PRIMS Full-text transcription (HTML)
[I]
Italieniſche Forſchungen
Zweyter Theil.
Berlinund Stettin,in der Nicolai’ſchen Buchhandlung. 1827.
[II]
In studiis puto, mehercule, melius esse, res ipsas intueri et harum causa loqui. ( Senecade tranq. c. l. )
[III]

Vorbericht.

In einem Briefe an Bottari(Lettere pitt. To. III. Lett. 224.) ermuntert Mariettejenen erſten, deſ - ſen damals unternommene neue Ausgabe des Vaſarimit den noͤthigen hiſtoriſchen Berichtigungen auszuruͤ - ſten. Vaſari, meint Mariette, ſey nicht vorbereitet geweſen, hiſtoriſche Unterſuchungen anzuſtellen, habe daher truͤgeriſchen Vorarbeiten und Mittheilungen fol - gen muͤſſen. Dieſes hat allerdings ſeine Richtigkeit; indeß war Bottari, nach eigenem Geſtaͤndniß, der Aufforderung ſeines genauen und wahrheitsliebenden Freundes auf keine Weiſe gewachſen. Auf den Schriftſtellern, bekennt er ſelbſt To. V. Lett. 160., welche uͤber die bildenden Kuͤnſte bey den Neueren geſchrieben haben, ſcheint ein Fluch zu ruhen; denn* 2IVgewiß vergriffen und vergreifen ſie ſich ſaͤmmtlich auf das Unglaublichſte. So bekenne ich, daß ich ſelbſt in Dingen, welche ich kannte, wie meinen eigenen Namen, mich oftmals gaͤnzlich verſehen habe. Daſ - ſelbe iſt dem Vaſariund Allen begegnet, welche nach ihm geſchrieben haben. Habe ich doch bisher von dieſem fuͤnften Theile der Malerbriefe zwey Bogen ganz umdrucken muͤſſen.

Indeß erkannte weder Bottari, noch ſelbſt Ma - riette, den ganzen Umfang jener Aufgabe, deren Loͤ - ſung ſie anzunaͤhern wuͤnſchten. Marietteglaubte, man werde ſchon durch Vergleichung der Denkmale, durch Aufzeichnung ihrer Aufſchriften alles Wuͤnſchens - werthe erreichen koͤnnen. Das Beduͤrfniß einer ur - kundlichen Begruͤndung der neueren Kunſtgeſchichte meldete ſich erſt in der Folge, nachdem die Localfor - ſcher durch freylich ebenfalls ungenuͤgende Mittheilun - gen aus einzelnen Archiven die hiſtoriſche Glaubwuͤr - digkeit des Vaſaridurchaus erſchuͤttert hatten.

Ich ſchmeichle mir, in den nachſtehenden Abhand - lungen ein nuͤtzliches Beyſpiel, redlicher, muͤhevoller und, nach den Umſtaͤnden, ſelbſt erſchoͤpfender For - ſchung aufzuſtellen, welches hoffentlich nicht ohne Nach - folge bleiben wird. Vor der Hand ſchien es mir drin -V gender, vereinzelte Archive ganz zu durchgehen, einzelne hiſtoriſche Fragen ganz hindurchzufuͤhren, als der Ver - breitung uͤber Vielfaͤltiges ſich hinzugeben, welche leicht Zerſplitterung und Oberflaͤchlichkeit haͤtte herbeyfuͤhren koͤnnen, da die Auffaſſung im Ganzen gruͤndliche Vor - arbeiten vorausſetzt, welche bisher noch erſehnt wor - den ſind.

Nicht ſelten ſetzen die Urkunden ein geſchichtliches Verhaͤltniß ungleich beſſer ins Licht, als die gelun - genſte Entwickelung; ich habe daher einen kleinen Theil meiner Abſchriften und Auszuͤge in die Belege und An - merkungen, in der eilften Abhandlung ſogar in den Text aufgenommen, was allerdings gegen den Gebrauch verſtoͤßt. Indeß hoffe ich Nachſicht zu finden, weil ich bey Auswahl dieſer Beweisſtuͤcke meiſt auf ſolche getroffen bin, welche, naͤchſt dem beſonderen, ihre An - fuͤhrung veranlaſſenden, auch allgemeinere Verhaͤltniſſe in ein helleres Licht ſtellen, wie jenes der Kuͤnſtler zu ihren Genoſſen und Goͤnnern, wie die Geſchaͤftsfuͤh - rung bey oͤffentlichen Kunſtunternehmungen, die Tech - nik einzelner Kunſtarten, die Anſicht, von welcher die Kuͤnſtler verſchiedener Zeiten ausgegangen ſind. Hie - durch wird Vieles uͤber das Ungewiſſe und Schwan - kende hinaus zu hiſtoriſcher Gewißheit erhoben, undVI der Phantaſie ein gefaͤhrlicher Spielraum entzogen werden.

Obwohl ich nun vor Allem beabſichtige, die Ue - berzeugung herbeyzufuͤhren, daß Viele auf meinem Wege ſich zu verſuchen haben, ehe es moͤglich ſeyn wird, eine vollſtaͤndige, umſtaͤndlich genaue Kunſtge - ſchichte neuerer Voͤlker zu entwerfen, ſo habe ich es doch gewagt, die wichtigſten Schulen des funfzehnten Jahrhundertes in einem Bilde zuſammenzufaſſen. Die - ſem Verſuche war die Ausbildung ins Einzelne ſchon in der Anlage verſagt; demungeachtet habe ich auch hier oftmals den hiſtoriſchen Boden mir beſonders ein - richten muͤſſen.

Daß auf dem Wege, den ich verfolgt habe, doch endlich dahin zu gelangen ſey, der Autoritaͤt fluͤchtiger oder luͤgenhafter Druckſchriften ſich gaͤnzlich zu ent - ſchlagen, bezweifle ich um ſo weniger, als die Liebens - wuͤrdigkeit des italieniſchen Nationalcharakters, nach meinen Erfahrungen, Forſchungen dieſer Art im Gan - zen beguͤnſtigt. Gelegentlich erwaͤhne ich mit innigem Danke der Befoͤrderungen, welche mir zu Theil ge - worden. Dem gelehrten Bibliothekar der Magliabec - chiana, Herrn Vinz. Folliniverdanke ich viele Nach - weiſungen; die florentiniſchen Domherren und andereVII Behoͤrden haben mir willig die ihnen anvertrauten Schaͤtze geoͤffnet; des Vertrauens, welches ich zu Sienagenoſſen, kann ich nicht ohne Ruͤhrung geden - ken. Moͤchte das Ergebniß meiner Forſchungen ſo vieler Gunſt entſprechen koͤnnen!

In den Belegen dieſes Bandes werden die Leſer die zahlloſen Barbarismen der lateiniſchen Protocolle und Urkunden, wo die Gloſſare nicht ausreichen, durch - hin aus der vulgaͤren italieniſchen Sprache erklaͤren wollen. Ich ſtehe fuͤr die Genauigkeit des Abdruckes, den ich ſelbſt corrigirt habe. Doch bemerke ich, daß ich im Archiv der Biccherna zu Siena, Claſſe B., die einzelnen Baͤnde, zwar der Zahl nach richtig angege - ben, doch bald No. bald To. genannt habe. Nu - mer und Theil faͤllt in dieſer Claſſe in eins zuſam - men, mithin wird daraus an Ort und Stelle keine Verwirrung entſtehen koͤnnen. Hingegen habe ich, S. 22. Anm. *), unter den fehlenden Numern der genannten Claſſe deſſ. Archives No. 98. angefuͤhrt; ich weiß nicht durch welchen Zufall. Allerdings citirt Benvoglientiauch dieſe Numer; indeß hat man ſolche an ihrer Stelle gelaſſen, weil das Citat nicht zutrifft. Dieſes freye Bekenntniß wird, denke ich, die Glaub - wuͤrdigkeit alles Uebrigen erhoͤhen muͤſſen.

VIII

Als ich den erſten Band abweſend abziehn ließ, fehlte es mir, Abh. V. S. 246., an einer Form, das lateiniſche Monogramm in einem Madonnenbilde des neunten oder zehnten Jahrhundertes (zu Romin der Kappelle di s. Paolo der Kirche s. Prassede, im Felde zu beiden Seiten des Kopfes der Madonna) gehoͤrig auszudruͤcken. Einigen Aufforderungen zu ge - nuͤgen, und die Exiſtenz einer der byzantiniſchen Ma - nier vorangehenden lateiniſch-kirchlichen Kunſt zu be - thaͤtigen, habe ich dieſe Aufſchrift nachholen wollen, wie folgt: A / R. . . lies: Maria Christi Mater.

Zur Theorie und Geſchichte neuerer Kunſtbeſtrebungen.

Verbeſſerungen.

Seite 3 Anm. fuͤr Leo, Oſt, lies: Leo Oſt.,

42 Zeile 4 von unten, fuͤr jene von ihm, lies: jene von ihnen.

47 Anm. Zeile 4 fuͤr riduste, lies: ridusse.

51 Zeile 2 von unten, fuͤr (ch é) lies: (ch é).

55 Zeile 4 von oben, fuͤr verſtohlener, lies: verhohlener.

84 Zeile 8 von oben, fuͤr macehine, lies: macchine.

387 Anm. Zeile 7 von oben, fuͤr durfte, lies: duͤrfte.

393 Zeile 9 von unten, fuͤr nebſt anderen, lies: nebſt An - derem.

395 Zeile 8 von unten, fuͤr wie er, lies: wie es.

399 Zeile 8 von oben, fuͤr Anzeigen, lies: Anzeichen.

[1]

VIII. Duccio di Buoninſegnaund Cima - bue. Sieneſer und Florentiner. 1250. 1300.

Hinſichtlich des Urſprunges der bildenden Kuͤnſte giebt es verſchiedene, einander gaͤnzlich entgegengeſetzte Ableitungen. Einige wollen, daß anfaͤnglich eine blinde Zufaͤlligkeit, oder doch nur ein gewiſſer zielloſer Trieb der Nachahmung, den Verſuch herbeifuͤhre, den Dingen Aehnlichkeiten abzugewinnen; daß in der Folge aus dieſem kindlichen Spiele von Hand zu Hand die Faͤhigkeit ſich entwickele, die Formen der Natur zu uͤberſchreiten und Solches hervorzubringen, was man Ideale nennt. Andere lehren, daß die Kunſt von der Idee ausgehe, nur allgemach ſich der Natur zuwende, erſt bey erloͤſchender Begeiſterung dem Wunſche ganz ſich hingebe, Aehnlichkeiten und Taͤuſchungen hervorzurufen. *)Cicognara, Sto. To. I. c. IV., ſcheint beide Ableitungen vereinigen zu wollen, wo er ſagt: pare chè l’Alfa e l’Omega delle arti sia il ritratto etc. Er verbreitet ſich uͤber den letzten Fall und bleibt, wie vorauszuſetzen war, fuͤr den erſten den hiſtoriſchen Erweis ſchuldig. Man koͤnnte hier wiederholen, was Hirt, (vom Bildniß der Alten, Abh. der Ak. der Wiſſ. in Berlin, 1814. 15. hiſt. philol. Klaſſe S. 8.) gegen Viscontibemerkt: Er nimmt die Miene an, den griechiſchen Mythenerzaͤh -

II. 12

Die erſte dieſer Ableitungen wird auch abgeſehn von der Grundanſicht, in welcher ſie wurzelt ſchon durch den Umſtand aufgehoben, daß die nothwendige Unbehuͤlflichkeit der fruͤheſten Kunſtverſuche die Hoffnung, und daher auch den Wunſch ausſchließt, ſogleich die ſchwerſten Raͤthſel der kuͤnſtle - riſchen Technik aufzuloͤſen. *) Ein gutes Bildniß ſetzt eben ſo gut die hoͤheren Kunſt - kenntniſſe voraus, wie jedes andere vollendete Werk. Hirta. a. O. S. 5.Doch auch die andere duͤrfte der Einwurf treffen, daß ihr Ausdruck zu allgemein ſey und ohne vorangehende Erklaͤrung bedenkliche Mißverſtaͤndniſſe beguͤn - ſtige. Da nemlich der kuͤnſtleriſche Geiſt, uͤberall und auf jeglicher Stufe, bey jeglicher Richtung und Be - ziehung der Kunſt, vorauszuſetzen iſt, ſo wird bey die - ſer Ableitung der Kunſt vornehmlich in Frage kommen: ob eben jener dem Kuͤnſtler einwohnende Geiſt im Anbeginn der Kunſtepochen unmittelbar durch den Naturgeiſt geweckt werde, oder zunaͤchſt durch eine der Kunſt vorangehende, allge - meinere Geiſtesentwickelung. Wer aber jenes ausſchließt, kann nur dieſes im Sinne haben; und ſicher iſt die Kunſt urſpruͤng - lich von dem Beſtreben ausgegangen, ſchon vorhandene Be - griffe und Vorſtellungen des Geiſtes, welche meiſt ſchon in den aͤlteſten Dichtern, oftmals auch in religioͤſen und natio - nellen Ueberlieferungen nachzuweiſen ſind, entweder wirklich auszudruͤcken, oder, wo dieſes nicht gelingen konnte, ſie we - nigſtens anzudeuten.

Indeß iſt dieſe Ableitung, der ich mich aus Ueberzeu - gung anſchließe, auf die neuere Kunſt nicht durchhin anzuwen -*)lern Glauben beizumeſſen, als wenn die Portraͤtbil - dung ſchon ſeit Daͤdalus in Gebrauch geweſen ſey. 3den, weil deren Entwickelung nothwendig nach ganz anderen Geſetzen erfolgt iſt, als die Entſtehung der Kunſt an ſich ſelbſt. Denn obwohl man in den Sitzen der aͤlteſten Bil - dung dem Mittelalter in techniſchen Dingen weit uͤberlegen war, ſo kannte man doch vor Erfindung eigentlicher Kunſt die Darſtellung vermoͤge richtig verſtandener, gluͤcklich nachge - bildeter Naturformen, nun gar die Moͤglichkeit illuſoriſcher Wirkungen, nicht einmal dem Begriffe nach; wohingegen im Mittelalter, durch muͤndliche Ueberlieferung, durch die Schriftſteller, und ſelbſt durch die Denkmale unausgeſetzt eine halbdeutliche Vorſtellung von dem eigentlichen Ziele der bil - denden Kuͤnſte ſich erhalten mußte. Betrachtete man aber auch in den dunkelſten Zeiten die rohen Verſuche damaliger Kuͤnſtler nicht etwa als Andeutungen, oder vereinbarliche Be - zeichnungen, ſondern als Darſtellungen wirklichen Seyns und Geſchehens;*)S. Paul Diac, Luitprand, Leo, Oſt, und Andere an haͤufig angezogenen Stellen. ſo war das Aufſtreben der neueren Kunſt ſeit der Mitte des dreyzehnten Jahrhunderts das Werk der Steigerung laͤngſt ſchon wirkſamer Kraͤfte, des Wiedererwa - chens vorhandener, nur ſchlummernder Begriffe. Es wird demnach nicht befremden koͤnnen, wenn wir bereits in ihren fruͤheſten Leiſtungen die Begeiſterung fuͤr die leitenden Be - griffe des Weltalters mit der Empfaͤnglichkeit fuͤr die urſpruͤng - liche Bedeutung der organiſchen Formen gleichen Schritt hal - ten ſehn.

Bey den aͤlteren Nachahmern der byzantiniſchen Maler, demGiunta,Guidound Anderen, mochten Schwierigkeiten in der Aneignung einer ganz neuen Manier die Aufmerkſamkeit1 *4getheilt haben; gewiß erreichten ſie ihre Vorbilder weder in der Idee, noch in der Ausfuͤhrung. Dagegen durften die ſpaͤ - teren, denen die griechiſche Manier durch Schule gelaͤufig war, bereits darauf ausgehn, ihre Vorbilder zu uͤbertreffen. In den Werken der groͤßeſten jener Maler in griechiſcher Manier, des Sieneſers Duccio di Buoninſegna, des Florentiners Cimabue, ſpricht es ſich deutlich aus, daß ſie mit vollem Bewußtſeyn darauf ausgegangen ſind: in den Charakteren ſittliche Wuͤrde, in Gebehrden und Handlungen Ernſt und Feyer auszudruͤcken; daß ſie ſich bemuͤht haben, das Ueberlie - ferte, mit dem ſie’s ſichtlich ſehr ernſtlich nahmen, im eigenen Geiſte moͤglichſt zu verjuͤngen. Bis auf ihre Zeit hatte, durch mechaniſche Nachbildung chriſtlich-antiker Kunſtgebilde, beſon - ders in der neugriechiſchen Malerey, wie es in vielen der fruͤ - her angefuͤhrten Miniaturen einzuſehn iſt, manche rohe Andeu - tung urſpruͤnglich mit wiſſenſchaftlicher Deutlichkeit aufgefaß - ter Formen ſich erhalten; duͤrftige Ueberreſte der antiken, per - ſpectiviſch und anatomiſch begruͤndeten Zeichnungsart. Duc - ciound Cimabueempfanden den Werth dieſer Bezeichnun - gen, welche erſt in der Folge, vornehmlich durch Giottoaus der italieniſchen Malerey verdraͤngt worden ſind; doch ſtreb - ten ſie, das Grelle ihrer Verknoͤcherung zu mildern, indem ſie ſolche halbverſtandene Zuͤge mit dem Leben verglichen, wie wir angeſichts ihrer Leiſtungen vermuthen und annehmen duͤrfen.

Indeß genießen dieſe Kuͤnſtler, deren Hauptwerke zugaͤng - lich ſind und ſelten von Reiſenden uͤberſehen werden, einer ſo weit verbreiteten Anerkennung, daß ich meine Aufgabe an die - ſer Stelle dahin beſchraͤnken darf: einzelne Momente ihrer Geſchichte nachzubeſſern und gelegentlich das wahre Verhaͤltniß der ſieneſiſchen Kunſtgeſchichte des dreyzehnten Jahrhundertes5 zur florentiniſchen deſſelben Zeitraumes in ein helleres Licht zu ſetzen.

Obwohl Vaſariin dem Abſchnitte, den er das Leben des Ducciogenannt, ganz ungewoͤhnlich enthaltſam iſt und kaum uͤber die Andeutungen des Ghibertihinausgeht,*)S. Vas. vita di Duccio. (Ed. c. p. 204.) wo: in questa ta - vola secondoché scrive Lorenzo di Bartolo Ghibertietc. ſo entſchluͤpften ihm doch ſelbſt an dieſer Stelle einige erweis - lich unbegruͤndete Angaben, welche er entweder von Anderen entlehnt, oder aus eigenen Vermuthungen hervorgeſponnen hat.

Unter den Verſaͤumniſſen und Mißgriffen der Geſchichts - forſcher ſind diejenigen, welche nur ein Einzelnes angehn, meiſt von geringem Belang; wichtig und folgenreich aber nur ſolche, welche in allgemeinere Verhaͤltniſſe eingreifen, die Zeitfolge der groͤßeren Abſtufungen im Fortſchritte menſchlicher Anliegenhei - ten in Verwirrung bringen, und falſche Vorausſetzungen ein - fuͤhren. Zu letzteren gehoͤret die von allen Neueren glaͤubig nachgeſchriebene Angabe des Vaſari: daß Duccio**)Vas. l. c. havendo nei pavimenti del Duomo di Sienadato principio ai rimessi di marmo delle figure di chiaro e seuro und weiter unten: Egli di sua mano imitando le pitture di chiaroscuro ordinò e disegnò i principj di detto pavimento.jene Fußbodenverzierungen aus mehrfarbigem Marmor erfunden habe, welche zu den Merkwuͤrdigkeiten des ſieneſiſchen Domes gehoͤren.

Aus verſchiedenfarbigem Marmor muſiviſche Muſter zu - ſammenpaſſen, den Umriß menſchlicher oder thieriſcher Geſtal - ten durch dunkleres Geſtein auf hellerem Grunde ausfuͤllen, war ſeit den aͤlteſten Zeiten bekannt, und ſeit dem eilften Jahrhundert, wie Vaſariſich erinnern mußte, in Toscanaſo6 allgemein in Gebrauch gekommen, daß man die Außenſeiten vieler Kirchen, zum Nachtheil ihrer Geſammterſcheinung, mit Arbeiten dieſer Art uͤberdeckt hatte. *)Seltener ward dieſe Arbeit auf Fußboͤden uͤbertragen. Doch beſitzen wir in der Kirche ſ. Miniato a Monte (bey Florenz) ein beurkundetes Beyſpiel aus dem eilſten Jahrhundert. S. die In - ſchrift bey Richa, oder bey Manni, sigilli etc. Dieſe Arbeit iſt in ihrer Art elegant.Demnach bezeichnete er hier ohne Zweifel nicht dieſe rohe und einfache Arbeit, ſon - dern eben nur jene Nachahmungen des Helldunkels im moder - neren Sinne, welche im ſieneſiſchen Dome noch immer vor - handen und dieſem Gebaͤude ganz eigenthuͤmlich ſind. Hierin folgte er nicht dem Ghiberti, welcher dieſer Arbeiten mit kei - ner Sylbe gedenkt, ſondern hoͤchſt wahrſcheinlich einer oͤrtli - chen Meinung, welche, wie ich unten zeigen will, auf einer falſch gedeuteten Urkunde beruhen wird.

Es iſt ſchon an ſich ſelbſt hoͤchſt unwahrſcheinlich, daß eine Kunſtart, welche Einſichten in die Geſetze der Beleuch - tung und Bekanntſchaft mit allen Vortheilen der Schattenge - bung vorausſetzt, ſchon zu Ende des dreyzehnten oder zu An - fang des folgenden Jahrhundertes erfunden ſey, in welcher Zeit die Malerey kaum angefangen, durch leichte und hoͤchſt verblaſene Schattentinten dem Ausdrucke der Formen ein we - nig nachzuhelfen. Ich wuͤrde daher ſelbſt, wenn es mir an anderweitigen Gruͤnden fehlte, doch ſchon aus der Beſchaffen - heit der Sache ſchließen, daß jene Erfindung mit dem Hell - dunkel ganz gleichen Schritt gehalten, welches letzte bekannt - lich bey den italieniſchen Malern nicht fruͤher, als um die Mitte des funfzehnten Jahrhundertes Eingang gefunden hat.

7

Obwohl die Kunſtnachrichten des Archives der ſieneſt - ſchen Domverwaltung bis in das dreyzehnte Jahrhundert zu - ruͤckreichen, ſo faͤllt dennoch die fruͤheſte Erwaͤhnung jener hiſto - riſch verzierten Fußboͤden erſt in das Jahr 1445. *)S. die dieſer Abhandlung beygegebenen Belege. I.In die - ſem und in den folgenden Jahren wurden die Treppen und Zugaͤnge zum Dome und zur Taufkapelle mit verſchiedenen Bildern geziert, welche indeß noch keinesweges eigentliche Hell - dunkel waren, vielmehr nur Marmorflaͤchen mit eingehauenen und durch ſchwarzen Stucko ausgefuͤllten Umriſſen. Alſo war dieſe Kunſtart hundert und funfzig Jahre nach der Lebens - hoͤhe des Duccio, bey allſeitig geſteigertem Kunſtgeſchicke, doch noch immer auf der erſten und niedrigſten Stufe ihrer Entwickelung; und ſelbſt wenn wir annehmen wollten, daß Duccio, wenn auch nicht das wirkliche Helldunkel, doch we - nigſtens jenes Marmor-Niello moͤge erfunden haben, ſo iſt es doch nicht dieſes, was Vaſariuns bezeichnet, und uͤber - haupt auch davon ganz unausgemacht, wie alt deſſen Erfin - dung ſey, und wo ſolche zuerſt in Anwendung gekommen. Uebrigens ſcheint man eben damals im Verlaufe wiederholter Unternehmungen dieſer Art zuerſt den Gedanken gefaßt zu haben, ſolchen Kunſtarbeiten durch Vereinigung mehrfarbigen Marmors eine groͤßere Abwechſelung, oder Deutlichkeit zu geben; denn die letzte in jener Gruppe von Beſtellungen bezeich - net ſchwarzen, weißen und roͤthlichen Marmor als die Ma - terialien, deren der Kuͤnſtler ſich bedienen ſolle. **)S. Belege, I. 5. zu Anfang.Dieſes Stuͤck iſt noch immer vorhanden, doch weit davon entfernt ein eigentliches Helldunkel zu ſeyn nach Art der glaͤnzenderen8 Abtheilungen des Fußbodens im Inneren des Domes. Die voͤllige Ausbildung dieſer Kunſtart faͤllt in einen vorgeruͤckten Abſchnitt des ſechzehnten Jahrhunderts, wie ſie denn in der That jene Gewoͤhnung an ſtarke und maſſige Contraſte vor - ausſetzt, welche nicht fruͤher eingetreten, als an der Grenze der Manier.

Bey ſo viel innerer Unhaltbarkeit, bey gaͤnzlicher Abwe - ſenheit hiſtoriſcher Beweiſe, haͤtten die angeblichen Geſchicht - ſchreiber neuerer Kunſtſchulen anſtehen muͤſſen, dem Vaſari, den ſie doch ſonſt nicht ungern und haͤufig ohne hinreichende Gruͤnde verbeſſern, ſo unbedenklich zu folgen, als uͤberall ge - ſchehen iſt, wo man veranlaßt war, jener eigenthuͤmlichen Kunſtarbeiten zu erwaͤhnen. Gehen doch einige ſo weit, uns ſogar die Geſtalt nachzuweiſen, an welcher Duccioſeine an - gebliche Erfindung in Anwendung geſetzt haben ſoll, und deren Ausdruck zu bewundern. Gewiß enthaͤlt das Archiv der ſiene - ſiſchen Domverwaltung, welches ich in kunſthiſtoriſcher Bezie - hung ganz durchgeſehn, nicht eine Zeile, welche auf dieſe Figur, noch uͤberhaupt darauf zu deuten waͤre, daß man ſchon im vierzehnten Jahrhunderte mehrfarbigen Marmor zu hiſto - riſchen Bildern vereinigt habe. Lanzi*)Storia pitt. scuola Senese. epoca seconda. è di Duc - cionel coro una verginella, che ginocchione etc. Vielleicht iſt die Wahrheit an dieſer Stelle von geringem Belang; doch wozu die Luͤge?folgte demnach, als er jene Figur dem Ducciobeylegte, entweder ſeinem eige - nen Kennergefuͤhle, oder doch nur der anmaßlichen Autoritaͤt ſeines Zeitgenoſſen Della Valle.

Vaſarihingegen erwaͤhnet der Erfindung in ganz allge - meinen Ausdruͤcken, ohne ſeine Quelle, oder nun gar ein9 Werk anzugeben, welches das Alter und den Urheber dieſer Kunſtart etwa bezeugen koͤnnte. Wahrſcheinlich folgte er einem oͤrtlichen Geruͤchte, welches aus einer mißdeuteten Ur - kunde entſtanden ſeyn duͤrfte, deren Abſchriften ſowohl im oͤffentlichen, als im Archive der Domverwaltung vorhanden ſind, mithin um ſo leichter in die Augen fallen und bemerkt werden konnten. In dieſer*)Arch. dell opera del Duomo di Siena. Pergamene, No. 614. quod in operando et faciendo et facto opere, seu opus mu - saici, quod est inceptum. Et etiam in laborerio storie et magne tabule beate Marie semper Virginis gloriose, soliciter et cum omni diligentia procedatur. und gegen das Ende: Et quod in labore - riis omnibus faciendis et super eis conplendis stent et remaneant solum decem magistri de melioribus etc. quorum decem magistro - rum nomina hacc sunt etc. Gegeben: In anno Dni M°CCC°X°. Indictione VIII. die XXVIII. Novembr. Urkunde befiehlt der damalige hoͤchſte Magiſtrat (die Herren Neuner), welche unter den lau - fenden Arbeiten am ſieneſiſchen Dome beſchleunigt werden ſollen. Dieſe beſtanden zunaͤchſt in einem Muſive; dann in der großen Tafel des Domes, welche, wie wir aus anderen Quellen wiſſen, dem Duccioaufgetragen und eben damals in Arbeit war; endlich wird auch beſtimmt, welche Mauerer man vor der Hand anzuſtellen habe.

Obwohl in dieſem Befehle nicht angedeutet wird, fuͤr welche Stelle der Kirche das in Arbeit ſtehende Muſaik be - ſtimmt war, ſo duͤrfen wir dennoch ſchließen, daß ſolches ſei - nerzeit uͤber dem Hauptthore und an der Außenſeite ange - bracht worden. Denn einmal war es zu jener Zeit ſehr in Gebrauch, die Jungfrau und andere Schutzheiligen an den Vorſeiten der Kirchen muſiviſch darzuſtellen; dann war und iſt noch immer auch an der Vorſeite des ſieneſiſchen Domes10 eine ſolche muſiviſche Darſtellung vorhanden; endlich wuͤrde es eben ſo willkuͤhrlich, als gewagt ſeyn, den Ausdruck, opus musaicum, gegen alle Beyſpiele auf Fußbodenarbeit zu bezie - hen, fuͤr welche stratum, lithostratum und andere Worte waͤhrend des Mittelalters gebraͤuchlich geweſen. Demunge - achtet mochte ein unvorbereiteter, fluͤchtiger Forſcher ſpaͤterer Zeiten jenen Ausdruck in weiterem Sinne genommen und auf die Arbeiten bezogen haben, welche den Boden des ſieneſiſchen Domes verzieren. Aus dem zufaͤlligen Zuſammentreffen dieſes Muſives mit einer Tafel, welche unſtreitig dem Duccioauf - getragen worden, mochte er weiter ſchließen, daß beide Ar - beiten von demſelben Kuͤnſtler beſchafft, oder doch angeord - net waͤren.

Indeß erhellt es, weder aus jenem Befehle, welcher nicht an die Kuͤnſtler, ſondern an die Domverwaltung gerich - tet iſt und verſchiedene Arbeiten anordnet, welche den Maler ſicher nicht angehn, noch ſelbſt aus anderen Umſtaͤnden, daß Ducciodamals, oder ſonſt, an dieſem oder an irgend einem anderen Muſive gearbeitet habe. Im Gegentheil ergiebt es ſich aus dem Umſtande, daß weder in der Verſtiftungsurkunde ſeiner Altartafel, noch in ſeinen auf einander folgenden Quit - tungen jemals von jenem Muſive die Rede iſt, daß er daran auch nicht den geringſten Antheil genommen habe; wie er denn in der That durch ſeine große, mit unzaͤhligen, ſehr been - digten Figuren bedeckte Tafel unſtreitig ſchon vollauf beſchaͤf - tigt war.

Daß Vaſariuͤberhaupt von den Lebensumſtaͤnden, den Werken und Leiſtungen*)Das Hauptwerk, die große Tafel des Domes zu Siena, des Duccionur eine unbeſtimmte11 Kunde erlangt hatte, beweiſt die Kargheit ſeiner Nachrichten, beſonders aber die irrige, ſicher auf ſeiner eigenen, ungefaͤh - ren Vermuthung beruhende Angabe der Zeit, in welcher Duc - ciogebluͤhet habe. Er verſetzt ihn in die Mitte des vierzehn - ten Jahrhundertes. *) Vasari, v. c. zu Ende: furono l’opere sue intorno agli anni di nostra salute 1350. Man hatte ihm zu Sienaerzaͤhlt, daß Duccionoch im J. 1348. einen Bau angegeben habe, was ſich kei - nesweges beſtaͤtigt.Neuere Forſcher**)Lettere Senesi, T. 1. p. 277. Lanzia. ſ. St. behaupten indeß, daß man ihm ſchon im Jahre 1282. Kunſtarbeiten bezahlt habe, und gewiß reichen andere Andeutungen ſeiner Wirkſam - keit,***)Arch. della general Biccherna (Abtheilung im Archiv der, Riformagioni, zu Siena). Claſſe B. No. 75. Imo. anno. 1285. fo. 394. a tergo: Item octo solidos VIII. Octubris Ducciodepictori, quos ei dedimus pro pictura, quam fecit in libro ca - merarii et quatuor. B. 75. tertio. 1285. fo. 374. a tergo: Item VIII. solidos die lun. octavo Octubris Ducciopictori, quos ei dedimus pro pictura quam fecit in libro cam. et IV. B. 89. 1290. (1291.): Ian. 26. solidos 10. Ducciopictori pro dip. libri cama̅r̅. B. 345. anno 1291. Spese d’agosto. Sol. 10. Ducciodepictori pro pictura quam fecit in libris ca̅m̅. et IV. Dieſe kleinen Zahlungen verguͤteten die aͤußere Bemalung der Rechnungsbuͤcher der Finanzverwaltung, welche von 1250. bis 1550. die Sitte beybehalten, den Deckel ihrer Buͤcher durch gute Maler verzieren zu laſſen. Wichtiger iſt die Zahlung, Archiv. cit. B. 190. fo. CCCLVII. IV. Dicembre anno 1302. Anche XLVIII. Libre welche ich ſelbſt geſehn, bis zum Jahre 1285. auf - waͤrts. Ueber die Identitaͤt dieſes Duccioin den Buͤchern*)war ſeinerzeit weggeraͤumt worden; Vasari, v. c. non ho mai potuto rinvenirla etc.Gegenwaͤrtig befinden ſich beide Seiten der Tafel auseinandergeſaͤgt im Chore des Domes zu Siena, die Staffeln und Giebel an den Waͤnden der Sacriſtey.12 der ſieneſiſchen Staatsverwaltung mit unſerem Duccio di Buo - ninſegnakann durchaus kein Zweifel obwalten. Er nannte ſich ſelbſt am Rande ſeiner großen Tafel rundweg Duccius,*)Am Sockel der Vorſeite, unter der Madonna: MATER SC̅A̅ DEI. SIS (G̣ẠṾỊṢẠ) SENIS REQVIEI SIS DVCIOVITA. TE QVIA PINXIT ITA. und ſcheint ſeines Vaters Namen dem ſeinigen nur an ſol - chen Stellen beygefuͤgt zu haben, wo er zur Vollziehung ge - richtlicher Vertraͤge durchaus erforderlich war. **)Selbſt in jenem, die große Altartafel des Domes betref - fenden Vertrage (Arch. dell opera del Duomo di Siena, Pergam. No. 603.) nennt der Notar den Maler rundhin, Duccius. Doch in der Beſcheinigung einer Vorausbezahlung von funfzig Goldgul - den (Archiv cit. No. 608.) unterzeichnet er ſich: Ego ma̅g̅r Ducciuspictor olim boninsegne civis Senensis.Demnach werden wir vorausſetzen duͤrfen, daß unter den Malern ſeiner Zeit und Vaterſtadt kein Name vorgekommen, welcher Colli - ſionen und Verwechſelungen haͤtte veranlaſſen koͤnnen.

War nun Duccioſchon im Jahre 1282. gewiß 1285. ein anſaͤſſiger Maler, ſo wird die Zeit ſeiner Reife in das erſte Jahrzehend des vierzehnten Jahrhundertes einfallen, in welchem die oberſte Staatsgewalt ihn offenbar beguͤnſtigte, da ihm zunaͤchſt die Altartafel der Kappelle des Rathhauſes, und um wenig ſpaͤter ſogar die große Tafel des Domes aufgetra - gen wurde, welche ihrer Beſtimmung nach nothwendig die wichtigſte Aufgabe jener Zeit war, und in der That von unſe - rem Kuͤnſtler mit ſo vielem Geiſt, Geſchmack und Fleiße be - endigt worden iſt, daß ich nicht anſtehe, ſie allen noch vor -***) al maestro Ducciodipegnitore per suo salario d’una tavola, overo Maestà, che feciel et una predella, che si posero nell altare ne la chasa de nove, la due (dove) si dicie l’ufizio. Ed avemone pulizia da’nove.13 handenen Denkmalen der byzantiniſch-toscaniſchen Schule vor - anzuſtellen.

Den Vertrag des Kuͤnſtlers mit der ſieneſiſchen Dom - verwaltung hat Vater Della Valle, obwohl nach einer fehler - haften Abſchrift abgedruckt;*)Lettere Sen. T. 11. p. 75. Er ſtellt dieſe Urkunde unter: No. 399. Sie findet ſich indeß: Archiv. dell op. del D. di Siena, Perg. No. 603. Das Domarchiv iſt vor ungefaͤhr Einhundert Jah - ren neu geordnet worden; Benvoglienti, Ugurgieri, Man - ciniund andere Localforſcher, deren Sammlungen Della Vallebenutzt hat, lebten ſaͤmmtlich vor 1720. bedienten ſich mithin in ihren Anziehungen der aͤlteren Numerirung, was DV.unfehl - bar haͤtte wahrnehmen muͤſſen, wenn er je das Archiv betreten haͤtte, aus dem er zu ſchoͤpfen vorgiebt. Verbeſſere in ſ. Ab - drucke folgende weſentlichſte Fehler: Indict. VIII. lies VII. ; apparet, l. appareat, gegen die Mitte deutet DV.eine Lagune an, welche nicht vorhanden iſt; gegen das Ende iſt zuerſt ein, sibi, ſpaͤter ein, in, ausgelaſſen; fuͤr obligaverunt se ad invicem, ſetzt DV., sibi; und zu Ende loͤſet er die Abbreviatur, pign., durch pig - nori, auf; lies dafuͤr, pignoravit, wie es die Conſtruction und der Sinn erfodert. Unter den Zeugen macht er den bekannten Namen, Tura, zu, Jura; anderer Auslaſſungen und Verdrehungen nicht zu gedenken. aus dieſer Urkunde, wie aus den noch vorhandenen Quittungen des Kuͤnſtlers, welche die aͤlteren ſieneſiſchen Forſcher (die eigentlichen Quellen des Della Valle) uͤberſehn hatten,**)Archiv cit. Pergamene No. 608. erhellt zur Genuͤge, daß Duccioim October des Jahres 1308. ſich verpflichtet, jene nach den Um - ſtaͤnden unvergleichbare Tafel zu malen, in den folgenden Jah - ren verſchiedene Zahlungen der Domverwaltung beſcheinigt und im Jahre 1311. das Werk vollendet abgeliefert hat, wel - ches, da er demſelben auch ſeinen Namen beygegeben, ſo voll - ſtaͤndig beurkundet iſt, als irgend ein Kunſtwerk dieſer Zeit. 14Da es mir nun auf keine Weiſe gelungen iſt, in den nach - folgenden und ſpaͤteren Jahren beurkundete Spuren der Fort - dauer ſeiner kuͤnſtleriſchen Wirkſamkeit aufzufinden, ſo bin ich anzunehmen geneigt, daß er die Beendigung ſeines groͤßeſten Werkes nicht lange uͤberlebt habe. Gewiß hatte er damals bereits faſt dreißig Jahre auf eigene Rechnung gemalt, viel - leicht ſchon ungleich laͤnger, da nichts verbuͤrgt, daß jene aͤlteſten nur zufaͤllig bekannten Zahlungen der Jahre 1282. 85. uns auch den Anbeginn ſeiner Laufbahn bezeichnen. Lanzi*)Stor. pitt. scuola Sen. Epoca I. mori circa il 1340. Er folgte den Lettere Sen. To. II. p. 69. Beide ſuchten fuͤr dasmal der Angabe des Vaſariſo nahe zu kommen, als nach dem Laufe der Natur moͤglich war.indeß verſichert uns, daß er um das Jahr 1340. geſtorben ſey, was ich dahingeſtellt laſſe, weil ich nicht einſehe, was damit gewonnen werde, den Kuͤnſtlern alter Zeit ihr Leben auf’s Ungefaͤhr hin zu verlaͤngern.

Ungleich minder beurkundet iſt das Daſeyn und die Wirkſamkeit des Cimabue, deſſen Geſchichte, ſeit der erſten Erſcheinung der Lebensbeſchreibungen des Georg Vaſari, durch keine einzige wohlbegruͤndete Thatſache vermehrt worden iſt,**)Nicht einmal durch den fleißigen Dom. Manni, welcher doch in den veglie piacevoli, To. II. pag. 26. s., deſſen Zeitgenoſſen, den Calandrinoder Novellen, urkundlich beleuchtet hat. Aus dieſen Unterſuchungen des Mannigeht hervor, daß Calandrinogegen Ende des dreyzehnten Jahrhundertes lebte und malte, woher zu ſchließen waͤre, daß jener Buffalmacco, welcher den Ca - landrinoin den Novellen des Boccazzum Beſten hat, eben - falls ein Zeitgenoſſe des Cimabueſey, alſo in byzantiniſchem Geſchmacke gemalt habe, was mit den Gemaͤlden, welche man ihm beylegt, ganz unvereinbar zu ſeyn ſcheint. Doch iſt zu befuͤrch - ten, daß jener Buffalmaccouͤberhaupt nur etwa der Dichtung15 deſſen Namen ich bisher in keiner Urkunde begegnet bin, weß - halb ich mich hier darauf einſchraͤnken werde, das Verhaͤltniß der florentiniſchen Schule zur ſieneſiſchen wieder einzurichten, welches ſowohl durch Vaſari, als durch ſeine Gegner nicht wenig verrenkt worden iſt.

Sollte man denken, daß die Lebensumſtaͤnde, das Zeital - ter, die angeblichen Werke des beruͤhmten Stifters der tosca - niſchen, wenigſtens der florentiniſchen Malerey bis dahin nir -**)angehoͤrt und auf keine Weiſe der Kunſtgeſchichte. Als luſtiger Charakter mochte er eine gewiſſe populaͤre Celebritaͤt und jene ſte - henden Beynamen, Buffalmaccound Buonamico, erhalten haben, welche Boccazund Sacchettiihm beylegen. Als Maler indeß wuͤrden wir ihn in alten Vertraͤgen und Zahlungen aufzuſu - chen haben, doch nur unter ſeinem wahren Tauf - und Vatersna - namen, welcher zweifelhaft iſt. Doch beruhet, was Vaſarivon dieſem Kuͤnſtler meldet, auf einer Verſchmelzung der Nachrichten des Ghibertivon einem Maler Buonamicomit jenen Novel - len des Boccazund Sacchetti. Hiezu mochte ihn beſtimmt ha - ben, daß Ghibertinach vielen Lobſpruͤchen auf das Talent des Buonamico, von ſeinem perſoͤnlichen Charakter erwaͤhnt: fu huomo molto godente, was allerdings mit Hinblick auf jene Novellen geſagt ſeyn mag. Der Beyname Buffalmaccogehoͤrt dem Boccazan; Buonamicodem Sacchettiund Ghiberti; Vaſariiſt der erſte, der beide in ſeiner angeblichen Lebensbeſchrei - bung des Buonamico Buffalmaccoverſchmolzen hat. Es wird hier wohl unmoͤglich ſeyn, das Erdichtete vom Geſchichtlichen zu ſondern. Um ſo mehr, da Manni, veglie piac. To. III. Ed. Ven.1762. p. 3. behauptet, daß man den Maler Buonamicodi Criſtofano, den er, vielleicht nur den Novelliſten zur Liebe, eben - falls Buffalmacconennt, erſt im Jahre 1351. in die Malerzunft aufgenommen habe. Dieſer konnte nicht wohl derſelbe ſeyn, wel - cher zu Ende des dreyzehnten Jahrhundertes den Calandrinoge - neckt und nach Vaſari, ſchon 1304. ein allegoriſches Feſt angegeben hatte. Alſo werden hier verſchiedene Maler, Thatſachen und Erdichtun - gen durcheinanderwogen. Vgl. Lett. pitt. To. IV. Lett. CXXXI. p. 128. s.16 gend weder durch Aufſchriften ſeiner Gemaͤlde, noch durch oͤffentliche oder perſoͤnliche Urkunden begruͤndet ſind; daß Nie - mand bisher verſucht hat, im Archiv der florentiniſchen Staats - verwaltung, welches mir ſelbſt unzugaͤnglich geblieben, nach Beſtaͤtigungen, oder Berichtigungen der naiven Erzaͤhlung des Vaſariſich umzuſehn? Gewiß wuͤrde man, da Vaſarinun einmal in ſo alten Dingen weder Quelle, noch Autoritaͤt iſt, ſelbſt das Daſeyn des Cimabuein Zweifel rufen koͤnnen, wenn nicht ſchon Danteſeiner erwaͤhnt haͤtte, deſſen be - kannte Verſe:

Credette Cimabuenella pittura
Tener lo campo ed ora ha Giottoil grido
Sicchè la fama di colui oscura.
*)Purgat. canto XI. 94. s.
*)

Die Aufmerkſamkeit des Vaſariangezogen und hoͤchſt wahr - ſcheinlich ihn beſtimmt haben, dieſem alten Kuͤnſtler in ſeinen Malerleben den Ehrenplatz einzuraͤumen. Ein alter Commen - tator,**)Er findet ſich in einer HS. des Gedichtes in der Riccar - diana zu Florenz, derſelben, welche Vaſaribenutzte; ſie empfiehlt ſich durch ihr hohes Alter und durch eine Fuͤlle ſelten benutzter hiſtoriſcher Erklaͤrungen. welcher nicht lange nach dem Tode des Dichters geſchrieben, bemerkt zu obiger Stelle: daß Cimabuevon Flo - renzzur Zeit des Dichters mehr, als Andere, ſich auf die Kunſt verſtanden,***) pintore molto nobile di più che homo sapesse. wenn die Stelle richtig geleſen iſt; wahrſcheinlich ſteht: che più di‘. doch ſo anmaßend und reizbar gewe - ſen ſey, daß er bey dem geringſten Tadel ſeine Arbeiten, ſo koſtbar ſie ſeyn mochten, alſobald aufgegeben habe. DieſesZeug -17Zeugniß, dem wir nicht uͤbereilt eine zu weite Anwendung werden geben duͤrfen, erhebt allerdings das Daſeyn und den Ruf, welchen Cimabuein ſeiner Vaterſtadt erworben, uͤber jeden moͤglichen Zweifel. Doch, wie ſein Ruhm ſchon zu Dante’sZeit durch die Neuerungen verdunkelt worden, welche Giottoeinfuͤhrte, ſo kam in der Folge ſogar ſein relatives Verdienſt in Vergeſſenheit. Denn ſchon Ghiberti,*)Cod. s. c. fo. 8. welcher doch den Ducciomit Lob uͤberſchuͤttet, erwaͤhnet des Cimabueohne Anfuͤhrung ſeiner Verdienſte und Leiſtungen, als eines Malers in griechiſcher Manier, der offenbar fuͤr ihn nur in ſo fern merkwuͤrdig war, als er ihn fuͤr den Goͤnner und Lehrmeiſter des Giottohielt; und Cennino, der bis zu Giottohinaufſteigt, uͤbergeht jenen durchaus, was mir die Anecdote, welche Vaſariim Leben des Giottodem Ghibertinacherzaͤh - let, wenn nicht verdaͤchtig, doch minder glaubwuͤrdig macht.

Erſt nachdem bey den Florentinern der Ehrgeiz erwacht war, in der Kunſt nicht bloß die erſten, ſondern auch die fruͤ - heſten zu ſeyn, gewann Cimabuean Intereſſe, ward ſein Name mit groͤßerem Nachdruck und haͤufiger in Erinnerung gebracht. Filippo Villani, der ſpaͤteſte Geſchichtſchreiber ſeines Namens, war bereits von jener Richtung des Localpatriotis - mus ergriffen, welche in der Folge, von Florenzaus, allen etwas erheblichen Staͤdten Italiensſich mitgetheilt hat, als er dem Cimabuezuerſt die Ehre vindicirte, die Malerey nicht etwa in ſeiner Vaterſtadt, vielmehr in ganz Toscanaauf einen beſſern Fuß gebracht zu haben.**)S. Moreni, Can. memorie intorno al risorgimento delle belle arti in Toscanaetc. Firenze1813. p. 5. wo die hingeworfene, AugenſcheinlichII. 218leuchteten auch ihm jene Verſe des Dantevor; unter allen Umſtaͤnden iſt die Aeußerung eines Schriftſtellers des funf - zehnten Jahrhundertes an dieſer Stelle nur in ſo fern von Be - lang, als ſie die Entſtehung des Vorurtheiles erklaͤrt, nach welchem Cimabuenicht bloß, wie man dem Dantezuge - ben darf, in Florenz, vielmehr in der ganzen Ausdehnung von Italiender vorzuͤglichſte Maler ſeiner Zeit und der Stif - ter und Begruͤnder alles foͤrderlichen Strebens ſoll geweſen ſeyn. Vielleicht hatte ſich dieſe Meinung waͤhrend des funf - zehnten Jahrhundertes im Dunkelen ausgebreitet und in jene alten Malerbuͤcher eingedraͤngt, deren Vaſarierwaͤhnt, ohne ſie doch naͤher zu bezeichnen. *)Vas. vita di Cimabue. Ed. cit. p. 85. Dicesi ed in certi ricordi di vecchj pittori si legge, che etc.

In den vorangehenden Abhandlungen habe ich aus viel - faͤltigen Zeugniſſen und hinreichenden Denkmalen erwieſen, daß Cimabueweder fuͤr den fruͤheſten Maler der neueren Italiener, noch ſelbſt fuͤr den aͤlteſten Nachahmer neugriechi - ſcher Vorbilder und Kunſtbehelfe zu halten iſt, was mich ſelbſt, wie beſonders den Leſer, der Muͤhe uͤberhebt, dieſe Un - terſuchung von Neuem aufzunehmen. Hier wird demnach nur ſo viel in Frage kommen, ob Cimabueden toscaniſchen Ma - lern ſeiner Zeit durch Geiſt und Geſchicklichkeit in dem Maße uͤberlegen geweſen, als Vaſariangiebt, und unzaͤhlige Andere ihm nachgeſchrieben haben; vornehmlich aber, ob er durch Vor - bild und Lehre ſo entſcheidend auf ſeine Zeitgenoſſen einge - wirkt habe, daß man berechtigt waͤre, ihn ferner als den Stif - ter jenes allgemeinen Aufſchwunges der Kunſt zu betrachten,**)ganz unbegruͤndete Meinung dieſes ſpaͤten Schriftſtellers als ein hiſtoriſches Zeugniß angezogen wird, was nicht wohl zuzugeben iſt.19 den wir oben ſchon ſeit dem zwoͤlften Jahrhundert allmaͤhlig haben herannahen ſehen.

Der Autoritaͤt jener Randbemerkung zum Dantewerden wir alſo zugeben duͤrfen, daß Cimabue, in ſeinem Kreiſe, gegen Ende des dreyzehnten Jahrhundertes der angeſehenſte Maler geweſen ſey. Doch berechtigt uns ein ſo allgemeines Zeugniß noch keines - weges, ihn auch fuͤr den beſten und groͤßeſten Maler ſeiner Zeit zu halten. Gewiß iſt es bedenklich, daß Duccio, obwohl ein Siene - ſer, doch dem Ghiberti, der beiden noch ſo nahe ſtand, bey wei - tem mehr Achtung eingefloͤßt hatte;*) Ghib.MS. cit. fo. 9. a. ſo wie ſelbſt die allge - meineren geſchichtlichen Verhaͤltniſſe auf die Vermuthung lei - ten, daß Florenzin den fruͤheſten Zeiten, anſtatt, wie Vaſarilehrt, den bildenden Kuͤnſten die Bahn zu brechen, vielmehr, was dieſe angeht, den aͤlteren Mittelpuncten der Macht und des Handels um Einiges nachgeſtanden ſey. Vergeſſen wir nicht, daß die Groͤße von Piſaund Siena, ſelbſt die Bluͤthe von Luccaund Piſtojadem erſten entſchiedneren Aufſchwunge des Florentiniſchen Gemeinweſens um ein Jahrhundert und zum Theil um ungleich laͤngere Zeit vorangegangen; daß Flo - renzerſt, nachdem die Hohenſtaufen mit ihren Anhaͤngern, den Ghibellinen, geſunken waren, zum Mittelpuncte der ſiegen - den Parthey und durch Macht und Reichthum zur Hauptſtadt der ganzen Provinz gediehen iſt. Daher entſtand zu Piſa, wo ſchon ſeit dem eilften Jahrhundert mit ſo großem Aufwande gebaut worden, wohl ein Menſchenalter vor Cimabue, wenn dieſer anders der Lehrer des Giottogeweſen, eine bluͤhende Bildnerſchule, auf welche ich zuruͤckkommen werde; Sienaaber, deſſen politiſche Groͤße das dreyzehnte Jahrhundert durchmißt,2 *20deſſen Gebiet ſchon ſo fruͤh den ganzen, auch gegenwaͤrtig nicht unerheblichen Umfang erreicht hatte, war eben damals der Mittelpunct einer ungewoͤhnlichen Thaͤtigkeit in kuͤnſtleri - ſchen Unternehmungen aller Art.

Waͤhrend zu Florenznicht fruͤher, als gegen das Jahr 1300. beſchloſſen wurde,*)S. Richa, delle chiese di Fir.T. VI. p. 13. wo das Decret, welches auch andere Topographen beruͤhren. Vergl. die Chron. die alte unſcheinbare Kirche der heiligen Reparata in eine neue und praͤchtige Domkirche um - zuwandeln, ward zu Sienaſchon ſeit den fruͤheren Decennien des dreyzehnten Jahrhundertes an einem neuen und praͤchti - gen Dome gebaut, deſſen Geſchichte einiger Berichtigungen be - darf, welche ich nachtragen werde. Waͤhrend ſchon ſeit dem Jahre 1230., vielleicht ſchon fruͤher, mit groͤßter Thaͤtigkeit an der letzten Ringmauer von Sienagearbeitet wurde,**)Einige der Berathungen und Beſchluͤſſe, welche dieſen Ar - beiten vorangegangen, finden ſich, Arch. delle riform. di Siena, consilia campanae. T. II. anno 1249. (1250.) (NB. Die gebundenen Buͤcher gehen nicht viel weiter zuruͤck; fruͤher wurden die Protocolle auf einzelne Blaͤtter geſchrieben, welche ich nicht alle eingeſehn.) Daſ. fo. 1. consilium de omnibus et singulis Burgis extra fossos et carbonarias ex parte civitatis vete - ris affonsandis et muniendis et recisis faciendis, ubi necesse fuerit etc. Eod. T. fo. 27. a t. quod CCCCL. libr. expendi debeant in accrescimento civitatis et in affonsanda etc. Und To. IV. anno 1254. fo. 2. et super muratione civitatis etc.; daſ. fo. 12. und 59. andere Berathungen uͤber dieſen Gegenſt. T. V. anno 1255. super actatione et concimine civitatis Senarum, qualiter debeat ac - tari ad majorem roburem civ. ejusd. To. VII. 1256. fo. 7. und 16. a. t. und fo. 32. To. IX. 1259. (1260.) fo. 11. 76. 84. Aus - gaben fuͤr die Befeſtigung finden ſich Archiv della Biccherna, Claſſe B. No. 1. 1230. fo. 45. a. t. LX. Libr. operariis positis super faciendis muris ex parte Chamollie (ein Thor der Stadt gegen Flo - renzhin.) Item L. libr. operariis muri a sco Georgio usque ad scm. ward21 der dritte Umkreis von Florenzerſt im vierzehnten Jahrhun - derte unternommen. *)S. Archiv dell opera del Duomo di Firenze. Memo - riale di chonpere fatte pellopera per Bonachorso di Gio provedi - tore a di primo di giennojo 1378, wo fo. 1. ff. noch Beytraͤge fuͤr die dritte Ringmauer der Stadt. Vergl. die florentin. Chroniſten zu dieſem und benachbarten Jahren.Gleichzeitig mit jenen Befeſtigungen und mit dem praͤchtigen Dombau ward die hochgelegene Stadt Sienamit Ciſternen, Waſſerleitungen, ſchoͤn uͤberwoͤlbten, maͤch - tigen Brunnen und Waſſerbecken verſehen, deren gediegener, gothiſcher Bau die gegenwaͤrtige Veroͤdung der niederen Theile der Stadt uͤberdauert hat.

Bey ſo viel Eifer, ſo großem Aufwande fuͤr die Bequem - lichkeit, Sicherheit und Schoͤnheit der Stadt, mußte es auch fuͤr die Maler und Bildner zu thun geben; und in der That iſt die ſieneſiſche Kunſtgeſchichte waͤhrend des dreyzehnten Jahr - hundertes unter den toscaniſchen dieſer Zeit die reichſte an Namen und werthvollen Leiſtungen.

Jenes aͤlterenGuidohabe ich bereits erwaͤhnt; da ſeine Madonna vom Jahre 1221. fuͤr jene Zeit ſehr ausgezeichnet und offenbar kein Jugendverſuch iſt, ſo duͤrfte er damals ſchon eine laͤngere Zeit gemalt haben. Der MuſaiciſtJacob, deſſen**)Mauritium. fo. 46. C. libr. operariis de fossis et carbonariis etc. etc. Fernere Zahlungen: fo. 50. a. t. fo. 51. a. t. fo. 53. 55. 59. 64. 65. und ff. B. No. 2. 1238. (1239.) fo. 11. 13. B. No. 14. 1247. (1248.) fo. 30. wo auf einmal 450 Libr. auf der Ruͤckſeite 50 Libr. darauf 80 Libr. fuͤr dieſen Zweck ausgezahlt worden. Vgl. daſ. fo. 67. a. t. fo. 68. 72. B. No. 16. 1258. (1259.) fo. 1. a. t. fo. 2. 9. a. t. u. ſ. f. B. No. 18. 1259. (1260.) fo. 32. und a. Die ſaͤmmtlichen Ausgaben des Januars 1260. (der gewoͤhnlichen Rechnung) betrugen 20892 Libr. 2. den. Gewiß fuͤr damalige Zeit, bey republicaniſcher Regierungs - form, ein betraͤchtlicher, meiſt durch jene Bauten veranlaßter Aufwand. Vgl. No. 28. fo. 41. No. 33. fo. 7. a. t. No. 67. (1281.) fo. 83. ff.22 Muſiv vom Jahre 1225. wir aus der vorangehenden Ab - handlung entſinnen, wird von Einigen ebenfalls der ſieneſi - ſchen Schule beygelegt, was moͤglich, doch unausgemacht iſt, alſo nicht hierher gehoͤrt. Andere Maler ergeben ſich aus den Ausgabebuͤchern der ſieneſiſchen Staatsverwaltung; doch werde ich hier die aͤlteren Auszuͤge, welche ſchon Della Vallebenutzt und bekannt gemacht hat,*)Die Malernamen, welche Della Vallenach den hand - ſchriftlichen Auszuͤgen des BenvoglientiundManciniange - geben, ſind folgende: 1259. Maestro Gilio; 1261. Dietisalvi; 1262. Ventura di Gualtieri; 1271.Rinaldo; 1274. Salva - nello; 1278. Guido; 1281. Romano di Paganello; 1289. Mino; 1289. Guccio; 1293. Vigoroso,Rinforzato, Mi - nuccio di Filipuccio. 1298. Vanni di Bono. Die nachgewie - ſenen, gegenwaͤrtig fehlenden Nummern des Arch. della Biccherna, Claſſe B. ſind folgende: No. 5. 6. 23. 46. 48. 55. 86. 93. 95. 98. 125. Hingegen hatte Benvoglientidrey Maler,Pietro, Buon - amico,Parabuoiaus einem Fragmente ohne Nummer aufge - fuͤhrt, welches ſchon 1638. von ſeinem Bande abgetrennt geweſen, und welches ich vor etwa ſieben Jahren, als ich mit Verguͤnſtigung der Obrigkeit des Ortes, das verlegte Archiv nach ſeiner alten An - ordnung wieder herſtellte, ſeiner No. 22. wiederum angeheftet habe. Dieſes Fragment nemlich hatte, wer immer das Archiv gepluͤndert haben mag, nicht aufzufinden verſtanden. von meinen eigenen abſondern muͤſſen, da ich jene nicht habe vergleichen koͤnnen, indem faſt alle in den Lettere Senesiangezogene Nummern im bezeich - neten Archive fehlen und, wie man behauptet, in die oͤffent - liche Bibliothek verſetzt ſind, in deren handſchriftliche Schaͤtze einzudringen, mir eben ſo ſchwierig war, als ſpaͤter dem treff - lichen Bearbeiter der ſchoͤnſten und beſten aller vorhandenen Quellenſammlungen, Herrn Dr. Pertz. **)S. deſſen Vorrede zur italien. Reiſe.

In den noch gegenwaͤrtig vorhandenen Baͤnden des be -23 zeichneten Archives entdeckte ich nur einzelne fruͤheren Forſchern entgangene Namen; indeſſen werden meine Auszuͤge, welche ich in die Anmerkungen verweiſe, mehr Zuverſicht, vornehmlich eine deutlichere Vorſtellung erwecken, als jenes nackte Namen - verzeichniß. So zeigte ſich in dem noch vorhandenen Quin - tern ohne Nummer des Della Valle, daßPiero, Bonamico,Parabuoiwahrſcheinlich nur gemeine Maler geweſen, weil die Arbeit, welche ſie liefern, Schilder fuͤr Sinnbilder und Wap - pen, an ſich ſelbſt niedrig und handwerksmaͤßig. *)Archiv della gen. Biccherna di Siena. B. 22. anno 1262. fo. 19. Item. X. Libr. et II. sol. Pieropictori, quos habuit pro pre - tio XV. pavesorum, quos emerunt priores viginti quatuor man - dato dictorum capit. et priorum die dicta (ult. Maji). Item XXXII. Libr. III. sol. VI. den. Bonamico pictori, quos habuit pro pretio XXXIII. pavesorum, quos emerunt dicti priores mandato etc. Item IV. Libr. Parabuoi pictori, quos habuit pro pretio VII. Pavesorum, quos etc. Item XXXIII. sol. Bonamico pictori, quos habuit pro pretio duorum pavesorum etc. Hingegen gewann Dietiſalvian Beſtand, welchem hier wiederholt die Bemalung der Buͤcher des Kaͤmmerlings bezahlt wird, eine Arbeit, an welcher ſich ſchon einige Erfindung und Geſchick - lichkeit darlegen ließ, obwohl ſie dem Umfang und der Be - lohnung nach unbedeutend war. Eines dieſer Gemaͤlde befin - det ſich in der Gallerie der ſieneſiſchen Kunſtacademie,**)Die fruͤheſte Zahlung an Dietiſalvifindet ſich im gen. Archive, B. No. 343. anno 1259. Jun. Darauf folgt: No. 28. 1267. mense Maji fo. 41. a tergo: Item X. Sol. Dietiſalvipictori, qui depingit arma camerarii et quatuor in libris eorum. Und No. 33. 1269. (1270.) fo. 13. Item X. sol. den. Dietiſalvipictori pro pictura librorum cam. et quatuor. Das Buch, ſo hier bezahlt wird, iſt daſſelbe, deſſen Deckel die Academie beſitzt, wie aus dem Jahre um24 welche der Abbate der Angelis Verdienſte beſitzt. Der Kuͤnſtler malte auf dieſem Deckel, wie die Beyſchrift zeigt, das Bildniß des derzeitigen Kaͤmmerlings,Ranerio di Lionardo Pagliareſi, deſſen Kopf in der That einige Spur von Bildnißaͤhnlichkeit zeigt, und in Anſehung der Zeit fuͤr lebendig und ausdrucks - voll gelten darf; das Gewand iſt nur durch Umriſſe und leichte Schraffirungen angedeutet. Drey andere Buͤcherdeckel derſelben Sammlung, deren Zahlungspartiten nicht mehr vor - handen, ſind dennoch gewiß ebenfalls von ſeiner Hand, weil er, um dieſe Zeit und bis zum Jahre 1285. jene Arbeiten ganz uͤbernommen hatte. *)Arch. cit. B. No. 1270. fo. 4. a t. X. sol. Dietiſalvipic - tori etc. No. 56. fo. 21. wird der Maler gar nicht genannt; hoͤchſt - wahrſcheinlich, weil Dietiſalviein fuͤr allemal dieſe Arbeit uͤbernommen hatte; denn No. 66. fo. 98. a t. 1281. (1282.) die 22. Januarii: Item VIII. sol. Dietiſalvipictori librorum ea - mararii et IV. Erinnern wir uns aus der vorigen Anm. des: qui depingit. No. 72. 1284. (1285.) fo. 5. und No. 74. zahlt man noch immer an Dietiſalvi.

Spaͤter bemalte Duccio,**)No. 75. 1 mo und tertio, anno 1285. ſ. oben. dann ein zweyterGuido,***)No. 84. 1288. (1289.) 8. Januarii. Sol. 10.Guidonipic - tori pro pictura libri cam. et IV. Ducciokoͤnnte aus Gui - duccioabgekuͤrzt ſeyn; doch haben wir unten:Guido Gratiani. endlich jenerVigoroſo,†)No. 92. 1292. Uscita a 12. Luglio. aVigoroſopittore, che fece la pittura al libro del Camarlengo etc. B. No. 91. 1291. Lira. quartiere di S. Donato. fl. 21. a Solle sellajo eVigoroſopictore aGuidone Gratianipictore, aJacominopictore. Und noch einmal, B. No. 91. Uscita Sol. 9.Vigoroſopictori pro pictura librorum camarlenghi. welcher bereits bekannt iſt, die Buͤ -**)und Magiſtrat erhellet. Das Praͤſens in dem vorangehenden Satze zeigt, daß er in dieſer Zeit jene Arbeit monopoliſirt hatte.25 cher des Kaͤmmerlings. Dietiſalviaber, welcher vielleicht in der Achtung geſtiegen war, oder durch ſeine ſtandhafte Gefaͤl - ligkeit in jenen kleineren Handleiſtungen Dank verdient hatte, ward endlich im Jahre 1291., eben als Ducciojene Buͤcher bemalte, auch bey einer groͤßeren Arbeit angeſtellt, irgend einer Wiederherſtellung an dem Frauenbilde im oͤffentlichen Pallaſte. *)Arch. cit. B. No. 89. 1290. (1291.) 27. Junii Sol. 20. Dietiſalvipictori, quod pinsit de …… majestate S. Marie in pa - latio communis. Zur ſelben Zeit lebten einige andere Maler, welcheManciniund Benvoglientiuͤberſehen haben:Morſello Cili, undCaſtel - lino Pieri,**)Arch. c. B. No. 92. 1292. fo. 32. und fo. 106. a t. aGuarnieri Gratianodipintore; und fo. 106. aMorsello Cilidipintore fl. 13. und daſ. unten: aCastellino Pieripictore fl. 4. (Es gilt Abgaben).GuarnieriundGuido Gratiani. ***)Arch. c. B. 91. ſ. oben. Damals, oder fruͤher, gab es zu Sienanoch einen anderen Maler, von deſſen Hand vier Bruch - ſtuͤcke eines Altares (Madonna, ſ. Joh. Ev., ſ.Paulund ein heil. Moͤnch, wohl ſ. Auton Abbas), welche in der Gallerie der ſiene - ſiſchen Academie No. 13. (Katalog No. 10.) aufgeſtellt ſind. Auf dem Schwerdte ſ. Paulsſtehet: SEGNA ME FECIT. Man haͤlt dieſen Maler fuͤr den Meiſter des Duccio, dem er in der That, zwar techniſch nachſteht, doch im Abſehen und Wollen verwandt iſt. Ueber den Sieneſer Ugolino, welcher ungefaͤhr in dieſe Zeit einfallen muͤßte, habe ich nichts Sicheres aufgefunden. Wenn das Andachtsbild in Orſanmichele (zu Florenz) von ſeiner Hand iſt, wie Vaſaribehauptet, ſo gehoͤrt er zu den beſten Meiſtern der Zeitgenoſſenſchaft des Cimabue.In wie weit dieſelben uͤber das Handwerksmaͤßige hinausgegangen, iſt nicht wohl mehr zu entſcheiden, da man in den Urkunden die - ſer fruͤhen Zeit auch die Anſtreicher und andere Handwerker, welche ihre Arbeiten durch Bemalung verſchoͤnten, zu den Ma - lern zaͤhlte, zu deren Zunft ſie, politiſch angeſehen, gehoͤrten.

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Wenn nun auch die Mehrzahl der fruͤher bekannten und ſo eben von mir ergaͤnzten Malernamen, mit denen wir in Ermangelung von maleriſchen Denkmalen keine beſtimmte Vorſtellung verbinden koͤnnen, das Verdienſt desGuido, des Dietiſalviund Duccionicht erreicht haben ſollten, ſo werden wir doch wenigſtens von denen, welche die Buͤcher des Kaͤm - merlings bemalt haben, annehmen muͤſſen, daß ſie ſich auf die Figur verſtanden, mithin der Nachfrage nach heiligen Dar - ſtellungen, welche zu jener Zeit die belebteſte war, haben ge - nuͤgen koͤnnen.

Die fruͤhe Entwickelung der ſieneſiſchen Malerſchule iſt demnach ganz ausgemacht; und in der That hat dieſelbe ſchon damals gewiſſe Eigenthuͤmlichkeiten der Technik, wie der gei - ſtigen Auffaſſung aus ſich entwickelt und dargelegt, welche ſie bis auf den Taddeo di Bartolooder bis gegen 1420. ſtand - haft beybehalten; weßhalb ich mir nicht erklaͤren kann, daß Vaſariihr Unterſcheidendes nicht wahrgenommen und ſo viel Andere hat verleiten koͤnnen, dieſe Schule gleich ihm aus der florentiniſchen abzuleiten. Hatte doch Ghiberti, dem Vaſariin vielen Dingen gefolgt iſt, das Verhaͤltniß beider Schulen ganz richtig aufgefaßt; beſaß er doch als groͤßter Kuͤnſtler ſeiner Zeit, als Florentiner, alſo unpartheylicher Zeuge, als Kenner der ſieneſiſchen Schule, da er wiederholt in Sienagelebt und gearbeitet hatte, endlich ſelbſt, weil er der Zeit, von welcher die Rede, ſehr nahe ſtand, in dieſem Falle die mannichfaltigſten Anſpruͤche auf hiſtoriſche Glaubwuͤrdigkeit!

Die kunſtgeſchichtlichen Nachrichten des Ghibertieroͤffnet ein Abſchnitt, welcher ganz der florentiniſchen Schule gewid - met und bis zum Arcagnuolo( Orgagna) durchgefuͤhrt iſt; nach - dem er von dieſer abgebrochen, hebt er ganz von Neuem an:

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Es gab in der Stadt Sienavortreffliche und geſchickte Meiſter. Unter dieſen war Ambruogio Lorenzettiein beruͤhm - ter und ausgezeichneter Meiſter, welcher viele Werke vollbracht hat. Nachdem er darauf die Werke dieſes und anderer ſiene - ſiſchen Maler, des Simon, Lippound Barnaaufgezaͤhlt, ſchließt er, indem er nachholt: Es gab in Sienanoch den Duccio, welcher die griechiſche Manier beybehalten; und von ſeiner Hand iſt die Tafel des Hauptaltares im Dome zu Siena, auf der Vorſeite derſelben u. ſ. f. Viele Maler, er - zaͤhlt er weiter, beſaß die Stadt Sienaund war fruchtbar an erſtaunlichen Talenten, deren Viele wir auslaſſen, um nicht weitſchweifig zu ſeyn. *) Lor. Ghib.MS. cit. fo. 9. a tergo.

Ghibertialſo, der, bey dem lebhafteſten und freudigſten Bewußtſeyn der Vorzuͤge ſeiner Vaterſtadt, doch von jener patriotiſchen Grille der Florentiner noch durchaus frey war, kannte und ſchaͤtzte die ſieneſiſche Schule, als eine eigenthuͤm - liche, fuͤr ſich beſtehende. Die allgemeinen geſchichtlichen Ver - haͤltniſſe waren, wie wir uns fruͤher erinnert hatten, waͤhrend des dreyzehnten Jahrhundertes den Sieneſern ungleich guͤnſti - ger, als den Florentinern. Endlich haben wir auch urkund - liche Zeugniſſe fuͤr die fruͤhe Entſtehung, den Fortgang, die Leiſtungen der ſieneſiſchen Schule, in hinreichender Fuͤlle ge - ſammelt. Sehn wir nun, ob die Geſchichte der florentiniſchen reichhaltiger und beſſer begruͤndet ſey, wie doch die Ableitun - gen des Vaſariund Baldinucci, wenn ſie anders Grund haben ſollten, vorausſetzen ließen.

Allerdings wird es auch zu Florenz, welches ſeit dem eilften Jahrhunderte, zwar noch fuͤr lange nicht als ein herr -28 ſchendes, doch immer ſchon als ein bluͤhendes und zunehmen - des Gemeinweſen zu betrachten iſt, ſeit den aͤlteſten Zeiten Maler gegeben haben, welche ihre Fertigkeiten vom Meiſter zum Schuͤler fortpflanzten und die genuͤgſamen Anfoderungen ihrer Zeitgenoſſen befriedigten. Obwohl mir die vorausſetzliche Hauptquelle der aͤlteren florentiniſchen Kunſtgeſchichte, das Archiv der Riformagioni, nicht zugaͤnglich geweſen, ſo entdeckte ich doch, im Archive*)Arch. de Canonici del Duomo di Firenze, Pergamene, No. 323. In Dei nomine amen. Millesimo ducentesimo vigessimo quarto. Idus febr. Indict. tertiadecima feliciter. Certum est, quod dominus Dictifeci, Dei gratia prior et custos ecclesie et canonice ecclesie sce. Marie majoris con cumsensu parabula suorum canoni - corum et non ad dapnitatem prefate ecclesie, set pro solvendo debito MagistroFidanzadipintori, unde ecclesia gra - vata erat, quod ali̅u̅ desolvi non valebat. Vendidisse et tradidisse jure libellario Bonajuto fil. tedalgardi et ejus heredibus in propri - um unam domum etc. pretio et pagamento librarum viginti un̅a̅ pisane monete, sicuti continetur et apparet scriptum in instru - mento emptionis domus etc. Actum in clastro ecclesie et cano - nice sc̅e̅ Marie majoris Flor. EgoOrlandusjudex et not. etc. der florentiniſchen Domherrn, den Na - men eines Malers,Fidanza, welcher um das Jahr 1224. gelebt haben muß, da die Vorſteher einer florentiniſchen Kirche ſich damals eines Hauſes entaͤußerten, um ihn, vermuthlich fuͤr eine Kunſtarbeit, zu bezahlen. Dieſer Maler iſt dem Lanzientgangen, welcher in dieſer Unterſuchung ſich begnuͤgt, einenBartolommeoanzufuͤhren, dem man, nach moͤnchiſchen Traditio - nen, jenes Wunderbild der Verkuͤndigten beymißt, welches noch immer zu Florenzin der Kirche der Serviten bewahrt und verehret wird. **)S. Lanzisto. pitt. scuola Fior. Ep. I. Da nun auch Andrea Tafibis dahin auf keiner umſtaͤndlich bekannten Urkunde, vielmehr nur auf ſehr29 allgemeinen Anfuͤhrungen oberflaͤchlicher Forſcher beruhet,*) Richa, delle Chiese di Fir. da, ſey es durch Unfleiß der florentiniſchen Forſcher, oder durch Luͤckenhaftigkeit der Archive, ſogar Cimabuemit allen ihm von Vaſariund Spaͤteren beygemeſſenen Werken nirgend urkundlich bewaͤhrt iſt: ſo ergiebt ſich, daß die florentiniſche Kunſtgeſchichte waͤhrend des dreyzehnten Jahrhundertes der ſieneſiſchen an Begruͤndung und innerem Reichthum um Vie - les nachſteht; daß, ſelbſt wenn die Florentiner in dieſem Zeit - raume ihre Nachbaren wirklich im Geiſte und im Geſchicke der Kunſt uͤbertroffen haͤtten, doch immer der Beweis nicht wohl zu fuͤhren waͤre, was uns minder beunruhigen wird, da wir bey dieſer Frage durchaus nicht betheiligt ſind.

Ungeachtet dieſer Dunkelheiten, welche zum Theil auch daher zu erklaͤren ſeyn moͤgen, daß ſo viele der aͤlteſten floren - tiniſchen Denkmale (ſ. Piero Scheraggio, ſta Reparata, alle aͤltere Pfarrkirchen, mit Ausnahme einiger noch vorhandenen Vorhallen; roͤmiſcher Alterthuͤmer, des Parlagio u. a. nicht zu gedenken) durch die Bauluſt und Prachtliebe ſpaͤterer Zei - ten verdraͤngt worden ſind, bin ich feſt uͤberzeugt, daß die florentiniſchen Maler ſchon im dreyzehnten Jahrhunderte Ta - lent gezeigt und mit ihren Zeitgenoſſen Schritt gehalten haben. Die Florentiner hatten ſchon ſeit dem eilften Jahrhundert in der Baukunſt einen damals noch ungewoͤhnlichen Sinn fuͤr Ebenmaß dargelegt; ſie hatten in der zweyten Haͤlfte des dreyzehnten bereits einige Schriftſteller hervorgebracht, welche alle Vortheile des toscaniſchen Idiomes benutzten und im Wortgebrauche, wie in der Conſtruction noch immer fuͤr mu - ſterhaft gelten. Da zudem die beiden großen Tafeln, welche30 Vaſaridem Cimabuebeygelegt, (die beruͤhmtere in ſta Maria novella, die andere, aus ſta Trinita, in der Gallerie der flo - rentiniſchen Kunſtſchule) ſicher florentiniſche Arbeiten ſind, ſo werden wir nicht anſtehen duͤrfen, dieſer Schule, bey achtens - werther Steigerung der Geſchicklichkeit, auch eine entſchiedene Eigenthuͤmlichkeit des Sinnes und Geiſtes einzuraͤumen.

Nicht, weil VaſariSolches beſtimmt zu wiſſen vorgiebt, vielmehr aus anderen, allgemeineren Gruͤnden glaube ich, daß jene beiden großen Tafeln in der That von Cimabuegemalt worden. Allerdings konnte Vaſari, da er uͤberhaupt nirgend auf den Grund gegangen, da die Malereyen in Kloſterkirchen meiſt Geſchenke und daher unbekundet ſind, da ihn hier nicht einmal Aufſchriften leiteten, durchaus nur durch oͤrtliche Tra - ditionen beſtimmt worden ſeyn, die erwaͤhnten Tafeln dem Cimabuebeyzulegen, welche in dieſem Falle vielleicht an ſich ſelbſt verdaͤchtig ſind, weil Cimabueſeit Giotto’sUmwaͤlzung der italieniſchen Kunſtmanieren veraltet und faſt vergeſſen war. Erwaͤgen wir indeß, daß beide Tafeln bis gegen Ende des funfzehnten Jahrhundertes die Hauptaltaͤre zweyer anſehnli - chen, verehrten, ſtark beſuchten Kloſterkirchen zierten; daß ſie in ungewoͤhnlichen Dimenſionen ausgefuͤhrt waren und ſelbſt denen auffallen mußten, welchen die Manier grell und abſto - ßend zu ſeyn ſchien; daß Cimabue, wie man immer ſeine Manier gering ſchaͤtzen mochte, doch durch das vielgeleſene Gedicht des Danteim Andenken gebildeter Menſchen ſich er - halten mußte und, wie Ghiberti’sund Filippo Villani’sEr - waͤhnungen zeigen, wirklich darin fortlebte: ſo werden wir die Wahrſcheinlichkeit zugeben muͤſſen, daß man, als Vaſariſchrieb, noch wiſſen konnte, vielleicht noch wiſſen mußte, wer jene auffallenden Tafeln gemalt hatte. Dieſe treffen zudem31 mit jener allgemeinen Charakteriſtik des Kuͤnſtlers uͤberein, welche wir dem Ghibertiverdanken; denn ſie ſind wirklich, die eine ſtreng in griechiſcher Manier gemalt, die andere we - nigſtens voll griechiſcher Eigenthuͤmlichkeiten.

Da jene erſte Tafel mit den Propheten und Patriar - chen in Manier und Auffaſſung den neugriechiſchen Malereyen noch ſo nahe ſteht, ſo iſt ſie ſicher auch die aͤltere; hingegen die andere, in ſta Maria novella, die neuere, weil ſie bereits, vornehmlich in der Figur des Kindes und in den Koͤpfen der Engel, nicht ſo ganz erfolgloſe Beobachtung des Lebens ver - raͤth; weil namentlich das Fleiſch bereits einen helleren Ton annimmt, die Behandlung deſſelben endlich ſchon etwas ver - waſchener iſt. Aus dieſen Merkmalen ſchließe ich, daß Cima - buein einzelnen Parthieen ſeiner Gemaͤlde verſucht habe, die maleriſche Technik der neueren Griechen abzuaͤndern. Denn es ſcheint das zaͤhere Bindemittel der Griechen des Mittelal - ters einen feſteren, geſtrichelten, oder ſcharf hingeſetzten Auf - trag zu erfordern und jene fluͤſſigen Ueberzuͤge auszuſchließen, durch welche die Italiener, vornehmlich ſeit Giotto, ihre Ma - lereyen a tempera zu verſchmelzen pflegten. Zu dieſer Neue - rung duͤrfte dann, nach obigem Beyſpiel, Cimabueden erſten Anſtoß gegeben haben und eben hiedurch vielleicht das Ge - ruͤcht veranlaßt worden ſeyn, daß er ſeinerzeit der Erneuerer, bald gar der Begruͤnder der neueren Kunſt geweſen ſey. Ge - wiß waren die Kunſtanſichten jener alten Italiener, welche wir ſchwaͤrmeriſchen Deutſchen ſo gern in die eingebildeten Raͤume verſetzen, im Ganzen ſehr derb und practiſch, weßhalb ſie mit groͤßter Dankbarkeit der Erfindung und Anleitung zu Griffen und Vortheilen der Handhabung zu gedenken pflegten,32 hingegen gar ſelten ſich darauf eingelaſſen, den Geiſt großer Kuͤnſtler nach ſeiner Hoͤhe, Tiefe und Breite auszumeſſen.

Wir ſelbſt indeß werden in jenen Tafeln einen edlen, auf Wuͤrdiges und Hohes gerichteten Sinn anerkennen und verehren muͤſſen. Allerdings verraͤth Duccio, beſonders in dem Madonnenbilde ſeiner großen Altartafel, mehr Unabhaͤngigkeit von ſeinen griechiſchen Vorbildern. Auch wird man dem Sie - neſer im Ganzen zugeben muͤſſen, daß ſeine Geſtalten einen liebenswuͤrdigen Ausdruck von Guͤte und Milde beſitzen, wel - cher anziehender iſt, als die herbe und ſtrenge Eigenthuͤmlich - keit des Cimabue, deſſen Bildungen ein gewiſſes einſeitiges Streben nach Wuͤrde und Ehrfurcht gebietender Hoheit an den Tag legen. Moͤge er nun immerhin dieſe Richtung mit un - zulaͤnglichen Kraͤften verfolgt haben, ſo verdient doch ſein Streben, beſonders der Muth, ſich in groͤßere Dimenſionen zu wagen, die Anerkennung und Verehrung der Billigen.

Doch, wenn uns Vaſariund Spaͤtere verſichern, daß Cimabuein der Malerey eine Schule gegruͤndet und ein neues und beſſeres Beſtreben verbreitet habe, ſo uͤberſehen ſie, daß ſein Ziel nicht in Neuerung, ſondern nur in einer hoͤheren Ausbildung der vorgefundenen Vorſtellungen und Handhabun - gen der Kunſt beſtanden. Uebrigens pflegen dieſelben Schrift - ſteller um wenige Zeilen ſpaͤter ſelbſt anzunehmen: daß jene durchgehende Erneuerung der italieniſchen Malerey, welche ſie aus Gewoͤhnung ſchon dem Cimabuebeygelegt hatten, um einige Jahrzehende ſpaͤter eingetreten und von Giottoausge - gangen ſey, welches Letzte ich in nachſtehender Unterſuchung umſtaͤndlicher zu entwickeln und ſicherer zu begruͤnden hoffe, als vor mir geſchehen iſt.

Urkund -33

Urkundliche Belege und Anlagen.

I. Archivio dell opera del Duomo di Siena. Libro E. 5. Deliberationi.

1) p. 76. sec. (Giugno 1445.) deliberarono che Misser Gio. operaio predetto che lui possa ed abbia piena autorità e commissione di potere fare e facci fare uno pavimento in duomo verso sco Sano, come allui parrà et piacerà e che lui n’abbia piena au - torità e commissione etc.

2) p. 98. sec. Die VI. mensis Augusti (1448.) che (l’operaio) possi far fare ne la chiesa cathe - drale lo spazo, che é a lato al coro di verso la cappella di s. Bastiano di marmo, con quelli intagli, compassi, figure ed ornamento, che gli parrà.

Il Libro E. 4. Memorie.

3) p. 21. (1451.) Memoria come questo di XI. di magio abiamo allogato a maestro antonio federighi, capo maestro dell’uopera il riempire dinanzi alla porta di mezo di san Giovanni fra pilastri di detta porta di marmo e murato a tutte sue spese, cio é, di detto marmo, calcina, rena e magistero, nel quale ripieno de fare una storia a trapano*)Haueiſen. rienpita di stu - cho, la quale storia debba essere fatta in questo modo: prima uno prete ed uno chericho, parato come si richi - ede al battesimo, quando si battegia, coruna**) con una. donnaII. 334coruno citolo*)cito, citolo, ſieneſiſch, fuͤr bambino, putto etc. (in anderen Dialecten: zitello, zitella). in braccio, quattro Donne datorno al fanciullo, cio é, due esmantate, duo amantate con due huomini, paino conpari etc. uno citolo grandicello con la chandela sia a conpangnia di dette donne, e alloro contra giovani da chanto e dispersse da sopradetti nominati, coruno chagnuolo tra loro, paia di loro e sia levato co piei dinanzi, lo facci charezze. Del quale lavoro li dobbiamo dare Lire quattro soldi otto a braccio quadro, cio é d’ongni braccio quadro, montasse detto ri - pieno e lavoro etc., già più tempo alogamo detto lavoro. El quale deba essare datorno ricinto, di fregi, come appare per uno disengnio di mano di Stagio dipentore.

4) Ib. p. 21. sec. Memorie come oggi questo di XI. di magio abiamo allogato a bartolomeo ........ detto il mandriano a fare uno ripieno da piè alla porta fra l’una mora e l’altra overo pilastro della porta, viene appiei le schale, vanno suso al Duomo di sco Giovanni, nel quale ripieno de fare una storia chavata con trapano rienpita di stucho, con fregi din - torno a detto ripieno, in mezo del quale de fare uno parto di donna in uno letto e lettiera, gofani e gradi sotto uno porticho overo logia, a la quale alletto (ha il letto) e guanciale e copertoro di detto letto; a piei del quale sia una altra Donna, sega (segga) in sullo gofano con tende di torno al letto ed a piei del detto grado sia uno fanciullo in una pila, overo concha, si lavi per due Donne, con uno changnuolo. Del quale35 lavoro li dobiamo dare Lire quattro soldi otto del braccio a braccio quadro, a tutti suoi marmi, murata a sua chalcina e rena ed ogni magisterio d’acordo con lui più tempo fa.

Eod. libro et anno p. 24.

5) Memoria chome é ss. questo di primo d’aghosto aloghiamo ed aviamo allogato a maestro Chorso di Bastiano, maestro di concio di marmo, a rìempire fra la porta del perdono del duomo lo spazo di marmo rosso e nero e biancho chon più figure dentrovi, cioé: dicienove fighure di naturale fatte a trapano, chon uno baldachino a capo a l’inmagine del papa e chon fogliami d’intorno e chon una crocie di - nanzi al papa; le qua figure deno essare spartite l’una dall altra, se tanto campo vi sarà, e senno (se no) chome capire vi potranno; de le qua fighure ed altre cose, chome di sopra apare per uno disengnio fatto di mano di guaspare dipintore nostro maestro, el quale é appresso di detto chorso, del quale dutto lavorio, chome del opera gli dobiamo dare di danari, alluipare, lire quattro soldi dieci del braccio lavorato a trapano bene e diligentemente el quale tutto lavoro de mu - rare, porre e lavorare a tutta sua spesa d’ongni e cia - schuna cosa, ecietto che de marmi, che glil dobbiamo dare rozi ellui a le sue spese lavorargli de qua danari gli dobiamo fare prestanza per parte di pagamento f. ducenti dieci larghi; e del resto montare detto lavoro dalglili (darglieli) in due paghe; la prima dalglili a mezzo ottobre, el resto quando arà fatto e posto e mu - rato detto lavorio.

3 *36

II. Angebliche, aber unbeglaubigte Werke des Ducciound Cimabue.

Da Vaſaridas Hauptwerk des Duccio, ſeine Tafel im Dome zu Siena, nicht geſehn hatte, weil ſie ſeinerzeit an die Seite geraͤumt worden (ſ. vita di Duccio); da ihm auch ſonſt in der Vaterſtadt des Kuͤnſtlers kein Bild vorgekommen war, welches dort als deſſen Arbeit waͤre bekannt geweſen: ſo werden wir annehmen koͤnnen, daß er die Merkmale und Eigenthuͤmlichkeiten dieſes Kuͤnſtlers nicht kannte und ganz unfaͤhig war, uͤber die Aechtheit derjenigen Bilder zu entſchei - den, welche er nach eignen oder fremden Vermuthungen zu Florenz, Piſaund anderen Orten fuͤr Werke des Duccioaus - gegeben. Baldinucciglaubte in einem dieſer Gemaͤlde, damals in ſta Trinitazu Florenz, die Schule des Giottozu erkennen, womit Lanzi, welcher das Bild (eine Verkuͤndigte) noch vor Augen haben mußte, nicht einverſtanden iſt, (sto. pitt. scuola Tosc. Ep. 1.). Dieſe Verſchiedenheiten in der Beurtheilung der Manier jenes Bildes erhoͤhen die Glaubwuͤrdigkeit der Angabe des Vaſarikeinesweges, welcher in dieſem Falle ge - wiß keinen Aufſchriften folgte, weil er, nach ſeiner allgemei - nen Neigung ſolcher Beglaubigungen zu erwaͤhnen, hier, wo es galt, ſeine Armuth an ſicheren Nachrichten ein wenig auf - zuſtutzen, gewiß nicht verſaͤumt haben wuͤrde, davon Gebrauch zu machen; ſo wie andererſeits vorauszuſetzen iſt, daß irgendwo in ſolchen Aufſchriften Jahreszahlen wuͤrden vorgekommen ſeyn, aus denen Vaſariſeine falſche Zeitbeſtimmung der Wirk - ſamkeit unſeres Meiſters haͤtte berichtigen koͤnnen. Ohne - hin befindet ſich kein einziges dieſer angeblichen Werke des Duccionoch an den Stellen, welche Vaſaribezeichnet.

Hingegen ſind in der Kirche, ſ. Francesco d’Aſiſi, die37 Frescomalereyen, welche Vaſariohne alle Begruͤndung durch Urkunden oder Aufſchriften dem Cimabuebeylegt, nebſt anderen, von Neueren nach einem anmaßlichen Kennergefuͤhle demGiuntabeygemeſſenen, noch immer, obwohl meiſt in ſchlechtem Stande vorhanden.

Dieſe Arbeiten muͤſſen nach dem Jahre 1220. beſchafft wor - den ſeyn, weil die Kirche vor dieſer Zeit nicht vorhanden war; ſie koͤnnen nicht wohl uͤber das Jahr 1300. hinausreichen, weil ſie in roher Nachahmung der byzantiniſchen Manier ge - malt ſind, welche, wie wir wiſſen, um das Jahr 1300., theils verbeſſert, theils gaͤnzlich aus dem Geſchmacke und aus der Kunſtuͤbung der Italiener verdraͤngt wurde. Wer indeß wei - ter gehen und in Malereyen, welche aus befangener Nachah - mung hochalterthuͤmlicher Typen und Manieren hervorgegan - gen ſind, in denen folglich hoͤchſtens ein ganz allgemeiner, oͤrt - licher und zeitlicher Charakter vorhanden iſt, ſchon die Eigen - thuͤmlichkeit beſtimmter Meiſter erkennen will, verſchwendet ſeine Anſtrengungen, verliert ſich in eine fruchtloſe und in ſo fern es von Belang iſt, in geſchichtlichen Dingen, Vermuthen und Wiſſen getrennt zu halten, auch nachtheilige Selbſttaͤu - ſchung. In dem Kataloge, Gallerie deMr. Massiasetc. Paris1815. 8. p. 147. pl. 71. wird ein Bildniß im Ge - ſchmack und in der Bekleidung der ſpaͤteren Haͤlfte des funf - zehnten Jahrhundertes fuͤr ein Werk unſeres Cimabueausge - geben. L’exécution de ce portrait, verſichert der Pariſer, remonte au 13me Siècle etc. So keck und frech iſt die kunſthiſtoriſche Luͤge ſelbſt in dieſem großen Mittelpunkte der Kennerſchaft und des Kunſthandels!

Es iſt in der That eben ſo unmoͤglich, als unwichtig, bey allen noch vorhandenen Malereyen des dreyzehnten Jahr -38 hundertes den Meiſter aufzufinden und anzugeben. Wir ken - nen, wiederhole ich, von ſo vielen Malern die dazumal den taͤglichen Anfoderungen des kirchlichen Herkommens gedient haben, nur einige wenige Namen und koͤnnen nur bey einzelnen unter den erhaltenen Gemaͤlden, den Meiſter urkundlich, oder durch Gruͤnde erweiſen. Daß man zu jener Zeit auch in Umbrien in griechiſcher Manier gemalt, ergiebt ſich nicht allein aus jenen Mauergemaͤlden und Crucifixen zu Aſiſi; auch zu Perugiafinden ſich einige Tafeln dieſer Art, in ſan Bernar - dinoz. B. ein altes Crucifix, worin Chriſtusnach griech. Typus, mit ſtark ausgeſenktem Unterleibe. Die Nebenwerke (am Ausgang der Arme des Kreuzes: Maria, Johannes; Gott Vater, darunter die Mutter zwiſchen zwey klagenden Engeln, zu Fuͤßen ſ. Franzin kleineren Dimenſionen) ent - halten vermiſchte barbariſch-italieniſche und byzantiniſche Ty - pen und Manieren. Die Aufſchrift dieſes Bildes: anno domini MCCLXXII. tempore Gregorii PP. X. Woll - ten wir etwa auch dieſes Gemaͤlde in Ermangelung eines an - deren Namens dem Cimabuebeymeſſen? Deutet es nicht vielmehr auf minder entſchiedene Nachahmung griechiſcher Vorbilder, als damals im inneren Toscanauͤblich war?

Aelter ſchien mir in derſelben Stadt die Altartafel der Kirche ſ. Egidio (collegio de nobili di mercanzia), welche in fuͤnf oben rundgeſchloſſenen Feldern verſchiedene Heiligen enthaͤlt. Andere Alterthuͤmer des dreyzehnten Jahrhundertes finden ſich in der Sammlung der Academie zu Perugia. Die coloſſale Madonna, maestà delle volte, macht ſchon den Ueber - gang zur giottesken Manier; die Augen ſind ſchon verlaͤngert, deren Umriſſe einander angenaͤhert; die Modellirung uͤbrigens gegenwaͤrtig durch Uebermalung unſichtbar.

39

IX. Ueber Giotto.

Ille ego sum per quem pictura extincta revixit.
Cui quam recta manus, tam fuit et facilis.
Naturae deerat nostrae, quod defuit arti.
Plus licuit nulli pingere nec melius.
Miraris turrem egregiam sacro aere sonantem.
Haec quoque de modulo crevit ad astra meo.
Denique sum Jottus. Quid opus fuit illa referre.
Hoc nomen longi carminis instar erit.
Obiit an. MCCCXXXVI. cives pos.
b. m. MCCCCLXXXX.
*)Von einem bekannten Denkmale im florentiniſchen Dome. Die Denkſchrift wird dem Angelus Politianusbeygelegt; die Buͤſte dem Benedetto da Majano.
*)

Dieſe Denkſchrift iſt gleichſam das offizielle Manifeſt einer ſtehenden Meinung, welche zu Florenzſchon ſeit der Mitte des vierzehnten Jahrhundertes Fuß gefaßt hatte; ſie bewaͤhrt die Richtigkeit jener alten Bemerkung, daß, wer in irgend einem Dinge den Ton angegeben, bis dahin unbekannte, oder ſeit einer laͤngeren Zeit vergeſſene Kunſtgriffe aufgefun - den, in der Regel mehr Nachruhm erwirbt, als wer auf ſchon betretener Bahn das Ungemeine und Ueberſchwengliche leiſtete. Das Andenken der Neuerungen, welche Giottoin die Male - rey eingefuͤhrt, blieb bey ſeinen Schuͤlern und Nachahmern40 wohl ein Jahrhundert lang lebendig; die Verehrung der Ma - ler, denen er den Ton und die Richtung gegeben, traf eben in die ſchoͤnſte Epoche der toscaniſchen Literatur, deren beſte und geleſenſte Schriftſteller ihrer Geſinnung die Feder geliehen haben. Je mehr die Zeit die Leiſtungen des Giottoder Pruͤ - fung entruͤckt und der Phantaſie einen freyeren Spielraum gewaͤhrt, die nothwendig ſehr allgemeinen Lobſpruͤche der Schriftſteller ins Schoͤnere auszubilden, um ſo mehr wird[auch] ſein Nachruhm wachſen und gedeihen muͤſſen. Indeß moͤchte es noch immer an der Zeit und an ſich ſelbſt nicht unerſprieß - lich ſeyn, ſeine hiſtoriſche Stellung, ſeine Geiſtesart und Rich - tung, wie endlich auch die Beſchaffenheit ſeiner kuͤnſileriſchen Leiſtungen hiſtoriſch zu begruͤnden. Verſuchen wir vorerſt aus den erhaltenen und zugaͤnglichen Quellen ſeiner Geſchichte ſolche Zuͤge hervorzuheben, welche uͤber das Allgemeine hinaus und ſchon mehr in das Beſtimmte und Einzelne eingehn.

In wiefern Giottoauf die Kunſtuͤbung ſeiner Zeitgenoſſen eingewirkt, duͤrfen wir vornehmlich aus den Andeutungen jener kuͤnſtleriſchen Schriftſteller kennen lernen, welche mir ſchon einmal, bey Entwickelung der Beſchaffenheit des byzantini - ſchen Einfluſſes, und des Zeitpunktes, in welchem derſelbe ein - getreten, nicht unwichtige Dienſte geleiſtet haben. Unter die - ſen eroͤffnet Ghibertiſeinen Abriß der neueren Kunſtgeſchichte durch eine Kuͤnſtleranecdote, welche Vaſariihm nacherzaͤhlt. Sie ſcheint mir zu ſchoͤn um wahr zu ſeyn; und da es auch aͤußere Gruͤnde giebt, zu bezweifeln, daß Giottoder Schuͤler des Cimabue,*) Cennino di Drea Cennini, trattato etc., ſteigt bis zum Giottohinauf, ohne ſeines Lehrmeiſters zu erwaͤhnen. der Sohn einesBondone**) Ghibertihatte, worauf ich zuruͤckkommen werde, einegeweſen ſey,41 ſo werde ich dieſe, mehr anmuthige, als lehrreiche Erzaͤhlung ganz uͤbergehen duͤrfen. Ueberhaupt wird in den Nachrichten, welche Ghibertivom Leben und Wirken des Giottoertheilt, das Weſentliche und Allgemeine, nach Abſtreifung der Wie - derholungen und Unbehuͤlflichkeiten ſeines Ausdruckes, in fol - gende Saͤtze zu faſſen ſeyn: Giottobildete ſich in der Maler - kunſt zu einem großen Meiſter; er fuͤhrte die neue Kunſt**)laͤngere Zeit zu Sienaverweilt, wo er Arbeiten vollbracht, welche, eben wie die betreffenden Verhandlungen und Zahlungen an den Kuͤnſtler, noch vorhanden ſind. Dort konnte er von einem Giotto, Sohn desBondonegehoͤrt haben, welcher unſerem Kuͤnſtler ganz gleichzeitig dem ſieneſiſchen Staate als diplomatiſcher Agent ge - dient hat und ſicher kein Maler und kein Florentiner war. Ar - chiv. della gen. Biccherna di Siena. B. To. 103. fo. 187. anno 1310 (1311.) X. Marzo. CXVIII. Libr. a Giotto BondoniAmbascia - dore del commune di Sienada fuore di Toscanaper lo fatto de - lo’mperadore per suo salario di ciuquanta e nove di del mese di Gien. e Febrajo a ragione di 40 Soldi il Di. Daſſ. eod. To. fo. 234. di XXI. di magio, und fo. 253. di XXI. di Giugno. Ferner B. To. 126. anno 1321. XXVIII. di Luglio lib. XI. Soldi VI. den. Anco a GiottoBuondoni per suo salario di basciata und der Gegenpoſten uscita, eod. libr. fo. 5. XXVII. di Luglio. Anco a Giottobuondoni ibasciatore del commune di Sienaetc. Zuerſt erſcheint dieſer Giottoin dieſem Arch. B. To. 99. anno 1301. fo. 250. a tergo, als: offitiale del commune di Siena; er wird wegen gewiſſer, secreta, ausgeſandt. Eod. To. fo. 259. aGiotto buondoni Ugieri; hiemit haben wir auch den Namen ſeines Großvaters. B. To. 104. anno 1310. erſcheint er ebenfalls auf verſchiedenen Seiten. Da ein ſo thaͤtiger Diener des Gemeinweſens nach etwa hundert Jahren noch in der Erinne - rung ſeiner Mitbuͤrger fortleben mußte, mochte Ghibertivon ihm gehoͤrt und ihn mit unſerem Kuͤnſtler verwechſelt haben. Beide Namen ſind ſo ſelten, daß ihr gleichzeitiges Zuſammentref - fen in zwey verſchiedenen Perſonen, nicht ohne urkundliche Beweiſe anzunehmen iſt.42 herbey und verließ die rohe Manier der Grie - chen. *) Lor. Ghib.MS. s. c. fo. 7. a. t. Fecesi Giottogrande nell arte della pittura. Arrechò l arte nuova, lasciò la ro - zeza de Greci. Viele ſeiner Schuͤler waren kunſtgerecht gleich den alten Griechen. **)Daſ. et assai discepoli furono tutti dotti al pari delli antichi Greci. Giottoſah in der Kunſt, was An - deren unerreichbar geblieben. Er fuͤhrte die Natuͤrlich - keit und Anmuth herbey, ohne uͤber das Maß hinaus - zugehn. ***)Daſ. Vide Giottonell arte quello, che gli altri non ag - giunsono. Arecò l’arte naturale e la gentileza, con esso non uscendo dalle misure.In Uebereinſtimmung mit dieſen Angaben und Urtheilen des Ghibertimeldet auch deſſen Zeitgenoß, oder naher Vorlaͤufer, Cennino: daß Giottovon den Griechen ab - gewichen ſey und die Kunſtuͤbung der Italiener durchaus er - neut habe. †) Cennino di Drea Cenninitratt. (Bibl. Med. Laurent. plut. 78. cod. 23. No. 2. p. 2.) Il quale Giottorimutò l’arte del di - pingnere di Grecho in Latino e ridusse al moderno; ed ebe l’arte più compiuta, che avessi mai più nessuno.Hierin werden dieſe Schriftſteller glaubwuͤrdi - ger ſeyn, als einige Neuere zugeben wollen. Denn Cenninohatte bey Agnolo Gaddi, dem Großſchuͤler des Giotto, ge - lernt; Ghibertiwar kaum funfzig Jahre nach Giotto’sAble - ben geboren; beide hatten ihren Sinn fuͤr kuͤnſtleriſche Dinge geſchaͤrft. Zudem wird, wie ich ſpaͤter zeigen will, jene von ihm angedeutete Umwaͤlzung, durch alle zuverlaͤſſige Denkmale beſtaͤtigt. Doch fragt es ſich hier, worin denn Giottovon den Byzantinern abgewichen, in wie fern er als Stifter zu betrachten ſey. Voͤllig uͤbereinſtimmend bezeichnen beide Schrift -43 ſteller zunaͤchſt eine Erneuerung der Manier, oder der techni - ſchen Behandlung, und in der That ergiebt es ſich aus den ſicheren Malereyen des Giottound ſeiner florentiniſchen Zeit - genoſſen, daß er das zaͤhere Bindemittel der griechiſchen Ma - ler ganz aufgegeben hat und zu jenem fluͤſſigeren und minder verdunkelnden zuruͤckgekehrt iſt, deſſen die aͤlteren italieniſchen Maler, ehe ſie zur griechiſchen Manier uͤbergingen, lange Zeit ſich bedient hatten. *)S. oben Abth. VII.Allerdings wußte er aus dieſem Bin - demittel, in welchem die geklaͤrte Milch junger Sproſſen und gruͤner Fruͤchte des Feigenbaumes den Grundbeſtand bildet, ſchon ungleich mehr Vortheil zu ziehn, als jene roheſten Ma - ler des Mittelalters. Doch moͤchte Cennino, der ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf die Technik der Malerey gewendet hatte, nur dieſe Ruͤckkehr zu den heimiſchen Gewohnheiten im Sinne haben, wo er ſagt, daß Giottodie Malerey aus dem Grie - chiſchen ins eigenthuͤmlich Italieniſche abgeaͤndert habe.

Ghibertihingegen bezeichnet deutlich genug, daß Giottoauch in der allgemeineren Richtung des Sinnes, in der Wahl und Behandlung ſeiner Aufgaben, die erfolgreichſten Neuerun - gen eingefuͤhrt hatte. Wie wir uns aus den fruͤheren Unter - ſuchungen entſinnen, bewahrten die griechiſchen Maler, obwohl von eigenem Geiſte entbloͤßt, die Typen vieler Vorſtellungen und Charaktere, welche auf fruͤheren, begluͤckteren Stufen der chriſtlichen Kunſt waren ausgebildet worden. Die Wuͤrde und intenſive Schoͤnheit dieſer Gebilde war, weder dem Ci - mabue, noch vornehmlich dem Duccioſo gaͤnzlich entgangen; ſie hatten ſie mit Freyheit nachgebildet, ihren Motiven nach - geſpuͤrt, dieſe, durch Vergleichung mit dem Wirklichen, neu zu44 beleben geſtrebt; und es war ihnen haͤufig gelungen, die mumienhafte Umhuͤllung davon abzuſtreifen, mit welcher die mechaniſchen Nachbildner des Mittelalters ſie allgemach um - geben hatten. Giottohingegen durchbrach die Schranken, welche jene noch anerkannt hatten, und entaͤußerte ſich, indem er den Roſt veralteter Manieren abwarf, zugleich des hohen, aͤcht chriſtlichen und aͤcht kuͤnſtleriſchen Geiſtes, welcher ſelbſt aus jenen ſo vielfaͤltig verkuͤmmerten Darſtellungen noch immer hervorleuchtet. Die Moͤglichkeit aller Neuerung beruhet auf Kraft; die Geſinnung aber, aus welcher der Neuerer entſteht, iſt im Durchſchnitt unheilig und frevelhaft. Waͤhrend wir in Giottodas Talent, den Muth, die Geiſteskraft bewun - dern muͤſſen, welche ihn erfaͤhigten, der Mehrzahl ſeiner Zeit - genoſſen eine durchaus neue Bahn vorzuzeichnen, werden wir doch nicht uͤberſehen duͤrfen, daß ſeine Richtung derjenigen, welche einige Neuere ihm willkuͤhrlich beygelegt haben, durch - aus entgegengeſetzt iſt.

Wenn dieſe ihm unzweydeutig eine gewiſſe religioͤſe Strenge des Eingehns in die vorwaltenden Kunſtaufgaben ſeiner Zeit beylegen, ſeinen Werth eben nur in die Tiefe und Begruͤndung ſeiner Auffaſſung verſetzen: ſo werden ſie ſich taͤuſchen, wenn anders ſeinen naͤheren Zeitgenoſſen eine Stimme gebuͤhrt. Ueberall, wo dieſe etwas naͤher in den Charakter unſeres Malers eingehn, verweiſen ſie, mit beachtenswerther Uebereinſtimmung, auf Leichtigkeit, Neuheit, Fruchtbarkeit und Vielſeitigkeit, ſogar, wie ich zeigen werde, auf einen gewiſſen Grad von Leichtfertigkeit und Nichtachtung der Sinnbilder des Heiligen; ganz wie es bey einem Neuerer vorauszuſetzen war.

Die Hingebung in eine ſolche Sinnesart mußte noth - wendig zur Objectivitaͤt fuͤhren; und, obwohl Giotto, nach45 damaligem hoͤchſt niedrigem Stande der maleriſchen Technik, weder den Anſchein der Dinge, noch ihren Charakter vollſtaͤn - dig faſſen und ausdruͤcken konnte, ſo wußte er doch ſeiner Darſtellung ſo viel durchgehende Gleichmaͤßigkeit, den gegen - ſeitigen Beziehungen der Geſtalten ſo viel Bewegung, Man - nichfaltigkeit und Ausdruck zu geben, als hinreichen mag, ſeine Richtung auf Beobachtung des ihn umgebenden Lebens zu be - waͤhren und zu erklaͤren, daß die Zeitgenoſſen, bey der jugend - lichſten Phantaſie und in Abweſenheit von Gegenſtaͤnden der Vergleichung, in ſeinen Malereyen einen taͤuſchenden Anſchein wirklichen Seyns und Geſchehens wahrzunehmen glaubten.

Eben wie Ghiberti, an einer oben ausgehobenen Stelle, von Giottogeruͤhmt hatte, er habe Natuͤrlichkeit in die Kunſt eingefuͤhrt (was hier vorausſetzlich nicht die Form, ſondern die Handlung angeht), ſo ſchrieb auch Johannes Villani:*) Villani, Gio. Stor. Fior. libr. XI. cap. XII. Giottounſer Mitbuͤrger, welcher in der Malerkunſt der groͤ - ßeſte Meiſter war, den es zu ſeiner Zeit gegeben, und der - jenige, welcher jegliche Figur und Handlung am na - tuͤrlichſten dargeſtellt. **)Daſ. e quegli, che più trasse ogni figura ed atti al na - turale, genau genommen: welcher die Erſcheinung der Dinge mit der groͤßten Treue und dem gluͤcklichſten Er - folge nachgeahmt hat.In demſelben Sinne ſagt Boccaz, obwohl nicht ohne redneriſche Uebertreibung: daß die Natur nichts hervorbringe, was Giottonicht bis zur Taͤu - ſchung nachgeahmt habe. ***)Decamerone, giorn. sesta, Nov. V.Die Erwaͤhnungen des Danteund Petrarca, (der ihm jedoch ſeinen Simon von Sienagleichſtellt) ſind, gleich den Lobſpruͤchen vieler florentiniſchen46 Geſchichtſchreiber,*)Z. B. Buoninsegni, Mr. Piero, Hist. Fiorentina. Fior. 1581. 4. Lib. II. p. 273. si cominciò a fondare il campanile di sta Li - parata e funne fatto capo maestro Giotto, cittadino Fior. e di - pintore maraviglioso sopra tutti gli altri, il quale mori poi a di 8 di Gennajo1336. Das Lob des Giottoblieb ſeit Villaniein ſtehender Artikel der florentiniſchen Geſchichtſchreibung. zu allgemein, um ein beſtimmteres Kenn - zeichen darzubieten. Hingegen zeigen uns einige Novellen des Boccazund Sacchettiden Giottoals einen anſtelligen Mann, von hellem, nuͤchternem Verſtande, dem die Gegenwart klar vor Augen lag.

Meſſer Foreſeda Rabatta, erzaͤhlt Boccaz, beſaß, bey kleinem, mißgeſtaltetem Koͤrper, plattem und huͤndiſchem Ge - ſichte, eine ganz ungemeine Rechtsgelehrſamkeit. Bey gleicher Haͤßlichkeit beſaß Giottoeinen ſo ausgezeichneten Geiſt, daß die Natur nichts hervorbringt, was er nicht mit dem Stifte, oder mit der Feder, oder mit dem Pinſel ſo aͤhnlich nachzu - bilden gewußt, daß Solches nicht ſowohl dem Wirklichen aͤhnlich, als das Wirkliche ſelbſt zu ſeyn ſchien. Und haͤufig hat es ſich ereignet, daß man bey Wahrnehmung ſeiner Werke geglaubt, daß ſolches, ſo nur gemalt war, wirklich ſey. **)Decam. g. e nov. cit. Vielleicht erinnerte ſich der claſſiſch gebildete Boccazan dieſer Stelle irgend eines antiken Malermaͤhrchens. So lebhaft Giottodie Phantaſie ſeiner Zeit - genoſſen anregen mochte, ſo konnte er doch ſchwerlich ſinnliche Taͤu - ſchungen hervorbringen.Da nun zudem jene Kunſt, nachdem ſie ſo viel Jahrhunderte unter den Mißgriffen derer, welche nur zur Befriedigung un - wiſſender Menſchen gemalt hatten, gleich wie begraben gele - gen,***)Dieſe Stelle hat offenbar dem Vaſari, zu Anfang der von Giottovon Neuem war an das Licht gezogen, worden: ſo duͤrfen wir ihn mit Recht zu denen zaͤhlen, welche47 den Florentinern Ruhm gebracht haben; um ſo mehr, da er beſcheiden den Namen eines Meiſters*)Dieſe Angabe iſt, wie ſchon Della Valleerinnert hat, unvereinbar mit einer Inſchrift, welche ich nachtragen werde. abgelehnt, wiewohl er ſelbſt der Meiſter von Anderen geweſen, welche dieſer Be - nennung begierig nachgeſtrebt haben.

Meſſer Foreſeund Giottowaren beide im Mugello (einer Landſchaft, welche der Weg von Florenznach Bolognadurchſchneidet) angeſeſſen. Als nunMeſſer Foreſeeinmal waͤhrend der Gerichtsfeyer ſeine Beſitzungen beſichtigt hatte und zufaͤllig auf einem ſchlechten Miethpferde zuruͤckritt, be - gegnete er dem Giotto, welcher die ſeinigen ebenfalls beſucht hatte und nach Florenzzuruͤckkehrte. Dieſer war, weder beſſer beritten, noch beſſer im Zeuge, als jener, ſo daß ſie, langſam reitend, mit einander fortmachten. Zufaͤllig uͤber - raſchte ſie ein heftiger Sommerregen, welcher ſie noͤthigte, bey einem ihnen befreundeten Bauern unterzutreten. Da nun der Regen anhielt und es ſie draͤngte, nach Florenzzu kommen, ſo borgten ſie von jenem Bauern ein Paar alte Pilgermaͤn - tel und zwey ganz abgetragene Huͤte, und machten ſich damit***)Lebensbeſchreibung des Giottovorgeleuchtet, wo: essendo sot - terrati tanti auni i modi delle buone pitture egli solo, an - cora che nato fra Artefici inetti, quella, che era per mala via, risuscitò ed a tale forma riduste, ché si potette chiamar buona etc. Es wird uns hier nicht entgehn, daß der gelehrtere Boccazwaͤhrend des Mittelalters nicht, gleich dem Ghiberti, eine gaͤnz - liche Unterbrechung, ſondern nur einen tiefen Verfall der Kunſt - uͤbung angenommen. Uebrigens werden wir dem Meiſter des Begriffes nachſehn muͤſſen, daß er mit den Beſtrebungen, welche dem Giottovorangegangen, nicht umſtaͤndlich bekannt war, nicht ſelbſt geſehn, ſondern dem Tone und der Anſicht der Kuͤnſtler ſei - ner Zeit unbedingt nachgegeben hatte.48 auf den Weg. Als ſie darauf eine Weile geritten und recht durchgeweicht, auch durch die Fußtritte der Pferde reichlich mit Koth beſpruͤtzt waren, welches Alles den Leuten kein ſchoͤneres Anſehn zu geben pflegt, ſo erhellte ſich allgemach der Himmel, was ihnen, nach laͤngerem Schweigen, endlich wiederum die Zunge loͤſete. Und indemMeſſer Foreſedahinritt und dem Giottozuhoͤrte, welcher ſehr gut zu reden wußte, konnte er nicht umhin, ihn von allen Seiten und von Kopf zu Fuß zu betrachten, und, uneingedenk ſeiner eigenen Perſoͤnlichkeit, uͤber deſſen uͤbles und unſcheinbares Anſehn zu lachen, indem er ſagte: o Giotto, wenn uns jetzt ein ganz fremder Menſch be - gegnete, der Dich nie geſehn haͤtte, wuͤrde er glauben koͤnnen, daß Du der erſte Maler der Welt biſt? Hierauf erwie - derte Giottounverzuͤglich: allerdings,Meſſere, vorausgeſetzt, daß er, Euch anblickend, glauben wuͤrde, daß Ihr das A. B. C. wiſſet. Meſſer Foreſeerkannte ſein Verſehn und fuͤhlte, daß er mit gleicher Muͤnze bezahlt ſey.

In dieſer Erzaͤhlung, deren Ausgang, wie es mir ſcheint, ziemlich nahe lag und mehr Geiſtesgegenwart und geſunden Mutterwitz, als ungewoͤhnlichen Geiſt bezeugt, erſcheint unſer Kuͤnſtler als ein gewandter und practiſcher Mann, der von ſeinen Erſparniſſen Guͤter angeſchafft, ſeiner Wirthſchaft die noͤthige Aufmerkſamkeit zuwendet, mit Leuten aller Art zu leben und ſich in Achtung zu erhalten weiß. Dieſes Bild werden wir aus den Novellen des Franco Sacchettiergaͤnzen koͤnnen.

Wer wuͤßte nicht, ſagt Sacchetti,*)Novelle To. 1. Fir.1724. novella LXIII. wie weit Giottoin der Malerey jeden Anderen uͤbertroffen hat. Nun ereig -nete49nete ſich’s, daß ein ungebildeter Handwerksmann, welcher wahrſcheinlich ein Amt antreten ſollte*)Daſ. per andar in Castellaneria. In dieſer Andeu - tung liegt einige Bitterkeit. Sacchettihaßte die Theilnahme an den oͤffentlichen Geſchaͤften, welche dazumal in vielen Staͤdten Ita - liensden niederen, minder gebildeten Volksclaſſen zugefallen war. und auf den Ein - fall gekommen war, ſein Wappenſchild malen zu laſſen, gradezu mit Einem, der ihm das leere Schild nachtrug, in die Werkſtaͤtte des Giottoeintrat. Gruͤß Dich Gott, Meiſter, ſagte er zu Giotto, den er angetroffen; ich moͤchte, Du mal - teſt meine Wappen. Giotto, der ſich den Mann und die Manie - ren anſah, antwortete rund: wann ſoll die Arbeit fertig ſeyn? und ſagte, als er die Zeit erfahren: laß mich nur machen; worauf jener fortging.

Giottodachte nun bey ſich ſelbſt: hat man mir den Burſchen zugeſchickt, um mich zu foppen? in meinem Leben iſt mir noch kein Wappenſchild zugetragen worden. Hier - auf bemalt er ihm das Schild mit allerley Wappenſtuͤcken, Helm, Kuͤraß, Schwerdt und Lanze, geraͤth daruͤber mit Jenem in Streit und gewinnt, weil er beſſer bey Worte, den Pro - ceß. Dieſer Scherz, der auf dem Doppelſinne des Wortes, arme, beruhet, zeigt uns den Giottoetwas eiferſuͤchtiger auf ſeine Malerehre, als Boccaccioihn ſich dachte; uͤbrigens er - ſcheint er auch hier, wie dort, gewandt und weltverſtaͤndig, des Ausdruckes maͤchtig und ſchnell im ſich Beſinnen und Beſchließen. Dieſe Charakterzuͤge ſteigern ſich in einer zwey - ten Novelle bis zum Leichtfertigen und Vermeſſenen.

Wer in Florenzbekannt iſt, erzaͤhlt derſelbe Novelliſt,**)Nov. LXXV. weiß, daß man den erſten Sonntag jedes Mondes nach ſanII. 450Gallo zu gehen pflegt; und Maͤnner und Weiber gehen mehr zur Luſt, als des Ablaſſes willen hinauf. An einem dieſer Tage entſchloß ſich auch Giotto, mit ſeinen Freunden dorthin zu gehn; und, als er gerade in der Straße del Cocomero ein wenig Halt gemacht, um irgend eine Geſchichte zu erzaͤhlen, kamen Schweine daher, deren eines den Giottoſo heftig an - lief, daß er zu Boden fiel. Nachdem er nun mit Huͤlfe ſei - ner Genoſſen ſich aufgerichtet und abgeſtaͤubt hatte, hoͤrte man ihn weder den Schweinen fluchen, noch ſich beklagen, vielmehr ſagte er, zu den Freunden gewendet, mit halbem Lachen: nun, haben Sie denn nicht Recht? Habe ich nicht mit ihren Bor - ſten Tauſende gewonnen und ihnen doch noch keinen Teller Suppe gereicht?

Seine Gefaͤhrten lachten und ſagten: was hilft’s, Giottoiſt Meiſter in allen Dingen. Du haſt noch keine Geſchichte ſo gut gemalt und dargeſtellt, als dieſe hier mit den Schwei - nen. Und ſo gingen ſie nach ſan Gallo hinauf und betrach - teten ſich auf dem Ruͤckwege, wie es Gebrauch iſt, zu ſan Marco und bey den Serviten die Malereyen. Und da ſie dort eine Jungfrau ſahen mit dem heiligen Joſeph zur Seite, ſprachen ſie: ſag mir, Giotto, weßhalb malt man denn die - ſen Heiligen jederzeit mit ſo truͤbſeliger Miene? Darauf ant - wortete Giotto: hat er nicht Grund? u. ſ. f. Alle wende - ten ſich einer zum anderen und verſicherten, daß Giottonicht allein ein großer Maler, ſondern auch ein Meiſter in den freyen Kuͤnſten ſey.

Dieſe Anecdoten, deren letzte ungleich mehr Frivolitaͤt, als Verſtand, unter allen Umſtaͤnden viel Nuͤchternheit des Geiſtes darlegt, haben zu viel Individualitaͤt und allgemeine Uebereinſtimmung, um ganz erdichtet zu ſeyn; gewiß lehren51 ſie, was ſeine Zeitgenoſſen und naͤheren Nachfolger ihm allen - falls zutrauen und beylegen durften. Gluͤcklicher Weiſe hat er ſeinen geſunden, unbeſtochenen und unabhaͤngigen Men - ſchenverſtand auch in der Form einer Canzone ausgeſprochen, welche (wahrſcheinlich, weil ihre grammatiſchen und logiſchen Willkuͤhrlichkeiten keiner Nachbeſſerung faͤhig ſind) vor einigen Jahren noch ungedruckt war, weßhalb ich ſie mit allen in die alte Abſchrift eingefloſſenen, oder urſpruͤnglichen Unvoll - kommenheiten hier einruͤcken will. *)Ich entlehne dieſes Stuͤck aus Cod. 47. der Biblioth. Gad - diana (Med. Laurentiana, Plut. 90.) Unſere Canzone ſtehet fo. 37. a. t. ss. und gehoͤrt zu den aͤlteren Abſchriften des ang. Bandes. Ich habe die alte Orthographie beybehalten und nichts hinzugefuͤgt, als Interpunction und Andeutung von Eliſionen.

Chançon Giotti pintori di Florentia.
Molti son que, che lodan povertate,
E tadicon,
**)Fuͤr: ti dicon.
**) chè fa stato perfetto,
S’egli é provato e heletto,
Quello osservando, nulla cosa avendo.
Acciò inducon certa autoritate,
Chè l’osservar sarebbe troppo stretto;
E pigliando quel detto,
Duro estremo mi par, s’io ben comprendo,
E però no’l commendo.
Che (ch è) rade volte estremo sanza vitio,
E a ben far difitio.
4 *52
Si vuol si proveder dal fondamento,
Chè per crollar divento,
Od altra cosa, che si ben si regha,
Chè non convegnia poi, si ricorregha.
*)Im fuͤnften und in den drey letzten Verſen dieſes Eingan - ges iſt die Verbindung nicht klar, daher die Interpunction viel - leicht verfehlt, wenn ſie uͤberhaupt moͤglich iſt. Im Fortgang des Gedichtes iſt der Sinn deutlicher.
*)
Di quella povertà, ch’é contro a voglia,
Non é da dubitar, chè tuttavia
Chè di pecchare è via,
Facendo spesso a giudici far fallo,
E d’onor donna e damigella spoglia,
E fa far furto, forza e villania,
E spesso usar bugia,
E ciascun priva d’onorato stallo.
E piccolo intervallo,
Mancando roba, par chè manchi senno,
S’avesse rotto renno
O qual vuolsia, chè povertà tel giungha.
Però ciascun fa pungha
Di non voler, chè ’nanzi gli si faccia,
Chè, pur pensando, già si turba in faccia.
Di quella povertà, che heletta pare,
Si può veder per chiara sperienza,
Chè sanza usar fallenza
S’osserva, o no, sicchome si conta.
53
E l’osservanzia non é da lodare,
Perchè discretion, ne chonioscienza
O alcuna valenza
Di costumi, o di virtute le s’afronta.
Cierto mi par grand onta
Chiamar virtute quel, che spegne ’l bene;
E molto mal s’avene,
Cosa bestial preporre a la virtute,
Le qua donan salute
Ad ogni savio intendimento accietta,
E, chi più vale, in ciò più si diletta.
Tu potresti qui fare un argomento:
Il signor nostro molto la commenda.
Guarda, chè ben s’intenda;
Chè sue parole son molto profonde,
E talor anno dopio intendimento,
E vuol, chè ’l salutifero si prenda.
Però ’l tuo viso sbenda,
E guarda ’l ver, che dentro vi s’asconde;
Tu vedrai, che risponde
Le sue parole alla sua santa vita;
Che podestà compita
Ebbe di sodisfare a tempo e loco.
E però ’l suo aver poco
Fu per noi scampar dalla vita.
Noi veggiam pur col senso molto spesso,
Chi più tal vita loda, mancha in pacie,
E sempre studia e facie
Chome da essa si possa partire.
54
S’onore e grande stato gli é commesso,
Forte l’afferma, qual lupo rapacie,
E ben si contrafacie,
Purch’egli possa suo voler compiere;
E sassi coprire,
Che’l pigior lupo par miglior agnello,
Sotto’l falso mantello.
Onde per tale ingegnio é quel guastalmondo,
Se tosto non va in fondo
Questa ipocresia, ch alchuna parte
Non lascia’l mondo sanza aver su arte.
Chançon va; e se truovi de giurgiuffi
Mostrati loro , che gli converti;
Sepure stesson erti,
Sia si gagliarda, che sotto gli attuffi.

Dieſes Gedicht enthielt hoͤchſt wahrſcheinlich ſchon im Originalentwurfe einige ganz unverbeſſerliche, aus Reim und Sylbenzwang entſtandene Sprach - und Conſtructionsfehler; der Abſchreiber mag es noch mehr entſtellt haben. Doch ent - haͤlt es zugleich viele lichte und wohl ausgedruͤckte Gedanken, deren Inhalt in verſchiedener Beziehung Beachtung verdient. Es zeigt ſich darin zunaͤchſt jener geſunde durchaus anwend - bare Menſchenſinn, dem wir in den fruͤher benutzten Andeu - tungen uͤberall begegnet ſind; ein Zuſammentreffen, welches nicht wohl zufaͤllig ſeyn kann. Allein beſonders bemerkens - werth iſt die Wahl des Gegenſtandes, die Richtung der Op - poſition. Giottohatte viel und lange und manches gar Selt - ſame und Moͤnchiſche fuͤr verſchiedene Kloͤſter des Franzisca - nerordens gearbeitet, mithin hatte es ihm nicht an Gelegen -55 heit gefehlt, einige Schwaͤchen in den Grundſaͤtzen ihrer Stif - tung zu entdecken, oder die Nachtheile wahrzunehmen, welche ſie in der Anwendung entwickeln mochten. Die letzten (Ver - ſtellung, Unwahrheit, verdeckter Ehrgeiz und verſtohlener Welt - ſinn) benutzt er, ſeinen Angriff auf den Grundſatz zu verſtaͤr - ken, der ihm ſo, wie ihn die Eiferer ſeiner Zeit aufgefaßt hat - ten, der Entwickelung jeder edleren Anlage der menſchlichen Seele zu widerſtreben ſchien. *) Chiamar virtute quel, che spegne il bene.

Alſo ſtand Giotto, weit entfernt den Anſichten und Vor - ſtellungen ſeiner Zeitgenoſſen ſich ſchwaͤrmeriſch hinzugeben, denſelben vielmehr mit nuͤchternem Bewußtſeyn und pruͤfen - dem Scharfblicke gegenuͤber. Kaͤlte des Verſtandes, Deutlich - keit des Bewußtſeyns, widerſtrebt indeß jener enthuſiaſtiſchen und ruͤckhaltloſen Hingebung, ohne welche es, wenigſtens dem dichteriſchen Kuͤnſtler, nicht zu gluͤcken ſcheint, das Hohe und Wuͤrdige anzuſchauen. Daher entſtand vielleicht, daß er, auch wo die Gelegenheit ſich darbot, es unterlaſſen, die unſtreitig edlere Richtung ſeiner Vorgaͤnger weiter zu verfolgen und ihre, einer weiteren Ausfuͤhrung ſo beduͤrftigen Kunſtgebilde zu ver - vollkommnen. Doch iſt hier nicht zu uͤberſehen, daß eben da - mals die moͤnchiſche Religioſitaͤt die evangeliſche und alter - thuͤmlich chriſtliche durchaus beſiegt hatte, woher die Kuͤnſtler jener Zeit uͤberall mehr und mehr davon abgelenkt wurden, die aͤlteſten Typen der chriſtlichen Kunſt zu wiederholen, oder weiter zu bilden. Die Darſtellung der Lebensereigniſſe, die An - ſpielungen auf die Stiftung und Wirkſamkeit moderner Heili - gen, welche jene aͤlteren Vorſtellungen aus der Kunſtuͤbung verdraͤngt hatten, nahmen nur um ſo mehr Feld ein, ver -56 ſchlangen nur um ſo mehr Arbeit, als man aus ihrem Leben noch jedes kleinen Umſtandes ſich erinnerte und in der An - ſpielung auf ihre mannichfaltigſten Verdienſte in der erſten Waͤrme ganz unerſchoͤpflich war. Daher ward Giotto, nach - dem er, ſey es durch Lauigkeit, oder durch aͤußeren Zwang, oder auch durch ein zufaͤlliges Zuſammentreffen beider Urſa - chen der aͤlteren Richtung entruͤckt worden, faſt durchhin auf Handlungen und Allegorieen angewieſen, fuͤr weiche er ſicher nicht begeiſtert war, welche nur in ſo fern fuͤr ihn Werth ha - ben konnten, als ſie menſchliche Beziehungen und Handlun - gen einſchloſſen, denen er in der That, nach Maßgabe der Ausbildung ſeiner Darſtellung, viel Wahrheit und Staͤrke gegeben.

Alſo wird die Umwaͤlzung, welche die Zeitgenoſſen des Giottoandeuten, von einigen techniſchen Aenderungen abge - ſehn, beſonders darauf beruhen, daß Giottodie Richtung ſei - ner Vorgaͤnger auf edle Ausbildung heiliger und goͤttlicher Charaktere, wenn auch nicht ganz aufgegeben, doch hintange - ſetzt, hingegen die italieniſche Malerey zur Darſtellung von Handlungen und Affecten hinuͤbergelenkt hat, in denen, nach dem Weſen des Moͤnchthumes, das Burleske neben dem Pa - thetiſchen Raum fand. *)Nicht, um in die uͤblichen Declamationen gegen ein hiſto - riſch denkwuͤrdiges, einflußreiches Inſtitut einzuſtimmen, nur weil es gilt, deſſen Verhaͤltniß zur neueren Malerey richtig aufzufaſſen, bringe ich hier das Heitere und gutmuͤthig Laͤcherliche in Erinne - rung, welches der weltlichen Unbehuͤlflichkeit aͤchter, einfaͤltig from - mer Moͤnche anhaͤngt; welches die italieniſche Malerey von jeher vielfaͤltig benutzt hat; der Spanier nicht zu gedenken, deren dra - matiſche Dichter, obwohl die groͤßeſten ſelbſt Moͤnche waren, aus demſelben naiv Burlesken haͤufig genug Vortheil gezogen. ObigeDie Natuͤrlichkeit, welche die Zeit -57 genoſſen in Giotto’sWerken bewunderten und prieſen, iſt, in Anſehung der damaligen Kunſtſtufe und einzelner noch vorhan - dener Proben ſeines Kunſtgeſchickes, eben nichts Anderes, als jene Lebendigkeit der Bewegung und Handlung, welche zwar den bezeichneten Kunſtaufgaben Reiz und Intereſſe verlieh, doch zugleich den ernſten Sinn der vorangehenden Kunſtbeſtre - bungen verdraͤngte, deren Werth wir freyer beurtheilen koͤn - nen, als jene in der Bewunderung und Nachahmung des Giottobefangenen Alten.

Sehen wir nun, ob die Unterſuchung ſeiner Kuͤnſtler - werke daſſelbe, oder ein ganz anderes Ergebniß gewaͤhre. Lei - der giebt es nur noch ein einziges durch Inſchrift beglaubig - tes Gemaͤlde ſeiner Hand; in Bezug auf die uͤbrigen, welche ihm noch beygemeſſen werden, muͤſſen wir uns, da Vaſariund Neuere in ſo alten Dingen uͤberhaupt ganz unzuverlaͤſſig, beſonders auf die Angaben des Ghibertiſtuͤtzen, obwohl auch dieſe haͤufig hoͤchſt unbeſtimmt ausgeſprochen und nicht ohne reifliche Ueberlegung aufzunehmen ſind.

Das bezeichnete Bild befindet ſich in der Kappelle Ba - roncelli der Kirche ſta Croce zu Florenz; es beſtehet in fuͤnf Abtheilungen von italieniſch - gothiſcher Anlage. Dieſe ſind allerdings etwa im funfzehnten Jahrhunderte durch einen neue - ren Rahmen eingefaßt worden; doch greift die Neuerung nicht ſo weit in den Sockel des Bildes hinuͤber, daß wir deßhalb berechtigt waͤren, das Alter und die Aechtheit der daran be - findlichen (in Anſehung der Schriftzuͤge und deren jedesmali - ger Einfaſſung ſicher aͤlteren) Aufſchrift zu bezweifeln, welche,*)Andeutung iſt wenigſtens ſo harmlos, als die ausfuͤhrliche Darſtel - lung jener Maler und Dichter.58 in einzelnen, jedesmal von einem gothiſchen Sechseck einge - ſchloſſenen Buchſtaben die Worte: OPVS MAGISTRI IOCTI. enthaͤlt. Dieſes Gemaͤlde, welches die Kroͤnung der Jungfrau darſtellt, iſt freylich ſchon vor Alters durch Saͤuren angegriffen und neuerlich ſtellenweis durch Abblaͤtterungen be - ſchaͤdigt worden. Doch bewahrt daſſelbe, da es weder durch - aus verwaſchen, noch ganz uͤbermalt worden, den Aufdruck ſeiner Eigenthuͤmlichkeit, darf uns mithin fuͤr eine ſichere Probe ſeiner Manieren und Gewoͤhnungen gelten.

In dem Mittelſtuͤcke ſitzen Maria und Chriſtusauf einem, beiden gemeinſchaftlichen, hohen Thronſtuhle von gothi - ſcher Anlage. Chriſtusdruͤckt der Jungfrau die Krone mit beiden Haͤnden auf, eine Vorſtellung, welche in der Folge von Italienern und Deutſchen oftmals wiederholt worden iſt. Wie dieſe Vorſtellung an ſich ſelbſt, ſo gehoͤrt auch beſonders der Charakter und die Bekleidung des Heilands ſchon ganz der neueren Zeit und wahrſcheinlich der Erfindung des Giotto. Der antike, oder chriſtlich roͤmiſche Typus, den wir noch in den Werken des Ducciound Cimabueangetroffen, iſt hier ſchon durchaus verwiſcht. Beſonders auffallend ſind die kur - zen geraͤnderten Oberaͤrmel des Heilandes, das aͤlteſte mir be - kannte Beyſpiel jener Luſt an ſeltſamen Bekleidungen und muthwilligen Schneider - und Stickerſtuͤckchen, an denen manche Maler des vierzehnten und funfzehnten Jahrhundertes in der Folge ſo viel Behagen gefunden; welche in den neueſten Zei - ten einigen ungelehrten, uͤbrigens wohlmeinenden Kuͤnſtlern nicht ſelten fuͤr typiſch gegolten, da ſie doch in der That nur voruͤbergehende Malerlaunen ſind.

Obwohl nun eben dieſe und aͤhnliche Abweichungen vom Herkommen, dem Kuͤnſtler, wie es geſchieht, unter ſeinen Zeit -59 genoſſen und Nachfolgern viel Ruhm und Beyfall erworben haben, ſo wird es doch uns minder Befangenen nicht entge - hen duͤrfen, daß in den Neuerungen des Giotto, wie uͤber - haupt in allen Umwaͤlzungen, nicht Jegliches dem Beſtreben nach Beſſerem angehoͤrt; daß Vieles darin gradehin aus einer nicht zu billigenden Gleichguͤltigkeit gegen die Wuͤrde der Ge - genſtaͤnde ſeiner Darſtellung entſprungen iſt. Gewiß konnte es ihm nicht entgangen ſeyn, daß die Bekleidung in der Kunſt keinesweges ohne ihre Bedeutung ſey, daß ſie wirklich den Charakter bezeichne, alſo nach den Umſtaͤnden auch denſelben veraͤndern und entſtellen koͤnne. Die einfache, ungeſucht wuͤr - dige Kleidung, welche man ſeit den aͤlteſten Zeiten dem Hei - land und den Apoſteln beyzulegen pflegte, unterſtuͤtzte den Ernſt, den man in dieſen Charakteren wahrzunehmen liebt, und verlieh ſelbſt ihren Handlungen eine gewiſſe Feyer. Viel - leicht war es dieſe Ruͤckſicht, welche die Sieneſer veranlaßte, die typiſche Bekleidung wohl um ein Jahrhundert laͤnger, als die Florentiner, beyzubehalten; die umbriſchen Maler, und be - ſonders den Raphael, ſie in ihrer ganzen Reinheit wiederher - zuſtellen.

Mehr in ſeinem Elemente war Giottobey Ausfuͤhrung der vier Seitenfelder jenes Bildes, in denen er beſonders den lobſingenden Engeln viel Mannichfaltigkeit und Anmuth der Bewegung gegeben. *)Doch auch in dieſen Figuren, denen Vaſariein beſonde - res Wohlgefallen abgewonnen, zeigte Giottowenig Ehrfurcht vor dem Herkommen. Die Engel pflegten bis zu ſeiner Zeit und ſeit dem hoͤchſten Alterthume in einer faltigen Tunica mit uͤbergeſchla - genem leichten Mantel gekleidet, und hoͤchſtens mit einem Stabe in der Hand, gemalt zu werden. Giottoindeß gab ihnen knapp -Deſſenungeachtet gewaͤhrt dieſes Ge -60 maͤlde, weder im Ganzen, noch im Einzelnen die Befriedi - gung, welche man von einem Meiſter erwarten duͤrfte, den ſeine Nachfolger lange Zeit hindurch einem Taddeo Gaddi, Giottino, Arcagnuolo, Giovanni di Milanound anderen Mei - ſtern vorgezogen, deren vorhandene Arbeiten noch immer Be - wunderung und Wohlgefallen erwecken. Wir werden daher, ſelbſt wenn wir die Lobſpruͤche aͤlterer Schriftſteller, was deren Ausſchließlichkeit angeht, zum Theil aus Vorurtheilen erklaͤren wollten, doch annehmen muͤſſen, daß Giottoin anderen Wer - ken, deren Aufgabe ſeinem Talent mehr entſprochen, Groͤßeres und Beſſeres geleiſtet habe, als in dieſem geſchehen iſt.

Beſchraͤnken wir uns daher bey Unterſuchung dieſes einzig bewaͤhrten Probeſtuͤckes ſeiner Manier und techniſchen Eigenthuͤmlichkeit, eben nur dieſe im Auge zu behalten und verſuchen wir, deren Charakter ſo ſcharf, als moͤglich zu begrenzen.

Sehn wir auf die Faͤrbung, vielmehr auf die Miſchung und Behandlung der faͤrbenden Stoffe, ſo zeigt ſich aus die - ſem Bilde, daß Giottobereits jene Bindemittel aufgegeben hatte, deren Cimabueund Duccioſich bedienten, welche (nach*)anliegende Kleider und eine große Mannichfaltigkeit von muſicali - ſchen Inſtrumenten, mit denen ſie mehr zu laͤrmen, als zu muſici - ren das Anſehn haben. Dieſer Gebrauch hat in der modernen Malerey viel Eingang gefunden, giebt indeß etwas Burleskes. Die Moͤglichkeit, durch menſchliche Formen uͤberſinnliche Weſen darzu - ſtellen, beruhet auf dem Ausdrucke des Geiſtigen in der meiſt vollen - deten Geſtaltung der Natur; an dieſem haben jene muſicaliſchen Werkzeuge offenbar nicht den geringſten Antheil und zerſtoͤren da - her, wie ſehr man ſich daran gewoͤhnt haben moͤge, nothwendig einen Theil des Eindruckes, den jene zu bewirken faͤhig ſind.61 den Unterſuchungen, die Morronavon piſaniſchen Chemikern anſtellen laſſen) in irgend einer Aufloͤſung von Wachs beſtan - den. Offenbar bediente Giottoſich eines mehr fluͤſſigen und minder zaͤhen Bindemittels; denn es iſt dieſes Gemaͤlde mit einer leichten und fluͤchtigen Hand gemalt und Manches, z. B. die Ausgaͤnge des Gefaͤltes gegen die Lichtmaſſen hin, auf eine Weiſe vertrieben, welche in den aͤlteren ſcharf und eckig auf - getragenen Malereyen ohne Beyſpiel iſt. Auch verdunkelte und gelbte ſein Bindemittel ungleich weniger, als jenes fruͤher gewoͤhnliche; woher das helle und roſige Anſehn dieſes, wie der meiſten florentiniſchen Bilder der naͤchſtfolgenden Zeit zu erklaͤren iſt. Die ſieneſiſchen Maler hingegen haben dem An - ſehn nach die aͤltere, urſpruͤnglich neugriechiſche Bindung mit geringen Abaͤnderungen beybehalten; denn es ſind ihre Ge - maͤlde ohne Ausnahme in den Schatten bleyfarbig, in den Lichtern gelblicher, als die florentiniſchen, was ich gelegentlich als einen neuen Beweis fuͤr den unabhaͤngigen Fortſchritt bei - der Schulen in Erinnerung bringe, welche ſelbſt in noch ſpaͤ - teren Zeiten ihre ſtaͤdtiſchen Eigenthuͤmlichkeiten ſtets rein und unvermiſcht bewahrt haben.

Gehen wir aber auf die Formen, ſo verhehle ich nicht, daß mir deren Auffaſſung in dieſem Bilde viel unvollkomme - ner zu ſeyn ſcheint, als in den oben erwaͤhnten des Cimabueund Duccio. Die Koͤpfe der Engel und des Chriſtuskindes, einige kleinere in der Randverzierung des Bildes in ſta Ma - ria novella zeigen ungleich mehr Feinheiten der inneren Aus - bildung, als man bey einem Maler des dreyzehnten Jahr - hundertes vorausſetzt; von Duccio, vornehmlich von ſeinen kleineren Figuren, gilt wenigſtens daſſelbe. Hier hingegen62 treffen wir bey wohl hundert Figuren uͤberall auf denſelben allgemeinen Kopf*)S. Jen. Lit. Zeitg. 1813. Col. 135., wo in einer Rec., welche die Hand eines Kenners verraͤth, dieſelbe Bemerkung erſchoͤpfender ausgeſprochen iſt., der bey groͤßter Verſchiedenheit des Al - ters und himmliſchen Ranges doch immer wiederkehrt und nicht einmal an ſich ſelbſt gefaͤllig iſt. Die Augen enthalten keine Spur von Verkuͤrzung und Rundung, ſind lang und ſchmal und durch zwey gleichlaufende und ganz grade Umriſſe begrenzt und gegen die Naſenwurzel hin unſaͤglich nahe zu - ſammengedraͤngt. Die Naſen ſind, obwohl von ſehr vollſtaͤn - diger Laͤnge, doch im Profile abgeſtumpft und ohne zureichende Ausladung; die Kinnlade iſt ſchmal und kantig, das Kinn vorgedraͤngt. Die uͤbrigen Formen der menſchlichen Geſtalt kommen vorausſetzlich nicht in Betrachtung; hingegen iſt die Gewandung hier, wie uͤberall bey Unterſcheidung der aͤlteſten Meiſter, von beſonderem Belang.

Die aͤlteren Maler waren in der Zeichnung und Model - lirung des Gefaͤltes guten, urſpruͤnglich antiken Muſtern ge - folgt und hatten ihren Sinn fuͤr die Schoͤnheit und Richtig - keit dieſes Theiles ihrer Ausfuͤhrungen hinreichend geſchaͤrft, um auch Solches, ſo ſie aus eigner Erfindung hinzugefuͤgt, verſtaͤndig und ſicher auszubilden. Giottohingegen, welcher die Nachahmung jener Muſter ganz aufgegeben, war auf der anderen Seite in der Auffaſſung und Nachbildung natuͤrlicher Erſcheinungen zu ungeuͤbt, um aus ſich ſelbſt dem Gefaͤlte den jedesmal richtigen Lauf und Gang, ſeinen Ausgaͤngen die gehoͤrige Schaͤrfe zu geben. Doch fuͤhrte ihn ein allgemeiner maleriſcher Sinn darauf hin, die Durchſchneidung der Licht -63 maſſen zu meiden. Daher verwiſchte und verbließ er die Aus - gaͤnge der Falten, deren Richtigkeit und ſcharfe Andeutung ihn wenig bekuͤmmerte, gegen das Licht hin ins Unbeſtimmte und Verwaſchene. Da nun ſogar Taddeo Gaddi, der ihm ſonſt unter allen Nachfolgern am naͤchſten geblieben, in dieſem Stuͤcke von der Manier des Meiſters ſich entfernt und be - muͤht hat, dem engeren Gefaͤlte mehr Beſtimmtheit zu geben, ſo glaube ich, daß jene Behandlung des Faltenwurfes als eine ſichere Eigenthuͤmlichkeit der Manier des Giottozu be - trachten ſey; und, wo dieſe vereinigt mit dem ſtumpfen Profil, den verlaͤngerten, faſt zuſammenſtoßenden Augen vorkommt, welche ich oben hervorgehoben, trage ich kein Bedenken, fuͤr aͤcht anzunehmen, was aͤltere Schriftſteller, vornehmlich Ghi - berti, dem Giottobeymeſſen.

Dahin gehoͤrt zunaͤchſt jene lange Reihe kleiner Bilder, welche vordem die Sacriſtey der Minoritenkirche zu Florenzverziert haben, nunmehr aber, theils in der Gallerie der Aca - demie der Kuͤnſte aufgeſtellt, theils in den Handel gekommen und in alle Welt verſtreut ſind*)Einige befinden ſich in der Koͤnigl. Baierſchen Gemaͤlde - ſammlung; einige andere beſitze ich ſelbſt. Der Gegenſtand dieſer Darſtellungen, deren Behandlung ſehr leicht und ſkizzenhaft iſt, beſteht in jener vormals den Nachfolgern des heiligen Franzſo beliebten, naiven, doch etwas vermeſſenen Verglei - chung des Lebens dieſes Heiligen mit dem Leben des Erloͤ - ſers. Ghibertierwaͤhnt nur im allgemeinen, daß Giottoin ſta Croce vier Kappellen und vier Altarbilder gemalt habe, von denen nur das Beſchriebene erhalten iſt; ich habe demnach keine aͤltere Autoritaͤt fuͤr die Abkunft jener Folge kleiner Bil -64 der, als eben nur den Vaſari. Deſſenungeachtet halte ich ſie fuͤr aͤcht, weil die angegebenen Eigenthuͤmlichkeiten der Ma - nier darin deutlich zu Tage liegen; weil ſie, was die Erfin - dung angeht, geiſtreich, bewegt und abwechſelnd ſind, ein Ver - dienſt, welches hoͤchſt wahrſcheinlich, verbunden mit Leichtig - keit der Production und Behandlung, Vieles beygetragen, dem Giottojene ungemeſſene Verehrung ſeiner Zeitgenoſſen zu er - werben. Im Leben des heiligen Franzneigt er ſich hie und da zum Scherzhaften; hingegen hat er im Leben des Heilands verſchiedentlich die herkoͤmmliche Anordnung wiederum hervor - gezogen, beſonders in der Transfiguration, welche den aͤlteren Darſtellungen griechiſcher Maler nachgebildet iſt. Dieſelbe Anordnung gab noch Raphaelder oberen Haͤlfte ſeines be - ruͤhmten Altarbildes; vielleicht entlehnte er ſie aus jener Folge, welche ihm bekannt ſeyn mußte; unter allen Umſtaͤn - den zeigte er hier, wie in anderen Faͤllen, daß man aus ſei - nen Vorgaͤngern allgemeine Zuͤge entlehnen koͤnne, ohne in das vergebliche und muͤſſige Streben zu verfallen, deren perſoͤn - liche, oͤrtliche, zeitliche Eigenthuͤmlichkeiten nachzuahmen.

Nach dem Ghibertihat Giottoauch zu Neapelgemalt, und Vaſari, der hier, ich weiß nicht auf welchem Grunde bauend, mehr in das Einzelne eingeht, will, daß auch die Mauergemaͤlde der Kirche der Madonna incoronata von Giotto’sHand ſeyen. Vor etwa zwanzig Jahren war noch ein Theil dieſer Malereyen, theils beſchaͤdigt, theils ganz wohl erhalten uͤber dem Chore vorhanden; ſie erfuͤllten die Felder eines gothiſchen Gewoͤlbes und enthielten Darſtellungen der ſieben Sacramente. Die beiden beſterhaltenen, der Kirche zu - gewendeten, genuͤgten mir in der Anordnung, die mir bequem und harmoniſch zu ſeyn ſchien. In der Prieſterweihe ſingenund65und beten einige mit großem Eifer, waͤhrend ein anderer, der vor den Pabſt gefuͤhrt wird, ſo viel Schuͤchternheit zeigt, als ſich immer unter gleichen Umſtaͤnden vorausſetzen laͤßt. In der gegenuͤberſtehenden Darſtellung des Sacramentes der Ehe iſt die Abwechſelung bewundernswerth, welche der Kuͤnſtler den Gebehrden und Mienen der anweſenden Frauen zu verlei - hen gewußt. Wenn dieſe Malereyen von Giottoſind, wie ich nicht bezweifle, weil ſie alle Eigenthuͤmlichkeiten darlegen, welche ich oben bezeichnet habe; ſo gereichen ſie ihm aller - dings zur Ehre und erklaͤren, worin eigentlich die Natuͤrlich - keit beſtand, welche die Zeitgenoſſen in ſeinen Darſtellungen bewunderten. In ſo alter Zeit kam weder die illuſoriſche, noch ſelbſt die phyſiognomiſche Naturaͤhnlichkeit in Frage; es konnte dazumal nur in der Bewegung und Gebehrde, in den gegenſeitigen Beziehungen der Geſtalten, Naturaͤhnlichkeit be - gehrt und erreicht werden. Dieſer Vorzug zeigt ſich denn allerdings ſowohl in dieſen, als in einigen anderen Male - reyen, welche Giottoin der Kirche des heiligen Franz zu Aſiſiausgefuͤhrt hat.

Ghibertiſagt, offenbar bloß aus der Erinnerung, daß Giottobey den Minoriten zu Aſiſifaſt die ganze Unterkirche ausgemalt habe. *)Cod. cit. Dipinse nella chiesa d’Asciesi nell ordine de frati Minori quasi tutta la parte di sotto. Vaſaribeſchraͤnkte dieſe Angabe, welche offenbar nicht haltbar war, auf das Kreuzgewoͤlbe uͤber dem Grabe des Heiligen, worin ich ihm, nach ſchon angegebenen Gruͤnden, beyſtimme. Hingegen fand er in der Oberkirche, deren Hauptſchiff faſt ganz von einer Hand ausgemalt wor - den, ein offenes Feld fuͤr Vermuthungen, da der Meiſter, derII. 566dieſe Dinge gemalt, uͤberhaupt unbekannt iſt. Er hat ſolche dem Giottobeygelegt, worin ihm neuere Geſchichtſchreiber ge - folgt ſind;*) Lanziund A. Della Vallebezweifelt die Angabe des Vaſari; doch ohne Gruͤnde anzugeben. vielleicht verleitete ihn die Unhaltbarkeit der An - gabe des Ghiberti, zu vermuthen, daß der Abſchreiber die Stelle verdorben habe, daß mithin ſtatt: di sotto, di sopra, zu leſen ſey; unter allen Umſtaͤnden folgte er ebenfalls ganz unbeſtimmten Erinnerungen, da er nicht einmal die Zahl der Bilder, welche an beiden Waͤnden des Hauptſchiffes unter den Fenſtern hinlaufen, ganz richtig angiebt. Denn es ſind deren nicht zwey und dreyßig, wie Vaſariſagt, ſondern nur acht und zwanzig. Mit gleicher Fluͤchtigkeit duͤrfte er denn auch die Darſtellungen ſelbſt an der Stelle beobachtet haben.

In der That ſtimmen dieſe Malereyen der oberen Kirche zu Aſiſi, in keinem Stuͤcke mit den Eigenthuͤmlichkeiten uͤber - ein, welche ich oben aus dem einzigen ganz ſicheren Bilde des Giottoabgezogen habe. Die Proportion, deren Beobachtung Ghibertizu den Verdienſten des Giottozaͤhlt, welche in den bisher beruͤhrten Bildern in der That nirgend auffallend uͤber - ſchritten iſt, erreicht in dieſen Wandmalereyen ein ſo ausge - zeichnetes Unmaß, daß viele Figuren wohl dreyzehn Kopflaͤn - gen haben moͤgen und kurze Canguruaͤrmchen, mit denen die wirklich lebendige und pathetiſche Anordnung einzelner Stuͤcke doch nicht ſo ganz verſoͤhnen kann. Allein auch in den Kunſt - manieren (Modellirung, Oeffnung der Augen und a.), ſo wie in den Gebaͤuden und Kleidungen zeigen ſich haͤufige Spuren der Sitten und des Geſchmackes der erſten Haͤlfte des funfzehn - ten Jahrhundertes. In dem Bilde, in welchem Chriſtusdem67 heiligen Franzim Schlafe erſcheint, enthaͤlt die Architectur des Palaſtes neben gothiſchen Theilen auch Spuren des eben aufkommenden Geſchmackes des Brunelleſchi. Auch moͤgen einige der dargeſtellten Legenden zu den ſpaͤteren gehoͤren, und, wem kuͤnſtleriſche Gruͤnde nicht genuͤgen, dienen koͤnnen, die Angabe des Vaſarials irrig zu erweiſen. Was mich ſelbſt betrifft, ſo genuͤgt mir, daß ſie in keinem Stuͤcke mit jenem erſten Bilde des Giottouͤbereintreffen, hingegen unzweydeutige Spuren neuerer Abkunft enthalten. In einigen, zur Rechten des Einganges, erkenne ich deutlich die Hand des Spinello von Arezzo, und glaube daher, daß die uͤbrigen ſaͤmmtlich von ſeinem Sohne oder Schuͤler, dem Parri di Spinelloge - malt ſind.

Hingegen entſprechen die Malereyen in den Abtheilungen des Kreuzgewoͤlbes uͤber dem Grabe des Heiligen ſowohl dem florentiniſchen Bilde, als jenen Wandmalereyen der Kirche Incoronata zu Neapel; ſie ſind von roſiger Faͤrbung, die Figuren gleichmaͤßig in ihren Ausdehnungen, die Profile etwas ſtumpf, die Anordnung gedraͤngt. Die Allegorie, welche ſie einſchließen, iſt moͤnchiſch-kindlich, ward ſicher, wie gewoͤhn - lich,*)Wer jemals veranlaßt war, einige hundert Kuͤnſtlervertraͤge des 14ten und 15ten Jahrhundertes durchzuleſen, weiß, daß die Aufgabe in den aͤlteren Zeiten meiſt ſehr genau umſchrieben wurde Einige Beyſpiele finden ſich auch in dieſem Bande; das merk - wuͤrdigſte in den Nachrichten vom Lor. Ghiberti. von dem Beſteller aufgegeben und nicht von Giottoſelbſt ausgeſonnen, deſſen Sinn und Richtung ſie vielmehr wi - derſtreben mußten. Ich darf ſie uͤbergehen, da ſowohl Vaſariſich weitlaͤuftig darauf eingelaſſen, als neuerdings ein deut -5 *68ſcher*)S. Kunſtblatt 1821. May und Juni. Reiſender, der, wie es ſcheint, mit rechtem Behagen zugeſehen, wie die Engel allerley arme Suͤnder von Moͤnchen am heilbringenden Guͤrtelſtricke des heiligen Franzin den Himmel ziehen; ein aͤſthetiſches Ergoͤtzen, welches man ſich gewaͤhren kann, wenn man den Kopf im Trockenen hat. Uns wird es genuͤgen, jenes Mauergemaͤlde, als fleißig ausgefuͤhrt und wohl erhalten, denen zu empfehlen, welche unbefriedigt von einem leeraufbrauſenden Lobe, den Giottovon Angeſicht zu ſehen wuͤnſchen; der ihnen auch in dieſer etwas ſeltſamen Allegorie nicht ſo durchaus mißfallen wird, weil er darin jede Gelegenheit ergriffen, ſeinen Sinn fuͤr Anordnung und ſeinen freyen Blick auf ihn umgebende Dinge nach den Umſtaͤnden verſteckt, oder offen darzulegen. Dieſer mochte denn auch in jenen nach Angabe des Ghibertiund Vaſariim Palaſte des Podeſta zu Florenzgemalten, zu Riminiund Ravennawie - derholten Anſpielungen oder Darſtellungen des Unterſchleifes oͤffentlicher Gelder durch treuloſe Staatsdiener, ein offenes Feld gefunden haben. Sie ſind gegenwaͤrtig uͤberweißt, oder ganz abgeworfen.

Unter den uͤbrigen von Ghibertierwaͤhnten Arbeiten un - ſeres Kuͤnſtlers, iſt nur noch die Malerey der Kapelle am ehmaligen Amphitheater zu Padua, obwohl im traurigſten Zu - ſtande vorhanden, da ſie von ungeſchickter Hand gewaſchen und mit Leimfarbe neu bemalt worden. Della Vallever - ſichert, daß ſie zu den beſten Arbeiten des Giottogehoͤre; vielleicht hat er ſie noch unverſehrt geſehen. In ihrem gegen - waͤrtigen Zuſtande geſtattet ſie kein Urtheil uͤber ihr Verdienſt oder Unverdienſt. Andere Ueberreſte, wie es ſcheint, Bruch -69 ſtuͤcke eines zuſammengeſetzten Gemaͤldes,*)Man giebt ſie fuͤr Thuͤrfluͤgel und Verzierungen der ehma - ligen confessione, dove é il corpo di s. Pietro. Doch moͤchten ſie auch Ueberreſte des Altares ſeyn koͤnnen, den Vaſarials ſein beſtes Tempelgemaͤlde hervorhebt. gegenwaͤrtig in der Sacriſtey der Peterskirche zu Rom, werden ebenfalls dem Giottobeygemeſſen. **) Lanzia. a. O. nennt ſie: graziosissime miniature ed estre - mamente finite mit einem uneigentlichen Ausdrucke, der ſeit nicht langer Zeit in die ital. Kunſtſprache eingeriſſen iſt. Sie ſind aber a tempera gemalt.Zwar giebt es dafuͤr kein altes und zuverlaͤſſiges Zeugniß; doch in Anſehung, daß Giottofuͤr dieſe Kirche gearbeitet hat,***) Lor. GhibertiCod. cit. Di sua mano dipinse la tavola di san Pietroin Roma. Die Gegenſtaͤnde obiger Fragmente: Chri - ſtus, Madonna, Apoſtelfiguren, Enthauptung des heiligen Paulus. daß dieſe Bruchſtuͤcke, obwohl ſie ſchoͤner ſind, der Manier des Giotto, wie wir ſie oben ken - nen gelernt, nicht widerſtreben, moͤchten ſie immerhin von ſei - ner Hand ſeyn. Gewiß ſind beſonders die Apoſtel in den Queerleiſten gar ausgezeichnet und ungleich geeigneter, dem Meiſter Achtung zu erwecken, als alles bisher Beruͤhrte. In dieſen Arbeiten, wenn ſie anders, wie ich glaube, ihm beyzu - meſſen ſind, aber auch in einem flach halbrunden, getheilten Gemaͤlde in der florentiniſchen Academie, welches ehemals der Sacriſtey von ſta Croce ſoll angehoͤrt haben, naͤhert ſich Giotto, ohne die Eigenthuͤmlichkeiten ſeiner Manier ganz auf - zugeben, mehr, als an anderen Stellen, dem Beſtreben der aͤlteſten chriſtlichen Kuͤnſtler; vielleicht, weil ihn die Muſivge - maͤlde der roͤmiſchen Baſiliken ergriffen hatten. Hingegen ſcheint er in den Geſchichten des Hiob, im Campo ſanto zu Piſa, welche wenigſtens Vaſariihm beylegt, ganz der eige -70 nen Erfindung und Wahrnehmung aus dem Leben gefolgt zu ſeyn. Dieſe Gemaͤlde haben ſehr gelitten; doch erkennt man noch immer die Zuſammenſtellung und Handlung, welche leben - dig und kraͤftig iſt und der Richtung und Sinnesart des Giottoangemeſſen zu ſeyn ſcheint.

Ich uͤbergehe ein anderes Gemaͤlde, welches Ghibertiun - erwaͤhnt laͤßt, Vaſariindeß, ſey es nach einer Sage, oder nach eigenem Urtheil dem Giottobeygelegt, jenes Abendmahl, welches Ruſcheweyhmit muſterhafter Genauigkeit geſtochen,*)Sowohl Ruſcheweyh, als Laſinio, haben dieſes Abend - mahl unter Giotto’sNamen herausgegeben; beide auf das Wort des Vaſari. Doch bin ich feſt uͤberzeugt, daß dieſe Arbeit um Vieles neuer iſt. Das Refectorium, in welchem jenes Abendmahl gemalt iſt, ward nach Richa(delle Chiese di Firenze) erſt gegen Ende des dreyzehnten Jahrhundertes gebaut; deſſenungeachtet befin - det ſich unter dem Abendmahle ein anderes Wandgemaͤlde; es iſt aber nicht wahrſcheinlich, daß man ſolches augenblicklich durch ein neues uͤberdeckt habe. Doch koͤnnte es geſchehen ſeyn; aber die Manier, in welcher es gemalt iſt, entſpricht wohl der Manier der Maler von 1350. 1400., doch keinesweges der giottesken, minder dreiſten und fertigen, weicheren und mehr verwaſchenen. Zudem iſt die Erfindung unter allen Umſtaͤnden, weder dem Giotto, noch jenem Unbekannten beyzumeſſen, welcher dieſes Bild gemalt hat; denn es findet ſich dieſelbe Anordnung, die urſpruͤng - lich bildneriſch iſt, ſchon in den halberhobenen Arbeiten des 12ten Jahrhundertes. S. oben Abhdl. VI. um zu den Verdienſten uͤberzugehen, welche unſer Kuͤnſtler als Baukuͤnſtler und Bildner erworben.

Die Anlage des freyſtehenden Thurmes am Dome zu Florenzwird von den aͤlteren Chroniſten dem Giottoeinſtim - mig beygemeſſen und in der That findet ſich noch ſeine Be - ſtallung zum oberſten Meiſter dieſes Bauwerkes,**) Richa, delle Chiese di Fir.To. VI. p. 62. dem er71 alſo in ſeinen letzten Lebensjahren wirklich vorgeſtanden. Ob nun die Erfindung, welche ſicher lobenswerth und fuͤr ein italieniſches Gebaͤude von ziemlich reinem Gothiſchen iſt, ganz ihm ſelbſt angehoͤre, oder in einer der Berathungen, deren Protocolle in den Archiven italieniſcher Domgebaͤude ſich vor - finden, beſprochen, abgeaͤndert und umgegoſſen worden, wage ich um ſo weniger zu entſcheiden, da ich weder die noch un - geordneten Pergamentrollen des florentiniſchen Domarchives, noch das Archiv der Riformagioni derſelben Stadt habe ein - ſehn koͤnnen, an welchen Stellen die aͤlteren Quellen der Ge - ſchichte dieſes Gebaͤudes enthalten ſind. Doch leuchtet aus dem Bekannten unter allen Umſtaͤnden ſo viel hervor, daß Giottoviele zur Baukunſt gehoͤrende Huͤlfskenntniſſe beſeſſen, alſo nicht allein ein geſchickter und fruchtbarer, ſondern auch ein vielſeitiger Kuͤnſtler geweſen iſt. Wenn wir den Ghibertihoͤren wollen, ſo verſtand er ſich ſogar auf die Bildnerkunſt. Die erſten Vorſtellungen, ſagt Ghiberti, unter denen, welche an ſeinem Bauwerke, dem Thurme des Domes, angebracht ſind, hat er mit eigener Hand gemeißelt und gezeichnet. *)Cod. cit. fo. 8. Le prime storie (che) sono nello edi - ficio, il quale fu da lui edificato del campanile di sta Reparata, furono di sua mano scolpite e disegnate. Daſ. fo. 9. a. t. von denſelben Bildwerken: Giotto, si dice, sculpi le prime due storie. Alſo war Ghibertihier ſeiner Sache nicht ſo ganz gewiß.Doch ſcheint das nachſtehende, gezeichnet, entworfen, eher eine Berichtigung des vorangehenden gemeißelt zu ſeyn, als ein Zuſatz; und es iſt zu bezweifeln, daß er ſich noch ſo ſpaͤt auf eine Arbeit verlegt habe, deren Technik dazumal um ſo viel groͤßeren Schwierigkeiten unterlag, als ihr Mechanismus noch72 im Rohen lag. Hingegen wird dem Ghibertizu glauben ſeyn, wenn er uns im Verlaufe erzaͤhlt, daß er Zeichnungen und Vorbereitungen*)Daſ. vidi provedimenti di sua mano di dette storie egregissimamente disegnati. zu jenen halberhobenen Arbeiten ge - ſehn, welche letzten in der That von geiſtreichem Entwurfe und gutem Style ſind. Ueberhaupt duͤrfte ſeine Eigenthuͤm - lichkeit in der Bildnerkunſt ſich glaͤnzender entfaltet haben, als in den Kuͤnſten der Malerey; denn uͤberall, wo man in ſei - nen, ſey es gewiſſen, oder nur muthmaßlichen Gemaͤlden auf Schoͤnheiten der Anordnung trifft, iſt eben dieſe haͤufig nur in bildneriſchem Sinne und als Relief angeſehn gefaͤllig; wo die Anordnung auf gleichem Plane durch die Aufgabe ausge - ſchloſſen ward, iſt ſie, z. B. in ſeinen Deckengemaͤlden zu Aſiſi, gewiß nicht ſo durchhin lobenswerth. Man hat be - haupten wollen, daß Giottonach den Bildnern der piſaniſchen Schule ſich gebildet habe. Dieſe Behauptung ſtuͤtzt ſich, da ſie geſchichtlich ganz unbegruͤndet iſt, wahrſcheinlich nur auf fluͤchtige Wahrnehmung ſeiner bildneriſchen Anlagen, welche er indeß nur von Haus aus beſitzen konnte, unter allen Umſtaͤn - den gewiß nicht einzuaͤffen benoͤthigt war. Welchen denn unter den piſaniſchen Bildnern, duͤrfte man hier fragend ein - wenden, haͤtte er eigentlich als Vorbild ins Auge gefaßt? Etwa den antikiſirenden Nicolas? oder den lebendigeren Ar - nolfo? oder den italieniſch-gothiſchen Johannes?

Wir haben demnach in Giottoeinen Kuͤnſtler kennen ge - lernt, welcher durch Leichtigkeit, Fruchtbarkeit, Vielſeitigkeit und durch jenen friſchen und hellen Blick ins Leben, der ſeinen Bewegungen und Anordnungen eine groͤßere Naturaͤhnlichkeit73 verlieh, als man vor ihm in den Gemaͤlden wahrzunehmen gewohnt war, den Beyfall und die Bewunderung ſeiner Zeit - genoſſen, beſonders jedoch der Florentiner erworben und in gewiſſem Sinne wirklich verdient hatte. Doch da die Entfer - nung einen Ueberblick gewaͤhrt, welcher den nahe ſtehenden verſagt iſt, ſo entdeckten wir, was ſeinen Zeitgenoſſen entgehen mußte, daß Giotto, indem er die Kunſt wenigſtens in ſeiner Schule zum Lebendigen und Thaͤtigen lenkte, auch jene all - maͤhlich fortſchreitende und immer zunehmende Entfremdung von den Ideen des chriſtlichen Alterthumes befoͤrderte, welche bis auf Lionardound Raphaeldie florentiniſche Schule und alle Kuͤnſtler, welche ſich ihr angeſchloſſen, etwa mit Aus - nahme des Fieſoleund des Maſaccio, bezeichnet und unter - ſcheidet. Er fuͤhrte Affect und Handlung in die Kunſt ein und haͤtte vielleicht auch den Charakter hinzugefuͤgt, waͤre es ſchon an der Zeit geweſen, ſich mit phyſiognomiſchen Unter - ſcheidungen abzugeben. Doch, indem er uͤber die mannichfal - tigſten Lebensverhaͤltniſſe ſich verbreitete, that er, ſo viel an ihm lag, genug, um ſeiner Schule die Richtung auf Hand - lung zu geben, welche ihr einige Jahrhunderte hindurch zu eigen geblieben.

Unter dieſen Umſtaͤnden weiß ich nicht, was Einige wol - len, welche ſich mit aller Kraft daran geſetzt haben, die Rich - tung und Leiſtung des Giottoals das Erhabenſte der neue - ren Kunſt auszupreiſen. Meinten ſie, daß er ein lebendiger, geiſtreicher, beobachtender, nachdenkender Kuͤnſtler geweſen, ſo duͤrften wir uͤbereinſtimmen. Doch fuͤrchte ich, daß ſie waͤh - nen, er habe eben ſolche Ideen, welche die Seele der chriſt - lichen Kunſtbeſtrebungen ſind, in beſonderer Tiefe und Rein - heit aufgefaßt; und hierin duͤrften ſie im Irrthum ſeyn, wenn74 anders, was ich oben zuſammengeſtellt, mehr Glauben ver - dient, als willkuͤhrliche Einbildungen.

Ganz anders, wie ſein Meiſter, ſagt ein Schriftſteller der juͤngſten Zeit,*)S. Anſichten uͤber die Kunſt etc. 1820. 8. S. 37. ff. und als ein gewaltiger Rieſen - geiſt erſcheint er nun, umgeben von ſeinen Genoſſen und Schuͤlern. Gleich dem groͤßeſten italieniſchen Dichter fuͤr die Poeſie ſeines Landes (?), iſt auch Giotto, der mit Dantebe - freundet war (?), als der Vater des großen, erha - benen Styles in der Malerey jener Zeiten anzu - ſehn. Nie iſt er wohl uͤbertroffen worden in der Groͤße und Wahrheit der Idee (?), im ernſten durch - greifenden Zuſammenhange einer einzelnen, oder einer Reihe von Darſtellungen, u. ſ. f.

Koͤnnte der klare, beſonnene, werkthaͤtige Meiſter nur fuͤr einen Augenblick mit anhoͤren, was man nun bald fuͤnfhun - dert Jahre nach ſeinem Tode mit einer Emphaſe und Ueber - treibung von ihm geſagt, welche, ſowohl ihm ſelbſt, als uͤber - haupt ſeiner Zeit ganz fremd war; ſo duͤrfte es ihm dabey nicht recht geheuer werden. Denn Niemand liebt ſo leicht, ſein eigenes Seyn, wenn auch ins Schoͤnere und Groͤßere veraͤndert, im Spiegel eines bloßen Fiebertraumes wahrzu - nehmen.

Wie man ſich allgemach bis zu dieſer Hoͤhe hinaufgeſtei - gert? Die Florentiner des vierzehnten Jahrhundertes wa - ren in einer gewiſſen Abgoͤtterey des Talentes und der Ver - dienſte des Giottobefangen, von welcher ich oben verſchiedene Beyſpiele beygebracht habe. Sie waren, wie verblendet, gegen die Fortſchritte der nachfolgenden Kuͤnſtler, was hoͤchſt wahr -75 ſcheinlich beygewirkt, die Kunſt im Ganzen angeſehn, ſo lange auf der, immer doch niedrigen, Stufe zu erhalten, welche Giottoerreicht hatte. Nun vergaß ſchon Vaſariangeſichts der Lobpreiſungen eines Boccaz, Ghibertiund der Uebrigen, daß dieſe den Giottoaus einem ganz anderen Geſichtspuncte aufgefaßt und geprieſen hatten, als der ſeinige war und ſeyn konnte, und ſtimmte, ohne ſein eigenes Urtheil anzuſtrengen, in den Ton ein, den jene angegeben. Was er in ſeiner Sprache ſchon uͤbervoll und reichlich geſagt, ward von Lanziin neue, glaͤnzendere Formen umgegoſſen, dem es nun einmal um kuͤhne Vergleichungen und maͤchtige Worte zu thun war. Indeß muß man dem Verfaſſer oben ausgehobener Stelle zugeſtehn, daß er beide weit uͤberboten und die Grenze der Steigerung erreicht hat. Nach dem Laufe menſchlicher Ereig - niſſe ſtehet zu hoffen, daß man ſich nunmehr im Uebermaße erſchoͤpft habe und allgemach dem Wahren wieder zuwenden werde.

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X. Ueber die beſſeren Maler des vierzehnten Jahr - hundertes. Zur Mehrung und Berichtigung ihrer Geſchichte.

Wir haben geſehn, daß Giotto, wie verdient er in ande - ren Beziehungen ſeyn moͤge, doch nicht ohne Zwang als der - jenige zu bezeichnen iſt, welcher die leitenden Ideen der mo - dernen Kunſt mit beſonderem Ernſte, oder in nur ihm eigen - thuͤmlicher Tiefe erfaßt, oder ſeinen Zeitgenoſſen eine vorherr - ſchende, oder gar ganz ausſchließliche Richtung auf das Er - habene mitgetheilt habe. Ganz im Gegentheil begruͤndete ſich das Anſehn, welches er bey ſeinen Zeitgenoſſen erworben, auf Durchbrechung der Schranken des Herkommens, auf Hintan - ſetzung der altchriſtlichen Typen, in denen doch, wie wir wiſſen, die herrlichſten Keime enthalten ſind. Er leitete die neuere Kunſt zuerſt auf die vielſeitigſte Beobachtung menſchlicher Ver - haͤltniſſe, auf Darſtellung nicht bloß des Ernſten und Großar - tigen, auch des Launigen und Gemuͤthlichen, welches die aͤlteſten Chriſten ganz ausſchloſſen. Haͤtten nun ſeine Zeitgenoſſen und Nachfolger dieſe Richtung mit einiger Conſequenz verfolgt, ſo wuͤrde die neuere Kunſt wohl um ein Jahrhundert fruͤher ihre Darſtellung bis zum Vollendeten durchgebildet haben. In - deß verfiel man vornehmlich zu Florenz, eben weil man dort in einer blinden Verehrung des Giottobefangen war, nach77 einigen nicht aufgemunterten Verſuchen, vornehmlich den Koͤp - fen mehr Charakter und innere Ausbildung zu geben, in eine gewiſſe platte und fertige Nachahmung der giottesken Manier, welche damals fuͤr lange Zeit dem Haufen genuͤgte und der Mittelmaͤßigkeit leicht fiel.

Schon Vaſari, der im Grunde ſeines Herzens, wie ſo viele ihm gelegentlich entſchluͤpfende Aeußerungen verrathen, die alten Maler ſaͤmmtlich gering ſchaͤtzte und nur vermoͤge ſeiner regen Phantaſie zu Lobpreiſungen ſich begeiſterte, welche nicht ſelten enthuſiaſtiſch zu ſeyn ſcheinen und Viele getaͤuſcht und verfuͤhrt haben, unterſchied unter den Kuͤnſtlern des vier - zehnten Jahrhundertes, deren Namen ihm bekannt geworden, deren Lebensbeſchreibungen er theils aus abgeriſſenen, nicht immer wohlbeglaubigten Thatſachen, theils aus eigenen Ein - bildungen zuſammenleimte, die ausgezeichnet geiſtreichen nir - gend mit hinreichender Schaͤrfe von den mittelmaͤßigen und ganz geiſtloſen. In noch neuerer Zeit hat Lanziaus allen Winkeln Italiensvon bezeichneten Bildern, oder, mit Huͤlfe der Localſcribenten, aus urkundlichen Nachrichten eine ganz unermeßliche Menge von Kuͤnſtlernamen zuſammengeleſen, un - ter denen unſaͤglich viele mittelmaͤßige, oder ganz ſchlechte und der Vergeſſenheit wuͤrdige in ſeinem Buche wohl ſo viel Raum einnehmen, als ſelbſt die groͤßeſten und herrlichſten. Da nun die Geſchichte Namen und Jahreszahlen einleuchtend nicht ihrer ſelbſt willen aufzeichnet, ſondern nur, um vermoͤge der - ſelben einflußreiche Begebenheiten und große Perſoͤnlichkeiten zu unterſcheiden und moͤglichen Verwirrungen in der Entwicke - lung des wirklich Wichtigen vorzubeugen: ſo wird eine ſolche Vermengung und gaͤnzliche Gleichſtellung des Bedeutenden und ganz Unwichtigen der Geſchichte, ja ſelbſt der Kunſtliebe Nach -78 theil bringen, indem ſie, von ſtets verderblicher Nachahmung abgeſehen, auch Sammlungen veranlaßt, welche, nach voruͤber - gehender Befriedigung der Curioſitaͤt, zuletzt ermuͤden und ab - ſchrecken. Es wird daher noͤthig ſeyn, diejenigen unter den Nachfolgern des Giotto, welche uͤber deſſen beſchraͤnkte und conventionelle Darſtellung hinausgeſtrebt und eben hierin ein eigenthuͤmliches Wollen dargelegt haben, jener ſie herabwuͤrdi - genden Gleichſtellung mit ihren geiſtloſeren Zeitgenoſſen zu ent - reißen. Indeß bewahrten die großen toscaniſchen Malerſchu - len dieſes Zeitalters, die florentiniſche und ſieneſiſche, eine ſo ausgeſprochene Eigenthuͤmlichkeit der Manier und Geiſtesart, daß wir das Ausgezeichnete der einen und anderen nicht wohl ge - meinſchaftlich, ſondern jedes fuͤr ſich werden betrachten muͤſſen.

Florentiner.

Taddeo di Gaddo.

Ghiberti*)Cod. cit. f. 8.erwaͤhnt verſchiedener Malereyen dieſes Kuͤnſt - lers, welche nicht mehr vorhanden ſind; unter dieſen bezeichnet er die ehemalige Altartafel der Servitenkirche zu Florenzals eines der beſten Gemaͤlde, welche ihm jemals vorgekommen waren. Auch ein Wunder des heiligen Franzan einer Mauer der Minoritenkirche ſchien ihm voll Handlung und Leben zu ſeyn. Alſo ward dieſer Kenner, ungeachtet ſeines allgemeinen Vorurtheiles fuͤr den Stifter der neuen italieniſchen Manier, doch wohl einmal von den Fortſchritten und Vorzuͤgen des Schuͤlers zur Bewunderung und Anerkennung hingeriſſen.

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Unter den Gemaͤlden, welche gegenwaͤrtig dem Taddeobeygelegt werden, ſind nur ſolche ganz zuverlaͤſſig, welche Auf - ſchriften tragen, gleich einigen Hausaltaͤrchen, deren eines in der ehemals dem bekannten Kunſtfreunde, Herrn Solly, ge - hoͤrenden, nunmehr koͤniglich preußiſchen Sammlung, zwar von Lampenrauch geſchwaͤrzt, doch wohl erhalten iſt. *)Es hat die Unterſchrift: Anno Domini 1334. Mensis Sep - tembris. Thadeusme fecit.In ſol - chen Bildern zeigt ſich Taddeodem Giottoum Vieles aͤhnli - cher, als ſeine uͤbrigen Zeitgenoſſen; doch bediente er ſich in ſeinen Malereyen a tempera einer zaͤheren Bindung, wie daraus erhellt, daß ſeine Lichter mehr Koͤrper und einen hoͤhe - ren Glanz haben; auch hatte er, in Vergleichung jener beur - kundeten Tafel des Giotto, ſein Profil ſchon ungleich mehr durchgebildet, die Augen mehr auseinandergeruͤckt, die Naſe etwas mehr ausgeladen, den Umriß der Kinnlade erweitert und zierlicher ausgerundet, Verbeſſerungen, welche in Anſehung ſeines lebhaften Gefuͤhles fuͤr weibliche Anmuth eben ihm be - ſonders nahe lagen.

Dieſen Charakteren begegnen wir auch in jenen Male - reyen an einer Seitenwand der mehrgedachten Kappelle Ba - roncelli der Kirche ſta Croce, welche ſchon Vaſari, es iſt un - bekannt, ob aus hiſtoriſchen Gruͤnden, oder nach einem allge - meinen Kennergefuͤhle, unter den wichtigeren Werken des Taddeo di Gaddoaufzaͤhlt. Dieſe Wand enthaͤlt in fuͤnf Ab - theilungen ſechs Handlungen aus jener fabelhaften Madonnen - geſchichte, welche, obwohl die Kirche ſie verwirft, in aͤlteren Zeiten haͤufig dargeſtellt wurde. In der oberen Abtheilung, unter dem gothiſchen Bogen, zeigt ſich ein feiner Hirt, wel -80 cher, waͤhrend ſeine Schaafe aus einer Quelle trinken, auf ſeiner Floͤte Griffe zu verſuchen ſcheint; in den unteren Mut - ter Anna, welche ihren zuruͤckkehrenden Gatten mit anmuthi - ger Herzlichkeit umarmt; zur Seite die Geburt der Madonna, wo das Koſen der Weiber mit der Neugeborenen unuͤbertreff - lich ausgedruͤckt iſt. Alle dieſe naive und anmuthvolle Zuͤge vereinigen ſich in der freylich ſehr beſchaͤdigten Trauung der Jungfrau mit Bewegung und groͤßerer Abwechſelung der Ge - ſichtszuͤge. Vielleicht iſt dieſes Werk unter den noch erhalte - nen Proben ſeines Talentes die ſchoͤnſte.

Das andere, von dieſem in Auffaſſung und Manier him - melweit abweichende Leben der Jungfrau in der Altarniſche der Sacriſtey, galt dem Vaſari, welcher indeß nur den Gegen - ſtand der gegenuͤberliegenden Wand naͤher bezeichnet, ebenfalls fuͤr eine Arbeit des Taddeo. Sie duͤrfte indeß neuer ſeyn, weil ſie bey weniger Einfachheit des Sinnes mehr Geſchick - lichkeit in der Handhabung zeigt. Auf dem Altare iſt ein viel neueres Bild mit der Jahreszahl 1378., welches mit jenen Mauergemaͤlden zugleich beſchafft ſeyn duͤrfte. *)Ueber den ſpaͤten Bau dieſer Sacriſtey iſt Richa, delle chiese di Fir.etc. sta Croce, einzuſehn. Das Chor in ſ. Francesco zu Piſa, in welchem Vaſaridie Inſchrift: Taddeus Gaddus (?) de Florentiaetc. 1342. will gele - ſen haben, iſt an den Waͤnden uͤberweißt; die noch vorhande - nen Gemaͤlde der Decke ſind aber ſo uͤbel zugerichtet, daß man auch dieſe als verloren betrachten darf. In den allegoriſchen Gemaͤlden der linken Seitenwand im Kapitel des Kloſters ſta Maria novella erkennt man wohl den allgemeinen Entwurf,deſſen81deſſen Bau und Anordnung mich nicht befriedigte, die Ele - mente der Allegorie, welche der damaligen Schulgelehrſamkeit und ſicher nicht dem Kuͤnſtler angehoͤren; hingegen unterlag das eigentlich Maleriſche der Ausfuͤhrung den Reinigungen und Wiederherſtellungen ungleich mehr, als die gegenuͤberlie - gende Wand, welche Vaſaridem Simon Martinibeylegt. Deſſenungeachtet glaubte ich in jenen halberloſchenen Male - reyen, welche fuͤr die Arbeit des Taddeogelten, mehr gewalt - ſame Wendungen, mehr Ungleichheiten in den Verhaͤltniſſen wahrzunehmen, als in den fruͤher bezeichneten Werken. In der Decke dieſes Saales, welche Vaſariebenfalls unſerm Flo - rentiner beymißt, mehren ſich dieſe Fluͤchtigkeiten und Verſe - hen ins Unendliche; weßhalb ich Bedenken trage, eine Angabe zu unterſchreiben, fuͤr welche Vaſarider einzige Buͤrge iſt. Hingegen duͤrfte eine ſchoͤne Federzeichnung in der Sammlung der oͤffentlichen Gallerie zu Florenz(cartella degli antichi), welche dort fuͤr Agnolo Gaddigilt, in Anſehung ihrer ſtraff angezogenen Falten, ihrer ſtaͤtigen Proportion, wie vornehmlich ihrer ſchoͤnen, anmuthvollen Koͤpfe, wahrſcheinlicher unſerem Taddeoangehoͤren.

Dieſer Kuͤnſtler legte ſich, wie die meiſten Maler ſeiner Zeit, auch auf die Baukunſt; er ſoll die alte Bruͤcke zu Flo - renznach der Ueberſchwemmung von 1333. wiederhergeſtellt haben, und ward in der Folge ſicher zu den Berathungen der Domverwaltung gerufen. Aus derſelben Quelle lernen wir, daß er nicht, wie Vaſarimit gewohntem Leichtſinn annimmt, im Jahre 1350. geſtorben ſey; denn es ward ihm noch im Jahre 1366. Aug. 20. eine Arbeit behuf des Dombaues auf - getragen. *)Arch. dell op. del Duomo di Fir.liber stanziamentorum

II. 6
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Giottino.

Unter den Werken des Tommaſo, gemeinhin Giottino, deren Ghibertierwaͤhnt, erhielt ſich die Kappelle Bardi zur aͤußerſten Linken des Chores von ſta Croce zu Florenz, worin Darſtellungen aus der Legende des Silveſterund anderer Hei - ligen, bis auf unſere Zeit hinab in ſehr gutem Stande. Sie rechtfertigt die Lobſpruͤche, welche Ghibertiund Vaſaridieſem Kuͤnſtler ertheilt haben; die Wunderbegebenheiten ſind gluͤck - lich ausgedruͤckt; die Heiligen haben Ernſt und Wuͤrde genug, um das noͤthige Zutrauen zu erwecken, der Haufen aber zeigt ſo viel Spannung, Zweifel, Zuverſicht, Erſtaunen, als irgend bey ſolchen Ereigniſſen vorauszuſetzen iſt.

In der Ausfuͤhrung dieſer Mauergemaͤlde glaubte ich bey wiederholter Betrachtung wahrzunehmen, daß Giottinoſich ernſtlich bemuͤht habe, die gleichmaͤßig gedraͤngte und lebendige Anordnung, die breiten, undurchſchnittenen Lichtmaſſen des Giottonicht allein beyzubehalten, vielmehr ſie weiterzubilden. Sichtlich war er bereits tiefer in die Geſetze der Erſcheinung eingedrungen, kannte er bereits, wie gluͤckliche Wendungen der Arme und Haͤupter darlegen, die menſchliche Geſtalt ungleich beſſer, als Giottound ſelbſt als Taddeo, der jenen wohl in der Anmuth uͤbertrifft, doch in der Zeichnung, im Charakter, im Ausdruck ernſter und feyerlicher Stimmungen, weit hinter ihm zuruͤckgeblieben iſt.

Dieſe Mauergemaͤlde moͤchten mehr, als irgend andere unter den noch vorhandenen Denkmalen der Malerey des vier - zehnten Jahrhundertes fuͤr das Vorbild jener ernſten Auf - faſſung und gehaltenen Darſtellung heiliger Handlungen gel -*)mei Iohannis not. de 1363. = 1396. fo. 71. Lanzisto. pitt. sc. Fior. Ep. 1. verfolgte ihn nur bis 1352.83 ten duͤrfen, welche Maſaccionach langer Unterbrechung wie - derum in Anregung gebracht und auf einige ſeiner Nachfolger verpflanzt hat. Was Giottino, wenn Vaſariuns nicht etwa irre leitet, zu Aſiſigemalt hat, iſt noch immer in ertraͤg - lichem Stande vorhanden; das Chor indeß, in welchem ſein Zeitgenoß Stefanogemalt haben ſoll, iſt gaͤnzlich erneut wor - den; wie ich denn uͤberhaupt von letzterem, den Ghibertiund Vaſariloben, nichts Sicheres geſehn, daher mich alles Urtheils enthalte.

Giovanni da Melano.

Dieſer bisher nicht genug gewuͤrdigte Kuͤnſtler war, wie uns Vaſarierzaͤhlt, der Schuͤler, oder Geſelle des Taddeo Gaddi, dem er wirklich in der Anmuth der Gebehrde und Schoͤnheit des Charakters verwandt iſt. Indeß entwickelte er in ſeinen ausnehmend vollendeten Bildern eine ſo weit uͤber andere Leiſtungen ſeines Zeitalters hinausgehende An - nehmlichkeit der Manier und Ausbildung der Form, daß nur aus dem Vorurtheile fuͤr Giotto, zum Theil vielleicht ſelbſt aus der gewerbsmaͤßigen Richtung der alten toscaniſchen Ma - ler zu erklaͤren iſt, daß er unter ſeinen Zeitgenoſſen keine Nach - folge und ſelbſt, wie das Stillſchweigen des Ghibertianzu - deuten ſcheint,*)Er beſchließt (Cod. cit. fo. 8. a. t.) ſeinen Bericht von den florentiniſchen Malern mit den Worten: fu nella nostra città molti altri pittori, che per egregj sarebbon posti; a me non pare porgli fra costoro. nicht einmal die gehoͤrige Anerkennung ge - funden.

Vaſarinennt ihn an einer Stelle zu Ende des Lebens des Taddeo Gaddi, Giovanni Milaneſe, und laͤßt ihn ſpaͤter6 *84nach ſeiner Vaterſtadt Maylandzuruͤckgehn, um dort ſein Leben zu beſchließen; er deutete demnach den zweyten und ab - haͤngigen Namen nicht, wie es naͤher liegt, auf den Vater, ſondern auf die Vaterſtadt. Seine Deutung erhaͤlt durch die Inſchrift einer kleinen Tafel Wahrſcheinlichkeit, welche vor einigen Jahren in der Gallerie der florentiniſchen Academie, vielmehr im Magazin derſelben, im Kloſter ſta Caterina (sala delle macehine) gezeigt wurde. Am Sockel dieſes Gemaͤl - des lieſet man in zierlich auf rothem Grunde mit Gold ge - zeichneten, gothiſchen Buchſtaben:

JoGiovanni da Melanodepinsi questa tavola in MCCCLXV.

Das Woͤrtchen da (aus, von-her) laͤßt ſich nach der Regel allerdings nur auf das Vaterland des Kuͤnſtlers deu - ten; doch iſt andererſeits zu erwaͤgen, daß Melano und Mi - lano auch perſoͤnliche Namen ſind, die Kuͤnſtler aber, beſon - ders zu jener Zeit, die Sprache meiſt ziemlich willkuͤhrlich be - handelt haben.

Waͤre es ausgemacht, daßGiovanniaus Maylandge - buͤrtig war, ſo wuͤrde ich geneigt ſeyn, die Vollendung und Zierlichkeit ſeiner Manier aus einer moͤglichen Beruͤhrung mit den niederdeutſchen Malern des vierzehnten Jahrhundertes ab - zuleiten, welche, da Johannesund Hubert van Eyckaus ihren Schulen hervorgegangen ſind, hoͤchſt wahrſcheinlich ſchon da - mals die gleichzeitigen Italiener in techniſchen Vorzuͤgen uͤber - troffen haben. *)Allerdings ſind die Vorgaͤnger jener groͤßeſten Maler ihrer Zeit faſt unbekannt. Die aͤlteſten Denkmale ſind durch die leb - hafte Betriebſamkeit der Kuͤnſtler des funfzehnten und ſechzehnten Jahrhundertes beynahe verdraͤngt worden, oder durch den Bilder -

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Die Tafel mit der angefuͤhrten Inſchrift enthaͤlt einen todten Chriſtus, den Maria und Magdalena unterſtuͤtzen, im Grunde Johannes, den der Nimbus der vorderen Figuren faſt verdeckt. Die Ausbildung des Nackten der bis an die Kniee ſichtbaren Geſtalt des Heilandes, wie auch der Koͤpfe in den uͤbrigen Figuren, uͤbertrifft jede billige Erwartung ſo weit, daß man auf Uebermalung des Bildes durch eine gute Hand des funfzehnten Jahrhundertes ſchließen duͤrfte, wenn deſſen zarte, fein ausgeſtrichelte Behandlung weniger aus einem Guſſe, wenn nicht dieſelbe Manier auch einer anderen noch vorhan -*)ſturm und durch den flandriſchen Krieg, oder ſelbſt durch die hiſto - riſche Barbarey der beiden letztverfloſſenen Jahrhunderte. Indeß moͤchten die miniirten Handſchriften hier, wie in der byzantini - ſchen Kunſtgeſchichte, aushelfen koͤnnen. In der oͤffentlichen Bibliothek zu Hamburgwird eine ſolche, wie ich hoͤre, aus dem Nachlaſſe eines Churfuͤrſten von Coͤlln erſtandene Handſchrift auf - bewahrt, welche viele gute Miniaturgemaͤlde enthaͤlt, in denen bey einiger Spur der Beachtung byzantiniſcher Vorbilder und der Fort - pflanzung byzantiniſcher Handgriffe, doch ſchon viel eigene Beach - tung des Lebens, viel eigener Geiſt dargelegt iſt. Dieſe Handſchrift duͤrfte, hinſichtlich ihrer ſchon ausgebildeten, doch regelmaͤßigen und unverzierten gothiſchen Zuͤge nicht aͤlter, als das Jahr 1250. nicht viel neuer, als das Jahr 1350. ſeyn koͤnnen. Die naͤhere Unterſu - chung und Bekanntmachung dieſer kunſthiſtoriſchen Merkwuͤrdigkeit wird den gelehrten Aufſehern jener trefflichen Sammlung zukom - men. Auch auf der koͤniglichen Bibliothek zu Copenhagenwur - den mir verzierte Handſchriften gezeigt, welche dienen koͤnnten, die Verbreitung byzantiniſcher Anregungen in die Rhein - und Schelde - gegenden, von dort aus auch uͤber Englandhin, in ein beſſeres Licht zu ſetzen. Wahrſcheinlich traf dieſe Begebenheit mit jener (Abhdl. VII. ) in Italiennachgewieſenen Umwandlung der maleri - ſchen Manieren zuſammen und ſtand, wie jene, mit der fraͤnkiſchen Pluͤnderung Conſtantinopelsin enger Verbindung.86 denen Malerey eigenthuͤmlich waͤre, welche Vaſaridem Gio - vanni da Milanobeymißt und mit verdientem Lobe belegt.

Dieſe, das alte Altargemaͤlde der Kloſterkirche Ogniſanti (der Obſervanten), befindet ſich gegenwaͤrtig auf einem ver - nachlaͤſſigten Seitenaltare des Kreuzſchiffes; es iſt bey dieſer Verſetzung offenbar zerſtuͤckt und verkleinert worden. Die Oberflaͤche der erhaltenen Stuͤcke blieb indeß unberuͤhrt; ſie zeigt uͤberall dieſelbe zarte Beendigung durch haͤufige, ſich ſchraͤg durchkreuzende Striche; eine Manier, welche die florentiniſche Schule ſeit Giottomit einer bequemeren, fluͤſſigeren vertauſcht, doch im funfzehnten Jahrhunderte, vielleicht nicht ohne alle Beruͤckſichtigung der Arbeiten des Giovanni da Milanovon Neuem ergriffen hat.

Die noch vorhandenen Abtheilungen dieſer Tafel enthal - ten von der Linken zur Rechten, die erſte, zwey weibliche Hei - lige, deren ſehnſuchtsvoller Blick an jene kleineren Figuren des oben bezeichneten Bildes erinnert; ſie haben mehr Anmuth, als Schoͤnheit der Form; ihre Gewaͤnder ſind wohl gelegt und bis auf die reichen Saͤume mit groͤßtem Fleiße ausge - fuͤhrt. Bewundernswerth ſind die beiden Heiligen der zwey - ten Abtheilung,Stephanusund Laurentius, in deren etwas individuellen Koͤpfen eine Ausbildung des Einzelnen, eine Ruhe, Heiterkeit und Einfalt des Ausdruckes, welche ſogar den Arcagnoweit uͤbertrifft. In den nachfolgenden Figuren, dem Taͤufer und dem Apoſtel Paulus, erreichen die Koͤpfe, bey gleichem Fleiße der Ausfuͤhrung, doch nicht ſo ganz den Werth der vorangehenden; obwohl die Hand des Johannes, welche nach dem fehlenden Mittelſtuͤcke hindeutet, mehr Beobachtung der Natur und reifere Formenkenntniß verraͤth, als man bey einem ſo alten Maler vorauszuſetzen berechtigt iſt; wie denn87 auch das Gewand und der profilirte Fuß derſelben Figur alle billige Erwartungen uͤbertrifft. Ferner enthaͤlt dieſes Gemaͤlde ſ. Petrus, ſ. Antonius Abbas, eine vortreffliche Figur des hei - ligen Jacobund einen heiligen Pabſt, vielleicht ſ. Silveſter. Dieſe Geſtalten, welche ſaͤmmtlich beynahe zwey Drittheile, oder doch mehr als die Haͤlfte der natuͤrlichen Groͤße errei - chen, ruhen auf einer Altarſtaffel, welche die zwoͤlf Apoſtel und viele andere Heilige in kleineren Ausmeſſungen, doch nicht minder gluͤcklich und in der zierlichſten Manier vor den Sinn ſtellen.

Indeß iſt unter den Werken, welche Vaſaridem Gio - vannibeymißt, das erheblichſte und ausgedehnteſte jenes Leben der Jungfrau an dem Gewoͤlbe des Kreuzſchiffes zur Rechten des heiligen Grabes in der unteren Kirche des heiligen Franzzu Aſiſi. Dieſe Arbeit nimmt in ihrer Art eine gleich hohe Stellung ein, als jene Tafeln unter den Temperagemaͤlden ihrer Zeit, ſtimmt zudem zu allen Eigenthuͤmlichkeiten, welche wir eben hervorgehoben haben, weßhalb ich hier kein Beden - ken trage, dem Vaſarizu folgen. Die einzelnen Darſtellun - gen nehmen, von unten nach oben, folgende Ordnung ein.

Die Anbetung der Koͤnige; der ſchoͤnen Jungfrau ſtehen zwey Engel zur Seite; der aͤlteſte der Koͤnige kuͤßt die Fuͤße des Heilandes; die anderen treten mit wuͤrdevoller Ehrfurcht heran. Dieſes Bild hat offenbar der umbriſchen Schule und wenigſtens mittelbar ſelbſt dem Raphaelvorgeleuchtet.

Der Prieſter giebt der Jungfrau das Kind zuruͤck; die Mutter ſtrecket ihm die Arme entgegen, waͤhrend das wieder eingewickelte Kind ſie freundlich anblickt. Vergleichen wir das feinſinnige Umgehen des Gegenſtandes, der Beſchneidung, mit88 den uͤblichen unmittelbaren Darſtellungen deſſelben, ſo wirdGiovanniim Vortheil ſtehn.

Der Gruß derEliſabeth, faſt wie jener des Taddeo Gaddi, doch in den Hauptfiguren mehr Staͤrke des Affectes.

Die Geburt Chriſti, ganz die herkoͤmmliche Zuſammen - ſtellung; doch ſind die Hirten hier auf denſelben Plan geſtellt.

Die Flucht nach Aegypten; in dieſer in den aͤlteſten Zei - ten ſehr ſeltenen Vorſtellung, ſcheint der Kuͤnſtler ſeinen eige - nen Eingebungen gefolgt zu ſeyn, die ihn hier ſehr gluͤcklich geleitet haben. Der Eſel iſt uͤberraſchend wohl gezeichnet und ausgefuͤhrt, Joſeph ſchoͤn bewegt und gewandet. Der treffli - chen Madonnengeſtalt folgt eine Magd mit Geraͤth und ein Knecht, der die Hand auf die Gruppe des Eſels legt.

Der Kindermord; dieſer Gegenſtand lag offenbar an ſich ſelbſt außerhalb der Richtung und Kraft unſeres Meiſters. Er nutzte deſſen Motive zu anmuthigen Bewegungen und Stel - lungen.

Chriſtusim Tempel unter den Schriftgelehrten; die Figu - ren ſind unter einem hohen gothiſchen Dome einfach und regelmaͤßig vertheilt.

In dem achten, durch eine eingebrochene Seitenthuͤre ver - kleinerten Gemaͤlde ſcheinen Joſeph und Maria mit dem jun - gen Chriſtusaus Jeruſalem heimzukehren. Sie haben ihn in der Mitte und Joſeph haͤlt ihn bey der Hand, als wenn er fuͤrchtete, ihn von neuem zu verlieren. Das Bild moͤchte durch das Brechen der Mauer gelitten haben und theilweis ergaͤnzt ſeyn. Ein neuntes zur Haͤlfte von der Orgel verdeck - tes Bild, gehoͤrt zur ſelben Folge. Man ſieht in den unver - deckten Theilen eine herrliche Weibergruppe und einige Prieſter89 vor einem zierlichen gothiſchen Bau; es duͤrfte die Trauung Joſephs und der Jungfrau darſtellen.

Alle dieſe Gemaͤlde zeigen eine Weichheit der Behand - lung, eine Ausbildung der Form, welche kein anderer Kuͤnſt - ler derſelben Zeit jemals erreicht hat; weßhalb zu verwundern iſt, daßGiovannibisher von alten und neueren Schriftſtellern unter die abhaͤngigen und untergeordneten Meiſter geſtellt wor - den, da ihm doch der Ruhm gebuͤhrt, ſeiner Zeit vorangeeilt zu ſeyn. Wie viel haͤufiger wuͤrde von ihm die Rede ſeyn, haͤtte Vaſariſo viel von ihm gewußt, als er bedurfte, um eine Lebensbeſchreibung zu machen.

Andrea di Cione, genannt l’Arcagnuolo.

Wenn Gegenwart und Nachwelt den Verdienſten des Giovanni da Milanobis jetzt nicht ganz die Anerkennung gewaͤhrte, welche ſie fodern; ſo ward dahingegen die Ueberle - genheit des Malers, Bildners und Architecten Arcagnuolovon jeher verehrt und geprieſen, weßhalb ich ſeine noch vorhande - nen Werke als bekannt vorausſetzen und hier nur fluͤchtig be - ruͤhren will. Die großen, ſchoͤnen, in die Augen fallenden Bauwerke dieſes Kuͤnſtlers, die, loggia de Lanzi, die Kirche und das Magazin Orſanmichele, haben, wie es ſcheint, ſein Andenken zu allen Zeiten wach gehalten. Das reiche Taber - nakel der Jungfrau in Orto ſan Michele, die ſchoͤne Tafel eines Seitenaltares der Kirche ſta Maria novella, ſind beide mit dem Namen des Kùnſtlers und dem Jahre der Vollen - dung bezeichnet, befinden ſich zudem an beſuchten und zu - gaͤnglichen Orten, ſo daß auf alle Weiſe fuͤr die ununterbro - chene Fortpflanzung ſeines Ruhmes geſorgt war. Dieſer An - erkennung ungeachtet war man nur ſelten darauf bedacht, ſeine90 Geſchichte zu berichtigen, oder zu erweitern. Nicht einmal uͤber ſeinen Beynamen, den die mehr benutzte Abſchrift der Kunſtgeſchichte des Ghibertizu Orcagna, Vaſariſogar zu Or - gagnaverſtuͤmmelt hatte, war man ſeither ins Klare gekom - men. Baldinucci*)Decen. VI. s. 2. p. 64. verwarf die Schreibart des Vaſari, weil er, wenn er anders richtig geſehn, in einem Originalcontracte des Kuͤnſtlers und in den Handſchriften der Novellen des Sacchettiuͤberall Orcagnagefunden. Allerdings iſt dieſes richtiger, deſſenungeachtet bereits eine Verſtuͤmmelung des wah - ren Namens, welche vielleicht ſchon zur Lebenszeit des Kuͤnſt - lers eingeriſſen war. Unter allen Umſtaͤnden ſind die Ablei - tungen, welche Baldinucciverſucht hat, eben ſo muͤſſig, als ſie an ſich ſelbſt gezwungen ſind. Der wahre Beyname des Kuͤnſtlers lautet: l’Arcagnuolo; dieſer ward in Schriften und Urkunden haͤufig zu Ende abgekuͤrzt und bisweilen mit dem Artikel zuſammengezogen, und daher entſtand, daß man in der Folge die Grundform aus den Augen verloren und nur die Verſtuͤmmelung beybehalten hat.

Ich will die Protocolle, in welchen unſer Arcagnuoloerſcheint, theils abgekuͤrzt und theils in ihrer ganzen Laͤnge mittheilen,**)S. Belege, No. I. ſowohl weil ſie die damals bey großen Bau - werken uͤbliche Geſchaͤftsfuͤhrung verſinnlichen, als auch, weil ſie ins Licht ſtellen, wie wenig man bisher bemuͤht geweſen, die neuere Kunſthiſtorie umſtaͤndlich zu begruͤnden. Denn ſicher benutzte unter ſo vielen Gelehrten, welche ſeit Vaſarikunſthiſtoriſche Forſchungen angeſtellt haben, kein einziger das bequeme und zugaͤngliche Archiv der florentiniſchen Domver -91 waltung, weil man ſonſt dieſe breiten Protocolle nicht haͤtte ſo ganz uͤberſehen koͤnnen, welche die Ableitungen des Baldinucciaufheben und ganz uͤberfluͤſſig machen, ihrer, wie bisher in allen Kunſtbuͤchern geſchehen,*)Noch in Nicolini’sElogio d’ Orgagna, welches vor we - nigen Jahren ausgegeben worden. billigend oder verwerfend zu erwaͤhnen. Wie Della Valledas Domarchiv zu Siena, wel - ches er nie mit eigenen Augen angeſehn, ſo citirte auch Bal - dinucci(in der Folge auch Richa) hie und da einige der Buͤ - cher des florentiniſchen, wenn ich nicht irre, an einer Stelle ſogar daſſelbe, welches ihn, haͤtte er ſelbſt, oder ſein Beauf - tragter das Buch nur ganz durchleſen wollen, alles unnuͤtzen Kopfbrechens uͤber den Namen Orcagnawuͤrde uͤberhoben ha - ben. Auf dieſe Veranlaſſung bemerke ich, daß bey urkundli - chen Forſchungen aller Art ein bloßes Blaͤttern und verſtreu - tes Nachſuchen nur etwa dahin fuͤhrt, den Leſer zu verblen - den; daß man nach Maßgabe des Gegenſtandes der Unterſu - chung Claſſe fuͤr Claſſe, Blatt fuͤr Blatt, die Feder ſtets in der Hand durchgehen muß, um ſich ſelbſt und Anderen die Zuverſicht zu ſchaffen, daß man alles Vorhandene erſchoͤpft habe. Sollte die neuere Kunſtgeſchichte jemals aus dem No - vellenhaften und Halbwahren, welches ihr Stifter derſelben mitgetheilt, zu geſchichtlicher Aechtheit und Wuͤrde ſich erheben wollen, ſo duͤrften Viele gemeinſchaftlich daran arbeiten und alle erreichbare Archive, deren in Italienunermeßlich viele, Schritt fuͤr Schritt durchgehen und bey dieſem Geſchaͤfte ſich gegenſeitig die Hand reichen. Doch wird Solches nicht ſobald geſchehen, da es leichter, vielleicht auch belohnender iſt, den Vaſariund andere noch Neuere als Quellen anzuſehn und92 ohne Bedenklichkeiten ſie abzuſchreiben. Aus der Stoͤrung die ich in dieſes behagliche Geſchaͤft gebracht, erklaͤre ich mir die verdeckten Angriffe auf Quellenſtudien, deren einige Kunſtſcri - benten mich neuerlich gewuͤrdigt haben.

Sieneſer.

Simone di Martinound Lippo di Memmo.

Das Beyſpiel des Giotto, wenn nicht wahrſcheinlicher ein allgemeiner Hang damaliger Zeitgenoſſen, lenkte auch die ſieneſiſche Schule, wenigſtens ihre bekannteſten Meiſter, von der Nachbildung und Vervollkommnung altchriſtlicher Typen zur Beſchauung und mehrſeitigen Auffaſſung des Lebens hin - uͤber. Die Verehrung des heiligen Franz, ſeiner beruͤhmteren Genoſſen und anderer gleich neuer Heiligen fuͤhrte, da ihre Lebensereigniſſe ſo friſch und noch umſtaͤndlich bekannt waren, nothwendig zur vielſeitigſten Auffaſſung menſchlicher Verhaͤlt - niſſe, welche ſelbſt die Lebensſitten der Unglaͤubigen nicht aus - ſchloſſen, inſofern ſolche die Macht und Wunderkraft des Glau - bens gelegentlich erprobt hatten.

Dieſer neuen Richtung brach unter den Sieneſern unſer Simondie Bahn, wie Giottounter den Florentinern. Vaſarimacht ihn indeß zu einem Schuͤler des letzten, was die Sie - neſer mit allem Rechte abgelehnt haben. Was ihn auch dazu beſtimmen mochte, ſo war es doch gewiß nicht jene Hand - ſchrift des Lorenzo Ghiberti, welcher ſeine Nachrichten von SimonsWerken mit folgenden Worten anhebt: Meiſter Si - monwar ein ſehr ausgezeichneter Maler; die ſieneſiſchen Kuͤnſtler halten ihn fuͤr den Beſten ihrer Schule; mir ſchien93 Ambruogio Lorenzettikunſtreicher zu ſeyn, als alle uͤbrigen. Da er nun uͤberhaupt, wie ich bereits erinnert habe,*)S. Abhdl. VIII. die ſieneſiſche und florentiniſche Schule als voͤllig getrennt und jede fuͤr ſich betrachtete, ſo hielt er den Simon, deſſen Meiſter er nicht nennt, ſicher fuͤr einen Sproͤßling der ſiene - ſiſchen, um ſo mehr, da er von den Florentinern, Stefano, Maſo, Taddeo, jedesmal anzeigt, daß ſie bey Giottogelernt haben. Die Eigenthuͤmlichkeit der ſieneſiſchen Schule, welche waͤhrend des vierzehnten Jahrhundertes noch immer ſehr Vie - les aus der griechiſchen Malart beybehalten hat, in welcher bis auf Taddeo di Bartolound ſpaͤter die Charaktere und Darſtellun - gen der neugriechiſchen Malerey nie ſo ganz in Vergeſſenheit gekommen ſind, mußte dem kuͤnſtleriſchen Scharfblick des Ghi - bertiauffallen, zumal da es ihm, der eine laͤngere Zeit in Sienagearbeitet hatte, nicht an Luſt, Zeit und Gelegenheit gefehlt, beide Schulen gegenſeitig zu vergleichen. Zudem be - hauptete Siena, wiewohl ſchon im Sinken, doch zu Ghiber - ti’sZeit noch immer eine ſelbſtſtaͤndige, Achtung gebietende Stellung, weßhalb es dieſem nicht, wie ſpaͤterhin dem Vaſari, in den Sinn kam, die ganze, hoͤchſt eigenthuͤmliche und, wie wir geſehn haben, uralte Schule den Florentinern gleichſam unterzuſtecken. Auch Petrarcabetrachtete den Simonals einen ſelbſtſtaͤndigen Meiſter, wie theils aus ben beiden Ge - dichten erhellt, deren erſtes meiſterlich in unſere Sprache uͤber - tragen worden, theils auch aus einem ſeiner Briefe,**) Vaſaribedient ſich in ſeinem Leben Giotto’sder eige - nen Worte des Petrarca, ohne ſie in obiger Beziehung hinrei - chend zu waͤgen. wo er ihn dem Giottogleichſtellt und beide gemeinſchaftlich fuͤr94 die groͤßeſten Maler erklaͤrt, welche ihm bekannt gewor - den; was uͤbrigens ihre Zeitgenoſſen nicht betheiligt, da Pe - trarcadurch ſeine aͤußere Lage verhindert wurde, alle Fort - ſchritte und Leiſtungen der toscaniſchen Kuͤnſtler ſeiner Zeit zu ſehn und gegenſeitig zu vergleichen. Endlich war Simonkein Nachfolger, ſondern ein Zeitgenoſſe des Giotto; denn er ſtarb bald nach ihm im Jahre 1344.,*)S. Della Valle, in der ſieneſiſchen Ausgabe des Va - ſari, To. II. p. 215. Ich habe der Quellen, auf welche er ſich bezieht, nicht habhaft werden koͤnnen. Doch fand ich im Archiv der Riformagioni in einem Auszuge des libro nero da 1336. = 1596., der Sacriſtey der Kirche ſ. Domenico zu Siena, deſſelben, auf welches DV.ſich bezieht: 1344. Maestro Simone di Martinopit - tore. 4. Aug. Alſo wird jene Angabe im Ganzen richtig ſeyn. und beſchloß ſein Leben ſicher nicht in der erſten Bluͤthe der Jahre, da er zahlreiche und große Werke vollbracht hat, ſelbſt, wenn ein Theil deſſen, ſo Vaſariihm beygemeſſen, wie ich fuͤrchte, von anderer Hand gemalt ſeyn ſollte.

Indeß hatte Vaſaridas Leben dieſes Kuͤnſtlers uͤberhaupt mit beſonderer Nachlaͤſſigkeit vorgearbeitet; nicht einmal ſei - nen Namen hatte er recht erkundet, was doch nicht ſo gar ſchwierig war, da Simonſich verſchiedentlich unter ſeinen Werken genannt hat und zudem in den ſieneſiſchen Archiven nicht ſelten vorkommt. Vielleicht hatte Vaſariirgend eine der Tafeln geſehn, welche Simonmit ſeinem Gehuͤlfen Lippo di Memmogemeinſchaftlich gemalt und bezeichnet hat, die In - ſchrift aber nur fluͤchtig geleſen und nicht an der Stelle auf - gezeichnet; oder es verleitete ihn die mehrberuͤhrte Abſchrift der Bemerkungen des Ghiberti, welche an dieſer Stelle zwei - felhaft iſt,**)Cod. s. c. fo. 9. a tergo. Lavorò con esso ( Simone) jene Maler fuͤr Bruͤder, alſo fuͤr Soͤhne eines95 Vaters zu halten. Indeß, wie es immer gekommen ſeyn moͤge, ſo iſt es doch unter allen Umſtaͤnden falſch, wenn er uns verſichert, daß unter den Tafeln des Simongeſchrie - ben ſtehe: Simonis Memmi Senensisopus.

Denn es ſind noch immer einige Gemaͤlde mit der Auf - ſchrift dieſes Kuͤnſtlers vorhanden, welche bey Della Valleeinzuſehen, unter denen die Verkuͤndigte, welche Lanziihres urkundlichen Werthes willen in die florentiniſche Gallerie be - foͤrdert hat, beſonders geeignet iſt, die Frage ganz zu beſeiti - gen. Auf dem Sockel dieſes Bildes lieſet man:

Simon. MARTINI.ET. LIPPVS. MEMMI.DE. SENIS.ME. PINCXERVNT. ANNO. DOMINI. MCCCXXXII. oder XXXIII. ; denn dieſe letzte Ziffer iſt verſtuͤmmelt. *)Wenn dieſe Tafel dieſelbe iſt, deren DV.in ſeiner Ausg. des VaſariTo. II. p. 205. erwaͤhnt, ſo wuͤrde er die daran befind - liche Aufſchrift nicht aufmerkſam genug geleſen haben. Er ſetzt das Jahr vorauf, und fuͤr pinxerunt, direxerunt; beides iſt auf Bildern dieſer Epoche zu ungewoͤhnlich, um wahrſcheinlich zu ſeyn.

Unter keinem anderen Namen findet er ſich in den ſiene - ſiſchen Archiven, aus denen ich einige theils minder beachtete Stellen, der Beſtaͤrkung wegen, unter die Belege dieſer Ab - handlung aufnehme. **)S. Belege, II.

In jener Wiederherſtellung der Madonna des großen Saales im oͤffentlichen Palaſte zu Sienaunterſcheidet man**)maestro Filippo. Dicono ch’esso fu suo disce fratello. Man ſieht, daß Ghibertiin der Urſchrift zwiſchen discepolo und fra - tello geſchwankt, daß erſt der Abſchreiber ſich fuͤr fratello entſchie - den hatte.96 noch immer die Hand des Simonſowohl von den aͤlteren Theilen, als von noch ſpaͤteren Ausbeſſerungen. Am unteren Rande des Gemaͤldes befinden ſich Reſte von verſchiedenen, nicht zuſammengehoͤrenden Inſchriften. Die erſte ſagt: Mille trecento quindici vo ..... etc. Die andere, tiefer belegene: S A MAN DI SYMONE....

Hier, wie in jener Verkuͤndigten der florentiniſchen Gal - lerie, welche leider vor ihrer Aufſtellung mit Ungeſchick gerei - nigt und nachgebeſſert worden, zeigt Simoneinen feinen und emſigen Pinſel, welcher a tempera durch viele Lagen ſich durchkreuzender Striche, a fresco durch zierlichen Auftrag, ſei - nen Formen Beendigung zu geben ſucht, alſo von der fluͤſſi - gen, verwaſchenden Behandlung des Giottoweit genug ab - weicht. Allein auch in der Auffaſſung der Formen und Ver - haͤltniſſe, wie in der Manier der Anordnung unterſcheidet er ſich von ſeinem großen Zeitgenoſſen. Denn es ſind die Ver - haͤltniſſe des Simonungleich willkuͤhrlicher und gehen, vor - nehmlich bey verkuͤrzten Geſtalten, gar ſehr ins Lange; und die Geſichtsformen unterſcheiden ſich von den giottesken durch groͤ - ßere Fuͤlle und Rundlichkeit der Backen, bey feinen ſehr ver - laͤngerten Naſen und rundlicheren Umriſſen der Augenlieder, welche uͤbrigens gleich denen des Giottomeiſtens beynahe ge - ſchloſſen ſind.

Dieſe Merkzeichen fehlen verſchiedenen Werken, welche Vaſaridem Simonbeylegt, namentlich den bekannten Mauer - gemaͤlden der ſpaniſchen Kappelle im Kloſter ſta Maria novella zu Florenz. Lorenzo Ghiberti, welcher die ſieneſiſchen Arbeiten des Simongenau betrachtet hatte und ziemlich umſtaͤndlich beſchreibt, meldet mit keiner Zeile, daß Simonzu Florenzundin97in dieſer Kappelle gemalt habe, was allerdings befremdend iſt. Denn es lag ihm nahe, hier ein ſo großes, in Hinſicht auf Umfang und Reichhaltigkeit jene ſieneſiſchen Gemaͤlde weit uͤbertreffendes Werk anzufuͤhren, wenn er es uͤberall fuͤr die Arbeit unſeres Meiſters hielt. Da es demnach hoͤchſt wahr - ſcheinlich zu Anfang des funfzehnten Jahrhundertes fuͤr die Arbeit irgend eines anderen, gleich ſo vielen alten, gegenwaͤrtig unbekannten*)Wer die Urkunden der Kunſtgeſchichte des dreyzehnten und vierzehnten Jahrhundertes eingeſehn, weiß, welche Fuͤlle von ganz unbekannten Kuͤnſtlern daraus herv[o]rtritt. Wenn wir die beruͤhm - teſten ausnehmen, ſo folgte Vaſaribey den uͤbrigen dem bloßen Zufall, der ihm oft die minder bedeutenden entgegenfuͤhrte, beſſere verhehlte. Malers galt; da Vaſarihier ſchwerlich urkund - lichen Nachrichten folgte, welche den Kloſterkirchen, was ihre Kunſtwerke betrifft, zu fehlen pflegen: ſo duͤrfte ſeine Angabe auf einer bloßen Vermuthung beruhen, welche das minder flo - rentiniſche Anſehn jener Malereyen mag hervorgerufen haben. Mir ſcheint dieſer Maler derſelbe zu ſeyn, der in der Kappelle der Sacriſtey in ſta Croce die linke Seitenwand mit einigen Feſtlichkeiten aus der Legende der Jungfrau bemalt hat, welche Vaſarifuͤr Arbeiten des Taddeoausgiebt. Gewiß ſind ſie mit einer groͤßeren Fertigkeit und minder emſig al fresco**) Fiorilloverwirft dieſen Ausdruck und will, daß die Form, a fresco, welche von den neueren italieniſchen Schriftſtellern vorgezogen wird, die einzig richtige ſey. Vaſariindeß, den man fuͤr einen teste di lingua haͤlt, ſagt abwechſelnd: al fresco, sul fresco, in fresco, wobey immer, muro, zu ſuppliren iſt. A fresco, hingegen ſcheint ſich nur auf die Handlung des Malens zu beziehn, nicht auf die Beſchaffenheit der Mauer, auf welcher gemalt wird, welche doch eigentlich in dieſer Manier das Entſcheidende iſt. Ich fuͤrchte daher, daß die modernen italieniſchen Schriftſteller hierII. 798gemalt, als man uͤberhaupt von einem Kuͤnſtler vorausſetzen darf, welcher ſeine thaͤtige Laufbahn ſchon im Jahre 1344. beſchloſſen hat.

Erwaͤgen wir, daß Alles, was Simonfuͤr den Hof zu Avignongemalt hat, laͤngſt untergegangen, oder doch verſchol - len iſt; daß auch zu Sienader groͤßere Theil der Arbeiten, welche wir aus dem Ghibertioder aus alten Contracten und Zahlungen kennen, nicht mehr vorhanden oder doch ungemein beſchaͤdigt iſt: ſo werden wir uns beſcheiden muͤſſen, aus eini - gen wenigen beglaubigten Werken ſeine Manier und Formen - gebung zu beurtheilen, ohne den ganzen Umfang ſeines Gei - ſtes ermeſſen zu wollen. Und ich wuͤrde nicht gewagt haben, ihn nach ſo geringen Proben ſeines Talentes, als mir bekannt geworden, zu den Kuͤnſtlern zu zaͤhlen, welche, gleich dem Giotto, der Beobachtung und Nachbildung des Lebens ſich hin - gegeben, wenn nicht die bekannteſten Sonette des Petrarcabe - wieſen, daß er bereits verſucht, Bildniſſe zu zeichnen oder zu malen, welche wenigſtens einem ſchwaͤrmeriſchen Verliebten genuͤgen konnten. *) PetrarcaSon. cit. Della Valle(lettere Sen. To. II. und sto. del Duomo d’ Orvieto) hat uͤber Simonund Lippoviel damals noch Unbekanntes, oder minder Beachtetes zuſammenge - ſtellt, was meiſt die Probe haͤlt. Auch Lanzi(sto. pitt. scuola Sen. Ep. 1.) hat einiges Neue, namentlich die Nachweiſung einer Miniatur des Simonin einem Codex der Ambroſiana zu May - land, welcher dem Petrarcagehoͤrt haben ſoll. Aus ſeiner Schule ſtammt vielleicht jener treffliche Miniaturmaler, welcher zu Siena

**)entweder in einen Gallicism verfallen ſind, oder einen Kunſtaus - druck der Manieriſten mißverſtanden haben, welche wohl einmal ihr keck und friſchweg in Oel malen, Frescomalerey und Malerey a fresco genannt haben.

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Ambruogiound Pietro di Lorenzooderdi Lorenzetto.

Dieſe Kuͤnſtler, deren Vater in den Urkunden und Auf - ſchriften bald Lorenzo, bald wiederum Lorenzetto genannt wird, waren dem Anſehn nach Bruͤder. *)In einer Aufſchrift am Spital zu Sienawar vormals nach Pecci, einem achtenswerthen Sammler oͤrtlicher Merkwuͤrdigkei - ten, zu leſen: hoc opus fecit Petrus Laurentiiet Ambrosiusejus frater 1330. Vaſarihat aus Unkunde der Sitten jener Zeit, in welcher die Geſchlechtsnamen noch ſelten und nur in den groͤßeren Familien uͤblich waren, das*)im, Arch. delle Riformagioni, das Frontiſpiz des: Caleffo dell assunta, groß Fo., mit einer Aufnahme der Madonna in den Him - mel geziert hat; er zeichnete ſich darauf:Nicholausser sozi me pinxit. Die Abſchriften dieſes Buches ſind im Jahre 1335. ge - macht, alſo trifft dieſe Miniatur mit dem maͤnnlichen Alter Mei - ſter Simonszuſammen. Die Madonna in weißem, goldgebluͤm - ten Gewande, eben wie ſie in dieſer Darſtellung auch bey ſpaͤteren Sieneſern vorzukommen pflegt. Die ſingenden Engel, welche an Lippo Memmierinnern, ſind beſonders ſchoͤn und ſchwebend; die Koͤpfe ausgebildeter als man erwarten ſollte. In dieſem Ar - chiv giebt es andere Miniaturen von Werth. Uebrigens iſt dem Lanziund neueren nicht zuzugeben, daß jene Relief-Bildniſſe der Laura im Geſchmacke des funfzehnten Jahrhundertes aͤcht ſeyen, welche bisweilen, ich errathe nicht aus welchem anderen Grunde, als dem des Betruges, mit dem Namen unſeres Kuͤnſtlers bezeich - net worden ſind. Raccolta di lettere sulla pitt. scult. ed Architet - tura, To. V. Lettera LXIII. (Ed. Ro.1766. p. 141.) erwiedert der Marcheſe von Mantuadem bekannten Pietro Aretino: Alla parte, che scrivete di Madonna Laura, dicovi ch ho fatto vedere, se qui in casa ve n’é alcuno, e finora non se n’é trovato. Se vorrò quello, che avete voi, ve ne darò aviso. Man - tuae 1. Jun. 1529. Es ſcheint demnach, daß ſolche Bildniſſe der Laura ſchon damals in den italieniſchen Gemaͤldeſammlungen eine Rubrik bildeten, welche man ausfuͤllen mußte.7 *100Diminutiv Lorenzetto fuͤr einen Geſchlechtsnamen gehalten, den er indeß nur dem Ambruogiobeylegt. Fuͤr den Pietrohat er anderweitig geſorgt und ihn Laurati genannt; ein Name, der ſeine Entſtehung wahrſcheinlich irgend einer falſch geleſenen Aufſchrift verdankt. Indeß iſt Alles, was man in dieſer Be - ziehung dem Vaſarieinwenden koͤnnte, laͤngſt ſchon in groͤß - ter Breite eroͤrtert worden. *)S. Della Valle, P. G., Lettere Senesi. Lanzi, sto. pitt. scuola Sen. Ep. I.

Von den Werken der beiden Lorenzetti haben ſich ver - ſchiedene bis auf unſere Tage in gutem Stande erhalten; doch iſt leider eben das Hauptwerk des Ambruogiounterge - gangen, welches dem Ghibertizu einer laͤngeren Beſchreibung Stoff gab, ihn zu groͤßerer Lebhaftigkeit hinriß, als ihm ge - woͤhnlich war. Ich will verſuchen dieſe Stelle, welche Vaſarizwar benutzt, doch ſehr abgekuͤrzt hat, in ihrer eigenthuͤmlichen Manier zu uͤbertragen, weil ſie mehr, als irgend anderes die - net, ins Licht zu ſetzen, daß die Maler des vierzehnten Jahr - hundertes von ihren Vorgaͤngern vornehmlich eben durch groͤ - ßere Objectivitaͤt ſich unterſcheiden.

Die Stadt Siena, hebt Ghibertian**)Cod. s. cit. fo. 8. a tergo und fo. 9. , beſaß hoͤchſt ausgezeichnete und kunſtreiche Meiſter, unter dieſen den Am - bruogio Lorenzetti, einen vielgeruͤhmten und hoͤchſt eigenthuͤm - lichen Maler, welcher, da er der Erfindung ſehr maͤchtig war, ſehr viele Werke vollendet hat. Unter anderen malte er bey den Minoriten (zu Siena) eine ſehr große, trefflich beendigte hiſtoriſche Darſtellung, welche die ganze Wand eines Kloſter - hofes einnimmt. Hierin ſieht man, wie ein Juͤngling bey101 ſich beſchließet, Moͤnch zu werden, und darauf eingekleidet wird. Ferner, wie derſelbe, ſchon in den Orden eingetreten, nebſt anderen Bruͤdern deſſelben mit groͤßter Inbrunſt um die Gunſt flehet, nach Aſien uͤberzugehen, um den Saracenen den chriſtlichen Glauben zu predigen. Ferner, wie ſie abreiſen und zum Sultan kommen, die chriſtliche Lehre zu verkuͤnden, wor - auf dieſer ſogleich befiehlt, ſie an eine Saͤule zu binden und auszupeitſchen. Dort ſieht man, wie zwey Schergen ſie ge - hauen haben und nun mit den Ruthen in der Hand, nach - dem zwey andere ſie abgeloͤſet, ſich ausruhen. Ihre Huͤte triefen von Schweiß und ſie ſcheinen ſo ermuͤdet und athem - los zu ſeyn, daß es ein Wunder iſt, zu ſehen, wie der Mei - ſter Alles ſo kunſtreich habe ausdruͤcken koͤnnen. Umher ſteht das ſchauluſtige Volk, die Augen feſt auf die entkleideten Moͤnche geheftet; der Sultan aber ſitzt auf mauriſche Weiſe; und wenn man die mannichfaltigen Gebehrden und Bekleidun - gen anſieht, ſo ſcheint es einem, als wenn die Figuren wirk - lich lebten.

Ferner ſieht man, wie der Sultan das Urtheil ſpricht, ſie an einem Baume aufzuknuͤpfen; wie ſie an einem Baume aufgehaͤngt werden, und wie das gaffende Volk den aufge - haͤngten Moͤnch ganz offenbar reden und predigen hoͤrt. Dar - auf, wie der Sultan befiehlt, daß man ſie enthaupte. Da, wo ſie enthauptet werden, ſieht man eine große Menge Men - ſchen zu Fuß und zu Pferd, welche zuſehen; den Scharfrichter mit gewaffneter Begleitung und Weiber und Maͤnner umher. Und nachdem die Moͤnche enthauptet ſind, erhebt ſich ein duͤ - ſteres Ungewitter mit Donner, Blitz, Hagel und Erdbeben, welches Alles ſo wohl ausgedruͤckt iſt, daß man den Einſturz des Himmels und der Erde befuͤrchten ſollte. Alle haben das102 Anſehn, mit großer Beſorgniß ſich zu decken; man ſieht Wei - ber und Maͤnner ſich niederwerfen, und ihre Gewande uͤber den Kopf ziehen, und die Bewaffneten ihre Schilder uͤber den Kopf halten, auf denen der Hagel ſich ſammelt, welcher mit maͤchtiger Sturmesgewalt auf den Schildern zu praſſeln ſcheint. Auch ſieht man die Baͤume ſich zur Erde neigen, und einige ſich ſpalten, und Jeden glaubt man fliehen zu ſehen. Auch ſieht man, wie dem Scharfrichter ſein Pferd ſtuͤrzt und ihn im Fallen erſchlaͤgt; und dieſer Wunder willen ließ ſich vieles Volk taufen. Als eine Malerey betrachtet,*) Per una storia picta mi pare una maravigliosa cosa. Ich denke, daß er ausdruͤcken wollte: fuͤr eine Nachahmung, welche nicht das Wirkliche ſelbſt iſt, ſcheint etc. etc. fuͤgt Ghibertihinzu, ſcheint mir dieſe Darſtellung wahrhaft bewundernswerth zu ſeyn.

Ein anderes, der Richtung nach, dem beſchriebenen nahe verwandtes Mauergemaͤlde an einer Seitenwand der Sala delle balestre, im oͤffentlichen Palaſte zu Siena, beſtaͤtigt das guͤnſtige Urtheil des Ghiberti, indem es auch unſeren, in Be - zug auf ſinnliche Wahrſcheinlichkeit verwoͤhnteren Augen viel Leben und Ausdruck zu beſitzen ſcheint. Der Kuͤnſtler hat darin das ſtaͤdtiſche und laͤndliche Leben ſchildern wollen; die Haͤlfte des Bildes nimmt eine innere Anſicht der maleriſchen Stadt Sienaein, in welcher die Gebaͤude gut charakteriſirt, die Straßen und Plaͤtze mit lebendigen Figuren erfuͤllt ſind. Einige betreiben ihr Gewerbe; doch an einer freyeren Stelle tanzen einige Maͤdchen nach der Handtrommel, in denen der Kuͤnſtler ſein Beſtes verſucht und viel Anmuth der Miene und Bewegung ausgedruͤckt hat. Taͤnze auf offener Gaſſe gehoͤren103 zu den Sitten jener Zeit; da ſie Gedraͤnge und gegenſeitige Beleidigungen der Schauluſtigen veranlaßten, haben ſie ver - ſchiedentlich zu blutigen Partheykaͤmpfen die Looſung gegeben. Außerhalb des Thores ſieht man eine reich angebaute Land - ſchaft und Ritter und Damen zu Pferde, welche aufs Land, oder auf die Jagd gehn. Obwohl dieſer Theil des Gemaͤldes etwas leer und die Landſchaft minder gelungen iſt, als die Anſicht der Stadt, ſo verdient ſie doch um ſo mehr Aufmerk - ſamkeit, als ſie zu den fruͤheſten Verſuchen gehoͤrt, Feld und Wald und Anbau darzuſtellen; welche Dinge die meiſten Ma - ler dieſer Zeit durch uͤbereinkoͤmmliche Zeichen anzudeuten pflegten. *) Ghiberti(cod. cit. ) ſagt von dieſen Malereyen: im oͤffent - lichen Palaſte zu Sienamalte er den Krieg und den Frieden und das, was zum Frieden gehoͤrt, naͤmlich, wie der Handel mit aller Sicherheit gefuͤhrt wird. Auch iſt die gehoͤrige Anſtrengung (stor - sioni) in den Schlachten. Die letzten ſind nicht mehr erkennbar.

Die anderen Waͤnde dieſes Saales enthalten allegoriſche Malereyen, deren Gegenſtand und Zuſammenhang gegenwaͤr - tig nur an der einen, dem Fenſter gegenuͤberliegenden, zu erken - nen iſt, da die uͤbrigen beynahe zerſtoͤrt ſind. Allein auch die erhaltene bedurfte, gleich den meiſten kuͤnſtleriſchen Andeutun - gen des Begriffes, der Erklaͤrung durch Wort und Schrift, weßhalb der Kuͤnſtler folgende Verſe an den Rand des Ge - maͤldes ſetzte:

Questa santa virtù la, dove regge,
Induce ad unità li animi molti.
Et questi acciò riciolti
Un ben comun per lor signor si fanno.
104
Lo qual per governar suo stato elegge,
Di non tener giammai gli occhj involti
Da lo splendor de volti
De le virtù, che ’ntorno a lui si stanno.
Per questo con triunfo alui si danno
Censi, tributi e Signorie di terre;
Per questo senza guerre
Seguita poi ogni civile eletto,
Utile, necessario e di diletto.

Die verſchiedenen politiſchen Tugenden ſind jedesmal in einer weiblichen Figur perſonificirt, welche mit einander auf einer langen mit hoher Lehne verſehenen Bank vertheilt ſind, zu deren Ende ein hoͤherer Sitz ſich erhebt, auf welchem eine maͤnnliche Figur in kaiſerlichem Ornate, und oberhalb derſel - ben einige fliegende Genien, nach den Beyſchriften, Glaube, Liebe, Hoffnung. Die weiblichen Perſonificationen erklaͤren die Beyſchriften: pax, fortitudo, prudentia, magnificentia, tem - perantia, justitia. Zu den Fuͤßen des Fuͤrſten zwey Genien und in einigem Abſtande eine große Menge nach dem Throne aufblickender Buͤrger.

Die darauf folgende Allegorie iſt durch Beſchaͤdigung un - deutlich geworden. In der Hoͤhe ſchwebt eine weibliche Figur mit der Ueberſchrift: sapientia; ſie haͤlt eine Wage uͤber dem Haupte einer anderen, welche die Haͤnde ausbreitet; im Felde diligite ..... judicatis.

Unter dieſe Figur ſitzt eine dritte weibliche Geſtalt, deren Geſichtszuͤge ſchoͤn, deren Haupt ſehr anmuthvoll bewegt iſt. Ich vermuthe, daß Ambruogiodieſelbe aus Buͤchergemaͤlden entlehnt hat, welche im Mittelalter ſo viel Antikes bis auf105 ſehr neue Zeit hinab fortgepflanzt haben. Auch die uͤbrigen Perſonificationen, beſonders der Friede, (eine bequem hinge - lehnte Figur in weißem, ungeguͤrtetem, faltenreichem Gewande, welche in der rechten einen Kranz und Oelzweig haͤlt) duͤrften urſpruͤnglich antik ſeyn. Hingegen gehoͤrt die etwas unregel - maͤßige Anordnung, die Zeichnung der Geraͤthe, wie endlich auch die Geſtalt des Herrſchers ganz der Zeit und Erfindung des Kuͤnſtlers, welcher am Saume dieſes Bildes ſeinen Na - men angebracht hat, wie folgt:

AMBROSIUS LAURENTII DE SENISHIC PINXIT UTRINQUE.

Ich bringe in Erinnerung, daß dieſe Mauergemaͤlde auf wohlgeglaͤttetem Gypsgrunde a tempera gemalt ſind, wie an den Stellen, wo die Farbe durch wiederholtes Herabfegen des Staubes abgeblaͤttert worden, ganz deutlich am Tage liegt. Vielleicht dient es Einigen zur Beruhigung, zu erfahren, wann dieſe Gemaͤlde vollbracht und wie ſie belohnt worden; hier ſind die Zahlungen, welche ſich noch vorfinden*)S. Belege. III..

Obwohl nicht ausdruͤcklich angegeben iſt, welche Arbeit jedesmal bezahlt worden; ſo vermuthe ich doch aus dem Be - laufe der Summe, daß die Poſten von zehn Goldgulden, welche dem Kuͤnſtler in den Jahren 1337. und 1338. von Zeit zu Zeit bezahlt worden, das oben beſchriebene Gemach angehn, als die groͤßeſte unter den Arbeiten welche Ambruogioin dieſem Palaſte beendigt hat.

Von den verſchiedenen Tafeln unſeres Meiſters, deren Ghi - bertimit Lob erwaͤhnt, erhielt ſich zu Siena, ſo weit meine Kunde reicht, nur eine einzige ſehr verſtuͤmmelte, in einem106 Raume der Armenſchule (scuole regie). Das Hauptbild enthaͤlt die Vorſtellung im Tempel; die Weiber, welche die Jungfrau umgeben, beſonders die Prophetin, ſind vortrefflich. Die Aufſchrift:

AMBROSIUS. LAURENTII. DE. SENIS.FE - CIT. HOC. OPUS. ANNO. DOMINI. MCCC. XLII.

Eine Altarſtaffel mit allegoriſcher Darſtellung des Welt - gerichtes, auf der Treppe deſſelben Gebaͤudes, iſt offenbar ein Bruchſtuͤck deſſelben Bildes*)Angeblich iſt dieſes Bild aus ſan Nieeolo in Saſſodahin verſetzt worden. Doch vermuthe ich, daß ſolches zu den Tafeln im Dome gehoͤrt, deren Ghibertierwaͤhnt..

Den Bruder des Ambruogio, Pietro di Lorenzo, ſcheint Ghibertiganz uͤberſehen und ſeine Arbeiten mit denen des er - ſten vermengt zu haben. Wenigſtens duͤrfte die Tafel, welche gegenwaͤrtig in einem Seitengemache der Sacriſtey des Domes zu Siena(stanza del pilone) aufgehaͤngt iſt, zu jenen dreyen gehoͤren, welche Ghibertidem Ambruogio di Lorenzettobeymißt. Indeß lieſ’t man am Sockel dieſes Gemaͤldes:

Petrus. LAURENTII. DE. SENIS.ME. PIN - XIT. A. M. CCC. XLII.

Dieſes Gemaͤlde verdient um ſo mehr beachtet zu wer - den, weil es das einzige beurkundete Werk dieſes Meiſters iſt, welches ſo weit meine Kunde reicht, in Toscanaſich erhalten hat. Der Gegenſtand ſcheint mir aus dem Leben des Taͤufers entnommen zu ſeyn; das mittlere Bild enthaͤlt eine Wochen - ſtube, in welcher eine Menge naiver, aus dem Familienleben jener Zeit aufgegriffener Zuͤge verſtreut ſind. Die Weiber, der Schnitt ihrer Koͤpfe, ſelbſt die Bekleidung und der Kopfputz107 erinnert durchhin an jene Malerey des Ambroſiusim oͤffentli - chen Palaſte; auch unter den beiden zuletzt angefuͤhrten Tafeln beſtehet die groͤßte Aehnlichkeit der Auffaſſung und der Manier.

Bey ſo viel aͤußerer Aehnlichkeit wage ich nicht, mich zu beſtimmen, ob der eine, oder der andere, oder vielleicht beide gemeinſchaftlich im campo santo zu Piſajenes große Feld voll Einſiedler gemalt haben, welches Vaſaridem Pietrobey - mißt. Ohnehin gehoͤrt die Erfindung, weder dem einen, noch dem anderen, da Alles auf das genaueſte der neugriechiſchen Darſtellung dieſer Aufgabe nachgebildet iſt.

Vaſariruͤhmt bey Erwaͤhnung eines, wahrſcheinlich ver - ſchollenen Bildes des Pietro, vielleicht deſſelben, an welchem er ſelbſt, oder einer ſeiner Berichtgeber faͤlſchlich, Petrus Lau - rati de Senis, geleſen*)Oder es verleitete ihn die Aufſchrift einer huͤbſchen Tafel der Madonna mit vier Heiligen und kleineren Nebenwerken in der Pfarrkirche von Arezzo, wo: Petrus LAUREATIHANC PINXIT. DEXTRA SENENSIS. Doch iſt dieſe Zeile, welcher das Jahr, ja ſelbſt der Raum da - fuͤr fehlet, ſchon deßhalb verdaͤchtig, weil ſie wie in einen, nicht vorbedachten, nur zufaͤllig vorhandenen Raum eingezwaͤngt zu ſeyn ſcheint und ungleich gezierter iſt, als ſolche Aufſchriften gemeinig - lich zu ſeyn pflegen. Da ſie nun zudem mit den Urkunden und Aufſchriften des Kuͤnſtlers, welche in deſſen Vaterſtadt ſich vorfin - den, ganz unvereinbar iſt: ſo ergiebt ſich, daß ſie nachgetragen und untergeſchoben worden; des Andenkens willen, oder als Erſatz der urſpruͤnglichen, welche man mit dem Sockel zugleich entfernt haben moͤchte, da es haͤufig vorkommt, daß alte Bilder neu eingerahmt worden, wie jener Giottoin ſta Croce zu Florenz., im Voruͤbergehen die kleinen Fi - guren auf deſſen Staffel, was in neueren Zeiten veranlaßt hat, dem wackeren, naiven, anmuthigen, lieblich beendigenden Kuͤnſtler eine Menge haͤßlicher kleiner Tafeln anderer Sieneſer,108 des Lorenzo di Pietround Giovanni di Paolobeyzulegen; zweyer Maler, welche um die Mitte des funfzehnten Jahrhun - dertes gearbeitet haben. Ich warne daher reiſende Kunſt - freunde, die Manier und Eigenthuͤmlichkeit des Pietro di Lo - renzettonicht etwa nach ſolchen untergeſchobenen Probeſtuͤcken zu beurtheilen, welche zu Sienaſogar in die oͤffentliche Gallerie ſich eingeſchlichen haben, wo eine Altarſtaffel mit dem Welt - gerichte faͤlſchlich dem Ambruogiobeygemeſſen wird, und rathe, vielmehr zu jenem Gemaͤlde des Domes ſich zu wenden, wel - ches ſie bald uͤberzeugen wird, daß jene geiſtloſen, duͤrren und grauenhaften Erzeugniſſe, welche zudem den Stempel ſpaͤterer Zeit tragen, des Pietrovoͤllig unwuͤrdig ſind.

In den noch vorhandenen Buͤchern des Archives der Bic - cherna erſcheint der Name des Pietroeben ſo ſelten, als jener ſeines Bruders haͤufig darin wiederholt wird. Ich fand ihn nur in den Einnahmen, wo er ein Geringes fuͤr die Erlaub - niß bezahlt, Waffen zu tragen, oder ein Wappen zu fuͤhren.

B. To. 116. anno. 1337. fo. 67. a tergo.

Lunedi tre di novenbre.

Anco dal maestro petro Lorenzettiper licenza d’arme senza Tavolaccio.

I. lib. XI. soldi. IX. den.

Hingegen begegnete ich einem Beſchluſſe der Regierung, den ich auffuͤhren will, weil er das Anſehn unſeres Meiſters und den Geldwerth ſeiner Arbeiten in ein ſehr guͤnſtiges Licht ſtellt*)S. Belege. IV..

109

Barna.

Vaſarinennt unſeren Kuͤnſtler Berna, und Lanzi(ſiene - ſiſche Schule I.) erklaͤrt dieſen Namen fuͤr eine Abkuͤrzung aus Bernardo. Indeß halte ich mich, da der ſieneſiſche Dialect geneigt iſt, das E in das lautere A umzuwandeln, da jener Name wahrſcheinlicher aus einem anderen Taufnamen, z. B. aus dem ebenfalls gewoͤhnlichen Barnaba verſtuͤmmelt iſt, an die Schreibart des Ghiberti*)Archiv. delle Rif. di Siena. Consilia Campanae, To. CCXIV. fo. 113. a tergo. anno 1421. XIX. mensis Aprilis. Extractio do - minorum priorum. Barna BartolidominiLaurentii. Alſo war dieſer Name in Siena, aber auch in Florenzgebraͤuchlich. Archiv. dell opera del Duomo di Fir.Libro Ricordanze 1354. fo. 9. 1362. Barnaolim Batis provisor etc. operis S. Reparate etc. . Dieſer ſagt im Verlauf ſei - ner Nachrichten von ſieneſiſchen Kuͤnſtlern: Es malte zu Flo - renzein Meiſter, Namens Barna, welcher vor vielen anderen den Vorzug verdient, zwey Kappellen in ſ. Agoſtino, worin viele Geſchichten, unter anderen, wie ein junger Mann in Begleitung eines Moͤnches, der ihm zuſpricht, zur Richtſtaͤtte gefuͤhrt wird; in dieſer Figur iſt die Todesfurcht vortrefflich ausgedruͤckt. In ſan Gimignano(einem Staͤdtchen zur Rechten der Straße von Florenznach Siena) malte er viele Geſchichten aus dem alten Teſtament; auch zu Cortonagiebt es viele Arbeiten von ſei - ner Hand. Die Malerey an den Waͤnden der Hauptkirche zu ſan Gimignanoiſt noch vorhanden.

In dieſer Kirche ſind, zur Rechten, Begebenheiten aus dem Leben Chriſti, zur Linken, jene Geſchichten des alten Bundes gemalt, welche Ghibertidem Barnabeylegt. Vaſarihingegen110 las*)Vita di Taddeo di Bartolo. , unter den Geſchichten des alten Teſtamentes die Auf - ſchrift:

A. D. 1356. Bartolus magistri Fredi de Senisme pinxit.

welche verwiſcht ſeyn muß, da ich ſie nirgend habe entdecken koͤnnen. In dem Archive der Kirche welches ich nicht einzu - ſehen Gelegenheit gefunden, duͤrften leicht einige dieſe Gemaͤlde angehende Vereinigungen und Zahlungen vorhanden ſeyn, aus welchen die Richtigkeit der einen oder der anderen Angabe zu erweiſen waͤre. Indeß ſpricht die Wahrſcheinlichkeit und das aͤußere Anſehn dieſes Mal fuͤr den Vaſari.

Die Malereyen zur Linken ſind naͤmlich in der Ausfuͤh - rung ungleich unvollkommener, als die gegenuͤberſtehenden, und, ohne verwerflich zu ſeyn, doch ſo ſchwach, daß ſie nicht wohl einem Meiſter beyzumeſſen ſind, den Ghibertihervorhebt. Auch glaubt man in ihrer lobenswerthen Simplicitaͤt, in ihren zum Schoͤnen ſich hinneigenden Geſichtsbildungen die Grundzuͤge der Manier und Richtung des Taddeo di Bartolozu erkennen, welcher doch wohl aus der Schule ſeines Vaters hervorgegan - gen iſt. Hingegen macht ſich die Malerey zur Rechten ſehr ſtattlich; die Phariſaͤer, die Handlanger in der Gefangenneh - mung, und andere Nebenfiguren ſind lebendig, und beſonders in der Beſtechung des Judasaͤußerſt ſcharf bezeichnet, was mit dem Beyſpiele uͤbereintrifft, durch welches Ghibertiin der angezogenen Stelle unſeren Kuͤnſtler hat charakteriſiren wollen. Es iſt daher anzunehmen, daß Ghibertiſich zufaͤllig in der Angabe des Gegenſtandes verſehen, und eigentlich die Wand zur Rechten habe bezeichnen wollen.

111

Es iſt nicht ſo unwichtig zu wiſſen, ob Barnadie eine, oder die andere Seite dieſer Kirche bemalt habe, denn wir ſollen ſeine Eigenthuͤmlichkeit aus dieſer Probe kennen lernen, da ſeine uͤbrigen Werke theils untergegangen, theils verſchol - len ſind. Moͤgen wir nun das Wahrſcheinlichere annehmen und, nach dem Vorgange des Vaſari, die Leidensgeſchichte, oder die Wand zur Rechten, fuͤr ſeine Arbeit erklaͤren; oder auch unſer Urtheil noch zuruͤckhalten: ſo ergiebt ſich doch unter allen Umſtaͤnden aus dieſen ſicher ſieneſiſchen Malereyen, daß die Schule von Sienawaͤhrend des ganzen vierzehnten Jahr - hundertes, wie ſie immer gleichzeitig der Beobachtung des Le - bens und der Auffaſſung des Mannichfaltigen ſich hingegeben, doch immer noch viele, durch die neueren Griechen uͤberlieferte, typiſche Charaktere und Zuſammenſtellungen beybehalten, deren Erfindung und Geſtaltung urſpruͤnglich den aͤlteſten chriſtlichen Kuͤnſtlern angehoͤrt. Gewiß zeigte der Kuͤnſtler, welcher dieſe Gemaͤlde beendigte, daß er gleich ſehr mit den Verhaͤltniſſen und Erſcheinungen des Lebens und mit den Typen bekannt war, welche aus der griechiſchen Malerey in beſonderer Fuͤlle in die ſieneſiſche Schule uͤbergegangen ſind. In dem Abend - mahl, um ein Beyſpiel anzufuͤhren, folgte er nicht jener Auf - reihung der Apoſtel laͤngs eines langen Tiſches, welche die florentiniſche Schule aus alten barbariſch-italieniſchen Bild - werken entlehnt hat; vielmehr verſammelte er, nach ungleich aͤlteren Vorbildern, die Apoſtel rings um einen Tiſch. Aber auch die Maͤngel der neugriechiſchen Manier, jene uͤbergroße Laͤnge und Gracilitaͤt der Figuren, jene faſt geſpenſtiſche Fein - heit der Geſichtszuͤge, finden ſich hier wieder, obwohl, wie vorauszuſetzen, uͤberall mit Solchem vermiſcht und durchwirkt, was die Zeit hinzugebracht hatte.

112

Mit beſonderem Gefuͤhl ergriff der aͤltere Sohn des eben erwaͤhnten Bartolo di Fredoeben nur den Geiſt und Sinn der uͤberlieferten Kunſtgebilde des hoͤchſten chriſtlichen Alter - thumes, ohne ſich an das Zufaͤllige der Manier und anderer Aeußerlichkeiten zu binden, welche er auf die hoͤhere Kunſt - ſtufe ſeiner Zeit zu erheben trachtete. Das Geſtirn der neue - ren Malerey leitete ihn, als er die Hoͤhe ſeines Beſtrebens erreicht hatte, nach Perugia, wo er Eindruͤcke bewirkt und zuruͤckgelaſſen, welche in der umbriſchen Schule waͤhrend des funfzehnten Jahrhundertes nachgewirkt und durch das Mittel - glied des Peter von Perugiadie Seele Raphaelserreicht und befruchtet haben. Doch werde ich, um die Zeitfolge nicht ganz abzureißen, die beſtimmtere Entwickelung dieſer Andeu - tung noch ausſetzen muͤſſen, da ich vor der Hand verſchiede - nes, die Geſchichte der Baukunſt und Bildnerey Betreffende nachzuholen habe, welches, ſeiner Duͤrre ungeachtet, denen willkommen ſeyn duͤrfte, welche in dieſer Gegend der Kunſt - geſchichte auf umſtaͤndliche und ſichere Kunde ausgehn; waͤh - rend andere, die aͤußere Abtheilung dieſer Schrift benutzend, ohne Aufenthalt zur dreyzehnten Abhandlung uͤbergehn wollen.

Urkund -
113

Urkundliche Belege.

I. Archagnuolo.

1. Archiv. dell opera del Duomo di Firenze; aus einem gebundenen Buche, in ſchmalem Folio; es iſt nicht numerirt, doch ſtehet auf der Vorſeite des Pergamentbandes die Bezeichnung: Prestanze. 1355 1357.

*)Dieſe ſind die operarii, Bauherrn. Der vierre,Filippo Tolosini, war abweſend.
*)

PercheBenci Cionimaestro appone al fondamento ed al partito preso delle colonne della chiesa, ebero preso di:

Pregharono il dettoBenci Cionimaestro, che per tutto di domani avesse dare loro per iscritto quello che appone all impresa fatta della chiesa et per diseg - namento come vuole rimanere.

2. Di V. di Luglio 1357.

Messer frate aghostino Tinacci de romitani veschovo di Narniet benedisse e sagrò una pietraII. 8114di marmo scholpitovi su una + et gli anni dn̅i MCCCLVII. di V. di Luglio. Furonci colui suoi frati et chapellani et la sua famiglia et chominciossi nel nome di Dio etc. a fondare la prima cholonna del corpo della chiesa verso il campanile presente:

Giovanni di Lapo Ghinimaestro

Richardo di Franceschino degli Albizi

Andrea di Cionearchagniolo dipintore. etc.

3. A nome di Dio di XVII. di Luglio Lunedi.

Furono gli infrascripti maestri apetiti de detti ope - rai per vedere, che lavorio fosse da prendere in fare il concio delle colonne, che far si deono nel corpo della chiessa avendone facto un asempro a gesso An - drea Archagn̅i̅o̅eFranceschocapo maestro un altra. et anche due disegnamenti l’uno nella chapella dove si lavora e l’altro nella corte.

Fra Jacopo di san Marchoconsigliò di quello ch’é disegnato nella chappella nel frusto della Colonna, etc.

Fra Tommasode ognessanti consigliò quanto al frusto della colonna di quello disegnamento fatto per Andrea Archagn̅o̅perche gli pare abia più ragione di maestero di colonna che nulla altra.

Neri di Fioravanteconsigliò di quello d’Andreaper più bello e più ispacciativo lavoro sanza darvi al -115 chuna correctione o d’arrota (non?) sendo dove facesse bisognio.

Giovanni di Lapo Ghiniconsigliò, che non gle ne piaceva niuno de predicti disegnamenti e che pro - fera di farne uno egli più bello facto lui.

Franceschodel coro consigliò etc.

Benozzo di Niccholòconsigliò di quello dell Ar - chagn̅i̅o̅per più bello e che occuperà meno l’occhio che non farebe Illavorio quadro, e che nellavorio diFrancescodel gesso a troppi lavorii.

Giovanni Felto(oderFetto) consigliò di quello disegnamento del gesso ch’a fatto Andrea arcag̅n̅operche gli pare chessia di meno vilume et di meno ingombrio della chiesa sanza darvi alchuna arrota o corretione.

Ricchardo di Franceschodeglalbizi cittadino chon - sigliò di quello dello’rchagnio*)Aus dieſer Zuſammenziehung des Artikels mit dem fragli - chen Beynamen erklaͤren ſich deſſen gewoͤhnliche Verſtuͤmmelungen. Der Endvokal des Artikels, lo, nahm den Anfangsbuchſtab des Na - mens in ſich auf. Als man ſpaͤterhin den Artikel ganz auswarf, hatte man bereits den Urſprung des Beynamens vergeſſen, und las daher die Zuſammenziehung, anſtatt lo ’rchagni̅o̅, vielmehr nach mo - dernerer Orthographie: l orchag̅n̅o. Die Abbreviatur der Endung, welche wenigſtens in dieſen Protocollen uͤberall angedeutet iſt, mochte man uͤberſehen haben. per più bello la - vorio e per più presto et di meno costo et più legia - dro etc. etc.

4. Di 19. di Luglio 1357.

I detti operai ebero i sopradetti frate e maestri et i detti maestri e frati elessero per quintoJacopodi8 *116migliore orafo e poi tutti insieme di concordia come detto é questo di presente i detti operai derono per sentenza che la colonna dell archagnielo*)Hier und in der folgenden Stelle iſt der Artikel abgekuͤrzt und das Hauptwort in ſeiner Integritaͤt verblieben. sopradetta si pigliasse si veramente che e se ne doves - sero levare i tabernacoli, che vi sono etc.

5. Detto di III. d’aghosto 1357.

I predetti operai ebono a deliberare qual fosse più bella et più forte et più laudabile colonna, o una fatta di nuovo di giesso perFrancescho Talenti, o quella che già innanzi si prese dell archagnio, o uno modano in uno pezo di mattone dato perJacopo di Lapochavacciani.

**)Suche die Fortſetzung dieſes Protocolls in der nachfolgen - den Abh. XI.
**)

6. Archivio cit. Liber stanziamentorum mei Johannisscriptoris: de annis 1363 1369.

fo. 6. MCCCLXIII. Indict. tertia die XXVII. mense Septembris.

ExceptisJacobo Alamanni VitorjetGieorgio Chel -117linigrandinis eorum sotiis absentibus congregaverunt in domo dicte operis: fratremJacobumsci marchi fratrem Benedictum del pagivolo fratremTomasum Tedaldiordinis humiliatorum. Sandrum Macciimagistrum Taddeum Ghaddipictorem Franciscum sellarium magistrumBenozzum Niccholaiet magistrumJohannem Belcharimagistrum.

Et plures alios magistros de civitate citari fecerunt et ab ipsis istis petierunt consilium de ponendis bec - chatellos per anditum ecclesie quibus dictus anditus debet circumdari etc. etc.

Die quarta mensis octobris 1364. *)Eigentlich: 1363. Das Geſchaͤft iſt daſſelbe, und das Jahr 1363 wird auch auf den folgenden Seiten bis in ſpaͤtere Monathe fortgefuͤhrt. Hier, wie in den vorangehenden Stellen wird Nie - mand die ſtetige Anweſenheit des Taddeo Gaddiuͤberſehen haben, den Vaſariſchon im J. 1350 ſterben laͤßt.fraterBenedictusdelle campora fraterJacobusordinis sci Marci fraterTomasusord. humil.

Taddeus Ghaddipictor etc. dederunt consilium dictis operariis pro utilitate dicti operis, quod peduccius volte magne ponatur bassus quantum potest supra cornice, quae ponatur subtus beccatellos quod dicti bechatelli ponantur bassi quan - tum potest supra dicto muro et dicti bechatelli et an - ditus dicte ecclesie cinghi circum circa dictam ecclesiam.

118

Et quod in parietibus murorum, qui present. mu - randi sunt pro hedificando voltas mangnas fiant occhj et non fenestre.

An dieſer Stelle befindet ſich eine Hinweiſung an den Rand, wo eingetragen worden: Et dictus Andreasvocatus ArchangnoloPerusmigliorisFranciscus SalvettietJohannes Gherardinidederunt consilium quod in parietibus predictis fiant in qualibet facie unus ocu - lus; dicebant tamen quod dicti peduccii ponantur sub - tus anditum et subtus dictos bechatellos.

Et sic sequi debet prout supra conscribtum est*)Vergl. Arch. et lib. cit. fo. 19. a. t. fo. 23. fo. 64. a. t. fo. 65. und fo. 70. a. t. Ferner Arch. cit. lib. Ricordanze 1358. fo. 34. a. t. und Prestanze 1355. 57. d. d. XV. et XVIII. di Giugno 1357. .

II. Simon Martini.

Archivio della generale Biccherna di Siena.

1. B. No. 126. anno 1321. Uscita, fo. 55. **) Benvoglienticitirt hier B. No. 123. welche gleich anderen von ihm angefuͤhrten Buͤchern verſchwunden iſt. Doch findet ſich in der noch vorhandenen No. 122., welche dieſelben Puncte enthaͤlt, als die folgende, nichts der Art, weßhalb ich glaube daß er ſich verſehn habe.

XXX. Dicembre.

Anco al maestro Simone Martinidipentore e quali doveva avere per se et per li suoi ....***)Das ausgelaſſene Wort iſt im Original ſehr undeutlich, laͤßt aber die Vermuthung zu, daß es, cognati, zu leſen ſey. In et per oro119 e colori per aconciatura la maestà la quale é dipenta ne la sala del palazzo de nove. XXVIII. Lib.

Daſ. fo. 57. a tergo.

Anco a maestro Simonedipentore in vinti fiòrin doro per suo salario del crucifisso cheffa a chapo all altare de la capella de nove e per suoi lavoratori e per più colori et straordenati et oro et altre necessarie cose chessapartengono a quello lavorie et per la detta dipintura. pulizia de nove. LXXVI. Lib.

2. B. No. 145. 1329. fo. XV. a tergo.

Anco a Maestro Simone Martinidipegnatore III. lib. V. soldi. Le quali tre lib. e cinque soldi demo per una figura che dipense nel concestoro de nove diMarco Regoliet avemmone pulizia da Signiori nove.

3. B. No. 151. anno 1331. fo. 4.

Maestro Simonedipegnitore die dare a di XXI. di dicienbre II. fior. d’oro.

e quagli ebe chonti due fior. doro. etc.

Eine Erwaͤhnung ſeines Gehuͤlfen Lippofindet ſich da - ſelbſt: B. 221. anno 1351. fo. 144. *) Benvoglientibemerkt zu dieſer Stelle, welche er richtig ci - tirt: Madonna con molti ss. con forza e buon disegno. Ich habe dieſe Malerey, welche vielleicht nicht mehr vorhanden iſt, vergeblich aufgeſucht.

XXX. Jun.

Item ma̅g̅r̅o Lippopintori pro pintura quam fecit in biccherna, videlicet coron̅a̅t. nostre domine. LXXXV. lib. XVI. solidos VIII. den.

***)einem libro di Gabelle del 1323. f. 9. (welches ich nicht ſelbſt geſe - hen), ſoll ſeine FrauGiovanna di Memmo di Filipucciogenannt werden.

120

III. Archivio della gen. Biccherna di Siena.

1. B. No. 170. fo. 29. a tergo.

XXIX. d’Aprile. (1337.)

Anco a Maestro Ambruogio Lorenzettidipegni - tore per parte del prezo de la dipentura del palazo de Singniori nove diecie fiorini d’oro. fecie aBenuccio SalimbeniXXXI. lib. XVI. sol. VIII. d.

Eod. n. fo. 49.

Adi XXX di Giugno

Anco a Maestro Ambruogio Lorenzidipentore per parte del prezo per la dipentura del palazzo diecie ff. doro; de quali avemo pulicia de singniori nove.

*)Die Verſchiedenheit des Goldeurſes innerhalb zweyer Mo - nathe iſt hier der Beachtung werth.XXXI. lib. VIII. sold. IIII. d.

2. B. No. 179. fo. 19.

XVIII. di Febraio (1338.)

Anco di Maestro Ambruogio Lorenzettidipentore per parte del suo salario delle dipenture, che fae nel palazo di singniori nove di sei fiorini doro

XVIIII. lib. I. sold. VI. d.

3. B. No. 180. fo. 29.

a di XXIV. di Setenbre (1338.)

Ancho al Mastro Ambruogio Lorenzettie quali dicie fiorini doro gli demo per pulizia de nove

XXXI. lib. X. sold.

Eod. No. fo. 57.

di VIIII. di Dicenbre.

Ancho al Maestro Anbruogio Lorenzentie quali diecie fiorini doro furo per dipengitura che fecie nel121 palazo de nove chome apare per pulizia de nove va - gliono XXX. lib. XV. soldi.

4. B. No. 188. fo. 59.

di XX. di Giugio (1339.)

Ancho al Mastro Ambruogio Lorenzettidipentore e quali diecie fiorini furo per suo salario di piue dipi - giture fatte nel palazo del comune chome apare per pulizia de nove XXXI. lib. XVI. sold. VIII. d.

5. B. No. 210. fo. 40.

XXII. Novenbre.

Item magistro Ambrosio Lorenzipictori pro qui - busdam figuris pictis et positis in cameris dominorum novem III. lib. apodixa a dominis novem III. lib.

IV. Archivio delle Riformagioni di Siena.

Consilia Campanae. To. CVIII. fo. 59. a tergo. s.

Das Datum, welches fo. 57. zu ſuchen:

M. CCCXVIIII. Jndict. XIII. a die XXVI. mensis Octubris.

Item cum pro exauditione cujusdam petitionis exibite offitio dominorum novem pro parte prioris et totius conventus de Sen. fratrum ordinis s̅c̅e̅ marie de monte Carmeli, lecte et vulgarizate per me nota - rium in presenti consilio. Domini novem gubernatores et defensores communis et populi Senensis. prima die, quae fuit XXIIII. presentis mensis octubris. et postea subsequenti die secunda, quae fuit heri. XXV. dicti mensis. stanziaverunt dicti domini novem et alii ordi - nes civitatis Sen. de pecunia dicti communis possint teneantur et debeant dare et solvere dictis fratribus et122 conventui. Quinquaginta libras denariorum Senensium. pro auxilio recolligendi quandam tabulam ho - norabilem et valde pulcram, in qua de Beata virgine Maria et beatissimo confessoreNi - cholao, et apostolis et martiribus confesso - ribus et virginibus multa feriosius sunt de - picta per magistrum Petrum Lorenzetti de Senis. quae tabula dicitur esse costi. CL. flo - renorum auri etc. etc.

123

XI. Urkundliche Eroͤrterung: Weßhalb man den neuen Dom zu Sienaunvollendet gelaſſen und ſich begnuͤgt hat, den alten ſchoͤner zu ſchmuͤcken und zu erweitern. Nebſt ande - ren Beytraͤgen zur Geſchichte der italieni - ſchen Bauhuͤtten. Dreyzehntes und vier - zehntes Jahrhundert.

Obwohl der ſieneſiſche Staat waͤhrend des dreyzehnten Jahrhundertes fuͤr die Befeſtigung des neuen Umkreiſes der Stadt und wichtiger Puncte des Gebietes, fuͤr die Gruͤndung neuer Ciſternen und Waſſerleitungen*)Arehiv. della gen. Biccherna di Siena. B. in einem noch un - bezeichneten To. de anno 1229. fo. bb. a. t. It. IV. libr.Frederico Petronchiet bonajuto Gorlajopro suo feudo pro facto operis buctini fontis Brande. Arch. cit. B. To. 8. anno 1251. Ex - pense mensis Sept. XL. libr. posito pro faciendo trocum de fonte de vetrice. it. VIII. fol. VI. den. pro acconciamento fontis Brande. Item CCCC. libr. operariis vene de Canella et alia - rum venarum, qui mittuntur in fontem Brandum, quos expende - runt in dictis venis ducendis in dictum fontem. fo. 35. (mens. No - vembris) Strozzavarcha Damesi operario fontis de Vetrice, XXXIV. libr. V. sol. VI. den. quos expendit pro acconciamento tronchi dicte fontis. Vgl. Daſ. B. To. 1. 1230 (1231.) fo. 62. a. t. Fo. 64. It. IV. sol. magistroBaldorecipienti pro se et aliis tribus magistris pro una die qua laboraverint in buttino fontis Brandes. , wie fuͤr ſo viel an -124 dere oͤffentliche Bauwerke*)S. Abh. VIII. S. 20., große Summen verwendete, ſo finden ſich doch ſchon in dem aͤlteſten der noch uͤbrigen Buͤ - cher der Verwaltung des oͤffentlichen Schatzes auch einige Bey - traͤge fuͤr den Dombau in Ausgabe gebracht**)Archiv. della gen. Bicch. di Siena. B. ohne Numer. de anno 1229. (Jul. = Dec.). Die Ausgaben welche unvollſtaͤndig ſind, beginnen fo. 9. Daſ. a tergo: Item VIII. libr. XII. den. magistro Riccio, operario opere s̅c̅e̅ Marie et stetit ..... XXXIII. diebus de mense Junii. Item VI. sol. magistro Ricciodicto, quos de - ditRubeode Iesa pro acuendis picconibus. Fo. 49. Item. Dieſe wie*)(Hieraus erhellt, daß der gemeine Taglohn damals etwa einen solidus betrug. Um einige Decennien ſpaͤter erhielt Nicolasvon Piſaacht; ſeine Geſellen ſechs und vier. S. unten. ) fo. 67. a. t. XX sol. custodi fontis Follonice. Es mochte noͤthig ſeyn, Waͤchter dabey anzuſtellen, der Reinlichkeit willen und um Ver - giftungen vorzubeugen. fo. 71. a. t. werden: custodes fontium Brandes, Follonice, Vetrice bezahlt. fo. 72. VIII. libr. pro emundatione et evacuatione fontis Brande et troghi et guazzatorii. Vgl. B. To. 3. 1246 (1247.) fo. 9. 18. a. t. wo custodes fontium Brande, Follonice, de Petrice (Vetrice), de Ovile, de Valle montonis, de Pescaja. B. To. 16. 1258 (1259.) fo. 22. a. t. Inprimis X libr. operariis positis ad faciendum lavatorium et guazzatorium fon - tis follonice. Daſ. fo. 23. a. t. XXV. libr. fuͤr daſſ. Werk fo. 26. XX. libr. fuͤr Reinigung fontis Blande und L. libr. operariis posi - tis ad faciendum fieri lavatorium fontis follonice etc. XXV. libr. ad faciendum derigari et actari fontem de ovile. Vgl. Daſ. fo. 31. a. t. fo. 32. a. t. fo. 36. a. t. fo. 39. 40. et a. t. wo im Ganzen 105. libr. XL. sold. fuͤr dieſen Zweck verwendet werden. B. To. 67. 1281. III libr. pro faciendo actari fontem Malitie. Hieraus erhellt, daß die groͤßeren Waſſerleitungen und Brunnenanlagen, deren Sienanoch gegenwaͤrtig ſich bedient, groͤßtentheils um die Mitte des 13 ten Jahrhundertes beſchafft worden ſind: uͤbrigens umfaſſen dieſe ver - einzelten Poſten, da aus dem 13ten Jahrhunderte nur einzelne Frag - mente der damaligen Buchfuͤhrung ſich erhalten haben, bey weitem nicht den ganzen Belauf des Aufwandes.125 andere kirchliche, ſeiner Verwaltung damals nicht unmittelbar unterworfene Stiftungen pflegte der Staat von Zeit zu Zeit durch Beytraͤge zu unterſtuͤtzen, welche, obwohl ſie nirgend den ganzen Belauf des jedesmaligen Aufwandes erreichten, doch immer durch außerordentliche Ausgaben der Domverwaltung veranlaßt wurden.

Der neue Dombau war im Jahre 1259. ſchon bis zum Schluſſe einiger Gewoͤlbe des noͤrdlichen Seitenſchiffes vorge - ruͤckt, mithin ſchon ſeit einigen Decennien im Werke, da ſolche Unternehmungen eben zu jener Zeit durch die Betriebſamkeit der kloͤſterlichen Gemeinden gehemmt und aufgehalten wurden, und uͤberall nur langſam vorſchritten. Nehmen wir hinzu, daß der alte Dom ſchon ſeit dem zwoͤlften Jahrhunderte be - endigt war, ſo ſcheint es unumgaͤnglich, alle jene Unterſtuͤtzun - gen, welche man ſchon ſeit dem Jahre 1229. der Domver - waltung von Zeit zu Zeit zu bewilligen pflegte*)S. Archiv. cit. B. To. I. 1230. fo. 52. 58. 64. 77. der Ope - rarius heißt dieſesmal baldRicardus, baldRicciardusund hat einen Gehuͤlfen NamensBencivenne. B. To. I. secundo. 1236. Jul. = Dec. fo. 11. a tergo. LIII. (libr.) sol. Bencivenneoperaio opere s̅c̅e̅ Marie de pretio magistrorum qui laborant in dicto opere pro communi. B. To. 3. 1246. (1247.) fo. 20. a. t. XXVIII. libr. IV. sol. magistris communis qui laborant in opere s̅c̅e̅ Marie, durchhin**)XXXVIII. libr. magistro Ricciooperario s̅c̅e̅ Marie pro CCCI. salma marmoris albi pro opere s̅c̅e̅ Marie. Item VII. libr. et XII. sol. magistro Ricciodicto; pretio magistrorum qui laborant in opere s̅c̅e̅ Marie XXI. die et sunt quatuor magistri. fo. 62. ſtehen andere gleich unerhebliche Ausgaben fuͤr denſ. Zweck. Aehnliche Beytraͤge ſtehen, Arch. et Classe cit. To. 99. anno 1302. fo. 378. unter der Rubrik: Limosine, z. B. Item CCXLIV. libr. IV. sol. a l’uopara di Madonna sta Maria per lo salario di X. Maestri, che lavorano ne la detta uopara etc. 126 auf den neuen Bau zu beziehen, welcher demnach, ungefaͤhr um 1225. duͤrfte entworfen und auszufuͤhren begonnen ſeyn.

Der ungleiche, durch viele Thalgruͤnde zerriſſene Boden, auf welchem Sienagelegen iſt, ſtellte den groͤßeren Bauunter - nehmungen uͤberall ſchwere Hinderniſſe entgegen; dieſe ſteiger - ten indeß die Kuͤhnheit der Baumeiſter und den Unterneh - mungsgeiſt der Bauherrn, welche durch maͤchtige Untermaue - rungen der Ungleichheit des Bodens abhalfen, deren Groͤße und Gediegenheit den Fremden in Erſtaunen ſetzt und den Eingeborenen ſo ſehr zu verwoͤhnen pflegt, daß er den plane - ren Schoͤnheiten gewoͤhnlicher Staͤdte ſelten Geſchmack abge - winnt. Doch ſetzte die Natur an einigen Stellen dem Geiſte der Unternehmung ſeine Grenzen; namentlich war die alte Domkirche von zween Seiten durch Abgruͤnde umgeben, deren Ausfuͤllung vielleicht unmoͤglich iſt, gewiß die Kraͤfte der Sie - neſer weit uͤberſtieg.

Als nun, denke ich, das alte, wohl angelegte, doch be - ſchraͤnkte Domgebaͤude der Bevoͤlkerung und Groͤße der Stadt nicht mehr zu entſprechen ſchien, ſo entſchloß man ſich, da*)pro communi etc. (man verſicherte ſich der Verwendung des bey - getragenen Geldes. ) B. To. 14. 1257. (1258.) fo. 55. a tergo. Ex - pense mensis Maji. (1258.) Item LXXXVII. libr. et X sol. fratri Ver - naccio operario operis s̅c̅e̅ Marie pro operibus magistrorum de men - sibus Ian. Febr. Marsii et Aprilis etc.; a. Ausg. fuͤr denſ. Bau fo. 67. (XLVIII. libr. fuͤr May u. Jun.) B. To. 16. 1258 (1259.) fo. 7. a. t. XXIV. libr. und fo. 16. denſ. Beytrag fuͤr den Monath Maͤrz. fo. 21. 26. 61. 65. fuͤr die folgenden Monathe. B. To. 20. 1261. fo. 82. Item fratriMelanooperario s̅c̅e̅ Marie pro expensis magi - strorum et calcine pro dicto opere. CLXVI. libr. X. sol. Die gleichzeitigen Ausgaben fuͤr die Befeſtigung belaufen ſich monathlich auf viele Tauſende.127 ſeine Lage verhinderte, daſſelbe betraͤchtlich zu erweitern, einen ganz neuen Bau zu unternehmen. Um auf der anderen Seite ſoviel, als moͤglich, das Vorhandene zu benutzen, und einen Theil des alten Gebaͤudes der neuen Kirche anzuſchließen, ward dieſe laͤngs des nordweſtlichen Abhanges hin in einer ſolchen Richtung angelegt, daß ſie das aͤltere Gebaͤude in rech - tem Winkel beruͤhrte und bey gaͤnzlicher Beendigung wuͤrde geſtattet haben, deſſen rund uͤberwoͤlbtes Chor mit der neuen Kirche zu verbinden. Die Schwierigkeiten, denen eine ſolche Vereinigung des alten mit dem neuen Dome unterlag, waren dem Anſehn nach anfaͤnglich nicht hinreichend erwogen worden; vielleicht glaubte der Baumeiſter, man werde ſich in der Folge ſchon entſchließen, den alten Bau ganz abzuraͤumen, und ent - hielt ſich vor der Hand, die Bauherrn durch eine gaͤnzliche Enthuͤllung ſeines Planes abzuſchrecken.

Dieſer Plan, deſſen Urheber wir leider nicht kennen, war allerdings der Ausfuͤhrung werth; ſo weit man aus den Ueber - reſten der vollendeteren Theile, mit Huͤlfe einiger alten im Ar - chiv der ſieneſiſchen Bauhuͤtte bewahrten Grundriſſe auf das Abſehn des Kuͤnſtlers ſchließen kann, wuͤrde der neue Dom zu Sienaalle gleichzeitige Gebaͤude ſeiner Art ſowohl an Um - fang, als an Schoͤnheit der Anlage und Ausfuͤhrung weit uͤbertroffen haben. Der gothiſche Baugeſchmack iſt darin gluͤck - licher, als an anderen Stellen, mit antiken Reminiſcenzen und italieniſchen Eigenthuͤmlichkeiten ausgeglichen, die Arbeit durch - hin vortrefflich. Herrlich wuͤrde die Vorſeite des Gebaͤudes uͤber die Hauptſtraße hervorgeragt haben, von welcher eine breite Scalinata zur Schwelle der Haupt-Thore fuͤhren ſollte. Von dieſer wuͤrde man einen Theil der tiefer liegenden Stadt und der umliegenden Landſchaft uͤberſehen haben; den Eigen -128 thuͤmern aller die Ausſicht beſchraͤnkenden Haͤuſer jener Straße liegt noch immer, obwohl ohne Gefahr der Vollziehung, die Verbindlichkeit ob, ſie auf Verlangen der Domverwaltung ohne Weigerung abzutragen.

Wer dieſes herrliche Gemaͤuer betrachtet, wird fragen muͤſ - ſen, weßhalb man jemals einen ſo ſchoͤnen, und ſchon ſo weit vorgeruͤckten Bau ganz aufgegeben und dem Verfalle uͤberlaſſen habe. Da die Fundamente der noͤrdlichen Seitenmauer knapp am Abhange eines ſchraͤg geſchichteten Nagelfluhefelſens ange - legt und in dieſem Theile des Gebaͤudes uͤberall, beſonders in den Pfeilern bemerklich iſt, daß ſie nachgegeben und ſich ge - ſenkt haben; ſo ſchloß ich auf den erſten Blick auf Fehler in den Grundlagen. Hingegen verſichern die ſieneſiſchen Alter - thumsforſcher, daß der Bau im Jahre 1338. aufgegeben worden, weil die Stadt, durch die Peſt entvoͤlkert, nicht laͤnger einer ſo großen Kathedrale zu beduͤrfen ſchien. Dieſe Angabe iſt noch in der letzten Auflage der Beſchreibung des Domes wiederholt worden, da es mir nicht gelungen, den Freund, welcher ſie beſorgte, zeitig genug vom Gegentheil zu uͤber - zeugen.

Indeß hatte ich nicht ſobald in dem Archive der ſieneſi - ſchen Domverwaltung Fuß gefaßt, als mir bereits die nach - ſtehenden Urkunden und Nachrichten in die Haͤnde fielen, welche meine Hypotheſe beſtaͤtigen.

1) Archivio dell opera del Duomo di Siena. Pergamene. No. 250.

In nomine Domini. Amen. Anno ejusdem Mil - lesimoCC. LX°. Indictione IIIa die quinto Idus Junii. Omnibus inspecturis appareat evidenter. quod magistri qui laborant et sunt deputati in opera sive fabrica s̅c̅e̅Ma -129Marie de Senis. scilicet MagisterRubeus. magisterLulglius. Ventura. Brunus. Gratia. Ristorus. Ven - tura d̅c̅s̅ Trexsa. Buonasera. Gratia. Ventura de Grocti. StephanusetJacobus. una cum magistroOrlando Bonactiet magistroBencivene Leucchi. qui duo non sunt de numero dictorum magistrorum in dicta opera s̅c̅e̅ Marie. simul convenerunt in ecclesia majori Sen. et in presentia mei notarii et testium subscrip - torum dicunt et consulunt fratriMelanooperario dicte opere s̅c̅e̅ Marie pro meliori ejusdem opere: quod ille volte, que ex novo facte sunt, propter illas scisuras que apparent in culmo dictarum vol - tarum dicte volte non sunt dissipande vel dejungende. Quia dicunt dicti magistri, quod alie volte, que fieri debent juxta illas pos - sunt ita bone conjunxi illis, quod de cepte̅to (sic) non apperientur ultra. nec dicte volte in quibus sunt ille scisure propter illas non de - ficient ullo modo.

Actum Seniscoram etc. etc.

Alſo zeigten ſich bereits im Jahre 1260. Riſſe in den Gewoͤlben, welche Bedenklichkeiten erregten und Berathungen veranlaßten. Wie ſehr indeß jene Meiſter ſich geirrt haben, welche dieſe Riſſe fuͤr unerheblich gehalten, zeigt ſich in einer ſpaͤteren und ernſtlicheren Berathung, welcher, wenn mein Ge - daͤchtniß mich nicht taͤuſcht, eine andere vorangegangen, deren Abſchrift ich verlegt habe.

2) Archiv. cit. Pergamene. No. 667.

In nomine Domini Amen. NosLaurentius ma - gistri Mataniet Nicchola Nuti de Senis. Cinus Fran -II. 9130cisci. Tone JohannisetVannes Cionis de Florentiamagistri provisores et consiliarii electi et adsumpti ab hoperario operis s̅c̅e̅ Marie majoris Sen. Ecclesie et consiliariis operis prelibati de conscientia et voluntate dominorum novem Gubernatorum et defensorum comu - nis et populi civitatis Senarum. Super factis et ne - gotiis novi operis jam incepti ecclesie s̅c̅e̅ Ma - rie prefate ex parte graduum*)Ueberſetze: laͤngs des ſteilen Abhanges, welcher ſchon da - mals durch Treppen zugaͤnglich gemacht war. Daß nicht vom Hoſpitale della scala die Rede, zeigt ſich unten. ecclesie me - morate. Visis equidem omnibus et hiis diligenter inspectis, que in dicto novo opere continentur et que nostro Judicio consequentur ex eo. Et habita super hiis inter nos deliberatione solenpni. XPI. no - mine invocato. de nostra comuni concordia nostroque juramento prius prestito. In hiis scriptis consulimus videlicet:

In primis consulendo dicimus, quod nobis videtur et patet, quod fundamenta novi operis, que fiunt ad presens, ad augmentum majoris ecclesie antedicte, non sunt sufficientia, eo quod jam incipiunt vallare in aliqua parte sui.

Item videtur nobis, quod more**)mora, Pfeiler. predicti novi operis, sufficientes non sunt, quia non sunt tante gros - situdinis, quod sufficientes sint ad substentandum pon - dus et ire ad tantam altitudinem, quantum opus novum predictum requirit et postulat, eo quod more fac - ciate anterioris dicte ecclesie versus hospi -131 tale sce Marie de Senissunt grossiores mo - ris novi operis memorati. *)Den ſieneſiſchen Forſchern, welche auf dieſes oder andere den neuen, unvollendet gelaſſenen Dom bezuͤgliche Documente ge - achtet haben, iſt es ſtets undeutlich geblieben, wo darin von dem alten, wo von dem neuen Bau die Rede ſey. An dieſer Stelle wird der neue, dem alten ſo entſchieden entgegengeſetzt, daß kein Zweifel ſtatt finden kann.Et dictum novum opus esse debet majoris altitudinis veteri, ydeo ejus more novi operis predicti esse debent majoris grossitu - dinis, majorisque roboris et laboris, quam more vete - ris operis antedicti.

Item nobis videtur et patet, quod fundamenta nova non conveniant cum veteribus, et adjungendo opus no - vum cum veteri, in pilando**)pilare, abſtuͤtzen. obstendent aliquam no - vitatem, cum fundamenta veteris operis jam sint ra - sisa***)Aus dem vulgaren rassettare, ſich ſetzen (von Grundlagen.)., et novi operis fundamenta rasisa non erunt.

Item nobis videtur, quod super dicto opere non procedatur, cum sit necesse dissipare de opere domus veteris a medietate metis†)metis, Kuppel. supra versus opus in - ceptum jam novum.

Item nobis videtur et patet quod in dicto opere non procedatur, quia volendo dissipare opus vetus causa conjungendi cum dicto novo opere, fieri non posset absque magno periculo voltarum veterum.

Item nobis videtur quod in dicto opere non pro - cedatur, quia metis predicte Ecclesiae finito novo opere9 *132non remaneret in medio crucis ut rationabiliter rema - nere deberet.

Item videtur nobis, quod in dicto opere non pro - cedatur ulterius. Quia, postquam opus foret comple - tum non haberet mensuram ecclesie, in longitudine, amplitudine et in altitudine ut jura Ecclesie postulant.

Item nobis videtur, quod in opere non procedatur de Jnceps, cum vetus ecclesia sit adeo bene propor - tionata et ita bene simul conferant partes sue in am - plitudine, longitudine et altitudine, quod si in aliqua parte aliquid jungeretur, oporteret invite, ut dicta ec - clesia destrueretur in totum. Volendo eam reducere rationabiliter ad rectam mensuram ecclesie.

Latum datum et pronuptiatum fuit supradictum con - silium per supradictos magistros in hiis scriptis. seden - tes in palatio dicti comunis Sen. in sala ubi consilia campane comunis Senensisfiunt. Cui palatio etc. etc. Sub anno domini Millesimo Trecentesimo vigesimo primo. *)1322. der allg. Zeitrechnung. Das ſieneſiſche Jahr ſchloß im Maͤrz.Jndictione Quinta, die decimo septimo men - sis februarii. coram etc. etc.

Ego Salvi filius olim Cennis notarius etc. etc.

3) Archiv. cit. Perg. No. 671.

In nomine domini amen. NosLaurentius Magi - stri Mataniet Nichola Nuti de Senis. Cinus Francisci Tone Johannis, etVannes Cionis de Florentiama - gistri provisores et consiliarii electi et assunpti ab ope - rario operis s̅c̅e̅ Marie majoris ecclesie et consiliariis,133 prelibati, de conscientia et volentate dominorum novem gubernatorum et Defensorum comunis et populi civi - tatis Senarum. super factis et negotiis novi ope - ris jam incepti ecclesie memorate. Visis equi - dem omnibus et hiis diligenter inspectis que in dicto novo opere continentur et que nostro judicio con - sequentur ex eo. Et habita super hiis inter nos deli - beratione solenpni XP̅I nomine invocato de nostra comuni concordia nostroque juramento prius prestito, et dato super puntis defectionis dicti operis consilio nostro. ut constat de dicto consilio manu mei notarii infrascripti. Nunc vero super hedifi - cando novam ecclesiam in hiis scriptis consilium tale damus. videlicet. quod consulimus. ut ad honorem dei et beate marie virginis matris sue sanctissime. que semper fuit est eritque in futurum capud hujus civita - tis Senarum. Incipiatur et fiat una ecclesia pul - cra magnia et magnifica. que sitbene propor - tionata in longitudine altitudine et amplitu - dine et in omnibus mensuris que ad pulcram ecclesiam pertinent etc. etc.

Latum datum et pronuptiatum fuit dictum consi - lium per dictos magistros sedentes in palatio comunis SenarumUbi fiunt consilia campane dicti comunis. sub anno Millesimo CCC.XXI. (1322.) Indictione V. die XVII. Febr. coram etc.

Ego Salvi fil. olim Cennis etc. etc.

Aus dieſen bisher uͤberſehenen, oder doch mißdeuteten Documenten erhellt, daß man lange vor den Verheerungen der Peſt des Jahres 1338. auf Schwierigkeiten geſtoßen war, de -134 ren Beſeitigung außerhalb des Moͤglichen lag. Grundlagen, welche gewichen waren; Pfeiler, welche ihrer Laſt nicht zu ge - nuͤgen ſchienen; Unvereinbarkeit des neuen mit dem alten Ge - baͤude, welches letzte zu ſchoͤn und wohlgeordnet war, als daß man ſo leicht ſich entſchließen koͤnnen, daſſelbe dem neuen, be - reits ſchadhaften aufzuopfern. Dieſe und andere Gruͤnde, de - ren Wiederholung muͤſſig waͤre, fuͤhrten alſo den Entſchuß her - bey, den neuen Bau ganz aufzugeben. Die Meiſter, welche befragt worden, wuͤnſchten, wie es aus der zweiten Urkunde hervorleuchtet, einen ganz neuen Bau; doch begnuͤgte man ſich in der Folge, die alte Kirche zu erweitern. Der Entwurf zu dieſer Erweiterung der alten Kirche, welche wirklich zu Stande gekommen, ward im Jahre 1339. im großen Rathe zur Sprache gebracht und, wie nachſtehender Auszug zeigt, deſſen Ausfuͤh - rung durch Mehrheit der Stimmen beſchloſſen. Doch wird in der Propoſition, welche dem Beſchluſſe vorangeht, zur Bedin - gung gemacht, daß man das neue ſchon angefangene Werk demungeachtet fortſetzen ſolle, ein Ausdruck, welcher nach der Verbindung und nach dem Vorgang der fruͤher an - gezogenen Urkunden nur auf jenen Bau zu beziehen iſt, der uns bisher beſchaͤftigt hat. Dieſen ganz aufzugeben veran - laßte vermuthlich der Einſturz einiger ſchon aufgerichteten Theile, welcher ſpaͤter erfolgt ſeyn mag. Wiewohl ich nicht aufgefun - den, wann dieſes Ungluͤck eingetreten ſey, ſo entdeckte ich doch eine ſpaͤtere Erwaͤhnung deſſelben: Archiv. dell opera del Duomo di Siena. Libro. E. No. 5. Delib. fo. 119. (durch Verſehen des Schreibers 179.) Die XXVI. Junii 1452. Per simil modo deliberaro che l’operaio predetto faccia passata la festa di s̅c̅a̅ Maria d’agosto sgombrare il Duomo vecchio overo il Duomo caduto135 d’ogni disutile ingombrime, sichè volendo adoperare quello luogo per predicare si possa.

4) Genehmigung eines Planes, die alte Domkirche zu erweitern. Archivio delle Riformagioni di Siena. Con - silia campanae. To. CXXV. anno. 1339. fo. 18. XXIIIo. mensis Augusti.

Convocato et congregato generali consilio cam - pane communis et populi et quinquaginta per terze - rium etc. etc. Idem dominus potestas etc. propo - suit in dicto consilio et a consiliariis dicti consilii utile predicto communi consilium sibi petiit exhiberi.

Quod cum per operarium et consiliarios operis s̅c̅e̅ Marie, quod fit et fieri intenditur in majori Sen. ec - clesia que de novo*)Es iſt hier, wie aus dem folgenden erhellt, von einer da - mals neu unternommenen Anlage die Rede, welche dem opus no - vum jam inceptum (ſ. unten) entgegengeſetzt wird, an dem man ungeachtet des von neuem zu beginnenden noch vor der Hand fortzuarbeiten beſchließt. augeri et magnificari intendi - tur. et etiam per magistros dicti operis et alios etiam magistros doctos et expertos in operibus muramentorum ecclesiarum. volentes ad magnificationes pulcras utilem et proportionalem (modum?) dicte majoris ecclesie sub - tiliter et utiliter providere, adinvecti sint certi modi et ordines magne pulcritudinis et utilitatis et commodi - tatis pro dicto opere videlicet: quod navis dicte eccle - sie de novo fiat, et extendatur longitudo dicte navis per planum s̅c̅e̅ Marie versus plateam Manettorum seu plateam que Manettorum dicitur136 sicut et quomodo designatum est per dictos magistros et etiam scriptum apparet seu apparere debet per ma - num scriptoris operis prenotati. Dummodo in opere novo dicte ecclesie jam incepto nichilominus sollicite et continue procedatur, tantum quan - tum et prout requiritur ad proportionem operis dicte navis. qui modi et ordines relati diligenter et fideliter fuerunt per dictos operarium et consiliarios ejus coram offitio dominorum novem. Et ipsi domiui novem vo - lentes quod secundum beneplacitum bonorum et sapien - tum civium Senensiumexaminarentur et exanimati fir - marentur pro bonis et utilibus pro opere prelibato. propterea multorum sapientum civium Senensiumcon - silium semel et pluries tenuerant. in quorum quolibet consiliorum per ipsos sapientes cives dicti modi et or - dines commendati multum fuerint et subsequenter in magna concordia firmati et approbati. Et firmatum et stabilitum fuerit in ultimo consilio die heri habito et detento per ipsos dominos novem. Quod predicti modi et ordines adinvecti ad generale consilium campane comunis et populi Sen. adducerentur et super ipsis firmandis fieret solenpnis proposita. Si igitur dicto presenti consilio videtur et placet omni auctoritate po - testate et balia jure et modo quibus magis etc. etc. providere ordinare etc. quod ad honorem et reveren - tiam omnipotentis dei et beatissime Matris ejus Marie semper virginis gloriose et ad honorem et augmentum comunis et populi Senen.in opere dicte navis et pre - dictis omnibus et singulis procedatur et ad perfectionem deducatur per presentem operarium et etiam futuros137 operarios operis supradicti secundum quod superius est narratum. In nomine Domini dicant et consulant.

Eod. To. fo. 19.

Summa et concordia dicti consilii super dictis con - tentis in dicto primo articulo fuit voluit et firmavit se cum dicto et consilio et secundum dictum et consilium dicti consultoris*)Der, consultor, raͤth, den Bau unverzuͤglich vorzunehmen. hoc modo, videlicet quod facto su - per eis inter consiliarios diligenti partito et scruptinio ad bussolos et palloctas secundum formam statuti Sen. per consiliarios in dicto consilio existentes et se cum dicto et consilio dicti consultoris ad eadem se concor - dantes, misse fuerunt in bussolum album del si et eodem bussolo reperte CCXII. pallocte. Et per consi - liarios se ab eisdem discordantes misse fuerunt in bus - solum nigrum del non et in eodem reperte CXXXII. pallocte in contrarium predictorum. Et sic fuit et est super eis obtentum, firmatum et reformatum secundum formam statuti Sen. ut supra plenius continetur et patet.

Von dieſem Beſchluſſe beſaß Vaſari**)Vita d’ Agostinoe d’ Agnoloetc. p. 137. Essendo poi tornati a Sienal’anno 1338. fu fatta con ordine e disegno loro la chiesa nuova di sta Maria appresso al duomo vecchio verso la piazza Mannetti: Aus den uͤbrigens ganz unverſtandenen Umſtaͤnden dieſer Angabe erhellt eine mittelbare Bekanntſchaft mit den oben mitgetheilten und der nachfolgenden Urkunde.eine unbeſtimmte Kunde, welche er wahrſcheinlich irgend einem ſieneſiſchen Alter - thumsforſcher verdankte, der, wie es in den aͤlteren Zeiten haͤufig geſchehen, einzelne Urkunden ausgezogen, ohne ihren138 Sinn zu ermitteln und nach anderen, ſie erlaͤuternden Nach - richten ſich umzuſehn. Die bloße Verlaͤngerung des Schiffes der alten Kirche geſtaltete ſich ihm zu einem ganz neuen Ge - baͤude; was eine dritte Domkirche abgeben wuͤrde, da durch eine ſeltene Zufaͤlligkeit bereits neben dem alten Dome ein halbvollendeter neuer vorhanden war. Sein Berichtgeber ward hoͤchſt wahrſcheinlich durch das zweyte Actenſtuͤck (No. 671.) irre geleitet, wo der Rath ertheilt wird, eine ganz neue Kirche zu erbauen, welcher nie in Ausfuͤhrung gekommen. Eben ſo wenig hatte derſelbe ein anderes Document gehoͤrig ins Auge gefaßt, die Beſtallung desJohannes, eines Sohnes des Au - guſtinus von Siena, zum Werkmeiſter jener neuen Bauunter - nehmung. Denn er verleitete den Vaſari, den Entwurf dieſes neueſten Baues dem Agoſtinound Agnolobeyzulegen; indeß war esJohannes, Sohn Auguſtins, welcher als Werkmeiſter in den Dienſt der Domverwaltung eintrat, nachdem es nicht gelungen war, den MeiſterLandodurch eine Beſoldung von zweyhundert Pfund Pfennigen fuͤr dieſe Stelle zu gewinnen, und uͤberhaupt in Sienazu feſſeln. *)Arch. delle riformag. di Siena. Consil. campanae. T. CXXV. anno 1339. die veneris tertia mensis Decenbr. Quod cum no - torium sit et certum in civitate Senarum, quod providus vir magi - sterLandusaurifex est homo legalissimus et non solum in arte sua predicta sed in multis aliis est homo magnae subtilitatis et ad invenctionis etc. etc. Et ipse magisterLandusmoram sue habita - tionis contrahat ad presens in civitate Neapolitanaetc. etc. Indeß ſtellte er ſich nicht ein, da ihm das beſchloſſene Jahrgehalt von 200 libr. nicht bezahlt undJohannesetwas ſpaͤter an ſeiner Stelle in Sold genommen ward.Uebrigens iſt nicht wohl auszumachen, wie viel oder wenig in dieſer letzten An - lage der Erfindung des MeiſtersJohannes Auguſtinigehoͤre. 139Denn es erhellt aus den bereits angefuͤhrten, und anderen noch mitzutheilenden Acten und Urkunden, daß die Verwaltun - gen der italieniſchen Domgebaͤude ſelten einem einzelnen Mei - ſter ſich unbedingt hingegeben und im Fortgang des Baues jeden Theil von neuem der Berathung und Abaͤnderung unter - worfen haben. Hier iſt das Weſentliche aus ſeiner Be - ſtallung.

Archiv. dell op. del Duomo di Siena, Pergamene. No. 757.

Anno domini Millesimo Trecentesimo trigesimo nono (1340.) Indictione octava. die vigesimo tertio men - sis Martii. Ego magisterJohannesfilius ma - gistri Augustinicivis Senensisfaciens hec om - nia in presentia et de voluntate et cum consilio con - sensu et ex autoritate predicti mei patris presentis et consentientis. Loco et concedo tibiBindoccioquondam Latini de Russis de Senisoperario operis majoris ecclesie sancte Marie de Senisconducenti et recipienti vice et nomine dicti operis et per te et tuos in predicto offitio et opere sucessores et in presentia de voluntate deliberatione consilio et consensu tuorum et dicti operis consilii et consiliariorum videlicet Naddi domini Stricche etc. etc. me et personam meam et opera mea in capud magistrum et pro capite magistro omnium magistrorum et totius predicti operis sancte Marie de Sen. a kalendis Aprelis pro - xime venturis ad quinque annos proxime comprehendos pro salario et feudo et mercede cujuslibet annorum predictorum Centum quinquaginta Librarum de - nariorum Senensium. michi solvendo per te et tuos140 in predicto offitio successores et de pecunia dicti ope - ris quolibet mense predicti temporis et in fine cujusque mensis dicti temporis etc. etc. etc. Item si quo casu eveniret infra predictum tempus me absentare ab opere et laborerio supradicto seu obmittere et praeterire per aliquid tempus infra quinquennium supradictum non adesse seu non superesse dicto operi et laborerio ope - ris supradicti et perdere mei defectu vel causa aliquod tempus seu spatium temporis. Quod de tali et pro tali tempore et spatio sic obmisso preterito vel perdito per te et successores tuos in dicto offitio dematur et excomputetur de meo salario et feudo supradicto tan - tum quantum pro rata et secundum ratam tetigerit tem - poris et spatii supradicti obmissi etc. Actum Senisin domo operis s̅c̅e̅ Marie etc. etc. EgoFranciscus notarius vocatus Cecchusfil. olim Ture de Senis etc.

Viele Kuͤnſtler hatten bis dahin an den Arbeiten Theil genommen, welche der nunmehr aufgegebene Bau des neuen Domes ſeinerzeit herbeyfuͤhrte. Vaſari*)Vita di Nic. Pis.p. 100. Si trovò Niccolaalla prima fon - dazione del Duomo di Sienae disegnò il tempio di S. Giovanni nella medesima città. Letzteres iſt ganz falſch, das erſte zu be - richtigen; da der alte Dom damals ſchon laͤngſt vorhanden war, ſo kann hier nur von dem neuen die Rede ſeyn.laͤßt den Nicolasvon Piſaſeiner Gruͤndung beywohnen; es fehlt gegenwaͤrtig an Beweiſen fuͤr oder wider dieſe ganz unerhebliche Thatſache. Ferner meldet er, daß Johannes von Piſa, der Sohn des er -141 ſten, die Vorſeite des Domes gezeichnet habe*)Daſ. p. 103. ma giunto a Sienasenza essere lasciato passare più oltre, gli fu fatto fare il modello della facciata del Duomo di quella città e poi con esso fatta la detta facciata ricca e magnifica molto. Hier ward vielleicht der SieneſerJohannes Auguſtinider obigen Urkunde mit dem Joh. von Piſaverwechſelt.. Vaſarihatte hier die neue Façade des alten Domes im Sinne, welche, wie wir aus obigen Urkunden wiſſen, erſt in dem Jahre 1340. unternommen worden. An dieſer neueſten Verſchoͤnerung hatte Johannes von Piſa, der damals laͤngſt geſtorben war, gewiß nicht den geringſten Antheil. Hingegen moͤchte er in dem vor - angegangenen neuen Bau einige der ſchoͤnen Verzierungen an der Einfaſſung des großen Fenſters gezeichnet, andere vielleicht ſelbſt gemeißelt haben. Denn gewiß erwarb er ſich auf irgend eine Weiſe bey den Sieneſern Verdienſt und Achtung, wie fol - gendes Ehrendecret bezeugt.

Archiv. delle riform. di Siena.

Statuta Sen. To. III. de anno 1284. Distributio IV. fo. 183.

De immunitate Magistri Johannisquondam ma - gistri Nichole.

Item statuerunt et ordinaverunt, quod magister Jo - hannesfilius quondam magistri Nicchole, qui fuit de civitate Pisana, pro cive et tanquam civis Senen - sishabeatur et defendatur. Et toto tempore vite sue sit immunis ab omnibus et singulis honeribus comunis Senensisseu Datiis et collectis et exactionibus et fa - ctionibus et exercitibus faciendis et aliis quibuscunque.

Dieſes Decret findet ſich auch To. VII. (1299.) und in anderen Theilen, oder Redactionen der ſieneſiſchen Geſetze und Verordnungen.

142

Zu Gunſten eines Anderen, ſonſt unbekannten Bildners, des MeiſterRamus, ward die Verbannung, welche ihn fruͤher betroffen, zuruͤckgenommen, damit er ungehindert fuͤr die Dom - verwaltung arbeiten koͤnne. Die Propoſition dieſes Decretes war bisher nur durch fehlerhafte Auszuͤge bekannt, weßhalb ich dieſelbe, da ſie zudem als ein Beweis der Ruͤckſicht, welche man damals dem Talent gewaͤhrte, nicht ſo ganz unwichtig iſt, an dieſer Stelle in ihrer ganzen Ausdehnung einruͤcken will.

Archiv. delle Rif. di Siena. To. XXV. T. fo. 30. a. t. 1281. die XXa. Novembris.

*)In der Beſchreibung des Domes und in andern topogr. Werken wird dieſer Anfang auf folgende Weiſe angefuͤhrt: MagisterRamusquondamPaganelli, qui fuit civis Senensismodo venit de ultra montes et est etc. ete. So wenig iſt ſolchen Anfuͤhrungen zu trauen. Vielleicht verſetzte man die Worte, um den fremden Urſprung dieſer Kuͤnſtlerfamilie zu verhuͤllen.Item cum magisterRamusfilius paga - nelli de partibus ultramontanis qui olim fuit civis Senensis. venerit nunc ad civitatem Sen. pro ser - viendo operi beate Marie de Senisex eo quod est de bonis Intalliatoribus et sculptoribus subtilioribus de mundo qui inveniri possit. et ad dictum servitium mo - rari non potest. eo quod invenitur exbannitus et con - denpnatus per contumaciam occasione quod debuit ja - cere cum quadam muliere eo existente extra civitatem Senarum. si videtur vobis conveniens quod debeat re - banniri et absolvi de banno et condenpnatione suis ad hoc ut possit libere et secure servire dicto operi ad laudem et honorem Dei et b. Marie V. In Dei no - mine consulate.

143

fo. 31. a tergo Consilium est in concordia scil. quod dictus MagisterRamusrebanniatur et ab - solvatur etc. etc.

Dieſe Urkunden rufen mir die italieniſchen Bildner jener Zeit ins Gedaͤchtniß, deren Geſchichte, ungeachtet ſo viel aͤlte - rer und eines neueren ſehr anſpruchvollen Werkes, noch immer im Einzelnen, wie im Allgemeinen viele Irrthuͤmer und Dun - kelheiten enthaͤlt, denen, bey einem fortgeſetzten und verbreite - ten Quellenſtudio doch endlich muͤßte beyzukommen ſeyn.

Der Vater jenes ausgezeichneten, ſonſt unbekannten Bild - nersRamowar, wie obiger Auszug meldet, von jenſeits der Berge*)Arch. della gen. Biccherna di SienaTo. 16. ann. 1258. (1259.) fo. 15. a. t. Item magistroRodolfo Tedeschipro se et buon insegnaNicholeejus socio etc. Sein Vater mochte ſchlechthin, ilTedescogenannt worden ſeyn. Dieſer Meiſter er - haͤlt III Libr. fuͤr Steinmetzenarbeit. gekommen und wahrſcheinlich ebenfalls ein Bildner und Baumeiſter geweſen. Auch an anderen Stellen ſtieß ich, ohne zu ſuchen, auf die Spur deutſcher Bildner, welche im dreyzehnten und vierzehnten Jahrhunderte, eben als man uͤber - all in Italienin der Baukunſt und Bildnerey dem deutſchen Geſchmacke nachahmte, in ItalienAnſtellung und Beſchaͤfti - gung gefunden**)Archivio dell op. del Duomo di Firenze, Libro inscritto: Memoriale delle masserizie ed d’altre chose dell opera. fo. 2. (1388.) wird: lo tomaso de la magna unter den Steinmetzen und anderen Arbeitern aufgefuͤhrt, welche in ged. Jahre beym Dombau angeſtellt worden, und fo. 64. erhaͤlt er eine tavoletta bezahlt, ſcheint daher ein Bildſchnitzer zu ſeyn. Arch. cit. Libro: Q di Cassa 1406. a. c. 18 a. t. MaestroNicholo Tedescho. Zu Sienafand ich in einem Fragment des Archives der Co. di s. Onofrio (jetzt in den riforma - gioni): (1411.) a maestro arigo tedesco a di 5. di marzo fiorini sette . Dieſer deutſche Geſchmack war ſogar in144 die Schule des Nicolas von Piſaeingedrungen, welcher in ſei - nen fruͤheren Werken, beſonders in der Kanzel der Taufkirche zu Piſa, von ſpaͤt roͤmiſchen Vorbildern ausgegangen war, und das Starre der Geſichtsbildungen, das Ausgeladene und Ueber - ladene in der Anordnung halberhobener Arbeiten aus jenen mit bekanntem Erfolge nachgeahmt hatte. Gewiß zeigt ſich in ſeiner anderen, ſpaͤter begonnenen Kanzel im Dome zu Siena, neben ſparſam eingeſtreuten deutſchen, oder, wie man ſagt, gothiſchen Verzierungen, manche, obwohl gemilderte Eigen - thuͤmlichkeit des deutſchen Relief und Gewandſtyles, aber auchun -**)Ueberſchrift: a le spese de l’aco di s. Onofrio. Es galt wohl eine gothiſche Thurm -, oder Giebelſpitze. Hierauf bezuͤgliche allgemei - nere Traditionen, wie ſelbſt vereinzelte Namen erſcheinen in den Eingaͤngen und fruͤheren Lebensbeſchreibungen des Vaſari; auch ge - hoͤrt dahin jener Coͤllniſche Bildhauer bei Ghiberti, welcher ſeit Ci - cognara haͤufig beſprochen wird. Unter den italieniſchen Bildnereyen in deutſchem Geſchmacke giebt es verſchiedene, in denen der Aufdruck deutſchen Geiſtes, deut - ſcher Manier und Formengebung ſo auffallend iſt, daß ich nicht um - hin kann, ſie fuͤr die Arbeit eines Deutſchen zu halten, welcher, gleich den genannten, ſich in Italienniedergelaſſen, oder doch als fahren - der Geſelle in dieſem Lande gearbeitet hat. Dahin gehoͤren zwey hoͤchſt aͤhnliche Madonnenbilder von Marmorſtucko, das eine und ſchoͤnere in der Kloſterkirche zu Grottaferrata, in dem Bezirke von Rom, das andere in einer der Tribunen der Kirche ſan Pietro in Gradoin der Naͤhe von Piſa. Aus demſelben Materiale beſteht eine verwandte, obwohl geringere Darſtellung deſſelben Gegenſtan - des zur Linken des vergitterten Einganges zum Chore des Domes von Luͤbeck, einer Stadt, deren damaliger Flor geſtattete, auch aus weiter Ferne Kuͤnſtler anzuziehn. Schoͤne, in Helfenbein ausge - fuͤhrte Nachbildungen jener italieniſchen Madonnen, ſah ich im Jahre 1820. in der Kunſthandlung des Juweliers,H. Beccheroni, am Domplatze zu Florenz.145ungleich mehr Leben und Charakter in den Koͤpfen und in der Bewegung und Haltung der Geſtalten. Dieſe Abweichungen ſind vielleicht, weniger dem Meiſter ſelbſt, als deſſen beruͤhm - teſtem und geſuchteſtem Geſellen, dem Arnolfo di Cambiobey - zumeſſen. Wie nachſtehende Urkunden zeigen, legte die ſieneſi - ſche Domverwaltung ein großes Gewicht auf ſeine perſoͤnliche Anweſenheit und Theilnahme an der Arbeit.

1. Archivio dell opera del Duomo di Siena. Per - gamene, No. 287*)Das beyliegende Duplicat hat No. 288. Della Valle, (let - tere Senesi, T. I. Ven.1782. p. 179. f.) deſſen Abſchrift urſpruͤng - lich nach dieſem letzten gemacht worden, citirt die gegenwaͤrtig un - anwendbare Numer 56..

In nomine domini nostri Jesu Christi, dei eterni, amen. Anno ab incarnatione ejus Millesimo ducente - simo sexagesimo sexto. Indictione non a. tertio Kalendas Octubris secundum cursum Pisanorum. Ex hujus pu - blici instrumenti clareat lectione, quod Nicholus**)Aus dem italieniſchen, Niccolò, in die naͤchſtverwandte la - teiniſche Endung uͤbertragen. In den folgenden Verhandlungen ſteht uͤberall, Nicholas. , magister lapidum, de parochia ecclesie sci Blasii de ponte, olim Petri, convenit et promisit fratriMelanode ordine Cisterciensi, operario opere s̅c̅e̅ Marie, majoris ecclesie Senensis, agenti et stipulanti et recipienti opera - riatus nomine pro ipsa opera predicte ecclesie p. stip̅.***)personaliter stipulanti., quod hinc ad kalendas novembris proximi venturi dabit ipsi fratriMelanopro scripta opera scripte ecclesie s̅c̅e̅ Marie majoris de Senis, vel ejus certo misso pro ipsaII. 10146opera, sive ejus successori, aut cui ipse praeceperit, Pi - sis, suis ipsius Magistri Nicholiexpensis, infrascriptos Lapides de Marmore de Carrara. Videlicet: colun - pnellos undecim, scilicet quinque ex eis longos palmis septem et medio, et reliquos sex, palmis quinque et di - gitis tribus, fornitos desuper de*)Aus der lingua volgare; forniti di capitelli. capitellis. Et pe - tras septem ab archettis octo, cum aliis octo lapidibus necessariis inter ipsos archettos. Et tabulas septem lapidum. Et colunpnellos sedecim de marmo**)Wie vorhin.. Et alios lapides necessarios pro faciendo et forniendo unum pergamum***) Della Valle, vielmehr die Abſchrift, deren er ſich bediente, lieſet hier, pervium, und ſo fort durch alle Caſus, in denen das Wort vorkommt. Der Abſchreiber hatte die Abbreviaturen der Ur - kunde: pmum, pmi, pmo, falſch geleſen, weil das m, der neugothiſchen Schrift faſt eben ſo ausſieht, als das ui. Indeß kann hier kein Zweifel obwalten. Eine Kanzel hieß damals, wie noch immer, uͤberall in Italien, pergamo, in den lateiniſchen Urkunden, per - gamum. de marmo in scripta ecclesia s̅c̅e̅ Marie, exceptis fundo ipsius pergami faciendi et leonibus et pedestallibus scriptorum pri - morum undecim colunpnellorum. Et etiam ex - ceptis lapidibus necessariis pro scala ipsi pergamo, quod pergamum sit et esse debeat amplum de intus bra - chiis quatuor ad brachium canne pisane, nisi juxto et inevitabili dei et maris remanserit impedimento, quo transacto, quam citius poterit, recuperabit, pro pretio librarum sexaginta quinque denariorum Pisa -147 norum minoris monetae, de quibus predictus ma - gister Nicholushabuit fidem ipsi fratriMelanopro scripta opera ad infrascriptos terminos; videlicet de me - dietate ex eis hinc ad pasca nativitatis Domini nostri Jesu Christiproximum. Et de reliqua medietate hinc ad kalendas martii proximi. Insuper predictus magi - ster Nicholusconvenit et providit scripto fratriMelanoagenti et stipulanti et recipienti pro scripta opera s̅c̅e̅ Marie p. sti̅p̅., quod in scriptis kalendis Martii proxime venturi ibit Senasad standum pro scriptis lapidibus aptandis et ipso pergamo faciendo. Et quod ab ipsis kalendis martii proxime venturi in antea annuatim sta - bit et morabitur Senispro predictis lapidibus aptandis et pergamo faciendo donec fuerit conpletum. Et se ab ipso opere faciendo de Senisnon separabit donec ip - sum opus fuerit expletum sine parabola et voluntate ip - sius fratris Melani operarii. Salvo quod annuatim idem Magister Nicholuspro factis opere ecclesie s̅c̅e̅ Marie majoris Pi̅s̅. et opere sc̅i̅ Johannis bap - tiste de Pisiset etiam pro suis ipsius Magistri Ni - cholifactis propriis, non capiendo aliud opus ad fa - ciendum, Pisisredire et venire possit usque in quatuor vicibus, stando et morando diebus quindecim tantum pro qualibet vice, qua de Senis Pisisrediret, ut dictum est, predictis de causis, ut dictum est. non computatis diebus eundi et redeundi in ipsis quindecim diebus. Et etiam, quod in predictis kalendis martii proxime ven - turi pro suis discipulis*)Ueberſetze, nicht Lehrling, ſondern Geſelle. Weiterhin ſteht: famuli. secum ducet Senas10 *148 ArnolfumetLapumsuos discipulos, quos se - cum pro infrascriptis salariis, ut infrascribi - tur, tenebit usque ad conplementum scripti pergami. Si tantus fuerit terminus, quo cum eo mo - rari et stare tenentur ipsi et quisque eorum. Et hec omnia scripta et singula scriptorum, ut dicta sunt, fa - ciet et observabit sine briga et molestia et reclamatione curie. Si vero ut dictum est, non observaverit, aut si contra predicta vel aliquod eorum fecerit, vel factum fuerit, penam librarum Centum denariorum Pisan. mi - noris monete, et omnes expensas curie et advocatorum alias, quomodo fierent, ei pro stipulatione conponere et et dare promisit. et, pena soluta, contentus in suo ro - bore et vigore consistat. Obligando se suosque here - des et bona sua ei pro scripta opera et ipsi opere scripte ecclesie sce Marie majoris de Senis, suisque successoribus. Et renuntiando omni juri et legibus et constitutionibus et auxiliis et defensionibus, unde se a scripta pena, vel ab aliquo scriptorum tueri vel juvare aut liberare posset. Et quod possit ipsum pro predi - ctis et singulis convenire ubique coram quocunque vel quibuscunque Judice vel Judicibus, ecclesiasticis vel se - cularibus voluerit. Quapropter predictus fraterMela - nusoperarius scripte opere scripte ecclesie s̅c̅e̅ Marie majoris de Senisoperariatus nomine pro scripta opera scripte ecclesie, et etiam ex bailia et potestate, quam dicit se habere a consilio et communi Senarumde hiis omnibus et singulis promittendis et faciendis, convenit et promisit scripto magistro Nicholop. sti̅p̅., quod scri - ptas libras sexaginta quinque denariorum Pisanorum pro149 pretio scriptorum colunpnellorum et tabularum et alia - rum scriptarum petrarum dabit et solvet, vel dari et solvi faciet ipsi magistro Nicholo, vel ejus he - redi, aut suo certo misso pro eo, sive cui ipse preceperit, hinc ad scriptos terminos, videlicet, me - dietatem ex eis hinc ad scriptum pasca nativitatis proximum. Et reliquam medietatem, hinc ad scri - ptas Kalendas Martii proximi, Pisis, in denariis Pisanis. Et convenit et promisit ei p. st̅i̅p̅., quod a scriptis ka - lendis martii proxime venturi in antea ipsum Magi - strum Nicholumcum scriptis duobus suis fa - mulis et etiam uno altro famulo pro predictis operibus faciendis tenebit et stare et morari permictet in civitate senarum, quousque di - ctum pergamum conpletum fuerit. Et quod da - bit et solvet, vel dari et solvi faciet ipsi Nicholoma - gistro pro suo salario et mercede sui laboris pro sin - gulo die, quo ibi in ipso opere laborabit et faciet la - borari. solidos octo denariorum pisanorum*)Im, Archivio della Biccherna, (Abtheilung der Riforma - gioni zu Siena), Claſſe B. No. 20. Jahr 1261. Julius bis Januar lieſ’t man p. 29. sec.:Nach dieſem Maßſtabe iſt das ſtipulirte Taglohn des Meiſters und ſeiner Geſellen nicht ſo unerheblich.. Et pro scriptis duobus suis discipulis pro eorum sa - lario et mercede solidos sex denariorum pro150 singulo die, quo in ipso opere laborabunt, in denariis Pisanis solvendos in fine cujusque mensis, si - cut ceperit ad rationem predictam. Et etiam hos - pitium et lectos pro se et scriptis discipulis tribus. Et etiam pro scripto tertio discipulo salarium sive pretium condecente*)Endung der vulgaͤren Sprache. pro singulo die, quo ibi laborabit. Salvo et intellecto in scripto contractu ex pacto modo inter ipsos contrahentes apposito, quod si idem magister Nicholusaliqua vice seu aliquibus vici - bus de voluntate scripti fratris Melani operarii ivit vel stetit pro factis predicti operis, vel aliis factis ipsius operis vel comunis Senarum. Idem operarius dabit, vel dari faciet ipsi magistro Nicholopro suo salario et mercede solidos octo denariorum pisanorum et expen - sas equorum et victum singulo die, quo sic iverit vel steterit. Et salvo et intellecto si Johannesfi - lius ipsius magistri Nicholivenerit et de vo - luntate ipsius magistri Nicholiin predicto opere laborare voluerit, quod ipsum ibi stare et laborare permictet et patietur. Et pro singulo die, quo in ipso opere laborabit, da - bit et solvet, vel dari et solvi faciet ipsi ma - gistro Nicholopro salario et mercede scripti laboris scripti sui filii solidos quatuor de - nariorum pisanorum m̅i̅n̅. Et quod aliquos alios magistros in dicto opere sine licentia et voluntate scripti magistri Nicholinon mictet, nec faciet laborare. nec aliquos magistros, qui in dicto opere laborabunt, sine151 licentia et voluntate ipsius magistri Nicholinon extra - het, vel faciet extrahi. Et quod eundem magistrum Nicholumet ejus discipulos liberabit et faciet liberari a communi Senarumdurante scripto opere ab omnibus servitiis realibus et personalibus. Et hec omnia scripta et singula scriptorum, qualiter dicta sunt, faciet et fieri faciet sine briga et molestia et reclamatione curie. Si vero, ut dictum, non observaverit, aut si contra pre - dicta vel aliquod eorum fecerit vel factum fuerit, penam scriptam librarum Centum denariorum et etiam penam dupli totius scripti pretii et salarii et omnes expensas curie et advocatorum et alias, quo modo fierent, ei pro stipulatione componere et dare promisit. Et pena so - luta contentus in suo robore et vigore consistat. obli - gando se operariatus nomine pro scripta opera et ip - sam operam et bona scripte opere s̅c̅e̅ Marie majoris Senarumsuosque successores ipsi magistro Nicholoet ejus heredibus et renuntiando etc.

Et taliter me et Palmerium notarium de Senisquondam Johannis, qui similem cartam rogavit, h. scri - bere rogaverunt. Actum Pisis in ecclesia s̅c̅i̅ Johannis baptiste. Presentibus Rainaldo . paris operario opere ecclesie sce marie majoris P̅i̅s̅. et Bonajuncta operario scripte ecclesie s̅c̅i̅ Johannis. Et etiam presente scripto Palmerio notario de Senisquondam Johannis, qui si - milem cartam rogavit testibus ad hoc rogatis. etenim:

EgoJacobusfilius quondamAlberti de GabbianoDomini FredericiDei gratia Romanorum Imperatoris notarius predictis omnibus interfui et rogatus scripsi et firmavi et complevi.

152

2. Daſelbſt. No. 293.

In nomine domini nri Jesu Christianno ejusdem domini Millesimo CC. LXVII. Indictione VIII. die V. Idus Maji. Omnibus hanc publicam paginam inspectu - ris pateat evidenter, quod in presentia mei hugonis no - tarii et testium subcriptorum ad hec specialiter vocato - rum fraterMelanusconversus s̅c̅i̅ Galgani ordinis Ci - sterciensis operarius operis s̅c̅e̅ Marie de Senisrequisi - vit magistrum NicholamPieri de Apulia, quod ipse faceret et curaret ita, quod Arnolfus dis - cipulus suus statim veniret Senasad laboran - dum in dicto opere cum ipso magistro Nichola, sicut idem Magister Nicholaconvenit et promisit eidem fratriMelanooperario sub pena C. librarum denariorum, ut constat per instrumentum factum manuPalmeriino - tarii. Alioquin procederet contra dictum magistrum Ni - cholamad predictam penam.

Actum Senisin domo dicti operis coram hugolino quondamRodulfinotario, fratreBartholoconverso or - dinis Cisterciensis, GratiaGuidonisetVentura Raneriitestibus presentibus et rogatis.

EgoHugoquondam Marii notarius predicte requi - sitioni interfui eam rogatus scripsi et publicavi.

3. Daſ. No. 302. Die aͤußere Aufſchrift: carta del maestro Niccholoche fece el legio*)Ein ebenfalls gebraͤuchlicher Ausdruck fuͤr, pergamo, Kanzel..

Dieſer Pergamentſtreif enthaͤlt eine Reihe von Empfang - beſcheinigungen, aus welchen ich nur das Perſoͤnliche aushe - ben will.

153

1) In etc. anno ejusdem Millesimo CCLXVII. In - dicatione X. die XVII. kalendas Augusti.

Ego magister Nicholusolim petri lapidum de Pisispopuli s̅c̅i̅ Blasii confiteor etc. LXXVIIII. libras bonorum denariorum pisanorum parvorum pro pretio lapidum per - gami, quod fieri debet in ecclesia Senensiet IV. Leo - nonum et VII. basarum. Item confiteor tibi ha - buisse et recepisse XXV. libras bonorum denariorum Senensiumminutorum pro conpimento salarii Jo - hannisfilii mei etLapi Donatiet Arnolfimeo - rum discipulorum. Et a dictis Summis etc.

2) Anno d̅n̅i̅ Millesimo CC. LXXVII. Indictione XI. die VIII. kalendas novenbriarum. Ego magister Nicholusolimpetri lapidum de Pisispro me et filio meo Johannepromittens de rato pro eo confiteor tibi fratriMelanoetc. XLI. libras et XIII. solidos bonorum denariorum Senensiumpro pretio et salario meo et dicti Johannisfilii mei trium mensium proxime preteritorum, videlicet Julii etc.

3) Eodem anno et Indictione, die secundo mensis Novenbris. Ego magister Nicholusdictus pro me et filio meo etc. recepisse XVI. Libras et VIII. soli - dos pro salario mensis octubris etc.

4) Eodem anno et Indictione die XVI. kalendas Januarii. Ego magister Nicholus XVI. libr. et II. solidos pro preterito proxime mense novenbris.

5) Eodem anno et Indict. die IV. nonas Januarii. Ego magister Nicholuspro me et filio etc. XIV. libras et VIII. denarios de mense decembris proxime preteriti.

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6) Anno dni. Millesimo CCLXVIII. Indictione XI. die secundo nonas aprilis. Ego magister Nicholuspro me et filio meo dicto etc. L. libras et VIII. sol. et X. denarios senen. trium mensium preteritorum pro - ximorum.

7) Eod. anno et ind. die VIII. Idus junii. Ego magister Nicholusdictus pro me et filio meo XXVIII. libras XV. solidos et III. den. pro salario duorum mensium proxime preteritorum, videlicet Aprilis et Maji.

8) Anno Millesimo CCLXVIII. Indict. XII. die VIII. Idus Novembris. Ego magister Nicholus pro me et Johannefilio meo etLapoet Arnolfodiscipulis meis promittens habuisse LXXIV. libras et IV. denarios bonorum denariorum Senensiumminutorum pro pretio et salario meo et filii et discipulorum meorum, quos mihi et eis dare de - beas pro quatuor proximis preteritis mensibus videlicet Julio, Augusto, Septenbr. et Ottubr. etc.

Dieſe Beſcheinigung iſt die letzte noch vorhandene und beſchließt mit einer Formel, welche einer allgemeinen Quittung gleicht und errathen laͤßt, daß die Kanzel damals bereits be - endigt war. et ab omnibus aliis solutionibus, heißt es, provisionibus, pactis, conventionibus, et obligationibus, quibus michi vel eis tene - reris aliquo modo vel ab hodie retro libero et absolvo. et pactum, finem et generalem re - futationem tibi facio de ulterius non petendo tibi aut dicto operi aliquid inde sub pena etc.

Bemerken wir, daß jene Loͤwen, zwey und drey der mit -155 getheilten Folge von Urkunden, bey dem Kuͤnſtler fertig vor - handen ſeyn mußten; er verſpricht (No. 1.) ſie alſobald mit dem uͤbrigen rohen Materiale zu liefern, und beſcheinigt ſchon in ſeiner fruͤheſten Quittung den Empfang des dafuͤr ausbe - dungenen Preiſes von 78 Pfund. Das rohe Material koſtete (No. 1.) 65. alſo die vier Loͤwen und ſieben Baſen nur 13 Pfund. Dieſe unverhaͤltnißmaͤßige Wohlfeilheit erklaͤrt ſich eben nur aus der Art ihrer Beſchaffung. Der Gebrauch, Loͤwen unter den Kanzeln, wie beſonders unter dem Vordache der Kirchthore anzubringen, war dazumal ſo ausgebreitet*)S. Sepulcral monuments, Introd. p. CXXIII., wo die Ent - ſtehung dieſes Symboles aus Pſalm 91. erklaͤrt wird, wo: concul - cabis Leonem etc. An der Vorſeite des Domes zu Piſalieſt man die Worte: de ore Leonis libera me Domine etc. neben einem ſchwarz auf weißem Marmor eingelegten Maͤnnchen inmitten zweyer Unthiere. Vielleicht war dieſes Symbol fuͤr die Geweihten eine Anmahnung an die Streitigkeiten der Kirche mit der weltlichen Ge - walt, welche der Zeit nach mit deſſen jaͤher Ausbreitung zuſam - mentrifft., daß man darauf ſpeculiren mochte.

Daß Arnolfonicht, wie Vaſariberichtet, ſeines Mitge - ſellenLapoSohn war, vielmehr von einem unbekanntenCam - bioabſtamme, wiſſen wir laͤngſt durch aͤltere Mittheilungen aus einem gegenwaͤrtig unzugaͤnglichen florentiniſchen Archive**)S. Richadelle chiese di Firenze. To. VI. p. 17., wo aus der Beſtallung des Arnolfozum erſten Werkmeiſter des Dombaues: Arnolfus de Collefil. quondamCambii. In einem Briefe Koͤnig Karls von Anjoudd. 1277. Sept. X. Ind. VI. (Archiv. della Cancel - leria X virale di PerugiaA. No. 52. und abgedruckt bei Mariotti, lett. perug. ) heißt er rundweg mag. Arnulfusde Florentia. Man uͤberging in der Fremde die ſpecielle Angabe des Geburtsortes.. Hingegen lernen wir aus der zweiten Urkunde: daß der Vater156 des Nicolas,Peter, aus Apuliennach Piſagekommen war. Erwaͤgen wir, daßPeter, nach dem Gebrauche jener Zeit, wahrſcheinlich dieſelbe Kunſt betrieben hat, als ſein beruͤhm - terer Sohn, ſo werden wir weiter vermuthen duͤrfen, daß in jenen aͤlteren Mittelpuncten des levantiſchen Handels, zu Nea - pel, Gaeta, beſonders zu Amalfiauch waͤhrend der meiſt bar - bariſchen Jahrhunderte einige Kunſtbildung fortbeſtanden. Wenn ich recht entſinne, ſo waren auch die Baumeiſter der ſchoͤnen Baſilica zu Montecaſſino Amalfitaner.

Der Sohn des Nicolas, Johannes, ſcheint in dieſen Ur - kunden (eins und zwey) nur eine untergeordnete Stelle einzu - nehmen. Er wird (No. 1.) offenbar nicht ſowohl geſucht, als den Wuͤnſchen des Vaters zugeſtanden und erhielt nur ein Drittheil des Lohnes ſeiner Mitgeſellen. Unſtreitig alſo erwarb er ſich durch ſpaͤtere Leiſtungen die Auszeichnung, welche ihm, wie ich oben gezeigt habe, in der Folge zu Theil geworden.

Wie ſeine Kanzel im Dome zu Piſabezeugt, befolgte Johannesin reiferen Jahren den deutſchen Geſchmack, den er jedoch durchaus uͤbertrieb und keinesweges gleich dem Arnolfo, verſchoͤnte und milderte. Dieſer letzte beendete, etwa zwanzig Jahre nach jener Kanzel des ſieneſiſchen Domes, die Ver - dachung des Hauptaltares der großen Paulskirche außerhalb der Mauern von Rom, in welcher die Anlage freylich die ſchon ſeit laͤngerer Zeit herkoͤmmliche, das Einzelne indeß in deutſchem Geſchmacke ausgebildet iſt. Es befinden ſich daran Figuren des Paulusund Petrus, ſo wie zween anderer Apo - ſtel, welche, obwohl ſie etwas kurz ſind, im uͤbrigen doch zu den ſchoͤnſten Bildnereyen jener Zeit gehoͤren. Der Kuͤnſtler hatte den uͤberlieferten Typus zwar ins Auge gefaßt, doch neu belebt und in ſeine eigenthuͤmliche Manier uͤbertragen, welche157 das Hochalterthuͤmliche mit dem gothiſchen Geſchmacke ver - ſchmilzt*)An dieſem Werke, welches wahrſcheinlich beym letzten Brande durch Einſturz des Daches zerſchmettert worden, iſt oder war folgende Aufſchrift eingegraben: HOC OPVS FECIT ARNOLFVS= CVM SVO SOCIO PE - TRO. + ANNO MILLENO CENTVM BIS ET OCTVAGENO QVINTO. SVMME D̅S̅ = Q. HIC ABBASBARTHOLOMEVS= FECIT OPVS FIERI = SIBI TV DIGNARE MERERI. Welch eine Kluft von den Inſchriften dieſer Zeit zu den Bil - dern, an denen ſie vorkommen!.

Schon Vaſari**)Vita di Nicolò Pis. hat dem Meiſter Nicolas(auf welchen ich noch einmal zuruͤckkomme), wie gewoͤhnlich ohne alle Ge - waͤhr, viele bedeutende Bauwerke beygelegt, und Morrona***) Morrona, la Pisaill. T. II. cap. II. §. 3. gegen Ende., in patriotiſchem Eifer, die Zahl dieſer Werke, nach Vermu - thungen ohne feſten Grund†)So verſichert er uns, mit den Worten des Vaſari: daß Clemens IV. den Nicolasim J. 1267. nach Viterbogerufen, und ihm dort Verſchiedenes zu bauen aufgetragen habe. Wir wiſſen indeß aus den obigen Urkunden, daß unſer Meiſter waͤhrend dieſes Jahres durch ſein Wort an Sienagebunden war und in der That (Nr. 3.) daſelbſt ohne laͤngere Unterbrechung gemeißelt hat., bisweilen auch nach einem bloß eingebildeten Kennergefuͤhle, um einige neue vermehrt. Ich bin weit entfernt, dem wackeren Meiſter abzuſprechen, daß er ſich auf die Baukunſt verſtanden, was, bey damaliger Ver - breitung des Kuͤnſtlerberufes, an ſich ſelbſt ſehr wahrſcheinlich iſt. Gewiß war er der Rathgeber, oder Gehuͤlfe der Dom - verwaltung zu Piſa, weil er in der erſten der oben mitgetheil - ten Urkunden ſich die Freyheit ausbedingt, viermal im Jahre dahin zuruͤckzukehren, um ſowohl ſeine eigenen, als auch die158 Angelegenheiten des Domes und der nahen Taufkirche ſeiner Vaterſtadt in Acht zu nehmen. Doch waren dieſe Gebaͤude laͤngſt vollendet; man konnte daher nur in Bezug auf Nach - beſſerungen und Zierden ſeiner Huͤlfe, oder ſeines Rathes be - duͤrfen. Wenn Nicolasjemals von Grund auf gebaut hat, ſo befolgte er wahrſcheinlicher die ſpaͤteren Ausweichungen der roͤmiſch-chriſtlichen Bauart, als die gothiſche, welche, wie ſchon Morronavermuthete, nach ſeiner allgemeinen Hinneigung zum Antiken und Altchriſtlichen ihn nicht wohl anſprechen konnte. Der Thurm der Kirche ſ. Nicolas zu Piſamoͤchte daher ſein Werk ſeyn koͤnnen; obwohl, bis Solches erwieſen worden, auch eines Anderen. Ueberhaupt ward in ſo fruͤher Zeit kein betraͤchtliches Bauwerk ſo ganz nach einem Plane durch - gefuͤhrt.

Schon aus den hier und in der vorangehenden Abhand - lung*)Abh. X. Belege I. mitgetheilten Actenſtuͤcken erhellet es zu Genuͤge, daß in den italieniſchen Freyſtaaten des Mittelalters ſolche Bau - werke, an deren Foͤrderung die hoͤchſte Gewalt Theil genom - men, ſelten, vielleicht nie, ſo ganz nach dem Plane und unter der Leitung eines einzigen Kuͤnſtlers durchgefuͤhrt wurden. Bald ward die Leitung des Geſchaͤftes einer einzigen Perſon, bald wieder einem engeren Ausſchuß uͤbergeben; bald nahm der jedesmalige hoͤchſte Magiſtrat das ſchon halb Geſchehene und laͤngſt Beſchloſſene von neuem in Erwaͤgung, unterwarf es der Berathung und Abſtimmung der groͤßeren Buͤrgerver - ſammlungen, was nicht ſelten der Anlage eine ganz neue Rich - tung gab. Allerdings moͤgen kleinere Pfarrkirchen und Kloͤ - ſter, bey deren Ausfuͤhrung weniger Koͤpfe zu vereinigen wa -159 ren, auch dazumal bisweilen nach einem Plane und unter derſelben Leitung vollendet worden ſeyn. Die Domkirchen aber unterlagen allen Schwierigkeiten und inneren Hemmun - gen der republicaniſchen Staatsverwaltung; bey dieſen Gebaͤu - den war das Ganze wie das Untergeordnete das Ergebniß fortgehender Berathungen, Abaͤnderungen und Verſchmelzungen, in denen das Abſehn, die Manier und Eigenthuͤmlichkeit der einzelnen Kuͤnſtler nothwendig verloren ging. Wenn uns Va - ſariund andere noch Neuere demungeachtet bey vielen Dom - gebaͤuden den Meiſter angeben, ſo beruhen dieſe, wie andere gleich verwegene Verſicherungen auf bloßer Unkunde und da - her entſtehender Mißdeutung von Nachrichten uͤber die Theil - nahme beſtimmter Kuͤnſtler an den Berathungen und Arbeiten, welche im Verlaufe der Zeit an dieſem, oder jenem anderen Theile beſtimmter Gebaͤude vorgenommen worden. Wir ha - ben in der vorangehenden Abhandlung geſehn: daß ſelbſt die Modelle eines Arcagnonicht ohne Abaͤnderungen ſind ange - nommen, und bald darauf wiederum verworfen worden; in dieſer: wie man einen ſchon weit vorgeruͤckten Bau, nach wie - derholten Berathungen endlich ganz aufgegeben hat. Vielleicht iſt es Sachkundigen nicht unwillkommen, andere Beyſpiele der - ſelben Art einzuſehn, welche, wenn auch nicht ausnehmend wich - tig, doch wenigſtens bis dahin ungedruckt ſind.

1. Archivio dell opera del Duomo di Siena. Per - gamene. No. 234.

(Neue Einrichtung und Controllirung der Verwaltung.)

In nomine domini amen. pateat evidenter omnibus hanc paginam inspecturis, quod consilium comunis et populi Sen. coadunatum more solito in ecclesia sci Chri - stofori ad sonum campane a dominoFrancisco Trogi -160siodei et domini Regis Cecilie gratia Senarumpote - stati et a domino Roffredo de Isola eadem gratia capi - taneo comunis et populi Sen. fuit in concordia, quod novem Boni homines scilicet tres per terze - rium debeant eligi ad ordinandum et provi - dendum, qualiter procedatur in opere s̅c̅e̅ Ma - rie et quomodo ibi laboretur, et quod ordinaverint et statuerint debeat fieri et observari et sit firmum et ita in dicta opere procedatur et laboretur. Actum Senisin ecclesia dicta coram d̅n̅o̅GherardoJudice populi Sen. etJacob. Castaldocomunis Senarumpresentibus. Sub anno d̅n̅i̅ Millesimo CCLIX. Indict. III. die III. Idus Februarii.

Daſ. No. 235. anno 1259. Ind. tertia die XVI. ka - lend. Decenbris, alſo um einige Monathe fruͤher, (das ſie - neſiſche Jahr reicht bis zum Maͤrz 26.) wird eine außeror - dentliche Commiſſion von neun Maͤnnern, drey fuͤr jede Ab - theilung der Stadt, angeordnet, um dem Operarius: super facto cori, zu rathen. Aus dieſer ſcheint denn obige Orga - niſation ſich unmittelbar entwickelt zu haben.

2. Archivio dell opera del Duomo di Firenze. Li - bro. Prestanze. 1355. 57.

(Ergaͤnzung des Protocolls vom Auguſt 3. 1357. deſſen Anfang ſ. vorangehende Abhandlung, Belege I. Arcagno, 5.

i quali tutti e cinque di concordia nella presen - zia di detti operai presero per partito e deliberarono. la detta nuova colonna fatta per Francescho essere più forte e bella e laudabile, di che i detti operai furono contenti e nel nome di dio comandarono, che quella si mettesse a seguizione. Si veramente:

Che161

Che e si faccia uno pilastrollo di mat - toni murato in quella altezza che basti. sul primo pilastro fondato. et che la detta colonna di giesso vi si pongnia su et che iscritto vi sia a’pie con lettere grosse, che qualunque persona volesse aporvi alchuno difetto debia fra otto di venire agli operai o ad altri per loro et dirne l’animo suo et sarà udito gra - ziosamente.

Et comandano che io filippo mandassi a boecha. il messo dell opera a tutti maestri religiosie secolari di Firenzesignificando loro il detto partito preso della colonna preghandoli che e vegniano a vedere se per loro vi s’aponesse.

Et comandano chella detta colonna del giesso si compiesse tutta intorno come ella é dalle due faccie.

Et comandano a francescho che in sudetto primo pilastro fondato intagliasse cogli scharpelli il modello della bagia (Baſis) della sopradetta colonna.

Che nelle sopradette lettere anche stia iscritto che chiunque ne vuole .... vegnia a pattegiarsi.

Gewiß brauchte es nicht ſo viel umſtaͤndlicher Vorberei - tungen, um den Meiſtern und Maͤnnern vom Fach begreiflich zu machen, wie ein oder das andere Modell ſich an ſeiner Stelle, oder im Vollen ausnehmen wuͤrde. Indeß hatte man auch die Stimmen der minder Kunſtverſtaͤndigen und voͤllig Unkundigen zu gewinnen, welche gelegentlich zur Berathung hinzugezogen wurden, wie nachſtehendes Beyſpiel zeigt.

II. 11162

Archiv. et libro cc. XII. Luglio 1357. mercoledi, zu Ende.

Furono richiesti al sopradetto consiglio molti cittadini venirci. Amerigho da Conmaraet bartolo biliotti et varj altri e furono qua entro. perche parve ad alchuno che i sopradetti maestri consigliassero per animo. vollono che i sopradetti francescho et Andreadessero per ischritto ciaschuno due maestri confidenti et vogliono che questi quatro maestri fossero avedere i sopradetti disegnamenti.

ElesseFrancescho: Ambruogio Lenzi(darunter ausgeſtrichen:Filippo del frate.) Frate Rinieri di sta Croce

Elesse Andrea:Niccholo di BeltramoFrancescho di Neri.

Archiv. c. Libro, Ricordanze dell anno 1359. Pro - tocoll vom J. 1359. Julii 19. Cittadini che consi - gliarono etc. etc. Und ſo fort an anderen Stellen, de - ren Anfuͤhrung ermuͤden wuͤrde. Vgl. in dieſer Beziehung jene allgemeine Berathung, die vierte der ſchon mitgetheilten, den ſieneſiſchen Dombau betreffenden Urkunden.

Dieſelbe unbehuͤlfliche Vorausſicht, welche ſo vielfaͤltige Verſuche, Einreden und Aenderungen veranlaßte, zeigt ſich auch in den Anordnungen, welche die Sitten und Gewohn - heiten der Kuͤnſtler und Handwerker zum Beſten lenken ſollen. Ich finde im: libro di richordanze. 1367. 1376. 163(Arch. dell op. del Duomo di Firenze) fo. 18. a. t.: Memoria che di IX. di Luglio 1369.

Lapo di vaniTomaso di Melglio

+ di fare, che chapomaestro non vadano a bere choniuno maestro.

+ di fare, che giovanni, ne niuno checci sia non possa dar parola di mandar niun maestro o manovale a lavorare altrui (altrove).

+ di fare, che niuno non possa prestare niuna masserizia sanza la parola di III. hoperai.

11 *164

XII. Von einigen Dunkelheiten und Verwechſelun - gen der Kunſtgeſchichte des vierzehnten und folgenden Jahrhundertes. Alberto di Ar - noldo;Piero Chelini; Lorenzo da Viterbo;Bernardo Roſſellini; Urbano da Cortona; Antonio di Federigo.

Mit dem friſcheſten Lebensmuthe ſtrebte das wiederauf - bluͤhende Italienſeine langezeit veroͤdeten Staͤdte wieder ein - zurichten und zu verſchoͤnern; uͤberall ward die Kunſt auf das Innigſte mit ſolchen Handwerken verſchmolzen, welche ihres Aufdruckes faͤhig ſind; auch die groͤßeſten Kuͤnſtler unterzogen ſich jeglicher vorkommenden Arbeit, leiſteten (weil ſie das Hand - werk zeitig einuͤbten, unausgeſetzt betrieben) mit jener Leich - tigkeit, welche allein wohlfeile Bedingungen und leichten Ab - ſatz des Hervorgebrachten moͤglich macht. Unter ſo guͤnſtigen Umſtaͤnden mehrten ſich die Kuͤnſtler, welche behaglich von ihrem Erwerbe lebten, ins Unendliche. In den Verzeichniſſen der Innungen, in den Protocollen oͤffentlicher Berathungen und an ſo viel anderen Stellen tritt uns uͤberall eine Fuͤlle meiſt ganz unbekannter Kuͤnſtlernamen entgegen. *)Unter den Zeitgenoſſen der Lorenzettiund Simons von Siena, finden ſich im dortigen Archiv (Biccherna B.) eine Menge faſt unbekannter Kuͤnſtlernamen. Z. B. B. To. 103. (1310. 1311.) Doch165 werden nur ſolche fuͤr uns Bedeutung haben, deren Kunſtver - dienſt noch zu ermitteln iſt.

*)fo. 229. a Tavena dipegnitore. Daſ. fo. 255. aVitoluccioet aNicholucciodipegnitore. (Es werden ihnen Wappen bezahlt.) Daſ. fo. 282. a. t. Ancho 1. Lib. A insegnia dipegnitore pro dipegnitura a livri del camarlengo. (Ob jener Sezna, von deſſen Hand das Bild der ſien. Gallerie? S. Abh. VIII. ) B. To. 99. anno 1301. 1302. fo. 282. a. t. Item XV. sol. a petruccio dietisalvi dipegnatore per dipegnatura uno livro etc. Demſ. daſ. fo. 361. a. t. und 362. fuͤr Wappenſchilder. Daſ. fo. 296. a Bindo miniatore. B. To. 104. (1310.) fo. 90. a Cieco Puci dipegnitore. To. 104. fo. 108. aNicholaMini dipentore. B. To. 110. anno 1314. aVitoluccioet a Guido Cinidipegnitori. Daſ. fo. 192. a. t. a Mino dipegnitore per dipegnitura due ciervi nellivro delle chiavi etc. B. To. 121. anno 1319. die XXIII. octubris Guidonipi - ctori und die V. decembris Guido Cinactipro pictura etc. Allerdings bezahlt man dieſen Kuͤnſtlern meiſtens nur Wappen und andere Symbole dieſer Art. Indeß ward dieſe Arbeit auch von den groͤßeren Meiſtern jener Zeit nicht ſo durchhin verſchmaͤht. Ar - chiv. delle Riform. di Siena, T. libro 78. ſteht eine serie delle arti esistenti in Sienal’anno 1363. worin neun und dreißig Maler, vier und ſechzig Steinmetze verzeichnet werden, deren Namen und Werke groͤßtentheils ganz unbekannt ſind. Ich habe oben (Abh. VIII. Minuccio di Filipucciounter den ſieneſiſchen Malern des 13ten Jahrh. aufgefuͤhrt. Vielleicht iſt es Einigen willkommen, auch ſeinen Vater oder Meiſter kennen zu lernen. Archiv. della gen. Biccherna di SienaB. To. 98. (1298.) fo 193. bezahlt man jenemMinuccius Filippi(an a. StellenFilipucci) pietor, pro qui - busdam testibus falsis, quos depinxit in patio communis Sena - rum. Archiv. cit. B. To. 84. 1288. (1289.). Item CXIII. Lib. III. sol. III. den. p. apodixia dominorum novemFilipuccioaurifici pro una coppa argenti coperchiata que donata fuit dieto Domino Regi cum dictis flo. (Geldgeſchenk). Daſ. B. To. 66. 1282 fo. 127. er - haͤlt derſ.Filipucciusaurifex eine Zahlung: pro salario ambassiate. In Florenzfindet ſich gegen die Mitte des vierzehnten Jahr - hundertes ein gleicher, oder noch groͤßerer Ueberfluß von unbekann - ten Kuͤnſtlernamen. Im Archiv, dell opera del Duomo di Firenze,

166

Um die Mitte des vierzehnten Jahrhundertes war Al - berto di Arnoldoein ehrenwerther Bildner, wie jene mehr als lebensgroße Madonna darlegt, welche langezeit fuͤr eines der kuͤhneren Werke des Andreas von Piſagegolten hat.

Wir verdanken die erſte Entdeckung und Aufklaͤrung die - ſes, von allgemeinen und willkuͤhrlichen Vermuthungen des Vaſariausgehenden, Irrthumes dem Bibliothekar der Ma - gliabecchiana, Herrn Vincenzio Follini. Dieſer verdiente Ge - lehrte war gelegentlich ſeiner Vorarbeiten zu einer neuen Aus - gabe der Novellen des Franco Sacchettidurch eine dieſer an - muthigen Erzaͤhlungen, die Novelle 136., veranlaßt worden, den Lebensverhaͤltniſſen jenes bis dahin unbekannten Kuͤnſtlers*)Liber stanziamentorum meiJohannisscriptoris 1363. = 1369. fo. 64. a. t. anno 1366. Perus Miglioris, Bettus Gerii, Simon Gri - maldi, Benincasa Lotti, etPierus Gherii, aurifices. Daſ. con - silium pictorum: Taddeus Gaddus, Andreas Cionis, Nicolaus Tomasi, Johannes Bensi, Andreas Bonajuti, Nerius Monis, Nuccius Montini, Nerius Fioravantis, Risto - rus Cionis, Bernardus Pieri, Bencius Cionis, Ciardi - nus Chuene(fo. 67. heißt er:Ciardinus del Guena; wohl ein Fremder)Franciscus Salvetti, Francischus Nerii b. Baldi. Da Arcagnound Taddeojenen meiſt ganz unbekannten Meiſtern in Rath und That zur Seite ſtehn, ſo koͤnnen auch dieſe ihrerzeit nicht ſo ganz bedeutungslos geweſen ſeyn. Daſ. fo. 65. Infrascripti sunt pictores deputati ad faciendum designum seu modellum etc. Unter dieſen, naͤchſt einigen der fruͤher angefuͤhrten:Dominichus de Forterini,Luchino, Piero Fortini, Jacopo Sanella,Paolo Saldini, Nuccio di Jacopo; und fo. 67. (eod. anno) To - masus del Passera, Cecchus Pieri, Jacopo dello Stimolino(oderSternolino),Zanobius Pacini, Andreas vocatus Burchiasso, Pacinus Cini, Pierus Giamboni, Franciscus Michelis, Stefanus Metti, Sander Macci, Martinus Doni, Johannes Junte, Andreas Cioffi, Buonus Masi,Cambius Michelis, Pierus Mattei, Ambroxius Vannis, Johannes Jun - tini, Filippus da Campi, Simon daddi, Benintendi Guidietc. 167 weiter nachzuſpuͤren. Sacchettibezeichnet den Albertoals ei - nen bekannten Bauverſtaͤndigen. In der That wird er, wie die unten mitgetheilten Auszuͤge darlegen*)Arch. dell op. del Duomo di Firenze. Ricordanze 1358. fo. 3. a. t. 12. di nuembre 1358. Gio. di Messer Lottopre - posto etc. richiederono per di 13. Novembre. Nicholo Biltrami,Giovanni di Flor., Ambruogiodi ...., Alberto Arnoldietc. Gegenuͤber: fo. 4. 13. Nov. Essendo raghunati: frateJacopo di Lapinietc. Alberto Arnoldietc. fo. 34. a. t. 19. d’Otto - bre: Chompari primi in dco Alberto Arnoldimaestro etc. Daſ. in einem anderen Buche, Richordanze dell ao 1359. fo. 8. 1358 (1359?) di IIII. di Settenbre. Maestri che chonsiglia - rono detto etc. tutti quatro maestri renderono per chonsiglio etc. chelle finestre, che chonducie Albertoallato al chan - panile si seguano al modo chominciato etc. Ferner:franciescho Talentichapomaestro della detta opera etc. Albertochapomaestro della detta opera rende per chon - siglio detto : che la detta porta nominata di sopra rimangha do - vella é, e murivisisu chom anno detto que di sopra. fo 14. a. t. beruft ſichfrancescho Talentiauf die Anſicht unſeres Alberto; und fo. 14. a. t. XXVII. Sett. 1359. operai ragunati tutti e quatro nella chasa dell opera allogharono ad Alberto Arnoldi chapo maestro della detta opera a guidare et a far fare ed acchon - piere l’archo della porta maggiore della faccia dinanzi di Santa Ri - parata (dem Dome) ed asseguirlo chome (é) chominciato da pie di marmo rosso ischavato, chome quello che v’é fatto. Salvo che il detto Albertodeba avere chonsiglio chonFranciescho Talentid’ongni lavorio che vi fa, e che chollui insieme facciano il detto la - vorio. Vgl. daſ. fo. 15. a. t. fo. 16. , in den Berathun - gen der florentiniſchen Domverwaltung verſchiedentlich als Theil - nehmer, in der Folge ſelbſt als Obermeiſter dieſes großen Wer - kes aufgefuͤhrt.

Seine Anſtellung bey den Arbeiten, welche der Dombau veranlaßte, faͤllt, nach den angezogenen Buͤchern der Bauver - waltung, in die Jahre 1358. und 1359. Um die Mitte des168 letzten Jahres uͤbernahm er die Verpflichtung, jene mehr als lebensgroße Madonna mit dem Kinde und zween ſie vereh - renden Engeln fuͤr die Bruͤderſchaft der Miſericordia auszu - fuͤhren, derſelben, welche ſpaͤterhin mit einer anderen Geſell - ſchaft, dem Bigallo, vereinigt worden. *)Archiv. del Bigallo Libro segn. 2. dal 1349. al 1412. p. XII. 1359. die VI. mensis Junii. Item allogharono a fare la ymagine di marmo di nostra donna col fil. in braccio con atto di misericordia, adornata fregiata di fregj d’oro e lustrata come si con - viene e simigliantemente due Angeli la quale figura dee essere d’al - tezza braccia tre o piu. e quella degn’agnoli braccia due e mezzo o piu a Alberto Arnoldimaestro del popolo S. Michele berteldi. Dieſe Arbeit moͤchte ihn von der Leitung des Dombaues abgezogen, und bis in das Jahr 1364. hinreichend beſchaͤftigt haben, in welchem er ſolche vollendet abliefert, wie aus dem Abſolutorio erhellt, welches ich in die Anmerkung verweiſe. **)Daſ. p. LVII. 1364. a di XVI. daghosto. Item deliberarono e absolvettero Alberto Arnoldimaestro e Alessiosuo malle vadore dalla promessa fatta per loro di fare le figure di nostra Donna coglagnoli e dichiararono essere fatte secondo la promessa fatta per lo detto Alberto; e a me comandarono, che la charta e ogni promesso sia cassa annullata e per me cancellata. Vgl. Cicognara, stor. a. ſ. St., welcher dieſe Zeugniſſe ſchon benutzt hat und naͤher auf das bildneriſche Verdienſt dieſer Gruppe einge - gangen iſt.In der Folge entſchwindet mir ſeine Spur; vielleicht beſchloß er bald darauf ſein Leben.

In derſelben Stiftung erhielt ſich das Andenken eines Zeitgenoſſen des Maſaccio, desPiero Chelini. Freylich er - reichte dieſer Maler weder die phyſiognomiſchen Feinheiten des Fieſole, noch die großartige Anordnung und ſtaͤrkere Schatten - gebung des Maſaccio; doch zeigt ſich andrerſeits in ſeinen169 Umriſſen ungleich mehr Gefuͤhl, als den ſpaͤteren Nachahmern der Manier des Giottoeigen zu ſeyn pflegt; in ſeiner Auf - faſſung aber ein milder und guͤtiger Sinn. Sicher hatte er beſſere Anſpruͤche an das Andenken ſeiner Mitbuͤrger, als Lo - renzo di Bicciund andere Zeitgenoſſen, denen Vaſariin ſei - nen Kuͤnſtlerleben einen beſonderen Abſchnitt gewidmet hat.

Die aͤlteſte Erwaͤhnung unſeres Malers findet ſich in dem großen Werke des Richa*)Delle Chiese di Firenze. To. VII. p. 293. Nr. XXI. , dem der Archivar des Bigallo ſeinerzeit eine Notiz mitgetheilt hatte, deren Nachweiſung un - richtig zu ſeyn ſcheint, da ſie nirgend mit den vorhandenen Buͤchern des Archives zuſammentrifft**)Derſ. daſ. verweiſt auf lib. X. p. 8. des Arch. der Bruͤder - ſchaft. Die Anziehung, die ihm mitgetheilt worden, lautet: ItemPiero Chellinipro resto totius sue picture facte in Domo habita - tionis capitaneorum in facie exteriori. Die Buͤcher wurden in - deß, ſ. unten, in italieniſcher Sprache gefuͤhrt.. Doch entdeckte ich, indem ich dem angegebenen Jahre nachging, daß man demPiero, im Julius des Jahres 1444., den Werth der aͤuße - ren Bemalung des im vorangehenden Jahre abgebrann - ten***)Archiv. della Co. del Bigallo libro 23. Debitori e Credi - tori dell anno 1444. fo. 96. Piero Chellinidipintore de avere lib. trentotto sono per dipinture a fatto nella facciata dinanzi della chasa nostra quando arsa nell anno 1443. d’acchordo collui questo di primo di Luglio 1444. fior. 38. piccoli. Auf der Ruͤck - ſeite des vorangehenden Blattes ſteht eine abſchlaͤgliche Zahlung, mit Hinweiſung auf das libro biancho, a. c. 77. Dieſes, gegen - waͤrtig: libro 22., hat fo. 77. Piero Chelini posto debitore a libro etc. fiorini 20. piccoli. und gegenuͤber:Piero Chelinidi - pintore de dare a di 24. di marzo 1443. fio. 20 picc. Die Hauſes der Bruͤderſchaft wirklich in deren Buͤchern zu gut geſchrieben habe.

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Obwohl nun ſo viel Gruͤnde vorhanden ſind, dieſes nicht unbetraͤchtliche Guthaben auf die ganze, nicht ſehr ausgedehnte Vorſeite des Hauſes zu, beziehn, ſo hat dennoch bey den florentiniſchen Topographen ſeit laͤngerer Zeit das Vorurtheil ſich feſtgeſetzt, daß die oberen Abtheilungen der Mauer ſchon ungleich fruͤher gemalt ſeyn muͤſſen. Richa*)Delle chiese di Fir.To. cit. p. 289. §. XVII. hat dieſe, in den Zwiſchenraͤumen der Fenſter des oberen Stockes ange - brachten Gemaͤlde, ohne ſeine Gruͤnde anzugeben, dem Tad - deo di Gaddobeygemeſſen; er folgt hierin nicht einmal dem Vaſari. Andere, beſonders Lami, verlegen dieſelben Male - reyen in das dreyzehnte Jahrhundert, was ſchon in Anſehung der Manier, in welcher ſie ausgefuͤhrt worden, auf keine Weiſe einzuraͤumen iſt.

Die florentiniſchen Topographen ſcheinen davon auszu - gehn, daß der Gegenſtand jener oberen Wandgemaͤlde des Bi - gallo (Begebenheiten aus der Legende des Hl. PetrusMartyr) nothwendig von der Geſellſchaft der Miſericordia muͤſſen an - geordnet ſeyn, welche nicht fruͤher, als im Jahre 1425. mit der juͤngeren Geſellſchaft des Bigallo ſich verſchmolzen hat. Doch weßhalb ſollte das Andenken der Stiftung jener erſten Geſellſchaft fuͤr die ſpaͤtere, vereinigte, ſo allen Werth verlo - ren haben, daß man unumgaͤnglich annehmen muͤßte, ſie habe nichts anordnen koͤnnen, was auf jene Bezug hat? Ließ***)Fortſetzung der Berechnung mit dem Maler in obigem libro 23. fo. cit. und fo. 192. 193. 195. 199. Bemerken wir, daß der Vaters - name haͤufiger,Chelini, geſchrieben wird; wahrſcheinlich iſt er aus Michelino abgekuͤrzt worden. Im Archiv della gen. Biccherna di Sienafand ich, B. 121. anno 1319. 31. Dec. Item ChelinoCholetti operario comunis Senarumetc. 171 doch dieſelbe Geſellſchaft noch um hundert Jahre ſpaͤter am Sockel des hoͤlzernen Geruͤſtes auf dem Altare der Kappelle Einiges aus der Geſchichte des Hl. PetrusMartyr durch den Ridolfo Ghirlandajoausfuͤhren; eine Arbeit, welche zur Zeit des Vaſari*)Vita d’ Andrea PisanoEd. cit. p. 149. beſchafft worden und noch immer an ihrer Stelle vorhanden iſt.

Die erſte der beiden fraglichen Darſtellungen aus dem Leben des Hl. PetrusMartyr, die Weihe und Vertheilung der Fahnen zum Religionskriege, iſt zum Theil von der aͤuße - ren Wand des Gebaͤudes herabgefallen; doch hat man davon zeitig eine Copie genommen, welche in einem der inneren Ge - maͤcher aufbehalten wird. Die andere, erhaltnere zeigt ein Wunder deſſelben Heiligen, welcher waͤhrend der Predigt ein fluͤchtiges Pferd, wohl ein daͤmoniſches Weſen, beſchwichtigt, oder verſchwinden macht. Ein dichter Haufen theils ſitzen - der, theils ſtehender Weiber bezeigt in naiven, nicht ungefaͤlli - gen Wendungen ein gewiſſes augenblickliches Schwanken von unbeſtimmter Furcht zur Betroffenheit uͤber das Wunder. In dem Heiligen erſcheint viel Ruhe und Zuverſicht, in ſeinem juͤngeren Begleiter moͤnchiſche Demuth; in einer Gruppe ruͤ - ſtiger Maͤnner Ernſt und Feſtigkeit.

Aehnliche Bequemlichkeit in den Bewegungen, Sicherheit in zwangloſer Andeutung der Affecte, dieſelbe Manier in der Bezeichnung der Formen durch wohlgelegte, einfache Umriſſe erblicke ich nun auch in jenem Fragmente, welches man gele - gentlich einer Erweiterung der Hausthuͤre abgeſaͤgt und gegen - waͤrtig im Inneren des Gebaͤudes wiederum aufgeſtellt hat. Der Kuͤnſtler verſinnlicht darin den practiſchen Zweck der Ver -172 bruͤderung des Bigallo, Kindern, welche in der damals ſehr volkreichen und belebten Stadt ſich verloren hatten, eine vor - uͤbergehende Zuflucht zu gewaͤhren. Er ſchilderte die Freude von Muͤttern, welche ihre Kinder hier wieder aufgefunden ha - ben; die Betruͤbniß einiger Anderen, welche ſie noch vermiſ - ſen; das Behagen von Kindern, welche, auf den Armen ihrer Ammen oder Muͤtter gewiegt, gekoſet, beſchenkt, bereits ihr vergangenes Leiden und Sehnen verſchmerzt haben. Unſtreitig iſt dieſes Fragment ſchoͤner und belebter, als jene Malereyen der aͤußeren Wand. Indeß war auch der Gegenſtand einla - dender, lag die Stelle, an der es gemalt worden, dem Auge naͤher. Uebrigens iſt die Manier ſo ganz dieſelbe, daß, wer dieſe Malereyen ohne vorgefaßte Meinung betrachtet, ihre durch - gehende Uebereinſtimmung unbedenklich anerkennen wird. Ge - wiß wuͤrden auch die florentiniſchen Topographen ſchon laͤngſt von ihrem Vorurtheil zuruͤckgekommen ſeyn, haͤtten ſie nicht uͤberſehn, daß jener Arbeit desCheliniein Brand vorangegan - gen war, welcher nach der Anlage des Gebaͤudes nur den Dachſtuhl verzehrt haben konnte, doch eben daher beſonders das obere Gemaͤuer nebſt deſſen Verzierungen beſchaͤdigt haben mußte.

Ich halte aber auch eine Tafel in der Sacriſtey der flo - rentiniſchen Pfarrkirche ſ. Remigio (das Volk nennt dieſe Kirche: ſ. Romeo), welche Vaſari*)To. I. vita di Tommaso, detto Giottino. Ed. cit. p. 191. als eines der ſchoͤnſten Werke des Giottinobezeichnet und ausfuͤhrlich und gluͤcklich beſchreibt, vielmehr fuͤr eine Arbeit desPiero Chelini.

Dieſe Tafel, eine Ruhe nach der Abnahme vom Kreuze, iſt auf Goldgrund gemalt und von einem Rahmen von ſpaͤ -173 teſter italieniſch gothiſcher Zeichnung umgeben. Das goldene Feld, die gothiſchen Randverzierungen waren, wie die Altarge - maͤlde des Beato Angelicobezeugen, zur Zeit desChelininoch in Gebrauch, unterſchieden ſich jedoch von den fruͤheren, durch Pilaſter abgetheilten Altartafeln durch ein weites, eine einzige Handlung umfaſſendes Mittelfeld. Aus dieſer Einrichtung, vornehmlich aber aus einigen kleiner gehaltenen Bildnißfigu - ren, welche nach der Sitte der erſten Haͤlfte des funfzehnten Jahrhundertes bekleidet ſind, erhellet unwiderleglich, daß un - ſere Tafel um ein Jahrhundert neuer iſt, als Giottino, alſo der Zeit nach mit demChelinizuſammenfaͤllt.

Nun zeigt dieſes Werk beſonders in den Extremitaͤten die entſchiedenſte Verwandtſchaft mit den eigenthuͤmlichen Zuͤ - gen und Manieren unſeres Kuͤnſtlers, in der Auffaſſung des Affectes der Marien, welche den heiligen Leib umgeben, dieſelbe anmuthige Weiblichkeit, welche in jenen Mauerge - maͤlden vorwaltet. Zudem fehlt es nicht an einzelnen Ge - ſtalten, welche mit anderen jener Mauergemaͤlde des Bigallo uͤbereinſtimmen; man vergleiche nur die mehr untergeordneten Figuren der Kreuzesabnahme in ſ. Romeo mit jenen Nonnen - aͤhnlichen Frauen, welche in mehrgedachtem Fragmente zu bei - den Seiten die Gruppe der Weiber und Muͤtter begrenzen und Waͤrterinnen der milden Anſtalt zu ſeyn ſcheinen. Gewiß wuͤrde ſelbſt Vaſarivon dieſer mehrſeitigen Uebereinſtimmung beider Werke ſich uͤberzeugt haben, haͤtte er uͤberhaupt denPiero Chelinigekannt und auf ihn Ruͤckſicht nehmen koͤnnen, als er, (ſichtlich nach ganz allgemeinen Vermuthungen*)Vas. vita di Giottinop. c. Dicesi, che Tommasofu per - sona malinconica ma dell arte amorevole e studiosissimo, come, je - nem Bilde einen Namen gab.

174

An der Vorſeite der Kirche ſta Maria Maggiore zu Rombefindet ſich, halb verdeckt von dem modernen Vorbau, ein beſchaͤdigtes Muſiv, auf welchem zu Fuͤßen der Hauptfigur, des Heilands:

PHILIPPUS RUSERUTI (Ruggierotti?)FECIT HOC OPUS.

Ich habe die roͤmiſchen Topographen aͤlterer Zeit nicht zur Hand, bezweifle aber, daß ſie auf dieſe Inſchrift Ruͤckſicht genommen, da Lanzi, der ſie benutzt hat, dieſes Namens nicht erwaͤhnt.

MeiſterPhilippſcheint um das Jahr 1300 gebluͤht zu haben, alſo ein Zeitgenoſſe des Pietro Cavallinizu ſeyn, wel - cher den Vaſariviel beſchaͤftigt hat. Das Hauptgemaͤlde ( Chriſtusin Glorie von zween Engeln umgeben, welche Kan - delaber und Rauchfaͤſſer halten, zu den Seiten Evangeliſten und die Jungfrau im Habitus altroͤmiſcher Matronen) iſt ganz im Sinne der chriſtlich-antiken Darſtellungen entworfen, oder wahrſcheinlicher bloße Erneuerung eines aͤlteren Muſives. Hingegen verraͤth die beygeordnete Darſtellung aus der Legende von Erbauung der Kirche, daß unſer Kuͤnſtler ſchon von der neueren giottesken Richtung ergriffen war, und die Handlung mehr, als den Charakter, ins Auge faßte. Auch die Bauart in den Hintergruͤnden deutet auf das Hereinbrechen jenes von Giottoausgehenden ganz neuen Geſchmackes und Beſtrebens. *)apertamente si vede in Fiorenza, nella chiesa di S. Romeo, per una tavola lavorata da lui a tempera, con tanta diligenza ed amore, che di suo non si é mai veduto in legno cosa meglio fatta. In questa tavola etc. Wer den Vaſarigenauer ins Auge gefaßt hat, kennt die Bedeutung ſolcher ganz allgemeinen Ein - und Uebergaͤnge; wo er beſtimmt wußte, ſprach er rund heraus.175Filippoergaͤnzt, da er offenbar dem Pietro Cavallinivorange - gangen, die gewiß ſeit den aͤlteſten Zeiten nie unterbrochene Kette roͤmiſcher Muſaiciſten. Indeß wird ein anderer und ſpaͤterer Maler des Gebietes von Rom, Lorenzo von Viterbo, ſowohl unter ſeinen Zeitgenoſſen, als uͤberhaupt in der Kunſt - geſchichte eine hoͤhere Stelle einnehmen, daher einer etwas um - ſtaͤndlicheren Erwaͤhnung werth ſeyn.

Dieſen Kuͤnſtler kenne ich aus einem einzigen, doch ziem - lich umfaſſenden Werke, den Malereyen an den Waͤnden und an der Decke der Kappelle der Madonna zur Rechten des Schiffes der Servitenkirche ſta Maria della Verita zu Viterbo. Dieſe, auf geglaͤttetem Gypsgrunde a tempera ausgefuͤhrten Gemaͤlde, ſind der Richtung und dem Geſchmacke gleichzeitiger Florentiner ſo nahe verwandt, daß wir annehmen duͤrfen, der Kuͤnſtler habe ſie gekannt und ſtudirt; doch duͤrfte er in der Charakteriſtik der Koͤpfe, wenn nicht uͤber den Fieſoleund Be - nozzo, doch uͤber Fra Filippound Aleſſio Baldovinetti, und in der Anlage des Gefaͤltes, in der Stellung und Ausfuͤhrung der ganzen Geſtalt uͤber die meiſten Zeitgenoſſen hinausgehn*)Etwas zu voreilig ſagt demnach Lanzi, sto. pitt. sc. Ro. (Pictro Perugino) Eccoci in tanto ai primi frutti veramente ma - turi della scuola Romana. Pietroé il suo Massaccio, il suo Ghir - landajoil suo tutto. .

Das Kreuzgewoͤlbe der Decke enthaͤlt einzelne Figuren; Kirchenvaͤter und andere Heilige, welche zur Verherrlichung der Jungfrau geſchrieben haben; die Lunetten, oder halbrunden Mauerfuͤllungen, Geſchichten aus dem Leben der Madonna. Die Wand zur Rechten hat auf dem oberen Halbrunde die Verkuͤndigung, auf der unteren Abtheilung die Geburt des Hei - lands; das letzte Gemaͤlde enthaͤlt einige Weiber, welche der176 Woͤchnerin durch Waͤſche aushelfen, oder doch ihr Handrei - chungen leiſten; anmuthige Zuͤge nachbarlichen Lebens, denen die Feuchtigkeit der Mauer einen nahen Untergang zu drohen ſcheint. Die Lunette uͤber dem Altare enthaͤlt die Aufnahme der Jungfrau in den Himmel; dieſe Darſtellung wird durch einen alten, halbgothiſchen Vorſprung beengt. An der Wand zur linken, befinden ſich verſchiedene Vorſtellungen, an deren unterem Sockel der Kuͤnſtler auch das Jahr und ſein Mono - gramm angebracht hat, wie folgt:

MCCCCLXIX. L. V.*) Laurentius Viterb.ſ. Belege I. .

In dem oberen Halbrund, die Beſteigung der Stufen des Tempels, ein Perſpectivbild mit einigen guten Figuren; darun - ter in der ganzen Weite der Mauer die Vermaͤhlung der Maria, unbedenklich das Hauptbild der ganzen Folge. Wie in den uͤbrigen Bildern, ſo zeigt ſich beſonders in dieſem, daß der Kuͤnſtler nicht eigentlich von der Idee ſeiner Aufgaben er - griffen war, vielmehr ſie nur benutzte, um naive und liebliche Zuͤge des buͤrgerlich-haͤuslichen Lebens darin anzubringen. Wie viel er in der Charakteriſtik, nicht bloß der Koͤpfe, vielmehr ſelbſt der ganzen Geſtalt und Bewegung der Figuren zu lei - ſten vermochte, zeigt ſich beſonders an dieſer Stelle, wo Lo - renzoAlles, was ſeinerzeit zu Viterboſich auszeichnete, in dem Gefolge und unter den Zeugen der Trauung angebracht hat, woruͤber wir einen alten Chroniſten, welcher in Perſon zu ei - ner dieſer lebenvollen Figuren Modell geſtanden, in ſeiner ei - genen, alterthuͤmlichen Sprache vernehmen wollen**)S. Belege I. .

Gleich -177

Gleichwie Vaſaridieſen und jene anderen Kuͤnſtler theils ganz uͤberſah, theils ihre Werke bekannteren Namen zutheilte, ſo kuͤrzte er auch den vortrefflichen Bernardo Roſſellini, wie nachſtehende Unterſuchung darlegen wird, um den groͤßeſten Theil ſeiner thaͤtigen Laufbahn.

Bernardo Roſſelliniund Francesco di Giorgio.

Bauwerke Pius II. zu Pienzaund Siena*)Aus dem Kunſtblatte 1882. mit Verbeſſerungen wieder ab - gedruckt..

Pienza, eine biſchoͤfliche Stadt von geringer Groͤße, liegt im Gebiet von Siena, in der Naͤhe von S. Quirico, etwa eine Stunde abwaͤrts von der Straße nach Rom. Vor Zei - ten hieß dieſer Ort Corſignanound war dazumal ein Markt - flecken mit eigener Gerichtsbarkeit. Pius II. gab ihm darauf ſeine gegenwaͤrtige Geſtalt. Dieſer Pabſt war auf dem Land - hauſe ſeines Vaters,Silvius Piccoluomini, eben zu Corſignanogeboren worden, und behielt unter mancherley Lebensereigniſſen eine lebhafte Vorliebe fuͤr ſeinen Geburtsort. Wir finden, daß er als Praͤlat**)Aus einem Originalbriefe des Aeneas Silvii, vom 17. Oc - tober 1455. ſich anſchickt, ſeine Villa in Corſignanozu beſuchen, als***)Aus einem Briefe, d. d. Rom24. Januar 1457. Beide befinden ſich in einer Briefſammlung, welche ich in Sienabenutzt habe, die aber kuͤrzlich an Hrn. Roſettizu Trieſtverkauft wor - den iſt. Cardinal bemuͤht iſt, der Gemeine gleichen Namens den Erlaß von Steuern auszuwirken. Endlich, als er Pabſt geworden war, erhob er Corſignanozum Bisthum und zur Stadt, gab dieſer den Namen Pienzaund ſchmuͤckteII. 12178den Ort mit den ſtattlichſten Gebaͤuden. Es wird nicht ſchwer ſeyn, in ItalienBauwerke zu finden, welche im Einzelnen ta - delloſer ſind, als dieſe. Unmoͤglich aber iſt es, einen Ort an - zutreffen, wo die einzelnen Gebaͤude in ihrem Verhaͤltniſſe zu einander, ſo wie zur Ausdehnung der Plaͤtze und Straßen gleich ſehr den Eindruck eines ſchoͤnen und reichen Ganzen bewirken. Denn uͤberall, wo die Fuͤrſten ſpaͤterer Zeiten bey neuangelegten Staͤdten Einheit des Planes bezweckten, verfie - len ſie in eine widrige Gleichfoͤrmigkeit. Hier aber hat die Einheit den Unterſchied nicht aufgehoben; jedes Gebaͤude traͤgt ſein eigenes Gepraͤge; man unterſcheidet bequem die verſchie - denen Stufen des Gluͤckes der einzelnen Bauherren; die oͤf - fentliche oder haͤusliche Beſtimmung jedes Baues legt ſich gleich dem erſten Blicke dar.

Aus dem*) Pii II.comment. libro II. ed. Rom. 1584. 4. p. 78. sq. eignen Ausdrucke Pius II. geht hervor, daß er bey ſeiner Anweſenheit zu Corſignano, im Februar 1459, vorerſt nur im Sinne hatte, den Ort mit einer Pfarrkirche zu verſehen und mit einem neuen Familien-Palaſte der Piccoluo - mini zu zieren. Im April eben dieſes Jahres**)Archiv. delle riformagioni di Siena. consilia campanae. To. CCXXXIII. fo. 104. bewirkte er der Gemeine einen zweyten Steuernachlaß. Den achtzehnten May darauf erlangte***)Ib. eod. To. fo. 109. tergo. er von der Republik Sienadie Erlaubniß zum Bau des Palaſtes und der Kirche zu Corſig - nano, zugleich freyes Bauholz aus den oͤffentlichen Forſten und andere Beguͤnſtigungen. Im Jahre 1460†) II.comm. lib. IV. p. 200. war er179 abermals zu Corſignanogegenwaͤrtig, und hatte ſeine Luſt an dem vorruͤckenden Baue. Den 28. May*)Archiv. cit. To. cit. fo. 248. eben dieſes Jah - res wird zu Gunſten der Gemeine Petrojogegen die Unord - nungen eines Florentiners,CecaoderCera**)Ob der Ingenieur Ceccades Vaſari? Nach deſſen Zeitan - gaben muͤßte es allerdings ein anderer ſeyn. Indeß ſind dieſe nicht eben die ſtarke Seite des Vaſari., entſchieden, der dort einen Kalkofen Behuf des Baues von Corſignanoer - richtet hatte. Die Hoͤflinge des Pabſtes wollten ſich nun ebenfalls in Corſignanoanbauen; dieſen erleichtert man den Ankauf der Bauplaͤtze durch eine eigene Verordnung***)Archiv. cit. To. cit. fo. 292. vom 18. October 1460. Spaͤter finde ich in den Verhandlungen des großen Rathes von Sienakeine weitere Erwaͤhnung je - nes Baues, ja, was ſeltſam iſt, nicht einmal die Beſtaͤtigung des neuen Namens Pienza, ſo wenig als der ſtaͤdtiſchen Be - rechtigungen, welche Piusdießmal ganz aus†) Pii II.comm. lib. VIII. p. 377. eigner Macht - vollkommenheit ſcheint verliehen zu haben. Indeß erhellt es aus den Commentarien des Pabſtes, daß im Herbſte 1462 ein großer Theil des Baues vollendet, daß auch die buͤrgerliche und kirchliche Erneuerung bereits vollzogen war.

Denn auf Veranlaſſung ſeiner Anweſenheit in Pienzain gedachtem Jahr 1462 macht uns Pius††)Comm. lib. IX. p. 425. sqq. eine weitlaͤuftige, aber genaue und anſchauliche Beſchreibung der bis dahin vollen - deten Gebaͤude. Der Pabſt durchgeht zunaͤchſt ſeinen Palaſt, der ins Viereck gebaut und neunzig Fuß hoch iſt; deſſen Ge - baͤlke fuͤnf Fuß weit vorſpringt. Der Hof iſt mit einem eig -12 *180nen Bogengange umgeben. Gegen den Garten hin, wo man den gefaͤlligen Anblick des vulkaniſchen Gebirges Amiataund den Ueberblick des regelloſen Bettes der Orciagenießt, beklei - det die Mittagsſeite des Hauſes durch alle Stockwerke ein dreyfacher Saͤulengang. Die unteren Gemaͤcher ſind gewoͤlbt; die oberen haben hoͤlzerne Decken, von den ſchierſten Tannen - ſtaͤmmen gebildet, und durch Vergoldung und Malerey auf das ſchoͤnſte geziert. Fuͤr Waſſervorraͤthe, eben wie fuͤr Kuͤche und Keller, war trefflich geſorgt worden.

Bey Gruͤndung der Kirche, welche beſtimmt war, den Hauptplatz von der Seite des Abhanges zu ſchließen, fanden ſich große Schwierigkeiten in der ungleichen Beſchaffenheit des unterliegenden Geſteines. Man hatte daher, von einer Felſen - maſſe zur anderen, die Fugen und Spalten, welche ſie tren - nen, ſorgfaͤltig uͤberwoͤlbt und erſt auf dieſen Woͤlbungen wa - ren die Grundmauern angelegt worden. Trotz dieſer Vorſicht war ein bedeutender Riß in der Kirchenmauer entſtanden, der noch immer, jedoch ohne weiteren Schaden zu veranlaſſen, die ganze Hoͤhe des Gebaͤudes durchlaͤuft. Alles Bezeichnete, auch ein Ziehbrunnen auf dem Platze, mit zierlichem Saͤulengeſtelle, war, bis auf den Kirchenthurm, in dem Zeitraume von drey Jahren voͤllig beendet worden.

Man hatte geſucht, den Pabſt zu uͤberreden, daß der Baumeiſter dieſer Werke Unterſchleif und Baufehler begangen habe. Vorzuͤglich ward ihm Schuld gegeben, daß er den An - ſchlag, der nur auf acht bis zehntauſend Goldgulden ging, bis auf die Summe von funfzigtauſenden uͤberſchritten habe. Der Baumeiſter war ein Florentiner, Namens Bernhard. Pius, nachdem er alles wohl betrachtet hatte, befahl, ihn her - beyzurufen. Dieſen, der nach einigen Tagen eintraf, redete181 der Pabſt auf folgende Weiſe an: Sehr wohl haſt du gethan, mein Bernhard, indem du mir den Aufwand verhehlt haſt, der mir bevorſtand. Haͤtteſt du die Wahrheit geſagt, ſo wuͤrde ich mich nie entſchloſſen haben, eine ſo große Summe aufzu - wenden, und ſo wuͤrde dieſer edle Palaſt und Tempel auch nicht entſtanden ſeyn, den gegenwaͤrtig ganz Italienpreiſet. Alſo durch deinen Betrug entſtanden dieſe herrlichen Gebaͤude die Alle loben, mit Ausnahme einiger wenigen, welche der Neid verzehrt. Wir danken dir herzlich, und halten dich un - ter allen Baukuͤnſtlern unſerer Zeit der erſten Stelle werth. Hierauf befahl er, dem Manne allen Lohn, und hundert Gold - ſtuͤcke daruͤber, auszuzahlen, auch ihm ein Scharlachkleid zu verehren. Ueberdieß ſetzte er ihn neuen Werken vor.

Der Pabſt baute ferner zur Linken der Kirche ein Haus, worin der Probſt und die Domherren bequem wohnen konnten. Es war dem Palaſte gegenuͤber, an der anderen Seite des Platzes ein altes Haus, welches der Magiſtrat des Ortes inne zu haben pflegte. Dieſes kaufte Pius, und uͤbergab es dem Vicekanzler, damit er dort einen biſchoͤflichen Palaſt erbaue und der heil. Jungfrau darbringe. Eben ſo kaufte er auch andere Gebaͤude, welche der Kirche gegenuͤberſtanden, und ließ ſie abtragen, um einen dritten Palaſt mit Bogengang, Hof und Thurm zu erbauen, zum Gebrauch der Obrigkeit und der Gemeine. Er ſchloß ſodann mit den Arbeitern ab und gab ihnen einen großen Theil des Lohnes voraus; denn es war ihm ſehr daran gelegen, den Hauptplatz von vier edlen Ge - baͤuden umgeben zu ſehen. Es wurden auch andere Haͤuſer mit aller Pracht im Orte aufgefuͤhrt. Zunaͤchſt dem Vicekanz - ler erbaute der Cardinal von Artoisein hohes und weitlaͤuf - iges Haus; dann der Schatzmeiſter; nach dieſem legteGre -182gorius Lolliden Grund. Der erſte von Allen war der Car - dinal von Pavia; dieſer erbaute ein ſchoͤnes und wohlbelege - nes Haus, welches ein Viereck bildete und von allen Seiten frey war. Der Cardinal von Mantuakaufte einen Bauplatz. Auch Thomas, der paͤbſtliche Kaͤmmerer und Bewahrer des bleyernen Siegels, ſelbſt einige Eigenthuͤmer, warfen die alten Haͤuſer ab, um neue aufzurichten; ſo daß allenthalben die vo - rige Geſtalt des Ortes verſchwand. Darauf, am Feſte des heil. Johonnes, weihte der Pabſt die Kirche, und verſetzte da - hin den Biſchof von Chiuſi, Johannes Cinughi. Er ſicherte die Kirche gegen verſtellende Aenderungen durch eine Verord - nung, welche den Bannfluch gegen Alle ausſpricht, die ihr ent - gegenhandeln. Sie iſt gegen allen Gebrauch bis auf den heu - tigen Tag befolgt worden, eben wie uͤberhaupt alle obener - waͤhnte Gebaͤude, wenigſtens an den Außenſeiten, noch immer ihre alte Geſtalt bewahren.

Wir haben geſehen, daß Piusſeinen Baumeiſter einen Bernhardaus Florenznennt; Niemand konnte in der That wohl beſſer, als der Bauherr ſelbſt, den Namen und das Vaterland ſeines Architecten angeben. Vaſari*)Vita di Francesco di Giorgio. hingegen mißt den ganzen Bau dem Francesco di Giorgiobey, einem Maler, Bildner und Baumeiſter aus Siena, und hierin ſind ihm, wie gewoͤhnlich, die meiſten, ja vielleicht alle**)Z. B. Milizia, vite degli Architetti, und Della Valle, lettere SenesiT. III. in der Hauptſchrift uͤber Francesco di G.Dieſe iſt jedoch ein unreifes Gemiſch von Auszuͤgen und gewagten Urtheilen, aus dem kein einziges Reſultat hervorgeht. Aus einigen Nachwei - ſungen habe ich indeß Nutzen gezogen. neueren Kunſtbuͤcher gefolgt. Waͤre Vaſariein durchgehend183 zuverlaͤſſiger Schriftſteller, ſo wuͤrde man annehmen muͤſſen, daß er dafuͤr Gruͤnde hatte, die gegenwaͤrtig unbekannt ſind. Da es aber auch ſonſt ſeine Gewohnheit iſt, Vermuthungen als Gewißheiten auszuſprechen, ſo haͤlt ſeine Angabe gegen das Anſehen des Bauherrn ſelbſt nicht Stand. Die zuverlaͤſſig be - kannten Lebensumſtaͤnde des Francescomachen es vollends unwahrſcheinlich, daß ihm uͤberhaupt, und vorzuͤglich in ſo fruͤher Zeit, eine Bauunternehmung von ſo großem Umfang ſey aufgetragen worden.

Denn zunaͤchſt ſcheint Francescoum 1459, als Piusſeinen Bau unternahm, erſt ein Knabe, oder doch nur ein Juͤngling geweſen zu ſeyn, weil ſeine Thaͤtigkeit um mehr als vierzig Jahre ſpaͤter*)Archiv. cit. Deliberazioni di Balia. T. XLVII. fo. 48. die XXIV. Julii 1505. et T. XLVIII. fo. 59. die XXIII. Junii 1506. noch in Anſpruch genommen wird. Vaſari, dem dieſer Umſtand entgangen war, ſetzt die Werke des Francescoum 1480; Baldinuccilaͤßt dieſen Kuͤnſtler gar ſchon um 1470 ſterben; gerade um die Zeit, da die zuverlaͤſ - ſigen Nachrichten von ſeiner Lebensthaͤtigkeit beginnen. Wenn dieſe Unkunde auf der einen Seite die Glaubwuͤrdigkeit der Behauptung Vaſari’snicht gerade erhoͤht, ſo erklaͤrt ſie auf der andern deren naive Sicherheit. Nun geben uns die Sieneſer Briefe**)To. III. p. 77. aus einem Taufregiſter folgenden Auszug: Francesco Maurizio di Giorgio di Martinopollajuolo, battezato il 23. Settenbre 1439. Ich habe das Taufbuch ſelbſt nicht geſehen; der Auszug aber hat das Anſehen der Aechtheit. Denſelben großvaͤterlichen Namen: Martin, fand ich unter den Magiſtraten, welche den 1. November 1485***)Archiv. cit. consilia campanae, de a. 1485. 184 antreten, nemlich: Franciscus Georgii Martini, wo es kei - nem Zweifel unterliegt, daß von unſerm Kuͤnſtler die Rede iſt. Francescowar alſo 1459, als der Bau von Pienzabe - gann, im zwanzigſten Jahre ſeines Lebens, wo er ſchwerlich den Grad von Ausbildung erreicht und einen ſolchen Namen erworben hatte, daß man auf den Gedanken gerathen konnte, ihn einer der groͤßten Unternehmungen jener Zeit vorzuſetzen. In der That wird Franz, ſo viel mir bekannt iſt, vor dem Jahre 1468, wo er als Zeuge in einem*)Dieſe Notiz verdanke ich Hrn. Ettore Romagnuoli, einem emſigen Sammler ſieneſiſcher Denkwuͤrdigkeiten; ich habe ſie jedoch nicht ſelbſt vergleichen koͤnnen. Alle uͤbrigen in dieſem Auf - ſatze benutzten urkundlichen Nachrichten, habe ich ſelbſt aufgefunden oder doch nachgeſchlagen und aufmerkſam verglichen. Contracte er - ſcheinen ſoll, in keinem ſteneſiſchen Archive genannt; in den naͤchſten Jahren aber, bis 1475, finden ſich nur Zahlungen fuͤr Malereyen, woraus hervorzugehen ſcheint, daß er ſich in fruͤheren Jahren vorzugsweiſe mit der Malerey beſchaͤftigt, und erſt in der Folge auch andere Kunſtzweige ergriffen habe. Er wird in dieſen fruͤheren Urkunden ſtandhaft Dipintore ge - nannt, was jedoch auch in ſpaͤteren Zeiten, vielleicht als Re - miniscenz, bisweilen wiederkehrt.

Nach dem Jahre 1475 verſchwindet Francescofuͤr einige Zeit aus den ſieneſiſchen Archiven. Er war**)Ein Originalbrief des Herzogs in der Bibliothek der Sa - pienza zu Sienalettera. i. grado 10. n. l. (abgedruckt bey Reposati della Zecca di Gubbio To. I. und lettere Sen. To. III. p. 77.) zeigt, daß Franzſchon im Jahre 1480. Anſpruͤche an die Dankbarkeit die - ſes Herrn erworben hatte. ſchon im Dienſte des Herzogs Friedrich von Urbino, welcher ihn nunmehr ganz auf die Befeſtigungskunſt hinuͤberleitete, wie185 aus den eigenen Worten des Francescoin ſeiner Schrift uͤber die Baukunſt zu entnehmen iſt. Den Originalentwurf des genannten Werkes bewahrt die*)Lettera X. scansia III. n. I. ſ. einen planloſen Auszug dar - aus in den lettere Sen. T. cit. oͤffentliche Bibliothek von Siena; eine andere Handſchrift beſitzt die**)Classe XVII. palchetto I. n. 31. Magliabecchiana zu Florenz. Die Letzte iſt eine Abſchrift, wie die regelmaͤßige Hand und die haͤufigen, ſinnloſen Schreibfehler bezeugen; ſie empfiehlt ſich aber durch groͤßere Vollſtaͤndigkeit des Planes und der Ausfuͤhrung. Vaſarierwaͤhnt verſchiedener Exem - plare dieſes Werkes, und ſcheint gerade das florentiniſche als das beſte zu bezeichnen. Auch***)L’idea dell architett. universale. ed. Venez.1615. fol. To. I. lib I. cap. VI. Scamozzibeſaß davon eine Abſchrift, die vielleicht auf der oͤffentlichen Bibliothek von Ve - nedigzu finden waͤre. Das florentiniſche Exemplar, welches offenbar nach einem zweyten und verbeſſerten Entwurfe abge - faßt iſt, ſtimmt darin mit dem ſieneſiſchen uͤberein, daß die ſchoͤne Baukunſt, an ſich ſelbſt der kleinere Theil, faſt durch - gehend nach Vitruv, die Befeſtigungskunſt hingegen durchaus nach den eigenen Erfahrungen und Anſichten des Verfaſſers abgehandelt wird. Eben daher moͤchte ich annehmen, daß Francesco, ſeit ſeiner Ankunft in Urbino, die Befeſtigung als ſein Hauptfach, die ſchoͤne Baukunſt aber jederzeit mehr als Kenner und Liebhaber betrieben habe. In der That waͤre es nicht befremdend, einen Kuͤnſtler, der ſein vielſeitiges Talent gern zerſplitterte, den wir fruͤhe als Maler, dann, gegen ſein Lebensende, als Bildner kennen lernen, auch in der Baukunſt gleichſam als Liebhaber auftreten zu ſehen. Gewiß bezeichnet186 Francescoſelbſt, mit Ausnahme ſeiner Befeſtigungen, nur ei - nen*)Cod. Florent. fo. 15. tergo. Dopo questo voglio descri - vere una stalla, la quale io ho ordinato al mio III. Duca d’Urbino: dalla quale si potrà comprendere tutte le parti, che debba avere una stalla completa o perfetta. Stall zu Urbinoals ſein eigenes Bauwerk, und be - gleitet dieſe Angabe mit allen Kennzeichen einer Selbſtgefaͤl - ligkeit, die errathen laͤßt, daß er ſchwerlich wichtigere Leiſtun - gen verſchwiegen haben wuͤrde. So zweckmaͤßig der Marſtall des Herzogs von Urbinoimmer angelegt ſeyn mochte, ſo haͤtte es ihm doch ungleich mehr ſchmeicheln muͤſſen, ſich den Bau - meiſter der Palaͤſte von Pienzaund Urbinonennen zu koͤnnen. Allein er ſagt auch nicht ein Wort von dieſen Gebaͤuden; ich brauche nicht auszufuͤhren, wie ſtark dieſes Stillſchweigen ge - gen Vaſarizeugt.

Dahingegen ſagt uns**)Cod. Florent. fo. 49. sq. Francescoſelbſt, daß er die Befeſtigung als Fach trieb, daß ihn ſein Herr und Goͤnner darauf hinleitete, und laͤßt uns zugleich die Bedeutung ahnen, welche er ſeinen Entdeckungen im Befeſtigungsweſen beymißt. Nachdem er die Schwierigkeit, der Wirkung des Canon’s zu begegnen, vorher ausgefuͤhrt hat, faͤhrt er fort: ich haͤtte mich nie vermeſſen, die Mittel der Vertheidigung gegen ſolche Gewalt ausſinnen zu wollen, waͤre es nicht durch Antrieb und mit Huͤlfe meines Herrn Friedrich von Urbinogeſchehen. Die Weisheit dieſes Fuͤrſten benahm mir das Bedenken, welches die Schwierigkeit des Gegenſtandes in meiner Seele aufſtei - gen machte. Der Herzog Friedrichſetzte die Entdeckungen unſeres Francesco***)Cod. cit. fo. 68 70. in Anwendung, denn er ließ durch ihn187 verſchiedene kleine Feſtungen erbauen, die Cittadelle von Cagli, Saſſo di Montefeltro, Tavoletto, Alaſerra, Mondaviund Mondoſi.

Demnach war Francesco di Giorgioeiner der Be - gruͤnder der neueren Befeſtigungskunſt: zunaͤchſt, weil er ſelbſt mit großer Unbefangenheit als Reſultat ſeines eigenen Nach - denkens mittheilt, was ſein Buch daruͤber enthaͤlt; dann, weil dieſe Reſultate an ſich ſelbſt hoͤchſt wichtig ſind, indem ſie bereits die Grundzuͤge der gegenſeitigen Vertheidigung vorzeich - nen. Er*)Cod. cit. fo. 51. tergo. ſagt nemlich: man muß die Baſteyen, die er noch rund anlegt, an den Winkeln anbringen, welche die Sei - ten des Polygons bilden, damit beide anſtoßende Seiten da - von beſtrichen werden, und eine**)Die H. S. hat: torrione, großer, runder, nicht ſehr erho - bener Thurm, aus dem ſpaͤterhin das Baſtion mit Faßen und Flan - ken entſtanden iſt. Ein neueres Werk mißt das ausgebildete Ba - ſtion dem San-Michelibey und citirt, als das fruͤheſte, ein Ba - ſtion zu Veronavon 1527. In den Randzeichnungen des florenti - niſchen Codex kommen ſchon Baſtione mit langen Faßen und zu - ruͤckgezogenen Flanken vor. Ich will nicht behaupten, daß dieſe Zeichnungen von Francesco di Giorgioſelbſt herruͤhren; im Gegentheil ich laͤugne es, weil ſie nicht mit dem Text uͤbereintref - fen, und halte ſie dem Anſehen nach fuͤr Jugendarbeiten des Bal - thaſar Peruzzi. Auf jeden Fall aber lehrt die Zeichnungsart, daß ſie aͤlter ſind, als das Jahr 1527. Baſtey die andere verthei - digen koͤnne. Nun mußte der Kriegesruhm des Herzogs von Urbinodieſen Verbeſſerungen uͤberall in Italieneinen ſchnellen Eingang verſchaffen. Die Geſchichtſchreiber der Kriegs-Bau - kunſt ſcheinen daher unſerem Kuͤnſtler lange nicht den Platz einzuraͤumen, der ihm gebuͤhrt.

Spaͤterhin als Francesco, nach dem Tode des Herzogs188 Friedrich, wieder in Sienaverweilte, trat er ausdruͤcklich als Ingenieur in die Dienſte der Republik. In ſeiner*)Archiv. delle riform. di Siena. Deliberazioni di Balia. To. XXXI. fo. 37. tergo. Be - ſtallung vom 29. December 1485. heißt es unter andern: in Dienſt genommen fuͤr die Nothdurft der Stadt, ſo wie der Ortſchaften und Feſtungen derſelben. Er nennt ſich ſelbſt in einer Bittſchrift vom Jahre**)Del. di Balia. To. XXXIII. fo. 51. 1488: Fran - cesco di GiorgioIngegnere, und ſo benennt ihn auch das Decret der Bewilligung vom 18. November deſſ. J. Im***)Del. di Balia. To. XL. fo. 5. tergo. Es heißt daſelbſt: pro occurentiis Montis politiani. Jahre 1499 werden ihm die Koſten der Ruͤckreiſe von Montepulcianonach Sienaverguͤtet, ohne genaue An - gabe der Urſache der Reiſe; doch iſt ſie, hoͤchſt wahrſcheinlich, die Sicherung dieſer wichtigen Beſitzung, weil jeder andere Bau nicht die Regierung von Siena, ſondern die Gemeine von Montepulcianoanging. Endlich im Jahre 1501. wird er ins†)Archiv. cit. Decreti di pagamento di Balia. To. 1. fo. 155. tergo. Feld geſandt und erhaͤlt dafuͤr zehn Ducaten Rei - ſeverguͤtung. Faſſen wir nun zuſammen, daß Francesco, als Schriftſteller, nur in der Fortification originell, ausfuͤhr - lich und erſchoͤpfend iſt; daß er als Baumeiſter des Herzogs von Urbino, ſechs Feſtungen gegen einen einzigen Stall er - baut; daß er ſpaͤterhin im Dienſte der Republik Sienagera - dehin: Ingenieur, benannt wird, und fuͤr die Feſtungswerke des Staates zu ſorgen hat: ſo muß man wenigſtens dieſes189 zugeben, daß die Kriegs-Baukunſt einen ſehr wichtigen Theil ſeines Berufes ausmachte.

Freylich war die Befeſtigung in jenen fruͤhen Zeiten durchaus in den Haͤnden der Architecten. Die Beſchaͤftigung mit dem Feſtungsbau ſchloß daher die ſchoͤne Architectur nicht aus, in welcher unſer Franz, alles Angefuͤhrten ungeachtet, ein großer Meiſter ſeyn konnte. Allein wie waͤre es denn erklaͤr - lich, daß wir von keinem einzigen ſeiner ſchoͤnen Bauwerke ſichere Kenntniß haben, da wir doch ſeine anderweitige Wirk - ſamkeit etwa ſechs und dreyßig Jahre lang in den Urkunden und in ſeinen eigenen Schriften verfolgen koͤnnen? Die ſieneſer Briefe*)To. III. p. 101. geben uns ein langes Verzeichniß ſeiner Bauwerke, ſollte man glauben, daß auch von keinem einzigen erwieſen iſt, daß Francescoden Entwurf dazu gemacht habe, daß bey verſchiedenen, z. B. bey den Bauwerken Pius II., das Gegentheil geradezu am Tage liegt? In der That koͤnnen wir nur den mehrerwaͤhnten Marſtall zu Urbino, als ein zu - verlaͤſſiges Bauwerk des Francesco di Giorgioangeben. Die - ſer Stall iſt vielleicht noch derſelbe, den Baldi**)Memorie concernenti la città d’ Urbino. In Roma1724. fo. no. II.in ſeine Beſchreibung des Palaſtes zu Urbinoaufnimmt.

Vaſarijedoch macht unſern Franzzum Baumeiſter des Schloſſes ſelbſt, welches zu den uͤberlegteſten und wohlausge - fuͤhrteſten Bauwerken jener Zeit gehoͤrt. Herzog Friedrichhatte dieſen Bau, nachRepoſati***)Della Zecca di Gubbio. To. I. p. 263. Dieſe Angabe beruht auf der Inſchrift am Palaſte ſelbſt, die auch das oben a. W. mit - theilt., ſchon 1447. begonnen. Hin -190 gegen haben wir oben geſehen, daß Francescoerſt nach dem Jahre 1475 in die Dienſte dieſes Fuͤrſten eingetreten iſt. Die - ſer letzte aber hinterließ ſeinen Palaſt vollendet, als er 1482. das Zeitliche geſegnete. Wenn nun dieſe Zeitangaben auf der einen Seite ſehr wohl zulaſſen, daß Francesco, wie er ſelbſt angiebt, den Bau durch einen Marſtall nach der Beſchrei - bung vielmehr durch eine Caſerne fuͤr die Reiterey des Her - zogs ergaͤnzte, ſo ſchließen ſie doch die Moͤglichkeit aus, daß er den Palaſt ſelbſt erbaut habe. Allein ſelbſt von die - ſen Gruͤnden abgeſehen, fehlt es auch hier, eben wie zu Pienza, nicht an beruͤhmten Kuͤnſtlern, welche jenen Bau in Anſpruch nehmen, deren Wirkſamkeit ungleich genauer mit der Zeit des Baues ſelbſt zuſammentrifft. Der eine iſt ein gewiſſerLu - cian, aus Lauranain Dalmatien, der auch ſonſt als Ma - ler und Baukuͤnſtler Ruhm erworben hat. Baldi*)A. a. O.behaup - tet das Diplom geſehen zu haben, welches Herzog FriedrichdieſemLucianmit ausdruͤcklicher Beziehung auf den Bau ſei - nes Palaſtes ausgeſtellt hatte. Der andere iſt Baccio Pon - tello, bey Vaſari: Pintelli, deſſen Grabſchrift in der Kirche S. Domenico zu Urbino, wie Baldibehauptet, ſeiner Mitwirkung zum Baue des herzoglichen Palaſtes erwaͤhnt. Beide Nachrichten, welche doch nicht wohl erſonnen ſeyn koͤn - nen, weil ſie ſo ſpeciell ſind, und weil hier gar keine Urſache des Betruges erſinnlich iſt, laſſen ſich ſehr gut vereinigen. Denn bey ſo großen Bauunternehmungen iſt es nicht unge - woͤhnlich, daß verſchiedene Meiſter einander in der Leitung des Baues nachfolgen; wir haben oben geſehen, daß ſelbſt dem Francesco di Giorgionoch ein Zuſatz zum Hauptgebaͤude191 anzuordnen uͤbrig blieb. Haͤtte Baldi, ſtatt anderer Weitlaͤuf - tigkeiten, das Diplom desLucianund die Grabſchrift des Baccioin ihrer Ausdehnung mitgetheilt, ſo wuͤrde ſich haben entſcheiden laſſen, welcher dieſer beiden Architekten den erſten Entwurf gemacht, und dem andern vorgeleuchtet habe. Vaſariſcheint alſo auch hier einer bloßen Vermuthung gefolgt zu ſeyn, auf welche ihn vielleicht die Verbindung des Herzogs mit unſerem Franzgeleitet hatte, welche durch deſſen Schrif - ten zu ſeiner Kenntniß gelangt ſeyn mußte.

Indeß moͤge es nicht ſcheinen, als ſolle hier dem Fran - cesco di Giorgioalle Kenntniß und Uebung in der ſchoͤnen Baukunſt abgeſprochen werden. Daß er gruͤndliche Baukennt - niſſe beſaß, geht ſchon daraus hervor, daß er den Feſtungs - bau gruͤndlich verſtand und mit Erfolg betrieb. Eben dieſe praktiſchen Baukenntniſſe wurden auch anderweitig in Anſpruch genommen. Man ſetzte ihn zu Sienauͤber den freylich ſchon vollendeten*)Arch. delle rif. di Siena. Delib. di Balia. To. 198. fo. 227. Dom, in welchem er die Verlegung der hoͤlzer - nen Chorſitze angab und leitete. Man zog ihn ferner**)S. die urkundlichen Nachrichten beyGiulianelli, oder bey denen, die aus ihm geſchoͤpft haben. in Mailandzu Rathe, als man die Kuppel der Domkirche er - richtete; auch hier war der gothiſche Entwurf ſchon vorhanden, und es galt nur Vortheile der Conſtruction. Man rief ihn auch nach***)Arch. delle Rif. di Siena. Lettere To. VIII. Die Luche - ſiſche Regierung ſchreibt an die Sieneſiſche unter dem 13. Aug. 1491. Cum Francisci Georgii, civis vestri, cujus in architectura fama percrebuit, consilium et judicium habere cupiamus. Lucca; es erhellt nicht, zu welchem beſonderen Baue. Endlich gewaͤhrt ihm die Republik im Jahre 1493.192 den*)Arch. cit. Delib. di Balia. To. XXXV. fo. 66. tergo. Urlaub, um einem Rufe des Herzogs von Calabriennach Neapelzu folgen, und hier galt es ohne Zweifel nur die Anlage und Verbeſſerung von Feſtungswerken. Denn das aragoniſche Haus ward gerade damals von Karl dem Achtenund von dem italieniſchen Buͤndniſſe bedroht, und ruͤſtete ſich zu einer Gegenwehr, welche, wie immer, vergeblich blieb.

Die ſieneſer**)To. III. p. 75. Briefe geben aus dritter Hand den Aus - zug eines Beſchluſſes aus dem oͤffentlichen Archive zu Cor - tona, der ungenau iſt, und auf dieſe Weiſe chronologiſche Unſtatthaftigkeiten herbeyfuͤhrt, welche an Ort und Stelle zu berichtigen mir nicht vergoͤnnt war. Indeß ſandte mir der verdienſtvolle Bibliothekar zu Cortona, Herr Canonicus Man - ciati, eine zuverlaͤſſige Abſchrift derſelben Urkunde, aus wel - cher hervorgeht, daß man im Jahre 1485., bey Gruͤndung der Kirche Sta Maria del Calcinajo, auf ein fruͤher von unſerem Franzangefertigtes Modell dieſer Kirche Bedacht nahm. Ob dieſes Modell in der Folge ausgefuͤhrt worden ſey, be - zweifle ich. Manciatifand im oͤffentlichen Archive zu Cor - tonakeine Nachrichten uͤber den Fortgang des Baues, und verwies mich auf ein***)Pinucci, Gius., memorie ist. della sagra imagine di Maria SS., che si venera alla chiesa del caleinajo. Buch, welches ich nicht habe auffin - den koͤnnen. Die noch vorhandene Kirche ſchien mir an der Stelle zu neu, um von einem Baukuͤnſtler herruͤhren zu koͤn - nen, der nach dem Jahre 1506. aus der Geſchichte verſchwin - det; daß man noch ungleich ſpaͤter daran gearbeitet, erhellt aus der Erwaͤhnung des Vaſari, daß ſein eigener Zeitgenoſſe,der193der juͤngere San Gallo, ebenfalls ein Modell zu dieſer Kirche gemacht habe. Unter allen Umſtaͤnden gewinnen wir durch obige Nachricht, wenn gleich kein Bauwerk, nach welchem der Baugeſchmack unſeres Franzbeſtimmt werden koͤnnte, doch wenigſtens die Gewißheit, daß man ſein Talent fuͤr ſchoͤne Baukunſt wirklich in Anſpruch genommen. Es iſt mir nicht gelungen, Anderes uͤber die architectoniſche Wirkſamkeit eines Kuͤnſtlers aufzufinden, den ſeit Vaſarialle Kunſtbuͤcher unter die groͤßten Baumeiſter ſeiner Zeit verſetzen. Wenn wir nun auch in Francesco di Giorgioeinen vortrefflichen Baukuͤnſtler aus der Kunſtgeſchichte zu verlieren ſcheinen, ſo gewinnen wir hingegen in dem Florentiner Bernhardeinen der groͤßten Nachfolger des Brunelleschi, der bis jetzt ſelten zur Sprache kam, weil ein bedeutender Theil ſeiner Werke ſeit Vaſariauf den erſten uͤbertragen wurde.

Um die Mitte des funfzehnten Jahrhundertes, oder zur Zeit des Baues von Pienza, erwaͤhnt die Kunſtgeſchichte eines einzigen florentiniſchen Architecten dieſes Namens. Vaſari*)Vita d’ Antonio Rossellini.nennt ihn Bernardo Roſſellini; ſeine Nachrichten uͤber die Wirkſamkeit dieſes Baukuͤnſtlers entlehnt er aus einer**)Sie iſt handſchriftlich vorhanden in der Magliabecchiana, classe XXXVII. Palchetto 4. Cod. 91. und abgedruckt bey Muratori, rer. Ital. scr. To. III. P. II. Lobſchrift auf Nicolaus V., welche Giannozzo Manetti, ein Florentiner und Hoͤfling deſſelben Papſtes, verfaßt hat. Dieſe Lobſchrift giebt uns von den großartigen, auf das eintraͤglichſte aller Jubilaͤen geſtuͤtzten Bauunternehmungen Nicolaus V.eine umſtaͤndliche Nachricht und beſchließt ſie mit den Wor -II. 13194ten:*)Mur. T. et P. cit. col. 907. dieſem allen war unſer Florentiner Bernhardvorgeſetzt; der Pabſt ſtand durch ihn allein mit allen uͤbrigen Meiſtern und Gehuͤlfen in Verbindung. Es waͤre ſchon an ſich ſelbſt ſehr wahrſcheinlich, daß Piusdenſelben Baukuͤnſtler hervorgezogen habe, welcher kurz vorher das Vertrauen ſeines Vorgaͤngers gerechtfertigt hatte; denn es liegt nur das kurze Pontificat Calixtus III.zwiſchen Nicolaus V.und Pius II.Nun kommt hinzu, daß kein hiſtoriſcher Grund vorhanden iſt, hier zwey gleichzeitige Architecten deſſelben Namens und Va - terlandes anzunehmen. Jeden Zweifel aber, der etwa noch uͤbrig waͤre, beſeitigt zunaͤchſt die Analogie der Richtung in den Bauunternehmungen beider Paͤbſte, indem ſie nicht ſo - wohl auf die Errichtung einzelner Gebaͤude, als auf die Ueber - einſtimmung aller Gebaͤude in ganzen Straßen, Plaͤtzen und ſtaͤdtiſchen Quartieren ausgingen; dann die Aehnlichkeit der Bauart einiger Theile des beſterhaltenen Werkes Nicolaus V.mit den entſprechenden Theilen der Gebaͤude Pius II., ſo daß ich in dem Florentiner Bernharddes einen und des andern Pabſtes nur einen und denſelben Baukuͤnſtler ſehe und anneh - men kann. Ich bezeichnete oben die inneren Theile, vorzuͤglich die offenen Bogenhallen des großen Hofes der Burg von Spoleto, von der Manettiſagt, daß ſie unter Nicolaus V.durchaus vollendet und bewohnbar gemacht wurde. Freylich moͤchte der Marktplatz von Fabbriano, den Nicolausgaͤnz - lich erneut hat, ungleich mehr geeignet ſeyn, die Gemeinſchaft - lichkeit der Bauart unſeres Bernhardsunter dem einen, wie dem andern Pabſte darzulegen. Allein ich fand bis jetzt nicht Gelegenheit ihn zu ſehen, und kann nicht einmal mit Be -195 ſtimmtheit angeben, ob er ganz oder doch zum Theil ſeine erſte Geſtalt bewahrt habe. Architecten, welche laͤngere Zeit hindurch mit der Vermeſſung der pientiniſchen Gebaͤude beſchaͤftigt wa - ren, fanden auch zu Viterbo, wo Nicolaus V. hat bauen laſ - ſen, Gebaͤude in dem Geſchmacke des Bernardo. Das Schloß von Narni, der Thurm der Engelsburg zu Romſind groͤß - tentheils noch in dem Zuſtande, in welchen Nicolaus V. ſie geſetzt hat. Allein dieſe Mauern und Zinnen, obgleich voll Charakter, ſind doch in der Anlage und Beſtimmung zu ver - ſchieden von den Bauwerken zu Pienza, als daß man bey ei - ner kuͤnftigen Vergleichung allenthalben auf Aehnlichkeiten rech - nen koͤnnte. In der That aber genuͤgt es, die Bogenſtellung der innern Logen der Burg von Spoletoin Beziehung auf Verhaͤltniſſe und Zierden mit den Saͤulengaͤngen der Palaͤſte zu Pienzazu vergleichen, um einzuſehen, daß in den Werken beider Paͤbſte eine hinlaͤngliche Verwandtſchaft der Bauart vor - handen iſt.

Mit Sicherheit werden wir ferner aus der Gemeinſchaft - lichkeit des Bauherrn und aus der Verwandtſchaft der Bauart ſchließen koͤnnen, daß die Palaͤſte und andere Gebaͤude, welche Pius II. in Sienaſelbſt errichten ließ oder doch befoͤrderte, von demſelben Baumeiſter angelegt wurden, deſſen Leiſtungen zu Pienzauͤber alle Hofraͤnke ſiegten. Wir haben oben geſe - hen, daß Piusſagte: der Pabſt habe ihn nicht allein be - ſchenkt und gelobt, ſondern auch anderen Werken vor - geſetzt. Dieſer Ausdruck wird zunaͤchſt auf Pienzaſelbſt zu deuten ſeyn, wo auch die Hoͤflinge, welche dort aus keinem andern Antriebe, als dem der Gefaͤlligkeit gegen ihren Herrn, ſich anbauten, in der Wahl des Baumeiſters ſchwerlich den Anſichten des Pabſtes entgegengehandelt haben; dann aber13 *196und um ſo mehr auf die Palaͤſte in Siena, weil hier nur der Pabſt ſelbſt, oder ſeine naͤchſten Verwandten die Bau - herrn waren.

Pius II. errichtete zu Sienadie Bogenhalle in der Naͤhe der Kirche des Hl. Martin und legte um einige Jahre ſpaͤter den Grund zu jenem ſchoͤnen Familienpalaſte der Piccoluo - mini, den er ſeinem Neffen beſtimmte. Dieſes treffliche Ge - baͤude gilt, in Anſehung ſeiner Aehnlichkeit mit den pientini - ſchen Palaͤſten ſeit Vaſarifuͤr ein Werk des Francesco di Giorgio;*)S. Grandjeanet Famin, Architecture Toscane, wo eine gute Abbildung mit ihren Aufriſſen und Durchſchnitten. mit dem erſten Irrthume faͤllt auch der zweyte. Allerdings ward der Palaſt Piccoluomini, jetzt: collegio To - lomei, nicht fruͤher, als einige Jahre nach dem Tode des Pabſtes beendigt; denn die Republik bewilligte noch im Jahre 1469. eine Erweiterung des Bauplatzes auf Koſten der oͤffent - lichen Straße. **)Archiv. cit consil. camp. To. CCXXXVIII. fo. 58. Es - ponsi per li Offitiali de l’ornato de la città vostra, come hanno voluto con diligentia esaminare lo palazzo principiato per la sua spectabilità diMisser Jacopoed Andre Piccolominilo qualc sara opera maravigliosa e nella città nostra degnissimo orna - mento secondo la intenzione e disegno di loro spectabilità. Et tro - vano decti vostri servitori che a volere che le faccie corrispondino a drictura l’una coll altra e lo palazzo venghi in quadro bisogna sopra pigliare dieci braccia de la selice (gepflaſterte Straße) del campo etc. Indeß hatte der Pabſt den Bau ſchon im Jahre 1460 begonnen, wie aus dem Nachlaß der Con - tractſteuer hervorgeht, welchen die Republik ihm gelegentlich des Ankaufs der Bauplaͤtze bewilligt. ***)Archiv. cit. consil. camp. To. CCXXXIII. fo. 291. a. t. anno 1460. Ind. IX, die sabbati XVIII. Octobris. Dinanzi a voi Hier einen anderen197 Architecten anzunehmen, als jenen Bernardo, nun gar den Francesco di Giorgio, deſſen Andenken nirgend ſo weit zu - ruͤckreicht, waͤre, nach dem bereits Beygebrachten, eine ſtraͤf - liche Hartnaͤckigkeit. Ich hoffe daher, daß man den Roſſel - lininunmehr uͤberall in ſeine Rechte wiedereinſetzen werde; und um ſo mehr, da ihm der Ruhm zu gebuͤhren ſcheint, dem Baugeſchmacke der Schule des Brunelleschi zuerſt Maß und Zierde verliehen zu haben. Allein auch die Beweglichkeit und Vielſeitigkeit dieſes Kuͤnſtlers verdient Anerkennung; keine Vorliebe fuͤr dieſe, oder jene andere Zierde ſcheint jemals ihn verleitet zu haben, das Weſentliche ſeiner jedesmaligen Auf - gabe aus den Augen zu laſſen. Moͤchten reiſende Architecten kuͤnftighin ſeinen Arbeiten zu Siena, Pienza, Viterbo, Narni, Spoletound Fabbrianoeine groͤßere Aufmerkſamkeit zuwen - den und, ohne vor fremdartigen Profilen zu ſtutzen, den fei - nen Sinn in der allgemeinen Anlage und vornehmlich in der Zuſammenſtellung ganzer Gebaͤudegruppen ſtudiren wollen, in welchem Bernardomir einzig und ganz unvergleichbar zu ſeyn ſcheint.

***)Exponsi per li vostri fidelissimi servidori nove offitiali so - pra l’ornato della città nostra come dinanzi alloro e stato lo spectabile cavaliere. MisserGio. Saracinicittadino vostro et ha es - posto come la Sanctità del sommo Pontefice Papa Pio II.intende e vuole fare ed edificare ne la città vostra uno nobile e bello casamento avendo le case et butighe e piaze dove tale casamento fare intende da padroni et signori di quelle per pregi giusti et ra - gionevoli. Et che di tali compre cosi per li proveditori come per lo compratore al commune vostro non si paghi alcuna cabella, ne si paghi etiando cabella delle cose si mettessero nella città vostra per fare el detto casamento etc. Eod. fo. Approbatum fuit cum hac limitatione vid. quod omnes vendentes summo pon - tifici vel suis nepotibus teneantur solvere eorum medietatem cabelle.

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Wahrſcheinlich ward auch die Wohnung, welche der Pabſt ſeiner Schweſter,Katharina Piccoluomini, Mutter des Her - zoges von Amalfi, in der Hauptſtraße zu Sienaeinrichten laſſen, von unſerem Bernhardangegeben. Dieſes Haus (ge - genwaͤrtig gehoͤrt es der Familie Nerucci) hat allerdings ein derberes Anſehn, ſtaͤrkere Ausladung der Werkſtuͤcke des Unter - geſchoſſes und der verzierenden Glieder. In der allgemeinſten Anlage ſtimmt es indeß mit jenen ſchon bezeichneten Bauwer - ken des Bernardouͤberein; auch faͤllt dieſer Bau in eben die Zeit, als Bernardozu Pienzafuͤr den Pabſt beſchaͤftigt war, daKatharinaſchon im December 1459. den Bauplatz erſtan - den hatte*)Archiv. delle Rif. di SienaDeliberazioni di concistoro To. 542. fo. 41. a. t. , deſſen von ihr nachgeſuchte Erweiterung auf Koſten der oͤffentlichen Straße im October des folgenden Jah - res von der ſtaͤdtiſchen Regierung bewilligt ward**)Ib. To. 547. fo. 21. s. 1460. die IX. Ottubris. Magnifici Do - mini etc. attendentes, qualiter per eorum in offitio praecessores fuit concessa quedam platea cum omnibus rebus in ea existentibus communis Senarumin loco vocato piaza Manettimagnifice DomineCatarinesorori carnali summi pontificis vid. die XVIII. Decenbris preteriti 1459. cum certis conditionibus et inter alia quod via per quam itur ad archiepiscopatum Inter DomusNannis de Marsiliiset Domum per jam̅ DominamChaterinamhedificandam esset latitu - dinis octo brachiorum ad minus De quibus omnibus plene patet manu Ser Dei silvestri tunc notarii consistorii, et attento quod DominaChaterinasecundum designum sui architectoris non potest commode facere ipsam Domum nisi capiat vel occupet de ipsa via unum brachium cum dimidio ad minus. Qua de causa decreverunt, quod ipsa via remaneat et sit latitudinis brachiorum sex cum dimidio alterius brachii etc. . Sie hatte ihren eigenen Architecten, welcher, ſchon weil das ange -199 zogene Actenſtuͤck ihn nicht nennt, hoͤchſt wahrſcheinlich dem ſieneſiſchen Gemeinweſen fremd war. In dieſer Stadt hatte der neue florentiniſche Geſchmack bis um die Mitte des funf - zehnten Jahrhundertes den gothiſchen noch nicht ſo ganz un - terdruͤcken koͤnnen. In den Bildnerarbeiten des Jacob della Guercia, in den Pfeilern der Loggia di ſan Paolo und in anderen, nach damaligem Stande des Gemeinwohles, wenig bedeutenden Unternehmungen dieſer Zeit miſcht ſich der neu - aufkommende antike Stoff noch durchhin mit gothiſchen Re - miniscenzen. Nachdem die Richtung des Brunellescoendlich auch Sienaergriffen hatte, bildeten ſich, doch immer um De - cennien ſpaͤter, als die Bauwerke Pius II. , einige Baumeiſter in der neueren Manier. Doch blieben auch dieſe bis auf den Baldaſſare Peruzziin den Verhaͤltniſſen ungleich willkuͤhrlicher, als die Florentiner. Der Palaſt Spannocchi in der Haupt - ſtraße, ein kleinerer in der Gegend des roͤmiſchen Thores, ſcheinen dem Hauſe derKatharina Piccoluomininachgeahmt zu ſeyn. Hingegen giebt es zu Sienaund in deſſen Gebiete viele in Backſtein ausgefuͤhrte Gebaͤude von einem nur dieſer Ge - gend eigenthuͤmlichen Charakter. Dahin gehoͤrt das Haus Bartali in der Hauptſtraße, die Kappelle neben dem Palazzo de Turchi vor dem florentiniſchen Thore, das Kloſter Monte Uliveto maggiore bey Chiuſuriund Anderes. Dieſe Gebaͤude zeigen in ihren Thuͤr - und Fenſteroͤffnungen eine groͤßere Breite und Niedrigkeit der Anlage, als uͤberhaupt lobenswerth iſt, und unterſcheiden ſich hiedurch insbeſondere von den florenti - niſchen Bauwerken des funfzehnten Jahrhundertes, bei denen ſchlanke Verhaͤltniſſe beliebt waren. Mit Sicherheit kann ich von keinem einzigen dieſer eigenthuͤmlich ſieneſiſchen Bauwerke den Meiſter angeben; doch werden ſie wahrſcheinlich dem Coz -200 zarello, dem Francesco di Giorgiound anderen Kuͤnſtlern die - ſer Zeit beyzumeſſen ſeyn, von denen wenigſtens im Allgemei - nen bekannt iſt, daß ſie ſich auf die Baukunſt verſtanden ha - ben. Bey ſo entſchiedenem Gegenſatze der Bauſchulen von Florenzund Sienawird jenes ganz florentiniſche Haus derKatharina Piccoluominiſicher nicht von einem Sieneſer, wenn aber von einem Florentiner, doch wahrſcheinlich nur von jenem Bernardoentworfen ſeyn, den Pius II. vor Anderen wuͤrdigte und beguͤnſtigte.

Vaſarikannte den Francesco di Giorgioaus deſſen Schrif - ten um etwas naͤher, als andere Kuͤnſtler, welche gleichzeitig oder fruͤher zu Sienagearbeitet haben; daher entſtand, daß er demſelben einige Arbeiten unterordnete, von denen er nur allgemeine Kunde beſaß. Es ſcheint, daß ſein Beyſpiel die Spaͤteren angeſteckt und ſie verfuͤhrt habe, dem Francescoauch einige Bildwerke unterzuſchieben, welche in der That an - deren, minder bekannten Kuͤnſtlern aufgetragen und bezahlt wor - den ſind. Dieſe Arbeiten ſind in der That ſehr maͤßig; indeß fodert die Gerechtigkeit, ſie ihren Meiſtern zu retten.

An der Vorhalle des Caſſino de Nobili zu Siena, der ehmaligen loggia di s. Paolo, befinden ſich einige Statuen von hinreichender Groͤße, deren zwey, die Figuren der Hl. Petrusund Paulus, von Vaſariund Anderen dem Vecchiettabeygelegt werden; wahrſcheinlich folgte er hierin ſeinem ſiene - ſiſchen Berichtgeber, welcher ihn hier, wie gewoͤhnlich irre ge - leitet hat*)S. Belege III. 3. zu Ende.. In dem Hl. Anſanusund einem anderen ihm gegenuͤberſtehenden Heiligen will Della Valle, nach einem an - maßlichen Kennergefuͤhle, die Hand des Francesco di Giorgio201erkennen, Andere wiederum, den Jacopo della Quercia. Indeß findet ſich in den gebundenen Protocollen der ſieneſiſchen Dom - verwaltung, daß man dieſe Statuen 1451. je zwey dem Ur - bano da Cortona*)S. Belege II. 1.und drey dem Antonio di Federigo**)S. Bel. III. 1.verdungen hat; zween Bildhauern, welche faſt unbekannt ſind, obwohl ſie damals in ihrer Vaterſtadt eine ganz anſehnliche Stelle eingenommen haben. Urbanohatte im Dome von Siena, zugleich mit ſeinem BruderBartolomeoeine Kappelle verziert***)S. Bel. II. 2., deren Ueberreſte man ſpaͤterhin innerhalb der Kirche in die Mauer des Thurmes eingelaſſen hat. Antoniofindet ſich verſchiedentlich in den Buͤchern der Domverwaltung, welche ihn mit Statuen zur aͤußeren Verzierung der Kirche beſchaͤftigt†)S. Bel. III. 2. 3.. Im Jahre 1457. bezahlt die Domverwaltung ihm eine Statue des Hl. Petrus††)S. Bel. III. 2., woraus abzunehmen iſt, daß Petrusund Paulusan der mehrgedachten Vorhalle von ſeiner Hand ſind, wie ebenfalls eine dritte gegenuͤberſtehende, welche mit jenen eine gewiſſe Magerkeit der Ausfuͤhrung ge - mein hat. Es blieben dem Urbano da Cortonadie beiden mittleren, der Hl. Anſanusund deſſen Gegenſtuͤck, welche von obigen durch Breite der Formen, Lebendigkeit der Bewegung ſich unterſcheiden.

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Belege

I. Lorenzo da Viterbo.

Nicola della Tuccia, annali di Viterbo. p. 112.

(Die Abſchrift verdanke ich HerrnAbbate Semmeria.)

Per far ricordo di me Nicola de Bartolomeoaltrimenti detto Nicola della TucciaScriptore de questi ricordi fatti insino al infrascripto, dico, che tra quali tempi uno spettabile Ceptadino nominatoNardo Maz - zatosta de Viterbohabitante nella contrada de Sancto Simeonein quella Casa a pie de detta contrata, nella quale sta uno capo scale con palco il più bello et ho - norevole, ove sotto la scala sta un porticale in modo di loggia, e case. Il qualNardosopradetto de sua propria Pecunia fece fare una honorevole cappella nella Chiesa de Sancta Maria della Verità, ove sta la Im - magine della nostra Donna, e depinta, et ornata per mano de Mastro Lorenzofigliolo diGiacomo de Pie - tro Paulo de Viterbohabitante presso la porticella, la quale va alla Chiesa della Trinità in Piano de Sancto Faostino, nella quale Cappella è ornata, et depinta tra le altre figure la historia della gloriosissima sempre Vergine Maria nostra clementissima Matre, et in quella historia sta alla mano manca, quando entrate in detta Capella, ove appare, chessa Vergine gloriosa dato lo anello da Sancto Giuseppe, ove sono molti giovani cavati dal naturale, tra quali da quello lato, ove sta la gloriosa Vergine sono depinte certe donne de più reggioni, et dietro a detto donne sta una vestita de negro in forma de vedova, et dietro a quella detto203 Mastro Lorenzovolse depingere me, et cavarme dal naturale, et così fece, ove vedrete uno antico homo detà danni 68½ o circa, vestito de paonazzo, et col mantello addosso, et una barretta tonda in testa, et calze negre, et quello e fatto alla similitudine mia, fatta a di 26. aprile 1469., et quelle persone, che vorranno leggere le mie scripture, et cognoscermi, vada a vedere in quello loco, laltre figure sono fatte a similitudine daltri, delle quali al presente non fo memoria.

II. Urbano di Pietro da Cortona.

1. Archiv. dell opera del Duomo di Siena. Libro E. 4. memorie. fo. 23. a. t.

MCCCCLI. a di 16. di Luglio. Memoria come que - sto di detto maestro Urbano di Pietro da Cortonain - talgliatore si conducie da gli oparari di s̅c̅o̅ Paoloaf - fare due figure di marmo da porsi a le colonne overo a tabernacoli de le colonne desso s̅c̅o̅ Pavoloet quelli s̅c̅i̅ che per essi oparari gli sara detto. le quali figure promette davere fatte et poste per fino a quattordici mesi prossimi avenire a tutte sue spese et deba la fare belle intere et schiette et di bellavoro a segno di buon maestro et debba avere dalluopara nostra per mercie et salario de la sua fadiga fiorini ciento quaranta in tutto di lire quattro fiorino et cosi sono le dette parti insieme daccordo etc. Le quali figure debba lavorare di marmo del nostro contado et debba le fare grandi quanto si richiede a la grandeza de detti tabernacoli.

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2. Archiv. et libro citt. fo. 29.

Memoria come a di XVIII. dottobre 1451. Misser lopararo predetto per vigore de la remissione in lui facta per li suoi conseglieri allogo a Maestro Urbano di PietroetBartholomeosuo fratello schultori da Cor - tonauna cappella da farsi per loro in duomo a laltare de la Madonna dele gratie con questi modi et pacti: cioe che essi Maestro UrbanoetBartholomeosieno tenuti et debbino fare la detta cappella di marmo gen - tilmente lavorata et essa ponere et finire a tutte loro spese di marmi et ongni altri lavori bisognevoli a la fabrica dessa cappella per tenpo di tre anni proximi da cominciare in calende di gennaro proximo, del quale lavoro debbino avere da luopara et suoi cam. fiorini 900. di Lire IV° il fiorino di tempo in tempo come serviranno.

Item che la detta cappella sia bene proportionata et conposta in tutte le sue parti et con debite misure di largheza et alteza, et sporti fuore del muro braccia 1. ¼. ne suoi pilastri seguendo lavanzo del lavoro a la debita misura che portano non scemando il detto brac - cio ¼ per largheza.

Item che la detta cappella sia conforme al disegno de la cera na (ne ha) fatto il detto Maestro Urbanoil quale a il detto opararo, et ad essa forma si debbi fare, ma che pilastri sieno a forma duno dessi sola - mente, cioe di quello che e a storie et non a figure grandi di quelle storie che per detto oparaio li saranno imposte.

Item che nel fregio sopra larcitravo in luogo da -205 quile et vasi che sonel (son nel) disegno debi fare IV. Evangelisti In forma danimali come li figura la chiesa.

Item che la base de pilastri sieno belle et vantag - gino il detto disegno a forma di uno disegno fatto con penna in uno suo libretto, dove da capo al disegno e una crocetta, et e scripto, In ponte.

Item che le dette base pilastri capitelli arcitravi et fregio predetto sieno tutti di pietre da cierro et le figure de le storie et l’altre di tutto il lavoro sieno di mezo relievo et piu o meno come verranno Intaglio (sic) a le storie, sicche sieno di buona apparenza, et di lavoro gentile et maestrevole.

Item che la cornice di sopra che ricigne il frontone sia grossa al pari di quella di sotto che attraversa la cappella et di quello lavoro o megliore. Item etc. (Formeln.)

3. Archiv. cit. Libro E. 6. Deliberazioni. fo. 21. a. t. Die V. Julii 1456.

Et decreverunt quod statua marmorea ad Immagi - nem s̅c̅i̅ Bernardiniexsistente penes magistrum Urba - numquae statua est opere consignata per donatorem conventu observantie sci Bernardiniet quod sumptibus opere finiatur et detur ut supra.

fo. 29. 25. Sept. 1456.

Del. quod sit remissum in dominum operarium quod possit facere pretium figure s. Bernardinidonate fratribus observantie s̅c̅i Bernardiniper magistrum Ur - banumet ponendum ad conputationem dicti magistri Urbani.

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fo. 60. a. t. die XXIII. Sept. 1459.

Insuper decreverunt quod eidem magistro Urbanosolva̅tur floreni sex de libris 4 pro quolibet floreno pro ejus mercede eo quod fecit et construcsit figuram sancti Bernardinide Senispositam in ejus cappella in eccle - sia catedrali. Et quod camerarius eidem magistro Ur - banopraedicto solvat sine suo praejudicio etc.

4. Arch. cit. E. 5. fo. 137 (197.) a. t. VIII. Ja - nuarii 1454 (1455.) prestare a Maestro Urbano di Pietro da Cortonamaestro di pietra di ducati otto da schontarsi o rendarsi come parra alloparaio et conse - glieri.

III. Antonio di Federigo*)Vergl. in Bezug auf dieſen Kuͤnſtler Abh. VIII. Bel. I. 3..

1. Archiv. cit. libro E. 4. memorie. fo. 25. a. t. 1451. Richordo come questo di 7. di settenbreBar - tolomeo di Pavolo di Gabriello Ricevetteper maestro Antonio di Federigoscarpellatore di marmo libre tre - ciento si gli dette per parte di tre fighure di marmo si fanno fare in su la logia di sampavolo con questa conditione: promette detto a lo spettabile cavaliereMis - ser Marianobargalgli oparaio et alloparari di santo Pavoloche detto maestro Antonioservira in sopradetto lavoro et a quello tempo che e oblighato come e ro - gato ser arduino di Lunardo. Et due non servisse come e detto ristituire dette lire trecento. Et questo appare allibro de le ricordanze segnato b. di dettoBar - tolomeo e Pavoloa fo. 68.

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2. Archiv. cit. libro E. 6. fo. 33. a. t. die XXX. Jan. 1456. (1457.)

Decreverunt locare et locaverunt magistro An - tonio Federigilapicide de Senisad faciendum qua - tuor statuas marmoreas ponendas apud colum - nas logie mercantie vel alibi*)Man war damals eben mit der inneren und aͤußeren Be - endigung des Domes beſchaͤftigt. S. Arch. cit. libro E. 5. wo fo. 107. a. t. Marmorbekleidung einer Kappelle, fo III. 112. (172.) 117. (177.) drey Kappellen bildneriſch zu verzieren beſchloſſen werden. prout videbitur dictis Dominis operario et consiliariis cum hoc quod pretium predictarum figurarum fiat per offitium predic - tum et hoc quum fuerit conpleta una figura ut possit videri laborerium suum et si dicto offitio facta dicta figura videbitur tunc et eo casu dictus Magister Anto - niusprosequatur in laborerio sin autem fiat prout per offitium deliberabitur.

Dieſes Probeſtuͤck erlangt (eod. To. fo. 42. a. t.) die XXX. Decbris 1457. die Billigung der Domverwaltung. Daſ. fo. 43. die XXXI. Dec. 1457.

Dni operarius et consiliarii una cum camerario convocati etc. declaraverunt pretium unius figure seu statue marmoree facte per magistrum Antonium Fede - rigivid. ad Immaginem s. Petriesse de florenis sessa - ginta octo de Lib. 4. den. pro floreno et quod came - rarius eidem magistro Antoniosolvat dictum pretium sine suo prejuditio aut damno etc.

Et visa deliberatione alia facta die XXX Jan. in presenti libro fo. 33. de locatione 4. figurarum seu sta -208 tuarum factarum (?) per magistrum Antonium Fe - derigidecreverunt quod dictus Magister Antoniuspro - sequatur In faciendo dictas figuras et quod sit remissum in dominum operarium qui pro tempore erit In faciendo pretium dictarum figurarum In quo possit expendere usque ad floren. 72. de libris 4. pro quoli - bet quas figuras dictus Magister Antoniusfacere debeat ad modum boni magistri etc.

Eod. To. fo. 46. a. t. XXVIII. Martii 1458. erhaͤlt Antonioeine Vorausbezahlung.

3. Archiv. et To. cit. fo. 47. a. t. die octava Julii 1458.

Et decreverunt quod Donatelloschultori detur ad schulpendam et fabricandam statuam et figuram marmoream sancti Bernardininon excedendo summam pretii dicte figure florenos sessaginta otto denariorum Senensiumvel ad plus vantagium (vantaggio) opere.

Et similiter figuram sci Ansani detur ad fabrican - dam Antonio Federigieodem modo.

Vecchiettadetur figuram S. Paulieodem modo.

Wollte man hier, gleich dem Berichtgeber des Vaſari, auf jene Statue an der loggia di san Paolo rathen, ſo kaͤme doch noch ein zweyter Bildner in Betrachtung, dem man um wenig ſpaͤter ebenfalls eine Statue des Hl. Paulusauf - getragen hat, vielleicht weil man mit dem Vecchiettanicht einig geworden.

Archiv. cit. libro E. 7. Deliberazioni fo. XX. 1465. E possi allogare (l’operajo) aGiovanni di Stefanoad209ad fare di marmo la figura di sancto Pavolocome me - glio potra.

Indeß finde ich in beiden Faͤllen nicht angemerkt, fuͤr welche Stelle dieſe Statue beſtimmt war. Man verzierte da - mals die Vorſpruͤnge der Domkirche und verſchiedene Kap - pellen in ihrem Inneren durch Statuen und Bildwerke; ſo ward die Statue des Hl. Anſanusin der Kappelle ſ. Giovanni Bapt. eben damals dem gedachtenGiovanni di Stefanobe - zahlt. Wir werden uns demnach an jene erſten, die, loggia di s. Paolo, ſicher angehenden Auftraͤge halten muͤſſen; um ſo mehr, da die vorhandenen fuͤnf Statuen je zwey und drey in derſelben Manier gearbeitet ſind; da ſogar die beiden brei - ter gehaltenen in der Manier mit den ſchon bezeichneten Frag - menten der Kappelle des Urbano da Cortonaim Dome uͤber - einſtimmen.

II. 14
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XIII. Entwurf einer Geſchichte der umbriſch toscani - ſchen Kunſtſchulen, fuͤr das funfzehnte Jahr - hundert.

Stufenweis haben wir uns der Epoche angenaͤhert, in welcher die Kunſtgeſchichte in eben dem Maße an Sicherheit und Ausfuͤhrlichkeit gewinnt, als ihre Quellen reichlicher zu fließen beginnen; von nun an will ich die Ergaͤnzung und Berichtigung des Einzelnen der Darſtellung des Allgemeinen und Durchwaltenden, die vereinzelten Kuͤnſtler den Schulen unterordnen, aus welchen ſie hervorgegangen ſind.

Schule, nenne ich die lebendige Fortpflanzung von Stim - mungen, Richtungen, Handhabungen, deren Entſtehung aus dem Beyſpiel und aus den Einwirkungen maͤchtiger Geiſter in den meiſten Faͤllen umſtaͤndlich nachzuweiſen iſt. Schule in dieſem Sinne pflegt auch dem fluͤchtigen Blicke durch Ei - genthuͤmlichkeit der Auffaſſung ſich anzukuͤndigen, entſchiedener vielleicht durch Eigenthuͤmlichkeiten der Manier und Formen - gebung.

Allerdings nun duͤrfen die Kunſtſchulen, da ſie nothwen - dig irgendwo zu Hauſe ſind, auch wohl einmal nach der Oert - lichkeit, in welcher ſie ſich entfaltet haben, benannt werden. Indeß geſchiehet es nicht ſelten, daß deren Stifter ihre Hei - math vertauſchen und an verſchiedenen und weit entlegenen Stellen geiſtige und techniſche Anregungen verbreiten. Auch211 hat es ſich wiederholt ereignet, daß in demſelben Mittelpuncte verſchiedene Stifter gleichzeitig hervorgetreten ſind, welche ganz entgegengeſetzte Richtungen und Handhabungen auf ihre Schuͤ - ler und ſpaͤteren Nachfolger fortpflanzten. Wenn nun dieſelbe Schule unter Umſtaͤnden verſchiedene Staͤdte und Landgebiete umfaſſet; wenn andererſeits dieſelbe Stadt nicht ſelten ganz verſchiedene Schulen in ſich einſchließt; ſo iſt es offenbar un - zulaͤſſig, die Kunſtſchulen, wie es bey neueren Schriftſtellern uͤblich iſt*)Bey Lanziund ſo viel Anderen heißt, roͤmiſche Schule: die Geſammtheit aller Kuͤnſtler, welche im Staatsgebiete des roͤ - miſchen Stuhles geboren ſind. Nun giebt es in dieſem Staate, von den mannichfaltigſten Meiſterſchulen abgeſehn, auch noch die entſchiedenſten Stammverſchiedenheiten: Roͤmer, Toscaner, Umbrer; der Lombarden in den Legationen nicht zu gedenken, welche man aus Inconſequenz abzuſondern und den Bologneſern beyzuordnen pflegt., durchhin nach der Oertlichkeit, in welcher ſie Raum gefunden, zu claſſificiren.

In den fruͤheren Abſchnitten begegneten wir großer Ein - foͤrmigkeit des Wollens und der Manier; kaum gelang es uns in den aͤlteſten Zeiten die groͤßeren nationalen Maſſen, Neugriechen, Italiener und Deutſche, genuͤgend zu ſondern; ſelbſt in der vorgeruͤckten Epoche des Giottounterſchieden wir nur etwa Florentiner und Sieneſer. Um ſo vielfaͤltiger tren - nen, zerſpalten, durchkreuzen ſich die mittelitalieniſchen Kunſt - ſchulen ſeit dem Anbeginn des funfzehnten Jahrhundertes.

Die fruͤheſte Spaltung in der Richtung italieniſcher Kuͤnſt - ler entſtand unmittelbar aus den Neuerungen des Giotto. Dieſe erhielten ſich zu Florenzein ganzes Jahrhundert lang in Gunſt und Gebrauch; hingegen zeigt ſich in der ſieneſiſchen14 *212Schule noch bis um das Jahr 1500. manche Nachwirkung der Anregungen, welche byzantiniſche Vorbilder, oder lebendige Anleitung neugriechiſcher Maler, waͤhrend des dreyzehnten Jahrhundertes in ganz Toscanaverbreitet hatten. Als die lebensſinnigen und munteren Lorenzettiim Campo santo zu Piſamalten, befolgten ſie, von ihrer allgemeinen Richtung abweichend, in jenen Einſiedlern der Wuͤſte genau die Anord - nung der neugriechiſchen Darſtellungen dieſes Gegenſtandes; Barnahatte in jenen Mauergemaͤlden zu ſ. Gimignanoſogar Manieren und Formen aus ſeinen Vorbildern beybehalten; Pacchiarotto, ein Zeitgenoſſe Raphaels, gefiel ſich in einem ſeiner beſten Gemaͤlde*)Es ward meinerzeit zum Verkauf ausgeboten. Der Gegen - ſtand: die Aufnahme der Madonna in den Himmel, unten die Apo - ſtel; hoͤher, wie gewoͤhnlich, Glorie von Engeln, welche die aufwaͤrts ſchwebende Jungfrau umgeben. Unter dem oberen Rande des Bil - des zu den Seiten jene Erzvaͤter von byzant. Anſehn, welche auch in den aͤlteren ſieneſiſchen Darſtellungen deſſ. Gegenſtandes vorzu - kommen pflegen. die Patriarchen und Propheten der Glorie aus dem griechiſchen Typus in ſeine eigene, mehrſeitig ausgebildete Manier zu uͤbertragen. Dieſe Beyſpiele deuten, nicht ſowohl auf Anhaͤnglichkeit oder Gewoͤhnung an griechiſche Manieren, welche auch zu Sienaſehr fruͤhe nach den geſtei - gerten Anfoderungen der Zeitgenoſſen ins Gefaͤlligere waren abgeaͤndert worden; vielmehr auf fortdauernde Ehrfurcht und Empfaͤnglichkeit fuͤr die ſittliche Wuͤrde in den aͤlteſten Kunſt - gebilden der Chriſten. Sie gelten mir fuͤr Beweiſe eines, auch nach den Neuerungen des Giotto, unter der Aſche fort - glimmenden Beſtrebens, die ſittlichen und religioͤſen Vorſtel - lungen des Chriſtenthumes mit alterthuͤmlichem Ernſt und in ihrer ganzen Strenge aufzufaſſen.

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Wie wir uns erinnern, hatte Giottounter ſeinen Zeit - genoſſen die vielfaͤltigſte Auffaſſung des Lebens beliebt gemacht; der Enthuſiasmus fuͤr neuere Heilige, das Intereſſe an ihren mannichfaltigſten Lebensverhaͤltniſſen*)Ich habe bereits, mit anderen Beyſpielen, auch jene gleich - laufenden Darſtellungen des Lebens Chriſtiund des Hl. Franzin Erinnerung gebracht (Abh. IX.). Zu Aſiſi, im Kloſter der Hl. Chiara, zeigt man im Kreuzgewoͤlbe uͤber dem Hauptaltar Malereyen, welche eine Vergleichung des Lebens der Madonnamit jenem der Hl. Chiarazu bezielen ſcheinen. Dieſe Arbeit wird dem Giottinobey - gemeſſen, was ſeinen Grund haben mag, da ſie deſſen florentini - ſchen Arbeiten zu gleichen ſcheinen., war jener Wendung ſeines großen Talentes entgegengekommen, hatte deſſen Ent - wickelung und allgemeine Anerkennung entſchieden beguͤnſtigt. Seinerzeit war die Frage nach typiſchen Darſtellungen der Patriarchen, Propheten, Apoſtel, oder des Heilands ſelbſt und der bedeutenderen Ereigniſſe der Evangelien, allgemach in den Hintergrund getreten; hingegen waren alle Haͤnde geſchaͤftig, die Uebergaͤnge im Leben moderner Heiligen zu malen: fruͤhere Weltlichkeit, ploͤtzliches Erwachen des Bewußtſeyns des Heili - gen, Eintritt ins Leben der Frommen und Abgeſchiedenen, Wunder im Leben, wie beſonders nach dem Tode, in deren Darſtellung, wie es in den aͤußeren Bedingungen der Kunſt liegt, der Ausdruck des Affectes der Lebenden die Andeutung der unſichtbaren Wunderkraft uͤberwog. Allein auch die Le - bensbegebenheiten des Erloͤſers wurden zur Traulichkeit des Familienlebens herabgezogen; denn die Geburt und Erziehung, die Mutter mit dem Kinde (Vorſtellungen, welche die aͤlte - ſten Kuͤnſtler aus religioͤſem Bedenken, oder aus anderen Ur - ſachen vermieden hatten) wurden nunmehr unter den allgemein214 chriſtlichen die Lieblingsgegenſtaͤnde der Malerey. Wie in die - ſen das Naive und Zaͤrtliche, ſo ward in den Aufgaben aus der Leidensgeſchichte nicht mehr das Erhabene und Siegreiche, vielmehr nur das Ruͤhrende hervorgehoben die unmittelbare Folge jenes ſchwaͤrmeriſchen Schwelgens im Mitgefuͤhle der irdiſchen Schmerzen des Erloͤſers, dem der Hl. Franciscusdurch Beyſpiel und Lehre eine neue und bis dahin unerhoͤrte Energie verliehen hatte. Dieſe modern-chriſtlichen Kunſt - aufgaben umfaſſen allerdings ſo viel menſchlich Wichtiges und Anziehendes, daß wir deren Einfuͤhrung im Ganzen als eine weſentliche Bereicherung betrachten, unter allen Umſtaͤnden zu - geben muͤſſen, daß ſie viele der ſchoͤnſten Leiſtungen der neu - eren Kunſt veranlaßt haben. Doch ſind ſie einleuchtend nicht, wie man wohl hinzuwerfen pflegt, aus dem Beſtreben ent - ſtanden, den Ideen des Chriſtenthumes ihre ganze Tiefe, ihre ernſtere Seite abzugewinnen.

Uebrigens fehlte es ſowohl jener Hinneigung zum Hoch - alterthuͤmlichen bey den Sieneſern, als beſonders der Objecti - vitaͤt der Florentiner, an Conſequenz, oder an entſchiedener Durchfuͤhrung des Wollens.

Unausgeſetzt verfolgt, mußte die giotteske Richtung auf Mannichfaltiges und Lebensreiches die Florentiner ungleich fruͤ - her, als geſchehen iſt, mit der Bedeutung der Formen, beſonders in den Geſichtsbildungen, bald auch mit den allgemeineren Geſetzen des ſich Geſtaltens und Erſcheinens vertraut machen. Indeß durchkreuzte ſie eine gewiſſe Befangenheit in den Ma - nieren und Formen, in welchen der große Erneuerer ihrer Schule ſich ausgedruͤckt hatte; ich moͤchte ſagen: die Scheu, jene engen Grenzen zu uͤberſchreiten, innerhalb welcher die Darſtellung eines ſo hochverehrten und allgefeyerten Kuͤnſtlers215 ſich bewegt hatte. Daher vornehmlich erklaͤre ich mir, daß Arcagnound andere Meiſter des vierzehnten Jahrhundertes, welche in der Richtung des Giottoweiter geſtrebt und beſon - ders der menſchlichen Geſichtsbildung bis dahin unbenutzte Zuͤge und Zeichen abgewonnen haben, weder die volle Aner - kennung, die ihnen gebuͤhrte*)S. Franco Sacchetti, nov. 196., wo auf die Frage: wer mit Vorbehalt des Giotto(da Giottoin fuori) der groͤßeſte Maler geweſen ſey, dieſer den Cimabue, jener den Stefano, der dritte Bernardo, ein anderer den Buffalmacconennt, wobey es dem Er - zaͤhler offenbar nicht auf Namen ankommt. Darauf ſagt Taddeo Gaddi: gewiß hat es ſehr große Kuͤnſtler gegeben, welche das Unerreichbare geleiſtet haben; indeß iſt dieſe Kunſt in Abnahme gerathen und noch immer im Sinken (ma questa arte é venuta e viene mancando tutto di). Bey ſo deutlichem Bewußtſeyn eines huͤlfloſen Ruͤckſchreitens zeigen ſich nirgend Spuren des Nachdenkens uͤber deſſen innere Ur - ſachen, oder aͤußere Veranlaſſungen. Wie es ſcheint, ließ man ſich gehn. Die alten Meiſter mochten auf ihren Lorbeern ruhn und mit einer gewiſſen Selbſtgefaͤlligkeit auf das Unvermoͤgen ihrer Nachfolger herabſehn, uͤber das Weiterſtreben der Beſſeren verblen - det ſeyn, wie es ſich taͤglich wiederholt. Ich habe oben (IX. ) gezeigt, wie jenes Vorurtheil der Trecen - tiſten gegen Ende des funfzehnten Jahrhundertes in dem ſtaͤdtiſchen Patriotismus der Florentiner ſich verjuͤngt habe. Doch verſaͤumte ich, an ein altes Gedicht zu erinnern, Francesso Lancillotti, Fio - rentino, pitt., trattato della pittura etc. ( Roma1508. und Lettere pit - toriche To. VI. p. 299. und 347.) in welchem die Malerey ſpricht. Jo era quasi del Mondo fuggita, Quand un, che fu in me più d’altri dotto Pur mi ritenne, e rendemmi la vita. Questi fu Fiorentin, questi fu Giotto, Questo é colui, che m’ha risuscitata, Quest ha ’l bel nome mio fra voi ridotto. Ob uͤbrigens dieſer Giotto, den ſeine florentin. Zeitgenoſſen und Nachkommen langezeit fuͤr unerreichbar gehalten, jemals jener, noch ſelbſt die Nachfolge fan -216 den, welche ſie nach naheliegenden Vorausſetzungen haͤtten hervorrufen muͤſſen. Arcagnohatte die Profile der Heiligen auf ſeiner Tafel*)Die Inſchrift in der Mitte des Sockels: Anni domini MCCCLVII. Andreas Cionis de Florentiame pinxit. Zu den Sei - ten die Namen der Hll. in ſta Maria novella ſchon individualiſirt und in ſeinem großen Rilievo an der Ruͤckſeite der Madon - nenkappelle in Orſanmichele das aͤlteſte Bildniß der italieniſchen Kunſtgeſchichte (ſein eigenes) mit groͤßtem Erfolge durchge - fuͤhrt;Giovanni da Melanovor allen anderen die Moͤglich - keit und die Vortheile der Modellirung, und in der Auffaſ - ſung und Benutzung der Extremitaͤten, eine bis dahin unbe - kannte Feinheit des Sinnes dargelegt. Demungeachtet zeigt ſich bey den florentiniſchen Malern ſpaͤterer Zeiten, bis zum Auftreten des Fieſole, keine Spur jener phyſiognomiſchen Be - zeichnungen des Arcagno; bis auf Maſaccio, keine Nachwir - kung des Strebens nach Rundung, welchesGiovannida Me -*)Tiefe des Gefuͤhles, Reinheit der Anordnung, Anmuth der Wen - dung, Zierlichkeit der Ausbildung, gleich gekommen ſey, welche ſein beſcheidener Schuͤler Taddeoin ſechs kleinen Bildern der Samm - lung der florentiniſchen Kunſtſchule (Galleria de quadri piccoli) dargelegt hat; wer wuͤrde daruͤber zu entſcheiden wagen, nachdem die meiſten und wichtigſten Arbeiten des Giottountergegangen ſind. Indeß erregen die Vorhandenen Zweifel; ſeine Manier ſcheint darin durchhin auf Schnelligkeit der Beſchaffung angelegt zu ſeyn. Tad - deohingegen hatte ſich darauf eingerichtet, zierlich und emſig zu beendigen. In der bezeichneten Folge, welche uͤberall an das Le - ben der Hl. Caͤciliain ſanto Stefano erinnert, iſt beſonders die Geburt des Heilands wohl erhalten und bis in die Nebenwerke ſchoͤn beendigt. Half ihm darinGiovanni da Melano? Gewiß, waͤre es ausgemacht, daß er des TaddeoGeſelle geweſen, moͤchte ich mir die ſchoͤnen Thierbildungen dieſes kleinen Gemaͤldes eben nur daher erklaͤren.217 lano vor ſeinen Zeitgenoſſen voraus hatte. Freylich mochte es behaglicher ſeyn, die hergebrachte giotteske Manier mit groͤßter Fertigkeit auszuuͤben, als die Richtung, aus welcher ſie hervorgegangen, mit Ernſt und Entſchiedenheit hindurch - zufuͤhren.

Viele, theils namenloſe Werke dieſer ſpaͤteren Epoche der (ſeit Lanzi) ſogenannten giottesken Maler haben ſich bis auf unſere Zeit erhalten; ſie unterſcheiden ſich von ihrem aͤlteſten Vorbilde durch groͤßere Fertigkeit des Pinſels, durch gewiſſe fauſtmaͤßige Keckheiten, beſonders in der Andeutung der Bruͤche des Gefaͤltes. In dieſer Zeit verlor ſich manches große Ta - lent in der Leichtigkeit behender Ausfuͤllung bedeutender Mauer - flaͤchen; auch ein Agnolo Gaddi, welcher in der Chorkappelle der Kirche ſta Croce zu Florenzeinen ausgezeichneten, obwohl fluͤchtigen Geiſt gezeigt, deſſen reintechniſches Wollen in der Schrift ſeines Schuͤlers, des Cennini, ſich abgeſpiegelt hat.

An dieſem, gewiß beachtenswerthen Beyſpiele werden wir uns verſinnlichen koͤnnen, worin eine aͤchte, auf Empfaͤng - lichkeit fuͤr das geiſtig-ſittliche Wollen der Vorgaͤnger begruͤn - dete Befolgung des Hergebrachten von laͤſſiger, zielloſer Nach - aͤffung uͤblicher Handhabungen ſich unterſcheide. Wenn dieſe ſich begnuͤgt, Manieren und zufaͤllige Aeußerlichkeiten ſich an - zueignen, ſolche fertig zu handhaben und eben hiedurch ſie nothwendig zu verflaͤchen; ſo wird aͤchte, tiefbegruͤndete Ehr - furcht vor dem Alterthuͤmlichen deſſen einwohnendes Leben in ſich aufnehmen; darin verſchloſſene Keime pflegen und weiter entwickeln; dahin trachten, das Treffliche von ſeiner, nicht ſelten unſcheinbaren Umhuͤllung zu befreyen, durch groͤßere Deutlichkeit oder Schoͤnheit der Darſtellung gleichſam zu ver - juͤngen. In dieſem Sinne ergriff der Sieneſer Thaddeo Bar -218 tolium das Jahr 1400. den Faden der Ueberlieferung des Hochalterthuͤmlichen vielleicht aus den Haͤnden ſeines nahen Vorgaͤngers Barna, welcher, wie wir oben geſehen haben, mit dem Vater des Thaddeo, dem Bartolo di Fredo, an ei - ner Stelle und vielleicht gleichzeitig gemalt hatte. Er band ſich weder an die Manier, noch an den aͤußeren Zuſchnitt der Formen, ging nur in den Geiſt ſeines Vorbildes ein, den er, indem er hie und da wohl einmal dem allgemeinen Zeitge - ſchmacke huldigte, doch im Ganzen nur mit den ſchoͤnſten Sei - ten der moderneren Auffaſſung chriſtlicher Kunſtvorſtellungen auszuſoͤhnen bemuͤht war.

Dieſe verſchiedenen Seiten ſeines Beſtrebens vereinigte er in dem Altargemaͤlde der ſieneſiſchen Gallerie, deſſen beſchaͤ - digte Aufſchrift: ....... Bartholi de Senis. Pinxit hoc opus. anni domini mille quatrocento nove, allerdings Zweifel zulaſſen wuͤrde, waͤre nicht Manier und Richtung des Kuͤnſtlers aus anderen Werken hinreichend bekannt. In dem Hauptbilde, der Verkuͤndigung, huldigte Thaddeoin der Be - kleidung des Engels durch ſchwerfaͤlligen Goldſtoff dem Ge - ſchmacke und der Sitte ſeiner Zeitgenoſſen*)S. den Beſchluß, die Kappelle des oͤffentlichen Palaſtes durch unſeren Kuͤnſtler malen zu laſſen, wo (Archiv. delle Rif. di Siena. Delib. di consiglio No. 232. anno 1406. fo. 18.) die XXVa. Augusti. Et deliberaverunt quod totum residuum denariorum, qui superaverunt convertatur per operarium cam., in ornatum cappelle palatii, quod fiat per manus magistri Thaddeji Bartolicum illis figuris ornatimentis et auro et modis et formis, de qui - bus eidem videbitur pro ornatimento dce cappelle etc. Auch in anderen Vertraͤgen dieſer Zeit und Art wird das Gold, was die Maler bisweilen gegen den Geſchmack ihrer Zeit erſparen mochten, ausdruͤcklich einbedungen.; in der Geſtalt219 der Jungfrau, deren Haupt, Gewandung und Stellung, in Anſehung der Idee und der Umriſſe, zu dem Gelungenſten ſei - ner Art gehoͤrt, ſuchte er offenbar der moderneren, zum Zaͤrtli - chen und Schmachtenden ſich hinneigenden Auffaſſungsart ihre guͤnſtige Seite abzugewinnen; hingegen uͤberließ er ſich in den Giebeln, Leiſten und Außenwerken ganz ſeinem Sinne fuͤr das Ernſte und Hohe in den alterthuͤmlichſten Kunſtgebilden der Chriſten.

Dieſe aͤußeren Theile der Altartafel, welche man, ich weiß nicht aus welchem Grunde, davon abgebrochen, entdeckte ich in den Magazine der Akademie, als mir der Magiſtrat der Stadt geſtattete, ſolches zu beſichtigen und mit Zuziehung betheiligter Perſonen auch zu verzeichnen. Sie wurden auf dieſe Veranlaſſung in die zweyte Claſſe verſetzt und mit A. 5. bezeichnet. Andere Bruchſtuͤcke von Gipfeln zerbrochener Ta - feln gingen zu Sienavon Hand zu Hand; in verſchiedenen wiederholte ſich die Darſtellung des Weltlehrers, deſſen ural - ten Typus Thaddeodurch die Griffe und Vortheile ſeiner ſchon vorgeruͤckten Kunſtſtufe gehoben und merklich verſchoͤnt hatte.

In groͤßeren Dimenſionen verſuchte er ſich in der Kap - pelle des oͤffentlichen Palaſtes zu Siena, deren Aufſchrift, uͤber dem Judas Maccabaͤus:

Thaddeus Bartholi de Senispinxit istam cappel - lam. MCCCC. VII. Cum figuris s̅c̅i̅ XPOfori et cum aliis figuris. 1414.*)Arch. delle Riform. di Siena. Deliberazioni di Consiglio No. 232. anno 1406. fo. 18. No. 237. anno 1407. fo. 32. a. t. kommt es zuerſt zur Sprache, dieſe Kappelle neu und durch unſe - ren Kuͤnſtler ausmalen zu laſſen. No. 242. anno 1408. fo. 33. wird die Bezahlung des bis dahin geleiſteten decretirt. No. 275. anno.

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Jene Figur des Hl. Chriſtopher, deren er ſich im Nach - ſatze beſonders zu ruͤhmen ſcheint, war allerdings nach dama - ligem Stande der Huͤlfskenntniſſe und Fertigkeiten der Kunſt, in Anſehung ihrer Groͤße und ihres Nackten, ein wohlbeſtan - denes Wageſtuͤck. Weniger Lob verdienen die Geſtalten der Redner, Staatsmaͤnner und Kriegeshelden des claſſiſchen Al - terthumes, welche Thaddeo, vielleicht zur Unterſcheidung von dem antiken Habitus ſeiner chriſtlichen Helden, mit allerley ſeltſamen, phantaſtiſch haͤßlichen Bekleidungen begabt hat*)Dieſe werden den Lanzi, welcher ſie (scuola Sen. Ep. 1.) irrig fuͤr ſieneſiſche Coſtuͤme haͤlt, von genauerer Beſichtigung der Arbeiten des Thaddeoabgeſchreckt haben. In der That miß - handelt er dieſelben ohne allen Grund, wie denn uͤberhaupt ſein Kunſturtheil eben ſo flach und keck iſt, als ſeine Angabe hiſtori - ſcher Umſtaͤnde.. Hingegen enthalten die inneren Waͤnde der Kappelle Darſtel - lungen aus dem Alter und Abſcheiden der Jungfrau, welche in Anſehung des Ausdruckes der Affecte, der Liebenswuͤrdig - keit der Charaktere, der Anordnung und emſigen Ausfuͤhrung alle Wuͤnſche befriedigen.

Ueber dieſes, wie uͤber andere Werke des Thaddeo, hat Vaſarimit Luſt und Antheil ſich verbreitet, nur die kleineren Arbeiten uͤbergangen, welche unſer Kuͤnſtler mit beſonderer Liebe zu beendigen pflegte. Ein kleines anmuthiges Madon - nenbild mit ſeinem Namen bezeichnet ſah ich zu Sienaim Beſitze des Abbate de Angelis; ein aͤhnliches in der ehemals ſollyſchen Sammlung. Eine Madonna, welche von koͤſtlichen Engeln umgeben jen Himmel ſteigt, wo typiſche Propheten und Erzvaͤter ſie empfangen, vermehrt ſeit einigen Jahren den*)1413. die Bemalung der aͤußeren Waͤnde und Pfeiler beſchloſſen. Daher des gedoppelte Dat. ob. Inſchrift.221 reichen Kunſtbeſitz des Koͤniges von Bayern. Endlich gab es auch zu Perugia*)S. Guida di Perugia. Ind. Bruchſtuͤcke der Tafel, welche Vaſari, vita di Taddeo di Bartolo, dieſem Kuͤnſtler in der Pfarr - kirche zu ſ. Gimignanobeylegt, finden ſich gegenwaͤrtig daſelbſt in der Sacriſtey Unter dem ſchoͤnen ſ. Bartholomeus des Haupt - bildes die Jahreszahl 1401. Die Behandlung, wie ſchon Vaſariandeutet, noch ganz trecentiſtiſch.einige kleinere, mit dem Namen des Thaddeound mit dem J. 1403. bezeichnete Gemaͤlde, welche ſich indeß nicht mehr aufgefunden haben.

Aus dieſen Gemaͤlden erhellet, daß Thaddeo di Bartolofuͤr Perugiagearbeitet, aus anderen Umſtaͤnden, daß er auf die Malerſchulen der umbriſchen Staͤdte eingewirkt habe. Ich halte ihn, wie ich bereits angedeutet habe, fuͤr den Stifter jener eigenthuͤmlichen Vereinigung des Herben und Ernſten der aͤlteſten Kunſtrichtung mit dem Schmachtenden, Sehnen - den, Schwaͤrmenden der neueren, welche nunmehr in den Malerſchulen der umbriſchen Staͤdte fuͤr lange heimiſch wurde. Ungluͤcklicher Weiſe habe ich einige Auszuͤge verlegt, oder ein - gebuͤßt, welche, wenn ich recht entſinne, die perſoͤnliche Anwe - ſenheit des Thaddeo die Bartolozu Perugiaund in Umbrien erweiſen. Allein, auch von dieſem Umſtande abgeſehn, giebt es in den umbriſchen Staͤdten viele Spuren ſeiner Einwirkung, deren Andeutung ſpaͤterhin ihre Stelle finden wird. Nur ſo viel bringe ich hier in Erinnerung, daß auch ſein Bruder Do - menicozu Perugiagearbeitet hat. In der Kirche ſ. Giuliano befindet ſich eine Altartafel, deren Aufſchrift:

Dominicus Bartoli de Senisme pinxit. Hoc opus fecit fieri dominaAntonia Francisci de Domo Bycholis. Abbatissa istius monasterii in anno D. M. CCCC. XXXVIII. de. (decimo) mensis maji.

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durch die Umſtaͤndlichkeit ihrer Zeitbeſtimmung auf perſoͤnliche Anweſenheit des Kuͤnſtlers hinweiſet; wie es denn uͤberhaupt in ſo fruͤher Zeit uͤberall in Gebrauch war, die Kuͤnſtler, de - ren Talent man in Anſpruch nahm, an Ort und Stelle ar - beiten zu laſſen. Ich habe dieſes Umſtandes erwaͤhnen wollen, weil er außer Zweifel ſetzt, daß beide, ſo benachbarte Staͤdte eben damals in einem gewiſſen maleriſchen Verkehr geſtanden, uͤbrigens hatte Domenico di Bartolobereits eine ganz andere Richtung eingeſchlagen, als ſein groͤßerer, gemuͤthvoller Bru - der, weßhalb ich andere Mittelglieder der Fortpflanzung der Richtung des Letzten werde nachzuweiſen haben.

Doch wird es noͤthig ſeyn, ehe wir dieſen Andeutungen weiter nachgehn und jene Richtung bis auf den Niccolo Alunnound Fiorenzo di Lorenzo, und weiter bis auf denPeter von Perugiaund deſſen Schule hinausverfolgen, uns vorher nach dem Fortgang der entgegengeſetzten umzuſehn, deren Mittel - punct jenerzeit zu Florenzlag.

Die florentiniſche Malerſchule war gegen Ende des vier - zehnten Jahrhundertes, bey erweislicher Gleichguͤltigkeit gegen die Fortſchritte eines Arcagnound Anderer, in eine gewiſſe dreiſte und fertige Handhabung der giottesken Manier verfal - len. Dieſe wird von Einigen aus damaligem Vorwalten der Begeiſterung fuͤr beſtimmte Ideen erklaͤrt, obwohl, wie ich gezeigt habe, die Richtung, welche von Giottoausgegangen, vielmehr durch Verbreitung und Steigerung des Antheils an dem Geſchehenden und Wirklichen ſich auszeichnet, ſo daß je - ner Stilleſtand im Fortſchritte eben nur aus den gefaͤhrlichen und aufdringlichen Untugenden der Traͤgheit, Laͤſſigkeit und Gleichguͤltigkeit im Berufe zu erklaͤren iſt. Wie fruͤhe man begonnen, ohne Begeiſterung fuͤr die Idee der Aufgabe zu223 malen und eben daher auch ohne den Trieb zu mehrender Deutlichkeit und Schoͤnheit der Darſtellung, zeigt eine Tafel, welche ich zu Florenzim Handel geſehn, worin der Gekreu - zigte und die Heiligen der Seitenfelder mit gleichguͤltiger Fertigkeit vorgetragen ſind und nur die Bewegungen und die Charakteriſtik des Gemeinen einiges Verdienſt beſitzen. Dieſe Tafel war bezeichnet:

ANNO D̅N̅I̅. M. CCC. XLVIII.BERNARDVS. PINXIT. ME. QVEM. FLORENTIE. FINSIT.

DieſenBernhardwird man vielleicht, nach dem Vorgang des Vaſari, fuͤr den Bruder des Arcagnohalten. Indeß fin - det ſich unter den Kuͤnſtlern, welche die Domverwaltung zur Zeit des Andrea di Cionein Anſpruch nimmt, wohl einBer - nardus Pieri, doch keinBernhard, welcher den Vatersnamen mit dem Arcagnogemein haͤtte; obwohl man auch hier eine Aushuͤlfe gefunden und angenommen hat, daßBenci di Cione, welcher gleichzeitig vorkommt, eben jenerBernardoſey, den Vaſarials den Bruder des Arcagnobezeichnet. *)Arch. dell op. del Duomo di Fir.Lib. stanziam. mei Joh. ser. fo. 65. Ristorus Cionis Bencius Cionis. Beide kommen daſ. nur als Bauverſtaͤndige in Betrachtung. Benci, ſcheint mir aus Bencivenne abgekuͤrzt. Aber auch von dieſen Kuͤnſtlern kann ich keinesweges mit Zuverſicht angeben, daß ſie Bruͤ - der des Andrea di Cionegeweſen; wir wiſſen nur, daß ihr Vater denſelben Namen gefuͤhrt hat, als der Vater jenes anderen. Vgl. XII. die erſte Anm. Eine andere florentiniſche Tafel in der Kirche ſ. Lorenzo (am Ende des Seitenſchiffes zur Linken) traͤgt die Jahreszahl 1391.; ſie entſpricht der obigen in Manier und Richtung, wie ſo viel andere, welche ich uͤbergehe.

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Indeß war die Begeiſterung, auch fuͤr Solches, was eben der florentiniſchen Kunſtrichtung bis dahin und in der Folge von Neuem Stoff und Nahrung gab, um das Jahr 1400. auf die Maler der minder bedeutenden Staͤdte der Nach - barſchaft uͤbergegangen, wo das Streben noch friſch, der vor - handene Stoff noch nicht ſo ganz ausgenutzt war. Das Pa - thetiſche, welches in einigen Werken des Giotto, des Thaddeo Gaddiund Arcagnoſo maͤchtig ergreift, vererbte ſich um dieſe Zeit auf einen ſelten genannten, dem Vaſari*)Seltſam, daß er den Bildner Niccolò Aretino, zu Anfang ſeines Lebens, ebenfalls Niccolò di Pietronennt. Auch Lanziwuͤrdigte unſeren Kuͤnſtler keiner Erwaͤhnung obwohl Morronaihn bereits aufgefuͤhrt hatte.unbekannten Maler, den Niccolò di Pietro, einen Florentiner, welcher al - lem Anſehn nach zu Piſaſich niedergelaſſen. Hingegen ward die Gabe der Charakteriſtik, deren Ausbildung Arcagnomit Gluͤck beſtrebt hatte, das Erbtheil des Aretiners Spinello.

Das Andenken des erſten beruhet vornehmlich auf Ma - lereyen im Kapitelſaale des Kloſters ſan Francesco zu Piſa, wo zur Rechten des Eintretenden in der Hoͤhe die beſchaͤdigte Aufſchrift: Niccholaus Petripitor de Frorencia.. pinsit .. M. CCC. L ....; die unvollſtaͤndige Jahreszahl, welche Mor - ronaſeiner Zeit: 1391., andere 1392. geleſen**)S.Paolo Lasinio, raccolta di Pitture antiche. Pisa1820. fo., wo Tab. XII. die angefuͤhrte Inſchrift vielleicht nach alten Abſchrif - ten ergaͤnzt worden: AN. D. M. CCCLXXXXII. D̅E̅. MAR. La - ſinionennt unſeren Maler willkuͤhrlich einen Schuͤler des Giotto, was ſchon der Zeit nach unwahrſcheinlich und durchaus unbegruͤn - det iſt., wird durch eine zweyte Inſchrift ergaͤnzt, worin es, zu Ende der Schen -kung225kung einer Grabſtaͤtte anLorenzo Ciampolini, heißt: MCCC. LXXXX. die XX mensis Aprelis. qui. Laurentius. fe - cit. ipsum. capitulum. pictura. et. sedilibus. adornari. Obwohl nun dieſe Malereyen in dem veroͤdeten, halbof - fenen Saale manche Schaͤdigung erfahren haben, ſo erkennt man dennoch darin ein ſtarkes und tiefes Gefuͤhl, Geſchmack in der Anordnung und Gewandung der Figuren, Sinn fuͤr Reinheit der Form und Tiefe der Farbe, wie endlich undenk - lich viel mehr Ueberlegung und Nachdenken, als ſeine floren - tiniſchen Zeitgenoſſen zu verrathen pflegen. Die Darſtellungen umfaſſen den bekannten Cyclus der Leidensgeſchichte, welcher dem Talente des Niccolòallerdings den weiteſten Spielraum gewaͤhrte. In dem erhaltenſten Bilde, der Kreuzſchleifung, zeigt ſich der volle Werth des Kuͤnſtlers in edlen und maͤnn - lich ruͤhrenden Anklaͤngen des Gefuͤhles. Gewiß ſind dieſe Darſtellungen, mehr als andere derſelben Art und Zeit, geeig - net, von Kuͤnſtlern der Anordnung und der wohlgehaltenen Empfindung willen aufmerkſam beachtet zu werden, wie ſie denn in der That ſchon benutzt worden ſind*)In den ſo eben angefuͤhrten Nachbildungen dieſes Werkes iſt die Anordnung genuͤgend, hingegen das weſentlichere Verdienſt des Meiſters, die Ausfuͤhrung, ſo gut, als gar nicht ausgedruͤckt..

In der Vaterſtadt unſeres Kuͤnſtlers findet ſich kein ein - ziges Werk ſeiner Hand; und, wenn wir hinzunehmen, daß er das helle, roſige Colorit der Giottesken mit den kraͤftigen Localtoͤnen des Aretiners Spinellovertauſcht hatte, ſo draͤngt ſich die Vermuthung auf, daß er ſeine Heimath fruͤhe ver - laſſen und in irgend einer der benachbarten Malerſchulen ſich ausgebildet habe. Den Piſanern verdankte er nun ſchwerlichII. 15226ſeine Bildung; ſie waren, wie einige Gemaͤlde der piſaniſchen Akademie verrathen*)Dort ſah ich unter anderen eine kleine Tafel mit ſehr ver - laͤngerten Figuren in der verfluͤchtigten giottesken Manier mit der Aufſchrift:Gettus. Jacobi. de. Pisis.me. pinxit. MCCCLXXXXI. Hie und da, wie im Engel der Verkuͤndigung am Giebel, neigt ſich dieſer Kuͤnſtler bereits zum Widrigen, dem wir nun bald auch an anderen Stellen begegnen werden. Unbedeutender noch eine zweyte Tafel derſ. Sammlung, worunterJohannes Nicolaime pinxit a. d. M. C ... Die Lagune der Jahreszahl wird nach dem Raume und nach dem Anſehn des Bildes zu MCCCC. zu ergaͤnzen ſeyn., um das Jahr 1400 auf Abwegen; wahrſcheinlicher dem Aretiner Spinello, welcher unter ſeinen Zeitgenoſſen, durch Eigenthuͤmlichkeit des Wollens und Ruͤſtig - keit der Leiſtung, eine hohe Stellung einnimmt.

Das Hauptwerk des Spinelloſuche man zu Siena, im oͤffentlichen Palaſte; Begebenheiten aus dem Leben Alexan - der III., welche die Mauern eines anſehnlichen Saales ſehr anſtaͤndig verzieren, was auffordern mochte, ſie, wie es geſche - hen iſt, ſorgfaͤltig zu unterhalten. Erweislich ſind dieſe Ge - maͤlde von der Hand des Spinello; denn ſo ergiebt es ſich aus einem Auszuge des Vertrages mit dem Kuͤnſtler in den Verhandlungen der ſieneſiſchen Staatsverwaltung**)Archiv. delle Rif. di Siena. Deliberaz. del Concistoro. No. 237. anno 1408. fo. 29. die dni XVIII. Junii. Locatio facta de sala nova ad pingendum. Magister Martinuspictor olim Bartho - lomei conduxit ad pingendum omnes quatuor voltas sale nove pa - latii dnorum Priorum et est usque ad cornices existentes in fine voltarum predictarum bonis et ydoneis coloribus cum simili - bus totidem fighuris et laboreriis modo et forma, quibus picte sunt alie quatuor volte cappelle dicti palatii omnibus expensis de colo - ribus, omnibus aliis ipsius magistri Martini. Excepta calcina et pontibus (alſo buon fresco) que fieri debeant et solvi expensis comunis Senensiset non dicti magistri Martiniet cum conditione, deſſen227 Glaubwuͤrdigkeit unumſtoͤßlich iſt, obwohl die Zahlungen feh - len, oder mir entgangen ſind*)Archiv. delle rif. di Siena, Biccherna B. fehlt das J. 1408 der gewoͤhnlichen Zeitrechnung und To. 285. Jan. 1408 (1409.) = Jan. 1409. (1410.) kommt keine Zahlung an Spinellovor. Eben ſo wenig B. To. 286. anno 1409. Jul. Dec. und To. 287. 288. (1410. 1411.). Indeß iſt das Archiv in dieſen Jahren luͤckenhaft und es konnte die Summe zudem mittelbar durch die oben genannten Beauftragten ausgezahlt worden ſeyn. In den Delib. del Concistoro No. 244. (anno 1408.) fo. 11. die VII. Julii. deliberaverunt, quod magister Spinellus pictor pingat istoriam praelii Venetorumcum Imperatore federicho per mare prout istoria fuit et prout pm (?) in illa carta, quam comodavit Bettus benedicti. Waͤre dieſe Arbeit ſpaͤter ei -.

**)quod non debeat ipse ponere aurum in pannellis, sed loco auri ponere possit stagnum. De quibus omnibus ha - bere debeat a comuni Sen. quinquaginta quatuor flor. auri Senenses. Et promisit totum dictum laborerium fecisse et explevisse hinc ad per totum mensem februarii proxime venturi. Die Arbeit dieſes mittelmaͤßigen Malers beſtehet in allegoriſchen Halb-Figuren. Hin - gegen ward dem Spinelloder wichtigere Theil der Arbeit verdun - gen, wie folgt: Ib. eod. fo. Magister Spinellus Luce pi - ctor de Aritiolocavit se et operas suas ad pingendum totum residuum dce sale nove, quam pingere promisit et teneatur illis figuris ..... modo et forma, de quibus eis Imponatur per eos in quibus commissum est vel de novo committeretur. Et ad dictas picturas faciendum promisit esse continue et secum tenere filium suum quousque compleatur ad plenum. Et dictas picturas omnes facere debet omnibus expensis etc. comunis Senarum. Ita quod non habeant ...... nisi personas suas tantum. Et debeat habere salarium inter ambos quolibet mense quindecim florenos auri et Incipere dictum laborerium ad tardius in ealen - dis Martii proxime venturi et antea non teneatur. Et ultra dictum salarium habere debeant ambo expensas mane et sero pro commodo eorum vite condecenti expensis dicti comunis. Constat latius de condit. et locationibus supradictis manu mei notarii supradicti.

15 *228

An der groͤßeren Mauerflaͤche, der Fenſterſeite gegenuͤber, malte SpinelloMauerer mit ihren Gehuͤlfen, welche emſig an einem Gebaͤude arbeiten. Zur Seite knieet vor dem Pabſte ein Prieſter, der aus den Haͤnden eines Cardinales die Mitra empfaͤngt. Ein ruͤckwaͤrts, doch naheſtehender Moͤnch ſcheint mit dem Baumeiſter zu reden, welcher durch eine lebendige Bewegung gegen den Bau hin den Gegenſtand des Geſpraͤches andeutet. Ueberall große Lebendigkeit der Bewegung, gluͤckliche Vertheilung im Raume, Derbheit und Wahrheit im Ausdruck der Koͤpfe; auch iſt die Art, das Gefaͤlte zu motiviren und auszufuͤhren, im Ganzen loͤblich.

Darunter: der Pabſt auf einem Throne, vor welchem der Kaiſer ſich ruͤcklings niedergeworfen; die bekannte und be - ſtrittene Geſchichte der Erniedrigung Friedrichs. Vortrefflich iſt das Erſtaunen in den umſtehenden Cardinaͤlen und Geiſt - lichen ausgedruͤckt, welche die Handlung des Kaiſers ſichtlich uͤberraſcht. Der Eindruck, den ſolche auf die Ritter und Eh - renmaͤnner außerhalb der Halle bewirkt, iſt nach der Indivi - dualitaͤt und Stellung der letzten zweckmaͤßig abgeaͤndert. Auch hier die Anordnung der Koͤpfe in dichter Gruppe gluͤcklich und maleriſch, der Charakter maͤnnlich und abwechſelnd.

Ueber dem Bogen in der Mitte des Gemaches erſcheint der Pabſt redend zu einer Verſammlung von Moͤnchen und anderen, welche vor ihm knieen. Aehnliche Verdienſte, als in den vorangehenden. Ein ſchillerndes Gewand an einem Geiſt - lichen zur Linken ſchien mir muſterhaft ausgefuͤhrt. Dieſe mit den uͤbrigen Darſtellungen, deren zuſammen vierzehn, um -*)nem anderen uͤbertragen worden, ſo wuͤrden ſich Widerruf, neue Vertraͤge, Zahlungen u. ſ. w. anfinden.229 faſſen beynahe das ganze kirchliche, politiſche, kriegeriſche Le - ben jener Zeit. Ueber der Thuͤre nimmt die (ſ. unten) von den Verſtiftern angeordnete Seeſchlacht der Venezianer und Kaiſeriſchen faſt die ganze Breite der Wand ein. Noch hoͤher, zur Linken, eine Zuſammenkunft, aus welcher der Kaiſer voll Zorn zu ſcheiden ſcheint; ſein Affect, wie beſonders der Un - wille ſeiner Begleiter und die Bitten der Praͤlaten, die Dinge nicht aufs Aeußerſte zu treiben, ſind in dieſem Bilde meiſter - lich vergegenwaͤrtigt. Dieſes umfaſſende Werk entging dem Vaſari, welcher hier, wie in ſeinen meiſten Zeitbeſtimmungen, verwegen, oder ungewiß, auch unſerem Kuͤnſtler, oder doch ſei - ner Wirkſamkeit ſchon das Jahr 1400 zur Grenze ſetzte. Ei - nige andere Gemaͤlde des Spinello, deren Vaſarimit Lob erwaͤhnt, ſind untergegangen, oder doch ſo beſchaͤdigt, daß ſie die Richtung und das Verdienſt des Kuͤnſtlers nicht mehr ſo ganz bewaͤhren koͤnnen. Von ſeiner Tafel bey den Domini - canern des Staͤdtchens ſ. Miniato de Tedeschiſind nur noch beſchaͤdigte Ueberreſte vorhanden. Was er (nach Vaſari) zu Piſaim campo santo gemalt hat, iſt beſſer im Stande, doch von ſo viel Reiſenden geſehn und durch das Kupferwerk des Laſinioallen Kunſtfreunden ſo zugaͤnglich geworden, daß ich daruͤber hinausgehn darf. Obwohl dieſe Arbeiten den oben beſchriebenen nachſtehn, ſo wird man dennoch auch hier das Beſtreben erkennen, ſchaͤrfer zu charakteriſiren, als bis da - hin uͤblich war. Vortrefflich erhalten ſind die Wandgemaͤlde der Sacriſtey im Kloſter ſ. Miniato a Monte bey Florenz, welche Vaſari, ich glaube mit Grund, dem Spinellobeylegt.

Waͤhrend ſolchergeſtalt ein Sieneſer, ein Aretiner, ein (wie es ſcheint) ausgewanderter Florentiner, in der Auffaſſung eigenthuͤmlichen Geiſt, in der Darſtellung Streben nach Beſ -230 ſerung, Weiterung und Verſtaͤrkung zeigten, waͤhrend ihr Ta - lent an allen anderen Stellen mehr Anerkennung und Foͤrde - rung fand, als eben zu Florenz, der reichſten und maͤchtigſten Stadt des damaligen Feſtlandes von Italien: erwaͤrmte man ſich dort hinſichtlich der Malerey an dem Ruhme und an den nachgelaſſenen Werken der aͤlteren florentiniſchen Meiſter. Von jeher hat das Vorurtheil, oder die Meinung, in irgend einer Sache das Beſte und erreichbar Hoͤchſte erlebt zu haben, augenblickliche Hemmungen hervorgerufen. Auf der einen Seite entkraͤften ſolche Taͤuſchungen einen der wichtigſten He - bel menſchlicher Leiſtungen, den oͤrtlichen oder nationalen Ehr - geiz, indem ſie ein falſches und truͤgeriſches Selbſtgefuͤhl her - vorrufen, edle und wirkſame Ruhmbegier durch laͤhmenden, abdumpfenden Stolz verdraͤngen. Andererſeits gewaͤhren ſie der Traͤgheit des Geiſtes eine willkommene Ruhe, ſetzen ſie der Schwaͤche ſcheinbar unuͤberſteigliche Grenzen entgegen und bewirken ſo, auf alle Weiſe hemmend, laͤhmend und nieder - ſchlagend, jene Epochen langweiligen Wiederkaͤuens und Nach - aͤffens, welche in der Literaͤrgeſchichte deutlicher wahrgenom - men, oder ſchonungsloſer bezeichnet werden, als in der Kunſt - geſchichte, worin dieſe Rubrik bisher noch nicht eroͤffnet wor - den iſt.

Die Florentiner, obwohl durch ihre Richtung auf Be - obachtung angewieſen, hatten dennoch, wie ich oben gezeigt habe, den Blick laͤngſt vom ſie umgebenden Leben und Wir - ken abgelenkt, ihren Geſichtskreis ganz auf die Werke ihrer nahen Vorgaͤnger eingeſchraͤnkt. Durch Nachahmung ſchon aufgefundener, an ſich ſelbſt nicht eben ſchwieriger Manieren waren ſie um das Jahr 1400 zu jener leeren Leichtigkeit der Handhabung gelangt, welche ihnen Brodt, doch wie es ſcheint,231 keine Achtung erwarb, da Ghibertiſein Verzeichniß trefflicher Maler nicht uͤber den Arcagnound Giottinohinausfuͤhrt, ſei - nen naͤheren Vorgaͤngern und Zeitgenoſſen keine Zeile widmet, und die große Epoche der toscaniſchen Malerey ganz unzwey - deutig in die Vergangenheit verſetzt*)Cod. cit. wo uͤberall, ſowohl in den allgemeinen, als in den beſonderen Andeutungen: fu, ebbe etc. .

Gewiß war Ghiberti, als Kenner der Malerey betrachtet, hoͤchſt befangen in der Bewunderung der alten florentiniſchen Maler, da er dieſe den Kuͤnſtlern des claſſiſchen Alterthumes an die Seite ſtellte, was doch, aus ſeinem eigenen, ſo ganz techniſchen Standpuncte angeſehn, als eine bloße Verblendung erſcheinen muß. Indeß liegt das Vorbild der Bildnerey nun einmal ganz außerhalb des Maleriſchen, und es war mithin fuͤr die Entwickelung der Bildnerkunſt ohne allen Belang, ob er ſelbſt, ob ſeine Handwerksgenoſſen die Vorurtheile der Ma - ler theilten, oder auch nicht. Aus dieſer Unabhaͤngigkeit von beſchraͤnkenden Vorbildern in Dingen der Manier und Dar - ſtellung erklaͤre ich mir, daß die florentiniſchen Bildner, inmit - ten der kuͤmmerlichſten Fortuͤbung angelernter maleriſcher Handhabungen, ſeit dem Jahre 1400, in der Auffaſſung der Formen, wie in der Handhabung ihres Stoffes, ſo unermeß - liche Fortſchritte gemacht, daß ihre beſten Leiſtungen, wenig - ſtens das zweyte Thor des Ghiberti, von allen Kennern den groͤßten und unerreichbarſten Werken beygezaͤhlt werden. In dieſem Ereigniſſe ſehe ich auf der anderen Seite einen unum - ſtoͤßlichen Erweis der ſchon mehrmal hingeworfenen Behaup - tung: daß die Malerey zu Florenzum das Jahr 1400, nicht aus Abnahme des Talentes und Geiſtes, noch aus anderen232 und allgemeineren Urſachen, ſondern einzig deßhalb zum Unbe - deutenden herabgeſunken war, weil ſie aus Befangenheit in herkoͤmmlichen Kunſtmanieren aufgehoͤrt hatte, weiter zu ſtreben.

Lorenzo di Bartoluccio Ghibertiwar mehr zum Maler, als zum Bildner geboren, wie ſowohl aus der Anordnung und Ausgeſtaltung ſeiner halberhobenen Arbeiten, als beſon - ders aus ſeinen eigenen Bekenntniſſen erhellt*) Lor. Ghib.trattato cit. fo. 10. Nella mia giovenile età nelli anni 1400. mi partj da Firenze, per la coruzion dell aria, et pel male stato della nostra patria, con un egregio pittore, el quale l’aveva richiesto il Signore Malatesta da Pesaro, el quale ci fece fare una camera, la quale da noi fu picta con grandissima di - ligenzia. L’animo mio alla pittura era in grande parte volto; erane cagione l’opere le quali el Signore ci promettea; an - cora la compagnia con chì io ero, sempre mostrandomi l’onore e l’utile, che ci acquisteremo. Nondimeno in questo istante da miei amici mi fu scritto, come i governatori del tempio di S. Giovanni batt. mandano pe maestri, che sian docti etc. (Die Geſchichte der Coneurrenz um die Arbeit des zweyten ehernen Thores der gen. Kirche, welche den Ghib.beſtimmt, ſich wiederum der Bildnerey zuzuwenden).. Demunge - achtet haben wir uns Gluͤck zu wuͤnſchen, daß er ſich fuͤr die Bildnerey entſchieden, da er, nach ſchon angedeuteten Umſtaͤn - den, in dieſem entgegengeſetzten und widerſtrebenden Stoffe ſeinen maleriſchen Geiſt bequemer und deutlicher ausdruͤcken koͤnnen, als in der ſeinerzeit vorwaltenden Manier der Ma - lerey, uͤber welche er, in Anſehung ſeiner Befangenheit, ſchwer - lich gar weit wuͤrde hinausgegangen ſeyn.

Wir muͤſſen demnach dieſen trefflichen Kuͤnſtler auch in ſeinen Bildwerken als einen maleriſchen Geiſt auffaſſen und den Werth ſeiner Leiſtungen nicht allzuſtrenge nach den An - forderungen des Stoffes beurtheilen, in welchem er ſich aus -233 gedruͤckt. Eine, nach dem Umſtaͤnden, gluͤckliche Zufaͤlligkeit lenkte ihn im Wendepuncte des maͤnnlichen Lebens zur Bild - nerey zuruͤck, deren Handhabungen Lorenzoin ſeiner erſten Jugend nothduͤrftig erlernt hatte. Es galt, dem ſchoͤnen Thore der Johanniskirche zu Florenz, dem Meiſterwerke des Andreas von Piſa, entweder gleich zu kommen, oder daſſelbe zu uͤbertreffen. Ghibertiverdraͤngte allerdings ſeine zahlreichen Mitbewerber; er zeigte allerdings ſchon in dieſem fruͤhen Ju - gendwerke Erfindungsgabe und mancherley durch Beobach - tung erworbene Kenntniß; doch ſcheint daſſelbe in mancher Beziehung dem aͤlteren Thore des Andrea von Piſanachzu - ſtehn, welches in der ſparſamen, haushaͤlteriſchen Wahl der Mittel der Bezeichnung und des Ausdruckes ſeiner Aufgaben, wie uͤberhaupt muſterhaft, ſo beſonders der zwecklos uͤber - haͤuften und verworrenen Anordnung des Ghibertiweit uͤber - legen iſt.

Dieſer Maͤngel ungeachtet mußte der Charakter, den Ghi - bertiſeinen Koͤpfen, beſonders den groͤßeren in den Außenlei - ſten der Thorfluͤgel, verliehen hatte, durch ſeine Neuheit auf - fallen, Wuͤnſche und Erwartungen hervorrufen, denen der Kuͤnſtler in ſeinen reiferen Jahren durch jenes weltberuͤhmte, dritte und mittlere Thor derſelben Kirche vollkommen entſpro - chen hat.

Als Michelagnuolovon dieſem herrlichen Werke ſagte, es ſey werth, die Pforte des Paradieſes zu ſeyn, ſo ſprach er eben ſo ſchoͤn, als wahr. Gewiß ſind dieſe Thore, wie uͤberhaupt in der allgemeinen Auffaſſung der bibliſchen Ge - genſtaͤnde, in der naiven und herzigen Ausbildung unterge - ordneter Gruppen und Handlungen, in der Behandlung der Form und Bewegung, ſo beſonders darin ganz einzig und234 durchaus unnachahmlich: daß in ihnen ein maleriſcher Geiſt im bildneriſchen Stoffe, maleriſch vortrefflich, bildneriſch ge - nuͤgend, wenigſtens nicht verletzend, ſich ausgedruͤckt hat. Fuͤr Gemaͤlde, nicht fuͤr Bildnerarbeit ſind ſie anzuſehn, wenn man anders ihren vollen Werth und Sinn auffaſſen, ſie ungetruͤbt genießen will. Als Gemaͤlde erſcheinen ſie, wenn man ſie an einem hellen Vormittage ſcharf vom ſchraͤg einfallenden Sonnenlichte beleuchtet, ungeſtoͤrt von bildneriſchen Stylanfor - derungen, betrachtet; als Gemaͤlde hatte ſie der Kuͤnſtler ſelbſt*) Lor. Ghib.tratt. cod. cit. fo. 11. Cominciai detto lavo - rio in quadri, i quali erano di grandeza d’uno braccio e terzo. Le quali istorie, molto copiose di figure, erano istorie del testamento vecchio: nelle quali mi ingegnai, con ogni misura osser - vare, in essa cercare imitare la natura, quanto a me fosse possibile et con tutti lineamenti, che in essa po - tessi produrre, et con egregij componimenti et dovi - ziosi con moltissime figure. Missi in alcuna istoria circa di figure cento; in quale istoria meno et in qual più. Condussi detta opera con grandissima diligenzia et con grandissimo amore. Tuttii casamenti colla ragione, che l’occhio gli mi - sura e (i) veri, in modo tale (che) stando rimoti da essi, appariscono rilevati. Hanno pochissimo rilievo, et in su e (i) piani si veggono le figure, che sono propinque apparire maggiori, et le rimote minori. Es iſt merk - wuͤrdig, daß ein Bildner von Beruf damals die maleriſche Beſtre - bungen weiter hinaus verfolgte, als ſeinerzeit irgend ein Maler von Beruf. ſich gedacht, und, was er beſtrebte, vornehmlich durch abſichtliche Unterordnung der Form, Hervorheben der Linie, oder der Umriſſe, ſo gluͤcklich erreicht, als wir ſehn. Indeß iſt dieſer unerhoͤrte Sieg des Genius uͤber die unerbittlichen Foderungen des Stoffes der erſte und einzige. Wer ihn er - neuen wollte, wuͤrde nur die Niederlage ſo vieler Nachfolger235 des Ghibertiwiederholen, welche, ohne die Liebenswuͤrdigkeit ſeiner Seele, ohne die Sicherheit und tiefe Wahrheit ſeiner Charakteriſtik, doch Bronzethore und halberhobene Arbeiten aller Art gleich ihm in maleriſchem Sinne haben entwerfen wollen.

Soweit ich entſinne, wird es in den Kunſtſchriften nirgend hervorgehoben, daß eben dieſer kuͤhne Wurf eines uͤberlegenen Geiſtes, indem er zur Nachahmung reizte, die moderne Bild - nerey gleichſam aus ihren eigenen Angeln gehoben, und ſie verleitet hat, maleriſche Abſichten in einem Stoffe geltend zu machen, welcher ſie nun einmal ausſchließt. Gemeiniglich verſetzt man die Entſtehung dieſer Verirrung in ſpaͤtere Zeiten, weil es ſchwer faͤllt, viele aͤltere Bildnereyen, welche durch An - muth, Gemuͤthlichkeit und Charakter anziehn und befriedigen, in Bezug auf Styl, oder richtige Handhabung des derben Stoffes, ſo unbedingt zu verdammen, als ſie es verdienen moͤchten. Vielleicht uͤberſah man bisweilen, daß ſelbſt dem Ghibertinur jenes eine Mal es gelungen iſt, das geruͤgte Mißverhaͤltniß des Stoffes und ſeiner Verwendung durch in - nere Trefflichkeit und aͤußere Feinheiten gleichſam unſichtbar zu machen; daß ſeine durchhin maleriſche Auffaſſung bildneri - ſcher Aufgaben in anderen, fruͤheren oder ſpaͤteren Werken den Sinn mehr und minder fuͤhlbar verletzt; wie endlich, daß ſein Beyſpiel ſchon naͤhere Zeitgenoſſen, beſonders den ſo ungleich weniger begabten Donato, zu maleriſcher Auffaſſung der Ge - ſtalt verleitet hat.

Wollten wir, nach dem Vorgang neuerer Kunſtſchriften, die Bezeichnung eigenthuͤmlichen Seyns, Charakter; hingegen die Bezeichnung irgend eines mehr und weniger entſchiedenen Wollens, nach den Umſtaͤnden, Bewegung, oder Ausdruck nen - nen: ſo ergaͤbe ſich, daß der bildneriſche Stoff den Charakter236 eben ſo vollſtaͤndig, wenn nicht ſelbſt (der mehrſeitigen An - ſicht willen), vollkommener darlegen koͤnne, als die Malerey; hingegen Bewegung und Ausdruck nur innerhalb gewiſſer, hoͤchſt beengter Grenzen. Da nun Ghiberti, welcher die Na - tur mit Verehrung und Liebe ſtudirt hatte*)S. Cod. cit. an jenen ſchon angezogenen und anderen Stellen., an Bezeichnun - gen des eigenthuͤmlichen Seyns unendlich reich war, ſo beſaß er Vieles, was auch bildneriſch auszudruͤcken iſt; und eben dieſes (der Charakter,) verleihet ſeinen Werken jenen inneren Werth, dem nimmer die allgemeinſte Anerkennung gefehlt hat, noch jemals entgehen konnte. Das Irrige und Willkuͤhrliche in ſeiner Handhabung des bildneriſchen Stoffes wird eben daher abgeſonderter und reiner in den Arbeiten des Donatoaufzufaſſen ſeyn, welcher ſeinen Mangel an Richtigkeit und Fuͤlle der Charakteriſtik durch Uebertreibungen der Zuͤge einer einzigen Durchſchnittsform zu erſetzen ſuchte.

Gilt die Vorausſetzung: daß die Kuͤnſtler, vermoͤge einer unerklaͤrlichen Verſchiedenheit und Sonderung innerhalb derſel - ben Anlage, bald mehr zur Handhabung des bildneriſchen Stoffes, bald wiederum des maleriſchen berufen werden; ſo war Donatoſicher mehr, als ſein naher Vorgaͤnger und Zeit - genoſſe, von Haus aus zum Bildner beſtimmt. Ghibertiließ nicht ſelten die Geſtalt in maleriſcher Weichheit gleichſam in ſich ſelbſt verfließen, wie bey den ſchoͤnen und ſchoͤn ge - wendeten Engeln an der Ruͤckſeite des Reliquienſarges des florentiniſchen Domes**)La cassa di S. Zanobi, unter dem Altare der Haupttribune. S. Belege I. 1., deren Leiber, nach dem Herkom -237 men damaliger Malerey, in dem langen fliegenden Gewande verſchwimmen. Donatohingegen kannte und benutzte das Knochengebaͤude, wie es ſcheint, in dem Gefuͤhle oder deutli - chen Bewußtſeyn: daß eben dieſes einzig feſte Geruͤſte der fleiſchigen Organiſationen ſeinem Kunſtſtoffe naͤher verwandt ſey, wie denn in der That das ſichere auf ſich ſelbſt Beruhen, welches den Bildwerken unerlaͤßlich iſt, eben nur durch ge - wandte und ſichere Handhabung des Knochengeruͤſtes zu erlan - gen iſt. Vielleicht war es eben nur ſein richtiger Gebrauch dieſes wichtigen Kunſtvortheiles, der ihm die Gunſt und Be - wunderung des Michelangelozuwandte.

Wie ſeltſam es erſcheinen moͤge, daß M. A. Buonaruotaeinen ſo untergeordneten Geiſt habe verehren koͤnnen: ſo iſt es dennoch gewiß, daß er, durch Jugendeindruͤcke beſtochen, ſo - gar noch weiter gegangen und Vieles, ſo in den Mienen und Wendungen ſeiner Statuen beſonders auffaͤllt, dem Entwurf nach den Bildwerken des Donatelloabgewonnen hat. Dieſer Kuͤnſtler ſtrebte, wie oben angedeutet worden, die Bezeichnun - gen des eigenthuͤmlichen Seyns, welche ihm fehlten, durch eine ſtarke, uͤbertriebene Andeutung gegenſtandloſen Muthes zu erſetzen. Wie das Antlitz durch Runzeln und Vorſchieben der haͤutigen Stirnbedeckung, durch Schwellen der Lippen, Auf - blaſen der Nuͤſtern nach Art traͤumeriſcher, bewußtlos aufge - regter Menſchen; ſo ward auch die Geſtalt von ihm in eine krampfhafte Bewegung verſetzt, das eine Bein, gleichſam ſtampfend, vorwaͤrts geſchoben, die entgegengeſetzte Achſel, wie unwillkuͤhrlich zuckend, hervorgedraͤngt. *)In der Schule des Michelagnuolobildeten ſich fuͤr dieſe Bewegungen gewiſſe nur den Italienern ſo ganz verſtaͤndliche Kunſt - worte: il terribile etc. Beſaß nunMichel -238agnuolounlaͤugbar den Vorzug tieferer Formenkenntniß, groͤ - ßerer Gewandtheit und eines feineren Geſchmackes in der Aus - bildung des Einzelnen; mußte er mithin ſein allgemeines Vor - bild in dieſen Dingen nothwendig uͤbertreffen: ſo duͤrfte doch Donatellovor dem juͤngeren Meiſter den Vorzug geltend ma - chen, daß er weniger, als jener, von allem Sinn fuͤr die Anfoderungen des Schweren entbloͤßt geweſen. Allerdings neigte ſich Donato, nach dem Vorbilde des Ghiberti, zu ma - leriſchen Wallungen der Geſtalt hinuͤber; doch umgiebt jene zuckende Bewegung, welche ſeinen Statuen nun einmal ange - hoͤrt, eine gewiſſe unſichtbare Spirallinie, vor welcher ſein Streben nach Ausladung inſtinctmaͤßig in den jedesmal gege - benen Schwerpunct zuruͤckweicht. Unter allen Umſtaͤnden be - ſitzt ſein Lieblings und Meiſterwerk, der beruͤhmte Kahlkopf (zuccone) am Thurme des florentiniſchen Domes, hinſicht - lich der Unterordnung der Bewegung, der Stellung, des allge - meinen Ganges der Gewandung, ein ausgezeichnetes Verdienſt; wie ſie denn noch immer mit vollem Grunde fuͤr eines der beſten Standbilder neuerer Zeiten gehalten wird.

Indeß iſt dieſes Verdienſt, genau genommen, nur ein techniſches; uͤberhaupt ſcheint es, daß er beſonders durch Ge - wandtheit und Anſtelligkeit bey ſeinen Zeitgenoſſen in Anſehn gekommen. *) Vasari, vita di Nanni d’Antonio di Banco(Ed. cit. p. 260) Rispose Donatoridendo: questo buon huomo non é nell arte quello, che sono io, e dura nel lavorare molto più fatica di me. Ob Donatellowirklich ſo geſprochen, iſt wahrſcheinlich nicht wohl mehr auszumachen; doch bezeugt dieſe Stelle, daß ſeine Zeit - genoſſen und naͤheren Nachfolger ſeine Ueberlegenheit eben in den techniſchen Dingen aufſuchten.Gewiß war ſein Geiſt eben ſo arm, als roh,239 beſchraͤnkte ſich ſein Abſehn auf bloße Wirkung, weßhalb ſeine Werke wohl uͤberraſchen, doch keinen tieferen und nachwirken - den Eindruck hervorbringen. Mit Erzguͤſſen deren Technik Ghibertiſo wunderwuͤrdig gefoͤrdert hatte, wußte er, wie es ſcheint, nicht umzugehn. Allerdings iſt die Judith unter einem Seitenbogen der loggia de Lanziein ſehr wohlgelungener und ſchoͤn gereinigter Guß. Doch moͤchte er ſich hier fremder Huͤlfe bedient haben; denn gewiß gehoͤrt die Kanzel in ſan Lorenzo, eines ſeiner ſpaͤteſten Werke, zu den roheſten Erzguͤſſen der Neueren, was einen gewiſſen Mangel an Einſicht in dieſe Kunſtarbeit zu verrathen ſcheint, obwohl andere, ſchon Baccio Bandinelli*)S. Raccolta di Lettere sulla pittura etc. To. I. p. 49., die Haͤßlichkeit jenes Werkes aus dem Alter des Kuͤnſtlers haben erklaͤren wollen. **)Zufolge der Aufſchrift, welche ich verlegt habe, beendigte er die Kanzel nach 1460. Aus einem Actenſtuͤcke, welches ich in den Belegen IV. 3. mittheilen will, erhellt, daß er der Verpflich - tung, fuͤr den florentiniſchen Dom eine Thuͤre in Erz zu gießen, nicht nachgekommen war, was Abneigung oder Unbehuͤlflichkeit zu verrathen ſcheint. Er hatte dieſe Arbeit ſchon den 27. Maͤrz 1417. uͤbernommen, in der Zwiſchenzeit aber zu Sienaeinige halberho - bene Arbeiten an dem dortigen Taufbecken von Erz gemacht, welche nicht ſo durchhin gelungen waren. S. Belege II. 1. Vaſari(vita di Donato) ſpricht von einer anderen, unausgefuͤhrt verbliebenen Bronzethuͤre fuͤr den Dom zu Siena; vielleicht mißdeutete ſein ſien. Berichtgeber die,Sportelli, am Taufbecken (S. Bel. II. 1.) Im ſien. Dome, zur linken des Hauptaltares, erhielt ſich im Fußboden ein Erzguß, liegende Figur, flacherhoben, in welcher noch viel Gothiſches im Gefaͤlte, wie in den archit. Beywerken. Man lieſ’t darauf: OPUS. DONATELLI. REVEREN. DNO. D.IOHANNI. PECCIO.SENEN. APOSTOLICO. PROTONOTARIO. EPO. GROSSETANO. OBEVNTI. KL. MARTH. MCCCCXXVI. Hingegen foͤrderte240 er unlaͤugbar, was irgend zu den Handgriffen des Stein - metzen gehoͤrt. *) Vaſarihat die zahlreichen Werke des Donatoverzeichnet. Sie ſind durchhin bekannt und zugaͤnglich, weßhalb ich ſie uͤbergehe.

Mittelbar mochte er denn auch einem gleichzeitigen Bild - ner, dem Nanni d’Antonio di Banco, genuͤtzt haben, den Vaſari, in deſſen Leben, unter die Schuͤler des Donatover - ſetzt, ohne ſeine Gruͤnde anzugeben. Der Vater, wenn nicht eher der wirkliche Meiſter des Nanni, war ſchon im J. 1406. im Dienſte der florentiniſchen Domverwaltung;**)Archiv. dell op. del Duomo di Fir.Q. di Cassa MCCCCVI. fo. 17. a. t. und fo. 18. 21. 22. Antonio di Banco, und Ant. dicto Bancomaestro. und im Fortgang der Erzaͤhlung des Vaſarierſcheint Donatomehr in der Eigenſchaft eines durch Verſtand und techniſche Anſtel - ligkeit dem anderen uͤberlegenen Freundes. Zudem verrathen die Statuen des Nanniin den Mauervertiefungen der Kirche Orſanmichele zu Florenzkeine Spur des Aufdruckes der Ma - nier und Eigenthuͤmlichkeit des Donato; vielmehr ſind ſie an - ſpruchloſe Hervorbringungen eines mehr richtigen, als frucht - baren Geiſtes. Ihre einfache Auffaſſung, das ſchoͤne Gefuͤhl in ihrer emſigen Beendigung, ihr loͤblicher Styl und andere Vorzuͤge ſind dem Vaſarinicht entgangen, welcher das Leben des Nanniallerdings etwas herabſetzend beginnt, doch bey naͤherem Eingehn in deſſen Werke ſichtbar zur Anerkennung ihrer Verdienſte hingeriſſen wird.

Gleichzeitig entwickelten ſich zu Florenzviele andere Bild - ner von geringeren Faͤhigkeiten, oder minder gluͤcklicher Aus - bildung. Verſchiedene wurden, nach voruͤbergehenden Jugend -ver -241verſuchen, der Bildnerey wieder abtruͤnnig, um zur Baukunſt uͤberzugehn. In dieſer erwarb ſowohl Filippo di Ser Bru - nellesco, als Michelozzo di Bartolomeo*) Vaſarinennt ihn Michelozzo Michelozzi; indeß heißt er in einem Buche des Arch. dell op. del Duomo di Fir., alloghagioni dell op. 1438 = 1475. fo. 51. und an a. St. uͤberall: Michelo - zius Bartolomei. S. Belege, III. und IV. unvergeßlichen Ruhm, waͤhrend ihre Bildnerarbeiten weder zahlreich, noch ausgezeichnet ſind. **)Eines der Hauptwerke des Michelozzo, die ſilberne Statue des Taͤufers an dem Prachtaltare der Joh. Kirche zu Florenz(in der inneren Saeriſtey, op. del Duomo) verletzt den Sinn durch nutzloſe Uebertreibungen in der Andeutung des Untergeordneten, ohne gerade durch Ausbildung des Charakters zu erfreuen, was der Kuͤnſtler viel - leicht bezweckte. Von Brunelleschi ſah ich ſein Concurrenzſtuͤck zum zweyten Thore der Johanniskirche, mit welchem er bekanntlich durchgefallen iſt. Es war langezeit am Altare der alten Sacriſtey der Kirche ſ. Lorenzo aufgeſtellt, und iſt, glaube ich, neuerlich in die Gallerie der uffizj verſetzt worden. Man giebt in ſta Croce ein hoͤl - zernes Crucifix fuͤr ſeine Arbeit. In der aͤlteren Lebensbeſchreibung des Kuͤnſtlers (S. Moreni, can. Dom. vita di Fil. di Ser Brunel - lesco, Fir.1812. 8. p. 289.) iſt von einem anderen, und bemalten die Rede. Sein bildneriſches Abſehn wird jedoch aus dieſen kargen Proben nicht ſo ganz deutlich.Gegen die Mitte des Jahrhundertes war Lucca della Robbiaim Alleinbeſitz des Talentes, wie der Gunſt, welche wenigſtens in den Gemeinweſen nur ſelten ganz unverdient iſt.

Luca di Simone di Marco della Robbiaeroͤffnete ſeine Laufbahn nach dem Vaſari, ſchon in den erſten Jahren des funfzehnten Jahrhundertes und wuͤrde, wenn dieſe Angabe richtig waͤre, dem Beyſpiel des Ghibertiund Donatonur we - nig zu verdanken haben. Doch beruhet jene Angabe des Va - ſari(welcher unſeren Kuͤnſtler ſchon im Jahre 1405. ſeinII. 16242ſchoͤnſtes Werk, die Verzierung der Orgel des Domes, und unmittelbar darauf ebendaſelbſt das eherne Thor der Sacri - ſtey unternehmen laͤßt) auf falſchen Nachrichten, oder gewag - ten Vermuthungen. *)S. Belege IV. 3. s. Gewiß war Lucaſchon im Jahre 1439. ein bekannter und geachteter Meiſter; allein, da er um 1460 und ſpaͤter noch lebte, ſo gehoͤrt er nicht in den Anbe - ginn, ſondern in die Mitte des Jahrhunderts, wo wir ihn ſpaͤterhin wiederum aufſuchen wollen. Denn vor der Hand liegt es naͤher, die Beſtrebungen der Maler nachzuholen, welche augenſcheinlich durch das Beyſpiel der Bildner geweckt,**)Raccolta di lett. sulla pitt. etc. To. V. lett. CXLII. s. ſucht Bottaridie Zweifel des Zannottiuͤber ein Wort des Michelangeloaufzuheben: che la scultura fosse la lanterna della pittura, et che dell una all altra fosse quella differenza, cheé dal sole alla luna. Bottari’sAuslegung ſcheint mir ſehr ungenuͤgend; Michelangelomochte ſagen wollen, daß die Bildner den Malern den Weg zur Rundung gezeigt haben. nun endlich ebenfalls nach Mehrung und tieferer Begruͤndung ihrer Darſtellung zu ſtreben beginnen.

Aus fruͤheren Bemerkungen erinnern wir uns, daß die giotteske Manier zu Florenzbis zum Anfang und in ver - einzelten Faͤllen (Chelini) bis gegen die Mitte des funfzehn - ten Jahrhundertes ausgeuͤbt worden. Innerhalb dieſes Zeit - raumes mochten verſchiedene Maler, gleich dem Lorenzo di Bicciſich bemuͤht haben, ihre Bezeichnungen zu ſchaͤrfen, und gleich dieſem ins Fratzenhafte verfallen ſeyn, wovon haͤufige Spuren vorkommen. Indeß blieb dieſes ſchwaͤchliche Streben ohne Einfluß auf das allgemeine Gedeihen der Kunſt; denn jene gaͤnzliche Umwandlung der maleriſchen Darſtellung, welche,243 etwa um 1430., ihren Anfang genommen, foderte die An - ſtrengungen maͤchtig ringender, in der Tiefe ihres Daſeyns aufgeregter Geiſter.

Niemand iſt es entgangen, daß die aͤltere, zu uͤberbie - tende Manier der maleriſchen Darſtellung im Ganzen ange - ſehn, theils der Rundung, theils auch aller phyſiognomiſchen Feinheit und Schaͤrfe entbehrte. Was in derſelben klar und erfaßlich und, nach den Umſtaͤnden, ergreifend iſt, beruhet auf einer gewiſſen, allerdings ſinnreichen Handhabung der Bewe - gung, oder des allgemeinen ſich Gehabens der Geſtalten; denn von den Geſichtsformen beſaßen die Giottesken nur das Nothduͤrftigſte, zur ungefaͤhren Andeutung der Affecte Unent - behrlichſte. Mehrung der Rundung, tieferes Eingehn in die Austheilung, in den Zuſammenhang, in die vielfaͤltigſten Ab - ſtufungen des Reizes und der Bedeutung menſchlicher Ge - ſichtsformen, war demnach die naͤchſte Vorausſetzung alles Fortſchreitens in Dingen der maleriſchen Darſtellung.

Vielleicht uͤberſtieg vereinte Loͤſung beider Aufgaben die Kraͤfte damaliger Kuͤnſtler; oder auch gefiel es dem Geiſte der Geſchichte zwey verſchiedenen Kuͤnſtlern jedem ſeine eigene Aufgabe zu ertheilen. Maſacciouͤbernahm die Erforſchung des Helldunkels, der Rundung und Auseinanderſetzung zuſam - mengeordneter Geſtalten; Angelico da Fieſolehingegen die Er - gruͤndung des inneren Zuſammenhanges, der einwohnenden Bedeutung menſchlicher Geſichtszuͤge, deren Fundgruben er zuerſt der Malerey eroͤffnet und in hoͤchſter Fuͤlle fuͤr ſeine ihm ganz eigenthuͤmlichen Kunſtzwecke benutzt hat.

Da fuͤr die Lebensumſtaͤnde des Maſacciokeine ihm gleich - zeitige Quelle bekannt iſt, ſo muͤſſen wir uns, hinſichtlich der Zeit und der Ergebniſſe ſeiner Wirkſamkeit auf die ſtets bedenk -16 *244liche Autoritaͤt des Vaſariverlaſſen. Was dieſer uͤber das Leben und den perſoͤnlichen Charakter des Kuͤnſtlers gemeldet hat, ohne ſeine Quelle anzufuͤhren, moͤchte allerdings auf muͤndlichen, leichtſinnig aufgefaßten Traditionen beruhen. Um die Zeit, in welcher unſer Kuͤnſtler, nach dem Vaſari, gelebt hat, gab es einen florentiniſchen Bildner, oder Metallarbeiter, welcher Tomaſo di Bartolomeohieß und vielleicht ſeines Aeuße - ren willen, den Beynamen: Maſaccio,*)Archiv. dell op. del Duomo di Firenze, Alloghagioni. 1438. 75. fo. 51. (anno 1445. 1446. Febr. 28.) wird einem, Maso di Bartholomeo, gemeinſchaftlich mit anderen das eherne Thor der Sacriſtey des flor. Domes verſtiftet. Dieſer Maſo war (S. fo. 72.) im J. 1461. (1462.) nicht mehr am Leben, und heißt in den ſpaͤteren Erwaͤhnungen (daſ. fo. 73. a. t. und a. a. St.): Maso di Bartholomeo, detto Masaccio. S. Belege IV. 3. ff. erhalten hatte. Verwechſelte Vaſariunſeren Maler mit dieſem Bildner? oder hatte dieſer Bildner, gleich dem Pollajuolound Verocchioſich auch in der Malerey verſucht und ſeine bildneriſchen Reflectio - nen uͤber die Erſcheinungen der Beleuchtung auf die Malerey uͤbertragen wollen? Moͤge indeß dieſer Maler derſelbe Maſac - cioſeyn, den wir oben auch als Bildner kennen gelernt, oder auch ein zweyter; moͤge er ſelbſt einen andern Namen gefuͤhrt haben, wie es bey der geringen Gewaͤhr der Angaben des Vaſariallerdings nicht ganz undenkbar iſt: ſo bleibt doch ſo viel gewiß, daß ſeine Arbeiten ungefaͤhr in die Zeit einfallen, welche Vaſaridenſelben anweiſet, und, in der Richtung, welche ich bezeichnet habe, (weil ſie noch ungewiß und im Einzelnen mißlungen) nothwendig auch die fruͤheſten Verſuche ſind.

Wenn es nun vor der Hand nicht wohl auszumachen iſt, in wiefern, was Vaſarivon den Lebensumſtaͤnden unſe -245 res Kuͤnſtlers berichtet, begruͤndet ſey, oder auch nicht, ſo er - giebt ſich doch andererſeits aus der Vergleichung ſeiner Anga - ben mit den Gemaͤlden der Kappelle Brancacci, bey den Car - melitern zu Florenz, daß er die letzten mit kuͤnſtleriſchem Scharfblicke betrachtet hat und was er darin dem Maſacciobeygemeſſen, auf das genaueſte ſowohl von den Arbeiten eines fruͤheren, als auch von denen eines ungleich ſpaͤteren Malers, des Filippino, unterſchied. Demungeachtet hat man nach dem verbreiteten Wahne, daß es moͤglich ſey, den Vaſari(deſſen Angaben ungepruͤft weder anzunehmen, noch zu verwerfen ſind) ſchon nach dem bloßen Gefuͤhle zu berichtigen, auch hier ſeine Beſtimmungen umwerfen und durch neue, ganz willkuͤhrliche erſetzen wollen. Hiebey verſaͤumte man, ſowohl die Feſtſtel - lung allgemeinerer Vorausſetzungen, als ſelbſt die unumgaͤng - liche Vergleichung der Angaben des Vaſari, welche in drey verſchiedenen Lebensbeſchreibungen verſtreut ſind. *)Vita, di Masolino, di Masaccio, di Fil. Lippi.

Nach dieſem Schriftſteller malte Maſolino da Panicale(ein Name, welcher mir bis dahin in aͤlteren Quellen nicht vorgekommen iſt) die gegenwaͤrtig erneute Decke der Kappelle; ferner an der Wand hinter dem Altare oben zur Linken die Predigt des Hl. Petrus; endlich, an der Seitenwand dem Ein - tretenden zur Rechten, die obere Abtheilung. Maſolinoiſt, nach Vaſari, ein naher Vorlaͤufer des Maſaccio; und in der That ſind die erwaͤhnten Malereyen, wie ſie immer durch ſtaͤrkere Bezeichnung der Geſichtszuͤge, durch nicht ungluͤcklich in Perſpectiv gebrachte Gebaͤude und Anderes die hereinbre - chende zweyte Erneuerung der maleriſchen Darſtellung ankuͤn - digen moͤgen, doch, was die Schattengebung und daraus her -246 vorgehende Rundung angeht, ſichtlich noch in der Manier der ſpaͤteren Giottesken ausgefuͤhrt. Hingegen ſind die noch uͤbri - gen drey Abtheilungen der Altarwand, ferner die ganze Sei - tenwand zur Linken, mit Ausnahme einer ſpaͤteren Ergaͤnzung in der Mitte der unteren Abtheilung, nach derſelben Autoritaͤt ſaͤmmtlich Arbeiten des Maſaccio. In der That verkuͤndet ſich in letztgenannter Reihe von Darſtellungen uͤberall derſelbe Geiſt, daſſelbe Wollen; auch erkennt man darin, wenn man bey je - nen drey Geſchichten der Altarwand anhebt, die erſten Regun - gen des Beſtrebens nach Rundung in den hier noch leichter gehaltenen und farbigeren Schatten, hingegen an der oberen bis auf den Pfeiler am Eingang durchgefuͤhrten Abtheilung ſteigenden Muth, da die Schatten hier ſchon bisweilen ins Schwaͤrzliche, wie die Lichter ins Kreidige uͤbergehn, aber auch Unſicherheit und den Fehlgriff, die Hoͤhe der Lichter nicht in die Mitte, ſondern an den Rand der Formen zu bringen, was dieſen durchhin ein gewiſſes Anſehn von Schiefheit giebt. In der Folge aber ſcheint der Kuͤnſtler bey Ausfuͤhrung der unteren, unvollendet gebliebenen Abtheilung derſelben Wand einem richtigen Verſtaͤndniß des Grundſatzes der Rundung ſchon naͤher zu kommen und eben daher der Ueberhoͤhung der Lichter, der Schwaͤrze der Schatten nicht mehr in dem Maße, als fruͤherhin, zu beduͤrfen. Dieſe fluͤchtig angedeuteten Um - ſtaͤnde gewaͤhren, wie es einleuchten muß, den Angaben des Vaſarieine ungewoͤhnliche Glaubwuͤrdigkeit.

Nun unterſcheiden ſich dieſe Malereyen von denen des Filippino, der etwa um vierzig Jahre ſpaͤter das noch Feh - lende ergaͤnzt hat, zunaͤchſt durch den Aufdruck eines ſtrenge - ren, auf Ernſt und ſittliche Wuͤrde gerichteten Sinnes; denn der juͤngere Filippowar wohl ein großes, doch leichtes und247 fluͤchtiges Talent, dem es nicht immer mit ſeiner Aufgabe ſo ganz ein Ernſt war, weßhalb ihm in ſeinem fruchtbaren Kuͤnſtlerleben nicht Alles gleichmaͤßig gelungen iſt. Ferner unterſcheiden ſich die erſten von den ſpaͤteren durch den Auf - druck der Zeit; denn eben was Maſaccioerſtrebte, Schatten - gebung und Rundung, eben was er bey unnoͤthiger Uebertrei - bung der Mittel noch nicht ſo ganz erreichte, war dem Filip - pinobereits ein leichtes Spiel; was Maſaccioganz hintan - ſetzte, ich moͤchte ſagen, nur bildneriſch andeutete, die Land - ſchaften und Hintergruͤnde, behandelte Filippino, wie uͤberall in ſeinen Bildern, ſo auch hier mit Leichtigkeit und Geſchmack. Zudem unterſcheiden ſich beide Meiſter auch in der Manier oder Handhabung des Techniſchen der Frescomalerey: Maſac - ciotrug die Farbe, ſchon um die bezweckte Rundung beſſer zu erreichen, ſehr paſtos und, in gewiſſem Sinne, modellirend auf; Filippinohingegen duͤnn und fluͤſſig, da ihm, was jenem kaum zum Localton genuͤgte, ſchon zum Lichte dienen konnte. Allein auch das Gewand behandelte jeder auf ſeine Weiſe; Maſacciobeſtrebte Groͤße und Einfachheit der Maſſen, ver - theilte und rundete die einzelnen Parthieen wie ſchon die Zeit - genoſſen Raphaelsanerkannten, gewiß hoͤchſt muſterhaft; Fi - lippinohingegen, welcher die Gewandung ſpaͤterhin bis zum Geſchmackloſen willkuͤhrlich behandelt hat, verraͤth ſogar hier, wo er ſein Beſtes geleiſtet, die Hinneigung zu kleinlichen und bauſchigen Bruͤchen und zu jenem fluͤchtigen, ſich ſchlaͤngelnden Auftrage der Faltenlichter, welche ſeine ſpaͤteren Arbeiten nicht wenig entſtellen. Endlich dient auch das Coſtuͤme der Bild - nißfiguren, zu zeigen, was Maſaccioin dieſen Gemaͤlden durch - aus nicht gemalt haben konnte.

Moͤge Vaſarider eigenen Wahrnehmung dieſer mehrſei -248 tigen Verſchiedenheit beider Meiſter gefolgt ſeyn, oder viel - mehr lebendigen Kuͤnſtlertraditionen, welche, da die Beendi - gung der Kappelle Brancacci mit der Jugend des Michelan - gelozuſammenfaͤllt, hier ſchon als Quelle zu betrachten ſind; ſo iſt doch ſo viel gewiß, daß er in dieſer Kappelle, was er nicht ſchon dem Maſolinound Maſaccioausdruͤcklich beyge - legt hatte, durchhin fuͤr Arbeit des Filippinohielt. Uebrig war, nach Ausnahme des ſchon beruͤhrten, zunaͤchſt: in der Mitte der linken Seitenwand eine weite Luͤcke von unbeſtimm - tem Umriß; dieſe ward, wie Vaſarimit deutlichen Anzeichen umſtaͤndlicher Kunde berichtet,*)Vas. vita di Fil. Lippi(ed. cit. p. 493.) Filippodun - que le diede di sua mano l’ultima perfezione e vi fece il resto d’una storia, che mancava, dove s. Pietroe Paulorisuscitano il Nipote dell Imperatore. Nella figura del qual fanciullo ritrasse Francesco Granaccipittore allora giovanetto; e similmente M. Tom - maso Soderinicavaliere,Piero Guicciardinipadre di M. Francesco, che ha scritto le storie,Piero del Pugliese, e Luigi Pulcipoeta; pa - rimente Antonio Pollajuolo. von Filippinoausgefuͤllt; man unterſcheidet noch immer den roh verbundenen Anſatz des friſchen Kalkes an den laͤngſt verhaͤrteten der Malerey des Maſaccio. Ferner war die untere Abtheilung der Seitenwand zur Rechten noch unbeſetzt; an dieſer bezeichnet uns Vaſariohne Angabe der Gegenſtaͤnde die beiden noch vorhandenen Hiſtorien, die eine, indem er anzeigt, daß er daraus das Bild - niß des Filippinoentlehnt habe;**)Dſ. daſ., ohne, der Conſtruction nach, abzuſetzen e se stesso cosi giovane come era, il che non fece altrimenti nel resto della sua vita, onde non si é potuto havere il ritratto di lui d’età migliore. Allerdings ſollte man der aͤußeren Verbindung nach das Bildniß des Filippinoin der genannten Gruppe (der Ergaͤn - zung der Luͤcke an der linken Seitenwand) aufſuchen. Indeß hatte die andere, darauf249 folgende*)S. die vorang. Anm. durch Benennung der Perſonen, welche zu ei - ner Gruppe von Nebenfiguren Modell geſtanden. Die erſte zeigt Petrusund Paulusvor dem Proconſul, dem der Kuͤnſt - ler hier die Inſignien eines Caeſarn und den Charakter des Nerogegeben hat.

Dieſe mittelbare Bezeichnung der beiden hiſtoriſchen Ge - maͤlde des Filippinozur Rechten der Eintretenden war indeß von fluͤchtigen Leſern uͤberſehen worden. Wer nicht erwog, daß alle jene Bildniſſe, wie beſonders die beiden auf einan - der folgenden hiſtoriſchen Darſtellungen doch einen noch offe - nen Raum begehrten, daß eben dieſer Raum nach den fruͤheren Angaben des Vaſaridoch eben nur an den ſchon bezeichneten Stellen der rechten Seitenwand vorhanden war; wer uͤber - haupt verſaͤumte, hinſichtlich dieſer Malereyen die beiden fruͤ - heren Lebensbeſchreibungen des Maſolinound Maſacciomit jener ſpaͤteren des FilippoLippi zu vergleichen; mochte glau - ben koͤnnen, daß Vaſariden beiden fraglichen Hiſtorien uͤber - all keinen Namen gegeben habe, und darin eine Aufforderung ſehn, ſich in Conjecturen zu verſuchen. Die Gruͤnde, von de - nen man bey ſolchen Vermuthungen ausgegangen, ſind nir - gend an den Tag gekommen; wohl aber das Ergebniß. Denn ſeit etwa vierzig Jahren hat man das Hauptwerk desFilip -**) Vaſariſchon die rechte im Sinn, weil er im Fortgang anhebt: e nella storia, che segue, ritrasse Sandro Botticellosuo maestro e molti altri amici e grand huomini; ed infra gli altri il Raggio sensale etc. Was nur auf die rechte, unten noch unbeſetzte Seitenwand zu beziehen iſt. Zudem iſt das Bildniß des Filippinobey Vaſariaus einer Nebenfigur der erſten Darſtellung dieſer Wand und nicht aus der ergaͤnzenden Gruppe der anderen entlehnt.250pino, Petrusund Paulusvor dem Proconſul, wiederholt als ein Werk des Maſaccioin Kupfer geſtochen und ausgege - ben*)S. Thomas Patchetc. to the lovers of the art of painting. Firenze1770. Innerer Titel: the Life of Masaccio. ferner: Etruria pittrice; einzelne Blaͤtter in Bieſtermanier von Piroli; endlich in Laſinio’skunſtgeſchichtlichen Bilderfolgen ( Firenzeappresso Pagni), die fruͤheren Abzuͤge der Blaͤtter nach den Bildern der Kappelle Brancacci; in den ſpaͤteren ſollten die Unterſchriften auf meine Vorſtellung abgeaͤndert werden.. Bey meiner Anweſenheit zu Florenzhatte man dieſe Anliegenheit von neuem in Berathung genommen, die Autori - taͤt des Vaſari, welche hier bereits ein Gewicht hat, von neuem beſtritten, bis man endlich meinen oben ausgefuͤhrten Gruͤnden nachzugeben geneigt ſchien.

Vaſarihat dem Maſaccioeine zweyte Arbeit beygelegt: die Malereyen in einer Kappelle der Kirche ſ. Clemente zu Rom, welche Kuͤnſtler und Reiſende zu beſuchen pflegen. Al - lerdings ſind dieſelben jenen anderen ſehr nahe verwandt; doch aͤltere Arbeiten unſeres, oder eines ihm aͤhnlichen Mei - ſters, welche nur an einzelnen Stellen, vornehmlich den Koͤpfen der Weltweiſen des Hauptbildes zur Linken, uͤber die einfache Manier der ſpaͤteren Giottesken hinausgehn. Hinge - gen konnten wir dem trefflichen Stifter in ſeinen florentini - ſchen Wandgemaͤlden Schritt fuͤr Schritt nachfolgen, ihm gleichſam zuſehn, wie er muͤhſam und nicht immer mit Er - folg darnach rang und ſtrebte, die maleriſche Darſtellung durch bis dahin unbekannte Kunſtvortheile zu bereichern, in die ein - zelnen Formen Rundung einzufuͤhren, die allgemeine Anord - nung durch maſſige Schatten und breite Lichter anſichtlicher zu machen.

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Dieſe neuen, bisher noch unbenutzten Huͤlfsmittel der Darſtellung erſtrebte Maſaccionicht etwa, ſeinen Gemaͤlden mehr aͤußere Annehmlichkeit zu geben, ſondern weil ſein ſtar - kes, maͤnnliches Gefuͤhl, ſein hoher Begriff von der Wuͤrde der Aufgaben, deren Loͤſung ihn beſchaͤftigte, in der herkoͤmm - lichen flachen und ſchattenloſen Manier nicht wohl genuͤgend auszudruͤcken war. Im umgekehrten Verhaͤltniß verkannten ſeine naͤheren Nachfolger, die florentiniſchen Maler bis auf den Lionardohin, den vollen Werth ſeiner Verſuche und Neuerungen, weil ſie kein Beduͤrfniß fuͤhlten, ſich zu gleicher Großartigkeit und Einheit der Auffaſſung zu erheben. Um die Mitte und bis gegen Ende des funfzehnten Jahrhundertes waren alle Haͤnde geſchaͤftig, das Einzelne naͤher auszubilden, was die Aufmerkſamkeit nothwendig von den Beſtrebungen des Maſaccioablenkte. Wenn nun dieſe, wie der Lauf der Kunſtgeſchichte zeigt, nicht fruͤher, als um die Zeit des Lio - nardound Raphaeldie Aufmerkſamkeit der Kuͤnſtler angezo - gen, ihren Nacheifer geweckt haben, ſo fanden dahingegen die Neuerungen des Beato Angelico da Fieſolealſobald Eingang und Nachfolge.

Betrachten wir in dieſem Kuͤnſtler zunaͤchſt ſeine ausge - zeichnete und ganz unvergleichbare Eigenthuͤmlichkeit; ſodann auch ſeine hiſtoriſche Stellung, oder ſeinen Einfluß durch Bey - ſpiel und Lehre.

Was irgend durch Abgezogenheit von den Lockungen des Lebens zu erlangen iſt, Reinheit des Willens, Erhebung des Gemuͤthes, innige Vertraulichkeit mit dem Geiſte ungetruͤbter Liebe, ſolches Alles ward dem frommen Angelicoin hoͤchſtem Maße zu Theil. Er haͤtte vermoͤge ſeiner Kunſt, ſagt Va - ſari, in der Welt mit Gemaͤchlichkeit leben koͤnnen, waͤhlte in -252 deß die Abgeſchiedenheit, welche den Schlimmen zu groͤßerem Verderben, und nur den Guten zum Gluͤcke gereicht. Man ſagt, erwaͤhnt er ferner, daß er niemals gemalt habe, ohne vorher mit Innigkeit zu beten; daß er nie die Leiden des Er - loͤſers dargeſtellt, ohne dabey in Thraͤnen auszubrechen; daß er ſeine Malereyen nie nachgebeſſert habe, weil er glaubte, ihr Gelingen beruhe auf unmittelbarer Eingebung. Gewiß, ſetzt er hinzu, ſpricht aus den Mienen und Wendungen ſeiner Geſtalten die Geſinnung eines aͤchten und ernſtlichen Chriſten. Ich moͤchte hinzufuͤgen: eines aͤchten und wahren Moͤnches; denn ſicher entfaltete Angelicodie ſchoͤnſten Seiten des Moͤnch - thumes, welchem er unſtreitig, wenn auch nicht ſeine Eigen - thuͤmlichkeit, doch deren volle Entwickelung verdankt. Seit den aͤlteſten Zeiten war Kalligraphie und Miniaturmalerey in den Kloͤſtern einheimiſch, dieſen durch Stifter und Obere drin - gend empfohlen und in der That beſonders bey den Griechen, doch auch bey den Franken der karolingiſchen Epoche fruͤhe mit vielem Erfolg betrieben worden*)S. Thl. I. Abhd. V.. Seit dem Jahre 1300 hatten die moͤnchiſchen Miniatoren in Italien, bey zu - nehmender Kunſtbildung allgemach eben jene Richtung einge - ſchlagen**)Zu Florenz, in der Kirche ſta Trinita, war noch vor wenig Jahren eine ſchoͤne, von italieniſch gothiſchem Schnitzwerke umge - bene Tafel vorhanden, welche Vaſaridem Don Lorenzo, Monaco Camaldoleſebeymißt. Dieſes Bild iſt in der Richtung des Ange - licohervorgebracht; Anordnung, Gewandung, Gehabung der Geſtal - ten ſchien mir vorzuͤglicher; hingegen fand ich die Charaktere min - der ausgebildet, das Gefuͤhl lauer. Im Februar 1818. ward die - ſes Gemaͤlde von ſeinen Eigenthuͤmern der Kappelle entzogen, welche durch eine baͤueriſche Wandmalerey aufgeziert ward. Moͤge es in gute Haͤnde gelangt ſeyn!, deren Beato Angelicoſich in der Folge bemei -253 ſterte. Dieſer Kuͤnſtler war von der Miniaturmalerey ausge - gangen; ſeine Arbeiten in Chorbuͤchern der Kloͤſter ſeines Or - dens, ſan Marco zu Florenz, ſ. Domenico unterhalb Fieſole, ſind leider entweder uͤberall nicht mehr vorhanden, oder doch an andere mir unbekannte Orte verſetzt; doch verſichert Va - ſari, der ſie geſehn hatte, daß er fuͤr ihre Schoͤnheit und Aus - bildung keinen Ausdruck habe. Vielleicht wird die Ausfuͤh - rung dieſer Arbeiten nach einem Bruchſtuͤcke zu beurtheilen ſeyn, einem Pergamentblatte mit der Himmelfahrt der Jung - frau, welches mir zu Florenzmit der Verſicherung verkauft worden, daß ſolches aus einem jener Choralbuͤcher entnom - men ſey. Indeß glaube ich darin, wohl einige Sinnesver - wandtſchaft, doch eine andere Hand zu erkennen, und halte dieſes unſtreitig ſchoͤne Werk vielmehr fuͤr ein Zeichen dama - liger Verbreitung eben jener Richtung, in welcher Fieſoledas Hoͤchſte hervorgebracht.

Unzaͤhlige Werke ſeines Pinſels ſind uͤber das mittlere Italienverſtreut, viele andere bey Aufhebung der Kloͤſter in den Handel gekommen. Doch, um die ganze Schoͤnheit ſeiner Seele, die ganze Zartheit ſeiner Ausfuͤhrung zu kennen und zu wuͤrdigen, ſoll man einige ſeiner kleineren Gemaͤlde a tempera in vollkommenem Stande der Erhaltung geſehn haben. Die - ſer verkuͤndet ſich in jenem matten Glanze, welcher aus der Verhaͤrtung des Bindeſtoffes entſtehet und bey unberuͤhrten Temperagemaͤlden die ganze Oberflaͤche mit einem friſchen und unnachahmlichen Schmelze uͤberzieht. Wo man aus Vorwitz, oder um vorangegangene Beſchmutzungen zu entfernen, Reini - gungen vornahm, ward jener Ueberzug aller Vorſicht ungeach - tet mehr und minder verletzt; wo irgend ein fremdartiger Fir - niß ihn verdeckt, iſt er, wenn auch vorhanden, doch nicht mehr254 bemerklich, wie in einigen kleinen Bildern des Fieſolein der florentiniſchen Gallerie der Uffizj und in einem anderen der dortigen Akademie der Kuͤnſte, worin ein juͤngſtes Gericht. Schwerer und nicht ſelten bis auf den Grund beſchaͤdigt ſind die Malereyen an den ehmaligen Silberſchraͤnken der Serviten, wie beſonders eine groͤßere Altartafel, beide in der florentini - ſchen Akademie. Hingegen hatten die Staffeln eines Altares gegenwaͤrtig in der Sacriſtey der Dominicaner zu Cortonaund der Sockel des ehemaligen Altarblattes der Kirche ſ. Do - menico di Fieſole*)Dieſe Gemaͤlde wurden meinerzeit von den Moͤnchen des Kloſters verkauft, ſind gegenwaͤrtig zu Rombey dem koͤn. preuß. Conſul, HerrnValentini, aufgeſtellt. ihren urſpruͤnglichen Schmelz noch be - wahrt, als ich ſie wiederholt und mit immer neuer Bewun - derung betrachtete. Von dem letzten, auf welchem unzaͤhlige Seelige, verſicherte ſchon Vaſari, daß er ſich nie habe ſaͤttigen koͤnnen, es zu betrachten. Im allgemeinen haben ſich die Mauermalereyen des Angelico, welche ſaͤmmtlich auf trockenem Gypsgrunde gemalt ſind, ungleich beſſer erhalten.

In den gelungenſten unter ſeinen kleineren Werken er - ſchoͤpfte ſich dieſer Kuͤnſtler in den mannichfaltigſten Andeutun - gen einer mehr als irdiſchen Freudigkeit; hingegen enthalten ſeine Mauergemaͤlde haͤufig Darſtellungen der irdiſchen Bedraͤngniſſe heiliger Perſonen; obwohl in deren Gebehrden und Mienen die innere Harmonie uͤber aͤußere Stoͤrungen ſichtlich vorwal - tet, nichts die Sicherheit ihrer Hoffnungen, die Feſtigkeit ihres Willens zu erſchuͤttern ſcheint. In dieſer Art und Groͤße iſt ſein Hauptwerk jene Kappelle im vaticaniſchen Palaſte, welche, wie ich vernahm, nach langer Vergeſſenheit durch die uner -255 muͤdliche Sorgfalt und Wachſamkeit unſeres vielſeitigſten Kunſt - gelehrten, des Hofrath Hirt, erſt ſeit einigen Jahrzehenden wiederum zugaͤnglich ward*)Wie alle aͤltere Roͤmer ſich erinnern werden; die intereſſan - ten Umſtaͤnde vernahm ich aus dem eigenen Munde dieſes aͤchten Kunſtfreundes.. Sie wird gegenwaͤrtig, mit anderen zahlloſen Kunſtſchaͤtzen des Vaticanes, mehrmal die Woche auch der Menge geoͤffnet, iſt auch durch ein Kupfer - werk in Umriſſen und einzelne von Lips geſtochene Gruppen bereits in einem weiteren Kreiſe bekannt, weßhalb ich dem Leſer und mir ſelbſt die Andeutung ihrer unvergleichbaren Schoͤnheiten erſparen darf. Genug, daß ſie in dem freylich engeren Kreiſe heiligen Willens und frommer Kindlichkeit eine große Mannichfaltigkeit des Charakters entfaltet. Ein gleiches gilt ſeine Mauergemaͤlde im Kloſter, beſonders im Kapitel - ſaale zu ſ. Marco in Florenz, welche jener Kappelle der Zeit nach vorangehn moͤgen, da ſie durchhin einfacher behandelt und etwas aͤrmlicher angeordnet ſind. Indeß iſt der Aus - druck in den Koͤpfen, in den Bewegungen der Arme, in den Neigungen des Oberleibes unuͤbertrefflich und, wie man anzu - erkennen ſcheint, hier ſtaͤrker und leidenſchaftlicher, als in an - deren und verwandten Darſtellungen deſſelben Meiſters.

Nach beliebten und angenommenen Vorausſetzungen haͤtte ein ſo zart geiſtiges Streben unſeren Angelicovom Objectiven abziehn und gleichſam in ſich ſelbſt concentriren muͤſſen. Doch ganz im Gegentheil war es eben dieſer ſchwaͤrmeriſch vom Irdiſchen abgezogene Geiſt, welcher unter den Neueren zuerſt den menſchlichen Geſichtsformen ihre volle Bedeutung abge - wann und deren mannichfaltigſte Abſtufungen benutzte, ſeinen256 Darſtellungen eine groͤßere Fuͤlle und Deutlichkeit zu geben. Freylich verlaͤugnet Angeliconirgend die vorwaltende Stim - mung ſeiner Seele, neigt ſich an keiner Stelle zum Star - ken, Maͤchtigen, Zuͤrnenden, kaum einmal zum tief Schmerz - lichen; doch gefiel er ſich, den einen Charakter milder See - lenguͤte durch eine Unermeßlichkeit von Abſtufungen hindurch zu fuͤhren. Dieſe werden wir indeß nur in ſeinen Geſichtsbil - dungen aufſuchen wollen, deren innerer Zuſammenhang unter den modernen Malern ihm zuerſt ganz aufgegangen iſt. Hin - gegen blieb ihm die Geſtalt ſtets fremd, weßhalb er uͤberall, wo er in der Handhabung des Leibes uͤber den einfachen Zu - ſchnitt der giottesken Manier hinausging, wohl noch die Be - wegung des Oberleibes beherrſchte, doch ſelten das Unterge - ſtelle, welches in ſeinen Gemaͤlden meiſt ſehr unbelebt und hoͤlzern laͤßt. Auch lag es außer ſeinem Abſehn, die maleri - ſche Anordnung, gleich dem Maſaccio, durch ſchaͤrfere Beleuch - tung und maſſige Schattengebung zu unterſtuͤtzen; obwohl er den Gang des Gefaͤltes, deſſen Antheil an dem Reize maleri - ſcher Darſtellungen groͤßer iſt, als ich zu erklaͤren weiß, mit ungemeiner Feinheit fuͤr ſeine Zwecke zu benutzen wußte.

Jene ihm eigenthuͤmliche, an ſich ſelbſt ſeltene und ſchwer hindurch zu fuͤhrende Seelenſtimmung hat Angelicoſeinen Zeit - genoſſen und Nachfolgern allerdings nicht mittheilen koͤnnen; hingegen fand ſeine leichte und farbige Schattengebung mehr Eingang, als die maſſige Behandlung des Maſaccio; beſon - ders aber weckte und ſchaͤrfte er bey den florentiniſchen Ma - lern der anderen Haͤlfte des Jahrhundertes den Sinn fuͤr den Reiz und fuͤr die Bedeutung des Mannichfaltigen in der menſch - lichen Geſichtsbildung.

In dieſer Beziehung hatte er zunaͤchſt auf denBenozzoGoz -257Gozzolieingewirkt, den Vaſarigewiß nicht ohne Grund als einen Schuͤler des Angelicobezeichnet. Denn in ſeinen fruͤ - heren Werken, den Malereyen der Kirchen ſ. Fortunato und ſ. Francesco zu Montefalco, einem umbriſchen Staͤdtchen un - weit Fuligno, blieb Benozzotheils dem aͤußeren Vorbilde, theils auch der Milde des Angelicoſo nahe, als nur von ei - nem Schuͤler anzunehmen iſt. In ſ. Fortunato erhielt ſich an der Seitenwand zur Rechten eine Madonna, welche das auf ihrem Schooße ruhende Kind anbetet; zur Seite ein Engel, welcher eine Handtrommel ſchlaͤgt. Es iſt ſehr raſch a buon fresco gemalt, ſcheint uͤbrigens der Ueberreſt eines groͤßeren Wandgemaͤldes zu ſeyn. In dieſem Bilde lieſt man auf ei - ner Baſe: BENOZII.. FLORENTIA.. CCCC. L. Die leicht zu ergaͤnzenden Lagunen verdeckt ein Kiſſen. Hinter dem Hauptaltar ſtehet, gegen das Chor gewendet, eine voll - ſtaͤndige Altartafel, die Jungfrau, welche dem Hl. Thomasihren Guͤrtel giebt, an den Pfeilern ſechs Heilige und in der Altarſtaffel ſechs Geſchichten aus dem gewohnten maleriſchen Cyclus des Lebens der Madonna. Dieſe moͤchte, nebſt der Lunette uͤber der Hauptthuͤre der Kirche, jenem Fragmente gleichzeitig ſeyn, welches letzte unter allen Umſtaͤnden unter den bekannten Werken des Benozzodas aͤlteſte iſt. Um wenig ſpaͤter malte er in einer Seitenkappelle der Kirche ſ. Fran - cesco, dem Haupteingang zur Rechten, in welcher viele Re - miniſcenzen aus den Gemaͤlden des Fieſolevorkommen; der Hl. Franzin der Lunette iſt eine Copie nach jenem im Ka - pitelſaale des Kloſters ſan Marco zu Florenz. In einer Queerleiſte unter dieſer Lunette befindet ſich folgende in den naſſen Kalk eingedruͤckte Aufſchrift: opus Benozii de Florenzia; und in einer anderen: constructa atque depictaII. 17258est hcc cappella ad honorem gloriosi Hyeronimi. M. CCCC. LII. DE Po novenbris.

Dieſelbe Anhaͤnglichkeit an die Heiligengebilde des Ange - licozeigt ſich in einer nur wenig ſpaͤteren Tafel, welche viel - leicht*)Die Gall. der ital. Kunſtakademieen ſind meiſt aus Spo - lien aufgehobener Kloͤſter erwachſen, weßhalb man den Urſprung ih - rer Schaͤtze bisweilen im Dunkelen zu laſſen geneigt iſt. aus der genannten Kirche in die Gallerie der peru - giniſchen Kunſtſchule gelangt iſt. Im goldenen Felde dieſes Gemaͤldes ſtehet: opus Benotiide FlorentiaMCCCC. LVI. Auch in der Chorkappelle jener Kirche, einem reichen, Vieles umfaſſenden Werke, verraͤth ſich ein leiſer Nachklang der Ge - muͤthsſtimmung des Meiſters, obwohl Benozzohier ſchon an - faͤngt, ſich jener ſchuͤlerhaften Befangenheit zu entſchlagen und aus den Anregungen ſeines Meiſters hervorzuheben, was ſei - ner Eigenthuͤmlichkeit entſprach. Dieſe Arbeit iſt im Ganzen und mit Ausnahme des gothiſchen Gewoͤlbes ganz wohl er - halten und enthaͤlt an den Waͤnden, in zwoͤlf Abtheilungen, Lebensereigniſſe des Hl. Franz, worin die Geſchaͤftigkeit der Weiber bey der Geburt des Heiligen, die Leidenſchaft des Vaters, wo der Hl. ſich von ihm losſagt, der knieende Moͤnch am Sterbebette des Hl., nebſt anderen lebenvollen Zuͤgen hoͤchſt erfreulich zu ſehen ſind.

Nicht ſo gar lange darauf arbeitete Benozzoin einem Staͤdtchen des florentiniſchen Gebietes, ſ. Gimignano, unweit der Straße von Florenznach Sienaund in der Naͤhe von Volterra. Im Dome dieſer Stadt malte er in einer Kap - pelle, welche an der Stelle der vermauerten Hauptthuͤre durch zwey vorſpringende Pilaſter gebildet wird, den Tod des Hl. 259 Sebaſtian, ein ſehr mittelmaͤßiges Bild, deſſen obere Abthei - lung indeß einige treffliche Engel enthaͤlt. Die Unterſchrift: ad laudem glor. athlete s. Sebastianihoc opus con - structum fuit die XVIII. Januarii M. CCCCLXV. Be - nozius Florentinuspinxit. Im Chore derſelben Kirche be - findet ſich eine Altartafel, welche man angeblich aus einer eingezogenen Kirche dahin verſetzt hat; ſie ſtehet, wie alle Staffeleygemaͤlde des Benozzo(der auch hier nicht verſaͤumt hat, ſein: opus Benotii de Flo.anzubringen) ſeinen Mauer - gemaͤlden ſehr weit nach; obwohl auch hier die Engel, welche oben Blumengewinde emporhalten, ſehr anmuthvoll ſind. Der Kuͤnſtler mochte ſich dazumal in dem luftig gelegenen, maleri - ſchen Staͤdtchen angeſiedelt haben. Denn im folgenden Jahre uͤbernahm er die Wiederherſtellung der Malerey an den Waͤn - den der Sala de Conſiglj des Stadthauſes, wo neben der alten Aufſchrift: Lippus Memmi de Senisme pinsit al tempo di MCCCXVII., etwas zur Rechten im Winkel: Benotius Florentinusrestauravit anno d. M. CCCCLXVII.

Ein weiteres Feld, und mehr Aufforderung, ſein Beſtes zu leiſten, fand Benozzoum einige Jahre fruͤher in der Au - guſtinerkirche deſſelben Ortes. Hier malte er zunaͤchſt an einer Seitenwand des Altares zum Hl. Sebaſtian, deſſen Bild, wie im Siege uͤber den eben beſtandenen Todeskampf, umher viele Einwohner des Ortes knieend und ausdrucksvoll zum Hl. auf - ſchauend, welche Arbeit nach der Aufſchrift im Julius 1464. beendigt worden. Hingegen lieſt man in der Chorkappelle, an der Wand dem Eintretenden zur Rechten:

Eloquii sacri DoctorParisinuset ingens

Geminiaci fama decusque soli

17 *260

Hoc proprio sumptu Dominicus ille sacellum

Insignem jussit pingere Benotium. MCCCC. LXV.

An der Flaͤche des gothiſchen Bogens uͤber dem Altare malte BenozzoBruſtbilder der Apoſtel; in den Abtheilungen des Kreuzgewoͤlbes die vier Evangeliſten, unter denen Johan - nesauszuzeichnen; an den Waͤnden in vielen Abtheilungen ſechzehn Lebensereigniſſe des Hl. Auguſtin, unter welchen das eine mit den knabenhaften Unarten und Zuͤchtigungen des kuͤnf - tigen Heiligen beſonders launig aufgefaßt iſt. Unzaͤhlige Bild - nißfiguren, welche nicht immer an der Handlung Theil neh - men, erfuͤllen jeden zu ermuͤſſigenden Raum. Einige dieſer belebten und ausdrucksvollen Geſichter hat Benozzoauch an anderen Stellen, beſonders in der Kappelle des Palaſtes Ric - cardi zu Florenzwieder angebracht.

Rings an den Waͤnden dieſer Kappelle malte Benozzoden Zug der Hl. drey Koͤnige mit einem zahlloſen Gefolge von Bildnißfiguren, welche, fuͤr ſich betrachtet, vortrefflich und fleißiger beendigt ſind, als die Koͤpfe der Nebenfiguren in ſei - nem letzten und umfaſſendſten Werke, den Darſtellungen aus dem alten Teſtament im Campo ſanto zu Piſa. Hier war Benozzoendlich einmal von ſeiner Aufgabe ergriffen, bediente er ſich ſeiner vorangegangenen Beobachtungen und Forſchun - gen mehr, ſeinen jedesmaligen Gegenſtand auszudruͤcken, als, wie bisher, den Raum behaglich zu fuͤllen. Der Fluch des Noah, die muͤhſam unterdruͤckte Ruͤhrung Joſephs, wo ſeine Bruͤder um Benjamins Befreyung flehen, ſpricht ſich ganz unuͤbertrefflich aus. Doch beruhet auch hier aller Ausdruck auf tiefer Kenntniß des Bezeichnenden in den Zuͤgen des Ant - litzes; denn die Geſtalt iſt keinesweges beſſer verſtanden, als in jenen fruͤheſten Malereyen zu Montefalco; das Gewand261 ſchlechter aufgefaßt, als dort. Hingegen hat der Kuͤnſtler im Campo santo viel Luſt an landſchaftlichen und architectoni - ſchen Beywerken dargelegt, was zu den ſpaͤteſten Beziehungen ſeines großen Talentes gehoͤren mag. *)Dieſes Werk erwarb ihm ſeine Grabſtaͤtte, deren Inſchrift Vaſariund Spaͤtere richtig auffuͤhren, wie folgt: hic tumulus est Benotii Florentini, qui proxime has pinxit hystorias. hunc sibi Pi - sanorum donavit humanitas. M. CCCC. LXXVIII.

An einer Stelle des Anhanges zur neuen Ausgabe der Werke Winckelmannswird die Einwirkung der aͤlteſten Bil - dung auf die Entwickelung der griechiſchen Kunſt durchhin auf techniſche Vortheile beſchraͤnkt und zur Erlaͤuterung, als eine bereits ausgemachte Thatſache, angefuͤhrt, daß auch die Italiener bey Aneignung der maleriſchen Technik der Nieder - deutſchen ſich vor anderweitigen Anregungen bewahrt und frey erhalten haben. Indeß waren die Herausgeber des trefflichen Werkes in der Wahl dieſes Beyſpieles hoͤchſt ungluͤcklich, da die Sache ſich ganz anders verhaͤlt, als ſie annehmen. Denn ſchon ſeit der Mitte des funfzehnten Jahrhundertes ſtrebten viele italieniſche Maler den Niederlaͤndern eben ihre meiſter - liche Nachbildung des Mannichfaltigen in der Erſcheinung der Dinge abzugewinnen, waͤhrend die Oelmalerey nicht fruͤher, als gegen das Ende deſſelben Jahrhundertes die hergebrachte, damals freylich hoͤchſt ausgebildete Malerey a tempera ver - draͤngte.

Allerdings war die Oelmalerey den Florentinern ſchon ungleich fruͤher hiſtoriſch bekannt, wie aus dem bekannten Co - dex des Cenninoerhellet. Auch erzaͤhlt uns Vaſariim Leben des Andrea dal Caſtagno, dieſer Maler habe ſich bisweilen des Oeles bedient, deſſen Gebrauch ſein Freund Domenico von262 Venedigihn kennen gelehrt. Indeß kenne ich von dieſem letz - ten nur eine einzige, noch wohlerhaltene Tafel in der Kirche ſta Lucia jenſeit des Arnozu Florenz. In dieſem Altarge - maͤlde, worin die Madonna auf dem Throne unter einer Bo - genſtellung von gemiſchter florentiniſch-gothiſcher Anlage, zu den Seiten, ſta Lucia, ein Hl. Biſchof und gegenuͤber ſ. Joh. Baptiſtaund ſ. Franz, lieſet man auf der erſten Stufe des Thrones:

opus Dominici de Venetiis Ho Mater Dei mi - sere mei Datum est.

Dieſes Bild gehoͤrt zu den fruͤheren Beyſpielen dieſer in der zweyten Haͤlfte des Jahrhundertes beliebten einfachen und ruhigen Anordnung der Heiligen beſtimmter Altaͤre. Das Profil der Hl. Luciaiſt des beato Angeliconicht unwuͤrdig, in den uͤbrigen Koͤpfen einige Spur der manierten Charakteri - ſtik des Andrea dal Caſtagno. Uebrigens iſt dieſes Bild ſehr trocken a tempera gemalt, was unerklaͤrlich waͤre, wenn Do - menico wirklich, wie Vaſariauch im Leben des Antonello von Meſſinavorgiebt, die Vortheile der Oelmalerey durchaus beſeſſen und ſolche dem Andreamitgetheilt haͤtte. Auch in den Arbeiten des Letzten zeigt ſich nirgend einige Spur von genauer Bekanntſchaft mit den Vortheilen, welche die nieder - deutſchen Maler damals ſchon laͤngſt in faſt unerreichter Voll - kommenheit aus dieſer Bindung entwickelt hatten, wie in dem unvergleichlichen van Eyckder koͤniglich preußiſchen Samm - lung. *)Dieſe Tafeln enthalten die Inſchrift. Pictor Hubertus e Eyck, major quo nemo repertus, incepit; pondusque JohannesarteVielleicht taͤuſchte den Vaſaridie braͤunlich ſchmuz - zige Faͤrbung der bekannteren Arbeiten des Andrea.

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Alſo kam die erſte Anregung des Beſtrebens, landſchaft - liche Hintergruͤnde, ergoͤtzliche Pflanzengebilde und andere Bey - werke um des bloßen Reizes der Erſcheinung willen in den hiſtoriſchen Darſtellungen anzubringen, den toscaniſchen Ma - lern aus weiter Ferne. Lange, bevor ſie dazu die Hand er - huben, hatten die Bruͤder van Eyck in der Behandlung ſol - cher Nebendinge eine ſelten uͤbertroffene Meiſterſchaft darge - legt, welche hoͤchſt wahrſcheinlich auf den Verſuchen und Er - fahrungen aͤlterer Maler ſich begruͤndete. Um die Mitte des funfzehnten Jahrhundertes gelangten viele Gemaͤlde dieſer Schule, Weihgeſchenke im Niederlande anſaͤſſiger Italiener, nach Toscanaund in andere Gegenden des Landes*)S. Waagen, UeberHubertund Johann van Eyck. Bres - lau. 1822. S. 182 ff. und denſelben, im Kunſtblatt 1824. No. 23 27.; unter dieſen ward die ſchoͤne Tafel von Hugo van der Goesin der Spitalkirche ſta Maria nuova von allen florentiniſchen Ma - lern der anderen Haͤlfte des Jahrhundertes hinſichtlich der Beywerke nachgeahmt. Das Glasgefaͤß mit ſeinen Blumen, die Teppiche und reichen Zeuge, wie vornehmlich die ſchoͤnen Hintergruͤnde wurden von nun an und bis gegen Ende des funfzehnten Jahrhundertes, obwohl mit ungleichem Gelingen, in den meiſten hiſtoriſchen Gemaͤlden dieſer Schule angebracht. Man hat behaupten wollen, dieſes Ergoͤtzen an ſchoͤnen Bey - werken habe, in Vereinigung mit jener aͤlteren Richtung auf Erforſchung und Aneignung phyſiognomiſcher Feinheiten, die Florentiner jener Zeit von ernſtlicher Durchdringung der Idee vorwaltender Kunſtaufgaben abgezogen.

*)secundus suscepit laetus, Judoci Vyd prece fretus. Versu sexta Mai vos collocat acta tueri. Die letzte Zeile enthaͤlt die Jahrszahl 1432.

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Gewiß iſt die Wahrnehmung, daß die Florentiner der bezeichneten Epoche die myſtiſch, oder ethiſch religioͤſen Vor - ſtellungen damaliger Kunſtaufgaben meiſt ohne lebhaften An - theil, oder nur obenhin behandelt haben, an ſich ſelbſt ganz richtig; indeß verwechſelt, wer dieſes allgemeine Nachlaſſen der Begeiſterung fuͤr Gegenſtaͤnde der bezeichneten Art aus je - nem gleichzeitig uͤberhandnehmenden Naturalismus ableitet, das Symptom mit der Veranlaſſung. Ganz andere und all - gemeinere Veranlaſſungen liegen zur Hand; die Bewunderung claſſiſcher Gediegenheit hatte die Italiener jener Zeit gegen die minder ſcheinbaren, vielleicht unſcheinbar gewordenen Vorzuͤge der chriſtlichen Lebensanſicht verblendet, in Vielen Gleichguͤl - tigkeit, in Einigen ſogar Haß gegen die ſittlich-religioͤſe Rich - tung des Chriſtenthumes hervorgerufen, wie Jedem bekannt iſt, welcher in der Geſchichte und Literatur jener Zeit ein we - nig ſich umgeſehn. Wie in den neueſten Zeiten, ſo war auch ſchon damals ein Theil der Geſinnungen und Anſichten der wiſſenſchaftlich Gebildeten auf Solche uͤbergegangen, welche, gleich den Kuͤnſtlern, ſich mit jenen beruͤhrten. Daher denn erklaͤrt ſich die Abkuͤhlung der Begeiſterung fuͤr chriſtliche Kunſtaufgaben, welche in der That einer groͤßeren Verbrei - tung des Naturalismus nur etwa Raum gegeben hat, keines - weges dieſem letzten gewichen iſt. War es doch eben Ange - lico da Fieſole, welcher in phyſiognomiſcher Beziehung allen florentiniſchen Naturaliſten vorgeleuchtet hat; fehlte doch die chriſtlich und moͤnchiſche Begeiſterung auch denen, und beſonders eben denen, welche aus Traͤgheit, oder Unfaͤhigkeit in der Nach - ahmung des Einzelnen hinter ihren Zeitgenoſſen zuruͤckgeblie - ben ſind!

Uebergehen wir hier eine Reihe fruͤher, vielleicht noch un -265 bewußter Manieriſten, denen Vaſarieigene Lebensbeſchreibun - gen gewidmet hat, den Andrea del Caſtagno, Dom. Vene - zianound andere, welche gewiſſe, durch auswuͤchſiges und uͤberfließendes Einzelne uͤberladene Durchſchnittscharaktere ſich gebildet hatten; uͤbergehen wir ſelbſt die beſſere, obwohl we - nig ausgebildete Anlage eines Paolo Uccello, um unmittelbar zum Coſimo Roſellizu gelangen. Dieſer war in ſeinem friſcheſten Lebensalter der Bahn nachgegangen, welche Ange - licogebrochen, hatte ſelbſt aus dem Beyſpiele des MaſaccioVortheil gezogen; verließ aber nach einigen glaͤnzenden Pro - ben ſeiner Faͤhigkeit, den Charakter wirklicher Dinge ſich an - zueignen, die eingeleitete Laufbahn, um ſich einer unerweckli - chen und haͤßlichen Manier zu uͤberlaſſen.

Sein Hauptwerk iſt ein hiſtoriſches Mauergemaͤlde von nicht unerheblichem Umfang in der Kappelle des ſ. Miracolo der florentiniſchen Pfarrkirche ſ. Ambruogio. Dieſe Arbeit iſt mit den Worten: Coſimo Rosellif. l’an. 1456. bezeich - net; einer Aufſchrift, welche ich noch vollſtaͤndig geleſen, doch allmaͤhlich erloͤſchen geſehn, da bey dem Abkehren des Stau - bes hie und da etwas von der auf trockenem Grunde aufge - tragenen Farbe von der Mauer abließ. Der Gegenſtand ge - dachter Darſtellung iſt die Verſetzung eines wunderthaͤtigen Kelches aus der Kirche ſ. Ambruogio, wo das Wunder ſich ereignet hatte, nach dem biſchoͤflichen Palaſte. Die Aebtiſſin und Schweſtern begleiten das Heiligthum bis an die Pforte vor welcher eine vortreffliche, hoͤchſt maleriſch aufgefaßte, Ra - phaelsnicht unwuͤrdige Gruppe von Prieſtern und Chorknaben daſſelbe knieend aus den Haͤnden des Biſchofs empfaͤngt. Den offenen Platz vor der Kirche erfuͤllen Andaͤchtige und Neubegierige, deren einige dem Berichte anderer ſchon unter -266 richteter Perſonen mit ſichtbarer Spannung der Aufmerkſam - keit zuhorchen*)S. Richa, delle Chiese di FirenzeTo. II. p. 244. s., wo das Wunder umſtaͤndlich erzaͤhlt und der Moment discutirt wird, den der Maler habe darſtellen wollen..

In dieſem Gemaͤlde hat Coſimounſtreitig ſeine ſaͤmmt - lichen Zeitgenoſſen im Geſchmacke der Anordnung, in der Be - handlung der Gewaͤnder und aller Nebenwerke um Vieles uͤbertroffen, ohne denſelben im Charakter und Ausdruck der Koͤpfe und Bewegungen irgend nachzuſtehn. Auch in einem anderen Gemaͤlde des Coſimo, dem Altare zur Linken des Ein - tretenden in der Kirche ſta Maria Maddalena de Pazzi, wel - ches man zu Florenzſeit dem Richaund laͤnger faͤlſchlich dem Fieſolebeygemeſſen, zeigt ſich bey verdaͤchtigen Vorzeichen ſich annaͤhernder Manier doch noch immer viel Schoͤnes. Die Madonna, deren Kroͤnung dieſe Tafel vorſtellt, hat ein nicht unſchoͤnes Profil, ihr Gewand einen loͤblichen Entwurf, einige andere Koͤpfe ſind nicht ungluͤcklich individualiſirt. In den Engeln hingegen und in den uͤbrigen mehr vernachlaͤſſigten Koͤpfen erſcheinen hier bereits jene verlaͤngerten, harten und unbelebten Naſen, an denen man die zahlreichen, aber verach - teten Arbeiten der ſpaͤteren Jahre des Coſimobequem erken - nen kann.

Eine ſolche findet ſich in gedachter Kirche ſ. Ambruogiouͤber dem dritten Altare zur Linken des Eintretenden. In dieſem, Madonna in einer Glorie regelmaͤßig abgetheilter Che - rubim, welche an die ſpaͤteren Glorien des Domenico Ghir - landajogemahnen und mich zuerſt darauf hingeleitet haben, dieſen fuͤr einen Schuͤler des Coſimozu halten; umher vier große Engel mit Lilienſtengeln in den Haͤnden, oben Gott267 Vater; unten am Grunde ſ. Auguſtinund ſ. Franz, in einer ſehr aͤrmlichen Landſchaft. Sollte Vaſari*)Vas. vita di Coſimo Rosselli nella sua giovinezza fece nella chiesa di Ambruogioetc. dieſes Bild be - zeichnen, ſo iſt es doch gewiß nicht ein Jugendwerk des Kuͤnſt - lers, wie er angiebt. Im Jahre 1456. war derſelbe, wie wir oben geſehn, einer der groͤßeſten Maler ſeiner Zeit; alſo werden ſeine geringeren und ſchlechten Arbeiten in den florenti - niſchen Kirchen und Sammlungen, deren einige in die ehmals ſolly’ſche Sammlung kunſthiſtoriſcher Denkmale gelangt ſind, nothwendig in ſpaͤteren Jahren beſchafft worden ſeyn, wohin auch die zunehmende, obwohl rohe Fertigkeit der Handhabung zu verweiſen ſcheint. Richa**) Richa, l. c. To. VIII. p. 108. von der Aufnahme des Hl. Fil. Benizziin den Orden der Serviten: questo fatto fu de - lineato 1476. da Coſimo Rossellipittore acanto alle finestre dell oratorio della stessa annunziata, come oggi si vede nel claustro primo. Auf einer Stufe der Kappelle, in welcher der Heilige knieet und betet, ſtehet in gelber Farbe geſchrieben: Coſimo Ros - selli; doch entdeckte ich kein Jahr.verſichert, ich hoffe, aus guten kloͤſterlichen Quellen, das Halbrund, welches Coſimoim Vor - hofe der ſſ. Nunziata gemalt hat, ſey im Jahre 1476., alſo etwa zwanzig Jahre nach der Lunette in ſ. Ambruogiogemalt worden. Iſt dieſe Angabe richtig, ſo beſtaͤtigt ſie die ohnehin unumſtoͤßliche Annahme, daß Coſimomit den Jahren der Manier ſich hingegeben und den Anfriſchungen ſeines kuͤnſtle - riſchen Seyns durch entſchloſſene Hingebung in den Eindruck natuͤrlicher Erſcheinungen und Bildungen mehr und mehr ſich entzogen habe. Denn auch hier begegnen wir, etwa mit Aus - nahme der individuelleren Bildung des einen, bey Einkleidung268 des Heiligen ſich buͤckenden Prieſters, uͤberall ſeinen hoͤlzernen Naſen und langweiligen Durchſchnittsbildungen. Auch in der ſixtiniſchen Kappelle, wo er ſicher ſein Beſtes verſuchte, er - reichte er doch ſeine fruͤheren Leiſtungen auf keine Weiſe. Nach Vaſarihalf ihm Piero di Coſimobey dieſer Arbeit, woher die abſtechende Vorzuͤglichkeit manches Einzelnen viel - leicht zu erklaͤren iſt. Er malte hier, den Durchzug durch das rothe Meer, die Predigt Chriſtiund das Abendmahl; letztes iſt wohl das Beſte.

Das Beyſpiel dieſes und anderer minder wichtigen Ma - ler beſtaͤtiget, daß nach allgemeinem Erloͤſchen der Begeiſte - rung fuͤr die vorwaltenden Kunſtaufgaben, der florentiniſchen Malerey, vor der Hand nur ein einziger Weg offen blieb, ſich uͤber das Handwerksmaͤßige zu erheben; nehmlich ein froͤhli - ches (freylich nicht ein pedantiſches) ſich Hingeben in den Reiz der natuͤrlichen Erſcheinungen. Gluͤcklicher Weiſe bot die Gegenwart ein ſchoͤnes und erfreuliches Volksleben, male - riſche Bekleidungen, anziehende Charaktere, ein reizendes Land, eine wohleingerichtete und wohlbelegene Stadt; es ward da - her empfaͤnglichen Menſchen nicht ſchwer, aus einer ſo guͤn - ſtigen Umgebung den mannichfaltigſten Gewinn zu ziehn.

Dieſes konnte dem ſchwachen Talente des Aleſſio Baldo - vinetti(den Vaſariſchon im Jahre 1448. doch ſicher viel zu fruͤhe ſein Leben beſchließen laͤßt) wohl aus Unfaͤhigkeit, aber den ſchaͤtzbaren Bildnern, doch maͤßigen Malern, Andrea del Verocchiound Antonio del Pollajuolowohl darum nicht ſo ganz gelingen: weil ſie ſichtlich nicht mit Luſt und Feuer, ſondern mit Bedacht und nur einſeitig den Eindruͤcken der ſie umgebenden Natur ſich hingegeben. Es war den Bildnern, um ſich auch maleriſch zu entwickeln, noch viel zu viel um269 damals kaum halbverſtandene Formen des Koͤrpers zu thun, wie der Hl. Sebaſtiandes Pollajuoloin der Kappelle Pucci (Vorhof der florentiniſchen Servitenkirche) an den Tag legt, deſſen Vaſarimit uͤbertriebenem Lobe erwaͤhnt. Hingegen ge - lang dem Piero del Pollajuolodie Verkuͤndigte der Kappelle ſ. Jacopo in ſ. Miniato a Monte, welche nach Angabe des Vaſariin Oel gemalt iſt, gewiß einen eigenen Ueberzug erhalten hat, da ſie einen den Mauergemaͤlden ungewoͤhnlichen, rauchigen Ton angenommen. Die Kappelle ward, nach der Inſchrift im Bogen, den eilften October 1466. eingeweiht; wenn ihre Malereyen damals ſchon vollendet waren, ſo duͤrfte Pierodie meiſten Maler ſeiner Zeit in der Auffaſſung und Durchbil - dung der Formen uͤbertroffen haben. Uebrigens entbehrte er, gleich ſeinem Bruder und den uͤbrigen Voranbezeichneten ſo - wohl jener Mannichfaltigkeit maleriſcher Wahrnehmungen, welche der Schule des Coſimoanheim fiel, als andererſeits auch jener Staͤrke im Ausdruck der Affecte, welche der ſinnlich-leidenſchaft - liche Fra Filippoauf ſeinen Schuͤler, den Sandro Botticelli, fortpflanzte.

Um die Mitte des funfzehnten Jahrhundertes gehoͤrte Fra Filippo, den Vaſari, obwohl ohne Andeutung ſeiner Ge - waͤhr, als einen regellos leidenſchaftlichen, ſinnlich berauſchten Menſchen ſchildert, unſtreitig zu den bedeutenderen Malern der florentiniſchen Schule. In ſeinen Tafeln iſt er nicht ſelten ſchwach, bisweilen derb und gemein, was nicht immer zur Zartheit ſeiner Aufgaben ſtimmt. Doch in ſeinen groͤßeren Frescomalereyen, wo der Gegenſtand haͤufig Handlung und entſchloſſenes Wirken begehrte, erwachte ſeine Seele, war ſeine Derbheit unter allen Umſtaͤnden mehr an ihrer Stelle. In der Chorkappelle des Domes zu Spoleto, worin die Geburt270 des Heilands, die Verkuͤndigung, der Tod und die Himmel - fahrt der Jungfrau, entſprach die Aufgabe nun allerdings ſei - ner Sinnesart nicht ſo gaͤnzlich, weßhalb es weniger zu bekla - gen iſt, daß dieſe anſehnlichen, gewiß ſehr ruͤſtigen Malereyen großentheils von einer rohen Hand uͤbermalt worden. In beſſerem Lichte erſcheint er, wo die Aufgabe ſeiner Richtung und Sinnesart angemeſſen war, z. B. in der Chorkappelle der Pfarrkirche zu Prato, deren Malerey ſchon Vaſaribewunderte. In der That iſt in dieſem Werke, Darſtellungen aus der Ge - ſchichte des Hl. Stephanusund Johannes Bapt., eine un - gewoͤhnliche Energie der Handlung und des Affectes; in der Begebenheit, welche Vaſaridie Disputa (das Verhoͤr?) nennt, begleitet dieſe Staͤrke eine edle Maͤßigung und ſchoͤne Anordnung. Demungeachtet werden wir die guͤnſtige Stim - mung des Vaſariſchwerlich ſo gaͤnzlich theilen koͤnnen, da eben Solches, was er beſonders hervorhebt (das ſichtbare Streben den Raum mit mindeſtmoͤglicher Muͤhe auszufuͤllen, die Fertigkeit, welche hie und da an moderne Frechheit grenzt) nach den Erfahrungen der verfloſſenen Jahrhunderte, eher fuͤr die Vorbedeutung eines kuͤnftigen Verfalles, als einer der Kunſt bevorſtehenden Hoͤhe der Meiſterſchaft zu erachten iſt.

In derſelben Kirche wird die Tafel mit dem Tode des Hl. Bernhardin gutem Stande bewahrt, deren weſentlichſte Verdienſte wiederum auf richtigen Ausdruck ſtarker und maͤnn - licher Affecte begruͤndet ſind. Andere ſchon von Vaſariaus - gezeichnete Bilder, der, ceppo di S. Francesco di Marco, die Tafel aus ſta Margherita, jetzt in der Wohnung des Kanzlers der Ortſchaft, gehen in einzelnen Dingen uͤber ſeine gewoͤhnliche Leiſtung hinaus. In jenem, ſehr verblichenen Tabernakel uͤberſteigt das Antlitz der Madonna ſeine uͤbliche271 nicht eben gefaͤllige Durchſchnittsbildung; wahrſcheinlich folgte er hier einem aͤlteren Typus. Auch in dem Gradino jener Tafel der Kirche ſ. Margherita, mit der Anbetung der Koͤ - nige, dem Kindermord, der Vorſtellung im Tempel, zeigt ſich ungleich mehr Feinheit, als man dieſem Kuͤnſtler zutrauen ſollte, wenn man nur etwa die Staffeleygemaͤlde der florenti - niſchen Sammlungen geſehn, deren einige in die mehrgedachte, ehmals ſolly’ſche Sammlung uͤbergegangen ſind. Eines ſei - ner beſten Staffeleygemaͤlde befindet ſich zu Piſtojaim Hauſe des CavaliereAleſſandro Bracciolini, dem Erben des Hau - ſes und der Kappelle Bellucci, fuͤr welche dieſes Bild nach Vaſari, gemalt worden. Die Figuren ſind naiv und nicht unſchoͤn, das Bildniß des Stifters wuͤrde auch einem Zeitge - noſſen RaphaelsEhre machen.

Seiner Ungleichheiten ungeachtet, war Fra Filippobis - weilen vortrefflich, unter allen Umſtaͤnden ſeit dem Angelicounter den florentiniſchen Malern der erſte, welcher gewagt, uͤber das ſinnlich Vorliegende hinauszugehn und ſeiner eigen - thuͤmlichen Empfindung ihren Lauf zu laſſen. Freylich grenzte dieſe nicht ſelten an das Gemeine; doch war es eben da - mals an der Zeit, den florentiniſchen, meiſt bey der Charak - teriſtik des Einzelnen verweilenden Malern, ein weſentliches Element des maleriſchen Ausdrucks, die Handlung und den Affect, in Erinnerung zu bringen.

Indeß wirkte er, wie es geſchieht, nicht auf Solche, welche in entgegengeſetzter Richtung vorſchritten, mithin einer gewiſſen Beymiſchung des eben nur ihm Eigenthuͤmlichen be - durft haͤtten, vielmehr einzig auf ſeine Schuͤler und ſpaͤteren Nachfolger, woher zu erklaͤren, daß der vorwaltende Natura - lismus der Florentiner ſich nunmehr in zwey entgegengeſetzte272 Richtungen ausſpaltete. Handlung, Bewegung, Ausdruck hef - tiger und ſtarker Affecte, ward das Erbtheil der Schule des Fra Filippo; ſinnliche Wahrſcheinlichkeit und Richtigkeit in der Charakteriſtik des Einzelnen, das Ziel einer Schule, welche, wie ich glaube, von Coſimo Roſelliausgegangen iſt, obwohl ſie deſſen ſpaͤtere Leiſtungen weit uͤbertroffen hat.

Nach Angabe des Vaſari(welcher in ſo neuen Dingen der florentiniſchen Schule vorausſetzlich guten Nachrichten, oder doch glaubwuͤrdigen Traditionen gefolgt ſeyn wird) erlernte Sandro Botticellidie Anfangsgruͤnde der Malerey in der Schule des Fra Filippo. Gewiß verjuͤngte Sandrodie Richtung und ſelbſt die Sinnesart ſeines nahen Vorgaͤn - gers, den er im Leidenſchaftlichen erreicht, und bisweilen uͤbertroffen hat. Unter den Mauergemaͤlden der ſixtiniſchen Kappelle zu Rom, den groͤßeſten, welche er jemals ausgefuͤhrt hat, iſt die Geſchichte des Moſes, deren wichtigſte Ereigniſſe in einem Bilde vereinigt ſind, ein Meiſterſtuͤck lebendigen Ausdrucks aufwallender Affecte und unbeſinnlichen Handelns. Der Gegenſtand eines anderen Bildes zur Linken des Ein - tretenden (die Feuerſtrafe der abtruͤnnigen Iſraeliten), auch des dritten (die Verſuchung Chriſti) waren dem Talente, oder der eigenthuͤmlichen Richtung des Kuͤnſtlers minder guͤnſtig. Doch entwickelte er in den Nebenfiguren des letzten (Juͤng - linge und Maͤdchen, auf einer Bank im Vordergrunde) einen gluͤcklichen Sinn fuͤr Anmuth der Lage und Schoͤnheit des Charakters, welcher ſonſt nur in ſeinen ſeltenen, aber treffli - chen Bildniſſen anzutreffen iſt.

In Florenzbefinden ſich viele Tafeln dieſes Kuͤnſtlers, welche das Verdienſt der hier bezeichneten Gemaͤlde auf keine Weiſe erreichen: Madonnen unter Engeln, welche aus laͤſſiger Nach -bil -273bildung eines einzigen Modelles entſtanden ſeyn moͤchten; auch mythologiſche Gegenſtaͤnde, in denen dieſelbe Geſichtsbildung wie - derkehrt. Dieſe iſt weniger fleiſchig, als die derberen, rohe - ren Durchſchnittsformen des Fra Filippo; widert indeß unge - achtet des ſchoͤnen Schnittes der Augen, der feineren, nicht ungluͤck - lich angedeuteten Knochenbildung, theils ſchon durch ihre Wieder - kehrlichkeit, theils aber auch durch eine gewiſſe Gemeinheit der Form in den Backen und Kiefern. Vaſarierzaͤhlt, daß er in ſpaͤteren Jahren die Kunſt vernachlaͤſſigt und dem Sectengeiſte ſich hingegeben habe, woher vielleicht das handwerksmaͤßige Anſehn ſolcher Arbeiten zu erklaͤren iſt. In Anſehung ihrer fluͤchtigen und manierten Ausfuͤhrung halte ich auch die Tafel aus der Compagnia di S. Zanobi, mit zwey Darſtellungen aus dem Lebensende des gedachten Heiligen, fuͤr eine ſpaͤtere Arbeit des Kuͤnſtlers. Ich fand vor Jahren Gelegenheit, ſolche fuͤr einen Freund zu erſtehen, aus deſſen Hand ſie, wie ich vernehme, in den Beſitz eines feurigen Freundes und Be - foͤrderers der bildenden Kuͤnſte, des Herrn von Quandtzu Dresden, gelangt iſt. Dieſes Gemaͤlde empfiehlt ſich durch Staͤrke des Affectes und Entſchiedenheit der Handlung, iſt folg - lich beſonders geeignet, die Eigenthuͤmlichkeit des Meiſters de - nen zu vergegenwaͤrtigen, welche ſich beſcheiden muͤſſen, ſolche aus einzelnen Probeſtuͤcken aufzufaſſen.

Daſſelbe Loos eines fruͤhen, unaufhaltſamen Ruͤckſchrit - tes traf auch den Sohn des Fra Filippo, welcher auf ſeinen Arbeiten ſich Filippinus de Florentiazu nennen pflegt. Die - ſer Kuͤnſtler hat nach Angabe des Vaſaribey Sandro Botti - celligelernt, wie wir ihm glauben duͤrfen, da Filippinoin der Behandlung der Malerey a tempera der hellen und duͤnn - faͤrbigen Manier der Schule des Fra Filippo, nicht jener der -II. 18274beren und kraͤftigeren des Coſimo Roſelliund Domenico Ghir - landajogefolgt iſt.

Filippinobeſaß unſtreitig mehr Geſchmack und ein edle - res Naturell, als ſeine Vorgaͤnger, Sandround Fra Filippo. Wo er ſeiner Fluͤchtigkeit nicht nachgegeben und mit Studium und Nachdenken gemalt hat, uͤbertraf er jeden ſeiner Zeitge - noſſen vornehmlich in der allgemeineren Anordnung und in der Form ſeiner Koͤpfe. Wie ſeine ſchon beruͤhrten Arbeiten in der Kappelle Brancacci darlegen, verſuchte er in ſeinen ſchoͤneren Jahren, dem Maſacciodie Feyer und Einheit ſeiner Anordnung abzugewinnen;*)Die kleinen ſelten beachteten, doch gediegenen und beach - tenswerthen Halbrunde im Inneren des Kirchleins ſ. Martino, Co. de buonuomini, Darſtellungen der Werke der Barmherzigkeit, duͤrf - ten von Filippinound leicht um etwas fruͤher gemalt ſeyn, als ſeine Ergaͤnzungen der Arbeit des Maſaccio, weil ſie, obwohl der Idee nach geringfuͤgiger, doch in der Ausfuͤhrung noch gruͤndlicher durchgebildet ſind. Ich durchſuchte vergebens das Archiv der Stiftung; es enthielt nichts, als die Buchfuͤhrung uͤber Einnahmen und milde Spenden; doch ergiebt ſich die Wahrſcheinlichkeit der angedeuteten Vermuthung aus der Vergleichung dieſer Gemaͤlde mit jenen der Kappelle Brancacci. und in ſeinen beſten Madon - nenkoͤpfen erreichte er eine Schoͤnheit des Profiles, welcher wenige unter den neueren Malern gleichgekommen ſind. Ich bezeichne hier das vortreffliche Tabernakel naͤchſt ſta Marghe - rita zu Prato, deſſen wunderbare Schoͤnheit vielen Kuͤnſtlern und Kunſtfreunden erinnerlich ſeyn wird, und ſo viel andere ſeiner mehr beendigten Madonnen, deren zarteſte und lieblichſte im Beſitze einer der edelſten Goͤnnerinnen der Kunſt, der Ge - mahlin des Staatsminiſters Freyherrn von Humboldt.

Hingegen zeigte er in anderen Arbeiten, der Kappelle in275 der Minerva zu Rom, der Kappelle Strozzi in ſta Maria no - vella zu Florenz, welche eines ſeiner ſpaͤteren Werke iſt; in einigen Tafeln, welche man in der oͤffentlichen Gallerie zu Florenzaufbewahrt, beſonders der Anbetung der Koͤnige in der scuola toscana, welche dort irrig dem Dom. Ghirlan - dajobeygelegt wird; in der Tafel der koͤn. Gallerie zu Co - penhagenund in anderen haͤufigen Werken ſeines reiferen Al - ters, daß Geiſt und angeborener Schoͤnheitsſinn denjenigen, welcher ſeiner Fertigkeit ganz ſich hingiebt und den erfriſchen - den Anregungen der Natur ſich entzieht, doch nimmer gegen allmaͤhliche Erlahmung ſeiner hervorbringenden Kraͤfte, gegen unvermerkt ſich eindraͤngende Ungeſtalt verwahren koͤnne. Denn man vermißt in dieſen ſpaͤteren Bildern eben ſowohl das Vermoͤgen einer geiſtreichen und voͤlligen Auffaſſung der Auf - gabe, worin eben Filippinoin dem Hauptbilde der Kappelle Brancacci ( Peterund Paulusvor Nero) den Zeitgenoſſen Raphaelsden Weg gewieſen, als andererſeits den feinen For - menſinn ſeiner beſſeren Madonnen. Das eine hat einem ver - worrenen Anhaͤufen nicht ſelten muͤſſiger Figuren Raum ge - geben; das andere (doch mit Ausnahmen) einer widrigen Durchſchnittsbildung, deren kurze Naſen mit aufgeblaſenen Nuͤſtern vielleicht aus einem ſpaͤten Wiederaufſteigen der Ein - druͤcke entſtanden ſind, welche die Geſichter des Sandroauf den Knaben und Juͤngling bewirkt haben moͤgen.

In gewiſſem Sinne beſchließt Filippinodie Richtung und Schule, aus welcher ſeine Bildung hervorgegangen. Das Dra - matiſche in dem Beſtreben ſeines Lehrers war in ihm nur voruͤbergehend fruchtbar geworden; denn fruͤhzeitig hatte er ſich, zwar nicht, gleich der entgegengeſetzten Schule, zur Auffaſſung mannichfaltiger Charaktere, doch auf ruhige Be -18 *276ſchauung des einen Charakters weiblicher und kindlicher An - muth eingeſchraͤnkt. Sein Schuͤler Rafaellino del Garbo, welcher nach kurzer Jugendbluͤthe Gluͤck und Talent eingebuͤßt, neigte ſich in ſeinen beſten Tagen (z. B. in ſeinem Hauptbilde, im Kreuzſchiffe der Kirche ſto Spirito zu Florenz) zur Auffaſſungs - art der umbriſchen Schule, welche wir nachzuholen haben.

Wie Filippinound Sandro, ſo hatte auch Coſimo Ro - ſelli, wie wir uns erinnern, eben nur in der Friſche ſeines Kuͤnſtlerlebens das Außerordentliche geleiſtet, hingegen fruͤhe alles ernſtliche und freudige Studium aufgegeben und eine ganz handwerksmaͤßige Richtung angenommen. Indeß unter - ſchied er ſich von jenen, wie fruͤher durch Eigenthuͤmlichkeit der Anlage und des Wollens, ſo in ſpaͤteren Jahren, theils durch ein entſchiedneres Verſiegen des Geiſtes, theils aber auch durch eine ihm ganz eigenthuͤmliche, derbe Behandlung der Malerey a tempera, welche, abgeſehn von der Armſeeligkeit deſſen, welcher ſie betrieb, an ſich ſelbſt ihre techniſchen Vor - zuͤge beſitzen mochte. Dieſe verpflanzte er, vorausſetzlich durch Schule, auf den Domenico Ghirlandajo, deſſen Meiſter Va - ſarinicht kannte, oder doch verſchwieg;*) Vas.vit. d’ Alesso Baldovinetti, erwaͤhnt, daß dieſer Kuͤnſtler dem Domenicodie Handgriffe der Muſivmalerey gezeigt habe; was Neueren Veranlaſſung gegeben, ihn aus der Schule des Aleſſioabzuleiten. ſicher malten Do - menico, ſeine Bruͤder und ſein Schwager Baſtiano Mainardiſaͤmmtlich in der paſtoſeren, in den Schatten kraͤftigeren Ma - nier des Coſimo, welche ſowohl von der Handhabung der Schule des Fra Filippo, als von der Malart der Schule des Verrocchioſich weſentlich unterſcheidet, welche letzte wir gele - gentlich der Bildner dieſer Zeit wieder aufnehmen wollen. 277Aber auch in der Auffaſſung der Geſichtsformen und in der Behandlung des Gefaͤltes verraͤth ſich, beſonders in den Ar - beiten der Bruͤder des Domenico, uͤberall, wo ſie von ihrem ſonſt conſequenten Naturalismus ein wenig nachlaſſen, ein ge - wiſſer Nachklang der Manieren des Coſimo, welcher nur aus der Nachwirkung von Jugendeindruͤcken zu erklaͤren iſt.

Gleich vielen anderen Maͤnnern von maͤßigem Geiſte, doch treuem und ernſtlichem Streben, bewaͤhrt auch Domenico Ghirlandajo, daß man durch Feſtigkeit und Ausdauer des Willens auf die Laͤnge glaͤnzendere Gaben uͤbertreffen und be - ſiegen koͤnne, wenn ſolche, wie es eintritt, mit Fluͤchtigkeit, oder Laͤſſigkeit des Geiſtes verbunden ſind. Sandrouͤberwog ihn von Haus aus durch Feuer und Lebendigkeit, Filippinodurch Geſchmack und die Faͤhigkeit, das Allgemeine in ſeinen Aufgaben aufzufaſſen. Demungeachtet unterlagen beide nach einer kurzen Jugendbluͤthe den Zerſtreuungen, welche vielleicht eben ihre mehrſeitige Empfaͤnglichkeit herbeyfuͤhrte. Dome - nicohingegen trat leiſe und faſt ſchuͤchtern auf, ging in eini - gen unlaͤugbar ſteifen und wenig belebten Gemaͤlden mehr darauf aus, gute Arbeit zu liefern, als durch glaͤnzende Zuͤge des Genius zu uͤberraſchen. Als er nun vielleicht eben durch ſein redliches Streben gute Hoffnungen erweckte, und bald zu den groͤßeſten Unternehmungen ſeiner Zeit berufen ward, ging er mit raſchen Schritten vorwaͤrts, ſo daß von ihm geſagt werden kann, was nur ſelten gilt, daß ſeine Werke nach Maßgabe ſeines vorruͤckenden Lebensalters an Werth und Aus - bildung gewinnen.

Gewiß gehoͤren ſeine Arbeiten in der Kirche und in dem Kloſter Ogniſanti zu den fruͤheren, obwohl ſchon in Anſehung ihrer hohen techniſchen Ausbildung ſchwerlich zu den fruͤheſten,278 wie Vaſari, der etwas aͤlteren in der ſixtiniſchen Kappelle vergeſſend, anzunehmen ſcheint. Der Heilige Hieronymus, welcher, als Vaſariſchrieb von der Wand abgenommen und an die Stelle naͤchſt dem Chore verſetzt worden, wo er noch immer zu ſuchen iſt, zeigt auf dem Fichtenholze des Schreib - tiſches die Jahreszahl MCCCCLXXX. In dieſem Ge - maͤlde, welches zu den ausgebildetſten Stillleben gehoͤrt, welche ich je geſehn, ſtrebte Domenicooffenbar deutſchen Muſtern nach, die uͤberhaupt ſtark auf ihn eingewirkt und ihn ange - reizt haben, jenen vielſeitigſten Wetteifer mit der Erſcheinung der Dinge zu unternehmen, in welchem ihm das Außeror - dentliche gegluͤckt iſt, durch welchen er die Technik beſonders der Malerey a fresco zu einer, wie ſchon Vaſarizugab, nie uͤbertroffenen Vollendung gebracht ein Beyſpiel fuͤr den Satz: daß die maleriſche Technik nicht durch Nachahmung vortrefflicher Kunſtwerke, ſondern eben nur durch Wetteifer mit der Erſcheinung wirklicher Dinge entwickelt werde. Doch ſind in dieſem Bilde, ſeiner Rundung ungeachtet, beſonders im Fleiſche, gewiſſe kreidige Lichter, welche, wenn ſie nicht etwa aus alten Wiederherſtellungen zu erklaͤren ſind, beweiſen duͤrften, daß Ghirlandajoauch in ganz techniſchen Dingen da - mals noch nicht auf der Hoͤhe ſeiner Kunſt war. Noch un - gleich mehr Unbehuͤlflichkeit verraͤth das Abendmahl im Re - fectorio des genannten Kloſters, welches Domenico, wie die Zahl unter der Figur des Judas anzeigt, in demſelben Jahre 1480. beendigt hat. Da ein ſo umfaſſendes Werk Zeit er - foderte, ſo wird anzunehmen ſeyn, daß ſolches fruͤher, als jener gluͤcklicher beendigte Hieronymus, gemalt und vielleicht ſchon in dem vorangehenden Jahre begonnen ſey. In dieſem Gemaͤlde hielt ſich Domenicoan die alte, aus Bildwerken279 entlehnte Anordnung der florentiniſchen Schule; doch rauſcht eine leiſe, durch die bekannteſten Worte Chriſtiveranlaßte Be - wegung uͤber die Verſammlung hin, welche ein ganz erfreu - liches Formenſpiel hervorruft. In der Mitte des Bildes be - findet ſich ein Tragſtein, welcher dem Gewoͤlbe der Decke zum Anſatze dient und in halber Hoͤhe zwey Halbrundungen her - vorbringt; dieſe benutzte der Kuͤnſtler, den Hintergrund in zwey einwaͤrts laufende Gewoͤlbe abzutheilen, in deren Grunde zwey Fenſteroͤffnungen, durch welche ein heiterer Himmel und trefflich behandelte Stechpalmen und Orangenbaͤume hervor - blicken. Die Charaktere der Apoſtel ſind, obwohl wahr, doch etwas derb, im Judas indeß der Ausdruck der Verlegenheit, das unwillkuͤhrliche Erſchlaffen der Zuͤge des Geſichtes ganz unuͤbertrefflich. Den Kopf des Heilands hat der Kuͤnſtler ent - weder offengelaſſen, oder ihn verfehlt; denn der gegenwaͤrtig vorhandene iſt von einem neueren Manieriſten flach und ver - blaſen hineingemalt worden.

Obwohl nun die Beywerke hier durchhin mit einer ſelte - nen Meiſterſchaft behandelt ſind, ſo blieb doch in weſentliche - ren Dingen dem Kuͤnſtler gar Manches nachzuholen, vor - nehmlich in der Handhabung der Geſtalt, in der freyen Be - wegung der Figuren, aber auch in der Miſchung und in dem Auftrag der Lichter in den Fleiſchparthieen. Wie raſch unſer Meiſter auch uͤber dieſe Schwierigkeit hinausgegangen ſey, leh - ren ſeine Frescogemaͤlde in der Kappelle Saſſetti der florenti - niſchen Kirche ſta Trinità. Unter den Bildniſſen der Stifter zu beiden Seiten des Altares lieſt man auf einer maleriſch nachgeahmten Marmorflaͤche: A. D. M. CCCC. LXXXV. = XV. DECEMBRIS., woraus erhellt, daß dieſe Arbeit etwa um fuͤnf Jahre neuer ſey, als die oben beſchriebenen. 280Die drey Seitenwaͤnde und die Decke der Kappelle ſind hier durchaus und in verſchiedenen Abtheilungen bemalt; in den Feldern des Kreuzgewoͤlbes Sibyllen, an den Waͤnden Wun - der und Ereigniſſe aus dem Leben und Hinſcheiden des Hl. Franz. Dieſe letzten verdienen mehr Aufmerkſamkeit, als jene laͤſſiger behandelte Deckenverzierung.

Zur Rechten des Eintretenden begegnet dem Blicke ſo - gleich der Tod des Hl. Franz, das Meiſterſtuͤck dieſer Kap - pelle und, wenn ich nicht irre, uͤberhaupt das gelungenſte hi - ſtoriſche Bild des Ghirlandajo. Den Hauptentwurf ent - lehnte der Kuͤnſtler allerdings aus aͤlteren Darſtellungen die - ſes Momentes, welcher in der Malerey des neueren Mittel - alters haͤufig wiederkehrt und daher fruͤhe einen beſtimmten Aufdruck empfangen hat. Doch in der Ausbildung der leich - ten Andeutungen jener aͤlteren Kunſtgebilde zeigte er, wie man es auf vorgeruͤckten Kunſtſtufen mit Solchem zu halten habe, welches in Bezug auf Anordnung und Auffaſſung wenig, in Bezug auf Ausfuͤhrung Alles zu wuͤnſchen uͤbrig laͤßt. Denn, obwohl er ſich ſtrenge an den herkoͤmmlichen Entwurf hielt, in einzelnen Figuren ſogar gewiſſe Erweiterungen der Mund - winkel beybehielt, welche den aͤlteren Malern behuͤlflich waren, Staͤrke des Affectes auszudruͤcken; ſo verglich er doch jeden einzelnen Theil mit den Erſcheinungen des wirklichen Lebens, ließ keine der Eigenthuͤmlichkeiten des moͤnchiſchen, keinen der kirchlichen Gebraͤuche unbeachtet, nutzte die naive Unbehuͤlflich - keit jugendlicher Novizen, die Lichtſpiele der Kerzen, die In - tenſion des Ausdruckes in den Koͤpfen aͤlterer Moͤnche, die breiten Faltenmaſſen der maleriſchen Bekleidung der Soͤhne des Hl. Franzund Alles, was der Gegenſtand nur immer herbeyfuͤhrte, oder zuließ, ſeine Darſtellung ſo anziehend und281 befriedigend zu machen, als die Umſtaͤnde nur geſtatteten. Dieſe ſo wohlgelungene und, in Bezug auf ihren Gegenſtand, unuͤbertroffene Darſtellung iſt die einzige, in welcher Domenicodie Charakteriſtik des einzelnen Seyns den Foderungen ſeiner Aufgabe untergeordnet hat. Selbſt in ſolchen Bildern derſel - ben Kappelle, deren Aufgabe (wie jenes Wunder uͤber dem Altare) die Aufforderung einſchloß, die Handlung hervorzuhe - ben, kehrte er zu ſeiner uͤblichen Ruhe und Stille zuruͤck.

Indeß ſollte Domenicoin der Darſtellung wirklichen Seyns, in dem Reize der maleriſchen Behandlung eine noch hoͤhere Stufe erreichen, wie die Chorkappelle in ſta Maria novella, zu Florenz, bezeugt, welche nicht, wie Vaſariund nach ihm Baldinuccimit gewohnter Fluͤchtigkeit angiebt, im Jahre 1485., ſondern wieder um fuͤnf Jahre ſpaͤter gemalt worden, als jene andere Kappelle. Denn in einem dieſer Ge - maͤlde iſt folgende Aufſchrift angebracht:

A. D. M CCCC LXXXX QVO PVLCHERRIMA CIVITAS OPIBVS VICTORIIS ARTIBVS AEDI - FICIISQVE NOBILIS COPIA SALVBRITATE PACE PERFRVEBATVR. Allerdings iſt die vorletzte Ziffer der Jahreszahl etwas ver - letzt; doch lieſt man ſie in der Naͤhe vollkommen, wie man denn auch von unten her wenigſtens den ihr zukommenden Raum ganz deutlich wahrnimmt; zudem findet ſie ſich in einer ſehr alten Copie der betreffenden Gemaͤlde in der Sa - criſtey der Kirche; obwohl der neueſte Commentator des Va - ſariin ſeiner Schlußbemerkung zum Leben des Domenico Ghir - landajobehauptet, daß Vaſari’sAngabe nach eben jener Co - pie in: 1480. zu berichtigen ſey, was indeß ein Schreib - oder Druckfehler ſeyn koͤnnte, da er an dieſer Stelle ſich roͤmiſcher282 Ziffern bedient, deren letzte vielleicht nur zufaͤllig ausgelaſſen worden.

Jene Inſchrift iſt indeß nicht bloß der Zeitbeſtimmung willen wichtig, vielmehr beſonders, weil ſie uns jenes Voll - gefuͤhl buͤrgerlicher Groͤße und Wohlfarth beurkundet, welches ſo weſentlich mitgewuͤrkt, die florentiniſche Malerey der Epoche, welche uns beſchaͤftigt, auf Beobachtung und Nachbildung des Umgebenden und Gegenwaͤrtigen hinzuleiten. Sie lehrt, daß auch der Patriotismus, alſo nicht einzig jenes, der aufſtreben - den Kunſt ſtets eigenthuͤmliche, Verlangen nach allſeitiger Durchdringung der Form und Erſcheinung, die Maler jener Zeit veranlaßte in ihren umfaſſenderen Arbeiten die Vorgruͤnde durch Bildnißfiguren, die Hintergruͤnde durch ſtaͤdtiſche Anſich - ten zu ſchmuͤcken. Man malte an ſolchen Stellen die Bild - niſſe großer Staatsmaͤnner, Gelehrten, Kuͤnſtler, auch anderer Menſchen, welche durch Witz, Laune und ſelbſt durch ihre Thorheit zu einer gewiſſen Gunſt gelangt waren; man ſchil - derte das haͤusliche und buͤrgerliche Leben ſeiner Zeit, den all - maͤhligen Fortgang der Verſchoͤnerungen ſeiner Stadt und ſtif - tete gelegentlich einer ziemlich kuͤhlen Abfindung mit den be - ſtehenden Gebraͤuchen der Kirche, ſich ſelbſt ein Gedaͤchtniß ganz neuer und gewiß nicht ſo ganz verwerflicher Art. Nachdem nun einmal bey den Florentinern die Religioſitaͤt der Geſinnung aus der herrſchenden Kirche entflohen war und dem Sectengeiſte (Savonarola) ſich zugewendet hatte, war es ſicher nur ein Gewinn, daß bey den maleriſchen Unterneh - mungen jener Zeit eine neue Begeiſterung (die buͤrgerliche) die eingetretene Luͤcke erfuͤllte.

Die Malereyen der Chorkappelle in ſta Maria novella erheben den ſelbſtſtaͤndigen Werth eben dieſer Begeiſterung,283 deren Entſtehung wir ſchon bey Benozzound in den Jugend - werken des Coſimound Filippino, wahrgenommen haben, uͤber alle vorkommende Zweifel. Freylich werden wir beym Anblick dieſer merkwuͤrdigen Arbeiten ausrufen muͤſſen: wohl der Zeit, in deren Sitten ſo viel Unbefangenheit und Guͤte lag; wohl dem Orte, deſſen haͤuslichen und ſtaͤdtiſchen Ein - richtungen ſo viel Schoͤnheit beywohnte, in welchem Putz, Bekleidung und uͤbliches ſich Stellen und Gehaben ſo viel maleriſchen Reiz beſaß. Doch, wuͤrden die Kuͤnſtler ſich jemals haben fuͤr eine Gegenwart begeiſtern koͤnnen, welche nicht, gleich jener, ihre Bildung großentheils den kuͤnſtleriſchen Be - ſtrebungen der vorangegangenen Zeit verdankte? Und, wenn wir annehmen duͤrften, daß eben jene, dem hoͤheren Mittel - alter fremde Milde und Maͤßigung der Sitte zum Theil durch den taͤglichen Eindruck guter Kunſtwerke hervorgebracht wor - den, ſo wuͤrden wir der Kunſt nicht eben vorzuwerfen haben, daß ſie die Sitte, welche aus ihren Anregungen ſich hervor - gebildet, mit Luſt geſehen und wiederabgeſpiegelt hat.

Die Malereyen, welche dieſe Abſchweifung veranlaßten, erfuͤllen drey hohe und raͤumige Mauern, deren jede eine an - dere Geſchichte umfaſſet. An der etwas dunkelen Fenſterſeite ſind Ereigniſſe aus dem Leben der Hll. Domenicound Pietro Martireangebracht; in der Naͤhe beſehen, ſind dieſe Darſtel - lungen lebendig und voll Handlung. Zur Rechten in vielen Abtheilungen, die herkoͤmmlichen Darſtellungen aus dem Leben Johannesdes Taͤufers, zur Linken aber das Leben der Ma - donna. Unter den Abtheilungen der letztbezeichneten Wand bildet die Geburt der Jungfrau ein beſonders wohl vereinig - tes Ganze, zugleich eine der anziehendſten Darſtellungen des haͤuslichen Lebens damaliger Florentiner. Das Gemach iſt284 ringsum mit wohlvergliedertem Holzwerke bekleidet; dieſes giebt bis zum Getaͤfel der Decke einem Friiſe Raum, welcher den Genien des Donatellounter der einen Orgel des Domes frey nachgebildet iſt. Die Woͤchnerin liegt laͤngs der Fenſterwand in einem Halbdunkel, da das Licht durch die hochbelegenen klei - nen Fenſter uͤber ſie hin auf eine Gruppe in das Gemach ein - tretender Weiber faͤllt, welche nach bekannten Schoͤnheiten der Stadt gemalt und gar ſittig und wohl geſchmuͤckt ſind. Die - ſem Bilde gegenuͤber, deſſen geſchloſſene Lichtwirkung unuͤber - trefflich gelungen iſt, muß man dem Vaſaribeypflichten, wo er rundhin erklaͤrt, daß Niemand in der Handhabung der Malerey a fresco dem Domenico Ghirlandajogleichgekom - men ſey. Bewundernswuͤrdig modelliren und verſchmelzen ſich hier die Lichter und Reflexe mit den nahen Halbtoͤnen; un - vergleichlich hielt der Meiſter hier in den hohen und vollen Lichtern den Localton feſt, was dieſe ſpaͤteren von ſeinen fruͤ - heren Arbeiten unterſcheidet, in denen, wie wir uns erinnern, die Lichter, obwohl an ihrer Stelle, doch kalt und kreidig an - gedeutet ſind.

Das bezeichnete Mauergemaͤlde enthaͤlt auch eine urkund - liche Merkwuͤrdigkeit, einige Namen, welche ſich auf den Kuͤnſt - ler zu beziehen ſcheinen. Denn in ungleicher Hoͤhe und auf ganz verſchiedenen Fuͤllungen jener Wandbekleidung lieſt man:BIGHORDI.=GRILLANDAI.Der roͤmiſche Heraus - geber des Vaſari, welcher ſeinerſeits ſo viel beygetragen hat, das ſchoͤne, nur urkundlicher Berichtigungen beduͤrftige Buch durch Unausgemachtes, Halbwahres und Falſches zu uͤberhaͤu - fen, meldet hingegen, daß man auf dieſem Bilde Domenico Bigordileſe, worin er dem Anſehn nach dem Baldinuccige - folgt iſt, welcher unſeren Domenico, vonTommaſo di Cur -285rado di Gordiableitet;*)Archiv. dell opera del Duomo di Sienalibro E. 8. Delib. p. 12. a. t. und s. p. 13. Anno Dni MCCCCLXXXXIII. Ind. XI. die XXIV. Aprilis operarius ecclesie catthedralis civit. Se - narum locavit Magistro Davit Thomasi Corradoffi de Florentiamagro Mosaici etc. Es iſt offenbar von dem Davidedie Rede, welcher, nach Vaſari, des DomenicoBruder war. was ich dahingeſtellt ſeyn laſſe, da Baldinuccikein zuverlaͤſſiger Zeuge iſt.

Die vormals zahlreichen Altartafeln unſeres Malers ſind in den neueren Zeiten durch Vernachlaͤſſigung und Verſtreuung ſeltener geworden. Die Vorſeite des Hauptaltares der Kirche ſta Maria novella iſt mit einigen Seitenſtuͤcken in die koͤn. Gallerie zu Muͤnchen gelangt; zwey andere Seitenſtuͤcke, ſo wie die Ruͤckſeite, letzte, nach Angabe des Vaſari, Arbeit ſeiner minder begabten Bruͤder Davidund Benedetto, in den Beſitz S. M. des Koͤniges von Preußen. Das ehemalige Altarge - maͤlde der abgetragenen Kirche ſ. Giuſto gelangte in die kleine Kirche ſ. Giovannino detta la Calza, zu Florenz, am roͤmiſchen Thore. Ein drittes Altargemaͤlde, die Anbetung der Koͤnige, befindet ſich noch immer, obwohl ſtark gereinigt und erneut in der Kirche des Findelhauſes, Orbatelli, zu Florenz. Dieſes moͤchte vor ſeiner Wiederherſtellung das vorzuͤglichſte geweſen ſeyn, da ſein Gegenſtand dem Talente des Domenicomehr entſpricht, als jene damals fuͤr Altargemaͤlde hergebrachten Heiligenverſammlungen. Sein derber und klarer Sinn fuͤr das Wirkliche vermochte nicht, ſich der Zartheit der neuchriſt - lichen Idee der Madonna ſo ganz, wie es begehrt wird, an - zuſchmiegen; ſeine Jungfrau, ſeine Heiligen ſind daher, wohl gutartig und freundlich, erreichen indeß was den Ausdruck ihrer Idee betrifft, nicht einmal die Arbeiten ſeines Zeitgenoſ -286 ſenPeter von Perugia. Selbſt, was im GhirlandajoMa - nier iſt, eine gewiſſe Derbheit in den fleiſchigen und knorpeli - gen Geſichtsformen, widerſtrebte jenem Ausdruck, den wir ge - neigt ſind, in chriſtlichen Heiligen vorauszuſetzen.

Doch gelang es einem Maler ſeiner Schule, dem Ba - ſtiano Mainardi von ſan Gimignano, dem er, wie Vaſariberichtet, ſeine Schweſter zur Ehe gegeben, die Manier und den Naturalismus des Ghirlandajomit einer zarteren Auffaſ - ſung des Charakters chriſtlicher Heiligung zu verſchmelzen; wenn anders die Malereyen in der Kappelle der beata Fina der Pfarrkirche des Staͤdtchens ſ. Gimignanovon ſeiner Hand ſind*) Vasarivita di Dom. GhirlandajoEd. c. p. 464. Stette seco a imparare Bastiano Mainardi da s. Gim.il quale in fresco era divenuto molto pratico maestro; per il che andando con Dome - nico a. s. Gimignanodipinsero in compagnia la cappella di s. Fina, la quale é cosa bella. , woruͤber das Archiv der Kirche vielleicht einmal Auf - ſchluß geben wird. Daß Baſtianoin dieſem Orte zu Hauſe war, vermehrt die Wahrſcheinlichkeit ſeines Antheils an jener Arbeit, welche unter allen Umſtaͤnden die bekannteren Male - reyen des Domenicohinſichtlich der Zierlichkeit ihrer beſeelten Geſichtsbildungen weit uͤbertreffen, der Rundung und des Auf - trages ihnen nachſtehn. Gegenuͤber, in der Kappelle des Hl. Johannes Baptiſta, giebt es eine Tafel von geringerem Ver - dienſte, doch aͤhnlicher Manier, deren Aufſchrift: hoc opus fieri fecit Juliana quondamMartini Cetiide sco Ge - miniano MCCCC. LXXXII. ; wahrſcheinlich ward jene Kap - pelle um dieſelbe Zeit gemalt, was die Vermuthung abſchnei - det, daß ſolche ein zarteres Jugendwerk des Domenicoſey,287 deſſen Eigenthuͤmlichkeit, wie wir oben geſehn, ſchon im Jahre 1480. ſich vollſtaͤndig ausgeſprochen hatte.

Herr Johann Metzgerzu Florenz, deſſen Verdienſte als Kupferſtecher und ausgezeichneter Kenner und Wiederherſtel - ler alter Gemaͤlde bereits erwaͤhnt worden, beſaß vor Jahren eine Folge kleiner Gemaͤlde mit Darſtellungen aus der Legende der Hll. Erzengel, wahrſcheinlich vormals die Staffel des er - waͤhnten Altarbildes der Kirche ſ. Giovannino detta la Calza, in denen jene Feinheit der Bildung ſich wiederholte, welche ich dem Baſtiano beyzumeſſen geneigt bin, ohne deßhalb der Entſcheidung vorzugreifen, welche vorausſetzlich nach urkundli - chen Gruͤnden geſchehen muß.

Domenico Ghirlandajo, deſſen Schule ich nicht weiter verfolge, da Granacciound Ridolfo Ghirlandajbereits von einer neuen und entgegengeſetzten Richtung fortgeriſſen wurden, ſtarb, nach einer Angabe des Vaſari, welche hier ſchon Glau - ben verdient, im Jahre 1493. uͤberlebte alſo ſein groͤßeſtes Werk nur um wenig Jahre. Indeß haͤtte ich nunmehr, be - vor wir uns nach Perugiaund den nahebelegenen umbriſchen Staͤdten zuruͤckwenden, eine dritte Verzweigung der florentini - ſchen Malerſchulen nachzuholen, welche mit jenen anderen we - nig zu ſchaffen hat, da ſie unmittelbar aus den Beſtrebungen der Bildner hervorgegangen iſt.

Dieſe hatten wir gegen die Mitte des Jahrhundertes und an der Stelle verlaſſen, wo, nach dem Vorgange des Ghibertiund Donato, Luca della Robbia, das entſchiedenſte Bildnertalent der neueren Kunſtgeſchichte, ſeine Laufbahn be - ginnt; deſſen treffliche Arbeiten in Marmor und Erz zufaͤllig, meiſt an dunkelen und ungelegenen Orten aufgeſtellt und da -288 her vielleicht im Ganzen weniger gewuͤrdigt worden ſind, als ſie verdienen.

Seine kuͤnſtleriſche Laufbahn iſt mit dem Gange der in - neren Verſchoͤnerungen des florentiniſchen Domes eng verbun - den, daher die Hauptquelle ſeiner Kuͤnſtlergeſchichte ein altes Buch des Archives der Domverwaltung, in welchem waͤhrend der Jahre 1438. bis 1475. alle, oder doch alle wichtigeren Auftraͤge und Verbindlichkeiten aufgezeichnet wurden, welche dieſe Behoͤrde dazumal mit Kuͤnſtlern eingegangen iſt. Gluͤck - liche Zeiten, in welchen ſolche Verhaͤltniſſe ſich in dem Maße haͤuften, daß man ihnen eigene und abgeſonderte Buͤcher er - oͤffnen mußte! Eine ſolche Pflege entgegenkommendes Vertrauen, unausgeſetzte Anfoderungen an das Talent, Nach - ſicht mit den Launen des Genius, unerbittliche Hintanſetzung unheilbarer Unfaͤhigkeit mußte die Kunſt ſo raſch und un - aufhaltſam der Hoͤhe entgegenfuͤhren, welche ſie zu Anfang des ſechzehnten Jahrhundertes erreicht hat*)Osservat. Fior. VI. p. 86. giebt aus einem Buche des Ar - chivs der, Riform. di Firenze, folgenden oͤffentlichen Beſchluß: Sa - pendosi quanto importi, dar cuore a chi operando con industria per mero parto d’intelletto cerca a lasciar di se onoratissimo nome e fama alla patria per mezzo di fatture rare, di vuole, che larga mente se ne ricompensin quelli che già sono stati eletti a far pompa del loro talento e sapere, intorno alle statue d’Orsan - michele. .

Eine ſeiner ſchoͤnſten Arbeiten fuͤr jenes Gebaͤude, die Fuͤllungen inmitten der Tragſteine unter der Orgel zur Linken der mittleren Hauptkappelle, duͤrfte er vor dem Jahre 1438. uͤbernommen haben, da dieſes großen und wichtigen Werkes in gedachtem Buche eben ſo wenig erwaͤhnt wird, als derGenien289Genien des Donatellounter der Orgel zur Rechten. Vaſarimachte der Arbeit des Luca della Robbiaden Vorwurf, daß ſie in ihrer hohen Stellung verſchwinde, weil ſie mit zu gro - ßem Fleiße beendigt ſey, lobt hingegen die gegenuͤberſtehende des Donatello. Vaſariverfiel an dieſer Stelle ſowohl theo - retiſch, als beſonders hiſtoriſch in einen unumgaͤnglich aufzu - klaͤrenden Irrthum. Lucamochte Proben angeſtellt und wahr - genommen haben, daß ſeine Arbeit in ſo großer Hoͤhe dem Blicke verloren gehe. Denn es ſind nur die beiden Stuͤcke mit den Saͤngern ſo zierlich ausgefuͤhrt, als Vaſariangiebt; hingegen die Poſaunenblaͤſer und tanzenden Knaben und Maͤd - chen in den vier breiteren Stuͤcken, zwar in gleichem Ge - ſchmacke und mit großem Geiſte entworfen, doch kaum aus dem Groben hervorgearbeitet. Es lag demnach an der Dun - kelheit des Ortes ihrer Aufſtellung, daß ſie nicht zu ſehen wa - ren. Entfernt ſtehende Bildnereyen fodern vor Allem ſcharfe Beleuchtung und dieſe waͤre dem Hochrelief unſeres Lucaguͤn - ſtiger geweſen, als den flachen Verkruͤppelungen des Donato, deſſen Behandlung des Rilievo allerdings ſehr wunderlich, doch keinesweges ſo lobenswerth iſt, als Vaſariglaubte, oder an - zunehmen vorgiebt. In neueren Zeiten hat man von beiden Orgeln einen Theil dieſer Fuͤllungen abgenommen und in ei - nem Gemache der Domverwaltung aufgeſtellt, wo ſie aller - dings naͤher vor Augen lagen, doch ebenfalls ſchlecht beleuch - tet waren; ſie befinden ſich gegenwaͤrtig mit anderen bildneri - ſchen Denkmalen deſſelben Gebaͤudes in der oͤffentlichen Gal - lerie der Uffizj, da vor einiger Zeit zur Sprache gekommen war, die dortige Sammlung bildneriſcher Merkwuͤrdigkeiten mittler und neuerer Zeiten zu vervollſtaͤndigen.

Der unguͤnſtigen Beleuchtung ungeachtet fiel das eineII. 19290der gedachten Bildwerke, (Chorſaͤnger in kurzer, aufgeſchuͤrzter Tunica mit unbedeckten Fuͤßen) dem trefflichen Kenner grie - chiſcher Alterthuͤmer, Freyherrn von Stakelberg, als ich ihn vor Jahren an die Stelle begleitete, alſobald als ein Meiſter - ſtuͤck in die Augen, dem er nach laͤngerer Betrachtung das Lob ertheilte, in der Behandlung des Hochreliefs (im Style) Alles zu uͤbertreffen, was er im Verlaufe ſeines der Kunſt gewidmeten Lebens an modernen Bildnerarbeiten geſehn. Al - lein, auch von der gluͤcklichen Anordnung und von der kunſt - reichen Hoͤhlung der vorſtehenden Figuren abgeſehn, beſitzt die - ſes Werk den Vorzug eines unbefangenen, bequemen Geſche - hens, der allerdings den Kunſtwerken jener Zeit nur ſelten zu fehlen pflegt. Uebrigens laͤßt ſich einwenden, daß der Kuͤnſt - ler die Profile der Koͤpfe etwas ſcharfkantig gehalten, was wahrſcheinlich der Wirkung und groͤßeren Deutlichkeit willen geſchehen iſt, da ſeine uͤbrigen Arbeiten darlegen, daß er hie - rin nicht etwa von einer angenommenen Gewoͤhnung ſich hin - reißen laſſen.

Auf dieſe Arbeit duͤrfte, nach oben ausgefuͤhrten Gruͤn - den, eine kaum zu Haͤlfte vollendete Altarbekleidung von Mar - mor folgen, welche ich in dem Wachsbehaͤltniß des Domes entdeckte, wohin ich dem Sacriſtan zufaͤllig gefolgt war. Sie wurde bald darauf hervorgezogen und iſt gegenwaͤrtig nebſt den Ueberreſten eines Grabmales von Benedetto da Rovezzano, zu - gleich mit obigen Orgelverzierungen, in die oͤffentliche Gallerie gelangt. Ich erlebte die Befriedigung meines Kennergefuͤhles, die Vermuthung, ſie moͤgen unvollendete Arbeiten des Lucaſeyn, wenige Wochen nach ihrer Entdeckung durch eine Ur - kunde beſtaͤtiget zu ſehn, welche ich beylege*)S. Belege, IV. 1..

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In dem einen dieſer beiden Seitenſtuͤcke des beabſichte - ten Antimenſii (das Mittelſtuͤck fehlt) hat Lucadie Befrey - ung Petriaus dem Kerker dargeſtellt, in zwey Handlungen, deren eine, die Erſcheinung des Engels im Kerker, flach ge - halten iſt, die andere, Petrusmit dem Engel ſchon außerhalb des Kerkers und beſorglich auf die ſchlafenden Waͤchter zuruͤck - blickend, ſtark hervorſteht. Das zweyte enthaͤlt die Kreuzigung Petri, worin der Heilige nach uraltem, etwas ſteifen Entwurfe dargeſtellt, das Ganze indeß durch gewandten Gebrauch der Stellungen der Schergen und einiger Soldaten wohlgefaͤllig belebt iſt.

War es nun Abneigung gegen den Gegenſtand, welcher ſeiner Sinnesart, bey ſo lebhaftem Gefuͤhl fuͤr jugendliche Anmuth, als er in jenen Saͤngern und Taͤnzerinnen dargelegt hatte, nicht ganz behagen mochte; oder nur Ueberdruß an den techniſchen Schwierigkeiten des Meißels, denen man erſt in den neueſten Zeiten ganz beygekommen; ſo iſt doch ſo viel gewiß, daß unſer Kuͤnſtler ſpaͤterhin ſowohl dieſe Arbeit, aus dem Stillſchweigen jenes Buches zu urtheilen, mit Genehmi - gung der Domverwaltung aufgegeben, als auch uͤberhaupt von Ausfuͤhrungen in Marmor ſich zuruͤckgezogen hat. Er wen - dete ſich ſchon damals (wenn dem Vaſarihier zu trauen iſt, des leichteren und ſchnelleren Gewinnens willen) zu jenen halberhobenen Werken in gebrannter und ſchoͤn uͤberglaſeter Erde, welche dem Anſehn nach von ihm ſelbſt erfunden, oder doch ausgebildet worden. Gewiß entdeckte ich nirgend aͤltere Arbeiten dieſer Art; wohingegen eine Verſtiftung des mehr - gedachten Buches*)S. Belege. IV. 2. außer Zweifel ſetzt, daß er dieſen Stoff19 *292ſchon im October des Jahres 1446. gaͤnzlich bemeiſterte. In dieſer Urkunde nemlich uͤbernimmt Lucadie Ausfuͤhrung ei - nes der ausgedehnteſten unter den vorhandenen Werken die - ſer Kunſtart, der Himmelfahrt Chriſtiuͤber dem Thore der Sacriſtey des Domes.

Indeß war zu Anfang deſſelben Jahres 1446.*)Bel. IV. 3. zur Sprache gekommen, daß Donato, welcher, wie wir uns erin - nern mit Guͤſſen nicht hinlaͤnglich umzugehn wußte, die ſeit dem Jahre 1417. uͤbernommene Verpflichtung, die Thore der gedoppelten Sacriſtey des Domes in Erz zu gießen, bis da - hin nicht erfuͤllt habe; weßhalb man ihm das eine dieſer Thore entzog und ſolches dem Luca della Robbiain Gemein - ſchaft mit Michelozzo di Bartolomeound Maſo di Bartolom - meouͤbertrug. Auch dieſe Arbeit ging nur langſam vorwaͤrts; denn erſt im Jahre 1461. ward, mit Genehmigung des Lucaund Michelozzo( Maſowar bereits geſtorben) die Zuſammen - ſetzung, Reinigung und Nachbeſſerung der beiden bis dahin vollendeten Seiten einem wenig bekannten Giovanni di Bar - tolommeouͤbergeben**)S. Belege IV. 4.. Als darauf im Jahre 1464. Au - guſt 20., dieſe Arbeit bereits beendigt, doch an der inneren Seite der Thorfluͤgel noch gar nichts geſchehen, Maſotodt und Michelozzoabweſend war, verſtiftete die Domverwaltung die noch uͤbrige Arbeit, nemlich die Ruͤckſeite, dem Lucaal - lein***)Belege IV. 5..

Aus der ſchoͤnen Arbeit an dieſer Ruͤckſeite werden wir auf Solches ſchließen muͤſſen, was an der Vorſeite des Tho -293 res unſerem Meiſter beyzumeſſen ſey, welcher nicht, wie man ſeit Vaſariwiederholt, die ganze Thuͤre, ſondern, wie beyge - legte Verhandlungen zeigen, daran nur einzelne Theile ge - macht haben konnte. In der That entſprechen die Koͤpfe, welche abwechſelnd, charakteriſtiſch und ſchoͤn ſind, dem Talent und der Manier des Lucabey weitem mehr, als die Figuren in den Fuͤllungen, welche, da ſie von beſſerem Style, aber einfacher behandelt ſind, als die Bildnerarbeiten des Miche - lozzo, dem ſonſt unbekannten Bildner Maſo di Bartolommeozufallen duͤrften. Den Michelozzo, dem man mittlerweile eine andere ganz handwerksmaͤßige Bronzearbeit verſtiftete*)S. Belege III. ! moͤchte man nur des Guſſes willen hinzugezogen haben, deſſen Lucage - wiß nicht ſehr maͤchtig war, da die Reinigung und Loͤthung des Werkes mit ſeiner Genehmigung einem dritten, dem Giovanni di Bartolommeouͤbertragen ward. Dieſe Umſtaͤnde waren dem Vaſariſaͤmmtlich entgangen, weßhalb er ſich fuͤr aufgefordert hielt, die reinliche Beendigung dieſes Werkes, deren Verdienſt er faͤlſchlich dem Lucabeymaß, aus deſſen angenommener Vor - ſchule bey einem Goldarbeiter zu erklaͤren**) Vasari, vita Luca d. R.(Ed. c. p. 264.) E tutto questo lavoro é tanto pulito e netto, che é una maraviglia e fa co - noscere, che molto giovò a Lucaessere stato orefice. Der Goldſchmidt, bey dem Lucagelernt haben ſoll, heißt: Lio - nardo di Ser Giovanni. , welcher vielleicht einmal der Zeit nach mit der Jugend des Lucazuſammenfaͤllt, deren wahrer Zeitpunct dem Vaſari, wie ſchon erinnert wor - den, ebenfalls unbekannt war.

Da Vaſariuͤberhaupt von unſerem Kuͤnſtler wenig ſichere und begruͤndete Kunde beſaß, ſo moͤchte es nicht ſo ganz