PRIMS Full-text transcription (HTML)
[I][II]
Fuͤrſten und Voͤlker von Suͤd-Europa im ſechszehnten und ſiebzehnten Jahrhundert.
Vornehmlich aus ungedruckten Geſandtſchafts - Berichten.
Vierter Band.
Berlin,1836. Bei Duncker und Humblot.
[III]
Die roͤmiſchen Paͤpſte, ihre Kirche und ihr Staat im ſechszehnten und ſiebzehnten Jahrhundert.
Dritter Band.
Berlin,1836. Bei Duncker und Humblot.
[IV][V]

Inhalt.

  • Seite
  • Achtes Buch. Die Paͤpſte um die Mitte des ſieb - zehnten Jahrhunderts. Spaͤtere Epochen1
  • Heimfall von Urbino4
  • Anwachs der Schulden des Kirchenſtaates10
  • Gruͤndung neuer Familien15
  • Krieg von Caſtro25
  • Innocenz X. 38
  • Alexander VII. und Clemens IX. 50
  • Elemente der roͤmiſchen Bevoͤlkerung60
  • Bauwerke der Paͤpſte69
  • Digreſſion uͤber Koͤnigin Chriſtine von Schweden78
  • Verwaltung des Staates und der Kirche103
  • Die Jeſuiten in der Mitte des ſiebzehnten Jahrhunderts123
  • Janſeniſten135
  • Stellung des roͤmiſchen Hofes zu den beiden Parteien145
  • Verhaͤltniß zu der weltlichen Macht152
  • Uebergang auf die ſpaͤteren Epochen157
  • Ludwig XIV. und Innocenz XI. 160
  • Spaniſche Erbfolge172
  • Veraͤnderte Weltſtellung. Innere Gaͤhrungen. Aufhebung der Jeſuiten182
  • Revolutionaͤres Zeitalter202
  • VI
  • Anhang.
  • Verzeichniß der benutzten Handſchriften, nachtraͤgliche Auszuͤge und kritiſche Bemerkungen.
  • Seite
  • Erſter Abſchnitt. Bis zum tridentiniſchen Concilium227
  • Zweiter Abſchnitt. Zur Kritik Sarpis und Pallavicinis270
  • Dritter Abſchnitt. Zeiten der Reſtauration bis auf Six - tus V. 290
  • Vierter Abſchnitt. Sixtus V. 317
  • I. Zur Kritik der Biographen dieſes Papſtes Leti und Tempeſti317
  • II. Handſchriften324
  • Fuͤnfter Abſchnitt. Zweite Epoche der kirchlichen Reſtau - ration346
  • Einſchaltungen: Bemerkung uͤber die Denkwuͤrdig - keiten Bentivoglios354. Ueber einige Geſchicht - ſchreiber des Jeſuitenordens381.
  • Sechſter Abſchnitt. Spaͤtere Epochen442
  • Einſchaltung: Bemerkung uͤber die Vita di Donna Olimpia Maldachina450.
[1]

Achtes Buch. Die Päpſte um die Mitte des ſiebzehnten Jahr - hunderts. Spätere Epochen.

Päpſte** 1[2][3]

Nachdem der Verſuch der Paͤpſte ihre Weltherrſchaft zu erneuern, ſo weit er auch bereits gediehen war, doch zu - letzt mißlungen iſt, hat ſich ihre Stellung uͤberhaupt ver - aͤndert. Die Verhaͤltniſſe des Fuͤrſtenthums, der Verwal - tung, der innern Entwickelung ziehen unſere Aufmerkſam - keit wieder am meiſten an ſich.

Wie man aus dem hohen Gebirge, welches große und weite Ausſichten eroͤffnet, in ein Thal tritt, das den Blick beſchraͤnkt und in engen Grenzen feſthaͤlt, ſo gehn wir von der Betrachtung der großen Weltereigniſſe zu einer Wahr - nehmung der beſondern Angelegenheiten des Kirchenſtaates uͤber.

Erſt in den Zeiten Urbans VIII. gelangte der Kir - chenſtaat zu ſeiner Vollendung. Beginnen wir mit dieſem Ereigniſſe.

1*4Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.

Heimfall von Urbino.

Das Herzogthum Urbino umfaßte ſieben Staͤdte, bei 300 Schloͤſſer: es hatte eine fruchtbare, zum Handel wohl - gelegene Seekuͤſte, die Apenninen hinauf geſundes, an - muthiges Bergland.

Wie die ferrareſiſchen, machten ſich auch die urbina - tiſchen Herzoͤge bald durch Waffenthaten, bald durch lite - rariſche Beſtrebungen, bald durch einen freigebigen glaͤnzen - den Hofhalt bemerklich1)Bernardo Taſſo hat ihnen im 47ſten Buche des Amadigi einen praͤchtigen Lobſpruch gewidmet: Vedete i quattro a cui il vecchio Apennino ornerà il petto suo di fiori e d’erba . Guidubaldo II. hatte im Jahre 1570 vier Hofhaltungen eingerichtet: außer ſeiner eigenen beſondere fuͤr ſeine Gemahlin, den Prinzen und die Prin - zeſſin: ſie waren alle glaͤnzend, gern beſucht von einheimi - ſchen Edelleuten, offen fuͤr die Fremden2)Relatione di Lazzaro Mocenigo ritornato da Guidubaldo duca d’Urbino 1570. Vuole alloggiar tutti li personaggi che passano per il suo stato, il numero de quali alla fine dell anno si trova esser grandissimo.. Nach alter Sitte ward jeder Fremde in dem Pallaſt bewirthet. Die Einkuͤnfte des Landes haͤtten zu ſo vielem Aufwande wohl nicht hingereicht: ſie konnten ſich, wenn der Kornhandel in Sinigaglia gut ging, auf 100000 Sc. belaufen. Aber die Fuͤrſten ſtanden, wenigſtens dem Namen und Titel nach, immer in fremden Kriegsdienſten: die gluͤckliche Lage des Landes in der Mitte von Italien bewirkte, daß die benach -5Heimfall von Urbino.barten Staaten wetteiferten ſie durch Beguͤnſtigungen, Be - ſoldungen, Subſidien in Ergebenheit zu erhalten.

Man bemerkte in dem Lande, daß der Fuͤrſt mehr ein - bringe, als er koſte.

Zwar wurden wohl auch hier wie allenthalben Verſuche gemacht die Abgaben zu erhoͤhen: aber es zeigten ſich hiebei ſo große Schwierigkeiten, vor allem in Urbino ſelbſt, daß man es doch am Ende, halb aus gutem Willen, halb weil man nicht anders konnte, bei dem Herkoͤmmlichen bewenden ließ. Auch die Privilegien, die Statuten blieben unangetaſtet. Unter dem Schutze dieſes Hauſes bewahrte San Marino ſeine unſchuldige Freiheit1) Ha humore d’esser republica , ſagt ein Discorso a N. S. Urbano VIII sopra lo stato d’Urbino von S. Marino. Bei dem Uebergang an den Kirchenſtaat erweiterte es noch ſeine Privi - legien.. Waͤhrend in dem uͤbrigen Ita - lien allenthalben das Fuͤrſtenthum freier, ungebundener, maͤchtiger wurde, blieb es hier in ſeinen alten Schranken.

Daher kam es, daß die Einwohner ſich auf das engſte an ihre Dynaſtie anſchloſſen; ſie waren ihr um ſo ergebe - ner, weil eine Vereinigung mit dem Kirchenſtaate ohne Zwei - fel die Aufhebung aller hergebrachten Verhaͤltniſſe herbei - fuͤhren mußte.

Eine Landesangelegenheit von der groͤßten Wichtigkeit war demnach die Fortpflanzung des herzoglichen Geſchlechtes.

Wir ſahen, welch einen entſcheidenden Einfluß Lucre - zia von Eſte auf das Schickſal, die Aufloͤſung des Her - zogthums von Ferrara hatte. Auch in die urbinatiſchen Angelegenheiten finden wir ſie auf das ungluͤcklichſte ver - flochten.

6Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.

Der Prinz von Urbino, Franz Maria, hielt ſich eine Zeit lang an dem Hofe Philipps II. auf1)Im Amadigi erſcheint er noch ſehr jugendlich, recht artig portraitirt: Quel piccolo fanciul, che gli occhi alzando par che si specchi nell avo e nel padre e l’alta gloria lor quasi pensando. Mocenigo ſchildert ihn zur Zeit ſeiner Vermaͤhlung. Giostra leg - giadramente, studia et è intelligente delle matematiche e delle fortificationi: tanto gagliardi sono i suoi esercitii come giuocare alla balla, andare alla caccia a piedi per habituarsi all incomodo della gnerra e così continui che molti dubi - tano che gli abbino col tempo a nuocere.. Er gerieth hier, wie man erzaͤhlt, in ein ſehr ernſthaftes Verhaͤltniß zu einer ſpaniſchen Dame und dachte ſich mit ihr zu ver - maͤhlen. Aber der Vater Guidubaldo war ſchlechterdings dagegen: er wollte vor allem eine ebenbuͤrtige Schwieger - tochter in ſeinem Hauſe ſehen. Er noͤthigte ſeinen Sohn zuruͤckzukommen und jener ferrareſiſchen Prinzeſſin Lucrezia von Eſte ſeine Hand zu geben.

Es haͤtte ein wohl zuſammenpaſſendes Paar ſcheinen ſollen. Der Prinz, gewandt und ſtark, geuͤbt in Waffen - ſpiel, und nicht ohne Wiſſenſchaften beſonders militaͤriſche: die Prinzeſſin, geiſtreich, voll Majeſtaͤt und Anmuth. Man uͤberließ ſich der Hoffnung, daß das Haus hiemit wohlbe - gruͤndet ſeyn werde: die Staͤdte wetteiferten die Vermaͤhlten mit Triumphboͤgen und ſchoͤnen Geſchenken zu empfangen.

Aber das Ungluͤck war, daß der Prinz erſt 25, die Prinzeſſin dagegen ſchon gegen vierzig Jahre zaͤhlte. Der Vater hatte daruͤber weggeſehen, um die Verweigerung der ſpaniſchen Verbindung, die doch am Hofe Philipps keinen7Heimfall von Urbino.guten Eindruck gemacht hatte, durch eine ſo hohe, glaͤnzende und auch reiche Partie zu beſchoͤnigen. Jedoch es ging ſchlechter, als er wohl geglaubt haben mochte. Nach Gui - dubaldos Tode mußte Lucrezia nach Ferrara zuruͤckkehren: an Nachkommenſchaft war nicht zu denken1)Mathio Zane: Relatione del duca d’Urbino 1574 findet Lucrezia bereits eine Signora di bellezza manco che mediocre, ma si tien ben acconcia, si dispera quasi di poter veder da questo matrimonio figliuoli..

Schon damals demnach als Ferrara genommen wurde, ſchien auch der Heimfall von Urbino gewiß, um ſo mehr, da es hier keine Agnaten gab, welche Anſpruch auf die Succeſſion haͤtten machen koͤnnen.

Jedoch noch einmal aͤnderten ſich die Sachen. Im Fe - bruar 1598 ſtarb Lucrezia: Franz Maria konnte zu einer neuen Vermaͤhlung ſchreiten.

Das Land war voll Entzuͤcken, als man bald darauf vernahm, der gute Herr, der alle die Jahre daher ein mil - des und ruhiges Regiment gefuͤhrt, den alles liebte, habe wirklich Hoffnung, obwohl er nun auch ſchon in die Jahre gekommen, daß ſein Stamm nicht mit ihm untergehn werde. Alles that Geluͤbde fuͤr die gluͤckliche Niederkunft der neuen Herzogin; als die Zeit herankam, verſammelten ſich die Edel - leute des Landes, die Magiſtrate der Staͤdte in Peſaro, wo ſich die Fuͤrſtin aufhielt: in der Stunde der Geburt war der Platz vor dem Pallaſte ſammt den nahen Straßen mit Menſchen uͤberfuͤllt. Endlich zeigte ſich der Herzog am Fenſter. Gott , rief er mit lauter Stimme, Gott hat uns einen Knaben beſcheert. Mit unbeſchreiblichem Jubel8Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.ward dieſe Nachricht empfangen. Die Staͤdte erbauten Kirchen und errichteten fromme Stiftungen, wie ſie gelobt1)La devoluzione a S. chiesa degli stati di Francesco Ma - ria II della Rovere, ultimo duca d’Urbino, descritta dall illmo Sr Antonio Donati nobile Venetiano. (Inff. Politt., auch bereits gedruckt.).

Wie betruͤgeriſch aber ſind doch Hoffnungen die ſich auf Menſchen gruͤnden!

Der Prinz ward ſehr wohl erzogen; er entwickelte Ta - lent wenigſtens literariſches; der alte Herzog hatte die Freude ihn noch mit einer Prinzeſſin von Toscana vermaͤhlen zu koͤnnen. Dann zog er ſich ſelbſt in die Ruhe von Caſtel - durante zuruͤck, und uͤberließ ihm die Regierung.

Aber kaum war der Prinz ſein eigener Herr, der Herr des Landes, ſo ergriff ihn der Rauſch der Gewalt. Erſt in dieſer Zeit nahm in Italien der Geſchmack am Theater uͤberhand: der junge Prinz ward um ſo mehr davon hin - geriſſen, da er ſich in eine Schauſpielerin verliebte. Am Tage machte er ſich das neroniſche Vergnuͤgen den Wa - gen zu lenken: am Abend erſchien er ſelbſt auf den Bret - tern: tauſend andere Ausſchweifungen folgten. Traurig ſahen die ehrlichen Buͤrgersleute einander an. Sie wußten nicht, ſollten ſie es beklagen oder ſich daruͤber freuen, als der Prinz im Jahre 1623 nach einer wild durchtobten Nacht eines Morgens in ſeinem Bette todt gefunden ward.

Hierauf mußte der alte Franz Maria die Regierung nochmals uͤbernehmen: voll tiefen Grames, daß er nun doch der letzte Rovere war, daß es mit ſeinem Hauſe ganz zu Ende ging: doppelt und dreifach unmuthig, da er die9Heimfall von Urbino.Geſchaͤfte wider Willen fuͤhren, und in den bittern Begeg - nungen mit dem roͤmiſchen Stuhle aushalten mußte1)P. Contarini: trovandosi il duca per gli anni e per l’indispositione già cadente prosternato et avvilito d’animo..

Von allem Anfange glaubte er fuͤrchten zu muͤſſen, daß ſich die Varberini der Tochter die von ſeinem Sohne uͤbrig war, eines Kindes von einem Jahre, bemaͤchtigen wuͤrden. Um ſie ihren Werbungen auf immer zu entziehen, ließ er ſie mit einem Prinzen von Toscana verſprechen und auf der Stelle in das benachbarte Land hinuͤberbringen.

Aber es entſpann ſich ſogleich ein anderes Mißverhaͤltniß.

Auch der Kaiſer machte Anſpruͤche auf einige urbina - tiſche Landestheile: Urban VIII. forderte eine Erklaͤrung von dem Herzoge, daß er alles was er beſitze von dem paͤpſt - lichen Stuhle zu Lehen trage. Lange weigerte ſich Franz Maria: er fand dieſe Erklaͤrung wider ſein Gewiſſen: end - lich gab er ſie doch von ſich: aber ſeitdem , ſagt unſer Berichterſtatter, iſt er nie wieder heiter geworden: er fuͤhlte ſich dadurch in ſeiner Seele gedruͤckt.

Bald darauf mußte er zulaſſen, daß die Befehlshaber ſeiner feſten Plaͤtze dem Papſte den Eid leiſteten. Endlich es war in der That das Beſte gab er die Regie - rung des Landes ganz und gar an die Bevollmaͤchtigten des Papſtes auf.

Lebensmuͤde, altersſchwach, von Herzeleid gebeugt, nach - dem er alle ſeine vertrauten Freunde hatte ſterben ſehen, fand der Herzog ſeinen einigen Troſt in den Uebungen der Froͤmmigkeit. Er ſtarb im Jahre 1631.

Auf der Stelle eilte Taddeo Barberini herbei, um das10Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.Land in Beſitz zu nehmen. Die Allodialerbſchaft kam an Florenz. Auch das Gebiet von Urbino wurde nach dem Muſter der uͤbrigen Landſchaften eingerichtet1)Aluiſe Contarini findet 1635 die Einwohner ſehr unzufrie - den: quei sudditi s’aggravano molto della mutatione, chiamando tirannico il governo de preti, i quali altro interesse che d’arri - chirsi e d’avanzarsi non vi tengono..

Kommen wir nun auf dieſe Verwaltung uͤberhaupt, und zwar zunaͤchſt auf den wichtigſten Moment, von dem alles abhaͤngt, die Finanzen.

Anwachs der Schulden des Kirchenſtaates.

Wenn Sixtus V. die Ausgaben beſchraͤnkte, einen Schatz ſammelte, ſo hatte er doch auch zugleich Einkuͤnfte und Auflagen vermehrt, und eine große Maſſe Schulden darauf gegruͤndet.

Sich einzuſchraͤnken, Geld zu ſammeln war nicht Je - dermanns Sache. Auch wurden die Beduͤrfniſſe ſowohl der Kirche als des Staates von Jahr zu Jahr dringender. Zuweilen griff man den Schatz an: jedoch war ſeine Ver - wendung an ſo ſtrenge Bedingungen gebunden, daß dieß doch nur in ſeltenen Faͤllen geſchehen konnte. Sonderbarer Weiſe war es um vieles leichter Anleihen zu machen, als das Geld das man liegen hatte, zu brauchen. Auf das ra - ſcheſte und ruͤckſichtsloſeſte gingen die Paͤpſte auf dieſem Wege vorwaͤrts.

Es iſt ſehr merkwuͤrdig zu beobachten, wie ſich das Verhaͤltniß der Einkuͤnfte und der Summe der Schuld11Anwachs der Schulden.und ihrer Zinſen in den verſchiedenen Jahren ſtellte, von denen wir glaubwuͤrdige Berechnungen daruͤber haben.

Im Jahre 1587 betrugen die Einkuͤnfte 1,358456 Scudi, die Schulden ſiebenthalb Millionen Sc. Unge - faͤhr die Haͤlfte der Einkuͤnfte, 715913 Sc., war auf die Zinſen der Schuld aſſignirt.

Im Jahre 1592 ſind die Einkuͤnfte auf 1,585520 Scudi, die Schulden auf 12,242620 geſtiegen. Der An - wachs der Schuld iſt bereits um vieles groͤßer als die Zunahme der Einkuͤnfte: es ſind 1,088600 Sc., d. i. un - gefaͤhr zwei Drittel der Einnahme, zum Zins der Schuld in Aemtern und Luoghi di Monte angewieſen1)Ausfuͤhrliches Verzeichniß der paͤpſtlichen Finanzen vom er - ſten Jahre Clemens VIII, ohne beſondere Ueberſchrift. Bibliot Barb. no 1699, auf 80 Blaͤttern..

Schon dieß Verhaͤltniß war ſo mißlich, daß es große Bedenklichkeiten erregen mußte. Man waͤre gern ſogleich zu einer Verringerung des Zinsfußes geſchritten; es ward der Vorſchlag gemacht, eine Million aus dem Caſtell zu nehmen, um Denen, die ſich einer Reduction der Zin - ſen widerſetzen wuͤrden, das Capital herauszuzahlen. Das reine Einkommen wuͤrde dadurch betraͤchtlich geſtiegen ſeyn. Jedoch die Bulle Sixtus V, die Beſorgniß vor einer Ver - ſchleuderung des Schatzes verhinderte Maaßregeln dieſer Art, und man mußte auf dem einmal betretenen Pfade bleiben.

Vielleicht koͤnnte man glauben, daß die Erwerbung eines ſo eintraͤglichen Landes, wie das Herzogthum Fer - rara, eine beſondere Erleichterung gewaͤhrt haben wuͤrde; jedoch iſt das nicht der Fall.

12Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.

Schon im Jahre 1599 verſchlangen die Zinſen nahe an drei Viertheil des Geſammteinkommens.

Im Jahre 1605 aber, bei dem Regierungsantritt Pauls V, waren von den Gefaͤllen der Kammer nur noch 70,000 Sc. nicht fuͤr Zinſen angewieſen1)Per sollevare la camera apostolica discorso di m Mal - vasia 1606. Gli interessi che hoggi paga la sede apostolica as - sorbono quasi tutte l’entrate di maniera che si vive in continua angustia e difficoltà di provedere alle spese ordinarie e neces - sarie, e venendo occasione di qualche spesa straordinaria non ci è dove voltarsi.. Cardinal du Perron verſichert, daß der Papſt von ſeinem regelmaͤßigen Einkommen, obwohl die Ausgaben des Pallaſtes ſehr maͤ - ßig ſeyen, doch nicht ein halb Jahr leben koͤnne.

Um ſo weniger konnte es vermieden werden, daß er Schulden auf Schulden haͤufte. Aus authentiſchen Ver - zeichniſſen ſehen wir, wie regelmaͤßig Paul V. zu dieſem Mittel griff; im November 1607, Januar 1608 zwei Mal, Merz, Juni, Juli 1608, September deſſelben Jah - res zwei Mal: ſo fort durch alle Jahre ſeiner Regierung. Es ſind nicht große Anleihen in unſerm Sinne: die klei - nen Beduͤrfniſſe, wie ſie vorkommen, werden durch die Er - richtung und den Verkauf neuer Luoghi di Monte, in groͤ - ßerer oder in geringerer Zahl, gedeckt. Bald werden ſie auf den Zoll von Ancona, bald auf die Dogana von Rom oder einer Provinz, bald auf die Erhoͤhung des Salzpreiſes, bald auch auf den Ertrag der Poſt gegruͤndet. Allmaͤhlig wachſen ſie doch gewaltig an. Paul V. allein hat uͤber 2 Millionen Schulden in Luoghi di Monte gemacht2)Nota de luoghi di monte eretti in tempo del pontificato della felice memoria di Paolo V 1606 1618..

13Anwachs der Schulden.

Es wuͤrde dieß aber unmoͤglich geweſen ſeyn, waͤre nicht ein Umſtand beſonderer Art dieſem Papſte zu Statten gekommen.

Immer zieht die Macht auch das Geld an. So lange die ſpaniſche Monarchie in ihrem großen Fortſchritt war und die Welt mit ihrem Einfluß beherrſchte, hatten die Ge - nueſen, damals die reichſten Geldbeſitzer, ihre Capitalien in den koͤniglichen Anleihen untergebracht, und ſich durch einige gewaltſame Reductionen und Eingriffe Philipps II, darin nicht ſtoͤren laſſen. Allmaͤhlig aber, da die große Bewe - gung abnahm, die Kriege und die Beduͤrfniſſe derſelben aufhoͤrten, zogen ſie ihr Geld zuruͤck. Sie wandten ſich nach Rom, das indeß wieder eine ſo gewaltige Weltſtellung eingenommen: die Schaͤtze von Europa ſtroͤmten aufs neue dahin zuſammen. Unter Paul V. war Rom vielleicht der vornehmſte Geldmarkt von Europa. Die roͤmiſchen Luo - ghi di Monte wurden außerordentlich geſucht. Da ſie be - deutende Zinſen abwarfen nnd eine genuͤgende Sicherheit darboten, ſo ſtieg ihr Kaufpreis zuweilen bis auf 150 Procent. So viel ihrer der Papſt auch gruͤnden mochte, ſo fand er Kaͤufer in Menge.

So geſchah es denn daß die Schulden unaufhoͤrlich ſtiegen. Im Anfange Urbans VIII. beliefen ſie ſich auf 18 Millionen. Auch die Einnahmen mußten bei dem Sy - ſteme des roͤmiſchen Hofes hiemit in Verhaͤltniß bleiben; ſie werden im Anfang dieſer Regierung auf 1,818104 Sc. 96 Baj. berechnet1)Entrata et uscita della sede apostolica del tempo di Ur - bano VIII. . Ich finde nicht genau, wie viel da -14Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.von zu den Zinſen verbraucht ward; doch muß es bei weitem der groͤßte Theil geweſen ſeyn. Sehen wir die Rechnungen im Einzelnen an, ſo uͤberſtieg die Forde - rung gar oft die Einnahme. Im Jahre 1592 hatte die Dogana di Roma 162450 Sc. getragen: im Jahre 1625 trug ſie 209000 Sc.; damals aber waren doch 16956 Sc. in die Caſſen der Kammer gefloſſen: jetzt uͤbertraf die An - weiſung die Einnahme um 13260 Sc. Die Salara di Roma war in dieſer Zeit von 27654 auf 40000 Sc. ge - ſtiegen, 1592 aber war ein Ueberſchuß von 7482 Sc. ge - blieben, 1625 hatte man ein Minus von 2321 Sc. 98 Baj.

Man ſieht, wie wenig es auch bei einer ſparſamen Haushaltung hiebei ſein Bewenden haben konnte.

Wie viel weniger unter einer Regierung wie Ur - bans VIII, den ſeine politiſche Eiferſucht ſo oft zu Ruͤ - ſtungen und Fortificationen antrieb.

Zwar ward Urbino erworben: allein wenigſtens fuͤrs Erſte trug es nur wenig ein. Nach dem Verluſte der Al - lodien beliefen ſich die Einkuͤnfte nur auf 40000 Sc. Da - gegen hatte die Beſitzergreifung, bei der man den Erben nicht unbedeutende Zugeſtaͤndniſſe machte, viele Unkoſten verurſacht1)Bemerkung Franz Barberinis an den Nuntius in Wien, da der Kaiſer auf jene Erwerbung Anſpruͤche gruͤndete..

Schon im Jahre 1635 hatte Urban VIII. die Schul - den bis auf 30 Millionen Scudi erhoͤht. Um die noͤ - thigen Fonds dazu zu bekommen, hatte er bereits zehn verſchiedene Auflagen entweder neu eingefuͤhrt, oder doch erhoͤht. Aber er war damit noch lange nicht an ſeinem15Gruͤndung neuer Familien.Ziele. Es traten Combinationen ein die ihn veranlaßten noch viel weiter zu gehn, die wir jedoch erſt uͤberſehen koͤnnen, wenn wir eine andere Entwickelung ins Auge ge - faßt haben.

Gruͤndung neuer Familien.

Fragen wir nemlich, wohin nun alle jene Einkuͤnfte geriethen, wozu ſie angewandt wurden, ſo iſt allerdings unleugbar, daß ſie großentheils den allgemeinen Beſtrebun - gen des Katholicismus dienten.

Heere wie ſie Gregor XIV. nach Frankreich ſchickte, die dann auch ſeine Nachfolger eine Zeit lang unterhalten mußten, die thaͤtige Theilnahme Clemens VIII. am Tuͤrken - kriege, Subſidien wie ſie der Liga, dem Hauſe Oeſtreich un - ter Paul V. ſo oft gewaͤhrt wurden, die Gregor XV. her - nach verdoppelte und Urban VIII. wenigſtens zum Theil auf Maximilian von Baiern uͤbertrug, mußten den roͤmi - ſchen Stuhl ungemeine Summen koſten.

Auch die Beduͤrfniſſe des Kirchenſtaates noͤthigten oft zu außerordentlichem Aufwande: die Eroberung von Ferrara unter Clemens VIII, Pauls V. Anſtalten gegen Ve - nedig, alle die Kriegsruͤſtungen Urbans VIII.

Dazu kamen die großartigen Bauwerke, bald zur Ver - ſchoͤnerung der Stadt, bald zur Befeſtigung des Staates, in denen jeder neue Papſt mit dem Andenken ſeiner Vor - fahren wetteiferte.

Allein es bildete ſich auch noch ein Inſtitut aus, das zur Aufhaͤufung jener Schuldenmaſſe nicht wenig beitrug,16Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.und das freilich weder der Chriſtenheit noch dem Staate, auch nicht der Stadt, ſondern das allein den Familien der Paͤpſte zu Gute kam.

Es hatte ſich uͤberhaupt eingefuͤhrt, und haͤngt mit der Stellung des Prieſterſtandes zu einer ſehr entwickelten Fa - milienverfaſſung zuſammen, daß der Ueberſchuß der geiſtli - chen Einkuͤnfte in der Regel den Verwandten eines Jeden zu Theil wurde.

Die Paͤpſte waren durch Bullen verhindert ihren An - gehoͤrigen, wie ſie fruͤher verſucht, Fuͤrſtenthuͤmer zu ver - leihen: dagegen ließen ſie es ſich um ſo angelegener ſeyn, denſelben durch Reichthuͤmer und feſten Beſitz ein erbliches Anſehen zu verſchaffen.

Sie verfuhren hiebei nicht ohne eine ſcheinbare Recht - fertigung. Sie gingen davon aus, daß ſie durch kein Ge - luͤbde zur Armuth verpflichtet ſeyen: indem ſie nun ſchloſ - ſen, daß ſie den Ueberſchuß der Fruͤchte des geiſtlichen Am - tes als ihr Eigenthum anſehen duͤrften, glaubten ſie zu - gleich das Recht zu haben ihren Verwandten mit dieſem Ueberſchuß ein Geſchenk zu machen.

Bei weitem mehr aber als dieſe rationellen Gruͤnde wirkten hiebei Herkommen und Blut, und die natuͤrliche Neigung des Menſchen eine Stiftung nach ſeinem Tode zuruͤckzulaſſen.

Der Erſte der die Form fand, an welche darnach die Andern ſich hielten, war Sixtus V.

Den einen ſeiner Pronepoten erhob er zum Cardi - nal, ließ ihn Antheil an den Geſchaͤften nehmen, und gab ihm ein kirchliches Einkommen von 100000 Sc. denan -17Gruͤndung neuer Familien.andern vermaͤhlte er mit einer Sommaglia, und erhob ihn zum Marcheſe von Mentana, wozu ſpaͤterhin das Fuͤrſten - thum Venafro und die Grafſchaft Celano im Neapolita - ſchen kamen. Das Haus Peretti erhielt ſich in großem Anſehen: zu wiederholten Malen erſcheint es im Cardinal - collegium.

Bei weitem maͤchtiger aber wurden die Aldobrandini1)Niccolò Contarini: Storia Veneta: Clemente VIII nel conferir li beneficii ecclesiastici alli nepoti non hebbe alcun ter - mine, et andò etiandio di gran lunga superiore a Sisto V suo precessore, che spalancò questa porta. , Wir ſahen, welchen Einfluß Pietro Aldobrandino waͤhrend der Regierung ſeines Oheims ausuͤbte. Er hatte ſchon 1599 bei 60000 Sc. kirchlicher Einkuͤnfte: wie ſehr muͤſſen ſie ſeit - dem noch angewachſen ſeyn. Die Erbſchaft der Lucrezia d’Eſte kam ihm trefflich zu Statten: er kaufte ſich an: auch finden wir, daß er Geld in der Bank von Venedig nieder - legte. Wie viel er aber auch zuſammenbringen mochte, ſo mußte doch zuletzt alles der Familie ſeiner Schweſter und ihres Gemahles, Johann Franz Aldobrandini, zufallen. Jo - hann Franz wurde Caſtellen von S. Angelo, Governatore des Borgo, Capitaͤn der Garde, General der Kirche. Auch er hatte 1599 bereits 60000 Sc. Einkuͤnfte: oft bekam er baares Geld von dem Papſte: ich finde eine Rechnung, nach welcher Clemens VIII. ſeinen Nepoten uͤberhaupt in den 13 Jahren ſeiner Herrſchaft uͤber eine Million baar ge - ſchenkt hat. Sie wurden um ſo wohlhabender, da Johann Franz ein guter Wirth war; die Guͤter Ridolfo Pios, die dieſem nicht mehr als 3000 Sc. eingetragen, kaufte erPäpſte** 218Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.an ſich und brachte ſie zu einem Ertrage von 12000 Sc. Nicht ohne große Unkoſten ward die Vermaͤhlung ſeiner Tochter Margaretha mit Rainuccio Farneſe durchgeſetzt; ſie brachte demſelben außer einigen vortheilhaften Verguͤn - ſtigungen 400000 Scudi Mitgift zu1)Contarini: Il papa mostrando dolore di esser condotto da nepoti da far così contro la propria conscienza, non poteva tanto nasconder nel cupo del cuore che non dirompesse la so - prabondanza dell allegrezza. : obwohl ſich dieſe Verbindung, wie wir ſahen, ſpaͤter dann doch nicht ſo innig erwies wie man gehofft hatte.

Auf dem Wege der Aldobrandini fuhren nun die Bor - gheſen faſt noch raſcher und ruͤckſichtsloſer fort.

Cardinal Scipione Cafarelli Borgheſe hatte uͤber Paul V. ſo viel Autoritaͤt wie Pietro Aldobrandini nur irgend uͤber Clemens VIII. Auch brachte er wohl noch groͤßere Reich - thuͤmer zuſammen. Im Jahre 1612 werden die Pfruͤnden, die ihm uͤbertragen worden, bereits auf ein Einkommen von 150000 Sc. des Jahres gerechnet. Den Neid, den ſo viel Macht und Reichthum nothwendig hervorrief, ſuchte er durch Wohlwollen und ein hoͤfliches zuvorkommendes Weſen zu vermindern, doch wird man ſich nicht wundern wenn ihm das nicht vollkommen gelang.

Die weltlichen Aemter kamen an Marc Antonio Bor - gheſe, den der Papſt uͤberdieß mit dem Fuͤrſtenthum Sul - mona in Neapel, mit Pallaͤſten in Rom und den ſchoͤnſten Villen in der Umgegend ausſtattete. Er uͤberhaͤufte ſeine Nepoten mit Geſchenken. Wir haben ein Verzeichniß der - ſelben ſeine ganze Regierungszeit hindurch bis ins Jahr19Gruͤndung neuer Familien.1620. Zuweilen ſind es Edelſteine, Silbergeraͤthſchaften: praͤchtige Zimmerbekleidungen werden unmittelbar aus den Vorraͤthen des Pallaſtes genommen und den Nepoten uͤber - bracht: bald werden ihnen Carroſſen, bald ſogar Muske - ten und Falconetten gegeben; aber die Hauptſache iſt im - mer das baare Geld. Es findet ſich, daß ſie bis zum Jahre 1620 im Ganzen 689727 Sc. 31 Baj. baar, in Luoghi di Monte 24600 Sc. nach ihrem Nennwerth, in Aemtern, nach der Summe die es gekoſtet haben wuͤrde ſie zu kaufen, 268176 Sc. erhielten: was ſich denn auch wie bei den Aldobrandini ziemlich auf eine Million be - laͤuft1)Nota di danari, officii e mobili donati da papa Paolo V a suoi parenti e concessioni fattegli. MS. .

Auch die Borgheſen aber verſaͤumten nicht, ihr Geld ſogleich in liegenden Gruͤnden anzulegen. In der Cam - pagna von Rom haben ſie gegen 80 Guͤter an ſich gebracht: die roͤmiſchen Edelleute ließen ſich durch den guten Preis, der ihnen gezahlt ward, und durch die hohen Zinſen, welche die Luoghi di Monte trugen, die ſie dafuͤr ankauften, ver - leiten ihr altes Eigenthum und Erbe zu veraͤußern. Auch in vielen andern Gegenden des Kirchenſtaates ſiedelten ſie ſich an; der Papſt beguͤnſtigte ſie dabei durch beſon - dere Privilegien. Zuweilen empfingen ſie das Recht Ver - bannte herzuſtellen, einen Markt zu halten, oder ihre Unterthanen wurden mit Exemtionen begnadigt: es wur - den ihnen Gabellen erlaſſen: ſie brachten eine Bulle aus, kraft deren ihre Guͤter niemals confiscirt werden ſollten.

2*20Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.

Die Borgheſen wurden das reichſte und maͤchtigſte Geſchlecht das noch in Rom emporgekommen.

Hiedurch war nun aber dieß Nepotenweſen dergeſtalt in Schwung gebracht, daß auch eine kurze Regierung zu einer glaͤnzenden Ausſtattung die Mittel fand1)Pietro Contarini: Relatione di 1627. Quello che pos - siede la casa Peretta, Aldobrandina, Borghese e Ludovisia, li loro principati, le grossissime rendite, tante eminentissime fa - briche, superbissime supellettili con estraordinarii ornamenti e delizie non solo superano le conditioni di signori e prin cipi privati, ma s’uguagliano e s’avanzano a quelle dei mede - simi re. .

Ohne Zweifel noch unbedingter als die fruͤhern Ne - poten herrſchte der Neffe Gregors XV, Cardinal Ludovico Ludoviſio. Er hatte das Gluͤck, daß waͤhrend ſeiner Ver - waltung die beiden wichtigſten Aemter der Curie, das Vicecancellariat und das Camerlengat, vacant wurden und ihm zufielen. Er erwarb uͤber 200000 Scudi kirchlicher Einkuͤnfte. Die weltliche Macht, das Generalat der Kirche und mehrere andere eintraͤgliche Aemter gelangten zunaͤchſt an den Bruder des Papſtes, Don Orazio, Sena - tor zu Bologna. Da der Papſt kein langes Leben ver - ſprach, hatte man es um ſo eiliger die Familie auszuſtatten. Es floſſen ihr in der kurzen Zeit fuͤr 800000 Sc. Luo - ghi di Monte zu. Von den Sforzen ward das Herzog - thum Fiano, von den Farneſen das Fuͤrſtenthum Zaga - rolo fuͤr ſie angekauft. Schon durfte der junge Niccolo Ludoviſio auf die glaͤnzendſte, reichſte Vermaͤhlung An - ſpruch machen. Durch eine erſte Heirath brachte er Ve - noſa, durch eine zweite Piombino an ſein Haus. Die21Gruͤndung neuer Familien.Gunſt des Koͤnigs von Spanien trug dazu noch beſon - ders bei.

Wetteifernd mit ſo glaͤnzenden Beiſpielen warfen ſich nun auch die Barberini in dieſe Bahn. Zur Seite Ur - bans VIII. erhob ſich deſſen aͤlterer Bruder Don Carlo als General der Kirche, ein ernſter geuͤbter Geſchaͤftsmann, der wenig Worte machte, ſich durch den Aufgang ſeines Gluͤckes nicht blenden noch zu nichtigem Hochmuth verlei - ten ließ, und jetzt vor allem die Gruͤndung eines gro - ßen Familienbeſitzes ins Auge faßte1)Relatione de quattro ambasciatori 1625. Nella sua casa è buon economo et ha mira di far danari, assai sapendo egli molto bene che l’oro accresce la riputatione agli uomini, anzi l’oro gli inalza e gli distingne vantaggiosamente nel cospetto del mondo. . Er weiß, heißt es in der Relation von 1625, daß der Beſitz des Geldes von dem großen Haufen unterſcheidet: und haͤlt es nicht fuͤr geziemend, daß wer einmal mit einem Papſt in Verwandtſchaft geſtanden, nach deſſen Tode in beſchraͤnk - ter Lage erſcheine. Drei Soͤhne hatte Don Carlo, die nun unmittelbar zu einer großen Bedeutung gelangen muß - ten, Francesco, Antonio und Taddeo. Die beiden erſten widmeten ſich geiſtlichen Aemtern. Francesco, der durch Beſcheidenheit und Wohlwollen ſich das allgemeine Zutrauen erwarb, und es zugleich verſtand ſich in die Launen ſei - nes Oheims zu fuͤgen, bekam die leitende Gewalt: die ihm, obwohl er ſich im Ganzen gemaͤßigt hielt, doch in ſo lan - gen Jahren ganz von ſelbſt bedeutende Reichthuͤmer zufuͤh - ren mußte. Im Jahre 1625 hat er 40000 Sc., ſchon22Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.im Jahre 1627 gegen 100000 Sc. Einkuͤnfte1)Pietro Contarini 1627. E di ottimi, virtuosi e lodevoli costumi, di soave natura, e con esempio unico non vuole rice - ver donativi o presente alcuno. Sarà nondimeno vivendo il pon - tefice al pari d’ogni altro cardinale grande e ricco. Hor deve aver intorno 80000 sc. d’entrata di beneficii ecclci, e con li go - verni e legationi che tiene deve avvicinarsi a 100m sc. . Es war nicht vollkommen mit ſeinem Willen, daß auch Antonio zum Cardinal ernannt ward, und nur unter der ausdruͤck - lichen Bedingung geſchah dieß, daß er keinen Antheil an der Regierung nehmen ſollte. Antonio war hochſtrebend, hartnaͤckig, ſtolz, wiewohl koͤrperlich ſchwach: um wenig - ſtens nicht in allem von ſeinem Bruder verdunkelt zu wer - den, beeiferte er ſich eine Menge Stellen zuſammen zu bringen, große Einkuͤnfte, die im Jahre 1635 auch ſchon auf 100000 Scudi anliefen: er bekam allein ſechs Mal - teſercommenden, was nun wohl den Rittern dieſes Ordens nicht ſehr gefallen haben wird: auch nahm er Geſchenke: doch gab er auch wieder viel aus: er war mit Abſicht frei - gebig, um ſich in dem roͤmiſchen Adel einen Anhang zu bil - den. Zur Gruͤndung einer Familie durch Erwerbung erb - licher Beſitzthuͤmer war der mittlere unter dieſen Bruͤdern, Don Taddeo, auserſehen worden. Er bekam die Wuͤrden des weltlichen Nepoten, und ward nach ſeines Vaters Tode General der Kirche, Caſtellan von S. Angelo, Governator des Borgo: ſchon im Jahre 1635 war er mit ſo vielen Beſitzthuͤmern ausgeſtattet, daß auch er ein jaͤhrliches Ein - kommen von 100000 Sc. genoß2)D. i. ſo hoch beliefen ſich die Einkuͤnfte von den Grund -, und unaufhoͤrlich wur - den neue erworben. Don Taddeo lebte ſehr zuruͤckgezo -23Gruͤndung neuer Familien.gen und fuͤhrte eine muſterhafte Haushaltung. In kurzem rechnete man die regelmaͤßige Einnahme der drei Bruͤder zuſammen jaͤhrlich auf eine halbe Million Scudi. Die wichtigſten Aemter gehoͤrten ihnen. Wie das Camerlengat an Antonio, ſo war das Vicecancellariat an Francesco, die Praͤfectur, die durch den Tod des Herzogs von Urbino erledigt worden, an Don Taddeo gelangt. Man wollte berechnen, daß im Laufe dieſes Pontificats den Barberini die unglaubliche Summe von 105 Millionen Scudi zu - gefallen ſey1)Conclave di Innocenzo X. Si contano caduti nella Bar - berina, come risulta da sincera notitia di partite distinte, 105 milioni di contanti. Dieſe Summe iſt ſo unglaublich, daß ſie wohl fuͤr einen Schreibfehler gehalten werden koͤnnte. Doch findet ſie ſich in mehreren Manuſcripten gleichfoͤrmig, unter andern in dem fosca - riniſchen zu Wien, und in meinem eigenen.. Die Pallaͤſte, faͤhrt der Autor dieſer Nachricht fort, zum Beiſpiel der Pallaſt an den Quattro Fontane, ein koͤnigliches Werk, die Vignen, die Ge - maͤhlde, Bildſaͤulen, das verarbeitete Silber und Gold, die Edelſteine, die ihnen zu Theil geworden, ſind mehr werth als man glauben und ausſprechen kann. Dem Papſte ſelbſt ſcheint eine ſo reiche Ausſtattung ſeines Geſchlechtes doch zuweilen bedenklich geworden zu ſeyn: im Jahre 1640 ſetzte er foͤrmlich eine Commiſſion nieder, um die Recht - maͤßigkeit derſelben zu pruͤfen2)Niccolini handelt hievon. Auch ſah ich noch ein beſonderes Schriftchen: Motivi a far decidere quid possit papa donare, al 7 di Luglio 1640, von einem Mitgliede dieſer Commiſſion.. Zunaͤchſt ſprach dieſe2)ſtuͤcken: per li novi acquisti, ſagt Al. Contarini, di Palestrina, Monterotondo e Valmontone, fatto vendere a forza dai Colon - nesi e Sforzeschi per pagare i debiti loro das Amt eines Generals der Kirche trug 20000 Scudi ein.24Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.Commiſſion den Grundſatz aus, mit dem Papſtthume ſey ein Fuͤrſtenthum verknuͤpft, aus deſſen Ueberſchuß oder Er - ſparniſſen der Papſt ſeine Angehoͤrigen beſchenken koͤnne. Hierauf erwog ſie die Verhaͤltniſſe dieſes Fuͤrſtenthums, um zu beſtimmen, wie weit der Papſt gehn duͤrfe. Nach - dem alles berechnet worden, urtheilte ſie, der Papſt koͤnne mit gutem Gewiſſen ein Majorat von 80000 Scudi rei - nem Einkommen und uͤberdieß noch eine Secundogenitur in ſeinem Hauſe ſtiften; die Ausſteuer der Toͤchter werde ſich auf 180000 Sc. belaufen duͤrfen. Auch der Jeſuiten - general Vitelleschi, denn in allen Dingen muͤſſen die Jeſui - ten ihre Hand haben, ward um ſeine Meinung befragt: er fand dieſe Beſtimmungen maͤßig und gab ihnen Beifall.

Dergeſtalt erhoben ſich von Pontificat zu Pontificat immer neue Geſchlechter zu erblicher Macht: ſie ſtiegen un - mittelbar in den Rang der hohen Ariſtokratie des Landes auf, den man ihnen willig zuerkannte.

Natuͤrlich konnte es unter ihnen nicht an Reibun - gen fehlen. Der Gegenſatz zwiſchen Vorgaͤngern und Nach - folgern, der fruͤher von den Factionen des Conclave abge - hangen, ſtellte ſich jetzt in den Nepoten dar. Das zur Herrſchaft gelangte neue Geſchlecht hielt eiferſuͤchtig uͤber ſeine hoͤchſte Wuͤrde, und verhaͤngte in der Regel Feindſe - ligkeiten ja Verfolgungen uͤber das zunaͤchſt vorhergegan - gene. So vielen Antheil auch die Aldobrandini an der Er - hebung Pauls V. gehabt, ſo wurden ſie doch von den An - gehoͤrigen deſſelben bei Seite geſetzt, angefeindet, mit koſt - ſpieligen und gefaͤhrlichen Proceſſen heimgeſucht1)Ein Beiſpiel in der Vita del Cl Cecchini. S. d. Anhang.: ſie nann -25Gruͤndung neuer Familien.ten ihn den großen Undankbaren. Eben ſo wenig Gunſt fanden die Nepoten Pauls V. bei den Ludoviſi; Cardinal Ludoviſio ſelbſt mußte unmittelbar nach dem Eintritt der barberiniſchen Herrſchaft Rom verlaſſen.

Denn mit vielem Ehrgeiz machten nun auch die Bar - berini die Gewalt geltend welche ihnen der Beſitz der paͤpſt - lichen Macht uͤber den einheimiſchen Adel und die italieni - ſchen Fuͤrſten verſchaffte. Darum verlieh Urban VIII. ſei - nem weltlichen Nepoten die Wuͤrde eines Prefetto di Roma, weil mit derſelben Ehrenrechte verbunden waren, welche die - ſem Hauſe auf ewig ſeinen Vorrang vor den uͤbrigen ſichern zu muͤſſen ſchienen.

Hieran knuͤpfte ſich jedoch zuletzt eine Bewegung, welche zwar nicht weltbedeutend iſt, aber fuͤr die Stellung des Papſtthums ſowohl innerhalb des Staates als in ganz Italien eine wichtige Epoche ausmacht.

Krieg von Caſtro.

Den hoͤchſten Rang unter den nichtherrſchenden pa - palen Familien behaupteten allemal die Farneſen, da ſie es nicht allein zu Reichthuͤmern im Lande, wie die uͤbri - gen, ſondern uͤberdieß zum Beſitz eines nicht unbedeuten - den Fuͤrſtenthumes gebracht hatten; und es war den regie - renden Nepoten niemals leicht geworden, dieß Haus in Ergebenheit und gebuͤhrender Unterordnung zu halten. Als Herzog Odoardo Farneſe 1639 nach Rom kam, ward ihm alle moͤgliche Ehre angethan1)Deone: Diario di Roma tom. I. E fatale a sigri Bar -. Der Papſt ließ ihm Wohnung26Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.anweiſen, Edelleute ihn zu bedienen, und leiſtete ihm auch in ſeinen Geldgeſchaͤften Vorſchub: die Barberini ga - ben ihm Feſte, beſchenkten ihn mit Gemaͤhlden, mit Pfer - den: mit alle dem konnten ſie ihn nicht vollkommen ge - winnen. Odoardo Farneſe, ein Fuͤrſt von Talent, Geiſt und Selbſtgefuͤhl, hegte den Ehrgeiz jener Zeiten, der ſich in eiferſuͤchtiger Wahrnehmung kleiner Auszeichnungen gefiel, in hohem Grade. Er war nicht dahin zu bringen, daß er die Wuͤrde eines Prefetto in Taddeo gebuͤhrend anerkannt, und ihm den Rang, der mit derſelben verbunden war, zu - geſtanden haͤtte. Selbſt wenn er den Papſt beſuchte, zeigte er ſich von der Vornehmheit ſeines Hauſes und ſogar von ſeinen perſoͤnlichen Vorzuͤgen auf eine laͤſtige Weiſe durch - drungen. Es kam zu Mißverſtaͤndniſſen, die ſich um ſo we - niger heben ließen, da ſie auf einem unverwindbaren per - ſoͤnlichen Eindruck beruhten.

Da war es nun eine wichtige Frage, wie man den Herzog bei ſeiner Abreiſe begleiten wuͤrde. Odoardo for - derte die nemliche Behandlung welche dem Großherzoge von Toscana zu Theil geworden war; der herrſchende Ne - pot, Cardinal Franz Barberini, ſollte ihm perſoͤnlich das Geleit geben. Dieſer wollte das nur thun, wenn ihm der Herzog zuvor einen foͤrmlichen Abſchiedsbeſuch im Vatican1)berini di non trovare corrispondenza ne beneficati da loro. Il duca di Parma fu da loro alloggiato, accarezzato, servito di gen - til’huomini e carrozze, beneficato con la reduttione del monte Farnese con utile di grossa somma del duca e danno grandis - simo di molti poveri particulari, corteggiato e pasteggiato da ambi li fratelli cardli per spatio di più settimane, e regalato di cavalli, quadri et altre galanterie, e si partì da Roma senza pur salutarli. 27Krieg von Caſtro.machen werde, und hiezu hielt ſich Odoardo nicht fuͤr ver - pflichtet. Es kamen einige Schwierigkeiten die man ihm in ſeinen Geldſachen machte hinzu, ſo daß ſeine doppelt ge - kraͤnkte Eigenliebe heftig aufflammte. Nachdem er mit kur - zen Worten, in denen er ſich noch uͤber den Nepoten beklagte, von dem Papſt Abſchied genommen, verließ er Pallaſt und Stadt, ohne Cardinal Franz auch nur begruͤßt zu haben. Er hoffte ihn damit bis ins Herz zu kraͤnken1)Unter den mancherlei Streitſchriften in dieſer Sache, welche handſchriftlich uͤbrig ſind, finde ich beſonders folgende ruhig und glaubwuͤrdig: Risposta in forma di lettera al libro di duca di Parma, in dem 45ſten Bande der Informationi: Il duca Odoardo fu dal papa e ringraziollo, soggiunse di non si poter lodare del Sr Cle Barberino. Dal papa gli fu brevemente risposto che co - nosceva l’affetto di S. Emza verso di lui. Licentiatosi da S. Beatne senza far motto al Sr cardinale se n’andò al suo pa - lazzo, dovendo se voleva esser accompagnato da S. Emza rima - nere nelle stanze del Vaticano e licentiarsi parimente da S. Emza, come è usanza de principi. La mattina finalmente parti senza far altro. .

Aber die Barberini, im Beſitz einer abſoluten Gewalt in dieſem Lande, beſaßen die Mittel ſich noch empfindlicher zu raͤchen.

Die Geldwirthſchaft die ſich in dem Staate ent - wickelte, fand auch bei allen jenen fuͤrſtlichen Haͤuſern, wel - che die Ariſtokratie deſſelben ausmachten, Eingang und Nachahmung: ſie hatten ſaͤmmtlich Monti errichtet, und ihre Glaͤubiger eben ſo auf den Ertrag ihrer Guͤter an - gewieſen, wie die paͤpſtlichen auf die Gefaͤlle der Kam - mer angewieſen waren: die Luoghi di Monte gingen auf die nemliche Art von Hand in Hand. Dieſe Monti wuͤr - den jedoch ſchwerlich Credit gefunden haben, haͤtten ſie nicht28Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.unter der Aufſicht der hoͤchſten Gewalt geſtanden: nur mit beſonderer Genehmigung des Papſtes durften ſie errichtet oder modificirt werden. Es gehoͤrte mit zu den Vorrechten des herrſchenden Hauſes, daß es durch eine ſolche Oberauf - ſicht einen bedeutenden Einfluß auf die haͤuslichen Angele - genheiten aller andern erwarb: die Reductionen der Monti auf einen niedrigern Zinsfuß waren an der Tagesordnung, ſie hingen von ſeinem guten Willen, ſeiner Geneigtheit ab.

Nun waren auch die Farneſen mit ſehr anſehnlichen Schulden beladen. Der Monte Farneſe vecchio ſchrieb ſich noch von den Beduͤrfniſſen und dem Aufwande Alexander Farneſes in den flandriſchen Feldzuͤgen her: ein neuer war errichtet worden: Indulte der Paͤpſte hatten die Maſſe vermehrt, und indem neue Luoghi mit geringen Zinſen ge - gruͤndet, die alten nicht getilgt, die verſchiedenen Operatio - nen aber von verſchiedenen auf einander eiferſuͤchtigen Han - delshaͤuſern geleitet wurden, war alles in Verwirrung ge - rathen1)Deone T. 1. Fu ultimamente l’uno et l’altro stato, cioè Castro e Ronciglione, affittato per 94m scudi l’anno a gli Siri. Sopra questa entrata è fondata la dote dell uno e dell altro monte Farnese, vecchio cioè e nuovo. Il vecchio fu fatto dal duca Alessandro di 54m scudi l’anno, denari tutti spesi in Fian - dra: al quale il presente duca Odoardo aggiunse somma per 300m scudi in sorte principale a ragione di per cento: e di più impose alcuni censi: di modo che poco o nulla rimane per lui, che se li leva la tratta del grano, non ci sarà il pago per li creditori del monte, non che de censuarii. .

Dazu kam aber jetzt, daß die Barberini einige Maaß - regeln ergriffen, welche dem Herzog großen Schaden zu - fuͤgten.

Die beiden farneſiſchen Monti waren auf den Ertrag29Krieg von Caſtro.von Caſtro und Ronciglione angewieſen. Die Siri, Paͤch - ter der Gefaͤlle von Caſtro, zahlten dem Herzoge 94000 Sc., mit welchen die Zinſen der Monti eben noch bezahlt wer - den konnten. Aber es war nur in Folge einiger von Paul III. ſeinem Hauſe ertheilten Bewilligungen daß der Ertrag ſich ſo hoch belief. Papſt Paul hatte zu dem Ende die große Landſtraße von Sutri nach Ronciglione verlegt, und jenem Landſtrich eine groͤßere Freiheit der Kornausfuhr zugeſtanden, als andere Provinzen beſaßen. Jetzt beſchloſſen die Barbe - rini, dieſe Beguͤnſtigungen zu widerrufen. Sie verlegten die Straße zuruͤck nach Sutri: in Montalto di Maremma, wo das Getreide von Caſtro geladen zu werden pflegte, lie - ßen ſie ein Verbot der Ausfuhr bekannt machen1)Sie ſtuͤtzten ſich hiebei auf die Worte der Bulle Pauls III, in der ihnen nur die facultas frumenta ad quaecunque etiam praefatae Romanae ecclesiae e nobis immediate vel mediate sub - jecta conducendi gegeben war; jedoch hatte ſich indeß die freie Ausfuhr uͤberhaupt gebildet..

Augenblicklich zeigte ſich der beabſichtigte Erfolg. Die Siri, die ohnehin wegen jener Operationen mit dem Herzoge geſpannt waren und jetzt einen Ruͤckhalt in den Pallaſt hatten, man behauptet, noch beſonders auf Antrieb einiger Praͤ - laten, die insgeheim an ihrem Geſchaͤfte Theil nahmen weigerten ſich ihren Contract zu halten: ſie hoͤrten auf, die Zinſen des Monte Farneſe zu zahlen. Die Montiſten, de - nen ihr Einkommen ploͤtzlich fehlte, drangen auf ihr Recht und wandten ſich an die paͤpſtliche Regierung. Der Herzog verſchmaͤhte es, da er ſich ſo abſichtlich beeintraͤchtigt ſah, Anſtalten zu ihrer Befriedigung zu treffen. Aber die Kla - gen der Montiſten wurden ſo lebhaft, dringend und allge -30Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.mein, daß der Papſt das Recht zu haben glaubte, um ſo vielen roͤmiſchen Buͤrgern zu ihrer Rente zu verhelfen, ſich in Beſitz der Hypothek zu ſetzen. In dieſer Abſicht ſchickte er eine kleine Heeresmacht nach Caſtro. Nicht ohne allen Widerſtand ging es dabei ab: wir ſind genoͤthigt geweſen , ruft er unter anderm in ſonderbarem Zorneseifer in ſeinem Monitorium aus, vier große Schuͤſſe thun zu laſſen, durch welche auch Einer der Feinde geblieben iſt 1)Es war bei einer Bruͤcke. Dictus dominus Marchio, ex quo milites numero 40 circiter, qui in eisdem ponte et vallo ad pugnandum appositi fuerunt, amicabiliter ex eis recedere recusa - bant, immo hostiliter pontificio exercitui se opponebant, fuit coa - ctus pro illorum expugnatione quatuor magnorum tormentorum ictus explodere, quorum formidine hostes perterriti fugam tan - dem arripuerunt, in qua unus ipsorum interfectus remansit. . Am 13. October 1641 nahm er Caſtro ein. Und ſelbſt hiebei ſtehn zu bleiben war er nicht gemeint. Im Januar 1642 ward uͤber den Herzog, der ſich jene Einnahme nicht ruͤhren ließ, die Excommunication ausgeſprochen; aller ſeiner Lehen ward er verluſtig erklaͤrt: es ruͤckten Truppen ins Feld, um ihm auch Parma und Piacenza zu entreißen. Von einer Pacification wollte der Papſt nichts hoͤren; er erklaͤrte: zwi - ſchen dem Herrn und ſeinem Vaſallen finde eine ſolche nicht Statt: er wolle den Herzog demuͤthigen, er habe Geld, Muth und Kriegsvolk, Gott und Welt ſey fuͤr ihn.

Hiedurch aber bekam dieſe Sache eine allgemeinere Be - deutung. Die italieniſchen Staaten waren ſchon laͤngſt auf die wiederholten Erweiterungen des Kirchenſtaates eiferſuͤch - tig. Sie wollten nicht dulden, daß er etwa auch Parma an ſich ziehen ſolle, wie Urbino und Ferrara: noch hatten31Krieg von Caſtro.die Eſte ihre ferrareſiſchen, die Medici gewiſſe urbinatiſche Anſpruͤche nicht aufgegeben: durch die Anmaaßungen Don Taddeos waren ſie ſaͤmmtlich beleidigt: die Venezianer dop - pelt, da Urban VIII. vor kurzem eine Inſchrift in der Sala Regia, in der ſie wegen jener ihrer fabelhaften Vertheidi - gung Alexanders III. geprieſen wurden, hatte vernichten laſſen: was ſie fuͤr einen großen Schimpf hielten1)Ich werde dieſen Gegenſtand in dem Anhang beruͤhren.: auch allgemeinere politiſche Ruͤckſichten geſellten ſich hinzu. Wie fruͤher die ſpaniſche, ſo erregte jetzt die franzoͤſiſche Uebermacht die Bedenklichkeiten der Italiener. Allenthal - ben erlitt die ſpaniſche Monarchie die groͤßten Verluſte: die Italiener fuͤrchteten, es moͤchte auch bei ihnen eine all - gemeine Umwaͤlzung erfolgen, wenn Urban VIII, den ſie fuͤr einen entſchiedenen Verbuͤndeten der Franzoſen hielten, noch maͤchtiger werde. Aus allen dieſen Gruͤnden beſchloſ - ſen ſie ſich ihm zu widerſetzen. Ihre Truppen vereinigten ſich im Modeneſiſchen. Die Barberini mußten den Durch - zug durch dieß Gebiet aufgeben, den Verbuͤndeten gegen - uͤber bezog die paͤpſtliche Heeresmacht ihre Quartiere um Ferrara.

Gewiſſermaßen wiederholte ſich demnach hier der Ge - genſatz des franzoͤſiſchen und des ſpaniſchen Intereſſe, der Europa uͤberhaupt in Bewegung hielt. Allein wie viel ſchwaͤcher waren doch die Beweggruͤnde, die Kraͤfte, die An - ſtrengungen, die es hier zu einer Art von Kampf brachten!

Ein Zug, den der Herzog von Parma, der ſich nun - mehr ohne viel Zuthun von ſeiner Seite beſchuͤtzt und doch nicht gebunden ſah, auf eigene Hand unternahm, offenbart32Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.uns recht die Sonderbarkeit des Zuſtandes in welchem man ſich befand.

Ohne Geſchuͤtz noch Fußvolk, nur mit 3000 Reitern brach Odoardo in den Kirchenſtaat ein. Das Fort Urbano, das mit ſo vielen Koſten errichtet worden, die verſammelte Miliz, die ſich nie auf einen bewaffneten Feind gefaßt ge - macht, hielten ihn nicht auf. Die Bologneſen ſchloſſen ſich in ihre Mauern ein: ohne die paͤpſtlichen Truppen auch nur zu Geſichte zu bekommen, zog der Herzog voruͤber. Imola eroͤffnete ihm die Thore: er machte dem paͤpſtlichen Befehlshaber einen Beſuch: er ermahnte die Stadt dem roͤmiſchen Stuhle getreu zu ſeyn. Denn nicht gegen Rom, nicht einmal gegen Urban VIII, nur gegen die Nepoten deſſelben behauptete er die Waffen ergriffen zu haben; er zog unter der Fahne des Gonfaloniere der Kirche einher, auf welcher man St. Peter und St. Paul erblickte; im Namen der Kirche forderte er den Durchzug. In Faenza hatte man die Thore verſchanzt: als aber der Governatore den Feind anſichtig wurde, ließ er ſich an einem Seile die Mauer herunter um perſoͤnlich mit dem Herzoge zu unter - handeln: das Ende der Unterhandlung war, daß die Thore geoͤffnet wurden. So ging es auch in Forli. Ruhig ſa - hen ſich die Einwohner aller dieſer Staͤdte von den Fen - ſtern auf den Straßen den Durchzug ihres Feindes an. Der Herzog begab ſich uͤber das Gebirge nach Toscana: von Arezzo her drang er dann aufs neue in den Kirchen - ſtaat ein. Caſtiglione da Lago, Citta del Pieve oͤffneten ihm ihre Thore: unaufhaltſam eilte er vorwaͤrts: mit demSchrecken33Krieg von Caſtro.Schrecken ſeines Namens erfuͤllte er das Land1)Ausfuͤhrliche Erzaͤhlung dieſer Unternehmung in Siris Mer - curio tom. II, p. 1289.. Vornehm - lich in Rom gerieth man hieruͤber in Beſtuͤrzung; der Papſt fuͤrchtete das Schickſal Clemens VII. Er ſuchte ſeine Roͤ - mer zu bewaffnen. Allein erſt mußte eine Auflage wider - rufen, Haus bei Haus mußten Beitraͤge eingeſammelt wer - den, wobei es denn nicht ohne anzuͤgliche Reden abging, ehe man eine kleine Schaar zu Pferde ausruͤſten konnte. Waͤre der Herzog von Parma in dieſem Augenblicke erſchie - nen, ſo haͤtte man ihm ohne Zweifel ein paar Cardinaͤle am Ponte Molle entgegengeſchickt und ihm alle ſeine For - derungen zugeſtanden.

Aber ein Kriegsmann war auch er nicht. Gott weiß welche Betrachtungen, welche Ruͤckſichten ihn zuruͤckhielten. Er ließ ſich bewegen auf Unterhandlungen einzugehn, von denen er niemals etwas erwarten konnte. Der Papſt ſchoͤpfte wieder Athem. Mit einem durch die Gefahr verjuͤngten Ei - fer befeſtigte er Rom2)Deone: Si seguitano le fortificationi non solo di Borgo, ma del rimanente delle mura di Roma, alle quali sono deputati tre cardinali, Pallotta, Gabrieli et Orsino, che giornalmente ca - valcano da una porta all altra: e si tagliano tutte le vigne che sono appresso le mura per la parte di dentro di Roma, cioè fanno strada tra le mura e le vigne e giardini con danno gran - dissimo de padroni di esse: e così verrà anche tocco il bellis - simo giardino de Medici, e perderà la particella che haveva nelle mura di Roma. . Er ſtellte ein neues Heer ins Feld, das den Herzog, deſſen Mannſchaften auch nicht zuſammen - hielten, gar bald aus dem Kirchenſtaate herausdraͤngte. Wie nichts mehr zu fuͤrchten war, machte Urban aufs neue die haͤrteſten Bedingungen: die Geſandten der FuͤrſtenPäpſte** 334Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.verließen Rom: auch in dem friedlichen Italien ruͤſtete man ſich noch einmal einheimiſche Waffen zu verſuchen.

Zuerſt im Mai 1643 griffen die Verbuͤndeten im Fer - rareſiſchen an. Der Herzog von Parma nahm ein paar feſte Plaͤtze: Bondeno, Stellata: die Venezianer und Mo - deneſen vereinigten ſich, und ruͤckten tiefer ins Land. Aber auch der Papſt, wie geſagt, hatte ſich indeß aus aller Kraft geruͤſtet: er hatte 30000 Mann zu Fuß, 6000 zu Pferde beiſammen: die Venezianer trugen Bedenken eine ſo ſtatt - liche Macht anzugreifen: ſie zogen ſich zuruͤck, und in kur - zem finden wir nun die kirchlichen Truppen in das Mode - neſiſche und ins Poleſine di Rovigo vordringen1)Frizzi: Memorie per la storia di Ferrara V p. 100..

Der Großherzog von Toscana warf ſich dann verge - bens auf Perugia: die Truppen des Papſtes ſtreiften hie und da ſogar ins großherzogliche Gebiet.

Wie ſonderbar nehmen ſich dieſe Bewegungen aus: von beiden Seiten ſo ganz und gar ohne Nachdruck und Nerv, verglichen mit den gleichzeitigen Kaͤmpfen in Deutſch - land, mit jenen ſchwediſchen Zuͤgen von der Oſtſee bis in die Naͤhe von Wien, von Maͤhren bis nach Juͤtland! Und doch waren ſie nicht einmal rein italieniſch; zu bei - den Seiten dienten Fremde: in dem verbuͤndeten Heere mach - ten die Deutſchen, in dem kirchlichen die Franzoſen die groͤ - ßere Anzahl aus.

Die Folge hatte indeſſen auch der italieniſche Krieg, daß das Land erſchoͤpft wurde und beſonders die paͤpſt - lichen Caſſen in die groͤßte Verlegenheit geriethen2)Riccius: Rerum Italicarum sui temporis narrationes, Narr. .

35Krieg von Caſtro.

Gar mancherlei Mittel verſuchte Urban VIII. um ſich das Geld zu verſchaffen das er brauchte. Schon im Sep - tember 1642 ward die Bulle Sixtus V. einer neuen Er - waͤgung unterworfen, und hierauf in dem Conſiſtorium der Beſchluß gefaßt, 500000 Sc. aus dem Caſtell zu entneh - men1)Deone 20 Sett. 1642: Havendo il papa fatto studiare da legisti e theologi di potere conforme la bolla di Sisto V ces - sare denari dal tesoro dal castel Sant Angelo, il lunedì 22 del mese il papa tenne consistoro per il medesimo affare. Fu risoluto di cessare 500m scudi d’oro, a 100m per volte, e non prima che sia spesi quelli che al presente sono ancora in es - sere della camera. . Natuͤrlich konnte dieß nicht ſehr weit reichen: man fing an, Anleihen bei dem Reſte jenes Schatzes zu machen, d. i. man ſetzte feſt, das Geld das man entnahm, in Zukunft in denſelben zuruͤckzahlen zu wollen. Wir ſahen ſchon, daß man zu perſoͤnlichen Taxen ſchritt: oͤfter wurden ſie wiederholt: der Papſt zeigte den Conſervatoren an, welche Summe er beduͤrfe: den Einwohnern, auch die Fremden nicht ausgeſchloſſen, ward alsdann ihre Quote aufgelegt. Die Hauptſache aber blieben doch immer die Auflagen. Anfangs waren ſie noch wenig fuͤhlbar, z. B. eine Auf - lage auf das Schrotkorn fuͤr die Vogelbeize: bald aber folgten ſchwerere, auf die unentbehrlichſten Lebensbeduͤrf - niſſe, Brennholz, Salz, Brot und Wein:2)Deone 29 Nov. 1642. Si sono imposte 3 nuove gabelle, una sopra il sale oltre l’altre, la 2a sopra le legna, la 3a so - pra la dogana, la quale in tutte le mercantie che vengono per ſie nahmen2)XIX, p. 590: Ingens opinioneque majus bellum exarsit, sed primo impetu validum, mox senescens, postremo neutrius partis fructu, imo militum rapinis indigenis exitiale, irritis conatibus prorsus inane in mutua studia officiaque abiit. 3*36Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.jetzt ihren zweiten großen Schwung; ſie erhoben ſich 1644 bis auf 2,200000 Sc. Es verſteht ſich ſchon, daß man jede Erhoͤhung, jede neue Auflage ſofort capitaliſirte, einen Monte darauf gruͤndete, und ihn verkaufte. Cardi - nal Ceſi, fruͤher Schatzmeiſter, berechnete, daß auf dieſe Weiſe 7,200000 Scudi neue Schulden gemacht worden, obwohl noch 60000 Scudi im Schatze geweſen ſeyen. Den ganzen Aufwand des Krieges gab man den vene - zianiſchen Geſandten im Jahre 1645 auf mehr als 12 Millionen an1)Relatione de IV ambasciatori: L’erario si trova nota - bilmente esausto essendoci stato affermato da più Cli, aver spesi i Barberini nella guerra passata sopra 12 milioni d’oro. .

In jedem Moment fuͤhlte man mehr, wie viel das zu bedeuten hatte; der Credit ward am Ende doch erſchoͤpft; allmaͤhlig mußten alle Huͤlfsquellen verſagen. Auch der Krieg ging nicht immer nach Wunſch. In einem Schar - muͤtzel bei Lagoscuro 17. Merz 1644 entkam Car - dinal Antonio nur durch die Schnelligkeit ſeines Pferdes der Gefangenſchaft2)Nani: Storia Veneta lib. XII, p. 740. . Da der Papſt ſich taͤglich hinfaͤlli - ger fuͤhlte, ſo mußte er auf den Frieden denken.

Die Franzoſen uͤbernahmen die Vermittelung. Die Spanier vermochten ſo wenig an dem paͤpſtlichen Hofe und hatten auch anderwaͤrts an ihrer Autoritaͤt ſo viel verlo - ren, daß ſie dießmal ganz ausgeſchloſſen blieben.

Fruͤher hatte der Papſt oft geſagt, er wiſſe wohl, die2)terra, riscuote 7 per cento, per acqua 10 per cento. Si è cre - sciuto uno per cento d’avvantaggio, e si aspettano altre 3 ga - belle per le necessità correnti, una sopra le case, l’altra sopra li censi, la terza sopra li casali, cioè poderi nella campagna. 37Krieg von Caſtro.Abſicht der Venezianer ſey ihn durch Mißvergnuͤgen zu toͤdten, aber es ſolle ihnen nicht gelingen: er werde ihnen Stand zu halten wiſſen; jetzt ſah er ſich doch genoͤthigt alles zu bewilligen was ſie forderten: den Herzog von Parma von dem Banne loszuſprechen und in Caſtro wiederherzu - ſtellen. Niemals haͤtte er geglaubt, daß es ſo weit kom - men werde: er empfand es auf das tiefſte.

Noch etwas Anderes bedraͤngte ihn dann. Es ſchien ihm aufs neue, als habe er ſeine Nepoten doch wohl un - gebuͤhrlich beguͤnſtigt, als werde dieß ſein Gewiſſen vor dem Angeſichte Gottes beſchweren. Noch einmal rief er einige Theologen, auf die er ein beſonderes Vertrauen ſetzte, unter denen Cardinal Lugo und Pater Lupis ein Jeſuit genannt werden, zu einer Conſultation in ſeiner Gegenwart. Die Antwort war: da ſich die Nepoten S. Heiligkeit ſo viele Feinde gemacht, ſo ſey es billig und fuͤr die Ehre des apoſtoliſchen Stuhles ſogar nothwendig, ihnen die Mit - tel zu laſſen um ſich dieſen Feinden zum Trotz auch nach dem Abgange des Papſtes in ungeſchmaͤlertem Anſehen zu erhalten1)Nicoletti: Vita di papa Urbano, tom. VIII. .

In ſo ſchmerzlichen Zweifeln und dem bittern Gefuͤhle einer mißlungenen Unternehmung ging der Papſt dem Tode entgegen. Sein Arzt hat verſichert, daß er in dem Augen - blicke, in welchem er den Frieden von Caſtro unterzeichnen mußte, von Schmerz uͤbermannt in Ohnmacht fiel: womit die Krankheit anfing an der er ſtarb. Er flehte den Him - mel an, ihn an den gottloſen Fuͤrſten zu raͤchen, die ihn zum Kriege genoͤthigt. Er ſtarb am 29. Juli 1644.

38Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.

Kaum war der paͤpſtliche Stuhl von dem Mittelpunkte der europaͤiſchen Geſchaͤfte zuruͤckgetreten, ſo erlitt er in den italieniſchen, in den Angelegenheiten des Staates eine Niederlage, wie er ſie lange nicht erfahren.

Auch Papſt Clemens VIII. war wohl mit den Farne - ſen zerfallen und hatte ihnen zuletzt Verzeihung angedeihen laſſen. Jedoch that er das nur, weil er ſich mit Huͤlfe der uͤbrigen italieniſchen Fuͤrſten an den Spaniern raͤchen wollte. Jetzt war die Lage der Dinge um vieles anders. Mit aller ſeiner Macht hatte Urban VIII. den Herzog von Parma angegriffen. Die vereinten Kraͤfte von Italien hat - ten die ſeinen erſchoͤpft und ihn zu einem unguͤnſtigen Frie - den genoͤthigt. Es ließ ſich nicht leugnen, das Papſtthum war endlich einmal entſchieden im Nachtheil geblieben.

Innocenz X.

Gleich in dem naͤchſten Conclave zeigte ſich die Ruͤck - wirkung hievon1)Noch immer der alte gewaltſame Zuſtand der Sedisvacanzen. J. Nicii Erythraei Epist. LXVIII ad Tyrrhenum 3 non. Aug. 1644. Civitas sine jure est, sine dignitate respublica. Tantus in urbe armatorum numerus cernitur quantum me alias vidisse non memini. Nulla domus est paulo locupletior quae non mi - litum multorum praesidio muniatur: ac si in unum omnes coge - rentur, magnus ex eis exercitus confici posset. Summa in urbe armorum impunitas, summa licentia: passim caedes hominum fiunt: nil ita frequenter auditur quam: hic vel ille notus homo est interfectus. . Die Nepoten Urbans VIII. fuͤhrten acht und vierzig Cardinaͤle, Creaturen ihres Oheims, ein: nie hatte es eine ſo ſtarke Faction gegeben. Nichts deſto min -39Innocenz X. der ſahen ſie gar bald, daß ſie den Mann ihrer Wahl, Sacchetti, nicht durchſetzen wuͤrden: die Scrutinien fielen von Tage zu Tage unguͤnſtiger aus. Um nicht einen erklaͤr - ten Gegner zur Tiara kommen zu laſſen, entſchied ſich Franz Barberini endlich fuͤr Cardinal Pamfili, der wenigſtens eine Creatur Urbans VIII. war, obwohl er ſich ſtark auf die ſpaniſche Seite neigte, obwohl der franzoͤſiſche Hof ihn ausdruͤcklich verbeten hatte. Am 16. September 1644 ward Cardinal Pamfili gewaͤhlt. Er nannte ſich Innocenz X, zum Andenken wie man glaubt an Innocenz VIII, unter dem ſein Haus nach Rom gekommen war.

Hiemit aͤnderte ſich nun aber auf einmal die Politik des roͤmiſchen Hofes.

Die verbuͤndeten Fuͤrſten, namentlich die Medici, de - nen der neue Papſt ſeine Erhebung vorzugsweiſe zuſchrieb, gewannen jetzt Einfluß auf die Gewalt, die ſie eben be - kaͤmpft hatten: jene venezianiſche Inſchrift ward wieder her - geſtellt1)Relatione de IV ambasciatori 1645. Il presente pon - tefice nel bel principio del suo governo a con publiche dimo - strationi registrate in marmi detestato le opinioni del precessore, rendendo il lustro alle glorie degli antenati di VV. EE. Man ſieht wie hoch ſie das aufnahmen.: in der erſten Promotion wurden faſt lauter Freunde der Spanier erhoben. Die geſammte ſpaniſche Par - tei erwachte wieder, und hielt der franzoͤſiſchen wenigſtens zu Rom das Gleichgewicht.

Zunaͤchſt bekamen die Barberini dieſen Umſchwung der Dinge zu fuͤhlen. Es laͤßt ſich jetzt wohl nicht mehr aus - machen, wie viel von alle dem gegruͤndet iſt, was man ihnen Schuld gab. Sie ſollten ſich Eingriffe in die Juſtiz40Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.erlaubt, fremde Pfruͤnden an ſich geriſſen, hauptſaͤchlich ſollten ſie die oͤffentlichen Gelder unterſchlagen haben. Der Papſt beſchloß, die Nepoten ſeines Vorgaͤngers wegen ihrer Geldverwaltung waͤhrend des Krieges von Caſtro zur Re - chenſchaft zu ziehen1)Relatione delle cose correnti 25 Maggio 1646. MS Chigi. I Barberini, come affatto esclusi dal matrimonio del novello pontefice, cominciorono a machinar vastità di pensieri stimati da loro nobili. Il papa continuò ad invigilare con ogni accu - ratezza, che la discamerata camera fusse da loro sodisfatta. .

Anfangs glaubten ſich die Barberini durch die Pro - tection von Frankreich ſicher ſtellen zu koͤnnen; da Maza - rini in ihrem Hauſe, durch ihre Befoͤrderung emporgekom - men, ließ er es ihnen jetzt an Unterſtuͤtzung nicht fehlen: ſie ſtellten die franzoͤſiſchen Wappen an ihren Pallaͤſten auf und begaben ſich foͤrmlich in den Schutz von Frankreich. Allein Papſt Innocenz erklaͤrte: er ſey dazu da, um die Gerechtigkeit zu handhaben, und wenn Bourbon vor den Thoren ſtuͤnde, koͤnnte er davon nicht ablaſſen.

Hierauf entfloh zuerſt Antonio, der am meiſten ge - faͤhrdet war, im October 1645; einige Monat ſpaͤter ent - fernten ſich auch Franz, und Taddeo mit ſeinen Kindern.

Der Papſt ließ ihre Pallaͤſte beſetzen, ihre Aemter ver - theilen, ihre Luoghi di Monte ſequeſtriren. Das roͤmiſche Volk ſtimmte ihm in ſeinem Verfahren bei. Am 20. Fe - bruar 1646 hielt es eine Verſammlung auf dem Capitol. Es war die glaͤnzendſte deren man ſich erinnerte: ſo viel vornehme, durch Rang und Titel ausgezeichnete Perſonen nahmen daran Antheil. Es ward der Vorſchlag gemacht, den Papſt zu erſuchen, von den Auflagen Urbans VIII. 41Innocenz X. wenigſtens die druͤckendſte, die Mahlſteuer, aufzuheben. Die Angehoͤrigen der Barberini, in der Beſorgniß, man werde, ſobald die Steuer aufgehoben ſey, die darauf gegruͤndete Schuld von ihrem Vermoͤgen bezahlen wollen, ſetzten ſich dawider: Donna Anna Colonna, Gemahlin Taddeo Bar - berinos, ließ eine Schrift verleſen, in welcher ſie an die Verdienſte Urbans VIII. um die Stadt, ſeinen Eifer fuͤr die Handhabung der Gerechtigkeit erinnerte, und es fuͤr unziemlich erklaͤrte, wider die geſetzmaͤßigen Auflagen ei - nes ſo wohlverdienten Papſtes einzukommen. Nichts deſto minder ward der Beſchluß gefaßt: ohne Anſtand ging der Papſt darauf ein: der Ausfall der dadurch entſtand, ſollte, wie man richtig vorausgeſehen, von dem Vermoͤgen Don Taddeos gedeckt werden1)Die Stelle aus dem Diario Deone im Anhange..

Indem nun das Geſchlecht des vorigen Papſtes ſo lebhaft angegriffen und verfolgt wurde, ſo fragte ſich es war jetzt das wichtigſte Intereſſe in jedem Pontifi - cat wie das neue ſich einrichten wuͤrde. Fuͤr die Ge - ſchichte des Papſtthums uͤberhaupt iſt ein wichtiges Ereig - niß, daß dieß nicht ganz ſo geſchah wie fruͤher: obwohl der Anſtoß den der Hof gab, ſich eigentlich noch vermehrte.

Papſt Innocenz hatte gegen ſeine Schwaͤgerin, Donna Olimpia Maidalchina von Viterbo, beſonders deshalb Ver - pflichtungen, weil ſie ein bedeutendes Vermoͤgen in das Haus Pamfili gebracht hatte. Er rechnete es ihr hoch an, daß ſie ſich nach dem Tode ſeines Bruders ihres Gemahls nicht wieder hatte vermaͤhlen wollen2)Bussi: Storia di Viterbo p. 331. Anfangs hatte ſie auch. Er ſelbſt war da -42Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.durch gefoͤrdert worden. Von jeher hatte er ihr die oͤko - nomiſchen Angelegenheiten der Familie uͤberlaſſen: jetzt er - folgte, daß ſie auch auf die Verwaltung des Papſtthums Einfluß bekam.

Sehr bald gelangte ſie zu großem Anſehen. Ihr zuerſt machen die anlangenden Botſchafter einen Beſuch: Cardinaͤle ſtellen ihr Bild in ihren Gemaͤchern auf, wie man das Bild ſeines Fuͤrſten aufſtellt: fremde Hoͤfe ſuchen ſich ihre Gunſt durch Geſchenke zu erwerben. Da auch alle Anderen die an der Curie etwas ſuchen, dieſen Weg einſchlagen man behauptet ſogar, daß ſie ſich von geringern Aemtern die ſie verſchaffte eine monatliche Abgabe habe zahlen laſſen, ſo ſtroͤmen ihr die Reich - thuͤmer zu. In kurzem machte ſie ein großes Haus: gab Feſte, Comoͤdien, reiſte, und kaufte Guͤter an. Ihre Toͤch - ter wurden in die vornehmſten, beguͤtertſten Familien ver - heirathet: die eine mit einem Ludoviſi, die andere mit ei - nem Giuſtiniani. Fuͤr ihren Sohn Don Camillo, der von geringen Faͤhigkeiten war, hatte ſie es anfangs angemeſſe - ner gefunden, daß er geiſtlich wuͤrde, und wenigſtens aͤu - ßerlich die Stellung eines Cardinal Nepoten einnaͤhme1)Gleich Anfangs wunderte ſich Jedermann daruͤber: Io sti - mo, ſagt unſer Deone, 19 Nov. 1644, che sia opera della Sra donna Olimpia che ha voluto vedere il figlio cardinale e de - sidera più tosto genero che nora. : als ſich aber auch fuͤr ihn Gelegenheit zu einer glaͤnzenden2)guten Ruf. Donna Olimpia, ſagen die venez. Geſandten von 1645, è dama di gran prudenza e valore, conosce il posto in cui si trova di cognata del pontefice, gode la stima e l’affettione della S S., ha seco molta autorità. 43Innocenz X. Vermaͤhlung zeigte indem die reichſte Erbin in Rom, Donna Olimpia Aldobrandina, durch den Tod ihres Ge - mahls ledig wurde, kehrte er in den weltlichen Stand zuruͤck und ging dieſe Verbindung ein.

Don Camillo nun wurde hiedurch ſo gluͤcklich, als er nur werden konnte. Seine Gemahlin war nicht allein reich, ſondern auch noch in bluͤhenden Jahren, voll An - muth und Geiſt: ſie ergaͤnzte ſeine Maͤngel durch ausge - zeichnete Eigenſchaften. Aber auch ſie wollte herrſchen. Zwi - ſchen der Schwiegermutter und der Schwiegertochter blieb nicht einen Augenblick Friede. Das Haus des Papſtes erfuͤllte ſich mit dem Hader zweier Frauen. Anfangs muß - ten ſich die Neuvermaͤhlten entfernen; aber nicht lange hielten ſie es aus: wider den Willen des Papſtes kamen ſie zuruͤck: hierauf fiel die Entzweiung aller Welt in die Augen. Donna Olimpia Maidalchina erſcheint z. B. einmal waͤhrend des Carnevals in praͤchtigem Aufzuge im Corſo: ihr Sohn und ſeine Gemahlin ſtehn an dem Fenſter: ſo wie ſie den Wa - gen der Mutter anſichtig werden, begeben ſie ſich weg. Jedermann bemerkt es: ganz Rom ſpricht davon1)Diario Deone. Ein ander Mal erzaͤhlt er wie folgt. Mer - cordì la tarda (Ag. 1648) la Sra Olimpia con ambedue le figliuole con molta comitiva passò per longo il corso: ogn uno credeva che ella andasse a visitare la nuora, ma passò avanti la casa senza guardarla. . Die verſchiedenen Parteien ſuchen ſich der Entzweiten zu be - maͤchtigen.

Ungluͤcklicher Weiſe hatte Papſt Innocenz eine Sinnes - weiſe, die ſich eher eignete Zwiſtigkeiten dieſer Art zu be - foͤrdern als ſie zu heben.

44Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.

An ſich war er ein Mann von keinesweges gemeinen Eigenſchaften. In ſeiner fruͤhern Laufbahn, in der Rota, als Nuntius, als Cardinal, hatte er ſich thaͤtig, unbe - ſcholten und redlich gezeigt: auch jetzt bewaͤhrte er dieſen Ruf. Man fand ſeine Anſtrengungen um ſo außerordent - licher, da er ſchon 72 Jahre zaͤhlte als er gewaͤhlt wurde: dabei mache ihn , ruͤhmte man, die Arbeit nicht muͤde: er ſey nach derſelben ſo friſch wie vorher: es mache ihm Vergnuͤgen Leute zu ſprechen, und Jedermann laſſe er aus - reden. Der ſtolzen Zuruͤckgezogenheit Urbans VIII. ſetzte er Zugaͤnglichkeit und muntere Laune entgegen. Beſonders ließ er ſich die Ordnung und Ruhe von Rom angelegen ſeyn. Er ſuchte einen Ehrgeiz darin, die Sicherheit des Eigenthums, die Sicherheit der Perſonen bei Tag und Nacht aufrecht zu erhalten, keine Mißhandlungen der Un - tern von den Obern, der Schwachen von den Maͤchtigen zuzulaſſen1)Relatione di Contarini 1648. Rimira solamente con ap - plicatione alla quiete dello stato ecclesiastico e particolarmente di Roma, acciò goda ciascheduno delle proprie facoltà e della libertà del praticare la notte e non rimanga l’inferiore tiran - neggiato dal superiore. . Er noͤthigte die Baronen ihre Schulden zu bezahlen. Da der Herzog von Parma ſeine Glaͤubiger noch immer nicht befriedigte, und der Papſt ſich in Rom nicht zeigen durfte ohne daß man ihm zugerufen haͤtte, er moͤge den Montiſten Gerechtigkeit verſchaffen, da uͤberdieß auch der Biſchof von Caſtro, wie man glaubte, auf Veranſtal - tung der herzoglichen Regierung getoͤdtet worden, ſo wur - den endlich auch in dieſer Sache durchgreifende Schritte45Innocenz X. gethan. Die Guͤter der Farneſen wurden aufs neue zum Verkauf ausgeboten: es gingen Soldaten und Sbirren nach Caſtro, um es im Namen der Montiſten in Beſitz zu neh - men1)Diario Deone 16 Giugno 1649. Il papa in questo ne - gotio sta posto totalmente, e mi disse: non possiamo andare per le strade di Roma, che non si venga gridato dietro che facciamo pagare il duca di Parma. Sono sette anni che non paga, e di questa entrata devon viver molti luoghi pii e vedove e pupilli Man ſieht, daß ſeine Motive nicht verwerflich ſind.. Auch jetzt widerſetzte ſich der Herzog: er machte Verſuche in den Kirchenſtaat vorzudringen. Dieß Mal aber fand er keine Huͤlfe. Innocenz X. ward von den italieniſchen Fuͤrſten nicht mehr gefuͤrchtet, er war, wie wir ſahen, eher ihr Verbuͤndeter. Caſtro wurde genommen und geſchleift: der Herzog mußte ſich bequemen jenes Land der Verwaltung der paͤpſtlichen Kammer zu uͤberlaſſen, die ſich dafuͤr verpflichtete ſeine Glaͤubiger zu befriedigen: er ergab ſich ſogar in die Beſtimmung, daß er das Land ganz verlieren ſolle, wofern er die farneſiſchen Monti binnen 8 Jahren nicht getilgt habe. Das Capital betrug gegen 1,700000, die aufgelaufenen Zinſen gegen 400,000 Sc. Der Herzog ſchien nicht im Stande zu ſeyn eine ſo große Summe aufzubringen. In der Abkunft die uͤbrigens wieder unter ſpaniſcher Vermittelung zu Stande kam lag gleich damals eine erzwungene und nur nicht eingeſtandene Verzichtleiſtung.

In alle dieſen Verhaͤltniſſen erſcheint Innocenz kraͤf - tig, klug und entſchloſſen: er litt aber an einem Fehler, der es ſchwer machte mit ihm auszukommen und ihm ſelbſt ſein Leben verbitterte: er hatte zu Niemand ein unerſchuͤt -46Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.terliches Vertrauen, Gunſt und Ungunſt wechſelten nach den Eindruͤcken des Augenblickes in ihm ab.

Unter andern der Datar Cecchini erfuhr das. Nach - dem er lange die paͤpſtliche Gnade genoſſen, ſah er ſich mit einem Male beargwoͤhnt, angefahren, getadelt, und ſeinem Unterbeamten nachgeſetzt, jenem Mascambruno, dem ſpaͤter die außerordentlichſten Verfaͤlſchungen nachgewieſen wor - den ſind1)Vita del Cl Cecchini scritta da lui medesimo. Scrittura contro monsr Mascambruno, con laquale s’intende che s’instruisca il processo che contro il medesimo si va fabricando; und die noch ausfuͤhrlichere Schrift Pro R. P. D. Mascambruno. MS. .

Aber noch viel empfindlichere Verwickelungen entſtan - den in der paͤpſtlichen Familie ſelbſt, die ſchon ohnehin ent - zweit war.

Innocenz X. hatte nach der Vermaͤhlung Don Ca - millo Pamfilis keinen geiſtlichen Nepoten mehr, was doch ſeit langer Zeit nun einmal zu einer paͤpſtlichen Hofhaltung gehoͤrte. Einſt fuͤhlte er ſein Herz zu beſonderm Wohl - wollen bewegt, als ihm Don Camillo Aſtalli, ein ent - fernter Verwandter ſeines Hauſes, vorgeſtellt wurde. Er faßte den Entſchluß dieſem jungen Menſchen die Wuͤrde eines Cardinal-Nepoten zu uͤbertragen. Er nahm ihn auf in ſein Haus, gab ihm Zimmer in dem Pallaſte und Antheil an den Geſchaͤften. Mit oͤffentlichen Feierlichkeiten, mit Freu - denſchuͤſſen vom Caſtell ließ er dieſe Erhebung ankuͤndigen.

Doch folgte daraus nichts als lauter neue Mißhelligkeit.

Die uͤbrigen Verwandten des Papſtes glaubten ſich zu - ruͤckgeſetzt: ſelbſt die bisher von Innocenz ernannten Car -47Innocenz X. dinaͤle waren mißvergnuͤgt, daß ihnen ein Spaͤter-gekomme - ner vorgezogen wuͤrde1)Diario Deone 10 Sett. 1650. Discorre la corte che’l papa ha perduto il beneficio conferito a tutte le sue creature, che si tengono offese che papa habbia preferito un giovane senza esperienza a tutti loro, tra quali sono huomini di molto valore, segno che tutti l’ha per diffidenti overo inetti alla carica. In einer Schrift Osservationi sopra la futura elettione 1652 wird auch viel daruͤber discurirt. Io credo che sia solamente un ca - priccio che all improviso gli venne conoscendo appena monsr Camillo Astalli. : vornehmlich aber war Donna Olimpia Maidalchina unzufrieden. Sie hatte den jungen Aſtalli gelobt, ſie hatte ihn zum Cardinal vorgeſchlagen; doch hatte ſie niemals geglaubt, daß es ſo weit kommen wuͤrde.

Zuerſt ward nun ſie ſelbſt entfernt. Der weltliche Nepot und deſſen Gemahlin, die, wie ſich ein Zeitgenoſſe ausdruͤckt eben ſo weit uͤber gewoͤhnliche Frauen erhaben war, wie er unter gewoͤhnlichen Maͤnnern ſtand , traten in den Pallaſt ein.

Aber nicht lange vertrugen ſich der natuͤrliche welt - liche und der angenommene geiſtliche Nepot. Die alte Olim - pia ward wieder herbeigerufen um das Haus in Ordnung zu halten.

In kurzem gelangte ſie aufs neue zu ihrem gewohnten Einfluſſe2)Pallavicini: Vita di papa Alessandro VII. La scaltra vecchia passò con breve mezzo dall estremo della disgratia all estremo della gratia. .

In einem Zimmer der Villa Pamfili ſtehn die Buͤ - ſten des Papſtes und ſeiner Schwaͤgerin. Wenn man ſie mit einander vergleicht, die Zuͤge der Frau, welche Ent -48Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.ſchloſſenheit und Geiſt athmen, mit dem milden und aus - drucksloſen Antlitz des Papſtes, ſo wird man inne, wie es nicht allein moͤglich, ſondern ſogar unvermeidlich war, daß er von ihr beherrſcht wurde.

Nachdem ſie aber wieder aufgenommen worden, wollte ſie auch nicht dulden, daß die Vortheile, welche die Stel - lung eines Nepoten mit ſich brachte, einem andern Hauſe als dem ihren zu Theil wuͤrden. Da Aſtalli nicht, wie ſie wuͤnſchte, mit ihr theilte, ſo ruhte ſie nicht, bis er die Gunſt des Papſtes verlor, geſtuͤrzt und aus dem Pallaſte entfernt wurde, bis ſie wieder ohne Nebenbuh - ler Herr im Hauſe war. Dagegen trat ſie, durch Geſchenke beguͤtigt, mit den Barberini, die indeß zuruͤckgekommen, jetzt ſogar in engere Verbindung.

Wie ſehr mußte alle dieſer Wechſel von Gnade und Ungnade, ein ſo unaufhoͤrlicher Hader der naͤchſten vertrau - teſten Umgebung den armen alten Papſt bedraͤngen! Auch der erklaͤrte Bruch kann doch die innere Hinneigung des Gemuͤthes nicht vertilgen: ſie wird dadurch nur unbe - quem und peinlich, ſtatt wie ſie beſtimmt waͤre zu Heiter - keit und Wohlbehagen zu fuͤhren. Ueberdieß fuͤhlte der alte Herr am Ende doch, daß er das Werkzeug weiblicher Herrſch - ſucht und Habgier war: er mißbilligte es, und haͤtte es gern abgeſtellt, doch fuͤhlte er nicht Kraft und Entſchluß dazu: auch wußte er nicht ohne ſie fertig zu werden. Sein Pontificat, das ohne bemerkenswerthe Widerwaͤrtigkeiten dahinging, gehoͤrt ſonſt zu den gluͤcklichern: durch dieſe Uebelſtaͤnde in Familie und Pallaſt iſt es jedoch in ſchlech -ten49Innocenz X. ten Ruf gerathen1)Pallavicini: Fra pretiosi arredi oggetto fetente e stoma - chevole proruppe a varie dimostrationi quasi di smanie. Assai temuto, niente amato, non senza qualche gloria e felicità ne successi esterni, ma inglorioso e miserabile per le continue o tragedie o comedie domestiche. . Innocenz X. ward dadurch per - ſoͤnlich noch mehr, als er es von Natur war, launiſch, wankelmuͤthig, eigenſinnig, ſich ſelber beſchwerlich: noch in ſeinen letzten Tagen finden wir ihn mit Beraubung und neuer Entfernung ſeiner uͤbrigen Verwandten beſchaͤftigt: in dieſem Unmuth ſtarb er, 5. Januar 1655.

Drei Tage lag die Leiche, ohne daß einer ſeiner An - gehoͤrigen, denen es nach dem Gebrauch des Hofes zuge - kommen waͤre, Sorge fuͤr die Beerdigung derſelben getragen haͤtte. Donna Olimpia ſagte, ſie ſey eine arme Witwe, das gehe uͤber ihre Kraͤfte: kein Anderer glaubte dem Ver - ſtorbenen verpflichtet zu ſeyn. Ein Canonicus, der fruͤher in paͤpſtlichen Dienſten geſtanden, aber ſchon lange entfernt worden war, wendete endlich einen halben Scudo daran, und ließ ihm die letzte Ehre erweiſen.

Glauben wir aber nicht, daß dieſe haͤuslichen Mißver - haͤltniſſe bloß perſoͤnliche Folgen gehabt haͤtten.

Es liegt am Tage, daß die Nepotenregierung, die in den vorhergegangenen Pontificaten eine ſo vollkommene Gewalt in dem Staate, einen ſo maͤchtigen Einfluß auf die Kirche ausgeuͤbt hatte, nachdem ſie ſchon in den letz - ten Jahren Urbans VIII. einen ſtarken Stoß erlitten, jetzt nicht einmal mehr zur Darſtellung gekommen war und ſich ihrem Sturze naͤherte.

Päpſte** 450Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.

Alexander VII. und Clemens IX.

Sogleich das Conclave bot einen ungewohnten An - blick dar.

Mit zahlreichen Schaaren ergebener Creaturen waren bisher die Nepoten erſchienen um die neue Wahl zu be - herrſchen: Innocenz X. hinterließ keinen Nepoten der die Cardinaͤle ſeiner Wahl zuſammengehalten, zu einer Faction vereinigt haͤtte. Jenem Aſtalli, der das Ruder nur eine kurze Zeit gefuͤhrt und keinen herrſchenden Einfluß aus - geuͤbt hatte, waren ſie ihre Befoͤrderung nicht ſchuldig, konnten ſie ſich auch nicht verpflichtet fuͤhlen. Seit un - vordenklicher Zeit zum erſten Male traten die neuen Car - dinaͤle mit unbeſchraͤnkter Freiheit in das Conclave ein. Man ſchlug ihnen vor, ſich von freien Stuͤcken unter ein Haupt zu vereinigen: ſie ſollen geantwortet haben, ein je - der habe Haupt und Fuͤße fuͤr ſich ſelbſt. Es waren groͤß - tentheils ausgezeichnete Maͤnner, von unabhaͤngiger Ge - muͤthsart; die ſich wohl auch zuſammenhielten man bezeichnete ſie mit dem Titel des Squadrone volante1)Pallavicini nennt folgende als Verbundene: Imperiale, Omodei, Borromei, Odeſcalco, Pio, Aquaviva, Ottobuono, Albizi, Gualtieri, Azzolini. Den Namen Squadrone brachte der ſpaniſche Geſandte auf. aber die nun nicht mehr den Winken eines Nepoten, ſon - dern ihrer Ueberzeugung und Einſicht folgen wollten.

Noch an dem Sterbelager Innocenz X. rief einer von ihnen, Cardinal Ottobuono, aus: wir muͤſſen einen recht -51Alexander VII. ſchaffenen Mann ſuchen. Sucht ihr einen rechtſchaffenen Mann , entgegnete ein anderer von ihnen, Azzolino, dort ſteht ein ſolcher : er zeigte auf Chigi1)Se vogliamo un uomo da bene, quegli è desso, et ad - ditò Cl Chigi, che era indi lontano alquanto nella medesima camera (Pallavicini). . Nicht allein hatte ſich Chigi uͤbrigens den Ruf eines geſchickten und wohl - geſinnten Mannes erworben, ſondern ſich auch beſonders als einen Gegner der Mißbraͤuche der bisherigen Regierungs - form gezeigt, die freilich niemals ſchreiender geweſen waren. Dieſen Freunden gegenuͤber fand er jedoch auch, beſonders in den Franzoſen, maͤchtige Widerſacher. Als ſich Mazarin, durch die Unruhen der Fronde aus Frankreich vertrieben, an den deutſchen Grenzen ruͤſtete, um ſich mit den Waffen in den Beſitz der verlorenen Gewalt zu ſetzen, hatte er bei Chigi, der damals Nuntius in Coͤln war, nicht die Foͤr - derung gefunden auf die er rechnen zu duͤrfen glaubte: er hegte ſeitdem perſoͤnlichen Widerwillen gegen denſelben. Da her kam es daß es doch viel Muͤhe koſtete: die Wahl - kaͤmpfe dauerten wieder einmal ſehr lange; endlich aber drangen die neuen Mitglieder des Collegiums, die Squa - droniſten durch: am 7. April 1655 ward Fabio Chigi er - waͤhlt: er nannte ſich Alexander VII.

Dem neuen Papſt war ſchon durch den Grundgedan - ken, der zu ſeiner Erhebung Anlaß gegeben hatte, die Ver - pflichtung aufgelegt ein anderes Regiment zu fuͤhren als ſeine naͤchſten Vorfahren: auch ſchien er dazu entſchloſſen zu ſeyn.

Eine geraume Zeit ließ er ſeine Nepoten nicht nach4*52Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.Rom kommen, er ruͤhmte ſich daß er ihnen keinen Pfen - nig zufließen laſſe: ſchon flocht ſein Beichtvater Pallavicini, der damals die Geſchichte des tridentiniſchen Conciliums ſchrieb, eine Stelle in ſein Werk ein, in welcher er Ale - xander VII. beſonders wegen dieſer Enthaltſamkeit gegen ſein Blut einen unſterblichen Ruhm verkuͤndigte1)Populus, ſagt er in der lateiniſchen Lebensbeſchreibung Alexanders VII, qui prae multis vectigalibus humeris sibi ferre videbatur recentiores pontificias domos tot opibus onustas, huic Alexandri Smi magnanimitati mirifice plaudebat; inexpli - cabili detrimento erat et sacro imperio distributione minus aequa beneficiorum et perpetuis populi oneribus. Relatione de IV ambasciatori 1655. E continenza sin ora eroica quella di che S. S si mostra armata, escludendo dall adito di Roma il fra - tello, i nepoti e qualunque si pregia di congiontione di sangue seco: et è tanto più da ammirarsi questa parsimonia d’affetti verso i suoi congiunti quanto che non è distillata nella mente dalle persuasioni, ma è volontaria e natavi per propria elet - tione. .

Es wird jedoch niemals leicht ſeyn, eine Gewohnheit die einmal eingeriſſen iſt, zu verlaſſen: ſie wuͤrde ja nicht haben herrſchend werden koͤnnen, wenn ſie nicht auch eini - ges Empfehlungswerthe, Natuͤrliche haͤtte: an jedem Hofe werden ſich Leute finden die dieß hervorheben, und bei dem Herkoͤmmlichen, waͤre der Mißbrauch gleich in die Augen fallend, feſtzuhalten ſuchen.

Allmaͤhlig ſtellte Einer und der Andere Alexander dem VII. vor, es ſey nicht anſtaͤndig fuͤr paͤpſtliche Verwandte einfache Buͤrger einer Stadt zu bleiben, auch ſey das ja gar nicht moͤglich, in Siena laſſe man ſich doch nicht abhal - ten ſeinem Hauſe fuͤrſtliche Ehre zu erweiſen, und leicht koͤnne er dadurch den h. Stuhl in Mißverhaͤltniſſe mit Tos -53Alexander VII. cana verwickeln: Andere beſtaͤtigten dieß nicht allein, ſie fuͤgten hinzu, der Papſt werde ein noch beſſeres Bei - ſpiel geben, wenn er ſeine Verwandten zwar annehme, aber in Schranken zu halten wiſſe, als wenn er ſie ganz entferne: den meiſten Eindruck aber machte ohne Zweifel der Rector des Jeſuitencollegiums Oliva, der geradezu erklaͤrte, der Papſt begehe eine Suͤnde, wenn er ſeine Nepoten nicht her - beirufe: zu einem bloßen Miniſter wuͤrden die fremden Geſandten niemals ſo viel Vertrauen haben, wie zu einem Blutsverwandten des Papſtes: der h. Vater werde um ſo viel ſchlechter unterrichtet werden und ſein Amt nicht ſo gut verwalten koͤnnen1)Scritture politiche etc. Un giorno Oliva prese occa - sione di dire al padre Luti P. Luti war mit dem Papſt auf - gewachſen, beſuchte ihn haͤufig, und wuͤnſchte die Berufung der Ne - poten che il papa era in obligo sotto peccato mortale di chiamare a Roma i suoi nepoti. Dann fuͤhrte er jene Gruͤnde an..

Kaum bedurfte es ſo vieler Gruͤnde, um den Papſt zu bewegen, der ohnehin dahin neigte: am 24. April 1656 ſtellte er in dem Conſiſtorium die Frage auf, ob es den Cardinaͤlen ſeinen Bruͤdern gut ſcheine, daß er ſich ſeiner Verwandten zum Dienſte des apoſtoliſchen Stuhles bediene. Man wagte nicht zu widerſprechen: kurz darauf langten ſie an2)Pallavicini: In quei primi giorni i partiali d’Alessandro non potean comparir in publico senza soggiacere a mordaci scherni. . Der Bruder des Papſtes Don Mario bekam die eintraͤglichſten Aemter, die Aufſicht uͤber die Annona, die Gerechtigkeitspflege im Borgo: deſſen Sohn Flavio ward Cardinal Padrone und hatte in kurzem 100000 Sc. geiſtli -54Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.cher Einkuͤnfte: ein anderer Bruder des Papſtes, den derſelbe beſonders geliebt, war bereits geſtorben: deſſen Sohn Ago - ſtino ward zur Gruͤndung der Familie auserſehen: mit den ſchoͤnſten Beſitzthuͤmern, dem unvergleichlichen Ariccia, dem Principat Farneſe, dem Pallaſt an Piazza Colonna, vielen Luoghi di Monte ward er nach und nach ausgeſtattet, und mit einer Borgheſe vermaͤhlt1)Vita di Alessandro VII 1666. Il principato Farnese, che vale 100m scudi, la Riccia, che costa altrettanto, il palazzo in piazza Colonna, che finito arriverà ad altri 100m sc., for - mano bellissimi stabili per Don Augustino, et aggiuntovi i luo - ghi di monte et altri officii comprati faranno gli stabili di una sola testa più di mezzo milione, senza le annue rendite di 25m sc. che gode il commendator Bichi, e senza ben 100m e più sc. d’entrata che ogni anno entrano nella borsa del Cl Chigi. Das ſind natuͤrlich Berechnungen wie man ſie damals im Geſpraͤch des Ta - ges anſtellen mochte und denen kein hoͤherer Werth zuzuſchreiben iſt.. Ja dieſe Gunſt ward auch auf entferntere Verwandte, z. B. den Commendatore Bichi, der zuweilen in dem Kriege von Candia erſcheint, auf die Saneſen uͤberhaupt ward ſie ausgedehnt.

Und ſo ſchien wohl alles geworden zu ſeyn, wie es fruͤher war. Indeſſen war dieß doch nicht der Fall.

Flavio Chigi beſaß bei weitem nicht die Autoritaͤt Pietro Aldobrandinos oder Scipione Caffarellis oder Franz Barberinos: auch ſtrebte er nicht danach: es hatte fuͤr ihn keinen Reiz, zu regieren: er beneidete eher ſeinen weltlichen Vetter Agoſtino, dem ohne viel Muͤhe und Arbeit der weſentliche Genuß zuzufallen ſchien.

Ja Alexander VII. ſelbſt regierte lange nicht mehr mit der alleinherrſchenden Eigenmacht ſeiner Vorfahren.

Noch unter Urban VIII. ward eine Congregatione di55Alexander VII. ſtato eingerichtet, in der die wichtigſten allgemeinen Staats - angelegenheiten durch Berathung zum Beſchluß gebracht werden ſollten, doch wollte ſie da noch wenig bedeuten. Unter Innocenz X. ward ſie ſchon um vieles wichtiger. Pancirolo, Secretaͤr dieſer Congregation, der erſte ausge - zeichnete Mann in dieſer Wuͤrde der ihr ſpaͤteres Anſehen begruͤndete, hatte bis zu ſeinem Tode den groͤßten Antheil an der Regierung Innocenz X; und ihm vor allem wird es zugeſchrieben, daß ſich damals kein Nepot in der Ge - walt feſtſetzen konnte. Chigi ſelbſt bekleidete eine Zeit lang dieſe Stelle. Jetzt erlangte ſie Rospiglioſi. Er hatte die auswaͤrtigen Geſchaͤfte bereits vollkommen in ſeinen Haͤn - den. Neben ihm war Cardinal Corrado von Ferrara in Sachen der kirchlichen Immunitaͤt maͤchtig; die Leitung der geiſtlichen Orden hatte Monſignore Fugnano; theologiſche Fragen entſchied Pallavicin. Die Congregationen, welche unter den fruͤhern Paͤpſten wenig bedeutet, gelangten wieder zu Anſehen und eigenthuͤmlicher Wirkſamkeit. Schon hoͤrte man behaupten: dem Papſte ſtehe eigentlich nur in geiſtli - chen Sachen die abſolute Selbſtentſcheidung zu: in allen weltlichen Geſchaͤften dagegen, wenn er Krieg anfangen, Frie - den ſchließen, ein Land veraͤußern, eine Auflage einfordern wolle, muͤſſe er die Cardinaͤle um Rath fragen1)Giac. Quirini. I cardinali, particolarmente Cl Albicci, pretendevano che il papa potesse disporre d’indulgenze, ma per pace e guerra, alienatione di stati, impositione di ga - belle dovrebbe ricorrere ai cardinali. . In der That nahm Papſt Alexander VII. an der Staatsverwal - tung nur wenig thaͤtigen Antheil. Zwei Monat ging er56Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.aufs Land nach Caſtelgandolfo, wo dann die Geſchaͤfte ge - fliſſentlich vermieden wurden: wenn er in Rom war, wur - den die Nachmittage der Literatur gewidmet: Schriftſteller erſchienen, laſen ihre Werke vor; der Papſt liebte es ſeine Verbeſſerungen anzubringen. Auch in den Fruͤhſtunden war es ſchwer, fuͤr eigentliche Geſchaͤfte bei ihm Audienz zu be - kommen. Ich diente , ſagt Giacomo Quirini, 42 Monat bei Papſt Alexander: ich erkannte, daß er nur den Namen eines Papſtes hatte, nicht der Gebrauch des Papſtthums. Von jenen Eigenſchaften, die er als Cardinal entwickelt, Lebhaftigkeit des Geiſtes, Talent zur Unterſcheidung, Ent - ſchloſſenheit in ſchwierigen Faͤllen, Leichtigkeit ſich auszu - druͤcken, fand man keine Spur mehr: die Geſchaͤfte wur - den von der Hand gewieſen: er dachte nur darauf in un - geſtoͤrter Seelenruhe zu leben 1)datosi quel capo alla quiete dell animo, al solo pen - siere di vivere, e con severo divieto ripudiato il negotio. .

Zuweilen empfand und mißbilligte auch Alexander die - ſen Zuſtand. Wenn ſeine Unterhandlungen mißgluͤckten, gab er es den Intereſſen der Cardinaͤle Schuld. Noch in ſei - nem Irrereden kurz vor ſeinem Tode hoͤrte man ihn davon ſprechen.

Da es aber die Natur, der Gang der Dinge ſo mit ſich brachte, ſo blieb es nun auch ferner dabei.

Jene Cardinaͤle des Squadrone, die zur Wahl Ale - xanders VII. das Meiſte beigetragen, und unter ſeiner gan - zen Regierung ein großes Anſehen behauptet hatten, gaben auch nach dem Tode deſſelben in dem neuen Conclave den Ausſchlag. Nur daß ſie dieß Mal mehr im Einverſtaͤnd -57Clemens IX. niſſe mit Frankreich waren. Am 20. Juni 1667 ward der bisherige Staatsſecretaͤr Rospiglioſi unter dem Namen Cle - mens IX. auf den paͤpſtlichen Thron erhoben1)Quirini. Dalle pratiche di volanti, ch’in vero ebbero il merito della presente elettione, successe che Chigi con mal re - golato consiglio e fuori di tempo et ordine si dichiarò in sala regia nell entrare in capella allo scrutinio, che acconsentiva alla nomina di Rospigliosi. Ottoboni inanzi dell adora - tione fu dichiarato prodatario, Azzolini segretario di stato. .

Alle Stimmen vereinigten ſich, daß es der beſte, guͤ - tigſte Menſch ſey der ſich nur finden laſſe. Wohl war er nicht ſo thaͤtig wie wohlgeſinnt: man verglich ihn mit ei - nem Baume von vollkommenem Geaͤſte, welcher Laub die Fuͤlle und vielleicht auch Bluͤthen aber keine Fruͤchte her - vorbringe: aber alle jene moraliſchen Tugenden die auf einer Abweſenheit von Fehlern beruhen, Reinheit der Sitten, Be - ſcheidenheit, Maͤßigung, beſaß er in hohem Grade. Er war der erſte Papſt der in der Beguͤnſtigung ſeiner Nepoten wirklich Maaß hielt. Sie wurden nicht geradezu entfernt gehalten, ſie bekamen die gewoͤhnlichen Stellen und ſtifteten ſelbſt eine neue Familie: aber dieß geſchah nur dadurch, daß ſich eine Gelegenheit fand einen jungen Rospiglioſi mit einer reichen Erbin, einer Pallavicina von Genua, zu vermaͤhlen. Die Beguͤnſtigungen, die ſie von ihrem Oheim genoſſen, waren ſehr gemaͤßigt: das oͤffentliche Ver - moͤgen eigneten ſie ſich nicht an, es waͤre denn, daß ihnen Luoghi di Monte gegeben worden waͤren: die Geſchaͤfte, die Gewalt theilten ſie nicht unter ſich.

Hierin liegt nun die groͤßte Umwandlung.

Bisher waren bei jeder Thronbeſteigung die Beamten58Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.entweder ſaͤmmtlich oder doch groͤßtentheils veraͤndert wor - den: der Charakter, die Bewegung des Hofes beruhten darauf: zuerſt Clemens IX. ſtellte dieß ab: er wollte Nie - mand mißvergnuͤgt machen: außer in einigen wenigen ho - hen Stellen beſtaͤtigte er alle Beamte die er fand1)Grimani: Relatione. I suoi corteggiani sono mal so - disfatti, per non haver volsuto rimuovere alcuno de ministri et officiali di quelli dell antecedente pontefice, come sempre costu - marono di far gli altri pontefici. Schon tadelt man das, weil er ſeine Nepoten ohne die gehoͤrige Stuͤtze laſſen werde. Quelli che ha - vevano ricevute le cariche di Alessandro VII, benchè non ri - mossi da Clemente, conserveranno l’obligatione agli eredi di Alessandro. . In jenen ſetzte er Cardinaͤle wie Ottobuono und Azzolino ein, Mitglieder des Squadrone, die die letzten Wahlen geleitet und ohnehin maͤchtig. Die bisherigen Nepoten zu verfol - gen, wie es bei ſo vielen Pontificaten uͤblich geweſen, war er weit entfernt: die Empfehlungen Flavio Chigi’s galten bei ihm nicht viel weniger als unter Alexander: die Be - guͤnſtigungen gingen ferner durch die Hand deſſelben: es blieb alles wie es war.

Wie ſehr ſahen ſich die Landsleute des Papſtes, die Piſtojeſen getaͤuſcht. Sie hatten auf Beguͤnſtigungen ge - rechnet, wie ſie ſo vielen Saneſen ſo eben zu Theil gewor - den: ſie hatten, ſagt man, ſo viele ihrer in Rom waren, ſchon vornehme Sitten angenommen und angefangen auf Edelmannsparole zu ſchwoͤren: wie ſchmerzlich erſtaunten ſie, daß die Stellen auf welche ſie hofften, nicht einmal erledigt, geſchweige denn ihnen zugetheilt wurden.

Wohl ließ auch Clemens IX. die Freigebigkeit nicht vermiſſen, mit der die Paͤpſte ihre Thronbeſteigung zu59Clemens IX. bezeichnen pflegten: er ging darin ſogar ungewoͤhnlich weit: in ſeinem erſten Monat hat er uͤber 600000 Sc. ver - ſchenkt. Aber dieß kam weder ſeinen Landsleuten zu Gute, noch ſelbſt ſeinen Nepoten, denen man ſogar Vorſtellungen uͤber dieſe Vernachlaͤſſigung ihrer Intereſſen machte1)considerandogli che con tanta profusione d’oro e d’ar - gento una lunga catena per la povertà della loro casa lavora - vano (Quirini). , ſon - dern es ward unter die Cardinaͤle, unter die vorwaltenden Mitglieder der Curie uͤberhaupt vertheilt. Schon wollte man glauben, es ſeyen Stipulationen des Conclave dabei im Spiele, doch findet ſich davon keine deutliche Spur.

Es entſpricht auch dieß vielmehr der allgemeinen Entwickelung, wie ſie ſich waͤhrend dieſer Epoche faſt in dem geſammten uͤbrigen Europa vollzog.

Es hat keine Zeit gegeben welche der Ariſtokratie guͤn - ſtiger geweſen waͤre, als die Mitte des ſiebzehnten Jahr - hunderts: wo uͤber den ganzen Umfang der ſpaniſchen Mo - narchie hin die Gewalt wieder in die Haͤnde des hoͤchſten Adels gerieth, dem ſie fruͤhere Koͤnige entzogen hatten; wo die engliſche Verfaſſung unter den gefaͤhrlichſten Kaͤm - pfen den ariſtokratiſchen Charakter ausbildete, den ſie bis in unſere Zeiten behalten; die franzoͤſiſchen Parlamente ſich uͤberredeten, eine aͤhnliche Rolle ſpielen zu koͤnnen wie das engliſche; in allen deutſchen Territorien der Adel ein entſchiedenes Uebergewicht bekam, ein und das andere aus - genommen, in welchem ein tapferer Fuͤrſt unabhaͤngige Be - ſtrebungen durchfocht; wo die Staͤnde in Schweden nach einer unzulaͤßigen Beſchraͤnkung der hoͤchſten Gewalt trach -60Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.teten, und der polniſche Adel zu vollkommener Autonomie gelangte. So geſchah es nun auch in Rom: eine zahl - reiche, maͤchtige und reiche Ariſtokratie umgibt den paͤpſt - lichen Thron; die ſchon gebildeten Geſchlechter beſchraͤnken das aufkommende; aus der Selbſtbeſtimmung und durch - greifenden Kuͤhnheit der Monarchie geht die geiſtliche Ge - walt in die Berathung, Ruhe und Gemaͤchlichkeit einer ariſtokratiſchen Verfaſſung uͤber.

Unter dieſen Umſtaͤnden nahm der Hof eine veraͤn - derte Geſtalt an. In jenem unaufhoͤrlichen Zuſtroͤmen der Fremden, die daſelbſt ihr Gluͤck ſuchten, in dem ewigen Wechſel der Emporkoͤmmlinge trat ein ſehr bemerklicher Stillſtand ein; es hatte ſich eine ſtehende Population ge - bildet, deren Erneuerung in einem bei weitem geringeren Maaße Statt fand. Werfen wir einen Blick auf die - ſelbe.

Elemente der römiſchen Bevölkerung.

Fangen wir von den hoͤchſten Kreiſen an, die wir eben beruͤhrten.

Da bluͤhten noch jene altberuͤhmten roͤmiſchen Ge - ſchlechter: Savelli, Conti, Orſini, Colonna, Gaetani. Die Savelli beſaßen noch ihre alte Gerichtsbarkeit der Corte Savella, mit dem Rechte alle Jahr einen Verbrecher von der Todesſtrafe zu befreien1)Discorso del dominio temporale e spirituale del sommo pontefice 1664. ; die Damen des Hauſes verließen nach unvordenklichem Herkommen ihren Pallaſt61Elemente der roͤmiſchen Bevoͤlkerung.entweder niemals, oder doch nur in dicht verſchloſſener Car - roſſe. Die Conti bewahrten in ihren Vorſaͤlen die Bil - der der Paͤpſte die aus ihrem Hauſe entſproſſen waren. Nicht ohne Selbſtgefuͤhl erinnerten ſich die Gaetani an Bo - nifacius VIII: ſie meinten, und man war geneigt es ihnen zuzugeſtehn, der Geiſt dieſes Papſtes ruhe auf ihnen. Colonna und Orſini ruͤhmten ſich, daß Jahrhunderte lang kein Friede zwiſchen den chriſtlichen Fuͤrſten geſchloſſen wor - den, in welchen man ſie nicht namentlich eingeſchloſſen haͤtte1)Descrittione delle famiglie nobili Romane, MS auf der Marcusbibliothek VI, 237 und 234.. Wie maͤchtig ſie aber auch fruͤher geweſen ſeyn mochten, ſo verdankten ſie doch ihre damalige Bedeutung vor allem ihrer Verbindung mit der Curie und den Paͤp - ſten. Obwohl die Orſini die ſchoͤnſten Beſitzungen hatten, die ihnen bei 80000 Sc. haͤtten einbringen ſollen, ſo wa - ren ſie doch durch eine nicht wohl berechnete Freigebigkeit ſehr heruntergekommen, und bedurften der Unterſtuͤtzung aus geiſtlichen Aemtern. Der Conteſtabile Don Filippo Co - lonna hatte ſeine Vermoͤgensumſtaͤnde eben erſt durch die Erlaubniß Urbans VIII. die Zinſen ſeiner Schuld herab - zuſetzen, und durch die geiſtlichen Pfruͤnden zu denen vier Soͤhne von ihm befoͤrdert wurden, wiederherzuſtellen ver - mocht2)Almaden: Relatione di Roma. Il primogenito è Don Federico principe di Botero: il secondo Don Girolamo cardi - nale, cuore del padre e meritamente per esser signore di tutta bontà: il terzo Don Carlo, il quale dopo diversi soldi di Fian - dra e di Germania si fece monaco ed abate Casinense: il quarto Don Marc Antonio, accasato in Sicilia: il quinto Don Prospero.

62Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.

Denn ſchon lange war es herkoͤmmlich, daß die neu - aufkommenden Geſchlechter mit dieſen altfuͤrſtlichen Fami - lien in genaue Beziehung traten.

Unter Innocenz X. beſtanden eine Zeit lang gleichſam zwei Factionen, zwei große Verwandtſchaften. Mit den Pamfili waren Orſini, Ceſarini, Borgheſi, Aldobrandini, Ludoviſi, Giuſtiniani vereinigt; ihnen gegenuͤber Colonne - ſen und Barberini. Durch die Verſoͤhnung der Donna Olimpia mit den Barberini ward die Vereinigung allge - mein: ſie umſchloß alle namhaften Geſchlechter.

Eben in dieſem Kreiſe bemerken wir jetzt eine Ver - aͤnderung. Fruͤher hatte die regierende Familie alle Mal die große Rolle geſpielt, die Vorgaͤnger verdraͤngt, durch die Erwerbung groͤßerer Reichthuͤmer in Schatten geſtellt. Jetzt war dieß nicht mehr moͤglich: einmal weil die aͤltern Haͤuſer durch wechſelſeitige Verheirathungen oder durch gute Wirthſchaft ſchon allzureich geworden waren, ſodann auch weil die Schaͤtze des Papſtthums ſich allmaͤhlich erſchoͤpf - ten. Die Chigi konnten nicht mehr daran denken, ihre Vorgaͤnger zu uͤberbieten: die Rospiglioſi waren weit ent - fernt danach zu trachten: ſchon genug, wenn ſie dahin ge - langten unter ſie aufgenommen zu werden.

In irgend einem geiſtigen Product, einer Sitte, einem Gebrauch wird ſich jede Geſellſchaft darſtellen, ſo zu ſagen, abſpiegeln: das merkwuͤrdigſte Product dieſer roͤmiſchen Ge - ſellſchaft und ihres Lebens unter einander war das Cere - moniell des Hofes. Nie hat es uͤberhaupt eine Epoche ge -2)commendatore di S. Giovanni: il sesto Don Pietro abbate se - colare Stroppio della persona, ma altrettanto fatica d’ingegno. 63Elemente der roͤmiſchen Bevoͤlkerung.geben in welcher man ſtrenger auf das Ceremoniell gehalten haͤtte als damals; es entſpricht den ariſtokratiſchen Ten - denzen derſelben uͤberhaupt; daß es in Rom ſo vorzugs - weiſe ausgebildet ward, mag daher ruͤhren, weil dieſer Hof den Vorrang vor allen andern in Anſpruch nahm, und dieß in gewiſſen Aeußerlichkeiten auszudruͤcken ſuchte1)Ueber dieſe Verſuche klagt unter andern 1627 23. Febr. der franzoͤſiſche Geſandte Bethune bei Siri Memorie rec. VI, p. 262. weil auch hier die Geſandten von Frankreich und Spanien von jeher um den Vortritt geſtritten hatten. Da gab es denn unzaͤhlige Rangſtreitigkeiten: zwiſchen den Geſandten und den hoͤhern Beamten z. B. dem Governatore; zwi - ſchen den Cardinaͤlen die zugleich in der Rota ſaßen, und den uͤbrigen; zwiſchen ſo vielen andern Corporationen von Beamten; zwiſchen den verſchiedenen Geſchlechtern, z. B. Orſini und Colonnen. Papſt Sixtus V. hatte vergebens beſtimmt, daß immer der aͤlteſte aus beiden Haͤuſern den Vortritt haben ſollte: war dieß ein Colonna, ſo erſchienen die Orſini nicht; war es ein Orſino, ſo blieben die Co - lonna weg: aber ihnen ſelbſt raͤumten Conti und Savelli nur ungern und unter unaufhoͤrlichen Proteſtationen den hoͤhern Rang ein. Die Unterſcheidungen waren auf das genaueſte beſtimmt; den Verwandten des Papſtes z. B. wurden bei ihrem Eintritt in die paͤpſtlichen Gemaͤcher beide Fluͤgel der Thuͤre eroͤffnet, andere Baronen oder Cardinaͤle mußten ſich mit einem begnuͤgen. Eine ſonderbare Art von Ehrenbezeugung hatte ſich eingefuͤhrt: man hielt mit ſeiner Carroſſe an, wenn man dem Wagen eines Hoͤheren, eines Goͤnners begegnete. Es war, wie man behauptet, zuerſt64Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.Marcheſe Mattei, der dem Cardinal Aleſſandro Farneſe dieſe Ehre erwies: auch dieſer Cardinal hielt alsdann an, und ſie ſprachen einige Worte1)In der Barberina ſah ich einen beſondern Aufſatz hieruͤber: Circa il fermar le carrozze per complimento e come s’introdusse in uso. . Bald folgten Andere dem Bei - ſpiel. Die Botſchafter empfingen dieſen Beweis von Hoch - achtung von ihren Landsleuten: es ward ein allgemeiner Ge - brauch, ſo hoͤchſt unbequem er auch war, eine allgemeine Pflicht. Eben an das Nichtsbedeutende haͤngt ſich die Ei - genliebe am ſtaͤrkſten: man iſt damit entſchuldigt, daß man ſeinen Angehoͤrigen oder den Gleichgeſtellten nichts verge - ben duͤrfe.

Gehn wir eine Stufe weiter herab.

In der Mitte des 17. Jahrhunderts rechnete man in Rom ungefaͤhr funfzig adliche Familien die 300, fuͤnf und dreißig die 200, ſechszehn die 100 Jahr alt ſeyen. Hoͤ - her hinauf wollte man keine gelten laſſen, und auch dieſen ſchrieb man ein geringfuͤgiges und niedriges Herkommen zu2)Almaden: La maggior parte delle famiglie oggi stimate a Roma nobili vengono da basso principio, come da notaro, speziale che sarebbe da sopportare, ma dell arte puzzolente della concia di corame. Io benchè sappia particolarmente l’o - rigine, non però lo scrivo per non offendere alcuno. . Urſpruͤnglich war ein großer Theil von ihnen in der Campagna angeſeſſen. Ungluͤcklicher Weiſe aber ließen ſie ſich, wie wir ſchon beruͤhrten, in der Zeit, in welcher die Luoghi di Monte hohe Zinſen trugen, verleiten ihre Guͤ - ter großentheils an die Nepotenfamilien zu verkaufen und den Ertrag in den paͤpſtlichen Monti anzulegen. Anfangsſchien65Elemente der roͤmiſchen Bevoͤlkerung.ſchien dieß kein unbedeutender Vortheil. Die Nepoten be - zahlten ſehr gut, oſtmals uͤber den Werth: die Zinſen aus den Luoghi di Monte, die man ohne Muͤhe einzog, beliefen ſich hoͤher, als der Ueberſchuß der ſorgfaͤltigſten Bearbeitung des Landes geſtiegen ſeyn wuͤrde. Jedoch wie bald beka - men ſie zu fuͤhlen, daß ſie liegende Gruͤnde in fluͤchtige Ca - pitalien umgewandelt hatten. Alexander VII. ſah ſich zu Reductionen der Monti veranlaßt, durch welche der Credit erſchuͤttert wurde und der Werth der Luoghi gewaltig ſank. Es war keine Familie die nicht dabei verloren haͤtte.

Neben ihnen erhoben ſich aber zahlreiche andere neue Geſchlechter. Eben wie die Paͤpſte verfuhren auch die Car - dinaͤle und Praͤlaten der Curie, ein jeder natuͤrlich nach dem Maaße ſeines Vermoͤgens. Auch ſie verſaͤumten nicht aus dem Ueberſchuſſe der kirchlichen Einkuͤnfte ihre Nepoten zu bereichern, Familien zu gruͤnden. Andere erhoben ſich durch Anſtellungen in der Juſtiz. Nicht wenige kamen als Wechs - ler durch die Geſchaͤfte der Dataria empor. Man zaͤhlte in unſerer Zeit 15 florentiniſche, 11 genueſiſche, 9 portu - gieſiſche, 4 franzoͤſiſche Familien die hiedurch in Aufnahme gekommen, mehr oder weniger, je nachdem ſie Gluͤck und Talent gehabt: einige unter ihnen, deren Ruf nicht mehr von den Geſchaͤften des Tages abhing, Koͤnige des Gel - des unter Urban VIII. die Guicciardini, Doni, denen ſich Giuſtiniani, Primi, Pallavicini zugeſellten1)Almaden: Non passano ancora la seconda generatione di cittadinanza Romana, son venute da Fiorenza e Genova coll occasione del danaro molte volte mojono nelle fascie. . Auch ohne Geſchaͤfte dieſer Art wanderten noch immer angeſehenePäpſte** 566Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.Familien ein, nicht allein von Urbino, Rieti, Bologna, ſondern auch von Parma und Florenz. Die Einrichtung der Monti und die kaͤuflichen Aemter luden dazu ein. Lange Zeit waren die Luoghi di Monte ein ſehr geſuchter Beſitz: beſonders die vacabili, die eine Art Leibrenten bilden ſoll - ten und deshalb 10½ Proc. Zinſen trugen, aber nicht al - lein in der Regel von den Aeltern auf die Juͤngern uͤber - tragen, ſondern auch, wenn man dieß verſaͤumt hatte, ge - radezu vererbt wurden: ohne Schwierigkeit bot die Curie ihre Hand dazu. Nicht anders ging es mit den kaͤuflichen Aemtern. Sie haͤtten mit dem Tode des Inhabers an die Kammer zuruͤckfallen ſollen: deshalb war der Ertrag den ſie abwarfen, im Verhaͤltniß zu dem urſpruͤnglich eingezahlten Capital ſo bedeutend, und doch in der That reine und wahre Rente, da dem Inhaber keine Pflicht der Verwaltung ob - lag: aber ohne viel Schwierigkeit konnte auch hier die Uebertragung bewirkt werden. Manches Amt iſt ein Jahr - hundert lang nicht wieder vacant geworden.

Die Vereinigung der Beamten, der Montiſten in Col - legien gab ihnen eine gewiſſe Repraͤſentation, und obwohl man ihnen ihre Rechte nach und nach verkuͤmmerte, ſo hat - ten ſie doch immer eine ſelbſtaͤndige Stellung. Das ari - ſtokratiſche Princip, mit Credit - und Staatsſchuldenweſen merkwuͤrdig verſchmolzen, das dieſen ganzen Staat durch - drang, war auch ihnen foͤrderlich. Fremde fanden ſie doch zuweilen allzu anmaßend.

Um ſo viele beſitzende, emporſtrebende, nach und nach immer mehr fixirte Geſchlechter her, denen die Einkuͤnfte der Kirche uͤberhaupt zu Gute kamen, bildete ſich nun67Elemente der roͤmiſchen Bevoͤlkerung.auch die geringere Volksclaſſe immer zahlreicher und fe - ſter an.

Wir haben Liſten der roͤmiſchen Bevoͤlkerung uͤbrig, aus deren Vergleichung in den verſchiedenen Jahren ſich fuͤr die Bildung derſelben ein recht merkwuͤrdiges Reſultat ergibt. Nicht daß ſie im Ganzen ſehr raſch geſtiegen waͤre: dieß koͤnnte man nicht ſagen: im Jahre 1600 fin - den wir gegen 110000, ſechs und funfzig Jahre darnach etwas uͤber 120000 Einwohner, und dieſer Fortſchritt hat nichts Außerordentliches: aber es bildete ſich hier ein an - deres, der Bemerkung werthes Verhaͤltniß. Fruͤher war die roͤmiſche Einwohnerſchaft ſehr fluͤchtig geweſen: von 80000 ſank die Seelenzahl unter Paul IV. auf 50000; wenige Jahrzehnte darauf erhob ſie ſich uͤber 100000. Das ruͤhrte daher weil es meiſt ledige Maͤnner waren, die den Hof bildeten, welche keine bleibende Staͤtte daſelbſt hat - ten. Jetzt fixirte ſich die Bevoͤlkerung in anſaͤßigen Familien. Schon gegen Ende des ſechszehnten Jahrhunderts fing dieß an: hauptſaͤchlich aber geſchah es in der erſten Haͤlfte des ſiebzehnten. Rom hatte

  • im Jahre 1600 109729 Einw. und 20019 Familien;
  • 1614 115643 21422
  • 1619 106050 24380
  • 1628 115374 24429
  • 1644 110608 27279
  • 1653 118882 29081
  • 1656 120596 30103

    1)Die Verzeichniſſe aus denen dieſe Zahlen gezogen ſind, fin -

    .
5*68Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.

Wir ſehen, die allgemeine Anzahl der Einwohner nimmt in einem und dem andern Jahre ſogar wieder ab: in regel - maͤßigem Fortſchritte dagegen vermehrt ſich die Zahl der Familien. In jenen ſechs und funfzig Jahren ſtieg ſie um mehr als zehntauſend: was nun allerdings um ſo mehr ſagen will, da der Anwachs der Einwohner uͤberhaupt eben auch nur dieſelbe Zahl darbietet. Die Schaar der ledi - gen Maͤnner welche ab und zuſtroͤmten, ward geringer: die Maſſe der Bevoͤlkerung ſetzte ſich dagegen auf immer feſt. In jenem Verhaͤltniß iſt ſie mit unbedeutenden auf Krankheiten und der natuͤrlichen Ergaͤnzung beruhenden Ab - wandlungen ſeitdem verblieben.

Nach der Ruͤckkehr der Paͤpſte von Avignon und der Beilegung des Schismas hat ſich die Stadt, die damals zu einem Dorfe zu werden drohte, um die Curie her ge - bildet. Erſt mit der Macht und dem Reichthume der pa - palen Geſchlechter jedoch, ſeitdem weder innere Unruhen noch auch auswaͤrtige Feinde zu befuͤrchten waren, ſeitdem die Rente die man aus den Einkuͤnften des Staates oder der Kirche zog, einen muͤheloſen Genuß gewaͤhrte, kam eine zahl - reiche anſaͤßige Bevoͤlkerung zu Stande. Ihr Gluͤck und Beſitz ſchrieb ſich, ſey es durch unmittelbare Begabung oder durch mittelbaren Vortheil, alle Mal von der Bedeu - tung der Kirche und des Hofes her: es waren eigentlich alles Emporkoͤmmlinge, wie die Nepoten ſelbſt.

Bisher waren die bereits Einheimiſch-gewordenen durch friſche Anſiedler, die beſonders aus der Vaterſtadt jedes1)den ſich handſchriftlich in der Barberina. Ein ſpaͤteres, von 1702 bis 1816, hat Cancellieri del tarantismo di Roma p. 73. 69Elemente der roͤmiſchen Bevoͤlkerung.neuen Papſtes zahlreich herbeiſtroͤmten, unaufhoͤrlich ver - mehrt und verjuͤngt worden: bei der Geſtalt, die der Hof jetzt annahm, hoͤrte dieß auf. Unter dem Einfluſſe je - ner großen Welteinwirkung, die der roͤmiſche Stuhl durch die Reſtauration des Katholicismus uͤberhaupt gewonnen, war auch die Hauptſtadt gegruͤndet worden; da hatten ſich die roͤmiſchen Geſchlechter gebildet die noch heute bluͤhen: ſeitdem die Ausbreitung des geiſtlichen Reiches inne hielt, hoͤrte mit der Zeit auch die Bevoͤlkerung auf zu wachſen. Wir koͤnnen ſagen: ſie iſt ein Product jener Epoche.

Ja die moderne Stadt uͤberhaupt, wie ſie noch heute die Aufmerkſamkeit des Reiſenden feſſelt, gehoͤrt großen - theils demſelben Zeitraum der katholiſchen Reſtauration an. Werfen wir auch darauf einen Blick.

Bauwerke der Päpſte.

Wir haben eroͤrtert, wie großartige Bauunternehmun - gen Sixtus V. ausfuͤhrte, aus welchen Geſichtspunkten der Kirche und Religion er dieß that.

Clemens VIII. folgte ihm darin nach. In S. Gio - vanni und S. Peter gehoͤren ihm einige der ſchoͤnſten Ca - pellen: er hat die neue Reſidenz im Vatican gegruͤndet: der Papſt und der Staatsſecretaͤr wohnen noch heut zu Tage in den Gemaͤchern die er erbaut hat.

Vornehmlich aber ließ es Paul V. ſeinen Ehrgeiz ſeyn, mit dem Franciscaner zu wetteifern. In der ganzen Stadt , ſagt eine gleichzeitige Lebensbeſchreibung von ihm, hat er Huͤgel geebnet: wo es Winkel und Kruͤmmungen gab, weite70Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17 Jahrh.Ausſichten eroͤffnet, große Plaͤtze aufgethan, und ſie durch die Anlage neuer Gebaͤude noch herrlicher gemacht: das Waſſer das er herbeigefuͤhrt, iſt nicht mehr das Spiel einer Roͤhre, es bricht hervor wie ein Strom. Mit der Pracht ſeiner Pallaͤſte wetteifert die Abwechſelung der Gaͤrten die er angelegt. In dem Innern ſeiner Privatcapellen glaͤnzt alles von Gold und Silber; mit Edelſteinen ſind ſie nicht ſowohl geſchmuͤckt als erfuͤllt. Die oͤffentlichen Capellen erheben ſich wie Baſiliken, die Baſiliken wie Tempel, die Tempel wie marmorne Berge. 1)Vita Pauli V compendiose scripta. MS Barb.

Wir ſehen wohl, nicht das Schoͤne und Angemeſſene, ſondern das Praͤchtige und Coloſſale lobt man an ſeinen Werken, wie es dieſe auch ausſprechen.

In S. Maria Maggiore errichtete er der Capelle Six - tus V. gegenuͤber eine noch bei weitem glaͤnzendere, durch - aus vom koſtbarſten Marmor.

Noch weiter als Sixtus V, fuͤnf und dreißig Miglien weit her, fuͤhrte er das Waſſer das ſeinen Namen traͤgt, die Aqua Paolina, nach dem Janiculus: der Fontana und dem Moſes Sixtus V. aus der Ferne gegenuͤber, bricht ſie, beinahe fuͤnfmal ſo ſtark wie dieſe, in vier gewaltigen Armen hervor. Wer war nicht hier, dieſe altberuͤhmten Huͤgel zu beſuchen, die Porſena angriff, jetzt lauter Wein - garten, Obſtgarten und Ruine: man uͤberſieht Stadt und Land bis zu den entfernten Bergen, die der Abend mit wundervoll farbigem Dufte, wie mit einem durchſichtigen Schleier, bedeckt. Von dem Getoͤſe des hervorbrechenden Waſſers wird die Einſamkeit herrlich belebt. Was Rom71Bauwerke der Paͤpſte.von allen andern Staͤdten unterſcheidet, iſt der Ueberfluß des Waſſers, die Menge der Springbrunnen. Zu dieſem Reize traͤgt die Aqua Paolina wohl das Meiſte bei. Sie erfuͤllt die unvergleichlichen Fontaͤnen des Petersplatzes. Unter dem Ponte Siſto wird ſie nach der eigentlichen Stadt geleitet: die Brunnen an dem farneſiſchen Pallaſte und wei - ter viele andere werden von ihr geſpeiſt.

Hatte nun Sixtus V. die Kuppel von S. Peter auf - gefuͤhrt, ſo unternahm Paul V. die Kirche uͤberhaupt zu vollenden1)Magnificentia Pauli V, seu publicae utilitatis et splendo - ris opera a Paulo vel in urbe vel alibi instituta. MS. Unius Pauli jussu impensisque instructa ejus templi pars cum reliquis ab omnibus retro pontificibus exstructis partibus merito conferri potest. . Er fuͤhrte das im Sinne ſeiner Zeit im groͤß - ten Maaßſtabe aus. Heut zu Tage ſaͤhe man wohl lie - ber den urſpruͤnglichen Plan Bramantes und Michel An - gelos befolgt: dagegen hat das Unternehmen Pauls V. den Sinn des ſiebzehnten und des achtzehnten Jahrhunderts vollkommen befriedigt. Es iſt wahr, es ſind ungeheure Dimenſionen: wer wollte dieſe Façade ſchoͤn finden? Aber es iſt alles heiter, bequem, großartig. Das Coloſſale des Gebaͤudes, der Platz, der Obelisk und die geſammte Um - gebung bringen den Eindruck des Gigantiſchen hervor, den man beabſichtigte, und der ſich unwiderſtehlich, unaus - loͤſchlich aufdringt.

So kurz die Regierungszeit der Ludoviſi auch war, ſo haben ſie ſich doch in S. Ignatio und ihrer Villa in der Stadt ein unvergaͤngliches Denkmal geſtiftet. Niccolo72Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.Ludoviſio beſaß einſt ſechs Pallaͤſte, die er alle erhielt oder verſchoͤnerte.

Das Gedaͤchtniß Urbans VIII. finden wir nicht allein in mancherlei Kirchen S. Bibiana, S. Quirico, S. Se - baſtian auf dem Palatin, ſondern ſeinen Neigungen ge - maͤß noch mehr in Pallaͤſten und Befeſtigungen. Nachdem er S. Angelo mit Graͤben und Bruſtwehren umgeben, dieß Caſtell, wie er auf einer ſeiner Muͤnzen ruͤhmt, geruͤſtet, befe - ſtigt, vollendet hatte, fuͤhrte er die Mauer nach dem Entwurf des bauverſtaͤndigen Cardinal Maculano um den Vatican und den Garten Belvedere bis nach der Porta Cavalleggieri: hier fingen dann andere Befeſtigungen an, die Lungara, Trastevere und den Janiculus umfaſſen und bis an das Priorat auf dem Aventin reichen ſollten; wenigſtens ſchreibt ſich Porta Portuenſe hauptſaͤchlich von Urban VIII. her. Erſt in dieſer Umgebung fuͤhlte er ſich ſicher. Jene Bruͤcke die von den paͤpſtlichen Wohnungen nach dem Caſtell fuͤhrt, hat er ſorgfaͤltig wiederhergeſtellt1)Aus dem Diario Giacinto Gigli’s, welches mir ungluͤcklicher Weiſe noch in Rom veruntreut worden der vornehmſte Verluſt den meine Sammlung erlitten hat hat Cancellieri del taran - tismo di Roma p. 55 die hieher gehoͤrigen Stellen abdrucken laſſen..

Auch Papſt Innocenz X. hat fleißig gebaut: auf dem Capitol, deſſen beide Seiten er in Uebereinſtimmung zu bringen ſuchte: in der Laterankirche, wo er ſich das Verdienſt erwarb ſchonender mit den alten Formen umzugehn als man damals gewohnt war: hauptſaͤchlich an der Piazza Navona. Man bemerkte, wenn er uͤber den Petersplatz kam, daß er ſeine Augen nicht von der Fontana verwandte die Paul V. 73Bauwerke der Paͤpſte.dort errichtet1)Diario Deone 4 Luglio 1648. Er bemerkt aber gleich: la quale (la fontana di papa Paolo es war damals nur eine) difficilmente potrà superare in bellezza in quantità d’acque. . Gern haͤtte er mit dieſem Papſt gewetteifert und ſeinen Lieblingsplatz mit einer noch ſchoͤnern geſchmuͤckt. Bernini wandte alle ſeine Kunſt daran. Ein Obelisk ward aus dem Circus des Caracalla herbeigefuͤhrt, an dem man das Wappen des Hauſes anbrachte. Haͤuſer wurden nie - dergeriſſen um dem Platz eine neue Geſtalt zu geben: S. Agnete von Grund aus erneut; unfern erhob ſich dann, mit Bildſaͤulen, Gemaͤhlden und koſtbarer innerer Einrich - tung reich ausgeſtattet, der Pallaſt Pamfili. Die Vigna, die ſeine Familie jenſeit des Vatican beſaß, ſchuf er zu ei - ner der ſchoͤnſten Villen um, welche alles in ſich ſchließt was das Landleben angenehm machen kann.

In Alexander VII. bemerken wir ſchon den modernen Sinn fuͤr das Regelmaͤßige. Wie viel Haͤuſer hat er um - reißen laſſen um gerade Straßen zu gewinnen: der Pallaſt Salviati mußte fallen, um den Platz des Collegio Romano zu bilden: auch der Platz Colonna, an dem ſich ſein Fa - milienpallaſt erhob, ward von ihm umgeſchaffen. Er hat die Sapienza und die Propaganda erneuert. Sein vor - nehmſtes Denkmal ſind aber ohne Zweifel die Colonna - den, mit denen er den obern Theil des Petersplatzes um - faßte, ein coloſſales Werk von 284 Saͤulen und 88 Pfeilern. Was man auch gleich von Anfang und ſpaͤter dagegen ge - ſagt haben mag2)Sagredo. I colonnati che si vanno intorno alla piazza erigendo, di quatro ordini di questi restar cinta dovendo tutti, ſo iſt doch nicht zu leugnen, daß ſie in74Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.der Idee des Ganzen gedacht ſind, und zu dem Eindruck des zugleich Unermeßlichen und Heiter-Behaglichen, den der Platz hervorbringt, das Ihre beitragen.

So bildete ſich allmaͤhlig die Stadt, nach der ſeitdem ſo unzaͤhlige Fremde gewallfahrtet. Sie erfuͤllte ſich zu - gleich mit Schaͤtzen aller Art. Zahlreiche Bibliotheken wurden geſammelt: nicht allein der Vatican, oder die Kloͤ - ſter der Auguſtiner, der Dominicaner, die Haͤuſer der Je - ſuiten und der Vaͤter des Oratoriums, ſondern auch die Pallaͤſte wurden damit ausgeſtattet; man wetteiferte gedruckte Werke anzuhaͤufen, ſeltene Handſchriften zuſam - menzubringen. Nicht daß man nun auch den Wiſſenſchaf - ten ſehr eifrig obgelegen haͤtte; man ſtudirte, aber mit Muße: weniger um etwas Neues zu entdecken, als um das Bekannte an ſich zu bringen und zu verarbeiten. Von alle den Akademien, die ſich Jahr fuͤr Jahr erhoben, wid - mete ſich eine und die andere der Naturforſchung, etwa der Botanik, obwohl auch ohne recht eigenthuͤmliche Erfolge1)Ich meine die Lincei, 1603 von Federigo Ceſi geſtiftet, wel - che doch eigentlich nicht viel mehr zu Stande gebracht als die ita - lieniſche Bearbeitung der Naturgeſchichte Mexicos von Hernandez. Tiraboschi: Storia della letteratura Italiana VIII, p. 195.: aber alle die andern, die Gutgelaunten2)Denn ſo werden wir Umoriſti zu uͤberſetzen haben, den Nachrichten des Erythraͤus zu Folge, die bei Fiſcher Vita Erythraei p. L. LI recht gut zuſammengeſtellt ſind., die Geordne -2)in forma ovata, i quali formeranno tre portici coperti con tre magnifici ingressi, e sopra da un corridore che sarà d’altro or - dine di picciole colonne e di statue adornato, il papa pretende che servir debbano per ricevere della pioggia e del sole alle carrozze. Damals beliefen ſich die Koſten bereits auf 900000 Sc., die aus der Caſſe della fabrica di S. Pietro genommen wurden.75Bauwerke der Paͤpſte.ten, die Jungfraͤulichen, die Phantaſtiſchen, die Einfoͤrmi - gen, und welche ſonderbare Namen ſie ſich ſonſt gaben, beſchaͤftigten ſich nur mit Poeſie und Beredtſamkeit, Uebun - gen geiſtiger Gewandtheit, die in einem engen Kreiſe von Gedanken ſtehn blieben, und doch viele ſchoͤne Kraͤfte ver - brauchten. Und nicht allein mit Buͤchern, ſondern auch mit Kunſtwerken alter und neuer Zeit, mit Antiquitaͤten mancherlei Art, Bildſaͤulen, Reliefs und Inſcriptionen muß - ten die Pallaͤſte geſchmuͤckt ſeyn. In unſerer Epoche wa - ren die Haͤuſer Ceſi, Giuſtiniani, Strozzi, Maſſimi, die Gaͤrten der Mattei am beruͤhmteſten; an die ſich Samm - lungen wie die Kircherſche bei den Jeſuiten zu nicht ge - ringerer Bewunderung der Mitwelt anreihten. Noch war es mehr Curioſitaͤt, antiquariſche Gelehrſamkeit, was zu den Sammlungen veranlaßte, als Sinn fuͤr die Formen oder tieferes Verſtaͤndniß. Es iſt merkwuͤrdig, daß man im Grunde noch immer daruͤber dachte wie Sixtus V. Den Reſten des Alterthums war man noch weit entfernt die Aufmerkſamkeit und ſchonende Sorgfalt zu widmen welche ſie ſpaͤterhin gefunden haben. Was darf man erwarten, wenn ſich unter andern Privilegien der Borgheſen eins fin - det, welches beſagt, daß ſie durch keinerlei Art von Zer - ſtoͤrung in Strafe verfallen ſeyn ſollen. Man ſollte kaum glauben, was man ſich im ſiebzehnten Jahrhundert noch erlaubt hat. Die Thermen des Conſtantin unter andern hatten ſich durch ſo viel wechſelnde Zeitraͤume noch immer ziemlich in Stand erhalten, und gewiß haͤtte ſchon das Verdienſt ihres Erbauers um die Herrſchaft der chriſtlichen Kirche ſie beſchuͤtzen ſollen; jedoch unter Paul V. wurden76Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.ſie von Grund aus zerſtoͤrt, und in dem Geſchmack jener Zeit zu Pallaſt und Garten umgeſchaffen; welche darnach fuͤr die Villa Mondragone in Frascati vertauſcht wurden. Selbſt der Friedenstempel, damals ebenfalls noch ziemlich gut er - halten, fand vor Paul V. keine Gnade. Er faßte den ſonderbaren Gedanken, der Jungfrau Maria mit dem Kinde eine coloſſale eherne Bildſaͤule gießen, und dieſelbe ſo hoch aufſtellen zu laſſen, daß die Stadt von dieſer ihrer Be - ſchuͤtzerin ganz uͤberſehen werden koͤnne. Nur gehoͤrte dazu eine Saͤule von ungewoͤhnlicher Laͤnge. Er fand eine ſolche endlich im Friedenstempel: ohne ſich zu kuͤmmern, daß ſie dort ein Gewoͤlbe ſtuͤtzte, daß ſie ſich einzeln mehr ſeltſam und auffallend als ſchoͤn und zweckmaͤßig ausnehmen wuͤrde, fuͤhrte er ſie weg, und brachte jenen Coloß darauf an, wie wir ihn noch heute ſehen.

Sollte auch nicht alles wahr ſeyn, was man den Barberini nachgeſagt hat, ſo iſt doch unleugbar, daß ſie im Allgemeinen in eben dieſem Sinne verfuhren. Unter Ur - ban VIII. hatte man in der That noch einmal die Abſicht jenes einzig echte und erhaltene, unvergleichliche Monument der republikaniſchen Zeiten, das Denkmal der Caͤcilia Me - tella, zu zerſtoͤren, um den Marmor bei der Fontana di Trevi anzuwenden. Der beruͤhmteſte Bildhauer und Bau - meiſter jener Zeit, Bernini, dem die Fontana uͤbertragen worden, machte dieſen Entwurf, und der Papſt gab ihm in einem Breve die Erlaubniß zur Ausfuͤhrung. Schon legte man Hand an, als das roͤmiſche Volk, das ſeine Alterthuͤmer liebte, die Sache inne wurde und ſich mit Gewalt dawiderſetzte. Zum zweiten Male rettete es dieſen77Bauwerke der Paͤpſte.ſeinen aͤlteſten Beſitz. Man mußte abſtehn, um keinen Auflauf zu erregen1)Deone erzaͤhlt das ausfuͤhrlich..

Es haͤngt aber alles zuſammen. Die Epoche der Re - ſtauration hat ihre beſonderen Ideen, Antriebe entwickelt: die auch in Kunſt und Literatur nach der Alleinherrſchaft ſtreben, das Fremdartige weder verſtehn noch auch aner - kennen, und es zu zerſtoͤren entſchloſſen ſind, wenn ſie es nicht unterjochen koͤnnen.

Nichts deſto minder war Rom noch immer eine Haupt - ſtadt der Cultur, die in ſammelnder Gelehrſamkeit und einer Kunſtuͤbung wie ſie der Geſchmack jenes Zeitalters nun ein - mal beliebte, ihres Gleichen nicht hatte; productiv noch immer in der Muſik: der concentirende Styl der Cantate trat damals dem Styl der Capelle zur Seite; es entzuͤckte die Reiſenden. Man muͤßte von der Natur verwahrloſt ſeyn, ruft Spon aus, der 1674 nach Rom kam, wenn man nicht in irgend einem Zweige ſeine Befriedigung faͤnde 2)Spon et Wheler: Voyage d’Italie, et de Grèce I, p. 39.. Er geht dieſe Zweige durch: die Bibliotheken, wo man die ſelten - ſten Werke ſtudiren, die Concerte in Kirchen und Pallaͤſten, wo man taͤglich die ſchoͤnſten Stimmen hoͤren koͤnne; ſo viel Sammlungen fuͤr alte und neue Sculptur und Male - rei; ſo viel herrliche Bauwerke aller Zeiten, ganze Villen mit Basreliefs und Inſcriptionen, deren er allein tauſend neue copirt hat, uͤberkleidet; die Gegenwart ſo vieler Frem - den von allen Laͤndern und Zungen; die Natur genieße man in den paradieſiſchen Gaͤrten; und wer die Uebungen der78Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.Froͤmmigkeit liebt, fuͤgt er hinzu, fuͤr den iſt durch Kir - chen, Reliquien, Proceſſionen ſein Lebelang geſorgt.

Ohne Zweifel gab es anderwaͤrts noch großartigere gei - ſtige Regungen; aber die Vollendung der roͤmiſchen Welt, ihre Beſchloſſenheit in ſich ſelbſt, die Fuͤlle des Reichthums, der ruhige Genuß, vereinigt mit der Sicherheit und Befrie - digung, welche den Glaͤubigen der unaufhoͤrliche Anblick der Gegenſtaͤnde ſeiner Verehrung gewaͤhrte, uͤbte noch im - mer eine maͤchtige Anziehung aus, bald mehr durch das eine, bald mehr durch das andere Motiv, zuweilen unent - ſchieden durch welches am meiſten.

Vergegenwaͤrtigen wir uns dieſe Anziehung an dem auffallendſten Beiſpiele, das zugleich auf den roͤmiſchen Hof lebendig zuruͤckwirkte.

Digreſſion über Königin Chriſtine von Schweden.

Schon oft ſind wir in dem Falle geweſen unſere Blicke nach Schweden hinzuwenden.

Das Land, wo das Lutherthum zuerſt die geſammte Verfaſſung politiſch umgeſtaltete, die Antireformation auf eine ſo ungewoͤhnliche Weiſe in den hoͤchſten Perſonen Re - praͤſentanten und Widerſacher fand, von wo dann die große Entſcheidung in dem welthiſtoriſchen Kampfe haupt - ſaͤchlich ausgegangen war; eben da machte jetzt der Katholi - cismus auch in der neuen Geſtalt die er angenommen, die unerwartetſte Eroberung. Die Tochter jenes Vorkaͤmpfers der Proteſtanten, Koͤnigin Chriſtine von Schweden, zog er79Koͤnigin Chriſtine von Schweden.an ſich. Wie dieß geſchah, iſt ſchon an ſich, und dann insbeſondere fuͤr uns der Betrachtung werth.

Gehn wir von der Stellung aus, welche die junge Koͤ - nigin in ihrem Lande einnahm.

Nach dem Tode Guſtav Adolfs war auch in Schwe - den, wie 1619 in Oeſtreich, 1640 in Portugal, und in dieſer Epoche an ſo vielen andern Orten einen Augenblick die Rede davon, ob man ſich nicht von der koͤniglichen Gewalt frei machen und als Republik conſtituiren ſolle1)La vie de la reine Christine faite par elle-même bei Arcken - holtz Mémoires pour servir à l’histoire de Christine Tom. III, p. 41: On m’a voulu persuader qu’on mit en déliberation en certaines assemblées particulières s’il falloit se mettre en li - berté, n’ayant qu’un enfant en tête, dont il étoit aisé de se défaire, et de s’ériger en république. Vergl. die Note von Arckenholtz..

Nun ward dieſer Antrag zwar verworfen: man hul - digte der Tochter des verſtorbenen Koͤnigs; aber daß dieß ein Kind von ſechs Jahren war, daß es Niemand von koͤ - niglichem Geſchlechte gab der die Zuͤgel haͤtte ergreifen koͤn - nen, bewirkte doch, daß die Gewalt in die Haͤnde einiger Wenigen kam. Die antimonarchiſchen Tendenzen jener Zeit fanden in Schweden Anklang und Billigung: ſchon das Verfahren des langen Parlamentes in England, noch viel mehr aber die Bewegungen der Fronde, da ſie um ſo viel entſchiedener ariſtokratiſch waren. Ich bemerke wohl, ſagte Chriſtina einſtmals ſelbſt in dem Senate, man wuͤnſcht hier, daß Schweden ein Wahlreich oder eine Ariſtokratie werde.

Dieſe junge Fuͤrſtin aber war nicht gemeint die koͤ -80Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.nigliche Gewalt verfallen zu laſſen: ſie ſtrengte ſich an, in vollem Sinne des Worts Koͤnigin zu ſeyn. Von dem Au - genblicke an daß ſie die Regierung ſelbſt antrat, im Jahre 1644, widmete ſie ſich den Geſchaͤften mit einem bewun - dernswuͤrdigen Eifer. Niemals haͤtte ſie eine Senatsſitzung verſaͤumt: wir finden, daß ſie mit dem Fieber geplagt iſt, daß ſie zur Ader gelaſſen hat: ſie beſucht die Sitzung deſ - ſenungeachtet. Sie verſaͤumt nicht ſich auf das beſte vor - zubereiten. Deductionen, viele Bogen lang, lieſt ſie durch und macht ſich ihren Inhalt zu eigen: Abends vor dem Einſchlafen, fruͤh beim Erwachen uͤberlegt ſie die ſtreitigen Punkte1)Paolo Casati al papa Alessandro VII sopra la regina di Suecia. MS. Ella m’ha più d’una volta assicurato di non aver mai portato avanti alcun negotio grave a cui non avesse quasi due anni prima pensato, e che molte hore della mattina, dopo che s’era svegliata da quel poco sonno che era solita di pren - dere, impiegava nel considerare i negotii e conseguenze loro benchè lontane. . Mit großer Geſchicklichkeit verſteht ſie dann die Frage vorzulegen: ſie laͤßt nicht bemerken auf welche Seite ſie ſich neigt: nachdem ſie alle Mitglieder gehoͤrt hat, ſagt auch ſie ihre Meinung, die ſich immer wohlbegruͤndet fin - det, die man in der Regel beliebt. Die alten Senatoren ſind verwundert welche Gewalt ſie ſich zu verſchaffen weiß2)Mémoires de ce qui est passé en Suede tirez des depe - sches de Mr Chanut I, p. 245 (1648 Févr.). Il est incroyable comment elle est puissante dans son conseil, car elle ajoute à la qualité de reine la grace, le credit, les bienfaits et la force de persuader.. An dem Abſchluß des weſtphaͤliſchen Friedens hatte ſie perſoͤn - lich vielen Antheil: die Offiziere der Armee, ihr Geſandteram81Koͤnigin Chriſtine von Schweden.am Congreß waren nicht dafuͤr: auch in Schweden gab es Leute welche die Zugeſtaͤndniſſe, die man den Katholiken beſon - ders fuͤr die oͤſtreichiſchen Erblande machte, nicht billigten: aber ſie wollte das Gluͤck nicht immer aufs neue heraus - fordern: niemals war Schweden ſo glorreich, ſo maͤchtig geweſen: ſie ſah eine Befriedigung ihres Selbſtgefuͤhls darin, daß dem ſo war, ſie wuͤnſchte ihren Namen an dieſen Zu - ſtand zu knuͤpfen.

Hielt ſie nun ſelbſt die Eigenmacht der Ariſtokratie nach Kraͤften nieder, ſo ſollte ſich dieſe eben ſo wenig ſchmeicheln duͤrfen, etwa in Zukunft zu ihrem Ziele zu gelangen: ſo jung ſie auch noch war, ſo brachte ſie doch ſehr bald die Succeſſion ihres Vetters des Pfalzgrafen Carl Guſtav in Vorſchlag. Sie meint, der Prinz habe das nicht zu hoffen gewagt: ſie allein habe es durchgeſetzt, wi - der den Willen des Senates, der es nicht einmal habe in Ueberlegung nehmen wollen, wider den Willen der Staͤnde, die nur aus Ruͤckſicht auf ſie darin gewilligt: genug dieſe Succeſſion ward unwiderruflich feſtgeſetzt1)Règne de Christine jusqu’à sa résignation bei Arckenholtz III, 162 Noten..

Doppelt merkwuͤrdig iſt es nun, daß ſie bei dieſem Eifer fuͤr die Geſchaͤfte zugleich den Studien mit einer Art von Leidenſchaft oblag. Noch in den Jahren der Kindheit war ihr nichts angenehmer geweſen als die Lehrſtunde. Es mochte daher kommen, daß ſie bei ihrer Mutter wohnte, die ſich ganz dem Schmerze uͤber ihren Gemahl hingab: mit Ungeduld erwartete ſie taͤglich den Augenblick, wo ſie aus dieſen dunkeln Gemaͤchern der Trauer erloͤſt wurde. Päpſte** 682Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.Aber ſie beſaß auch, beſonders fuͤr die Sprachen, ein außer - ordentliches Talent; ſie erzaͤhlt, daß ſie die meiſten eigentlich ohne Lehrer gelernt habe1)La vie de Christine écr. p. e. m. p. 53. Je savois à l’âge de quatorze ans toutes les langues, toutes les sciences et tous les exercices dont ont vouloit m’instruire. Mais depuis j’en ai appris bien d’autres sans le secours d’aucun maître: et il est certain que je n’en eus jamais ni pour apprendre la lan - gue Allemande, la Françoise, l’Italienne, ni l’Espagnole. ; was um ſo mehr ſagen will, da ſie es wirklich in einigen bis zur Fertigkeit eines Einge - bornen gebracht hat. Wie ſie aufwuchs, ward ſie immer mehr von dem Reize ergriffen der in der Literatur liegt. Es war die Epoche in welcher ſich die Gelehrſamkeit all - maͤhlig von den Feſſeln der theologiſchen Streitigkeiten ab - loͤſte, in welcher ſich uͤber beide Parteien hin allgemein an - erkannte Reputationen erhoben. Sie hatte den Ehrgeiz be - ruͤhmte Leute an ſich zu ziehen, ihres Unterrichtes zu genießen. Zuerſt kamen einige deutſche Philologen und Hiſtoriker, z. B. Freinsheim, auf deſſen Bitten ſie ſeiner Vaterſtadt Ulm den groͤßten Theil der ihr auferlegten Kriegs - contribution erließ2)Harangue panégyrique de Freinshemius à Christine 1647, bei Arckenholtz II, zweiter Anhang, p. 104.; dann folgten Niederlaͤnder: Iſaak Voſſius brachte das Studium des Griechiſchen in Schwung; ſie bemaͤchtigte ſich in kurzem der wichtigſten alten Auto - ren, und ſelbſt die Kirchenvaͤter blieben ihr nicht fremd. Im Jahre 1650 erſchien Salmaſius: die Koͤnigin hatte ihm ſagen laſſen: komme er nicht zu ihr, ſo werde ſie ge - genoͤthigt ſeyn zu ihm zu kommen: ein Jahr lang wohnte er in ihrem Pallaſte. Endlich ward auch Carteſius bewo -83Koͤnigin Chriſtine von Schweden.gen ſich zu ihr zu begeben: alle Morgen um fuͤnf hatte er die Ehre ſie in ihrer Bibliothek zu ſehen: man behauptet, ſie habe ſeine Ideen, ihm ſelbſt zur Verwunderung, aus dem Plato abzuleiten gewußt. Es iſt gewiß, daß ſie in ihren Conferenzen mit den Gelehrten wie in ihren Beſpre - chungen mit dem Senate die Ueberlegenheit des gluͤcklich - ſten Gedaͤchtniſſes und einer raſchen Auffaſſung und Pene - tration zeigte. Ihr Geiſt iſt hoͤchſt außerordentlich , ruft Naudaͤus mit Erſtaunen aus: ſie hat alles geſehen, alles geleſen, ſie weiß alles 1)Naudé à Gassendi 19 Oct. 1652. La reine de la quelle je puis dire sans flatterie qu’elle tient mieux sa partie ès con - férences qu’elle tient assez souvent avec messieurs Bochart, Bourdelot, du Fresne et moi, qu’aucun de la compagnie, et si je vous dis que son esprit est tout à fait extraordinaire, je ne mentirai point, car elle a tout vu, elle a tout lu, elle sait tout. .

Wunderbare Hervorbringung der Natur und des Gluͤcks. Ein junges Fraͤulein frei von aller Eitelkeit: ſie ſucht es nicht zu verbergen, daß ſie die eine Schulter hoͤher hat als die andere: man hat ihr geſagt, ihre Schoͤnheit beſtehe be - ſonders in ihrem reichen Haupthaar, ſie wendet auch nicht die gewoͤhnlichſte Sorgfalt darauf; jede kleine Sorge des Lebens iſt ihr fremd: ſie hat ſich niemals um ihre Tafel bekuͤmmert, ſie hat nie uͤber eine Speiſe geklagt, ſie trinkt nichts als Waſſer; auch eine weibliche Arbeit hat ſie nie begriffen: dagegen macht es ihr Vergnuͤgen, zu hoͤren, daß man ſie bei ihrer Geburt fuͤr einen Knaben genommen, daß ſie in der fruͤheſten Kindheit beim Abfeuern des Ge - ſchuͤtzes ſtatt zu erſchrecken in die Haͤnde geklatſcht und ſich als ein rechtes Soldatenkind ausgewieſen habe; auf das6*84Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.kuͤhnſte ſitzt ſie zu Pferd, Einen Fuß im Buͤgel, ſo fliegt ſie dahin: auf der Jagd weiß ſie das Wild mit dem er - ſten Schuß zu erlegen; ſie ſtudirt Tacitus und Plato, und faßt dieſe Autoren zuweilen ſelbſt beſſer als Philolo - gen von Profeſſion; ſo jung ſie iſt, ſo weiß ſie ſich ſelbſt in Staatsgeſchaͤften ſelbſtaͤndig eine treffende Mei - nung zu bilden, und ſie unter den in Welterfahrung er - grauten Senatoren durchzufechten: ſie wirft den friſchen Muth eines angebornen Scharfſinns in die Arbeit; vor allem iſt ſie von der hohen Bedeutung durchdrungen die ihr ihre Herkunft gebe, von der Nothwendigkeit der Selbſt - regierung: keinen Geſandten haͤtte ſie an ihre Miniſter ge - wieſen: ſie will nicht dulden, daß einer ihrer Unterthanen einen auswaͤrtigen Orden trage, wie ſie ſagt, daß ein Mit - glied ihrer Heerde von einer fremden Hand ſich bezeichnen laſſe: ſie weiß eine Haltung anzunehmen, vor welcher die Generale verſtummen welche Deutſchland erbeben gemacht: waͤre ein neuer Krieg ausgebrochen, ſo wuͤrde ſie ſich unfehl - bar an die Spitze ihrer Truppen geſtellt haben.

Bei dieſer Geſinnung und vorwaltenden Stimmung war ihr ſchon der Gedanke unertraͤglich ſich zu verheira - then, einem Manne Rechte an ihre Perſon zu geben; der Verpflichtung hiezu, die ſie gegen ihr Land haben koͤnnte, glaubt ſie durch die Feſtſetzung der Succeſſion uͤberhoben zu ſeyn; nachdem ſie gekroͤnt iſt, erklaͤrt ſie, ſie wuͤrde eher ſterben als ſich vermaͤhlen1) Je me serois , ſagt ſie uͤbrigens in ihrer Lebensbeſchrei - bung p. 57, sans doute mariée si je n’eusse reconnue en moi la force de me passer des plaisirs de l’amour ; und man darf.

85Koͤnigin Chriſtine von Schweden.

Sollte aber wohl ein Zuſtand dieſer Art uͤberhaupt behauptet werden koͤnnen? Er hat etwas Geſpanntes, An - geſtrengtes, es fehlt ihm das Gleichgewicht der Geſundheit, die Ruhe eines natuͤrlichen und in ſich befriedigten Da - ſeyns. Es iſt nicht Neigung zu den Geſchaͤften, daß ſie ſich ſo eifrig hineinwirft; Ehrgeiz und fuͤrſtliches Selbſtgefuͤhl treiben ſie dazu an: Vergnuͤgen findet ſie daran nicht. Auch liebt ſie ihr Vaterland nicht, weder ſeine Vergnuͤgungen noch ſeine Gewohnheiten: weder ſeine geiſtliche noch ſeine weltliche Verfaſſung: auch nicht ſeine Vergangenheit, von der ſie keine Ahndung hat: die Staatsceremonien, die lan - gen Reden, die ſie anzuhoͤren verpflichtet iſt, jede Function bei der ſie perſoͤnlich in Anſpruch genommen wird, ſind ihr geradezu verhaßt: der Kreis von Bildung und Gelehr - ſamkeit in dem ſich ihre Landsleute halten, ſcheint ihr ver - aͤchtlich. Haͤtte ſie dieſen Thron nicht von Kindheit an beſeſſen, ſo wuͤrde er ihr vielleicht als ein Ziel ihrer Wuͤn - ſche erſchienen ſeyn; aber da ſie Koͤnigin war, ſo weit ſie zuruͤckdenken kann, ſo haben die begehrenden Kraͤfte des Gemuͤthes, welche die Zukunft eines Menſchen ihm vor - bereiten, eine von ihrem Lande abgewendete Richtung ge - nommen. Phantaſie und Liebe zu dem Ungewoͤhnlichen fan - gen an, ihr Leben zu beherrſchen: ſie kennt keine Ruͤckſicht: ſie denkt nicht daran, den Eindruͤcken des Zufalls und des Momentes die Ueberlegenheit des moraliſchen Ebenmaaßes, welche ihrer Stellung entſpraͤche, entgegenzuſetzen; ja ſie iſt hochgeſinnt, muthig, voll Spannkraft und Energie, groß -1)ihr hierin um ſo mehr glauben, da dieſes Werk zugleich eine Art von Beichte iſt.86Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.artig, aber auch ausgelaſſen, heftig, recht mit Abſicht un - weiblich, keinesweges liebenswuͤrdig, unkindlich ſelbſt, und zwar nicht allein gegen ihre Mutter: auch das heilige An - denken ihres Vaters ſchont ſie nicht, um eine beißende Ant - wort zu geben: es iſt zuweilen als wuͤßte ſie nicht was ſie ſagt1)Von ihrem Geſpraͤch mit ihrer Mutter bei Chanut III, 365, Mai 1654, laͤßt ſich nicht anders urtheilen.. So hoch ſie auch geſtellt iſt, ſo koͤnnen doch die Ruͤckwirkungen eines ſolchen Betragens nicht ausblei - ben: um ſo weniger fuͤhlt ſie ſich dann zufrieden, heimiſch oder gluͤcklich.

Da geſchieht nun, daß dieſer Geiſt der Nichtbefriedi - gung ſich vor allem auf die religioͤſen Dinge wirft: wo - mit es folgendergeſtalt zuging.

In ihren Erinnerungen verweilt die Koͤnigin mit be - ſonderer Vorliebe bei ihrem Lehrer Dr. Johann Matthiaͤ, deſſen einfache, reine, milde Seele ſie vom erſten Augenblick an feſſelte: der ihr erſter Vertrauter wurde: auch in allen kleinen Angelegenheiten2)très capable, ſagt ſie in ihrer Autobiographie p. 51, de bien instruire un enfant tel que j’étois, ayant une honnêteté, une discrétion et une douceur qui le faisoient aimer et estimer. . Unmittelbar nachdem ſich ge - zeigt, daß von den beſtehenden Kirchengeſellſchaften keine die andere uͤberwaͤltigen werde, regte ſich hie und da in wohlgeſinnten Gemuͤthern die Tendenz ſie zu vereinigen. Auch Matthiaͤ hegte dieſen Wunſch: er gab ein Buch her - aus, in welchem er eine Vereinigung der beiden proteſtan - tiſchen Kirchen in Anregung brachte. Die Koͤnigin nun war ſehr ſeiner Meinung: ſie faßte den Gedanken eine theo -87Koͤnigin Chriſtine von Schweden.logiſche Akademie zu ſtiften, die an der Vereinigung der Bekenntniſſe arbeiten ſollte. Allein auf der Stelle er - hob ſich hiewider der unbezaͤhmte Eifer unerſchuͤtterlicher Lutheraner. Ein Superintendent von Calmar griff jenes Buch mit Ingrimm an: die Staͤnde nahmen dawider Partei. Die Biſchoͤfe erinnerten den Reichsrath, uͤber die Landesreligion zu wachen: der Großkanzler begab ſich zur Koͤnigin, und machte ihr ſo nachdruͤckliche Vorſtellungen, daß ihr Thraͤnen des Unmuthes in die Augen traten1)Schreiben von Axel Oxenſtierna 2 Mai 1647, bei Arcken - holtz IV, App. n. 21, und beſonders von Graf Brahe, Arckenh. IV, p. 229. Das Werk Matthiaͤs iſt Idea boni ordinis in ecclesia Christi. .

Da mag ſie recht deutlich zu bemerken geglaubt ha - ben, daß es nicht ein reiner Eifer ſey, was ihre Luthera - ner in Bewegung ſetze. Sie meinte, man wolle ſie mit der Idee von Gott taͤuſchen, die man ihr gab, nur um ſie nach einem vorbedachten Ziele zu leiten. Es ſchien ihr Got - tes nicht wuͤrdig wie man ihn ihr vorſtellte2) Je crus , ſagt ſie in einer von Galdenblad mitgetheil - ten Note, que les hommes vous faisoient parler à leur mode et qu’ils me vouloient tromper et me faire peur pour me gou - verner à la leur : bei Arckenholtz tom. III, p. 209..

Die weitlaͤuftigen Predigten, die ihr ſchon immer Lan - geweile gemacht, und die ſie um der Reichsordnungen wil - len anhoͤren mußte, wurden ihr nun unertraͤglich. Oft zeigte ſie ihre Ungeduld: ſie ruͤckte mit dem Stuhle, ſpielte mit ihrem Huͤndchen; deſto laͤnger, unbarmherziger ſuchte man ſie feſtzuhalten.

In der Stimmung in welche ſie hiedurch gerieth, in der ſie ſich von der angenommenen Landesreligion innerlich88Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.entfernte, ward ſie nun durch die Ankunft der fremden Ge - lehrten beſtaͤrkt. Einige waren katholiſch: andere z. B. Iſaak Voſſius galten geradezu fuͤr unglaͤubig: Bourdelot, der bei ihr um ſo hoͤher ſtand, da er ſie von einer gefaͤhr - lichen Krankheit gluͤcklich heilte, verſpottete alles, Polyhi - hiſtoren und Landesreligionen, und galt geradezu fuͤr einen Naturaliſten.

Allmaͤhlig gerieth die junge Fuͤrſtin in unaufloͤsliche Zweifel. Es ſchien ihr, als ſey alle poſitive Religion eine Erfindung der Menſchen, als gelte jedes Argument gegen die eine ſo gut wie gegen die andere: als ſey es zuletzt gleichguͤltig welcher man angehoͤre.

Indeſſen ging ſie hiebei doch nie bis zu eigentli - cher Irreligioſitaͤt fort: es gab auch in ihr einige unerſchuͤt - terliche Ueberzeugungen: in ihrer fuͤrſtlichen Einſamkeit auf dem Throne haͤtte ſie doch den Gedanken an Gott nicht entbehren koͤnnen: ja ſie glaubte faſt ihm einen Schritt naͤ - her zu ſtehn: du weißt ruft ſie aus, wie oft ich in einer gemeinen Geiſtern unbekannten Sprache dich um die Gnade bat mich zu erleuchten, und dir gelobte dir zu ge - horchen, ſollte ich auch Leben und Gluͤck daruͤber aufopfern. Schon verknuͤpft ſie dieß mit ihren uͤbrigen Ideen: ich verzichtete , ſagt ſie, auf alle andere Liebe und widmete mich dieſer.

Sollte aber Gott die Menſchen ohne die wahre Reli - gion gelaſſen haben? Beſonders machte ein Ausſpruch Ci - ceros, daß die wahre Religion nur Eine ſeyn koͤnne und alle andern falſch ſeyn muͤßten, auf ſie Eindruck1)Pallavicini: Vita Alexandri VII. Stelle im Anhang..

89Koͤnigin Chriſtine von Schweden.

Die Frage war nur eben welche dieß ſey.

Suchen wir hier nicht nach Gruͤnden, Beweiſen. Sie hat oft geſagt, ſie habe an dem Proteſtantismus keine we - ſentlichen Irrthuͤmer im Dogma gefunden. Aber wie ihre Abneigung gegen denſelben aus einem urſpruͤnglichen, nicht weiter abzuleitenden, nur durch die Umſtaͤnde erhoͤhten Ge - fuͤhle herruͤhrt, ſo wirft ſie ſich mit einer eben ſo unerklaͤr - lichen Neigung, mit unbedingter Sympathie auf die Seite des Katholicismus.

Sie war neun Jahr alt, als man ihr zuerſt eine naͤ - here Notiz von der katholiſchen Kirche gab: und ihr unter andern ſagte, daß in derſelben der eheloſe Stand ein Ver - dienſt ſey: Ah, rief ſie aus, wie ſchoͤn iſt dieß, dieſe Religion will ich annehmen.

Man verwies ihr das ernſtlich: deſto hartnaͤckiger blieb ſie dabei.

Daran knuͤpften ſich weitere verwandte Eindruͤcke. Wenn man katholiſch iſt, ſagt ſie, hat man den Troſt, zu glauben was ſo viel edle Geiſter 16 Jahrhunderte lang geglaubt: einer Religion anzugehoͤren die durch Millionen Wunder, Millionen Maͤrtyrer beſtaͤtigt iſt: die endlich, fuͤgt ſie hinzu, ſo viele wunderbare Jungfrauen hervorge - bracht hat, welche die Schwachheiten ihres Geſchlechts uͤber - wunden und ſich Gott geopfert haben.

Die Verfaſſung von Schweden beruht auf dem Pro - teſtantismus: der Ruhm, die Macht, die Weltſtellung die - ſes Landes ſind darauf gegruͤndet; ihr aber wird er wie eine Nothwendigkeit aufgelegt: abgeſtoßen von tauſend Zu - faͤlligkeiten, unberuͤhrt von ſeinem Geiſte, eigenwillig reißt90Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.ſie ſich von ihm los: das Entgegengeſetzte, von dem ſie nur eine dunkele Kunde hat, zieht ſie an: daß es in dem Papſt eine untruͤgliche Autoritaͤt gebe, ſcheint ihr eine der Guͤte Gottes angemeſſene Einrichtung: darauf wirft ſie ſich von Tage zu Tage mit vollerer Entſchiedenheit: es iſt als fuͤhlte ſich das Beduͤrfniß weiblicher Hingebung hie - durch befriedigt, als entſpraͤnge in ihrem Herzen der Glaube wie in einem andern die Liebe, eine Liebe des unbewußten Affectes, die von der Welt verdammt wird, und verheim - licht werden muß, aber darum nur deſto tiefer wurzelt, in der ein weibliches Herz ſich gefaͤllt, der es alles zu opfern entſchloſſen iſt.

Wenigſtens wandte Chriſtine nun, um ſich dem roͤ - miſchen Hofe zu naͤhern, eine geheimnißvolle Verſchlagen - heit an, wie ſie ſonſt nur in Angelegenheiten der Leiden - ſchaft oder des Ehrgeizes vorkommt: ſie ſpann gleichſam eine Intrigue an um katholiſch zu werden. Darin zeigte ſie ſich vollkommen als eine Frau.

Der erſte dem ſie ihre Neigung zu erkennen gab, war ein Jeſuit Antonio Macedo, Beichtvater des portugieſiſchen Geſandten Pinto Pereira1)Man hat zuweilen einen gewiſſen Gottfr. Franken fuͤr den Urheber ihrer Bekehrung erklaͤrt. Nach der Relation hieruͤber bei Arckenholtz I, 465 wuͤrde der erſte Gedanke Franken nach Stockholm zu ſchicken bei der Ruͤckkehr des Salmaſius von da, welche 1651 erfolgte, entſtanden ſeyn. Macedo war jedoch ſchon 1650 daſelbſt; ſein Anſpruch iſt unlaͤugbar.. Pereira ſprach nur portugie - ſiſch: er brauchte ſeinen Beichtvater zugleich als Dolmet - ſcher. Ein ſonderbares Vergnuͤgen das ſich die Koͤnigin machte, in den Audienzen die ſie dem Geſandten gab, in -91Koͤnigin Chriſtine von Schweden.dem er von Staatsgeſchaͤften zu handeln gedachte, mit ſei - nem Dolmetſcher auf religioͤſe Controverſen zu kommen, und dieſem in Gegenwart eines Dritten der davon nichts verſtand, ihr tiefſtes Geheimniß anzuvertrauen1)Pallavicini: Arctius idcirco sermones et colloquia mi - scuit, non tunc solum quum ad eam Macedus ab legato mitte - batur, sed etiam ipso praesente, qui nihil intelligens animadver - tebat tamen longiores inter eos esse sermones quam res ferrent ab se interpreti propositae et sibi ab interprete relatae. .

Ploͤtzlich verſchwand Macedo von Stockholm. Die Koͤnigin that, als laſſe ſie ihn ſuchen, verfolgen, aber ſie ſelbſt hatte ihn nach Rom geſchickt, um ihre Abſicht zu - naͤchſt dem Jeſuitengeneral vorzutragen, und ihn zu bitten ihr ein paar vertraute Mitglieder ſeines Ordens zuzuſenden.

Im Februar 1652 langten dieſe in der That in Stock - holm an. Es waren ein paar juͤngere Maͤnner, die ſich als reiſende italieniſche Edelleute vorſtellen ließen, und hier - auf von ihr zur Tafel gezogen wurden. Sie vermuthete auf der Stelle, wer ſie waͤren: indem ſie unmittelbar vor ihr her in das Speiſezimmer gingen, ſagte ſie leiſe zu dem Einen, vielleicht habe er Briefe an ſie; dieſer bejahte das, ohne ſich umzuwenden; ſie ſagte: ſprecht mit Niemand, und ſchickte dann nach Tiſche ihren vertrauteſten Diener Johann Holm um die Briefe, den andern Morgen um ſie ſelbſt im tief - ſten Geheimniß nach dem Pallaſte abzuholen2)Relatione di Paolo Casati al papa Alessandro VII. Auszug im Anhang..

In dem Koͤnigspallaſt Guſtav Adolfs traten Abgeord - nete von Rom mit ſeiner Tochter zuſammen um mit ihr uͤber ihren Uebertritt zur roͤmiſchen Kirche zu unterhandeln. 92Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.Der Reiz fuͤr Chriſtine lag auch darin, daß Niemand et - was davon ahndete.

Die guten Jeſuiten beabſichtigten anfangs die Ord - nung des Katechismus zu beobachten, doch ſahen ſie bald, daß das hier nicht angebracht ſey. Die Koͤnigin warf ih - nen ganz andere Fragen auf, als die dort vorkamen. Ob es einen Unterſchied zwiſchen Gut und Boͤſe gebe, oder ob alles nur auf den Nutzen und die Schaͤdlichkeit einer Hand - lung ankomme; wie die Zweifel zu erledigen, die man ge - gen die Annahme einer Vorſehung erheben koͤnne; ob die Seele des Menſchen wirklich unſterblich; ob es nicht am rathſamſten ſey, ſeiner Landesreligion aͤußerlich zu folgen und nach den Geſetzen der Vernunft zu leben. Die Jeſui - ten melden nicht, was ſie auf dieſe Fragen geantwortet ha - ben: ſie meinen, waͤhrend des Geſpraͤchs ſeyen ihnen Ge - danken gekommen, an die ſie fruͤher nie gedacht und die ſie dann wieder vergeſſen: in der Koͤnigin habe der heilige Geiſt gewirkt. In der That war in ihr ſchon eine ent - ſchiedene Hinneigung, welche alle Gruͤnde und die Ueber - zeugung ſelbſt ergaͤnzte. Am haͤufigſten kam man auf je - nen oberſten Grundſatz zuruͤck, daß die Welt nicht ohne die wahre Religion ſeyn koͤnne: daran ward die Behaup - tung geknuͤpft, daß unter den vorhandenen die katholiſche die vernuͤnftigſte ſey. Unſer Hauptbeſtreben war, ſagen die Jeſuiten, zu beweiſen, daß die Punkte unſeres heili - gen Glaubens uͤber die Vernunft erhaben, aber keineswe - ges ihr entgegen ſeyen. Die vornehmſte Schwierigkeit betraf die Anrufung der Heiligen, die Verehrung der Bil - der und Reliquien. Ihre Majeſtaͤt aber faßte, fahren93Koͤnigin Chriſtine von Schweden.ſie fort, mit eindringendem Geiſte die ganze Kraft der Gruͤnde, die wir ihr vorhielten: ſonſt haͤtten wir lange Zeit gebraucht. Auch uͤber die Schwierigkeiten ſprach ſie mit ihnen, die es haben werde, wenn ſie ſich zu dem Ueber - tritte entſchließe, ihn ins Werk zu ſetzen. Zuweilen ſchienen ſie unuͤberſteiglich, und eines Tages, als ſie die Jeſuiten wieder ſah, erklaͤrte ſie ihnen, ſie moͤchten lieber wieder nach Hauſe gehn: unausfuͤhrbar ſey das Unternehmen: auch koͤnne ſie ſchwerlich jemals ganz von Herzen katholiſch werden. Die guten Patres erſtaunten: ſie boten alles auf, um ſie feſt zu halten, ſtellten ihr Gott und Ewigkeit vor, und erklaͤr - ten ihre Zweifel fuͤr eine Anfechtung des Satans. Es be - zeichnet ſie recht, daß ſie gerade in dieſem Augenblicke ent - ſchloſſener war als bei irgend einer fruͤhern Zuſammen - kunft. Was wuͤrdet ihr ſprechen, fing ſie ploͤtzlich an, wenn ich naͤher daran waͤre, katholiſch zu werden, als ihr glaubt? Ich kann das Gefuͤhl nicht beſchreiben, ſagt der jeſuitiſche Berichterſtatter, das wir empfanden: wir glaubten von den Todten zu erſtehn. Die Koͤnigin fragte, ob ihr der Papſt nicht die Erlaubniß geben koͤnne das Abendmahl alle Jahr einmal nach lutheriſchem Ge - brauche zu nehmen. Wir antworteten: nein; dann, ſagte ſie, iſt keine Huͤlfe, ich muß die Krone aufgeben.

Denn dahin richteten ſich ohnedieß ihre Gedanken von Tage zu Tage mehr.

Nicht immer gingen die Geſchaͤfte des Landes nach Wunſch. Der maͤchtigen Ariſtokratie gegenuͤber, die ſich enge zuſammenhielt, bildete die Koͤnigin mit ihrer aus ſo vielen Laͤndern herbeigezogenen Umgebung, mit dem Thron -94Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.folger, den ſie dem Lande aufgenoͤthigt, und dem Grafen Magnus de la Gardie, dem ſie ihr Vertrauen ſchenkte, den aber der alte ſchwediſche Adel noch immer nicht als eben - buͤrtig anerkennen wollte, eine Partei die gleichſam als eine fremde betrachtet ward. Ihre unbeſchraͤnkte Freigebigkeit hatte die Finanzen erſchoͤpft, und man ſah den Augenblick kommen, wo man mit allen Mitteln zu Ende ſeyn werde. Schon im October 1651 hatte ſie den Staͤnden die Ab - ſicht zu reſigniren angekuͤndigt. Es war in dem Momente als ſie Antonio Macedo nach Rom geſchickt hatte. Noch einmal jedoch ließ ſie ſich davon zuruͤckbringen. Der Reichs - kanzler ſtellte ihr vor, ſie moͤge ſich nicht etwa durch die finanzielle Bedraͤngniß beſtimmen laſſen, man werde ſchon dafuͤr ſorgen, daß der Glanz der Krone nicht leide1)Pufendorf Rerum Suecicarum lib. 23, p. 477.. Auch ſah ſie wohl, daß dieſe Handlung der Welt nicht ſo heroiſch vorkommen wuͤrde, wie ſie anfangs geglaubt. Als kurz darauf Prinz Friedrich von Heſſen mit einem aͤhn - lichen Schritte umging, mahnte ſie ihn ausdruͤcklich ab: nicht gerade aus religioͤſen Gruͤnden: ſie erinnerte ihn nur, wer ſeinen Glauben veraͤndere, werde von denen gehaßt die er verlaſſe, und von denen verachtet zu denen er uͤbergehe2)Lettre de Christine au prince Fréderic Landgrave de Hesse, bei Arckenholtz I, p. 218. Pouvez-vous ignorer combien ceux qui changent sont haïs de ceux des sentimens desquels ils s’éloignent, et ne saurez-vous pas par tant d’illustres exem - ples qu’ils sont méprisés de ceux auprès desquels ils se rangent? . Aber allmaͤhlich wirkten dieſe Betrachtungen auf ſie ſelbſt nicht mehr. Es war vergebens, daß ſie ſich durch wie95Koͤnigin Chriſtine von Schweden.derholte Ernennungen in dem Reichsrathe, den ſie von 28 Mitgliedern auf 39 brachte, eine Partei zu machen ſuchte: das Anſehen der Oxenſtierna, das eine Zeit lang verdunkelt war, erhob ſich durch Verwandtſchaften, Gewohn - heit und ein in dieſer Familie gleichſam erbliches Talent aufs neue: in mehreren wichtigen Fragen, z. B. der Aus - einanderſetzung mit Brandenburg, blieb die Koͤnigin in der Minoritaͤt. Auch Graf Magnus de la Gardie verlor ihre Gnade. Das Geld fing wirklich an zu mangeln und reichte oft nicht zu den taͤglichen Beduͤrfniſſen des Haushaltes1)Motivi onde si crede la regina di Suezia aver presa la risolutione di rinonciare la corona, bei Arckenholtz II, App. no 47, wahrſcheinlich von Raym. Montecuculi.. War es nicht in der That beſſer, wenn ſie ſich eine jaͤhr - liche Rente ausbedang, und damit ohne ſo viel Widerrede zelotiſcher Prediger, die in ihrem Thun und Treiben nur eine abentheuerliche Curioſitaͤt, einen Abfall von der Re - ligion und den Sitten des Landes ſahen, nach ihres Her - zens Geluͤſten in dem Ausland lebte? Schon waren ihr die Geſchaͤfte zuwider, und ſie fuͤhlte ſich ungluͤcklich, wenn ſich ihr die Secretaͤre naͤherten. Schon ging ſie nur noch gern mit dem ſpaniſchen Geſandten Don Antonio Pimentel um, der an allen ihren Geſellſchaften und Vergnuͤgungen Theil nahm, den Verſammlungen jenes Amarantenordens, den ſie ſtiftete, deſſen Mitglieder ſich zu einer Art von Coͤ - libat verpflichten mußten. Don Antonio wußte um ihre ka - tholiſche Abſicht: er ſetzte ſeinen Herrn davon in Kenntniß, der die Fuͤrſtin in ſeinen Staaten aufzunehmen, ihren Ue - bertritt bei dem Papſte zu bevorworten verſprach2)Pallavicini Vita Alexandri VII. Aulae Hispanicae ad -. In96Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.Italien hatten ſchon jene Jeſuiten, die indeß zuruͤckgegangen, einige Vorbereitungen getroffen.

Dieß Mal war ſie durch keine Vorſtellungen abzu - bringen. Ihr Brief an den franzoͤſiſchen Geſandten Cha - nut beweiſt, wie wenig ſie auf Beifall rechnete. Aber ſie verſichert, daß ſie das nicht kuͤmmere. Sie werde gluͤck - lich ſeyn, ſtark in ſich, ohne Furcht vor Gott und Men - ſchen, und von dem Hafen aus die Pein Derjenigen an - ſehen, die von den Stuͤrmen des Lebens umhergeſchleudert wuͤrden. Ihre einzige Sorge war nur, ſich ihre Rente auf eine Weiſe ſicher zu ſtellen, daß ſie ihr nicht wieder ent - riſſen werden koͤnne.

Am 24. Juni 1654 ward die Ceremonie der Abdan - kung vollzogen. So manchen Anſtoß die Regierung der Koͤnigin gegeben hatte, ſo waren doch Vornehme und Ge - ringe von dieſer Losſagung des letzten Sproſſen der Waſa von ihrem Lande ergriffen. Der alte Graf Brahe weigerte ſich ihr die Krone wieder abzunehmen, die er ihr vor drei Jahren aufgeſetzt hatte: er hielt das Band zwiſchen Fuͤrſt und Unterthan fuͤr unaufloͤslich, dieſe Handlung fuͤr un - rechtmaͤßig1) Es ſtritte wider Gott, das gemeine Voͤlkerrecht, und den Eid, mit dem ſie dem Reiche Schweden und ihren Unterthanen ver - bunden waͤre, es ſey kein ehrlicher Mann, der Ihrer Maj. einen ſolchen Rath gebe. Leben des Grafen Peter Brahe in Schloͤzers Schwediſcher Biographie II, p. 409.. Die Koͤnigin mußte ſich die Krone ſelbſtvom2)ministri, cum primum rem proposuit Malines (der dahin geſchickt wurde) omnino voluissent ab regina regnum retineri, ob emolu - menta quae tum in religionem tum in regem catholicum redun - dassent, sed cognito id fieri non posse nisi laesa religione, pla - cuit regi patronum esse facti tam generosi. 97Koͤnigin Chriſtine von Schweden.vom Haupte nehmen: erſt aus ihrer Hand nahm er ſie an. Der Reichsinſignien entkleidet, in einfachem weißem Kleid, empfing hierauf die Koͤnigin die Abſchiedshuldigung ihrer Staͤnde. Nach den uͤbrigen erſchien auch der Sprecher des Bauernſtandes. Er kniete vor der Koͤnigin nieder, ſchuͤt - telte ihr die Hand, kuͤßte ſie wiederholt: die Thraͤnen bra - chen ihm hervor: er wiſchte ſie ſich mit ſeinem Tuche ab: ohne ein Wort geſagt zu haben kehrte er ihr den Ruͤcken und ging an ſeinen Platz1)Erzaͤhlung von Whitelok..

Ihr ſtand indeß all ihr Sinnen und Trachten nach der Fremde; keinen Augenblick wollte ſie laͤnger in einem Lande verweilen, wo ſie die oberſte Gewalt an einen an - dern abgetreten hatte. Schon hatte ſie ihre Koſtbarkeiten vorausgeſchickt: indem man die Flotte ausruͤſtete, die ſie nach Wismar bringen ſollte, ergriff ſie den erſten guͤnſti - gen Augenblick ſich verkleidet mit wenigen Vertrauten von der laͤſtigen Aufſicht zu befreien die ihre bisherigen Unter - thanen uͤber ſie ausuͤbten, und ſich nach Hamburg zu be - geben.

Und nun begann ſie ihren Zug durch Europa.

Bereits in Bruͤſſel trat ſie insgeheim, hierauf in Ins - bruck oͤffentlich zum Katholicismus uͤber: von dem Segen des Papſtes eingeladen, eilte ſie nach Italien: Krone und Zepter brachte ſie der Jungfrau Maria in Loreto dar. Die venezianiſchen Geſandten erſtaunten, welche Vorbereitun - gen man in allen Staͤdten des Kirchenſtaates traf um ſie praͤchtig zu empfangen; Papſt Alexander, deſſen Ehrgeiz es befriedigte, daß eine ſo glaͤnzende Bekehrung in ſein Pon -Päpſte** 798Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.tificat gefallen, erſchoͤpfte die apoſtoliſche Caſſe, um dieß Ereigniß feierlich zu begehn; nicht wie eine Buͤßende, ſon - dern triumphirend zog ſie in Rom ein1)Relatione de IV ambasciatori: Il sospetto che prese papa Innocentio che il ricevimento dovesse costarli caro ritardò il suo arrivo in Roma: e contento quel buon pontefice del ri - sparmio del danaro lasciò la gloria intiera al suo successore d’accomplire a questa memoranda funtione. Intorno a ciò ri - trovammo al nostro giongere in Roma occupate le maggiori applicationi della corte, et al ritorno ci si fece vedere tutto lo stato della chiesa involto in facende et a gara l’una città dell al - tra chi sapeva fare maggiore ostentatione di pomposi accogli - menti. . In den er - ſten Jahren finden wir ſie noch oft auf Reiſen: wir be - gegnen ihr in Deutſchland, ein paar Mal in Frankreich, ſelbſt in Schweden: politiſchen Beſtrebungen blieb ſie nicht immer ſo fern, wie ſie wohl anfangs beabſichtigt hatte; ſie unterhandelte einmal alles Ernſtes, und nicht ohne eine gewiſſe Ausſicht, die Krone von Polen an ſich zu bringen, wobei ſie wenigſtens haͤtte katholiſch bleiben koͤnnen; ein ander Mal zog ſie ſich den Verdacht zu, Neapel in fran - zoͤſiſchem Intereſſe angreifen zu wollen: die Nothwendigkeit fuͤr ihre Penſion zu ſorgen, mit deren Bezahlung es gar oft mißlich ſtand, ließ ihr ſelten vollkommene Ruhe. Daß ſie keine Krone trug und doch die volle Autonomie eines ge - kroͤnten Hauptes in Anſpruch nahm, zumal in dem Sinne wie ſie das verſtand, hatte ein paar Mal ſehr bedenkliche Folgen. Wer koͤnnte die grauſame Sentenz entſchuldigen, die ſie in Fontainebleau in ihrer eigenen Sache uͤber ein Mitglied ihres Haushaltes Monaldeschi ausſprach und von deſſen Anklaͤger und perſoͤnlichem Feinde vollſtrecken ließ? 99Koͤnigin Chriſtine von Schweden.Sie gab ihm nur eine Stunde Zeit, um ſich zum Tode vorzubereiten1)Pallavicini: im Anhang.. Die Treuloſigkeit, die der Ungluͤckliche gegen ſie begangen haben ſollte, ſah ſie an als Hochver - rath: ihn vor ein Gericht zu ſtellen, welches es auch im - mer ſeyn mochte, fand ſie unter ihrer Wuͤrde. Niemand uͤber ſich zu erkennen, ruft ſie aus, iſt mehr werth als die ganze Erde zu beherrſchen. Sie verachtete ſelbſt die oͤffentliche Meinung. Nach jener Hinrichtung, die vor allem in Rom, wo der Hader ihrer Hausgenoſſenſchaft dem Publicum beſſer bekannt war als ihr ſelbſt, allgemei - nen Abſcheu erregt hatte, eilte ſie dahin zuruͤck. Wo haͤtte ſie auch ſonſt leben koͤnnen als in Rom? Mit jeder weltlichen Gewalt, die einen ihren Anſpruͤchen gleichartigen Charakter gehabt haͤtte, wuͤrde ſie in unaufhoͤrliche Compe - tenzen gerathen ſeyn. Sogar mit den Paͤpſten, mit eben dem Alexander VII. deſſen Namen ſie bei dem Uebertritte dem ihrigen hinzugefuͤgt, gerieth ſie oft in bittere Zwiſtigkeiten.

Allmaͤhlig aber ward ihr Weſen milder, ihr Zuſtand ruhiger, ſie gewann es uͤber ſich einige Ruͤckſicht zu nehmen, und fand ſich in die Nothwendigkeiten ihres Aufenthal - tes, wo ja ohnehin die geiſtliche Herrſchaft ariſtokrati - ſchen Berechtigungen und perſoͤnlicher Unabhaͤngigkeit ei - nen weiten Spielraum geſtattete. Sie nahm immer mehr Theil an dem Glanze, den Beſchaͤftigungen, dem Leben der Curie, wohnte ſich ein, und gehoͤrte allmaͤhlig recht eigent - lich mit zu der Geſammtheit jener Geſellſchaft. Die Samm - lungen die ſie aus Schweden mitgebracht, vermehrte ſie nun mit ſo viel Aufwand, Sinn und Gluͤck, daß ſie die7*100Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.einheimiſchen Familien uͤbertraf, und dieß Weſen aus dem Gebiete der Curioſitaͤt zu einer hoͤhern Bedeutung fuͤr Ge - lehrſamkeit und Kunſt erhob. Maͤnner wie Spanheim und Havercamp haben es der Muͤhe werth gefunden ihre Muͤn - zen und Medaillen zu erlaͤutern; ihren geſchnittenen Steinen widmete Sante Bartolo ſeine kunſtgeuͤbte Hand. Die Correg - gios ihrer Gemaͤhldeſammlung ſind immer der beſte Schmuck der Bildergallerien geweſen, in welche der Wechſel der Zeiten ſie gefuͤhrt hat. Die Handſchriften ihrer Bibliothek haben nicht wenig dazu beigetragen, den Ruhm der Vaticana, der ſie ſpaͤter einverleibt worden ſind, zu erhalten. Erwerbungen und Beſitzthuͤmer dieſer Art erfuͤllen das taͤgliche Leben mit harmloſem Genuß. Auch an wiſſenſchaftlichen Beſtrebun - gen nahm ſie lebendigen Antheil. Es gereicht ihr ſehr zur Ehre daß ſie ſich des armen verjagten Borelli, der in hohen Jahren wieder genoͤthigt war Unterricht zu geben, nach Kraͤf - ten annahm, und ſein ruhmwuͤrdiges, noch immer unuͤber - troffenes Werk uͤber die Mechanik der Thierbewegungen, das auch fuͤr die Entwickelung der Phyſiologie ſo große Bedeutung gehabt hat, auf ihre Koſten drucken ließ. Ja wir duͤrfen, denk ich, behaupten daß auch ſie ſelbſt, wie ſie ſich weiter ausbildete, ihr gereifter Geiſt einen nachwirkenden und unvergaͤnglichen Einfluß ausgeuͤbt hat; namentlich auf die italieniſche Literatur. Es iſt bekannt, welchen Verirrun - gen in das Ueberladene, Geſuchte, Bedeutungsloſe ſich ita - lieniſche Dichtkunſt und Beredſamkeit damals hingab. Koͤ - nigin Chriſtine war zu gut gebildet, zu geiſtreich, als daß ſie von dieſer Mode haͤtte beſtrickt werden ſollen: ihr war dieſelbe ein Graͤuel. Im Jahre 1680 ſtiftete ſie eine101Koͤnigin Chriſtine von Schweden.Akademie fuͤr politiſche und literariſche Uebungen in ihrem Hauſe, unter deren Statuten das vornehmſte iſt, daß man ſich der ſchwuͤlſtigen, mit Metaphern uͤberhaͤuften moder - nen Manier enthalten, und nur der geſunden Vernunft und den Muſtern des auguſteiſchen und mediceiſchen Zeitalters folgen wolle1)Constituzioni dell accademia reale, bei Arckenholtz IV, p. 28, § 28. In quest accademia si studj la purità, la gravità e la maestà della lingua Toscana: s’imitino per quanto si può i maestri della vera eloquenza de secoli d’Augusto e di Leone X, e però si dia bando allo stile moderno turgido ed am - pollosa, ai traslati, metafore, figure etc. Ein anderer Paragraph (11) verbietet alle Lobeserhebungen der Koͤnigin, was denn auch ſehr nothwendig war. In dem vierten Bande von Nicoletti’s Le - ben Urbans VIII. findet ſich eine Schilderung dieſer Akademie, in der hauptſaͤchlich dargethan wird, daß die vornehmſten Mitglieder, Angelo della Noce, Giuſeppe Suarez, Joh. Franz Albani (ſpaͤterhin Papſt), Stephan Gradi, Ottavio Falconieri, Stephan Pignatelli, Hausgenoſſen des Card. Franz Barberino geweſen ſeyen.. Es macht einen ſonderbaren Eindruck, wenn man in der Bibliothek Albani zu Rom auf die Ar - beiten dieſer Akademie ſtoͤßt, Uebungen italieniſcher Abba - ten, verbeſſert von der Hand einer nordiſchen Koͤnigin; je - doch iſt das nicht ohne Bedeutung. Aus ihrer Akademie gingen Maͤnner hervor wie Aleſſandro Guidi, der fruͤher auch dem gewohnten Style gefolgt war, ſeit er aber in die Naͤhe der Koͤnigin gekommen, ſich entſchloſſen von ihm losſagte, und mit einigen Freunden in Bund trat um ihn wo moͤglich ganz zu vertilgen: die Arcadia, eine Akademie der man das Verdienſt zuſchreibt dieß vollbracht zu haben, hat ſich aus der Geſellſchaft der Koͤnigin Chriſtine entwik - kelt. Ueberhaupt, das iſt nicht zu leugnen, daß die Koͤ - nigin in der Mitte ſo vieler auf ſie eindringenden Ein -102Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.druͤcke eine edle Selbſtaͤndigkeit des Geiſtes bewahrte. Der Anforderung, die man ſonſt an Convertiten macht, oder die ſie ſich von freien Stuͤcken auflegen, einer in die Augen fal - lenden Froͤmmigkeit war ſie nicht gemeint ſich zu bequemen. So katholiſch ſie iſt, ſo oft ſie auch ihre Ueberzeugung von der Infallibilitaͤt des Papſtes wiederholt, von der Noth - wendigkeit alles zu glauben was er und die Kirche gebiete, ſo hat ſie doch einen wahren Haß gegen die Bigotten, und verabſcheut die Direction der Beichtvaͤter, die damals das geſammte Leben beherrſchte. Sie ließ ſich nicht neh - men, Carneval, Concert, Comoͤdie, und was das roͤmiſche Leben ihr ſonſt darbieten mochte, vor allem die innere Be - wegung einer geiſtreichen und lebendigen Geſellſchaft zu ge - nießen. Sie liebt, wie ſie bekennt, die Satyre: Pasquino macht ihr Vergnuͤgen. In die Intriguen des Hofes, die Entzweiungen der papalen Haͤuſer, die Factionen der Cardi - naͤle unter einander iſt ſie immer auch mit verwickelt. Sie haͤlt ſich an die ſquadroniſtiſche Faction, deren Haupt ihr Freund Azzolini iſt, ein Mann den auch Andere fuͤr das geiſtreichſte Mitglied der Curie halten, den ſie aber gera - dezu fuͤr einen goͤttlichen, unvergleichlichen, daͤmoniſchen Menſchen erklaͤrt, den einzigen den ſie dem alten Reichs - kanzler Axel Oxenſtierna uͤberlegen glaubt. Sie wollte ihm in ihren Memoiren ein Denkmal ſetzen. Ungluͤcklicher Weiſe iſt nur ein kleiner Theil derſelben bekannt gewor - den, der aber einen Ernſt, eine Wahrhaftigkeit in dem Umgange mit ſich ſelbſt, einen freien und feſten Geiſt ent - huͤllt, vor dem die Afterrede verſtummt. Eine nicht min - der merkwuͤrdige Production ſind die Sinnſpruͤche und zer -103Koͤnigin Chriſtine von Schweden.ſtreuten Gedanken, die wir als eine Arbeit ihrer Neben - ſtunden beſitzen1)Wir haben ſie in zwei von einander etwas abweichenden Redactionen: Ouvrage de loisir de Christine reine de Suede im Anhange des zweiten und Sentimens et dits mémorables de Chri - stine im Anhange des vierten Bandes von Arckenholtz.. Bei ſo viel feinen Bemerkungen, ſo vie - ler Einſicht in das Getriebe menſchlicher Leidenſchaften, ſo vielem Sinn fuͤr die Welt, doch eine entſchiedene Richtung auf das Weſentliche, lebendige Ueberzeugung von der Selbſt - beſtimmung und dem Adel des Geiſtes, gerechte Wuͤrdigung der menſchlichen Dinge, welche weder zu gering, noch auch zu hoch angeſchlagen werden, eine Geſinnung die nur Gott und ſich ſelbſt genug zu thun ſucht. Die große Bewegung des Geiſtes, die ſich gegen das Ende des ſiebzehnten Jahr - hunderts in allen Zweigen der menſchlichen Thaͤtigkeit ent - wickelte und eine neue Aera eroͤffnete, vollzog ſich auch in dieſer Fuͤrſtin. Dazu war ihr der Aufenthalt in einem Mittelpunkte der europaͤiſchen Bildung und die Muße des Privatlebens wenn nicht unbedingt nothwendig, doch ge - wiß ſehr foͤrderlich. Leidenſchaftlich liebte ſie dieſe Umge - bung: ſie glaubte nicht leben zu koͤnnen wenn ſie die Luft von Rom nicht athme.

Verwaltung des Staates und der Kirche.

Es gab ſchwerlich noch einen andern Ort in der dama - ligen Welt, wo ſich ſo viel Cultur der Geſellſchaft, ſo man - nigfaltiges beſtreben in Literatur und Kunſt, ſo viel hei - teres geiſtvolles Vergnuͤgen, uͤberhaupt ein Leben ſo erfuͤllt104Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.mit Theilnahme abgewinnenden, beſchaͤftigenden Intereſſen gefunden haͤtte, wie am Hofe zu Rom. Die Gewalt fuͤhlte man wenig: die herrſchenden Geſchlechter theilten im Grunde Glanz und Macht; auch die geiſtlichen Anforderungen konn - ten nicht mehr in aller ihrer Strenge durchgeſetzt werden: ſie fanden ſchon in der Geſinnung der Welt einen merkli - chen Widerſtand. Man moͤchte ſagen: die im Laufe der Zeiten emporgekommenen geiſtigen Antriebe und Perſoͤn - lichkeiten bewegten ſich in ſchwelgeriſchem Gleichgewicht.

Eine andere Frage war aber, wie man von hier aus Kirche und Staat regieren werde.

Denn ohne Zweifel hatte der Hof oder vielmehr die Praͤlatur, welche eigentlich erſt die vollguͤltigen Mitglieder der Curie umfaßte, dieſe Verwaltung in ihren Haͤnden.

Schon unter Alexander VII. hatte ſich das Inſtitut der Praͤlatur in ſeinen modernen Formen ausgebildet. Um Referendario di Segnatura zu werden, wovon alles abhing, mußte man Doctor Juris ſeyn, 3 Jahre bei einem Advo - caten gearbeitet, ein beſtimmtes Alter erreicht haben, ein be - ſtimmtes Vermoͤgen beſitzen, und uͤbrigens keinen Tadel dar - bieten. Das Alter war fruͤher auf 25 Jahre, das Vermoͤgen auf ein Einkommen von 1000 Sc. feſtgeſetzt; Alexander traf die ziemlich ariſtokratiſche Abaͤnderung, daß nur 21 Jahre erforderlich ſeyn, aber dagegen 1500 Scudi feſte Einkuͤnfte nachgewieſen werden ſollten. Wer dieſen Anforderungen genuͤgte, ward von dem Prefetto di Segnatura eingekleidet, und mit dem Vortrag uͤber zwei Streitſachen vor verſam - melter Segnatura beauftragt1)Discorso del dominio temporale e spirituale del S. Pon - tefice Romano 1664. MS. . So ergriff er Beſitz: ſo105Verwaltung des Staates und der Kirche.ward er zu allen andern Aemtern befaͤhigt. Von dem Go - verno einer Stadt, einer Landſchaft ſtieg man zu einer Nun - tiatur, einer Vicelegation auf; oder man gelangte zu einer Stelle in der Rota, in den Congregationen: dann folgten Cardinalat, Legation. Geiſtliche und weltliche Gewalt wa - ren ſelbſt in der Verwaltung in den hoͤchſten Stellen ver - einigt. Wenn der Legat in einer Stadt erſcheint, hoͤren ei - nige geiſtliche Ehrenvorrechte des Biſchofs auf: der Legat gibt dem Volke den Segen wie der Papſt. Unaufhoͤrlich wechſeln die Mitglieder der Curie zwiſchen geiſtlichen und weltlichen Aemtern.

Bleiben wir nun zuerſt bei der weltlichen Seite, der Staatsverwaltung ſtehn.

Alles hing von den Beduͤrfniſſen ab, von den Anfor - derungen, die man an die Unterthanen machte, von der Lage der Finanzen.

Wir ſahen, welch einen verderblichen Schwung das Schuldenweſen unter Urban VIII. beſonders durch den Krieg von Caſtro bekam[;]aber noch einmal waren doch die Anleihen durchgeſetzt worden, die Luoghi di Monte ſtan - den hoch im Preiſe: ohne Ruͤckſicht noch Einhalt fuhren die Paͤpſte auf dem betretenen Wege fort.

Innocenz X. fand 1644 182103¾, und hinterließ 1655 die Zahl von 264129½ Luoghi di Monte, ſo daß das Capital, welches hiedurch bezeichnet wird, von 18 auf mehr als 26 Millionen geſtiegen war. Obwohl er mit dieſer Summe auch anderweite Schulden bezahlt, Capitalien abgeloͤſt hatte, ſo lag doch immer ein ſtarker Anwachs der Geſammtmaſſe darin, die man bei ſeinem Ableben auf 48 Millionen Scudi berechnete. Er hatte das Gluͤck gehabt,106Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.von den Auflagen Urbans VIII. einen Mehrertrag zu zie - hen, auf den er die neuen Monti fundirte.

Indem nun Alexander VII. die Regierung antrat, zeigte ſich wohl, daß eine Vermehrung der Auflagen un - thunlich ſey; neue Anleihen waren nun ſchon ſo zur Ge - wohnheit geworden, daß man ihrer gar nicht mehr entbeh - ren konnte: Alexander entſchloß ſich eine neue Huͤlfsquelle in einer Reduction der Zinſen zu ſuchen.

Die Vacabili, welche 10½ Procent Zinſen trugen, ſtan - den auf 150: er beſchloß ſie alle einzuziehen. Obwohl er ſie nach dem Curs bezahlte, ſo hatte er doch dabei einen großen Vortheil, da die Kammer im Allgemeinen fuͤr 4 Pro - cent aufnahm, und daher, wenn ſie auch mit geliehenem Gelde zuruͤckzahlte, doch in Zukunft ſtatt 10½ nur 6 Pro - cent Zinſen zu zahlen brauchte.

Hierauf faßte Papſt Alexander die Abſicht, auch alle Nonvacabili die uͤber 4 Proc. trugen, auf dieſen Zinsfuß zu - ruͤckzubringen1)Pallavicini: Vita di Alessandro VII. Perciocchè in nes - sun altro paese d’Italia la rendita del danaro aveasi tanto pin - gue e tanto sicura, pian piano era succeduto che quei luoghi del primitivo lor prezzo di 100 fussero cresciuti nella piazza al valor di 116. Hor la camera valendosi del suo diritto, come avrebbe potuto qualsivoglia privato, rendeva il prezzo origina - rio di 100, non permettendo la vastità della somma er rech - net 26 Mill. persuadendo la qualità de padroni, in gran parte ricchi e forastieri, che ad aggravio de poveri, alle cui spalle stanno tutti i publici pesi, il pontefice usasse più la libe - ralità usata da lui nell estintione de monti vacabili. . Da er ſich aber hiebei um den Curs nicht kuͤmmerte, der 116 Proc. ſtand, ſondern ſchlechtweg nach dem Wortlaut ſeiner Verpflichtung hundert fuͤr den Luogho zu -107Verwaltung des Staates.ruͤckzahlte und nicht mehr, ſo machte er einen neuen ſehr bedeutenden Vortheil. Alle dieſe Zinſen beruhten, wie wir ſahen, auf Auflagen, und es mag vielleicht anfangs die Ab - ſicht geweſen ſeyn die druͤckendſten zu erlaſſen; aber da man bei der alten Wirthſchaft beharrte, ſo war das nicht durch - zuſetzen: auf einen Nachlaß an dem Salzpreiſe erfolgte ſehr bald eine Erhoͤhung der Mahlſteuer: jener ganze Gewinn ward von der Staatsverwaltung oder dem Nepotismus verſchlungen. Rechnet man die Erſparniſſe der Reductionen zuſammen, ſo muͤſſen ſie ungefaͤhr 140000 Scudi getragen haben, deren neue Verwendung als Zins eine Vermehrung der Schuld ungefaͤhr um 3 Millionen involviren wuͤrde.

Auch Clemens IX. wußte die Staatsverwaltung nur mit neuen Anleihen zu fuͤhren. Aber ſchon ſah er ſich ſo weit gebracht, daß er den Ertrag der Dataria, der bisher immer geſchont worden, auf den der taͤgliche Unterhalt des paͤpſtlichen Hofes gegruͤndet war, doch endlich auch an - griff. Er hat 13200 neue Luoghi di Monte darauf ge - gruͤndet. Im Jahre 1670 konnten ſich die paͤpſtlichen Schulden auf ungefaͤhr 52 Millionen Scudi belaufen.

Daraus folgte nun einmal, daß man die Laſten, die ſich in einem unproductiven, an dem Welthandel keinen Antheil nehmenden Lande ſchon ſehr druͤckend erwieſen, auch bei dem beſten Willen nicht anders als unmerklich und voruͤbergehend vermindern konnte.

Eine andere Klage war, daß die Monti auch an Fremde gelangten, denen dann die Zinſen zu Gute kamen, ohne daß ſie zu den Abgaben beigetragen haͤtten. Man be - rechnete, daß jaͤhrlich 600000 Sc. nach Genua geſchickt108Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.wuͤrden; das Land wurde hiedurch zum Schuldner einer fremden Landsmannſchaft, was ſeiner freien Entwickelung unmoͤglich foͤrderlich ſeyn konnte.

Und noch eine tiefer eingreifende Wirkung knuͤpfte ſich hieran.

Wie haͤtte es anders ſeyn koͤnnen, als daß die Inha - ber der Renten, die Geldbeſitzer auch einen großen Einfluß auf den Staat und ſeine Verwaltung erlangen mußten?

Die großen Handelshaͤuſer bekamen einen unmittelba - ren Antheil an den Staatsgeſchaͤften. Dem Teſoriere war immer ein Handelshaus beigegeben, bei dem die Gelder in Empfang genommen und ausgezahlt wurden; die Caſſen des Staates waren eigentlich immer in den Haͤnden der Kauf - leute. Aber ſie waren auch die Paͤchter der Einkuͤnfte, Schatzmeiſter in den Provinzen. So viele Aemter waren kaͤuflich: ſie beſaßen die Mittel ſie an ſich zu bringen. Schon ohnehin gehoͤrte ein nicht unbedeutendes Vermoͤgen dazu, um an der Curie fortzukommen. In den wichtigſten Stellen der Verwaltung finden wir um das Jahr 1665 Florentiner und Genueſen. Der Geiſt des Hofes nahm eine ſo mercantile Richtung, daß allmaͤhlig die Befoͤrderungen bei weitem weniger von Verdienſt als von Geld abhingen. Ein Kaufmann mit ſeiner Boͤrſe in der Hand , ruft Grimani aus, hat am Ende alle Mal den Vorzug. Der Hof erfuͤllt ſich mit Miethlingen, die nur nach Gewinn trach - ten, die ſich nur als Handelsleute fuͤhlen, nicht als Staats - maͤnner, und lauter niedrige Gedanken hegen. 1)Antonio Grimani. Per la vendita della maggior parte degli officii più considerabili si viene a riempire la corte d’uomini

109Verwaltung des Staates.

Das war nun um ſo wichtiger, da es in dem Lande keine Selbſtaͤndigkeit mehr gab. Nur Bologna entwickelte zuweilen einen nachhaltigen Widerſtand, ſo daß man in Rom ſogar einmal daran dachte, dort eine Citadelle zu er - richten. Wohl widerſetzten ſich dann und wann auch an - dere Communitaͤten: die Einwohner von Fermo wollten einſt nicht dulden, daß Getreide, deſſen ſie ſelbſt zu beduͤr - fen glaubten, aus ihrem Gebiete weggefuͤhrt wuͤrde1)Memoriale presentato alla S di N. Sre papa Innocen - tio dalli deputati della città di Fermo per il tumulto ivi seguito alli 6 di luglio 1648. MS. S. Bisaccioni Historia delle guerre civili p. 271, wo neben England, Frankreich, Polen, Neapel auch Fermo auftritt.: in Perugia weigerte man ſich, ruͤckſtaͤndige Auflagen nachzu - zahlen; aber die Generalcommiſſarien des Hofes unterdruͤck - ten dieſe Bewegungen leicht, und fuͤhrten dann eine um ſo ſtrengere Unterordnung ein: allmaͤhlig wurde auch die Ver - waltung der Communalguͤter dem Ermeſſen des Hofes un - terworfen.

Ein merkwuͤrdiges Beiſpiel von dem Gange dieſer Ver - waltung gibt uns das Inſtitut der Annona.

Wie es im 16. Jahrhundert uͤberhaupt ein allgemei - ner Grundſatz war die Ausfuhr der unentbehrlichen Le - bensbeduͤrfniſſe zu erſchweren, ſo trafen auch die Paͤpſte dahin zielende Einrichtungen, vorzuͤglich um der Theu - rung des Brotes vorzubeugen. Doch hatte der Prefetto1)mercenarj e mercanti, restanti indietro quelli che potrebbero pos - seder tali officii per merito e per virtù, male veramente notabile che smacca il credito concepito della grandezza della corte Ro - mana, non avendo detti mercenarj d’officii involto l’animo che in cose mecaniche e basse e più tosto mercantili che politiche. 110Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.dell Annona, dem dieſer Zweig der aufſehenden Gewalt uͤbertragen ward, anfangs nur ſehr beſchraͤnkte Befugniſſe. Zuerſt Gregor XIII. erweiterte ſie. Ohne die Erlaubniß des Prefetto ſollte das gewonnene Getreide weder uͤber - haupt aus dem Lande, noch auch nur von einem Bezirke in den andern ausgefuͤhrt werden. Nur in dem Falle aber ward die Erlaubniß ertheilt, daß das Getreide am 1ſten Merz unter einem gewiſſen Preiſe zu haben war. Cle - mens VIII. beſtimmte dieſen Preis auf 6, Paul V. auf Scudi fuͤr den Rubbio. Es war ein beſonderer Tarif fuͤr das Brot nach den verſchiedenen Kornpreiſen feſtge - ſetzt1)In dem Werke Nicola Maria Nicolaj’s Memorie, leggi et osservationi sulle campagne e sull annone di Roma 1803 findet ſich B. II. die lange Reihe paͤpſtlicher Verordnungen uͤber dieſe Ge - genſtaͤnde..

Nun fand ſich aber daß das Beduͤrfniß von Rom von Jahr zu Jahr anwuchs. Die Einwohnerzahl nahm zu: der Anbau der Campagna gerieth in Verfall. Der Verfall der Campagna wird beſonders in die erſte Haͤlfte des ſieb - zehnten Jahrhunderts zu ſetzen ſeyn. Irre ich nicht, ſo wird man ihn aus zwei Urſachen herzuleiten haben: einmal jener Veraͤußerung der kleineren Beſitzthuͤmer an die gro - ßen Familien: denn dieſes Land fordert die ſorgfaͤltigſte Bearbeitung, die ihm nur der kleinere Eigenthuͤmer zuzu - wenden pflegt, der mit ſeinem ganzen Einkommen darauf verwieſen iſt; und ſodann der zunehmenden Verſchlechterung der Luft. Gregor XIII. hatte den Getreidebau ausdehnen, Sixtus V. die Schlupfwinkel der Banditen zu vernichten111Verwaltung des Staates. geſucht, und ſo hatte jener die tieferen Gegenden nach dem Meere hin ihrer Baͤume und Gebuͤſche, dieſer die Anhoͤhen ihrer Waldungen beraubt1)Relatione dello stato di Roma presente, oder Almaden. S. den Anhang.. Weder das Eine noch das Andere kann von Nutzen geweſen ſeyn: die Aria cattiva dehnte ſich aus, und trug dazu bei die Campagna zu ver - oͤden. Von Jahr zu Jahr nahm ihr Ertrag ab.

Dieſes Mißverhaͤltniß nun zwiſchen Ertrag und Be - duͤrfniß veranlaßte Papſt Urban VIII. die Aufſicht zu ſchaͤr - fen, die Rechte des Prefetto auszudehnen. Durch eine ſei - ner erſten Conſtitutionen hob er alle Ausfuhr von Getreide oder Vieh oder Oel ſowohl aus dem Staate uͤberhaupt als aus einem Gebiete in das andere ſchlechthin auf, und bevollmaͤchtigte den Prefetto dem Ertrage einer jeden Ernte gemaͤß den Preis des Getreides auf Campofiore zu beſtim - men, und den Baͤckern das Gewicht des Brotes nach Maaßgabe deſſelben vorzuſchreiben.

Hiedurch ward der Prefetto allmaͤchtig, und er ver - ſaͤumte nicht, die ihm zugeſtandene Befugniß zu ſeinem und ſeiner Freunde Vortheil anzuwenden. Er bekam gera - dezu das Monopol mit Korn, Oel, Fleiſch, mit allen er - ſten Lebensbeduͤrfniſſen in die Haͤnde. Daß die Wohlfeil - heit derſelben ſehr befoͤrdert worden waͤre, kann man nicht finden: den Beguͤnſtigten ward ſelbſt die Ausfuhr zugeſtan - den, und man fuͤhlte hauptſaͤchlich nur den Druck der bei Aufkauf und Verkauf Statt fand. Auf der Stelle wollte man bemerken, daß der Ackerbau noch mehr abnehme2)Pietro Contarini 1627: Il pontefice avendo levato le.

112Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.

Ueberhaupt beginnen nun die Klagen uͤber den allge - meinen Verfall des Kirchenſtaates, die ſeitdem nie wieder aufgehoͤrt. Auf unſrer Reiſe hin und her , ſagen die vene - zianiſchen Geſandten von 1621, bei denen ich ſie zuerſt finde, haben wir große Armuth unter den Bauern und in dem gemeinen Volke, und geringen Wohlſtand um nicht zu ſa - gen große Beſchraͤnkung in allen uͤbrigen wahrgenommen; eine Frucht der Regierungsart und beſonders des geringfuͤ - gigen Verkehrs. Bologna und Ferrara haben in Pallaͤſten und Adel einen gewiſſen Glanz; Ancona iſt nicht ohne Handel mit Raguſa und der Tuͤrkei; alle andern Staͤdte aber ſind tief geſunken. Um das Jahr 1650 bildete ſich die Meinung ganz allgemein aus, daß eine geiſtliche Re - gierung verderblich ſey1)Diario Deone tom. IV. 1649 21 Ag. E dovere di favo - rir la chiesa: però veggiamo che tutto quello che passa a lei, è in pregiudicio del publico, come che le terre sue subito sono dishabitate e le possessioni mal coltivate, si vede in Ferrara, in Urbino, in Nepe, in Nettuno et in tutte le piazze che sono passate nel dominio della chiesa. . Schon fangen auch die Einwoh - ner an ſich bitter zu beklagen. Die Auflagen der Barbe - rini , ruft eine gleichzeitige Lebensbeſchreibung aus, haben das Land, die Habſucht der Donna Olimpia hat den Hof erſchoͤpft, von der Tugend Alexanders VII. erwartete man eine Verbeſſerung: aber ganz Siena hat ſich nach dem Kir -Ein2)tratte concesse a diversi da suoi precessori hora venden - dole ne cava bona somma di danaro: non vole i prezzi troppo vili grano forestiero: l’arte del campo viene ad abbandonarsi per il poco o niun guadagno che ne traggono. 113Verwaltung des Staates. chenſtaate ergoſſen, um ihn vollends auszuſaugen. 1)Vita di Alessandro VII: Spolpato e quasi in teschio ridotto dalle gabelle Barberine lo stato ecclesiastico e smunta la corte dall ingordigia di Olimpia confidavano generoso ristoro della bontà d’Alessandro. Und indeß ließen die Forderungen doch niemals nach.

Ein Cardinal verglich dieſe Verwaltung einſt mit ei - nem Pferde, das im Lauf ermuͤdet aufs neue angetrieben werde, und ſich aufs neue in Lauf ſetze, bis es erſchoͤpft ſey und hinſtuͤrze. Dieſer Moment einer voͤlligen Erſchoͤ - pfung ſchien jetzt gekommen.

Es hatte ſich der ſchlechteſte Geiſt, der eine Beam - tenſchaft ergreifen kann, gebildet: ein Jeder ſah das Ge - meinweſen hauptſaͤchlich als einen Gegenſtand ſeines per - ſoͤnlichen Vortheils, oft nur ſeiner Habſucht an.

Wie riß die Beſtechlichkeit auf eine ſo furchtbare Weiſe ein!

An dem Hofe Innocenz X. verſchaffte Donna Olim - pia Aemter unter der Bedingung einer monatlichen Erkennt - lichkeit. Und waͤre ſie nur die Einzige geweſen! Aber die Schwaͤgerin des Datarius Cecchino, Donna Clementia, ver - fuhr auf aͤhnliche Weiſe. Beſonders das Weihnachtsfeſt war die große Ernte der Geſchenke. Daß Don Camillo Aſtalli einſtmals, obwohl er es hatte hoffen laſſen, dann doch mit Donna Olimpia nicht theilen wollte, regte de - ren heftigen Ingrimm auf, und legte den Grund zu ſeinem Sturze. Zu welchen Verfaͤlſchungen ließ ſich Mascambruno durch Beſtechung hinreißen! Den Decreten die er dem Papſt vorlegte, fuͤgte er falſche Summarien bei: da der Papſt nur die Summarien las, ſo unterzeichnete er DingePäpſte** 8114Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.von denen er keine Ahndung hatte, und die den roͤmiſchen Hof mit Schmach bedeckten1)Pallavicini ſucht es damit zu entſchuldigen, weil die Verfuͤ - gungen der Dataria geſchrieben worden di carattere francese, come è restato in uso della dataria dapoi che la sedia fu in Avignone , was denn der Papſt nicht gern las.. Es gibt nichts Schmerz - licheres als wenn man lieſt, der Bruder Alexanders VII Don Mario ſey unter andern dadurch reich geworden, daß er die Gerechtigkeit im Borgo verwaltete.

Denn leider war auch die Rechtspflege von dieſer Seuche ergriffen.

Wir haben ein Verzeichniß der Mißbraͤuche die an dem Gerichtshofe der Rota eingeriſſen, das dem Papſt Alexander von einem Manne uͤbergeben wurde der 28 Jahr an demſelben gearbeitet hatte2)Disordini che occorrono nel supremo tribunale della rota nella corte Romana e gli ordini con i quali si potrebbe rifor - mare, scrittura fatta da un avvocato da presentarsi alla S di N. Sre Alessandro VII. MS. Rang. zu Wien no 23.. Er rechnet, daß es kei - nen Auditor di Rota gebe der zu Weihnachten nicht an 500 Sc. Geſchenke erhalte. Wer an die Perſon des Audi - tore ſelbſt nicht zu kommen vermochte, wußte doch an ſeine Verwandten, Gehuͤlfen, Diener zu gelangen.

Nicht minder verderblich aber wirkten die Empfehlun - gen des Hofes oder der Großen. Die Richter haben ſich zuweilen bei den Parteien ſelbſt uͤber das ungerechte Ur - theil entſchuldigt, das ſie ausgeſprochen: ſie erklaͤrten, die Gerechtigkeit erleide Gewalt.

Was konnte dieß nun fuͤr eine Rechtspflege geben. Vier Monat hatte man Ferien: auch in den uͤbrigen war das Leben zerſtreuend, aufreibend: die Urtel verzogen ſich115Verwaltung des Staates. ungebuͤhrlich, und trugen zuletzt doch alle Spuren der Ueber - eilung. Es waͤre vergeblich geweſen ſich auf Appellatio - nen einzulaſſen. Zwar wurde dann die Sache andern Mit - gliedern uͤbergeben: aber wie haͤtten dieſe nicht eben ſo gut wie die fruͤhern jenen Einfluͤſſen unterliegen ſollen? Sie nahmen ſogar uͤberdieß auf das vorhergegangene Votum Ruͤckſicht.

Uebelſtaͤnde die ſich von dem hoͤchſten Gerichtshofe in alle andern, in die Juſtiz und Regierung der Provinzen ausbreiteten1)Disordini. Con le male decisioni di questo tribunale supremo (della rota) si corrompe la giustitia a tutti gli altri mi - nori, almeno dello stato ecclesiastico, vedendosi da giudici dare sentenze con decisioni fatte. .

Auf das dringendſte ſtellt ſie Cardinal Sacchetti in einer uns aufbehaltenen Schrift dem Papſt Alexander vor: die Unterdruͤckung des Armen, dem Niemand helfe, durch die Maͤchtigern: die Beeintraͤchtigung der Gerechtigkeit durch die Verwendungen von Cardinaͤlen, Fuͤrſten und Angehoͤ - rigen des Pallaſtes: das Verzoͤgern von Sachen, die in ein paar Tagen abgethan werden koͤnnten, auf Jahre und Jahrzehende: die Gewaltſamkeiten, die derjenige erfahre der ſich von einer untern Behoͤrde an eine hoͤhere wende: die Verpfaͤndungen und Executionen, mit denen man die Abgaben eintreibe: grauſame Mittel, nur dazu geeignet, den Fuͤrſten verhaßt und ſeine Diener reich zu machen: Leiden, heiligſter Vater, ruft er aus, welche ſchlim - mer ſind als die Leiden der Hebraͤer in Egypten! Voͤl - ker die nicht mit dem Schwert erobert, ſondern entweder8*116Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.durch fuͤrſtliche Schenkungen, oder durch freiwillige Unter - werfung an den roͤmiſchen Stuhl gekommen ſind, werden unmenſchlicher behandelt als die Sklaven in Syrien oder in Afrika. Wer kann es ohne Thraͤnen vernehmen! 1)Lettre du cardinal Sacchetti écrite peu avant sa mort au pape Alexandre VII en 1663, copie tirée des Manuscritti della regina di Suezia, bei Arckenholtz Mémoires tom. IV, App. no XXXII: eine ſehr unterrichtende Schrift, die durch gar viele an - dere beſtaͤtigt wird, z. B. eine Scrittura sopra il governo di Roma, aus derſelben Zeit (Bibl. Alt.). I popoli, non avendo più ar - gento rame biancherie matarazze per sodisfare alla indiscretione de commissarj, converrà che si venderanno schiavi per pagare i pesi camerali.

So ſtand es mit dem Kirchenſtaate bereits in der Mitte des ſiebzehnten Jahrhunderts.

Und waͤre es nun wohl zu denken, daß ſich die Ver - waltung der Kirche von Mißbraͤuchen dieſer Art haͤtte frei halten koͤnnen?

Sie hing eben ſo gut wie die Verwaltung des Staa - tes von dem Hofe ab: von dem Geiſte deſſelben empfing ſie ihren Antrieb.

Allerdings waren der Curie auf dieſem Gebiete Schran - ken gezogen. In Frankreich genoß die Krone die bedeu - tendſten Vorrechte; in Deutſchland behaupteten die Capitel ihre Selbſtaͤndigkeit. In Italien und Spanien dagegen hatte ſie freiere Hand: und in der That machte ſie hier ihre lucrativen Rechte ruͤckſichtslos geltend.

In Spanien ſtand dem roͤmiſchen Hofe die Ernen - nung zu allen geringeren, in Italien ſelbſt zu allen hoͤheren117Verwaltung der Kirche. Aemtern und Pfruͤnden zu. Es iſt kaum zu glauben, wel - che Summen der Dataria durch die Ausfertigung von Be - ſtallungen, die Spolien, die Einkuͤnfte waͤhrend der Vacan - zen aus Spanien zufloſſen. Aus dem italieniſchen Ver - haͤltniß aber zog die Curie, als Geſammtheit betrachtet, vielleicht noch groͤßern Vortheil: die reichſten Bisthuͤmer und Abteien, ſo viele Priorate, Commenden und andere Pfruͤnden kamen den Mitgliedern derſelben unmittelbar zu Gute.

Und waͤre es nur hiebei geblieben!

Aber an die Rechte, die ſchon etwas Bedenkliches hatten, knuͤpften ſich die verderblichſten Mißbraͤuche. Ich will nur Einen beruͤhren, der freilich wohl auch der ſchlimmſte ſeyn wird. Es fuͤhrte ſich ein, und kam in der Mitte des ſiebzehnten Jahrhunderts ſo recht in Schwang, daß man die Pfruͤnden, die man vergabte, zu Gunſten ir - gend eines Mitgliedes der Curie mit einer Penſion be - laſtete.

In Spanien war dieß ausdruͤcklich verboten: wie die Pfruͤnden ſelbſt nur an Eingeborne gelangen durften, ſo ſollten auch nur zu deren Gunſten Penſionen Statt fin - den. Allein man wußte zu Rom dieſe Beſtimmungen zu umgehn. Die Penſion ward auf den Namen eines einge - bornen oder eines naturaliſirten Spaniers ausgefertigt: dieſer aber verpflichtete ſich durch einen buͤrgerlichen Contract, jaͤhrlich eine beſtimmte Summe fuͤr den eigentlich Beguͤn - ſtigten in einem roͤmiſchen Handelshauſe zahlen zu laſſen. In Italien nun brauchte man nicht einmal dieſe Ruͤckſicht zu nehmen: oft waren die Bisthuͤmer auf eine unertraͤg -118Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.liche Weiſe belaſtet. Monſignor de Angelis, Biſchof von Urbino, klagte im Jahre 1663, daß er aus dieſem reichen Bisthume nicht mehr uͤbrig behalte als 60 Sc. des Jah - res, er habe ſchon Verzicht geleiſtet und der Hof wolle ſeine Entſagung nur nicht annehmen. Es fand ſich Jahre lang Niemand der die Sitze von Ancona und Peſaro unter den ſchweren Bedingungen die man auflegte, haͤtte uͤber - nehmen moͤgen. Im Jahre 1667 zaͤhlte man in Neapel 28 Biſchoͤfe und Erzbiſchoͤfe welche von ihrem Amte ent - bunden worden, weil ſie ihre Penſionen nicht bezahlten. Von den Bisthuͤmern ging man unmittelbar zu den Pfar - ren fort. Auf der reichſten Pfarrei fand der Inhaber oftmals nur noch ein duͤrftiges Auskommen. Die armen Landpfar - rer ſahen zuweilen auch ihre Accidenzien belaſtet1)Der boshafte Baſadona ſagt: Bisogna conchiudere che ogni beneficio capace di pensione rimanga caricato come l’asino di Apulejo, che non potendo più sostenere il peso meditava di gettarsi in terra, quando il veder caduto il compagno e tosto de vetturini scorticato hebbe per bene di sopportare l’insopporta - bil soma. In der Schilderung des Uebels ſelbſt ſtimmen alle Zeit - genoſſen uͤberein. Es fuͤhrte ſich auch wieder ein, daß man die Kir - chen mit Vorbehalt eines Theiles der Einkuͤnfte Andern abtrat. Deone, Diario 7 Genn. 1645, nachdem er uͤber das bologneſiſche Erzbisthum, das der Cardinal Colonna an Albregati uͤberließ, be - richtet hat, faͤhrt fort: con questo esempio si è aperta la porta d’ammettere le risegne: e così stamane si è publicata la risegna della chiesa di Ravenna fatta dal cardl Capponi nella persona di monsr Tungianni suo nipote con riserva di pensione a suo favore e dopo la morte sua d’una buona parte al cardl Pamfilio. . Manche wurden unmuthig und verließen ihre Stellen; aber mit der Zeit fanden ſich immer wieder Competenten; ja ſie wettei - ferten mit einander, der Curie groͤßere Penſionen anzubieten.

Was mußten das aber fuͤr Leute ſeyn! Es konnte119Verwaltung der Kirche. nichts anders als das Verderben der Landpfarren, die Ver - wahrloſung des gemeinen Volkes erfolgen.

Weit beſſer war es doch in der That, daß man in der proteſtantiſchen Kirche das Ueberfluͤſſige von allem An - fange beſeitigt hatte, und nun wenigſtens Ordnung und Recht walten ließ.

Allerdings bewirkten die Reichthuͤmer der katholiſchen Kirche und der weltliche Rang, zu welchem eine Stellung in derſelben erhob, daß ſich die hohe Ariſtokratie ihr wid - mete; Papſt Alexander hatte ſogar die Maxime vorzugs - weiſe Leute von guter Geburt zu befoͤrdern; er hegte die ſonderbare Meinung, da es ſchon den Fuͤrſten der Erde angenehm ſey, Diener von vornehmer Herkunft um ſich zu ſehen, ſo muͤſſe es auch Gott gefallen, wenn ſein Dienſt von Perſonen vollzogen werde welche uͤber die andern er - haben ſeyen. Aber gewiß das war nicht der Weg auf wel - chem die Kirche ſich in fruͤhern Jahrhunderten erhoben, es war ſelbſt der nicht auf welchem ſie ſich in den letzten Zeiten reſtaurirt hatte. Die Kloͤſter und Congregationen, die ſo viel zur Wiederaufnahme des Katholicismus bei - getragen, ließ man dagegen in Verachtung gerathen. Die Nepoten mochten Niemand der durch Kloſterverpflichtun - gen gebunden war, ſchon darum weil ein ſolcher ihnen nicht ſo unaufhoͤrlich den Hof machen konnte. Bei den Concurrenzen behielten jetzt in der Regel die Weltgeiſtli - chen den Platz, auch wenn ſie in Verdienſten oder Gelehr - ſamkeit nachſtanden. Man ſcheint dafuͤr zu halten, ſagt Grimani, das Bisthum oder gar der Purpur werde be - ſchimpft, wenn man ſie einem Kloſterbruder ertheile. Er120Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.will bemerken, daß die Moͤnche nicht mehr recht wagen ſich am Hofe blicken zu laſſen, weil ihrer da nur Spott und Beleidigung warte. Schon zeige ſich, daß nur Leute von der geringſten Herkunft in die Kloͤſter zu treten geneigt ſeyen. Selbſt ein fallirter Kraͤmer , ruft er aus, haͤlt ſich fuͤr zu gut um die Capuze zu nehmen. 1)Grimani fuͤgt hinzu: Si toglie ad ognuno affatto la voglia di studiare e la cura di difendere la religione. Deteriorandosi il numero de’religiosi dotti et esemplari, potrebbe in breve sof - frirne non poco detrimento la corte: onde al mio credere fareb - bono bene i pontefici di procurar di rimettere i regolari nel primo posto di stima, partecipandoli di quando in quando ca - riche, e così nelle religioni vi entrerebbero huomini eminenti.

Verloren dergeſtalt die Kloͤſter wirklich an innerer Be - deutung, ſo iſt es kein Wunder wenn man auch bereits anfing, ſie fuͤr uͤberfluͤſſig zu halten. Es iſt ſehr bemerkens - werth, daß ſich dieſe Meinung zuerſt in Rom entwickelte, daß man es zuerſt hier nothwendig fand das Moͤnchswe - ſen zu beſchraͤnken. Schon im Jahre 1649 verbot Inno - cenz X. durch eine Bulle alle neue Aufnahme in irgend einen regularen Orden, bis das Einkommen der verſchiedenen Convente berechnet, und die Zahl der Perſonen beſtimmt ſey welche darin leben koͤnnten2)Unſer Tagebuch ſchildert beim erſten Januar 1650 den Ein - druck den die Conſtitution machte. Non entrando quella ragione ne cappuccini et altri riformati che non possedono entrata, te - mono che la prohibitione sia perpetua, e così cred io, fin a tanto che il numero de regolari hoggi eccessivo sia ridotto a nu - mero competente e la republica da loro non venga oppressa. . Noch wichtiger iſt eine Bulle vom 15. October 1652. Der Papſt beklagt darin, daß es ſo viel kleine Convente gebe, in denen man weder121Verwaltung der Kirche. die Offizien bei Tage oder bei Nacht verſehen, noch geiſt - liche Uebungen halten, noch die Clauſur beobachten koͤnne, Freiſtaͤtten fuͤr Liederlichkeit und Verbrechen: ihre Anzahl habe jetzt uͤber alles Maaß zugenommen; er hebt ſie mit Einem Schlage alle auf: denn das Unkraut muͤſſe man ſon - dern von dem Weizen1)Constitutio super extinctione et suppressione parvorum conventuum, eorumque reductione ad statum secularem, et bono - rum applicatione, et prohibitione erigendi nova loca regularia in Italia et insulis adjacentibus. Idibus Oct. 1652.. Schon begann man und zwar zunaͤchſt ebenfalls in Rom darauf zu denken, finanziellen Beduͤrfniſſen ſelbſt fremder Staaten durch Einziehungen nicht von Kloͤſtern, ſondern von ganzen Inſtituten zu Huͤlfe zu kommen. Als Alexander VII. kurz nach ſeiner Thron - beſteigung von den Venezianern erſucht ward ſie in dem Kriege von Candia gegen die Osmanen zu unterſtuͤtzen, ſchlug er ſelbſt ihnen die Aufhebung einiger Orden in ihrem Lande vor. Sie waren eher dagegen, weil dieſe Orden doch eine Verſorgung fuͤr die armen Nobili darboten. Aber der Papſt ſetzte ſeine Abſicht durch. Das Daſeyn dieſer Convente, ſagte er, gereiche den Glaͤubigen eher zum Anſtoß als zur Erbauung: er verfahre wie ein Gaͤrtner, der die unnuͤtzen Zweige von dem Weinſtocke abſchneide, um ihn deſto frucht - barer zu machen2)Relatione de IV ambasciatori 1656. S. d. Anhang..

Doch haͤtte man nicht ſagen koͤnnen, daß es nun un - ter Denen, die man befoͤrderte, beſonders glaͤnzende Talente gegeben haͤtte. In dem ſiebzehnten Jahrhundert iſt eine allgemeine Klage uͤber den Mangel an ausgezeichneten Leu -122Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.ten1)Grimani: Tolto l’economia esteriore ogni altra cosa si deteriora; d’huomini di valore effettivamente scarseggia al presente la corte al maggior segno. . Einmal blieben talentvolle Maͤnner haͤufig ſchon darum von der Praͤlatur ausgeſchloſſen, weil ſie zu arm wa - ren um jene Bedingungen der Aufnahme zu erfuͤllen2)Relatione di Roma sotto Clemente IX. Portando lo stile che le cariche si trasferiscono solamente a prelati e che la prelatura si concede solo a quelli che hanno entrata sufficiente per mantenere il decoro, ne siegue però che la maggior parte di soggetti capaci ne resta esclusa. . Das Fortkommen hing doch allzu ſehr von der Gunſt der Nepoten ab, die ſich nur durch eine Geſchmeidigkeit und Unterwuͤrfigkeit erreichen ließ, welche der freien Entwicke - lung edler Geiſtesgaben nicht guͤnſtig ſeyn konnte. Auf die geſammte Geiſtlichkeit wirkte dieß zuruͤck.

Gewiß iſt es auffallend, daß in den wichtigſten theo - logiſchen Disciplinen ſo gut wie gar keine originalen italie - niſchen Autoren auftreten, weder in der Schrifterklaͤrung, wo man nur die Hervorbringungen des 16. Jahrhunderts wiederholte, noch auch an der Moral, obwohl dieſe ſehr cultivirt wurde, noch auch in dem Dogma: ſchon in den Con - gregationen uͤber die Gnadenmittel erſcheinen lauter Fremde auf dem Kampfplatze: an den ſpaͤteren Streitigkeiten uͤber Freiheit und Glauben nehmen die Italiener nur wenig An - theil. Nach Girolamo da Narni thut ſich ſelbſt in Rom kein ausgezeichneter Prediger mehr hervor. In jenem Tage - buche von 1640 bis 1650, das ein ſo ſtrenger Katholik ver - faßt hat, wird es mit Erſtaunen bemerkt. Mit den Fa - ſten , heißt es darin, hoͤre die Comoͤdie auf in den Saͤ -123Verwaltung der Kirche. len und Haͤuſern und fange an in den Kirchen auf den Kanzeln. Das heilige Geſchaͤft der Predigt diene der Ruhm - ſucht oder der Schmeichelei. Man trage Metaphyſik vor, wovon der Sprechende wenig, ſeine Zuhoͤrer aber gar nichts verſtehn. Statt zu lehren, zu tadeln, laſſe man Lobreden erſchallen, nur um ſich emporzubringen. Schon komme es auch bei der Wahl der Prediger nicht mehr auf Verdienſt, ſondern nur auf Verbindung und Gunſt an.

Die Summe iſt: jener große innere Antrieb, der fruͤ - her Hof und Staat und Kirche beherrſcht und ihnen ihre ſtreng religioͤſe Haltung gegeben hat, iſt verloſchen: mit den Tendenzen der Reſtauration und Eroberung iſt es vor - bei: jetzt machen ſich andere Triebe in den Dingen geltend, die doch zuletzt nur auf Macht und Genuß hinauslaufen und das Geiſtliche aufs neue verweltlichen.

Die Frage entſteht, welche Richtung unter dieſen Um - ſtaͤnden die Geſellſchaft angenommen hatte die auf die Prin - cipien der Reſtauration ſo beſonders gegruͤndet war, der Orden der Jeſuiten.

Die Jeſuiten in der Mitte des ſiebzehnten Jahr - hunderts.

Die vornehmſte Veraͤnderung in dem Innern der Ge - ſellſchaft Jeſu beſtand darin, daß die Profeſſen in den Beſitz der Macht gelangten.

Profeſſen, welche die vier Geluͤbde ablegten, gab es anfangs nur wenige: von den Collegien entfernt, auf Al -124Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.moſen angewieſen, hatten ſie ſich darauf beſchraͤnkt eine geiſtliche Autoritaͤt auszuuͤben: die Stellen welche weltliche Thaͤtigkeit erforderten, von Rectoren, Provincialen, die Col - legien uͤberhaupt waren in den Haͤnden der Coadjutoren ge - weſen. Jetzt aber aͤnderte ſich dieß. Die Profeſſen ſelbſt gelangten zu den Stellen der Verwaltung: ſie nahmen Theil an den Einkuͤnften der Collegien: ſie wurden Rectoren, Provinciale1)In einer Sammlung Scritture politiche, morali e satiri - che sopra le massime, istituti e governo della compagnia di Gesu (MS Rom.) findet ſich ein ausfuͤhrlicher Aufſatz von beinahe 400 Blatt: Discorso sopra la religione de padri Gesuiti e loro modo di governare, geſchrieben zwiſchen 1681 und 1686 von einem augenſcheinlich tief eingeweihten Manne, aus dem die folgenden Notizen groͤßtentheils genommen ſind..

Daher folgte nun zunaͤchſt, daß die ſtrengeren Ten - denzen perſoͤnlicher Devotion, die bisher in der Abſon - derung der Profeſſionshaͤuſer vorzuͤglich feſtgehalten wor - den, allmaͤhlig erkalteten; ſchon bei der Aufnahme konnte man nicht mehr ſo genau auf die ascetiſche Befaͤhigung ſe - hen; namentlich Vitelleschi ließ viele Unberufene zu: man draͤngte ſich nach dem hoͤchſten Grade, weil er zugleich geiſtliches Anſehen und weltliche Macht gewaͤhrte. Außer - dem aber zeigte ſich dieſe Verbindung auch ganz im All - gemeinen nachtheilig. Coadjutoren und Profeſſen hatten ſich fruͤher wechſelſeitig beaufſichtigt: jetzt vereinten ſich prakti - ſche Bedeutung und geiſtlicher Anſpruch in denſelben Per - ſonen. Auch die Beſchraͤnkteſten hielten ſich fuͤr große Koͤpfe, da ihnen Niemand mehr zu widerſprechen wagte. Im Be - ſitze der ausſchließenden Herrſchaft fingen ſie an, der Reich -125Jeſuiten. thuͤmer, welche die Collegien im Laufe der Zeit erworben, in Ruhe zu genießen und hauptſaͤchlich nur auf eine Ver - mehrung derſelben zu denken: die eigentliche Amtsfuͤhrung in Schule und Kirche uͤberließen ſie den juͤngern Leuten1)Discorso. Molti compariscono, pochi operano: i po - veri non si visitano, i terreni non si coltivano. Esclu - dendo quei pochi, d’ordinario giovani, che attendono ad inse - gnare nelle scuole, tutti gli altri, o che sono confessori o procu - ratori o rettori o ministri, appena hanno occupatione di rilievo. . Auch dem General gegenuͤber nahmen ſie eine ſehr ſelbſtaͤn - dige Haltung an.

Wie groß die Umwandlung war, ſieht man unter an - dern an der Natur und den Schickſalen der Generale, welche Leute man ſich zu Oberhaͤuptern waͤhlte, wie man mit dieſen verfuhr.

Wie verſchieden war Mutio Vitelleschi von ſeinem ſelbſtherrſchenden, verſchmitzten, unerſchuͤtterlichen Vorgaͤn - ger Aquaviva! Vitelleschi war von Natur mild, nachgie - big, verſoͤhnend: ſeine Bekannten nannten ihn den Engel des Friedens: auf ſeinem Todtenbette fand er in der Ue - berzeugung einen Troſt, daß er Niemand beleidigt habe. Treffliche Eigenſchaften eines liebenswuͤrdigen Gemuͤthes, die aber nicht hinreichten einen ſo weit verbreiteten, thaͤti - gen und maͤchtigen Orden zu regieren. Auch vermochte er die Strenge der Disciplin nicht einmal in Hinſicht der Kleidung feſtzuhalten, geſchweige den Forderungen eines entſchloſſenen Ehrgeizes Widerſtand zu leiſten. Unter ſeiner Verwaltung, 1615 1645, ſetzte ſich die oben bezeichnete Umwandlung durch.

In ſeinem Sinne verfuhren auch ſeine naͤchſten Nach -126Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.folger: Vincenzo Caraffa ( 1649), ein Mann der ſelbſt eine perſoͤnliche Bedienung verſchmaͤhte, lauter Demuth und Froͤmmigkeit war1)Diario Deone 12 Giugno 1649. Martedì mattina morì il generale de Gesuiti: fu di poche lettere, ma di santità di vita non ordinaria: quanto alla sua persona, egli non ha mai voluto carrozza al suo servigio, esser differentiato da qual - sivoglia minimo tra di loro nel trattar del vitto o vestito: quanto agli altri, voleva che i padri Gesuiti fossero e vivessero da re - ligiosi lasciando i trattati politici e’l frequentare le corti, nel che havendo trovato difficoltà impossibile gli hanno cagionato il se - dio della morte. , aber weder mit ſeinem Beiſpiel noch mit ſeinen Ermahnungen durchzudringen vermochte: Pic - colomini ( 1651), der einer Neigung zu durchgreifenden Maaßregeln, die ihm von Natur eigen war, jetzt entſagte, und nur noch auf die Genugthuung ſeiner Ordensbruͤder Bedacht nahm.

Denn ſchon war es nicht mehr rathſam, hierin eine Aenderung treffen zu wollen. Aleſſandro Gottofredi Januar bis Merz 1651 haͤtte das gern gethan: er ſuchte wenigſtens den ſich vordraͤngenden Ehrgeiz in Schran - ken zu halten: aber die zwei Monate ſeiner Verwaltung reichten hin ihn allgemein verhaßt zu machen; man begruͤßte ſeinen Tod als die Befreiung von einem Tyrannen. Und noch weit entſchiedenere Abneigung zog ſich der naͤchſte Ge - neral, Goswin Nickel, zu. Man koͤnnte nicht ſagen, daß er tief eingreifende Reformen beabſichtigt haͤtte; er ließ es im Ganzen gehn wie es ging; er war nur gewohnt mit Hartnaͤckigkeit auf einmal ergriffene Meinungen zu beſtehn und zeigte ſich rauh, abſtoßend, ruͤckſichtslos; aber ſchon hiedurch verletzte er die Eigenliebe maͤchtiger Mitglieder des127Jeſuiten.Ordens ſo tief und lebhaft, daß die Generalcongregation von 1661 zu Maaßregeln gegen ihn ſchritt, die man bei der monarchiſchen Natur des Inſtitutes nicht haͤtte fuͤr moͤg - lich halten ſollen.

Sie erſuchte zuerſt Papſt Alexander VII. um die Er - laubniß, ihrem General einen Vicar mit dem Rechte der Nachfolge beizuordnen. Leicht war die Erlaubniß erlangt, der Hof bezeichnete ſogar einen Candidaten dafuͤr, jenen Oliva der zuerſt die Einberufung der Nepoten angerathen, und man war fuͤgſam genug, dieſen Guͤnſtling des Palla - ſtes zu waͤhlen. Es fragte ſich nur, unter welcher Form man die Gewalt von dem General auf den Vicar uͤbertra - gen koͤnne. Das Wort Abſetzung auszuſprechen konnte man nicht uͤber ſich gewinnen. Um die Sache zu erlangen und das Wort zu umgehn, ſtellte man die Frage auf, ob der Vicar eine cumulative Macht haben ſolle, d. i. zugleich mit dem General, oder eine privative, d. i. ohne ihn. Die Congregation entſchied natuͤrlich fuͤr die privative: ſie er - klaͤrte in Folge dieſer Entſcheidung ausdruͤcklich, daß der bisherige General aller ſeiner Gewalt verluſtig, und dieſe vollſtaͤndig auf den Vicar uͤbertragen ſeyn ſollte1)Ausfuͤhrliche Erzaͤhlung in dem gleichzeitigen Discorſo. Ve - nendo noi, ſchließt der Autor, in tal tempo a Roma ed andando a fargli riverenza (a Nickel) conchiuse con dire queste parole: io mi trovo qui abandonato e non posso più niente. .

So geſchah, daß die Geſellſchaft, deren Princip der unbedingte Gehorſam war, ihr Oberhaupt ſelbſt entfernte, und zwar ohne daß ſich dieß eines eigentlichen Vergehens ſchuldig gemacht haͤtte. Es liegt am Tage, wie ſehr da -128Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.durch auch in dieſem Orden die ariſtokratiſchen Tendenzen zur Herrſchaft gelangten.

Oliva war ein Mann der aͤußere Ruhe, Wohlleben, politiſche Intrigue liebte; unfern Albano hatte er eine Villa, bei der er die ſeltenſten auslaͤndiſchen Gewaͤchſe anpflanzte; auch wenn er in der Stadt war, zog er ſich doch von Zeit zu Zeit nach dem Novizenhauſe von S. Andrea zuruͤck, wo er Niemand Audienz gab: auf ſeinen Tiſch brachte man nur die ausgeſuchteſten Speiſen: nie ging er zu Fuß aus: in ſeinen Wohnzimmern war die Bequemlichkeit bereits raffi - nirt: er genoß ſeine Stellung, ſeine Macht: gewiß ein ſol - cher Mann war nicht geeignet den alten Geiſt des Or - dens wieder zu beleben.

In der That entfernte ſich dieſer taͤglich mehr von den Grundſaͤtzen, auf die er gegruͤndet worden.

War er nicht vor allem verpflichtet die Intereſſen des roͤmiſchen Stuhles zu verfechten, und hiezu eigentlich geſtiftet? Aber jenes ſein naͤheres Verhaͤltniß zu Frank - reich und dem Hauſe Bourbon hatte er jetzt dahin ausge - bildet, daß er in den allmaͤhlig hervortretenden Compe - tenzen roͤmiſcher und franzoͤſiſcher Intereſſen faſt ohne Aus - nahme auf die Seite der letztern trat1)Relatione della nuntiatura di monsr Scotti, nunzio alla M del re Xmo 1639 1641. I Gesuiti, che dovrebbero essere come altre volte defensori della santa sede, più degli altri la pongono in compromesso. Professano totale ritiratezza (dalla nuntiatura) dubbiosi sempre nell accostarsi al nuntio di non per - dere appresso ministri regj. . Zuweilen wur - den jeſuitiſche Werke von der Inquiſition zu Rom verdammt,weil129Jeſuiten.weil ſie die Rechte der Krone zu lebhaft verfochten. Die Oberhaͤupter der franzoͤſiſchen Jeſuiten vermieden den Um - gang mit dem paͤpſtlichen Nuntius, um nicht den Ver - dacht ultramontaner Geſinnung auf ſich zu laden. Auch ſonſt konnte der roͤmiſche Stuhl den Gehorſam des Ordens in dieſer Zeit nicht ruͤhmen: namentlich in den Miſſionen wur - den die paͤpſtlichen Anordnungen faſt immer in Wind ge - ſchlagen.

Ferner war ein Hauptgrundſatz des Ordens, allen welt - lichen Verbindungen zu entſagen und ſich nur den geiſtli - chen Pflichten zu widmen. Wie hatte man ſonſt ſo ſtreng daruͤber gehalten, daß jeder Eintretende auf alle ſeine Be - ſitzthuͤmer Verzicht leiſtete! Zuerſt ward das eine Weile verſchoben; dann geſchah es wohl, aber nur bedingungs - weiſe, weil man ja am Ende wieder ausgeſtoßen werden koͤnne; endlich fuͤhrte ſich ein, daß man ſeine Guͤter der Geſellſchaft ſelbſt uͤberließ: jedoch wohlverſtanden, dem be - ſtimmten Collegium in welches man trat, dergeſtalt daß man ſogar die Verwaltung derſelben nur unter anderm Ti - tel oft noch ſelbſt in Haͤnden behielt1)Vincentii Carrafae epistola de mediis conservandi pri - maevum spiritum societatis: Definitis pro arbitrio dantis domi - bus sive collegiis in quibus aut sedem sibi fixurus est aut jam animo fixerit, anxie agunt ut quae societati reliquerunt, ipsimet per se administrent. . Die Mitglieder der Collegien hatten hie und da mehr freie Zeit als ihre Ver - wandten die mitten im Leben ſtanden: ſie verwalteten de - ren Geſchaͤfte, zogen ihr Geld ein, fuͤhrten ihre Proceſſe2)Epistola Goswini Nickel de amore et studio perfectae paupertatis. Illud intolerabile, si et lites inferant et ad tribuna -.

Päpſte** 9130Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.

Aber auch in den Collegien als Geſammtheiten nahm die - ſer mercantile Geiſt uͤberhand. Man wollte ihren Wohlſtand ſichern: da die großen Schenkungen aufhoͤrten, ſuchte man dieß durch Induſtrie zu bewerkſtelligen. Die Jeſuiten hielten es fuͤr keinen beſondern Unterſchied, den Acker zu bauen, wie die aͤlteſten Moͤnche gethan, und Geſchaͤfte zu treiben, wie ſie es verſuchten. Das Collegio Romano ließ zu Ma - cerata Tuch fabriciren, anfangs bloß zu eigenem Gebrauch, dann fuͤr alle Collegien in der Provinz, endlich fuͤr Jeder - mann: man bezog damit die Meſſen. Bei dem engen Ver - haͤltniß der verſchiedenen Collegien bildeten ſich Wechſelge - ſchaͤfte aus. Der portugieſiſche Geſandte in Rom war fuͤr ſeine Caſſe an die Jeſuiten aus Portugal angewieſen. Be - ſonders in den Colonien machten ſie gluͤckliche Geſchaͤfte: uͤber beide Feſten hin breitete ſich ein Netz von Verbin - dungen dieſes Ordens aus, das in Liſſabon ſeinen Mittel - punkt hatte.

Ein Geiſt der, ſo wie er einmal angeſchlagen war, nothwendig auch auf alle innern Verhaͤltniſſe zuruͤckwirkte.

Noch immer blieb es bei dem Grundſatze den Unter - richt umſonſt zu geben. Allein man nahm Geſchenke bei der Aufnahme, Geſchenke bei feierlichen Gelegenheiten, ein paar Mal des Jahres1)Discorso. Per lo meno l’anno due volte cioè al natale e nel giorno della propria festa si fanno le loro offerte ovvero mancie, le quali ascendono a somma considerabile. Il danaro poi di queste offerte o che venga impiegato in argenti, quadri: man ſuchte vorzugsweiſe beguͤ -2)lia confligant et violentas pecuniarum repetitiones faciant, aut palam negotiantur ad quaestum, specie quidem primo aspectu etiam honesta, caritate in consanguineos, decepti. 131Jeſuiten.terte Schuͤler. Daraus folgte jedoch, daß dieſe nun auch eine gewiſſe Unabhaͤngigkeit fuͤhlten und ſich der Strenge der alten Disciplin nicht mehr fuͤgen wollten. Ein Je - ſuit, der den Stock gegen einen Schuͤler erhob, empfing von dieſem einen Dolchſtoß: ein junger Menſch in Gubbio, der ſich von dem Pater Prefetto zu hart behandelt glaubte, brachte denſelben dafuͤr um. Auch in Rom gaben die Be - wegungen im Collegium, der Stadt und dem Pallaſt un - aufhoͤrlich zu reden. Die Lehrer wurden von ihren Schuͤ - lern einmal geradezu einen Tag lang eingeſperrt gehalten: der Rector mußte, wie dieſe forderten, zuletzt doch wirk - lich entlaſſen werden. Es ſind das Symptome eines all - gemeinen Kampfes zwiſchen den alten Ordnungen und neuen Tendenzen. Am Ende behielten dieſe letzten doch wirklich den Platz. Die Jeſuiten vermochten den Einfluß nicht mehr zu behaupten, mit welchem ſie fruͤherhin die Gemuͤther beherrſcht hatten.

Ueberhaupt das war nicht mehr ihr Sinn ſich die Welt zu unterwerfen, ſie mit religioͤſem Geiſte zu durch - dringen: ihr eigener Geiſt war vielmehr ſelbſt der Welt ver - fallen: ſie ſtrebten nur, den Menſchen unentbehrlich zu wer - den, auf welche Weiſe das auch immer geſchehen mochte.

Nicht allein die Vorſchriften des Inſtitutes, die Leh - ren der Religion und Moral ſelbſt bildeten ſie nach dieſem Zwecke um. Dem Geſchaͤfte der Beichte, durch das ſie1)o tappezzerie, calici o altri addobbi somiglianti, tutto ridonda in utilità de collegi medesimi. Avegna che i rettori locali se ne servono indifferentemente, dal che ne derivano infinite offen - sioni, poco o nulla stimano i lamenti de proprj scolari. 9*132Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.einen ſo unmittelbaren Einfluß auf das Innerſte der Per - ſoͤnlichkeiten ausuͤbten, gaben ſie eine Wendung die auf alle Zeiten merkwuͤrdig iſt.

Wir haben hieruͤber unzweifelhafte Documente. In zahlreichen ausfuͤhrlichen Werken haben ſie die Grundſaͤtze vorgelegt, die ſie bei Beichte und Abſolution ſelbſt beob - achteten und Andern an die Hand gaben. Es ſind im All - gemeinen wirklich die nemlichen, die ihnen ſo oft zum Vor - wurfe gemacht worden. Suchen wir wenigſtens die Haupt - principien zu faſſen, von denen aus ſie ſich das geſammte Gebiet zu eigen machen.

Bei der Beichte wird aber ohnfehlbar alles davon ab - hangen, welchen Begriff man von der Vergehung, von der Suͤnde aufſtellt.

Sie erklaͤren die Suͤnde fuͤr die freiwillige Abweichung von Gottes Gebot1)Definition von Fr. Toledo: voluntarius recessus a regula divina. .

Und worin, fragen wir weiter, beſteht nun dieſe Frei - willigkeit? Ihre Antwort iſt: in Einſicht von dem Feh - ler und vollkommener Beiſtimmung des Willens2)Busembaum: Medulla theologiae moralis lib. V, c. II, dub. III druͤckt ſich ſo aus: Tria requiruntur ad peccatum mor - tale (quod gratiam et amicitiam cum deo solvit), quorum si unum desit, fit veniale (quod ob suam levitatem gratiam et amicitiam non tollit): 1. ex parte intellectus, plena advertentia et delibe - ratio, 2. ex parte voluntatis, perfectus consensus, 3. gravitas materiae. .

Dieſen Grundſatz ergreifen ſie mit dem Ehrgeiz etwas Neues vorzutragen und dem Beſtreben ſich mit den Gewohn - heiten des Lebens abzufinden. Mit ſcholaſtiſcher Spitzfin -133Jeſuiten.digkeit und umfaſſender Beruͤckſichtigung der vorkommenden Faͤlle bilden ſie ihn bis zu den anſtoͤßigſten Folgerun - gen aus.

Ihrer Lehre zufolge iſt es ſchon genug, die Suͤnde nur nicht als ſolche zu wollen; man hat um ſo mehr auf Verzeihung zu hoffen, je weniger man bei der Uebelthat an Gott denkt, je heftiger die Leidenſchaft war von der man ſich getrieben fuͤhlte: Gewohnheit, ja das boͤſe Beiſpiel, welche den freien Willen beſchraͤnken, gereichen zur Ent - ſchuldigung. Wie enge wird ſchon hiedurch der Kreis der Vergehungen! Niemand wird ja die Suͤnde um ihrer ſelbſt willen lieben. Außerdem erkennen ſie aber auch noch Ent - ſchuldigungsgruͤnde anderer Art an. Allerdings iſt z. B. das Duell von der Kirche verboten; jedoch die Jeſuiten finden, ſollte jemand deshalb weil er ein Duell ausſchluͤge Gefahr laufen fuͤr feig gehalten zu werden, eine Stelle oder die Gnade ſeines Fuͤrſten zu verlieren, ſo ſey er nicht zu verdammen wenn er es annehme1)Privandus alioqui ob suspicionem ignaviae, dignitate, of - ficio vel favore principis. Busembaum lib. III, tract. IV, cap. I, dub. V, art. I, n. 6. . Einen falſchen Eid zu leiſten waͤre an ſich eine ſchwere Suͤnde: wer aber, ſa - gen die Jeſuiten, nur aͤußerlich ſchwoͤrt, ohne dieß inner - lich zu beabſichtigen, der wird dadurch nicht gebunden: er ſpielt ja und ſchwoͤrt nicht2)Qui exterius tantum juravit, sine animo jurandi, non obligatur, nisi forte ratione scandali, cum non juraverit sed lu - serit. (lib. III, tract. II, c. II, dub. IV, n. 8.) .

Dieſe Lehren finden ſich in Buͤchern, die ſich ausdruͤck - lich fuͤr gemaͤßigt ausgeben. Wer wollte jetzt noch, da die134Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.Zeiten voruͤber ſind, die weitern Verirrungen eines alle Moral vernichtenden Scharfſinnes, in welchem von dieſen Lehrern einer den andern mit literariſchem Wetteifer zu uͤber - bieten ſtrebte, hervorſuchen? Aber zu leugnen iſt nicht, daß auch die ſchroffeſten Lehren einzelner Doctoren durch ei - nen andern Grundſatz der Jeſuiten, durch ihre Lehre von der Probabilitaͤt, ſehr gefaͤhrlich wurden. Sie behaupteten, man duͤrfe in zweifelhaften Faͤllen einer Meinung folgen von der man nicht ſelber uͤberzeugt ſey, vorausgeſetzt daß ſie von einem angeſehenen Autor vertheidigt werde1)Em. Sa: Aphorismi Confessariorum s. v. dubium. Po - test quis facere quod probabili ratione vel auctoritate putat li - cere, etiamsi oppositum tutius sit: sufficit autem opinio ali - cujus gravis autoris. : ſie hielten es nicht allein fuͤr erlaubt, den nachſichtigſten Leh - rern zu folgen, ſondern ſie riethen das ſogar an. Gewiſ - ſensſcrupel muͤſſe man verachten, ja der wahre Weg ſich ihrer zu entledigen ſey, daß man die mildeſten Meinungen befolge, ſelbſt wenn ſie weniger ſicher ſeyn ſollten2)Busembaum lib. I, c. III: Remedia conscientiae scrupu - losae sunt 1. scrupulos contemnere, 4. assuefacere se ad sequen - das sententias mitiores et minus etiam certas. . Wie wird das innerſte Geheimniß der Selbſtbeſtimmung hiedurch ein ſo ganz aͤußerliches Thun. In den jeſuitiſchen Hand - buͤchern ſind alle Moͤglichkeiten der Faͤlle des Lebens be - handelt, ungefaͤhr in dem Sinne wie es in Syſtemen des buͤrgerlichen Rechts zu geſchehen pflegt, und nach dem Grade ihrer Entſchuldbarkeit gepruͤft; man braucht nur dar - in nachzuſchlagen, und ſich ohne eigene Ueberzeugung dar - nach zu richten, ſo iſt man der Abſolution vor Gott und135Janſeniſten.Kirche ſicher. Eine leichte Abwandlung des Gedankens entlaſtet von aller Verſchuldung. Mit einer gewiſſen Ehrlichkeit erſtaunen zuweilen die Jeſuiten ſelbſt, wie ſo leicht durch ihre Lehren das Joch Chriſti werde.

Janſeniſten.

Es muͤßte in der katholiſchen Kirche bereits alles Le - ben erſtorben geweſen ſeyn, wenn ſich gegen ſo verderbliche Doctrinen und die geſammte Entwickelung die damit zu - ſammenhing nicht doch auch in demſelben Moment eine Oppoſition haͤtte hervorthun ſollen.

Schon waren die meiſten Orden mit den Jeſuiten ge - ſpannt, die Dominicaner wegen ihrer Abweichungen von Thomas von Aquino, die Franciscaner und Capuziner we - gen der ausſchließenden Gewalt, die ſie ſich in den Miſ - ſionen in Hinteraſien anmaßten: zuweilen wurden ſie von den Biſchoͤfen bekaͤmpft, deren Autoritaͤt ſie ſchmaͤlerten, zu - weilen von den Pfarrern, in deren Amtsgeſchaͤfte ſie ein - griffen; auch an den Univerſitaͤten erhoben ſich wenigſtens in Frankreich und den Niederlanden noch oftmals Gegner. Aber alles dieß bildete doch noch keinen nachhaltigen Wi - derſtand, der von einer tieferen und mit friſchem Geiſte er - griffenen Ueberzeugung herruͤhren mußte.

Denn zuletzt hingen doch auch die moraliſchen Lehren der Jeſuiten mit ihren dogmatiſchen Vorſtellungen genau zuſammen. In jenen wie in dieſen gewaͤhrten ſie dem freien Willen einen großen Spielraum.

Eben dieß war nun aber auch der Punkt, an welchen136Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.ſich der groͤßte Widerſpruch anſchloß welchen die Jeſuiten uͤberhaupt gefunden haben. Er entwickelte ſich folgender - geſtalt.

In den Jahren, in welchen die Streitigkeiten uͤber die Gnadenmittel die theologiſche Welt in der katholiſchen Kirche in großer Spannung erhielten, ſtudirten zu Loͤwen zwei junge Menſchen, Cornelis Janſe aus Holland und Jean du Verger ein Gascogner, die mit einmuͤthiger Ue - berzeugung fuͤr die ſtrengeren Lehren, die ja in Loͤwen nie - mals untergegangen waren, Partei ergriffen, und einen hef - tigen Widerwillen gegen die Jeſuiten faßten. Verger war vornehmer, wohlhabender: er nahm ſeinen Freund mit ſich nach Bayonne. Hier vertieften ſie ſich in unablaͤſſig wie - derholtem Studium in die Werke des Auguſtinus: ſie faß - ten fuͤr die Lehren dieſes Kirchenvaters von Gnade und freiem Willen eine Begeiſterung, die ihr ganzes folgendes Leben beſtimmte1)Synopsis vitae Jansenii vor dem Auguſtinus: In Canta - briam deinde migravit, ubi eruditissimorum virorum consuetu - dine et familiari studiorum communione in SS. Patrum et prae - sertim Augustini intelligentia magnos progressus fecisse, saepe testatus est. .

Janſenius, welcher Profeſſor zu Loͤwen, Biſchof zu Ypern wurde, ſchlug mehr den theoretiſchen, Verger, der die Abtei St. Cyran bekam, mehr den praktiſchen, asceti - ſchen Weg ein um ſie wieder geltend zu machen.

Das Buch, in welchem Janſenius ſeine Ueberzeugun - gen ausfuͤhrlich und ſyſtematiſch entwickelte, betitelt: Au - guſtinus, iſt doch ſehr bedeutend, nicht allein weil es ſich den Jeſuiten in ihren dogmatiſchen und moraliſchen Ten -137Janſeniſten.denzen ſo kuͤhn entgegenſtellte, ſondern weil es dieß dadurch that, daß es die herkoͤmmlichen Formeln von Gnade, Suͤnde und Vergebung aufs neue zu lebendigen Gedanken durch - bildete.

Janſenius geht von der Unfreiheit des menſchlichen Willens aus: durch die Begierde nach irdiſchen Dingen ſey er gefeſſelt, in Knechtſchaft gehalten: aus eigener Kraft ver - moͤge er ſich aus dieſem Zuſtande nicht zu erheben: die Gnade muͤſſe ihm zu Huͤlfe kommen, die Gnade, die nicht ſowohl Vergebung der Suͤnden als die Befreiung der Seele von den Banden der Begierde ſey1)Corn. Jansenii Augustinus tom. III, lib. I, c. II. Li - beratio voluntatis non est peccati remissio, sed relaxatio quae - dam delectabilis vinculi concupiscentialis, cui innexus servit animus quoad per gratiam infusa coelesti dulcedine ad suprema diligenda transferatur. So verſteht auch Pascal dieſe Lehre. Dieu change le coeur de l’homme par une douceur céleste qu’il y répand. Les Provinciales 1. XVIII, tom. III, p. 413. .

Hier tritt ſogleich ſeine unterſcheidende Anſicht her - vor. Die Gnade laͤßt er durch das hoͤhere und reinere Vergnuͤgen eintreten, welches die Seele an den goͤttlichen Dingen empfinde. Die wirkſame Gnade des Heilandes ſagt er, iſt nichts anders, als ein geiſtliches Ergoͤtzen, durch welches der Wille bewogen wird zu wollen und zu vollbringen was Gott beſchloſſen hat. Sie iſt die un - willkuͤrliche von Gott dem Willen eingefloͤßte Bewegung, durch welche das Gute dem Menſchen wohlgefaͤllt, und er bewogen wird darnach zu ſtreben2)Tom. III, lib. IV, c. I. . Wiederholt ſchaͤrft er ein, daß das Gute nicht aus Furcht vor der Strafe, ſondern aus Liebe zur Gerechtigkeit gethan werden muͤſſe.

138Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.

Und von dieſem Punkte aus erhebt er ſich nun zu der hoͤhern Frage, was dieſe Gerechtigkeit ſey?

Er antwortet: Gott ſelbſt.

Denn Gott muß man ſich nicht denken wie einen Koͤr - per, oder unter irgend einem Bilde, ſelbſt nicht unter dem des Lichtes: man muß ihn betrachten und lieben als die ewige Wahrheit, aus der alle Wahrheit und Weisheit quillt, als die Gerechtigkeit, nicht in wiefern ſie die Ei - genſchaft eines Gemuͤthes iſt, ſondern in wiefern ſie als eine Idee, als eine hoͤchſte unverletzliche Regel ihm vor - ſchwebt. Die Regeln unſrer Handlungen fließen aus dem ewigen Geſetze: ſie ſind ein Abglanz ſeines Lichtes: wer die Gerechtigkeit liebt, liebt Gott ſelbſt1)Tom. III, lib. V, c. III. Regulae vivendi et quasi lu - mina virtutum immutabilia et sempiterna non sunt aliud quam lex aeterna quae in ipsa dei aeterni veritate splendet, quam pro - inde diligendo non aliud diligit nisi ipsum deum seu veritatem et justitiam ejus incommutabilem, a qua promanat et ex cujus refulgentia lucis fulget quidquid velut justum et rectum ap - probamus. .

Der Menſch wird nicht dadurch gut, daß er ſein Ge - muͤth auf dieß oder jenes Gute richtet: ſondern dadurch, daß er das unveraͤnderliche einfache hoͤchſte Gut ins Auge faßt, welches die Wahrheit, welches Gott ſelbſt iſt. Die Tugend iſt die Liebe Gottes.

Und eben in dieſer Liebe beſteht die Befreiung des Wil - lens: ihre unausſprechliche Suͤßigkeit vertilgt das Wohl - gefallen der Begierde: es entſteht eine freiwillige und be - gluͤckende Nothwendigkeit nicht zu ſuͤndigen ſondern gut zu139Janſeniſten.leben1)Tom. III, lib. VII, c. IX: voluntas felix, immutabilis et necessaria non peccandi recteque vivendi. , der wahre freie Wille, d. i. ein Wille, befreit von dem Boͤſen, erfuͤllt mit dem Guten.

Es iſt an dieſem Werke bewundernswuͤrdig, in wie hohem Grade philoſophiſch durchſichtig die dogmatiſchen Entwickelungen gehalten ſind, ſelbſt in dem gelehrten Eifer einer feindſeligen Discuſſion: die Grundbegriffe ſind zugleich moraliſch und religioͤs, ſpeculativ und praktiſch: jenem aͤu - ßerlichen Sich-abfinden der jeſuitiſchen Lehre ſetzt es ſtrenge Innerlichkeit, das Ideal einer in der Liebe zu Gott auf - gehenden Thaͤtigkeit entgegen.

Waͤhrend aber Janſenius noch mit der Abfaſſung die - ſes Werkes beſchaͤftigt war, verſuchte ſein Freund ſchon, die Ideen die demſelben zu Grunde lagen, zunaͤchſt in ſei - nem eigenen Leben darzuſtellen und in ſeiner Umgebung praktiſch auszubreiten.

St. Cyran, denn ſo ward Verger jetzt genannt, hatte ſich mitten in Paris eine gelehrte, ascetiſche Einſiedelei ge - ſchaffen. In unermuͤdlichem Studium der heiligen Schrift und der Kirchenvaͤter ſuchte er ſich mit ihrem Geiſte zu durchdringen. Die Lehren, die Janſenius mehr im Allge - meinen ausgebildet, wandte er auf das Sacrament der Buße an. Sich erniedrigen, dulden, von Gott abhangen, der Welt voͤllig entſagen2)S’humilier, souffrir et dépendre de Dieu est toute la vie Chrétienne. , ſich mit alle ſeinem Thun und Trachten der Liebe zu Gott widmen, das ſind ſeine For - derungen. Aber nach ſeiner Lehre muß die Gnade der Buße140Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.ſchon vorhergehn. Wenn Gott eine Seele retten will, ſo faͤngt er inwendig an: iſt das Herz nur einmal veraͤn - dert, wird nur erſt wahre Reue empfunden, ſo folgt das andere alles nach: die Abſolution kann nur den erſten Strahl der Gnade bezeichnen: wie ein Arzt nur den Bewegungen und innern Wirkungen der Natur nachzugehn hat, ſo muͤſ - ſen auch die Aerzte der Seele den Wirkungen der Gnade nachfolgen. Oft wiederholt er, daß er ſelbſt den ganzen Weg von Verſuchung und Suͤnde zu Zerknirſchung, Ge - bet und Erhebung durchgemacht habe. Nur Wenigen theilte er ſich mit: er that das jedes Mal ohne viel Worte, mit dem Ausdrucke der Ruhe; aber da ſeine ganze Seele von dem erfuͤllt war was er ſprach, da er immer Gele - genheit und innere Stimmung abwartete, ſowohl in ſich, als in den Andern, ſo machte er einen unwiderſtehlichen Eindruck: unwillkuͤrlich fuͤhlten ſich ſeine Zuhoͤrer umge - wandelt, die Thraͤnen brechen ihnen hervor, ehe ſie es ahn - den1)Mémoires pour servir a l’histoire de Portroyal par mr Fontaine I, p. 225. Racine: Hist. de Portroyal p. 134. . Gar bald ſchloſſen ſich ihm einige ausgezeichnete Maͤnner als entſchiedene Proſelyten an: Arnauld d’An - dilly, der zu Cardinal Richelieu und Koͤnigin Anna von Oeſtreich in engem Verhaͤltniß ſtand, und in den wichtig - ſten Geſchaͤften gebraucht ward: deſſen Neffe, le Maitre, der damals als der erſte Redner vor dem Parlamente be - wundert wurde, und die glaͤnzendſte Laufbahn vor ſich hatte, ſich aber jetzt geradezu in eine Einſiedelei bei Paris zu - ruͤckzog. Angelique Arnauld, deren wir bereits gedachten, und ihre Nonnen von Portroyal hingen mit der unbe -141Janſeniſten.dingten Hingebung welche fromme Frauen fuͤr ihren Pro - pheten zu fuͤhlen pflegen, an St. Cyran.

Janſenius ſtarb, ehe er ſein Buch gedruckt ſah: St. Cyran ward gleich nach ſeinen erſten Bekehrungen von Ri - chelieu, der einen natuͤrlichen Widerwillen gegen eine ſolche Wirkſamkeit hatte, ins Gefaͤngniß geworfen; allein dieſe Un - faͤlle verhinderten den Fortgang ihrer Lehren nicht.

Das Buch des Janſenius brachte durch ſein inneres Verdienſt, ſo wie durch die Kuͤhnheit ſeiner Polemik nach und nach einen allgemeinen, tiefen Eindruck hervor1)Gerberon: Histoire du Jansenisme I, 63. Les theolo - giens de Paris s’appliquerent tellement à l’étude de l’Augustin d’Ipres, ils reconnoissoient celui d’Hippone, qu’on commençoit à n’entendre plus parmi ces theologiens que les noms de Jansenius et de S. Augustin. . St. Cyran ſetzte ſeine bekehrende Thaͤtigkeit von dem Ge - faͤngniß aus fort: das unverſchuldete Leiden das ihn be - troffen, und das er mit großer Ergebung trug, vermehrte ſein Anſehen: als er nach dem Tode Richelieus frei wurde, ward er wie ein Heiliger, wie ein Johannes der Taͤufer betrachtet. Zwar ſtarb er wenige Monate darauf (11. Oct. 1643); aber er hatte eine Schule gegruͤndet, welche in ſei - ner und ſeines Freundes Lehren ihr Evangelium ſah: ſeine Schuͤler , ſagt einer von ihnen, gingen wie junge Adler unter ſeinen Fluͤgeln hervor: Erben ſeiner Tugend und Froͤm - migkeit, die das, was ſie von ihm empfangen, wiederum Andern uͤberlieferten. Elias ließ Eliſa’s nach, die ſein Werk fortſetzten.

Schon ſammelte ſich in der Einſiedelei von Port - royal des Champs, in die ſich zuerſt le Maitre zuruͤckge -142Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.zogen, um ihn her eine nicht unanſehnliche Geſellſchaft, die ſich zu jenen Grundſaͤtzen bekannte.

Urſpruͤnglich hatte ſie nun wohl etwas Beſchraͤnktes; ſie beſtand hauptſaͤchlich aus Mitgliedern und Freunden der Familie Arnauld. Le Maitre zog allein vier ſeiner Bruͤder nach ſich: ihre Mutter, die ihnen ihre geiſtliche Richtung eingefloͤßt, war eine Arnauld: der aͤlteſte Freund St. Cy - rans, dem dieſer ſein Herz vermachte, war Arnauld d’An - dilly: endlich trat auch er in dieſe Geſellſchaft: ſein juͤng - ſter Bruder, Antoine Arnauld, verfaßte die erſte bedeutende Schrift zu Gunſten derſelben. Gar manche andere Ver - wandte und Freunde folgten ihnen nach. Auch das Klo - ſter Portroyal in Paris war faſt ausſchließend in den Haͤn - den dieſer Familie. Andilly erzaͤhlt, daß ſeine Mutter, die endlich auch hineintrat, von zwoͤlf Toͤchtern und Enkelinnen umgeben geweſen1)Mémoires d’Arnauld d’Andilly I, p. 341. . Wir erinnern uns hiebei, daß der aͤltere Antoine Arnauld, von welchem dieſe Alle abſtamm - ten, es hauptſaͤchlich war, durch deſſen glaͤnzendes Plai - doyer im Jahre 1594 die Entfernung der Jeſuiten aus Paris entſchieden worden. Die Abneigung gegen den Or - den war gleichſam erblich in dieſer Familie.

Allein wie ſo bald und ſo großartig ward dieſer enge Kreis erweitert.

Einmal ſchloſſen ſich ihm viele Andere an, durch keine andere Verwandtſchaft als die der Geſinnung ange - zogen. Beſonders war ein einflußreicher Prediger zu Pa - ris, Singlin, Anhaͤnger St. Cyrans, fuͤr ſie thaͤtig. Sing - lin hatte die beſondere Eigenſchaft, daß er ſich im gewoͤhn -143Janſeniſten.lichen Leben nur mit Schwierigkeit ausdruͤckte, aber ſo wie er die Kanzel beſtieg, eine hinreißende Beredſamkeit ent - wickelte1)Mémoires de Fontaine II, p. 283. . Diejenigen die ſich am eifrigſten zu ihm hiel - ten, ſchickte er nach Portroyal, wo man ſie gern auf - nahm. Es waren junge Geiſtliche und Gelehrte, wohl - habende Kaufleute, Maͤnner aus den angeſehenſten Fami - lien, Aerzte, die ſchon eine bedeutende Stellung hatten, Mitglieder anderer Orden, jedoch alles Leute, die nur in - nerer Trieb und entſchiedenes Einverſtaͤndniß zu dieſem Schritte vermochten.

Und in dieſer Einſamkeit nun, gleichſam einem freiwil - ligen und durch keine Verpflichtung zuſammengehaltenen Kloſter, gab es allerdings viel religioͤſe Uebungen; man be - ſuchte die Kirche fleißig: man betete viel, gemeinſchaftlich oder allein: auch wurden laͤndliche Arbeiten, von Einem oder dem Andern ward ein Handwerk getrieben; allein hauptſaͤchlich widmete man ſich literariſchen Beſchaͤftigun - gen: die Geſellſchaft von Portroyal war zugleich eine Art von Akademie.

Waͤhrend die Jeſuiten in unuͤberſehbaren Folianten Gelehrſamkeit aufſpeicherten, oder ſich in die widerwaͤrtige Scholaſtik kuͤnſtlicher Syſteme der Moral und der Dogma - tik verloren, wandten ſich die Janſeniſten an die Nation.

Sie fingen an zu uͤberſetzen: die h. Schrift, Kirchen - vaͤter, lateiniſche Gebetbuͤcher: gluͤcklich wußten ſie hiebei die altfraͤnkiſchen Formen zu vermeiden, die bisher Arbei - ten dieſer Art geſchadet hatten, und ſich mit anziehender Verſtaͤndlichkeit auszudruͤcken. Eine Unterrichtsanſtalt, die144Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.die ſie bei Portroyal einrichteten, gab ihnen Anlaß Schul - buͤcher zu verfaſſen, uͤber alte und neue Sprachen, Logik, Geometrie, welche aus friſcher Auffaſſung hervorgegangen neue Methoden an die Hand gaben, deren Verdienſt von Jedermann anerkannt ward. Dazwiſchen traten dann an - dere Arbeiten hervor, Streitſchriften von einer Schaͤrfe und Praͤciſion, welche die Feinde geiſtig vernichteten: Werke tie - ferer Froͤmmigkeit, wie die Heures de Portroyal, die mit lebhafter Begierde empfangen wurden und nach Verlauf ei - nes Jahrhunderts noch ſo neu und geſucht waren wie den erſten Tag. Geiſter von ſo eminenter Wiſſenſchaftlichkeit wie Pascal, Koryphaͤen der franzoͤſiſchen Poeſie wie Ra - cine gingen aus ihrer Mitte hervor. Es iſt nicht zu er - meſſen, welchen Einfluß dieſe Vereinigung geiſtreicher, von einer großen Intention erfuͤllter Maͤnner, die ganz von ſelbſt im Umgang mit einander einen neuen Ton des Aus - drucks, der Mittheilung entwickelten, auf die Literatur von Frankreich und von Europa uͤberhaupt ausgeuͤbt hat1)Notice de Petitot vor den Memoiren von Andilly I, uͤbri - gens eine zur Verwunderung parteiiſche Arbeit..

Wie haͤtte nun aber der Geiſt, der alle dieſen Hervor - bringungen zu Grunde lag, ſich nicht durch ſie in der Na - tion Bahn machen ſollen? Aller Orten erhoben ſich ihm Anhaͤnger. Beſonders ſchloſſen ſich ihnen die Pfarrer an, denen die jeſuitiſche Beichte ſchon lange verhaßt geweſen war. Zuweilen, z. B. unter dem Cardinal Retz, ſchien es wohl, als wuͤrden ſie auch in die hoͤhere Geiſtlichkeit ein - dringen: es wurden ihnen wichtige Stellen zu Theil. Schonfin -145Stellung d. roͤm. Hofes zu d. beiden Parteien.finden wir ſie nicht allein in den Niederlanden und in Frankreich, auch in Spanien haben ſie Goͤnner: noch un - ter Innocenz X. hoͤrt man einen janſeniſtiſchen Lehrer oͤf - fentlich in Rom predigen1)Deone tom. IV. Fu citato per il sant officio monsieur Honorato Herzan (Hersent), dottor della Sorbona di Pariggi, per la predica che fece in San Luigi nel giorno della festa, nella quale sostenne e difese l’opinione di Jansenio con esaltarlo per unico interprete di S. Agostino non specificandolo ma però de - lineandolo che da ciascheduno era inteso. Egli si ritirò in casa dell ambasciator di Francia e di a Pariggi. Il suo libro è prohibito, et il maestro del sacro palazzo ne ha havuto qualche travaglio per haverne permessa la stampa: egli si scusa con dire che veniva dedicato al papa et era in lingua francese, la quale egli non intende, però contenendo il libro l’opinione fa - vorevole all opinione loro contro l’opinione de Gesuiti. .

Da fragte ſich nun vor allem, wie der roͤmiſche Stuhl dieſe Meinungen anſehen wuͤrde.

Stellung des römiſchen Hofes zu den beiden Par - teien.

Es hatte ſich nur unter etwas veraͤnderten Formen derſelbe Streit erneuert, welchen vierzig Jahre fruͤher we - der Clemens VIII, noch Paul V. zu entſcheiden gewagt hatten.

Ich weiß nicht, ob Urban VIII, Innocenz X. entſchloſ - ſener geweſen ſeyn wuͤrden, waͤre nicht ungluͤcklicher Weiſe in dem Werke des Janſenius eine Stelle vorgekommen, an welcher der roͤmiſche Stuhl aus andern Gruͤnden großen Anſtoß nahm.

Päpſte** 10146Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.

In ſeinem dritten Buche uͤber den Stand der Unſchuld kommt Janſenius auf einen Satz des Auguſtin, von dem er nicht leugnen kann, daß er vom roͤmiſchen Hofe ver - dammt worden ſey. Er nimmt einen Augenblick Anſtand, wem er folgen ſolle, dem Kirchenvater oder dem Papſte. Nach einigem Bedenken aber bemerkt er1)De statu naturae purae III, c. XXII, p. 403. Quodsi, fuͤgt er hinzu, vel tunc ostendi potuisset hanc aliasque nonnul - las propositiones ab Augustino doctorum omnium coryphaeo traditas, nunquam, arbitror, hujusmodi decretum ab apostolica sede permanasset. , der roͤmiſche Stuhl verdamme zuweilen eine Lehre bloß um des Friedens willen, ohne ſie darum gleich fuͤr falſch erklaͤren zu wollen: er entſcheidet ſich ſchlechtweg fuͤr den auguſtinianiſchen Lehrſatz.

Natuͤrlich machten ſich ſeine Gegner dieſe Stelle zu Nutze: ſie erklaͤrten ſie fuͤr einen Angriff auf die paͤpſtliche Infallibilitaͤt: gleich Urban VIII. ward vermocht ſein Miß - fallen uͤber ein Werk auszuſprechen, welches zur Verrin - gerung des apoſtoliſchen Anſehens Saͤtze enthalte die ſchon von fruͤhern Paͤpſten verdammt worden ſeyen.

Mit dieſer Erklaͤrung richtete er jedoch noch wenig aus. Die janſeniſtiſchen Lehren griffen nichts deſto minder gewaltig um ſich: in Frankreich trat eine allgemeine Ent - zweiung ein. Die Gegner von Portroyal hielten es fuͤr nothwendig eine andere beſtimmtere Verdammung von dem roͤmiſchen Stuhle auszubringen. Zu dem Ende faßten ſie die Grundlehren des Janſenius, wie ſie dieſelben verſtan - den, in fuͤnf Saͤtze zuſammen, und forderten den Papſt In -147Stellung d. roͤm. Hofes zu d. beiden Parteien.nocenz X. auf, ſein apoſtoliſches Urtheil daruͤber auszu - ſprechen1)Pallavicini: Vita di Alessandro VII: acciochè ben in - formato dichiarasse ciò che dovea permettersi o proibirsi intorno cinque principali propositioni di quell autore. .

Und hierauf ſchritt man nun an dem roͤmiſchen Hofe zu einer foͤrmlichen Unterſuchung. Es ward eine Congre - gation von vier Cardinaͤlen gebildet, unter deren Aufſicht dreizehn theologiſche Conſultoren die Pruͤfung vornahmen.

Nun waren jene Saͤtze ſo beſchaffen, daß ſie auf den erſten Blick lauter Heterodoxien enthielten, aber naͤher be - trachtet ſich doch wenigſtens auch zum Theil in rechtglaͤu - bigem Sinne erklaͤren ließen2)Racine: Abrégé de l’histoire ecclésiastique tom. XI, p. 15. . Unter der Commiſſion zeig - ten ſich ſogleich verſchiedene Meinungen. Vier Mitglieder derſelben, zwei Dominicaner, ein Minorit, Luca Wadding, und der Auguſtinergeneral fanden die Verdammung unrath - ſam. Die uͤbrigen neun aber waren dafuͤr3)Pallavicini, der ſelbſt unter den Conſultoren war, theilt dieſe Details mit. Von dem Papſt ſagt er: Il suo intelletto alie - nissimo delle sottigliezze scolastiche. . Es kam nun darauf an, ob der Papſt der Majoritaͤt beiſtimmen wuͤrde.

Innocenz dem X. war die ganze Frage zuwider. Schon an ſich haßte er ſchwierigere theologiſche Unterſuchun - gen: aber uͤberdieß ſah er von dieſer, wie er ſich auch im - mer erklaͤren mochte, nur widerwaͤrtige Folgen voraus. Trotz der Entſcheidung einer ſo großen Mehrheit konnte er ſich nicht entſchließen. Wenn er an den Rand des10*148Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.Grabens kam , ſagt Pallavicini, und mit den Augen die Groͤße des Sprunges maß, hielt er inne und war nicht weiter vorwaͤrts zu bringen.

Aber nicht der geſammte Hof theilte dieſe Bedenklichkei - ten. Unmittelbar zur Seite des Papſtes ſtand ein Staats - ſecretaͤr, der Cardinal Chigi, der ihn unaufhoͤrlich anfeuerte. Noch in Coͤln hatte Chigi das Buch zu Handen bekommen und geleſen: ſchon damals hatte ihn jene Stelle mit de - voter Entruͤſtung erfuͤllt, ſo daß er es von ſich warf; von einigen deutſchen Ordensgeiſtlichen war er in ſeinem Wi - derwillen beſtaͤrkt worden: an der Pruͤfungscongregation hatte er thaͤtigen Antheil genommen und zum Reſultate der - ſelben das Seine beigetragen; jetzt drang er in den Papſt nicht zu ſchweigen: ſchweigen wuͤrde dießmal heißen erlau - ben: er duͤrfe die Lehre der paͤpſtlichen Unfehlbarkeit nicht in Mißcredit gerathen laſſen: eben das ſey eine Hauptbe - ſtimmung des apoſtoliſchen Sitzes, in den Zweifeln der Glaͤubigen eine Entſcheidung zu geben1)Mittheilungen Pallavicinis..

Nun war Innocenz, wie wir wiſſen, ein Mann der ſich von ploͤtzlichen Eindruͤcken leiten ließ. In einer un - gluͤcklichen Stunde uͤberwaͤltigte ihn die Vorſtellung von der Gefahr der paͤpſtlichen Infallibilitaͤt. Er nahm das um ſo mehr fuͤr hoͤhere Eingebung, da es am Tage des h. Athanaſius war. Am 1. Juni 1653 erließ er ſeine Bulle, in welcher er jene fuͤnf Saͤtze verdammte, als ketze - riſch, blasphemiſch, fluchbeladen. Er erklaͤrt, hiemit hoffe er den Frieden der Kirche herzuſtellen; nichts liege ihm mehr am Herzen als daß das Schiff der Kirche wie im149Stellung d. roͤm. Hofes zu d. beiden Parteien.ruhigen Meere dahinfahren und in den Port der Selig - keit gelangen moͤge1)Bei Cocquel. VI, III, 248. Aus Pallavicini ſehen wir, daß ſie von Chigi und hauptſaͤchlich von Albizi, Beiſitzer der Inqui - ſition, verfaßt iſt..

Allein wie ſo voͤllig anders mußte doch der Erfolg ausfallen!

Die Janſeniſten leugneten, daß die Saͤtze in dem Buche Janſens zu finden, und noch viel mehr, daß ſie von dem - ſelben in dem Sinne verſtanden ſeyen, in dem man ſie ver - dammt habe.

Nun erſt zeigte ſich, in welch eine falſche Stellung der roͤmiſche Hof gerathen war. Die franzoͤſiſchen Biſchoͤfe drangen in Rom auf die Erklaͤrung, daß jene Saͤtze wirk - lich im Sinne Janſens verdammt worden. Chigi, der in - deß unter dem Namen Alexander VII. den Thron beſtie - gen, konnte dieſelbe um ſo weniger verweigern, da er ſelbſt ſo großen Antheil an der Verdammung genommen hatte: er ſprach ſie unumwunden und foͤrmlich aus: die fuͤnf Saͤtze ſeyen allerdings aus dem Buche von Janſen gezogen, und in dem Sinne deſſelben verurtheilt worden 2)Bei Cocquel. VI, IV, 151. Quinque illas propositiones ex libro praememorati Cornelii Jansenii episcopi Iprensis cui titulus Augustinus excerptas ac in sensu ab eodem Jansenio in - tento damnatas fuisse declaramus et definimus. .

Aber auch hiewider waren die Janſeniſten geruͤſtet. Sie entgegneten: eine Erklaͤrung dieſer Art uͤberſchreite die Grenzen der paͤpſtlichen Macht: die paͤpſtliche Unfehlbarkeit erſtrecke ſich nicht auf ein Urtheil uͤber Thatſachen.

Dergeſtalt geſellte ſich der dogmatiſchen Streitigkeit150Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.uͤberdieß eine Frage uͤber die Grenzen der paͤpſtlichen Ge - walt hinzu; in ihrer unleugbaren Oppoſition gegen den roͤmiſchen Stuhl wußten ſich die Janſeniſten doch noch immer als gute Katholiken zu behaupten.

Auch war dieſe Partei nun gar nicht mehr zu beſei - tigen. Zuweilen machte man von Seiten der Krone An - ſtalt dazu; es wurden Formulare im Sinne der Verdam - mungsbulle erlaſſen, die von allen geiſtlichen Perſonen un - terſchrieben werden ſollten, ſelbſt den Schulmeiſtern, ſelbſt den Nonnen. Die Janſeniſten ſtraͤubten ſich nicht, die fuͤnf Saͤtze zu verdammen, die wie geſagt auch eine heterodoxe Auslegung zuließen, ſie weigerten ſich nur, durch eine un - bedingte Unterſchrift anzuerkennen, daß ſie in Janſenius enthalten, daß dieß die Lehren ihres Meiſters ſeyen: keine Verfolgung konnte ſie dazu bewegen. Ihre Standhaftig - keit bewirkte, daß ihre Anzahl, ihr Credit von Tage zu Tage zunahm: ſchon fanden ſich auch unter den Biſchoͤfen zahlreiche Verfechter ihrer Meinung1)Schreiben von 19 Biſchoͤfen an den Papſt 1667 1. Dec. Novum et inauditum apud nos nonnulli dogma procuderunt, ec - clesiae nempe decretis quibus quotidiana nec revelata divinitus facta deciduntur, certam et infallibilem constare veritatem. Dieß iſt doch eigentlich die anerkannte Auslegung der Frage von droit und fait. .

Um die Ruhe wenigſtens aͤußerlich herzuſtellen, mußte ſich Clemens IX. im Jahre 1668 mit einer Unterſchrift zufrieden erklaͤren, wie auch ein Janſeniſt ſie leiſten konnte. Er begnuͤgte ſich mit einer Verdammung der fuͤnf Saͤtze im Allgemeinen, ohne darauf zu beſtehn, daß ſie von Janſenius wirklich gelehrt worden ſeyen2)Das letzte Formular Alexanders VII. (15. Febr. 1665). In der That151Stellung d. roͤm. Hofes zu d. beiden Parteien.enthaͤlt das doch eine weſentliche Nachgiebigkeit des roͤ - miſchen Hofes: nicht allein ließ er den Anſpruch fallen, uͤber die Thatſachen zu entſcheiden, ſondern er ſah auch zu, daß ſein Verdammungsurtheil uͤber Janſenius ohne alle Folgen blieb.

Und ſeitdem erhob ſich die Partei St. Cyrans und Jan - ſens, von der Curie geduldet, mit dem koͤniglichen Hofe in gutem Verhaͤltniß der bekannte Miniſter Pomponne war ein Sohn Andillys, von einigen Großen beguͤn - ſtigt, zu immer groͤßerer Staͤrke und Bedeutung. Ihre literariſche Thaͤtigkeit umfaßte nun erſt die Nation. Aber mit ihrem Emporkommen verbreitete ſich trotz des Frie - densſchluſſes zugleich eine lebhafte Oppoſition gegen den roͤmiſchen Stuhl; ſie wußten recht wohl, daß ſie gar nicht beſtehn wuͤrden, wenn es nach deſſen Abſichten gegangen waͤre.

2)lautet: Je rejette et condamne sincèrement les cinq propositions extraites du livre de Cornelius Jansenius intitulé Augustinus, et dans le sens du même auteur, comme le saint siege apostolique les a condamnées par les susdites constitutions. Dagegen die ausfuͤhrlichere Friedenserklaͤrung: Vous devez vous obliger à condamner sincèrement, pleinement, sans aucune réserve ni ex - ception tous les sens que l’église et le pape ont condamnés et condamnent dans les cinq propositions. Es folgt ein zweiter Artikel: déclarons que ce seroit faire injure à l’église de com - prendre entre les sens condamnés dans ces propositions la doc - trine de St. Augustin et de St. Thomas touchant la grace effi - cace par elle-même nécessaire à toutes les actions de la piété chrétienne et la prédestination gratuite des élus.

152Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.

Verhältniß zu der weltlichen Macht.

Da hatte ſich auch ſchon von einer andern Seite her ein wenigſtens nicht minder gefaͤhrlicher Gegenſatz in ſtei - gender Heftigkeit und immer weiter greifender Ausbreitung erhoben.

Im ſiebzehnten Jahrhundert fing der roͤmiſche Stuhl an, ſeine jurisdictionellen Gerechtſame ich weiß nicht ob lebhafter und nachdruͤcklicher aber gewiß ſyſtematiſcher und unnachgiebiger wahrzunehmen als bisher. Urban VIII, der ſeine Erhebung unter andern auch dem Anſehen verdankte, in das er ſich als ein eifriger Verfechter dieſer Anſpruͤche geſetzt hatte1)Relatione de IV ambasciatori 1625. Professa sopra tutte le cose haver l’animo inflessibile e che la sua indepen - denza non ammetta alcuna ragione degl interessi de principi. Ma quello in che preme con insistenza et a che tende l’im - piego di tutto il suo spirito è di conservare e di accrescer la giurisdittione ecclesiastica. Questo medesimo concetto fu sem - pre sostenuto dal pontefice nella sua minor fortuna, e ciò è stato anche grandissima causa della sua esaltatione. , ſtiftete eine eigene Congregation der Im - munitaͤt. Weniger Cardinaͤlen, die ſchon in der Regel ein Verhaͤltniß zu den Maͤchten hatten, als juͤngern Praͤlaten, die nach dem Eifer, den ſie hiebei bewieſen, befoͤrdert zu werden hofften, vertraute er das Geſchaͤft an, auf alle Ein - griffe der Fuͤrſten in die geiſtliche Jurisdiction ein wach - ſames Auge zu haben. Seitdem wurde nun die Beobach - tung um vieles ſchaͤrfer und regelmaͤßiger, die Anmahnung dringender: Amtseifer und Intereſſe vereinigten ſich: der153Verhaͤltniß zu der weltlichen Macht.oͤffentliche Geiſt des Hofes hielt es fuͤr einen Beweis von Froͤmmigkeit, uͤber jeden Punkt dieſer althergebrachten Rechte eiferſuͤchtig zu wachen1)Joh. Bap. de Luca S. R. E. Cardinalis: Relatio curiae Ro - manae 1683. Disc. XVII, p. 109. Etiam apud bonos et zelan - tes ecclesiasticos remanet quaestio, an hujus congregationis erectio ecclesiasticae immunitati et jurisdictioni proficua vel prae - judicialis fuerit, potissime quia bonus quidem sed forte indiscre - tus vel asper zelus aliquorum, qui circa initia eam regebant, ali - qua produxit inconvenientia praejudicialia, atque asperitatis vel nimium exactae et exorbitantis defensionis opinionem impressit apud seculares. Ein doch ſehr bedeutendes Geſtaͤndniß von einem Cardinal..

Sollten ſich aber die Staaten dieſer geſchaͤrften Auf - ſicht gutwillig bequemen? Das Gefuͤhl religioͤſer Vereini - gung, das im Kampfe mit dem Proteſtantismus erweckt worden, war wieder erkaltet; alles ſtrebte nach innerer Staͤrke, politiſcher Geſchloſſenheit; es geſchah, daß der roͤ - miſche Hof mit allen katholiſchen Staaten in bittere Strei - tigkeiten gerieth.

Machten doch ſelbſt die Spanier zuweilen Verſuche die Einwirkungen Roms z. B. auf Neapel zu beſchraͤnken, der Inquiſition daſelbſt einige Beiſitzer von Staats wegen beizugeben! Man haͤtte in Rom Bedenken getragen dem Kaiſer das Patriarchat von Aquileja, auf das er Anſpruͤche hatte, zuzugeſtehn, aus Furcht, er benutze den Beſitz deſſel - ben zur Erwerbung einer groͤßern kirchlichen Unabhaͤngig - keit. Die deutſchen Reichsſtaͤnde ſuchten in den Wahlca - pitulationen von 1654 und 1658 die Gerichtsbarkeit der Nuntien und der Curie durch ſtrengere Beſtimmungen ein - zuſchraͤnken; in unaufhoͤrlicher Bewegung war Venedig uͤber154Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17 Jahrh.den Einfluß des Hofes auf die Beſetzung der geiſtlichen Stellen im Lande, die Penſionen, die Anmaßungen der Nepoten; bald fand Genua, bald Savoyen Anlaß, ſeinen Geſandten von Rom abzuberufen; aber den lebhafteſten Wi - derſtand leiſtete, wie das auch ſchon im Princip ihrer Reſtauration lag, die franzoͤſiſche Kirche1)Relatione della nuntiatura di Francia di monsr Scotti 1641 5 Aprile. Er hat einen beſondern Abſchnitt dell impedi - menti della nuntiatura ordinaria: Li giudici regj si può dire che levino tutta la giurisdittione ecclca in Francia alli prelati. . Die Nuntien finden kein Ende der Beſchwerden, die ſie machen zu muͤſſen glauben, vorzuͤglich uͤber die Beſchraͤnkungen welche die geiſtliche Jurisdiction erfahre: ehe ſie noch einen Schritt gethan, lege man ſchon Appellation ein; man entziehe ihr die Eheſachen unter dem Vorwande, es ſey eine Entfuͤh - rung im Spiele; man ſchließe ſie von den peinlichen Pro - ceſſen aus; zuweilen werde ein Geiſtlicher hingerichtet ohne erſt degradirt zu ſeyn; ohne Ruͤckſicht erlaſſe der Koͤnig Edicte uͤber Ketzerei und Simonie: die Zehenten ſeyen all - maͤhlig zu einer immerwaͤhrenden Auflage geworden. Bedenk - lichere Anhaͤnger der Curie ſahen in dieſen Anmaßungen ſchon die Vorboten zu einem Schisma.

Das Verhaͤltniß, in das man durch dieſe Irrungen gerieth, hing nothwendig auch mit andern Umſtaͤnden, haupt - ſaͤchlich mit der politiſchen Haltung die der roͤmiſche Hof annahm, zuſammen.

Aus Ruͤckſicht auf Spanien wagte weder Innocenz noch Alexander, Portugal, das ſich von dieſer Monarchie losgeriſſen, anzuerkennen, und den daſelbſt ernannten Bi -155Verhaͤltniß zu der weltlichen Macht.ſchoͤfen die canoniſche Inſtitution zu geben. Faſt das ganze rechtmaͤßige Episcopat von Portugal ſtarb aus: die kirch - lichen Guͤter wurden zum großen Theil den Offizieren der Armee uͤberlaſſen: Koͤnig, Clerus und Laien entwoͤhnten ſich der fruͤhern Ergebenheit.

Aber auch uͤbrigens neigten ſich die Paͤpſte nach Ur - ban VIII. wieder auf die ſpaniſch-oͤſtreichiſche Seite.

Man darf ſich daruͤber nicht wundern, da die Ue - bermacht von Frankreich ſo bald einen die allgemeine Frei - heit gefaͤhrdenden Charakter entwickelte. Es kam hinzu, daß jene Paͤpſte ihre Erhebung dem ſpaniſchen Einfluſſe verdankten, und beide perſoͤnliche Gegner Mazarins wa - ren1)Deone: Ottobre 1644. Si sa veramente che l’esclu - sione di Panfilio fatta da cardinali Francesi nel conclave non era volontà regia instanza del cl Antonio, ma opera del cl Mazzarini, emulo e poco ben affetto al cl Panziroli, il quale prevedea che doveva aver gran parte in questo ponteficato. Wie das auch wirklich der Fall war.. In Alexander ſprach ſich dieſe Feindſeligkeit immer ſtaͤrker aus: er konnte dem Cardinal nicht vergeben, daß er ſich mit Cromwell alliirte, und lange Zeit den Frieden mit Spanien aus perſoͤnlichen Beweggruͤnden verhinderte.

Daraus folgte nun aber auch, daß ſich in Frankreich die Oppoſition gegen den roͤmiſchen Stuhl immer tiefer feſt - ſetzte, und von Zeit zu Zeit in heftigen Schlaͤgen hervor - brach. Wie ſehr bekam das noch Alexander zu empfinden!

Ein Streit, der ſich zu Rom zwiſchen dem Gefolge des franzoͤſiſchen Botſchafters Crequy und den corſiſchen Stadtſoldaten erhob, in welchem Crequy zuletzt ſelbſt be - leidigt wurde, gab dem Koͤnige Anlaß ſich in die Zwiſtig -156Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.keiten des roͤmiſchen Stuhles mit den Haͤuſern Eſte und Farneſe zu miſchen, und zuletzt geradezu Truppen nach Ita - lien marſchiren zu laſſen. Der arme Papſt ſuchte ſich durch eine geheime Proteſtation zu helfen: vor den Augen der Welt aber mußte er dem Koͤnige in dem Vertrage zu Piſa alle ſeine Forderungen zugeſtehn. Man kennt die Neigung der Paͤpſte zu ehrenvollen Inſcriptionen: keinen Stein, ſagte man, laſſen ſie in eine Mauer ſetzen ohne ihren Namens - zug: Alexander mußte in ſeiner Hauptſtadt, auf einem der beſuchteſten Plaͤtze, eine Pyramide errichten laſſen, deren Inſchrift ſeine Demuͤthigung verewigen ſollte.

Dieſer Act allein mußte die Autoritaͤt des Papſtthums tief herabwuͤrdigen.

Aber auch uͤbrigens war dieß Anſehen um das Jahr 1660 bereits in vollem Verfall. Den Frieden von Ver - vins hatte der paͤpſtliche Stuhl noch herbeigefuͤhrt, durch ſeine Unterhandlungen gefoͤrdert und zum Abſchluß gebracht; bei dem weſtphaͤliſchen hatte er ſeine Abgeordneten gehabt, aber ſich ſchon genoͤthigt geſehen, gegen die Bedingungen uͤber welche man uͤbereinkam, zu proteſtiren: an dem pyre - naͤiſchen Frieden nahm er auch nicht einmal mehr einen ſcheinbaren Antheil: man vermied es ſeine Abgeordne - ten zuzulaſſen: kaum wurde ſeiner noch darin gedacht1)Galeazzo Gualdo Priorato della pace conclusa fra le due corone 1664 hat p. 120 Osservationi sopra le cause per le quali si conclude la pace senza intervento del papa. Wir ſehen, daß das ſchlechte Verhaͤltniß zwiſchen dem Papſt und Mazarin in jenen Zeiten eine bekannte Sache war.. Wie bald ſind Friedensſchluͤſſe gefolgt, in denen man uͤber157Uebergang auf die ſpaͤteren Epochen.paͤpſtliche Lehen disponirt hat ohne den Papſt auch nur zu fragen.

Uebergang auf die ſpäteren Epochen.

Ueberaus merkwuͤrdig bleibt es alle Mal und eroͤffnet uns einen Blick in den Gang der menſchlichen Entwicke - lung uͤberhaupt, daß das Papſtthum in dem Momente daß es in der Durchfuͤhrung ſeiner auf eine erneuerte allgemeine Herrſchaft abzielenden Plaͤne ſcheiterte auch in ſich ſelbſt zu verfallen anfing.

In jenem Zeitraum des Fortſchrittes, der Reſtauration war alles gegruͤndet worden. Da hatte man die Lehre er - neuert, die kirchlichen Berechtigungen ſtaͤrker centraliſirt, mit den Fuͤrſten Bund geſchloſſen, die alten Orden verjuͤngt und neue gegruͤndet, die Kraft des Kirchenſtaates zuſammenge - nommen, zu einem Organe kirchlicher Beſtrebungen gemacht, Sinn und Geiſt der Curie reformirt, alles nach dem Ei - nen Ziele der Wiederherſtellung der Gewalt und des katho - liſchen Glaubens geleitet.

Eine neue Schoͤpfung war das nicht, wie wir ſahen: es war eine Wiederbelebung durch die Macht neuer Ideen, welche einige Mißbraͤuche abſchaffte, und nur die vorhan - denen Lebenselemente in friſchem Impuls mit ſich fortriß.

Ohne Zweifel iſt aber eine Wiederherſtellung dieſer Art noch eher dem Verfall der belebenden Motive aus - geſetzt, als eine von Grund aus neugeſchaffene Geburt.

Der erſte Einhalt den die kirchliche Reſtauration er - fuhr, geſchah in Frankreich. Die paͤpſtliche Gewalt konnte158Buch VIII. Die Paͤpſte um d. Mitte d. 17. Jahrh.auf dem betretenen Wege nicht durchdringen; ſie mußte eine Kirche, obwohl katholiſch, doch nicht unter dem Ein - fluß den ſie beabſichtigte, ſich bilden, ſich erheben ſehen, und ſich zu einer Abkunft mit derſelben entſchließen.

Damit hing dann zuſammen, daß ſogleich auch in dem Innern ſtarke Gegenſaͤtze ſich erhoben, Streitigkeiten uͤber die wichtigſten Glaubenspunkte, uͤber das Verhaͤlt - niß der geiſtlichen zu der weltlichen Macht; an der Cu - rie bildete ſich der Nepotismus auf eine gefahrdrohende Weiſe aus, die finanziellen Kraͤfte, ſtatt vollſtaͤndig zu ihrem Zwecke verwandt zu werden, kamen zum großen Theil einzelnen Familien zu Gute.

Noch immer aber hatte man ein großes und allge - meines Ziel, nach welchem man mit außerordentlichem Gluͤck vorwaͤrts ſchritt. In dieſem hoͤhern Streben wurden alle Gegenſaͤtze vermittelt, die Streitigkeiten der Lehre und des kirchlich weltlichen Anſpruches beſchwichtigt, die Entzweiun - gen der Maͤchte verſoͤhnt, der Fortgang der allgemeinen Unternehmungen im Zuge erhalten: die Curie war der den Weg anweiſende Mittelpunkt der katholiſchen Welt: im groͤßten Styl ſetzten ſich die Bekehrungen fort.

Aber wir ſahen wie es geſchah, daß man doch nicht zum Ziel gelangte, ſondern durch innern Zwiſt und aͤußern Widerſtand auf ſich ſelbſt zuruͤckgeworfen wurde.

Seitdem nahmen nun auch alle Verhaͤltniſſe des Staa - tes, der innern Entwickelung eine andere Geſtalt an.

In dem Geiſte der Eroberung und Erwerbung, der ſich einem großen Zweck widmet, liegt zugleich Hingebung, mit einem beſchraͤnkten Egoismus vertraͤgt er ſich nicht;159Uebergang auf die ſpaͤteren Epochen.jetzt trat an der Curie der Geiſt des Genuſſes, des Beſitzes ein. Es bildete ſich eine Genoſſenſchaft von Rente-inha - bern aus, die ein gutes Recht auf den Ertrag des Staa - tes und der kirchlichen Verwaltung zu beſitzen glaubte. In - dem ſie dieß Recht auf eine verderbliche Weiſe mißbrauchte, hielt ſie doch mit demſelben Eifer daran feſt, als ſey das Weſen des Glaubens daran geknuͤpft.

Eben dadurch geſchah aber, daß der Widerſpruch ſich von entgegengeſetzten Seiten unverſoͤhnlich erhob.

Es trat eine Lehre auf, die aus einer neuen An - ſchauung der Tiefen der Religion hervorgegangen, von dem roͤmiſchen Hofe verdammt und verfolgt wurde, aber nicht beſeitigt zu werden vermochte. Die Staaten nahmen eine unabhaͤngige Haltung an: von der Ruͤckſicht auf die paͤpſt - liche Politik machten ſie ſich los; in ihren innern Angele - genheiten nahmen ſie eine Autonomie in Anſpruch, die der Curie auch in kirchlicher Hinſicht immer weniger Einfluß uͤbrig ließ.

Auf dieſen beiden Momenten beruht nun die fernere Geſchichte des Papſtthums.

Es folgen Epochen, in denen es bei weitem weniger eine freie Thaͤtigkeit entwickelt, als daß es, bald von der einen bald von der andern Seite angegriffen, nur bedacht iſt ſich in jedem Augenblicke ſo gut als moͤglich zu ver - theidigen.

Die Aufmerkſamkeit wird in der Regel von der Kraft angezogen, und nur von der Seite der Thaͤtigkeit kann ein Ereigniß verſtanden werden: auch gehoͤrt es nicht zu der Abſicht dieſes Buches die letzten Epochen zu ſchildern. 160Buch VIII. Spaͤtere Epochen.Allein ein uͤberaus merkwuͤrdiges Schauſpiel bieten ſie doch immer dar, und wie wir mit einer Anſicht der fruͤhern Zeiten begonnen, ſo duͤrfen wir wohl nicht ſchließen, ohne den Verſuch zu machen, auch die ſpaͤtern, wiewohl nur in kurzen Zuͤgen, vor den Augen voruͤbergehn zu laſſen.

Zunaͤchſt erhebt ſich aber der Angriff von der Seite der Staaten. Auf das genaueſte haͤngt er mit der Spal - tung der katholiſchen Welt in zwei feindſelige Theile, in die oͤſtreichiſche und die franzoͤſiſche Partei, die der Papſt nicht mehr zu uͤberwaͤltigen oder zu beruhigen vermag, zu - ſammen. Die politiſche Stellung die er annimmt, beſtimmt auch das Maaß der geiſtlichen Ergebenheit die er findet. Wir ſahen ſchon, wie das begann. Nehmen wir wahr, wie es ſich weiter entwickelte.

Ludwig XIV. und Innocenz XI.

So gut katholiſch Ludwig XIV. auch war, ſo kam es ihm doch unertraͤglich vor, daß der roͤmiſche Stuhl eine unabhaͤngige, ja der ſeinen nur allzu oft entgegengeſetzte Po - litik befolgen ſollte.

Wie Innocenz und Alexander, und wenn Clemens IX. nicht ſelbſt, doch ſeine Umgebung, neigte ſich auch Cle - mens X. (1670 bis 1676) und deſſen Nepot Pauluzzi Altieri auf die Seite der Spanier1)Morosini: Relatione di Francia 1671. Conosciuta natu - rale partialità del cardl Altieri per la corona cattolica rende alla xma sospetta ogni sua attione. Il pontefice presente è consi - derato come un imagine del dominio che risiede veramente nell arbitrio del nipote. . Ludwig XIV. raͤchteſich161Ludwig XIV. und Innocenz XI. ſich dafuͤr durch unaufhoͤrliche Eingriffe in die geiſtliche Gewalt.

Eigenmaͤchtig zog er geiſtliche Guͤter ein; unterdruͤckte einen oder den andern Orden; er nahm die Befugniß in Anſpruch die Pfruͤnden der Kirche mit militaͤriſchen Penſionen zu belaſten; das Recht waͤhrend der Vacanz eines Bisthums die Einkuͤnfte deſſelben zu genießen und die davon abhaͤngigen Pfruͤnden zu beſetzen, das unter dem Namen der Regale ſo beruͤhmt geworden, ſuchte er auf Pro - vinzen auszudehnen, in denen es nie gegolten; die ſchmerz - lichſte Wunde ſchlug er den roͤmiſchen Rentebeſitzern, in - dem er die Geldſendungen an den Hof in beſchraͤnkende Aufſicht nahm1)Instruzione per monsr arcivescovo di Patrasso 1674. Questo fatto arrivato alla corte sicome eccitò lo stupore e lo scandolo universale così pervenuto alla notitia di N. Sre mosse un estremo cordoglio nell animo di S. Beatne. .

So fuhr er nun auch unter Innocenz XI. fort, der im Ganzen die nemliche Politik beobachtete; an dem aber fand er Widerſtand.

Innocenz XI, aus dem Hauſe Odeſcalchi von Como, war in ſeinem 25ſten Jahre mit Degen und Piſtole nach Rom gekommen, um ſich irgend einer weltlichen Beſchaͤf - tigung vielleicht in Neapel dem Kriegsdienſte zu widmen. Der Rath eines Cardinals, der ihn beſſer durchſchaute als er ſich ſelbſt kannte, vermochte ihn, ſich der Laufbahn an der Curie zu widmen. Er that das mit ſo viel Hin - gebung und Ernſt, und verſchaffte ſich nach und nach ei - nen ſolchen Ruf von Tuͤchtigkeit und guter Geſinnung, daßPäpſte** 11162Buch VIII. Spaͤtere Epochen.das Volk waͤhrend des Conclaves ſeinen Namen unter den Portici von S. Peter rief, und die oͤffentliche Meinung ſich befriedigt fuͤhlte, als er mit der Tiare geſchmuͤckt aus dem - ſelben hervorging. (21. Sept. 1676.)

Ein Mann der ſeine Diener wohl unter der Bedin - gung rufen ließ, wenn ſie keine Abhaltung haͤtten von dem ſein Beichtvater betheuerte, er habe nie etwas an ihm wahrgenommen was die Seele von Gott entfernen koͤnnte mild und ſanftmuͤthig, den aber dieſelbe Gewiſſenhaf - tigkeit, die ſein Privatleben beſtimmte, nun auch antrieb die Verpflichtungen ſeines Amtes ruͤckſichtslos zu erfuͤllen.

Wie gewaltig griff er die Uebelſtaͤnde beſonders der finanziellen Verwaltung an. Die Ausgaben waren auf 2,578106 Sc. 91 Baj. geſtiegen; die Einnahmen, Data - ria und Spolien mit eingeſchloſſen, betrugen nur 2,408500 Sc. 71 Baj.; ein ſo großes Deficit, jaͤhrlich von 170000 Sc., drohte den offenbaren Bankrutt herbeizufuͤhren1)Stato della camera nel presente pontificato di Innocenzo XI. MS (Bibl. Alb.) . Daß es zu dieſem Aeußerſten nicht kam, iſt ohne Zweifel das Verdienſt Innocenz XI. Er enthielt ſich endlich des Ne - potismus durchaus. Er erklaͤrte, er liebe ſeinen Neffen Don Livio, der das durch ſeine Beſcheidenheit verdiene, eben darum aber wolle er ihn nicht in dem Pallaſte. Alle Aemter und Einkuͤnfte die bisher den Nepoten zu Gute gekommen, zog er geradezu ein. So verfuhr er nun aber auch mit vielen andern Stellen, deren Daſeyn mehr eine Laſt war. Unzaͤhlige Mißbraͤuche und Exemtionen ſchaffte er ab: da es ihm endlich der Zuſtand des Geldmarktes er -163Ludwig XIV. und Innocenz XI. laubte, trug er kein Bedenken die Monti von 4 Pc. auf 3 Pc. herabzuſetzen1)In einer Handſchrift von 763 Seiten vom Jahre 1743, Erettione et aggionte de monti camerali, finden ſich die hieher gehoͤrigen Decrete und Breven. In einem Breve an den Teſoriere Negroni von 1684 erklaͤrt Innocenz zuerſt ſeine Abſicht d’andar li - berando la camera del frutto di 4 p. c. che in questi tempi è troppo rigoroso. . Nach einigen Jahren war es ihm in der That gelungen die Einnahme wieder auf einen nicht unbedeutenden Ueberſchuß uͤber die Ausgabe zu erhoͤhen.

Und mit derſelben Entſchloſſenheit begegnete der Papſt nun auch den Angriffen Ludwigs XIV.

Ein paar Biſchoͤfe janſeniſtiſcher Geſinnung, die ſich jener Ausdehnung des Regalrechtes widerſetzten, wurden da - fuͤr von dem Hofe bedruͤckt und geaͤngſtigt; der Biſchof von Pamiers mußte eine Zeitlang von Almoſen leben. Sie wandten ſich an den Papſt. Innocenz ſaͤumte nicht ſich ihrer anzunehmen. 2)Racine: Histoire ecclésiastique X, p. 328.

Ein Mal, zwei Mal ermahnte er den Koͤnig, den Schmeichlern kein Gehoͤr zu geben, die Freiheiten der Kirche nicht anzutaſten: er moͤchte verurſachen, daß die Quelle der goͤttlichen Gnade uͤber ſein Reich vertrockene. Da er keine Antwort bekam, ſo wiederholte er ſeine Ermahnungen zum dritten Male: nun aber, fuͤgte er hinzu, werde er nicht wie - der ſchreiben, ſich jedoch auch nicht laͤnger mit Ermahnungen begnuͤgen, ſondern ſich aller Mittel der Macht bedienen, die Gott in ſeine Hand gelegt habe. Keine Gefahr, keinen Sturm werde er dabei fuͤrchten, in dem Kreuze Chriſti ſehe er ſeinen Ruhm. 3)Breve vom 27. Dez. 1679.

11*164Buch VIII. Spaͤtere Epochen.

Es iſt immer eine Maxime des franzoͤſiſchen Hofes geweſen, durch die paͤpſtliche Macht ſeinen Clerus, durch den Clerus die Einwirkungen der paͤpſtlichen Macht zu be - ſchraͤnken. Niemals aber beherrſchte ein Fuͤrſt ſeine Geiſt - lichkeit vollkommener als Ludwig XIV. Eine Ergebenheit ohne Gleichen athmen die Reden, mit denen man ihn bei feierlichen Gelegenheiten begruͤßte. Wir wagen kaum, heißt es in einer derſelben1)Remontrance du clergé de France (assemblée à St. Ger - main en Laye en l’année 1680) faite au roi le 10 juillet par l’illme et révme J. Bapt. Adheimar de Monteil de Grignan. Mém. du clergé tom. XIV, p. 787., Forderungen zu machen, aus Furcht, dem kirchlichen Eifer Ew. Maj. ein Ziel zu ſetzen. Die traurige Freiheit Beſchwerde zu fuͤhren ver - wandelt ſich jetzt in eine ſuͤße Nothwendigkeit unſern Wohl - thaͤter zu loben. Prinz Condé meinte, ſollte es dem Koͤ - nige einfallen zur proteſtantiſchen Kirche uͤberzugehn, ſo wuͤrde ihm der Clerus zuerſt nachfolgen.

Und wenigſtens gegen den Papſt ſtand die Geiſtlich - keit ohne Scrupel ihrem Koͤnige bei: von Jahr zu Jahr erließ ſie entſchiedenere Erklaͤrungen zu Gunſten der koͤnigli - chen Gewalt. Endlich folgte die Verſammlung von 1682. Sie ward, ſagt ein venezianiſcher Geſandter, nach der Convenienz des Staatsminiſteriums berufen und aufgeloͤſt, nach deſſen Eingebungen geleitet 2)Foscarini: Relatione di Francia 1684. Con non dissi - mile dipendenza segue l’ordine ecclco le massime e l’interesse della corte, come l’ha fatto conoscere l’assemblea sopra le ver - tenze della regalia, unita, diretta e disciolta secondo le conve - nienze ed ispirationi del ministero politico. Provenendo della. Die vier Artikel, die165Ludwig XIV. und Innocenz XI. ſie abfaßte, haben ſeitdem immer als das Manifeſt der gal - licaniſchen Freiheiten gegolten. Die drei erſten wiederholen aͤltere Behauptungen: Unabhaͤngigkeit der weltlichen Gewalt von der geiſtlichen, Superioritaͤt eines Conciliums uͤber den Papſt, Unantaſtbarkeit der gallicaniſchen Gewohnheiten. Vor - zuͤglich merkwuͤrdig aber iſt der vierte, weil er auch die geiſtliche Autoritaͤt beſchraͤnkt. Selbſt in Fragen des Glau - bens ſey die Entſcheidung des Papſtes nicht unverbeſſerlich, ſo lange er die Beiſtimmung der Kirche nicht habe. Wir ſehen, die beiden Gewalten unterſtuͤtzten einander. Der Koͤnig ward von den Einwirkungen der weltlichen, der Clerus von der unbedingten Autoritaͤt der geiſtlichen Gewalt des Papſt - thums freigeſprochen. Die Zeitgenoſſen fanden, wenn man in Frankreich ja noch innerhalb der katholiſchen Kirche ſey, ſo ſtehe man doch ſchon auf der Schwelle um herauszutre - ten. Der Koͤnig erhob jene Saͤtze zu einer Art von Glau - bensartikel, von ſymboliſchem Buch. In allen Schulen ſollte darnach gelehrt werden, Niemand einen Grad in der juriſtiſchen oder der theologiſchen Facultaͤt erlangen koͤnnen, der dieſelben nicht beſchwoͤre.

Aber auch der Papſt hatte noch eine Waffe. Der Koͤ - nig befoͤrderte vor allen andern die Urheber der Decla - ration, die Mitglieder dieſer Verſammlung in die biſchoͤf - lichen Aemter: Innocenz weigerte ſich ihnen die geiſtliche Inſtitution zu geben. Die Einkuͤnfte mochten ſie genießen,2)mano del re l’esaltatione e fortuna de soggetti che lo com - pongono, dominati sempre da nuove pretensioni e speranze si scorgono più attaccati alle compiacenze del monarca che gli stessi secolari. 166Buch VIII. Spaͤtere Epochen.aber die Ordination empfingen ſie nicht, einen geiſtlichen Act des Episcopates durften ſie nicht ausuͤben.

Dieſe Verwickelung vermehrte ſich noch dadurch, daß Ludwig XIV. in dieſem Augenblicke, und zwar vorzuͤglich deshalb um ſich als vollkommen rechtglaͤubig auszuweiſen, zu jener grauſamen Ausrottung der Hugenotten ſchritt. Er glaubte damit der katholiſchen Kirche einen großen Dienſt zu leiſten. Auch hat man wohl geſagt, Papſt Innocenz ſey damit einverſtanden geweſen1)Bonamici Vita Innocentii bei Lebret: Magazin VIII, p. 98, und die Note Lebrets: Alſo iſt es nicht zu widerſprechen ꝛc.. Aber in der That iſt das nicht ſo. Der roͤmiſche Hof wollte jetzt mit einer Be - kehrung durch bewaffnete Apoſtel nichts zu ſchaffen haben: dieſer Methode habe ſich Chriſtus nicht bedient, man muͤſſe die Menſchen in die Tempel fuͤhren, aber nicht hinein ſchleifen 2)Venier: Relatione di Francia 1689. Nell opera tentata nella conversion degli Ugonotti dispiacque al re, non riportar dal pontefice lode che sperava, e riceve il papa in mala parte che fosse intrapresa senza sua participatione et eseguita con i noti rigori, publicando che non fosse proprio fare mis - sioni d’apostoli armati, e che questo metodo nuovo non fosse il migliore giachè Christo non se n’era servito per convertire il mondo: in oltre parve importuno il tempo di guadagnar gli ere - tici all ora che erano più bollenti le controversie col papa. .

Und immer neue Irrungen erhoben ſich. Der fran - zoͤſiſche Botſchafter zog im Jahre 1687 mit einem ſo ſtar - ken Gefolge, ſogar ein paar Schwadronen Cavallerie, in Rom ein, daß ihm das Aſylrecht, welches die Geſandten da - mals nicht allein fuͤr ihren Pallaſt, ſondern auch fuͤr die benachbarten Straßen in Anſpruch nahmen, obwohl es der167Ludwig XIV. und Innocenz XI. Papſt feierlich aufgehoben, nicht wohl haͤtte ſtreitig gemacht werden koͤnnen. Mit bewaffneter Mannſchaft trotzte er dem Papſt in ſeiner Hauptſtadt. Sie kommen mit Roß und Wagen, ſagte Innocenz, wir aber wollen wandeln im Namen des Herrn. Er ſprach die kirchlichen Cenſuren uͤber den Botſchafter aus: die Kirche S. Luigi, in welcher derſelbe einem feierlichen Hochamt beigewohnt hatte, ward mit dem Interdict belegt1)Legatio marchionis Lavardini Romam ejusque cum Ro - mano pontifice dissidium 1697. Eine Widerlegung von Lavardin, welche dieſe Ereigniſſe mit vieler Ruhe und Einſicht eroͤrtert; ſie ge - hoͤrt mit zu der Reihe trefflicher publiciſtiſcher Schriften die durch die Anmaßungen Ludwigs XIV. in Deutſchland, den Niederlanden, Spanien und Italien hervorgerufen wurden..

Da ging auch der Koͤnig zu den aͤußerſten Schritten fort. Er appellirte an ein allgemeines Concilium, ließ Avignon beſetzen, den Nuntius in S. Olon einſchließen; man glaubte, er habe die Abſicht, den Erzbiſchof Harlai von Paris, der alle dieſe Schritte wo nicht veranlaßt doch gebilligt hatte, zum Patriarchen von Frankreich zu creiren.

So weit kam es: der franzoͤſiſche Geſandte in Rom excommunicirt, der paͤpſtliche in Frankreich feſtgehalten, 35 franzoͤſiſche Biſchoͤfe ohne die canoniſche Inſtitution, eine paͤpſtliche Landſchaft vom Koͤnige eingenommen; das Schisma war hiemit in der That ſchon ausgebrochen. Nichts deſto minder wich Innocenz XI. keinen Schritt breit.

Fragen wir, worauf er ſich dabei ſtuͤtzte, ſo war es nicht eine Ruͤckwirkung ſeiner Cenſuren in Frankreich, nicht die Macht ſeines apoſtoliſchen Anſehens; ſondern es war vor allem jener allgemeine Widerſtand, welchen die Europa168Buch VIII. Spaͤtere Epochen.in dem Weſen ſeiner Freiheit bedrohenden Unternehmungen Ludwigs XIV. erweckt hatten, an dieſe ſchloß auch der Papſt ſich an.

Er unterſtuͤtzte Oeſtreich in ſeinem tuͤrkiſchen Kriege nach beſten Kraͤften1)Relatione di Roma di Giov. Lando 1689. Die Subſi - dien werden hier auf 2 Millionen Sc. angeſchlagen.: der gluͤckliche Erfolg dieſer Feld - zuͤge gab der ganzen Partei und auch dem Papſt eine neue Haltung.

Das wird ſich zwar ſchwerlich beweiſen laſſen, daß Innocenz, wie man geſagt hat, mit Wilhelm III. in un - mittelbarer Verbindung geſtanden und um den Plan deſſelben gegen England gewußt habe2)Auch in den Mémoires sur le regne de Fréderic I, roi de Prusse, par le comte de Dohna p. 78 findet ſich dieſe Be - hauptung. Durch Koͤnigin Chriſtine ſeyen die Briefe an ſeinen Vater gekommen, qui les fesoit passer par le comté de Lippe, d’où un certain Paget les portoit à la Haye. Trotz des Details dieſer Angabe muß man ſie bezweifeln, wenn man bemerkt, daß die Koͤni - gin Chriſtine in dieſer ganzen Zeit mit dem Papſt geſpannt war. Bei dem Verhaͤltniß, das ſich aus ihrer Correſpondenz ergibt, halte ich es fuͤr unmoͤglich, daß ihr der Papſt, der einſt die Achſel zuckend geſagt hatte è una donna , ihr ein ſolches Geheimniß anvertraut haben ſollte.. Aber ſo viel liegt am Tage, daß die Oppoſition wider Frankreich hauptſaͤchlich auf pro - teſtantiſchen Kraͤften und Antrieben beruhte, und daß der Papſt das enge Verhaͤltniß Jacobs II. zu Ludwig XIV, wel - ches jene Unternehmung hervorrief, unaufhoͤrlich mißbilligte3)Estratti delle lettere di monsr d’Adda nunzio apostolico in Mackintosh: History of the revolution in 1688. II. Append. . Der Widerſtand den er dem von Frankreich beguͤnſtigten Candidaten fuͤr das Erzbisthum Coͤln leiſtete, war im In -169Ludwig XIV. und Innocenz XI. tereſſe jener Oppoſition und trug zum Ausbruch des Krie - ges nicht wenig bei.

Eines Krieges, der nun auch ſogleich auf das geiſt - liche Verhaͤltniß zuruͤckwirkte. Schon mußten die Prote - ſtanten, indem ſie das europaͤiſche Gleichgewicht gegen die exorbitante Macht aufrecht erhielten, dazu mitwirken, daß dieſe ſich auch den geiſtlichen Anſpruͤchen des Papſt - thums fuͤgte.

Zwar Innocenz XI. erlebte das nicht mehr. Aber gleich der erſte franzoͤſiſche Geſandte, der nach dem Tode deſſelben (10. Aug. 1689) in Rom erſchien, verzichtete auf das Aſylrecht; die Haltung des Koͤnigs aͤnderte ſich; er gab Avignon zuruͤck, und fing an zu unterhandeln.

Es war das um ſo nothwendiger, da der neue Papſt Alexander VIII, wie weit er auch uͤbrigens von dem ſtrengen Beiſpiel ſeines Vorgaͤngers abwich, doch in die - ſem Punkte bei den Grundſaͤtzen deſſelben aushielt. Ale - xander erklaͤrte aufs neue die Beſchluͤſſe von 16821)in dictis comitiis anni 1682 tam circa extensionem juris regaliae quam circa declarationem de potestate ecclesiastica acto - rum ac etiam omnium et singulorum mandatorum, arrestorum, confirmationum, declarationum, epistolarum, edictorum, decreto - rum quavis auctoritate sive ecclesiastica sive etiam laicali edi - torum, nec non aliorum quomodolibet praejudicialium praefato - rum in regno supradicto quandocunque et a quibusvis et ex quacunque causa et quovis modo factorum et gestorum ac inde secutorum quorumcunque tenores. 4 Aug. 1690 Cocquel. IX, p. 38. fuͤr unguͤltig und leer, null und nichtig, fuͤr unverbindlich, ſelbſt wenn ſie mit einem Eide bekraͤftigt worden ſeyen; Tag und Nacht denke er mit einem Herzen voll Bitterkeit daran, mit Thraͤnen und Seufzen erhebe er ſeine Augen.

170Buch VIII. Spaͤtere Epochen.

Nach dem fruͤhen Tode Alexanders VIII. wandten die Franzoſen alles an, um einen friedfertigen, zur Verſoͤhnung geneigten Mann zum Papſt zu bekommen1)Domenico Contarini: Relatione di Roma 1696: Te - nendosi questa volta da Francesi bisogno d’un papa facile e d’animo assai rimesso e che potesse facilmente esser indotto a modificare la bolla fatta nell agonia di Alessandro VIII sopra le propositioni dell assemblea del clero dell’anno 1682, diedero mano alla elettione di esso. : wie ihnen das auch mit Antonio Pignatelli Innocenz XII. ge - lang (12. Juli 1691).

Der Wuͤrde des paͤpſtlichen Stuhles etwas zu verge - ben, hatte jedoch auch dieſer Papſt eben ſo wenig Neigung als irgend dringende Veranlaſſung, da die verbuͤndeten Waffen Ludwig XIV. ſo ernſtlich und drohend beſchaͤftigten.

Zwei Jahre lang ward unterhandelt. Innocenz ver - warf mehr als einmal die von den franzoͤſiſchen Geiſtlichen ihm vorgeſchlagenen Formeln. Endlich mußten ſie doch in der That erklaͤren, daß alles was in jener Aſſemblee berathen und beſchloſſen worden, als nicht berathen und nicht be - ſchloſſen angeſehen ſeyn ſolle: niedergeworfen zu den Fuͤ - ßen Ew. Heiligkeit bekennen wir unſern unausſprechlichen Schmerz daruͤber 2)Man hat zwar behauptet, und unter andern Petitot (No - tice sur Portroyal p. 240) iſt der Meinung, daß dieſes Schreiben von den Janſeniſten erfunden ſey, pour répandre du ridicule et de l’odieux sur les nouveaux évêques; aber einmal hat. Erſt nach einem ſo unbeſchraͤnkten Widerrufe gab ihnen Innocenz die canoniſche Inſtitution.

Nur unter dieſen Bedingungen ward der Friede her - geſtellt. Ludwig XIV. ſchrieb dem Papſt, daß er ſeine auf die 4 Artikel gegruͤndeten Befehle zuruͤcknehme. Wir ſe -171Ludwig XIV. und Innocenz XI. hen wohl, noch einmal behauptete ſich der roͤmiſche Stuhl auch dem maͤchtigſten Koͤnige gegenuͤber in ſeinen Praͤroga - tiven.

War es aber nicht ſchon ein großer Nachtheil, daß Behauptungen von ſo entſchiedener Feindſeligkeit eine Zeit lang Geltung und Anſehen gehabt hatten? Mit laͤrmen - dem Aufſehen, als Reichsbeſchluͤſſe waren ſie verkuͤndigt wor - den: privatim, ganz in der Stille, in Briefform wurden ſie widerrufen. Und noch eine andere Bemerkung muͤſſen wir machen. Keinesweges durch eigene Kraft hatte der roͤmiſche Hof ſich behauptet, ſondern doch nur in Folge einer großen politiſchen Combination, nur dadurch daß Frank - reich uͤberhaupt in engere Schranken zuruͤckgewieſen ward. Wie dann, wenn dieſe Verhaͤltniſſe ſich aͤnderten, wenn es einmal Niemand mehr gab der den roͤmiſchen Stuhl ge - gen den angreifenden Theil in Schutz nehmen wollte?

2)man doch von der andern Seite niemals eine andere Formel vor - gebracht; ſodann iſt die obige von den roͤmiſchen Schriftſtellern wenigſtens indirect immer anerkannt worden, z. B. bei Novaes: Storia de pontefici tom. XI, p. 117; endlich ward ſie gleich damals allge - mein fuͤr echt gehalten, auch an dem Hofe, ohne Widerſpruch. Dome - nico Contarini ſagt: poco dopo fu preso per mano da Francesi il negotio delle chiese di Francia proponendo diverse formule di dichiarazione, materia ventilata per il corso di due anni e conclusa ed aggiustata con quella lettera scritta da ves - covi al papa che si è difusa in ogni parte. Es iſt das aber eben jene Formel. Eine andere iſt nicht bekannt geworden. Auch Dau - nou: Essai historique sur la puissance temporelle des papes II, p. 196 theilt das Schreiben als authentiſch mit.

172Buch VIII. Spaͤtere Epochen.

Spaniſche Erbfolge.

Daß die ſpaniſche Linie des Hauſes Oeſtreich ausſtarb, war auch fuͤr das Papſtthum ein Ereigniß von der hoͤch - ſten Bedeutung.

Auf dem Gegenſatze, in welchem die ſpaniſche Mo - narchie mit Frankreich ſtand, der den Charakter der euro - paͤiſchen Politik uͤberhaupt beſtimmte, beruhte zuletzt auch die Freiheit und Selbſtbeſtimmung des paͤpſtlichen Stuh - les: durch die Maximen der Spanier war der Kirchenſtaat anderthalb Jahrhunderte lang mit Friede umgeben worden. Was auch geſchehen mochte, ſo war es alle Mal gefaͤhr - lich, daß ein Zuſtand, auf welchen ſich alle Gewohnheiten des Daſeyns bezogen, zweifelhaft wurde.

Aber noch viel gefaͤhrlicher war, daß uͤber die Erb - folge ein Streit obwaltete, der in einen allgemeinen Krieg auszuſchlagen drohte, einen Krieg der dann großentheils in Italien ausgefochten werden mußte. Der Papſt ſelbſt konnte ſich der Nothwendigkeit Partei zu ergreifen ſchwerlich ent - ziehen, ohne daß er doch zum Siege dieſer Partei etwas Weſentliches beizutragen ſich haͤtte ſchmeicheln koͤnnen.

Ich finde die Nachricht1)Morosini: Relatione di Roma 1707. Se il papa abbia avuto mano o partecipatione nel testamento di Carlo II, io non ardirò d’asserirlo, è facile di penetrare il vero con sicurezza. Bensì addurrò solo due fatti. L’uno che questo arcano non si sa, se con verità fu esposto in un manifesto uscito alle stampe in Roma ne primi mesi del mio ingresso all ambasciata all’ora che dall uno e l’altro partito si trattava la guerra non meno, Innocenz XII, der jetzt173Spaniſche Erbfolge.mit den Franzoſen verſoͤhnt war, habe Carl dem II. von Spanien den Rath ertheilt den franzoͤſiſchen Prinzen zum Erben einzuſetzen, und dieſer Rath des h. Vaters habe bei der Abfaſſung jenes Teſtamentes, auf das ſo viel ankam, vorzuͤglich mitgewirkt.

Auf jeden Fall verließ der roͤmiſche Stuhl die anti - franzoͤſiſche Politik, die er ſeit Urban VIII. faſt ohne Aus - nahme befolgt hatte: er mochte es als die geringere Ver - aͤnderung, als das mindere Uebel anſehen, wenn die ganze Monarchie ohne Theilung an einen Prinzen aus einem Hauſe uͤberging das ſich damals ſo vorzugsweiſe katholiſch hielt. Clemens XI, Gianfranc. Albani, gewaͤhlt 16. Nov. 1700, lobte den Entſchluß Ludwigs XIV, die Erbſchaft an - zunehmen, oͤffentlich; er erließ ein Gluͤckwuͤnſchungsſchrei - ben an Philipp V, und gewaͤhrte ihm Subſidien aus geiſt - lichen Guͤtern, gleich als walte kein Zweifel an ſeinem Rechte ob1)Buder: Leben und Thaten Clemens XI, tom. I, p. 148.. Clemens XI. konnte als ein Zoͤgling, recht als ein Repraͤſentant des roͤmiſchen Hofes angeſehen werden, den er niemals verlaſſen hatte; leutſeliges Weſen, literariſches Talent, untadelhaftes Leben hatten ihm den allgemeinen Beifall verſchafft2)Erizzo: Relatione di Roma 1702. Infatti pareva egli la delizia di Roma, e non eravi ministro regio natione che non credesse tutto suo il cardinale Albani. Tanto bene, fuͤgt er hinzu, sapeva fingere affetti e variare linguaggio con tutti. ; den drei letzten Paͤpſten, ſo verſchieden ſie auch waren, hatte er ſich gleich ſehr anzuſchmiegen, noth -1)con l’armi che con le carte. L’altro che il papa non s’astenne di far publici elogj al christmo d’essersi ritirato dal partaggio ricevendo la monarchia intiera per il nepote. 174Buch VIII. Spaͤtere Epochen.wendig zu machen gewußt; durch ein geuͤbtes, brauchbares und doch niemals unbequemes Talent kam er empor. Wenn er einmal geſagt hat, als Cardinal habe er guten Rath zu geben verſtanden, als Papſt wiſſe er ſich nicht zu helfen, ſo mag das bezeichnen, daß er ſich geeigneter fuͤhlte, einen gegebenen Impuls zu ergreifen und weiter zu leiten, als mit freiem Entſchluß ſeine Bahn zu waͤhlen. Indem er unter an - dern gleich bei ſeinem Eintritte die jurisdictionellen Fragen mit erneuter Strenge aufnahm, folgte er nur der oͤffentlichen Meinung, dem Intereſſe der Curie. So glaubte er nun auch an das Gluͤck und die Macht des großen Koͤnigs. Er zweifelte nicht, daß Ludwig XIV. den Sieg behaupten werde. Bei jener Unternehmung von Deutſchland und Italien her gegen Wien im Jahre 1703, welche alles en - digen zu muͤſſen ſchien, konnte er, wie der venezianiſche Geſandte verſichert, die Freude und Genugthuung nicht ver - bergen, welche ihm der Fortgang der franzoͤſiſchen Waffen machte.

Aber eben in dieſem Augenblicke ſchlug das Gluͤck um; jene deutſchen und engliſchen Gegner des Koͤnigs, denen Innocenz XI. ſich angeſchloſſen, Clemens XI. aber allmaͤhlig entfremdet hatte, erfochten Siege, wie noch nie; die kai - ſerlichen Schaaren, vereinigt mit preußiſchen, ergoſſen ſich nach Italien; einen Papſt, der ſich ſo zweideutig betrage, waren ſie nicht gemeint zu ſchonen; die alten Praͤtenſionen des Kaiſerthums, deren ſeit Carl V. nicht mehr gedacht worden, erwachten wieder.

Da wollen wir nun nicht alle die bittern Irrungen175Spaniſche Erbfolge.eroͤrtern, in welche Clemens XI. verwickelt ward1)Z. B. uͤber die Einquartierung von Parma und Piacenza; wo auch die Geiſtlichen zu den Kriegscontributionen herbeigezogen worden. Accord avec les députés du duc et de la ville de Plai - sance 14 déc. 1706 art. IX, que pour soulager l’état tous les particuliers quoique très privilégiés contribueroient à la sus - ditte somme. Eben dieß wollte der Papſt nicht leiden. Die kai - ſerlichen Anſpruͤche wurden hierauf mit doppelter Lebhaftigkeit er - neuert. Contredéclaration de l’empereur bei Lamberty V, 85.; end - lich ſetzten ihm die Kaiſerlichen einen Termin zur Annahme ihrer Friedensvorſchlaͤge, unter denen die Anerkennung des oͤſtreichiſchen Praͤtendenten die wichtigſte war. Vergebens ſah ſich der Papſt nach Huͤlfe um. Er wartete bis auf den feſtgeſetzten Tag, nach deſſen unbenutztem Verlaufe die Kaiſerlichen Stadt und Staat feindſelig zu uͤberziehen ge - droht hatten, 15. Jan. 1709; erſt in der letzten Stunde deſſelben, eilf Uhr Abends, gab er ſeine Unterſchrift1)Z. B. uͤber die Einquartierung von Parma und Piacenza; wo auch die Geiſtlichen zu den Kriegscontributionen herbeigezogen worden. Accord avec les députés du duc et de la ville de Plai - sance 14 déc. 1706 art. IX, que pour soulager l’état tous les particuliers quoique très privilégiés contribueroient à la sus - ditte somme. Eben dieß wollte der Papſt nicht leiden. Die kai - ſerlichen Anſpruͤche wurden hierauf mit doppelter Lebhaftigkeit er - neuert. Contredéclaration de l’empereur bei Lamberty V, 85.. Er hatte fruͤher Philipp V. begluͤckwuͤnſcht; jetzt ſah er ſich genoͤthigt deſſen Gegner Carl III. als katholiſchen Koͤnig anzuerkennen2)Die Bedingung, anfangs geheim gehalten, ward durch ein Schreiben des oͤſtreichiſchen Geſandten an den Herzog von Marlbo - rough bekannt, bei Lamberty V, 242..

Damit bekam nun nicht allein die ſchiedsrichterliche Autoritaͤt des Papſtthums einen harten Stoß, ſondern alle politiſche Freiheit und Selbſtbeſtimmung ward ihm entriſ - ſen. Der franzoͤſiſche Geſandte verließ Rom mit der Er - klaͤrung, es ſey gar nicht mehr der Sitz der Kirche3)Lettre du maréchal Thessé au pape 12 juillet 1709..

Schon nahm auch die Lage der Welt uͤberhaupt eine andere Geſtalt an. Am Ende war es doch das proteſtan -176Buch VIII. Spaͤtere Epochen.tiſche England, welches die Entſcheidung uͤber die letzte Be - ſtimmung der ſpaniſchen und katholiſchen Monarchie herbei - fuͤhrte: welchen Einfluß konnte dann der Papſt noch aus - uͤben.

Im Frieden von Utrecht wurden Laͤnder, die er als ſeine Lehen betrachtete, Sicilien, Sardinien, an neue Fuͤr - ſten gewieſen, ohne daß man ihn dabei auch nur zu Rathe gezogen haͤtte1)Wie bedenklich das Betragen von Savoyen war, Lafitau: Vie de Clément XI tom. II, p. 78.. An die Stelle der unfehlbaren Entſchei - dung des geiſtlichen Oberhirten trat die Convenienz der gro - ßen Maͤchte.

Ja es widerfuhr dem paͤpſtlichen Stuhle hiebei be - ſonderes Ungluͤck.

Es war allezeit einer der vornehmſten Geſichtspunkte ſeiner Politik geweſen, auf die italieniſchen Staaten Ein - fluß zu beſitzen, wo moͤglich eine indirecte Hoheit uͤber die - ſelben auszuuͤben.

Jetzt aber hatte ſich nicht allein das deutſche Oeſtreich faſt in offenem Kampfe mit dem Papſte in Italien feſtge - geſetzt: auch der Herzog von Savoyen gelangte im Wider - ſpruch mit ihm zu koͤniglicher Macht und großen neuen Beſitzthuͤmern.

Und ſo ging das nun weiter.

Um den Streit zwiſchen Bourbon und Oeſtreich zu verſoͤhnen, gaben die Maͤchte dem Wunſche der Koͤnigin von Spanien Gehoͤr, einem ihrer Soͤhne Parma und Pia - cenza zu uͤberlaſſen. Seit zwei Jahrhunderten war die paͤpſt -liche177Spaniſche Erbfolge.liche Oberherrlichkeit uͤber dieß Herzogthum nicht in Zwei - fel gezogen worden: die Fuͤrſten hatten die Lehen empfan - gen, den Tribut gezahlt; jetzt aber da dieſes Recht eine neue Bedeutung bekam, da ſich vorausſehn ließ daß der Manns - ſtamm des Hauſes Farneſe in kurzem erloͤſchen werde, nahm man nicht mehr Ruͤckſicht darauf. Der Kaiſer gab das Land einem Infanten von Spanien zu Lehen. Dem Papſt blieb nichts uͤbrig als Proteſtationen zu erlaſſen, auf welche Niemand achtete1)Protestatio nomine sedis apostolicae emissa in conventu Cameracensi bei Rouſſet supplément au corps diplomat. de Du - mont III, II. p. 173..

Aber nur einen Augenblick beſtand der Friede zwiſchen den beiden Haͤuſern. Im Jahre 1733 erneuerten die Bour - bons ihre Anſpruͤche an Neapel, das in den Haͤnden von Oeſtreich war; auch der ſpaniſche Botſchafter bot dem Papſt Zelter und Tribut an. Jetzt haͤtte Papſt Clemens XII. die Dinge gern gelaſſen wie ſie ſtanden; er ernannte eine Commiſſion von Cardinaͤlen, welche fuͤr die kaiſerlichen Anſpruͤche entſchied. Aber auch dieß Mal lief das Kriegs - gluͤck dem paͤpſtlichen Urtheile entgegen; die ſpaniſchen Waffen behaupteten den Sieg. In kurzem mußte Clemens die Inveſtitur von Neapel und Sicilien demſelben Infan - ten zuerkennen, den er mit ſo großem Verdruß von Parma hatte Beſitz nehmen ſehen.

Wohl war nun der endliche Erfolg aller dieſer Kaͤmpfe dem nicht ſo ganz unaͤhnlich, was der roͤmiſche Hof ur - ſpruͤnglich beabſichtigt hatte: das Haus Bourbon breitete ſich uͤber Spanien und einen großen Theil von Italien aus:Päpſte** 12178Buch VIII. Spaͤtere Epochen. aber unter wie ganz andern Umſtaͤnden war das doch geſchehen, als welche man urſpruͤnglich im Sinne hatte.

Das Wort der Entſcheidung in dem wichtigſten Mo - ment war von England ausgegangen: nur in offenbarem Widerſpruche mit dem paͤpſtlichen Stuhle waren die Bour - bons in Italien eingedrungen: die Trennung der Provin - zen, die man vermeiden wollte, war eben eingetreten, und erfuͤllte Italien und den Kirchenſtaat unaufhoͤrlich mit feind - ſeligen Waffen. Die weltliche Autoritaͤt des paͤpſtlichen Stuhles war damit bis in ſeine naͤchſte Umgebung ver - nichtet.

Auf die kirchenrechtlichen Streitfragen, die mit den po - litiſchen Verhaͤltniſſen ſo genau zuſammenhangen, mußte das dann auch eine große Ruͤckwirkung ausuͤben.

Wie ſehr hatte es ſchon Clemens XI. zu empfinden!

Mehr als einmal ward ſein Nuntius aus Neapel ent - fernt: in Sicilien wurden einſt die roͤmiſch geſinnten Geiſt - lichen in Maſſe aufgehoben und nach dem Kirchenſtaat ge - bracht1)Buder: Leben und Thaten Clemens XI, tom. III, p. 571.; ſchon erhob ſich in allen italieniſchen Gebieten die Abſicht, nur noch Eingeborne zu kirchlichen Wuͤrden gelangen zu laſſen2)Aus Lorenzo Tiepolo Relatione di Roma 1712 ſehen wir, daß die Kaiſerlichen in Neapel wie in Mailand ſchon damals die Abſicht hatten, che li beneficii ecclesiastici siano solamente dati a nationali, colpo di non picciolo danno alla corte di Roma se si effettuasse. : auch in Spanien ward die Nuntia - tur geſchloſſen3)San Felipe Beitraͤge zur Geſchichte von Spanien III, 214., und Clemens XI. glaubte einmal genoͤthigt179Spaniſche Erbfolge.zu werden den leitenden ſpaniſchen Miniſter Alberoni vor die Inquiſition zu ziehen.

Von Jahr zu Jahr wurden dieſe Irrungen weit - ausſehender. Der roͤmiſche Hof beſaß nicht mehr die Kraft und innere Energie ſeine Glaͤubigen zuſammenzu - halten.

Ich kann nicht leugnen, ſagt der venezianiſche Ge - ſandte Mocenigo 1737, es hat etwas Widernatuͤrliches, wenn man die katholiſchen Regierungen ſaͤmmtlich in ſo großen Zwiſtigkeiten mit dem roͤmiſchen Hofe erblickt, daß ſich keine Verſoͤhnung denken laͤßt, die nicht dieſen Hof an ſeiner Le - benskraft verletzen muͤßte. Sey es groͤßere Aufklaͤrung, wie ſo Viele annehmen, oder ein Geiſt der Gcwaltthaͤtigkeit ge - gen den Schwaͤchern, gewiß iſt es, daß die Fuͤrſten mit raſchen Schritten darauf losgehn den roͤmiſchen Stuhl al - ler ſeiner weltlichen Gerechtſame zu berauben. 1)Aluise Mocenigo IV: Relatione di Roma 16 Apr. 1737. S. d. Anhang.

Erhob man in Rom einmal die Augen, ſah man um ſich her, ſo mußte man inne werden, daß alles auf dem Spiele ſtehe, wenn man nicht die Hand zum Frieden biete.

Das Andenken Benedict XIV. Prospero Lamber - tini, 1740 1758 iſt in Segen, weil er ſich entſchloß die unerlaͤßlichen Zugeſtaͤndniſſe zu machen.

Man weiß, wie wenig ſich Benedict XIV. durch die hohe Bedeutung ſeiner Wuͤrde blenden, mit Selbſtgefuͤhl erfuͤllen ließ. Seiner ſcherzhaften Munterkeit, ſeinen bolo - gneſiſchen Bonmots wurde er nicht ungetreu, weil er Papſt war. Er ſtand von ſeiner Arbeit auf, trat zu ſeiner Um -12*180Buch VIII. Spaͤtere Epochen.gebung, brachte einen Einfall vor, den er indeß gehabt, und ging wieder an ſeinen Tiſch1)Relatione di F. Venier di Roma 1744: Ascese il papa al trono di S. Pietro, non seppe cambiare l’indole sua. Egli era di temperamento affabile insieme e vivace, e vi restò, spar - geva fin da prelato li suoi discorsi con giocosi sali, ed ancor li conserva, dotato di cuore aperto e sincero trascurò sempre ogn una di quelle arti che si chiamano romanesche. . Er blieb immer uͤber den Dingen. Mit freiem Blick uͤberſchaute er das Ver - haͤltniß des paͤpſtlichen Stuhles zu den europaͤiſchen Maͤch - ten, und nahm wahr, was ſich halten laſſe, was man auf - geben muͤſſe. Er war ein zu guter Canoniſt und doch auch zu ſehr Papſt, um ſich hierin zu weit fortreißen zu laſſen.

Vielleicht der außerordentlichſte Act ſeines Pontificates iſt das Concordat, das er 1753 mit Spanien abſchloß. Er gewann es uͤber ſich, auf jene Vergabung der kleineren Pfruͤnden, welche die Curie dort noch immer beſaß, obwohl jetzt nur unter heftigem Widerſpruch, Verzicht zu leiſten. Sollte aber der Hof den bedeutenden Geldgewinn den er bisher daher gezogen, ſo ohne alle Entſchaͤdigung verlieren? Sollte die paͤpſtliche Gewalt auch ihren Einfluß auf die Perſonen mit Einem Male fahren laſſen? Benedict fand fol - genden Ausweg. Von jenen Pfruͤnden wurden 52 nament - lich der Beſetzung des Papſtes vorbehalten, damit er die - jenigen ſpaniſchen Geiſtlichen belohnen koͤnne, welche ſich durch Tugend, Sittenreinheit, Gelehrſamkeit, oder durch Dienſte, dem roͤmiſchen Stuhle geleiſtet, einen Anſpruch darauf erwerben wuͤrden 2)acciò non meno S. S che i suoi successori abbiano il modo di provedere e premiare quegli ecclesiastici che per probità. Der Verluſt der Curie181Spaniſche Erbfolge.ward auf Geld angeſchlagen. Man fand, er belaufe ſich nachweislich auf 34300 Scudi. Der Koͤnig verpflichtete ſich ein Capital zu zahlen, deſſen Zinſen zu 3 Procent ge - rechnet eben ſo viel betragen moͤchten: 1,143330 Scudi. Das alles ausgleichende Geld zeigte auch endlich einmal in kirchlichen Angelegenheiten ſeine verſoͤhnende Kraft.

Auch mit den meiſten andern Hoͤfen traf Benedict XIV. nachgebende Vertraͤge. Dem Koͤnige von Portugal ward das Patronatrecht, das er ſchon beſaß, noch erweitert, und zu den andern geiſtlichen Ehrenvorrechten, die er erworben, auch noch der Titel des Allergetreueſten gewaͤhrt. Der ſar - diniſche Hof doppelt mißvergnuͤgt, weil die Zugeſtaͤnd - niſſe, die er in guͤnſtigen Augenblicken erlangt, unter dem letzten Pontificat wieder zuruͤckgenommen worden wurde durch die concordirenden Inſtructionen von 1741 und 1750 befriedigt1)Risposta alle notizie dimandate intorno alla giurisdit - tione ecclesiastica nello stato di S. M Turino 5 Marzo 1816. ibid. p. 250.. In Neapel, wo ſich unter der Beguͤn - ſtigung auch der kaiſerlichen Regierung beſonders durch Gaëtano Argento eine juridiſche Schule gebildet, welche die Conteſtationen des geiſtlichen Rechtes zu ihrem vornehm - ſten Studium machte, und den paͤpſtlichen Anſpruͤchen leb - haften Widerſtand leiſtete2)Giannone storia di Napoli VI, 387., ließ Benedict XIV. geſchehen, daß die Rechte der Nuntiatur gewaltig beſchraͤnkt, und die2)e per illibatezza de costumi o per insigne letteratura o per ser - vizi prestati alla s. sede se ne renderanno meritevoli (Worte des Concordats, unter andern in dem engliſchen Committeereport 1816 p. 317).182Buch VIII. Spaͤtere Epochen.Geiſtlichen zur Theilnahme an den Auflagen herbeigezogen wurden. Dem kaiſerlichen Hofe wurde die Beſchraͤnkung der gebotenen Feſttage gewaͤhrt, die zu ihrer Zeit ſo gro - ßes Auſſehn machte; hatte der Papſt nur erlaubt an die - ſen Tagen zu arbeiten, ſo trug der kaiſerliche Hof kein Be - denken mit Gewalt dazu zu noͤthigen.

Dergeſtalt verſoͤhnten ſich die katholiſchen Hoͤfe noch einmal mit ihrem kirchlichen Oberhaupte. Noch einmal ward der Friede hergeſtellt.

Durfte man ſich aber wohl uͤberreden, daß es hiemit abgethan ſey? Sollte der Streit zwiſchen Staat und Kir - che, der faſt auf einer innern Nothwendigkeit des Katho - licismus beruht, durch ſo leichte Transactionen geſchlichtet ſeyn? Unmoͤglich konnten dieſe doch fuͤr mehr als fuͤr den Augenblick genuͤgen, aus dem ſie hervorgegangen waren. Schon kuͤndigten ſich aus der aufgeregten Tiefe neue und bei weitem gewaltigere Stuͤrme an.

Veränderte Weltſtellung. Innere Gährungen. Aufhebung der Jeſuiten.

Nicht allein in Italien, in dem ſuͤdlichen Europa, ſon - dern in der allgemeinen politiſchen Lage der Dinge hatte ſich die groͤßte Veraͤnderung vollzogen.

Wo waren die Zeiten hin, in welchen ſich das Papſt - thum, und zwar nicht ohne Grund, Hoffnung machen durfte Europa und die Welt aufs neue zu erobern?

Unter den fuͤnf großen Maͤchten, welche bereits in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts die Weltgeſchicke be -183Veraͤnderte Weltſtellung.ſtimmten, hatten ſich drei unkatholiſche erhoben. Wir be - ruͤhrten, welche Verſuche die Paͤpſte in fruͤhern Epochen machten, von Polen aus Rußland und Preußen, von Frankreich und Spanien her England zu uͤberwaͤltigen. Eben dieſe Maͤchte nahmen jetzt Antheil an der Weltherr - ſchaft; ja man darf wohl ohne Taͤuſchung ſagen, daß ſie in jener Zeit das Uebergewicht uͤber die katholiſche Haͤlfte von Europa beſaßen.

Nicht etwa daß ein Dogma uͤber das andere, die pro - teſtantiſche Theologie uͤber die katholiſche obgeſiegt haͤtte: auf dieſem Gebiete bewegte ſich der Streit nicht mehr; ſondern die Veraͤnderung war durch die nationalen Ent - wickelungen eingetreten, deren Grundlage wir oben wahrnah - men: die Staaten der unkatholiſchen Seite zeigten ſich den katholiſchen im Allgemeinen uͤberlegen. Die zuſammenhal - tende monarchiſche Geſinnung der Ruſſen hatte uͤber die auseinanderfallende Ariſtokratie von Polen, die Indu - ſtrie, der praktiſche Sinn, das ſeemaͤnniſche Talent der Englaͤnder uͤber die Nachlaͤßigkeiten der Spanier und uͤber die ſchwankende, von zufaͤlligen Abwandlungen innerer Zu - ſtaͤnde abhaͤngige Politik der Franzoſen, die energiſche Organiſation und die militaͤriſche Disciplin von Preußen hatte uͤber die Principien einer Foͤderativmonarchie wie ſie ſich damals in Oeſtreich darſtellte, den Sieg davon getragen.

War nun gleich dieß Uebergewicht keineswegs von kirchlicher Natur, ſo mußte es doch auf die kirchlichen Dinge eine nothwendige Ruͤckwirkung ausuͤben.

Einmal ſchon, indem mit den Staaten die Religions - parteien emporkamen. Rußland z. B. ſetzte jetzt in den184Buch VIII. Spaͤtere Epochen.unirten Provinzen von Polen ohne Weiteres griechiſche Bi - ſchoͤfe ein1)Rulhière: Histoire de l’anarchie de Pologne I, 181.; die Erhebung von Preußen gab allmaͤhlig den deutſchen Proteſtanten wieder ein Gefuͤhl von Selbſtaͤndig - keit und Kraft, wie ſie es lange nicht gehabt; je entſchie - dener ſich die proteſtantiſche Macht von England zur See - herrſchaft erhob, deſto mehr mußten die katholiſchen Miſ - ſionen in Schatten treten und an ihrer Wirkſamkeit ver - lieren, die ja einſtmals auch auf politiſchem Einfluß be - ruhte.

Aber auch in weiterm Sinne. Noch in der zweiten Haͤlfte des ſiebzehnten Jahrhunderts, als England an die franzoͤſiſche Politik geknuͤpft, Rußland von dem uͤbrigen Europa ſo gut wie getrennt war, die brandenburgiſch-preu - ßiſche Macht ſich eben erſt erhob, hatten die katholiſchen Maͤchte, Frankreich, Spanien, Oeſtreich, Polen ſelbſt in ih - rer Entzweiung die europaͤiſche Welt beherrſcht. Es mußte, daͤucht mich, das Gefuͤhl des Daſeyns umwandeln, daß dieß ſo ſehr veraͤndert war; das Selbſtgefuͤhl einer unbe - dingten Bedeutung mußte beſchraͤnkt werden, verſchwinden. Der Papſt ward jetzt erſt inne, daß er nicht mehr an der Spitze der vorwaltenden Weltmacht ſtand.

Endlich aber, ſollte man nicht daran denken, woher die Veraͤnderung kam? Jede Niederlage, jeder Verluſt wird bei dem Beſiegten, der noch nicht an ſich verzwei - felt, eine innere Gaͤhrung hervorrufen, Nachahmung des uͤberlegenen Gegners, Wetteifer mit ihm. Die ſtrenger mo - narchiſchen, militaͤriſch-commerciellen Tendenzen des unka - tholiſchen Theiles drangen jetzt in die katholiſchen Staaten185Veraͤnderte Weltſtellung.ein. Da es ſich doch nicht leugnen ließ, daß der Nach - theil, in den ſie gerathen waren, mit ihrer geiſtlichen Ver - faſſung zuſammenhing, ſo warf ſich die Bewegung zunaͤchſt auf dieſe Seite.

Hier aber traf ſie mit maͤchtigen innern Gaͤhrungen zu - ſammen, die indeß auf dem Gebiete des Glaubens und der Meinung innerhalb des Katholicismus ausgebrochen waren.

Die janſeniſtiſchen Streitigkeiten, deren Urſprung wir beobachteten, erneuerten ſich ſeit dem Anfange des achtzehn - ten Jahrhunderts mit verdoppelter Heftigkeit. Von hoͤch - ſter Stelle gingen ſie aus. In dem oberſten geiſtlichen Rathe in Frankreich pflegten der Beichtvater des Koͤnigs, in der Regel ein Jeſuit, und der Erzbiſchof von Paris den vornehmſten Einfluß auszuuͤben. La Chaiſe und Harlai hatten von hier aus in enger Vereinigung die Unterneh - mungen der Krone gegen das Papſtthum geleitet. Nicht ſo gut verſtanden ſich ihre Nachfolger, le Tellier und No - ailles. Es moͤgen leichte Meinungsverſchiedenheiten gewe - ſen ſeyn, welche den erſten Anlaß gaben: ſtrengeres Feſt - halten des Einen bei den jeſuitiſchen, moliniſtiſchen, tole - rirende Hinneigung des Andern zu den janſeniſtiſchen Be - griffen; allmaͤhlig aber brach eine vollkommene Entzweiung aus: von dem Cabinet des Koͤnigs her ſpaltete ſich die Nation. Dem Beichtvater gelang es, nicht allein ſich in der Gewalt zu behaupten, den Koͤnig zu gewinnen, ſondern auch den Papſt zu der Bulle Unigenitus zu bewegen, in welcher die janſeniſtiſchen Lehren von Suͤnde, Gnade, Recht - fertigung und Kirche auch in ihrem minder herben Aus - druck, zuweilen woͤrtlich wie man ſie in Auguſtinus zu186Buch VIII. Spaͤtere Epochen.finden meinte, und in bei weitem groͤßerer Ausdehnung als in jenen fuͤnf Saͤtzen, verurtheilt wurden1)Die Mémoires secrets sur la bulle Unigenitus I, p. 123 ſchildern den erſten Eindruck den ſie hervorbrachte. Les uns pu - blioient qu’on y attaquoit de front les premiers principes de la foi et de la morale; les autres qu’on y condamnoit les senti - ments et les expressions des saints pères; d’autres qu’on y en - levoit à la charité sa prééminence et sa force; d’autres qu’on leur arrachoit des mains le pain céleste des écritures; les nouveaux réunis à l’église se disoient trompés etc. etc. . Es war die letzte Entſcheidung in den alten durch Molina angeregten Glaubensfragen; der roͤmiſche Stuhl trat nach ſo langem Zaudern endlich unzweifelhaft auf die jeſuitiſche Seite. Da - durch gelang es ihm nun allerdings, den maͤchtigen Orden fuͤr ſich zu gewinnen, der ſeitdem, was er fruͤher wie wir ſahen keinesweges immer that, die ultramontanen Doctri - nen, die Anſpruͤche der paͤpſtlichen Gewalt auf das lebhaf - teſte verfocht; es gelang ihm auch, mit der franzoͤſiſchen Regierung in gutem Verhaͤltniß zu bleiben, von der ja jene Entſcheidung hervorgerufen worden; bald wurden nur noch Die angeſtellt, die ſich der Bulle unterwarfen. Aber auf der andern Seite erhob ſich auch die gewaltigſte Oppo - ſition: in den Gelehrten, die ſich an Auguſtin, den Orden, die ſich an Thomas von Aquino hielten; in den Parla - menten, welche in jedem neuen Acte des roͤmiſchen Hofes eine Verletzung der gallicaniſchen Rechte ſahen; jetzt end - lich ergriffen die Janſeniſten fuͤr dieſe Freiheiten ernſtlich Partei: mit immer weiter ſchreitender Kuͤhnheit bildeten ſie eine der roͤmiſchen entgegenlaufende Doctrin uͤber die Kirche aus; ja unter dem Schutze einer proteſtantiſchen Regierung187Innere Gaͤhrungen.ſetzen ſie ihre Idee ſogleich ins Werk; in Utrecht entſtand eine erzbiſchoͤfliche Kirche, die ſich im Allgemeinen katho - liſch, aber dabei in voller Unabhaͤngigkeit von Rom hielt, und der jeſuitiſch-ultramontanen Richtung unaufhoͤrlich den Krieg machte. Es waͤre wohl der Muͤhe werth, der Entwicke - lung, Verbreitung und Wirkſamkeit dieſer Meinungen uͤber ganz Europa hin nachzuforſchen. In Frankreich wurden die Janſeniſten bedraͤngt, verfolgt, von den Stellen ausge - ſchloſſen; aber, wie es zu geſchehen pflegt, in der Haupt - ſache ſchadete ihnen das nicht: waͤhrend der Verfolgungen erklaͤrte ſich ein großer Theil des Publicums fuͤr ſie. Haͤt - ten ſie nur nicht durch ihre wunderglaͤubigen Uebertreibun - gen auch ihre begruͤndeten Lehren in Mißcredit geſetzt. Aber auf jeden Fall behielten ſie ein enges Verhaͤltniß zu reine - rer Sittlichkeit und tieferem Glauben, das ihnen allenthal - ben Bahn machte. Wir finden ihre Spuren in Wien und in Bruͤſſel, in Spanien und Portugal1)Man findet bei Llorente Histoire de l’inquisition III, 93 bis 97, wie viel die Inquiſition unter Carl III. und Carl IV. mit wahren oder angeblichen Janſeniſten zu ſchaffen hatte., in ganz Ita - lien2)Z. B. ſehr fruͤh in Neapel; ſchon 1715 glaubte man, in Nea - pel ſey die Haͤlfte von den einigermaßen nachdenkenden Leuten Jan - ſeniſten. Keyßler Reiſen p. 780.. Durch die geſammte katholiſche Chriſtenheit brei - teten ſich ihre Lehren aus: zuweilen oͤffentlich, haͤufiger ins - geheim.

Ohne Zweifel war es unter andern auch dieſe Ent - zweiung der Geiſtlichkeit, welche der Erhebung noch einer weit gefaͤhrlichern Geſinnung den Weg bahnte.

Es iſt ein auf ewig merkwuͤrdiges Phaͤnomen, wel -188Buch VIII. Spaͤtere Epochen.chen Einfluß die religioͤſen Beſtrebungen Ludwigs XIV. auf den franzoͤſiſchen, ja auf den europaͤiſchen Geiſt uͤberhaupt her - vorgebracht haben. Er hatte die aͤußerſte Gewalt angewandt, goͤttliche und menſchliche Geſetze verletzt, um den Proteſtan - tismus auszurotten, und ſelbſt alle abweichenden Meinun - gen innerhalb des Katholicismus zu vernichten; ſein gan - zes Beſtreben war geweſen, ſeinem Reiche eine vollkommen und orthodox katholiſche Haltung zu geben. Kaum hatte er aber die Augen geſchloſſen, als alles umſchlug. Der reprimirte Geiſt warf ſich in eine zuͤgelloſe Bewegung.

Gerade der Abſcheu gegen das Verfahren Ludwigs XIV. bewirkte, daß ſich eine Meinung erhob, die dem Katholi - cismus, ja aller poſitiven Religion uͤberhaupt den Krieg erklaͤrte. Von Jahr zu Jahr nahm ſie an innerer Kraft und Verbreitung nach außen zu. Die ſuͤdeuropaͤiſchen Reiche waren auf die innigſte Verbindung der Kirche und des Staa - tes gegruͤndet. Hier bildete ſich eine Geſinnung aus, welche den Widerwillen gegen Kirche und Religion zu einem Syſtem entwickelte, in welchem ſie alle Vorſtellungen von Gott und Welt, alle Principien des Staates und der Geſellſchaft, alle Wiſſenſchaften ſyſtematiſch begriff, eine Literatur der Oppoſition, welche die Geiſter unwillkuͤhrlich an ſich riß und mit unaufloͤslichen Banden feſſelte.

Es liegt am Tage, wie wenig dieſe Tendenzen mit einander uͤbereinſtimmten: die reformirende war ihrer Natur nach monarchiſch: was man von der philoſophiſchen nicht ſagen kann, die ſich gar bald auch dem Staate entgegen - ſetzte: die janſeniſtiſche hielt an Ueberzeugungen feſt, welche der einen wie der andern gleichguͤltig wo nicht verhaßt189Innere Gaͤhrungen.waren; aber zunaͤchſt wirkten ſie zuſammen. Sie brachten jenen Geiſt der Neuerung hervor, der um ſo weiter um ſich greift, je weniger er ein beſtimmtes Ziel hat, je mehr er die geſammte Zukunft in Anſpruch nimmt, und der aus den Mißbraͤuchen des Beſtehenden taͤglich neue Kraͤfte ſaugt. Dieſer Geiſt ergriff jetzt die katholiſche Kirche. Zu Grunde lag ihm wohl in der Regel, bewußt oder unbe - wußt, was man die Philoſophie des achtzehnten Jahrhun - derts genannt hat; die janſeniſtiſchen Theorien gaben ihm kirchliche Form und Haltung; zur Thaͤtigkeit trieb ihn das Beduͤrfniß der Staaten, die Gelegenheit des Momentes an. In allen Laͤndern, an allen Hoͤfen bildeten ſich zwei Par - teien aus, von denen die eine der Curie, der geltenden Ver - faſſung und Lehre den Krieg machte, die andere die Dinge wie ſie waren, die Praͤrogative der allgemeinen Kirche feſt - zuhalten ſuchte.

Die letzte ſtellte ſich vor allem in den Jeſuiten dar; der Orden erſchien als das Hauptbollwerk der ultramon - tanen Grundſaͤtze: zunaͤchſt gegen ihn richtete ſich der Sturm.

Noch in dem achtzehnten Jahrhundert waren die Je - ſuiten ſehr maͤchtig; wie fruͤher, hauptſaͤchlich dadurch, daß ſie die Beichtſtuͤhle der Großen und der Fuͤrſten inne hat - ten, und den Unterricht der Jugend leiteten; ihre Unter - nehmungen, ſey es der Religion, wiewohl dieſe nicht mit der alten Energie getrieben wurden, oder auch des Handels, umfaßten noch immer die Welt. Jetzt hielten ſie ſich ohne190Buch VIII. Spaͤtere Epochen.Wanken zu den Doctrinen kirchlicher Orthodoxie und Un - terordnung; was denſelben irgend zuwiderlief, eigentlicher Unglaube, janſeniſtiſche Begriffe, Tendenzen der Reform, alles fiel bei ihnen in dieſelbe Verdammniß.

Zuerſt wurden ſie auf dem Gebiete der Meinung, der Literatur angegriffen. Es iſt wohl nicht zu leugnen, daß ſie der Menge und Kraft der auf ſie eindringenden Feinde mehr ein ſtarres Feſthalten an den einmal ergriffenen Leh - ren, indirecten Einfluß auf die Großen, Verdammungsſucht entgegenſetzten als die echten Waffen des Geiſtes. Man kann es kaum begreifen, daß weder ſie ſelber noch auch andere mit ihnen verbuͤndete Glaͤubige ein einziges ori - ginales und wirkſames Buch zur Vertheidigung hervor - brachten, waͤhrend die Arbeiten ihrer Gegner die Welt uͤberſchwemmten und die oͤffentliche Ueberzeugung feſtſtellten.

Nachdem ſie aber einmal auf dieſem Felde der Lehre, der Wiſſenſchaft, des Geiſtes, uͤberwunden waren, konnten ſie ſich auch nicht mehr lange in Beſitz der Gewalt halten.

In der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts kamen im Widerſtreit jener beiden Tendenzen faſt in allen ka - tholiſchen Staaten reformirende Miniſter ans Ruder: in Frankreich Choiſeul1)Im Anhang zu den Memoiren der Mad. du Hauſſet findet ſich ein Aufſatz: de la destruction des Jésuites en France, worin der Widerwille Choiſeuls gegen die Jeſuiten daher geleitet wird, daß der General ihm einſt in Rom zu erkennen gegeben, daß er wiſſe was in Paris bei einem Souper geſprochen worden war. Das iſt aber eine Geſchichte, die ſich auf mancherlei Art wiederholt, und ſchwerlich viel auf ſich hat. Die Sachen liegen etwas tiefer., in Spanien Wall, Squillace, in Neapel Tanucci, in Portugal Carvalho: alles Maͤnner191Aufhebung der Jeſuiten.welche es zum Gedanken ihres Lebens gemacht hatten das Uebergewicht des geiſtlichen Elementes zu unterdruͤcken. Die kirchliche Oppoſition bekam in ihnen Darſtellung und Macht; ihre perſoͤnliche Stellung beruhte darauf; der of - fene Kampf war um ſo unvermeidlicher, da ihnen die Je - ſuiten durch perſoͤnliche Gegenwirkung, durch Einfluß auf die hoͤchſten Kreiſe in den Weg traten.

Der erſte Gedanke ging noch nicht auf eine Vertil - gung des Ordens: man wollte ihn nur zunaͤchſt von den Hoͤfen entfernen, ihn ſeines Credites, wo moͤglich auch ſeiner Reichthuͤmer berauben. Hiezu glaubte man ſich ſogar des roͤmiſchen Hofes bedienen zu koͤnnen. Die Spaltung welche die katholiſche Welt theilte, war am Ende auch hier in gewiſſem Sinne eingetreten: es gab eine ſtrengere und eine mildere Partei: Benedict XIV, der die letzte repraͤſen - tirte, war laͤngſt mit den Jeſuiten unzufrieden: ihr Ver - fahren in den Miſſionen hatte er oftmals laut verdammt1)Schon als Praͤlat Lambertini. Mémoires du père Nor - bert II, 20..

Nachdem Carvalho in der Bewegung der Factionen des portugieſiſchen Hofes, den Jeſuiten, die ihn zu ſtuͤrzen ſuchten, zum Trotz, Herr und Meiſter der Staatsgewalt, ja des koͤniglichen Willens geblieben, forderte er den Papſt zu einer Reform des Ordens auf2)Von jeſuitiſcher Seite wird dieſer Streit der Factionen in der von Murr aus einer italieniſchen Handſchrift uͤberſetzten Geſchichte der Jeſuiten in Portugal doch recht anſchaulich geſchildert.. Er hob, wie natuͤr - lich, die Seite hervor die den meiſten Tadel darbot: die mercantile Richtung der Geſellſchaft, die ihm auch uͤber -192Buch VIII. Spaͤtere Epochen.uͤberdieß bei ſeinen commerciellen Beſtrebungen ſehr beſchwer - lich fiel. Der Papſt trug kein Bedenken darauf einzugehn. Die weltliche Geſchaͤftigkeit des Ordens war ihm ſelbſt ein Graͤuel. Auf den Antrag Carvalhos beauftragte er einen Freund deſſelben, einen Portugieſen, Cardinal Saldanha, mit einer Viſitation des Ordens. In kurzem erging ein Decret dieſes Viſitators, worin den Jeſuiten ihre Handels - geſchaͤfte ernſtlich verwieſen, und die koͤniglichen Behoͤrden ermaͤchtigt wurden alle dieſen Geiſtlichen zugehoͤrige Waa - ren einzuziehen.

Und ſchon hatte man indeß in Frankreich die Geſell - ſchaft von derſelben Seite angegriffen. Der Bankrutt eines mit dem Pater Lavallette auf Martinique in Verbindung ſtehenden Handelshauſes, das eine Menge anderer Falliſ - ſements nach ſich zog, veranlaßte die bei dem Verluſte Be - theiligten, ſich mit ihren Beſchwerden an die Gerichte zu wenden, welche die Sache eifrig in die Hand nahmen1)Vie privée de Louis XV. IV, p. 88..

Waͤre Benedict XIV. laͤnger am Leben geblieben, ſo laͤßt ſich wohl annehmen, daß er den Orden zwar nicht etwa vernichtet, aber allmaͤhlig einer durchgreifenden und gruͤndlichen Reform unterworfen haben wuͤrde.

Jedoch in dieſem Augenblick ſtarb Benedict XIV. Aus dem Conclave ging 6. Juli 1758 ein Mann von entgegengeſetzter Geſinnung, Clemens XIII, als Papſt hervor.

Clemens war von reiner Seele, reinen Abſichten; er betete viel und inbruͤnſtig: ſein hoͤchſter Ehrgeiz war, einmalſelig193Aufhebung der Jeſuiten.ſelig geſprochen zu werden. Dabei hegte er aber die Mei - nung, daß alle Anſpruͤche des Papſtthums heilig und unver - letzlich ſeyen: er beklagte tief, daß man einige fallen laſſen; er war entſchieden, keinerlei Zugeſtaͤndniſſe zu machen, ja er lebte der Ueberzeugung, daß man durch ſtandhaftes Feſthal - ten noch alles gewinnen, den verdunkelten Glanz von Rom wiederherſtellen koͤnne1)Sammlung der merkwuͤrdigſten Schriften die Aufhebung der Jeſuiten betreffend 1773 I, p. 211. Wie ſehr die allgemeine Meinung dawider war, ſieht man unter andern aus Winkelmanns Briefen.. In den Jeſuiten ſah er die ge - treueſten Verfechter des paͤpſtlichen Stuhles und der Re - ligion; er billigte ſie wie ſie waren: einer Reform fand er ſie nicht beduͤrftig. In alle dem beſtaͤrkte ihn ſeine Um - gebung, die mit ihm betete.

Allein wie die Sachen nun einmal ſtanden, konnte er damit nichts anderes bewirken, als daß die Angriffe hefti - ger wurden, und ſich zugleich gegen den roͤmiſchen Stuhl ſelber wandten.

In Portugal wurden die Jeſuiten, man kann doch noch nicht deutlich ſehen, ob ſchuldig oder nicht, in die Unterſuchung wegen eines Attentats gegen das Leben des Koͤnigs verwickelt; es erfolgte Schlag auf Schlag; end - lich wurden ſie mit unbarmherziger Gewaltſamkeit vertrieben und geradezu an den Kuͤſten des Kirchenſtaates ausgeſetzt.

Indeſſen waren ſie in Frankreich durch jenen Pro - ceß in die Gewalt der Parlamente gerathen, von denen ſie von Anbeginn gehaßt worden. Ihre Sache ward mit großem Geraͤuſch verhandelt; zuletzt verurtheilte man diePäpſte** 13194Buch VIII. Spaͤtere Epochen.geſammte Geſellſchaft die Verpflichtungen Lavalette’s zu er - fuͤllen. Aber hiebei blieb man nicht ſtehn. Man machte den Jeſuiten die unumſchraͤnkte Gewalt des Generals, die mit den Reichsgeſetzen nicht vereinbar ſey, aufs neue zum Verbrechen, und zog die Geſetzlichkeit ihres Daſeyns uͤber - haupt in Zweifel.

Gern haͤtte Ludwig XV. den Orden gerettet. Nicht um ihn zu verderben, ſondern um ihn ſo viel als moͤglich zu ſchuͤtzen, und nur weil die oͤffentliche Stimme, das Ur - theil der Gerichte, die Mehrzahl ſeines Conſeils ihn dahin draͤngte, ſchlug er dem General vor, einen Vicar in Frank - reich zu ernennen1)Schreiben von Praslin 16. Jan. 1762 bei Flassan: Hi - stoire de la diplomatie française VI, 498. Die ganze Darſtellung iſt ſehr lehrreich..

Wenn ein Mann wie Acquaviva an der Spitze ge - ſtanden haͤtte, ſo wuͤrde man ohne Zweifel auch in die - ſem Augenblick noch auf eine Auskunft, eine Vereinba - rung gedacht haben. Aber die Geſellſchaft hatte jetzt das unbeugſamſte Oberhaupt, Lorenzo Ricci, der nichts als das Unrecht fuͤhlte das ihr geſchah. Er entgegnete, eine ſo weſentliche Aenderung der Verfaſſung ſtehe nicht in ſeiner Macht. Man wandte ſich an den Papſt; Clemens XIII. erwiederte, durch das h. tridentiniſche Concilium, durch ſo viele Conſtitutionen ſeiner Vorfahren ſey dieſe Verfaſſung allzu deutlich gutgeheißen, als daß er ſie abaͤndern koͤnne2)Erzaͤhlung der Jeſuiten bei Wolf: Geſchichte der Jeſuiten III, 365. Dieſes Buch iſt nur uͤber die Aufhebung des Ordens brauchbar.. Jedwede Modification wieſen ſie von ſich. Es iſt ganz der Sinn Ricci’s: sint ut sunt aut non sint.

195Aufhebung der Jeſuiten.

Es erfolgte das Nichtſeyn. Am 6ſten Auguſt 1762 ſprach das Parlament von Paris die Aufhebung der Jeſui - ten in Frankreich aus. Zwar erklaͤrte der Papſt in ei - nem Conſiſtorium dieſen Beſchluß fuͤr null und nichtig1)Potestatem ipsam Jesu Christi in terris vicario ejus unice tributam sibi temere arrogantes totius societatis compagem in Gallico regno dissolvunt etc. etc. Daunou hat dieß Actenſtuͤck: Essai II, 207., aber ſchon war es ſo weit gekommen, daß er die Allocution, in der er das gethan, nicht bekannt zu machen wagte.

Und unaufhaltſam verbreitete ſich dieſe Bewegung uͤber alle bourboniſchen Laͤnder. Carl III. von Spanien ward uͤberredet, es ſey ein Plan der Jeſuiten, ſeinen Bruder Don Luis an ſeiner Statt zum Throne zu befoͤrdern2)Schreiben des franzoͤſiſchen Geſandten, das aus dem italie - niſchen Werke: Delle cagioni dell espulsione de Gesuiti, in Le - bret’s Geſchichte der Bulle in coena domini IV, 205 uͤbergegan - gen iſt. Eine Relatione al conte di Firmian 1767 7 Apr. (MS der Brera) verſichert, die Jeſuiten haͤtten doch eine Ahndung gehabt. Non fu senza forte motivo che poco prima di detta espulsione dimandarono al re la confirma de loro privilegi e del loro in - stituto, il che solamente in oggi si è saputo. Sie hatten ihr Geld und ihre Papiere bei Seite gebracht. Aber der Vortheil der Krone ſchien Carl III. ſo groß, daß er ausrief, er habe eine neue Welt erobert.; hier - auf ließ er mit der entſchloſſenen Verſchwiegenheit die ihn uͤberhaupt auszeichnete, alles vorbereiten, und die Haͤuſer der Jeſuiten an einem und demſelben Tage in ganz Spanien ſchließen. In Neapel und Parma folgte man dieſem Bei - ſpiele ohne zu zoͤgern.

Vergebens war alles Ermahnen, Bitten, Beſchwoͤren des Papſtes. Endlich machte er auch einen andern Ver -13*196Buch VIII. Spaͤtere Epochen.ſuch. Als der Herzog von Parma ſo weit ging, auch den Recurs an roͤmiſche Tribunale, ſo wie alle Verleihung der Pfruͤnden des Landes an Nichteingeborne zu verbieten, ermannte ſich der Papſt zu einem Monitorium, worin er dieſem ſeinem Lehensmann die geiſtlichen Cenſuren ankuͤn - digte1)Botta: Storia d’Italia tom. XIV, p. 147.. Der erſte Schritt einer den Angriff zuruͤckgeben - den Vertheidigung. Aber er hatte die ſchlimmſten Folgen: der Herzog antwortete auf eine Weiſe wie es in fruͤhern Jahrhunderten der maͤchtigſte Koͤnig nicht gewagt haben wuͤrde: die Bourbonen nahmen ſich ſeiner insgeſammt an. Avignon, Benevent, Pontecorvo wurden von ihnen beſetzt.

Dahin entwickelte ſich die Feindſeligkeit der bourbo - niſchen Hoͤfe. Von der Verfolgung der Jeſuiten gingen ſie unmittelbar zum Angriff auf den roͤmiſchen Stuhl uͤber.

An wen ſollte der Papſt ſich wenden? Alle italieni - ſchen Staaten nahmen wider ihn Partei, Genua, Modena, Venedig. Er richtete ſeine Augen noch einmal auf Oeſt - reich. Er ſchrieb der Kaiſerin Maria Thereſia, ſie ſey auf Erden ſein einziger Troſt; ſie moͤge nicht zugeben, daß man ſein Alter mit Gewaltthaͤtigkeiten erdruͤcke.

Die Kaiſerin entgegnete, wie einſt Urban VIII. dem Kaiſer Ferdinand, es ſey eine Sache des Staates und nicht der Religion, ſie wuͤrde unrecht thun ſich darin ein - zumiſchen.

Der Muth Clemens XIII. war gebrochen. Im An - fang des Jahres 1769 erſchienen die Geſandten der bour - boniſchen Hoͤfe, einer nach dem andern, erſt der neapolita - niſche, dann der ſpaniſche, endlich der franzoͤſiſche, um die197Aufhebung der Jeſuiten.unwiderrufliche Aufhebung des geſammten Ordens zu for - dern1)Continuazione degli annali d’Italia di Muratori XIV, 1, p. 197.. Der Papſt berief auf den 3. Febr. ein Conſiſtorium, in welchem er die Sache wenigſtens in Ueberlegung nehmen zu wollen ſchien. Aber es war nicht beſtimmt, daß er eine ſo tiefe Demuͤthigung erleben ſollte. Den Abend zu - vor ergriff ihn eine Convulſion, an der er verſchied.

Die Stellung der Hoͤfe war zu drohend, ihre Einwir - kung zu maͤchtig, als daß ſie in dem Conclave, das nun - mehr folgte, nicht haͤtten durchdringen, und einen Mann wie ſie ihn bedurften, zur dreifachen Krone befoͤrdern ſollen.

Von allen Cardinaͤlen war Lorenzo Ganganelli ohne Zweifel der mildeſte, gemaͤßigtſte. In ſeiner Jugend hat einer ſeiner Lehrer von ihm geſagt, es ſey kein Wunder, wenn er die Muſik liebe, in ihm ſelber ſey alles Harmo - nie2)Aneddoti riguardanti la famiglia e l’opere di Clemente XIV, bei den Lettere ed altre opere di Ganganelli, Firenze 1829. Was dieſe Werkchen und Briefe ſelbſt anbetrifft, ſo moͤgen ſie wohl interpolirt ſeyn, aber der Hauptſache nach halte ich ſie doch fuͤr echt: 1) weil die Vertheidigung derſelben in dem Ringratia - mento dell editore all autor dell anno literario im Ganzen natuͤrlich und befriedigend iſt: obwohl vor der Herausgabe ein un - verantwortlicher Gebrauch davon gemacht war; 2) weil glaubwuͤr - dige Maͤnner, z. B. Cardinal Bernis, die Originale geſehen zu ha - ben verſicherten: der eigentliche Sammler war der florentiniſche Li - terator Lami: nach einem Briefe des Abbé Bellegarde bei Potter Vie de Ricci I, p. 328 beſtaͤtigten diejenigen, welche die Originale beſaßen und die Copien geliefert hatten, ihre Echtheit; 3) weil ſie das Gepraͤge einer Originalitaͤt, einer eigenthuͤmlichen und in allen Lagen des Lebens ſich gleichbleibenden Geſinnung tragen, die kein Erfinder erdichtet haben kann. Es iſt ein lebendiger Menſch darin. Am wenigſten koͤnnen dieſe Briefe von Caracciolo ſtammen. Man. So entwickelte er ſich weiter, in unſchuldiger Ge -198Buch VIII. Spaͤtere Epochen.ſelligkeit, Zuruͤckgezogenheit von der Welt, einſamen Stu - dien, die ihn immer tiefer und tiefer in das Geheimniß wahrer Theologie fuͤhrten. Wie er von Ariſtoteles ſich bald zu Plato wandte, der ſeine Seele mehr befriedigte, ſo ging er von den Scholaſtikern zu den Kirchenvaͤtern, von dieſen zu der h. Schrift fort, die er mit der Inbrunſt eines von der Offenbarung des Wortes uͤberzeugten Gemuͤthes faßte: an deren Hand er ſich dann mit jener ſtillen und reinen Myſtik durchdrang, die in allen Dingen Gott ſieht, und ſich dem Dienſte des Naͤchſten widmet. Seine Religion war nicht Eifer, Verfolgung, Herrſchſucht, Polemik, ſon - dern Friede, Demuth und inneres Verſtaͤndniß. Der un - aufhoͤrliche Hader des paͤpſtlichen Stuhles mit den katho - liſchen Staatsgewalten, der die Kirche zerruͤttete, war ihm von ganzem Herzen verhaßt. Seine Maͤßigung war nicht Schwaͤche oder auferlegte Nothwendigkeit, ſondern freies Wollen und innere Genialitaͤt.

Aus dem Schooße der Religion entwickelte ſich eine Geſinnung, welche, ſo verſchieden ſie auch in ihrem Ur - ſprunge von den weltlichen Tendenzen der Hoͤfe war, ihnen doch von einer andern Seite her entgegenkam.

Hauptſaͤchlich durch die Bourbons, zunaͤchſt auf einen Vorſchlag der ſpaniſchen und franzoͤſiſchen Cardinaͤle, ward Ganganelli in dem Conclave durchgeſetzt. Er nannte ſich Clemens XIV.

2)braucht nur ſeine Vie de Clément XIV zu leſen, um ſich zu uͤber - zeugen, wie tief alle ſeine Bemerkungen unter dem ſtehn, was von Clemens XIV. herruͤhrt. Das Gute welches dieſe Schrift hat, iſt auch nur eine Ruͤckwirkung des ganganelliſchen Geiſtes.

199Aufhebung der Jeſuiten.

Die roͤmiſche Curie war, wie beruͤhrt, ſo gut wie an - dere in zwei Parteien zerfallen: die Zelanti, welche alle alten Gerechtſame aufrecht zu erhalten ſuchten, und die Regaliſten, welche das Heil der Kirche in weiſer Nachgiebigkeit zu finden glaubten, die Partei der Kronen, in Ganganelli kam dieſe letzte zur Gewalt: in Rom vollzog ſich die nemliche Ver - aͤnderung, die bereits an allen fuͤrſtlichen Hoͤfen eingetreten.

Ganganelli begann damit, die Bulle in coena domini nicht verleſen zu laſſen: die Zugeſtaͤndniſſe welche Bene - dict XIV. dem Koͤnige von Sardinien gemacht, und die man ſeitdem nicht hatte anerkennen wollen, erweiterte er noch; gleich am Tage ſeiner Beſitzergreifung erklaͤrte er, daß er einen Nuntius nach Portugal ſenden werde; er ſus - pendirte die Wirkſamkeit jenes Monitoriums gegen Parma; alsdann nahm er alles Ernſtes die jeſuitiſche Sache vor. Eine Commiſſion von Cardinaͤlen ward niedergeſetzt, das Archiv der Propaganda durchſucht, das Fuͤr und Wider bedaͤchtig erwogen. Clemens XIV. war wohl von vorn herein unguͤnſtig geſtimmt. Er gehoͤrte dem Orden der Franciscaner an, der ſchon immer beſonders in den Miſ - ſionen die Jeſuiten bekaͤmpft hatte; er hielt ſich an den auguſtinianiſch-thomiſtiſchen Lehrbegriff, ſo ganz in Gegen - ſatz mit der Geſellſchaft; von janſeniſtiſchen Meinungen war er wohl nicht durchaus frei. Dazu kamen nun die mancherlei Anklagepunkte, die man nicht wegargumentiren konnte, und vor allem die Unmoͤglichkeit den Frieden der Kirche auf eine andere Weiſe herzuſtellen. Am 21. Juli 1773 erfolgte ſein Spruch. Angehaucht von dem goͤtt - lichen Geiſte, wie wir vertrauen, durch die Pflicht getrie -200Buch VIII. Spaͤtere Epochen.ben die Eintracht der Kirche zuruͤckzufuͤhren, uͤberzeugt, daß die Geſellſchaft Jeſu den Nutzen nicht mehr leiſten kann, zu dem ſie geſtiftet worden, und von andern Gruͤnden der Klugheit und Regierungsweisheit bewogen, die wir in un - ſerm Gemuͤthe verſchloſſen behalten, heben wir auf und vertilgen wir die Geſellſchaft Jeſu, ihre Aemter, Haͤuſer, Inſtitute. 1)Continuazione degli annali tom. XIV, P. II, p. 107.

Ein Schritt von unermeßlicher Bedeutung.

Einmal ſchon fuͤr das Verhaͤltniß zu den Proteſtan - ten. Zu dem Kampfe mit denſelben war das Inſtitut ur - ſpruͤnglich berechnet, von Grund aus eingerichtet: bezog ſich doch ſelbſt ſeine Dogmatik hauptſaͤchlich auf den Ge - genſatz gegen Calvin; es war der Charakter, den die Jeſuiten noch am Ende des 17ten Jahrhunderts in den Hugenottenverfolgungen erneuert und befeſtigt hatten. Mit dieſem Kampfe war es aber jetzt am Ende; auch einer ge - fliſſentlichen Selbſttaͤuſchung haͤtte er keine weſentliche Aus - ſicht mehr dargeboten: in dem großen Weltverhaͤltniß beſa - ßen die Unkatholiſchen ein unleugbares Uebergewicht, und die katholiſchen Staaten ſuchten ſich ihnen vielmehr anzu - naͤhern als ſie an ſich zu ziehen. Darin, ſollte ich glau - ben, liegt der vornehmſte, tiefſte Grund der Aufhebung des Ordens. Er war ein Kriegsinſtitut, das fuͤr den Frieden nicht mehr paßte. Da er nun um kein Haar breit wei - chen wollte, und alle Reform, deren er doch auch in anderer Hinſicht ſehr bedurfte, hartnaͤckig von ſich wies, ſo ſprach er ſich ſelbſt ſein Urtheil aus. Es iſt von hoher Bedeu - tung, daß der paͤpſtliche Stuhl einen Orden nicht zu be -201Aufhebung der Jeſuiten.haupten vermag, der zur Bekaͤmpfung der Proteſtanten ge - gruͤndet iſt, daß ein Papſt und zwar zugleich aus innerli - cher Bewegung ihn aufgibt.

Die naͤchſte Wirkung hatte das aber auf die katholiſchen Laͤnder. Die Jeſuiten waren angefeindet, geſtuͤrzt worden hauptſaͤchlich weil ſie den ſtrengſten Begriff der Oberhoheit des roͤmiſchen Stuhles verfochten; indem dieſer ſie fallen ließ, gab er zugleich die Strenge jenes Begriffes und ſeine Con - ſequenzen ſelber auf. Die Beſtrebungen der Oppoſition er - fochten einen unzweifelhaften Sieg. Daß die Geſellſchaft, welche den Unterricht der Jugend zu ihrem Geſchaͤft ge - macht und noch immer in ſo großem Umfange trieb, ohne Vorbereitung, mit Einem Schlage vernichtet ward, mußte eine Erſchuͤtterung der katholiſchen Welt bis in die Tiefe, bis dahin wo die neuen Generationen ſich bilden, hervorru - fen1)Montbarey: Mémoires I, p. 225.. Da das Außenwerk genommen worden, mußte der An - griff einer ſiegreichen Geſinnung auf die innere Feſtung noch viel lebhafter beginnen. Die Bewegung wuchs von Tage zu Tage, der Abfall der Gemuͤther griff immer weiter um ſich; was ließ ſich erwarten, da die Gaͤhrung jetzt ſogar in dem Reiche hervortrat, deſſen Daſeyn und Macht mit den Reſultaten der katholiſchen Beſtrebungen in der Epo - che ihrer Herſtellung am genaueſten zuſammenhing, in Oeſtreich. Eine allgemeine Umwaͤlzung kuͤndigte ſich da - mit an.

202Buch VIII. Spaͤtere Epochen.

Revolutionäres Zeitalter.

Es war der Sinn Joſephs II. alle Kraͤfte ſeiner Mo - narchie unumſchraͤnkt in ſeiner Hand zu vereinigen. Wie haͤtte er die Einwirkungen von Rom, den Zuſammenhang ſeiner Unterthanen mit dem Papſte billigen ſollen. Sey es, daß er mehr von Janſeniſten oder mehr von Unglaͤubigen umgeben war1)Was van Swieten geglaubt hat, mag dahin geſtellt bleiben. Daß es aber auch eine ſehr ausgebildete janſeniſtiſche Richtung in Wien gab, zeigt unter andern das Leben von Feßler. Feßlers Ruͤck - blicke auf ſeine ſiebzigjaͤhrige Pilgerſchaft p. 74, 78 und an andern Stellen. Vgl. Schloͤzers Staatsanzeigen IX, 33. p. 113. ſie boten einander ohne Zweifel auch hier die Hand, wie in dem Angriff auf die Jeſuiten, allen zuſammenhaltenden, auf eine aͤußerliche Einheit der Kirche abzielenden Inſtituten machte er einen unablaͤßigen zerſtoͤrenden Krieg. Von mehr als 2000 Kloͤſtern hat er nur ungefaͤhr 700 uͤbrig gelaſſen; von den Nonnencongre - gationen fanden nur die unmittelbar nuͤtzlichen bei ihm Gnade; und auch die, welche er noch verſchonte, riß er von ihrer Verbindung mit Rom los. Die paͤpſtlichen Dis - penſationen ſah er an wie auslaͤndiſche Waare, und wollte kein Geld dafuͤr aus dem Lande gehn laſſen; er erklaͤrte ſich oͤffentlich fuͤr den Adminiſtrator der Weltlichkeit der Kirche.

Schon ſah der Nachfolger Ganganelli’s, Pius VI, das einzige Mittel den Kaiſer von den aͤußerſten Schritten, vielleicht auch in dogmatiſcher Hinſicht, zuruͤckzuhalten, in203Revolutionaͤres Zeitalter.dem Eindruck, den er in perſoͤnlicher Begegnung auf ihn zu machen hoffte: er ſelbſt begab ſich nach Wien, und man wird nicht ſagen duͤrfen, daß die Milde, der Adel und die Anmuth ſeiner Erſcheinung ohne Einfluß geblieben. Jedoch in der Hauptſache fuhr Joſeph ohne Wanken noch Ruͤck - ſicht fort. Dem Kloſter, bei welchem er feierlich von dem Papſt Abſchied genommen, ward unmittelbar darnach ſeine Aufhebung angekuͤndigt. Pius VI. mußte ſich zuletzt ent - ſchließen die Beſetzung der biſchoͤflichen Stellen dem Kai - ſer auch in Italien zu uͤberlaſſen.

So drangen die antipaͤpſtlichen Beſtrebungen jetzt auch von der oͤſtreichiſchen Seite in Italien vor. Leopold, ſo viel wir urtheilen koͤnnen, ſelbſt von janſeniſtiſcher Geſin - nung, reformirte die Kirche von Toscana ohne Ruͤckſicht auf den Stuhl von Rom: unfern der Capitale der Chriſten - heit erließ die Synode von Piſtoja in ihren Beſchluͤſſen ein rechtes Manifeſt der Vereinigung gallicaniſcher und janſeni - ſtiſcher Grundſaͤtze. Neapel, das durch die Koͤnigin Caro - line auch mit dieſer Seite in enger Verbindung ſtand, hob die letzten Zeichen des Lehensverbandes mit dem roͤmiſchen Stuhle auf.

Auch auf die deutſche Kirche hatten die Unternehmun - gen des Kaiſers mittelbare Ruͤckwirkung. Die geiſtlichen Churfuͤrſten begannen nach ſo langem Einverſtaͤndniß ſich endlich auch dem roͤmiſchen Stuhle entgegenzuſetzen. Nach ihrer Erklaͤrung von Ems, geſchrieben mit einer Feder , ſagt ein roͤmiſcher Praͤlat, die in die Galle Paul Sarpis getaucht war, ſollte ſich der roͤmiſche Primat in Zukunft mit den Rechten begnuͤgen, die ihm in den erſten Jahr -204Buch VIII. Spaͤtere Epochen.hunderten zugeſtanden1)Bartolommeo Pacca: Memorie storiche sul di lui sog - giorno in Germania p. 33.. Die deutſchen Canoniſten hatten ihnen trefflich vorgearbeitet. Nur gab es neben dieſen auch andere Rechtslehrer, welche das ganze Weſen der katholi - ſchen Kirche in Deutſchland, die politiſche Macht dieſer Hierarchie, ihre Staatsverwaltung bekaͤmpften2)z. B. Friedrich Carl v. Moſer: uͤber die Regierung der geiſtlichen Staaten in Deutſchland 1787. Sein Hauptvorſchlag iſt p. 161, daß Fuͤrſt und Biſchof wieder von einander getrennt werden. . Der Ge - lehrten wie der Laien hatte ſich eine lebhafte Neuerungs - ſucht bemaͤchtigt. Der geringere Clerus und die Biſchoͤfe, Biſchoͤfe und Erzbiſchoͤfe, dieſe ſelbſt und der Papſt waren gegen einander. Es ließ ſich auch hier alles zu einer Ver - aͤnderung an.

Ehe man aber noch dazu ſchritt, ehe noch Joſeph mit ſeinen Reformen zum Ziel gekommen, brach die gewaltigſte Exploſion der in der Tiefe gaͤhrenden Elemente in Frank - reich aus.

Es liegt am Tage, daß die Irrungen des Clerus in ſich ſelbſt, der Gegenſatz zwei feindſeliger Parteien in allen religioͤſen Angelegenheiten, die Unfaͤhigkeit der herrſchenden, ſich auf dem Gebiete der Meinung und der Literatur zu behaupten, der allgemeine Widerwille, den ſie nicht ganz ohne ihre Schuld auf ſich geladen, zu der Entwickelung des Ereigniſſes das den Charakter der neuern Zeit beherrſcht, der franzoͤſiſchen Revolution, unbeſchreiblich beigetragen hat. Der Geiſt der Oppoſition, der ſich aus dem Innern des205Revolutionaͤres Zeitalter.in ſich ſelbſt irre gewordenen Katholicismus erhoben, hatte ſich immer mehr conſolidirt. Schritt fuͤr Schritt drang er vorwaͤrts; in den Stuͤrmen des Jahres 1789 gelangte er in den Beſitz der Gewalt, einer Gewalt die ſich berufen glaubte das Alte durchaus zu zerſtoͤren, eine neue Welt zu machen; in dem allgemeinen Umſturz, der uͤber das al - lerchriſtlichſte Reich verhaͤngt ward, traf dann nothwendig einer der ſtaͤrkſten Schlaͤge auch die geiſtliche Verfaſſung.

Es kam alles zuſammen: finanzielles Beduͤrfniß, In - tereſſe der Einzelnen wie der Municipalitaͤten, Gleichguͤl - tigkeit oder Haß gegen die beſtehende Religion: endlich machte ein Mitglied des hohen Clerus ſelbſt den Antrag, der Nation, d. i. der weltlichen Gewalt, und zunaͤchſt der Nationalverſammlung das Recht zuzuerkennen, uͤber die geiſt - lichen Guͤter zu verfuͤgen. Bisher waren dieſe Guͤter als ein Eigenthum nicht nur der franzoͤſiſchen, ſondern zugleich der allgemeinen Kirche betrachtet worden: zu jeder Veraͤu - ßerung war eine Beiſtimmung des Papſtes erforderlich ge - weſen. Wie entfernt aber lagen die Zeiten, die Ideen, aus denen Begriffe dieſer Art hervorgegangen waren. Jetzt ſprach die Verſammlung nach kurzer Debatte ſich ſelbſt das Recht zu, uͤber die Guͤter zu verfuͤgen, d. i. ſie zu veraͤu - ßern, und zwar noch mit unbedingterer Befugniß als bei dem erſten Antrag beabſichtigt war. Unmoͤglich aber konnte ſie hiebei ſtehn bleiben. Da durch die Einziehung der Guͤter, mit der man keinen Augenblick zoͤgerte, das fernere Beſtehn der bisherigen Verhaͤltniſſe unmoͤglich ward, ſo mußte man unverzuͤglich zu einer neuen Einrichtung ſchrei - ten, wie ſie in der buͤrgerlichen Conſtitution des Clerus zu206Buch VIII. Spaͤtere Epochen.Stande gekommen iſt. Das Princip des revolutionirten Staates ward auch auf die geiſtlichen Dinge uͤbergetra - gen1)Recht ſyſtematiſch, nach der Lehre alter Kirchenhiſtoriker: Tota ecclesiarum distributio ad formam imperii facta est. Camus: Opinion sur le projet de constitution du clergé, 31 mai 1790.; an die Stelle der durch die Concordate beſtimmten Einſetzung ſollte die Volkswahl, an die Stelle der Unab - haͤngigkeit, welche der Beſitz liegender Gruͤnde gewaͤhrte, die Beſoldung treten; alle Dioͤceſen wurden geaͤndert, die Orden abgeſchafft, die Geluͤbde aufgehoben, der Zuſam - menhang mit Rom unterbrochen; als eins der ſchwerſten Verbrechen wuͤrde die Annahme eines Breve betrachtet worden ſeyn. Der Verſuch eines Karthaͤuſers die Allein - herrſchaft der katholiſchen Religion zu retten hatte nur den Erfolg dieſe Beſchluͤſſe zu beſchleunigen. Der geſammte Clerus ſollte ſich durch feierliche Eidesleiſtung auf dieſelben verpflichten.

Es laͤßt ſich nicht leugnen, daß dieſer Gang der Dinge ſich unter der Mitwirkung der franzoͤſiſchen, der Beiſtimmung aller uͤbrigen Janſeniſten vollzog. Sie ſahen mit Vergnuͤ - gen, daß die Macht von Babel, wie ſie in ihrem Haſſe die roͤmiſche Curie nannten, einen ſo ſtarken Schlag erlitt, daß der Clerus geſtuͤrzt wurde, von dem ſie ſo viele Verfol - gungen erfahren hatten. Selbſt ihre theoretiſche Ueberzeu - gung ging dahin: indem man die Geiſtlichkeit ihrer Reich - thuͤmer beraube, zwinge man ſie ſich wirkliche Verdienſte zu erwerben 2)Briefe von Gianni und einigen andern Abbaten bei Potter Vie de Ricci II, p. 315. Wolf: Geſchichte der katholiſchen Kirche.

207Revolutionaͤres Zeitalter.

Der roͤmiſche Hof ſchmeichelte ſich noch einen Augen - blick, dieſer Bewegung durch eine innere Reaction Einhalt gethan zu ſehen; der Papſt unterließ nichts, um dazu mit - zuwirken. Er verwarf die neue Conſtitution, verdammte die Biſchoͤfe welche den Eid darauf geleiſtet, ſuchte durch Zuſpruch und Lob die noch immer zahlreiche Partei, die ſich in den Widerſtand geworfen, darin zu beſtaͤrken; endlich ſprach er ſogar uͤber die einflußreichſten und namhafteſten Mitglieder des conſtitutionellen Clerus den Bann aus.

Es war aber alles umſonſt; die revolutionaͤre Ten - denz behielt den Platz; der innere Buͤrgerkrieg, den haupt - ſaͤchlich die religioͤſen Antriebe entzuͤndeten, ſchlug zum Vor - theil der Neuerung aus. Gluͤcklich waͤre der Papſt gewe - ſen, wenn es nur dabei ſein Bewenden gehabt, wenn Frank - reich nichts weiter als ſich von ihm losgeriſſen haͤtte.

Aber indeß war der allgemeine Krieg ausgebrochen, der die Lage von Europa ſo von Grund aus umwandeln ſollte.

Mit jener unwiderſtehlichen Wuth, einer Miſchung von Enthuſiasmus, Begierde und Schrecken, die in dem innern Kampfe entwickelt worden, ergoß ſich die revolutio - naͤre Gewalt auch uͤber die franzoͤſiſchen Grenzen.

Was ſie beruͤhrte, Belgien, Holland, das uͤberrheini - ſche Deutſchland, wo gerade die geiſtliche Verfaſſung ihren vornehmſten Sitz hatte, wandelte ſie auf eine ihr analoge Weiſe um: durch den Feldzug von 1796 ward ſie Meiſte -2)unter Pius VI. hat B. VII, p. 32 ein Capitel uͤber den Antheil der Janſeniſten an der neuen Verfaſſung, das aber ſehr ſchwach aus - gefallen iſt.208Buch VIII. Spaͤtere Epochen.rin auch in Italien: allenthalben erhoben ſich die revolu - tionaͤren Staaten; ſchon bedrohte ſie den Papſt in ſeinem Staate, in ſeiner Hauptſtadt.

Ohne eigentlich thaͤtige Theilnahme hatte er ſich nur mit dem Gewicht ſeiner geiſtlichen Waffen auf der Seite der Coalition gehalten. Aber vergeblich machte er dieſe ſeine Neutralitaͤt geltend1)Authentiſche Geſchichte des franzoͤſiſchen Revolutionskrieges in Italien 1797. Der Papſt hatte erklaͤrt, die Religion verbiete ei - nen Widerſtand, der Blutvergießen veranlaſſen koͤnnte.. Seine Landſchaften wurden uͤber - zogen, zur Empoͤrung gereizt; unerſchwingliche Lieferungen und Abtretungen wurden ihm auferlegt, wie noch nie einem ſeiner Vorgaͤnger2)In den Mémoires historiques et philosophiques sur Pie VI et son pontificat tome II wird der Verluſt des roͤmiſchen Staa - tes auf 220 Mill. Livres berechnet.. Und damit war es noch nicht einmal gethan. Der Papſt war nicht ein Feind wie die andern. Waͤhrend des Krieges hatte er ſogar den Muth gefaßt die janſeniſtiſch-gallicaniſchen Doctrinen von Piſtoja durch die Bulle auctorem fidei zu verwerfen: die unnachgiebige Hal - tung, die er angenommen, jene ſeine verurtheilenden Bre - ven hatten noch immer auf das innere Frankreich eine große Wirkung: die Franzoſen forderten jetzt als Preis des Frie - dens den Widerruf derſelben, die Anerkennung der buͤrger - lichen Conſtitution.

Dazu aber war Pius VI. nicht zu bewegen. Es haͤtte ihm eine Abweichung von dem Grunde des Glaubens, ein Verrath an ſeinem Amte geſchienen, hierin nachzugeben3)Memoria diretta al principe della pace bei Tavanti: Fa - sti di Pio VI, tom. III, p. 335. S. Santità rimase stordita,. Er209Revolutionaͤres Zeitalter.Er erwiederte auf die Vorſchlaͤge, nachdem er Gott um ſeinen Beiſtand angerufen, inſpirirt, wie er glaube, von dem goͤttlichen Geiſte, weigere er ſich auf dieſe Bedingungen einzugehn.

Einen Augenblick ſchienen die revolutionaͤren Gewal - ten ſich zu beſcheiden es ward ein Abkommen getrof - fen auch ohne jene Zugeſtaͤndniſſe, aber nur einen Au - genblick. Von der Abſicht ſich von dem Papſt loszurei - ßen waren ſie ſchon zu dem Gedanken fortgeſchritten ihn geradehin zu vernichten. Das Directorium fand das Re - giment der Prieſter in Italien unvertraͤglich mit dem ſei - nigen. Bei dem erſten Anlaß, den eine zufaͤllige Bewe - gung in der Bevoͤlkerung gab, wurde Rom uͤberzogen, der Vatican beſetzt. Pius VI. bat ſeine Feinde, ihn hier, wo er gelebt, nun auch noch ſterben zu laſſen: er ſey ſchon uͤber 80 Jahr alt. Man antwortete ihm, ſterben koͤnne er uͤberall; man beraubte ſein Wohnzimmer vor ſeinen Augen; auch ſeine kleinſten Beduͤrfniſſe nahm man ihm weg; den Ring, den er trug, zog man von ſeinem Finger; endlich fuͤhrte man ihn nach Frankreich ab, wo er im Auguſt 1799 ſtarb.

In der That, es konnte ſcheinen, als ſey es mit der paͤpſtlichen Gewalt fuͤr immer aus. Jene Tendenzen kirch - licher Oppoſition, die wir entſtehn, ſich erheben ſahen, wa - ren jetzt dahin gediehen, eine ſolche Abſicht faſſen zu duͤrfen.

3)veggendo che si cercava di traviare la sua conscienza per dare un colpo il più funesto alla religione.

Päpſte** 14210Buch VIII. Spaͤtere Epochen.

Es traten Ereigniſſe ein die das doch verhinderten.

Einmal hatte die Revolution noch nicht die ganze ka - tholiſche Welt uͤberwunden: der Tod des Papſtes fiel gerade in eine Zeit, in welcher die Coalition wieder einmal Siege erfocht. Hiedurch ward es moͤglich, daß die Cardinaͤle in S. Giorgio bei Venedig ſich verſammeln und zur Wahl eines Papſtes, Pius des VII, ſchreiten konnten (13. Merz 1800).

Sodann aber nahm die innere Entwickelung der re - volutionaͤren Tendenzen nach ſo vielen im Sturme des drin - genden Momentes vollzogenen Metamorphoſen eine Wen - dung zur Monarchie. Ein Gewalthaber trat auf, der die Idee eines Reiches in ſich trug, zu dem er, wie ſo vieler andern Formen der alten Staaten, vor allem der Einheit der Religion, hierarchiſcher Unterordnung bedurfte. Noch auf dem Schlachtfelde von Marengo ordnete Napoleon den Biſchof von Vercelli ab, um Verhandlungen uͤber die Her - ſtellung der katholiſchen Kirche mit dem Papſte anzuknuͤpfen.

Ein Anerbieten, das zwar etwas uͤberaus Reizendes, aber doch auch viel Gefaͤhrliches hatte. Die Herſtellung der katholiſchen Kirche in Frankreich und ihrer Verbindung mit dem Papſte konnte nur durch außerordentliche Nach - giebigkeiten erkauft werden.

Pius VII. entſchloß ſich zu denſelben. Er erkannte die Veraͤußerung der geiſtlichen Guͤter einen Verluſt von vierhundert Millionen Franken in liegenden Gruͤnden auf einmal an; ſein Beweggrund war, wie er ſich aus druͤckt: es wuͤrden neue Unruhen ausbrechen, wenn er ſich weigern wollte, er ſey aber vielmehr geſonnen ſo weit zu211Revolutionaͤres Zeitalter.gehn, als die Religion nur irgend erlaube; eine neue Organiſation der franzoͤſiſchen Geiſtlichkeit, die nun beſol - det und von der Regierung ernannt wurde, gab er zu; er war zufrieden, daß ihm das Recht der canoniſchen Inſtitu - tion in demſelben Umfange, und ohne Beſchraͤnkung des Rechtes der Verweigerung, zuruͤckgegeben wurde, wie es die fruͤhern Paͤpſte beſeſſen1)Lettera apostolica in forma di breve bei Piſtoleſi: Vita di Pio VII, tom. I, p. 143, mit einer durchgaͤngigen Verglei - chung der Abweichungen der Publication, wie ſie in Frankreich ge - ſchah..

In der That erfolgte nun hierauf die Herſtellung des Katholicismus in Frankreich, eine neue Unterwerfung die - ſes Landes unter die geiſtliche Autoritaͤt. Der Papſt war entzuͤckt, daß die Kirchen von Profanationen gereinigt, die Altaͤre wieder aufgerichtet, die Fahne des Kreuzes aufs neue ausgebreitet, geſetzmaͤßige Hirten dem Volke vorgeſetzt, ſo viele vom rechten Wege verirrte Seelen zur Einheit zu - ruͤckgefuͤhrt, mit ſich ſelbſt und mit Gott verſoͤhnt ſeyen. Wie viele Motive , ruft er aus, zur Freudigkeit und zum Danke!

Durfte man ſich aber wohl uͤberreden, daß mit dem Concordat von 1801 auch zugleich eine innige Vereinigung der alten geiſtlichen Gewalt und des revolutionaͤren Staa - tes vollzogen worden ſey?

Es waren Conceſſionen beider Theile; ihnen zum Trotz blieb ein jeder auf ſeinem Principe beharren.

Der Reſtaurator der katholiſchen Kirche in Frankreich trug unmittelbar darnach das Meiſte dazu bei, daß das14*212Buch VIII. Spaͤtere Epochen.ſtolze Gebaͤude der deutſchen Kirche endlich voͤllig umge - ſtuͤrzt wurde, ihre Beſitzthuͤmer und Herrſchaften an die weltlichen Fuͤrſten, gleichviel ob an die proteſtantiſchen oder katholiſchen, gelangten. Am roͤmiſchen Hofe war man dop - pelt und dreifach betroffen. Nach den alten Decretalen habe die Ketzerei den Verluſt der Guͤter nach ſich gezogen, jetzt muͤſſe die Kirche zuſehen, daß ihre eigenen Guͤter an die Ketzer vertheilt wuͤrden. 1)Inſtruction an einen Nuntius zu Wien leider ohne Da - tum, wahrſcheinlich von 1803 bei Daunou: Essai II, p. 318..

Und indeß war auch fuͤr Italien ein Concordat im Sinne des franzoͤſiſchen entworfen; der Papſt mußte auch hier den Verkauf der geiſtlichen Guͤter genehmigen, die Be - ſetzung der Stellen der weltlichen Gewalt uͤberlaſſen; ja dieſem Uebereinkommen wurden ſogleich ſo viel neue be - ſchraͤnkende Beſtimmungen einſeitig hinzugefuͤgt, daß Pius VII. unter dieſen Umſtaͤnden ſich weigerte es zu publi - ciren2)Coppi: Annali d’Italia tom. III, p. 120..

Vor allem aber machte Napoleon in Frankreich ſelbſt die Rechte der Staatsgewalt gegen die Kirche auf das eif - rigſte geltend; die Declaration von 1682 betrachtete er als ein Grundgeſetz des Reiches, und ließ ſie in den Schulen erlaͤutern; auch er wollte keine Geluͤbde, keine Moͤnche; die Verordnungen uͤber die Ehe, welche fuͤr ſein buͤrgerliches Ge - ſetzbuch angenommen wurden, widerſtritten den katholiſchen Principien uͤber ihre ſacramentale Bedeutung; die organi - ſchen Artikel, die er dem Concordat von allem Anfang hin - zufuͤgte, waren durchaus in antiroͤmiſchem Sinne.

213Revolutionaͤres Zeitalter.

Als der Papſt trotz alle dem ſich entſchloß, auf die Bitten des Kaiſers, uͤber die Alpen zu gehn und ihn zu kroͤnen, ſo war ſein vornehmſter Beweggrund, daß er, wie viel oder wie wenig man nun auch von der franzoͤſiſchen Seite dazu beigetragen haben mag, ſich mit der Hoffnung ſchmeichelte etwas zum Vortheil der katholiſchen Kirche auszurichten, das angefangene Werk zu vollenden 1)Allocutio habita in consistorio secreto 29 oct. 1804. Italieniſch bei Piſtoleſi: Vita di Pio VII, tom I, p. 193.. Er rechnete dabei auf den Einfluß perſoͤnlicher Unterredungen. Er nahm den Brief Ludwigs XIV. an Innocenz XII. mit, um Napoleon zu uͤberzeugen, daß ſchon dieſer Koͤnig die Declaration von 1682 wieder habe fallen laſſen.

Aber wie ſehr ſah er ſich getaͤuſcht. Gleich bei dem Acte der Kroͤnung nahm man an ihm eine tiefe Melan - cholie wahr. Von alle dem was er wuͤnſchte und beab - ſichtigte, erreichte er nicht das Mindeſte. Ja eben dieß war der Moment, in welchem ſich die Abſichten des Kai - ſers in vollem Umfange enthuͤllten.

Die conſtituirende Verſammlung hatte ſich von dem Papſt loszureißen geſucht: das Directorium haͤtte ihn zu vernichten gewuͤnſcht; Bonaparte’s Sinn war, ihn zu be - halten, aber zugleich ihn zu unterjochen, ihn zu einem Werkzeuge ſeiner Allgewalt zu machen.

Ohne Umſchweif erklaͤrte er jetzt, er ſey, wie ſeine Vorfahren von der zweiten und dritten Dynaſtie, der aͤl - teſte Sohn der Kirche, der das Schwert fuͤhre um ſie zu beſchuͤtzen, und nicht dulden koͤnne, daß ſie mit Ketzern214Buch VIII. Spaͤtere Epochen.oder Schismatikern, wie die Ruſſen und Englaͤnder, in Ge - meinſchaft ſtehe. Beſonders liebte er es, ſich als den Nach - folger Carls des Großen zu betrachten. Er nahm an, der Kirchenſtaat ſey eine Schenkung Carls an den Papſt, aber eben darum liege dieſem die Verpflichtung ob, ſich nicht von der Politik des Kaiſerthums zu trennen: auch er werde das nicht dulden1)Schoell Archives historiques et politiques II et III ent - halten die ganze Correſpondenz der paͤpſtlichen und kaiſerlichen Regie - rung in dieſer Epoche..

Der Papſt war erſtaunt uͤber die Zumuthung, die Feinde eines Andern als ſeine Feinde betrachten zu ſollen. Er erwiederte, er ſey der allgemeine Hirte, der Vater Aller, der Diener des Friedens, ſchon eine ſolche Forderung er - fuͤlle ihn mit Entſetzen: er muͤſſe Aaron ſeyn, der Pro - phete Gottes, nicht Ismael, deſſen Hand wider Jedermann und Jedermanns Hand wider ihn.

Napoleon aber ging geradeswegs auf ſein Ziel los. Er ließ Ancona, Urbino beſetzen, nachdem ſein Ultimatum, worin er unter andern die Ernennung eines Drittheils der Cardinaͤle in Anſpruch nahm, verworfen war, ſeine Trup - pen nach Rom vorruͤcken: die Cardinaͤle, die ihm nicht ge - wogen waren, wurden verwieſen, zweimal der Staatsſe - cretaͤr des Papſtes; da aber alles dieß keine Wirkung auf Pius VII. machte, ward auch ſeine Perſon nicht geſchont; auch er ward aus ſeinem Pallaſt und ſeiner Hauptſtadt ab - gefuͤhrt. Ein Senatusconſult ſprach dann die Vereinigung des Kirchenſtaates mit dem franzoͤſiſchen Reiche aus. Die weltliche Souveraͤnetaͤt ward fuͤr unvereinbar mit der Aus -215Revolutionaͤres Zeitalter.uͤbung geiſtlicher Gerechtſame erklaͤrt; der Papſt ſollte in Zukunft auf die vier gallicaniſchen Saͤtze foͤrmlich verpflich - tet werden: er ſollte Einkuͤnfte aus liegenden Gruͤnden be - ziehen, ungefaͤhr wie ein Lehentraͤger des Reiches: der Staat wollte die Koſten des Cardinalcollegiums uͤbernehmen1)Thibaudeau: Histoire de la France et de Napoléon. Em - pire tom. V, p. 221..

Ein Plan, wie man ſieht, der die geſammte kirchliche Gewalt dem Reiche unterworfen und ſie wenigſtens mittel - bar in die Haͤnde des Kaiſers gebracht haben wuͤrde.

Wie wollte es aber gelingen, was doch unerlaͤßlich war, auch den Papſt zur Einwilligung in dieſe Herabwuͤr - digung zu vermoͤgen. Pius VII. hatte den letzten Moment ſeiner Freiheit benutzt, um die Excommunication auszu - ſprechen. Er verſagte den Biſchoͤfen, die der Kaiſer er - nannte, die canoniſche Inſtitution. Napoleon war nicht ſo vollkommen Herr ſeines Clerus, daß er nicht bald von der einen, bald von der andern, auch wohl von der deut - ſchen Seite her Ruͤckwirkungen hievon empfunden haͤtte.

Aber eben dieſer Widerſtand diente zuletzt dazu, den Papſt zu uͤberwaͤltigen. Die Folgen davon fielen dem kirchlichen Oberhaupte, das ein Mitgefuͤhl mit dem innern Zuſtande der Kirche hatte, um vieles ſchmerzlicher als dem weltlichen, dem ja die geiſtlichen Dinge nur ein Mittel der Macht waren, in ſich ſelbſt gleichguͤltig.

In Savona, wohin man den Papſt gebracht, war er einſam, auf ſich ſelbſt beſchraͤnkt, ohne Rathgeber. Durch lebhafte und faſt uͤbertriebene Vorſtellungen, von der Ver - wirrung der Kirche, welche ſeine Verweigerung der In -216Buch VIII. Spaͤtere Epochen.ſtitution nach ſich ziehe, ward der gute Menſch wirklich vermocht, obwohl unter bittern Schmerzen und heftigem Straͤuben, dieſes Recht doch eigentlich aufzugeben. Denn was heißt es anders, wenn er es den Metropolitanen uͤber - traͤgt, ſo oft als er ſelbſt aus einem andern Grunde als wegen perſoͤnlicher Unwuͤrdigkeit laͤnger als ſechs Monat zoͤgere es auszuuͤben. Er verzichtete auf ein Recht, worin doch in Wahrheit ſeine letzte Waffe beſtand.

Allein das war noch nicht alles was man von ihm wollte. In ungeduldiger Eile, die ſeine koͤrperliche Schwach - heit noch vermehrte, fuͤhrte man ihn nach Fontainebleau: es folgten neue Beſtuͤrmungen, die dringendſten Aufforderungen den Frieden der Kirche vollkommen herzuſtellen. Endlich gab der Papſt auch in den uͤbrigen, den entſcheidenden Punk - ten nach. Er willigte ein, in Frankreich zu reſidiren; die weſentlichſten Beſtimmungen jenes Senatusconſults gab er zu. Das Concordat von Fontainebleau 25. Januar 1813 iſt in der Vorausſetzung abgefaßt, daß er nicht wieder nach Rom zuruͤckkehren werde1)Bart. Pacca: Memorie storiche del ministero de due viaggi in Francia etc. p. 323. Hiſtoriſch politiſche Zeitſchrift I, IV, 642..

Was niemals ein fruͤherer katholiſcher Fuͤrſt auch nur ernſtlich in Abſicht zu faſſen gewagt hatte, war hiemit dem Autokraten der Revolution wirklich gelungen. Der Papſt willigte ein, ſich dem franzoͤſiſchen Reiche zu unterwerfen. Seine Autoritaͤt waͤre auf alle Zeiten ein Werkzeug in der Hand dieſer neuen Dynaſtie geworden: ſie haͤtte den innern Gehorſam und die Verhaͤltniſſe der Abhaͤngigkeit der noch217Revolutionaͤres Zeitalter.nicht unterworfenen Staaten zu befeſtigen gedient. In ſo - fern wuͤrde das Papſtthum in die Stellung zuruͤckgekom - men ſeyn, in die es unter den deutſchen Kaiſern in der Fuͤlle ihrer Macht, vornehmlich unter dem Salier Hein - rich III. gerathen war. Aber noch bei weitem ſchwerere Feſſeln haͤtte es getragen. In der Macht, die den Papſt jetzt beherrſcht haͤtte, lag etwas, das dem Principe der Kirche widerſprach; ſie war doch im Grunde nur eine andre Metamorphoſe jenes Geiſtes der kirchlichen Oppoſition, der ſich im achtzehnten Jahrhundert entwickelt hatte, und eine ſo ſtarke Hinneigung zu eigentlichem Unglauben in ſich trug. Dieſer feindſeligen Gewalt waͤre das Papſtthum unterwor - fen geweſen, und bei ihr zu Lehen gegangen.

Jedoch es war nicht beſtimmt, daß es ſo weit kom - men ſollte.

Als ſich der Papſt in der Einſamkeit ſeiner Gefangen - ſchaft, wo ihm keine Kunde der Weltereigniſſe zukam, end - lich bewegen ließ ſich zu beugen, war das gewaltige Reich, deſſen hierarchiſchen Mittelpunkt er ausmachen ſollte, ſchon in ſeiner letzten, groͤßten Unternehmung, gegen Rußland, ge - ſcheitert, und durch alle die Folgen, die daraus entſpran - gen, in ſeiner Tiefe erſchuͤttert. Europa faßte die bei - nahe aufgegebene Hoffnung ſich zu befreien. Als der Papſt, zu dem in Folge ſeiner Unterwerfung einige Cardi - naͤle zuruͤckkehren durften, von dieſer Lage der Dinge un - terrichtet ward, kehrte das Vertrauen auch in ihm zuruͤck:218Buch VIII. Spaͤtere Epochen.er athmete wieder auf: jeden Fortſchritt der verbuͤndeten Maͤchte fuͤhlte er als einen Act der Befreiung.

Als ſich Preußen erhob, kurz darauf nachdem der Auf - ruf des Koͤnigs erſchienen, ermannte ſich Pius VII. zu einem Widerrufe jenes Concordates; als der Congreß von Prag verſammelt war, wagte er ſchon ſeinen Blick uͤber die Grenzen des Reichs, das ihn umfaßt hielt, zu er - heben, und ſeine Rechte dem Kaiſer von Oeſtreich in Er - innerung zu bringen. Nach der Schlacht bei Leipzig hatte er wieder ſo viel Zuverſicht, daß er den Antrag, den man ihm jetzt machte, ihm ſein Land zum Theil zuruͤckzugeben, von der Hand wies; nachdem die Verbuͤndeten uͤber den Rhein gegangen, erklaͤrte er, nicht mehr unterhandeln zu wollen, ehe nicht ſeine vollkommene Herſtellung erfolgt ſey. Auf das raſcheſte entwickelten ſich die Ereigniſſe; als die Verbuͤndeten Paris eroberten, war er bereits an den Grenzen des Kirchenſtaates angelangt; am 24. Mai 1814 zog er wieder in Rom ein. Er bekam auch die Legatio - nen zuruͤck, die er noch nie beſeſſen: alle verjagten Fuͤrſten um ihn her kehrten wieder: eine allgemeine Wiederbrin - gung ſchien einzutreten.

Es liegt aber am Tage, daß die innere Gaͤhrung der Gemuͤther, die ſo tief eingedrungen und ſchon ſo lange herrſchte, damit nicht beruhigt ſeyn konnte. Die ſiegrei - chen Maͤchte hatten weder Neigung noch Faͤhigkeit, Nor - men fuͤr die politiſchen, geſchweige denn fuͤr die religioͤſen Einrichtungen der wieder hergeſtellten Staaten feſtzuſetzen. Auch iſt die katholiſche Welt, mit Ausnahme einiger deut - ſchen Gebiete, in unaufhoͤrlicher ſtuͤrmiſcher Gaͤhrung ge -219Revolutionaͤres Zeitalter.blieben. Auf der pyrenaͤiſchen Halbinſel und ihren Colo - nien, in Italien, den Kirchenſtaat nicht ausgenommen, in Frankreich, Belgien, Irland, Polen iſt mehr als einmal die ganze Ordnung der Dinge in Frage geſtellt worden; und unter dieſen Bewegungen gibt es wohl keine, bei der nicht religioͤſe Motive mitgewirkt haͤtten, oder doch ſofort zur Sprache gekommen waͤren. Auf der einen Seite hat man die alte Kirche mit ihren politiſchen Berechti - gungen wieder aufzurichten, Jeſuiten, Inquiſition wieder herzuſtellen geſucht: auf der andern hat man nun erſt an - gefangen die Kloͤſter aufzuheben, die geiſtlichen Guͤter zu verkaufen, die Autoritaͤt des Papſtes anzugreifen. Wir nehmen nicht wahr, daß der roͤmiſche Hof einen weſent - lichen und wirkſamen Einfluß hiegegen auszuuͤben ver - moͤchte: ſchon genug, daß man wenigſtens bisher noch zu keinem entſchiedenern Abfall von ihm geſchritten iſt.

Wohin wuͤrde es aber gekommen ſeyn, wenn nicht die noͤrdlichen Maͤchte, die den Sieg erfochten, Widerſtand geleiſtet, und die allgemeinen Verhaͤltniſſe, auf denen zu - letzt alles beruht, aufrecht erhalten haͤtten.

Aufs neue iſt das Papſtthum in eine ſehr ſonderbare der kirchlichen Idee, vor allem den Beſtrebungen unſrer Reſtaurationsepoche widerſprechende Stellung gerathen.

In den anderthalb Jahrhunderten, die wir hier in kurzem Ueberblick zuſammengefaßt haben, iſt es unaufhoͤr - lich bekaͤmpft, beſtuͤrmt, in ſeiner Gewalt beſchraͤnkt, end - lich ſogar bis nahe an eine vollkommene Unterwerfung, bis zur Einwilligung in ſeine Dienſtbarkeit gebracht worden: noch heute iſt es jeden Augenblick bedroht und mit Ge -220Buch VIII. Spaͤtere Epochen.fahren umgeben. Wer ſind die, welche es angreifen? Es ſind allein die Katholiſch-glaͤubigen ſelbſt. Durch je - nen Verfall der reſtaurirten Kirche, der ſich in der zwei - ten Haͤlfte des ſiebzehnten Jahrhunderts erkennen ließ, iſt im Schooße derſelben eine Entzweiung hervorgerufen wor - den, die ſeitdem in immer wiederholten Ausbruͤchen den Oberhirten beſchaͤftigt und bedraͤngt. Wer hat dagegen das Papſtthum von jeher geſtuͤtzt, ihm ſeinen Ruͤckhalt gegeben, es zuletzt aus offenbarer Knechtſchaft befreit? Es iſt immer eine Vereinigung aller Bekenntniſſe geweſen, her - vorgegangen aus politiſchen Geſichtspunkten, aus Wider - willen gegen eine die allgemeine Freiheit gefaͤhrdende Ueber - macht. Wir ſahen, an welche Staaten ſich Innocenz XI. in ſeinen Streitigkeiten mit Ludwig XIV. anſchloß. Als die Jeſuiten von den bourboniſchen Hoͤfen dem Untergange geweiht waren, fanden ſie im Norden, in Rußland und Preußen Gnade und Schutz; daß ſich die Hoͤfe im Jahre 1758 Avignons und Benevents bemaͤchtigten, brachte eine politiſche Aufregung in England hervor. Niemals aber iſt dieß Verhaͤltniß großartiger hervorgetreten als in den letz - ten Ereigniſſen. Es war der Bund der vier großen Maͤchte, des katholiſchen Oeſtreich mit den germaniſchen Proteſtan - ten deutſcher und anglicaniſcher Confeſſion und den grie - chiſch-glaͤubigen Slaven, durch welchen der Papſt in ſei - ner groͤßten Bedraͤngniß errettet, und in ſeine geiſtliche wie ſeine weltliche Autoritaͤt wiederhergeſtellt worden iſt; auf der Ordnung der Dinge, die in den Zeiten ihres Sie - ges ſich gleichſam von ſelbſt einfuͤhrte, und die ſeitdem er - halten worden iſt, beruht ſeine heutige Bedeutung.

221Revolutionaͤres Zeitalter.

Hiedurch iſt nun nothwendig in dem Verhaͤltniß des Papſtthums zu den Proteſtanten, welches uns in dieſem Buche beſchaͤftigt hat, eine abſchließende Veraͤnderung ein - getreten. Es hat ſich gleichſam gerechtfertigt, daß Paul III, Urban VIII. in den gefaͤhrlichſten Momenten, die der Pro - teſtantismus zu beſtehn hatte, ihm wenigſtens mittelbar zu Huͤlfe gekommen ſind. Wie koͤnnte der roͤmiſche Stuhl aber jetzt daran denken, den Nichtkatholiken einen ernſtli - chen Krieg zu machen, nachdem ſie einen ſo großen Antheil daran genommen ihn wider die revolutionaͤren Tendenzen aufrecht zu erhalten. Obwohl die Natur dieſer Verhaͤltniſſe vielleicht nicht in jedem Augenblicke das Bewußtſein erfuͤllt, ſo beherrſchen ſie doch die Lage der Welt. Der Papſt hat mit den proteſtantiſchen Fuͤrſten nicht anders Concordate abgeſchloſſen als mit den katholiſchen, und ihnen kirchliche Befugniſſe eingeraͤumt. Kam doch ſchon ſeine Entzweiung mit Napoleon zunaͤchſt daher, daß er ſich nicht entſchlie - ßen wollte, mit ihm gemeinſchaftliche Sache wider das pro - teſtantiſche England zu machen. Auch unter dem proteſtan - tiſchen Scepter wohnen die Katholiken in vollkommener Si - cherheit, Glaubensfreiheit und gleicher Berechtigung. In England, wo die Staatsverfaſſung urſpruͤnglich auf die ausſchließende Herrſchaft der Proteſtanten gegruͤndet iſt, hat man ſich endlich zu Modificationen in dieſem Grund - ſatze verſtehn muͤſſen. Daß die religioͤſen Meinungsver - ſchiedenheiten nicht mehr einen ſo vollſtaͤndigen Gegenſatz in ſich ſchließen wie ehedem, iſt ein Moment der Welt - entwickelung, der dieß gebieteriſch erheiſcht1)Eins der vornehmſten Motive Pitts bei ſeinen Emancipa -.

222Buch VIII. Spaͤtere Epochen.

Aus dieſen Verhaͤltniſſen, dieſem Gange der Dinge geht aber auch ſchon eine weitere Wahrnehmung hervor.

Der Friede iſt geſchloſſen: die Umſtaͤnde haben ihn herbeigefuͤhrt. Nach der Betrachtung der jahrhundertlan - gen Entzweiung, welche die Seele mit Schmerz erfuͤllt, erhebt ſie ſich zur Ausſicht der Verſoͤhnung, des Ver - ſtaͤndniſſes.

Wie iſt, wenn nicht uͤberall in den Schulen, doch deſto unzweifelhafter im Leben, die Heftigkeit der fruͤhern Polemik zuruͤckgewichen, aufgegeben worden! Nicht durch bloße Gleichguͤltigkeit iſt es geſchehen: es waͤre ein Irrthum dieß anzunehmen; es iſt augenſcheinlich, daß man auf beiden Seiten angefangen hat, immer bewußter, eindringender, freier von den Feſſeln beſchraͤnkender Kir - chenformeln auf die ewigen Principien der echten innern Religioſitaͤt zuruͤck zu gehn. Unmoͤglich kann das ohne Folgen bleiben. Die vollkommenere Auffaſſung des Gei - ſtig-poſitiven, das allen Formen zu Grunde liegt, und durch keine in ſeinem ganzen Inhalte auszuſprechen waͤre,1)tionsverſuchen. Mr Pitt is convinced, heißt es in ſeinem Schrei - ben an Georg III. 31. Jan. 1801 that the grounds on which the laws on exclusion now remaining were founded, have long been narrowed, that those principles, formerly held by the catholics which made them be considered as politically dan - gerous, habe been for a course of time gradually declining, that the political circumstances under which the exclusive laws originated, arising from the conflicting power of hostile and nearly balanced sects and a division in Europe be - tween catholic and protestant powers are no longer applicable to the present state of things.223Revolutionaͤres Zeitalter.muß endlich alle Feindſeligkeiten in einer hoͤheren Ein - heit verſoͤhnen. Auch den Unglauben muß ſie uͤberwin - den. An dem Minder weſentlichen mit unbeugſamer Starr - heit feſtzuhalten wuͤrde denſelben unaufhoͤrlich aufwecken: dem lebendigen Chriſtenthume in freier Darſtellung kann er auf die Laͤnge nicht widerſtehn. Ueber alle Gegen - ſaͤtze erhebt ſich die Einheit eines reinen und darum ſei - ner Sache nicht minder ſichern Gottesbewußtſeyns.

[224][225]

Anhang. Verzeichniß der benutzten Handſchriften, nachträgliche Auszüge und kritiſche Bemerkungen.

Päpſte ** 15[226][227]

Erſter Abſchnitt. Bis zum tridentiniſchen Concilium.

1. Ad S. Dm Nostrum Pontificem Maximum Nicolaum V confor - matio curie romane loquentis edita per E. S. oratorem Joseph. B. doctorem cum humili semper recommendatione. (1453.) Bibl. Vatic. nr. 3618.

Eine Klage uͤber die bekannte Verſchwoͤrung Stephan Porcaris, die nicht gerade naͤhere Nachrichten uͤber dieſelbe mittheilt, aber doch einige Momente der Lage der Dinge zur Anſchauung bringt. Ein - mal: worauf die Bauunternehmungen Nicolaus V. vorzuͤglich ab - zweckten: Arces fortificat muris turrimque superbam Extruit ne quisque tyrannus ab alma Quemque armis valeat papam depellere Roma. Wie oft hatten fruͤhere Paͤpſte ihre Stadt verlaſſen muͤſſen. Nico - laus baute, um ſich gegen innere und aͤußere Feinde vertheidigen zu koͤnnen.

Ferner das Verhaͤltniß von Rom zu andern italieniſchen Staͤdten: Si tu perquiris in omnibus illam (libertatem) urbibus Italiae, nullam mihi crede profecto invenies urbem quae sic majore per omnem libertate modum quam nunc tua Roma fruatur: omnis enim urbs dominis et bello et pace coacta praestita magna suis durasque gravata gabellas solvit, et interdum propriam desperat habere justitiam, atque ferox violentia civibus ipsis saepe fit, ut populus vario vexatus ab illis fasce sub hoc onerum pauper de divite fiat; at tua Roma sacro nec praestita nec similem vim nec grave vectigal nec pondera cogitur ulla solvere pontifici ni humiles minimasque gabellas:15*228Instructiones Sixti IV 1478.praeterea hic dominus tribuit justissimus almam justitiam cuicunque suam, violentaque nulli infert: hic populum prisco de paupere ditem efficit, et placida Romam cum pace gubernat. Er verdenkt es den Roͤmern, daß ſie nach der altroͤmiſchen Freiheit trachten. Auch iſt es ohne Zweifel gegruͤndet und hat zu den Er - werbungen des Kirchenſtaates viel beigetragen, daß die paͤpſtliche Gewalt milder war als die Herrſchaft ſtaͤdtiſcher Oberhaͤupter. Unſer Autor findet den Widerſtand der Buͤrger gegen die Kirche unver - zeihlich, die ihnen ſo viel geiſtliche und weltliche Guͤter gewaͤhre: quibus auri copia grandis argentique ferax aeternaque vita salusque provenit, ut nulli data gratia tam ardua genti. Dem Papſt wird der Rath gegeben, ſich noch mehr zu befeſtigen, nie ohne 300 Bewaffnete nach St. Peter zu gehn: dabei aber auch nach der Liebe der Einwohner zu trachten: die Armen zu unter - ſtuͤtzen, beſonders Arme von guter Herkunft, vitam qui mendi - care rubescunt ; succurre volentibus artes exercere bonas, quibus inclyta Roma nitescat; was nun Nicolaus dem V. ſchwerlich geſagt zu werden brauchte. Uebrigens iſt ſchon in der Vita Nicolai V a Dominico Georgio conscripta Romae 1742 p. 130 unſers Werkchens gedacht.

2. Instructiones datae a Sixto IV RR. PP. Dnis J. de Agnellis protonotario apostolico et Anto de Frassis s. palatii causarum auditori ad M. Imperatoris. 1 Decis 1478. Bibl. Altieri VII. G. 1. 99.

Die aͤlteſte Inſtruction, welche mir unter den Handſchriften die ich ſah vorgekommen iſt. Sie faͤngt an: Primo salutabunt Se - renissimum Imperatorem.

Am 26ſten April 1478 war der Anfall der Pazzi auf die Me - dici geſchehen. Ganz Italien war daruͤber in Bewegung. Eccle - sia justa causa contra Laurentium mota, clamant Veneti, clamat tota ista liga.

Die Geſandten ſollen den Kaiſer verhindern einem gewiſſen Ja - cob de Medio, den die Venezianer an den kaiſerlichen Hof abgeord - net, Glauben beizumeſſen. Est magnus fabricator et Cretensis: multa enim referebat suis quae nuncquam cogitaveramus neque dixeramus. Sie ſollen den Kaiſer um ſeine Vermittelung bitten. Der Koͤnig von Frankreich habe ſie angeboten, aber der Papſt moͤchte dieſe Ehre lieber dem Kaiſer zuwenden. Velit scribere regi Fran - ciae et ligae isti, ostendendo quod non recte faciunt et pa - rum existimant deum et honorem pontificis, et quod debent magis favere ecclesiae justitiam habenti quam uni mercatori, qui semper magna causa fuit quod non potuerunt omnia con - fici contra Turcum quae intendebamus parare, et fuit semper petra scandali in ecclesia dei et tota Italia.

229Relatione di Polo Capello 1500.

Die Sache war fuͤr den Papſt um ſo gefaͤhrlicher, da man be - abſichtigte, ſeinen weltlichen Anmaßungen mit einem Concilium zu begegnen. Petunt cum rege Franciae, concilium in Galliis ce - lebrari in dedecus nostrum.

Hiebei erinnern wir uns an den Verſuch, den man einige Jahre ſpaͤter allerdings machte, ein Concilium zu Stande zu bringen. Der Erzbiſchof von Kraina hat ſich dadurch einen gewiſſen Namen er - worben. Johann v. Muͤller hat demſelben in dem fuͤnften Bande der Schweizergeſchichte ein paar Seiten gewidmet (p. 286). Nur tritt in dieſer Darſtellung die weltliche Veranlaſſung nicht genugſam hervor. Der Cardinal Andreas war nicht ſo ganz geiſtlich, wie es bei Muͤller ſcheinen ſollte. Die Geſandten von Florenz und Mai - land ſuchen ihn in Baſel auf; ſie kommen im Namen der geſamm - ten Liga, die wider Sixtus im Felde ſtand. Sie finden in ihm, wir haben ihren Bericht, große Welterfahrung (gran pratica et ex - perientia del mundo) und einen heftigen Haß wider den Papſt und deſſen Neffen. E huomo per fare ogni cosa purche e tuffi el papa e’l conte. S. Baccius Ugolinus Laurentio Medici in Basilea a 20 Sept. 1482 bei Fabroni Vita Laurentii, II, 229. Wir ſehen, es iſt ſchon dieß eine geiſtliche Oppoſition der Fuͤrſten aus weltlichen Ruͤckſichten. Auch ſie hatten geiſtliche Waf - fen und ſetzten ſie denen des Papſtes entgegen.

3. Relatione fatta in pregadi per Polo Capello el cavalier venuto orator di Roma 1500 28 Sett. Archiv zu Wien.

Die erſte Relation eines venezianiſchen Geſandten uͤber den paͤpſt - lichen Hof, die ich gefunden. In dem venezianiſchen Archiv iſt ſie nicht vorhanden; es ſcheint, als ſeyen die Relationen damals noch nicht ſchriftlich eingegeben worden. Sie findet ſich in der Chronik des Sanuto, bei dem dasjenige uͤberhaupt verzeichnet iſt, was in dem Senate, den Pregadi, vorgetragen wurde.

Polo Capello verſpricht von vier Stuͤcken zu handeln: den Cardinaͤlen dem Verhaͤltniß (disposition) des Papſtes zu dem Koͤnig von Frankreich und zu Venedig den Abſichten (el desi - derio) S. H. von dem was ſich von ihm erwarten laſſe; aber wie dieſe Eintheilung nicht eben auf ſehr genauer Unterſchei - dung beruht, ſo haͤlt er ſich auch nicht daran.

Er bemerkt vornehmlich, daß weder Venedig noch Frankreich gut mit dem Papſte ſtehe: jenes, weil es einen Theil des Mailaͤn - diſchen an ſich gebracht, weil man fuͤrchte, es nehme noch ganz Italien ein; dieß aber, weil der Koͤnig dem Papſt ſeine Zuſagen nicht halte. Wir finden hier die Bedingungen des Bundes zwiſchen Koͤnig und Papſt vom Jahre 1498. Der Papſt gewaͤhrte dem Koͤnig die Dispenſation zur Scheidung von ſeiner Gemahlin. Da - fuͤr verſprach der Koͤnig dem Sohne des Papſtes Ceſar Borgia ei - nen Staat von 28000 Franken Einkuͤnften, eine Gemahlin aus koͤniglichem Gebluͤt (Navarra?), und Verzichtleiſtung auf eine eigene neapolitaniſche Unternehmung außer zu Gunſten der Borgia, del230Polo Capello Bel. 1500.regno di Napoli non se impazzar se non in ajutar il papa. So daß wir ſehen, der Papſt hatte ſchon damals ſelbſt eine Abſicht auf Neapel. Allein dieſe Verſprechungen wurden nicht gehalten. Die Vermaͤhlung, die Ceſarn gewaͤhrt wurde, war nicht ganz nach Wunſch; der Papſt bequemte ſich, zur Sicherheit der Mitgift ſelbſt eine Beſitzung von 12000 Franken zu erkaufen, aber die junge Ge - mahlin blieb in Frankreich. Nur die Uebermacht des Koͤnigs hielt den Papſt in Pflicht. Quando il Sr Lodovico intrò in Milan, ſagt Capello ſehr bezeichnend, publice diceva (il papa) mal del roy. Cr war entruͤſtet, daß ihm die Franzoſen nicht zur Verja - gung der Bentivogli von Bologna die Hand hatten bieten wollen.

Fuͤhrt uns nun dieſe Stelle beſſer in das innere Getriebe der damaligen paͤpſtlichen Politik, ſo folgt alsdann eine Schilderung der Perſoͤnlichkeiten, die von vielem Werth iſt.

Der Autor kommt zuerſt auf den Tod des Schwiegerſohnes Alexanders VI. Ceſar hatte ihn bereits verwundet. Per dubio mandò a tuor medici di Napoli: ste 33 ammalato, et il cl Ca - pua lo confessò, e la moglie e sorella, ch’è moglie del prin - cipe di Squillaci altro fiol di papa, stava con lui et cusinava in una pignatella per dubio di veneno per l’odio li haveva il du - cha di Valentinos, et il papa li faceva custodir per dubio esso ducha non l’amazzasse, e quando andava il papa a visitarlo, il ducha non vi andava se non una volta e disse: quello non è fatto a disnar si farà a cena. Or un zorno, fo a 17 avo - sto, intrò in camera, che era za sublevato, e fe ussir la moglie e sorella: li tre (?) michieli cussi chiamati, estrangolò ditto zovene.

Il papa ama et ha gran paura del fiol ducha, qual è di anni 27, bellissimo di corpo e grande, ben fatto e meglio che re Ferandin (der letzte Koͤnig von Neapel, Ferdinand d. j., der fuͤr beſonders ſchoͤn galt): amazzò 6 tori salvadegi combatendo a ca - vallo a la zaneta, et a uno li taiò la testa a la prima bota, cosa che paresse a tutta Roma grande. E realissimo, imo prodego, e il papa li dispiace di questo. Et alias amazzò sotto il manto del papa M. Peroto, adeo il sangue li saltò in la faza del papa, qual M. Peroto era favorito dal papa. Etiam amazzò il fratello ducha di Gandia e lo fe butar nel Tevere. Tutta Roma trema di esso ducha non li faza amazzar.

In dem Leben Leos X. hat Roscoe verſucht, das Andenken der Lucrezia Borgia von den ſchaͤndlichen Beſchuldigungen zu befreien, die man auf ſie gehaͤuft hat. Den Anklagen uͤber ihre fruͤhere Zeit hat er eine Menge guͤnſtiger Zeugniſſe aus der ſpaͤtern entgegenge - ſetzt. Gleich der deutſche Herausgeber ſeines Buches iſt dadurch aber doch nicht uͤberzeugt worden. Seine Meinung iſt, ſie habe ſich erſt nachher gebeſſert. Unſere Relation iſt auch dadurch merkwuͤrdig, daß ſie ein guͤnſtiges Zeugniß fuͤr Lucrezia aus der fruͤhern Zeit mit - theilt. Sie ſagt: Lucrezia la qual è savia e liberal. Ceſar Bor - gia war eher ihr Feind als ihr Liebhaber. Er nahm ihr Sermo - neta, das ſie von dem Papſt erhalten; er ſagte, ſie ſey ein Weib, ſie wiſſe es doch nicht zu behaupten: è donna, non lo potrà man - tenir.

231Il successo de la morte di Alex. VI.

4.

Unter den mancherlei Documenten, die ſich im fuͤnften Bande des Sanuto finden, ſchien mir folgendes das wichtigſte: Questo è il successo de la morte di papa Alexandro VI.

Hessendo el cl datario d̅n̅o̅ Arian da Corneto stato richie - sto dal pontefice chel voleva venir a cena con lui insieme con el duca Valentinos a la sua vigna et portar la cena cum S. Sta, si imagino esso cardinal questo invito esser sta ordinado per darli la morte per via di veneno per aver il duca li soi da - nari e beneficii, per esser sta concluso per il papa ad ogni modo di privarlo di vita per aver il suo peculio, come ho ditto, qual era grande, e procurando a la sua salute penso una sola cosa poter esser la via di la sua salute. E mando captato tp̅i̅o̅ (tempo) a far a saper al schalcho del pontefice chel ge ve - nisse a parlar, con el qual havea domestichezza. El qual ve - nuto da esso cdl, se tirono tutti do in uno loco secreto, dove era preparato duc. X m. d’oro, e per esso cl fo persuaso ditto schalcho ad acetarli in dono e galderli per suo amor. El qual post multa li accepto, e li oferse etiam il resto di la sua fa - culta, perche era richissimo cardl, a ogni suo comando, perche li disse chel non poteva galder detta faculta se non per suo mezo, dicendo: vui conoscete certo la condition del papa, et io so chel ha deliberato col ducha Valentinos ch’io mora e questo per via di esso scalcho per morte venenosa, pregandolo di gra - tia che voia haver pieta di lui e donarli la vita. Et dicto que - sto, esso scalcho li dichiari il modo ordinato de darli il ve - neno a la cena, e si mosse a compassione promettendoli di preservarlo. Il modo era chel dovea apresentar dapoi la cena tre schatole di confecion in taola, una al papa, una al dto cardl et una al ducha, et in quella del cardl si era il veneno. E cussi messe ditto cardl ordine al prefato scalcho del modo che dovea servar, e far che la scutola venenata, dovea aver esso cardl, di quella il papa manzasse e lui si atosegaria e moriria. E cussi venuto il pontefice a la cena al zorno dato l’hordine col ducha preditto, el prefato cl se li butto a li piedi brazzandoli et stret - tissimamente baxandoli, con affectuosissime parole supplicando a S. Sta, dicendo, mai di quelli piedi si leveria si S. Beat. non li concedesse una gratia. Interrogato del pontefice, qual era facendo instanza se levasse suso, esso cl respondeva chel vo - leva aver la gratia el dimanderia et haver la promessa di far - gela da S. Sta. Hor dapoi molta persuasion, il papa stete as - sai admirativo vedendo la perseverantia del dto cle e non si vo - ler levar, e li promisse di exaudirlo: al qual cardl sublevato disse: patre santo, non e conveniente che venendo il signor a caxa del servo suo, dovesse el servo parimente confrezer (?) con el suo signor, e perho la gratia el dimandava era questa zusta e honesta che lui servo dovesse servir a la mensa di S. Sta, e il papa li fece la gratia. E andato a cena al hora de -232Polo Capello Rel. 1510.bita di meter la confecion in tavola, fo per il scalcho posto la confezion avenenata ne la scutola secondo el primo ordine li ha - vea dato il papa, et il cl hessendo chiaro in quella non vi es - ser venen li fece la credenza di dicta scatola e messe la vene - nata avante il papa, e S. S. fidandosi del suo scalcho e per la credenza li fece esso cl, judico in quella non esser veneno e ne manzo allegramente, e del altra, chel papa fusse avenenata si credeva e non era, manzo ditto cl. Hor al hora solita a la qualita del veneno sua Sta comenzo a sentirlo e cussi sen’e morto: el cardl, che pur haveva paura, se medicino e vomito, e non have mal alcuno ma non senza difficulta. Valete.

Eine wo nicht authentiſche, doch ſehr bemerkenswerthe Nachricht uͤber den Tod Alexanders: von allen die wir haben vielleicht die beſte.

5. Sommario de la relatione di S. Polo Capello, venuto orator di Roma, fatta in collegio 1510.

Nach dem großen Mißgeſchick, das die Venezianer durch die Ligue von Cambray betroffen, gelang es ihnen zunaͤchſt Papſt Ju - lius II. wieder zu gewinnen.

Polo Capello fuͤhrt einige noch unbekannte Momente an, wie dieß geſchehen. Der Papſt war vor dem Reſultat bange, das eine projectirte Zuſammenkunft Maximilians mit dem Koͤnig von Frank - reich haben duͤrfte. Dubitando perche fo ditto il re di Romani et il re di Francia si voleano abboccar insieme et era certo in suo danno. Eine Zeit lang forderte er zwar die Venezia - ner auf, die Staͤdte fahren zu laſſen, die kraft der Ligue dem deutſchen Koͤnig zufallen ſollten; als er aber ſah, daß die Unter - nehmung Maximilians ſo ſchlecht ablief, drang er nicht ferner dar - auf. Er hatte von demſelben eine ſehr geringe Meinung. E una bestia, ſagte er, merita piu presto esser rezudo ch a rezer altri. Dagegen gereichte es den Venezianern, deren Namen man in Rom ſchon fuͤr ausgeloͤſcht gehalten hatte, zu großer Ehre, daß ſie ſich behaupteten. Allmaͤhlig entſchloß ſich der Papſt zur Abſolution.

Vor deſſen Eigenſchaften hat Capello viel Reſpect. E papa sapientissimo, e niun pol intrinsechamente con lui, e si conseja con pochi, imo con niuno. Nur ſehr indirect hatte der Cardi - nal Caſtel de Rio Einfluß: parlando al papa dirà una cosa, qual dita il papa poi considererà aquella. Gleich damals war der Cardinal wider die Venezianer, und der Papſt ſchloß doch ſeine Abkunft mit ihnen. Capello findet ihn ſehr gut bei Geld: er moͤge 700000 Duc. wo nicht eine Million im Schatze haben.

6. Sommario di la relatione di Domenego Trivixan, venuto orator di Roma, in pregadi 1510.

Was Capello im Collegium vorgetragen, fuͤhrt Triviſan im Se - nate weiter aus. Doch iſt der Unterſchied, daß jener die geheimen233Dom. Trivixan Relatione 1510.Motive entwickelt, dieſer ſich mehr eine allgemeine Schilderung an - gelegen ſeyn laͤßt. Auch dieß iſt doch merkwuͤrdig.

Er ſtimmt ſeinem Collegen in der Berechnung des paͤpſtlichen Schatzes bei, er fuͤgt nur hinzu: der Papſt habe das Geld zu einem Kriege wider die Unglaͤubigen beſtimmt. Il papa è sagaze praticho: ha mal vecchio galico e gota, tamen è prosperoso, fa gran fadi - cha: niun pol con lui: alde tutti, ma fa quello li par. E te - nuto e di la bocha e di altro per voler viver piu moderatamente. (Soll dieß heißen, daß er ſelbſt geaͤußert, er werde ſich kuͤnftig etwa im Trunke maͤßigen?) A modo di haver quanti da - nari il vole: perche come vacha un beneficio, non li da si non a chi (a) officio e quel officio da a un altro, si che tocca per esso (hiedurch) assai danari; ed è divenudo li officii sensari piu del solito in Roma. D. i. die Aemter die man hat werden zu Maͤk - lern von Pfruͤnden, verſchaffen ſie.

Il papa a entrada duc. 200000 di ordinario, et extraordina - rio si dice 150 m. (d. h. die Paͤpſte haben gewoͤhnlich ſo viel); ma questo a di do terzi piu di extraordinario e di ordinario an - cora l’entrade: ſo daß er gegen eine Million gehabt haben wuͤrde. Er erlaͤutert ſogleich: Soleano pagare il censo carlini X al du - cato e la chiesia era ingannata: era carlini XIII½ el duc., vole paghino quello convien, et a fatto una stampa nova che val X el duc. e son boni di arzento, del che amiora da X a XIII½ la intrada del papa, et diti carlini novi si chiamano juli. Man ſieht, welches der Urſprung der noch heute gewoͤhnlichen Muͤnze iſt. Denn die heutigen Paoli haben erſt ſpaͤt den Namen und Gebrauch der Giuli verdraͤngt. Die Carlini, welche die Rechnungsmuͤnze bildeten, hatten ſich ſo verſchlechtert, daß man in der Caſſe ſtark zu Schaden kam. Im Intereſſe der Caſſe machte Julius II. gute Muͤnze.

Item è misero: a pocha spesa. Si acorda col suo maestro di caxa: li da el mexe per le spexe duc. 1500 e non piu. Item fa la chiexia di S. Piero di novo, cosa bellissima, per la qual a posto certa cruciata, et un solo frate di S. Francesco di quelli habia racolto diti frati per il mondo li portò in una bota duc. 27 m. si che per questo tocca quanti danari el vuol. A data a questa fabrica una parte de l’intrada di S. M. di Loreto e tolto parte del vescovado di Recanati.

7. Summario de la relatione di S. Marin Zorzi, dotor, venuto ora - tor di corte, fata in pregadi a 17 Marzo 1517.

Marin Zorzi wurde am 4. Januar 1514, und nachdem er die Wahl abgelehnt hatte, am 25. Januar nochmals zum Botſchafter am Hofe Leos X. gewaͤhlt. Wenn es wahr iſt, daß ihm Commiſ - ſionen in Bezug auf die Expedition Franz I. gegeben worden, wie Paruta ſagt (lib. III, p. 109), ſo muͤßte er erſt im Anfang des Jahres 1515 nach Rom gegangen ſeyn.

Seine Relation bezieht ſich auf dieſe Zeit. Sie iſt um ſo wich - tiger, da er ſich vornahm das zu berichten, was er nicht zu ſchreiben234Marin Zorci Rel. 1517.gewagt hatte. Referirà, ſagt das wie es ſcheint nachgeſchriebene Sommario, di quelle cose che non a scritto per sue lettere, perche multa occurrunt quae non sunt scribenda.

Hauptſaͤchlich betreffen dieſe die Unterhandlungen des Papſtes mit Franz I, die ſelbſt Paruta nicht kannte, von denen man hier, ſo viel ich weiß, die beſte Nachricht findet.

Man hat bisher zuweilen davon geredet, das Papſt Leo ſeinem Bruder Julian eine Krone habe verſchaffen wollen: wie das geſchehen ſollen, iſt jedoch nie recht an Tag gekommen. Zorzi verſichert, damals habe Leo dem Koͤnig von Frankreich vorgeſchlagen: che del reame di Napoli saria bon tuorlo di man di Spagnoli e darlo al ma - gnifico Juliano suo fradello ; er fuͤgt hinzu: e sopra questo si fatichoe assai, perche el non si contentava di esser ducha so fradello, ma lo volea far re di Napoli: il christianissimo re li aria dato il principato di Taranto e tal terre: ma il papa non volse, e sopra questo venneno diversi oratori al papa, monsr di Soglie e di Borsi, et il papa diceva: quando il re vol far questo acordo, saremo con S. M. Hor si stette sopra queste pratiche: il chmo re havendo il voler che’l papa non li saria contra, deliberò di ve - nir potente et cussi venne: et il papa subito si ligò con l’im - perator, re catholico, re de Inghilterra e Sguizzari.

Die Notizen welche ſich auf die Zeit des Feldzugs beziehen, habe ich ſchon in Text oder Noten mitgetheilt.

Wie ſehr der Papſt aber insgeheim antifranzoͤſiſch geſinnt war, geht daraus hervor, daß er ſogleich bei der Unternehmung Maximi - lians im naͤchſten Jahre es nicht allein den Venezianern verdachte, daß ſie ſich ſo entſchieden franzoͤſiſch zeigten o che materia, ſagte er, a fatto questo senato a lassar le vostre gente andar a Mi - lano, andar con Francesi, aver passa 8 fiumi, o che pericolo è questo; ſondern auch Maximilian insgeheim unterſtuͤtzte. Il papa a questo subito mandò zente in favor del imperador e sotto man dicendo: M. Ant. Colonna è libero capitano a soldo del impe - rador. Indeß verzoͤgerte ſich die Ratification der Beſchluͤſſe von Bo - logna. Der Koͤnig ſchickte Geſandte auf Geſandte um ſie zu fordern. Endlich ſandte der Papſt dagegen ſeine eigenen nach Frankreich, und die Capitel wurden geſiegelt.

Bald hatte Franz I. eine Gelegenheit ſich hiefuͤr zu raͤchen. Der Herzog von Urbino leiſtete dem Papſt einen unerwarteten Widerſtand. Dieſer Geſandte verſichert: Il re non si tien satisfacto del papa; è contento Francesco Maria prosperi.

Er ſchildert alsdann den Papſt naͤher. A qualche egritudine interior de repletion e catarro ed altra cosa, non licet dir, vi - del, in fistula. E hom da ben e liberal molto, non vorria fa - ticha s’il potesse far di mancho, ma per questi soi si tuo fati - cha. E ben suo nepote è astuto e apto a far cosse non come Valentino ma pocho mancho. Er meint Lerenzo Medici. Er be - hauptet nun ſchlechterdings, was Andere leugnen, z. E. Vettori, daß Lor. Medici ſelbſt lebhaft nach Urbino getrachtet habe. Julian habe zwei Tage vor ſeinem Tode den Papſt gebeten Urbino zu ſchonen, wo er nach ſeiner Verjagung aus Florenz ſo viel Gutes genoſſen. 235Marco Minio Rel. 1520.Der Papſt gab nichts darauf. Er ſagte: non è da parlar deste cose. Questo feva perche de altra parte Lorenzin li era at - torno in volerli tuor il stato.

Unter den Rathgebern des Papſtes findet er zunaͤchſt Julius Me - dici, nachmals Clemens VII, von deſſen Talenten er doch keine ſo große Vorſtellung hat wie Andere: è hom da ben, hom di non molte facende, benche adesso il manegio di la corte è in le sue mani, che prima era in S. Ma in Portego; dann Bibbiena, den er fuͤr ſpaniſch geſinnt haͤlt, wie er denn durch ſpaniſche Beneficien bereichert ſey; endlich jenen Lorenzo qual a animo gaiardo.

Lorenzo bringt ihn auf Florenz zu reden. Er ſagt ein Wort von der Verfaſſung, doch fuͤgt er hinzu: hora non si serva piu ordine: quel ch’el vol (Lorenzin) è fatto. Tamen Firenze è piu francese che altrimente, e la parte contraria di Medici non pol far altro, ma non li piace questa cosa. Die Landmiliz Ordi - nanzen war vermindert worden. Die Einkuͤnfte betrugen: 1) von den Abgaben am Thor und in der Stadt 74000 Duc. 2) von den unterworfenen Staͤdten 120000 Duc. 3) von dem balzello di - recte Auflage, eine Art Zehnten 160000 Duc.

Dieß bringt ihn auf die Einkuͤnfte des Papſtes, die er im All - gemeinen auf 420000 Duc. angibt; und ſo kommt er auf die Aus - gaben und die Perſoͤnlichkeit des Papſtes zuruͤck. E docto in huma - nità e jure canonlcho, et sopra tutto musico excellentissimo, e quando el canta con qualche uno, li fa donar 100 e piu ducati: e per dir una cosa che si dimenticò (von ihm, dem Redner), il papa trahe all anno di vacantie da duc. 60000 e piu, ch’è, zercha duc. 8000 al mese, e questi li spende in doni, in zuogar a pri - mier di che molto si diletta.

Nachrichten, wie man ſieht, recht bezeichnend, mit vieler Nai - vetaͤt und geſpraͤchsweiſe mitgetheilt. Man hoͤrt und lebt mit.

8. Sommario di la relatione di Marco Minio, ritornato da corte, 1520 Zugno. Sanuto Tom. XXVIII.

Marco Minio war der Nachfolger Zorzi’s; ſeine Relation iſt leider ſehr kurz.

Er beginnt mit den Einkuͤnften, die er geringfuͤgig findet. Il papa a intrada per il papato pocha; son tre sorte de intrade: d’an - nate traze all anno 100 m. duc., ma le annate consistorial, ch’è episcopati e abbatie, la mita è de cardinali; di officj traze all anno 60 m.; di composition 60 m. Non a contadi (con - tante), perche è liberal, non sa tenir danari, poi li Fiorentini e soi parenti non li lassa mai aver un soldo, e diti Fiorentini è in gran odio in corte, perche in ogni cosa è Fiorentini. Il papa sta neutral fra Spagna e Franza: ma lui orator tien pende da Spagna, perche è sta pur messo in caxa da Spa - gnoli, etiam asumpto al papato. Il cardinal di Medici suo ne - pote, qual non è legitimo, a gran poter col papa: è hom di gran manegio man ſieht, ſeit Zorzi’s Zeiten war ſeine Reputa -236De Branca de Telini Diario 1494 1513.tion gewachſen a grandissima autorità, tamen non fa nulla se prima non dimanda al papa di cose di conto; hora si ritrova a Firenze a governar quella città; il cardinal Bibbiena è ap - presso assa del papa, ma questo Medici fa il tutto.

Seine Landsleute verſichert der Geſandte ziemlich guͤnſtiger Ge - ſinnungen des Papſtes. Zwar wolle dieſer Venedig nicht groͤßer ſe - hen, aber es auch um kein Gut der Welt untergehn laſſen.

9. Diario de Sebastiano de Branca de Telini. Barber. Bibl. n. 1103.

Es geht auf 63 Blaͤttern vom 22ſten April 1494 bis 1513 in die Zeit Leos X. Mit Burcardus iſt es freilich nicht zu vergleichen; und da dem Verf. das Wenigſte bekannt wurde, nicht einmal zu einer Rectification deſſelben zu brauchen. Er ſah nur was jeder An - dere auch ſah.

So ſchildert er den Einzug Carls VIII, deſſen Heer er auf 30000 bis 40000 Mann ſchaͤtzt. Den Koͤnig findet er den haͤßlich - ſten Menſchen den er je geſehen, ſein Volk dagegen das ſchoͤnſte von der Welt: la piu bella gente non fu vista mai. Man muß ihm das nicht auf das Wort glauben: er liebt dieſe Art ſich auszudruͤcken. (Er erzaͤhlt, man habe ein Pferd bis auf 300 Duc. bezahlt.)

Ceſar iſt der grauſamſte Menſch der je gelebt. Die Zeiten Ale - xanders durch Grauſamkeit, Theurung und Auflagen ausgezeichnet. Papa Alessandro gittao la data a tutti li preti e a tutti li offi - ciali per tre anni e tutte le chiese di Roma e fora di Roma per fare la cruciata contro il Turco, e poi la dava allo figliuolo per fare meglio la guerra. Ihm zufolge gab Ceſar Niemand Au - dienz als ſeinem Henker Michilotto. Alle ſeine Diener gingen herr - lich gekleidet: vestiti di broccado d’oro e di velluto fino alle calze: se ne facevano le pianelle e le scarpe.

Von Julius II. iſt er ein großer Bewunderer. Non lo fece mai papa quello che have fatto papa Julio. Er zaͤhlt die Staͤdte auf die er erobert, doch meint er, durch ſeine Kriege ſey er Schuld an dem Tode von 10000 Menſchen.

Es folgte Leo. Er begann mit Verſprechen, che i Romani fossero fianchi di gabella, ed officii e beneficii che stanno nella cittade di Roma fossero dati alli Romani: ne fecero grand al - legrezze per Roma.

Zuweilen erſcheinen auch Privatleute, wie wir denn hier den kuͤhnſten und beruͤhmteſten Procurator kennen lernen: Bento Moc - caro, il piu terribile uomo (maͤchtigſte, gewaltigſte) che mai fusse stato in Roma per un huomo privato in Roma. Er verlor durch die Orſini ſein Leben.

Auch in dieſem ſonſt unbedeutenden Werke ſpiegelt ſich der Geiſt der Zeiten, der Geiſt der verſchiedenen Verwaltungen: die Zeiten des Schreckens, der Eroberung und der Milde unter Alexan - der, Julius und Leo. Andere Diarien z. B. des Cola Colleine, von 1521 1561, enthalten dagegen nichts von Bedeutung.

237Notitia temporum Leonis X. Adr. VI. Clem. VII.

10. Vita Leonis X Pontificis Maximi per Franciscum Novellum Ro - manum, J. V. Professorem. Bibl. Barberina.

Alii, ſagt der Autor, longe melius et haec et alia mihi in - cognita referre et describere poterunt. Ja wohl. Sein Werk - chen iſt hoͤchſt unbedeutend.

11. Quaedam historica quae ad notitiam temporum pertinent ponti - ficatuum Leonis X, Adriani VI, Clementis VII. Ex li - bris notariorum sub iisdem pontificibus. Excerpirt von Fe - lix Contellorius Bibl. Barberina. 48 Blaͤtter.

Kurze Anzeige des Inhaltes der Inſtrumente: z. B. Leo X assignat contessinae de Medicis de Rodulfis ejus sorori duc. 285 auri de camera ex introitibus dohanarum pecudum persolvendos.

Ich habe dieſe Angaben hie und da benutzt. Leicht das menſch - lich merkwuͤrdigſte und unerwaͤhnt geblieben iſt folgender Auszug aus einem Breve vom 11. Juni 1529. Bei Bernardo Bracchi waren einige Pretioſen des paͤpſtlichen Stuhles verſetzt worden. Zur Zeit der Eroberung hielt es Bracchi fuͤr gerathen ſie in einem Garten zu vergraben. Er gab davon nur Einem Menſchen Nachricht, einem ge - wiſſen Hieronymus Bacato von Florenz, damit es doch Jemand wuͤßte, wenn ihn ein Ungluͤck betraͤfe. In kurzem ward nun Bracchi von den Deutſchen ergriffen und ſehr gemißhandelt. Hieronymo glaubte ſchon, ſein Freund ſey unter den Martern geſtorben, und theilte nun aus gleicher Beſorgniß ſein Geheimniß einem Andern mit. Dieſer aber war nicht ſo verſchwiegen: die Deutſchen hoͤrten von dem ver - borgenen Schatze; durch neue verſtaͤrkte Martern noͤthigten ſie Brac - chi, endlich den Ort anzugeben. Um die Pretioſen zu retten, machte ſich dieſer nun zur Zahlung von 10000 Duc. anheiſchig. Hierony - mus hielt ſich fuͤr einen Verraͤther und toͤdtete ſich ſelbſt aus Scham und Wuth.

12. Sommario di la relation fatta in pregadi per S. Aluixe Gradenigo, venuto orator di Roma, 1523 Mazo. Bei Sanuto Tom. 34.

Zuerſt von der Stadt, die auch er in kurzer Zeit um 10000 Haͤuſer vergroͤßert findet; von ihrer Verfaſſung: die Conſervatoren nehmen den Rang vor den Botſchaftern in Anſpruch, den ihnen dieſe verweigern; von den Cardinaͤlen. Julius Medici war in ſeiner Re - putation noch hoͤher geſtiegen. Hom di summa autorità e richo cardinale, era il primo appresso Leon, hom di gran ingegno e cuor: il papa (Leone) feva quello lui voleva. Er beſchreibt Leo X. Di statura grandissima, testa molto grossa, havea bellissima man: bellissimo parlador: prometea assa ma non atendea. Il papa si serviva molto con dimandar danari al imprestido, ven - deva poi li officii, impegnava zoie, raze del papato e fino li apo -238Aluixe Gradenigo Rel. di 1523.stoli per aver danaro. Er berechnet die weltlichen Einkuͤnfte auf 300000, die geiſtlichen auf 100000 Duc.

Die Politik Leos findet er durchaus antifranzoͤſiſch. Habe es jemals anders geſchienen, ſo habe er ſich verſtellt. Fenzeva esso amico del re di Francia. Damals war er aber ganz offen gegen Frankreich, wovon Gradenigo folgenden Grund anfuͤhrt. Disse che mr di Lutrech et mr de l’Escu havia ditto che’l voleva che le recchia del papa fusse la major parte restasse di la so persona. Heißt es, es ſolle von dem Papſt nicht viel mehr uͤbrig bleiben als ſeine Ohren? Freilich ein grober Spaß und abgeſchmackt dazu, den Leo ſehr uͤbel nahm. Nach der Nachricht von der Eroberung Mai - lands ſoll Leo geſagt haben, es ſey erſt die Haͤlfte des Krieges.

Leo hinterließ die paͤpſtliche Kammer ſo erſchoͤpft, daß man zu ſeinen Exequien die Wachskerzen nehmen mußte, welche fuͤr den kurz vorher geſtorbenen Cardinal S. Giorgio beſtimmt geweſen waren.

Der Geſandte erwartete noch die Ankunft Hadrians VI. Er beſchreibt das maͤßige, verſtaͤndige Leben deſſelben, und bemerkt, daß er ſich im Anfange neutral gehalten habe. Disse: il papa per opi - nion soa, ancora che’l sia dipendente del imperador, è neutral, ed a molto a cuor di far la trieva per atender a le cose del Turco, e questo si judica per le sue operation cotidiane come etiam per la mala contentezza del vicere di Napoli, che venne a Roma per far dichiarar il papa imperial, e S. S non volse, onde si partì senza conclusion. Il papa è molto intento a le cose di Hungaria e desidera si fazi la impresa contra infideli, dubita che’l Turco non vegni a Roma, pero cerca di unir li prin - cipi christiani e far la paxe universal, saltem trieve per tre anni.

13. Summario del viazo di oratori nostri andono a Roma a dar la obedientia a papa Hadriano VI.

Die einzige Relation die das Intereſſe einer Reiſebeſchreibung gewaͤhrt, und die auch auf Gegenſtaͤnde der Kunſt Ruͤckſicht nimmt.

Die Geſandten ſchildern die Bluͤthe von Ancona, die Frucht - barkeit der Mark; in Spello werden ſie von Oratio Baglione wohl aufgenommen; ſo kommen ſie nach Rom.

Sie ſchildern ein Gaſtmahl, das ihnen ein Landsmann, Cardinal Cornelio, gab. Merkwuͤrdig ihre Schilderung der Tafelmuſik. A la tavola vennero ogni sorte de musici, che in Roma si atro - vava, li pifari excellenti, di continuo sonorono, ma eravi clavi - cembani con voce dentro mirabilissima, liuti e quatro violoni; auch Grimani gab ihnen ein Gaſtmahl; poi disnar venneno al - cuni musici, tra li quali una donna brutissima che cantò in liuto mirabilmente.

Sie beſuchen alsdann die Kirchen. In Sta Croce arbeitete man einige Verzierungen an den Thuͤren alcuni arnesi e volte di alcune porte di una preda raccolta delle anticaglie: jeder kleine Stein, den man hier verarbeitete, verdiente nach ihrer Meinung in Gold gefaßt und am Finger getragen zu werden. Das Pantheon. 239Viaggio degli oratori a Hadr. VI. Man errichtet eben einen Altar, zu deſſen Fuͤßen das Grab Ra - phaels. Man zeigt ihnen Verzierungen, angeblich von Gold, ſo gut wie zu den rheiniſchen Guͤlden. Sie meinen, waͤre es wahr, ſo wuͤrde es Papſt Leo nicht daran gelaſſen haben. Sie bewundern die Saͤulen, groͤßer als ihre von S. Marco. Sostengono un co - perto in colmo, el qual è di alcune travi di metallo.

Mit großer Naivetaͤt widmen ſie den Alterthuͤmern ihre Be - wunderung. Ich weiß nicht, ob dieſes Buch den Alterthumskundi - gen in die Haͤnde kommen wird. Folgende Beſchreibung der Coloſ - ſen iſt wenigſtens ſehr auffallend. Monte Cavallo è ditto perche alla summità del colle benissimo habitato vi è una certa ma - china de un pezo di grossissimo muro (eine rohe Baſis), so - pra uno di cantoni vi è uno cavallo di pietra par de Istria molto antiquo e della vetustà corroso e sopra l’altro uno altro, tutti doi dal mezo inanzi zoe testa, collo, zampe, spalle e mezo il dorso: appresso di quelli stanno due gran giganti, huomini due fiate maggiori del naturale, ignudi, che con un brazzo li ten - gono: le figure sono bellissime, proportionate e di la medesima pietra di cavalli, bellissimi i cavalli come gli huomeni, sotto una di quali vi sono bellissime lettere majuscule che dicono opus Fidie e sotto l’altro opus Praxitelis. Sie begeben ſich nach dem Capitol, wo ſie denn unter vielen andern ſchoͤnen Figuren auch finden: uno villano di bronzo che si cava un spin da un pe, fatto al na - tural rustico modo: par a cui lo mira voglia lamentarsi di quel spin, cosa troppo excellente. Im Belvedere beſuchen ſie vor al - lem den Laocoon. Man gab bisher oft den deutſchen Landsknechten Schuld, daß ſie zur Reſtauration eines Armes an dieſem Kunſtwerk Anlaß gegeben. Hier finden wir aber, daß er ſchon vor der Erobe - rung der Stadt fehlte. Ogni cosa è integra, salvoche al Lao - coonte gli manca il brazzo destro. Sie ſind von Bewunderung hingeriſſen. Sie ſagen von dem allen: non gli manca che lo spi - rito. Die Knaben ſchildern ſie ſehr gut: L’uno volendosi tirare dal rabido serpente con il suo brazello da una gamba poten - dosi per modo alcuno ajutar, sta con la faccia lacrimosa cri - dando verso il padre e tenendolo con l’altra mano nel sinistro brazzo. Si vede in sti puttini doppio dolore, l’uno per vedersi la morte a lui propinqua, l’altro perche il padre non lo puol aju - tare e si languisce. Sie fuͤgen hinzu, Koͤnig Franz habe bei der Zuſammenkunft von Bologna den Papſt um dieſes Werk erſucht, er habe aber ſein Belvedere nicht berauben wollen und dem Koͤnig eine Copie machen laſſen. Schon ſeyen die Knaben fertig. Lebte aber der Meiſter 500 Jahre, und arbeitete hundert daran, ſo wuͤr - den ſie ſo nicht ausfallen. Im Belvedere fanden ſie auch einen jun - gen flamaͤndiſchen Kuͤnſtler, der zwei Bildniſſe des Papſtes verfer - tigt hatte.

Auf dieſen und den Hof kommen ſie nun. Die wichtigſte No - tiz die ſie mittheilen iſt, daß der Cardinal von Volterra, der bis - her die Medici verdraͤngt hatte, deshalb gefangen gehalten wor - den ſey, weil man Briefſchaften von ihm aufgefangen, indem er Koͤ - nig Franz ermuntert habe, jetzt einen Angriff auf Italien zu wa -240Clementis VII conclave. gen: niemals koͤnne er eine guͤnſtigere Gelegenheit finden. Eben hiedurch kam Medici wieder empor. Der kaiſerliche Botſchafter Seſſa ſtand ihm bei. Leicht duͤrfte dieß Ereigniß zu der Wendung der Politik Hadrians den entſcheidenden Anlaß gegeben haben.

14. Clementis VII P. M. conclave et creatio. Bibl. Barb. 4. 70 Bl.

Auf dem Titel findet ſich folgende Bemerkung: Hoc conclave sapit stylum Joh. Bapt. Sangae civis Romani, qui fuit Clementi VII ab epistolis. Allein man kann wohl unbedenklich dieſe Ver - muthung verwerfen. Ein anderes MS der Barberina, das den Ti - tel fuͤhrt: Vianesii Albergati Bononiensis commentarii rerum sui temporis, enthaͤlt nichts als dieſes Conclave. Es bildet den erſten Theil der Commentarien, von denen indeß keine Fortſetzung zu finden iſt. Wir duͤrfen annehmen, daß das obgedachte Conclave den Via - neſio Albergati zum Verfaſſer hat.

Wer war aber dieſer Autor? Mazzuchelli hat mehrere Alber - gati, dieſen aber nicht.

In einem Briefe Girolamo Negros findet ſich folgendes Hiſtoͤr - chen. Ein Bologneſe ließ Papſt Hadrian wiſſen, er habe ihm ein wichtiges Geheimniß mitzutheilen, doch fehle es ihm an dem Geld um die Reiſe zu machen. Meſſer Vianeſio, ein Freund und Beguͤn - ſtigter der Medici, verwendete ſich fuͤr ihn. Dieſem ſagte endlich der Papſt, er moͤchte die 24 Ducaten auslegen, welche der Bolo - gneſe forderte, er ſolle ſie zuruͤckbekommen. Vianeſio that es; ſein Mann kam an. Auf das geheimſte ward er eingefuͤhrt. Heiliger Vater, fing er an, wenn Ihr die Tuͤrken beſiegen wollt, ſo muͤßt Ihr eine große Armata zu Land und See ruͤſten. Weiter brachte er nichts vor. Per deum! ſagte der Papſt, den dieß ungemein verdroß, als er Meſſer Vianeſio wiederſah, dieſer Euer Bologneſe iſt ein großer Gauner: aber er ſoll mich auf Eure Koſten betrogen haben. Er gab ihm die 24 Duc. nicht wieder. Wahrſcheinlich iſt dieß unſer Autor. Auch in unſerm Werkchen ſagt er, er habe zwi - ſchen den Medici und dem Papſt den Unterhaͤndler gemacht: me etiam internuntio. Er hatte gute Bekanntſchaft mit Hadrian, den er bereits in Spanien kennen gelernt hatte.

Doch hat er ihm das unruͤhmlichſte Denkmal von der Welt ge - ſtiftet. Man lernt daraus den ganzen Haß kennen, den Hadrian bei dieſen Italienern erweckte: Si ipsius avaritiam, crudelitatem et principatus administrandi inscitiam considerabimus, barbaro - rumque quos secum adduxerat asperam feramque naturam, me - rito inter pessimos pontifices referendus est. Er ſchaͤmt ſich nicht die elendeſten Pasquille auf den Geſtorbenen mitzutheilen, z. B. eins, wo er erſt mit einem Eſel, dann mit einem Wolf post paulo faciem induit lupi acrem, ja endlich mit Caracalla und Nero verglichen wird. Fragt man aber nach Beweiſen, ſo wird der arme Papſt durch das, was Vianeſio erzaͤhlt, ſogar gerechtfertigt.

Hadrian hatte eine Stube in der Torre Borgia, zu der er den Schluͤſſel immer bei ſich trug, die man das Allerheiligſte zu nennenpflegte241Clementis VII conclare. pflegte; mit Begier eroͤffnete man ſie als er todt war. Da er viel eingenommen und nichts ausgegeben, ſo meinte man hier ſeine Schaͤtze zu finden. Man fand nichts als Buͤcher und Papiere, ein paar Ringe von Leo X, faſt gar kein Geld. Man geſtand ſich am Ende: male partis optime usum fuisse.

Gegruͤndeter moͤgen die Klagen ſeyn, die der Autor uͤber die Verzoͤgerungen der Geſchaͤfte erhebt. Der Papſt ſagte: cogitabimus, videbimus. Er verwies wohl an ſeinen Secretaͤr; allein nach lan - gem Verzug verwies dieſer an den Auditore di Camera. Das war ein wohlgeſinnter Mann, der aber niemals fertig wurde, und ſich in ſeine eigene Thaͤtigkeit verwickelte. Nimia ei nocebat diligen - tia. Man ging aufs neue an Hadrian. Der ſagte wieder: co - gitabimus, videbimus.

Um ſo mehr ruͤhmt er die Medici und Leo X, ſeine Guͤte, die Sicherheit die man unter ihm genoſſen, auch ſeine Bauwerke.

Ich entnehme daraus, daß die Arazzi Raphaels urſpruͤnglich fuͤr die ſixtiniſche Capelle beſtimmt waren. Quod quidem sacellum Julius II opera Michaelis Angeli pingendi sculpendique scientia clarissimi admirabili exornavit pictura, quo opere nullum abso - lutius extare aetate nostra plerique judicant, moxque Leo X in - genio Raphaelis Urbinatis architecti et pictoris celeberrimi au - leis auro purpuraque intextis insignivit, quae absolutissimi ope - ris pulchritudine omnium oculos tenent.

15. Instruttione al Cardl Revmo di Farnese, che fu poi Paul III, quando andò legato all Impre Carlo V doppo il sacco di Roma.

Ich fand dieſe Inſtruction zuerſt in der Bibliothek Corſini Nr. 467, und acquirirte hierauf eine Abſchrift mit den Schriftzuͤgen der Mitte des 16ten Jahrhunderts.

Pallavicini kannte ſie; Istoria del concilio di Trento lib. II, c. 13 gedenkt er derſelben. Doch hat er ſie, wie ſich in den folgenden Capiteln zeigt, noch weniger benutzt, als ſeine Worte andeuten. Er hat ſeine Erzaͤhlung aus andern Quellen.

Da dieſe Inſtruction nicht allein fuͤr die paͤpſtlichen Sachen, ſondern fuͤr die geſammte europaͤiſche Politik in einem ſo bedeuten - den Zeitpunkte von großer Wichtigkeit iſt, und viele Momente enthaͤlt welche ſonſt nicht bekannt geworden, ſo habe ich fuͤr das beſte gehalten ſie vollſtaͤndig abdrucken zu laſſen. Kein Auszug wuͤrde den Kennern genug thun. Es ſeyen die paar Blaͤtter mehr darauf gewendet!

Man wird finden, daß dieſe Inſtruction aus zwei verſchiedenen Theilen beſteht: dem einen, in welchem von der Perſon des Papſtes in der dritten Perſon geredet wird; vielleicht von Giberto oder ei - nem andern vertrauten Miniſter des Papſtes verfaßt; uͤber die fruͤ - hern Ereigniſſe ſowohl unter Leo als Clemens hoͤchſt wichtig; dem andern, kleinern, welcher mit den Worten anfaͤngt: per non entrarePäpſte** 16242Instruttionein le cause per le quali fummo costretti, in welchem der Papſt in der erſten Perſon redet, und den er vielleicht ſelbſt aufgeſetzt hat.

Illmo Revmo Signore. Nella difficultà della provincia che è toccata alle mani di V. S. Illma e Rma, tanto grande quanto ella stessa conosce, et nella recordatione della somma et estrema miseria nella quale siamo, penso che non sarà se non di qualche rilevamento a quella, haver quella informatione che si può di tutte l’attioni che sono accadute tra N. Signore e la M Ce - sarea et in esse conoscere che V. S. Rma va a prencipe del quale Sa S et la casa sua è piu benemerita che nessun altra che per li tempi passati per li presenti si possa ricordare: et se qualche offensione è nata in quest ultimo anno, non è cau - sata da alienatione che Sa S havessi fatto della solita vo - luntà et amore verso sua Maestà o per disegni particulari d’ag - grandire i suoi o altri, o per abbassare la reputatione o stato suo, ma solo per necessità di non comportare d’esser oppresso da chi haveva et auttorità et forze in Italia, et per molte prove che sua Be havessi fatto per nuntii, lettere, messi et legati, non era mai stato possibile trovarci remedio. La S di N. Signore da che cominciò a esser tale da poter servir la corona di Spagna et la casa della Maestà Cesarea, il che fu dal principio del pon - tificato della Sta Mria di Leone suo fratello, con el quale po - teva, quanto ogn’uno sa et la M sua ha provato, fu sempre di tanto studio et servitù della parte Spagnuola et imperiale che non si potrà numerar beneficio o gratia o sodisfattione di cosa alcuna che questa parte in ogni tempo habbia ricevuta dalla Sta Mria di Leone et della chiesa, nella quale non solo N. Signore stando in minoribus non si sia trovato o non adversario o consentiente solo, ma ancora auttore, indrizzatore et conduttore del tutto. Et per toccare quelle cose che sono di piu importantia solamente: la lega che si fece il secondo et terzo anno della Sta Mria di Leone per adversare alla venuta prima che fece il christianissimo re Francesco passò tutta per mano di S. S, et ella andò in persona legato per trovarsi in fatto con gli al - tri. Dove essendo riusciti li disegni diversamente da quello che s’era imaginato, et constretto papa Leone a fare quelli ac - cordi che potè con el chrmo, il cardinale de Medici hebbe quella cura di conservare il papa Spagnuolo che ogn’uno di quelli che all hora vi si trovorono posson render testimonio, et usò tutta l’auttorità che haveva col papa suo fratello, che la vo - luntà et estremo desiderio che el christianissimo haveva di se - guir la vittoria et passar con tanto esercito et favore nel regno, fussi raffrenato hor con una scusa et hor con un altra, et tra le altre che essendo il re cattolico vecchio et per l’infermità gia a gli ultimi anni, S. M aspettasse l’occasione della morte sua, nel qual tempo l’impresa riuscirebbe senza difficultà al - cuna. Et succedendo assai presto doppo questi ragionamenti la morte del re cattolico, che credo non ci fusse un mese di tempo, con quant arte et fatica fussi necessario reprimere l’instantia grande che el christianissimo ne faceva, ne sarebber testimonio243al cardinal Farnese. le lettere di propria mano di Sa M, se questi soldati, che tra le altre cose hanno ancor saccheggiato tutte le scritture, o ci le rendessero over le mandassero all imperatore. Et queste cose con molte altre, che tutte erano in preparar quieta e sta - bile la heredità et successione della persona hora dell impera - tore et in assicurarlo etiam vivente l’avo de maestrati di Spa - gna, tutte faceva el cardinale de Medici non per privato com - modo suo alcuno, anzi direttamente contro l’utile particulare, non havendo rendita alcuna di momento se non nel dominio di Francia, et non procurando mai d’haver ristoro in quel di Spagna. Successe la morte dell imperatore Massimiliano, et essendo Leone inclinato alla parte del christianissimo per quella dignità et opponendosi alli conati della M Cesarea d’hora, non passò il termine dell elettione che el cardinal de Medici con - dusse il papa a non contravenirvi, e doppo fatta l’elettione ad approvarla, assolverlo dalla simonia, dal pergiuro, che non po - teva, essendo re di Napoli, come vuole la costitutione di papa , procurar d’essere imperatore, rinvestirlo et darli di nuovo il regno di Napoli: in che non so se l’affettion grande et l’oppi - nione nella quale el cardinal de Medici era entrato della bontà, prudentia et religione della M sua non lo scusasse se fusse piu o il servitio, che può molto apertamente dire d’haver fatto grandissimo alla M sua, overo il deservitio fatto al fratello cioè al papa et alla chiesa, favorendo et nutrendo una potentia tanto grande e da considerare che un da questo fiume po - teva erumpere una devastatione et oltraggio grande come hora è seguito. Ma vedendo il cardinale queste due potenze di Spagna et Francia divise di sorte che malamente non contrape - sando l’una coll altra si poteva sperar pace, andò prima con questo disegno d’aggiunger tanta auttorità et forze al re di Spagna che essendo uguale al christianissimo dovessi haver rispetto di venire a guerra, et se pur la disgratia portasse che non si potesse far dimeno, essendo l’oppinione d’anteporre il re di Spagna al christmo, Spagna fussi in modo ferma et gagliarda che attaccandosi in un caso simile a quella parte si potesse spe - rarne buon esito et certa vittoria. Et questo lo provassi con altro che a parole, se forte le cose sopradette fusser così os - cure che havesser bisogno di piu aperta fede; ne farà testi - monio la conclusa lega con Cesare contra Francia, et tanto dissimili le conditioni che si promettevano da un lato a quelle dell altro, che non solo Leone non doveva venire a legarsi coll imperatore, essendo in sua libertà et arbitrio d’elegger quel che piu faceva per lui, ma essendo legato doveva fare ogni opera per spiccarsene: et per mostrar brevemente esser con effetto quanto io dico, l’imperatore si trovava in quel tempo che Leone fece lega seco, privo d’ogni auttorità, nervo, amici et reputa - tione, havendo perduto in tutto l’obbedienza in Spagna per la rebellione di tutti i populi, essendo tornato dalla dieta che sua M haveva fatta in Vormatia, escluso d’ogni conclusion buona d’ajuti et di favori che si fussi proposto d’ottenere in essa, ha -16*244Instruttionevendo la guerra gia mossa ne suoi paesi in due lati, in Fian - dra per via di Roberto della Marca et in Navarra, il qual regno gia era tutto andato via et ridottosi all obbedienza del re favo - rito da i Francesi: li Suizzeri poco inanzi s’eron di nuovo alle - gati col christianissimo con una nuova conditione d’obbligarsi alla defensione dello stato di Milano, che el re possedeva, cosa che mai per inanzi non havevon voluto fare: et il sermo re d’Anglia, nel quale forse l’imperatore faceva fondamento per il parentado tra loro et per la nemistà naturale con Francia, mo - strava esser per star a veder volentieri, come comprobò poi con li effetti, non si movendo a dar pure un minimo ajuto all impera - tore per molta necessità in che lo vedessi et per molta instan - tia che gli ne fusse fatta, salvo doppo la morte di Leone. Il christianissimo all incontro, oltre la potentia grande unita da se et la pronta unione che haveva con l’Illma Signoria et che ha - veva questa nuova lianza de Suizzeri, si trovava tanto piu su - perior nel resto quanto li causano la potentia sua, et la face - vano maggiore li molti et infiniti disordini ne quali dico di so - pra che l’imperatore si trovava. Le speranze et propositioni dei premii et comodità del successo et prosperità che le cose ha - vessero havuto eron molto diverse: il christianissimo voleva dar di primo colpo Ferrara alla chiesa inanzi che per sua M si facessi altra impresa, poi nell acquisto del regno di Na - poli Sa M christianissima, per non venire a i particulari, dava tante comodità alla chiesa circa ogni cosa che gli tor - nava di piu comodo piu utilità et sicurtà assai, che non sa - rebbe stato se ce l’havesse lassato tutto; in quest altra banda non era cosa nessuna se non proposito di metter lo stato di Milano in Italiani et far ritornar Parma et Piacenza alla chiesa: et nondimeno, essendo et nella facilità dell impresa in una parte et nell altra il pericolo così ineguale et aggiungendovisi an - cora la disparità de i guadagni grande, potette tanto la vo - luntà del cardinale de Medici appresso al papa, et appresso a S. S. Revma l’oppinione della bontà et religione della Maestà Cesarea, che mettendosi nella deliberatione che era necessaria di fare o in un luogo o in un altro questa imaginazione inanzi agli occhi, non volle dar parte della vista all altro consiglio altro esamine se non darsi in tutto et per tutto a quella parte donde sperava piu frutti d’animo santo et christiano che da qualsivoglia altri premii che temporalmente havesser po - tuto pervenire per altra via. Et che sia vero chi non ha visto che non essendo successe le cose in quel principio come si spe - rava, et essendo consumati i danari che per la prima portion sua la M Cesarea haveva dato, et vedendo male il modo che si facessi provisione per piu, la Sta Mria di Leone per sua parte et S. S. Revma molto piu per la sua non mancò mettervi la sustantia della patria sua et di quanti amici et servitori che ha - vessi et per l’ultimo la persona sua propria, della quale co - nobbe l’importantia et il frutto che ne seguì.

Morì in quello papa Leone, et benche S. S. Revma si tro -245al cardinal Farnese. vasse nemico tutto il mondo, perche quelli che haveva offeso dalla parte francese tutti s’eron levati contro lo stato et dignità sua temporale et spirituale, gli altri della parte dell Impre parte non lo volsero ajutare, parte gli furon contrarj, come V. S. Revma et ogn uno sa molto bene, non dimeno il pericolo o offerte grandi dei primi l’ingrattitudine o sdegno dei secondi bastorono mai tanto che lo facesser muovere pur un minimo punto della voluntà sua, parendoli che sicome l’animo di Ce - sare et l’oppinion d’esso era stato scopo et objetto, così quello dovessi esser sua guida: et non si potendo imaginar che que - sto nascessi dall animo suo potendo per il tempo breve su - spicarlo, volse piu presto comportar ogni cosa che mutarsi niente, anzi come se fussi stato il contrario, di nessuna cura tenne piu conto che di fare un papa buono parimente per la M sua come per la chiesa: et che l’oppinione anzi certezza fussi che non sarebbe quasi stato differenza a far papa Adriano o l’Impre stesso, ogn uno lo sa, sicome ancora è notissimo che nessuno fu piu auttore et conduttore di quella creatione che’l cardinal de Medici.

Hor qui fu il luogo dove il cardle de Medici hebbe a far prova, se’l giudicio el quale S. S. haveva fatto della M Cesa - rea gli riusciva tale quale S. S. Revma s’era imaginato, perche inanzi l’ombra et in drizzo della Sta Mria di Leone haveva fatto che non si veniva a fare esperienza d’altro, et l’animo di S. S. tutto occupato a servir la M sua non haveva pensato di distra - herlo in cura sua o di suoi particulari, era così avido o poco prudente che s’imaginasse i premii corrispondenti ai me - riti, anzi in questo pareva d’haver perfettamente servito et meri - tato assai, non havendo objetto nessun tale et essendosi rimesso in tutto e per tutto alla discrettione et liberalità sua. E vero che trovandosi piu di due anni quasi prima che la M sua non pensava credeva poter ricever tanto beneficio et servitio dalla casa de Medici, haver promesso per scritto di sua mano et di - segnato et tenuto a tale instantia separatamente da quella uno stato nel regno di Napoli di 6 m. scudi et una moglie con stato in dote di X m. pur promesso a quel tempo per uno dei ni - poti di papa Leone et di S. S. Rma, et non essendosi mai cu - rati d’entrare in possesso del primo venir a effetto del se - condo per parerli d’haver tutto in certissimo deposito in mano di sua Maestà, morto papa Leone et non essendo rimasto segno alcuno di bene verso la casa de Medici, che gli facessi ricordo d’haver havuto tanto tempo un papa, se non questo, mandando S. S. Rma alla M Cesarea a farli riverenza et dar conto di se, dette commissioni dell espeditione di questa materia, che se ne facessi la speditione, la consignatione et li privilegii et venisse all effetto. Ma successe molto diversamente da quello che non solo era l’oppinion nostra ma d’ogn uno: perche in cambio di vedere che si pensasse a nuovi premii et grattitudine per li quali si conoscesse la recognitione de beneficii fatti alla M sua, et la casa de Medici si consolasse vedendo non haver fatto molta246Instruttioneperdita nella morte di Leone, si messe difficoltà tale nell espe - ditione delle cose dette non come si fusse trattato di uno stato gia stabilito et debito per conto molto diverso et inferiore ai meriti grandi che s’erono aggiunti prima di disputare, non al - trimenti che se la casa de Medici gli fusse stata nemica, facendo objettioni di sorte che ancorche fusse stata in quel termine, non si devevon fare, perche la fede et quel che s’è una volta pro - messo si vuol servare in ogni tempo, pure si replicò et mostrò il torto che si riceveva talmente che in cambio di sperar piu o di havere almeno interamente quello che era promesso d’uno stato di XVI m. scudi, VI di Sa M propria et X m. di dote che si doveva dare, si risolvette in tre, nel qual tempo essendo il cardinale de Medici bene informato di tutto, se S. S. Rma non si mosse dalla devotione di Sa M perseverando non come trat - tato ut supra ma come se fusse stato remunerato a satietà, si potrebbe dire che l’havessi fatto per forza, essendo la potenza dell imperatore fermata di sorte che non poteva far altro, overo per mancarli partito con altri prencipi, overo per trovarsi in qual - che gran necessità nella quale fussi piu pronto prestar ajuto all imperatore che ad altri: ma chi si ricorda dello stato di quei tempi, che è facile essendo assai fresca la memoria, conoscerà che l’esercito e parte imperiale in Italia per el nuovo soccorso che i Francesi havean mandato reparando l’esercito et forze loro, con l’Illma Sigria, era in grandissimo pericolo, et in mano d’al - cuno era piu in Italia per l’opportunità del stato amici, parenti, dependentie, denari et gente, che del cardinale de Medici far ca - der la vittoria in quella parte dove gli fusse parso a S. S. Rma salda nella volontà verso l’imperatore, cercavono opprimerlo, non solo poteva sperare ajuto dalli Cesarei, ma essi male have - rebbon fatto i fatti loro se da S. S. Rma non havesser ricevuto ogni sorte di ajuto tanto ad acquistar la vittoria quanto a man - tenerla, essendosi spogliato fino all ossa et se et la patria per pagare una grossa impositione che fu imposta per contribuire et pagar l’essercito et tenerlo unito. Direi volentieri, connumerando tutti i beneficii, officii et meriti infiniti del cardinale de Medici et di casa sua, qualche amorevol demostratione che Sa M o specie di grattitudine havessi usato inverso di loro, così per dire il vero come per scusare in questo modo questa perseverantia mai interrotta per alcun accidente verso Sa M et difenderla da chi la volessi chiamare piu tosto ostinatione che vero giudi - cio, ma non vi essendo niente non lo posso far di nuovo, salvo se non si dicesse che in cambio di XXII m. sc. d’entrata perduti in Francia Sa M gli ordinò sopra Toledo una pensione di X m. sc., dei quali ancora in parte ne resta creditore. E vero che nelle lettere che Sa M scriveva in Italia a tutti li suoi ministri et oratori et capitani gli faceva honorifica mentione di S. S. Rma, et cometteva che facessin capo a quella et ne tenessero gran conto per insino a cometterli che se dio disponesse della Sta Mria d’A - driano, non attendessero a far papa altri che S. S. Rma: donde nasceva che tutti facevano nei negotii loro capo a Fiorenza et247al cardinal Farnese. communicavano le facende, et quando s’haveva a trattar di da - nari o altra sorte d’ajuti, a nessuno si ricorreva con piu fidu - cia che a S. S. Rma, favorendola gagliardamente contro la ma - la dispositione di papa Adriano per triste informationi ingeste da Volterra che mostrava haver di S. Sria: nelle quai cose, non facendo ingiuria al buon animo che Cesare potesse havere con el cardinale, dirò bene che Sa M si governava prudentissima - mente in volere che si mantenessi una persona di tanta autto - rità in Italia, la quale per poca recognitione che gli fussi stata fatta non si era mai mutato un pelo del solito suo, et non pos - sendo succedere, così in questo come negli altri stati, che mutan - do la forma et regimento se ne fusse potuto sentire evidentissimi frutti et commodità che faceva sua Maestà stando integro in Fiorenza el cardinale de Medici.

Morto Adriano fu il cardinale creato papa, dove ancorche i ministri et altri dependenti da Cesare havesser gagliarda com - missione, parte si portoron come volsero, et alcuni che all ul - timo descesero poi a favorir la sua elettione il primo protesto che essi volsero fu che non intendevono per niente che S. S co - noscesse l’opera loro ad instantia dell imperatore, ma che lo facevono per mera dispositione privata. Et nondimeno fatto papa ritenne S. S la medesima persona del cardinal de Medici, quanto comportava una union tale insieme con la dignità nella quale dio l’haveva posto: et se in pesar queste due parti del debito del pontefice et dell affettion verso l’imperatore S. S non s’havesse lassato vincere et fatto pesar piu l’ultima, forse che il mondo sarebbe piu anni fa in pace, et non patiremmo hora queste calamità. Perche trovandosi nel tempo che Sa S fu papa, due esserciti gagliardi in Lombardia, di Cesare et del christianis - simo, et il primo oppresso da molte difficultà di potersi mante - nere, se N. S. non l’ajutava, come fece con lassar le genti ec - clesiastiche et Fiorentine in campo, con darli tante decime nel regno che ne cavavano 80m. scudi, et farli dar contributioni di Fiorenza, et Sa S ancora privatamente denari et infinite altre sorti d’ajuti, forse quella guerra havrebbe havuto altro esito et piu moderato et da sperar fine ai travagli et non principio a nuove et maggiori tribulationi, alle quali sperando N. S. tanto ritrovar forma quanto oltre all auttorità ordinaria che credeva haver coll imperatore et per consigliarlo bene ci haveva ancora aggiunto queste nuove dimostrationi, senza le quali non havrebbe potuto vincere, perche et me n’ero scordato senz esse mai la Si - gnoria faceva unir l’esercito suo, non solo non fu dato luogo alcuno al suo consiglio, che dissuadeva di passare in Francia con l’esercito, anzi in molte occorentie si cominciò a mostrare di tenere un poco conto di Sa S, et favorir Ferrara in dispreg - gio di quella, et, in cambio di lodarsi et ringratiarla di quanto haveva fatto per loro, querelarsi di quel che non s’era fatto a voglia loro, non misurando prima che tutto si facessi per mera dispositione senza obbligo alcuno, et poi se ben ce ne fussero stati infiniti, che molto maggior doveva esser quello che tirava Sa San - tità a fare il debito suo con dio che con l’imperatore.

248Instruttione

L’esito che hebbe la guerra di Francia mostrò se el con - siglio di N. Sige era buono, che venendo el christianissimo adosso all esercito Cesareo, ch’era a Marsiglia, lo costrinse a ritirarsi, di sorte, e’l re seguiva con celerità, che prima fu entrato in Mi - lano ch essi si potesser provedere, et fu tanto terrore in quella giornata del vicerè, secondo che l’huomo di S. S che era presso a S. Eccza scrisse, che non sarebbe stato partito quale S. Signoria non avessi accettato dal re, et prudentemente vedendosi in estrema rovina se la ventura non l’havessi ajutato con fare che el christianissimo andasse a Pavia et non a Lodi, dove non era possibile stare con le genti che vi s’eron ridotte. Hora le cose si trovavano in questi termini et tanto peggiori quanto sempre in casi così subiti l’huomo s’imagina, et N. S. in ma - lissima intelligentia col chrmo et poca speranza di non haver a sperar se non male da Sa M et rimanerli odiato in infi - nito, essendosi governata, come dirò appresso con quella ve - rità che debbo et sono obbligato in qualsivoglia luogo, che piu potessi stringere a dirla di quel che io mi reputi al pre - sente.

Fatto che fu N. Sigre papa, mandò el christianissimo di mandar subito messi a supplicare a S. S, che come dio l’ha - veva posta in luogo sopra tutti, così ancora si volessi metter sopra se stessa et vincer le passioni quali gli potesser esser rimaste o di troppa affettione verso l’imperatore o di troppo mala voluntà verso di lui, et che rimarebbe molto obbligato a dio et a S. S se tenessi ogn uno ad un segno, interponendosi a far bene, ma non mettendosi a favorir l’una parte contro l’al - tra, et se pure per suoi interessi o disegni S. Bne giudicasse bisognarli uno appoggio particulare d’un prencipe, qual poteva havere meglio del suo, che naturalmente et a figliuolo della chiesa et non emulo, desiderava et era solito operar grandezza di essa et non diminutione, et quanto alla voluntà poi da persona a persona, gli farebbe ben partiti tali che S. S conoscerebbe che molto piu ha guadagnato in farsi conoscere quanto meritava offendendo et deservendo lui, che ajutando et favorendo l’im - peratore, venendo in particulari grandi.

Nostro Signore accettava la prima parte d’essere amore - vole a tutti, et benche poi con li effetti dependessi piu dall imperatore, oltre alla inclinazione lo faceva ancora con certis - sima speranza di poter tanto con l’imperatore che facilmente lassandosi Sua M Cesarea governare et muovere, a Sua S non fussi per essere grave quello che offendeva el christianissimo, quanto gli sarebbe comodo poi in facilitare et ajutare gli accordi che se havessero havuto a fare in la pace. Ma succedendo altrimenti et facendo il re, mentre che l’esser - cito Cesarea era a Marsiglia, resolutione di venire in Italia, mandò credo da Azais un corriere con la carta bianca a N. Sigre per mezzo del sigre Alberto da Carpi con capitulatione fa - vorevole et amplissimi mandati et con una dimostration d’ani - mo tale che certo l’haverebbe possuto mandare al proprio impe -249al cardinal Farnese. ratore, perche di voler lo stato di Milano in poi era contento nel resto di riporsi in tutto et per tutto alla voluntà et ordine di Nostro Signore: et non ostante questo Sua Santità non si volse risolver mai se non quando non la prima ma la seconda volta fu certa della presa di Milano et hebbe lettere dall huomo suo, che tutto era spacciato et che el vicerè non lo giudicava altrimenti. Mettasi qualsivoglia o amico o servitore o fratello o padre o l’imperatore medesimo in questo luogo, (et vegga in questo subito et ancora nel seguente?), che cosa havria potuto fare per beneficio suo che molto meglio S. S non habbia fatto, dico meglio perche son certo che quelli da chi forse S. M ha sperato et spera miglior voluntà poiche si trovano obbligati havrebber voluto tenere altro conto dell obbligo, che non fece la S. S, la quale havendo risposto in man sua far cessar l’arme far proseguir la guerra nel regno di Napoli et infiniti altri comodi et publici et privati, non era obligata ad altro in favor dell christianissimo se non a farli acquistar quello che gia l’esercito di Cesare teneva per perduto et in reprimerlo di non andare inanzi a pigliare il regno di Napoli, nel quale non pareva che fussi per essere molta difficultà: et chi vuol farsi bello per li eventi successi al contrario, deve ringratiare dio che miracolosamente et per piacerli ha voluto così, et non attribuir nulla a se, et riconoscer che ’l papa fece quella capi - tulazione per conservar se et l’imperatore et non per mala vo - lontà. Perche trovando poi per sua disgratia el re difficultà nell impresa per haverla presa altrimenti di quel che si do - veva, N. Sre lo lassò due mesi d’intorno a Pavia senza dar un sospiro di favore alle cose sue, et benche questo fusse as - sai beneficio delli Spagnuoli, non mancò ancora far per loro, dandoli del suo stato tutte le comodità che potevon disegnare, non mancando d’interporsi per metter accordo quanto era pos - sibile tra loro: ma non vi essendo ordine et sollecitando il re, che N. Sigre si scoprisse in favor suo per farli acquistare tanto piu facilmente lo stato di Milano, et instando ancora che i Fio - rentini facessero il medesimo, a che parimente come S. S erono obbligati, fece opera di evitare l’haversi a scoprire dare ajuto alcuno salvo di darli passo et vettovaglia per el suo stato a una parte dell esercito, che sua M voleva mandare nel regno per far diversione et ridur piu facilmente all accordo gl’imperiali. Oh che gran servitio fu questo ai Francesi, conce - dendoli cosa la quale era in facoltà loro di torsela, ancorche non glie l’havesse voluto dare, trovandosi disarmato et parendo pur troppo strano che havendo fatto una lega con S. M chri - stianissima non l’havendo voluto servir d’altro, gli negasse quello che non poteva, et una publicatione d’una concordia finta, come fu quella che si dette fuora all hora per dare un poco di pastura a quella M et fare che di manco mal animo com - portasse che S. S non osservasse ad unguem la capitulatione: et se si vorrà dire il vero, el christianissimo fu piu presto de - servito che servito di quella separatione dell esercito, perche250Instruttionefurono le genti intertenute tanto in Siena et di poi in questo di Roma, che l’imperiali hebber tempo in Lombardia di far la prova che fecero a Pavia: la qual ottenuta, qualche ragione vo - leva, che l’imperatore i suoi agenti huomo al mon - do di quella parte si tenesse offeso da Sua S o pensassi al - tro che farli servitio o piacere, se la religione non li moveva et il seguitare gli esempii degli altri prencipi, li quali non solo non hanno offeso i papi, che si sono stati a vedere, ma quando hanno ottenuto vittoria contro quella parte con la quale la chiesa si fussi adherita, gli hanno havuti in somma adherenza e rive - renza e posto termine alla vittoria sua in chiederli perdono, ho - norarla et servirla. Lasciamo stare la religione da canto et met - tiamo il papa et la chiesa in luogo di Moscovita, dove si tro - mai che a persona et stato che non ti occupa niente di quello a che la ragione vuole, tu possa pretendere? anzi ha - vendo una continuata memoria d’haver tanti anni col favore, ajuto et sustantia sua et particularmente della persona ottenuto tante vittorie, et se hora si era adherito col re, lo fece in tempo nel quale non potendo ajutare, se ne altri gli parve d’havere una occasione divina di poter col mezzo dei nemici fare quel medesimo effetto, non gli dando piu di quello che o la forza loro o l’importantia dell imperatore gli concedeva, et poi quando el corso della vittoria si fermò per i Francesi, haverla piu to - sto arenata che ajutata a spignere inanzi: che inhumanità in - audita, per non usar piu grave termine, fu quella, come se ap - punto non vi fusse stata alcuna di queste raggioni o fussero state al contrario, subito ottenuto la vittoria in Pavia et fatto prigione il re, cercare di far pace con gli altri, dei quali meri - tamente potevasi presumere d’essere stati offesi, alla chiesa et alla persona del papa subito indir la guerra et mandarli uno esercito adosso? O gl’imperiali havevon veduti i capitoli della lega con el chrmo o non gli havevon veduti. Havendo gli visti, come siam certi, essendo andate in man loro tutte le scritture di S. S, dovevon produrli, et mostrando offensione in essi o nel tempo che furon conclusi overo nei particulari di cosa che fusse in pre - giudicio alla M Cesarea, giustificar con essi quello che con - tavano, se giustificatione alcuna pero vi potesse essere bastante. Non gli havendo visti, perche usar tale iniquità contra di ? Ma in scriptis non havendo visto cosa tale in fatto non havendolo provato, non havevon sentito offensione al - cuna. restò N. Sigre per poco animo o per non potere, perche se l’ha dell animo o del potere essi in loro beneficio l’ha - vevon provato tanto tempo et del primo l’età non glien haveva potuto levar niente et del secondo la dignità glien haveva ag - giunto assai, anche perche S. S havessi intercette al - cune lettere di questi sigri nelle quali si vedeva che stanno gonfi et aspettavano occasione di vendicarsi della ingiuria, che non riceverono da S. S, ma per non reputar niente tutte que - ste cose, respetto alla giustitia et al dovere et buon animo della M Cesarea, senza participation della quale non pensò mai251al cardinal Farnese. che si mettesse a tentare cosa alcuna, et non possendo mai persuadersi che S. M fusse per comportarlo. Pero accadde tutto per il contrario, che subito senza dimora alcuna fecer passare l’esercito in quel della chiesa et constrinser S. S a redimer la vexatione con 100 m. sc. et col far una lega con loro: la quale mandandosi in Spagna, la demostratione che S. M ne fece d’haverlo a male fu che se in essa si conteneva qualche cosa che fusse in beneficio di N. Sigre et della chiesa, non la volse ratificare, non ostante che quanto fu fatto in Italia, fussi con li mandati amplissimi della M sua, et tra le altre cose v era la reintegratione dei sali dello stato di Milano che si piglias - ser dalla chiesa, et la restitution di Reggio, di che non volse far nulla. Havendo N. Sigre veduto gabbarsi tante volte et sperando sempre che le cose dell imperatore, ancorche alla presentia paressero altrimenti, in effetto poi fussero per riuscire migliori et havendo sempre visto riuscirli il contrario, cominciò a dare orecchie con tante prove che ne vedeva a chi glie l’haveva sem - pre detto et perseverava che la M sua tendessi alla oppressione di tutta Italia et volersene far sigre assoluto, parendoli strano che senza un objetto tale S. M si governasse per se et per li suoi di qua della sorte che faceva: et trovandosi in questa suspettione et mala contentezza di veder che non gli era os - servato fede promessa alcuna, gli pareva che gli fusse ben conveniente adherire alla amicitia et pratiche di coloro li quali havessero una causa commune con la santità sua et fus - ser per trovar modi da difendersi da una violentia tale che si teneva: et essendo tra le altre cose proposto che disegnando Cesare levar di stato el duca di Milano et farsene padrone et havendo tanti indicii che questo era piu che certo non si do - veva perder tempo per anticipar di fare ad altri quel che era disegnato di fare a noi, S. S non poteva recusare di se - guitare il camino di chi come dico era nella fortuna com - mune. Et di qui nacque che volendosi il regno di Francia, la S. Sria di Venetia et il resto di Italia unire insieme per rileva - mento delli stati et salute commune, N. S. dava intentione di non recusare d’essere al medesimo che gli altri s’offerivono: et confessa ingenuamente che essendoli proposto un in nome et da parte del marchese di Pescara che egli come mal contento dell imperatore et come Italiano s’offeriva d’essere in questa compagnia, quando s’avesse a venire a fatti, non solamente non lo ricusò, ma havendo sperato di poterlo havere con effetti, gli haverebbe fatto ogni partito, perche essendo venuto a termine di temer dello stato et salute propria, pensava che ogni via che se gli fusse offerta da potere sperare ajuto non era da rifiu - tare. Hora egli è morto et dio sa la verità et con che animo governò questa cosa. E ben vero et certo questo che simile particulare fu messo a N. Signore in suo nome: et mandando S. S a dimandarnelo, non solo lo ricusò, ma tornò a con - fermare egli stesso quel che per altri mezzi gli era stato fatto intendere: et benche le pratiche procedesser di questa sorte,252Instruttionedio sa se N. Signore ci andava piu tosto per necessità che per elettione; et di cio possono far testimonio molte lettere scritte in quel tempo al nuntio di S. S appresso l’imperatore, per le quali se gli ordinava che facesse intendere alla M Sa li mali modi et atti a rovinare il mondo che per quella si tenevano, et che per amor di dio volesse pigliarla per altra via, non es - sendo possibile che Italia, ancorche si ottenesse, si potesse te - nere con altro che con amore et con una certa forma la quale fusse per contentare gli animi di tutti in[universale]. Et non giovando niente, anzi scoprendosi S. M in quel che si dubi - tava, d’impatronirsi dello stato di Milano sotto la persona di Girolamo Morone et che il duca si fusse voluto ribellare a S. M, perseverava tuttavia in acconciarla con le buone, descen - dendo a quel che voleva S. M se ella non voleva quel che piaceva alla S S., purche lo stato di Milano restasse nel duca, al quale effetto si erano fatte tutte le guerre in Italia: in che S. S hebbe tanto poca ventura che, andando lo spaccio di questa sua voluntà all imperatore in tempo che S. M vo - leva accordarsi col christianissimo, rifiutò far l’accordo: et po - tendo, se accettava prima l’accordo con il papa, far piu van - taggio et poi piu fermo quel del christianissimo, rifiutò far l’accordo con N. Signore, per fare che quanto faceva con il re fusse tanto piu comodo vano quanto non lo volendo il re osservare era per haver de compagni mal contenti con li quali unendosi fusse per tenere manco conto della M Sua; et non è possibile imaginarsi donde procedesse tanta alienatione dell imperatore di volere abbracciare il papa: non havendo ancora con effetto sentita offesa alcuna di S. S, havendo mandato legato suo nipote per honorarlo et praticare queste cose ac - cioche conoscesse quanto gli erano a cuore, facendoli ogni sorte di piacere, et tra gli altri concedendoli la dispensa del matrimonio, la quale quanto ad unire l’amicitia et intelligentia di quei regni per ogni caso a cavargli denari della dote et ha - ver questa successione era della importanza, che ogn’uno sa, et tamen non si movendo S. M niente, costrinse la S. S a darsi a chi ne la pregava, non volendo l’imperatore suppli - carlo, et a grandissimo torto accettarlo: et avenne che strin - gendosi N. Signore con il christianissimo et con l’altri pren - cipi et potentati a fare la lega per commune difensione et pre - cipuamente per far la pace universale, quando l’imperatore lo seppe, volse poi unirsi con N. Signore et mandando ad offrir - gli per il sigre Don Ugo di Moncada non solo quel che S. S gli haveva addimandato et importunato, ma quel che haveva sperato di potere ottenere. Et se o la M S. si vuol difendere o calumniare N. Sigre, che concedendoli per il sigre Don Ugo quan - to dissi di sopra, non l’havesse voluto accettare, non danni la S S., la quale mentre che fu in sua potestà, gli fece istanza di contentarsi di manco assai, ma incolpi il poco giudicio di coloro che quanto è tempo et è per giovare non vogliono consentire a uno et vengono fuori d’occasioni a voler buttar cento. 253al cardinal Farnese. Non essendo con somma giustificatione cio in tempo, che sua M negasse d’entrare in lega con honeste conditioni et che le imprese riuscissero in modo difficili che altrimenti non si potesse ot - tenere l’intento commune, et chi dubitassi che l’impresa del regno non fusse stata per essere facile, lo può mostrare l’esito di Frusolone et la presa di tante terre, considerando massime che N. Sigre poteva mandare nel principio le medesime genti, ma non eron gia atti ad havere nel regno in un subito tante pre - parationi quante stentorono ad havere in molti mesi con aspet - tare gli ajuti di Spagna, et mentre non manca nell amicitia esser amico et voler usar piu presto ufficio di padre, minac - ciando che dando e procedendo con ogni sincerità et non man - cando di discendere ancora ai termini sotto della dignità sua in fare accordo con Colonnesi sudditi suoi per levare ogni suspet - tione et per non mandar mai il ferro tanto inanzi che non si potessi tirandolo in dietro sanar facilmente la piaga, fu ordinata a S. S quella traditione, che sa ogn uno et piu sene parla tacendo, non si potendo esprimere, nella quale è vero che se S. M non ci dette ordine consenso, mostrò almeno gran dispiacere et non fece maggior dimostration, parendo che l’armata e tutti li preparatorii che potessi mai fare l’imperatore non ten - dessino ad altro che a voler vendicare la giustitia che N. Sigre haveva fatta contro i Colonnesi di rovinarli quattro ca - stelli. Non voglio disputar della tregua fatta qui in castello questo septembre per il sigre Don Ugo se teneva o non teneva: ma l’assolutione dei Colonnesi non teneva gia in modo N. Sigre che essendo suoi sudditi non gli potessi et dovessi castigare. Et se quanto all osservantia poi della tregua tra N. Sigre et l’im - peratore fussi stato modo da potersi fidare, si sarebbe osser - vata d’avvanzo, benche N. Sigre non fusse mai el primo a rom - perla: ma non gli essendo osservata qui in Lombardia, dove nel tempo della tregua calando XII mila lanzichineche ven - nero nella terra della chiesa, et facendosi dalle bande di qua el peggio che si poteva, et sollecitandosi el vicerè per lettere del consiglio di Napoli, che furono intercette, che S. Sria accele - rassi la venuta per trovare il papa sprovisto et fornir quel che al primo colpo non haveva potuto fare, non potè N. Sigre mancare a se stesso di mandare a tor gente in Lombardia, le quali, ancorche venissero a tempo di far fattione nel regno, non volse che si movesser dei confini et la rovina de luoghi dei Colonnesi fu piu per l’inobbedienza di non haver voluto alloggiare che per altro et similmente di dar licentia a Andrea Doria di an - dare ad impedir quell armata della quale S. S haveva tanti riscontri che veniva alla sua rovina. Non si può senza nota di S. S di poca cura della salute et dignità sua dir, con quante legittime occasioni costretto non abbandonassi mai tanto tempo l’amore verso l’imperatore, e dipoiche cominciò a esservi qual - che separatione, quante volte non solo essendoli offerti ma an - dava cercando i modi di tornarvi, ancorche et di questo pri - mo proposito et di quest altre reconciliationi gliene fussi se -254Instruttioneguito male. Ecco che mentre le cose son piu ferventi che mai, viene el padre generale dei Minori, al quale havendo N. Sigre nel principio della guerra andando in Spagna dette buone pa - role assai dell animo suo verso l’imperatore et mostratoli quali sariano le vie per venire a una pace universale, la M sua lo rimandò indietro con commissioni a parole tanto ample quanto si poteva desiderare, ma in effetto poi durissime: pur deside - rando N. Sigre d’uscirne et venire una volta a chiarirsi facie ad faciem con l’imperatore, se vi era modo o via alcuna di far pace, disse di et accettò per le migliori del mondo queste cose che l’impre voleva da sua santità et quello che la M sua voleva dare: et volendo venire allo stringere et bisognando far capo col vicerè, il quale si trovava anch esso arrivato a Gaetta nel medesimo tempo con parole niente inferiori di quelle che el generale haveva detto, queste conditioni crescevano ogn’hora et erano infinite et insoportabili da potersi fare: con tutto cio niente premeva piu a N. Signore che esser costretto a far solo accordo con l’imperatore in Italia, perche la causa che moveva a farlo, etiam con grandissimo danno et vergogna sua, era l’u - nione et pace in Italia et il potere andare all imperatore, et se la Signoria di Venetia non gli consentiva, questo non poteva occorrere, et per praticare il consenso loro, stando il vicerè a Frusolone, si fece la sospensione dell armi otto giorni, tra quali potesse venire la risposta di Venetia, et andando con esse il signor Cesare Fieramosca, non fu prima arrivato che gia essendosi alle mani et liberato Frusolone dall assedio non si potè far niente: nel qual maneggio certo che N. Signore andò sinceramente et così ancora il revmo legato, ma trovan - dosi gia l’inimici a posta et con l’armi in mano, non era pos - sibile di trattare due cose diverse in un tempo medesimo. Si potrebbe maravigliarsi che doppo l’aver provato l’animo di questa parte et restarsi sotto con inganno, danno et ver - gogna, hora volens et sciens, senza necessità alcuna, libero dalla paura del perdere, sicuro di guadagnare, non sapendo che amicitia acquistassi, essendo certo della alienatione et nemicitia di tutto il mondo et di quei principali che di cuore amano la S sua, andasse a buttarsi in una pace o tregua di questa sorte. Ma havendo sua S provato che non piaceva a dio che si facessi guerra, per - che ancorche havessi fatto ogni prova per non venire ad arme et di poi essendovi venuto con tanti vantaggi, il non haver ha - vuto se non tristi successi non si può attribuire ad altro, ve - nendo la povera christianità afflitta e desolata in modo insoffri - bile ad udirsi da noi medesimi, che quasi eravamo per lassar poca fatica al Turco di fornirla di rovinare, giudicava che nes - sun rispetto humano dovessi per grande che fusse valer tanto che havessi a rimuovere la S sua da cercar pace in compagnia d’ogn uno, non possendola haver con altri, farsela a se stessa, et massime che in questi pensieri tornorno a interporvisi di quelli avvisi, et nuove dell animo et voluntà di Cesare dispo - sto a quello che suol muovere le S. S mirabilmente havendo255al cardinal Farnese. havuto nel medesimo tempo lettere di man propria di S. M per via del Sigre Cesare et per quel di Arezzo di quella sorte che era necessario; vedendo che d’accordarsi il papa col imperatore fusse per seguirne la felicità del mondo overo imaginarsi che uomo del mondo non potessi mai nascer di peggior natura che l’imperatore se fusse andato a trovare questa via per rovinare il papa, la qual fussi indegnissima d’ogni vilissimo uomo et non del maggiore che sia tra christiani, ma absit che si possa imaginar tal cosa, ma si reputa piu tosto che dio l’habbia per - messa per recognition nostra et per dar campo alla M sua di mostrar piu pietà, piu bontà e fede et darli luogo d’assettare il mondo piu che fusse mai concesso a prencipe nato. Essendo venute in mano di questi soldati tutte le scritture, tra l’altre gli sarà capitato una nuova capitulatione, che fece N. Sre cin - que o sei al piu prima che seguisse la perdita di Roma, per la quale ritornando S. S per unirsi con la lega et consentendo a molte conditioni che erano in pregiudicio della M Cesarea, non penso che alcuno sia per volersene valere contro N. Sre di quelli della parte di Cesare, perche non lo potrebbon fare senza scoprir piu i difetti et mancamenti loro, li quali dato che si potessi concedere che non si fussi potuto ritrar Borbone dal proposito suo di voler venire alla rovina del papa, certo è che eron tanti altri in quel campo di fanti et uomini d’arme et per - sone principali che havrebbono obbedito a i commandamenti dell imperatore se gli fussero stati fatti di buona sorte: et privato Borbone d’una simil parte, restava pocco atto a proseguire el disegno suo. Et dato che questo non si fusse possuto fare, ben - che non si possa essere escusazione alcuna che vagli, come si giustificherà che havendo N. Sigre adempito tutte le conditioni della capitulazione fatta col vicerè, sicome V. S. Rma potria ricordarsi et vedere rileggendo la copia di essa capitulazione, che porterà seco, che domandando S. S all incontro che se li osservasse il pagamento dei fanti et degli uomini d’arme, che ad ogni richiesta sua se li erano obbligati, non ne fussi stato osser - vato niente, che non essendo stato corrisposto in nessuna parte a N. Sigre in quella capitulatione, da un canto facendosi con - tro quello che si doveva, dall altro non se li dando li ajuti che si doveva, non so con che animo possa mettersi a voler ca - lunniare la S S. o d’una cosa fatta per mera necessità in - dutta da loro et tardata tanto a fare, che fu la rovina di sua Beattitudine, pigliare occasione di tenersi offesi da noi.

Dalla deliberatione che N. Sigre fece dell andata sua all imperatore in tempo che nessuno posseva suspicare che si mo - vessi per altro che per zelo della salute de christiani, essendo venuta quella inspiratione subito che si hebbe nuova della morte del re d’Ungheria et della perdita del regno, non lo negheranno li nemici proprii, havendo Sa S consultato e resoluto in concis - toro due o tre inanzi l’entrata di Colonnesi in Roma; credo che sia alcuno si grosso che pensi si volessi fare quel tutto di gratia coll imperatore prevedendo forse quella tempesta, perche256Instruttionenon era tale che se si fussi havuto tre hore di tempo a saperlo, non che tre , non si fusse con un minimo suono potuto scac - ciare. Le conditioni che el padre generale di S. Francesco portò a N. Sigre furon queste: la prima di voler pace con Sa S, et se per caso alla venuta sua trovasse le cose di Sa S et della chiesa rovinate, che era contento si riducessero tutte al pristino stato et in Italia darebbe pace ad ogn uno, non essendo d’animo suo volere per se per suo fratello pur un palmo, anzi lassar ogn un in possesso di quello in che si trovava tanto tempo fa; la differentia del duca di Milano si vedessi in jure da giudici da deputarsi per Sa S et Sa M, et venendo da assolversi si re - stituisse, dovendo esser condennato si dessi a Borbone, et Fran - cia sarebbe contento far l’accordo a danari, cosa che non ha - veva voluto far fin qui, et la somma nominava la medesima che’l christianissimo haveva mandato a offerire cioè due millioni d’oro; le quali conditioni N. Sigre accettò subito secondo che il generale ne può far testimonio, et le sottoscrisse di sua mano, ma non furono gia approvate per gli altri, li quali V. S. sa quanto gravi et insoportabili petitioni gli aggiunsero. Hora non essendo da presumere se non che la M Cesarea dicesse da dovero et con quella sincerità che conviene a tanto prencipe, et vedendosi per queste propositioni et ambasciate sue così moderato animo et molto benigno verso N. Sigre, in tanto che la M sua non sa - peva qual fussi quello di Sa S in verso se et che si stimava l’armi sue essere così potentissime in Italia per li lanzichine - che et per l’armata mandata, che in ogni cosa havessi ce - duto, non è da stimare se non che quando sarà informato che se la M sua mandò a mostrar buon animo non fu trovato in - feriore quel di N. Sigre, et che alle forze sue era tal resisten - tia che Sa S piu tosto fece beneficio a Sa M in depor l’ar - mi, che lo ricevessi, come ho detto di sopra et è chiarissimo, et che tutta la rovina seguita sta sopra la fede et nome di sua M, nella quale N. Sigre si è confidato, verrà non sola - mente esser simile a se, quando anderà sua sponte a desiderar bene et offerirsi parato rifarne a N. Sigre et alla chiesa, ma an - cora aggiunger tanto piu a quella naturale disposition sua quanto ricerca il volere evitare questo carico, et d’ignominioso che sa - rebbe per essere, passarsene di leggiero, voltarlo in gloria per - petua, facendola tanto piu chiara et stabile per se medesima quanto altri hanno cercato come suoi ministri deprimerla et os - curarla. Et gli effetti che bisognerebbe far per questo tanto pri - vatamente verso la chiesa et restauration sua quanto i beneficii che scancellassero le rovine in Italia et tutta la christianità, estimando piu essere imperatore per pacificarla che qualsivoglia altro emolumento, sarà molto facile a trovarli, purche la dis - positione et giudicio di volere et conoscere il vero bene dove consiste vi sia.

Per257al cardinal Farnese.

Per non entrare in le cause per le quali fummo costretti a pigliar l’armi, per essere cosa che ricercarebbe piu tempo, si verrà solamente a dire che non le pigliammo mai per odio o mala voluntà che havessimo contra l’imperatore, o per am - bitione di far piu grande lo stato nostro o d’alcuno de no - stri, ma solo per necessità nella quale ci pareva che fusse posta la libertà et stato nostro et delli communi stati d’Ita - lia, et per far constare a tutto il mondo et all imperatore che se si cercava d’opprimerci, noi non potevamo doveva - mo comportarlo senza far ogni sforzo di difenderci, in tan - to che sua M, se haveva quell animo del quale mai dubita - vamo, intendesse che le cose non erano per riuscirli così facil - mente come altri forse gli haveva dato ad intendere, overo se noi ci fussimo gabbati in questa oppinione che Sa M intendessi a farsi male, et questi sospetti ci fusser nati piu per modi dei ministri che altro, facendosi S. M Cesarea intendere esser così da dovero, si venisse a una buona pace et amicitia non solo tra noi particularmente et S. M, ma in compagnia degli altri prencipi o sigri con li quali eravamo colligati non per altro ef - fetto che solamente per difenderci dalla villania che ci fusse fatta o per venir con conditioni honeste et ragionevoli a met - tere un altra volta pace infra la misera christianità: et se quando Don Ugo venne S. M ci havesse mandato quelle resolu - tioni le quali honestissimamente ci parevan necessarie per ve - nir a questo, ci haverebbe N. Sigre Iddio fatto la piu felice gra - tia che si potessi pensare, che in un medesimo quasi che si presero l’armi si sarebbon deposte. Et che sia vero quel che diciamo che habbiamo havuto sempre in animo, ne può far testimonio la dispositione in che ci trovò il generale di S. Francesco, con el quale communicando noi, hora è un anno che era qui per andare in Spagna, le cause perche noi et gli al - tri d’Italia havevamo da star mal contenti dell imperatore, et dandogli carico che da nostra parte l’esponesse tutte a quella, con farli intendere che se voleva attendere ai consigli et pre - ghiere nostre, le quali tutte tendevano a laude et servitio di dio et beneficio così suo come nostro, ci troverebbe sempre di quella amorevolezza che ci haveva provato per inanzi, et essen - dosi di alquanti mesi rimandatoci il detto generale da S. M con risponderci humanissimamente che era contenta, per usar delle sue parole, accettar per comandamento quello che noi gli havevamo mandato a consigliare: et per dar certezza di cio, por - tava tra l’altre risolutioni d’esser contento di render li figliuoli del christianissimo con quel riscatto et taglia che gli era stata offerta da S. M, cosa che sin qui non haveva voluto mai fare: oltre che prometteva che se tutta Italia per un modo di dire a quell hora che ’l generale arrivassi a Roma, fussi in suo potere, era contenta, per far buggiardo chi l’havesse voluto calunniare che la volessi occupare, di restituir tutto nel suo pristino stato et mostrar che in essa per se per il sermo suo fratello non ci voleva un palmo di piu di quello che era solito di possidervi antica -Päpſte** 17258Instruttionemente la corona di Spagna: et perche le parole s’accompagnas - ser con i fatti, portava di cio amplissimo mandato in sua per - sona da poter risolver tutto o con Don Ugo o con el vicerè, se al tempo che ci capitava, in Italia fussi arrivato. Quanto qui fussi il nostro contento, non si potrebbe esprimere, e ci pareva un hora mill anni venire all effetto di qualche sorte d’accordo ge - nerale di posar l’arme: et sopragiungendo quasi in un mede - simo tempo il vicerè et mandandoci da San Steffano, dove prima prese porto in questo mare, per el comandante Pignatosa a dire le miglior parole del mondo et niente differenti da quanto ci haveva detto el generale, rendemmo gratie a iddio che il piacere che havevamo preso per l’ambasciata del generale non fusse per havere dubbio alcuno, essendoci confermato il mede - simo per il signor vicerè, il quale in farci intendere le com - missioni dell imperatore ci confortava in tutto, et pur ci mandava a certificare che nessuno potrebbe trovarsi con migliore voluntà di mettersi ad eseguirle. Hora qualmente ne succedesse il contra - rio, non bisogna durare molta fatica in dirlo, non essendo al - cun che non sappia le durissime, insoportabili et ignominiose conditioni che ne furono dimandate da parte del vicerè, non havendo noi posta dimora alcuna in mandarlo a pregare che non si tardasse a venire alla conditione di tanto bene. Et dove noi pensavamo ancora trovar meglio di quel che ne era stato detto, essendo l’usanza di farsi sempre riservo delle mi - gliori cose per farle gustare piu gratamente, non solo ci riuscì di non trovare niente del proposto, ma tutto il contrario, et prima: non havere fede alcuna in noi, come se nessuno in ve - rità possa produrre testimonio in contrario; et per sicurtà do - mandarci la migliore et piu importante parte dello stato nostro et della Sria di Fiorenza, dipoi somma di denari insoporta - bile a chi havesse havuto i monti d’oro, non che a noi, che ogn’uno sapeva che non havevamo un carlino; volere che con tanta ignominia nostra, anzi piu dell imperatore, restituissimo coloro che contra ogni debito humano et divino, con tanta tra - dizione, vennero ad assalire la persona di N. Signore, saccheg - giare la chiesa di San Pietro, il sacro palazzo; stringerne senza un minimo rispetto a volere che ci obbligassimo strettamente di piu alla M Cesarea, sapendo tutto il mondo quanto desiderio ne mostrammo nel tempo che eravamo nel piu florido stato che fussimo mai, et, per non dire tutti gli altri particulari, volere che soli facessimo accordo, non lo potendo noi fare se vole - vamo piu facilmente condurre a fine la pace universale per la quale volevamo dare questo principio. Et così non si potendo il vicerè rimuoversi da queste sue dimande tanto insoportabili et venendo senza niuna causa ad invader lo stato nostro, ha - vendo noi in ogni tempo et quei pochi mesi inanzi lasciato stare quello dell imperatore nel regno di Napoli, accadde la venuta di Cesare Fieramosca: il quale trovando il vicerè gia nello stato della chiesa, credemmo che portasse tali commis - sioni da parte dell imperatore a S. Sria che se si fossero ese -259al cardinal Farnese. guite, non si sarebbero condotte le cose in questi termini. Et mentre S. Sria volse fare due cose assai contrarie insieme, una mostrare di non haver fatto male ad esser venuto tanto inanzi overo non perdere le occasioni che gli pareva havere di gua - dagnare il tutto, l’altra di obbedire alli comandamenti dell im - peratore, quali erano che in ogni modo si facesse accordo, non successe all hora l’uno l’altro: perche S. Sria si trovò gabbata, che non potette fare quello che si pensava. Et tornando il signor Cesare con patti di far tregua per otto , fintanto che venisse risposta se la Sigria di Venetia vi voleva entrare, quando arrivò in campo, trovò gli eserciti alle mani et non si andò per all hora piu inanzi: salvo che non ostante questo successo et conoscendo certo che stassimo sicurissimi in Lombardia et in Toscana per le buone provisioni et infi - nita gente di guerra, che vi era di tutta la lega, et che le cose del reame non havessero rimedio alcuno come l’esperientia l’ha - veva cominciato a dimostrare, mai deponemmo dall animo no - stro il desiderio et procuratione della pace. Et in esser suc - cesse le cose così bene verso noi, non havevamo altro contento se non poter mostrare che se desideravamo pace, era per vero giudicio et buona voluntà nostra et non per necessità, et per mostrare all imperatore che, se comandò con buono ani - mo, come crediamo, al padre generale che ancorche tutto fusse preso a sua devotione si restituisse, che quel che ella si imaginava di fare quando il caso havesse portato di esserlo, noi essendo così in fatto lo volevamo eseguire. A questo no - stro desiderio ci aggiunsero un ardore estremo piu lettere scritte di mano dell imperatore, tra l’altre due che in ultimo havem - mo da Cesare Fieramosca et da Paolo di Arezzo nostro servi - tore, le quali sono di tal tenore che non ci pareria havere mai errato se in fede di quelle lettere sole non solo havessimo po - sto tutto il mondo ma l’anima propria in mano di S. M; tanto ci scongiura che vogliamo dar credito alle parole che ne dice, et tutte esse parole sono piene di quella satisfattione di quelle promesse et quell ajuto che noi a noi non lo desidera - vamo migliore. Et come in trattare la pace finche non eravamo sicuri che corrispondenza s’era per havere, non si rimetteva niente delle provisioni della guerra, così ci sforzavamo chiarirci bene et essendo due capi in Italia, Borbone et il signor vicerè, s’era bisogno trattare con un solo et quello sarebbe rato per tutti, overo con tutti due particularmente: accioche se ci fusse avenuto quel che è, la colpa che è data d’altra sorte ad altri, non fusse stata a noi di pocca prudentia: et havendo trovato che questa facultà di contrattare era solo nel vicerè, ce ne volemmo molto ben chiarire et non tanto che fussi così come in effetto il generale, il signor Cesare, il vicerè proprio, Paulo d’Arezzo et Borbone ne dicevono, ma intender dal detto Borbone non una volta ma mille et da diverse persone se l’era per obbedirlo, et proposto di voler fare accordo particularmente con lui et recu - sando et affermando, che a quanto appuntarebbe el vicerè non17*260Instruttionefarebbe replica alcuna. Hora fu facil cosa et sarà sempre ad ogn uno adombrar con specie di virtù un suo disegno, et non lo potendo condurre virtuosamente all aperta, tirarlo con fallacia, come venghi donde si voglia ci par esser a termine che non sappiamo indovinar donde procedeva ci par che si sia stato fatto a noi, li quali si vede che tutte le diligentie che si possono usare di non esser gabbati, sono state usate per noi, et tanto che qualche volta ci pareva d’esser superstitiosi et di meritarne reprehensione. Perche havendo el testimonio, et di lettere et di bocca dell’imperatore, del buon animo suo, et che Borbone obbedirebbe al vicerè, et a cautela dando S. M let - tere nuove a Paulo sopra questa obbedientia al vicerè dirette a esso Borbone, et facendosi el trattato con el poter si ampio di S. M che doveva bastare, et havendo Borbone mostrato di remettersi in tutto nel vicerè, et contentandosi poi esso di venire in poter nostro, fu una faciltà tanto grande a tirarci allo stato ove siamo che non sappiamo gia che modo si potrà piu trovare al mondo di credere alla semplice fede d’un privato gentil huomo, essendovi qui intervenute molte cose e riuscito a questo modo. Et per non cercare altro che fare i fatti proprii, era molto piu lecito et facile a noi senza incorrer non solo in infamia di non servator di fede, ma anche d’altro, usar dell occasione che la fortuna ci haveva portato, di starsi sicurissimo in Lombar - dia come si stava che mai veniva Borbone inanzi, se l’eser - cito della lega non si fusse raffreddato per la stretta prattica anzi conclusion della pace, et valuto di quella commodità se - guitar la guerra del reame, et da due o tre fortezze in poi le - varlo tutto, e di poi andare appresso in altri luoghi, dove si fosse potuto far danno et vergogna all imperatore, et stando noi saldi in compagnia dei confederati rendere tutti li disegni suoi piu difficili. Ma parendoci che el servitio di dio et la misera christianità ricercasse pace, ci proponemmo a deporre ogni grande acquisto o vittoria che fussimo stati per havere, et offender tutti li prencipi christiani et Italiani, senza saper quodammodo che haver in mano, ma assai pensavamo d’havere se l’animo dell imperatore era tale come S. M con tante evidentie si sfor - zava darci ad intendere. Et molto poco stimavamo l’offensione degli altri prencipi christiani, li quali di a molto poco ci sa - rebber restati molto obbligati se si fusse seguito quello che tanto amplamente S. M ci ha con argumenti replicato, che sa - rebbe, accordandosi noi seco, per rimettere in nostra mano la conclusion della pace et assenso con li prencipi christiani. Et se alcuno volesse pensare che fussimo andati con altro objetto, costui conoscendoci non può piu mostrare in cosa alcuna la malignità sua; non ci conoscendo et facendo diligentia di sapere le attioni della vita nostra, troverà che è molto consentiente che noi non habbiamo mai desiderato se non bene et operato virtuosamente et a quel fine postposto ogni altro interesse: et se hora ce n’è successo male ricevendo di mano di N. Sigre dio quanto giustamente gli piace con ogni humiltà, non è che da gli huomini non riceviamo grandissimo torto et da quelli massime261al cardinal Farnese. che se ben fino a un certo termine posson coprirsi con la forza et con la disobbedienza d’altri, benche quando s’havessi a dis - cutere si trovarebbe da dire assai, hora et un pezzo fa et per honor loro et per quel che sono obbligati secondo dio et se - condo il mondo si potrebber portare altrimenti di quel che fanno. Noi siamo entrati nel trattato poi fatto a Fiorenza con quelli di Borbone per mano del sigre vicerè et dipoi non osservato, perche non vogliamo parer d’haver tolto assunto di fare il male contra chi è stato causa di trattarci così, li quali dio giu - dichi con el suo giusto giudicio; doppo la misericordia del quale verso di noi et della sua chiesa non speriamo in altro che nella religione, fede et virtù dell imperatore; che essendoci noi con - dotti dove siamo per l’opinione che havevamo di esso con el frutto che s’aspetta a tal parte ci ritragga et ponga tanto piu alto quanto siamo in basso. Dalla cui M aspettiamo della ignominia et danni patiti infinitamente quella satisfattione che S. M ci può dare eguale alla grandezza sua et al debito, se alcuna se ne potesse mai trovare al mondo che bastasse alla minima parte. Non entraremo esprimendo i particolari a torre la gratia dei concetti, che doviam sperare che havrà et che ci man - derà a proporre. Dicono che mettendoci al piu basso grado di quel che si possi domandare et che è per esser piu presto vergogna a S. M a non conceder piu et a noi a non doman - dare che parer duro a farlo, che da S. M dovrebber venire queste provisioni:

Che la persona nostra, el sacro colleggio et la corte dello stato tutto temporale et spirituale siamo restituiti in quel grado ch’era quando furon fatte l’indutie col sigr vicerè, et non ci gravare a pagare un denaro dell obbligato.

Et se alcuno sentendo questo si burlerà di noi, rispondiamo che se le cose di sopra son vere, et si maraviglia che ci acquie - tiamo di questo, ha gran raggione; ma se gli paresse da do - vero strano, consideri con che bontà lo giudica o verso Cesare o verso noi: se verso Cesare, consideri bene che ogni volta che non si promette di S. M e questo e molto piu, che lo fa gia partecipe di tutto quel male che qui è passato: ma se verso noi diciamo che iniquamente ci vuole detrarre quello che nessuno mai ardirebbe di far buona mente. si deve guardare che siamo qui, ma si bene come ci siamo, et che è pur meglio far con virtù et giudicio quello che finalmente el tempo in ogni modo ha da portare, se non in vita nostra, in quella d’altri.

16. Sommario dell istoria d’Italia dall anno 1512 insino a 1527 scritto da Francesco Vettori.

Ein uͤberaus merkwuͤrdiges Werkchen, von einem in die Geſchaͤfte des Hauſes Medici und alle italieniſchen tief eingeweihten geſcheid - ten Manne, Freunde Machiavells und Guicciardinis. Ich fand es in der Bibliothek Corſini zu Rom; doch konnte ich es nur excerpiren. Ich wuͤrde es ſonſt zum Druck befoͤrdern, deſſen es hoͤchſt wuͤrdig iſt.

262Franc. Vettori istoria d’Italia 1512 1527.

Die Peſt des Jahres 1527 vertrieb Franz Vettori von Florenz; auf ſeiner Villa ſchrieb er dieſe Ueberſicht der juͤngſten Ereigniſſe.

Hauptſaͤchlich beſchaͤftigt er ſich mit florentiniſchen Angelegen - heiten. Er naͤhert ſich einer Geſinnung wie jene ſeine Freunde ſie ausgebildet. Wo er der Einrichtung gedenkt, welche die Medici ſeiner Vaterſtadt im Jahre 1512 gegeben, ſo daß Cl. Medici, nach - mals Leo X, alles vermocht habe (si ridusse la città, che non si facea se non quanto volea il cardl de Medici), fuͤgt er hinzu, man nenne das freilich Tyrannei, aber er fuͤr ſeine Perſon kenne keinen Staat, weder Fuͤrſtenthum noch Republik, der nicht etwas Tyranni - ſches habe. Tutte quelle republiche e principati de quali io ho cognitione per historia o che io ho veduto mi pare che sen - tino della tirannide. Man werde ihm das Beiſpiel von Frank - reich oder von Venedig einwerfen. Aber in Frankreich habe der Adel das Uebergewicht im Staate und genieße die Pfruͤnden; in Venedig ſehe man 3000 Menſchen uͤber 100000 herrſchen, nicht immer ge - recht; zwiſchen Koͤnig und Tyrann ſei kein Unterſchied, als daß ein guter Herrſcher Koͤnig, ein boͤſer Tyrann genannt zu werden verdiene.

Trotz dem nahen Verhaͤltniſſe in dem er zu den beiden medi - ceiſchen Paͤpſten ſtand, iſt er von der Chriſtlichkeit der paͤpſtlichen Gewalt wenig uͤberzeugt. Chi considera bene la legge evange - lica, vedrà i pontefici, ancora che tenghino il nome di vicario di Christo, haver indutto una nova religione, che non ve n’è altro di Christo che il nome; il qual comanda la povertà e loro vogliono la richezza, comanda la humiltà e loro vogliono la superbia, comanda la obedientia e loro vogliono comandar a ciascuno. Man ſieht, wie ſehr dieß weltliche Weſen und ſein Gegenſatz gegen das geiſtliche Princip dem Proteſtantismus vorarbeitete.

Die Wahl Leos ſchreibt Vettori vor allem der Meinung zu, die man von deſſen Gutmuͤthigkeit hatte. Es waren zwei furchtbare Paͤpſte vorausgegangen, und man war ihrer ſatt. Man waͤhlte Medici. Havea saputo in modo simulare che era tenuto di ottimi co - stumi. Das Meiſte trug hiezu Bibbiena bei, der die Neigungen al - ler Cardinaͤle kannte und ſie gegen ihr eigenes Intereſſe zu gewinnen wußte. Condusse fuori del conclave alcuni di loro a promettere, e nel conclave a consentire a detta elettione contra tutte le ra - gioni.

Die Expedition Franz I. im Jahre 1515 und die Haltung Leos X. waͤhrend derſelben fuͤhrt er ſehr gut aus. Daß ſie keinen ſchlim - mern Erfolg fuͤr den Papſt gehabt, mißt er beſonders der Geſchick - lichkeit des Tricarico bei, der in dem Momente in das franzoͤſiſche Lager kam, als der Koͤnig bei Marignano zu Pferde ſtieg, um den Schweizern Widerſtand zu leiſten, und der dann ſpaͤter die Unterhand - lung auf das kluͤgſte leitete.

Es folgt die Bewegung von Urbino. Ich habe ſchon ange - geben, welche Gruͤnde Vettori fuͤr Leo anfuͤhrt. Leone disse, che se non privava il duca dello stato, el quale si era condotto con lui e preso danari et in su l’ardore della guerra era conve - nuto con li nemici pensato che era suo subdito, ad al - tro, che non sarebbe piccolo Barone, che non ardisse di263Franc. Vettori istoria d’Italia 1512 1527.fare il medesimo o peggio; e che havendo trovato il ponteficato in riputatione lo voleva mantenere. Et in verità volendo vi - vere i pontefici come sono vivuti da molte diecine d’anni in qua, il papa non poteva lasciare il delitto del duca impunito.

Vettori hat noch beſonders ein Leben von Lorenzo Medici dem J. verfaßt. Er lobt ihn mehr als irgend ein anderer Autor. Seine Staatsverwaltung von Florenz ſtellt er in einem eigenthuͤmlichen und neuen Lichte dar. Es ergaͤnzt ſich wechſelsweiſe, was er in je - ner Lebensbeſchreibung und in unſerm Sommario ſagt.

Auch die Kaiſerwahl, die in dieſe Periode fiel, behandelt er. Er findet, daß Leo den Koͤnig von Frankreich nur darum in ſeinen Be - ſtrebungen beſtaͤrkt habe, weil er ſchon gewußt, daß ihn die Deut - ſchen doch nicht waͤhlen wuͤrden. Seine Berechnung ſey geweſen, Franz I. ſolle, um nur Carln nicht waͤhlen zu laſſen, ſeine Gunſt einem deutſchen Fuͤrſten zuwenden. Ich finde die unerwartete Notiz die ich freilich nicht ſofort angenommen haben will daß der Koͤnig wirklich zuletzt die Wahl Joachims von Brandenburg zu be - foͤrdern geſucht habe. Il re haveva volto il favore suo al marchese di Brandenburg, uno delli electori, et era contento che li danari prometteva a quelli electori che eleggevano lui, dargli a quelli che eleggevano dicto marchese. Wenigſtens iſt das Verfahren Joachims bei dieſer Wahl ſehr außerordentlich. Dieſe ganze Geſchichte, mit und ohne Abſicht wunderlich verunſtaltet, ver - diente endlich wohl einmal ihre Aufklaͤrung.

Vettori findet den Bund Leos mit Carl uͤber alle Begriffe unklug. La mala fortuna di Italia lo indusse a fare quello che nessuno uomo prudente avrebbe facto. Er gibt es beſonders dem Zureden Hieronymo Adorno’s Schuld. Auf die natuͤrlichen Ruͤck - ſichten des mediceiſchen Hauſes kommt er nicht zu ſprechen.

Von dem Tode des Papſtes erzaͤhlt er einige der Particularitaͤ - ten die ich aufgenommen. An eine Vergiftung glaubt er nicht. Fu detto che morì di veneno, e questo quasi sempre si dice delli uomini grandi e maxime quando muojono di malattie acute. Er meint, eher muͤſſe man ſich wundern, daß Leo noch ſo lange ge - lebt habe.

Er beſtaͤtigt, daß Hadrian ſich anfangs weigerte etwas wider die Franzoſen zu thun; erſt auf ein dringendes Schreiben des Kaiſers habe er ſich dazu verſtanden einiges Wenige zu leiſten.

Es wuͤrde zu weit fuͤhren, die[Bemerkungen] hier niederlegen zu wollen, welche in dieſer Schrift uͤber den weitern Verlauf der Bege - benheiten gemacht werden; merkwuͤrdig bleibt ſie ſelbſt da, wo der Autor nur ſeine Geſinnung ausſpricht. Er ſtand hierin, wie geſagt, Machia - velli ſehr nahe. Von den Menſchen hat er eine eben ſo ſchlechte Meinung. Quasi tutti gli uomini sono adulatori e dicono volon - tieri quello che piaccia agli uomini grandi, benche sentino altrimenti nel cuore. Daß Franz I. den Frieden von Madrid nicht hielt, erklaͤrt er fuͤr die herrlichſte und edelſte That die ſeit vielen hundert Jahren geſchehen. Francesco, ſagt er, fece una cosa molto con - veniente, a promettere assai con animo di non observare, per potersi trovare a difendere la patria sua. Eine Anſicht, die des Principe wuͤrdig iſt.

264Marco Foscari Rel. 1526.

Aber auch in anderer Hinſicht erweiſt ſich Vettori als ein Geiſtes - verwandter der großen Autoren dieſer Epoche. Unſre Schrift iſt voll Originalitaͤt und Geiſt, und um ſo anziehender, da ſie nur kurz iſt. Der Verfaſſer ſagt nur eben ſo viel als er weiß. Aber dieß iſt doch recht bedeutend. Es wuͤrde eine ausfuͤhrlichere Arbeit dazu gehoͤren, um ihm ſein Recht widerfahren zu laſſen.

17. Sommario di la relatione di S. Marco Foscari venuto orator del sommo pontefice a 2 Marzo 1526. Bei Sanuto Bd. 41.

Marco Foscari gehoͤrte mit zu jener Geſandtſchaft, welche Hadrian die Obedienz leiſtete. Er ſcheint dann bis 1526 in Rom ge - blieben zu ſeyn.

Auch von Hadrians Zeit ſagt er Einiges, jedoch fuͤr Clemens VII. iſt er um ſo wichtiger, weil er in dem damaligen engen Ver - haͤltniß zwiſchen Venedig und dem Papſt mit Dieſem unausgeſetzten lebhaften Verkehr hatte.

Er ſchildert Clemens folgendergeſtalt. Hom prudente e savio, ma longo a risolversi, e di qua vien le sue operation varie. Dis - corre ben, vede tutto, ma è molto timido: niun in materia di stato pol con lui, alde tutti e poi fa quello li par: homo justo et homo di dio: et in signatura, dove intravien tre cardinali e tre referendarii, non farà cosa in pregiuditio di altri, e come el segna qualche supplicacion, non revocha piu, come feva papa Leon. Questo non vende beneficii, li da per symonia, non tuo officii con dar beneficii per venderli, come feva papa Leon e li altri, ma vol tutto passi rectamente. Non spende, non dona, tuol quel di altri: onde è reputa mixero. E qual - che murmuration in Roma, etiam per causa del cardl Armelin, qual truova molte invention per trovar danari in Roma e fa metter nove angarie e fino a chi porta tordi a Roma et altre cose di manzar. E continentissimo, non si sa di alcuna sorte di luxuria che usi. Non vol buffoni, non musici, non va a cazare. Tutto il suo piacere è di rasonar con inze - gneri e parlar di aque.

Er kommt dann auf ſeine Rathgeber. Seinem Neffen geſtatte der Papſt keinen Einfluß; ſelbſt Giberto vermoͤge in Staatsſa - chen nicht viel: il papa lo alde, ma poi fa al suo modo; auch er findet, daß Giberto devoto e savio franzoͤſiſch, Schom - berg libero nel suo parlar kaiſerlich ſey. Ein großer An - haͤnger des Kaiſers war auch Zuan Foietta: er war weniger haͤufig mit dem Papſt, ſeit dieſer in Bund mit Frankreich getreten. Fos - cari gedenkt auch der beiden Secretaͤre des Papſtes, Jac. Salviati, und Fr. Vizardini (Guicciardini), den letzten findet er geſchickter, aber ganz franzoͤſiſch.

Es iſt merkwuͤrdig, daß der Papſt mit den Franzoſen nicht viel beſſer ſtand als mit den Kaiſerlichen. Er fuͤhlte wohl, was er von ihnen zu erwarten hatte. Nur mit Venedig fuͤhlte er ſich wahr -265Marco Foscari Rel. 1526.haft verbuͤndet. Conosce, se non era la Signoria nostra, saria ruinado e caza di Roma.

Beide beſtaͤrkten ſich wechſelſeitig in ihren italieniſchen Intentio - nen, und ſahen ihre Ehre darin. Der Papſt war ſtolz, daß er Ve - nedig abgehalten habe ſich mit dem Kaiſer zu verſtaͤndigen; dagegen behauptet nun unſer Geſandter geradezu, er ſey es, durch den Ita - lien frei geworden; ſchon ſei der Papſt entſchloſſen geweſen, Bour - bon als Herzog von Mailand anzuerkennen, er habe demſelben ſo ernſthaft zugeredet daß er von ſeinem Entſchluſſe zuruͤckgekommen.

Er beſtaͤtigt, daß der Papſt dem Kaiſer die Dispenſation die zu der Ehe deſſelben noͤthig war, nur unter gewiſſen Bedingungen gewaͤhren wollen was obige Inſtruction nicht andeutet, der Kai - ſer habe ſie aber ohne dieß zu bekommen gewußt.

Bei dieſer Relation tritt noch eine beſondere Merkwuͤrdigkeit ein. Als ſpaͤter die Geſandten angewieſen wurden, ihre Relationen ſchrift - lich abzufaſſen und einzureichen, that das auch Marco Foscari. Es iſt auffallend, wie viel ſchwaͤcher die zweite Relation iſt als die erſte. Dieſe ward unmittelbar nach den Ereigniſſen vorgetragen, aus voller Friſche der Erinnerung; ſpaͤter waren ſo viele andere große Ereigniſſe eingetreten, daß jene Erinnerungen ſich bereits verwiſchten. Es zeigt das, wie viel Dank wir auch in dieſer Hinſicht dem Fleiße des un - ermuͤdlichen Sanuto ſchuldig ſind. Dieß iſt die letzte Relation die ich aus ſeiner Chronik kennen gelernt. Es folgen andere, welche in eigenen Abſchriften, von den Autoren revidirt, aufbehalten worden.

18. Relatione riferita nel consiglio di pregadi per il clarissimo Gas - par Contarini, ritornato ambasciatore del papa Clemente VII e dal impre Carlo V, Marzo 1530. Informationi Politiche XXV. Bibl. zu Berlin.

Der nemliche Gaspar Cantarini von dem in unſerer Geſchichte ſo viel Loͤbliches zu melden war.

Nachdem er ſchon einmal eine Geſandtſchaft bei Carl dem V. verwaltet die Relation die er uͤber dieſe abſtattete, gehoͤrt zu den ſeltenſten; ich habe ein einziges Exemplar davon geſehen, zu Rom bei den Albani, ward er 1528, noch ehe der Papſt nach ſo vielem Ungluͤck und langer Abweſenheit nach Rom zuruͤckgegangen, an die - ſen abgeordnet. Er begleitete ihn von Viterbo nach Rom, von Rom zur Kaiſerkroͤnung nach Bologna. Hier nahm er Theil an den Un - terhandlungen.

Von alle dem was er in Viterbo, Rom und Bologna erfahren, gibt er hier Bericht; es iſt daran nur das Eine auszuſetzen, daß er ſich ſo kurz faßt.

Contarinis Geſandtſchaft traf in den wichtigen Moment in wel - chem der Papſt ſich allmaͤhlig wieder zu dem Bunde mit dem Kai - ſer neigte wie ihn die Medici fruͤher gehalten. Gar bald bemerkte der Geſandte mit Verwunderung, daß der Papſt, obwohl er von den Kaiſerlichen ſo ſtark beleidigt war, zu ihnen doch faſt mehr Vertrauen hatte als zu den Verbuͤndeten; darin beſtaͤrkte ihn vornehmlich Mu -266Gaspar Contarini Rel. 1530.ſettola huomo, wie Contarini ſagt, ingegnoso e di valore assai, ma di lingua e di audacia maggiore; ſo lange das Kriegsgluͤck ſchwankte, entſchied der Papſt ſich noch nicht; als aber die Franzoſen geſchlagen waren, und die Kaiſerlichen ſich allmaͤhlig bereit finden ließen, die Plaͤtze zu raͤumen die ſie inne hatten, war es nicht mehr zweifelhaft. Schon im Fruͤhjahre 1529 ſtand der Papſt wieder gut mit dem Kaiſer: im Juni ſchloſſen ſie ihren Bund, deſſen Bedingun - gen Contarini nur mit Muͤhe zu ſehen bekam.

Auch die Perſonen ſchildert Contarini.

Der Papſt war ziemlich groß und wohlgebaut: damals hatte er ſich von den Wirkungen ſo vieler Ungluͤcksfaͤlle und von einer ſchwe - ren Krankheit noch nicht wieder recht erholt. Er hat weder große Liebe , ſagt Contarini, noch heftigen Haß; er iſt choleriſch, aber er beherrſcht ſich ſo, daß ihn Niemand dafuͤr halten ſollte. Er wuͤnſchte wohl den Uebelſtaͤnden abzuhelfen welche die Kirche druͤcken: doch er - greift er hiezu kein geeignetes Mittel. Ueber ſeine Neigungen laͤßt ſich nicht mit Sicherheit urtheilen. Es ſchien eine Zeit lang, als liege ihm Florenz wenig am Herzen, und doch laͤßt er nun ein kai - ſerliches Heer vor dieſe Stadt ziehen.

In dem Miniſterium Clemens VII. waren mehrere Veraͤn - derungen eingetreten.

Der Datario Giberto hatte noch immer das eigentliche Ver - trauen ſeines Herrn am meiſten, allein nachdem die Maaßregeln, die unter ſeiner Verwaltung ergriffen worden waren, einen ſo ſchlechten Ausgang genommen, zog er ſich von ſelbſt zuruͤck. Er widmete ſich ſeinem Bisthume Verona. Niccolo Schomberg dagegen war durch eine Sendung nach Neapel wieder in die wichtigſten Geſchaͤfte gekommen. Contarini findet ihn ſehr kaiſerlich, von gutem Verſtande, mildthaͤtig, aber heftig. Auch Jacob Salviati vermochte viel; er galt damals noch fuͤr franzoͤſiſch.

So kurz dieſes Schriftchen iſt, ſo gewaͤhrt es doch viele Be - lehrung.

19. Instructio data Caesari a revmo Campeggio in dieta Augustana 1530. (MS Rom.)

Bis hieher waren die politiſchen Geſchaͤfte das Wichtigſte: all - maͤhlig reißen die kirchlichen die Aufmerkſamkeit an ſich. Gleich im Eingange ſtoßen wir auf jenen blutſchnaubenden Entwurf zu einer Reduction der Proteſtanten deſſen ich gedacht habe: hier ſogar eine Inſtruction genannt.

Der Stelle die er einnehme, und der Commiſſion des apoſtoli - ſchen Stuhles gemaͤß, ſagt der Cardinal, wolle er die Maaßregeln angeben, die man nach ſeinem Urtheile ergreifen muͤſſe.

Die Lage der Dinge ſchildert er folgendergeſtalt. In alcuni luo - ghi della Germania per le suggestioni di questi ribaldi sono abro - gati tutti li christiani riti a noi dagli antichi santi padri dati: non piu si ministrano li sacramenti, non si osservano li voti, li matrimonii si confundono e nelli gradi prohibiti della legge267Instructio Campeggi 1530. u. ſ. w., denn es waͤre uͤberfluͤſſig dieſe Capuzinaden abzu - ſchreiben.

Den Kaiſer erinnert er, daß dieſe Secte ihm keinen Zuwachs an Macht verſchaffen werde, wie man ihm verſprochen habe. Bei den Schritten, die er demſelben anraͤth, verſpricht er ihm ſeine geiſt - liche Unterſtuͤtzung. Et io, se sarà bisogno, con le censure e pene ecclesiastiche li proseguirò, non pretermettendo cosa a far che sia necessaria, privando li heretici beneficiati delli be - neficii loro e separandoli con le excommunicationi dal cattolico gregge, e V. Cels. col suo bando imperiale justo e formidabile li ridurrà a tale e horrendo esterminio che ovvero saranno costretti a ritornare alla santa e cattolica fede ovvero con la loro total ruina mancar delli beni e della vita. Se al - cuni ve ne fossero, che dio nol voglia, li quali obstinatamente perseverassero in questa diabolica via, quella (V. M.) potrà mettere lamano al ferro et al foco et radicitus extirpare queste male e venenose piante.

Auch fuͤr die Koͤnige von England und von Frankreich ſchlaͤgt er die Confiscation der Guͤter der Ketzer vor.

Jedoch hauptſaͤchlich bleibt er bei Deutſchland ſtehn; er zeigt, wie man die Artikel von Barcellona, auf die er ſich haͤufig bezieht, deu - ten zu duͤrfen glaubte: Sarà al proposito, poiche sarà ridotta questa magnifica e cattolica impresa a buono e dritto camino, che al - cuni giorni dipoi si eleggeranno inquisitori buoni e santi, li quali con summa diligentia et assiduità vadino cercando et inquirendo, s’alcuni, quod absit, perseverassero in queste diaboliche et here - tiche opinioni volessero in alcun modo lasciarle, et in quel caso siano gastigati e puniti secundo le regole e norma che si osserva in Spagna con li Marrani.

Ein Gluͤck daß nicht Alle ſo dachten. Auch herrſchen dieſe Be - ſtrebungen in unſern Documenten noch nicht vor.

20. Relatio viri nobilis Antonii Suriani doctoris et equitis, qui re - versus est orator ex curia Romana, presentata in collegio 18 Julii 1533. (Archivio di Venetia.)

Zu den wichtigſten Dingen , hebt er an, welche die bei den Fuͤrſten beglaubigten Geſandten zu beobachten haben, gehoͤren ihre Eigenſchaften.

Er beſchreibt zuerſt den Charakter Clemens VII.

Er meint: wenn man die geſetzte Lebensweiſe dieſes Papſtes, die Unverdroſſenheit mit der er ſeine Audienzen abwarte, ſeine Auf - merkſamkeit bei den kirchlichen Ceremonien beobachte, ſo ſollte man ihn fuͤr melancholiſch halten; doch urtheilen die Kundigen, daß er ſanguiniſch ſey, nur von einem kalten Herzen; ſo daß er ſich lang - ſam entſchließe, und ſich leicht bewegen laſſe ſeinen Entſchluß zu veraͤndern.

Io per me non trovo che in cose pertinenti a stato la sia proceduta cum grande dissimulatione. Ben cauta: et quelle268Ant. Suriano Rel. 1533. cose che S. S non vole che si intendano, piu presto le tace che dirle sotto falso colore.

Unter den Miniſtern Clemens VII. waren diejenigen, deren die fruͤheren Relationen hauptſaͤchlich Erwaͤhnung thun, nicht mehr von Bedeutung: ſie werden gar nicht einmal genannt; dagegen tritt Jacob Salviati hervor, der vornehmlich die Verwaltung der Ro - magna und des Kirchenſtaates uͤberhaupt zu leiten hatte. Der Papſt verließ ſich darin voͤllig auf ihn. Zwar ſah der Papſt, daß er wohl ſeinen Vortheil etwas zu ſehr im Auge hatte; er beklagte ſich ſelbſt ſchon in Bologna daruͤber; aber er ließ ihn in den Geſchaͤften.

Eben deshalb aber war Salviati den uͤbrigen Verwandten des Papſtes verhaßt. Sie glaubten, er ſtehe ihnen im Wege; ſie ſchrieben es ihm zu, wenn ſich Clemens weniger freigebig gegen ſie zeigte pare che suadi al papa a tener strette le mani li sub - ministri danari secundo è lo appetito loro, che è grande di spender e spander.

Aber auch die uͤbrigen waren unter einander nur allzu uneinig. Cardinal Hippolyt Medici waͤre lieber weltlich geweſen. Der Papſt ſagte zuweilen nur: er iſt ein Teufel von Narr, er will nicht Prie - ſter ſeyn ; L’è matto diavolo, el matto non vole esser prete; aber es war ihm doch hoͤchſt verdrießlich, als Hippolyt wirklich Verſuche machte den Herzog Alexander von Florenz zu verdraͤngen.

Cardinal Hippolyt lebte in enger Freundſchaft mit der jungen Catharina Medici, die hier als die duchessina vorkommt. Sie iſt ſeine cusina in terzo grado, con la quale vive in amor grande, essendo anco reciprocamente da lei amato, piu in altro lei si confida ad altri ricorre in li sui bisogni e desiderj salvo al dicto cardl.

Suriano beſchreibt das Kind, das zu einer ſo bedeutenden Welt - ſtellung beſtimmt war, folgendergeſtalt. Di natura assai vivace, mon - stra gentil spirito, ben accostumata: è stata educata e guber - nata cum le monache nel monasterio delle murate in Fiorenza, donne di molto bon nome e sancta vita: è piccola de persona, scarna, non de viso delicato, ha li occhi grossi proprj alla casa de Medici.

Von allen Seiten bewarb man ſich um ſie. Der Herzog von Mailand, der Herzog von Mantua, der Koͤnig von Schottland wuͤnſchten ſie zur Gemahlin; bei Einem ſtand das eine, bei einem An - dern das andere entgegen; die franzoͤſiſche Vermaͤhlung war damals noch nicht entſchieden: nach ſeiner irreſoluten Natur , ſagt Suriano, ſprach der Papſt bald mit groͤßerm, bald mit geringerm Eifer von derſelben.

Er findet, daß der Papſt wohl auch darum auf die Verbin - dung mit Frankreich eingehe, um die franzoͤſiſche Partei in Florenz fuͤr ſich zu gewinnen. Uebrigens behandelt er die auswaͤrtigen Ver -[haͤltniſſe] nur kurz und zuruͤckhaltend.

21. Relatione di Roma d’Antonio Suriano 1536. MS Foscar. zu Wien. St. Marc. Bibl. zu Venedig.

Die Abſchriften dieſer Relation ſchwanken zwiſchen den Jahr -269Ant. Suriano Rel. 1536.zahlen 1535 und 1539. Ich halte 1536 fuͤr richtig. Einmal weil darin die Ruͤckkehr des Kaiſers nach Rom erwaͤhnt wird, die in den April 1536 faͤllt; ſodann weil ſich ein Brief Sadolets an Suriano findet, aus Rom Nov. 1536, welcher beweiſt, daß der Geſandte Rom damals ſchon wieder verlaſſen hatte.

Es iſt das ein Brief Sadoleti Epp. p. 383 der fuͤr Suriano ſehr ehrenvoll lautet: mihi ea officia praestitisti quae vel frater fratri, vel filio praestare indulgens pater solet, nul - lis meis provocatus officiis.

Drei Tage nach der Mittheilung der vorigen Relation 21. Juli 1533 war Suriano wieder zum Geſandten in Rom er - nannt worden.

Die neue Relation entwickelt den weitern Gang der damals ein - geleiteten Verhaͤltniſſe, beſonders den Abſchluß der franzoͤſiſchen Ver - maͤhlung, die doch nicht allen Verwandten des Papſtes genehm war non voglio tacere che questo matrimonio fu fatto contra il volere di Giac. Salviati e molto piu della Sra Lucretia sua moglie, la quale etiam con parole ingiuriose si sforzò di dissuadere S. S, ohne Zweifel weil die Salviati jetzt kaiſerlich geſinnt waren: ferner jene merkwuͤrdige Zuſammenkunft des Papſtes mit Clemens, deren wir gedachten. Der Papſt betrug ſich mit aͤußerſter Vorſicht: er haͤtte keine ſchriftliche Verſicherung ausgeſtellt. Di tutti li deside - rii s’accommodò Clemente con parole tali che gli facevano cre - dere S. S esser disposta in tutte alle sue voglie senza pero far provisione alcuna in scritture. Der Papſt wuͤnſchte keinen Krieg, wenigſtens nicht in Italien, er wuͤnſchte nur den Kaiſer in Zaum zu halten: con questi spaventi assicurarsi del spavento del concilio.

Allmaͤhlig ward das Concilium der Hauptgegenſtand der paͤpſtlichen Politik. Suriano eroͤrtert die Geſichtspunkte welche der roͤmiſche Hof im Anfange Pauls III. daruͤber hegte. Schon ſagte Schom - berg, man werde es nur unter der Bedingung zugeben, daß alles, was daſelbſt vorkomme, zuvoͤrderſt in Rom von Papſt und Cardi - naͤlen uͤberlegt, berathen und zum Beſchluß gebracht werden muͤſſe.

270

Zweiter Abſchnitt. Zur Kritik Sarpi’s und Pallavicini’s.

Das tridentiniſche Concilium, ſeine Vorbereitung, Berufung, zweimalige Trennung und Wiederberufung mit alle den Motiven die dazu beigetragen haben, erfuͤllt einen großen Theil der Geſchichte des 16ten Jahrhunderts. Fuͤr die definitive Feſtſtellung des katho - liſchen Glaubensbegriffes und ſein Verhaͤltniß zu dem proteſtanti - ſchen hat es, ich brauche hier nicht zu eroͤrtern, welch eine uner - meßliche Bedeutung. Es iſt ſo recht der Mittelpunkt der theologiſch politiſchen Entzweiung, die jenes Jahrhundert ergriffen hatte.

Auch hat es zwei ausfuͤhrliche, in ſich ſelbſt bedeutende, origi - nale hiſtoriſche Darſtellungen gefunden.

Aber nicht allein ſind ſich dieſe geradezu entgegengeſetzt, ſondern wie uͤber das Factum, ſo hat ſich die Welt auch uͤber die Hiſtoriker entzweit; noch heut zu Tage wird von der einen Partei Sarpi fuͤr wahrhaft und glaubwuͤrdig, Pallavicini fuͤr falſch und luͤgneriſch: von der andern Pallavicini fuͤr unbedingt glaubwuͤrdig, Sarpi faſt ſprichwoͤrtlich fuͤr einen Luͤgner erklaͤrt.

Indem wir an dieſe voluminoͤſen Werke kommen, faßt uns eine Art von Furcht. Es waͤre ſchon ſchwer, ihres Stoffes Herr zu wer - den, wenn ſie auch nur glaubwuͤrdige Dinge uͤberlieferten: wie un - endlich viel mehr aber will es ſagen, daß wir auch bei jedem Schritte beſorgen muͤſſen, von dem einen oder dem andern mit Unwahrheit berichtet und in ein Labyrinth von abſichtlichen Taͤuſchungen gezo - gen zu werden.

Demohnerachtet iſt es auch unthunlich, ihre Glaubwuͤrdigkeit Schritt fuͤr Schritt an der anderswoher beſſer erkannten Thatſache zu pruͤfen; wo faͤnde man uͤber dieſe Thatſachen unparteiiſche Nach - weiſungen? ſelbſt wenn ſie zu finden waͤren, ſo wuͤrden neue Folio - baͤnde noͤthig ſeyn, um auf dieſe Weiſe zu Ende zu kommen.

Es bleibt nichts uͤbrig, als daß wir den Verſuch machen, zu einer Anſchauung der Methode unſrer Autoren zu gelangen.

Denn nicht alles pflegt den Hiſtorikern anzugehoͤren, was in ihren Werken vorkommt, zumal in ſo weitſchweifigen, ſtoffhaltigen: die Maſſe der Notizen haben ſie uͤberkommen; erſt in der Art und Weiſe ſich des Stoffes zu bemeiſtern, ihn zu verarbeiten zeigt ſich der Menſch, der doch zuletzt ſelber die Einheit ſeines Werkes iſt. Auch in dieſen den Fleiß in Schrecken ſetzenden Folianten ſteckt ein Poet.

271Sarpi.

Storia del concilio Tridentino di Pietro Soave Polano. Erſte, von fremden Zuſaͤtzen freie Ausgabe, Genf 1629.

Zuerſt in England, durch einen zum Proteſtantismus uͤberge - tretenen Erzbiſchof, Dominis von Spalatro, ward dieſes Werk pu - blicirt. Obwohl Fra Paolo Sarpi ſich niemals zu demſelben bekannt hat, ſo laͤßt ſich doch nicht zweifeln, daß er der Autor deſſelben ſey. Aus ſeinen Briefen ſieht man, daß er ſich mit einer ſolchen Ge - ſchichte beſchaͤftigte; in Venedig findet ſich eine Abſchrift, die er ſich machen laſſen, mit Correcturen von ſeiner Hand; man kann ſagen, er war geradezu der einzige Menſch, zu allen Zeiten, der eine Geſchichte wie ſie hier vor uns liegt, verfaſſen konnte.

Fra Paolo ſtand an der Spitze einer katholiſchen Oppoſition gegen den Papſt. Ihr Widerſpruch ging vom Geſichtspunkte des Staates aus, naͤherte ſich aber beſonders durch auguſtinianiſche Grundſaͤtze den proteſtantiſchen Anſichten in vielen Stuͤcken: zuweilen iſt ſie ſogar in den Ruf des Proteſtantismus gerathen.

Dieſer Richtung halber iſt jedoch Sarpi’s Arbeit nicht ſogleich zu verdaͤchtigen. Es gab in der Welt faſt nur entſchiedene Anhaͤnger und entſchiedene Gegner dieſes Conciliums. Von jenen war nichts als Lobeserhebung, von dieſen nichts als Verwerfung zu erwarten. Sar - pis Stellung war im Ganzen außerhalb dieſer entgegengeſetzten Rich - tungen. Er hatte keinen Anlaß es durchaus zu vertheidigen, er war nicht in der Nothwendigkeit es allenthalben zu verwerfen. Seine Stellung verſchaffte ihm die Moͤglichkeit einer freiern Anſicht, in der Mitte einer italieniſchen katholiſchen Republik konnte er auch allein den Stoff ſammeln deſſen er bedurfte.

Wollen wir uns nun vergegenwaͤrtigen wie er arbeitete, ſo muͤſ - ſen wir uns erſt erinnern, wie man bis zu ſeiner Zeit groͤßere hiſto - riſche Werke verfaßte.

Man hatte ſich noch nicht die Aufgabe gemacht weder die Ma - terialien in einer gleichartigen Vollſtaͤndigkeit zu ſammeln, was ohne - hin ſo ſchwer zu erreichen iſt, noch auch ſie erſt kritiſch zu ſichten, auf unmittelbare Kunde zu dringen, und den Stoff geiſtig durchzuar - beiten.

Wie Wenige machen es ſich noch heutzutage ſchwer!

Man begnuͤgte ſich damals die im Allgemeinen als glaubwuͤr - dig betrachteten Schriftſteller nicht ſowohl zu Grunde zu legen als geradezu heruͤberzunehmen, ihre Erzaͤhlungen zu ergaͤnzen, d. i. wo man es vermochte, ſie zu adoptiren; wo nicht neu aufgefundene hand - ſchriftliche Nachrichten an der gehoͤrigen Stelle einzuſchalten. Dann war die Hauptbemuͤhung, dieſem Stoff einen gleichmaͤßigen Styl zu geben.

So beſteht Sleidan aus den Documenten der Reformationshi - ſtorie, wie er ſie haben konnte, die er dann ohne viel Kritik an einander reihte und durch die Farbe ſeiner Latinitaͤt in ein gleichar - tiges Ganze verwandelte.

Thuanus hat ohne Bedenken lange Stellen aus andern Ge - ſchichtſchreibern heruͤbergenommen. Des Buchanan ſchottiſche Ge - ſchichte findet man auseinandergenommen und an die verſchiedenen Stellen des fremden Werkes eingeſchaltet. Die engliſche Geſchichte272Sarpi.hat er aus den Materialien die ihm Camden ſendete, die deutſche aus Sleidanus und Chytraͤus, die italieniſche aus Adriani, die tuͤrkiſche aus Busbequius und Leunclavius entlehnt.

Eine Methode bei der freilich die Originalitaͤt wenig geſchont wird, bei der man oft das Werk eines Andern lieſt, als des Au - tors der auf dem Titel genannt iſt, die ſich heutzutage beſonders die Verfaſſer franzoͤſiſcher Memoiren aufs Neue zu eigen gemacht haben. Die letzten freilich ohne alle[Entſchuldigung]. Ihre eigentliche Ten - denz ſollte es ja ſeyn, das Originale mitzutheilen.

Auf Sarpi zuruͤckzukommen, ſo ſtellt er uns in den erſten Saͤtzen ſeines Werkes ſeine Lage unverholen dar.

Meine Abſicht iſt, die Geſchichte des tridentiniſchen Conciliums zu ſchreiben. Denn obwohl mehrere beruͤhmte Hiſtoriker unſers Jahr - hunderts in ihren Werken einzelne Punkte derſelben beruͤhrt, und Jo - hann Sleidan, ein ſehr genauer Schriftſteller, mit großem Fleiß die fruͤheren Ereigniſſe, durch die es veranlaßt wurde, le cause an - tecedenti erzaͤhlt hat, ſo wuͤrden doch alle dieſe Sachen, wenn man ſie zuſammenſtellte, noch nicht eine vollſtaͤndige Erzaͤhlung ge - waͤhren. Sobald ich anfing mich um die Angelegenheiten der Menſch - heit zu bekuͤmmern, bekam ich große Luft dieſe Geſchichte vollſtaͤndig zu erfahren; nachdem ich alles das geſammelt was ich davon ge - ſchrieben fand auch die Documente die davon gedruckt oder hand - ſchriftlich verbreitet worden, ſo begann ich in dem Nachlaſſe der Praͤlaten und Anderer die an dem Concil Theil genommen, die Nach - richten aufzuſuchen die ſie daruͤber hinterlaſſen, ſo wie die Stimmen welche ſie abgegeben, von ihnen ſelbſt oder von andern aufgeſetzt, und die brieflichen Nachrichten die von jener Stadt ausgegangen; ich habe dabei keine Muͤhe und Arbeit geſpart; auch habe ich das Gluͤck ge - habt ganze Sammlungen von Noten und Briefen von Perſonen die an jenen Verhandlungen großen Antheil nahmen, zu Geſicht zu bekommen. Da ich nun ſo viele Sachen zuſammengebracht, welche einen uͤberfluͤſſigen Stoff zu einer Erzaͤhlung geben, ſo faßte ich den Entſchluß ſie zuſammenzuſtellen.

Mit anſchaulicher Naivetaͤt hat Sarpi hier ſeine Lage geſchil - dert. Man ſieht ihn auf der einen Seite zwiſchen den Hiſtorikern, deren Erzaͤhlungen er an einander reiht, die ihm indeß doch nicht genug thun: auf der andern Seite mit handſchriftlichen Materialien verſehen, mit denen er jene ergaͤnzt.

Leider hat Sarpi weder die einen noch die andern ausfuͤhrlich genannt; auch die Methode ſeiner Vorgaͤnger war das nicht; er ließ, wie ſie, ſein ganzes Bemuͤhen ſeyn, aus den Nachrichten die er ge - funden eine wohlgeordnete, angenehme, in ſich abgeſchloſſene Geſchichte zuſammenzuweben.

Indeſſen auch ohne Angabe im Einzelnen koͤnnen wir leicht er - kennen, welches die gedruckten Geſchichten ſind die er benutzte: von vorn herein Jovius, Guicciardini, dann Thuanus, Adriani, haupt - ſaͤchlich aber der, den er ja auch nennt, Sleidan.

Z. B. in der geſammten Darſtellung der Verhaͤltniſſe zur Zeit des Interims und nach der Translation des Conciliums nach Bo - logna hat er den Sleidan und nur ein paar Mal die Urkunden diedie -273Sarpi.dieſer Schriftſteller anfuͤhrt, uͤbrigens aber nichts als ihn vor Au - gen gehabt.

Es iſt wohl der Muͤhe werth, und muß uns einen Schritt wei - ter fuͤhren, zu beobachten wie er hiebei verfaͤhrt.

Nicht ſelten uͤberſetzt er den Sleidan geradezu: zwar etwas frei, aber er