte er nun den unermeßlichen Vortheil, daß er nicht auf Deutſchland allein angewieſen war: die Kräfte al - ler ſeiner Reiche wirkten dafür zuſammen. Der Beſitz je - ner burgundiſchen, ſpaniſchen, italieniſchen, deutſchen Lande, verbunden mit dem Königthum ſeines Bruders in Ungarn und Böhmen, gewann eine höhere allgemeine Bedeutung, in - dem die Realiſation der höchſten Ideen der weltlichen Macht im Abendlande ſich daran knüpfte.

In den Jahren ſeiner Jugend, bis ziemlich tief in ſein Mannesalter hinein, war es nun ſein vornehmſter Wunſch, nachdem die Chriſtenheit ſeit dritthalb Jahrhunderten nur Verluſte erfahren, ihr wieder einmal einen Sieg zu verſchaf - fen. Eine der vornehmſten Tendenzen der ſpaniſchen Na - tion zur Eroberung und Coloniſation von Nordafrica und die drohende Gefahr, in welcher ſich Deutſchland, vor al -97Stellung und Politik Carls V. lem ſein Bruder durch die Osmanen ſah, gaben ihm hiezu einen gleich ſtarken Antrieb. Er ſah ſich in Gedanken ſchon in Conſtantinopel, in Jeruſalem. Seinen Zug gegen Tunis ließ er ſich im Ton einer Kreuzfahrt beſchreiben.

In den ſpätern Zeiten nahm jedoch ſein kaiſerlicher Ehr - geiz eine andre Wendung.

Indem er im Jahre 1541, 42 zu beiden Seiten mit den Osmanen ſchlug, ſah er plötzlich durch eine allgemeine Combination ſeine Macht in dem Innern von Europa ge - fährdet, und mit Nothwendigkeit erhob ſich ihm der Ge - danke, daß er vor allem andern erſt dieſe befeſtigen, eine beſſere innere Einheit gründen müſſe. 1Die Kriege mit Frankreich wurden am ſpaniſchen Hof als bella intestina betrachtet.Es war der gefähr - lichſte Augenblick den er erlebt hat, aber die Politik die er in demſelben nach dem Innern gewandt ergriff, führte ihn raſch zu den glücklichſten Erfolgen. Dort in der Nähe von Pa - ris, wiewohl die Würfel noch zweifelhaft lagen, nöthigte er doch den König Franz, zugleich auf ſeinen Bund mit den Osmanen Verzicht zu leiſten und Zuſagen zu thun die ſelbſt gegen den Papſt angewandt werden konnten. Denn in - dem der Kaiſer die weltliche Einheit einigermaßen befeſtigte, war er ſchon entſchloſſen auch die geiſtliche wiederherzuſtel - len. Wirklich konnte der Papſt ſich nun nicht mehr ſträu - ben das lange verſprochene Concilium anzukündigen. Daß die Proteſtanten ſich weigerten es anzuerkennen, ward ein Anlaß auch ſie mit Gewalt der Waffen heimzuſuchen. Der glückliche Ausgang dieſer Unternehmung gründete die Macht in deren Beſitz wir den Kaiſer ſehen: zur WiederaufrichtungRanke D. Geſch. IV. 798Neuntes Buch. Drittes Capitel.der alten Einheit fehlte es eigentlich an nichts, als an dem Verſtändniß mit dem geiſtlichen Oberhaupt. Und war nicht ſchon das ein großes Reſultat daß Carl V den alten Kampf der weltlichen Macht gegen die geiſtliche, nicht wie frühere oder ſpätere Könige mit beſchränkten Geſichtspuncten, ſon - dern ganz im Allgemeinen, in den Angelegenheiten desjeni - gen Conciliums das wirklich die katholiſche Rechtgläubigkeit und Kirchenverfaſſung auf die folgenden Jahrhunderte fixirt hat, wiederaufnehmen konnte? Einer ſeiner urſprünglichen Gedanken, mit dem er bei ſeiner erſten Ankunft in Deutſch - land auftrat, war die Reinigung und Reform der Kirche, freilich in einem andern Sinn als in welchem Luther ſie unternahm, in einem ſolchen, bei dem er als das weltliche Oberhaupt der lateiniſchen Chriſtenheit beſtehn oder vielmehr erſt wahrhaft auftreten konnte. Hiefür war es ihm lieb, ſich auf die Bedürfniſſe und die Autorität des Reiches ſtützen zu können. Die Anordnungen geiſtlichen Inhalts die er unter Autoriſation des Reiches getroffen hat, gaben ihm eine geiſtliche Berechtigung. Jetzt nun lebte und webte er in dieſem Gedan - ken: ſeine geiſtlichen Einrichtungen im Reiche durchzuführen, an den conciliaren Angelegenheiten eingreifenden Antheil zu nehmen, beſonders die Reform ins Werk zu ſetzen, die auch den römiſchen Hof betreffen mußte: Abſichten die nur dem allgemeinen Wohle zu gelten ſchienen, aber dabei doch die größte Machterwerbung herbeizuführen, den Fortſetzer Carls des Kühnen wirklich zum Oberhaupt des Occidents zu ma - chen verſprachen.

Wohl lag in dem urſprünglichen Begriffe des deutſchen Kaiſerthums die Möglichkeit einer ähnlichen Stellung. Wäre Carl V ein Deutſcher geweſen, von den nationalen Ideen99Stellung und Politik Carls V. jener Zeit durchdrungen, allein auf die Hülfe der Nation angewieſen, ſo konnte er eben ſo gut darnach ſtreben, doch nur in evangeliſchem Sinne. Jetzt aber nahm er ſie in Beſitz in Folge eines Sieges über die nationalen Beſtre - bungen und Bündniſſe, zu welchem er durch ſpaniſche und italieniſche Kräfte und eine fremde Gelehrſamkeit unterſtützt worden war. Könnte man nicht vielmehr ſagen, daß er das Kaiſerthum der deutſchen Nation entfremdete und gegen dieſelbe kehrte, als daß er es in ihrem Sinne verwaltet hätte, zu ihrem Beſten?

Seine Verhältniſſe waren nun aber nicht ſo beſchaffen, daß ſie ihm nicht die mannichfaltigſte Rückſicht aufgelegt hätten.

Er hatte ſich zu dem Frieden mit den Osmanen beque - men müſſen, die ſeine natürlichen Feinde waren und blieben.

Sein Glück wollte, daß dem neuen König von Frank - reich die Zahlung der Geldſummen welche ſein Vater den Engländern verſprochen gegen die geringe Sicherheit der da - gegen ſtipulirten Herausgabe von Boulogne eine zu große Laſt ſchien, und ſo der Krieg zwiſchen England und Frank - reich, kaum beſchwichtigt, wieder ausbrach und die beiden Nationen fürs Erſte vollauf beſchäftigte. Carl hütete ſich wohl, ſich in ihre Zwiſtigkeiten einzulaſſen: man hat ihm vielmehr Schuld gegeben daß er ſie nähre: gewiß hieng es von denſelben ab daß er nach andern Seiten hin freie Hand behielt.

Dabei verſäumte er jedoch nicht alle Bewegungen des Königs von Frankreich mit ſcharfer Aufmerkſamkeit zu be - gleiten. Die Unterhandlungen deſſelben mit dem Papſt und mit Venedig gaben ſeinen Geſandten viel zu vermuthen und7*100Neuntes Buch. Drittes Capitel.zu ſchreiben. 1Instruction à Simon Renard ambr à la cour de France. Il veillera d’assentir s’il se traictera quelque ligue entre eux (le Pape et le roi) de la quelle il a ja esté pourparlé bien long - temps et avec quclles conditions elle se fera. Die kaiſerlichen Miniſter drücken ſich zwar un - beſorgt darüber aus, weil doch kein Theil dem andern trauen werde: unter der Hand aber ergreifen ſie ſchon Maaßregeln gegen ihre Erfolge. Mitten im Frieden nehmen ſie Anerbie - tungen franzöſiſcher Hauptleute an, die etwa dahin zielen ihnen eine Feſtung des Königs zu überliefern, und zahlen ihnen Geld dafür, mit der Weiſung daß ſie ſich ſtill halten ſollen bis etwa der König den Frieden breche. 2Schreiben Granvellas an Renard uͤber die Antraͤge des Ti - berio de la Rocha. Pap. d’ét. III, 374.

Einer der vornehmſten Geſichtspuncte des Kaiſers gieng dahin, keine Verbindungen der Franzoſen in Deutſchland zu dulden, weder mit den Fürſten noch auch mit den Kriegshaupt - leuten. Das Geſetz das er am Reichstage durchbrachte, daß Niemand fremde Kriegsdienſte nehmen dürfe, nicht allein nicht wider ihn oder ſeinen Bruder, ſondern auch nicht ohne ihre Genehmigung, das jedoch auch aus allgemeinen Gründen, hauptſächlich darum Widerſpruch fand, weil es dem Kriegs - gewerbe ſchade und man einmal keine Kriegsleute mehr finden möchte, wenn man ihrer bedürfe, war hauptſächlich ge - gen Frankreich gerichtet. Und aufs ſtrengſte ward es in Voll - zug geſetzt. Der Hauptmann Sebaſtian Vogelsberger hatte dem König von Frankreich bei Gelegenheit ſeiner Salbung ein paar Fähnlein zugeführt, die zu einer Demonſtration ge - gen die engliſche Grenze gebraucht worden waren. Noch während des Reichstags von Augsburg ward er dafür nicht ohne Hinterliſt gefangen genommen, herbeigeführt101Stellung und Politik Carls V. und zum Tode verurtheilt. Vogelsberger war ein ſchöner Mann, daß ich nicht weiß, ſagt Saſtrow, ob ein Ma - ler einen Mann anſehnlicher hätte malen können, hohes Ge - müths, anſchlegig und beredt : gut evangeliſch: die Prote - ſtanten richteten nach ſo vielen Verluſten die ſie erlitten ihre Augen auf ihn. Herr Conrad, ſagte er zu Conrad von Boineburg, den er auf ſeinem Wege zur Richtſtätte anſich - tig ward, iſt mir nicht zu helfen? Mein Baſtian, ant - wortete ihm Boineburg, helfe Euch unſer Herre Gott. Der wird mir auch helfen, antwortete Vogelsberger, und ſchritt mit aufgerichtetem Haupte zum Richtplatz; er ſtarb, vollkommen im Gefühl daß er unſchuldig leide; im Grunde war dieß die allgemeine Meinung. Der Kaiſer ward ohne Zweifel dadurch zu ſeinem Verfahren bewogen, daß einige der nahmhafteſten Oberſten, der Rheingraf, Reckerode, Schärt - lin, nach Frankreich geflohen waren und unter dem deutſchen Kriegsvolk noch zahlreichen Anhang hatten. Durch den Schrecken dieſer Execution ſuchte er alle Verbindung mit ihnen abzuſchneiden.

Jede Nachricht von der Anweſenheit eines deutſchen Be - vollmächtigten am franzöſiſchen Hofe ſetzt ihn in Aufregung. Er beauftragt ſeinen Geſandten, alles zu thun um dahinter zu kommen, ob ein ſolcher auch wirklich nur das betreibe, was er als den Zweck ſeiner Sendung angiebt, oder viel - leicht gar etwas Pflichtwidriges; er ſoll dabei kein Geld ſpa - ren: denn es ſey eine Sache die man ergründen müſſe.

Eben ſo hat der Geſandte die Anweiſung, die Unter - handlungen der einzelnen italieniſchen Fürſten mit Frankreich im Auge zu behalten. Man dürfte nicht ſagen, daß der102Neuntes Buch. Drittes Capitel.Kaiſer keinen Grund dazu gehabt habe dieß zu befehlen der Herzog von Ferrara z. B., der ihm ſo viel verdankte, hatte doch geſagt, er wolle ſein Land auf keine Weiſe gefährden, auch nicht zu Gunſten des Kaiſers, aber es bezeichnet ſein in jedem Augenblick unſicheres Verhältniß, daß es ſo war.

Obgleich die venezianiſche Regierung ihm Vertrauen ein - flößte, ſo verſäumte er doch nicht, immer einige der vornehm - ſten Edelleute ihrer Terra ferma in ſeine Dienſte zu nehmen. Die alte gibelliniſche Geſinnung der Colonnas diente ihm den Papſt mitten in Rom doch immer in einer gewiſſen Be - ſorgniß zu halten.

Gar mancher von den Räthen deutſcher Fürſten bezieht eine Beſoldung von ihm, unter Andern Carlowitz: die Für - ſten ſelbſt, oder wenigſtens die jüngeren Söhne aus den re - gierenden Häuſern, ſind nicht ſelten durch Jahrgelder oder Kriegsdienſte an ihn gefeſſelt. Selbſt an dem Hofe ſeines Bruders ſucht er nicht allein Freunde zu haben, ſeine Ge - ſandten geben ihm über die Geſinnung und politiſche Ten - denz der Räthe deſſelben, über jede Abweichung ihrer Politik von der kaiſerlichen eine nicht allzeit günſtige Kunde.

Mit ungemeiner Rückſicht wurden auch die entfernten Höfe behandelt. Mit dem jungen Sigismund Auguſt von Polen ſtand man nicht immer gut. Zu den preußiſchen An - gelegenheiten, wo er die Widerpart des Kaiſers hielt, kamen bald die ſiebenbürgiſchen hinzu; ſeine Vermählung mit einer Eingebornen, nach dem frühen Tode einer öſtreichiſchen Prin - zeſſin, die ſich dort keinen Augenblick glücklich gefühlt, hatte kein gutes Blut gemacht; allein für alle ungariſchen, os - maniſchen, ſelbſt für die erbländiſchen Verhältniſſe, ich103Stellung und Politik Carls V. finde unter andern, daß die Franzoſen ihn aufgefordert ſeine alten Rechte an Schleſien geltend zu machen, war ein freundliches Vernehmen mit ihm unſchätzbar. Der Kaiſer hätte ſonſt dem Großfürſten von Moscau gern den Titel König, wie er es wünſchte, beigelegt: die Rückſicht auf Polen hielt ihn davon ab. 1Aus Herberſteins Moscovia laͤßt es ſich wenigſtens ſchlie - ßen; die Geſandten verſichern es ausdruͤcklich.

Noch viel begründeter war die Feindſeligkeit des Hau - ſes Öſtreich gegen Dänemark: aber da die Niederlande ſchon einmal die Nachtheile des Krieges empfunden, ſo mußte es bei der Anerkennung Chriſtians III ſein Verbleiben haben, wie ſehr auch das pfälziſche Haus ſich dagegen ſträubte. Deutſche Fürſten ſuchten zuweilen durch die Fürſprache des Königs in die Gnade des Kaiſers zu kommen;2Cragius 303. Chriſtian vermittelte ein freundſchaftliches Verhältniß zwiſchen Carl V und Guſtav Waſa.

Wie weit die vorſorgende Umſicht gieng, davon iſt ein Beiſpiel, daß einſt der portugieſiſche Geſandte am franzöſiſchen Hofe bedeutet ward, nicht zu vortheilhaft von der Macht des Sheriff von Marocco zu ſprechen, weil man dort ſonſt Luſt bekomme ſich mit demſelben zu verbinden.

Die Erwägung und Behandlung dieſer Angelegenheiten bildete nun das Tagewerk des Kaiſers.

In dem Briefwechſel deſſelben mit ſeinem Bruder, ſei - ner Schweſter Maria, ſeinen Geſandten, beſitzen wir davon die merkwürdigſten Documente. Die Briefe ſind wie Ge - ſpräche, wo alle Verhältniſſe, große und kleine, durchgegan -104Neuntes Buch. Drittes Capitel.gen, hin und wieder erwogen werden: und ſo geſchieht es wohl daß ſie zuweilen ein wenig gedehnt erſcheinen; allein ſie zeigen ein vollkommenes, den Geiſt erfüllendes Bewußt - ſeyn des gegenwärtigen Moments, den ſie auf das trefflichſte erläutern: ſie ſind gründlich und fein, umfaſſend und ein - dringend, ſie eröffnen die Motive der Handlungen mit über - raſchender Klarheit, und halten immer an der großen Ten - denz feſt, welche einmal ergriffen worden. Man dürfte aber nicht glauben daß ſie alles ſagen. Ferdinand redet wohl einmal von der Möglichkeit, daß der Kaiſer Herr von Deutſchland werden könne: Carl V würde dieß Wort nie - mals ausſprechen, niemals giebt er ſich bloß.

Vielmehr mit der unausgeſprochenen Abſicht die in ſei - ner Seele lebt, beherrſcht er alle und leitet er alles.

Anfangs führten Chievres und Gattinara die Geſchäfte: da bemerkte man nur, wie eifrig der junge Fürſt ſich denſelben widme, wie er ſein vornehmſtes Vergnügen daran finde; nach Gattinaras Tod nahm er ſie ſelber in die Hand.

Noch heißt es eine Zeitlang, er thue nichts ohne ſeine Miniſter: bald darauf hören wir, daß ſie nichts thun ohne ihn; allmählig bekennt ein Jeder, daß er ſelbſt die Haupt - ſache ausrichtet, daß er von den klugen Leuten die er um ſich verſammelt, ſelber der Klügſte iſt.

In dem Miniſter der ihm während der großen Ereig - niſſe die wir betrachtet, vornehmlich zur Seite ſtand, Nico - las Perrenot Granvella, dem ältern, hatte er jedoch in die - ſem Rufe faſt einen Nebenbuhler und gewiß einen unver - gleichlichen Gehülfen gefunden. Granvella war ein Mann der den halben Virgil auswendig wußte, ſich in ſeiner Heimath105Stellung und Politik Carls V. in der Franche-Comte eine Galerie von den Meiſterſtücken der Kunſt anlegte, durch dieſe allgemeinen Beſtrebungen ſei - nen Geiſt für die Geſchäfte erſt recht geſchärft hatte und den wohlbegründeten Ruf genoß, daß er die europäiſchen Geſchäfte vollkommen verſtehe. Er beſaß ein ausnehmendes Talent die Dinge ſich von ferne bereiten zu ſehen: in den ſchwierigſten Fällen fehlte es ihm nie an einem Auskunfts - mittel. Einige haben gemeint daß er den Kaiſer leite: ich finde daß er ſich den Geſichtspuncten deſſelben ohne eine ei - gene Richtung jedes Mal mit vollkommener Hingebung an - ſchloß. In zwei ganz verſchiedenen Epochen der kaiſerlichen Politik, der erſten wo ſich der Kaiſer den Proteſtanten gefliſ - ſentlich annäherte, und der zweiten wo er ſie angriff, finden wir ihn, obwohl es ihm einige Mühe koſtete der letzten bei - zutreten, gleich thätig und unermüdlich. Die Epoche des Glückes die nunmehr eintrat, war für ihn, wie Mocenigo ſich ausdrückt, ein Brunnen von Gold; doch wußte man wohl, daß ihn kein Geſchenk von der Pflicht gegen den Kai - ſer auch nur um ein Haarbreit abwendig machen könne, der ihn dafür wie einen Vater ehrte. 1Mocenigo raͤth ſeiner Signoria nur, ihm zuccari confetti, speciarie zu ſchicken. E prudentissimo, destro, piacevole, affabile molto

Die Methode der Verhandlung zwiſchen Carl und ſei - nen Miniſtern war, daß bei jedem zu faſſenden Entſchluß alles was darüber geſagt werden konnte, unter den Rubri - ken Für und Wider zuſammengeſtellt, und die Puncte auf deren Entſcheidung es ankam, in Form der Frage dem Kai - ſer vorgelegt wurden. Unzerſtreut durch irgend eine fremde106Neuntes Buch. Drittes Capitel.Gegenwart, mit ſich allein, in der Ruhe des Cabinets, er - wog der Herr denn mit dieſem und keinem andern Na - men wird er in ſeinem Hauſe bezeichnet die aufgeſtell - ten Fragen, und entſchied ſie mit Ja oder Nein, Worte die er an den Rand des Blattes ſchrieb, zuweilen mit ein paar näheren Beſtimmungen. Alle Morgen trug der Kammer - diener Adrian, eine wichtige Perſon an dieſem Hofe, da er die Stimmung des Augenblickes kannte, man ſagt, es ſey ihm zu Statten gekommen daß er weder leſen noch ſchreiben konnte die Papiere hin und her. 1Dieſer Adriano della camera ſpielt in den Berichten der Geſandten, z. B. der florentiniſchen, immer eine Rolle.Conferen - zen folgten, doch waren ſie nicht ſo häufig, wie man glau - ben ſollte: in ſchriftlichem Verfahren wurden die Beſchlüſſe eingeleitet und gereift.

Überhaupt gieng es am Hofe des Kaiſers ſehr ſtill her. Er verſchmähte ſinnliche Genüſſe nicht, wie er denn zu viel und zu gut :2Cose da generar humori, wie Badoero ſagt. Er klagte einſt gegen Monfalcourt, daß die Speiſen unſchmackhaft bereitet wuͤr - den; dieſer drohte ihm: di far fare una nuova vivanda di polaggi et horologi. Badoero wiederholt freilich nur den Ruf des Hofes, aber er ſagt unumwunden: è stato nei piaceri venerei di non tem - perata volontà. von andern Unordnungen möchte er, wenigſtens während ſeines Witwerſtandes, nicht frei zu ſprechen ſeyn; dagegen war an lärmende Vergnügungen, Feſtlichkeiten, äußere Pracht bei ihm nicht zu denken: zu - mal da die Krankheit ſein gewöhnlicher Zuſtand und Ge - ſundheit die Ausnahme war. Schon im Februar 1549 wird er uns geſchildert, wie er mit gebücktem Rücken, todtenbleich, mit farbloſer Lippe, in ſeinem Zimmer am107Stellung und Politik Carls V. Stabe hin und her ſchleicht; allein er lacht wohl ſelbſt über ſeinen Aufzug, weil er ſich ſo ſchwach nicht fühle wie er ausſehen möge, und bald erfüllt ſich das matte Auge doch wieder mit Glanz und Leben. Nicht übel bezeichnet ihn ſeine Liebhaberei für künſtliche Uhrwerke, wo eine einmal angeregte Kraft alles in regelmäßige Bewegung ſetzt. Unter den wiſ - ſenſchaftlichen Dingen gewannen ihm die aſtronomiſchen Stu - dien, frei von allen aſtrologiſchen Träumen, die größte Theil - nahme ab: dem Wandel der Planeten, dem Ringgang der Geſtirne galt ſeine Aufmerkſamkeit und Bewunderung: gern unterrichtete er ſich an dem Himmelsglobus. Bis dann die Zeit kam, wo der Gedanke, mit dem er die Welt zu lenken hoffte, in ihm wieder zu voller Kraft gelangte. Ich weiß nicht, ob er denſelben in Worten hätte ausdrücken können, ob er nicht davon mehr erfüllt war wie von einem Gefühl, in welchem ſich alle ſeine kirchlichen, politiſchen und dyna - ſtiſchen Beſtrebungen zuſammenfaßten; es war ein Gedanke, der mit der Macht des Unbewußten in der Tiefe ſeiner Seele ruhte und doch in jedem Falle mit voller Klarheit und An - wendbarkeit ergriffen, unaufhörlich, mit allen Mitteln des Krieges und der Politik verfolgt ward.

Wir haben den Kaiſer oft auf ſeinen Kriegszügen be - gleitet; auch in den Zeiten ſeiner Krankheit probirt er ſich dann und wann den Harniſch an denn wiewohl natür - licher Weiſe eher zaghaft, ſo daß er wohl in ſeinem Zim - mer vor dem leiſeſten Geräuſch erſchrecken konnte, liebte er doch das Handwerk der Waffen: er hegte ein ritter - liches Gefühl für dieſen Beruf und wußte ſich Anſehen bei den Kriegsleuten zu erwerben. Dazu jedoch waren die108Neuntes Buch. Drittes Capitel.Dinge nicht angethan, weder die eignen Kräfte ſtark, noch die fremden ſchwach genug, daß er in offenem Angriff hätte zu ſeinem Ziele kommen können: ſein Verfahren und ſein Talent war, aus den entgegengeſetzten Elementen ſich Sym - pathien zu erwecken und ſie zu Hülfe zu rufen. Es iſt ihm hiebei das Unglaubliche gelungen.

Die Granden von Caſtilien haben ihm die Communen unterworfen; der Gehorſam der Communen hat ihm dann gedient, die Granden, die ihm entbehrlich geworden, von ſei - ner Staatsverwaltung zu entfernen.

Ihm haben die Deutſchen, nicht ohne den Antrieb eines proteſtantiſch-antipäpſtlichen Eifers, Rom erobert und den Papſt gefangen gehalten. Dafür iſt ihm ein ſpäterer Papſt mit Heereskraft ebenfalls aus Religionseifer über die Alpen zu Hülfe gekommen um die Proteſtanten zu unterwerfen.

Nicht ſelten hat er mit Frankreich über einen Angriff gegen England unterhandelt, dann hat der König von Eng - land doch ſich mit ihm gegen Frankreich verbündet.

Die Proteſtanten, die es oft erfahren, daß in der euro - päiſchen Oppoſition gegen das Haus Öſtreich das Ver - hältniß lag das ihnen Raum in der Welt gemacht, hat er doch bewogen, mit ihm wider das Haupt dieſer Oppoſition zu Felde zu ziehen. Dafür ſah denn der König von Frank - reich wieder zu, als ſie mit Krieg überzogen wurden.

Was wäre wohl aus Carl V geworden, wenn die deut - ſchen Fürſten ſich jemals vereinigt hätten, den Begriff, die Rechte des Reiches als einer Geſammtheit gegen ihn zu be - haupten? Es ſind öfter Verſuche dazu vorgekommen, aber immer noch zur rechten Zeit geſprengt worden. Die Un -109Stellung und Politik Carls V. einigkeit der Stände verſchaffte ihm vielmehr eine täglich grö - ßere Einwirkung.

Und ſelbſt hiemit hätte er noch nichts ausgerichtet, hät - ten ſich nur wenigſtens die Neugläubigen zur Vertheidigung vereinigt. Wie weit aber war er ihnen an Weltüberſicht und Klugheit überlegen! er wußte zu bewirken daß ſie einer wider den andern die Waffen ergriffen.

Es liegt wohl am Tage, daß eine Politik die immer offen hervorgetreten wäre, von der man gewußt hätte was ſich von ihr erwarten ließ, niemals dahin gelangt ſeyn würde. Wer aber wäre im Stande geweſen dieſe Politik zu durchſchauen? Die entſcheidenden Handlungen auf denen ihre Erfolge beruhen, ſind immer von Zweifel umgeben, in Dunkel gehüllt.

Kein größeres Glück für den Kaiſer, als daß die Deut - ſchen ſich der Stadt Rom bemächtigten: er legte Trauer darüber an. Wer kann ſagen, ob es irgend eine Bedin - gung gab, unter der er Mailand an einen franzöſiſchen Prin - zen wirklich abgetreten hätte? doch hat er ein Jahrzehent darüber unterhandelt.

Welches war ſeine wahre Meinung, die welche Held in Schmalkalden ausſprach, mochte dieſer gleich ſeiner dama - ligen Inſtruction entgegenhandeln, oder die welche Lunden darſtellte?

Wir haben die Zweideutigkeiten erörtert, in denen Carl V ſich bei der Gefangennehmung des Landgrafen nicht ohne ein Bewußtſeyn davon bewegte. Es wird ſchwerlich an Tag kom - men, ob er zu der Ermordung Pier Luigis ſeine Einſtimmung gegeben hat oder nicht.

Ich will nicht behaupten, daß er jemals etwas ver -110Neuntes Buch. Drittes Capitel.ſprochen in der beſtimmten Abſicht es nicht zu halten: aber zuweilen ſieht es doch beinahe ſo aus.

Nicht unglaubwürdig wird erzählt, er habe in demſel - ben Augenblick als er im J. 1544 den Proteſtanten jene ſpeieriſchen Conceſſionen gewährte, den Katholiken entgegen - geſetzte Verſicherungen thun laſſen: ihre Nachgiebigkeit wäre ohne dieß wirklich ſchwer zu erklären. Kaum hatte er den Frieden mit Chriſtian III geſchloſſen, der demſelben Däne - mark und Norwegen ſicherte, ſo gab er doch dem Pfalzgra - fen, der ſich darüber beklagte, die Erklärung, er wünſche daß dieſe Reiche vielmehr ihm, dem Pfalzgrafen, gehören möch - ten, und werde zu ſeiner Zeit alles dafür thun. 1Instruction de Granvelle à Champagny. P. d’ét. III, 94.

Wenn wir dabei nicht annehmen ſollen daß er das gegebene Wort zu brechen entſchloſſen geweſen ſey, ſo giebt es dafür keinen andern Grund, als daß auch die entgegen - geſetzte Verſicherung ſo gewiß nicht war.

Die Verſprechungen werden, wie ſich Granvella einmal ausdrückt, nach Zeit und Umſtänden gegeben.

Denn vor allem iſt immer ein nächſter Zweck zu errei - chen, eine unmittelbar vorhandene Schwierigkeit wegzuräu - men. Die Kräfte die ſich entgegenſetzen könnten, müſſen davon zurückgehalten werden: durch jede Conceſſion die man ihnen machen kann ohne mit ſich ſelbſt in offenen Wider - ſpruch zu gerathen, durch jede Zuſage die dem Syſtem nicht ſchnurſtracks entgegenläuft.

Das hindert aber nicht, daß man nicht insgeheim ſich ein weiteres Ziel, und wäre es ſelbſt der Feindſeligkeit gegen den jetzt Begünſtigten, vorbehalte.

111Stellung und Politik Carls V.

Von der Königin Maria, welche das Geheimniß der kaiſerlichen Politik am meiſten theilte, haben wir ein Schreiben aus der Zeit, in der, mitten in großen Gefahren, eine An - näherung an die Proteſtanten durchaus nöthig geworden, in welchem ſie dem Kaiſer den dringenden Rath giebt darauf einzugehn; aber bemerken wir wohl: ſie fügt hinzu: es werde wohl Zeit und Gelegenheit kommen anders mit ihnen zu verfahren. 1Sie raͤth ihm user du tems, jusques aurez moyen et op - portunité d’en faire autrement. (Schr. o. D. im Br. A.)

Der Kaiſer trat ihnen nun, wie wir wiſſen, ſehr nahe, aber die Folge zeigte daß er dabei den Vorbehalt künftiger Feindſeligkeit keinen Augenblick aufgegeben hat.

Man könnte nur fragen, ob er da nicht auf der einen Seite ſo weit gegangen iſt, daß doch ſein Vorbehalt nicht wohl damit beſtehn konnte. Wenigſtens den Mitgliedern des ſchmalkaldiſchen Bundes blieb keine Ahnung von der noch fortdauernden Möglichkeit eines feindſeligen Verfahrens übrig.

Auch in den ſpätern Jahren tauchte ein ähnlicher Wider - ſpruch auf. Carl hatte mehrere Stände in ihrer habenden chriſtlichen Religion beſtätigt, aber dabei doch ihre Unter - werfung unter das Concilium ausbedungen. Er berief ſich auf ihre, ſie beriefen ſich auf ſeine Zuſage.

Und wie es nun bei dieſer Bewandtniß der Dinge mit ſeiner eignen Überzeugung ſtand?

Die Meinungen Carls V mögen ſich in mehreren noch unentſchiedenen Puncten auf den Grenzgebieten beider Lehren bewegt haben: in der Hauptſache aber kann ich nicht fin - den, daß er von evangeliſchen Anſichten irgend wie ergriffen112Neuntes Buch. Drittes Capitel.geweſen ſey: er war und blieb katholiſch: an dem Geheim - niß der Euchariſtie im katholiſchen Sinne und den Dien - ſten die ſich daran knüpfen hat er wohl nie einen Augen - blick gezweifelt.

Hat er den Proteſtanten Conceſſionen gemacht, ſo iſt er dazu von dem Papſt ermächtigt geweſen.

Der Beichtvater ſpielte ſchon bei ihm eine Rolle. Der jüngere Granvella beklagt ſich wohl, daß wenn er zu Ende gekommen zu ſeyn glaube, die Hydra der Gewiſſensſcrupel immer neue Köpfe hervorbringe. 1Negotiato di D. Franc. di Toledo per l’acquisto di Piom - bino: Bibliot. Maglibecchiana zu Florenz. Granvella ſagt: resur - gevano come i capi della hydra le riprensioni et advertimenti della conscienza.

Das vornehmſte Ziel das der Kaiſer verfolgte, war zwar politiſcher, aber doch auch dem Weſen nach religiöſer und zwar katholiſcher Natur.

Und höchſt gerechtfertigt gieng er dabei zu Werke. Er begründete ſein Verfahren allezeit auf die Ideen von Reich und Kirche.

Alles was er in Deutſchland unternahm, ward immer mit den Pflichten gegen die allgemeine Kirche, ſeinem Eide dieſelbe aufrecht zu erhalten, der Rückſicht auf die übrigen Nationen vertheidigt. In jeder Forderung an den Papſt dagegen traten die Rechte und Beſchlüſſe des Reiches, die Nothwendigkeit die Entzweiungen der Reichsglieder beizule - gen, als Beſtimmungsgründe hervor.

Die alten Formen die er noch einmal zu beleben ſuchte, gaben ihm eben die Ausſicht durch ſie zu herrſchen. Je grö -113Stellung und Politik Carls V. ßern Einfluß er auf den Reichstag gewonnen, deſto ſtrenger forderte er die Beobachtung der Beſchlüſſe deſſelben; von kei - nem Heimbringen, von keiner Selbſtbeſtimmung einer Land - ſchaft wollte er mehr hören. Eben ſo aber dachte er mit dem Concilium zu verfahren. Er wollte den Antheil an der Leitung deſſelben haben der ihm als Kaiſer gebühre, dann ſollte Jedermann ſeinen Satzungen gehorchen, namentlich auch der Papſt ſelbſt.

Dahin hat es der burgundiſche Prinz doch gebracht, daß die Wiederbelebung dieſer großen Ideen, an denen ſich das Mittela[lt]er entwickelt hat, an ſein Daſeyn, ſeine Macht geknüpft iſt. Die Doppelſeitigkeit ſeines Beſtrebens ſpie - gelt ſich in den entgegengeſetzten Eigenſchaften die ſich in ſeinem Character vereinigen. Carl V iſt zweideutig, durch und durch berechnet, habgierig, unverſöhnlich, ſchonungslos, und dabei hat er doch eine erhabene Ruhe, ein ſtolzes die Dinge gehn laſſen, Schwung der Gedanken und Seelen - ſtärke. Seine Ideen haben etwas Glänzendes, hiſtoriſch Großartiges. Das Kaiſerthum wie er es faßt, enthält die Fülle geiſtlicher und weltlicher Gewalt, und er nähert ſich der Möglichkeit es herzuſtellen. Ob es ihm damit gelingen wird, iſt die große Lebensfrage für Europa und die Welt.

Verhandlungen mit Rom.

In den Jahren 1549, 50 war Carl V hauptſächlich in den conciliaren Erörterungen mit dem Papſt begriffen.

Am römiſchen Hofe ſuchte man jede Nachgiebigkeit in geiſtlichen Angelegenheiten, wenn man ſich ja zu einer ſolchenRanke D. Geſch. V. 8114Neuntes Buch. Drittes Capitel.herbeilaſſen wollte, mit der Sache von Piacenza in Verbindung zu ſetzen. Der Kaiſer antwortete ſehr trocken: er wolle die öffentlichen Dinge nicht mit Privatangelegenheiten vermengen. Seine Geſandten berichteten wohl, wenn er Piacenza zurück - gebe, oder nur einen Erſatz dafür anbiete, werde er in den übrigen Streitfragen alles was er wolle erreichen: er blieb dabei, daß dieſe Sache für ſich behandelt werden müſſe. Vor aller weitern Verhandlung drang er auf rechtliche Un - terſuchung, wem die Stadt gehöre, dem Reiche oder der Kirche: er ſey ſehr bereit, wenn das Urtel zu Gunſten der Kirche ausfalle, Piacenza zurückzugeben; er wiſſe jedoch wohl, daß es zum Reiche gehöre, ſo gut wie Parma. Indem man hoffte, er werde Piacenza herausgeben, erhob er An - ſpruch auch auf Parma.

Er lebte der Meinung, Paul III werde am erſten durch Drohungen beſtimmt, und faſt ſchien es als hätte er Recht.

Sollte zunächſt wenigſtens eine vorläufige Ordnung in Deutſchland eingeführt werden, ſo mußte der Papſt die deut - ſchen Biſchöfe ermächtigen die den Proteſtanten durch das Interim gemachten Zugeſtändniſſe anzuerkennen.

Eine Zeitlang zögerte er damit, wie das bei dem Wi - derwillen den man in Rom gegen das Interim hegte nicht anders ſeyn konnte: dann kam er mit ungenügenden Facultä - ten hervor, endlich ließ er ſich auch genügendere abgewinnen.

Am 18ten Auguſt 1549 erſchien Cardinal Otto Truch - ſeß, Biſchof von Augsburg, der wenn irgend ein andrer als ein rechtgläubiger Anhänger der römiſchen Curie betrachtet werden muß, in alle ſeinem Pomp, unter Vortragung des Kreuzes, ſilbernen Scepters und ſeines Cardinalhutes, in der115Verhandlungen mit Rom 1549.Domkirche zu Augsburg. Er beſtieg eine Kanzel die eigens für ihn aufgerichtet und mit rothem Sammet überzogen war, um zu erklären, daß in dem Interim nichts Schädliches noch Beſchwerliches enthalten ſey. 1Aus einem Schreiben des Card. Otto, Dillingen 3 Auguſt 1549 (Winter II, p. 151), ergiebt ſich, daß ſeine Indulte nicht allein den Genuß beider Geſtalt, ſondern auch die Prieſterehe umfaßten. Welche Schwierigkeiten dieß gemacht, indem dadurch der Unterſchied zwiſchen Prieſtern und Laien aufgehoben zu werden geſchienen, ſehen wir aus dem judicium variorum pracsulum, Rainaldus 1548, nr 66 72. Ich bemerke daß ſich trotz aller Gelehrſamkeit dieſe Herrn doch auf die untergeſchobenen Canones apostolici beziehen (nr. 68).

Die Indulte welche der Papſt gewährt, giengen man - chem Eiferer faſt ſchon zu weit, und der Kaiſer mußte durch eine beſondere Declaration ihre Anwendung auf die Länder und Städte beſchränken, in welchen die neue Lehre Platz ge - griffen. Für dieſe aber waren ſie nicht allein erwünſcht, ſondern unentbehrlich. Die Anerkennung der Hierarchie auch in den proteſtantiſchen Ländern war nur unter dieſer Bedin - gung denkbar.

Und auch in Hinſicht des Conciliums gab der Papſt dem Haſſe des Kaiſers gegen die Verſammlung zu Bologna ſo weit nach, daß er ſie im September 1549 auflöſte. Ihm ſelbſt fiel ſie bereits zur Laſt, da ſie unter den Umſtänden der Zeit doch nichts ausrichten konnte.

Höchlich erfreut war der Kaiſer, als der Papſt hierauf die Abſicht kund gab, in einer andern Verſammlung, zu Rom, die Reformation ernſtlich vor die Hand zu nehmen. Er machte nur noch die Bedingung, daß kein Beſchluß der - ſelben den Anordnungen ſeines Interims oder der von ihm8*116Neuntes Buch. Drittes Capitel.den geiſtlichen Ständen vorgeſchriebenen Reformation wider - ſprechen dürfe.

Ehe es aber ſo weit kam, ſtarb Paul III; und eine Wahl trat ein, welche dem Kaiſer ſogar die Möglichkeit eröffnete, ſeine geiſtlichen Abſichten noch in aller Form zu erreichen.

Die kaiſerliche Partei war es unter Vermittelung des Herzogs von Florenz durch welche der neue Papſt Julius III auf den römiſchen Stuhl gelangte.

In ſeinem erſten Schreiben erkannte Julius dieß an: nächſt Gott keinem Andern als dem Kaiſer ſchrieb er ſeine Erhebung zu; durch ſeinen erſten Geſandten verſprach er, den Kaiſer in allen allgemeinen Angelegenheiten der Chri - ſtenheit zufrieden zu ſtellen, namentlich in der Sache des Con - ciliums; es war wirklich einer ſeiner erſten Beſchlüſſe (wie denn Jedermann einſah, daß dieß unumgänglich ſey, und die Conciliarcongregation ſelbſt dafür ſtimmte), daß das Con - cilium in Trient wieder eröffnet werden ſolle. 1Es lautet nicht ſehr wahrſcheinlich, wenn Verantius wiſſen will, Julius III habe dem Kaiſer erklaͤrt, uͤber den Ort des Concils wolle er nicht ſtreiten, etiamsi illud imperator in Belgio Bruxellae haberi velit. Viennae 29 Aprilis 1550, bei Katona 21, 1041. Aber der cleviſche Abgeordnete Maſius verſichert: Julius ſage ausdruͤcklich er woͤlle das das Concilium einen Fuͤrgangk (habe) es ſey zu Trient oder wo es kaiſerlicher Maj. gelegen. Nichts Beſ - ſeres hatte bisher der Kaiſer gewünſcht: in einem ſeiner Briefe an ſeinen Geſandten in Rom findet ſich der Ausdruck: er be - dürfe keiner Verſicherung daß der Papſt gute Abſichten hege, er nehme ſie aus ſeinen Handlungen ab.

Es war ſchon eine glänzende Rechtfertigung ſeines bis - herigen Verhaltens, daß derjenige Mann der ſo lange den Vorſitz im Concilium geführt und dabei, als Abgeordneter117Reichstag zu Augsburg 1550.Pauls III, ſich ihm entgegengeſetzt, jetzt nachdem er ſelber auf den römiſchen Stuhl gelangt war, dieſen Widerſtand auf - gab und die Wiedereröffnung des Concils zu Trient bewil - ligte, gleich als erfülle er damit nur eine Pflicht. Aber über - dieß gewährte es ihm für alle ſeine Pläne eine weite Aus - ſicht, daß er endlich doch einen Papſt gefunden der ihm gün - ſtig war und ſich ſeiner Politik anſchloß.

Zuerſt war nun die Erneuerung des Concils wirklich zu Stande zu bringen.

Am 26ſten Juli eröffnete Carl V einen Reichstag, der ſich abermals in Augsburg verſammelt hatte, mit einer Pro - poſition, in welcher er die mancherlei noch unvollzogenen Beſchlüſſe des vorigen Abſchieds, auch in Beziehung auf ſein Interim, das er trotz der veränderten Umſtände mit nichten fallen laſſen wollte, in Erinnerung brachte, hauptſächlich aber den Ständen verkündigte, was bisher bei dem römiſchen Stuhle nicht zu erhalten geweſen, das ſey von dem nun - mehrigen Papſte bewilligt worden, die Continuation des Con - ciliums zu Trient.

Nach allem was im Jahre 1547 vorgegangen, konnte kein Zweifel ſeyn, daß die Reichsſtände ſich zur Beſchickung deſſelben bereit erklären würden. Die einzige Frage war, wie es dabei mit der Theilnahme der Proteſtanten gehalten werden ſollte.

Wenn Churfürſt Joachim II nochmals ausſprach, daß ein nationales Concilium dem allgemeinen voraufgehn ſolle, um daſſelbe vorzubereiten, ſo war das vielleicht an ſich zu wünſchen, aber bei der Stimmung des Kaiſers und der ka - tholiſchen Stände nimmermehr zu erreichen. 1Inſtruction fuͤr die Reichstagsgeſandten im Arch. zu Berlin.Dieſe hatten118Neuntes Buch. Drittes Capitel.die ganze Entſcheidung dem Concilium vorbehalten, und es war ſchon zweifelhaft, ob ſie die viel näher liegende For - derung der Proteſtanten daß die an dem Concil bereits ab - gehandelten Artikel aufs neue erörtert, oder wie dieſe ſich ausdrückten, reaſſumirt werden ſollten, genehmigen würden.

Mit ausdrücklichen Worten haben ſie dieß in der That nicht gethan, aber ſie haben es auch nicht verweigert. In einem Reichsgutachten vom 8ten October heißt es: die Bitte einiger Churfürſten und Fürſten gehe dahin, ihre Abgeord - neten über die Puncte zu hören welche bereits decidirt ſeyn möchten; leicht würde ſonſt der Ausdruck Continuation des Conciliums ein Mißverſtändniß veranlaſſen. Auch dem Kai - ſer ſchien es rathſam ſich in dieſer Unbeſtimmtheit zu hal - ten. 1Die Acten des Reichstags in den Archiven zu Frankfurt, Dresden und Berlin.Indem er Diejenigen, welche Änderungen gemacht, aufforderte ſich an das Concilium zu verfügen und ihnen hiefür ſicheres Geleit zuſagte, wiederholte er die Zuſicherun - gen die er ſchon am vorigen Reichstag gegeben, und die allerdings einige Worte aus dem Gutachten der proteſtan - tiſchen Churfürſten enthielten, jene Forderung aber weder ab - ſchnitten noch auch gewährten. Er zog es vor, ſo gut dieſe wie andre Feſtſetzungen der künftigen Unterhandlung vor - zubehalten. Auch dem päpſtlichen Nuntius, der auf die Her - ſtellung der geiſtlichen Güter gedrungen, ertheilte er nur eine ausweichende Antwort: er wollte in dieſen Dingen ſich im Voraus zu nichts verpflichten. Nur das Eine Verſprechen gab er, die Beſchlüſſe welche das Concilium faſſen würde zu vollziehen, Deutſchland nicht zu verlaſſen, ehe ein ernſt -119Succeſſionsentwurf.licher Anfang dieſer Vollziehung gemacht worden. 1Antwort auf die Inſtruction des Papſtes vom 10ten Juni. Der Kaiſer ſpricht die Beſorgniß aus, daß nichts geſchehen werde, wenn er vorher den Ruͤcken wende.Seine Autorität mit der des Conciliums zu verbinden, war längſt ſein Gedanke, der nun zur Ausführung reifte.

Damit ſchien ihm aber die Zeit eingetreten, wo er ſich noch mit einer andern Abſicht hervorwagen könne, die er längſt gefaßt, und die nicht minder weitausſehend war.

Succeſſionsentwurf.

Der Kaiſer hegte den Plan, ſeinem Sohn Philipp, Prin - zen von Spanien, nachmals König Philipp dem zweiten, die Nachfolge im Kaiſerthum zuzuwenden.

Schon 1548 hatte er daran gedacht, er hatte nur ge - fürchtet, da ſo vieles andre im Werke und noch zweifelhaft war, die Eiferſucht die das Haus Öſtreich ohnehin erweckte allzuſtark zu machen. 2Darauf beziehen ſich die Aͤußerungen Koͤnig Ferdinands in ſeinem Schreiben vom 15 Juli bei Bucholtz IX, 732.

Wie andre Geſchäfte mußte auch dieſes erſt unterbaut, mit Umſicht vorbereitet werden. Vor allem mußte Philipp ſelbſt gegenwärtig und den deutſchen Fürſten bekannt ge - worden ſeyn.

Es hatte einige Schwierigkeiten ihn aus Spanien her - überkommen zu laſſen, da man dort ſchon über die Abwe - ſenheit des Kaiſers mißvergnügt war, und die Cortes von Valladolid erklärten ſich dagegen. Der Kaiſer befriedigte ſie dadurch, daß er ſeinen Neffen Maximilian, dem er ſo eben120Neuntes Buch. Drittes Capitel.ſeine Tochter Maria vermählte, denn einen Prinzen von Geblüt ſahen ſie nun einmal gern an ihrer Spitze mit der einſtweiligen Verwaltung der ſpaniſchen Regierung beauftragte.

Der Vorwand, wohl auch ein Grund, nur nicht der wichtigſte oder einzige, wofür er hier gelten mußte, war der, daß Philipp in den Niederlanden eingeführt werden und die Huldigung daſelbſt empfangen ſollte. Die vornehmſte Ab - ſicht aber galt unverkennbar dem Reich und den Deutſchen.

Der Prinz gab ſich auch in kleinen Dingen eine faſt zu ſichtbare Mühe ſich den Deutſchen anzunähern. Nur auf deutſchem Roß wollte er reiten, als er in Trient ankam, auf deutſche Weiſe tanzen, deutſchen Gelagen beiwohnen: es fiel um ſo mehr auf, da er das alles nicht eben auf das geſchickteſte vollzog.

Ohne Zweifel um Vieles beſſer erwogen war es, wenn man die Ankunft des Prinzen mit Gnadenbeweiſen in po - pulärem Sinn bezeichnete: die armen Ulmer Prädicanten hat - ten ſo lang in ihrem Gewahrſam ſchmachten müſſen, bis der Prinz erſchien um ſie zu befreien.

In gewiſſen Kreiſen hielt man die Nachfolge des Prin - zen im erſten Augenblick für eine ausgemachte Sache.

Die Herzogin von Baiern hatte dem Ankommenden et - was mehr Ehre erwieſen, als den Hofräthen angemeſſen ſchien: und dafür ſagte ihr denn der Biſchof von Trient einige belobende Worte. Ehrwürdiger Herr, erwiederte ſie, ich thue nur meine Pflicht gegen S. Hoheit, der einſt - mals unſer Herr ſeyn wird.

Churfürſt Moritz hatte den Prinzen perſönlich in Trient eingeholt und war mit demſelben, wenn wir den Briefen des121Succeſſionsentwurf.Carlowitz trauen dürfen, in das vertraulichſte Verhältniß ge - treten. Man wollte wiſſen, um ſeine Stimme angegangen habe er geſagt, er ſey dem Sohne ſo ergeben wie dem Vater.

Ganz ernſtlich nahmen die jungen Landgrafen von Heſ - ſen die Sache. Das wahre Mittel ihren gefangenen Vater zu erledigen, ſahen ſie in der Unterſtützung welche die bei - den Churfürſten die einſt für ihn gutgeſagt, Sachſen und Brandenburg, bei dieſem Vorhaben dem Kaiſer würden zu Theil werden laſſen, und trugen kein Bedenken ſie darum zu erſuchen. 1Wilhelm und Ludewig LL. zu Heſſen an unſre gnedigſte Herrn die Churfuͤrſten zu Sachſen und Brandenburg, Ziegenhain 19 Maji 1549. Bitten demnach ganz freundlich, E. L. wollen ſich nichts verhindern laſſen, nochmals an ſeumen an keyſ. hove ſich zu verfu - gen, den Printzen von Hiſpanien unſern herrn und freundt an der hant zu behaltten, den biſchoff von Arras, als an dem wir horen vil gelegen zu ſein, willig zu machen, und ſich gegen Keyſr Mt Printz Philippſen uf den Fall zu einem Romiſchen konige zu erwelen und keyſr Mt einen ſtattlichen Reiterdienſt zu thun erbieten, wie E. L. das hiebevor zu vielmalen durch uns geſchrieben und eroffnet. So glau - ben wir gewißlich es werde was wirken.

Wie es wohl zu gehn pflegt, Derjenige erfuhr am ſpä - teſten von der Sache, den ſie am meiſten angieng, König Ferdinand.

Endlich aber drang doch das Gerücht, und zwar in der härteſten Form, als ſey es die Meinung des Kaiſers ihm die Würde und das Amt eines römiſchen Königs zu entreißen und dieſelben auf Philipp zu übertragen, bis zu ihm vor, und er hielt für gut, nicht zwar geradezu ſeinen Bru - der, aber ſeine Schweſter Maria, die um die geheimſten Anſchläge und Verhandlungen zu wiſſen pflegte, darüber zu fragen. Er that dieß jedoch nicht ohne hinzuzufügen,122Neuntes Buch. Drittes Capitel.er halte für ſo gewiß wie das Evangelium, daß ſein guter Bruder, welcher ihm immer ein Vater geweſen, nicht an eine Sache denke die ihm ſo wenig zum Vortheil und zur Ehre gereiche.

Darüber nun wie er das Vorhaben auffaßte, konnte die Königin ihn beruhigen. Obwohl ſie ſich für nicht hinreichend unterrichtet erklärte, ließ ſie doch ſo viel erkennen, daß nur von einer Verſicherung des Reiches nach dem Tode beider Majeſtäten die Rede ſey. Bald aber trat ſie einen Schritt näher und gab deutlichere Auskunft.

Nach ihrer Auffaſſung gieng der Gedanke des Kaiſers nur dahin, das Verhältniß das zwiſchen den Vätern beſtand, auch auf die Söhne zu vererben. Ferdinands Sohn Ma - ximilian ſollte dereinſt wie Ferdinand römiſcher König, Phi - lipp wie ſein Vater Carl römiſcher Kaiſer werden. Bisher war wohl nichts verabredet, aber man hatte in der Vor - ausſetzung gelebt, daß nicht allein nach dem Abgange Carls ſein Bruder ihm in dem Kaiſerthum nachfolgen, ſondern daß der Anſpruch auf dieſe ohnehin keineswegs erbliche Würde den Söhnen deſſelben, der in Deutſchland angeſiedelten Li - nie, nicht einem in Spanien erzogenen Prinzen, zufallen ſollte. Auch der ermäßigte Plan war doch der ferdinandeiſchen Fa - milie unerwartet und in hohem Grade widerwärtig.

Maria ſtellte dem römiſchen König vor, Philipp werde nur ſelten im Reiche erſcheinen können; für ihn werde aus jener Würde nur die Pflicht hervorgehn, daſſelbe zu unter - ſtützen; aller Vortheil davon werde doch dem Hauſe Fer - dinands zufallen, zumal da ſich Philipp in dieſem Fall mit einer ſeiner Töchter zu vermählen bereit ſey. Sie erinnerte ihn an das Verdienſt, das ſich der ältere Bruder um ihn123Succeſſionsentwurf.erworben, indem er ihm die Würde eines römiſchen Königs verſchafft habe, ohne an den eignen Sohn zu denken. 1Schreiben der Koͤnigin 1 Mai 1550. Vous auriez satisfet a l’obligation de rendre a S. Mé le bien qu’il vous a fait de vous avoir preferé a son propre fils en ladite dignité, par etre cause de l’avoir rendu au sien en le preferant au votre, lequel nean - moins demoroit avec plus de commandement a l’empire que led. Sr Prince, voiant que peu il porroit etre audit empire.

Ferdinand antwortete: wie bisher, ſo wolle er auch fortan alles thun was zum Dienſt ſeines Bruders und des Prinzen gereiche: nur nicht in dieſem Puncte, der nicht dienlich ſey. 2hors cela, hors ledit article, qui n’est a propos. Bei Bucholtz IX, 732.

So ſtanden die Verhältniſſe, als die beiden Brüder am Reichstag zuſammentrafen. Sie ſahen einander in der Stadt und machten eine kleine Reiſe mit einander nach München: von dieſer Angelegenheit war zwiſchen ihnen nie die Rede. Auch die Räthe gedachten derſelben nicht mit einem Worte.

Will man den Grund davon wiſſen, ſo drückt ihn der jüngere Granvella unverholen aus. Er meint, wenn man die Sache einmal vornehme, müſſe man den König nicht Athem holen laſſen, bis er nachgegeben habe. Dazu ſollte die Königin Maria, auf die auch Ferdinand von jeher das größte Vertrauen geſetzt, von den Niederlanden herbeikom - men. Sie ſelbſt giebt einen Vorwand an, unter dem ſie erſcheinen könne.

Aber auch Ferdinand, der wohl ahnen mochte was man ihm nicht ſagte, ſuchte ſich Hülfe. Er ſprach den Wunſch aus, daß ſein Sohn Maximilian aus Spanien zurückkeh - ren möchte.

124Neuntes Buch. Drittes Capitel.

Ich finde, der kaiſerliche Hof erſchrak hierüber; der Kai - ſer und der Prinz giengen mit den beiden Granvellas förm - lich zu Rathe. Der Hunger , meinten ſie, treibe den Wolf aus dem Holz. Sie beſchloſſen jedoch ihre Abſichten noch nicht zu entdecken; fortwährend vermied der Kaiſer mit ſei - nem Bruder in die Region dieſer Pläne zu kommen; der jüngere Granvella ward ſogar beauftragt demſelben ſeine Be - ſorgniſſe auszureden. 1Schreiben Granvellas 25 Auguſt, im Anhang. Bei der Sammlung der Pap. d’ét. haͤtte man ſich nicht ſo ausſchließend an die Beſançonſchen Papiere halten, ſondern Wien und beſonders Bruͤſ - ſel conſultiren ſollen.

Erſt als Maria angekommen, im September, geſchah die Eröffnung.

Der König erklärte jedoch, er könne ohne die Anweſen - heit ſeines Sohnes, den die Sache am meiſten angehe, ſich in nichts einlaſſen. Schon waren alle Vorbereitungen zur Rückkehr deſſelben getroffen. Als Maximilian angelangt, kam auch Maria aus den Niederlanden wieder, und nun erſt, im December 1550, begannen ernſtliche Unterhandlungen.

Da ſie mündlich gepflogen wurden, ſo ſind wir über ihren Gang nicht authentiſch unterrichtet.

Der päpſtliche Nuntius, der die Verhandlung mit ge - ſpannter Aufmerkſamkeit verfolgte, behauptet, bei den erſten Eröffnungen ſey von einer Erledigung der noch ſchwebenden Würtenberger Irrungen zu Gunſten des Königs die Rede geweſen; eine Geldhülfe von ein paar Millionen ſey ihm zur Fortſetzung des türkiſchen Krieges angetragen worden.

Später wollte man wiſſen, die Königin ſey unwillig über die Räthe Ferdinands, ja über ihren Bruder ſelber, der125Succeſſionsentwurf.ihr wenigtr Zutrauen ſchenke als dieſen Räthen: man wollte bemerken, daß ſie einſt ganz entrüſtet von ihm gegangen, und auch er ſie gegen ſeine Gewohnheit nicht begleitet habe. 1Lettere dell’arcivescovo Sipontino. Inff polit. Dispacci fiorentini.

In dem Publicum liefen ſehr abenteuerliche Erzählun - gen über die Entzweiung um, die in der Familie und unter den Räthen des Kaiſers und des Königs ausgebrochen ſey.

Im Februar 1551 faßte endlich der Nuntius einmal das Herz, den Kaiſer darüber zu befragen. Der antwortete, er ſey bei ſich ſelbſt noch nicht entſchieden, ob die Sache zum Heile der Chriſtenheit nothwendig ſeyn werde.

Wir ſehen nur: die Unterhandlungen waren in tiefes Geheimniß gehüllt: einige Schwankungen mochten eintreten: zuletzt aber führten ſie doch zum Ziele.

Am 9ten März ward ein Tractat zwiſchen König Fer - dinand und Prinz Philipp geſchloſſen,2Acte d’accord passé entre Ferdinand roi des Romains et le prince Philippe des Espaigns, le 9 mars 1551 st. d. R. Im Anhang. worin der erſte ſich anheiſchig machte, mit allen geeigneten Mitteln dahin zu wir - ken, daß die Churfürſten nach den glücklichen Tagen des Kaiſers und ſobald er, der König, zum Kaiſer gekrönt ſeyn werde, den Prinzen zum römiſchen König zu wählen verſpre - chen ſollten. Man wollte ſie erſuchen, dieſer Verſicherung die andre hinzuzufügen, nach dem Tode Ferdinands und der Krönung Philipps zum Kaiſer den jungen Maximilian zum römiſchen König zu erwählen. In dieſem Sinne ward eine Inſtruction entworfen, die den Churfürſten vorgelegt werden ſollte. Allein man konnte ſich nicht verbergen, daß es ſehr126Neuntes Buch. Drittes Capitel.ſchwer ſeyn werde, einen ſo weit in die Zukunft vorgreifen - den Antrag bei ihnen durchzuſetzen. Man ſah die Antwort voraus, daß eine Beſtimmung dieſer Art außerhalb ihrer Be - fugniſſe liege. Auf dieſen Fall beſchloß man, daß ein Ver - ſprechen Philipps, zu ſeiner Zeit die Erhebung Maximilians zum römiſchen König befördern und dieſem alsdann die Ad - miniſtration des Reiches auf dieſelbe Weiſe überlaſſen zu wol - len, wie ſie Ferdinand jetzt führe, genügen ſolle. Es wur - den noch mehrere Beſtimmungen getroffen, z. B. über die Unterſtützung die Philipp dem jetzigen römiſchen Könige bei ſeinem Krönungszug, ferner gegen jede Rebellion ſowohl im Reiche wie in den Erblanden zu leiſten habe, über die neue Verbindung der Familien durch die obgedachte Vermäh - lung Philipps; die merkwürdigſte, däucht mich, iſt die fol - gende. Sollte das Concil, heißt es in dem Tractat, was Gott verhüte, nicht bei Lebzeiten des Kaiſers zu Ende ge - bracht werden, oder ſollte es den erwünſchten Ausgang zur Abhülfe der Sachen des Glaubens und unſerer heiligen Re - ligion nicht haben, ſo verſpricht der Prinz, den König zu un - terſtützen einmal zum guten Erfolg des Concils, ſodann in deſſen Ermangelung in jeder andern Weiſe, um den An - gelegenheiten unſeres heiligen Glaubens und der Religion abzuhelfen. 1S’il advenait, que dieu ne veuille, que duvivant dud. Se Empereur le concile indiqué ne s’acheva ou qu’il n’eut la fin qu’on pretend e desire pour le remede de la ste foy et religion, en ce cas led. sieur prince a promis e promet d’assister pour le bon effet icelui Sr roi.

Ich darf wohl nicht verſchweigen, daß ich kein unterzeich - netes Exemplar dieſes Vertrages geſehen habe, ſondern nur127Succeſſionsentwurf.eine Abſchrift, in dem Brüſſeler Archiv: allenfalls könnte Jemand vermuthen, daß derſelbe nur vorgelegt und viel - leicht nicht vollzogen worden ſey. Er bliebe auch dann ſehr merkwürdig, weil er die Gedanken des Kaiſers, ſeines Hofes und ſeiner Räthe beſſer als irgend ein anderes Do - cument darlegt das bisher bekannt geworden iſt. Aber in der That finde ich doch nichts was einen ernſtlichen Zwei - fel an der Annahme dieſer Verabredungen begründen könnte. Wenigſtens iſt die im Vertrag erwähnte Inſtruction von dem römiſchen König zugleich mit dem Kaiſer den Churfür - ſten vorgelegt worden. Ferdinand bekennt darin, daß er nach dem Abgang ſeines Bruders die Hülfe ſeines Neffen, des Prinzen von Spanien, nicht werde entbehren können: um dieſen aber zu vermögen ſolche zu leiſten, ſey wohl das einzige geeignete Mittel, daß man ihm jetzt gleich verſichere, ihn zu ſeiner Zeit zum römiſchen König und künftigen Kai - ſer zu wählen. Über die Anſprüche ſeines Sohnes drückt er ſich ganz aus, wie in dem Vertrag feſtgeſetzt worden war. 1Inſtruction, ſchon durch Schmidt und Bucholtz ziemlich be - kannt. Die Urſchrift im 12ten Band der Bruͤſſeler Documente bie - tet doch noch einiges Eigene.Die Churfürſten erſtaunten daß er es that: ſie waren über - zeugt, er werde es nicht ernſtlich gemeint, nicht gern gethan haben: aber genug, er hat es gethan.

Nun ſind dieß aber nicht einfache Succeſſionspläne, ſondern ſie hängen mit allen politiſchen und kirchlichen Ab - ſichten des Kaiſers aufs genaueſte zuſammen. Dem Kaiſer entgieng nicht, wie hinderlich es ihm ſey, daß man ſeinen baldigen Tod erwartete und mit demſelben eine Auflöſung128Neuntes Buch. Drittes Capitel.aller derjenigen Verhältniſſe welche Deutſchland wieder in ſo nahe Beziehung zu dem ſüdlichen Europa gebracht, und dem Kaiſerthum eine ſo eigenthümliche Stellung und Kraft gegeben hatten. Für die Durchführung ſeiner Gedanken hatte es unendlichen Werth, wenn Jedermann vorausſah, daß auch in Zukunft der König von Spanien zugleich das Kaiſerthum beſitzen und es in dem nunmehr feſtgeſetzten Sinne verwalten werde. Dadurch würde zugleich, wie doch ein Jeder begehrt, das was er zu Stande gebracht, die Geſtalt die er der Welt zu geben gedachte, auf immer be - feſtigt worden ſeyn. Ausdrücklich, wie wir ſahen, verpflich - teten ſich ſein Bruder und ſein Sohn die Abſichten auszu - führen, welche er in Beziehung auf das Concilium und die Einheit des Glaubens hegte. Um ſo wichtiger iſt es, wie dieſe ſich jetzt weiter entwickelten.

Die Proteſtanten in Trient.

Außer den übrigen Beweggründen deren wir gedacht, trugen noch Bedrohungen mit einer Nationalkirchenverſamm - lung, dieß Mal von Seiten des franzöſiſchen Hofes, der über die Verbindung des Kaiſers mit dem Papſt ſehr un - ruhig wurde, dazu bei, um Julius III zu vermögen, die Ausführung ſeines einmal gegebenen Verſprechens auf keine Weiſe zu verzögern.

Ende April 1551 erlebten die kaiſerlichen Prälaten welche in Trient zurückgeblieben waren und ſich ſo ſtandhaft gewei - gert hatten den Legaten Pauls III nach Bologna zu fol - gen, den Triumph, daß die Legaten eines neuen Papſtes zu129Die Proteſtanten in Trient.ihnen nach Trient kamen, um das unterbrochene allgemeine Concil fortzuſetzen.

Eigentlich nun erſt erhielt es den Character der ihm ur - ſprünglich vom Kaiſer zugedacht worden: es ward jetzt Ernſt mit dem Gedanken, die in Deutſchland erhobenen religiöſen Streitfragen unter lebendiger Mitwirkung der Deutſchen auf einem allgemeinen Concil zur Entſcheidung zu bringen. 1Die erſte Eroͤffnung fand am 1 Mai Statt, allein zu der Verhandlung zu ſchreiten ſchob man bis zum 1 September auf, per aspettare i Tedeschi. Pallavicini XI, xiv, 4.

Am letzten Tage des Auguſt nahmen die Churfürſten von Mainz und von Trier in der allgemeinen Congregation perſönlich ihren Platz ein: die älteſten erzbiſchöflichen Sitze hatten ihnen den Rang gelaſſen. Nach einiger Zeit langte auch der Erzbiſchof von Cölln an; andre Prälaten folgten.

Die Hauptſache aber war, daß indeß auch proteſtanti - ſche Theologen und Procuratoren ſich fertig machten, am Concilium zu erſcheinen.

Da dieſe aber durch keine kirchliche Würde eine Be - deutung beſaßen, die perſönlich in ihnen geruht hätte, ſon - dern nur als Repräſentanten der evangeliſchen Gemeinſchaft etwas waren, ſo bereitete man ihre Sendung durch neue Bekenntnißſchriften vor.

Das geſchah wohl nicht darum, wie man geſagt hat, weil dem Kaiſer ſchon die Benennung der ſchmalkaldiſchen Artikel, die einſt zu ähnlichem Behuf aufgeſetzt worden, oder auch der augsburgiſchen Confeſſion ſo verhaßt gewe - ſen wäre, daß man ihm damit nicht hätte kommen wollen. Wir wiſſen recht gut, daß die Abfaſſung der frühern Confeſ -Ranke D. Geſch. V. 9130Neuntes Buch. Drittes Capitel.ſionen mit Rückſicht auf die obwaltenden Verhältniſſe un - ternommen worden war. So ſollte es auch dieß Mal ge - ſchehen. Zurückgezogen nach Deſſau, um von den Zerſtreuun - gen der Univerſitätsgeſchäfte ungeſtört zu bleiben, verfaßte Melanchthon die ſogenannte ſächſiſche Confeſſion, die er als eine Wiederholung der augsburgiſchen bezeichnet, wofür ſie auch anerkannt worden iſt, die aber doch ſehr auf den Stand der Streitfragen Bezug nimmt, wie er in dieſem Augenblicke war. 1Ein Schreiben Melanchthon an Kommerſtadt giebt eine ſolche Ruͤckſicht an. Corp. Ref. VII, 796.Die evangeliſchen Lehren von der Recht - fertigung und der Kirche in ſo fern wieder eine und die - ſelbe, als ſie beide auf einem Zurückgehn von dem Äußer - lichen und Zufälligen auf das Innerliche, Ächte, in der hei - ligen Urkunde Enthaltene beruhen mußten nochmals her - vorgehoben und erläutert werden, da man eben in dieſen Puncten zuletzt mit der katholiſchen Doctrin in eine Be - rührung gerathen war, welche neue Zweifel erweckt hatte. Auch die Lehre vom Abendmahl ward in dem Sinne der noch obwaltenden Concordie ausführlicher erörtert. Indeſſen ver - faßte Johann Brenz, der ſeitdem wunderbare Schickſale er - lebt hatte, Volksſagen ſymboliſiren die Gefahren die er be - ſtand und die Rettung die er erfuhr: eine Zeitlang hatte er als Vogt fungiren müſſen, und ſich noch immer verborgen hielt, damals im Kloſter Sundelfingen, im Auftrag des Her - zogs von Würtenberg eine ähnliche Bekenntnißſchrift, unter verwandten Geſichtspuncten. Es iſt ein müßiges Vergnü - gen der Gegner der Proteſtanten, über ihre mancherlei Con - feſſionen zu ſpotten. Die Bekenntniſſe enthielten die Lehre bis -131Die Proteſtanten in Trient.her niemals in einer Formel, welche als unfehlbar und allein - gültig betrachtet worden wäre: man konnte ſie bei veränder - ten Umſtänden auch mit andern Worten als den einmal feſt - geſetzten ſchriftgemäß ausdrücken; genug, wenn man das We - ſen der Sache behauptete. Die würtenbergiſche Confeſſion ward in Stuttgart von eilf der nahmhafteſten Theologen ge - prüft und unterzeichnet; die ſächſiſche von den Profeſſoren und Predigern im Gebiete des Herzog Moritz, des Mark - grafen Georg Friedrich von Anſpach, der Herzoge von Pom - mern, der Harzgrafen angenommen. Da man nicht hätte wagen dürfen eine allgemeine Verſammlung zu berufen, ſo rechnete man auf allmähligen Beitritt. 1G. Major an Chriſtian III von Daͤnemark bei Schumacher II, 152: dieweil alle Theologen ſo vieler Oberkeith zuſammenzu - fordern faſt ſchwer, auch viele Oberkeith ſich in ſolche ſache einzu - laſſen ein bedenken haben mochten. Die Straßburger unterzeichneten die eine und die andre Schrift.

Zunächſt kam es aber nicht auf Confeſſionen an: bei dem Stande der Dinge war die Vorfrage über die Art und Weiſe der neuen Berathung noch von größerer Wichtigkeit.

Die Proteſtanten würden ſich ſelbſt das Urtheil geſpro - chen haben, wenn ſie die bei den frühern Sitzungen in Trient durchgegangenen Decrete anerkannt hätten: ſie blieben bei ihrer Forderung der Reaſſumtion.

Und zwar waren ſie hiebei der Meinung, daß das ganze Verfahren an dem Concilium abgeändert werden müſſe. Me - lanchthon ſagte, der Papſt und ſeine Anhänger ſeyen von den Proteſtanten ſo vieler Irrthümer angeklagt, daß eine von ihnen ausgehende Entſcheidung nichts anders ſeyn würde9*132Neuntes Buch. Drittes Capitel.als ein Urtheil in eigner Sache. 1Sententia et judicium Melanthonis de concilio triden - tino. Corp. Ref. VII, 738.Er kam auf den Gedan - ken zurück, daß man unparteiiſche Prälaten und Fürſten, die freilich zuerſt ihrer Eidespflicht gegen den Papſt zu entledi - gen ſeyen, aufſtellen müſſe, um zwiſchen beiden Parteien zu entſcheiden. In verwandtem Sinn wurden Ende Septem - ber auch die würtenbergiſchen Geſandten inſtruirt, obwohl man hier, wo man der Gewalt ſo viel näher war, noch mehr Anlaß hatte, Rückſicht zu nehmen. Die päpſtlichen Le - gaten ſollten nicht mehr präſidiren: ſie ſollten nicht das Vor - recht haben die conſultirenden Theologen anzuſtellen: den Cle - rikern ſollten nicht allein die entſcheidenden Stimmen zuſtehen: vor allem wollten ſie auch über die bereits entſchiedenen Ar - tikel gehört ſeyn. 2Inſtruction des Herzogs von Wuͤrtenberg an ſeine Geſand - ten nach Trient, 29 Sept. 1551. Sattler IV, Urkk. 30.

Wenigſtens die erſte dieſer Forderungen war dem Kai - ſer ſchon am Reichstag vorgelegt worden; er fand jedoch damals nicht rathſam, weder ſie anzunehmen noch ſie zurück - zuweiſen: er fürchtete Streitfragen anzuregen, welche alles verderben könnten. Jetzt aber war kein längeres Verziehen möglich: eine feſte Meinung mußte ergriffen werden, ſey es von ihm oder von ſeinen Bevollmächtigten.

Höchſt merkwürdig: der kaiſerliche Orator am Concil, Licentiat Vargas, erklärte ſich ganz im Sinne der Proteſtan - ten. In einem ſeiner Briefe an den Biſchof von Arras heißt es, die bereits verhandelten Artikel müßten alle wieder aufgenommen werden, von dem erſten über die Erbſünde bis auf die letzte Controverſe.

133Die Proteſtanten in Trient.

Und nicht minder war es ſeine Meinung, daß die Ver - faſſung des Concils überhaupt geändert werden müſſe. Wir haben eine Denkſchrift von ihm, in welcher er das Verfah - ren des päpſtlichen Hofes während der frühern Seſſionen, als ein ſolches, das nur dahin gezielt habe die Mitglie - der in Knechtſchaft zu halten, ſehr ernſtlich tadelt, den Vor - ſitz der Legaten überhaupt verwirft, und die Praxis der al - ten Concilien, die Rechte welche den Kaiſern dabei zuſtan - den, wiederhergeſtellt wiſſen will. 1Memoire sur la maniere de regler le concile, in Levaſſor Lettres et memoires de François de Vargas etc. p. 42.Dieſe Denkſchrift ward vor der Eröffnung des Conciliums geſchrieben, und um ſo bedeutender iſt es, daß der Kaiſer den Verfaſſer derſelben zu ſeinem Bevollmächtigten in Trient ernannte.

Wir werden den Kaiſer nicht ſo verſtehen, als ob er eine geheime Hinneigung zu den Lehrſätzen der Proteſtanten genährt hätte: davon war ſeine Seele frei; allein einmal wollte er ihnen nichts auflegen laſſen was ſie zu offenem Wi - derſpruch treiben konnte; ſodann war ſeine Abſicht nur gewe - ſen ſie zur Idee der Einheit zurückzuführen, dem Concilium zu unterwerfen: wenn ſie innerhalb dieſer Grenze dem Papſt - thum Widerſtand leiſteten, ſo waren ſie vielmehr ſeine Ver - bündeten als ſeine Feinde[:]ſie konnten doch niemals anders als ſich an das Kaiſerthum halten: ſie unterſtützten ſeine Politik, welche die alte blieb, auch als er einen befreundeten Papſt hatte.

Umſtände, die freilich nicht dazu beitragen konnten, den Prälaten, die an den herkömmlichen Begriffen des Pontifi - cates feſthielten, die Ankunft der proteſtantiſchen Abgeordne - ten wünſchenswerth erſcheinen zu laſſen.

134Neuntes Buch. Drittes Capitel.

Anfangs wollten ſie nicht glauben, daß die Proteſtan - ten überhaupt ſich einfinden würden: je mehr ſich dazu ge - wiſſe Ausſicht zeigte, deſto ſtärker ſprachen ſie ihren Abſcheu dagegen aus: ſie thun alles, ſagt Vargas, um den Pro - teſtanten die Thüre des Conciliums zu ſchließen. 1Vargas à l’eveque d’Arras, 7 Oct. 1551. Bei Levaſſor p. 117.

Eine erſte voraufgehende Frage betraf die Form des ihnen zuzugeſtehenden ſicheren Geleites.

Allem Widerſtreben des Legaten zum Trotz ſetzten die kaiſerlichen Miniſter durch, daß dabei die Formel welche das Concil zu Baſel, deſſen Andenken der römiſchen Curie ver - haßt war, den Huſſiten bewilligt hatte, zu Grunde gelegt, dagegen ein Canon des Coſtnitzer Concils, durch welchen die den Nicht-Rechtgläubigen zu haltende Treue in Zweifel ge - zogen ward, ausdrücklich zurückgenommen wurde.

Schon hatte der kaiſerliche Hof dafür geſorgt, daß kein entſcheidender Schritt vor ihrer Ankunft geſchah. Eine der erſten Arbeiten der neuen Verſammlung war die Erörterung der Streitfragen über die Euchariſtie. Wäre, wie es wirk - lich beabſichtigt wurde, gegen das Empfangen derſelben un - ter beiderlei Geſtalt entſchieden worden, ſo würde dieß einer Abkunft mit den Proteſtanten mächtig in den Weg getreten ſeyn. Wenige Tage vor der anberaumten Seſſion lief ein Schreiben des Kaiſers ein, worin er auf Suspenſion der Beſchlußnahme drang. Der Legat Creſcentio fuhr anfangs heraus, er wolle lieber abdanken, als die Schmach des Con - ciliums dulden, daß es mit ſo gut vorbereiteten Decreten zu - rückhalten müſſe; aber zuletzt gab er nach.

135Die Proteſtanten in Trient.

Der von dem Kaiſer eingeſetzte und ihm dafür dop - pelt ergebene Churfürſt von Cölln äußerte den Gedanken, daß alle Beſchlüſſe nur vorläufig genommen und erſt zuletzt zu einer definitiven Entſcheidung zuſammengefaßt werden ſoll - ten. Ein Gedanke, der die momentanen Schwierigkeiten ziem - lich gehoben hätte und mit der Politik des Kaiſers, die da - durch den weiteſten Spielraum erlangt haben würde, ganz gut zuſammentraf.

Am 24ſten Januar 1552 ließen ſich nun die erſten Pro - teſtanten, zunächſt die weltlichen Procuratoren, denn nur erſt dieſe waren angelangt, in der öffentlichen Sitzung des Con - ciliums vernehmen.

Der Legat fand die Vollmachten welche die Fürſten den - ſelben gegeben, ungenügend, weil ſie darin nicht ausdrück - lich geſagt, daß ſie ſich den Entſcheidungen des Conciliums zu unterwerfen bereit ſeyen, ja ſogar anſtößig, in ſo fern in denſelben von einer geiſtlichen und weltlichen Reform die Rede war; er verwahrte ſich durch eine beſondre Schrift gegen jedes Präjudiz das daraus entſpringen könne. Die kaiſerlichen Miniſter ließen jedoch dieſe Proteſtation nicht zu öffentlicher Verleſung kommen: ſie ihres Orts waren mit den Vollmachten zufrieden.

Zuerſt erſchienen die würtenbergiſchen Procuratoren und überreichten die von Brenz verfaßte Confeſſion, zu deren Er - läuterung und Vertheidigung ihr Herr in Kurzem ſeine Theo - logen ſenden werde. Sie ſetzten voraus, daß dann die ſchon verhandelten Artikel nochmals erwogen würden; zu dieſer Erörterung aber forderten ſie die Aufſtellung unparteiiſcher, dem Papſt nicht verpflichteter Richter.

136Neuntes Buch. Drittes Capitel.

Die Verſammlung erwiederte, ſie werde dieſe Dinge in Erwägung ziehen, und beſchäftigte ſich hierauf mit einem Ge - ſuche des Churfürſten von Brandenburg in Hinſicht des Erz - bisthums Magdeburg, das ſie gewährte. 1Die Ausdruͤcke deren ſich der brandenburgiſche Geſandte be - diente, dem alles daran lag Magdeburg fuͤr einen jungen Markgra - fen zu gewinnen, gehen ſo weit, als es fuͤr einen Proteſtanten moͤg - lich war, und ſelbſt noch weiter: doch waren ſie ſo wohl abgewogen, daß ſich doch keine ernſtliche Verpflichtung daher leiten ließ. Vargas bemerkt: il ne specifie point en quoi il se soumet au concil.

Am Nachmittag traten die Geſandten des Churfürſten Mo - ritz auf und zwar mit einer Rede, die von allen die am Conci - lium vorgekommen, wohl die merkwürdigſte, von dem Herkom - men abweichendſte iſt2Bei Rainaldus XXII, 64. Dr Badehorn trug ſie vor. in welcher ſie nicht allein ebenfalls die Reaſſumtion der ſchon beſchloſſenen Artikel und die freie Theilnahme der Theologen an der Beſprechung derſelben for - derten, ſondern auch den proteſtantiſchen Grundſatz aufſtell - ten, daß bei der Entſcheidung die heilige Schrift die einzige Norm zu bilden habe. Auch ſie forderten, daß die Mitglie - der des Concils vor allem des Eides, mit dem ſie dem Papſt verpflichtet ſeyen, erledigt würden, aber zugleich fügten ſie hinzu, im Grunde verſtehe ſich das von ſelbſt. Denn wie könne ſonſt wahr ſeyn, was doch durch die Synoden von Baſel und Coſtnitz feſtgeſetzt worden, daß der Papſt dem Concil unterworfen ſey. Frei müſſe Stimme und Zunge ſich fühlen; man müſſe nicht nach dem Winke des Einen oder des Andern reden, ſondern allein nach den Geboten der hei - ligen Schrift. Dann erſt laſſe ſich erwarten, daß man über die Lehre gültige Satzungen machen, Haupt und Glieder re - formiren, den Frieden der Kirche herſtellen werde.

137Die Proteſtanten in Trient.

Zum erſten Mal berührte das proteſtantiſche Prinzip die conciliaren Beſtrebungen unmittelbar; die Rede rührt ohne Zweifel von Melanchthon her; ſie hatte an dem Concil den größten Erfolg.

In voller Sitzung , ruft der Biſchof von Orenſe freudig aus, haben ſie ausgeſprochen, was wir uns nicht zu ſagen getrauen. Er urtheilt, in den Reden der Prote - ſtanten finde ſich neben Schlechtem doch auch vieles Gute; ſehr weislich habe der Legat dafür geſorgt, daß ſie nicht von einer größern Anzahl gehört worden ſeyen. 124 Januar. Bei Levaſſor p. 472.

Das Schlachtfeld iſt eröffnet, ſagt Vargas: Me - lanchthon und ſeine Gefährten können nun nicht mehr ver - weigern zu erſcheinen: aber es iſt nothwendig daß ſie eilen. Er bemerkt, der Papſt und ſeine Miniſter ſeyen in hohem Grade erſchrocken: es ſcheine ihnen, als gehe die Abſicht des Kaiſers auf eine durchgreifende Reformation.

Daß dem wirklich ſo war, ergiebt ſich unter andern auch aus einem Schreiben Malvendas. So lebhaft er ſonſt die Proteſtanten bekämpft hat, ſo iſt er doch mit ihren Re - formtendenzen höchlich zufrieden. Er findet, da nun einmal die Sache ſo öffentlich zur Sprache gekommen, ſo könne S. Majeſtät nun auch den Papſt erinnern, ja bei Pflicht und Ehre und Gewiſſen auffordern, die alten Mißbräuche zu heben.

Schon glaubte ſich der Legat ſo ernſtlich gefährdet, daß er mit einem Schreiben des Kaiſers hervortrat, worin die - ſer verſprach, die Oppoſition ſeiner Biſchöfe gegen die päpſt - liche Gewalt zu verhindern. Doch machte er damit nur138Neuntes Buch. Drittes Capitel.wenig Eindruck. Vargas meinte, mit dieſer Zuſage habe man wohl nur den Papſt zur Wiedereröffnung des Concils be - wegen wollen; gewiß beziehe ſie ſich allein auf die gegründe - ten und vernünftigen Anſprüche deſſelben; bei der Abſchaf - fung augenſcheinlicher Mißbräuche könne den Prälaten die Hand damit nicht gebunden ſeyn.

Am römiſchen Hofe war man auch dadurch in Schrecken geſetzt, daß die ſpaniſchen Prälaten den Augenblick benutzen zu wollen ſchienen, um die Collation der Pfarren und Pfrün - den in Spanien ihm entweder ganz zu entziehen oder doch gewaltig zu ſchmälern. Daraus ſoll nichts werden, ruft der Papſt aus, eher wollen wir alles Unglück erwarten, eher wollen wir die Welt zu Grunde gehn laſſen. 1Giulio III al Cl Crescentio 16 Genn. 1552.Dazu kamen nun die Vorträge der Proteſtanten, die er als extra - vagant und gottlos bezeichnet. Unter dem Namen Miß - brauch ſoll man uns das nicht angreifen was kein Mißbrauch iſt; man ſoll unſre Autorität nicht antaſten. 2Pp. Giulio a Monsignor de Grassi 20 Febr. 1552.

Bis auf dieſen Punct gediehen die Dinge in raſchem Fortgang auf dem neueröffneten Concilium.

Der Kaiſer war ſo weit wie jemals entfernt, dem Papſt darin freie Hand zu laſſen. Er trieb ihn vielmehr von zwei entgegengeſetzten Seiten in die Enge. Die alte Oppo - ſition der ſpaniſchen Prälaten verband ſich jetzt mit den hier zuerſt erſchallenden Forderungen der deutſchen Proteſtanten. Beide ſchloſſen ſich an den Kaiſer an, der zugleich in Beſitz uralter Anſprüche an eine geiſtliche Mitherrſchaft, eine gewal - tige und trotz aller politiſchen Verbindungen für das Papſt - thum furchtbare Stellung einnahm.

139Die Proteſtanten in Trient.

Wie er nun aber dieſelbe zunächſt zu benutzen, wohin er die Dinge zu leiten gedachte?

Es kann wohl keine Frage ſeyn, daß er nunmehr jene Reformation an Haupt und Gliedern, deren Nothwendigkeit ihm ſchon einſt ſein Lehrer gezeigt, und ſein ganzes Leben ihm weiter kund gethan, zu Stande zu bringen beabſichtigte. Es war wie berührt der erſte Gedanke, mit dem er einſt ſein öffentliches Leben begonnen: die Zeit ſchien gekommen denſelben zu verwirklichen.

Minder deutlich erhellt, wie er in Hinſicht der dogmati - ſchen Feſtſetzungen geſinnt war: ob er in Deutſchland den gan - zen Katholicismus mit den in Trient bereits getroffenen Beſtim - mungen, oder nur die allgemeine Einheit, mit den Modifica - tionen die ſein Interim feſtſetzte, einführen wollte. Ich ſollte das Letztere glauben. Er war zu den interimiſtiſchen Satzun - gen auch darum geſchritten, weil er von dem Concilium nichts erwartete, was den Proteſtanten eine Annäherung möglich machte, ohne Beſchimpfung; es hatte ihn unendliche Mühe gekoſtet ſie ins Werk zu ſetzen. Den Vorſchlag den man ihm an dem letzten Reichstage machte, in der Durchführung der - ſelben mildere Maaßregeln eintreten zu laſſen, hatte er zu - rückgewieſen, und vielmehr gedroht bei den Einzelnen nach der Urſache ihrer Säumniß zu forſchen: er hatte Ausdrücke gebraucht die man faſt auf das Vorhaben einer Inquiſition deutete. Die Reviſion der frühern Decrete, die er offenbar begünſtigte, konnte doch, wenn ſie überhaupt irgend eine Wirkung haben ſollte, nur eben dieſe haben, daß einige Ab - weichungen der Proteſtanten geduldet wurden.

So wäre denn die Wiederherbeibringung der Abgewiche -140Neuntes Buch. Drittes Capitel.nen, die Reformation der Verfaſſung und die Aufrechterhal - tung der alten Einheit zugleich durchgeſetzt worden.

Denn daran iſt kein Zweifel, daß er nun, wenn die Beſchlüſſe einigermaßen in ſeinem Sinne ausfielen, alles zu thun entſchloſſen war um ſie zur Vollziehung zu bringen.

Und war es nicht in der That der Mühe werth? Die große Genoſſenſchaft zu behaupten, in der ſich die europäi - ſche Welt ſeit ihrer erſten Gründung entwickelt, und doch dabei die Mißbräuche zu heben, welche die Alleinherrſchaft der römiſchen Päpſte hervorgebracht hatte, war das nicht wirklich eine eines großen Fürſten würdige Abſicht?

Mit der Idee verband ſich aber der mächtigſte perſön - liche Ehrgeiz. Das Kaiſerthum wäre wahrhaft erneuert worden, es hätte Wurzel für die Zukunft geſchlagen. So dachte er es noch ſelber zu verwalten und dann ſeinem Sohne als einen Beſitz ſeiner Nachkommen zu hinterlaſſen. Keinen Augenblick verließ ihn dieſer Gedanke. Mit den geiſtlichen Fürſten hat er noch auf ihrer Reiſe zum Conci - lium darüber unterhandeln laſſen, und wenigſtens Einer von ihnen, der Churfürſt von Cölln, hatte ſeine beſten Dienſte verſprochen. Unaufhörlich lud er Brandenburg und Sach - ſen ein, ebenfalls in die Nähe zu kommen, um die Sache zum Schluß zu bringen. Man glaubte, er denke ſich des Conciliums ſelber zu ſeinem Zwecke zu bedienen. 1Lettera dell arcivescovo Sipontino a Pp. Giulio III. In - form. politt. XXII, f. 252. L’intentione di S Mà è di provare ogni via di ottenere questo suo disegno con buona volontà degli elettori et altri principi di Germania, se potrà: altrimenti pre - valersi dell’autorità del concilio: e come è stato gia parlato del modo, questa ombra sarà causa che gli elettori ecclesiastici per -

141Die Proteſtanten in Trient.

Eine andre Frage freilich iſt, ob die Erreichung dieſer Abſichten wirklich ſo ſehr zum Heile der europäiſchen Welt gereicht haben würde, wie der Kaiſer meinte, ob ſie ſich auf dem Standpunct befand, wo die Wiederherſtellung des Kaiſerthums mit ſeinen kirchlichen Attributen ihr förderlich ſeyn konnte, ob namentlich Deutſchland ſich Glück dazu zu wünſchen hatte, Satzungen, wie ſie das tridentiniſche Con - cilium faßte, wenn ſie auch gemildert worden wären, anneh - men zu müſſen, mit alle ſeinem beſondern nationalen Beſtre - ben einer allgemeinen Combination zu dienen.

Wir brauchen jedoch dieſe Frage nicht zu erörtern. So nah am Ziele erhoben ſich dem Kaiſer unerwartete Hinderniſſe.

Denn nicht ſo leicht iſt die Welt zu überwinden. Je mehr Jemand Ernſt machen wird ihr ſeinen Willen oder ſeine Meinung aufzudringen, deſto ſtärker werden die freien Kräfte ſich dagegen zum Kampf erheben.

1sonalmente si ritroveranno al concilio et li secolari vi mande - ranno li procuratori. Ancorche non intendano bene il secreto, pur per una certa ombra che tengono che forse l’imperatore non tratti di farli privare dell’elettione, o veniranno o manderanno ad ogni modo. Man ſieht daß die Art und Weiſe feſtgeſetzt war, die Churfuͤrſten das Geheimniß ſelbſt nicht kannten, aber doch etwas fuͤrchteten.

[142]

Viertes Capitel. Elemente des Widerſtandes in den großen Mächten.

Wir haben die kirchlichen Entwürfe des Kaiſers, da - von fortgezogen, bis zu dem Zeitpunct begleitet, wo ſie ihrer Ausführung näher kommen und ſich zugleich erſt vollſtändi - ger entwickeln: und ſehen wohl, welch ein univerſalhiſtori - ſches Intereſſe ſich daran knüpft, ob ſie ausgeführt werden oder vielleicht doch noch ſcheitern; um aber die Kräfte die dabei fördernd oder hindernd auf einander wirkten, und die ganze Lage der Welt zu überſchauen, müſſen wir noch bei den einzelnen Richtungen verweilen, in welchen ſich dieſe ſo gewaltig aufſtrebende Macht bewegt, und das Verhältniß be - trachten, in das ſie zu den übrigen Elementen der damali - gen Welt geräth, die ſie bekämpft und die ihr widerſtreben.

Unſre deutſche Geſchichte iſt nun einmal in dieſem Zeit - alter gleichſam die allgemeine Geſchichte. Da der Schwer - punct der deutſchen Geſchäfte in dieſem Augenblicke nicht mehr in der Fürſtenverſammlung am Reichstage lag, ſon - dern in dem Kaiſer, der aber zu dieſem Einfluß hauptſäch - lich durch den Zuſatz von Macht gelangt war, welchen er143Seekrieg im Mittelmeer.aus ſeinen außerdeutſchen Verhältniſſen gewann, ſo wirkte jede Veränderung dieſer letzten, oder auch nur ihr Schwan - ken auf den Gang der deutſchen Angelegenheiten zurück.

Beginnen wir auch dieß Mal mit dem Entfernteſten, dem Seekrieg im Mittelmeer, der jedoch zu der Idee des Kaiſerthums, wie es Carl V wiederaufzurichten im Sinne hatte, in unmittelbarſter Beziehung ſteht.

Seekrieg im Mittelmeer.

Es war ein Act zugleich der Großmuth und der Po - litik, daß Carl V dem aus Rhodus verjagten Orden der Johanniter eine Freiſtatt in Malta gab.

Um den Orden nicht länger umherirren zu laſſen, ſon - dern ihm wieder einen feſten Sitz zu verſchaffen, damit er, wie es in der Urkunde heißt, ſeine Kräfte gegen die un - gläubigen Feinde des chriſtlichen Gemeinweſens gebrauchen könne, überließ ihm Carl zur Zeit ſeiner Kaiſerkrönung, noch in Bologna, drei nicht unwichtige Plätze, die zu ſeinem ſici - lianiſchen Königreich gehörten, Malta, Gozzo und Tripoli in Africa, zwar als ein Lehen, aber mit ſolchen Rechten die einen beinahe unabhängigen Beſitz ausmachten. 1in perpetuo feudo nobile libero et franco, con mero et misto imperio, con ragione di proprietà d’utile dominio, tal - mente che riconoschino il feudo sopradetto da noi come Regi dell’ulteriore Sicilia et da successori nostri sotto feudo solamente d’uno sparviero osia falcone. Die Urkunde iſt zu Caſtelfranco aus - gefertigt, aber ſchon zu Bologna concipirt und genehmigt.

Dem Orden war es anfangs nicht angenehm, daß ihm auch Tripoli übertragen wurde: er hatte nur um Malta und144Neuntes Buch. Viertes Capitel.Gozzo gebeten. Der Großmeiſter de L’isle Adam ergriff ſelbſt von den Inſeln nur mit der Hofnung Beſitz, ſie bald wieder zu verlaſſen, entweder nach Rhodus zurückzukehren oder ſich im Peloponnes anzuſiedeln. Erſt als Tunis erobert war, faßten die Ritter das Vertrauen Tripoli behaupten zu können; 1541 fiengen ſie an, ſich in Malta ernſtlich zu be - feſtigen; der Geſchichtſchreiber des Ordens bemerkt, daß der Großmeiſter Omedes erſt zwei Jahr ſpäter, als ſich zeigte daß das Unglück des Kaiſers vor Algier doch nicht ſo ver - derbliche Folgen hatte wie man anfangs gefürchtet, aus ſei - ner bisherigen Niedergeſchlagenheit erwachte. 1Boſio Istoria della sacra religione et illma militia di S. Giovanni Gierusolimitano II, 225. Vgl. 221: l’armata di mare (des Kaiſers) restava in manicra restaurata, chel danno patito sotto Algieri appena si sentiva. Endlich ſah er ſich wieder von einer glänzenden Ritterſchaft, die zu Krieg und Berathung zuſammengekommen, zuverläßigen Söldnern, zahlreichen Unterthanen umgeben, und mit Schiffen, Waf - fen, und worauf es auf dieſem unfruchtbaren Felſen beſon - ders ankam, auch mit Lebensmitteln gut verſehen.

Für den Kaiſer beſtand der Vortheil der Anſiedelung darin, daß alle Balleien von Europa beiſteuern mußten, um dieſe dem Angriff der Osmanen jetzt zunächſt ausgeſetzten, zwar für Alle, doch für ihn noch mehr als jeden Andern wichtigen Grenzplätze zu vertheidigen, eine Pflicht die ihm ſonſt allein zugefallen wäre. Sein Verhältniß als Ober - lehnsherr und ſeine natürliche Beziehung zu den vier Zun - gen, Deutſchland, Aragon, Caſtilien und Italien (wie denn von den deutſchen und den ſpaniſchen Mitgliedern das erſte145Seekrieg im Mittelmeer.Geſuch an ihn ausgegangen war) verſchaffte ihm einen grö - ßern Einfluß auf den Orden als je ein Kaiſer gehabt.

Seit dem Jahre 1541 waren nun die Corſaren noch beſchwerlicher geworden, als ſie früher geweſen. Mit ihren kleinen geſchwinden Fahrzeugen wir finden wohl, daß ſie erbeutete Galeeren zerſchlagen, um ſich Galeotten und Fu - ſten daraus zu zimmern, bald einzeln, bald in ganzen Geſchwadern, durchſtreifen ſie alle dieſe Gewäſſer: kein Schiff iſt vor ihnen ſicher, das ſich aus dem atlantiſchen Ocean durch die Meerenge wagt, oder auch nur das zwiſchen Malta und Sicilien ſegelt, kein Dorf an den weiten Küſten - gebieten des inneren Meeres, ſo daß die Landleute ſich ge - wöhnen müſſen gute Wacht zu halten, die Nächte in na - hen Caſtellen zuzubringen: wie oft hat man in Procida Diejenigen wieder losgekauft die an der neapolitaniſchen Küſte, etwa in Caſtellamare zu Gefangenen gemacht worden waren. Der Kaiſer ſah ſich genöthigt ſeine Galeeren in mehrere Geſchwader zu theilen, um die Communication zwi - ſchen ſeinen Ländern nur einigermaßen zu behaupten. Da kamen ihm nun die Galeeren des Ordens, als deren Ca - pitän wir im Jahr 1542 einen Deutſchen finden, Georg Schilling, trefflich zu Statten. Die Ordenschronik ſchildert ihr mannichfaltiges Zuſammentreffen mit den Seeräubern: wie dieſe ſich faſt immer mit verzweifelter Tapferkeit ſchla - gen, namentlich die Renegaten unter ihnen, die freilich den gewiſſen Tod vorausſehen, wenn man ſich ihrer bemäch - tigte; wie aber auch die Ritter das weiße Ordenskreuz bis in die entfernteſten Buchten furchtbar machen und meiſten - theils die Oberhand behalten: die Chriſtenſclaven die an denRanke D. Geſch. V. 10146Neuntes Buch. Viertes Capitel.Rudern ſeufzen, werden befreit; die jungen Türken die bis - her die Herrn waren, an die Ruder geſchmiedet; von dem Kauffahrteiſchiff flieht wohl zuweilen die türkiſche Beman - nung an das nahe Land: dann empfangen die Neger auf dem Verdeck tanzend und ſingend den eindringenden Sieger, der jedoch die Sclaverei als ihren natürlichen Zuſtand an - ſieht und, vielleicht bedauernd, ihn beibehält. 1Vix contingit Rhodias vel deprimi vel capi, tanta est militum illius ordinis virtus et militaris exercitatio. Calvetus Stella de Aphrodisio expugnato. Schard. II, 372.

Von dem größten Nutzen für den Kaiſer war ferner die Behauptung von Tripoli, beſonders des dortigen Ha - fens, welcher als der beſte von allen, 200 Miglien weit nach Oſten und 200 Miglien nach Weſten hin, angeſehen ward. In ſehr gefährlicher Nähe, zu Tanjura, faßte ein alter Kiaja Chaireddins, der Renegat Morat Aga, Fuß, der mit einer osmaniſchen Kriegscolonie die er herbeiführte und mit den Eingebornen auf die er Einfluß gewann, den ſchlecht befeſtigten Ort auf das ernſtlichſte bedrohte. La Valette, der ſich ſpäter in Malta unſterblich gemacht hat, legte die erſte Probe ſeiner Fähigkeit durch die Einrichtungen ab, die er zur Vertheidigung von Tripoli traf. Den Rittern war der Land - krieg ohnehin faſt lieber als der Seekrieg. Beſonders wirkſam zeigten ſich die Hakenſchützen zu Pferd, nachdem man einmal die Thiere ſo gut eingeübt hatte, daß man die Hände für den Gebrauch der Büchſe frei behielt. Wir erſtaunen, wenn wir bemerken, in welchem Sinne dieſer Krieg noch geführt ward. Es iſt wohl einmal der Vorſchlag geſchehen, und Anſtalt zu ſeiner Ausführung gemacht worden, über den Vorzug der147Seekrieg im Mittelmeer.einen Religion vor der andern, des katholiſchen Chriſten - thums oder des Islam, durch einen Kampf von Zwölf ge - gen Zwölf entſcheiden zu laſſen: ein ſonderbares Gegenſtück zu den Religionsgeſprächen in Deutſchland. Die Ritter be - hielten fürs Erſte auch hier in den Waffen die Oberhand. Es gelang ihnen, einzelne Eingeborne, Scheiche großer Dör - fer zwiſchen Tripoli und Tanjura für ſich zu gewinnen, An - hänger Morats dagegen, die in ihre Gewalt fielen, zu dem Schwur auf den Koran zu nöthigen, daß ſie in Zukunft die Waffen nicht gegen den Orden tragen wollen. Allmählig gefielen ſie ſich in dem reichen und anmuthigen Lande. Im J. 1548 hat das Generalcapitel des Ordens den Beſchluß gefaßt, ſeinen Hauptſitz in Zukunft in Tripoli aufzuſchlagen, nur mit der Beſtimmung, daß dieß nach und nach, die er - ſten Jahre verſuchsweiſe geſchehen ſolle. 1che per quel primo anno si mandassero in Tripoli oltre l’ordinario presidio 50 cavalieri, e che cosi d’anno in anno con - seguentemente s’andasse crescendo fin tanto che la religione tutta in quel loco trasportata si trovasse. Bei Boſio I, 256.

Unter den Corſaren jener Zeit war nun kein Andrer ſo geſchwind, glücklich und furchtbar, wie Thorgud Thorgudſcha - beg, den die Abendländer Dragut nennen, der wahre Nach - folger Chaireddins, der einſt wie dieſer an eine genueſiſche Galeere geſchmiedet geweſen, aber durch ein Geſchenk, zur rechten Zeit der alten Fürſtin Doria dargebracht, wieder frei geworden war, und ſeitdem alle die berufenſten Seeräuber, Gaſi Muſtafa, Uludſch, Karakaſo und Andere als ihr natürli - ches Oberhaupt um ſich verſammelt hatte. Wir erinnern uns, wie ſich Carl V nach jenem ſeinem tuniſiſchen Unternehmen10*148Neuntes Buch. Viertes Capitel.der Stadt Afrikija oder Mehdia zu bemächtigen dachte, wo Juden und Mauren, welche aus Spanien und Portugal verjagt worden, ſich eine Art von Republik gegründet hatten. Dieſes Platzes bemächtigte ſich Dragut mit einer glücklichen von Verrätherei unterſtützten Verſchlagenheit, und ſuchte nun von hier aus, je nachdem die Looſe des Alfaqui, den er befragte, gefallen, bald die Küſten von Valencia auf, wo er Freunde unter den Morisken hatte, bald die genueſiſche Riviera, um ſich den Doria wieder einmal bemerklich zu machen, oder Gozzo, das er beſonders gehaßt haben ſoll, weil ihm dort ein Bruder gefallen und deſſen Leiche nicht herausgege - ben worden: oder wohin das unglückliche Geſtirn eines Land - ſtriches ihn führte. Den Seeraub hielt er für ſein gutes Recht: er hat wohl den Rittern ihre Grauſamkeit gegen die armen Corſaren zum Vorwurf gemacht. Zuweilen hatte er 40 Segel in See. Von den Schlöſſern wo man ihn wahrnahm, ließ man Rauchſäulen zum Warnungszeichen auf - ſteigen; doch gab es ſelten eine Vorſicht, die nicht ſeiner Hinterliſt hätte unterliegen müſſen. Im Frühjahr 1550 ver - einigten ſich nun die ſpaniſch-italieniſchen Geſchwader des Kaiſers mit den Galeeren des Papſtes, des Herzog Coſimo von Florenz und des Ordens zu einem ernſtlichen Unterneh - men gegen Dragut. Er ſelbſt aber, durch das Beiſpiel Chaireddins gewitzigt, war längſt wieder in See, ehe die Chriſten ankamen, und dieſen blieb nichts übrig als ihm ſeine Stadt zu entreißen. Die drei Oberhäupter der Flotte, der Vicekönig Vega von Sicilien, Don Garcia de Toledo und Andrea Doria, entſchloſſen ſich endlich dazu, obwohl ſie zur Belagerung nur eine verhältnißmäßig geringe Mann -149Seekrieg im Mittelmeer.ſchaft zu verwenden hatten. Was ihnen Muth machte war, daß die benachbarten Maurenfürſten ihnen verſpra - chen das chriſtliche Heer mit ihrer Reiterei zu unterſtützen und ihre Treue durch Geiſeln gewährleiſteten. Die Tür - ken vertheidigten die Stadt ſo gut, wie jemals eine ihrer Galeeren; dieß Mal aber waren ihnen die Chriſten überle - gen. Mit Tapferkeit und altem Glaubenseifer wie denn der Beichtvater des Don Garcia wohl ein Crucifix auf eine Pike geſteckt hat, um die Leute zu entflammen verbanden ſie eine größere, gleichſam gelehrte Geſchicklichkeit: die Erin - nerung an eine Stelle des Appian ſoll es geweſen ſeyn, was denſelben Don Garcia auf den Gedanken brachte, auf ein paar mit ſtarken Ankern unbeweglich befeſtigten Galee - ren eine Batterie zu errichten, welche die Mauern an der Seeſeite zertrümmerte und die Eroberung entſchied1Nach Sandoval II, 671 fuͤhrten ſie auch dos morteretes grandes, que el emperador avia embiado de Alemaña. (10 Sept. 1550). Die Johanniter nahmen an derſelben nicht allein mit gewohnter Tapferkeit Theil, unter den Gefallenen fin - den wir auch ein paar deutſche Namen ſondern ſie üb - ten auch noch andere Pflichten aus, die ihre Regel ihnen auflegt. Unter dem Zelte des Spittlers fanden die Verwun - deten Pflege und die fremden Ankömmlinge Beköſtigung.

Dieſe Eroberung ſchien aber von um ſo größerer Bedeu - tung, da einige mächtige Maurenfürſten, wie Sſidi Arif von Cairwan und jetzt auch der Nachfolger des Mulei Haſſan in Tunis, der ſich früher eher feindlich bezeigt, mit dem Kaiſer in Bund traten. Der Gedanke tauchte auf, Carl V werde ſich noch mit dem Prieſter Johann, der doch hier kein an -150Neuntes Buch. Viertes Capitel.drer ſeyn könnte als der Beherrſcher von Abyſſinien, verbün - den und die Osmanen in Ägypten und Syrien heimſuchen.

Um aber ein ſolches Ziel, wir ſagen nicht, zu erreichen, ſondern nur ernſtlich ins Auge zu faſſen, hätte der Kaiſer vom Drange der innern Geſchäfte weniger eingenommen und im Stande ſeyn müſſen, die volle Gewalt ſeiner Streitkräfte nach dem Orient hinzuwenden.

Wie ſeine Angelegenheiten wirklich beſchaffen waren, ließ ſich zweifeln, ob die Eroberung der Küſtenſtadt ihm nicht eher ſchädlich ſeyn werde als vortheilhaft.

Der eigentlichen Macht Draguts, die in ſeinen Galee - ren beſtand, hatte man doch keinen Abbruch gethan. So weit zeigte ſich das Glück dem Andrea Doria noch einmal günſtig, daß er Dragut mit ſeinen Fahrzeugen in dem Golfe von Dſcherbe einſchloß, der nach der andern Seite hin von Untiefen und Sandbänken umgrenzt iſt, über welche damals ſogar ein Weg nach dem Continent führte, den man trocknen Fußes beſchritt. 1Boſio: mare tutto pieno di seccagne e di bassi fondi potendosi nondimeno passare in terra ferma con piedi asciutti da huomini da cavalli e dagli armenti per mezzo d’un assai an - gusto sentiero. (II, 284.) La Cantera, oder Alcantarat, die Bruͤcke.Aber Dragut, dieſer Küſtengewäſſer trefflich kundig, fand doch einen Ausweg, den er ſich freilich zum Theil erſt bahnte dem Arme ſeiner Matroſen kam die Fluth zu Hülfe : plötzlich erſchien er wieder bei Sicilien; Andrea Doria, der ihn noch bei Dſcherbe eingeſchloſſen zu halten glaubte, mußte von Malta aus benachrichtigt werden daß der Seeräuber, den er bereits als ſeinen Gefangenen betrach - tete, ihm abermals entkommen war: ſchon hatte Dragut wie -151Seekrieg im Mittelmeer.der die vornehmſte ſicilianiſche Galeere erbeutet, und erfüllte die Küſten mit dem Schrecken ſeiner Nähe.

Noch bei weitem wichtiger aber war es, daß hiedurch der Stillſtand zweifelhaft wurde, auf dem die ganze Poli - tik des Kaiſers beruhte. Carl V entgegnete zwar auf die Beſchwerden Suleimans, bei großen Fürſten ſey es nicht herkömmlich, Seeräuber in ihre Tractate zu begreifen. Aber lag es nicht am Tage daß es eben dieſe Seeräuber waren, welche hier für den Sultan kämpften? Um keinen Preis wollte ſich Suleiman den Verluſt einer Stadt gefallen laſſen, die bereits von den Osmanen in Beſitz genommen war und ſeine Oberhoheit anerkannte. Im Juli 1551 erſchien eine große Flotte unter dem jungen Sinan, Eidam des Weſir Ru - ſtan, dem Dragut zur Seite ſtand, in den ſicilianiſchen Gewäſ - ſern. Zuerſt ließ Sinan die beiden Vicekönige von Neapel und Sicilien wiſſen, er komme um Mehdia zurückzufordern; da er hierauf eine ausweichende Antwort empfieng, ſo ſtürzte er ſich, man möchte ſagen, nicht ohne eine gewiſſe Folge - richtigkeit, auf die Beſitzungen der Johanniter, welche zu dem Kaiſer in einem ähnlichen Verhältniß ſtanden wie die der Seeräuber zu dem Sultan. Malta indeß, das er zuerſt angriff, war ihm doch ſchon zu feſt, und die Stadt zu tief im Lande, als daß er dort lange hätte verweilen können; bei weitem weniger Widerſtand konnte er in Tripoli fin - den. Die Kräfte der Ritter waren getheilt, Tripoli in dem Schrecken des unerwarteten Anfalls mit Befehlshabern von zweifelhaftem Verdienſt und ſehr untauglichen, friſch zuſam - mengerafften Söldnern beſetzt. Hülfe war auch deshalb nicht zu erwarten, weil Andrea Doria ſich beſchäftigen mußte den152Neuntes Buch. Viertes Capitel.Sohn des Kaiſers aus Italien nach Spanien und den Nef - fen deſſelben aus Spanien nach Italien zu führen, was für jene Succeſſionsentwürfe nöthig ſchien. Unter dieſen Um - ſtänden entſchloſſen ſich die Ritter und es bedurfte dazu wohl nicht erſt, wie man argwöhnte, einer von dem fran - zöſiſchen Geſandten Aramont angeſponnenen Verrätherei1Nur moͤchte ich ihn nicht mit Flaſſan aus dem Zeugniß des Großmeiſters Omedes rechtfertigen, das freilich in der Uͤberſetzung, wo es heißt: nous attestons que les bruits repandus sont sans fon - dement, ſehr poſitiv lautet, aber nicht im Original, bei Ribier II, 303: quelli che hanno sparso quello rumore, non ci pare, l’ab - biano fatto con ragione. Man hegte in Malta allerdings einigen Verdacht; eine Erwaͤgung der einzelnen Ereigniſſe aber, wie ſie Boſio ſehr ausfuͤhrlich und glaubwuͤrdig mittheilt, laͤßt ihn nicht aufkommen. zur Überlieferung dieſes Platzes an Sinan, welche am 14ten Auguſt 1551 erfolgte. So raſch giengen die Hofnungen welche der Orden an dieſen Ort geknüpft, in Rauch auf; der alte Feind deſſelben, Morat Aga, erſchien als Sandſchakbey in Tripoli, wo ſich nun das Seeräuberhandwerk wie in Algier unüberwindlich organiſirte. Für den Orden war das Un - glück vielleicht nicht ſo groß: er konnte nun ſeine ganze Macht auf einen einzigen Punct concentriren, wie er auch gethan hat; dem Kaiſer aber war der Verluſt des trefflichen Platzes, den er nicht einmal erobert, ſondern ererbt, höchſt empfindlich: das maritime Übergewicht des mächtigen Fein - des, den er als den allgemeinen betrachtete, ſtellte ſich alle Tag entſchiedener heraus.

Erneuerung des Kriegs in Ungarn.

Ähnlich war der Gang der Dinge in Ungarn. Aus einem Unternehmen das eine große Erwerbung verhieß, ent -153Erneuerung des Kriegs in Ungarn.wickelte ſich eine Verfeindung mit den Osmanen, welche auch den bisher noch geretteten Beſitz gefährdete.

Wie den König-Woiwoden Johann Zapolya, ſo be - trachtete der Sultan auch den jungen Sohn deſſelben, den er von Ofen nach Siebenbürgen verwieſen, als ſeinen Vaſallen.

Dagegen konnte Ferdinand die Verträge, kraft deren das ganze Gebiet Zapolyas an ihn hatte übergehn ſollen, noch nicht vergeſſen, und wir finden ihn von Zeit zu Zeit mit dem ſiebenbürgiſchen Hofe über die Auslieferung dieſes Landes unterhandeln.

Da geſchah nun daß dort im Lande ſelbſt ein Zwie - ſpalt ausbrach.

Wir kennen Georg Martinuzzi, Frater György, wie ihn die ungriſchen Chroniken nennen, deſſen geheimnißvoller und weltkluger Thätigkeit der König-Woiwode ſein Beſtehn gro - ßentheils verdankte: Ferdinand ſoll geſagt haben, er beneide dieſen ſeinen Nebenbuhler um nichts als um einen ſolchen Diener. In Siebenbürgen hatte Martinuzzi jetzt als Vor - mund des jungen Fürſten und Gubernator die Zügel der Macht in ſeinen Händen. Man ſah ihn in ſeinem rothen mit 8 Pferden beſpannten Wagen, von ein paar hundert Huſaren und Haiducken begleitet durch das Land fahren und überall gleichſam aus eigner Macht ſeine Befehle ertheilen. Die Kutte, die er noch immer trug, wie lang es auch her ſeyn mochte daß er ſich um die Kloſterregel nicht mehr ge - kümmert, warf er in plötzlichen Kriegsgefahren auch von ſich und ward im Wappenrock und weithinwallenden Helmbuſch mitten unter den Streitenden geſehen. Er beherrſchte den Schatz und dadurch die bewaffnete Macht, das iſt das Land überhaupt.

154Neuntes Buch. Viertes Capitel.

Nun konnte es ihm aber bei der Eigenmächtigkeit die - ſer Stellung nicht an Gegnern fehlen. Einen gefährlichen Nebenbuhler hatte er in ſeinem Mitvormund Petrovich, der bei Hofe und im Lande größeres moraliſches Zutrauen ge - noß. Zuweilen regte ſich wohl der Gedanke, den Mönch wenigſtens durch ein aus der Mitte der mächtigen Landherrn zu beſetzendes Rathscollegium zu beſchränken. 1Das verſichert wenigſtens Verantius beabſichtigt zu haben: ut quilibet optimatum dignitate et officio aliquo insigniretur, ex eisque conflaretur consilium quo interregnum moderaretur. Bei Katona XXI, 1071.Beſonders fühlte ſich die Königin Iſabella darüber unglücklich, daß ſie ſo gar nichts vermöge, ſich ſo ganz in der Gewalt eines Menſchen befinde, den ſeine Geburt zu dem niedrigen Dienſte, aber zu keiner Herrſchaft beſtimmt habe; mehr als einmal wollte ſie das Land verlaſſen: endlich entſchloß ſie ſich ihren Schutzherrn, den Sultan, anzurufen, deſſen Majeſtät in dem Kinde, welchem er Siebenbürgen überlaſſen, verletzt werde. 2Bei Katona XXI, 793.Ohnehin war Suleiman kein Freund dieſes Mannes, an welchen doch die Selbſtändigkeit des Landes ſich knüpfte. Der Paſcha von Ofen machte einen Verſuch, mit bewaffne - ter Macht in Siebenbürgen einzudringen, ward aber von Martinuzzi zurückgewieſen; einige andre Einwirkungen der Türken ließen dem Mönch keinen Zweifel übrig, daß in Con - ſtantinopel ſein Untergang beſchloſſen ſey. 3So verſichert Ferdinand in einer amtlichen Denkſchrift an den Papſt bei Bucholtz IX, p. 590. Man ſieht daraus, daß die erſten Eroͤffnungen im Jahr 1549 gemacht ſeyn muͤſſen.

Dadurch ward aber auch er ſeinerſeits bewogen, ſich an den andern Nachbar, König Ferdinand, zu wenden, und155Erneuerung des Kriegs in Ungarn.ihm die Ausführung des alten Tractates, die Überlieferung Siebenbürgens und der heiligen Krone anzubieten.

Am Hofe des Königs trug man anfangs Bedenken hierauf einzugehn: Johann Hofmann, den wir kennen, ſoll es widerrathen haben; aber die Gelegenheit war zu lockend um ſie nicht zu ergreifen: dieß Mal, glaubte man, könne der Mönch ſich nicht wieder mit den Osmanen verſtändigen.

Es wäre hier nicht am Ort, die oft doppelſinnigen Verhandlungen die hierüber gepflogen wurden, im Einzelnen zu begleiten: genug, nach einiger Zeit führten ſie zum Ziele. Im Jahr 1551 ergab ſich die Königin in ihr Geſchick und vertauſchte die Herrſchaft in Siebenbürgen mit einigen ſchle - ſiſchen Beſitzungen. Hierauf leiſteten die Stände zu Clau - ſenburg die Huldigung an König Ferdinand und überliefer - ten die heilige Krone dem Befehlshaber deſſelben.

Martinuzzi ſchien hiedurch nur noch mächtiger zu wer - den: er ward von Ferdinand als Schatzmeiſter und Woi - wode des Landes und zwar ohne Collegen anerkannt und zum Cardinal erhoben: da ihm ſo viel gelungen, fragte man in dieſen Ländern wohl, ob er nicht noch Papſt werden könne.

Ganz ein andres Schickſal aber ſtand ihm bevor. Un - verweilt nemlich, noch im September 1551, erſchienen die Türken unter einem ihrer nahmhafteſten Anführer, Mehemet Sokolli, 60000 M. ſtark, von Salankemen her über der Do - nau, eroberten eine ganze Anzahl von Schlöſſern die vor ihnen lagen, und durchzogen plündernd die von dem bisherigen Kriege noch minder berührten Ebenen des Banates. Zwar wurde nun die blutige Lanze und das blutige Schwert durch alle ſie - benbürgiſchen Ortſchaften geſchickt; die ferdinandeiſchen Trup -156Neuntes Buch. Viertes Capitel.pen kamen herbei, und mehrere von dieſen Schlöſſern wur - den wiedererobert, ſelbſt das einſt noch von Georg von Brandenburg befeſtigte Lippa; allein einmal fehlte viel daß man den Türken alle ihre Eroberungen wieder entriſſen hätte, ſodann entſpann ſich eben aus dieſem zweifelhaften Erfolg eine Verſtimmung zwiſchen Martinuzzi und dem ihm zur Seite ſtehenden öſtreichiſchen Befehlshaber, die ſofort zu ei - ner gräßlichen Kataſtrophe führte.

Martinuzzi ließ ſich wohl vernehmen, er hätte geglaubt die Deutſchen würden ſtärker ſeyn als er ſie gefunden: und obwohl aus den vorliegenden Actenſtücken kein Beweis da - für hervorgeht, ſo iſt es doch nicht ohne Wahrſcheinlichkeit, daß er daran gedacht hat, wie er ſich auch ohne Ferdinand in Siebenbürgen behaupten könne. 1Die beiden Schreiben des Mohammed Sokolli, abgedruckt bei Hammer III, 723, beweiſen doch nichts als daß Br. Georg uͤber die Herausgabe der noch nicht wiedereroberten ſiebenbuͤrgiſchen Schloͤſ - ſer mit Mehemet in Unterhandlung ſtand. Br. Georg hatte ſie ſelbſt eingeſchickt.

Dagegen ſchöpften die königlichen Befehlshaber den Verdacht, als unterſtütze er ſie abſichtlich nur ſchlecht und denke auf ihr Verderben, um ſich dann unter türkiſchem Schutz zum Alleinherrn Siebenbürgens zu machen.

Bei Ferdinand trafen ihre Meldungen mit beinahe gleich - lautenden Nachrichten aus Conſtantinopel zuſammen. So wichtig ſchien ihm der Beſitz von Siebenbürgen, ſo drin - gend die Gefahr das kaum Gewonnene zu verlieren, und von ſo gewaltſamen Entſchlüſſen und Handlungen erfüllt waren noch die Zeiten, daß er es über ſich gewann, der157Erneuerung des Kriegs in Ungarn.Beurtheilung ſeiner Befehlshaber zu überlaſſen, ob ein Mann leben oder ſterben ſolle, deſſen Schuld ihm ſelber zweifelhaft war. 1Nach Ferdinands Inſtruction fuͤr ſeine Geſandten an den Papſt bei Bucholtz IX, 600 war ſeine Weiſung an Caſtaldo: ut fortiter dissimularet, quatenus monachum differre sentiret: si tamen intelligeret rem aliter transigi non posse tunc potius ipse eum praeveniret et tolleret e medio, quam quod primum ictum expectando, ab ipso preveniretur. Caſtaldo und ſeine Freunde, von perſönlichem Haß, der Beſorgniß am Ende ſelber verrathen zu werden, und der Begierde erfüllt, ſich der Schätze des Mönches zu bemächti - gen, von denen man Unglaubliches meldete, trugen kein Be - denken augenblicklich zur That zu ſchreiten. In dem eignen Schloſſe des Mönches, der doch dabei wenig Vorſicht zeigte, Alvinz, fanden ſie Gelegenheit an ihn zu kommen. Mar - tinuzzi ward in dem Augenblicke daß er ſich anſchickte einen ihm überbrachten Brief zu leſen, wie dort in Neuburg Jo - hann Diaz, von den Überbringern ermordet. Seine Schätze fand man weit geringer als man gemeint.

Und nun läßt ſich denken, daß auch dem König aus dieſen Dingen kein Heil erwuchs. Der Tod des Mannes, der alles zuſammengehalten, mußte nothwendig alles auflö - ſen. In Kurzem finden wir den öſtreichiſchen Befehlshaber Caſtaldo zugleich mit einem Aufſtand der Szekler, den Ein - fällen der Walachen und einem neuen türkiſchen Heere in ungleichem Kampfe.

Die Hauptſache war auch hier, daß hiedurch der Still - ſtand gebrochen war, den man mit ſo vieler Mühe zu Stande gebracht hatte. Ich finde die Nachricht (wiewohl nicht mit voller Sicherheit), die Unternehmungen auf Mehdia und auf158Neuntes Buch. Viertes Capitel.Siebenbürgen ſeyen von den beiden öſtreichiſchen Brüdern zu - gleich in Erwägung gezogen worden: man habe ſehr wohl geſehen, daß die Erneuerung des osmaniſchen Krieges die unausbleibliche Folge davon ſeyn würde, aber es darauf gewagt, um der großen Vortheile willen die man erwartete. Die Vortheile waren nicht gewonnen; die Nachtheile traten in vollem Maaße ein: zu beiden Seiten erhob ſich ein für die beiderſeitigen Länder höchſt gefährlicher Krieg, der alle Aufmerkſamkeit und Kraftentwickelung in Anſpruch nahm.

Und wenden wir nun unſer Augenmerk von dem Oſten nach dem Weſten, wo die Thätigkeit des Kaiſers von ſei - nen Beziehungen zu England und Frankreich und dem ge - genſeitigen Verhältniß dieſer beiden Reiche bedingt wurde, ſo waren auch hier die größten Veränderungen eingetreten, oder bahnten ſich doch in dieſem Augenblicke an.

Bleiben wir zunächſt bei dem Gange der Dinge in England ſtehn, der zugleich die kirchliche Seite der kaiſerli - chen Unternehmungen nahe berührt.

Fortgang der Reformation in England.

Wenn ſich der Kaiſer und König Heinrich VIII nach langem Hader wieder verbündeten, ſo konnte das, ſo viel dringende Antriebe dafür vorhanden waren, bei der Sin - nesweiſe jener Zeit doch nicht wohl geſchehen, ohne daß auch in ihren kirchlichen Tendenzen wieder eine gewiſſe Ana - logie eintrat.

Nachdem Heinrich VIII mit ſeinem Clerus und ſeinem Parlament ſich einige Jahre daher in einer Richtung bewegt, die dem deutſchen Proteſtantismus entſprach, vereinigten ſich159Reformation in England.dieſe drei Gewalten im J. 1539 zu dem Geſetz der ſechs Artikel, durch welches Prieſterehe und Laienkelch verworfen, das Dogma der Brotverwandlung dagegen, die herkömm - liche Feier der Meſſen und die Ohrenbeichte bei ſtrenger Ahn - dung eingeſchärft wurde.

Fragen wir, was ihn dazu bewog, ſo werden wir wohl nicht irren, wenn wir dieß Geſetz zu den Maaßregeln der Vertheidigung rechnen, welche er damals gegen die Verbin - dung des Papſtes mit dem Kaiſer und dem König von Frankreich ergriff. Bei der erſten Nachricht von dieſer Ver - bindung waren alle heimlichen Anhänger des Papſtes in Be - wegung gerathen; der franzöſiſche Geſandte meint, es gehöre nichts weiter, als das Interdict und etwa ein kirchliches Han - delsverbot dazu, um den offenen Aufruhr in England zu ent - zünden. 1Castillon 2 Febr. 1538. Il luy semble (dem Geſ. ) que qui pourroit trouver moyen que le pape envoyast interdits et excommuniements par les terres et pays qui luy portent obeis - sance, et meme les marins, que nul marchand negociast ou pra - tiquast en façon quelconque avec les Anglais, que sans autre despence le peuple d’Angleterre s’esmouveroit et contraindroit le roi à retourner à l’eglise. Der König glaubte das von ihm ergriffene Syſtem nur dadurch behaupten zu können, wenn er ſeine römiſch-ka - tholiſchen Unterthanen, die noch die Mehrzahl ausmachten, in Hinſicht der wichtigſten Lehrpuncte beruhigte. Eine Auf - faſſung die ſich beinahe aufdringt, wenn man das Tagebuch von Hollinſhed lieſt, wo die kriegeriſchen Vorkehrungen die Heinrich VIII traf, Befeſtigung der Häfen, Beſichtigung aller Landungsplätze, Muſterung der Kriegsmannſchaften, und die Verkündigung dieſer Artikel in Einer Reihe genannt werden. 2Hollinshed Chronicles III, 808.

160Neuntes Buch. Viertes Capitel.

Wenn Heinrich VIII dabei fürs Erſte mit den Prote - ſtanten doch noch in Verbindung blieb und jene Ehe mit Anna von Cleve ſchloß, ſo geſchah das aus dem verwand - ten Grunde, weil ihm nichts erwünſchter und nützlicher war als der Widerſtand derſelben gegen den Kaiſer. Sobald ſie dieſen aufgaben, ward Anna verſtoßen, jede engere Verbin - dung abgebrochen, der bisherige Führer der religiöſen Neue - rung, Cromwell, ſeinen Feinden Preis gegeben.

Seitdem erſt begann man die Artikel mit der Strenge zu handhaben, die ihnen den Namen der blutigen verſchafft hat. Die Papiſten wurden mit dem Schwert hingerichtet, die Gegner der Transſubſtantiation erlitten den Tod im Feuer: beides im Namen des Geſetzes.

Dann konnte ſich der König auch wieder der Politik des Kaiſers nähern, mit deſſen zugleich antipäpſtlicher und dogmatiſch-katholiſcher Haltung die ſeine eine bei weitem nähere Verwandtſchaft hatte als mit dem Geiſte des Prote - ſtantismus.

Nur ganz in ſeinen letzten Tagen ſchien es ihm gut, eine Veränderung wenn nicht eintreten zu laſſen, doch vor - zubereiten.

Es wurden ihm Anzeigen gemacht, er hat die be - ſonders anzüglichen Stellen darin noch mit zitternder Hand unterſtrichen1Statepapers I, 891. nach welchen es ihm ſchien, als ob das Haus Howard, das an der Spitze der katholiſchen Partei ſtand, wohl ſeinem Sohne gefährlich werden könne. Gerade zu der Zeit, in welcher er die Howards einkerkerte oder hin - richten ließ, mußte es nun ſeyn, daß er diejenigen Männer161Reformation in England.ſchließlich ernannte welche während der Minderjährigkeit ſei - nes Sohnes die Regierung führen ſollten. Aus dem Ver - zeichniß derſelben tilgte er mit eigner Hand den Namen Gardiners, der bisher die katholiſchen Lehrſätze nicht ohne Geiſt und mit bemerkenswerther Feſtigkeit vertheidigt hatte; den Namen Cranmers dagegen, des vornehmſten geiſtlichen Werkzeugs der Reformation, fand man unter den vom - nig ernannten Executoren des Teſtaments obenan ſtehn.

Und ſo bildete ſich unmittelbar nach Heinrichs Tode eine Regierung, in der die proteſtantiſchen Hinneigungen vorwal - teten. Ein Mann der ſie mit Entſchiedenheit hegte, Edward Seymour, jetzt zum Herzog von Sommerſet erhoben, trat unter dem Titel eines Protectors als ihr Oberhaupt auf: ſeine Mitexecutoren ließen ſich gefallen als ſeine Räthe zu erſcheinen; gab es noch fremdartige Elemente unter ihnen, ſo wurden ſie ohne Mühe ausgeſtoßen.

Mag nun die Geſinnung König Heinrichs geweſen ſeyn welche ſie will, aller Grauſamkeit ſeiner Edicte zum Trotz, durch das Ganze ſeiner Thätigkeit hat er die Fortſchritte der religiöſen Neuerung mächtig befördert. Er hat die Summe der geiſtlichen Gewalt mit der königlichen verbunden. Dieſe neu begründete kirchlich-weltliche Macht hat er dann einer Vereinigung von Männern hinterlaſſen, in welcher das pro - teſtantiſche Prinzip auf der Stelle die Oberhand bekam.

Auch in dem Bisthum hatte unter Cranmers ſtillem Einfluß die proteſtantiſche Anſicht Eroberungen gemacht: der zweite Erzbiſchof des Reiches, mehrere andere Biſchöfe neig - ten ſich ihr zu.

Es bedurfte nichts weiter als der natürlichen Entwicke -Ranke D. Geſch. V. 11162Neuntes Buch. Viertes Capitel.lung der innerhalb der conſtituirten Gewalt auf dieſe Weiſe ſchon geſchehenen Veränderung, um den neuen Meinungen freien Raum zu machen. Man brauchte von dem durch Heinrich VIII gebahnten Wege der Geſetzlichkeit nicht abzuwei - chen und konnte doch zu ganz andern Reſultaten gelangen.

Wie hätte die neue Regierung auch zum Beiſpiel an der Strenge feſthalten können, mit welcher Heinrich VIII ſeine Gebote hatte handhaben laſſen.

Jetzt erſchienen fliegende Blätter und Reime, Hefte, Bücher gegen das bisherige Syſtem; die Faſten wurden ge - brochen, Bilder umgeriſſen. Niemand machte Miene ſich darum zu bekümmern.

Vielmehr ward, ohne langen Verzug, eine neue Viſita - tion vorgenommen um die Mißbräuche der Geiſtlichen aus - zurotten; ſie knüpfte ausdrücklich an diejenigen Artikel an, welche unter Cromwell bekannt gemacht worden.

Um das Volk zu unterweiſen, verfaßte der Erzbiſchof Cranmer in deutſcher Weiſe eine Anzahl von Homilien, die ſich beſonders in dem Artikel von der Juſtification von dem herkömmlichen Syſtem entfernten.

Und hierauf nun verſammelte ſich das Parlament, Nov. 1547, unter dem Eindruck welchen die Veränderung der Regierung überhaupt und beſonders eine Unternehmung ge - gen Schottland gemacht, die ſehr glücklich gegangen war: es theilte vollkommen die Geſinnung der Regierung.

Vor allem wurden die ſechs Artikel abgeſchafft. Cran - mer brauchte wohl nicht, wie man geſagt hat, erſt darauf aufmerkſam gemacht zu werden, daß ohne dieß kein weiterer legaler Schritt möglich war. Das Parlament ergriff aber auch163Reformation in England.eine poſitive Maaßregel: es ordnete die Communion unter bei - derlei Geſtalt an. Man ſollte glauben, daß die Überzeugung von der Rechtmäßigkeit dieſer Abänderung ſehr verbreitet ge - weſen ſey. Unter den Biſchöfen waren nur fünf, im Unter - hauſe der Convocation, welches 64 Stimmen zählte, nicht eine einzige dagegen.

Dabei hielt das Parlament das geiſtliche Supremat der Krone auf das nachdrücklichſte feſt: beſonders ihr Recht die Biſchöfe zu ſetzen.

Auch in dem jetzt vorherrſchenden Sinne hätte kein Schritt ohne Erlaubniß der Regierung geſchehen dürfen. Wie ſo durchaus anders giengen die Dinge jenſeit des Meeres, als dieſſeit. Bei uns war die Bewegung von der Predigt mit hervorgebracht: dort war die freie Predigt kaum einen Augenblick erlaubt geweſen, ſo wurde ſie wieder verboten. Der Grundſatz ward aufgeſtellt, daß Niemand Meinungen und Gebräuche die der König noch dulden wolle, in Ver - achtung bringen dürfe; einem Privatmanne könne nicht zu - ſtehn Neuerungen anzufangen;1A letter sent to all those preacher, which the King’s Majesty has licensed. Bei Wilkins IV, 27. die Regierung behielt ſich gleichſam das Recht vor, ausſchließend die öffentliche In - telligenz zu ſeyn. Und nur ſehr bedachtſam gieng ſie zu Werke. In dem Katechismus, den Erzbiſchof Cranmer übri - gens nach deutſchem Vorbild bearbeitete, hütete er ſich doch die Ideen vom Prieſterthum zu verletzen: die Lehre von dem göttlichen Urſprung und der göttlichen Berechtigung deſſelben wird darin mit aller Strenge feſtgehalten.2Vgl. Collier II, 251. Es11*164Neuntes Buch. Viertes Capitel.dauerte eine Weile ehe man die Prieſterehe erlaubte. Die Commiſſion von Biſchöfen und Geiſtlichen, welche auf Be - ſchluß des Parlaments dazu ſchritt eine neue gleichförmige An - ordnung des Gottesdienſtes zu entwerfen, ließ es ihr haupt - ſächlichſtes Geſchäft ſeyn, die verſchiedenen Liturgien die in England in Gebrauch waren, von Sarun, Bangor, York, zu vereinigen und zu verſchmelzen, und unterwarf ſie nur einer Durchſicht und Reinigung. Sie verfuhr nach dem Grundſatz, daß auch Chriſtus bei ſeinem Werke das Alte nicht ganz verworfen, ſondern bei den beiden großen Inſti - tutionen die er gemacht, ſich an die Gebräuche der Juden angeſchloſſen habe. 1Our liturgy is in great mesure a translation from the catholic service. Hallam Constitut. history I, 115.

So nahe wie möglich hielt man ſich an die hiſtoriſch gegebenen Grundlagen. Aber dabei kam doch eine Neue - rung zu Tage, durch welche ſich auch dort der reformatori - ſche Gedanke endlich ſelbſtändig Bahn gebrochen hat.

Die Lehre von der Brotverwandlung war in England am ſpäteſten durchgedrungen: ſie hatte dort in Wikliffe den erſten wirkſamen und durchgreifenden Widerſpruch gefunden; zwar hatte ſie ſich nichtsdeſtominder der Gemüther allmäh - lig bemächtigt und war von Heinrich VIII mit Feuer und Schwert vertheidigt worden, aber ſie mußte es doch wieder ſeyn, was dort, nachdem man bisher hauptſächlich die Ver - faſſung und die Gebräuche geändert, zu einer weſentlichen Neuerung in der Lehre den entſcheidenden Anlaß gab.

Oder ſagen wir vielmehr Herſtellung, als Neuerung?

In England machte es noch größeren Eindruck als in165Reformation in England.Deutſchland, daß damals das Werk eines Mönches aus dem 9ten Jahrhundert, der immer unter den rechtgläubigen Kirchen - ſchriftſtellern aufgeführt worden, das Buch des Ratramnus von Corbei über Leib und Blut unſers Herrn, bekannt ward, worin nicht allein die Brotverwandlung verworfen, ſondern die leibliche Gegenwart überhaupt geleugnet, und dieſe Anſicht ei - nem mächtigen König der damaligen Welt, Carl dem Kahlen, als die wahrhaft katholiſche bezeichnet wird. 1Bertrami presb. liber etc. Col. 1532. Genev. 1541.Einer der Füh - rer der Reformation, Nicolaus Ridley, ſtudirte dieſe Schrift auf ſeiner Landpfarre in Kent, und durchdrang ſich mit der Überzeugung, daß die herkömmliche Auffaſſung nicht allein unhaltbar, ſondern auch die neuere ſey: einer Meinung, die er gar bald ſeinem Freunde, dem Erzbiſchof Cranmer mittheilte. 2Soames history of the reformation in England III, 177.Eben langten aus Deutſchland, zum Theil aus - drücklich eingeladen, zum Theil durch die Gewaltſamkeit ver - jagt mit welcher das Interim eingeführt wurde, auch ſolche Leute an, denen die Wittenberger Concordie noch nicht ge - nügte, wie Peter Martyr, der eine Zeitlang bei Cranmer zu Lambeth lebte, und Johann a Lasco. Sie trugen nicht we - nig zur Befeſtigung Cranmers in dieſen Abweichungen bei, der dann wieder bei der geſammten Geiſtlichkeit darin Nach - folge fand. Man begnügte ſich nicht die Meſſe aufhören zu laſſen, in der Mutterkirche der Hauptſtadt zu St. Paul trat die Communion an die Stelle des Hochamtes, ſondern in der neuen Liturgie ward die Elevation, welche Luther ſo lange beibehalten, und die Kniebeugung vor der Hoſtie verboten. 3Soames III, 377.Die Viſitatoren des Jahres 1549 verpönten jede Beibehal -166Neuntes Buch. Viertes Capitel.tung der eigenthümlich römiſchen Gebräuche. 1Articles bei Burnet II, Coll. nr. 33. that no minister do counterfeit the popish mess: as to kiss the Lords table, to use no other cerimonies, than are appointed in the Kings book of common prayers. Auf der Uni - verſität Oxfort focht Peter Martyr die Lehre über die Eu - chariſtie, obwohl nicht ohne harte Kämpfe, durch; wie er ſie feſtſtellte, iſt ſie darnach in die Bekenntnißſchriften der engli - ſchen Kirche aufgenommen worden.

Indem nun aber die kirchliche Veränderung die Mo - mente berührte, welche den Kern des katholiſchen Glaubens ausmachten, mußte in England ſo gut wie anderwärts eine allgemeine Erſchütterung erfolgen.

Was die ſechs Artikel einſt politiſch empfahl, zeigt ſich erſt recht, wenn wir finden, daß die aufrühreriſche Menge in mehreren Provinzen die Herſtellung dieſes blutigen Statu - tes forderte.

Auch ganz entgegengeſetzte Motive miſchten ſich ein, be - ſonders Widerſtand gegen das Umſichgreifen des Adels, na - mentlich die weitern Einzäunungen des Landeigenthums, ver - geſellſchaftet mit anabaptiſtiſchen Regungen, welche faſt an den deutſchen Bauernkrieg erinnern. 2Ein gewiſſer Ket nannte ſich der Meiſter oder Koͤnig von Norfolk und Suffolk; er fuͤhrte die Widerſtrebenden in Ketten mit ſich fort. Strype II, 290.

Dieſe Bewegungen wurden nun zwar leichter als in Deutſchland erdrückt, da ſie ſich in ſich ſelbſt widerſprachen, und in England das Herrenrecht der Weltgeiſtlichkeit, die ganze biſchöfliche Hierarchie aufrecht erhalten wurde; allein ſie blieben doch nicht ohne die größte Rückwirkung.

Um zu Hauſe nicht zu unterliegen, mußte die Regie -167Reformation in England.rung die krieggeübten Leute, die bisher die Beſatzung von Bou - logne ausgemacht, von dort wegführen: dadurch aber ward der König von Frankreich veranlaßt,1Lorenzo Giustiniani Relne di Francia: Levorno i boni sol - dati et esercitati che avevano in questa fortezza et vi mandarono altretanti da sui Englesi non piu stati in guerra, di che acortosi Chiatiglion lo fece saper al Condestabile, che prese questa oc - casion persuase al re mandarci con ogni sforzo. ſeinen Krieg ernſtlicher zu erneuern als bisher; er bemächtigte ſich in Kurzem der klei - nen Befeſtigungen in jenem Gebiete.

Auch in Schottland konnten ſich die Engländer jetzt nicht länger halten: nach mancherlei Verluſten entſchloſſen ſie ſich, den vornehmſten Platz deſſen ſie ſich bemächtigt hat - ten, Haddington, zu verlaſſen.

Wir werden wohl nicht irren, wenn wir den nächſten Grund daß der Protector Sommerſet ſich nicht behaupten konnte, in der Verflechtung dieſer Umſtände ſuchen, in der ſchlechten Lage der öffentlichen Angelegenheiten, die man ihm Schuld gab, den Mißgriffen die er perſönlich dabei begieng: doch nicht hierin allein, ſondern zugleich in einer politiſchen Hinneigung die er dabei an Tag legte.

Er nahm ſich der bedrängten Gemeinen ganz unzwei - deutig an: die neuen Einzäunungen wurden an vielen Or - ten durch die Commiſſarien die er ausgeſandt hatte, zerſtört, und man ſchrieb ihm die Abſicht zu, in dem nächſten Par - lamente eine nachdrückliche Acte zur Abſtellung der Übergriffe des Adels einzubringen. Nachdem er die geiſtlichen Forde - rungen beſeitigt, ſchien er geneigt die weltlichen Anſprüche zu bewilligen. 2In der von Tytler (Edward a. M. I, 208) bekannt gemach - ten merkwuͤrdigen Proclamation heißt es vom Adel: non fearing that the lord protector according to his promise would haved redres -

168Neuntes Buch. Viertes Capitel.

Er war jedoch viel zu ſchwach für einen Plan, zu deſ - ſen Durchführung Sieg im Feld, unbezweifeltes Übergewicht im Rath und die entſchloſſene Unterſtützung eines kräftigen Königs gehört hätten. Er erlag ſeinen Gegnern, welche ſchon glaubten daß er es auf eine allgemeine Umwandlung der Verfaſſung abgeſehen habe.

Man wird ſich nicht wundern, wenn der Sturz des vor - nehmſten Führers der religiöſen Umbildung hie und da die Er - wartung hervorrief als würde dieſe ſelbſt rückgängig werden.

Am kaiſerlichen Hofe zu Brüſſel war man mit der Ver - waltung Sommerſets ſo ſchlecht zufrieden, daß der dortige franzöſiſche Geſandte Marillac den Sturz des Protectors von den Einwirkungen des Kaiſers herleitet. 1Bei der Sendung Pagets klagte man am kaiſerlichen Hofe: que non obstant qu’on voit qu’ils faisoient la guerre a dieu, ils vouloient que l’empereur les defendist. (Marillac 25 Juli 1549.)Wenigſtens ward das Ereigniß von dieſem Hofe mit lauter Freude be - grüßt. Der erſten Geſandtſchaft des neuen Gewalthabers Warwick, der ihn um Hülfe gegen Frankreich bat, wie auch ſein Vorgänger gethan, eröffnete der Kaiſer mit einem gewiſ - ſen Vertrauen, daß die engliſche Regierung ſich vor allen Din - gen mit ihm in Sachen der Religion vereinigen müſſe. 2Er erinnert den Koͤnig him and his council, to have mat - ters of religion first recommended to the end, we may be at the end all of one opinion. Cheyne bei Strype Mem. II, 308.

Wie wäre aber Warwick, den dieſelben Männer für ihn ſchlechterdings unentbehrlich umgaben welche die Veränderung eingeleitet, daſſelbe Parlament das ſie beſchloſ - ſen und ſchon ſo weit eingeführt hatte, wenn er auch ge -2sed things in the parliament, which he short ly intended to have set to the intent that the poor commons may be godly eased. 169Reformation in England.wollt hätte, im Stande geweſen, mit einer rückgängigen Bewegung durchzudringen? Der erſte Verſuch dazu hätte ihm ſelber zum Verderben gereicht.

In der nächſten Sitzung des Parlaments ward viel - mehr das begonnene Werk in gleicher Richtung fortgeſetzt.

Die alten Rituale mußten ausgeliefert werden; die Bil - der wurden vollends aus den Kirchen geſchafft; ein Ordi - nationsbuch ward verfaßt, in welchem nun auch die Lehre vom Character, die, wie wir oben andeuteten, zur Doctrin von der Transſubſtantiation eine nahe Beziehung hat, und die bisherige Anſicht von der Abſolution verworfen wurde. Indeſſen machten ſich auch in Cambridge die evangeliſchen Anſichten von Gnade und Rechtfertigung, Gotteswort und Menſchenlehre durch den Einfluß beſonders Martin Butzers unter den Gelehrten geltend. Es bereitete ſich alles zum Abſchluß des Syſtemes vor, das in den 39 Artikeln feſtge - ſetzt und in England behauptet worden iſt.

Da nun aber um ſo weniger an Hülfe des Kai - ſers gegen Frankreich zu denken war, ſo mußte die ganze Politik der engliſchen Regierung ſich ändern. Sie bewil - ligte jetzt den Franzoſen die Rückgabe von Boulogne ohne ſo viel drückende Bedingungen wie Heinrich VIII aufge - ſtellt, und ſchloß einen Frieden mit dieſer Macht, der die einſt in Gemeinſchaft mit dem Kaiſer im Jahr 1543 be - gonnenen Feindſeligkeiten allererſt beendigte. Zwar hat es dann im Laufe des Sommers noch einige Irrungen über die Grenzen gegen Calais hin gegeben, von denen es wohl Einem und dem Andern ſchien als würden ſie eine neue Fehde veranlaſſen, aber zuletzt ward doch alles beſeitigt und170Neuntes Buch. Viertes Capitel.ein ganz gutes Verſtändniß gegründet, bei dem man ſogar die Ausſicht auf engen Bund faßte.

Und nun leuchtet ein, welche Nachtheile zugleich kirchli - cher und politiſcher Natur für den Kaiſer hierin lagen.

Seine kirchlichen Pläne umfaßten die ganze abendlän - diſche Chriſtenheit. Unmöglich konnte es ihm gleichgültig ſeyn, wenn in England die Meinungen emporkamen die er in Deutſchland bekämpfte. Während er hier ſeine vor - nehmſte Sorge ſeyn ließ die Meſſe herzuſtellen, ward ſie dort aufgehoben.

Da ſich Prinzeſſin Maria weigerte, ſich der geſetzlichen Uniformität zu unterwerfen, und er ſich ihrer hiebei annahm, ſo gerieth er jetzt ſelbſt in Weiterungen mit der engliſchen Regierung;1King Edwards Journal March 19 1551: Burnet II Coll. 23. The emperors ambr came with a short message from his ma - ster of war, if I no would suffer the princess to use her mass. er hat ihr im Jahr 1551 mit Krieg gedroht, und ich finde daß die flandriſchen Küſten gegen einen An - fall, den die Engländer plötzlich unternehmen dürften, in Ver - theidigungsſtand geſetzt worden ſeyen. 2 per non esser trovati all’improvista. (Dispaccio fior.)

Eine noch bei weitem dringendere Gefahr für ihn aber ſchloß es ein, daß König Heinrich II von Frankreich, der ſich eben ſo ſtark wie ſein Vater als der natürliche Ne - benbuhler und Opponent des Hauſes Öſtreich fühlte, durch dieſen Frieden freie Hand bekam.

Der König ſelbſt hatte geſagt, er wolle dem Kaiſer nicht länger das Vergnügen machen, ſeine Nachbarn in den Waffen gegen einander zu ſehen. Die offenen und geheimen Gegner des Kaiſers in aller Welt wurden bei dieſer Nach -171Heinrich II und die Farneſen.richt von der Erwartung ergriffen, daß eine Änderung der allgemeinen Politik bevorſtehe: ſie tranken wohl einander Glück zu bei der Nachricht von dieſem Friedensſchluß.

Heinrich II und die Farneſen.

Ein ſehr außerordentliches Verhältniß waltete ſchon alle dieſe Jahre daher zwiſchen dem König von Frankreich und dem Kaiſer ob.

Im September 1548 trug der König dem Kaiſer noch einmal die engſte Allianz an, die durch die Vermählung ſei - ner Schweſter mit dem Prinzen von Spanien bekräftigt wer - den ſolle. 1Sehr unumwunden lautet dieſer Antrag: Cette intelligence commune seroit à l’ung et l’autre le moyen pour mettre soubs eux et à leur devotion ce qui seroit utile et propre à chacun d’eux. Worte des Connetable in einem Schreiben an Marillac o. D. (Sept. 1548), angekommen im October.Bei der Mittheilung dieſes Gedankens rief Gran - vella aus, wenn er den Tod ſchon zwiſchen den Zähnen hätte, würde ihn eine Mittheilung dieſer Art wieder ins Le - ben zurückrufen, und die Unterhandlungen darüber wurden wirklich eröffnet.

Aber gleich bei dem erſten Schritte ſcheiterten ſie auch. Der Kaiſer bezeichnete eine Bedingung als unerläßlich, welche die Franzoſen ſchlechterdings nicht eingehn wollten, die Her - ausgabe von Piemont; vorausgeſetzt daß es ja mit je - nem Vorſchlag überhaupt jemals dem einen oder dem an - dern Theile Ernſt geweſen iſt.

Montmorency bekennt in einem Brief an Marillac, er habe damit nur Zeit zu gewinnen geſucht.

172Neuntes Buch. Viertes Capitel.

Dagegen ſagte wohl auch Granvella, er habe ſeine weiten Ärmel voll von Beſchwerden gegen Frankreich, doch ſey die Zeit noch nicht gekommen ſie geltend zu machen.

Seitdem beobachtete jeder Theil den andern mit bewuß - ter und nur wenig verborgener Feindſeligkeit.

Von Anfang an aber waren hiebei die Franzoſen in Vortheil. Der Kaiſer verfolgte ein ideales, kaum jemals erreichbares Ziel. Sie dagegen nahmen mit voller Überle - gung ſich vor, nur erſt ihre engliſch-ſchottiſche Angelegenheit zu beendigen und ſich dann gegen den Kaiſer zu wenden.

Wir ſahen ſo eben, wie gut es dem König damit ge - lang. Er hatte die Vereinigung von Schottland und Eng - land zu Einem Reiche dieß Mal wirklich verhindert, die junge Königin nach Frankreich geführt, um ſie mit dem Dauphin zu vermählen, Boulogne wiedererobert, und dabei noch ein gutes Verſtändniß mit England geſtiftet. Dergeſtalt nahm er eine ſehr ſtarke Stellung in Europa ein. Er war ſieg - reich, jung und kriegsbegierig. Er konnte darauf denken die Oppoſition zu erneuern, die einſt ſein Vater gehalten.

Den nächſten Anlaß dazu gaben ihm die italieniſchen, namentlich die farneſiſchen Angelegenheiten.

Nach der unglücklichen Kataſtrophe Pier Luigis in Pia - cenza hatte Paul III Parma an die Kirche zurückgenommen: Camillo Orſino hielt es bei ſeinem Tode im Namen der Kirche beſetzt. Einem im Conclave gegebenen Verſprechen zufolge fieng Julius III ſeine Regierung damit an, daß er Parma dem Sohn Pier Luigis, Ottavio, wieder zurückgab. Man wollte wiſſen, der Kaiſer habe hoffen laſſen, dieſen ſeinen Eidam auch in Piacenza herzuſtellen. Die Farneſen ſchmei -173Heinrich II und die Farneſen.chelten ſich, bei dem guten Verhältniß des Papſtes mit dem Kaiſer noch in den Beſitz alles deſſen zu gelangen, was ſie der Gunſt ihres Großvaters jemals verdankt.

Auf dem Reichstage von Augsburg, im September 1550, ward auch hierüber mit dem Kaiſer unterhandelt.

Es war aber nicht in ſeiner Weiſe, eine Landſchaft auf die er Rechte zu haben glaubte, und die er größtentheils ſchon inne hatte, ſo leicht wieder fahren zu laſſen. Daß ſeine Tochter mit Ottavio verheirathet war, machte auf ihn wenig Eindruck, nachdem das ganze Haus in Pier Luigi tödtlich beleidigt worden. Die Verbindung des jüngſten von den Brüdern, Oratio, mit Frankreich erregte von Anfang an ſeinen Verdacht und Widerwillen. So weit war er ent - fernt Piacenza zurückzugeben, daß er ſogar Anſprüche auf Parma erhob, und eine Unterſuchung der zwiſchen Reich und Kirche ſchwebenden Streitfrage über die Oberherrlich - keit über dieſe Städte in Antrag brachte. 1Pareva meglio che si conoscessero le ragioni della sede apostolica e dell’imperio e le città si dessero a chi aveva ra - gione. (Seine Worte an Pighino 4 Sept.)Ferrante Gon - zaga ſetzte ſeine Feindſeligkeit gegen die Stadt Parma un - aufhörlich fort.

Da konnten nun die Farneſen auch von dem Papſt nicht viel Schutz erwarten. Es war nicht das Herkommen im Kirchenſtaat, daß die Nepoten eines früheren Papſtes von dem regierenden beſondere Rückſicht genoſſen. Eine der In - ſtructionen Julius III beweiſt unwiderleglich, daß ihn wirk - lich der Gedanke beſchäftigt hat, auch Parma dem Kaiſer zu überlaſſen, bei günſtiger Gelegenheit, unter den nöthigen174Neuntes Buch. Viertes Capitel.Bedingungen. 1Instruttione al Vescovo d’Imola: Er habe dem ſpaniſchen Botſchafter geſagt: che se pure S. Mà haveva desiderio di haver Parma, si aspettasse la maturità del tempo a parlarne. Dem Herzog Ottavio ließ er endlich ge - radezu wiſſen, daß die Kammer den Aufwand nicht länger tragen könne welchen ihr der Schutz von Parma verurſache.

Es blieb kein Zweifel, daß die Farneſen verloren wa - ren, wenn ſie nicht zu einem außerordentlichen Mittel griffen.

Papſt Paul III war durch den Zuſammenhang der geiſt - lichen und weltlichen Geſchäfte abgehalten worden, in ein entſchiedenes Verhältniß zu Frankreich zu treten. Bei ſei - nen Enkeln fielen die geiſtlichen Rückſichten weg. Allerdings hatten ſie in den Gebieten der Kirche und des Kaiſers nicht wenig zu verlieren, allein ſie konnten auch gewinnen, ſich vielleicht rächen, und vor allen Dingen ſich als Fürſten in Parma behaupten.

Und an wen ſollten ſie ſich wenden, wenn nicht an Heinrich II, in deſſen Familie einer von ihnen, Oratio, auf - genommen war?

Dem König ward der Antrag gemacht noch ehe die Ir - rungen mit England vollkommen beſeitigt waren; er trug dazu bei daß dieß geſchah.

Zuerſt wurden einige zuverläßige Leute nach Italien ge - ſendet, um die Lage der Dinge, auch die Haltbarkeit des Platzes zu unterſuchen. Als deren Bericht günſtig ausfiel, ward ein Vertrag geſchloſſen, kraft deſſen der König die Farneſen in Schutz nahm und eine Mannſchaft zu Pferd und zu Fuß nach Parma zu ſchicken verſprach, groß genug um eine Belagerung auszuhalten, Ottavio dagegen ſich ver -175Erneuerung des Kriegs mit Frankreich.band, die Fahnen von Frankreich fliegen zu laſſen, und ohne Einwilligung dieſer Macht kein Abkommen mit dem Kaiſer einzugehen, auch nicht das günſtigſte.

Wir wiſſen, wie viel dem Kaiſer von jeher daran lag die Franzoſen von Italien auszuſchließen. Jetzt mußte das Mißverhältniß, in das er zu ſeinem eignen Eidam gerathen war, ſie dahin zurückführen. Leicht hatte der König ein paar tauſend Söldner in Italien werben laſſen, mit deren Hülfe nun der junge Herzog und ſeine Stadt plötzlich ein ganz andres Anſehen ſich verſchafften als ſie bisher gehabt.

Der Papſt war ergrimmt, daß ein elender Wurm , wie er Ottavio nannte, ſich gegen ihn und den Kaiſer auf - zulehnen wage. Seine Angehörigen thaten alles, um ihn deſto enger mit dem Kaiſer zu verbinden. 1Battiſta di Monte an Diego de Mendoza, Lettere di prin - cipi III, 110. Penso che se dalla banda di S. Mà li sarà cacciato da voro, che pigliarà l’armi in tutti i modi, et hora è il tempo che l’imperatore si può pigliare l’imperatore tutto per se. Nachdem ſeine letzten Vorſchläge abgewieſen worden, trug er kein Beden - ken im Juni 1551 das Schwert gegen den rebelliſchen Va - ſallen zu ziehen.

Merkwürdige Geſtalt der Dinge: der Papſt führte Krieg mit ſeinem Vaſallen; jenen unterſtützte der Kaiſer, dieſen der König von Frankreich, die doch noch Friede mit einander hatten.

Allein ſchon ſah Jedermann, daß der Krieg zwiſchen den beiden Fürſten ſelbſt ſich nicht werde vermeiden laſſen.

Im September 1551 geriethen die Truppen beider Theile im Piemonteſiſchen an einander. Indeſſen ließ der König dem kaiſerlichen Geſandten an ſeinem Hofe alle Beſchwerden176Neuntes Buch. Viertes Capitel.aufzählen, die er ſchon immer gegen den Kaiſer erhoben, die Züchtigung der Deutſchen die in ſeinen Dienſt getreten, die Begünſtigung die den Engländern während des Krie - ges zu Theil geworden ſey, endlich die Verbindung mit dem Papſt wider Parma und Mirandula, und ihm erklären, da die Freundſchaft des Kaiſers nur in Worten beſtehe, und ſich bei jeder Verhandlung in das Gegentheil verwandle, ſo ſey er entſchloſſen dieß nicht mehr mit anzuſehen, ſondern ſeine Angelegenheiten ſelbſt in Acht zu nehmen, wie es Gott erlauben werde. 1Schreiben des kaiſerlichen Geſandten S. Mauris 14 Sept. 1551. Die Worte ſind: que veendo el dicho Sr rey, que toda la amistad propuesta por V. Md consiste en palabras, y que usa de punctos contrarios en todas negociaciones, ha deliberade de no sufrir mas tal manera de actos, antes proveer en sus cosas come dios permitira. (Arch. v. Simancas in Paris.)

So brach die alte Feindſeligkeit wieder aus, welche mit ſo viel Mühe bisher niedergehalten worden. Die Lage des Kaiſers ward um ſo bedenklicher, da ſie zugleich mit jener Erneuerung der osmaniſchen Anfälle verbunden war.

Wir wiſſen: es war der Friede mit dieſen beiden Mäch - ten geweſen, was es dem Kaiſer möglich gemacht hatte die Proteſtanten zu überwältigen. Es mußte ſich nun zeigen, ob das damals gewonnene Übergewicht auch bei dem Wie - derausbruch jener Kriege ſich haltbar beweiſen würde.

[177]

Fuͤnftes Capitel. Elemente des Widerſtandes in Deutſchland.

Im Jahre 1547 hatte der Kaiſer ſein kriegeriſches Un - ternehmen nicht ganz zu Ende geführt; auch ſeitdem wen - dete er ſich nicht ſelber wider die Städte und Landſchaften welche noch unausgeſöhnt die Waffen in der Hand hielten: er zweifelte nicht, daß in Folge der Reichsordnungen die er traf, und der Übermacht Derjenigen die ſeine Partei hielten, ohne weitere Anſtrengung von ſeiner Seite auch die dorti - gen Angelegenheiten ins Gleiche gebracht werden würden.

So erhoben ſich auch wirklich die Ritterſchaften der Stifter Bremen und Verden gegen den Grafen Albrecht von Mansfeld, der ſich daſelbſt auf immer feſtſetzen zu wollen ſchien; nach mancherlei Glückswechſel haben ſie, unterſtützt von den benachbarten Fürſten, ihn noch im J. 1548 wirk - lich genöthigt, alle Schlöſſer und feſten Häuſer die er ein - genommen, beſonders Vörde und die Rothenburg, heraus - zugeben: jedoch nicht ohne daß ihm dagegen eine anſehn - liche Summe Geldes hätte gezahlt werden müſſen. 1Chytraͤus Saxonia, 488; doch gieng Graf Albrecht nicht ſo - gleich, wie es dort ſcheinen ſollte, nach Magdeburg: vgl. Schwendi 21 Mai 1548 bei Bucholtz IX, 445.

Ranke D. Geſch. V. 12178Neuntes Buch. Fuͤnftes Capitel.

Einen ähnlichen Anlauf nahm Herzog Heinrich von Braunſchweig, der nach den Siegen des Kaiſers ohne Schwertſchlag in ſein Land zurückgekehrt war. Er verſuchte eine vollkommene geiſtliche und weltliche Reſtauration. Die evangeliſchen Superintendenten fanden wohl eines Morgens das Zeichen der Bedrohung, eine Ruthe und ein Paar Schuhe, an ihre Thüre angeheftet, und eilten hierauf ſich durch die Flucht zu retten. Die Mitglieder der Ritterſchaft, die ſich dem Herzog feindlich gezeigt, die Warberg, Schwichelde, Mandelsloh, Bortfelde, wurden aus ihren feſten Schlöſſern verjagt. Hierauf griff der Herzog auch die Stadt Braun - ſchweig an, mit der er von jeher in ausgeſprochener Feind - ſeligkeit ſtand. Zuerſt ließ er nur geſchehen, daß ſeine An - hänger den Waarenzügen derſelben auflauerten, ihre Dör - fer überfielen und plünderten; die Stadt antwortete da - mit, daß ſie dieſen ihren Feinden in ihre Schlupfwinkel, in die benachbarten Wälder und Moräſte nachſetzte, bis ſie dieſelben fand und erlegte; eines Tages, bei Gelegenheit ei - ner großen Hochzeit, gelang es ihr, eine ganze Anzahl der - ſelben auf einmal aufzuheben: zwei von ihnen wurden als öffentliche Verbrecher behandelt und mit dem Tode beſtraft. Nun erſt erſchien der Herzog ſelber über der Landwehr zu Melverode und ſchickte ſich zur Belagerung an. Auch dieſe beſtand jedoch hauptſächlich darin, daß er das Gebiet der Stadt verwüſten, ihre Saaten es war im Monat Juli 1550 niederbrennen, ihre Dörfer zerſtören ließ: man ſah wohl das Holz von den abgetragenen lutheriſchen Kirchen zum Verbrauch ins Lager führen; der Herzog machte fer - ner einen Verſuch die Ocker zu dämmen, um die Mühlen179Belagerung von Magdeburg.die er nicht zerſtören konnte, ungangbar zu machen; aber jene Verluſte fühlte, über dieſe Gefahr erſchrak man nicht, da man ſich im Voraus mit allen Bedürfniſſen verſehen hatte: auch die ſtädtiſchen Reiter ſtreiften unaufhörlich durch das Gefild und waren oft im Vortheil. Im September ver - ließ der Herzog ſein Lager. 1Tagebuch bei Rehtmeier II, 913. Olfen 56 f.

Faſt gleiches Fehdeweſen erfüllte die Umgegend von Magdeburg.

Dieſe Stadt, die nicht allein jede Annäherung an den Sieger von ſich gewieſen, ſondern ſich als Mittelpunct der Widerſetzlichkeit gegen das Interim aufgeſtellt, war längſt in die Reichsacht erklärt, doch wollte ſich noch Niemand an die Ausführung derſelben wagen. Der Sinn des Kai - ſers wäre eigentlich geweſen, ſie durch die Ritterſchaft der beiden Stifter und die Grafen am Harz vollziehen zu laſ - ſen, wie er denn überhaupt in den territorialen Angelegen - heiten mit dem Adel gern in Verbindung trat: Lazarus Schwendi erſchien in dieſen Gegenden, um die Sache in Gang zu bringen; allein ein großer Theil des ſtiftiſchen Adels war ſelber evangeliſch und von der Partei Johann Friedrichs: es kam lange Zeit auch hier zu nichts, als zu kleinen Neckereien mit einzelnen Edelleuten aus dem Stifte oder aus der Mark Brandenburg. Vorwerke und Amtshöfe des Rathes wurden überfallen: eine Fuhre Zerbſter Bier, ein Wagen mit Tuch aufgehoben;2Heinrich Merckel Wahrhaftiger, ausfuͤhrlicher und gruͤnd - licher Bericht von der Alten Stadt Magdeburg Belagerung. Hort - leder II, 1244. dagegen gelang es auch den12*180Neuntes Buch. Fuͤnftes Capitel.Magdeburgern, eine Anzahl Junker aus dem Lande Jerichow gefangen zu nehmen; ſie überfielen die benachbarten Märkte oder Klöſter; auch ſie nahmen wohl tangermündiſche Güter weg, oder ſuchten ſich ihres Schadens an einem reichen Ju - den zu erholen, der mit ihren Feinden in Verbindung ſtand: das Fauſtrecht im Kleinen galt gleichſam wieder, und ein Je - der fügte dem Andern ſo viel Schaden zu als er vermochte.

Ernſtlichere Feindſeligkeiten begannen dadurch, daß der junge Georg von Meklenburg, der dem Herzog Heinrich ge - gen Braunſchweig zugezogen war, mit einem Theil der von dort entlaſſenen Truppen in dem magdeburgiſchen Gebiete erſchien, eigentlich nur, um hindurchzuziehen und in ſeinem Vaterlande gewiſſe Anſprüche, die er in Folge einer kaiſer - lichen Anwartſchaft auf das Bisthum Schwerin erhob, ge - gen ſeine Brüder und ſeinen Oheim durchzuſetzen. Er hielt es für ganz erlaubt, auf ſeinem Wege die Ungehorſamen, die Rebellen, wie man ſie nannte, ein wenig zu züchtigen. 1Haſe an Viglius 21ſten October: Iſt die Sache alſo er - gangen, das Herzog Joͤrg von Meklenburg ain Zwieſpalt mit ſeinem Vetter und Bruedern des Biſchthums Schwerin halber gehabt (vgl. Rudolf N. Geſch. von Meklenburg I, 120; Krey Beitraͤge zur Mek - lenburgiſchen Kirchen - und Gelehrtengeſch. enthaͤlt nichts von Be - lang), da ime etlich trutzige wort von ſeinem Vetter Hz. Heinrichen begegnet, deren er ſich gern gerochen hett, und hat alſo Hz. Heinrichs von Braunſchweigh kriegsvolk an ſich gehenkt, in Meinung, ſich wie vorlaut zu raͤchen: dieweil er aber kain Gelt gehabt und das kriegs - volk auch arm geweſen, hat er gedacht ſich an denjenigen die der magdeburgiſchen Rebellion etwas anhaͤngig geweſen zu erholen, die - weil ſie daſelbſt nit wol ſuͤndigen koͤnnen (Bruͤſſ. Archiv.)In den Bürgern war noch ein ſo energiſches Selbſtgefühl, daß ſie auch ihr Gebiet nicht wollten beſchädigen laſſen und dem Herzog im offenen Lande entgegenzogen. Aber bei wei -181Belagerung von Magdeburg.tem krieggeübtere Leute führte dieſer, als die Bauern waren welche die Stärke der magdeburgiſchen Fähnlein ausmach - ten: er trieb ſie aus einander, eroberte ihre Wagenburg ſammt ihrem Geſchütz, und wandte ſich nun mit Entſchie - denheit gegen ſie ſelber (22 Sept. 1550).

Und nicht allein hiedurch ſah ſich die Stadt plötzlich bedroht, ſondern auch alle ihre andern Gegner wurden rege.

Die benachbarten Fürſten, denen es gleich unbequem geweſen wäre, wenn ſich ein Weitergeſeſſener durch einen plötzlichen Glücksfall daſelbſt feſtgeſetzt,1Dreihaupt Saalkreis I, 272 gedenkt des Vorgebens, daß Georg vertrieben werden ſolle. oder wenn das Kriegsvolk, das ſich ſo unerwartet geſammelt, aus Man - gel an Sold ſich wieder zerſtreut hätte, eilten ſich der Sache anzunehmen.

Zuerſt, wenige Tage nach jenem Ereigniß, erſchien Chur - fürſt Moritz im Lager des Herzog Georg, und nahm zu - gleich mit demſelben das Kriegsvolk auf drei Monat in Pflicht. Am 2ten October trafen auch Churfürſt Joachim, Markgraf Albrecht von Brandenburg, die vornehmſten Dom - herrn, nicht ohne einige Mitglieder der Ritterſchaft, in dem Lager zu Schönebek ein; da die Stadt die Aufforde - rung ſich zu Handen der Churfürſten und Fürſten zu erge - ben zurückwies, und vielmehr auch ihrerſeits Kriegsleute von denen bei ſich aufnahm, die in oder vor Braunſchweig ge - legen, ſo traf man Anſtalt zu einer förmlichen Belagerung: Anfang November ward das erſte Blockhaus bei Buckow ge - ſchlagen. 2Spangenberg Eislebiſche Chronik I, 461.

Nur wollten weder die einzelnen Fürſten noch die be -182Neuntes Buch. Fünftes Capitel.nachbarten Kreiſe ſich mit den Koſten eines ſo weitausſe - henden Unternehmens beladen: ſie riefen die Hülfe von Kai - ſer und Reich an, die damals eben in Augsburg verſam - melt waren.

Wie wichtig der gewonnene Vortheil erſchien, mag man daraus abnehmen, daß die ſächſiſchen Geſandten nicht war - ten mochten, bis die Vesper aus war, der König Ferdi - nand beiwohnte, ſondern während des Gottesdienſtes dem - ſelben ihre Nachricht mittheilten. 1Franz Kram vom 28ſten September. (Dr. A.)Alles erfüllte ſich mit neuen Erwartungen und Plänen.

Im Fürſtenrathe ward der Wunſch geäußert, daß der Kaiſer ſelbſt, der den Krieg früher ſo glücklich geführt, auch den Reliquien deſſelben, der magdeburgiſchen Rebellion, un - terſtützt vom Reiche, ein Ende machen möge. Man begreift es ſehr wohl, wenn unter andern Herzog Heinrich dafür war: gegen Braunſchweig hätte ihm nichts beſſer zu Statten kom - men können: merkwürdig aber, wie weitausſehende Gedanken ſich von andern Seiten her daran knüpften. Die Biſchöfe hofften, daß eine neue Waffenthat des Kaiſers die vollkom - mene Herſtellung ihrer Gerichtsbarkeit und der geiſtlichen - ter zu Folge haben werde; der Deutſchmeiſter hegte die Mei - nung, daß die Eroberung von Magdeburg dem Orden noch den Weg zu einer Reſtauration in Preußen bahnen dürfte. 2Franz Kram 13 Nov. Der Deutzſchmeiſter verhofft nach dis orts vorrichter ſache zu Preuſſen zu kommen, dan er one das we - nig troſt ſihet das Ime das Reich oder auch Kſ. Mt Itziger Zeit helffen werde. In Preußen und Polen verlor man wirklich die Bewegun - gen des Ordens keinen Augenblick aus dem Geſichte; man183Belagerung von Magdeburg. Reichsvorrath.wollte wiſſen, der Deutſchmeiſter lege alle Jahr die Hälfte ſeiner Einkünfte zurück, und habe ſchon eine bedeutende Baar - ſchaft in Lübek, um demnächſt einen Anfall zu verſuchen; es waren Anordnungen getroffen demſelben zu begegnen.

Indeſſen fühlte ſich der Kaiſer weder unbeſchäftigt noch geſund genug, um auf dieſe Gedanken einzugehn: nochmals einen deutſchen Krieg auf ſeine eigenen Koſten zu unterneh - men, war auch er nicht geneigt. Er ſtimmte bei, wenn am Reichstag der Beſchluß durchgieng, daß der Krieg im Namen und auf Koſten des Reiches, durch Churfürſt Moritz, ge - führt werden ſollte. Er bewilligte ſelbſt, daß das Geld hiezu fürs Erſte aus dem indeß aufgebrachten und in den Lege - ſtädten geſammelten Vorrath genommen werden ſollte. Da - gegen verſprach man auch ihm, zur Erſetzung des Entnom - menen zu ſchreiten, ſobald man nur ungefähr wiſſe, wie viel die Belagerung koſten werde, und ſetzte hiezu ſogleich eine beſondre Verſammlung an. 1Briefe und Acten ſind davon voll, wie ſchwer man dazu ſchritt. Arras erklaͤrte: das die kſ. Mt von dem vorrath keinen hel - ler nhemen wuͤrde laſſen, die erſetzung wurde dann itzo alsbald und auf kurtze friſten gewilliget. Carlowitz an Moritz 9 Dec. (Dr A.)Das Geld ſollte dem Chur - fürſten nicht in die Hand gegeben, ſondern von einem Reichs - pfennigmeiſter verwaltet werden: Lazarus Schwendi ward als kaiſerlicher Commiſſarius in das Lager geſchickt.

Es war nicht ein Executionskrieg, wie ihn öfter ein und der andre Fürſt übernommen, ſondern ein förmlicher Reichskrieg, nur unter dem Oberbefehl eines mächtigen Für - ſten, von dem man jedoch hiebei in Erinnerung brachte daß er zugleich Reichserzmarſchall ſey, durch welchen Magdeburg angegriffen ward. Wenn es unterlag, ſo wurden die Reichs -184Neuntes Buch. Fuͤnftes Capitel.ordnungen in Bezug auf Concilium und Interim auch an dieſer Stelle durchgeſetzt.

Doch hatte Moritz auch ein eigenes Intereſſe gegen Mag - deburg. Von keinem andern Orte im Reiche, ſchreibt ihm Carlowitz, ſind E. Churf. Gn. mehr geläſtert und geſchmäht, ihre Unterthanen mehr zu Widerwillen verhetzt worden, und ſind in Zukunft böſere Practiken, größere Widerwärtigkeiten zu erwarten:18 Maͤrz. es ſey dieſer Ort, daraus E. Ch. G. und ire unterthanen ſich hinfuro mherer widerwertikeit, boſer Practiken, hin - derliſt, unterſchleuff irer widerwartigen und alles boſes mher dan ſonſt aus keiner andern Stadt im Reich zu beſorgen haben. Niemanden auf der Welt liegt mehr daran, daß die Stadt gedemüthigt und gezüchtigt werde.

Am 28ſten November gelang es dem Churfürſten ſich der Neuſtadt zu bemächtigen, die von ihrem beſondern Rath nicht mit gehöriger Vorſicht bewahrt wurde:2Beſſelmeier Hiſtorie des Magdeburgiſchen Krieges: dann ſi denſelbigen Tag eben den Rath veraͤndert und newe Herrn ge - macht hatten, derhalben ſie große Gaſtung und Schlamp gehalten. Hortleder II, iv, 18, 6. wo er ſich dann auf das beſte befeſtigen konnte. Damit nicht etwas Ähnliches in der Sudenburg geſchähe, eilten die Belagerten ſie abzubrechen. Aber hierauf wendete ſich nun der ganze Anfall wider die Altſtadt ſelbſt; in Kurzem war ſie mit Block - häuſern, Schanzen, Blendungen und andern Werken einge - ſchloſſen, und alles ſchien zu einer Entſcheidung zu reifen.

Rathmannen, Innungsmeiſter und Gemeine der alten Stadt Magdeburg waren entſchloſſen dieſelbe Gott vertrauend zu erwarten.

Moritz hatte ihnen Vorſchläge gemacht, ſo vortheilhaft, daß man am Reichstag überzeugt war, er werde ſie bei dem185Belagerung von Magdeburg.Kaiſer nicht durchſetzen: das freie Bekenntniß der reinen Lehre nach der augsburgiſchen Confeſſion und die Beſtätigung al - ler ihrer Freiheiten; da er aber die Bedingung hinzufügte, daß ſie alsdann eine Beſatzung von Seiten der verbündeten Fürſten würden aufzunehmen haben, ſo erhob ſich in ihnen der Verdacht, der an den oberländiſchen Begebenheiten ſeine Begründung fand, daß dieſe ſie doch mit der Zeit zu dem was der Kaiſer begehre zwingen und nicht lange bei der reinen Religion und ihren Freiheiten laſſen werde. 1Der von Magdburg Verantwortung alles Unglimpfs 13 Dec. 1550. weil dann damit umgangen wirdt, das Paͤpſtliche widerchriſt - liche tridentiniſche Concilium zu erfolgen und mitler Zeit das gottloſe Interim anzunehmen, das auch alle Gottes Diener von den paͤpſt - lichen Biſchoͤfen ſollen verhoͤrt und habilitirt werden. Sie antworteten, ſie würden eher ſterben als dieſer Gefahr ſich ausſetzen. Von den Theologen, die vor dem Interim wei - chend bei ihnen Aufnahme gefunden, wurden ſie mit der ſtol - zen Meinung durchdrungen, allein bei ihnen habe Gottes Wort noch eine ſichere Freiſtätte: wer ſie bekämpfe, der ſtehe dem Widerchriſt bei. Das Gefühl für Gott zu ſtreiten, er - füllte ſie auch nach alle den erlittenen Niederlagen ihrer Glau - bensgenoſſen mit der heldenmüthigen Zuverſicht, er werde ſie nicht untergehn laſſen. Bürger auf der Wache ſahen himmliſche Geſichte, die ſie mit tröſtlichen Zuſagen erfreuten. Sie trugen kein Bedenken die zahlreiche Einwohnerſchaft der Sudenburg, obwohl ſie zur Vertheidigung nicht viel beitragen konnte, bei ſich aufzunehmen; längſt hatten ſie ſich auf einen Fall dieſer Art vorbereitet, ſie waren auf mehrere Jahre mit Lebensmitteln verſehen. Auch übrigens war die Stadt in gutem Vertheidigungsſtand; noch unter den186Neuntes Buch. Fuͤnftes Capitel.Augen des Feindes ward ein neues Bollwerk, von ſeinem Erbauer genannt der Heideck, errichtet. Alle Thürme wa - ren mit Schlangen und Falkoneten beſetzt, die man zum Theil aus dem Metall der aus den Klöſtern weggenomme - nen Glocken gegoſſen: auf dem oberſten Umgang an den Domthürmen, 433 Stufen hoch, hatte man ihrer vier aufge - pflanzt; am beſten wirkten die Geſchütze auf dem St. Ja - cobi Thurm, von dem Büchſenmeiſter Johann Kritzmann ge - leitet, von dem man ſagt, es ſey ihm ſelten Jemand ent - gangen de[n]er im Felde erblickte. Die geworbenen Trup - pen und die Bürger verpflichteten ſich eidlich zu gegenſeiti - ger Hülfleiſtung und Treue, und auf das beſte haben ſie ihren Schwur gehalten. Von welcher Art Enthuſiasmus ſie erfüllt waren, zeigt die Meinung die ſich unter ihnen ver - hreitete, der Feind ſehe bei ihren Ausfällen einen Helden auf weißem Roß vor ihnen daherziehen; ſie bildeten ſich nicht ein, ihn ſelber zu erblicken: das litt die proteſtantiſche Wahrhaftigkeit nicht; aber ſie meinten, der Feind werde durch göttlichen Schrecken mit Zaghaftigkeit geſchlagen. 1Merckel fuͤgt ſogar hinzu, ſie moͤgen ſelbſt wiſſen ob es wahr iſt.Und ganz glücklich gieng es ihnen mit ihren Ausfällen. Am 19ten December überraſchten ſie die ſtiftiſchen Truppen bei einem Gelage, nahmen mehrere hundert Mann gefangen, Edelleute und Gemeine, und führten den Stiftsbanner mit dem St. Moritz mit ſich fort. Da der Churfürſt eben einem Kriegs - haufen entgegengezogen der ſich im Gebiete von Verden ſam - melte, ſo hielt es Georg von Meklenburg für ſeine Pflicht dieſen Schimpf der Belagerer zu rächen. Er wagte ſich aber187Belagerung von Magdeburg.dabei ſo kecklich vor, daß er ſelber in die Hände der Feinde fiel (20 Dec. 1551); unter ungeheurem Getümmel gern hätten die Weiber den Tod ihrer Männer an ihm gerochen ward er in des Kämmerers Haus zum Lindwurm in Gewahrſam gebracht. Bald darauf ward freilich dagegen in dem feindlichen Lager Freude geſchoſſen, weil jener Haufe zerſtreut worden, von dem man eine Gegenwirkung beſorgt hatte; Churfürſt Moritz kam von ſeinem Zuge wieder und ſchlug zu den vier bereits vorhandenen ein fünftes Lager vor der Stadt: die Scharmützel giengen nicht immer glück - lich: auch die Geſchütze der Feinde machten Wirkung, und fällten unter andern die Zinnen des Jacobi Thurmes; nach und nach dachte man doch daran, ob man nicht die Ar - men zu entfernen habe; man fühlte die Gefahr in der man ſich befand.

Und nun läßt ſich denken, welche Theilnahme dieſer Kampf, eben das Schwanken des Kriegsglücks und die Un - gewißheit der Entſcheidung bei ſo viel Muth und Tapfer - keit in der Nation erregte. Wir haben heitere und ironi - ſche Volkslieder in alten ſchwungvollen Weiſen übrig, worin der Widerſtand geprieſen ward, den das hochgewehrte Haus, die werthe Stadt den fremden Gäſten leiſte, den Pfaffen - knechten: will der Kaiſer den Wein trinken der auf dem Markte zu Magdeburg im Faſſe liegt, ſo muß er ſelbſt ein Landsknecht werden; will Herzog Moritz die goldnen Schwer - ter haben, die ihn erſt zu einem Churfürſten machen, ſo muß er ſie da von den Mauern holen; indeſſen winden die Jung - frauen ihre Kränze für den alten Churfürſten, deſſen Gemah - lin und den Grafen Albrecht, der das Beſte gethan. Roger188Neuntes Buch. Fuͤnftes Capitel.Aſham verſichert, in Augsburg rede man von nichts weiter als von der magdeburgiſchen Sache: jede andre trete dage - gen zurück. Ihm als einem Claſſiſch-gebildeten ſtellen ſich Papſt und Kaiſer als die mythologiſchen Ungeheuer dar, als Cerberus und der ſpaniſche Geryon, die nur dieſe Eine Stadt zu unterwerfen wünſchen. Werden die Pforten der Stadt erbrochen, ſo wird jener wieder in Deutſchland herrſchen, dieſer in ganz Europa.

Der Kaiſer ſeinerſeits ließ nicht in Zweifel, welche Folgen die Ausbreitung ſeiner Herrſchaft in Deutſchland haben würde.

In Augsburg wurden die Proteſtanten von dem Kriegs - volk das ihn umgab, als Beſiegte behandelt. Während der Predigt in der Kirche zum heiligen Kreuz ergötzten ſich die Ita - liener die dort in das Kloſter einfuriert worden, mit Ballſpiel: der Ball fiel unter das zuhörende Volk auf dem Kirchhof. In St. Ulrich zerbrachen die Spanier Kanzel und Stühle; dem Stadtvogt mit ſeinen Leuten, die ihnen Einhalt thun wollten, ſetzten ſie ſich mit bloßer Wehre entgegen; man bemerkte daß nicht alles gemeine Söldner waren: einen Trabanten des Prinzen Don Philipp unterſchied man unter ihnen. Dage - gen ſah man wieder die Proceſſionen mit ihren Glöcklein und Lichtern durch die Straßen ziehen; wehe dem der ſie beleidigte. Eine Handwerkerfrau, die ſich ſpöttiſch verlau - ten ließ, ob dieſer Gott nicht ohne Lichter ſehe, wurde erſt in die Eiſen geſchlagen, dann aus der Stadt verwieſen: hätte ſich Königin Maria nicht ihrer angenommen, ſo wäre ihr noch Ärgeres geſchehen. Auf das ſtrengſte ward dar - über gehalten, daß Freitag und Sonnabend nur Faſten - ſpeiſen auf die Tiſche kamen. Die Schulmeiſter wurden an -189Kirchliche Gewaltſamkeiten in Augsburg.gewieſen, nichts zu lehren was nicht entweder der alten Re - ligion oder dem Interim gemäß ſey, und ohne Gnade ab - geſetzt wenn ſie ſich deſſen weigerten. Vier Lehrer in der lateiniſchen Schule, neun in der deutſchen, ſogar einige Leh - rerinnen waren ſtandhaft genug dieß Schickſal über ſich er - gehn zu laſſen. Und mit entſprechendem Ernſt wurden die Prediger vorgenommen. Vor dem Biſchof von Arras wur - den ſie examinirt, ob ſie auch glauben daß unter Einer Ge - ſtalt das Sacrament ſo gut mitgetheilt werde wie unter bei - den; wie viel Sacramente ſie überhaupt annehmen. Da ihre Erklärungen ſeh〈…〉〈…〉[ev]angeliſch lauteten, wurden ſie ange - wieſen binnen drei Tagen beim Schein der Sonne die Stadt zu räumen; ſie mußten ſchwören in den Grenzen des heil. Reiches niemals wieder zu predigen oder prieſterliche Hand - lungen zu verrichten, auch niemals Jemanden die Gründe ihrer Ausweiſung mitzutheilen. 1Abſchaffung der evangeliſchen Predigcanten zu Augsburg und was davor mit inen geredt gehanndelt und von den kayſ. rethen auf - erlegt worden iſt. 26 Aug. 1551. In der gruͤntlichen und ordentli - chen beſchreibung, aus der auch unſre andern Nachrichten ſtammen.Wo die Mönche nicht ſelbſt das Wort wieder ergriffen, wurden doch nur ſolche Predi - ger geduldet welche ſich genau an das Interim hielten. Der Kaiſer nahm an dieſen Dingen mit einem Eifer Antheil, als wenn ſeine ganze Autorität davon abhienge. Es blieb ihm nicht unbekannt, wenn ein Bürger von Ulm eins ſeiner Kin - der auch nur außerhalb der Stadt nach evangeliſchem Ritus taufen ließ; er drang darauf, daß derſelbe dafür aus dem Rathe entfernt wurde. Er verweiſt es dem Rathe, wenn er einem verjagten Prediger, der ein Handwerk treiben will, das Bürgerrecht gewährt hat. Von allen Seiten wurden190Neuntes Buch. Fuͤnftes Capitel.die Prädicanten zuſammengefordert, um denſelben Verpflich - tungen unterworfen zu werden, die in Augsburg auferlegt worden. Da die regensburgiſchen nicht erſchienen, ließ der Kaiſer die Rathsherrn von Regensburg vor ſich beſcheiden und eidlich verpflichten, niemals einen Prädicanten anzuneh - men, der nicht zuvor bei Gott und den Heiligen gelobe ſich der alten Religion und dem Interim gemäß zu halten.

In weiten und weitern Kreiſen zeigten ſich verwandte Beſtrebungen. Der Erzbiſchof von Mainz lud wohl die heſ - ſiſchen Prediger auf ſeine Provinzialſynode. Was die Mag - deburger fürchteten geſchah wirklich anderwärts. Die hohe Geiſtlichkeit machte in den Städten den Verſuch, den nie - dern Clerus wieder einzuſetzen und überhaupt die alten Ver - hältniſſe zurückzuführen.

Auch in den Reichsgeſchäften hielt der Kaiſer ein Ver - fahren ein, das allem Herkommen widerſprach und das Selbſtgefühl der Fürſten aufregte.

In einem Gutachten über die Erſetzung des Vorrathes hatten die Stände einige ihrer Beſchwerden doch etwas deut - licher als am vorigen Reichstag, aber noch immer ſehr be - ſcheiden zur Sprache gebracht, z. B. die Anweſenheit ſpani - ſcher Truppen im Reiche, das bewaffnete Geleit mit wel - chem der Kaiſer am Reichstag erſchienen war, die mancher - lei Hülfsleiſtungen die ſie in den letzten Jahren geleiſtet. Der Kaiſer nahm dieß nicht wenig übel: ſchon den Stän - den im Allgemeinen gab er zu erkennen, daß er ihren Auf - ſatz unbillig finde und ſich darüber etwas bewegt fühle; hauptſächlich aber wandte er ſich an die Churfürſten. Die beiden perſönlich anweſenden, Mainz und Cölln, und von191Beleidigung der Reichsfuͤrſten.jedem der andern der vornehmſte Rath mußten ihm in das Innere ſeiner Gemächer folgen, wo er mit dem König feier - lich Platz nahm und dann durch den Biſchof von Arras vortragen ließ, mit welchem Mißvergnügen er bemerke daß gerade ſie die Hartnäckigſten in der ganzen Verſammlung ſeyen: ganz ohne Grund ſey was ſie in der übergebenen Schrift ausgeführt: nur unbedeutend erſcheine die Reichs - hülfe, wenn man ſie mit den überſchwenglichen Unkoſten ver - gleiche die er ſelber zur Aufrechterhaltung des Reiches auf - gewendet: der letzte Krieg habe ihm über 60 mal hundert tauſend Gulden gekoſtet, und noch ſey nicht ſo guter Friede, daß er des ohnehin nicht zahlreichen Kriegsvolkes das er noch im Reiche habe, entbehren könnte: man möge nur rück - wärts ſehen, ſo werde man wohl finden daß auch andre römiſche Könige und Kaiſer Truppen an die Reichstage mit - gebracht: er der Kaiſer trachte nach nichts als daß die Ge - bühr im Reiche geſchehe, und er wolle nur wünſchen daß auch kein andrer ſich ſeine Privathändel irren laſſe.

Gnädigſter Churfürſt und Herr, ſchreibt der branden - burgiſche Geſandte an Joachim II, wir können nicht unter - laſſen Ew. Churf. Gn. anzuzeigen, daß die beiden Churfür - ſten, die anweſenden Fürſten und die Räthe der abweſen - den über dieſes unerhörte Verfahren entſetzt ſind; wer dazu gerathen, hat es ſchlecht verſtanden, und wär es auch der kluge Arras geweſen.

Großes Aufſehen machte eine Differenz die über die Belehnung des Prinzen Philipp mit den Niederlanden aus - brach. Der Kaiſer hatte die Abſicht ſeinen Geburtstag mit dieſem Act zu feiern, und ließ eine prächtige Bühne dazu192Neuntes Buch. Fuͤnftes Capitel.herrichten. Allein der Lehnbrief den er darüber aufſetzen laſ - ſen, wich ſo ſehr von dem Herkömmlichen ab, daß die Chur - fürſten Bedenken trugen ihn anzunehmen. Bei einer und der andern Provinz war mit abſichtlicher Unbeſtimmtheit von der Oberlehnsherrlichkeit des Reiches die Rede; für alle insge - ſammt war der Anſpruch erhoben daß ſie auch durch Frauen vererbt werden ſollten. Die kaiſerlichen Miniſter entſchuldig - ten das erſte damit, daß die alten Lehenbriefe verloren ge - gangen, und man nicht mehr genau wiſſe was zum Reiche gehöre: das zweite mit dem Wunſche die Niederlande auf immer ungetrennt beiſammen zu halten. Allein damit war der Erzcanzler des Reiches nicht zu befriedigen: er wandte ein, wenn der Kaiſer z. B. Geldern nicht ausſchließlich als Mannslehen anerkenne, ſo mache er ſeine eignen Rechte dazu zweifelhaft. Ein Widerſpruch der ſo gut begründet war, daß der Kaiſer ſich entſchließen mußte den Lehenſtuhl wie - der abtragen zu laſſen. Wollte er ſeinen Sohn belehnen, ſo mußte er es in ſeiner Wohnung thun. 1Dispaccio Fiorentino 26 Febr. Carlowitz an Moritz 16 Februar. Außer den beiden obigen Puncten hatten die Deutſchen noch eingewendet, daß die Lehnsberechtigung auch auf die natuͤrlichen Nachkommen ausgedehnt werde. Sie verſtanden darunter Baſtarde. Darin aber hatten ſie ohne Zweifel Unrecht; die kaiſerlichen Mini - ſter erwiederten: das Wort natuͤrliche Erben wollten ſie nicht uff Paſtarden verſtehen, ſondern es ſolle zu dem Wort legitimis geho - ren und an daſſelbig gehangen ſeind: wie man auch ſage: natuͤrli - cher Herr. Marillac bemerkt daß daruͤber grande mocquerie ent - ſtanden. Je scai au vray que l’investiture que l’empereur bailla au prince d’Espagne sous la cheminée estait des pays bas se re - servant l’administration durant sa vie.

Einen allgemeinen Widerwillen erweckte das Betragen der Spanier: obwohl ihrer nur eine Handvoll iſt, ſagt193Anmaßung der Spanier.eine Augsburger Chronik, ſo treiben ſie doch allen Muth - willen ohne daß ihnen jemand einredet oder ſie daran hin - dert: ſie machen daß in Augsburg niemand mehr Herr und Meiſter iſt weder über Leib und Gut noch über Weib und Kind ; durch ihre nationale Anmaßung fühlten ſich die Deutſchen gehöhnt. Bei einem Gaſtgebot, dem der ſächſiſche Geſandte beiwohnte, beklagten ſie ſich daß ihr Prinz in der Capelle unter den Churfürſten ſtehe: man wiſſe in Deutſchland wohl nicht was ein Prinz von Hi - ſpanien bedeute oder vermöge. Ohne Hehl ließen ſie ſich vernehmen, das Kaiſerthum könne ihnen nicht entgehn: der Churfürſt von Cölln ſey eine Creatur des Kaiſers, Mainz der Rath deſſelben, Pfalz ein noch nicht ganz ausgeſöhnter Feind der nichts verweigern dürfe, Sachſen durch die empfan - genen Wohlthaten gefeſſelt, Brandenburg, das nicht die Mit - tel habe ſeinen churfürſtlichen Stand aufrecht zu halten, werde mit 100000 Gulden und etwa der Verſicherung der Stifter zu gewinnen ſeyn, mit Trier wolle man ſchon fertig wer - den: wollte Gott die Churfürſten wären nur alle zugegen: ſähen ſie das Angeſicht des Kaiſers, würde man ihnen freund - lich zuſprechen, mit ihnen bankettiren, ſo wäre alles aus - gerichtet. Bei jener Vorhaltung in den kaiſerlichen Gemä - chern hatte man Alba und Arras über die betroffenen Für - ſten und Räthe lachen ſehen; die Spanier ſpotteten über die Sorgloſigkeit des Landgrafen, der Thor genug geweſen ſey ſich mit guten Worten in Haft bringen zu laſſen.

Dahin, ruft der brandenburgiſche Geſandte, Chriſtoph von der Straßen, aus, iſt es mit den Deutſchen gekom - men, die ſonſt von allen Nationen gefürchtet waren: jetztRanke D. Geſch. V. 13194Neuntes Buch. Fuͤnftes Capitel.ſpottet man ihrer, Gott ſeys geklagt. Er widerräth ſeinem Herrn nach Augsburg zu kommen, ſo ſehr der Kaiſer darauf dringe und ſo ſehr die Wendung welche die religiöſen An - gelegenheiten nehmen, es ſonſt wünſchenswerth machen würde. So viel vermerken wir, die Spanier wollen einen Fuß ins Reich ſetzen; es gilt Euch Herren, wir bleiben immer arme Geſellen. 1Chriſtoph von der Straßen, Doctor und Ordinarius, Mitt - woch nach Nativitatis Mariaͤ 10 Sept. Der Brief iſt von deſſen Hand; zugleich hat ſich Timotheus Jung unterſchrieben.

Eine andere Angelegenheit von allgemeiner Bedeutung bildete die noch immer fortdauernde Gefangenſchaft des Land - grafen Philipp von Heſſen.

Während des erſten Reichstags zu Augsburg war er zu Nördlingen, Heilbronn und Hall in Schwaben von Spa - niern bewacht, alsdann den Rhein hinab nach den Nieder - landen geführt und zu Oudenarde in engem Gewahrſam ge - halten, endlich im Sommer 1550 nach Mecheln gebracht worden. Auch in der Gefangenſchaft ward Philipp als der regierende Herr ſeines Landes betrachtet; über alle wichtigen Landesangelegenheiten ward an ihn berichtet. Das hinderte jedoch nicht, daß er ſich nicht zuweilen die unwürdigſte Be - handlung hätte gefallen laſſen müſſen. Man hat dem Schrei - ber dem er einen Brief dictirte, das Blatt aus der Hand geriſſen, einen Bettler dem er, als er ihn von ſeinem Fen - ſter aus anſichtig ward, ein paar Stüber hinunterſchickte, nicht ohne Züchtigung weggetrieben; der ſpaniſche Haupt - mann hat die Speiſen die an einem Faſttag auf die fürſt - liche Tafel getragen wurden, auf den Boden geworfen und195Gefangenſchaft des Landgrafen Philipp.beſchimpfende Worte hinzugefügt. Man ſollte nicht ſo oft tadelnd darauf zurückkommen, daß Philipp ſein Unglück bei weitem nicht mit der großartigen Gelaſſenheit getragen habe, die wir an dem Churfürſten bewundern. Die Lage der bei - den Fürſten iſt ſchon an ſich ſehr verſchieden. Der Chur - fürſt war in der Schlacht gefangen und bereits zum Tode verurtheilt geweſen; der Landgraf, wenn wir ja nicht ſa - gen wollen, durch Betrug, doch durch Täuſchung in die Hände des Kaiſers gerathen. Da hat er allerdings Au - genblicke gehabt, wo der Wunſch wieder frei zu werden und Einreden ſeiner Umgebung ihn zu einer undienlichen Nachgiebigkeit vermocht hat, z. B. in Sachen des Interims: er hat ſogar der Meſſe einmal beigewohnt; aber dieſe Anwandlungen giengen bald wieder vorüber: in ſeinem Ge - fängniß hörte man ihn doch mit heller Stimme geiſtliche Lieder ſingen. Er ließ ſich Schriften der Kirchenväter ge - ben: beſonders las er Auguſtinus gern; es machte ihm Ver - gnügen, wenn ihn gelehrte Katholiken beſuchten und mit ihm die Controverſen beider Theile, etwa über die Lehre von der Rechtfertigung oder das Papſtthum oder die Anru - fung der Heiligen, durchſprachen. Aus der Ferne ermahnt er dann ſeinen älteſten Sohn, bei dem Evangelium zu ver - harren, es koſte gleich Leib oder Gut, die flüchtigen Prä - dicanten zu unterſtützen. Auch andre gute Ermahnungen fügt er hinzu: z. B. er möge ſich vor einem unreinen Leben hüten, Jedermann Gleich und Recht angedeihen laſſen. 1Auszuͤge aus ſeinen Briefen bei Rommel II, 530 550.In ſeinem Gefängniß gedenkt er des Zuſtandes der armen Ge - fangenen in ſeinem Lande und bringt die Verbeſſerung deſ -13*196Neuntes Buch. Fuͤnftes Capitel.ſelben in Anregung. Er vergißt des Thieres nicht das ihn in glücklichern Tagen getragen hat, das er jetzt bis zum Tode zu füttern befiehlt, noch des treuen Hundes, den er ſeinem Sohne, denn er könne ihm wohl noch eine Ente fangen, zuſchickt: laß aber wohl aufſehen, ſagt er, daß ihn die großen nicht todt beißen, laß ihn in deiner Kammer ſchla - fen. Seine Seele lebt in der Heimath; ſie nährt ſich in dieſen Erinnerungen und Sorgſamkeiten geringfügiger Art; nach ſo viel ſtürmiſcher Thatkraft im Glück entwickelt ſie Milde und Treue im Unglück. Von dorther entſprach man ihm mit gleichem Verlangen. Alles was wir von ſeiner Ge - mahlin hören, zeigt eine grundehrliche, durch nichts erſchütterte Hingebung. Aber weder die Erfüllung der Capitulation, noch jene religiöſen Annäherungen, noch die Anweſenheit des Prinzen von Spanien, der doch ſeine Verwendung verſpro - chen hatte, vermochten ſeine Feſſeln zu löſen. Man hat dem Kaiſer angeboten, das Land fürs Erſte zu theilen, ſo daß Philipp, im Beſitz nur der einen Hälfte, während die andre an ſeinen Sohn fallen möge, gewiß unſchädlich ſeyn werde; er ſelbſt fügte hinzu, er wolle dem Kaiſer ein Jahr lang im Felde dienen und ſich niemals wieder von ihm ſondern: Alles vergeblich. Vielmehr verlautete wohl, der Kaiſer werde der halliſchen Capitulation nachgekommen ſeyn, wenn er den Gefangenen auch erſt in ſeiner letzten Stunde freigebe. Auf eine neue Verwendung der Churfürſten am Reichstage von 1550 erfolgte abermals eine abſchlägliche Antwort. Ver - zweifelnd, jemals losgelaſſen zu werden, faßte der Landgraf den Gedanken, zu entfliehen. Es gelang wirklich durch einen jungen in Antwerpen ſtehenden Kaufdiener aus Heſſen, auf197Gefangenſchaft des Landgrafen Philipp.dem ganzen Weg von Mecheln nach dem heſſiſchen Gebiete Poſten zu legen, d. i. nach dem Sprachgebrauch jener Zeit, von 4 Meilen zu 4 Meilen friſche Pferde bereit zu halten; mit den raſcheſten und ſicherſten ſtellte ſich der Zeugmeiſter Hans Rommel in Mecheln ſelber ein: er hatte einige handfeſte Leute, welche Diejenigen zurückhalten ſollten, die dem Flie - henden nacheilen würden: und ſchon waren alle nöthigen Vor - bereitungen getroffen, um den Fürſten aus einem Garten der an den Hofraum ſeines Gefängniſſes ſtieß, zu entführen, als die unglückliche Furchtſamkeit eines Dieners, der im Voraus für ſich ſelber eine Zuflucht ſuchte, noch in dem letzten Au - genblick das Vorhaben an Tag brachte. 1L’escrit du paige (Wersebe) bei Duller Neue Beitraͤge zur Geſch. Philipps des Großmuͤthigen p. 119.Es liegt in der Na - tur der Sache, daß der Gewahrſam des Fürſten nun doppelt ſtreng wurde. Der Kaiſer, der namentlich die Aufſtellung je - ner Leute für einen Eingriff in ſeine landesherrliche Gerichts - barkeit erklärte, ſagte wohl, er habe Urſach, ſich noch an - drer Geſtalt zu erzeigen als bisher. Der Landgraf verlor nun vollends ſeine deutſchen Diener und ward überhaupt recht eigentlich mißhandelt; bittere Thränen des Unmuths ſtiegen ihm über die Art und Weiſe in die Augen, wie man bei den Vernehmungen mit ihm, einem Reichsfürſten, um - gieng. Ich will lieber todt ſeyn, ſchrieb er, als länger gefangen. Wenn er angiebt, daß man ihn nach Spanien zu führen beabſichtige, ſo darf man dieß für keine Einbildung halten: es iſt gewiß, daß der Kaiſer dazu entſchloſſen war. 2In einem Schreiben des Kaiſers an Maria vom 6ten Maͤrz iſt daruͤber ganz unumwunden die Rede. Etant deja resolu de faire transporter le landgrave en Espagne.

198Neuntes Buch. Fuͤnftes Capitel.

Wäre es auch nur aus Mitleid geweſen, ſo hätten ſchon darum die deutſchen Fürſten ſich des Landgrafen in dieſer Bedrängniß annehmen müſſen. Aber die beiden Churfürſten Brandenburg und Sachſen hatten überdieß eine vertragsmäßige Verpflichtung dazu; wiewohl der Kaiſer dieſelbe für nichtig erklärte, konnten ſie ſich ihrer doch noch nicht erledigt glau - ben. Ihre Geſandten bereiſten die verſchiedenen deutſchen Höfe, um auch alle andern zur Theilnahme an einer allge - meinen Fürbitte zu vermögen. Im October 1551 vereinig - ten ſich hiezu in Augsburg oberländiſche und niederdeutſche Abgeordnete, von Meklenburg, Holſtein, den pfalzgräflichen Höfen, Würtenberg, Baden;1Die Inſtruction der Geſandten an den Kaiſer iſt auf einer Zuſammenkunft der brandenburgiſchen Abgeordneten (Ad. v. Tr. und Lamp. Diſtelmeier) mit den ſaͤchſiſchen Raͤthen, Dresden Dienſtag nach Galli, berathſchlagt worden. die welche keine Geſandten geſchickt, Lauenburg, Lüneburg, geſellten ſich wenigſtens durch feierliche Anſchreiben hinzu; auch diejenigen traten bei, die ſich bisher eher feindlich gehalten, Baiern, wo ein ſehr för - derlicher Regierungswechſel eingetreten war, Öſtreich ſelbſt, das deutſche, in dem Bruder des Kaiſers. Es waren beinahe ſämmtliche weltliche Fürſten: die Sache des Landgrafen er - ſchien als die Sache des deutſchen Fürſtenthums.

Unter dieſen Vorgängen breitete ſich über die verſchiede - nen Landſchaften und Bekenntniſſe das Gefühl aus, daß das alte freie Germanien überwältigt ſey und gegen ſeinen Wil - len nach einem ihm widerwärtigen Ziele geführt werde.

Der Haß der urſprünglich den Spaniern allein gegol - ten, fiel allmählig auch auf den Kaiſer. Er ſoll es ſelbſt bemerkt und dem Herzog von Alba wegen der Vernachläßi -199Allgemeine Aufregung.gung der Mannszucht unter ſeinen Leuten, die ſolche Fol - gen nach ſich ziehe, Vorwürfe gemacht haben. Genug aber, es war ſo. Als er im Mai 1551 von Augsburg nach Ty - rol gieng, fand man dort einen Anſchlag des Inhalts: die Römiſch Kaiſerliche Majeſtät begehre, man wolle die Thrä - nen, ſo wegen J. Majeſtät, ihres Sohnes und der Spa - nier Abreiſe fallen würden, fleißig ſammeln; J. Maj. be - dürfe derſelben zur Arznei und werde ſie mit indiſchem Golde theuer bezahlen.

Von den deutſchen Fürſten traf ein ähnlicher Haß be - ſonders Moritz von Sachſen, der an ſeinem Vetter, an ſei - nem Schwiegervater, an der gemeinſchaftlichen Sache zum Verräther geworden ſey und ſich jetzt auch wider Magde - burg gebrauchen laſſe. In gereimten Sprüchen ward er re - dend eingeführt, mit dem Bekenntniß daß er das Evange - lium verleugnet habe. Schwert und Rautenkranz führe ich: wie ichs gewonnen, als werds verlieren ich. 1Ein Spruch von Hertzog Moritzen von Sachſen; der zuerſt in Augsburg zum Vorſchein kam, von dem man aber meinte, er ſey aus Sachſen gekommen. Herzog Moritz von Sachſſen heiß ich, den namen mit der that hab ich; muͤrriſch und ſtoͤrriſch bin ich: aigen - koͤpfiſch, hochfartig, tyranniſch bleib ich. Etc. In hoch - deutſchen und plattdeutſchen Chroniken erſcheint ſein Name mit gehäſſigen Beiworten. Schon fühlte er in ſeinem eig - nen Lande den Boden unter ſeinen Füßen erzittern. Seine Ritterſchaft hat ihm förmlich verweigert gegen Magdeburg Hülfe zu leiſten, und wie berührt, man wollte wiſſen ſie richte ihr Augenmerk auf den jüngern Bruder, Herzog Auguſt. In den Städten und auf dem Lande in Sachſen machte die Beweisführung der Magdeburger, daß ihre Sache Gottes200Neuntes Buch. Fuͤnftes Capitel.Sache ſey, vielen Eindruck. Moritz iſt von ſeinen Amtleu - ten erinnert worden, wenn er in Glaubensſachen auf die bis - herige Weiſe vorſchreite, ſo werde ihm von hundert Men - ſchen nicht einer gehorſam bleiben.

Mit neuem Eifer ſchaarten ſich die Geiſter, und viel - leicht eben darum, weil ihnen eine Richtung nach der ent - gegengeſetzten Seite gegeben werden ſollte, um das Banner des evangeliſchen Glaubens. Nie waren die Kirchen in den Städten, wo die Predigt noch erſcholl, gefüllter geweſen; wir vernehmen von Augsburg, Straßburg, Regensburg, daß die katholiſche Geiſtlichkeit verzweifelte das Volk ohne Ge - walt in Zaum zu halten; ſo wird es auch anderwärts ge - gangen ſeyn. In den Kirchengebeten durfte man begreiflicher Weiſe Magdeburg nicht nennen: aber der dortige Kampf war die große Angelegenheit welche die Gemüther beſchäftigte: man bediente ſich allgemeinerer Ausdrücke, die jedoch keine andre Beziehung haben konnten als eben auf dieſen Kampf.

Und indeſſen triumphirte der Biſchof von Arras, daß ihm an dem Reichstage alle ſein Vorhaben, béſonders in religiöſer Beziehung, gelungen: von den verjagten Predigern rede man ſo wenig als ſeyen ſie nie da geweſen. In die - ſem Lande, rief er aus, ſey alles möglich.

In der That, noch vieles hatte er vor.

Ihm konnte wohl nicht verborgen ſeyn, wie man die Succeſſionsentwürfe in Deutſchland anſehe. Ich finde Nie - mand, ſchreibt ſelber Carlowitz, weder hohen noch nie - dern Standes, unter den Deutſchen, der damit zufrieden wäre. Ohne die mindeſte Rückſicht darauf ſetzte der Hof die Unterhandlungen mit dem größten Eifer fort, und wandte201Allgemeine Aufregung.alles an, um den Widerſtand zu brechen den der junge Ma - ximilian noch leiſtete, und die Churfürſten endlich zu gewin - nen. Mit Schrecken ſahen die Vaterlandsfreunde einen Trans - port indiſchen Geldes aus Spanien ankommen. Sie mein - ten nicht anders, als das Geld ſolle dienen die Churfürſten zu beſtechen. Sie fragten, ob es Jemand wohl wagen werde das Vaterland zu verrathen.

Und dazu kam nun die Erwartung der Beſchlüſſe des Conciliums. Mochten auch die ſchon abgefaßten Decrete reaſſumirt, und wie der Kaiſer wünſchte, in einem den Prote - ſtanten annehmbaren Sinne umgeſtaltet werden, ſo wäre man doch niemals über die Feſtſetzungen des Augsburger Interims hinausgegangen; dieſe wären vielmehr wahrſcheinlich der ka - tholiſchen Rechtgläubigkeit noch weiter angenähert und auf das ſtrengſte feſtgehalten worden. Dem ſtarren Begriffe kirch - licher Einheit würde ſich alles haben unterwerfen müſſen. 1Schon fruͤher ſagte Pighino, nach dem Auszug bei Palla - vicini XI, ii, 16, es bleibe kein Mittel uͤbrig als das Schwert. ve - devasi che ogni opera era indarno eccetto quella di ferro.

Tridentiner Beſchlüſſe, wenn auch nicht ganz wie ſie ſpäter erfolgt ſind, aber dieſen doch ohne Zweifel überaus nahe verwandt, nachdem die Proteſtanten bei ihrer Abfaſſung zugegen geweſen, für ſie verpflichtend, und zu deren Hand - habung ein Kaiſer von der Macht und Geſinnung wie ſie Philipp II entwickelt hat: welch eine Ausſicht! Carln V willkommen, deſſen Politik in den letzten Jahren dahin ge - zielt hatte; aber eben ſo drückend und drohend für Deutſch - land, das unter dieſen Umſtänden niemals das ſpätere Deutſchland geworden, der freien geiſtigen Regung die ſein Leben ausmacht verluſtig gegangen wäre.

202Neuntes Buch. Fuͤnftes Capitel.

Eben hier, wo ſie zuſammentreffen ſollten, ſchieden ſich die Intereſſen des Kaiſers und der deutſchen Nation auf immer.

Hätte man nicht meinen ſollen, die Nation, in ihren verſchiedenen Ständen beleidigt, in der Tiefe ihres Daſeyns angegriffen und in ihrer Zukunft bedroht, werde ſich gegen die Gewalt von der ſie ſo vieles litt und noch mehr fürch - tete, plötzlich einmal wie Ein Mann erheben?

Das iſt nicht ihre Gewohnheit. Durch die Mannich - faltigkeit der herrſchenden Gewalten iſt ihre Aufmerkſamkeit von jeher zu ſehr nach verſchiedenen Puncten hin zerſtreut geweſen, als daß dieß ſo leicht geſchehen könnte. Auch ſieht ſie gern ihre Fürſten ſich vorangehen.

Und in dieſen fehlte es nicht an geheimem Widerſtand und Regungen zu offenem.

Wohl merkwürdig, daß ſich Abſichten wie ſie Kaiſer Carl V hegte, zunächſt ein deutſch-öſtreichiſches und ein bran - denburgiſch-preußiſches Intereſſe entgegenſetzte.

Das erſte beruhte auf dem Widerwillen gegen die Succeſ - ſion des Prinzen von Spanien. Ferdinand ſelbſt hatte ſich endlich gefügt, aber weder ſein Sohn, auf den es eigentlich an - kam, der dem jüngern Vetter ſein Lebtag hätte nachſtehn müſſen, noch auch ſeine Räthe, welche die Verwaltung des Reiches bald an ſich übergehn zu ſehen und auf immer in der deutſchen Linie zu befeſtigen hofften. Und auch mit Ferdinand ſtand der Kaiſer nicht mehr in dem alten Vertrauen. Er nahm es übel, daß ſich derſelbe bei der Fürbitte für den Landgrafen bethei - ligte. Den Übrigen gab er die ſchon oft vernommene Ant - wort, er wolle ſich in Gnaden erweiſen, ſo viel nach Ge - ſtalt des Handels thunlich; ſeinem Bruder ließ er außerdem203Preußiſches Intereſſe.ſagen, wenn er den Landgrafen befreie, müſſe er auch Jo - hann Friedrich loslaſſen. 1Granvella an Koͤnigin Maria 13 December 1551. pour picquer led. Sr roy pour avoir semblé a S. M. qu’il enclinoit trop a Sa dite Majesté. Ferdinand antwortete darauf: Combien que les mots desd. lettres soient modestes comme toutefois, l’on y voit tres luyre quelque sentement, je crains que S. M. Imple ne le sente. Er wußte wohl, daß Ferdinand die Rückkehr dieſes Fürſten nicht wünſchte, der noch immer einen ſtarken Anhang in Böhmen hatte.

In dem brandenburgiſchen Hauſe hatten ſich die bei - den thatkräftigſten Fürſten, die dem Kaiſer im ſchmalkaldiſchen Kriege beigeſtanden, ſeitdem von ihm abgewendet: Albrecht von Culmbach, den zuerſt die Hinrichtung Vogelsbergers ver - droſſen, worin er eine Verletzung der hergebrachten kriegsmän - niſchen Ehre und Freiheit erblickte, und Johann von Cüſtrin, der ſich an dem Interim geärgert, es vom erſten Augenblick von Herzensgrund verdammt hatte. Markgraf Johann ſah darin die Prophezeiung Carions erfüllt, daß im J. 1548 falſche Propheten aufſtehn würden, und war entſchloſſen ihm zu widerſtehn. Während das übrige Deutſchland ſich beugte, hat er wohl, fortfahrend wie er angefangen, wunderthätige Bilder zerſtört, wie das zu Göritz. Johann Friedrich ver - ſichert in einem an Carl V gerichteten Gutachten, daß zu der Haltung des Hauſes Brandenburg auch die preußiſchen Ver - hältniſſe beigetragen. Eben in dieſen Zeiten waren die An - ſprüche der fränkiſchen Linie erneuert worden, und für die Mitbelehnung des Geſammthauſes ein neuer Schritt geſche - hen. Die polniſch-preußiſchen Stände ſahen in der Ver - bindung mit dem Hauſe Brandenburg eine Verſicherung des204Neuntes Buch. Fuͤnftes Capitel.Friedens mit dem Reich,1Schreiben des Landtags zu Graudenz ad festum Michae - lis 1548. non esse aversandam conditionem, quin pacis autores in arctiora regni jura recipiantur. Lengnich Preuß. Geſch II, do - cum. 1. der ſonſt, wie wir wiſſen, bedroht war. Zu dem Kreiſe dieſer Verbindung gehörte Johann Al - bert von Mecklenburg, der wie Markgraf Johann ſein müt - terlicher Oheim, dem Interim zum Trotz die Reform fort - ſetzte, und ſich in dieſem Augenblick mit der Tochter des Her - zog von Preußen verlobte. Nun hatte Johann Albrecht in jener Streitigkeit mit ſeinem Bruder Georg eine kleine Trup - penſchaar geworben, deren er für ſich nicht mehr bedurfte, als Georg ſich gegen Magdeburg wendete und dort ſtehn blieb. Aber weder für Meklenburg noch für Preußen wäre es rathſam geweſen, Magdeburg in die Hände von Kaiſer und Reich fallen zu laſſen. Es war ein Gedanke Markgraf Johanns, dem Kaiſer wenigſtens die Möglichkeit eines neuen Widerſtandes zu zeigen, ihm wie er ſagte ein Blatt über die Füße zu welgern. Johan〈…〉〈…〉 Heideck, der ſich im ober - ländiſchen Kriege, dann in Magdeburg hervorgethan, und der junge Graf Volradt von Mansfeld erſchienen plötzlich an der Spitze eines Heeres im Verdenſchen; durch Vermittelung Johann a Lasco’s empfiengen ſie von England es iſt die erſte Rückwirkung der dortigen Religionsveränderung ins - geheim eine erwünſchte Geldunterſtützung.

Bei weitem zu gering jedoch war dieſe Macht, als daß ſich etwas Durchgreifendes von ihr hätte erwarten laſſen: ſich geradezu und in eigenem Namen dem Kaiſer zu wider - ſetzen, dazu waren überhaupt die Verhältniſſe des Hauſes Brandenburg nicht angethan. Noch viel weniger hätte Ferdi -205Politik des Churfuͤrſten Moritz.nand oder Maximilian, die durch alle denkbaren Bande ge - feſſelt waren, dieß wagen können. Vielmehr kam alles auf Denjenigen an, der durch ſeinen Übertritt zum Kaiſer den ſchmalkaldiſchen Krieg entſchieden hatte, und der jetzt von al - len Fürſten allein die Waffen gewaltig in der Hand hielt.

Moritz fühlte wohl ſchon von ſelbſt die Gefahr einer Stellung die mit der öffentlichen Meinung in Widerſpruch iſt. Schon längſt ſchloß er ſich nicht mehr ſo unbedingt der kaiſerlichen Politik an. Er verſäumte nichts was dazu dienen konnte, Maximilian durch geheimen Zuſpruch in ſei - nem Widerſtand gegen die Succeſſionsentwürfe des Kaiſers zu beſtärken; der ihn dafür für einen der beſten Freunde er - klärt die er auf der Welt habe. Es war von einer zwi - ſchen beiden Fürſten zu veranſtaltenden Zuſammenkunft die Rede, und die Schwierigkeit lag nur darin ſie dem Kaiſer un - bemerkt zu Stande zu bringen. 1Carlowitz mußte antragen: wenn Maximilian den Churfuͤr - ſten an ein geheimen Ort zu ſich beſcheiden mochte, ſo wolde E. Ch. G. (Moritz) derſelbigen (S. Kgl. Wuͤrde) allerlei anzeygen, doran ſie Gefallen tragen ſolle. Maximilian geht darauf ein, je - doch weil er mit ſeinem Vater nach Ungarn gehn ſolle, koͤnne er ſich noch nicht entſchließen, was wege und mittel zu gebrauchen, damit ſolches fuglich und unvormarkt geſchehen mochte, wolt aber ſobald ſie hinab kaͤme darauf gedenken und ſolchs von ferneſt irem Hern Va - ter ſelbſt auch alſo ingeheim entwerffen. Schreiben von Carlowitz 11 Maͤrz 1551.Bei den jungen Landgrafen ließ Moritz bereits anfragen, wenn zwei Augen ſich zuthun würden und er dann etwas zur Erledigung ihres Vaters unternehme, weſſen er ſich zu ihnen verſehen könne. Es war wohl nicht ſein Ernſt, bis zum Tode des Kaiſers zu warten; die Landgrafen machten ihn aufmerkſam, der könne noch manchen überleben: vielleicht zeige ſich bald eine andre206Neuntes Buch. Fuͤnftes Capitel.Gelegenheit, wenn der Kaiſer über Meer gehe, oder wenn ſich ihm dieſſeit ein neuer Krieg erhebe.

Auf dieſe letzte Wahrſcheinlichkeit hatte vielleicht von allen Deutſchen zuerſt Markgraf Albrecht von Culmbach bei einer Anweſenheit in Weißenfels ſchon im Frühjahr 1550 die Aufmerkſamkeit gelenkt. Er ſagte, der eine von dieſen Fürſten habe den Wahlſpruch: Mehr, weiter! der andre zum Zeichen den zunehmenden Mond mit dem Worte bis er voll wird : jeder wolle größer werden; aber der eine werde abnehmen, der andre, der die Welt noch nicht ſo gut ge - witzigt habe, fortſchreiten und wachſen; Heinrich II könne dem Kaiſer wohl einen Schlag beibringen, ſo ſchlimm, als ſein Vater jemals von dieſem erlitten.

Seit dem Frieden Heinrichs II mit England konnte ſich Niemand verbergen, daß ein Wiederausbruch des Krieges zwiſchen den beiden großen Mächten bevorſtehe.

Wie aber wenn alsdann der König von Frankreich die Oberhand behielt? Er machte kein Hehl daraus, daß er ſich der verjagten Fürſten und Kriegsmänner annehmen und ſie zurückführen werde. Ein Vorhaben, voll Gefahr für Alle welche den ſchmalkaldiſchen Bund zerſtören helfen und die Partei des Kaiſers gehalten. Moritz ward erinnert, wie ſchlechte Nachbarn er an den wiederhergeſtellten Grafen von Mansfeld oder dem eignen Vetter haben werden. 1Schreiben des Markgrafen an Albrecht 22 Maͤrz 1550 aus dem Dresdener Archiv (im Anhang).

Schon früh, im Sommer des Jahres 1550, finden ſich Spuren einer Annäherung des Churfürſten an den - nig von Frankreich, der ſeine Augen auf jede mögliche Op -207Politik des Churfuͤrſten Moritz.poſition, unter andern ſogar auf König Maximilian, warf; es fehlte jedoch noch viel, daß wirklich ein Verſtändniß ge - ſchloſſen worden wäre: es blieb alles ganz im Unbeſtimm - ten und Weiten.

Waren doch die mißvergnügten deutſchen Fürſten noch weit entfernt einander zu trauen!

Das Ereigniß, wodurch zuerſt eine gewiſſe Annäherung zwiſchen dieſen herbeigeführt worden iſt, war das Vorrücken jener meklenburgiſch-heideckiſchen Truppen von Verden her in der Richtung gegen Magdeburg. Moritz, der ſich in ſeiner Belagerung nicht wollte ſtören laſſen, gieng wie be - rührt auf dieſen Haufen los, und überlegen in den Waf - fen wie er war, zwang er ihn Verden aufzugeben. Da - bei geſchah nun aber das ganz Unerwartete. Der Chur - fürſt machte den Anführer der geſchlagenen Truppen, Jo - hann Heideck, der mit dem Kaiſer noch unverſöhnt war, und nicht mit ihm verſöhnt ſeyn wollte, zu ſeinem Vertrau - ten. Darin lag die erſte überzeugende Kundgebung einer veränderten Richtung der moritziſchen Politik. Der Sieger gieng, ſo zu ſagen im Momente des Sieges, zu der Mei - nung der Beſiegten über.

Heideck ließ es eines ſeiner erſten Geſchäfte ſeyn, daß er eine Zuſammenkunft zwiſchen Churfürſt Moritz und Mark - graf Hans zu Stande brachte, die im Februar 1551 in Dresden Statt fand.

Markgraf Hans erſchien nicht, ohne ſich vorher durch hinreichendes Geleite ſicher geſtellt zu haben. Er traute dem zweideutigen Nachbar mit nichten. Als ſie zum Zwiege - ſpräch kamen, bedachte er ſich lange, ehe er mit ſeiner Mei -208Neuntes Buch. Fuͤnftes Capitel.nung hervortrat. Noch viel weniger aber hätte der geheim - nißvolle Moritz geredet. Endlich erwähnte Hans den Ver - denſchen Zug, durch welchen ihm Moritz ein gutes Vorha - ben zu Grunde gerichtet habe. Und doch weiß ich, redete er Moritz an, daß auch du ſo gut nicht hinkommſt. Was würdeſt du ſagen, wenn dir Jemand 4000 Pferde zuführte, um damit gegen Jeden zu dienen, der die Religion und die deutſche Freiheit beſchweren wollte? Weißt du nicht, ſagte Moritz, daß ich im Dienſte des Mannes bin? Mit 4000 Pferden wäre ihm noch nicht viel abzubrechen, doch auch ich, in der Religion bin ich kein Mameluk. Zögernd eröffneten ſie ſich einander. So wie einer den andern aber einmal verſtanden, waren ſie der Sache bald einig. Moritz verſprach, die Religion laut der Augsburger Confeſſion zu be - kennen, und zur Erhaltung derſelben, ſo wie der deutſchen Freiheit, Land und Leute zu wagen. Markgraf Hans machte ſich anheiſchig, ihm mit dritthalbtauſend Pferden zu Hülfe zu kommen. Am 20ſten Februar 1551 iſt hierüber eine förmliche Obligation aufgenommen worden. Der Markgraf ſah ein, daß vor allem eine Verſöhnung der beiden ſäch - ſiſchen Linien nothwendig ſey, und ſäumte nicht, alles mög - liche dafür zu thun. 1Protocoll im Dresdener Archiv, abgedruckt bei Langenn.

So erhoben ſich endlich auch in Deutſchland die zer ſtreuten Regungen der Oppoſition zu einer feſten Geſtalt, einer bewußten Tendenz.

Wunderbarer Anblick, den nun die Lage der großen Angelegenheiten darbietet.

In Insbruck wo der Kaiſer ſich aufhält, am Conci -209Allgemeine Lage der Dinge.lium zu Trient hegt man die Meinung, und darf ſie hegen, daß die Zeit gekommen ſey wo alle Entwürfe deſſelben ſich erfüllen ſollen. Die verſchiedenſten von ferne her angelegten Fäden werden verknüpft, alle entlegnen und zweifelhaften Sympathien aufgerufen, um zu dem großen Erfolg einer Herſtellung des Kaiſerthums in dem einmal aufgefaßten Sinne und einer Befeſtigung deſſelben im Hauſe Öſtreich-Burgund, älterer Linie, zuſammenzuwirken.

Aber indeſſen haben ſich die alten Feinde im Oſten und Weſten, zur See und im innern Lande, mit denen der Kai - ſer früher ſo oft gekämpft und die ſich eine Zeitlang ruhig gehalten, aufs neue erhoben. Und nicht dieſe allein, ſon - dern auch die beſiegten Oppoſitionen regen ſich wieder, und zwar in ganz unerwarteter Geſtalt; neue in der unmittelbar - ſten Nähe bilden ſich an.

Wird es dem Kaiſer gelingen dort das Ziel zu errei - chen, ſo daß er ſich dann mit neu gerechtfertigten Waffen gegen ſeine Feinde, einen nach dem andern, wird wenden können?

Oder werden die Feinde ihm zuvorkommen? Werden namentlich die verſchiedenen Gegner ſich unter einander fin - den und zu einem Angriff auf ihn verſtehn?

Ranke D. Geſch. V. 14[210]

Sechstes Capitel. Kriegszug des Churfürſten Moritz wider Carl V.

Landgraf Philipp ſpottete darüber, als ihm in ſei - nem Gefängniß eine freilich voreilige Kunde von dem Vor - haben ſeines Schwiegerſohns Moritz gegen den Kaiſer zu - kam. Denn wie wolle ein Sperling den Geier angreifen; habe doch Moritz ſelbſt die andern Vögel verſtört; fremden Nationen komme es lächerlich vor, daß ein Lutheriſcher wi - der den andern ſey.

Eben dahin zielten nun die Bemühungen des Markgra - fen Johann, dieſen Zwieſpalt zu heben, die beiden ſächſiſchen Linien zu verſöhnen, dem Krieg von Magdeburg ein Ende zu machen: damit nicht , ſagt er, wir Chriſten unſerm eini - gen Haupt Chriſto zur Schmach, uns unter einander mor - den und würgen. 1Was m. gn. Herr Markgr. Hans in entſtandener magde - burgiſcher guͤtlicher Unterhandlung an Herzogk Moritz mit eigener Hand geſchrieben. 1551 27 Merz.Auch nach jener Zuſammenkunft hält er noch für nöthig, Moritz zu ermahnen, daß er ſich ſeiner Verbindung mit den Geiſtlichen, die nur im Blute der Chri - ſten zu baden wünſchen, entſchlage, und Chriſtum mit den211Erſte Entwuͤrfe.Übrigen bekenne. Wenn dieß geſchehen iſt, ſo hofft er alle weltliche Fürſten dieſer öſtlichen und nördlichen Länder, den Herzog von Preußen, die Herzoge von Mecklenburg, Lüne - burg, Pommern, Holſtein, in den von ihm mit Moritz ver - abredeten Bund zu ziehen.

Die erſte Abſicht hiebei war durchaus defenſiver Natur.

In der Obligation welche Moritz dem Markgrafen Hans ausſtellte, verſprach er mit ausdrücklichen Worten, ein Defenſivbündniß einzugehn, zur Erhaltung der Religion und Freiheit der Deutſchen, Gut und Blut dabei aufzuſetzen; ſeine Bedingung war allein, daß ihm Markgraf Hans von ſei - nen Freunden die Verſicherung einer beſtimmten Hülfleiſtung bringe, für den Fall daß er angegriffen werde. 1Handlung zu Dresden bei Langenn II, 331 iſt eine von den heſſiſchen Abgeordneten, ohne Zweifel Simon Bing und Wilhelm von Schachten, aufgeſetztes Protocoll uͤber ein Geſpraͤch mit Chrufuͤrſt Moritz uͤber ſeine Verhandlung mit Markgraf Hans. Die Obliga - tion vom 20 Febr. iſt das officielle Reſultat dieſer Verhandlungen: Herzog Moritz , heißt es darin, will die Religion laut der augs - burgiſchen Confeſſion bekennen, was alſo noch immer zweifelhaft war; will zu erhaltung der Religion und freiheit der Deutſchen ein Defenſiffbuͤndnuß machen. Man hatte den Gedanken, ein Heer von 20000 M. z. F. und 7000 z. Pf. auf - zubringen und mehrere Jahre, oder doch auf Jahr und Tag, auf den Beinen zu erhalten. Ein erſter, wiewohl noch ſehr unentwickelter Gedanke von der Aufſtellung eines ſtehenden Heeres zum Schutze der Religion. Es ſcheint als ſey die Abſicht geweſen, dem Kaiſer Bedingungen zur Sicherung vor allem der Religion vorzulegen und dieſen mit Aufſtellung ei - ner ſo ſtattlichen Mannſchaft Nachdruck zu geben. Man war jedoch hierüber noch nicht zu beſtimmten Entwürfen ge -14*212Neuntes Buch. Sechstes Capitel.langt. Alle Unterredungen von Anfang an laſſen doch auch die Möglichkeit offen, mit eignem Angriff zu Werke zu gehn.

Welchen Weg man aber auch einſchlagen mochte, ſo mußte man ſich eingeſtehn, daß man, bei der Geringfügigkeit der Landeseinkünfte und der allgemeinen Erſchöpfung, ſich nicht ganz auf die eignen Kräfte werde verlaſſen dürfen.

Hatte doch der ſchmalkaldiſche Bund, dem noch die rei - chen Kämmereien der oberdeutſchen Städte zu Gebote ſtan - den, ſich nicht ſo lange als nöthig geweſen wäre, im Felde zu halten vermocht.

Wie nun die Veränderung die in den europäiſchen An - gelegenheiten eintrat, überhaupt Muth zu dem Gedanken machte ſich bewaffnet dem Kaiſer entgegenzuſtellen, ſo er - weckte ſie auch die Hofnung, von den beiden Mächten welche ſich ſchon 1547, nur zu ſpät und insgeheim, geneigt bewie - ſen hatten, jetzt aber in offener Oppoſition gegen den Kai - ſer ſtanden, von Heinrich II in Frankreich und der prote - ſtantiſchen Regierung in England, Unterſtützung und zwar zunächſt in Geld zu erlangen. 1Bedenken, wes man ſich in Handelung gegen den Koͤnig von Engeland zu verhalten ao LI 14 d. Julii. Ob es ſach were, das ſich etliche Churfuͤrſten FF. und andre Stende des h. Reichs, wellichen zuforderſt unſre h. chriſtl. Religion und Lehre des Evan - gelii auch dazu die Freiheit ires Vaterlandes zu erhalten lieb were und derbei zu bleiben neben einander bedacht weren, in ein chriſtlich Verſtendniß einließen, und da ſie perurter zweier urſachen willen mit Gewalt und der That angefochten und uͤberzogen, ſich der pillichen Defenſion gebrauchen und alſo etwas wagen wolten, was alsdann der Koͤnig ꝛc.

Der erſte Gedanke des Widerſtandes war von dieſer Abſicht durchdrungen. Bei der Zuſammenkunft in Dresden äußerte der Markgraf, man werde wohl 100000 G. des213Miſſionen nach dem Ausland.Monats von Frankreich, 50000 von England erlangen kön - nen. Zugleich dachte man auch ſchon daran, wie nützlich es werden könnte, wenn der König von Frankreich den Kai - ſer etwa durch einen Angriff in den Niederlanden beſchäf - tige: dann könne man noch alle Pfaffen und Mönche aus Deutſchland verjagen.

Im Mai 1551 ward eine neue Zuſammenkunft zwi - ſchen Moritz und Johann in Torgau gehalten, an der auch Johann Albert von Mecklenburg und Wilhelm von Heſſen, der älteſte von den jungen Landgrafen, Theil nahmen. Schon ihr Erſcheinen bewies, daß ſie einverſtanden waren. Die vier Fürſten beſchloſſen, ſich unter gemeinſchaftlichem Namen und Siegel an die beiden Höfe zu wenden.

In der Inſtruction die ſie dem nach Frankreich beſtimm - ten Geſandten, Friedrich von Reiffenberg, mitgaben, tritt be - ſonders der politiſche Geſichtspunct hervor. Sie machen darin bemerklich, daß der Kaiſer, ſobald er mit den deut - ſchen Fürſten, die er in eine der Menſchenwürde widerſtre - bende Knechtſchaft1 viehiſche Servitut. zu bringen ſuche, fertig ſey, auch die andern Potentaten und zunächſt Frankreich angreifen werde. Um ihm Widerſtand zu leiſten, gebe es kein Mittel, als ſich mit dem Rücken an einander zu ſtellen. Würde der König ſie jetzt unterſtützen, ſie beſtimmen ſeine Leiſtung auf 100000 Kronen, ſo würden ſie außer andrer vielfältiger Dankbarkeit in Zukunft einem römiſchen Kaiſer auch wider ihn nicht beiſtehn. In aller Form tragen ſie ihm den Wunſch vor, daß er ihnen durch einen Angriff auf Carl von der an - dern Seite her zu Hülfe kommen möge.

214Neuntes Buch. Sechstes Capitel.

Zufällige Hinderniſſe, z. B. die Abweſenheit des ver - trauten Secretärs, oder Zweifel über einen Titel, bewirkten, daß die Sendung nach England ſich bis in den Juli ver - zögerte. Abſichtlich, weil man kein Aufſehen erregen wollte, ward ſie einem unbedeutenden Mann anvertraut. In deſſen Inſtruction aber hoben die Fürſten beſonders den religiöſen Geſichtspunct hervor. Sie forderten Eduard VI, als einen chriſtlichen jungen König, der in der wahren und rechten Re - ligion von Anfang an unterwieſen ſey, auf, ihnen gegen Diejenigen beizuſtehn, von welchen dieſe Religion verfolgt werde, und welche jetzt entſchloſſen ſeyen die evangeliſchen Stände, ſo viel ihrer noch bei der augsburgiſchen Confeſ - ſion verharren, vollends auszurotten. Ganz in dem Maaße, in welchem der König ihnen helfe, ſind ſie erbötig ihn zu unterſtützen, wenn er angegriffen werde. 112000 M. wuͤrden 88000 G., 10000 M. 75666 G., 9000 M. 66000 G., 8000 M. 56666 G. koſten. Die beiden Inſtructio - nen bei Langenn.

Der Geſichtskreis der Verbündeten umfaßte auch das nördliche Europa. Churfürſt Moritz ſetzte ſich mit dem - nig von Dänemark in Verbindung, der zu ſeinem Verdruß mit Guſtav Waſa ſo eben in neue Irrungen gerieth. Mark - graf Johann hielt, da der König von Polen allzu entfernt war um ihn zu erreichen, eine Zuſammenkunft in dieſer Sache mit ſeinem Nachbar, dem Staroſten von Poſen.

Sie ſahen die Macht des Kaiſers als eine allen un - abhängigen Ländern von Europa gleich gefährliche an: daß ſie eine deutſche ſey, kam ihnen nicht zu Sinne.

In Deutſchland ſelbſt lag die größte Schwierigkeit darin,215Miſſionen nach dem Ausland.die Söhne Johann Friedrichs mit Demjenigen in Friede zu ſetzen der ſie der Chur beraubt hatte. Schon bei der Tor - gauer Zuſammenkunft hatte man den Beſchluß gefaßt, wenn ſie auch die Vorſchläge nicht annähmen die man ihnen ma - chen würde, ſich doch dadurch von weiterm Fortſchreiten nicht abhalten zu laſſen, und nur vergeblich bemühte ſich Markgraf Johann noch eine Weile ſie herbeizuziehen; Mo - ritz, in deſſen Briefen überhaupt nichts ſo häufig und ſo dringend eingeſchärft wird wie das Geheimniß, um ſo mehr da ihm Gerüchte vom kaiſerlichen Hofe kamen, man mißtraue ihm dort und hege Beſorgniſſe,1Er erwaͤhnt der Reden am Hof: man ſol auff Herzog Mo - ritz ſehen, wan die Stadt Magtburg erobert, das er nuͤt ein Ge - ſellſchaft an ſich heng und Reiſſ dem kaiſer ein Poßle. fürchtete nur immer, es möchte ſeinen Vettern zu viel mitgetheilt werden, ſo daß ſie ihn verrathen könnten. Er ſeinerſeits hatte für den Erfolg ſein Augenmerk von Anfang an noch mehr auf Frankreich gerichtet als auf Deutſchland. 2 Da wir deſſelben mannes (Heinrichs II) nerva belli nit ſollten haben, ſo acht Ich den Handel bei mir unmuglich. Schrei - ben vom 18 Juni.Mit Freuden vernimmt er, daß ſich nach allen Nachrichten der Bruch zwiſchen Carl V und Heinrich II unvermeidlich zeigt. Jetzt, meint er, werde der König Freunde brauchen und fort müſſen.

Es verſteht ſich wohl, daß ein Antrag wie der von Reiffenberg überbrachte, dem König von Frankreich im höch - ſten Grade willkommen ſeyn mußte. Was er ohnehin zu thun im Begriff war, dazu forderten jetzt deutſche Fürſten ihn auf. Nicht allein eine ſehr erwünſchte und nützliche Hülfe bot ſich ihm damit dar, ſondern auch, da man ihn ſuchte216Neuntes Buch. Sechstes Capitel.und brauchte, die beſte Gelegenheit, ſeine Macht nach der deutſchen Seite hin auszudehnen, wo ſie bisher durch Carls Vorkehrungen und die Gewiſſenhaftigkeit des älteren prote - ſtantiſchen Bundes nur Verluſte erlitten.

Gleich die Antwort welche Reiffenberg mitbrachte, gab dem urſprünglichen Gedanken eine etwas andre Wendung.

Indem ſich der König bereit erklärte auf den ihm ge - ſchehenen Antrag einzugehn, bezeichnete er denſelben ſo, als habe man ihm für den Fall daß er die Waffen gegen den Kaiſer ergreife, ſey es zur Vertheidigung oder zum Angriff, und daß er ſich dabei der Sache des Landgrafen öffentlich annehme, verſprochen, ſich für ihn zu erklären und ihm gute Dienſte zu leiſten. 1Abgedruckt bei Langenn II, 334.

Von dem Defenſivbündniß, auf das man zuerſt gedacht, zu deſſen Ausführung man Hülfe von Frankreich gewünſcht hatte, war hier nur noch im Vorbeigehn die Rede. Statt deſſen trat die Abſicht hervor, gegen den Kaiſer mit deutſcher Hülfe einen großen Krieg zu beginnen.

Oder hatte vielleicht Moritz, der ſchon ſeit längerer Zeit für ſich allein mit Frankreich in geheimen Beziehungen ſtand,2Die erſte Notiz von einer Verbindung zwiſchen Moritz und Heinrich II findet ſich im Juli 1550. Es ſcheint als habe Moritz ſich bald nach der erſten Eroͤffnung Albrechts von Brandenburg an Frankreich gewandt. 29 Juli empfiehlt der Geſandte Marillac einen Italiener als Vermittler. dieſe Wendung durch frühere Äußerungen veranlaßt?

In Kurzem erſchien ein franzöſiſcher Geſandte de Freſſe, Biſchof von Bayonne, in Deutſchland, der ſich in demſel - ben Sinne erklärte. Bei einer Zuſammenkunft, im Anfang217Unterhandlung mit Frankreich.October in Lochau, brachte Markgraf Hans ſeine Defenſions - gedanken nochmals vor. Der Geſandte ſagte wohl, auf dieſe Weiſe werde die Scheuer der deutſchen Fürſten um - friedet, die Umfriedung des Königs von Frankreich zu ſei - nem alleinigen Schaden zerriſſen. Er wollte nur von ei - nem Offenſivbündniß hören, und drang auf ſofortige un - umwundene Erklärung darüber, damit man in Frankreich Beſchluß faſſen könne, wie der Krieg im nächſten Frühjahr zu führen ſey.

Und hiebei kam ihm die Meinung derjenigen von den fürſtlichen Räthen entgegen welche bisher das Geheimniß dieſer Geſchäfte getheilt oder vielmehr ſie geleitet hatten. Mit Heideck war ein Mann in ſächſiſche Dienſte getreten, der als Canzler deſſelben bezeichnet wird und ſpäter als ſächſiſcher Amtmann erſcheint, Chriſtoph Arnold, der an die - ſen Dingen den größten Antheil hatte. Er hauptſächlich hat die Herſtellung eines guten Vernehmens zwiſchen Mo - ritz und Markgraf Hans vermittelt, die Unterhandlungen mit dem weimariſchen Hofe veranlaßt; er beſorgte die ge - heime Correſpondenz: jene Inſtruction nach England konnte darum nicht ausgefertigt werden, weil er, doch wieder in eben dieſen Geſchäften, abweſend war. Von Arnold liegt ein Gutachten bei den Acten, in welchem er auf entſcheidende Maaßregeln dringt. Jetzt ſey die Zeit gekommen, wo man das Haus Öſtreich, beſonders aber den Kaiſer in ſeinem Herzen angreifen müſſe; zunächſt auf die Niederlande, den Sitz ſeiner Macht, müſſe man losgehn, bis man ſeine Größe gebrochen; und auf keine Weiſe dürfe man ſeine Anhänger in Deutſchland dulden; gebe es Leute die nicht von ihm218Neuntes Buch. Sechstes Capitel.zu trennen, nicht für den Bund zu gewinnen ſeyen, die müſſe man mit aller Gewalt verfolgen und ausrotten.

Der nemlichen Überzeugung war der heſſiſche Bevoll - mächtigte, Simon Bing, der den franzöſiſchen Geſandten mitgebracht: er legte einen Entwurf eines Offenſivvertrages vor, in dem ſich zuweilen nahe die Worte des Arnoldiſchen Gutachtens wiederfinden.

Markgraf Hans, von Natur hartnäckig bis zum Eigen - ſinn und hier in ſeinem Rechte, wollte ſich ſeinen urſprüng - lichen Gedanken nicht ſo ganz umgeſtalten laſſen. Es kam darüber zu Mißverſtändniſſen, zu einem Wortwechſel ſelbſt bei Tafel. Du ſollſt , ſagte ihm Moritz, nicht immer regieren wollen, du ſollſt mir nicht Fickfack machen. Mark - graf Hans hielt fürs Beſte ſich auf der Stelle zu entfernen: noch denſelben Abend, bei Fackelſchein, ritt er ab. 1In einem Schreiben Heidecks an Albrecht 29 Januar 1552 wird dieß dem Markgrafen ſehr zum Vorwurf gemacht. Wo S. Gn. zuvor entſchloſſen oder bedacht geweſen, one Mittel bei der De - fenſion zu verharren und ſich in kein lauter Offenſion zu begeben, ſo ſollte man mit dem Koͤnig ſo weit zu unterhandeln unterlaſ - ſen haben.

Dagegen gieng ſein Neffe, Johann Albert von Meck - lenburg auf die neuen Entwürfe ſo gut ein wie auf die früheren. Die jungen Landgrafen und Moritz theilten längſt die Anſicht ihrer Räthe. Sie wollten nicht in den Feh - ler des ſchmalkaldiſchen Bundes fallen, der ſich hatte iſoli - ren laſſen, und dadurch vernichtet worden war. Sie wuß - ten ſehr wohl, wie der Feind, den ſie anzugreifen gedach - ten, ihnen ohne Vergleich an Kraft überlegen, wie klug und kriegserfahren er ſey. Sie ſahen ihr Heil nur darin, daß es gelinge, ihn unvermuthet, von allen Seiten zu überraſchen.

219Unterhandlung mit Frankreich.

Nun kam es nur auf die Bedingungen an, über die man ſich mit dem König von Frankreich verſtehn würde.

Die deutſchen Fürſten forderten eine Subſidie von 100000 Kronen des Monats: der König antwortete ihnen dafür mit zwei Gegenforderungen, welche univerſalhiſtoriſch wichtig geworden ſind.

Einmal: er verlangte das Zugeſtändniß, daß er ſich der zum Reiche, aber der franzöſiſchen Zunge gehörigen Städte Metz, Toul, Verdun und Cambrai bemächtigen könne, nicht allein um ſie dem gemeinſchaftlichen Feind zu entreißen oder vor ihm zu beſchützen, ſondern auch um ſie als Reichsvicar inne zu haben.

Sodann jedoch erſt etwas ſpäter kam der franzöſi - ſche Geſandte mit der Bemerkung hervor, der Kaiſer habe nur darum die hohe Geiſtlichkeit auf ſeiner Seite, weil dieſe von einem Emporkommen ſeiner Gegner, der Proteſtanten, ihr Verderben fürchte. Er forderte für ſeinen König die Be - fugniß, die geiſtlichen Fürſten in ſeinen Schutz zu nehmen, wie er mit ihnen Eines Glaubens ſey.

Vorſchläge, die uns einen Blick in die Pläne eröffnen, welche die Franzoſen auf Eroberungen über das Reich und einen durchgreifenden Einfluß innerhalb deſſelben hegten.

Dahin war es gekommen, daß man nur die Wahl zwi - ſchen zwei harten Nothwendigkeiten hatte: entweder den Kai - ſer ſeine Entwürfe vollenden zu laſſen, was die Cabinets - regierung deſſelben wie das Interim befeſtigt, eine concen - trirte weltlich-geiſtliche Gewalt einem Prinzen, der trotz al - ler abſichtlichen Näherung doch immer als ein Fremder er - ſchien, überliefert, und die freie Entwickelung der Nation auf220Neuntes Buch. Sechstes Capitel.ſpäte Generationen gehemmt hätte: oder ſich dem Neben - buhler des Kaiſers anzuſchließen, der doch ſelber noch mehr ein Ausländer war, und Abſichten auf einen Einfluß kund gab, bei dem die politiſche Selbſtändigkeit der Nation im höchſten Grade hätte gefährdet werden müſſen.

Es traten beinahe Erwägungen ein, wie damals als es zweifelhaft war, ob Carl V oder Franz I zum Kaiſer ge - wählt werden ſolle.

Aber der Unterſchied lag darin, daß man Carln V kennen gelernt, in Erfahrung gebracht hatte, wozu die höchſte Gewalt in dieſen Händen führen mußte, jetzt nichts mehr wünſchte als ſich ſeiner Übermacht wieder zu entledigen, und daß man dagegen dem König weder das Kaiſerthum übergab, wenn man es ihm gleich in der Ferne zeigte, noch jenen Einfluß zugeſtand.

Hatten aber die Fürſten nicht Pflichten gegen den Kai - ſer? war ihm nicht überdieß Moritz durch die Bande der Dankbarkeit höher als vielleicht irgend ein andrer Fürſt im Reiche verbunden?

Wenn man ihn kannte, ſo durfte man wohl nicht er - warten, daß er hierauf viel Rückſicht nehmen würde.

Gleich ſeinen alten Vater hat Moritz durch eine allzu frühe, ohne deſſen Einwilligung vollzogene Vermählung höchſt unglücklich gemacht, ſo daß man fürchtete, dieſer möchte aus ſolch hohem gefaßten Harm an ſeinem Leben Schaden neh - men. Und dieſe ſeine junge Gemahlin hat dann doch wohl auch einmal die Klage geführt, er habe die Wild-Schweins - jagd lieber als ihre Geſellſchaft.

Wir kennen die Verdienſte Johann Friedrichs um Hein - rich den Frommen, und wie er dann bei dem Tode deſſelben221Moritz.dafür ſorgte, daß die Lande ungetheilt an Moritz gelang - ten. Dem zum Trotz, und zwar wohl deshalb weil man es ihn ein wenig fühlen ließ, konnte ihn Moritz nicht lei - den: wie er ſich gröblich ausdrückte, den dicken Hoffart. Wie lange hätte es dauern können, beſonders bei der Lei - besbeſchaffenheit Johann Friedrichs, die ihm kein langes Leben verhieß, ſo hätte Moritz mit ſeinem Schwiegervater die Leitung der evangeliſchen Angelegenheiten in die Hände bekommen. Allein ihn zogen bei weitem mehr die gegen - wärtigen Vortheile an, die ihm der Kaiſer anbot: er ge - wann es über ſich, von dem ganzen politiſch-religiöſen Sy - ſtem abzufallen dem er angehörte: es hielt ihn nicht zurück, daß ſein Schwiegervater in denſelben Ruin gezogen ward, den er dem Vetter bereitete.

Iſt es nun aber nicht der gewöhnliche Lauf der Dinge, daß Derjenige, der einem Dritten zu Gunſten die Treue brach, ſie auch dieſem nicht hält?

Zur Entſchuldigung von Moritz iſt von jeher Viel ge - ſagt worden und läßt ſich wirklich Mancherlei ſagen. Ge - wiß aber hatte er durch ſein bisheriges Verhalten nicht zu der Meinung berechtigt, als werde er ſich durch Rückſicht auf empfangene Wohlthaten die er ja überdieß durch entſcheidende Hülfe vergolten abhalten laſſen dasjenige zu thun, wozu ſein Vortheil ihn einlud.

Wenn man ſein tägliches Thun und Laſſen anſah, ſo meinte man wohl, nur das Vergnügen des Tages habe Reiz für ihn, die Wildbahn in den dichten Gehölzen von Radeberg und Lohmen und in der erweiterten Dresdner Forſt, oder die Freuden der Faſtnacht, die Ritterſpiele, in222Neuntes Buch. Sechstes Capitel.denen er, denn er war ſehr ſtark und gewandt, gewöhnlich das Beſte that, oder das luſtige Leben auf den Reichstagen und die ſich daran knüpfenden Beſuche an fremden Höfen, wo er gern mit ſchönen Frauen Kundſchaft machte, oder die Trinkgelage, bei denen er es auch den Meiſten zuvorthat. 1So ſahen ihn auch die Italiener an.Kaiſer Carl glaubte, Der vermöge am meiſten bei ihm, wer ihm darin Vorſchub thue.

Allein hinter dieſem leichtfertigen Weſen barg ſich ein tiefer Ernſt.

Der männliche Muth den er vor dem Feinde bewies und der ihm früh einen Namen machte, zeigte zuerſt daß er kein gewöhnlicher Menſch war. Dann aber muß man ihn in ſeinem Lande beobachten, wie er das ganze Re - gierungsweſen umbildet, und ihm in dem Mittelpunct eine ſtärkere Haltung giebt, wie er die großen Vaſallen die An - ſpruch auf Reichsunmittelbarkeit machen, den Ordnungen des berainten und bezirkten Territoriums, das keine Aus - nahme zuläßt, unterwirft, dafür ſorgt daß die Unterthanen Recht und Frieden und eine gewiſſe Gleichheit der Behand - lung genießen: wie er ferner das Syſtem der Schulen grün - det das dieſem Lande eine ſo eigenthümlich alle Claſſen durchdringende Cultur verſchafft hat. Er zeigt eine ſehr be - merkenswürdige Gabe ſowohl für das Ergreifen politiſcher Gedanken als für ihre Ausführung. Er bekümmert ſich um das Kleinſte wie um das Große. Aus dem Feldlager fragt er ſeine Gemahlin, wie es in ihrem Vorwerk ſtehe; er ſchilt darüber, daß man den Knaben in ſeiner neuen Land - ſchule zu Pforte brandiges trübes Bier zu trinken gebe.

223Moritz.

In der Regel hielt er ſich leutſelig. Zwar gerieth er leicht in Zorn; man bemerkte aber daß er den Beleidig - ten dann wieder durch irgend einen Gnadenbeweis zu feſ - ſeln ſuche.

Die religiöſe Richtung ſeines Jahrhunderts hatte auf ihn, ſo viel ich ſehe, weniger beherrſchenden Einfluß als vielleicht auf irgend einen andern fürſtlichen Zeitgenoſſen. In ſeinen Briefen gedenkt er des allmächtigen Gottes, des ge - rechten Gottes, der alles wohl machen werde: tiefer geht er nicht; er ſcherzt wohl ſelbſt darüber, daß er wenig bete.

Allgemeine große Ideen von weltgeſtaltendem Inhalt, wie ſie der Kaiſer hegte, finde ich nicht in ihm; deſto ſchär - fer aber faßt er das Näher-liegende, bringe es nun Gefahr oder Vortheil, ins Auge; unaufhörlich arbeitet ſeine Seele an geheimen Plänen.

Er iſt dafür bekannt daß er verſchwiegen iſt: er ſagt einmal ſelbſt, man wiſſe daß ihm der Schnabel nicht lang gewachſen, es wäre denn indem er dieß ſchreibe. Geht er ja mit ſeinen Gedanken heraus, ſo fängt er wohl damit an, das Entgegengeſetzte von dem was er wünſcht vorzu - ſchlagen, z. B. im Geſpräch mit dem Markgrafen die Be - freiung ſeines Vetters Johann Friedrich, an der ihm nichts liegt, nur damit dieſer ſelbſt die Befreiung des Landgrafen zur Sprache bringe, die er zu bewirken wünſcht. An Brie - fen liegt ihm wenig: ein Geſpräch iſt beſſer als viel be - ſchriebenes Papier. Niemals hat er große Eile: ein paar Monat mehr kümmern ihn wenig, wenn die Sache nur gründlich vorbereitet wird und verborgen bleibt. Seine - the beklagten ſich nicht mit Unrecht, daß unter Johann224Neuntes Buch. Sechstes Capitel.Friedrich ſelbſt im Felde die Canzleien regelmäßiger beſorgt, beſſer berückſichtigt worden ſeyen als unter Moritz. Das machte: Johann Friedrich hatte in der Regelmäßigkeit der Verhandlungen wirklich die Summe der Geſchäfte geſehen. Moritz dagegen trieb das Wichtigſte insgeheim, mit einem oder dem andern vertrauten Secretär, während die übrigen Räthe, die auch in ſeinem Vertrauen zu ſeyn glaubten, und es bis auf einen gewiſſen Grad waren, in ihrem einmal ein - geſchlagenen Gange blieben, ohne eine Ahnung von den Dingen zu haben die ihr Herr eigentlich im Schilde führte. Wichtige Briefſchaften auch nur etwa durch Zufall in ihre Hände kommen zu laſſen hütet er ſich ſorgfältig: er ſchickt ſie an ſeine Gemahlin, die ſie in ihrer Truhe wohlpetſchiert aufbewahren ſoll:1Brief nr 12 bei Arndt, Nonnulla de ingenio et moribus Mauritii 1806. ſie kannte ihn genug, um ſich nicht daran zu vergreifen. Es giebt eine Art praktiſcher Zweizün - gigkeit, in der er ſo weit als möglich gieng. Im Februar 1551 hatte er ſich verpflichtet das Concilium nicht anzuer - kennen, und war entſchloſſen dazu: im Februar 1552 war der gute Melanchthon noch unterwegs in keiner andern Mei - nung, als er werde ſich nach Trient verfügen müſſen.

Damals nun hatte Moritz eine ganz entſchiedene Rich - tung zum Bündniß mit den Franzoſen und gegen den Kai - ſer genommen: er war nicht der Meinung, vor einer Forde - rung die Frankreich machen konnte, zurückzuweichen, wofern ſie nur nicht dem Zwecke ſelber entgegenlief.

Es mochte hinzukommen, daß der König von England den Antrag, der ihm nunmehr auch geſchehen war, mit weit -225Unterhandlung mit Frankreich.läuftigen Anfragen über die Namen der verbündeten Fürſten und die Sicherheit die ihm dafür angeboten werden könne, beantwortete, überhaupt eine große Bedenklichkeit kund gab, mit dem Kaiſer zu brechen. 1K. Edwards Journal bei Burnet I, p. 40.

Auch konnte dem Churfürſten an einem Defenſivbünd - niß überhaupt nichts mehr liegen. Ein großer Schlag, gut vorbereitet und plötzlich mit aller Kraft geführt, das war ſeine Politik.

In ſeinen Briefen findet ſich nicht der Schatten eines Scrupels über die Rechtmäßigkeit ſeines Verfahrens. Eher blickt ein gewiſſes Vergnügen durch, daß er ihn angreifen wird und vielleicht niederwerfen, den alten Sieger, der ſie alle in Zaum hält. 2Moritz an Markgraf Hans 13 Aug. 1551. ich hab gut hofnung zu unſerm Handel: wir wollen dem Bock recht an die Ho - den greifen.

Und ſo entſchloß er ſich, wozu man auch auf der Seite der Landgrafen ſehr geneigt war, von jenen Forderungen des Königs die erſte anzunehmen.

Er willigte damit nicht in eine Losreißung der drei Städte vom Reich, deſſen Rechte er vielmehr ausdrücklich vorbehielt: der König ſollte dieſelben beſetzen und inne be - halten, aber nur als Reichsvicar, wozu man ihn befördern wolle. Das Unvaterländiſche dieſes Zugeſtändniſſes entſchul - digte man damit, daß auch der Kaiſer, der ſich bereits Cam - brays, Utrechts und Lüttichs bemächtigt habe, ähnliche Ab - ſichten auf die drei übrigen Städte hege, wodurch ſie dann auch dem Reiche wenigſtens nicht minder entfremdet würden.

Ranke D. Geſch. V. 15226Neuntes Buch. Sechstes Capitel.

Dazu aber, dem König den Schutz über die geiſtlichen Fürſtenthümer anzuvertrauen, ließ Moritz ſich nicht bewegen.

In dem Entwurfe des Vertrages hieß es: daß die Fürſten Diejenigen, welche ſich ihnen widerſetzen oder auch nur nicht anſchließen würden, für dieſe Treuloſigkeit gegen das gemeine Vaterland mit Feuer und Schwert zu verfol - gen geſonnen ſeyen. Eben gegen dieſen Artikel waren die Einwendungen der Franzoſen und ihre Schutzvorſchläge ge - richtet. Da der Geſandte ſah, daß er damit ſo im Ganzen nicht durchdringen werde, ſo wollte er wenigſtens Diejeni - gen, die ſich nur nicht anſchließen würden, vor jener Gefahr ſichern. Aber die Fürſten gaben weder das eine noch das andre nach. Sie wollten ſich bei ihrer Unternehmung nicht ſchon von Anfang Hinderniſſe ſchaffen, ihre Widerſacher nicht mit ihren Verbündeten in Verhältniß ſetzen. Der Geſandte mußte davon abſtehn.

Seinerſeits erkannte der König die Erwerbungen an, welche Moritz im letzten Kriege gemacht, und verſprach nach einigem Hin und Herhandeln über die Summe auf die Dauer des Krieges monatlich 60000 Ecus, für die drei Monate aber, die bis zu dem Beginn deſſelben verlaufen ſeyn würden, 240000 zu zahlen, die denn zur Vorbereitung des Unternehmens unentbehrlich waren.

Markgraf Albrecht von Brandenburg-Culmbach fand es nicht rathſam, in dieſen Bund als eigentliches Mitglied deſſelben einzutreten: ein freies, durch eigenthümliche Ver - träge nach beiden Seiten geſichertes Verhältniß ſchien ihm beſſer. Aber wie er wohl der Erſte geweſen, der den Ge - danken einer Vereinigung wie dieſe überhaupt gefaßt hatte,227Unterhandlung mit Frankreich.ſo ließ er ſich auch keine Mühe verdrießen ſie vollkommen zu Stande zu bringen. Gegen Ende 1551, Anfang 1552 finden wir ihn in Perſon am franzöſiſchen Hofe, wo ihn Schärtlin einführte. Er trug den Namen Paul von Bi - berach und gab ſich für einen der Hauptleute dieſes Kriegs - oberſten aus. Schon genug daß ihn der König als den ſehr hohen und mächtigen Fürſten, ſeinen theuren Vetter Albrecht von Brandenburg erkannte. Nachdem alle Schwie - rigkeiten vollends beſeitigt, beſonders die Geldſachen abge - macht waren, unterzeichnete und beſchwur der König den Bund am 15ten Januar auf dem Jagdſchloß Chambord in Gegenwart des Markgrafen. Der Markgraf beſchwur ihn im Namen der deutſchen Fürſten. 1Urkunde bei Du Mont IV, iii, 33. Schaͤrtlin, der ſonſt hier gut unterrichtet iſt, giebt den 2ten Februar an.

So geſchah nun doch, was zu verhüten Carl V ſeit ſeiner Wahl ſo viel ängſtliche Sorge getragen: deutſche Für - ſten vereinigten ſich mit dem König von Frankreich, und zwar in der entſchiedenſten Feindſeligkeit gegen ihn, zu einem großen Krieg, zum offenen Angriff.

Ohne Zögern rüſteten beide Theile, um ſo bald wie möglich aufzukommen.

Moritz hatte den unſchätzbaren Vortheil, daß er die Waffen vor Magdeburg in der Hand hielt.

Auch nach jenem erſten Zwiegeſpräch mit Markgraf Johann ſetzte er die Belagerung fort: noch immer gab es Scharmützel, noch mehr als einmal floß Blut. Der Mark - graf ermahnte den Churfürſten wohl, den Schein nicht zu weit zu treiben, aber auch er war dagegen, demſelben ſofort15*228Neuntes Buch. Sechstes Capitel.ein Ende zu machen und die Aufhebung der Belagerung allzu ſehr zu beſchleunigen. 1Schreiben vom 4ten Juni: aus allerhand Bedenken die ſich nicht wollen ſchreiben laſſen.

Erſt nachdem ſichere Botſchaft aus Frankreich gekom - men, Ende Auguſt, ward eine ernſtliche Unterhandlung mit Magdeburg begonnen.

Moritz hielt an den früheren Vorſchlägen feſt, welche im Weſentlichen dieſelben ſind, die den oberländiſchen Städ - ten gemacht worden, allein er ließ ſich zu Erläuterungen herbei, die wohl das Außerordentlichſte ſeyn mögen, was unter dieſem Titel jemals vorgekommen iſt.

Der Kaiſer hatte gefordert, die Stadt ſolle ſich auf Gnade und Ungnade ergeben: Moritz erläuterte dieß dahin: wenn ſie die Capitulation annehme, ſolle alle Ungnade fal - len, auch kein Prädicant davon betroffen werden. Der Kai - ſer hatte ferner Vollziehung der letzten Reichsabſchiede und alles deſſen was er zum Frieden des Reiches anordnen werde, zur Bedingung gemacht: Moritz erklärte, daß ſich dieß nur auf weltliche Angelegenheiten beziehen ſolle. 2Capitulation bei Merckel Hortleder II, iv, xix, nr 231. Es iſt aber zu merken, daß Moritz dieſe Capitulation dem Kaiſer niemals vorgelegt hat. In einem Schreiben vom 22 Maͤrz 1552 klagt Carl V daruͤber keine Auskunft geben zu koͤnnen, pour ne nous avoir led. duc Mauris jusqu’à ores envoyé la capitulation.

Heideck und Arnold waren oft in der Stadt: Moritz verpflichtete ſich mündlich, alles heilig zu halten was Heideck insgeheim verabreden werde. 3Rathmann III, 591.Wir können nicht ſagen, wie weit deſſen Eröffnungen giengen: ſo viel aber ſahen die Magdeburger wohl, daß ſie ſich ohne Gefahr für ihre Re -229Magdeburger Capitulation.ligion auch derjenigen Bedingung fügen konnten die ihnen früher die widerwärtigſte geweſen war: der Aufnahme einer ſächſiſchen Beſatzung.

Nachdem dergeſtalt die Capitulation angenommen wor - den, ritt der Churfürſt am 9ten Nov., begleitet von dem kai - ſerlichen Commiſſarius Schwendi und einer ſtattlichen Schaar von Fürſten, Herrn und Räthen, in Magdeburg ein. Bei dem Denkmal Ottos des Großen kamen ihm die drei Räthe, die Ordnungsmeiſter, hundert Mannen der Stadt, ſammt ganzer Gemeine, entgegen um ihm die Huldigung zu leiſten. Der ſächſiſche Canzler eröffnete den Act mit einer Auffor - derung hiezu, nachdem , ſagte er, die Stadt ſich nun - mehr ergeben. Der Bürgermeiſter Levin von Emden fiel ihm ins Wort: vertragen und nicht ergeben. Der Chur - fürſt ſagte: es iſt vertragen: ſo ſoll es auch bleiben. Hierauf leiſtete ihm die Bürgerſchaft den Eid, bei Gott und ſeinem heiligen Worte.

Man wird Moritz nicht zutrauen, daß er für die Er - weiterung ſeiner Macht, die hierin lag, gleichgültig geweſen ſey; er ward nun, was er ſo dringend gewünſcht, als Burg - graf von Magdeburg anerkannt; in ſofern wenigſtens, als dieß zu erreichen war, hatte er die Belagerung gewiß ernſt - lich gemeint. Aber die Hauptſache war doch immer, daß er eine ſo anſehnliche Truppenſchaar ſo lange an der Hand behalten hatte. Auch jetzt löſte ſie ſich noch nicht auf, da ſie noch nicht ihre vollſtändige Bezahlung empfangen. Der Reichszahlmeiſter Wolf Haller gab ſich alle mögliche Mühe, Anleihen auf den demnächſt einzubringenden Reichs - vorrath denn der eingebrachte war bereits erſchöpft 230Neuntes Buch. Sechstes Capitel.bei Ständen und Städten abzuſchließen; allein er fand nicht viel Gehör, und es gieng ſehr langſam. Indeſſen behielt Moritz Zeit, die Hauptleute für ſich beſprechen zu laſſen, wozu er ſich des nunmehr wieder befreiten Georg von Meck - lenburg bediente, der den Namen dazu hergab, und alles zum Feldzug vorzubereiten.

Im Laufe des Februar ward den ſächſiſchen Landſtän - den zu Torgau, den heſſiſchen zu Caſſel das Kriegsvorhaben der beiden Fürſten zu dem Zweck den gefangenen Landgra - fen zu befreien unumwunden eröffnet. Die ſächſiſchen mahn - ten ihren Herrn geradezu ab, wie man denken kann ohne Erfolg. Die heſſiſchen waren nicht insgeſammt erſchienen: die anweſenden jedoch verſprachen ihren Beiſtand: die Städte eine nicht unbedeutende Steuer, die Edelleute, ihr Blut für den Fürſten zu wagen. 1Rommel I, 547.

Indeſſen erklärte auch Heinrich II in voller Sitzung ſeines Parlaments, daß er ſich an Denjenigen zu rächen ge - denke, der durch Thaten, ſeinem Worte entgegen, gezeigt habe, daß er ſein, des Königs, Todfeind ſey, und traf Anord - nung für die Regierung in ſeiner Abweſenheit. 2Discours du roi fait au parlement bei Ribier II, 376, doch iſt das Datum 12 Jan. wohl ohne Zweifel falſch: bei Belleforeſt heißt es: Dès le mois de Mars le roy alla prendre congé de sa cours de parlement

Merkwürdigerweiſe ward ſein Unternehmen ihm, wenn nicht allein, doch vornehmlich durch die Beiſteuer möglich, zu der ſich damals ſein Clerus entſchloß, um eine von Franz I eingeführte Beſchränkung ſeiner Jurisdiction wieder los zu werden.

231Kriegszug gegen Carl V.

Schon langten die Landsknechte aus Deutſchland an, welche Schärtlin, Reckerode und der Rheingraf geworben, drei große Regimenter; aus Italien die alten Fahnen, die bisher den Krieg in Piemont mit vielem Ruhme geführt; zugleich erfüllte ſich ganz Frankreich mit eignen Rüſtungen.

Der urſprüngliche Plan der deutſchen Fürſten war, auf den Kaiſer, wo er ſich auch aufhalten möge, unverweilt los - zugehn und durch irgend einen großen Schlag ihm ſeine Re - putation in Deutſchland zu entreißen. Was die Franzoſen dabei thun, ob ſie in Italien mit einem großen Heere vor - rücken oder lieber dieſſeit der Berge nur hauptſächlich die niederländiſchen Kräfte des Kaiſers beſchäftigen ſollten, lie - ßen die Deutſchen unentſchieden. Der König wählte, mit ſeiner ganzen Macht von der Champagne her gegen den Oberrhein vorzudringen: wie er ſagte, damit nicht etwa der Kaiſer die zu ſchwachen Kräfte der Fürſten erdrücke, ohne Zweifel auch darum, um die Landſchaften und Städte in Beſitz zu nehmen, welche er zu erwerben gedachte. Gern ließen ſich dieß die deutſchen Fürſten gefallen. Um ſo eher konnten ſie hoffen, was ſie vor allem im Sinne hatten, dem Kaiſer ſelber mit überlegner Macht beizukommen. Von ihnen rührte der Gedanke her, ohne langen Verzug, ſchon im März, im Felde zu erſcheinen.

Anfang dieſes Monats ſammelten ſich die heſſiſchen Völker bei Kirchhain. Sie begannen ihr Unternehmen da - mit, daß ſie eine neue Zollſtätte niederriſſen und das main - ziſche Amöneburg zur Auslieferung des daſelbſt befindlichen ſchweren Geſchützes nöthigten. Mitte März finden wir den Landgrafen Wilhelm ſchon mit einem anſehnlichen Haufen,232Neuntes Buch. Sechstes Capitel.nicht ohne den franzöſiſchen Geſandten, vor Frankfurt, in der Hofnung dieſe mächtige Reichsſtadt gleichſam durch eine Überraſchung ihrer proteſtantiſchen Sympathien mit ſich fort - zureißen: da es vergeblich war, nahm er ſeinen Weg die große Straße nach Fulda hin, und überſtieg den Rhön, um ſich hier mit dem Churfürſten zu verbinden.

Auch deſſen Truppen hatten indeß einen Verſuch auf Erfurt gemacht, der aber ebenfalls mißlang;1Arnold Vita Mauritii, 1234. Militum proterviam Mauri - tius molestam sibi esse fingebat sed si oppido potiti fuissent milites, dubio procul neque Caesari neque cuiquam alteri illud restituisset. den Nachwin - ter hatten ſie in Mühlhauſen und Nordhauſen gehalten, je - doch mit nichten, wie Spangenberg ſich ausdrückt, zu From - men und Freuden der Bürger: immer noch neue Lands - knechtſchaaren waren ihnen zugelaufen; jetzt endlich that ſich ihnen der wahre Kriegsherr öffentlich kund: Churfürſt Mo - ritz erſchien bei ihnen in den Erfurter Gerichten, und führte ſie über den Thüringerwald nach Franken.

Hier hatte Markgraf Albrecht einen dritten Haufen ver - ſammelt.

Die drei Haufen vereinigten ſich bei Rothenburg an der Tauber, und ſchlugen nun, ohne einen Augenblick zu ver - ziehen, die Straße nach Augsburg ein.

Eben in der Eroberung dieſer Stadt, wo der Kaiſer ſo oft Reichstag gehalten, überhaupt ſeine Macht am ſtärk - ſten entwickelt hatte, die in mancher Beziehung als der Mit - telpunct des Reiches erſchien, ſahen die Fürſten den großen Schlag welcher die Reputation des Kaiſers vernichten ſollte. 233Kriegszug gegen Carl V. Man hat behauptet, es ſeyen ihnen hier ſchon aus der Ferne Verſtändniſſe angeknüpft geweſen. Aber bei weitem mehr kam ihnen zu Statten, daß man in Augsburg am meiſten den weltlichen und geiſtlichen Druck des ſpaniſchen Regiments empfunden und ſich mit einer nationalen Antipa - thie gegen den Kaiſer erfüllt hatte. Der Biſchof von Ar - ras ſollte erfahren, daß die Prediger doch nicht ſo leicht vergeſſen waren. Bei der Aufregung welche die Nähe der Verbündeten und ihre Aufforderung, die ganz im Sinne der Einwohner war, verurſachten, konnte der Rath nicht verwei - gern die Gemeinde zu berufen; dieſe erklärte: ſie wolle we - der Krieg noch Belagerung. Am 4ten April verließ die bis - herige Beſatzung mit ihren rothen Feldzeichen Augsburg; zwei Stunden darauf rückten durch daſſelbe Thor die ver - bündeten Truppen mit ihren weißen Kreuzen ein. Churfürſt Moritz nahm Wohnung bei dem alten Bürgermeiſter Herbrot, den der Kaiſer als ſeinen vornehmſten Feind betrachtete. 1Gaſſarus bei Mencken I, 1867.

Und indem waren nun auch die Franzoſen im Felde erſchienen. Der erſte Gebrauch den ſie von ihrem Über - gewicht in den Waffen dieß Mal machten, beſtand darin, daß ſie die Herzogin Chriſtine von Lothringen, eine Nichte des Kaiſers, welche an der Verwaltung des Landes großen Antheil hatte, mit Beiſtimmung der Stände davon entfernten, ſie nöthigten ihnen ihren jungen Sohn auszuliefern und eine Regierung nach ihrem eignen Gutdünken einrichteten. Indeſ - ſen hatte ſich der Connetable Montmorency gegen Metz ge - wendet. Wir haben ſchon oben bemerkt, daß die Partei welche dort die Regungen des Proteſtantismus unterdrückt234Neuntes Buch. Sechstes Capitel.hatte, zugleich franzöſiſch geſinnt war. Wäre in Metz die evangeliſche Meinung durchgedrungen, ſo würde es ſich viel - leicht den Franzoſen eben ſo gut widerſetzt haben, wie Straß - burg dieß that. Aber jetzt hatten Dieſe mehrere Mitglieder im Rath und die hohe Geiſtlichkeit auf ihrer Seite: durch den Biſchof der Stadt, Cardinal Lenoncourt, geſchah daß der Connetable aufgenommen ward und die Stadt in fran - zöſiſche Hände übergieng.

In dem Bezeigen Heinrichs II erſcheinen die ſchroffſten Widerſprüche. Er kannte ſehr wohl das religiöſe Motiv der proteſtantiſchen Fürſten: aber er war nicht ausgezogen, ohne erſt von den Märtyrern Ruſticus und Eleutherius, und St. Dionyſius, dem eigenſten Heiligen des allerchriſtlichſten katholiſchen Königthums, Abſchied genommen zu haben. Er nahm die Grenzlande der deutſchen Nation in Beſitz und nöthigte ihnen ſeinen Willen auf, wie er denn die Verfaſ - ſung der Stadt Metz auf der Stelle weſentlich veränderte: und in demſelben Augenblick proclamirte er ſich als den Ver - fechter der deutſchen Freiheit.

Indem dieſe Bewegungen ſich erheben, ſuchen unſre Au - gen unwillkührlich den Kaiſer, gegen den ſie gerichtet ſind.

Er war noch in Insbruck, mit ſeinen conciliaren und dynaſtiſchen Entwürfen auf eine Weiſe beſchäftigt daß er für nichts andres Sinn zu haben ſchien. Eben in dieſer Zeit meinte er dem Concil zu Trient die Richtung zu ge - ben, welche er demſelben von jeher zu geben beabſichtigt hatte; er hoffte außer den drei Churfürſten am Concil auch die drei andern in Kurzem in ſeiner Nähe anlangen zu ſe - hen, um die Succeſſionsſache mit ihnen zu Ende zu bringen. 235Kriegszug gegen Carl V. So eben war ein neuer Verſuch auf König Maximilian gemacht worden. Indem er dieſe idealen Abſichten verfolgte und nur ſo viel als unbedingt nothwendig war, dafür that um den Feindſeligkeiten der Franzoſen, die er in den Nie - derlanden und in Italien erwartete, daſelbſt zu begegnen, bemerkte er nicht, was in Deutſchland gegen ihn vorberei - tet ward. Es fehlte ihm nicht an Warnungen. Sogar der franzöſiſche Geſandte hat dem Hof einmal von einer Con - ſpiration geſagt, von der er höre, wahrſcheinlich nur, um denſelben auf eine falſche Spur zu leiten, die dann Arras verfolgte, natürlich ohne etwas zu entdecken. Vielen An - dern war die Verbindung der Franzoſen mit Moritz längſt kein Geheimniß mehr. In der Relation eines veneziani - ſchen Geſandten iſt derſelben ſchon im Jahr 1550, unmit - telbar nachdem ſie begonnen hatte, und, wie wir aus den Depeſchen Marillacs ſehen, auch ganz richtig gedacht wor - den. Gegen Ausgang 1551 war es ein ganz allgemeines Gerücht, das die kleinſten Höfe oder Provinzialregierungen kennen. Auf den Kaiſer machte es keinen Eindruck: er ant - wortete, man〈…〉〈…〉 rde ſich nicht von jedem Winde bewegen laſſen. Gab ihm doch Schwendi fortwährend über die Stim - mung und die Abſichten des Churfürſten ganz günſtigen Be - richt: einer von deſſen vornehmſten Räthen, Franz Kram, erſchien in Insbruck und meldete, ſein Herr werde unver - züglich nachkommen. 1Schreiben Granvellas an die Koͤnigin 30 Dec. L’agent du due Mauris a dit, qu’il ne pouvoit penser que son maitre se vou - lut tant oublier que de faire contre son devoir, comme aucuns semoient par la Germanie, et que non seulement s’il le faisoitUnd hatte derſelbe nicht ſeine Pro -236Neuntes Buch. Sechstes Capitel.curatoren nach Trient, ſeine Theologen auf den Weg dahin geſchickt? In Roſenheim am Inn hielten ſich zwei ſäch - ſiſche Räthe auf in der feſten Meinung, ihren Herrn, der auch wirklich eine Strecke in entſprechender Richtung vor - wärts reiſte, zu erwarten. Der Kaiſer hielt für gewiß, der Churfürſt werde kommen: hätte er etwas anderes im Sinn, das wäre von einem deutſchen Fürſten nie erhört. Noch am 28ſten Februar ſchrieb er dem Churfürſten von Bran - denburg, er verſehe ſich zu Moritz alles Gehorſams, guten und geneigten Willens. Aber einen größeren Meiſter in der Verſtellung hat es wohl kaum je gegeben als Moritz war. Keiner von ſeinen alten Räthen, Carlowitz ſo wenig wie die andern, hatten Kunde von ſeinen Entwürfen. 1Ob es wohl Grund hat, was der florentiniſche Geſandte be - richtet: Il duca Mauritio scrive di suo pugno, che procura di ri - tirar il Marchese dall’impresa, con persuaderlo a posar l’armi, promettendo di voler esser al certo alli 12 a Linz. Wenigſtens ſieht man, was man am Hofe glaubte.Noch von Schweinfurt aus, am 27ſten März, hat er die Bitte um die Loslaſſung des Landgrafen erneuert, unter dem Vorge - ben, daß er ſich ſonſt in das Gefängniß der Kinder deſſel - ben einſtellen müſſe. Und doch vereinigte er in dieſem Au - genblicke ſchon ſein Heer mit dem Kriegshaufen eben dieſer jungen Landgrafen, durch alle denkbaren Verträge gebunden, dem Kaiſer ſelber zu Leibe zu gehn.

Der Kaiſer glaubte wohl, als die Sache ernſter ward, es ſey auf nichts anders abgeſehen als eben auf die Be - freiung des Landgrafen. Er ließ ſich ganz trotzig verneh - men, er werde den Leib deſſelben in zwei Theile zerlegen1il abandonneroit son service, mais que la pluspart de sa noblesse feroit le meme. 237Kriegszug gegen Carl V. und jeden davon einer der Parteien, die ihn zwingen woll - ten, entgegenſchicken. 1Straß an Joachim II Oſterabend 1552.

Allein die Ausſchreiben der verbündeten Fürſten, die in Einem Moment durch Deutſchland flogen, belehrten ihn bald eines Andern. Nicht allein von dieſer Befreiung war darin die Rede, ſondern eine ganze Reihe Beſchwerden geiſtlicher und weltlicher Natur ward darin nahmhaft gemacht: der Überdrang der mit dem Concilium geſchehe, die Art und Weiſe wie man auf den Reichstagen eine künſtliche Mehr - heit hervorbringe, welche alles zugebe, unter andern eine Schatzung nach der andern, bald unter dieſem bald unter jenem Vorwand, die Anweſenheit fremder Truppen im Reiche, während den Deutſchen ſelbſt verboten werde auswärtige Kriegsdienſte zu nehmen, der Hohn, mit welchem nach dem Kriege Gehorſame und Ungehorſame behandelt worden, die Entfremdung des Reichsſiegels, die eigenmächtige Änderung ſtädtiſcher Räthe. Würden ſie, die Zeitgenoſſen, das dul - den, ſo würden ſie dafür von den Nachkommen als Ver - räther der mit ſo viel Blut erworbenen Freiheit unter die Erde verflucht werden. Albrecht von Brandenburg prote - ſtirte, nicht der Perſon des Kaiſers gelte ſein Unternehmen, ſondern er fechte nur gegen das, was dem heiligen Reich zuwider geſchehe. 2Des durchl. Hern Albrechten gemein Ausſchreiben und Urſachen, bei Hortl. II, V, v; hieruͤber am ausfuͤhrlichſten. Er ge - denkt auch des mit kaiſerlichem Privilegium erſchienenen Buches von Avila, worin die deutſche edelſte und fuͤrnehmbſte Nation der ganzen Chriſtenheit abconterfeyt werde, als ob ſie irgend eine barbariſche un - bekannte Nation ſey.Was ihr Sinn war, drückt Moritz in238Neuntes Buch. Sechstes Capitel.einem ſeiner Briefe bündig und unumwunden aus: ſie wol - len den Pfaffen und den Spaniern nicht unter dem Fuße liegen.

Da leuchtete nun wohl ein, daß es auf eine Abänderung des ganzen kaiſerlichen Regimentes, wie es in und nach dem ſchmalkaldiſchen Kriege eingerichtet worden, abgeſehen ſey. Noch einmal erhob ſich die ungebändigte Freiheit des al - ten Germaniens gegen die Ordnung und Gewalt welche der Sieger gegründet und zu gründen im Begriff war. Und zwar ſtanden eben diejenigen an der Spitze, die früher von ihren Glaubensgenoſſen abgefallen, die Niederlage derſelben befördert, die Partei des Kaiſers gehalten hatten, die mäch - tigſten und krieggeübteſten. Die Antipathien der Religion, die durch alle die bisherigen offenen oder indirecten Angriffe und durch die Bedrohungen des Conciliums angeregt wor - den, gaben ihrem Unternehmen eine breite nationale Grund - lage und kamen ihnen auf das mächtigſte zu Hülfe.

Und wenn nun der Kaiſer gegen dieſe Erhebung des proteſtantiſchen Elementes Hülfe von den Katholiſchen er - wartete, ſo ſah er ſich auch darin getäuſcht.

Er wendete ſich zunächſt an die geiſtlichen Churfürſten, die unter dieſen Umſtänden Trient zu verlaſſen eilten. Der Churfürſt von Trier antwortete, er werde ſich immer als ein gehorſamer Reichsfürſt bewähren, um aber zu wiſſen was er in dieſem Fall thun ſolle, müſſe er erſt mit ſeinen Räthen ſprechen; ſo erklärte ſich auch Cölln; Mainz machte ſogar auf Hülfleiſtung Anſpruch.

Und nicht bereitwilliger ließen ſich die älteſten Verbün - deten und nahen Verwandten vernehmen. Herzog Albrecht239Kriegszug gegen Carl V. verſicherte ſeine Ergebenheit auch aus dieſem Grunde außer der allgemeinen Pflicht, allein er gab zu bedenken, welcher Gefahr er ſich ausſetze, wenn er ſich jetzt ohne Verzug auf die Seite des Kaiſers ſchlage.

Schon früher hatte man ſich am kaiſerlichen Hofe be - klagt, daß Ferdinand den Verſuch, zur Abdankung des von Magdeburg abgezogenen Heeres eine Anleihe aufzubringen, nicht mit ſeinem Credit unterſtützen wollte. Faſt feierlich forderte ihn jetzt der Kaiſer auf, ihm zu ſagen, was er als ſein Bruder und als römiſcher König aus den Mitteln ſei - ner Länder in dieſer gemeinſchaftlichen Gefahr bei ihm zu leiſten gedenke. Der König antwortete, er brauche alle ſeine Kräfte wider die Osmanen in Ungarn. Statt der Unter - ſtützung kam dem Kaiſer vielmehr von dieſer Seite eine For - derung zu. Seine Tochter Maria, Gemahlin Maximilians, erſuchte ihn in dieſem Augenblick um 300000 Duc. ihrer Ausſteuer, wofür ſie ſich eine gut rentirende Beſitzung in Ungarn kaufen wolle. Der Kaiſer war ſehr geneigt, dieſe Bitte den Einflüſterungen ihres ihm im Herzen feindlichen Gemahls zuzuſchreiben. Er meinte faſt, es ſey eine allge - meine Verſchwörung gegen ihn im Werke. Die Wechsler - häuſer in Augsburg, an die er ſich wendete, verweigerten ihm ihre Unterſtützung, ſo günſtig auch die Bedingungen wa - ren die er ihnen vorſchlug. 1Comme si lesdits marchands avoient entre eux quelque intelligence secrete, pour non nous servir. (Lettre à Ferdinand.)

Wie war dem alten Sieger und Herrſcher da zu Muthe, als ſich in demſelben Augenblicke alle Feinde erhoben und alle Mittel verſagten.

240Neuntes Buch. Sechstes Capitel.

Einſt hatte es in ſeiner Wahl geſtanden, an der Spitze der deutſchen Nation, mit Begünſtigung des reformatoriſchen Elementes, laut der Reichsſchlüſſe von 1544, ſeine Macht gegen die auswärtigen Feinde zu richten, wie die Franze - ſen, welche beſonders durch deutſche Unterſtützung früher in Italien beſiegt und damals in ihrer Heimath zum Frieden genöthigt worden: ſo hauptſächlich gegen die Osmanen, was in jener Zeit das größte Intereſſe hatte und der allgemeine Wunſch war. Dann hätte er das Kaiſerthum in dem Sinne, wie es ihm bei ſeinen Zügen nach Africa vorſchwebte, ent - wickeln können. Freilich hätte er z. B. Philipp von Heſſen nicht als Feind, ſondern als Mitſtreiter behandeln, die Ein - heit der abendländiſchen Chriſtenheit nicht in die Gleichför - migkeit des Bekenntniſſes ſetzen müſſen: dafür wäre es ihm aber, ſo lange die Türken ſich noch nicht in Ungarn befeſtigt hatten, vielleicht möglich geweſen zugleich dieſes Land zu be - freien und den Trieb der Cultur und Ausbreitung der in den Deutſchen lebte, nach der mittlern Donau, dem ſüdöſtlichen Europa hinzuleiten. Aber er ſchlug einen entgegengeſetzten Weg ein. Er traf eine Abkunft mit den Osmanen, die ihnen Zeit ließ ſich in den eingenommenen Landſchaften zu befeſti - gen, mit dem Werke der Barbariſirung fortzuſchreiten, und nahm ſich vor, in den Streitigkeiten des Glaubens und des Ritus, welche die Jahrhunderte nicht haben beſeitigen kön - nen, beiden Parteien Maaß zu geben, er, von ſeinem po - litiſchen Standpunct aus. Nun konnte aber die natür - liche Feindſeligkeit gegen die Osmanen doch nicht auf die Länge beſeitigt werden: im Jahr 1551 brach ſie wieder in volle Flammen aus. Überhaupt wurde die kaiſerliche Politik241Kriegszug gegen Carl V. nach dem Tode des ältern Granvella nicht geſchickt genug nach den friedlichen Geſichtspuncten hin geleitet. In dem - ſelben Augenblicke erhob ſich die wetteifernde Macht von Frankreich, die man unbekümmert ihrer andern Gegner hatte Herr werden laſſen, zu den alten Beſtrebungen. Und indeß war doch das Ziel der innern Politik mit nichten erreicht, weder die Kirchenverſammlung in die erwünſchte Bahn ge - leitet, noch die Succeſſion befeſtigt worden: vielmehr erwachte in Folge dieſer Verſuche ein allgemeiner Widerwille in bei - den religiöſen Parteien, über Italien und Deutſchland hin, und ſtrömte nun in plötzlichem Ausbruch mit den äußern Feindſeligkeiten zuſammen. In Ungarn verjagte der Paſcha von Ofen die Haiducken und Spanier Ferdinands aus Sze - gedin, noch ehe ſie ſich daſelbſt befeſtigt, und bezeichnete den Anfang des April mit der Eroberung von Veſprim. Zugleich näherten ſich noch zwei andre Heere unter dem Beglerbeg von Rumili und dem zweiten Weſir der Pforte den ungariſchen Grenzen. In Wahrheit, Ferdinand hatte ganz Recht, wenn er darin eine Gefahr erkannte die alle ſeine Kräfte in An - ſpruch nehme. Auch zur See regten ſich die Feinde: in den Gewäſſern von Malta erſchien Sala Rais in denſelben Ta - gen, in welchen der König von Frankreich durch Lothringen nach dem Elſaß und dem Oberrhein zog und die proteſtan - tiſchen Fürſten Augsburg bedrohten.

Der Kaiſer ſelbſt, ohne Truppen, noch Geld, entfernt von den eigenen Landſchaften, aus denen er beides hätte zie - hen können, ſah ſich überraſcht in dem wenig verwahrten Insbruck, und ſo gut wie hülflos.

Er dachte ſich anfangs zu ſeinem Bruder zurückzuziehen:Ranke D. Geſch. V. 16242Neuntes Buch. Sechstes Capitel.der konnte es aber, in der verlegenen und ſchwierigen Lage in der er ſich perſönlich befand, ſelber nicht wünſchen, und widerrieth es ihm.

Ein anderer Ausweg wäre geweſen, ſich nach Ita - lien zu wenden und hier ſich aufs neue zu rüſten. Allein auch da war der Krieg nicht eben glücklich gegangen, überall war das Landvolk durch die Truppenzüge in Aufregung ge - ſetzt. Es ſchien dem Kaiſer nicht rathſam, ſich mit ſeiner geringen Umgebung auf die dortigen Landſtraßen zu wagen. Auch meinte er, wenn er einmal in Italien ſey, eine Reiſe nach Spanien nicht gut ablehnen zu können; wie leicht, daß ihm dann bei der Überfahrt ein Unfall von den Franzoſen oder gar den Osmanen begegne: die größte Schmach in ſei - nen alten Tagen. Eher hielt er es für möglich den Ober - rhein zu erreichen und nach den Niederlanden durchzukom - men. Dazu hat er ſich wirklich in dieſen Tagen entſchloſſen und den Verſuch gewagt. In tiefſtem Geheimniß, mit Zu - rücklaſſung eines Briefes an Ferdinand, der aber erſt abgege - ben werden ſollte, wenn die Sache gelungen ſey, brach der Kaiſer am 6ten April nach Mitternacht von Insbruck auf, begleitet von ſeinen beiden Kammerherrn, Andelot und Ro - ſenberg, einem eigenen und zwei Dienern Roſenbergs. Sie hofften die große Straße durch die Clauſe nach Ulm noch frei zu finden. Durch Gebirg und Wald reitend kamen ſie am 7ten Mittag nach Naſſereith und nach kurzer Raſt in die Nähe der Clauſe. Hier aber erfuhren ſie, daß Moritz bereits auf dem Wege ſey, um an demſelben ſiebenten Füßen zu beſetzen. Sie wären ihm in die Hände gegangen, wären ſie fortgeritten, und eilten, nach Insbruck umzukehren. 1Eigener Bericht des Kaiſers an ſeine Schweſter 30 Mai

243Kriegszug gegen Carl V.

Es war für den Kaiſer keine Rettung als daß er zuerſt nur dieſes nächſten und gefährlichſten Feindes durch irgend eine Abkunft, einen Stillſtand ſich zu entledigen ſuchte.

Und ſo durfte es noch als ein Glück erſcheinen daß ſein Bruder immer mit Moritz in freundlicher Verbindung gewe - ſen war, und in dem Moment ſeines Auszugs aus Sachſen eine Zuſammenkunft mit ihm in Linz verabredet hatte. 1Sommaire de la lettre du bourggrave de Meissen (Heinrich Reuß von Plauen) au roy des Romains du 16m de Mars de Leip - zik: qu’il a fait toute instance vers le duc, pour obtenir la surseance des armes, mais que sans le sceu des autres luy n’a rien voulu attendre. Man waͤhlte Linz, pour garder la reputation à S. Mé et que icelle puisse etre de retour a Vienne. (Bruͤſſ. A.)Dieſe fand am 18ten April wirklich Statt und führte nach einiger Unterhandlung wir werden gleich davon mehr zu ſagen haben zu einem wenn auch nur vorläufigen Stillſtand, der hauptſächlich dazu dienen ſollte um eine zahlreichere Ver - ſammlung zur Abſtellung der Irrungen und Gebrechen deut - ſcher Nation in Paſſau möglich zu machen.

Allein nicht zu ſehr durfte ſich der Kaiſer auf dieſen Stillſtand verlaſſen.

Moritz hatte den Anfang deſſelben wegen der Entfer - nung ſeiner Bundesgenoſſen und mit Vorbehalt ihrer Ein - willigung auf den 11ten Mai feſtgeſetzt. Sie genehmigten ihn aber erſt vom 26ſten Mai an.

Nun hatte der Kaiſer im Laufe des April doch am Ende einiges Geld zuſammengebracht, und begann ſich zu rüſten. In weiterer Ferne, bei Frankfurt, ſo wie in der Nähe, bei Ulm, ſammelten ſich Truppen auf ſeinen Namen,11552, ohne den wir von dieſer Thatſache nichts wiſſen wuͤrden, bei Bucholtz IX, 544.16*244Neuntes Buch. Sechstes Capitel.ſein vornehmſter Muſterplatz aber war Reitti, unfern der Ehrenberger Clauſe, die er ebenfalls beſetzen ließ. Die Ver - bündeten meinten ihn genug zu kennen, um annehmen zu dürfen, daß er ihnen nichts bewilligen werde, ſobald er wie - der über ein Kriegsheer gebiete. Moritz trug kein Beden - ken die zwiſchen der Bewilligung ſeiner Freunde und der ſei - nen inne liegende Zeit zu benutzen, um die verſammelten Trup - pen zu zerſtreuen und dem Kaiſer noch näher zu rücken.

Am 18ten Mai griffen die verbündeten Fürſten das Lager von Reitti an und ſprengten es auf der Stelle aus einander. Beſonders in dem freudigen Georg von Meklen - burg erwachte hierüber eine Schlachtbegier und Siegeszuver - ſicht die alles mit ſich fortriß. Da ſich ein Theil der Trup - pen nach der Clauſe zurückzog, ſo ließen ſie ſich durch ihr gutes Verhältniß zu König Ferdinand nicht abhalten unmit - telbar auf dieſen Platz loszugehn. Noch in der Nacht nah - men ſie eine Höhe ein welche die Befeſtigungen beherrſchte. Von hier aus den andern Morgen vordringend fanden ſie weder in den Schanzen an der Clauſe, noch in dem verboll - werkten Paſſe, noch in dem Schloſſe ſelbſt nachdrücklichen Widerſtand:1Nach der Tyroler Relation, in Hormayrs Chronik von Ho - henſchwangau Urk. 61 p. 47, blieb das Schloß ſelbſt unerobert, un - angeſehen der feind ſolchen an ſieben Orten vermacht gehabt. Die brandenburgiſchen Geſandten geben den Verluſt des Kaiſers auf 1200 Todte und 2500 Gef. an. neun Fähnlein fielen in ihre Hand. Und wie nun wenn ſie in dem hiedurch eröffneten Lande vordrangen und den Kaiſer in Insbruck überfielen? Es iſt ein Irrthum anzunehmen, ſie hätten das nicht gewollt. Am 20ſten Mai iſt zwiſchen ihnen förmlich gerathſchlagt worden, ob ſie, wie245Flucht Carls V. ſie ſich ſehr unehrerbietig ausdrücken, den Fuchs weiter in ſeiner Spelunke ſuchen ſollten: ſie entſchloſſen ſich hiezu. Gott weiß was geſchehen wäre, hätte nicht das tumultua - riſche Kriegsvolk, eben als es vorwärts gegen Aiterwang geführt werden ſollte, nach dem Sturmſold geſchrien, den es ſo eigentlich nicht verdient hatte und der ihm wirklich aberkannt worden iſt, und darüber ſeine Waffen gegen Mo - ritz ſelbſt gerichtet, ſo daß dieſer ihm nur mit Mühe entrann.

Dadurch bekam der Kaiſer Zeit, Insbruck zu verlaſſen: er hat die Nachricht von dem Falle der Clauſe abgewartet, ehe er ſich dazu entſchloß. Den 19ten Mai Nachmittags ließ er noch den gefangenen Johann Friedrich in den Schloß - garten zu ſich beſcheiden, und kündigte ihm dort ſeine Be - freiung ſelber an: wiewohl unter der Bedingung daß er noch eine Zeitlang dem Hofe freiwillig folgen ſolle. Fer - ner trug er Sorge, daß die wichtigſten Schriften und Klei - nodien nach dem feſten Schloß Rodenegg gebracht wurden. Dann Abend um 9 Uhr brach er auf: beim Scheine bren - nender Windlichter: die Nacht war regneriſch und kalt, das Gebirge noch mit Schnee bedeckt: der Kaiſer litt an einem An - fall ſeiner Krankheit. Sein erſter Zufluchtsort war Brunecken, nicht einmal ein eigenes Schloß, ſondern dem Cardinal von Trient gehörig, der in den Verhandlungen über die Wahl nicht eben als ein Freund des Hofes betrachtet worden war.

Den andern Morgen folgte ihm Johann Friedrich auf dieſem Wege. Er erlebte nun, was er immer von ſeinem Gott erwartet: zum erſten Mal ſeit fünf Jahren ſah er ſich von keiner ſpaniſchen Garde umgeben; er ſtimmte auf ſei - nem Wagen ein geiſtliches Danklied an.

246Neuntes Buch. Sechstes Capitel.

Am 23ſten Mai rückte Moritz an der Spitze ſeiner Rei - ter und Fußvölker in Insbruck ein. 1Schreiben der brandenburgiſchen Geſandten 1ſten Juni: Der Chf. von Sachſen iſt alsbald gegen Insbruck verruckt und alles was ſpaniſch und denſelben zuſtendig geweſt, welches die Buͤrger bei ſchwe - rer ſtraf anzeigen und in ein kaufhaus zuſammenbringen muͤſſen, preis gemacht: den koͤnigiſchen aber hat er nichts nehmen laſſen. (Berl. A.)Die Landsknechte brü - ſteten ſich in den prächtigen ſpaniſchen Kleidern, denn alles was den Spaniern gehörte, ward ihnen von dem Churfür - ſten als gute Beute überlaſſen: auf ihren Hüten glänzten portugieſiſche Goldſtücke; einer nannte den andern Don; übrigens aber wußte ſie Moritz auf das beſte in Zucht zu halten. Er tadelte Georg von Mecklenburg, der ſich nur eine Truhe auf dem Schloß hatte eröffnen laſſen. Es war ihm genug daß er ſo weit vorgedrungen, er begehrte nicht mehr. Übrigens blieb er, was König Ferdinand einen Augenblick bezweifelte, entſchloſſen, den Waffenſtillſtand von dem be - ſtimmten 26ſten an zu beobachten; unverweilt machte er ſich zu der angeſetzten Verſammlung auf den Weg.

Auch ehe wir die Verabredungen berückſichtigen, die da - ſelbſt gepflogen worden, erkennen wir, daß ihm durch den Gang der Begebenheiten und ihre Entſcheidung die größten Erfolge gelungen waren.

Vor ihm her wich der mächtige Kaiſer höher ins Ge - birg, nach Villach: er ließ die Brücken hinter ſich abwer - fen und in den ſchwierigſten Päſſen ſpaniſche Soldaten auf - ſtellen, um ein etwaniges Nachdringen zu verwehren.

Und indeſſen löſte ſich, auf der andern Seite des Ge - birges, das Concilium von Trient von ſelber auf. Gleich auf die erſte Nachricht von den deutſchen Ereigniſſen, am 15ten247Aufloͤſung des Conciliums.April, ſprach der Papſt, der ohnehin nur einen zu bekennenden Grund dazu herbeigewünſcht, die erneuerte Suſpenſion des Conciliums aus. Das Concilium, das man für gut hielt ſelb - ſtändig handeln zu laſſen, machte dieſen Beſchluß am 28ſten April zu dem ſeinen. Noch widerſetzten ſich jedoch die ent - ſchiedenen Anhänger des Kaiſers, und bei weitem nicht Alle waren abgereiſt, als die Nachricht von der Eroberung der Clauſe erſcholl. Man glaubte in Trient, die proteſtantiſche Bewegung werde unmittelbar der Stadt des Conciliums gel - ten, und Alles, Prälaten und Einwohner, Vornehme und Ge - ringe, flüchtete in wilder Verwirrung aus einander, höher in die Berge hinauf, oder hinab nach der See: in die dich - teſten Wälder oder die feſteſten Städte. 1Maſſarellus: unoquoque rebus suis fuga, vel ad altiores mentes vel densas silvas aut maritima loca seu finitimas civita - tes, consulente. (Rainaldus XXI, p. 70.)Der päpſtliche Le - gat Creſcentio ließ ſich durch ſeine Krankheit nicht abhal - ten dem allgemeinen Zuge zu folgen. Er ſtarb als er in Verona ankam.

Das konnte man wohl vorherſehen, daß eine Combi - nation kaiſerlicher und conciliarer Macht, wie die welche Carl V ins Leben gerufen, und mit der er die Chriſtenheit zu beherrſchen gedachte, ſobald nicht wieder erſcheinen könne. 2Schreiben Bugenhagens an den Koͤnig von Daͤnemark 15 Aug. 1552. Das Conciliabel iſt zu Trennt (zertrennt), es bleibt zu Trennt, zu Trennt, ꝛc. (Schumacher Briefe an den Koͤnig von Daͤnemark I, 186.)

Was aber erfolgen würde, wer hätte darüber in der Ver - wirrung jener Tage auch nur eine Vermuthung hegen können?

Der König von Frankreich zog im Elſaß hin und her,248Neuntes Buch. Sechstes Capitel.beſetzte die kleineren Städte, nahm die größeren, z. B. Straß - burg von den Hausbergen aus, in Augenſchein. Es war eine Verſammlung der nächſtgeſeſſenen deutſchen Fürſten in Worms gehalten worden, allein ſie hatten ſich nicht entſchlie - ßen können Widerſtand zu leiſten: nur eine ſehr höfliche Bitte legten ſie ein.

Schwach, wie die meiſten waren, ohne die Nähe des mächtigen Kaiſers der ſie zuletzt vereinigt, von zwei mächti - gen Feinden in die Mitte genommen, und ohne den Rück - halt beſonderer Bündniſſe die ſie ſonſt wohl geſchützt hatten, waren ſie auf ein nach beiden Seiten wohl abgewognes Ver - fahren angewieſen, um nicht zu Grunde gerichtet zu werden.

Der Herzog von Cleve wagte nicht das längſt gegebene Verſprechen eines Beſuches bei Königin Maria zu erfüllen, weil er fürchtete, Moritz möchte ihn darüber öſtreichiſcher Geſinnung verdächtig halten. 1Schreiben der Koͤnigin 15 Mai, 24 Mai 1552. (Br. A.)

So gewaltig erſchien damals das Übergewicht der Geg - ner dieſes Hauſes, daß in einer Verſammlung oberdeutſcher Fürſten zu Heidelberg die Frage vorgekommen iſt, ſo ver - ſichert wenigſtens Königin Maria, ob Carl V nicht des Reiches zu entſetzen ſey. 2Schreiben der Koͤnigin 1 Aug. 1552. (Br. A.)

Allein auch der Kaiſer gebot doch noch über mannich - faltige Kräfte, die er nur zu ſammeln brauchte; nur die Über - raſchung einer unerwarteten Combination hatte ihn im erſten Augenblicke beſiegt.

Er hoffte ſogar einen Theil der Proteſtanten auf ſeine Seite zu bringen. Das große Anſehen das Johann Friedrich249Ausſichten.genoß, ſollte ihm dienen, ſie um ſich zu ſammeln. Königin Maria rechnete auf die Anhänglichkeit von Nürnberg und Frankfurt. Ein Gedanke taucht von Zeit zu Zeit auf, der die weiteſte Ausſicht eröffnet hätte, nemlich der, ſich mit dem in den meiſten Territorien ſchwierigen Adel zu verbünden und ihn gegen die Landesherren aufzurufen. Johann Fried - rich meinte, der Kaiſer müſſe nur vor allem erklären, daß er das Wort Gottes nicht verfolgen wolle, und die freie Predigt erlauben, damit werde er die Zuneigung der deut - ſchen Nation wiedererwerben. Er rieth ihm den alten from - men Churfürſten von Cölln wiederherzuſtellen: dann wolle er, Johann Friedrich, die Heerführung ſelber übernehmen und das feindliche Heer gewiß aus einander ſprengen. 1Les points et articles que le duc Jehann Frederic de Saxe a faict par le secretaire Obernburger, 23 Mai. (Br. A.)

Wir ſehen: noch ſchien alles möglich.

Verlieren wir uns jedoch nicht in das Allzuentlegene, ſo iſt die Hauptſache daß ein europäiſcher Krieg ausgebro - chen war, der Deutſchland wieder in der Mitte zerſchnitt. Es mußte ſich zeigen, ob in dem Kampfe der beiden großen Mächte die Deutſchen vollends unter einander zerfallen, oder ob ſie denn auch dieſe Möglichkeit ſtellte ſich dar zwi - ſchen denſelben zu einer erneuten Selbſtändigkeit gelangen würden.

[250][251]

Zehntes Buch. Epoche des Religionsfriedens.

[252][253]

Erſtes Capitel. Verhandlungen zu Linz und zu Paſſau.

Es mußte wohl ſo ſeyn, daß ein Fürſt von der Her - kunft, Weltſtellung und Geſinnung wie Carl V Abſichten faßte wie er ſie gefaßt hat, und bei den Kräften die er ein - ſetzen konnte, dem Talent das ihm eigen war, und den Feh - lern die ſeine Gegner begiengen, in ihrer Ausführung ſo weit vorſchritt.

Die Nothwendigkeit der Dinge brachte aber doch mit ſich, daß er damit nicht zu Ende kommen konnte.

Er verfocht Ideen der formellen Einheit der abendlän - diſchen Chriſtenheit, welche noch nicht aufgegeben, von den beſtehenden Zuſtänden und den Meinungen der Menſchen noch nicht ausgeſchieden waren, aber doch auch weder die einen noch die andern mehr beherrſchten.

Viel zu entwickelt, mächtig und voll Selbſtgefühl wa - ren die andern europäiſchen Reiche, um ſich ein Übergewicht des Kaiſerthums gefallen zu laſſen.

Und viel zu tief war der Widerwille gegen die vor - nehmſte Repräſentation der geiſtlichen Einheit gewurzelt, der Widerſpruch der wider ſie erhoben ward, viel zu gut begrün -254Zehntes Buch. Erſtes Capitel.det und zu weit verbreitet, als daß auch nur eine beſchränkte Unterordnung unter dieſelbe ſich hätte wiederherſtellen laſſen.

Den aus der Vergangenheit aufſteigenden Ideen der formellen Einheit ſetzten ſich Tendenzen politiſcher und reli - giöſer Unabhängigkeit entgegen, welche den abendländiſchen Nationen eine neue Zukunft eröffneten.

Es bedurfte eigentlich nur einer Verbindung des poli - tiſchen und des religiöſen Gegenſatzes, um die geiſtlich-welt - liche Autorität zu zertrümmern, die ſich über beide zu erhe - ben ſuchte.

Da nun aber das Kaiſerthum, das zu ſo umfaſſenden Planen Anlaß und Rechtstitel gab, wie es auf der deutſchen Nation beruhte, ſo auch die Staatsgewalt in derſelben bil - dete, ſo trat die Gefahr ein, daß durch einen Angriff auf daſſelbe auch dieſe zerſprengt, und entweder die Anarchie wieder zurückgerufen, oder einer fremden Macht ein verderb - licher Einfluß eingeräumt werden möchte.

Glücklich die Zeiten wo ein einziger nationaler Gedanke alle Gemüther ergreift, weil er alle befriedigt: hier war dieß nicht der Fall.

Bei dem ihm ſelbſt unerwarteten Fortgang ſeines Glückes gab zuweilen auch Moritz der Hofnung auf baldigen Frieden Raum: man verſicherte ihm, der Kaiſer werde im Reich ſolche Vorſehung thun, daß den Ständen augsburgiſcher Confeſſion ihr Glaube, allen ihre Freiheit unangetaſtet bleibe: er werde ſich auch mit dem König von Frankreich über deſſen An - ſprache an ihn vertragen, worauf alle Macht der Chriſtenheit gegen die Türken gewandt werden könne: wie wäre das aber wirklich zu erwarten geweſen!

255Verhandlungen zu Linz und zu Paſſau.

Wer auf ein einigermaßen freiwilliges Zurücktreten des Kaiſers von den einmal ergriffenen Planen rechnete, der kannte ihn ſchlecht; noch viel weniger aber wären die Fran - zoſen gemeint geweſen, ſich mit einer Auseinanderſetzung der gegenſeitigen Anſprüche zu begnügen, und die Plätze die ſie vom Reich eingenommen, ſo leicht wieder zu verlaſſen.

Vielmehr war nichts anderes zu erwarten als ein lang - wieriger und gefährlicher Krieg, der leicht auf deutſchem Bo - den ſelber ausgefochten werden, alles vollends entzweien, den Türken eher den Weg nach Deutſchland eröffnen konnte.

In Epochen dieſer Art zeigt ſich am beſten, ob in ei - ner Nation noch jene Kraft vorhanden iſt, welche Staaten bildet und erhält, ein conſtitutiver Genius, der wenn das Bisher-beſtandene zerfällt, die Fähigkeit entwickelt etwas Neues und Angemeſſeneres hervorzubringen.

Leicht war es in unſerm Falle nicht, einen Ausweg zu treffen. Die alte Parteiung zwiſchen Öſtreich und Frank - reich, die alle Intereſſen anregte, berührte ſich mit der reli - giöſen Entzweiung, welche längſt die Gemüther ergriffen: es ſchien wohl, als ob es zu einem mitten durch das Reich ſchneidenden Gegenſatz einer franzöſiſch-proteſtantiſchen und einer öſtreichiſch-katholiſchen Partei kommen müßte.

Das erſte Moment was eine Rettung aus dieſer Ge - fahr darbot, lag darin, daß der römiſche König weder die Abſichten noch auch das Intereſſe ſeines Bruders vollkom - men theilte. Unmittelbar vor dem Aufbruch des Kriegs - heers erinnerte Churfürſt Joachim von Brandenburg ſeinen Nachbar Moritz, ſich doch an König Ferdinand zu wenden, der es immer gemißbilligt daß der Landgraf gefangen genom -256Zehntes Buch. Erſtes Capitel.men worden, überhaupt keinen Theil daran habe, wenn von den kaiſerlichen Räthen die Wohlfahrt der deutſchen Nation vernachläßigt und ſo viel Grund zur Beſchwerde gegeben worden ſey, der vielmehr, alle Sachen des gemeinen Va - terlandes väterlich, treulich und gnädiglich meine. 1Artikel zu Torga kegen einander uͤbergeben. (Arch. zu Berl)Wir be - rührten ſchon, wie Moritz, noch in ſeinem Land, eine Zuſam - menkunft mit dem römiſchen König zu Linz verabredete.

Noch vor der Unternehmung auf die Ehrenberger Clauſe, am 18ten April, fand dieſelbe Statt.

Churfürſt Moritz eröffnete ſie mit Aufſtellung einiger Forderungen, die ſich zum Theil auf das unmittelbar Vor - liegende bezogen, die Befreiung des Landgrafen, Sicherheit für die welche die Waffen ergriffen, zum Theil aber auch, und dieß war ohne Zweifel das Wichtigſte daran, auf die großen Angelegenheiten der Religion und der Kirche. Und da war nun beſonders merkwürdig, daß er die Zugeſtänd - niſſe wieder forderte, welche der Kaiſer zu jener Zeit, in wel - cher der Proteſtantismus in noch ununterbrochener Entwicke - lung zu ſeiner größten Macht gelangt war, am Reichstag zu Speier im Jahr 1544 gemacht hatte, und nur noch auf eine klarere Verſicherung derſelben antrug. 2Zweite Schrift von Moritz, in Linz. weil gleichwol die Stende der Augsburgiſchen Confeſſion, wie ſ. chf. Gn. anders nicht wiſſen, mit dem Abſchied, ſo der Religion halber im 44 Jar zu Speyer aufgericht, zufrieden geweſt, ſo verhoffen ſ. chf. Gn., der Kſ. Mt werde auch nochmals nicht entgangen ſeyn, der Puncten halber clare und gewiſſe Vorſehung zu thun. Bei dem erſten Umſchlag des Glückes tauchten ſie wieder auf, und zwar unter dem Vortritt Desjenigen, der früher es haupt - ſächlich dem Kaiſer möglich gemacht ſie unausgeführt zu257Verhandlungen zu Linz.laſſen. Von dem Interim, meinte Churfürſt Moritz jetzt, dürfe niemals wieder die Rede ſeyn; eine Vergleichung der Religion müſſe nicht weiter auf einem allgemeinen Concilium, ſondern nur auf einem nationalen oder auf einem abermali - gen Colloquium verſucht werden. Niemand dürfe in Zukunft der Religion halber Kriegsgefahren zu beſorgen haben.

Und ſo viel gab König Ferdinand, wenngleich nur für ſeine Perſon, auf der Stelle nach, daß ein allgemeines Con - cilium wie das Tridentiner, zur Beruhigung von Deutſch - land nicht ſehr geeignet ſey; er zeigte ſich überhaupt in al - len Dingen entweder ſelbſt einverſtanden oder doch zur Nach - giebigkeit bereit.

Nicht ſo aber der Kaiſer, dem die in Linz gewechſelten Schriften durch Schwendi zugeſandt wurden.

Er weigerte ſich nicht mehr, den Landgrafen loszulaſ - ſen, aber er forderte eine ſchwer zu beſtellende Sicherheit gegen alle daraus etwa zu erwartenden Nachtheile. 1Reponse de l’empereur donnée a Zwendy 25 Avril 1552. (Anhang.)Was den Religionspunct betrifft, ſo verwahrte er ſich in ſeiner officiellen Antwort zunächſt nur gegen jede Erwähnung des Nationalconciliums, die ihm von Anfang an verhaßt gewe - ſen war, allein kaum war dieſe Erklärung gegeben, ſo wollte ihm ſchon ſcheinen als laſſe ſie eine allzu weite Deutung zu, und er erläuterte durch ein paar eigenhändige Worte, daß er auch ferner auf der Heimſtellung der Glaubensſtreitigkeiten an ein Concil beſtehe, gemäß den bisherigen Beſchlüſſen der Reichstage. 2Copie des lettres de la main de l’empereur au roi Fer -

Ranke D. Geſch. V. 17258Zehntes Buch. Erſtes Capitel.

Bei dieſem feſten Verharren des Kaiſers auf dem ein - mal ergriffenen Standpunct, und da auch Churfürſt Moritz nicht ermächtigt war für ſeine Bundesgenoſſen abzuſchließen, konnte man hier keinen Schritt vorwärts kommen, und be - ſchloß jede weitere Erörterung auf eine andre Zuſammen - kunft zu verſchieben, nächſten 26 Mai, zu Paſſau, zu wel - cher ſämmtliche Churfürſten und eine Anzahl geiſtlicher und weltlicher Fürſten, die gleich hier benannt wurden, eingela - den werden ſollten.

Wie geringfügig dieſer Erfolg auch ſcheint, ſo war er doch〈…〉〈…〉 hr bemerkenswerth.

In frühern Zeiten hatten die beiden Parteien ſich in - nerhalb der Reichsverſammlung einander entgegengeſetzt: jene alte Mehrheit des Jahres 1529, und die proteſtantiſche Min - derheit, die jedoch unaufhörlich anwuchs; und der Kaiſer hatte es als ein Hülfsmittel der Macht benutzt, zwiſchen ihnen eine Ausgleichung zu ſuchen; mochte man ſich anſtel - len wie man wollte, in dem Abſchied zu Linz drückte man ſich auf das behutſamſte aus, ſo erſchien jetzt der Kaiſer als Partei, als die andre der in der Kriegshandlung begriffene Bund; ſchon an und für ſich gewann ein Aus - ſchuß der Reichsfürſten, der ausdrücklich dazu berufen ward um eine gütliche Unterhandlung zwiſchen ihnen zu verſuchen, eine großartige Stellung.

Die Abſicht des Churfürſten Moritz gieng gleich bei ſei -2dinand, Inspr. 10 Avril. M’a semblé outre le contenu de la dite reponse vous declairer tres expressement et briefvement mon in - tention qu’est en premier lieu quant a celui de la religion que je n’entends m’obliger ny traitter sy non me remettant a ung con - cile conforme aux decrets passés. 259Verſammlung zu Paſſau.nem erſten Antrage auf eine ſolche Verſammlung dahin, daß derſelben die Beſchwerden die man gegen die bishe - rige Regierung zu machen habe, vorgelegt, von ihr erörtert werden ſollten. 1 Dieweil ſich denn auch J. Chf. Gn. befaren, wo die beſchwe - rungen und mengl ſo zuwidder der alten loblichen deutſchen Nation hergebrachten Freihait an vill weegen angetzogen werden, allererſt auf einen Reichstag ſolten verſchoben werden, das ſolches bey den Sten - den ſo jetzo beiſammen ſeyn (ohne Zweifel: mit ihrem Kriegsvolk) vorzuͤglich moͤchte angeſehen werden und allerley nachdenken machen, So bedachten J. Ch. G. undertheniglichen zuforderſt, weill J. Ch. G. auch entlich jetzund allhie zu ſchließen der andern halben nit gewalt habe, das es am bequemſten und peſten ſeyn ſollte, das alsbald jetzund etlich Chur und Fuͤrſten des Reiches benannt, des gleichen auch ein Tag und Malſtadt nach der kunigl. Mt gnedigſten Gefallen an - geſetzt wurde, auf welchem ſolch Chur und Fuͤrſten neben der Khun. Mt und deſſelben geliebten Son Kh. Maximilian zuſammenkommen und alſodann nach anhorung ſolcher beſchwerung, welche denn ein je - der ſtand auf dieſelbe Zeit ſeiner Nothdurft nach anzuzeigen wird wiſſen, aller dieſer Articl halber eine gewiſſe beſtendige und freund - liche Vergleichung machen. Erklaͤrung von Moritz zu Lintz o. D. im Berliner Archiv.

Und keineswegs auf bloße Vermittelung mochte ſich dieſe Verſammlung beſchränken. Sie war ungefähr auf die nemliche Weiſe zuſammengeſetzt wie die alten Regiments - täge, und eine wiewohl unregelmäßige Repräſentation des Reichs. Churfürſt Moritz brachte ſie eben darum in Vor - ſchlag, weil er und ſeine Freunde auf keinen Reichstag war - ten wollten.

Um die beſtimmte Zeit erſchienen die eingeladenen Stände: neben dem römiſchen König und dem Churfürſten Moritz die fünf übrigen Churfürſten, die Herzöge von Braunſchweig, Jülich, Pommern, Würtenberg, Markgraf Johann und der Biſchof von Würzburg durch ihre Abgeordnete, der Herzog17*260Zehntes Buch. Erſtes Capitel.Albrecht von Baiern, der Erzbiſchof von Salzburg, der Bi - ſchof von Eichſtädt in Perſon.

Sehr bezeichnend iſt die Stellung welche die Stände dem römiſchen König gegenüber einnahmen. Ferdinand hätte gewünſcht an ihren Sitzungen Theil zu haben, denn nicht als Partei ſey er hier, etwa als Stellvertreter des Kaiſers, dieſer habe vielmehr ſeine eignen Räthe am Platz. Die Stände hatten wohl nicht Unrecht, wenn ſie dieß nicht ganz wörtlich für wahr hielten, da der König ſo eben vom Kaiſer kam und mit demſelben ununterbrochen in brief - lichem Verkehr ſtand. Beſcheidentlich antworteten ſie, ihr Sinn ſey nicht, ihn auszuſchließen, ſondern ihm nur die Mühe zu erſparen, ihren Sitzungen beizuwohnen, die Stim - men abzufordern; aber wie ſie ſich auch ausdrücken moch - ten, dabei blieben ſie, ſich erſt unter einander berathen zu wollen: die Meinung über welche ſie einig geworden, wür - den ſie dann dem König vorlegen, und ſich mit der verglei - chen, welche er indeß ſelbſt gefaßt habe. 1Prothocoll Lambert Diſtelmeyers (hier und im Folgenden meine vornehmſte Quelle) im Berliner Archiv.Indem ſie ſich von ihm abſonderten, um nicht gleich bei der erſten Faſ - ſung der Beſchlüſſe geſtört zu werden, waren ſie doch weit entfernt ſich ihm entgegenzuſetzen. Sie gaben ihm vollkom - men Recht, wenn er darauf drang, daß aller franzöſiſche Einfluß vermieden werde. Obgleich der franzöſiſche Geſandte zugegen war, ſo bekam er doch von deutſchen Geſchäften nichts zu erfahren. 2Er hielt eine Rede, von welcher Sleidan XXIV, p. 375 ei - nen Auszug mittheilt. Die Staͤnde forderten ihn auf, zu weiterer Unterhandlung ſeine Inſtruction einzugeben, wie damals Sitte war:In dem Entwurf zu einer Inſtruction,261Verhandlungen zu Paſſau.nach welcher Markgraf Albrecht aufgefordert werden ſollte dem von ihm noch nicht angenommenen Stillſtand beizu - treten, war als ein Beweggrund angeführt worden, daß der franzöſiſche Geſandte damit einverſtanden ſey, ein Mo - tiv das hier wohl eine Wirkung haben konnte: auf die Er - innerung des römiſchen Königs aber, daß ſolch eine Bezug - nahme auf eine fremde Macht dem Reiche ſchlecht anſtehe, ließ man ſie weg.

Der Sinn der Stände war, den Einfluß wie der kai - ſerlichen, ſo noch viel mehr der franzöſiſchen Intereſſen zu vermeiden, und aus dem Schooße des verſammelten Reichs - fürſtenrathes eine Vermittelung der ausgebrochenen Strei - tigkeiten hervorgehn zu laſſen.

Und da lag nun die Summe des Ereigniſſes, und ge - wiſſermaßen ein neuer Anfang für die Erhaltung und Ent - wickelung des Reiches darin, daß in dieſer Verſammlung katholiſche und evangeliſche Fürſten vereinigt waren, einmü - thig entſchloſſen keinen Krieg in Deutſchland zuzulaſſen. 1Schreiben von Straß vigilia corp. Chi an den Churf. von Brandenburg. Die anweſenden ſtende allhie laſſen vernehmen, das ſie keinen krigk in Deutſchland haben noch leiden wollen: welches denn die ſache ſer treibet und fordert.

Bisher hatten die katholiſchen Reichsfürſten noch immer darauf beſtanden, den Proteſtantismus ſo weit wie möglich zurückzudrängen, oder lieber ganz zu vernichten, ſey es nun2er hielt es fuͤr hinreichend ihnen eine Abſchrift ſeiner Rede mitzuthei - len: non denegare orationem habitam scripto communicare, ut et fecit, additis literis asserti secretarii regis Galliarum, ad se non solitis literis sed characteribus (Chiffern) scriptam, qua (epi - stola) asserebat injunctum sibi, ea coram statibus proponere. Alſo eine chiffrirte Inſtruction theilte er mit, deren Sinn er ſelbſt aus - legte. Prothocoll Diſtelmeyers.262Zehntes Buch. Erſtes Capitel.ſelbſtändig, durch die Mehrheit der Stimmen am Reichstag, oder unter der Führung des Kaiſers: jetzt ſahen ſie ein, daß daran nicht mehr gedacht werden könne.

Die Übermacht der proteſtantiſchen Fürſten war in die - ſem Augenblick vielmehr ſo groß, daß ſie ſelber von ihnen überwältigt, ja vertilgt zu werden fürchten mußten. Der Kaiſer war nicht im Stande ſie zu ſchützen, aber wäre ers auch geweſen, ſo hätten ſie wenig Freude daran gehabt: ſie fühlten ſo gut wie die andern, daß ſein überwiegendes An - ſehen ihre Selbſtändigkeit, die Autonomie der Nation bedrohe. Eine der wirkſamſten Veränderungen bildete der Regierungs - wechſel in Baiern. Jetzt ſetzte ſich kein Leonhard von Eck mehr in den Beſitz des maaßgebenden Einfluſſes bei den katholiſchen Berathungen; Albrecht V, von Natur gemäßigt und nachgiebig, in ſeinen erſten Jahren ſogar evangeliſchen Anwandlungen nicht unzugänglich, jetzt überdieß bedroht und gefährdet, hütete ſich die Politik ſeines Vaters fortzuſetzen, die wenigſtens im Verhältniß zum Kaiſer nur zu Nachthei - len geführt hatte.

In ſeinem erſten Gutachten nun gieng Churfürſt Moritz von dem Zugeſtändniß Ferdinands aus, daß ein Concilium wie das tridentiniſche ſchwerlich jemals zur Vergleichung füh - ren dürfte, und kam auf die Idee eines Nationalconciliums zurück, das ſo oft vorgeſchlagen worden und nie hatte erreicht werden können. 1 darin die Gelehrten der h. Schrift beiderſeits gehoͤrt wer - den und einander guten chriſtlichen Beſcheid geben. Die Verhand - lungen begannen 1ſten Juni fruͤh 7 Uhr, wo Ferdinand Moritz auf - forderte, wie er dem Kaiſer meldet, de bailler sa reponse et deli - beration sur les articles de Linz. Hierauf folgt die Erklaͤrung von Moritz.Doch wollte er es auch auf deſſen Ent -263Verhandlungen zu Paſſau.ſcheidung nicht ankommen laſſen. Er forderte vielmehr ei - nen Frieden welcher immer beſtehe, möge nun die Verglei - chung zu Stande kommen oder nicht. Denn nur von den Mißbräuchen, ſagte er, ſchreibe ſich die Spaltung her; in den Hauptartikeln chriſtlichen Glaubens ſey man Gottlob ein - verſtanden; der Kaiſer müſſe die Stände augsburgiſcher Con - feſſion vor allem verſichern, daß ihnen keine Ungnade noch Beſchwerung weiter bevorſtehe. Zu dem unbedingten Frie - den aber gehöre ferner, daß man auch keine Entſcheidung des Reichstags wo die der Confeſſion entgegengeſetzte Par - tei das Mehr habe, noch des Kammergerichts wie es jetzt eingerichtet ſey, befürchten dürfe: man müſſe die Artikel über Friede und Recht wiederherſtellen und zur Ausführung brin - gen, wie ſie 1544 gegeben worden.

Zweierlei, wie wir ſehen, forderte er: das Aufgeben je - ner conciliaren auf die Wiederherſtellung der Einheit, auch im Wege der Gewalt, hinzielenden Ideen, und dagegen eine den Frieden der Evangeliſchen ſichernde Einrichtung im Reiche. Es waren ganz die altproteſtantiſchen Tendenzen: nicht zu bekehren, noch zu vertilgen, ſondern nur zu beſtehn, kraft der alten Berechtigungen der auf Reichsſchlüſſe ſich ſtützenden Minderheit. Im Jahr 1514 hatten die Proteſtanten ihre Abſicht noch durch den Einfluß der kaiſerlichen Gewalt zu erreichen gemeint: im Jahre 1552 hielten ſie das Schwert in der Hand um ſie durchzuſetzen. Der Kaiſer war über - raſcht, in ferne Alpen zurückgeſcheucht; die geiſtlichen Für - ſten, die bisher die Majorität gebildet, in ihren Landſchaf - ten angegriffen, und ſchon zum Theil in die Hände der Proteſtanten geliefert. Unter dieſen Umſtänden bot ihnen264Zehntes Buch. Erſtes Capitel.Moritz noch einmal die alten Bedingungen an, die freilich, wenn ſie dem Kaiſer abgerungen waren, weit eine andre Bedeutung erhielten, als wenn er ſie frei und gern bewil - ligt hätte.

Und auf die erſte dieſer Forderungen nun giengen die in Paſſau verſammelten Fürſten mit allgemeiner Beiſtimmung ein. Jene Idee einer Herſtellung der Einheit, wie ſie von dem Kaiſer angeſtrebt ward, hatte ſich ihnen allen ſelber ge - fahrbringend erwieſen. Auch ſie fanden, daß das tridenti - niſche Concilium nicht geeignet ſey die Spaltung in der Re - ligion zu heben. Zwar wollten ſie ſich hiebei nicht im Vor - aus gegen ein andres allgemeines Concilium erklären: ſie behielten dem Reichstag vor, nochmals zu unterſuchen, auf welchem Wege das Ziel am beſten erreicht werden könne, durch ein nationales oder doch wieder ein allgemeines Con - cil, oder durch welches andre Mittel. 1Gutachten der Churfuͤrſten und Fuͤrſten am 6ten Juni, im Berliner Archiv.Darin aber ſtimm - ten ſie dem Churfürſten bei, daß auf jeden Fall Friede be - ſtehn müſſe, welches auch der Erfolg der Vergleichsverſuche ſeyn möge, und eben darauf kam es an. Die Frage war, ob im Kreiſe der abendländiſchen Chriſtenheit ein friedliches und ſicheres Daſeyn möglich ſey, ohne die Oberhoheit des Papſtthums oder auch eines Concils anzuerkennen, mochte nun da ein Kaiſer oder ein Papſt den größern Einfluß ha - ben. Dieſe Frage bejahten jetzt die mächtigſten Reichsfür - ſten, auf welchen ſeit dem dreizehnten Jahrhundert das Reich und zum guten Theil die Kirche gegründet geweſen, katho - liſche und proteſtantiſche, geiſtliche und weltliche. Sie mein -265Verhandlungen zu Paſſau.ten, der Friede müſſe beiderlei Ständen zu Gute kommen und ſie gegen einander ſicher ſtellen. Am 6ten Juni 1552 verfaßten die Fürſten dieſes auf ewig merkwürdige Gutach - ten; am 7ten erklärte König Ferdinand in dieſem Puncte ſeine Beiſtimmung dazu.

Wie nun aber dieſer Grundſatz in den Ordnungen des Reiches geltend zu machen ſey, darüber konnte man ſich nicht ſogleich vereinigen. Die vermittelnden Fürſten vermie - den noch die Erwähnung der ſpeierſchen Beſchlüſſe von 1544, die ihnen oder ihren Vorgängern größtentheils zuwider gewe - ſen: nur Eine Stimme trug auf Wiedererneuerung und Voll - ziehung derſelben an; aber ſie bewilligten, daß bei dem Abſchluß des Friedens auch über die Beſetzung des Kammergerichts Beſtimmung getroffen würde. König Ferdinand trat noch einen Schritt weiter zurück: er wollte dieſe Beſtimmung ſo wie die Beſchwerden die Moritz vorgebracht, auf den Reichs - tag verweiſen. Churfürſt Moritz war hiemit nicht zufrieden: er forderte die ausdrückliche Zuſicherung unparteiiſchen Rech - tes und die Aufhebung des Reichsabſchiedes von 1530, auf den die Aſſeſſoren bisher verpflichtet worden. Es kam hier - über zu einem lebhaften Schriftwechſel, in welchem jeder Theil auf ſeiner Meinung beſtand. Glücklicherweiſe hatte Moritz auch ſeinerſeits etwas anzubieten. Bei der Verſicherung der katholiſchen Fürſten in ihren Beſitzthümern, die eine andre Hauptgrundlage des Friedens bildete, hatte er die Worte ein - fließen laſſen: ſo viel ſie noch in Poſſeſſion derſelben ſeyen : eine Clauſel von der größten Bedeutung, da ſchon manches Amt biſchöflicher Lande von Markgraf Albrecht in Beſitz genommen worden. Die vermittelnden Fürſten machten ihn266Zehntes Buch. Erſtes Capitel.aufmerkſam, daß dadurch das Recht verkürzt, der geſammte Rechtszuſtand zweifelhaft werde. Indeſſen beſtand Moritz ſo lange auf ſeinem Vorſchlag, bis ſie und der König ſich ihm auf der andern Seite wieder näherten. Dabei blieb es auch jetzt, daß die Sache definitiv erſt am Reichstag ab - gemacht werden möge: aber im Voraus erklärten die Für - ſten, daß alsdann die Gleichheit bewilligt und die Form des Eides frei gelaſſen werden ſollte. Nicht ganz ſo weit, denn nur in kleinen Schritten, ſehr langſam, rücken dieſe Angelegen - heiten vorwärts, wollte König Ferdinand gehn. Die Gleich - heit im Voraus zu bewilligen, ſchien ihm ein Punct den der Kaiſer nicht genehmigen würde, aber dazu gab er ſeine Zuſtimmung, daß es freiſtehen möge, ob man den Eid zu Gott, oder zu Gott und den Heiligen ſchwören ſolle. Man bemerkte, daß in den Rechten beide Formen gültig ſeyen. 1 Dieweilen ohne das bede Formen in Rechten befunden. Auf des Churfuͤrſten von Sachſen Replik Bedenken der Churfuͤrſten Fuͤrſten ꝛc.Und war dieß nicht im Grunde eben daſſelbe? Die evangeliſchen Aſſeſſoren waren bisher zurückgewieſen wor - den, weil ſie den Eid zu den Heiligen nicht ſchwören woll - ten; ſie mußten angenommen werden wenn man denſelben nicht mehr forderte. Der Verpflichtung auf den Reichsab - ſchied von 1530 ſollte durch eine Clauſel begegnet werden, nach welcher kein früherer Schluß dem neuen Friedſtand ab - brechen, derogiren ſolle.

Dergeſtalt vereinigte man ſich in einer aus beiden Re - ligionsparteien gemiſchten Verſammlung über die wichtigſten Verhältniſſe die in Zukunft zwiſchen beiden obwalten ſollten.

267Verhandlungen zu Paſſau.

Die Katholiſchen, welche auch dort die Mehrzahl aus - machten, gaben die Vortheile auf, welche ihnen aus der Idee einer allgemeinen Vereinigung der Chriſtenheit und ihrem Übergewicht am Reichstag entſpringen konnten.

Dagegen verzichtete man evangeliſcher Seits darauf, ſich der Übermacht die man in dieſem Augenblicke beſaß, zu bedienen, die hohen Geiſtlichen, wie man anfangs gedacht, geradezu zu verjagen, oder auch nur die ihnen ſchon entriſ - ſenen Gebietsſtrecken zu behalten.

Wurde der Rechtsſtand der Proteſtanten erweitert und einigermaßen fixirt, ſo hatte die andre Partei dagegen die Ge - nugthuung, ihre bedrohten Beſitzthümer geſichert zu ſehen.

Und da man nun in der Hauptſache verglichen war, ſo folgten die andern Puncte von ſelber nach. Man kam überein, daß der Landgraf in einer beſtimmten Friſt zu Rheinfels auf freien Fuß geſetzt werden ſolle. Für die Urtel die während der Cuſtodie in ſeinen Angelegenheiten geſprochen worden, ward ihm Suſpenſion und Reviſion verheißen. Alle Die welche in dem letzten Kriege um Land und Leute gekommen oder die Flucht ergreifen müſſen, von den Kriegsanführern der Rheingraf, Albrecht von Mansfeld und ſein Sohn, Chri - ſtoph von Oldenburg, Heideck, Reckerode und Schärtlin, un - ter den Fürſten Wolfgang von Anhalt und Otto Heinrich von der Pfalz, ſollten wieder zu Gnaden angenommen wer - den, und ſich nur verpflichten, fernerhin nicht gegen den Kai - ſer zu dienen; die der jetzigen Kriegsübung Verwandten ſoll - ten die Waffen niederlegen, ihre Eroberungen herausgeben und dagegen einer Generalamneſtie genießen.

Mit Freuden melden die brandenburgiſchen Geſandten268Zehntes Buch. Erſtes Capitel.nach Haus, daß es ſo weit gekommen ſey, hauptſächlich auch durch das eifrige Bemühen des römiſchen Königs.

Auch Moritz meinte wohl, daß hiemit ein feſter Friede im Reich gegründet ſey. Sein Rath war, daß der verab - redete Vertrag dem Kaiſer zu einfacher Annahme oder Ver - werfung vorgelegt werden ſolle: indeß wolle auch er zu ſei - nen Bundesverwandten reiten und wenn von dem Kaiſer die Erklärung der Annahme eingelaufen, den Vertrag ohne weiteres Grübeln unterſchreiben.

Daß nun aber dieſe Bedingungen erſt dem Kaiſer vor - zulegen und von ihm zu beſtätigen waren, bildete eine Schwie - rigkeit die ſich größer erwies, als man auch nach den be - reits gemachten Erfahrungen glaubte.

Die Bevollmächtigten die er in Paſſau hatte, verſäum - ten nichts um ihn dazu zu ſtimmen. Sie ſtellten ihm vor, daß in Deutſchland alles den immerwährenden Frieden wün - ſche, zumal da er, der Kaiſer ſelbſt ſchon um ſeiner vielfa - chen Beſchäftigungen willen nicht im Stande ſey eintreten - den Unordnungen zu ſteuern. 1Rye und Seld an den Kaiſer, 15 Juni: nous trouvons que tous les estats qui sont icy lesquels sont les premiers de toute la Germanie sont merveilleusement enclins a cette paix uni - verselle et les ecclesiastiques pas moins que les seculiers. Car voyant que les choses du concil s’en vont a la longueur et que tous les jours surviennent de nouveaux troubles et que V. Mé a tant d’affaires contre les malveillants qu’elle ne peut si bien re - medier aux iuconvenients comme elle desire, tout le monde veut etre assuré. Der König motivirte bei der Einſendung der Artikel die Bewilligung derſelben mit der erwähnten Gefahr der katholiſchen, beſonders der geiſtlichen Fürſten, und mit der Beſorgniß, daß ſich leicht, wenn die Vereinbarung ſich an die Religionsſachen ſtoße, alle andern269Widerſtand des Kaiſers.Stände augsburgiſcher Confeſſion an die kriegführenden an - ſchließen möchten. Man machte den Kaiſer aufmerkſam, daß weder der Papſt, noch der König von Frankreich, noch irgend ein andrer Fürſt von Europa an die Pflicht denke, die Ketze - reien auszurotten, daß die ganze Laſt einer ſolchen Unterneh - mung auf ihn allein fallen würde. Auch liege wohl ſo viel an Tag, daß man wider die neuen Meinungen mit dem Schwerte nichts ausrichten könne: die Deutſchen würden ihre Hand nicht dazu bieten, durch fremde Nationen laſſe es ſich nicht thun.

Im Angeſicht der Kämpfe welche die Welt erfüllen, der Kräfte die dazu von beiden Seiten in Anwendung geſetzt werden und der Erfolge die ſich ergeben, bilden ſich Über - zeugungen, die plötzlich hervortreten und Jedermann ergrei - fen, weil ſie aus dem Geſchehenen mit Nothwendigkeit ent - ſpringen; man kann ſagen: ſie enthalten Geſetze für eine, wenn auch erſt ferne Zukunft in ſich. So fühlte man jetzt die Unmöglichkeit, das alte Syſtem der dogmatiſchen und kirchlichen Einheit in der abendländiſchen Chriſtenheit aufrecht zu erhalten, die Gemüther mit dem Schwert zu regieren.

Und davon hängt die Wirkſamkeit eines hochgeſtellten Menſchen mit am meiſten ab, in welches Verhältniß er zu Überzeugungen dieſer Art tritt, ob er ſie annimmt oder ſich ihnen entgegenſetzt.

Carl V hielt unerſchütterlich an dem einmal ergriffenen Syſteme feſt.

Es war der Gedanke ſeines Lebens; daß er in einem unglücklichen Augenblick vor einem plötzlichen Anfall hatte zu - rückweichen müſſen, konnte ihn darin nicht irre machen.

Die Einheit der Chriſtenheit aufrecht zu halten galt ihm270Zehntes Buch. Erſtes Capitel.für eine durch die Religion gebotene Pflicht. Während der Verhandlungen wiederholte er ſeine Behauptung, daß dazu ein allgemeines Concilium das einzig geeignete Mittel ſey. Höchſtens wollte er die Sache, aber ganz in den gewöhn - lichen Formen und mit Vorbehalt ſeiner alten Autorität, noch einmal an den Reichstag bringen. Den immerwäh - renden Frieden zu bewilligen, ſchlug er ohne Weiteres ab. Nicht als ob er, wie es in einem ſeiner Briefe heißt, daran denke, die Proteſtanten mit Krieg zu überziehen, wozu er jetzt nicht einmal die Mittel habe: aber durch dieſe Bewilligung würde alles rückgängig werden, was man mit ſo vieler Mühe und ſo vielen Koſten erreicht, das Interim und die letzten Reichstagsſchlüſſe; er würde die Ketzereien auch dann dulden müſſen, wenn ſich Zeit und Gelegenheit zum Gegen - theil zeige; ſchon jetzt müſſe er Scrupel haben für die, welche er dann empfinden werde. Und auch jetzt könne er ſich nicht damit entſchuldigen, daß ihm Gewalt geſchehe: noch ſey ſie nicht geſchehen, noch könne er nach Italien oder vielleicht nach Flandern gehn, und gewiß er wolle es thun, ehe er ſein Gewiſſen beſchwere, ehe er dieſen Zaum ſich an - legen laſſe. 1L’empereur au roi, undatirt, jedoch Anfang Juli: Si ne puisje comme qu’il soit consentir la bride que en ce l’on me veut mettre pour non pouvoir jamais procurer le remede.

Der Nothwendigkeit der Dinge, die er nicht anerkannte, ſetzte er, wie wir ſehen, ſeine geiſtlichen Pflichten entgegen, die er, ſeitdem er ſich ſo lange mit ihnen getragen, von Un - glück und Gefahr mehr beſtärkt als erſchüttert, ſtrenger als jemals auffaßte.

271Widerſtand des Kaiſers.

Ferdinand hielt nicht für rathſam, die Weigerungen und Ausſtellungen des Kaiſers der Verſammlung wie ſie waren mitzutheilen, er hätte den Bruch der ganzen Unterhandlung gefürchtet. Nur im Allgemeinen bezeichnete er ſie, aber er verſprach, ſich ſelbſt zu ſeinem Bruder zu verfügen und al - les zu verſuchen, gleich als gelte es ſeiner Seelen Seligkeit , um denſelben auf eine andre Meinung zu bringen. 1Vor ſeiner Abreiſe erklaͤrt er den Staͤnden: er wolle alle muͤgliche Perſuaſiones, ausfuͤhrung und anzeigung thun, dadurch Keyſ. Mt zu bewegen, und in Summa den Fleiß anwenden, als langete ihrer Mt Seelen Seligkeit an, dann J. Mt hetten deſſen treff - liche urſach, und wolten nichts liebers wahn das Deutſchland muͤchte zu ruge und die gehorſamen ſtende unbeſchedigt bleiben, ſo wehre auch yhrer Mt eigene nothdurft, welche der ſchuch alſo drucket, das ſie wohl mehr hinken dann gehen moͤchte. Sie wußten gewiß, das die Tuͤrken auf die ſtunde wuͤrden vor Tomiſchwar liegen, und ſie konnten doch weder mit Gelde noch mit volke volgen, wehren dieſer handlung halben lange aus ihren landen geweſt. Am 6ten Juli reiſte er von Paſſau ab, am 8ten finden wir ihn in Villach. Er ſtellte dem Kaiſer vor, in welche Gefahr ihn der Wiederausbruch der Feindſeligkeiten in Deutſchland ſtür - zen werde: ſchon ſey auch der Herzog von Baiern von den kriegführenden Fürſten aufgefordert ſich zu ihnen zu ſchla - gen, und im Weigerungsfall mit dem Ruin ſeines Landes be - droht; dagegen verſpreche Moritz eine anſehnliche Hülfe in Ungarn zu leiſten, wenn der Friede zu Stande komme, und bei den unaufhörlichen Fortſchritten der Türken ſey für ihn nichts dringender, nothwendiger. Auch bewirkte er damit wohl, daß eine und die andre unweſentliche Einwendung weggelaſſen ward, welche der Kaiſer gegen die vorgeſchlage - nen Artikel gemacht; in Bezug auf das Gericht wurden all - gemeine wiewohl nicht eben verpflichtende Verſicherungen272Zehntes Buch. Erſtes Capitel.ertheilt. In der Hauptſache aber richtete Ferdinand nichts aus. Der Kaiſer erklärte mündlich eben ſo ſtandhaft wie er es ſchriftlich gethan, daß er nichts zulaſſen werde was ſeiner Pflicht, ſeinem Gewiſſen zuwiderlaufe, und ſollte dar - über alles zu Grunde gehn. 1Lettre de l’empereur à la reine 16 Juill. qu’il ne fe - roit rien contre son devoir et sa conscience, quand meme tout devoit se perdre. Er wolle eher Deutſchland dem römiſchen König überlaſſen, als etwas geſtatten was der Religion nachtheilig ſey, oder ſich dem Urtheilsſpruch Derer unterwerfen, die er zu regieren habe. Den Satz in welchem immerwährender Friede zugeſagt wurde auch für den Fall daß man ſich nicht verſtändige, ſtrich er aus. Er gieng nicht weiter, als daß er, wie ſchon in der Linzer Er - klärung, einem künftigen Reichstag zu beſtimmen vorbehielt, auf welche Weiſe dem Zwieſpalt abzuhelfen ſey: wohlver - ſtanden jedoch mit Ihrer Majeſtät ordentlichem Zu - thun : nur bis dahin verſprach er Friede; er wiederholte nicht einmal, daß er die Vergleichung nur durch friedliche und gütliche Mittel herbeizuführen ſuchen werde. Auch die vorgebrachten Beſchwerden ſollten dort, unter ſeiner Theil - nahme, erörtert werden. Der römiſche König mochte ſa - gen was er wollte, ſo mußte er ſich mit dieſem Beſcheide nach Linz zurückbegeben.

Hier hatte man das doch nicht erwartet. Man meinte faſt, es liege wohl an Ferdinand ſelbſt, und richtete die dringende Frage an ihn, ob er nicht etwa noch eine Neben - inſtruction habe. Der König antwortete, er handle rund und ehrbar: hätte er weiteren Auftrag, ſo würde er denſel -273Vertrag zu Paſſau.ben von Anfang angezeigt haben, er habe den Befehl, nicht einen Buchſtaben ändern zu laſſen. 1Le Roi des Romains à l’empereur 16 Juill. (Anh.)

Sollten nun aber nicht die vermittelnden Fürſten trotz alle dem ihrerſeits auf den wohlerwogenen Vorſchlägen ver - harren, die ſie gemacht?

Sie zogen in Erwägung daß der Kaiſer ihnen doch in den weniger bedenklichen Puncten meiſtens beigetreten war, daß für den Augenblick, da das tridentiniſche Concilium ſich aufgelöſt hatte und von einer Ausführung der Beſchlüſſe deſſelben nicht mehr die Rede ſeyn konnte, auch in religiö - ſer Hinſicht nichts zu befürchten ſtand, daß dem Reichs - tag, an den die Entſcheidungen, wiewohl mit dem Vorbe - halt der Idee der allgemeinen Einheit, verwieſen worden, ein weiter Spielraum offen blieb: und hielten für das beſte, ſich dem unwiderruflichen Willen des Kaiſers zu fügen.

Die Frage war nur, ob dann auch die Evangeliſchen ihn annehmen würden, namentlich Moritz, der ſeitdem noch ein - mal nach Paſſau zurückgekommen war, und als er ſah wie die Sachen ſtanden, es mit der Erklärung verlaſſen hatte, daß auch er an ſeine Zuſage nicht weiter gebunden ſeyn wolle.

Mit gegründeter Beſorgniß nahm er die fortgehenden Rüſtungen des Kaiſers wahr. Wie im Mai gegen Reitti und die Clauſe, ſo ſtürzte er ſich im Juli gegen einen an - dern Muſterplatz des Kaiſers bei Frankfurt a. M., wo ſich bereits 16 Fähnlein z. F. und 1000 M. z. Pf. unter deſſen Namen geſammelt.

Hier aber war ihm das Glück nicht ſo günſtig wie dort.

Nach der Ausſöhnung hatte ſich in Frankfurt der alteRanke D. Geſch. V. 18274Zehntes Buch. Erſtes Capitel.Einfluß des Kaiſers auf die Geſchlechter und den Rath von Frankfurt wieder hergeſtellt: die Stadt entſchloß ſich, auch unter den gefährlichen Umſtänden in denen man war, ſeine Truppen bei ſich aufzunehmen. Der Oberſt der ſie befeh - ligte und der Bürgermeiſter theilten die Schlüſſel der Thore unter einander. Zur rechten Zeit traf ein kaiſerlicher Kriegs - commiſſar mit dem nöthigen Gelde ein, um die Söldner zu - frieden zu ſtellen und ein gutes Verhältniß mit den Bürgern möglich zu machen.

Dadurch zog nun zwar die Stadt den Angriff der Ver - bündeten gegen ſich ſelber herbei. Zerſprengte Flüchtlinge, Rauchſäulen von der Holzhauſer Öde her kündigten bald das Heer derſelben an. Im erſten glücklichen Scharmützel ſprengte Moritz bis an die Stadtthore. Zu fürchten aber war bei den guten Vorkehrungen die man in Frankfurt ge - troffen, dieſer Feind, dem es an dem nöthigen Belagerungs - geſchütz fehlte, mit nichten. Nicht allein ſeine Anfälle und Stürme wurden abgeſchlagen, er erlitt auch einen großen Verluſt. Der junge kriegsfreudige Georg von Meklenburg, der ſelber mit ſeinem Fauſthammer an das Thor von Sach - ſenhauſen klopfte, um zu ſehen ob es inwendig gefüllt ſey, und da er das nicht ſo fand, ein Paar Büchſen heranbrin - gen ließ um ſie auf daſſelbe zu richten, mußte dieſe Kühn - heit mit dem Tode büßen. Moritz, der die Stadt auffor - derte, bekam darauf die bittere Antwort, er möge erſt fromm werden und die Judasfarbe ablegen.

1Timotheus Jung an den Churf. von Brandenburg. 25 und 26 haben Marggraf und Chf. zwen groß ſturm vor Frankfurt ver - loren, und dermaaßen abgewieſen, das ſie leichtlich nicht wiederkom - men. Vgl. Kirchner II, 192.
1275Vertrag zu Paſſau.

In dieſem Augenblick trafen die Abgeordneten mit dem nach der kaiſerlichen Anweiſung veränderten Friedensentwurf ein.

Wäre Moritz Herr von Frankfurt geweſen, wer weiß ob er den Vertrag angenommen hätte. Aber er war es nicht; auch an vielen andern Stellen hielt ſich die kaiſerliche Macht: wenn er den Vertrag abſchlug, ſo hatte er Achts - erklärung und die unbedingte Herſtellung ſeines Vetters Jo - hann Friedrich zu erwarten;1In Paſſau hatte Johann Friedrich, nicht aus eigner Bewe - gung ſondern auf Antrieb des Kaiſers, bei den Verſammelten anfra - gen laſſen: er erzaͤhlt es ſelbſt in der Propoſition auf dem Land - tag zu Saalfeld (Hortleder II, iii, c. 87, nr 7): was wir uns aufm Fall, da unſer Vetter Herzog Moritz geaͤchtigt wuͤrde und wir un - ſer Land wider einnehmen ſollten, vor Huͤlf und Zuſatz bei iren Lieb - den zu verſehen. er mußte einen neuen Krieg auf Leben und Tod beſtehen. Nahm er dagegen den Ver - trag an, ſo ward der Landgraf befreit, was ihn einer ſchweren perſönlichen Verpflichtung überhob; nicht unbedeu - tende andere Zugeſtändniſſe, wenn auch nicht die letzten die er gefordert, traten in Wirkſamkeit; für die Sicherheit ſei - ner Erwerbungen war es von dem größten Werthe, wenn er ſie zunächſt auch unter einer veränderten Ordnung der der Dinge unangefochten behauptete. Seinem Bunde mit dem König von Frankreich entſprach es zwar nicht; aber er wußte ſehr wohl daß er darüber mit demſelben doch nicht zerfallen würde. Nach einigem Bedenken nahm er am 29ſten Juli den Vertrag an; zu Rödelheim bei Frankfurt iſt die Originalurkunde, welche die Abgeordneten Ferdinands mit - gebracht hatten, von Moritz, den jungen Landgrafen und Johann Albrecht unterſiegelt worden. 2Adam Trott an den Churf. von Brandenburg, Sonntag

18*276Zehntes Buch. Erſtes Capitel.

Höchſt erwünſcht war dieß zunächſt dem König Ferdi - nand, der nun ſeine Kräfte nach dem von einem türkiſchen Einfall aufs neue bedrängten Ungarn wenden konnte; Mo - ritz erneuerte ſein Verſprechen ihm ſelbſt zu Hülfe zu kom - men. Die vor Frankfurt verſammelten Truppen der Ver - bündeten, bis auf ein einziges, das reifenbergiſche Regiment, das ſich zu Markgraf Albrecht ſchlug, leiſteten dem König den Eid der Treue.

Ferdinand vergalt die Dienſte die er dergeſtalt empfieng, dadurch, daß er ſeinen Bruder aufforderte, Johann Friedrich, der noch immer dem Hofe folgte, nicht eher förmlich zu ent - laſſen, bis er das zwiſchen ſeinen Söhnen und Moritz ent - worfene Abkommen beſtätigt habe.

Schon war es jedoch dem Kaiſer, der täglich die Kräfte ſeiner Gegner abnehmen und die ſeinen anwachſen ſah, wie - der zweifelhaft geworden, ob er ſeinerſeits den Vertrag auch nur ſo, wie er ihn zuletzt angenommen hatte, ratificiren ſolle. Einer ſeiner Hauptleute und Räthe ſagte ihm, bis jetzt ſey der Krieg von den Fürſten geführt worden, ohne Wider -231 Juli. Syn alſo uff den Abent Jacobi ankommen (24 Juli) und folgendes tages gehort und an allem was moglich und zu dem fryden, fornemlich zur Erledigung des Landgrafen dienſtlich ſein mogen nichts unterlaſſen, aber heut Sontags nach Jacobi (31 Juli) ſeynd mir erſt teutſche Antwort zu erlangen fortroſtet und hat myr der Churf. geſagt die Sachen ſteen dermaß das ich uf der poſt den Land - grafen holen ſolle. Adam Trott an die Raͤthe zu Paſſau 1ſten Aug. magk Euch nicht verhalten, das die Handlung allhie Gott - lobe verrichtet, aber doch nicht one große Mhue und auch durch ſon - dern Vlyß des Churf. zu Sachſen, und hat ſych der Landgraff mit den alten Rheten, die er itzond ſtattlich bei ſich hat, aufs beſt er - zeigt. Das Datum in der neuen Sammlung der Reichsabſchiede, gegeben zu Paſſau 2 Aug., iſt ohne Zweifel falſch. Die alten Ab - ſchriften haben das richtige Datum 16 Juli.277Vertrag zu Paſſau.ſtand: würden ſie ihren Meiſter und Herrn ſich gegenüber ſehen, ſo würde ihnen das Gewiſſen ſchlagen und ſie wür - den das Herz verlieren. Am 10ten Auguſt hat der Kaiſer durch Andelot ſeinem Bruder wirklich noch einmal eine Er - öffnung in dieſem Sinne machen laſſen: er ſehe jetzt die Möglichkeit den gehorſamen Ständen zu Hülfe zu kommen; allzu drückend ſeyen die Bedingungen die er eingegangen; wer könne dafür ſtehn, daß Moritz nicht, wenn er nach Un - garn gehn dürfe, dort einen Streich ſpiele wie vor Magde - burg. Iſt Ferdinand je über eine Mittheilung ſeines Bru - ders erſchrocken, ſo war es damals. Er beſchwur ihn, ihm dieſen Schimpf nicht zuzuziehen: nur auf ſein Zureden, denn er habe immer am meiſten auf die Herſtellung des Friedens im Reiche gedrungen, ſeyen die Bedingungen des Vertrags zuletzt von den Fürſten genehmigt worden; von Moritz fürchte er nichts, da die Truppen ihm, dem König, geſchworen; und entbehren könne er deſſen und des Reiches Hülfe nun ein - mal nicht: ein Bruch würde ihm und ſeinen Kindern, allen ſeinen Ländern, in dieſer Gefahr vor den Türken, zum voll - kommenen Verderben gereichen. 1Ferdinand an den Kaiſer 20 Aug. 1552. (Anh.)

Hierauf entſchloß ſich der Kaiſer den Vertrag zu beſtäti - gen. Ganz allein , ſchreibt er ſeinem Bruder, die Rück - ſicht auf Eure beſondre Lage, Eure Königreiche und Lande haben mich dazu bewogen. Auch ſeiner Schweſter meldet er, die Betrachtung, welche Bedrängniß Ungarn und die ganze Chriſtenheit von den Türken erfahren werde, wenn Moritz nicht einige Hülfe leiſte, habe ihn vermocht den Vertrag zu ratificiren.

278Zehntes Buch. Erſtes Capitel.

Unter einem ſo mannichfaltigen Wechſel von Berathun - gen und Antrieben iſt der Paſſauer Vertrag zu Stande ge - kommen.

Man könnte nicht ſagen, daß er für die große innere Frage, in den religiöſen Angelegenheiten eine definitive Be - ſtimmung gegeben oder auch nur in ſich eingeſchloſſen habe.

Der immerwährende Friedſtand zwiſchen den beiden Be - kenntniſſen war ausdrücklich verweigert, die alte Idee der kirchlichen Einheit, als einer Bedingung des politiſchen Le - bens, vorbehalten, und jede weitere Feſtſetzung auf den Reichs - tag verſchoben worden, von dem ſich doch nicht vorausſehen ließ, ob er nicht durch ſeine Conſequenz gefeſſelt unter ähnli - chen Einwirkungen wie früher auch wohl zu ähnlichen Be - ſchlüſſen gebracht werden könnte.

Auch wurden nicht einmal die obſchwebenden Unruhen dadurch beſeitigt. Markgraf Albrecht von Brandenburg wei - gerte ſich ihn anzunehmen und ſetzte ſeine Züge gegen Stif - ter und Städte, wie er ſie in Franken und Schwaben be - gonnen, an Rhein und Moſel fort. Auf ſein Beiſpiel ſah Graf Volradt von Mansfeld, der gegen Ende Mai in Ratze - burg eingebrochen war, die ſilbernen Apoſtel aus der Dom - kirche geholt und die Domherrn genöthigt hatte den jungen Herzog von Lauenburg zum Biſchof zu poſtuliren: noch hielt er dort an der Elbe eine beträchtliche Mannſchaft im Felde.

Bei alle dem war der Paſſauer Vertrag doch ein un - ermeßliches Glück für Deutſchland.

Das nunmehr auch vom Kaiſer zuſammengebrachte Heer und das heſſiſch-ſächſiſche hätten ſonſt mit einander ſchla - gen müſſen, und die ganze Kriegswuth beider Theile hätte ſich nach dem Reiche hin entladen.

279Entlaſſung Johann Friedrichs.

Jetzt aber wandten die beiden Gegner ihre Kräfte nach den Grenzen hin. In dem Innern ward wenigſtens ſo viel erreicht, daß der gedrückte, durch die Kriegserfolge von 1547 herbeigeführte Zuſtand aufhörte der bisher obgewaltet.

Zunächſt kehrten die beiden gefangenen Fürſten in ihr Land zurück.

Als der Kaiſer ſich entſchloß die dem geweſenen Chur - fürſten Johann Friedrich bewilligten Erleichterungen in eine vollſtändige Befreiung zu verwandeln, ihn von dem Hofe, der jetzt wieder nach Augsburg gekommen, zu entlaſſen, legte er ihm doch noch zwei Bedingungen vor, die eine mehr in ſeinem, die andre mehr in ſeines Bruders Sinn. Johann Friedrich ſollte ſich noch verpflichten, den Beſchlüſſen eines künftigen Conciliums oder Reichstags in der Religion Folge zu leiſten und die Verträge mit ſeinem Vetter zu beobach - ten. Das letzte war in ſo fern neu und ſchwer, als er zu - gleich für ſeine Söhne gutſagen und andre Sicherheiten her - beiſchaffen ſollte; aber er entſchloß ſich dazu: er erbot ſich die Verträge zu unterzeichnen, ſobald als es Churfürſt Mo - ritz gethan haben werde. 1Die ſogenannte Aſſecurationsacte. Eigner Bericht Johann Friedrichs an ſeine Staͤnde. Hortleder II, iii, 87, nr. 7.Was aber die erſte Anmuthung betrifft, ſo blieb er nach wie vor unerſchütterlich. Gern ver - ſprach er wegen der Religion mit Niemand in Bündniß zu treten, noch die Altgläubigen thätlich zu beläſtigen; aber da - hin war er nicht zu bringen, daß er ſich eine künftige Ver - gleichung anzuerkennen verpflichtet hätte. In aller Demuth erwiederte er dem Kaiſer, er ſey entſchloſſen, bei der Lehre die in der augsburgiſchen Confeſſion enthalten, bis in ſeine Grube zu bleiben.

280Zehntes Buch. Erſtes Capitel.

Durch ſeine Haltung in der Gefangenſchaft hatte Jo - hann Friedrich erſt recht gezeigt, wie Ernſt es ihm auch in glücklicheren Zeiten damit geweſen war, ſeinem Kaiſer Ge - horſam zu beweiſen. Es iſt immer derſelbe Gedanke, bei aller einem Reichsfürſten geziemenden Hingebung, doch in Beziehung auf göttliche Dinge, wo man einer andern Welt angehört, die volle Unabhängigkeit des Gewiſſens zu bewahren. Früher, bei den Conflicten, in welche die ſtrei - tigen Rechtsverhältniſſe brachten, konnte dieſe Geſinnung nicht immer hell und zweifellos erſcheinen: in der Gefan - genſchaft, wo ſich die Gegenſätze reiner und einfacher ge - ſtalteten, leuchtete ſie dann in vollem Glanze hervor. Und recht naturgemäß entſprang ſie in ihrer doppelten Richtung aus der deutſchen Geſchichte. Auf das tiefſte hatte die Idee des Reichs und ſeiner Ordnung die Gemüther durchdrun - gen; eben ſo lebendig waren ſie jetzt von dem göttlichen Urſprung der heiligen Schrift und der unbedingten Gültig - keit einer freieren Auffaſſung derſelben ergriffen; beides zu vereinigen hätte Große und Geringe befriedigt. Aber Carl V verſtand das entweder nicht, oder wollte doch nichts davon hören; er wollte ſich Gehorſam in göttlichen und menſchlichen Dingen erzwingen. Damit erzog er ſich eben Die, die ihm endlich den einen wie den andern verſagten, und die Waf - fen der Politik und des Krieges, die ſie von ihm führen ge - lernt, nun gegen ihn ſelber wandten. Johann Friedrich da - gegen beobachtete auch in ſeiner Gefangenſchaft vollkommene Treue. Er wollte nicht einmal zugeben, daß jene Fürbitte der Reichsfürſten für den Landgrafen auch auf ihn erſtreckt würde; es machte ihm Sorgen, daß die Stände ſeines Landes und281Ruͤckkehr Johann Friedrichs.ſeine Söhne nicht ganz abgeneigt waren auf die Verbindung mit Moritz einzugehn, und er ſelber hat es verhindert. Es wäre zugleich grauſam und unklug geweſen, einen Mann von dieſer Geſinnung länger zurückzuhalten. 1Der Kaiſer verſprach: der Religion halber gegen ihn oder die ſeinen inſonderheit nichts vorzunehmen Dieß inſonderheit, die gebuͤhrlichen Wege der Vergleichung ſchloſſen noch immer das Con - cilium und eine allgemeine Reichsverpflichtung nicht aus.Am erſten September 1552, dem Tag ſeines Aufbruchs von Augs - burg, entließ ihn der Kaiſer mit der Erklärung, er habe an ſeinem Verhalten während der Verſtrickung ein gnädiges Ge - fallen gehabt: er hoffe auch künftig zu allen Gnaden Ver - anlaſſung zu haben. Der Fürſt ſchied mit dankbaren Er - bietungen und ſchlug den Weg nach ſeinem Lande ein.

Von Anfang an zeigte er ſich entſchloſſen, keine Feindſe - ligkeiten gegen Moritz vorzunehmen. Geh hin , ſagte er einem von denen, die ihm zuerſt glückwünſchend entgegen - kamen, und ſage zu Hauſe, daß ich ohne Waffen komme und keinen Krieg mehr führen will.

Welch ein Wiederſehen war es, als er in ſeinem Stamm - land bei Coburg wieder anlangte! Der erſte der ihm ent - gegenkam, war ſein Bruder Johann Ernſt, der ſeinen Wahl - ſpruch: ich trau Gott, nun erfüllt ſah. Bald erſchien auch ſeine Gemahlin mit ihren herangewachſenen Söhnen. Die Berge und Wälder wurden beſucht, um der lange entbehr - ten Jagdluſt zu pflegen und die heimathliche Luft wieder einzuathmen; an den hellen Quellen im Grunde der Forſten ward das Mittagsmahl eingenommen. Vor den Städten erſchienen dann weit draußen die Rathsherrn in den ſchwar - zen Mänteln, ihrer Amtstracht, um den angeſtammten Herrn282Zehntes Buch. Erſtes Capitel.zu bewillkommen: die Bürger mit ihren Rüſtungen oder in ihren beſten Kleidern bildeten ein Spalier; auf den Märk - ten warteten die Geiſtlichen mit der männlichen Jugend auf der einen Seite, auf der andern die eisgraueſten Bürger mit den jungen Mädchen, die in fliegenden Haaren mit dem Rautenkranz erſchienen; die Knaben ſtimmten das Tedeum lateiniſch an, die jungen Mädchen antworteten mit dem deut - ſchen: Herr Gott dich loben wir; der Fürſt, der ihrem Ge - bet ſeine Rückkehr zuſchrieb, zog mit entblößtem Haupte, dan - kend und gnädig, ſie alle vorüber; neben ihm ſein Sohn und Meiſter Lucas Cranach, der aus herzlicher Liebe, die ihm auch erwiedert ward, die Entbehrungen der Gefangen - ſchaft freiwillig mit ihm getheilt ; wenn er dann abge - ſtiegen, brachte ihm wohl ein in die Hoffarbe gekleideter Knabe aufgeſparte Goldſtücke der Bürgerſchaft in einem künſtlichen Pokale dar. Johann Friedrich erſchien wie ein Märtyrer und Heiliger. Als er in Weimar einzog, meinte man ein langes weißes Kreuz über ihm zu ſehen. 1Johann Foͤrſter: Custodia et liberatio des durchlauchti - gen ꝛc. Hortleder III, n, 88, nr. 55. Muͤller ſaͤchſiſche Annales a. h. a. Schultes Coburg-Saalfeldiſche Geſchichte I, 41.Melanchthon denn auch aus dem verlornen Lande, von Wittenberg her verſäumte man nicht ihn zu begrüßen verglich ihn mit Daniel unter den Löwen, oder jenen drei gläubigen Iſraeliten im feurigen Ofen; Gott, der ihm dieſe Seelenſtärke verliehen, und ihn nunmehr freigemacht, habe dadurch gezeigt, daß er wahrhaftig Gott ſey, der in dieſem ſterblichen Leben ſich eine ewige Kirche ſammle, ihr Bitten und Seufzen erhöre. 2Schreiben vom 14 Sept. Vgl. Dedication des vierten Theils der lutheriſchen Schriften vom 29 Sept. (Corp. Ref. VII, 1072, 78.)

283Ruͤckkehr des Landgrafen.

Um dieſelbe Zeit kehrte auch der Landgraf Philipp in ſein Land zurück. Erſt in dem Augenblick der definitiven Annahme des Vertrags gab der Kaiſer Befehl zur Befreiung des Gefangenen; bis dahin hatte derſelbe von dem eigen - nützigen und übermüthigen Wächter der ihm beigegeben war, noch manche Mißhandlung auszuſtehn. In Tervueren nahm er dann von der Königin Maria Abſchied, die ſich aus ſei - nen Reden überzeugte, daß er nun dem Kaiſer treu bleiben werde. Als er in Caſſel anlangte, begab er ſich zuerſt in die Martinskirche, die ſich ſofort mit dem herbeiſtrömenden Volk erfüllte, und kniete vor dem Denkmal ſeiner indeß ver - ſtorbenen Gemahlin nieder; ſo verharrte er in Gebet und Nachdenken und Erinnerung an alle perſönlichen Verwicke - lungen der Vergangenheit bis die erſten Töne der Or - gel den ambroſianiſchen Lobgeſang anhoben.

Wie die gefangenen Fürſten, ſo kehrten auch an vielen Stellen die verjagten Prediger zurück. Hie und da, wie im Würtenbergiſchen, ward das Interim durch fürſtliches Edict abgeſchafft. Der Kaiſer ſelbſt ward bewogen, unter andern in Augsburg, wo er ſonſt an den Einrichtungen die er getrof - fen, nicht leicht etwas fallen ließ, neben dem interimiſtiſchen Dienſt doch auch Prediger zu dulden die ſich zur augsbur - giſchen Confeſſion hielten. Auch dem Markgrafen Johann gab er vorläufig beruhigende Verſicherungen. Der religiöſe Geiſt der Nation athmete wieder auf.

Wir ſehen: ſo unerſchütterlich der Kaiſer auch an den alten Hauptgrundſätzen feſthielt, ſo konnte er doch in dieſem Augenblick in ihrer Handhabung nicht mehr fortfahren.

Und war es nicht weiter ein großer Gewinn, daß ſich284Zehntes Buch. Erſtes Capitel.in den Berathungen der Reichsfürſten in Paſſau jene Über - zeugung, deren wir gedachten, obwohl ſie dem kaiſerlichen Gedanken entgegen lief, durchgeſetzt hatte?

Sehr gewiß, daß der Kaiſer, wenn er wieder in vol - len Beſitz ſeiner Macht kam, derſelben nicht Raum geben würde: Moritz zweifelte nicht, er werde, wenn er köune, auch alles das wieder zurücknehmen was er jetzt zugeſtanden;1Anzeige an den franzoͤſiſchen Geſandten, unmittelbar vor der Annahme des Paſſauer Vertrags: man wußte wol und hetts genug - ſam erfahren, das der Kaiſer wo er erhalten konnt damit er umb - gehe, Gott geb er verſchreib ſich was er wolt, weniger denn nichts halten wuͤrde. allein wie dann, wenn es ihm damit nicht gelang?

Dann ließ ſich wohl nichts anders erwarten, als daß die in Paſſau von den Vermittlern gefaßten Geſichtspuncte überwiegen und zur Geltung kommen würden.

Nochmals knüpfte ſich die Entſcheidung über die wich - tigſten innern Verhältniſſe von Deutſchland an den Aus - ſchlag der Waffengewalt in dem wiederausgebrochenen euro - päiſchen Kriege an.

[285]

Zweites Capitel. Franzöſiſch-osmaniſcher Krieg. 1552, 53.

Nach den erſten drückenden Verlegenheiten hatte der Kai - ſer doch wieder die Mittel gefunden eine bewaffnete Macht aufzubringen. Wie dort bei Frankfurt, ſo ſammelten ſich auch bei Ulm und bei Regensburg Reiter und Fußvölker zu ſeinen Fahnen;1Briefe von Boͤcklin und Schwendi, welche in Boͤhmen die Ruͤſtungen beſorgten, im Bruͤſſeler Archiv. deutſche Fürſten traten wieder in Dienſt, unter andern auch Markgraf Johann, den der Fortgang der moritziſchen Unternehmungen auf die andre Seite trieb. Über die Alpen kamen ein paar tauſend Hakenſchützen und einige Geſchwader neapolitaniſcher Reiter. Eine glänzende Schaar ſpaniſcher Großen hatte ſich durch die Bedrängniſſe ihres Königs aufgefordert gefühlt demſelben auch über das Meer, was nicht ohne Gefahr geſchah, zu Hülfe zu eilen; der Kai - ſer kehrte nach Insbruck zurück, um ſie daſelbſt zu empfan - gen. Was aber von allem wohl das Wichtigſte war, der Prinz Don Philipp, der ſich wieder in Spanien befand, er - füllte das Verſprechen das er vor ſechs Jahren gegeben:286Zehntes Buch. Zweites Capitel.er wußte eine Million Ducaten zuſammenzubringen und über - ſchickte ſie ſeinem Vater. 1Sepulveda XXVII, § 34, 35.

In Kurzem ſah der Kaiſer wieder ein Heer um ſich, wie das, was er damals gegen die Proteſtanten geführt; und um ſo erklärlicher iſt es, wenn ihm der Gedanke auf - ſtieg, ſein Glück aufs neue in Deutſchland zu verſuchen.

Der Unterſchied war nur, daß er damals Friede mit den Osmanen und den Franzoſen gehabt hatte, von dieſen aber jetzt mit aller Macht angegriffen war. Was hätte, wenn er den Krieg in Deutſchland fortſetzen wollte, anders erfolgen ſollen, als daß ſich die Einen Ungarns, die Andern der Niederlande bemächtigt hätten. Schon ließ Königin Ma - ria ihren Bruder wiſſen, ſie getraue ſich nicht, die Nieder - lande den Winter über zu vertheidigen.

Beſſer war es doch, im Reiche den Frieden eintreten zu laſ - ſen und die Waffen gegen die auswärtigen Feinde zu richten.

Die beiden Heere, welche bereit geſchienen ſich mit ein - ander zu meſſen, zogen es vor, nun von den beiden Fein - den jedes den einen auf ſich zu nehmen.

Der Kaiſer wandte ſich gegen Frankreich. Am 19ten September machte er der Stadt Straßburg ſeinen Beſuch, der er für die gute Haltung dankte, welche ſie bei dem Ein - fall der Franzoſen in den Elſaß bewieſen hatte. Während er im Münſter eine Andacht hielt, zog ſein Heer an den Mauern der Stadt vorüber.

Einige gaben ihm den Rath, wie früher, in das Innere von Frankreich vorzudringen, was den König, deſſen Heer ſchon nicht mehr recht in Stande war, in die größte Verlegenheit287Belagerung von Metz.bringen und vielleicht zu einem Frieden wie der von Creſpy nöthigen könne. Der ſtolze Kaiſer aber konnte vor allem nicht ertragen, daß eine Reichsſtadt von den Franzoſen bei ſeiner Regierung ſollte in Beſitz genommen ſeyn. Auch meinte er wohl durch die Eroberung derſelben die Sicherheit der Nieder - lande zu vermehren. Der Herzog von Alba, der in dieſen An - gelegenheiten das große Wort führte, verſicherte, daß es trotz der vorgerückten Jahreszeit noch möglich ſeyn werde. Am 19ten October erſchienen die kaiſerlichen Truppen vor Metz.

Sehr beſchwerlich hätte ihm Markgraf Albrecht werden können, der ſich an der Spitze von 10000 M. nach Loth - ringen geworfen hatte; ohne viel Zeitverluſt aber gelang es dem Kaiſer, wir werden von den Bedingungen unter denen es geſchah und den Ereigniſſen die ſich daran knüpf - ten bald ausführlicher zu handeln haben, den Markgra - fen auf ſeine Seite zu ziehen.

Und ſo konnte er ſeine verſtärkte Macht unzerſtreut auf die Belagerung wenden, von der man fühlte daß ſie noch über mehr, als über die Zukunft dieſer Reichsſtadt ent - ſcheide. Der florentiniſche Geſandte ſpricht die Überzeugung aus, wenn es dem Kaiſer gelinge, ſo werde er auch alle an - dern Feindſeligkeiten ſeiner Gegner überwinden und auf kein Hinderniß ſtoßen, wohin er ſich auch wende.

Nur langſam jedoch ſchritt die Belagerung vorwärts. Schon liegen ſie mehrere Wochen vor Metz, ſchreibt der König von Frankreich am 28ſten Nov. an ſeinen Verbün - deten, den Sultan, doch haben ſie noch nichts Ernſtliches unternommen. Sollten ſie es noch thun, ſo haben wir darin unſern Vetter, den Herzog von Guiſe, mit mehr als288Zehntes Buch. Zweites Capitel.10000 Mann, die ſich nicht ſo leicht werden überwältigen laſſen; im Frühjahr ſind wir entſchloſſen ſie wieder aufzuſu - chen: bis dahin werden ſie durch die Jahreszeit und die häu - figen Regengüſſe welche ſchon angefangen haben, zu Grunde ge - richtet ſeyn. Eben in dieſen Tagen aber hatte der ernſtliche Angriff begonnen. Ein Theil der Laufgräben war gezogen; die Batterien waren errichtet, der Kaiſer, von ſeiner Krank - heit wieder einmal frei geworden, hatte in einem benachbar - ten halbzerſtörten Schloß Wohnung genommen; das Fuß - volk war gutes Muthes, und zeigte ſich bereit zum Sturm, wenn man ihm nur eine hinreichende Lücke eröffne. Hierauf begann die große Batterie von 25 oder 26 Kanonen ihr Feuer, das ſie ſehr lebhaft unterhielt; am 29ſten November ſtürzte in der That ein Theil der Mauer auf der Südſeite der Stadt, zwiſchen zwei großen Thürmen, zwanzig Schuh breit zuſammen: ein lautes Freudengeſchrei erſcholl und al - les lobte den Geſchützmeiſter des Kaiſers, Johann Man - rique: allein als der Staub ſich gelegt und man die Breſche genauer anſah, ſo zeigte ſich hinter derſelben eine neue, ſchon ein paar Fuß erhöhte Bruſtwehr, von Fahnen und Standarten überweht, mit Hakenſchützen dicht beſetzt; alles erſchien in ſolchem Stand, daß kein Menſch zu dem Sturme Luſt behielt. Man mußte fürs Erſte die Laufgräben weiter fortführen. In den Berichten die an den brandenbur - giſchen Hof kamen, iſt von einem Verſuch die Rede, die Mauern, ja den Platz auf welchem ſich die Feinde in Schlacht - ordnung zu ſtellen pflegten, zu untergraben und in die Luft zu ſprengen; allein nur des Gedankens wird Erwähnung ge -1Salignac Siège de Metz. Coll. univ. de Mémoires XL, p. 86.289Belagerung von Metz.than, keines Verſuches. 1Schreiben des brandenburgiſchen Leuttenampts Sylſchrongk an Markgraf Hans 17 Dec. 1552 (Berl. A.). In dem Tagebuch der Belagerten werden Contreminen erwaͤhnt.Überhaupt iſt die Geſchichte der Belagerung, die wir Tag für Tag aufgezeichnet finden, ſehr einförmig. Zu Angriffen welche Hofnung auf Erfolg gege - ben hätten, kam es nicht mehr. Die naßkalte Witterung, die ſchon den Deutſchen ſehr beſchwerlich fiel, wie wir von einem großen Theil der brandenburgiſchen Reiter, welche der Belagerung beiwohnten, die Meldung finden, daß ſie er - krankt ſeyen, war den Italienern und Spaniern vollends verderblich. 2Pontus Heuterus lib. XIII, cap. XVII. Bruma enim con - tinuo gelu corpora urebat, ingensque aere demissa nix molestis - sima erat, quibus incommodis cum mox continuae supervenirent pluviae, omnia aquis tegebantur corrumpebanturque. Man behauptet, daß von den Spaniern ein Drittheil, von den Italienern die Hälfte umgekommen ſey. Die Vorherſagungen Heinrichs II bewährten ſich nur allzu gut: Anfang Januar 1553 mußte die Belagerung aufge - hoben werden.

Die Franzoſen prieſen den glücklichen Vertheidiger Guiſe, der wirklich eben ſo viel Muth wie Umſicht an den Tag gelegt hat, als einen Helden: wir haben Denkmünzen, auf denen ihm dafür die Krone Jeruſalem denn von den Königen dieſes Reiches leitete ſein Haus ſich her zugeſagt wird. Auf der kaiſerlichen Seite ergoß ſich alles in Tadel gegen den Herzog von Alba, der durch die Hartnäckigkeit, mit der er ſich zu ungünſtiger Zeit an eine ſo zweifelhafte Unterneh - mung gewagt, das ſchönſte Heer ohne allen Nutzen zu Grunde gerichtet habe. 3Dispacci fiorentini. Einſt in dem deutſchen Feldzug,Ranke D. Geſch. V. 19290Zehntes Buch. Zweites Capitel.wo der Kaiſer ſelbſt das Meiſte gethan und von allen Sei - ten guter Rath ertheilt worden, habe Alba leicht ein großer Mann ſeyn können: hier aber, wo guter Rath von Anfang an verachtet worden und der Kaiſer perſönlich weniger ein - gegriffen, habe er bewieſen, daß es ihm an wahrem Ta - lente gebreche.

Und nun erſt wurde Metz recht franzöſiſch. Gegen Oſtern 1553 forderte der Biſchof-Cardinal die Macht in weltlichen ſo wie geiſtlichen Dingen. Die Dreizehn antworte - ten, in geiſtlichen Dingen ſey er allerdings ihre Obrigkeit, auch ſtehe ihm einige Befugniß in weltlichen zu, jedoch mit Vorbehalt der höchſten Gewalt, die Dem gehöre, welchem ſie von den Ständen des römiſchen Reiches deutſcher Nation zu - erkannt werde: ſie wagten den Kaiſer nicht zu nennen. Der Cardinal antwortete, er wolle nichts weiter als die alte Gerech - tigkeit ſeines Stiftes erneuern, und ließ die Gemeinden der verſchiedenen Pfarren zuſammenberufen, um ihm eine An - zahl Namen zu bezeichnen, aus denen er das Regiment der Stadt ernennen könne. 1Neue Zeitung aus Metz, Oſtern 1553. Auf die Forderung des Biſchofs antworteten die Dreizehn: Sie geſtanden ime als irem Biſchof die Obrigkeit in spiritualibus, dazu das er auch etliche Ge - rechtigkeit in temporalibus habe, aber nitt das er merum et mix - tum imperium bei inen habe; ſondern begeren ſie das er dasſelbe dem laſſe, dem es zugehoͤre, und dem es die Stende des Reiches als zugehorig erkhennen (haben Keyſ. Mt nit nennen duͤrfen), bitten auch ſolchs der Zeith nit zu disputiren, aber es iſt der Cardinal die - ſer irer Antwurt nit zufrieden geweſen, ſundern geſagt, er gedenk ſich der Gelegenheit jetziger Zeit zu widereroberung ſeines Stifts alte Ge - rechtigkeit zu bedienen, hat darauf der Gemeine bevolen, wie man aus jeder pfarkirchen, deren 19 ſein ſollen, zu erwellen und jme zu benennen, denen er das Regiment beſetzen moͤge. An jenen Gegenſatz des Rathes291Feldzug in Ungarn.und der biſchöflichen Macht hatten ſich einſt die Regungen der Reform geknüpft; wären ſie durchgedrungen, ſo hätten ſie auch die Mittel und den Eifer des Widerſtandes ver - mehrt, und alles müßte anders gegangen ſeyn. Der Herzog, der die Stadt gegen den Kaiſer vertheidigt hat, iſt derſelbe, der einſt die Verſammlung in Gorze zerſtörte; jetzt ließ er alle lutheriſchen Bücher auf einen Haufen bringen und ver - brennen. Die Entfremdung der Stadt vom Reich und die völlige Unterdrückung der reformatoriſchen Regungen giengen Hand in Hand.

Wie Carl V gegen Frankreich, ſo hatte ſich Churfürſt Moritz nach Ungarn gewendet.

Hier war, wie oben berührt, der Feldzug bereits im März 1552 vom Sandſchak von Ofen, Ali, einem Eunu - chen, eröffnet worden. Vor Szegedin hatte er die rothe Fahne erbeutet, auf der der kaiſerliche Adler mit ausgebrei - teten Flügeln erſchien; dann hatte er Veſprim und mehrere Bergſtädte eingenommen; den Anführer der aus den Erblan - den zu eilender Hülfe aufgebrachten Mannſchaften, Erasmus Teufel, Freiherrn zu Gundersdorf, nahm er gefangen und führte ihn bei ſeiner Rückkehr nach Ofen förmlich in Triumph auf. 1Isthuanffius XVIII, p. 206. Taifalum ipsum equo insi - dentem, tympanistis et tibicinibus ac fistulis pedestribus prae - cedentibus moreque suo canentibus cum praecipuis captivis in forum conduxit.

Und dieſen einheimiſchen osmaniſchen Streitkräften zur Unterſtützung erſchien nun ſchon im Mai der Weſir Ahmed mit dem aſiatiſchen Heere und den Reiterſchaaren die der Beglerbeg von Rumili ihm zuführte, an der Donau. Die19*292Zehntes Buch. Zweites Capitel.vor dem Jahr abgeſchlagene Belagerung von Temeswar ward wieder aufgenommen, und auf die türkiſche Weiſe un - ter ungeheuren Verluſten, deren man nicht achtete, gegen ei - nen überaus tapfern, aber dieſer Macht nicht gewachſenen Feind zu Ende geführt. Die andern Schlöſſer des Banats folgten nach, und die türkiſchen Einrichtungen begannen,1Hammer aus Dſchennabi III, 303. die ſich bis zum Jahr 1716 daſelbſt gehalten haben.

Es war nicht größere Tapferkeit was den Osmanen ihre Vortheile verſchaffte, ſondern nur die Überlegenheit der Anzahl und der Vorbereitung: die Anführer die ihnen wider - ſtehn ſollten, bemerkten es mit tiefem Gram.

Wie glücklich waren die alten Römer, ruft Caſtaldo aus, die mit zahlreichen wohlverſehenen Heeren, ſo und ſo viel Legionen und Veteranen nach den entlegenen Provinzen zogen: ich bin in dieſes Land gekommen, ohne etwas an - ders ſagen zu können, als: ich bin ein Befehlshaber des Kai - ſers. Er klagt, daß alles wider ihn ſey was für ihn ſeyn ſollte, daß ſein Volk ſeit 7 Monat keinen Pfennig Sold empfangen; er erblickt im Geiſt ſeinen Kopf ſchon auf ſo einem Wagen, wie er ihn eben mit vielen abgeſchlagenen Schädeln vorbeifahren ſieht. 2Caſtaldo an Ascanio Centorio: L. d. p. III, 130.

Ganz ſo unglücklich gieng es jedoch nicht.

Nachdem die feſteſten wohlverwahrteſten Plätze gefallen, hielt ſich ein kleinerer, dem man es nicht hätte zutrauen ſol - len, Erlau; eine nur geringe Anzahl Landvolk aus der Zips, das die Beſatzung ausmachte, wies unter Stephan Dobo, der ſeinen Namen hier berühmt machte, wie Juriſchiz, die293Feldzug in Ungarn.Anfälle der vereinigten türkiſchen Heere zurück: drei große Stürme beſtand es ſiegreich.

Und indeß langte Churfürſt Moritz mit 5000 M. z. F., 6000 z. Pf. bei Raab an. Es ſcheint als habe ihm Fer - dinand doch nicht ganz getraut und wenigſtens ſein Vor - rücken nicht gewünſcht. 1Moritz klagt 15 October, daß der Koͤnig nicht im Rath finde noch zulaſſe daß er dem Feind entgegenziehe. Langenn I, 552.Aber ſchon die Nähe einer fri - ſchen Heeresmacht, unter einem Fürſten der als ein glück - licher Kriegsmann bekannt war, machte einen gewiſſen Ein - druck bei den Osmanen. 2Camerarius verſichert: jactatas quasdam vaticinationes in turcica gente de quodam acerrimo et quasi fatali oppugnatore po - tentiae suae cujus nomen ad sonum nominis Mauriciani allude - ret, significans facie torvum atque nigrum. Oratio in Maur. VII. Nach Iſthuanffy verbreitete ſich die Meinung unter ihnen, Moritz werde von der einen, Caſtaldo von der andern Seite ſie angreifen.Seine Anweſenheit, die Tapfer - keit der Beſatzung und die erſten Zeichen des herannahen - den Winters wirkten zuſammen, um die Osmanen zur Auf - hebung der Belagerung von Erlau zu vermögen.

Die erlittenen Verluſte herbeizubringen, war ſeine Macht überhaupt nicht fähig; dazu aber, daß den türkiſchen Fort - ſchritten Einhalt geſchah und die Grenzen befeſtigt wurden, hat er allerdings beigetragen.

War es aber nicht auch am meiſten eben ſeine Schuld, daß dieſe Verluſte überhaupt erlitten worden ſind?

Ich bin weit entfernt ihn rechtfertigen zu wollen, aber ich denke doch, dieß war bei weitem nicht ſo entſchieden der Fall wie man meint. Eben ſo viel Schuld wie Moritz und im Grunde noch größere hatte der Kaiſer, der von ſeinen conciliaren Abſichten ganz erfüllt und hingenommen den aus -294Zehntes Buch. Zweites Capitel.wärtigen Verhältniſſen nur geringe Aufmerkſamkeit widmete. Obwohl der Krieg mit den beiden Widerſachern ſchon aus - gebrochen war, hatte er doch verſäumt, die weſtlichen Mar - ken des Reiches in Vertheidigungsſtand zu ſetzen, und ſeinen Bruder gegen einen Einfall in Ungarn zu ſichern.

Kriegsheere des Kaiſers oder des Königs ſind von den Proteſtanten keinen Augenblick beſchäftigt worden.

Fern von ihrer Einwirkung, in Italien, gerieth der Kai - ſer in ähnliche Nachtheile.

Die italieniſchen Verhältniſſe haben in ſo weit eine ge - wiſſe Ähnlichkeit mit den deutſchen, als der andauernde ſtille Druck, mit dem auch dort die kaiſerliche Oberherrſchaft aus - geübt ward, eben ſo wohl einen geheimen Widerſtand erweckte, der nur den geeigneten Augenblick erwartete um loszubrechen.

Wie die Farneſen Piacenza verloren, ſo waren die Ap - piani in Gefahr, Piombino und Elba an Herzog Coſimo abtreten zu müſſen. Dagegen erwarteten deſſen Feinde, die florentiniſchen Ausgewanderten, zu einem Theil in Venedig, zum andern in Frankreich aufgenommen, in Kurzem den Tag ihrer Rückkehr zu erleben. In Mailand entdeckte Ferdinand Gonzaga mehr als einmal verrätheriſche Verſuche, die er dann mit ſcharfer, aber aufreizender Überwachung erwiederte. In Genua ſuchte Luigi Alamanni, der in einem großen Helden - gedicht franzöſiſche Tendenzen und Namen verherrlichte, auch einmal die Anhänger Frankreichs zu vereinigen. In Neapel entzweite ſich das Oberhaupt des einheimiſchen Herrenſtandes, Fürſt Ferrante von Salerno, mit dem Vicekönig: und da er glaubte, man ſtehe ihm nach dem Leben, ſo verließ er das Land: nicht ohne den Gedanken, mit Gewalt zurückzukehren.

295Stillſtand in Italien.

Und dazu kam noch, daß unter Denen, welche die ita - lieniſchen Geſchäfte im Namen des Kaiſers verwalteten, Zwieſpalt ausbrach. Gonzaga in Mailand und Mendoza zu Rom ſtanden mit dem Vicekönig von Neapel und dem Her - zog Coſimo von Florenz in ganz offener Feindſchaft. Daß die ihm zugeſagte Überlieferung von Piombino ſich ſo lange verzögerte, ſchrieb Herzog Coſimo allein den beiden Gegnern, beſonders dem Botſchafter in Rom, zu.

Unter dieſen Umſtänden können wir uns ſo ſehr nicht wundern, daß die Belagerung von Mirandula und Parma nicht zum Ziele führte. Papſt Julius klagt, er habe ſich bis auf die Gebeine beraubt, er habe die Ringe verpfändet die er ſonſt täglich an ſeinen Fingern getragen; der Unruhe welche der Krieg ihm machte, müde, ſchloß er im April 1552 einen Stillſtand mit den Franzoſen, in welchem dieſe verſprachen, weder kaiſerliches noch kirchliches Gebiet von dieſen Plätzen aus feindlich zu behandeln. 1Capitoli dell’accordo. Lettere di principi III, 123.Nach einigem Bedacht nahm auch der Kaiſer dieſen Stillſtand an.

Sehr rühmlich für mich, ruft Heinrich II aus, ſehr ſchimpflich für ihn, daß ich mitten in den Ländern des kai - ſerlichen Gehorſams, ferne von den meinen, zwei feſte Plätze behauptet habe! 2Bei Ribier II, 392.

Und nothwendig mußte das nun auf die ganze Halb - inſel die größte Rückwirkung haben.

Im Kirchenſtaat erſchienen jetzt die Farneſen, Paolo Orſino wieder; der Graf von Pitigliano, von dem Mendoza dem Kaiſer geſagt daß er ſeiner ganz ſicher ſey, erklärte ſich für die Franzoſen.

296Zehntes Buch. Zweites Capitel.

Vor allem gährte es in Siena. Von jeher gibelliniſch und kaiſerlich geſinnt, wollte doch dieſe Stadt ſich die un - mittelbare Herrſchaft nicht gefallen laſſen, die der Kaiſer aus - zuüben unternahm. Schon ein paar Mal hatte ſie ſich der - ſelben zu entziehen geſucht, aber den erſten Verſuch hatte ſie durch die Aufnahme einer Beſatzung, den zweiten durch Ablieferung aller Waffen gebüßt. Dann hatte Mendoza eine Feſtung daſelbſt aufgeführt. Die Wölfin, das altrömiſche Abzeichen der Stadt, fand man eines Tages in Ketten ge - legt. Es läßt ſich wohl nicht bezweifeln, daß der Kaiſer die Abſicht hatte eine feſte Regierung einzuführen und die Stadt zum Sitz eines Reichsvicariats zu machen. 1In einem Schreiben vom 18 Nov. 1551 ſpricht er ſehr ru - hig von der buena occasion, que se ofrece, para justificar lo del vicariato y establecer alli un governo perpetuo. Aber um ſo ge - waltiger brauſte der alte Geiſt republicaniſcher Unabhängig - keit in Reden und Entwürfen: es bedurfte nichts als der An - näherung einiger Ausgewanderten und Franzoſen und des al - ten Rufes zur Freiheit, ſo erhob ſich die ganze Bevölkerung; die Spanier, welche darauf nicht vorbereitet waren, konnten ihr Caſtell nicht behaupten und wurden verjagt; die Stadt nahm einen franzöſiſchen Botſchafter auf und rief den - nig von Frankreich zu Hülfe. Cardinal Tournon verſichert dem König, Siena gehöre ihm mehr an als wenn er Herr davon wäre, und biete ihm nun die beſte Gelegenheit dar, zur Unternehmung von Neapel zu ſchreiten, oder zu jeder an - dern die ihm gefalle. 2Bei Ribier II, 424.

Mit einiger Hülfe des Herzogs Coſimo von Florenz, der zwar von einer Feſtſetzung der Franzoſen in Toscana,297Angriff auf Neapel und Corſica.an die ſich alle ſeine Feinde hielten, beſonders die Strozzi, kein Heil erwartete, aber ſie eben darum weil ſie ihm ſo ge - fährlich waren, mit größter Vorſicht behandelte, brachte im Januar 1553 Don Garcia de Toledo ein kleines Heer zuſam - men, das dann auch einige Thäler beſetzte, einige Bergfeſten einnahm, allein im Ganzen doch nichts Entſcheidendes voll - zog, vor Montalcino gänzlich ſcheiterte.

Und in dieſem Augenblick traten noch größere Gefah - ren ein. Es liegt wohl ſehr in der Natur der Sache, daß die beiden großen Gegner des Kaiſers ſich endlich auch zu einer gemeinſchaftlichen Unternehmung gegen denſelben ver - einigten. Schon im Jahr 1552 war eine Verbindung der Flotten beabſichtigt, doch erſchienen die Franzoſen nicht zur gehörigen Zeit. Deſto pünctlicher zeigten ſie ſich im Jahre 1553. Schon in den griechiſchen Gewäſſern trafen die fran - zöſiſchen Galeeren unter de la Garde mit den Osmanen zu - ſammen, denen Suleiman ſtatt jeder weiteren Anweiſung den Befehl gegeben, alles zu vertilgen was ſich dem König von Frankreich widerſetze.

Zuerſt richteten ſie ihre Angriffe gegen Neapel. Der Fürſt von Salerno war für den Fortgang des Unternehmens vielleicht eher hinderlich, indem er ſeine Freunde gegen die Gewaltthaten der Osmanen in Schutz nahm. 1De la Garde an den Koͤnig, bei Ribier II, 443.Aber ſo viel ward doch immer bewirkt, daß Don Garcia zur Vertheidi - gung von Neapel abberufen und Siena dadurch für dieß Mal ernſtlicherer Feindſeligkeiten überhoben ward. Dann aber lenkten die Flotten ihren Lauf nach den toscaniſchen Gewäſſern. Auch hier ſahen es die Osmanen auf Raub298Zehntes Buch. Zweites Capitel.und Plünderung ab, die Franzoſen auf Eroberung. Bei die - ſem Zuge hat Dragut das fruchtbare Pianoſa wüſte gelegt, ſo daß es ſich niemals wieder hat erholen können. Dage - gen machten die Franzoſen einen erſten glücklichen Anfall auf Corſica Sie riefen die Widerſetzlichkeit der Eingebornen ge - gen Genua auf und nahmen beinahe die ganze Inſel ein. Dem Papſt, der ſich darüber beſchwerte, antwortete der König, er könne die Genueſer, von denen dem Kaiſer zu Land und zur See Vorſchub geleiſtet werde, nur als Feinde ſeiner Krone betrachten. 1Discours hardy du nonce, auquel S. M. a repondu ge - nereusement. Bei Ribier II, 477.Im Beſitze der Provence, Corſicas und Porter - cole’s, und dadurch Herr des Meeres, ward er ihnen ſelbſt in hohem Grade gefährlich.

Zwar war mit alle dem noch nichts entſchieden. Der Kaiſer hatte noch allenthalben dem Angriff auch ſtarke Kräfte der Vertheidigung entgegenzuſetzen. Aber ein gewiſ - ſes Schwanken kam damit doch wieder in die allgemeinen Verhältniſſe, die bereits befeſtigt geſchienen hatten. So nütz - lich es dem Kaiſer geworden wäre, wenn er Metz erobert hätte, ſo ſehr mußte nun alle dieſes Mißlingen und Ver - lieren ſein Anſehen ſchwächen, ſo gut in Deutſchland wie anderwärts.

Überdieß aber nahmen die Dinge in Deutſchland durch die Verbindung, in welche der Kaiſer mit Markgraf Albrecht getreten war, eine höchſt eigenthümliche Geſtalt an.

[299]

Drittes Capitel. Der Krieg zwiſchen Markgraf Albrecht und Chur - fürſt Moritz im Jahr 1553.

Vergegenwärtigen wir uns vor allem das ein wenig verwickelte Verhältniß des Markgrafen Albrecht überhaupt.

Er war nicht eigentlich ein Mitglied des im J. 1552 zwiſchen den deutſchen Fürſten und der franzöſiſchen Krone gegen den Kaiſer geſchloſſenen Bündniſſes. Er ſagt, er habe den Fürſten ſeine Hülfe zugeſagt: gleichwohl unverpflichtet. Er leugnet, daß die Regimenter die er führte, in franzöſiſchen Dienſten geſtanden: keinem Herrn unter der Sonne haben ſie geſchworen, als uns.

Wie lebhaft er auch die allgemeinen Intereſſen umfaßte, ſo war doch ſein Sinn, bei dem aufgehenden Kriegsfeuer zugleich für ſich ſelbſt zu ſorgen. Von Schulden bedrängt, welche durch ſeine Unternehmungen im Dienſte des Kaiſers nur noch immer gewachſen, ohne Hofnung zu den Beloh - nungen zu gelangen, die man ihm verſprochen hatte, faßte er den Gedanken ſich an ſeinen Nachbarn, den geiſtlichen Fürſten, mit denen er in altem Hader lag, und der Reichs - ſtadt Nürnberg ſchadlos zu halten.

300Zehntes Buch. Drittes Capitel.

Bei den erſten Bewegungen ſprach man allgemein von einer Eroberung und neuen Austheilung der Bisthümer. Der gute Melanchthon warnte ſeinen Fürſten, ſich nicht einer Un - ternehmung anzuſchließen, die dahin ziele, die ordentliche Ho - heit und das gefaßte Reich umzuwerfen und eine allgemeine Verwirrung anzurichten. 1Gutachten Melanchthons bei Hortleder II, v, ii. Und hat einer neulich zu mir geſagt, das Bier ſey noch nicht im rechten Faß, aber es werde bald darein kommen.

Moritz war viel zu bedachtſam und practiſch, um auf Gedanken dieſer Art ernſtlich einzugehn: es war ihm genug, ſich nicht durch entgegengeſetzte Verpflichtungen zu feſſeln. Dem Markgrafen gab er im Einverſtändniß mit den übri - gen Verbündeten die Zuſicherung, was er von ſolchen Stän - den, die ſich dem Unternehmen nicht zugeſellen würden, durch Brandſchatzung oder auf eine andre Art erlange, das ſolle ihm und ſeinem Kriegsvolk zu Gute kommen.

Markgraf Albrecht ſah darin eine Art von Berechtigung, und ſäumte nicht dieſelbe unverzüglich gegen die widerwär - tigen und unvorbereiteten Nachbarn geltend zu machen.

Zuerſt griff er, und zwar mit erneuerter Bewilligung des Bundes, den Biſchof von Bamberg an, und zwang ihn ein volles Drittheil ſeines Stiftes gleich in förmlichem Vertrag abzutreten. Mit Mühe konnte der Biſchof ſeine Heimath Cronach retten. 2 wo er zu Hauſe ſey und leſen gelernt. Hans Fuchs an Wilhelm von Grumbach, Hortleder II, vi, 28, nr. 101.Der Biſchof von Würzburg mußte ſich nicht minder zu einigen Abtretungen verſtehn und beſonders einen guten Theil der markgräflichen Schulden übernehmen. Daß Nürnberg ſich durch eine Zahlung an die übrigen Für -301Markgraf Albrechts Kriegszuͤge.ſten ſicher zu ſtellen ſuchte, konnte auf Albrecht keinen Ein - druck hervorbringen. Laut der ihm gewordenen Zuſicherung forderte Albrecht, daß ſich die Stadt entweder dem Unter - nehmen beigeſellen oder ihm eine große Brandſchatzung ge - ben ſolle: er nöthigte ſie ihm 200000 G. zu zahlen.

Wo er hinzieht, ſagte Moritz einſt zu Zaſius, da iſt es als ob ein Wetter dahergienge. Ja wohl, ver - ſetzte Dieſer, Donner und Blitz und wildes Feuer könnten nicht erſchrecklicher ſeyn. Es ſchien nicht, als ob das dem Churfürſten mißfiele: er lachte.

Und ſehr entſchloſſen war Albrecht, was er dergeſtalt gewonnen zu behaupten.

Nur um dieſen Preis wollte er ſich der Paſſauer Pa - cification anſchließen. Er forderte Beſtätigung der von ihm mit den beiden Biſchöfen und der Stadt aufgerichteten Ver - träge:1 Das ſ. fſtl. Gn. und dero Erben alles das gelaſſen werde, ſo ſ. f. Gn. in irer befolen und aufgenommen Expedition an Land und Leuten, Geld und Gut wie das namen haben mag erobert. Denn wir verſichert, was wir von den Staͤnden ſo ſich J. L. Eini - gung halben widerſetzen wuͤrden moͤchten uns zu Guten erlangen, erbrandſchatzen oder in andre Weg bekommen, daß uns und unſerm Kriegsvolk daſſelbe zu Erſtattung und Guten gelaſſen werden ſolle, und dieweil wir denn von den beiden Pfaffen und Nuͤrnberg ver - tragsweiſe beſchwerlich (kaum) ſo viel bekommen als wir unſerm Kriegsvolk zu thun ſchuldig geweſen, ſo hetten wir, da wir dieſelben unſere Vertraͤge ſollen fallen laſſen, in die Capitulation keineswegs bewilligen koͤnnen, es were uns denn eine ſolche gebuͤhrliche Erſtat - tung dagegen beſchehen deren wir zufrieden ſeyn koͤnnen. mit den Eroberungen die er gemacht wollte er be - lehnt werden.

Wir ſehen hier erſt, was jene von Moritz bei den Ver - handlungen vorgeſchlagene Beſchränkung der Anſprüche auf den damals eingetretenen Beſitzſtand zu bedeuten hatte. Wenn302Zehntes Buch. Drittes Capitel.er dieſe Clauſel endlich fallen ließ und den Vertrag ohne ſolche unterſchrieb, ſo ſah Markgraf Albrecht darin eine Treuloſigkeit; er hielt ſich für berechtigt ſeinen Krieg al - lein fortzuſetzen. Nachdem er noch einmal ſeine Leuchtku - geln über Sachſenhauſen aufſteigen laſſen, ſtürzte er ſich auf die Bisthümer am Rhein. Nur mit einer ſchweren Con - tribution erkaufte der Biſchof von Worms die Erlaubniß auf ſeinen Sitz zurückzukehren. Der Erzbiſchof von Mainz verſenkte ſein ſchweres Geſchütz, um es dem Feinde zu ent - ziehen, in den Rhein und verließ ſeine Hauptſtadt; dafür giengen ſeine Palläſte in Feuer auf. Da der Erzbiſchof von Trier die Anmuthung ablehnte dem Markgrafen die Rhein - und Moſelpäſſe einzuräumen, vielmehr an den wichtigſten derſelben ſeine Befeſtigungen in Stand ſetzte, ſo überſtieg Albrecht den Hundsrück und erſchien am 25ſten Auguſt vor Trier. Der Rath der Stadt kam ihm entgegen und über - reichte ihm die Schlüſſel ſeiner Stadtthore, was er nie ei - nem ſeiner Fürſten gethan; dafür ward bei Todesſtrafe ver - boten die Bürger zu beſchädigen. Dagegen wurden die Klö - ſter und Stifte großentheils geplündert: man wunderte ſich, daß die Leute das Blei der Dächer zurückließen. Es ſcheint nicht als habe ihm dieß viele Feinde gemacht. Mit der Wie - derherſtellung der geiſtlichen Macht war auch der Haß ge - gen ſie erneuert worden. Wir finden wohl, daß jetzt wie vor 30 Jahren ein päpſtlicher Nuntius auch unter ſonſt fried - lichen Verhältniſſen nicht zu Land nach den Niederlanden zu reiſen, ja ſelbſt nicht am Ufer auszuſteigen wagte, etwa um einen Fürſten zu begrüßen; ſeiner Begleitung auf dem Schiff ward eingeſchärft das tiefſte Geheimniß zu beobachten. 1Maſius an den Herzog von Cleve, 18 Juni. (Arch. zu Duͤſſ)

303Albrecht in Verbindung mit dem Kaiſer.

An der Spitze von 10000 Mann und von einem Theile der Bevölkerung unterſtützt, nahm der Markgraf eine ſehr bedeutende Stellung ein.

Mußte der Kaiſer, der jetzt auch des Weges daher zog, um zur Belagerung von Metz zu ſchreiten, nicht vor al - len Dingen den Verſuch machen ſich des Widerſtandes zu entledigen, den ihm ein deutſches Heer unter der Anführung eines deutſchen Reichsfürſten zu leiſten drohte?

Es kam ihm zu Statten, daß Albrecht, der ſich zu füh - len anfieng, ſich nicht lange mit den Franzoſen verſtand.

Albrecht verſichert, man habe ihm früher verſprochen, ihn zum Generaloberſten aller Landsknechthaufen zu ma - chen, und ihm außer einer ſtattlichen Unterhaltung für die nächſten zwei Monat 200000 Kronen zu zahlen, und habe ihm dann von alle dem nichts gehalten. 1Auch Schaͤrtlin verſichert, der Koͤnig habe uͤbel gehalten, was ihme Marggrafen vom Biſchof zu Bajonne und mir zugeſagt war. (p. 220.) Albrecht meint, es ſey kein ungeſchicktes Vorha - ben, mit 100000 Kr. die Niederlande zu erobern.Aus dem Brief - wechſel in den er mit dem Connetable trat, leuchtet der in - nere Widerſpruch hervor, der darin liegt, daß Albrecht in Dienſten von Frankreich ſtehn und doch die Würde eines Reichsfürſten behaupten wollte. Den Antrag den man ihm zuletzt machte, daß er mit 100000 Kronen zufrieden ſeyn und dafür mit ſeinem Haufen auf vorgeſchriebenem Weg nach den Niederlanden vorrücken und dieſe angreifen ſolle, fand er unannehmbar, und wies ihn zurück.

Dagegen bot ihm nun der Kaiſer nicht allein Dienſte an, bei denen er als Fürſt beſtehn, Ehre und Geld erwer - ben konnte, ſondern Carl V hatte ihm einen Preis zu bieten, dem von franzöſiſcher Seite nichts an die Seite geſtellt wer -304Zehntes Buch. Drittes Capitel.den konnte: die Anerkennung und Beſtätigung jener mit den Biſchöfen geſchloſſenen Verträge.

Schon öfter haben wir geſehen, wozu der Kaiſer, wenn - gleich nicht ohne tieferen Vorbehalt, doch für den Augen - blick, in dringenden Umſtänden zu bringen war; was er al - les einſt den Proteſtanten bewilligte, um ſie von Cleve zu trennen; wie er, im Begriff zur Erhaltung der hierarchiſchen Ordnungen das Schwert zu ergreifen, dennoch dem Churfür - ſten Moritz den Schutz über ein paar große Reichsſtifter anvertraute: von allem aber was er gethan hat, wohl das Stärkſte, iſt das Zugeſtändniß das er jetzt dem Markgra - fen machte. Die Verträge waren eben Denen abgezwungen welche man für ſeine Anhänger hielt, und allein auf den Grund, daß ſie ſich ſeinen Feinden nicht zugeſellen wollten; er hatte ſie ſelbſt für ungültig erklärt, und ſie waren bereits von den frühern Verbündeten des Markgrafen aufgegeben worden: jetzt beſtätigte er ſie, und ſetzte feſt, daß ſie voll - kommen, ganz und gar, ohne alle Ein - und Widerrede zu vollziehen ſeyen. 1 Woͤllen, was ſich die biſchof und derſelben Capittel ge - gen ſ. Lieb ſampt und ſonders verbrieft und verſchrieben, das die - ſelbe verſchreibung und Contract vollkommen ganz und gar ohne alle Ein und Widerrede gehalten und vollzogen werden ſollen. Metzi - ſcher Hauptvertrag 10 Nov. 1552 (der erſte v. 24 October). Hort - leder II, vi, ii, nr. 45.

Dem Markgrafen glückte es noch einen franzöſiſchen Prinzen, Herzog von Aumale, der ihn feindſelig beobach - tete und ihm ſeine Hauptleute abtrünnig zu machen ſuchte, mit ſeiner Reiterei zur günſtigen Stunde zu überraſchen und ſogar zum Gefangenen zu machen. Dann im Glanze ei - nes neuen Sieges ſtellte er ſich dem Kaiſer dar, der ihn305Markgraf Albrecht im Bunde mit dem Kaiſer.mit Freuden empfieng und ihm ſelber die rothe Feldbinde darreichte. Man wollte bemerken, daß der Markgraf den Kaiſer dabei feſt ins Auge gefaßt habe, ob er auch der neuen Freundſchaft und Zuſage trauen könne.

Was der Kaiſer zunächſt beabſichtigte, erreichte er hier - mit allerdings. Er konnte nun ſeine Belagerung fortſetzen, ohne Gefahr darin geſtört zu werden. Sie mißlang, wie wir wiſſen, hauptſächlich durch die Ungunſt der Jahreszeit. Albrecht erwarb ſich das Verdienſt den Rückzug zu decken.

Mit jenem Zugeſtändniß hatte nun aber Carl den Grund zu einer Bewegung gelegt, die ſehr weitausſehend werden mußte.

Er hat immer geſagt, ſein vornehmſtes Motiv ſey die Beſorgniß geweſen, daß Markgraf Albrecht und Graf Vol - radt, mit Heinrich II verbündet und beide an der Spitze zahlreicher Truppenſchaaren, Deutſchland noch weiter in Un - ruhe ſetzen und das Verderben aller geiſtlichen Staaten her - beiführen würden. 1Si comme il avoist determiné il se fust servy de la correspondance des gens de guerre que le comte Volradt de Mansfeld tenoit assemblées, pour prenant son chemin par la Fer - rette venir ruer sur les évêques. Und wer möchte nicht an die Wahr - haftigkeit dieſes Beweggrundes glauben? Er befand ſich in der unbezweifelten Nothwendigkeit, die mächtigen Kriegshäup - ter von den Franzoſen zu trennen. Damals hat man all - gemein geglaubt, Carl habe in dem kriegsbereiten Markgra - fen einen Bundesgenoſſen zur Ausführung ſeiner alten Ab - ſichten zu gewinnen gedacht: König Maximilian hat dem venezianiſchen Geſandten geſagt, Markgraf Albrecht ſey ge -Ranke D. Geſch. V. 20306Zehntes Buch. Drittes Capitel.gen ihn und ſeinen Vater aufgeſtellt worden, um ſie zu - thigen ſich in die Arme des Kaiſers zu werfen. 1Relatione di Suriano 1554. Mi disse il re di Bohemia piu volte, che questo (das Verfahren mit Markgr. Albrecht) faceva credere che l’impre avesse acaro, di veder suo fratello et lui suo genero constituiti in necessità di gettarsegli in braccio. Albrecht leugnet zwar, daß ihn der Kaiſer in Dienſt genommen um den roͤ - miſchen Koͤnig J. M. Hoheit zu entſetzen, und den Sohn des Kai - ſers zu einem Roͤmiſchen Kaiſer wider des h. Reichs Freiheit mit gewalt uͤbertringen helfen (Bucholtz VIII, 111): die Worte aber ſind ſo gewaͤhlt, daß dabei doch Vieles wahr ſeyn konnte. Gegen Ferdinand und auf Gewalt war die Abſicht des Kaiſers gar nicht gerichtet.

Das iſt eine nicht zu bezweifelnde Thatſache, daß der Kai - ſer ſeine Succeſſionsentwürfe nach wie vor im Auge behielt.

Neujahr 1553 ließ er dieſelben bei dem Churfürſten von Brandenburg durch deſſen Bruder Markgraf Hans noch einmal ausführlich in Anregung bringen. In der Inſtruction hiezu werden die früher vorgekommenen Gründe wiederholt, beſonders der vornehmſte, daß dem römiſchen König nach des Kaiſers Abgang zur Aufrechterhaltung des Reiches die Hülfe des ſpaniſchen Prinzen nicht allein förderlich, ſondern unentbehrlich ſey, dieſer aber ſich nicht dazu werde verpflich - ten wollen, wenn er nicht die Verſicherung erhalte, zu ſeiner Zeit ſelbſt zur römiſchen Krone zu gelangen. Der Antrag bezog ſich dieß Mal nicht, wie früher, zugleich auf König Ma - ximilian: er gieng nur darauf, daß die Churfürſten ſich ver - ſchreiben ſollen, ſobald der römiſche König zum Kaiſer ge - krönt ſey, den Prinzen ohne Verzug zum römiſchen König zu wählen; man möge ihm, dem Kaiſer, in ſeinen alten Tagen dieſe Freude gönnen; der Prinz ſey ein Erzherzog und Fürſt des Reiches; wie er dazu erzogen worden der Bürde der307Erneuerung des Succeſſionsentwurfs.Regierung gewachſen zu ſeyn, ſo habe er von ſeiner Fähig - keit ſchon jetzt in Spanien gute Proben gegeben; er werde bald wieder ins Reich kommen und ſo viel möglich ſeine Reſidenz daſelbſt nehmen, deutſche Fürſten und andre ge - borne Deutſche an ſeinen Hof ziehen, das Reich nur durch Deutſche verwalten laſſen und gewiß auch die deutſche Sprache begreifen: jede billige Verſicherung werde er ausſtellen. 1Inſtruction fuͤr Markgraf Hans in dem Berliner Archiv; der Hauptſache nach eine Uͤberarbeitung der alten Inſtruction von 1550.

Wahrſcheinlich hängt es hiemit zuſammen, daß der Kai - ſer auch ſchon ſelbſt daran dachte, den Deutſchen etwas mehr Genugthuung zu geben und einen Reichshofrath aus deut - ſchen Mitgliedern aufzurichten. Zum Präſidenten deſſelben beſtimmte er den Cardinal von Trient, wogegen der römiſche König meinte, der Churfürſt von Mainz würde den Deut - ſchen lieber ſeyn. Zu Beiſitzern dachte der Kaiſer die Gra - fen von Fürſtenberg, Eberſtein, Solms, die Freiherrn Wol - kenſtein und Truchſeß, den Doctor Gienger und einige An - dere zu berufen.

Auch die religiöſen Antipathien ſchonte er jetzt. Wenn er z. B. in der frühern Inſtruction ſeine Bekämpfung Der - jenigen erwähnt, die unter dem anmuthigen Schein der Religion das Reich unter ſich zu theilen gedacht, ſo er - wähnte er jetzt nur das letzte, die vorgehabte Theilung: den Schein der Religion ließ er weg.

Und nicht nur den Churfürſten ließ der Kaiſer ſeine Anträge wiederholen. Auch dem Herzog Chriſtoph von Wür - tenberg, der am franzöſiſchen Hofe gut deutſch geworden und die Einmiſchung der Franzoſen in die deutſchen Angelegen -20*308Zehntes Buch. Drittes Capitel.heiten faſt am lauteſten verdammte, eröffnete er durch ſeinen Marſchall Böcklin am 26ſten Januar 1553, er wiſſe Nie - mand, der dem Reiche, damit es nicht ganz zerriſſen werde, fürſtändiger ſeyn möchte , als ſeinen Sohn. 1Pfiſter Herzog Chriſtoph p. 213.

Allein der Kaiſer irrte, wenn er nach alle dem was man erlebt hatte und befürchten müſſen, das Vertrauen der Fürſten wieder erwerben und ihnen ein Vorhaben, das ihre Beſorgniſſe eben am meiſten erweckt hatte, annehmlich ma - chen zu können glaubte. Seine Eröffnungen bewirkten das Gegentheil von dem was er wünſchte. Schon am 5ten Fe - bruar 1553 kamen Friedrich von der Pfalz, Albrecht von Baiern, Wilhelm von Jülich, von denen ich nicht weiß, ob ihnen ähnliche Mittheilungen gemacht worden, mit Herzog Chriſtoph zu Wimpfen zuſammen,2Stumpf Diplomatiſche Geſchichte des Heidelberger Fuͤrſten - vereines. Zeitſchrift fuͤr Baiern 1817 V, p. 139. um ſich förmlich zu ver - abreden, wie dem Eindringen des ſpaniſchen Prinzen wider - ſtanden und auch dem Biſchof von Arras die Verwaltung der Reichsangelegenheiten, die er noch immer beſorgte, ent - riſſen werden könne. Es waren, wie wir ſehen, abermals Fürſten beider Bekenntniſſe. Auch davon handelten ſie, auf welche Weiſe man dem Zwieſpalt über die Religion abhel - fen könne, ob nicht doch wirklich durch ein Nationalconci - lium, auch wider den Willen des Papſtes. Sie beſtärkten ſich aufs neue in den Geſichtspuncten die bei den Paſſauer Verhandlungen vorgewaltet.

Es leuchtet ein, wie viel ihnen dann daran liegen mußte die Streitigkeiten zu verhüten, die bei der Rückkehr des Mark - grafen, der nun ſeine von der höchſten Reichsgewalt beſtä -309Verſammlung in Heidelberg Maͤrz 1553.tigten Forderungen noch viel trotziger geltend machte als frü - her, in Franken auszubrechen drohten.

Von dem Kaiſer ſelbſt dazu aufgefordert, nahmen die Fürſten dieſe Sache im Februar in Wimpfen, im März zu Heidelberg in langen Tagſatzungen in die Hand.

Sie waren in ſo weit auf der Seite des Markgrafen, als ſie die Biſchöfe zu bewegen ſuchten, die ſtipulirte Ceſ - ſion, wenn auch nicht durchaus, doch in der Hauptſache zu genehmigen.

Wäre es nur auf Würzburg angekommen, ſo würde man auch wohl dahin gelangt ſeyn. Das Capitel war nicht abgeneigt ſich zu fügen; die Unterthanen fürchteten nichts mehr als die Erneuerung des Krieges; der Biſchof ſelbſt beſorgte die kaiſerliche Ungnade.

Dagegen war der Biſchof von Bamberg, Wigand von Redwitz, der die ihm entriſſenen Ämter indeß wieder einge - nommen, nicht herbeizubringen. Die Nachgiebigkeit von Würz - burg machte auf ihn keinen Eindruck, da es bei dieſem mehr auf Geld ankomme, bei ihm aber handle es ſich um Land und Leute, und alle fürſtliche Regalien; er wolle lieber todt ſeyn, als dieſen entſagen. 1Actenſtuͤcke bei Hortleder II, vi, 27, nr. 76, nr. 80.

Vergebens ſchlug man dem Markgrafen ein rechtliches Verfahren vor. Er beſtand darauf daß ſeine Gegner auf jeden rechtlichen Behelf Verzicht geleiſtet.

Höchſtens zu einer Geldentſchädigung wollte ſich der Biſchof verſtehn. Aber dem Markgrafen kam es ſchimpflich vor, eine Landſchaft, die ihm erſt von ſeinen Verbündeten und dann von dem Kaiſer verſichert worden, gegen eine Geld - zahlung aufzugeben.

310Zehntes Buch. Drittes Capitel.

Nur den Vorſchlag ließ er ſich gefallen, daß Bamberg das Recht der Wiederablöſung haben, aber fürs Erſte die Ämter ihm wieder überliefern ſolle. Da der Biſchof von Bamberg dieſen Vorſchlag, wie ſich denken läßt, zurückwies, ſo konnte auch Würzburg, durch alte Erbverträge beider Stif - ter gefeſſelt, ſeine Zugeſtändniſſe nicht vollziehen. 1Der ſogenannte Heidelberger Bund 29 Maͤrz 1553.

Und nun meinte wohl der Markgraf, die vermittelnden Fürſten würden auf ſeine Seite treten. Sie waren aber weit entfernt, die Sache der Gewalt, die doch nur dem Kai - ſer zum Vortheil ausſchlagen konnte, zu der ihren zu ma - chen. Auch zu Heidelberg unterhandelten ſie zugleich über die allgemeinen Angelegenheiten, die Succeſſion im Reiche, die Entfernung des ſpaniſchen Einfluſſes. Und da nicht ab - zuſehen war, wohin ein Wiederausbruch der Unruhen füh - ren könne, ſo vereinigten ſie ſich wenigſtens unter einander und mit den Churfürſten von Mainz und von Trier, ihre Neutralität gegen Jeden der ſie angreifen werde, Niemand ausgenommen, gemeinſchaftlich zu vertheidigen.

Nicht ohne Zeichen des Unwillens gieng Markgraf Al - brecht von dannen: er war entſchloſſen ſich ſelbſt zu helfen.

Im Monat April 1553 finden wir ihn bereits mitten in der wildeſten Fehde.

Indem er würzburgiſches Volk, das dem Biſchof von Bamberg zuzog, bei Pommersfelden auseinanderſprengte, ward er Herr im Stifte Bamberg; am 16ten April fiel die Haupt - ſtadt, gleich darauf auch die Altenburg in ſeine Hand; von dem ganzen Stifte hielt ſich nichts als Forchheim. 2Biſchoͤfliches Ausſchreiben bei Hortleder II, vi, 22. 1221.

311Fehde in Franken.

Hierauf wandte er ſich gegen Nürnberg, das ſich mit den beiden Nachbarn, deren Unglück es getheilt, auch zum Widerſtand vereinigte: einige hundert ſchleſiſche Reiter, die auf weitem Umweg durch Böhmen und das Eichſtädtiſche der Stadt zu Hülfe heranzogen, jagte er erſt aus einander und nahm ſie dann großentheils in ſeine Dienſte; darauf fand er auch hier keinen Widerſtand: Laufen und Altdorf wurden gebrandſchatzt und nachher doch noch in Brand ge - ſteckt; faſt alle Schlöſſer, kleinen Städte, Dörfer und Klö - ſter des würzburgiſchen wie des nürnbergiſchen Gebietes ge - riethen im Laufe des Mai in ſeine Hand. Auch Schwein - furt, obgleich eine Reichsſtadt, trug er kein Bedenken zu be - ſetzen, als er fürchten mußte, daß es vielleicht ſonſt in die Hände neuer von Niederſachſen her drohender Gegner ge - rathen würde.

Wenn die oberdeutſchen Fürſten ſich neutral hielten, ſo gab es doch einige andre im Reich, die nicht gemeint waren ihn ſo ohne Widerſtand um ſich greifen zu laſſen.

Der vornehmſte war ſein alter Kriegscamerad und Bun - desgenoſſe Moritz.

In ſeinem Herzen überzeugt, daß der Kaiſer ihm nie ver - geben, vielmehr die erſte Gelegenheit ergreifen werde um ihn anzufallen und zu verderben, ſah Moritz in der Verbindung deſſelben mit dem Markgrafen vom erſten Augenblick an Gefahr für ſich ſelber. Ohnehin grollte Albrecht wegen des Paſſauer Vertrags, der mit jener ihm urſprünglich gegebe - nen Zuſage in Widerſpruch ſtand, und machte ſeinem Un - willen nicht ſelten in drohenden Reden Luft, die dann von dienſtbefliſſenen Leuten dem Churfürſten hinterbracht wurden,312Zehntes Buch. Drittes Capitel.ſo daß ſich dieſer ein ganzes Verzeichniß davon anlegte. 1Langenn I, 557.Nicht, als hätte er jedem dieſer Worte geglaubt, aber er fragte doch darüber einmal an, und gutes Blut machten ſie nicht. Immer ſeinen Blick auf die kommenden Dinge ge - richtet, meinte er in demſelben Grade bedroht zu ſeyn, in welchem der Markgraf mehr emporkam. Er entſchloß ſich, ihm bei Zeiten zu begegnen.

Moritz war kein Mann dem es Scrupel gemacht hätte, eben die in Schutz zu nehmen, die einſt im Einverſtändniß mit ihm angegriffen worden; er bot dem König Ferdinand, der mit dem Markgrafen bereits in offenen Hader gerieth, einen Bund an, in welchen die fränkiſchen Biſchöfe einge - ſchloſſen ſeyn ſollten.

Und noch an einer andern Stelle, in Niederſachſen fanden ſich Verbündete für dieſe Combination.

Auch über die Irrungen der braunſchweigiſchen Edel - leute mit Herzog Heinrich dem Jüngern hatte man in Paſ - ſau Beſtimmung getroffen, und zwar mehr zu Gunſten der erſten; eben darum aber hatte ſie der Herzog nicht anerkannt: Zuſammenkünfte die man darüber hielt, hatten ſich ohne Frucht zerſchlagen, endlich war die Fehde wieder ausgebro - chen, in der Graf Volradt ſich der Edelleute annahm und den Herzog gewaltig bedrängte. Von den Verwandten deſ - ſelben in Calenberg und Lüneburg nicht gehindert, von der Stadt Braunſchweig unterſtützt, brachte er in Kurzem den größten Theil der feſten Häuſer Heinrichs, ſo wie die viel - beſtrittenen Klöſter Riddagshauſen und Steterburg in ſeine Gewalt. Nur vergebens wendete ſich der Herzog an den313Verbindung gegen Albrecht.Kaiſer, der damals vollauf beſchäftigt war, und aus Rück - ſicht auf Markgraf Albrecht ſich mit dem niederſächſiſchen Kriegsvolk, das von dieſem abzuhängen ſchien, nicht ent - zweien wollte. Eben dieß zweifelhafte Bezeigen des Kaiſers aber verſchaffte nun dem Herzog einen andern Freund an Churfürſt Moritz. Geübt in Unterhandlungen dieſer Art wußte Moritz den Grafen Volradt auf ſeine Seite zu ziehen: das Kriegsvolk deſſelben blieb, wie jenes magdeburgiſche, eine Zeit - lang ohne benannten Herrn; endlich als es ſich auflöſte, gieng es größtentheils in die Hände Heinrichs über. Hiedurch be - kam dieſer aufs neue das Übergewicht, nahm ſeine Plätze wieder und griff nun ſeinerſeits alle ſeine Gegner an, die Edelleute, die Städte und ſeinen Vetter von Calenberg.

Leicht verſtändigten ſich hierauf Moritz und Heinrich auch über die fränkiſchen Angelegenheiten. Schon im März hat Herzog Heinrich den Biſchöfen ſeine Hülfe gegen einen Beitrag zu den Kriegskoſten angeboten;1Schreiben Heinrichs an Wrisberg, mit dem er damals wie - der gut ſtand, 12 Maͤrz. Loſius Ehrengedaͤchtniß Beil. nr. 41. ohne Zweifel war dieß ein Grund, weshalb der Biſchof von Bamberg ſich je - der Conceſſion ſo entſchieden widerſetzte. Auch Moritz, der den Markgrafen mit einem beißigen Hunde verglich, gegen den ſich Jedermann wehren müſſe, verſprach ihnen einige Reitergeſchwader und 10 Fähnlein Fußvolk zuzuführen.

Man ſprach damals viel von einem neuen Bunde zum Schutze des Landfriedens, über den im Mai auf einer Zu - ſammenkunft zu Eger ein ausführlicher Entwurf verfaßt wor - den iſt. Er war wohl hauptſächlich darauf berechnet, unter dieſem allgemeinen Titel noch andre Kräfte gegen den Mark -314Zehntes Buch. Drittes Capitel.grafen zu gewinnen. Der Kaiſer wunderte ſich, daß man die Biſchöfe von Würzburg und Bamberg, die er einem ober - deutſchen Verein vorzubehalten wünſchte, in dieſen mehr nie - derdeutſchen Bund aufnehmen wolle, dagegen Johann Fried - drich von Sachſen, der dahin gehöre, davon ausſchließe. An - dre machten andre Einwendungen. 1Nach Bucholtz VII, 124 waͤre der Bund doch zu Stande gekom - men: Sonnabend nach Cantate. Im Archiv zu Berlin findet ſich aber ein mit allen Siegeln verſehener Abſchied, worin es heißt: Dieweil etz - liche von uns, den Geſandten, mit vollkommenem Befelch nicht verſehen geweſt und etzliche vorſtehender unſicherheit halber ſich auf die punct, ſo in handelung unvorſehenlich vorgefallen, bei iren herrn und obern notturftiges beſchaits nit haben erholen moͤgen, als hatt der ſchluß dieſer handellung unumbgehenlich auff ein andere Zuſammenkunft muſ - ſen verſchoben werden. Ein ausfuͤhrlicher Entwurf ward auch dem Kaiſer mitgetheilt. Die naͤchſte Zuſammenkunft ſollte 24 Juli ſeyn.Eigentlich waren nur der König, der Churfürſt, die beiden Biſchöfe, Herzog Heinrich und etwa der Graf von Plauen einzutreten bereit, alles Geg - ner des Markgrafen, dieſe aber waren auch ohne Bund ein - verſtanden, und ſchon allein mächtig genug.

Ohne Zweifel hatte der Markgraf zu fürchten, in Fran - ken in Kurzem von allen Seiten, von Böhmen und Meißen, von dem anrückenden Kriegsvolk Heinrichs und neuen Streit - kräften der Stadt Nürnberg angegriffen zu werden. Er faßte den ſeiner Natur ſehr entſprechenden Entſchluß, dieß nicht zu erwarten, ſondern vielmehr dem vornehmſten Feinde, der jetzt allein gerüſtet war, dem Herzog von Braunſchweig, ſel - ber zu Leibe zu gehn und ſich nach Niederſachſen zu werfen.

Was ihn dazu vermochte, war die ſichere Ausſicht, dort Verbündete zu finden. Die Mutter Erichs von Calenberg, geborne Markgräfin von Brandenburg, damals in zweiter315Markgraf Albrecht von Brandenburg.Ehe mit dem Grafen Poppo von Henneberg vermählt und in Schleuſingen wohnhaft, ſelber von Herzog Heinrich in ihrem Witthum beeinträchtigt, vermittelte ein gutes Verneh - men zwiſchen Albrecht und ihrem Sohn.

Sich wohl vorſehend, das Gebiet des mächtigen Mo - ritz nicht zu berühren, nahm Albrecht ſeinen Weg am Ge - birg über Arnſtadt, Mansfeld, Halberſtadt; bei Braunſchweig ſtießen 1000 Reiter Erichs zu ihm; in Hannover hatte er mit dieſem ſelbſt die erſte Zuſammenkunft. Sie verſtändig - ten ſich vollkommen. Mit vereinten Kräften und mit Hülfe der Städte brachten ſie ein Heer zuſammen, mit dem ſie un - verzüglich, an Statt Herzog Heinrichs, Herrn im Felde wur - den und Jedermann in Schrecken ſetzten. Die nöthigen Geldmittel wußten ſie ſich auf ihre Weiſe zu verſchaffen. Das Capitel von Halberſtadt hatte dem Markgrafen bei ſei - nem Durchzug eine anſehnliche Summe zahlen müſſen; in Minden erbeutete er 50000 Thaler Brandſchatzungsgelder, welche für Herzog Heinrich aufgebracht waren.

Auch politiſch und religiös nahm der ſtürmiſche Kriegs - mann da noch einmal eine ſehr merkwürdige Stellung ein.

Während früher die Charactere nahmhafter Deutſchen ſich eigentlich nur durch das Maaß von Thatkraft und Ener - gie, oder von Treue und Hingebung, das ihnen beiwohnte, unterſchieden, wurden ſie in unſerer Epoche dadurch gebil - det, daß ein Jeder in religiöſer Hinſicht eine Partei zu er - greifen, ſich ſelbſt zu beſtimmen hatte. Ganz andre Elemente der Überzeugung, geſchärft durch die Gegenſätze auf die ſie ſtießen, drangen dadurch in das perſönliche Leben ein. Und dazu kam dann für die Evangeliſch-gläubigen, da der Kai -316Zehntes Buch. Drittes Capitel.ſer ihren Tendenzen zuweilen verſteckt, zuweilen ganz offen Widerſtand leiſtete, jener Zwieſpalt zwiſchen weltlichem Ge - horſam und religiöſer Überzeugung, deſſen wir oben gedach - ten, in welchem die Geiſter, aufs neue zu eigener Entſchei - dung und Wahl aufgerufen, entwickelt oder zerſetzt oder we - nigſtens geprüft wurden.

Von Albrecht ſollte es zwar ſcheinen, als habe ihn die Religion nur wenig gekümmert. Wir finden ihn früh in der Geſellſchaft martialiſcher Kriegshauptleute, welche die ihnen entgegenwachſende kräftige Natur des jungen Fürſten an ſich zogen. Wie hätte auch ein Nachkomme des Albrecht Achilles, von deſſen weidlichen Thaten man ſeine jugend - liche Aufmerkſamkeit oft unterhalten haben wird, der Sohn des tapfern Markgrafen Caſimir, ſich entſchließen können, an der kleinen Hofhaltung zu Neuſtadt an der Aiſch ſpar - ſame Wirthſchaft zu führen und die Schulden ſeiner Väter abzutragen. Sobald ſein Alter es zuließ, finden wir ihn bei den Kriegszügen des Kaiſers. Er ficht ſo gut gegen die proteſtantiſchen Fürſten, wie gegen die Franzoſen. In ei - ner Eingabe an den Kaiſer ſoll er ſich wieder als gut ka - tholiſch bezeichnet haben.

Wer aber glauben wollte daß er ſich hiebei beruhigt hätte, würde die Kraft verkennen, mit welcher die evangeli - ſche Lehre in dieſen Zeiten die Gemüther ergriff. Die Unter - weiſung eines guten Lehrers,1Arnoldus, Vita Mauritii, bei Mencken II, 1252: a tene - ris annis literarum studiis informatus Leuthinger p. 106: in literis, artibus et evangelii doctrina. Opſopaͤus, ein guter Philolog, war ſein erſter Lehrer. die er in erſter Jugend ge - noß, hatte ihren Samen tief in ſeine Seele geſenkt.

317Markgraf Albrecht von Brandenburg.

Sichtbare Wirkung brachte es zwar auf den Fürſten nicht hervor, daß ihn der Hofprediger Körber bei dem Beginn des ſchmalkaldiſchen Krieges vor allem Antheil daran warnte, denn derſelbe werde wider die evangeliſche Lehre gemeint ſeyn, aber ohne Eindruck blieb es nicht: wider mein Gewiſſen , ſagt er, zog ich fort. Als er gegen Magdeburg aufbrach, ſtellte ihm der Prediger Wolfgang Rupertus vor, daß ein Krieg dieſer Art nicht ohne Nachtheil des Leibes und der Seele geführt werden könne. Es iſt eine wunderliche Mi - ſchung von Hohn und Glauben, wenn Albrecht ihm entgeg - nete: Fahren wir zum Teufel, Pfaff, ſo ſollſt du mit uns fahren , und den Mann, der ihm ins Gewiſſen redete, wirk - lich als Feldprediger bei ſich behielt. Einem andern, der ihn an die jenſeitigen Strafen erinnerte, ſoll er geſagt haben, er werde ſeine Seele auf die Zäune ſetzen die Himmel und Hölle ſcheiden, wer dann von beiden der ſtärkere ſey, der möge ſie zu ſich herüberziehen, Gott oder der Satan.

Das ſehen wir wohl: über die großen Fragen war er nicht zur Klarheit gekommen: übrigens aber zeigte er Geiſt und Thatkraft.

Man bemerkte daß er lieber höre als rede; ſprach er aber, ſo that er dieß mit einer natürlichen Beredtſamkeit, die durch den vollen Ausdruck der Wahrhaftigkeit unterſtützt wurde: Mienen, Gebehrden und Worte, ſagt ein Zeitgenoſſe, ſchie - nen nichts auszuſprechen, als wovon ſein Herz voll war. 1Roger Aſham der ihn am kaiſerlichen Hofe ſah.

Seine Truppen, mit denen er alles theilte, Hitze und Kälte, Hunger und Durſt, hiengen ihm dafür mit Hinge - bung an. Er ſagte ihnen wohl: Keiner ſolle Mangel bei318Zehntes Buch. Drittes Capitel.ihm leiden, ſo lange er noch ein Laib Brot im Zelte habe, auch nicht der Geringſte, aber eben ſo wenig Einer ein Haar breit von ſeinen Befehlen abweichen, auch nicht der Oberſte. Über alles gieng ihm die kriegsmänniſche Ehre. Die Hin - richtung Vogelsbergers konnte er dem Kaiſer der ſie be - fohlen, und dem Lazarus Schwendi der dazu geholfen, nie - mals vergeben.

In Trier iſt er in gutem Andenken geblieben; mit Ver - gnügen berichtet der gleichzeitige Chroniſt, wie er eines Ta - ges die Rathsherrn der Stadt, als er ſie in Geſchäften ſuchte, während ſie beim Würfelſpiel ſaßen, von der Straße her mit einem Schuß aus ſeiner Handbüchſe, der durch das Fen - ſter nach der Decke der Stube gieng, an ihre Amtspflichten erinnerte. Auch noch eine andre Erzählung darf ich wohl aus dieſer Chronik wiederholen, von einem Kloſtervorſteher, der bei der allgemeinen Verfolgung der Geiſtlichen doch Gnade bei ihm fand. Es war der Prior des Martinskloſters; er gieng dem Eintretenden mit einem Becher des beſten Weins entgegen. Der Markgraf koſtete den Wein, ließ vier Ohm davon auf ſeinen Wagen laden und drückte dann ſein Sie - gel an die Kloſterpforte, zum Zeichen, daß Niemand dieſes Kloſter antaſten dürfe. 1Gesta Trevirorum ed. Wyttenbach III, 14.

Wir berührten oben, wie er auch dann wenn er Dienſte genommen, ſich doch immer als Reichsfürſt fühlte. Der Kai - ſer hat ihm einmal, um ihn in einem Moment der Unzu - friedenheit zu begütigen, eine Stelle an ſeinem Hofhalt an - bieten laſſen. Er fragte: wie ihn denn der Kaiſer zu etwas mehr machen wolle, als was er ſchon ſey, nemlich Mark - graf von Brandenburg.

319Markgraf Albrecht von Brandenburg.

Überhaupt ſtanden ſeine Gedanken ihm hoch. Er hat einſt der Thronerbin von England ſeine Hand angeboten. 1Er iſt es doch gewiß, auf welchen ſich die Nachricht bei Strype (Eccl. Mem. II, 374) bezieht.Er ſoll ſich einſt gerühmt haben, er werde noch König von Böhmen werden. Er dachte an die Nachwelt, und ich möchte es ihm ſo übel nicht nehmen, wenn ihn ungünſtige Dar - ſtellungen ſeiner Thaten, wie bei Avila oder auch bei Slei - dan, verſtimmten.

Der Widerſtreit von Armuth und Kriegsluſt, Dienſtver - hältniß und Stolz, Recht und Gewalt, worin er lebte, und die Übertäubung jener innern Stimme die er doch immer hörte, gaben ſeinem ganzen Weſen einen Beigeſchmack von Wild - heit, der ſich denn fortan an ſeinen Namen geknüpft hat.

Furchtbar anzuſehen ritt er an der Spitze ſeines Hau - fens daher: im Panzerhemd, eine Büchſe und ein paar Fauſt - kolben an ſeiner Seite; Sommerſproſſen und ein rother Bart bedeckten ſein männliches Angeſicht; weithin wallte ſein blon - des Haupthaar; er nahm wohl ſelbſt eine Fackel zur Hand, um das nächſte Dorf ſeiner Feinde anzuzünden.

Das war nun einmal noch der barbariſche Gebrauch dieſer Zeiten.

Merkwürdig: bei alle dem hieng das gemeine Volk ihm an. Er war ein Character, dem man ſeine Fehler nachſieht, weil man ſie von keiner Bosheit herleitet. In dem Haſſe gegen die geiſtlichen Machthaber traf er mit den populären Leidenſchaften zuſammen. Er wußte das ſehr wohl und trotzte darauf.

Jetzt war er wieder vollkommen Proteſtant. Seine An - weſenheit im Calenbergiſchen bezeichnete er damit, daß er die320Zehntes Buch. Drittes Capitel.Abſchaffung des Interims vermittelte, die Befreiung der Pre - diger, die noch immer auf ihren Bergfeſten im Gefängniß ſchmachteten, überhaupt die Durchführung des proteſtanti - ſchen Prinzipes. Auch Erich trat, wie ſeine ſorgſame Mut - ter vorher berechnet, unter dieſer Einwirkung zu dem evan - geliſchen Glauben zurück.

Auf Albrechts Seite ſtand noch einmal die Combina - tion die Johann Friedrich 1547 ſtark gemacht: die evange - liſchen Städte an der See und im innern Lande, alle Eifrig - evangeliſchen bis nach Böhmen.

Ferdinand hegte einen Augenblick die Furcht, bei der weitverbreiteten Bewegung, die ſich abermal in dem gemei - nen Volke kund thue, dürfte es dem Markgrafen nicht ſchwer ſeyn, an der Spitze deſſelben einen allgemeinen Umſturz zu bewirken.

Und dabei behandelte ihn der Kaiſer mit aller Rückſicht und Schonung. Er konnte ſich nicht mehr weigern, Edicte gegen den Landfriedensbruch zu erlaſſen: ſorgfältig jedoch ver - mied er es erregte allgemeines Erſtaunen den Mark - grafen darin zu nennen.

Eben aber dieſe energiſche Haltung, dieſe weitausſehen - den Beziehungen des Nebenbuhlers wollte Moritz auf keine Weiſe ſich entwickeln und befeſtigen laſſen; gute Worte die ihm derſelbe gab, vermochten nichts über ihn. Öffentlich ſprach auch er hauptſächlich von dem Bruche des Landfrie - dens den er rächen, von der Ruhe die er herſtellen müſſe; trat man aber darüber in Unterhandlung, wie Markgraf Hans es that, ſo bemerkte man bald, daß für dieſen Hader, der an die großen Gegenſätze der europäiſchen Welt anknüpfte, kein friedlicher Austrag zu hoffen ſey.

321Moritz in neuem Bunde mit Frankreich.

War Albrecht mit dem Kaiſer, ſo war Moritz noch im - mer mit Frankreich verbündet.

Schon Anfang September des Jahres 1552, unmit - telbar vor der Rückkehr des Landgrafen Philipp, noch im Einverſtändniß mit deſſen Sohn Wilhelm, welcher die Mei - nung hegte, ihre Sachen ſeyen noch nicht aufs Trockene ge - bracht, hatte ſich Moritz aufs neue an Heinrich II gewen - det und dieſem, wie er ſich ausdrückt, eine andre gründli - chere Verſtändniß angetragen. 1Memorial fuͤr Johann Gametz Freiherrn v. d. Marck. (Dr. A.)Bald darauf erſchien ein franzöſiſcher Abgeordneter, Cajus de Virail, hauptſächlich in der Abſicht, die Hülfleiſtungen welche der Kaiſer damals noch vor Metz erwartete, rückgängig zu machen. Moritz er - griff dieſe Gelegenheit, um jenen Antrag, jedoch für ſich al - lein,2Es iſt ſehr hypothetiſch, wenn es bei den Verſprechungen heißt: mit denen Fuͤſten ſo ſich mit in Bund geben moͤchten. nur noch förmlicher zu wiederholen. Er verſprach nicht nur, ſo viel an ihm, keine Hülfe von Reichswegen wider den König zu leiſten, vielmehr dafür zu ſorgen, daß dieſem ſelbſt ſo viel deutſches Kriegsvolk zuziehe als er brauche; er wieder - holte auch die in dem Vertrag von 1551 gemachte Zuſage, daß der König den Titel eines Reichsvicarius haben, und bei der nächſten Wahl, wenn er es wünſche, ſelber zur Würde eines Hauptes im Reich erhoben werden ſolle: wogegen er ſich die Beſchützung ſeiner Land und Leute und die Zahlung eines nahmhaften Jahrgeldes ausbedang. Und ſehr geneigt erklärte er ſich hiebei perſönlich mitzuwirken. Obgleich er den Bund den er ſchließen will, als Defenſivbund bezeichnet, ſo erbietet er ſich doch, wenn dem König auf das nächſte Früh -Ranke D. Geſch. V. 21322Zehntes Buch. Drittes Capitel.jahr mit einem Heer von 4000 M. z. Pf. und 12000 z. F. gedient ſey, daſſelbe aufzubringen, wie ſich das unter dem Vorwand, daß er von ſeinem Vetter Johann Friedrich Ge - fahr zu beſorgen habe, ganz gut thun laſſen werde, und zur beſtimmten Zeit am Rhein zu erſcheinen. 1Memorial, damit der Cajus v. Wyraill von Chf. Moritzen dieſes Verſtendnuß halben nach Frankreich abgefertigt worden. (Dres - dener Archiv.) Undatirt, aller Wahrſcheinlichkeit nach vom December.Der König, der ſich indeß in Metz auch ohne ſolch eine Hülfe behauptet, gieng auf dieſe Anerbietungen nicht ſo raſch ein, wie der Chur - fürſt wünſchte. Im Laufe des Winters ſchickte Moritz Vol - radt von Mansfeld, der noch immer den Titel eines Die - ners der franzöſiſchen Krone führte, nach Frankreich, um die Sache aufs neue in Anregung zu bringen. Auch Volradt fand anfangs Schwierigkeiten, und es liefen Briefe ein, nach denen Moritz ſchon fürchtete, ſein Antrag werde ausgeſchla - gen werden; es reute ihn faſt, ſchon ſo viel Geld auf die Vorbereitungen verwandt zu haben, als er gethan. In - dem aber wurden die Franzoſen andern Sinnes. Am 21ſten Mai 1553 leiſtete Graf Volradt dem König einen neuen Dienſteid. Heinrich II wünſchte nichts mehr als daß ihm jene Mannſchaften zugeſchickt würden, die Moritz verſpro - chen; am 13ten Juni ordnete er Bevollmächtigte nach Metz ab, die mit den Geſandten welche Moritz dahin ſchicken werde, verhandeln ſollten. Um die Sache zu beſchleunigen, begab ſich Graf Volradt, begleitet von einem franzöſiſchen Edelmann, perſönlich nach Deutſchland zurück. Wir haben mehrere Briefe, in denen er gleichſam von Station zu Station der franzöſiſchen Regierung von ſeiner Reiſe Nachricht giebt. An - fang Juli erreichte er den Churfürſten, als dieſer eben in Be -323Moritz in neuem Bunde mit Frankreich.griff war, mit ſeinem Heere gegen Albrecht anzuziehen. Ich finde ihn , ſchreibt er dem König am 4ten Juli, in allen Dingen, welche die Ehre und den Vortheil der Krone Frank - reich betreffen, vollkommen wohl geſinnt, und entſchloſſen, von dieſem Kriege nicht abzuſtehn, ehe nicht die Irrungen zwi - ſchen derſelben und dem Reiche ausgemacht ſeyn werden. 1Schreiben Graf Volradts bei Mencken Scr. R. G. II, 1421.

Der König hatte, wie einſt Albrecht, ſo jetzt Moritz zu einem Angriff auf die Niederlande aufgefordert; ein märki - ſcher Rittmeiſter, Thomas von Hodenberg, verſichert, es ſey wirklich die Abſicht des Churfürſten, dahin vorzudringen, und Rar von Niederdeutſchland aus, ſobald er nur mit Mark - graf Albrecht fertig geworden: ſchon habe er Leute abge - ſchickt, um den Weg zu unterſuchen, namentlich die Furten und Päſſe zu bezeichnen, welche man im Voraus einzuneh - men habe. 2Auch der Kaiſer ſagt, er habe gehoͤrt que si ledit duc Mauris surmontoit le dit marquis, il devoit venir assaillir mes pais de Geldern. (An Ferdinand 26 Aug. 1553.)

Die Anhänger des Hauſes Öſtreich hegten über ſeine Entwürfe die ſchlimmſten Vermuthungen. Der alte Fugger hat dem König Ferdinand geſagt, die Abſicht des Churfür - ſten werde ſeyn, ihn, den König, zu verdrängen und ſich ſel - ber einzuſetzen.

So viel iſt richtig, daß wenn man nach dem letzten Ziel der beiden Nebenbuhler fragte, Niemand es hätte nen - nen können.

Man erſtaunte wenn man ſah daß der römiſche König den Churfürſten mit Kriegsvolk unterſtützte, während der Kai - ſer den Markgrafen ganz offenbar begünſtigte.

21*324Zehntes Buch. Drittes Capitel.

Aber indem der Markgraf ſich an den Kaiſer hielt, nahm er zugleich die Evangeliſchen in Niederdeutſchland in Schutz, und ſchien nach einer popular-proteſtantiſchen Macht zu trach - ten. Konnte das der Sinn des Kaiſers ſeyn?

Und indem der Churfürſt die Hülfe Ferdinands annahm, machte er zugleich dem König von Frankreich Hofnung auf die deutſche Krone, wovon man in Öſtreich keine Ahnung hatte. Er, der ſo eben die Waffen für den Proteſtantismus getragen und durch einen glücklichen Schlag die Feſſeln ge - ſprengt, die man ihm angelegt hatte oder noch anlegen wollte, ſtand jetzt mit den fränkiſchen Biſchöfen und mit〈…〉〈…〉 nem Heinrich von Braunſchweig in Bund, der von jehe als einer der größten Verfolger der Proteſtanten betrachtet worden war.

Den Vortheil hatte Moritz, daß er den Landfrieden und den beſtehenden Beſitz vertheidigte, während Albrecht An - ſprüche verfocht, die im Augenblick der Noth mit Gewalt erworben, vor keinem Gerichtshof zu Recht beſtehn konnten und durch die Einwilligung des Kaiſers noch lange nicht ge - ſetzlich begründet wurden.

Wenn Moritz ſiegte, ſo war das Anſehn des Kaiſers vollends vernichtet, und ſofern es zu dem beſprochenen Un - ternehmen auf die Niederlande kam, die Grundlage ſeiner Macht höchlich gefährdet.

Schlug dagegen Albrecht den Gegner aus dem Felde, ſo hätte wohl ein allgemeiner Sturm auf die Bisthümer be - ginnen können, ja der ganze in Folge der letzten Kriege ge - gründete Beſitzſtand wäre in Frage geſtellt worden: alle Feinde des Churfürſten würden ſich erhoben haben.

325Schlacht von Sievershauſen.

Unter dieſen Ausſichten rückten die beiden Kriegshäup - ter im Juli 1553 wider einander.

Moritz hatte ſeine meißniſche und thüringiſche Ritter - ſchaft zu Halle, Merſeburg und Sangerhauſen gemuſtert: in Sangerhauſen ſammelten ſich alle ſeine Haufen zu Fuß und zu Pferd, und nahmen ihren Weg nach dem Eichsfeld. In Giboldehauſen vereinigten ſich die fränkiſchen, in Eimbeck die braunſchweigiſchen Schaaren mit den ſeinigen. Das ge - ſammte Heer mochte nun achttauſend M. z. F. und acht - halbtauſend Reiſige zählen, eingeſchloſſen tauſend böhmiſche Reiter, welche Heinrich von Plauen im Namen des römi - ſchen Königs herbeiführte.

Markgraf Albrecht lag vor dem feſten Haus Peters - hagen, und war eben bei Tiſch, als ein Edelknabe des Chur - fürſten ihm deſſen Verwahrungsſchrift brachte. Albrecht fragte ihn, ob der Churfürſt wirklich Pfaffen und Huſa - ren zu Haufen gebracht. Ich ſollte dir wohl mehr ge - ben, ſagte er dem Knaben, dem er vier Kronen ſchenkte, aber ich brauche mein Geld jetzt ſelbſt, und dich werden die Franzoſen beſchenken.

Indeſſen, daß er ſich den Sieg verſprochen hätte, dürfte man nicht glauben. Nur an Fußvolk ſah er ſich ſeinem Feinde gewachſen; an Reiterei, davon er nur 3000 M. zählte, obwohl er vor Kurzem von den Niederlanden her verſtärkt worden, war ihm dieſer bei weitem überlegen.

Eben deshalb faßte er den Gedanken, ſeinen Gegner an günſtiger Stelle vorbeizugehn und ſich in ſeinem Rücken durch das Stift Magdeburg auf deſſen Erblande zu ſtürzen.

Sehr wohl aber erkannte Moritz dieſe Gefahr; eine Furt326Zehntes Buch. Drittes Capitel.in der Nähe von Sievershauſen, welche Albrecht überſchreiten mußte um nach dem Magdeburgiſchen zu gelangen, nahm er glücklich noch vor ihm ein. Er muß weichen , heißt es in einem ſeiner Briefe, oder er muß ſchlagen. Moritz er - füllte ſich mit der Schlachtbegier, die ihn immer bei der An - näherung eines Feindes ergriff. Man hat ihn mit dem Kriegsroß verglichen, das nicht mehr zurückzuhalten iſt, wenn es das Wiehern der feindlichen Pferde gehört hat. Als der Gegner herankam, am 9ten Juli vergaß er den Be - ſchluß des Kriegsrathes denſelben in der günſtigen Stellung die man genommen, zu erwarten, und ſtürzte ſich ihm ſelber entgegen. Ohne Mühe warf er eine Abtheilung der albrechti - ſchen Fußvölker über den Haufen.

Daß nun aber hiedurch die churfürſtliche Schlachtord - nung geſtört ward, ſetzte den Markgrafen in den erwünſch - teſten Vortheil. Jetzt rückte er ſeinerſeits vor, drang in die churfürſtlichen Reiter ein, und warf ſie, unterſtützt von dem Weſtwind, der den Feinden den Staub in die Augen trieb; er nahm wirklich mit ſeinem Vortrab, dem aber der Gewalthaufe auf der Stelle nachdrückte, die Furt in Beſitz, an der ihm alles zu liegen ſchien.

Hiewieder aber ſetzten ſich nun der Churfürſt und Her - zog Heinrich in Perſon, mit dem beſten Volke unter den Hoffahnen von Braunſchweig und Sachſen, in Bewegung. An dem engen Orte kam es zu einem ſtürmiſchen Zuſam - mentreffen, in welchem die Reiter ihre Büchſen und Piſto - len mit vielem Erfolg gegen einander brauchten. Mancher wußte nicht, ob er Feind oder Freund getroffen. Die Chur - fürſtlichen verloren ihre beſten Leute, zwei Söhne des Her -327Schlacht von Sievershauſen.zogs von Braunſchweig, Friedrich von Lüneburg, der die Fahne von Moritzens Leibwache trug, erhielt zwei tödtliche Stiche von einem Landsknecht, den letzten Grafen von Beichlingen, Johann Walwitz der einſt Leipzig vertheidigt, und viele andere; aber ſie waren an Zahl überlegen: die rothe Binde mit den weißen Streifen, die der Churfürſt führte, behielt den Platz.

Damit war aber das Geſchick noch nicht erfüllt. In dem wilden Getümmel des Reitergemenges, man wußte nicht ob nicht gar aus einem Rohr ſeiner eignen Leute, war Chur - fürſt Moritz von einer Kugel getroffen worden; in einem Zelt, das man ihm unweit an einem Zaun aufgeſchlagen, vernahm er den Sieg der Seinen; dann brachte man ihm die erbeuteten Banner und Fähnlein, auch die Papiere des Markgrafen, die er eifrig durchſuchte; er hatte die Genug - thuung, noch den Siegesbericht in ſeinem Namen abfaſſen zu laſſen;1Schreiben des Churfuͤrſten vom 7ten Juli bei Langenn II, 360, 9ten Juli, u. a. bei Mencken II, 1427. allein die Wunde die er empfangen, war gefährlicher als er ſelber glauben mochte: ſchon am zweiten Tag nach der Schlacht brachte ſie ihm den Tod. Man ſagt, ſein letztes Wort ſey geweſen: Gott wird kommen! Ob zur Strafe, oder zur Belohnung, oder zur Löſung dieſer wirren irdiſchen Händel: man hat ihn nicht weiter verſtanden.

Eine Natur, deren Gleichen wir in Deutſchland nicht finden. So bedächtig und geheimnißvoll; ſo unternehmend und thatkräftig; mit ſo vorſchauendem Blick in die Zukunft, und bei der Ausführung ſo vollkommen bei der Sache: und dabei ſo ohne alle Anwandlung von Treue und perſönlicher Rückſicht: ein Menſch von Fleiſch und Blut, nicht durch Ideen,328Zehntes Buch. Drittes Capitel.ſondern durch ſein Daſeyn als eingreifende Kraft bedeutend. Sein Thun und Laſſen iſt für das Schickſal des Proteſtan - tismus entſcheidend geweſen. Sein Abfall von dem ergrif - fenen Syſtem brachte daſſelbe dem Ruine nah; ſein Abfall von dem Kaiſer ſtellte die Freiheit wieder her. Wenn er jetzt wieder hauptſächlich mit katholiſchen Fürſten verbündet war, ſo würde das ohne Zweifel nicht ſein letztes Wort geweſen ſeyn: unberechenbare Möglichkeiten hatte dieſer mächtige und geiſtreiche Menſch noch vor ſich: da, im Momente des Sieges, in voller Manneskraft, kam er um.

Es war immer ein großer Erfolg dieſes Sieges, daß die Macht des Markgrafen dadurch gebrochen war, und alle Gedanken, die ſich an dieſelbe knüpften, in das Nichts zer - rannen.

Eine noch viel größere Entſcheidung, auch für den Mo - ment, lag aber im Tode des Churfürſten.

Was würde daraus geworden ſeyn, wenn Moritz am Leben geblieben wirklich nach den Niederlanden vorgerückt wäre, und ſich dort mit den franzöſiſchen Heeren, die ſich zu entſprechender Zeit in Bereitſchaft ſetzten, vereinigt hätte?

Nachdem ſich der König von Frankreich der drei andern Städte die ihm zugeſprochen waren, bemeiſtert hatte, dachte er jetzt auch die vierte von der in ſeinem Bunde mit Moritz die Rede geweſen, Cambrai, zu erobern. Ende Auguſt ſetzte ſich ſeine Macht, ungefähr 40000 M. ſtark, dabei vier deut - ſche Regimenter unter dem Rheingrafen und Reifenberg, ohne ſich lange bei Bapaulme und Peronne aufzuhalten, geradezu gegen jene Stadt in Bewegung, und forderte ſie auf, ihm als dem Beſchützer der Freiheit, deren ſie von dem Kaiſer329Niederlaͤndiſcher Feldzug.beraubt worden ſey, ihre Thore zu öffnen. Wie ſehr kam es da dem Kaiſer zu Statten, daß jener Angriff von Deutſch - land her, mit dem Moritz umgegangen, nun nicht wirklich eintrat. Er behielt ſeine Hände frei, wie er ſich auch ſchon ſel - ber auf das beſte gerüſtet hatte. Die Franzoſen wagten doch das Lager, das er bei Valenciennes aufſuchte, und in wel - chem er ſelber erſchien, nicht anzugreifen. Bald trat Regen - wetter ein, und ſie ſahen ſich genöthigt, unverrichteter Dinge zurückzugehn. 1Das fuͤnfte Buch der Memoiren von Rabutin und die Aus - zuͤge authentiſcher Documente, die ſich in der Ausgabe von 1788 (Bd 38, p. 400) dabei finden, erlaͤutern dieſen Feldzug.

Ihre Verbindung mit den deutſchen Fürſten, die von einem ſo mächtigen Oberhaupt wie Moritz feſtgehalten noch ſehr gefährliche Folgen hätte nach ſich ziehen können, löſte ſich damit weiter auf.

Aber auch dem Kaiſer konnte nun von dem geſchlagenen Albrecht keine beſondere Hülfleiſtung zu Theil werden, wenn er ja überhaupt darauf gerechnet hat. Vielmehr hatte er durch ſein Verhältniß zu demſelben, die Duldung ſeines offen - baren Landfriedensbruches, die Wiederherſtellung ungerechter und ſchon von ihm ſelber vernichteter Verträge ſeinem reichs - oberhauptlichen Anſehen unendlich geſchadet.

Um ſo mehr fühlte man das Bedürfniß, die noch ob - ſchwebenden Irrungen wo möglich ohne ſeinen Einfluß zu beſeitigen.

[330]

Viertes Capitel. Allmählige Beruhigung der deutſchen Territorien.

Gewiß, ein ſchweres Unternehmen, in Deutſchland Friede zu ſtiften, bei den ſtarken Gegenſätzen die es theilten, den gegenſeitigen Beleidigungen die man rächen wollte, der Kriegs - begier der Truppen die im Felde ſtanden, und dem ſtarren Sinn der Häupter.

Das erſte Ereigniß, wodurch die Dinge doch eine friedliche Wendung nahmen, lag in dem Regierungswechſel in Sach - ſen, dem Eintritt des Herzog Auguſt, Bruders von Moritz.

Auguſt war wohl nie ganz einverſtanden mit ſeinem Bruder. Gegen die Strenge wenigſtens, mit welcher dieſer auf die den Vettern nachtheiligſte Ausführung der Witten - berger Capitulation drang, hat er ſich einſt ausdrücklich er - klärt;1Schreiben bei Arndt: de variis principum Saxoniae con - troversiis, Doc. p. 21. man meinte, durch eine Reiſe, die er kurz vor dem Ausbruch der letzten Fehde nach Dänemark unternahm, habe er ſein Mißvergnügen darüber kund gegeben. 2ut eventum belli, quod sine suo consilio et voluntale susceptum esset, e longinquo specularetur. Stephanius Contin. Craghii. Sey dem331Eintritt Churfuͤrſt Auguſts von Sachſen.wie ihm wolle: als er jetzt zurückkam, fand er ſein Land durch die Steuern, Hülfleiſtungen und unaufhörlichen Kriegs - züge ſo ganz erſchöpft und ſeine Caſſe mit ſo unerſchwing - lichen Laſten beladen, daß er, und zwar, wie er ſelbſt erzählt, im erſten Augenblick, bei ſich beſchloß, Friede zu machen. 1Propoſitio ufm Landtage zu Dreßden Donnſtag nach Oſtern 1554. Und wie wohl wir dieſelbe Zeit eine kleine Regierung ge - hapt (vor 7 Jahren), ſo hatten wir doch zu dem liebſten gerathen gefordert und geholfen, das frid und einigkeit in dieſen Landen und der ganzen deutſchen Nation wer erhalten worden. Da es aber an - ders erfolget und ſider des ein krig aus dem andern verurſachet, das auch dieſe lande erbermlich verterbet, mordt brand und andre tref - fenliche beſchwerung erleyden und ertragen muͤſſen, dorin ſind wir bil - lig entſchuldiget, den es iſt am tage, das wir derzu keine urſach ge - geben, ſondern nicht ein geringes mitleiden in unſerm gemuͤthe ge - hapt. Er ſagt nur, daß er den neuen Krieg gegen Albrecht nicht erwartet; bei ſeiner Ruͤckkehr habe das Kriegsvolk monatlich 64000 G. gekoſtet. Haben bei uns beſchloſſen durch Gottes Huͤlf und Gnade den Frieden nicht abe noch auszuſchlagen ſondern zu foͤrdern. (MS der Bibl. zu Berlin.)

Auch hatte er freilich weniger Haß auf ſich gezogen und daher weniger zu fürchten als ſein Bruder.

Unmittelbar nach der Sievershauſer Schlacht ſandte Jo - hann Friedrich ſeinen älteſten Sohn nach Brüſſel, und ließ auf den Fall, daß der Kaiſer nicht durch einen beſondern Tractat mit Auguſt daran gehindert werde, um die Rück - gabe der Churwürde und der verlorenen Lande bitten, wo - für ſein Haus dem kaiſerlichen ohne Aufhören dankbar ſeyn werde. Der Kaiſer antwortete ihm: auch Auguſt ſey in der Belehnung mit der Churwürde begriffen: Johann Fried - rich werde nichts von ihm verlangen, was gegen ſeine Ehre und Pflicht laufe. 2Schreiben des Kaiſers an Ferdinand 26 Aug 1553.

332Zehntes Buch. Viertes Capitel.

Wie hätte auch der Kaiſer wagen können, einen Für - ſten, der ein ſo ſtarkes Heer in den Händen und ſo ausge - breitete Verbindungen hatte, ſich zum Feinde zu machen?

Auguſt war ſehr bereit, ſeine Vettern mit größerer Nach - giebigkeit zu behandeln, wie denn darüber ſogleich Unter - handlungen eröffnet wurden, die bald zu der erwünſchten Ab - kunft führten: die Chur, welche ihm ſchon übertragen war, hätte er ſich nie wieder entreißen laſſen.

Da ein Verſuch hiezu nun aber nicht zu befürchten ſtand, ſo hatte auch der Krieg für ihn keinen Sinn mehr.

Die Verbindung ſeines Bruders mit Frankreich ſetzte er, ſo viel wir ſehen können, keinen Augenblick fort.

Man ſtellte ihm vor, es dürfte ihm keinen guten Ruf machen, wenn er den Krieg mit Markgraf Albrecht, in wel - chem ſein Bruder gefallen, ſo bald abbreche; von den - then die er fand, waren ſowohl die welche die franzöſiſche, als die welche die deutſch-öſtreichiſche Allianz wünſchten, Hei - deck ſo gut wie Carlowitz, für eine Fortſetzung des Krie - ges;1Dieſe Verhaͤltniſſe theilte Landgraf Philipp dem Dr Zaſius mit. Schreiben deſſelben 12 Oct. bei Bucholtz VII, 536. König Ferdinand drang darauf. Dagegen forderte die Landſchaft, die an dem Krieg ſo wenig Gefallen gehabt wie Auguſt, und von dem Markgrafen, der ſich furchtbar zu machen gewußt, mit einem Einfall bedroht wurde, auf einer Verſammlung zu Leipzig, Auguſt 1553, dringend den Frieden. 2Die Staͤdte fuͤhrten zu Gemuͤth: do die beſchwerlichen laſt uff den unterthanen lenger ligen, und die kriege continuirt, wurde es die lenge nicht ertragen, und endlichen ſ. churf. Gn. ein wuſt ledig und blos land behalten, und ſprechen die Hofnung zu S. Ch G. aus,Von den alten Räthen waren doch einige, wie333Friede zwiſchen Auguſt und Albrecht.Komerſtadt und Fachs, auf ihrer Seite. Sie gaben Auguſt Rückhalt genug, um bei ſeinem erſten Entſchluß zu verhar - ren. Unter Vermittelung des Churfürſten von Branden - burg und des Königs von Dänemark kam ein Vertrag zu Stande, zu Brandenburg am 11ten September, in welchem Auguſt Frieden mit Albrecht eingieng, mit dem Verſpre - chen, die Truppen die er abdanken werde, nicht den Fein - den deſſelben zulaufen zu laſſen, und unter einigen andern dem Markgrafen ganz günſtigen Bedingungen, als eine Vor - bereitung , wie es in dem Vertrage heißt, des wieder auf - zurichtenden allgemeinen Friedens.

An die Vollziehung des egerſchen Bündniſſes, das eine feindſelige Richtung gegen den Markgrafen gehabt, war nun vollends nicht zu denken. Eine Verſammlung zu Zeitz, die dazu anberaumt war, kam, ſo viel ich finden kann, gar nicht zu Stande.

Vielmehr, da auch Landgraf Philipp, der ſeinem Schwie - gerſohn Moritz allerdings eine kleine Hülfe gegen Albrecht geleiſtet, ſich jetzt mit dieſem ausſöhnte, konnte man daran denken,1Der ſiebente Artikel des Vertrages (bei Hortleder II, vi, 14) beſtimmt dieß ausdruͤcklich. die alte Erbverbrüderung der drei Häuſer Bran - denburg, Sachſen und Heſſen, deren erſte Gründung einſt zur Beruhigung des nördlichen und öſtlichen Deutſchlands ſchon ſo viel beigetragen, und deren Auflöſung den Un - frieden allgemein gemacht hatte, wieder zu erneuern, und2ſie werden gnedigſt bedacht ſeyn auff die wege des fridens und das man auß dem krieg komme und der trefflichen unkoſt und ander be - ſchwerung enthept. (Saͤchſiſche Landtagsacten von 1553. MS der K. Bibl. zu Berlin.)334Zehntes Buch. Viertes Capitel.zwar jetzt in entſchieden proteſtantiſchem und zugleich deut - ſchem Sinne.

Dagegen faßte König Ferdinand, der in dieſem Augen - blick nach einigem Schwanken der Stände in den Heidelberger Bund aufgenommen ward, die Hofnung, denſelben zu einer Er - klärung gegen den Markgrafen zu bewegen. Sollte aber dieſer Bund, von dem einſt Albrecht Hülfe gehofft, ſich jetzt ſo enge an Öſtreich anſchließen? Mächtige Mitglieder, wie die Chur - fürſten von Mainz und Trier, fühlten die Wunden noch allzu wohl, welche ihnen durch den erſten Einfall des Markgrafen geſchlagen worden, wo kein Menſch ihnen Hülfe geleiſtet; ſie hatten bei deſſen Rückzug ihre Neutralität verſprechen müſſen, und waren geſonnen dieſelbe zu halten. Zuerſt auf einer Verſammlung der Räthe zu Ladenburg, hierauf auf einer Zu - ſammenkunft der Fürſten zu Heilbronn die Churfürſten von der Pfalz und von Mainz, die Herzöge von Würtenberg und Baiern waren perſönlich, von Jülich und Trier nur die Räthe erſchienen ward über eine neue Verbeſſerung und Erwei - terung des Bundes gerathſchlagt. Allenfalls der Herzog von Baiern ſcheint geneigt geweſen zu ſeyn, ſich dem Wunſche des römiſchen Königs zu fügen; von den Übrigen aber wollte Keiner daran: die Clauſel, daß die Neutralität gegen beide Theile, die fränkiſchen Verbündeten und den Markgrafen beob - achtet werden ſolle, ward zuletzt in aller Form erneuert. 1Schreiben des Zaſius a. a. O. p. 542. Die Actenſtuͤcke des Tages allein waͤren ohne dieſe Erlaͤuterungen nicht zu verſtehen.

Wie in dem nördlichen, ſo bildete ſich hiedurch in dem öſtlichen Deutſchland eine Vereinigung, deren Prinzip der Friede war.

335Treffen bei Braunſchweig.

Den Bemühungen des Hauſes Brandenburg gelang es nicht, Albrecht wie mit Auguſt ſo auch mit ſeinen übrigen Feinden zu verſöhnen: aber es war nun wenigſtens dafür geſorgt, daß dieſe Fehde nicht weiter um ſich greifen konnte: es waren ihr beſtimmte Grenzen gezogen.

Innerhalb derſelben ließ die Entſcheidung nicht lange auf ſich warten. Am 12ten September kam es noch ein - mal zu einem Treffen zwiſchen Herzog Heinrich und dem Markgrafen in der Nähe von Braunſchweig. Man er - zählt, Albrecht habe bei ſeinem Angriff auf eine Meute - rei gerechnet, die ſich im Heere des Herzogs, dem es an Geld fehlte, entſponnen: noch zur rechten Zeit aber ſey der nürnbergiſche Kriegszahlmeiſter eingetroffen, durch welchen Reiter und Knechte befriedigt und wieder freudig gemacht worden. Genug der Markgraf fand ſeinen Feind nicht al - lein an Zahl überlegen,1Nach einem Schreiben von Mandelslo an Markg. Johann, Braunſchweig 13 Sept., hatte der Herzog 1500 M. z. F., 3000 z. Pf. und ein gutes Feldgeſchuͤtz, der Markgraf 2000 Pf. Tobias Olfen giebt dem letztern nur 1200 Pf. hauptſächlich mit Fußvolk und Ge - ſchütz auf das beſte verſehen, ſondern auch dieſer Truppen ſicher, entſchloſſen und muthvoll. Bei Geitelde und Steter - burg trafen ſie auf einander. Die Braunſchweiger ſtiegen auf ihre Zinnen und Thürme, um den Gang des Gefechts zu beobachten. Albrecht ſchlug mit gewohnter Tapferkeit: zwei - mal warf er den Anfall des Feindes zurück, und faſt alle Fahnen deſſelben ſanken; aber auch hier wie bei Sievers - hauſen entſchied die Überlegenheit der Zahl: dem dritten Anfall konnte er nicht widerſtehn. Der Herzog behauptete336Zehntes Buch. Viertes Capitel.die Wahlſtatt und ſchoß Victoria, daß in Braunſchweig die Fenſter erzitterten.

Dieſes Ereigniß ward aber für Niederdeutſchland haupt - ſächlich dadurch entſcheidend, daß Markgraf Albrecht, durch ungünſtige Nachrichten von ſeinen Erblanden vermocht, den Beſchluß faßte dahin zurückzukehren.

Herzog Heinrich war und blieb dort zuletzt doch Herr und Meiſter im Felde.

Unverzüglich wandte er ſich gegen Braunſchweig; doch hätte es ihm wohl ſchwer werden ſollen, mit ſeinem Geſchütz, das er abermal auf einem nahen Berge aufpflanzte, die Stadt zur Überlieferung zu zwingen. Dagegen kam ihm ſeine Ver - bindung mit dem fränkiſchen Bunde, der ſich ſeiner Kriegskräfte zu bedienen wünſchte, zu einem friedlichen Austrag zu Stat - ten. Erasmus Ebner von Nürnberg leitete eine Unterhand - lung ein, an welcher auch bald die umliegenden Städte, auch Goßlar und Hildesheim Theil nahmen. Der Herzog ſelber war milder geworden, und da auch er ſeine Wieder - herſtellung wenigſtens guten Theils proteſtantiſcher Hülfe, der des gefallenen Churfürſten und der Stadt Nürnberg verdankte, mußte er wohl von der Heftigkeit ablaſſen, mit der er ſonſt die Bekenner der neuen Lehre verfolgt hatte. Ohnehin waren die Braunſchweiger nicht gemeint ſich ſeiner Gnade zu über - laſſen. Als der Entwurf des Vertrags in einigen weſent - lichen Puncten abgeändert zu ihnen zurückkam, beſchloſſen ſie lieber mehr Volk zu werben und den Krieg aufs Äußerſte fortzuſetzen. Hierauf fühlte ſich Heinrich bewogen, den Ver - trag anzunehmen wie ſie ihn vorgeſchlagen.

So kam eine Streitſache zu Ende, welche alle nord -337Friede zw. Hz. Heinrich u. d. St. Braunſchweig.deutſchen Gebiete ſeit ſo vielen Jahren in Athem gehalten. Der Herzog hatte den Städten die Veränderung der Reli - gion nicht nachſehen wollen, ſondern vielmehr eben bei die - ſer Gelegenheit ſie völlig in ſeine Hände zu bringen gedacht. Dadurch waren die Städte bewogen worden, auch ihm die Anerkennung ſeiner Oberherrlichkeit zu verſagen; Wechſel der Übermacht und der Herrſchaft waren hier zahlreicher einge - treten als irgendwo ſonſt. Jetzt aber entſchloß ſich der Her - zog, die veränderte Religionsübung und die alten verbrief - ten Gerechtſame anzuerkennen; wofür man auch ihm hin - wieder ſeine Ehre gewährte. Die Abgeordneten der Bürger - ſchaft thaten einen Fußfall; er ſagte ihnen, er vergebe ihnen von Herzen und wolle fortan ihr gnädigſter Herr ſeyn und bleiben. Am 29ſten October ward zu Braunſchweig das Herr Gott dich loben wir unter Paukenſchlag geſungen: in allen Kirchen dankte man Gott, daß er den güldnen Frie - den wieder ſchenke. 1Tobias Olfen 77.

Schon früher war Herzog Erich durch Verwüſtung ſei - nes Gebietes zu einem Abkommen genöthigt worden: ſo viel - fachem Vorgang mußten jetzt auch die Edelleute folgen. Hein - rich wandte das Geld, das ihm ſein alter Gegner Landgraf Philipp zum Abtrag zahlte, zu ihrer Befriedigung an.

Hier fürs Erſte geſichert, nahm Heinrich nun den Weg nach Franken, wohin ihn ſeine Bundesverwandten dringend einluden.

Er hätte unterwegs Gelegenheit nehmen können, ſich an ſeinen alten Gegnern, dem Grafen Albrecht von Mansfeld und Johann Friedrich, zu rächen. Auch ſchien es wohl, alsRanke D. Geſch. V. 22338Zehntes Buch. Viertes Capitel.habe er dieß im Sinn: er drohte alles zu verheeren, was dem Grafen gehöre, ſeinen beſondern Antheil an dem Hauſe Mansfeld auszubrennen; dem geweſenen Churfürſten warf er neue Verbindungen mit Albrecht vor, und forderte eine unerſchwingliche Brandſchatzung. Allein die Worte waren ſchlimmer als die Handlungen. Die Zeiten waren vorüber, wo Herzog Heinrich nur ſeinen Leidenſchaften folgte: jetzt hörte er auf Entſchuldigungen und Fürbitten. Für dieß Mal blieben die albrechtiſchen Beſitzthümer unzerſtört; mit Johann Friedrich ward ein endlicher, ewiger und gütlicher Hauptvertrag aufgerichtet, in welchem er mit einer leidli - chen Zahlung wegkam.

Dergeſtalt zog ſich die ganze Entſcheidung nach Fran - ken, wo indeß der Krieg zwiſchen Albrecht und den Verbün - deten ſehr ernſtlich fortgegangen war.

Zuerſt hatten die Völker der Biſchöfe und der Stadt in Abweſenheit des Markgrafen die Übermacht im Felde er - langt, und den Landen deſſelben vergolten was er in den ihren gethan. Als ſie Neuſtadt an der Aiſch eroberten, nah - men ſie ſich gar nicht einmal die Zeit, die dahin zuſammen - geflüchteten Güter unter ſich zu vertheilen, ſondern ſie brann - ten die Stadt mit denſelben unverzüglich auf. Mit ferdinan - deiſchem Kriegsvolk war ihnen Heinrich von Plauen vom Voigtland her zu Hülfe gekommen, hatte Hof eingenom - men und ſich im Namen des römiſchen Königs daſelbſt hul - digen laſſen.

Hierauf aber, unter dem doppelten Antrieb dieſer Nach - richten und der in Niederſachſen erlittenen Niederlage, die ihm dort keine Hofnung übrig ließ, war Albrecht zurückgekommen.

339Fehde in Franken.

Wie erſchraken die Plauenſchen Söldner, die ihrer Er - oberung ſicher, ſich vor den Thoren von Hof gütlich thaten, ſchmauſten und zechten, als der Markgraf, den ſie weit ent - fernt wähnten, plötzlich mit der niederdeutſchen Reiterſchaar, die den eilenden Ritt mit ihm gemacht, erſchien und ſie aus - einanderſprengte. Seine Wuth gegen dieſen Plauen, einen Deutſchböhmen, der ſein von beiden Theilen zuſammenge - raubtes Fürſtenthum nur immer weiter ausbreiten wolle, kannte keine Grenzen; dagegen bewies er den Bürgern, die ſich ziemlich gut vertheidigt hatten, alle Anerkennung, die ſie verdienten. Er hoffte es noch dahin zu bringen, daß er ihnen alle ihre Verluſte erſtatten könne. Er hatte noch Baireuth, Culmbach, die Plaſſenburg, wohin er jetzt das in Hof erbeutete Plauenſche Geſchütz führen ließ, Schweinfurt und Hohenlandsberg. Bald erfuhren ſeine Feinde, daß er wieder da war: er entriß ihnen kleine Feſtungen, wie Lich - tenfels; den ganzen Aiſchgrund hinauf trieb er Beute von ihnen zuſammen.

Hätte nur ein Andrer indeß den Krieg in Niederdeutſch - land an ſeiner Stelle geführt.

Da das nicht der Fall war, ſo geſchah was er durch ſeinen Zug eben hatte verhindern wollen: der Fürſt, der dort ihn geſchlagen, erſchien nun doch und zwar mächtiger und angeſehener als je in Franken.

Bald mußte Albrecht fühlen, daß er der Verbindung ſo vieler Feinde nicht gewachſen war.

Im Felde erlitt er am 7ten November bei Lichtenfels eine Niederlage; bei Culmbach gelang es ihm nur eben ſich durch die Feinde durchzuſchlagen. Hierauf flüchteten die Ein -22*340Zehntes Buch. Viertes Capitel.wohner von Culmbach ihre fahrende Habe auf die Plaſſen - burg und ſteckten ihre Wohnungen in Brand. Wie Culm - bach, ſo fiel Baireuth und von neuem auch Hof in die Hände der Feinde.

Und indem erſchien das lange zurückgehaltene Urtel des Kammergerichts, durch welches Markgraf Albrecht wegen ſei - ner landfriedensbrüchigen eigengewaltigen Thaten in die Acht erklärt, ſein Leib, Hab und Gut Jedermann Preis gege - ben ward.

Albrecht ſcherzte als er davon vernahm, aber bisher wa - ren dieſe Urtel noch immer vollſtreckt worden, und daß auch ihm nicht wohl dabei ward, zeigt die grenzenloſe Wuth, in die er gerieth. Er befiehlt den Hauptleuten ſeiner Truppen, ſie ſollen den Pfaffen, ſeinen Feinden, zum glücklichen Neu - jahr ein zehen Orte anſtecken oder zwanzig; ſie ſollen ein Feuer anzünden, daß die Kinder im Mutterleibe einen Fuß an ſich ziehen oder auch beide. Wenn man mich verdirbt, rief er aus, wohlan, ſo will ich bewirken, daß auch andre Leute nichts haben.

Seine Stammesvettern und die Heidelberger Verbün - deten ſuchten auch jetzt noch einen Austrag zu Stande zu bringen: und zwei Mal ward im Anfang des Jahres 1554 darüber Verhandlung gepflogen; aber die Gegner wollten dem gefährlichen Nachbar, den ſie jetzt nach Wunſch einge - trieben, unter keiner andern Bedingung einen Stillſtand ge - währen, als daß ſeine Ruhe von ſeinen Verwandten ver - bürgt werde und er ſelber die Waffen niederlege.

Dazu wollte er ſich nimmermehr verſtehn. Noch hielt er an allen ſeinen Anſprüchen, Brief und Siegel die er habe,341Verhaͤltniß zu Frankreich 1554.feſt. Die Anmuthung, den Kaiſer dieſer Verſchreibungen zu entlaſſen, die ihm von dem Hof zu Brüſſel zugleich mit dem Verſprechen einen alten Rückſtand zu zahlen zukam, wies er mit Entrüſtung ab;1Albrecht an ſeine Oberſten 30 Maͤrz 1554 bei Hortleder II, vi, 25, nr. 45. dem Biſchof von Arras, dem er Schuld gab erſt ihn in ſeiner Abſicht gegen die Biſchöfe be - ſtärkt und dann dieſe zum Widerſtand gegen ihn ermuntert zu haben, ließ er entbieten, er werde durch keines Andern als ſeine des Markgrafen Hand den Tod finden.

Ein Zuſtand, worin denn freilich nichts anders als ein〈…〉〈…〉 rzweifelter Entſchluß zu erwarten war.

Wie in den beiden vorigen Jahren, ſo ſuchte der - nig von Frankreich auch zu dem neuen Feldzug, den er 1554 zu unternehmen beabſichtigte, Hülfe aus dem innern Deutſch - land. An wen hätte er ſich, nachdem Moritz gefallen war, eher wenden können als an den Markgrafen?

Einen nahen Anlaß bot das Geſchäft der Ranzionirung des Herzogs von Aumale dar, der bisher noch immer gefan - gen gehalten worden: bald aber war man ohne Zweifel noch über andre Dinge einverſtanden. Den Nachrichten zwar, welche König Ferdinand ſeinem Bruder mittheilte,2Bucholtz VII, 151. als ſey die Abrede, daß Albrecht dem Beiſpiel der Farneſen folgen und die franzöſiſchen Fahnen in ſeinen Plätzen fliegen laſ - ſen, dafür aber mit franzöſiſchem Geld zur Fortſetzung ſeines Krieges un〈…〉〈…〉 werden ſolle, dürfte man nicht unbeding - ten Glau〈…〉〈…〉 ſſen. Albrecht wenigſtens hat erklärt, der Tractat mit dem man ſich trage, werde in Nürnberg oder342Zehntes Buch. Viertes Capitel.von ſeinem Feinde Arras geſchmiedet worden ſeyn. Aber wahr iſt, und er ſelber geſteht es unumwunden, daß er die franzöſiſchen Anträge nicht völlig von ſich wies. 1Schreiben Albrechts an den Kaiſer vom 22ſten April. Ob nun durch dieß alls ich als ein armer verlaßner verderbter und ver - jagter Fuͤrſt, der vermoͤg der Acht genzlich ausgetilkt werden ſoll, zum hoͤchſten dazu gedrungen die wege zu ſuchen, das ich mein Aufent - haltung und Schutz haben moͤge, wo ich halt den find, das wirdet niemands unparteilich verdenken koͤnnen. (Arch. zu Berlin.)Die Mei - nung, vom kaiſerlichen Hofe mißhandelt, vom Reiche mit Vernichtung bedroht zu ſeyn, und der trotzige Wunſch, die Waffen um jeden Preis in der Hand zu behalten, trieben ihn zu dieſem verzweifelten Schritte. Doch könnte man nicht ſagen, worauf die Verabredungen gegangen ſind. Es ſcheint als ſeyen einige frühere Verbündete im Verſtändniß gew〈…〉〈…〉 ſen, wie Johann Albrecht von Meklenburg, Erich von〈…〉〈…〉 lenberg. Auch die alten Kriegsoberſten ſuchte Heinrich II zu gewinnen, deren Name bei jeder neuen Bewegung er - ſcheint, Chriſtoph von Oldenburg, Wrisberg, von dem wir einen Brief haben, worin er dem Kaiſer gar nicht verhehlt, daß er mit fremden Fürſten in Unterhandlung ſtehe. Bis an die Grenzen von Polen und Pommern waren Muſter - plätze eingerichtet, wohin die Landsknechte bereits ihren Lauf zu nehmen begannen; überall ſah man gardende Reiter; bald machte ſich der Markgraf ſelbſt wieder nach Nieder - deutſchland auf den Weg. Aus einer Inſtruction für einen nach Deutſchland beſtimmten Abgeordneten ſehen wir, daß ſich der König ſogar der Antipathien der deutſchen Linie des Hauſes Öſtreich gegen den Kaiſer zu bedienen dachte. 2Instruction au comte de Roquendolf, pour offrir secours au Roi de Boheme. Ribier II, 507.

343Verhaͤltniß zu Frankreich.

Wie ſehr aber waren die Verhältniſſe in Deutſchland ſeit jenem erſten Bunde verändert. Jetzt wandte ſich der allgemeine Widerwille bereits gegen Heinrich II ſelbſt, der drei Städte des Reiches in Beſitz behalten und unter der Hand immer weiter um ſich greifen zu wollen ſchien. Die Leute mit denen er in Verbindung trat, waren bereits ge - ſchlagen und auf das Äußerſte gebracht, ſie bedurften eher Hülfe als daß ſie deren hätten leiſten können.

Und ſchon war Herzog Heinrich allen ihren Werbungen zuvor gekommen. Georg von Holle und Willmar von Münch - hauſen brachten ihm hauptſächlich mit fränkiſchem Geld zwei große Regimenter zu Fuß, Hilmar von Quernheim und Li - borius von Münchhauſen 1200 Pferde auf; einige Reiterge - ſchwader ſchloſſen ſich ihm perſönlich an; eine Anzahl Lands - knechte hatten ſich den Winter über im Verdenſchen unterhal - ten. Mit dem Frühjahr ſuchte er alle Diejenigen heim, die er für Anhänger des Markgrafen oder gar des Königs von Frankreich hielt: die Herzoge von Lauenburg und Lüneburg, welche der Verbindung mit Albrecht entſagen, Städte wie Hamburg und Lübek, welche nicht unbedeutende Summen zum Abtrag alter Feindſeligkeiten zahlen mußten, Herzog Jo - hann Albrecht von Meklenburg, im Bunde mit dem Bru - der deſſelben, Johann Ulrich, der ſich Antheil an der Lan - desregierung erkämpfen wollte. Vergebens bot Johann Al - brecht ſeine Ritterſchaft auf: Niemand wollte ſeine Pferde ge - gen einen Feind ſatteln, mit dem einer ihrer Landesfürſten ver - bündet war. 1Chytraͤus 529. Rudloff III, i, 140.Dabei behielt Herzog Heinrich noch Leute ge - nug, um auch nach andern Seiten hin Muſterplätze zu zer -344Zehntes Buch. Viertes Capitel.ſtören, z. B. einen in Tangermünde, albrechtiſche Reiter nir - gends aufkommen zu laſſen.

Merkwürdiger Anblick, wie der alte Parteigänger ſich jetzt als Executor der Reichsordnungen aufgeſtellt hat, von Ort zu Ort zieht, und alles erdrückt was ſich empören will. 1Er klagt jedoch das er in juͤngſter ſeiner Noth ſo gar von der kaiſerlichen Majeſtaͤt verlaſſen, und auf ſein vielfeltig anſuchen nicht 3 oder 4 tauſend G. anlehensweiſe bekommen moͤgen. Schreiben Schwendis an Koͤnigin Maria, Wolfenbuͤttel 5 Mai (Arch. z. Br.). Auch ſprach der Herzog ſehr ernſtlich von dem Mißtrauen ſo der kſ. Mt von wegen des Markgrafen Handlung und das er ſogar nicht uͤber Acht und Reichsordnung halte auf dem Halſe liege, der Kaiſer ſollte ſich ſeiner Pflicht gemaͤß der Executionsſache annehmen.

Und nun endlich ſprach auch der Kaiſer ſich aus. Er hatte doch noch gewartet, bis Albrecht ihm ſeine Dienſte förmlich aufkündigte. Hierauf erſt (18 Mai) erließ er die Mandate zur Execution der über ihn geſprochenen Acht.

Das Schickſal Albrechts neigte ſich zu ſeiner Cataſtrophe. In Niederdeutſchland etwas auszurichten, durfte er jetzt nicht mehr hoffen. Die Abſicht gieng ihm durch den Kopf, mit den ausgewanderten Proteſtanten die bei ihm waren, ſich nach Böhmen oder Schleſien zu werfen; aber auch da war man vorbereitet, ihn zu empfangen. Es blieb ihm nichts übrig, als ſich nach Franken zurückzuwenden: mit ein paar hundert Reitern, die ſich ihm in Ilmenau zugeſellt, gelangte er Anfang Juni nach Schweinfurt.

Bereits ſeit ein paar Monaten war dieſe Stadt auf das ernſtlichſte von biſchöflichem und nürnbergiſchem Volk belagert. Noch wehrten ſich die Truppen Albrechts ſtand - haft; auch die Einwohner nahmen mit Eifer an der Ver - theidigung Theil, beſonders nachdem ſie den erſten Schrecken345Ausgang Markgraf Albrechts.überwunden, in den ſie anfangs durch die in die Stadt ge - ſchleuderten Feuerkugeln verſetzt worden. 1Kilian Goͤbel Bericht von der Belagerung, bei Reinhard Beitraͤge zur Hiſtorie Frankenlandes I, p. 239. Wurden letzlich Kufen voll Hammelhaͤut eingeweicht und lauter befunden zum Loͤ - ſchen. Auch wurd der Vortheil alſo erlernet, daß alsbald ſie (die Kugeln) fielen, man wiſſen kont, ob man ſie muͤßte verſchieſen laſſen oder ob man ſie vor dem ſchieſen mit loͤſchen moͤge angreifen. Schon war aber der größte Theil der Wehren auf den Thürmen zerſchoſſen, und nur mit großer Behutſamkeit konnte das Geſchütz noch bedient werden; die Lebensmittel fiengen an zu mangeln, Krankheiten riſſen ein, und nicht immer wollte das Kriegs - volk ohne Beſoldung dienen. Der Markgraf ſah wohl daß auch hier ſeines Bleibens nicht ſey.

Er hoffte noch, ſey es nun daß er dazu Grund hatte oder ſich einer Täuſchung hingab, in Rothenburg Zuzug er - warten zu können. Dahin brach er in der Nacht zum 13ten Juni mit alle den Seinen von Schweinfurt auf. Aber die Feinde waren ihm, und zwar auch, was er nicht gemeint, an Reiterei viel zu überlegen als daß ſie ihn dahin hätten entkommen laſſen. Schon auf der ſandigen Haide zwiſchen Volkach und Kiſſingen holten ſie ihn ein. Sie hatten 1500 Hakenſchützen bei ſich, die man die freien Schützen nannte, und die nun hier die beſten Dienſte leiſteten. Auf der Stelle waren die Landsknechte Albrechts aus einander geſprengt und ſeine Reiter warfen ſich in die Flucht; ſein Geſchütz, ſein Silber, ſeine Briefſchaften und Kleider fielen dem Feinde in die Hände. Mit Mühe rettete er ſich ſelbſt über den Main. Indeſſen ward Schweinfurt, obgleich von den Truppen ver - laſſen, von den Feinden ohne Erbarmen in Brand geſteckt.

346Zehntes Buch. Viertes Capitel.

Acht Tage ſpäter mußte auch die letzte culmbachiſche Feſte, das alte Schatz - und Archivhaus, die Plaſſenburg, ſich er - geben. Für die Verbündeten, deren Altvordern wie ſie ſel - ber ſeit Jahrhundert von dieſer Burg her befehdet und be - drängt worden, ein erwünſchter Anblick, als die Flammen über die Zinnen aufſtiegen.

Denn ganz im eigentlichſten Sinn mit Feuer und Schwert führte man in dieſen Zeiten den Krieg.

Markgraf Albrecht erſchien, doch nicht mehr als ein Kriegsanführer, ſondern nur als ein Verbannter und Hülfe - ſuchender in Frankreich. Wenigſtens nahe gekommen ſind ihm noch ſpäter ſehr weitausſehende Entwürfe, doch iſt er niemals wieder im Felde erſchienen. Vielmehr erhoben ſich ihm allmählig die religiöſen Gedanken, mit denen ſeine Ju - gend genährt worden, in aller ihrer urſprünglichen Stärke. Er ſah ſein Unglück als eine Strafe Gottes an, deſſen Wort er einſt verfolgt habe; er rechnete nach, wie Viele von De - nen die den Zug nach Magdeburg mitgemacht, vor der Zeit umgekommen ſeyen. Das ſchöne Kirchenlied, durch das er bei den evangeliſchen Gemeinden in gutem Andenken geblieben iſt, zeigt ein nach herber Prüfung wieder gefaßtes, den gött - lichen Rathſchlüſſen in Leben und Tod vertrauendes Gemüth.

Indeſſen hatte in Deutſchland der fränkiſche Bund die Oberhand. Er nahm kraft kaiſerlichen Indultes die Land - ſchaft des Markgrafen in vorläufige Verwaltung; auch ließ er ſich nicht abhalten, bei einigen Ständen, welche ihm anfangs beigetreten, ſpäter aber ſich wieder abgeſondert, wie der Stadt Rothenburg und dem Deutſchmeiſter, ſein Recht mit Gewalt zu ſuchen. Schon fürchtete Chriſtoph von Wür - tenberg, an den Herzog Heinrich alte Anſprüche erhob, über -347Beruhigung deutſcher Territorien.zogen zu werden: er ordnete bereits ſein Kriegsvolk in ver - ſchiedenen Aufgeboten; aber das Kammergericht und der Hei - delberger Bund nahmen ſich ſeiner nachdrücklich an. Vier Monat lang hielt der Bund Kriegsvolk im Felde, bis jede Gefahr eines Angriffes vorübergegangen.

Herzog Heinrich begnügte ſich, die ihm näher geſeſſe - nen alten Gegner heimzuſuchen, den Grafen von Henneberg, Wolfgang von Anhalt, Albrecht von Mansfeld, mit dem er jetzt mehr Ernſt machte, und deſſen Städte.

Und ſo viel wenigſtens ward hiedurch erreicht, daß nun auch die fränkiſch-niederſächſiſchen Länder, wo kein Vertra - gen möglich geweſen, in Folge der Entſcheidung der Waf - fen beruhigt wurden.

Überhaupt neigte ſich alles zum Frieden. Die territo - rialen Streitigkeiten in Deutſchland die bisher mit den großen religiöſen Fragen oder den politiſchen Gegenſätzen von Eu - ropa in Beziehung gekommen, wurden jetzt von denſelben ab - gelöſt, und unter dem Einfluß der letzten Ereigniſſe, die keine große Veränderung weiter erwarten ließen, meiſtentheils zu Ende gebracht.

König Ferdinand hätte nicht in den Heidelberger Bund aufgenommen werden können, hätte er nicht zu einem Aus - trag ſeiner Streitigkeiten mit Würtenberg, auf das er ſeine alten Anſprüche ſelbſt im Gegenſatz mit dem Kaiſer bisher feſtgehalten, endlich die Hand geboten. Auf dem großen Landtag von 1554, von welchem überhaupt der Geldhaus - halt von Würtenberg einigermaßen geregelt ward, dachte man auf die Mittel, die zur Ausgleichung mit Ferdinand nöthi - gen Zahlungen zu leiſten.

Herzog Albrecht von Baiern, der in dieſer Sache mit348Zehntes Buch. Viertes Capitel.großem Eifer vermittelte, ſetzte die Politik ſeines Vaters we - der gegen König Ferdinand, mit deſſen Tochter er vermählt war, noch gegen die Pfalz fort. Wir finden nicht, daß er der pfälziſchen Linie die Chur beſtritten habe.

Den katzenelnbogenſchen Streit, der in allen verſchie - denen Lagen der öffentlichen Angelegenheiten aufgetaucht, übernahmen jetzt, da es dem Kaiſer mißlungen war, einige Mitglieder des heidelbergiſchen Bundes, die Churfürſten von Trier und Pfalz, die Herzoge von Jülich und von Würten - berg, auszutragen. Am 25ſten October hielten ſie die erſte Sitzung darüber zu Frankfurt. Nach einiger Zeit brachten ſie einen Entwurf zu Stande, der wirklich die Grundlage des Vertrages geworden iſt, der einige Jahre ſpäter dieſe Sache geſchlichtet hat. 1Arnoldi III, 147.

Noch bei weitem tiefer hatten die Irrungen der beiden ſächſiſchen Linien in die allgemeinen Angelegenheiten einge - griffen. Der unwiderruflichen Entſcheidung welche die Waf - fen darin gegeben, trat im Februar 1554 eine Abkunft zur Seite, die den Frieden zwiſchen ihnen endlich wiederher - ſtellte. Auguſt gab der Wittenberger Capitulation eine ſei - nen Vettern bei weitem günſtigere Auslegung als ſein Bru - der gethan. Jetzt erſt empfiengen ſie Altenburg, Eiſenberg, Herbsleben, Altſtädt, das Recht der Einlöſung von Königs - berg und mehrere andre Zugeſtändniſſe, die ihnen nach den harten Verluſten die ſie erlitten, doch wieder einigermaßen die Möglichkeit verſchafften, als deutſche Fürſten fortzudauern. 2Propoſition auf dem Landtag zu Dresden 1554: Haben ein ſtattliches nicht angeſehen und unß mit gemelten unſern lieben

349Beruhigung deutſcher Territorien.

Abſichten, wie ſie Johann Friedrich auf Magdeburg ge - hegt, waren durch den Lauf der Dinge beſeitigt. Der jüngſte Sohn des Churfürſten Joachim, Siegmund, noch von ſei - nem Lehrer geleitet, trat als Erzbiſchof ein. Die Oberherr - lichkeit über die Stadt theilten Joachim und Auguſt mit ihm. Im Jahr 1555 kam ein ausführlicher Vertrag, ge - nannt das Tripartit, hierüber zu Stande.

Unter dem Schrecken der Anweſenheit der braunſchwei - giſch-fränkiſchen Truppen in Boizenburg entſchloß ſich Jo - hann Albrecht von Meklenburg zu der lange verweigerten Theilung des Landes mit ſeinem Bruder Ulrich. Die Zwi - ſtigkeiten zwiſchen Lauenburg und Ratzeburg wurden dadurch beſeitigt, daß der bisherige Biſchof austrat und ein meklen - burgiſcher Prinz ihm nachfolgte. Auch hier wirkte Herzog Heinrich mit; indeß ließ man ihn auch hier nicht allzu weit um ſich greifen. Die ſtarke Haltung welche Holſtein annahm, hinderte ihn dahin vorzudringen. Der Kaiſer ſelbſt, der jetzt zwar wieder mit Heinrich in Verbindung getreten, aber auch mit Holſtein gut ſtand, hätte es nicht gewünſcht.

Durch den Gang den dieſe Ereigniſſe genommen, geſchah nun nothwendig, daß die Franzoſen in dem Feldzug von 1554, wiewohl ſie deutſche Truppen genug an ſich zogen, doch keine Hülfe von dem innern Deutſchland her empfiengen.

Im Juni brach der König mit drei großen Heerhau -2Vettern freundlich und in der Guͤthe aller unſrer Gebrechen, benant und unbenant, genzlich und zu Grunde vertragen laſſen. Der haͤr - teſte Artikel war der, nach welchem demjenigen Theil, der den Ver - trag brechen wuͤrde, ſeine Landſchaft widder rettig noch hilflich ſeyn ſolle. Gleichwol , ſagt Auguſt, haben wir dorein gewilliget, und wollen den Vortragk halten, thuen euch auch uf obberurten falh zu volge und vereinunge des Vortrags euer pflicht erlaſſen. 350Zehntes Buch. Viertes Capitel.fen in die Niederlande ein, die ſich außer mehreren andern der feſten Plätze Marienburg, Bouvines und Dinant bemäch - tigten. Dinant gehörte zu dem Bisthum Lüttich, das der König ungefähr aus demſelben Geſichtspunct anſah wie Metz und Cambrai, und dem er es nicht vergeben konnte, daß es mit dem Kaiſer in ſo enge Verbindung getreten. In - deſſen ſammelte der Kaiſer, den die Nachrichten von den Nie - derlagen des Markgrafen von anderweiten Sorgen befreiten, alle ſeine Macht zu Namur. Er wollte jedoch ſein Glück nicht nochmals auf einen Schlachttag wagen, und ließ geſchehen daß die Franzoſen vor ſeinen Augen über die Sambre gien - gen und ſich nach dem Hennegau zogen; ſie bezeichneten ihren Weg mit Verwüſtungen eben der blühendſten Orte, der Pal - läſte zu Binche, der Gärten zu Marimont, welche ſich Köni - gin Maria mit großen Koſten eingerichtet hatte: angeblich um ähnliche Verwüſtungen, die in Frankreich geſchehen wa - ren, zu rächen;1Schreiben des Connetable an Briſſac, gegen Ende Juli 1554: Avons fait et faisons encores tous les jours de si beaux feux à 4 ou 5 lieues à la ronde du chemin. (Mem. Coll. univers. XXXVIII, p 443.) dann aber gieng das kaiſerliche Heer, bei dem wir Graf Günther von Schwarzburg an der Spitze einer ſchwarzen Reiterſchaar finden, die ſich nicht wenig her - vorthat, den Franzoſen nach, drängte ſie nach Artois, entſetzte Renty und drang zuletzt ſelbſt in die Picardie ein.

Während dem hatten ſich die Kreiſe, an welche die Executionsmandate des Kaiſers gerichtet geweſen, zu Worms verſammelt, um jeder Einwirkung welche Frankreich vermöge ſeiner alten Verbindungen auf Deutſchland ausüben könne, zu widerſtehn. Sie vereinigten ſich, daß dem Angegriffenen351Beruhigung deutſcher Territorien.oder auch nur Gefährdeten von allen Andern unverzügliche Hülfe bis auf den Betrag eines doppelten Römermonats geleiſtet werden ſollte.

Das war jedoch nicht mehr zu befürchten. Kriegsban - denführer konnten ſich vielleicht für Frankreich erheben; da - gegen war eine nachhaltige Verbindung eines mächtigen Für - ſten mit dieſem Lande jetzt nicht mehr zu beſorgen.

Nach alle dem was geſchehen, und worüber man ſich vereinigt, hatte Keiner mehr weder die alten Antriebe einen Bund dieſer Art einzugehn, noch auch Ausſicht dadurch et - was zu erreichen.

Da aber der Kaiſer hiezu nur wenig beigetragen, und auch er ſeinerſeits des Reiches nicht mehr mächtig war, ſo geſchah daß das Schwanken der allgemeinen Verhältniſſe Deutſchland überhaupt nicht mehr ſo unmittelbar berührte und ergreifen konnte wie bisher. Es blieb mehr ſich ſelber überlaſſen.

Und hiedurch waren die Dinge ſo weit gereift, daß man daran denken durfte, endlich auch die große Frage, von der die allgemeine Unruhe hauptſächlich ihren Urſprung genom - men, die religiöſe, zur Entſcheidung zu bringen.

[352]

Fuͤnftes Capitel. Reichstag zu Augsburg 1555.

Im Sturme des Krieges war die Überzeugung von der Nothwendigkeit einer religiöſen Ausſöhnung entſprungen: ſchon der Paſſauer Vertrag war die Frucht deſſelben; durch die beiden ſeitdem entſtandenen Bündniſſe, das heidelbergiſche und das fränkiſch-braunſchweigiſche, in welchen Stände des einen und des andern Bekenntniſſes einander zu Hülfe ge - kommen, hatte ſie weiteren Grund und Boden gewonnen: wie ganz anders als einſt, da das Nürnberger und das ſchmalkaldiſche Bündniß die excluſiv confeſſionellen Gegen - ſätze repräſentirten, und gegen einander in die Waffen zu bringen drohten; allein mit alle dem war doch noch nichts ausgemacht noch befeſtigt: nach mehr als zwei Jahren war es noch nicht zu dem Reichstag gekommen, dem der Paſ - ſauer Vertrag die wichtigſten Feſtſetzungen vorbehalten hatte; Vielen däuchte es ſchon wieder gefährlich, daß ein ſo eifrig katholiſcher Fürſt wie Herzog Heinrich zuletzt das Schwert in der Hand hielt und ſich an allen ſeinen alten Feinden rächen durfte.

Als endlich König Ferdinand, dem der Kaiſer volle Ge -353Reichstag zu Augsburg 1555.walt ertheilt hatte abzuhandeln und zu beſchließen: abſo - lute: ohne alles Hinterſichbringen , den verſprochenen Reichs - tag eröffnete, zu Augsburg, am 5ten Februar 1555, ſchien ihm an dem Religionsfrieden wenig zu liegen; bei weitem größeren Nachdruck legte er in ſeiner Propoſition auf die Erneuerung des Landfriedens und eine durchgreifende Exe - cutionsordnung. Einrichtungen zur Sicherſtellung des Be - ſitzſtandes gegen Unternehmungen wie die letzten, wurden wie von ihm, ſo von der Majorität der Fürſten, beſonders den geiſtlichen, gefordert. 1Brandenburgiſche Raͤthe, Jacob Schilling, Chriſtoph von der Straßen, Timotheus Jung und Lambert Diſtelmeier, letzten Fe - bruar: Im Fuͤrſten Rhat ſeind die hendel albereith ſo weith un - derbauett, das ſie dahin votiren, das man den Artikel des Landfrie - dens am erſten vor handen nehmen ſol. Die ſaͤchſiſchen Geſand - ten, 21 Februar: Die im Fuͤrſten Rath haben ſich anfangs faſt bloß geben, was ſie des merern theil fuͤrhaben, nemlich allein die handhabung des Landfriedens in weltlichen Dingen zu beſchließen, denn daran iſt der Koͤn. Mt und den fraͤnkiſchen Ainungsverwandten al - lein gelegen, und ſo es durch einen ausſchuß dahin gereichte, das ſie die andern zu uͤberſtimmen hetten, ſo glauben wir das ſie den Frie - den in Religionſachen dießmal nit worden ſchließen wollen. Was der fränkiſche Bund vollbracht, die Stellung und Verfahrungsweiſe Herzog Heinrichs hatte deren ganzen Beifall.

Auf einem Kreistage zu Frankfurt gegen Ende 1554 war ein Entwurf in dieſem Sinne vorgelegt worden, der die Macht in wenigen Händen vereinigt hätte, nach der Wahl der ſtändiſchen Mehrheit in den Kreiſen: die geiſtli - chen Fürſten, welche zahlreich erſchienen waren, wünſchten, daß vor allem andern dieſer Entwurf auf dem Reichstag vorgenommen und durchgeführt würde.

Unmöglich aber durften die Proteſtanten dieß geſchehenRanke D. Geſch. V. 23354Zehntes Buch. Fuͤnſtes Capitel.laſſen, oder auch nur überhaupt die Einrichtung einer ſtar - ken executiven Gewalt zugeben, ohne vorher über die wich - tigſte geſetzliche Frage, den religiöſen Frieden, beruhigt zu ſeyn. Unter den Umſtänden jener Zeit mochten die Gegner, da das Gedächtniß an die letzten Ereigniſſe noch friſch war, wohl nicht daran denken, die Proteſtanten zu bekriegen; aber wie leicht konnten die Dinge ſich ändern: eine ſtarke Reichs - gewalt in katholiſchen Händen, gegen die ſie nicht rechts - beſtändig geſichert waren, konnte ihnen einmal ſo gefährlich werden wie der Kaiſer geworden war.

Es ſieht wie eine nichtsbedeutende Formfrage aus, wenn man vorläufige Berathungen darüber eröffnete, welcher Ge - genſtand zuerſt vorgenommen werden ſolle, der Religions - friede oder der Landfriede, aber es iſt eine Differenz welche die Summe der Dinge berührt.

Die Proteſtanten fürchteten, wenn über den Landfrieden beſchloſſen ſey, werde man ihnen den Religionsfrieden er - ſchweren, vielleicht, ehe derſelbe bewilligt worden, den Reichs - tag abbrechen.

In dem Churfürſtenrath wurde auch dieſe Angelegen - heit, wie jetzt alle andern, zuerſt vorgenommen, lange jedoch ohne Erfolg; fünf Mal ward Umfrage gehalten, ohne daß man zu einer Mehrheit hätte gelangen können; ſchon ge - ſchah der Vorſchlag, daß man die verſchiedenen Meinungen dem Fürſtenrath referiren ſolle.

Die weltlichen Stimmen, welche auf die Priorität des Religionsfriedens drangen, hatten jedoch den Vortheil, daß ihre Forderung den vorhergegangenen Beſchlüſſen beſſer ent - ſprach. In dem Paſſauer Vertrage hieß es, daß der Reichs -355Reichstag zu Augsburg 1555.tag die Religionsſache bald anfangs vornehmen ſolle; ſie erinnerten ihre geiſtlichen Collegen, daß auch ſie jene Ab - kunft bei ihren fürſtlichen Ehren, in guter rechter Treue, und bei dem Worte der Wahrheit bekräftigt : würde man von derſelben auch nur in Einem Puncte abweichen, ſo würde alles was darin beſtimmt ſey, zweifelhaft oder ungültig wer - den. Dazu kam, daß das Collegium, wenn es ſich entzweite, an ſeiner Autorität verlor, was den geiſtlichen Mitgliedern ſo wenig erwünſcht war wie den weltlichen.

Churfürſt Johann von Trier, ein geborner Iſenburg, der auch ſonſt als ein gemäßigter und vaterländiſch-geſinn - ter Mann erſcheint, wie wir denn wohl anführen dürfen, daß ihn Sebaſtian Münſter wegen der Förderung rühmt, die er ihm vor den meiſten andern Fürſten zu ſeiner Kosmo - graphie gethan, erwarb ſich das Verdienſt, endlich, bei der ſechsten Umfrage, auf die Seite der weltlichen Stimmen zu treten. Dadurch war die Mehrheit entſchieden; doch hatte es auch dabei nicht ſein Verbleiben: Cölln und Mainz folg - ten dem Beiſpiele Triers nach. Ganz einhellig, und in ſol - chen Ausdrücken, in welchen alle Andeutung einer urſprüng - lichen Verſchiedenheit der Anſichten vermieden war, faßten die Churfürſten den Beſchluß, daß am Reichstag zuerſt über den beharrlichen Religionsfrieden berathſchlagt werden ſolle.

In dem Fürſtenrathe fehlte es nicht an Einwendungen dagegen. 1Die ſaͤchſiſchen Geſandten bemerken: Herzog Heinrich von Braunſchweig hat ſich noch beſonders unnuͤtz gemacht. Die bran - denburgiſchen bezeichnen den Erfolg in ihrem Schreiben vom 13ten Maͤrz mit dieſen Worten: dabei aber gleichwol ſo viel abgearbeitet,Beſonders machte man geltend, daß der Profan -23*356Zehntes Buch. Fuͤnſtes Capitel.friede zunächſt bedroht ſey, und daher die nächſte Fürſorge erfordere; kaiſerliche Schreiben und neue Zeitungen wurden eingebracht nach denen ein unmittelbarer Friedensbruch be - vorſtehn ſollte. Auch meinten wohl Einige, ſey erſt der Re - ligionsfriede beſchloſſen, ſo werde man auf die Einrichtun - gen des Landfriedens nicht mehr Bedacht nehmen.

Und wenigſtens dieſe letzte Beſorgniß brachte auf die geiſt - lichen Churfürſten einen gewiſſen Eindruck hervor. Aber die weltlichen gaben ihnen ihr Wort, daß nach der Feſtſetzung des Religionsfriedens die Berathung über den Profanfrieden unfehlbar folgen ſolle. Aller Widerrede zum Trotz mußten am Ende auch die Fürſten ſich fügen.

Es hat acht Tage lebhaften Kampfes gekoſtet, ehe man ſo weit kam; der Ausfall deſſelben aber gab nun auch für die Hauptſache, zu der man nunmehr ſchritt, eine größere Sicherheit.

Berathungen über den Religionsfrieden.

Von allen Forderungen welche die Proteſtanten jemals aufgeſtellt, war die wichtigſte, daß ihnen ein nicht mehr durch die Ausſicht auf eine conciliare Beſchlußnahme beſchränkter, ſon - dern ein unbedingter immerwährender Friede bewilligt würde.

Nicht als hätten ſie mißkannt, wie wünſchenswerth für1das wir numehr (ſpaͤterer Zuſatz: ſonderlich im Churfuͤrſtenrathe) ei - nigk ſeien, das die handlung dieſes reichstags nach der ordnung und inhalt der Paſſauiſchen handlung und Abſchiedes zu dirigiren und zu richten, item, das in keinen ausſchuß zu bewilligen (d. h. der Geſammt - heit), item, das die frankfordiſch handlung gar hinwegzuthun, welches die vornehmſten puncte unſrer Inſtruction. 357Berathungen uͤber den Religionsfrieden.die deutſche Nation eine religiöſe Wiedervereinigung wäre; aber ſie wollten dieſelbe nicht mehr von einem Concilium erwarten: ſchon in Bezug auf den Glauben nicht, für den ſie eine feſtere Grundlage gewonnen, als die in der leicht von zufälligen Einflüſſen zu beſtimmenden Entſcheidung ho - her Prälaten lag, eben ſo wenig aber für die äußeren Ver - hältniſſe der Kirche, wo die Abweichungen, die ſie getroffen, das ganze Weſen ihres Staates bedingten.

Von allgemeinem Standpunct angeſehen, war die Frage die: ob es in der abendländiſchen Chriſtenheit noch ein als unfehlbar betrachtetes höchſtes Tribunal geben ſollte, deſſen Entſcheidungen für Jedermann verpflichtend ſeyen und mit Gewalt durchgeführt werden müßten. Nicht allein die All - gemeingültigkeit dogmatiſcher Feſtſetzungen hieng davon ab, ſondern auch, und darin liegt noch mehr ihre welthiſtoriſche Bedeutung, alle freie Staatenbildung, zunächſt das Beſtehn der bereits in der germaniſchen Welt begonnenen minder kirchlichen Gründungen.

Gewährte das Reich einen von keiner conciliaren Ent - ſcheidung bedingten Frieden, ward dieſer zu einem Reichs - geſetz erhoben, ſo bedurfte es keiner weitern Conceſſion der bisherigen oberſten Kirche〈…〉〈…〉 t, die ſich auf ihre Ortho - doxie zurückziehen mochte, aber doch niemals weiter auf legale Unterſtützung der Reichsgewalt rechnen konnte. Viel - mehr wäre dieſe ſogar zum Widerſtand gegen jeden einſei - tigen Verſuch der Gewalt verpflichtet geweſen.

Über dieſe Frage waren die Proteſtanten im Jahr 1545 mit dem Kaiſer zerfallen: ſie gab, wie wir ſahen, den ei - gentlichen Anlaß zum ſchmalkaldiſchen Kriege; nachdem aber358Zehntes Buch. Fuͤnftes Capitel.der Kaiſer geſiegt, war ſie noch vollkommener in das allge - meine Bewußtſeyn getreten: die Vorbereitungen die dieſer nicht ohne Gewalt zur Wiedervereinigung getroffen, darauf die Beſorgniß vor einer nahen Entſcheidung des Conciliums hatten die Geiſter in jene allgemeine Gährung gebracht, aus der das Unternehmen des Churfürſten Moritz wenigſtens zum Theil entſprang und gewiß ſeine beſte Unterſtützung zog. Der Umſchwung des Glückes der hieraus erfolgte, brachte dann auch die große Frage ſofort wieder in Gang. Der unbedingte Friede war die erſte Forderung welche die Pro - teſtanten in Paſſau aufſtellten, ſie enthält die Summe deſſen in ſich, was ihnen nothwendig war.

Wir ſahen, wie ſich der Kaiſer auch unter den ungün - ſtigen Umſtänden in denen er ſich damals befand, nicht be - wegen ließ ſie zu bewilligen. Er hatte ſich nun einmal von jeher als den Verfechter und Repräſentanten der großen kirch - lichen Einheit betrachtet. Er drang auch fortan auf die Ver - gleichung der Religion und behielt ſie ſich vor: nur daß er ſich mit minderer Beſtimmtheit über die Art und Weiſe ſie zu Stande zu bringen ausdrückte: er gewährte nichts als einſtweiligen Frieden. Wäre er wieder Herr im Felde gewor - den, ſo würde er leicht die Dinge in den alten Gang zurück - geleitet haben. Allein ſein Glück war ſo ſchwankend gewe - ſen, ſein Anſehen im Reich ſo ſichtbar in Abnahme gerathen, daß er, die Kräfte erwägend die ihm entgegenſtanden, nicht mehr hoffen durfte mit ſeinem Gedanken durchzudringen.

Aber auch das ließ ſich nicht erwarten, daß er ihn auf - geben, oder es nur auf die Gefahr ankommen laſſen würde, von dem Reiche zu einem ſeiner Sinnesweiſe entgegengeſetzten359Berathungen uͤber den Religionsfrieden.Beſchluß getrieben zu werden. Wie er immer geſagt, eher war er entſchloſſen, das Reich ſich ſelber zu überlaſſen.

Dieß iſt der Grund, weshalb er Verzicht darauf lei - ſtete an dem Reichstag zu erſcheinen und die Verhandlung ſo ganz ſeinem Bruder überließ. Wir könnten es ſchon ver - muthen, aber wir wiſſen es auch aus ſeinem Munde. Was ſeine öffentlichen Ausſchreiben, enthielten, erläutert er ſeinem Bruder in einem Briefe vom 10ten Juni 1554 ausführli - cher. Er ſagt darin, daß Ferdinand als römiſcher König auf dem Reichstag alles entſcheiden möge, was daſelbſt vorkomme, ohne von ſeiner Seite Reſolution zu erwarten; die Commiſſarien die er ſenden werde, ſollen ſich doch in die Entſcheidung nicht zu miſchen haben; dieſe überlaſſe er vielmehr dem König und den Ständen vollkommen, nicht in ſeinem Namen noch in ſeiner Vollmacht. Und um Euch den Grund hievon anzugeben, fügt er hinzu, es ge - ſchieht allein aus Rückſicht auf die Religion, über welche ich meine Scrupel habe. Er bittet ihn, keinen andern Grund irgend einer Art zu vermuthen und ſich vielmehr daran erinnern zu wollen, was er ihm vollſtändiger in Villach ge - ſagt habe. 1Die Worte: Et pour vous dire la cause et vous priant non la vouloir imaginer autre, c’est seulement pour le respect du point de la religion, auquel j’ai mes scrupules, que je vous ai si pertinemment et plainement declairé et même en ma dernière detenue a Villach. Der ganze Brief aus dem Bruͤſſeler Arch. im Anhang.

Und nun forderte er zwar auch ſeinen Bruder auf, nichts anzunehmen, wodurch ſein Gewiſſen beſchwert, oder der Zwie - ſpalt vergrößert und deſſen Abhülfe in allzu weite Ferne ge -360Zehntes Buch. Fuͤnftes Capitel.rückt würde: er hegte die Hofnung noch, das letzte, wider - wärtigſte Zugeſtändniß werde ſich vermeiden laſſen; war das aber nicht möglich, ſo wollte er wenigſtens nichts damit zu ſchaffen haben. In ihm hatte ſich die religiöſe Überzeugung mit dem Selbſtgefühl des Staatsmannes durchdrungen, der den Schimpf nicht erleben will, den Gedanken fallen laſſen zu müſſen, den er mit allen Mitteln lange Jahre daher zu verwirklichen getrachtet. Mochte dann ſein Bruder mit ſich ſelber zu Rathe gehn und die Dinge ſo weit führen als er vermochte.

Nun leuchtet ein, wie ſehr ſich hiedurch die Lage der Dinge änderte. Der Kaiſer, der bei den Verhandlungen in Paſſau der ſonſt bei den Anweſenden allgemein geworde - nen Überzeugung von der Nothwendigkeit des unbedingten Friedens allein Widerſtand geleiſtet, zog ſich zurück und ließ denſelben freien Lauf.

Freilich fehlte noch viel, daß die Sache damit entſchie - den geweſen wäre.

An dem Reichstage wurde das geiſtliche Intereſſe bei weitem ſtärker repräſentirt als in Paſſau. Überdieß war es aber jetzt durch die Thätigkeit des braunſchweigiſch-fränkiſchen Bundes bei weitem beſſer geſichert und der Bedrängniſſe über - hoben, welche damals zur Nachgiebigkeit genöthigt hatten. Auch iſt es doch ganz etwas anders, eine Sache vorläufig für wünſchenswerth zu erklären, wie dort geſchehen war, und ſie auf immer zu bewilligen, was der Erfolg eines Reichs - tagsbeſchluſſes werden mußte.

Glücklicherweiſe war das Churfürſtencollegium friedlich geſinnt. Die geiſtlichen Churfürſten waren noch eben Die,361Berathungen uͤber den Religionsfrieden.welche durch die albrechtiſchen Züge erfahren hatten, wohin Religionskriege führen; wer ſtand ihnen dafür, daß nicht bald ein neues kriegeriſches Oberhaupt ſich aus den Reihen ihrer Gegner erhob? Zwei von ihnen waren Mitglieder des heidelbergiſchen Bundes, und dadurch noch beſonders zu ei - nem gemäßigten Verfahren gegen die Genoſſen einer andern Confeſſion verpflichtet.

Das mußte denn auch in dem Fürſtenrathe unter an - dern auf Herzog Albrecht von Baiern wirken, der demſel - ben Bunde angehörte und der ſich auch ſonſt als ein ſchlech - ter Freund der Spanier und ihrer Tendenzen auswies.

Schon der Ausfall der vorläufigen Frage hatte das Verhältniß beider Räthe, das Übergewicht des churfürſtlichen im Allgemeinen herausgeſtellt.

In dieſem kam nun auch die Frage von dem unbeding - ten Frieden zuerſt zur Verhandlung, und zwar zunächſt in einem Ausſchuß deſſelben, der dadurch gebildet wurde, daß nicht die geſammten Geſandtſchaften erſchienen, ſondern von jeder nur Ein Rath. 1Meine vornehmſte Quelle fuͤr dieß und alles Folgende ſind 4 Foliobaͤnde im Dresdener Archiv, betitelt: Augsburgiſche Reichs - tagsacten 1555. Die Schreiben von Lindemann und Kram an Chur - fuͤrſt Auguſt enthalten nicht allein die Protocolle des Churfuͤrſtenra - thes, ſondern auch ſehr willkommene Erlaͤuterungen der bei der gan - zen Verhandlung vorgekommenen Motive.

Und hier wurden nun anfangs einige ſehr abweichende Gedanken geäußert. Eine geiſtliche Stimme rieth, den Ab - ſchied von 1530 zu Grunde zu legen: die weltlichen erwie - derten, daß dieß das Mittel ſeyn würde, denn gegen die - ſen Abſchied hatte ſich die ganze Bewegung des Proteſtan -362Zehntes Buch. Fuͤnftes Capitel.tismus erhoben, nicht Friede zu ſtiften, ſondern den al - ten Haß zu erneuern. Cölln meinte, man möge kaiſerlicher Majeſtät nochmals die Vergleichung heimſtellen, eben da - hin aber hatte man bis jetzt gearbeitet, dem Kaiſer die Sache aus der Hand zu nehmen; er ſelbſt ließ ſich nicht träumen, daß dieß nochmals geſchehen konnte. Nach einigem Hin und Herreden mußte man nothwendig auf die in Paſſau gefaßten Geſichtspuncte und Vorſchläge zurückkommen. Der Canzler von Mainz übernahm, aus dem Abſchied von 1544, der jetzt endlich wieder zu Ehren kam, und den Paſſauer Be - ſchlüſſen einen Entwurf zu neuen Artikeln zuſammenzuziehen, die in der That die Grundlage des Religionsfriedens gewor - den ſind. Wie ſie der Churfürſtenrath annahm, ſo ward darin nicht allein die in Paſſau beliebte Formel wiederholt, daß man zwar auf eine Vergleichung durch chriſtliche freund - liche Mittel denken werde, der Friede aber beſtehen ſolle, auch wenn die Vergleichung nicht zu Stande komme, ſon - dern dieſe ward auf den Vorſchlag des ſächſiſchen Geſand - ten durch den Zuſatz noch verſtärkt, es ſolle in alle Wege ein beſtändiger, beharrlicher, unbedingter, für und für ewig währender Friede beſchloſſen und aufgerichtet ſeyn. 1Der Churfuͤrſtlichen Raͤth Bedenken und Relation, welcher - maaßen auß dem Abſchiede zu Speier 1544 der Religionfriede zu begreifen, mit foͤrmlicher Rubrik: Hactenus, bei Lehmann p. 25.

Eine vorläufige Frage erhob ſich hiebei noch, wie nem - lich die beiden Parteien zu bezeichnen ſeyen, zwiſchen denen der Friede geſchloſſen werde. Trier machte den Vorſchlag, die Einen als Bekenner der alten katholiſchen Religion, die Andern als Verwandte der Confeſſion die im Jahr 1530363Berathungen uͤber den Religionsfrieden.übergeben worden, aufzuführen. Es verdient angemerkt zu werden, daß die weltlichen Churfürſten ſchon das Erſte zu - rückwieſen, denn auch auf der andern Seite bekenne man eine einzige katholiſche Kirche; ſelbſt den Ausdruck Ver - wandte der alten Religion gaben ſie nur zu, weil er ſchon im Paſſauer Vertrag gebraucht worden; aber noch viel be - merkenswerther und auffallender iſt es, daß ſie die ausdrück - liche Beſchränkung auf die im Jahre 1530 übergebene Con - feſſion verwarfen. Sie erinnerten ſich, daß die kleine auf die Herſtellung der Eintracht in der Abendmahlslehre be - zügliche Abänderung der urſprünglichen Worte von den Geg - nern ſchon öfters hatte benutzt werden wollen ſie zu ent - zweien. Nicht allein Pfalz ſtimmte gegen die Nahmhaftma - chung der Jahrzahl, ſondern auch Sachſen war dagegen. Der ſächſiſche Bevollmächtigte erklärte, die Dinge ſo enge einzuziehen, würde Mißtrauen erzeugen: hier handle man nicht von Religionsartikeln, ſondern vom Frieden; am beſten werde man thun, wenn man auch hier dem paſſauiſchen Ver - trage folge, worin die Confeſſion im Allgemeinen genannt worden, ohne das Jahr. 1Schreiben der ſaͤchſiſchen Geſandten o. D., in der Samm - lung zwiſchen den Briefen vom 16 und 22 Maͤrz eingeſchaltet. Im Anhang.

Und ſo war der Beſchluß, einen Frieden aufzurichten, der unberührt von den Differenzen der religiöſen Syſteme, der proteſtantiſchen Meinung und Verfaſſung im Ganzen und Großen ein ungefährdetes Daſeyn gewähren, aller Ge - waltſamkeit aus religiöſem Grunde zwiſchen den verſchiede - nen Ständen auf immer ein Ende machen ſollte.

364Zehntes Buch. Fuͤnftes Capitel.

Als nun aber dieſer Entwurf in den Fürſtenrath kam, fand er den größten Widerſpruch.

Der päpſtliche Nuntius Morone erinnerte die geiſtlichen Fürſten, welche hier die Mehrzahl ausmachten, an die Pflicht, mit der ſie dem römiſchen Stuhle verwandt ſeyen.

Hierauf erklärte Biſchof Otto Truchſeß von Augsburg, daß er von dem vorgelegten Entwurf des Friedens weder viel noch wenig bewilligen könne; er vermaß ſich, ehe er auf Verhandlungen darüber eingehe, Leib und Leben, alles was er auf Erden habe, zu verlieren. 1Proteſtation bei Lehmann: de pace religionis acta publica p. 24.

Viele andere meinten, daß man von einem künftigen Austrag in der Religion nicht abſehen, nur einen beſchränk - ten Frieden zugeſtehn, alle Streitigkeiten darüber zur Decla - ration des Kaiſers ſtellen müſſe.

König Ferdinand machte noch einen Verſuch, die ganze Berathung auf den Landfrieden zurückzuführen. Er ließ die churfürſtlichen Geſandten perſönlich zu ſich kommen, um ſie dazu zu vermögen, und legte im Reichsrath darauf bezüg - liche Supplicationen vor.

Dagegen aber ergriffen die proteſtantiſchen Mitglieder des Fürſtenraths den Entwurf der Churfürſten mit aller Theil - nahme die er verdiente; beſonders zeigte ſich Chriſtoph von Würtenberg, den man als den Rädelsführer der Partei bezeichnete, unerſchütterlich.

Indeſſen würden ſie ſchwerlich durchgedrungen ſeyn, hät - ten ſie nicht von außen her einige Unterſtützung bekommen.

Im März 1555 vereinigten ſich die Häuſer Sachſen,365Berathungen uͤber den Religionsfrieden.Brandenburg und Heſſen wie berührt zur Erneuerung ihrer alten Erbverbrüderung. Es war recht das Gegentheil von den religiöſen Entzweiungen, die bei einem ähnlichen Vorha - ben, im J. 1537 zu Zeiz, zwiſchen ihnen ausgebrochen, daß ſie jetzt dem römiſchen König einmüthig ihren Entſchluß er - klärten, an der augsburgiſchen Confeſſion feſtzuhalten und in religiöſen Dingen keine Stimmenmehrheit anzuerkennen. Sie beſchwuren ihn, ſich nicht durch fremde, der deutſchen Nation vielleicht feindſelig geſinnte Leute von dem hochbe - theuerten paſſauiſchen Vertrag abführen zu laſſen, vielmehr die Zuſage die er einſt gegeben, einen beharrlichen Frieden aufrichten zu wollen, nunmehr zu erfüllen. 1Copia Schreibens von etlichen Chur und Fuͤrſten aus Naum - burg bei Lehmann 116.Der ſächſiſche Geſandte weiß nicht auszudrücken, wie viel guten Namen dieſe Erklärung der erbverbrüderten Fürſten mache, auch in der Stadt Augsburg: in öffentlicher Predigt habe man Gott dafür Dankſagung dargebracht.

Ferner aber geſchah, daß nach dem Tode des Papſt Julius (am 24ſten März 1555) die beiden heftigſten Geg - ner des Entwurfs, Morone und Truchſeß, beides Cardinäle der römiſchen Kirche, den Reichstag verließen, um ſich zum Conclave zu begeben.

Da dergeſtalt die Einen verſtärkt, die Andern geſchwächt wurden, ſo überwog allmählig die mildere Meinung. Die geiſtlichen Fürſten nahmen zwar nicht, wie ihre weltlichen Collegen, den churfürſtlichen Entwurf förmlich an: ſie mach - ten vielmehr in dem beſondern Gutachten das ſie eingaben, viele Ausſtellungen dagegen; aber ſie wieſen ihn doch auch366Zehntes Buch. Fuͤnftes Capitel.nicht geradehin von ſich: ſie giengen auf die Hauptgrund - lagen ein, freilich mit dem Vorbehalt, ſo weit es ihre geiſt - liche Amtspflicht erlaube.

Merkwürdig welchen Eindruck ſie durch dieſe Erinnerung wie durch jene frühere doch noch einmal bei ihren Amtsbrüdern den Erzbiſchöfen im Churfürſtenrathe hervorbrachten. Es ſchien faſt als wollten dieſe jetzt auf dieſelbe Weiſe ſich verclauſuli - ren. Nicht von ihnen, meinten ſie, rühre die Einwendung her: da ſie aber einmal vorgebracht worden, würden ſie ohne Tadel ſich nicht weigern können ihr beizupflichten. Die weltlichen - the erinnerten: ſie rühre von Leuten her, die dem Papſte mehr verwandt ſeyen als dem Reiche. Sie wollten nichts davon hören, daß jene ſich wenigſtens Zeit ausbaten, um von ihren Herrn Beſcheid über dieſe neue Schwierigkeit einzuholen; dann, ſagten ſie, würden auch ſie Reſolution von den ihren verlangen, bis wohin dann jede weitere Berathung unter - bleiben müſſe; ſie hatten den Muth die Sitzung ohne Wei - teres abzubrechen. Denn das leuchtete im erſten Augenblicke ein, daß unter einem ſolchen Vorbehalt, der dem Einfluß des römiſchen Stuhles, auf den er ſich hauptſächlich bezog, Thür und Thor geöffnet hätte, an keine Beendigung des re - ligiöſen Streites, keine Feſtſetzung des Friedens zu denken geweſen wäre. Was der Kaiſer ſchon nicht bewilligen wol - len, war von dem Papſt nimmermehr zu erwarten. Wohl fühlten das auch die geiſtlichen Räthe: ſie bereuten ihren Mißgriff faſt in demſelben Augenblick, in dem ſie ihn began - gen. Schon indem man nach Hauſe gieng, näherten ſich einige von ihnen den brandenburgiſchen Geſandten mit be - gütigenden Worten. Bald darauf erſchien der mainziſche367Berath. uͤb. d. Religionsfr. Jurisdiction.Canzler in der Wohnung der ſächſiſchen Abgeordneten, und bat ſie, die gewöhnliche Poſt an ihren Herrn, durch welche ſie von dieſem Ereigniß hätten Nachricht geben müſſen, nicht abzufertigen. Er verwarf jetzt dieſe Clauſel ſelbſt mit den ſtärkſten Ausdrücken. 1 Iſt uns der mainziſch Canzler in unſer herberg nachgangen und uns gebeten, wir wolten je keine poſt abfertigen, ſondern der ſa - chen bis auf den andern tag anſtand geben, auch unter andern ge - redt, der teufel hette dieſe clauſel gemacht, er muſte ſelber bekennen daß ſie nichts werth. In den Erzbiſchöfen und Churfür - ſten war von jeher ein lebendiges Gefühl der Autonomie des Reiches, die ſie auch im Gegenſatz gegen Rom behaup - teten. Den andern Tag ließen ſämmtliche Stimmen jenen Vorbehalt fallen.

Nun erſt konnte der Beſchluß, den beharrlichen Frieden zu Stande zu bringen, einigermaßen geſichert ſcheinen: vor - ausgeſetzt daß man ſich über die einzelnen Beſtimmungen die dabei getroffen werden mußten, einverſtehn würde.

Am leichteſten kam man mit dem Artikel über die Ju - risdiction zu Stande. Die geiſtlichen Fürſten beider Colle - gien ſahen ein, daß der Vorbehalt der Jurisdiction den Frie - den, ja das Daſeyn des Proteſtantismus überhaupt unmög - lich machen würde. Sie mußten nur darüber beruhigt wer - den, daß man nicht die Capitel aus proteſtantiſchen Städ - ten verjagen wolle. Unter dieſer Bedingung gaben ſie zu, was ohnehin nicht mehr zu ändern ſtand. So leicht es aber auch ward, ſo liegt hierin doch im Grunde die Summe der Dinge. Das Beſtehen der proteſtantiſchen Kirchen gewann erſt dadurch allgemeine rechtliche Anerkennung. Was einſt Phi - lipp von Heſſen im erſten Eifer dem Churfürſten von Mainz368Zehntes Buch. Fuͤnftes Capitel.abzwingen wollen, ward jetzt durch Reichsbeſchluß allen Evan - geliſchen gewährt.

Auch bei dem Artikel über die geiſtlichen Güter erhoben ſich nicht ſo viele Schwierigkeiten als man an ſich hätte er - warten ſollen, und als ſelbſt noch der erſte Entwurf, der eine Menge Ausnahmen zum Vortheil einzelner Perſonen enthielt, erwarten ließ. Die ſächſiſchen Geſandten erwarben ſich das Verdienſt, einen annehmbaren Vorſchlag einzubrin - gen. Er lautete dahin, daß alle eingezogenen Güter, welche nicht Reichsunmittelbaren angehörig geweſen, in dem Frie - den begriffen ſeyn, Niemand ihrethalb angefochten werden ſolle. Dahin waren ſchon lange alle Erklärungen der pro - teſtantiſchen Fürſten gegangen, daß man nicht diejenigen - ter auf welche das Reich gegründet ſey, angreife, ſondern nur die andern, welche in jedem Lande gelegen, zu verwenden gedenke. Es war eine andre Frage, die ſich bei pfälziſchen Anſprüchen erhob, ob es nicht wieder einem Zweifel unter - liege, in welche der beiden Kategorien jede Stiftung ge - höre: genug daß man den Grundſatz anerkannte. Ob aber nicht über die Verwendung der dergeſtalt der Hierarchie ent - fremdeten Güter etwas beſtimmt werden ſollte? Mainz war nicht dafür. Was gegeben, ſagte der Canzler, ſey für voll gegeben worden; ſie ſeyen doch weg, wer wolle ihnen nach - fragen? Dagegen ward von den Fürſten eine Clauſel bean - tragt und wirklich in den Abſchied gebracht, nach welcher das nur von den Gütern gelten ſollte die ſchon zur Zeit des Paſſauer Vertrags eingezogen geweſen.

1 Man moͤge ſie ſieden oder braten. Schreiben der ſaͤch - ſiſchen Geſandten vom 14ten April.
1369Berath. uͤb. d. Religionsfr. Geiſtliche Guͤter.

Überhaupt, was bereits geſchehen, ließ man ſich gefal - len: die großen Irrungen erhoben ſich darüber was in Zu - kunft geſchehen dürfe.

Die weltlichen Churfürſten forderten auf den Vorſchlag der Pfalz, daß der Friede allen Denen zu Gute kommen müſſe die ihrer Confeſſion auch in Zukunft beitreten würden. Noch einmal regte ſich hierüber in den geiſtlichen die Vor - ausſetzung daß der alte Zuſtand der allein rechtliche gewe - ſen: und Cölln meinte wohl, jede weitere Neuerung müſſe ernſtlich verboten werden. Die weltlichen verſetzten: ob es nicht heiße, den Frieden in Unfrieden verkehren, wenn man Diejenigen mit dem Schwert verfolgen wolle, die zu ihnen träten? Die Verhandlungen über dieſen Artikel mußten un - terbrochen werden; es dauerte einige Zeit, ehe ſich die Geiſt - lichen von den Begriffen losriſſen, die allerdings den al - ten Einrichtungen zu Grunde lagen und die Geiſter lange Jahrhunderte beherrſcht hatten. Unter Vortritt von Mainz gaben ſie endlich zu, daß die Anhänger der augsburgiſchen Confeſſion nicht angegriffen werden ſollten, zu welcher Zeit ſie auch derſelben verwandt geworden. Ein neuer Sturm erhob ſich, als dieſer Entwurf in den Fürſtenrath kam. Die weltlichen Fürſten, die ſonſt nicht nachzugeben pflegten, zo - gen dieß Mal vor, die letzte Clauſel wegzulaſſen, und ein - fach dabei ſtehen zu bleiben, daß Niemand wegen der augs - burgiſchen Confeſſion angegriffen werden dürfe. 1Nach dem Bericht der ſaͤchſiſchen Geſandten wurden ſie von den Geiſtlichen gelobt: theten ganz billig daß wir jnen nachgeben was uns nicht ſchadete, und jhnen gegen andern vorweislich; wasUnd warRanke D. Geſch. V. 24370Zehntes Buch. Fuͤnftes Capitel.das nicht im Grunde daſſelbe? Die Zeitbeſtimmung diente nur Widerſpruch zu erwecken. Schon genug, daß der Friede nicht ausdrücklich auf die bereits Beigetretenen beſchränkt wurde. Geiſtliche und weltliche Churfürſten trugen kein Be - denken, hierin dem fürſtlichen Collegium nachzugeben.

Damit aber näherte man ſich einer andern Frage, der wichtigſten und in ſich ſelbſt ſchwierigſten, die bei den Be - ſtimmungen des Friedens überhaupt vorgekommen iſt.

Wie nun, wenn auch Diejenigen die Confeſſion annah - men, welche die Hochſtifter des Reiches inne hatten? Durch die Beſtimmungen die man getroffen, wären auch ſie in den Frieden eingeſchloſſen geweſen. Erzbiſchöfe und Biſchöfe, die geiſtlichen Churfürſten ſelbſt hätten Proteſtanten ſeyn können. Dem evangeliſchen Bekenntniß wäre die Ausſicht eröffnet wor - den, im Laufe der Zeit noch einmal zur vollen Herrſchaft im Reiche zu gelangen.

Man gab wohl an, daß hiemit das Beſtehen des Rei - ches überhaupt gefährdet ſey: aber ohne Zweifel mit Un - recht. Die Einwendung, daß die Stifter erblich werden wür - den, ließ ſich leicht widerlegen. Man brauchte nur, wie die anweſenden Räthe vorſchlugen, durch eine beſondere Reichsconſtitution feſtzuſetzen, daß dieß nicht geſchehen dürfe, daß die Hochſtifter bei ihren Wahlen und ihrer ſonſtigen Verfaſſung zu laſſen ſeyen; dann lag hierin ſogar das ein - zige Mittel, die Einheit des Reiches durch die Gleichheit des Bekenntniſſes in geiſtlichen und weltlichen Herrſchaften wie -1man aber viel disputirt, die meinung haͤtt es und ſolt es haben daß die alle fride ſolten haben ſo zu uns treten wolten: welchs denn vlei - ßig prothocollirt worden. 371Ber. uͤb. d. Religionsfr. Geiſtlicher Vorbehalt.derherzuſtellen und für immer aufrecht zu erhalten. 1Melanchthon de reservato ecclesiastico. Corp. Ref. VIII, 478. Dann menſchlich iſt kein ander Weg zur Einigkeit zu geden - ken, dann dieſer das die Warheit ſoll fuͤr und fuͤr mehr biſchoͤfe Fuͤrſten und andre Regenten bewegen dieſe Lehre anzunehmen und zu pflanzen.Aber unleugbar iſt, daß der Vorſchlag die größte Gefahr für den Katholicismus einſchloß. Bei weitem die meiſten Reichsfür - ſten waren evangeliſch, und leicht konnten alle Stifter von ihnen eingenommen werden. Man darf ſich nicht wundern, wenn ſich die Geiſtlichen lebhaft zur Wehre ſetzten. Sie ſchlugen vor, das Zugeſtändniß, daß Niemand wegen der Religion angegriffen werden ſolle, ausdrücklich auf die welt - lichen Stände zu beſchränken, ſo daß es niemals auf geiſt - liche angewendet werden könne. Sie führten aus, daß Ent - ſetzung von Amt und Würden die natürliche Folge des Über - tritts ſey. Die weltlichen Räthe antworteten, einmal, daß dadurch der Friede wieder gefährdet werde: die Confeſſions - verwandten würden ihre Freunde und Blutsverwandten nicht um der Religion willen entſetzen laſſen; und ſodann: ſey es nicht ſchimpflich für die Confeſſion, daß ſie nur von Weltlichen, nicht auch von Geiſtlichen bekannt werden ſolle? es liege eine Art von Strafe darin, daß Jemand des Be - kenntniſſes halber von den geiſtlichen Würden ausgeſchloſſen ſey. Mochten ſie aber auch ſagen was ſie wollten,2Ein Argument des Zaſius war: es ſolten imer die biſchoͤfe ſo lutteriſch werden wolten, billich daran begnuͤgen laſſen, das es einem irer perſon halber frei gelaſſen, den ſo ſie der lehr aus drin - gender Conſcienz und Zelo wollten anhangig ſeyn, ſo ſolten ſie der dieß Mal drangen ſie nicht durch. Mainz, das ſonſt in den meiſten Stücken den Weltlichen beigetreten war, hielt jetzt24*372Zehntes Buch. Fuͤnftes Capitel.auch deshalb feſt, weil ſo eben nach dem Tode Heuſen - ſtamms ein neuer Erzbiſchof, Daniel Brendel, eintrat, der Rückſicht auf die päpſtliche Confirmation nehmen mußte. Auch die Weltlichen aber gaben nicht nach. Was in den andern Puncten glücklich vermieden worden, geſchah in die - ſem: dem römiſchen König wurden zwei entgegengeſetzte Gut - achten eingereicht.

Die Reichsſtädte, welche noch immer die Nachwehen ihrer Niederlage von 1547 fühlten, zumal da ſie ſich 1552 nicht wieder zu einem gemeinſchaftlichen Intereſſe vereinigt, nahmen an, weſſen ſich die obern Stände verglichen, und ſtimmten bei, daß wegen des Unverglichenen der König an - gegangen werde. 1Der Frei und Reichsſtaͤtte Reſolution 20 Junii muͤndlich fuͤrgetragen; bei Lehmann p. 59.

Und ſo kam noch einmal unendlich viel auf König Fer - dinand an, in den verglichenen Artikeln auf ſeine Beiſtim - mung, in den unverglichenen auf ſeine Entſcheidung.

Ehe er ſie gab, nahmen die Stände nun auch die an - dern Angelegenheiten von mehr weltlicher Natur vor, Profan - frieden und Kammergericht, wie im Anfang beſchloſſen worden.

Wir haben ihrer ſchon öfter gedacht: erſt jetzt aber, nachdem man über die Grundſätze des religiöſen Friedens einig war und die Reichsgewalt nicht mehr zur Unterdrückung der doch auch auf Reichsſchlüſſen begründeten proteſtantiſchen Einrichtungen gebraucht werden konnte, bekam ihre Erörte - rung Bedeutung für die definitive Geſtalt der Dinge.

2Guter nicht achten, nach der Lehr im Evangelio Ecce reliquimus omnia et te secuti sumus. Wie denn Zaſius der Referent dieß ganz honiſch geredt. Schreiben der ſaͤchſ. Geſandten vom 20 Juni.

373Berathungen uͤber Friede und Recht.

Berathungen über Friede und Recht.

Darüber war man längſt einig, daß die Beſtimmungen des Landfriedens, deſſen Grundlagen aus einer Zeit ſtamm - ten, wo von der religiöſen Entzweiung noch nicht die Rede war, und deſſen Mängel dann öfter verbeſſert worden, an und für ſich wohl überlegt und zutreffend ſeyen, und daß es nur an der Handhabung mangle.

Für dieſe hauptſächlich hatten die Kreiſe, die ſich vor dem Jahr zu Frankfurt verſammelt, durch eine neue Execu - tionsordnung ſorgen wollen. 1Uͤber die Verhandlungen zu Frankfurt benutzte ich die Acten - ſtuͤcke die ſich im Staatsarchiv zu Berlin finden.

Der Entwurf den ſie gemacht, ward jedoch ſchon darum nicht angenommen, weil er ſich allzu ſehr auf den damaligen Augenblick, die vorgegebene Gefahr vor Markgraf Albrecht bezog, ſo daß Brandenburg ſelbſt die Einleitung verwarf; es ward vielmehr beſchloſſen die alten Reichsbeſchlüſſe zu Grunde zu legen. Allein darum war jener Entwurf nicht unnütz; un - aufhörlich ward er berückſichtigt, und gerade der Gegenſatz verleiht den neuen Feſtſetzungen zum Theil ihren Character.

Alles kam hiebei auf eine weitere Ausbildung der Kreis - verfaſſung an. Erwägen wir, wie wichtig dieſe in den ſpä - tern Zeiten des Reiches geweſen iſt, wie alle lebendige Hand - habung der höchſten Gewalt darauf beruhte, ſo ſind doch dieſe Berathungen nicht ohne große Wichtigkeit für unſre Geſchichte.

Der erſte Mangel über den man mit Recht Klage führte, lag darin, daß wenn ein Stand Vergewaltigungen erlitt, erſt374Zehntes Buch. Fuͤnftes Capitel.ein Kreistag ausgeſchrieben werden mußte, und wenn dieſer dann auf Hülfe ſchloß, doch noch immer einige Zeit vorüber - gieng, ehe man ſich vorbereitet hatte dieſelbe zu leiſten.

In Frankfurt nun hatte man den Entwurf gemacht, in jedem Kreiſe einen Oberſten aufzuſtellen, der mit den ihm von den Ständen deſſelben beizugebenden Räthen, welche aber von der Pflicht gegen ihre beſondere Obrigkeit entbun - den werden müßten, Beſchlüſſe faſſen und Unternehmungen beginnen dürfe, in denen ihm ſämmtliche Kreisſtände beizu - ſtehn ſchuldig ſeyn ſollten. Wie aber die Macht Eines Krei - ſes ſelten zum Widerſtand hinreiche, hatte man es weiter rathſam gefunden, zwei Generaloberſten im Reiche aufzuſtel - len, einen über die ſechs oberländiſchen, einen andern über die vier niederländiſchen Kreiſe, die von der Geſammtheit dieſer Kreiſe, jedoch mit Vorwiſſen des Kaiſers und unter Vorbehalt ſeiner Genehmigung, ernannt werden, und auf eine ähnliche Weiſe den allgemeinen Zuzug zu beſtimmen haben ſollten wie die Oberſten in den einzelnen Kreiſen.

Ein Entwurf der den beiden Fürſten welche zu Gene - raloberſten erwählt worden wären, eine ungemein tief eingrei - fende, allen andern überlegene Macht verſchafft haben würde.

Nicht mit Unrecht bemerkte Joachim II, dieß ſey mehr die Verfaſſung eines Bundes, wie denn wirklich die An - ordnungen aus denen des ſchwäbiſchen und des ſchmalkal - diſchen Bundes zuſammengeſetzt zu ſeyn ſcheinen, als eine Reichsordnung. Die Churfürſten kamen bald überein, jene Generaloberſten überhaupt gar nicht zuzulaſſen, und auch den Kreisoberſten nur ſo viel Macht beizulegen, als zur Verthei - digung erforderlich ſey, nicht eine ſolche die ſie mißbrauchen oder mit der ſie den Ständen beſchwerlich fallen könnten.

375Berathungen uͤber die Executionsordnung.

Wie das geſammte Executionsweſen auf den Ordnun - gen beruhte, welche das Reichsregiment in den erſten Mo - naten ſeines Beſtehens, Ende 1521, Anfang 1522, vorge - nommen, ſo hatte ſich auf den Grund der damals beliebten Bezeichnungen1 Als den, heißt es in dem erſten Schreiben des Regiments, den wir im Craiß zu ſolchem ſonderlich fuͤrgenommen. 17 Febr. 1524. N. S. d. Reichsabſch. ein Herkommen gebildet, kraft deſſen in je - dem Kreiſe Ein Fürſt das Amt der Berufung der Stände und der allgemeinen Leitung der Geſchäfte erhielt, den man um das J. 1550 den kreisausſchreibenden zu nennen an - fieng. Der Vorſchlag geſchah, zunächſt von Sachſen, daß allemal der ausſchreibende Kreisfürſt zugleich auch Oberſter ſeyn ſolle, wie denn wirklich ſpäter beiderlei Befugniſſe bei - nahe ganz in einander gefloſſen ſind und dann das wich - tigſte Vorrecht gebildet haben das einem Reichsfürſten über - haupt zuſtand.

Eben deshalb aber weil ſich dieß vorausſehen ließ, fand der Gedanke großen Widerſpruch. Brandenburg, das mit Sachſen in Einem Kreiſe ſaß, dieſem aber noch den Vor - rang laſſen mußte, war nicht minder dagegen als die geiſt - lichen Churfürſten, die alsdann von ihrem weltlichen Collegen in der Pfalz überflügelt zu werden fürchteten. Es entſtand eine Mehrheit in dem churfürſtlichen Rathe die den Beſchluß faßte, daß die Wahl des Oberſten den Ständen jedes Krei - ſes anheimgeſtellt bleiben ſolle, von denen dann der kreisaus - ſchreibende Fürſt oder auch ein andrer gewählt werden könne. Die ihm beizugebenden Gehülfen wollte man nicht Räthe nennen, was eine Art von Unterordnung unter ihn auszu - drücken ſchien, ſondern Zugeordnete. Man bedingte noch376Zehntes Buch. Fuͤnftes Capitel.ausdrücklich, daß dem Kreisausſchreibenden oder dem Ober - ſten durch dieß ſein Amt keinerlei Vorrang zufallen ſolle. Die Frage entſtand, ob nicht wenigſtens die von den ver - ſchiedenen Ständen zu ernennenden Zugeordneten ihrer beſon - dern Eidespflicht gegen dieſelben zu erledigen ſeyen. Ur - ſprünglich war Brandenburg ſo wie einige andre Stimmen dagegen. Da man aber dann feſtſetzen wollte, daß der Zu - geordnete die Verſammlung verlaſſen müſſe, ſo oft über eine ſeinen Herrn angehende Angelegenheit berathſchlagt werde, ſo zog auch Brandenburg die Auskunft vor, daß derſelbe zwar der Berathſchlagung beiwohnen, aber auf dieſen Fall ſeiner beſondern Pflicht erlaſſen werden möge. 1 Haben wir es vohr nuͤtzlicher geachtet, ſchreiben die bran - denburgiſchen Geſandten, das ehr (der Zugeordnete) ſeiner pflicht losgezalt wuͤrde, und bei der Berathſchlagung bleiben moͤchte, daher wir uns in allewege gefliſſen die ſachen dahin zu richten, das im oberſaͤchſiſchen Kreis E. Ch. Gn. in allen Rheten, ſo der Execution oder Handhabung des Landfriedens halber muͤchten vorkommen, mit weren. Wir ſehen, wie ſorgfältig man Bedacht nahm, daß nicht durch die neue Ein - richtung der ſchon begründeten Landeshoheit Eintrag geſchähe. Übrigens aber war man ſehr bereit das Nothwendige zu lei - ſten. Dem Oberſten und den Verordneten ward die Befug - niß gegeben, dringenden Falles einen doppelten Romzug auf den Kreis auszuſchreiben. Gegen den Vorſchlag von Sach - ſen, welches für jeden Kreis die Verpflichtung forderte, 500 M. z. Pf. und 1000 z. F. zu ſtellen, ward die Einwendung gemacht, daß die Kreiſe ungleichen Vermögens, und nicht wohl zu gleichen Leiſtungen anzuſtrengen ſeyen; und man hielt für beſſer, bei den Reichsanſchlägen ſtehen zu bleiben. Auch war man einverſtanden, daß nicht jedem Kreiſe die377Berathungen uͤber die Executionsordnung.Sorge für ſich ſelbſt überlaſſen werden dürfe, ſondern daß in jedem erheblichen Fall deren fünf zuſammentreten, die Ko - ſten tragen und die Mannſchaften ſtellen ſollten. 1 Damit nicht etwa, wenn Einem ein Rad uͤbers Bein gehe, ein Andrer ſich freuen moͤge. Die An - führung beſtimmte man alle Mal dem Oberſten desjenigen Kreiſes, welcher der Überwältigte ſey und die Hülfe der an - dern in Anſpruch nehme. Die Säumigen wurden mit den ſchwerſten Strafen bedroht.

Als dieſer Entwurf in den Fürſtenrath gelangte, gieng es damit wie es mit den übrigen Entwürfen gegangen war: die geiſtlichen Fürſten ſuchten ihn nach ihren eigenthümlichen Bedürfniſſen und Geſichtspuncten umzugeſtalten.

Da ſie beſorgten, die neue Einrichtung dürfte doch in den Händen der weltlichen Fürſten ihnen zum Nachtheil ge - reichen, ſo ſuchten ſie die Ernennung der Kreisoberſten wo möglich in die Hände des Kaiſers zu bringen, von dem ſie ihrerſeits Rückhalt und Unterſtützung erwarteten. In die - ſem Sinne arbeitete beſonders der Canzler des Biſchofs von Augsburg, Dr Braun. 2Saͤchſiſche Geſandte 5 Aug.: Der Ausſchuß (des Fuͤrſten - raths) hat wiederumb einen engen Ausſchuß, als nemlich des Hz. von Wirtenpergk und D. Braun des Cardinal von Augſpurg Ge - ſandten erwelet. Des Hz. v. W. Geſandter hat Dr Braun das Con - cept ganz allein uͤbergeben, welcher dann das Concept geſtelt und und unſre Ordnung mit Fleiß invertirt. (Anfang Auguſt kam der Entwurf in den Churfuͤrſtenrath zuruͤck.)Die allgemeine Stimmung aber war nicht der Art, um ein ſolches Vorhaben zu befördern. Nachdem der Einfluß des Kaiſers ſeit mehreren Jahren ſo tief herabgekommen, konnte man nicht daran denken denſel - ben auf dieſem Wege wieder zu erneuern. Von jenen Vor -378Zehntes Buch. Fuͤnftes Capitel.ſchlägen wurden einige ſchon innerhalb des Fürſtenraths be - ſeitigt; die übrigen zu verwerfen, blieb den Churfürſten über - laſſen, deren Gutachten zuletzt in dieſem, wie in den mei - ſten andern Puncten angenommen und zum Reichsgeſetz er - hoben ward.

Und nicht allein gegen innere Unruhen ſollte die neue Ordnung dienen, ſondern man beſchloß ſie auch bei den An - griffen auswärtiger Feinde in Anwendung zu bringen.

Nur erhob ſich hiebei der Zweifel, ob die Verpflich - tung einem Kreiſe zu Hülfe zu kommen auch auf den nie - derländiſchen erſtreckt werden ſolle, der in einem beinahe fort - währenden Kriege mit Frankreich lag. Die Sache würde gar nicht haben in Frage kommen können, wenn ſich die Nieder - lande ernſtlich zum Reiche gehalten, beſonders, worauf alles ankam, ſich dem Kammergericht unterworfen hätten. König Ferdinand vertheidigte eine Zeitlang die Anſprüche der Nie - derlande. Die Einwendung aber, daß eine auf die Hand - habung des Landfriedens bezügliche Ordnung unmöglich De - nen zu Gute kommen könne, von denen die Reichsgerichts - barkeit in Landfriedensbruchſachen gar nicht einmal anerkannt werde, wußte er nicht zu beſeitigen. Er erlangte nur ſo viel, daß es durch eine neue Clauſel in den Willen des Kaiſers geſtellt wurde, ob er ſich mit ſeinen Niedererblanden jener Jurisdiction unterwerfen wolle.

Wir ſehen wohl: zum Vortheil Carls V und ſeiner kaiſerlichen Macht gereichten dieſe Beſchlüſſe mit nichten.

Die executive Gewalt gerieth dadurch eben ſo gut in die Hände der Reichsſtände, wie ihnen die legislative dem Her - kommen nach faſt ausſchließend zuſtand. Die Anwendung379Berathungen uͤber das Kammergericht.der für das Innere erfundenen Einrichtungen auf die äußern Verhältniſſe beſchränkte jeden Dienſt, der dem Kaiſer für ſeine Kriege daraus entſpringen konnte, auf Vertheidigung. Und auch davon wurden nun ſeine Niederlande noch ausdrücklich ausgeſchloſſen. Wie viel Mühe hatte er es ſich im J. 1548 koſten laſſen, um die Anerkennung der Niederlande als ei - nes Reichskreiſes zu bewerkſtelligen. Aber die Bedingung die er dabei gemacht, die Exemtion von den Reichsgerich - ten, hob jetzt den Nutzen auf, welchen er ſich davon ver - ſprochen. Die Stände ſagten kein Wort über den burgun - diſchen Vertrag: ſie ließen ihn unangetaſtet ſtehn; aber der Defenſivverfaſſung im Reiche, welche ſie beſchloſſen, gaben ſie eine ſolche Entwickelung, daß ſie auf eximirte Lande wie jene nicht mehr bezogen werden konnte. Es war dabei nicht einmal Vorbedacht, kein übler Wille: es entſprang ganz aus der Natur der Dinge.

Auch in einer andern großen Reichsangelegenheit, der Sache des Kammergerichts, mußte man nach allem was vorgegangen und den in Paſſau gefaßten Beſchlüſſen, von den Anordnungen des Kaiſers zurücktreten.

In dem Vertrag zu Paſſau war nach manchem Hin und Herhandeln zuletzt Förderung bei dem Reichstage ver - heißen, daß die Verwandten der augsburgiſchen Confeſſion von dem Kammergericht nicht mehr ausgeſchloſſen würden.

Der Zweideutigkeit dieſes Ausdrucks ſuchten ſich jetzt einige geiſtliche Mitglieder des Churfürſtencollegiums zu be - dienen, um ihren Rath zu begründen, daß man alles beim Alten laſſen möge: denn nicht zu eigentlicher Beſchlußnahme, nur zur Förderung ſeyen ſie verpflichtet.

380Zehntes Buch. Fuͤnftes Capitel.

Nun leuchtet aber ein, daß unbeſchränkte Theilnahme am höchſten Gericht eins der größten Intereſſen der Prote - ſtanten ausmachte: ſie würden ſonſt in allen ihren Angele - genheiten der Einwirkung einer feindſeligen Meinung aus - geſetzt geweſen ſeyn; unaufhörlich hatten ſie darum gekämpft, und wenn es irgend eine Sache gab, worin ſie nicht nach - geben konnten, ſo war es dieſe.

Bald lenkte auch der Canzler von Mainz ein, indem er bemerkte, daß in dem Artikel des Vertrags von einer För - derung mit Erfolg die Rede ſey, eine ſolche aber nicht ſtatt finden könne, wenn man nicht ſelbſt einwillige.

Es bedurfte nichts weiter, um allem Widerſpruch ein Ende zu machen. Man nahm jetzt an, daß die Sache durch den Paſſauer Vertrag bereits entſchieden ſey,1Schreiben vom 4ten Mai. Die Kammergerichtsordnung wird verleſen. Bei dem 31: haben es entlichen dahin bracht, das die Geiſt - lichen zu ſetzen gewilligt die preſentacion zu beſcheen durch beide re - ligion, und das vermuge des paſſauwiſchen vertrages die augsb. Con - feſſionsverwandten nicht ſollten davon ausgeſchloſſen werden. und hatte nichts weiter zu thun als einige Artikel der Kammergerichts - ordnung darnach abzuändern.

Man ſetzte feſt, daß Kammerrichter, Beiſitzer und andre Gerichtsperſonen ſo gut dem augsburgiſchen Bekenntniß wie der alten Religion anhängig ſeyn, daß ſie nicht, wie auch hier vorgeſchlagen ward, auf die geiſtlichen Rechte, ſondern auf gemeine des Reichs Rechte und den jetzt bewilligten Friedſtand in der Religion, ſo wie auch, was auf Vorſchlag von Mainz hinzugefügt ward, auf Handhabung des Land - friedens verpflichtet werden, daß ſie endlich den Eid zu Gott und dem heiligen Evangelium leiſten ſollten.

381Berathungen uͤber das Kammergericht.

Eben dieß war die Summe deſſen, was die Proteſtan - ten von jeher gefordert, und was ihnen nothwendig war. Auch der Fürſtenrath nahm es an. 1Bei Harpprecht VI, nr. 141 findet ſich der Schriftwechſel in ziemlicher Vollſtaͤndigkeit. Viele von den zur Sprache gebrach - ten Puncten ſind jedoch unerledigt geblieben, bis zum weſtphaͤliſchen Frieden hin.

Noch Ein Gedanke kam vor, der jedoch kein vorzugs - weiſe proteſtantiſches, ſondern ein allgemeines reichsfürſtliches Intereſſe hatte: die Achtserklärungen zu beſchränken, mit de - nen früher das Gericht, ſpäter auch der Kaiſer ziemlich ge - waltſam vorgeſchritten waren. Was die Achten des Ge - richts gegen Fürſten anbelangt, ſo hielt das churfürſtliche Collegium für gut, daß jedes Urtheil dieſer Art erſt einem aus Abgeordneten des Kaiſers, des Königs, der Churfürſten und deputirten Fürſten beſtehenden Ausſchuß vorgelegt wer - den ſolle, der dann entweder auf eine Vergleichung hinarbei - ten oder die Execution des Spruches vorbereiten würde. Aber mit Recht ward hiegegen eingewandt, daß man damit einen unſtatthaften Unterſchied zwiſchen Fürſten und andern Stän - den mache; wie der König ſagte, daß man die förderlichen Wege die bisher zur Beſtrafung des Übels vorgenommen worden, eher verhindern werde. Die Churfürſten konnten da - mit nicht durchdringen, und ließen ihren Antrag fallen. 2Sonſt blieben die churfuͤrſtlichen Bedenken uͤber Landfrieden und Gericht faſt unveraͤndert. Die ſaͤchſiſchen Geſ. 10 Aug.: Haben die Tage nach einander ganz ſehr im landfrieden gearbeit und bleibt in Summa in unſerm Rath bei dem vorigen Churfuͤrſtenbedenken gleichergeſtalt wird es auch mit dem Cammergericht zugehen. Am 28 Aug. ward das neue Fuͤrſten Gutachten uͤber beide Puncte refe - rirt und fand ſich bis auf wenige Puncte dem churfuͤrſtlichen gleich - maͤßig. 30 Auguſt: Stehen in Summa die Dinge darauf, daß die

382Zehntes Buch. Fuͤnftes Capitel.

Daß die Acht, die man mit Mühe der kaiſerlichen Ge - walt zu Gunſten des Gerichtes abgerungen, nun auch noch einer Vorberathung der Fürſten unterworfen werden ſollte, war gleichſam zu viel, und hätte das Recht in eine Sache der Convenienz verwandelt. Schon genug daß das Gericht überhaupt ein ſtändiſches war, und dieß durch paritätiſche Einrichtung nun erſt recht vollſtändig wurde. Die alten, zwei Menſchenalter früher feſtgeſetzten Normen gehörten dazu, um die neuen Einrichtungen und den gleichen Antheil der Evan - geliſchen möglich zu machen, woran nicht hätte gedacht wer - den können, wenn das Gericht noch wie einſt an den Hof gebannt geweſen wäre.

Damit ſich aber nicht wiederholen möchte was früher öfter geſchehen, daß das Kammergericht ſich um die durch - gegangenen Veränderungen, wenn ſie nur dem Reichsab - ſchied einverleibt waren, wenig gekümmert hatte, ward der Beſchluß gefaßt, daß die Ordnung mit den Veränderungen neu gedruckt werden, als eine neue Ordnung gelten, die Bei - ſitzer ſie beſchwören ſollten.

Dergeſtalt vereinigte man ſich über die weltlichen An - gelegenheiten, wie man ſich, Einen Punct ausgenommen, über die geiſtlichen vereinigt hatte. Die eine Seite ergänzte gleich - ſam die andre. Beide zuſammen bildeten ein neues Sta - dium in der Entwickelung des Reiches.

2im Fuͤrſtenrath die Ordnung des Churfuͤrſtenraths nicht mehr fech - ten, vergleichen ſich auch durchaus in Substancia mit unſerm Be - denken außerhalb fuͤnf Punct in der Handhabung und Einem Punct in der Kammergerichtsordnung. Aber in dem fuͤnften im Landfrie - den iſt nichts ſonderlich prejudicial: im Kammergericht iſt der Punct der Acht ſtreitig.

383Beſchlußnahme.

Indeſſen: wir wiſſen, noch war man damit nicht zu vollem Beſchluß gelangt: an dem Einen Streitpunct konnte noch alles ſcheitern. 1Die ſaͤchſiſchen Geſandten bemerken 29 Juni, daß ehr (der Religionsfriede) vielen ſauer eingeht, und wenig Luſt und guten wil - lens dazu haben. 8 Juli: Kram: ich befinde unſers widertheils gemuͤther jetzo viehl verpitterter gegen uns denn jehmals vor der Zeit: was nun ferner folgen wil gibt die Zeit.

Beſchlußnahme.

Schon an und für ſich konnte Ferdinand mit ſeinen Freunden nicht geneigt ſeyn ſo große Zugeſtändniſſe zu ma - chen wie man ihm anmuthete. Einen ganz andern Gang der〈…〉〈…〉 e hatte er erwartet. Er beklagt, daß er zu dem was er wünſche ſchwerlich noch gelangen werde, und dage - gen zugeben ſolle was ihm widerwärtig ſey. 2Schreiben Ferdinands am 20ſten Aug. Et a la verité je me trouve empesché de resoudre ce que je devrai faire pour ce que je crains que ne pourray obtenir ce a quoy je pretends et d’austre cousté pour etre les conditions qu’ils demandent bien griefves et mal honnestes. Da er mit dem erneuerten Antrag, auf Koſten des Reiches eine Kriegs - macht unter Herzog Heinrich ins Feld zu ſtellen, nicht durch - drang, ſo faßte er den Gedanken, und zwar mit Beiſtimmung ſeines Bruders, der zwar nicht mehr eingreifen wollte aber noch zu Rathe gezogen ward, den Reichstag auf künftiges Frühjahr zu prorogiren, und brachte es förmlich in Vorſchlag. Die Bevollmächtigten fragten bei ihren Fürſten darüber an, allein die meiſten, vor allen aber die proteſtantiſchen, er - klärten ſich mit Entſchiedenheit dagegen. Sie fürchteten die Unterhandlungen die in dieſem Augenblick mit Frankreich und384Zehntes Buch. Fuͤnftes Capitel.den Osmanen gepflogen wurden: ſie meinten wohl, es könne noch einmal etwas Ähnliches geſchehen wie im Jahr 1545, und die Kriegsgewalt des Kaiſers, von den übrigen Fein - den frei, ſich gegen ſie ſtürzen. Dem König mochten einige ſeiner geiſtlichen Freunde beipflichten, allein ſie wagten ſich aus Rückſicht auf die übrigen nicht zu äußern;1Ferdinand à l’empereur 27 Août. Encores que les estats catholiques a ma persuasion y voulsissent prester l’oreille j’en - tends qu’ils n’oseront le faire par respect aux autres protestants. die allge - meine Stimme war dagegen: und er mußte ſich entſchließen, mit ſeiner Reſolution hervorzutreten.

Am 30ſten Auguſt 1555 gab er ſie, aber ſie lautete nicht ſehr tröſtlich. Er weigerte ſich die vornehmſte Beſtim - mung anzunehmen, daß der Friede dauern ſolle, die Verglei - chung möge nun erfolgen oder nicht; außerdem aber trat er in Beziehung auf die Ausſchließung der Proteſtanten von den Stiftern dem Gutachten der geiſtlichen Fürſten bei und vertheidigte es mit neuen Argumenten.

Es muß wohl dahin geſtellt bleiben, ob er die erſte Weigerung ernſtlich meinte. Das Zugeſtändniß das in je - ner Formel lag, war ſchon in Paſſau gemacht und damals von ihm ſelbſt nicht verworfen worden; es war jetzt bereits angenommen, und die Grundbedingung aller andern Feſt - ſetzungen. Er konnte nicht erwarten mit ſeinem Widerſpruch durchzudringen. Am 6ten September erklärte er in der That den Proteſtanten in einer mündlichen Conferenz, daß er von ſeinem Widerſpruch ablaſſen und den unbedingten Frieden in der Formel wie ſie ihn vorgeſchlagen, annehmen wolle. Da - gegen aber forderte er ſie auf, ihm in dem andern Punct,385Schlußberathungen uͤber den geiſtl. Vorbehalt.dem geiſtlichen Vorbehalt, beizuſtimmen. Er bat ſie, ſich auch von ihrer Seite etwas gefallen zu laſſen, ſo wie er manchen ſauren Biſſen verſchlucken müſſen; aber er erklärte auch auf das Beſtimmteſte, daß er davon nicht weichen könne: ſein Anſehen bei auswärtigen Fürſten, ſein Gewiſſen gebiete es ihm: wolle man die Beſtimmung nicht förmlich annehmen, ſo möge man ihm wenigſtens zulaſſen ſie aus königlicher Machtvollkommenheit auszuſprechen, wolle man auch das nicht, nun wohl, er habe bei ſeiner Ehre geſchworen da - von nicht abzulaſſen ſo möge lieber alles Andre ebenfalls rückg〈…〉〈…〉 werden. 1Schreiben der ſaͤchſiſchen Geſandten vom 9ten September. (Im Anhang.)

Ein Moment voll Entſcheidung wie für dieſe Berathung ſo für die geſammte Zukunft des Reiches.

Der König war dadurch ſtark, daß er die Geiſtlichen faſt alle auf ſeiner Seite hatte. 2Man hat ſpaͤter geſagt, daß der Vorbehalt wohl zu ver - meiden geweſen waͤre; auch moͤgen einzelne, z. B. Wuͤrzburg, geneigt geweſen ſeyn. Sonſt aber berichten die ſaͤchſiſchen Geſandten das Gegentheil: 30 Aug: haben abermal aus vilen votis ſo vil verſtan - den, das unſere geiſtlichen nunmehr davon nicht zu bringen, ſondern in dieſen Dingen gantz auf der Koͤnigl. Mt Seite ſtehen. Die proteſtantiſchen Räthe aus beiden Collegien hielten für rathſam, ſich über die dem König zu gebende Antwort in dieſem außerordentlichen Falle zuerſt unter einander zu berathen.

Und da drangen nun Viele auch ferner auf die Verwer - fung des geiſtlichen Vorbehalts, von dem in dem Paſſauer Vertrag keine Erwähnung geſchehen und der dadurch ſtill - ſchweigend ſchon aufgegeben ſey; daß die Feſtſetzung dem - nig anheimgeſtellt werde, ändere in der Sache nichts, da manRanke D. Geſch. V. 25386Zehntes Buch. Fuͤnftes Capitel.ſie ja doch bewilligen müſſe; eine ſolche Beſchränkung des Bekenntniſſes dürfe man ſich nicht gefallen laſſen.

Andere jedoch erwiederten, dieſe ſey vielleicht ſo groß nicht, wie ſie ſcheine. Der Übertritt ganzer Capitel werde in der vorgeſchlagenen Formel nicht verboten; auch werde den Capiteln nicht aufgelegt, ſondern nur zugelaſſen, Biſchöfe, die der Confeſſion beigetreten, durch Andere, Altgläubige zu er - ſetzen. Trotz der Beſchränkung die in dem Vorbehalt liege, ſey der Friede vortheilhafter als jemals ein andrer, und man werde ihn nicht ausſchlagen dürfen.

Dieſer Meinung war vornehmlich Churfürſt A〈…〉〈…〉[g]guſt von Sachſen. Auf die Anfrage ſeiner Räthe bemerkte er zwar alle die Nachtheile die aus einer Satzung wie die vorgeſchlagene entſpringen müßten: aber er verwarf ſie nicht entſchieden, be - ſonders wenn in dem Abſchied angegeben werde, daß die Stände ſich nicht dazu vereinigt, und unter der Vorausſetzung, daß man ihm eine Gegenforderung bewillige, die er jetzt erſt zur Sprache brachte. In vielen biſchöflichen Gebieten waren nemlich Städte und Adel großentheils evangeliſch; wenn man ſie nicht in Schutz nahm, ſo ſtand zu befürchten, daß die geiſtlichen Fürſten einmal Gewalt gegen ſie brauchen möch - ten. 1 mit vorwendung, das es nicht Reichsſtete, darauf dieſer Friede allein gienge, und das wir den biſchofen kein maß zu geben. Schreiben des Churf. Auguſt an den Rath o. D., vor dem der Raͤthe vom 25 Sept.Churfürſt Auguſt forderte, daß ſie durch einen beſon - dern Artikel im Frieden die Verſicherung empfangen ſollten, bei ihrer Religion bleiben zu können.

Nach einigem Bedenken traten die übrigen evangeliſchen Stände dieſem Vorſchlage bei. Brandenburg erklärte, es387Schlußberathungen uͤber den geiſtl. Vorbehalt.halte ſich in Dingen dieſer Art gern an Sachſen, das die vornehmſten Theologen auf ſeinen Univerſitäten habe, von denen auch dieſe Sache berathſchlagt worden ſey.

Allein um ſo heftiger erhob ſich der Widerſpruch der Geiſtlichen. Sie beſtanden darauf, daß jede Obrigkeit das Recht habe, über die Religion in ihrem Lande zu verfügen. Sey den Confeſſioniſten bisher Duldung von ihnen gewährt worden, ſo ſey das durch ihren freien Willen geſchehen; viel - leicht daß es ihnen gefalle, ein ander Mal ihre alte Befug - niß zu erfriſchen und in Übung zu bringen.

Forderung und Widerrede veranlaßten eine allgemeine Aufregung. König Ferdinand ſagte, er habe ſchon geglaubt im Hafen zu ſeyn, da ſteige ihm plötzlich noch dieß neue Un - wetter mit einem Ungeſtüm auf, der alles zerrütten könne.

So viel erkannte er bei einer nochmaligen Conferenz mit den Proteſtanten, daß dieſe in den Vorbehalt auch auf die bedingte Weiſe, wie es geſchehen ſollte, nicht willigen würden, wenn man ihnen nicht dagegen auch ihr Verlangen erfülle; da die biſchöfliche Würde nun einmal der alten Re - ligion vorbehalten wurde, ſo hielten ſie es für eine Gewiſ - ſenspflicht, ihre Glaubensgenoſſen vor möglichen Gewaltſam - keiten zu ſchützen. Wollte Ferdinand den Frieden noch zu Stande bringen, ſo mußte er nicht allein ſelbſt ihnen beitre - ten, ſondern auch alle ſeinen Einfluß dazu anwenden, die Gegenpartei herbeizubringen. Er ſtellte ſeinen geiſtlichen Freunden vor, daß ohne jenes Zugeſtändniß der Friede nur ein halber Friede ſey und dem Bedürfniß nicht genüge. Da ſie doch noch Schwierigkeiten machten, eröffnete er ihnen, er werde ſie nicht von dannen gehn laſſen, bis ſie ſich mit25*388Zehntes Buch. Fuͤnftes Capitel.ihm verglichen hätten. Sein feſter Wille bewirkte zuletzt, daß ſie ſich fügten. Sie machten nur die Bedingung, daß dieſer Beſchluß nur als eine Declaration und zwar nicht in offenem Abſchied erſcheine.

Auch nachdem man ſo weit gekommen, fand ſich noch eine Schwierigkeit in der Form. In dem Abſchied ward jede einen Artikel deſſelben verändernde Erläuterung für un - ſtatthaft erklärt. Es mußte erſt eine Derogation dieſer Be - ſtimmung aufgeſetzt und von den Geiſtlichen bewilligt wer - den, und zwar mit einer Clauſel, auf welche beſonders die Proteſtanten drangen, daß eine weitere Erläuterung nicht mehr zugelaſſen werden könne. 1Saͤchſiſche Geſandte 25 Sept. Und iſt hin und wieder bedacht, von einer Clauſeln derogatoria derogatoriae; wir haben ge - ſagt es muſt ir (der Geiſtlichen) consensus auch dobei ſeyn ha - ben es endlichen Gottlob dahin bracht, das Jonas ein Clauſel ge - ſtalt, das die Geiſtlichen bewilligt, die Derogation im Religionsfrie - den ſolle dieſer Erklerung und Entſchaid nicht abbruͤchlich ſeyn.

Und nun wäre nur noch übrig geweſen, auch über die in Paſſau gegen die Reichsverwaltung in Anregung gebrach - ten Beſchwerden zu Rathe zu gehn.

Man ließ die Sache in Augsburg nicht aus der Acht. Die Entfremdung des Reichsſiegels, die hohen Taxen der kaiſerlichen Canzlei und andre Dinge kamen im Churfürſten - rath zur Sprache. Man ſchlug wohl vor, daß jeder Stand ſeine beſondern Beſchwerden aufſetzen, und die Verſamm - lung alsdann ein Verzeichniß aller dem König überreichen möge. Sollte man aber nach einem ſo großen Umſchwung der Dinge nochmals die alten Gehäſſigkeiten hervorſuchen? Sachſen urtheilte, es ſey jetzt nicht mehr ſchicklich, nachdem389Religionsfriede.das vortreffliche Werk des unbedingten Friedens zu Stande gekommen. 1Man darf alſo mit nichten ſchließen, wie Bucholtz VII, 218, daß die Gravamina etwa ein bloßer Vorwand geweſen ſeyen. Ha - ben bedacht, ſagen die ſaͤchſiſchen Geſandten, das die Gravamina eines theils alſo geſchaffen das ſie zu erledigen zugeſagt, etzliche durch dieſen Reichsabſchied, wan er erfolgt, erledigt werden, die uͤbrigen ge - heſſig, und ſich itziger zeit zu erhaltung gelimpfs in einem ſolchen fuͤr - ſtehenden fuͤrtrefflichen werk des unbedingten Friedens ein Ding alſo wie zu Paſſau zu ſuchen, ſich vielleicht nicht ſchicken mocht Aus dem Berichte der brandenburgiſchen Geſandten ergiebt ſich aber daß dieſe damit ſchlecht zufrieden waren.Von allen Erinnerungen ward nur die Eine beliebt, daß nach der Zuſage des Kaiſers ein mit Deut - ſchen beſetzter Hofrath mit einem deutſchen Präſidenten er - richtet werden möge.

So kam es am 25ſten September 1555 zum Reichs - abſchied von Augsburg.

Man wird eingeſtehn müſſen, daß die Beſtimmungen über den geiſtlichen Vorbehalt und die religiöſe Autonomie biſchöflicher Unterthanen künftige Zwiſtigkeiten wohl befürch - ten ließen; indeß man konnte nun einmal nicht weiter kom - men. Dieſe Beſtimmungen drückten ungefähr das Verhält - niß der Macht aus, welches ſich damals in den beiden Par - teien entwickelt hatte: ſie waren mehr eine Auskunft für den Augenblick als ein Geſetz für alle Folgezeit.

Dagegen enthielt der Friede übrigens abſchließende Feſt - ſetzungen von höchſtem Werthe.

Wie wir öfter bemerkt, der Proteſtantismus iſt nicht bekehrender Natur. Er wird ſich jedes Beitritts, der aus Überzeugung entſpringt, als eines Fortganges ſeiner guten Sache freuen: ſonſt aber ſchon zufrieden ſeyn, wenn ihm390Zehntes Buch. Fuͤnftes Capitel.nur ſelber verſtattet iſt, ſich ungeirrt von fremder Einwir - kung zu entwickeln. Dieß war es wonach die evangeliſchen Fürſten vom erſten Augenblick an ſtrebten. Unaufhörlich aber hatte man es ihnen ſtreitig gemacht, und die gefährlichſten, allen Beſitz umwälzenden Kriege hatten ſie darüber beſtan - den. Jetzt endlich gelangten ſie zum Ziel: es ward ihnen ein unbedingter Friede gewährt. 1Unter andern legte Koͤnig Ferdinand bei ſeinen andern Ver - weigerungen darauf den groͤßten Werth: ſo theten auch die vorigen Abſchied nichts, denn ſie weren temporal, dieſer aber ewig. (9 Spt.)

Es mag nur wie ein leichtes Wort erſcheinen, wenn es heißt: der Friede ſolle beſtehn, möge die Vergleichung er - folgen oder nicht; aber darin liegt die Summe der Dinge, die große Änderung der Verfaſſung.

Fortan war nicht mehr ſo viel daran gelegen, ob ein päpſtliches Concilium die Proteſtanten verdammte oder nicht: kein Kaiſer, keine Partei in den Reichsſtänden konnte ferner daran denken, die conciliaren Decrete mit Gewalt gegen ſie auszuführen und Grund davon hernehmen ſie zu erdrücken.

Auch waren es nicht einzelne Meinungen die man dul - dete, wozu Carl V ſich wohl entſchloſſen hätte, es war ein ganzes Syſtem der Lehre und des Lebens, das zu eigener ſelbſtändiger Entwickelung gedieh.

Was Luther in dem erſten Moment ſeines Abfalls, bei dem Colloquium von Leipzig in Anſpruch genommen, Unab - hängigkeit von den Glaubensentſcheidungen wie des Papſtes ſo auch der Concilien, das war nunmehr durchgeſetzt.

Die Vergleichung in der Religion, die man noch in Ausſicht ſtellte, und wohl auch verſuchte, hatte zwar noch im -391Religionsfriede.mer ein großes deutſches Intereſſe, minder ein allgemeines: man möchte ſagen: für die Welt war es wichtiger, daß ſich die geſetzliche Trennung erhielt, die allein eine freie Be - wegung nach dem nun einmal feſtgeſtellten Prinzip mög - lich machte.

Und dabei hatten ſich die Reichsordnungen nach der im 15ten Jahrhundert angebahnten Tendenz erſt eigentlich feſtgeſetzt.

Die Feindſeligkeiten des Kammergerichts waren nicht allein beſeitigt, ſondern dieſer Gerichtshof hatte durch den Antheil der den Proteſtanten daran zu nehmen geſtattet ward, nunmehr erſt die ſtändiſche Verfaſſung wahrhaft erlangt, welche urſprünglich beabſichtigt worden. Daß auch die re - ligiöſe Abweichung Niemand davon ausſchließen ſollte, darin lag die volle Durchführung des urſprünglichen auf gleichen Antheil Aller zielenden Gedankens. Die Kammergerichts - ordnung von 1555 iſt immer als ein Reichsgrundgeſetz be - trachtet worden; im weſtphäliſchen Frieden hat man ſich dar - auf bezogen: ſpäter iſt nur der Entwurf einer Veränderung zu Stande gekommen.

Zugleich hatte man doch eine gewiſſe Einheit erreicht, eine Verfaſſung zum Widerſtand gegen innere und äußere Feinde gegründet, die wenigſtens alle Diejenigen wirklich ge - ſichert hat, die ſich ihr angeſchloſſen. Daß auch dieſe Ein - richtung großentheils ſtändiſcher Natur war, gehörte zu dem Ganzen der neuen Ordnung der Dinge.

Wie ganz anders nunmehr, als zu jenen Zeiten wo die Reichstage ſich unter dem Vorſitz päpſtlicher Legaten verſammelten, und die einſeitigen Berechtigungen des geiſt -392Zehntes Buch. Fuͤnftes Capitel.lichen und des weltlichen Oberherrn nichts als Verwirrung veranlaßten.

Noch beſtanden aber die beiden Gewalten, von welchen man ſich losriß. Noch lebte der Kaiſer, und war in der Nähe, der den Einrichtungen einen ganz andern, dynaſti - ſchen und religiöſen Character zu geben geſucht hatte. Noch hielt das Papſtthum alle ſeine Anſprüche feſt, und war mäch - tig genug um ſie nicht in Vergeſſenheit gerathen zu laſſen. Wir haben zu betrachten welches Verhältniß ſich in dieſem Augenblicke zu beiden bildete.

[393]

Sechstes Capitel. Abdankung Carls V.

Die Aufmerkſamkeit des Kaiſers war in den letzten Jah - ren zwar von Deutſchland nicht abgewendet, aber doch bei weitem mehr auf England gerichtet, wo ein Ereigniß eintrat, das alle alte Tendenzen ſeiner Politik nach dieſer Seite hin noch einmal belebte.

Eduard VI, unter dem die weltlichen und geiſtlichen Angelegenheiten von England einen ihm ſo widerwärtigen Gang genommen, ſtarb im Juli 1553; nach kurzem Wider - ſtreben einer von der Bevölkerung, namentlich auch der pro - teſtantiſchen, nicht unterſtützten Partei beſtieg die Tochter Hein - richs VIII von ſeiner katholiſchen Gemahlin, Maria, Ge - ſchwiſterkind mit dem Kaiſer, den engliſchen Thron.

Das gute Verhältniß das ſich hierauf ſogleich bildete, genügte jedoch dem Kaiſer noch nicht: er wollte es nicht dabei laſſen, daß England in dem Kriege zwiſchen ihm und dem König von Frankreich nur neutral ſeyn ſollte: die Zeit ſchien ihm gekommen, wo der Gedanke Ferdinand des Ka - tholiſchen, eine immerwährende Verbindung zwiſchen Spa - nien, England und den Niederlanden zu Stande zu bringen,394Zehntes Buch. Sechstes Capitel.noch beſſer ausgeführt werden könne als dieſer es vermocht: er bot der neuen Königin, mit der er einſt ſelbſt verlobt ge - weſen, die Hand ſeines Sohnes an, des Prinzen Philipp von Spanien, deſſen erſte Gemahlin vor ein paar Jahren geſtorben war. Der römiſche König brachte einen ſeiner Söhne in Vorſchlag; man wird ſich aber nicht wundern, daß der Kaiſer darauf nicht eingieng. Kam es darauf an, die antifranzöſiſche und zugleich katholiſche Politik des weſt - lichen Europa zu conſolidiren, ſo war hiezu der künftige Be - herrſcher Spaniens und der Niederlande bei weitem geeig - neter als ein machtloſer Erzherzog. Es war die Zeit, in welcher Churfürſt Moritz in der Schlacht blieb und die fran - zöſiſchen Angriffe Widerſtand zu finden anfiengen. Carl V glaubte den Glücksſtern noch einmal aufgehn zu ſehen, un - ter welchem ſeine früheren Unternehmungen gelungen waren; noch einmal ſtiegen ſeine weltumfaſſenden dynaſtiſchen Ge - danken ihm auf.

Es iſt bemerkenswerth, daß die eifrigſten Geiſtlichen der alten Kirche, ſo gut katholiſch Philipp II auch war, dieſe Ver - mählung nicht unbedingt guthießen. Ihrem Enthuſiasmus hätte es beſſer entſprochen, wenn eine jungfräuliche Köni - gin ihre Sache ergriffen, das Schisma abgeſchafft, die alten Gebräuche und Lehren wiederhergeſtellt hätte. Sie ſagten ihr wohl ſelbſt, die Sorge für die Succeſſion an der Krone möge ſie Gott überlaſſen, der ſie ſo wunderbar erhoben. Der römiſche Hof aber billigte die Verbindung. Papſt Julius erklärte, einen Gemahl müſſe die Königin haben, der ihr die vielen Feindſeligkeiten, von denen ſie bedroht werde, beſtehn helfe; mit einem Eingebornen dürfe ſie ſich jedoch nicht ver -395Verbindung des Kaiſers mit England.mählen, denn ein ſolcher würde, um ſich zu halten, den an - dern Großen zu viel Zugeſtändniſſe machen müſſen; nur ein Prinz von ſo großer und ſo naher eigener Macht, wie - nig Philipp, werde ſie gegen äußere und innere Feinde ver - theidigen können und durch ſein Anſehen die Wiedervereini - gung des Reiches mit der Kirche befördern. 1Morone al Cardl Polo 21 Dec. 1551. S. S per lo con - trario confida in dio che il principe di Spagna, essendo catolico nato e nutrito et avendo la potenza sua vicina di Spagna e di Fiandra, possa con maggior autorità introdurre l’umore alla chiesa e difendere la regina dalli nemici interni et esterni. (MS Corsin.) Und die Haupt - ſache: Maria ſelbſt, obgleich um vieles älter, gab einen ganz unwiderſtehlichen Drang kund, ſich mit Philipp zu vermäh - len. Sie hörte ſo viel von ihm, daß ſie ihn liebte, ehe ſie ihn geſehen hatte. Auch ſchien es ihr ehrenvoll, daß ſich eben der reichſte und mächtigſte Prinz, den es in der damali - gen Welt gab, um ihre Hand bemühte: das religiöſe Mo - tiv rechtfertigte die übrigen, genug: ſie willigte ein.

Im März 1554 kam der Ehetractat zu Stande, durch welchen eine ganz neue Ausſicht für die Zukunft eröffnet ward. Der älteſte Sohn aus dieſer Ehe ſollte dermaleinſt England und die ſämmtlichen burgundiſchen Erblande ver - einigen. Neben der ſpaniſchen und der deutſchen wäre noch eine dritte, eine engliſche Linie des Hauſes Öſtreich entſtanden.

Aber auch für die nächſte Zeit hatte der Tractat viele Bedeutung. Philipp erhielt den Titel eines Königs von Eng - land, und die Befugniß an der Verwaltung des Landes Theil zu nehmen.

Und das muß man zugeſtehn, daß Philipp, der nun nach England kam, am Tage des heiligen Jacob, des396Zehntes Buch. Sechstes Capitel.Apoſtels von Spanien, am 25ſten Juli, ward die Vermäh - lung vollzogen, ſich in ſeinem neuen Verhältniß mit vie - ler Klugheit betragen hat. Keinen Eingriff, noch viel we - niger irgend eine Gewaltſamkeit, wie allgemein gefürchtet ward, ließ er ſich zu Schulden kommen. Vielmehr machte er wohl manche Rechte die ihm zuſtanden, beſonders in Be - zug auf ſein Einkommen, nicht geltend. Es war für ihn eine Ehrenſache, nichts von England zu brauchen, eher etwas zu geben als zu nehmen. Seine ganze Hofhaltung beſtritt er mit ſpaniſchem und niederländiſchem Geld:1Micheli Relne d’Inghilterra 1556. Troppo ben conoscendo il stato e l’impotenza della regina si è sempre fatto le spese e nelle cose minime a lui e tutti li suoi con quello che di Spagna e di Fiandra li era provisto, havendo per questa via dato un tant utile al regno che già molti anni non ha ricevuto, facendo conto per quello può havere speso lui e li suoi insieme con gli altri forastieri ricapitati per rispetto suo in poco piu d’un anno habbia importato meglio d’un milion d’oro tutto rimaso nell’isola. in langer Reihe ſah man Wagen und Saumroſſe mit ſeinen Schätzen bela - den durch die Straßen der Hauptſtadt nach dem Tower zie - hen. Er nahm Engländer in ſeinen Dienſt, belohnte Die - jenigen welche der Königin beſondere Treue bewieſen, ſagte Penſionen zu und ließ ſie richtig auszahlen. Da die Königin ſehr bald in allem Ernſte glaubte, guter Hofnung zu ſeyn, ſo gewann Philipp, dem in den Ehepacten für den Fall des Ablebens ſeiner Gemahlin die Vormundſchaft über den Thronerben verſichert worden, von Tag zu Tag einen grö - ßern Einfluß.

Es leidet keinen Zweifel, daß ſeine Anweſenheit zur Herſtellung des Katholicismus in England mächtig beige - tragen hat.

397Verbindung des Kaiſers mit England.

Schon war eine ſtarke Richtung dahin vorhanden, die wohl auch daher rührte, daß die ſo eifrig proteſtantiſch ge - ſinnten Häupter der vorigen Regierung nach dem Ableben Eduards zu weit gegriffen, das Prinzip der einmal feſtge - ſtellten Thronfolge verletzt, und einen Weg eingeſchlagen hat - ten, der wirklich zur Erneuerung der Bürgerkriege hätte füh - ren können. Unmittelbar nach der Krönung der Königin ver - ſammelte ſich ein Parlament, das faſt wie jene welche wäh - rend der Bürgerkriege von den jedesmaligen Siegern ver - ſammelt worden, zu Beſchlüſſen ſchritt die den frühern ge - radezu entgegengeſetzt waren. Zunächſt hielt man noch an der von Heinrich VIII gegründeten Vereinigung geiſtlicher und weltlicher Macht feſt, kehrte aber zu der von dieſem König eingeführten Religionsform zurück und widerrief die unter Eduard VI angenommenen Statuten. Natürlich ge - ſchah das nicht ohne großen Widerſpruch, wie die Königin ſelbſt ſagt, nicht ohne heftige Disputation und eifrige Ar - beit der Getreuen ;1Non sine contentionc, disputatione acri et summo labore fidelium. Schreiben an Poole 15 Nov. 1553. (MS Corsin.) aber es geſchah. Nach einiger Zeit konnte man den Gedanken faſſen, zu einer noch größern Un - ternehmung zu ſchreiten. Im November des Jahres 1554 ſollte auch die Religionsform Heinrichs VIII aufgehoben und der Gehorſam gegen die römiſche Kirche überhaupt her - geſtellt werden. Ich finde, daß der Kaiſer über die Art und Weiſe dieß zu bewirken zu Rathe gezogen ward.2Am 4ten November ſchreibt der florentiniſche Geſandte: Il luogotenente d’Amone se ne tornò gia cinque giorni sono in In - ghilterra con la mente di Cesare circa quello che S. Mà desi - dera che si tratti nel futuro parlamento. Per li ravvisi della re - Auf398Zehntes Buch. Sechstes Capitel.ſeine Erinnerung trug man Sorge, den hohen Adel über die Beſorgniß zu beruhigen, daß die von ihm in Beſitz ge - nommenen geiſtlichen Güter zurückgefordert werden könnten. Und ſo ſtark wuchs nun die katholiſche Meinung unter dem Einfluß des Hofes und der vorwaltenden Stimmung des Augenblicks an, daß ſich das Parlament wirklich entſchloß, und zwar beinahe einmüthig, die Begründung einer engli - ſchen Kirche, auch ſo weit ſie unter Heinreich VIII gedie - hen, aufzugeben und unter den Gehorſam des Papſtes zu - rückzukehren.

Auf den Kaiſer machte es einen großen Eindruck, daß dieſe Rückkehr eines Königreichs in den Schooß der alten Kirche mit der Ausſicht zuſammentraf, ein Geſchlecht katho - liſcher Könige, ſein eignes Geſchlecht, in demſelben fortge - pflanzt zu ſehen. Er ſagte wohl, wenn er ſchon halb todt ſey, würden ihn Nachrichten dieſer Art wieder ins Leben zu - rückrufen. Er ſah darin eine unmittelbare Fügung des Him - mels, und gab zu vernehmen, ſein Sohn ſey noch zu großen Dingen beſtimmt, für England und für die Chriſtenheit. 1Schreiben Pagets vom 13 Nov., Maſons vom 25 Decem - ber 1554. He trusted, God had ordained him (Philip) to done some good to the whole estate of Christendom and to that realm. Tytler II, 465.

Wäre der Thronerbe geboren worden, den man in öf - fentlichen Gebeten von Gott gleichſam forderte, mit beinahe frevelhaft-ſtürmiſcher Überzeugtheit daß das Heil der Welt darauf beruhe, und einer unglaublich ſichern Erwartung, ſo2ligione, facendo però prima un decreto, che non si possa trattar in modo alcuno di spogliar di beni ecclesiastici quelli che al d’oggi ne son possessori, il numero de’quali interessati ascende a piu di 40000 persone. 399Verbindung des Kaiſers mit England.würde Philipp wirklich in England Fuß gefaßt, alle neuen Einrichtungen würden Feſtigkeit gewonnen haben.

So wunderbar iſt in der Verfaſſung der europäiſchen Staaten die Verflechtung des Perſönlichen und des Allge - meinen, daß es wie eine Art von Weltbegebenheit erſchien, als das nicht geſchah, ſondern die Meinung der Königin über ihren Zuſtand ſich endlich als ein Irrthum auswies.

Man fühlte ſogleich, daß ſich dann die von ihr unter - nommene Herſtellung nicht über ihren Tod hinaus erhalten würde. Durch eine Combination günſtiger Umſtände war ſie zu Stande gebracht worden: mit denſelben mußte ſie ver - ſchwinden. Zu tief war bereits die evangeliſche Lehre in die Gemüther gedrungen. Man ſah es bei den blutigen Ver - folgungen welche Maria verhieng und mit denen ſie ihren Namen zum Abſcheu der ſpäteren Geſchlechter gemacht hat. Sie brachte damit nur Märtyrer hervor, deren erhabene Standhaftigkeit an die erſten Zeiten des Chriſtenthums er - innerte und auf die Maſſe ſtärker wirkte, als die Predigten jemals hätten wirken können, die man damit abzuſtellen ge - dachte. Auch waren die evangeliſchen Lehren ſchon viel zu weit verbreitet: der venezianiſche Geſandte will verſichern, daß es unter den jüngern Männern, von weniger als 35 Jah - ren, vielleicht nicht einen Einzigen von rein katholiſcher Farbe mehr gebe. Und wie hätte Philipp auch nur hoffen dürfen, ſich alsdann perſönlich dort zu halten? Man hatte ſich wohl gehütet, ihm irgend ein von dem Leben ſeiner Gemahlin oder dem Daſeyn eines Erben unabhängiges Recht zu gewäh - ren, und war jetzt weit entfernt, ihm die Krönung, die er wünſchte, zu bewilligen. Vielmehr gährte in der Tiefe der400Zehntes Buch. Sechstes Capitel.ganze nationale Widerwille, der ſeiner Ankunft vorausgegan - gen,1Micheli: Nell intrinseco gli animi sono piu che mai al - terati, ma non ardiscono di mostrarsi, per la paura che hanno della perdita della vita e delli beni. deſſen Ausbruch zu verhüten ſo viel Vorſicht nöthig geweſen; auch ſein Name war durch die blutigen Executio - nen befleckt, als deren Beförderer er galt. Und dazu kam daß die Staatsverwaltung, die freilich ſeit 20 Jahren haupt - ſächlich auf die geiſtlichen Einkünfte angewieſen war, jetzt da dieſe wegfielen, wie denn die Königin ihr Gewiſſen nur durch Zurückgabe aller der Krone zugefallenen Kirchengüter beruhigen zu können meinte, aus dem regelmäßigen Gange wich, drückende Maaßregeln ergriffen, Schulden gemacht, und dann doch die nöthigſten Zahlungen nicht geleiſtet wurden. Es trat ein Zuſtand ein, wo man nur noch in der Voraus - ſetzung gehorcht, die beſtehende Regierung werde doch nicht lange dauern: wozu hier die ſchlechte Geſundheit Marias al - len Anlaß gab. Aller Augen richteten ſich bereits auf die nächſte Nachfolgerin, die Tochter Heinrichs von Anna Bo - len, Mylady Eliſabeth. Welch ein Jubel empfieng ſie, wenn ſie während der Verfolgungen, die auch ſie ihres Theils er - lebte, in den Straßen von London erſchien, noch in der Blüthe der Jugend, aber angegriffen, bleich, geiſtvoll und ſtolz. Bald boten ihr die Mitglieder der vornehmſten Häuſer wetteifernd ihre Dienſte an; ſie konnte als die Königin der Zukunft angeſehen werden. 2Micheli: non è alcuno del regno, cavaliere signore, che non abbia procurato e procuri tuttavia o entrare nel suo ser - vitio o di metterle qualche suo figlivolo o fratello; tale è l’affet - tion e l’amore che gli vien portato. Aus den Depeſchen von Noail -

401Verbindung des Kaiſers mit England.

Obwohl Maria noch ein paar Jahr lebte, ſo mußte doch die Abſicht, in welcher der Kaiſer ſie mit ſeinem Sohne vermählt, ſchon im Sommer 1555 als geſcheitert betrachtet werden. Man erzählt, er ſey gewarnt geweſen;1Goſelini 201: Gonzaga habe erinnert dovere, a giudizio suo, la corona di Spagna far poco fundamento dell’Inghilterra pendente dal debil filo di una donna non giovane non sana non fertile. aber dieſe religiös-dynaſtiſchen Combinationen waren ſtärker als ſeine ſonſt in Berechnungen geübte Klugheit und Vorausſicht: ſie riſſen ihn mit ſich fort.

Sehr begreiflich iſt die Ungeduld, mit der er die Nach - richt von der Niederkunft der Königin Maria erwartete: er hat den engliſchen Geſandten einſt früh um fünf Uhr an ſein Bett kommen laſſen, um ihn wegen eines darüber verbrei - teten Gerüchtes zu fragen; nur ungern und langſam überzeugte er ſich von der Nichtigkeit ihres Vorgebens.

Hätten die Dinge in England ſich befeſtigt, wäre dann, worüber von London aus eifrig unterhandelt ward, ein Friede mit Frankreich zu Stande gekommen, ſo möchte der Kaiſer wohl auch auf der Prorogation des deutſchen Reichstags beſtanden und der Conceſſion des Religionsfriedens ernſten Widerſpruch entgegengeſetzt haben.

Statt der Erſtarkung des Prinzipes der alten Kirche aber, die man erwartete, brach in der Mitte derſelben noch einmal ein neuer Zwieſpalt aus.

Im Mai 1555 beſtieg ein Mann den römiſchen Stuhl, den der Kaiſer von jeher als ſeinen perſönlichen Feind be -2les (V.) ſieht man wie viel Muͤhe es im Anfang des Jahres 1556 den Franzoſen machte, die Anhaͤnger der Eliſabeth von einer gewalt - ſamen Machination abzuhalten.Ranke D. Geſch. V. 26402Zehntes Buch. Sechstes Capitel.trachten müſſen, Johann Peter Caraffa, Paul IV, der nun weit entfernt, ſich dem Kaiſer anzuſchließen, wie Ju - lius III, oder auch nur, wie Paul III, mit ſeinen Feindſe - ligkeiten an ſich zu halten, ganz offen damit hervortrat, bei der erſten Gelegenheit die Anhänger des Kaiſers verfolgte, und nach wenigen Monaten ſchon ſo weit war, daß er ei - nen ſeiner Vaſallen aufforderte, ſeine Truppen fertig zu hal - ten, um die Bewegungen der Kaiſerlichen zu unterdrücken. Der alte Hader zwiſchen Kaiſerthum und Papſtthum brach nochmals aus. Wenn es dem kaiſerlich-toſcaniſchen Heer unter dem Marcheſe von Marignano um dieſe Zeit gelang Siena wieder zu erobern, Stadt und Gebiet, auch Porter - cole (April bis Juni), und ſpaniſch-deutſche Beſatzungen daſelbſt einzuführen, ſo gewannen dagegen die Franzoſen an einem Papſt, der ihre alten Abſichten auf Neapel offen begünſtigte, und um den ſich alle Mißvergnügten aus den italieniſchen Ländern des Kaiſers ſammelten, einen ſtärkeren Rückhalt, als ſie ſeit vielen Jahren gehabt. Man mußte ſich auf einen Krieg gefaßt machen, der das ganze Syſtem der ſpaniſchen Herrſchaft in Italien, das in Folge der letz - ten Kriege aufgerichtet worden, noch einmal in Frage ſtel - len, und vielleicht ein entgegengeſetztes, das der franzöſiſchen Übermacht, herbeiführen konnte.

Bei dieſen Ausſichten neuer und allgemeiner Gefahren fühlte man zuerſt, daß die in der letzten Zeit eingetretene Re - gierungsweiſe der kaiſerlichen Gebiete nicht mehr haltbar war.

Die Vermählung ſeines Sohnes mit Königin Maria hatte der Kaiſer dadurch gefeiert, daß er denſelben ſeiner Ge - mahlin auch an Rang gleichſtellte und ihm das Königreich403Uͤbertragung der italien. Laͤnder an Philipp.Neapel übertrug, und zwar nicht allein dem Titel nach: gleich darauf ward es im Namen Philipps mit allen bei einem Thronwechſel herkömmlichen Formen in Beſitz genommen. 1Informatione di quanto è passato tra il Cle di Parecho ed il marchese di Pescara nel pigliar il possesso del regno di Napoli, und Ragguaglio del possesso preso, Inf. pol. XII. Auch Mailand übertrug er ihm, und belehnte ihn mit Siena, ehe dieß noch erobert war. Hatte er ihn nicht zu ſeinem Nachfolger im Kaiſerthum machen können, ſo überließ er ihm wenigſtens dieſe italieniſchen Länder, an die ihm frei - lich kein anderer Rechtstitel zuſtand als die alte Oberherrlich - keit der Kaiſer darüber. Dieſe Übertragung iſt der Act, durch welchen dieſe Länder ihren alten Zuſammenhang mit dem Reiche, das dabei in keiner Weiſe zu Rathe gezogen ward, vollends verloren haben. Damals war damit noch eine innere Regierungsveränderung verknüpft. Die bisherigen Repräſen - tanten des Kaiſers in Italien konnten ſich nicht mehr halten. Don Diego Mendoza, dem wir erſt in Flandern, dann in England begegnen, begab ſich nach Spanien. Ferrante Gon - zaga ward nach den Niederlanden berufen und dort einer ſtrengen Unterſuchung ſeines Verhaltens unterworfen, die zwar mit perſönlicher Freiſprechung, aber doch nicht mit Herſtellung in ſein Amt ſich endigte. Im Juni 1555 er - ſchien der Herzog von Alba als Generalvicar Philipps II in Italien; die toledaniſche Partei, der auch der Herzog von Florenz angehörte, behielt unter dem Einfluß des neuen Für - ſten zunächſt den Platz. Und auch hiebei konnte es ſein Ver - bleiben nicht haben. Lange Zeit brachte man auch nach der Übertragung alle Geſchäfte die ſich auf Italien bezogen, zu -26*404Zehntes Buch. Sechstes Capitel.nächſt an den kaiſerlichen Hof. Erſt nachdem hier Bera - thung darüber gepflogen und vorläufig Beſchluß gefaßt war, wurden ſie dem königlichen Hofe zu London mitgetheilt. Da - durch entſtand nun nicht allein eine neue, ſehr unzuträgliche Verzögerung, ſondern bald gaben ſich auch Meinungsver - ſchiedenheiten der Miniſter und der Höfe kund. Was wir hier dieſſeit machen, heißt es in einem Schreiben vom Hofe Philipps, wird von Euch da drüben verdorben, und von uns, was Ihr macht. 1Mitgetheilt in den Dispacci fiorentini. Nachdem Mendoza und Gonzaga gefallen, konnte ſich auch Granvella, ja ſelbſt Königin Ma - ria, welche bisher die Regierung in der Nähe des Kaiſers ungefähr in demſelben Sinne geleitet wie jene in Italien, nicht länger in ihrer Autorität behaupten. Das neue Sy - ſtem das Philipp gründete, trieb das alte mit Nothwendig - keit aus ſeiner Stelle.

Da ereignete ſich nun, daß Donna Juana, die Mut - ter des Kaiſers, deren Name, mit dem ihres Sohnes vereinigt, noch immer an der Spitze aller königlichen Er - laſſe ſtand, nach einem beſonders heftigen Ausbruch ihres Wahnſinns endlich verſtarb. Um das hierüber erforder - lich Werdende vorzukehren, und den Spaniern die Genug - thuung zu geben, die ſie in der Anweſenheit eines Fürſten aus dem regierenden Hauſe von jeher erblickten, ſchien es nöthig, daß entweder Carl ſelbſt oder Philipp nach Spa - nien gienge.

Eine Zeitlang ſchwankten die Meinungen in Brüſſel, wel - cher von Beiden dieſe Reiſe unternehmen würde: ein ernſt - licher Zweifel konnte aber wohl niemals obwalten.

405Abdankung des Kaiſers. (Niederlande.)

Dem Kaiſer hatten ſeine Ärzte längſt gerathen, ſich nach einem wärmeren Himmelsſtrich, in reinere Luft zurückzuziehen. Den jungen König würde dagegen eine Entfernung vom Mit - telpunct der Geſchäfte, an denen er kaum Antheil zu nehmen begonnen hatte, um allen Einfluß darauf und auch um ſein Anſehen in Europa gebracht haben: die Gegner des Hau - ſes wünſchten nichts Beſſeres. Wenn ſich aber der Kaiſer entfernte und Philipp in den Niederlanden blieb, wie er denn daſelbſt im September 1555 erſchien, ſo war nichts na - türlicher als daß die Regierung auch dieſer Lande wie der italieniſchen an ihn übergieng. Die bisherige Verwaltung hätte ohnehin neben ſeinen Miniſtern keinen Augenblick be - ſtehn können.

Noch im Laufe des September wurden die Ritter des goldnen Vließes und die Stände der niederländiſchen Pro - vinzen eingeladen, auf den beſtimmten Tag des folgenden Monats in Brüſſel zu erſcheinen, um den König Philipp als ihren Herrn und Fürſten zu empfangen. 1Le Prince à la Princesse d’Orange 28 Spt. Bei Groͤn v. Prinſterer Archives de la maison d’Orange Nassau I, p. 17.

Am 21ſten October 1555 begann der feierliche Act der Abdication in der Verſammlung der Ritter des goldenen Vließes. Der Kaiſer zeigte ſich weder kirchlich noch poli - tiſch ſehr friedfertig geſtimmt. Er eröffnete dem Capitel, daß er dem König Heinrich II von Frankreich den Michaelsorden zurückzuſchicken gedenke, nicht allein wegen der andauernden Feindſeligkeit die ihm derſelbe beweiſe, ſondern auch weil er Ketzer und Verräther in denſelben aufgenommen. Die Frage ward erhoben, ob Churfürſt Friedrich von der Pfalz, der406Zehntes Buch. Sechstes Capitel.des Lutherthums verdächtig ſey, noch ferner zu dem Capitel berufen werden könne. Die Hauptſache aber war, daß der Kaiſer den Verſammelten ſeine Abſicht ankündigte, wie die Regierung der dieſſeitigen Länder ſammt Burgund, ſo auch die Würde eines Hauptes und Souveräns des Ordens vom goldnen Vließ, die an dieſelbe ſich knüpfe, auf ſeinen Sohn den König von England zu übertragen. Philipp trat ei - nen Augenblick ab, während deſſen die Ritter ſich beſprachen. Man kann denken, daß ſich keine Stimme gegen den Vor - ſchlag erhob, doch ſollte keine Form unbeobachtet bleiben. Als Philipp wieder eintrat, ward er als der neue Souverän des Ordens beglückwünſcht, und man faßte den Beſchluß, demgemäß deſſen Siegel zu verändern. 1Reiffenberg Histoire de l’ordre de la toison d’or p. 441.

Hierauf, am 25ſten, verſammelten ſich die Mitglieder der Stände, die von den verſchiedenen Landſchaften hiezu mit den nöthigen Vollmachten verſehen worden, im kaiſer - lichen Pallaſt. Es war derſelbe Saal, in welchem Carl vor vierzig Jahren für mündig erklärt worden, und die Re - gierung dieſer Lande übernommen hatte. Dazwiſchen lag ſein ganzes mit dem Kampfe aller lebendigen Elemente der Welt erfülltes Leben. Nachdem einer der Räthe die Propo - ſition der Abdankung vorgetragen, ergriff der Kaiſer ſelbſt das Wort. Er ließ vor ſeinem Geiſte vorübergehn, was ihn perſönlich ſeit jenem Anfang betroffen: wie der Gedanke ſeiner Jugend, das Gebiet der Chriſtenheit gegen den Erb - feind auszubreiten, durch den Widerſtand politiſchen und re - ligiöſen Urſprungs, der ſich ihm von allen Seiten erhoben,407Abdankung des Kaiſers. (Niederlande.) unausführbar geworden ſey; wie ſchwer es ihm gefallen, ſelbſt nur dieſe nächſten Feindſeligkeiten zu beſtehn; welche Reiſen und Feldzüge er dazu unternehmen müſſen, nach dem obern Deutſchland, nach Italien, Frankreich, Spanien, Africa, wie oft er das Mittelmeer und den Ocean durchſchifft habe: aber noch ſehe er ſich in gefährliche und heftige Kriege ver - wickelt; er habe gethan was er gekonnt, ſeine Kraft ſey er - ſchöpft: er würde eine ſchwere Verantwortung vor Gott auf ſich laden, wenn er nicht die Regierung dem kräftigeren Manne, ſeinem Sohne überlaſſe, den er ihnen hiemit als ihren Herrn vorſtelle. Sein Sinn war noch nicht, demſel - ben Alles abzutreten, er wollte ihm nur die Niederlande ein - räumen. Allein es lag etwas in ſeiner Rede, als lege er zugleich die ganze Regierung ſeines Reiches, die Aufgabe den Gedanken derſelben zu realiſiren, in Philipps Hände nieder. Indem er bekannte, ihm ſelber mit aller ſeiner Macht und aller Anſtrengung ſey es nicht gelungen, ermahnte er noch ſeinen Sohn und die Stände, an dem oberſten Grundſatz wenigſtens feſtzuhalten, von der alten Religion nicht abzu - weichen. Er lehnte ſich, indem er ſprach, mit ſeinem linken Arm auf die Schultern des Prinzen Wilhelm von Oranien, den rechten hatte er auf einen Stab geſtützt. Ein Moment voll Schickſal und Zukunft! Die Anweſenden wurden von dem Gefühl ergriffen, das ſich beim Anblick der Vergäng - lichkeit menſchlicher Größe und des irdiſchen Daſeyns der Gemüther unwiderſtehlich bemächtigt; auch dem Kaiſer ſel - ber ſtiegen die Thränen auf. Nicht das etwa, fügte er noch hinzu, thue ihm Leid, daß er die Herrſchaft aufgebe, ſondern es ſchmerze ihn, daß er das Vaterland, worin er408Zehntes Buch. Sechstes Capitel.geboren worden, und ſo viele ergebene Vaſallen verlaſſen müſſe; der Tod ſeiner Mutter rufe ihn nach Spanien. 1Die letzte Wendung berichtet der florentiniſche Geſandte. Uͤber die Rede des Kaiſers giebt es uͤberhaupt verſchiedene Verſionen, doch ſtimmen ſie in allem Weſentlichen uͤberein. Eine der merkwuͤrdigſten iſt die des Pontus Heuterus XIV, ii. Er begeht allerdings den Feh - ler, den faſt alle Geſchichtſchreiber theilen, daß er die Verhandlung mit den Rittern v. g. Vl. auch auf den 25ſten ſetzt. Das kann aber ſeine Glaubwuͤrdigkeit, namentlich uͤber die Aͤußerlichkeiten, nicht ſchwaͤ - chen, da er ſelbſt, 20 Jahr alt, der Verſammlung beiwohnte.

Auch Königin Maria legte in dieſer Verſammlung das Amt einer Regentin nieder. Den andern Tag leiſteten die Stände dem neuen Fürſten den Eid der Treue.

Sogleich aber mußte ſich das begonnene Ereigniß noch einen Schritt weiter zu ſeiner letzten Vollendung entwickeln.

Da widrige Winde und ein Krankheitsanfall den Kai - ſer an ſofortiger Abreiſe verhinderten, ſo wurden die wich - tigſten Sachen, auch wenn ſie z. B. Italien betrafen, wie denn der florentiniſche Geſandte den Auftrag hatte den Kai - ſer von allem in Kenntniß zu ſetzen, nach wie vor an ihn gebracht. Er wies ſie nicht von ſich; da er aber nicht ge - ſund genug war ſie zu erledigen, und nur die Antipathien und Reibungen der beiderſeitigen Miniſter darüber erwach - ten, ſo führte dieß zu einer Criſis, aus der die vollſtändige Abdankung hervorgieng.

An ſich leuchtet ein, daß bei den engen Beziehungen die ſich zwiſchen den Ländern des Kaiſers gebildet, eine Trennung derſelben in zwei verſchiedene Adminiſtrationen die größten Schwierigkeiten darbot. Ganz unüberſteiglich zeigten ſie ſich in einem Augenblicke, wo ein neuer großer Krieg bevorſtand. Gegen Ende des Jahres liefen Nachrichten von einem zwi - ſchen Paul IV, dem König von Frankreich und dem Her -409Abdankung des Kaiſers. (Spanien.) zog von Ferrara zu einer neuen Vertheilung der italieniſchen Länder getroffenen Bündniß ein. 1Disp. Fiorentino 4 Genn. 1555 (56). Questa freddezza (zwiſchen den beiden Fuͤrſten) è nata di poi la venuta del capitano Alessandro Tomasi, il quale vuole a tutti i partiti dar ad inten - dere a queste MMà ed alli loro ministri, che i Franzesi unita - mente col Papa voglion romper la guerra nel regno (di Napoli). Noch war Sicilien als zu Aragon gehoͤrig unter kaiſerlicher Ver - waltung.Man muß bekennen, die Miniſter Philipps II hatten nicht Unrecht, wenn ſie erklär - ten, die burgundiſchen und italieniſchen Länder ohne Beihülfe der ſpaniſchen nicht vertheidigen zu können. Wir haben un - verwerfliche Nachrichten, daß Philipp II, von einigen Ita - lienern wie Tornabuoni noch beſonders angefeuert, dieß ſei - nem Vater eines Tages ſehr lebhaft und ernſtlich vorge - ſtellt hat.

Und zugleich erhob ſich in dem Kaiſer, bei dem es für alle ſein Thun eines äußern Anſtoßes bedurfte, eine Sehn - ſucht nach Zurückgezogenheit und klöſterlicher Büßung, mit der er ſich ſchon lange getragen, zu vollem Bewußtſeyn.

Noch als ſeine Gemahlin lebte, hatten ſie ſich wohl geträumt, am Ende ihrer Tage, nach abgelegter Herrlichkeit der Welt, in ein paar benachbarten Klöſtern zu leben, er in einem Mannsconvent, ſie unter Kloſterfrauen, und dann unter dem Altar einer Kirche gemeinſchaftlich begraben zu werden.

Bei der Rückkehr von dem unglücklichen Unternehmen gegen Algier an die ſpaniſche Küſte bemerkte man, welchen Eindruck der Friede, die Einſamkeit und die einfache Lebens - weiſe des erſten Kloſters das er antraf, auf ihn machte.

Im tiefſten Geheimniß vertraute er bald darauf, im Jahr 1542, zu Monzon, dem Francisco de Borja ſeine Ab -410Zehntes Buch. Sechstes Capitel.ſicht, ſich einmal in ein Kloſter zurückzuziehen, mit ausdrück - lichen Worten an.

Damals aber hatte ihn der Strom der Ereigniſſe noch einmal ergriffen: im Grunde iſt das Meiſte was ſein An - denken in der Welt unvergeßlich gemacht hat, erſt nachher geſchehen; er hatte noch einmal den kühnen und großartigen Verſuch gemacht, ſeinen Begriff eines römiſch-gläubigen Kai - ſerthums zu realiſiren; damit aber war es nun auch vorbei.

Was war ihm an der Macht gelegen, wenn ſie ihm nicht mehr zur Ausführung ſeiner Gedanken dienen konnte? Als er ſich in dem Falle ſah, den unbedingten Frieden in Deutſchland zwar nicht ausdrücklich beſtätigen zu müſſen, niemals hätte er das gethan, aber ihm doch auch nicht widerſtreben zu können, meldete er ſeinem Bruder, daß er ihm die kaiſerliche Würde überlaſſe. Nur in der beſon - dern Bedeutung wie er das Kaiſerthum gefaßt, hatte es Werth für ihn.

Und dazu kam noch eine Gewiſſensbedrängniß ſehr per - ſönlicher Art, die jetzt erſt hervortaucht. Er bekannte, er habe Unrecht daran gethan, daß er ſich aus Liebe zu ſeinem Sohne nicht zum zweiten Male vermählt habe, und verhehlte nicht, daß er darüber in Sünden gefallen ſey die er jetzt büßen wolle, um ſich vor ſeinem Ende mit ſeinem Gott zu vergleichen. 1Bericht bei Arnoldi Hiſtoriſche Denkwuͤrdigkeiten p. 31.

Am 15ten Januar 1556, in einer Verſammlung der angeſehenſten Spanier die ſich in den Niederlanden befan - den, in Anweſenheit der beiden Königinnen ſeiner Schwe - ſtern, übertrug der Kaiſer auch die ſpaniſchen Königreiche an ſeinen Sohn.

411Abdankung des Kaiſers. (Das Kaiſerthum.)

In allen ſpaniſchen Hauptſtädten, auf der Halbinſel ſelbſt und in den Vicekönigreichen auf einer andern Hemi - ſphäre, wurden darauf die Fahnen für den König Don Fe - lipe den Zweiten erhoben: nicht anders als ob König Car - los, für ſie dieſes Namens der Erſte, bereits geſtorben ſey.

So raſch und leicht konnte es nun aber mit der Über - tragung des Kaiſerthums nicht gehn.

Wie Ferdinand ſpäter erzählt, langte unmittelbar vor dem Schluſſe des Reichstags von 1555 der kaiſerliche Ge - heimſchreiber Pfinzing bei ihm in Augsburg an: mit der mündlichen und ſchriftlichen Anzeige, daß Carl das Kaiſer - thum ihm abzutreten wünſche, und zwar unverweilt: noch die damalige Reichsverſammlung ſollte die Sache zu Ende brin - gen. 1Kaiſerlicher Majeſtaͤt Selbſtrede, in den Acten der Reſigna - tion des Kaiſerthums in Hoffmanns Sammlung ungedruckter Nach - richten p. 27.Ferdinand zeigte wie unmöglich dieß ſey, da die Ver - ſammlung noch an demſelben Tage geſchloſſen werden müßte, und die Sache ohnehin nicht vor den Reichstag, ſondern vor die Churfürſten gehörte. Er verſichert, er habe alles gethan um den Kaiſer von dieſem Gedanken zurückzubrin - gen: vier Mal nach einander, durch Pfinzing und Gusman, dann durch ſeine Söhne Ferdinand und Maximilian habe er ihm Gegenvorſtellungen machen laſſen, es ſey aber alles vergeblich geweſen.

Manche wollten vermuthen, Ferdinand habe abſichtlich gezögert die Sache in Gang zu bringen, um nicht etwa ſeinem Neffen Gelegenheit zur Erneuerung ſeiner alten Ver - ſuche zu geben,2Cabrera Felipe segundo p. 31. wie denn wenigſtens der Einwand, den412Zehntes Buch. Sechstes Capitel.die Churfürſten machten, daß man nicht ſo viele Häupter auf einmal haben könne, durch die Abdankung wegfiel. Al - lein ich finde davon keinen Beweis. Noch vor dem Reichs - tag hatte der Kaiſer ſeinem Bruder die Verſicherung gege - ben, daß ſeine Abſicht nicht dahin gehe: nach ſeiner Art nicht ausdrücklich, aber unzweideutig: daran hielt er feſt.

In dem Briefwechſel zwiſchen beiden Brüdern in den Jahren 1555 und 1556, ſo weit ihn das Brüſſeler Archiv aufbewahrt, findet ſich überhaupt das alte herzliche Verhält - niß wieder, das früher ſo lange obgewaltet: war etwas da - zwiſchen vorgefallen, ſo war das nun ſo gut wie vergeſſen.

Wo ich auch ſeyn möge, ſchreibt Carl am 19ten October 1555, zu einer Zeit wo von ſeiner nahen Abreiſe die Rede war, immer werdet Ihr in mir meine alte brü - derliche Zuneigung finden, und ich will alles dafür thun, daß ſich unſre Freundſchaft auch unter den Unſern fortſetze.

Ich darf verſichern, antwortet Ferdinand, daß ich nichts mehr wünſche, als in der Unterthänigkeit und brüder - lichen Freundſchaft, die ich bisher gegen Ew. Majeſtät ge - hegt, bis ans Ende zu verharren: ſo bleibe es auch unter unſerer Nachkommenſchaft: ich werde die Meinen anweiſen, daß ſie denſelben Weg wandeln.

Noch einmal verſichert hierauf der Kaiſer ſeinen Bru - der der Liebe die er ihm ſchuldig ſey: das wiſſe Der, der ſie geſchaffen; ein großer Troſt würde es ihm geweſen ſeyn, Ferdinand noch einmal vor ſeiner Abreiſe zu ſprechen.

Ferdinand ſendete wenigſtens Maximilian, der ſonſt nicht in Gnaden geſtanden; aber jetzt ward auch dieß Verhältniß ausgeglichen: alle gegenſeitigen Anſprüche wurden freundlich413Abdankung des Kaiſers. (Das Kaiſerthum.) gehoben, und Maximilian muß geſtehn daß er ſehr gut be - handelt worden ſey.

Sorgfältig vermied der Kaiſer jede weitere Theilnahme an Geſchäften die mehr als bloße Canzleiſachen waren. Zu der Reichsverſammlung, die im Juli 1556 in Regensburg eröffnet ward, verweigerte er Abgeordnete zu ſchicken, was er doch noch vor dem Jahre gethan, ſo daß er jetzt auch gar nicht mehr gefragt werden konnte. Ich werde mich , ſchreibt Ferdinand, dem Wunſche Ew. Majeſtät fügen, und im Namen Gottes, ſo weit er es mir eingeben wird, die Geſchäfte führen. Man ſieht: es iſt das Gefühl des Be - ginnens, das ſich in dieſem Briefe ausſpricht: die Leitung dieſer Verſammlung iſt der Anfang der ſelbſtändigen Reichs - verwaltung Ferdinands.

Endlich, im September 1556 kam dann auch die Zeit wo der Kaiſer wirklich von Seeland aus nach Spanien un - ter Segel gieng. Es war eine ſeiner letzten Handlungen in dieſſeitigen Landen, daß er eine Geſandtſchaft, an deren Spitze Wilhelm von Oranien ſtand, abordnete, um den Chur - fürſten ſeine Verzichtleiſtung zu Gunſten ſeines Bruders an - zukündigen. In der Urkunde ſind die Ausdrücke, die jede Bedingung dabei ausſchließen, recht abſichtlich gehäuft. Es heißt darin, er trete demſelben das heilige Reich und römi - ſche Kaiſerthum ab, ſammt deſſen Verwaltung, Titel, Ho - heit, Scepter und Krone, mit allen und jeglichen Rechten, frei, vollkommen, unwiderruflich.

Wenn Ferdinand nicht raſcher vorſchritt, ſo liegt das nur daran, daß die Dinge in Deutſchland überhaupt lang - ſam gehn und vor allem gut vorbereitet ſeyn wollen.

414Zehntes Buch. Sechstes Capitel.

Als die Churfürſten zuerſt, doch nur im Allgemeinen, Nachricht von dem Vorhaben der Übertragung des Reiches erhielten, und zu einer Zuſammenkunft deshalb eingeladen wurden, fürchteten ſie faſt, es werde nur von der Verwal - tung die Rede ſeyn, und Carl werde ſich Titel und Krone vorbehalten wollen.

Sie urtheilten daß dieß nicht genügen würde, und nicht unmerkwürdig ſind die Gründe die Sachſen und Branden - burg, die bei Gelegenheit einer feſtlichen Zuſammenkunft dar - über beriethen, dagegen anführen. 1Berathſchlagung ſaͤchſiſcher und brandenburgiſcher Raͤthe. 1557. (Berl. Arch.)

Sie meinen, dann könne es dem Kaiſer unter verän - derten Umſtänden wohl beikommen, die Verwaltung einmal wieder zu ergreifen, Truppen ins Reich zu führen, einen Frem - den zum Kaiſer zu machen, und die Churfürſten, die ihre Stimme dazu nicht geben wollen, mit Gewalt zu erdrücken.

Oder im Gegentheil, wenn das nicht geſchehe, der Kai - ſer nur den Namen führe und nicht das Amt verwalte, ſo könne der Papſt daher Anlaß nehmen, die kaiſerliche Krone auf Frankreich, wie er ohnehin wünſche, zu übertragen.

Überhaupt aber müſſe wo möglich der Gefahr ein Ende gemacht werden, daß der König von Frankreich durch ſeine Kriege mit dem Kaiſer veranlaßt gegen das Reich um ſich greife: leicht könne derſelbe ſonſt den Rheinſtrom gewinnen.

Wir ſehen wohl, dieſe ganze Combination, nach wel - cher ein Fürſt, deſſen Macht auf außerdeutſchen Verhältniſ - ſen beruhte, die Krone inne hatte, und dadurch entweder, wenn er ſtark und mächtig war, die Freiheit des Reiches gefährdete, oder wenn er das nicht war, die Grenzprovin -415Churfuͤrſtenverſammlung zu Frankfurt.zen dem gewaltſamen Umſichgreifen ſeiner Feinde ausſetzte, wünſchten ſie abgeſtellt zu ſehen. Eine Übertragung der Ver - waltung verwarfen ſie nur als unvollſtändig: aus demſelben Grunde aber waren ſie ſehr geneigt die Verzichtleiſtung an - zunehmen.

Eine Zeitlang war die Mahlſtatt der Verſammlung zwei - felhaft. Ferdinand wünſchte einen den Erblanden bequem gelegenen Ort, etwa Eger oder auch Ulm, die Churfürſten beharrten auf dem für die Wahlhandlungen durch das Her - kommen feſtgeſetzten Frankfurt; darüber ward dann weitläuf - tig hin und her geſchrieben, und es dauerte bis in den An - fang des Jahres 1558, ehe man und zwar eben in Frankfurt zuſammenkam.

Am 25ſten Februar 1558 hörten die Churfürſten das Anbringen des Prinzen von Oranien, der ſich entſchuldigte, daß ſein Beglaubigungsſchreiben von ſo altem Datum ſey.

Da der Antrag mit den Wünſchen die ſie hegten zu - ſammentraf, ſo fiel jeder Widerſpruch weg. Sie ergriffen nur die Gelegenheit, durch die von dem römiſchen König zu beſchwörende Capitulation den zuletzt getroffenen Reichsein - richtungen eine neue Feſtigkeit zu geben.

Noch einmal wurde hier der zu Paſſau vorgelegten Be - ſchwerden gedacht: wir finden ſie aufs neue Punct für Punct von den churfürſtlichen Räthen begutachtet; allein wenn man ſich ſchon in Augsburg überzeugt hatte, daß die meiſten durch die dort beſchloſſenen Einrichtungen von ſelbſt erledigt wor - den, ſo war das jetzt, da Würde und Verwaltung des Kai - ſerthums auf immer an Ferdinand übergiengen, noch mehr der Fall: man hielt für hinreichend, ſie demſelben, wie416Zehntes Buch. Sechstes Capitel.ſie waren, zu übergeben, damit er ſelbſt ſehen möge, was davon noch abzuſtellen ſey.

In der Capitulation dagegen ward nun die Verpflichtung auf die Reichsbeſchlüſſe des Jahres 1555 überall, wo die Gegenſtände derſelben in Erwähnung kamen, ſo nachdrücklich wie möglich eingeſchaltet. Ferdinand gelobte, den Religions - frieden ſowohl als den Landfrieden und deſſen Handhabung, wie ſie im Jahr 1555 aufgerichtet worden, und die dort zu Stande gekommene revidirte Kammergerichtsordnung ſtät und feſt zu beobachten. Er verſprach nichts dagegen weder ſelbſt zu verfügen, noch ſich von einzelnen Ständen bewilligen zu zu laſſen, noch auch anzunehmen wenn es ihm bewilligt würde. Alle frühern Reichsordnungen ſollten nur gültig ſeyn, in ſo fern ſie mit den Beſchlüſſen vom Jahre 1555 übereinſtimmen.

Am 14ten März 1558 beſchwur zuerſt Ferdinand in Ge - genwart ſämmtlicher Churfürſten in der Churcapelle der Bar - tholomäuskirche dieſe Capitulation; hierauf ſetzte ihm der Erz - cämmerer des Reiches, Churfürſt Joachim II, die goldene Krone auf; dann begaben ſie ſich ſämmtlich auf eine dort vor dem hohen Chor aufgerichtete Bühne. Indem ſie ſich hier nach althergebrachter Ordnung niedergelaſſen: zur Rech - ten des Kaiſers Mainz und Pfalz, zur Linken Cölln, Sach - ſen und Brandenburg, vor ihm Trier, die Unterämter von Pfalz und Sachſen Seldeneck und Pappenheim, ſtan - den mit Reichsapfel und Schwert vor Ferdinand, Joa - chim II hielt das Scepter ſelbſt in ſeiner Hand, ſtiegen von der andern Seite eine breite Brücke welche die Kirche mit der Bühne verband, die Bevollmächtigten Carls V, der417Churfuͤrſtenverſammlung zu Frankfurt.Prinz von Oranien und der Vicecanzler Seld hinauf. Seld verlas die kaiſerliche Vollmacht und die Urkunde der Ceſſion; Dr Jonas die der Annahme von Seiten Ferdinands, die denn hauptſächlich enthielt, daß er mit dem Rathe der Chur - fürſten, den er ſich erbat, zu regieren gedenke. Hierauf ward König Ferdinand als erwählter römiſcher Kaiſer proclamirt. Im Namen der Churfürſten begrüßte ihn der Erzcanzler des Reiches: im Namen der Reichsfürſten, die ſich ſehr zahlreich eingefunden, Chriſtoph von Würtenberg; Ferdinand gelobte ihnen ihre Privilegien zu halten. Man ſah, daß ſich Alle, welches auch ihre religiöſen Meinungen ſeyn mochten, wie - der als eine Einheit fühlten, auf dem Grunde des von kei - ner künftigen dogmatiſchen Feſtſetzung abhängigen immerwäh - renden Friedens. Der Gottesdienſt mit welchem ſie die Feier - lichkeit beſchloſſen, war ſo eingerichtet, daß die Einen und die Andern demſelben beiwohnen konnten.

Man fühlte, daß es auch außerhalb der dogmatiſchen Gegenſätze etwas gebe was doch auch Religion ſey, ob - gleich es ſich nicht ſo leicht ausſprechen ließ; hauptſächlich aber ſah man, daß jenſeit der Fragen über Mein und Dein, die daraus entſprungen, und aller damit zuſammenhängen - den politiſchen Irrung, noch etwas Gemeinſames liege, was man ſchlechterdings feſthalten müſſe, die Idee des Reiches. Carl V hatte in dem Kaiſerthum ein ihm zugefallenes, von ihm perſönlich geltend zu machendes Recht geſehen: jetzt kam daſſelbe wieder an die Gemeinſchaft der Fürſten zurück. In jenem Verzeichniß der Beſchwerden wird der Begriff des hei - ligen Reiches feſtgehalten; es wird als ein ſolches bezeich - net, das auf dem Wege freier Wahl ſich ſelbſt und der gan -Ranke D. Geſch. V. 27418Zehntes Buch. Sechstes Capitel.zen Chriſtenheit ein weltliches Haupt zu ſetzen habe, und nach den alten Rechten und Herkommen, mit Wiſſen Wil - len und Rath der Stände zu regieren ſey. 1 Nachdem das heil. Reich deutſcher Nation ein frei reich iſt das aus ſeinen eignen Gliedern durch frei ordentliche wal der Chur - fuͤrſten ein weltlich haupt zu erkieſen hat, welches haupt gleichwol in ſachen daſſelbig Reich belangend, vermoͤge der guldnen bull, und al - tem herkommen nach, mit Wiſſen Willen und Rath der Staͤnde und ſonderlich der ſechs Churfuͤrſten als der vornehmſten Glieder regieren ſoll. Kurtzer Bericht etlicher gemeiner auch ſonderbarer beſchwerungk des heil. reichs deutſcher Nation allein zu weiterm Nachdenken und Erinnerung geſtalt. (Archiv zu Berlin.)Man faßte dabei ſehr gut die doppelte Beziehung der innern Ordnung und des äußern Ranges, auf denen es beruht, die mit ein - ander gegründet worden, nicht an die Perſon, ſondern an die Gemeinſchaft geknüpft waren, und die man nicht fallen laſſen durfte. Ein jeder fühlte wohl, daß er außerhalb die - ſer Vereinigung nur wenig bedeute.

Beſonders waren die ſechs Churfürſten davon durch - drungen.

Gleich bei der Einladung zu einer perſönlichen Zuſam - menkunft hatten Sachſen und Brandenburg den Gedanken ge - faßt, dieſelbe zur Erneuerung des Churfürſtenvereins zu be - nutzen, der lange Zeit die vornehmſte Macht im Reiche gebil - det. Sie waren der Meinung, auch das frühere Anſehen des Collegiums laſſe ſich wiedergewinnen, wenn es nur in allem zuſammenhalte, was die Wohlfahrt des Reiches und die eigne Hoheit anlange. 2 Und wurden die kaiſ. u. koͤn. Mt, wan ſie ſehen, das die Churfuͤrſten ſich wiederum freundlich zuſammenhielten, und in dem

Es kam ihnen hiebei zu Statten, daß die Erinnerung419Churverein von 1558.an die alten Rechte durch ein neues Verdienſt wieder be - lebt worden war. Wie wir ſahen, waren die Einrichtun - gen des Reichstags von 1555 in alle dem worin man ſich vereinigt hatte, das Werk des Churfürſtenrathes.

In dem neuen Vereine nun, der wenige Tage nach dem Acte der Renunciation, am 18ten März, zu Stande kam, gelobten die Churfü[rſt]en vor allem, über dieſen Ordnungen zu halten und〈…〉〈…〉 zu Hülfe zu kommen, wenn einer von ihnen dem Frieden in Religions - oder Profanſachen zu - wider angegriffen werden ſollte. Bei dem Entwurf der Ca - pitulation hatten ſie ſich das Recht vorbehalten wollen, nur in ihrem eigenen Rathe zu deliberiren, nicht zu einem Aus - ſchuß aus beiden Räthen genöthigt zu werden, was in der letzten Verſammlung ihnen und der gemeinen Sache ſo vor - theilhaft geweſen war; Ferdinand hatte jedoch aus Rück - ſicht auf das Fürſtencollegium Bedenken getragen dieß zu genehmigen: ſie halfen ſich dadurch, daß ſie in dem Ver - eine übereinkamen, zu einem ſolchen Ausſchuß niemals ein - zuwilligen. Mit beſonderm Nachdruck verpflichteten ſie ſich, einer den andern nicht etwa um der Religion oder der Ce - rimonien willen von den Wahlen auszuſchließen, dazu un - fähig zu achten. Sie betrachteten ſich fortwährend als die vorderſten Glieder des römiſchen Reiches; auch nachdem die Hälfte von ihnen ſich von der römiſchen Kirche getrennt hatte: in ihrer Geſammtheit als die Säulen des Reiches und der Chriſtenheit. Sollte ſich Jemand, wer auch im -2das des h. reichs wolfahrt und ire ſelbſt churfuͤrſtliche Wuͤrde und Hochheit anlangete, vor einen man ſtunden, ungezweifelt vil under - wegen laſſen. 27*420Zehntes Buch. Sechstes Capitel.immer, unterwinden, das heilige Reich der deutſchen Nation zu entziehen und auf eine andre zu übertragen, ſo wollen ſie ſich gemeinſchaftlich dagegen ſetzen, keiner ſoll den an - dern verlaſſen. Das ſchwören ſie einander, alle in der von den Proteſtanten angenommenen Formel, bei Gott und dem heiligen Evangelium. 1Neueſter gemeiner Verein aller Churfuͤrſten, unter andern bei Gerſtlacher Handbuch der Reichsgeſetze IV, 511. G. erinnert, daß 1745 Boͤhmen und Hannover in den Verein aufgenommen wurden.

In dieſer Urkunde finden ſich Ausdrücke die an den früheſten Churverein vom Jahr 1338 erinnern: ein ſpäterer, von 1446, wird darin ausdrücklich erwähnt, die goldene Bulle zu wiederholten Malen. Wie wir bemerkten daß alle ſeit Friedrich III verſuchte Reichseinrichtungen durch die Be - ſchlüſſe von 1555 vollendet und erſt recht feſtgeſtellt wur - den, ſo gab es dem neuen Zuſtand der ſich in deren Folge bildete, noch eine beſondere Gewähr, daß die Erneuerung der churfürſtlichen Macht ſich damit verband, deren Wur - zeln in noch bei weitem ältere Zeiten zurückreichen.

Freilich konnte ſich nun auch Niemand wundern, wenn der Repräſentant der in den hierarchiſchen Jahrhunderten gebildeten Rechtgläubigkeit und geiſtlich-weltlichen Gewalt, der römiſche Papſt, ſich dieſen Dingen widerſetzte.

Paul IV haßte ohnehin das Haus Öſtreich, dem er das Emporkommen der proteſtantiſchen Meinungen zuſchrieb; er konnte Ferdinand nicht vergeben, daß unter ſeinen Auſpi - cien ein Reichsabſchied zu Stande gekommen war, wie der augsburgiſche von 1555. Was könne , heißt es in einem ſeiner Schreiben, dem katholiſchen Glauben Widerwärtigeres421Paul IV und das Reich.begegnen, als was dort in Augsburg beſchloſſen worden. 1An den Biſchof von Paſſau 18 Dec. 1555. Bei Rainal - dus 22, 134.Der römiſche Hof hat ihn niemals anerkannt.

Eben ſo lief es aber allen Begriffen Pauls IV von der päpſtlichen Oberhoheit auch über das Kaiſerthum entge - gen, daß Carl V demſelben entſagte, ohne mit ihm darüber Rückſprache genommen zu haben, und zwar in die Hände der Churfürſten, nicht in die ſeinen. Er erklärte die ganze Entſagung für null〈…〉〈…〉 nichtig: für nicht minder ungül - tig die darauf erfolgte W〈…〉〈…〉 die von Ketzern, ja von - reſiarchen vorgenommen worden. Er äußerte Zweifel ſelbſt über die perſönliche Befähigung Ferdinands, der da lebe wie Eli, und ſich nicht darum kümmere, daß ſein Sohn Maxi - milian den Abtrünnigen beigetreten ſey. 2Babou au roi de France 11 Juin 1558 bei Ribier II, 746.Den Geſandten Ferdinands, Martin Gusman, wollte er lange Zeit nicht ſe - hen: bei Nacht ſey er gekommen, rief er aus, bei Nacht möge er ſich entfernen; nachdem Gusman eine Zeitlang in Tivoli gewartet, ward er endlich zwar vorgelaſſen, aber nur als Privatmann, und um die Einwendungen zu hören, welche eine Congregation von Cardinälen gegen das Verfahren der Deutſchen erhob. 3Vgl. die Erzaͤhlung von Nores, das Original aller ſpaͤteren, bei Bromato Vita di Paolo IV Bd II, 431.Der römiſche Hof ſtellte die Forderung auf, der neue Kaiſer ſolle zuerſt auf ſeine Würde wieder Verzicht leiſten und erwarten was der Papſt alsdann ver - ordnen werde.

So weit war es nun doch im Reiche gekommen, daß ſich Niemand um dieſen Widerſpruch bekümmerte. Es war422Zehntes Buch. Sechstes Capitel.eine Zeit geweſen, wo die Fürſten auf den Wink des Pap - ſtes zu neuen Wahlen ſchritten: jetzt waren ſie alle, geiſt - liche wie weltliche, in der Abſicht einverſtanden, das Anſe - hen des Reiches gegen denſelben aufrecht zu erhalten. Viel Worte darüber zu wechſeln, ſchien nicht einmal nöthig. Nur der Kaiſer ließ durch den Reichsvicecanzler Seld eine Wi - derlegung der päpſtlichen Anſprüche ausarbeiten. 1Die Beſchwerden und Anmuthungen des Papſtes ergeben ſich aus dieſem ausbuͤndigen treweiffrigen Rathſchlag beim dritten und vierten Punct p. 189 und 195 beſſer als aus den bei Goldaſt p. 166 vorhergehenden apocryphen Artikeln.Vielleicht das Merkwürdigſte darin iſt, daß auch das Intereſſe des Reiches zu einer ausdrücklichen Verwerfung der päpſtlichen Satzungen aus den letzt vorhergegangenen Jahrhunderten - thigte. 2 Wan E. M. ſonſten gemeynet iſt die alten heiligen Cano - nes zu halten und bei denſelben zu bleiben, ſo duͤrffen Sie Sich die neuen parteiiſchen Baͤpſt Decretales nicht bekuͤmmern laſſen, quia ta - lis est extravagans illa, unam sanctam. Seld bei Goldaſt Poli - tiſche Reichshaͤndel p. 185.So ernſtlich der Kaiſer und ſein Canzler ſonſt an der hergebrachten Kirchenlehre feſthalten, ſo ſehen ſie ſich doch auf ihrem Standpunct endlich zu einer Oppoſition getrieben, die eine gewiſſe Verwandtſchaft mit dem erſten Auftreten des Proteſtantismus hat. Die ganze politiſche Entwickelung des Reiches wäre nun einmal ohne Gegenſatz gegen das Papſt - thum gar nicht möglich geweſen. Wie die Churfürſten, ſo mußte jetzt auch der Kaiſer auf die Zeiten Ludwigs des Baiern zurückkommen. Aventins Darſtellung derſelben und Lupold von Babenberg ſind für Seld eine große Autorität.

Während dieſer Irrungen lebte nun carl V ſchon längſt in dem Zufluchtsort den er ſich auserſehen.

423Letzte Tage Carls V.

In Eſtremadura, in der Vera von Placencia, die den alten Ruf geſunder Luft genießt, in der Mitte von Baum - pflanzungen, die von friſchen Quellen und Bächen vom Ge - birge belebt ſind, liegt das Hieronymitenkloſter Juſte, das damals aus zwei Kloſtergebäuden und einer Kirche beſtand, an dem Abhang eines Hügels der es vor den Nordwinden ſchützt, in vollkommener Einſamkeit. Dahin hatte ſich der Kaiſer ſogleich nach ſeiner Ankunft in Spanien begeben.

Man dürfte nicht glauben daß er ein Kloſterbruder ge - worden ſey. Er wohnte nicht in dem Kloſter, ſondern an der Kirche war ihm ein eigenes Haus erbaut; unfern davon waren Wohnungen für ſeine Dienerſchaft eingerichtet, die noch den ganzen Apparat einer regelmäßigen Hofhaltung dar - ſtellt. 1Aus den Legaten ſeines Teſtamentes lernt man die Mitglie - der derſelben kennen, eine ganze Anzahl Kammerdiener, beſondre Diener fuͤr die Fruchtkammer, Obſtkammer, Lichtbeſchließerei, Auf - bewahrung der Kleider, der Juwelen, meiſtens Niederlaͤnder, jedoch unter einem ſpaniſchen Oberhofmeiſter Luis Quixada. Der Leibarzt und eine Apotheke fehlten nicht.Auch iſt ein Irrthum, anzunehmen, daß er aller Theil - nahme an den Geſchäften entſagt habe. Mit ſeinem Sohne ſtand er in unausgeſetztem Briefwechſel, und dieſer bat ihn noch zuweilen, die Gewalt wiederzuergreifen: in Spanien un - ternahm er noch einiges auf eigne Hand. Unter andern finde ich, daß er nach dem Tode König Johanns III von Portugal im J. 1557 jenen Francisco de Borja, der damals in den Jeſuiterorden getreten war, nach Liſſabon ſchickte, unter dem Scheine einer Viſitation dortiger Collegien, aber in der That, um zu bewirken, daß in die neue Huldigung der junge Deu Carlos, ſein Enkel, aufgenommen werde. 2que desejava que Portugal jurasse condicionalmente naDer Unterſchied424Zehntes Buch. Sechstes Capitel.gegen früher lag beſonders darin, daß er nicht von laufenden Geſchäften bedrängt war und keine Regierungspflicht mehr hatte. Er konnte der Einſamkeit und Ruhe, nach der ihn verlangte, ſo viel er wollte genießen. Seine Umgebung hatte Befehl, keine Beſuche anzunehmen, und in dem Kloſter war es ſo ſtill, als wäre er nicht anweſend. Oder vielmehr, es ward noch ſtiller durch ihn: er bemerkte mit Mißfallen, daß zuweilen Frauen an die Pforte kamen und mit den Mönchen redeten: auf ſeinen Wunſch ward es abgeſtellt. Man hatte dafür geſorgt, daß der Blick aus ſeinen Zimmern, der über die Kloſtergärten hinführte, durch nichts Fremd - artiges geſtört wurde. Sein Vergnügen war, wenn er ſich wohl befand, nach einer kleinen ein paar Armbruſtſchüſſe entfernten Einſiedelei zu luſtwandeln, unter dem Schatten dichtgepflanzter Caſtanienbäume, welche vor der Sonne dieſes Himmels ſchützten; zuweilen machte er den Weg auf einem Saumthier, endlich war ihm auch dieß unmöglich. Beſonders gern wohnte er dem Geſange in der Kirche bei, wie er denn Geſchmack und Unterſcheidungsgabe für die Muſik beſaß; die Obern des Ordens hatten nicht verſäumt, ihre beſten Stimmen in dem Kloſter zu verſammeln. Seine Wohnung war in eine ſolche Verbindung mit der Kirche geſetzt, daß er in den Tagen der Krankheit den Geſang und die Feier der Meſſe in ſeinem Schlafzimmer hören konnte.

Und ſo hoffte er wohl, das Ziel ſeiner Tage in tiefem Frieden zu erreichen. Jedoch vergeblich. So lange der2falta del rey D. Sebastian por sucesor de coroa ao principe D. Carlos su neto. Barboſa Machado Memorias para a historia de Portugal, que comprehenden o governo del rey D. Seb[as]tiao 1736.425Letzte Tage Carls V. Menſch noch athmet und lebt, kann er ſich dem Kampfe der Elemente nicht entziehen, welcher die Welt bewegt. Auch in dieſer Abgeſchiedenheit ward Carl V von den ihm, ſeit ſie den Umſturz ſeines Glückes veranlaßt, erſt recht verhaß - ten neuen Meinungen erreicht. Plötzlich entdeckte man kleine Gemeinen proteſtantiſcher Tendenz in Valladolid und Se - villa. 1MCrie Geſchichte der Reformation in Spanien p. 252.Auguſtin Cazalla, der während des ſchmalkaldiſchen Krieges um ihn geweſen und noch in Juſte vor ihm gepre - digt, wies ſich ſelbſt als ein Lutheriſch-gläubiger aus. Der Kaiſer war darüber betroffen, ja erſchüttert. Am Ende ſei - ner Tage mußte er erleben, daß ein Mann der ſein Gewiſ - ſen eine Zeitlang geleitet, die Meinungen bekannte, mit de - nen er ſein ganzes Leben gekämpft hatte. In ſeinem letzten Codicill, nur zwölf Tage vor ſeinem Tode, ermahnt er noch ſeinen Sohn und die ſpaniſche Regierung auf das dringendſte, die Ketzereien in ihrem Keime zu unterdrücken. Doch ſcheint es faſt als habe er an menſchlichen Mitteln verzweifelt. Er betete nur noch für die Einheit der Kirche: in deine Hände, o Herr, hörte man ihn ſagen, habe ich deine Kirche über - geben. 2In manus tuas tradidi ecclesiam tuam. Sandoval II, 834.Er ſtarb in dem Gedanken der ſein Leben aus - gemacht: 21 Sept. 1558.

Für eine Kirche von politiſch-religiöſer Einheit, die ganze abendländiſche Welt umfaſſend, wie er ſie gedacht, war kein Raum mehr in Europa. Der Gedanke ſelbſt iſt niemals wie - der ſo lebendig in die Seele eines Menſchen gekommen, wie Carl V ihn hegte. Schon genug, wenn die ſüdlichen Na - tionen ſich der vordringenden Bewegung nur ſelber erwehr -426Zehntes Buch. Sechstes Capitel.ten: von den nördlichen einmal in der Abweichung begriffe - nen war keine Rückkehr zu erwarten.

Und beruht denn die Einheit der Chriſtenheit wirklich ſo ausſchließend auf dem gleichen religiöſen Bekenntniß?

Irre ich nicht, ſo hat ſie ſich auch unter den Gegen - ſätzen behauptet, die doch die gewonnene Grundlage nicht verleugnen können, ſich unaufhörlich auf einander beziehen, einer ohne den andern nicht zu denken ſind. Zuletzt iſt der gleichartige Fortſchritt der europäiſchen Cultur und Macht an die Stelle der kirchlichen Einheit getreten. Was dieſe verloren hatte, das Übergewicht über die Welt, iſt durch jene im Laufe der Jahrhunderte wiedererworben worden.

Wie weit übertreffen die göttlichen Geſchicke menſchliche Gedanken und Entwürfe.

Noch nicht zwei Monat nach Carl ſtarb Maria von England, und die proteſtantiſchen Tendenzen, die nur durch die Vorausſicht ihres baldigen Todes vom Ausbruch zurück - gehalten worden, traten nun in neuer Kraft, durch die Prü - fung die ſie beſtanden, erſt des nationalen Geiſtes recht mäch - tig geworden, hervor. Königin Eliſabeth beſtieg den Thron, und die Herrſchaft des Papſtthums hörte auch in England auf.

In Deutſchland bemerkten die evangeliſchen Fürſten auf der Stelle, wie viel das auch für ſie zu bedeuten habe. Aus ihren Briefen ergiebt ſich, daß ſie ſehr wohl die Verſtär - kung wahrnahmen, die das von ihnen ergriffene Syſtem da - durch erhielt.

[427]

Siebentes Capitel. Fortgang und innerer Zuſtand des Proteſtantismus.

Wenn man im funfzehnten Jahrhundert wirklich der Meinung geweſen iſt, wie man denn viel davon geſprochen hat, daß ſich das Anſehen und die Macht des alten Kaiſer - thums in Europa wieder herſtellen laſſe, ſo war es dahin nun freilich nicht gekommen.

Vielmehr hatte die Verbindung des Reiches mit einem über zwei Welten hin mächtigen Kaiſer, wie Carl V, nur neue Verluſte nach ſich gezogen.

Die Siege welche die Deutſchen mit den Spaniern in Verbindung in Italien erfochten, führten doch nur dahin, daß die eröffneten Reichslehen, auf deren Erträge man wohl einſt die Verwaltung des Reiches zu gründen gedacht, an den Prinzen von Spanien übergiengen und von Deutſchland vollends losgeriſſen wurden. Die Niederlande bildeten zwar dem Namen nach noch einen Kreis des Reiches, aber in ihrer innern Verwaltung waren ſie von den Anordnungen der Reichsgewalten vollkommen unabhängig; daß der Kai - ſer Geldern und Utrecht in Beſitz genommen, war für dieſe ein eigentlicher Verluſt. Und dabei war der Kaiſer doch in428Zehntes Buch. Siebentes Capitel.ſeinem Kriege mit Frankreich zuletzt der Schwächere geblieben, ſo daß der Einfluß der Franzoſen in Lothringen überwog, und die Grenzlande der franzöſiſchen Zunge, die ſo viele Jahrhun - derte hindurch behauptet worden, geradezu verloren giengen. Wohl gelang es König Philipp dem II, kurz darauf das Gleichgewicht zwiſchen beiden Mächten herzuſtellen; Frank - reich mußte ſich entſchließen alle ſeine Eroberungen heraus - zugeben; nur die behielt es, die es über das Reich gemacht. Die Eidgenoſſenſchaft und Böhmen mit ſeinen Nebenlanden, obwohl Glieder des Reiches, waren niemals in die Kreiſe deſſelben eingezogen. Wie hätte man daran denken können, die im funfzehnten Jahrhundert von Polen losgeriſſenen preu - ßiſchen Landſchaften wieder herbeizubringen? In dem Über - reſte derſelben, dem öſtlichen Ordenslande, hatte man das einzige Mittel, eine gewiſſe Selbſtändigkeit für beſſere Zei - ten zu retten, darin geſehen daß man ſich unter einem erb - lichen Fürſten der polniſchen Krone freiwillig anſchloß. Daß die Liefländer ſich nicht zu einem ähnlichen Schritte ver - einigen konnten, mußte bald ihre völlige Entfremdung zur Folge haben.

Der vornehmſte Grund von alle dem lag darin, daß die Begriffe von Kaiſer und Reich nicht mehr in einander auf - giengen. Wir bemerkten oft, daß gerade der Kaiſer, ſelbſt im Zenith ſeiner Macht, die ſorgfältigſten Vorkehrungen traf, ſeine Erblande von den Einwirkungen des Reiches zu be - freien. Dagegen wollten auch die Stände nicht zu einem Anhang der großentheils auf fremdartigen Weltverhältniſſen beruhenden kaiſerlichen Macht werden. Während in allen benachbarten Ländern die erbliche Gewalt fortſchritt und zu429Einwirk. des Proteſt. auf d. Reichsverfaſſung.Unternehmungen nach außen erſtarkte, brach in Deutſchland ein Widerſtreit zwiſchen dem Oberhaupt und den Ständen aus, der mit der Abdankung des Erſten endigte. Wir wiſ - ſen, daß die Unruhen von 1552 nicht von den religiöſen Irrungen allein herrührten, ſondern nicht weniger durch den Widerwillen der in ihrer Autonomie gefährdeten Reichsſtände gegen das Aufkommen einer durchgreifenden oberherrlichen Gewalt veranlaßt wurden. Glück genug, daß man in den Stürmen und Verwirrungen jener Tage nicht noch größeres Mißgeſchick erfuhr, daß nicht, wozu es ſich einen Augenblick wohl anließ, der Gegenſatz eines franzöſiſchen und eines kai - ſerlich-ſpaniſchen Anhangs Deutſchland geradezu in zwei Par - teien zerſetzte.

Und waren wohl überhaupt jene Verſuche die Reichs - verfaſſung zu verbeſſern, dazu angethan, demſelben eine ſtarke Stellung nach außen zu verſchaffen? Was auch dann und wann beabſichtigt worden ſeyn mag: die Einrichtungen zu denen es wirklich gekommen iſt, waren doch nur friedlicher Natur. Der Kaiſer ward als die Quelle des Rechts, als der Ausdruck und Inbegriff der Würde und Hoheit des Reiches verehrt; Macht aber ſollte ihm von Anfang nicht gegeben werden: dieſe ſollte allein in der Vereinigung der Stände ihren Sitz haben.

Was ſich auf dieſem Grunde erreichen ließ, war nun doch erreicht worden.

Eiferſüchtig hatte man den Vorrang feſtgehalten, der dem Reiche in dem Verein der abendländiſchen Völker von jeher zukam und auf welchem das Verhältniß der Stände, die Abſtufung ihrer Macht und ihres Ranges nun einmal430Zehntes Buch. Siebentes Capitel.beruhte, und demſelben ſogar eine feſtere unabhängige Aner - kennung verſchafft. Der Anſpruch der Päpſte, über das Reich zu verfügen, entlud ſich nur noch in Worten: in der Sache ſelbſt erſchien er matt und kraftlos.

Überhaupt war den Einwirkungen des römiſchen Stuhls, der früher, ſelbſt in weltlicher Beziehung, eine wahrhafte Ge - walt im Reiche ausmachte, eine Grenze geſetzt worden. Oder ſollte es heutzutage Jemand geben, dem es als ein Nach - theil erſchiene, daß päpſtliche Legaten nicht ferner deutſche Reichstage eröffneten, der römiſche Hof nicht mehr zur Be - ſtätigung von Zöllen, zur Schlichtung von Rechtshändeln herbeigezogen wurde, noch Contributionen in Form des Ab - laſſes ausſchreiben durfte?

Wir können ſagen: die Gedanken des vierzehnten Jahr - hunderts, wie ſie dem älteſten Churfürſtenvereine und der goldnen Bulle zu Grunde liegen, und das Beſtreben des funfzehnten, an die Stelle der Willkührlichkeiten, welche der kaiſerliche und der päpſtliche Hof von der Ferne her aus - übten, wobei ſie doch den eingeriſſenen Gewaltſamkeiten nicht im mindeſten ſteuern konnten, Ordnung Friede und Recht einzuführen, waren jetzt erſt vollzogen; die urſprünglich beab - ſichtigte ſtändiſche Verfaſſung war in großen umfaſſenden und friedebringenden Conſtitutionen befeſtigt.

Es liegt am Tage, daß das Emporkommen der prote - ſtantiſchen Meinung an allen dieſen Dingen den größten An - theil hatte. Zu der Oppoſition gegen das Papſtthum gab ſie zugleich Berechtigung und weiteren Antrieb. Dem Kai - ſerthum, dem ſie an ſich nicht entgegen war, mußte ſie ſich doch wegen ſeiner Verbindung mit der geiſtlichen Macht wi - derſetzen. Erſt unter ihrem Einfluß kamen Landfriede, Kam -431Einwirk. des Proteſt. auf d. Reichsverfaſſung.mergericht, Executions - und Kreiseinrichtungen zu bleibender Geſtalt; mit dem Religionsfrieden zuſammen bildeten ſie ein einziges zuſammenhängendes ſchützendes Syſtem. Wer es nicht annahm, gehörte nicht mehr in vollem Sinne des Wor - tes zum Reiche.

Dadurch geſchah nun aber wieder, daß die proteſtan - tiſche Entwickelung fortan unter dem Schutze der Reichs - gemeinſchaft ſtand. Das Reich hatte ſich verpflichtet, keiner Verdammung der Evangeliſchen, die etwa das Concilium ausſprechen möchte, Folge zu geben.

War es nicht ein allgemeiner Gewinn, daß die hierar - chiſche Macht, die alles weltliche und geiſtliche Leben der Nationen nach ihren einſeitigen Geſichtspuncten zu leiten das Recht zu haben glaubte, endlich einen unüberwindlichen Ge - genſatz gefunden hatte? Es war das Werk des eigenthüm - lich deutſchen Genius, der jetzt zuerſt auf den Gebieten des ſelbſtbewußten Geiſtes ſchöpferiſch eintrat, und ein Moment der großen welthiſtoriſchen Bewegung zu bilden anfieng.

Und dieß geſchah nun nicht allein, ohne daß die große Inſtitution des Reiches, in welcher die Nation ſeit ſo vie - len Jahrhunderten lebte, verletzt worden wäre, ſondern mit einer inneren Befeſtigung ſeiner ſtändiſchen Ausbildung.

Es iſt ſchon geſagt worden, und hat eine unzweifel - hafte Wahrheit, daß die Reichsgeſchichte, in die ſich ſeit dem Abgang der großen Häuſer des alten Kaiſerthums niemals alle Kräfte recht zuſammenfaſſen, erſt wieder ein großes In - tereſſe gewinnt, ſeitdem die religiöſe Neuerung ſich erhob. Man beſchäftigte ſich wieder mit einer Angelegenheit die aller Anſtrengung und Aufmerkſamkeit würdig war. Einen Augen - blick hatte es den Anſchein, als ſollte die Neuerung alle Ele -432Zehntes Buch. Siebentes Capitel.mente durchdringen und den vollen Sieg behalten. Da das nicht geſchah, ſo war wenigſtens ein Glück, daß ſie dazu beitrug, den allgemeinen Einrichtungen feſtere Formen zu ge - ben. Auf den beiden Gegenſätzen und ihrem Verhältniß be - ruhte fortan das Reich.

Es lag nun alles daran, fremde Einwirkungen, ſey es der Meinung oder des Intereſſes, nicht wieder eingreifen und das Eben-gegründete zerſprengen zu laſſen. Dann konn - ten die geiſtigen Momente die das Reich enthielt, die althiſto - riſchen, die ſeiner Bildung zu Grunde lagen, und die neuen den Fortgang der Entwickelung bedingenden, ſich in friedli - chem Beiſammenſeyn noch inniger durchdringen.

Noch ſchritt das proteſtantiſche Element unaufhörlich fort.

Was Churfürſt Friedrich von der Pfalz zwar unternom - men, aber doch nicht mit voller Entſchiedenheit ausgeführt, die Reformation der Rheinpfalz, davon ließ ſich deſſen Nach - folger, Ottheinrich, durch keine Rückſicht abhalten. Elſaſſi - ſche und würtenbergiſche Theologen wirkten dabei zuſammen: bei der Reformation der Univerſität Heidelberg ward Me - lanchthon zu Rathe gezogen.

Den deutſchen Fürſtenhäuſern, die bereits in ſo großer Mehrzahl die Sache der Reform ergriffen, geſellte ſich im Jahr 1556 auch Baden bei; Markgraf Carl von Baden - Durlach ſah beſonders dahin, daß ſeine neue Kirchenordnung den nachbarlichen gleichförmig ausfiel. Viele Prieſter alten Glaubens nahmen ſie an.

Und da wo die Fürſten zögerten, ergriffen die Stände dieſe Angelegenheit. Im Frühjahr 1556 ward Herzog Al - brecht von Baiern durch die beharrliche Weigerung der welt -433Verhaͤltniß katholiſcher Landesfuͤrſten.lichen Mitglieder des Landtags vorher auf ſeine Propoſitio - nen einzugehn, genöthigt, den Genuß des Abendmahls un - ter beiderlei Geſtalt und die Strafloſigkeit der Übertretung der Faſtengeſetze zu bewilligen. Das Verſprechen das er gab, ſo viel an ihm ſey, dafür zu ſorgen daß das Wort Gottes durch taugliche Seelſorger im Sinne der apoſtoliſchen Kirche verkündet werde, ließ die weiteſte Auslegung zu, ſo unbeſtimmt auch die Worte gewählt waren. 1Freiberg Landſtaͤnde II, 330.

Durch ähnliches Andringen der Stände ward auch Kai - ſer Ferdinand in demſelben Jahre bewogen, die General - mandate, durch die er dem Gebrauch des Kelches im Abend - mahl und andern Abweichungen Einhalt zu thun gedroht hatte, fürs Erſte einzuſtellen und die Zugeſtändniſſe, die in Böhmen und Mähren unwiderruflich geworden, jetzt auch in den öſtreichiſchen Herzogthümern eintreten zu laſſen. In Schleſien gab er auf, die von Fürſten und Ständen vor - genommenen Veränderungen rückgängig zu machen.

Es wäre eine Täuſchung geweſen, hätte man die Ein - willigung des römiſchen Hofes zu dieſen Schritten erwarten wollen. Mit heftigen Scheltworten empfieng Paul IV den cleviſchen Abgeordneten Maſius, der im Juli 1556 nach Rom gekommen war, um einen verwandten Antrag zu ma - chen. 2Maſius Bericht vom 4ten Juli. Darauf ſy (paͤpſtl. Hei -Er ergoß ſich in Ausrufungen über die Undankbarkeit der Deutſchen gegen die Kirche, welche doch das Kaiſerthum von den Griechen auf ſie übertragen habe; der Abfall der Nation werde verurſachen, daß ihr durch die Türken eben ſo geſchehe, wie dieſe einſt den Griechen gethan.

Ranke D. Geſch. V. 28434Zehntes Buch. Siebentes Capitel.

Dieſe Fürſten mußten ſogar in Bezug auf ihre altgläu - bigen Unterthanen ſich ſelber helfen. Man kennt die Strenge, mit welcher Herzog Wilhelm von Cleve ſeine Rechte bei der Beſetzung der Pfarrſtellen feſthielt und keinerlei Eingriff ei - ner fremden geiſtlichen Jurisdiction in ſeinem Lande geſtat - tete;1Er habe leinene Saͤcke aufhenken laſſen, worin diejenigen, ſo der geiſtlichen Jurisdiction halber etwas anzubringen unternehmen wuͤrden, als proditores patriae erſaͤuft werden ſollten. ſeine Edicte haben allen ſpätern Regierungen zur Norm gedient. 2Laspeyres Verfaſſung der katholiſchen Kirche Preußens p. 195.Öſtreich und Baiern lagen mit den Biſchöfen der Diöceſen, zu denen ihre Landſchaften gehörten, in unaufhör - lichem Hader. Auf den Synoden zu Salzburg 1549 und 1550, zu Mühldorf 1553, erhoben die Geiſtlichen laute Kla - gen, daß man ihrer Gerichtsbarkeit nicht achte, ihre Immu - nitäten verletze, ihnen ungewohnte Laſten auflege. Die Für - ſten vertheidigten ſich damit, daß ſie den Biſchöfen Vernach - läßigung ihrer geiſtlichen Pflichten Schuld gaben. 3Auszuͤge aus den gewechſelten Schriften bei Bucholtz VIII, 208. Sugenheim 207. 218. So ſein, ſagt Ferdinand 1549, die geiſtlichen ſolcher ihrer geiſtlichen Recht, Gewaldts und Gerichts - zwangs, ſonderlich in unſern Erblanden gar nicht in Gebrauch; halten fuͤr billig, das diej. Laien, ſo de crimine heresis, sacri - legii, falsi, simoniac, usurarum, adulterii, fractae pacis et perjurii in Verdacht oder uͤberwunden, nindert anderſtwohin als von der weltlichen Obrigkait gerechtfertigt und geſtraft und kainswegs fuͤr die gaiſtlich Obrigkait gewiſen oder gezogen werden ſollten. Es blieb dabei, daß in den weltlichen Gebieten die kirchlichen Angele - genheiten hauptſächlich unter dem Einfluß fürſtlicher Räthe, nur mit Zuziehung eines und des andern ergebenen Clerikers verwaltet wurden. Wenn man die Unterſuchungen über an - gebliche Wiedertäufer anſieht, die in Baiern noch dann und2ligkeit) von Stund an mit vielen und heftigen worten, als die ſich etwas entſetz, mir geantwort, ſolches ſey nicht zuzulaſſen. 435Verhaͤltniß katholiſcher Landesfuͤrſten.wann vorkommen, ſo findet man, daß ſolche von den her - zoglichen Religionsräthen veranlaßt, von einer Provinzialre - gierung und dem Pfleger eines kleinen Bezirks geführt wer - den ohne alle eigentliche Theilnahme der biſchöflichen Ge - walt, der man nur zuletzt einen als ſchuldig betrachteten Prieſter zu canoniſcher Strafe ausliefert. 1Winter Geſchichte der Baieriſchen Wiedertaͤufer p. 83.

Nicht ſo durchaus verſchieden wie es ſcheinen ſollte, iſt das Verhältniß der weltlichen Fürſten der alten Kirche zu den Biſchöfen von dem, das ſich in den Landſchaften der augsburgiſchen Confeſſion bildete. Nur erwehrte man ſich hier der biſchöflichen Jurisdiction vollſtändig und mußte daran denken ſie anderweit zu erſetzen. Wir dürfen nicht verſäumen, auf dieſe Seite des Ereigniſſes noch einen Blick zu werfen.

Grundzüge der proteſtantiſchen Kirchenverfaſſung.

Wie der alte Zuſtand des mittelalterlichen Staates auf einem Zuſammenwirken der geiſtlichen und weltlichen Gewalt beruhte, ſo entſprang die Neuerung zunächſt daher, daß, als die Biſchöfe die Anhänger lutheriſcher Lehren zu beſtrafen verſuchten, die Fürſten ihnen dabei ihren weltlichen Arm nicht mehr liehen. Dieß allein reichte hin, der biſchöflichen Jurisdiction, welche bisher, z. B. in Sachſen, ziemlich be - ſchwerlich gefallen, ein Ende zu machen. Die Erzprieſter und Diaconen, oder Officialen und Commiſſarien, durch welche ſie bisher ausgeübt worden, und die, da ſie mit ihrer Ein - nahme an die Sporteln verwieſen waren, ſich ſelten ein Ver - gehen hatten entſchlüpfen laſſen, erſchienen nicht mehr.

28*436Zehntes Buch. Siebentes Capitel.

Nachdem aber dieſes ganze Syſtem gefallen, ſah man doch auch, daß es etwas Gutes gehabt hatte und nicht ganz zu entbehren war.

Man trug Bedenken, Eheſachen, die bisher einen ſo be - deutenden Zweig der geiſtlichen Jurisdiction gebildet, geradezu an die weltlichen Gerichte zu überweiſen, weil der Richter, wie die Theologen oftmals wiederholen, darin dem Gewiſ - ſen rathen müſſe.

Ferner bedurfte der geiſtliche Stand, der früher jede Unbill die er erfuhr, als ein Verbrechen gegen die allgemeine Kirche geahndet, jetzt eines andern Schutzes: über Beleidi - gungen der Patrone oder der Pfarrer hatte er nicht ſelten zu klagen.

War aber nicht für dieſen Stand ſelber Aufſicht - thig? Gar bald fanden ſich auch unter den proteſtantiſchen Predigern Leute, die ein unordentliches Leben führten, oder in der Lehre ihrem Gutdünken nachhiengen: unmöglich konnte man ſie gewähren laſſen.

Endlich forderten öffentliche Laſter ein Einſchreiten auch von kirchlicher Seite heraus; der gemeine Mann, der ſonſt alle Jahr fünf, ſechs Mal vor den Official citirt worden war, und jetzt nichts mehr von demſelben hörte, mußte auf eine andre Weiſe in Zaum gehalten werden.

Anfangs war nun der Gedanke, einen Theil dieſer Be - fugniſſe und Pflichten an die Pfarrer und Superintendenten übergehn zu laſſen, an jene den Bann und die Eheſachen, an dieſe Aufſicht und Schutz. Es finden ſich Citationen, welche Luther im Namen des Pfarrers von Wittenberg in ganz juriſtiſcher Form erlaſſen hat.

Allein bald zeigte ſich, daß dieß nicht ausreiche. Die437Proteſtantiſche Kirchenverfaſſung.Pfarrer waren doch der weltlichen Angelegenheiten nicht kun - dig genug, um nicht zuweilen groben Betrügereien ausge - ſetzt zu ſeyn, und in den geiſtlichen vielleicht nur zu heftig. Hauptſächlich aber, es fehlte ihnen an allem Nachdruck, al - ler Zwangsgewalt. 1In dem hauptſaͤchlich von Bugenhagen und Jonas herruͤh - renden Bedenken der Theologen heißt es: die Pfarrer ſeyen erm - lich verſorgt und mit andern ſachen ufgehalten: die Superintenden - ten haben keine Execution, keine Gewalt zu citiren, kein Einkommen um nur die Boten zu lohnen.

Und woher ſollte dieſe auch überhaupt genommen, wor - auf begründet werden?

Man konnte ſie nicht aus dem päpſtlichen Recht her - leiten, das man verwarf, noch aus der alten Praxis, die wieder auf dem Rechte beruhte. Auch ließ ſich nicht ein Gemeinwille der Mitglieder der Kirchengeſellſchaft nachwei - ſen, die noch lange nicht hinreichend von dem Prinzip durch - drungen zum großen Theil erſt zu unterrichten, ja zu zäh - men waren und noch reg[i]〈…〉〈…〉werden mußten. Es fehlte der neuen Geiſtlichkeit an einem zu Recht beſtehenden Grund ihrer Jurisdiction.

Die Wittenberger Theologen fühlten dieſen Mangel ſo lebhaft, daß ſie endlich Johann Friedrich baten, ihnen ei - nen Commiſſar zu geben, einen rechtsverſtändigen Mann, der die Jurisdiction aus unmittelbarem Auftrag des Für - ſten ausübe. 2 Derſelbig muſt ein wolgeſchickter mann ſein, gelehrt in jure, und auch in der h. Schrift; derſelbige ſoll die Jurisdiction haben aus Befehl ane mittel des landesfuͤrſten. Bedenken der Theologen. Fer - ner Hochvonnoͤthen gewiſſe Conſiſtoria aufzurichten, do die Judices Befel und Gewalt hetten, rechtlich zu citiren, auch Urtel Straf und Buß ufzulegen und entlich execution zu thun.

438Zehntes Buch. Siebentes Capitel.

Die große Wendung für die Verfaſſung evangeliſcher Landeskirchen liegt darin, daß Johann Friedrich ſich entſchloß, dieſe Bitte zu erfüllen.

Ich denke wohl: er war dazu hinreichend befugt. Die alten Reichsſchlüſſe hatten die einzelnen Landſchaften, in de - nen eine allgemeine Verwirrung ausgebrochen war, ermäch - tigt, für ſich ſelber Ordnung zu treffen. Schon hatten die ſächſiſchen Landſtände, im Frühjahr 1537 in einem größern Ausſchuß verſammelt, wahrſcheinlich auf Antrieb des Canz - lers Brück, die Errichtung einiger kirchlichen Behörden, die ſie Conſiſtorien nannten, in Antrag gebracht, hauptſächlich zu den Eheſachen und dem Schutz der Pfarrer; und es war be - ſchloſſen worden, dieſelben aus dem Sequeſtrationsfends zu beſolden. Johann Friedrich entſprach dem Auftrag des Rei - ches, dem Begehren der Stände, dem dringenden Anſuchen der Theologen ſelbſt, wenn er ſeine landesfürſtliche Macht zur Gründung eines feſteren kirchlichen Zuſtandes anwandte. Er ſetzte das Conſiſtorium aus zwei weltlichen und zwei geiſt - lichen Mitgliedern zuſammen, die er als ſeine Beauftragte in Kirchenſachen, wie er es ausdrückt, als ſeine von der Kirchen wegen Befehlshaber bezeichnet. Sie ſollen in den durch ein beigeſchloſſenes Gutachten der Theologen beſtimm - ten Fällen eben in den oben angegebenen die Befug - niß haben, ſeine Unterthanen vorzubeſcheiden, Verhör zu hal - ten, Unterſuchung zu führen, und wofern es nöthig, rechtlich zu verfahren. Alle Amtleute, Schöſſer, Vögte, in den Städ - ten die Räthe weiſt er an, das zu vollziehen, was dieſelben verfügen oder erkennen werden. 1Copei churfurſtlichen Gwalts und Vollmachts: den Commiſ - ſarien des Conſiſtorii gegeben: undatirt, von anderer Hand mit der

439Proteſtantiſche Kirchenverfaſſung.

Einſt hatten die Biſchöfe die weltliche Macht zu ver - drängen gewußt, zuweilen ganze Diöceſen zu Fürſtenthümern umgewandelt. Jetzt trat in weltlichen Gebieten die umge - kehrte Entwickelung ein: die fürſtliche Macht dehnte ihre Ju - risdiction über geiſtliche und gemiſchte Fälle aus, die bisher ein geiſtliches Forum gehabt.

Die Theologen fanden, daß eine ſolche Ausdehnung dem urſprünglichen Begriffe der Obrigkeit, wie er in der h. Schrift vorliege, nicht allein vollkommen entſpreche, ſondern durch dieſelbe vorausgeſetzt, gefordert werde. Durch Stellen des alten und des neuen Teſtaments bewieſen ſie, daß die Obrig - keit auch in geiſtlicher Beziehung Schutz gewähren und das Böſe beſtrafen müſſe. 1Eine Stelle Eſaiaͤ 49 die Koͤnige werden der Kirchen Naͤh - rer ſeyn mag nun wohl dieſen Sinn urſpruͤnglich nicht haben: man verſtand ſie aber in aller Aufrichtigkeit nicht anders.

Das hängt auch damit zuſammen, daß die Reforma - toren die Kirche nicht mehr in den Biſchöfen, dem geiſtlichen Stande ſahen, ſondern eine Theilnahme der Laien, nament - lich der angeſehenſten, an ihren Geſchäften für zuträglich und nothwendig hielten.

An einen Gegenſatz der verſchiedenen Stände war hier nicht zu denken, da alle vereinigt, nur ein und eben daſſelbe Ziel hatten. Die fürſtliche Autorität war nicht zu entbeh - ren, um die kirchliche Ordnung wieder aufzurichten. Doch hätte ſie allein nicht vorſchreiten können; ſie bedurfte der Mitwirkung der Geiſtlichen, und zwar aus dem eigenen, von keinem Auftrage des Fürſten ſtammenden Prinzipe derſelben. 1Jahrzahl 1538 bezeichnet; ferner ein Schreiben des Churfuͤrſten, Creuz - burg Donnerſtag nach Dorotheaͤ (11 Febr.) an die eben bezeichneten Mitglieder. (Weim. Arch.)440Zehntes Buch. Siebentes Capitel.Auch an andern Stufen ſollten die beiden Zweige concurri - ren. Bei der jährlichen Viſitation aller Kirchen des Bezir - kes, die dem Conſiſtorium aufgetragen ward, ſollte ſich daſ - ſelbe in den Städten mit zwei Mitgliedern des Raths und zweien von den Vorſtehern des gemeinen Kaſtens, in den Dörfern mit den Älteſten oder einigen Mitgliedern der Ge - meinde vereinigen, um Wandel und Haushalt des Pfarrers zu prüfen; mit Herbeiziehung des Pfarrers ſelbſt ſollte dann das Betragen der Gemeine unterſucht werden. Kein Mit - glied ſollte Laſter dulden, durch welche der Zorn Gottes über die Menſchen komme.

Denn dabei blieb man immer, daß die Kirche ein gött - liches Inſtitut ſey, welches durch ein Zuſammenwirken aller Kräfte aufrecht erhalten werden müſſe.

Die weltliche Gewalt erbot ſich, den Übelthätern, als die ihren Taufbund verleugnen, ihr Handwerk zu legen, alle bürgerliche Gemeinſchaft zu unterſagen.

Das erſte Conſiſtorium trat in Wittenberg im Februar 1539 zuſammen. Es beſtand aus den Theologen Juſtus Jonas und Johann Agricola, und aus den Juriſten Kilian Goldſtein, der anfänglich beſtimmt war den Vorſitz zu füh - ren, es aber abgelehnt hatte, und Baſilius Monner; war aber noch ſehr formlos. Es fehlte ſogar an einem Amts - ſiegel: die Mitglieder mußten ſich bei der Ausfertigung ihrer Petſchafte bedienen. Eine eigentliche Inſtruction erfolgte erſt 1542,1Conſtitution und Articul des churf. geiſtl. Conſiſtorii zu Wit - tenberg in Sachſen 42 aufgericht. (Weim. A.) Darin wird denn auch der Bann ſehr ausdruͤcklich gebilligt. die denn zugleich für zwei andre Conſiſtorien, die in441Proteſtantiſche Kirchenverfaſſung.Zeiz und in Saalfeld errichtet werden ſollten, beſtimmt war: doch fehlte viel, daß alles ſogleich ins Werk geſetzt worden wäre.

War doch überhaupt der ganze Zuſtand noch proviſo - riſch. Bei der erſten Ausſicht auf eine allgemeine Reforma - tion im Reiche erklärten ſich die proteſtantiſchen Fürſten be - reit, dieſe kirchliche Jurisdiction den Biſchöfen zurückzugeben, vorausgeſetzt daß die Reinheit der Lehre gewahrt, und ein ähnliches Inſtitut wie das Conſiſtorium unter biſchöflicher Autorität eingerichtet würde.

Davon erfolgte jedoch, wie wir wiſſen, das Gegentheil. Das Interim war auf eine vollſtändige Herſtellung der Hierar - chie des Reiches abgeſehen: bei aller Vorſicht, mit der es ſich ausdrückte, neigte es doch ſo überwiegend zu dem Sinne der alten Kirche, daß dieſer nothwendig den Sieg hätte da - von tragen müſſen.

In Bezug auf die Verfaſſung ward das Interim ſelbſt da wo man ſonſt dazu geneigt war, nicht ausgeführt. So ſehr man ſich in den moritziſchen Landen der kaiſerlichen For - mel annäherte, ſo konnten doch die Biſchöfe auch hier die Ordination, die mit einer Prüfung in katholiſchem Sinne ver - bunden geweſen wäre, nicht wiedererlangen.

Wie viel weniger war daran zu denken, nachdem die ganze Kraft der kaiſerlichen Anordnungen gefallen war!

Auf einer Zuſammenkunft ſächſiſcher und heſſiſcher Theo - logen zu Naumburg, im Mai 1554, der von den Oberlän - dern Sleidan beiwohnte, ward der Beſchluß gefaßt, auf die frühern Einrichtungen definitiv zurückzukommen. 1Relation der Verhandlungen im Convent zu Naumburg. Corp. Ref. VIII, 282. Neudecker Neue Beitraͤge I, 102.Man er -442Zehntes Buch. Siebentes Capitel.klärte es für unmöglich, die Ordination den Biſchöfen zu überlaſſen, von denen die rechte Lehre nach wie vor verfolgt werde, und beſchloß dieſelbe den Superintendenten zu über - weiſen, bei denen ſie denn auch fortan geblieben iſt. Etwas ganz anders war es in England, wo das große national - kirchliche Inſtitut, bei allem Wechſel den es durchmachte, doch in ſich ſelbſt unangetaſtet, zuletzt das evangeliſche Syſtem in ſeinen Grundlehren annahm; und doch hat auch da die Beibehaltung der Vorrechte des Bisthums den hef - tigſten Widerſpruch hervorgerufen. In Deutſchland hätte man an die Myſterien des Ordo wohl niemals wieder ge - glaubt. Man behielt nur den einfachen Ritus der Hand - auflegung bei, wie man das Vorbild davon in der Schrift fand, und trug dafür Sorge, daß der Ertheilung dieſer Weihe immer erſt Unterweiſung und Prüfung vorangieng. Die Conſiſtorien traten wieder in ihre urſprüngliche Geltung ein. Die Theologen erſuchten nur die Fürſten, ihre Amt - leute zu unnachſichtiger Execution der gefaßten Decrete an - zuweiſen: ſie wiederholten aufs neue, daß die Erhaltung dieſes Inſtitutes ein Gottesdienſt ſey, der in das Amt der Fürſten gehöre.

Auch hatte es jetzt von Seiten der Gegner damit keine Gefahr mehr. Auf der Verſammlung zu Augsburg im Jahr 1555 beſchloß das Reich, daß den Biſchöfen in den zur augsburgiſchen Confeſſion übergetretenen Gebieten kein An - ſpruch auf die Jurisdiction mehr zuſtehe. Es kam gleich - ſam auf die im Jahr 1526 ausgeſprochene Delegation zu - rück, und beſtaͤtigte, was in Folge derſelben geſchehen war. Seitdem ſetzte ſich denn die Conſiſtorialverfaſſung überall443Proteſtantiſche Kirchenverfaſſung.und auch da durch, wo man bisher die biſchöflichen For - men beibehalten hatte. 1Melanchthon findet folgenden Vortheil. Wo Conſiſtoria ſind, ſagt er, da iſt nicht einer allein gewaltig, ſondern die Sachen muͤſſen durch etliche erfahrne Perſonen bedacht werden und alsdann an die Herrſchaft gebracht, die ſolches auch weiter bedenken kann. Bedenken vom Synodo 1558.Sie beruht auf einer Vereinigung des neuen geiſtlichen Prinzipes und der Landeshoheit, die dem Ereigniß wie es ſich nun einmal vollzogen hatte, voll - kommen entſpricht. Die Geiſtlichkeit hätte ſich ohne das Fürſtenthum nimmermehr behaupten können; dieſes dagegen erlangte durch eine ergebene Geiſtlichkeit eine Ausdehnung ſei - ner Befugniſſe, welche auch in katholiſchen Ländern geſucht, aber doch nicht in ſo vollem Maaße erreicht werden konnte.

Freilich waren damit auch wieder bei weitem größere Schwierigkeiten verknüpft. Es war nur erſt ein Grund ge - legt, ein Anfang gemacht, und ſchon ſollte man die bedeu - tendſten, weitausſehendſten Irrungen erledigen.

Von der Lehre war die Abſonderung von der alten Kirche und die Einrichtung eines neuen Gemeinweſens ausgegan - gen: nichts konnte widriger und bedenklicher ſeyn, als daß man ſich über die Lehre wieder entzweite.

Theologiſche Streitigkeiten.

Vor dem ſchmalkaldiſchen Kriege herrſchte in der pro - teſtantiſch-theologiſchen Welt ein ziemlich allgemeiner Friede. Wohl war kurz vorher der alte Ingrimm Luthers gegen die ſchweizeriſche Meinung noch einmal aufgeflammt,2Calvin, Expositio consensionis capitum: ex sopitis car - bonibus subinde micabant scintillae. eine Be -444Zehntes Buch. Siebentes Capitel.wegung aber war daraus nicht mehr entſtanden. Der Zwing - lianismus, wie ihn Bullinger bekannte, war wie berührt da - mals in ſehr enge Grenzen eingeſchloſſen; die deutſchen Kir - chen hielten an der Wittenberger Concordie feſt. Eine kleine Veränderung,1Urſpruͤnglich hieß es: docent, quod corpus et sanguis Christi vere adsint et distribuantur vescentibus in coena domini et improbant secus docentes; ſpaͤter: docent, quod cum pane et vino vere exhibeantur corpus et sanguis Christi vescentibus in coena domini. die Melanchthon in dem Wortlaut der augs - burgiſchen Confeſſion vorgenommen, ward ihm wenigſtens auf der evangeliſchen Seite noch nicht zum Vorwurf ge - macht. 2Luther billgte beim Wiederabdruck aͤlterer Streitſchriften in der Sacramentsſache die Weglaſſung anzuͤglicher und beleidigender Stellen. Salig Geſch. der Augsb. Conf. III,Abweichende Meinungen regten ſich dann und wann, wie des Eisleber Agricola oder Oſianders in Nürn - berg: ſie wurden aber leicht beſchwichtigt. Die hohe Schule zu Wittenberg, die jedoch bei ſchwierigen Fragen niemals verſäumte auch andre angeſehene beſonders practiſche Theo - logen herbeizuziehen, bildete eine Autorität, vor der ſich alles beugte. In ihr ſelber ließen ſich zwar verſchiedene Richtun - gen unterſcheiden, die ſich an die Sinnesweiſe der beiden großen Lehrer, Luther und Melanchthon, knüpften, allein ſie traten vor einem höheren Einverſtändniß zurück. Ein un - vergängliches Denkmal dieſer Gemeinſchaft der ſpätern Jahre iſt die neue Ausgabe der Bibelüberſetzung, bei der Melanch - thon, Cruciger, Bugenhagen und mehrere Jüngere den Doctor Luther, jeder mit ſeiner beſondern Kunde unterſtützten, und die nun nicht wie in den erſten Zeiten in Form einer Flugſchrift, ſondern als ein Codex göttlicher Wiſſenſchaft der deutſchen Na -445Univerſitaͤt Wittenberg.tion dargeboten wurde. Auch ſonſt übte dieſe Univerſität ei - nen unermeßlichen Einfluß aus. Die ganze deutſche Nation, von Liefland bis nach Öſtreich auf der einen, und nach Bra - bant auf der andern Seite, ſchickte ihre Jugend zu den - ßen der Wittenberger Lehrer. 1Im Jahr 1540 finden wir 448, 1541 461, 1542 594, 1543 503, 1544 814, 1545 556, 1546 748 Inſcripti. Die große Maſſe der Studirenden gaben die naͤchſten Landſchaften, Meißen, Thuͤringen, Franken, Brandenburg, Heſſen; ſehr regelmaͤßig finden wir unter den Inſcribirten auch Lieflaͤnder und Preußen, ferner z. B. im Jahr 1544 35 Schleſier, 15 Pommern, 11 Hamburger, im Jahr 1543 7 Weſtphalen, 5 Frieslaͤnder, 4 Coͤllner; und dieſen Norddeut - ſchen geſellten ſich dann die Oberdeutſchen und Rheinlaͤnder in ziem - lich gleicher Anzahl bei: im Jahr 1543 finden wir 10 Augsburger und noch 6 andre Schwaben, 2 Straßburger, 3 von Speier: Frank - furt und Nuͤrnberg erſchienen jedes Jahr mit einer Anzahl Inſcriptio - nen, eben ſo Oͤſtreich, auch die Stadt Wien. Schweizer, Hollaͤnder, Brabanter ſind doch immer Einige.Wittenberg war ſeit Bologna und Paris die erſte ſelbſtändige hohe Schule die es gab: keine Colonie mehr, wie die früheren geweſen. Eher konn - ten die kleineren proteſtantiſchen Univerſitäten als Pflanzſtät - ten von Wittenberg gelten, von wo aus ſie großentheils be - ſetzt worden waren. Wenn man ſich hier nur verſtand, ſo brauchte man übrigens keinen Zwieſpalt zu fürchten. Der Eid den die zu Wittenberg creirten Magiſter ſchwuren, ſich in ſtreitigen Fragen bei den Älteren Raths zu erholen, war darauf berechnet, unreife Meinungsäußerungen und daraus zu beſorgenden Zwieſpalt zu verhüten, wenn er auch nicht darauf gieng, wie ihn einige verſtehn wollten, als ſollten die wittenbergiſchen Lehrer immer zuerſt gefragt werden.

Wenn die Dinge in dieſem Gange geblieben wären, ſo hätte ſich wohl eine ruhige Weiterbildung der Lehre in446Zehntes Buch. Siebentes Capitel.den Puncten wo ſie noch nicht genügte, namentlich in dem Artikel vom Abendmahl, wo die Grundſätze der Wittenber - ger Concordie noch nicht recht durchgearbeitet, zur Allgemein - gültigkeit erhoben waren, erwarten laſſen.

Aber die großen Ereigniſſe, der ſchmalkaldiſche Krieg und was demſelben folgte, unterbrachen auch hier den na - türlichen Lauf der Dinge.

Wir gedachten oben der interimiſtiſchen Händel. Die Metropole der evangeliſchen Doctrin, in den Bereich der vor - dringenden Reſtaurationsverſuche gezogen, ließ ſich zu Annähe - rungen herbei, die im Drange des Augenblicks allenfalls ent - ſchuldigt, niemals aber die allgemeine Norm werden konn - ten. Sie mußten vielmehr Denen ein Greuel ſeyn, die un - ter perſönlicher Gefahr ähnlichen Anmuthungen widerſtan - den, Flucht und Verbannung vorgezogen hatten, und auch Die zurückſtoßen, die von der vordringenden ſiegreichen Ge - walt nicht erreicht worden waren. Melanchthon gerieth un - ter dem Einfluß einer provinziellen Politik in eine einſeitige Stellung, in der er aufhörte den Wagen Iſraels zu lenken.

In ſeiner unmittelbaren Nähe brach ihm darüber Wi - derſpruch aus. Ein junger Lehrer der hebräiſchen Sprache, Matthias Vlacich von Albona, genannt Flacius, der einſt im Kloſter von den Schriften Luthers angeregt, dieſen per - ſönlich aufgeſucht, und ſich, nicht ohne den Zuſpruch deſſel - ben, unter heftigen inneren Bedrängniſſen, von der Rechtfer - tigungslehre allein durch den Glauben durchdrungen, ihre heil - bringende Kraft an ſich erprobt hatte, wollte nicht mit anſehen, daß man ſich in dieſem Hauptartikel jetzt wieder dem alten Syſteme annähere. Da er jedoch weder mit ſchrift -447Theologiſche Streitigkeiten. (Flacius.) lichen noch mit mündlichen Erinnerungen bei ſeinen Lehrern Eingang fand, ſo entfernte er ſich lieber aus Wittenberg, und begab ſich nach den Gegenden wo man von den Vermitte - lungsverſuchen noch unberührt geblieben war. In Magde - burg vereinigte er ſich mit Amsdorf, der ſein Bisthum ver - loren hatte, und die Verſuche ſeiner frühern Collegen, ſich mit den Feinden zu verſöhnen, denen er weichen müſſen, wohl nicht anders als verdammen konnte: und mit Nicol. Gallus, der des Interims wegen von Regensburg ausgewandert war: von Hamburg her kam ihm Weſtphal, bei dem er ſich erſt Raths erholt hatte, zu Hülfe. Noch beſonders durch jenen Brief an Carlowitz gereizt, trugen ſie endlich kein Beden - ken, den allgemeinen Lehrer in offenen Schriften anzugrei - fen. Sie zogen die Differenzen ans Licht, die man früher zu berühren vermieden, und erklärten die Zugeſtändniſſe, zu denen ſich Melanchthon widerſtrebend hatte bewegen laſſen, für eine abſichtliche Abtrünnigkeit. Daß er bei der Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben das Wort allein weggelaſſen, oder den Papſt nicht mehr geradezu für den Antichriſt erklären wollte, ſchien ihnen eine Anbahnung zu neuer Unterwerfung unter das alte Syſtem. Ein theologi - ſcher Krieg brach aus, der das Getümmel der Waffen mit ſeinem Geräuſche durchbrach.

Nachdem wir die Rettung des großen Prinzipes betrach - tet, was unſre Aufgabe war, wollen wir nicht dieſe Ent - zweiung im Einzelnen verfolgen; faſſen wir nur auf, wo - von hauptſächlich die Rede war.

Die erſte Streitigkeit betraf den Artikel über Glauben und gute Werke.

448Zehntes Buch. Siebentes Capitel.

Es konnte Niemand mehr beikommen, unſer Heil von den gebotenen kirchlichen Werken herzuleiten, oder die Erwer - bung deſſelben damit in Verbindung zu ſetzen.

Dann aber machte die Ausdrucksweiſe, die man in der evangeliſchen Kirche beibehielt, daß gute Werke zur Seligkeit nicht nöthig ſeyen, allerdings ein Mißverſtändniß möglich, welches in jenen Tagen unter dem Volke öfter hervorgetre - ten iſt, als ſey ſchon der hiſtoriſche Glaube an das My - ſterium der Erlöſung zur Seligkeit hinreichend. Die Be - hauptung, die Lehre mache dadurch ſichere und rohe Leute, gab den Gegnern wieder Waffen in die Hände, und ohne Nutzen wäre es nicht geweſen ihnen jeden Grund dazu zu entreißen.

Dahin eigentlich gieng die Abſicht Majors und Oſian - ders, deren Doctrinen die Fehde, die ſonſt mit dem Interim ſelbſt hätte aufhören müſſen, aufs neue belebten.

Georg Major, ein Schüler und treuer Anhänger Me - lanchthons, blieb bei dem practiſchen Geſichtspunct ſtehn, und lehrte, Niemand ſey noch ſelig geworden durch böſe Werke, Niemand werde es ohne gute Werke. Er war der Meinung, die Wiedergeburt bringe ſo unfehlbar gute Werke hervor, wie die Sonne Licht und Wärme verbreite; und ſo ſprach er die Lehre aus: gute Werke ſeyen zur Se - ligkeit ohne allen Zweifel nothwendig.

Obgleich ſich Oſiander gegen die Wittenberger Schule, deren Autorität ihn früher zuweilen beſchränkt hatte, na - mentlich gegen Melanchthon und deſſen Anhänger, die Phi - lippiſten, in heftigen Widerſpruch warf,1Nur ſollte man nicht immer wieder ſagen, daß der Neid des ſo gieng doch ſeine449Theologiſche Streitigkeiten. (Oſiander.) Meinung eben dahin: nur daß er ſie tiefer ergriff, und nicht ohne Anklang an die deutſche Myſtik und die tauleriſchen Lehren, von denen auch Luther einſt ausgegangen, entſchie - dener ausbildete. Das Eigenthümliche ſeiner Meinung iſt, daß er, an dem Mittleramt Chriſti und der Lehre von der Genugthuung durch deſſen Leiden und Sterben feſthaltend, doch den Artikel von der Erneuung und Heiligung, die er mit dem Worte Rechtfertigung bezeichnete, ſtärker hervor - hob als es gewöhnlich geſchah, und zu größerer Bedeu - tung auszubilden ſuchte. Er war mit dem Begriffe von der Einwirkung des heiligen Geiſtes nicht zufrieden, indem dieſe nichts als ein creatürliches Leben wirke und nur uneigent - lich als ein Einwohnen Gottes bezeichnet werden könne: er lehrte vielmehr, daß die Gottheit in ihrer Fülle in De - nen wohne welche lebendige Glieder Chriſti ſeyen, wie in Chriſto ſelbſt. Die Rechtfertigung bezeichnet er als die in uns wirkende weſentliche Gerechtigkeit Gottes, die ein ge - rechtes Wollen und gerechte Werke hervorbringt: das gött - liche Licht, das dem Menſchen zu Theil wird, als daſ - ſelbe das den Tod überwindet, das Leben und Wort Got - tes, Chriſtus, Gott ſelbſt. Im Weſentlichen das Nemliche was Tauler lehrt, daß Gott ſein Wort im Grunde der See - len ſpricht, das Wort, in welchem alle Dinge geſchaffen ſind. Nur daß Oſiander ſeine Sätze dem Sprachgebrauch der Zeit annähert und mit aller Gelehrſamkeit ſchriftmäßiger1Staphylus uͤber eine Bevorzugung Oſianders in der Profeſſur den Anlaß zum Streit gegeben habe. Arnold hat laͤngſt gezeigt, daß Staphylus bereits reſignirt hatte, ehe Oſiander ernannt ward. Kir - chengeſch. p. 413.Ranke D. Geſch. V. 29450Zehntes Buch. Siebentes Capitel.Theologie zu beweiſen ſucht. Sein Sinn iſt, daß Chriſti Leiden und Sterben, auf das man gleichwohl allein zu trauen habe, durch den Glauben ergriffen, den Leib der Sünde in uns zerſtöre und allmählig den alten Menſchen tödte: eben wie Major die innere Nothwendigkeit der guten Werke be - hauptete, nicht die äußere.

Man wird nicht leugnen, daß dieſe Anſichten von ho - her Wichtigkeit, einer weiteren Ausbildung höchſt würdig wa - ren: wie ſie denn auch gleich damals nicht ohne Rückwir - kung blieben;1Oſiander ſelbſt behauptet dieß: Widerlegung der ungegrund - ten undienſtlichen Antwort Philippi Melanthonis: warumb hat er aber ſolchs in allen ſeinen Puͤchern nie gelehrt, noch bekennet, bis ichs ihm in dieſem 1551 jar mit der h. ſchrift abgedrungen hab. aber durchdringen konnten ſie nicht, ſchon darum nicht, weil ſie wenigſtens das Anſehen hatten als näherten ſie ſich dem in Trident ergriffenen Syſtem: zu einer Zeit wo nach kurzem Vermittelungsverſuch das Prin - zip der Abſonderung und des Gegenſatzes wieder die Ober - hand gewonnen hatte. Man wollte keine Annäherung mehr, weil dadurch dieſſeit nur Schwanken und Entzweiung, jenſeit Beſtärkung und neue Umgriffe veranlaßt würden. Melanch - thon ſelbſt verwarf die Ausdrucksweiſe Majors, weil es doch ſcheinen könne, als werde den Werken Verdienſt zuge - ſchrieben,2Vgl. ſ. Brief an die Nordhauſer 13 Jan. 1555. Er gab nur zu, die Werke ſeyen noͤthig: nicht aber noͤthig zur Seligkeit. und Major mußte ſie endlich fallen laſſen. Auch die Oſiandriſten unterlagen, wiewohl ſie mächtige Unterſtützung gefunden hatten. Aber der ſtrenger orthodoxen Partei, die hier den Sieg behalten, wurde darum doch nicht geſtattet ihr Prinzip zu weit auszudehnen. Übertreibende Behauptun -451Theologiſche Streitigkeiten. (Calvin.) gen, zu denen ſich Flacius und Amsdorf fortreißen ließen, wurden zuletzt allgemein verworfen, und namentlich dem er - ſtern ſelbſt verderblich. Es herrſchte in der Geſammtheit ſo viel geſunder Sinn, daß ſie ſich aus der unter Luthers Füh - rung eingeſchlagenen Bahn, die ſie den Katholiken gegenüber behauptete, nicht auch nach der andern Seite hin abführen laſſen mochte, wo ſie in das Sectireriſche gefallen wäre.

Während dem aber war auch der älteſte innere Streit, über das Abendmahl, wieder in Gang gekommen, womit es folgende Bewandtniß hat.

In der Wittenberger Concordie gaben, wie wir ſahen, die beiden Parteien die ſchroffſten Behauptungen auf, durch die ſie ſich früher an einander geärgert hatten. Ohne Zwei - fel behauptete die lutheriſche Auffaſſung das Übergewicht, aber ſie erſchien doch in ſehr milder Geſtalt. Jene Ände - rung in dem Wortlaut der augsburgiſchen Confeſſion be - wirkte daß dieſe von Jedermann angenommen werden konnte.

Wohl waren damit noch nicht alle Bedenken gehoben: noch gab Manchem der ſich übrigens anſchloß, der Ausdruck des Darreichens, oder die Bezeichnung real, körperlich Anſtoß, Andere wollten ſich nicht überzeugen, daß auch Un - würdigen der Leib Chriſti mitgetheilt werde. Melanchthon ſuchte in den neuen Ausgaben ſeines theologiſchen Lehr - buchs, der Loci, einige dieſer Zweifel zu heben: wie er z. B. im Jahr 1543 den Ausdruck körperlich nach dem Vor - gang des Cyrillus beſſer auslegte, als es bisher geſchehen war; nur bewirkte die Furcht, die alten Antipathien Luthers aufzuwecken, daß er äußerſt behutſam vorſchritt.

Die Concordie hielt unter dieſen Umſtänden nicht al -29*452Zehntes Buch. Siebentes Capitel.lein in Deutſchland die Gemüther vereinigt, ſondern ſie drang auch in der Schweiz vor. In Bern und den von dieſer mächtigſten Stadt der Eidgenoſſenſchaft abhängigen Land - ſchaften gewannen die lutheriſchen Anſichten zwiſchen 1540 und 1546, unter dem Vortritt Simon Sulzers, unbezwei - felt die Oberhand. Calvin, der nach Genf zurückgekommen war, und dort ſeine große Laufbahn begann, ward noch als ein Gegner Zwinglis betrachtet. Recht im Gegenſatz mit den Zürchern, welche durch die Behauptung der ſubſtanziellen Gegenwart hauptſächlich verhindert waren ſich der Concordie anzuſchließen,1Ruchat Histoire de la reformation de Suisse V, 552. bekannte er einſt in ſeiner Confeſſion über die Euchariſtie, welche auch von Butzer unterſchrieben wor - den, die Mittheilung der Subſtanz des Leibes und Blutes unſers Herrn. 2 ita ut nos ille (spiritus sanctus) carnis et sanguinis domini substantia vere ad immortalitatem pascat. Worte der confessio fidei quam obtulerunt Farellus, Calvinus, Viretus, cui subscripserunt Bucerus et Capito. Die räumliche Gegenwart nahm er wohl nicht an, aber er tadelt die Schweizer daß ſie in Bekäm - pfung derſelben zu weit gegangen, und faſt aus der Acht gelaſſen, wie mit dem Zeichen auch die Wahrheit vereinigt ſey. 3De coena domini, Opera VIII, p. 10. non cogitarunt, ita signa esse ut veritas cum eis conjuncta sit. Wir finden ihn im Jahr 1540 unter den deutſchen Theologen welche die Religionsgeſpräche beſuchen; zu Genf fuhr er fort dieſe Meinungen zu bekennen.

Sehr auffallend, wie das Unglück des ſchmalkaldiſchen Bundes im Gebiete der Eidgenoſſenſchaft ſogar auf die rein geiſtlichen Angelegenheiten zurückwirkte.

Woher es auch rühren mag, wahrſcheinlich doch aus453Theologiſche Streitigkeiten. (Calvin.) der Furcht, durch eine fernere Trennung von Zürich allen Rückhalt zu verlieren: mit jenem Unglück trat eine Re - action gegen die lutheraniſirenden Meinungen in Bern ein. Man beſetzte entſtehende Vacanzen trotz des Widerſpruchs der angeſtellten Geiſtlichkeit mit Anhängern des reinen Zwing - lianismus; die Zöglinge der theologiſchen Schule wurden einſt einer Prüfung unterworfen, und von ſechszehn nur ihrer drei als ächte Anhänger Zwinglis befunden, alle übrigen in gefängliche Haft genommen; nach einiger Zeit wurden Sul - zer und deſſen nächſte Freunde durch förmlichen Rathsſchluß ihrer Stellen entſetzt, und bald ſollte auch in der Waat nichts anders anerkannt werden als was mit den Schlüſſen der Berner Disputation übereinſtimme. 1Hundeshagen: Die Conflicte des Zwinglianismus, Luther - thums und Calvinismus in der berniſchen Landeskirche p. 200.Calvins nächſte Freunde und er ſelbſt ſahen ſich in Bern bedroht und mißhandelt. Man eiferte dort über Calvinismus und Bucerianismus, was man für einerlei hielt; man warf Calvin dunkle lutherani - ſirende Lehren, den Begriff der Impanation vor; man ta - delte ihn heftig, als er einſt nach Lauſanne gekommen um da zu predigen; in Genf ſelbſt, ſagten ſeine Feinde, müſſe er aus dem Kirchendienſt geſtoßen werden.

Bei den politiſchen Verhältniſſen Genfs, das nur un - ter dem Schutze von Bern die Reformation angenommen, ließ ſich in der That nicht denken, daß ſich dort eine Lehre halten könne, die hier verdammt wurde.

Wie ein Seufzer aus tiefſter Seele bricht in einem Briefe Calvins der Ausruf hervor: es wäre ehrenvoller geweſen die geiſtliche Herrſchaft von Rom zu dulden als die von Bern. 2Utrum generosius saltem fuit, Romae an Bernae sub -

454Zehntes Buch. Siebentes Capitel.

Wohl kam ihm der Gedanke, von Genf, wo die alten Feinde ſich aufs neue regten, abermals zu weichen, aber da - gegen machte ſich doch wieder die Betrachtung geltend, welch ein treffliches Mittel ſchon die Lage dieſes Ortes zur Aus - breitung der Lehre nach allen Seiten hin darbiete. 1Dum expendo quantum habeat hic angulus momenti ad propagandum Christi regnum, sum sollicitus de eo tuendo. Aus einem Schreiben Calvins (Mai 49) bei Hundeshagen p. 254.

Und mußte es denn wirklich zu einem Äußerſten dieſer Art kommen?

Calvin war ſich bewußt, daß der Haß mit dem man ihn verfolgte, großentheils auf falſchen Vorſtellungen beruhte, daß er bei ſeinem Bekennen der poſitiven Momente, dem Weſen nach wie ſie in der Concordie ausgedrückt waren, doch keineswegs in allen Streitpuncten mit den Zwinglia - nern in Widerſpruch ſtand. Wie nun wenn er verſuchte dieß Verhältniß geltend zu machen? indem er ſie anerkannte, ſich ſelber Anerkennung zu verſchaffen?

Man dürfte nicht ſagen, daß hier lediglich von Nachgie - bigkeit die Rede geweſen ſey: es waltete ein viel höheres und allgemeineres Intereſſe ob. Calvin mußte zugleich das Werk fortſetzen das Butzer nicht zu Ende bringen können, und eine Vereinigung von allgemeiner Bedeutung unternehmen.

Butzer hielt es noch nicht für möglich: er machte einige Artikel nahmhaft, in welchen man in Zürich niemals nach -2jici. Calvin an Bullinger 6 Cal. Jul. 1548 bei Henry II Anh. 132. Es iſt nur ſehr auffallend, daß dieſer Brief ſchon einmal abgedruckt iſt, aber nicht ohne große Abweichungen, bei Fuͤſſlin, Epistolae ab ec - clesiae Helveticae reformatoribus scriptae, nr. 66. Obige Worte lauten da: quid profecimus, tyrannide Papae excussa. Bei Henry denke ich iſt das Urſpruͤngliche.455Theologiſche Streitigkeiten. (Calvin.) geben werde; und Calvin ſelbſt fühlte, welch eine ſchwere Sache er unternehme. Wie oft hatte er früher über den Starrſinn der Züricher geklagt, die ſich in ihre Meinungen und Feindſeligkeiten immer mehr hineingeredet, über das Selbſt - genügen Bullingers, der ein harter Kopf ſey. Als er jetzt, im Juli 1549, in Begleitung Farels nach Zürich kam, ſchien es nicht anders zu ſtehn als früher, und es war ein Au - genblick wo er zum Ziele zu kommen verzweifelte. Plötz - lich aber, ſagt er, ſahen wir Licht. Vielleicht, daß deutſche Flüchtlinge wie Muſculus von Augsburg, der in Bullingers Hauſe Aufnahme gefunden, dazu beigetragen hatten perſön - liche Vorurtheile zu zerſtreuen. Raſcher als man hätte glau - ben ſollen, kam zwiſchen Bullinger und Calvin eine Vereini - gung zu Stande, der Conſenſus Tigurinus, in welchem einige Meinungen Zwinglis wiederholt werden, aber dabei doch auch die Grundgedanken der entgegengeſetzten Lehre ihr Recht be - haupten. Den Satz, daß der Leib Chriſti auch den Unwür - digen gegeben werde, ließ Calvin ſich nicht entreißen, ſo vie - len Anſtoß auch die Schweizer von jeher daran genommen hatten: er erläuterte nur näher, daß die Verheißung zwar nur den Gläubigen zu Gute komme, welche Chriſtum geiſt - lich genießen, mit dem Zeichen aber doch auch die Wahr - heit deſſelben und ihr Inhalt den Ungläubigen dargeboten werde. Den Ausdruck darreichen: darreichende Zeichen , der den Sinn der Wittenberger Concordie ſo recht eigentlich aus - ſprach, und von den Schweizern bisher verſchmäht worden war, hielt er feſt. 1Fatemur dignis simul et indignis Christum corpus suum offerre, nec ullius hominis pravitate fieri quin panis verum sit et exhibitivum, ut loquuntur, Christi corporis pignus. Er lehrte unverändert, daß der Leib456Zehntes Buch. Siebentes Capitel.Chriſti welcher dargeboten werde, der nemliche ſey der am Kreuze gelitten. 1Defensio ad Westphalum VIII, 775. Scio quod semel mortale Christus corpus induit, nunc novis coelestis gloriae qua - litatibus esse praeditum, quae tamen non impediunt quo minus idem substantia sit corpus; dico igitur illo corpore quod in cruce pependit non minus in spiritualem vitam animas ipsas vegetari, quam pane terreno corpora nostra aluntur. Genug, vom Objectiven des Myſteriums wich er nicht ab. Es läßt ſich aber gar nicht denken, daß er es zu dieſer Anerkennung deſſelben gebracht haben würde, hätte er nicht dagegen wieder einige eigenthümliche ſchweizeriſche Meinungen zu den ſeinen gemacht. Er gab zu, was dort immer behauptet worden, daß in den Sacra - menten nur Gottes eigene Kraft wirke, und erklärte ſich ſehr nachdrücklich gegen Die, welche das Göttliche in den Ele - menten ſehen wollen. Wie Zwingli nahm er an, daß Chri - ſtus im Himmel wohne und räumlich von der Erde ent - fernt ſey; er fügte nur hinzu, durch ſeine göttliche Kraft ſteige er doch zu uns herab. In der Auslegung der Ein - ſetzungsworte pflichtete er den Schweizern unumwunden bei. Ich weiß nicht, ob er nicht vielleicht in einem und dem an - dern Punct, wenigſtens im Ausdruck, einen Schritt weiter gegangen iſt, als er urſprünglich beabſichtigt hatte; leicht aber gab er zu, was die Summe ſeiner Anſicht nicht ver - letzte, womit er übereinſtimmen konnte. Ohne Zweifel trägt2Ego aliter verba temperaveram, ſagt Calvin in einem Briefe an Butzer, ceterum quia haec quam usurpavimus forma nihil con - tinebat nisi quod sentiebam, aliam eis concedere non fuit religio. In dem erſten Entwurf des Conſenſus (bei Henry II Anh.), der im Mai nach Bern geſchickt wurde, fehlt die ausdruͤckliche Anerkennung der ſchweizeriſchen Auslegung. Und enthaͤlt nicht in der That die Lehre Calvins das lutheriſche Iſt doch auch in ſich?457Theologiſche Streitigkeiten. (Calvin.) der Conſenſus noch ein ziemlich ſtarkes Gepräge des Ortes wo er geſchloſſen wurde, der Umſtände unter denen er zu Stande kam, aller jener provinziellen Bedingungen: als das letzte Wort in der Sache kann er nicht betrachtet werden; aber dabei läßt ſich doch, hiſtoriſch angeſehen, nicht leugnen, daß die Ideen der Wittenberger Concordie, in denen das lutheriſche Element überwog, dadurch einen Fortſchritt mach - ten, an einer Stelle Eingang fanden, wo man bisher noch niemals etwas davon hatte hören wollen: der Conſenſus iſt ſchon eine neue Concordie, nur mit ſtarker ſchweizeriſcher Verſetzung. Die Kraft der Formel zu der man ſich verei - nigte, liegt darin, daß ſie beide Momente in ſich enthält; der Freund Calvins, Butzer, der einige Abweichungen die in England vorkamen und von Peter Martyr befördert wur - den, nicht billigte, war doch mit dem Conſenſus einverſtan - den: er ſah darin eine Fortſetzung ſeines eignen Werkes.

Es gieng auch dieſer Formel wie es Vermittelungen zu gehn pflegt: ſie fand auf beiden Seiten Widerſpruch.

In Zürich zeigten ſich die Anhänger Zwinglis, in Ba - ſel die mehr lutheraniſirenden Theologen ein wenig verſtimmt. Die ſo eben in Bern emporgekommene Zwingliſche Partei verweigerte eine Zeitlang ihre Unterſchrift. Es gehörte die ganze Autorität des alten Bullinger dazu, um ſie endlich dazu zu vermögen; doch hat es bis in das Jahr 1551 gedauert, ehe man den Conſenſus durch den Druck be - kannt machte. 1Hundeshagen p. 252.

Kaum aber war es hier ſo weit gekommen, ſo erhob458Zehntes Buch. Siebentes Capitel.ſich der Widerſpruch von einer andern Seite her in tumul - tuariſcher Aufwallung.

In einer ähnlichen Stellung wie damals die Zwinglia - ner in Bern, welche die lutheriſchen Meinungen verdrängt hatten, waren die Lutheraner in den niederdeutſchen Städten: ihre Herrſchaft gründete ſich auf eine Unterdrückung zwinglia - niſirender Meinungen, die hier einmal ſehr ſtark geweſen, und jetzt, ſobald nur eine Annäherung dazu in Bremen hervor - tauchte, ſich plötzlich wieder lebhaft regten. Dafür, daß Cal - vin eine vermittelnde Richtung verfolgt, der dieſſeitigen Auf - faſſung in ihrem Weſen bei den alten Gegnern Raum ge - macht, hatten die Niederdeutſchen keine Augen. Sie bemerk - ten nur die Hinneigungen nach der Zwingliſchen Seite, ſie faßten einige anzügliche Ausdrücke auf, durch welche ihnen das Gedächtniß Luthers verunglimpft zu ſeyn ſchien, das vielleicht auch mehr hätte geſchont werden können: mit hef - tiger Leidenſchaft begannen ſie den Krieg. Die frühern, ſchon in Gang geſetzten Streitigkeiten ſtrömten bald mit die - ſer zuſammen: Melanchthon meinte von Anfang, er ſey es hauptſächlich, dem auch dieſer Angriff gelte. 1Scito quosdam praecipue odio mei eam disputationem movere, ut habeant plausibilem causam ad me opprimendum. An Calvin 14 Oct. 1554. Corp. Ref. VIII, 362.Mochte denn nun auch Calvin ſie auf den wahren Stand der Dinge aufmerkſam machen,2Calvin bezeigt in der Defensio ad Westphalum, Opp. VIII, 785, ſein Erſtaunen daruͤber. Mihine, qui piae sacraeque concilia - tioni semper dedi operam, haec merces nunc referenda est? Eben dieß Mißverſtaͤndniß der Gegner gab ihm aber die Uͤberlegenheit, die in jener Streitſchrift unverkennbar iſt. ſo blieben ſie dabei, ihn mit Zwingli gleich zu achten. Sie ihrerſeits forderten jetzt die ſchrofferen Ausdrücke der ungeänderten augsburgiſchen Confeſſion zu -459Maͤngel der Verfaſſung.rück; die Wittenberger Concordie betrachteten ſie als nicht geſchloſſen; ihre Unterſcheidungslehre, die Doctrin von der Ubiquität des Leibes, bildeten ſie jetzt erſt förmlich aus und nahmen ſymboliſche Autorität dafür in Anſpruch.

So erfüllte ſich das ganze Gebiet der evangeliſchen Kirche mit innerem Krieg und Hader.

Mängel des kirchlichen Zuſtandes.

Es leuchtet ein, daß die Conſiſtorialverfaſſung, die nur auf die innern, gleichſam häuslichen Verhältniſſe berechnet war, nicht dazu beitragen konnte ihn zu heben.

Eben darin lag für die neuen Einrichtungen die große Schwierigkeit, daß es auch kein andres Inſtitut gab, das dazu geeignet geweſen wäre. Oftmals dachte man auf einer allgemeinen proteſtantiſchen Synode eine Ausgleichung zu ver - ſuchen. Mächtige Stände wie Pfalz und Würtenberg haben es mehr als einmal in Vorſchlag gebracht; andre, wie Chur - ſachſen, es wenigſtens ernſtlich in Berathung gezogen. Vor allem wäre dann nöthig geweſen den Antheil der weltlichen Stände feſtzuſetzen, wie denn hievon ſchon bei den frühern Entwürfen des allgemeinen Conciliums oft die Rede gewe - ſen war. 1Melanchthons Bedenken vom Synodo Corp. Ref. IX, 463. Soll die Potestas ſelbſt als ein Gliedmaß der chriſtlichen Kirchen auch eine Stimme und vocem decisivam haben. Man dachte ſich zu dem Grundſatz zu bekennen, daß die Mehrheit das Recht der Entſcheidung habe, und die Minderheit ſich ihr unterwerfen müſſe. Ob ſich aber auch eine Mehrheit hätte gewinnen laſſen, in der das Ge - fühl der Einheit, das Bewußtſeyn der gemeinſchaftlichen Ge -460Zehntes Buch. Siebentes Capitel.danken die Oberhand bekommen hätte? man dürfte das doch wohl nicht ſchlechthin in Abrede ſtellen. Bei einer Zuſam - menkunft, die im Jahr 1557 zu Frankfurt gehalten wurde, hatten doch die gemäßigteren Tendenzen, wiewohl ſie noch nicht zu vollem Verſtändniß gelangt waren, das offenbare Übergewicht. 1Vgl. das Schreiben eines Flacianers de conventu Franco - ford. 1557 bei Salig III, 276 Note.Und wie Viele gab es, die das Verdächtig - machen alter Ehrenmänner, das Schelten auf den Kanzeln, welches jetzt überhand nahm, auf das ernſtlichſte mißbillig - ten. Es wäre ſchon ein unendlicher Gewinn geweſen, über - haupt die Form einer allgemeinen Verfaſſung aufzuſtellen.

Indeſſen das Ungewohnte, Neue des Gedankens, ſo wie die damit doch auch unleugbar verbundene Gefahr, ſchreck - ten von ſeiner Ausführung zurück. Brenz ſagte wohl: ja wenn unter den Fürſten ein Conſtantin lebte, oder unter den Gelehrten ein Luther! Melanchthon urtheilte, die Sache müſſe erſt unter den einzelnen Fürſten vorbereitet werden, man müſſe der Einigkeit im Voraus gewiß ſeyn, ehe man ſie unternehme.

Berathung unter den vorwaltenden Fürſten war wirklich das einzige Mittel das man zur Beilegung der Irrungen ergriff.

Und Dieſe waren nun, in der Epoche in der wir ſtehn, ſehr friedfertig geſinnt.

Wir berührten wie ſie ſich beim Abſchluß des Reli - gionsfriedens nicht zu Beſtimmungen fortreißen ließen die den Zwieſpalt zwiſchen ihnen ſelber hätten entzünden können.

Bei jener merkwürdigen Zuſammenkunft vom J. 1558 zogen ſie neben den Reichsangelegenheiten auch die Religions -461Maͤngel der Verfaſſung.ſache in Betracht. In dem Receß, der daſelbſt abgefaßt worden, drückten ſie ſich über den wichtigſten Punct, die Euchariſtie, auf eine der Fortbildung der Concordie gemäße Weiſe aus. Es ſchien ihnen genug daß ſie von der we - ſentlichen, ſubſtanziellen Gegenwart redeten: der körperlichen zu gedenken enthielten ſie ſich. 1Die merkwuͤrdigſte Auffaſſung dieſes Receſſes iſt wohl die von Hospinian Historia sacramentaria II, 438.Der Gegenſatz den ſie aus - ſprechen iſt noch immer hauptſächlich gegen die alte Kirche, gegen die Anbetung des Sacraments gerichtet. Wenn ſie die Lehre verdammen, daß die Zeichen bloß äußerliche Zeichen ſeyen, ſo konnte das wahrhaftig Calvin nicht treffen.

In einer ſehr zahlreich beſuchten Verſammlung, zu Naumburg im Jahre 1561, erkannten ſie aufs neue die abgeänderte augsburgiſche Confeſſion an:2Neque animus est nobis, quod discedere ab ea (confes - sione) quae anno XL exhibita est vel in minimo velimus. Prae - fatio ad Ferdinandum bei Gelbke Naumburger Fuͤrſtentag p. 184. mit den Erklä - rungen die der Churfürſt von der Pfalz gab, der ſchon als ein Calviniſt betrachtet wurde, zeigten ſie ſich zufrieden.

Mit alle dem gelangte man jedoch nicht zur Herſtel - lung der Eintracht: es gab jedes Mal Fürſten und Stände die ſich abſonderten und Widerſpruch erhoben.

Und nicht allein von böſem Willen dürfte man das herleiten. Die Dinge hatten innere Schwierigkeiten, denen auf dieſe Weiſe nicht beizukommen war. Vielmehr zeigte ſich eben in den Verſuchen ſie zu erledigen eine neue, und zwar eine ſolche die nicht geringer war als die übrigen.

Die große Hauptſache war gewonnen, ein legales Da - ſeyn gegründet; für die Entwickelung deſſelben auf dem glück -462Zehntes Buch. Siebentes Capitel.lich eroberten Grund und Boden aber lagen noch viele un - gelöſte Fragen vor.

In unſrer hiſtoriſchen Betrachtung ſtellen ſich deren be - ſonders drei heraus.

Nachdem der Grundſatz von der Rechtfertigung durch den Glauben allein erhalten war, bedurfte doch die Lehre von der innigen und geheimnißvollen Verbindung, in welche der Menſch durch die fortgehende Erneuerung mit der Gott - heit tritt, noch neuer Erläuterungen, um tieferen Geiſtern völlig zu genügen. Hatte nicht eine Durchdringung der al - ten ächten deutſchen Myſtik mit dem erneuerten Dogma in der urſprünglichen Abſicht gelegen? Noch war ſie wohl nicht gelungen. Nur allzu oft ſchlugen ſich die jungen, ſtreitbaren Theologen wieder um die harten Schalen des Glaubens, die aus der Scholaſtik übrig geblieben.

Ferner war, wie berührt, der Zürcheriſche Conſenſus noch nicht der letzte Schritt in dem großen Werke der Ver - einigung über die Abendmahlslehre. Es wäre wohl die Auf - gabe geweſen, das an Zeit und Ort des Urſprungs Erinnernde, mit zufälligen Beſchränkungen Behaftete, das er noch an ſich trug, vollends fallen zu laſſen, und die weſentlichen Momente beider Anſichten noch tiefer mit einander zu durchdringen. Von allen Gelehrten eignete ſich gewiß Melanchthon am meiſten, dieſe Sache durchzuführen; allein in ſchwieriger Lage und von Widerſachern umgeben fand er nie den Muth, ſie mit vollem Ernſt in die Hand zu nehmen, der Meinung die er in ſich trug, eine allſeitig entwickelte Form zu geben und ihr ein feſtes Daſeyn zu erkämpfen.

Und wie viel war noch in Hinſicht der Verfaſſung zu463Unerledigte Fragen.thun übrig! Das Verhältniß der Geiſtlichen zu den Ge - meinen, ſo wie zu den Obrigkeiten, hatte noch viel Unbe - ſtimmtes, von momentanen Regungen Abhängiges. Indem die Landesherrſchaften ſo mächtig eingriffen, regte ſich an andern Stellen der heftigſte Widerſpruch gegen jede Einmi - ſchung derſelben. Es fehlte gleichſam an dem Schlußſtein des Gebäudes, einer Einrichtung um über die aufſteigenden Irrungen zu einer gültigen, von Jedermann anerkannten Ent - ſcheidung zu gelangen.

Eine natürlich entſtandene Autorität wie die der hohen Schule zu Wittenberg hätte ſich erweitern, fortpflanzen laſ - ſen: hergeſtellt werden konnte ſie nicht, nachdem ſie einmal gebrochen worden.

Den Proteſtanten war es nun einmal nicht gegeben, ſich als eine einzige Genoſſenſchaft zu entwickeln. Aus vie - len Gründen möchte man wünſchen, es wäre geſchehen; ob es in jeder Rückſicht das Beſte geweſen wäre, wer will es ſagen?

Da es aber nicht der Fall war, und doch überaus wichtige Fragen die öffentliche Theilnahme, die lebendigen geiſtigen und politiſchen Kräfte beſchäftigten, ſo mußte erfol - gen, daß ſich auf einer Stelle mehr das eine, auf einer an - dern mehr ein anderes Prinzip geltend machte.

Die Bewegung warf ſich in die verſchiedenen Territo - rien, wo ſie mit mannichfaltigen andern Beſtrebungen in den Zweigen der Adminiſtration oder des Rechts, der Cultur oder der Befeſtigung des Landes zuſammenfiel. Dieſes land - ſchaftliche Moment entwickelt ſich in den nächſten Zeiten auf das eigenthümlichſte, und zwar in den Ländern der altgläu -464Zehntes Buch. Siebentes Capitel.bigen Stände nicht minder als in den proteſtantiſchen. Wir müſſen uns enthalten hier näher darauf einzugehn. Die po - litiſchen Geſtaltungen der einzelnen Landſchaften, die ſeither allerdings vorbereitet worden, ſind doch erſt ſpäter zu ei - ner gewiſſen Feſtigkeit gelangt, und zwar unter den wech - ſelnden Einwirkungen anderer Weltverhältniſſe als der hier betrachteten.

Nur Eine Frage ſcheint mir muß für unſere Epoche noch erörtert werden. Wir ſahen wie die kirchliche Neuerung aus der Geſammtheit einer großen geiſtigen Bewegung ent - ſprang. Seitdem hat jene die öffentliche Aufmerkſamkeit faſt ausſchließend beſchäftigt. Betrachten wir noch, welchen Fort - gang dieſe in derſelben Zeit genommen hat.

[465]

Achtes Capitel. Entwickelung der Literatur.

Den mächtigſten innern Antrieb hatte der deutſche Geiſt im Anfange des ſechszehnten Jahrhunderts durch die Be - kanntſchaft mit dem claſſiſchen Alterthum empfangen, die, ſchon in den carolingiſchen Zeiten begonnen, während der Herrſchaft der Hierarchie unterbrochen oder in Schatten ge - ſtellt, ihm jetzt in aller Fülle zu Theil wurde.

Wir ſahen wie dieſes Studium zuerſt in den gramma - tiſchen Schulen erneuert ward, wie viel Mühe es koſtete und was es zu bedeuten hatte, daß es ſich endlich auch auf den Univerſitäten feſtſetzte.

Auch in dieſer Beziehung nahm Melanchthon eine be - deutende Stellung ein. In dem Sinne, wie er die alte Li - teratur in Wittenberg förderte, thaten es die ihm nächſtver - bundenen Freunde, Camerarius in Leipzig, Sabinus in - nigsberg und Frankfurt a. d. O.; ſeine Schüler in Marburg, Tübingen, Heidelberg. In Roſtock gewährte Johann Al - bert von Meklenburg, deſſen politiſche und kriegeriſche Un - ternehmungen wir zuweilen berührten, und der zugleich einen offenen Sinn für höhere Bildung bewies, dieſen Studien ſeinen Schutz. Melanchthon ſieht im Geiſte die allenthal -Ranke D. Geſch. V. 30466Zehntes Buch. Achtes Capitel.ben verſtoßenen griechiſchen Muſen bei ihm im Norden ihre Zuflucht ſuchen. 1Ergo per extremam Germani litoris oram Hospitium miserae supplice voce petunt. Corp. Ref. X. Carm. nr. 249.

Dabei behaupteten ſich aber auch noch einige Schulen in großem Ruf.

Erſt ſeit dem Jahre 1531 entwickelte ſich das ganze Verdienſt Valentin Trotzendorfs in Goldberg; er hatte eine Art von Jugendrepublik errichtet, mit Conſuln, Sena - toren, Cenſoren, in deren Mitte er ſich ſelber als immerwäh - renden Dictator aufſtellte.

Der letzte Abt von Ilfeld, der dieſes Kloſter aus eig - nem Antrieb in eine Schule verwandelt hatte, fand in einem Zögling von Goldberg, Michael Neander, ganz den Mann, der dazu gehörte, nach ſeinem Tode dieſe Stiftung fortzu - führen und ihr allgemeine Wirkſamkeit zu verſchaffen: ei - nen ſtillen Gelehrten, von gebrechlichem Körper und einem in ſeiner Tiefe der Religion zugewandten Gemüthe, aber doch weltklug und umſichtig genug, um ſeine Kloſterſchule gegen die Anſprüche mächtiger Nachbarn zu ſchützen, und von unermüdlicher Thätigkeit. Die Kenntniß der griechi - ſchen Sprache hat er in den niederſächſiſchen Gegenden erſt verbreitet; er wird als ein zweiter Lehrer von Deutſchland geprieſen. 2Juventutis formandae artifex juxta dexterrimus ac feli - cissimus. Rhodomannus, Oratio de lingua graeca, der dieſe Aus - druͤcke braucht, fuͤgt hinzu: man habe auch griechiſch bei ihm ſchrei - ben lernen: es ſey wohl geſagt worden: plures ex eo gymnasio graece doctos quam proceres ex equo trojano. Havemann Mit - theilungen aus dem Leben Neanders p. 23. 24.

Eine faſt noch mehr europäiſche als deutſche Wirkſam -467Schulen.keit erlangte die Schule welche Johann Sturm 1537 in Strasburg errichtete. Johann Sturm nahm an den öffentli - chen Angelegenheiten lebendigen, wohl ſelbſt eingreifenden An - theil:1In Schumachers Briefen an die Koͤnige von Daͤnemark fin - den ſich viele von Sturm, mit ganz guten Notizen uͤber damalige Kriegsereigniſſe. doch verlor ſeine Schule dabei nicht, der er vielmehr aus dem allgemeinen Geſichtspuncte um ſo größeren Eifer widmete. Sie ward gleichſam eine allgemeine weltliche Aca - demie für die proteſtantiſche Welt, wie Genf eine theologiſche. Auch wurde ſie gern von dem deutſchen Adel beſucht, deſſen Bedürfniſſe der Vorſteher in eignen Schriften erwog.

Bei der würdigen Stellung welche dieſe Studien em - pfangen, konnte ſich das tumultuariſche Händel-ſuchende Trei - ben der frühern Poetenſchulen nicht mehr halten. Das Schickſal des Simon Lemnius, der es unter den Augen Luthers fortſetzen wollte und darüber verjagt ward, iſt für die Richtung überhaupt bezeichnend. Der neue Olymp die - ſer Poeten ward ſchon wieder verworfen. Der feine und elegante Micyll will nur von einer züchtigen Muſe wiſſen. Er und ſeine Schüler haben wirklich keine andern Gefühle, als die der großen Tendenz entſprechen in welcher die Na - tion hauptſächlich begriffen iſt. 2Micyllus: Quae domini plantata est vinea verbo Si cultu careat, terra jacebit iners. Quos igitur cultus aut quas adhibebimus artes? Nempe has quas secum Musa pudica refert.

Schon nahm man mit ernſtem und anhaltendem Be - mühen an der Arbeit der Wiederbekanntmachung und Erläu - terung der claſſiſchen Werke Antheil.

30*468Zehntes Buch. Achtes Capitel.

Noch waren die lateiniſchen Schätze deutſcher Klöſter, wie Hirſchfeld oder Lorſch, nicht erſchöpft; man hatte Welt - verbindung und Theilnahme für die Sache genug, um auch griechiſche Handſchriften aus dem Orient an ſich zu brin - gen, wie z. B. die Stadt Augsburg im Jahr 1545 zu Corfu eine Summe Geld daran wandte; manches brachten Ge - ſandte des römiſchen Königs oder Procuratoren der Fugger herbei. Vincenz Opſopäus, der Lehrer des Markgrafen Al - brecht, ſoll die deutſchen Buchdrucker zuerſt angeregt haben, mit dem Ruhme der Aldus und Junta zu wetteifern und die Werke der Alten dieſſeit der Berge zu publiciren. Er ſelbſt konnte der Welt einen der großen Geſchichtſchreiber des Alterthums, Polybius, aus einem Codex, den der Zu - fall von Conſtantinopel nach Nürnberg geführt hatte, wieder vorlegen; er hat dieſe Arbeit auf eine Weiſe vollzogen, die ihm noch heute Ehre macht. 1Schweighaͤuſer, Praefatio: Non paucae lectiones in hac editione reperiuntur probatissimae, et ex hac in Basileensem transierunt, a quibus temere deinde recessit Casaubonus. (LXXV ed. Oxon.) Nach und nach entwickelte ſich eine lebhafte Thätigkeit in dieſem Zweige. Flavius Jo - ſephus und Ptolemäus, die weſentlichſten Ergänzungen des Diodorus Siculus, Livius, Ammianus und wie vieler an - derer Schriftſteller in beiden Sprachen giengen zuerſt aus deutſchen Preſſen hervor. Andre Autoren erſchienen mit ihren Scholiaſten, ſpätern Fortſetzern: oder in berichtigten Texten, die griechiſchen mit Überſetzungen, die zum Theil noch den heutigen Ausgaben beigegeben werden. Es mag ſeyn, daß dieſe Arbeiten noch oftmals kritiſch-grammatiſche Genauig - keit vermiſſen laſſen; aber es giebt auch ſolche, die ein tie -469Philologie. (Hier. Wolf.) feres Eingehen, Kritik und ächtes Verſtändniß beweiſen. Joa - chim Camerarius hat für Plautus vielleicht von allen Her - ausgebern das Meiſte gethan;1Vgl. Leſſing Von dem Leben und den Werken des Plautus. Saͤmmtliche Schriften herausgeg. von Lachmann III, 17. er iſt der Erſte der die Spuren einer doppelten Recenſion in dem vorliegenden Texte der ciceronianiſchen Schriften, möge dieſelbe nun ſtammen woher ſie wolle, bemerkt hat. 2 quam observationem fecit suam C. Stephanus. Literar - notiz vor der Zweibruͤcker Ausgabe des Cicero I, p. LXXXV. Ein entſchiedenes philologi - ſches Talent war Hieronymus Wolf aus Öttingen: eine zarte, ſchwächliche, leicht verletzbare Natur, der darüber er - röthete wenn ein Andrer eine Unwahrheit ſagte, der von der Sohle bis zur Scheitel erzitterte, als er zuerſt den berühm - ten Melanchthon anſichtig wurde; immer voll Furcht vor dem Haſſe der Menſchen und dem widrigen Einfluß gehei - mer ſataniſcher Kräfte; aber eben darum mit einſiedleriſchem Fleiße unter den ungünſtigſten Umſtänden den Studien hin - gegeben, und ſeiner Sache, obwohl er nie recht damit zu - frieden war daß er ſie ergriffen hatte, vollkommen Mei - ſter. Er wagte ſich an die Überſetzung des Demoſthenes, eine Arbeit, vor der Erasmus und Budäus zurückgeſchrocken waren, und führte ſie auf eine Weiſe durch, die ſeinen Na - men mit dem ſeines Autors auf immer verknüpft hat. Er iſt auch in der Kritik des Textes3F. A. Wolf: saepe orator ibi etiam inoffensius legitur quam in postrema Lipsiensi. Vgl. Becker Literatur des Demoſthe - nes p. 96. der Soſpitator der Red - ner, und hat ſie den ſpätern Zeiten erſt wieder zugänglich, verſtändlich gemacht. Ohne ſeinen Fleiß würden die Byzan - tiner wohl noch lange unbekannt geblieben ſeyn: er iſt glück -470Zehntes Buch. Achtes Capitel.lich gleichſam ein Ganzes byzantiniſcher Geſchichten zuſam - menzuſtellen. Sehr leſenswürdig iſt doch die Autobiographie die er hinterlaſſen hat. 1Hieronymi Wolfii ad cl. v. Joannem Oporinum commen - tariolus de vitae suae ratione ac potius fortuna, in den Oratt. Attic. v. Reiske, Tom. VIII, p. 773.Er erſcheint darin als ein recht ehrlicher Patriot, freilich als ein ſolcher, der mit dem was um ihn her vorgeht, oftmals ſchlecht zufrieden iſt: als ein überzeugter evangeliſcher Chriſt, ohne Parteiweſen, wie denn ſeine Religioſität nur dann und wann unwillkührlich hervor - bricht: und als ein Philologe, der das Alterthum in Fleiſch und Blut verwandelt hat: die ſinnreichſten Sprüche bieten ſich ſeiner Erinnerung dar: man kann an ihm ſehen, daß dieſe Elemente einander nicht widerſprechen.

Und Niemand ſollte ſagen, daß dieſe Studien in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts in Abnahme gerathen ſeyen: in die ja Sturm, Neander und Wolf zum großen Theil gehören. Schon lebten ihre Nachfolger Rhodomann und Sylburg.

Auf die Fortpflanzung der Studien allein kam es je - doch nicht an. Wir beſchäftigen uns mit einem Zeitalter, von dem man nicht mit Unrecht geſagt hat, alle vier Fa - cultäten ſeyen da im Grunde nur eine einzige geweſen, nem - lich die der Grammatiker. Von der Herſtellung und Aus - legung der Texte hieng jeder Fortſchritt ab.

Wir brauchen nicht darauf zurückzukommen, wie ſehr dieß in der gelehrten Theologie der Fall war, die eben auf dieſem Grunde beruhte. Die Publication der Kirchenväter, auch der lateiniſchen, um die ſich nach dem Vorgange des471Rechtswiſſenſchaft. (Haloander.) Erasmus auch andere deutſche Philologen viel Verdienſt er - warben, kam den Abweichungen der Proteſtanten mächtig zu Statten. Vor der urſprünglichen Auffaſſung des chriſtlichen Alterthums verſchwanden die hierarchiſchen Satzungen.

Verwandter Natur, wenn auch lange nicht ſo weit aus - ſehend, iſt, was in der Rechtsgelehrſamkeit geſchah.

Bei weitem enger hatten ſich die Gloſſatoren ihrer Ur - kunde, den juſtinianeiſchen Rechtsbüchern angeſchloſſen, deren Wiederbelebung und Verbreitung die Welt ihnen eigentlich verdankt, als die ſcholaſtiſchen Theologen der heiligen Schrift. Ihr Text beruht auf alten Handſchriften, ihre Anmerkun - gen ſind nicht ſelten ganz treffend. Aber dabei iſt doch un - leugbar, daß dieſe beſonders unter den Händen ihrer Nach - folger ſich immer mehr mit fremdartigen Elementen verſetz - ten und nur größere Dunkelheit hervorbrachten,1Bebel an Zaſius: Creverunt Glossatorum commentaria super omnes constitutiones, nec ullus finis est sperandus, nisi Caesar verbositatem nodosissimam atque obscurissimam in compendium reducat. jener durch willkührliche Eintheilungen und Zuſätze entſtellt, nichts weni - ger als zuverläßig war. Und doch wurden dieſe Rechtsbü - cher als die kaiſerlichen, allgemein gültigen betrachtet, und ſollten practiſch in Anwendung kommen. Die piſaniſche Handſchrift der Pandecten, wie hoch man ihren Werth auch anſchlug, ſo daß man ſich ihr nur mit einer Art von aber - gläubiſcher Verehrung näherte, war noch nicht zu öffentli - chem Gebrauche benutzt. Da wollte nun die Gunſt des Zufalls, daß ein junger Deutſcher, Gregor Hoffmann aus Zwickau, genannt Haloander, der in Begleitung Julius Pflugs eine Reiſe nach Italien machte, in Bologna eine472Zehntes Buch. Achtes Capitel.Abſchrift von einer Collation jener Handſchrift benutzen konnte, die einſt Politian an dem Rand eines Exemplars der Vul - gata verzeichnet hatte. Auch von den Novellen, die bisher nur in der ſogenannten Authentica vorhanden waren, gro - ßentheils überſetzt und unvollſtändig, fand er dort Gele - genheit die Abſchrift eines Manuſcriptes1Daß dieß die florentiniſche Handſchrift war, iſt von Biener, Geſchichte der Novellen Juſtinians p. 560 f., nachgewieſen. zu copiren, das bei manchen Lücken und Mängeln die es hatte, doch die originale Grundlage eines neuen Studiums darbot. Mit dieſen Hülfsmitteln erſchien Haloander im J. 1528 zu Nürn - berg, wo ihm der proteſtantiſche Abt des Ägidienkloſters freundliche Aufnahme und der Rath eine nicht unbedeutende Geldunterſtützung gewährte, ſo daß er ohne perſönliche Sorge unverweilt zur Herausgabe ſchreiten konnte. Haloander hat nach dem Urtheil der kundigſten Männer, wie Savignys, bei der Arbeit hiſtoriſche Gelehrſamkeit und kritiſches Ta - lent gezeigt. Bei den Pandecten wußte er ſich der politia - niſchen Collation, die an ſich ſehr unzureichend und über - dieß durch den erſten Abſchreiber2Ludovicus Bologninus; an einem ſchlagenden Beiſpiel zeigt dieß v. Savigny, Geſchichte des Roͤmiſchen Rechtes im Mittelalter VI, p. 319. hie und da gröblich miß - verſtanden war, doch ſo geſchickt zu bedienen, daß er damit eine große Menge Fehler weggeſchafft hat; es gelang ihm Stellen klar zu machen, deren Sinn man vorher nicht ein - mal zu errathen vermochte. Dem Codex der Conſtitutionen gab er ſeine zwölf Bücher wieder; er ſpricht ſeine Genug - thuung aus, wie viel Lücken er ausfüllen, wie viel Wunden er habe heilen können. In den Jahren 1529 bis 1531473Rechtswiſſenſchaft. (Oldendorp.) erſchienen die einzelnen Theile des Corpus juris denn auch die Inſtitutionen konnten nach der Arbeit über die Pan - decten leicht verbeſſert werden in einer der urſprünglichen Faſſung über alles Erwarten angenäherten Geſtalt.

Und mit der größten Freude ward nun dieſe Gabe von den Gelehrten empfangen.

Dem Kaiſer Carl, der in Juſtinian ſeinen Vorgänger, in deſſen Rechte ſein eigenes ſah, bemerkte Johann Olden - dorp, wie früher durch die verunſtalteten Geſetze die Rechts - übung ſelbſt unſicher geworden ſey, jetzt aber habe man Ge - ſetze und Conſtitutionen in ihrem urſprünglichen Wortlaut wie - der: ſeit vielen Jahrhunderten habe kein Volk etwas Ruhm - volleres erlebt. 1Variarum lectionum libri III. 1540. Dedication.Oldendorp verbarg ſich nicht, daß damit noch nicht alles was wünſchenswerth wäre geſchehen ſey. Sehr ſchmerzlich empfand er den Verluſt der alten Rechts - quellen, aus denen erſt volle Beſtimmtheit und Klarheit her - vorgehn würde. 2Institutiones et libri rerum quotidianarum Caji, actiones in ordinem ab Appio Claudio compositae, edicta praetorum quare non potuissent conservari? Wenn ich ihn recht verſtehe, war ſeine Meinung, daß ſich das Syſtem auf der nunmehr gewon - nenen Grundlage wiſſenſchaftlich weiter ausbilden, und zum allgemeinen Recht aller Nationen erheben laſſe.

Aber auch Leute die nicht ſo weit giengen, ſahen doch in der Anwendung des geſchriebenen Rechtes eine Verbeſſe - rung. Ich finde überhaupt daß man weite Ausſichten er - griff, ſchon damals die Tortur verwarf,3Jacob Lerſener: Antwort, Bericht vnd Beweiß, Auff die Frage, Ob es beſſer ſei, nach gewiſſen, beſchriebenen, vnnd ſonſt be - die Confiſcation474Zehntes Buch. Achtes Capitel.zu beſchränken gedachte, den Mißbrauch der Privilegien rügte, eine Menge Übelſtände zur Sprache brachte, die noch lange fortgedauert haben. Gabriel Mudäus, einer der ausgezeich - netſten Lehrer auf der ſehr beſuchten Rechtsſchule zu - wen, erwarb ſich das Verdienſt, von ſeinem civilrechtli - chen Standpunct aus den Gewaltſamkeiten der Inquiſition entgegenzutreten.

Genug, mit dem Studium empfieng zugleich die Praxis eine neue ſtarke Anregung, die dann beſonders auf die deut - ſche Provinzialgeſetzgebung von größtem Einfluß geweſen iſt.

Und wenden wir unſern Blick auf eine dritte Facul - tätswiſſenſchaft, die Arzneikunde, ſo traten auch in dieſem Gebiete durchgreifende Umwandlungen ein.

Die Medicin hieng von viel verderbterer Überlieferung ab als das Recht. Die griechiſche Heilkunde, wie ſie einſt Galen ſyſtematiſcher als ſeine Vorgänger, aber ſchon nicht mehr in voller Originalität zuſammenfaßte, hatte einen wei - ten Weg gemacht um nach Deutſchland zu gelangen: wie ſie von arabiſchen Sammlern begriffen, dann durch Ver - mittelung des Caſtilianiſchen in ein barbariſches Latein über - tragen, und etwa von italieniſchen Commentatoren dem Be - dürfniß der Zeiten angenähert worden, ſo ward ſie damals3werten breuchlichen Rechten, Geſetzen, Ordnungen vnd Gewonheyten, Oder nach eygner Vernunfft, Sinn, Witz zu regieren, zu Vrtey - len ꝛc. Getruckt zu Marpurg. 1542. C iij: man findet, die luſt dazu haben leute zuſtoͤcken vnd peinigen, ſuchen allerley newe kuͤnſtlein vnmenſchlicher marter, dar durch ſie auch den aller vnſchuldigſten da - hin engſtigen koͤnnenn, das er was ſie woͤllen, vnd das jme nie ge - treumet oder in ſinne gefallen, verjehen muͤſſe, meynen ſie haben jr ampt damit wol außgericht, Wie offt ſein leute alſo getoͤdtet wor - den? wie offt ſein leuth auff ſolche bekentnus gericht worden, deren vnſchuld ſich hernach befunden hat? 475Medicin. (Paracelſus.) auf den deutſchen Univerſitäten gelehrt; der Canon des Avi - cenna, der Commentar des Johann d’Arcoli über eine Schrift Arraſi’s waren die geſchätzteſten Lehrbücher, die man z. B. noch in den zwanziger Jahren des ſechszehnten Jahrhunderts in Wittenberg brauchte. 1Adami Vitae Medicorum p. 38. Praelegebantur Avicenna, qui princeps totius artis habebatur, Rasis deinde, etc. Es leuchtet ein, daß auf dieſem Grunde die Kunſt nicht gedeihen konnte, zumal da ſich ihr eine große Anzahl mittelmäßiger Köpfe widmete, die man ohne Schwierigkeit zu Doctoren erhob.

Man muß ſich dieſen Zuſtand vergegenwärtigen, um die Oppoſition des Paracelſus dagegen zu begreifen. Im ho - hen Gebirg aufgewachſen, wo ſich mancherlei ſonſt verſchwun - dene Kenntniſſe erhalten hatten, im Umgang mit Geiſtlichen von geheimnißvoller Erfahrung, mit Freunden chymiſcher Verſuche, wie Siegmund Fugger zu Schwatz, in ſtetem Ver - kehr mit Bergleuten, Hüttenarbeitern, dem gemeinen Mann überhaupt, hatte Paracelſus nicht allein Mittel kennen gelernt und durch glückliche Curen erprobt, ſondern ſich auch Welt - anſichten gebildet, die allem widerſprachen was auf den ho - hen Schulen galt. Als er 1527 zu Baſel auftrat, erklärte er zuvörderſt, daß er nichts auf fremde Autorität lehren werde. Er ſpottete über den Proceß der ererbten Recepte; den Ca - non des Avicenna hat er einſt in ein Johannisfeuer ge - worfen; er wollte von nichts als von der Natur hören. 2So Chriſtus ſpricht: perscrutamini scripturas, warum ſollt ich nicht auch ſagen: perscrutamini naturas rerum? Die erſt De - fenſion Opp. III, 163.Denn nur die Bücher ſeyen wahrhaft und ohne Falſch welche Gott geſchrieben: die Elemente müſſe man ſtudiren,476Zehntes Buch. Achtes Capitel.der Natur nachgehn von Land zu Land, da jedes einzelne nur ein Blatt des großen Buches ſey; die Augen, die an der Erfahrenheit Luſt haben , die ſeyen die wahren Profeſſoren; und wie er ſonſt ſeinen Widerwillen gegen die Schriftgelehr - ſamkeit ausſpricht. Auch das was er leiſtete, iſt in neuern Zeiten wieder mehr zu Ehren gekommen:1Marx Zur Wuͤrdigung des Paracelſus, Leſſing Leben des Paracelſus, Schulz Homoͤobiotik u. A. auf einen Laien, der ſeine Bücher durchläuft, macht beſonders ſeine Anſicht von der fortwirkenden Energie des einmal angeregten Lebens Eindruck, von der dem Organismus eingebornen und den - ſelben von innen her erhaltenden Kraft der Natur. Es lebt in ihm ein ſinnvoller, tiefer und mit ſeltenen Kenntniſſen aus - gerüſteter Geiſt, der aber von dem Einen Puncte aus, den er ergriffen, die Welt zu erobern meint: viel zu weit aus - greifend, ſelbſtgenügſam, trotzig und phantaſtiſch: wie ſolche wohl in der deutſchen Nation noch öfter hervorgegangen ſind. Damals war mit der allgemeinen Bewegung der Gei - ſter auch ein Verſuch verknüpft, das Joch der Zucht, die Regel der antiken Diſciplin, ja Kirche und Staat von ſich abzuwerfen. Die münzeriſchen Inſpirationen, die ſociali - ſtiſchen Verſuche der Wiedertäufer und dieſe paracelſiſchen Theorien entſprechen einander ſehr gut; vereinigt hätten ſie die Welt umgeſtaltet. Zur Herrſchaft aber konnten ſie doch nicht kommen: dazu waren ſie in ſich zu verworren und überladen: ſie hätten nur den großen welthiſtoriſchen Gang der Cultur unterbrochen.

In der Medicin war es zunächſt, eben wie in andern Wiſſenſchaften, erforderlich, auf die ächtern Quellen der Be - lehrung zurückzugehn.

477Medicin. (Cornarus.)

Merkwürdigerweiſe war es ein Landsmann Haloanders, Johann Cornarus, der die Bahn hiezu brach. In Witten - berg auf die Nothwendigkeit ſich vor allem des Hippokra - tes wieder zu bemächtigen aufmerkſam gemacht, unternahm er hiezu eine Reiſe nach Italien, aber ſchon in Baſel kam ihm ſo zu ſagen ſein Autor ſelber entgegen: im Jahr 1526 war der griechiſche Text von Aldus, wiewohl ſehr uncor - rect, gedruckt worden, und vor kurzem angelangt. Bei dem erſten Studium durchdrang ſich Cornarus noch mehr mit der Überzeugung, daß die Griechen die einzigen wahren Meiſter der Heilkunde ſeyen, die man nur zuvörderſt wieder bekannt machen müſſe. Mit Hülfe einiger Handſchriften die Froben herbeiſchaffte, ſtellte er einen bei weitem richtigern Text auf, und konnte es dann wagen auch eine Überſetzung zu ver - ſuchen:1Er fand alle fruͤhern Verſuche unbrauchbar, tribus aut quatuor ad summum libellis exceptis. ein Werk, von dem ſein Lebensbeſchreiber rühmt, es werde ſeit zwei Jahrtauſenden in der lateiniſchen Sprache vermißt: ſo ganz fühlte man ſich dieſſeit noch als weſentlichen Beſtandtheil der alten lateiniſchen Culturwelt. Hierauf er - ſcheinen an den Univerſitäten Vorleſungen über Hippokrates und den ächten Galen, dem Cornarus einen ähnlichen Fleiß zuwandte; bei der Prüfung der Doctoranden legte man wohl eine Stelle aus den Aphorismen, oder eine Definition Ga - lens zur Erklärung vor. Es begann eine allgemeine Re - action gegen die Araber. Leonhard Fuchs, ein glücklicher Nebenbuhler des Cornarus, ſah ihre Wiſſenſchaft faſt aus dem Standpunct einer nationalen Feindſeligkeit an: als eine ſolche, durch die, wenn ſie länger beſtünde, der Untergang478Zehntes Buch. Achtes Capitel.der Chriſtenheit befördert werden würde: niemals ſeyen die Griechen von ihnen verſtanden worden; ihre Theorien und ihre Heilmittel ſeyen gleich verwerflich; er ſeinerſeits werde nicht aufhören gegen dieſe Saracenen zu ſtreiten.

Nun konnte man ſich aber in der Medicin unmöglich wie in der Jurisprudenz an die hergeſtellten Texte halten: man ward durch die Alten ſelbſt zu eigener Beobachtung der Natur fortgetrieben; nur auf eine ganz andre Weiſe als Pa - racelſus im Sinn gehabt, eben auf dem von den Alten an - gebahnten, noch nicht vollendeten Wege.

Die erſten wichtigen Erfolge erlangte man in der Ana - tomie, nachdem man ſich einmal der Vorurtheile entſchlagen, die bisher eine genügende Unterſuchung des menſchlichen Kör - pers verhindert hatten. Es war eine auffallende Neuerung, daß Dr Auguſtin Schurf in Wittenberg im Juli 1526 die Anatomie eines Kopfes vornahm. Etwas Ähnliches ver - ſuchte ein andrer Deutſcher, Johann Günther von Ander - nach, zu Paris, doch wollte er weder von den Arabern noch vollends von Galen laſſen. Einer ſeiner Schüler aber, An - dreas Veſalius, aus einer Familie von Ärzten die von We - ſel herſtammten, geboren in Brüſſel, that endlich den ent - ſcheidenden Schritt. Veſalius war gleichſam von Natur zum Anatomen beſtimmt: von Kindheit auf hatte er ſich halb aus Muthwillen an Thieren geübt; in Paris trieb er ſich mit Lebensgefahr auf dem Kirchhof des Innocents oder den - hen von Montfaucon herum, um aus den Gebeinen die er auflas, wo möglich ein ganzes Skelett zuſammenzuſetzen. Eben daran hatte es Galen gefehlt, und bald wurde der muthige junge Mann die Irrthümer des alten Meiſters inne. 479Anatomie. (Veſalius.) Er war erſt 29 Jahr alt, als er im J. 1543 ſein Werk über den Bau des menſchlichen Körpers zu Baſel drucken ließ, das die Grundlage aller ſpätern Anatomie geworden iſt. Es fand um ſo mehr Eingang, da ein Schüler Titians, Jo - hann von Calkar, den Text mit vortrefflichen Abbildungen erläuterte. Wäre Veſalius nicht als Leibarzt Carls V dem Hofe gefolgt, ſo hätte er vielleicht die Entdeckungen noch vollendet die er angefangen, und wenigſtens ſeine Schüler nicht beſtritten, die ſie wirklich gemacht hatten. 1Sprengel Geſchichte der Arzneikunde, Bd III, Abſchnitt uͤber die vornehmſten anatomiſchen Entdeckungen § 46 78.Auch am Hofe hatte er von den Anhängern Galens viel zu leiden.

Auf jeden Fall war hiedurch der große Schritt geſche - hen, auf den alles ankam: die innere Kraft des von den Alten angeregten forſchenden Geiſtes führte über die Gren - zen ihrer Wiſſenſchaft hinaus.

In allen verſchiedenen Zweigen der Naturgeſchichte gieng man daran, die Kenntniſſe der Alten zugleich zu ſammeln und zu erweitern.

Die Eigenthümlichkeit dieſes Beſtrebens lernt man recht an dem zoologiſchen Werke Conrad Geßners kennen. Geß - ner arbeitete viel für das Bedürfniß des literariſchen Publi - cums, überſetzte, und verfaßte Wörterbücher: im Grunde aus Noth. Er war glücklich, wenn er einmal die beſonderen Ge - genſtände ſeiner Neigung feſthalten konnte, wie in der No - menclatur der den Alten bekannten Pflanzen, der er die nicht ohne Mühe aufgeſuchten neuen Namen beiſetzte. Endlich erhob er ſich zu dem Gedanken, den Namen auch die Be - ſchreibungen hinzuzufügen, in einem umfaſſenden Werke über480Zehntes Buch. Achtes Capitel.die Thierwelt alles das zuſammenzuſtellen was man über - haupt von ihr wiſſe. Die Schilderungen der alten Auto - ren, der heiligen und der profanen, bilden die Grundlage; damit werden die Notizen der ſpätern Schriftſteller, auch der arabiſchen, ſo weit ſie den Lateinern zugänglich ſind, verbunden, und unter wiederkehrenden Rubriken, z. B. Va - terland, körperliche Beſchaffenheit, Nutzen, beigeordnet;1Non physice aut philosophice tantum, sed medice etiam et grammatice, ut ad alios autores super iisdem rebus post - hac non sit recurrendum auch die Sprichwörter der verſchiedenen Sprachen, die ſich auf Thiere beziehen, werden herangezogen; die Maxime des Verfaſſers war, nichts zu wiederholen, nichts wegzulaſſen. Nicht ſo häufig wie man meint iſt das Talent der Compi - lation. Soll ſie der Wiſſenſchaft dienen, ſo muß ſie nicht allein aus vielſeitiger Lectüre hervorgehn, ſondern auf äch - tem Intereſſe und eigener Kunde beruhen, und durch feſte Geſichtspuncte geregelt ſeyn. Ein Talent dieſer Art von der größten Befähigung war Conrad Geßner. Als alles beiſam - men war, zeigten ſich erſt die Lücken. Geßner ſetzte ſeine literariſchen Bekannten in den verſchiedenen Ländern, deren er über 50 zählt, Italiener, Franzoſen, Engländer, Polen und hauptſächlich Deutſche, in Bewegung, um ihm mit Be - ſchreibungen des noch Unbekannten und mit Abbildungen zu Hülfe zu kommen. So brachte er einen Theſaurus zoolo - giſcher Kenntniſſe zuſammen,2Conradi Gesneri historiae animalium libri: opus philoso - phis, medicis, grammaticis, philologis et poëtis et omnibus re - rum linguarumque studiosis utilissimum simul jucundissimumque futurum. Tiguri 1551. 4 Foliobaͤnde hat er noch ſelbſt herausgegeben. in dem ſich Gemeinnützigkeit481Botanik.und Wiſſenſchaftlichkeit vereinigen der fortan für den Fort - gang des Studiums eine treffliche Grundlage bildete und noch heute unentbehrlich iſt.

Das Gleiche wünſchte Geßner nun auch für das Pflan - zenreich zu leiſten, wofür er ſein ganzes Lebenlang im Stillen gearbeitet und alles vorbereitet hatte; doch war es ihm nicht beſchieden, damit zu Stande zu kommen. Große Erwartun - gen erweckte einſt für dieſen Zweig Valerius Cordus, der als Studirender und junger Lehrer in Wittenberg ſich ſo zu ſa - gen in inneren Beſitz der Pflanzenbeſchreibungen der Alten ſetzte, und damit einen unermüdlichen Eifer ſelber zu ſuchen und zu beobachten verband: er hat das meißniſche Hochland ganze Tage durchſtreift, um ein einziges Heilkraut zu finden; aber eben dieſer Ungeſtüm der Lernbegier zog ihm auf einer italieniſchen Reiſe, wo er des Climas nicht achtete, einen frü - hen Tod zu. 1Per mare sic rutilas pinus latura cohortes Ante diem rapido fulmine mota cadit, ſagt Cruciger von ihm, wie denn uͤberhaupt ſein Tod als ein allge - meiner Verluſt beklagt ward.Man kam jedoch auch hier um vieles wei - ter. Man hatte den natürlichen Vortheil über die Alten, daß ſich die wiſſenſchaftliche Forſchung eines von denſelben noch nicht beherrſchten Ländergebietes bemächtigen konnte. In den Kräuterbüchern von Brunfels und Fuchs werden hauptſächlich die einheimiſchen Gewächſe in die allgemeine Kunde eingeführt. 2Es war ein ganz eigenes Ungluͤck der Botanik, daß L. Fuchs ein groͤßeres auf 3 Theile, jeden mit 300 Abbildungen, berechnetes ſehr weit verbreitetes Werk von allerlei Baͤumen und Kraͤutern auch nicht beendigte. Sein Briefwechſel mit Albrecht bei Voigt p. 274.

Ranke D. Geſch. V. 31482Zehntes Buch. Achtes Capitel.

Und ſogleich ward die aus dem Alterthum ſtammende Wiſſenſchaft durch dieſe neue Berührung mit dem Boden Ger - maniens auf ein Gebiet gerichtet, deſſen ſie ſich nur noch unvollſtändig bemächtigt hatte: das Reich der Mineralien.

Es war eigentlich die Erwähnung metalliſcher Arznei - ſtoffe, deren ſich die Alten bei äußern Schäden viel bedient haben und die man nicht wiedererkannte, was einen jun - gen, von der claſſiſchen Richtung durch und durch ergriffe - nen Arzt, Georg Agricola, veranlaßte, ſeine Wohnung bei den Bergleuten im Joachimsthal aufzuſchlagen. 1Georgii Agricolae Bermannus: Quid mirum, si ulcera quae - dam non sanamus, cum pauca admodum emplastra, praesertim ex metallicis composita, quibus veteres usi sunt (vergl. Hecker Geſch. der Heilkunde I, 447) conficere possimus. Quae sane prae - cipua fuit causa, quam ob rem me ad loca quae metallis abunda - rent contulerim. (ed. Froben p. 422.)Indem er nun aber alle Notizen der Alten über die Mineralien ſammelte, und ſie mit dem verglich was er vor Augen ſah, ward er inne, daß ihn eine Welt umgab, von der ſich wenigſtens aus den übrig gebliebenen claſſiſchen Schriften kein Begriff bilden ließ. Er gieng von dem Wunſche aus, was die Alten gewußt, für ſeine Zeit wieder zu beleben; ſah ſich aber gar bald in dem umgekehrten Falle, die deutſchen Bezeichnungen die er vorfand, in die gelehrte Sprache auf - zunehmen. In dem uralten Betriebe des deutſchen Bergbaues hatte ſich eine ſchon weit gediehene Kunde der Erze und Ge - ſteine gebildet; bei den mancherlei metallurgiſchen Operationen die man vornahm, hatte man in den Hütten Wahrnehmun - gen gemacht und Erfahrungen geſammelt, die nur aufgefaßt und in der Sprache der Gelehrſamkeit ausgedrückt zu werden483Mineralogie.brauchten, um in der Reihe der Wiſſenſchaften eine würdige und glänzende Stelle einzunehmen. Dieß gethan zu haben und zwar mit eigener Einſicht und dem unabläßigen Eifer, der allein wiſſenſchaftliche Erfolge zu ſichern vermag, iſt das Ver - dienſt Georg Agricolas. 1Die Beziehung auf die Alten gab er darum nicht auf. De vett. et novis metallis (383). De rebus subterraneis, quas vel sparsas et disjectas in Graecorum et Latinorum libris inveni, vel ex bene peritis artis metallicae didici, vel denique ipse vidi in fodinis et officinis, explicavi. Er hatte das Glück, nicht Anfänge noch zweifelhafte Verſuche, ſondern erprobte und zuſammen - hängende Kenntniſſe, beinahe Syſteme der Mineralogie und Metallurgie darbieten zu können, die eine Grundlage aller ſpätern Studien nicht allein dieſſeit der Alpen ſondern für die Welt geworden ſind. 2Man findet bei ihm spathum, quarzum, wismuthum, zin - cum, cobalum. Beckmann Beitraͤge zur Geſchichte der Erfindungen III, 552.

Ein herrliches Werk würde ſeyn, wenn einmal die Theil - nahme welche die Deutſchen an der Fortbildung der Wiſſen - ſchaften überhaupt genommen haben, im Lichte der europäiſchen Entwickelung jedes Jahrhunderts mit gerechter Würdigung dargeſtellt werden könnte. Zu einer allgemeinen Geſchichte der Nation wäre es eigentlich unentbehrlich. Denn nicht allein in den Bildungen des Staats und der Kirche, oder in Poeſie und Kunſt, tritt der Geiſt eines großen Volkes hervor; zu - weilen werfen ſich die beſten Kräfte auf die wiſſenſchaftlichen Gebiete; man muß wiſſen, was ſie da ſchaffen und vollbrin - gen, wenn man die Beſtrebungen einer Epoche überhaupt verſtehen will. Die Zeit die wir hier betrachten, würde eine31*484Zehntes Buch. Achtes Capitel.der fruchtbarſten ſeyn. Schon erſcheinen, z. B. bei Para - celſus, die Anfänge der Chemie. Es kommen die feinſten und eingreifendſten phyſikaliſchen Beobachtungen vor. Georg Hartmann zu Nuͤrnberg, der ſich mit der Verfertigung von Compaſſen beſchäftigte, hat dabei die Inclination des Ma - gnets entdeckt; er bemerkte, wie der Nordmagnetismus beim Streichen ſüdliche Polarität hervorbringe; er ſcheint noch mehr gewußt zu haben als was er ausdrücklich ausſpricht. Gern unterhielt er theilnehmende Fürſten, den König Ferdinand wäh - rend des Reichstags, oder den Herzog Albrecht von Preußen in Briefen, von der geheimnißvollen Tugend und Kraft des Magneten. 1Voigt Briefwechſel und Erlaͤuterung bei Dove Repertorium der Phyſik II. Die Wißbegier Carls V die von[] ſeiner Stel - lung zu beiden Hemiſphären genährt ward, veranlaßte zu Ar - beiten der mathematiſchen Geographie, welche allen Nationen zu Statten gekommen ſind. 2Beiſpielsweiſe fuͤhre ich an: Cosmographie ou description des quatre parties du monde etc. escrite par Pierre Apian: corri - gée et augmentée par Gemma Frisius excellent geographe Anvers 1581. So faſt in allen Sprachen.Aus Duisburg, von Mercator rührt die erſte durchgreifende Verbeſſerung der Zeichnung der Land - und Seecharten her. Ich werde mich in dieſen Gebieten nicht weiter vorwärts wagen: wie es denn auch nicht an dieſen Ort gehören würde einzelnen Richtungen nachzugehn; gedenken wir nur noch einiger Erſcheinungen von allgemein - ſter Bedeutung.

An den öſtlichen Grenzen wo die deutſchen Elemente ſich mit den polniſchen berühren, gieng aus einer der geſchil - derten ähnlichen Beſchäftigung mit dem Alterthum, gleich -485Aſtronomie. (Copernicus.) ſam unter dieſer geiſtigen Atmoſphäre, eine der größten Ent - deckungen hervor die dieß Jahrhundert auszeichnen, die des wahren Sonnenſyſtems.

Ptolemäus beherrſchte, wie die Erdkunde, ſo auch die Aſtronomie: ſeit vielen Jahrhunderten war er hierin das Ora - kel von Orient und Occident.

Schon einige Zeit daher aber, nachdem man ihn beſſer verſtand und wieder eigene Beobachtungen begannen, regten ſich Zweifel gegen ſeine Unfehlbarkeit. Neue Berechnungen der Polhöhe verſchiedener Städte z. B. wollten mit ſeinen Angaben nicht ſtimmen; aber ſo groß war die Verehrung für ihn und die Alten, daß man eher an eine ſeitdem eingetretene Veränderung im Weltſyſteme als an die Mangelhaftigkeit ih - rer Beobachtungen glaubte.

Nicolaus Copernicus aus Thorn, Domherr zu Frauen - burg, ein auch in den Staatsgeſchäften des dem deut - ſchen Orden entriſſenen preußiſchen Landes vielbeſchäftigter Mann fand nicht allein die Beobachtungen mangelhaft, wenigſtens ſo weit ſie vorlagen, ſondern auch das ganze Syſtem unverſtändlich und zur Erklärung vieler Erſcheinun - gen unzureichend. Er meinte wohl, die beſten Beobachtun - gen möchten verloren gegangen oder den Hypotheſen zu Gun - ſten willkührlich verändert worden ſeyn; indem er dann in den Alten weiter forſchte, fand er auch Andeutungen eines ganz andern Syſtems als des ptolemäiſchen. 1Incertitudinem mathematicarum traditionum cum diu me - cum revolverem hanc mihi operam sumpsi ut omninm philo - sophorum quos habere possem, libros relegerem ac reperiIm Alter - thum war geſagt worden, daß ſich die Erde bewege, daß486Zehntes Buch. Achtes Capitel.ſie nicht allein eine rotirende Bewegung um ſich ſelber, ſon - dern auch eine fortſchreitende habe: wie nun wenn hierin die noch unbekannte Wahrheit lag? Copernicus ergriff die - ſen Gedanken mit aller Kraft eines die Wahrheit vorahnen - den Genius. In ſeiner Wohnung am Dome zu Frauenburg, die ihm einen großen Horizont eröffnete, betrachtete er die Höhen der Planeten, des Mondes, der Sonne und der Fix - ſterne, mit ſehr unzulänglichen Inſtrumenten, nicht ſelten von dem aus dem friſchen Haff aufſteigenden Nebel behindert, aber im Ganzen vortrefflich; er überzeugte ſich, daß die Er - ſcheinungen die bisher unbegreiflich geweſen, ſich wirklich nur erklären ließen, wenn man die verworfene Hypotheſe, die Bewegung der Erde annehme, und ſie mit der Bewegung der Planeten und des Mondes combinire. So erſt ließen ſich die Erſcheinungen der täglichen Bewegung der Himmels - kugel, des jährlichen Laufs der Sonne in der Ekliptik, der Wechſel der Jahreszeiten und Tageslängen, des Vor - und Rückgehens der Planeten verſtehen; die Erläuterungen die er davon gab, kamen einem Beweiſe ſeines Hauptſatzes nahe. 1Ideler Uͤber das Verhaͤltniß des Copernicus zum Alterthum.Wohl war dieſer noch unvollſtändig und nicht von allen Irrthümern riß ſich Copernicus los; aber er hatte einen Gedanken von ſo ächter Wahrheit ergriffen, daß Mängel der Darſtellung denſelben nicht hindern konnten ſich allmählig Platz zu machen. Was man von Ariſtarch von Samos geſagt, das hat in der That erſt Copernicus vollbracht: er ſetzte den Heerd des Kosmos in Bewegung. Die Erde erſchien ihm als1quidem apud Ciceronem, primum Nicetam dixisse terram moveri Copernicus de revolutt. orbb. coelestium. Praefatio. 487Aſtronomie. (Copernicus.) das was ſie iſt, in dem Verhältniß eines Punctes zum Gan - zen: auf das gewaltigſte durchbrach er die Welt des Scheines.

In dieſem Gedanken aber, der aller Anſchauung, in der ſich die Menſchen bewegen, zuwiderläuft, liegt etwas, was den Urheber deſſelben wohl bedenklich machen konnte ihn zu äußern. Copernicus meinte faſt, es ſey das Beſte wenn er wie Pythagoras ſeine Lehre nur mündlich fortpflanze.

Es gereicht der Schule von Wittenberg zur Ehre, daß einer ihrer jungen Profeſſoren, Rhäticus, durch das Gerücht in Kenntniß geſetzt, ſich zu Copernicus begab, der Welt die erſte ſichere Nachricht über die Entdeckung mittheilte, und wirklich den Druck des von dem Autor beinahe bei Seite gelegten Werkes veranlaßt hat.

Den Vorwurf dürfte man überhaupt der Wittenberger Schule damaliger Zeit nicht machen, daß ihre Theologie ſie ab - gehalten hätte ſich auch mit andern Wiſſenſchaften zu beſchäfti - gen. Wir finden die eifrigſten Theologen, wie Wigand zu Eis - leben, die benachbarten Berge durchſtreifen um die Wunder Gottes in den ſeltenen Kräutern zu ſchauen; Michael Nean - der zu Ilfeld verband mit der Kräuterkunde ſelbſt medici - niſche Einſichten: er wird als der Chiron des Harzes geprie - ſen; Johann Matheſius beſaß eine treffliche Kenntniß der Metalle und Erdgewächſe. In hohem Anſehen bei ſeinem Leben und unvergänglichem Gedächtniß nach ſeinem Tode ſtand Caſpar Cruciger, Profeſſor der Theologie, den aber phy - ſikaliſche und beſonders mathematiſch-aſtronomiſche Einſich - ten perſönlich faſt noch mehr auszeichneten. 1Laudes Crucigeri im Corp. Ref. VII, 223.

Melanchthon, der ſich immer in lebendiger Theilnahme488Zehntes Buch. Achtes Capitel.an allen dieſen Fortſchritten zu halten ſuchte, in deſſen Vor - leſungen z. B. Valerius Cordus Anregung zu ſeinen bota - niſchen Ausflügen empfieng, widmete doch ſeinen beſten und fruchtbarſten Fleiß den philoſophiſchen Studien.

In ſeiner Jugend, noch in Tübingen, hatte er es ſich beinahe als die vornehmſte Aufgabe ſeines Lebens gedacht, die Werke des Ariſtoteles von den Verunſtaltungen zu befreien, die ſie während des Mittelalters erlitten, und den wahren Sinn dieſes Philoſophen zu erforſchen. Wie von einer ganz an - dern Natur auch der Beruf war, den ihm Leben und Ge - ſchichte anwieſen, ſo tauchen doch auch dann und wann jene Geſichtspuncte auf. Wir finden bei ihm polemiſche Erörterun - gen gegen die arabiſche Auffaſſung ariſtoteliſcher Begriffe,1 prodigiosas naenias Averrois. und neue Verſuche, den ächten Sinn derſelben, zuweilen im Wider - ſpruch mit den griechiſchen Erklärern, zu ergründen. 2Z B. bei der Erklaͤrung der Entelechie: de anima p. 19.Nur war ſein Ziel hiebei nicht die Wiederherſtellung des Autors, ſondern die Ermittelung einer objectiv haltbaren Doctrin. In den mancherlei Lehrbüchern die er verfaßte, , über Dia - lectik, Moral, Pſychologie, ſogar Phyſik verglich er im - mer auch die übrigen Philoſophen mit Ariſtoteles. In der Regel zog er den letzteren vor, deſſen Feder in Sinn und Verſtand getaucht ſey; die Hyperbeln der Stoa, die Zwei - felſucht der Akademiker, die Ableugnungen des Epicur fand er gleich unerfreulich; jedoch ſtieß er auch bei ihnen auf man - ches Gute und nahm es an; am entſchiedenſten wich er von Ariſtoteles ab, wo dieſer mit den Urkunden der Offenbarung in Widerſpruch kommt. Stellen wir uns in den Geſichts -489Philoſophie. (Melanchthon.) kreis jener Zeit, ſo konnte von einer mit unbedingtem Selbſt - vertrauen auf die höchſten Probleme hinſtrebenden Anſtrengung des Gedankens überhaupt gar nicht die Rede ſeyn. Das Räthſel der Welt war ſchon gelöſt, die Summe der Dinge war ſchon bekannt; die allgemeine Anſicht gieng vielmehr dahin, daß man die allmächtige Kraft der göttlichen Ma - jeſtät nicht ſchärfer zu erforſchen habe; nicht ohne Tiefſinn ſagt Herzogin Eliſabeth von Braunſchweig: könnten wir Gott durch unſere Vernunft ausgründen, ſo nähme die Gottheit ein Ende. 1Fuͤrſtenſpiegel von Strombeck p. 70.Es konnte nur darauf ankommen, die Reſul - tate des philoſophiſchen Nachdenkens mit der Schrift in Ein - klang zu bringen. 2Theſis von 1542: angefuͤhrt von Brucker Hist. phil. IV, 281. Prodest studiosis erudita collatio philosophiae et doctrinae quam deus tradidit ecclesiae.Man dürfte wohl nicht ſagen, daß daraus ein blos formelles Ergebniß hervorgegangen wäre. In den philoſophiſchen Schriften Melanchthons treten einige Vorſtellungen, beſonders über das Weſen des Geiſtes, mit ei - genthümlicher Stärke auf. Die Meinung als ſey die Seele einer reinen Tafel gleich und erwerbe die Begriffe erſt durch Erfahrung, verwirft er mit Widerwillen: er weiſt vielmehr zwei verſchiedene Arten angeborener Begriffe nach, ſpeculative des reinen Denkens, und practiſche der Moral;3Ethicae doctrinae elementa, 1554, p. 210. eine ganze Reihe von Urgrundſätzen beiderlei Art führt er auf;4Quodlibet est aut non est; omnia quae oriuntur, ab aliqua causa oriuntur; effectus non est praestantior causa; veritas amanda est; pacta sunt servanda. De anima p. 265. Vergl. Buhle Ge - ſchichte der Philoſophie II, 499 f. von dem gott - ähnlichen Weſen des Geiſtes wohnt ihm eine unerſchütter -490Zehntes Buch. Achtes Capitel.liche Überzeugung bei. So hat er denn auch, ohne an - dere Beweiſe für das Daſeyn Gottes zu verſchmähen, doch den moraliſchen mit beſonderem Eifer ausgebildet. Die natürliche Unterſcheidung zwiſchen Gut und Böſe, die dem Menſchen inwohne, das laſtende Bewußtſeyn welches aus den Verbrechen entſpringe, die Freudigkeit, mit der das Gute erfülle, endlich den heroiſchen Aufſchwung des Ge - müthes bei der Gründung von Staaten oder auch im Reiche der Wiſſenſchaften, ſieht er als Beweiſe eines gött - lichen Urſprungs und eines höchſten Geiſtes an, von dem der menſchliche herrühre. Zwei Jahrhunderte beinahe ſo lange nemlich der Glaube an die Offenbarung volles Leben hatte ſind dieſe Anſichten und das darauf gegründete ſehr einfache und beſcheidene Syſtem in den proteſtantiſchen Schu - len herrſchend geweſen; während in den katholiſchen die ſiegrei - chen Mönchsorden das labyrinthiſche Gebäude der früheren Zeit auch mit dem ächten Ariſtoteles aufrecht zu erhalten wußten. Später haben ſich an den Gränzgebieten beider Wel - ten andere Tendenzen des allgemeinen Geiſtes entwickelt. Selb - ſtändig haben doch vornehmlich proteſtantiſche Gelehrten auf den Gang der hiedurch angeregten Bewegung eingewirkt. Un - möglich kann die Summe der Ideen die ſich dieſſeit be - feſtigt hatten, ohne Einfluß auf die Art und Weiſe gewe - ſen ſeyn wie dieß geſchehen iſt.

Welches aber auch das Verhältniß ſeyn mochte, in das die Theologie zu andern Wiſſenſchaften trat, Eine wenigſtens empfieng durch dieſelbe einen neuen, überaus förderlichen An - trieb, die Wiſſenſchaft der Geſchichte.

Wollte man ſich den Fortſchritt encyclopädiſcher Ge -491Geſchichte. (Sleidan.) ſchichtskunde mit Einem Blick vergegenwärtigen, ſo dürfte man nur das im Anfange des Jahrhunderts ungemein oft gedruckte Compendium, den Fasciculus temporum von Rolewink, mit dem vergleichen, das um die Mitte deſſelben aufkam und ſich lange in Geltung erhielt, dem Buche Sleidans von den vier Monarchien. 1Dazwiſchen liegt noch die erſte Chronica Carionis, ohne Zwei - fel hauptſaͤchlich ein Werk Melanchthons. Vergl. deſſen Schreiben an Corvinus, Januar 1532. Misit ad me Carion farraginem quan - dam negligentius coacervatam, quae a me disposita est.Dort iſt hauptſächlich von Päpſten, Märtyrern und Heiligen die Rede: hier beruht ſchon alles auf der erneuerten Bekanntſchaft mit dem Inhalt ſo vieler ſeitdem wieder gedruckten Autoren. Sleidan kennt die Al - ten ſehr gut, überall giebt er die Stellen an, aus denen ausführlichere Nachricht zu ſchöpfen iſt; da er auch einen gro - ßen Theil der Chroniſten des Mittelalters ſtudirt hat, ſo er - weitert er auch da den Geſichtskreis nach allen Seiten; es mag wenig Compendien geringen Umfangs von ſo gründ - licher Arbeit geben.

Auch in andern Beziehungen wirkte das Studium der alten Hiſtoriker ein. Man nahm ſie ſich bei Behandlung der Zeitgeſchichte wenigſtens in der Sprache zum Muſter: recht glücklich unter andern Urſinus Velius; einen unermeßli - chen Eindruck machte auch in dieſer Hinſicht der ſo weit ſeine Forſchungen reichten, zugleich urkundlich-gründliche Sleidan.

Mit alle dem aber war doch der Weg zu einer wah - ren Geſchichte beſonders der Zeiten des Mittelalters noch nicht eröffnet. Der ganze Umkreis derſelben war von ab - ſichtlicher Fiction oder unwillkührlicher Dichtung verdunkelt492Zehntes Buch. Achtes Capitel.und umzogen. Während ſich in andern wiſſenſchaftlichen Zweigen die Critik zur Anſchauung des Ächten erhob, hatte hier, ſeitdem der falſche Beroſus erſchienen war, der Wahn noch einmal um ſich gegriffen. Wohl erhoben ſich einzelne Stimmen dagegen, aber der Betrug war doch immer ſo geſchickt angelegt, daß ſich die Gelehrſamkeit jener Zeit noch täuſchen ließ. Einmal aber auf den Irrweg geführt, gieng man recht abſichtlich darauf weiter. Die Provinzialchroniſten, unter denen ſich gleichwohl einige entſchiedene Talente finden, namentlich für die Erzählung, die ſich dann und wann zu he - rodoteiſcher Anmuth entfaltet, machten ſich faſt ein Geſchäft daraus, die Fabel nach allen Seiten auszuarbeiten.

Unter dieſen Umſtänden brauchte man nichts ſo dringend als eine durchgreifende Critik auf irgend einer Seite, welches dieſelbe auch ſeyn mochte. Die Tendenz des Proteſtantismus bewirkte, daß ſie zunächſt im kirchlichen Gebiete hervortrat.

Flacius und deſſen ſtreng lutheriſchen Freunde, Wigand, Judex, Baſ. Faber, vereinigten ſich unter einander und mit einer Anzahl jüngerer Freunde zur Abfaſſung einer ausführ - lichen Kirchengeſchichte. Sie hatten es dabei hauptſächlich auf eine Sammlung urkundlicher Materialien über den Fort - gang der Lehre, der Cerimonien, der Kirchenregierung in den verſchiedenen Jahrhunderten abgeſehen, und ſchon dieſe Aus - dehnung der Geſichtspuncte über den herkömmlichen Kreis der Kenntniſſe muß als ein Verdienſt betrachtet werden. 1Sie beabſichtigen, wie es in der Vorrede heißt, quoddam cornu copiae omnium ecclesiasticarum materiarum et negotiorum maxima diligentia et solertia comparatum.Ein noch viel größeres war, daß ſie Ernſt damit machten,493Geſchichte. (Centuriatoren.) das Unächte zurückzuweiſen, und die große kirchliche Fiction die ſich im Laufe der Zeiten ausgebildet, zu durchbrechen. Gleich beim erſten Jahrhundert nahmen ſie die Frage über die falſchen areopagitiſchen Schriften vor, die Erasmus zwar angeregt, aber lange nicht zu Ende geführt hatte;1Centuria II, c. IV, p 72. Den areop. Schriften weiſen ſie auch ihre Zeit an. beim zweiten griffen ſie mit gutem Recht einige Pſeudepigraphen an, z. B. den Hirten des Hermas; ſchon da, noch mehr aber im dritten und vierten Jahrhundert ſtellen ſich ihnen die falſchen Decretalen dar. Die Centuriatoren ſind die Erſten, welche die Unächtheit derſelben recht eingeſehen und mit ein - leuchtenden unwiderleglichen Beweiſen dargethan haben. 2II, 7. III, 7. IV, 7. (Alles folgt nach durchgehenden Hauptru - briken.) Ihr Urtheil: non est absimile vero, circiter id tempus (Caroli M.), cum ecclesiae occidentales passim ex Romana biblio - theca libros peterent, confictas et suppositas late sparsas esse. Wie ſie anderweit einzelne Interpretationen bekaͤmpften, davon iſt Bd II, p. 906 ein Beiſpiel.Ge - wiß wurden ſie hiebei von ihrem polemiſchen Eifer gegen das Papſtthum angefeuert, aber indem ſie die Nebelgeſtalten zertheilten, durch welche die hierarchiſche Macht ihren eige - nen Urſprung verhüllt hatte, leiſteten ſie zugleich der allge - meinen hiſtoriſchen Wiſſenſchaft einen großen Dienſt. Ohne ein ſolches Verfahren war nirgends zu einer richtigen An - ſchauung geſchichtlicher Entwickelung zu gelangen; ſie mach - ten wenigſtens an Einer Stelle ziemlich freie Bahn. Der fleißigen Sammlung ſtellte ſich eindringende Critik zur Seite: was eben die beiden Grundlagen aller Hiſtorie ausmacht. Nichts iſt ſtärkender als ein ſiegreicher Kampf gegen Irr -494Zehntes Buch. Achtes Capitel.thum und Wahn. Die Erkenntniß der Wahrheit an Einem Puncte macht ſie an andern nothwendig, und ruft das Be - ſtreben danach hervor. Nach und nach regte ſich die For - ſchung in jedem Zweige.

Wir überſchauen die Arbeit in welcher der deutſche Geiſt begriffen war. In allen Gebieten reißt er ſich von der Über - lieferung los, welche ſich im Laufe der Zeit in hohem Grade verfälſcht und mit Aberglauben erfüllt hatte. Aber indem er zu ächteren Quellen der Belehrung aufſteigt, be - merkt er doch was auch dieſe zu wünſchen übrig laſſen Er iſt überall bemüht, die Kenntniß welche die Alten be - ſaßen zu erweitern und zu ergänzen. Gegen die Syſteme die ſie gebildet, ruft er den fragmentariſchen Widerſtand zu Hülfe, der ſich unter ihnen ſelbſt geregt hat, und ſchickt ſich an, aus eigner Kraft zur Anſchauung der Natur der Dinge hindurch zu dringen. Die gewonnene religiöſe Überzeugung flößt ihm Vertrauen und Furchtloſigkeit ein: Forſchung und Critik werden ihm Natur. Wir nehmen nicht ein Beſtre - ben wahr das aus dem Schooße der Nationalität ohne fremde Einwirkung hervorgegangen wäre: der deutſche Geiſt ſucht vielmehr den Boden der ſchon vor Zeiten gegründe - ten Wiſſenſchaft nun auch ſeinerſeits vollſtändig zu gewin - nen und an der Arbeit der Jahrhunderte thätigen Antheil zu nehmen.

Wenn es eben daher rührt daß Latein die ausſchlie - ßende Sprache der Wiſſenſchaft blieb, ſo ward doch auch die auf die Mutterſprache angewieſene Bevölkerung von der Theilnahme an der Bewegung nicht ausgeſchloſſen.

Schon die theologiſchen Flugſchriften, die Predigten, die495Uͤberſetzungen.immer ſchwerere Fragen in Anregung brachten, nahmen die Aufmerkſamkeit der Ungelehrten in Anſpruch.

Ein großer Theil der alten Literatur ward ihnen in deutſchen Überſetzungen zugänglich gemacht: es iſt bezeich - nend was man überſetzte, was man bei Seite ließ. Man nahm z. B. die Aeneide, die Metamorphoſen, nicht Horaz, noch Catull: es war hauptſächlich der Stoff, den man ſich anzueignen ſuchte. Man beſchäftigte ſich viel mit Terenz, ſei - nes lehrreichen Inhalts wegen, der gleich auf dem Titel ge - rühmt ward, wenig mit Plautus; man überſetzte nicht die Reden Ciceros, ſondern ſeine populären philoſophiſchen Schrif - ten. Am ſorgfältigſten ſind vielleicht diejenigen Werke be - arbeitet, die zu unmittelbarem Gebrauch beſtimmt waren. Vitruvius erſcheint als ein Schlüſſel aller mathematiſchen und mechaniſchen Künſte die zu der Architectur gehören, aus rechtem Grund und ſattem Fundament, ſo daß jeder Kunſt - begierige einen rechten Verſtand faſſen möge : einer der ſchön - ſten Drucke jener Zeit mit trefflichen Holzſchnitten, unter de - nen auch das Bildniß Albrecht Dürers prangt. 1Vergl. Degen, Nachtrag zu der Literatur der Uͤberſetzungen der Roͤmer p. 300.

Fehlt es auch nicht durchaus an freier Production, ſo iſt es doch noch mehr die Aneignung, Populariſirung ſchon vorhandener fremder Stoffe, was auch der deutſchen Lite - ratur jener Zeit ihren Character giebt.

So recht eigen iſt dieß das Element, in welchem ſich die umfangreichen Werke des ſinn - und kunſtreichen, wohl - erfahrnen Meiſter Hans Sachs bewegen.

Einen großen Theil der heiligen Bücher, alten und neuenRanke D. Geſch. V. 32496Zehntes Buch. Achtes Capitel.Teſtamentes, giebt er in Reimen wieder; daran ſchließen ſich die Hiſtorien von den Märtyrern; dann folgen die weltlichen Geſchichten, wo denn bei der alten Welt der griechiſche Weiſe Herodotus , oder Juſtin oder Johann Herolt abwechſelnd als die Gewährsmänner genannt werden, in der neuern die Chroniſten, die franzöſiſch Chronica, die hochburgundiſch Chronica; weiter finden ſich die Erzählungen der Volksbücher, wie vom hörnen Siegfried oder der ſchönen Magelone; die Sprüche der alten Philoſophen und die Thierfabel fehlen nicht; zuweilen werden theologiſche Fragen aufgeworfen, wo dann jeder Theil ſeine Zeugniſſe aufführt, Propheten und Apoſtel gewiſſermaßen redend erſcheinen.

Indem ſich aber Hans Sachs faſt überall frühern Autoren anſchließt, weiß er ſich doch ihrer Form zu erwehren. Sein Verfahren ſteht anderer Poeſie beinahe entgegen. Während Andere dem überlieferten Stoffe neue Geſtalt zu geben ſuchen, führt er das Geſtaltete auf den Stoff zurück. Er nimmt zu - weilen alte Comödien herüber, aber gleichſam auszugsweiſe; ihm gewinnen hauptſächlich nur die Situationen, ihre Aufein - anderfolge und das daraus hervorgehende Ergebniß Theilnahme ab. Seine dramatiſchen Arbeiten ſind höchſt ſonderbar: man könnte ſagen, ſie entbehren des Dialogs; wenigſtens arbeitet ſich derſelbe aus der Erzählung nur eben erſt hervor. Und ſelbſt mit ſeiner Erzählung verhält es ſich oft auf eine ähn - liche Weiſe: er epitomirt die Volksbücher. Den großen Inhalt der Literatur, der ihm ſelbſt zu Handen gekommen, rückt er in einen ſeinen Leſern entſprechenden Geſichtskreis. Nur da entwickelt er dichteriſche Gaben, wo er ſich ent - weder in dieſem Kreiſe ſchon bewegt, wie in den Schwän -497Hans Sachs.ken,1Gervinus Geſchichte der poetiſchen Nationalliteratur II, 475. oder wo er das Anmuthige, Heitere, Unſchuldig-ſinn - liche berührt. Die grüne Tiefe der Wälder, die Maien - luſt der Wieſen, Schönheit und Schmuck der Jung - frauen weiß er mit unnachahmlicher Anmuth und Zartheit zu ſchildern. Überhaupt muß man ihm Zeit laſſen und ihm nach - gehn. Seine Anfänge pflegen proſaiſch und uneben zu ſeyn; weiterhin wird die Sprache fließender, und die Gedanken tre - ten mit voller Deutlichkeit hervor; mit treuherziger Einfalt ſpendet er beſonders die Lehre aus. Es iſt ihm nicht ge - nug, in ſeinem Garten die ſchönſten und würzigſten Blu - men gepflanzt zu haben: er will auch kräftige Waſſer, heil - ſame Säfte daraus abziehen, zur Stärkung der Geiſtig-ſchwa - chen. Religiöſe Überzeugung und moraliſche Abſicht ſind aber in ihm eins und daſſelbe. Mögen die Theologen über einzelne Puncte noch hadern: ihn berühren dieſe Streitigkei - ten nicht: er hat eine ſichere Weltanſchauung gewonnen, die alles umfaßt, der ſich alles was in ſein Bereich kommt, von ſelbſt unterwirft. Er hat Gefühl für den Reiz der ir - diſchen Dinge, und oft beſchäftigt ihn die Vergänglichkeit derſelben; man ſieht wohl, daß dieſer Gegenſatz inneren Ein - druck auf ihn hervorbringt: aber er hat dafür einen ewi - gen Troſt ergriffen, an dem ihm nichts irre machen kann.

Dieſe Bildung, die doch auch von ihrem Standpunct aus die Welt umfaßt, und dieſe Geſinnung flößen uns Hoch - achtung gegen den damaligen Stand der deutſchen Handwerker ein, aus dem ſie hervorgieng. An vielen Orten wo von je - her die Poeſie geblüht, fand man noch Meiſterſänger. Um Hans Sachs hatten ſich deren, wie man ſagt, über zweihun -32*498Zehntes Buch. Achtes Capitel.dert in Nürnberg geſammelt und noch oft hielten ſie ihre Singſchule zu St. Catharina. Sie wiederholten gern die Sage ihrer Altvordern, wie ihre Geſellſchaft einſt bei ih - rem Urſprung von allem Verdacht der Ketzerei freigeſprochen, und von Kaiſer und Papſt beſtätigt worden ſey;1Als die vier Urheber bezeichnet Metzgers meiſterliche Freiung der Singer einen hohen Geiſtlichen, einen Ritter, einen Gelehrten und einen Handwerker. wenn dann aber das Hauptſingen begann, welches immer ſchrift - mäßig ſeyn mußte, hatte der Vorderſte der Merker die lu - theriſche Bibel vor ſich, und gab Acht, ob das Lied, wie mit dem Inhalt des Textes, ſo auch mit den reinen Worten de - ren ſich Doctor Luther bedient hat, übereinſtimmte. 2Wagenſeil uͤber die Minneſinger. De civit. Norimberg. 544.

Von den künſtleriſchen und poetiſchen Hervorbringungen dieſer Zeit haben wohl diejenigen überhaupt den meiſten Werth, welche die religiöſe Geſinnung ausſprechen. Das Kirchenlied, deſſen Urſprung wir berührten, bildete ſich von Jahr zu Jahr mannichfaltiger und eigenthümlicher aus; es vereinigt die Einfalt der Wahrheit mit dem Schwung und der Tiefe des auffaſſenden Gemüthes; es iſt zugleich von dem Gefühle des Kampfes, deſſen verſchiedene Epochen ſich darin ausgedrückt haben und der Gewißheit des Sieges durchdrungen: es iſt oft wie ein Kriegsgeſang gegen den noch immer drohenden Feind. Und mit dem Liede iſt zugleich die Melodie hervorgegangen, häufig ohne daß man ſagen könnte wie das geſchehen iſt. Nur geringe Anfänge enthalten die erſten Liederbücher von 1524; im Jahre 1545 erſcheinen ſchon 98 Melodien, im Jahre 1573, denn mit der Zeit wuchs auch die Gabe, 165. Bibliſche499Kirchenlied.Texte hatten eine beſondere Kraft die Muſiker anzuregen: zu dem Magnificat finden ſich vier verſchiedene Weiſen, alle gleich trefflich. Und hieran knüpfte ſich die kunſtgerechte Ausbildung des Chorals. Das Unächte und Überladene, das ſich der frühern Muſik beigeſellt hatte, ward ausgeſto - ßen: man bemühte ſich nur die Grundtonart ſtreng und har - moniſch zu entfalten;1Winterfeld, der evangeliſche Kirchengeſang. die evangeliſche Geſinnung gewann im Reich der Töne Ausdruck und Darſtellung.

Gewiß ſchloß man ſich auch hier an das Vorhandene an: es hat Kirchenlieder vor Luther gegeben, die neue Mu - ſik gründete ſich auf die alten Geſänge der lateiniſchen Kirche; aber alles athmete doch einen neuen Geiſt. So beruhte ſei - nerſeits auch der gregorianiſche Geſang auf den Grundſätzen der antiken Kunſtübung.

Eben darin liegt die Eigenthümlichkeit der ganzen Be - wegung, daß ſie das Conventionelle, Abgeſtorbene, oder doch nicht zu weiterem Leben zu Entwickelnde von ſich ſtieß, und dagegen die lebensfähigen Momente der überlieferten Cultur unter dem Anhauch eines friſchen Geiſtes, der nach wirklicher Erkenntniß ſtrebte, zu weiterer Entfaltung brachte.

Dadurch ward ſie ſelbſt ein weſentliches Glied des uni - verſalhiſtoriſchen Fortſchrittes, der die Jahrhunderte und Na - tionen mit einander verbindet.

In keiner andern Nation wäre dieß ſo bedeutend ge - weſen wie in der deutſchen.

Die romaniſchen Völker beruhten doch noch, der Haupt - ſache nach, auf den Stämmen, von denen die Herrlichkeit des Alterthums ausgegangen: in Italien ſah man die alte Welt500Zehntes Buch. Achtes Capitel.wohl als die eigene nationale Vorzeit an: daß ein urſprüng - lich verſchiedener Geiſt, der germaniſche, an der Erneuerung der alten Cultur lebendigen Antheil nahm, nicht allein lernend, ſich aneignend, ſondern mithervorbringend, und zwar im Reiche der poſitiven Wiſſenſchaften, die von nun an unauf - hörlich fortſchritten, trug erſt recht dazu bei, ſie zu einem Ge - meingut der Menſchheit zu machen.

Wie dadurch eigentlich erſt ausgeführt wurde was Carl der Große bei ſeinen ſcholaſtiſchen Gründungen beabſichtigt hatte, ſo war auch dieſer Standpunct wieder nur eine Stufe.

Es bedurfte noch geraumer Zeit, ehe die erwachten Ideen ſich durcharbeiten, bewähren konnten: auf Copernicus mußte erſt Kepler folgen; die Einwirkungen der mitſtreben - den Nationen der europäiſchen Gemeinſchaft mußten erſt wo ſie fördernd waren aufgenommen, wo aber das Gegentheil, was doch auch geſchah, überwunden werden. Die Wiſſen - ſchaften waren noch zu ſtreng an den Gebrauch der lateini - ſchen Sprache gebunden, als daß der Geiſt der Nationen neuerer Zeit ſich mit voller Freiheit darin hätte bewegen können. Die Tiefe und Urſprünglichkeit der eigenthümlich germaniſchen Anſchauungen war gleichſam zu ſtark zurück - gedrängt. Es iſt eine Zeit gekommen, wo der deutſche Geiſt das Alterthum noch lebendiger begriffen hat, dem Geheimniß der Natur noch einen Schritt näher getreten und zugleich zu eigner und doch allgemein gültiger Darſtellung gelangt iſt.

Dazu gehörte aber freilich denn auch der wiſſen - ſchaftliche Fortſchritt beruht auf dem langſam reifenden all - gemeinen Leben eine Entwickelung der politiſchen Verhält - niſſe, die es möglich machte.

501Schluß.

Und für dieſe ſtanden, trotz alle dem was bereits er - reicht war, noch die ſchwerſten Kämpfe bevor.

So viel hatte Carl V doch bewirkt, daß ſich der pro - teſtantiſche Geiſt nicht der ganzen deutſchen Nation und ihrer großen Inſtitute bemächtigen konnte.

Bald nach ihm aber trat in der alten Kirche ſelbſt eine Umwandlung in Leben und Verfaſſung ein, die ihr neue Ener - gie verlieh: in Kurzem warf ſie ſich dem noch immer vor - dringenden proteſtantiſchen Elemente mit ganz andern Kräf - ten entgegen als bisher. Auf das Zeitalter der Reforma - tion folgte das der Gegenreformationen.

Es gelang dem Papſtthum zuerſt, in den Ländern ſei - nes Urſprungs und ſeiner älteſten Herrſchaft alle entgegen - geſetzten Regungen zu erſticken, alsdann auch in Deutſchland vorzudringen, und die Landſchaften die keine proteſtanti - ſchen Obrigkeiten hatten, ſich wieder vollkommen anzueig - nen; der Widerſtand, auf den es hiebei an einer oder der andern Stelle doch ſtieß, gab ihm Anlaß, endlich nochmals zu den Waffen zu greifen; durch eine Verflechtung politi - ſcher und religiöſer Verhältniſſe, die es zu keiner Vereinigung unter den Proteſtanten kommen ließ, gewann es den Sieg; ſeine Heerſchaaren überflutheten die Länder, aus denen der Proteſtantismus hervorgegangen; der Gedanke an eine all - gemeine Herbeibringung konnte ſich noch einmal regen.

Dahin freilich kam es nicht daß er auch ausgeführt worden wäre; allein es mußte in einem wilden und verwil - dernden Kriege, der die gewonnene Cultur zum Theil wirk - lich zerſtörte, dagegen gekämpft werden; und als man endlich den Religionsfrieden erneuern und auf die alten Grundla -502Zehntes Buch. Achtes Capitel.gen der Verfaſſung zurückkommen wollte, war die Selbſtän - digkeit der Nation durch eine von beiden Seiten angerufene und alsdann nicht wieder ſo bald zu beſeitigende Theilnahme auswärtiger Mächte gefährdet.

Wie viel Mühe und lange andauernden Kampf hat es gekoſtet, in Epochen voll wechſelnden Glückes und neuer Ge - fahren den fremden Einfluß abzuwehren! wir müſſen ſagen, erſt in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts war es ei - nigermaßen geſchehen.

Eher aber konnten die urſprünglichen Beſtrebungen, welche das Zeitalter das wir betrachtet haben, erfüllten, nicht in vol - ler Freiheit und Kraft wieder aufgenommen werden. Sie zielten dahin, an den lebendigen Momenten der allgemeinen und nationalen Geſchichte feſthaltend, eine allſeitige und un - abhängige Entwickelung der Nation hervorzubringen; ſie ver - knüpfen die Anfänge unſerer Geſchichte mit ihrer fernſten Zukunft.

Gedruckt bei A. W. Schade.

About this transcription

TextDeutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation
Author Leopold von Ranke
Extent517 images; 120539 tokens; 18183 types; 851263 characters
Responsibility Alexander Geyken, ed.; Susanne Haaf, ed.; Bryan Jurish, ed.; Matthias Boenig, ed.; Christian Thomas, ed.; Frank Wiegand, ed.

CLARIN-DNote: Langfristige Bereitstellung der DTA-Ausgabe

EditionVollständige digitalisierte Ausgabe.

About the source text

Bibliographic informationDeutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation Fünfter Band Leopold von Ranke. . VI, 502 S. Duncker und HumblotBerlin1843.

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LanguageGerman
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