PRIMS Full-text transcription (HTML)
[I]
Deutſche Geſchichte im Zeitalter der Reformation.
Fünfter Band.
Berlin,1843.Bei Duncker und Humblot.
[II][III]

Inhalt.

  • Seite
  • Neuntes Buch. Zeiten des Interims. Erſtes Capitel. Reichstag zu Augsburg 1547, 48. 3
  • Angelegenheit des Conciliums3
  • Entzweiung zwiſchen Kaiſer und Papſt 10.
  • Weltliche Einrichtungen im Reiche16
  • Abſicht den ſchwaͤbiſchen Bund zu erneuern 16. Landfriede, Kammergericht, Reichsanſchlaͤge 20. Burgundiſcher Vertrag 24. Reichskriegscaſſe 29. Belehnungen 32. Rechtsentſcheidungen 34.
  • Das Interim36
  • Zweites Capitel. Einfuͤhrung des Interims in Deutſchland56
  • Veraͤnderung der Stadtraͤthe 61. Uͤberwaͤlti - gung von Coſtnitz 63. Leipziger Interim 83.
  • Drittes Capitel. Stellung und Politik Carls V 1549 155190
  • Verhandlungen mit Rom113
  • Reichstag zu Augsburg 1550 117. Succeſſionsentwurf119
  • Die Proteſtanten in Trient128
  • Saͤchſiſche und wuͤrtenbergiſche Confeſſion 130.
  • Viertes Capitel. Elemente des Widerſtandes in den großen Maͤchten142
  • Seekrieg im Mittelmeer143
  • Erneuerung des Kriegs in Ungarn152
  • IV
  • Seite
  • Fortgang der Reformation in England158
  • Heinrich II und die Farneſen171
  • Fuͤnftes Capitel. Elemente des Widerſtandes in Deutſchland177
  • Belagerung von Magdeburg 179. Kirchliche Gewaltſamkeiten in Augsburg 188. Beleidi - gung der Reichsfuͤrſten 190. Gefangenſchaft des Landgrafen Philipp 194. Deutſch-oͤſtrei - chiſches und brandenburgiſch-preußiſches In - tereſſe 202. Zuſammenkunft zwiſchen Churf. Moritz und Markgraf Hans 207.
  • Sechstes Capitel. Kriegszug des Churfuͤrſten Moritz wider Carl V 1552210
  • Erſte Entwuͤrfe 210. Moritz 221. Unter - handlung mit Frankreich 224. Kriegszug gegen Carl V 231. Aufloͤſung des Conciliums 246.
  • Zehntes Buch. Epoche des Religionsfriedens.
  • Erſtes Capitel. Verhandlungen zu Linz und zu Paſſau253
  • Vertrag zu Paſſau 277. Entlaſſung Johann Friedrichs 279. Ruͤckkehr des Landgrafen Phi - lipp 283.
  • Zweites Capitel. Franzoͤſiſch-osmaniſcher Krieg 1552, 1553285
  • Belagerung von Metz 287. Feldzug in Un - garn 291. Italien 294.
  • Drittes Capitel. Der Krieg zwiſchen Markgraf Albrecht und Churfuͤrſt Moritz im Jahr 1553299
  • Carl V in Verbindung mit Albrecht 303. Er - neuerung des Succeſſionsentwurfs 306. Hei - delberger Bund 310. Verbindung zwiſchen Moritz, Heinrich von Braunſchweig und Koͤ -
  • V
  • Seite
  • nig Ferdinand gegen Albrecht 311. Stellung und Natur Albrechts 315. Moritz in neuem Bunde mit Frankreich 321. Schlacht bei Sie - vershauſen 325.
  • Viertes Capitel. Allmaͤhlige Beruhigung der deutſchen Territorien330
  • Eintritt Churfuͤrſt Auguſts von Sachſen 330.
  • Friede zwiſchen Auguſt und Albrecht 333. Er - neuerung der Erbverbruͤderung zwiſchen Bran - denburg, Sachſen und Heſſen 333. Zutritt Fer - dinands zum Heidelberger Bund 334. Heinrich von Braunſchweig gegen Albrecht 335. Aus - gang Markgraf Albrechts 344. Beilegung ter - ritorialer Streitigkeiten in Deutſchland 347.
  • Fuͤnftes Capitel. Reichstag zu Augsburg 1555352
  • Berathungen uͤber den Religionsfrieden356
  • Geiſtlicher Vorbehalt 370.
  • Berathungen uͤber Friede und Recht373
  • Executionsordnung, Kreisverfaſſung 373. Neue Kammergerichtsordnung 379.
  • Beſchlußnahme383
  • Sechstes Capitel. Abdankung Carls V393
  • Verbindung des Kaiſers mit England unter Ma - ria 393. Uͤbertragung der Erblande auf Phi - lipp 403, Unterhandlungen wegen der Uͤber - tragung des Kaiſerthums 411 ff. Anfang der ſelbſtaͤndigen Regierung Ferdinands 413. Chur - fuͤrſtenverſammlung zu Frankfurt 415. Chur - verein von 1558 418. Letzte Tage Carls V 423.
  • Siebentes Capitel. Fortgang und innerer Zu - ſtand des Proteſtantismus427
  • Einwirkung des Proteſtantismus auf die Reichs - verfaſſung 430. Reformation der Rheinpfalz, Badens 432. Conceſſionen in Baiern und Oͤſt - reich 433.
  • VI
  • Seite
  • Grundzuͤge der proteſtantiſchen Kirchenverfaſſung435
  • Theologiſche Streitigkeiten443
  • Flacius 446. Major und Oſiander 448. Cal - vin 451. Maͤngel der Verfaſſung 459. Un - erledigte Fragen 462.
  • Achtes Capitel. Entwickelung der Literatur465
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Neuntes Buch. Zeiten des Interims.

Ranke D. Geſch. V. 1[1_3][1_3]

Erſtes Capitel. Reichstag zu Augsburg 1547, 48.

Angelegenheit des Conciliums.

Siege werden bald erfochten: ihre Erfolge zu befeſti - gen, das iſt ſchwer.

Für Carl V war mit dem Siege über die ſchmalkal - diſchen Stände nur erſt die Hälfte der Arbeit gethan: wollte er die Gedanken ausführen, von denen er beſeelt war, ſo ſtand ihm noch ein Gang mit ſeinem eignen Verbündeten bevor.

Wir wiſſen ſchon, wie wenig ihm die Art und Weiſe genug that, in der das Concilium unter dem Einfluß des Papſtes verfuhr: jene Feſtſetzung der ſtreitigen Lehrpuncte in einem Sinne welcher die Proteſtanten abſtoßen mußte, die er herbeizubringen gedachte; noch mehr die Translation der Ver - ſammlung, zu der man geſchritten war, ſo bald nur von der ſo oft verſprochenen Reform ein wenig ernſtlicher die Rede ſeyn ſollte. Keinen Augenblick hatte er dieſe Dinge aus den Augen verloren. Er hat wohl geſagt, im Laufe des Krie - ges habe er mehr an Rom und an das Concilium gedacht als an den Krieg ſelber. Noch war er nicht geſonnen, we - der dieſe Verlegung ſich gefallen zu laſſen, oder auch nur die publicirten Artikel anzuerkennen.

1*4Neuntes Buch. Erſtes Capitel.

In Bologna wagte man doch wirklich nicht, zu con - ciliaren Handlungen zu ſchreiten:1Mendoza an den Kaiſer 26 Mai. Ha sido necesario ha - blar a Farnesio, para que alli (a Bologna) no hiziesse algun acto, y asegurarme primero con la palabra del papa diziendo que de otra maniera yo haria el protesto. man begnügte ſich mit vorläufigen Beſprechungen.

Wie die beiden Häupter dort einwirkten, davon iſt ein Beiſpiel, daß als eine ſolenne Seſſion für die Mitte Sep - tember angekündigt war und der Papſt ſich Ende Auguſt aus Rom erhob, um ihr durch ſeine Gegenwart ſo größeres An - ſehn zu geben, er verſäumte nicht vorher die Geſtirne um die glückliche Stunde zu befragen, der kaiſerliche Geſandte ihm nacheilte und ihn durch Drohungen dahin brachte, daß die Sitzung nur in Form einer Congregation gehalten ward. 2Mendoza an den Kaiſer 27 Aug., 2 Sept., 10 Sept.

So recht römiſch kam es dem Kaiſer vor, daß der päpſt - liche Geſandte, der ihn in Bamberg traf, ihn zu überreden ſuchte, ſeine ſiegreichen Waffen nun gegen England zu wen - den. Er antwortete, er wolle nicht aufs neue den Haupt - mann eines Mannes machen, der ihn in der Mitte der letz - ten Unternehmung verlaſſen habe. Der Nuntius erinnerte ihn mit officieller Frömmigkeit an ſeine Pflichten gegen die Religion. Der Kaiſer entgegnete, er wünſche nur, daß An - dere ihre Pflicht in dieſer Beziehung ſo gut erfüllen möchten wie er die ſeine. 3Bericht von Sfondrato. Pallavicini X, iii.

Blieb er aber dabei, die Sache des Conciliums in ſei - nem Sinne durchzuſetzen, ſo fand er dafür eine mächtige Unterſtützung in dem Übergewicht das er jetzt in Deutſch - land erworben.

5Reichstag zu Augsburg 1547. Concilium.

Am erſten September eröffnete er den Reichstag zu Augsburg, mit einer Propoſition, in der er zunächſt die geiſt - lichen Angelegenheiten da wieder aufnahm, wo ſie vor zwei Jahren abgebrochen worden: aber unter ganz andern Um - ſtänden und mit einer ohne Vergleich größern Ausſicht, ſeine Meinung durchzuſetzen.

Die proteſtantiſche Corporation, welche früher nicht al - lein nach ihrer eignen Meinung, ſondern auch vermöge der ihnen gewordenen Zugeſtändniſſe eine geſetzliche Stellung ein - nahm und an der excluſiv proteſtantiſchen Idee feſthielt, war nicht mehr; der Kaiſer verbat ſich überhaupt abgeſonderte Zuſammenkünfte und Berathungen. Alle die in des Kaiſers Frieden gekommen, hatten ſich mehr oder minder ohne Rück - halt zum Gehorſam in dieſer Hinſicht verpflichtet. Jene pro - teſtantiſche Mehrheit, die ſich zuletzt im Churfürſtenrathe zu bilden begonnen, war durch die Cataſtrophe des Erzbiſchof Hermann von Cölln vollkommen beſeitigt. Die geiſtlichen Fürſten, die ihre Erhaltung hauptſächlich dem Kaiſer ver - dankten, hiengen ihm mit doppelter Ergebenheit an.

Unter dieſen Umſtänden konnte die Beſchlußnahme des Reichstags, als nun der Kaiſer aufs neue die Anerkennung des tridentiniſchen Conciliums forderte, auf keine beſondere Schwierigkeit ſtoßen.

Der Fürſtenrath, der abermal die Initiative ergriff, er - klärte, der wahre Weg die Spaltung in der Religion zu heben ſey eben der, die Erörterung einem freien gemeinen Concil heimzuſtellen, immaßen das allbereit zu Trient an - gefangen worden. Dieſem Gutachten ſtimmten die geiſt - lichen Churfürſten beinahe wörtlich bei. 1Unter den Schriften welche Saſtrow in die Haͤnde bekom -Nicht ſo entſchie -6Neuntes Buch. Erſtes Capitel.den war die Äußerung der weltlichen Mitglieder dieſes Col - legiums; aber ſie widerſprachen wenigſtens nicht: ſie er - kannten an, daß die ſtreitige Religion auf ein gemein frei chriſtlich Concilium remittirt werden ſollte, es möge nun zu Trient gehalten werden oder an einem andern Orte deutſcher Nation. Die Städte hatten ein abweichendes Gutachten vor - bereitet, aber durch die Vorſtellung des kaiſerlichen Rathes Dr Haſe ließen ſie ſich bewegen davon abzuſtehn. Hierauf konnte der Kaiſer dem Papſt erklären: was er mit ſo viel Arbeit und Eifer herbeizuführen geſucht, das ſey nun ge - ſchehen: Churfürſten, geiſtliche, weltliche Fürſten ſo wie die Städte haben ſich dem nach Trient ausgeſchriebenen und daſelbſt begonnenen Concilium unterworfen. 1Instructione al Cl de Trento 9 Nov. 1547. Lo substan - tial sara avisar a S. Sd con quanto trabajo y cuidado nostro se ha procurado que todos los estados de la Germania, assi electo - res principes ecclesiasticos y seglares como las cibdades, se so - mettiessen (como han hecho) al concilio ya inditto e celebrado y que se celebre en Trento.

Nun enthielt aber dieſer Beſchluß im damaligen Augen - blick nicht mehr einfach die Thatſache der Unterwerfung, ſon - dern zugleich denn abſichtlich ward auf die Bezeichnung des Ortes viel Nachdruck gelegt eine Erklärung gegen die Translation der Kirchenverſammlung. Schon gleich in den erſten Tagen nach ihrer Ankunft hatten die geiſtlichen Fürſten den Papſt einmüthig um die Zurückverlegung er - ſucht. Dieſes Begehren ward jetzt durch den allgemeinen Beſchluß der Stände gewaltig verſtärkt.

Und dabei blieben ſie nicht ſtehen. Hatte der Kaiſer1men und ſeiner Lebensbeſchreibung einverleibt hat, fehlt das erſte Gut - achten des Churfuͤrſtenrathes. Das was voranſteht (II, 112) iſt der Zeit nach ſpaͤter als das ihm folgende fuͤrſtliche.7Reichstag zu Augsburg 1547. Concilium.die Publication der zu Trient gefaßten Beſchlüſſe gemißbil - ligt, ſo traten ihm auch darin die Stände bei. Die Für - ſten, denen jene Feſtſetzungen wenigſtens amtlich noch nicht mitgetheilt worden, forderten, wenn in den ſtreitigen Arti - keln bereits etwas beſchloſſen ſey, ſo müſſe das doch aufs neue vorgenommen und vor allem erſt die Erklärung der Proteſtirenden darüber gehört werden. 1 Ob auch im vhall von etlichen ſtreitigen Artikeln im Con - cilio zu Triendt geredt oder beſchloſſen worden waͤre, welches doch nit vor Augen, das dennoch nichtsdeſteminder dieſelbigen Artikel wiederum fuͤr hand genommen und die proteſtirenden genugſamlich darauf ver - hort und von inen gute rechenſchaft irer lere und glauben vernom - men werde. Jene dogmatiſchen Beſtimmungen, auf welchen ſpäter die Rechtgläubigkeit der katholiſchen Kirche zu beruhen geſchienen, wollte fürs Erſte ſo wenig das Reich wie der Kaiſer anerkennen. Es ver - ſteht ſich, daß die proteſtantiſch-geſinnten Mitglieder beider Räthe hierin noch eifriger waren. Die weltlichen Churfür - ſten forderten ausdrücklich die Reaſſumtion der ſchon be - ſchloſſenen Artikel: ſie fügten hinzu, nur nach der Norm der göttlichen Schrift würden dieſelben zu entſcheiden ſeyn. Die Stimmung zeigte ſich überhaupt ganz entſchieden. Verge - bens trug Leonhard Eck darauf an, daß man, um weiter - gehende Fragen abzuſchneiden, den Papſt als Vorſitzer des Conciliums bezeichnen ſolle: die Zeiten ſeines Einfluſſes und Übergewichts waren vorbei; in dem Rathſchlag des Für - ſtenrathes findet ſich nichts hievon. Dagegen lautet das Gutachten der weltlichen Churfürſten dahin, daß der Papſt die Mitglieder des Conciliums aller Pflichten, mit denen ſie ihm verwandt ſeyen, erledigen, und dem Concilium unter -8Neuntes Buch. Erſtes Capitel.worfen ſeyn ſolle: eine Reformation an Haupt und Glie - dern brachten ſie aufs neue in Anregung. Und noch leb - hafter drückten ſich die Städte aus. Die Entſcheidung über die ſtreitigen Artikel dürfe mit nichten Sr Hoheit dem Papſt (das Wort Heiligkeit vermieden ſie) und den Anhängern deſſelben überlaſſen, ſie müſſe frommen, gelehrten, gottesfürch - tigen und von allen Ständen dazu auserwählten Perſo - nen, die von jeder Verpflichtung befreit worden, anheim - geſtellt werden. 1Staͤdtiſches Gutachten bei Saſtrow 143.

Auf Forderungen dieſer Art konnte und mochte Carl V nun zwar in dieſem Augenblicke nicht eingehn. Auf keinen Fall aber war ihm ein Beſtreben zuwider, das auf eine Er - höhung der kaiſerlichen Gewalt und eine Einſchränkung der - jenigen zielte, mit der er alle ſeine Tage zu kämpfen gehabt und ſo eben wieder in heftige Irrungen verwickelt war. Am Reichstag verlautete das Wort, daß der Kaiſer Präſident des Conciliums ſeyn müſſe, nicht der Papſt. In den Reichs - beſchlüſſen war von keinem Vorbehalt päpſtlicher Einwilli - gung die Rede;2Wie ſich Sfondrato beſchwert, Pallav. X, vi, 121. der Kaiſer verſprach in ſeinem eignen Na - men, daß das Concilium in Trient gehalten, und die ganze Tractation er bediente ſich hiebei der Ausdrücke, die die weltlichen Churfürſten gebraucht und die auf die älteſten Schlüſſe in dieſer Sache zurückwieſen gottſelig, chriſtlich, nach göttlicher und der alten Väter heiliger Lehre und Schrift vorgenommen und zu Ende geführt werden ſolle. Die wei - tern Anträge der Churfürſten verwarf er doch nicht geradezu: er bat nur auch in dieſer Hinſicht um das volle Vertrauen der Stände.

9Reichstag zu Augsburg 1547. Concilium.

Hatte der Papſt die Zeit des Krieges benutzen können, um das Concil auf ſeine Weiſe zu leiten, ſo machte der Er - folg der Waffen es wieder dem Kaiſer möglich, ſich dieſer Direction mit größtem Nachdruck zu widerſetzen.

Am 9ten November fertigte er den Cardinal von Trient, Chriſtoph Madrucci, noch Rom ab, um die Zurückverlegung des Conciliums, auf welche er bisher ſo ſtandhaft gedrun - gen, nun auch im Namen des Reiches zu fordern.

Der Kaiſer erwähnte in der Inſtruction, daß er die Anträge welche zum Nachtheil der päpſtlichen Autorität ge - macht worden, nicht angenommen; er verſicherte ausdrück - lich, daß das Concilium im Fall einer Vacanz dem Wahl - recht der Cardinäle keinen Eintrag thun ſolle: aber da jetzt das heilige Werk geſchehen, daß ſich das Reich dem Con - cilium einfach unterwerfe, ſo möge nun auch der Papſt die Umſtände, die ſo günſtig ſeyen wie man ſie niemals hätte hoffen dürfen, benutzen und das Concilium nach Trient zu - rückführen:1para dia certo e señalado con el mas breve termine que ser pudiere. (Worte der Inſtruction.) damit werde er ſeine Pflicht gegen Gott und ſeine Würde erfüllen.

Was würde wohl geſchehen ſeyn, wenn die beiden Ober - häupter ſich verſtanden, eine ernſtliche Verbeſſerung der au - genſcheinlichen Mängel vorgenommen und dann mit verein - ten Kräften und ungetheilter Autorität auf die Herſtellung der alten Kirchenformen hingearbeitet hätten? Würden ſie bei einiger Nachhaltigkeit des Verfahrens damit nicht wirk - lich haben durchdringen können?

Es war ein großes Schickſal, daß in dem entſchei -10Neuntes Buch. Erſtes Capitel.denden Augenblicke die Erbitterung zwiſchen beiden größer war als je.

Paul III fürchtete nichts mehr als die Übermacht eines neu emporkommenden Kaiſerthums. So auffallend es auf allgemeinem Standpunct ausſieht, daß er im Frühjahr 1547 dem Vorfechter des Proteſtantismus eher den Sieg wünſchte, ſo gewiß iſt es doch: mit Freuden vernahm er die Nach - richt von jenem Rochlitzer Ereigniß; der Hof gab zu erken - nen, wie ſehr er wünſchte den Kaiſer in Ungelegenheiten ver - wickelt zu ſehen. Dem König Franz ließ man von Rom aus noch wiſſen, er könne nichts Nützlicheres thun, als Die - jenigen unterſtützen, von denen dem Kaiſer Widerſtand ge - leiſtet werde; mit dem Nachfolger deſſelben, Heinrich II, trat der alte Papſt ſofort in die engſte Verbindung: er brachte die Vermählung ſeines Enkels Horatio mit einer natürlichen Tochter des neuen Königs zu Stande. Hierauf war von einer dem Kaiſer entgegenzuſetzenden Ligue zwiſchen Frankreich, Ve - nedig und dem Papſt unaufhörlich die Rede. Alle Gegner des Kaiſers und ſeiner Partei ſahen in dem Papſt und ſei - nem Hauſe ihre natürlichen Häupter. Pier Luigi Farneſe, der Sohn des Papſtes, hatte an allen Bewegungen gegen den Kaiſer einen mehr oder minder zu Tage liegenden Antheil.

Welch ein Schlag ohne Gleichen war es da, daß eben dieſer Pier Luigi am 10ten September 1547 in Piacenza ermordet ward.

Er hatte daſelbſt im Sinne der italieniſchen Tyrannen alter Schule regiert, die Vorrechte der Edelleute aufgeho - ben, die Bauern dieſen zwar gleichgeſtellt, aber dann mit harten Frohnden belaſtet, eine Menge Geſetze gegeben, die11Entzweiung zwiſchen Kaiſer und Papſt.nur darauf berechnet ſchienen, diejenigen zu ſtrafen welche ſie übertreten würden und ihre Güter zu confiſciren, was dann ohne Weiteres geſchah. So eben baute er ſich ein Schloß, zu welchem er geweihte Plätze eingezogen, Häuſer von Witwen und Waiſen niedergeriſſen; man ſagte wohl, er werde die Angeſehenſten ſeines Gebietes dahin einladen und es mit ihrem Blute dem Satan weihen. So zog er denn auch das Schickſal der alten Tyrannen über ſich herein. Eine Verſchwörung bildete ſich, der er erlag. 1Details aus einer merkwuͤrdigen Vertheidigungsſchrift der Verſchwornen. Supplica delli conti Agostino Landi, Giov. An - gosciola, Alessandro e Camillo fratelli de Pallavicini, nella quale allegano le cagioni che gli indussero a conspirar contra P. L. Farnese. (Inform. politt. IV.)

Wie die Dinge der Welt einmal ſtanden, ſo griff dieſe Ermordung mit allen großen Ereigniſſen zuſammen.

Der kaiſerliche Befehlshaber in Mailand, Ferrante Gon - zaga, der längſt mit Mißvergnügen wahrgenommen daß Pier Luigi franzöſiſche Soldaten nach Piacenza kommen laſſen, ſäumte keinen Augenblick, dieſe Stadt jetzt im Namen des Reiches, das ſeine Anſprüche daran niemals aufgegeben, in Beſitz zu nehmen. Man glaubte allgemein, er habe das Unternehmen der Verſchwornen gekannt und ſey damit ein - verſtanden geweſen. Der florentiniſche Geſandte verſichert es mit Beſtimmtheit;2V. Eccel. puo esser certa che D. Ferrante sapeva quel che s’ordinava a Piacenza. er meint annehmen zu dürfen daß auch Granvella darum gewußt habe. Wir finden Nachrichten, nach welchen der Kaiſer befragt worden, ſich anfangs ge - ſträubt und endlich eingewilligt hatte. 3Avvertimenti al Da di Terranuova: Inf. politt. XII.

12Neuntes Buch. Erſtes Capitel.

Es iſt nicht zu beſchreiben, in welche Stimmung von Haß und verhaltener Wuth der Papſt hiedurch gerieth.

Don Diego Mendoza berichtet, er habe geſagt, wenn man ihm Piacenza nicht wiedergebe, ſo werde er ſich helfen ſo gut er könne, und ſollte er die Hölle zu Hülfe rufen. 1 que hara lo que pudiere y se ajutara con el diablo. (Mendoza 20 Sept)Mendoza iſt überzeugt, ein Bund mit Frankreich ſey dem Abſchluß nahe, man denke den Herzog von Guiſe zum - nig von Neapel zu machen. Ein Wort des Cardinal Far - neſe, der heilige Vater werde ſich mit Jemand verbinden, von dem man es nicht denke, deutet er auf das Vorhaben eines Bundes mit dem Sultan. Dem Geſandten dagegen gieng der Gedanke durch den Kopf, ſich im Namen des Kaiſers der Engelsburg zu bemächtigen: wäre nur der Ver - dacht nicht ſo wachſam geweſen.

Dieſe weltliche Entzweiung machte nun den in den geiſt - lichen Geſchäften eingetretenen Bruch vollends unheilbar.

Der Papſt ſah in den Anträgen, die der Cardinal Ma - drucci brachte, doch nichts als eine neue Feindſeligkeit: er wußte ſehr wohl, daß die Forderung der Zurückverlegung noch keineswegs das letzte Wort des Kaiſers enthielt.

Dazu aber, dieſe Forderung geradehin zurückzuweiſen, war jedoch ſeine Stellung auch nicht angethan. Wie der Kaiſer, ſo mußte auch er maaßhaltend, mit der nöthigen Rechtfertigung vor der Welt erſcheinen.

Zuerſt legte er die Sache einer Deputation von Car - dinälen vor. Deren Urtheil war, daß Kaiſer und Reich es nicht übel deuten könne, wenn S. Heil. in der wichtigen13Entzweiung zwiſchen Kaiſer und Papſt.Angelegenheit die in Bologna verſammelten Prälaten ſelbſt zu Rathe ziehe.

Sehr beſonders: dieſelbe Verſammlung, deren Berech - tigung der Kaiſer leugnete, wurde aufgefordert, ſich über die Anträge zu äußern die er gegen ſie machte.

Und dieſe lehnte nun nicht mit dürren Worten ab, nach Trient zurückzugehn, aber ſie machte Bedingungen die eben ſo gut waren wie eine vollkommen abſchlägliche Antwort. Vor allem ſollten die in Trient zurückgebliebenen Prälaten nach Bologna kommen und ſich mit ihr vereinigen; dann wollte ſie im Voraus wiſſen, ob die deutſche Nation ſich dem Con - cil dergeſtalt unterwerfe, daß ſie die in Trient beſchloſſenen und bereits bekannt gemachten Decrete über die Glaubensfra - gen anerkenne, ſolche niemals in Zweifel zu ziehen ſich ver - pflichte; ferner ob der Kaiſer nicht etwa die bisher beobach - teten conciliaren Formen abzuändern gedenke; ob es der Mehrheit des Conciliums frei ſtehn werde, über neue Trans - lation oder Beendigung definitiv zu beſchließen. 1Schreiben des Cardinal de Monte an den Papſt, Bologna 20 Dec. 1547. Am 19ten war die Congregation gehalten, in wel - cher die Beſchluͤſſe gefaßt worden ſind.

Eine Antwort die den Forderungen der deutſchen Na - tion und den Abſichten des Kaiſers ſchlechthin entgegenlief. Der Papſt händigte ſie dem kaiſerlichen Bevollmächtigten als ſeine eigne ein; dieſer erkannte, daß hier weiter nichts aus - zurichten ſey, und trat ſeine Rückreiſe an. 2Vedendo il Cle che con tutto il negotio che si è pos - suto fare non s’havea altra resolutione, pigliò da S. Sà licentia. (Rel. del Cl di Trento.)

Dem Kaiſer konnte dieß wohl nicht unerwartet kommen;14Neuntes Buch. Erſtes Capitel.er war entſchloſſen es nicht zu dulden, ſondern die alte Dro - hung einer feierlichen Proteſtation endlich zu vollführen.

Auf die förmlichſte Art von der Welt kam es zum Bruch zwiſchen beiden Gewalten.

Am 16ten Januar 1548 erſchienen die kaiſerlichen Pro - curatoren, zwei Spanier, Licentiat Vargas und Doctor Ve - lasco, in der Verſammlung der Prälaten zu Bologna. Wir ſind hier, begann der Licentiat, im Namen unſers Herrn, des römiſchen Kaiſers, um einen Act auszuführen den ihr längſt erwartet. Ihr ſeht wohl welch ein Unglück der Welt bevorſteht, wenn ihr hartnäckig auf einer Meinung behar - ren wollt, die ihr einmal, ohne die gehörige Vorſicht, er - griffen habt. Auch ich bin hier, entgegnete der Le - gat Monte, im Namen Sr Heiligkeit, des unzweifelhaf - ten Nachfolgers Petri, Stellvertreters Jeſu Chriſti, und hier ſind dieſe heiligſten Väter, die das Concilium unter Einwir - kung des heiligen Geiſtes fortſetzen wollen, nachdem es recht - mäßig, aus Gründen die ſie ſelber gebilligt haben, von Trient verlegt iſt. Wir bitten Seine Majeſtät, ihre Meinung zu ändern und uns ihren Schutz zu gewähren, denn man weiß, wie ſchwere Strafen ſich Diejenigen zuziehen, die ein Concilium ſtören, wie hoch auch die Würde ſeyn möge mit der ſie bekleidet ſind.

Nachdem hierauf die kaiſerliche Vollmacht vorgewieſen war das Original auf Pergament, von dem ausdrücklich bemerkt wird, es ſey darin nichts ausgeſtrichen oder radirt geweſen, mit dem kaiſerlichen Inſiegel,1Datirt Augsburg 27 Aug., man ſieht vorlaͤufig. verlas Velasco die Proteſtation, in welcher der Kaiſer aus den öfter erwähn - ten Gründen, die er noch einmal zuſammenfaßte, die un -15Entzweiung zwiſchen Kaiſer und Papſt.verzügliche Rückkehr der verſammelten Prälaten nach Trient forderte. Würden ſie ſich, was er nicht hoffe, dazu nicht ent - ſchließen, ſo proteſtire er hiemit, daß die Translation un - rechtmäßig und ſammt allem was darauf folge, null und nichtig ſey. Ihnen die ſich Legaten nennen, und den hier verſammelten, größtentheils von dem Winke des Papſtes ab - hängigen Biſchöfen, könne unmöglich das Recht zuſtehn, in Sachen des Glaubens und der Reformation der Sitten der chriſtlichen Welt Geſetze vorzuſchreiben, am wenigſten für eine ihnen nicht eigentlich bekannte Provinz; die Antwort welche ſie und S. Heiligkeit dem Kaiſer gegeben, ſey unangemeſſen, voll von Unwahrheiten, nichts als Täuſchung. Er ſelbſt, der Kaiſer, müſſe ſich der vom Papſt vernachläßigten Kirche an - nehmen, und alles thun was nach Recht und Geſetz, nach altem Herkommen und der öffentlichen Meinung der Welt ihm zukomme, kraft ſeines Amtes als Kaiſer und als König.

Der Legat erwiederte, von dem was er gethan, wolle er Gott Rechenſchaft geben, dulden aber könne er nicht, daß die weltliche Gewalt ſich anmaße ein Concilium zu be - herrſchen.

Wir ſehen: er hielt an ſeinem Begriffe von der Un - abhängigkeit der geiſtlichen Gewalt feſt, und ließ ſich nicht aus der Faſſung bringen. Andern aber war doch nicht wohl zu Muthe. Der Secretär des Conciliums ſchließt ſeinen Be - richt hierüber mit dem Gebet, daß dieſer Tag nicht der Anfang des größten Schismas in der Kirche Gottes ſeyn möge. 1Actenſtuͤcke bei Rainaldus Tom. XXI, p. 373.

Die Proteſtation iſt eigentlich eine geiſtliche Kriegserklä - rung. Der Kaiſer war geſonnen, die Feindſeligkeit die er auf16Neuntes Buch. Erſtes Capitel.dieſem Gebiete begann, ſo ernſtlich auszuführen wie jemals eine andre.

Die vornehmſte Maaßregel die er hiezu ergriff, iſt aber ſo durchaus reichs-oberhauptlich und bildet ein ſo weſentli - ches Stück ſeiner Reichsverwaltung, daß wir wohl am be - ſten thun, dieſe zuvörderſt in ihren nächſten weltlichen Be - ziehungen ins Auge zu faſſen.

Weltliche Einrichtungen im Reiche.

Wir berührten oben, welche Plane höchſt umfaſſender Art den Kaiſer durchflogen, als er den Krieg unternahm.

Wollte er aber das Reich einmal erblich machen, wie er dachte, ſo mußte er es vor allem regieren: er mußte ſich in dem Vereine autonomer ſelbſtändiger Mächte die ihn um - gaben, ein Übergewicht verſchaffen, durch welches ſie genöthigt wurden, dem Antriebe zu folgen den er ihnen geben wollte.

Es iſt ſehr merkwürdig, daß er dieß anfangs weniger auf dem Wege der Verfaſſung als durch einen Bund zu thun beabſichtigte.

In den erſten Jahren ſeiner Regierung hatte er em - pfunden, welch ein Moment der Macht in dem ſchwäbiſchen Bunde lag: ſo wie jetzt ſein Glück wieder beſſer wurde, faßte er den Gedanken denſelben zu erneuern und zu erweitern, und unaufhörlich finden wir ihn ſeitdem dahin arbeiten.

Den Capitulationen der oberländiſchen Stände wurden Ausdrücke einverleibt, an welche man ſpäter die Anmuthung knüpfen konnte, in einen Bund dieſer Art zu treten. 1Dem Herzog Ulrich ſagten die kaiſerlichen Abgeordneten,Im Fe -17Abſicht den ſchwaͤbiſchen Bund zu erneuern.bruar 1547 dachte Carl in Perſon eine Verſammlung in Frankfurt zu halten um denſelben zu Stande zu bringen; wir finden ſeine Abgeordneten Caſpar von Kaltenthal und Hein - rich Haſe jenen Franken durchreiſen, dieſen die ſchwäbiſche Ritterſchaft verſammeln, um dazu vorzubereiten. 1Relation was Caſpar v. Kaltentall mit den Stennden des frenkiſchen Krays der Hilff und des tags zu Ulm ausgericht. (Arch. zu Berlin.)So lange jedoch mächtige Feinde im Felde ſtanden, ließ ſich hievon we - nig Erfolg erwarten. Erſt Ende Mai, nachdem der ſäch - ſiſche Krieg glücklich beendigt worden, eröffnete ſich wirklich ein Bundestag zu Ulm, an welchem der Biſchof von Augs - burg und Markgraf Johann von Cüſtrin, dieſer eigentlich an Statt König Ferdinands, der noch in Böhmen beſchäftigt war, als kaiſerliche Commiſſarien auftraten, die alte Bun - desformel vorlegten und zur Annahme derſelben einluden. 2Actenſtuͤcke im Berl. Archiv. (Vgl. den Anhang.)

Bei weitem mächtiger aber wäre dieſer Bund gewor - den als der frühere. Er ſollte das ganze Reich umfaſſen, die einzige zugelaſſene Einung bilden, mit Bundesrichtern ver - ſehen ſeyn, um jede innere Streitſache ohne viele Weitläuf - tigkeiten zu Ende zu bringen; der Landfriede ſollte darin auf das ernſtlichſte gehandhabt, jeder Vergewaltigte namentlich vor allen Dingen wieder in ſeinen Beſitz hergeſtellt, dann erſt ſeine Sache unterſucht werden. Die Reichsverfaſſung war mit Förmlichkeiten überladen; bei dem Eintritt in die ver - ſchiedenen Collegien ward ſchon jedes Mitglied vom Gefühl1ſein Beitritt wuͤrde der Heilbronner Abkunft gemaͤß ſeyn. Sattler III, 258.Ranke D. Geſch. V. 218Neuntes Buch. Erſtes Capitel.ſeiner Selbſtändigkeit erfüllt; Heimbringen, Proteſtiren war faſt herkömmlich geworden: in einem Bunde dagegen, welcher die Vorausſetzung freiwilliger Theilnahme für ſich hatte, waren die Beſchlüſſe einmüthiger, durchgreifender; we - nigſtens der ſchwäbiſche hatte kein Heimbringen geſtattet; den Schlüſſen der Bundesräthe zu folgen war ein jeder verpflichtet.

Es liegt am Tage, wie da das Übergewicht der Macht ſich bei weitem eher durchſetzen konnte als im Reiche; der Kaiſer, der mit den öſtreichiſchen und niederländiſchen Land - ſchaften beizutreten gedachte, würde den Bund ohne Zweifel beherrſcht haben. Die herkömmliche Autorität des Reichs - oberhauptes würde durch die Bundesgewalt zu doppelter Ener - gie gelangt ſeyn.

Eben darum mußte aber dieſer Entwurf doch auch den größten Widerſpruch hervorrufen.

Die Städte bemerkten mit Schrecken, daß ſie fortan an allen Kriegen des Hauſes Öſtreich in obern und nie - dern Landen würden Theil nehmen müſſen; ſchon die Unko - ſten der Zuſammenkünfte würden ihnen läſtig fallen, die un - aufhörlichen Hülfleiſtungen aber ſie zu Grunde richten; ihr Gewerbe nach den benachbarten Ländern, wie England und Frankreich, würde ſie doppelter Gefahr ausſetzen. 1Inſtruction von Ulm. Dieweil menigklich unverporgen, woͤl - chermaßen der Kayſ. und Kon. Mt Erb und andere lender taglichs von frembden Potentaten angefochten werden; Kſ. Mt ſey von den Staͤnden zu bitten von dieſem Iren beſchwerlichen Vorhaben allergnedigſt abzuſteen.

Die Räthe der Fürſten überlegten, daß ſogar die Ter - ritorialhoheit dadurch in Gefahr gerathen dürfte. Biſchöfe, Grafen und Herrn würden ſich von der Regierung des Für -19Abſicht den ſchwaͤbiſchen Bund zu erneuern.ſten abſondern, deſſen Schutz ihnen nicht mehr nöthig ſey, ſobald aller Schutz vom Bunde ausgehe. Churfürſt Moritz erinnerte, die Erbeinung der Häuſer Heſſen, Brandenburg und Sachſen, durch welche die Kaiſer oftmals genöthigt worden mit deren Rathe zu handeln, werde nicht mehr beſtehn;1Aus dem Concept zu einem undatirten, jedoch fruͤheren Schrei - ben Joachims an Moritz: Weil wie E. Chf. Gn. erachten, dieſer bund hier dieſen landen wenig nutzlich oder furtreglich, ſondern allein zu untreglichen koſten gereichen wolt, bittet Chf. freundlich, ſ. Chf. Gn. wolten die Unterrede und damals Ir Chf. Gn. Anzeigen ingedenk ſeyn, ſich in dieſe Buͤndniß nit bereden laſſen, noch dieſelb annemen, mit ferrer einfuͤrung das unſer alte beſchworne Erbeini - gung dadurch abgethan werden wolt. das ſächſiſche Recht, um deswillen man von der Appellation befreit ſey, und viele andere Privilegien würden bedroht werden. 2Rethe zu Torgau an den Churfuͤrſten zu Sachſen. (Dresd Archiv.)

Wilhelm von Baiern, der wieder in ſehr katholiſchem Eifer war, fand eine Verbindung mit proteſtantiſchen Für - ſten auch darum unthunlich, weil man dann genöthigt wer - den könnte dem Reformationsweſen zuzuſehen.

Es war ſchon von ſchlechter Vorbedeutung, daß der Kai - ſer in Ulm nicht vorwärts kam und die Verhandlung über den Bund an den Reichstag ziehn mußte. Hier ließ er ſie aller - dings nicht ſogleich fallen: der vorgelegte Entwurf ward von den beiden höhern Collegien begutachtet, ein Schriftwechſel auf die herkömmliche Weiſe darüber eingeleitet: wohlverſtanden jedoch, mit dem Vorbehalt der Unverbindlichkeit; endlich ward, nach langer Weigerung der Churfürſten, ein gemein - ſchaftlicher Ausſchuß darüber niedergeſetzt; ſo weit kön - nen wir die Sache verfolgen: wie nun aber der Ausſchuß2*20Neuntes Buch. Erſtes Capitel.zuſammentreten ſoll, wo dann jeder weitere Schritt eine wirk - liche Verpflichtung in ſich geſchloſſen haben würde, hören die Acten auf darüber zu berichten;1Im Protocoll des Churfuͤrſtenrathes kann man die Sache bis zum 31 Jan. verfolgen; im Schererſchen Auszug bei Fels heißt es: aber es iſt letzlich alle ſolche Handlung in ihr ſelbſt erſitzen und den Staͤtten ferner nichts deshalb vorbracht. (Fels I, 211.) die Städte ſelbſt ſind verwundert, daß man davon nichts weiter an ſie bringt: Alles ward rückgängig.

Es wirkte wohl zuſammen, daß die Fürſten eine un - überwindliche Abneigung an den Tag legten, und der Kaiſer dagegen die Ausſicht faſſen durfte, zu einigen der für ihn bedeutendſten Zwecke, die er bei dem Entwurf hatte, in den Formen des Reichstags zu gelangen.

In ſeiner Propoſition hatte er außer den religiöſen An - gelegenheiten auch die übrigen herkömmlichen Gegenſtände der Reichsberathung, Landfrieden, Kammergericht, Anſchläge, zur Sprache gebracht.

Schon bei den beiden erſten gelang es ihm, das reli - giöſe und reichsoberhauptliche Intereſſe, worauf es ihm vor allem ankam, beſtens wahrzunehmen.

Als Verletzungen des Landfriedens wurden jetzt auch die Beraubungen der Geiſtlichen ausdrücklich bezeichnet: ne - ben Schlöſſern, Städten, Dörfern, die Niemand angreifen dürfe, erſcheinen zum erſten Mal auch Kirchen, Klöſter, Clau - ſen, die Jurisdictionen ganz im Allgemeinen.

Die Churfürſten hatten vorgeſchlagen, die Verſammlun - gen herrnloſen Kriegsvolks ohne Ausnahme zu verbieten: Kaiſer und Fürſten beliebten, daß ſie nur dann zerſtreut wer -21Weltliche Geſchaͤfte des Reichstags von 1547.den ſollten, wenn ſie nicht vielleicht eine Erlaubniß des Kai - ſers und Königs nachweiſen könnten. 1In den Acten findet ſich undatirt der Entwurf der Churfuͤr - ſten und die Antwort des Fuͤrſtenraths, die Eingabe an den Kaiſer.

Nachdem jene Beſorgniſſe gehoben waren, welche der Bundesentwurf erweckt hatte, zeigte ſich überhaupt eine ſehr enge Verbindung des Kaiſers mit dem Fürſtenrathe.

Die Fürſten drangen darauf, daß fortan wie früher ſämmtliche Mitglieder des Kammergerichts dem katholiſchen Glauben angehören ſollten. Der Kaiſer gab es ihnen nach.

Dagegen forderte der Kaiſer, daß ihm für dieß Mal die Beſetzung des Kammergerichts allein anheimgeſtellt würde. Er brachte dabei die alten Gerechtſame des Kaiſerthums, das Gericht am Hofe zu halten, in Erinnerung. Die Für - ſten gaben es nach.

Hierauf ſchritt man zur Abfaſſung einer neuen Kam - mergerichtsordnung. 2Harpprecht hat die meiſten zwiſchen Kaiſer und Staͤnden gewechſelten Schriften mitgetheilt. Von denen die er vermißte, fin - den ſich mehrere in den von mir benutzten Archiven, namentlich demZwei alte Beiſitzer, Dr Viſch und Dr Braun, ſahen die bisherigen Conſtitutionen durch, brach - ten ſie in Ordnung und ſtellten, wo ſie Mängel und Lücken bemerkten, ihre eigenen Vorſchläge auf. Mit aller Weitläuf - tigkeit welche legislativen Arbeiten ſtändiſcher Verſammlun - gen eigen iſt, verfuhr man bei der Berathung. Zuerſt gieng ein ſtändiſcher Ausſchuß Artikel für Artikel durch wo - bei er denn beſonders die neuen Vorſchläge in Betracht zog, über welche er ſeine Bemerkungen machte. So revi - dirt gelangte der Entwurf an die beiden Collegien der Für - ſten und der Churfürſten, wo er ebenfalls von Anfang bis22Neuntes Buch. Erſtes Capitel.Ende durchgeſprochen ward. Die Collegien ſetzten ſich als - dann mit dem Kaiſer in Verbindung, der nun auch ſeine Bemerkungen machte, worüber man hin und her ſchrieb, bis man ſich endlich vereinigte. Die Weitſchichtigkeit dieſes Ver - fahrens hinderte jedoch nicht, die vorwaltenden Intereſſen, na - mentlich der Fürſten, die der Kaiſer jetzt gewähren ließ, im Auge zu behalten. Bei der Beſtimmung, wie die Präſentation in Zukunft vorgenommen werden ſollte, ward des Antheils der Grafen, Prälaten und Herrn nur noch in Einem Kreiſe gedacht. Gern hätten die Städte an der Berathung einer Sache Theil genommen, von der, wie ſie ſagten, ihr Geneſen und Ver - derben abhänge: ſie blieben aber davon ausgeſchloſſen.

2Berliner: z. B. Bedenken, welche Articul aus der Cammergerichts - ordnung in den Landfrieden gezogen und geſetzt werden ſollen, 14 Dec. 1547; Bedenken uͤber den erſten Theil der Kammergerichtsord - nung 14 Januar 1548; des Ausſchuß Relation uͤber das ander Theil der Kammergerichtsordnung. Darin haben berurte Docto - res aus allen des Reichs Abſcheiden und Conſtitutionen, desgleichen aus dem Landfrieden ſo auf dieſen itzigen Reichstag gebeſſert alle vhelle und ſachen, darin dem kayſ. Kammergericht Gerichtszwang zugeſtellt und gegeben, zu hauf getragen und verfaßt; dieſelbigen vhelle und ſachen, das mehrer theil mit iren umbſtenden und zugehorungen, derwegen ſie jederzeit den Abſcheiden einverleibt, ſo vil von notten, in die Ordnung gezogen. Sie haben dieſen Theil in zwei Ab - theilungen geſondert, 1) perſonen und ſachen dem reich ane mittel, 2) perſonen und ſachen dem reich nit ane mittel untterworffen. Wel - chen zweien Stuͤcken die deputirten Doctores hin und wider new Ad - dition und zuſetz, und volgends dem darzu verordenten Ausſchuß re - lation, warumb ſolche newe zuſetz von inen fuͤr nuͤtzlich eracht, be - richt gethan haben. Demnach hat der Ausſchuß nit umbgehn ſollen oder wollen, ein jeden punct nach dem andern an die hand zu neh - men, was darin befund den alten Abſcheiden gemeß, keine enderung zu thun, ſo viel aber bei der Deputirten neuen zuſetzen vom Aus - ſchuß ſemmtl. fuͤr annehmlich geacht, ſolches iſt mit B ſigniret. (Die Zuſaͤtze der Deputirten ſelbſt mit A.)

23Weltliche Geſchaͤfte des Reichstags von 1547.

Überhaupt erfreuten ſich die Städte an dieſem Reichstag keiner beſondern Berückſichtigung. Auf ihre Klage, daß der Landfriede die Straßen noch immer nicht ſichere, das Ge - leite keinen Schutz gewähre, obgleich man gezwungen ſey ſich daſſelbe zu verſchaffen, auf ihre Bitte, die Obrigkeiten für jede Gewaltthat die in ihrem Gebiete geſchehe verantwort - lich zu machen, nahm der Kaiſer in ſeiner Reſolution auch nicht mit einer Silbe Rückſicht. 1Schreiben des Frankfurter Geſandten Daniel zum Jungen 17 April. (Fr. A.)

Und nicht beſſer gieng es ihnen, als nun die Reichs - anſchläge zur Berathung kamen. Die Fürſten bewilligten dem römiſchen König zur Bewahrung ſeiner Grenzen gegen die Türken 50000 G.; bei der Vertheilung derſelben legten ſie den Anſchlag von Coſtnitz zu Grunde, gegen welchen die Städte immer proteſtirt hatten. Dieſe verſäumten nicht zu bemerken, daß dergeſtalt faſt die Hälfte der ganzen Summe auf ſie falle. Sie gaben an, von einigen unter ihnen fordere man faſt ſo viel Mannſchaft, als ſie Bürger hätten, von andern nicht viel weniger Geld, als ihr ganzes Einkommen betrage. König Ferdinand erwiederte, ihre Klage möge ge - gründet ſeyn, aber von dem Fürſtenrath laſſe ſich nun ein - mal keine Abänderung des gefaßten Beſchluſſes erwarten: er gebe den ehrbaren Städten zu bedenken, daß ihnen ihrer Gewerbe halber noch mehr an einer Bewahrung der Gren - zen liegen müſſe als den Fürſten.

Im Grunde eine ſehr natürliche Folge der Ereigniſſe. Die Städte waren immer in der Oppoſition geweſen; der Fürſtenrath hatte ſich dem Prinzip das den Sieg behaup -24Neuntes Buch. Erſtes Capitel.tete am nächſten gehalten. Das wirkte in den Feſtſetzun - gen des Reichstags nach.

Überdieß kamen eben bei dieſen Berathungen ein paar Angelegenheiten zur Sprache, in denen der Kaiſer der Gunſt der Fürſten bedurfte, und die ihm höchlich am Herzen lagen.

Von allen die wichtigſte war eine nähere Verbindung der Niederlande mit dem Reiche, wie ſchon der Bundesent - wurf dahin gezielt hatte. Da es mit dieſem nicht gelungen war, ſo ſuchte man nun auf dem gewohnten Wege zum Ziele zu kommen. Königin Maria erinnerte den Kaiſer die Gele - genheit nicht zu verſäumen, er könne nie eine beſſere finden. 1Instruction pour Messire Viglius de Zuichem de ce qu’il aura a faire en la presente diete imperiale de Augsbourg a l’en - droit des affaires des pays pardeça. L’occasion pour radresser les dits affaires est a present meilleur qu’elle ne fut oncque pour le bon et heureux succès de S. imple. (Arch zu Bruͤſſel.)

Nun dürfte man aber nicht glauben, die Abſicht der niederländiſchen Regierung ſey geweſen, die reichsſtändiſchen Rechte und Pflichten ſchlechthin zu theilen: nichts würde ihr leichter geworden ſeyn.

Schon unter Maximilian, der die zu ſeiner Zeit verei - nigten Niederlande als den burgundiſchen Kreis bezeichnete, ſuchte das Kammergericht dieſelben ſeiner Jurisdiction zu unterwerfen und ſie zu den Reichsanſchlägen herbeizuziehen. Seitdem hatte das Haus Burgund auch Utrecht und Gel - dern, die zu dem weſtphäliſchen Kreiſe gehörten, erwor - ben: weder das Kammergericht noch die Verſammlungen des Kreiſes hatten ſich dadurch abhalten laſſen, dieſe Länder nach ihrem bisherigen Verhältniß zu behandeln. Allein von den Nie -25Burgundiſcher Vertrag.derlanden hatte man ebenfalls von jeher ſowohl gegen das Eine wie gegen das Andre remonſtrirt; im Jahr 1542 war die Sache am Reichstag in aller Ausführlichkeit ver - handelt worden Auch jetzt, obwohl im Beſitz einer Reichs - gewalt wie ſie ſeit Jahrhunderten keiner ſeiner Vorfahren gehabt, ſetzte ſich der Kaiſer dagegen. Er bemerkte, die Er - richtung des burgundiſchen Kreiſes ſey niemals zur Wirk - ſamkeit gelangt: über Menſchen Gedenken ſey daſelbſt von keinem Proceß des Kammergerichts die Rede geweſen: daſ - ſelbe aber ſey von Geldern und Utrecht zu ſagen: nach dem Bericht der Stände von Geldern ſeyen die Reichsan - ſchläge von ihnen niemals gefordert, geſchweige denn gelei - ſtet worden; die Landſchaft des Stifts Utrecht habe ſich ge - weigert die Auslagen wiederzuerſtatten, welche Königin Maria bei der letzten Türkenſteuer für ſie gemacht habe.

Ich möchte nicht behaupten, daß dieß nun auch die Überzeugung des Kaiſers und ſeiner Räthe geweſen ſey: der - jenige kaiſerliche Rath wenigſtens, der dieſe Sache in Augs - burg bearbeitete, Viglius van Zuichem, ſagte ſpäter den Hol - ländern, als ſie Miene machten eine zu Gunſten des Rei - ches geforderte Anlage zu verweigern, nach altem Recht wür - den ſie verpflichtet ſeyn zehnmal ſoviel beizutragen.

Das Intereſſe der niederländiſchen Regierung war, et - was für ſich zu ſeyn, die Einwirkungen des Reiches ſo we - nig wie möglich zu empfinden und doch den Schutz deſſel - ben zu genießen.

In einer Inſtruction der Königin Maria heißt es, zur Sicherheit der Niederlande ſey es wünſchenswerth, ein Of - fenſiv - und Defenſiv-Bündniß derſelben mit dem Reich zu26Neuntes Buch. Erſtes Capitel.ſchließen, ohne ſie doch darum in ihren Freiheiten zu beein - trächtigen und ſie dem Reiche zu unterwerfen. 1A été advisé de trouver quelque expedient et bon moien, pour l’asseurance dudit pays, de les allier avec led. empire tant par ligue offensive que defensive envers et contre tous, moyen - nant que l’on le pourroit faire sans prejudicier lesd. pays et leurs libertés et priviléges et sans les assujettir and. empire.

Der Kaiſer hoffte dieß dem Weſen nach zu erreichen, indem er ſich endlich bereit erklärte, mit ſeinen Erbniederlan - den in den Reichshülfen immer mit einer beſtimmten Summe aufzukommen, wogegen man jedoch dieſelben ſämmtlich in Einem Kreiſe begreifen und in ihren Exemtionen von den Reichsgerichten beſtätigen müſſe.

Die Dinge lagen ſo, daß die Stände dieß dem Kai - ſer bei weitem mehr als dem Reiche vortheilhafte Begeh - ren dennoch nicht ablehnten.

Sie forderten ihn zunächſt auf, die Lande die er in Einen Kreis zu vereinigen gedenke, namentlich zu bezeichnen, und anzugeben was er von denſelben leiſten wolle und da - gegen vom Reich erwarte.

In ſeiner Antwort am 14ten Mai zählt nun der Kai - ſer ſeine geſammten Erbniederlande auf: die vormals fran - zöſiſchen, Flandern und Artois, ſo gut wie die neu erworbe - nen, Utrecht Overiſſel Gröningen Geldern Zütphen ſelbſt Ma - ſiricht, ſchließt er ein; das Reich ſoll ſich verbinden, ſie wie andre ſeiner Glieder zu vertheidigen, ohne ihnen darum ihre Exemtionen zu entreißen; dafür will er den Anſchlag eines Churfürſten zwiefach zahlen.

Die Stände waren nicht ſogleich mit ihm einverſtan - den: ſie bezweifelten die Gültigkeit jener Exemtionen, ſie hiel -27Burgundiſcher Vertrag.ten einen dreifachen Anſchlag für billiger. Aber der Kaiſer blieb bei ſeinen Behauptungen: ſogar die Freiheit des lo - tharingiſchen Reiches, die auf ſeine Vorfahren und demnach auf ihn fortgeerbt ſey, brachte er in Erinnerung;1 So ſeint auch ſonſt der mehrertheil der niderlandt in dem lottringiſchen reich, ſo dem lottario zwuſchen Frankreich und Germa - nien gelegen, fuͤr ein ſonder reich in der Theilung Caroli Magni enikel zugetheilt worden, und erbsweiß auff ir keyſ. Mt und deren vorfaren von denſelbigen herkommen, welches eine ſondere Provinz, welches von allen Jurisdictionen und Appellationen je und allwegen uͤber unverdechtliche Zeit frei und exemt geweſen. was den Anſchlag betrifft, ſo bemerkte er daß die Niederlande ſchon an ſich für die Bewachung ihrer für das ganze Reich ſo wichtigen Grenzen ſorgen müßten: ein Mehreres laſſe ſich von ihnen nicht erlangen.

Churfürſten und Fürſten erklärten hierauf, es ſey nicht ihre Meinung, ſich mit kaiſerlicher Majeſtät in Disputation einzulaſſen, und nahmen den Vorſchlag an.

So kam der burgundiſche Vertrag zu Stande, der am 26ſten Juni vollzogen worden iſt. Der Kaiſer gelangte durch denſelben zu allen ſeinen Abſichten.

Daß ſeine Erblande als ein einziger Kreis betrachtet wurden, beförderte die Regierungseinheit, nach welcher er über - haupt trachtete, und befreite ihn von dem fremdartigen Ein - fluß benachbarter Kreisverſammlungen. Es hatte für ſein Haus den größten Werth, daß Flandern und Artois, über welche Frankreich noch immer die Oberherrlichkeit in Anſpruch nahm, ſo oft es auch darauf Verzicht geleiſtet, als Theile des Reichs betrachtet, in deſſelben Schutz und Schirm auf - genommen wurden. Der zwiefache Anſchlag eines Churfür - ſten war dafür gewiß kein zu hoher Preis, da die meiſten28Neuntes Buch. Erſtes Capitel.europäiſchen Kriege ohnehin die Niederlande betrafen, und die Feindſeligkeit gegen die Türken, die einzige auf die es noch außerdem ankam, ein anderes dynaſtiſches Intereſſe dar - bot. Man trug Sorge jeden weiteren Anſpruch zu beſei - tigen. Würde z. B. der Reichstag einmal einen gemeinen Pfennig einzubringen beſchließen, dann ſollten, ſo ward feſt - geſetzt, die Niederlande, ſtatt den Beſchluß ausführen, nichts weiter als eine Summe zahlen derjenigen gleich, welche dieſe Auflage in zwei Churfürſtenthümern am Rheine einbringe. 1In dem Berliner Archiv finden ſich außer den Acten uͤber die Anſchlaͤge folgende Stuͤcke in Bezug auf Burgund. 1) Kaiſer - liche Reſolution uf der Chf. FF. und Stend Bedenken der Anſchleg halben des burgundiſchen Kreiſes, 28 Maͤrz; 2) der Churfuͤrſten, Fuͤrſten und Stende Antwort, 12 April; 3) Kaiſerl. Mt andere Re - ſolvirung, 27 April; 4) der Staͤnde Antwort, o. D.; 5) Kaiſ. Mt Replic, 14 Maji; 6) Antwort der Staͤnde 20 Mai, falſch bezeich - net als vom 20 Juni; 7) Neue kaiſ. Erklaͤrung 28 Mai; 8) Notel des Buͤndniſſes 23 Juni.Übrigens ward die innere Unabhängigkeit der Provinzen jetzt erſt eigentlich beſtätigt. Ausdrücklicher als jemals ward zu - geſtanden, daß des Reiches Ordnungen und Satzungen ſie nicht verpflichten ſollten. Und zwar geſchah dieß in derſel - ben Urkunde, in welcher man ebenfalls ausdrücklicher als je - mals früher feſtſetzte, daß der Erb - und Oberherr dieſer Nie - derlande Sitz und Stimme am Reichstag haben ſolle wie Öſtreich. Es liegt ein ſonderbarer Widerſpruch darin, daß der Kaiſer in demſelben Augenblick wo er die Ernennun - gen zum Kammergericht in ſeine Hand nimmt, ſich zugleich ſo angelegentlich bemüht, ſein Erbland von demſelben zu exi - miren, und iſt doch ſehr gut zu erklären. Reich und Kai - ſerthum fallen noch mit nichten zuſammen: dieß iſt vor -29Bewilligung einer Reichskriegscaſſe.übergehend, jenes bleibt immer. Die Politik der vorwalten den Mächte iſt es allezeit geweſen, ſelber Einfluß auszuüben, aber keine Rückwirkung zu erfahren.

In dieſem Augenblicke ſetzte der Kaiſer aber noch eine andre, ſehr ungewohnte, für ſeine Gewalt ſehr bedeutende Bewilligung durch.

Wie es bei jenem Bundesentwurf einer ſeiner vornehm - ſten Gedanken geweſen war, ſich die Mittel zur Fortſetzung des Krieges zu verſchaffen, ſo trug er jetzt auch bei dem Reiche, über das er ſo viel vermochte, auf Bildung eines Vorrathes d. i. einer Reichskriegscaſſe an. Denn vor allem ſey es nun auch nöthig den erlangten Frieden zu er - halten: er könne nicht dafür ſtehn, ob ſich nicht gar bald Jemand innerhalb des Reiches auflehnen oder ein auswär - tiger Fürſt das Reich, wenn auch nur durch geheime Practik, anfechten werde: nun wiſſe jedermann welchen Nachtheil die bisherige Unverfaſſung veranlaßt habe, verfaßte Hand da - gegen wehre Beſchwerungen ohne Mühe ab; ihm, der ſchon ſo viele Bürden trage, könne man keine weitere Anſtrengung zumuthen: er müſſe die Stände erſuchen, einen nahmhaften Geldvorrath zuſammenzubringen, der dann, aber nicht ohne ihr Vorwiſſen, zur Erhaltung Friedens und Rechtens ange - wendet werden ſolle. 1Kaiſ. Mt Propoſition und begeren etlich Geld im Reich zum Vorrath zu erlegen. Actum am Pfingſtabend 20 Mai 1548. (Berl. Archiv.)

Eine Summe Geldes in der Hand eines ohnehin ſo mächtigen Kaiſers, um jede innere Bewegung auf Koſten des Reiches zu erdrücken: wahrhaftig, man braucht nicht30Neuntes Buch. Erſtes Capitel.zu erörtern wie ſehr dieſer Gedanke außerhalb alles Her - kommens deutſcher Stände lag.

Auch fand derſelbe, wie wir aus den Protocollen des Churfürſtenrathes ſehen, ſtarken Widerſtand. Mainz be - merkte: durch die letzten Kriege ſey ein Jeder in ſeinem Kam - mergut erſchöpft, eine neue Forderung an die ohnehin be - ſchwerten Unterthanen dürfte Unruhen veranlaſſen. Bran - denburg meinte, der Kaiſer ſey wohl an ſich mächtig genug, zumal bei den Ordnungen des Kammergerichts und des Land - friedens, einen auftauchenden Widerſtand zu erdrücken: man möge doch ja nicht etwas bewilligen was dann vielleicht nicht geleiſtet werden könne. 1Votum von Brandenburg. Kan nit erachten das die kſ. Mt darumb beweget werden ſolt in dem das unmoͤglich; were beſſer die urſachen jetzo anzuzeigen, denn das man zuſagen ſolt und nit lei - ſten; das h. Reich ſtehe jetzt in ruiglichem weſen, obgleich was ent - ſtund, ſeyen die kaiſ. Mt alſo gefaßt daſſelbig zu hindern; wann ſolchs fuͤglich mit erzellung des unvermogens kaiſerlicher Mt fuͤrge - tragen wirdet, wird es kſ. Mt zu keinen ungnaden bewegen. (Pro - tocoll im Berl. Arch.)So erklärten ſich auch Pfalz und Trier. Sachſen wünſchte wenigſtens Aufſchub. Cölln, jetzt am meiſten kaiſerlich geſinnt, rieth doch in dieſem Fall, den Kaiſer lieber mit der Beitreibung der noch aus dem letz - ten Türkenkrieg rückſtändigen Steuer zu befriedigen. Genug ſie waren im Grunde alle dagegen.

Allein es ſchien jetzt als könne das Reich dem Kaiſer nichts mehr abſchlagen. Ein Ausſchuß ward niedergeſetzt, deſſen Gutachten alle Gegengründe aufzählt, und doch mit der Bewilligung eines halben Romzugs zu dem angegebenen Zwecke ſchließt. Fürſten und Churfürſten zogen daſſelbe in wei - tere Berathung: ſie endigten damit, dieß Erbieten auf einen31Anſehen Carls V. ganzen Romzug zu erhöhen. Es bezeichnet die Einfachheit der Epoche, daß ſie den erſten Termin dieſer Zahlung auf Weihnachten anſetzten, weil man den Unterthanen Zeit laſſen müſſe ihre Ernte einzubringen und zu verkaufen. 1Bedenken des Ausſchuſſes 28 Mai; Antwort der Staͤnde 5 Juni; Kaiſerl. Reſolution 6 Juni; der Staͤnde letzte Antwort 10 Juni.

Seit vielen Jahrhunderten hatte nie ein Kaiſer eine grö - ßere Hingebung erfahren. Bemerken wir nur mit welcher Rückſicht ihm die gerechteſten Beſchwerden vorgetragen wur - den. Denn gewiß lief es ſeiner Capitulation entgegen, daß er ſpaniſche Truppen ins Reich geführt und ſie ſogar hie und da in Beſatzung gelegt hatte. Nichts erregte lebhaftere Klagen, und endlich entſchloſſen ſich die Stände auf den An - trag von Pfalz, die Abſchaffung dieſes Kriegsvolks in Er - innerung zu bringen. Sie thaten das aber nur, indem ſie die Worte wegließen die dem Kaiſer hätten empfindlich fallen können: ſpaniſch, fremd: und es dem kaiſerlichen Ermeſſen überließen, ob die Zeit dazu ſchon gekommen. Der Kaiſer er - wiederte: er wiſſe wohl, daß die Klagen die man gegen ſein Kriegsvolk erhebe, größtentheils ungegründet ſeyen, doch wolle er ſie unterſuchen laſſen: an der Abſchaffung der Mannſchaf - ten aber werde er durch unvermeidliche Nothwendigkeit gehin - dert. Und für dieſe allergnädigſte Antwort nun, die doch abſchläglich iſt, danken ihm die Stände unterthänigſt, flehen ihn nur an, das nothwendige Einſehen zu haben: dann werde er ein gottgefällig Werk thun: ſo ſind es , ſchließen ſie, gemeine Stände um Kaiſerl. Majeſtät auch unterthänigſt zu verdienen willig, und thun ſich derſelben zu Gnaden hie - mit unterthänigſt befehlen. Welch eine Häufung des Gnä -32Neuntes Buch. Erſtes Capitel.digſt und Unterthänigſt in einer Sache, die ſie mit gutem Rechte hätten fordern können.

Der Kaiſer hatte nicht allein den Sieg erfochten und die Macht im Allgemeinen in Händen, ſondern es lagen ihm auch Streitſachen vor, die ihm auf das Wohl oder Wehe der einzelnen Fürſten und ihrer Häuſer einen großen Ein - fluß ſicherten.

Seinen Geburtstag, im Februar 1548, begieng Carl V da - mit, daß er, ſitzend in ſeiner kaiſerlichen Krone, Zierheit und Majeſtät, wie ein gleichzeitiger Bericht ſagt, die Chur Sach - ſen auf ſeinen Verbündeten Moritz übertrug. Zehn Fahnen bezeichneten die verſchiedenen Rechte und Gebietstheile welche Moritz in Empfang nahm. 1Reimar Kock Luͤbeckſche Chronik: Den 24 Febr. hefft Hartch Moritz tho Außborch mercedem iniquitatis, ik wolte ſeggen de Herl - chet duth, hefft de gode alde Coͤrforſte angeſehen und gelachet, dat me mit untruw ſodane herrlchet voͤrdenen ſhal und kann.

Am 8ten April ward Adolf von Schaumburg in Ge - genwart des Kaiſers und des Königs mit allem kirchlichen Pomp zum Erzbiſchof von Cölln geweiht. Es war die zweite Churwürde die der Kaiſer in Folge ſeines Sieges vergabte.

Und ſchon lag die Entſcheidung über eine dritte Chur - würde in ſeiner Hand. Herzog Wilhelm von Baiern ſah mit Verdruß, daß der neue Churfürſt von Sachſen und König Fer - dinand von dem Kriege große Vortheile zogen, er dagegen, der das Meiſte gethan zu haben glaubte, leer ausgieng. Mit ver - doppeltem Ernſt forderte er in die pfälziſche Chur eingeſetzt zu werden: gleich als ſey er der Entſetzte und Beraubte, wollte er den Beſitz der Vettern gar nicht mehr anerkennen, und lehnte, auf ſeinen Vertrag vom J. 1546 ſich ſtützend,33Belehnungen. Pfaͤlziſche Chur.jeden weiteren Rechtsgang ab. So deutlich kam jedoch dem Kaiſer ſeine Verpflichtung mit nichten vor: der Herzog mußte ſich zu weiteren Erörterungen bequemen, und in den Acten finden wir einen weitläuftigen Schriftwechſel über die Sache. Es kam hiebei zu einem Äußerſten das man gar nicht er - warten ſollte. Herzog Wilhelm erkannte die goldne Bulle noch nicht an: er zog in Zweifel, ob Carl IV ohne Bewil - ligung des Papſtes eine Beſtimmung über die Churfürſten - thümer habe treffen können. 1 Zu dem allen iſt nit ein kleiner zweiffel, dieweyl die Orde - nung der Churfuͤrſten von dem bepſtl. Stul erſtlich geſetzt, ob in Koͤ - nig Carls gewalt geſtanden ſey one bepſtl. Heil. bewilligung und vor - wiſſen inn ſachen die chur betreffende etwas news zu verordnen und zu ſetzen. Herzog Wilhelms von Baiern Gegenbericht 22 Mar - tii 1548.Was war aber Rechtens im Reiche, wenn dieſe Urkunde nicht zu Recht beſtand? Aller - dings war ſie im Geiſt der Oppoſition gegen das Papſt - thum gefaßt: wir erkennen darin nur ein neues Motiv für die Verbindung der Ludwigſchen Linie des Hauſes Wittels - bach mit Rom; aber wie hätte der Kaiſer darauf eingehn können, der nur kraft der goldnen Bulle regierte? Mit den Pfalzgrafen, die ihm nahe verwandt waren, verſöhnt, mochte er um ſo weniger daran denken, den Anſprüchen des Her - zogs Statt zu geben.

Schon erhob derſelbe noch einen andern Streit gegen ſeine Vettern. Er forderte die Beſitzungen des Pfalzgrafen Otto Heinrich, der mit dem Kaiſer noch nicht ausgeſöhnt war. Von pfälziſcher Seite erwiederte man, daß die Land - ſchaften dann wenigſtens nicht an Baiern, ſondern an eine andere Linie des pfälziſchen Hauſes fallen müßten.

Ranke D. Geſch. V. 334Neuntes Buch. Erſtes Capitel.

Und ein noch wichtigerer Rechtshandel war indeß von König Ferdinand anhängig gemacht. Er erhob Anſpruch auf Würtenberg, weil Herzog Ulrich den Vertrag von Ca - dan, auf welchem ſein Recht beruhe, durch ſeine Theilnahme an dem ſchmalkaldiſchen Kriege gebrochen habe. Im Fe - bruar ward ein Gericht aus den kaiſerlichen Räthen Seld, Haas, Viglius, Veltwyk unter dem Präſidium des neuen Erzbiſchofs von Cölln zuſammengeſetzt, welche bald eine ſo entſchiedene Hinneigung zu Gunſten des Königs kund ga - den, daß die Anwälte von Würtenberg ſich nur noch auf das unverwirkte Recht des jungen Herzog Chriſtoph bezie - hen zu können glaubten. 1Sattler III, 269.

Einen andern Proceß, der ſeit 20 Jahren ſchwebte, zwi - ſchen Naſſau und Heſſen, hielt der Kaiſer für gut endlich zu entſcheiden. Am 5ten Auguſt, nachdem der Reichstag be - reits beendigt war, ſaß er in ſeinem Pallaſt zu offener Au - dienz auf ſeinem Stuhl; die Procuratoren beider Parteien erſchienen vor ihm: die naſſauiſchen baten um Eröffnung des Urtheils, die heſſiſchen auch wegen der Gefangenſchaft des Landgrafen um ferneren Verzug; der Kaiſer antwortete dadurch, daß er ſeinen Protonotar herbeirief und ihm anbefahl, das Urtel, das er ihm zugleich übergab, bekannt zu machen. Ein großer Theil der bisher von Heſſen behaupteten ſtreiti - gen Pfandſchaften, Nutzungen und Gebiete, darunter halb Darmſtadt, ward dem Grafen von Naſſau zuerkannt, der nun wirklich, wenigſtens auf einige Zeit, in Beſitz gelangte. 2Arnoldi Geſch. von Naſſau III, 1, 130. Saſtrow II, 563.

Nicht ſo entſchieden trat der Kaiſer in der preußiſchen35Rechtsentſcheidungen.Sache auf, die zu Augsburg aufs neue in Anregung kam. Der Deutſchmeiſter Wolfgang Schutzbar von Milchling for - derte die Execution der vorlängſt über Herzog Albrecht aus - geſprochenen Reichsacht. Dagegen brachte ein polniſcher Ge - ſandter, weil Preußen der Krone Polen angehöre, die Auf - hebung derſelben in Antrag. 1Petit rex serenissimus odiosam illam proscriptionem ab - rogari, evelli et eradicari. Oratio Stanislai Laski ap. Dogiel Cod. dipl. Poloniae IV, 318.Ende Januar 1548 ward ein Ausſchuß für dieſe Angelegenheit niedergeſetzt. Die - ſer vereinigte ſich leicht darüber ſelbſt der Churfürſt von Brandenburg ſtimmte dafür daß die Acht ohne ein neues Rechtsverfahren nicht aufgehoben werden dürfe. Streit er - hob ſich erſt, als man nun fragte, ob ſie exequirt werden ſolle oder nicht. Mit vielem Eifer erklärte Baiern, man müſſe dem Rechte ſeinen Lauf laſſen, und die ergangenen Ur - tel ausführen, ohne erſt auf Gefahren die daher entſpringen könnten, Rückſicht zu nehmen: ſonſt werde bald Niemand mehr zur Erhaltung des Kammergerichts beitragen wollen. Damit drang nun Baiern zwar nicht vollſtändig durch; die Majorität des Ausſchuſſes, welche keinen Bruch mit Polen wollte, der den Osmanen zu Statten kommen könne, empfahl dem Kaiſer einen erneuten Verſuch gütlicher Beilegung aber es bildete ſich doch eine Minorität, die auf unbedingte Vollzie - hung des Rechtes antrug. Der Kaiſer hütete ſich wohl den Streit zu entſcheiden. Er war ein Mittel mehr, das Haus Brandenburg, das an dieſer Sache ein ſo großes Intereſſe hatte, und dieß auch gar nicht verhehlte, an ſich zu feſſeln.

Uberhaupt gab es kein großes Haus im Reiche, das3*36Neuntes Buch. Erſtes Capitel.nicht durch die eine oder die andre Sache von dem Wohl - wollen des Kaiſers abhängig geweſen wäre. 1Protocoll bei Bucholtz IX, 447.

Daher kam es eben daß alles ſich beugte, alles ge - horchte. Es war einmal wieder ein Oberhaupt von durch - greifender Macht in Deutſchland, und Jedermann fühlte daß ein ſolches da war.

Das Interim.

Zur Entwickelung dieſer reichsoberhauptlichen Macht ge - hört es nun recht eigen und wird davon bedingt, daß der Kaiſer es unternehmen konnte, auch in den religiöſen Ange - legenheiten Maaß zu geben.

Im Anfang der Verſammlung, als die altgläubig ge - ſinnte Partei ſich ſo zahlreich und ſtark ſah, ward wohl ein Gedanke laut, der auch dem Kaiſer einmal früher in den Sinn gekommen, ob es nicht das Beſte ſey, die Religion in den früheren Stand wiederherzuſtellen. Der Beichtvater hielt die Sache noch immer für nothwendig und die Umſtände für günſtig. Er meinte wohl: vor allem müſſe man die lutheri - ſche Predigt verbieten, ihr unbedingt ein Ende machen: möge dann das Volk glauben was es wolle; fürs Erſte komme es nur auf die Erneuerung des alten Ritus und die Her - ſtellung der Kirchengüter an. 2Disp. fiorentino 19 Nov. 1547: Il confessore et altri theo - logi sono in oppenione che si rimetta in Alemagna il culto di - vino, creda ogn’uno cio che vuole, restituischinsi i beni eccle - siastici et tolgasi via la predicatione luterana, fomento di tutte eresie. Er drückte die Tendenz der kirchlichen Reſtauration aus, welche dem Kaiſer vom ſüdli -37Das Interim.chen Europa her allerdings zu Hülfe gekommen war, aber den Krieg doch nicht entſchieden hatte.

Denen welche Deutſchland kannten und die Lage der Dinge ohne confeſſionelles Vorurtheil anſahen, kam dieß je - doch unausführbar vor. König Ferdinand erwiederte dem Beichtvater, man möge es unternehmen, wenn man ſich in einen neuen Krieg ſtürzen wolle, der aber noch gefährlicher ausfallen werde als der eben beendigte, wenn man die Mittel, die Kraft und den Muth dazu beſitze: er erinnerte, daß man keinen Heller im Schatz habe. Er ſeinerſeits hatte ſchon längſt einen andern Gedanken gefaßt.

War die reine Reſtauration unmöglich, ſo durfte man, wie die Dinge nun einmal giengen, auch von keiner künf - tigen Entſcheidung des Conciliums etwas Förderliches er - warten; man konnte nicht denken, daß das Concilium etwas andres, als die vollſtändige Reſtauration beſchließen würde.

Ließ ſich aber, nach der Niederlage welche die ſtreng - proteſtantiſchen Meinungen erlitten, bei dem Übergewicht das der Kaiſer in allen Angelegenheiten beſaß, jetzt nicht viel - leicht eine Abſicht erreichen, die, obwohl auf einer andern Stufe, ſchon früher gefaßt worden, nemlich: innerhalb des Reiches, ohne Theilnahme des Papſtes, eine Vereinbarung beider Parteien zu treffen?

Schon im Januar 1547, ſo wie die Irrungen mit dem Papſt wieder ernſtlich ausbrachen, rieth Ferdinand ſeinem Bruder, ſich nicht allein auf die Beſchlüſſe des Conciliums zu verlaſſen,1Il semble chose dangereuse, s’en arreter simplement sur la determination dudit concil general. Bucholtz IX, 407. da man dort wohl nicht alle Puncte durch -38Neuntes Buch. Erſtes Capitel.ſetzen werde auf die es ankomme, zumal wenn der Papſt fortfahre wie er angefangen; dem Urtheil erfahrner Theo - logen zufolge ſey es vielmehr, nachdem die ſtreitigen Arti - kel ſo vielfach beſprochen und verhandelt worden, ſo ſchwer nicht, in Deutſchland ſelbſt eine ſolche Conſultation und chriſt - liche Reformation nach den Bedürfniſſen der Deutſchen auf - zuſtellen, von der man hoffen dürfe daß die Proteſtanten wenigſtens zum größten Theile ſie annehmen und auch Papſt und Concil ſie nicht verwerfen würden. Zu Abfaſſung eines ſolchen Entwurfes brachte der König gleich damals einige Männer, die er für geeignet hielt, in Vorſchlag, namentlich Julius Pflug Biſchof von Naumburg, und Michael Hel - ding Weihbiſchof zu Mainz.

Eine ſehr erwünſchte Vorbereitung hiezu war, daß der Fürſtenrath bei der erſten Antwort auf die Propoſition dem Kaiſer heimgeſtellt hatte einſtweilige Ordnung zu treffen.

Wiewohl darin lag, daß eine ſolche nur bis zum Schluß des Conciliums gültig ſeyn ſollte, woher ſich denn der Name des Interim ſchreibt, ſo hatte die Sache doch an ſich eine allgemeine Bedeutung, da jede Vereinbarung dieſer Gegenſätze, wie bedingt auch immer, ein neuer großer Schritt war, und da ferner die conciliaren Angelegenheiten ſo eben hofnungsloſer wurden, als ſie jemals geweſen.

Bei der Sendung des Cardinal Madrucci hatte Carl dem Papſt bereits angekündigt, daß er die Dinge unmög - lich in dem Zuſtand laſſen könne, worin ſie ſeyen; als dieſer nicht allein unverrichteter Sache zurückkehrte, ſondern nun erſt der völlige Bruch erfolgte, hielt er ſich für doppelt be - rechtigt zum Werke zu ſchreiten.

39Das Interim.

Die politiſch-religiöſen Intereſſen des Reiches, die Machtentwickelung die es möglich erſcheinen ließ, jetzt etwas zu erreichen, und die Differenz mit dem Papſt wirkten zuſam - men, um den Gedanken des Interim in Gang zu bringen.

Es hätte aber nicht zum Ziele führen können, hiebei den alten Weg ſtändiſcher Berathung einzuſchlagen. Der Kaiſer ſchien wohl einen Augenblick darauf zu denken. Er erſuchte die Stände, zur Berathung über die Mittel einer chriſtlichen Vereinigung ihre Abgeordneten mit den ſeinen zu - ſammentreten zu laſſen; als ſie, bei ihrer Heimſtellung be - harrend, ihm überließen diejenigen ſelbſt zu wählen die er hiezu für tauglich halte, machte er dieſen Verſuch wirklich; allein ſogleich gab ſich die Unmöglichkeit kund, mti dieſem Verfahren weiter zu kommen. Er konnte doch nicht vermeiden, von beiden Seiten Männer zu ernennen, die ſchon an den bisherigen Streitigkeiten Theil genommen: noch einmal ſaßen der Carmeliter Billik, der päpſtlich geſinnte Politiker Leon - hard von Eck neben dem Vorkämpfer des Proteſtantismus Jacob Sturm. Jene forderten, wie der Beichtvater, die Her - ſtellung der geiſtlichen Güter; dieſer trug, wie vor 25 Jah - ren, auf ein Nationalconcilium an. Man kann ſich darüber nicht wundern. Die großen Ereigniſſe der letzten Jahre ent - hielten doch nichts was eine innere Annäherung der beiden Parteien hervorgebracht hätte. An eine Vereinigung aber war unter dieſen Umſtänden nicht zu denken: nach einigen Tagen löſte die Verſammlung ſich auf und gab ihren Auf - trag dem Kaiſer zurück.

Es mußte nun doch dahin kommen, was auch von An - fang Ferdinands Gedanke geweſen, daß ohne ſo viele Rück -40Neuntes Buch. Erſtes Capitel.ſprache mit den entzweiten Ständen, ſo wie ohne Rückſicht auf den Papſt, unter kaiſerlicher Autorität allein, der Ver - ſuch einer Feſtſetzung gemacht würde, bei der ſich beide Theile beruhigen könnten.

Wie die Ereigniſſe vor allem den Erfolg gehabt die Macht des Kaiſers zu heben, ſo kam es hauptſächlich dar - auf an, wie dieſelbe hiezu benutzt werden würde.

Der Kaiſer nahm wirklich die ihm von ſeinem Bru - der vorgeſchlagenen Theologen an, Julius Pflug und den Weihbiſchof Helding. Churfürſt Joachim II von Branden - burg, in deſſen Ideen es von jeher lag eine Vermittelung zu ſuchen, ließ ſeinen Hofprediger Johann Agricola an der Arbeit Theil nehmen. Die drei Männer waren in gewiſſem Sinne die Repräſentanten der drei vornehmſten theologiſchen Parteien: Agricola, der an Luthers Tiſch geſeſſen, der pro - teſtantiſchen, Helding der altkatholiſchen, Julius Pflug der erasmiſchen. Julius Pflug hatte wohl ſchon früher die Grundlage des Entwurfs ausgearbeitet;1Vgl. Formula sacrorum emendandorum a Julio Pflugio proposita, ed. Gottfr. Müller, Praef. XIII. von Helding findet ſich einiges Handſchriftliche, deſſen ſich Pflug bedient zu ha - ben ſcheint; daß der Antheil Agricolas nur gering geweſen iſt, dürfte ſchon die Ruhmredigkeit beweiſen, mit der er da - von ſpricht, wie denn auch ſonſt darüber nichts erhellt.

Das war nun aber hier nicht die Frage, welche Mei - nungen in dem Geſpräche dieſer drei Gelehrten die Ober - hand bekommen, ſondern vielmehr in wie fern ſie Mittel und Wege finden würden den kaiſerlichen Gedanken zu ver - wirklichen.

41Das Interim.

Dieſer war aber nicht eigentlich religiöſer, ſondern kirch - lich-politiſcher Art. Die Abſicht des Kaiſers mußte ſeyn und war es auch, die Hierarchie aufrecht zu erhalten, in der er ſelber einen ſo hohen Platz einnahm, auf der ſein Kaiſer - thum beruhte, und dabei doch den Proteſtanten die Möglich - keit zu verſchaffen, ſich ihm wieder anzuſchließen, oder wenig - ſtens nicht in offenen Widerſpruch mit ihm zu treten. Es iſt unleugbar, daß darin zugleich ein großes Intereſſe der Na - tion lag, ſowohl für ihren Frieden im Innern als für ihre Macht nach außen. Die Frage war nur, ob es mit dem Verſuche gelingen, ob die Theologen den vereinigenden Mit - telweg entdecken würden.

Wir haben ein Schreiben des Fürſten, deſſen Seele wohl an dieſem Geſchäft den größten Antheil nahm, Joa - chims II von Brandenburg, über die Puncte, auf die es hie - bei vorzüglich ankomme. Es ſind folgende: der Artikel über die Juſtification, der Genuß des Abendmahls nach der Ein - ſetzung des Herrn, Entfernung des Opus operatum aus der Meſſe, und die Ehe der Geiſtlichen. Er verſichert: der ſelige Doctor Luther habe ſich oft erboten, wenn dieſe Puncte er - halten würden, dem Papſte den Fuß zu küſſen und den Bi - ſchöfen ihre Gewalt zu laſſen.

Mag es mit dem Sinne dieſer Äußerung ſtehn wie es wolle, gewiß iſt, daß vor allem die bezeichneten Puncte wirklich der Erledigung bedurften: und wir haben nun zu ſehen, wie der zu Stande gebrachte Entwurf, den der Kaiſer jedoch, um der katholiſchen Orthodoxie vollkommen ſicher zu ſeyn, noch von zwei ſpaniſchen Theologen, Soto und Mal - venda, durchſehen ließ, ehe er ihn den Ständen vorlegte, dieſe Aufgabe angriff.

42Neuntes Buch. Erſtes Capitel.

Noch einmal haben wir den ſchon ſo oft vorgekomme - nen theologiſch-kirchlichen Streitfragen unſre Aufmerkſam - keit zuzuwenden.

Mit denjenigen Artikeln nun, die am meiſten in die Augen fielen, der Prieſterehe und dem Genuſſe von beider - lei Geſtalt, hatte es die wenigſte Schwierigkeit: die kaiſer - lichen Bevollmächtigten urtheilten, in dieſen Stücken ſey die Neuerung zu weit eingeriſſen, zu allgemein geworden, als daß man ſie ohne die größte Bewegung abſtellen könne: das Concilium, dem ſich die Stände unterworfen, werde ohne Zweifel dafür ſorgen, daß darin dem Frieden der Gewiſſen und der Kirche gerathen werde.

Dagegen war bei dem Artikel von der Juſtification, über den ſich ſeit den frühern Discuſſionen das Concil von Trient ausgeſprochen hatte, eben hiedurch die Schwierigkeit ſich zu vereinigen nur noch größer geworden. Waren dieſe Beſchlüſſe auch vom Kaiſer nicht anerkannt, auf ſeine Theo - logen mußten ſie gleichwohl wirken; von dem Begriff der in - härirenden Gerechtigkeit konnten und wollten dieſe nicht ab - weichen. In dieſem Lehrſtück kam es aber dem Kaiſer vor - züglich darauf an, die Beiſtimmung der Proteſtanten möglich zu machen. Gewiß war es keine Täuſchung, wenn trotz der Annahme jenes Prinzips Julius Pflug ſich auf der an - dern Seite doch wieder den Proteſtanten annäherte; ſeine ganze Überzeugung gieng dahin. So wenig wie die Drei - ſtigkeit der Unbegnadigten, die ihm Luthers Auffaſſung zu veranlaſſen ſchien, wollte er doch auch die Sicherheit der Vorgeſchrittenen die auf ihre Werke trotzen. 1Julius Pflug: Aus was guten und loblichen BewegnuſſenGenug man43Das Interim.ſetzte zugleich feſt, daß Gott den Menſchen gerecht mache, nicht aus deſſen Werken, ſondern nach ſeiner Barmherzig - keit: lauter umſonſt, ohne ſein Verdienſt: daß ſich ein Je - der immer an Chriſti Verdienſt zu halten habe. Wie ſich beides mit einander vereinigen laſſe, war freilich eine andre Frage: man hütete ſich aber wohl darauf einzugehn: man hätte fürchten müſſen die Zwiſtigkeit damit wieder zu erneuern: und war ſehr zufrieden eine Satzung gefunden zu haben, welche das als das vornehmſte betrachtete Dogma der Pro - teſtanten gelten ließ.

Und noch mehr konnte man ſich ihnen in dem Artikel von der Meſſe nähern, über den in Trient noch nichts be - ſchloſſen war. Julius Pflug gab zu, daß darin lange Zeit ein hochbeſchwerlicher Mißverſtand geherrſcht habe: er ließ den Begriff von dem Sühnopfer, der darnach dennoch feſt - gehalten worden iſt, fallen: indem er den Ausdruck Opfer feſthielt, verſtand er darunter doch nur ein Gedenkopfer, ein Dankopfer, wie ſie in dem alten Teſtament vorbildlich be - ſtanden und Chriſtus ſie erneuert. In dieſem Sinn iſt der Artikel abgefaßt. Durch das Blutopfer am Kreuz habe Chri - ſtus die Verſöhnung erworben; das Dankopfer ſey nicht dazu eingeſetzt, damit wir dadurch Vergebung der Sünden verdienen, ſondern daß wir ſie, wie ſie am Kreuz verdient iſt, uns durch den Glauben zu Nutze machen. Eine Auffaſſung,1die Kaiſ. Mt verurſacht worden ihre Declaration in Religion ſachen dermaßen wie zw Augsburg auf juͤngſt gehaltenem Reichstage ge - ſchehen, vorzunehmen und zu publiciren. Abgedruckt in Tzſchirners und Staͤudlins kirchengeſch. Archiv Bd IV. Daß damit Pflug nur ſeinen Entwurf meine, wie der Herausgeber Muͤller annimmt, nicht das publicirte Interim, widerſpricht dem Titel geradezu und iſt uͤber - haupt eine Chimaͤre. Jenes Motiv wird p. 115 auseinandergeſetzt.44Neuntes Buch. Erſtes Capitel.die ſich von der proteſtantiſchen hauptſächlich nur durch die Beibehaltung des Wortes Opfer unterſcheidet. Julius Pflug iſt der Meinung, daß dieſe Erklärung Niemand mehr einen Vorwand laſſe, ſich von der Kirche abzuſondern. 1Pflug: Da man ſich einer ſolchen wohlgegruͤndten und ſchein - barlichen Erklaͤrung von der Meſſe vor 30 Jahren haͤtte vergleichen koͤnnen, wuͤrde die Kirche ohne Zweifel ſolcher Meſſe halben in die beſchwerliche Verbitterung und Weiterung nit gefallen ſeyn.

Das war eben die Abſicht, bei allen Conceſſionen die man machte, doch die große kirchliche Einheit aufrecht zu erhalten.

Auch in dem Artikel über die Kirche findet ſich eine ge - wiſſe Annäherung an neuernde Vorſtellungen: er iſt wenigſtens durchaus nicht papiſtiſch. Der Papſt wird als der oberſte Biſchof betrachtet, der den andern vorgeſetzt iſt, um alle Spaltung zu verhüten; aber auch den andern wird zugeſtan - den, daß ſie wahrhaftige Biſchöfe ſeyen aus göttlichen Rech - ten. Der Papſt wird erinnert, ſeine Gewalt ſey ihm ver - liehen zur Erbauung, nicht zur Zerſtörung. Ubrigens aber wird doch der Begriff der Kirche in aller Strenge behaup - tet: es wird ihr das Recht vindicirt die Bibel auszulegen, die Lehre daraus feſtzuſetzen, ſintemal der h. Geiſt bei ihr iſt, und auch über die Cerimonien Beſtimmung zu treffen.

Die Formel beſtätigt die Siebenzahl der Sacramente, ſucht Chrisma und letzte Ölung zu rechtfertigen und hält feſt an der Transſubſtantiation. Auch für das Anrufen der Jungfrau Maria und der Heiligen um ihre Fürbitte, ſo wie für die Beibehaltung der Faſten findet ſie Gründe; den Pomp der Proceſſionen, überhaupt die Ordnung und Pracht der bis - herigen Cerimonien trägt ſie Sorge zu behaupten.

45Das Interim.

Wir ſehen wohl: es iſt die alte Kirche, was hier aufs neue proclamirt ward: etwas weniger abhängig von dem Papſt, mit einer in einigen Artikeln dahin modificirten Doctrin, daß die Abweichungen der Proteſtanten nicht geradezu ver - dammt wurden, aber übrigens ſie ſelbſt mit ihrem Kirchen - dienſt und in ihrer alten Einheit, als deren Mitrepräſentan - ten ſich der Kaiſer betrachtete. Es war ohne Zweifel der kaiſerliche Gedanke ſelbſt der ſich hier ausſprach: und man mußte nun ſehen welchen Anklang er bei der Reichsverſamm - lung finden würde.

Der Kaiſer legte den Entwurf zuvörderſt den mächti - gern der Augsburger Confeſſion beigetretenen Fürſten zur An - nahme vor.

Was auf dieſe Eindruck machte, war die Meinung daß dieſe Formel für das ganze Reich, auch für den altgläubi - gen Theil gelten ſollte.

Auch war dieß ohne Zweifel der urſprüngliche Sinn des Kaiſers: was hätte ſonſt die Erklärung über das gött - liche Recht der Biſchöfe zu bedeuten gehabt? Nur gegen den Papſt war ſie gerichtet. Churfürſt Joachim II verſichert, er habe nicht anders gewußt, als daß dieß die Meinung ſey: eben darum ließ er ſich ſo leicht bewegen die Formel an - zunehmen. Er ſah darin eine Beſtätigung der von ihm von jeher gehegten Meinungen über Juſtification, Sacra - ment, Prieſterehe und Meſſe, und glaubte daß dieſen auf ſolche Weiſe der Weg über ganz Deutſchland hin eröffnet ſey. So - gar einen Fortſchritt der evangeliſchen Lehre meinte er voraus - ſehen zu können. 1In dem Berliner Archiv findet ſich ein Aufſatz zur Verthei -Der Churfürſt von der Pfalz trat ihm bei.

46Neuntes Buch. Erſtes Capitel.

Etwas mehr Schwierigkeiten machte der dritte weltliche Churfürſt, Moritz von Sachſen, obwohl er ſeine Chur der - ſelben Gewalt verdankte, deren Ausfluß dieſe Anordnung war. Man dürfte nicht ſagen, daß dieß ganz in ſeiner Willkühr beruht habe. Er hatte ſeinen Landſtänden in einem wichtigen Augen - blick, und zwar auf das Wort des Kaiſers, unzweideutige Zuſagen über die Beibehaltung ihrer Religion gegeben. Daran erinnerte er jetzt den Kaiſer, und behielt ſich vor, erſt mit ſei - ner Landſchaft zu berathſchlagen. Der Kaiſer erwiederte, er habe nichts weiter verſprochen, als daß er die Lande nicht mit Gewalt von ihrer Religion dringen, ſondern die Ver - gleichung nur auf gebührlichem Wege ſuchen wolle, wie er das jetzt thue; in dem Reiche ſey es nicht Herkommens, über das was Fürſten und gemeine Stände bewilligt, an die Landſchaften zurückzugehn: Moritz möge ſich nicht auch von ſeinen Theologen verführen laſſen, wie ſeinem Vetter ge - ſchehen. Moritz verſprach zuletzt, in dem Reichsrath nicht durch offenen Widerſpruch Irrung zu veranlaſſen, ſondern ſich dahin zu erklären, daß er ſich zwar in dieſer Sache für ſeine Unterthanen nicht verpflichten könne, aber er denke, ſie1digung des Interims, worin es heißt: Luther habe dreierlei gewollt: 1) quod Pontifex Romanus non sit caput ecclesiae, sed Chri - stus; 2) missam non esse sacrificium ex opere operato, quae possit applicari pro vivis et mortuis; 3) cerimonias debere esse liberas et adiaphoras. Jam, heißt es weiter, in hoc scripto omnia haec tolluntur: conceditur, Romanum pontificem esse pri - mum quidem episcopum propter tollenda schismata, et alios episcopos esse simili modo episcopos ut ipse jure divino, et eis esse commissam a Christo administrationem suarum ecclesiarum jure divino; 2) missam non esse sacrificium ex opere operato, sed sacrificium commemorativum etc. etc. 47Das Interim.würden wohl einſehen, daß es nicht in ſeiner Macht ſtehe etwas abzuändern was alle andern Fürſten und Stände ge - willigt. 1 Iſt endlich dahin gehandelt, dieweil ſich mein gnaͤdigſter Herr ane ſ. ch. G. Landſchaft Rat nicht hat entſchließen koͤnnen, wue gemeine Stende durchaus das geſtelte Interim annhemen worden, das im Reichsrathe m. gn. Herre keine zerruttung machen, Sondern vor ſein Suffragium ſagen mochte, es were ſ. ch. Gn. nicht zu thuen ſich ſeiner unterthanen zu mechtigen, ſ. ch. Gn. aber konnten wol er - achten, was alle andern Chff. FF. und Stende ſchloͤſſen, das ſ. ch. Gn. daſſelbige weder endern noch wenden konten. Das iſt alſo der kayſ. Mt durch die koͤn. Mt angezeigt, die ſeint dorann zu frieden ge - weſt. Protocoll im Dresdner Archiv uͤber die Verhandlungen mit den beiden Churfuͤrſten am 17, 19, 20, und mit dem Kaiſer am Palmabend, 24 Maͤrz.Der Kaiſer ſchien das nur für eine eigenthüm - liche Form vollkommener Einwilligung zu halten; wenig - ſtens gegen Andre drückte er ſich ſo aus, als ſey an ſol - cher kein Zweifel.

Leicht waren die jungen kriegsluſtigen Fürſten gewon - nen, Albrecht von Brandenburg, Erich von Braunſchweig, die bisher überhaupt noch keine entſchiedene proteſtantiſche Mei - nung kund gegeben. Dagegen gab es auch unter den eifrig - ſten Anhängern des Kaiſers einige andre, wie Pfalzgraf Wolf - gang, beſonders Markgraf Johann von Cüſtrin, die ſich wi - derſetzten. Beim erſten Überleſen der Formel faßte Johann dem es beſonders nicht zu Sinne wollte, daß man die Heiligen anrufen ſolle, da doch Chriſtus der einige Mittler ſey, einen heftigen Widerwillen dagegen.

Viel zu ſchwach waren jedoch dieſe Fürſten, als daß ſich der Kaiſer um ſie gekümmert hätte. Es war ihm ge - nug daß er ſich der mächtigſten verſichert halten durfte. Die ganze weitere Frage lag für ihn darin, was nun die alt -48Neuntes Buch. Erſtes Capitel.gläubige Partei dazu ſagen würde. Mit Rückſicht auf ſie hatte er den Entwurf ſo überwiegend katholiſch eingerichtet. Er hatte bisher hauptſächlich mit der Majorität des Für - ſtenrathes regiert, er mochte hoffen, denſelben auch jetzt auf ſeine Meinung zu ziehen.

Wäre das geſchehen, ſo würde er einen factiſchen Ein - fluß auf das Innere der Kirche gewonnen haben, der ihm eine überaus großartige Stellung dem Papſt und dem Con - cilium gegenüber gegeben, alles was dort ihm zum Ver - druß unternommen worden, aufgewogen hätte. Dann erſt konnte von der Einheit der Nation in religiöſer Hinſicht wie - der die Rede ſeyn. Man hätte ſehen müſſen was mehr ge - wirkt hätte, die Wiederherſtellung einiger Äußerlichkeiten auf der proteſtantiſchen oder die den neuen Lehrmeinungen ge - machten Conceſſionen auf der katholiſchen Seite.

Wie wäre es aber möglich geweſen, daß nicht auch jetzt der alte Widerſtand ſich geregt hätte, der in Momenten dieſer Art, auf den verſchiedenen Stufen der Entwickelung dieſes Ereigniſſes, immer hervorgetreten war?

Wir berührten daß Herzog Wilhelm von Baiern, ſeitdem ſeine Abſicht auf die Chur nicht durchgegangen, nicht mehr der Freund des Kaiſers war. In ſeinen Anſchreiben ſprach er das Gefühl ſeines Verdienſtes immer hochfahrender, ſeiner Kränkung immer bitterer, übellauniger aus. 1Ein ſolches Schreiben aus der Sammlung von Arrodenius bei Sugenheim p. 37.Als ihm dieſer Entwurf vorgelegt wurde, mit dem doch auch die Macht des Papſtes eingeſchränkt werden ſollte, hielt der Herzog für gut, erſt bei dem Papſt anzufragen, ob er eine Genehmigung49Das Interim.deſſelben billigen würde. Es könnte ausſehen wie Ironie, wäre nicht ein ſo bitterer Ernſt dabei.

In Rom und ſelbſt in Frankreich war man ſchon längſt auf dieſe Entwürfe des Kaiſers aufmerkſam. Cardinal Bel - lay ſchlug dem Papſt vor, ſeine Legaten mit den katholi - ſchen Ständen entfernt vom Reichstag zuſammentreten zu laſ - ſen, um zu einer freien Berathung außerhalb der vom Ein - fluß des Kaiſers beherrſchten Kreiſe zu gelangen. 1Instructio Clis Bellaji super rebus concilii. MS St. Germ. Paris 140, 1. Ubi convenient legati ubi Caesar non sit, erit ma - jor libertas. Vgl. ſ. Schreiben vom 31 Mai.Deſto erwünſchter kam nun die Anfrage des Herzogs dem römi - ſchen Stuhl. Der Papſt, der nicht verſäumte die Hingebung deſſelben zu beloben, antwortete ihm, er könne eine ſolche Genehmigung nur mißbilligen. 2Responsum Pauli III datum cuidam praepotenti Ger - maniae duci , der ſehr deutlich als der Herzog von Baiern bezeichnet wird: es wird an die Forderung erinnert die von eben dort an Pius IV ergangen. Ohne Zweifel ſind die Antworten vor der Bekanntmachung des Interim geſchehen, weil davon die Rede iſt daß es in den Lan - den des Herzogs eingefuͤhrt werden ſollte, was ſpaͤterhin nicht noͤ - thig war.

Bei allem Anſehen das der Kaiſer genoß, machte das doch ſo viel Eindruck auf das fürſtliche Collegium, daß die Antwort die es gab, durchaus im Sinne des Papſtes aus - fiel. Darin wurde das jetzt auch von Rom her in Erin - nerung gebrachte Argument wiederholt, daß ein Geſtatten des früher bei ſchweren Pönen Verbotenen, z. B. des Laien - kelchs und der Prieſterehe, ein Bekenntniß begangener Un - gerechtigkeit enthalten würde: es ſey ſogar zweifelhaft, ob der Papſt in dieſen Stücken nachgeben dürfe, wenn er auch wolle,Ranke D. Geſch. V. 450Neuntes Buch. Erſtes Capitel.weil darin eine Abweichung von den Satzungen der Concilien liegen würde. Beſtimmungen über die Lehre, die doch dem Concilium heimgeſtellt worden, ſeyen aber vollends unſtatthaft: man wiſſe recht gut, was in der gemeinen chriſtlichen Kirche zu glauben, und bedürfe dazu keiner Ordnung des Kaiſers. Die Fürſten gaben dem Kaiſer zu verſtehn, er überſchreite ſeine Befugniſſe, nicht alle ſeine Sätze möchten ſich als gut katholiſch bewähren: lieber möge er die Proteſtanten vermö - gen von der augsburgiſchen Confeſſion abzuſtehn. 1Der Fuͤrſten und verordenten Stend Bedenken auf das In - terim, bei Saſtrow II, 327, jedoch unvollſtaͤndig.

Der Kaiſer antwortete mit großer Lebhaftigkeit. Man ſage ihm, die Lehre ſey dem Concilium heimgeſtellt: aber ſolle er wohl bis dahin einen Jeden in ſeinem ſelbſtgeſchöpften Glau - ben und bei unwiderſprechlichen Mißbräuchen laſſen? Man fordere, er ſolle die Proteſtanten bewegen von der augsbur - giſchen Confeſſion förmlich abzuſtehn: das heiße, unmögliche Dinge verlangen. Er wiſſe jedoch, daß man damit nur die Eintracht deutſcher Nation verhindern wolle; er kenne die Leute wohl, deren verbittertes Gemüth ihn allenthalben ver - haßt zu machen ſtrebe. 2Bucholtz VI, 236. Daniel zum Jungen an Frankfurt 23 April: Kſ. Mt iſt ſolch ires Bedenkens ganz ubel zufrieden geweſt, und ſie weidlich erputzet, mit Vermeldung daß J. Mt inen die Ar - tikel nit haben zuſtellen laſſen daß ſie ir Gutbedunken daruͤber an - zeigen ſolten, ſondern daß ſie es inen wie es geſtellt, gefallen laſſen ſollten.

Und ſo weit gab der Kaiſer dieß Mal wirklich nicht nach, daß er ſich eine ſo anzügliche Anſprache hätte gefallen laſſen: er ließ ſie dem Fürſtenrathe zurückſtellen, als ſo be - ſchaffen daß er ſie nicht annehmen könne.

51Das Interim.

Allein auch dahin brachte er es doch nicht, daß er ſei - nen urſprünglichen Gedanken hätte durchführen können. Die Fürſten ſchloſſen ſich dem Gutachten der geiſtlichen Churfür - ſten an, das allerdings bei weitem milder ausgefallen war, aber doch auch ſehr ſtarke katholiſche Anregungen enthielt, z. B. Herſtellung der Güter, Nothwendigkeit der Dispenſa - tion in Hinſicht der Prieſterehe und des Kelchs, und vor allem dabei ſtehn blieb, daß die Anordnung Niemand an - gehe, der bisher bei der alten Religion geblieben.

Das Letzte mußte der Kaiſer wirklich nachgeben. Er er - klärte endlich, daß ſeine Declaration ſich nur auf die prote - ſtantiſchen Stände beziehen ſolle: nur unter dieſem Vorbehalt konnte er dazu ſchreiten ihr geſetzliche Autorität zu verleihen.

Am 15ten Mai 1548, Nachmittag 3 Uhr, verſammel - ten ſich die Reichsſtände in der kaiſerlichen Behauſung: vor Kaiſer und König. Erzherzog Maximilian ſprach einige ein - leitende Worte; dann ward, was wir als Vorrede bei dem Buche finden, als Propoſition verleſen; der Kaiſer erinnerte an die ihm geſchehene Heimſtellung, legte die Schrift vor, und verlangte unverweilte Annahme derſelben. Während Kaiſer und König auf ihren Stühlen ſitzen blieben, traten die Stände vor ihren Augen in dem Saale ſelbſt nach ihren Collegien zuſammen. Es iſt gewiß, daß ſich manche abwei - chende Meinungen regten. Den mächtigern Proteſtanten war es neu und unerwartet, daß die Erklärung nicht auch für die Katholiken gelten ſollte;1In der Inſtruction des Churfuͤrſten von Brandenburg zum Reichstag von 1550 heißt es: Und wann es nochmalen dahin konnt gehandelt werden, wie es denn auch von anfang und (in) allen Hand - unter den Churfürſten machte4*52Neuntes Buch. Erſtes Capitel.Moritz, unter den Fürſten Johann von Cüſtrin einige Op - poſition; mehrere verlangten, daß die Schrift erſt abgeſchrie - ben und nochmals regelmäßig in Berathung gezogen werden ſollte: aber zuletzt drang doch der kaiſerliche Wille durch.

Nachdem die Unterredung wohl eine Stunde gewährt, trat der Churfürſt von Mainz im Namen der Stände mit der Antwort hervor, daß ſie ſich deſſen, was S. Maj. be - gehre, gehorſamlich halten würden. Der Kaiſer nahm dieſe Bewilligung als den Ausdruck der allgemeinen Meinung an und betrachtete ſeine Schrift nunmehr als Reichsgeſetz. Jetzt erſt ließ er zu, daß ſie in den verſchiedenen Collegien abge - ſchrieben ward: es war dafür geſorgt daß man keine Be - rathung darüber eröffnete.

In dieſem Augenblick war ein neuer päpſtlicher Nun - tius angekommen. Das Interim war der römiſchen Curie und von dieſer der Verſammlung zu Bologna mitgetheilt worden: hier hatten ein paar Theologen Anmerkungen dar - über gemacht, welche darauf hinausliefen, daß in den Arti - keln die in Trient noch nicht entſchieden worden, gar man - ches Unkatholiſche aufgenommen worden, in den übrigen aber ohne Zweifel das Beſte ſey, einfach die tridentiniſchen Satzungen zu wiederholen. 1Am 2ten Mai gieng die erſte Antwort der Legaten des Con -Es erhellt nicht ganz, ob dieſe1lungen nit anders gemeinet noch von uns und andern ſtenden ver - ſtanden worden, allein daß die kaiſ. Mt hernach ohne jemands vor - wiſſen in der Vorrede ein anders eingefuͤrt, daß die ſo der alten re - ligion ſeyn daſſelbige ſo wol als die welche der augsb. Confeſſion, annehmen und halten wollten, ſo waͤre daſſelbe unſers Erachtens nicht auszuſchlagen, denn wir erhielten ja die vornehmſte Punct unſer chriſi - lichen Religion, den Articul von der rechtfertigung, den rechten Brauch der Sacramente, die Prieſterehe, nemen inen auch den Canon aus der meß. 53Das Interim.Einwendungen dem Nuntius ſchon bekannt waren, welche Aufträge er überhaupt in dieſer Hinſicht hatte: auf keinen Fall aber durfte er die Bekanntmachung des Interims billigen. Eben darum eilte der Kaiſer ſeinem Einſpruch zuvorzukom - men. Er gab ihm erſt Audienz, als die Sitzung vorüber, die Publication geſchehen war.

Hatte nun aber der Kaiſer ſeinen urſprünglichen Ge - danken, die Formel von allen Ständen annehmen zu laſ - ſen, aufgeben müſſen, ſo blieb ihm doch noch ein andres Mittel übrig, auch auf das katholiſche Deutſchland kirchli - chen Einfluß zu erlangen.

Von jeher war über das Verderbniß des Clerus ge - klagt, eine durchgreifende Reformation deſſelben gefordert wor - den: zuletzt noch an dem Concilium; da ſich von demſel - ben nichts erwarten ließ, ſo trug Carl V kein Bedenken auch in dieſer Rückſicht auf eigne Hand ans Werk zu gehn.

Schon in dem Pflugiſchen Entwurf handelt der dritte Theil von dieſen Gegenſtänden: bei weitem ausführlicher aber und practiſcher war die Reformationsformel, welche der Kaiſer wirklich zur Berathung brachte.

Über die Wahl der Kirchendiener, ihre verſchiedenen Ämter, Predigt, Verwaltung der Sacramente und Beobach - tung der Cerimonien, ihre Zucht und Sitte wurden hier ganz umſichtige und nützliche Anordnungen gemacht. Einige Miß - bräuche, über die man immer geklagt, z. B. Cumulation der1cils auf das Interim ab (Rainaldus XXI, 397, nr 51); davon haͤtte der Nuntius, der den 11ten Mai in Augsburg ankam, allenfalls auf dem Wege Notiz bekommen koͤnnen. Ihre ausfuͤhrlichere Erklaͤrung war aber erſt vom 12ten.54Neuntes Buch. Erſtes Capitel.Pfründen, wurden abgeſchafft; der Kaiſer verſprach, den - miſchen Stuhl zu bewegen, gewiſſe Vorrechte in dieſer Hin - ſicht fahren zu laſſen; den größten Werth legte er darauf, daß allenthalben Viſitationen gehalten und beſonders die Provincialſynoden wiederhergeſtellt würden; den Biſchöfen ward ein beſtimmter Termin hiefür geſetzt, welchen ſie auch größtentheils eingehalten haben. 1Valde nobis probatur, quod de celebrandis synodis dioe - cesanis ad festum divi Martini proximum constituistis. Caroli V Reformatio ecclesiastica, unter andern bei Goldaſt Constit. III, 325.

Denn darauf war die Hauptabſicht des Kaiſers gerich - tet, die deutſche Hierarchie wieder zu erneuern und ihre Wirk - ſamkeit zu beleben.

Noch war das deutſche Bisthum faſt überall aufrecht erhalten: da wo es erſchüttert worden, z. B. in Meißen und Thüringen, war es jetzt wieder hergeſtellt; es bedurfte nichts weiter, als die päpſtliche Erlaubniß, in den dem Pro - teſtantismus zugeſtandenen exceptionellen Fällen zu dispen - ſiren, um die biſchöfliche Jurisdiction überall wieder zur An - erkennung zu bringen.

Unter den Befugniſſen, die der Kaiſer noch außerdem für die Legaten forderte die ihm der Papſt ſchicken ſollte, finden wir auch die, über die Herſtellung der geiſtlichen - ter zu verfügen, mit deren Inhabern unter kaiſerlicher Bei - ſtimmung darüber Vertrag zu ſchließen.

Wir ſehen: der Kaiſer hoffte noch mit allen dieſen Din - gen zu Stande zu kommen: die Proteſtanten, er allein, ohne Zuthun des Papſtes, zu beruhigen und ſie zur Unterwer - fung unter die Hierarchie des Reiches zu vermögen, 55Das Interim.dieſe auch ſelber durchgreifend zu verbeſſern, ebenfalls durch eigene Macht, ohne beſondere Mitwirkung von Rom: und dann an der Spitze des wiedervereinten Reiches die al - ten Rechte des Kaiſerthums auf die allgemeine Kirche zur Geltung zu bringen.

Zunächſt mußte ſich zeigen was er mit den Proteſtan - ten ausrichten würde.

[56]

Zweites Capitel. Einführung des Interims in Deutſchland.

Wenn es dem Kaiſer gelungen wäre, wie er urſprüng - lich beabſichtigte, der interimiſtiſchen Anordnung die er traf, für alle deutſchen Landſchaften, auch die altgläubigen, Gel - tung zu verſchaffen, ſo würde die Einführung derſelben einen ganz andern Character entwickelt haben, als den ſie annahm, da dieß nicht durchgegangen war.

In jenem Falle hätten die nachtheiligen Einwirkungen, denen ſich die Proteſtanten unterwerfen mußten, durch die Fortſchritte die nach der andern Seite hin möglich wurden, eine Art von Ausgleichung gefunden. Von den leitenden Ideen der religiöſen Bewegung wäre wenigſtens die, welche auf eine nationale Selbſtändigkeit in religiöſen Dingen hin - zielte, genährt und gefördert worden.

Nun aber war alles anders.

Da der Kaiſer ſich bewegen ließ, die Altgläubigen aus - drücklich anzuweiſen, bei der Einheit der alten Kirche zu ver - harren, ſo war an keinen Fortſchritt der reformatoriſchen Beſtrebungen, an keine gemeinſchaftliche und nationale Ent - wickelung des religiöſen Geiſtes zu denken.

Der Kaiſer ſeinerſeits fand noch ein Mittel, ſeine kirch -57Einfuͤhrung des Interims.liche Gewalt aufrecht zu erhalten: er konnte auf dem poli - tiſchen Standpunct auf dem er ſich befand, allenfalls nach - geben. Für die Proteſtanten aber wurde nun jede Herſtel - lung des von ihnen Abgeänderten, jede Annäherung an das entgegengeſetzte Prinzip, von dem ſie ſich erſt losgeriſſen, zu einem Verluſte ohne allen Erſatz.

Bisher hatte ſich der proteſtantiſche Geiſt nach den eig - nen innern Trieben in freier Autonomie entwickelt; er hatte die Lehre durchaus umgeſtaltet, und von den Cerimonien nur das behalten was ihm gemäß war. Jetzt ſollte er zwar nicht das gerade Gegentheil ſeines Weſens anerkennen: er ward in ſeinen Grundmeinungen, in einigen der vornehm - ſten ſeiner Abweichungen geſchont, geduldet; allein dabei wollte man ihm Äußerlichkeiten und Gebräuche, auch wohl Mei - nungsbeſtimmungen aufdringen, die er mit vollem Bedacht, als eigenthümliche Ausflüſſe des von ihm verworfenen Prin - zipes, hatte fallen laſſen.

Die Anordnung, die von dem Gedanken der Verſöh - nung ausgegangen, erhielt den Character der Unterdrückung. Die Proteſtanten bekamen zu empfinden, was es heiße daß ſie ſich hatten entzweien laſſen und ihre Oberhäupter, welche ihr Syſtem darſtellten, beſiegt worden waren.

Allein es gab nun keinen Ausweg mehr: der Reichstag hatte den Beſchluß gefaßt, die vornehmſten Fürſten, auch der proteſtantiſchen Seite, hatten eingewilligt, und der Kaiſer war entſchloſſen die Sache mit aller Kraft ins Werk zu ſetzen. Wie heftig bedeutete er zwei mindermächtige Fürſten die ſich widerſetzten. Dem einen, dem Markgrafen Johann, ließ der Kaiſer, wie die officielle Relation ſagt, mit runden58Neuntes Buch. Zweites Capitel.und dürren Worten vermelden, er werde die Gebühr dage - gen vornehmen müſſen; dem andern, Pfalzgrafen Wolfgang, ward noch gröblicher angekündigt, er werde nächſtens ein paar tauſend Spanier in ſeinem Lande ſehen.

Die erſte große Frage in dieſem Augenblicke lag nun darin, wie ſich die Städte verhalten würden. Hier hatte ein lange ſchon dazu vorbereitetes populares Element die reli - giöſe Bewegung mit der größten Freude und Zuſtimmung empfangen; die ſtädtiſchen Gewalten hatten ihren Wirkungs - kreis dadurch mächtig erweitert, und ſich großentheils in ſich ſelber demgemäß umgebildet; unzählige Mal hatte man ſich und andern gelobt, Leib und Gut bei der Religion zu laſſen. Jetzt kamen die Tage der Prüfung.

An dem Reichstag zu Augsburg regte ſich in den Städ - ten die Abſicht, zu einer gemeinſchaftlichen Proteſtation zu ſchreiten; ſie ſcheiterte aber, der Frankfurter Geſandte trägt Bedenken zu ſagen wodurch. Es muß wohl noch etwas Anderes geweſen ſeyn als die Verſchiedenheit der Religion, von der er ohne Rückſicht hätte reden können.

Der kaiſerliche Hof behielt auch in dieſer Sache den Vortheil, mit den einzelnen verhandeln zu können.

Die Zuſicherungen die denſelben bei den Capitulationen meiſtentheils mündlich gegeben worden, hinderten ihn nicht, auf die Annahme des Interims zu dringen, als bei welchem, wie ihnen verſprochen war, ihre Religion beſtehen könne.

Zuerſt ward diejenige Reichsſtadt aufgefordert, in der die popularen Elemente am ſchwächſten waren, die ſich von jeher dem kaiſerlichen Hofe am nächſten gehalten, Nürnberg. Der Kaiſer wollte ſich aber dieß Mal nicht mit dem Ge -59Einfuͤhr. des Interims. Oberlaͤndiſche Staͤdte.ſammtnamen Rath abfinden laſſen: er ließ den Mitgliedern deſſelben wiſſen, von jedem einzeln werde er ſich Reſolution einholen. 1Am 19ten Juni langte der kaiſerliche Geſandte in Nuͤrnberg an, am 22ſten wußte man ſchon daß die Stadt ſich unterwerfe.Hierauf unterwarfen ſie ſich ſämmtlich: die Äl - tern des Rathes, der Rath ſelbſt, und die Genannten des Rathes; ſie baten nur, daß man ihnen Zeit laſſen möge.

Nicht ganz ſo gefügig zeigte ſich der Rath von Augs - burg: er reichte eine Schrift ein, in welcher er ſich nur zu einigen Annäherungen erbot. Granvella weigerte ſich, die - ſelbe auch nur anzunehmen, und forderte eine einfach beja - hende Antwort. Er drohte, wenn dieſe nicht erfolge, werde der Kaiſer ſich auf eine Weiſe erzeigen, daß andre Ungehor - ſame ein Exempel daran zu nehmen hätten. Hierauf, am 26ſten Juni, wurde großer und kleiner Rath zuſammenberu - fen und folgender Beſchluß gefaßt: in wie fern die Ord - nung die Gewiſſen belange, könne man mit derſelben nicht übereinſtimmen; aber ein geſammter Rath habe vor allem auf das Wohl der Stadt zu ſehen, deren Verderben eine abſchlägliche Antwort herbeiführen würde: und ſo unterwerfe er ſich dem kaiſerlichen Gebot. 2Gruͤndliche und ordentliche beſchreibung der Handlungen in der Stadt Augspurg 1548 und an den folgenden Reichs - tagen. MS der koͤn. Bibliothek zu Dresden.

Dieſer Widerſtreit zwiſchen Gehorſam und Gewiſſen trat an mehreren Stellen hervor: z. B. in der Antwort der Memminger, der Regensburger. Einige Rathsherrn von Re - gensburg bedienten ſich des Ausdrucks, ſie könnten nicht für ihre Perſon einwilligen, ſondern nur im Namen der Stadt. 3Gemeiner, p. 231.60Neuntes Buch. Zweites Capitel.Schmerzliche Nothwendigkeit, die eigne Geſinnung zu ver - leugnen um das Gemeinweſen nicht zu Grunde gehn zu laſ - ſen. Sie ſagten mit alle dem doch zuletzt nur, daß ſie ge - nöthigt ſeyen der Gewalt zu weichen.

Die kaiſerlichen Beamten ſpotteten ihrer Bedenklichkei - ten, nicht ohne wegwerfenden Hohn. Ihr habt Conſcien - zen, rief der Vicecanzler Heinrich Haſe dem Frankfurter Ab - geordneten zu, der ſich auch auf das Gewiſſen bezog, wie Barfüßerärmel, die ganze Klöſter verſchlingen. Beſcheident - lich antwortete der Frankfurter Rathsfreund, er wiſſe nicht, daß ſeine Herrn den Geiſtlichen das Mindeſte mit Gewalt entfremdet. Redet mir nicht davon, verſetzte Haſe, ich weiß es ſo gut wie ein andrer; aber das iſt des Kaiſers Meinung, daß er das Interim gehalten haben will, und ſollte er ein Königreich darüber zuſetzen. Lernt nur das Alte wieder, oder man wird euch Leute ſchicken die es euch leh - ren: ihr ſollt noch ſpaniſch lernen. 1Bericht des Frankfurter Geſandten Humbrecht in der Samm - lung kaiſerlicher Briefe im Frankf. Archiv.

Zuweilen trat auch noch eine andre Schwierigkeit ein, die in der Verfaſſung lag, wie in Straßburg. Der Rath war nach langen vergeblichen Gegenvorſtellungen am Ende geneigt, dem Beiſpiele der übrigen Städte zu folgen; allein die Schöffen entſchieden, daß dieß ein Fall ſey in welchem die Gemeine gefragt werden müſſe. Von dieſer Gemeine aber, welche eine ſehr entſchieden proteſtantiſche Geſinnung hegte, war niemals zu erwarten daß ſie ſich unterwerfen würde. Nur mit großer Mühe und unter allgemeiner Aufregung wurden die Schöffen bewogen ihren Beſchluß zurückzuneh - men. Hierauf ward auch hier dem Biſchof vergönnt, we -61Veraͤnderung der Stadtraͤthe.nigſtens in einigen Kirchen das ganze Interim einzuführen, während man ſich in andern die freie Predigt vorbehielt. 1Roͤhrich II, 196.

Der Kaiſer fühlte ſehr wohl, daß er auf einen Ge - horſam dieſer Art nicht lange zählen, daß er überhaupt mit Magiſtraten welche Krieg wider ihn geführt, ſchwerlich zum Ziele der äußern Einheit, das er ſich einmal geſetzt, werde gelangen können.

Er war nicht in einer Stimmung um vor durchgrei - fenden Mitteln zurückzuſchrecken, und hatte die Macht die dazu gehörte um ſie anzuwenden. Zuerſt Augsburg, wo er ſich aufhielt, ſollte ihn kennen lernen.

Eines Tages, ganz unerwartet, ließ er die Thore der Stadt ſchließen und großen wie kleinen Rath, Doctoren der Rechte, Schreiber und Diener ſämmtlich in ſeinen Pallaſt entbieten. Nachdem ſie eine Weile im Hof gewartet, ward ihnen der große Saal eröffnet: und hier erſchien nun gegen Mittag der Kaiſer, mit einigen ſeiner Räthe, und ließ ihnen durch Georg Seld, einen gebornen Augsburger, kund thun, wie er mit Schmerzen den Verfall, die Schmälerung und die Unordnung ihrer Stadt anſehe, und ſich, um dem Ubel an die Wurzel zu graben, nach fleißiger Nachforſchung und ſeinem beſten Verſtand entſchloſſen habe, die Form ihres jetzigen Regiments zu verändern und ihnen einen neuen Rath zu verordnen. Man habe ihm vorgeſtellt, daß die Verja - gung des alten Clerus und die Theilnahme am ſchmalkal - diſchen Krieg allein von dem Übergewicht der Zünfte und der dadurch herbeigeführten gewaltſamen Herrſchaft des Bür - germeiſters Herbrot herrühre. Dadurch ſeyen die Erbaren, die Geſchlechter die dem Kaiſer mit Leib und Gut anhän -62Neuntes Buch. Zweites Capitel.gig, Fugger, Baumgartner, Welſer, Neithart, Hörwart, un - terdrückt worden. Sey es wohl billig daß die Feinde des Kaiſers auch jetzt noch Herrn der Stadt blieben? Man hatte ihm als das vornehmſte Übel bezeichnet, daß bisher ſo viele unerfahrene Leute, die beſſer ihres Handwerks gewartet, in dem Rath geſeſſen, und er eilte es abzuſtellen. Sofort in Gegenwart der Verſammelten wurden die Namen derjenigen verleſen, denen der Kaiſer die Ämter der Stadt und den klei - nen Rath anvertrauen wolle. Es waren ihrer 41. Wir finden unter ihnen 3 Fugger, 3 Paumgartner, 4 Rehlinger, denn auch dem Älteſten von ihnen, der ſchon 80 Jahr zählte, Alt-Conrad, ward dieſe Verpflichtung nicht erlaſſen, 2 Welſer, 2 Peutinger, überhaupt 31 ſolche Namen die entweder den wenigen wirklich alten Geſchlechtern die noch übrig waren,1Von den 33 alten Geſchlechtern waren im Jahr 1538 nur noch 8 uͤbrig, 2 Haͤuſer Langenmantel, Ravenſpurger, Rehlinger, Wel - ſer, Hofmeier, Ilſung, Hoͤrwart. oder denen welche im Jahr 1538 dieſen mit gleichen Rechten beigefügt worden, angehörten. Der Ge - meinde wurden nur 10 Stimmen bewilligt. Die Zünfte wur - den mit Einem Schlage aufgehoben, ihre Häuſer, Baarſchaf - ten, Privilegien mußten ausgeliefert werden. Am 7ten und 8ten Auguſt ward dem neuen Rath in den verſchiedenen Vierteln geſchworen. Der Kaiſer empfahl ihm noch beſon - ders die Religion und das von den Ständen bewilligte In - terim. Bei der Eidesleiſtung kam die Formel bei den Hei - ligen wieder vor, doch ward ſie nur von den Wenigſten nachgeſprochen. 2Wie Kaiſer Carol der V ainen cleinen und großen rath zu Augsburg entſetzt geurlaubt, einen neuen Rath und Gericht geordent,

63Uͤberwaͤltigung von Coſtnitz.

Ähnliche Veränderungen nahm der Kaiſer auch in an - dern Orten, z. B. in Ulm vor. Der Rath beſtand bisher aus 24 Geſchlechtern und 46 aus der Gemeine. Der Kai - ſer beſetzte ihn für die Zukunft mit 20 Geſchlechtern und 11 aus der Gemeine.

Es hat einen tiefen Zuſammenhang, daß ſich einſt in dem plebejiſchen Element das in den Städten emporkam, die erſte Oppoſition gegen die Hierarchie geregt hatte, und daß nun der Kaiſer, der dieſe aufrecht erhalten wollte, wenn auch in ſeinem beſondern Sinn, eben dieſe plebejiſche Macht von ihrem Antheil an der öffentlichen Gewalt zurückzudrängen unternahm.

Nicht überall aber genügte dieß. Zuweilen ſchien wohl auch der gegenwärtige Widerſtand ein Recht zu verleihen, alte Pläne gegen die Freiheit einer Stadt zu vollführen.

Am 6ten Auguſt 1548 ward Coſtnitz, das nichts mehr verbrochen als Andere, aber von dem Haus Öſtreich ſchon längſt angefochten ward, plötzlich, während die Abgeordne - ten noch mit dem Hofe unterhandelten, in die Acht erklärt, und an demſelben Tage machte auch ſchon ein Haufen Spa - nier einen Verſuch, ſich der Stadt ſelber durch Überfall zu bemächtigen.

Die Einwohner, obgleich überraſcht, wehrten ſich doch vor - trefflich: ſie ſahen ihre Weiber und Kinder an, und waren ent - ſchloſſen ſie gegen den wilden Feind, deſſen Lüſte und Räube - reien ihnen ſataniſch erſchienen, zu vertheidigen, und ſollte die2in der gruͤndlichen und ordentlichen beſchreibung 43. Die Taxe fuͤr die Confirmation des neuen Regiments betrug 1200 G. on das Sigel und Canzleygelt.64Neuntes Buch. Zweites Capitel.Stadt ihr Kirchhof werden. Als die Vorſtadt ſchon erobert war und die erſten Feinde auf der Rheinbrücke erſchienen, ſo daß man befürchtete, ſie möchten zugleich mit den Flie - henden in das Thor eindringen, geſchah jene That, die man nicht mit Unrecht der des Horatius Cocles verglichen hat. Ein Bürger, mit zwei Spaniern im Handgemenge, erfaßte ſie endlich beide, ſchrie zu Gott um Vergebung ſeiner Sün - den und ſtürzte ſich mit ihnen über die Bruſtwehr in den Rhein: ſo daß ſeine Mitbürger wirklich Zeit behielten das Thor an der Brücke zuzuſchlagen, und ſich überhaupt für dieß Mal des Feindes erwehrten.

Das konnte aber alles ihre Freiheit nicht retten. Da ſie jetzt von keiner Seite Schutz hatten, weder auf der deut - ſchen, noch auch von der Schweiz her, wo die evangeliſchen Verbündeten durch die katholiſchen Gegner zurückgehalten wurden, hörten ſie am Ende auf den Rath eines Haupt - manns in König Ferdinands Dienſt, eines gebornen Con - ſtanzers, Hans Egkli, ſich in des Königs Schutz zu bege - ben, als das einzige Mittel um dem Zorne des Kaiſers zu entgehn. Am 14ten October 1548 rückten daſelbſt einige ferdinandeiſche Fähnlein ein.

Die Stadt hatte ſich indeß ſchon von ſelber bequemt das Interim anzunehmen; damit war der König aber nicht zu - frieden. Er befahl ſeinen Commiſſarien die alte wahre Reli - gion wieder in Weſen zu bringen; nach einiger Zeit ward die evangeliſche Predigt bei Todesſtrafe verboten.

Mit der reichsſtändiſchen Freiheit und der evangeliſchen Lehre war es in demſelben Augenblicke vorüber.

Überhaupt entwickelte die Regierungsweiſe, wie ſie der65Verfolgung der Prediger.Kaiſer nunmehr ausübte, den Character einer gehäſſigen Ge - waltſamkeit.

Nachdem man ſich der Gemeinheiten verſichert, kam man nun an die Einzelnen: vor allem an die Prediger. Es waren noch faſt überall die Männer die in den erſten Zei - ten der Gefahr ſich erhoben, alle Wechſelfälle die ſeitdem vorgekommen, beſtanden, an der Entwickelung der dogmati - ſchen Feſtſetzungen lebendigen Antheil genommen, die kirch - lichen Einrichtungen ausgebildet hatten; ihr Name war vor dem Volke gleichſam die Sache ſelbſt. Die Frage ward an ſie gerichtet, ob ſie nun auch feſthalten, oder im Angeſicht des Unglücks, das ihnen ohne allen Zweifel bevorſtand, nach - geben würden.

Die ehrlichen, frommen, beherzten Männer zweifelten nicht: ſie zogen vor, das Unglück über ſich ergehn zu laſſen.

Noch unter den Augen des Kaiſers, in Augsburg er - klärte Wolfgang Meuslin dem Rath, er könne und wolle das Interim nicht annehmen: auch nur den Chorrock, von dem zunächſt die Rede war, könne er nicht anziehen: nicht als ob daran ſo viel gelegen wäre: aber er habe dagegen gepredigt: er könne es nicht thun. Er dankte dem Rath für die Wohlthaten die er in Augsburg genoſſen, und ver - ließ die Stadt unverzüglich.

Vergebens hatte Agricola die Prediger in Nürnberg für ſeine Formel zu gewinnen geſucht. Veit Diedrich, ſo mild er ſonſt war, gab zu erkennen, in der Annahme derſelben würde eine Verleugnung des evangeliſchen Glaubens liegen. Als der Rath den Predigern ſeinen Entſchluß ankündigte, das Interim anzunehmen, und ſie ermahnte nicht dawiderRanke D. Geſch. V. 566Neuntes Buch. Zweites Capitel.zu ſeyn, hörten ſie ſtillſchweigend zu und entfernten ſich ohne eine Antwort zu geben. Nur die geiſtig-unbedeutendern aber unterwarfen ſich. Veit Diedrich ward durch den Tod dieſem Sturme entriſſen. Oſiander meinte, er wolle weichen bis das Wetter vorübergezogen, und verließ Nürnberg; die Stadt kündigte ſeiner Frau das Bürgerrecht auf.

In Ulm trotzte Frecht auf den Artikel ſeiner Vocation, daß er das Evangelium ohne allen Zuſatz von Menſchenlehre predigen ſolle; er ließ ſich auch die Anweſenheit des Kaiſers nicht daran hindern. Dafür ward er ſammt ſeinen vornehm - ſten Amtsgenoſſen in Ketten und Bande gelegt und unter der Obhut einer ſpaniſchen Wacht dem kaiſerlichen Hoflager nach - gefahren. Hinter dem Wagen lief ein Schulknabe her, der es ſich nicht nehmen laſſen wollte, ſeinen geiſtlichen Meiſtern in ihrem Gefängniß Dienſte zu leiſten. 1Auf Fuͤrbitte der Stadt antwortet Arras dem Ulmiſchen Ge - ſandten Marchtaler: daß ſie ſich in irer antwurt ſo uͤbel gehalten, das ſie nit werd weren, das ſich die von Ulm jrer annemen. (March - taler I Sept. 1548.)

Johann Brenz in Schwäbiſch-Hall ſaß mit Frau und Kindern bei Tiſch, als er erfuhr, ein ſpaniſcher Hauptmann ſey angekommen und dringe auf ſeine Auslieferung. Er that als wolle er einen Kranken in der Vorſtadt beſuchen, und eilte davon zu kommen. Auf einem Edelhofe in der Nähe fand er eine Zuflucht, und auch ſeine Familie folgte ihm da - hin nach; doch wagte er nur die Nächte daſelbſt zuzubringen, denn fortwährend ward er geſucht; bei Tage hielt er ſich in dem dichten Dunkel einer unwegſamen Waldung auf. Eine beſſere Freiſtatt fand er endlich in dem würtenbergiſchen Schloß Wettlingen auf dem Gipfel des Hohberges. Er hat daſelbſt67Verfolgung der Prediger.eine Auslegung des 93ſten Pſalmen geſchrieben, mit deſſen Verheißungen er ſich tröſtete. Die Waſſerſtröme erheben ſich, erheben ihr Brauſen, heben empor ihre Wellen: grö - ßer aber iſt der Herr in der Höhe. Herr, dein Wort iſt die rechte Lehre. 1Eins der merkwuͤrdigſten Pſeudonymen: Joanne Witlingio autore.

So hielten ſie ſich allenthalben. In Regensburg er - klärte Dr Nopp und ſeine Gehülfen: ſie wollten ſich mit Weihwaſſer, Öl und Chryſam nicht beflecken; in Frankfurt Ambach und Lullus: ſie würden eher Hunger, Elend und den Tod ertragen als von der reinen Lehre weichen. In Reutlingen nahm Matthäus Alber, welcher dieſer Gemeine jetzt 29 Jahre vorangegangen, an dem Tag ſeinen Abſchied als die erſte Meſſe gehalten ward. Ambroſius Blaurer in Coſtnitz hatte um die Durchführung des proteſtantiſchen Prin - zips in dem obern Deutſchland das Verdienſt eines Refor - mators: von der Kataſtrophe ſeiner Vaterſtadt ward Nie - mand tiefer betroffen: gleich nach Annahme des Interims verließ er ſie. Am erſten November 1548 hielt Erhard Schnepf ſeine Abſchiedspredigt in Tübingen, denn ſein Fürſt konnte ihn nicht länger ſchützen; in langem Zuge begleitete die Gemeinde den ehrwürdigen Greis weit hinaus vor die Stadt. 2Adami Vitae theologorum. Ein wenig länger hielt ſich Straßburg als die übri - gen Städte; aber der Kaiſer hatte auch hier an den Begü - terten, den reichen Handelsleuten Verbündete: ſchon hatten ihrer funfzig die Stadt verlaſſen, noch mehrere drohten nach - zufolgen, wenn man die Ungnade des Kaiſers nicht ver -5*68Neuntes Buch. Zweites Capitel.meide. Hierauf entſchloß ſich die Stadt, Anfang Februar 1549, dem Biſchof zu verſprechen, daß in ihren Mauern nicht mehr wider das Interim gepredigt werden ſolle. 1Bucerus Calvino 9 Jan. 7 Febr., in Epistolis Calvini nr. 96 (ein vortrefflicher Brief) und nr. 98.In dieſem Beſchluß ſahen Männer wie Butzer und Fagius ihre Entlaſſung. Butzer fühlte ſich ohnehin durch den Ruf, daß er allzu nachgiebig ſey, zu viel auf Vergleichung denke, der wie ein Schickſal auf ihm laſtete, gedrückt, und wollte den - ſelben um keinen Preis beſtätigen. Fagius entſchuldigte in ſeiner Abſchiedspredigt den Rath, der ſo lange als möglich feſtgehalten, und die zurückbleibenden Prediger, die gewiß von der rechten Lehre nicht abfallen würden: für ſich bat er um die Fürbitte der Gemeine daß er ſtandhaft bleibe in ſeinem Kreuz. 2Ein Auszug dieſer Predigt findet ſich in der ſchwaͤbiſchen Chronik des Martin Cruſius, der ſie hoͤrte, II, 274.

Ich nenne nur die vornehmſten Namen: eine große Menge Anderer geſellte ſich den Flüchtigen zu. Man wollte bei 400 verjagte Prediger im Oberland zählen.

Dieſe Standhaftigkeit fand nun aber auch weiter im Norden und Oſten Nachahmung.

Einer Vereinbarung welche Markgraf Albrecht von Culm - bach mit ſeinen Landſtänden auf den Grund des Interims getroffen, widerſetzten ſich die Prediger um ſo mehr, da man ſich vorbehalten hatte, daran zu mehren oder zu mindern. Ein langes Sorgen, ſagten ſie, ſey ein langes Sterben: ſie verpflichte ihr Eid, nur das lautere Gotteswort zu lehren; wolle man ſie zwingen davon abzuweichen, ſo wollten ſie hiemit ſammt und ſonders um ihren Abſchied gebeten haben. 69Widerſtand in Norddeutſchland.Albrecht ſchrieb dem Kaiſer, er ſey nicht abgeneigt ſie zu entlaſſen: er wiſſe nur keine andern zu bekommen. 1Lang II, 209. 212. Bucholtz VI, 329.

Im Calenbergiſchen, zu Pattenhauſen, hielt die Geiſt - lichkeit förmlich eine Synode, in der ſie eine Erklärung ge - gen das Interim, die ihr Superintendent Corvinus verfaßt hatte, unterzeichnete.

Fand doch ſelbſt Churfürſt Joachim von Brandenburg, der ſeiner Geiſtlichen eher ſicher zu ſeyn glaubte, da eins ihrer Oberhäupter an der Abfaſſung des Interims Antheil genommen hatte, als er ſie nach Berlin zuſammenrief, den größten Widerſpruch. Sie erklärten, ſie würden die ewige Verdammniß fürchten, wenn ſie von der erkannten Wahrheit abweichen wollten: der Kaiſer ſey mächtig: aber Gott noch viel mächtiger. 2Leuthinger Commentarii 219. 228.

Auch in Sachſen, in dem Lande des Churf. Moritz ſowohl, wie in den Landſtrichen welche den Söhnen Johann Friedrichs verblieben, war man in derſelben Stimmung. Auf einer Verſammlung die Moritz kurz nach ſeiner Rückkehr vom Reichstage nach Meißen berief, zeigten ſich die Theologen beſonders über die Vorrede der kaiſerlichen Formel, die ihnen hier erſt bekannt ward, betroffen, da darin die Doctrin von der ſie abgewichen, als ächt katholiſch bezeichnet ward: ſie erklärten daß ſie nur die Neuerungen abgeſchafft, und zu den urſprünglichen Lehren der wahren katholiſchen Kirche zu - rückgekehrt ſeyen:3Grave et hoc est quod nobis tribuitur, fuisse et esse nos autores schismatum et novitatis, cum partis adversae recens excogitatis et in ecclesiam inveclis doctrinae corruptelis et ab - das Verfahren des Kaiſers, ſo mild es70Neuntes Buch. Zweites Capitel.auch ausſehen möge, bezeichneten ſie als verderblich und tyranniſch; auch die einzelnen Beſtimmungen des Interim griffen ſie mit vielem Ernſt an: in einer Erläuterung der Juſtification von Melanchthons Hand werden die proteſtan - tiſchen Grundſätze mit aller Schärfe hervorgehoben. Ganz nach dieſem Vorgang ſtellten die Stände dem Churfürſten vor, daß die Lehre ihrer Lande eben die ſey, welche die Glie - der der wahren katholiſchen Kirche von jeher bekannt: ſie erinnerten ihn an ſein Verſprechen ſie dabei zu ſchützen, das auf allen Kanzeln dem Volk und durch offenen Druck der Welt bekannt gemacht worden ſey.

Und dazu kam nun daß es im Reiche noch unüber - wundene Regionen gab, welche dem kaiſerlichen Willen zu - gleich politiſchen und geiſtlichen Widerſtand entgegenſetzten.

In ganz Niederſachſen ſprachen ſich die Oberhäupter der Geiſtlichkeit dagegen aus, Äpinus zu Hamburg, Johann Amſterdamus zu Bremen, Medler zu Braunſchweig; überall wurden Synoden gehalten: zu Minden, Mölln, Hamburg; die Städte correſpondirten darüber unter einander, und wur - den endlich einig, wie der kaiſerliche Truchſeß Könneritz be - richtet, das Interim ſämmtlich zu verwerfen, Leib und Gut darüber zuſammenzuſetzen.

Beſonders heftig lautete die Erklärung von Magdeburg. Das Interim verdunkle den Hauptartikel des chriſtlichen Glau - bens, daß wir durch den Glauben ohne alle Werke gerecht und ſelig werden; es richte die Anrufung der Verſtorbenen, Vigilien, Seelmeſſen und die ganze Gottesläſterung des Pap -3usibus cerimoniarum rejectis et repudiatis redierimus ad primam et veterem catholicae ecclesiae doctrinam et traditiones. 71Widerſtand in Norddeutſchland.ſtes wieder auf; es wolle Uns Alle um unſre Seligkeit bringen. 1Der von Magdeburg Entſchuldigung, bit und gemeine chriſt - liche Erinnerung 1549.Und da die Stadt nicht allein unausgeſöhnt, ſondern in der kaiſerlichen Acht war, da ſie nichts weiter zu verlieren hatte, ſo ward ſie plötzlich der Heerd einer leb - haften literariſchen Oppoſition. Eine Fluth von Gegenſchrif - ten in jeder Form, Satyre und Predigt, in Proſa und Verſen, gab das Interim der Verachtung und dem öffent - lichen Haſſe Preis; in abenteuerlichen Caricaturen ward es verſpottet; man hat ſogenannte Interimsthaler, auf denen ein dreiköpfiges Ungeheuer den Urſprung und Inhalt dieſer Schrift verſinnbildet. Da ſo viele Fürſten ſchwankten oder abfielen, wendeten ſich alle Blicke auf Johann Friedrich, der, obwohl ein armer Gefangener und in der Gewalt des Kai - ſers, doch jedes Anſinnen dem Interim beizutreten ſtandhaft zurückwies. Denn wohl wiſſe er, daß es in vielen Artikeln dem Worte Gottes zuwider ſey: würde er es billigen, ſo wäre es als ob er Gott droben in ſeiner Majeſtät und die weltliche Obrigkeit hienieden mit gefährlichen Worten betrü - gen wolle: er würde die Sünde gegen den heiligen Geiſt begehn, die nicht vergeben werde. Ruhig ſah er zu, als man ihm ſeine Bibel und ſeine lutheriſchen Bücher weg - nahm: er werde ſchon behalten was er daraus gelernt. Seine Haltung flößte ſelbſt den Feinden Hochachtung ein; in den Gleichgeſinnten nährte ſie den ſtillen und ſtandhaf - ten Widerſtand der gläubigen Gemüther. War Johann Friedrich früher als der Vertheidiger des reinen Glaubens geachtet und geliebt worden, ſo ward er jetzt als Held und72Neuntes Buch. Zweites Capitel.Märtyrer bewundert und verehrt. Man erzählte ſich, bei der Übergabe jener ablehnenden Erklärung habe ein Donner - ſchlag von heiterm Himmel gleichſam das göttliche Wohl - gefallen bezeugt; man meinte die Geſtalt des Churfürſten in der Luft in den Bildungen der Wolken zu ſehen.

Was würde erſt geſchehen ſeyn, wenn der Kaiſer wirk - lich, wie man ihm gerathen, den Verſuch hätte machen wol - len die alten kirchlichen Zuſtände geradehin zurückzuführen. Er ſuchte jetzt nur einige Äußerlichkeiten herzuſtellen, eine Modification in Lehre und Leben zu Stande zu bringen, in welcher doch auch proteſtantiſche Elemente unverkennbar ent - halten waren: und doch wurde ſein Entwurf mit tiefem und allgemeinem Widerwillen empfangen. Die Unterwür - figkeit der beſiegten, mit dem Ruin ihrer Städte bedrohten oder erſt jetzt im Gefolge der Niederlage eingeſetzten Ma - giſtrate, und einiger ſchwächern Seelen welche das Exil fürch - teten, wollte doch wenig ſagen. Der proteſtantiſche Geiſt, in ſeiner ganzen urſprünglichen Energie, ſetzte ſich dagegen.

Dieſer proteſtantiſche Geiſt aber ſollte in demſelben Au - genblick einen Angriff erfahren, der ihm noch bei weitem tie - fer gieng und gefährlicher wurde.

Churfürſt Moritz hatte das Interim, wie wir wiſſen, nicht geradezu angenommen: er hatte es aber auch nicht ent - ſchieden abgelehnt. Er war dem Kaiſer und dem König viel zu ſehr verpflichtet, um ſich ſo dringenden Wünſchen derſel - ben zu widerſetzen: hatte man ihn doch einſt in Eger der katholiſchen Meſſe beiwohnen ſehen! Dagegen aber hatte er ſeiner Landſchaft, welche die proteſtantiſchen Doctrinen um ſo lebendiger aufgenommen, je länger ſie derſelben entbehren73Haltung des Churfuͤrſten Moritz.müſſen, das Verſprechen gegeben, ſie bei ihrer Religion, wie ſie jetzt ſey, zu ſchützen, eine Zuſage die von dem Kaiſer um der Gefahren des Krieges beſtätigt worden. Die pro - teſtantiſche Geſinnung war durch die Vereinigung der älte - ſten evangeliſchen Länder mit ſeinem bisherigen Territorium nur um ſo ſtärker geworden. Moritz erklärte endlich dem Kaiſer, er für ſeine Perſon habe nichts gegen die Formel des Interim: was ſeine Landſchaft anbetreffe, ſo wolle er alles Mögliche thun um ſie zur Annahme deſſelben zu bewegen. 1Dem Markgr. Hans laͤßt Koͤn. Ferdinand Dienſt. nach Trin. ſagen: J. Koͤnigl. Mt wolle J. f. Gn. unangezeigt nicht laſſen, daß Herzogk Moritz das Interim vor ſein perſon angenommen, ſich auch dabeneben erboten, hoͤchſten und muglichen Fleiß anzuwenden ſeine Landſchaft dahin zu bereden, daß ſie ſolches auch annehmen ſolte.

Bei dem erſten Verſuch aber ward er inne, daß dieß ſo geradezu nicht möglich ſey. Wenn wir recht unterrichtet ſind, fand er überhaupt bei ſeiner Rückkehr in das Land eine ſchlechte Aufnahme. 2Marillac 19 Sept. Vgl. ſpaͤteres Schreiben bei Ribier II, 218.Bei der erſten Zuſammenkunft ſei - ner Stände in Meißen empfieng er, wie berührt, eine ent - ſchieden abſchlägliche Antwort.

Der Kaiſer forderte ihn auf, ungefähr eben ſo zu ver - fahren, wie er ſelbſt in den oberen Landen und Städten verfahren war, vor allen Dingen Melanchthon zu entfernen, von dem ein Gutachten wider das Interim im Druck er - ſchienen war. Die Stände dagegen hielten ihm ſein Verſpre - chen entgegen: ſie ſchienen bereits ihre Augen auf ſeinen Bruder Auguſt zu werfen.

Von entgegengeſetzten Anſprüchen und Pflichten gedrängt faßte Churfürſt Moritz den Gedanken, wenn es ihm nicht74Neuntes Buch. Zweites Capitel.möglich ſey das ganze Interim einzuführen, den Kaiſer doch wenigſtens durch möglichſte Annäherung an die Formel zu befriedigen. Er forderte ſeine Stände und Theologen auf, nochmals in Erwägung zu ziehen, was ſich dem Kaiſer mit gutem Gewiſſen nachgeben laſſe.

Näher ward dieſer Gedanke für ihn beſonders dadurch beſtimmt, daß Julius Pflug in das Bisthum Naumburg zu - rückgekommen war, ſich aber hier trotz aller Befehle des Kaiſers der Beihülfe des weltlichen Armes überaus bedürf - tig fühlte. Und dieſer Biſchof war nun von den gelehrten Theologen der katholiſchen Kirche wohl der gemäßigtſte, den Proteſtanten in ſeinen Meinungen verwandteſte, nächſte. Chur - fürſt Moritz meinte, die Modificationen welche in der augs - burgiſchen Formel nothwendig ſeyn würden, durch den Bi - ſchof, deſſen Autorität er dafür wieder anerkannte, dem Kai - ſer empfehlen zu laſſen.

Hätte irgend ein andrer deutſcher Fürſt dieſen Plan ge - faßt oder auch ausgeführt, ſo würde es ſo viel nicht zu ſa - gen gehabt haben, da die Wirkung doch immer auf ein ein - ziges Land beſchränkt geblieben wäre.

Hier aber war es von der größten Bedeutung. Das Kriegsglück das für den Kaiſer entſchied, hatte die Metro - pole des Proteſtantismus, jenes Wittenberg, von dem bis - her die Feſtſetzung der dogmatiſchen Normen hauptſächlich ausgegangen war, in die Hände des Churfürſten Moritz gebracht. Einſt, bei den erſten Verfolgungen der Lehre, un - ter Friedrich dem Weiſen, war Wittenberg das allgemeine Aſyl geweſen. Und noch lebte daſelbſt der Mann der nächſt Luther das Meiſte zur Entwickelung der neuen Kirche bei -75Haltung Melanchthons.getragen. Dahin war noch immer die Aufmerkſamkeit aller Gläubigen gerichtet. Es war ein nicht allein für Sachſen, ſondern für die ganze evangeliſche Welt im höchſten Grade wichtiges Ereigniß, wenn es dem Churfürſten gelang, dieſen Mann und ſeine Amtsgenoſſen zu einer Annäherung an die kaiſerliche Formel zu vermögen.

Indem er dieß verſuchte, kam ihm zu Statten daß er die in den Kriegsunruhen zerſtreute Univerſität wieder auf - gerichtet, die alten Profeſſoren zurückberufen, ſich um alle zuſammen und jeden beſonders perſönliche Verdienſte erwor - ben hatte, auch um Melanchthon. Melanchthon war nach England und nach Dänemark, nach Tübingen und Frank - furt a. d. Oder berufen worden, auch die Söhne Johann Friedrichs hatten ihm Anträge gemacht; er zog es aber vor, nach Wittenberg zurückzukehren, an das ihn alle Gewohn - heiten des täglichen Lebens feſſelten, wo ſeine Familie ſich wohl befand, ſeine liebſten Freunde, einverſtandene Col - legen lebten;1 als ich bedacht habe, daß die Perſonen wie wir viel Jahr beiſammen geweſen, zu Pflanzung loͤblicher Kuͤnſten und chriſtlicher Lehr nuͤtzlich gedient haben. An Mkg. Joachim, Corp. Ref. VI, 734. ſein Ehrgeiz war, aus dem großen Schiff - bruch, wie er ſagte, die Trümmer zu retten, die Univerſität, deren Ruf und Daſeyn mit dem ſeinen verwachſen war, wie - derherzuſtellen. Die neue Regierung zog ihn bei den Ge - ſchäften zu Rathe, nahm auf ſeine Empfehlungen Rück - ſicht; als ſich einſt der Kaiſer darüber beklagte, daß der mit ihm noch unausgeſöhnte Profeſſor in Wittenberg wieder auftrete, und auf ſeine Auslieferung dringen zu wol - len drohte, denn eben der ſey es, der den vorigen Chur -76Neuntes Buch. Zweites Capitel.fürſten in ſeiner Widerſetzlichkeit beſtärkt habe, nahm die Re - gierung den Gelehrten in Schutz, und ließ ihn wiſſen daß ſie das that. Einſt, auf einer Reiſe hat ſie ihn ſogar gleich als ſey die dringendſte Gefahr vorhanden einen Au - genblick entfernt: es ſchien ihm wohl als hänge von ihrer Gunſt und Fürſprache ſein ganzes Daſeyn ab. Und zu die - ſem Gefühl der Dankbarkeit kam noch ein andres. In den letzten Jahren hatte ſich Melanchthon, aus Furcht den al - ternden Luther zu verletzen, nicht mit voller Freiheit bewegt, beſonders ſeine Gedanken über die Abendmahlslehre nicht wie er wünſchte zu entwickeln gewagt; auch von dem am Wortlaut feſthaltenden Hofe hatte er ſich beſchränkt gefühlt. In dem Umſturz der Regierung, unter deren Schirme die neue Lehre emporgekommen, ſah doch Melanchthon auch wieder auf ſeinem wiſſenſchaftlichen Standpuncte gleichſam eine Erleichterung. So geſchah daß er ſich dem neuen Herrn mit einer ganz unerwarteten Hingebung anſchloß. Mit jenen Räthen, deren bloßer Name Luthers Wider - willen erweckte, trat er in Verhältniß: wir finden ihn den Dr Komerſtadt auf deſſen Landgut beſuchen, er correſpondirt mit Carlowitz. Wer wollte ihn an und für ſich darum ta - deln? Mit dem einen berieth er die Geſchäfte der Univer - ſität, die Herbeibringung der zerſtreuten Einkünfte; bei dem andern ſuchte er etwa für einen alten Freund, Dr Jonas, die Erlaubniß der Rückkehr an ſeine Stelle in Halle nach. Aber indem man dieſe Wendung ſeiner Hinneigung und Abhängigkeit beobachtet, erſchrickt man ſchon vor der Gefahr, in welche ſeine perſönliche Haltung dadurch geräth. In einem unbe - wachten Augenblick, in welchem er dem Carlowitz für die77Haltung Melanchthons.Gewährung eben jener Fürbitte für Jonas dankte,128 April 1548. Corp. Ref. VI, p. 879. ver - lor er das größte Verhältniß ſeiner frühern Zeiten, das ihn zu dem Manne in der Welt gemacht hatte der er war, die Freundſchaft zu Luther, ganz aus den Augen. Das Ge - fühl der Befriedigung brachte ihm ältere vorübergegangene der Verſtimmungen ins Gedächtniß. Er ließ Klagen über Lu - thers Eigenſinn und Streitſucht einfließen: er erlaubte ſich Seitenblicke auf die frühern Herrn. Melanchthons Briefwech - ſel erweckt ſonſt immer Theilnahme, Verehrung, Liebe: dieſen Brief aber wollte ich, hätte er nie geſchrieben. Es mag ſeyn daß er, wenigſtens bis auf einen gewiſſen Grad, Recht hatte: wer würde es ihm verargen, wenn er ſeine Klagen, zu jener Zeit, in den Buſen eines Freundes ausgeſchüttet hätte. Jetzt aber, nach der Kataſtrophe ſeines Fürſten, nach dem Tode des Freundes, Klagen gegen Den, in welchem dieſer immer einen Widerſacher geſehen, und der das Meiſte dazu beigetragen hatte jenen zu ſtürzen! nun, man ſieht, wohin auch ein edler Menſch, von momentanen Bezie - hungen übernommen, gerathen kann. Melanchthon glaubte wohl in ſeiner Beſcheidenheit, daß er ein einfacher Gelehrter ſey. Ein Gelehrter aber wie er, der an den großen Ereig - niſſen mithandelnd Antheil nimmt, führt kein Privatleben: er hat die Pflicht eines Staatsmanns, immer das Ganze ſeiner Thätigkeit im Auge zu behalten, ſeine Vergangenheit, die unaufhörlich fortwirkt, nicht aufzugeben im überwiegenden Gefühl der Nothwendigkeiten des vorhandenen Augenblickes. Und für ihn war dieſe Pflicht ganz beſonders dringend. In ihm mehr als in irgend einem andern lebenden Menſchen78Neuntes Buch. Zweites Capitel.lag die Einheit der proteſtantiſchen Kirche; der freie Fort - gang ihrer Entwickelung knüpfte ſich an ihn. Jetzt war die Zeit gekommen wo er die Zweifel an ſeiner moraliſchen Stärke, die ſich ſchon regten, widerlegen, durch eine männ - liche und unnachgiebige Haltung das Zutrauen zur allgemei - nen Sache befeſtigen mußte. Welche Autorität würde er dann gewonnen haben! wie hätte er mit dem wiſſenſchaft - lichen Sinn und dem religiöſen Gefühl die ſich in ihm durch - drangen, die vereinigten Geiſter noch eine Strecke weiter füh - ren können! Die Werkſtätte der unabhängigen proteſtanti - ſchen Gelehrſamkeit und Theologie, wo ſie auch aufgeſchla - gen werden mochte, die war für ihn Wittenberg, nicht jener Ort an der Elbe. Eine unglückliche locale Vorliebe aber führte ihn in den Bereich einer ſtaatsklugen und verführeri - ſchen Gewalt. Melanchthon drückte ſich in jenem Briefe auch über den ihm ſchon mitgetheilten Entwurf des Interims ſehr entgegenkommend aus. Er billigte den Artikel über die Kirche und die Herſtellung der Gebräuche: er erwähnte ſelbſt, mit welchem Vergnügen er in ſeiner Kindheit die kirchlichen Ceri - monien mitgemacht; er brachte Vorſchläge bei wie die Prediger zu gewinnen ſeyen: und meinte noch, ſeine Mäßigung werde den Mächtigen nicht genugthun. Sie gereichte ihnen zum höchſten Erſtaunen. Carlowitz theilte den Brief Jedermann mit, der ihn ſehen wollte: zahlreiche Abſchriften giengen in Augsburg von Hand in Hand: die Anweſenden können nicht ausdrücken, wie zufrieden ſich die Prälaten darüber äußer - ten, wie unglücklich ſich die Evangeliſchen darüber gefühlt haben; die Geſandten ſchickten das Actenſtück ihren Höfen ein. Auch dem Kaiſer ward das Schreiben vorgeleſen: den79Zuſammenkunft in Pegau.habt ihr, ſoll er ausgerufen haben, ſeht zu, daß ihr ihn feſthaltet.

Von einer Regierung, wie dieſe moritziſche war, ſo nach - haltig und gewandt, ſo feſt in den einmal gefaßten Gedan - ken und gnädig gegen jeden Einzelnen, die ſich vor allem der Perſönlichkeiten zu bemächtigen ſuchte, ließ ſich wohl er - warten daß ſie das verſtehn würde.

Am 23ſten Auguſt ward eine neue Zuſammenkunft zu Pegau gehalten, wo die drei Biſchöfe, unter ihnen noch Georg von Anhalt, der die geiſtliche Adminiſtration von Merſeburg führte, neben Melanchthon noch ein andrer Wittenberger Pro - feſſor, Paul Eber, und eine Anzahl fürſtlicher Räthe erſchienen.

Was man den Theologen damals bereits abgewonnen hatte (es darf wohl angeführt werden, daß Melanchthon ein paar Tage vorher, unter dem 20ſten Aug., dem Carlowitz eine Schrift gewidmet hat), zeigt ſich recht, wenn man das Gut - achten über die Lehre das ſie hier vorlegten, mit dem in Meißen abgegebenen vergleicht, obwohl das Pegauer eigent - lich nur eine Überarbeitung von jenem iſt.

Der Unterſchied war nicht allein, daß ſie Sätze weg - ließen, worin die Verfaſſer des Interim und die tridentini - ſchen Schlüſſe zugleich angegriffen waren, z. B. über die Zweifelloſigkeit der Erlöſung,1Adfirmamus igitur falsum esse et mendacium horribile quod dicunt adversarii, dubitandum esse an habeas remissionem peccatorum, was gegen den § 8 des Interim gerichtet iſt. In dem deutſchen Exemplar heißt es ſchon milder: Und iſt dieſe Rede nicht recht daß man zweifeln ſoll. Aber in der Pegauiſchen Schrift fehlt es ganz. oder in denen der urſprüng - liche Gegenſatz beider Syſteme lebhaft hervorgehoben war,80Neuntes Buch. Zweites Capitel.wie da, wo von den Werken die Rede war, aus denen man ohne Grund Gottesdienſt gemacht: in der Lehre von der Rechtfertigung nahm man ſelbſt den Ausdruck eingegoſſene Gerechtigkeit auf, der der entgegengeſetzten Anſicht angehört. 1In der alten Redaction heißt es: Etsi igitur inchoari obe - dientiam oportet, tamen non est cogitandum hominem habere re - missionem; in der nenen: Etiamsi nova obedientia inchoata est et justitia infusa in homine, non tamen cogitandum est quod pro - pter eam persona habeat remissionem. Es iſt auffallend daß ſie es nichts deſto minder nennen Caput ex formula Mysnica de - scriptum. Julius Pflug war jedoch mit der Art wie das geſchah noch nicht ganz befriedigt. Wenn die Theologen feſtſetzten, die Gerechtigkeit des Verſöhnten bedeute nur, daß Gott ſich den ſchwachen Anfang des Gehorſams um Chriſti willen gefal - len laſſe, ſo forderte man katholiſcher Seits die Formel, daß der Menſch durch den heil. Geiſt erneuert werde und das Rechte mit der That vollbringen könne. Die Theologen ha - ben auf Einreden der fürſtlichen Räthe endlich wirklich zu - gegeben, daß beide Sätze vereinigt wurden. So iſt eine Formel zu Stande gekommen, in der allerdings das prote - ſtantiſche Prinzip vorherrſcht, die aber nichts weniger als aus Einem Guſſe iſt: man ſieht gleichſam mit Augen, wie eine Vorſtellung von anderm Urſprung mit demſelben in Be - rührung geräth und dagegen vorzudringen ſucht. Höchlich zufrieden erklärte ſich Julius Pflug. Da man über die Lehre im Allgemeinen, über die Autorität der Kirche und die Sa - cramente einverſtanden ſey,2Epistola Pflugii ad Georgium Anhaldiae principem 14 Cal. ſo hofft er daß man ſich auch in den übrigen Puncten im Sinne der kaiſerlichen Anord - nung vereinigen werde.

81Zuſammenkunft in Celle.

Indeſſen gewann die Sache doch nicht den raſchen Fort - gang den er vielleicht erwartete. Bei einer Zuſammenkunft einiger Mitglieder der Ritterſchaft und einiger churfürſtlichen Räthe mit den Theologen, die im October zu Torgau veran - ſtaltet wurde, zeigten ſich die letzten unerſchütterlich. An der Univerſität und in der Population war die Stimmung daß man nichts mehr nachgeben dürfe. Man verglich wohl das Interim mit dem Apfel welchen Eva dem Adam dargereicht: ein einziger Biſſen habe dem Manne den Zorn Gottes zu - gezogen. Es gieng eine Schrift von Hand in Hand unter dem Titel, daß man nichts verändern ſoll. 1Entſchuldigung Matthiaͤ Flacii an die Univerſitaͤt zu Wit - tenberg Bog. 2, III. Dr Cruciger meinte noch in den Phantaſien die ſeinem Tode voraus - giengen, mit Disputationen dieſer Art geängſtigt zu werden, aber Widerſtand zu leiſten. 2Eber an Melanchthon 16 Nov. Corp. Ref. VII, 194.Immer dringender jedoch wur - den die churfürſtlichen Räthe. Am 17ten November, als ihr Herr ſich bereitete nach Trient zu reiſen, um mit dem Biſchof von Augsburg den Sohn des Kaiſers Don Phi - lipp an den deutſchen Grenzen zu empfangen, hielten ſie eine neue Zuſammenkunft zu Kloſtercelle mit den vornehmſten Su - perintendenten und Predigern des Landes; nur die drei milde - ſten Profeſſoren, Major, Camerarius und Melanchthon waren zugegen. Die Räthe legten denſelben den Torgauer Entwurf, jedoch mit abermaligen Modificationen vor, und erörterten da -2Oct. 1548. Cum de doctrina de ecclesia ejusque autoritate et potestate, de sacramentis denique jam conveniat inter nos, et ea probemus quae a Caesaris consilio atque voluntate Christiana aliena non sunt. Ranke D. Geſch. V. 682Neuntes Buch. Zweites Capitel.bei die Gefahr die eine Verwerfung deſſelben nach ſich ziehen möchte: man könne bewirken, daß die Kloſtergüter, von de - nen ſich jetzt Kirchen und Schulen erhalten, ihnen wieder entriſſen würden, oder daß gar ein fremdes Kriegsvolk ein - dringe und in Sachſen hauſe wie in Würtenberg. Vorſtel - lungen, die auf die armen Gelehrten, welche an der Wahr - haftigkeit und überlegenen Weltkenntniß dieſer Räthe keinen Augenblick zweifelten, den größten Eindruck hervorbrachten. Sie ſuchten nur den Vorwurf von ſich abzulehnen, als ſeyen ſie ſtarrköpfige Leute: vielmehr betheuerten ſie, auch ſie ſeyen kaiſerlicher Majeſtät und ihrem gnädigſten Herrn zu unterthänigſtem gebührlichem Gehorſam erbötig. Ge - nug ſie gaben nach. 1Schreiben vom 19 Nov. Das deutſche Original: wird ſchwer ſeyn bei dem Volk dieſe beſchwerliche Rede zu ſtillen, waͤre dunkel, wenn es nicht durch die lateiniſche Faſſung erklaͤrt wuͤrde, AA. Synodica X, x, 4: Consideretis ipsi, quam non difficiles se pastores exhibuerint, sed potius faciles, neglectis iniquis ju - diciis et obtrectationibus, quas secuturas esse intelligunt et ut reprimantur difficile esse futurum. Eine Formel kam dort in Celle zu Stande, worin die biſchöfliche Jurisdiction wiederhergeſtellt ward, ohne weitere Bedingung, als die ganz allgemeine, das biſchöfliche Amt ſolle nach göttlichem Befehl ausgerich - tet werden; ja der größte Theil der ſchon abgeſchafften Ce - rimonien ward für wieder annehmbar erklärt, Firmelung, Ölung, canoniſche Geſänge, Lichter, Gefäße, Läuten, faſt der ganze Ritus der alten Meſſe, Faſten, Feiertage. Neh - men wir Rückſicht auf die ſpätern Äußerungen der Theo - logen, ſo läßt ſich wohl nicht bezweifeln, daß man ihnen hier Vieles ſo zu ſagen über den Kopf weggenommen, ihr Stillſchweigen für Übereinſtimmung erklärt hat; aber ſie83Leipziger Interim.wagten noch immer nicht zu widerſprechen. Ganz verän - dert und umgekehrt zeigte ſich das Verhältniß, als die Stände nach Leipzig berufen und dieſe Feſtſetzungen ihnen mitgetheilt wurden. 1Schreiben der Biſchoͤfe in Weller Altes aus allen Theilen der Geſchichte Bd I, p. 607, wie denn die auf die Religion bezuͤg - lichen Acten dieſer Landtage dort uͤberhaupt zuerſt mitgetheilt ſind. Aus einer andern Handſchrift finden ſie ſich jetzt im Corp. Ref. VII, 254 ff. ; mit einigen Zuſaͤtzen, die ſich auf den magdeburgiſchen Krieg und die dem Kaiſer zu leiſtende Geldhuͤlfe beziehen, im Berli - ner Archiv. Auch in den ſchon bekannt gemachten Stuͤcken zeigen ſich da einige merkwuͤrdige Varianten: z. B. bei dem Bedenken ber Theo - logen der Zuſatz gebuͤhrlichen und ſchuldigen Gehorſam, der alſo nicht ein ſpaͤterer Nachtrag iſt, ſondern dem erſten Entwurfe angehoͤrt.Die Stände erhoben Bedenken: die Theologen, weniger eifrig als ihre Pflegbefohlenen, ſuchten dieſelben zu heben. Sie verſicherten, daß die Meſſe doch nie ohne Communicanten Statt finden, das Frohnleichnamsfeſt mit keiner Proceſſion verbunden, dem Öl keine abergläubi - ſche Bedeutung beigelegt werden ſolle. Nach Maaßgabe der zu Pegau und zu Celle getroffenen Vergleichungen ward eine Schrift verfaßt, die unter dem Namen des Leipziger Interim bekannt iſt, und als Norm für die Religionsübung in den ſächſiſchen Landen dienen ſollte. 2Joh. Bugenhagen verſichert, er habe ſeinen grauen Kopf dargeboten, ehe ich wolt annehmen die laͤſterlichen Pfaffenunction, Conſecrationen ꝛc. ; noch ward da (zu Leipzig) vorgetragen die extrema unctio nomine theologorum. Voigt, Briefe der Gelehrten an H. Albrecht p. 93. Melanchthon an Hardenberg 18 Maͤrz 1549 (er will nicht beurtheilt ſeyn ex pagellis, quibus quac - dam inserta sunt quae non sunt nostra ). Corp. Ref. VII, 351.Als die Theolo - gen ihr Werk anſahen, machte es ſie ſelber beſtürzt, daß ſie ſich ſo weit hatten führen laſſen: ſie klagten, ſie ſeyen durch die Meinungen der Machthaber unterdrückt; ihr Troſt war,6*84Neuntes Buch. Zweites Capitel.daß doch alles was ſie zugegeben, ſich mit der Wahrheit vereinigen laſſe, daß ſie dieß Joch nur auf ſich genommen, um die Kirche der Verwüſtung nicht Preis zu geben. Und ſo viel iſt gewiß, daß ſie, obwohl im Weichen und Nachgeben begriffen, in Lehre und Cerimonien doch den evangeliſchen Lehr - begriff in ſeinem Weſen nicht verletzt haben. Viele von dieſen Satzungen und Gebräuchen waren eben ſolche, die Luther in ſeinem Anfang nicht hatte wollen umſtürzen laſſen. Allein welch ein unermeßlicher Unterſchied iſt es doch, das Herge - brachte einſtweilen beſtehn laſſen, und das bereits Abgeſchaffte wiederherſtellen. Dort ſchont der großmüthige Sieger: hier unterwirft ſich, gedrängt und beängſtigt, der Beſiegte. Wenn auch gemildert durch mannichfaltige Zugeſtändniſſe, immer war es doch zuletzt die Idee der Einheit der lateiniſchen Kirche, der man ſich durch die Umſtände genöthigt wieder unter - warf. Nur ſo lange bis die nöthigen päpſtlichen Indulte eingetroffen, überließen die Biſchöfe noch die Ordination den proteſtantiſchen Predigern. Als Churfürſt Moritz von Trient zurückkam, wo er mit dem Prinzen in das beſte Vernehmen getreten, eilte er die Agende vollenden zu laſſen, die ſchon in Celle entworfen worden war: im Mai ward ſie von den Superintendenten angenommen, und bald darauf als Landes - geſetz verkündigt.

Und ſo geſchah nun, daß während ſich anderwärts die Oberhäupter der proteſtantiſchen Geiſtlichkeit zum Widerſtand unter jeder Gefahr und Bedrängniß entſchloſſen, das Geburts - land der proteſtantiſchen Entwickelung, die Mutteruniverſität, von der die Anhänger der neuen Meinungen ausgegangen, ja der große Lehrer ſelbſt, der allgemeine genannt, welcher85Einfuͤhrung des Interims.das höchſte Anſehen genoß, ſich der religiöſen Verordnung des Kaiſers allerdings zwar nicht unterwarf, aber doch näher anſchloß, als Jemand für möglich gehalten hätte. 1Schreiben Chriſtofs von Karlwitz Torgau 16 Maͤrz (Berl. Arch.), im Anhang: Mein gn. H. konte leiden daß es ehe beſcheen, und heldet embſig darumb an. Expositio Ddd librum agendo - rum confecerunt ad formulam mandatam, qui perfectus fuit mense Martio 49.

Sein Beiſpiel und ſein Rath vermochten nun auch An - dere zu einem ähnlichen Verfahren.

Triumphirend verkündigte Agricola in der Schloßkirche zu Berlin die Zugeſtändniſſe der Wittenberger Theologen, über welche zu Jüterbock mit den Räthen Joachims II Rück - ſprache genommen worden, als eine Beſtätigung des kaiſer - lichen Buches, das man ſo viel geſchmäht habe. Hierauf fragten die märkiſchen Prediger in Wittenberg an, was es mit ihren Beſchlüſſen auf ſich habe: ob wirklich das Wei - hen von Waſſer, Salz und Öl, das Heben und Legen des Kreuzes, Singen der Vigilien von ihnen hergeſtellt ſey; ob man ſich wirklich wieder des von den Biſchöfen geweihten Chrisma bediene? Gern, ſagen ſie, wollen wir bei eurer Kirche bleiben und alles halten was ihr haltet, als eure Schüler. Bugenhagen und Melanchthon antworteten, nie - mals ſey es ihnen in Sinn gekommen, das Weihen von Waſſer und Öl zu billigen, noch erſchalle die Lehre rein zu Wittenberg und über den Inhalt der märkiſchen Kirchenord - nung ſey man nicht hinausgegangen. Ihr Landesfürſt möge das Interim nach Maaßgabe dieſer Übereinſtimmung einfüh - ren. So viel ſey übrigens wahr, daß man eher eine harte Knechtſchaft ertragen, als eine Verödung der Kirche zulaſ -86Neuntes Buch. Zweites Capitel.ſen müſſe. Und eben ſo antwortete Melanchthon den frän - kiſchen Predigern. Nicht das ganze Interim, aber eine Kir - chenordnung im Sinne deſſelben hatte man Dieſen vorgelegt, und nur die Wahl zwiſchen deren Annahme oder dem Exil gelaſſen. Viele waren geneigt auszuwandern: Melanchthon dagegen rieth ihnen ſich nicht zu widerſetzen; ſey doch in jener Ordnung weder von Weihungen noch von dem Ca - non die Rede, überhaupt nichts darin enthalten was der Lehre geradezu widerſpreche. Wir müſſen nur darauf den - ken, ſagt er, daß die Kirche nicht verlaſſen, die Stimme der Wahrheit nicht unterdrückt werde: eine gewiſſe Knechtſchaft müſſen wir dulden, wenn ſie nur ohne Gottloſigkeit iſt. 1Schreiben von Pfeffinger, Ziegler und Aleſius an die fraͤn - kiſchen Prediger Lipsiae XIII Cal. Febr. 1549. Quarto est illud quidem durum ac grave, id accipi quod religio et pietas conscien - tiae refutat. Sed si accipi tali sensu et intellectu jubetur qui non est veritati contrarius, feratur et haec molestia. Vestrae conscientiae si sunt integrae et bonae, quod non vestrae gloriae aut fortunarum aut etiam vitae causa, sed ecclesiarum respectu et propter ministerium evangelii hoc jugum subieritis et istam servitutem perpetiamini, permittatis filio dei Jesu Christo salva - tori caetera. Quod si aliqui astute hoc agunt, ut ita paulatim via veritatis obstruatur et reducatur populus in veteres errores, vigilare quidem et diligentes esse oportet et exspectare auxi - lium a domino: hic enim illud consilium malum in capita auto - rum convertet. Abſchrift im Archiv zu Berlin. Ich bemerke noch daß das Schreiben Melanchthons Concionatoribus Francicis , das im Corp. Ref. VII, 140 auf den 12 Sept. geſetzt wird, in der Berliner Abſchrift ausdruͤcklich vom 20ſten Januar datirt iſt: ohne Zweifel mit Recht.

Unglückſeliger Zuſtand! Jedes Widerſtreben gegen das interimiſtiſche Anſinnen erfreute ſein Herz. Den noch Un - bedrängten wünſchte er Glück zu ihrer Freiheit: von den noch obſchwebenden Berathungen über den Canon in der Meſſe,87Einfuͤhrung des Interims.auf deſſen Wiederaufnahme Julius Pflug drang, ſo wie über die Art und Weiſe der herzuſtellenden biſchöflichen Gewalt fürchtete er noch Schlimmeres; aber indem er klagte daß man Drohungen und Sophismen verbinde, geheimen Zwang ausübe, fügte er ſich demſelben doch bis auf einen gewiſſen Punct und rieth Andern ſich ebenfalls zu unterwerfen. Er mußte erleben, daß ſeine beſten und wenigſtens würdigſten Freunde an ihm irre wurden; der anmahnende Brief den Calvin an ihn erließ, war voll von Hingebung, Anerken - nung und Milde, aber er mußte ihm das Herz zerſchneiden. 1Epistolae Calvini nr 117. Plures tu unus paululum ce - dendo querimonias et gemitus excitasti, quam centum mediocres aperta defectione. Der Brief iſt mit 1551 bezeichnet, aber wohl kein andrer als der, deſſen nr 115 Erwaͤhnung geſchieht, alſo vom Juni 1550.

Wie in den Oberlanden, ſo machte ſich hierauf das Interim, obwohl unter gewiſſen Milderungen, auch in den nördlichen und öſtlichen Fürſtenthümern geltend.

In Heſſen ſchritt man endlich zur Einführung dieſer Formel, ſo ſehr die nunmehr herrſchend gewordene Gewohn - heit, das religiöſe Bewußtſeyn, das Selbſtgefühl der Land - ſchaft ſich dagegen ſträubten. Im Frühjahr 1549 melde - ten die Söhne des gefangenen Landgrafen, das Interim ſey zum guten Theil aufgerichtet, wegen des übrigen ſtehe man im Werk: wahrlich nicht mit geringer Beſchwerung vieler chriſtlichen und gutherzigen Gewiſſen.

Den Herzogen von Pommern machte der Kaiſer die Annahme des Interims zur Bedingung ihrer Ausſöhnung. Sie beriefen ihre vornehmſten Theologen und Prädicanten nach Colbatz, und wenigſtens einen Theil derſelben überre -88Neuntes Buch. Zweites Capitel.deten ſie: wie man denn in Greifswald ohnehin gewohnt war, dem Beiſpiele Bugenhagens, den Lehren Melanchthons ſich anzuſchließen. Bartholomäus Suave, Biſchof von Ca - min, aber evangeliſch und verheirathet, mußte auf den aus - drücklichen Befehl des Kaiſers das Bisthum fahren laſſen. Die Fürſten leiſteten auf den kirchlichen Einfluß den ſie bis - her ausgeübt, förmlich Verzicht: dem Rath von Stral - ſund haben ſie erklärt, darin Diejenigen ſchaffen laſſen zu wollen, denen ſolches Amts halber gebühre. Nach dem Mu - ſter des Leipziger Interim ward auch hier zunächſt eine ver - mittelnde Formel aufgeſtellt.

Als Herzog Ulrich von Meklenburg zum Biſchof von Schwerin poſtulirt ward, hielt er doch für gut, die Weihen nach der Gewohnheit der alten Kirche zu nehmen. Der Bi - ſchof Magnus von Skara ertheilte ſie ihm, wie er ſagt un - ter Mitwirkung der Gnade des ſiebenfältigen Geiſtes.

Der Herzog von Cleve mußte jetzt endlich, was er bisher noch immer vermieden, auf die Ausführung ſeines Tractats mit dem Kaiſer denken: in Soeſt, Weſel, Lippſtadt ord - nete er die Einführung des Interim an. Mit vielem Selbſt - gefühl ließ ſich ſein Bevollmächtigter Gropper in Soeſt ver - nehmen: So will es S. kaiſ. Maj. , rief er aus, ſo will es mein gnädigſter Fürſt, ſo will auch ich es haben. 1Hamelmann Hist. renovati evangelii p. 1116.

Im Lippiſchen widerſetzten ſich vergebens die entſchloſ - ſenſten Prädicanten, merkwürdiger Weiſe vornehmlich Die, welche aus dem Mönchthum übergetreten, aber es gab andre die ſich fügten.

In Oſtfriesland ſetzte der Canzler Weſten, deſſen Ge -89Einfuͤhrung des Interims.ſinnung jedoch Vielen zweifelhaft erſchien, ein Kirchenformu - lar durch, kraft deſſen die weißen Chorröcke wieder erſchienen, lateiniſche Geſänge, und was dem mehr: obgleich man auch hier nicht alle Anordnungen des kaiſerlichen Buches einführte.

Wohl hörte die Oppoſition in alle den genannten Län - dern darum nicht auf, aber die äußere Einheit machte doch Tag für Tag Fortſchritte.

Und indeſſen wurden im katholiſchen Deutſchland kraft eines von den Prälaten noch zu Augsburg gefaßten Beſchluſ - ſes überall Synoden der Diöceſen und der Provinzen ge - halten, um die von dem Kaiſer gebotene Reformation ein - zuführen.

Beide Theile wurden von ſeinem Einfluß, ſeinem Wil - len beherrſcht.

Der Fortgang ſeines Unternehmens war ſo glücklich und umfaſſend, daß er wohl meinte auch die ſcandinaviſchen Reiche herbeizubringen, ſein Interim auch in England durch - zuſetzen. Hatte ihn doch der Czaar von Moscau um die Zuſendung wie andrer Gelehrten ſo auch einiger Theologen erſucht, und wenn wir recht unterrichtet ſind, die Abſicht kund gegeben, durch ſeine Bevollmächtigten an dem verſpro - chenen freien chriſtlichen Concil Antheil zu nehmen. 1Chytraͤus Saxonia 488. Desiderium conjunctionis cum Germanico imperio adversus Turcas et concordiae in religione ineundae exponit, quam missis ad liberum generale vel nationale in Germania concilium hominibus suis promovere cupiat.

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Drittes Capitel. Stellung und Politik Carls V 1549 1551.

Dergeſtalt machte ſich, ſeit mehr als drei Jahrhunder - ten zum erſten Mal, ein durchgreifender Wille in Deutſch - land geltend, und zwar in derſelben zwiefachen Richtung, in welcher die alten Kaiſer gewirkt. Es konnte ſcheinen als würde der Druck den man erfuhr wenigſtens dadurch ver - gütet werden, daß die alte Macht der deutſchen Nation, ihr Übergewicht in Europa wiederhergeſtellt würde.

Wir haben jedoch längſt bemerkt, daß die Intereſſen der Nation und ihres Oberhauptes mit nichten in einander aufgiengen.

Carl V war ein Sprößling des burgundiſchen Hauſes, das mit nationalen Beſtrebungen nichts gemein hatte.

Im funfzehnten Jahrhundert, als die kirchliche Einheit nicht mehr ſo unbedingt vorwaltete, die Erbfolgekriege zu haltbarem Beſitzſtand geführt hatten, England von Frank - reich, Italien von Spanien, Polen von Ungarn abgeſondert worden, und ſeitdem die Nationalitäten ſich in feſten Schran - ken zu entwickeln begannen, auch die deutſche Nation den Verſuch machte alle ihre Glieder durch umfaſſende Einrich -91Stellung und Politik Carls V. tungen zu vereinigen, da war auch dieſe burgundiſche Macht emporgekommen: aber im Widerſpruch mit allem nationalen Beſtreben, nur auf Anſprüche der Erbfolge und Übergewicht der Kräfte über die jedesmaligen Gegner gegründet: auf die - ſem Grunde emporſtrebend und vom Glück begünſtigt. Carl der Kühne kam um, indem er ſeine Herrſchaft über die Grenz - lande von Deutſchland und Frankreich auszudehnen ſuchte. Wie weit aber ſollte der Fortgang ſeines Hauſes die Erwar - tungen übertreffen die er hätte hegen können. Carln V, der an dem von ſeinem Ahnherrn gebildeten Hofe, welcher deſſen Ideen feſthielt, erzogen worden, der den dynaſtiſchen Gedanken Burgunds in ſeinem Wahlſpruch Mehr Weiter auf ſeine Münzen prägen ließ, koſtete es einige Mühe, in den verſchiedenen Ländern die ihm zufielen, in Beſitz zu kom - men: in den ſpaniſchen Königreichen, wo er mit einer gro - ßen Rebellion zu kämpfen hatte, in Italien, wo ihm ein mächtiger Nebenbuhler lange Jahre die Spitze bot; aber es gelang ihm damit: dieſer Nebenbuhler, urſprünglich an Anſehen überlegen, vermochte doch das aufkommende Glück Carls V nicht niederzuhalten: bald ſehen wir es wie in ſelb - ſtändigem Fluge ſich erheben und den Glanz der franzöſiſchen Waffen und Macht verdunkeln. Nicht minder gelang es Carl V, die Beſchränkung die ihm jedes einzelne ſeiner Län - der aufzulegen ſuchte, zu durchbrechen. Wir haben bemerkt, wie Caſtilien zu ſeinen deutſchen Kriegen beiſteuerte; ein Sohn jenes ſeines niederländiſchen Freundes, des Vicekönigs Lannoy, führte ihm neapolitaniſche Reiter über die Alpen; Deutſche und Italiener kämpften für ihn auf den africaniſchen Küſten; Antwerpen kam durch den Verkehr mit Spanien92Neuntes Buch. Drittes Capitel.und die Rückwirkung der Colonien in Aſien und Amerika empor und vermittelte ſeine Geldhaushaltung. Eine gewiſſe Einheit iſt dieſer Macht nicht abzuſprechen, aber man würde in Ver - legenheit ſeyn, wenn man ſie mit einem beſtimmten an eine Nation anknüpfenden Ausdruck bezeichnen ſollte. Noch dürfte man nicht von einer ſpaniſchen Monarchie im ſpätern Sinne des Worts reden: dazu war das ſpaniſche Element, da die Niederlande noch ungetrennt gehorchten, da die höchſte Würde, das Kaiſerthum, von ſo ganz anderm Urſprung herrührte, noch nicht vorwaltend genug; eher machten die Brabanter den Anſpruch alles zu regieren,1Die weltregierenden Brabanter mit ihren ſpitzen Finan - zen ſind ihren Nachbarn ein Gegenſtand des Haſſes. Carl Harſt an den Herzog von Cleve 21 Aug. 1540. Unter dem Scheyn das ſy den Keiſer haben, verhoffen ſie alles unter ir Joch zu bringen. doch waren auch ſie durch die Maſſe der übrigen Beſtandtheile weit überwogen: die Einheit der Macht beruhte blos in der Perſon, dem Hauſe des Fürſten ſelbſt, wie denn durch ihn allein geſchah daß die Länder zuſammengehörten.

Wir werden uns, denke ich, nicht täuſchen, wenn wir aus dieſer Lage der Umſtände das Verfahren herleiten, das er in der innern Regierung ſeiner Länder befolgte. Es war keins, aus deſſen Mitte ihm nicht ein beſondrer Wille entgegengetre - ten wäre, wo er nicht mit Landſtänden zu verhandeln gehabt hätte, von deren Bewilligung die Summe ſeiner Einkünfte abhieng: er mußte ihre beſondern localen Intereſſen ſchonen und fördern; aber niemals durfte er irgend einem von ihnen überwiegenden Einfluß auf das Ganze ſeiner Verwaltung ge - ſtatten: er würde damit alle andern verletzt haben und über - haupt aus dem Mittelpunct ſeiner Gedanken gewichen ſeyn. 93Stellung und Politik Carls V. Die Macht die er beſaß, war nichts Fertiges, Abgeſchloſſe - nes, ſondern etwas noch immerfort Werdendes, Sich-ent - wickelndes: noch hatte er nach allen Seiten hin Anſprüche und Pläne, an die er große Gedanken anknüpfte. Die For - derung die er an ſeine Landſchaften ſtellte war hauptſächlich, ihn bei Verfolgung derſelben in ſeinen auswärtigen Ange - legenheiten zu unterſtützen, mit Leuten, Waffen und Geld: beſonders mit Geld, wofür alles andre leicht zu bekommen war: ſie dazu zu ſtimmen, bildete einen vorzüglichen Geſichts - punct ſeiner Staatsverwaltung. Es leuchtet ein, daß die de - liberativen Verſammlungen, die früher überall auf eine wenn gleich minder mächtige, aber doch unabhängige centrale Re - gierung Einfluß gehabt, dadurch nicht wenig verloren. Gar bald finden wir in Caſtilien zwar noch die Städte ſich ver - ſammeln, welche Bewilligungen machen, nicht aber die Gran - den und hohen Prälaten, die den Königen einſt Geſetze ge - geben. Nicht mehr die großen Angelegenheiten, deren Ent - ſcheidung früher von Wirkung und Rückwirkung der entge - gengeſetzten Parteien abhieng, ſondern nur provincielle In - tereſſen kamen überall in den ſtändiſchen Verſammlungen zur Sprache. Überhaupt muß man ſagen daß die Regierung Carls V dem Prinzip ſtändiſcher, republicaniſcher oder muni - cipaler Freiheit nicht günſtig war. In Italien wollte er auch da, wo er nicht ſeine Herrſchaft, nur ſeinen Einfluß gegründet, keine freie Bewegung der Kräfte, die leicht zu einem ihm un - bequemen Umſchwung hätte führen können. Er hat Florenz den Medici überliefert, in Genua alles gethan um das Über - gewicht der Doria zu befeſtigen. Der letzte Mann der die Herſtellung der republikaniſchen Freiheiten in Italien in Sinn94Neuntes Buch. Drittes Capitel.faßte, Franz Burlamacchi von Lucca, iſt in einem ſeiner Ge - fängniſſe zu Mailand geſtorben. Wir berührten, wie die Stadt Gent bei dem erſten Verſuche den ſie machte, von dem alten Begriffe ſtändiſcher Berechtigung aus auf die Krieg - führung Einfluß zu gewinnen, behandelt wurde. In dem Umkreiſe dieſer Gewalt, gleichviel ob ſie eine directe oder eine indirecte Herrſchaft ausübte, durfte kein Widerſtreben ſichtbar werden. Carl V beſaß die Miſchung von Klugheit und Nachhaltigkeit die dazu gehörte um ein ſolches Verfah - ren durchzuführen, ohne doch das Selbſtgefühl der verſchie - denen Provinzen zur Empörung aufzureizen.

Nun liegt am Tage, daß ein ähnliches Syſtem auch in Deutſchland befolgt werden mußte, und befolgt ward.

So höchſt erwünſcht der Beſitz des Kaiſerthums war, welches dieſer ganzen Macht erſt einen Namen gab, ſo gieng doch der Sinn Carls V nicht dahin, außer vielleicht in Ei - nem Puncte, deſſen wir bald gedenken werden, der Corpora - tion, welche ihm die Würde übertragen, den Anſpruch zu geſtatten den ſie machte, bei der Verwaltung derſelben einen weſentlichen Einfluß auszuüben. Er entzog ſeine Niederlande vollends der höchſten Gerichtsbarkeit des Reiches; während er verſprochen die abgekommenen Reichslande wieder herbei - zubringen und bei dem Reiche zu laſſen, riß er vielmehr ein altes Reichsland, das Bisthum Utrecht, davon ab und ein - verleibte es ſeinen eignen Landen; die italieniſchen Lehen, zu - letzt auch Mailand, nachdem es ihm ſo lange zu einem Mo - ment ſeiner Unterhandlungen gedient, vergabte er ohne Rück - ſicht auf die Reichsfürſten; er ſah das Reichsſiegel mit Ver - gnügen aus den Händen des Reichserzcanzlers in die Hände95Stellung und Politik Carls V. ſeines vertrauteſten Rathes Granvella übergehn; der ihm aufgelegten Capitulation zum Trotz hielt er fremde Truppen im Reiche.

Für die innere Verwaltung des Reichs war ihm der religiöſe Zwieſpalt, der ſie übrigens ſo ſchwierig machte, doch in einer andern Beziehung wieder vortheilhaft. Wir wiſ - ſen, wie die Proteſtanten durch die Zugeſtändniſſe die ihnen geſchahen, gewonnen wurden und dabei doch auch die Ka - tholiſchen, beſonders die Biſchöfe, den vornehmſten Rückhalt der ihr Beſtehen ſicherte, in der kaiſerlichen Macht erblickten. Schon bisher kam es denn doch zu allgemeinen Bewilligun - gen, gemeinſchaftlichen Kriegszügen, wiewohl in der Regel erſt nach zweifelhaften Unterhandlungen und neuen Conceſſionen. Nunmehr aber war es ihm gelungen, auch dieſer Nothwen - digkeit widerſprechender Rückſichten zu entkommen; in Folge des Krieges beherrſchte er die Berathungen der Reichsver - ſammlung zu Augsburg, wenn nicht vollſtändig, doch in ihren wichtigſten Momenten: der deutſche Reichstag fieng an, ſeinem Einfluß zu unterliegen, ſo gut wie andre Stände - verſammlungen ſeiner Lande. Auch die Autonomie der Städte hat er, obwohl er ſich zuweilen als Städtefreund bezeichnete, in Deutſchland ſo wenig begünſtigt wie in ſeinen erblichen Gebieten. Den Antheil an der Reichsregierung, den ſie un - ter ſeinen letzten Vorfahren wenn nicht ganz rechtsbeſtän - dig, doch thatſächlich gewonnen, haben ſie unter ihm, eben auch großentheils in Folge des Krieges, welcher eine Art von Städtekrieg und zwar der unglücklichſte von allen ge - weſen iſt, wieder verloren. Genug, zu der Macht welche die Regierung der übrigen dem burgundiſch-öſtreichiſchen Hauſe96Neuntes Buch. Drittes Capitel.angefallenen Länder bildete, kam nun auch eine tief eingrei - fende Reichsgewalt. Carl V war in den Jahren wo wir ſtehen der große Fürſt von Europa.

Fragen wir aber, was er in Beſitz dieſer Stellung nun weiter beabſichtigte, ſo erfüllte ihn vor allem der Ehrgeiz, was er war, in vollem Sinne des Wortes zu ſeyn, nem - lich Kaiſer.

Er hatte dieſe Würde, in Bezug auf Macht, aus der Hand ſeines Vorgängers mehr wie einen Anſpruch empfan - gen: er war entſchloſſen denſelben auszuführen.

Er faßte aber das Kaiſerthum nicht ſo auf, daß er ſich bloß als Oberhaupt des deutſchen Reichskörpers erſchie - nen wäre: er betrachtete ſich alles Ernſtes, wie die alten Kai - ſer gethan, als das weltliche Oberhaupt der Chriſtenheit.

Da hatte er nun den unermeßlichen Vortheil, daß er nicht auf Deutſchland allein angewieſen war: die Kräfte al - ler ſeiner Reiche wirkten dafür zuſammen. Der Beſitz je - ner burgundiſchen, ſpaniſchen, italieniſchen, deutſchen Lande, verbunden mit dem Königthum ſeines Bruders in Ungarn und Böhmen, gewann eine höhere allgemeine Bedeutung, in - dem die Realiſation der höchſten Ideen der weltlichen Macht im Abendlande ſich daran knüpfte.

In den Jahren ſeiner Jugend, bis ziemlich tief in ſein Mannesalter hinein, war es nun ſein vornehmſter Wunſch, nachdem die Chriſtenheit ſeit dritthalb Jahrhunderten nur Verluſte erfahren, ihr wieder einmal einen Sieg zu verſchaf - fen. Eine der vornehmſten Tendenzen der ſpaniſchen Na - tion zur Eroberung und Coloniſation von Nordafrica und die drohende Gefahr, in welcher ſich Deutſchland, vor al -97Stellung und Politik Carls V. lem ſein Bruder durch die Osmanen ſah, gaben ihm hiezu einen gleich ſtarken Antrieb. Er ſah ſich in Gedanken ſchon in Conſtantinopel, in Jeruſalem. Seinen Zug gegen Tunis ließ er ſich im Ton einer Kreuzfahrt beſchreiben.

In den ſpätern Zeiten nahm jedoch ſein kaiſerlicher Ehr - geiz eine andre Wendung.

Indem er im Jahre 1541, 42 zu beiden Seiten mit den Osmanen ſchlug, ſah er plötzlich durch eine allgemeine Combination ſeine Macht in dem Innern von Europa ge - fährdet, und mit Nothwendigkeit erhob ſich ihm der Ge - danke, daß er vor allem andern erſt dieſe befeſtigen, eine beſſere innere Einheit gründen müſſe. 1Die Kriege mit Frankreich wurden am ſpaniſchen Hof als bella intestina betrachtet.Es war der gefähr - lichſte Augenblick den er erlebt hat, aber die Politik die er in demſelben nach dem Innern gewandt ergriff, führte ihn raſch zu den glücklichſten Erfolgen. Dort in der Nähe von Pa - ris, wiewohl die Würfel noch zweifelhaft lagen, nöthigte er doch den König Franz, zugleich auf ſeinen Bund mit den Osmanen Verzicht zu leiſten und Zuſagen zu thun die ſelbſt gegen den Papſt angewandt werden konnten. Denn in - dem der Kaiſer die weltliche Einheit einigermaßen befeſtigte, war er ſchon entſchloſſen auch die geiſtliche wiederherzuſtel - len. Wirklich konnte der Papſt ſich nun nicht mehr ſträu - ben das lange verſprochene Concilium anzukündigen. Daß die Proteſtanten ſich weigerten es anzuerkennen, ward ein Anlaß auch ſie mit Gewalt der Waffen heimzuſuchen. Der glückliche Ausgang dieſer Unternehmung gründete die Macht in deren Beſitz wir den Kaiſer ſehen: zur WiederaufrichtungRanke D. Geſch. IV. 798Neuntes Buch. Drittes Capitel.der alten Einheit fehlte es eigentlich an nichts, als an dem Verſtändniß mit dem geiſtlichen Oberhaupt. Und war nicht ſchon das ein großes Reſultat daß Carl V den alten Kampf der weltlichen Macht gegen die geiſtliche, nicht wie frühere oder ſpätere Könige mit beſchränkten Geſichtspuncten, ſon - dern ganz im Allgemeinen, in den Angelegenheiten desjeni - gen Conciliums das wirklich die katholiſche Rechtgläubigkeit und Kirchenverfaſſung auf die folgenden Jahrhunderte fixirt hat, wiederaufnehmen konnte? Einer ſeiner urſprünglichen Gedanken, mit dem er bei ſeiner erſten Ankunft in Deutſch - land auftrat, war die Reinigung und Reform der Kirche, freilich in einem andern Sinn als in welchem Luther ſie unternahm, in einem ſolchen, bei dem er als das weltliche Oberhaupt der lateiniſchen Chriſtenheit beſtehn oder vielmehr erſt wahrhaft auftreten konnte. Hiefür war es ihm lieb, ſich auf die Bedürfniſſe und die Autorität des Reiches ſtützen zu können. Die Anordnungen geiſtlichen Inhalts die er unter Autoriſation des Reiches getroffen hat, gaben ihm eine geiſtliche Berechtigung. Jetzt nun lebte und webte er in dieſem Gedan - ken: ſeine geiſtlichen Einrichtungen im Reiche durchzuführen, an den conciliaren Angelegenheiten eingreifenden Antheil zu nehmen, beſonders die Reform ins Werk zu ſetzen, die auch den römiſchen Hof betreffen mußte: Abſichten die nur dem allgemeinen Wohle zu gelten ſchienen, aber dabei doch die größte Machterwerbung herbeizuführen, den Fortſetzer Carls des Kühnen wirklich zum Oberhaupt des Occidents zu ma - chen verſprachen.

Wohl lag in dem urſprünglichen Begriffe des deutſchen Kaiſerthums die Möglichkeit einer ähnlichen Stellung. Wäre Carl V ein Deutſcher geweſen, von den nationalen Ideen99Stellung und Politik Carls V. jener Zeit durchdrungen, allein auf die Hülfe der Nation angewieſen, ſo konnte er eben ſo gut darnach ſtreben, doch nur in evangeliſchem Sinne. Jetzt aber nahm er ſie in Beſitz in Folge eines Sieges über die nationalen Beſtre - bungen und Bündniſſe, zu welchem er durch ſpaniſche und italieniſche Kräfte und eine fremde Gelehrſamkeit unterſtützt worden war. Könnte man nicht vielmehr ſagen, daß er das Kaiſerthum der deutſchen Nation entfremdete und gegen dieſelbe kehrte, als daß er es in ihrem Sinne verwaltet hätte, zu ihrem Beſten?

Seine Verhältniſſe waren nun aber nicht ſo beſchaffen, daß ſie ihm nicht die mannichfaltigſte Rückſicht aufgelegt hätten.

Er hatte ſich zu dem Frieden mit den Osmanen beque - men müſſen, die ſeine natürlichen Feinde waren und blieben.

Sein Glück wollte, daß dem neuen König von Frank - reich die Zahlung der Geldſummen welche ſein Vater den Engländern verſprochen gegen die geringe Sicherheit der da - gegen ſtipulirten Herausgabe von Boulogne eine zu große Laſt ſchien, und ſo der Krieg zwiſchen England und Frank - reich, kaum beſchwichtigt, wieder ausbrach und die beiden Nationen fürs Erſte vollauf beſchäftigte. Carl hütete ſich wohl, ſich in ihre Zwiſtigkeiten einzulaſſen: man hat ihm vielmehr Schuld gegeben daß er ſie nähre: gewiß hieng es von denſelben ab daß er nach andern Seiten hin freie Hand behielt.

Dabei verſäumte er jedoch nicht alle Bewegungen des Königs von Frankreich mit ſcharfer Aufmerkſamkeit zu be - gleiten. Die Unterhandlungen deſſelben mit dem Papſt und mit Venedig gaben ſeinen Geſandten viel zu vermuthen und7*100Neuntes Buch. Drittes Capitel.zu ſchreiben. 1Instruction à Simon Renard ambr à la cour de France. Il veillera d’assentir s’il se traictera quelque ligue entre eux (le Pape et le roi) de la quelle il a ja esté pourparlé bien long - temps et avec quclles conditions elle se fera. Die kaiſerlichen Miniſter drücken ſich zwar un - beſorgt darüber aus, weil doch kein Theil dem andern trauen werde: unter der Hand aber ergreifen ſie ſchon Maaßregeln gegen ihre Erfolge. Mitten im Frieden nehmen ſie Anerbie - tungen franzöſiſcher Hauptleute an, die etwa dahin zielen ihnen eine Feſtung des Königs zu überliefern, und zahlen ihnen Geld dafür, mit der Weiſung daß ſie ſich ſtill halten ſollen bis etwa der König den Frieden breche. 2Schreiben Granvellas an Renard uͤber die Antraͤge des Ti - berio de la Rocha. Pap. d’ét. III, 374.

Einer der vornehmſten Geſichtspuncte des Kaiſers gieng dahin, keine Verbindungen der Franzoſen in Deutſchland zu dulden, weder mit den Fürſten noch auch mit den Kriegshaupt - leuten. Das Geſetz das er am Reichstage durchbrachte, daß Niemand fremde Kriegsdienſte nehmen dürfe, nicht allein nicht wider ihn oder ſeinen Bruder, ſondern auch nicht ohne ihre Genehmigung, das jedoch auch aus allgemeinen Gründen, hauptſächlich darum Widerſpruch fand, weil es dem Kriegs - gewerbe ſchade und man einmal keine Kriegsleute mehr finden möchte, wenn man ihrer bedürfe, war hauptſächlich ge - gen Frankreich gerichtet. Und aufs ſtrengſte ward es in Voll - zug geſetzt. Der Hauptmann Sebaſtian Vogelsberger hatte dem König von Frankreich bei Gelegenheit ſeiner Salbung ein paar Fähnlein zugeführt, die zu einer Demonſtration ge - gen die engliſche Grenze gebraucht worden waren. Noch während des Reichstags von Augsburg ward er dafür nicht ohne Hinterliſt gefangen genommen, herbeigeführt101Stellung und Politik Carls V. und zum Tode verurtheilt. Vogelsberger war ein ſchöner Mann, daß ich nicht weiß, ſagt Saſtrow, ob ein Ma - ler einen Mann anſehnlicher hätte malen können, hohes Ge - müths, anſchlegig und beredt : gut evangeliſch: die Prote - ſtanten richteten nach ſo vielen Verluſten die ſie erlitten ihre Augen auf ihn. Herr Conrad, ſagte er zu Conrad von Boineburg, den er auf ſeinem Wege zur Richtſtätte anſich - tig ward, iſt mir nicht zu helfen? Mein Baſtian, ant - wortete ihm Boineburg, helfe Euch unſer Herre Gott. Der wird mir auch helfen, antwortete Vogelsberger, und ſchritt mit aufgerichtetem Haupte zum Richtplatz; er ſtarb, vollkommen im Gefühl daß er unſchuldig leide; im Grunde war dieß die allgemeine Meinung. Der Kaiſer ward ohne Zweifel dadurch zu ſeinem Verfahren bewogen, daß einige der nahmhafteſten Oberſten, der Rheingraf, Reckerode, Schärt - lin, nach Frankreich geflohen waren und unter dem deutſchen Kriegsvolk noch zahlreichen Anhang hatten. Durch den Schrecken dieſer Execution ſuchte er alle Verbindung mit ihnen abzuſchneiden.

Jede Nachricht von der Anweſenheit eines deutſchen Be - vollmächtigten am franzöſiſchen Hofe ſetzt ihn in Aufregung. Er beauftragt ſeinen Geſandten, alles zu thun um dahinter zu kommen, ob ein ſolcher auch wirklich nur das betreibe, was er als den Zweck ſeiner Sendung angiebt, oder viel - leicht gar etwas Pflichtwidriges; er ſoll dabei kein Geld ſpa - ren: denn es ſey eine Sache die man ergründen müſſe.

Eben ſo hat der Geſandte die Anweiſung, die Unter - handlungen der einzelnen italieniſchen Fürſten mit Frankreich im Auge zu behalten. Man dürfte nicht ſagen, daß der102Neuntes Buch. Drittes Capitel.Kaiſer keinen Grund dazu gehabt habe dieß zu befehlen der Herzog von Ferrara z. B., der ihm ſo viel verdankte, hatte doch geſagt, er wolle ſein Land auf keine Weiſe gefährden, auch nicht zu Gunſten des Kaiſers, aber es bezeichnet ſein in jedem Augenblick unſicheres Verhältniß, daß es ſo war.

Obgleich die venezianiſche Regierung ihm Vertrauen ein - flößte, ſo verſäumte er doch nicht, immer einige der vornehm - ſten Edelleute ihrer Terra ferma in ſeine Dienſte zu nehmen. Die alte gibelliniſche Geſinnung der Colonnas diente ihm den Papſt mitten in Rom doch immer in einer gewiſſen Be - ſorgniß zu halten.

Gar mancher von den Räthen deutſcher Fürſten bezieht eine Beſoldung von ihm, unter Andern Carlowitz: die Für - ſten ſelbſt, oder wenigſtens die jüngeren Söhne aus den re - gierenden Häuſern, ſind nicht ſelten durch Jahrgelder oder Kriegsdienſte an ihn gefeſſelt. Selbſt an dem Hofe ſeines Bruders ſucht er nicht allein Freunde zu haben, ſeine Ge - ſandten geben ihm über die Geſinnung und politiſche Ten - denz der Räthe deſſelben, über jede Abweichung ihrer Politik von der kaiſerlichen eine nicht allzeit günſtige Kunde.

Mit ungemeiner Rückſicht wurden auch die entfernten Höfe behandelt. Mit dem jungen Sigismund Auguſt von Polen ſtand man nicht immer gut. Zu den preußiſchen An - gelegenheiten, wo er die Widerpart des Kaiſers hielt, kamen bald die ſiebenbürgiſchen hinzu; ſeine Vermählung mit einer Eingebornen, nach dem frühen Tode einer öſtreichiſchen Prin - zeſſin, die ſich dort keinen Augenblick glücklich gefühlt, hatte kein gutes Blut gemacht; allein für alle ungariſchen, os - maniſchen, ſelbſt für die erbländiſchen Verhältniſſe, ich103Stellung und Politik Carls V. finde unter andern, daß die Franzoſen ihn aufgefordert ſeine alten Rechte an Schleſien geltend zu machen, war ein freundliches Vernehmen mit ihm unſchätzbar. Der Kaiſer hätte ſonſt dem Großfürſten von Moscau gern den Titel König, wie er es wünſchte, beigelegt: die Rückſicht auf Polen hielt ihn davon ab. 1Aus Herberſteins Moscovia laͤßt es ſich wenigſtens ſchlie - ßen; die Geſandten verſichern es ausdruͤcklich.

Noch viel begründeter war die Feindſeligkeit des Hau - ſes Öſtreich gegen Dänemark: aber da die Niederlande ſchon einmal die Nachtheile des Krieges empfunden, ſo mußte es bei der Anerkennung Chriſtians III ſein Verbleiben haben, wie ſehr auch das pfälziſche Haus ſich dagegen ſträubte. Deutſche Fürſten ſuchten zuweilen durch die Fürſprache des Königs in die Gnade des Kaiſers zu kommen;2Cragius 303. Chriſtian vermittelte ein freundſchaftliches Verhältniß zwiſchen Carl V und Guſtav Waſa.

Wie weit die vorſorgende Umſicht gieng, davon iſt ein Beiſpiel, daß einſt der portugieſiſche Geſandte am franzöſiſchen Hofe bedeutet ward, nicht zu vortheilhaft von der Macht des Sheriff von Marocco zu ſprechen, weil man dort ſonſt Luſt bekomme ſich mit demſelben zu verbinden.

Die Erwägung und Behandlung dieſer Angelegenheiten bildete nun das Tagewerk des Kaiſers.

In dem Briefwechſel deſſelben mit ſeinem Bruder, ſei - ner Schweſter Maria, ſeinen Geſandten, beſitzen wir davon die merkwürdigſten Documente. Die Briefe ſind wie Ge - ſpräche, wo alle Verhältniſſe, große und kleine, durchgegan -104Neuntes Buch. Drittes Capitel.gen, hin und wieder erwogen werden: und ſo geſchieht es wohl daß ſie zuweilen ein wenig gedehnt erſcheinen; allein ſie zeigen ein vollkommenes, den Geiſt erfüllendes Bewußt - ſeyn des gegenwärtigen Moments, den ſie auf das trefflichſte erläutern: ſie ſind gründlich und fein, umfaſſend und ein - dringend, ſie eröffnen die Motive der Handlungen mit über - raſchender Klarheit, und halten immer an der großen Ten - denz feſt, welche einmal ergriffen worden. Man dürfte aber nicht glauben daß ſie alles ſagen. Ferdinand redet wohl einmal von der Möglichkeit, daß der Kaiſer Herr von Deutſchland werden könne: Carl V würde dieß Wort nie - mals ausſprechen, niemals giebt er ſich bloß.

Vielmehr mit der unausgeſprochenen Abſicht die in ſei - ner Seele lebt, beherrſcht er alle und leitet er alles.

Anfangs führten Chievres und Gattinara die Geſchäfte: da bemerkte man nur, wie eifrig der junge Fürſt ſich denſelben widme, wie er ſein vornehmſtes Vergnügen daran finde; nach Gattinaras Tod nahm er ſie ſelber in die Hand.

Noch heißt es eine Zeitlang, er thue nichts ohne ſeine Miniſter: bald darauf hören wir, daß ſie nichts thun ohne ihn; allmählig bekennt ein Jeder, daß er ſelbſt die Haupt - ſache ausrichtet, daß er von den klugen Leuten die er um ſich verſammelt, ſelber der Klügſte iſt.

In dem Miniſter der ihm während der großen Ereig - niſſe die wir betrachtet, vornehmlich zur Seite ſtand, Nico - las Perrenot Granvella, dem ältern, hatte er jedoch in die - ſem Rufe faſt einen Nebenbuhler und gewiß einen unver - gleichlichen Gehülfen gefunden. Granvella war ein Mann der den halben Virgil auswendig wußte, ſich in ſeiner Heimath105Stellung und Politik Carls V. in der Franche-Comte eine Galerie von den Meiſterſtücken der Kunſt anlegte, durch dieſe allgemeinen Beſtrebungen ſei - nen Geiſt für die Geſchäfte erſt recht geſchärft hatte und den wohlbegründeten Ruf genoß, daß er die europäiſchen Geſchäfte vollkommen verſtehe. Er beſaß ein ausnehmendes Talent die Dinge ſich von ferne bereiten zu ſehen: in den ſchwierigſten Fällen fehlte es ihm nie an einem Auskunfts - mittel. Einige haben gemeint daß er den Kaiſer leite: ich finde daß er ſich den Geſichtspuncten deſſelben ohne eine ei - gene Richtung jedes Mal mit vollkommener Hingebung an - ſchloß. In zwei ganz verſchiedenen Epochen der kaiſerlichen Politik, der erſten wo ſich der Kaiſer den Proteſtanten gefliſ - ſentlich annäherte, und der zweiten wo er ſie angriff, finden wir ihn, obwohl es ihm einige Mühe koſtete der letzten bei - zutreten, gleich thätig und unermüdlich. Die Epoche des Glückes die nunmehr eintrat, war für ihn, wie Mocenigo ſich ausdrückt, ein Brunnen von Gold; doch wußte man wohl, daß ihn kein Geſchenk von der Pflicht gegen den Kai - ſer auch nur um ein Haarbreit abwendig machen könne, der ihn dafür wie einen Vater ehrte. 1Mocenigo raͤth ſeiner Signoria nur, ihm zuccari confetti, speciarie zu ſchicken. E prudentissimo, destro, piacevole, affabile molto

Die Methode der Verhandlung zwiſchen Carl und ſei - nen Miniſtern war, daß bei jedem zu faſſenden Entſchluß alles was darüber geſagt werden konnte, unter den Rubri - ken Für und Wider zuſammengeſtellt, und die Puncte auf deren Entſcheidung es ankam, in Form der Frage dem Kai - ſer vorgelegt wurden. Unzerſtreut durch irgend eine fremde106Neuntes Buch. Drittes Capitel.Gegenwart, mit ſich allein, in der Ruhe des Cabinets, er - wog der Herr denn mit dieſem und keinem andern Na - men wird er in ſeinem Hauſe bezeichnet die aufgeſtell - ten Fragen, und entſchied ſie mit Ja oder Nein, Worte die er an den Rand des Blattes ſchrieb, zuweilen mit ein paar näheren Beſtimmungen. Alle Morgen trug der Kammer - diener Adrian, eine wichtige Perſon an dieſem Hofe, da er die Stimmung des Augenblickes kannte, man ſagt, es ſey ihm zu Statten gekommen daß er weder leſen noch ſchreiben konnte die Papiere hin und her. 1Dieſer Adriano della camera ſpielt in den Berichten der Geſandten, z. B. der florentiniſchen, immer eine Rolle.Conferen - zen folgten, doch waren ſie nicht ſo häufig, wie man glau - ben ſollte: in ſchriftlichem Verfahren wurden die Beſchlüſſe eingeleitet und gereift.

Überhaupt gieng es am Hofe des Kaiſers ſehr ſtill her. Er verſchmähte ſinnliche Genüſſe nicht, wie er denn zu viel und zu gut :2Cose da generar humori, wie Badoero ſagt. Er klagte einſt gegen Monfalcourt, daß die Speiſen unſchmackhaft bereitet wuͤr - den; dieſer drohte ihm: di far fare una nuova vivanda di polaggi et horologi. Badoero wiederholt freilich nur den Ruf des Hofes, aber er ſagt unumwunden: è stato nei piaceri venerei di non tem - perata volontà. von andern Unordnungen möchte er, wenigſtens während ſeines Witwerſtandes, nicht frei zu ſprechen ſeyn; dagegen war an lärmende Vergnügungen, Feſtlichkeiten, äußere Pracht bei ihm nicht zu denken: zu - mal da die Krankheit ſein gewöhnlicher Zuſtand und Ge - ſundheit die Ausnahme war. Schon im Februar 1549 wird er uns geſchildert, wie er mit gebücktem Rücken, todtenbleich, mit farbloſer Lippe, in ſeinem Zimmer am107Stellung und Politik Carls V. Stabe hin und her ſchleicht; allein er lacht wohl ſelbſt über ſeinen Aufzug, weil er ſich ſo ſchwach nicht fühle wie er ausſehen möge, und bald erfüllt ſich das matte Auge doch wieder mit Glanz und Leben. Nicht übel bezeichnet ihn ſeine Liebhaberei für künſtliche Uhrwerke, wo eine einmal angeregte Kraft alles in regelmäßige Bewegung ſetzt. Unter den wiſ - ſenſchaftlichen Dingen gewannen ihm die aſtronomiſchen Stu - dien, frei von allen aſtrologiſchen Träumen, die größte Theil - nahme ab: dem Wandel der Planeten, dem Ringgang der Geſtirne galt ſeine Aufmerkſamkeit und Bewunderung: gern unterrichtete er ſich an dem Himmelsglobus. Bis dann die Zeit kam, wo der Gedanke, mit dem er die Welt zu lenken hoffte, in ihm wieder zu voller Kraft gelangte. Ich weiß nicht, ob er denſelben in Worten hätte ausdrücken können, ob er nicht davon mehr erfüllt war wie von einem Gefühl, in welchem ſich alle ſeine kirchlichen, politiſchen und dyna - ſtiſchen Beſtrebungen zuſammenfaßten; es war ein Gedanke, der mit der Macht des Unbewußten in der Tiefe ſeiner Seele ruhte und doch in jedem Falle mit voller Klarheit und An - wendbarkeit ergriffen, unaufhörlich, mit allen Mitteln des Krieges und der Politik verfolgt ward.

Wir haben den Kaiſer oft auf ſeinen Kriegszügen be - gleitet; auch in den Zeiten ſeiner Krankheit probirt er ſich dann und wann den Harniſch an denn wiewohl natür - licher Weiſe eher zaghaft, ſo daß er wohl in ſeinem Zim - mer vor dem leiſeſten Geräuſch erſchrecken konnte, liebte er doch das Handwerk der Waffen: er hegte ein ritter - liches Gefühl für dieſen Beruf und wußte ſich Anſehen bei den Kriegsleuten zu erwerben. Dazu jedoch waren die108Neuntes Buch. Drittes Capitel.Dinge nicht angethan, weder die eignen Kräfte ſtark, noch die fremden ſchwach genug, daß er in offenem Angriff hätte zu ſeinem Ziele kommen können: ſein Verfahren und ſein Talent war, aus den entgegengeſetzten Elementen ſich Sym - pathien zu erwecken und ſie zu Hülfe zu rufen. Es iſt ihm hiebei das Unglaubliche gelungen.

Die Granden von Caſtilien haben ihm die Communen unterworfen; der Gehorſam der Communen hat ihm dann gedient, die Granden, die ihm entbehrlich geworden, von ſei - ner Staatsverwaltung zu entfernen.

Ihm haben die Deutſchen, nicht ohne den Antrieb eines proteſtantiſch-antipäpſtlichen Eifers, Rom erobert und den Papſt gefangen gehalten. Dafür iſt ihm ein ſpäterer Papſt mit Heereskraft ebenfalls aus Religionseifer über die Alpen zu Hülfe gekommen um die Proteſtanten zu unterwerfen.

Nicht ſelten hat er mit Frankreich über einen Angriff gegen England unterhandelt, dann hat der König von Eng - land doch ſich mit ihm gegen Frankreich verbündet.

Die Proteſtanten, die es oft erfahren, daß in der euro - päiſchen Oppoſition gegen das Haus Öſtreich das Ver - hältniß lag das ihnen Raum in der Welt gemacht, hat er doch bewogen, mit ihm wider das Haupt dieſer Oppoſition zu Felde zu ziehen. Dafür ſah denn der König von Frank - reich wieder zu, als ſie mit Krieg überzogen wurden.

Was wäre wohl aus Carl V geworden, wenn die deut - ſchen Fürſten ſich jemals vereinigt hätten, den Begriff, die Rechte des Reiches als einer Geſammtheit gegen ihn zu be - haupten? Es ſind öfter Verſuche dazu vorgekommen, aber immer noch zur rechten Zeit geſprengt worden. Die Un -109Stellung und Politik Carls V. einigkeit der Stände verſchaffte ihm vielmehr eine täglich grö - ßere Einwirkung.

Und ſelbſt hiemit hätte er noch nichts ausgerichtet, hät - ten ſich nur wenigſtens die Neugläubigen zur Vertheidigung vereinigt. Wie weit aber war er ihnen an Weltüberſicht und Klugheit überlegen! er wußte zu bewirken daß ſie einer wider den andern die Waffen ergriffen.

Es liegt wohl am Tage, daß eine Politik die immer offen hervorgetreten wäre, von der man gewußt hätte was ſich von ihr erwarten ließ, niemals dahin gelangt ſeyn würde. Wer aber wäre im Stande geweſen dieſe Politik zu durchſchauen? Die entſcheidenden Handlungen auf denen ihre Erfolge beruhen, ſind immer von Zweifel umgeben, in Dunkel gehüllt.

Kein größeres Glück für den Kaiſer, als daß die Deut - ſchen ſich der Stadt Rom bemächtigten: er legte Trauer darüber an. Wer kann ſagen, ob es irgend eine Bedin - gung gab, unter der er Mailand an einen franzöſiſchen Prin - zen wirklich abgetreten hätte? doch hat er ein Jahrzehent darüber unterhandelt.

Welches war ſeine wahre Meinung, die welche Held in Schmalkalden ausſprach, mochte dieſer gleich ſeiner dama - ligen Inſtruction entgegenhandeln, oder die welche Lunden darſtellte?

Wir haben die Zweideutigkeiten erörtert, in denen Carl V ſich bei der Gefangennehmung des Landgrafen nicht ohne ein Bewußtſeyn davon bewegte. Es wird ſchwerlich an Tag kom - men, ob er zu der Ermordung Pier Luigis ſeine Einſtimmung gegeben hat oder nicht.

Ich will nicht behaupten, daß er jemals etwas ver -110Neuntes Buch. Drittes Capitel.ſprochen in der beſtimmten Abſicht es nicht zu halten: aber zuweilen ſieht es doch beinahe ſo aus.

Nicht unglaubwürdig wird erzählt, er habe in demſel - ben Augenblick als er im J. 1544 den Proteſtanten jene ſpeieriſchen Conceſſionen gewährte, den Katholiken entgegen - geſetzte Verſicherungen thun laſſen: ihre Nachgiebigkeit wäre ohne dieß wirklich ſchwer zu erklären. Kaum hatte er den Frieden mit Chriſtian III geſchloſſen, der demſelben Däne - mark und Norwegen ſicherte, ſo gab er doch dem Pfalzgra - fen, der ſich darüber beklagte, die Erklärung, er wünſche daß dieſe Reiche vielmehr ihm, dem Pfalzgrafen, gehören möch - ten, und werde zu ſeiner Zeit alles dafür thun. 1Instruction de Granvelle à Champagny. P. d’ét. III, 94.

Wenn wir dabei nicht annehmen ſollen daß er das gegebene Wort zu brechen entſchloſſen geweſen ſey, ſo giebt es dafür keinen andern Grund, als daß auch die entgegen - geſetzte Verſicherung ſo gewiß nicht war.

Die Verſprechungen werden, wie ſich Granvella einmal ausdrückt, nach Zeit und Umſtänden gegeben.

Denn vor allem iſt immer ein nächſter Zweck zu errei - chen, eine unmittelbar vorhandene Schwierigkeit wegzuräu - men. Die Kräfte die ſich entgegenſetzen könnten, müſſen davon zurückgehalten werden: durch jede Conceſſion die man ihnen machen kann ohne mit ſich ſelbſt in offenen Wider - ſpruch zu gerathen, durch jede Zuſage die dem Syſtem nicht ſchnurſtracks entgegenläuft.

Das hindert aber nicht, daß man nicht insgeheim ſich ein weiteres Ziel, und wäre es ſelbſt der Feindſeligkeit gegen den jetzt Begünſtigten, vorbehalte.

111Stellung und Politik Carls V.

Von der Königin Maria, welche das Geheimniß der kaiſerlichen Politik am meiſten theilte, haben wir ein Schreiben aus der Zeit, in der, mitten in großen Gefahren, eine An - näherung an die Proteſtanten durchaus nöthig geworden, in welchem ſie dem Kaiſer den dringenden Rath giebt darauf einzugehn; aber bemerken wir wohl: ſie fügt hinzu: es werde wohl Zeit und Gelegenheit kommen anders mit ihnen zu verfahren. 1Sie raͤth ihm user du tems, jusques aurez moyen et op - portunité d’en faire autrement. (Schr. o. D. im Br. A.)

Der Kaiſer trat ihnen nun, wie wir wiſſen, ſehr nahe, aber die Folge zeigte daß er dabei den Vorbehalt künftiger Feindſeligkeit keinen Augenblick aufgegeben hat.

Man könnte nur fragen, ob er da nicht auf der einen Seite ſo weit gegangen iſt, daß doch ſein Vorbehalt nicht wohl damit beſtehn konnte. Wenigſtens den Mitgliedern des ſchmalkaldiſchen Bundes blieb keine Ahnung von der noch fortdauernden Möglichkeit eines feindſeligen Verfahrens übrig.

Auch in den ſpätern Jahren tauchte ein ähnlicher Wider - ſpruch auf. Carl hatte mehrere Stände in ihrer habenden chriſtlichen Religion beſtätigt, aber dabei doch ihre Unter - werfung unter das Concilium ausbedungen. Er berief ſich auf ihre, ſie beriefen ſich auf ſeine Zuſage.

Und wie es nun bei dieſer Bewandtniß der Dinge mit ſeiner eignen Überzeugung ſtand?

Die Meinungen Carls V mögen ſich in mehreren noch unentſchiedenen Puncten auf den Grenzgebieten beider Lehren bewegt haben: in der Hauptſache aber kann ich nicht fin - den, daß er von evangeliſchen Anſichten irgend wie ergriffen112Neuntes Buch. Drittes Capitel.geweſen ſey: er war und blieb katholiſch: an dem Geheim - niß der Euchariſtie im katholiſchen Sinne und den Dien - ſten die ſich daran knüpfen hat er wohl nie einen Augen - blick gezweifelt.

Hat er den Proteſtanten Conceſſionen gemacht, ſo iſt er dazu von dem Papſt ermächtigt geweſen.

Der Beichtvater ſpielte ſchon bei ihm eine Rolle. Der jüngere Granvella beklagt ſich wohl, daß wenn er zu Ende gekommen zu ſeyn glaube, die Hydra der Gewiſſensſcrupel immer neue Köpfe hervorbringe. 1Negotiato di D. Franc. di Toledo per l’acquisto di Piom - bino: Bibliot. Maglibecchiana zu Florenz. Granvella ſagt: resur - gevano come i capi della hydra le riprensioni et advertimenti della conscienza.

Das vornehmſte Ziel das der Kaiſer verfolgte, war zwar politiſcher, aber doch auch dem Weſen nach religiöſer und zwar katholiſcher Natur.

Und höchſt gerechtfertigt gieng er dabei zu Werke. Er begründete ſein Verfahren allezeit auf die Ideen von Reich und Kirche.

Alles was er in Deutſchland unternahm, ward immer mit den Pflichten gegen die allgemeine Kirche, ſeinem Eide dieſelbe aufrecht zu erhalten, der Rückſicht auf die übrigen Nationen vertheidigt. In jeder Forderung an den Papſt dagegen traten die Rechte und Beſchlüſſe des Reiches, die Nothwendigkeit die Entzweiungen der Reichsglieder beizule - gen, als Beſtimmungsgründe hervor.

Die alten Formen die er noch einmal zu beleben ſuchte, gaben ihm eben die Ausſicht durch ſie zu herrſchen. Je grö -113Stellung und Politik Carls V. ßern Einfluß er auf den Reichstag gewonnen, deſto ſtrenger forderte er die Beobachtung der Beſchlüſſe deſſelben; von kei - nem Heimbringen, von keiner Selbſtbeſtimmung einer Land - ſchaft wollte er mehr hören. Eben ſo aber dachte er mit dem Concilium zu verfahren. Er wollte den Antheil an der Leitung deſſelben haben der ihm als Kaiſer gebühre, dann ſollte Jedermann ſeinen Satzungen gehorchen, namentlich auch der Papſt ſelbſt.

Dahin hat es der burgundiſche Prinz doch gebracht, daß die Wiederbelebung dieſer großen Ideen, an denen ſich das Mittela[lt]er entwickelt hat, an ſein Daſeyn, ſeine Macht geknüpft iſt. Die Doppelſeitigkeit ſeines Beſtrebens ſpie - gelt ſich in den entgegengeſetzten Eigenſchaften die ſich in ſeinem Character vereinigen. Carl V iſt zweideutig, durch und durch berechnet, habgierig, unverſöhnlich, ſchonungslos, und dabei hat er doch eine erhabene Ruhe, ein ſtolzes die Dinge gehn laſſen, Schwung der Gedanken und Seelen - ſtärke. Seine Ideen haben etwas Glänzendes, hiſtoriſch Großartiges. Das Kaiſerthum wie er es faßt, enthält die Fülle geiſtlicher und weltlicher Gewalt, und er nähert ſich der Möglichkeit es herzuſtellen. Ob es ihm damit gelingen wird, iſt die große Lebensfrage für Europa und die Welt.

Verhandlungen mit Rom.

In den Jahren 1549, 50 war Carl V hauptſächlich in den conciliaren Erörterungen mit dem Papſt begriffen.

Am römiſchen Hofe ſuchte man jede Nachgiebigkeit in geiſtlichen Angelegenheiten, wenn man ſich ja zu einer ſolchenRanke D. Geſch. V. 8114Neuntes Buch. Drittes Capitel.herbeilaſſen wollte, mit der Sache von Piacenza in Verbindung zu ſetzen. Der Kaiſer antwortete ſehr trocken: er wolle die öffentlichen Dinge nicht mit Privatangelegenheiten vermengen. Seine Geſandten berichteten wohl, wenn er Piacenza zurück - gebe, oder nur einen Erſatz dafür anbiete, werde er in den übrigen Streitfragen alles was er wolle erreichen: er blieb dabei, daß dieſe Sache für ſich behandelt werden müſſe. Vor aller weitern Verhandlung drang er auf rechtliche Un - terſuchung, wem die Stadt gehöre, dem Reiche oder der Kirche: er ſey ſehr bereit, wenn das Urtel zu Gunſten der Kirche ausfalle, Piacenza zurückzugeben; er wiſſe jedoch wohl, daß es zum Reiche gehöre, ſo gut wie Parma. Indem man hoffte, er werde Piacenza herausgeben, erhob er An - ſpruch auch auf Parma.

Er lebte der Meinung, Paul III werde am erſten durch Drohungen beſtimmt, und faſt ſchien es als hätte er Recht.

Sollte zunächſt wenigſtens eine vorläufige Ordnung in Deutſchland eingeführt werden, ſo mußte der Papſt die deut - ſchen Biſchöfe ermächtigen die den Proteſtanten durch das Interim gemachten Zugeſtändniſſe anzuerkennen.

Eine Zeitlang zögerte er damit, wie das bei dem Wi - derwillen den man in Rom gegen das Interim hegte nicht anders ſeyn konnte: dann kam er mit ungenügenden Facultä - ten hervor, endlich ließ er ſich auch genügendere abgewinnen.

Am 18ten Auguſt 1549 erſchien Cardinal Otto Truch - ſeß, Biſchof von Augsburg, der wenn irgend ein andrer als ein rechtgläubiger Anhänger der römiſchen Curie betrachtet werden muß, in alle ſeinem Pomp, unter Vortragung des Kreuzes, ſilbernen Scepters und ſeines Cardinalhutes, in der115Verhandlungen mit Rom 1549.Domkirche zu Augsburg. Er beſtieg eine Kanzel die eigens für ihn aufgerichtet und mit rothem Sammet überzogen war, um zu erklären, daß in dem Interim nichts Schädliches noch Beſchwerliches enthalten ſey. 1Aus einem Schreiben des Card. Otto, Dillingen 3 Auguſt 1549 (Winter II, p. 151), ergiebt ſich, daß ſeine Indulte nicht allein den Genuß beider Geſtalt, ſondern auch die Prieſterehe umfaßten. Welche Schwierigkeiten dieß gemacht, indem dadurch der Unterſchied zwiſchen Prieſtern und Laien aufgehoben zu werden geſchienen, ſehen wir aus dem judicium variorum pracsulum, Rainaldus 1548, nr 66 72. Ich bemerke daß ſich trotz aller Gelehrſamkeit dieſe Herrn doch auf die untergeſchobenen Canones apostolici beziehen (nr. 68).

Die Indulte welche der Papſt gewährt, giengen man - chem Eiferer faſt ſchon zu weit, und der Kaiſer mußte durch eine beſondere Declaration ihre Anwendung auf die Länder und Städte beſchränken, in welchen die neue Lehre Platz ge - griffen. Für dieſe aber waren ſie nicht allein erwünſcht, ſondern unentbehrlich. Die Anerkennung der Hierarchie auch in den proteſtantiſchen Ländern war nur unter dieſer Bedin - gung denkbar.

Und auch in Hinſicht des Conciliums gab der Papſt dem Haſſe des Kaiſers gegen die Verſammlung zu Bologna ſo weit nach, daß er ſie im September 1549 auflöſte. Ihm ſelbſt fiel ſie bereits zur Laſt, da ſie unter den Umſtänden der Zeit doch nichts ausrichten konnte.

Höchlich erfreut war der Kaiſer, als der Papſt hierauf die Abſicht kund gab, in einer andern Verſammlung, zu Rom, die Reformation ernſtlich vor die Hand zu nehmen. Er machte nur noch die Bedingung, daß kein Beſchluß der - ſelben den Anordnungen ſeines Interims oder der von ihm8*116Neuntes Buch. Drittes Capitel.den geiſtlichen Ständen vorgeſchriebenen Reformation wider - ſprechen dürfe.

Ehe es aber ſo weit kam, ſtarb Paul III; und eine Wahl trat ein, welche dem Kaiſer ſogar die Möglichkeit eröffnete, ſeine geiſtlichen Abſichten noch in aller Form zu erreichen.

Die kaiſerliche Partei war es unter Vermittelung des Herzogs von Florenz durch welche der neue Papſt Julius III auf den römiſchen Stuhl gelangte.

In ſeinem erſten Schreiben erkannte Julius dieß an: nächſt Gott keinem Andern als dem Kaiſer ſchrieb er ſeine Erhebung zu; durch ſeinen erſten Geſandten verſprach er, den Kaiſer in allen allgemeinen Angelegenheiten der Chri - ſtenheit zufrieden zu ſtellen, namentlich in der Sache des Con - ciliums; es war wirklich einer ſeiner erſten Beſchlüſſe (wie denn Jedermann einſah, daß dieß unumgänglich ſey, und die Conciliarcongregation ſelbſt dafür ſtimmte), daß das Con - cilium in Trient wieder eröffnet werden ſolle. 1Es lautet nicht ſehr wahrſcheinlich, wenn Verantius wiſſen will, Julius III habe dem Kaiſer erklaͤrt, uͤber den Ort des Concils wolle er nicht ſtreiten, etiamsi illud imperator in Belgio Bruxellae haberi velit. Viennae 29 Aprilis 1550, bei Katona 21, 1041. Aber der cleviſche Abgeordnete Maſius verſichert: Julius ſage ausdruͤcklich er woͤlle das das Concilium einen Fuͤrgangk (habe) es ſey zu Trient oder wo es kaiſerlicher Maj. gelegen. Nichts Beſ - ſeres hatte bisher der Kaiſer gewünſcht: in einem ſeiner Briefe an ſeinen Geſandten in Rom findet ſich der Ausdruck: er be - dürfe keiner Verſicherung daß der Papſt gute Abſichten hege, er nehme ſie aus ſeinen Handlungen ab.

Es war ſchon eine glänzende Rechtfertigung ſeines bis - herigen Verhaltens, daß derjenige Mann der ſo lange den Vorſitz im Concilium geführt und dabei, als Abgeordneter117Reichstag zu Augsburg 1550.Pauls III, ſich ihm entgegengeſetzt, jetzt nachdem er ſelber auf den römiſchen Stuhl gelangt war, dieſen Widerſtand auf - gab und die Wiedereröffnung des Concils zu Trient bewil - ligte, gleich als erfülle er damit nur eine Pflicht. Aber über - dieß gewährte es ihm für alle ſeine Pläne eine weite Aus - ſicht, daß er endlich doch einen Papſt gefunden der ihm gün - ſtig war und ſich ſeiner Politik anſchloß.

Zuerſt war nun die Erneuerung des Concils wirklich zu Stande zu bringen.

Am 26ſten Juli eröffnete Carl V einen Reichstag, der ſich abermals in Augsburg verſammelt hatte, mit einer Pro - poſition, in welcher er die mancherlei noch unvollzogenen Beſchlüſſe des vorigen Abſchieds, auch in Beziehung auf ſein Interim, das er trotz der veränderten Umſtände mit nichten fallen laſſen wollte, in Erinnerung brachte, hauptſächlich aber den Ständen verkündigte, was bisher bei dem römiſchen Stuhle nicht zu erhalten geweſen, das ſey von dem nun - mehrigen Papſte bewilligt worden, die Continuation des Con - ciliums zu Trient.

Nach allem was im Jahre 1547 vorgegangen, konnte kein Zweifel ſeyn, daß die Reichsſtände ſich zur Beſchickung deſſelben bereit erklären würden. Die einzige Frage war, wie es dabei mit der Theilnahme der Proteſtanten gehalten werden ſollte.

Wenn Churfürſt Joachim II nochmals ausſprach, daß ein nationales Concilium dem allgemeinen voraufgehn ſolle, um daſſelbe vorzubereiten, ſo war das vielleicht an ſich zu wünſchen, aber bei der Stimmung des Kaiſers und der ka - tholiſchen Stände nimmermehr zu erreichen. 1Inſtruction fuͤr die Reichstagsgeſandten im Arch. zu Berlin.Dieſe hatten118Neuntes Buch. Drittes Capitel.die ganze Entſcheidung dem Concilium vorbehalten, und es war ſchon zweifelhaft, ob ſie die viel näher liegende For - derung der Proteſtanten daß die an dem Concil bereits ab - gehandelten Artikel aufs neue erörtert, oder wie dieſe ſich ausdrückten, reaſſumirt werden ſollten, genehmigen würden.

Mit ausdrücklichen Worten haben ſie dieß in der That nicht gethan, aber ſie haben es auch nicht verweigert. In einem Reichsgutachten vom 8ten October heißt es: die Bitte einiger Churfürſten und Fürſten gehe dahin, ihre Abgeord - neten über die Puncte zu hören welche bereits decidirt ſeyn möchten; leicht würde ſonſt der Ausdruck Continuation des Conciliums ein Mißverſtändniß veranlaſſen. Auch dem Kai - ſer ſchien es rathſam ſich in dieſer Unbeſtimmtheit zu hal - ten. 1Die Acten des Reichstags in den Archiven zu Frankfurt, Dresden und Berlin.Indem er Diejenigen, welche Änderungen gemacht, aufforderte ſich an das Concilium zu verfügen und ihnen hiefür ſicheres Geleit zuſagte, wiederholte er die Zuſicherun - gen die er ſchon am vorigen Reichstag gegeben, und die allerdings einige Worte aus dem Gutachten der proteſtan - tiſchen Churfürſten enthielten, jene Forderung aber weder ab - ſchnitten noch auch gewährten. Er zog es vor, ſo gut dieſe wie andre Feſtſetzungen der künftigen Unterhandlung vor - zubehalten. Auch dem päpſtlichen Nuntius, der auf die Her - ſtellung der geiſtlichen Güter gedrungen, ertheilte er nur eine ausweichende Antwort: er wollte in dieſen Dingen ſich im Voraus zu nichts verpflichten. Nur das Eine Verſprechen gab er, die Beſchlüſſe welche das Concilium faſſen würde zu vollziehen, Deutſchland nicht zu verlaſſen, ehe ein ernſt -119Succeſſionsentwurf.licher Anfang dieſer Vollziehung gemacht worden. 1Antwort auf die Inſtruction des Papſtes vom 10ten Juni. Der Kaiſer ſpricht die Beſorgniß aus, daß nichts geſchehen werde, wenn er vorher den Ruͤcken wende.Seine Autorität mit der des Conciliums zu verbinden, war längſt ſein Gedanke, der nun zur Ausführung reifte.

Damit ſchien ihm aber die Zeit eingetreten, wo er ſich noch mit einer andern Abſicht hervorwagen könne, die er längſt gefaßt, und die nicht minder weitausſehend war.

Succeſſionsentwurf.

Der Kaiſer hegte den Plan, ſeinem Sohn Philipp, Prin - zen von Spanien, nachmals König Philipp dem zweiten, die Nachfolge im Kaiſerthum zuzuwenden.

Schon 1548 hatte er daran gedacht, er hatte nur ge - fürchtet, da ſo vieles andre im Werke und noch zweifelhaft war, die Eiferſucht die das Haus Öſtreich ohnehin erweckte allzuſtark zu machen. 2Darauf beziehen ſich die Aͤußerungen Koͤnig Ferdinands in ſeinem Schreiben vom 15 Juli bei Bucholtz IX, 732.

Wie andre Geſchäfte mußte auch dieſes erſt unterbaut, mit Umſicht vorbereitet werden. Vor allem mußte Philipp ſelbſt gegenwärtig und den deutſchen Fürſten bekannt ge - worden ſeyn.

Es hatte einige Schwierigkeiten ihn aus Spanien her - überkommen zu laſſen, da man dort ſchon über die Abwe - ſenheit des Kaiſers mißvergnügt war, und die Cortes von Valladolid erklärten ſich dagegen. Der Kaiſer befriedigte ſie dadurch, daß er ſeinen Neffen Maximilian, dem er ſo eben120Neuntes Buch. Drittes Capitel.ſeine Tochter Maria vermählte, denn einen Prinzen von Geblüt ſahen ſie nun einmal gern an ihrer Spitze mit der einſtweiligen Verwaltung der ſpaniſchen Regierung beauftragte.

Der Vorwand, wohl auch ein Grund, nur nicht der wichtigſte oder einzige, wofür er hier gelten mußte, war der, daß Philipp in den Niederlanden eingeführt werden und die Huldigung daſelbſt empfangen ſollte. Die vornehmſte Ab - ſicht aber galt unverkennbar dem Reich und den Deutſchen.

Der Prinz gab ſich auch in kleinen Dingen eine faſt zu ſichtbare Mühe ſich den Deutſchen anzunähern. Nur auf deutſchem Roß wollte er reiten, als er in Trient ankam, auf deutſche Weiſe tanzen, deutſchen Gelagen beiwohnen: es fiel um ſo mehr auf, da er das alles nicht eben auf das geſchickteſte vollzog.

Ohne Zweifel um Vieles beſſer erwogen war es, wenn man die Ankunft des Prinzen mit Gnadenbeweiſen in po - pulärem Sinn bezeichnete: die armen Ulmer Prädicanten hat - ten ſo lang in ihrem Gewahrſam ſchmachten müſſen, bis der Prinz erſchien um ſie zu befreien.

In gewiſſen Kreiſen hielt man die Nachfolge des Prin - zen im erſten Augenblick für eine ausgemachte Sache.

Die Herzogin von Baiern hatte dem Ankommenden et - was mehr Ehre erwieſen, als den Hofräthen angemeſſen ſchien: und dafür ſagte ihr denn der Biſchof von Trient einige belobende Worte. Ehrwürdiger Herr, erwiederte ſie, ich thue nur meine Pflicht gegen S. Hoheit, der einſt - mals unſer Herr ſeyn wird.

Churfürſt Moritz hatte den Prinzen perſönlich in Trient eingeholt und war mit demſelben, wenn wir den Briefen des121Succeſſionsentwurf.Carlowitz trauen dürfen, in das vertraulichſte Verhältniß ge - treten. Man wollte wiſſen, um ſeine Stimme angegangen habe er geſagt, er ſey dem Sohne ſo ergeben wie dem Vater.

Ganz ernſtlich nahmen die jungen Landgrafen von Heſ - ſen die Sache. Das wahre Mittel ihren gefangenen Vater zu erledigen, ſahen ſie in der Unterſtützung welche die bei - den Churfürſten die einſt für ihn gutgeſagt, Sachſen und Brandenburg, bei dieſem Vorhaben dem Kaiſer würden zu Theil werden laſſen, und trugen kein Bedenken ſie darum zu erſuchen. 1Wilhelm und Ludewig LL. zu Heſſen an unſre gnedigſte Herrn die Churfuͤrſten zu Sachſen und Brandenburg, Ziegenhain 19 Maji 1549. Bitten demnach ganz freundlich, E. L. wollen ſich nichts verhindern laſſen, nochmals an ſeumen an keyſ. hove ſich zu verfu - gen, den Printzen von Hiſpanien unſern herrn und freundt an der hant zu behaltten, den biſchoff von Arras, als an dem wir horen vil gelegen zu ſein, willig zu machen, und ſich gegen Keyſr Mt Printz Philippſen uf den Fall zu einem Romiſchen konige zu erwelen und keyſr Mt einen ſtattlichen Reiterdienſt zu thun erbieten, wie E. L. das hiebevor zu vielmalen durch uns geſchrieben und eroffnet. So glau - ben wir gewißlich es werde was wirken.

Wie es wohl zu gehn pflegt, Derjenige erfuhr am ſpä - teſten von der Sache, den ſie am meiſten angieng, König Ferdinand.

Endlich aber drang doch das Gerücht, und zwar in der härteſten Form, als ſey es die Meinung des Kaiſers ihm die Würde und das Amt eines römiſchen Königs zu entreißen und dieſelben auf Philipp zu übertragen, bis zu ihm vor, und er hielt für gut, nicht zwar geradezu ſeinen Bru - der, aber ſeine Schweſter Maria, die um die geheimſten Anſchläge und Verhandlungen zu wiſſen pflegte, darüber zu fragen. Er that dieß jedoch nicht ohne hinzuzufügen,122Neuntes Buch. Drittes Capitel.er halte für ſo gewiß wie das Evangelium, daß ſein guter Bruder, welcher ihm immer ein Vater geweſen, nicht an eine Sache denke die ihm ſo wenig zum Vortheil und zur Ehre gereiche.

Darüber nun wie er das Vorhaben auffaßte, konnte die Königin ihn beruhigen. Obwohl ſie ſich für nicht hinreichend unterrichtet erklärte, ließ ſie doch ſo viel erkennen, daß nur von einer Verſicherung des Reiches nach dem Tode beider Majeſtäten die Rede ſey. Bald aber trat ſie einen Schritt näher und gab deutlichere Auskunft.

Nach ihrer Auffaſſung gieng der Gedanke des Kaiſers nur dahin, das Verhältniß das zwiſchen den Vätern beſtand, auch auf die Söhne zu vererben. Ferdinands Sohn Ma - ximilian ſollte dereinſt wie Ferdinand römiſcher König, Phi - lipp wie ſein Vater Carl römiſcher Kaiſer werden. Bisher war wohl nichts verabredet, aber man hatte in der Vor - ausſetzung gelebt, daß nicht allein nach dem Abgange Carls ſein Bruder ihm in dem Kaiſerthum nachfolgen, ſondern daß der Anſpruch auf dieſe ohnehin keineswegs erbliche Würde den Söhnen deſſelben, der in Deutſchland angeſiedelten Li - nie, nicht einem in Spanien erzogenen Prinzen, zufallen ſollte. Auch der ermäßigte Plan war doch der ferdinandeiſchen Fa - milie unerwartet und in hohem Grade widerwärtig.

Maria ſtellte dem römiſchen König vor, Philipp werde nur ſelten im Reiche erſcheinen können; für ihn werde aus jener Würde nur die Pflicht hervorgehn, daſſelbe zu unter - ſtützen; aller Vortheil davon werde doch dem Hauſe Fer - dinands zufallen, zumal da ſich Philipp in dieſem Fall mit einer ſeiner Töchter zu vermählen bereit ſey. Sie erinnerte ihn an das Verdienſt, das ſich der ältere Bruder um ihn123Succeſſionsentwurf.erworben, indem er ihm die Würde eines römiſchen Königs verſchafft habe, ohne an den eignen Sohn zu denken. 1Schreiben der Koͤnigin 1 Mai 1550. Vous auriez satisfet a l’obligation de rendre a S. Mé le bien qu’il vous a fait de vous avoir preferé a son propre fils en ladite dignité, par etre cause de l’avoir rendu au sien en le preferant au votre, lequel nean - moins demoroit avec plus de commandement a l’empire que led. Sr Prince, voiant que peu il porroit etre audit empire.

Ferdinand antwortete: wie bisher, ſo wolle er auch fortan alles thun was zum Dienſt ſeines Bruders und des Prinzen gereiche: nur nicht in dieſem Puncte, der nicht dienlich ſey. 2hors cela, hors ledit article, qui n’est a propos. Bei Bucholtz IX, 732.

So ſtanden die Verhältniſſe, als die beiden Brüder am Reichstag zuſammentrafen. Sie ſahen einander in der Stadt und machten eine kleine Reiſe mit einander nach München: von dieſer Angelegenheit war zwiſchen ihnen nie die Rede. Auch die Räthe gedachten derſelben nicht mit einem Worte.

Will man den Grund davon wiſſen, ſo drückt ihn der jüngere Granvella unverholen aus. Er meint, wenn man die Sache einmal vornehme, müſſe man den König nicht Athem holen laſſen, bis er nachgegeben habe. Dazu ſollte die Königin Maria, auf die auch Ferdinand von jeher das größte Vertrauen geſetzt, von den Niederlanden herbeikom - men. Sie ſelbſt giebt einen Vorwand an, unter dem ſie erſcheinen könne.

Aber auch Ferdinand, der wohl ahnen mochte was man ihm nicht ſagte, ſuchte ſich Hülfe. Er ſprach den Wunſch aus, daß ſein Sohn Maximilian aus Spanien zurückkeh - ren möchte.

124Neuntes Buch. Drittes Capitel.

Ich finde, der kaiſerliche Hof erſchrak hierüber; der Kai - ſer und der Prinz giengen mit den beiden Granvellas förm - lich zu Rathe. Der Hunger , meinten ſie, treibe den Wolf aus dem Holz. Sie beſchloſſen jedoch ihre Abſichten noch nicht zu entdecken; fortwährend vermied der Kaiſer mit ſei - nem Bruder in die Region dieſer Pläne zu kommen; der jüngere Granvella ward ſogar beauftragt demſelben ſeine Be - ſorgniſſe auszureden. 1Schreiben Granvellas 25 Auguſt, im Anhang. Bei der Sammlung der Pap. d’ét. haͤtte man ſich nicht ſo ausſchließend an die Beſançonſchen Papiere halten, ſondern Wien und beſonders Bruͤſ - ſel conſultiren ſollen.

Erſt als Maria angekommen, im September, geſchah die Eröffnung.

Der König erklärte jedoch, er könne ohne die Anweſen - heit ſeines Sohnes, den die Sache am meiſten angehe, ſich in nichts einlaſſen. Schon waren alle Vorbereitungen zur Rückkehr deſſelben getroffen. Als Maximilian angelangt, kam auch Maria aus den Niederlanden wieder, und nun erſt, im December 1550, begannen ernſtliche Unterhandlungen.

Da ſie mündlich gepflogen wurden, ſo ſind wir über ihren Gang nicht authentiſch unterrichtet.

Der päpſtliche Nuntius, der die Verhandlung mit ge - ſpannter Aufmerkſamkeit verfolgte, behauptet, bei den erſten Eröffnungen ſey von einer Erledigung der noch ſchwebenden Würtenberger Irrungen zu Gunſten des Königs die Rede geweſen; eine Geldhülfe von ein paar Millionen ſey ihm zur Fortſetzung des türkiſchen Krieges angetragen worden.

Später wollte man wiſſen, die Königin ſey unwillig über die Räthe Ferdinands, ja über ihren Bruder ſelber, der125Succeſſionsentwurf.ihr wenigtr Zutrauen ſchenke als dieſen Räthen: man wollte bemerken, daß ſie einſt ganz entrüſtet von ihm gegangen, und auch er ſie gegen ſeine Gewohnheit nicht begleitet habe. 1Lettere dell’arcivescovo Sipontino. Inff polit. Dispacci fiorentini.

In dem Publicum liefen ſehr abenteuerliche Erzählun - gen über die Entzweiung um, die in der Familie und unter den Räthen des Kaiſers und des Königs ausgebrochen ſey.

Im Februar 1551 faßte endlich der Nuntius einmal das Herz, den Kaiſer darüber zu befragen. Der antwortete, er ſey bei ſich ſelbſt noch nicht entſchieden, ob die Sache zum Heile der Chriſtenheit nothwendig ſeyn werde.

Wir ſehen nur: die Unterhandlungen waren in tiefes Geheimniß gehüllt: einige Schwankungen mochten eintreten: zuletzt aber führten ſie doch zum Ziele.

Am 9ten März ward ein Tractat zwiſchen König Fer - dinand und Prinz Philipp geſchloſſen,2Acte d’accord passé entre Ferdinand roi des Romains et le prince Philippe des Espaigns, le 9 mars 1551 st. d. R. Im Anhang. worin der erſte ſich anheiſchig machte, mit allen geeigneten Mitteln dahin zu wir - ken, daß die Churfürſten nach den glücklichen Tagen des Kaiſers und ſobald er, der König, zum Kaiſer gekrönt ſeyn werde, den Prinzen zum römiſchen König zu wählen verſpre - chen ſollten. Man wollte ſie erſuchen, dieſer Verſicherung die andre hinzuzufügen, nach dem Tode Ferdinands und der Krönung Philipps zum Kaiſer den jungen Maximilian zum römiſchen König zu erwählen. In dieſem Sinne ward eine Inſtruction entworfen, die den Churfürſten vorgelegt werden ſollte. Allein man konnte ſich nicht verbergen, daß es ſehr126Neuntes Buch. Drittes Capitel.ſchwer ſeyn werde, einen ſo weit in die Zukunft vorgreifen - den Antrag bei ihnen durchzuſetzen. Man ſah die Antwort voraus, daß eine Beſtimmung dieſer Art außerhalb ihrer Be - fugniſſe liege. Auf dieſen Fall beſchloß man, daß ein Ver - ſprechen Philipps, zu ſeiner Zeit die Erhebung Maximilians zum römiſchen König befördern und dieſem alsdann die Ad - miniſtration des Reiches auf dieſelbe Weiſe überlaſſen zu wol - len, wie ſie Ferdinand jetzt führe, genügen ſolle. Es wur - den noch mehrere Beſtimmungen getroffen, z. B. über die Unterſtützung die Philipp dem jetzigen römiſchen Könige bei ſeinem Krönungszug, ferner gegen jede Rebellion ſowohl im Reiche wie in den Erblanden zu leiſten habe, über die neue Verbindung der Familien durch die obgedachte Vermäh - lung Philipps; die merkwürdigſte, däucht mich, iſt die fol - gende. Sollte das Concil, heißt es in dem Tractat, was Gott verhüte, nicht bei Lebzeiten des Kaiſers zu Ende ge - bracht werden, oder ſollte es den erwünſchten Ausgang zur Abhülfe der Sachen des Glaubens und unſerer heiligen Re - ligion nicht haben, ſo verſpricht der Prinz, den König zu un - terſtützen einmal zum guten Erfolg des Concils, ſodann in deſſen Ermangelung in jeder andern Weiſe, um den An - gelegenheiten unſeres heiligen Glaubens und der Religion abzuhelfen. 1S’il advenait, que dieu ne veuille, que duvivant dud. Se Empereur le concile indiqué ne s’acheva ou qu’il n’eut la fin qu’on pretend e desire pour le remede de la ste foy et religion, en ce cas led. sieur prince a promis e promet d’assister pour le bon effet icelui Sr roi.

Ich darf wohl nicht verſchweigen, daß ich kein unterzeich - netes Exemplar dieſes Vertrages geſehen habe, ſondern nur127Succeſſionsentwurf.eine Abſchrift, in dem Brüſſeler Archiv: allenfalls könnte Jemand vermuthen, daß derſelbe nur vorgelegt und viel - leicht nicht vollzogen worden ſey. Er bliebe auch dann ſehr merkwürdig, weil er die Gedanken des Kaiſers, ſeines Hofes und ſeiner Räthe beſſer als irgend ein anderes Do - cument darlegt das bisher bekannt geworden iſt. Aber in der That finde ich doch nichts was einen ernſtlichen Zwei - fel an der Annahme dieſer Verabredungen begründen könnte. Wenigſtens iſt die im Vertrag erwähnte Inſtruction von dem römiſchen König zugleich mit dem Kaiſer den Churfür - ſten vorgelegt worden. Ferdinand bekennt darin, daß er nach dem Abgang ſeines Bruders die Hülfe ſeines Neffen, des Prinzen von Spanien, nicht werde entbehren können: um dieſen aber zu vermögen ſolche zu leiſten, ſey wohl das einzige geeignete Mittel, daß man ihm jetzt gleich verſichere, ihn zu ſeiner Zeit zum römiſchen König und künftigen Kai - ſer zu wählen. Über die Anſprüche ſeines Sohnes drückt er ſich ganz aus, wie in dem Vertrag feſtgeſetzt worden war. 1Inſtruction, ſchon durch Schmidt und Bucholtz ziemlich be - kannt. Die Urſchrift im 12ten Band der Bruͤſſeler Documente bie - tet doch noch einiges Eigene.Die Churfürſten erſtaunten daß er es that: ſie waren über - zeugt, er werde es nicht ernſtlich gemeint, nicht gern gethan haben: aber genug, er hat es gethan.

Nun ſind dieß aber nicht einfache Succeſſionspläne, ſondern ſie hängen mit allen politiſchen und kirchlichen Ab - ſichten des Kaiſers aufs genaueſte zuſammen. Dem Kaiſer entgieng nicht, wie hinderlich es ihm ſey, daß man ſeinen baldigen Tod erwartete und mit demſelben eine Auflöſung128Neuntes Buch. Drittes Capitel.aller derjenigen Verhältniſſe welche Deutſchland wieder in ſo nahe Beziehung zu dem ſüdlichen Europa gebracht, und dem Kaiſerthum eine ſo eigenthümliche Stellung und Kraft gegeben hatten. Für die Durchführung ſeiner Gedanken hatte es unendlichen Werth, wenn Jedermann vorausſah, daß auch in Zukunft der König von Spanien zugleich das Kaiſerthum beſitzen und es in dem nunmehr feſtgeſetzten Sinne verwalten werde. Dadurch würde zugleich, wie doch ein Jeder begehrt, das was er zu Stande gebracht, die Geſtalt die er der Welt zu geben gedachte, auf immer be - feſtigt worden ſeyn. Ausdrücklich, wie wir ſahen, verpflich - teten ſich ſein Bruder und ſein Sohn die Abſichten auszu - führen, welche er in Beziehung auf das Concilium und die Einheit des Glaubens hegte. Um ſo wichtiger iſt es, wie dieſe ſich jetzt weiter entwickelten.

Die Proteſtanten in Trient.

Außer den übrigen Beweggründen deren wir gedacht, trugen noch Bedrohungen mit einer Nationalkirchenverſamm - lung, dieß Mal von Seiten des franzöſiſchen Hofes, der über die Verbindung des Kaiſers mit dem Papſt ſehr un - ruhig wurde, dazu bei, um Julius III zu vermögen, die Ausführung ſeines einmal gegebenen Verſprechens auf keine Weiſe zu verzögern.

Ende April 1551 erlebten die kaiſerlichen Prälaten welche in Trient zurückgeblieben waren und ſich ſo ſtandhaft gewei - gert hatten den Legaten Pauls III nach Bologna zu fol - gen, den Triumph, daß die Legaten eines neuen Papſtes zu129Die Proteſtanten in Trient.ihnen nach Trient kamen, um das unterbrochene allgemeine Concil fortzuſetzen.

Eigentlich nun erſt erhielt es den Character der ihm ur - ſprünglich vom Kaiſer zugedacht worden: es ward jetzt Ernſt mit dem Gedanken, die in Deutſchland erhobenen religiöſen Streitfragen unter lebendiger Mitwirkung der Deutſchen auf einem allgemeinen Concil zur Entſcheidung zu bringen. 1Die erſte Eroͤffnung fand am 1 Mai Statt, allein zu der Verhandlung zu ſchreiten ſchob man bis zum 1 September auf, per aspettare i Tedeschi. Pallavicini XI, xiv, 4.

Am letzten Tage des Auguſt nahmen die Churfürſten von Mainz und von Trier in der allgemeinen Congregation perſönlich ihren Platz ein: die älteſten erzbiſchöflichen Sitze hatten ihnen den Rang gelaſſen. Nach einiger Zeit langte auch der Erzbiſchof von Cölln an; andre Prälaten folgten.

Die Hauptſache aber war, daß indeß auch proteſtanti - ſche Theologen und Procuratoren ſich fertig machten, am Concilium zu erſcheinen.

Da dieſe aber durch keine kirchliche Würde eine Be - deutung beſaßen, die perſönlich in ihnen geruht hätte, ſon - dern nur als Repräſentanten der evangeliſchen Gemeinſchaft etwas waren, ſo bereitete man ihre Sendung durch neue Bekenntnißſchriften vor.

Das geſchah wohl nicht darum, wie man geſagt hat, weil dem Kaiſer ſchon die Benennung der ſchmalkaldiſchen Artikel, die einſt zu ähnlichem Behuf aufgeſetzt worden, oder auch der augsburgiſchen Confeſſion ſo verhaßt gewe - ſen wäre, daß man ihm damit nicht hätte kommen wollen. Wir wiſſen recht gut, daß die Abfaſſung der frühern Confeſ -Ranke D. Geſch. V. 9130Neuntes Buch. Drittes Capitel.ſionen mit Rückſicht auf die obwaltenden Verhältniſſe un - ternommen worden war. So ſollte es auch dieß Mal ge - ſchehen. Zurückgezogen nach Deſſau, um von den Zerſtreuun - gen der Univerſitätsgeſchäfte ungeſtört zu bleiben, verfaßte Melanchthon die ſogenannte ſächſiſche Confeſſion, die er als eine Wiederholung der augsburgiſchen bezeichnet, wofür ſie auch anerkannt worden iſt, die aber doch ſehr auf den Stand der Streitfragen Bezug nimmt, wie er in dieſem Augenblicke war. 1Ein Schreiben Melanchthon an Kommerſtadt giebt eine ſolche Ruͤckſicht an. Corp. Ref. VII, 796.Die evangeliſchen Lehren von der Recht - fertigung und der Kirche in ſo fern wieder eine und die - ſelbe, als ſie beide auf einem Zurückgehn von dem Äußer - lichen und Zufälligen auf das Innerliche, Ächte, in der hei - ligen Urkunde Enthaltene beruhen mußten nochmals her - vorgehoben und erläutert werden, da man eben in dieſen Puncten zuletzt mit der katholiſchen Doctrin in eine Be - rührung gerathen war, welche neue Zweifel erweckt hatte. Auch die Lehre vom Abendmahl ward in dem Sinne der noch obwaltenden Concordie ausführlicher erörtert. Indeſſen ver - faßte Johann Brenz, der ſeitdem wunderbare Schickſale er - lebt hatte, Volksſagen ſymboliſiren die Gefahren die er be - ſtand und die Rettung die er erfuhr: eine Zeitlang hatte er als Vogt fungiren müſſen, und ſich noch immer verborgen hielt, damals im Kloſter Sundelfingen, im Auftrag des Her - zogs von Würtenberg eine ähnliche Bekenntnißſchrift, unter verwandten Geſichtspuncten. Es iſt ein müßiges Vergnü - gen der Gegner der Proteſtanten, über ihre mancherlei Con - feſſionen zu ſpotten. Die Bekenntniſſe enthielten die Lehre bis -131Die Proteſtanten in Trient.her niemals in einer Formel, welche als unfehlbar und allein - gültig betrachtet worden wäre: man konnte ſie bei veränder - ten Umſtänden auch mit andern Worten als den einmal feſt - geſetzten ſchriftgemäß ausdrücken; genug, wenn man das We - ſen der Sache behauptete. Die würtenbergiſche Confeſſion ward in Stuttgart von eilf der nahmhafteſten Theologen ge - prüft und unterzeichnet; die ſächſiſche von den Profeſſoren und Predigern im Gebiete des Herzog Moritz, des Mark - grafen Georg Friedrich von Anſpach, der Herzoge von Pom - mern, der Harzgrafen angenommen. Da man nicht hätte wagen dürfen eine allgemeine Verſammlung zu berufen, ſo rechnete man auf allmähligen Beitritt. 1G. Major an Chriſtian III von Daͤnemark bei Schumacher II, 152: dieweil alle Theologen ſo vieler Oberkeith zuſammenzu - fordern faſt ſchwer, auch viele Oberkeith ſich in ſolche ſache einzu - laſſen ein bedenken haben mochten. Die Straßburger unterzeichneten die eine und die andre Schrift.

Zunächſt kam es aber nicht auf Confeſſionen an: bei dem Stande der Dinge war die Vorfrage über die Art und Weiſe der neuen Berathung noch von größerer Wichtigkeit.

Die Proteſtanten würden ſich ſelbſt das Urtheil geſpro - chen haben, wenn ſie die bei den frühern Sitzungen in Trient durchgegangenen Decrete anerkannt hätten: ſie blieben bei ihrer Forderung der Reaſſumtion.

Und zwar waren ſie hiebei der Meinung, daß das ganze Verfahren an dem Concilium abgeändert werden müſſe. Me - lanchthon ſagte, der Papſt und ſeine Anhänger ſeyen von den Proteſtanten ſo vieler Irrthümer angeklagt, daß eine von ihnen ausgehende Entſcheidung nichts anders ſeyn würde9*132Neuntes Buch. Drittes Capitel.als ein Urtheil in eigner Sache. 1Sententia et judicium Melanthonis de concilio triden - tino. Corp. Ref. VII, 738.Er kam auf den Gedan - ken zurück, daß man unparteiiſche Prälaten und Fürſten, die freilich zuerſt ihrer Eidespflicht gegen den Papſt zu entledi - gen ſeyen, aufſtellen müſſe, um zwiſchen beiden Parteien zu entſcheiden. In verwandtem Sinn wurden Ende Septem - ber auch die würtenbergiſchen Geſandten inſtruirt, obwohl man hier, wo man der Gewalt ſo viel näher war, noch mehr Anlaß hatte, Rückſicht zu nehmen. Die päpſtlichen Le - gaten ſollten nicht mehr präſidiren: ſie ſollten nicht das Vor - recht haben die conſultirenden Theologen anzuſtellen: den Cle - rikern ſollten nicht allein die entſcheidenden Stimmen zuſtehen: vor allem wollten ſie auch über die bereits entſchiedenen Ar - tikel gehört ſeyn. 2Inſtruction des Herzogs von Wuͤrtenberg an ſeine Geſand - ten nach Trient, 29 Sept. 1551. Sattler IV, Urkk. 30.

Wenigſtens die erſte dieſer Forderungen war dem Kai - ſer ſchon am Reichstag vorgelegt worden; er fand jedoch damals nicht rathſam, weder ſie anzunehmen noch ſie zurück - zuweiſen: er fürchtete Streitfragen anzuregen, welche alles verderben könnten. Jetzt aber war kein längeres Verziehen möglich: eine feſte Meinung mußte ergriffen werden, ſey es von ihm oder von ſeinen Bevollmächtigten.

Höchſt merkwürdig: der kaiſerliche Orator am Concil, Licentiat Vargas, erklärte ſich ganz im Sinne der Proteſtan - ten. In einem ſeiner Briefe an den Biſchof von Arras heißt es, die bereits verhandelten Artikel müßten alle wieder aufgenommen werden, von dem erſten über die Erbſünde bis auf die letzte Controverſe.

133Die Proteſtanten in Trient.

Und nicht minder war es ſeine Meinung, daß die Ver - faſſung des Concils überhaupt geändert werden müſſe. Wir haben eine Denkſchrift von ihm, in welcher er das Verfah - ren des päpſtlichen Hofes während der frühern Seſſionen, als ein ſolches, das nur dahin gezielt habe die Mitglie - der in Knechtſchaft zu halten, ſehr ernſtlich tadelt, den Vor - ſitz der Legaten überhaupt verwirft, und die Praxis der al - ten Concilien, die Rechte welche den Kaiſern dabei zuſtan - den, wiederhergeſtellt wiſſen will. 1Memoire sur la maniere de regler le concile, in Levaſſor Lettres et memoires de François de Vargas etc. p. 42.Dieſe Denkſchrift ward vor der Eröffnung des Conciliums geſchrieben, und um ſo bedeutender iſt es, daß der Kaiſer den Verfaſſer derſelben zu ſeinem Bevollmächtigten in Trient ernannte.

Wir werden den Kaiſer nicht ſo verſtehen, als ob er eine geheime Hinneigung zu den Lehrſätzen der Proteſtanten genährt hätte: davon war ſeine Seele frei; allein einmal wollte er ihnen nichts auflegen laſſen was ſie zu offenem Wi - derſpruch treiben konnte; ſodann war ſeine Abſicht nur gewe - ſen ſie zur Idee der Einheit zurückzuführen, dem Concilium zu unterwerfen: wenn ſie innerhalb dieſer Grenze dem Papſt - thum Widerſtand leiſteten, ſo waren ſie vielmehr ſeine Ver - bündeten als ſeine Feinde[:]ſie konnten doch niemals anders als ſich an das Kaiſerthum halten: ſie unterſtützten ſeine Politik, welche die alte blieb, auch als er einen befreundeten Papſt hatte.

Umſtände, die freilich nicht dazu beitragen konnten, den Prälaten, die an den herkömmlichen Begriffen des Pontifi - cates feſthielten, die Ankunft der proteſtantiſchen Abgeordne - ten wünſchenswerth erſcheinen zu laſſen.

134Neuntes Buch. Drittes Capitel.

Anfangs wollten ſie nicht glauben, daß die Proteſtan - ten überhaupt ſich einfinden würden: je mehr ſich dazu ge - wiſſe Ausſicht zeigte, deſto ſtärker ſprachen ſie ihren Abſcheu dagegen aus: ſie thun alles, ſagt Vargas, um den Pro - teſtanten die Thüre des Conciliums zu ſchließen. 1Vargas à l’eveque d’Arras, 7 Oct. 1551. Bei Levaſſor p. 117.

Eine erſte voraufgehende Frage betraf die Form des ihnen zuzugeſtehenden ſicheren Geleites.

Allem Widerſtreben des Legaten zum Trotz ſetzten die kaiſerlichen Miniſter durch, daß dabei die Formel welche das Concil zu Baſel, deſſen Andenken der römiſchen Curie ver - haßt war, den Huſſiten bewilligt hatte, zu Grunde gelegt, dagegen ein Canon des Coſtnitzer Concils, durch welchen die den Nicht-Rechtgläubigen zu haltende Treue in Zweifel ge - zogen ward, ausdrücklich zurückgenommen wurde.

Schon hatte der kaiſerliche Hof dafür geſorgt, daß kein entſcheidender Schritt vor ihrer Ankunft geſchah. Eine der erſten Arbeiten der neuen Verſammlung war die Erörterung der Streitfragen über die Euchariſtie. Wäre, wie es wirk - lich beabſichtigt wurde, gegen das Empfangen derſelben un - ter beiderlei Geſtalt entſchieden worden, ſo würde dieß einer Abkunft mit den Proteſtanten mächtig in den Weg getreten ſeyn. Wenige Tage vor der anberaumten Seſſion lief ein Schreiben des Kaiſers ein, worin er auf Suspenſion der Beſchlußnahme drang. Der Legat Creſcentio fuhr anfangs heraus, er wolle lieber abdanken, als die Schmach des Con - ciliums dulden, daß es mit ſo gut vorbereiteten Decreten zu - rückhalten müſſe; aber zuletzt gab er nach.

135Die Proteſtanten in Trient.

Der von dem Kaiſer eingeſetzte und ihm dafür dop - pelt ergebene Churfürſt von Cölln äußerte den Gedanken, daß alle Beſchlüſſe nur vorläufig genommen und erſt zuletzt zu einer definitiven Entſcheidung zuſammengefaßt werden ſoll - ten. Ein Gedanke, der die momentanen Schwierigkeiten ziem - lich gehoben hätte und mit der Politik des Kaiſers, die da - durch den weiteſten Spielraum erlangt haben würde, ganz gut zuſammentraf.

Am 24ſten Januar 1552 ließen ſich nun die erſten Pro - teſtanten, zunächſt die weltlichen Procuratoren, denn nur erſt dieſe waren angelangt, in der öffentlichen Sitzung des Con - ciliums vernehmen.

Der Legat fand die Vollmachten welche die Fürſten den - ſelben gegeben, ungenügend, weil ſie darin nicht ausdrück - lich geſagt, daß ſie ſich den Entſcheidungen des Conciliums zu unterwerfen bereit ſeyen, ja ſogar anſtößig, in ſo fern in denſelben von einer geiſtlichen und weltlichen Reform die Rede war; er verwahrte ſich durch eine beſondre Schrift gegen jedes Präjudiz das daraus entſpringen könne. Die kaiſerlichen Miniſter ließen jedoch dieſe Proteſtation nicht zu öffentlicher Verleſung kommen: ſie ihres Orts waren mit den Vollmachten zufrieden.

Zuerſt erſchienen die würtenbergiſchen Procuratoren und überreichten die von Brenz verfaßte Confeſſion, zu deren Er - läuterung und Vertheidigung ihr Herr in Kurzem ſeine Theo - logen ſenden werde. Sie ſetzten voraus, daß dann die ſchon verhandelten Artikel nochmals erwogen würden; zu dieſer Erörterung aber forderten ſie die Aufſtellung unparteiiſcher, dem Papſt nicht verpflichteter Richter.

136Neuntes Buch. Drittes Capitel.

Die Verſammlung erwiederte, ſie werde dieſe Dinge in Erwägung ziehen, und beſchäftigte ſich hierauf mit einem Ge - ſuche des Churfürſten von Brandenburg in Hinſicht des Erz - bisthums Magdeburg, das ſie gewährte. 1Die Ausdruͤcke deren ſich der brandenburgiſche Geſandte be - diente, dem alles daran lag Magdeburg fuͤr einen jungen Markgra - fen zu gewinnen, gehen ſo weit, als es fuͤr einen Proteſtanten moͤg - lich war, und ſelbſt noch weiter: doch waren ſie ſo wohl abgewogen, daß ſich doch keine ernſtliche Verpflichtung daher leiten ließ. Vargas bemerkt: il ne specifie point en quoi il se soumet au concil.

Am Nachmittag traten die Geſandten des Churfürſten Mo - ritz auf und zwar mit einer Rede, die von allen die am Conci - lium vorgekommen, wohl die merkwürdigſte, von dem Herkom - men abweichendſte iſt2Bei Rainaldus XXII, 64. Dr Badehorn trug ſie vor. in welcher ſie nicht allein ebenfalls die Reaſſumtion der ſchon beſchloſſenen Artikel und die freie Theilnahme der Theologen an der Beſprechung derſelben for - derten, ſondern auch den proteſtantiſchen Grundſatz aufſtell - ten, daß bei der Entſcheidung die heilige Schrift die einzige Norm zu bilden habe. Auch ſie forderten, daß die Mitglie - der des Concils vor allem des Eides, mit dem ſie dem Papſt verpflichtet ſeyen, erledigt würden, aber zugleich fügten ſie hinzu, im Grunde verſtehe ſich das von ſelbſt. Denn wie könne ſonſt wahr ſeyn, was doch durch die Synoden von Baſel und Coſtnitz feſtgeſetzt worden, daß der Papſt dem Concil unterworfen ſey. Frei müſſe Stimme und Zunge ſich fühlen; man müſſe nicht nach dem Winke des Einen oder des Andern reden, ſondern allein nach den Geboten der hei - ligen Schrift. Dann erſt laſſe ſich erwarten, daß man über die Lehre gültige Satzungen machen, Haupt und Glieder re - formiren, den Frieden der Kirche herſtellen werde.

137Die Proteſtanten in Trient.

Zum erſten Mal berührte das proteſtantiſche Prinzip die conciliaren Beſtrebungen unmittelbar; die Rede rührt ohne Zweifel von Melanchthon her; ſie hatte an dem Concil den größten Erfolg.

In voller Sitzung , ruft der Biſchof von Orenſe freudig aus, haben ſie ausgeſprochen, was wir uns nicht zu ſagen getrauen. Er urtheilt, in den Reden der Prote - ſtanten finde ſich neben Schlechtem doch auch vieles Gute; ſehr weislich habe der Legat dafür geſorgt, daß ſie nicht von einer größern Anzahl gehört worden ſeyen. 124 Januar. Bei Levaſſor p. 472.

Das Schlachtfeld iſt eröffnet, ſagt Vargas: Me - lanchthon und ſeine Gefährten können nun nicht mehr ver - weigern zu erſcheinen: aber es iſt nothwendig daß ſie eilen. Er bemerkt, der Papſt und ſeine Miniſter ſeyen in hohem Grade erſchrocken: es ſcheine ihnen, als gehe die Abſicht des Kaiſers auf eine durchgreifende Reformation.

Daß dem wirklich ſo war, ergiebt ſich unter andern auch aus einem Schreiben Malvendas. So lebhaft er ſonſt die Proteſtanten bekämpft hat, ſo iſt er doch mit ihren Re - formtendenzen höchlich zufrieden. Er findet, da nun einmal die Sache ſo öffentlich zur Sprache gekommen, ſo könne S. Majeſtät nun auch den Papſt erinnern, ja bei Pflicht und Ehre und Gewiſſen auffordern, die alten Mißbräuche zu heben.

Schon glaubte ſich der Legat ſo ernſtlich gefährdet, daß er mit einem Schreiben des Kaiſers hervortrat, worin die - ſer verſprach, die Oppoſition ſeiner Biſchöfe gegen die päpſt - liche Gewalt zu verhindern. Doch machte er damit nur138Neuntes Buch. Drittes Capitel.wenig Eindruck. Vargas meinte, mit dieſer Zuſage habe man wohl nur den Papſt zur Wiedereröffnung des Concils be - wegen wollen; gewiß beziehe ſie ſich allein auf die gegründe - ten und vernünftigen Anſprüche deſſelben; bei der Abſchaf - fung augenſcheinlicher Mißbräuche könne den Prälaten die Hand damit nicht gebunden ſeyn.

Am römiſchen Hofe war man auch dadurch in Schrecken geſetzt, daß die ſpaniſchen Prälaten den Augenblick benutzen zu wollen ſchienen, um die Collation der Pfarren und Pfrün - den in Spanien ihm entweder ganz zu entziehen oder doch gewaltig zu ſchmälern. Daraus ſoll nichts werden, ruft der Papſt aus, eher wollen wir alles Unglück erwarten, eher wollen wir die Welt zu Grunde gehn laſſen. 1Giulio III al Cl Crescentio 16 Genn. 1552.Dazu kamen nun die Vorträge der Proteſtanten, die er als extra - vagant und gottlos bezeichnet. Unter dem Namen Miß - brauch ſoll man uns das nicht angreifen was kein Mißbrauch iſt; man ſoll unſre Autorität nicht antaſten. 2Pp. Giulio a Monsignor de Grassi 20 Febr. 1552.

Bis auf dieſen Punct gediehen die Dinge in raſchem Fortgang auf dem neueröffneten Concilium.

Der Kaiſer war ſo weit wie jemals entfernt, dem Papſt darin freie Hand zu laſſen. Er trieb ihn vielmehr von zwei entgegengeſetzten Seiten in die Enge. Die alte Oppo - ſition der ſpaniſchen Prälaten verband ſich jetzt mit den hier zuerſt erſchallenden Forderungen der deutſchen Proteſtanten. Beide ſchloſſen ſich an den Kaiſer an, der zugleich in Beſitz uralter Anſprüche an eine geiſtliche Mitherrſchaft, eine gewal - tige und trotz aller politiſchen Verbindungen für das Papſt - thum furchtbare Stellung einnahm.

139Die Proteſtanten in Trient.

Wie er nun aber dieſelbe zunächſt zu benutzen, wohin er die Dinge zu leiten gedachte?

Es kann wohl keine Frage ſeyn, daß er nunmehr jene Reformation an Haupt und Gliedern, deren Nothwendigkeit ihm ſchon einſt ſein Lehrer gezeigt, und ſein ganzes Leben ihm weiter kund gethan, zu Stande zu bringen beabſichtigte. Es war wie berührt der erſte Gedanke, mit dem er einſt ſein öffentliches Leben begonnen: die Zeit ſchien gekommen denſelben zu verwirklichen.

Minder deutlich erhellt, wie er in Hinſicht der dogmati - ſchen Feſtſetzungen geſinnt war: ob er in Deutſchland den gan - zen Katholicismus mit den in Trient bereits getroffenen Beſtim - mungen, oder nur die allgemeine Einheit, mit den Modifica - tionen die ſein Interim feſtſetzte, einführen wollte. Ich ſollte das Letztere glauben. Er war zu den interimiſtiſchen Satzun - gen auch darum geſchritten, weil er von dem Concilium nichts erwartete, was den Proteſtanten eine Annäherung möglich machte, ohne Beſchimpfung; es hatte ihn unendliche Mühe gekoſtet ſie ins Werk zu ſetzen. Den Vorſchlag den man ihm an dem letzten Reichstage machte, in der Durchführung der - ſelben mildere Maaßregeln eintreten zu laſſen, hatte er zu - rückgewieſen, und vielmehr gedroht bei den Einzelnen nach der Urſache ihrer Säumniß zu forſchen: er hatte Ausdrücke gebraucht die man faſt auf das Vorhaben einer Inquiſition deutete. Die Reviſion der frühern Decrete, die er offenbar begünſtigte, konnte doch, wenn ſie überhaupt irgend eine Wirkung haben ſollte, nur eben dieſe haben, daß einige Ab - weichungen der Proteſtanten geduldet wurden.

So wäre denn die Wiederherbeibringung der Abgewiche -140Neuntes Buch. Drittes Capitel.nen, die Reformation der Verfaſſung und die Aufrechterhal - tung der alten Einheit zugleich durchgeſetzt worden.

Denn daran iſt kein Zweifel, daß er nun, wenn die Beſchlüſſe einigermaßen in ſeinem Sinne ausfielen, alles zu thun entſchloſſen war um ſie zur Vollziehung zu bringen.

Und war es nicht in der That der Mühe werth? Die große Genoſſenſchaft zu behaupten, in der ſich die europäi - ſche Welt ſeit ihrer erſten Gründung entwickelt, und doch dabei die Mißbräuche zu heben, welche die Alleinherrſchaft der römiſchen Päpſte hervorgebracht hatte, war das nicht wirklich eine eines großen Fürſten würdige Abſicht?

Mit der Idee verband ſich aber der mächtigſte perſön - liche Ehrgeiz. Das Kaiſerthum wäre wahrhaft erneuert worden, es hätte Wurzel für die Zukunft geſchlagen. So dachte er es noch ſelber zu verwalten und dann ſeinem Sohne als einen Beſitz ſeiner Nachkommen zu hinterlaſſen. Keinen Augenblick verließ ihn dieſer Gedanke. Mit den geiſtlichen Fürſten hat er noch auf ihrer Reiſe zum Conci - lium darüber unterhandeln laſſen, und wenigſtens Einer von ihnen, der Churfürſt von Cölln, hatte ſeine beſten Dienſte verſprochen. Unaufhörlich lud er Brandenburg und Sach - ſen ein, ebenfalls in die Nähe zu kommen, um die Sache zum Schluß zu bringen. Man glaubte, er denke ſich des Conciliums ſelber zu ſeinem Zwecke zu bedienen. 1Lettera dell arcivescovo Sipontino a Pp. Giulio III. In - form. politt. XXII, f. 252. L’intentione di S Mà è di provare ogni via di ottenere questo suo disegno con buona volontà degli elettori et altri principi di Germania, se potrà: altrimenti pre - valersi dell’autorità del concilio: e come è stato gia parlato del modo, questa ombra sarà causa che gli elettori ecclesiastici per -

141Die Proteſtanten in Trient.

Eine andre Frage freilich iſt, ob die Erreichung dieſer Abſichten wirklich ſo ſehr zum Heile der europäiſchen Welt gereicht haben würde, wie der Kaiſer meinte, ob ſie ſich auf dem Standpunct befand, wo die Wiederherſtellung des Kaiſerthums mit ſeinen kirchlichen Attributen ihr förderlich ſeyn konnte, ob namentlich Deutſchland ſich Glück dazu zu wünſchen hatte, Satzungen, wie ſie das tridentiniſche Con - cilium faßte, wenn ſie auch gemildert worden wären, anneh - men zu müſſen, mit alle ſeinem beſondern nationalen Beſtre - ben einer allgemeinen Combination zu dienen.

Wir brauchen jedoch dieſe Frage nicht zu erörtern. So nah am Ziele erhoben ſich dem Kaiſer unerwartete Hinderniſſe.

Denn nicht ſo leicht iſt die Welt zu überwinden. Je mehr Jemand Ernſt machen wird ihr ſeinen Willen oder ſeine Meinung aufzudringen, deſto ſtärker werden die freien Kräfte ſich dagegen zum Kampf erheben.

1sonalmente si ritroveranno al concilio et li secolari vi mande - ranno li procuratori. Ancorche non intendano bene il secreto, pur per una certa ombra che tengono che forse l’imperatore non tratti di farli privare dell’elettione, o veniranno o manderanno ad ogni modo. Man ſieht daß die Art und Weiſe feſtgeſetzt war, die Churfuͤrſten das Geheimniß ſelbſt nicht kannten, aber doch etwas fuͤrchteten.

[142]

Viertes Capitel. Elemente des Widerſtandes in den großen Mächten.

Wir haben die kirchlichen Entwürfe des Kaiſers, da - von fortgezogen, bis zu dem Zeitpunct begleitet, wo ſie ihrer Ausführung näher kommen und ſich zugleich erſt vollſtändi - ger entwickeln: und ſehen wohl, welch ein univerſalhiſtori - ſches Intereſſe ſich daran knüpft, ob ſie ausgeführt werden oder vielleicht doch noch ſcheitern; um aber die Kräfte die dabei fördernd oder hindernd auf einander wirkten, und die ganze Lage der Welt zu überſchauen, müſſen wir noch bei den einzelnen Richtungen verweilen, in welchen ſich dieſe ſo gewaltig aufſtrebende Macht bewegt, und das Verhältniß be - trachten, in das ſie zu den übrigen Elementen der damali - gen Welt geräth, die ſie bekämpft und die ihr widerſtreben.

Unſre deutſche Geſchichte iſt nun einmal in dieſem Zeit - alter gleichſam die allgemeine Geſchichte. Da der Schwer - punct der deutſchen Geſchäfte in dieſem Augenblicke nicht mehr in der Fürſtenverſammlung am Reichstage lag, ſon - dern in dem Kaiſer, der aber zu dieſem Einfluß hauptſäch - lich durch den Zuſatz von Macht gelangt war, welchen er143Seekrieg im Mittelmeer.aus ſeinen außerdeutſchen Verhältniſſen gewann, ſo wirkte jede Veränderung dieſer letzten, oder auch nur ihr Schwan - ken auf den Gang der deutſchen Angelegenheiten zurück.

Beginnen wir auch dieß Mal mit dem Entfernteſten, dem Seekrieg im Mittelmeer, der jedoch zu der Idee des Kaiſerthums, wie es Carl V wiederaufzurichten im Sinne hatte, in unmittelbarſter Beziehung ſteht.

Seekrieg im Mittelmeer.

Es war ein Act zugleich der Großmuth und der Po - litik, daß Carl V dem aus Rhodus verjagten Orden der Johanniter eine Freiſtatt in Malta gab.

Um den Orden nicht länger umherirren zu laſſen, ſon - dern ihm wieder einen feſten Sitz zu verſchaffen, damit er, wie es in der Urkunde heißt, ſeine Kräfte gegen die un - gläubigen Feinde des chriſtlichen Gemeinweſens gebrauchen könne, überließ ihm Carl zur Zeit ſeiner Kaiſerkrönung, noch in Bologna, drei nicht unwichtige Plätze, die zu ſeinem ſici - lianiſchen Königreich gehörten, Malta, Gozzo und Tripoli in Africa, zwar als ein Lehen, aber mit ſolchen Rechten die einen beinahe unabhängigen Beſitz ausmachten. 1in perpetuo feudo nobile libero et franco, con mero et misto imperio, con ragione di proprietà d’utile dominio, tal - mente che riconoschino il feudo sopradetto da noi come Regi dell’ulteriore Sicilia et da successori nostri sotto feudo solamente d’uno sparviero osia falcone. Die Urkunde iſt zu Caſtelfranco aus - gefertigt, aber ſchon zu Bologna concipirt und genehmigt.

Dem Orden war es anfangs nicht angenehm, daß ihm auch Tripoli übertragen wurde: er hatte nur um Malta und144Neuntes Buch. Viertes Capitel.Gozzo gebeten. Der Großmeiſter de L’isle Adam ergriff ſelbſt von den Inſeln nur mit der Hofnung Beſitz, ſie bald wieder zu verlaſſen, entweder nach Rhodus zurückzukehren oder ſich im Peloponnes anzuſiedeln. Erſt als Tunis erobert war, faßten die Ritter das Vertrauen Tripoli behaupten zu können; 1541 fiengen ſie an, ſich in Malta ernſtlich zu be - feſtigen; der Geſchichtſchreiber des Ordens bemerkt, daß der Großmeiſter Omedes erſt zwei Jahr ſpäter, als ſich zeigte daß das Unglück des Kaiſers vor Algier doch nicht ſo ver - derbliche Folgen hatte wie man anfangs gefürchtet, aus ſei - ner bisherigen Niedergeſchlagenheit erwachte. 1Boſio Istoria della sacra religione et illma militia di S. Giovanni Gierusolimitano II, 225. Vgl. 221: l’armata di mare (des Kaiſers) restava in manicra restaurata, chel danno patito sotto Algieri appena si sentiva. Endlich ſah er ſich wieder von einer glänzenden Ritterſchaft, die zu Krieg und Berathung zuſammengekommen, zuverläßigen Söldnern, zahlreichen Unterthanen umgeben, und mit Schiffen, Waf - fen, und worauf es auf dieſem unfruchtbaren Felſen beſon - ders ankam, auch mit Lebensmitteln gut verſehen.

Für den Kaiſer beſtand der Vortheil der Anſiedelung darin, daß alle Balleien von Europa beiſteuern mußten, um dieſe dem Angriff der Osmanen jetzt zunächſt ausgeſetzten, zwar für Alle, doch für ihn noch mehr als jeden Andern wichtigen Grenzplätze zu vertheidigen, eine Pflicht die ihm ſonſt allein zugefallen wäre. Sein Verhältniß als Ober - lehnsherr und ſeine natürliche Beziehung zu den vier Zun - gen, Deutſchland, Aragon, Caſtilien und Italien (wie denn von den deutſchen und den ſpaniſchen Mitgliedern das erſte145Seekrieg im Mittelmeer.Geſuch an ihn ausgegangen war) verſchaffte ihm einen grö - ßern Einfluß auf den Orden als je ein Kaiſer gehabt.

Seit dem Jahre 1541 waren nun die Corſaren noch beſchwerlicher geworden, als ſie früher geweſen. Mit ihren kleinen geſchwinden Fahrzeugen wir finden wohl, daß ſie erbeutete Galeeren zerſchlagen, um ſich Galeotten und Fu - ſten daraus zu zimmern, bald einzeln, bald in ganzen Geſchwadern, durchſtreifen ſie alle dieſe Gewäſſer: kein Schiff iſt vor ihnen ſicher, das ſich aus dem atlantiſchen Ocean durch die Meerenge wagt, oder auch nur das zwiſchen Malta und Sicilien ſegelt, kein Dorf an den weiten Küſten - gebieten des inneren Meeres, ſo daß die Landleute ſich ge - wöhnen müſſen gute Wacht zu halten, die Nächte in na - hen Caſtellen zuzubringen: wie oft hat man in Procida Diejenigen wieder losgekauft die an der neapolitaniſchen Küſte, etwa in Caſtellamare zu Gefangenen gemacht worden waren. Der Kaiſer ſah ſich genöthigt ſeine Galeeren in mehrere Geſchwader zu theilen, um die Communication zwi - ſchen ſeinen Ländern nur einigermaßen zu behaupten. Da kamen ihm nun die Galeeren des Ordens, als deren Ca - pitän wir im Jahr 1542 einen Deutſchen finden, Georg Schilling, trefflich zu Statten. Die Ordenschronik ſchildert ihr mannichfaltiges Zuſammentreffen mit den Seeräubern: wie dieſe ſich faſt immer mit verzweifelter Tapferkeit ſchla - gen, namentlich die Renegaten unter ihnen, die freilich den gewiſſen Tod vorausſehen, wenn man ſich ihrer bemäch - tigte; wie aber auch die Ritter das weiße Ordenskreuz bis in die entfernteſten Buchten furchtbar machen und meiſten - theils die Oberhand behalten: die Chriſtenſclaven die an denRanke D. Geſch. V. 10146Neuntes Buch. Viertes Capitel.Rudern ſeufzen, werden befreit; die jungen Türken die bis - her die Herrn waren, an die Ruder geſchmiedet; von dem Kauffahrteiſchiff flieht wohl zuweilen die türkiſche Beman - nung an das nahe Land: dann empfangen die Neger auf dem Verdeck tanzend und ſingend den eindringenden Sieger, der jedoch die Sclaverei als ihren natürlichen Zuſtand an - ſieht und, vielleicht bedauernd, ihn beibehält. 1Vix contingit Rhodias vel deprimi vel capi, tanta est militum illius ordinis virtus et militaris exercitatio. Calvetus Stella de Aphrodisio expugnato. Schard. II, 372.

Von dem größten Nutzen für den Kaiſer war ferner die Behauptung von Tripoli, beſonders des dortigen Ha - fens, welcher als der beſte von allen, 200 Miglien weit nach Oſten und 200 Miglien nach Weſten hin, angeſehen ward. In ſehr gefährlicher Nähe, zu Tanjura, faßte ein alter Kiaja Chaireddins, der Renegat Morat Aga, Fuß, der mit einer osmaniſchen Kriegscolonie die er herbeiführte und mit den Eingebornen auf die er Einfluß gewann, den ſchlecht befeſtigten Ort auf das ernſtlichſte bedrohte. La Valette, der ſich ſpäter in Malta unſterblich gemacht hat, legte die erſte Probe ſeiner Fähigkeit durch die Einrichtungen ab, die er zur Vertheidigung von Tripoli traf. Den Rittern war der Land - krieg ohnehin faſt lieber als der Seekrieg. Beſonders wirkſam zeigten ſich die Hakenſchützen zu Pferd, nachdem man einmal die Thiere ſo gut eingeübt hatte, daß man die Hände für den Gebrauch der Büchſe frei behielt. Wir erſtaunen, wenn wir bemerken, in welchem Sinne dieſer Krieg noch geführt ward. Es iſt wohl einmal der Vorſchlag geſchehen, und Anſtalt zu ſeiner Ausführung gemacht worden, über den Vorzug der147Seekrieg im Mittelmeer.einen Religion vor der andern, des katholiſchen Chriſten - thums oder des Islam, durch einen Kampf von Zwölf ge - gen Zwölf entſcheiden zu laſſen: ein ſonderbares Gegenſtück zu den Religionsgeſprächen in Deutſchland. Die Ritter be - hielten fürs Erſte auch hier in den Waffen die Oberhand. Es gelang ihnen, einzelne Eingeborne, Scheiche großer Dör - fer zwiſchen Tripoli und Tanjura für ſich zu gewinnen, An - hänger Morats dagegen, die in ihre Gewalt fielen, zu dem Schwur auf den Koran zu nöthigen, daß ſie in Zukunft die Waffen nicht gegen den Orden tragen wollen. Allmählig gefielen ſie ſich in dem reichen und anmuthigen Lande. Im J. 1548 hat das Generalcapitel des Ordens den Beſchluß gefaßt, ſeinen Hauptſitz in Zukunft in Tripoli aufzuſchlagen, nur mit der Beſtimmung, daß dieß nach und nach, die er - ſten Jahre verſuchsweiſe geſchehen ſolle. 1che per quel primo anno si mandassero in Tripoli oltre l’ordinario presidio 50 cavalieri, e che cosi d’anno in anno con - seguentemente s’andasse crescendo fin tanto che la religione tutta in quel loco trasportata si trovasse. Bei Boſio I, 256.

Unter den Corſaren jener Zeit war nun kein Andrer ſo geſchwind, glücklich und furchtbar, wie Thorgud Thorgudſcha - beg, den die Abendländer Dragut nennen, der wahre Nach - folger Chaireddins, der einſt wie dieſer an eine genueſiſche Galeere geſchmiedet geweſen, aber durch ein Geſchenk, zur rechten Zeit der alten Fürſtin Doria dargebracht, wieder frei geworden war, und ſeitdem alle die berufenſten Seeräuber, Gaſi Muſtafa, Uludſch, Karakaſo und Andere als ihr natürli - ches Oberhaupt um ſich verſammelt hatte. Wir erinnern uns, wie ſich Carl V nach jenem ſeinem tuniſiſchen Unternehmen10*148Neuntes Buch. Viertes Capitel.der Stadt Afrikija oder Mehdia zu bemächtigen dachte, wo Juden und Mauren, welche aus Spanien und Portugal verjagt worden, ſich eine Art von Republik gegründet hatten. Dieſes Platzes bemächtigte ſich Dragut mit einer glücklichen von Verrätherei unterſtützten Verſchlagenheit, und ſuchte nun von hier aus, je nachdem die Looſe des Alfaqui, den er befragte, gefallen, bald die Küſten von Valencia auf, wo er Freunde unter den Morisken hatte, bald die genueſiſche Riviera, um ſich den Doria wieder einmal bemerklich zu machen, oder Gozzo, das er beſonders gehaßt haben ſoll, weil ihm dort ein Bruder gefallen und deſſen Leiche nicht herausgege - ben worden: oder wohin das unglückliche Geſtirn eines Land - ſtriches ihn führte. Den Seeraub hielt er für ſein gutes Recht: er hat wohl den Rittern ihre Grauſamkeit gegen die armen Corſaren zum Vorwurf gemacht. Zuweilen hatte er 40 Segel in See. Von den Schlöſſern wo man ihn wahrnahm, ließ man Rauchſäulen zum Warnungszeichen auf - ſteigen; doch gab es ſelten eine Vorſicht, die nicht ſeiner Hinterliſt hätte unterliegen müſſen. Im Frühjahr 1550 ver - einigten ſich nun die ſpaniſch-italieniſchen Geſchwader des Kaiſers mit den Galeeren des Papſtes, des Herzog Coſimo von Florenz und des Ordens zu einem ernſtlichen Unterneh - men gegen Dragut. Er ſelbſt aber, durch das Beiſpiel Chaireddins gewitzigt, war längſt wieder in See, ehe die Chriſten ankamen, und dieſen blieb nichts übrig als ihm ſeine Stadt zu entreißen. Die drei Oberhäupter der Flotte, der Vicekönig Vega von Sicilien, Don Garcia de Toledo und Andrea Doria, entſchloſſen ſich endlich dazu, obwohl ſie zur Belagerung nur eine verhältnißmäßig geringe Mann -149Seekrieg im Mittelmeer.ſchaft zu verwenden hatten. Was ihnen Muth machte war, daß die benachbarten Maurenfürſten ihnen verſpra - chen das chriſtliche Heer mit ihrer Reiterei zu unterſtützen und ihre Treue durch Geiſeln gewährleiſteten. Die Tür - ken vertheidigten die Stadt ſo gut, wie jemals eine ihrer Galeeren; dieß Mal aber waren ihnen die Chriſten überle - gen. Mit Tapferkeit und altem Glaubenseifer wie denn der Beichtvater des Don Garcia wohl ein Crucifix auf eine Pike geſteckt hat, um die Leute zu entflammen verbanden ſie eine größere, gleichſam gelehrte Geſchicklichkeit: die Erin - nerung an eine Stelle des Appian ſoll es geweſen ſeyn, was denſelben Don Garcia auf den Gedanken brachte, auf ein paar mit ſtarken Ankern unbeweglich befeſtigten Galee - ren eine Batterie zu errichten, welche die Mauern an der Seeſeite zertrümmerte und die Eroberung entſchied1Nach Sandoval II, 671 fuͤhrten ſie auch dos morteretes grandes, que el emperador avia embiado de Alemaña. (10 Sept. 1550). Die Johanniter nahmen an derſelben nicht allein mit gewohnter Tapferkeit Theil, unter den Gefallenen fin - den wir auch ein paar deutſche Namen ſondern ſie üb - ten auch noch andere Pflichten aus, die ihre Regel ihnen auflegt. Unter dem Zelte des Spittlers fanden die Verwun - deten Pflege und die fremden Ankömmlinge Beköſtigung.

Dieſe Eroberung ſchien aber von um ſo größerer Bedeu - tung, da einige mächtige Maurenfürſten, wie Sſidi Arif von Cairwan und jetzt auch der Nachfolger des Mulei Haſſan in Tunis, der ſich früher eher feindlich bezeigt, mit dem Kaiſer in Bund traten. Der Gedanke tauchte auf, Carl V werde ſich noch mit dem Prieſter Johann, der doch hier kein an -150Neuntes Buch. Viertes Capitel.drer ſeyn könnte als der Beherrſcher von Abyſſinien, verbün - den und die Osmanen in Ägypten und Syrien heimſuchen.

Um aber ein ſolches Ziel, wir ſagen nicht, zu erreichen, ſondern nur ernſtlich ins Auge zu faſſen, hätte der Kaiſer vom Drange der innern Geſchäfte weniger eingenommen und im Stande ſeyn müſſen, die volle Gewalt ſeiner Streitkräfte nach dem Orient hinzuwenden.

Wie ſeine Angelegenheiten wirklich beſchaffen waren, ließ ſich zweifeln, ob die Eroberung der Küſtenſtadt ihm nicht eher ſchädlich ſeyn werde als vortheilhaft.

Der eigentlichen Macht Draguts, die in ſeinen Galee - ren beſtand, hatte man doch keinen Abbruch gethan. So weit zeigte ſich das Glück dem Andrea Doria noch einmal günſtig, daß er Dragut mit ſeinen Fahrzeugen in dem Golfe von Dſcherbe einſchloß, der nach der andern Seite hin von Untiefen und Sandbänken umgrenzt iſt, über welche damals ſogar ein Weg nach dem Continent führte, den man trocknen Fußes beſchritt. 1Boſio: mare tutto pieno di seccagne e di bassi fondi potendosi nondimeno passare in terra ferma con piedi asciutti da huomini da cavalli e dagli armenti per mezzo d’un assai an - gusto sentiero. (II, 284.) La Cantera, oder Alcantarat, die Bruͤcke.Aber Dragut, dieſer Küſtengewäſſer trefflich kundig, fand doch einen Ausweg, den er ſich freilich zum Theil erſt bahnte dem Arme ſeiner Matroſen kam die Fluth zu Hülfe : plötzlich erſchien er wieder bei Sicilien; Andrea Doria, der ihn noch bei Dſcherbe eingeſchloſſen zu halten glaubte, mußte von Malta aus benachrichtigt werden daß der Seeräuber, den er bereits als ſeinen Gefangenen betrach - tete, ihm abermals entkommen war: ſchon hatte Dragut wie -151Seekrieg im Mittelmeer.der die vornehmſte ſicilianiſche Galeere erbeutet, und erfüllte die Küſten mit dem Schrecken ſeiner Nähe.

Noch bei weitem wichtiger aber war es, daß hiedurch der Stillſtand zweifelhaft wurde, auf dem die ganze Poli - tik des Kaiſers beruhte. Carl V entgegnete zwar auf die Beſchwerden Suleimans, bei großen Fürſten ſey es nicht herkömmlich, Seeräuber in ihre Tractate zu begreifen. Aber lag es nicht am Tage daß es eben dieſe Seeräuber waren, welche hier für den Sultan kämpften? Um keinen Preis wollte ſich Suleiman den Verluſt einer Stadt gefallen laſſen, die bereits von den Osmanen in Beſitz genommen war und ſeine Oberhoheit anerkannte. Im Juli 1551 erſchien eine große Flotte unter dem jungen Sinan, Eidam des Weſir Ru - ſtan, dem Dragut zur Seite ſtand, in den ſicilianiſchen Gewäſ - ſern. Zuerſt ließ Sinan die beiden Vicekönige von Neapel und Sicilien wiſſen, er komme um Mehdia zurückzufordern; da er hierauf eine ausweichende Antwort empfieng, ſo ſtürzte er ſich, man möchte ſagen, nicht ohne eine gewiſſe Folge - richtigkeit, auf die Beſitzungen der Johanniter, welche zu dem Kaiſer in einem ähnlichen Verhältniß ſtanden wie die der Seeräuber zu dem Sultan. Malta indeß, das er zuerſt angriff, war ihm doch ſchon zu feſt, und die Stadt zu tief im Lande, als daß er dort lange hätte verweilen können; bei weitem weniger Widerſtand konnte er in Tripoli fin - den. Die Kräfte der Ritter waren getheilt, Tripoli in dem Schrecken des unerwarteten Anfalls mit Befehlshabern von zweifelhaftem Verdienſt und ſehr untauglichen, friſch zuſam - mengerafften Söldnern beſetzt. Hülfe war auch deshalb nicht zu erwarten, weil Andrea Doria ſich beſchäftigen mußte den152Neuntes Buch. Viertes Capitel.Sohn des Kaiſers aus Italien nach Spanien und den Nef - fen deſſelben aus Spanien nach Italien zu führen, was für jene Succeſſionsentwürfe nöthig ſchien. Unter dieſen Um - ſtänden entſchloſſen ſich die Ritter und es bedurfte dazu wohl nicht erſt, wie man argwöhnte, einer von dem fran - zöſiſchen Geſandten Aramont angeſponnenen Verrätherei1Nur moͤchte ich ihn nicht mit Flaſſan aus dem Zeugniß des Großmeiſters Omedes rechtfertigen, das freilich in der Uͤberſetzung, wo es heißt: nous attestons que les bruits repandus sont sans fon - dement, ſehr poſitiv lautet, aber nicht im Original, bei Ribier II, 303: quelli che hanno sparso quello rumore, non ci pare, l’ab - biano fatto con ragione. Man hegte in Malta allerdings einigen Verdacht; eine Erwaͤgung der einzelnen Ereigniſſe aber, wie ſie Boſio ſehr ausfuͤhrlich und glaubwuͤrdig mittheilt, laͤßt ihn nicht aufkommen. zur Überlieferung dieſes Platzes an Sinan, welche am 14ten Auguſt 1551 erfolgte. So raſch giengen die Hofnungen welche der Orden an dieſen Ort geknüpft, in Rauch auf; der alte Feind deſſelben, Morat Aga, erſchien als Sandſchakbey in Tripoli, wo ſich nun das Seeräuberhandwerk wie in Algier unüberwindlich organiſirte. Für den Orden war das Un - glück vielleicht nicht ſo groß: er konnte nun ſeine ganze Macht auf einen einzigen Punct concentriren, wie er auch gethan hat; dem Kaiſer aber war der Verluſt des trefflichen Platzes, den er nicht einmal erobert, ſondern ererbt, höchſt empfindlich: das maritime Übergewicht des mächtigen Fein - des, den er als den allgemeinen betrachtete, ſtellte ſich alle Tag entſchiedener heraus.

Erneuerung des Kriegs in Ungarn.

Ähnlich war der Gang der Dinge in Ungarn. Aus einem Unternehmen das eine große Erwerbung verhieß, ent -153Erneuerung des Kriegs in Ungarn.wickelte ſich eine Verfeindung mit den Osmanen, welche auch den bisher noch geretteten Beſitz gefährdete.

Wie den König-Woiwoden Johann Zapolya, ſo be - trachtete der Sultan auch den jungen Sohn deſſelben, den er von Ofen nach Siebenbürgen verwieſen, als ſeinen Vaſallen.

Dagegen konnte Ferdinand die Verträge, kraft deren das ganze Gebiet Zapolyas an ihn hatte übergehn ſollen, noch nicht vergeſſen, und wir finden ihn von Zeit zu Zeit mit dem ſiebenbürgiſchen Hofe über die Auslieferung dieſes Landes unterhandeln.

Da geſchah nun daß dort im Lande ſelbſt ein Zwie - ſpalt ausbrach.

Wir kennen Georg Martinuzzi, Frater György, wie ihn die ungriſchen Chroniken nennen, deſſen geheimnißvoller und weltkluger Thätigkeit der König-Woiwode ſein Beſtehn gro - ßentheils verdankte: Ferdinand ſoll geſagt haben, er beneide dieſen ſeinen Nebenbuhler um nichts als um einen ſolchen Diener. In Siebenbürgen hatte Martinuzzi jetzt als Vor - mund des jungen Fürſten und Gubernator die Zügel der Macht in ſeinen Händen. Man ſah ihn in ſeinem rothen mit 8 Pferden beſpannten Wagen, von ein paar hundert Huſaren und Haiducken begleitet durch das Land fahren und überall gleichſam aus eigner Macht ſeine Befehle ertheilen. Die Kutte, die er noch immer trug, wie lang es auch her ſeyn mochte daß er ſich um die Kloſterregel nicht mehr ge - kümmert, warf er in plötzlichen Kriegsgefahren auch von ſich und ward im Wappenrock und weithinwallenden Helmbuſch mitten unter den Streitenden geſehen. Er beherrſchte den Schatz und dadurch die bewaffnete Macht, das iſt das Land überhaupt.

154Neuntes Buch. Viertes Capitel.

Nun konnte es ihm aber bei der Eigenmächtigkeit die - ſer Stellung nicht an Gegnern fehlen. Einen gefährlichen Nebenbuhler hatte er in ſeinem Mitvormund Petrovich, der bei Hofe und im Lande größeres moraliſches Zutrauen ge - noß. Zuweilen regte ſich wohl der Gedanke, den Mönch wenigſtens durch ein aus der Mitte der mächtigen Landherrn zu beſetzendes Rathscollegium zu beſchränken. 1Das verſichert wenigſtens Verantius beabſichtigt zu haben: ut quilibet optimatum dignitate et officio aliquo insigniretur, ex eisque conflaretur consilium quo interregnum moderaretur. Bei Katona XXI, 1071.Beſonders fühlte ſich die Königin Iſabella darüber unglücklich, daß ſie ſo gar nichts vermöge, ſich ſo ganz in der Gewalt eines Menſchen befinde, den ſeine Geburt zu dem niedrigen Dienſte, aber zu keiner Herrſchaft beſtimmt habe; mehr als einmal wollte ſie das Land verlaſſen: endlich entſchloß ſie ſich ihren Schutzherrn, den Sultan, anzurufen, deſſen Majeſtät in dem Kinde, welchem er Siebenbürgen überlaſſen, verletzt werde. 2Bei Katona XXI, 793.Ohnehin war Suleiman kein Freund dieſes Mannes, an welchen doch die Selbſtändigkeit des Landes ſich knüpfte. Der Paſcha von Ofen machte einen Verſuch, mit bewaffne - ter Macht in Siebenbürgen einzudringen, ward aber von Martinuzzi zurückgewieſen; einige andre Einwirkungen der Türken ließen dem Mönch keinen Zweifel übrig, daß in Con - ſtantinopel ſein Untergang beſchloſſen ſey. 3So verſichert Ferdinand in einer amtlichen Denkſchrift an den Papſt bei Bucholtz IX, p. 590. Man ſieht daraus, daß die erſten Eroͤffnungen im Jahr 1549 gemacht ſeyn muͤſſen.

Dadurch ward aber auch er ſeinerſeits bewogen, ſich an den andern Nachbar, König Ferdinand, zu wenden, und155Erneuerung des Kriegs in Ungarn.ihm die Ausführung des alten Tractates, die Überlieferung Siebenbürgens und der heiligen Krone anzubieten.

Am Hofe des Königs trug man anfangs Bedenken hierauf einzugehn: Johann Hofmann, den wir kennen, ſoll es widerrathen haben; aber die Gelegenheit war zu lockend um ſie nicht zu ergreifen: dieß Mal, glaubte man, könne der Mönch ſich nicht wieder mit den Osmanen verſtändigen.

Es wäre hier nicht am Ort, die oft doppelſinnigen Verhandlungen die hierüber gepflogen wurden, im Einzelnen zu begleiten: genug, nach einiger Zeit führten ſie zum Ziele. Im Jahr 1551 ergab ſich die Königin in ihr Geſchick und vertauſchte die Herrſchaft in Siebenbürgen mit einigen ſchle - ſiſchen Beſitzungen. Hierauf leiſteten die Stände zu Clau - ſenburg die Huldigung an König Ferdinand und überliefer - ten die heilige Krone dem Befehlshaber deſſelben.

Martinuzzi ſchien hiedurch nur noch mächtiger zu wer - den: er ward von Ferdinand als Schatzmeiſter und Woi - wode des Landes und zwar ohne Collegen anerkannt und zum Cardinal erhoben: da ihm ſo viel gelungen, fragte man in dieſen Ländern wohl, ob er nicht noch Papſt werden könne.

Ganz ein andres Schickſal aber ſtand ihm bevor. Un - verweilt nemlich, noch im September 1551, erſchienen die Türken unter einem ihrer nahmhafteſten Anführer, Mehemet Sokolli, 60000 M. ſtark, von Salankemen her über der Do - nau, eroberten eine ganze Anzahl von Schlöſſern die vor ihnen lagen, und durchzogen plündernd die von dem bisherigen Kriege noch minder berührten Ebenen des Banates. Zwar wurde nun die blutige Lanze und das blutige Schwert durch alle ſie - benbürgiſchen Ortſchaften geſchickt; die ferdinandeiſchen Trup -156Neuntes Buch. Viertes Capitel.pen kamen herbei, und mehrere von dieſen Schlöſſern wur - den wiedererobert, ſelbſt das einſt noch von Georg von Brandenburg befeſtigte Lippa; allein einmal fehlte viel daß man den Türken alle ihre Eroberungen wieder entriſſen hätte, ſodann entſpann ſich eben aus dieſem zweifelhaften Erfolg eine Verſtimmung zwiſchen Martinuzzi und dem ihm zur Seite ſtehenden öſtreichiſchen Befehlshaber, die ſofort zu ei - ner gräßlichen Kataſtrophe führte.

Martinuzzi ließ ſich wohl vernehmen, er hätte geglaubt die Deutſchen würden ſtärker ſeyn als er ſie gefunden: und obwohl aus den vorliegenden Actenſtücken kein Beweis da - für hervorgeht, ſo iſt es doch nicht ohne Wahrſcheinlichkeit, daß er daran gedacht hat, wie er ſich auch ohne Ferdinand in Siebenbürgen behaupten könne. 1Die beiden Schreiben des Mohammed Sokolli, abgedruckt bei Hammer III, 723, beweiſen doch nichts als daß Br. Georg uͤber die Herausgabe der noch nicht wiedereroberten ſiebenbuͤrgiſchen Schloͤſ - ſer mit Mehemet in Unterhandlung ſtand. Br. Georg hatte ſie ſelbſt eingeſchickt.

Dagegen ſchöpften die königlichen Befehlshaber den Verdacht, als unterſtütze er ſie abſichtlich nur ſchlecht und denke auf ihr Verderben, um ſich dann unter türkiſchem Schutz zum Alleinherrn Siebenbürgens zu machen.

Bei Ferdinand trafen ihre Meldungen mit beinahe gleich - lautenden Nachrichten aus Conſtantinopel zuſammen. So wichtig ſchien ihm der Beſitz von Siebenbürgen, ſo drin - gend die Gefahr das kaum Gewonnene zu verlieren, und von ſo gewaltſamen Entſchlüſſen und Handlungen erfüllt waren noch die Zeiten, daß er es über ſich gewann, der157Erneuerung des Kriegs in Ungarn.Beurtheilung ſeiner Befehlshaber zu überlaſſen, ob ein Mann leben oder ſterben ſolle, deſſen Schuld ihm ſelber zweifelhaft war. 1Nach Ferdinands Inſtruction fuͤr ſeine Geſandten an den Papſt bei Bucholtz IX, 600 war ſeine Weiſung an Caſtaldo: ut fortiter dissimularet, quatenus monachum differre sentiret: si tamen intelligeret rem aliter transigi non posse tunc potius ipse eum praeveniret et tolleret e medio, quam quod primum ictum expectando, ab ipso preveniretur. Caſtaldo und ſeine Freunde, von perſönlichem Haß, der Beſorgniß am Ende ſelber verrathen zu werden, und der Begierde erfüllt, ſich der Schätze des Mönches zu bemächti - gen, von denen man Unglaubliches meldete, trugen kein Be - denken augenblicklich zur That zu ſchreiten. In dem eignen Schloſſe des Mönches, der doch dabei wenig Vorſicht zeigte, Alvinz, fanden ſie Gelegenheit an ihn zu kommen. Mar - tinuzzi ward in dem Augenblicke daß er ſich anſchickte einen ihm überbrachten Brief zu leſen, wie dort in Neuburg Jo - hann Diaz, von den Überbringern ermordet. Seine Schätze fand man weit geringer als man gemeint.

Und nun läßt ſich denken, daß auch dem König aus dieſen Dingen kein Heil erwuchs. Der Tod des Mannes, der alles zuſammengehalten, mußte nothwendig alles auflö - ſen. In Kurzem finden wir den öſtreichiſchen Befehlshaber Caſtaldo zugleich mit einem Aufſtand der Szekler, den Ein - fällen der Walachen und einem neuen türkiſchen Heere in ungleichem Kampfe.

Die Hauptſache war auch hier, daß hiedurch der Still - ſtand gebrochen war, den man mit ſo vieler Mühe zu Stande gebracht hatte. Ich finde die Nachricht (wiewohl nicht mit voller Sicherheit), die Unternehmungen auf Mehdia und auf158Neuntes Buch. Viertes Capitel.Siebenbürgen ſeyen von den beiden öſtreichiſchen Brüdern zu - gleich in Erwägung gezogen worden: man habe ſehr wohl geſehen, daß die Erneuerung des osmaniſchen Krieges die unausbleibliche Folge davon ſeyn würde, aber es darauf gewagt, um der großen Vortheile willen die man erwartete. Die Vortheile waren nicht gewonnen; die Nachtheile traten in vollem Maaße ein: zu beiden Seiten erhob ſich ein für die beiderſeitigen Länder höchſt gefährlicher Krieg, der alle Aufmerkſamkeit und Kraftentwickelung in Anſpruch nahm.

Und wenden wir nun unſer Augenmerk von dem Oſten nach dem Weſten, wo die Thätigkeit des Kaiſers von ſei - nen Beziehungen zu England und Frankreich und dem ge - genſeitigen Verhältniß dieſer beiden Reiche bedingt wurde, ſo waren auch hier die größten Veränderungen eingetreten, oder bahnten ſich doch in dieſem Augenblicke an.

Bleiben wir zunächſt bei dem Gange der Dinge in England ſtehn, der zugleich die kirchliche Seite der kaiſerli - chen Unternehmungen nahe berührt.

Fortgang der Reformation in England.

Wenn ſich der Kaiſer und König Heinrich VIII nach langem Hader wieder verbündeten, ſo konnte das, ſo viel dringende Antriebe dafür vorhanden waren, bei der Sin - nesweiſe jener Zeit doch nicht wohl geſchehen, ohne daß auch in ihren kirchlichen Tendenzen wieder eine gewiſſe Ana - logie eintrat.

Nachdem Heinrich VIII mit ſeinem Clerus und ſeinem Parlament ſich einige Jahre daher in einer Richtung bewegt, die dem deutſchen Proteſtantismus entſprach, vereinigten ſich159Reformation in England.dieſe drei Gewalten im J. 1539 zu dem Geſetz der ſechs Artikel, durch welches Prieſterehe und Laienkelch verworfen, das Dogma der Brotverwandlung dagegen, die herkömm - liche Feier der Meſſen und die Ohrenbeichte bei ſtrenger Ahn - dung eingeſchärft wurde.

Fragen wir, was ihn dazu bewog, ſo werden wir wohl nicht irren, wenn wir dieß Geſetz zu den Maaßregeln der Vertheidigung rechnen, welche er damals gegen die Verbin - dung des Papſtes mit dem Kaiſer und dem König von Frankreich ergriff. Bei der erſten Nachricht von dieſer Ver - bindung waren alle heimlichen Anhänger des Papſtes in Be - wegung gerathen; der franzöſiſche Geſandte meint, es gehöre nichts weiter, als das Interdict und etwa ein kirchliches Han - delsverbot dazu, um den offenen Aufruhr in England zu ent - zünden. 1Castillon 2 Febr. 1538. Il luy semble (dem Geſ. ) que qui pourroit trouver moyen que le pape envoyast interdits et excommuniements par les terres et pays qui luy portent obeis - sance, et meme les marins, que nul marchand negociast ou pra - tiquast en façon quelconque avec les Anglais, que sans autre despence le peuple d’Angleterre s’esmouveroit et contraindroit le roi à retourner à l’eglise. Der König glaubte das von ihm ergriffene Syſtem nur dadurch behaupten zu können, wenn er ſeine römiſch-ka - tholiſchen Unterthanen, die noch die Mehrzahl ausmachten, in Hinſicht der wichtigſten Lehrpuncte beruhigte. Eine Auf - faſſung die ſich beinahe aufdringt, wenn man das Tagebuch von Hollinſhed lieſt, wo die kriegeriſchen Vorkehrungen die Heinrich VIII traf, Befeſtigung der Häfen, Beſichtigung aller Landungsplätze, Muſterung der Kriegsmannſchaften, und die Verkündigung dieſer Artikel in Einer Reihe genannt werden. 2Hollinshed Chronicles III, 808.

160Neuntes Buch. Viertes Capitel.

Wenn Heinrich VIII dabei fürs Erſte mit den Prote - ſtanten doch noch in Verbindung blieb und jene Ehe mit Anna von Cleve ſchloß, ſo geſchah das aus dem verwand - ten Grunde, weil ihm nichts erwünſchter und nützlicher war als der Widerſtand derſelben gegen den Kaiſer. Sobald ſie dieſen aufgaben, ward Anna verſtoßen, jede engere Verbin - dung abgebrochen, der bisherige Führer der religiöſen Neue - rung, Cromwell, ſeinen Feinden Preis gegeben.

Seitdem erſt begann man die Artikel mit der Strenge zu handhaben, die ihnen den Namen der blutigen verſchafft hat. Die Papiſten wurden mit dem Schwert hingerichtet, die Gegner der Transſubſtantiation erlitten den Tod im Feuer: beides im Namen des Geſetzes.

Dann konnte ſich der König auch wieder der Politik des Kaiſers nähern, mit deſſen zugleich antipäpſtlicher und dogmatiſch-katholiſcher Haltung die ſeine eine bei weitem nähere Verwandtſchaft hatte als mit dem Geiſte des Prote - ſtantismus.

Nur ganz in ſeinen letzten Tagen ſchien es ihm gut, eine Veränderung wenn nicht eintreten zu laſſen, doch vor - zubereiten.

Es wurden ihm Anzeigen gemacht, er hat die be - ſonders anzüglichen Stellen darin noch mit zitternder Hand unterſtrichen1Statepapers I, 891. nach welchen es ihm ſchien, als ob das Haus Howard, das an der Spitze der katholiſchen Partei ſtand, wohl ſeinem Sohne gefährlich werden könne. Gerade zu der Zeit, in welcher er die Howards einkerkerte oder hin - richten ließ, mußte es nun ſeyn, daß er diejenigen Männer161Reformation in England.ſchließlich ernannte welche während der Minderjährigkeit ſei - nes Sohnes die Regierung führen ſollten. Aus dem Ver - zeichniß derſelben tilgte er mit eigner Hand den Namen Gardiners, der bisher die katholiſchen Lehrſätze nicht ohne Geiſt und mit bemerkenswerther Feſtigkeit vertheidigt hatte; den Namen Cranmers dagegen, des vornehmſten geiſtlichen Werkzeugs der Reformation, fand man unter den vom - nig ernannten Executoren des Teſtaments obenan ſtehn.

Und ſo bildete ſich unmittelbar nach Heinrichs Tode eine Regierung, in der die proteſtantiſchen Hinneigungen vorwal - teten. Ein Mann der ſie mit Entſchiedenheit hegte, Edward Seymour, jetzt zum Herzog von Sommerſet erhoben, trat unter dem Titel eines Protectors als ihr Oberhaupt auf: ſeine Mitexecutoren ließen ſich gefallen als ſeine Räthe zu erſcheinen; gab es noch fremdartige Elemente unter ihnen, ſo wurden ſie ohne Mühe ausgeſtoßen.

Mag nun die Geſinnung König Heinrichs geweſen ſeyn welche ſie will, aller Grauſamkeit ſeiner Edicte zum Trotz, durch das Ganze ſeiner Thätigkeit hat er die Fortſchritte der religiöſen Neuerung mächtig befördert. Er hat die Summe der geiſtlichen Gewalt mit der königlichen verbunden. Dieſe neu begründete kirchlich-weltliche Macht hat er dann einer Vereinigung von Männern hinterlaſſen, in welcher das pro - teſtantiſche Prinzip auf der Stelle die Oberhand bekam.

Auch in dem Bisthum hatte unter Cranmers ſtillem Einfluß die proteſtantiſche Anſicht Eroberungen gemacht: der zweite Erzbiſchof des Reiches, mehrere andere Biſchöfe neig - ten ſich ihr zu.

Es bedurfte nichts weiter als der natürlichen Entwicke -Ranke D. Geſch. V. 11162Neuntes Buch. Viertes Capitel.lung der innerhalb der conſtituirten Gewalt auf dieſe Weiſe ſchon geſchehenen Veränderung, um den neuen Meinungen freien Raum zu machen. Man brauchte von dem durch Heinrich VIII gebahnten Wege der Geſetzlichkeit nicht abzuwei - chen und konnte doch zu ganz andern Reſultaten gelangen.

Wie hätte die neue Regierung auch zum Beiſpiel an der Strenge feſthalten können, mit welcher Heinrich VIII ſeine Gebote hatte handhaben laſſen.

Jetzt erſchienen fliegende Blätter und Reime, Hefte, Bücher gegen das bisherige Syſtem; die Faſten wurden ge - brochen, Bilder umgeriſſen. Niemand machte Miene ſich darum zu bekümmern.

Vielmehr ward, ohne langen Verzug, eine neue Viſita - tion vorgenommen um die Mißbräuche der Geiſtlichen aus - zurotten; ſie knüpfte ausdrücklich an diejenigen Artikel an, welche unter Cromwell bekannt gemacht worden.

Um das Volk zu unterweiſen, verfaßte der Erzbiſchof Cranmer in deutſcher Weiſe eine Anzahl von Homilien, die ſich beſonders in dem Artikel von der Juſtification von dem herkömmlichen Syſtem entfernten.

Und hierauf nun verſammelte ſich das Parlament, Nov. 1547, unter dem Eindruck welchen die Veränderung der Regierung überhaupt und beſonders eine Unternehmung ge - gen Schottland gemacht, die ſehr glücklich gegangen war: es theilte vollkommen die Geſinnung der Regierung.

Vor allem wurden die ſechs Artikel abgeſchafft. Cran - mer brauchte wohl nicht, wie man geſagt hat, erſt darauf aufmerkſam gemacht zu werden, daß ohne dieß kein weiterer legaler Schritt möglich war. Das Parlament ergriff aber auch163Reformation in England.eine poſitive Maaßregel: es ordnete die Communion unter bei - derlei Geſtalt an. Man ſollte glauben, daß die Überzeugung von der Rechtmäßigkeit dieſer Abänderung ſehr verbreitet ge - weſen ſey. Unter den Biſchöfen waren nur fünf, im Unter - hauſe der Convocation, welches 64 Stimmen zählte, nicht eine einzige dagegen.

Dabei hielt das Parlament das geiſtliche Supremat der Krone auf das nachdrücklichſte feſt: beſonders ihr Recht die Biſchöfe zu ſetzen.

Auch in dem jetzt vorherrſchenden Sinne hätte kein Schritt ohne Erlaubniß der Regierung geſchehen dürfen. Wie ſo durchaus anders giengen die Dinge jenſeit des Meeres, als dieſſeit. Bei uns war die Bewegung von der Predigt mit hervorgebracht: dort war die freie Predigt kaum einen Augenblick erlaubt geweſen, ſo wurde ſie wieder verboten. Der Grundſatz ward aufgeſtellt, daß Niemand Meinungen und Gebräuche die der König noch dulden wolle, in Ver - achtung bringen dürfe; einem Privatmanne könne nicht zu - ſtehn Neuerungen anzufangen;1A letter sent to all those preacher, which the King’s Majesty has licensed. Bei Wilkins IV, 27. die Regierung behielt ſich gleichſam das Recht vor, ausſchließend die öffentliche In - telligenz zu ſeyn. Und nur ſehr bedachtſam gieng ſie zu Werke. In dem Katechismus, den Erzbiſchof Cranmer übri - gens nach deutſchem Vorbild bearbeitete, hütete er ſich doch die Ideen vom Prieſterthum zu verletzen: die Lehre von dem göttlichen Urſprung und der göttlichen Berechtigung deſſelben wird darin mit aller Strenge feſtgehalten.2Vgl. Collier II, 251. Es11*164Neuntes Buch. Viertes Capitel.dauerte eine Weile ehe man die Prieſterehe erlaubte. Die Commiſſion von Biſchöfen und Geiſtlichen, welche auf Be - ſchluß des Parlaments dazu ſchritt eine neue gleichförmige An - ordnung des Gottesdienſtes zu entwerfen, ließ es ihr haupt - ſächlichſtes Geſchäft ſeyn, die verſchiedenen Liturgien die in England in Gebrauch waren, von Sarun, Bangor, York, zu vereinigen und zu verſchmelzen, und unterwarf ſie nur einer Durchſicht und Reinigung. Sie verfuhr nach dem Grundſatz, daß auch Chriſtus bei ſeinem Werke das Alte nicht ganz verworfen, ſondern bei den beiden großen Inſti - tutionen die er gemacht, ſich an die Gebräuche der Juden angeſchloſſen habe. 1Our liturgy is in great mesure a translation from the catholic service. Hallam Constitut. history I, 115.

So nahe wie möglich hielt man ſich an die hiſtoriſch gegebenen Grundlagen. Aber dabei kam doch eine Neue - rung zu Tage, durch welche ſich auch dort der reformatori - ſche Gedanke endlich ſelbſtändig Bahn gebrochen hat.

Die Lehre von der Brotverwandlung war in England am ſpäteſten durchgedrungen: ſie hatte dort in Wikliffe den erſten wirkſamen und durchgreifenden Widerſpruch gefunden; zwar hatte ſie ſich nichtsdeſtominder der Gemüther allmäh - lig bemächtigt und war von Heinrich VIII mit Feuer und Schwert vertheidigt worden, aber ſie mußte es doch wieder ſeyn, was dort, nachdem man bisher hauptſächlich die Ver - faſſung und die Gebräuche geändert, zu einer weſentlichen Neuerung in der Lehre den entſcheidenden Anlaß gab.

Oder ſagen wir vielmehr Herſtellung, als Neuerung?

In England machte es noch größeren Eindruck als in165Reformation in England.Deutſchland, daß damals das Werk eines Mönches aus dem 9ten Jahrhundert, der immer unter den rechtgläubigen Kirchen - ſchriftſtellern aufgeführt worden, das Buch des Ratramnus von Corbei über Leib und Blut unſers Herrn, bekannt ward, worin nicht allein die Brotverwandlung verworfen, ſondern die leibliche Gegenwart überhaupt geleugnet, und dieſe Anſicht ei - nem mächtigen König der damaligen Welt, Carl dem Kahlen, als die wahrhaft katholiſche bezeichnet wird. 1Bertrami presb. liber etc. Col. 1532. Genev. 1541.Einer der Füh - rer der Reformation, Nicolaus Ridley, ſtudirte dieſe Schrift auf ſeiner Landpfarre in Kent, und durchdrang ſich mit der Überzeugung, daß die herkömmliche Auffaſſung nicht allein unhaltbar, ſondern auch die neuere ſey: einer Meinung, die er gar bald ſeinem Freunde, dem Erzbiſchof Cranmer mittheilte. 2Soames history of the reformation in England III, 177.Eben langten aus Deutſchland, zum Theil aus - drücklich eingeladen, zum Theil durch die Gewaltſamkeit ver - jagt mit welcher das Interim eingeführt wurde, auch ſolche Leute an, denen die Wittenberger Concordie noch nicht ge - nügte, wie Peter Martyr, der eine Zeitlang bei Cranmer zu Lambeth lebte, und Johann a Lasco. Sie trugen nicht we - nig zur Befeſtigung Cranmers in dieſen Abweichungen bei, der dann wieder bei der geſammten Geiſtlichkeit darin Nach - folge fand. Man begnügte ſich nicht die Meſſe aufhören zu laſſen, in der Mutterkirche der Hauptſtadt zu St. Paul trat die Communion an die Stelle des Hochamtes, ſondern in der neuen Liturgie ward die Elevation, welche Luther ſo lange beibehalten, und die Kniebeugung vor der Hoſtie verboten. 3Soames III, 377.Die Viſitatoren des Jahres 1549 verpönten jede Beibehal -166Neuntes Buch. Viertes Capitel.tung der eigenthümlich römiſchen Gebräuche. 1Articles bei Burnet II, Coll. nr. 33. that no minister do counterfeit the popish mess: as to kiss the Lords table, to use no other cerimonies, than are appointed in the Kings book of common prayers. Auf der Uni - verſität Oxfort focht Peter Martyr die Lehre über die Eu - chariſtie, obwohl nicht ohne harte Kämpfe, durch; wie er ſie feſtſtellte, iſt ſie darnach in die Bekenntnißſchriften der engli - ſchen Kirche aufgenommen worden.

Indem nun aber die kirchliche Veränderung die Mo - mente berührte, welche den Kern des katholiſchen Glaubens ausmachten, mußte in England ſo gut wie anderwärts eine allgemeine Erſchütterung erfolgen.

Was die ſechs Artikel einſt politiſch empfahl, zeigt ſich erſt recht, wenn wir finden, daß die aufrühreriſche Menge in mehreren Provinzen die Herſtellung dieſes blutigen Statu - tes forderte.

Auch ganz entgegengeſetzte Motive miſchten ſich ein, be - ſonders Widerſtand gegen das Umſichgreifen des Adels, na - mentlich die weitern Einzäunungen des Landeigenthums, ver - geſellſchaftet mit anabaptiſtiſchen Regungen, welche faſt an den deutſchen Bauernkrieg erinnern. 2Ein gewiſſer Ket nannte ſich der Meiſter oder Koͤnig von Norfolk und Suffolk; er fuͤhrte die Widerſtrebenden in Ketten mit ſich fort. Strype II, 290.

Dieſe Bewegungen wurden nun zwar leichter als in Deutſchland erdrückt, da ſie ſich in ſich ſelbſt widerſprachen, und in England das Herrenrecht der Weltgeiſtlichkeit, die ganze biſchöfliche Hierarchie aufrecht erhalten wurde; allein ſie blieben doch nicht ohne die größte Rückwirkung.

Um zu Hauſe nicht zu unterliegen, mußte die Regie -167Reformation in England.rung die krieggeübten Leute, die bisher die Beſatzung von Bou - logne ausgemacht, von dort wegführen: dadurch aber ward der König von Frankreich veranlaßt,1Lorenzo Giustiniani Relne di Francia: Levorno i boni sol - dati et esercitati che avevano in questa fortezza et vi mandarono altretanti da sui Englesi non piu stati in guerra, di che acortosi Chiatiglion lo fece saper al Condestabile, che prese questa oc - casion persuase al re mandarci con ogni sforzo. ſeinen Krieg ernſtlicher zu erneuern als bisher; er bemächtigte ſich in Kurzem der klei - nen Befeſtigungen in jenem Gebiete.

Auch in Schottland konnten ſich die Engländer jetzt nicht länger halten: nach mancherlei Verluſten entſchloſſen ſie ſich, den vornehmſten Platz deſſen ſie ſich bemächtigt hat - ten, Haddington, zu verlaſſen.

Wir werden wohl nicht irren, wenn wir den nächſten Grund daß der Protector Sommerſet ſich nicht behaupten konnte, in der Verflechtung dieſer Umſtände ſuchen, in der ſchlechten Lage der öffentlichen Angelegenheiten, die man ihm Schuld gab, den Mißgriffen die er perſönlich dabei begieng: doch nicht hierin allein, ſondern zugleich in einer politiſchen Hinneigung die er dabei an Tag legte.

Er nahm ſich der bedrängten Gemeinen ganz unzwei - deutig an: die neuen Einzäunungen wurden an vielen Or - ten durch die Commiſſarien die er ausgeſandt hatte, zerſtört, und man ſchrieb ihm die Abſicht zu, in dem nächſten Par - lamente eine nachdrückliche Acte zur Abſtellung der Übergriffe des Adels einzubringen. Nachdem er die geiſtlichen Forde - rungen beſeitigt, ſchien er geneigt die weltlichen Anſprüche zu bewilligen. 2In der von Tytler (Edward a. M. I, 208) bekannt gemach - ten merkwuͤrdigen Proclamation heißt es vom Adel: non fearing that the lord protector according to his promise would haved redres -

168Neuntes Buch. Viertes Capitel.

Er war jedoch viel zu ſchwach für einen Plan, zu deſ - ſen Durchführung Sieg im Feld, unbezweifeltes Übergewicht im Rath und die entſchloſſene Unterſtützung eines kräftigen Königs gehört hätten. Er erlag ſeinen Gegnern, welche ſchon glaubten daß er es auf eine allgemeine Umwandlung der Verfaſſung abgeſehen habe.

Man wird ſich nicht wundern, wenn der Sturz des vor - nehmſten Führers der religiöſen Umbildung hie und da die Er - wartung hervorrief als würde dieſe ſelbſt rückgängig werden.

Am kaiſerlichen Hofe zu Brüſſel war man mit der Ver - waltung Sommerſets ſo ſchlecht zufrieden, daß der dortige franzöſiſche Geſandte Marillac den Sturz des Protectors von den Einwirkungen des Kaiſers herleitet. 1Bei der Sendung Pagets klagte man am kaiſerlichen Hofe: que non obstant qu’on voit qu’ils faisoient la guerre a dieu, ils vouloient que l’empereur les defendist. (Marillac 25 Juli 1549.)Wenigſtens ward das Ereigniß von dieſem Hofe mit lauter Freude be - grüßt. Der erſten Geſandtſchaft des neuen Gewalthabers Warwick, der ihn um Hülfe gegen Frankreich bat, wie auch ſein Vorgänger gethan, eröffnete der Kaiſer mit einem gewiſ - ſen Vertrauen, daß die engliſche Regierung ſich vor allen Din - gen mit ihm in Sachen der Religion vereinigen müſſe. 2Er erinnert den Koͤnig him and his council, to have mat - ters of religion first recommended to the end, we may be at the end all of one opinion. Cheyne bei Strype Mem. II, 308.

Wie wäre aber Warwick, den dieſelben Männer für ihn ſchlechterdings unentbehrlich umgaben welche die Veränderung eingeleitet, daſſelbe Parlament das ſie beſchloſ - ſen und ſchon ſo weit eingeführt hatte, wenn er auch ge -2sed things in the parliament, which he short ly intended to have set to the intent that the poor commons may be godly eased. 169Reformation in England.wollt hätte, im Stande geweſen, mit einer rückgängigen Bewegung durchzudringen? Der erſte Verſuch dazu hätte ihm ſelber zum Verderben gereicht.

In der nächſten Sitzung des Parlaments ward viel - mehr das begonnene Werk in gleicher Richtung fortgeſetzt.

Die alten Rituale mußten ausgeliefert werden; die Bil - der wurden vollends aus den Kirchen geſchafft; ein Ordi - nationsbuch ward verfaßt, in welchem nun auch die Lehre vom Character, die, wie wir oben andeuteten, zur Doctrin von der Transſubſtantiation eine nahe Beziehung hat, und die bisherige Anſicht von der Abſolution verworfen wurde. Indeſſen machten ſich auch in Cambridge die evangeliſchen Anſichten von Gnade und Rechtfertigung, Gotteswort und Menſchenlehre durch den Einfluß beſonders Martin Butzers unter den Gelehrten geltend. Es bereitete ſich alles zum Abſchluß des Syſtemes vor, das in den 39 Artikeln feſtge - ſetzt und in England behauptet worden iſt.

Da nun aber um ſo weniger an Hülfe des Kai - ſers gegen Frankreich zu denken war, ſo mußte die ganze Politik der engliſchen Regierung ſich ändern. Sie bewil - ligte jetzt den Franzoſen die Rückgabe von Boulogne ohne ſo viel drückende Bedingungen wie Heinrich VIII aufge - ſtellt, und ſchloß einen Frieden mit dieſer Macht, der die einſt in Gemeinſchaft mit dem Kaiſer im Jahr 1543 be - gonnenen Feindſeligkeiten allererſt beendigte. Zwar hat es dann im Laufe des Sommers noch einige Irrungen über die Grenzen gegen Calais hin gegeben, von denen es wohl Einem und dem Andern ſchien als würden ſie eine neue Fehde veranlaſſen, aber zuletzt ward doch alles beſeitigt und170Neuntes Buch. Viertes Capitel.ein ganz gutes Verſtändniß gegründet, bei dem man ſogar die Ausſicht auf engen Bund faßte.

Und nun leuchtet ein, welche Nachtheile zugleich kirchli - cher und politiſcher Natur für den Kaiſer hierin lagen.

Seine kirchlichen Pläne umfaßten die ganze abendlän - diſche Chriſtenheit. Unmöglich konnte es ihm gleichgültig ſeyn, wenn in England die Meinungen emporkamen die er in Deutſchland bekämpfte. Während er hier ſeine vor - nehmſte Sorge ſeyn ließ die Meſſe herzuſtellen, ward ſie dort aufgehoben.

Da ſich Prinzeſſin Maria weigerte, ſich der geſetzlichen Uniformität zu unterwerfen, und er ſich ihrer hiebei annahm, ſo gerieth er jetzt ſelbſt in Weiterungen mit der engliſchen Regierung;1King Edwards Journal March 19 1551: Burnet II Coll. 23. The emperors ambr came with a short message from his ma - ster of war, if I no would suffer the princess to use her mass. er hat ihr im Jahr 1551 mit Krieg gedroht, und ich finde daß die flandriſchen Küſten gegen einen An - fall, den die Engländer plötzlich unternehmen dürften, in Ver - theidigungsſtand geſetzt worden ſeyen. 2 per non esser trovati all’improvista. (Dispaccio fior.)

Eine noch bei weitem dringendere Gefahr für ihn aber ſchloß es ein, daß König Heinrich II von Frankreich, der ſich eben ſo ſtark wie ſein Vater als der natürliche Ne - benbuhler und Opponent des Hauſes Öſtreich fühlte, durch dieſen Frieden freie Hand bekam.

Der König ſelbſt hatte geſagt, er wolle dem Kaiſer nicht länger das Vergnügen machen, ſeine Nachbarn in den Waffen gegen einander zu ſehen. Die offenen und geheimen Gegner des Kaiſers in aller Welt wurden bei dieſer Nach -171Heinrich II und die Farneſen.richt von der Erwartung ergriffen, daß eine Änderung der allgemeinen Politik bevorſtehe: ſie tranken wohl einander Glück zu bei der Nachricht von dieſem Friedensſchluß.

Heinrich II und die Farneſen.

Ein ſehr außerordentliches Verhältniß waltete ſchon alle dieſe Jahre daher zwiſchen dem König von Frankreich und dem Kaiſer ob.

Im September 1548 trug der König dem Kaiſer noch einmal die engſte Allianz an, die durch die Vermählung ſei - ner Schweſter mit dem Prinzen von Spanien bekräftigt wer - den ſolle. 1Sehr unumwunden lautet dieſer Antrag: Cette intelligence commune seroit à l’ung et l’autre le moyen pour mettre soubs eux et à leur devotion ce qui seroit utile et propre à chacun d’eux. Worte des Connetable in einem Schreiben an Marillac o. D. (Sept. 1548), angekommen im October.Bei der Mittheilung dieſes Gedankens rief Gran - vella aus, wenn er den Tod ſchon zwiſchen den Zähnen hätte, würde ihn eine Mittheilung dieſer Art wieder ins Le - ben zurückrufen, und die Unterhandlungen darüber wurden wirklich eröffnet.

Aber gleich bei dem erſten Schritte ſcheiterten ſie auch. Der Kaiſer bezeichnete eine Bedingung als unerläßlich, welche die Franzoſen ſchlechterdings nicht eingehn wollten, die Her - ausgabe von Piemont; vorausgeſetzt daß es ja mit je - nem Vorſchlag überhaupt jemals dem einen oder dem an - dern Theile Ernſt geweſen iſt.

Montmorency bekennt in einem Brief an Marillac, er habe damit nur Zeit zu gewinnen geſucht.

172Neuntes Buch. Viertes Capitel.

Dagegen ſagte wohl auch Granvella, er habe ſeine weiten Ärmel voll von Beſchwerden gegen Frankreich, doch ſey die Zeit noch nicht gekommen ſie geltend zu machen.

Seitdem beobachtete jeder Theil den andern mit bewuß - ter und nur wenig verborgener Feindſeligkeit.

Von Anfang an aber waren hiebei die Franzoſen in Vortheil. Der Kaiſer verfolgte ein ideales, kaum jemals erreichbares Ziel. Sie dagegen nahmen mit voller Überle - gung ſich vor, nur erſt ihre engliſch-ſchottiſche Angelegenheit zu beendigen und ſich dann gegen den Kaiſer zu wenden.

Wir ſahen ſo eben, wie gut es dem König damit ge - lang. Er hatte die Vereinigung von Schottland und Eng - land zu Einem Reiche dieß Mal wirklich verhindert, die junge Königin nach Frankreich geführt, um ſie mit dem Dauphin zu vermählen, Boulogne wiedererobert, und dabei noch ein gutes Verſtändniß mit England geſtiftet. Dergeſtalt nahm er eine ſehr ſtarke Stellung in Europa ein. Er war ſieg - reich, jung und kriegsbegierig. Er konnte darauf denken die Oppoſition zu erneuern, die einſt ſein Vater gehalten.

Den nächſten Anlaß dazu gaben ihm die italieniſchen, namentlich die farneſiſchen Angelegenheiten.

Nach der unglücklichen Kataſtrophe Pier Luigis in Pia - cenza hatte Paul III Parma an die Kirche zurückgenommen: Camillo Orſino hielt es bei ſeinem Tode im Namen der Kirche beſetzt. Einem im Conclave gegebenen Verſprechen zufolge fieng Julius III ſeine Regierung damit an, daß er Parma dem Sohn Pier Luigis, Ottavio, wieder zurückgab. Man wollte wiſſen, der Kaiſer habe hoffen laſſen, dieſen ſeinen Eidam auch in Piacenza herzuſtellen. Die Farneſen ſchmei -173Heinrich II und die Farneſen.chelten ſich, bei dem guten Verhältniß des Papſtes mit dem Kaiſer noch in den Beſitz alles deſſen zu gelangen, was ſie der Gunſt ihres Großvaters jemals verdankt.

Auf dem Reichstage von Augsburg, im September 1550, ward auch hierüber mit dem Kaiſer unterhandelt.

Es war aber nicht in ſeiner Weiſe, eine Landſchaft auf die er Rechte zu haben glaubte, und die er größtentheils ſchon inne hatte, ſo leicht wieder fahren zu laſſen. Daß ſeine Tochter mit Ottavio verheirathet war, machte auf ihn wenig Eindruck, nachdem das ganze Haus in Pier Luigi tödtlich beleidigt worden. Die Verbindung des jüngſten von den Brüdern, Oratio, mit Frankreich erregte von Anfang an ſeinen Verdacht und Widerwillen. So weit war er ent - fernt Piacenza zurückzugeben, daß er ſogar Anſprüche auf Parma erhob, und eine Unterſuchung der zwiſchen Reich und Kirche ſchwebenden Streitfrage über die Oberherrlich - keit über dieſe Städte in Antrag brachte. 1Pareva meglio che si conoscessero le ragioni della sede apostolica e dell’imperio e le città si dessero a chi aveva ra - gione. (Seine Worte an Pighino 4 Sept.)Ferrante Gon - zaga ſetzte ſeine Feindſeligkeit gegen die Stadt Parma un - aufhörlich fort.

Da konnten nun die Farneſen auch von dem Papſt nicht viel Schutz erwarten. Es war nicht das Herkommen im Kirchenſtaat, daß die Nepoten eines früheren Papſtes von dem regierenden beſondere Rückſicht genoſſen. Eine der In - ſtructionen Julius III beweiſt unwiderleglich, daß ihn wirk - lich der Gedanke beſchäftigt hat, auch Parma dem Kaiſer zu überlaſſen, bei günſtiger Gelegenheit, unter den nöthigen174Neuntes Buch. Viertes Capitel.Bedingungen. 1Instruttione al Vescovo d’Imola: Er habe dem ſpaniſchen Botſchafter geſagt: che se pure S. Mà haveva desiderio di haver Parma, si aspettasse la maturità del tempo a parlarne. Dem Herzog Ottavio ließ er endlich ge - radezu wiſſen, daß die Kammer den Aufwand nicht länger tragen könne welchen ihr der Schutz von Parma verurſache.

Es blieb kein Zweifel, daß die Farneſen verloren wa - ren, wenn ſie nicht zu einem außerordentlichen Mittel griffen.

Papſt Paul III war durch den Zuſammenhang der geiſt - lichen und weltlichen Geſchäfte abgehalten worden, in ein entſchiedenes Verhältniß zu Frankreich zu treten. Bei ſei - nen Enkeln fielen die geiſtlichen Rückſichten weg. Allerdings hatten ſie in den Gebieten der Kirche und des Kaiſers nicht wenig zu verlieren, allein ſie konnten auch gewinnen, ſich vielleicht rächen, und vor allen Dingen ſich als Fürſten in Parma behaupten.

Und an wen ſollten ſie ſich wenden, wenn nicht an Heinrich II, in deſſen Familie einer von ihnen, Oratio, auf - genommen war?

Dem König ward der Antrag gemacht noch ehe die Ir - rungen mit England vollkommen beſeitigt waren; er trug dazu bei daß dieß geſchah.

Zuerſt wurden einige zuverläßige Leute nach Italien ge - ſendet, um die Lage der Dinge, auch die Haltbarkeit des Platzes zu unterſuchen. Als deren Bericht günſtig ausfiel, ward ein Vertrag geſchloſſen, kraft deſſen der König die Farneſen in Schutz nahm und eine Mannſchaft zu Pferd und zu Fuß nach Parma zu ſchicken verſprach, groß genug um eine Belagerung auszuhalten, Ottavio dagegen ſich ver -175Erneuerung des Kriegs mit Frankreich.band, die Fahnen von Frankreich fliegen zu laſſen, und ohne Einwilligung dieſer Macht kein Abkommen mit dem Kaiſer einzugehen, auch nicht das günſtigſte.

Wir wiſſen, wie viel dem Kaiſer von jeher daran lag die Franzoſen von Italien auszuſchließen. Jetzt mußte das Mißverhältniß, in das er zu ſeinem eignen Eidam gerathen war, ſie dahin zurückführen. Leicht hatte der König ein paar tauſend Söldner in Italien werben laſſen, mit deren Hülfe nun der junge Herzog und ſeine Stadt plötzlich ein ganz andres Anſehen ſich verſchafften als ſie bisher gehabt.

Der Papſt war ergrimmt, daß ein elender Wurm , wie er Ottavio nannte, ſich gegen ihn und den Kaiſer auf - zulehnen wage. Seine Angehörigen thaten alles, um ihn deſto enger mit dem Kaiſer zu verbinden. 1Battiſta di Monte an Diego de Mendoza, Lettere di prin - cipi III, 110. Penso che se dalla banda di S. Mà li sarà cacciato da voro, che pigliarà l’armi in tutti i modi, et hora è il tempo che l’imperatore si può pigliare l’imperatore tutto per se. Nachdem ſeine letzten Vorſchläge abgewieſen worden, trug er kein Beden - ken im Juni 1551 das Schwert gegen den rebelliſchen Va - ſallen zu ziehen.

Merkwürdige Geſtalt der Dinge: der Papſt führte Krieg mit ſeinem Vaſallen; jenen unterſtützte der Kaiſer, dieſen der König von Frankreich, die doch noch Friede mit einander hatten.

Allein ſchon ſah Jedermann, daß der Krieg zwiſchen den beiden Fürſten ſelbſt ſich nicht werde vermeiden laſſen.

Im September 1551 geriethen die Truppen beider Theile im Piemonteſiſchen an einander. Indeſſen ließ der König dem kaiſerlichen Geſandten an ſeinem Hofe alle Beſchwerden176Neuntes Buch. Viertes Capitel.aufzählen, die er ſchon immer gegen den Kaiſer erhoben, die Züchtigung der Deutſchen die in ſeinen Dienſt getreten, die Begünſtigung die den Engländern während des Krie - ges zu Theil geworden ſey, endlich die Verbindung mit dem Papſt wider Parma und Mirandula, und ihm erklären, da die Freundſchaft des Kaiſers nur in Worten beſtehe, und ſich bei jeder Verhandlung in das Gegentheil verwandle, ſo ſey er entſchloſſen dieß nicht mehr mit anzuſehen, ſondern ſeine Angelegenheiten ſelbſt in Acht zu nehmen, wie es Gott erlauben werde. 1Schreiben des kaiſerlichen Geſandten S. Mauris 14 Sept. 1551. Die Worte ſind: que veendo el dicho Sr rey, que toda la amistad propuesta por V. Md consiste en palabras, y que usa de punctos contrarios en todas negociaciones, ha deliberade de no sufrir mas tal manera de actos, antes proveer en sus cosas come dios permitira. (Arch. v. Simancas in Paris.)

So brach die alte Feindſeligkeit wieder aus, welche mit ſo viel Mühe bisher niedergehalten worden. Die Lage des Kaiſers ward um ſo bedenklicher, da ſie zugleich mit jener Erneuerung der osmaniſchen Anfälle verbunden war.

Wir wiſſen: es war der Friede mit dieſen beiden Mäch - ten geweſen, was es dem Kaiſer möglich gemacht hatte die Proteſtanten zu überwältigen. Es mußte ſich nun zeigen, ob das damals gewonnene Übergewicht auch bei dem Wie - derausbruch jener Kriege ſich haltbar beweiſen würde.

[177]

Fuͤnftes Capitel. Elemente des Widerſtandes in Deutſchland.

Im Jahre 1547 hatte der Kaiſer ſein kriegeriſches Un - ternehmen nicht ganz zu Ende geführt; auch ſeitdem wen - dete er ſich nicht ſelber wider die Städte und Landſchaften welche noch unausgeſöhnt die Waffen in der Hand hielten: er zweifelte nicht, daß in Folge der Reichsordnungen die er traf, und der Übermacht Derjenigen die ſeine Partei hielten, ohne weitere Anſtrengung von ſeiner Seite auch die dorti - gen Angelegenheiten ins Gleiche gebracht werden würden.

So erhoben ſich auch wirklich die Ritterſchaften der Stifter Bremen und Verden gegen den Grafen Albrecht von Mansfeld, der ſich daſelbſt auf immer feſtſetzen zu wollen ſchien; nach mancherlei Glückswechſel haben ſie, unterſtützt von den benachbarten Fürſten, ihn noch im J. 1548 wirk - lich genöthigt, alle Schlöſſer und feſten Häuſer die er ein - genommen, beſonders Vörde und die Rothenburg, heraus - zugeben: jedoch nicht ohne daß ihm dagegen eine anſehn - liche Summe Geldes hätte gezahlt werden müſſen. 1Chytraͤus Saxonia, 488; doch gieng Graf Albrecht nicht ſo - gleich, wie es dort ſcheinen ſollte, nach Magdeburg: vgl. Schwendi 21 Mai 1548 bei Bucholtz IX, 445.

Ranke D. Geſch. V. 12178Neuntes Buch. Fuͤnftes Capitel.

Einen ähnlichen Anlauf nahm Herzog Heinrich von Braunſchweig, der nach den Siegen des Kaiſers ohne Schwertſchlag in ſein Land zurückgekehrt war. Er verſuchte eine vollkommene geiſtliche und weltliche Reſtauration. Die evangeliſchen Superintendenten fanden wohl eines Morgens das Zeichen der Bedrohung, eine Ruthe und ein Paar Schuhe, an ihre Thüre angeheftet, und eilten hierauf ſich durch die Flucht zu retten. Die Mitglieder der Ritterſchaft, die ſich dem Herzog feindlich gezeigt, die Warberg, Schwichelde, Mandelsloh, Bortfelde, wurden aus ihren feſten Schlöſſern verjagt. Hierauf griff der Herzog auch die Stadt Braun - ſchweig an, mit der er von jeher in ausgeſprochener Feind - ſeligkeit ſtand. Zuerſt ließ er nur geſchehen, daß ſeine An - hänger den Waarenzügen derſelben auflauerten, ihre Dör - fer überfielen und plünderten; die Stadt antwortete da - mit, daß ſie dieſen ihren Feinden in ihre Schlupfwinkel, in die benachbarten Wälder und Moräſte nachſetzte, bis ſie dieſelben fand und erlegte; eines Tages, bei Gelegenheit ei - ner großen Hochzeit, gelang es ihr, eine ganze Anzahl der - ſelben auf einmal aufzuheben: zwei von ihnen wurden als öffentliche Verbrecher behandelt und mit dem Tode beſtraft. Nun erſt erſchien der Herzog ſelber über der Landwehr zu Melverode und ſchickte ſich zur Belagerung an. Auch dieſe beſtand jedoch hauptſächlich darin, daß er das Gebiet der Stadt verwüſten, ihre Saaten es war im Monat Juli 1550 niederbrennen, ihre Dörfer zerſtören ließ: man ſah wohl das Holz von den abgetragenen lutheriſchen Kirchen zum Verbrauch ins Lager führen; der Herzog machte fer - ner einen Verſuch die Ocker zu dämmen, um die Mühlen179Belagerung von Magdeburg.die er nicht zerſtören konnte, ungangbar zu machen; aber jene Verluſte fühlte, über dieſe Gefahr erſchrak man nicht, da man ſich im Voraus mit allen Bedürfniſſen verſehen hatte: auch die ſtädtiſchen Reiter ſtreiften unaufhörlich durch das Gefild und waren oft im Vortheil. Im September ver - ließ der Herzog ſein Lager. 1Tagebuch bei Rehtmeier II, 913. Olfen 56 f.

Faſt gleiches Fehdeweſen erfüllte die Umgegend von Magdeburg.

Dieſe Stadt, die nicht allein jede Annäherung an den Sieger von ſich gewieſen, ſondern ſich als Mittelpunct der Widerſetzlichkeit gegen das Interim aufgeſtellt, war längſt in die Reichsacht erklärt, doch wollte ſich noch Niemand an die Ausführung derſelben wagen. Der Sinn des Kai - ſers wäre eigentlich geweſen, ſie durch die Ritterſchaft der beiden Stifter und die Grafen am Harz vollziehen zu laſ - ſen, wie er denn überhaupt in den territorialen Angelegen - heiten mit dem Adel gern in Verbindung trat: Lazarus Schwendi erſchien in dieſen Gegenden, um die Sache in Gang zu bringen; allein ein großer Theil des ſtiftiſchen Adels war ſelber evangeliſch und von der Partei Johann Friedrichs: es kam lange Zeit auch hier zu nichts, als zu kleinen Neckereien mit einzelnen Edelleuten aus dem Stifte oder aus der Mark Brandenburg. Vorwerke und Amtshöfe des Rathes wurden überfallen: eine Fuhre Zerbſter Bier, ein Wagen mit Tuch aufgehoben;2Heinrich Merckel Wahrhaftiger, ausfuͤhrlicher und gruͤnd - licher Bericht von der Alten Stadt Magdeburg Belagerung. Hort - leder II, 1244. dagegen gelang es auch den12*180Neuntes Buch. Fuͤnftes Capitel.Magdeburgern, eine Anzahl Junker aus dem Lande Jerichow gefangen zu nehmen; ſie überfielen die benachbarten Märkte oder Klöſter; auch ſie nahmen wohl tangermündiſche Güter weg, oder ſuchten ſich ihres Schadens an einem reichen Ju - den zu erholen, der mit ihren Feinden in Verbindung ſtand: das Fauſtrecht im Kleinen galt gleichſam wieder, und ein Je - der fügte dem Andern ſo viel Schaden zu als er vermochte.

Ernſtlichere Feindſeligkeiten begannen dadurch, daß der junge Georg von Meklenburg, der dem Herzog Heinrich ge - gen Braunſchweig zugezogen war, mit einem Theil der von dort entlaſſenen Truppen in dem magdeburgiſchen Gebiete erſchien, eigentlich nur, um hindurchzuziehen und in ſeinem Vaterlande gewiſſe Anſprüche, die er in Folge einer kaiſer - lichen Anwartſchaft auf das Bisthum Schwerin erhob, ge - gen ſeine Brüder und ſeinen Oheim durchzuſetzen. Er hielt es für ganz erlaubt, auf ſeinem Wege die Ungehorſamen, die Rebellen, wie man ſie nannte, ein wenig zu züchtigen. 1Haſe an Viglius 21ſten October: Iſt die Sache alſo er - gangen, das Herzog Joͤrg von Meklenburg ain Zwieſpalt mit ſeinem Vetter und Bruedern des Biſchthums Schwerin halber gehabt (vgl. Rudolf N. Geſch. von Meklenburg I, 120; Krey Beitraͤge zur Mek - lenburgiſchen Kirchen - und Gelehrtengeſch. enthaͤlt nichts von Be - lang), da ime etlich trutzige wort von ſeinem Vetter Hz. Heinrichen begegnet, deren er ſich gern gerochen hett, und hat alſo Hz. Heinrichs von Braunſchweigh kriegsvolk an ſich gehenkt, in Meinung, ſich wie vorlaut zu raͤchen: dieweil er aber kain Gelt gehabt und das kriegs - volk auch arm geweſen, hat er gedacht ſich an denjenigen die der magdeburgiſchen Rebellion etwas anhaͤngig geweſen zu erholen, die - weil ſie daſelbſt nit wol ſuͤndigen koͤnnen (Bruͤſſ. Archiv.)In den Bürgern war noch ein ſo energiſches Selbſtgefühl, daß ſie auch ihr Gebiet nicht wollten beſchädigen laſſen und dem Herzog im offenen Lande entgegenzogen. Aber bei wei -181Belagerung von Magdeburg.tem krieggeübtere Leute führte dieſer, als die Bauern waren welche die Stärke der magdeburgiſchen Fähnlein ausmach - ten: er trieb ſie aus einander, eroberte ihre Wagenburg ſammt ihrem Geſchütz, und wandte ſich nun mit Entſchie - denheit gegen ſie ſelber (22 Sept. 1550).

Und nicht allein hiedurch ſah ſich die Stadt plötzlich bedroht, ſondern auch alle ihre andern Gegner wurden rege.

Die benachbarten Fürſten, denen es gleich unbequem geweſen wäre, wenn ſich ein Weitergeſeſſener durch einen plötzlichen Glücksfall daſelbſt feſtgeſetzt,1Dreihaupt Saalkreis I, 272 gedenkt des Vorgebens, daß Georg vertrieben werden ſolle. oder wenn das Kriegsvolk, das ſich ſo unerwartet geſammelt, aus Man - gel an Sold ſich wieder zerſtreut hätte, eilten ſich der Sache anzunehmen.

Zuerſt, wenige Tage nach jenem Ereigniß, erſchien Chur - fürſt Moritz im Lager des Herzog Georg, und nahm zu - gleich mit demſelben das Kriegsvolk auf drei Monat in Pflicht. Am 2ten October trafen auch Churfürſt Joachim, Markgraf Albrecht von Brandenburg, die vornehmſten Dom - herrn, nicht ohne einige Mitglieder der Ritterſchaft, in dem Lager zu Schönebek ein; da die Stadt die Aufforde - rung ſich zu Handen der Churfürſten und Fürſten zu erge - ben zurückwies, und vielmehr auch ihrerſeits Kriegsleute von denen bei ſich aufnahm, die in oder vor Braunſchweig ge - legen, ſo traf man Anſtalt zu einer förmlichen Belagerung: Anfang November ward das erſte Blockhaus bei Buckow ge - ſchlagen. 2Spangenberg Eislebiſche Chronik I, 461.

Nur wollten weder die einzelnen Fürſten noch die be -182Neuntes Buch. Fünftes Capitel.nachbarten Kreiſe ſich mit den Koſten eines ſo weitausſe - henden Unternehmens beladen: ſie riefen die Hülfe von Kai - ſer und Reich an, die damals eben in Augsburg verſam - melt waren.

Wie wichtig der gewonnene Vortheil erſchien, mag man daraus abnehmen, daß die ſächſiſchen Geſandten nicht war - ten mochten, bis die Vesper aus war, der König Ferdi - nand beiwohnte, ſondern während des Gottesdienſtes dem - ſelben ihre Nachricht mittheilten. 1Franz Kram vom 28ſten September. (Dr. A.)Alles erfüllte ſich mit neuen Erwartungen und Plänen.

Im Fürſtenrathe ward der Wunſch geäußert, daß der Kaiſer ſelbſt, der den Krieg früher ſo glücklich geführt, auch den Reliquien deſſelben, der magdeburgiſchen Rebellion, un - terſtützt vom Reiche, ein Ende machen möge. Man begreift es ſehr wohl, wenn unter andern Herzog Heinrich dafür war: gegen Braunſchweig hätte ihm nichts beſſer zu Statten kom - men können: merkwürdig aber, wie weitausſehende Gedanken ſich von andern Seiten her daran knüpften. Die Biſchöfe hofften, daß eine neue Waffenthat des Kaiſers die vollkom - mene Herſtellung ihrer Gerichtsbarkeit und der geiſtlichen - ter zu Folge haben werde; der Deutſchmeiſter hegte die Mei - nung, daß die Eroberung von Magdeburg dem Orden noch den Weg zu einer Reſtauration in Preußen bahnen dürfte. 2Franz Kram 13 Nov. Der Deutzſchmeiſter verhofft nach dis orts vorrichter ſache zu Preuſſen zu kommen, dan er one das we - nig troſt ſihet das Ime das Reich oder auch Kſ. Mt Itziger Zeit helffen werde. In Preußen und Polen verlor man wirklich die Bewegun - gen des Ordens keinen Augenblick aus dem Geſichte; man183Belagerung von Magdeburg. Reichsvorrath.wollte wiſſen, der Deutſchmeiſter lege alle Jahr die Hälfte ſeiner Einkünfte zurück, und habe ſchon eine bedeutende Baar - ſchaft in Lübek, um demnächſt einen Anfall zu verſuchen; es waren Anordnungen getroffen demſelben zu begegnen.

Indeſſen fühlte ſich der Kaiſer weder unbeſchäftigt noch geſund genug, um auf dieſe Gedanken einzugehn: nochmals einen deutſchen Krieg auf ſeine eigenen Koſten zu unterneh - men, war auch er nicht geneigt. Er ſtimmte bei, wenn am Reichstag der Beſchluß durchgieng, daß der Krieg im Namen und auf Koſten des Reiches, durch Churfürſt Moritz, ge - führt werden ſollte. Er bewilligte ſelbſt, daß das Geld hiezu fürs Erſte aus dem indeß aufgebrachten und in den Lege - ſtädten geſammelten Vorrath genommen werden ſollte. Da - gegen verſprach man auch ihm, zur Erſetzung des Entnom - menen zu ſchreiten, ſobald man nur ungefähr wiſſe, wie viel die Belagerung koſten werde, und ſetzte hiezu ſogleich eine beſondre Verſammlung an. 1Briefe und Acten ſind davon voll, wie ſchwer man dazu ſchritt. Arras erklaͤrte: das die kſ. Mt von dem vorrath keinen hel - ler nhemen wuͤrde laſſen, die erſetzung wurde dann itzo alsbald und auf kurtze friſten gewilliget. Carlowitz an Moritz 9 Dec. (Dr A.)Das Geld ſollte dem Chur - fürſten nicht in die Hand gegeben, ſondern von einem Reichs - pfennigmeiſter verwaltet werden: Lazarus Schwendi ward als kaiſerlicher Commiſſarius in das Lager geſchickt.

Es war nicht ein Executionskrieg, wie ihn öfter ein und der andre Fürſt übernommen, ſondern ein förmlicher Reichskrieg, nur unter dem Oberbefehl eines mächtigen Für - ſten, von dem man jedoch hiebei in Erinnerung brachte daß er zugleich Reichserzmarſchall ſey, durch welchen Magdeburg angegriffen ward. Wenn es unterlag, ſo wurden die Reichs -184Neuntes Buch. Fuͤnftes Capitel.ordnungen in Bezug auf Concilium und Interim auch an dieſer Stelle durchgeſetzt.

Doch hatte Moritz auch ein eigenes Intereſſe gegen Mag - deburg. Von keinem andern Orte im Reiche, ſchreibt ihm Carlowitz, ſind E. Churf. Gn. mehr geläſtert und geſchmäht, ihre Unterthanen mehr zu Widerwillen verhetzt worden, und ſind in Zukunft böſere Practiken, größere Widerwärtigkeiten zu erwarten:18 Maͤrz. es ſey dieſer Ort, daraus E. Ch. G. und ire unterthanen ſich hinfuro mherer widerwertikeit, boſer Practiken, hin - derliſt, unterſchleuff irer widerwartigen und alles boſes mher dan ſonſt aus keiner andern Stadt im Reich zu beſorgen haben. Niemanden auf der Welt liegt mehr daran, daß die Stadt gedemüthigt und gezüchtigt werde.

Am 28ſten November gelang es dem Churfürſten ſich der Neuſtadt zu bemächtigen, die von ihrem beſondern Rath nicht mit gehöriger Vorſicht bewahrt wurde:2Beſſelmeier Hiſtorie des Magdeburgiſchen Krieges: dann ſi denſelbigen Tag eben den Rath veraͤndert und newe Herrn ge - macht hatten, derhalben ſie große Gaſtung und Schlamp gehalten. Hortleder II, iv, 18, 6. wo er ſich dann auf das beſte befeſtigen konnte. Damit nicht etwas Ähnliches in der Sudenburg geſchähe, eilten die Belagerten ſie abzubrechen. Aber hierauf wendete ſich nun der ganze Anfall wider die Altſtadt ſelbſt; in Kurzem war ſie mit Block - häuſern, Schanzen, Blendungen und andern Werken einge - ſchloſſen, und alles ſchien zu einer Entſcheidung zu reifen.

Rathmannen, Innungsmeiſter und Gemeine der alten Stadt Magdeburg waren entſchloſſen dieſelbe Gott vertrauend zu erwarten.

Moritz hatte ihnen Vorſchläge gemacht, ſo vortheilhaft, daß man am Reichstag überzeugt war, er werde ſie bei dem185Belagerung von Magdeburg.Kaiſer nicht durchſetzen: das freie Bekenntniß der reinen Lehre nach der augsburgiſchen Confeſſion und die Beſtätigung al - ler ihrer Freiheiten; da er aber die Bedingung hinzufügte, daß ſie alsdann eine Beſatzung von Seiten der verbündeten Fürſten würden aufzunehmen haben, ſo erhob ſich in ihnen der Verdacht, der an den oberländiſchen Begebenheiten ſeine Begründung fand, daß dieſe ſie doch mit der Zeit zu dem was der Kaiſer begehre zwingen und nicht lange bei der reinen Religion und ihren Freiheiten laſſen werde. 1Der von Magdburg Verantwortung alles Unglimpfs 13 Dec. 1550. weil dann damit umgangen wirdt, das Paͤpſtliche widerchriſt - liche tridentiniſche Concilium zu erfolgen und mitler Zeit das gottloſe Interim anzunehmen, das auch alle Gottes Diener von den paͤpſt - lichen Biſchoͤfen ſollen verhoͤrt und habilitirt werden. Sie antworteten, ſie würden eher ſterben als dieſer Gefahr ſich ausſetzen. Von den Theologen, die vor dem Interim wei - chend bei ihnen Aufnahme gefunden, wurden ſie mit der ſtol - zen Meinung durchdrungen, allein bei ihnen habe Gottes Wort noch eine ſichere Freiſtätte: wer ſie bekämpfe, der ſtehe dem Widerchriſt bei. Das Gefühl für Gott zu ſtreiten, er - füllte ſie auch nach alle den erlittenen Niederlagen ihrer Glau - bensgenoſſen mit der heldenmüthigen Zuverſicht, er werde ſie nicht untergehn laſſen. Bürger auf der Wache ſahen himmliſche Geſichte, die ſie mit tröſtlichen Zuſagen erfreuten. Sie trugen kein Bedenken die zahlreiche Einwohnerſchaft der Sudenburg, obwohl ſie zur Vertheidigung nicht viel beitragen konnte, bei ſich aufzunehmen; längſt hatten ſie ſich auf einen Fall dieſer Art vorbereitet, ſie waren auf mehrere Jahre mit Lebensmitteln verſehen. Auch übrigens war die Stadt in gutem Vertheidigungsſtand; noch unter den186Neuntes Buch. Fuͤnftes Capitel.Augen des Feindes ward ein neues Bollwerk, von ſeinem Erbauer genannt der Heideck, errichtet. Alle Thürme wa - ren mit Schlangen und Falkoneten beſetzt, die man zum Theil aus dem Metall der aus den Klöſtern weggenomme - nen Glocken gegoſſen: auf dem oberſten Umgang an den Domthürmen, 433 Stufen hoch, hatte man ihrer vier aufge - pflanzt; am beſten wirkten die Geſchütze auf dem St. Ja - cobi Thurm, von dem Büchſenmeiſter Johann Kritzmann ge - leitet, von dem man ſagt, es ſey ihm ſelten Jemand ent - gangen de[n]er im Felde erblickte. Die geworbenen Trup - pen und die Bürger verpflichteten ſich eidlich zu gegenſeiti - ger Hülfleiſtung und Treue, und auf das beſte haben ſie ihren Schwur gehalten. Von welcher Art Enthuſiasmus ſie erfüllt waren, zeigt die Meinung die ſich unter ihnen ver - hreitete, der Feind ſehe bei ihren Ausfällen einen Helden auf weißem Roß vor ihnen daherziehen; ſie bildeten ſich nicht ein, ihn ſelber zu erblicken: das litt die proteſtantiſche Wahrhaftigkeit nicht; aber ſie meinten, der Feind werde durch göttlichen Schrecken mit Zaghaftigkeit geſchlagen. 1Merckel fuͤgt ſogar hinzu, ſie moͤgen ſelbſt wiſſen ob es wahr iſt.Und ganz glücklich gieng es ihnen mit ihren Ausfällen. Am 19ten December überraſchten ſie die ſtiftiſchen Truppen bei einem Gelage, nahmen mehrere hundert Mann gefangen, Edelleute und Gemeine, und führten den Stiftsbanner mit dem St. Moritz mit ſich fort. Da der Churfürſt eben einem Kriegs - haufen entgegengezogen der ſich im Gebiete von Verden ſam - melte, ſo hielt es Georg von Meklenburg für ſeine Pflicht dieſen Schimpf der Belagerer zu rächen. Er wagte ſich aber187Belagerung von Magdeburg.dabei ſo kecklich vor, daß er ſelber in die Hände der Feinde fiel (20 Dec. 1551); unter ungeheurem Getümmel gern hätten die Weiber den Tod ihrer Männer an ihm gerochen ward er in des Kämmerers Haus zum Lindwurm in Gewahrſam gebracht. Bald darauf ward freilich dagegen in dem feindlichen Lager Freude geſchoſſen, weil jener Haufe zerſtreut worden, von dem man eine Gegenwirkung beſorgt hatte; Churfürſt Moritz kam von ſeinem Zuge wieder und ſchlug zu den vier bereits vorhandenen ein fünftes Lager vor der Stadt: die Scharmützel giengen nicht immer glück - lich: auch die Geſchütze der Feinde machten Wirkung, und fällten unter andern die Zinnen des Jacobi Thurmes; nach und nach dachte man doch daran, ob man nicht die Ar - men zu entfernen habe; man fühlte die Gefahr in der man ſich befand.

Und nun läßt ſich denken, welche Theilnahme dieſer Kampf, eben das Schwanken des Kriegsglücks und die Un - gewißheit der Entſcheidung bei ſo viel Muth und Tapfer - keit in der Nation erregte. Wir haben heitere und ironi - ſche Volkslieder in alten ſchwungvollen Weiſen übrig, worin der Widerſtand geprieſen ward, den das hochgewehrte Haus, die werthe Stadt den fremden Gäſten leiſte, den Pfaffen - knechten: will der Kaiſer den Wein trinken der auf dem Markte zu Magdeburg im Faſſe liegt, ſo muß er ſelbſt ein Landsknecht werden; will Herzog Moritz die goldnen Schwer - ter haben, die ihn erſt zu einem Churfürſten machen, ſo muß er ſie da von den Mauern holen; indeſſen winden die Jung - frauen ihre Kränze für den alten Churfürſten, deſſen Gemah - lin und den Grafen Albrecht, der das Beſte gethan. Roger188Neuntes Buch. Fuͤnftes Capitel.Aſham verſichert, in Augsburg rede man von nichts weiter als von der magdeburgiſchen Sache: jede andre trete dage - gen zurück. Ihm als einem Claſſiſch-gebildeten ſtellen ſich Papſt und Kaiſer als die mythologiſchen Ungeheuer dar, als Cerberus und der ſpaniſche Geryon, die nur dieſe Eine Stadt zu unterwerfen wünſchen. Werden die Pforten der Stadt erbrochen, ſo wird jener wieder in Deutſchland herrſchen, dieſer in ganz Europa.

Der Kaiſer ſeinerſeits ließ nicht in Zweifel, welche Folgen die Ausbreitung ſeiner Herrſchaft in Deutſchland haben würde.

In Augsburg wurden die Proteſtanten von dem Kriegs - volk das ihn umgab, als Beſiegte behandelt. Während der Predigt in der Kirche zum heiligen Kreuz ergötzten ſich die Ita - liener die dort in das Kloſter einfuriert worden, mit Ballſpiel: der Ball fiel unter das zuhörende Volk auf dem Kirchhof. In St. Ulrich zerbrachen die Spanier Kanzel und Stühle; dem Stadtvogt mit ſeinen Leuten, die ihnen Einhalt thun wollten, ſetzten ſie ſich mit bloßer Wehre entgegen; man bemerkte daß nicht alles gemeine Söldner waren: einen Trabanten des Prinzen Don Philipp unterſchied man unter ihnen. Dage - gen ſah man wieder die Proceſſionen mit ihren Glöcklein und Lichtern durch die Straßen ziehen; wehe dem der ſie beleidigte. Eine Handwerkerfrau, die ſich ſpöttiſch verlau - ten ließ, ob dieſer Gott nicht ohne Lichter ſehe, wurde erſt in die Eiſen geſchlagen, dann aus der Stadt verwieſen: hätte ſich Königin Maria nicht ihrer angenommen, ſo wäre ihr noch Ärgeres geſchehen. Auf das ſtrengſte ward dar - über gehalten, daß Freitag und Sonnabend nur Faſten - ſpeiſen auf die Tiſche kamen. Die Schulmeiſter wurden an -189Kirchliche Gewaltſamkeiten in Augsburg.gewieſen, nichts zu lehren was nicht entweder der alten Re - ligion oder dem Interim gemäß ſey, und ohne Gnade ab - geſetzt wenn ſie ſich deſſen weigerten. Vier Lehrer in der lateiniſchen Schule, neun in der deutſchen, ſogar einige Leh - rerinnen waren ſtandhaft genug dieß Schickſal über ſich er - gehn zu laſſen. Und mit entſprechendem Ernſt wurden die Prediger vorgenommen. Vor dem Biſchof von Arras wur - den ſie examinirt, ob ſie auch glauben daß unter Einer Ge - ſtalt das Sacrament ſo gut mitgetheilt werde wie unter bei - den; wie viel Sacramente ſie überhaupt annehmen. Da ihre Erklärungen ſeh〈…〉〈…〉[ev]angeliſch lauteten, wurden ſie ange - wieſen binnen drei Tagen beim Schein der Sonne die Stadt zu räumen; ſie mußten ſchwören in den Grenzen des heil. Reiches niemals wieder zu predigen oder prieſterliche Hand - lungen zu verrichten, auch niemals Jemanden die Gründe ihrer Ausweiſung mitzutheilen. 1Abſchaffung der evangeliſchen Predigcanten zu Augsburg und was davor mit inen geredt gehanndelt und von den kayſ. rethen auf - erlegt worden iſt. 26 Aug. 1551. In der gruͤntlichen und ordentli - chen beſchreibung, aus der auch unſre andern Nachrichten ſtammen.Wo die Mönche nicht ſelbſt das Wort wieder ergriffen, wurden doch nur ſolche Predi - ger geduldet welche ſich genau an das Interim hielten. Der Kaiſer nahm an dieſen Dingen mit einem Eifer Antheil, als wenn ſeine ganze Autorität davon abhienge. Es blieb ihm nicht unbekannt, wenn ein Bürger von Ulm eins ſeiner Kin - der auch nur außerhalb der Stadt nach evangeliſchem Ritus taufen ließ; er drang darauf, daß derſelbe dafür aus dem Rathe entfernt wurde. Er verweiſt es dem Rathe, wenn er einem verjagten Prediger, der ein Handwerk treiben will, das Bürgerrecht gewährt hat. Von allen Seiten wurden190Neuntes Buch. Fuͤnftes Capitel.die Prädicanten zuſammengefordert, um denſelben Verpflich - tungen unterworfen zu werden, die in Augsburg auferlegt worden. Da die regensburgiſchen nicht erſchienen, ließ der Kaiſer die Rathsherrn von Regensburg vor ſich beſcheiden und eidlich verpflichten, niemals einen Prädicanten anzuneh - men, der nicht zuvor bei Gott und den Heiligen gelobe ſich der alten Religion und dem Interim gemäß zu halten.

In weiten und weitern Kreiſen zeigten ſich verwandte Beſtrebungen. Der Erzbiſchof von Mainz lud wohl die heſ - ſiſchen Prediger auf ſeine Provinzialſynode. Was die Mag - deburger fürchteten geſchah wirklich anderwärts. Die hohe Geiſtlichkeit machte in den Städten den Verſuch, den nie - dern Clerus wieder einzuſetzen und überhaupt die alten Ver - hältniſſe zurückzuführen.

Auch in den Reichsgeſchäften hielt der Kaiſer ein Ver - fahren ein, das allem Herkommen widerſprach und das Selbſtgefühl der Fürſten aufregte.

In einem Gutachten über die Erſetzung des Vorrathes hatten die Stände einige ihrer Beſchwerden doch etwas deut - licher als am vorigen Reichstag, aber noch immer ſehr be - ſcheiden zur Sprache gebracht, z. B. die Anweſenheit ſpani - ſcher Truppen im Reiche, das bewaffnete Geleit mit wel - chem der Kaiſer am Reichstag erſchienen war, die mancher - lei Hülfsleiſtungen die ſie in den letzten Jahren geleiſtet. Der Kaiſer nahm dieß nicht wenig übel: ſchon den Stän - den im Allgemeinen gab er zu erkennen, daß er ihren Auf - ſatz unbillig finde und ſich darüber etwas bewegt fühle; hauptſächlich aber wandte er ſich an die Churfürſten. Die beiden perſönlich anweſenden, Mainz und Cölln, und von191Beleidigung der Reichsfuͤrſten.jedem der andern der vornehmſte Rath mußten ihm in das Innere ſeiner Gemächer folgen, wo er mit dem König feier - lich Platz nahm und dann durch den Biſchof von Arras vortragen ließ, mit welchem Mißvergnügen er bemerke daß gerade ſie die Hartnäckigſten in der ganzen Verſammlung ſeyen: ganz ohne Grund ſey was ſie in der übergebenen Schrift ausgeführt: nur unbedeutend erſcheine die Reichs - hülfe, wenn man ſie mit den überſchwenglichen Unkoſten ver - gleiche die er ſelber zur Aufrechterhaltung des Reiches auf - gewendet: der letzte Krieg habe ihm über 60 mal hundert tauſend Gulden gekoſtet, und noch ſey nicht ſo guter Friede, daß er des ohnehin nicht zahlreichen Kriegsvolkes das er noch im Reiche habe, entbehren könnte: man möge nur rück - wärts ſehen, ſo werde man wohl finden daß auch andre römiſche Könige und Kaiſer Truppen an die Reichstage mit - gebracht: er der Kaiſer trachte nach nichts als daß die Ge - bühr im Reiche geſchehe, und er wolle nur wünſchen daß auch kein andrer ſich ſeine Privathändel irren laſſe.

Gnädigſter Churfürſt und Herr, ſchreibt der branden - burgiſche Geſandte an Joachim II, wir können nicht unter - laſſen Ew. Churf. Gn. anzuzeigen, daß die beiden Churfür - ſten, die anweſenden Fürſten und die Räthe der abweſen - den über dieſes unerhörte Verfahren entſetzt ſind; wer dazu gerathen, hat es ſchlecht verſtanden, und wär es auch der kluge Arras geweſen.

Großes Aufſehen machte eine Differenz die über die Belehnung des Prinzen Philipp mit den Niederlanden aus - brach. Der Kaiſer hatte die Abſicht ſeinen Geburtstag mit dieſem Act zu feiern, und ließ eine prächtige Bühne dazu192Neuntes Buch. Fuͤnftes Capitel.herrichten. Allein der Lehnbrief den er darüber aufſetzen laſ - ſen, wich ſo ſehr von dem Herkömmlichen ab, daß die Chur - fürſten Bedenken trugen ihn anzunehmen. Bei einer und der andern Provinz war mit abſichtlicher Unbeſtimmtheit von der Oberlehnsherrlichkeit des Reiches die Rede; für alle insge - ſammt war der Anſpruch erhoben daß ſie auch durch Frauen vererbt werden ſollten. Die kaiſerlichen Miniſter entſchuldig - ten das erſte damit, daß die alten Lehenbriefe verloren ge - gangen, und man nicht mehr genau wiſſe was zum Reiche gehöre: das zweite mit dem Wunſche die Niederlande auf immer ungetrennt beiſammen zu halten. Allein damit war der Erzcanzler des Reiches nicht zu befriedigen: er wandte ein, wenn der Kaiſer z. B. Geldern nicht ausſchließlich als Mannslehen anerkenne, ſo mache er ſeine eignen Rechte dazu zweifelhaft. Ein Widerſpruch der ſo gut begründet war, daß der Kaiſer ſich entſchließen mußte den Lehenſtuhl wie - der abtragen zu laſſen. Wollte er ſeinen Sohn belehnen, ſo mußte er es in ſeiner Wohnung thun. 1Dispaccio Fiorentino 26 Febr. Carlowitz an Moritz 16 Februar. Außer den beiden obigen Puncten hatten die Deutſchen noch eingewendet, daß die Lehnsberechtigung auch auf die natuͤrlichen Nachkommen ausgedehnt werde. Sie verſtanden darunter Baſtarde. Darin aber hatten ſie ohne Zweifel Unrecht; die kaiſerlichen Mini - ſter erwiederten: das Wort natuͤrliche Erben wollten ſie nicht uff Paſtarden verſtehen, ſondern es ſolle zu dem Wort legitimis geho - ren und an daſſelbig gehangen ſeind: wie man auch ſage: natuͤrli - cher Herr. Marillac bemerkt daß daruͤber grande mocquerie ent - ſtanden. Je scai au vray que l’investiture que l’empereur bailla au prince d’Espagne sous la cheminée estait des pays bas se re - servant l’administration durant sa vie.

Einen allgemeinen Widerwillen erweckte das Betragen der Spanier: obwohl ihrer nur eine Handvoll iſt, ſagt193Anmaßung der Spanier.eine Augsburger Chronik, ſo treiben ſie doch allen Muth - willen ohne daß ihnen jemand einredet oder ſie daran hin - dert: ſie machen daß in Augsburg niemand mehr Herr und Meiſter iſt weder über Leib und Gut noch über Weib und Kind ; durch ihre nationale Anmaßung fühlten ſich die Deutſchen gehöhnt. Bei einem Gaſtgebot, dem der ſächſiſche Geſandte beiwohnte, beklagten ſie ſich daß ihr Prinz in der Capelle unter den Churfürſten ſtehe: man wiſſe in Deutſchland wohl nicht was ein Prinz von Hi - ſpanien bedeute oder vermöge. Ohne Hehl ließen ſie ſich vernehmen, das Kaiſerthum könne ihnen nicht entgehn: der Churfürſt von Cölln ſey eine Creatur des Kaiſers, Mainz der Rath deſſelben, Pfalz ein noch nicht ganz ausgeſöhnter Feind der nichts verweigern dürfe, Sachſen durch die empfan - genen Wohlthaten gefeſſelt, Brandenburg, das nicht die Mit - tel habe ſeinen churfürſtlichen Stand aufrecht zu halten, werde mit 100000 Gulden und etwa der Verſicherung der Stifter zu gewinnen ſeyn, mit Trier wolle man ſchon fertig wer - den: wollte Gott die Churfürſten wären nur alle zugegen: ſähen ſie das Angeſicht des Kaiſers, würde man ihnen freund - lich zuſprechen, mit ihnen bankettiren, ſo wäre alles aus - gerichtet. Bei jener Vorhaltung in den kaiſerlichen Gemä - chern hatte man Alba und Arras über die betroffenen Für - ſten und Räthe lachen ſehen; die Spanier ſpotteten über die Sorgloſigkeit des Landgrafen, der Thor genug geweſen ſey ſich mit guten Worten in Haft bringen zu laſſen.

Dahin, ruft der brandenburgiſche Geſandte, Chriſtoph von der Straßen, aus, iſt es mit den Deutſchen gekom - men, die ſonſt von allen Nationen gefürchtet waren: jetztRanke D. Geſch. V. 13194Neuntes Buch. Fuͤnftes Capitel.ſpottet man ihrer, Gott ſeys geklagt. Er widerräth ſeinem Herrn nach Augsburg zu kommen, ſo ſehr der Kaiſer darauf dringe und ſo ſehr die Wendung welche die religiöſen An - gelegenheiten nehmen, es ſonſt wünſchenswerth machen würde. So viel vermerken wir, die Spanier wollen einen Fuß ins Reich ſetzen; es gilt Euch Herren, wir bleiben immer arme Geſellen. 1Chriſtoph von der Straßen, Doctor und Ordinarius, Mitt - woch nach Nativitatis Mariaͤ 10 Sept. Der Brief iſt von deſſen Hand; zugleich hat ſich Timotheus Jung unterſchrieben.

Eine andere Angelegenheit von allgemeiner Bedeutung bildete die noch immer fortdauernde Gefangenſchaft des Land - grafen Philipp von Heſſen.

Während des erſten Reichstags zu Augsburg war er zu Nördlingen, Heilbronn und Hall in Schwaben von Spa - niern bewacht, alsdann den Rhein hinab nach den Nieder - landen geführt und zu Oudenarde in engem Gewahrſam ge - halten, endlich im Sommer 1550 nach Mecheln gebracht worden. Auch in der Gefangenſchaft ward Philipp als der regierende Herr ſeines Landes betrachtet; über alle wichtigen Landesangelegenheiten ward an ihn berichtet. Das hinderte jedoch nicht, daß er ſich nicht zuweilen die unwürdigſte Be - handlung hätte gefallen laſſen müſſen. Man hat dem Schrei - ber dem er einen Brief dictirte, das Blatt aus der Hand geriſſen, einen Bettler dem er, als er ihn von ſeinem Fen - ſter aus anſichtig ward, ein paar Stüber hinunterſchickte, nicht ohne Züchtigung weggetrieben; der ſpaniſche Haupt - mann hat die Speiſen die an einem Faſttag auf die fürſt - liche Tafel getragen wurden, auf den Boden geworfen und195Gefangenſchaft des Landgrafen Philipp.beſchimpfende Worte hinzugefügt. Man ſollte nicht ſo oft tadelnd darauf zurückkommen, daß Philipp ſein Unglück bei weitem nicht mit der großartigen Gelaſſenheit getragen habe, die wir an dem Churfürſten bewundern. Die Lage der bei - den Fürſten iſt ſchon an ſich ſehr verſchieden. Der Chur - fürſt war in der Schlacht gefangen und bereits zum Tode verurtheilt geweſen; der Landgraf, wenn wir ja nicht ſa - gen wollen, durch Betrug, doch durch Täuſchung in die Hände des Kaiſers gerathen. Da hat er allerdings Au - genblicke gehabt, wo der Wunſch wieder frei zu werden und Einreden ſeiner Umgebung ihn zu einer undienlichen Nachgiebigkeit vermocht hat, z. B. in Sachen des Interims: er hat ſogar der Meſſe einmal beigewohnt; aber dieſe Anwandlungen giengen bald wieder vorüber: in ſeinem Ge - fängniß hörte man ihn doch mit heller Stimme geiſtliche Lieder ſingen. Er ließ ſich Schriften der Kirchenväter ge - ben: beſonders las er Auguſtinus gern; es machte ihm Ver - gnügen, wenn ihn gelehrte Katholiken beſuchten und mit ihm die Controverſen beider Theile, etwa über die Lehre von der Rechtfertigung oder das Papſtthum oder die Anru - fung der Heiligen, durchſprachen. Aus der Ferne ermahnt er dann ſeinen älteſten Sohn, bei dem Evangelium zu ver - harren, es koſte gleich Leib oder Gut, die flüchtigen Prä - dicanten zu unterſtützen. Auch andre gute Ermahnungen fügt er hinzu: z. B. er möge ſich vor einem unreinen Leben hüten, Jedermann Gleich und Recht angedeihen laſſen. 1Auszuͤge aus ſeinen Briefen bei Rommel II, 530 550.In ſeinem Gefängniß gedenkt er des Zuſtandes der armen Ge - fangenen in ſeinem Lande und bringt die Verbeſſerung deſ -13*196Neuntes Buch. Fuͤnftes Capitel.ſelben in Anregung. Er vergißt des Thieres nicht das ihn in glücklichern Tagen getragen hat, das er jetzt bis zum Tode zu füttern befiehlt, noch des treuen Hundes, den er ſeinem Sohne, denn er könne ihm wohl noch eine Ente fangen, zuſchickt: laß aber wohl aufſehen, ſagt er, daß ihn die großen nicht todt beißen, laß ihn in deiner Kammer ſchla - fen. Seine Seele lebt in der Heimath; ſie nährt ſich in dieſen Erinnerungen und Sorgſamkeiten geringfügiger Art; nach ſo viel ſtürmiſcher Thatkraft im Glück entwickelt ſie Milde und Treue im Unglück. Von dorther entſprach man ihm mit gleichem Verlangen. Alles was wir von ſeiner Ge - mahlin hören, zeigt eine grundehrliche, durch nichts erſchütterte Hingebung. Aber weder die Erfüllung der Capitulation, noch jene religiöſen Annäherungen, noch die Anweſenheit des Prinzen von Spanien, der doch ſeine Verwendung verſpro - chen hatte, vermochten ſeine Feſſeln zu löſen. Man hat dem Kaiſer angeboten, das Land fürs Erſte zu theilen, ſo daß Philipp, im Beſitz nur der einen Hälfte, während die andre an ſeinen Sohn fallen möge, gewiß unſchädlich ſeyn werde; er ſelbſt fügte hinzu, er wolle dem Kaiſer ein Jahr lang im Felde dienen und ſich niemals wieder von ihm ſondern: Alles vergeblich. Vielmehr verlautete wohl, der Kaiſer werde der halliſchen Capitulation nachgekommen ſeyn, wenn er den Gefangenen auch erſt in ſeiner letzten Stunde freigebe. Auf eine neue Verwendung der Churfürſten am Reichstage von 1550 erfolgte abermals eine abſchlägliche Antwort. Ver - zweifelnd, jemals losgelaſſen zu werden, faßte der Landgraf den Gedanken, zu entfliehen. Es gelang wirklich durch einen jungen in Antwerpen ſtehenden Kaufdiener aus Heſſen, auf197Gefangenſchaft des Landgrafen Philipp.dem ganzen Weg von Mecheln nach dem heſſiſchen Gebiete Poſten zu legen, d. i. nach dem Sprachgebrauch jener Zeit, von 4 Meilen zu 4 Meilen friſche Pferde bereit zu halten; mit den raſcheſten und ſicherſten ſtellte ſich der Zeugmeiſter Hans Rommel in Mecheln ſelber ein: er hatte einige handfeſte Leute, welche Diejenigen zurückhalten ſollten, die dem Flie - henden nacheilen würden: und ſchon waren alle nöthigen Vor - bereitungen getroffen, um den Fürſten aus einem Garten der an den Hofraum ſeines Gefängniſſes ſtieß, zu entführen, als die unglückliche Furchtſamkeit eines Dieners, der im Voraus für ſich ſelber eine Zuflucht ſuchte, noch in dem letzten Au - genblick das Vorhaben an Tag brachte. 1L’escrit du paige (Wersebe) bei Duller Neue Beitraͤge zur Geſch. Philipps des Großmuͤthigen p. 119.Es liegt in der Na - tur der Sache, daß der Gewahrſam des Fürſten nun doppelt ſtreng wurde. Der Kaiſer, der namentlich die Aufſtellung je - ner Leute für einen Eingriff in ſeine landesherrliche Gerichts - barkeit erklärte, ſagte wohl, er habe Urſach, ſich noch an - drer Geſtalt zu erzeigen als bisher. Der Landgraf verlor nun vollends ſeine deutſchen Diener und ward überhaupt recht eigentlich mißhandelt; bittere Thränen des Unmuths ſtiegen ihm über die Art und Weiſe in die Augen, wie man bei den Vernehmungen mit ihm, einem Reichsfürſten, um - gieng. Ich will lieber todt ſeyn, ſchrieb er, als länger gefangen. Wenn er angiebt, daß man ihn nach Spanien zu führen beabſichtige, ſo darf man dieß für keine Einbildung halten: es iſt gewiß, daß der Kaiſer dazu entſchloſſen war. 2In einem Schreiben des Kaiſers an Maria vom 6ten Maͤrz iſt daruͤber ganz unumwunden die Rede. Etant deja resolu de faire transporter le landgrave en Espagne.

198Neuntes Buch. Fuͤnftes Capitel.

Wäre es auch nur aus Mitleid geweſen, ſo hätten ſchon darum die deutſchen Fürſten ſich des Landgrafen in dieſer Bedrängniß annehmen müſſen. Aber die beiden Churfürſten Brandenburg und Sachſen hatten überdieß eine vertragsmäßige Verpflichtung dazu; wiewohl der Kaiſer dieſelbe für nichtig erklärte, konnten ſie ſich ihrer doch noch nicht erledigt glau - ben. Ihre Geſandten bereiſten die verſchiedenen deutſchen Höfe, um auch alle andern zur Theilnahme an einer allge - meinen Fürbitte zu vermögen. Im October 1551 vereinig - ten ſich hiezu in Augsburg oberländiſche und niederdeutſche Abgeordnete, von Meklenburg, Holſtein, den pfalzgräflichen Höfen, Würtenberg, Baden;1Die Inſtruction der Geſandten an den Kaiſer iſt auf einer Zuſammenkunft der brandenburgiſchen Abgeordneten (Ad. v. Tr. und Lamp. Diſtelmeier) mit den ſaͤchſiſchen Raͤthen, Dresden Dienſtag nach Galli, berathſchlagt worden. die welche keine Geſandten geſchickt, Lauenburg, Lüneburg, geſellten ſich wenigſtens durch feierliche Anſchreiben hinzu; auch diejenigen traten bei, die ſich bisher eher feindlich gehalten, Baiern, wo ein ſehr för - derlicher Regierungswechſel eingetreten war, Öſtreich ſelbſt, das deutſche, in dem Bruder des Kaiſers. Es waren beinahe ſämmtliche weltliche Fürſten: die Sache des Landgrafen er - ſchien als die Sache des deutſchen Fürſtenthums.

Unter dieſen Vorgängen breitete ſich über die verſchiede - nen Landſchaften und Bekenntniſſe das Gefühl aus, daß das alte freie Germanien überwältigt ſey und gegen ſeinen Wil - len nach einem ihm widerwärtigen Ziele geführt werde.

Der Haß der urſprünglich den Spaniern allein gegol - ten, fiel allmählig auch auf den Kaiſer. Er ſoll es ſelbſt bemerkt und dem Herzog von Alba wegen der Vernachläßi -199Allgemeine Aufregung.gung der Mannszucht unter ſeinen Leuten, die ſolche Fol - gen nach ſich ziehe, Vorwürfe gemacht haben. Genug aber, es war ſo. Als er im Mai 1551 von Augsburg nach Ty - rol gieng, fand man dort einen Anſchlag des Inhalts: die Römiſch Kaiſerliche Majeſtät begehre, man wolle die Thrä - nen, ſo wegen J. Majeſtät, ihres Sohnes und der Spa - nier Abreiſe fallen würden, fleißig ſammeln; J. Maj. be - dürfe derſelben zur Arznei und werde ſie mit indiſchem Golde theuer bezahlen.

Von den deutſchen Fürſten traf ein ähnlicher Haß be - ſonders Moritz von Sachſen, der an ſeinem Vetter, an ſei - nem Schwiegervater, an der gemeinſchaftlichen Sache zum Verräther geworden ſey und ſich jetzt auch wider Magde - burg gebrauchen laſſe. In gereimten Sprüchen ward er re - dend eingeführt, mit dem Bekenntniß daß er das Evange - lium verleugnet habe. Schwert und Rautenkranz führe ich: wie ichs gewonnen, als werds verlieren ich. 1Ein Spruch von Hertzog Moritzen von Sachſen; der zuerſt in Augsburg zum Vorſchein kam, von dem man aber meinte, er ſey aus Sachſen gekommen. Herzog Moritz von Sachſſen heiß ich, den namen mit der that hab ich; muͤrriſch und ſtoͤrriſch bin ich: aigen - koͤpfiſch, hochfartig, tyranniſch bleib ich. Etc. In hoch - deutſchen und plattdeutſchen Chroniken erſcheint ſein Name mit gehäſſigen Beiworten. Schon fühlte er in ſeinem eig - nen Lande den Boden unter ſeinen Füßen erzittern. Seine Ritterſchaft hat ihm förmlich verweigert gegen Magdeburg Hülfe zu leiſten, und wie berührt, man wollte wiſſen ſie richte ihr Augenmerk auf den jüngern Bruder, Herzog Auguſt. In den Städten und auf dem Lande in Sachſen machte die Beweisführung der Magdeburger, daß ihre Sache Gottes200Neuntes Buch. Fuͤnftes Capitel.Sache ſey, vielen Eindruck. Moritz iſt von ſeinen Amtleu - ten erinnert worden, wenn er in Glaubensſachen auf die bis - herige Weiſe vorſchreite, ſo werde ihm von hundert Men - ſchen nicht einer gehorſam bleiben.

Mit neuem Eifer ſchaarten ſich die Geiſter, und viel - leicht eben darum, weil ihnen eine Richtung nach der ent - gegengeſetzten Seite gegeben werden ſollte, um das Banner des evangeliſchen Glaubens. Nie waren die Kirchen in den Städten, wo die Predigt noch erſcholl, gefüllter geweſen; wir vernehmen von Augsburg, Straßburg, Regensburg, daß die katholiſche Geiſtlichkeit verzweifelte das Volk ohne Ge - walt in Zaum zu halten; ſo wird es auch anderwärts ge - gangen ſeyn. In den Kirchengebeten durfte man begreiflicher Weiſe Magdeburg nicht nennen: aber der dortige Kampf war die große Angelegenheit welche die Gemüther beſchäftigte: man bediente ſich allgemeinerer Ausdrücke, die jedoch keine andre Beziehung haben konnten als eben auf dieſen Kampf.

Und indeſſen triumphirte der Biſchof von Arras, daß ihm an dem Reichstage alle ſein Vorhaben, béſonders in religiöſer Beziehung, gelungen: von den verjagten Predigern rede man ſo wenig als ſeyen ſie nie da geweſen. In die - ſem Lande, rief er aus, ſey alles möglich.

In der That, noch vieles hatte er vor.

Ihm konnte wohl nicht verborgen ſeyn, wie man die Succeſſionsentwürfe in Deutſchland anſehe. Ich finde Nie - mand, ſchreibt ſelber Carlowitz, weder hohen noch nie - dern Standes, unter den Deutſchen, der damit zufrieden wäre. Ohne die mindeſte Rückſicht darauf ſetzte der Hof die Unterhandlungen mit dem größten Eifer fort, und wandte201Allgemeine Aufregung.alles an, um den Widerſtand zu brechen den der junge Ma - ximilian noch leiſtete, und die Churfürſten endlich zu gewin - nen. Mit Schrecken ſahen die Vaterlandsfreunde einen Trans - port indiſchen Geldes aus Spanien ankommen. Sie mein - ten nicht anders, als das Geld ſolle dienen die Churfürſten zu beſtechen. Sie fragten, ob es Jemand wohl wagen werde das Vaterland zu verrathen.

Und dazu kam nun die Erwartung der Beſchlüſſe des Conciliums. Mochten auch die ſchon abgefaßten Decrete reaſſumirt, und wie der Kaiſer wünſchte, in einem den Prote - ſtanten annehmbaren Sinne umgeſtaltet werden, ſo wäre man doch niemals über die Feſtſetzungen des Augsburger Interims hinausgegangen; dieſe wären vielmehr wahrſcheinlich der ka - tholiſchen Rechtgläubigkeit noch weiter angenähert und auf das ſtrengſte feſtgehalten worden. Dem ſtarren Begriffe kirch - licher Einheit würde ſich alles haben unterwerfen müſſen. 1Schon fruͤher ſagte Pighino, nach dem Auszug bei Palla - vicini XI, ii, 16, es bleibe kein Mittel uͤbrig als das Schwert. ve - devasi che ogni opera era indarno eccetto quella di ferro.

Tridentiner Beſchlüſſe, wenn auch nicht ganz wie ſie ſpäter erfolgt ſind, aber dieſen doch ohne Zweifel überaus nahe verwandt, nachdem die Proteſtanten bei ihrer Abfaſſung zugegen geweſen, für ſie verpflichtend, und zu deren Hand - habung ein Kaiſer von der Macht und Geſinnung wie ſie Philipp II entwickelt hat: welch eine Ausſicht! Carln V willkommen, deſſen Politik in den letzten Jahren dahin ge - zielt hatte; aber eben ſo drückend und drohend für Deutſch - land, das unter dieſen Umſtänden niemals das ſpätere Deutſchland geworden, der freien geiſtigen Regung die ſein Leben ausmacht verluſtig gegangen wäre.

202Neuntes Buch. Fuͤnftes Capitel.

Eben hier, wo ſie zuſammentreffen ſollten, ſchieden ſich die Intereſſen des Kaiſers und der deutſchen Nation auf immer.

Hätte man nicht meinen ſollen, die Nation, in ihren verſchiedenen Ständen beleidigt, in der Tiefe ihres Daſeyns angegriffen und in ihrer Zukunft bedroht, werde ſich gegen die Gewalt von der ſie ſo vieles litt und noch mehr fürch - tete, plötzlich einmal wie Ein Mann erheben?

Das iſt nicht ihre Gewohnheit. Durch die Mannich - faltigkeit der herrſchenden Gewalten iſt ihre Aufmerkſamkeit von jeher zu ſehr nach verſchiedenen Puncten hin zerſtreut geweſen, als daß dieß ſo leicht geſchehen könnte. Auch ſieht ſie gern ihre Fürſten ſich vorangehen.

Und in dieſen fehlte es nicht an geheimem Widerſtand und Regungen zu offenem.

Wohl merkwürdig, daß ſich Abſichten wie ſie Kaiſer Carl V hegte, zunächſt ein deutſch-öſtreichiſches und ein bran - denburgiſch-preußiſches Intereſſe entgegenſetzte.

Das erſte beruhte auf dem Widerwillen gegen die Succeſ - ſion des Prinzen von Spanien. Ferdinand ſelbſt hatte ſich endlich gefügt, aber weder ſein Sohn, auf den es eigentlich an - kam, der dem jüngern Vetter ſein Lebtag hätte nachſtehn müſſen, noch auch ſeine Räthe, welche die Verwaltung des Reiches bald an ſich übergehn zu ſehen und auf immer in der deutſchen Linie zu befeſtigen hofften. Und auch mit Ferdinand ſtand der Kaiſer nicht mehr in dem alten Vertrauen. Er nahm es übel, daß ſich derſelbe bei der Fürbitte für den Landgrafen bethei - ligte. Den Übrigen gab er die ſchon oft vernommene Ant - wort, er wolle ſich in Gnaden erweiſen, ſo viel nach Ge - ſtalt des Handels thunlich; ſeinem Bruder ließ er außerdem203Preußiſches Intereſſe.ſagen, wenn er den Landgrafen befreie, müſſe er auch Jo - hann Friedrich loslaſſen. 1Granvella an Koͤnigin Maria 13 December 1551. pour picquer led. Sr roy pour avoir semblé a S. M. qu’il enclinoit trop a Sa dite Majesté. Ferdinand antwortete darauf: Combien que les mots desd. lettres soient modestes comme toutefois, l’on y voit tres luyre quelque sentement, je crains que S. M. Imple ne le sente. Er wußte wohl, daß Ferdinand die Rückkehr dieſes Fürſten nicht wünſchte, der noch immer einen ſtarken Anhang in Böhmen hatte.

In dem brandenburgiſchen Hauſe hatten ſich die bei - den thatkräftigſten Fürſten, die dem Kaiſer im ſchmalkaldiſchen Kriege beigeſtanden, ſeitdem von ihm abgewendet: Albrecht von Culmbach, den zuerſt die Hinrichtung Vogelsbergers ver - droſſen, worin er eine Verletzung der hergebrachten kriegsmän - niſchen Ehre und Freiheit erblickte, und Johann von Cüſtrin, der ſich an dem Interim geärgert, es vom erſten Augenblick von Herzensgrund verdammt hatte. Markgraf Johann ſah darin die Prophezeiung Carions erfüllt, daß im J. 1548 falſche Propheten aufſtehn würden, und war entſchloſſen ihm zu widerſtehn. Während das übrige Deutſchland ſich beugte, hat er wohl, fortfahrend wie er angefangen, wunderthätige Bilder zerſtört, wie das zu Göritz. Johann Friedrich ver - ſichert in einem an Carl V gerichteten Gutachten, daß zu der Haltung des Hauſes Brandenburg auch die preußiſchen Ver - hältniſſe beigetragen. Eben in dieſen Zeiten waren die An - ſprüche der fränkiſchen Linie erneuert worden, und für die Mitbelehnung des Geſammthauſes ein neuer Schritt geſche - hen. Die polniſch-preußiſchen Stände ſahen in der Ver - bindung mit dem Hauſe Brandenburg eine Verſicherung des204Neuntes Buch. Fuͤnftes Capitel.Friedens mit dem Reich,1Schreiben des Landtags zu Graudenz ad festum Michae - lis 1548. non esse aversandam conditionem, quin pacis autores in arctiora regni jura recipiantur. Lengnich Preuß. Geſch II, do - cum. 1. der ſonſt, wie wir wiſſen, bedroht war. Zu dem Kreiſe dieſer Verbindung gehörte Johann Al - bert von Mecklenburg, der wie Markgraf Johann ſein müt - terlicher Oheim, dem Interim zum Trotz die Reform fort - ſetzte, und ſich in dieſem Augenblick mit der Tochter des Her - zog von Preußen verlobte. Nun hatte Johann Albrecht in jener Streitigkeit mit ſeinem Bruder Georg eine kleine Trup - penſchaar geworben, deren er für ſich nicht mehr bedurfte, als Georg ſich gegen Magdeburg wendete und dort ſtehn blieb. Aber weder für Meklenburg noch für Preußen wäre es rathſam geweſen, Magdeburg in die Hände von Kaiſer und Reich fallen zu laſſen. Es war ein Gedanke Markgraf Johanns, dem Kaiſer wenigſtens die Möglichkeit eines neuen Widerſtandes zu zeigen, ihm wie er ſagte ein Blatt über die Füße zu welgern. Johan〈…〉〈…〉 Heideck, der ſich im ober - ländiſchen Kriege, dann in Magdeburg hervorgethan, und der junge Graf Volradt von Mansfeld erſchienen plötzlich an der Spitze eines Heeres im Verdenſchen; durch Vermittelung Johann a Lasco’s empfiengen ſie von England es iſt die erſte Rückwirkung der dortigen Religionsveränderung ins - geheim eine erwünſchte Geldunterſtützung.

Bei weitem zu gering jedoch war dieſe Macht, als daß ſich etwas Durchgreifendes von ihr hätte erwarten laſſen: ſich geradezu und in eigenem Namen dem Kaiſer zu wider - ſetzen, dazu waren überhaupt die Verhältniſſe des Hauſes Brandenburg nicht angethan. Noch viel weniger hätte Ferdi -205Politik des Churfuͤrſten Moritz.nand oder Maximilian, die durch alle denkbaren Bande ge - feſſelt waren, dieß wagen können. Vielmehr kam alles auf Denjenigen an, der durch ſeinen Übertritt zum Kaiſer den ſchmalkaldiſchen Krieg entſchieden hatte, und der jetzt von al - len Fürſten allein die Waffen gewaltig in der Hand hielt.

Moritz fühlte wohl ſchon von ſelbſt die Gefahr einer Stellung die mit der öffentlichen Meinung in Widerſpruch iſt. Schon längſt ſchloß er ſich nicht mehr ſo unbedingt der kaiſerlichen Politik an. Er verſäumte nichts was dazu dienen konnte, Maximilian durch geheimen Zuſpruch in ſei - nem Widerſtand gegen die Succeſſionsentwürfe des Kaiſers zu beſtärken; der ihn dafür für einen der beſten Freunde er - klärt die er auf der Welt habe. Es war von einer zwi - ſchen beiden Fürſten zu veranſtaltenden Zuſammenkunft die Rede, und die Schwierigkeit lag nur darin ſie dem Kaiſer un - bemerkt zu Stande zu bringen. 1Carlowitz mußte antragen: wenn Maximilian den Churfuͤr - ſten an ein geheimen Ort zu ſich beſcheiden mochte, ſo wolde E. Ch. G. (Moritz) derſelbigen (S. Kgl. Wuͤrde) allerlei anzeygen, doran ſie Gefallen tragen ſolle. Maximilian geht darauf ein, je - doch weil er mit ſeinem Vater nach Ungarn gehn ſolle, koͤnne er ſich noch nicht entſchließen, was wege und mittel zu gebrauchen, damit ſolches fuglich und unvormarkt geſchehen mochte, wolt aber ſobald ſie hinab kaͤme darauf gedenken und ſolchs von ferneſt irem Hern Va - ter ſelbſt auch alſo ingeheim entwerffen. Schreiben von Carlowitz 11 Maͤrz 1551.Bei den jungen Landgrafen ließ Moritz bereits anfragen, wenn zwei Augen ſich zuthun würden und er dann etwas zur Erledigung ihres Vaters unternehme, weſſen er ſich zu ihnen verſehen könne. Es war wohl nicht ſein Ernſt, bis zum Tode des Kaiſers zu warten; die Landgrafen machten ihn aufmerkſam, der könne noch manchen überleben: vielleicht zeige ſich bald eine andre206Neuntes Buch. Fuͤnftes Capitel.Gelegenheit, wenn der Kaiſer über Meer gehe, oder wenn ſich ihm dieſſeit ein neuer Krieg erhebe.

Auf dieſe letzte Wahrſcheinlichkeit hatte vielleicht von allen Deutſchen zuerſt Markgraf Albrecht von Culmbach bei einer Anweſenheit in Weißenfels ſchon im Frühjahr 1550 die Aufmerkſamkeit gelenkt. Er ſagte, der eine von dieſen Fürſten habe den Wahlſpruch: Mehr, weiter! der andre zum Zeichen den zunehmenden Mond mit dem Worte bis er voll wird : jeder wolle größer werden; aber der eine werde abnehmen, der andre, der die Welt noch nicht ſo gut ge - witzigt habe, fortſchreiten und wachſen; Heinrich II könne dem Kaiſer wohl einen Schlag beibringen, ſo ſchlimm, als ſein Vater jemals von dieſem erlitten.

Seit dem Frieden Heinrichs II mit England konnte ſich Niemand verbergen, daß ein Wiederausbruch des Krieges zwiſchen den beiden großen Mächten bevorſtehe.

Wie aber wenn alsdann der König von Frankreich die Oberhand behielt? Er machte kein Hehl daraus, daß er ſich der verjagten Fürſten und Kriegsmänner annehmen und ſie zurückführen werde. Ein Vorhaben, voll Gefahr für Alle welche den ſchmalkaldiſchen Bund zerſtören helfen und die Partei des Kaiſers gehalten. Moritz ward erinnert, wie ſchlechte Nachbarn er an den wiederhergeſtellten Grafen von Mansfeld oder dem eignen Vetter haben werden. 1Schreiben des Markgrafen an Albrecht 22 Maͤrz 1550 aus dem Dresdener Archiv (im Anhang).

Schon früh, im Sommer des Jahres 1550, finden ſich Spuren einer Annäherung des Churfürſten an den - nig von Frankreich, der ſeine Augen auf jede mögliche Op -207Politik des Churfuͤrſten Moritz.poſition, unter andern ſogar auf König Maximilian, warf; es fehlte jedoch noch viel, daß wirklich ein Verſtändniß ge - ſchloſſen worden wäre: es blieb alles ganz im Unbeſtimm - ten und Weiten.

Waren doch die mißvergnügten deutſchen Fürſten noch weit entfernt einander zu trauen!

Das Ereigniß, wodurch zuerſt eine gewiſſe Annäherung zwiſchen dieſen herbeigeführt worden iſt, war das Vorrücken jener meklenburgiſch-heideckiſchen Truppen von Verden her in der Richtung gegen Magdeburg. Moritz, der ſich in ſeiner Belagerung nicht wollte ſtören laſſen, gieng wie be - rührt auf dieſen Haufen los, und überlegen in den Waf - fen wie er war, zwang er ihn Verden aufzugeben. Da - bei geſchah nun aber das ganz Unerwartete. Der Chur - fürſt machte den Anführer der geſchlagenen Truppen, Jo - hann Heideck, der mit dem Kaiſer noch unverſöhnt war, und nicht mit ihm verſöhnt ſeyn wollte, zu ſeinem Vertrau - ten. Darin lag die erſte überzeugende Kundgebung einer veränderten Richtung der moritziſchen Politik. Der Sieger gieng, ſo zu ſagen im Momente des Sieges, zu der Mei - nung der Beſiegten über.

Heideck ließ es eines ſeiner erſten Geſchäfte ſeyn, daß er eine Zuſammenkunft zwiſchen Churfürſt Moritz und Mark - graf Hans zu Stande brachte, die im Februar 1551 in Dresden Statt fand.

Markgraf Hans erſchien nicht, ohne ſich vorher durch hinreichendes Geleite ſicher geſtellt zu haben. Er traute dem zweideutigen Nachbar mit nichten. Als ſie zum Zwiege - ſpräch kamen, bedachte er ſich lange, ehe er mit ſeiner Mei -208Neuntes Buch. Fuͤnftes Capitel.nung hervortrat. Noch viel weniger aber hätte der geheim - nißvolle Moritz geredet. Endlich erwähnte Hans den Ver - denſchen Zug, durch welchen ihm Moritz ein gutes Vorha - ben zu Grunde gerichtet habe. Und doch weiß ich, redete er Moritz an, daß auch du ſo gut nicht hinkommſt. Was würdeſt du ſagen, wenn dir Jemand 4000 Pferde zuführte, um damit gegen Jeden zu dienen, der die Religion und die deutſche Freiheit beſchweren wollte? Weißt du nicht, ſagte Moritz, daß ich im Dienſte des Mannes bin? Mit 4000 Pferden wäre ihm noch nicht viel abzubrechen, doch auch ich, in der Religion bin ich kein Mameluk. Zögernd eröffneten ſie ſich einander. So wie einer den andern aber einmal verſtanden, waren ſie der Sache bald einig. Moritz verſprach, die Religion laut der Augsburger Confeſſion zu be - kennen, und zur Erhaltung derſelben, ſo wie der deutſchen Freiheit, Land und Leute zu wagen. Markgraf Hans machte ſich anheiſchig, ihm mit dritthalbtauſend Pferden zu Hülfe zu kommen. Am 20ſten Februar 1551 iſt hierüber eine förmliche Obligation aufgenommen worden. Der Markgraf ſah ein, daß vor allem eine Verſöhnung der beiden ſäch - ſiſchen Linien nothwendig ſey, und ſäumte nicht, alles mög - liche dafür zu thun. 1Protocoll im Dresdener Archiv, abgedruckt bei Langenn.

So erhoben ſich endlich auch in Deutſchland die zer ſtreuten Regungen der Oppoſition zu einer feſten Geſtalt, einer bewußten Tendenz.

Wunderbarer Anblick, den nun die Lage der großen Angelegenheiten darbietet.

In Insbruck wo der Kaiſer ſich aufhält, am Conci -209Allgemeine Lage der Dinge.lium zu Trient hegt man die Meinung, und darf ſie hegen, daß die Zeit gekommen ſey wo alle Entwürfe deſſelben ſich erfüllen ſollen. Die verſchiedenſten von ferne her angelegten Fäden werden verknüpft, alle entlegnen und zweifelhaften Sympathien aufgerufen, um zu dem großen Erfolg einer Herſtellung des Kaiſerthums in dem einmal aufgefaßten Sinne und einer Befeſtigung deſſelben im Hauſe Öſtreich-Burgund, älterer Linie, zuſammenzuwirken.

Aber indeſſen haben ſich die alten Feinde im Oſten und Weſten, zur See und im innern Lande, mit denen der Kai - ſer früher ſo oft gekämpft und die ſich eine Zeitlang ruhig gehalten, aufs neue erhoben. Und nicht dieſe allein, ſon - dern auch die beſiegten Oppoſitionen regen ſich wieder, und zwar in ganz unerwarteter Geſtalt; neue in der unmittelbar - ſten Nähe bilden ſich an.

Wird es dem Kaiſer gelingen dort das Ziel zu errei - chen, ſo daß er ſich dann mit neu gerechtfertigten Waffen gegen ſeine Feinde, einen nach dem andern, wird wenden können?

Oder werden die Feinde ihm zuvorkommen? Werden namentlich die verſchiedenen Gegner ſich unter einander fin - den und zu einem Angriff auf ihn verſtehn?

Ranke D. Geſch. V. 14[210]

Sechstes Capitel. Kriegszug des Churfürſten Moritz wider Carl V.

Landgraf Philipp ſpottete darüber, als ihm in ſei - nem Gefängniß eine freilich voreilige Kunde von dem Vor - haben ſeines Schwiegerſohns Moritz gegen den Kaiſer zu - kam. Denn wie wolle ein Sperling den Geier angreifen; habe doch Moritz ſelbſt die andern Vögel verſtört; fremden Nationen komme es lächerlich vor, daß ein Lutheriſcher wi - der den andern ſey.

Eben dahin zielten nun die Bemühungen des Markgra - fen Johann, dieſen Zwieſpalt zu heben, die beiden ſächſiſchen Linien zu verſöhnen, dem Krieg von Magdeburg ein Ende zu machen: damit nicht , ſagt er, wir Chriſten unſerm eini - gen Haupt Chriſto zur Schmach, uns unter einander mor - den und würgen. 1Was m. gn. Herr Markgr. Hans in entſtandener magde - burgiſcher guͤtlicher Unterhandlung an Herzogk Moritz mit eigener Hand geſchrieben. 1551 27 Merz.Auch nach jener Zuſammenkunft hält er noch für nöthig, Moritz zu ermahnen, daß er ſich ſeiner Verbindung mit den Geiſtlichen, die nur im Blute der Chri - ſten zu baden wünſchen, entſchlage, und Chriſtum mit den211Erſte Entwuͤrfe.Übrigen bekenne. Wenn dieß geſchehen iſt, ſo hofft er alle weltliche Fürſten dieſer öſtlichen und nördlichen Länder, den Herzog von Preußen, die Herzoge von Mecklenburg, Lüne - burg, Pommern, Holſtein, in den von ihm mit Moritz ver - abredeten Bund zu ziehen.

Die erſte Abſicht hiebei war durchaus defenſiver Natur.

In der Obligation welche Moritz dem Markgrafen Hans ausſtellte, verſprach er mit ausdrücklichen Worten, ein Defenſivbündniß einzugehn, zur Erhaltung der Religion und Freiheit der Deutſchen, Gut und Blut dabei aufzuſetzen; ſeine Bedingung war allein, daß ihm Markgraf Hans von ſei - nen Freunden die Verſicherung einer beſtimmten Hülfleiſtung bringe, für den Fall daß er angegriffen werde. 1Handlung zu Dresden bei Langenn II, 331 iſt eine von den heſſiſchen Abgeordneten, ohne Zweifel Simon Bing und Wilhelm von Schachten, aufgeſetztes Protocoll uͤber ein Geſpraͤch mit Chrufuͤrſt Moritz uͤber ſeine Verhandlung mit Markgraf Hans. Die Obliga - tion vom 20 Febr. iſt das officielle Reſultat dieſer Verhandlungen: Herzog Moritz , heißt es darin, will die Religion laut der augs - burgiſchen Confeſſion bekennen, was alſo noch immer zweifelhaft war; will zu erhaltung der Religion und freiheit der Deutſchen ein Defenſiffbuͤndnuß machen. Man hatte den Gedanken, ein Heer von 20000 M. z. F. und 7000 z. Pf. auf - zubringen und mehrere Jahre, oder doch auf Jahr und Tag, auf den Beinen zu erhalten. Ein erſter, wiewohl noch ſehr unentwickelter Gedanke von der Aufſtellung eines ſtehenden Heeres zum Schutze der Religion. Es ſcheint als ſey die Abſicht geweſen, dem Kaiſer Bedingungen zur Sicherung vor allem der Religion vorzulegen und dieſen mit Aufſtellung ei - ner ſo ſtattlichen Mannſchaft Nachdruck zu geben. Man war jedoch hierüber noch nicht zu beſtimmten Entwürfen ge -14*212Neuntes Buch. Sechstes Capitel.langt. Alle Unterredungen von Anfang an laſſen doch auch die Möglichkeit offen, mit eignem Angriff zu Werke zu gehn.

Welchen Weg man aber auch einſchlagen mochte, ſo mußte man ſich eingeſtehn, daß man, bei der Geringfügigkeit der Landeseinkünfte und der allgemeinen Erſchöpfung, ſich nicht ganz auf die eignen Kräfte werde verlaſſen dürfen.

Hatte doch der ſchmalkaldiſche Bund, dem noch die rei - chen Kämmereien der oberdeutſchen Städte zu Gebote ſtan - den, ſich nicht ſo lange als nöthig geweſen wäre, im Felde zu halten vermocht.

Wie nun die Veränderung die in den europäiſchen An - gelegenheiten eintrat, überhaupt Muth zu dem Gedanken machte ſich bewaffnet dem Kaiſer entgegenzuſtellen, ſo er - weckte ſie auch die Hofnung, von den beiden Mächten welche ſich ſchon 1547, nur zu ſpät und insgeheim, geneigt bewie - ſen hatten, jetzt aber in offener Oppoſition gegen den Kai - ſer ſtanden, von Heinrich II in Frankreich und der prote - ſtantiſchen Regierung in England, Unterſtützung und zwar zunächſt in Geld zu erlangen. 1Bedenken, wes man ſich in Handelung gegen den Koͤnig von Engeland zu verhalten ao LI 14 d. Julii. Ob es ſach were, das ſich etliche Churfuͤrſten FF. und andre Stende des h. Reichs, wellichen zuforderſt unſre h. chriſtl. Religion und Lehre des Evan - gelii auch dazu die Freiheit ires Vaterlandes zu erhalten lieb were und derbei zu bleiben neben einander bedacht weren, in ein chriſtlich Verſtendniß einließen, und da ſie perurter zweier urſachen willen mit Gewalt und der That angefochten und uͤberzogen, ſich der pillichen Defenſion gebrauchen und alſo etwas wagen wolten, was alsdann der Koͤnig ꝛc.

Der erſte Gedanke des Widerſtandes war von dieſer Abſicht durchdrungen. Bei der Zuſammenkunft in Dresden äußerte der Markgraf, man werde wohl 100000 G. des213Miſſionen nach dem Ausland.Monats von Frankreich, 50000 von England erlangen kön - nen. Zugleich dachte man auch ſchon daran, wie nützlich es werden könnte, wenn der König von Frankreich den Kai - ſer etwa durch einen Angriff in den Niederlanden beſchäf - tige: dann könne man noch alle Pfaffen und Mönche aus Deutſchland verjagen.

Im Mai 1551 ward eine neue Zuſammenkunft zwi - ſchen Moritz und Johann in Torgau gehalten, an der auch Johann Albert von Mecklenburg und Wilhelm von Heſſen, der älteſte von den jungen Landgrafen, Theil nahmen. Schon ihr Erſcheinen bewies, daß ſie einverſtanden waren. Die vier Fürſten beſchloſſen, ſich unter gemeinſchaftlichem Namen und Siegel an die beiden Höfe zu wenden.

In der Inſtruction die ſie dem nach Frankreich beſtimm - ten Geſandten, Friedrich von Reiffenberg, mitgaben, tritt be - ſonders der politiſche Geſichtspunct hervor. Sie machen darin bemerklich, daß der Kaiſer, ſobald er mit den deut - ſchen Fürſten, die er in eine der Menſchenwürde widerſtre - bende Knechtſchaft1 viehiſche Servitut. zu bringen ſuche, fertig ſey, auch die andern Potentaten und zunächſt Frankreich angreifen werde. Um ihm Widerſtand zu leiſten, gebe es kein Mittel, als ſich mit dem Rücken an einander zu ſtellen. Würde der König ſie jetzt unterſtützen, ſie beſtimmen ſeine Leiſtung auf 100000 Kronen, ſo würden ſie außer andrer vielfältiger Dankbarkeit in Zukunft einem römiſchen Kaiſer auch wider ihn nicht beiſtehn. In aller Form tragen ſie ihm den Wunſch vor, daß er ihnen durch einen Angriff auf Carl von der an - dern Seite her zu Hülfe kommen möge.

214Neuntes Buch. Sechstes Capitel.

Zufällige Hinderniſſe, z. B. die Abweſenheit des ver - trauten Secretärs, oder Zweifel über einen Titel, bewirkten, daß die Sendung nach England ſich bis in den Juli ver - zögerte. Abſichtlich, weil man kein Aufſehen erregen wollte, ward ſie einem unbedeutenden Mann anvertraut. In deſſen Inſtruction aber hoben die Fürſten beſonders den religiöſen Geſichtspunct hervor. Sie forderten Eduard VI, als einen chriſtlichen jungen König, der in der wahren und rechten Re - ligion von Anfang an unterwieſen ſey, auf, ihnen gegen Diejenigen beizuſtehn, von welchen dieſe Religion verfolgt werde, und welche jetzt entſchloſſen ſeyen die evangeliſchen Stände, ſo viel ihrer noch bei der augsburgiſchen Confeſ - ſion verharren, vollends auszurotten. Ganz in dem Maaße, in welchem der König ihnen helfe, ſind ſie erbötig ihn zu unterſtützen, wenn er angegriffen werde. 112000 M. wuͤrden 88000 G., 10000 M. 75666 G., 9000 M. 66000 G., 8000 M. 56666 G. koſten. Die beiden Inſtructio - nen bei Langenn.

Der Geſichtskreis der Verbündeten umfaßte auch das nördliche Europa. Churfürſt Moritz ſetzte ſich mit dem - nig von Dänemark in Verbindung, der zu ſeinem Verdruß mit Guſtav Waſa ſo eben in neue Irrungen gerieth. Mark - graf Johann hielt, da der König von Polen allzu entfernt war um ihn zu erreichen, eine Zuſammenkunft in dieſer Sache mit ſeinem Nachbar, dem Staroſten von Poſen.

Sie ſahen die Macht des Kaiſers als eine allen un - abhängigen Ländern von Europa gleich gefährliche an: daß ſie eine deutſche ſey, kam ihnen nicht zu Sinne.

In Deutſchland ſelbſt lag die größte Schwierigkeit darin,215Miſſionen nach dem Ausland.die Söhne Johann Friedrichs mit Demjenigen in Friede zu ſetzen der ſie der Chur beraubt hatte. Schon bei der Tor - gauer Zuſammenkunft hatte man den Beſchluß gefaßt, wenn ſie auch die Vorſchläge nicht annähmen die man ihnen ma - chen würde, ſich doch dadurch von weiterm Fortſchreiten nicht abhalten zu laſſen, und nur vergeblich bemühte ſich Markgraf Johann noch eine Weile ſie herbeizuziehen; Mo - ritz, in deſſen Briefen überhaupt nichts ſo häufig und ſo dringend eingeſchärft wird wie das Geheimniß, um ſo mehr da ihm Gerüchte vom kaiſerlichen Hofe kamen, man mißtraue ihm dort und hege Beſorgniſſe,1Er erwaͤhnt der Reden am Hof: man ſol auff Herzog Mo - ritz ſehen, wan die Stadt Magtburg erobert, das er nuͤt ein Ge - ſellſchaft an ſich heng und Reiſſ dem kaiſer ein Poßle. fürchtete nur immer, es möchte ſeinen Vettern zu viel mitgetheilt werden, ſo daß ſie ihn verrathen könnten. Er ſeinerſeits hatte für den Erfolg ſein Augenmerk von Anfang an noch mehr auf Frankreich gerichtet als auf Deutſchland. 2 Da wir deſſelben mannes (Heinrichs II) nerva belli nit ſollten haben, ſo acht Ich den Handel bei mir unmuglich. Schrei - ben vom 18 Juni.Mit Freuden vernimmt er, daß ſich nach allen Nachrichten der Bruch zwiſchen Carl V und Heinrich II unvermeidlich zeigt. Jetzt, meint er, werde der König Freunde brauchen und fort müſſen.

Es verſteht ſich wohl, daß ein Antrag wie der von Reiffenberg überbrachte, dem König von Frankreich im höch - ſten Grade willkommen ſeyn mußte. Was er ohnehin zu thun im Begriff war, dazu forderten jetzt deutſche Fürſten ihn auf. Nicht allein eine ſehr erwünſchte und nützliche Hülfe bot ſich ihm damit dar, ſondern auch, da man ihn ſuchte216Neuntes Buch. Sechstes Capitel.und brauchte, die beſte Gelegenheit, ſeine Macht nach der deutſchen Seite hin auszudehnen, wo ſie bisher durch Carls Vorkehrungen und die Gewiſſenhaftigkeit des älteren prote - ſtantiſchen Bundes nur Verluſte erlitten.

Gleich die Antwort welche Reiffenberg mitbrachte, gab dem urſprünglichen Gedanken eine etwas andre Wendung.

Indem ſich der König bereit erklärte auf den ihm ge - ſchehenen Antrag einzugehn, bezeichnete er denſelben ſo, als habe man ihm für den Fall daß er die Waffen gegen den Kaiſer ergreife, ſey es zur Vertheidigung oder zum Angriff, und daß er ſich dabei der Sache des Landgrafen öffentlich annehme, verſprochen, ſich für ihn zu erklären und ihm gute Dienſte zu leiſten. 1Abgedruckt bei Langenn II, 334.

Von dem Defenſivbündniß, auf das man zuerſt gedacht, zu deſſen Ausführung man Hülfe von Frankreich gewünſcht hatte, war hier nur noch im Vorbeigehn die Rede. Statt deſſen trat die Abſicht hervor, gegen den Kaiſer mit deutſcher Hülfe einen großen Krieg zu beginnen.

Oder hatte vielleicht Moritz, der ſchon ſeit längerer Zeit für ſich allein mit Frankreich in geheimen Beziehungen ſtand,2Die erſte Notiz von einer Verbindung zwiſchen Moritz und Heinrich II findet ſich im Juli 1550. Es ſcheint als habe Moritz ſich bald nach der erſten Eroͤffnung Albrechts von Brandenburg an Frankreich gewandt. 29 Juli empfiehlt der Geſandte Marillac einen Italiener als Vermittler. dieſe Wendung durch frühere Äußerungen veranlaßt?

In Kurzem erſchien ein franzöſiſcher Geſandte de Freſſe, Biſchof von Bayonne, in Deutſchland, der ſich in demſel - ben Sinne erklärte. Bei einer Zuſammenkunft, im Anfang217Unterhandlung mit Frankreich.October in Lochau, brachte Markgraf Hans ſeine Defenſions - gedanken nochmals vor. Der Geſandte ſagte wohl, auf dieſe Weiſe werde die Scheuer der deutſchen Fürſten um - friedet, die Umfriedung des Königs von Frankreich zu ſei - nem alleinigen Schaden zerriſſen. Er wollte nur von ei - nem Offenſivbündniß hören, und drang auf ſofortige un - umwundene Erklärung darüber, damit man in Frankreich Beſchluß faſſen könne, wie der Krieg im nächſten Frühjahr zu führen ſey.

Und hiebei kam ihm die Meinung derjenigen von den fürſtlichen Räthen entgegen welche bisher das Geheimniß dieſer Geſchäfte getheilt oder vielmehr ſie geleitet hatten. Mit Heideck war ein Mann in ſächſiſche Dienſte getreten, der als Canzler deſſelben bezeichnet wird und ſpäter als ſächſiſcher Amtmann erſcheint, Chriſtoph Arnold, der an die - ſen Dingen den größten Antheil hatte. Er hauptſächlich hat die Herſtellung eines guten Vernehmens zwiſchen Mo - ritz und Markgraf Hans vermittelt, die Unterhandlungen mit dem weimariſchen Hofe veranlaßt; er beſorgte die ge - heime Correſpondenz: jene Inſtruction nach England konnte darum nicht ausgefertigt werden, weil er, doch wieder in eben dieſen Geſchäften, abweſend war. Von Arnold liegt ein Gutachten bei den Acten, in welchem er auf entſcheidende Maaßregeln dringt. Jetzt ſey die Zeit gekommen, wo man das Haus Öſtreich, beſonders aber den Kaiſer in ſeinem Herzen angreifen müſſe; zunächſt auf die Niederlande, den Sitz ſeiner Macht, müſſe man losgehn, bis man ſeine Größe gebrochen; und auf keine Weiſe dürfe man ſeine Anhänger in Deutſchland dulden; gebe es Leute die nicht von ihm218Neuntes Buch. Sechstes Capitel.zu trennen, nicht für den Bund zu gewinnen ſeyen, die müſſe man mit aller Gewalt verfolgen und ausrotten.

Der nemlichen Überzeugung war der heſſiſche Bevoll - mächtigte, Simon Bing, der den franzöſiſchen Geſandten mitgebracht: er legte einen Entwurf eines Offenſivvertrages vor, in dem ſich zuweilen nahe die Worte des Arnoldiſchen Gutachtens wiederfinden.

Markgraf Hans, von Natur hartnäckig bis zum Eigen - ſinn und hier in ſeinem Rechte, wollte ſich ſeinen urſprüng - lichen Gedanken nicht ſo ganz umgeſtalten laſſen. Es kam darüber zu Mißverſtändniſſen, zu einem Wortwechſel ſelbſt bei Tafel. Du ſollſt , ſagte ihm Moritz, nicht immer regieren wollen, du ſollſt mir nicht Fickfack machen. Mark - graf Hans hielt fürs Beſte ſich auf der Stelle zu entfernen: noch denſelben Abend, bei Fackelſchein, ritt er ab. 1In einem Schreiben Heidecks an Albrecht 29 Januar 1552 wird dieß dem Markgrafen ſehr zum Vorwurf gemacht. Wo S. Gn. zuvor entſchloſſen oder bedacht geweſen, one Mittel bei der De - fenſion zu verharren und ſich in kein lauter Offenſion zu begeben, ſo ſollte man mit dem Koͤnig ſo weit zu unterhandeln unterlaſ - ſen haben.

Dagegen gieng ſein Neffe, Johann Albert von Meck - lenburg auf die neuen Entwürfe ſo gut ein wie auf die früheren. Die jungen Landgrafen und Moritz theilten längſt die Anſicht ihrer Räthe. Sie wollten nicht in den Feh - ler des ſchmalkaldiſchen Bundes fallen, der ſich hatte iſoli - ren laſſen, und dadurch vernichtet worden war. Sie wuß - ten ſehr wohl, wie der Feind, den ſie anzugreifen gedach - ten, ihnen ohne Vergleich an Kraft überlegen, wie klug und kriegserfahren er ſey. Sie ſahen ihr Heil nur darin, daß es gelinge, ihn unvermuthet, von allen Seiten zu überraſchen.

219Unterhandlung mit Frankreich.

Nun kam es nur auf die Bedingungen an, über die man ſich mit dem König von Frankreich verſtehn würde.

Die deutſchen Fürſten forderten eine Subſidie von 100000 Kronen des Monats: der König antwortete ihnen dafür mit zwei Gegenforderungen, welche univerſalhiſtoriſch wichtig geworden ſind.

Einmal: er verlangte das Zugeſtändniß, daß er ſich der zum Reiche, aber der franzöſiſchen Zunge gehörigen Städte Metz, Toul, Verdun und Cambrai bemächtigen könne, nicht allein um ſie dem gemeinſchaftlichen Feind zu entreißen oder vor ihm zu beſchützen, ſondern auch um ſie als Reichsvicar inne zu haben.

Sodann jedoch erſt etwas ſpäter kam der franzöſi - ſche Geſandte mit der Bemerkung hervor, der Kaiſer habe nur darum die hohe Geiſtlichkeit auf ſeiner Seite, weil dieſe von einem Emporkommen ſeiner Gegner, der Proteſtanten, ihr Verderben fürchte. Er forderte für ſeinen König die Be - fugniß, die geiſtlichen Fürſten in ſeinen Schutz zu nehmen, wie er mit ihnen Eines Glaubens ſey.

Vorſchläge, die uns einen Blick in die Pläne eröffnen, welche die Franzoſen auf Eroberungen über das Reich und einen durchgreifenden Einfluß innerhalb deſſelben hegten.

Dahin war es gekommen, daß man nur die Wahl zwi - ſchen zwei harten Nothwendigkeiten hatte: entweder den Kai - ſer ſeine Entwürfe vollenden zu laſſen, was die Cabinets - regierung deſſelben wie das Interim befeſtigt, eine concen - trirte weltlich-geiſtliche Gewalt einem Prinzen, der trotz al - ler abſichtlichen Näherung doch immer als ein Fremder er - ſchien, überliefert, und die freie Entwickelung der Nation auf220Neuntes Buch. Sechstes Capitel.ſpäte Generationen gehemmt hätte: oder ſich dem Neben - buhler des Kaiſers anzuſchließen, der doch ſelber noch mehr ein Ausländer war, und Abſichten auf einen Einfluß kund gab, bei dem die politiſche Selbſtändigkeit der Nation im höchſten Grade hätte gefährdet werden müſſen.

Es traten beinahe Erwägungen ein, wie damals als es zweifelhaft war, ob Carl V oder Franz I zum Kaiſer ge - wählt werden ſolle.

Aber der Unterſchied lag darin, daß man Carln V kennen gelernt, in Erfahrung gebracht hatte, wozu die höchſte Gewalt in dieſen Händen führen mußte, jetzt nichts mehr wünſchte als ſich ſeiner Übermacht wieder zu entledigen, und daß man dagegen dem König weder das Kaiſerthum übergab, wenn man es ihm gleich in der Ferne zeigte, noch jenen Einfluß zugeſtand.

Hatten aber die Fürſten nicht Pflichten gegen den Kai - ſer? war ihm nicht überdieß Moritz durch die Bande der Dankbarkeit höher als vielleicht irgend ein andrer Fürſt im Reiche verbunden?

Wenn man ihn kannte, ſo durfte man wohl nicht er - warten, daß er hierauf viel Rückſicht nehmen würde.

Gleich ſeinen alten Vater hat Moritz durch eine allzu frühe, ohne deſſen Einwilligung vollzogene Vermählung höchſt unglücklich gemacht, ſo daß man fürchtete, dieſer möchte aus ſolch hohem gefaßten Harm an ſeinem Leben Schaden neh - men. Und dieſe ſeine junge Gemahlin hat dann doch wohl auch einmal die Klage geführt, er habe die Wild-Schweins - jagd lieber als ihre Geſellſchaft.

Wir kennen die Verdienſte Johann Friedrichs um Hein - rich den Frommen, und wie er dann bei dem Tode deſſelben221Moritz.dafür ſorgte, daß die Lande ungetheilt an Moritz gelang - ten. Dem zum Trotz, und zwar wohl deshalb weil man es ihn ein wenig fühlen ließ, konnte ihn Moritz nicht lei - den: wie er ſich gröblich ausdrückte, den dicken Hoffart. Wie lange hätte es dauern können, beſonders bei der Lei - besbeſchaffenheit Johann Friedrichs, die ihm kein langes Leben verhieß, ſo hätte Moritz mit ſeinem Schwiegervater die Leitung der evangeliſchen Angelegenheiten in die Hände bekommen. Allein ihn zogen bei weitem mehr die gegen - wärtigen Vortheile an, die ihm der Kaiſer anbot: er ge - wann es über ſich, von dem ganzen politiſch-religiöſen Sy - ſtem abzufallen dem er angehörte: es hielt ihn nicht zurück, daß ſein Schwiegervater in denſelben Ruin gezogen ward, den er dem Vetter bereitete.

Iſt es nun aber nicht der gewöhnliche Lauf der Dinge, daß Derjenige, der einem Dritten zu Gunſten die Treue brach, ſie auch dieſem nicht hält?

Zur Entſchuldigung von Moritz iſt von jeher Viel ge - ſagt worden und läßt ſich wirklich Mancherlei ſagen. Ge - wiß aber hatte er durch ſein bisheriges Verhalten nicht zu der Meinung berechtigt, als werde er ſich durch Rückſicht auf empfangene Wohlthaten die er ja überdieß durch entſcheidende Hülfe vergolten abhalten laſſen dasjenige zu thun, wozu ſein Vortheil ihn einlud.

Wenn man ſein tägliches Thun und Laſſen anſah, ſo meinte man wohl, nur das Vergnügen des Tages habe Reiz für ihn, die Wildbahn in den dichten Gehölzen von Radeberg und Lohmen und in der erweiterten Dresdner Forſt, oder die Freuden der Faſtnacht, die Ritterſpiele, in222Neuntes Buch. Sechstes Capitel.denen er, denn er war ſehr ſtark und gewandt, gewöhnlich das Beſte that, oder das luſtige Leben auf den Reichstagen und die ſich daran knüpfenden Beſuche an fremden Höfen, wo er gern mit ſchönen Frauen Kundſchaft machte, oder die Trinkgelage, bei denen er es auch den Meiſten zuvorthat. 1So ſahen ihn auch die Italiener an.Kaiſer Carl glaubte, Der vermöge am meiſten bei ihm, wer ihm darin Vorſchub thue.

Allein hinter dieſem leichtfertigen Weſen barg ſich ein tiefer Ernſt.

Der männliche Muth den er vor dem Feinde bewies und der ihm früh einen Namen machte, zeigte zuerſt daß er kein gewöhnlicher Menſch war. Dann aber muß man ihn in ſeinem Lande beobachten, wie er das ganze Re - gierungsweſen umbildet, und ihm in dem Mittelpunct eine ſtärkere Haltung giebt, wie er die großen Vaſallen die An - ſpruch auf Reichsunmittelbarkeit machen, den Ordnungen des berainten und bezirkten Territoriums, das keine Aus - nahme zuläßt, unterwirft, dafür ſorgt daß die Unterthanen Recht und Frieden und eine gewiſſe Gleichheit der Behand - lung genießen: wie er ferner das Syſtem der Schulen grün - det das dieſem Lande eine ſo eigenthümlich alle Claſſen durchdringende Cultur verſchafft hat. Er zeigt eine ſehr be - merkenswürdige Gabe ſowohl für das Ergreifen politiſcher Gedanken als für ihre Ausführung. Er bekümmert ſich um das Kleinſte wie um das Große. Aus dem Feldlager fragt er ſeine Gemahlin, wie es in ihrem Vorwerk ſtehe; er ſchilt darüber, daß man den Knaben in ſeiner neuen Land - ſchule zu Pforte brandiges trübes Bier zu trinken gebe.

223Moritz.

In der Regel hielt er ſich leutſelig. Zwar gerieth er leicht in Zorn; man bemerkte aber daß er den Beleidig - ten dann wieder durch irgend einen Gnadenbeweis zu feſ - ſeln ſuche.

Die religiöſe Richtung ſeines Jahrhunderts hatte auf ihn, ſo viel ich ſehe, weniger beherrſchenden Einfluß als vielleicht auf irgend einen andern fürſtlichen Zeitgenoſſen. In ſeinen Briefen gedenkt er des allmächtigen Gottes, des ge - rechten Gottes, der alles wohl machen werde: tiefer geht er nicht; er ſcherzt wohl ſelbſt darüber, daß er wenig bete.

Allgemeine große Ideen von weltgeſtaltendem Inhalt, wie ſie der Kaiſer hegte, finde ich nicht in ihm; deſto ſchär - fer aber faßt er das Näher-liegende, bringe es nun Gefahr oder Vortheil, ins Auge; unaufhörlich arbeitet ſeine Seele an geheimen Plänen.

Er iſt dafür bekannt daß er verſchwiegen iſt: er ſagt einmal ſelbſt, man wiſſe daß ihm der Schnabel nicht lang gewachſen, es wäre denn indem er dieß ſchreibe. Geht er ja mit ſeinen Gedanken heraus, ſo fängt er wohl damit an, das Entgegengeſetzte von dem was er wünſcht vorzu - ſchlagen, z. B. im Geſpräch mit dem Markgrafen die Be - freiung ſeines Vetters Johann Friedrich, an der ihm nichts liegt, nur damit dieſer ſelbſt die Befreiung des Landgrafen zur Sprache bringe, die er zu bewirken wünſcht. An Brie - fen liegt ihm wenig: ein Geſpräch iſt beſſer als viel be - ſchriebenes Papier. Niemals hat er große Eile: ein paar Monat mehr kümmern ihn wenig, wenn die Sache nur gründlich vorbereitet wird und verborgen bleibt. Seine - the beklagten ſich nicht mit Unrecht, daß unter Johann224Neuntes Buch. Sechstes Capitel.Friedrich ſelbſt im Felde die Canzleien regelmäßiger beſorgt, beſſer berückſichtigt worden ſeyen als unter Moritz. Das machte: Johann Friedrich hatte in der Regelmäßigkeit der Verhandlungen wirklich die Summe der Geſchäfte geſehen. Moritz dagegen trieb das Wichtigſte insgeheim, mit einem oder dem andern vertrauten Secretär, während die übrigen Räthe, die auch in ſeinem Vertrauen zu ſeyn glaubten, und es bis auf einen gewiſſen Grad waren, in ihrem einmal ein - geſchlagenen Gange blieben, ohne eine Ahnung von den Dingen zu haben die ihr Herr eigentlich im Schilde führte. Wichtige Briefſchaften auch nur etwa durch Zufall in ihre Hände kommen zu laſſen hütet er ſich ſorgfältig: er ſchickt ſie an ſeine Gemahlin, die ſie in ihrer Truhe wohlpetſchiert aufbewahren ſoll:1Brief nr 12 bei Arndt, Nonnulla de ingenio et moribus Mauritii 1806. ſie kannte ihn genug, um ſich nicht daran zu vergreifen. Es giebt eine Art praktiſcher Zweizün - gigkeit, in der er ſo weit als möglich gieng. Im Februar 1551 hatte er ſich verpflichtet das Concilium nicht anzuer - kennen, und war entſchloſſen dazu: im Februar 1552 war der gute Melanchthon noch unterwegs in keiner andern Mei - nung, als er werde ſich nach Trient verfügen müſſen.

Damals nun hatte Moritz eine ganz entſchiedene Rich - tung zum Bündniß mit den Franzoſen und gegen den Kai - ſer genommen: er war nicht der Meinung, vor einer Forde - rung die Frankreich machen konnte, zurückzuweichen, wofern ſie nur nicht dem Zwecke ſelber entgegenlief.

Es mochte hinzukommen, daß der König von England den Antrag, der ihm nunmehr auch geſchehen war, mit weit -225Unterhandlung mit Frankreich.läuftigen Anfragen über die Namen der verbündeten Fürſten und die Sicherheit die ihm dafür angeboten werden könne, beantwortete, überhaupt eine große Bedenklichkeit kund gab, mit dem Kaiſer zu brechen. 1K. Edwards Journal bei Burnet I, p. 40.

Auch konnte dem Churfürſten an einem Defenſivbünd - niß überhaupt nichts mehr liegen. Ein großer Schlag, gut vorbereitet und plötzlich mit aller Kraft geführt, das war ſeine Politik.

In ſeinen Briefen findet ſich nicht der Schatten eines Scrupels über die Rechtmäßigkeit ſeines Verfahrens. Eher blickt ein gewiſſes Vergnügen durch, daß er ihn angreifen wird und vielleicht niederwerfen, den alten Sieger, der ſie alle in Zaum hält. 2Moritz an Markgraf Hans 13 Aug. 1551. ich hab gut hofnung zu unſerm Handel: wir wollen dem Bock recht an die Ho - den greifen.

Und ſo entſchloß er ſich, wozu man auch auf der Seite der Landgrafen ſehr geneigt war, von jenen Forderungen des Königs die erſte anzunehmen.

Er willigte damit nicht in eine Losreißung der drei Städte vom Reich, deſſen Rechte er vielmehr ausdrücklich vorbehielt: der König ſollte dieſelben beſetzen und inne be - halten, aber nur als Reichsvicar, wozu man ihn befördern wolle. Das Unvaterländiſche dieſes Zugeſtändniſſes entſchul - digte man damit, daß auch der Kaiſer, der ſich bereits Cam - brays, Utrechts und Lüttichs bemächtigt habe, ähnliche Ab - ſichten auf die drei übrigen Städte hege, wodurch ſie dann auch dem Reiche wenigſtens nicht minder entfremdet würden.

Ranke D. Geſch. V. 15226Neuntes Buch. Sechstes Capitel.

Dazu aber, dem König den Schutz über die geiſtlichen Fürſtenthümer anzuvertrauen, ließ Moritz ſich nicht bewegen.

In dem Entwurfe des Vertrages hieß es: daß die Fürſten Diejenigen, welche ſich ihnen widerſetzen oder auch nur nicht anſchließen würden, für dieſe Treuloſigkeit gegen das gemeine Vaterland mit Feuer und Schwert zu verfol - gen geſonnen ſeyen. Eben gegen dieſen Artikel waren die Einwendungen der Franzoſen und ihre Schutzvorſchläge ge - richtet. Da der Geſandte ſah, daß er damit ſo im Ganzen nicht durchdringen werde, ſo wollte er wenigſtens Diejeni - gen, die ſich nur nicht anſchließen würden, vor jener Gefahr ſichern. Aber die Fürſten gaben weder das eine noch das andre nach. Sie wollten ſich bei ihrer Unternehmung nicht ſchon von Anfang Hinderniſſe ſchaffen, ihre Widerſacher nicht mit ihren Verbündeten in Verhältniß ſetzen. Der Geſandte mußte davon abſtehn.

Seinerſeits erkannte der König die Erwerbungen an, welche Moritz im letzten Kriege gemacht, und verſprach nach einigem Hin und Herhandeln über die Summe auf die Dauer des Krieges monatlich 60000 Ecus, für die drei Monate aber, die bis zu dem Beginn deſſelben verlaufen ſeyn würden, 240000 zu zahlen, die denn zur Vorbereitung des Unternehmens unentbehrlich waren.

Markgraf Albrecht von Brandenburg-Culmbach fand es nicht rathſam, in dieſen Bund als eigentliches Mitglied deſſelben einzutreten: ein freies, durch eigenthümliche Ver - träge nach beiden Seiten geſichertes Verhältniß ſchien ihm beſſer. Aber wie er wohl der Erſte geweſen, der den Ge - danken einer Vereinigung wie dieſe überhaupt gefaßt hatte,227Unterhandlung mit Frankreich.ſo ließ er ſich auch keine Mühe verdrießen ſie vollkommen zu Stande zu bringen. Gegen Ende 1551, Anfang 1552 finden wir ihn in Perſon am franzöſiſchen Hofe, wo ihn Schärtlin einführte. Er trug den Namen Paul von Bi - berach und gab ſich für einen der Hauptleute dieſes Kriegs - oberſten aus. Schon genug daß ihn der König als den ſehr hohen und mächtigen Fürſten, ſeinen theuren Vetter Albrecht von Brandenburg erkannte. Nachdem alle Schwie - rigkeiten vollends beſeitigt, beſonders die Geldſachen abge - macht waren, unterzeichnete und beſchwur der König den Bund am 15ten Januar auf dem Jagdſchloß Chambord in Gegenwart des Markgrafen. Der Markgraf beſchwur ihn im Namen der deutſchen Fürſten. 1Urkunde bei Du Mont IV, iii, 33. Schaͤrtlin, der ſonſt hier gut unterrichtet iſt, giebt den 2ten Februar an.

So geſchah nun doch, was zu verhüten Carl V ſeit ſeiner Wahl ſo viel ängſtliche Sorge getragen: deutſche Für - ſten vereinigten ſich mit dem König von Frankreich, und zwar in der entſchiedenſten Feindſeligkeit gegen ihn, zu einem großen Krieg, zum offenen Angriff.

Ohne Zögern rüſteten beide Theile, um ſo bald wie möglich aufzukommen.

Moritz hatte den unſchätzbaren Vortheil, daß er die Waffen vor Magdeburg in der Hand hielt.

Auch nach jenem erſten Zwiegeſpräch mit Markgraf Johann ſetzte er die Belagerung fort: noch immer gab es Scharmützel, noch mehr als einmal floß Blut. Der Mark - graf ermahnte den Churfürſten wohl, den Schein nicht zu weit zu treiben, aber auch er war dagegen, demſelben ſofort15*228Neuntes Buch. Sechstes Capitel.ein Ende zu machen und die Aufhebung der Belagerung allzu ſehr zu beſchleunigen. 1Schreiben vom 4ten Juni: aus allerhand Bedenken die ſich nicht wollen ſchreiben laſſen.

Erſt nachdem ſichere Botſchaft aus Frankreich gekom - men, Ende Auguſt, ward eine ernſtliche Unterhandlung mit Magdeburg begonnen.

Moritz hielt an den früheren Vorſchlägen feſt, welche im Weſentlichen dieſelben ſind, die den oberländiſchen Städ - ten gemacht worden, allein er ließ ſich zu Erläuterungen herbei, die wohl das Außerordentlichſte ſeyn mögen, was unter dieſem Titel jemals vorgekommen iſt.

Der Kaiſer hatte gefordert, die Stadt ſolle ſich auf Gnade und Ungnade ergeben: Moritz erläuterte dieß dahin: wenn ſie die Capitulation annehme, ſolle alle Ungnade fal - len, auch kein Prädicant davon betroffen werden. Der Kai - ſer hatte ferner Vollziehung der letzten Reichsabſchiede und alles deſſen was er zum Frieden des Reiches anordnen werde, zur Bedingung gemacht: Moritz erklärte, daß ſich dieß nur auf weltliche Angelegenheiten beziehen ſolle. 2Capitulation bei Merckel Hortleder II, iv, xix, nr 231. Es iſt aber zu merken, daß Moritz dieſe Capitulation dem Kaiſer niemals vorgelegt hat. In einem Schreiben vom 22 Maͤrz 1552 klagt Carl V daruͤber keine Auskunft geben zu koͤnnen, pour ne nous avoir led. duc Mauris jusqu’à ores envoyé la capitulation.

Heideck und Arnold waren oft in der Stadt: Moritz verpflichtete ſich mündlich, alles heilig zu halten was Heideck insgeheim verabreden werde. 3Rathmann III, 591.Wir können nicht ſagen, wie weit deſſen Eröffnungen giengen: ſo viel aber ſahen die Magdeburger wohl, daß ſie ſich ohne Gefahr für ihre Re -229Magdeburger Capitulation.ligion auch derjenigen Bedingung fügen konnten die ihnen früher die widerwärtigſte geweſen war: der Aufnahme einer ſächſiſchen Beſatzung.

Nachdem dergeſtalt die Capitulation angenommen wor - den, ritt der Churfürſt am 9ten Nov., begleitet von dem kai - ſerlichen Commiſſarius Schwendi und einer ſtattlichen Schaar von Fürſten, Herrn und Räthen, in Magdeburg ein. Bei dem Denkmal Ottos des Großen kamen ihm die drei Räthe, die Ordnungsmeiſter, hundert Mannen der Stadt, ſammt ganzer Gemeine, entgegen um ihm die Huldigung zu leiſten. Der ſächſiſche Canzler eröffnete den Act mit einer Auffor - derung hiezu, nachdem , ſagte er, die Stadt ſich nun - mehr ergeben. Der Bürgermeiſter Levin von Emden fiel ihm ins Wort: vertragen und nicht ergeben. Der Chur - fürſt ſagte: es iſt vertragen: ſo ſoll es auch bleiben. Hierauf leiſtete ihm die Bürgerſchaft den Eid, bei Gott und ſeinem heiligen Worte.

Man wird Moritz nicht zutrauen, daß er für die Er - weiterung ſeiner Macht, die hierin lag, gleichgültig geweſen ſey; er ward nun, was er ſo dringend gewünſcht, als Burg - graf von Magdeburg anerkannt; in ſofern wenigſtens, als dieß zu erreichen war, hatte er die Belagerung gewiß ernſt - lich gemeint. Aber die Hauptſache war doch immer, daß er eine ſo anſehnliche Truppenſchaar ſo lange an der Hand behalten hatte. Auch jetzt löſte ſie ſich noch nicht auf, da ſie noch nicht ihre vollſtändige Bezahlung empfangen. Der Reichszahlmeiſter Wolf Haller gab ſich alle mögliche Mühe, Anleihen auf den demnächſt einzubringenden Reichs - vorrath denn der eingebrachte war bereits erſchöpft 230Neuntes Buch. Sechstes Capitel.bei Ständen und Städten abzuſchließen; allein er fand nicht viel Gehör, und es gieng ſehr langſam. Indeſſen behielt Moritz Zeit, die Hauptleute für ſich beſprechen zu laſſen, wozu er ſich des nunmehr wieder befreiten Georg von Meck - lenburg bediente, der den Namen dazu hergab, und alles zum Feldzug vorzubereiten.

Im Laufe des Februar ward den ſächſiſchen Landſtän - den zu Torgau, den heſſiſchen zu Caſſel das Kriegsvorhaben der beiden Fürſten zu dem Zweck den gefangenen Landgra - fen zu befreien unumwunden eröffnet. Die ſächſiſchen mahn - ten ihren Herrn geradezu ab, wie man denken kann ohne Erfolg. Die heſſiſchen waren nicht insgeſammt erſchienen: die anweſenden jedoch verſprachen ihren Beiſtand: die Städte eine nicht unbedeutende Steuer, die Edelleute, ihr Blut für den Fürſten zu wagen. 1Rommel I, 547.

Indeſſen erklärte auch Heinrich II in voller Sitzung ſeines Parlaments, daß er ſich an Denjenigen zu rächen ge - denke, der durch Thaten, ſeinem Worte entgegen, gezeigt habe, daß er ſein, des Königs, Todfeind ſey, und traf Anord - nung für die Regierung in ſeiner Abweſenheit. 2Discours du roi fait au parlement bei Ribier II, 376, doch iſt das Datum 12 Jan. wohl ohne Zweifel falſch: bei Belleforeſt heißt es: Dès le mois de Mars le roy alla prendre congé de sa cours de parlement

Merkwürdigerweiſe ward ſein Unternehmen ihm, wenn nicht allein, doch vornehmlich durch die Beiſteuer möglich, zu der ſich damals ſein Clerus entſchloß, um eine von Franz I eingeführte Beſchränkung ſeiner Jurisdiction wieder los zu werden.

231Kriegszug gegen Carl V.

Schon langten die Landsknechte aus Deutſchland an, welche Schärtlin, Reckerode und der Rheingraf geworben, drei große Regimenter; aus Italien die alten Fahnen, die bisher den Krieg in Piemont mit vielem Ruhme geführt; zugleich erfüllte ſich ganz Frankreich mit eignen Rüſtungen.

Der urſprüngliche Plan der deutſchen Fürſten war, auf den Kaiſer, wo er ſich auch aufhalten möge, unverweilt los - zugehn und durch irgend einen großen Schlag ihm ſeine Re - putation in Deutſchland zu entreißen. Was die Franzoſen dabei thun, ob ſie in Italien mit einem großen Heere vor - rücken oder lieber dieſſeit der Berge nur hauptſächlich die niederländiſchen Kräfte des Kaiſers beſchäftigen ſollten, lie - ßen die Deutſchen unentſchieden. Der König wählte, mit ſeiner ganzen Macht von der Champagne her gegen den Oberrhein vorzudringen: wie er ſagte, damit nicht etwa der Kaiſer die zu ſchwachen Kräfte der Fürſten erdrücke, ohne Zweifel auch darum, um die Landſchaften und Städte in Beſitz zu nehmen, welche er zu erwerben gedachte. Gern ließen ſich dieß die deutſchen Fürſten gefallen. Um ſo eher konnten ſie hoffen, was ſie vor allem im Sinne hatten, dem Kaiſer ſelber mit überlegner Macht beizukommen. Von ihnen rührte der Gedanke her, ohne langen Verzug, ſchon im März, im Felde zu erſcheinen.

Anfang dieſes Monats ſammelten ſich die heſſiſchen Völker bei Kirchhain. Sie begannen ihr Unternehmen da - mit, daß ſie eine neue Zollſtätte niederriſſen und das main - ziſche Amöneburg zur Auslieferung des daſelbſt befindlichen ſchweren Geſchützes nöthigten. Mitte März finden wir den Landgrafen Wilhelm ſchon mit einem anſehnlichen Haufen,232Neuntes Buch. Sechstes Capitel.nicht ohne den franzöſiſchen Geſandten, vor Frankfurt, in der Hofnung dieſe mächtige Reichsſtadt gleichſam durch eine Überraſchung ihrer proteſtantiſchen Sympathien mit ſich fort - zureißen: da es vergeblich war, nahm er ſeinen Weg die große Straße nach Fulda hin, und überſtieg den Rhön, um ſich hier mit dem Churfürſten zu verbinden.

Auch deſſen Truppen hatten indeß einen Verſuch auf Erfurt gemacht, der aber ebenfalls mißlang;1Arnold Vita Mauritii, 1234. Militum proterviam Mauri - tius molestam sibi esse fingebat sed si oppido potiti fuissent milites, dubio procul neque Caesari neque cuiquam alteri illud restituisset. den Nachwin - ter hatten ſie in Mühlhauſen und Nordhauſen gehalten, je - doch mit nichten, wie Spangenberg ſich ausdrückt, zu From - men und Freuden der Bürger: immer noch neue Lands - knechtſchaaren waren ihnen zugelaufen; jetzt endlich that ſich ihnen der wahre Kriegsherr öffentlich kund: Churfürſt Mo - ritz erſchien bei ihnen in den Erfurter Gerichten, und führte ſie über den Thüringerwald nach Franken.

Hier hatte Markgraf Albrecht einen dritten Haufen ver - ſammelt.

Die drei Haufen vereinigten ſich bei Rothenburg an der Tauber, und ſchlugen nun, ohne einen Augenblick zu ver - ziehen, die Straße nach Augsburg ein.

Eben in der Eroberung dieſer Stadt, wo der Kaiſer ſo oft Reichstag gehalten, überhaupt ſeine Macht am ſtärk - ſten entwickelt hatte, die in mancher Beziehung als der Mit - telpunct des Reiches erſchien, ſahen die Fürſten den großen Schlag welcher die Reputation des Kaiſers vernichten ſollte. 233Kriegszug gegen Carl V. Man hat behauptet, es ſeyen ihnen hier ſchon aus der Ferne Verſtändniſſe angeknüpft geweſen. Aber bei weitem mehr kam ihnen zu Statten, daß man in Augsburg am meiſten den weltlichen und geiſtlichen Druck des ſpaniſchen Regiments empfunden und ſich mit einer nationalen Antipa - thie gegen den Kaiſer erfüllt hatte. Der Biſchof von Ar - ras ſollte erfahren, daß die Prediger doch nicht ſo leicht vergeſſen waren. Bei der Aufregung welche die Nähe der Verbündeten und ihre Aufforderung, die ganz im Sinne der Einwohner war, verurſachten, konnte der Rath nicht verwei - gern die Gemeinde zu berufen; dieſe erklärte: ſie wolle we - der Krieg noch Belagerung. Am 4ten April verließ die bis - herige Beſatzung mit ihren rothen Feldzeichen Augsburg; zwei Stunden darauf rückten durch daſſelbe Thor die ver - bündeten Truppen mit ihren weißen Kreuzen ein. Churfürſt Moritz nahm Wohnung bei dem alten Bürgermeiſter Herbrot, den der Kaiſer als ſeinen vornehmſten Feind betrachtete. 1Gaſſarus bei Mencken I, 1867.

Und indem waren nun auch die Franzoſen im Felde erſchienen. Der erſte Gebrauch den ſie von ihrem Über - gewicht in den Waffen dieß Mal machten, beſtand darin, daß ſie die Herzogin Chriſtine von Lothringen, eine Nichte des Kaiſers, welche an der Verwaltung des Landes großen Antheil hatte, mit Beiſtimmung der Stände davon entfernten, ſie nöthigten ihnen ihren jungen Sohn auszuliefern und eine Regierung nach ihrem eignen Gutdünken einrichteten. Indeſ - ſen hatte ſich der Connetable Montmorency gegen Metz ge - wendet. Wir haben ſchon oben bemerkt, daß die Partei welche dort die Regungen des Proteſtantismus unterdrückt234Neuntes Buch. Sechstes Capitel.hatte, zugleich franzöſiſch geſinnt war. Wäre in Metz die evangeliſche Meinung durchgedrungen, ſo würde es ſich viel - leicht den Franzoſen eben ſo gut widerſetzt haben, wie Straß - burg dieß that. Aber jetzt hatten Dieſe mehrere Mitglieder im Rath und die hohe Geiſtlichkeit auf ihrer Seite: durch den Biſchof der Stadt, Cardinal Lenoncourt, geſchah daß der Connetable aufgenommen ward und die Stadt in fran - zöſiſche Hände übergieng.

In dem Bezeigen Heinrichs II erſcheinen die ſchroffſten Widerſprüche. Er kannte ſehr wohl das religiöſe Motiv der proteſtantiſchen Fürſten: aber er war nicht ausgezogen, ohne erſt von den Märtyrern Ruſticus und Eleutherius, und St. Dionyſius, dem eigenſten Heiligen des allerchriſtlichſten katholiſchen Königthums, Abſchied genommen zu haben. Er nahm die Grenzlande der deutſchen Nation in Beſitz und nöthigte ihnen ſeinen Willen auf, wie er denn die Verfaſ - ſung der Stadt Metz auf der Stelle weſentlich veränderte: und in demſelben Augenblick proclamirte er ſich als den Ver - fechter der deutſchen Freiheit.

Indem dieſe Bewegungen ſich erheben, ſuchen unſre Au - gen unwillkührlich den Kaiſer, gegen den ſie gerichtet ſind.

Er war noch in Insbruck, mit ſeinen conciliaren und dynaſtiſchen Entwürfen auf eine Weiſe beſchäftigt daß er für nichts andres Sinn zu haben ſchien. Eben in dieſer Zeit meinte er dem Concil zu Trient die Richtung zu ge - ben, welche er demſelben von jeher zu geben beabſichtigt hatte; er hoffte außer den drei Churfürſten am Concil auch die drei andern in Kurzem in ſeiner Nähe anlangen zu ſe - hen, um die Succeſſionsſache mit ihnen zu Ende zu bringen. 235Kriegszug gegen Carl V. So eben war ein neuer Verſuch auf König Maximilian gemacht worden. Indem er dieſe idealen Abſichten verfolgte und nur ſo viel als unbedingt nothwendig war, dafür that um den Feindſeligkeiten der Franzoſen, die er in den Nie - derlanden und in Italien erwartete, daſelbſt zu begegnen, bemerkte er nicht, was in Deutſchland gegen ihn vorberei - tet ward. Es fehlte ihm nicht an Warnungen. Sogar der franzöſiſche Geſandte hat dem Hof einmal von einer Con - ſpiration geſagt, von der er höre, wahrſcheinlich nur, um denſelben auf eine falſche Spur zu leiten, die dann Arras verfolgte, natürlich ohne etwas zu entdecken. Vielen An - dern war die Verbindung der Franzoſen mit Moritz längſt kein Geheimniß mehr. In der Relation eines veneziani - ſchen Geſandten iſt derſelben ſchon im Jahr 1550, unmit - telbar nachdem ſie begonnen hatte, und, wie wir aus den Depeſchen Marillacs ſehen, auch ganz richtig gedacht wor - den. Gegen Ausgang 1551 war es ein ganz allgemeines Gerücht, das die kleinſten Höfe oder Provinzialregierungen kennen. Auf den Kaiſer machte es keinen Eindruck: er ant - wortete, man〈…〉〈…〉 rde ſich nicht von jedem Winde bewegen laſſen. Gab ihm doch Schwendi fortwährend über die Stim - mung und die Abſichten des Churfürſten ganz günſtigen Be - richt: einer von deſſen vornehmſten Räthen, Franz Kram, erſchien in Insbruck und meldete, ſein Herr werde unver - züglich nachkommen. 1Schreiben Granvellas an die Koͤnigin 30 Dec. L’agent du due Mauris a dit, qu’il ne pouvoit penser que son maitre se vou - lut tant oublier que de faire contre son devoir, comme aucuns semoient par la Germanie, et que non seulement s’il le faisoitUnd hatte derſelbe nicht ſeine Pro -236Neuntes Buch. Sechstes Capitel.curatoren nach Trient, ſeine Theologen auf den Weg dahin geſchickt? In Roſenheim am Inn hielten ſich zwei ſäch - ſiſche Räthe auf in der feſten Meinung, ihren Herrn, der auch wirklich eine Strecke in entſprechender Richtung vor - wärts reiſte, zu erwarten. Der Kaiſer hielt für gewiß, der Churfürſt werde kommen: hätte er etwas anderes im Sinn, das wäre von einem deutſchen Fürſten nie erhört. Noch am 28ſten Februar ſchrieb er dem Churfürſten von Bran - denburg, er verſehe ſich zu Moritz alles Gehorſams, guten und geneigten Willens. Aber einen größeren Meiſter in der Verſtellung hat es wohl kaum je gegeben als Moritz war. Keiner von ſeinen alten Räthen, Carlowitz ſo wenig wie die andern, hatten Kunde von ſeinen Entwürfen. 1Ob es wohl Grund hat, was der florentiniſche Geſandte be - richtet: Il duca Mauritio scrive di suo pugno, che procura di ri - tirar il Marchese dall’impresa, con persuaderlo a posar l’armi, promettendo di voler esser al certo alli 12 a Linz. Wenigſtens ſieht man, was man am Hofe glaubte.Noch von Schweinfurt aus, am 27ſten März, hat er die Bitte um die Loslaſſung des Landgrafen erneuert, unter dem Vorge - ben, daß er ſich ſonſt in das Gefängniß der Kinder deſſel - ben einſtellen müſſe. Und doch vereinigte er in dieſem Au - genblicke ſchon ſein Heer mit dem Kriegshaufen eben dieſer jungen Landgrafen, durch alle denkbaren Verträge gebunden, dem Kaiſer ſelber zu Leibe zu gehn.

Der Kaiſer glaubte wohl, als die Sache ernſter ward, es ſey auf nichts anders abgeſehen als eben auf die Be - freiung des Landgrafen. Er ließ ſich ganz trotzig verneh - men, er werde den Leib deſſelben in zwei Theile zerlegen1il abandonneroit son service, mais que la pluspart de sa noblesse feroit le meme. 237Kriegszug gegen Carl V. und jeden davon einer der Parteien, die ihn zwingen woll - ten, entgegenſchicken. 1Straß an Joachim II Oſterabend 1552.

Allein die Ausſchreiben der verbündeten Fürſten, die in Einem Moment durch Deutſchland flogen, belehrten ihn bald eines Andern. Nicht allein von dieſer Befreiung war darin die Rede, ſondern eine ganze Reihe Beſchwerden geiſtlicher und weltlicher Natur ward darin nahmhaft gemacht: der Überdrang der mit dem Concilium geſchehe, die Art und Weiſe wie man auf den Reichstagen eine künſtliche Mehr - heit hervorbringe, welche alles zugebe, unter andern eine Schatzung nach der andern, bald unter dieſem bald unter jenem Vorwand, die Anweſenheit fremder Truppen im Reiche, während den Deutſchen ſelbſt verboten werde auswärtige Kriegsdienſte zu nehmen, der Hohn, mit welchem nach dem Kriege Gehorſame und Ungehorſame behandelt worden, die Entfremdung des Reichsſiegels, die eigenmächtige Änderung ſtädtiſcher Räthe. Würden ſie, die Zeitgenoſſen, das dul - den, ſo würden ſie dafür von den Nachkommen als Ver - räther der mit ſo viel Blut erworbenen Freiheit unter die Erde verflucht werden. Albrecht von Brandenburg prote - ſtirte, nicht der Perſon des Kaiſers gelte ſein Unternehmen, ſondern er fechte nur gegen das, was dem heiligen Reich zuwider geſchehe. 2Des durchl. Hern Albrechten gemein Ausſchreiben und Urſachen, bei Hortl. II, V, v; hieruͤber am ausfuͤhrlichſten. Er ge - denkt auch des mit kaiſerlichem Privilegium erſchienenen Buches von Avila, worin die deutſche edelſte und fuͤrnehmbſte Nation der ganzen Chriſtenheit abconterfeyt werde, als ob ſie irgend eine barbariſche un - bekannte Nation ſey.Was ihr Sinn war, drückt Moritz in238Neuntes Buch. Sechstes Capitel.einem ſeiner Briefe bündig und unumwunden aus: ſie wol - len den Pfaffen und den Spaniern nicht unter dem Fuße liegen.

Da leuchtete nun wohl ein, daß es auf eine Abänderung des ganzen kaiſerlichen Regimentes, wie es in und nach dem ſchmalkaldiſchen Kriege eingerichtet worden, abgeſehen ſey. Noch einmal erhob ſich die ungebändigte Freiheit des al - ten Germaniens gegen die Ordnung und Gewalt welche der Sieger gegründet und zu gründen im Begriff war. Und zwar ſtanden eben diejenigen an der Spitze, die früher von ihren Glaubensgenoſſen abgefallen, die Niederlage derſelben befördert, die Partei des Kaiſers gehalten hatten, die mäch - tigſten und krieggeübteſten. Die Antipathien der Religion, die durch alle die bisherigen offenen oder indirecten Angriffe und durch die Bedrohungen des Conciliums angeregt wor - den, gaben ihrem Unternehmen eine breite nationale Grund - lage und kamen ihnen auf das mächtigſte zu Hülfe.

Und wenn nun der Kaiſer gegen dieſe Erhebung des proteſtantiſchen Elementes Hülfe von den Katholiſchen er - wartete, ſo ſah er ſich auch darin getäuſcht.

Er wendete ſich zunächſt an die geiſtlichen Churfürſten, die unter dieſen Umſtänden Trient zu verlaſſen eilten. Der Churfürſt von Trier antwortete, er werde ſich immer als ein gehorſamer Reichsfürſt bewähren, um aber zu wiſſen was er in dieſem Fall thun ſolle, müſſe er erſt mit ſeinen Räthen ſprechen; ſo erklärte ſich auch Cölln; Mainz machte ſogar auf Hülfleiſtung Anſpruch.

Und nicht bereitwilliger ließen ſich die älteſten Verbün - deten und nahen Verwandten vernehmen. Herzog Albrecht239Kriegszug gegen Carl V. verſicherte ſeine Ergebenheit auch aus dieſem Grunde außer der allgemeinen Pflicht, allein er gab zu bedenken, welcher Gefahr er ſich ausſetze, wenn er ſich jetzt ohne Verzug auf die Seite des Kaiſers ſchlage.

Schon früher hatte man ſich am kaiſerlichen Hofe be - klagt, daß Ferdinand den Verſuch, zur Abdankung des von Magdeburg abgezogenen Heeres eine Anleihe aufzubringen, nicht mit ſeinem Credit unterſtützen wollte. Faſt feierlich forderte ihn jetzt der Kaiſer auf, ihm zu ſagen, was er als ſein Bruder und als römiſcher König aus den Mitteln ſei - ner Länder in dieſer gemeinſchaftlichen Gefahr bei ihm zu leiſten gedenke. Der König antwortete, er brauche alle ſeine Kräfte wider die Osmanen in Ungarn. Statt der Unter - ſtützung kam dem Kaiſer vielmehr von dieſer Seite eine For - derung zu. Seine Tochter Maria, Gemahlin Maximilians, erſuchte ihn in dieſem Augenblick um 300000 Duc. ihrer Ausſteuer, wofür ſie ſich eine gut rentirende Beſitzung in Ungarn kaufen wolle. Der Kaiſer war ſehr geneigt, dieſe Bitte den Einflüſterungen ihres ihm im Herzen feindlichen Gemahls zuzuſchreiben. Er meinte faſt, es ſey eine allge - meine Verſchwörung gegen ihn im Werke. Die Wechsler - häuſer in Augsburg, an die er ſich wendete, verweigerten ihm ihre Unterſtützung, ſo günſtig auch die Bedingungen wa - ren die er ihnen vorſchlug. 1Comme si lesdits marchands avoient entre eux quelque intelligence secrete, pour non nous servir. (Lettre à Ferdinand.)

Wie war dem alten Sieger und Herrſcher da zu Muthe, als ſich in demſelben Augenblicke alle Feinde erhoben und alle Mittel verſagten.

240Neuntes Buch. Sechstes Capitel.

Einſt hatte es in ſeiner Wahl geſtanden, an der Spitze der deutſchen Nation, mit Begünſtigung des reformatoriſchen Elementes, laut der Reichsſchlüſſe von 1544, ſeine Macht gegen die auswärtigen Feinde zu richten, wie die Franze - ſen, welche beſonders durch deutſche Unterſtützung früher in Italien beſiegt und damals in ihrer Heimath zum Frieden genöthigt worden: ſo hauptſächlich gegen die Osmanen, was in jener Zeit das größte Intereſſe hatte und der allgemeine Wunſch war. Dann hätte er das Kaiſerthum in dem Sinne, wie es ihm bei ſeinen Zügen nach Africa vorſchwebte, ent - wickeln können. Freilich hätte er z. B. Philipp von Heſſen nicht als Feind, ſondern als Mitſtreiter behandeln, die Ein - heit der abendländiſchen Chriſtenheit nicht in die Gleichför - migkeit des Bekenntniſſes ſetzen müſſen: dafür wäre es ihm aber, ſo lange die Türken ſich noch nicht in Ungarn befeſtigt hatten, vielleicht möglich geweſen zugleich dieſes Land zu be - freien und den Trieb der Cultur und Ausbreitung der in den Deutſchen lebte, nach der mittlern Donau, dem ſüdöſtlichen Europa hinzuleiten. Aber er ſchlug einen entgegengeſetzten Weg ein. Er traf eine Abkunft mit den Osmanen, die ihnen Zeit ließ ſich in den eingenommenen Landſchaften zu befeſti - gen, mit dem Werke der Barbariſirung fortzuſchreiten, und nahm ſich vor, in den Streitigkeiten des Glaubens und des Ritus, welche die Jahrhunderte nicht haben beſeitigen kön - nen, beiden Parteien Maaß zu geben, er, von ſeinem po - litiſchen Standpunct aus. Nun konnte aber die natür - liche Feindſeligkeit gegen die Osmanen doch nicht auf die Länge beſeitigt werden: im Jahr 1551 brach ſie wieder in volle Flammen aus. Überhaupt wurde die kaiſerliche Politik241Kriegszug gegen Carl V. nach dem Tode des ältern Granvella nicht geſchickt genug nach den friedlichen Geſichtspuncten hin geleitet. In dem - ſelben Augenblicke erhob ſich die wetteifernde Macht von Frankreich, die man unbekümmert ihrer andern Gegner hatte Herr werden laſſen, zu den alten Beſtrebungen. Und indeß war doch das Ziel der innern Politik mit nichten erreicht, weder die Kirchenverſammlung in die erwünſchte Bahn ge - leitet, noch die Succeſſion befeſtigt worden: vielmehr erwachte in Folge dieſer Verſuche ein allgemeiner Widerwille in bei - den religiöſen Parteien, über Italien und Deutſchland hin, und ſtrömte nun in plötzlichem Ausbruch mit den äußern Feindſeligkeiten zuſammen. In Ungarn verjagte der Paſcha von Ofen die Haiducken und Spanier Ferdinands aus Sze - gedin, noch ehe ſie ſich daſelbſt befeſtigt, und bezeichnete den Anfang des April mit der Eroberung von Veſprim. Zugleich näherten ſich noch zwei andre Heere unter dem Beglerbeg von Rumili und dem zweiten Weſir der Pforte den ungariſchen Grenzen. In Wahrheit, Ferdinand hatte ganz Recht, wenn er darin eine Gefahr erkannte die alle ſeine Kräfte in An - ſpruch nehme. Auch zur See regten ſich die Feinde: in den Gewäſſern von Malta erſchien Sala Rais in denſelben Ta - gen, in welchen der König von Frankreich durch Lothringen nach dem Elſaß und dem Oberrhein zog und die proteſtan - tiſchen Fürſten Augsburg bedrohten.

Der Kaiſer ſelbſt, ohne Truppen, noch Geld, entfernt von den eigenen Landſchaften, aus denen er beides hätte zie - hen können, ſah ſich überraſcht in dem wenig verwahrten Insbruck, und ſo gut wie hülflos.

Er dachte ſich anfangs zu ſeinem Bruder zurückzuziehen:Ranke D. Geſch. V. 16242Neuntes Buch. Sechstes Capitel.der konnte es aber, in der verlegenen und ſchwierigen Lage in der er ſich perſönlich befand, ſelber nicht wünſchen, und widerrieth es ihm.

Ein anderer Ausweg wäre geweſen, ſich nach Ita - lien zu wenden und hier ſich aufs neue zu rüſten. Allein auch da war der Krieg nicht eben glücklich gegangen, überall war das Landvolk durch die Truppenzüge in Aufregung ge - ſetzt. Es ſchien dem Kaiſer nicht rathſam, ſich mit ſeiner geringen Umgebung auf die dortigen Landſtraßen zu wagen. Auch meinte er, wenn er einmal in Italien ſey, eine Reiſe nach Spanien nicht gut ablehnen zu können; wie leicht, daß ihm dann bei der Überfahrt ein Unfall von den Franzoſen oder gar den Osmanen begegne: die größte Schmach in ſei - nen alten Tagen. Eher hielt er es für möglich den Ober - rhein zu erreichen und nach den Niederlanden durchzukom - men. Dazu hat er ſich wirklich in dieſen Tagen entſchloſſen und den Verſuch gewagt. In tiefſtem Geheimniß, mit Zu - rücklaſſung eines Briefes an Ferdinand, der aber erſt abgege - ben werden ſollte, wenn die Sache gelungen ſey, brach der Kaiſer am 6ten April nach Mitternacht von Insbruck auf, begleitet von ſeinen beiden Kammerherrn, Andelot und Ro - ſenberg, einem eigenen und zwei Dienern Roſenbergs. Sie hofften die große Straße durch die Clauſe nach Ulm noch frei zu finden. Durch Gebirg und Wald reitend kamen ſie am 7ten Mittag nach Naſſereith und nach kurzer Raſt in die Nähe der Clauſe. Hier aber erfuhren ſie, daß Moritz bereits auf dem Wege ſey, um an demſelben ſiebenten Füßen zu beſetzen. Sie wären ihm in die Hände gegangen, wären ſie fortgeritten, und eilten, nach Insbruck umzukehren. 1Eigener Bericht des Kaiſers an ſeine Schweſter 30 Mai

243Kriegszug gegen Carl V.

Es war für den Kaiſer keine Rettung als daß er zuerſt nur dieſes nächſten und gefährlichſten Feindes durch irgend eine Abkunft, einen Stillſtand ſich zu entledigen ſuchte.

Und ſo durfte es noch als ein Glück erſcheinen daß ſein Bruder immer mit Moritz in freundlicher Verbindung gewe - ſen war, und in dem Moment ſeines Auszugs aus Sachſen eine Zuſammenkunft mit ihm in Linz verabredet hatte. 1Sommaire de la lettre du bourggrave de Meissen (Heinrich Reuß von Plauen) au roy des Romains du 16m de Mars de Leip - zik: qu’il a fait toute instance vers le duc, pour obtenir la surseance des armes, mais que sans le sceu des autres luy n’a rien voulu attendre. Man waͤhlte Linz, pour garder la reputation à S. Mé et que icelle puisse etre de retour a Vienne. (Bruͤſſ. A.)Dieſe fand am 18ten April wirklich Statt und führte nach einiger Unterhandlung wir werden gleich davon mehr zu ſagen haben zu einem wenn auch nur vorläufigen Stillſtand, der hauptſächlich dazu dienen ſollte um eine zahlreichere Ver - ſammlung zur Abſtellung der Irrungen und Gebrechen deut - ſcher Nation in Paſſau möglich zu machen.

Allein nicht zu ſehr durfte ſich der Kaiſer auf dieſen Stillſtand verlaſſen.

Moritz hatte den Anfang deſſelben wegen der Entfer - nung ſeiner Bundesgenoſſen und mit Vorbehalt ihrer Ein - willigung auf den 11ten Mai feſtgeſetzt. Sie genehmigten ihn aber erſt vom 26ſten Mai an.

Nun hatte der Kaiſer im Laufe des April doch am Ende einiges Geld zuſammengebracht, und begann ſich zu rüſten. In weiterer Ferne, bei Frankfurt, ſo wie in der Nähe, bei Ulm, ſammelten ſich Truppen auf ſeinen Namen,11552, ohne den wir von dieſer Thatſache nichts wiſſen wuͤrden, bei Bucholtz IX, 544.16*244Neuntes Buch. Sechstes Capitel.ſein vornehmſter Muſterplatz aber war Reitti, unfern der Ehrenberger Clauſe, die er ebenfalls beſetzen ließ. Die Ver - bündeten meinten ihn genug zu kennen, um annehmen zu dürfen, daß er ihnen nichts bewilligen werde, ſobald er wie - der über ein Kriegsheer gebiete. Moritz trug kein Beden - ken die zwiſchen der Bewilligung ſeiner Freunde und der ſei - nen inne liegende Zeit zu benutzen, um die verſammelten Trup - pen zu zerſtreuen und dem Kaiſer noch näher zu rücken.

Am 18ten Mai griffen die verbündeten Fürſten das Lager von Reitti an und ſprengten es auf der Stelle aus einander. Beſonders in dem freudigen Georg von Meklen - burg erwachte hierüber eine Schlachtbegier und Siegeszuver - ſicht die alles mit ſich fortriß. Da ſich ein Theil der Trup - pen nach der Clauſe zurückzog, ſo ließen ſie ſich durch ihr gutes Verhältniß zu König Ferdinand nicht abhalten unmit - telbar auf dieſen Platz loszugehn. Noch in der Nacht nah - men ſie eine Höhe ein welche die Befeſtigungen beherrſchte. Von hier aus den andern Morgen vordringend fanden ſie weder in den Schanzen an der Clauſe, noch in dem verboll - werkten Paſſe, noch in dem Schloſſe ſelbſt nachdrücklichen Widerſtand:1Nach der Tyroler Relation, in Hormayrs Chronik von Ho - henſchwangau Urk. 61 p. 47, blieb das Schloß ſelbſt unerobert, un - angeſehen der feind ſolchen an ſieben Orten vermacht gehabt. Die brandenburgiſchen Geſandten geben den Verluſt des Kaiſers auf 1200 Todte und 2500 Gef. an. neun Fähnlein fielen in ihre Hand. Und wie nun wenn ſie in dem hiedurch eröffneten Lande vordrangen und den Kaiſer in Insbruck überfielen? Es iſt ein Irrthum anzunehmen, ſie hätten das nicht gewollt. Am 20ſten Mai iſt zwiſchen ihnen förmlich gerathſchlagt worden, ob ſie, wie245Flucht Carls V. ſie ſich ſehr unehrerbietig ausdrücken, den Fuchs weiter in ſeiner Spelunke ſuchen ſollten: ſie entſchloſſen ſich hiezu. Gott weiß was geſchehen wäre, hätte nicht das tumultua - riſche Kriegsvolk, eben als es vorwärts gegen Aiterwang geführt werden ſollte, nach dem Sturmſold geſchrien, den es ſo eigentlich nicht verdient hatte und der ihm wirklich aberkannt worden iſt, und darüber ſeine Waffen gegen Mo - ritz ſelbſt gerichtet, ſo daß dieſer ihm nur mit Mühe entrann.

Dadurch bekam der Kaiſer Zeit, Insbruck zu verlaſſen: er hat die Nachricht von dem Falle der Clauſe abgewartet, ehe er ſich dazu entſchloß. Den 19ten Mai Nachmittags ließ er noch den gefangenen Johann Friedrich in den Schloß - garten zu ſich beſcheiden, und kündigte ihm dort ſeine Be - freiung ſelber an: wiewohl unter der Bedingung daß er noch eine Zeitlang dem Hofe freiwillig folgen ſolle. Fer - ner trug er Sorge, daß die wichtigſten Schriften und Klei - nodien nach dem feſten Schloß Rodenegg gebracht wurden. Dann Abend um 9 Uhr brach er auf: beim Scheine bren - nender Windlichter: die Nacht war regneriſch und kalt, das Gebirge noch mit Schnee bedeckt: der Kaiſer litt an einem An - fall ſeiner Krankheit. Sein erſter Zufluchtsort war Brunecken, nicht einmal ein eigenes Schloß, ſondern dem Cardinal von Trient gehörig, der in den Verhandlungen über die Wahl nicht eben als ein Freund des Hofes betrachtet worden war.

Den andern Morgen folgte ihm Johann Friedrich auf dieſem Wege. Er erlebte nun, was er immer von ſeinem Gott erwartet: zum erſten Mal ſeit fünf Jahren ſah er ſich von keiner ſpaniſchen Garde umgeben; er ſtimmte auf ſei - nem Wagen ein geiſtliches Danklied an.

246Neuntes Buch. Sechstes Capitel.

Am 23ſten Mai rückte Moritz an der Spitze ſeiner Rei - ter und Fußvölker in Insbruck ein. 1Schreiben der brandenburgiſchen Geſandten 1ſten Juni: Der Chf. von Sachſen iſt alsbald gegen Insbruck verruckt und alles was ſpaniſch und denſelben zuſtendig geweſt, welches die Buͤrger bei ſchwe - rer ſtraf anzeigen und in ein kaufhaus zuſammenbringen muͤſſen, preis gemacht: den koͤnigiſchen aber hat er nichts nehmen laſſen. (Berl. A.)Die Landsknechte brü - ſteten ſich in den prächtigen ſpaniſchen Kleidern, denn alles was den Spaniern gehörte, ward ihnen von dem Churfür - ſten als gute Beute überlaſſen: auf ihren Hüten glänzten portugieſiſche Goldſtücke; einer nannte den andern Don; übrigens aber wußte ſie Moritz auf das beſte in Zucht zu halten. Er tadelte Georg von Mecklenburg, der ſich nur eine Truhe auf dem Schloß hatte eröffnen laſſen. Es war ihm genug daß er ſo weit vorgedrungen, er begehrte nicht mehr. Übrigens blieb er, was König Ferdinand einen Augenblick bezweifelte, entſchloſſen, den Waffenſtillſtand von dem be - ſtimmten 26ſten an zu beobachten; unverweilt machte er ſich zu der angeſetzten Verſammlung auf den Weg.

Auch ehe wir die Verabredungen berückſichtigen, die da - ſelbſt gepflogen worden, erkennen wir, daß ihm durch den Gang der Begebenheiten und ihre Entſcheidung die größten Erfolge gelungen waren.

Vor ihm her wich der mächtige Kaiſer höher ins Ge - birg, nach Villach: er ließ die Brücken hinter ſich abwer - fen und in den ſchwierigſten Päſſen ſpaniſche Soldaten auf - ſtellen, um ein etwaniges Nachdringen zu verwehren.

Und indeſſen löſte ſich, auf der andern Seite des Ge - birges, das Concilium von Trient von ſelber auf. Gleich auf die erſte Nachricht von den deutſchen Ereigniſſen, am 15ten247Aufloͤſung des Conciliums.April, ſprach der Papſt, der ohnehin nur einen zu bekennenden Grund dazu herbeigewünſcht, die erneuerte Suſpenſion des Conciliums aus. Das Concilium, das man für gut hielt ſelb - ſtändig handeln zu laſſen, machte dieſen Beſchluß am 28ſten April zu dem ſeinen. Noch widerſetzten ſich jedoch die ent - ſchiedenen Anhänger des Kaiſers, und bei weitem nicht Alle waren abgereiſt, als die Nachricht von der Eroberung der Clauſe erſcholl. Man glaubte in Trient, die proteſtantiſche Bewegung werde unmittelbar der Stadt des Conciliums gel - ten, und Alles, Prälaten und Einwohner, Vornehme und Ge - ringe, flüchtete in wilder Verwirrung aus einander, höher in die Berge hinauf, oder hinab nach der See: in die dich - teſten Wälder oder die feſteſten Städte. 1Maſſarellus: unoquoque rebus suis fuga, vel ad altiores mentes vel densas silvas aut maritima loca seu finitimas civita - tes, consulente. (Rainaldus XXI, p. 70.)Der päpſtliche Le - gat Creſcentio ließ ſich durch ſeine Krankheit nicht abhal - ten dem allgemeinen Zuge zu folgen. Er ſtarb als er in Verona ankam.

Das konnte man wohl vorherſehen, daß eine Combi - nation kaiſerlicher und conciliarer Macht, wie die welche Carl V ins Leben gerufen, und mit der er die Chriſtenheit zu beherrſchen gedachte, ſobald nicht wieder erſcheinen könne. 2Schreiben Bugenhagens an den Koͤnig von Daͤnemark 15 Aug. 1552. Das Conciliabel iſt zu Trennt (zertrennt), es bleibt zu Trennt, zu Trennt, ꝛc. (Schumacher Briefe an den Koͤnig von Daͤnemark I, 186.)

Was aber erfolgen würde, wer hätte darüber in der Ver - wirrung jener Tage auch nur eine Vermuthung hegen können?

Der König von Frankreich zog im Elſaß hin und her,248Neuntes Buch. Sechstes Capitel.beſetzte die kleineren Städte, nahm die größeren, z. B. Straß - burg von den Hausbergen aus, in Augenſchein. Es war eine Verſammlung der nächſtgeſeſſenen deutſchen Fürſten in Worms gehalten worden, allein ſie hatten ſich nicht entſchlie - ßen können Widerſtand zu leiſten: nur eine ſehr höfliche Bitte legten ſie ein.

Schwach, wie die meiſten waren, ohne die Nähe des mächtigen Kaiſers der ſie zuletzt vereinigt, von zwei mächti - gen Feinden in die Mitte genommen, und ohne den Rück - halt beſonderer Bündniſſe die ſie ſonſt wohl geſchützt hatten, waren ſie auf ein nach beiden Seiten wohl abgewognes Ver - fahren angewieſen, um nicht zu Grunde gerichtet zu werden.

Der Herzog von Cleve wagte nicht das längſt gegebene Verſprechen eines Beſuches bei Königin Maria zu erfüllen, weil er fürchtete, Moritz möchte ihn darüber öſtreichiſcher Geſinnung verdächtig halten. 1Schreiben der Koͤnigin 15 Mai, 24 Mai 1552. (Br. A.)

So gewaltig erſchien damals das Übergewicht der Geg - ner dieſes Hauſes, daß in einer Verſammlung oberdeutſcher Fürſten zu Heidelberg die Frage vorgekommen iſt, ſo ver - ſichert wenigſtens Königin Maria, ob Carl V nicht des Reiches zu entſetzen ſey. 2Schreiben der Koͤnigin 1 Aug. 1552. (Br. A.)

Allein auch der Kaiſer gebot doch noch über mannich - faltige Kräfte, die er nur zu ſammeln brauchte; nur die Über - raſchung einer unerwarteten Combination hatte ihn im erſten Augenblicke beſiegt.

Er hoffte ſogar einen Theil der Proteſtanten auf ſeine Seite zu bringen. Das große Anſehen das Johann Friedrich249Ausſichten.genoß, ſollte ihm dienen, ſie um ſich zu ſammeln. Königin Maria rechnete auf die Anhänglichkeit von Nürnberg und Frankfurt. Ein Gedanke taucht von Zeit zu Zeit auf, der die weiteſte Ausſicht eröffnet hätte, nemlich der, ſich mit dem in den meiſten Territorien ſchwierigen Adel zu verbünden und ihn gegen die Landesherren aufzurufen. Johann Fried - rich meinte, der Kaiſer müſſe nur vor allem erklären, daß er das Wort Gottes nicht verfolgen wolle, und die freie Predigt erlauben, damit werde er die Zuneigung der deut - ſchen Nation wiedererwerben. Er rieth ihm den alten from - men Churfürſten von Cölln wiederherzuſtellen: dann wolle er, Johann Friedrich, die Heerführung ſelber übernehmen und das feindliche Heer gewiß aus einander ſprengen. 1Les points et articles que le duc Jehann Frederic de Saxe a faict par le secretaire Obernburger, 23 Mai. (Br. A.)

Wir ſehen: noch ſchien alles möglich.

Verlieren wir uns jedoch nicht in das Allzuentlegene, ſo iſt die Hauptſache daß ein europäiſcher Krieg ausgebro - chen war, der Deutſchland wieder in der Mitte zerſchnitt. Es mußte ſich zeigen, ob in dem Kampfe der beiden großen Mächte die Deutſchen vollends unter einander zerfallen, oder ob ſie denn auch dieſe Möglichkeit ſtellte ſich dar zwi - ſchen denſelben zu einer erneuten Selbſtändigkeit gelangen würden.

[250][251]

Zehntes Buch. Epoche des Religionsfriedens.

[252][253]

Erſtes Capitel. Verhandlungen zu Linz und zu Paſſau.

Es mußte wohl ſo ſeyn, daß ein Fürſt von der Her - kunft, Weltſtellung und Geſinnung wie Carl V Abſichten faßte wie er ſie gefaßt hat, und bei den Kräften die er ein - ſetzen konnte, dem Talent das ihm eigen war, und den Feh - lern die ſeine Gegner begiengen, in ihrer Ausführung ſo weit vorſchritt.

Die Nothwendigkeit der Dinge brachte aber doch mit ſich, daß er damit nicht zu Ende kommen konnte.

Er verfocht Ideen der formellen Einheit der abendlän - diſchen Chriſtenheit, welche noch nicht aufgegeben, von den beſtehenden Zuſtänden und den Meinungen der Menſchen noch nicht ausgeſchieden waren, aber doch auch weder die einen noch die andern mehr beherrſchten.

Viel zu entwickelt, mächtig und voll Selbſtgefühl wa - ren die andern europäiſchen Reiche, um ſich ein Übergewicht des Kaiſerthums gefallen zu laſſen.

Und viel zu tief war der Widerwille gegen die vor - nehmſte Repräſentation der geiſtlichen Einheit gewurzelt, der Widerſpruch der wider ſie erhoben ward, viel zu gut begrün -254Zehntes Buch. Erſtes Capitel.det und zu weit verbreitet, als daß auch nur eine beſchränkte Unterordnung unter dieſelbe ſich hätte wiederherſtellen laſſen.

Den aus der Vergangenheit aufſteigenden Ideen der formellen Einheit ſetzten ſich Tendenzen politiſcher und reli - giöſer Unabhängigkeit entgegen, welche den abendländiſchen Nationen eine neue Zukunft eröffneten.

Es bedurfte eigentlich nur einer Verbindung des poli - tiſchen und des religiöſen Gegenſatzes, um die geiſtlich-welt - liche Autorität zu zertrümmern, die ſich über beide zu erhe - ben ſuchte.

Da nun aber das Kaiſerthum, das zu ſo umfaſſenden Planen Anlaß und Rechtstitel gab, wie es auf der deutſchen Nation beruhte, ſo auch die Staatsgewalt in derſelben bil - dete, ſo trat die Gefahr ein, daß durch einen Angriff auf daſſelbe auch dieſe zerſprengt, und entweder die Anarchie wieder zurückgerufen, oder einer fremden Macht ein verderb - licher Einfluß eingeräumt werden möchte.

Glücklich die Zeiten wo ein einziger nationaler Gedanke alle Gemüther ergreift, weil er alle befriedigt: hier war dieß nicht der Fall.

Bei dem ihm ſelbſt unerwarteten Fortgang ſeines Glückes gab zuweilen auch Moritz der Hofnung auf baldigen Frieden Raum: man verſicherte ihm, der Kaiſer werde im Reich ſolche Vorſehung thun, daß den Ständen augsburgiſcher Confeſſion ihr Glaube, allen ihre Freiheit unangetaſtet bleibe: er werde ſich auch mit dem König von Frankreich über deſſen An - ſprache an ihn vertragen, worauf alle Macht der Chriſtenheit gegen die Türken gewandt werden könne: wie wäre das aber wirklich zu erwarten geweſen!

255Verhandlungen zu Linz und zu Paſſau.

Wer auf ein einigermaßen freiwilliges Zurücktreten des Kaiſers von den einmal ergriffenen Planen rechnete, der kannte ihn ſchlecht; noch viel weniger aber wären die Fran - zoſen gemeint geweſen, ſich mit einer Auseinanderſetzung der gegenſeitigen Anſprüche zu begnügen, und die Plätze die ſie vom Reich eingenommen, ſo leicht wieder zu verlaſſen.

Vielmehr war nichts anderes zu erwarten als ein lang - wieriger und gefährlicher Krieg, der leicht auf deutſchem Bo - den ſelber ausgefochten werden, alles vollends entzweien, den Türken eher den Weg nach Deutſchland eröffnen konnte.

In Epochen dieſer Art zeigt ſich am beſten, ob in ei - ner Nation noch jene Kraft vorhanden iſt, welche Staaten bildet und erhält, ein conſtitutiver Genius, der wenn das Bisher-beſtandene zerfällt, die Fähigkeit entwickelt etwas Neues und Angemeſſeneres hervorzubringen.

Leicht war es in unſerm Falle nicht, einen Ausweg zu treffen. Die alte Parteiung zwiſchen Öſtreich und Frank - reich, die alle Intereſſen anregte, berührte ſich mit der reli - giöſen Entzweiung, welche längſt die Gemüther ergriffen: es ſchien wohl, als ob es zu einem mitten durch das Reich ſchneidenden Gegenſatz einer franzöſiſch-proteſtantiſchen und einer öſtreichiſch-katholiſchen Partei kommen müßte.

Das erſte Moment was eine Rettung aus dieſer Ge - fahr darbot, lag darin, daß der römiſche König weder die Abſichten noch auch das Intereſſe ſeines Bruders vollkom - men theilte. Unmittelbar vor dem Aufbruch des Kriegs - heers erinnerte Churfürſt Joachim von Brandenburg ſeinen Nachbar Moritz, ſich doch an König Ferdinand zu wenden, der es immer gemißbilligt daß der Landgraf gefangen genom -256Zehntes Buch. Erſtes Capitel.men worden, überhaupt keinen Theil daran habe, wenn von den kaiſerlichen Räthen die Wohlfahrt der deutſchen Nation vernachläßigt und ſo viel Grund zur Beſchwerde gegeben worden ſey, der vielmehr, alle Sachen des gemeinen Va - terlandes väterlich, treulich und gnädiglich meine. 1Artikel zu Torga kegen einander uͤbergeben. (Arch. zu Berl)Wir be - rührten ſchon, wie Moritz, noch in ſeinem Land, eine Zuſam - menkunft mit dem römiſchen König zu Linz verabredete.

Noch vor der Unternehmung auf die Ehrenberger Clauſe, am 18ten April, fand dieſelbe Statt.

Churfürſt Moritz eröffnete ſie mit Aufſtellung einiger Forderungen, die ſich zum Theil auf das unmittelbar Vor - liegende bezogen, die Befreiung des Landgrafen, Sicherheit für die welche die Waffen ergriffen, zum Theil aber auch, und dieß war ohne Zweifel das Wichtigſte daran, auf die großen Angelegenheiten der Religion und der Kirche. Und da war nun beſonders merkwürdig, daß er die Zugeſtänd - niſſe wieder forderte, welche der Kaiſer zu jener Zeit, in wel - cher der Proteſtantismus in noch ununterbrochener Entwicke - lung zu ſeiner größten Macht gelangt war, am Reichstag zu Speier im Jahr 1544 gemacht hatte, und nur noch auf eine klarere Verſicherung derſelben antrug. 2Zweite Schrift von Moritz, in Linz. weil gleichwol die Stende der Augsburgiſchen Confeſſion, wie ſ. chf. Gn. anders nicht wiſſen, mit dem Abſchied, ſo der Religion halber im 44 Jar zu Speyer aufgericht, zufrieden geweſt, ſo verhoffen ſ. chf. Gn., der Kſ. Mt werde auch nochmals nicht entgangen ſeyn, der Puncten halber clare und gewiſſe Vorſehung zu thun. Bei dem erſten Umſchlag des Glückes tauchten ſie wieder auf, und zwar unter dem Vortritt Desjenigen, der früher es haupt - ſächlich dem Kaiſer möglich gemacht ſie unausgeführt zu257Verhandlungen zu Linz.laſſen. Von dem Interim, meinte Churfürſt Moritz jetzt, dürfe niemals wieder die Rede ſeyn; eine Vergleichung der Religion müſſe nicht weiter auf einem allgemeinen Concilium, ſondern nur auf einem nationalen oder auf einem abermali - gen Colloquium verſucht werden. Niemand dürfe in Zukunft der Religion halber Kriegsgefahren zu beſorgen haben.

Und ſo viel gab König Ferdinand, wenngleich nur für ſeine Perſon, auf der Stelle nach, daß ein allgemeines Con - cilium wie das Tridentiner, zur Beruhigung von Deutſch - land nicht ſehr geeignet ſey; er zeigte ſich überhaupt in al - len Dingen entweder ſelbſt einverſtanden oder doch zur Nach - giebigkeit bereit.

Nicht ſo aber der Kaiſer, dem die in Linz gewechſelten Schriften durch Schwendi zugeſandt wurden.

Er weigerte ſich nicht mehr, den Landgrafen loszulaſ - ſen, aber er forderte eine ſchwer zu beſtellende Sicherheit gegen alle daraus etwa zu erwartenden Nachtheile. 1Reponse de l’empereur donnée a Zwendy 25 Avril 1552. (Anhang.)Was den Religionspunct betrifft, ſo verwahrte er ſich in ſeiner officiellen Antwort zunächſt nur gegen jede Erwähnung des Nationalconciliums, die ihm von Anfang an verhaßt gewe - ſen war, allein kaum war dieſe Erklärung gegeben, ſo wollte ihm ſchon ſcheinen als laſſe ſie eine allzu weite Deutung zu, und er erläuterte durch ein paar eigenhändige Worte, daß er auch ferner auf der Heimſtellung der Glaubensſtreitigkeiten an ein Concil beſtehe, gemäß den bisherigen Beſchlüſſen der Reichstage. 2Copie des lettres de la main de l’empereur au roi Fer -

Ranke D. Geſch. V. 17258Zehntes Buch. Erſtes Capitel.

Bei dieſem feſten Verharren des Kaiſers auf dem ein - mal ergriffenen Standpunct, und da auch Churfürſt Moritz nicht ermächtigt war für ſeine Bundesgenoſſen abzuſchließen, konnte man hier keinen Schritt vorwärts kommen, und be - ſchloß jede weitere Erörterung auf eine andre Zuſammen - kunft zu verſchieben, nächſten 26 Mai, zu Paſſau, zu wel - cher ſämmtliche Churfürſten und eine Anzahl geiſtlicher und weltlicher Fürſten, die gleich hier benannt wurden, eingela - den werden ſollten.

Wie geringfügig dieſer Erfolg auch ſcheint, ſo war er doch〈…〉〈…〉 hr bemerkenswerth.

In frühern Zeiten hatten die beiden Parteien ſich in - nerhalb der Reichsverſammlung einander entgegengeſetzt: jene alte Mehrheit des Jahres 1529, und die proteſtantiſche Min - derheit, die jedoch unaufhörlich anwuchs; und der Kaiſer hatte es als ein Hülfsmittel der Macht benutzt, zwiſchen ihnen eine Ausgleichung zu ſuchen; mochte man ſich anſtel - len wie man wollte, in dem Abſchied zu Linz drückte man ſich auf das behutſamſte aus, ſo erſchien jetzt der Kaiſer als Partei, als die andre der in der Kriegshandlung begriffene Bund; ſchon an und für ſich gewann ein Aus - ſchuß der Reichsfürſten, der ausdrücklich dazu berufen ward um eine gütliche Unterhandlung zwiſchen ihnen zu verſuchen, eine großartige Stellung.

Die Abſicht des Churfürſten Moritz gieng gleich bei ſei -2dinand, Inspr. 10 Avril. M’a semblé outre le contenu de la dite reponse vous declairer tres expressement et briefvement mon in - tention qu’est en premier lieu quant a celui de la religion que je n’entends m’obliger ny traitter sy non me remettant a ung con - cile conforme aux decrets passés. 259Verſammlung zu Paſſau.nem erſten Antrage auf eine ſolche Verſammlung dahin, daß derſelben die Beſchwerden die man gegen die bishe - rige Regierung zu machen habe, vorgelegt, von ihr erörtert werden ſollten. 1 Dieweil ſich denn auch J. Chf. Gn. befaren, wo die beſchwe - rungen und mengl ſo zuwidder der alten loblichen deutſchen Nation hergebrachten Freihait an vill weegen angetzogen werden, allererſt auf einen Reichstag ſolten verſchoben werden, das ſolches bey den Sten - den ſo jetzo beiſammen ſeyn (ohne Zweifel: mit ihrem Kriegsvolk) vorzuͤglich moͤchte angeſehen werden und allerley nachdenken machen, So bedachten J. Ch. G. undertheniglichen zuforderſt, weill J. Ch. G. auch entlich jetzund allhie zu ſchließen der andern halben nit gewalt habe, das es am bequemſten und peſten ſeyn ſollte, das alsbald jetzund etlich Chur und Fuͤrſten des Reiches benannt, des gleichen auch ein Tag und Malſtadt nach der kunigl. Mt gnedigſten Gefallen an - geſetzt wurde, auf welchem ſolch Chur und Fuͤrſten neben der Khun. Mt und deſſelben geliebten Son Kh. Maximilian zuſammenkommen und alſodann nach anhorung ſolcher beſchwerung, welche denn ein je - der ſtand auf dieſelbe Zeit ſeiner Nothdurft nach anzuzeigen wird wiſſen, aller dieſer Articl halber eine gewiſſe beſtendige und freund - liche Vergleichung machen. Erklaͤrung von Moritz zu Lintz o. D. im Berliner Archiv.

Und keineswegs auf bloße Vermittelung mochte ſich dieſe Verſammlung beſchränken. Sie war ungefähr auf die nemliche Weiſe zuſammengeſetzt wie die alten Regiments - täge, und eine wiewohl unregelmäßige Repräſentation des Reichs. Churfürſt Moritz brachte ſie eben darum in Vor - ſchlag, weil er und ſeine Freunde auf keinen Reichstag war - ten wollten.

Um die beſtimmte Zeit erſchienen die eingeladenen Stände: neben dem römiſchen König und dem Churfürſten Moritz die fünf übrigen Churfürſten, die Herzöge von Braunſchweig, Jülich, Pommern, Würtenberg, Markgraf Johann und der Biſchof von Würzburg durch ihre Abgeordnete, der Herzog17*260Zehntes Buch. Erſtes Capitel.Albrecht von Baiern, der Erzbiſchof von Salzburg, der Bi - ſchof von Eichſtädt in Perſon.

Sehr bezeichnend iſt die Stellung welche die Stände dem römiſchen König gegenüber einnahmen. Ferdinand hätte gewünſcht an ihren Sitzungen Theil zu haben, denn nicht als Partei ſey er hier, etwa als Stellvertreter des Kaiſers, dieſer habe vielmehr ſeine eignen Räthe am Platz. Die Stände hatten wohl nicht Unrecht, wenn ſie dieß nicht ganz wörtlich für wahr hielten, da der König ſo eben vom Kaiſer kam und mit demſelben ununterbrochen in brief - lichem Verkehr ſtand. Beſcheidentlich antworteten ſie, ihr Sinn ſey nicht, ihn auszuſchließen, ſondern ihm nur die Mühe zu erſparen, ihren Sitzungen beizuwohnen, die Stim - men abzufordern; aber wie ſie ſich auch ausdrücken moch - ten, dabei blieben ſie, ſich erſt unter einander berathen zu wollen: die Meinung über welche ſie einig geworden, wür - den ſie dann dem König vorlegen, und ſich mit der verglei - chen, welche er indeß ſelbſt gefaßt habe. 1Prothocoll Lambert Diſtelmeyers (hier und im Folgenden meine vornehmſte Quelle) im Berliner Archiv.Indem ſie ſich von ihm abſonderten, um nicht gleich bei der erſten Faſ - ſung der Beſchlüſſe geſtört zu werden, waren ſie doch weit entfernt ſich ihm entgegenzuſetzen. Sie gaben ihm vollkom - men Recht, wenn er darauf drang, daß aller franzöſiſche Einfluß vermieden werde. Obgleich der franzöſiſche Geſandte zugegen war, ſo bekam er doch von deutſchen Geſchäften nichts zu erfahren. 2Er hielt eine Rede, von welcher Sleidan XXIV, p. 375 ei - nen Auszug mittheilt. Die Staͤnde forderten ihn auf, zu weiterer Unterhandlung ſeine Inſtruction einzugeben, wie damals Sitte war:In dem Entwurf zu einer Inſtruction,261Verhandlungen zu Paſſau.nach welcher Markgraf Albrecht aufgefordert werden ſollte dem von ihm noch nicht angenommenen Stillſtand beizu - treten, war als ein Beweggrund angeführt worden, daß der franzöſiſche Geſandte damit einverſtanden ſey, ein Mo - tiv das hier wohl eine Wirkung haben konnte: auf die Er - innerung des römiſchen Königs aber, daß ſolch eine Bezug - nahme auf eine fremde Macht dem Reiche ſchlecht anſtehe, ließ man ſie weg.

Der Sinn der Stände war, den Einfluß wie der kai - ſerlichen, ſo noch viel mehr der franzöſiſchen Intereſſen zu vermeiden, und aus dem Schooße des verſammelten Reichs - fürſtenrathes eine Vermittelung der ausgebrochenen Strei - tigkeiten hervorgehn zu laſſen.

Und da lag nun die Summe des Ereigniſſes, und ge - wiſſermaßen ein neuer Anfang für die Erhaltung und Ent - wickelung des Reiches darin, daß in dieſer Verſammlung katholiſche und evangeliſche Fürſten vereinigt waren, einmü - thig entſchloſſen keinen Krieg in Deutſchland zuzulaſſen. 1Schreiben von Straß vigilia corp. Chi an den Churf. von Brandenburg. Die anweſenden ſtende allhie laſſen vernehmen, das ſie keinen krigk in Deutſchland haben noch leiden wollen: welches denn die ſache ſer treibet und fordert.

Bisher hatten die katholiſchen Reichsfürſten noch immer darauf beſtanden, den Proteſtantismus ſo weit wie möglich zurückzudrängen, oder lieber ganz zu vernichten, ſey es nun2er hielt es fuͤr hinreichend ihnen eine Abſchrift ſeiner Rede mitzuthei - len: non denegare orationem habitam scripto communicare, ut et fecit, additis literis asserti secretarii regis Galliarum, ad se non solitis literis sed characteribus (Chiffern) scriptam, qua (epi - stola) asserebat injunctum sibi, ea coram statibus proponere. Alſo eine chiffrirte Inſtruction theilte er mit, deren Sinn er ſelbſt aus - legte. Prothocoll Diſtelmeyers.262Zehntes Buch. Erſtes Capitel.ſelbſtändig, durch die Mehrheit der Stimmen am Reichstag, oder unter der Führung des Kaiſers: jetzt ſahen ſie ein, daß daran nicht mehr gedacht werden könne.

Die Übermacht der proteſtantiſchen Fürſten war in die - ſem Augenblick vielmehr ſo groß, daß ſie ſelber von ihnen überwältigt, ja vertilgt zu werden fürchten mußten. Der Kaiſer war nicht im Stande ſie zu ſchützen, aber wäre ers auch geweſen, ſo hätten ſie wenig Freude daran gehabt: ſie fühlten ſo gut wie die andern, daß ſein überwiegendes An - ſehen ihre Selbſtändigkeit, die Autonomie der Nation bedrohe. Eine der wirkſamſten Veränderungen bildete der Regierungs - wechſel in Baiern. Jetzt ſetzte ſich kein Leonhard von Eck mehr in den Beſitz des maaßgebenden Einfluſſes bei den katholiſchen Berathungen; Albrecht V, von Natur gemäßigt und nachgiebig, in ſeinen erſten Jahren ſogar evangeliſchen Anwandlungen nicht unzugänglich, jetzt überdieß bedroht und gefährdet, hütete ſich die Politik ſeines Vaters fortzuſetzen, die wenigſtens im Verhältniß zum Kaiſer nur zu Nachthei - len geführt hatte.

In ſeinem erſten Gutachten nun gieng Churfürſt Moritz von dem Zugeſtändniß Ferdinands aus, daß ein Concilium wie das tridentiniſche ſchwerlich jemals zur Vergleichung füh - ren dürfte, und kam auf die Idee eines Nationalconciliums zurück, das ſo oft vorgeſchlagen worden und nie hatte erreicht werden können. 1 darin die Gelehrten der h. Schrift beiderſeits gehoͤrt wer - den und einander guten chriſtlichen Beſcheid geben. Die Verhand - lungen begannen 1ſten Juni fruͤh 7 Uhr, wo Ferdinand Moritz auf - forderte, wie er dem Kaiſer meldet, de bailler sa reponse et deli - beration sur les articles de Linz. Hierauf folgt die Erklaͤrung von Moritz.Doch wollte er es auch auf deſſen Ent -263Verhandlungen zu Paſſau.ſcheidung nicht ankommen laſſen. Er forderte vielmehr ei - nen Frieden welcher immer beſtehe, möge nun die Verglei - chung zu Stande kommen oder nicht. Denn nur von den Mißbräuchen, ſagte er, ſchreibe ſich die Spaltung her; in den Hauptartikeln chriſtlichen Glaubens ſey man Gottlob ein - verſtanden; der Kaiſer müſſe die Stände augsburgiſcher Con - feſſion vor allem verſichern, daß ihnen keine Ungnade noch Beſchwerung weiter bevorſtehe. Zu dem unbedingten Frie - den aber gehöre ferner, daß man auch keine Entſcheidung des Reichstags wo die der Confeſſion entgegengeſetzte Par - tei das Mehr habe, noch des Kammergerichts wie es jetzt eingerichtet ſey, befürchten dürfe: man müſſe die Artikel über Friede und Recht wiederherſtellen und zur Ausführung brin - gen, wie ſie 1544 gegeben worden.

Zweierlei, wie wir ſehen, forderte er: das Aufgeben je - ner conciliaren auf die Wiederherſtellung der Einheit, auch im Wege der Gewalt, hinzielenden Ideen, und dagegen eine den Frieden der Evangeliſchen ſichernde Einrichtung im Reiche. Es waren ganz die altproteſtantiſchen Tendenzen: nicht zu bekehren, noch zu vertilgen, ſondern nur zu beſtehn, kraft der alten Berechtigungen der auf Reichsſchlüſſe ſich ſtützenden Minderheit. Im Jahr 1514 hatten die Proteſtanten ihre Abſicht noch durch den Einfluß der kaiſerlichen Gewalt zu erreichen gemeint: im Jahre 1552 hielten ſie das Schwert in der Hand um ſie durchzuſetzen. Der Kaiſer war über - raſcht, in ferne Alpen zurückgeſcheucht; die geiſtlichen Für - ſten, die bisher die Majorität gebildet, in ihren Landſchaf - ten angegriffen, und ſchon zum Theil in die Hände der Proteſtanten geliefert. Unter dieſen Umſtänden bot ihnen264Zehntes Buch. Erſtes Capitel.Moritz noch einmal die alten Bedingungen an, die freilich, wenn ſie dem Kaiſer abgerungen waren, weit eine andre Bedeutung erhielten, als wenn er ſie frei und gern bewil - ligt hätte.

Und auf die erſte dieſer Forderungen nun giengen die in Paſſau verſammelten Fürſten mit allgemeiner Beiſtimmung ein. Jene Idee einer Herſtellung der Einheit, wie ſie von dem Kaiſer angeſtrebt ward, hatte ſich ihnen allen ſelber ge - fahrbringend erwieſen. Auch ſie fanden, daß das tridenti - niſche Concilium nicht geeignet ſey die Spaltung in der Re - ligion zu heben. Zwar wollten ſie ſich hiebei nicht im Vor - aus gegen ein andres allgemeines Concilium erklären: ſie behielten dem Reichstag vor, nochmals zu unterſuchen, auf welchem Wege das Ziel am beſten erreicht werden könne, durch ein nationales oder doch wieder ein allgemeines Con - cil, oder durch welches andre Mittel. 1Gutachten der Churfuͤrſten und Fuͤrſten am 6ten Juni, im Berliner Archiv.Darin aber ſtimm - ten ſie dem Churfürſten bei, daß auf jeden Fall Friede be - ſtehn müſſe, welches auch der Erfolg der Vergleichsverſuche ſeyn möge, und eben darauf kam es an. Die Frage war, ob im Kreiſe der abendländiſchen Chriſtenheit ein friedliches und ſicheres Daſeyn möglich ſey, ohne die Oberhoheit des Papſtthums oder auch eines Concils anzuerkennen, mochte nun da ein Kaiſer oder ein Papſt den größern Einfluß ha - ben. Dieſe Frage bejahten jetzt die mächtigſten Reichsfür - ſten, auf welchen ſeit dem dreizehnten Jahrhundert das Reich und zum guten Theil die Kirche gegründet geweſen, katho - liſche und proteſtantiſche, geiſtliche und weltliche. Sie mein -265Verhandlungen zu Paſſau.ten, der Friede müſſe beiderlei Ständen zu Gute kommen und ſie gegen einander ſicher ſtellen. Am 6ten Juni 1552 verfaßten die Fürſten dieſes auf ewig merkwürdige Gutach - ten; am 7ten erklärte König Ferdinand in dieſem Puncte ſeine Beiſtimmung dazu.

Wie nun aber dieſer Grundſatz in den Ordnungen des Reiches geltend zu machen ſey, darüber konnte man ſich nicht ſogleich vereinigen. Die vermittelnden Fürſten vermie - den noch die Erwähnung der ſpeierſchen Beſchlüſſe von 1544, die ihnen oder ihren Vorgängern größtentheils zuwider gewe - ſen: nur Eine Stimme trug auf Wiedererneuerung und Voll - ziehung derſelben an; aber ſie bewilligten, daß bei dem Abſchluß des Friedens auch über die Beſetzung des Kammergerichts Beſtimmung getroffen würde. König Ferdinand trat noch einen Schritt weiter zurück: er wollte dieſe Beſtimmung ſo wie die Beſchwerden die Moritz vorgebracht, auf den Reichs - tag verweiſen. Churfürſt Moritz war hiemit nicht zufrieden: er forderte die ausdrückliche Zuſicherung unparteiiſchen Rech - tes und die Aufhebung des Reichsabſchiedes von 1530, auf den die Aſſeſſoren bisher verpflichtet worden. Es kam hier - über zu einem lebhaften Schriftwechſel, in welchem jeder Theil auf ſeiner Meinung beſtand. Glücklicherweiſe hatte Moritz auch ſeinerſeits etwas anzubieten. Bei der Verſicherung der katholiſchen Fürſten in ihren Beſitzthümern, die eine andre Hauptgrundlage des Friedens bildete, hatte er die Worte ein - fließen laſſen: ſo viel ſie noch in Poſſeſſion derſelben ſeyen : eine Clauſel von der größten Bedeutung, da ſchon manches Amt biſchöflicher Lande von Markgraf Albrecht in Beſitz genommen worden. Die vermittelnden Fürſten machten ihn266Zehntes Buch. Erſtes Capitel.aufmerkſam, daß dadurch das Recht verkürzt, der geſammte Rechtszuſtand zweifelhaft werde. Indeſſen beſtand Moritz ſo lange auf ſeinem Vorſchlag, bis ſie und der König ſich ihm auf der andern Seite wieder näherten. Dabei blieb es auch jetzt, daß die Sache definitiv erſt am Reichstag ab - gemacht werden möge: aber im Voraus erklärten die Für - ſten, daß alsdann die Gleichheit bewilligt und die Form des Eides frei gelaſſen werden ſollte. Nicht ganz ſo weit, denn nur in kleinen Schritten, ſehr langſam, rücken dieſe Angelegen - heiten vorwärts, wollte König Ferdinand gehn. Die Gleich - heit im Voraus zu bewilligen, ſchien ihm ein Punct den der Kaiſer nicht genehmigen würde, aber dazu gab er ſeine Zuſtimmung, daß es freiſtehen möge, ob man den Eid zu Gott, oder zu Gott und den Heiligen ſchwören ſolle. Man bemerkte, daß in den Rechten beide Formen gültig ſeyen. 1 Dieweilen ohne das bede Formen in Rechten befunden. Auf des Churfuͤrſten von Sachſen Replik Bedenken der Churfuͤrſten Fuͤrſten ꝛc.Und war dieß nicht im Grunde eben daſſelbe? Die evangeliſchen Aſſeſſoren waren bisher zurückgewieſen wor - den, weil ſie den Eid zu den Heiligen nicht ſchwören woll - ten; ſie mußten angenommen werden wenn man denſelben nicht mehr forderte. Der Verpflichtung auf den Reichsab - ſchied von 1530 ſollte durch eine Clauſel begegnet werden, nach welcher kein früherer Schluß dem neuen Friedſtand ab - brechen, derogiren ſolle.

Dergeſtalt vereinigte man ſich in einer aus beiden Re - ligionsparteien gemiſchten Verſammlung über die wichtigſten Verhältniſſe die in Zukunft zwiſchen beiden obwalten ſollten.

267Verhandlungen zu Paſſau.

Die Katholiſchen, welche auch dort die Mehrzahl aus - machten, gaben die Vortheile auf, welche ihnen aus der Idee einer allgemeinen Vereinigung der Chriſtenheit und ihrem Übergewicht am Reichstag entſpringen konnten.

Dagegen verzichtete man evangeliſcher Seits darauf, ſich der Übermacht die man in dieſem Augenblicke beſaß, zu bedienen, die hohen Geiſtlichen, wie man anfangs gedacht, geradezu zu verjagen, oder auch nur die ihnen ſchon entriſ - ſenen Gebietsſtrecken zu behalten.

Wurde der Rechtsſtand der Proteſtanten erweitert und einigermaßen fixirt, ſo hatte die andre Partei dagegen die Ge - nugthuung, ihre bedrohten Beſitzthümer geſichert zu ſehen.

Und da man nun in der Hauptſache verglichen war, ſo folgten die andern Puncte von ſelber nach. Man kam überein, daß der Landgraf in einer beſtimmten Friſt zu Rheinfels auf freien Fuß geſetzt werden ſolle. Für die Urtel die während der Cuſtodie in ſeinen Angelegenheiten geſprochen worden, ward ihm Suſpenſion und Reviſion verheißen. Alle Die welche in dem letzten Kriege um Land und Leute gekommen oder die Flucht ergreifen müſſen, von den Kriegsanführern der Rheingraf, Albrecht von Mansfeld und ſein Sohn, Chri - ſtoph von Oldenburg, Heideck, Reckerode und Schärtlin, un - ter den Fürſten Wolfgang von Anhalt und Otto Heinrich von der Pfalz, ſollten wieder zu Gnaden angenommen wer - den, und ſich nur verpflichten, fernerhin nicht gegen den Kai - ſer zu dienen; die der jetzigen Kriegsübung Verwandten ſoll - ten die Waffen niederlegen, ihre Eroberungen herausgeben und dagegen einer Generalamneſtie genießen.

Mit Freuden melden die brandenburgiſchen Geſandten268Zehntes Buch. Erſtes Capitel.nach Haus, daß es ſo weit gekommen ſey, hauptſächlich auch durch das eifrige Bemühen des römiſchen Königs.

Auch Moritz meinte wohl, daß hiemit ein feſter Friede im Reich gegründet ſey. Sein Rath war, daß der verab - redete Vertrag dem Kaiſer zu einfacher Annahme oder Ver - werfung vorgelegt werden ſolle: indeß wolle auch er zu ſei - nen Bundesverwandten reiten und wenn von dem Kaiſer die Erklärung der Annahme eingelaufen, den Vertrag ohne weiteres Grübeln unterſchreiben.

Daß nun aber dieſe Bedingungen erſt dem Kaiſer vor - zulegen und von ihm zu beſtätigen waren, bildete eine Schwie - rigkeit die ſich größer erwies, als man auch nach den be - reits gemachten Erfahrungen glaubte.

Die Bevollmächtigten die er in Paſſau hatte, verſäum - ten nichts um ihn dazu zu ſtimmen. Sie ſtellten ihm vor, daß in Deutſchland alles den immerwährenden Frieden wün - ſche, zumal da er, der Kaiſer ſelbſt ſchon um ſeiner vielfa - chen Beſchäftigungen willen nicht im Stande ſey eintreten - den Unordnungen zu ſteuern. 1Rye und Seld an den Kaiſer, 15 Juni: nous trouvons que tous les estats qui sont icy lesquels sont les premiers de toute la Germanie sont merveilleusement enclins a cette paix uni - verselle et les ecclesiastiques pas moins que les seculiers. Car voyant que les choses du concil s’en vont a la longueur et que tous les jours surviennent de nouveaux troubles et que V. Mé a tant d’affaires contre les malveillants qu’elle ne peut si bien re - medier aux iuconvenients comme elle desire, tout le monde veut etre assuré. Der König motivirte bei der Einſendung der Artikel die Bewilligung derſelben mit der erwähnten Gefahr der katholiſchen, beſonders der geiſtlichen Fürſten, und mit der Beſorgniß, daß ſich leicht, wenn die Vereinbarung ſich an die Religionsſachen ſtoße, alle andern269Widerſtand des Kaiſers.Stände augsburgiſcher Confeſſion an die kriegführenden an - ſchließen möchten. Man machte den Kaiſer aufmerkſam, daß weder der Papſt, noch der König von Frankreich, noch irgend ein andrer Fürſt von Europa an die Pflicht denke, die Ketze - reien auszurotten, daß die ganze Laſt einer ſolchen Unterneh - mung auf ihn allein fallen würde. Auch liege wohl ſo viel an Tag, daß man wider die neuen Meinungen mit dem Schwerte nichts ausrichten könne: die Deutſchen würden ihre Hand nicht dazu bieten, durch fremde Nationen laſſe es ſich nicht thun.

Im Angeſicht der Kämpfe welche die Welt erfüllen, der Kräfte die dazu von beiden Seiten in Anwendung geſetzt werden und der Erfolge die ſich ergeben, bilden ſich Über - zeugungen, die plötzlich hervortreten und Jedermann ergrei - fen, weil ſie aus dem Geſchehenen mit Nothwendigkeit ent - ſpringen; man kann ſagen: ſie enthalten Geſetze für eine, wenn auch erſt ferne Zukunft in ſich. So fühlte man jetzt die Unmöglichkeit, das alte Syſtem der dogmatiſchen und kirchlichen Einheit in der abendländiſchen Chriſtenheit aufrecht zu erhalten, die Gemüther mit dem Schwert zu regieren.

Und davon hängt die Wirkſamkeit eines hochgeſtellten Menſchen mit am meiſten ab, in welches Verhältniß er zu Überzeugungen dieſer Art tritt, ob er ſie annimmt oder ſich ihnen entgegenſetzt.

Carl V hielt unerſchütterlich an dem einmal ergriffenen Syſteme feſt.

Es war der Gedanke ſeines Lebens; daß er in einem unglücklichen Augenblick vor einem plötzlichen Anfall hatte zu - rückweichen müſſen, konnte ihn darin nicht irre machen.

Die Einheit der Chriſtenheit aufrecht zu halten galt ihm270Zehntes Buch. Erſtes Capitel.für eine durch die Religion gebotene Pflicht. Während der Verhandlungen wiederholte er ſeine Behauptung, daß dazu ein allgemeines Concilium das einzig geeignete Mittel ſey. Höchſtens wollte er die Sache, aber ganz in den gewöhn - lichen Formen und mit Vorbehalt ſeiner alten Autorität, noch einmal an den Reichstag bringen. Den immerwäh - renden Frieden zu bewilligen, ſchlug er ohne Weiteres ab. Nicht als ob er, wie es in einem ſeiner Briefe heißt, daran denke, die Proteſtanten mit Krieg zu überziehen, wozu er jetzt nicht einmal die Mittel habe: aber durch dieſe Bewilligung würde alles rückgängig werden, was man mit ſo vieler Mühe und ſo vielen Koſten erreicht, das Interim und die letzten Reichstagsſchlüſſe; er würde die Ketzereien auch dann dulden müſſen, wenn ſich Zeit und Gelegenheit zum Gegen - theil zeige; ſchon jetzt müſſe er Scrupel haben für die, welche er dann empfinden werde. Und auch jetzt könne er ſich nicht damit entſchuldigen, daß ihm Gewalt geſchehe: noch ſey ſie nicht geſchehen, noch könne er nach Italien oder vielleicht nach Flandern gehn, und gewiß er wolle es thun, ehe er ſein Gewiſſen beſchwere, ehe er dieſen Zaum ſich an - legen laſſe. 1L’empereur au roi, undatirt, jedoch Anfang Juli: Si ne puisje comme qu’il soit consentir la bride que en ce l’on me veut mettre pour non pouvoir jamais procurer le remede.

Der Nothwendigkeit der Dinge, die er nicht anerkannte, ſetzte er, wie wir ſehen, ſeine geiſtlichen Pflichten entgegen, die er, ſeitdem er ſich ſo lange mit ihnen getragen, von Un - glück und Gefahr mehr beſtärkt als erſchüttert, ſtrenger als jemals auffaßte.

271Widerſtand des Kaiſers.

Ferdinand hielt nicht für rathſam, die Weigerungen und Ausſtellungen des Kaiſers der Verſammlung wie ſie waren mitzutheilen, er hätte den Bruch der ganzen Unterhandlung gefürchtet. Nur im Allgemeinen bezeichnete er ſie, aber er verſprach, ſich ſelbſt zu ſeinem Bruder zu verfügen und al - les zu verſuchen, gleich als gelte es ſeiner Seelen Seligkeit , um denſelben auf eine andre Meinung zu bringen. 1Vor ſeiner Abreiſe erklaͤrt er den Staͤnden: er wolle alle muͤgliche Perſuaſiones, ausfuͤhrung und anzeigung thun, dadurch Keyſ. Mt zu bewegen, und in Summa den Fleiß anwenden, als langete ihrer Mt Seelen Seligkeit an, dann J. Mt hetten deſſen treff - liche urſach, und wolten nichts liebers wahn das Deutſchland muͤchte zu ruge und die gehorſamen ſtende unbeſchedigt bleiben, ſo wehre auch yhrer Mt eigene nothdurft, welche der ſchuch alſo drucket, das ſie wohl mehr hinken dann gehen moͤchte. Sie wußten gewiß, das die Tuͤrken auf die ſtunde wuͤrden vor Tomiſchwar liegen, und ſie konnten doch weder mit Gelde noch mit volke volgen, wehren dieſer handlung halben lange aus ihren landen geweſt. Am 6ten Juli reiſte er von Paſſau ab, am 8ten finden wir ihn in Villach. Er ſtellte dem Kaiſer vor, in welche Gefahr ihn der Wiederausbruch der Feindſeligkeiten in Deutſchland ſtür - zen werde: ſchon ſey auch der Herzog von Baiern von den kriegführenden Fürſten aufgefordert ſich zu ihnen zu ſchla - gen, und im Weigerungsfall mit dem Ruin ſeines Landes be - droht; dagegen verſpreche Moritz eine anſehnliche Hülfe in Ungarn zu leiſten, wenn der Friede zu Stande komme, und bei den unaufhörlichen Fortſchritten der Türken ſey für ihn nichts dringender, nothwendiger. Auch bewirkte er damit wohl, daß eine und die andre unweſentliche Einwendung weggelaſſen ward, welche der Kaiſer gegen die vorgeſchlage - nen Artikel gemacht; in Bezug auf das Gericht wurden all - gemeine wiewohl nicht eben verpflichtende Verſicherungen272Zehntes Buch. Erſtes Capitel.ertheilt. In der Hauptſache aber richtete Ferdinand nichts aus. Der Kaiſer erklärte mündlich eben ſo ſtandhaft wie er es ſchriftlich gethan, daß er nichts zulaſſen werde was ſeiner Pflicht, ſeinem Gewiſſen zuwiderlaufe, und ſollte dar - über alles zu Grunde gehn. 1Lettre de l’empereur à la reine 16 Juill. qu’il ne fe - roit rien contre son devoir et sa conscience, quand meme tout devoit se perdre. Er wolle eher Deutſchland dem römiſchen König überlaſſen, als etwas geſtatten was der Religion nachtheilig ſey, oder ſich dem Urtheilsſpruch Derer unterwerfen, die er zu regieren habe. Den Satz in welchem immerwährender Friede zugeſagt wurde auch für den Fall daß man ſich nicht verſtändige, ſtrich er aus. Er gieng nicht weiter, als daß er, wie ſchon in der Linzer Er - klärung, einem künftigen Reichstag zu beſtimmen vorbehielt, auf welche Weiſe dem Zwieſpalt abzuhelfen ſey: wohlver - ſtanden jedoch mit Ihrer Majeſtät ordentlichem Zu - thun : nur bis dahin verſprach er Friede; er wiederholte nicht einmal, daß er die Vergleichung nur durch friedliche und gütliche Mittel herbeizuführen ſuchen werde. Auch die vorgebrachten Beſchwerden ſollten dort, unter ſeiner Theil - nahme, erörtert werden. Der römiſche König mochte ſa - gen was er wollte, ſo mußte er ſich mit dieſem Beſcheide nach Linz zurückbegeben.

Hier hatte man das doch nicht erwartet. Man meinte faſt, es liege wohl an Ferdinand ſelbſt, und richtete die dringende Frage an ihn, ob er nicht etwa noch eine Neben - inſtruction habe. Der König antwortete, er handle rund und ehrbar: hätte er weiteren Auftrag, ſo würde er denſel -273Vertrag zu Paſſau.ben von Anfang angezeigt haben, er habe den Befehl, nicht einen Buchſtaben ändern zu laſſen. 1Le Roi des Romains à l’empereur 16 Juill. (Anh.)

Sollten nun aber nicht die vermittelnden Fürſten trotz alle dem ihrerſeits auf den wohlerwogenen Vorſchlägen ver - harren, die ſie gemacht?

Sie zogen in Erwägung daß der Kaiſer ihnen doch in den weniger bedenklichen Puncten meiſtens beigetreten war, daß für den Augenblick, da das tridentiniſche Concilium ſich aufgelöſt hatte und von einer Ausführung der Beſchlüſſe deſſelben nicht mehr die Rede ſeyn konnte, auch in religiö - ſer Hinſicht nichts zu befürchten ſtand, daß dem Reichs - tag, an den die Entſcheidungen, wiewohl mit dem Vorbe - halt der Idee der allgemeinen Einheit, verwieſen worden, ein weiter Spielraum offen blieb: und hielten für das beſte, ſich dem unwiderruflichen Willen des Kaiſers zu fügen.

Die Frage war nur, ob dann auch die Evangeliſchen ihn annehmen würden, namentlich Moritz, der ſeitdem noch ein - mal nach Paſſau zurückgekommen war, und als er ſah wie die Sachen ſtanden, es mit der Erklärung verlaſſen hatte, daß auch er an ſeine Zuſage nicht weiter gebunden ſeyn wolle.

Mit gegründeter Beſorgniß nahm er die fortgehenden Rüſtungen des Kaiſers wahr. Wie im Mai gegen Reitti und die Clauſe, ſo ſtürzte er ſich im Juli gegen einen an - dern Muſterplatz des Kaiſers bei Frankfurt a. M., wo ſich bereits 16 Fähnlein z. F. und 1000 M. z. Pf. unter deſſen Namen geſammelt.

Hier aber war ihm das Glück nicht ſo günſtig wie dort.

Nach der Ausſöhnung hatte ſich in Frankfurt der alteRanke D. Geſch. V. 18274Zehntes Buch. Erſtes Capitel.Einfluß des Kaiſers auf die Geſchlechter und den Rath von Frankfurt wieder hergeſtellt: die Stadt entſchloß ſich, auch unter den gefährlichen Umſtänden in denen man war, ſeine Truppen bei ſich aufzunehmen. Der Oberſt der ſie befeh - ligte und der Bürgermeiſter theilten die Schlüſſel der Thore unter einander. Zur rechten Zeit traf ein kaiſerlicher Kriegs - commiſſar mit dem nöthigen Gelde ein, um die Söldner zu - frieden zu ſtellen und ein gutes Verhältniß mit den Bürgern möglich zu machen.

Dadurch zog nun zwar die Stadt den Angriff der Ver - bündeten gegen ſich ſelber herbei. Zerſprengte Flüchtlinge, Rauchſäulen von der Holzhauſer Öde her kündigten bald das Heer derſelben an. Im erſten glücklichen Scharmützel ſprengte Moritz bis an die Stadtthore. Zu fürchten aber war bei den guten Vorkehrungen die man in Frankfurt ge - troffen, dieſer Feind, dem es an dem nöthigen Belagerungs - geſchütz fehlte, mit nichten. Nicht allein ſeine Anfälle und Stürme wurden abgeſchlagen, er erlitt auch einen großen Verluſt. Der junge kriegsfreudige Georg von Meklenburg, der ſelber mit ſeinem Fauſthammer an das Thor von Sach - ſenhauſen klopfte, um zu ſehen ob es inwendig gefüllt ſey, und da er das nicht ſo fand, ein Paar Büchſen heranbrin - gen ließ um ſie auf daſſelbe zu richten, mußte dieſe Kühn - heit mit dem Tode büßen. Moritz, der die Stadt auffor - derte, bekam darauf die bittere Antwort, er möge erſt fromm werden und die Judasfarbe ablegen.

1Timotheus Jung an den Churf. von Brandenburg. 25 und 26 haben Marggraf und Chf. zwen groß ſturm vor Frankfurt ver - loren, und dermaaßen abgewieſen, das ſie leichtlich nicht wiederkom - men. Vgl. Kirchner II, 192.
1275Vertrag zu Paſſau.

In dieſem Augenblick trafen die Abgeordneten mit dem nach der kaiſerlichen Anweiſung veränderten Friedensentwurf ein.

Wäre Moritz Herr von Frankfurt geweſen, wer weiß ob er den Vertrag angenommen hätte. Aber er war es nicht; auch an vielen andern Stellen hielt ſich die kaiſerliche Macht: wenn er den Vertrag abſchlug, ſo hatte er Achts - erklärung und die unbedingte Herſtellung ſeines Vetters Jo - hann Friedrich zu erwarten;1In Paſſau hatte Johann Friedrich, nicht aus eigner Bewe - gung ſondern auf Antrieb des Kaiſers, bei den Verſammelten anfra - gen laſſen: er erzaͤhlt es ſelbſt in der Propoſition auf dem Land - tag zu Saalfeld (Hortleder II, iii, c. 87, nr 7): was wir uns aufm Fall, da unſer Vetter Herzog Moritz geaͤchtigt wuͤrde und wir un - ſer Land wider einnehmen ſollten, vor Huͤlf und Zuſatz bei iren Lieb - den zu verſehen. er mußte einen neuen Krieg auf Leben und Tod beſtehen. Nahm er dagegen den Ver - trag an, ſo ward der Landgraf befreit, was ihn einer ſchweren perſönlichen Verpflichtung überhob; nicht unbedeu - tende andere Zugeſtändniſſe, wenn auch nicht die letzten die er gefordert, traten in Wirkſamkeit; für die Sicherheit ſei - ner Erwerbungen war es von dem größten Werthe, wenn er ſie zunächſt auch unter einer veränderten Ordnung der der Dinge unangefochten behauptete. Seinem Bunde mit dem König von Frankreich entſprach es zwar nicht; aber er wußte ſehr wohl daß er darüber mit demſelben doch nicht zerfallen würde. Nach einigem Bedenken nahm er am 29ſten Juli den Vertrag an; zu Rödelheim bei Frankfurt iſt die Originalurkunde, welche die Abgeordneten Ferdinands mit - gebracht hatten, von Moritz, den jungen Landgrafen und Johann Albrecht unterſiegelt worden. 2Adam Trott an den Churf. von Brandenburg, Sonntag

18*276Zehntes Buch. Erſtes Capitel.

Höchſt erwünſcht war dieß zunächſt dem König Ferdi - nand, der nun ſeine Kräfte nach dem von einem türkiſchen Einfall aufs neue bedrängten Ungarn wenden konnte; Mo - ritz erneuerte ſein Verſprechen ihm ſelbſt zu Hülfe zu kom - men. Die vor Frankfurt verſammelten Truppen der Ver - bündeten, bis auf ein einziges, das reifenbergiſche Regiment, das ſich zu Markgraf Albrecht ſchlug, leiſteten dem König den Eid der Treue.

Ferdinand vergalt die Dienſte die er dergeſtalt empfieng, dadurch, daß er ſeinen Bruder aufforderte, Johann Friedrich, der noch immer dem Hofe folgte, nicht eher förmlich zu ent - laſſen, bis er das zwiſchen ſeinen Söhnen und Moritz ent - worfene Abkommen beſtätigt habe.

Schon war es jedoch dem Kaiſer, der täglich die Kräfte ſeiner Gegner abnehmen und die ſeinen anwachſen ſah, wie - der zweifelhaft geworden, ob er ſeinerſeits den Vertrag auch nur ſo, wie er ihn zuletzt angenommen hatte, ratificiren ſolle. Einer ſeiner Hauptleute und Räthe ſagte ihm, bis jetzt ſey der Krieg von den Fürſten geführt worden, ohne Wider -231 Juli. Syn alſo uff den Abent Jacobi ankommen (24 Juli) und folgendes tages gehort und an allem was moglich und zu dem fryden, fornemlich zur Erledigung des Landgrafen dienſtlich ſein mogen nichts unterlaſſen, aber heut Sontags nach Jacobi (31 Juli) ſeynd mir erſt teutſche Antwort zu erlangen fortroſtet und hat myr der Churf. geſagt die Sachen ſteen dermaß das ich uf der poſt den Land - grafen holen ſolle. Adam Trott an die Raͤthe zu Paſſau 1ſten Aug. magk Euch nicht verhalten, das die Handlung allhie Gott - lobe verrichtet, aber doch nicht one große Mhue und auch durch ſon - dern Vlyß des Churf. zu Sachſen, und hat ſych der Landgraff mit den alten Rheten, die er itzond ſtattlich bei ſich hat, aufs beſt er - zeigt. Das Datum in der neuen Sammlung der Reichsabſchiede, gegeben zu Paſſau 2 Aug., iſt ohne Zweifel falſch. Die alten Ab - ſchriften haben das richtige Datum 16 Juli.277Vertrag zu Paſſau.ſtand: würden ſie ihren Meiſter und Herrn ſich gegenüber ſehen, ſo würde ihnen das Gewiſſen ſchlagen und ſie wür - den das Herz verlieren. Am 10ten Auguſt hat der Kaiſer durch Andelot ſeinem Bruder wirklich noch einmal eine Er - öffnung in dieſem Sinne machen laſſen: er ſehe jetzt die Möglichkeit den gehorſamen Ständen zu Hülfe zu kommen; allzu drückend ſeyen die Bedingungen die er eingegangen; wer könne dafür ſtehn, daß Moritz nicht, wenn er nach Un - garn gehn dürfe, dort einen Streich ſpiele wie vor Magde - burg. Iſt Ferdinand je über eine Mittheilung ſeines Bru - ders erſchrocken, ſo war es damals. Er beſchwur ihn, ihm dieſen Schimpf nicht zuzuziehen: nur auf ſein Zureden, denn er habe immer am meiſten auf die Herſtellung des Friedens im Reiche gedrungen, ſeyen die Bedingungen des Vertrags zuletzt von den Fürſten genehmigt worden; von Moritz fürchte er nichts, da die Truppen ihm, dem König, geſchworen; und entbehren könne er deſſen und des Reiches Hülfe nun ein - mal nicht: ein Bruch würde ihm und ſeinen Kindern, allen ſeinen Ländern, in dieſer Gefahr vor den Türken, zum voll - kommenen Verderben gereichen. 1Ferdinand an den Kaiſer 20 Aug. 1552. (Anh.)

Hierauf entſchloß ſich der Kaiſer den Vertrag zu beſtäti - gen. Ganz allein , ſchreibt er ſeinem Bruder, die Rück - ſicht auf Eure beſondre Lage, Eure Königreiche und Lande haben mich dazu bewogen. Auch ſeiner Schweſter meldet er, die Betrachtung, welche Bedrängniß Ungarn und die ganze Chriſtenheit von den Türken erfahren werde, wenn Moritz nicht einige Hülfe leiſte, habe ihn vermocht den Vertrag zu ratificiren.

278Zehntes Buch. Erſtes Capitel.

Unter einem ſo mannichfaltigen Wechſel von Berathun - gen und Antrieben iſt der Paſſauer Vertrag zu Stande ge - kommen.

Man könnte nicht ſagen, daß er für die große innere Frage, in den religiöſen Angelegenheiten eine definitive Be - ſtimmung gegeben oder auch nur in ſich eingeſchloſſen habe.

Der immerwährende Friedſtand zwiſchen den beiden Be - kenntniſſen war ausdrücklich verweigert, die alte Idee der kirchlichen Einheit, als einer Bedingung des politiſchen Le - bens, vorbehalten, und jede weitere Feſtſetzung auf den Reichs - tag verſchoben worden, von dem ſich doch nicht vorausſehen ließ, ob er nicht durch ſeine Conſequenz gefeſſelt unter ähnli - chen Einwirkungen wie früher auch wohl zu ähnlichen Be - ſchlüſſen gebracht werden könnte.

Auch wurden nicht einmal die obſchwebenden Unruhen dadurch beſeitigt. Markgraf Albrecht von Brandenburg wei - gerte ſich ihn anzunehmen und ſetzte ſeine Züge gegen Stif - ter und Städte, wie er ſie in Franken und Schwaben be - gonnen, an Rhein und Moſel fort. Auf ſein Beiſpiel ſah Graf Volradt von Mansfeld, der gegen Ende Mai in Ratze - burg eingebrochen war, die ſilbernen Apoſtel aus der Dom - kirche geholt und die Domherrn genöthigt hatte den jungen Herzog von Lauenburg zum Biſchof zu poſtuliren: noch hielt er dort an der Elbe eine beträchtliche Mannſchaft im Felde.

Bei alle dem war der Paſſauer Vertrag doch ein un - ermeßliches Glück für Deutſchland.

Das nunmehr auch vom Kaiſer zuſammengebrachte Heer und das heſſiſch-ſächſiſche hätten ſonſt mit einander ſchla - gen müſſen, und die ganze Kriegswuth beider Theile hätte ſich nach dem Reiche hin entladen.

279Entlaſſung Johann Friedrichs.

Jetzt aber wandten die beiden Gegner ihre Kräfte nach den Grenzen hin. In dem Innern ward wenigſtens ſo viel erreicht, daß der gedrückte, durch die Kriegserfolge von 1547 herbeigeführte Zuſtand aufhörte der bisher obgewaltet.

Zunächſt kehrten die beiden gefangenen Fürſten in ihr Land zurück.

Als der Kaiſer ſich entſchloß die dem geweſenen Chur - fürſten Johann Friedrich bewilligten Erleichterungen in eine vollſtändige Befreiung zu verwandeln, ihn von dem Hofe, der jetzt wieder nach Augsburg gekommen, zu entlaſſen, legte er ihm doch noch zwei Bedingungen vor, die eine mehr in ſeinem, die andre mehr in ſeines Bruders Sinn. Johann Friedrich ſollte ſich noch verpflichten, den Beſchlüſſen eines künftigen Conciliums oder Reichstags in der Religion Folge zu leiſten und die Verträge mit ſeinem Vetter zu beobach - ten. Das letzte war in ſo fern neu und ſchwer, als er zu - gleich für ſeine Söhne gutſagen und andre Sicherheiten her - beiſchaffen ſollte; aber er entſchloß ſich dazu: er erbot ſich die Verträge zu unterzeichnen, ſobald als es Churfürſt Mo - ritz gethan haben werde. 1Die ſogenannte Aſſecurationsacte. Eigner Bericht Johann Friedrichs an ſeine Staͤnde. Hortleder II, iii, 87, nr. 7.Was aber die erſte Anmuthung betrifft, ſo blieb er nach wie vor unerſchütterlich. Gern ver - ſprach er wegen der Religion mit Niemand in Bündniß zu treten, noch die Altgläubigen thätlich zu beläſtigen; aber da - hin war er nicht zu bringen, daß er ſich eine künftige Ver - gleichung anzuerkennen verpflichtet hätte. In aller Demuth erwiederte er dem Kaiſer, er ſey entſchloſſen, bei der Lehre die in der augsburgiſchen Confeſſion enthalten, bis in ſeine Grube zu bleiben.

280Zehntes Buch. Erſtes Capitel.

Durch ſeine Haltung in der Gefangenſchaft hatte Jo - hann Friedrich erſt recht gezeigt, wie Ernſt es ihm auch in glücklicheren Zeiten damit geweſen war, ſeinem Kaiſer Ge - horſam zu beweiſen. Es iſt immer derſelbe Gedanke, bei aller einem Reichsfürſten geziemenden Hingebung, doch in Beziehung auf göttliche Dinge, wo man einer andern Welt angehört, die volle Unabhängigkeit des Gewiſſens zu bewahren. Früher, bei den Conflicten, in welche die ſtrei - tigen Rechtsverhältniſſe brachten, konnte dieſe Geſinnung nicht immer hell und zweifellos erſcheinen: in der Gefan - genſchaft, wo ſich die Gegenſätze reiner und einfacher ge - ſtalteten, leuchtete ſie dann in vollem Glanze hervor. Und recht naturgemäß entſprang ſie in ihrer doppelten Richtung aus der deutſchen Geſchichte. Auf das tiefſte hatte die Idee des Reichs und ſeiner Ordnung die Gemüther durchdrun - gen; eben ſo lebendig waren ſie jetzt von dem göttlichen Urſprung der heiligen Schrift und der unbedingten Gültig - keit einer freieren Auffaſſung derſelben ergriffen; beides zu vereinigen hätte Große und Geringe befriedigt. Aber Carl V verſtand das entweder nicht, oder wollte doch nichts davon hören; er wollte ſich Gehorſam in göttlichen und menſchlichen Dingen erzwingen. Damit erzog er ſich eben Die, die ihm endlich den einen wie den andern verſagten, und die Waf - fen der Politik und des Krieges, die ſie von ihm führen ge - lernt, nun gegen ihn ſelber wandten. Johann Friedrich da - gegen beobachtete auch in ſeiner Gefangenſchaft vollkommene Treue. Er wollte nicht einmal zugeben, daß jene Fürbitte der Reichsfürſten für den Landgrafen auch auf ihn erſtreckt würde; es machte ihm Sorgen, daß die Stände ſeines Landes und281Ruͤckkehr Johann Friedrichs.ſeine Söhne nicht ganz abgeneigt waren auf die Verbindung mit Moritz einzugehn, und er ſelber hat es verhindert. Es wäre zugleich grauſam und unklug geweſen, einen Mann von dieſer Geſinnung länger zurückzuhalten. 1Der Kaiſer verſprach: der Religion halber gegen ihn oder die ſeinen inſonderheit nichts vorzunehmen Dieß inſonderheit, die gebuͤhrlichen Wege der Vergleichung ſchloſſen noch immer das Con - cilium und eine allgemeine Reichsverpflichtung nicht aus.Am erſten September 1552, dem Tag ſeines Aufbruchs von Augs - burg, entließ ihn der Kaiſer mit der Erklärung, er habe an ſeinem Verhalten während der Verſtrickung ein gnädiges Ge - fallen gehabt: er hoffe auch künftig zu allen Gnaden Ver - anlaſſung zu haben. Der Fürſt ſchied mit dankbaren Er - bietungen und ſchlug den Weg nach ſeinem Lande ein.

Von Anfang an zeigte er ſich entſchloſſen, keine Feindſe - ligkeiten gegen Moritz vorzunehmen. Geh hin , ſagte er einem von denen, die ihm zuerſt glückwünſchend entgegen - kamen, und ſage zu Hauſe, daß ich ohne Waffen komme und keinen Krieg mehr führen will.

Welch ein Wiederſehen war es, als er in ſeinem Stamm - land bei Coburg wieder anlangte! Der erſte der ihm ent - gegenkam, war ſein Bruder Johann Ernſt, der ſeinen Wahl - ſpruch: ich trau Gott, nun erfüllt ſah. Bald erſchien auch ſeine Gemahlin mit ihren herangewachſenen Söhnen. Die Berge und Wälder wurden beſucht, um der lange entbehr - ten Jagdluſt zu pflegen und die heimathliche Luft wieder einzuathmen; an den hellen Quellen im Grunde der Forſten ward das Mittagsmahl eingenommen. Vor den Städten erſchienen dann weit draußen die Rathsherrn in den ſchwar - zen Mänteln, ihrer Amtstracht, um den angeſtammten Herrn282Zehntes Buch. Erſtes Capitel.zu bewillkommen: die Bürger mit ihren Rüſtungen oder in ihren beſten Kleidern bildeten ein Spalier; auf den Märk - ten warteten die Geiſtlichen mit der männlichen Jugend auf der einen Seite, auf der andern die eisgraueſten Bürger mit den jungen Mädchen, die in fliegenden Haaren mit dem Rautenkranz erſchienen; die Knaben ſtimmten das Tedeum lateiniſch an, die jungen Mädchen antworteten mit dem deut - ſchen: Herr Gott dich loben wir; der Fürſt, der ihrem Ge - bet ſeine Rückkehr zuſchrieb, zog mit entblößtem Haupte, dan - kend und gnädig, ſie alle vorüber; neben ihm ſein Sohn und Meiſter Lucas Cranach, der aus herzlicher Liebe, die ihm auch erwiedert ward, die Entbehrungen der Gefangen - ſchaft freiwillig mit ihm getheilt ; wenn er dann abge - ſtiegen, brachte ihm wohl ein in die Hoffarbe gekleideter Knabe aufgeſparte Goldſtücke der Bürgerſchaft in einem künſtlichen Pokale dar. Johann Friedrich erſchien wie ein Märtyrer und Heiliger. Als er in Weimar einzog, meinte man ein langes weißes Kreuz über ihm zu ſehen. 1Johann Foͤrſter: Custodia et liberatio des durchlauchti - gen ꝛc. Hortleder III, n, 88, nr. 55. Muͤller ſaͤchſiſche Annales a. h. a. Schultes Coburg-Saalfeldiſche Geſchichte I, 41.Melanchthon denn auch aus dem verlornen Lande, von Wittenberg her verſäumte man nicht ihn zu begrüßen verglich ihn mit Daniel unter den Löwen, oder jenen drei gläubigen Iſraeliten im feurigen Ofen; Gott, der ihm dieſe Seelenſtärke verliehen, und ihn nunmehr freigemacht, habe dadurch gezeigt, daß er wahrhaftig Gott ſey, der in dieſem ſterblichen Leben ſich eine ewige Kirche ſammle, ihr Bitten und Seufzen erhöre. 2Schreiben vom 14 Sept. Vgl. Dedication des vierten Theils der lutheriſchen Schriften vom 29 Sept. (Corp. Ref. VII, 1072, 78.)

283Ruͤckkehr des Landgrafen.

Um dieſelbe Zeit kehrte auch der Landgraf Philipp in ſein Land zurück. Erſt in dem Augenblick der definitiven Annahme des Vertrags gab der Kaiſer Befehl zur Befreiung des Gefangenen; bis dahin hatte derſelbe von dem eigen - nützigen und übermüthigen Wächter der ihm beigegeben war, noch manche Mißhandlung auszuſtehn. In Tervueren nahm er dann von der Königin Maria Abſchied, die ſich aus ſei - nen Reden überzeugte, daß er nun dem Kaiſer treu bleiben werde. Als er in Caſſel anlangte, begab er ſich zuerſt in die Martinskirche, die ſich ſofort mit dem herbeiſtrömenden Volk erfüllte, und kniete vor dem Denkmal ſeiner indeß ver - ſtorbenen Gemahlin nieder; ſo verharrte er in Gebet und Nachdenken und Erinnerung an alle perſönlichen Verwicke - lungen der Vergangenheit bis die erſten Töne der Or - gel den ambroſianiſchen Lobgeſang anhoben.

Wie die gefangenen Fürſten, ſo kehrten auch an vielen Stellen die verjagten Prediger zurück. Hie und da, wie im Würtenbergiſchen, ward das Interim durch fürſtliches Edict abgeſchafft. Der Kaiſer ſelbſt ward bewogen, unter andern in Augsburg, wo er ſonſt an den Einrichtungen die er getrof - fen, nicht leicht etwas fallen ließ, neben dem interimiſtiſchen Dienſt doch auch Prediger zu dulden die ſich zur augsbur - giſchen Confeſſion hielten. Auch dem Markgrafen Johann gab er vorläufig beruhigende Verſicherungen. Der religiöſe Geiſt der Nation athmete wieder auf.

Wir ſehen: ſo unerſchütterlich der Kaiſer auch an den alten Hauptgrundſätzen feſthielt, ſo konnte er doch in dieſem Augenblick in ihrer Handhabung nicht mehr fortfahren.

Und war es nicht weiter ein großer Gewinn, daß ſich284Zehntes Buch. Erſtes Capitel.in den Berathungen der Reichsfürſten in Paſſau jene Über - zeugung, deren wir gedachten, obwohl ſie dem kaiſerlichen Gedanken entgegen lief, durchgeſetzt hatte?

Sehr gewiß, daß der Kaiſer, wenn er wieder in vol - len Beſitz ſeiner Macht kam, derſelben nicht Raum geben würde: Moritz zweifelte nicht, er werde, wenn er köune, auch alles das wieder zurücknehmen was er jetzt zugeſtanden;1Anzeige an den franzoͤſiſchen Geſandten, unmittelbar vor der Annahme des Paſſauer Vertrags: man wußte wol und hetts genug - ſam erfahren, das der Kaiſer wo er erhalten konnt damit er umb - gehe, Gott geb er verſchreib ſich was er wolt, weniger denn nichts halten wuͤrde. allein wie dann, wenn es ihm damit nicht gelang?

Dann ließ ſich wohl nichts anders erwarten, als daß die in Paſſau von den Vermittlern gefaßten Geſichtspuncte überwiegen und zur Geltung kommen würden.

Nochmals knüpfte ſich die Entſcheidung über die wich - tigſten innern Verhältniſſe von Deutſchland an den Aus - ſchlag der Waffengewalt in dem wiederausgebrochenen euro - päiſchen Kriege an.

[285]

Zweites Capitel. Franzöſiſch-osmaniſcher Krieg. 1552, 53.

Nach den erſten drückenden Verlegenheiten hatte der Kai - ſer doch wieder die Mittel gefunden eine bewaffnete Macht aufzubringen. Wie dort bei Frankfurt, ſo ſammelten ſich auch bei Ulm und bei Regensburg Reiter und Fußvölker zu ſeinen Fahnen;1Briefe von Boͤcklin und Schwendi, welche in Boͤhmen die Ruͤſtungen beſorgten, im Bruͤſſeler Archiv. deutſche Fürſten traten wieder in Dienſt, unter andern auch Markgraf Johann, den der Fortgang der moritziſchen Unternehmungen auf die andre Seite trieb. Über die Alpen kamen ein paar tauſend Hakenſchützen und einige Geſchwader neapolitaniſcher Reiter. Eine glänzende Schaar ſpaniſcher Großen hatte ſich durch die Bedrängniſſe ihres Königs aufgefordert gefühlt demſelben auch über das Meer, was nicht ohne Gefahr geſchah, zu Hülfe zu eilen; der Kai - ſer kehrte nach Insbruck zurück, um ſie daſelbſt zu empfan - gen. Was aber von allem wohl das Wichtigſte war, der Prinz Don Philipp, der ſich wieder in Spanien befand, er - füllte das Verſprechen das er vor ſechs Jahren gegeben:286Zehntes Buch. Zweites Capitel.er wußte eine Million Ducaten zuſammenzubringen und über - ſchickte ſie ſeinem Vater. 1Sepulveda XXVII, § 34, 35.

In Kurzem ſah der Kaiſer wieder ein Heer um ſich, wie das, was er damals gegen die Proteſtanten geführt; und um ſo erklärlicher iſt es, wenn ihm der Gedanke auf - ſtieg, ſein Glück aufs neue in Deutſchland zu verſuchen.

Der Unterſchied war nur, daß er damals Friede mit den Osmanen und den Franzoſen gehabt hatte, von dieſen aber jetzt mit aller Macht angegriffen war. Was hätte, wenn er den Krieg in Deutſchland fortſetzen wollte, anders erfolgen ſollen, als daß ſich die Einen Ungarns, die Andern der Niederlande bemächtigt hätten. Schon ließ Königin Ma - ria ihren Bruder wiſſen, ſie getraue ſich nicht, die Nieder - lande den Winter über zu vertheidigen.

Beſſer war es doch, im Reiche den Frieden eintreten zu laſ - ſen und die Waffen gegen die auswärtigen Feinde zu richten.

Die beiden Heere, welche bereit geſchienen ſich mit ein - ander zu meſſen, zogen es vor, nun von den beiden Fein - den jedes den einen auf ſich zu nehmen.

Der Kaiſer wandte ſich gegen Frankreich. Am 19ten September machte er der Stadt Straßburg ſeinen Beſuch, der er für die gute Haltung dankte, welche ſie bei dem Ein - fall der Franzoſen in den Elſaß bewieſen hatte. Während er im Münſter eine Andacht hielt, zog ſein Heer an den Mauern der Stadt vorüber.

Einige gaben ihm den Rath, wie früher, in das Innere von Frankreich vorzudringen, was den König, deſſen Heer ſchon nicht mehr recht in Stande war, in die größte Verlegenheit287Belagerung von Metz.bringen und vielleicht zu einem Frieden wie der von Creſpy nöthigen könne. Der ſtolze Kaiſer aber konnte vor allem nicht ertragen, daß eine Reichsſtadt von den Franzoſen bei ſeiner Regierung ſollte in Beſitz genommen ſeyn. Auch meinte er wohl durch die Eroberung derſelben die Sicherheit der Nieder - lande zu vermehren. Der Herzog von Alba, der in dieſen An - gelegenheiten das große Wort führte, verſicherte, daß es trotz der vorgerückten Jahreszeit noch möglich ſeyn werde. Am 19ten October erſchienen die kaiſerlichen Truppen vor Metz.

Sehr beſchwerlich hätte ihm Markgraf Albrecht werden können, der ſich an der Spitze von 10000 M. nach Loth - ringen geworfen hatte; ohne viel Zeitverluſt aber gelang es dem Kaiſer, wir werden von den Bedingungen unter denen es geſchah und den Ereigniſſen die ſich daran knüpf - ten bald ausführlicher zu handeln haben, den Markgra - fen auf ſeine Seite zu ziehen.

Und ſo konnte er ſeine verſtärkte Macht unzerſtreut auf die Belagerung wenden, von der man fühlte daß ſie noch über mehr, als über die Zukunft dieſer Reichsſtadt ent - ſcheide. Der florentiniſche Geſandte ſpricht die Überzeugung aus, wenn es dem Kaiſer gelinge, ſo werde er auch alle an - dern Feindſeligkeiten ſeiner Gegner überwinden und auf kein Hinderniß ſtoßen, wohin er ſich auch wende.

Nur langſam jedoch ſchritt die Belagerung vorwärts. Schon liegen ſie mehrere Wochen vor Metz, ſchreibt der König von Frankreich am 28ſten Nov. an ſeinen Verbün - deten, den Sultan, doch haben ſie noch nichts Ernſtliches unternommen. Sollten ſie es noch thun, ſo haben wir darin unſern Vetter, den Herzog von Guiſe, mit mehr als288Zehntes Buch. Zweites Capitel.10000 Mann, die ſich nicht ſo leicht werden überwältigen laſſen; im Frühjahr ſind wir entſchloſſen ſie wieder aufzuſu - chen: bis dahin werden ſie durch die Jahreszeit und die häu - figen Regengüſſe welche ſchon angefangen haben, zu Grunde ge - richtet ſeyn. Eben in dieſen Tagen aber hatte der ernſtliche Angriff begonnen. Ein Theil der Laufgräben war gezogen; die Batterien waren errichtet, der Kaiſer, von ſeiner Krank - heit wieder einmal frei geworden, hatte in einem benachbar - ten halbzerſtörten Schloß Wohnung genommen; das Fuß - volk war gutes Muthes, und zeigte ſich bereit zum Sturm, wenn man ihm nur eine hinreichende Lücke eröffne. Hierauf begann die große Batterie von 25 oder 26 Kanonen ihr Feuer, das ſie ſehr lebhaft unterhielt; am 29ſten November ſtürzte in der That ein Theil der Mauer auf der Südſeite der Stadt, zwiſchen zwei großen Thürmen, zwanzig Schuh breit zuſammen: ein lautes Freudengeſchrei erſcholl und al - les lobte den Geſchützmeiſter des Kaiſers, Johann Man - rique: allein als der Staub ſich gelegt und man die Breſche genauer anſah, ſo zeigte ſich hinter derſelben eine neue, ſchon ein paar Fuß erhöhte Bruſtwehr, von Fahnen und Standarten überweht, mit Hakenſchützen dicht beſetzt; alles erſchien in ſolchem Stand, daß kein Menſch zu dem Sturme Luſt behielt. Man mußte fürs Erſte die Laufgräben weiter fortführen. In den Berichten die an den brandenbur - giſchen Hof kamen, iſt von einem Verſuch die Rede, die Mauern, ja den Platz auf welchem ſich die Feinde in Schlacht - ordnung zu ſtellen pflegten, zu untergraben und in die Luft zu ſprengen; allein nur des Gedankens wird Erwähnung ge -1Salignac Siège de Metz. Coll. univ. de Mémoires XL, p. 86.289Belagerung von Metz.than, keines Verſuches. 1Schreiben des brandenburgiſchen Leuttenampts Sylſchrongk an Markgraf Hans 17 Dec. 1552 (Berl. A.). In dem Tagebuch der Belagerten werden Contreminen erwaͤhnt.Überhaupt iſt die Geſchichte der Belagerung, die wir Tag für Tag aufgezeichnet finden, ſehr einförmig. Zu Angriffen welche Hofnung auf Erfolg gege - ben hätten, kam es nicht mehr. Die naßkalte Witterung, die ſchon den Deutſchen ſehr beſchwerlich fiel, wie wir von einem großen Theil der brandenburgiſchen Reiter, welche der Belagerung beiwohnten, die Meldung finden, daß ſie er - krankt ſeyen, war den Italienern und Spaniern vollends verderblich. 2Pontus Heuterus lib. XIII, cap. XVII. Bruma enim con - tinuo gelu corpora urebat, ingensque aere demissa nix molestis - sima erat, quibus incommodis cum mox continuae supervenirent pluviae, omnia aquis tegebantur corrumpebanturque. Man behauptet, daß von den Spaniern ein Drittheil, von den Italienern die Hälfte umgekommen ſey. Die Vorherſagungen Heinrichs II bewährten ſich nur allzu gut: Anfang Januar 1553 mußte die Belagerung aufge - hoben werden.

Die Franzoſen prieſen den glücklichen Vertheidiger Guiſe, der wirklich eben ſo viel Muth wie Umſicht an den Tag gelegt hat, als einen Helden: wir haben Denkmünzen, auf denen ihm dafür die Krone Jeruſalem denn von den Königen dieſes Reiches leitete ſein Haus ſich her zugeſagt wird. Auf der kaiſerlichen Seite ergoß ſich alles in Tadel gegen den Herzog von Alba, der durch die Hartnäckigkeit, mit der er ſich zu ungünſtiger Zeit an eine ſo zweifelhafte Unterneh - mung gewagt, das ſchönſte Heer ohne allen Nutzen zu Grunde gerichtet habe. 3Dispacci fiorentini. Einſt in dem deutſchen Feldzug,Ranke D. Geſch. V. 19290Zehntes Buch. Zweites Capitel.wo der Kaiſer ſelbſt das Meiſte gethan und von allen Sei - ten guter Rath ertheilt worden, habe Alba leicht ein großer Mann ſeyn können: hier aber, wo guter Rath von Anfang an verachtet worden und der Kaiſer perſönlich weniger ein - gegriffen, habe er bewieſen, daß es ihm an wahrem Ta - lente gebreche.

Und nun erſt wurde Metz recht franzöſiſch. Gegen Oſtern 1553 forderte der Biſchof-Cardinal die Macht in weltlichen ſo wie geiſtlichen Dingen. Die Dreizehn antworte - ten, in geiſtlichen Dingen ſey er allerdings ihre Obrigkeit, auch ſtehe ihm einige Befugniß in weltlichen zu, jedoch mit Vorbehalt der höchſten Gewalt, die Dem gehöre, welchem ſie von den Ständen des römiſchen Reiches deutſcher Nation zu - erkannt werde: ſie wagten den Kaiſer nicht zu nennen. Der Cardinal antwortete, er wolle nichts weiter als die alte Gerech - tigkeit ſeines Stiftes erneuern, und ließ die Gemeinden der verſchiedenen Pfarren zuſammenberufen, um ihm eine An - zahl Namen zu bezeichnen, aus denen er das Regiment der Stadt ernennen könne. 1Neue Zeitung aus Metz, Oſtern 1553. Auf die Forderung des Biſchofs antworteten die Dreizehn: Sie geſtanden ime als irem Biſchof die Obrigkeit in spiritualibus, dazu das er auch etliche Ge - rechtigkeit in temporalibus habe, aber nitt das er merum et mix - tum imperium bei inen habe; ſondern begeren ſie das er dasſelbe dem laſſe, dem es zugehoͤre, und dem es die Stende des Reiches als zugehorig erkhennen (haben Keyſ. Mt nit nennen duͤrfen), bitten auch ſolchs der Zeith nit zu disputiren, aber es iſt der Cardinal die - ſer irer Antwurt nit zufrieden geweſen, ſundern geſagt, er gedenk ſich der Gelegenheit jetziger Zeit zu widereroberung ſeines Stifts alte Ge - rechtigkeit zu bedienen, hat darauf der Gemeine bevolen, wie man aus jeder pfarkirchen, deren 19 ſein ſollen, zu erwellen und jme zu benennen, denen er das Regiment beſetzen moͤge. An jenen Gegenſatz des Rathes291Feldzug in Ungarn.und der biſchöflichen Macht hatten ſich einſt die Regungen der Reform geknüpft; wären ſie durchgedrungen, ſo hätten ſie auch die Mittel und den Eifer des Widerſtandes ver - mehrt, und alles müßte anders gegangen ſeyn. Der Herzog, der die Stadt gegen den Kaiſer vertheidigt hat, iſt derſelbe, der einſt die Verſammlung in Gorze zerſtörte; jetzt ließ er alle lutheriſchen Bücher auf einen Haufen bringen und ver - brennen. Die Entfremdung der Stadt vom Reich und die völlige Unterdrückung der reformatoriſchen Regungen giengen Hand in Hand.

Wie Carl V gegen Frankreich, ſo hatte ſich Churfürſt Moritz nach Ungarn gewendet.

Hier war, wie oben berührt, der Feldzug bereits im März 1552 vom Sandſchak von Ofen, Ali, einem Eunu - chen, eröffnet worden. Vor Szegedin hatte er die rothe Fahne erbeutet, auf der der kaiſerliche Adler mit ausgebrei - teten Flügeln erſchien; dann hatte er Veſprim und mehrere Bergſtädte eingenommen; den Anführer der aus den Erblan - den zu eilender Hülfe aufgebrachten Mannſchaften, Erasmus Teufel, Freiherrn zu Gundersdorf, nahm er gefangen und führte ihn bei ſeiner Rückkehr nach Ofen förmlich in Triumph auf. 1Isthuanffius XVIII, p. 206. Taifalum ipsum equo insi - dentem, tympanistis et tibicinibus ac fistulis pedestribus prae - cedentibus moreque suo canentibus cum praecipuis captivis in forum conduxit.

Und dieſen einheimiſchen osmaniſchen Streitkräften zur Unterſtützung erſchien nun ſchon im Mai der Weſir Ahmed mit dem aſiatiſchen Heere und den Reiterſchaaren die der Beglerbeg von Rumili ihm zuführte, an der Donau. Die19*292Zehntes Buch. Zweites Capitel.vor dem Jahr abgeſchlagene Belagerung von Temeswar ward wieder aufgenommen, und auf die türkiſche Weiſe un - ter ungeheuren Verluſten, deren man nicht achtete, gegen ei - nen überaus tapfern, aber dieſer Macht nicht gewachſenen Feind zu Ende geführt. Die andern Schlöſſer des Banats folgten nach, und die türkiſchen Einrichtungen begannen,1Hammer aus Dſchennabi III, 303. die ſich bis zum Jahr 1716 daſelbſt gehalten haben.

Es war nicht größere Tapferkeit was den Osmanen ihre Vortheile verſchaffte, ſondern nur die Überlegenheit der Anzahl und der Vorbereitung: die Anführer die ihnen wider - ſtehn ſollten, bemerkten es mit tiefem Gram.

Wie glücklich waren die alten Römer, ruft Caſtaldo aus, die mit zahlreichen wohlverſehenen Heeren, ſo und ſo viel Legionen und Veteranen nach den entlegenen Provinzen zogen: ich bin in dieſes Land gekommen, ohne etwas an - ders ſagen zu können, als: ich bin ein Befehlshaber des Kai - ſers. Er klagt, daß alles wider ihn ſey was für ihn ſeyn ſollte, daß ſein Volk ſeit 7 Monat keinen Pfennig Sold empfangen; er erblickt im Geiſt ſeinen Kopf ſchon auf ſo einem Wagen, wie er ihn eben mit vielen abgeſchlagenen Schädeln vorbeifahren ſieht. 2Caſtaldo an Ascanio Centorio: L. d. p. III, 130.

Ganz ſo unglücklich gieng es jedoch nicht.

Nachdem die feſteſten wohlverwahrteſten Plätze gefallen, hielt ſich ein kleinerer, dem man es nicht hätte zutrauen ſol - len, Erlau; eine nur geringe Anzahl Landvolk aus der Zips, das die Beſatzung ausmachte, wies unter Stephan Dobo, der ſeinen Namen hier berühmt machte, wie Juriſchiz, die293Feldzug in Ungarn.Anfälle der vereinigten türkiſchen Heere zurück: drei große Stürme beſtand es ſiegreich.

Und indeß langte Churfürſt Moritz mit 5000 M. z. F., 6000 z. Pf. bei Raab an. Es ſcheint als habe ihm Fer - dinand doch nicht ganz getraut und wenigſtens ſein Vor - rücken nicht gewünſcht. 1Moritz klagt 15 October, daß der Koͤnig nicht im Rath finde noch zulaſſe daß er dem Feind entgegenziehe. Langenn I, 552.Aber ſchon die Nähe einer fri - ſchen Heeresmacht, unter einem Fürſten der als ein glück - licher Kriegsmann bekannt war, machte einen gewiſſen Ein - druck bei den Osmanen. 2Camerarius verſichert: jactatas quasdam vaticinationes in turcica gente de quodam acerrimo et quasi fatali oppugnatore po - tentiae suae cujus nomen ad sonum nominis Mauriciani allude - ret, significans facie torvum atque nigrum. Oratio in Maur. VII. Nach Iſthuanffy verbreitete ſich die Meinung unter ihnen, Moritz werde von der einen, Caſtaldo von der andern Seite ſie angreifen.Seine Anweſenheit, die Tapfer - keit der Beſatzung und die erſten Zeichen des herannahen - den Winters wirkten zuſammen, um die Osmanen zur Auf - hebung der Belagerung von Erlau zu vermögen.

Die erlittenen Verluſte herbeizubringen, war ſeine Macht überhaupt nicht fähig; dazu aber, daß den türkiſchen Fort - ſchritten Einhalt geſchah und die Grenzen befeſtigt wurden, hat er allerdings beigetragen.

War es aber nicht auch am meiſten eben ſeine Schuld, daß dieſe Verluſte überhaupt erlitten worden ſind?

Ich bin weit entfernt ihn rechtfertigen zu wollen, aber ich denke doch, dieß war bei weitem nicht ſo entſchieden der Fall wie man meint. Eben ſo viel Schuld wie Moritz und im Grunde noch größere hatte der Kaiſer, der von ſeinen conciliaren Abſichten ganz erfüllt und hingenommen den aus -294Zehntes Buch. Zweites Capitel.wärtigen Verhältniſſen nur geringe Aufmerkſamkeit widmete. Obwohl der Krieg mit den beiden Widerſachern ſchon aus - gebrochen war, hatte er doch verſäumt, die weſtlichen Mar - ken des Reiches in Vertheidigungsſtand zu ſetzen, und ſeinen Bruder gegen einen Einfall in Ungarn zu ſichern.

Kriegsheere des Kaiſers oder des Königs ſind von den Proteſtanten keinen Augenblick beſchäftigt worden.

Fern von ihrer Einwirkung, in Italien, gerieth der Kai - ſer in ähnliche Nachtheile.

Die italieniſchen Verhältniſſe haben in ſo weit eine ge - wiſſe Ähnlichkeit mit den deutſchen, als der andauernde ſtille Druck, mit dem auch dort die kaiſerliche Oberherrſchaft aus - geübt ward, eben ſo wohl einen geheimen Widerſtand erweckte, der nur den geeigneten Augenblick erwartete um loszubrechen.

Wie die Farneſen Piacenza verloren, ſo waren die Ap - piani in Gefahr, Piombino und Elba an Herzog Coſimo abtreten zu müſſen. Dagegen erwarteten deſſen Feinde, die florentiniſchen Ausgewanderten, zu einem Theil in Venedig, zum andern in Frankreich aufgenommen, in Kurzem den Tag ihrer Rückkehr zu erleben. In Mailand entdeckte Ferdinand Gonzaga mehr als einmal verrätheriſche Verſuche, die er dann mit ſcharfer, aber aufreizender Überwachung erwiederte. In Genua ſuchte Luigi Alamanni, der in einem großen Helden - gedicht franzöſiſche Tendenzen und Namen verherrlichte, auch einmal die Anhänger Frankreichs zu vereinigen. In Neapel entzweite ſich das Oberhaupt des einheimiſchen Herrenſtandes, Fürſt Ferrante von Salerno, mit dem Vicekönig: und da er glaubte, man ſtehe ihm nach dem Leben, ſo verließ er das Land: nicht ohne den Gedanken, mit Gewalt zurückzukehren.

295Stillſtand in Italien.

Und dazu kam noch, daß unter Denen, welche die ita - lieniſchen Geſchäfte im Namen des Kaiſers verwalteten, Zwieſpalt ausbrach. Gonzaga in Mailand und Mendoza zu Rom ſtanden mit dem Vicekönig von Neapel und dem Her - zog Coſimo von Florenz in ganz offener Feindſchaft. Daß die ihm zugeſagte Überlieferung von Piombino ſich ſo lange verzögerte, ſchrieb Herzog Coſimo allein den beiden Gegnern, beſonders dem Botſchafter in Rom, zu.

Unter dieſen Umſtänden können wir uns ſo ſehr nicht wundern, daß die Belagerung von Mirandula und Parma nicht zum Ziele führte. Papſt Julius klagt, er habe ſich bis auf die Gebeine beraubt, er habe die Ringe verpfändet die er ſonſt täglich an ſeinen Fingern getragen; der Unruhe welche der Krieg ihm machte, müde, ſchloß er im April 1552 einen Stillſtand mit den Franzoſen, in welchem dieſe verſprachen, weder kaiſerliches noch kirchliches Gebiet von dieſen Plätzen aus feindlich zu behandeln. 1Capitoli dell’accordo. Lettere di principi III, 123.Nach einigem Bedacht nahm auch der Kaiſer dieſen Stillſtand an.

Sehr rühmlich für mich, ruft Heinrich II aus, ſehr ſchimpflich für ihn, daß ich mitten in den Ländern des kai - ſerlichen Gehorſams, ferne von den meinen, zwei feſte Plätze behauptet habe! 2Bei Ribier II, 392.

Und nothwendig mußte das nun auf die ganze Halb - inſel die größte Rückwirkung haben.

Im Kirchenſtaat erſchienen jetzt die Farneſen, Paolo Orſino wieder; der Graf von Pitigliano, von dem Mendoza dem Kaiſer geſagt daß er ſeiner ganz ſicher ſey, erklärte ſich für die Franzoſen.

296Zehntes Buch. Zweites Capitel.

Vor allem gährte es in Siena. Von jeher gibelliniſch und kaiſerlich geſinnt, wollte doch dieſe Stadt ſich die un - mittelbare Herrſchaft nicht gefallen laſſen, die der Kaiſer aus - zuüben unternahm. Schon ein paar Mal hatte ſie ſich der - ſelben zu entziehen geſucht, aber den erſten Verſuch hatte ſie durch die Aufnahme einer Beſatzung, den zweiten durch Ablieferung aller Waffen gebüßt. Dann hatte Mendoza eine Feſtung daſelbſt aufgeführt. Die Wölfin, das altrömiſche Abzeichen der Stadt, fand man eines Tages in Ketten ge - legt. Es läßt ſich wohl nicht bezweifeln, daß der Kaiſer die Abſicht hatte eine feſte Regierung einzuführen und die Stadt zum Sitz eines Reichsvicariats zu machen. 1In einem Schreiben vom 18 Nov. 1551 ſpricht er ſehr ru - hig von der buena occasion, que se ofrece, para justificar lo del vicariato y establecer alli un governo perpetuo. Aber um ſo ge - waltiger brauſte der alte Geiſt republicaniſcher Unabhängig - keit in Reden und Entwürfen: es bedurfte nichts als der An - näherung einiger Ausgewanderten und Franzoſen und des al - ten Rufes zur Freiheit, ſo erhob ſich die ganze Bevölkerung; die Spanier, welche darauf nicht vorbereitet waren, konnten ihr Caſtell nicht behaupten und wurden verjagt; die Stadt nahm einen franzöſiſchen Botſchafter auf und rief den - nig von Frankreich zu Hülfe. Cardinal Tournon verſichert dem König, Siena gehöre ihm mehr an als wenn er Herr davon wäre, und biete ihm nun die beſte Gelegenheit dar, zur Unternehmung von Neapel zu ſchreiten, oder zu jeder an - dern die ihm gefalle. 2Bei Ribier II, 424.

Mit einiger Hülfe des Herzogs Coſimo von Florenz, der zwar von einer Feſtſetzung der Franzoſen in Toscana,297Angriff auf Neapel und Corſica.an die ſich alle ſeine Feinde hielten, beſonders die Strozzi, kein Heil erwartete, aber ſie eben darum weil ſie ihm ſo ge - fährlich waren, mit größter Vorſicht behandelte, brachte im Januar 1553 Don Garcia de Toledo ein kleines Heer zuſam - men, das dann auch einige Thäler beſetzte, einige Bergfeſten einnahm, allein im Ganzen doch nichts Entſcheidendes voll - zog, vor Montalcino gänzlich ſcheiterte.

Und in dieſem Augenblick traten noch größere Gefah - ren ein. Es liegt wohl ſehr in der Natur der Sache, daß die beiden großen Gegner des Kaiſers ſich endlich auch zu einer gemeinſchaftlichen Unternehmung gegen denſelben ver - einigten. Schon im Jahr 1552 war eine Verbindung der Flotten beabſichtigt, doch erſchienen die Franzoſen nicht zur gehörigen Zeit. Deſto pünctlicher zeigten ſie ſich im Jahre 1553. Schon in den griechiſchen Gewäſſern trafen die fran - zöſiſchen Galeeren unter de la Garde mit den Osmanen zu - ſammen, denen Suleiman ſtatt jeder weiteren Anweiſung den Befehl gegeben, alles zu vertilgen was ſich dem König von Frankreich widerſetze.

Zuerſt richteten ſie ihre Angriffe gegen Neapel. Der Fürſt von Salerno war für den Fortgang des Unternehmens vielleicht eher hinderlich, indem er ſeine Freunde gegen die Gewaltthaten der Osmanen in Schutz nahm. 1De la Garde an den Koͤnig, bei Ribier II, 443.Aber ſo viel ward doch immer bewirkt, daß Don Garcia zur Vertheidi - gung von Neapel abberufen und Siena dadurch für dieß Mal ernſtlicherer Feindſeligkeiten überhoben ward. Dann aber lenkten die Flotten ihren Lauf nach den toscaniſchen Gewäſſern. Auch hier ſahen es die Osmanen auf Raub298Zehntes Buch. Zweites Capitel.und Plünderung ab, die Franzoſen auf Eroberung. Bei die - ſem Zuge hat Dragut das fruchtbare Pianoſa wüſte gelegt, ſo daß es ſich niemals wieder hat erholen können. Dage - gen machten die Franzoſen einen erſten glücklichen Anfall auf Corſica Sie riefen die Widerſetzlichkeit der Eingebornen ge - gen Genua auf und nahmen beinahe die ganze Inſel ein. Dem Papſt, der ſich darüber beſchwerte, antwortete der König, er könne die Genueſer, von denen dem Kaiſer zu Land und zur See Vorſchub geleiſtet werde, nur als Feinde ſeiner Krone betrachten. 1Discours hardy du nonce, auquel S. M. a repondu ge - nereusement. Bei Ribier II, 477.Im Beſitze der Provence, Corſicas und Porter - cole’s, und dadurch Herr des Meeres, ward er ihnen ſelbſt in hohem Grade gefährlich.

Zwar war mit alle dem noch nichts entſchieden. Der Kaiſer hatte noch allenthalben dem Angriff auch ſtarke Kräfte der Vertheidigung entgegenzuſetzen. Aber ein gewiſ - ſes Schwanken kam damit doch wieder in die allgemeinen Verhältniſſe, die bereits befeſtigt geſchienen hatten. So nütz - lich es dem Kaiſer geworden wäre, wenn er Metz erobert hätte, ſo ſehr mußte nun alle dieſes Mißlingen und Ver - lieren ſein Anſehen ſchwächen, ſo gut in Deutſchland wie anderwärts.

Überdieß aber nahmen die Dinge in Deutſchland durch die Verbindung, in welche der Kaiſer mit Markgraf Albrecht getreten war, eine höchſt eigenthümliche Geſtalt an.

[299]

Drittes Capitel. Der Krieg zwiſchen Markgraf Albrecht und Chur - fürſt Moritz im Jahr 1553.

Vergegenwärtigen wir uns vor allem das ein wenig verwickelte Verhältniß des Markgrafen Albrecht überhaupt.

Er war nicht eigentlich ein Mitglied des im J. 1552 zwiſchen den deutſchen Fürſten und der franzöſiſchen Krone gegen den Kaiſer geſchloſſenen Bündniſſes. Er ſagt, er habe den Fürſten ſeine Hülfe zugeſagt: gleichwohl unverpflichtet. Er leugnet, daß die Regimenter die er führte, in franzöſiſchen Dienſten geſtanden: keinem Herrn unter der Sonne haben ſie geſchworen, als uns.

Wie lebhaft er auch die allgemeinen Intereſſen umfaßte, ſo war doch ſein Sinn, bei dem aufgehenden Kriegsfeuer zugleich für ſich ſelbſt zu ſorgen. Von Schulden bedrängt, welche durch ſeine Unternehmungen im Dienſte des Kaiſers nur noch immer gewachſen, ohne Hofnung zu den Beloh - nungen zu gelangen, die man ihm verſprochen hatte, faßte er den Gedanken ſich an ſeinen Nachbarn, den geiſtlichen Fürſten, mit denen er in altem Hader lag, und der Reichs - ſtadt Nürnberg ſchadlos zu halten.

300Zehntes Buch. Drittes Capitel.

Bei den erſten Bewegungen ſprach man allgemein von einer Eroberung und neuen Austheilung der Bisthümer. Der gute Melanchthon warnte ſeinen Fürſten, ſich nicht einer Un - ternehmung anzuſchließen, die dahin ziele, die ordentliche Ho - heit und das gefaßte Reich umzuwerfen und eine allgemeine Verwirrung anzurichten. 1Gutachten Melanchthons bei Hortleder II, v, ii. Und hat einer neulich zu mir geſagt, das Bier ſey noch nicht im rechten Faß, aber es werde bald darein kommen.

Moritz war viel zu bedachtſam und practiſch, um auf Gedanken dieſer Art ernſtlich einzugehn: es war ihm genug, ſich nicht durch entgegengeſetzte Verpflichtungen zu feſſeln. Dem Markgrafen gab er im Einverſtändniß mit den übri - gen Verbündeten die Zuſicherung, was er von ſolchen Stän - den, die ſich dem Unternehmen nicht zugeſellen würden, durch Brandſchatzung oder auf eine andre Art erlange, das ſolle ihm und ſeinem Kriegsvolk zu Gute kommen.

Markgraf Albrecht ſah darin eine Art von Berechtigung, und ſäumte nicht dieſelbe unverzüglich gegen die widerwär - tigen und unvorbereiteten Nachbarn geltend zu machen.

Zuerſt griff er, und zwar mit erneuerter Bewilligung des Bundes, den Biſchof von Bamberg an, und zwang ihn ein volles Drittheil ſeines Stiftes gleich in förmlichem Vertrag abzutreten. Mit Mühe konnte der Biſchof ſeine Heimath Cronach retten. 2 wo er zu Hauſe ſey und leſen gelernt. Hans Fuchs an Wilhelm von Grumbach, Hortleder II, vi, 28, nr. 101.Der Biſchof von Würzburg mußte ſich nicht minder zu einigen Abtretungen verſtehn und beſonders einen guten Theil der markgräflichen Schulden übernehmen. Daß Nürnberg ſich durch eine Zahlung an die übrigen Für -301Markgraf Albrechts Kriegszuͤge.ſten ſicher zu ſtellen ſuchte, konnte auf Albrecht keinen Ein - druck hervorbringen. Laut der ihm gewordenen Zuſicherung forderte Albrecht, daß ſich die Stadt entweder dem Unter - nehmen beigeſellen oder ihm eine große Brandſchatzung ge - ben ſolle: er nöthigte ſie ihm 200000 G. zu zahlen.

Wo er hinzieht, ſagte Moritz einſt zu Zaſius, da iſt es als ob ein Wetter dahergienge. Ja wohl, ver - ſetzte Dieſer, Donner und Blitz und wildes Feuer könnten nicht erſchrecklicher ſeyn. Es ſchien nicht, als ob das dem Churfürſten mißfiele: er lachte.

Und ſehr entſchloſſen war Albrecht, was er dergeſtalt gewonnen zu behaupten.

Nur um dieſen Preis wollte er ſich der Paſſauer Pa - cification anſchließen. Er forderte Beſtätigung der von ihm mit den beiden Biſchöfen und der Stadt aufgerichteten Ver - träge:1 Das ſ. fſtl. Gn. und dero Erben alles das gelaſſen werde, ſo ſ. f. Gn. in irer befolen und aufgenommen Expedition an Land und Leuten, Geld und Gut wie das namen haben mag erobert. Denn wir verſichert, was wir von den Staͤnden ſo ſich J. L. Eini - gung halben widerſetzen wuͤrden moͤchten uns zu Guten erlangen, erbrandſchatzen oder in andre Weg bekommen, daß uns und unſerm Kriegsvolk daſſelbe zu Erſtattung und Guten gelaſſen werden ſolle, und dieweil wir denn von den beiden Pfaffen und Nuͤrnberg ver - tragsweiſe beſchwerlich (kaum) ſo viel bekommen als wir unſerm Kriegsvolk zu thun ſchuldig geweſen, ſo hetten wir, da wir dieſelben unſere Vertraͤge ſollen fallen laſſen, in die Capitulation keineswegs bewilligen koͤnnen, es were uns denn eine ſolche gebuͤhrliche Erſtat - tung dagegen beſchehen deren wir zufrieden ſeyn koͤnnen. mit den Eroberungen die er gemacht wollte er be - lehnt werden.

Wir ſehen hier erſt, was jene von Moritz bei den Ver - handlungen vorgeſchlagene Beſchränkung der Anſprüche auf den damals eingetretenen Beſitzſtand zu bedeuten hatte. Wenn302Zehntes Buch. Drittes Capitel.er dieſe Clauſel endlich fallen ließ und den Vertrag ohne ſolche unterſchrieb, ſo ſah Markgraf Albrecht darin eine Treuloſigkeit; er hielt ſich für berechtigt ſeinen Krieg al - lein fortzuſetzen. Nachdem er noch einmal ſeine Leuchtku - geln über Sachſenhauſen aufſteigen laſſen, ſtürzte er ſich auf die Bisthümer am Rhein. Nur mit einer ſchweren Con - tribution erkaufte der Biſchof von Worms die Erlaubniß auf ſeinen Sitz zurückzukehren. Der Erzbiſchof von Mainz verſenkte ſein ſchweres Geſchütz, um es dem Feinde zu ent - ziehen, in den Rhein und verließ ſeine Hauptſtadt; dafür giengen ſeine Palläſte in Feuer auf. Da der Erzbiſchof von Trier die Anmuthung ablehnte dem Markgrafen die Rhein - und Moſelpäſſe einzuräumen, vielmehr an den wichtigſten derſelben ſeine Befeſtigungen in Stand ſetzte, ſo überſtieg Albrecht den Hundsrück und erſchien am 25ſten Auguſt vor Trier. Der Rath der Stadt kam ihm entgegen und über - reichte ihm die Schlüſſel ſeiner Stadtthore, was er nie ei - nem ſeiner Fürſten gethan; dafür ward bei Todesſtrafe ver - boten die Bürger zu beſchädigen. Dagegen wurden die Klö - ſter und Stifte großentheils geplündert: man wunderte ſich, daß die Leute das Blei der Dächer zurückließen. Es ſcheint nicht als habe ihm dieß viele Feinde gemacht. Mit der Wie - derherſtellung der geiſtlichen Macht war auch der Haß ge - gen ſie erneuert worden. Wir finden wohl, daß jetzt wie vor 30 Jahren ein päpſtlicher Nuntius auch unter ſonſt fried - lichen Verhältniſſen nicht zu Land nach den Niederlanden zu reiſen, ja ſelbſt nicht am Ufer auszuſteigen wagte, etwa um einen Fürſten zu begrüßen; ſeiner Begleitung auf dem Schiff ward eingeſchärft das tiefſte Geheimniß zu beobachten. 1Maſius an den Herzog von Cleve, 18 Juni. (Arch. zu Duͤſſ)

303Albrecht in Verbindung mit dem Kaiſer.

An der Spitze von 10000 Mann und von einem Theile der Bevölkerung unterſtützt, nahm der Markgraf eine ſehr bedeutende Stellung ein.

Mußte der Kaiſer, der jetzt auch des Weges daher zog, um zur Belagerung von Metz zu ſchreiten, nicht vor al - len Dingen den Verſuch machen ſich des Widerſtandes zu entledigen, den ihm ein deutſches Heer unter der Anführung eines deutſchen Reichsfürſten zu leiſten drohte?

Es kam ihm zu Statten, daß Albrecht, der ſich zu füh - len anfieng, ſich nicht lange mit den Franzoſen verſtand.

Albrecht verſichert, man habe ihm früher verſprochen, ihn zum Generaloberſten aller Landsknechthaufen zu ma - chen, und ihm außer einer ſtattlichen Unterhaltung für die nächſten zwei Monat 200000 Kronen zu zahlen, und habe ihm dann von alle dem nichts gehalten. 1Auch Schaͤrtlin verſichert, der Koͤnig habe uͤbel gehalten, was ihme Marggrafen vom Biſchof zu Bajonne und mir zugeſagt war. (p. 220.) Albrecht meint, es ſey kein ungeſchicktes Vorha - ben, mit 100000 Kr. die Niederlande zu erobern.Aus dem Brief - wechſel in den er mit dem Connetable trat, leuchtet der in - nere Widerſpruch hervor, der darin liegt, daß Albrecht in Dienſten von Frankreich ſtehn und doch die Würde eines Reichsfürſten behaupten wollte. Den Antrag den man ihm zuletzt machte, daß er mit 100000 Kronen zufrieden ſeyn und dafür mit ſeinem Haufen auf vorgeſchriebenem Weg nach den Niederlanden vorrücken und dieſe angreifen ſolle, fand er unannehmbar, und wies ihn zurück.

Dagegen bot ihm nun der Kaiſer nicht allein Dienſte an, bei denen er als Fürſt beſtehn, Ehre und Geld erwer - ben konnte, ſondern Carl V hatte ihm einen Preis zu bieten, dem von franzöſiſcher Seite nichts an die Seite geſtellt wer -304Zehntes Buch. Drittes Capitel.den konnte: die Anerkennung und Beſtätigung jener mit den Biſchöfen geſchloſſenen Verträge.

Schon öfter haben wir geſehen, wozu der Kaiſer, wenn - gleich nicht ohne tieferen Vorbehalt, doch für den Augen - blick, in dringenden Umſtänden zu bringen war; was er al - les einſt den Proteſtanten bewilligte, um ſie von Cleve zu trennen; wie er, im Begriff zur Erhaltung der hierarchiſchen Ordnungen das Schwert zu ergreifen, dennoch dem Churfür - ſten Moritz den Schutz über ein paar große Reichsſtifter anvertraute: von allem aber was er gethan hat, wohl das Stärkſte, iſt das Zugeſtändniß das er jetzt dem Markgra - fen machte. Die Verträge waren eben Denen abgezwungen welche man für ſeine Anhänger hielt, und allein auf den Grund, daß ſie ſich ſeinen Feinden nicht zugeſellen wollten; er hatte ſie ſelbſt für ungültig erklärt, und ſie waren bereits von den frühern Verbündeten des Markgrafen aufgegeben worden: jetzt beſtätigte er ſie, und ſetzte feſt, daß ſie voll - kommen, ganz und gar, ohne alle Ein - und Widerrede zu vollziehen ſeyen. 1 Woͤllen, was ſich die biſchof und derſelben Capittel ge - gen ſ. Lieb ſampt und ſonders verbrieft und verſchrieben, das die - ſelbe verſchreibung und Contract vollkommen ganz und gar ohne alle Ein und Widerrede gehalten und vollzogen werden ſollen. Metzi - ſcher Hauptvertrag 10 Nov. 1552 (der erſte v. 24 October). Hort - leder II, vi, ii, nr. 45.

Dem Markgrafen glückte es noch einen franzöſiſchen Prinzen, Herzog von Aumale, der ihn feindſelig beobach - tete und ihm ſeine Hauptleute abtrünnig zu machen ſuchte, mit ſeiner Reiterei zur günſtigen Stunde zu überraſchen und ſogar zum Gefangenen zu machen. Dann im Glanze ei - nes neuen Sieges ſtellte er ſich dem Kaiſer dar, der ihn305Markgraf Albrecht im Bunde mit dem Kaiſer.mit Freuden empfieng und ihm ſelber die rothe Feldbinde darreichte. Man wollte bemerken, daß der Markgraf den Kaiſer dabei feſt ins Auge gefaßt habe, ob er auch der neuen Freundſchaft und Zuſage trauen könne.

Was der Kaiſer zunächſt beabſichtigte, erreichte er hier - mit allerdings. Er konnte nun ſeine Belagerung fortſetzen, ohne Gefahr darin geſtört zu werden. Sie mißlang, wie wir wiſſen, hauptſächlich durch die Ungunſt der Jahreszeit. Albrecht erwarb ſich das Verdienſt den Rückzug zu decken.

Mit jenem Zugeſtändniß hatte nun aber Carl den Grund zu einer Bewegung gelegt, die ſehr weitausſehend werden mußte.

Er hat immer geſagt, ſein vornehmſtes Motiv ſey die Beſorgniß geweſen, daß Markgraf Albrecht und Graf Vol - radt, mit Heinrich II verbündet und beide an der Spitze zahlreicher Truppenſchaaren, Deutſchland noch weiter in Un - ruhe ſetzen und das Verderben aller geiſtlichen Staaten her - beiführen würden. 1Si comme il avoist determiné il se fust servy de la correspondance des gens de guerre que le comte Volradt de Mansfeld tenoit assemblées, pour prenant son chemin par la Fer - rette venir ruer sur les évêques. Und wer möchte nicht an die Wahr - haftigkeit dieſes Beweggrundes glauben? Er befand ſich in der unbezweifelten Nothwendigkeit, die mächtigen Kriegshäup - ter von den Franzoſen zu trennen. Damals hat man all - gemein geglaubt, Carl habe in dem kriegsbereiten Markgra - fen einen Bundesgenoſſen zur Ausführung ſeiner alten Ab - ſichten zu gewinnen gedacht: König Maximilian hat dem venezianiſchen Geſandten geſagt, Markgraf Albrecht ſey ge -Ranke D. Geſch. V. 20306Zehntes Buch. Drittes Capitel.gen ihn und ſeinen Vater aufgeſtellt worden, um ſie zu - thigen ſich in die Arme des Kaiſers zu werfen. 1Relatione di Suriano 1554. Mi disse il re di Bohemia piu volte, che questo (das Verfahren mit Markgr. Albrecht) faceva credere che l’impre avesse acaro, di veder suo fratello et lui suo genero constituiti in necessità di gettarsegli in braccio. Albrecht leugnet zwar, daß ihn der Kaiſer in Dienſt genommen um den roͤ - miſchen Koͤnig J. M. Hoheit zu entſetzen, und den Sohn des Kai - ſers zu einem Roͤmiſchen Kaiſer wider des h. Reichs Freiheit mit gewalt uͤbertringen helfen (Bucholtz VIII, 111): die Worte aber ſind ſo gewaͤhlt, daß dabei doch Vieles wahr ſeyn konnte. Gegen Ferdinand und auf Gewalt war die Abſicht des Kaiſers gar nicht gerichtet.

Das iſt eine nicht zu bezweifelnde Thatſache, daß der Kai - ſer ſeine Succeſſionsentwürfe nach wie vor im Auge behielt.

Neujahr 1553 ließ er dieſelben bei dem Churfürſten von Brandenburg durch deſſen Bruder Markgraf Hans noch einmal ausführlich in Anregung bringen. In der Inſtruction hiezu werden die früher vorgekommenen Gründe wiederholt, beſonders der vornehmſte, daß dem römiſchen König nach des Kaiſers Abgang zur Aufrechterhaltung des Reiches die Hülfe des ſpaniſchen Prinzen nicht allein förderlich, ſondern unentbehrlich ſey, dieſer aber ſich nicht dazu werde verpflich - ten wollen, wenn er nicht die Verſicherung erhalte, zu ſeiner Zeit ſelbſt zur römiſchen Krone zu gelangen. Der Antrag bezog ſich dieß Mal nicht, wie früher, zugleich auf König Ma - ximilian: er gieng nur darauf, daß die Churfürſten ſich ver - ſchreiben ſollen, ſobald der römiſche König zum Kaiſer ge - krönt ſey, den Prinzen ohne Verzug zum römiſchen König zu wählen; man möge ihm, dem Kaiſer, in ſeinen alten Tagen dieſe Freude gönnen; der Prinz ſey ein Erzherzog und Fürſt des Reiches; wie er dazu erzogen worden der Bürde der307Erneuerung des Succeſſionsentwurfs.Regierung gewachſen zu ſeyn, ſo habe er von ſeiner Fähig - keit ſchon jetzt in Spanien gute Proben gegeben; er werde bald wieder ins Reich kommen und ſo viel möglich ſeine Reſidenz daſelbſt nehmen, deutſche Fürſten und andre ge - borne Deutſche an ſeinen Hof ziehen, das Reich nur durch Deutſche verwalten laſſen und gewiß auch die deutſche Sprache begreifen: jede billige Verſicherung werde er ausſtellen. 1Inſtruction fuͤr Markgraf Hans in dem Berliner Archiv; der Hauptſache nach eine Uͤberarbeitung der alten Inſtruction von 1550.

Wahrſcheinlich hängt es hiemit zuſammen, daß der Kai - ſer auch ſchon ſelbſt daran dachte, den Deutſchen etwas mehr Genugthuung zu geben und einen Reichshofrath aus deut - ſchen Mitgliedern aufzurichten. Zum Präſidenten deſſelben beſtimmte er den Cardinal von Trient, wogegen der römiſche König meinte, der Churfürſt von Mainz würde den Deut - ſchen lieber ſeyn. Zu Beiſitzern dachte der Kaiſer die Gra - fen von Fürſtenberg, Eberſtein, Solms, die Freiherrn Wol - kenſtein und Truchſeß, den Doctor Gienger und einige An - dere zu berufen.

Auch die religiöſen Antipathien ſchonte er jetzt. Wenn er z. B. in der frühern Inſtruction ſeine Bekämpfung Der - jenigen erwähnt, die unter dem anmuthigen Schein der Religion das Reich unter ſich zu theilen gedacht, ſo er - wähnte er jetzt nur das letzte, die vorgehabte Theilung: den Schein der Religion ließ er weg.

Und nicht nur den Churfürſten ließ der Kaiſer ſeine Anträge wiederholen. Auch dem Herzog Chriſtoph von Wür - tenberg, der am franzöſiſchen Hofe gut deutſch geworden und die Einmiſchung der Franzoſen in die deutſchen Angelegen -20*308Zehntes Buch. Drittes Capitel.heiten faſt am lauteſten verdammte, eröffnete er durch ſeinen Marſchall Böcklin am 26ſten Januar 1553, er wiſſe Nie - mand, der dem Reiche, damit es nicht ganz zerriſſen werde, fürſtändiger ſeyn möchte , als ſeinen Sohn. 1Pfiſter Herzog Chriſtoph p. 213.

Allein der Kaiſer irrte, wenn er nach alle dem was man erlebt hatte und befürchten müſſen, das Vertrauen der Fürſten wieder erwerben und ihnen ein Vorhaben, das ihre Beſorgniſſe eben am meiſten erweckt hatte, annehmlich ma - chen zu können glaubte. Seine Eröffnungen bewirkten das Gegentheil von dem was er wünſchte. Schon am 5ten Fe - bruar 1553 kamen Friedrich von der Pfalz, Albrecht von Baiern, Wilhelm von Jülich, von denen ich nicht weiß, ob ihnen ähnliche Mittheilungen gemacht worden, mit Herzog Chriſtoph zu Wimpfen zuſammen,2Stumpf Diplomatiſche Geſchichte des Heidelberger Fuͤrſten - vereines. Zeitſchrift fuͤr Baiern 1817 V, p. 139. um ſich förmlich zu ver - abreden, wie dem Eindringen des ſpaniſchen Prinzen wider - ſtanden und auch dem Biſchof von Arras die Verwaltung der Reichsangelegenheiten, die er noch immer beſorgte, ent - riſſen werden könne. Es waren, wie wir ſehen, abermals Fürſten beider Bekenntniſſe. Auch davon handelten ſie, auf welche Weiſe man dem Zwieſpalt über die Religion abhel - fen könne, ob nicht doch wirklich durch ein Nationalconci - lium, auch wider den Willen des Papſtes. Sie beſtärkten ſich aufs neue in den Geſichtspuncten die bei den Paſſauer Verhandlungen vorgewaltet.

Es leuchtet ein, wie viel ihnen dann daran liegen mußte die Streitigkeiten zu verhüten, die bei der Rückkehr des Mark - grafen, der nun ſeine von der höchſten Reichsgewalt beſtä -309Verſammlung in Heidelberg Maͤrz 1553.tigten Forderungen noch viel trotziger geltend machte als frü - her, in Franken auszubrechen drohten.

Von dem Kaiſer ſelbſt dazu aufgefordert, nahmen die Fürſten dieſe Sache im Februar in Wimpfen, im März zu Heidelberg in langen Tagſatzungen in die Hand.

Sie waren in ſo weit auf der Seite des Markgrafen, als ſie die Biſchöfe zu bewegen ſuchten, die ſtipulirte Ceſ - ſion, wenn auch nicht durchaus, doch in der Hauptſache zu genehmigen.

Wäre es nur auf Würzburg angekommen, ſo würde man auch wohl dahin gelangt ſeyn. Das Capitel war nicht abgeneigt ſich zu fügen; die Unterthanen fürchteten nichts mehr als die Erneuerung des Krieges; der Biſchof ſelbſt beſorgte die kaiſerliche Ungnade.

Dagegen war der Biſchof von Bamberg, Wigand von Redwitz, der die ihm entriſſenen Ämter indeß wieder einge - nommen, nicht herbeizubringen. Die Nachgiebigkeit von Würz - burg machte auf ihn keinen Eindruck, da es bei dieſem mehr auf Geld ankomme, bei ihm aber handle es ſich um Land und Leute, und alle fürſtliche Regalien; er wolle lieber todt ſeyn, als dieſen entſagen. 1Actenſtuͤcke bei Hortleder II, vi, 27, nr. 76, nr. 80.

Vergebens ſchlug man dem Markgrafen ein rechtliches Verfahren vor. Er beſtand darauf daß ſeine Gegner auf jeden rechtlichen Behelf Verzicht geleiſtet.

Höchſtens zu einer Geldentſchädigung wollte ſich der Biſchof verſtehn. Aber dem Markgrafen kam es ſchimpflich vor, eine Landſchaft, die ihm erſt von ſeinen Verbündeten und dann von dem Kaiſer verſichert worden, gegen eine Geld - zahlung aufzugeben.

310Zehntes Buch. Drittes Capitel.

Nur den Vorſchlag ließ er ſich gefallen, daß Bamberg das Recht der Wiederablöſung haben, aber fürs Erſte die Ämter ihm wieder überliefern ſolle. Da der Biſchof von Bamberg dieſen Vorſchlag, wie ſich denken läßt, zurückwies, ſo konnte auch Würzburg, durch alte Erbverträge beider Stif - ter gefeſſelt, ſeine Zugeſtändniſſe nicht vollziehen. 1Der ſogenannte Heidelberger Bund 29 Maͤrz 1553.

Und nun meinte wohl der Markgraf, die vermittelnden Fürſten würden auf ſeine Seite treten. Sie waren aber weit entfernt, die Sache der Gewalt, die doch nur dem Kai - ſer zum Vortheil ausſchlagen konnte, zu der ihren zu ma - chen. Auch zu Heidelberg unterhandelten ſie zugleich über die allgemeinen Angelegenheiten, die Succeſſion im Reiche, die Entfernung des ſpaniſchen Einfluſſes. Und da nicht ab - zuſehen war, wohin ein Wiederausbruch der Unruhen füh - ren könne, ſo vereinigten ſie ſich wenigſtens unter einander und mit den Churfürſten von Mainz und von Trier, ihre Neutralität gegen Jeden der ſie angreifen werde, Niemand ausgenommen, gemeinſchaftlich zu vertheidigen.

Nicht ohne Zeichen des Unwillens gieng Markgraf Al - brecht von dannen: er war entſchloſſen ſich ſelbſt zu helfen.

Im Monat April 1553 finden wir ihn bereits mitten in der wildeſten Fehde.

Indem er würzburgiſches Volk, das dem Biſchof von Bamberg zuzog, bei Pommersfelden auseinanderſprengte, ward er Herr im Stifte Bamberg; am 16ten April fiel die Haupt - ſtadt, gleich darauf auch die Altenburg in ſeine Hand; von dem ganzen Stifte hielt ſich nichts als Forchheim. 2Biſchoͤfliches Ausſchreiben bei Hortleder II, vi, 22. 1221.

311Fehde in Franken.

Hierauf wandte er ſich gegen Nürnberg, das ſich mit den beiden Nachbarn, deren Unglück es getheilt, auch zum Widerſtand vereinigte: einige hundert ſchleſiſche Reiter, die auf weitem Umweg durch Böhmen und das Eichſtädtiſche der Stadt zu Hülfe heranzogen, jagte er erſt aus einander und nahm ſie dann großentheils in ſeine Dienſte; darauf fand er auch hier keinen Widerſtand: Laufen und Altdorf wurden gebrandſchatzt und nachher doch noch in Brand ge - ſteckt; faſt alle Schlöſſer, kleinen Städte, Dörfer und Klö - ſter des würzburgiſchen wie des nürnbergiſchen Gebietes ge - riethen im Laufe des Mai in ſeine Hand. Auch Schwein - furt, obgleich eine Reichsſtadt, trug er kein Bedenken zu be - ſetzen, als er fürchten mußte, daß es vielleicht ſonſt in die Hände neuer von Niederſachſen her drohender Gegner ge - rathen würde.

Wenn die oberdeutſchen Fürſten ſich neutral hielten, ſo gab es doch einige andre im Reich, die nicht gemeint waren ihn ſo ohne Widerſtand um ſich greifen zu laſſen.

Der vornehmſte war ſein alter Kriegscamerad und Bun - desgenoſſe Moritz.

In ſeinem Herzen überzeugt, daß der Kaiſer ihm nie ver - geben, vielmehr die erſte Gelegenheit ergreifen werde um ihn anzufallen und zu verderben, ſah Moritz in der Verbindung deſſelben mit dem Markgrafen vom erſten Augenblick an Gefahr für ſich ſelber. Ohnehin grollte Albrecht wegen des Paſſauer Vertrags, der mit jener ihm urſprünglich gegebe - nen Zuſage in Widerſpruch ſtand, und machte ſeinem Un - willen nicht ſelten in drohenden Reden Luft, die dann von dienſtbefliſſenen Leuten dem Churfürſten hinterbracht wurden,312Zehntes Buch. Drittes Capitel.ſo daß ſich dieſer ein ganzes Verzeichniß davon anlegte. 1Langenn I, 557.Nicht, als hätte er jedem dieſer Worte geglaubt, aber er fragte doch darüber einmal an, und gutes Blut machten ſie nicht. Immer ſeinen Blick auf die kommenden Dinge ge - richtet, meinte er in demſelben Grade bedroht zu ſeyn, in welchem der Markgraf mehr emporkam. Er entſchloß ſich, ihm bei Zeiten zu begegnen.

Moritz war kein Mann dem es Scrupel gemacht hätte, eben die in Schutz zu nehmen, die einſt im Einverſtändniß mit ihm angegriffen worden; er bot dem König Ferdinand, der mit dem Markgrafen bereits in offenen Hader gerieth, einen Bund an, in welchen die fränkiſchen Biſchöfe einge - ſchloſſen ſeyn ſollten.

Und noch an einer andern Stelle, in Niederſachſen fanden ſich Verbündete für dieſe Combination.

Auch über die Irrungen der braunſchweigiſchen Edel - leute mit Herzog Heinrich dem Jüngern hatte man in Paſ - ſau Beſtimmung getroffen, und zwar mehr zu Gunſten der erſten; eben darum aber hatte ſie der Herzog nicht anerkannt: Zuſammenkünfte die man darüber hielt, hatten ſich ohne Frucht zerſchlagen, endlich war die Fehde wieder ausgebro - chen, in der Graf Volradt ſich der Edelleute annahm und den Herzog gewaltig bedrängte. Von den Verwandten deſ - ſelben in Calenberg und Lüneburg nicht gehindert, von der Stadt Braunſchweig unterſtützt, brachte er in Kurzem den größten Theil der feſten Häuſer Heinrichs, ſo wie die viel - beſtrittenen Klöſter Riddagshauſen und Steterburg in ſeine Gewalt. Nur vergebens wendete ſich der Herzog an den313Verbindung gegen Albrecht.Kaiſer, der damals vollauf beſchäftigt war, und aus Rück - ſicht auf Markgraf Albrecht ſich mit dem niederſächſiſchen Kriegsvolk, das von dieſem abzuhängen ſchien, nicht ent - zweien wollte. Eben dieß zweifelhafte Bezeigen des Kaiſers aber verſchaffte nun dem Herzog einen andern Freund an Churfürſt Moritz. Geübt in Unterhandlungen dieſer Art wußte Moritz den Grafen Volradt auf ſeine Seite zu ziehen: das Kriegsvolk deſſelben blieb, wie jenes magdeburgiſche, eine Zeit - lang ohne benannten Herrn; endlich als es ſich auflöſte, gieng es größtentheils in die Hände Heinrichs über. Hiedurch be - kam dieſer aufs neue das Übergewicht, nahm ſeine Plätze wieder und griff nun ſeinerſeits alle ſeine Gegner an, die Edelleute, die Städte und ſeinen Vetter von Calenberg.

Leicht verſtändigten ſich hierauf Moritz und Heinrich auch über die fränkiſchen Angelegenheiten. Schon im März hat Herzog Heinrich den Biſchöfen ſeine Hülfe gegen einen Beitrag zu den Kriegskoſten angeboten;1Schreiben Heinrichs an Wrisberg, mit dem er damals wie - der gut ſtand, 12 Maͤrz. Loſius Ehrengedaͤchtniß Beil. nr. 41. ohne Zweifel war dieß ein Grund, weshalb der Biſchof von Bamberg ſich je - der Conceſſion ſo entſchieden widerſetzte. Auch Moritz, der den Markgrafen mit einem beißigen Hunde verglich, gegen den ſich Jedermann wehren müſſe, verſprach ihnen einige Reitergeſchwader und 10 Fähnlein Fußvolk zuzuführen.

Man ſprach damals viel von einem neuen Bunde zum Schutze des Landfriedens, über den im Mai auf einer Zu - ſammenkunft zu Eger ein ausführlicher Entwurf verfaßt wor - den iſt. Er war w