Verlag von B. G. Teubner in Leipzig.
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„ Aus dem Titel wird der Leser ersehen, dass es sich nur um die sogenannte deduktive oder formale Logik handelt. Die rechnerische Behandlung der deduktiven Logik, durch welche diese Disziplin sich loslöst von den Fesseln, worein die Wortsprache durch die Macht der Gewohnheit den Menschengeist geschlagen, möchte wol die Bezeichnung als „ exakte Logik “vorzugsweise verdienen. Sie allein auch vermag den Gesetzen des folgerichtigen Denkens den schärfsten, konzisesten und übersichtlichsten Ausdruck zu geben und befindet sich zufolge dieses Vorzugs in der Lage, zahlreiche und bedeutungsvolle Lücken — wo nicht Fehler — der älteren Darstellungen zu offenbaren.
Seit dem Erscheinen von des Verfassers „ Operationskreis des Logikkalkuls “hat diese Behandlung noch höchst bedeutende Fort - schritte gemacht: vor allem durch die Arbeiten des Amerikaners Charles S. Peirce und seiner Schule. Namentlich gebührt Herrn Peirce das Verdienst, die Brücke von den älteren blos verbalen Be - handlungen jener Disziplin zu der neuen rechnerisch zuwerke gehenden geschlagen zu haben, eine Brücke, welche im Lager der Berufsphilo - sophen mit Recht vermisst worden und deren Fehlen es wol zuzu - schreiben ist, dass die neue Richtung daselbst zum Teil nur mit Befremden aufgenommen wurde. Durch jene Arbeiten, in welche noch Verfasser nicht unwesentlich eingreift, ist die Theorie nun so weit entwickelt und vollendet, dass für einen ersten und Hauptteil des ganzen Lehrgebäudes bereits eine endgültige Darstellung und Anord - nung als erreichbar erscheint.
Mit dem Bestreben, solche, soweit es in seinen Kräften steht, zu verwirklichen, verbindet Verf. zugleich die Absicht, von der schon sehr ansehnlichen Literatur, welche besonders in englischer Sprache einschlägig existirt, das Wertvollste in einheitlicher Darstellung zu einem Handbuch zu vereinigen. “
… Soweit die Anzeige. Inwieweit es mir gelungen, obiges Ideal zu verwirklichen, werden Diejenigen zu beurteilen in der Lage sein,a*IVVorwort.die das Buch studiren und die bisherige thunlichst vollständig von mir zusammengestellte Literatur mit in Vergleichung ziehen. Unge - achtet meines Strebens, das Werk so vollkommen wie nur möglich zu gestalten, kann — das verhehle ich mir keineswegs — dasselbe in mancher Hinsicht doch nur ein Kind seiner Zeit geworden sein. Gleichwol darf ich vielleicht die Hoffnung hegen, dass auch Vieles, was aus demselben hervorleuchtet, für alle Zeiten maassgebend bleiben wird.
Was sonst noch über die Eigenart des Buches zu sagen ist, findet sich in C der Einleitung dargelegt, und begnüge ich mich hier, nur einiges Wenige noch zu bemerken.
Durch den Anblick der Formeln des Buches ist es nahe gelegt im voraus zu statuiren: dass mathematische Vorkenntnisse oder irgend welche spezifische Fachkenntnisse in demselben nicht vorausgesetzt werden. Vielmehr passen auch hier die einer Dedekind'schen Schrift jüngst vorausgeschickten Worte: „ Diese Schrift kann Jeder verstehen, welcher das besitzt, was man den gesunden Menschenverstand nennt “. Aber auch dieses Wort wird gleichwol zutreffen (eines andern Autors): Die Schöngeister freilich, nicht gewöhnt an so strenge Anforderungen des Denkens, werden frühzeitig kehrt machen. —
Eine Ausnahme zu oben Gesagtem bildet nur der Anhang 7, der sich ausschliesslich an Mathematiker wendet, und vielleicht in einem geringen Grade noch der Anhang 5, indem er wenigstens den Begriff der mathematischen Funktion voraussetzt. Überhaupt aber dürfte eine Bekanntschaft mit den Elementen der Buchstabenrechnung, so weit sie etwa in Tertia eines Gymnasiums gelehrt zu werden pflegt, bei dem Leser als immerhin wünschenswert zu bezeichnen sein.
Vermittelnd wendet sich das Buch an zwei nur allzu verschieden disponirte Leserkreise: an die Mathematiker und an die Philosophen.
Wenn ich mit Ausführlichkeit auch solche Geistesoperationen be - spreche, deren Analoga in ihrer Anwendung auf das Reich der Zahlen dem Mathematiker längst geläufig sind, so glaube ich mich für diese Ausführlichkeit entschuldigt halten zu dürfen nicht nur durch die wünschenswerte Rücksichtnahme auf den nicht mathematisch gebildeten Leser, sondern auch darum, weil es im didaktischen Interesse liegt, im Interesse auch einer Erziehung zum guten Lehrer, die Aufmerksam - keit zu zwingen, dass sie bei solchen Punkten verweile, bei denen der Anfänger zu straucheln oder Schwierigkeiten zu finden pflegt. Über - haupt liegt hier auch nicht der Fall vor, dass — wie in der Mathe -VVorwort.matik — eine in den Grundzügen schon fertige Kunstsprache vor - handen ist, durch jahrhundertelangen Usus von jedem Doppelsinn gereinigt und zufolge dessen eine knappe Ausdrucksweise ermöglichend, sondern unsre junge Disziplin muss sich die ihr erforderliche Kunst - sprache zum grossen Teil erst schaffen, und eventuell auch, soweit vereinzelte Anläufe dazu vorliegen, zunächst erst aus einer schon fast babylonischen Sprachverwirrung herauszukommen suchen.
Philosophen mögen andrerseits etwaige im Kontext erfolgende Seitenblicke auf Fragen von spezifisch mathematischem Interesse ge - neigtest mit in den Kauf nehmen.
Was auf Zahlen Bezug hat, fällt der Arithmetik anheim, die man ja als einen Zweig der deduktiven Logik (im weiteren Sinne) betrachten mag. Ich habe mich hier bemüht, das numerische Element der Logik nach Möglichkeit zurücktreten zu lassen und von ihm gesondert die Logik im engeren Sinne darzustellen. Die noch wenig zahlreichen An - wendungen, welche von den Begründern und Bearbeitern der logischen Algebra gemacht worden sind auf numerische Probleme — insbesondre als Studien über „ numerisch bestimmte Syllogismen “und in Aufgaben der Wahrscheinlichkeitsrechnung — habe ich deshalb nicht in das System aufgenommen. Die Berücksichtigung der letzteren würde mich überdies genötigt haben, auf die Kontroversen einzugehen, welche über die Grundlagen der Wahrscheinlichkeitsrechnung noch schweben. Solches, wie ich hoffe, nur auf eine andre Gelegenheit zurückstellend, begnügte ich mich zunächst, mit Anhang 7 wenigstens darzuthun, wie die neue Disziplin auch für Probleme der in Zahlen rechnenden Analysis verwertbar.
Seines Umfanges halber musste ohnehin das einheitlich veranlagte Werk in zwei Bände zerlegt werden.
Die allgemein-philosophisch gehaltene „ Einleitung “, mit ihren drei Teilen etwa drei von unsern Vorlesungen entsprechend, ist fast schon ein eigenes Buch geworden; und möchte ich an eine etwaige Kritik das Ersuchen stellen, dieselbe von dem Hauptinhalte des Werks, welcher mit der „ ersten “Vorlesung beginnt, getrennt halten zu wollen. Besonders viel verdanke ich in Bezug auf sie dem Studium der Schriften von Sigwart, Mill und Jevons, aus der Lektüre von deren oft citir - ten Werken mir zuweilen auch eine Reminiscenz wol wörtlich in die Feder geflossen sein mag, ohne als solche in jedem Falle gekenn - zeichnet zu werden. Dem Lehrer habe ich unter μ) in A der Ein - leitung ein Mittel an die Hand gegeben um nötigenfalls diese ganzVIVorwort.zu überspringen und sogleich mit § 1 in medias res einzutreten: wer solches vorzieht, kann das jeweils Unumgängliche aus unsern Vor - betrachtungen nach Bedarf in die Theorie einschalten.
Für das Vierteljahrhundert, welches seit dem Erscheinen von Boole's „ Laws of thought “nunmehr verflossen, gibt das Buch (noch mannigfach vermehrt) auch eine wol nahezu vollständige Sammlung aller Aufgaben, welche zu denkrechnerischer Lösung seither gestellt worden. —
Grossen Dank verdient jedenfalls der Verleger dafür, dass er es unternommen, eine so umfangreiche Schrift, welche so hohe und neue typographische Anforderungen stellte und sich in Deutschland ihren Leserkreis doch erst wird erobern müssen, zu drucken und in der vor - liegenden Weise auszustatten.
Der Umstand, dass die deutsche Übersetzung von Liard's Schrift über die „ Logiciens anglais contemporains “, welche einer Kritik sich enthaltend nur über deren Arbeiten referirt, bereits die zweite Auflage erlebte, lässt mich indess hoffen, dass für die neue Richtung doch schon in weiten Leserkreisen ein Interesse vorhanden, und dass eine systematische und kritische Überarbeitung und Weiterführung dieser Forschungen um so willkommener sein werde.
Ich schliesse mit dem etwas verwegenen Wunsche, dass meine englischen und amerikanischen Mitarbeiter ihre Arbeiten in der meinigen geläutert wiederfinden und aus derselben nicht weniger Anregung und Förderung schöpfen mögen als ich aus den ihrigen geschöpft habe.
Karlsruhe in Baden, im März 1890.
Der Vorverweisungen halber sei hier sogleich mit angeführt der Inhalt des zweiten Bandes.
Berichtigungen.
Zum Titelblatt. Das Citat nach Goethe ist mit Liebmann leicht ab - geändert. In Eckermann's Reminiscenz steht: die Probleme der Welt, sowie in der Grenze …
α) Die Logik, im weiteren Sinne des Wortes, beschäftigt sich mit all' den Regeln, durch deren Befolgung die Erkenntniss der Wahrheit gefördert wird. Sie hat es demnach mit den Methoden der Forschung überhaupt zu thun. Sie sucht die Frage zu beantworten: wie gewinnen wir Erkenntnisse, auf welchem Wege gelangen wir zur Wahrheit? Mithin, da Erfassen der Wahrheit ein Akt des Denkens ist, dürfen wir als Gegenstand der Logik überhaupt bezeichnen: das Denken, so - fern es das Erkennen zum Endzweck hat.
Es steht dieses erkennende Denken im Gegensatz, vor allem, zum Dichten, zum phantasirenden Denken.
Desgleichen blosse Erzählung und Beschreibung, wenn schon sie nicht ohne Denkthätigkeit zustande kommen und unter sonst gleichen Umständen von einem logisch geschulten Kopfe vielleicht besser in Angriff genommen werden, bilden als solche noch ebenfalls nicht ein Thema der eigentlichen Logik. Ein gleiches wäre von der gesetzgebenden Thätigkeit zu sagen. Endlich auch diejenigen Denkvorgänge, welche bei Äusserung unsrer un - mittelbaren Empfindungs - und Willenszustände mitspielen, also bei Aus - rufen, Wunschäusserungen, Fragen, Bitten und Befehlen, zu denen die Sprache die Interjektionen und Fragepartikeln, sowie die Optativ - und Imperativform der Verba hergibt, gehören nicht in den Bereich der logischen Disziplin.
Mit Übersetzung aus einer Sprache in eine andere werden wir uns nur soweit zu beschäftigen haben, als es sich dabei um Übertragung von Aussagen aus unsrer nationalen Wortsprache in eine eigens zu begründende Kunstsprache des logischen Denkens, in die Formelsprache — oder um - gekehrt — handelt.
Schröder, Algebra der Logik. 12Einleitung.β) Die Wissenschaften pflegen ausser dem Dasein erkennender Subjekte wesentlich vorauszusetzen, dass es auch etwas Erkennbares gebe, eine „ Wahrheit “, und zwar in Bezug auf jede Frage nur eine Wahrheit, die von allen mit der unsrigen gleichartigen Intelligenzen, von allen im Besitz normaler Geisteskräfte befindlichen Menschen, not - wendig als dieselbe erkannt werden muss, wofern jene sich nur die Mühe geben, sich in gleicher Weise in die für die Erkenntniss der - selben günstigen Verhältnisse zu versetzen.
Die Vorfrage aber, ob und inwiefern Erkenntniss der Wahrheit überhaupt möglich ist, pflegt einer besonderen Disziplin zugewiesen und in dieser abgehandelt zu werden, die man als „ Erkenntnisstheorie “bezeichnet.
Man hat dieselbe bald als eine Vorstufe der Logik hingestellt, bald auch hat man versucht, die ihr obliegenden Erörterungen in die Darstellung der Logik selbst einzuflechten.
Davon, dass das Ergebniss dieser Voruntersuchung bejahend aus - falle — und dies ist nicht unbestritten — würde hienach die Logik mit ihrer ganzen Existenzberechtigung abhängig erscheinen, wofern wir auch für sie die obengenannte „ Voraussetzung der Wissenschaften (im allgemeinen) “in Anspruch nehmen wollten.
Indessen könnte die gedachte Untersuchung doch jedenfalls nur mittelst Beweisführungen oder Widerlegungen, Schlüssen, Argumenta - tionen nach den Regeln eben der Logik geführt werden, deren Existenz - berechtigung erst aus ihrem Ergebniss zu entnehmen wäre, und so sähen wir uns von vornherein in einen fatalen Zirkel gebannt, wofern wir wirklich jene Voraussetzung schon für die Logik in Anspruch nehmen müssten.
Gezeigt zu haben, wie über die angedeutete Schwierigkeit hinweg - zukommen ist, durch Lieferung des Nachweises, dass die Logik als eine formale Disziplin sich in der That davon auch unabhängig be - gründen lässt, erscheint vorzugsweise als Herrn Sigwart's Verdienst, und werden wir auf diesen Punkt noch näher einzugehen haben.
γ) Mit ihrem einen — dem gewöhnlich und wol mit Recht als zweiten aufgeführten — Teile, in Gestalt der nach Whately's und John Stuart Mill's Vorgange so genannten „ induktiven Logik “, geht unsre Disziplin speziell auch auf die Grundsätze ein, nach welchen Beobach - tungen und Versuche, Experimente anzustellen, nach welchen diese sowie Erfahrungen und Wahrnehmungen überhaupt zur Erweiterung der Erkenntniss zu verwerten sind. Die Logik untersucht hier näher3Einleitung.diese — wenn nicht einzige*)Dass Wahrnehmung die Urquelle aller Erkenntniss sei, wird — nachdem die Verfechter „ angeborner “Erkenntnisse aus dem Felde geschlagen sind — nur noch von Denjenigen bestritten, die eine „ göttliche Offenbarung “annehmen. Als Wahrnehmung ist hier allerdings nicht blos die sog. „ äussere “Wahr - nehmung zu berücksichtigen, welche sich auf den Sinneseindruck stützt, sondern auch die „ innere “. Z. B. dass ich fröhlich oder traurig bin, spaziren gehen will, und dergleichen, nehme ich nicht durch die Sinne wahr, sondern werde dessen unmittelbar inne. „ Wir empfinden auch die Spannkraft unsres Willens und die Anstrengung des Nachdenkens “(Lange). Vergleiche hierzu noch γ3) erste Fussnote. — so doch jedenfalls ursprüngliche und hauptsächliche Quelle des Erkennens, als welche die Wahrnehmung, Perzeption, hinzustellen ist.
Sie setzt auseinander, wie aus einzelnen, nötigenfalls sehr zahlreich gemachten Wahrnehmungen**)Dieselben, wenn bis zur Bildung einer Vorstellung von dem wahr - genommenen Gegenstande entwickelt, heissen „ Apperzeptionen “. von unter sich ähnlicher Art durch einen kühnen Prozess der Verallgemeinerung — den „ Induktionsschluss “, die „ Induktion “— allgemeine Sätze (Regeln oder Gesetze) ableitbar sind, welche auch die nicht mehr wahrgenommenen Fälle derselben Art in den Bereich unsrer Erkenntniss ziehen, uns Aufklärung über dieselben geben. Doch weist sie nach, dass dieser Aufschluss, diese Informa - tion, nicht unfehlbare Sicherheit, dass sie nicht absolute Gewissheit gewähren kann, wohl aber eine mehr oder minder hohe Wahrscheinlich - keit, Probabilität beansprucht, deren Grad sich beurteilen oder taxiren, sich abschätzen lässt. ***)Immerhin mit Einschränkungen — vergl. Herrn Johannes von Kries1 gediegene Arbeit über Die Principien der Wahrscheinlichkeitsrechnung — siehe Literaturverzeichniss.
Indem die induktive Logik auch auf diese Schätzung ausgeht, nach welcher sich der den Induktionsergebnissen zu schenkende Glaube be - misst, untersucht sie, wie einzelne Induktionen durch andere gestützt und gekräftigt, eventuell auch abgeschwächt oder gar durch neue Wahr - nehmungen völlig entkräftet, umgestossen werden, und sucht zu ergründen, wie innerhalb der Schranken des menschlichen Könnens Induktionen anzustellen sind, damit sie möglichst glaubwürdige Ergebnisse liefern.
Auf diese, die induktive Logik, so hochwichtig und interessant sie auch ist, beabsichtige ich hier ganz und gar nicht einzugehen. †)Es sei darüber auf die Werke von Mill2, Sigwart2, Apelt1 u. A. ver - wiesen. Vergl. das Literaturverzeichniss am Schlusse, auf welches die im Text als Exponenten angesetzten Chiffren sich jeweils beziehen.
δ) Wir wollen uns auf ein viel engeres Gebiet beschränken, um1*4Einleitung.dasselbe um so gründlicher in Angriff zu nehmen und — in gewissen Richtungen wenigstens — um so vollständiger abzuhandeln, nämlich auf den ersten Teil der heute so genannten Logik, die Logik im engeren Sinne, Logik*)Den Namen führt die Disziplin bekanntlich zurück auf das griechische λόγος = das Wort, die Sprache, der Sinn, die Vernunft etc. Dass „ Wort “und „ Vernunft “solchergestalt homonym bezeichnet wurden, war nicht ganz ohne innere Berechtigung — in Anbetracht, dass die auf dem Wort beruhende Sprache und die menschliche Vernunft einander wirklich nicht entbehren zu können scheinen und in ihren successiven Entwickelungsstufen sich gegenseitig bedingen dürften. Die enge Beziehung unsrer Vernunft zur Sprache, von der schon Wilhelm v. Humboldt sagte, dass wir sie uns nicht enge genug vorstellen können, hat Lazarus Geiger zu einem interessanten Versuche veranlasst, die Ent - stehung der ersteren ganz aus der letzteren zu erklären — ein Versuch, der nach Heymann Steinthal's und Julius Keller's Kritik im wesentlichen als fehl - geschlagen zu betrachten — vergl. noch Benno Erdmann's Rezension in den Göttingischen gelehrten Anzeigen v. 1885 von Keller's Schrift1, welcher letztern wir obige Angabe über W. v. Humboldt entlehnten. Nach allem möchte, den menschlichen Verstand als ein durch die Wort - sprache erst entwickeltes Erziehungsprodukt zu erklären, noch eben so viel Wahr - heit und Übertreibung enthalten, als wie umgekehrt die Sprache das Werk eines konsequent denkenden Verstandes zu nennen. Dass Letzteres in der That nicht durchaus der Fall ist, werden wir häufig Gelegenheit haben hier wahrzunehmen, wo uns auch eine Kritik dieses immerhin bewunderungswürdigen Instruments des Gedankenausdrucks mit obliegen wird. im Sinne der Alten.
Diese, die „ deduktive “oder auch „ formale “**)„ formale “in einem engern als dem S. 2 erwähnten Sinne. Logik beschäftigt sich mit den Gesetzen des folgerichtigen Denkens.
Worin die „ Folgerichtigkeit “des Denkens bestehe, ist durchaus nicht leicht zu sagen. Ich will die Frage erst einer vorläufigen Be - sprechung unterziehen, um dann nochmals auf dieselbe zurückzukommen.
Zur Orientirung sei zunächst bemerkt, dass „ folgerichtig “mehr wie „ konsequent “besagt. Man kann auch konsequent verkehrt ver - fahren, konsequent unlogisch zuwerke gehen. Wenn ich ein Fremd - wort, einen international rezipirten wissenschaftlichen Kunstausdruck für „ folgerichtiges Denken “gebrauchen sollte, so wüsste ich dasselbe nicht anders, wie als „ logisches “Denken zu bezeichnen.
ε) Ältere Autoren, wie Drobisch1 und Ueberweg1 in ihren so verdienstlichen Werken haben geglaubt, das Kennzeichen der Folge - richtigkeit des Denkens allein in der Übereinstimmung dieses Denkens mit sich selbst erblicken zu sollen.
Dass das Denken, wenn es folgerichtig genannt werden soll, zu5Einleitung.Widersprüchen mit sich selbst nicht führen dürfe, ist unstreitig (auch) eine von diesem zu erfüllende Anforderung.
Wer auf sie das Kennzeichen der Folgerichtigkeit des Denkens zu gründen versucht, ist verpflichtet, zunächst auseinanderzusetzen, was ein „ Widerspruch “ist.
Mannigfach sind die Arten oder möglichen Formen des Wider - spruchs; es gibt deren versteckte oder mittelbare, und es gibt auch offene, unmittelbare Widersprüche.
Die ersteren vollständig aufzuzählen dürfte als ein hoffnungsloses Beginnen, Unterfangen erscheinen. Zur Charakterisirung der letztern dagegen lassen — an deren sprachliche Ausdrucksformen anlehnend — sich wol unschwer äusserliche Kennzeichen aufstellen.
Der Widerspruch kann schon in einer einzigen Aussage enthalten sein, die alsdann eine „ sich selbst widersprechende “genannt werden mag.
Wer z. B. die Versicherung abgibt: „ Ich kann nicht sprechen “oder wer dem ihn Besuchenden entgegenruft: „ Ich bin abwesend, bin nicht zu - hause, todt “und dergleichen, setzt sich dadurch in Widerspruch zu einer schon durch die blosse Existenz eben dieser seiner Aussage verbürgten (und damit einen gegenteiligen Ausspruch herausfordernden) Thatsache.
Wird einem Dinge, wovon gesprochen werden kann, einem Objekte des Denkens, im Prädikat der Aussage ein Merkmal abgesprochen, welches im Subjekt dieser Aussage demselben zugesprochen erscheint (oder um - gekehrt), so kann man darin einen Widerspruch der Aussage mit sich selbst erblicken (sogenannte „ contradictio in adjecto “, d. h. im Prädikate) — so z. B. wenn wir sagten: „ Ein kugelförmiger Körper ist nicht kugel - förmig “. Es waltet dabei allerdings mit die Unterstellung, dass es kugel - förmige Körper gebe, oder dass solche wenigstens denkbar seien. (Ver - gleiche auch Hegel's vielberufenes: „ Sein ist Nicht sein “, und Anderes.)
Ähnlich verhält es sich mit Konditionalsätzen oder hypothetischen Urteilen, sobald der Folgesatz in Abrede stellt, was der Bedingungssatz vorauszusetzen forderte, z. B. „ Wenn dies stattfindet, so findet es nicht statt. “ Hier sind die einander widersprechenden Satzteile und Teilsätze von einander abhängig gesetzt.
Als Wesen des Widerspruchs wird am besten erklärt die Beziehung zwischen zwei selbständig hingestellten Sätzen oder Aussagen, von denen die eine in Abrede stellt, leugnet, was die andre behauptet.
Gewöhnlich stellt man zwei Urteile: „ A ist B “und „ A ist nicht B “als allgemeine Form derartiger Aussagen hin, unter der Voraussetzung, dass unter A etwas und zwar in beiden Aussagen genau das nämliche verstanden werde, desgleichen unter B. Zum Beispiel, nachdem irgend eine Behauptung gefallen, werden die beiden Aussagen:
„ Diese Behauptung ist wahr “, und „ Diese Behauptung ist nicht wahr “einen reinen Widerspruch bilden.
Der sogenannte „ Satz des Widerspruchs “, der für die Logik eine fundamentale Bedeutung besitzt, fordert anzuerkennen, dass einunddieselbe6Einleitung.Behauptung, im nämlichen Sinne verstanden, nicht zugleich wahr und nicht wahr sein könne.
So drücken ferner die Paare von Sätzen: Der Mars ist bewohnt; Der Mars ist nicht bewohnt, Alle Menschen sind vollkommen; Alle Menschen sind nicht vollkommen, je einen Widerspruch aus — wenn auch vielleicht nicht in der oben als Ideal des reinen Widerspruchs hingestellten Weise — und letzteres würden sie auch noch thun, wenn man statt der Worte „ nicht bewohnt “, „ nicht vollkommen “bezüglich „ unbewohnt “, „ unvollkommen “in ihnen setzte (wo dann für den letzten Satz auch „ Kein Mensch ist voll - kommen “sich sagen lassen würde.)
Dagegen die beiden Sätze: Einige Menschen sind klug; Einige Menschen sind nicht klug drücken keinen Widerspruch aus, schon darum, weil hier das Subjekt der - selben dargestellt wird durch den mehrsinnigen, äquivoken Namen „ Einige Menschen “, unter dem im ersten Satze ganze andere Menschen verstanden werden, wie im zweiten.
Auf die erwähnte Form lassen auch die vorhergehenden Beispiele sich zurückführen, indem man dieselben zusammenhält mit den als selbstverständ - lich anzuerkennenden Sätzen: „ Wenn dies stattfindet, so findet es statt “resp. „ Ein kugelförmiger Körper ist kugelförmig “.
Ob aber jene zwei Urteile über A und B wirklich und in allen Fällen das Wesen des Widerspruchs in dem darüber erklärten Sinne dar - stellen, dies zu entscheiden muss eingehenderen Untersuchungen vorbehalten bleiben. (Vergl. § 15.)
Wollen wir vorsichtig verfahren, ganz sicher gehen, so müssen wir als das Vorbild, die „ typische “Form des unmittelbaren Widerspruchs die Gegenüberstellung zweier Sätze nehmen, welche (wie in der That die vor - hin kursiv gedruckten) zum Subjekt einunddieselbe Behauptung haben, zum Prädikat aber bezüglich „ wahr “und „ nichtwahr “oder „ gültig “und „ un - gültig “. Direkten Widerspruch erblicken wir zwischen irgend einer (als gültig hingestellten, mit der Versicherung ihrer Gültigkeit abgegebenen) Aussage (zwischen einer „ Behauptung “) und einer zweiten Aussage, welche die Ungültigkeit der ersten behauptet.
Bei versteckten Widersprüchen kann man verlangen, dass sie auf unmittelbare zurückgeführt werden, und zwar wie? — Nun natürlich wiederum durch folgerichtiges Denken. So kämen wir denn zunächst zu dem Zirkel, für „ folgerichtig “dasjenige Denken zu erklären, welches aus sich selbst und durch sich selbst nicht zu direkten Widersprüchen führt. Dasselbe dürfte also widersprechende Prämissen (als Über - zeugungen) nie zulassen und von (als Überzeugung) zugelassenen Prä - missen zu Widersprüchen nie führen. Nun kann man ja aber, ehe man diejenigen Folgerungen oder Denkhandlungen vollzieht, welche den unmittelbaren Widerspruch liefern würden, allemal ganz willkür - lich abspringen, und so erscheint die Erklärung als vollkommen nichts - sagend, solange ihr nicht die Voraussetzung mit zugrunde gelegt wird,7Einleitung.dass das Denken nach bestimmten Normen, Vorschriften, Schemata oder Gesetzen überhaupt stattfinde oder stattzufinden habe.
Sollen diese Gesetze solche des folgerichtigen Denkens sein, so wird das Denken, wenn es gemäss denselben stattfindet, aus sich selbst nicht zu Widersprüchen führen dürfen.
Immerhin, auch wenn man niemals von gegebenen Gesetzen ab - weicht, bleibt aber die Möglichkeit, durch Enthaltung von gewissen Schlussfolgerungen dem Widerspruch ständig auszuweichen, sich z. B. in einem Zirkel immerfort zu bewegen, welcher solchen Widerspruch nicht berührt. So wenigstens, sobald der Gedankenverlauf durch jene Gesetze nicht vollkommen bestimmt erscheinen sollte — wie wir uns denn in der That bewusst sind (auch bei folgerichtigem Denken) uns doch den verschiedensten Dingen in freier Entschliessung noch zu - wenden, beliebigen Stoffs uns bemächtigen, kurz: in sehr verschiedenen Richtungen noch weiterdenken zu können.
Es würde demnach die Widerspruchslosigkeit des „ folgerichtigen “Denkens als Kennzeichen desselben sich höchstens aufrecht erhalten lassen, wenn sie gefordert wird für den ganzen Bereich der nach den Gesetzen dieses Denkens noch möglichen Denkhandlungen oder Schluss - folgerungen.
Ob dies nun eine hinlängliche Bestimmung für die Folgerichtigkeit des Denkens ergäbe, scheint eine schwierige Frage zu sein. Für be - stimmt begrenzte Gedankensphären, wenigstens, glaube ich dieselbe ver - neinen zu müssen und dünkt mich, dass gerade die im gegenwärtigen Buch entwickelte Theorie dieses folgerichtigen Denkens Material dafür liefert, um (hiefür) die Unzulänglichkeit jener Begriffsbestimmung be - sonders schlagend darzuthun.
Hier nämlich wird dieses Denken, auf seinen knappsten Ausdruck reduzirt, sich als ein Kalkul darstellen. Nun lassen aber zahllose in sich vollkommen konsequente Kalkuln sich aufstellen, die gleichwol nichts weniger als die Gesetze des logischen Denkens ausdrücken, und die, weil sie derselben Zeichen sich bedienen, doch auch als Gesetze eines gewissen Denkens gedeutet werden könnten. Der logische Kalkul ist in der That nur einer von unzähligen in sich widerspruchsfreien Kalkuln — die aber in ihren Grundgesetzen oft äusserst weit von einander abweichen.
Wofern nur die unbeschränkte Deutungsfähigkeit solcher Kalkuln, ihre Anwendbarkeit auf alle erdenklichen Objekte des Denkens, sich auch von vornherein absehen liesse, würde ich keinen Anstand nehmen, schon überhaupt die Konsistenz, oder Verträglichkeit mit sich selbst,8Einleitung.für allein noch nicht ausreichend zu erklären, um die Gesetze des logischen Denkens zu bestimmen. Solange aber Obiges noch ununter - sucht geblieben, brauchen wir zu der Frage auch nicht definitiv Stellung zu nehmen.
Der vorstehend genommene Anlauf dürfte indess schon genügen, um erkennen zu lassen, dass der Versuch, von dieser Seite die Auf - gabe in Angriff zu nehmen, in grosse Schwierigkeiten von vornherein verwickeln muss.
Nicht überflüssig scheint es, erinnernd hervorzuheben, dass vorstehende Betrachtung sich beschränkte auf das Gebiet rein deduktiver Denkhandlungen, wobei also eine Berufung auf neue Erfahrungen von vornherein ausge - schlossen war.
Wenn dagegen auch diejenigen Widersprüche mit in Berücksichtigung gezogen werden sollten, welche eintreten können zwischen unsern Denk - handlungen und dem Zeugniss der Sinne, den Thatsachen der Wahrnehmung (genauer den durch letztere unweigerlich provozirten Denkhandlungen oder Urteilen), so dürfte die Frage sich anders stellen.
War auch dieselbe für das erwähnte engere Gebiet vielleicht verneinend zu entscheiden, so bleibt es unbenommen, sie für das weitere Gebiet alles Denkens überhaupt noch in gewissem Sinne zu bejahen, nämlich als das Kriterium der Wahrheit für die Gesamtheit unsrer Überzeugungen doch hinzustellen die durchgängige und widerspruchslose Übereinstimmung alles auf diese gegründeten Denkens mit sich selbst, sofern dieselbe auch bei allem ferneren Zuwachs an Erfahrung sich fort und fort bewährt und von dem Bewusstsein folgerichtigen Schliessens schon gestützt und getragen ist. Jedenfalls wird hierbei (wenn solcher Zustand erreicht) das Denken sich immer schon beruhigen und faktisch jeder Zweifel schwinden.
ζ) Es wird demnach zu billigen sein, dass von neueren Schrift - stellern der vorstehend charakterisirte Standpunkt auch nicht mehr eingenommen wird. Vielmehr findet sich von den meisten, die die Frage berühren, der Umstand anerkannt, um welchen sich augenschein - lich durchaus nicht herumkommen lässt, dass dem Begriff des folge - richtigen Denkens eine Annahme, ein Dogma zugrunde liegt, welches sozusagen den „ Glauben des Logikers “bildet.
Wir haben unter β) eine solche Annahme bereits als eine Voraus - setzung der Wissenschaften (im allgemeinen) angedeutet, müssen je - doch für die formale Logik die Annahme anders und enger fassen.
In einer durchaus haltbaren Weise scheint mir solches vonseiten Sigwart's geschehen, aus dessen lesenswertem Werke1 ich hier be - sonders die Lektüre der Einleitung und namentlich der Paragraphen 1 und 3 der letzteren empfehle.
Die darin gegebenen Ausführungen des genannten Autors vermöchte ich einerseits nicht besser darzustellen und möchte dieselben auch nicht9Einleitung.mit andern Worten wiedergeben und andrerseits sind dieselben doch zu umfangreich als dass es ratsam erscheinen könnte, sie hier wörtlich auf - zunehmen.
Wenn ich daher mich damit begnüge — verknüpft mit anderweitigen Betrachtungen —, hier nur den Grundgedanken Sigwart's zur Darstellung zu bringen, so darf nicht verhehlt werden, dass derselbe, solchergestalt herausgerissen aus dem festen Gefüge seiner Ausführungen, vielleicht an überzeugender Kraft verliert.
Folgerichtig oder logisch mögen wir (mit Sigwart) das Denken nennen, wenn es für den prüfenden Verstand mit dem Bewusstsein der Selbstverständlichkeit oder Evidenz verknüpft ist, wenn eine „ Denk - notwendigkeit “uns zwingt, dasselbe mit der Überzeugung absoluter Ge - wissheit zu vollziehen. *)Die Leichtigkeit, mit welcher diese Erklärung auch scheint missbraucht werden zu können, benimmt derselben nichts von ihrer Richtigkeit.
Es bedarf diese Erklärung indess mehrfacher Erläuterungen und Ergänzungen.
Zunächst: der rein persönliche Charakter, das subjektive Moment, welches der Folgerichtigkeit des Denkens nach obiger Erklärung an - zuhaften scheint, wird aufgehoben, das folgerichtige Denken wird dieser Besonderheit entkleidet durch den Glauben, dass es eine für alle Intelli - genzen verbindliche — weil eben objektiv begründete — Denknotwendig - keit gebe.
„ Widersprüche “kann dieses Denken darum nicht enthalten, auch nicht zu solchen mit sich selber führen, weil es eben dem Verstande unmöglich fällt, solche mit Bewusstsein zu vereinigen, weil jene Denk - notwendigkeit uns namentlich zwingt, von zwei einander direkt (kontra - diktorisch) widersprechenden Urteilen das eine anzunehmen, das andre zu verwerfen.
Die Induktionsschlüsse können, wie schon angedeutet, die Über - zeugung absoluter Gewissheit, ganz unfehlbarer Wahrheit, nicht ge - währen**)Denn was auch tausendmal schon gleichmässig eingetroffen, braucht darum doch nicht das 1001te Mal wieder einzutreffen. und gehören demnach samt allem empirischen Erkennen, nicht in den Bereich des folgerichtigen Denkens.
Für letzteres bleiben als das Substrat, welches somit das Thema der deduktiven Logik zu bilden hat, nur übrig:
Erstens die sogenannten „ analytischen Wahrheiten “, „ Truismen “, sich darstellend als „ identische Urteile “— wofür als ein Beispiel hier nur etwa der Satz angeführt sei: „ Alle schwarzen Krähen sind schwarz. “ Es sind das Urteile, welche unabhängig von allen Erfahrungsthatsachen10Einleitung.die Überzeugung von ihrer Wahrheit in sich selbst tragen, zu deren Anerkennung wir gezwungen sind kraft des Sinnes, den wir den Worten beilegen.
Mit Lotze1 (p. 573) zu reden, wäre schon die Thatsache der Selbst - verständlichkeit bei solchen Urteilen, bei den „ apriorischen Wahrheiten “merkwürdig.
Soweit dieselben auf die Zahl Bezug haben, werden hier diese Urteile grösstenteils den arithmetischen Spezialwissenschaften überlassen.
Im übrigen werden diese, zwar eine unentbehrliche Grundlage alles Denkens bildenden, aber ebendeswegen als überflüssiger Ausdruck des Selbst - verständlichen gewöhnlich mit Übermut übergangenen Urteile in diesem Buche eine besonders eingehende Beachtung finden. Unsre Betrachtungen würden uns sogar in den Stand setzen, diese Urteile innerhalb irgend welcher Grenzen, die durch eine nicht zu überschreitende Komplikation ihres Aus - drucks gegeben werden mögen, gewünschtenfalls mit Leichtigkeit auch voll - ständig aufzuzählen.
Zweitens bleibt das denknotwendige Fortschreiten von schon vor - handenen Überzeugungen*)Diese können auch provisorisch angenommene, können blosse „ Annahmen “(Hypothesen) sein., sei es wirklichen, sei es blos vermeintlichen Erkenntnissen, zu neuen Überzeugungen (wirklichen resp. fraglichen Erkenntnissen), das ist eben die eigentliche Deduktion. Und deren Gesetze zu erforschen, wird unsre Hauptaufgabe bilden.
Nach dem Gesagten dürfen, wenn jenes Fortschreiten ein rein deduktives sein soll, in dessen Verlauf keine neuen Wahrnehmungen an den Dingen selbst, um deren Erkenntniss es sich handelt, hinzu - gezogen, es darf nicht an Erfahrungsthatsachen dabei appellirt werden, die nicht unter den „ schon vorhandenen “, den zum Ausgangspunkt der Deduktion genommenen Erkenntnissen oder Überzeugungen bereits ein - registrirt wären. Diese heissen die „ Prämissen “und die aus ihnen abgeleiteten Überzeugungen oder Erkenntnisse heissen die „ Konklu - sionen “der Deduktion; der Übergang von den erstern zu den letztern wird (deduktives) Schliessen, Folgern genannt.
Gleichwol verzichtet die Deduktion nicht ganz auf das mächtige Hülfsmittel der Wahrnehmung. Zugelassen nämlich sind Beobach - tungen an den Namen oder Zeichen der Dinge. Gerade in ihren höch - sten Formen, wenn die Deduktion die verwickeltsten ihrer Aufgaben rechnerisch bewältigt, zeigt sich solches Beobachten der Zeichen als ein wesentliches und charakteristisches Merkmal derselben. Ein Blinder wird bei gleicher Begabung, eben wegen seines mangelhaften Beob - achtungsvermögens in der angedeuteten Richtung, dergleichen deduk -11Einleitung.tive Aufgaben nicht so leicht zu lösen im Stande sein, wie ein Sehender. Und auf der Gründlichkeit und Sorgfalt, mit der*)Zufolge des Verharrens, der Beständigkeit oder Permanenz der Schrift - zeichen — weil m. a. W. ein x sich nie von selber in ein u verwandelt. Be - obachtungen dieser Art immer ausgeführt werden können, beruht mit die grosse Zuversicht, mit welcher wir die Ergebnisse der Deduktion acceptiren.
Indem unter den Prämissen des deduktiven Schliessens auch solche Sätze figuriren können, welche das Ergebniss einer Wahrnehmung an den Objekten der Untersuchung selbst und ferner auch von auf der - gleichen Wahrnehmungen gegründeten Induktionsschlüssen darstellen, mithin als absolut zuverlässig nicht angesehen werden dürfen, liefert uns die Deduktion namentlich ein Mittel, die Richtigkeit gemachter Induktionen durch das, was denknotwendig aus ihnen folgt, durch ihre Konklusionen oder Konsequenzen zu prüfen. Sobald sich auch nur eine von diesen Konsequenzen mit den Thatsachen oder als zuverlässig anzusehenden, ferneren Wahrnehmungsergebnissen unver - einbar erweist, ist mindestens eine von den nicht denknotwendigen Prämissen zu verwerfen. Solange dagegen auch alle ihre Folgerungen sich empirisch bewahrheiten, können die Induktionsschlüsse aufrecht erhalten und zur Grundlage einer „ Theorie “genommen werden, welche die Erscheinungen zusammenfassend zu beschreiben und zu erklären beansprucht.
Auf diese Weise wird die Deduktion zu einem mächtig fördernden Hülfsmittel aller induktiven Wissenschaften. Wogegen sie ihrerseits, wie wir gesehen haben, der Induktion nicht nur entraten kann, son - dern vielmehr dieselbe ausschlieſst. Dieser Umstand rechtfertigt auch das Voranstellen der deduktiven vor die induktive Logik.
η) Wenn vorstehend wiederholt von einer „ Denknotwendigkeit “ge - sprochen wurde, so ist (mit Sigwart) darauf aufmerksam zu machen, dass sich von einer solchen in zweierlei Sinne reden lässt.
Wir haben eine physikalisch-physiologisch-psychische, die „ psycho - logische “oder subjektive Denknotwendigkeit zu unterscheiden von der „ logischen “oder objektiven.
Die erstere ist der Grund, weshalb ein Mensch gerade so denkt, wie er eben wirklich denkt. „ Psychologisch betrachtet mag man alles, was der Einzelne denkt, für notwendige, d. h. gesetzmässig aus den jeweiligen Voraussetzungen erfolgende Thätigkeit ansehen; dass gerade12Einleitung.dies und nichts anderes gedacht wird, ist notwendige Folge des Vor - stellungskreises, der Gemütsstimmung, des Charakters, der augenblick - lichen Anregung, welche das einzelne Individuum erfährt “(Sigwart1, p. 5 u. 6). Diese Notwendigkeit ist für den Denkenden eine absolute; aber für verschiedene Menschen, und für dieselbe Persönlichkeit bei verschiedenen Gelegenheiten, ist sie oft verschieden; sie gebiert, ruft hervor da richtiges, dort falsches, unlogisches Denken. Thatsächlich wird ja sehr vielfach auch unlogisch gedacht.
Die andre, die letztere Notwendigkeit scheint weniger leicht zu fassen. Gerade sie aber, indem sie dem Denken die Folgerichtigkeit vorschreibt (und unter Umständen auch aufnötigt), ist diejenige Denk - notwendigkeit, die wir bei obigen Erklärungen im Sinne hatten.
ϑ) Sie würde sich — zunächst als ein noch unverwirklichtes Ideal — charakterisiren lassen als diejenige Notwendigkeit, welche unser Denken beherrschen muss, wofern es seinen Zweck erreichen soll: das Erkennen.
In der That: nicht um Naturgesetze des Denkens handelt es sich in der Logik (diese als die Gesetze, nach denen wirklich gedacht wird, bleiben der Psychologie überlassen), sondern um normative Gesetze, Gesetze, welche die Richtschnur, Norm des Denkens bilden müssen, damit es jenen Zweck des Erkennens erreiche. Im Hinblick auf ihre Beziehung zu, Abhängigkeit von diesem Zwecke wäre also diese Denk - notwendigkeit auch als eine relative zu bezeichnen.
Sie wäre, genauer gesagt, hinzustellen als der Inbegriff aller der Gesetze, allgemeinen Schemata oder Methoden, durch deren Befolgung man erstens von richtigen Überzeugungen, Erkenntnissen ausgehend, stets wieder nur zu richtigen Erkenntnissen geführt wird, und zweitens, so - fern solchen Gesetzen etwa auch selbständige Urteile entspringen sollten, gemäss welcher nur absolut gewisse und wahre gebildet werden können.
Nun frägt sich aber: wie lässt sich solches Ideal verwirklichen?
Empirisch, indem man diese oder jene Gesetze für alle Fälle durchprobirt, gewiss nicht! Nicht allein bleiben auch die für am sichersten gehaltenen unsrer Überzeugungen immer noch der An - zweifelung, Skepsis, ausgesetzt, sondern es wäre jedenfalls auch aus - sichtslos, die unendliche Fülle der Möglichkeiten erschöpfend durch - gehen zu wollen.
ι) Wie lässt sich dennoch jenes objektiv notwendige Denken von dem zufälligen, dem subjektiv verschiedenen unterscheiden? Da wir aus der Jurisdiktion unsrer subjektiven Denknotwendigkeit doch13Einleitung.niemals herauszutreten, uns nie von dieser zu emanzipiren vermögen, so müssten wir solches für ganz hoffnungslos erklären, wenn uns nicht gelegentlich in Gestalt des intuitiven oder unmittelbaren „ Einleuchtens “die Empfindung der Evidenz zuhülfe käme, wenn wir nicht an dem Bewusstsein der letzteren jenes erstere Denken erkennten.
Eine leidenschaftslose eingehende Prüfung der Form unsres Denkens durch unsern Verstand verschafft uns (mit subjektiver Denknotwendig - keit) die Überzeugung, lässt es uns als evident erkennen, dass es all - gemeine Gesetze für das im obigen Sinne „ folgerichtige “Denken gibt, und wie sie beschaffen sein müssen.
Die Erfahrung dieses unmittelbaren Bewusstseins der Evidenz, welches einen Teil unsres Denkens begleitet, und der Glaube an seine Zuverlässigkeit — und demzufolge auch Gemeinverbindlichkeit — ist ein Postulat, über welches nicht zurückgegangen werden kann. Der Glaube an das Recht dieses Gefühls ist der letzte Ankergrund aller Gewissheit überhaupt. Wer dieses nicht anerkennt, für den gibt es keine Wissenschaft, sondern nur zufälliges Meinen (Sigwart1, p. 15).
ϰ) In dem Streben nach unserm Ziele darf uns sonach die Über - zeugung trösten, dass unter bestimmt erkennbaren Umständen die objektive Denknotwendigkeit, auf die wir fahnden, allemal auch zur subjektiven wird. Namentlich fallen beide Denknotwendigkeiten auch immer dann zusammen, wenn es sich um die Vereinigung von unmittel - baren Widersprüchen handelt.
Sehr treffend sagt in dieser Beziehung F. A. Lange1 p. 27 und 28:
„ Der Satz des Widerspruchs ist der Punkt, in welchem sich die Naturgesetze des Denkens mit den Normalgesetzen berühren. Jene psychologischen Bedingungen unsrer Vorstellungsbildung, welche durch ihre unabänderliche Thätigkeit im natürlichen, von keiner Regel ge - leiteten Denken sowol Wahrheit als Irrtum in ewig sprudelnder Fülle hervorbringen, werden ergänzt, beschränkt und in ihrer Wirkung zu einem bestimmten Ziele geleitet durch die Thatsache, dass wir Ent - gegengesetztes in unserm Denken nicht vereinigen können, sobald es gleichsam zur Deckung gebracht wird. Der menschliche Geist nimmt die grössten Widersprüche in sich auf, solange er das Entgegengesetzte in verschiedene Gedankenkreise einhegen und so auseinanderhalten kann; allein wenn dieselbe Aussage sich unmittelbar mit ihrem Gegen - teil auf denselben Gegenstand bezieht, so hört diese Fähigkeit der Vereinigung auf; es entsteht völlige Unsicherheit, oder eine der beiden Behauptungen muss weichen. Psychologisch kann freilich diese Ver -14Einleitung.nichtung des Widersprechenden vorübergehend sein, insofern die un - mittelbare Deckung der Widersprüche vorübergehend ist. Was in ver - schiedenen Denkgebieten tief eingewurzelt ist, kann nicht so ohne weiteres zerstört werden, wenn man durch blosse Folgerungen zeigt, dass es widersprechend ist. Auf dem Punkte freilich, wo man die Konsequenzen des einen und des andern Satzes unmittelbar zur Deckung bringt, bleibt die Wirkung nicht aus, allein sie schlägt nicht immer durch die ganze Reihe der Folgerungen hindurch bis in den Sitz der ursprünglichen Widersprüche. Zweifel an der Bündigkeit der Schluss - reihe, an der Identität des Gegenstandes der Folgerung schützen den Irrtum häufig; aber auch wenn er für den Augenblick zerstört wird, bildet er sich aus dem gewohnten Kreise der Vorstellungsverbindungen wieder neu und behauptet sich, wenn er nicht endlich durch wieder - holte Schläge zum Weichen gebracht wird.
Trotz dieser Zähigkeit des Irrtums muss gleichwol das psycho - logische Gesetz der Unvereinbarkeit unmittelbarer Widersprüche im Denken mit der Zeit eine grosse Wirkung ausüben. Es ist die scharfe Schneide, mittelst welcher im Fortgang der Erfahrung allmälig die unhaltbaren Vorstellungsverbindungen vernichtet werden, während die besser haltbaren fortdauern. *)Auch hier ein „ survival of the fittest “, Überleben der Tauglichsten. Der Verf.Es ist das vernichtende Prinzip im natürlichen Fortschritt des menschlichen Denkens, welches, gleich dem Fortschritt der Organismen darauf beruht, dass immer neue Ver - bindungen von Vorstellungen erzeugt werden, von denen beständig die grosse Masse wieder vernichtet wird, während die bessern überleben und weiter wirken.
Dieses psychologische Gesetz des Widerspruchs bedarf natürlich zu seinem Bestande und zu seiner Wirksamkeit keiner Anschauung. Es ist unmittelbar durch unsre Organisation gegeben und wirkt vor jeder Erfahrung als Be - dingung aller Erfahrung. Seine Wirksamkeit ist eine objektive und es braucht nicht erst zum Bewusstsein gebracht zu werden, um thätig zu sein.
Sollen wir nun aber dasselbe Gesetz als Grundlage der Logik auffassen, sollen wir es als Normalgesetz alles Denkens anerkennen, wie es als Natur - gesetz auch ohne unsre Anerkennung wirksam ist, dann allerdings bedürfen wir hier so gut wie bei allen andern Axiomen der typischen Anschauung, um uns zu überzeugen … „**)Ich breche das Citat mit Absicht erst bei diesen Worten ab, welche zwar von andern Seiten bestritten, doch jedenfalls für die der Lange'schen Schrift zu - grunde liegende Gesamtauffassung bezeichnend sind.
15Einleitung.Insbesondre bringt der Gang wissenschaftlicher Forschung es fort - während mit sich, dass Streit geschlichtet wird durch Verfolgung falscher Sätze in ihre Konsequenzen, und jeder apagogische Beweis ist ein Beispiel dieses Verfahrens (Sigwart1, p. 13).
λ) Im Hinblick auf die enormen unter den Menschen herrschenden Meinungsverschiedenheiten und auf die Thatsachen des Irrtums und des Streites, scheint auf den ersten Blick ein Glaube an die Ge - meinverbindlichkeit folgerichtigen Denkens nur schwer aufkommen zu können.
In diesem Glauben lässt sich die Logik gleichwol nicht beirren. Sie nimmt an, dass jene Fakta nicht sowol im Intellekte begründet sind, als vielmehr ganz andern Ursachen zur Last fallen.
Zumeist entspringen jene Meinungsverschiedenheiten schon aus der Nichtübereinstimmung der Prämissen des Schliessens, deren Erfassung bei verschiedenen Denkern nach verschiedenen Richtungen mangelhaft erscheint und die sich häufig nicht zu dem wünschenswerten Grade der Klarheit im Bewusstsein emporgearbeitet haben, über die denn auch eine hinreichende Verständigung nicht stattgefunden hat. Viele Menschen verschliessen auch ihr Bewusstsein gewissen Erkenntnissen.
Doch, sofern selbst die Prämissen deduktiven Schliessens noch leidlich übereinstimmen, sind die Schlussfolgerungen oft noch verschieden wegen mangelnder oder unvollständiger, nicht gründlich genug vollzogener Prüfung der im Bewusstsein aufgenommenen Objekte des Denkens durch den Ver - stand vonseiten des einen oder andern Denkenden. Solches kann veranlasst sein durch Denkfaul - (oder zarter ausgedrückt: - träg) heit, Schwerfälligkeit auf der einen Seite, durch die Scheu vor der geistigen Anstrengung nicht nur im gegebenen Falle, sondern auch durch den Mangel an Denkfertigkeit und Gewandtheit, an geistiger Schulung und Disziplin im Denken, welche jene Disposition im Gefolge zu haben pflegt — und der grossen Menge gilt in der That das „ Kopfzerbrechen “für die allerunangenehmste Arbeit. Andrer - seits wird häufig Ungeduld und Übereilung, ein lapsus attentionis etc., auf das Zustandekommen fehlerhafter Schlüsse hinwirken. So in der That schon bei ganz aufrichtigen Überzeugungen.
Dazu kommt aber noch die Dazwischenkunft, Intervention des Gemütes mit seinen Leidenschaften, welche dahin wirken, dass der Mensch, mitunter sich selbst unbewusst, oder auch sich beschwindelnd, einer in seinem (wirk - lichen oder vermeintlichen) Interesse liegenden, einer ihm genehmen, er - wünschten, schmeichelhaften Konklusion den Vorzug zu geben sucht vor der logisch berechtigten. Namentlich kommt oft das Übergewicht in Betracht, welches die Eitelkeit mit in die Wagschale legt, indem sie den Menschen geneigt macht, bei eingewurzelten, überhaupt bei den einmal von ihm ge - fassten Meinungen mit dem Dünkel der Unfehlbarkeit zu verharren, und Anderes mehr. Die Logik von Port-Royal1 schon entrollt uns ein aus feiner Beobachtung hervorgegangenes psychologisches Bild in beregter Hinsicht.
16Einleitung.Man könnte auch die Frage aufwerfen, ob für den weiblichen Intellekt dieselbe Denknotwendigkeit verbindlich ist wie für den männlichen. *)Bedeutsam sagt z. B. ein feiner Menschenkenner, Bodenstedt (in Mirza - Schaffy):Frauensinn ist wohl zu beugen, Ist der Mann ein Mann und schlau, Aber nicht zu überzeugen: Logik gibt's für keine Frau. Frau'n kennen keine andern Schlüsse Als Krämpfe, Thränen und Küsse. Auch die auf diesem Gebiete zutag tretenden Gegensätze schieben wir aber auf Rechnung vor allem der bei beiden Geschlechtern so verschiedenartigen Vor - bildung und Schulung des Geistes, sodann auch auf Unterschiede des Tem - peramentes und der Neigungen, welche beim weiblichen Geschlechte reiner Verstandesthätigkeit im allgemeinen abgewendet sind. **)Nicht ohne Ausnahmen. Wir werden in diesem Werke auch mit den Leistungen einer Dame auf dem Gebiet der rechnenden Logik Bekanntschaft zu machen haben.
Aus alledem geht hervor, dass unser wirkliches Denken in den Urteilen, die es erzeugt, seinen Zweck häufig verfehlt (cf. Sigwart1, p. 9); dass diese Urteile teils von dem einzelnen Denkenden selbst wieder aufgehoben werden, indem die Überzeugung eintritt, dass sie ungültig sind, d. h. dass notwendig anders geurteilt werden muss, teils dass die Urteile von andern Denkenden nicht anerkannt werden, indem diese ihre Notwendigkeit bestreiten, sie für blosse Meinung und Ver - mutung erklären oder gar ihre Möglichkeit leugnen, sofern über den - selben Gegenstand notwendig anders geurteilt werden müsse.
Solche Erfahrungen müssen uns dazu anregen, uns selbst auf die Grundlagen unsres Denkens zu besinnen; in ihnen wurzelt das Be - dürfniss einer Disziplin, welche beitragen kann, dem Irrtum vorzu - beugen, den Streit vermeiden zu lehren, eventuell ihn zu schlichten, indem sie dem Verstande eine solche Vorbereitung gibt, dass ihm korrektes Denken zur Gewohnheit wird, und so darauf hinwirkt, dass das gemeinverbindliche Denken auch wirklich zum allgemeinen werde.
μ) Wir wollten uns mit den Gesetzen des folgerichtigen Denkens beschäftigen, somit des von einer für alle Intelligenzen verbindlichen Denknotwendigkeit beherrschten Denkens.
Nun kann man fragen: was ist Denken überhaupt, was Notwendig - keit, was sind Gesetze? Würde jemand diese Fragen beantworten, so könnte weiter gefragt werden, was die Worte bedeuten, mit Hülfe deren der Sinn der vorigen zu erklären versucht worden und so weiter17Einleitung.in infinitum. Wer diese Fragen fort und fort zu beantworten unter - nähme, würde in Erinnerung rufen — das Bild des Hundes, der sich in den Schwanz zu beissen sucht; er würde sich immerfort im Ring herum bewegen!
Zudem ist die exakte Beantwortung derartiger Fragen etwas höchst Schwieriges — zumeist wol ein verfrühtes Unternehmen!
Und ihr Versuch schon könnte uns von unserm eigentlichen Vorhaben immer weiter abziehen, würde uns möglicherweise gar nicht zu demselben kommen lassen, ja er dürfte uns in Untersuchungen verwickeln, die zu den schwierigsten der Philosophie überhaupt gehören, darunter manche, die Ver - fasser gern berufeneren Federn überlassen möchte. Daneben aber — und nicht zum mindesten — müsste uns solches Wagniss auch auf Untersuchungs - gebiete führen, in Bezug auf welche die Philosophen von Fach noch lange nicht einig sind, wo es annoch heisst: „ soviel Köpfe, soviel Sinne “, Gebiete, die sich eben einer exakten Behandlung bis jetzt nicht zugänglich erwiesen haben.
Und sich auf Spekulationen in derartigen Gebieten einzulassen, würde als unvereinbar erscheinen mit dem ganzen Charakter der deduktiven Logik, die ja auf das Gemeinverbindliche, unmittelbar oder mittelbar Selbstverständ - liche sich zu beschränken hat, und deren Aufgabe es vorzugsweise ist, in dem Chaos der philosophischen Systeme den gemeinsamen Boden herzustellen, auf dem jedes System fussen muss, den unumstösslich sichern Kern zu ge - winnen, um welchen die übrigen Zweige der Philosophie und Wissenschaft überhaupt ankrystallisiren mögen.
Jedenfalls, meine ich, kann es dem Verfasser eines Buches über Logik nicht zugemutet werden, die tiefsten Rätsel des Daseins über - haupt, die schwierigsten Probleme der Metaphysik, Erkenntnisstheorie, Psychologie und vielleicht auch Physiologie schon in dessen Einleitung vorweg zu lösen. Wir können eben hier nur ein Ideal aufstellen, und von dem Standpunkte aus, den jeder Mensch einnimmt, welcher die Sprache beherrscht, auf dasselbe zusteuern.
Das Ideal ist: die Gesetze folgerichtigen (weil als solches einleuch - tenden) Denkens zum Bewusstsein zu bringen, denselben einen allgemeinen und zugleich möglichst einfachen Ausdruck zu geben, sie namentlich auch auf möglichst einfache Grundlagen — auf möglichst wenige Prinzipien oder Axiome — zurückzuführen, und überhaupt dieses Denken zu einer bewussten Kunstfertigkeit zu gestalten — noch mehr: es in eine Technik zu entwickeln, welche zu irgendwie gegebenen Prämissen oder An - nahmen mit leichtester Mühe alle Folgerungen liefere, die nach irgend einer wünschbaren Richtung überhaupt gezogen werden können, auch mit unfehlbarer Sicherheit über die Folgerichtigkeit oder - unrichtigkeit einer Behauptung zu entscheiden, die richtige zu beweisen, die unbe - rechtigte oder falsche zu widerlegen gestatte.
Schröder, Algebra der Logik. 218Einleitung.In ihrem ganzen Umfange kann diese Aufgabe begreiflicherweise nicht sofort gelöst werden. Aus dem allgemeinen Hintergrunde derselben hebt sich zunächst ein elementarer Teil hervor, für welchen die Aufgabe nicht nur als lösbar, sondern bereits als definitiv und nahezu vollständig gelöst erscheinen wird (ich meine die im Englischen als „ logic of absolute terms “bezeichnete Disziplin). An ihn reiht sich ein höherer Teil (die „ logic of relatives “), dessen Behandlung sich mehr noch in den Anfangsstadien ihrer Entwickelung befindet.
Was namentlich den zu allerletzt charakterisirten Teil der Aufgabe be - trifft, so muss die künftige Entwickelung der logischen Disziplin erst vollends herausstellen, inwieweit er überhaupt durch allgemeine Methoden lösbar ist, und wann etwa zu seiner Lösung die Spezial wissenschaften einzutreten haben.
Wir könnten uns hienach mit dem bisher Gesagten begnügen, und mit dem Beginn der „ ersten Vorlesung “sogleich in medias res eintreten.
ν) Um indessen dem ersten unsrer Motti (in welchem ich eine hohe Weisheit erblicke) thunlichst gerecht zu werden, will ich mir doch gestatten, etwas weiter auszuholen, und versuchen, dem Ursprung des logischen Denkens auch noch von einer andern Seite beizukommen, denselben noch eingehender darzulegen, die angedeuteten Rätsel und Probleme wenigstens streifend.
Ich thue dies nicht ohne Widerstreben, hervorgerufen durch das Be - wusstsein subjektiver Fehlbarkeit, sowie der bei der unerschöpflichen Viel - seitigkeit des Themas höchst wahrscheinlichen Einseitigkeit der Betrachtungen. Ausdrücklich möchte ich mit diesen einleitenden Überlegungen ebenso an - spruchslos auftreten, als ich zuversichtlich der alsdann entwickelten Theorie einen hohen Grad von Vollkommenheit in sachlicher Hinsicht zuspreche, und be - merke ich zum voraus, dass auch solche Leser, die mir bei jenen nicht überall zustimmend zu folgen vermöchten, sich mittelst Überschlagung von etlichen Seiten darüber hinwegsetzen mögen und die Korrektheit sowol als Wirksamkeit der alsdann folgenden Ausführungen gleichwol nicht werden bestreiten können.
Im Anschluss an gedachte Überlegungen werde ich zudem schliesslich Gelegenheit und Veranlassung finden, mich über die Eigenart der hier be - vorzugten Darstellungsweise der logischen Theorie, und des Buches insbe - sondere, noch näher auszulassen, dieselbe in gewissem Sinne zu rechtfertigen.
ξ) Der Mensch ist sich seines Daseins unmittelbar bewusst, und schreibt sich einen Geist zu. Die Existenz des eignen Ich's in der Form der Zeit ist wol (für dieses selbst) die unzweifelhafteste, die un - bestreitbarste und auch unbestrittenste von allen Thatsachen.
Von dieser der allersichersten Thatsache sind vorsichtige Philosophen jederzeit ausgegangen und werden solche es auch in Zukunft voraussicht - lich thun müssen.
Mit dem Bewusstsein aber ist uns ein Mannigfaltiges gegeben. Eine ganze Welt von Empfindungen, Erinnerungen, Vorstellungen und19Einleitung.Strebungen — auch schon fertiger Gedanken und Überzeugungen — findet der reifere Mensch, wenn er anfängt, über sich und die Welt nachzudenken, zu reflektiren, in seinem Bewusstsein bereits vereinigt. Jedenfalls — um nur das allerwenigste zu sagen — vermögen wir Ver - schiedenes in unserm Bewusstsein zu unterscheiden, wir finden Mancherlei in ihm zusammengefasst. Auch ist der Inhalt des Bewusstseins teilweise in Veränderung begriffen; Einzelnes in ihm Vorhandene schwindet aus demselben, nicht vorhanden Gewesenes wird erzeugt, Getrenntes ver - knüpft, Verbundenes gesondert.
Solche Thätigkeit des menschlichen Geistes, welche wir Denken im weitesten Sinne des Worts nennen (mit andern Worten Innewerden, Bewusstwerden), und welche dessen ganzes Dasein ausfüllt, besteht also jedenfalls wesentlich mit in einer Vereinigung von Mannigfaltigem im Bewusstsein.
Schon dieser Vorgang hat, genauer besehen, etwas höchst Rätsel - haftes, um nicht zu sagen: geradezu Unbegreifliches.
Der naive, der ungeschulte Verstand, der Verstand auch des Mannes der Praxis, der nur gewohnt ist, über die Dinge der Aussenwelt in Bezug auf diese selbst zu urteilen, dagegen vernachlässigt auch nachzudenken über die Vorgänge, welche im denkenden Subjekte hierbei stattfinden (sowie über die Beziehungen zwischen diesen und jenen), mag sich vielleicht mit Er - forschung von Unbekanntem, mit der Lösung von Problemen beschäftigen, doch pflegt er nirgends Unbegreifliches zu erblicken. Dass solches wol vor - handen sein müsse*)Schon das blosse Dasein kann dafür gelten, wie denn jener indische Weise, dessen L. Büchner Erwähnung thut, sich jeden Morgen von neuem wunderte, dass überhaupt etwas ist, und nicht nichts ist., wird er eventuell erst mit Verwunderung inne, wenn er versucht, in den Sinn der philosophischen Lehrmeinungen einzudringen und auf den Widerstreit von diesen stösst. Wer dann aber, mit der Vor - sicht, zu welcher die Wahrnehmung solcher Diskrepanz auffordern muss, ernstlich strebt in den Born der Erkenntniss einzudringen, wird fast auf Schritt und Tritt gewahr, wie wenig gefestet, bestimmt und vollendet auch die ihm geläufigsten Begriffe sich erweisen, ja wie wenig oft die für un - erschütterlich gehaltenen Grundlagen seines gesamten Denkens feststehen.
ο) Um jenen Vorgang der Zusammenfassung oder Verknüpfung von Mehrerlei zu einer Einheit im Bewusstsein auf sein einfachstes Urbild zu reduziren, fassen wir einmal den Fall in's Auge, wo das denkende Subjekt nur zwei Dinge, z. B. Sinneseindrücke in seinem Bewusstsein vereinigt. Die Sache wird am deutlichsten, wenn wir diese aus verschiedenen Sinnesenergieen entlehnen.
Man hört den Knall des nahen Blitzes, während der Lichteindruck desselben noch nachklingt. Es sind ja wol verschiedene Organe des2*20Einleitung.Körpers, welche den Schall und den Lichteindruck aufnehmen und dem Träger des Bewusstseins, dem Gehirne übermitteln; auch von letzterem mögen noch verschiedene Teile bei der Übernahme der beiderlei Botschaften vorzugsweise beteiligt sein. Gleichwol ist der Vorgang von ganz anderer Natur, als wenn etwa ein Wesen, das blos zu hören vermag, den Donner vernähme, und ein anderes Wesen, das blos sieht, das Aufleuchten des Blitzes wahrnähme, welche beiden Wesen nimmermehr auf einander einzuwirken, einander etwas mit - zuteilen, von einander zu wissen in der Lage wären, weil das erste zur Aufnahme von Lichteindrücken unfähig, blind, das zweite taub wäre. Vielmehr ist es ein einheitliches Bewusstsein, in welchem beide Eindrücke zusammenfallen, koinzidiren, in eins verschmelzen (das heisst doch wol: sich ver-ein-igen), und dennoch unterscheidbar bleiben!
Dasselbe, wie in Bezug auf diese verschiedenartigen Sinnesein - drücke, würde sich auch ausführen lassen in Bezug auf die verschiedenen Eindrücke, welche uns von einerlei Sinnesorgan übermittelt werden, z. B. für den Fall, wo wir zwei Lichtpunkte, oder sagen wir zwei Kreidestriche auf der Schultafel, gleichzeitig wahrnehmen. Treffen auch die von beiden Strichen entsendeten Strahlen, fallen ihre (um - gekehrten) Bilder auch auf verschiedene Stellen der Netzhaut, so werden schliesslich doch die Eindrücke beider im selben Bewusstsein vereinigt, und in dieser Hinsicht würde die Sache nicht anders liegen, wenn etwa der eine der beiden Striche, oder auch beide, anstatt wahr - genommene, blos vorgestellte, Erinnerungsbilder z. B. wären.
Die Annahme, es sei gar nicht möglich, zwei (wahrgenommenen oder blos gedachten) Dingen zugleich Aufmerksamkeit zu schenken, vielmehr springe letztere immer nur zwischen beiden hin und her, scheint der Schwierigkeit, die sie zu heben trachtet, nicht mit Erfolg aus dem Wege zu gehen. Es ist doch jedenfalls zuzugeben, dass wir zwei Striche — mit dem Augenmaass z. B. — nach ihrer Länge vergleichen können, und dieses wäre ganz undenkbar, wenn nicht wenigstens ein Erinnerungsbild vom einen festgehalten und zum andern mit herübergenommen würde, in Bezug auf welches wir eben zu beurteilen vermögen, ob es mit diesem sich deckt oder nicht. Die so überaus häufige Thätigkeit des Geistes, welche auf die Wahrnehmung oder Herstellung von Beziehungen zwischen Objekten des Denkens hinausläuft, scheint deren gleichzeitige Betrachtung zur unerläss - lichen Voraussetzung zu haben. Nie würden wir — um noch ein anderes Beispiel zu wählen — ein Wort zu lesen im Stande sein, wenn im Bewusst - sein nicht (die Auffassung von) mehr als ein (em) Buchstaben auf einmal Raum hätte. Nicht nur blos gewissermassen schlummernd, latent im Bewusstsein überhaupt, sondern selbst im Felde der Aufmerksamkeit ver - mögen wir also zwei oder mehrere Wahrnehmungen oder auch Vorstellungen zu vereinigen.
21Einleitung.Als auf ein anderes Beispiel sei auf die kombinirten Töne und Har - monieen noch hingewiesen.
Diese Vereinigung, „ In-eins-setzung “von Zwei - oder Mehrerlei, diese Herstellung einer „ Vieleinigkeit “, welche sich im Bewusstsein des denkenden Sukjektes vollzieht, ist das, was ich als das Unbegreifliche des Vorgangs bezeichne. *)Wer an paradoxen Aussprüchen Freude hat, könnte sich, sofern er obigen Ausführungen folgte — m. a. W. im Hinblick auf das hervorgehobene Mysterium der Zweizahl, Mehrzahl, der Vieleinigkeit im Bewusstsein, oder wie man dasselbe nennen mag — wol versucht fühlen, dem Hegel'schen Ausspruch: „ Sein ist Nichtsein; dieser Widerspruch löst sich auf im Werden “— welchen ich in dieser Fassung Herrn Kuno Fischer's Logik entnehme — einen andern an die Seite zu setzen: „ Zwei sind eins; dieser Widerspruch löst sich auf (verwirklicht sich) im Innewerden (Bewusstwerden). “ Sonst allerdings sind zweie nirgends eines. Wenn — im Ernste gesprochen — ein denkendes Subjekt A im Geist zwei Dinge b und c zugleich erschaut, so erzeugt sich in diesem Geiste eines (ein „ Ding “): die Anschauung von „ b nebst c “, aus welcher nicht nur diejenige von b, oder die von c, jeden Augenblick losgelöst und isolirt zu werden vermag, sondern in welcher sogar, obzwar sie „ eins geworden “, diese beiden Anschauungen auch stets gesondert, als zweie, empfunden sind.Der Versuch, die Herstellung zweier Bilder an verschiedene Stellen des Hirns zu verlegen — wenn man doch dem letztern insbesondere, und der materiellen Welt überhaupt, Wirklich - keit zuschreiben will — lässt deren Wechselwirkung aufeinander, lässt die Einheitlichkeit des Bewusstseins, der Versuch, sie an dieselbe Stelle (oder dieselben Stellen) zu verlegen, lässt ihre Unterscheidbarkeit wol unbegreiflich erscheinen.
π) Einerlei, wie die Wissenschaft in vorgeschritteneren Stadien sich das Wesen dieses Vorgangs auch zurechtlegen wird, so haben wir uns hier mit der Thatsache abzufinden, dass in dem einheitlichen Bewusst - sein des Ich's gar Mannigfaltiges verknüpft, zusammengefasst oder vereinigt erscheint, dass wir unmittelbar inne werden einer Mannig - faltigkeit (wie gesagt) von Empfindungen und Vorstellungen, Gemüts - zuständen und Willensstrebungen, welche teilweise als sich forterhaltend oder neu immer wieder erzeugend, teilweise als im Wechsel oder Fluss, in Änderung befindlich sich uns offenbart (zuweilen sich zu eigner Thätigkeitsäusserung steigernd), und in welcher sich namentlich auch die Gedanken entwickeln.
Dieser mannigfaltige Inhalt des Bewusstseins mit seinen auf - einanderfolgenden (genauer: sich an einander reihenden) Zuständen, seinen successiven Phasen, füllt das Leben des Individuums oder denkenden Subjektes aus. Er ist eine Welt für sich, ein (Mikro -) Kos -22Einleitung.mos, den wir kurz, wenn auch nicht erschöpfend, die Ideenwelt, Gedankenwelt des Individuums nennen mögen.
ϱ) Was uns zur Anerkennung auch des Makrokosmus, der Aussen - welt nötigt, zwingt, ist die schon von früh auf gemachte und seitdem fast unaufhörlich wiederholte Wahrnehmung resp. innere Erfahrung, dass wir über gewisse Teile der uns unmittelbar bewussten Gedanken - welt nicht willkürlich verfügen können.
Schon der Säugling kann das Gefühl des Hungers nicht willkürlich beseitigen, kann sich dem Eindruck blendenden Lichtes, wenn er etwa schlafen möchte, nicht verschliessen. Andere Teile unsrer Gedankenwelt, dagegen, sind wir uns unmittelbar bewusst, selbstthätig, frei, nach unserm Willen zu gestalten. Wir können uns z. B., sobald es uns beliebt, einen grünen Tannenbaum vorstellen, oder, wenn wir mögen, auch einen schnee - bedeckten, desgleichen rote Farbe, etc. etc. Wir mögen uns angenehmer Erlebnisse, einer hübschen Melodie erinnern und uns auch bessere Zustände hoffnungsfreudig ausmalen. Schwerer schon fällt es, unangenehme Er - innerungen los zu werden.
σ) Einzelnes, was in unser Bewusstsein eintritt, empfinden wir unangenehm als Schmerz, Leid, Ärgerniss, Kummer; Manches lässt uns als ein gleichgültig Empfundenes indifferent, Anderes empfinden wir als angenehm mit Genuss, Lust, Wohlbehagen, Freude. Jenes erstere veranlasst uns, die Beseitigung, dieses letztere, die Fortdauer, eventuell Wiederholung seiner selbst zu erstreben. Abermaliges Rätsel: das Wesen der Affekte, von Zu - und Abneigung, von Schmerz und Lust.
Dass beides, wenn auch vermutlich davon bedingt und stets davon begleitet, nicht — wie nach der materialistischen Weltanschauung — lediglich in Bewegungszuständen, in einem mehr oder weniger rhythmisch ausgeführten Tanze unsrer Gehirnmoleküle bestehen könne, dass auch der vollendetste Automat noch kein fühlender Mensch wäre, Empfindung über - haupt nicht auflösbar ist in Bewegung, steht mir vorderhand dogmatisch fest. Dafür gegebene „ Beweise “vermag ich indessen als solche nicht anzuerkennen.
τ) Durch unsre physischen und psychischen Triebe, durch die Ab - neigung, auch Furcht, vor Schmerz, sowie die Erwartung von, Aus - sicht auf Genuss bedingt, bilden sich Wünsche in uns aus, werden wir uns gewisser Willensstrebungen, eines bestimmten Wollens un - mittelbar bewusst; wir nehmen Willensakte in uns vor. Und diese Thatsache des Vorhandenseins eines menschlichen Willens nun hängt auf das innigste mit der Anerkennung der Aussenwelt zusammen; sie scheint geradezu eine Vorbedingung*)Auch umgekehrt würde unser Wille unfähig sein in die Erscheinung zu treten ohne das Hinzukommen der Aussenwelt als eines Gegenstandes, an welchem derselbe sich erprobt, bethätigt und übt. zu dieser zu bilden, indem die23Einleitung.letztere in dem erkannten Unvermögen wurzelt, das Gewollte sofort, durch blosse geistige Thätigkeit des Ich in allen Fällen zu verwirklichen.
Das Wesen des Willens bildet ein vielbehandeltes und gleichwol noch nicht ergründetes Thema. Es ist eine Frage, welche die Philosophen zur Zeit noch in zwei grosse Lager spaltet: ob der menschliche Wille wirklich frei sei (und was ist Freiheit?), oder ob — mit Spinoza — die mensch - liche Freiheit, deren Alle sich rühmen, lediglich darin besteht, „ dass die Menschen sich ihres Wollens bewusst und der Ursachen, von denen sie bestimmt werden, unbewusst sind “; dergestalt, dass die Gedanken und Handlungen des Menschen lediglich eine Funktion sind („ Funktion “im mathematischen Sinne) der Zustände, aus denen der Mensch hervorgegangen, der inneren und äusseren Umstände, unter deren Herrschaft er gerade steht — eine Weltanschauung, nach welcher z. B. ein Mensch, der, wie er meint, freiwillig den Arm aufhebt, vergleichbar wäre einer (nur allerdings mit Bewusstsein begabten!) Marionette, die, während ihr mit naturgesetz - licher Notwendigkeit der Arm durch einen Draht emporgezogen wird, blos in dem Wahne stünde, denselben selbst zu heben. *)Wahrscheinlich ist dieser Vergleich eine Reminiscenz aus einer früheren Auflage von Herrn Ludwig Büchner's „ Kraft und Stoff “; in der mir vorliegenden 16. Auflage — Leipzig 1888, 512 Seiten — habe ich denselben jedoch vergeblich gesucht.
Die Frage ist von tiefgreifendster Bedeutung namentlich für die Rechtspflege und für die Beurteilung jenes schlimmsten aller Übel — der Schuld.
Unleugbar zeigen nun die Fortschritte der Naturforschung, besonders auf dem Gebiete der Physiologie und Psychiatrik, unterstützt auch durch die Statistik der menschlichen Gesellschaft, eine stetig steigende Tendenz, das Gebiet der möglicherweise noch für frei zu haltenden, nämlich einer nachweisbar zwingenden Bestimmung entbehrenden Lebensäusserungen des Menschen einzuengen; und es mögen darum Naturforscher und Irrenärzte mehr zu der letzterwähnten Ansicht neigen. Ich stehe meinerseits nicht an, mich zu derselben zu bekennen, und zwar meine ich, dass schon ein Jeder zu demselben Ergebniss kommen muss, wofern wir nur ohne vor - gefasste Meinung uns selbst darauf besinnen, was denn eigentlich in uns vorgeht, wenn wir einen Entschluss zu fassen haben? Kommt uns kein Zweifel an bezüglich dessen, was in einem gegebenen, vorliegenden Falle zu thun sei, so handeln wir entweder instinktiv nach einem unbewusst und ohne unser Zuthun von Natur in uns entstehenden Impulse, oder wir folgen dabei sozusagen mechanisch einer schon von früher überkommenen (und seinerzeit naturgesetzmässig erworbenen) Gewöhnung. Von freier Entschliessung wird erst dann zu sprechen sein, wenn mehrere Möglich - keiten des Handelns sich dem Geiste zur Auswahl darbieten, m. a. W. wenn wir im Zweifel sind, was thun. Hier dürfte nun die Thatsache nicht in Abrede zu stellen sein, dass sooft wir so für eine Handlung uns zu ent - scheiden haben, es wiederum von unserm Willen völlig unabhängig erscheint, welche Erinnerungen, Vorstellungen und Überlegungen sich uns bis zum24Einleitung.Moment des Handelns aufdrängen, und welche zuletzt das Übergewicht er - halten, die That bestimmend.
Des weiteren sei in Bezug auf die angeregte interessante Frage auf Herrn Emil du Bois-Reymond's bekannte Schrift „ Die sieben Welträthsel “und den darin citirten merkwürdigen Ausspruch des Abbé Galiani ver - wiesen. Die Arbeit von Ludwig Dieffenbach1 bekundet grosse Belesenheit des Verfassers und betrachtet mit Scharfsinn auch juristische Fragen vom deterministischen Standpunkte. *)Für jede Weltanschauung, ja fast für jede Ansicht, hat die Philosophie einen „ … ismus “als Namen parat. Da gibt es einen Nominalismus, Realismus und Konzeptualismus, einen Materialismus, Sensualismus, Naturalismus und Ratio - nalismus, einen Idealismus, Spiritualismus, Spiritismus, Supernaturalismus und Mysticismus, einen Eklekticismus, etc. und nicht genug damit: es müssen auch noch Personennamen zu weitern „ … ismussen “herhalten wie in Platonismus, Skotismus, Kantianismus, Schopenhauerianismus etc. Wer sich über die damit zu verbindenden Begriffe und ihre im Lauf der Jahrhunderte zum Teil recht schwankenden Bedeutungen orientiren will, mag ein gutes Konversationslexikon zu rate ziehen. Hüten aber muss man sich davor, eine Ansicht über die Dinge, schon darum, weil sie eine derartige Benennung gefunden hat, nunmehr für einen längst abgethanen und überwundenen Stand - punkt halten zu wollen. Nicht wenige dieser „ ‥ ismusse “floriren noch lustig weiter und hängen eben mit fundamentalen Fragen zusammen, welche die Philo - sophie noch keineswegs zum Austrag zu bringen vermocht bat. Mit unsrer Einleitung gingen wir unsrer Überzeugung gemäss aus vom „ idealistischen “Standpunkte. Die oben vorgetragenen (damit sehr wohl verträg - lichen) Anschauungen über die Willensfreiheit, nach welchen auch der Mensch mit seinem Fühlen, Thun und Denken keine Ausnahme in der allgemeinen Gesetzmässig - keit der Natur bildet, führen den Namen des „ Determinismus “, und werden die Gegner dieses Standpunktes auch als „ Indeterministen “bezeichnet.Von Neueren behandelt Riehl2 Bd. 2, p. 216 sqq. das Problem der Willensfreiheit besonders eingehend und, wie mir scheint, in mustergültiger Weise.
Ich würde es, nebenbei gesagt, für einen grossen Segen halten, wenn die Überzeugung von der Naturnotwendigkeit alles menschlichen Denkens und Handelns Gemeingut aller Gebildeten würde. Diese Weltanschauung, welcher unter den Dichtern der Neuzeit Herr Arthur Fitger prägnanten und poetischen Ausdruck verliehen, müsste — im Einklang mit dem schönen Gebot der Nächstenliebe und vielleicht wirksamer als diese nur allzuoft nicht vorhandene oder fast unmögliche — naturnotwendig dahin wirken, der Animosität, dem Hass und der Verdammungssucht jeglichen Boden, auf dem sie gedeihen könnten, zu entziehen und auch ein gutes Teil Über - hebung aus der menschlichen Gemeinschaft zu tilgen. Sofern die Hand - lungen des Individuums in erster Linie vom Stande seiner Einsicht ab - hängig, durch diesen sich bestimmt erweisen, würde sich für einen Jeden das praktische Gebot ergeben, vor allem auf Richtigstellung, Hebung und Vertiefung der Einsicht — eigner, wie fremder — bedacht zu nehmen. Bei der Beurteilung des Nebenmenschen würde man stets die in Madame de Staël's klassischem Spruche: Alles verstehen hiesse alles verzeihen, „ Tout25Einleitung.comprendre, c'est tout pardonner “(als Subjekt) enthaltene Voraussetzung zu verwirklichen suchen und damit eine Erkenntniss zu gewinnen streben, deren Erwerbung durch jene oben genannten Affekte in der Regel voreilig verhindert wird. Jene Weltanschauung müsste endlich die Mahnung in sich schliessen, bei dem Kampfe gegen das Übel in dem Verfahren gegen Übelthäter nicht über das zum Schutze des Einzelnen und der Gesellschaft erforderliche Maass hinauszugehen.
Wir brauchen indess zu obiger Frage hier keine Stellung zu nehmen, und genügt uns die Thatsache, dass unser Wille — sei er auch von einer uns unbewussten Notwendigkeit durchaus bestimmt, sei unsre Willensfreiheit auch nur Illusion — doch innerhalb unsres Bewusstseins wenigstens als frei erscheint, nämlich als ein freier unmittelbar empfunden wird. Diese Thatsache ist nicht nur unbestritten, sondern: dass wir überzeugt sind, frei zu denken, und auch (innerhalb der Grenzen des uns physisch Möglichen) frei zu handeln glauben, bildet sogar eine der am tiefsten eingewurzelten menschlichen Überzeugungen. (l. l. c. c.)
υ) Demjenigen nun, was in unserm Bewusstsein als unfrei em - pfunden wird, sich dem unmittelbaren Einfluss unsres Willens entzieht, schreiben wir eine ausser uns liegende Ursache zu, und die Gesamtheit dieser Ursachen, denen wir ein eigenes Dasein, eine selbständige Exi - stenz — ähnlich der unsrigen (genauer: derjenigen des Ich's) — bei - legen, bildet für uns das Nicht-ich oder die Aussenwelt.
So, was wir sehen, hören, tastend fühlen, etc., gestaltet sich (als eine unfreiwillige Empfindung) zunächst zur Anschauung von etwas ausser uns Befindlichem. Der passiv empfangene Sinneseindruck löst in der Regel, um als Empfindung in's Bewusstsein einzutreten, eine rezeptive Thätigkeit des Geistes aus, und diese setzt sich noch über die Empfindung hinaus fort, indem sie Veranlassung wird, dass wir (aktiv) uns eine Vorstellung bilden von dem Gegenstand, der sie hervorruft.
Namentlich ist bekannt, wie wir so die Eindrücke der Farbenverteilung und Helligkeitsverhältnisse, die wir aus einem zweidimensionalen Gesichts - felde empfangen, in den (in einen vorgestellten dreidimensionalen) Raum hinaus verlegen.
Bei der Bildung der Vorstellungen spielt übrigens die Induktion, ob - wol meist unbewusst geübt, schon eine grosse Rolle. Sie z. B. ist es, die uns veranlasst, denselben Tisch, den wir sehend als ausgedehnt resp. raum - erfüllend wahrnehmen, auch mit Widerstandskräften auszustatten, dergleichen sich uns beim Anfassen desselben kund geben. Mit Induktionsschlüssen beteiligt sich der Verstand schon bei der Vorstellungsbildung; er vereinigt oft die aus verschiedenen Sinnesorganen ihm zuteil gewordenen Botschaften zur Gesamtanschauung eines Dinges, das sie veranlasste.
Besonders sind es Gesichts -, Tast - und Muskelsinn*)Bekanntlich sollte man eigentlich von sieben Sinnen sprechen — zum wenigsten. Denn nicht nur ist das Funktioniren des Tastsinnes ein zwiefältiges, aus deren26Einleitung.Eindrücken wir, ihre Ursachen lokalisirend, unsre Vorstellung der mate - riellen Körperwelt mit ihrer dreifachen räumlichen Ausdehnung, ihren Widerstands - und andern Kräften und ihren Bewegungsvorgängen herausentwickelt, uns konstruirt haben.
φ) Wir bethätigen dabei das unser gesamtes Denken beherrschende „ Kausalitätsprinzip “*)Nach Schopenhauer1 sind vier Wirkungsweisen dieses Prinzips zu unterscheiden, indem dasselbe uns zwingt, einen „ zureichenden Grund “anzunehmen für das Sein, das Werden, das Erkennen und das Handeln. Nur für den zweiten Fall sollte nach ihm der obige Name angewendet werden. Der erste scheint mir, nebenbei gesagt, von S. unklar formulirt und überhaupt nicht haltbar, viel - mehr wesentlich in dem dritten Falle aufgehen zu sollen, welcher seinerseits den beiden übrigen nicht koordinirt zu setzen ist, sondern in einem gewissen Sinne über denselben steht. Als auf eine der besten mir bekannten Schriften über das Kausalitätsprinzip im engern Sinne sei hier auf Herrn Heinrich Weber's Königsberger Prorektorats - rede1 verwiesen.: für Alles, was in den Bereich desselben tritt, eine Ursache anzunehmen — sonach, sofern wir nicht uns selbst als diese Ursache fühlen, dieselbe ausserhalb zu setzen.
χ) Als ein Teil dieser von uns vorgestellten materiellen Welt findet auch unser körperlicher Leib seine Stelle. Im gewöhnlichen Leben zum Ich gerechnet, muss er von der Philosophie doch der Aussenwelt, dem Nicht-ich zugezählt werden. Wenn nämlich auch die Vorstellung, dass wir ihn besitzen, im Bewusstsein stets mehr oder minder lebendig ist, so existirt er doch nicht ganz allein in der Ideenwelt des Ich's und bildet mit seiner Gestalt und Schwere, seinem Aufbau aus Zellen, seinem Gefässsysteme und den darin kreisenden Blutwellen, seinen mannigfachen uns unbewussten Lebensfunktionen, doch keinen freien (d. h. wie gesagt als frei empfundenen) Bestandteil unsres Bewusstseins. Wäre dem so, so würde Jedermann dasjenige*)als Drucksinn und als Wärmesinn, welcher letztere auch dem Geschmacksinn bei - gegeben, sondern ist dazu neuerdings auch der „ Muskelsinn “, das Gefühl für Muskelanstrengung, getreten. Dieser letztere Sinn ist es z. B., durch welchen wir im stockfinstern Keller eine am leeren Hals gefasste volle Flasche von einer leeren unterscheiden; auch beruht auf den zur Accomodation der Augen und Kon - vergenz der Augenaxen erforderlichen Anstrengungen der Augenmuskeln ganz wesentlich das Schätzen der Entfernungen, in welchen sichtbare Gegenstände sich von uns befinden. Vergleiche besonders v. Helmholtz's „ Thatsachen der Wahr - nehmung “, sowie die auf S. 73 der Schiel'schen Übersetzung von Mill1 citirten englischen Werke, als: Brown's Lectures, Mill's Analysis of the mind, Alexan - der Bain, The senses and the intellect, Herbert Spencer's Principles of psycho - logy (Kapitel über die Wahrnehmung), u. a.27Einleitung.Antlitz, das ihm am schönsten oder gerade am wünschenswertesten dünkt, besitzen, diejenige Körperkraft, die er sich wünscht, eben - dadurch erlangen etc.
Die Beziehungen des Leibes, als des dem Ich immerhin am näch - sten stehenden Teils der Aussenwelt zu diesem, sind mehrfacher Art.
Erstens: Durch die nach seiner Oberfläche, Peripherie, gehenden Nervenenden, die sich an einzelnen Stellen zu spezifischen Sinnes - organen vervollkommnen und ausgestalten, wird der Leib zum aus - schliesslichen Werkzeug, vermittelst dessen die ausserleibliche Aussen - welt auf uns einzuwirken vermag, spielt er die Rolle des allezeit be - reiten Boten, welcher, die „ peripherischen “Sinnesreizungen dem Be - wusstsein übermittelnd, dem Geiste von dieser Aussenwelt Kunde bringt.
Zweitens: Zufolge seiner eigenen Beschaffenheit, seiner physio - logischen Verfassung, Konstitution, entstehen in ihm selbst auch „ visce - rale “Reize, wie das Atmungsbedürfniss, Hunger, Durst, Drang jeder Art, durch welche er unabhängig vom Willen des Individuums phy - sische Triebe in dessen Bewusstsein wachruft. Auch können noch hierher gerechnet werden jene (krankhaften) Sinnestäuschungen, die wir erst unter Beihülfe induktiver Schlüsse von sinnlichen Wahr - nehmungen zu unterscheiden vermögen.
Drittens endlich: Indem sich gewisse Willensakte unmittelbar in Bewegungen und Kraftentwickelung, Arbeitsleistung seiner Gliedmaassen umsetzen, erscheint der Leib auch als das wiederum einzige*)Das Axiom: „ Es gibt keine geistige Einwirkung ohne materielle Vermitte - lung “ist die Basis, auf welcher die gesamte Naturwissenschaft steht. Wer die - selbe nicht anerkennt, ist dem Aberglauben in jeglicher Form preisgegeben. Werk - zeug, durch welches seinerseits der Geist auf die Aussenwelt einwirken kann, deren kommende Zustände beeinflussend.
Die sowol unwillkürlichen als unbewussten Wechselwirkungen zwischen Geist und Leib (deren Vorhandensein wir gleichwol durch induktive Schlüsse erkennen), wie z. B. die Wirkung von Kummer oder Freude auf das körper - liche Wohlbefinden, können hier ausser Betracht gelassen werden.
ψ) Wir haben uns hier der gewöhnlichen Ansicht angeschlossen, der die selbständige Existenz der Aussenwelt, und in ihr auch die unsrer Nebenmenschen, für unzweifelhaft, für ausgemacht gilt.
Dem gegenüber steht bekanntlich die Weltanschauung eines hervor - ragenden Metaphysikers: George Berkeley's, nach welcher ganz allein der Geist existirte, die Aussenwelt aber keine Wirklichkeit besässe, vielmehr nur eine Vision, und ihre Objekte dem Ich von einem göttlichen Geiste vor - gespiegelte Wahngebilde, subjektive Erscheinungen wären, das Leben also28Einleitung.gleichwie ein Traum sich abspielte. Solche Ansicht (selbst wenn in die Leugnung der Aussenwelt auch die der Nebenmenschen samt ihrem Geiste noch eingeschlossen würde) lässt allerdings sich weder beweisen noch widerlegen; es bleibt dem Belieben anheimgestellt, sie anzunehmen oder zu verwerfen.
Auch sie gibt übrigens ein Nicht-ich zu, bestehend aus der Gesamt - heit der von dem Ich unabhängigen (als von ihm unabhängig empfundenen) durch eine Notwendigkeit ihm oktroyirten Vorspiegelungen. Für unsre Zwecke ist es gleichgültig, ob die Aussenwelt in dieser oder in jener Form aner - kannt wird, wofern dies nur überhaupt der Fall ist.
Unstreitig kräftigt es unsre Überzeugung von der Existenz eines wahr - genommenen Dinges der Aussenwelt, wenn wir aus ihren Kundgebungen inne werden, dass auch andre Menschen dasselbe ebenso wie wir erblicken. Aus diesem Umstand aber, mit De Morgan2 p. 28 sq., erst die Anerkennung von der Existenz der Aussendinge ableiten zu wollen, scheint mir ein Umweg zu sein, und glaube ich (ohne damit einen Anspruch auf Neuheit erheben zu wollen) diesem gegenüber vorstehend — sub ϱ — υ) — den wahren Grund hervorgehoben zu haben.
ω) Empfindungen und Vorstellungen lassen auch durch Erinnerung sich reproduziren, ja wir können die Elemente uns schon geläufiger Vorstellungen auch zu ganz neuen Vorstellungsgebilden erfinderisch verknüpfen.
Wesentlich bleibt jedoch eine jede blos vorgestellte, sei es anti - zipirend geahnte, sei es in Erinnerung gerufene Empfindung von der durch Sinneseindruck thatsächlich hervorgerufenen verschieden.
Es dürfte schwierig sein, genau festzustellen, in was die faktische Em - pfindung mit ihrer Erinnerung übereinstimmt und wodurch sie doch von von dieser sich unterscheidet, was sie etwa vor ihr voraus hat. Die freien Vorstellungen scheinen mit einem erhöhten Gefühl von Selbstthätigkeit, einem Gefühl von Anstrengung der Einbildungskraft, Phantasie, verknüpft, unter Fehlen des Gefühls, eventuell Genusses, und auch der Anstrengung rezep - tiver Sinnesthätigkeit. „ Jedenfalls werden wir nicht satt durch die Vor - stellung, dass wir ein leckeres Gericht verzehrten, auch leiden wir ungleich weniger durch blos vorgestelltes Zahnweh. “
Stellen wir uns Veilchengeruch z. B. vor, so haben wir doch nicht den Genuss des letztern; wir haben die Empfindung selbst nicht. Diese können wir erst durch umgestaltende Einwirkung auf die Aussenwelt erlangen, indem wir uns z. B. wirkliche Veilchen verschaffen.
In diesem unsern Unvermögen, die uns angenehmen Empfindungen und äussern Sinneswahrnehmungen unmittelbar in unserm Bewusstsein herzustellen, wurzelte, wie schon erwähnt, unsre Erkenntniss der Aussen - welt überhaupt.
α1) Auf ebendieser Beschränkung unsrer Macht über unsern Be - wusstseinsinhalt beruht es nun auch ferner, dass wir in Bezug auf29Einleitung.viele vorgestellte Dinge zunächst nur Absichten fassen, uns Ziele oder Zwecke vorsetzen können und diese durch Mittel zu erreichen suchen müssen, dass wir sie oft erst auf Umwegen zu verwirklichen, zu rea - lisiren im stande sind.
Alles Erkennen der Aussenwelt konnte schon die Voraussetzung nicht entbehren, dass die von den Dingen auf uns ausgeübten Ein - wirkungen, dass die Art, wie die Dinge uns „ erscheinen “, von einer Notwendigkeit geregelt seien (bestimmt durch die Natur der Dinge an sich, die Natur unsres Wahrnehmungsvermögens und durch die Be - ziehung, gegenseitige Lage, in welche die Dinge und unsre Sinnes - organe zu einander stehen oder von uns gebracht werden). Und ebenso wäre das Verfolgen von Zwecken durch Mittel aussichtslos, sinnlos, ohne die Annahme, dass die aufzuwendenden Mittel notwendige Wirkungen haben, genauer gesagt: spezifische Wirkungen notwendig haben müssen. Es wird sich uns in letztrer Hinsicht nur darum handeln, diese Wir - kungen richtig vorauszusehen, die Gesetze dieser Wirkungen zu erkennen.
Gesetze in dem Sinne von „ Naturgesetzen “pflegt man dahin zu formu - liren, dass unter gleichen Bedingungen auch jedesmal gleiche Folgen aus - nahmslos eintreten. Gleiche Ursachen haben gleiche Wirkungen. Statt „ gleiche “wäre beidemal wol genauer zu sagen: „ ähnliche, d. i. solche, die einander in einer bestimmten Hinsicht gleichen “. Versucht man aber ge - nauer festzustellen, worin das Einandergleichsein von sei es Ursachen, sei es Wirkungen, in der betreffenden Hinsicht besteht, so zeigt sich, dass das - selbe zurückzuführen ist auf die Übereinstimmung zwischen Eindrücken, Em - pfindungen, die sie unter bestimmten Umständen in unserm Geist hervorrufen, zurückkommt auf die Gleichheit ihrer Erscheinung für unser Erkenntniss - vermögen, die als solche unmittelbar empfunden und von der Nichtüberein - stimmung unterschieden wird. Dieser Rückschluss aber von unsern Em - pfindungen auf die Dinge, die sie hervorrufen, beruht wieder wesentlich auf der Annahme, dass jene von diesen mit Notwendigkeit abhängen, ihnen in gegebener Weise mit unabänderlicher Prädestination entsprechen. Notwendig - keit also erscheint als der ursprünglichere und höhere Begriff, ohne welchen auch derjenige einer Gesetzmässigkeit in der Aussenwelt nicht erklärt zu werden vermöchte.
β1) Unsre eignen Empfindungen — z. B. Schmerz —, unsre Vor - stellungen, Affekte und Willenszustände werden wir unmittelbar inne als dasjenige, was sie sind; sie sind gerade das, als was sie in unser Bewusstsein eintreten. Auf die analogen Vorgänge im Bewusstsein andrer Menschen vermögen wir darum auch — mit einiger Wahr - scheinlichkeit — zu schliessen.
γ1) Im Gegensatz aber zu den Erkenntnissobjekten der angeführten Klasse, welche sonach als dasjenige, was sie „ an sich “sind, von uns30Einleitung.erkannt werden können, ist in Bezug auf die Dinge der übrigen Aussen - welt solches nicht der Fall. Vielmehr muss hier zuvörderst eine Grund - wahrheit konstatirt werden, welche die „ Metaphysik “zutage gefördert und — die einzige fast — im Kreise der Philosophen zu allgemeiner Anerkennung gebracht hat (woneben ihr aber das Verdienst nicht ab - zusprechen ist, der Oberflächlichkeit wirksam entgegengetreten zu sein, viele Irrtümer, Illusionen als solche aufgedeckt und zerstört zu haben, überhaupt auf Läuterung und Präzisirung der Begriffe, mannigfach zu weiteren Fortschritten in dieser Richtung anregend und zur Gründlich - keit und Behutsamkeit im Forschen erziehend, hingearbeitet zu haben). Es ist die Wahrheit, dass wir, was die Dinge der Aussenwelt an sich sind, zunächst überhaupt nicht zu erkennen vermögen.
Längst hat die Physik den Schall, das Licht, die Wärme etc. auf etwas ganz anderes zurückgeführt, als das ist, als was sie uns erscheinen: auf Be - wegungsvorgänge, Schwingungszustände materieller Teilchen, welche wir bei tönenden oder den Ton leitenden Körpern sogar dem Auge sichtbar machen können. So ist eine grüne Wiese z. B. durchaus nicht „ grün an sich “, d. h. ihr haftet nichts an von unsrer Empfindung der grünen Farbe, sondern wir wissen oder glauben mit gutem Grunde es zu wissen, dass diese Wiese nur die Eigenschaft hat, von den auf sie fallenden transversalen Lichtwellen die - jenigen von einer bestimmten Wellenlänge diffus zurückzuwerfen, die andern zu verschlucken, sie in Wärme oder auch chemische Arbeit des Blattgrüns (Chlorophylls) umsetzend. Herr Emil du Bois-Reymond hat schon darauf aufmerksam gemacht, dass der schöne Ausspruch „ Und es ward Licht “auf Erden strenge genommen erst zur Wahrheit wurde, als sich die ersten Augenpunkte bei den frühesten Lebewesen (Infusorien) ausbildeten. Ebenso ist die uns umgebende Welt eigentlich stumm, und die Schall - und Ton - empfindungen entstehen erst, wenn durch die in das innere Ohr eindringenden longitudinalen oder Verdünnungs - und Verdichtungswellen der Luft von den 60000 Corti'schen Stäbchen, welche in der das Labyrinth auskleidenden weichen Nervenmasse stecken, einzelne Gruppen erschüttert, in Mitschwingung versetzt werden, u. s. w.
Wir vermögen — bildlich gesprochen — die Farbe der Brille, durch die wir die Welt betrachten, von dem Erscheinungsbild der Welt überhaupt nicht zu trennen, nicht dieses von jener frei zu machen, zu sondern. Denn jene Brille, als das dem Geiste mit den Sinnes - organen aufgesetze Wahrnehmungsvermögen, können wir eben (ohne Selbstvernichtung) nicht abnehmen, und nirgends ist der Geist im stande die Aussendinge selbst zu erfassen. Oder, um mit neueren Philosophen den Sachverhalt noch etwas schärfer zu präzisiren:
Von der Natur der Dinge an sich — a —, zufolge deren sie auf uns einwirken, und einem subjektiven Moment x, welches durch unsre Sinnesorgane sowol als durch die spezifische Natur, eventuell Be -31Einleitung.schränkung, unsres geistigen Auffassungsvermögens dieser Einwirkung hinzugefügt, vielleicht auch aus ihr weggenommen, gelöscht wird, unter allen Umständen aber sich ihr unvermeidlich beimischt, ist die Art A bestimmt, wie die Dinge uns erscheinen, wie wir sie uns kraft einer Naturnotwendigkeit vorstellen müssen; es ist, im mathematischen Sinne des Wortes, A eine Funktion von diesem x und a: A = f (x, a).
Da wir ausser stande sind, jenes x zu ermitteln, so können wir aus dem A, dessen wir unmittelbar inne werden, nicht mit irgend - welcher Sicherheit oder auch nur Wahrscheinlichkeit auf das a schliessen (und könnten es selbst dann nicht, wenn uns das Gesetz der Zuord - nung, oder die Natur der Funktion f schon bekannt wäre), d. h. was die Dinge an sich sind, bleibt uns unbekannt. *)Ich möchte gleichwol nicht mit Herrn E. du Bois-Reymond auch allen zukünftigen Fortschritten der Erkenntniss hier schon mit einem „ Ignorabimus “vorgreifen.
Anstatt von solchen „ Dingen “, müssten wir eigentlich — vorsichtiger — nur von dem (unbekannten) „ ihrer Erscheinung zugrunde liegenden Wirklichen “reden. Auf dem Standpunkt des unbefangenen Bewusstseins nämlich (im Gegensatz zum Standpunkt des wissenschaftlichen Bewusstseins vergl. Harms1) identifizirt der Mensch allerdings die Dinge ohne weiteres mit seinen Vorstellungen von denselben.
Nachdem aber in Bezug auf ganze Reihen von Naturerscheinungen die fortschreitende Wissenschaft diese Einerleisetzung, Identifizirung schon als unhaltbar hat erkennen lassen, sie mit dem Streben nach einheitlicher Er - kenntniss des Weltganzen unvereinbar zeigte, ist die Philosophie vollkommen im Rechte, wenn sie bei allen Erscheinungsformen der Natur und Aussen - welt solche Identität von vornherein wenigstens in Zweifel zieht.
So müssen wir nun auch den „ Raum an sich “als das der Erscheinungs - form des Raumes zugrunde liegende Wirkliche von dieser Erscheinung des - selben, d. i. dem vorgestellten Raume, unterscheiden und ebenso die Er - scheinungsform der Zeit auseinander halten mit dem ihr zugrunde liegenden Wirklichen.
δ1) Die Frage nach der „ Ähnlichkeit “eines „ Dings an sich “und unsrer Vorstellung von demselben ist wol (vergl. v. Helmholtz1) sinnlos. Die beiden mögen unvergleichbar sein, wie etwa eine Symphonie und ein Gemälde. Wesentlich ist die Gesetzmässigkeit, mit der sie sich gegenseitig entsprechen — ein Entsprechen, welches nicht weiter zu gehen braucht, als etwa das Entsprechen, die gegenseitig eindeutige Zuordnung des „ Zeichens “mit dem „ Bezeichneten “, des „ Dinges “und seines „ Namens “(von der weiter unten noch eingehender die Rede sein wird) und bei der von einer Ähnlichkeit zwischen beiden auch32Einleitung.keine Rede sein kann. Wesentlich insbesondere ist die Wechselwirkung, in die beide unter Umständen treten, nämlich vor allem die unter ge - wissen Voraussetzungen eintretende Einwirkung des Dinges auf unsre Empfindung und Vorstellung von demselben, wie sie unabhängig von unserm Willen durch eine Naturnotwendigkeit gegeben erscheint, so - dann eventuell die Einwirkung unsrer Handlungen auf das Ding, oder vielmehr wiederum deren dadurch hervorgerufene Rückwirkung auf uns selber.
Die Eindeutigkeit solchen Entsprechens kann übrigens schon in Zweifel gezogen werden; ihr Ausdruck ist eventuell zu modifiziren — in Anbetracht der Möglichkeit, dass gleichwie ein geschliffener Krystall mit seinen ver - schiedenen Facetten das Bild eines leuchtenden Punktes als ein mehrfaches zurückwirft, auch unser Geist in der Lage sein könnte (falls ein Sinnes - organ dem „ Facettenauge “vergleichbar), ein Ding an sich stets nur als eine Mehrheit von Dingen wahrzunehmen. Auch umgekehrt ist denkbar, dass wir Dinge a, b und c isolirt nicht zu erkennen vermögen, dass uns wohl aber a, wenn in Verbindung mit b, als ein Ding und ebenso a mit c als ein ander Ding in die Erscheinung tritt, ohne dass wir doch von dem gemeinsamen Element a der beiden eine Ahnung bekommen, und anderes mehr.
ε1) Aus diesem gesetzmässigen Entsprechen, der erwähnten natur - notwendigen Wechselwirkung zwischen Ding und Vorstellung schöpfen wir nun die Berechtigung, doch in einem gewissen Sinne von den Dingen selbst zu reden, und nicht blos von unsern Vorstellungen über dieselben, trotzdem jene „ an sich “sich unsrer Erkenntniss beharrlich verschliessen, und nur diese in unser Bewusstsein einzutreten vermögen.
Unstreitig wollen und beanspruchen wir, solches zu thun. Wenn wir z. B. sagen (vergl. Mill1): „ Die Sonne (genauer: der Stand der Sonne über dem Horizont) ist die Ursache des Tages “, so soll damit nicht etwa blos ausgedrückt werden, dass die Vorstellung (oder „ Idee “) von der Sonne die Ursache (oder Idee von der Ursache?) sei von unsrer Vorstellung des Tages; es soll nicht blos eine Beschreibung des sub - jektiven Zustands unsrer Vorstellungen damit gegeben werden, der als solcher ja ebenso gut in unsrer Laune oder Willkür blos begründet sein könnte — sondern es soll mit solchem Ausspruch darauf hinge - wiesen sein, dass in dem den erwähnten Erscheinungen (der Sonne und des Tages) zugrunde liegenden (unbekannten) Wirklichen etwas liegt, was kraft naturgesetzlicher Notwendigkeit uns zwingt, einen ur - sächlichen Zusammenhang zwischen beiden anzunehmen.
Im Hinblick, unter steter und als selbstverständlich geltender Be - zugnahme auf jenen Zwang des Entsprechens und unter dem (aller - dings nur zu oft ausser Acht gelassenen) „ metaphysischen Vorbehalt “33Einleitung.(dass wir die Dinge „ an sich “nicht zu erkennen vermögen), können wir darum in der That von den Dingen der Aussenwelt selber (auch im Gegensatz zu unsern Vorstellungen) reden; in diesem Sinne und unter diesem Vorbehalte geschieht dies auch allgemein in den empi - rischen Wissenschaften und geschieht es von rechtswegen.
So hat nun z. B. die Frage, ob auf den von uns ewig abgewandten drei Siebenteln der Mondoberfläche, ob auf der „ Rückseite “des Mondes sich Wasser befinde, einen ganz bestimmten Sinn, wenn wir auch nicht wissen können, was der Mond, was Wasser, was Materie überhaupt „ an sich “ist, was der Erscheinung einer Oberfläche Wirkliches zugrunde liegt u. s. w. Dies wird wol jedermann ohne weiteres zugeben.
Ebenso ist aber auch — um ein neuerdings vielumstrittenes Beispiel anzuführen — die Frage eine vollberechtigte, ob der physikalische Raum wirklich ein „ Euklidischer “, eine „ ebene “und sonach unendliche dreidimen - sionale Mannigfaltigkeit sei, oder ob er etwa als ein durchweg endlicher, nach allen Seiten mittelst vierdimensionaler Krümmung in sich zurückkehre. Auch bei dieser Frage handelt es sich nicht um die subjektive Beschaffen - heit unsrer herkömmlichen, gewohnten Anschauung, welche zur Zeit noch unbestritten die des ersteren Raumes ist, sondern darum, ob nicht eine objektive Notwendigkeit vorliegt (oder wenigstens nach dem heutigen Stand unsrer Erkenntniss schon vorliegen kann und dereinst vielleicht sich auf - drängen wird) dieselbe zu modifiziren, der Wahrheit zuliebe sie umzubilden, nämlich sie durch die letztere Raumvorstellung zu ersetzen.
Ganz richtig hat auch Lotze hierin den Kernpunkt der Frage erblickt. Im übrigen scheint er mir aber in seiner gegen die Untersuchungen von Riemann und v. Helmholtz gerichteten Polemik (Metaphysik, p. 249 ‥ 267) (unter anderm) in einen analogen Fehler zu verfallen, wie ihn (nach Whewhell's Geschichte der induktiven Wissenschaften) der Kirchenvater Lactantius*)Vor ihm, schon im Altertum, auch Tertullian — vergl. Ueberweg1 p. 370. beging, der gegen die Möglichkeit von Gegenfüsslern auf unsrer Erde eiferte, weil er die ihm geläufige Richtung der Schwere absolut fest - hielt, und folgerichtig zu dem Schlusse kam, dass solche Antipoden auf dem Kopfe stehen müssten. Ganz ähnlich in der That überträgt auch Lotze in seinem Hauptargumente die ihm geläufige Vorstellung (und An - nahme der Existenz) von unendlichen Geraden, dieselbe allzu fest haltend, ohne weiteres auf Wesen (jene fingirten mit ihrer ganzen Existenz an die Kugelfläche gebannten „ Flächenwesen “), die sie nach den für ihr Dasein gemachten Annahmen gar nicht zu haben brauchten, ja überhaupt nicht haben könnten (p. 252), und spricht darum mit Unrecht von „ Wider - sprüchen “, in welche solche Wesen durch das Studium ihres Raumes ver - wickelt werden müssten.
So sehr ich das neuerliche Wiederaufleben der (dermalen nur in einem wissenschaftlicheren Gewand, als früher, auftretenden) Mystik, welches sich an die erwähnte Frage der Raumdimensionen geknüpft hat, missbillige und beklage, halte ich doch die zweiterwähnte Raumanschauung für die richtige. Ich bin überzeugt — doch würde es mich hier zu weit führen, meineSchröder, Algebra der Logik. 334Einleitung.Gründe darzulegen —, dass nicht nur jene neueren Untersuchungen der Mathematiker über mehrdimensionale Mannigfaltigkeiten logisch und er - kenntnisstheoretisch vollberechtigte sind, sondern dass auch wirklich unsre raumerfüllende Welt eine durchaus „ endliche “ist — natürlich „ unbegrenzt “— jedoch nach jeder Richtung unsres Raumes in sich selbst zurückkehrend, wobei sich die successiven Phasen der jeweils augenblicklichen dreidimensio - nalen Gegenwart zu einem vierdimensionalen Gebilde der Wirklichkeit schichtweise übereinanderlegen. Zu dieser Anschauung bin ich — nebenbei gesagt schon vor der durch Zöllner eröffneten Aera der Kontroversen — angeregt durch die Lektüre des betreffenden von „ Dr. Mises “(Theodor Fechner's) „ Vier Paradoxa “— gelangt. Wer Recht hat, das wird — qui vivera, verra — eine fernliegende Zukunft entscheiden. Jedenfalls kann es nicht als Argument gegen die Richtigkeit einer Ansicht aufgeführt werden, wenn Verfechter derselben zu weit gegangen sind, wenn Einzelne zugunsten derselben auch vielleicht sich kompromittirt haben sollten, und für welche Ansicht man auch immer Partei nehmen möge, wird man doch Bernhard Riemann's (auf der Schluss-Seite seiner Arbeit „ Über die Hypo - thesen, welche der Geometrie zu Grunde liegen “ausgesprochenes) Endziel gelten lassen — in welchem wir auch die Rechtfertigung aller meta - physischen Untersuchungen hauptsächlichst erblicken: dass die Forschung nicht „ durch die Beschränktheit der Begriffe gehindert und der Fortschritt im Erkennen des Zusammenhangs der Dinge nicht durch überlieferte Vor - urteile gehemmt wird “.
Wenn bei dem vorstehenden Exkurse das Wort „ wirklich “wiederholt gefallen ist, so war dasselbe bereits unter dem metaphysischen Vorbehalt, also nicht als gleichbedeutend mit „ an sich “, zu nehmen. „ Wirklich “nennen wir (zu einer Zeit), was ist, im Gegensatz zu dem was nicht ist, und es bedarf letzteres keiner weiteren Erläuterung für diejenigen Dinge, deren wir unmittelbar inne werden. Erläuterungsbedürftig dagegen bleibt das Wort für die Dinge der Aussenwelt, die wir ja nicht selbst mit unserm Geiste erfassen, sondern von denen nur die Vorstellung, und eventuell der Sinneseindruck, in unser Bewusstsein eintritt. Indem wir solch 'einem ge - dachten oder vorgestellten Dinge „ Wirklichkeit “zuschreiben, bringen wir es zum Ausdruck, dass wir eine objektive Notwendigkeit erkennen, die wir nämlich direkt als über unserm Willen stehend unfrei empfinden — die wir denn als eine objektiv begründete auch für gemeinverbindlich halten — kraft der Natur unsres Vorstellungsvermögens das Ding gerade so und nicht anders zu denken. Das „ Ding an sich “nennen wir die (unbekannte) Ursache, die wir solchem Zwange unterzulegen nicht umhin können.
Mit dieser Erklärung wird solchen Dingen, die wir überhaupt nie ge - dacht haben, die Wirklichkeit nicht abgesprochen.
ζ1) Durch das Fehlen oder die Bezugnahme auf jenes objektiv not - wendige Entsprechen zwischen Ding an sich und Vorstellung werden einige Unterscheidungen bedingt und begreiflich, die sonst unverständ - lich erscheinen müssten.
Es wird verständlich, wieso die Vorstellung von der Vorstellung35Einleitung.eines Dinges verschieden sein kann von der Vorstellung eben dieses Dinges (obgleich wir, wie gesagt, jede Vorstellung als das, was sie „ an sich “ist, inne werden und als ebensolches auch beliebig zu repro - duziren vermögen), indem bei letzterer jene Bezugnahme eintreten mag, während sie bei ersterer fallen gelassen ist.
Spreche ich von einem Pferde (p), so habe ich eine Vorstellung von dem Pferde (vp). Spreche ich aber von meiner Vorstellung von dem Pferde, so habe ich eine Vorstellung von der Vorstellung von dem Pferde (vvp). Das beifolgende Schema
versinnlicht in Zeichen unter s, s' das, wovon wir sprechen mögen, und unter h, h' dasjenige, was wir darunter denken oder im Geiste „ haben “. Wäre jenes nicht verschieden, nicht zweierlei, so müsste, wenn die Vor - stellung von dem Pferde (eine) lebhaft (e) ist, auch das Pferd (ein) leb - haft (es) sein. Müssen wir aber Dasjenige, wovon wir beidemal reden, als zweierlei anerkennen, so scheint es, dass wir auch Dasjenige, was wir uns darunter denken, beidemal nicht als identisch dasselbe gelten lassen dürfen.
Es drängt sich die Frage auf, ob das nun ohne Ende so weiter geht, ob wir also die Vorstellung von der vvp abermals als ein neues Objekt des Denkens anzuerkennen haben, und so fort? Indessen will ich mich be - gnügen, hier blos die Frage aufgeworfen zu haben; ununtersucht bleibe, ob dabei nicht Gebilde von einer Art entstehen würden, wie sie etwa im Gegensatz zu „ rationalitas “das lateinische Scherzwort „ rationabilitudinali - tas “anzudeuten und wol zu persifliren bestimmt war.
Es wird ebenso begreiflich, wie wir unsrer Vorstellung vom Raume — gleichwie schon dem Bewusstsein, das sie in sich fasst — das Merkmal der Ausdehnung abzusprechen vermögen, während wir doch dem (sonst mit jener identisch erscheinen würdenden) vorgestellten Raume eine dreifache Ausdehnung zuerkennen — und anderes mehr.
Haben wir nach den Errungenschaften der Physiologie als das Organ unsres Bewusstseins den cerebralen Teil unsres Leibes anzusehen, so er - scheint es (unter anderm) immerhin rätselhaft, wie in diesem, dem Hirne, welches ja ganz im Kopfe Platz hat, die Vorstellung ausgebildet wird von einem Raume, der noch weit über diesen hinaus bis zu den Sternen (und noch weiter) reicht. Lehrreiche und anregende Betrachtungen über diese und noch manche andere Frage über Raum, Zeit, Bewegung und Verur - sachung finde ich in anziehender Darstellung durchgeführt in dem Werke Herrn Otto Liebmann's1, welches nunmehr in zweiter Auflage vorliegt.
3*36Einleitung.η1) Fassen wir (mit Mill) die Ergebnisse unsrer Betrachtungen zusammen, so kommen wir zu dem Schlusse, in welchem die besten Denker jetzt übereinstimmen:
Wie wir von der Welt überhaupt nichts inne werden, als die Reihenfolge der Zustände unsres Bewusstseins, als da sind: Em - pfindungen (Sensationen), Gemütsbewegungen (Emotionen) und Willens - regungen (Wollen), schliesslich Gedanken*)Mill2 will diese (vier) Arten von Bewusstseinszuständen mit einem Wort als „ Gefühle “(im weitern Sinne) bezeichnet wissen und macht darauf aufmerk - sam, dass, was man „ Wahrnehmung “nennt, nichts ist, als ein (an die Empfindung des Sinneseindruckes geknüpfter) Glaube, also eine Art Gedanke, und dass „ Hand - lungen “nichts sind, als Willensthätigkeiten, auf welche eine Wirkung folgt (p. 90 der Schiel'schen Übersetzung). Ich frage noch: wohin gehört die freie Vor - stellung? - „ Zustände “, natürlich, die durch den Wechsel in ihrer Succession auch „ Vorgänge “zusammen - setzen, wofern sie nicht schon selbst als solche aufzufassen — so machen die Empfindungen und die Ordnung ihres Eintretens auch alles aus, was wir von der materiellen Aussenwelt erfahren, und absolut sicher wissen können, und während die „ Substanz “materieller Körper die unbekannte Ursache unsrer Empfindungen ist, erscheint die „ Sub - stanz “Geist als der („ an sich “ebenfalls unbekannte**)So nach Mill. Ich will es unerörtert lassen, ob und in welchem Sinne diese Qualifikation zutrifft. Ferner will ich hier nicht eintreten in die subtile Frage, unter welchem Gesichtspunkt etwa gerade Materie und Geist die überein - stimmende Bezeichnung als „ Substanz “verdienen möchten. Die Physik hat der Materie bis jetzt erst eine Art von Substanz gegenübergestellt, als welche die Arbeitsvorräte der Natur, die freie und die gebundene („ kinetische “und „ poten - zielle “) Energie zu bezeichnen. Empfänger oder Rezipient derselben.
Von den erwähnten Dingen sind es vorzugsweise die Gedanken, welche uns noch weiter zu beschäftigen haben werden.
Dass nun die Dinge der Aussenwelt nicht „ an sich “erkennbar sind, ist für uns in jeder praktischen Hinsicht glücklicherweise ganz ohne Belang. „ Was die Dinge an sich sein mögen, weiss ich nicht und brauche es auch nicht zu wissen, weil mir doch niemals ein Ding anders als in der Erscheinung vorkommen kann “(Kant, Kritik der reinen Vernunft. Ausgabe 1791, p. 332).
Die Art, wie diese Welt uns notwendig erscheint, wie die Dinge auf uns einwirken, beziehungsweise zurückwirken, das ist und bleibt für uns die Hauptsache. Es kommt dem Landmann darauf an, dass der von ihm bebaute Acker Früchte trägt, welche sich uns wohl -37Einleitung.schmeckend und nahrhaft erweisen, ganz einerlei, was diese an sich sind oder das denselben zugrunde liegende Wirkliche.
ϑ1) Um unsre Zwecke zu erreichen, unsre Ziele zu verwirklichen, dazu bedürfen wir der Mitwirkung unsrer Nebenmenschen; wir können deren Kooperation meist nicht entbehren. Um aber solche zu erlangen, müssen wir uns mit ihnen verständigen.
Auf die mannigfachen andern Momente, aus welchen das Mitteilungs - bedürfniss sich noch zusammensetzen mag und mit denen es im mensch - lichen Gemüte begründet erscheint, will ich hier nicht eingehen. Es ist ausreichend, den einen praktischen Gesichtspunkt hier hervorgehoben zu haben, welcher schon für sich allein mit Macht zu einer Verständigung unter den Menschen drängt.
Auch bei Tieren sehen wir nicht selten ein planmässiges Zusammen - wirken und eine gewisse Arbeitsteilung, vor allem bei den staatenbildenden, wie Ameisen, Bienen, u. s. w. — es genügt schon, an die Bauten, den Ackerbau, die Viehzucht, Kriegführung und Sklavenhaltung bei den erstern zu erinnern. Auf welche Weise, wol unter dem Einfluss des Nachahmungs - triebes, derjenige Grad der Verständigung zwischen den Individuen des Stammes, der zu solchen Werken erforderlich ist, doch ohne ein Surrogat der Sprache, zustande kommt, ist nicht ganz aufgeklärt.
Das wirksamste und ausgiebigste, das Mittel zur Erzielung der weitestgehenden und weitreichendsten Verständigung unter den Menschen ist jedenfalls die Sprache.
ι1) In ihr bringt das denkende Subjekt zu dem Ding an sich und zu seiner Vorstellung von demselben noch ein drittes hinzu: den Namen oder das Zeichen des Dinges.
Um mit dem Seitenblick auf die Metaphysik, zu welchem wir uns oben veranlasst gesehen, thunlichst zum Abschluss zu kommen, sei hier sogleich darauf aufmerksam gemacht, dass — woferne nur die Fälle von etwaiger Sinnestäuschung ausgeschlossen werden — das Zeichen ebenfalls zu der Klasse von Dingen zu zählen ist, von welchen wir sagen dürfen, dass wir sie „ an sich “erkennen.
Was freilich den Kohlenstoffteilchen, die den gedruckten Buchstaben a zusammensetzen, mit ihrer vorwiegenden linearen und Flächenausdehnung Wirkliches zugrunde liegt, wissen wir nicht; es kann uns dies aber auch vollkommen gleichgültig sein. Das Zeichen kommt eben für uns lediglich als dasjenige in Betracht, als was es uns erscheint; nur seine notwendige Wirkung auf uns, seine für alle, die es wahrzunehmen vermögen, gleich - mässig charakteristische Erscheinung bestimmt und regelt seine Verwendung. Und diese Erscheinung des Zeichens, kraft welcher wir den Buchstaben a in beliebiger Wiederholung immer als den gleichen erkennen und von allen andern Buchstaben unterscheiden, bildet für uns das Wesen desselben.
ϰ1) Ich glaube, die elementarste aller deduktiven Disziplinen nicht einleiten zu dürfen, ohne zuvörderst auf die enorme Wichtigkeit des Zeichens, das ja an sich als ein unbedeutendes Ding erscheint, ge - bührend hinzuweisen, und schliesse ich mich dabei grösstenteils — in freier Weise — an die Ausführungen Trendelenburg's2 (Bd. III, p. 1 ‥ 4) an.
Erst mit dem Eintritt der „ bezeichnenden “oder „ symbolisirenden “Thätigkeit (zu welcher aus der bildenden Thätigkeit auch noch die abbildende gerechnet werden mag) scheint in der That das Menschen - geschlecht sich aus dem absoluten Nullpunkte der Civilisation und über das Niveau des Tieres erhoben zu haben, und kaum einer wirk - lichen Sache dürfte der Menschengeist soviel Fortschritte zu verdanken haben, als wie dem Zeichen der Sachen.
Das Zeichen, welches in der Geberde und im Ton zum Affekt, zur Lebensstimmung spricht, spricht in Wort und Satz zum Intellekt und hat nach den Gesetzen der Ideenassoziation die Kraft, in dem, der es vernimmt oder anwendet, bestimmte Vorstellungen zu erzeugen und in ihrer Abfolge zu richten.
Indem es mit der Vorstellung zusammenwächst, verschmilzt, wirkt es selber auch auf das Denken zurück. Durch das Zeichen werden die sonst in einander fliessenden, zuletzt zerfliessenden, Vorstellungen gesondert und als getrennte Elemente ein bleibender Besitz, über welchen der Denkende fortan verfügen kann. Mittelst des Zeichens wird unterschieden, das Unterschiedene fixirt und das Fixirte zu neuen und eigentümlichen Verbindungen tauglich gemacht; das Zeichen wird uns zur Handhabe, an welcher wir die Gedankendinge packen. Erst durch das Zeichen löst die Vorstellung von dem sinnlichen Eindrucke, an welchem sie sonst haftet, sich los, und vermag nun in das All - gemeine sich zu erheben. So wird das Denken durch das Zeichen des Worts nach der einen Seite frei, auf der andern bestimmt.
Ferner gibt es nur durch das Zeichen, durch welches in Vielen derselbe Gedanke, derselbe Zweck — ein Wille und eine Seele — möglich wird, jene Gemeinschaft der menschlichen Kräfte, auf welcher das Leben der Menschen als ein Leben der Individuen im ganzen Geschlecht, auf welcher Gesittung und Bildung beruht.
Diese Wirkung schon des ausgesprochenen Zeichens steigert sich noch ausserordentlich in der Schrift.
39Einleitung.Das hörbare Zeichen, flüchtig wie der Augenblick*)Nach dieser Seite scheint indess Edison's Erfindung des Phonographen schon eine neue Aera zu inauguriren., wird durch die Schrift sichtbar und bleibend, den Verkehr der Vorstellungen zwischen räumlich Entfernten anknüpfend, selbst den — allerdings nur einseitigen — Verkehr der Gegenwart mit längst vergangenen und mit den zukünftigen Geschlechtern vermittelnd.
Sofern das Leben des Menschen ein historisches Leben ist, ein Leben in einer überkommenen durch die Geschichte gebildeten geistigen Substanz, so ist die Schrift das Organ dieses sich fortsetzenden und erweiternden Lebens und Wirkens. Der geschichtliche Geist der Menschheit gestaltet und mehrt sich in der Schrift.
Darum fühlten die Menschen auch seit der ersten Erfindung die Wichtigkeit der Schrift für menschliches Leben. Gesetze, schon seit Jahr - hunderten, verpönen ihre Fälschung.
Von den ältesten schriftlichen Urkunden aber, in welchen Glaube und Willensmeinung unter ihren Zeitgenossen hervorragender Persönlichkeiten sich einst verewigte und die als etwas Ausserordentliches dem kindlichen Geist einer früheren Kulturepoche begreiflich imponirten, sehen wir auch manche bis auf den heutigen Tag noch in übermässigem autoritativen An - sehen sich erhalten.
Seit bald einem halben Jahrtausend steigert die Schrift im Druck ihre Fähigkeit verbreiteter Mitteilung und an der Aufgabe, die Zeichen der Schrift in kürzester Zeit und grösster Vervielfältigung auf kleinem Raume so herzustellen, dass sie dem Auge sichtbar bleiben, wird immer noch fortgearbeitet. Endlich dürfen wir es rühmen, dass das Menschen verbindende Zeichen schon als ein unsichtbarer Blitz von Land zu Land, von Weltteil zu Weltteil fliegt, den ganzen Erdball mit seiner Herrschaft umspannend.
So hat das Zeichen in Sprache und Schrift schon für den Menschen überhaupt eine Bedeutung, wie gar nichts anderes. In Hinsicht seines Nutzens für die Gesellschaft erstanden allerdings ihm schon Rivalen oder Konkurrenten, wie Steinkohle und Eisen, wie die Dampfmaschine. Je mehr wir aber von dem Leben überhaupt den Gebieten geistiger Thätigkeit uns zuwenden, eine um so hervorragendere Rolle sehen wir dem Zeichen zufallen, und die bedeutendste in den Wissenschaften, vor - nehmlich den exakten. Erfindungen, auch Entdeckungen, die sachlichen Errungenschaften, welche sich der Menschengeist erwirbt, stehen fast ohne Ausnahme auf der Voraussetzung des verständlichen und konse - quent gehandhabten Zeichens, welches gleicherweise den einsamen Um - gang des Gedankens mit sich selbst und den Gedankenverkehr in der Menschheit bedingt.
40Einleitung.λ1) Es haben diese Wissenschaften, mehr oder minder ausgesprochen, die Tendenz, die Schwierigkeiten des Studiums der Dinge — der Dinge, die man nicht immer bequem zur Hand hat, die man meist nicht fest - halten oder fixiren und ohne weiteres manipuliren kann — möglichst abzuwälzen auf das Studium ihrer Zeichen, welche letzteren dem Forscher stets zur Verfügung stehen und mit unvergleichlicher Leichtigkeit zu hantiren sind.
Die Erleichterung und Vorteile, welche ein judiziöser Gebrauch der Zeichen in dieser Hinsicht der Forschung zu gewähren vermag, würden sich passend vergleichen lassen mit denjenigen, welche gegenüber dem direkten Tauschverkehr mit Waaren (in Zentralafrika z. B.) die Einführung von Wertzeichen — des Geldes — gewähren müsste. Freilich würde mit solch 'illustrirendem Hinweis an Ort und Stelle nicht viel zu gewinnen sein, indem wir finden, dass Völkerschaften, welche sich noch im Zustande anal - phabetischer Wildheit befinden, auch mit dem Gebrauch des Geldes oft unbekannt sind.
Der vorstehende Vergleich ist ähnlich schon von Leibniz gemacht und verlohnt es, seinen Gedankengang näher darzulegen (vergl. Trendelen - burg l. c. auf spätern Seiten).
Leibniz geht von einer psychologischen Betrachtung über die Be - dingungen der Deutlichkeit unsres Denkens aus. Ursprüngliche und ein - fache Vorstellungen, so wie sie z. B. aus der Wahrnehmung stammen, pflegen auch anschaulich reproduzirt zu werden. Hingegen denken wir die zusammengesetzte Vorstellung gemeiniglich nur durch Zeichen. Namentlich wo behufs Bestimmung und Erkenntniss des Wesens eines Dinges eine längere Zergliederung nötig ist, schauen wir die ganze Natur dieses Dinges nicht an, sondern kürzen sie im Zeichen ab, indem wir darin die Fähig - keit zu haben meinen, die Vorstellung, wenn es sein muss, (vollends) zu entwickeln. So betrachten wir z. B. bei dem Begriff eines Tausendecks nicht wirklich alle tausend Seiten, sondern die Zahl tausend und sich aneinander schliessende Seiten schweben uns dunkel vor, und statt der deutlichen Vorstellung bedienen wir uns des Wortes als eines Zeichens, wie z. B. in der Arithmetik und Algebra allenthalben (Meditationes de cognitione veritatis et ideis, zuerst in den Acta eruditorum. Editio Erd - mann, p. 79, 80).
Und ferner sagt Leibniz im Eingang seiner deutschen Schrift: Un - vorgreifliche Gedanken betreffend die Ausübung und Verbesserung der deutschen Sprache (Dutens VI, 2, p. 7 sqq. — wahrscheinlich 1697):
„ Wir haben Zeichen nötig nicht nur (um) unsre Meinung Andern an - zudeuten, sondern auch unsern Gedanken selbst zu helfen. Denn gleichwie man in grossen Handelsstädten, auch im Spiel und sonsten nicht allezeit Geld zahlet, sondern sich an dessen Statt der Zeddel oder Marken*)Wir würden heutzutage sagen: der Buchführung und Wechsel. Der Verf. bis zur letzten Abrechnung oder Zahlung bedient: also thut auch der Verstand mit den Bildnissen der Dinge, zumal wenn er viel zu denken hat, dass er41Einleitung.nämlich Zeichen dafür brauchet, damit er nicht nötig habe, die Sache jedes - mal, so oft sie vorkommt, von neuem zu bedenken. Daher, wenn er sie einmal wohl gefasst, begnügt er sich hernach oft, nicht nur in äusserlichen Reden, sondern auch in Gedanken und innerlichem Selbstgespräch, das Wort an die Stelle der Sache zu setzen. Und gleichwie ein Rechenmeister, der keine Zahl schreiben wollte, deren (In -) Halt er nicht zugleich bedächte und gleichsam an den Fingern abzählete, wie man die Uhr (schläge) zählt, nimmer mit der Rechnung fertig werden würde: also, wenn man im Reden und auch selbst in Gedanken kein Wort sprechen (passiren lassen) wollte, ohne sich ein eigentliches Bildniss von dessen Bedeutung zu machen, würde man überaus langsam sprechen, oder vielmehr verstummen müssen, auch den Lauf der Gedanken nothwendig hemmen, also im Reden und Denken nicht weit kommen. Daher braucht man oft die Worte als Ziffern oder als Rechenpfennige, anstatt der Bildnisse und Sachen, bis man stufenweise zum Facit schreitet und beim Vernunftschluss (? Endergebniss der Über - legung) zur Sache selbst gelanget. Woraus erscheinet, wie ein Grosses daran gelegen, dass die Worte als Vorbilde und gleichsam als Wechsel - zeddel des Verstandes wohl gefasset, wohl unterschieden, zulänglich, häufig, leichtfliessend und angenehm seien. “
„ Wenn der Geometer “, sagt Leibniz in demselben Sinne in einer andern Schrift (Fundamenta calculi ratiocinatoris, Editio Erdmann, p. 92), „ sooft er im Beweisen eine Hyperbel oder eine Spirale nennt, immer ge - nötigt wäre, ihre Erklärungen oder Entstehungsweisen oder wieder die Erklärungen der diese bildenden Begriffe sich genau vor Augen zu stellen, so würde er sehr langsam zu neuen Entdekungen gelangen; wenn der Arith - metiker beim Rechnen die Werte aller Ziffern und die Menge der Ein - heiten nacheinander dächte, so würde er nie weitläufige Rechnungen zu Ende bringen, und es wäre nicht anders, als wenn er statt der Ziffern soviele Steinchen anwenden wollte; und der Rechtsgelehrte kann nicht immer, sooft er die Aktionen, die Exzeptionen oder die Rechtswohlthaten erwähnt, die wesentlichen Erfordernisse dieser Dinge, welche oft weitläufig sind, im Geiste durchlaufen, und hat es auch nicht nötig. “
Wie man sieht, berührt hier Leibniz schon den bedeutsamen Unterschied, welcher zwischen unmittelbaren (oder „ intuitiven “) und mittelbaren (symbolischen) Vorstellungen besteht.
Man kann z. B. die fünfhundert Billionen Schwingungen, welche in einem gelben Lichtstrahl an irgend einer Stelle in der Sekunde vor sich gehen, sich nicht im eigentlichen Sinn des Wortes „ vorstellen “, weil das ganze Leben des Menschen auch beim Alter des Methusalem nicht aus - reicht, um auch nur einer einzigen Billion sich mit Gedankenschnelle folgender Vorstellungen, Empfindungen oder Wahrnehmungen als getrennter Dinge inne zu werden — ganz abgesehen von der ihrer Kleinheit wegen auch nicht mehr vorstellbaren Einzelschwingung oder Bewegung eines Teilchens in seiner zum Strahl senkrechten elliptischen oder kreisförmigen Bahn (so wenigstens für den Standpunkt der Fresnel'schen Undulationstheorie, welcher neuerdings aber eine elektrodynamische Theorie des Lichts — von Maxwell, nach den erstaunlichen Entdeckungen von Hertz wol siegreich —42Einleitung.gegenübersteht). Man kann jene gleichwol noch „ denken “oder mittelbar sich vorstellen. Analog vermögen wir vier gegenseitig zu einander senkrechte Gerade ohne Widerspruch uns zwar zu „ denken “, aber nicht mehr, als (irgend) drei derselben, auf einmal uns anschaulich „ vorzustellen “— eine, wie zu sehen ist, unerlässliche Unterscheidung, die bei der Kontroverse über die Raumdimensionen vielfach missachtet oder übersehen worden ist. Wir bedauern, bei den uns hier gesteckten Zielen auf diese interessante Frage nicht noch näher eingehen zu können.
μ1) Je nachdem sie ihr obiges Ideal bereits erreicht haben oder nicht, sind die exakten Wissenschaften aus ihrem ursprünglichen, dem induktiven Stadium in das deduktive übergetreten, oder befinden sich noch in jenem.
Hieraus erhellt, dass die allerwichtigsten Funktionen dem Zeichen in den deduktiven Wissenschaften obliegen müssen, ja dass dasselbe schliesslich in diesen den einzigen Gegenstand der Beachtung bilden wird.
Hier ist denn, dieser Wichtigkeit entsprechend, der „ Bezeichnung “überhaupt und spezieller der Namengebung, Terminologie oder Nomenklatur auch die allergrösste Sorgfalt zu widmen. Es erscheint z. B. ein schwieriges mathematisches Problem oft schon halbwegs gelöst, sobald es gelungen, die zweckmässigste Bezeichnungsweise für die zu untersuchenden Gebilde zu entdecken, in welcher die fundamentalen Eigenschaften derselben am übersichtlichsten und angemessensten Ausdruck finden.
Auch zeigt die pädagogische Erfahrung, dass diejenigen Personen, welchen eine geringe Begabung zu exaktem Denken zuzusprechen ist, alle - mal eine auffallende Gleichgültigkeit, oft eine sich vornehm dünkende Geringschätzung gegen das Zeichen zur Schau tragen und in dieser Stimmung Unlust verraten, sich in die Disziplin des Zeichens zu fügen.
In der Herrschaft über die Zeichen — zunächst der Wortsprache (n) — in der Fähigkeit zum und Gewöhnung an korrekten Gebrauch der Wörter und ihrer Abwandlungen, Flexionen und an richtigen Satzbau, pflegt man überhaupt ein wesentliches Merkmal der Bildung mit Recht zu erblicken.
ν1) Aus all' den angeführten Gründen erscheint es ratsam, auch den Prinzipien der Bezeichnung, wie sie aus der Forderung ihrer Zweckdienlichkeit sich als notwendige ergeben, einige Aufmerksamkeit von vornherein zuzuwenden.
Zunächst müssen wir hier einer Verwechselung von „ Name “und „ Wort “vorbeugen.
Was ein Wort ist, weiss jedermann (und wird dieser Begriff unter anderm auch in der Telegraphie nach seinem Umfang scharf abgegrenzt).
Nicht alle Wörter aber sind Namen; vielmehr gibt es Wörter, die zwar dazu dienen, in Verbindung mit andern, Namen zusammenzusetzen, für sich jedoch noch keinen solchen vorstellen (Beispiele nachher).
43Einleitung.Auf der andern Seite wird nicht jeder Name durch ein Wort re - präsentirt, sondern haben wir zu unterscheiden: einwörterige und viel - wörterige Namen. „ Die Hauptstadt des deutschen Reiches “, oder auch „ die grösste Stadt, die an der Spree liegt “ist sogut ein Name als wie „ Berlin “; es ist zur Zeit ein mit diesem letztern gleichbedeutender Name.
Zu den aus Wörtern zusammengesetzten Namen kommen in der Wissen - schaft noch Buchstaben selbst und solche Namen hinzu, die sich aus Buch - staben oder Ziffern mittelst eigener Verknüpfungszeichen zusammensetzen. Solche Namen bezeichnen wir vorzugsweise als „ analytische Ausdrücke “(expressions, terms). Es kann und wird uns oft auch ein solcher Ausdruck, wie a · (b + c), als Name oder Zeichen für ein Ding zeitweilig herhalten — und geben wir uns der Hoffnung hin, dass durch dergleichen blosse Namen sich ein grosser Geist nicht abschrecken lassen werde!
Name (nomen, noun) nennen wir ein Wort, Wortgefüge oder Zeichen, welches nach den seinen Gebrauch regelnden Konventionen — wonicht gemäss längst vorhandener Übung — fähig und dazu be - stimmt ist, ein Objekt des Denkens, ein „ Ding “selbst zu bezeichnen. Der Name muss demnach (im Nominativ) als Subjekt eines Satzes stehen können, sobald man (in einem solchen) von dem Dinge reden, etwas darüber aussagen will.
Von den Wörtern stellen deshalb die Hauptwörter (Substantiva) ohne weiteres (im Nominativ) Namen vor, und auch die Eigenschafts - wörter (Beiwörter, Adjektiva) und Zeitwörter (Verba) sofern sie in substantivischer Verwendung vorkommen, wie „ Weiss “für Etwas weisses resp. die Empfindung weisser Farbe, oder „ Schwimmen “für die Thätigkeit resp. Kunst des Schwimmens. In der Arithmetik werden auch Zahlwörter (Numeralia) substantivisch als Namen gebraucht. Und selbstverständlich werden endlich Fürwörter (Pro-nomina), wie „ Dieser “oder „ Jener “zu den Namen gerechnet werden dürfen, sofern sie blos als Stellvertreter eines schon erwähnten (resp. anderweitig bekannten) Namens fungiren, aus Rücksichten des Wohlklangs aber, oder um Umständlichkeiten in der Rede zu vermeiden, kürzehalber, nur dessen Wiederholung zu ersparen bestimmt sind.
ξ1) Unsre Kultursprachen kennen zehn Wortarten, oder wenn wir die ja für die Logik ganz belanglosen Ausrufungswörter (Interjektionen) beiseite lassen, deren neune, von welchen wiederum der Artikel in manchen fehlt, sodass einige dieser Sprachen (wie Lateinisch, Russisch) sich mit acht Arten von Wörtern (nach der Klassifikation der Philo - logen und Grammatiker) in logischer Hinsicht behelfen.
Die obenerwähnten fünf von diesen Wortarten können, wie wir44Einleitung.sahen (auch die vier letztern aber nur bedingungsweise und in be - stimmten ihrer Formen, wie Infinitiv des Verbums etc.) als Namen verwendet werden.
Die übrigen, als da sind die Umstandswörter (Adverbia), die Prä - positionen und die Bindewörter (Konjunktionen) sind dessen unfähig. Solche Wörter, wie „ leider “, „ zu “, „ entweder “sind keine Namen, und dasselbe gilt auch von den Flexionsformen des Substantivs, wie z. B. der Genitiv „ Arthurs “etc. (vergl. Mill). Die Logiker der Aristotelischen Schule („ Scholastiker “) bezeichneten sie als „ synkategorematische “Aus - drücke, weil sie erst „ zusammen “mit andern ein Ding bezeichnen können (etwas „ aussagen “) — im Gegensatz zu den Namen oder „ kate - gorematischen “Ausdrücken.
Diese Wörter können auch in der That nicht als Subjekt eines Satzes stehen; man kann nicht sagen: „ Arthurs war in dem Zimmer “oder: „ Leider ist zu beklagen “. Man kann freilich sagen: „ Leider ist ein deutsches Ad - verbium “. In diesem Falle aber steht „ Leider “für: „ Das Wort: leider “— analog wie, wenn wir sagen: „ Pferd ist ein Hauptwort “, das Subjekt auch nur als ein Wort in Betracht fällt und nicht in Hinsicht auf dasjenige, was es bedeutet. Man könnte solche Verwendung passend als die „ suppositio nominalis “bezeichnen im Gegensatz zu der „ suppositio materialis, sive rea - lis “(dies zwar zugunsten der Zweckmässigkeit abweichend vom scholastischen Gebrauche). Wer solchen Unterschied nicht anerkennen wollte, der müsste auch zugeben, dass ein gewisses Hauptwort vier Hufe hat und zwei Ohren! Im Deutschen ist dem Missverständniss allerdings einigermassen vorgebeugt durch den Wegfall des Artikels bei „ Das Pferd “oder „ Ein Pferd “, dessen Beibehaltung die erstere oder nominelle Auffassung unmöglich machen würde*)Wofern wir nicht sagten: „ Das Pferd “ist ein mit dem bestimmten Artikel verbundenes Hauptwort der deutschen Sprache. Hierbei weisen nur noch die An - führungszeichen auf die suppositio nominalis hin. — nicht so allerdings in den des Artikels entbehrenden Sprachen. Es erscheint darum hier beinahe als Luxus, zu statuiren, dass wir die Auf - fassung des Subjektes als eines blossen Namens, Wortes oder Wortgefüges späterhin stets ausgeschlossen wissen wollen.
ο1) Wie ein Zeichen als solches beschaffen ist, auf welche Weise es eventuell aus einfacheren Zeichen aufgebaut, zusammengesetzt wird, dies ist (zwar) keineswegs ganz gleichgültig:
Es müssen Zeichen, die für häufigen Gebrauch bestimmt, solchem ausgesetzt sind, vor allem angemessen kurze sein; es muss Weitläufig - keit, Komplikation derselben thunlichst vermieden werden. Andern - falls würde ja ihre Anwendung allemal einen ärgerlichen Aufenthalt verursachen, und vergegenwärtigt man sich leicht, wie wenig weit wir mit unserm Denken, mit unsern Erörterungen, Diskussionen kommen45Einleitung.würden, wären wir z. B. genötigt, den Namen jedes Vorzustellenden immer erst in Stein zu meisseln!
Der unter λ1) erwähnten psychologischen Unterstützung, welche das Denken aus dem Zeichen schöpft, würde es ohne diese Anforde - rung grösstenteils verlustig gehen.
Von den Zeichen, über welche die Sprache verfügt, erfüllen (als die einfachsten) genannte Anforderung am besten die Buchstaben. Deren An - zahl ist allerdings eine geringe. Man hat dieselbe in's Unbegrenzte ver - mehrt, indem man sie einerseits mit „ Accenten “wie in a', a' ', … andrer - seits mit angehängten Ziffern oder Zahlzeichen in Form von „ Suffixen “, „ Stellenzeigern “oder „ Indices “versah, wie a1, a2, a3 etc.
Ungeachtet dieser Vermehrung des Vorrates an leidlich einfachen Zeichen hat man aber vorgezogen, denselben keine ein für allemal feststehende Be - deutung für den menschlichen Verkehr überhaupt beizulegen, sondern sie zu vorübergehenden Bezeichnungszwecken sich verfügbar zu erhalten. Für eigenartige Verwendung in bestimmten Spezialwissenschaften (ich erinnere an die Zeichen für die chemischen Elemente), für diverse Untersuchungs - gebiete und Untersuchungen (wie Buchstabenrechnungen) — eventuell zu beliebiger Verwendung — sind die Buchstaben reservirt, also dass diese gleichsam die Rolle spielen oder den Dienst zu versehen haben des „ Mäd - chens für Alles “in dem Haushalte — mit Zeichen.
Zur Unterstützung des Denkens sowol als zur Darstellung und Be - schreibung seiner Gesetze werden auch wir in der hier vorliegenden Spezial - wissenschaft von dieser Gunst der Situation umfassenden Gebrauch machen und zwar einen viel ernstlicheren, als es in Deutschland bei der einschlä - gigen Literatur bislang üblich gewesen. Auch nehmen wir gelegentlich das Vorrecht jeder Wissenschaft in Anspruch, sich für die eigenartigen ihrer Betrachtung unterliegenden Objekte noch besondre zu deren Darstellung vorzugsweise geeignete Zeichen zu schaffen.
Im übrigen sind wir aber nicht in der Lage, die Zeichen, deren unser Denken bedarf, vollkommen frei nach unserm Gutdünken — beschränkt lediglich durch objektive Zweckmässigkeitsrücksichten — willkürlich zu wählen, sondern wir finden uns zunächst daran gebunden, aus einem bereits vorhandenen Zeichenvorrat zu schöpfen, indem wir eben angewiesen sind auf den historisch überkommenen Wörterschatz der Sprache.
π1) Von dem uns schon mit der Sprache gegebenen Zeichenvorrat, mit welchem wir (also) in erster Linie zu rechnen haben, pflegen ein - wörterige Namen die erwähnte erste der an das Zeichen zu stellenden Anforderungen immerhin schon leidlich gut zu erfüllen.
Das hörbare und sichtbare Zeichen, als welches ein solcher Name erscheint, zeigt sich nun dergestalt mit der Vorstellung verwachsen, dass diese kommt, wenn das Zeichen ruft, sowie auch umgekehrt bei der Vorstellung uns stets der Name einfällt — Vorgänge, bei welchen sogar, wie unter λ1) auseinandergesetzt, die Vorstellung nicht selten46Einleitung.unvollendet bleibt, und mehr nur im Zeichen als in dieser selbst ge - dacht wird.
Nur zu einem verschwindend geringen Teile aber besteht ein angeb - barer Zusammenhang zwischen diesem Zeichen und dem Bezeichneten, zwischen dem Wortlaut des Namens und dem Inhalt der Vorstellung oder demjenigen, was der Name benennen soll (Trendelenburg l. c.).
Solches ist ja in der That bekanntlich der Fall bei den sogenannten „ Onomatopoetica “, die z. B. mit dem Klange des Namens eine Schallwirkung des zu benennenden Dinges nachahmen, wie die Hauptwörter: Rabe*)Die meisten wol der hier (zum Teil auch vielfach anderwärts) als solche angeführten Onomatopoetica werden in den Augen eines gründlichen Sprach - forschers unechte sein. In seinem berühmten Werke macht Herr Max Müller1, 2 darauf aufmerksam, wie leicht man sich in dieser Hinsicht täuscht und wie die Mehrzahl der vermeintlich aus Klangnachbildung hervorgegangenen Wörter auf ganz andere Quelle zurückzuführen ist, sodass nur ganz wenige — darunter z. B. das Wort „ Kuckuck “— als zweifelloses Onomatopoeticon übrig bleiben. Speziell führt er an, dass unser „ Donner “, „ tonerre “, „ tonitru “etc. von derselben Sanscrit - wurzel „ tan “= strecken, spannen (dehnen?) abstammt, die auch im „ Ton “der gespannten Saite, sowie in „ tendre “, lat „ tener “etc. und in „ tenuis “, „ dünn “(ursprünglich = flach ausgespannt) zu finden! Und anderes mehr. Allein wenn auch bei der Zusammensetzung der Wurzeln, aus der ein Wort hervorgegangen, das onomatopoetische Prinzip nachweislich nicht bestimmend ge - wesen, so könnte es, scheint mir, doch mit von Einfluss gewesen sein bei dem Prozesse der nachherigen Abschleifung (M. Müller's „ lautlichem Verfalle “oder der „ phonetischen Korruption “), durch die schliesslich das Wort seine gegenwärtige Gestalt erhalten. Jedenfalls empfinden wir, die wir die fertige Sprache sprechen, solche onomatopoetische Anklänge, glauben sie herauszufühlen, ganz unbekümmert um die historische Berechtigung dieser Empfindung., Knall, Donner und andere, wie die Zeitwörter: meckern, miauen, zirpen, rollen etc. Auch manche Interjektionen, wie patsch, plumps, knak, könnten hierzu an - geführt werden. Bei dem Wort „ Blitz “sollte man meinen, dass die Plötzlich - keit und Kürze der betreffenden Lichterscheinung durch die Kürze der Silbe angedeutet werde. Und um z. B. das griechische Wort βδέλλα für Blutegel auszusprechen, müssen die Lippen eine saugende Bewegung andeuten etc. etc.
Der sprachenbildende Geist knüpft überhaupt das Zeichen an eine hervorstechende Seite der Sache an; aber die Anknüpfung an den Inhalt des unter dem Zeichen Begriffenen ist einseitig und zufällig, gestattet keinen hinreichend bestimmten Rückschluss auf den vollen Inhalt, das ganze Wesen desselben. Das andeutende Gepräge des Zeichens schleift sich überdies mit der Zeit ab, und die ursprüngliche Marke ist in ganzen Sprachen verwischt. Die verschiedenen Sprachen bezeichnen in der That dasselbe Ding auch mit den verschiedensten Wörtern.
Der Laut schlägt diejenige Vorstellung in uns an, welche sich mit blinder Gewöhnung, aber nicht mit unterscheidendem Bewusstsein, welche sich faktisch, aber nicht logisch in dies Zeichen und in kein47Einleitung.anderes gekleidet hat (ibidem). Vielmehr ist es allemal eine haupt - sächlich von psychologischen Momenten beherrschte, von vielen äusseren Zufälligkeiten*)Vergl. z. B. Herrn Otto Behaghel's anregende und lehrreiche Schrift1. beeinflusste historische Entwickelung, in welcher eben dies Zeichen als Name für das vorgestellte Ding sich herausgebildet hat.
ϱ1) Diese Wahrnehmung ist schon geeignet, uns die Bemerkung nahe zu legen, wie es wünschenswert sein muss, dass die Namen oder Zeichen als solche auch noch eine zweite Anforderung erfüllen, die wir einstweilen erst in unbestimmten Umrissen dahin charakterisiren können, dass sie (aus einfacheren oder den einfachsten Zeichen) auch rationell zusammengesetzt sein sollen.
Vielwörterige Namen, wie sie in Gestalt einer umständlichen Beschrei - bung hergestellt und dann oft in Definitionen abgekürzt zu werden pflegen, vermögen allerdings diese Anforderung in gewissem Grade zu erfüllen.
Zufolge zahlloser Unvollkommenheiten der Wortsprache, welche sich zwar historisch erklären, doch nimmermehr sachlich rechtfertigen lassen, ist aber zu ihrer Herstellung oft noch ein hohes Maass von Geschicklichkeit erforderlich: es ist auf verschiedenen Gebieten noch förmlich eine Kunst, mit Ausschliessung von Missverständnissen unzweifelhaft zu sagen, von was man eigentlich reden wolle, und entspringen aus den erwähnten Unvoll - kommenheiten Schwierigkeiten, mit welchen Redner und Schriftsteller, Unter - richt und Gesetzgebung beständig ringen.
Es erwächst uns das Ziel, auf eine Vervollkommnung des elementaren Bezeichnungssystems für unsre Ideenwelt hinzuarbeiten, auf welches wir noch eingehender und wiederholt die Aufmerksamkeit zu richten haben werden. Mit einigem Erfolg können wir dies aber erst thun, wenn wir in unsern Betrachtungen weiter fortgeschritten sein werden.
σ1) Ist so in der That die äusserliche Beschaffenheit eines Namens immerhin nicht gleichgültig, so tritt solches Moment doch weit zurück gegenüber einem andern: wir meinen die Konsequenz oder Disziplin mit welcher das Zeichen gehandhabt wird. Diese, und nicht die Be - schaffenheit seiner äussern Erscheinung, ist bei dem Zeichen die Hauptsache.
Als das wesentliche oder fundamentale Erforderniss des Namens und Zeichens haben wir es hinzustellen, dass das Zeichen bei denen, die es brauchen, und denen, die es vernehmen, auch bei jeder Wieder - holung (wenigstens innerhalb eines bestimmten Zeitbereiches) die gleiche Vorstellung begleite oder erwecke, nämlich diejenige Vorstellung, welche die Wahrnehmung oder Erkenntniss — eventuell die Erfassung, Kon - zeption, das Innewerden — desselben Objektes in ihrem Geiste notwendig erregen müsste (und, von subjektiven Störungen abgesehen, in jedem eintretenden Falle auch wirklich erregt).
48Einleitung.Es würde den Zwecken der Bezeichnung zuwiderlaufen und uns um alle Vorteile derselben bringen oder die beabsichtigte Wirkung wenigstens in Frage stellen, wenn bei dem zur Verständigung zwischen Menschen statt - findenden Verkehr der Eine dies der Andere das unter demselben als Name fallenden Zeichen verstünde; der Hörer könnte nicht wissen, was darunter zu denken beabsichtigt ist, wenn der Redende selbst von der einmal dem Zeichen von ihm beigelegten Bedeutung zu andern Malen willkürlich abginge, und endlich auch von der auf Erkenntniss irgend welcher Dinge gerichteten (und natürlich in Zeichen zu führenden) Überlegung des einsamen Forschers wäre nicht abzusehen, wieso dieselbe erfolgreich zu sein vermöchte, wenn dabei der Zusammenhang zwischen den Zeichen und ihrer Bedeutung sich verschöbe, wenn die vorgestellten Dinge ihren Namen sozusagen entschlüpften, wenn nicht, wenigstens zeitweilig und bis zur Erlangung bestimmter als Ruhepunkte zu fixirender Endergebnisse solcher Überlegung, die Bedeutung der meisten Zeichen konsequent beibehalten, „ festgehalten “würde.
Darin, dass das unter dem Zeichen Gedachte demselben eindeutig entspreche, erblicken wir darum die wesentlichste Anforderung, die an den Gebrauch des Zeichens zu stellen ist. Der Name soll von einer bestimmt feststehenden oder konstanten Bedeutung sein; er soll als ein „ einsinniger “oder nomen univocum verwendet werden.
Schon bei oberflächlicher Überlegung malen wir uns leicht die Un - sicherheit, eventuell Verwirrung, Konfusion aus, die entstehen muss, wenn z. B. in einer Gesellschaft drei Herrn den Namen Müller führen und nun der Herr Müller gerufen oder erwähnt wird. Das Bedürfniss, den Namen durch Hinzufügung weiterer Bestimmungen zu einem eindeutigen gestaltet zu sehen, liess jenen Spassvogel seine Wette gewinnen, dass er auf die einem jeden seiner Bekannten auf der Börse in's Ohr geflüsterte Mitteilung: „ Hast du schon gehört, dass der Meier fallirt hat? “allemal zur Antwort die Gegenfrage erhalten würde: „ Welcher Meier? “
Wie selten auch zur Zeit noch die im Wortschatz der Sprache uns gegebenen Namen diese Anforderung erfüllen, so ist es doch als ein Ideal hinzustellen, dem die Sprache, um ihren Zweck der Ver - ständigung ausgiebigst zu erreichen, zustreben muss, und dem sie auch in der That in fortschreitender Entwickelung sich immer mehr zu nähern scheint: gleichwie das Ding und die Vorstellung von demselben einander eindeutig mit Gesetzmässigkeit entsprechen, so auch das Ent - sprechen zwischen dem Vorgestellten und seinem Zeichen zu einem ein - deutigen zu gestalten, also dass auch das Ding und sein Zeichen ein - ander eindeutig zugeordnet erscheinen werden und das letztere in Wahrheit der Stellvertreter oder Repräsentant des erstern genannt werden dürfe.
Gehörte ein Ding der Aussenwelt an, so war die Vorstellung, die wir uns von demselben (soweit es überhaupt für uns erkennbar ist) zu bilden haben, durch eine (wir mögen sagen „ naturgesetzliche “) Notwendigkeit49Einleitung.bestimmt zu denken, und bildete dies, wie wir gesehen haben, eine unerläss - liche Voraussetzung der Erkenntnisslehre. Die letztere dürfte sogar der Überzeugung nicht wol entraten können, dass diese Vorstellung nach hin - reichend gründlicher Prüfung des Dinges bei allen Intelligenzen in letzter Instanz dieselbe werden muss, dass von dem richtig erkannten Dinge die Vorstellung eine (mathematische) Funktion ist, und soferne die Erkenntniss vollständig ist, auch das Ding eine Funktion der Vorstellung — eine Wechselbeziehung, die wir dann als ein gegenseitig eindeutiges Entsprechen hinzustellen berechtigt waren.
Man kann allerdings ein „ Ding an sich “auf verschiedene Sinnesener - gieen einwirken lassen und dadurch verschiedene Teilvorstellungen von demselben erhalten; es ist zunächst die aus diesen resultirende Gesamt - vorstellung, welche bei der vorstehenden Auseinandersetzung gemeint war, welche letztere dann aber auch für (irgend) eine bestimmte dieser Teil - vorstellungen in Anspruch genommen werden kann. Durch die Thatsachen der Farbenblindheit, Taubheit etc. erscheint es wol noch geboten, hierzu das Zugeständniss zu machen, dass in jener Gesamtvorstellung oder in Bezug auf gewisse von den Teilvorstellungen anfänglich ein Ausfall bei mangel - haft organisirten Individuen möglich ist, der jedoch mittelst induktiver Schlüsse indirekt ergänzt zu werden vermag: es kann z. B. auch ein Farben - blinder das Vorhandensein roten Lichtes durch die Wärmewirkung im Spektrum von dem des grünen unterscheiden, und ein Tauber mittelst des Tastgefühls die im Tönen begriffene Saite von der lautlos ruhenden.
τ1) Für ein Ding, soweit es für uns erkennbar ist, mehrere ver - schiedene Namen zu haben, ist allerdings mit den Zwecken der Ge - dankenmitteilung sehr wohl vereinbar und es darf dies nicht als ein eigentlicher Misstand, sondern höchstens als ein Luxus, vielleicht eine Verschwendung, hingestellt werden.
In der That stehen uns für dasselbe Ding zunächst oft verschie - dene Namen zugebote, indem es möglich ist, dasselbe von sehr ver - schiedenen Gesichtspunkten aus zu beschreiben — welche Beschreibung dann jedesmal als ein Name für das Ding angesehen werden kann, und manche wissenschaftliche Untersuchung dreht sich darum, ob ein auf diese und ein auf jene Weise definirtes, eingeführtes, beschriebenes Ding das nämliche sein muss, oder ein anderes. Sind aber solche Untersuchungen beendet, ist das Ding voll erkannt, so wird es, auch im erstern Falle, doch praktisch erscheinen, fortan nur eine, und zwar die als die zweckmässigste erscheinende von allen Benennungen des Dinges als seine „ offizielle “Bezeichnung (standard notation) in der Wissenschaft beizubehalten.
Wie es nun überhaupt möglich gemacht werden kann, dass eine Mehrheit von Menschen dasselbe vorgestellte Ding je mit dem gleichen Namen (eindeutig) bezeichne, und zwar nicht nur auf dem Gebiete derSchröder, Algebra der Logik. 450Einleitung.materiellen Welt, wo man auf die Dinge hinzuweisen vermag, sie mit - unter gleichsam etikettiren könnte, sondern auch aus der geistigen Welt, aus der Welt des Bewusstseins, mit dem ganzen Reichtum von Beziehungen, die es wahrzunehmen vermag, aus der Welt des Gemüts - lebens und Wollens, der Gefühle, auf dem gesamten intellektuellen Gebiete — wie es m. a. W. erreicht werden kann, dass jene Mehrheit dieselbe Sprache rede — dies ist auf den ersten Blick schon sehr erstaunlich.
Indessen unternehmen wir es nicht, diese interessante Frage zu beantworten, hier auseinanderzusetzen, kraft welcher von der Natur in den Menschen gelegter Triebe und auf welche Weise in dem jugend - lichen Verkehr des Individuums mit seinen nächsten Anverwandten, durch die Erziehung und das Leben diese Aufgabe lösbar ist und in weitem Umfange auch gelöst zu werden pflegt.
υ1) Es genügt zu konstatiren, dass aber die Aufgabe, welche nationale Gemeinschaft wir auch in's Auge fassen mögen, doch bei weitem nicht vollkommen gelöst ist. Der Sprachschatz einer jeden von unsern Kultursprachen überliefert vielmehr uns eine Fülle von Namen, welche der oben als wesentlich aufgestellten Anforderung der Einsinnigkeit durchaus nicht genügen, im Gebrauch denn auch durch ihren Doppelsinn zur Quelle von Missverständnissen werden und Un - bedachtsamen gegenüber nicht selten zu missbräuchlicher Anwendung sich hergeben.
Ein Name, bezüglich dessen jene Anforderung nicht erfüllt ist, heisst ein „ doppelsinniger “oder „ mehrsinniger “, nomen aequivocum oder ambiguum, wofern er nämlich — dies müssen wir eigentlich der vor - stehenden Erklärung noch hinzufügen — überhaupt (einen) Sinn hat, wirklich Name für etwas ist, m. a. W. falls wir nur den sinnlosen oder „ unsinnigen “Namen, wie „ rundes Quadrat “(dergleichen die Wissen - schaften gelegentlich auch hervorbringen) beiseite lassen.
Für „ doppelsinnig “wird auch häufig „ zweideutig “gesagt; doch könnte dieser Gebrauch selbst zur Quelle von Missverständnissen werden, indem, wie wir nachher sehen werden, auch das Wort „ zweideutig “ein doppel - sinniges ist — vergl. λ2).
Das Wesen der Doppelsinnigkeit ist nicht darin zu erblicken, dass der Name eine Mehrheit von Dingen als seine Bedeutung umfasst (wie einerseits der „ Kollektivname “und andrerseits der „ Gemeinname “, von denen weiter unten die Rede sein wird). Vielmehr beruht solche ledig - lich auf dem schwankenden Gebrauche, dem wir den Namen unterwerfen. Die Doppelsinnigkeit ist ein Merkmal der Anwendungsweise des Namens.
51Einleitung.Sie tritt nämlich erst ein, indem wir (ev. gewohnheitsmässig) Urteile fällen, zu denen wir nur berechtigt sind, einmal im Hinblick auf eine bestimmte von den Bedeutungen des Namens und bei Aus - schluss seiner übrigen Bedeutungen, ein andermal ebenso im Hinblick auf eine andere von diesen Bedeutungen bei Ausschluss, vielleicht, der erstern, u. s. w.
Begegnen wir z. B. Urteilen, wie: „ Alle Metalle sind chemische Elemente “und ferner: „ Messing ist ein Metall “, so erscheint dadurch der Name Metall zu einem doppelsinnigen gestempelt. Jedes von diesen Urteilen kann für sich als richtig anerkannt werden, wenn nur die Be - deutung des Namens Metall auf eine bestimmte Weise aufgefasst, be - grenzt wird. Diese Abgrenzung ist aber beidemal verschieden; sie ist eine andere (und zwar hier blos eine „ engere “) bei dem erstern Urteile, wo sie mit der in der chemischen Wissenschaft üblichen zusammen - fällt, als bei dem zweiten Urteile, wo sie sich deckt mit der („ wei - teren “) Auffassung, welche dem Namen Metall in der Technik und im gewöhnlichen Leben zuteil wird.
Wer nun solche Doppelsinnigkeit übersähe, der würde sich schwer - lich der Schlussfolgerung erwehren können, dass Messing ein chemisches Element sein müsse — wogegen es bekanntlich doch eine Mischung, Legirung aus Zink und Kupfer ist.
In ähnlicher Weise vollziehen wir, sooft zwei oder mehr Bedeu - tungen eines Wortes uns unbewusst vermengt werden, fast unver - meidlich logische Fehlschlüsse — eine Bemerkung, zu welcher spätere Betrachtungen uns noch vielfach Belege liefern werden. (Vergl. be - sonders § 4.)
Um (mit Jevons) dies noch durch ein Beispiel zu illustriren, wo der Doppelsinn etwas weniger augenfällig ist, so könnte jemand argumentiren: „ Strafe ist ein Übel “. „ Andern (wenn auch in bester Absicht) ein Übel zuzufügen, sollte nicht erlaubt sein, ist unrecht. “ Ergo: „ Andern eine Strafe angedeihen zu lassen (zuzufügen), ist unrecht. “ Der Doppelsinn liegt im Worte „ Übel “, welches im ersten Satze aufzufassen war als physisches Übel oder Leid, im zweiten dagegen als moralisches Übel. Etc.
Sehr treffend sagt Baco von Verulam: Die Menschen glauben zwar, dass ihr Verstand die Worte beherrsche, aber es kommt auch vor, dass die Worte ihre Gewalt über den Verstand rückwirkend geltend machen („ Credunt homines, rationem suam verbis imperare, sed fit etiam, ut verba vim suam super rationem retorqueant “).
φ1) Es ist darum Jevons6 beizupflichten, wenn er sagt, dass nichts zur Erlangung korrekter Gewohnheiten des Denkens und Schliessens4*52Einleitung.mehr in's Gewicht fallen könne, als eine gründliche Bekanntschaft mit den grossen Unvollkommenheiten der Sprache, und dass an praktischem Nutzen kaum ein Teil der Logik denjenigen übertreffen dürfte, der auf die Vielsinnigkeit der Ausdrücke aufmerksam macht. Je mehr man sich in der That in die subtilen Schwankungen (variations) in der Bedeutung ganz geläufiger Worte vertieft, desto mehr wird man die gefährliche Natur der Werkzeuge (tools) gewahr, deren wir uns bei allen Mitteilungen und Argumentationen zu bedienen haben.
Wird der Gebildete auf diesen Punkt auch sorgsamer achten als der Ungebildete, so ist doch auch jenem im allgemeinen der Vorwurf nicht zu ersparen, dass selbst da, wo die Sprache zur Vermeidung jeder Doppel - sinnigkeit bequeme Ausdrucksmöglichkeiten bietet, er sich diese nicht immer hinlänglich zunutze macht.
Mit Recht hebt z. B. Mill die Doppelsinnigkeit hervor, mit welcher fast allerorten das Pronomen „ derselbe (dieselbe, dasselbe) “gebraucht zu werden pflegt — bald im Sinne von „ der nämliche “(und dann also auch „ gleiche “), bald in dem Sinne von „ ein gleicher “, aber nicht der nämliche. Es ist im Grunde (im erstern Sinne) nicht derselbe Eindruck, den ich em - pfange, wenn ich ein sich gleichgebliebenes Ding ein zweites Mal wahr - nehme. Wie oft spricht man nicht auch von „ Produktionen “, wo man eigentlich von den Produkten reden müsste, und dergl. !
Der Doppelsinn des Hülfszeitworts „ sein “als Kopula und als Existenz - behauptung — z. B. Der Pegasus ist geflügelt und ist (d. h. existirt) doch überhaupt nicht! — hat jahrhundertelang die Logiker vexirt, ja in der Irre herumgeführt. Auf den Doppelsinn mancher Wörter der eigenen Sprache wird man durch das Studium fremder Sprachen erst aufmerksam gemacht; so durch die französische Unterscheidung zwischen „ pouvoir “und „ savoir “auf den Doppelsinn des deutschen „ können “; auf den der Verba „ haben “und „ sein “(letzteres in noch einer andern als der vorhin erwähnten Hin - sicht) durch die Unterscheidung zwischen „ haber “und „ tener “resp. „ ser “und „ estar “im Spanischen. Ist „ Vorstellung “doppelsinnig als Akt und als Resultat des Vorstellens, so haben wir uns bestrebt, das Wort hier immer nur im letztern Sinne zu gebrauchen.
Triftig bemerkt Jevons, dass hierin selbst die Logiker sich nicht viel besser gezeigt haben, als andere Leute. Unter dem Wort „ Negation “werden wir selbst, eben notgedrungen dem Sprachgebrauch huldigend, nicht umhin können, bald zu verstehen die Operation des Negirens, bald aber das Ergebniss dieses Prozesses.
Der Doppelsinn eines Worts ist um so ungefährlicher, je weiter die Gebiete des Denkens (Begriffssphären), denen seine verschiedenen Bedeu - tungen angehören, auseinanderliegen. So dürfte z. B. der Doppelsinn des Wortes „ Widder “zur Bezeichnung des Sternbilds im Tierkreise einer - und des männlichen Schafes andrerseits (ev. auch noch für eine mittelalterliche Belagerungsmaschine) nicht leicht Verwechselungen nahe legen.
Auf die aus Meinungsverschiedenheit unter den Menschen entspringende Mehrsinnigkeit von Ausdrücken, wie „ die schönste Frau “, „ das beste Ver - fahren “, etc. macht die Logik von Port-Royal noch aufmerksam.
53Einleitung.Univoken Termen (termini) begegnet man besonders in der Sprache der Technik und Wissenschaft, und sieht sich jede Disziplin genötigt, dergleichen nötigenfalls sich selbst zu schaffen, sei es durch Restriktion, Einschränkung eines schon vorhandenen Wortes der Sprache auf eine bestimmte unter seinen landläufigen Bedeutungen — mitunter auch unter Spezialisirung oder Generalisirung, Verallgemeinerung desselben, also Verengerung oder Erweiterung seiner Bedeutung — sei es durch Einführung ganz neuer Wortbildungen.
Überhaupt sehen wir die Sprache, um den beständig sich steigernden Bezeichnungsbedürfnissen zu genügen, in einem notwendigen Wachstum begriffen, zu welchem ausser den soeben erwähnten Prozessen noch be - sonders auch beisteuert das „ Differenziiren “der Synonyme, welches darin besteht, dass man Wörter, die bisher wesentlich als gleichbedeutende gebraucht wurden, anfängt (mit in bestimmter Weise verschiedenem Sinne) unterscheidend zu gebrauchen. In Illustration dieses Verfahrens mussten wir oben beginnen, die Synonyme „ zweideutig “und „ doppel - sinnig “auseinanderzuhalten, und werden auch noch andere Beispiele als wünschenswert, zweckmässig oder unumgänglich bei Gelegenheit sich darbieten.
Ein einsinniger Name, soviel sich absehen lässt, ist beispielsweise „ Kathedrale “, obwol er (als ein Gemeinname) sehr vielen individuellen Ge - bäuden, wie dem Kölner Dome, dem Strassburger Münster, etc. beigelegt werden mag. Als ein sehr vielsinniger Name dagegen erscheint „ die Kirche “(Jevons l. c.). Bald wird darunter nur verstanden das Gebäude, in welchem religiöse Handlungen vorgenommen, Andacht verrichtet wird, bald auch be - deutet der Ausdruck die ganze Körperschaft, Gemeinde der Personen, welche zu einem bestimmten Bekenntniss gehören, bald nur die religiösen Autori - täten oder die Körperschaft der Priester, den Klerus, die Hierarchie im Gegensatz zum Laienelemente, bald endlich auch die gesamte Organisation, Institution als solche, und in fast allen diesen Fällen wechselt der Aus - druck noch obendrein seine Bedeutung je nach der Konfession oder Sekte, für welche derselbe (gewöhnlich stillschweigend) in Anspruch genommen wird.
Es bedarf kaum des Hinweises, dass vielsinnige Namen sich besonders leicht zur Irreführung namentlich der unkritischen Menge, der Volksmassen hergeben, und sehen wir solche Praxis auch mit den Schlagwörtern poli - tischer Parteien von Demagogen und Propaganda machenden Agitatoren vielfach geübt. Der Missbrauch gleicht dem Taschenspielerkunststückchen, durch welches dem nichtsahnenden Publikum ein Ding für ein anderes mit Geschick untergeschoben wird, indem unvermerkt für die eine Bedeutung des Namens in Anspruch genommen wird, was genau besehen nur für die andere anerkannt werden konnte und aufrecht erhalten werden könnte — natürlich mit dem Erfolg, das Urteil zu korrumpiren. Auch bieten die doppelsinnigen Wörter bequeme Vorwände und Angriffspunkte für den Streit - lustigen dar, indem es leicht ist, mit Unterstellung, Insinuation der einen54Einleitung.Bedeutung des Namens gegen dasjenige zu eifern, erfolgreich zu polemi - siren, was unter demselben Namen im Grunde von einer ganz andern Sache — und vielleicht mit Recht — behauptet worden ist. Desgleichen machen sie es leicht, den Gegner, der den Namen in mehrerlei Siune brauchte, oder (wie sollte er auch anders!) abweichenden Gebrauch bei Andern zuliess, der Inkonsequenz, anscheinend des Widerspruchs zu überführen. Etc.
χ1) Ungeachtet der hervorgehobenen eminent praktischen Wichtig - keit sorgfältigen Achtens auf etwaige Doppelsinnigkeit verwendeter Namen oder Zeichen gebührt den vielsinnigen Namen doch eigentlich keine Stelle in dem System der Logik selbst. Ihre Betrachtung liegt von rechtswegen nur der angewandten Logik ob. In der Theorie müssen wir die fundamentale Anforderung der Einsinnigkeit, kraft welcher erst ein Zeichen seiner Bestimmung voll zu genügen vermag, jeweils als erfüllt voraussetzen und dieses Ideal, bevor wir zu Nutzanwendungen schreiten, allemal vorgängig zu erfüllen trachten.
Hierzu ist es ausreichend, einen etwa vorgefundenen vielsinnigen Namen (wie man nach früheren sagen kann) zu „ differenziiren “, das heisst hier: so viel verschiedene Namen aus ihm zu machen, als in wie viel verschiedenen Bedeutungen er gebraucht werden soll. Leicht wird dies hingebracht, indem man ihn z. B. durch einen Buchstaben repräsentirt und diesem alsdann Indices 1, 2, 3, … anhängt, je nach - dem man ihn in seiner ersten, zweiten u. s. w. Bedeutung verstanden haben will.
Der doppelsinnige Name gilt in der Logik für ein Paar von Namen, die nur zufällig gleichen Klang haben; er repräsentirt uns ganz verschiedene Objekte des Denkens, Objekte, die darum doch nichts miteinander zu schaffen haben sollen. Von diesen wird zu sagen sein, dass sie „ homonym “durch ihn bezeichnet seien.
Ein Hauptgrund, weshalb die grosse Mehrzahl der Wörter sich als mehrsinnig erweist, ist darin zu erblicken, dass von psychologischen Mo - menten beherrscht die Sprache in ihrer historischen Entwickelung sich so häufig bewogen sah, einen Namen von den einen auf andere Dinge zu über - tragen (zu transferiren), die mit jenen eine hervorragende Analogie offen - barten oder auch nur mit ihnen regelmässig sich assoziirt zeigten — wie z. B. „ (Stände -) Haus “auf die gesetzberatende Körperschaft der Volksvertreter.
Nicht selten kriecht so gewissermassen ein Name vom einen Ding zum andern, bis schliesslich oft keine grössere Gemeinschaft zwischen seinen ver - schiedenen Bedeutungen erkennbar ist, als zwischen irgend welchen mit ganz verschiedenen Namen belegten Objekten (Mill).
Namentlich aber — und dies ist das wichtigste Moment — hatte die Sprache alle Ausdrücke für Objekte, Qualitäten und Verhältnisse auf den geistigen Gebieten einst zu entlehnen aus dem naturgemäss zuerst55Einleitung.erschaffenen Wörterschatze für das sinnlich Wahrnehmbare in der materiellen Welt. Sie musste so neben der „ eigentlichen “und ursprünglichen, der Be - deutung „ katexochēn “oder „ par excellence “auch noch eine „ uneigentliche “, „ übertragene “oder „ metaphorische “Bedeutung den entlehnten Wörtern (oder ihren Zusammensetzungen) beilegen — wie dies z. B. geschieht, wenn wir von einer glänzenden That, einem brillanten Geschäft, einer bittern Ent - täuschung u. s. w. reden.
Wer solchen Unterschied missachtet, wird leichtlich den Regeln der Logik gemäss zu absurden oder lächerlichen Folgerungen geführt werden. Treffend illustrirt dies De Morgan, indem er darauf aufmerksam macht, dass der Satz „ Nur der Weise ist (wirklich) reich “(Solus sapiens est dives) logisch vollkommen äquivalent ist mit dem Ausspruche „ Jeder Reiche ist weise “(Omnis dives est sapiens) — jedenfalls sehr schmeichelhaft für die Reichen! Natürlich war das erste „ reich “im übertragenen Sinne genommen, als: reich an inneren, an Schätzen des Gemütes, gesegnet mit Zufrieden - heit, etc., das zweite aber konnte — ohne weiteres — nur im eigentlichen Sinne als „ reich an Geld und (äusserm) Gut “— aus psychologischen Gründen — verstanden werden.
Von jenem Recht der Metapher macht auch heute noch die Sprache fortgesetzt und in erspriesslicher Weise Gebrauch, vornehmlich in ihren poetischen Produktionen, und da ist es keineswegs der Wissenschaft und Logik zur Last zu legen, wenn dieselbe mit ihrer Analyse, mit logisch - wissenschaftlicher Zergliederung oft gleichsam den prachtvollen Farbenschmelz von den Flügeln des Schmetterlinges abzustreifen und blos ein kahles Ge - rippe übrig zu lassen scheint — sondern nur ihrer unvollkommnen Anwen - dung. Wir missgönnen der Poesie ihre Freiheit nicht, wir bewundern sie vielmehr ob der Geschicklichkeit und Macht, mit der sie auf die Verede - lung des Geschmackes, des ganzen Fühlens und Denkens breiter Bevölkerungs - schichten hinzuwirken und gelegentlich auch — vornehmlich auf ethischem Gebiete — erhebende und wichtige Wahrheiten grossen Volksklassen, dem Einfältigen gleichwie dem Gebildeten, zum Bewusstsein und zu Anerkennung zu bringen versteht, allein wir müssen aus dem uns hier vorliegenden Unter - suchungsfelde solche Freiheit thunlichst bannen.
ψ1) Wir haben bis jetzt hauptsächlich gehandelt von Dingen, Vor - stellungen und Namen, indem wir uns bestrebten, hierüber eine erste, zum Teil auch wol unerlässliche Basis zu fernerer Verständigung zu gewinnen.
… Im Einklang etwa mit De Morgan's2 Kapitelüberschrift „ On ob - jects, ideas and names “. Dem letzten dieser Themata pflegen deutsche Werke über Logik entweder gar keine oder doch nur eine sehr stiefmütter - liche Behandlung angedeihen zu lassen, wie mir dieselben denn überhaupt von Anfang ihren Flug meistens zu hoch zu nehmen scheinen. Ausführ - liche und gründlichere Betrachtungen dagegen finden sich diesem Gegen - stand häufig in englischen Darstellungen der Logik gewidmet und sind in dieser Hinsicht vor allem die Werke von Mill1 und Jevons6 empfehlend hervorzuheben (neunte resp. siebente Auflage). Dieselben zeigen hierin sich56Einleitung.wenigstens ernstlich bestrebt — wie dies auch Leibniz von sich sagt (vergl. Trendelenburg l. c.) immer — die ersten Prinzipien zu suchen, „ welche sonst als trocken und ohne Reiz die Köpfe kaum kosteten und schnell wieder fahren liessen “.
Das dritte der obigen Themata (mit dessen Betrachtung wir noch nicht zu Ende sind), scheint mir nun aber den naturgemässen Aus - gangspunkt zu bilden, an welchen die ferneren Themata der Logik als einer Lehre von den Begriffen, Urteilen und Schlüssen (in neuerer Ab - grenzung auch noch Methoden) anzuknüpfen sind. In der That:
In der mit Schöpfung einer Sprache verknüpften Notwendigkeit der Namengebung wurzelt auch die Bildung der „ Begriffe “.
Es bedarf und verdient dies näher dargelegt zu werden, doch mögen wir an den Kernpunkt der Frage erst nach einigen weiteren Vorbetrachtungen herantreten — vergl. η2) und folgende Chiffren.
ω1) Zunächst wol in der Welt des äusserlich Wahrnehmbaren be - merken wir, dass manche Dinge sich nahezu unverändert, stetig, in der Zeit forterhalten, dass sie, wie man sagen kann, eine zeitlang, oft eine lange Zeit hindurch, „ dieselben “(genauer: sich gleich -) bleiben. Die Kontinuität wird zunächst in unserm Bewusstsein hergestellt, indem wir bei andauernder sowie wiederholter Wahrnehmung des Dinges inne werden, dass es uns als „ dasselbe “(the same) erscheint, als welches es uns schon früher erschienen ist, und schreiben wir auch dem der Erscheinung des Dinges zugrunde liegenden Wirklichen die ent - sprechende Stetigkeit des Daseins zu. Die Sprache benennt dieses Ding, gibt ihm einen Namen, der bei jeder erneuten Wahrnehmung ebendieses Dinges ausschliesslich gebraucht wird, desgleichen, wenn man kundgeben will, dass man sich dasselbe in freier Erinnerung vor - stelle, m. a. W. wenn man von ebendiesem Dinge reden will. Der Name wird ein „ Eigenname “(nomen proprium, singular term) — im gewöhnlichen Sinne des Wortes — sein.
In des Wortes engster Bedeutung genommen sollte der „ Eigenname “nur das Ding in einem bestimmten Augenblick, Momente seines Daseins bezeichnen dürfen. Das gegenwärtige Berlin ist ein anderes als das Berlin vom Ende des vorigen Jahrhunderts, daher „ Berlin “streng genommen erst dann ein Eigenname, wenn als bekannt gelten kann, aus welcher Epoche man es sich vorstellen will.
Merkur, Venus, Erde, Mars, etc. sind beispielsweise darnach Eigen - namen. Indessen illustriren unsre Beispiele das Wesen des Eigen - namens bis jetzt erst einseitig, indem sie hinsichtlich dessen, was sie bedeuten, alle herausgegriffen sind aus der Sphäre der konkreten Dinge oder Gegenstände.
57Einleitung.Ein Ding heisst ein konkretes, wenn es einerseits vollkommen isolirt denkbar, andrerseits mit allen seinen Merkmalen (Teilen, Attri - buten und Beziehungen) gemeint ist oder genommen werden soll. So vermögen wir uns den Erdball ganz gut für sich allein zu denken, und wenn wir von ihm reden, so meinen wir denselben mit allem „ was darum und daran ist “, ohne irgend etwas ausschliessen zu wollen, was gültig von ihm ausgesagt werden könnte.
Die Gegenstände der materiellen Welt sowol als auch die in ihr wahrnehmbaren lebenden Wesen, Pflanzen, Tiere, Personen und Gruppen von solchen (z. B. der Odenwald, die Familie des N. N., die Güter dieser Familie, das 24. Regiment der gegenwärtigen deutschen Armee, etc. — nicht minder aber auch erdichtete persönliche Wesen, wie Cerberus, Circe, Polyphem und Bucentaur) können darnach als kon - krete Objekte des Denkens bezeichnet und mag dementsprechend ihr Name ein nomen concretum jeweils genannt werden.
α2) Aus der Vorstellung eines konkreten Dinges vermögen wir nun aber auch gewisse Elemente abzusondern und mehr oder minder vollkommen in unserm Geiste zu isoliren, eventuell erst, nachdem diese Vorstellung nach gewissen Richtungen noch weiter ausgebildet, ent - wickelt oder vollendet worden ist. Solche Teilvorstellungen im weitesten Sinne des Worts (resp. das ihnen zugrunde liegend gedachte Wirkliche) nennen wir „ Merkmale “desselben (nota, mark — im Singular).
Gelingt solche Isolirung vollkommen, so heisst das Merkmal ein Teil (pars, part) des Dinges*)Es ist dabei erforderlich und vorausgesetzt, dass man sich das Ding selbst erst isolirt denke. Würden wir einen Körper mitsamt seinem Schatten als das Ding hinstellen, so wäre auch der Schatten als ein „ Teil dieses Dinges “zu be - zeichnen; er ist deshalb aber doch nicht ein „ Teil des Körpers “, weil letzterer von vornherein ohne den Schatten zu denken gewesen wäre. Eine solche Exempli - fikation muss aber hier ausgeschlossen erscheinen, da wir den Schatten nur als solchen über oder in etwas, als auf einem materiellen Körper haftend, zu denken vermögen, und ihn darum selbst nicht als Konkretum (für sich, oder auch mit ganz anderm verknüpft) hinstellen durften. und wird sich auch seinerseits wieder als ein konkreter Gegenstand in's Auge fassen lassen.
So ist der Dunstkreis der Erde (die etwa bis zu 1 mm Druckhöhe gerechnete Atmosphäre), so sind die unsre Erde zusammenhängend be - deckenden Wassermassen, der afrikanische Kontinent, ein Berg etc. als Teile des Erdballs, so ist der Kopf, die Hand als Teil eines Menschen zu bezeichnen. Sie sind auch selbst konkrete Gegenstände. Nichts hindert, sie uns auch ohne die übrigen Teile, mit denen sie verbunden58Einleitung.sind, zu denken, wie denn sehr häufig auch der Teil vom Ganzen mechanisch abgetrennt zu werden vermag, die Möglichkeit solcher Trennung wenigstens allemal einleuchtet und in manchen Fällen auch anfangs blos der Teil bekannt ist, ohne dass man vielleicht von dem Dasein des Ganzen, dem er angehört, auch nur eine Ahnung besitzt. Umgekehrt ist zu merken, dass die Teile eines Dinges auch zu den Merkmalen desselben in der Logik zu rechnen sind. Es sind auch die Borsten ein Merkmal des Schweins (nicht etwa blos der Umstand, dass es überhaupt Borsten besitzt, welcher allerdings auch ein Merk - mal, aber eine durch Abstraktion gewonnene Verallgemeinerung des vorigen wäre, welche wesentlich nur auf dasjenige hinauskommt, worin das Schwein mit andern Borsten tragenden Geschöpfen übereinstimmt), und ist die Mähne, sowie der in ein Haarbüschel endigende Schweif Merkmal eines männlichen Löwen.
Gelingt jene Isolirung (Absonderung, Vereinzelung) nicht voll - kommen, so nennen wir das vorgestellte Ding etwas Abstraktes, seinen (Eigen -) Namen ein nomen abstractum. Wir haben dann Veranlassung zu reden von „ Attributen “des gedachten Dinges, als da sind Qualität oder Eigenschaften und Thätigkeiten, und Quantität, sowie von Be - ziehungen (Relationen), darunter Ursache, Wirkung und anderes.
So die Farbe dieser Blumenkrone, die Elasticität und Festigkeit der Stahlfeder, mit welcher ich eben schreibe, das Gewicht des Erd - balls, seine Gestalt, Volum und derzeitige Lage im Weltraum, seine augenblickliche Entfernung von der Sonne, Geschwindigkeit, die Kraft, mit der er angezogen wird, etc. — die Schönheit der Circe etc. — dies alles sind abstrakte Eigennamen.
Die als deren Bedeutung verbleibende Vorstellung ist in der That dadurch gewonnen, dass man sie von der Gesamtvorstellung des kon - kreten Gegenstandes gewissermassen abzog, sie in den Brennpunkt der Aufmerksamkeit rückte und von dem Komplex aller übrigen Vorstellungs - elemente (nebst dem, was ihnen zugrunde liegt) absah oder abstrahirte. Solche Isolirung jener aus dem Gesamtbilde hervorgehobenen Vor - stellung erweist sich aber bei genauerem Zusehen nicht als eine voll - kommen durchgeführte und durchführbare, wie ich dies für das erste und noch ein späteres der angeführten Beispiele versuchen will ge - nauer darzulegen.
Jene beispielsweise rote Farbe können wir uns zwar wol völlig losgelöst von jedem Gedanken an die Blumenkrone, der sie eignete, als eine blos subjektive Lichtempfindung vorstellen, und wenn wir etwa für die vor mir liegende Blumenkrone von Anfang an nur deren59Einleitung.Vorstellung gesetzt hätten, so würde das aufgestellte Unterscheidungs - merkmal uns im Stiche lassen und läge kein Grund für uns vor, das Element der roten Farbe in dieser Vorstellung als ein Abstraktum gegenüberzustellen der ganzen Vorstellung als einem Konkretum (die wir ja vielmehr von unserm Standpunkte auch selbst schon als ein Abstraktum bezeichnen müssen). Es läge dann der Fall vor, dass wir, anstatt von den Dingen, blos gesprochen hätten von unsren Vor - stellungen über diese, ohne jede Bezugnahme auf etwas ihrer Er - scheinung zugrunde liegendes Wirkliches. Wollen wir aber nicht auf - hören solche Bezugnahme aufrecht zu erhalten, wollen wir fortfahren nach wie vor von Dingen zu reden, dann freilich können wir jene rote Farbe nicht anders denken als wie als Farbe von etwas Farbigem; und wird auch die Vorstellung ebendieses farbigen Etwas im übrigen mög - lichst unvollendet gelassen, so musste dasselbe doch als vorhanden notwendig mit gedacht werden und ist die Isolirung jener roten Farbe keine vollständige gewesen.
Ähnlich musste auch der vom Erdball eingenommene Raum z. B. als von etwas erfüllt, als Ausdehnungsform irgend einer Materie ge - dacht werden, von welcher er nie völlig loszulösen ist.
Wir betreten hiermit allerdings ein streitiges Gebiet. Ob man den Raum sich absolut leer denken könnte, einen Zeitraum ohne jeden Vorgang in demselben, den Geist auch ohne Körper, darüber ist viel hin und her gestritten worden. (Ich würde bis zur Erbringung eines Gegenbeweises diese Fragen verneinen. Die Erscheinung des Todes hat es uns leicht ge - macht, den Leib auch ohne Seele, isolirt zu denken — wir nennen ihn Leichnam; ich würde aber, wenn von dem Leibe eines lebenden Wesens lediglich als Materie ohne Rücksicht auf dessen Besselung gesprochen wird, auch diesen strenge genommen für ein Abstraktum zu erklären mich ver - pflichtet glauben.)
Im Hinblick auf solche Kontroversen dürfte die Bemerkung am Platze sein, dass die Unterscheidung zwischen „ abstrakt “und „ konkret “für unser Hauptthema (soweit wir dasselbe zu führen vermögen) sich (noch) belang - los erweisen wird (ein Grund für diese Erscheinung wird sogleich, im folgenden Kontext ersichtlich). Wesentlich kommt es uns hier nur darauf an, zunächst die Bedeutung des Eigennamens und nachher die des Gemein - namens klarzulegen, zu welchem Ende wir dieselbe allerdings wol in ihre Hauptvarietäten hinein verfolgen müssen.
Ich muss auch gestehen, dass mich die obige Auseinandersetzung für die Scheidung der Merkmale in Teile und Attribute, die wir hier — ich denke wol im Anschluss an das üblichste Verfahren — genetisch zu ent - wickeln versucht haben, nicht völlig befriedigt. Die Erde z. B. zieht nach dem Gravitationsgesetze ein jedes Massenteilchen des Weltraums an, und können überhaupt zwischen ihr und irgend einem andern Objekt des Denkens60Einleitung.vom Geiste Beziehungen wahrgenommen oder hergestellt werden. Um das - jenige vorzunehmen, was wir oben die Isolirung ihrer Vorstellung nannten, müssen daher grosse Merkmalgruppen von der auf die Erde bezüglichen Gesamtvorstellung von vornherein ausgeschieden und losgelöst werden; es ist auch dazu schon eine Art von Abstraktionsverfahren erforderlich, und erscheint es geboten dabei auf die Raumerfüllung der Erde, ihre Charakteri - sirung als das einen bestimmten Raumteil Erfüllende vermittelst einer ihr zugedachten Begrenzung, sich zu berufen — und ähnlich auch bei den übrigen als konkrete hinzustellenden Gegenständen.
Dass nun solch 'spezieller, gleichwie auch irgend ein anderer Abstraktions - modus, durch welchen eine Vorstellung zu einer isolirten gestaltet wird, für die (allgemeinen) Gesetze folgerichtigen Denkens nicht von Belang sein wird, ist zu gewärtigen.
Die Begriffe von Quantität und Qualität exakt und allgemein zu cha - rakterisiren dürfte überhaupt zu den schwierigeren Problemen der Philo - sophie gehören — ich habe eine mir ganz genügende Erklärung nirgends auftreiben können. Gleichwol ist die Frage eine fundamentale, da auf ihr doch die Lehre von den „ gleichartigen “, vergleichbaren oder durch ein - ander messbaren Grössen und die Scheidung zwischen Mathematik und Logik (im engern Sinne) beruht:
Von einem vorgestellten Dinge vermögen wir durch Abstraktion einen Teil abzusondern und ebenso vermögen wir ein Merkmal abzusondern welches nicht Teil sondern eine Eigenschaft, Thätigkeit oder Beziehung des Dinges ist. Die schwierige Frage ist, worin sich wol jene, die quantitative von dieser der qualitativen Sonderung der Vorstellungselemente unterscheidet? Wir glaubten den Unterschied in der vollkommenen Isolirbarkeit jener erstern im Geiste (sowol als eventuell in der Wirklichkeit) gegenüber der unvollkommeneren Isolirungsfähigkeit der letztern erblicken zu sollen.
Möglich auch, dass diese Begriffe der Qualität und Quantität (?) zu den Urbegriffen zu zählen sein werden, die in Form einer Definition einer Erklärung überhaupt nicht fähig, oder dass sie auch, wie der Begriff des „ Maasses “, erst mittelst langer Reihen von Schlüssen aufgestellt werden können.
Mill freilich macht es sich hier bequem, indem er sich im wesent - lichen begnügt zu sagen: Quantität sei dasjenige, wodurch sich ein Liter Wasser von zwei, drei oder zehn Litern Wasser unterscheidet, worin er aber mit einem Liter Branntweins oder Schwefelsäure übereinstimmt, Quali - tät dasjenige, worin jene übereinstimmen und diese sich unterscheiden. So leicht es aber erscheint, treffende Beispiele hier anzuführen, so schwierig erscheint es uns, den Gegensatz allgemeingültig zu charakterisiren.
Es mag auch eine Wissenschaft, die sich ein für allemal nur mit auf eine bestimmte Weise hergestellten Abstraktionsergebnissen be - schäftigt — wie die Geometrie mit den räumlichen Gebilden — solche (relativ) als Konkreta hinstellen, und diesen erst und ihren (dann eben - falls konkret zu nennenden) Teilen als Abstrakta gegenüberstellen die Attribute der Gestalt, Grösse und Lage, Entfernung etc. jener Gebilde. 61Einleitung.Im Grunde würde alsdann nur konkret und abstrakt genannt werden, was eigentlich als abstrakt in erster und in zweiter Potenz oder — wenn man will — im ersten und im zweiten Grade (absolut genommen) hingestellt werden müsste. — Von einem selbst durch den Abstrak - tionszprozess gewonnenen Objekte lassen sich ja häufig selbst wieder Merkmale noch weiter fort abstrahiren.
β2) Nicht anders, wie in Hinsicht der Qualitäten verfährt man auch bei (wahrgenommenen) Beziehungen zwischen Dingen: auch solche mögen wir mit Eigennamen belehnen.
Bemerken wir z. B., dass drei gewisse Sterne ein gleichschenkliges Dreieck bilden, dessen Schenkel fast doppelt so lang ist, wie die Grund - linie (und zwar allemal wieder, wenn sie allnächtlich wiederkehren), so können wir zunächst die Figur oder Gruppe selbst als ein Sternbild (und Konkretum) mit einem Eigennamen bezeichnen; aber wir können sogar auch das genannte abstrakte Seitenverhältniss (von nahe zwei zu eins), desgleichen den Neigungswinkel α des einen Schenkels gegen den andern, etc. als „ Ding “je mit einem aparten Eigennamen belegen (falls solches uns der Mühe wert erschiene). Ich will dies hier besonders hervorheben, um zu erinnern, dass ich das Wort „ Ding “in unsern Betrachtungen stets so all - gemein wie möglich gefasst wissen möchte, und in diesem Sinne für jedes (nach Ort, Zeit und Abstraktionsmodus) völlig bestimmte „ Ding “einen „ Eigennamen “für zulässig erachten muss. Einen solchen stellt allemal schon die Beschreibung vor, durch welche uns das zu denkende, zu be - trachtende Ding als ein singulares, unzweifelhaft bestimmtes kund gegeben wird — wenngleich die letztere der für Namen in der Regel wünschens - werten Kürze entbehren wird, und um ihrer teilhaftig zu werden etwa durch einen Buchstaben ad hoc zu ersetzen wäre.
Auch der Gewinn z. B., den ein bestimmtes Geschäft für einen be - stimmten Teilhaber N. N. abwerfen wird — wir mögen denselben ja χ nennen —, ist so ein Eigenname, und ebenso würde sein Anrecht auf diesen Gewinn ein solcher sein.
γ2) Und nicht blos die Dinge aus der Aussenwelt, wie in früheren Beispielen, sondern auch solche aus der Welt des Bewusstseins, aus dem Geistesleben, sind eines Eigennamens fähig, und sie werden eines solchen teilhaftig, sobald wir sie mit Worten unverkennbar charakterisiren.
Auch meine Absicht, nachher spaziren zu gehen, die freudige Über - raschung, die (ein bestimmter) Jemand beim Erfahren einer gewissen an - genehmen Nachricht empfinden wird, die Eifersucht, die zwei bestimmte Nebenbuhler zur Zeit auf einander haben — alles dies (immer in der suppositio nominalis betrachtet) sind Eigennamen.
δ2) Was ein Eigenname bedeutet, das werden wir häufig als etwas Spezielles, Individuelles, als ein „ Individuum “unter den Objekten62Einleitung.des Denkens (in allerdings dem ursprünglichen Sinn dieses Wortes gegenüber sehr erweiterter Bedeutung) anzuführen haben.
Ich muss hier noch einer Ansicht gegenübertreten, zu welcher die Lektüre von Mill (besonders von p. 37 sq. der Schiel'schen Übersetzung2, desgl. von p. 40 sq.) verleiten könnte: dass der Eigenname an sich be - deutungslos oder nicht-bezeichnend (nonconnotative) sei. Das neben andern ähnlichen von Mill gewählte Beispiel „ Johann “erscheint in dieser Hin - sicht keineswegs beweisend, denn „ Johann “ist (in unserm Sinne) kein Eigenname — es sei denn mit solchen Zusätzen, dass er eine ganz be - stimmte Person bedeutet — sondern ein Vorname, und kommt als solcher einer ausgedehnten Klasse von Personen zu. So ist denn freilich der Name ein ziemlich nichtssagender und gibt uns wenig Aufschluss über das Wesen einer Person, welche denselben führt.
Der Eigenname ganz im Gegenteil ist ein möglichst ausdrucksvoller zu nennen, indem er ein ganz bestimmtes Ding bezeichnet mit allen seinen Merkmalen, bekannten sowol als unbekannten, sofern letztere ihm zukommen.
Mill2 selbst auch schränkt seine Behauptung auf einer folgenden Seite (p. 38) wieder ein, indem er Ausnahmen statuirt, für welche er die Grenze anscheinend willkürlich zieht; es wäre in der That durchaus nicht abzusehen, weshalb uns zwar „ die Sonne “eine Menge Attribute mitbezeichnen sollte, dagegen Mill's eigner Name „ John Stuart Mill “z. B. nicht?
Demgemäss erscheint mir auch die Unterscheidung von „ mitbezeich - nenden “(connotativen) und „ nichtmitbezeichnenden “(non-connotativen) Namen, von welchen Mill so grosses Aufhebens macht, als eine gänzlich belang - lose, genauer gesagt: überflüssige. Es bleibt mir von dem Gegensatze, wenn ich ihn schärfer in's Auge fasse, nichts anderes übrig als der aller - dings sehr belangreiche Unterschied zwischen einem Eigennamen und dem (mit einem Begriff verknüpften) Gemeinnamen; das übrige löst sich in Dunst auf. Für solchen Gegensatz aber nochmals besondre gelehrt klingende und — fast möchte ich sagen: schwülstige — Benennungen einzuführen scheint keineswegs Bedürfniss.
ε2) Nicht unwichtig ist es noch, zu beachten, dass die dem ab - strakten Substantivum zugeordneten Adjektiva, sofern sie überhaupt als Namen gelten können, doch im allgemeinen als konkrete Namen bezeichnet werden müssen.
So ist weisse Farbe oder Weisse ein nomen abstractum, dagegen weiss = ein weisses Ding = Etwas weisses muss offenbar zu den nomina concreta gerechnet werden, indem es ja das (konkrete) Ding selbst be - zeichnen soll, welchem das Attribut der weissen Farbe zukommt. Ebenso ist (räumliche) Ausdehnung ein Abstraktum, dagegen ausgedehnt, räumlich = Etwas ausgedehntes, Konkretum: ein jeder Körper kann so genannt werden. Vergl. noch Leben und lebendig, Nutzen und nützlich, Gleichheit, Ähnlichkeit, Verschiedenheit und gleich, ähnlich, verschieden, Dankbarkeit und dankbar etc. hinsichtlich ihres Gegensatzes als Konkreta und Abstrakta.
Ausgedehnte, gleiche, ähnliche oder verschiedene Dinge können freilich ebensogut aus der Sphäre der Abstrakta genommen sein, wie z. B. auch63Einleitung.ein geometrischer (sonach immaterieller) Körper, eine Fläche, mathematische Linie, der Schatten räumlich ausgedehnt, ein Zeitraum wenigstens „ aus - gedehnt “genannt werden mag. Es lässt demnach (was Mill und Jevons zu übersehen scheinen) sich nur behaupten, dass die aus abstrakten Sub - stantiven abgeleiteten Adjektiva konkret sein können, aber nicht müssen, sie können oft auf beiderlei Weise verwendet werden und nehmen in Wahr - heit eine Zwitterstellung ein. Andere, wie „ dankbar “, freilich kann man un - bedenklich als Konkreta hinstellen, denn Dankbarkeit lässt sich (es sei denn im übertragenen Sinne) nur einem lebenden Wesen, also Konkretum, zuschreiben.
ζ2) Versuchen wir nun einmal, uns auf den Standpunkt zu stellen, als ob es uns obläge, eine Sprache zu erschaffen, ganz nach Belieben Wörter oder Zeichen zu bilden und solchen ihre Gebrauchsweise vor - zuschreiben.
Auf den Unterschied unsrer Bestrebungen von denen der Volapükisten werden wir noch zu sprechen kommen — vergl. α3) in dieser Einleitung, Fussnote.
Es erscheint dann keineswegs als eine leichte Aufgabe auch nur zu jenen schon unter ξ1) erwähnten zehn Wortarten zu kommen, welche wir in unsern Kultursprachen thatsächlich gebildet vorfinden. Die - selben genetisch zu erklären, sie gewissermassen aus den Bedürfnissen der Bezeichnung und Mitteilung herauswachsen zu lassen und so als zur Befriedigung dieser Bedürfnisse erforderliche, in solchem Sinne notwendige nachzuweisen, dürfte vielmehr höchst schwierig sein, wofern die Aufgabe überhaupt lösbar.
Das gleiche wäre auch zu leisten für die etwaigen Beugungsformen, Flexionen jener Wortarten, wie namentlich die Konjugationsformen der Verba, und die Deklinationsformen der Substantiva (Adjektiva und Prono - mina), mit welchen dann auch die Bestimmung oder Mission der Präposi - tionen in nächstem Zusammenhange steht, dergleichen ja in vielen Sprachen Kasus vertreten.
Es müsste in solcher Untersuchung auch die Frage beantwortet werden, mit wie vielen und welchen Wortarten, Kasus und Tempora etc. man (im Minimum) bereits auszureichen vermag, wie viele Arten von sprach - lichen Gebilden oder — sagen wir kurz — „ Sprachformen “also unerläss - lich wären, mit welchen Formengruppen man die Zwecke des Gedanken - ausdrucks gleicherweise, mit welchen aber am besten erreichte und was die etwa überzähligen Formen für Vorteile gewährten.
Soweit die Lösung dieser Aufgabe gelungen wäre, hätten wir eine wirkliche Analyse der Sprache gewonnen, eine zugleich wissenschaft - liche und allgemeine Grammatik, welche die den Kultursprachen gemein - samen Elementarformen auch als unentbehrliche und notwendige er - kennen liesse, wogegen sie andrerseits die von Sprache zu Sprache wechselnden Gebilde ignoriren würde.
64Einleitung.Es würde diese allgemeine Grammatik des Vorzugs geniessen, dass in ihr gerade dasjenige ausser Betracht bleiben dürfte und zu bleiben hätte, was beim Erlernen einer fremden Sprache jeweils die grössten Schwierig - keiten zu bereiten pflegt — als da sind: die verschiedenen Arten von Kon - jugation und Deklination, welche die „ spezielle “Grammatik uns oft so er - müdend als erste, zweite, dritte etc. aufzählt und vorführt, dazu die Unregelmässigkeiten der Verba, der Wortstellung und des Satzbaues, nament - lich aber auch die dem Ausländer das Deutsche so sehr erschwerenden drei Genera von den in dieser unsrer Sprache mit „ der “, „ die “oder „ das “ganz ohne jeden objektiven Grund zu verknüpfenden (unpersönlichen) Haupt - wörtern und ebenso die Divergenzen zwischen Schrift und Aussprache, wie sie vor allem in der unphonetischen Schreibung des Englischen sich so „ bemühend “*)Der Ausdruck ist besonders im deutsch - schweizerischen Idiome ein - gebürgert. kundgeben, auch anderes mehr.
Für ein engeres Gebiet, nämlich für dasjenige der Zahlenbezeichnung, sehen wir die analoge Aufgabe bereits gelöst vor uns. Hier kann in der That leicht der Nachweis geliefert werden, dass, wofern nicht mehr als zehn Ziffern sollen verwendet werden dürfen, eine systema - tische Darstellung aller natürlichen Zahlen nicht besser erreicht zu werden vermag, als sie durch die jetzt allgemein üblichen Ziffern - zusammenstellungen in unserm aus Indien überkommnen dekadischen Systeme bereits verwirklicht wird; es kann diese Zahldarstellung als eine aus Zweckmässigkeitsgründen auch notwendige gerechtfertigt werden.
Dass ähnliches aber für das ganze Gebiet der sprachlich bezeich - neten oder bezeichenbaren Objekte durchaus nicht gelingt, dürfte seinen Grund vor allem darin haben, dass eben dieses mit der Sprache ge - gebene Bezeichnungssystem sich an Vollkommenheit entfernt nicht messen kann mit dem in der angedeuteten Richtung für die Objekte der Arithmetik bereits verwirklichten Bezeichnungssysteme.
Hat dieses nun seine Richtigkeit, so muss an Stelle jenes oben - erwähnten Ideals einer „ allgemeinen “Grammatik ein anderes treten: das rationellste Bezeichnungssystem für die Benennung aller Objekte und den Ausdruck aller Vorgänge des Denkens erst zu entdecken und als ein notwendiges zu rechtfertigen.
Auf dieses Ideal werden wir in der That noch weiter hinarbeiten.
η2) Gehen wir nun von dem eingenommenen Standpunkte auch nur ein Stück weit, auch einen Schritt nur vor, so leuchtet zunächst die Notwendigkeit ein, neben den (bisher besprochenen) Eigennamen, die jeweils ein ganz bestimmtes „ Ding “bezeichnen, nur einem solchen65Einleitung.zukommen, auch solche Namen zu schaffen, die auf viele Dinge passen; es erhellt die Notwendigkeit der Schöpfung auch von Gemeinnamen.
Ich denke, dass die Erforderlichkeit von Namen überhaupt zur Be - zeichnung von Dingen und insbesondre von Eigennamen um je von einem bestimmten Dinge reden zu können, keiner weitergehenden Rechtfertigung bedarf, und werden auch die Betrachtungen, die wir anzustellen haben, um das Bedürfniss nach Gemeinnamen klar zu legen, zum Teil höchst trivialer Natur sein. Es dürfte solchen gleichwol nicht jedes Verdienst abzu - sprechen sein.
Denken wir uns eine Anzahl Personen im Vollbesitze einer beliebig grossen Menge von Eigennamen — aber zunächst nur von solchen — also dass das gleiche Wort sich bei allen jeweils mit der („ gleichen “) Vor - stellung von dem nämlichen bestimmten (übrigens beliebig konkreten oder abstrakten) Dinge mit unfehlbarer Sicherheit assoziirt, so wird sich mit Denknotwendigkeit erkennen lassen, dass diese Personen unfähig sein werden einander irgendetwas mitzuteilen, was sie nicht bereits laut Voraussetzung wussten. Ich will z. B. sagen, dass der Schnee weiss ist, aber weil ich nur über Eigennamen verfüge, kann ich dies nicht in Bezug auf den Schnee überhaupt thun, sondern nur in Bezug auf einen bestimmten Schnee, der z. B. an bekanntem Orte liegt, ich kann es auch nicht sagen in Bezug auf jeden Teil dieses Schnees, sondern nur in Bezug auf eine bestimmte Portion desselben, als Ganzes, die ich kurz als „ dieser Schnee “bezeichnen will. Die Weisse dieses Schnee's mag sich durch ihren genauen Hellig - keitsgrad auch von derjenigen jedes andern Schnee's unterscheiden. Ich kann nicht sagen, dass dieser Schnee weiss überhaupt ist, wie andre weisse Körper, sondern weil ich auch nur den Eigennamen für „ diese Weisse “von dem erwähnten eigentümlichen Helligkeitsgrade zur Verfügung habe, so kann ich auch diesem Schnee nur gerade diese Weisse zu - oder absprechen. Von den Personen, die meinen Ausspruch hören werden, wissen alle, was unter „ dieser Schnee “gemeint ist (laut Voraussetzung), desgleichen was „ diese Weisse “bedeutet, und werden dieselben sich auch darunter sofort, wenn der Name fällt, etwas jener bestimmten Empfindung weisser Farbe (mit dem erwähnten charakteristischen Helligkeitsgrade) zugrunde liegendes Wirkliches übereinstimmend vorstellen. Es kann nun aber sein, dass der Eine oder Andere der genannten Personen gleichwol noch darüber unwissend ist, dass diesem Schnee gerade diese Weisse zukommt, und dass ich es ihm sagen will. Laut Voraussetzung habe ich nun aber auch blos einen Eigennamen für gerade dieses hier vorliegende Zukommen, oder ich habe keinen. Im letztern Falle kann ich es nicht statuiren oder mitteilen; im erstern aber, wo „ dieses Zukommen “ein (laut Voraussetzung) im gemein - samen Besitz der beteiligten Personen befindlicher Eigenname gewesen sein sollte, muss eben der Andre dasselbe schon gekannt haben, er musste da - mit bereits wissen, dass diesem Schnee diese Weisse gerade so zukommt, im Widerspruch zu der obigen Annahme, dass er darüber unwissend ge - wesen. Ergebniss: ein Bezeichnungssystem, das blos Eigennamen umfasste, ist notwendigerweise zur Übermittelung irgendwelcher Erkenntniss unzu - länglich. Dasselbe vermöchte höchstens, bereits vorhandene Erkenntniss -Schröder, Algebra der Logik. 566Einleitung.elemente — durch Anrufen derselben — wiederzubeleben oder in's Feld der Aufmerksamkeit zu rücken.
Um einen Ausspruch thun zu können, der eine Information zu liefern vermöchte, brauchen wir mindestens für die Kopula, welcher in unserm Beispiel „ das (erwähnte) Zukommen “oder „ der Besitz “entspricht, ein Wort von allgemeiner Bedeutung, das einen Gemeinnamen vertritt, und können damit dann allerdings als etwas für den Vernehmenden möglicher - weise Neues sagen: „ Dieser Schnee “besitzt „ diese Weisse “.
Wir wollen nun nicht weiter ventiliren, mit welchem minimalen Be - stand an Gattungsnamen ein Bezeichnungssystem den Zwecken sprachlicher Mitteilung schon ausreichend zu genügen vermöchte — in Anbetracht, dass auch andere Momente dahin drängen, solche in grosser Menge zu schaffen, und dass ein Reichtum der Sprache an Gattungsnamen nur vorteilhaft erscheint.
ϑ2) Zunächst haben wir aber die vielwörterigen Gattungsnamen, welche sich aus einwörterigen und vielleicht auch andern Wortzeichen „ ableiten “— etwa rationell in Gestalt einer Definition oder Beschreibung aufbauen — lassen, von unsrer Betrachtung natürlich auszuschliessen und unser Augenmerk zu richten auf die Erstellung der als „ ursprüngliche “einwörterig zu gestaltenden Namen, die zu dem weiteren Aufbau uns erst die Bau - steine abgeben sollten.
Schon die oberflächlichste Überlegung zeigt, dass es gar nicht durchführbar sein würde, ein Jedes, was Objekt des Denkens werden mag, mit einem Worte als Eigennamen zu benennen.
Das wäre schon in Bezug auf die Dinge der Aussenwelt unthunlich.
Wie möchten wir z. B. Geometrie treiben, wenn jede Seite jede Ecke etc. eines jeden von irgend jemand in Betracht zu ziehenden Dreiecks ihren eigenen Namen führte, wenn sie von der Sprache je mit einem besonderen Worte bezeichnet würde und werden müsste? So ausserordentlich gross die Kombinationsfähigkeit der Buchstaben zu aussprechbaren Silben und so zahlreich die Arten auch sind, auf welche diese Silben sich zu Worten ver - knüpfen lassen, sie würden doch bei weitem nicht hinreichen um solchen. Bedarf an Eigennamen zu decken. Kein menschliches Gedächtniss aber würde die Kraft besitzen, wären solche Namen auch schon geschaffen (irgendwie, beliebig eingeführt), dieselben mitsamt ihrer Bedeutung zu be - halten, ganz abgesehen von der Schwierigkeit, sie zu erlernen.
Das Erlernen würde hier immer noch (in gewissem Umfange) wenigstens als möglich erscheinen.
Prinzipiell unmöglich aber müsste es genannt werden, falls die gleiche Praxis der Belehnung aller Dinge mit Eigennamen auf die Gebilde der geistigen Welt angewendet werden wollte. Da sich die Zustände des Bewusstseins eines Menschen, als namentlich seine Wahrnehmung von Unterschieden oder von Übereinstimmung an den Dingen, seine Empfindungen, Vorstellungen und Absichten etc. für die andern Menschen nicht sinnlich zur Wahrnehmung bringen lassen, da sich nicht, wie auf die Aussendinge auf solche hinweisen lässt, so wäre hier gar kein Weg denkbar, auf welchem67Einleitung.eine Sprache, die alle individuellen Bewusstseinszustände je mit Eigennamen bezeichnete, überhaupt Gemeingut einer Mehrheit von Menschen werden könnte. Schon die Erlernung der Sprache bliebe hier ein vonhause aus unlösbares Problem.
Wir brauchen also Gemeinnamen.
ι2) Der Gemeinname (nomen appellativum, general term) sollte mehrere Dinge bezeichnen dürfen, solchen einzeln und sozusagen mit gleichem Rechte zukommen.
Der Gemeinname „ Planet “z. B. kann der Erde sogut wie dem Mars, Jupiter oder Saturn etc. beigelegt werden. Wir dürfen darum sagen: Die Erde ist (ein) Planet, Mars ist Planet, Jupiter ist Planet.
Hierdurch erscheint die Anwendungsweise des Gemeinnamens ge - regelt, soferne mit ihm etwas sollte ausgesagt werden, insoweit er also zum Prädiziren dient — zunächst wenigstens: insofern er in der Form des Singulars Prädikat einer Aussage wird.
Die mittelst Eigennamen bezeichenbaren singularen, besondern, bestimmten oder individuellen Dinge, welche so der Gemeinname „ um - fasst “, über die sich seine Bedeutung „ erstreckt “und von deren jedem er für sich im Singular prädizirt werden darf, setzen eine „ Klasse “(oder „ Gattung “) zusammen, von der sie die „ Individuen “genannt werden. So sind Merkur, Venus, etc. bis Neptun die Individuen der Klasse der Planeten oder der Gattung „ Planet “.
Das Wesen der obigen Verwendungsweise besteht nun darin, dass der Gattungsname sich auf seine Individuen, wie man sagt: „ distributiv “, verteilt — so nämlich, dass er jedem einzelnen dieser Individuen ganz (und ungeteilt) zukommt.
Es geht nichts, kein Teil von ihm verloren, wenn er einem Individuum beigelegt, zugeteilt wird, und man behält ihn immer noch ganz übrig, um ihn ebenso auch einem zweiten, dritten etc. Individuum zuzuteilen. Die vorliegende ist sonach eine eigentümliche Art von „ Verteilung “, welche sich etwa der Ausbreitung einer ansteckenden Krankheit vergleichen liesse: werden hundert Personen von einem Scharlachkranken infizirt, so wird eine jede derselben nicht etwa blos des hundertsten Teiles, sondern der ganzen Krankheit, schlechtweg des Scharlachfiebers, teilhaftig (auch verliert Der - jenige, von welchem der Krankheitskeim sich auf die Andern überträgt, die Krankheit dadurch nicht).
Gelegentlich der Erläuterung des „ Distributionsgesetzes “werden wir in § 12 Veranlassung nehmen, noch andere (und schönere) Vergleiche heranzuziehen zur Verdeutlichung der eigentümlichen Natur dieser hier in Betracht kommenden Verteilungsweise, der „ distributiven “oder „ qualita - tiven “, und ihres Gegensatzes zur andern von den beiden denkbaren Haupt - Verteilungsweisen, nämlich der gewöhnlichen oder „ quantitativen “Verteilung.
5*68Einleitung.Analog auch dürfen wir mit der Pluralform von den Individuen irgend einer in jener Klasse enthaltenen Gruppe, wie Venus, Erde, Mars, sagen: dieselben seien „ Planeten “.
ϰ2) Auch umgekehrt soll unter dem Gemeinnamen (oder „ Gattungs - namen “), wenn von ihm etwas ausgesagt wird, stets nach Beliben dieses oder jenes („ irgendein “any) Individuum der Klasse verstanden werden dürfen — unter „ Planet “also, wenn man will, die Erde, oder auch der Merkur, etc.
Durch diese wichtige Vorschrift erscheint der Gebrauch, die An - wendungsweise der Gattungsnamen auch in der andern Hinsicht ge - regelt, soferne er nämlich selbst als Gegenstand, Subjekt einer Aussage auftreten wird.
Wird diese Vorschrift konsequent befolgt, so wird also, was von der Gattung ausgesagt wird, auch von jedem ihrer Individuen Geltung beanspruchen.
Eine Aussage, deren Subjekt Gemeinname ist, eine Klasse vor - stellt, wird ein allgemeines oder generelles Urteil (judicium generale, general statement) genannt — im Gegensatz zu einer Aussage, deren Subjekt ein Eigenname ist, ein Individuum vorstellt, welch 'letztere wir ein singulares oder Einzel-Urteil (judicium singulare, singular state - ment) nennen werden.
So dürfen wir beispielsweise sagen: Der Planet läuft um die Sonne, denn Merkur umläuft die Sonne, Venus umläuft die Sonne etc. Neptun läuft um die Sonne.
Die letztere Aussage ist Beispiel eines singularen Urteils, die erste illustrirt ein generelles Urteil; dasselbe ist auch gleichbedeutend, äquivalent mit: „ Jeder (every planet, each) umläuft die Sonne “sowie mit „ Alle Planeten laufen um die Sonne “und exemplifizirt jene besondre Art von generellen Urteilen, die man als „ universale “bezeichnet.
Dagegen würde ein Satz wie: „ Einige Planeten (some planets) haben Monde “zwar auch als ein generelles, aber nicht als ein universales, sondern als „ partikulares “Urteil hinzustellen sein.
Endlich wird eine Aussage von der Art wie: „ Ein Planet ist (von lebenden Wesen) bewohnt “ein „ unbestimmtes “Urteil genannt.
Wir wollen auf diese Unterscheidungen, welche zunächst vorwiegend als sprachliche erscheinen, gleich hier schon aufmerksam machen, weil auf sie im Text gelegentlich Anspielung gemacht werden wird, während sie nach ihrem logischen Gehalte, systematisch, erst später in Betracht ge - zogen werden.
Dagegen ist ein generelles Urteil unrichtig, wenn dasselbe nicht für jede der als zulässig festgesetzten Bedeutungen des als sein Sub -69Einleitung.jekt auftretenden Gattungsnamens, nicht für jedes Individuum der Klasse, zutrifft. Es würde z. B. der Ausspruch: „ Der Planet hat (einen oder mehrere) Monde “unberechtigt sein, weil er schon für die Venus (z. B.) als unwahr anzuerkennen ist.
Wir müssen es uns für unser eigentliches Thema vorbehalten, die Wirkung obiger Grundsätze, durch welche der Gebrauch von Gemein - namen geregelt werden muss, in die verschiedenen Ausdrucksformen der Sprache hinein zu verfolgen, und etwaige Abweichungen von den - selben, welche die Sprache sich (inkonsequenterweise) gestattet, ge - legentlich zum Bewusstsein zu bringen.
Auf die geschilderte Weise nun ermöglicht es uns der Gemein - name, beliebig viele singuläre Urteile zu einer einzigen — eben der generellen oder allgemeinen Aussage — abkürzend zusammenzufassen. Es wird damit ein ökonomisches Haushalten mit den Mitteln des Ausdruckes erstmalig angebahnt, und erscheint das Verfahren schon wegen der Häufigkeit, mit welcher solche Ersparniss anzubringen ist, von immensem Vorteile. Unabsehbar steigert sich noch diese Wirkung, wenn wir — in Gestalt des „ Begriffes “— demnächst ein Mittel er - kennen werden, auch „ offene “Klassen zu bestimmen, Klassen, welche oft eine unbegrenzte Menge von Individuen umfassen.
λ2) Der Gattungsname kann als ein „ mehrdeutiger “oder „ viel - deutiger “bezeichnet werden, indem ihm eben mehrere Bedeutungen mit gleichem (und vollem) Rechte zukommen. *)Es mag nämlich auch jedes Individuum der Gattung eine von seinen Be - deutungen genannt werden, wogegen die ganze Gattung oder Klasse „ seine Be - deutung “schlechtweg ausmacht. Die Ausdrücke: „ eine Bedeutung “und „ die Bedeutung “, als verschiedene gekennzeichnet durch den unbestimmten und den bestimmten Artikel, werden bei Gemeinnamen unterscheidend gebraucht.Er tritt dadurch in Gegen - satz zu dem als „ eindeutig “(determinative) zu bezeichnenden Eigen - namen sowie zu dem Namen „ Nichts “(oder „ rundes Quadrat “), welchen wir (wie schon früher „ unsinning “, so nun auch) „ undeutig “nennen mögen.
Wie man sieht, ist hiernach zwischen „ zweideutig “und „ doppelsinnig “ein wesentlicher Unterschied anzuerkennen. Ein zweideutiger Name wäre z. B. „ meine Hand “; derselbe würde aber vollkommen „ einsinnig “, univok gebraucht, wenn wir nur logisch berechtigte Urteile fällen, wie: „ meine Hand hat fünf Finger “und dergl.
Zweideutig ist in der Arithmetik die Quadratwurzel aus irgend einer von Null verschiedenen Zahl (in ihrer ursprünglichen Bedeutung, als all - gemeinste, „ volldeutige “oder „ Generalwert “aufgefasst). Sie wird erst doppelsinnig, wenn man etwa — was nicht erlaubt ist — dieselbe und ihren „ Hauptwert “homonym benennt oder bezeichnet. Einsinnig bleibt70Einleitung.sie (bei aller Zweideutigkeit), sobald die Arithmetik eine korrekte Dar - stellung findet.
Erst durch unberechtigt schwankenden Gebrauch, in der Art, wie wir es unter υ1) geschildert haben, kann ein vieldeutiger Name auch zu einem doppelsinnigen gestempelt werden — gleichwie auch schon ein eindeutiger: man denke z. B. an einen schlechtweg nach „ Königsberg “adressirten Brief, wo es doch mehrere Städte dieses Namens gibt, von denen aber nur eine hier gemeint sein konnte und bei einem andern, dem Wortlaut nach eben - dahin adressirten Brief auch eine andere gemeint sein mag.
Der Gemeinname kann ebenfalls „ abstrakt “oder „ konkret “ge - nannt werden, je nachdem die unter ihm begriffenen Individuem sämt - lich als Abstrakta resp. Konkreta zu gelten haben.
„ Mut “stellt ein Beispiel für den ersten, „ Pferd “ein solches für den zweiten Fall vor. Doch gibt es, wie wir schon hervorgehoben haben, auch Gattungsnamen von gemischtem Charakter („ abstrakt-konkreter “Natur), wie „ ausgedehnt “. Auch ist hier zu wiederholen, worauf wir bereits hin - wiesen, dass diese Unterscheidungen von geringem Belang für unsre nächsten Zwecke sind.
μ2) Vor allem ist noch einer Verwechselung des „ Gemeinnamens “mit dem „ Kollektivnamen “vorzubeugen. Der letztere umfasst allerdings auch eine Mehrheit von unterscheidbaren Dingen, welche, wenn man will, wiederum eine Klasse konstituiren und sich auch unter einem „ Gemeinnamen “oder „ Gattungsnamen “zusammenfassen lassen; jedoch wird er dadurch zum Kollektivnamen gestempelt, dass bei seinem Gebrauche wesentlich andere Grundsätze maassgebend sind, als für diesen ihm zugehörigen Gattungsnamen.
Der Kollektivname kann zunächst selbst ein Eigenname sein. Als solcher ist er uns nichts Neues und war bei allen unsern bisherigen Betrachtungen über Eigennamen schon immer mit zugelassen; auch seine Bedeutung hat nach wie vor als ein „ Individuum “unter den Ob - jekten des Denkens zu gelten.
Ein solcher ist z. B. „ die (gegenwärtige) deutsche Armee “; ein solcher ist ferner „ die Gruppe der Planeten “(sie würde zusammen mit deren Monden und der Sonne abermals einen Kollektivnamen: „ das Planeten - system “ausmachen); ein solcher ist „ die Bibliothek des Herrn N. N. “.
Als zugehöriger Gattungsname würde bezüglich erscheinen: „ (gegen - wärtig eingekleideter) deutscher Soldat “, „ Planet “und „ dem Herrn N. N. gehöriges Buch “.
Wir erinnern, dass nach dem unter ι2) und ϰ2) Ausgeführten das Wesen des Gemeinnamens in seiner „ distributiven “Verwendung bestand.
Durch seine Vermittelung kommen in erster Linie und hauptsäch - lich Aussagen zustande, die von den Individuen, welche der Gemein -71Einleitung.name umfasst, auch einzeln abgegeben werden könnten, ohne dass man nötig hätte, dabei auch an andre (die andern) Individuen dieser Gattung zu denken, auf sie zu reflektiren — mit der Berechtigung also, von allen zwischen solchen Individuen etwa bestehenden Be - ziehungen von vornherein abzusehen, zu abstrahiren. Mit dem Prädi - kate freilich können dann auch Beziehungen zwischen Individuen der Subjektklasse statuirt werden.
Wird dagegen ein Name als Kollektivname gebraucht, so werden zwischen den Objekten, die er in sich zusammenfasst, gewisse Beziehungen als vorhanden vorausgesetzt und kommen als solche wesentlich in Be - tracht. Nicht alle Beziehungen, welche zwischen besagten Objekten betrachtbar, brauchen gegeben zu sein oder als unveränderliche fest - gehalten zu werden, aber gewisse wenigstens von diesen Beziehungen, oder in gewissen Hinsichten wenigstens gelten diese Beziehungen uns als feste. Jene Objekte und eventuell Individuen stehen vor unserm Geiste nicht als eine Klasse, sondern als ein System.
Jedenfalls, was von dem Kollektivnamen gültig ausgesagt wird, braucht von den Individuen, die er in sich zusammenfasst, nicht einzeln gültig zu sein. Es darf aufhören zu gelten, sobald man solche getrennt in's Auge fasst, sie separirt. Vielmehr braucht jenes Prädikat nur der „ Gesamtheit “der Individuen zuzukommen (d. i. dem der gleich - zeitigen Vorstellung sämtlicher Individuen zugrunde liegenden Wirk - lichen) mit Rücksicht auf alle Beziehungen, welche zwischen diesen Indi - viduen schon (faktisch oder theoretisch) bestehen, solange man sie also in dieser ihrer Verbindung miteinander belässt*)Die Individuen selbst müssen gleichwol nicht als gleichzeitig existirende vorausgesetzt werden. Verdient der Kollektivname die Bezeichnung als eine „ Summe “, „ Quantität “oder „ Grösse “, so ist sogar gefordert, dass man die Individuen bereits in eine eigenartige Beziehung, Gedankenverbindung gebracht habe, deren Wesen die Arithmetik auseinandersetzt. (zuweilen auch, so - bald man sie erst in gewisse feste Beziehungen zu einander gebracht denkt, bringt). Auch kommt dem einzelnen Individuum der Kollektiv - name (darum) nicht zu.
Der Flügelmann der ersten Kompagnie des ersten Regiments der deutschen Armee ist „ deutscher Soldat “; der Oberst desselben auch; aber er ist nicht „ (die) deutsche Armee “. Die dentsche Armee ist schlagfertig; der einzelne Soldat kann dies auch sein. Aber die deutsche Armee mag auch der gegnerischen Armee überlegen sein, und von dem einzelnen deutschen Soldaten könnte doch jedenfalls nicht ausgesagt werden, er sei72Einleitung.der feindlichen Armee überlegen — ansonst wir unser Militärbudget auf die Erhaltung dieses einen Soldaten einschränken dürften. Das Buch „ ist “nicht die Bibliothek; die Bibliothek kann viele Tausende wert sein, das Buch gleichwol nicht, etc.
Als Kollektivnamen könnten wir jedes Ding bezeichnen, an welchem überhaupt Teile sich unterscheiden lassen: also vielleicht allein den Punkt, den Augenblick und das Nichts nicht! So ist ein Buch wieder Kollektiv - name in Bezug auf die in ihm zusammengebundenen Blätter und deren Seiten, eine Seite ebenso im Hinblick auf die auf ihr gedruckten Sätze, Wörter, Silben und Buchstaben. Fast jeden Namen also, mit dem wir bis - her ein Objekt des Denkens bezeichnet dachten, mag man einen Kollektiv - namen nennen. Es ist darum für die Logik von sehr geringem Belange, eine Unterscheidung zwischen Kollektivnamen und solchen, die es nicht sind, aufzustellen.
Und gleichwie die Eigennamen, von welchen wir bisher gesprochen, so mögen wir auch Gemeinnamen als kollektive hinstellen.
„ Armee “ist so ein Gemeinname, sofern das Wort geradesogut die deutsche, wie die französische, die englische etc. Armee bezeichnen kann, und zugleich ist es Kollektivname in Bezug auf die einzelnen Soldaten, welche mit ihrer Ausrüstung die Armee zusammensetzen. Ebenso ist „ Bibliothek (überhaupt) “Gemeinname und Kollektivname zugleich, ersteres als die Bibliothek des Herrn A, die der Gesellschaft B, etc. letzteres als die einzelnen Bücher umfassend, die sich in ihr befinden. (Jevons6.)
Ein psychologischer sowol als grammatikalischer Grund, von Kollektivnamen zu reden, liegt wirklich vor, wenn von einer Reihe von Individuen diese einzeln aufgezählt, erwähnt worden sind, und es nun gilt dieselben kollektiv zu einem Ganzen zusammenzufassen.
Wenn aufgezählte Individuen zu einem Gemeinnamen zusammen - gefasst werden sollen, so bedient sich die Sprache wesentlich anderer Ausdrücke, als wenn dieselben zu einem Kollektivnamen zu vereinigen sind.
Hat man erstern Zweck im Auge, so spricht man (streng konse - quent, oder auch nur mit Vorliebe) von einer Klasse, Gattung, Art, Ordnung, Familie (im weiteren Sinne, z. B. Pflanzenfamilie), einem Geschlecht, auch einem Reich (Bereich), einer Abteilung etc. dieser Individuen, im Hinblick dagegen auf letztern Zweck von ihrer (resp. ihrem) Menge, (Quantität), Gesamtheit, (Summe), Reihe, Folge, ev. Sequenz, Schar, Haufen, Gruppe, System, Zusammenstellung, Komplex, Inbegriff, Gebiet, Mannigfaltigkeit, man spricht von ihnen als von einem Ganzen, und vielleicht noch in manchen andern mehr oder weniger synonymen Termen.
Das Wort „ Abteilung “— sowie vielleicht auch schon Bereich,73Einleitung.Gebiet und Mannigfaltigkeit — scheint wol in gleicher Weise für beide Zwecke disponibel zu sein.
Auffallend ist der grosse Reichtum an Ausdrücken, welche der Sprache zu solchen Zwecken zur Verfügung stehen. Die Wissenschaft (namentlich die Mathematik) hat übrigens schon angefangen diese Synonyme (besonders die der zweiten Gruppe) erheblich zu differenziiren und dürfte darin noch weiter fortschreiten.
Die häufigste Veranlassung dazu, von Kollektivnamen überhaupt zu reden, liegt in dem Auftreten der Pluralform von Substantiven, mit kollektiver Bedeutung. Auch sie ist vorwiegend grammatischer Natur. Die Individuen, welche der zugehörige Singular (als Gemein - name)*)Ein Eigenname kann überhaupt nicht in den Plural gesetzt werden. Man käme dadurch zu absurden Ausdrücken, wie wenn etwa ein Mensch von „ seinen Nasen “, Köpfen, Vätern, seinen Geburtsstädten und dergl. reden wollte. Schon die natürliche Zahl, wenn grösser als 1, wird unsinning (um nicht zu sagen „ imagi - när “) sobald als ihre Einheit ein „ Individuum “gesetzt wird, als ihre „ Benennung “ein Eigenname auftritt, und ist z. B. „ fünf John Stuart Mill's (mit dessen Heimats - orte und Geburtsjahr gedacht) “ein gänzlich sinnloser Ausdruck, desgleichen „ 7 Sonnen “(unseres Planetensystemes). distributiv bezeichnet, bezweckt die Verwendung des Pluralis nicht selten, kollektiv zu einem Ganzen zusammenzufassen, während in der Regel freilich auch der Plural nur bestimmt ist, eine Klasse darzustellen.
Dass man, wenn ein Hauptwort im Plural fällt, demselben oft nicht ansieht, ob es mit der Absicht kollektiver oder aber genereller Auffassung gebraucht wird, ist als eine sehr grosse Unvollkommenheit der Sprache zu bezeichnen. Wir werden sehen, dass auf der Ver - wechselung beider Absichten manche Fehlschlüsse beruhen.
Wenn wir z. B. sagen: „ Die Anforderungen, welche sein Beruf an ihn stellte “… und fortfahren … „ erfüllte er mit spielender Leichtigkeit “, so lässt sich das Urteil als ein generelles auffassen. Fahren wir dagegen fort: … „ brachten seine Gesundheit zum Wanken “, so erscheint dies ausgeschlossen, und ist solches nicht wol von der einzelnen Anforderung, sondern nur von den vereinigten Nachwirkungen aller der aufreibenden Anforderungen gültig anszusagen gewesen. Etc. Zuweilen werden sogar Kollektivnamen gebraucht, um generelle Urteile zu fällen, z. B. wenn wir sagen: die ganze Familie N. N. hat zur Zeit den Keuchhusten. Seine Eltern sind gestorben. Etc.
In der Regel lässt sich allerdings — durch Aufwendung von nur ein wenig Sorgfalt auf die Ausdrucksweise — der Doppelsinn ver - meiden, doch ist zu beklagen, dass in dieser Richtung ausserordentlich viel gesündigt wird.
Wie oft begegnen wir nicht Sätzen wie: „ dass die drei Winkel eines74Einleitung.Dreiecks gleich zwei Rechten sind “*)Philosophen — ich könnte deren namhafte citiren — sollten derartige Nachlässigkeiten des Ausdrucks sich am allerwenigsten zuschulden kommen lassen. oder die Quadrate über den beiden Katheten gleich demjenigen über der Hypotenuse*)Philosophen — ich könnte deren namhafte citiren — sollten derartige Nachlässigkeiten des Ausdrucks sich am allerwenigsten zuschulden kommen lassen. — in welchen doch das Prädikat nur der Summe der im Subjekte aufgezählten Grössen zukommt! Korrekt gedeutet würden jedoch diese Sätze behaupten, jeder Dreieckswinkel für sich sei gleich zwei Rechten und das Quadrat über der Hypotenuse sei gleich dem über einer jeden Kathete. Wie leicht wäre es aber, in solchen Fällen noch das Adverbium „ zusammen “in den Text, wie sich gehört, einzufügen!
Ebenso muss es als ein wahrer Verderb bezeichnet werden, wenn im Elementarunterricht der Volksschullehrer sagen lässt: „ 2 und 3 sind 5 “, welches bedeutete: 2 ist 5, desgleichen 3 ist 5. Der Satz enthält zwei Fehler (nur!), indem einmal die Konjunktion „ und “für das arithmetische Operationszeichen „ plus “gesetzt erscheint — dieses ginge aber noch an mit Rücksicht auf den von der Bequemlichkeit der Aussprache beherrschten Sprachgebrauch. In diesem Buche werden wir uns in der That gewisser - massen des umgekehrten Fehlers schuldig machen.
Gar nicht zu rechtfertigen ist aber die Pluralform der Kopula. „ 2 und 3 “, verstanden als die Summe 2 + 3, ist eine einzige Zahl, und diese („ sind “nicht, sondern) „ ist “(gleich) 5. Will man im Plural sprechen, wie dies als Bedürfniss erscheinen kann in dem Falle, wo die Zahlen „ benannte “sind, wie bei „ 2 Birnen und 3 Birnen “, so ist zu sagen: „ sind zusammen 5 Birnen “, wofern man nicht vorzieht zu sagen: „ gibt “(oder „ macht “) 5 Birnen.
Eine Ausdrucksweise aber, die, wie gezeigt, den Unterschied zwischen Einzahl und Mehrzahl, kollektiver und genereller Deutung verwischt, kann nur verwirrend auf die jungen Köpfe wirken. [Ebenso dulde der Lehrer nicht, falls a und b Zahlen bedeuten, dass etwa der Schüler spreche, „ a sind gleich b “— und dergleichen mehr.]
Sehr misslich erscheint es besonders, wenn das adjektivische (sog. „ unbestimmte “) Zahlwort „ alle “anstatt generell, einmal kollektiv ver - wendet wird. Die lateinische hat in dieser Hinsicht schärfer unter - schieden als die modernen Sprachen. Sie gebraucht generell nur „ omnes “, kollektiv dagegen „ cuncti “(zusammengezogen aus con-juncti, für „ alle zusammengenommen “, joined together). Wir haben im Deutschen noch das Wort „ sämtliche “, und wäre zu wünschen, dass dieses bislang mit „ alle “synonyme Wort davon differenziirt und mit der gleichen Konsequenz unterscheidend gebraucht würde. Vergl. einen in § 4 be - sprochenen Fehlschluss.
Abgesehen von den erwähnten Fällen der Zusammenfassung auf - gezählter Dinge und der in den Plural gesetzten Hauptwörter, wo ein grammatikalischer Grund vorliegen kann, einen (einfachen oder zu - sammengesetzten) Namen als „ Kollektivnamen “hinzustellen, ist die75Einleitung.zwischen solchen und Einzelnamen angängige Unterscheidung nur von psychologischer Art. Sie ist objektiv nur in soweit begründbar, als eben an dem überhaupt Benennbaren sich fast immer noch irgend welche Teile unterscheiden lassen, und erscheint im übrigen in unser subjektives Belieben gestellt.
Den Namen eines materiellen Körpers z. B. haben wir zunächst keinen Grund, anders als wie als einen „ Einzelnamen “zu bezeichnen. Denselben Namen müssen wir aber als einen kollektiven hinstellen, sobald wir den Körper als eine Atomengruppe studiren. Nach Belieben können wir z. B. auch das Schachbrett als einen Felderkomplex behandeln. Etc.
Die kollektive Vereinigung mehrerer substantivisch benannter Dinge zu einem Ganzen, sowie die kollektive Pluralbildung (resp. - verwendung) ist besonders für die mit Zahl und Maass, mit der Quan - tität der Dinge sich beschäftigenden Disziplinen von Bedeutung.
Das Studium ihrer Gesetze ist demgemäss aber der Arithmetik und Grössenlehre und nicht der Logik (im engern Sinne) zuzuweisen.
An diesem Scheidepunkte zweigt sich eine grosse Gruppe von Disziplinen von der Logik ab, um sich ihr selbständig und — in An - betracht des Reichtums der Entwickelung, die sie gefunden — als mindestens ebenbürtig gegenüberzustellen. Und beide Richtungen er - scheinen unter diesem Gesichtspunkt ungefähr wie Quantität und Qua - lität geschieden.
ν2) Bevor wir das über ω1) charakterisirte Ziel noch weiter ver - folgen und den Nachweis der dort aufgestellten Behauptung vollends erbringen, scheint es mir wünschenswert, gleich mit den grundlegenden Betrachtungen über Namen, ihre Einteilungen und Unterscheidungs - möglichkeiten hier erst zu Ende zu kommen.
Man pflegt Namen auch noch als positive (affirmative, bejahende) oder aber negative (verneinende) hinzustellen, wie „ nützlich “und „ nicht nützlich “(nutzlos), „ schädlich “und „ nicht-schädlich “(unschädlich), „ Ich “und „ Nicht-ich “.
So unleugbar in der That ein Gegensatz zwischen solchen Be - nennungen (auch ihrer Bedeutung nach) besteht, von denen die eine als „ Verneinung “, Negation der andern sich darstellt und gerade die - jenigen individuellen Objekte auszuschliessen scheint, welche die andere umfasst (und vice versā), so kann auf diesen Gegensatz doch nicht etwa eine Einteilung der Namen selbst in „ positive “und „ negative “gegründet werden — in Anbetracht, dass es in unser subjektives Be - lieben gestellt bleibt, welchen von den beiden einander „ kontradikto - risch entgegengesetzten “Namen wir als den positiven hinstellen wollen.
76Einleitung.So wenn z. B. von geraden Linien in einer Ebene die Rede ist, mögen wir gewisse Paare (oder auch Systeme, Scharen) von solchen Geraden als „ Parallele “mit einem positiven, andere als „ Nicht-parallele “mittelst nega - tiven Namens darstellen. Nichts hindert aber auch, die erstern als „ Nicht - schneidende (Gerade) “negativ, die letztern als „ (einander) Schneidende (Ge - rade) “positiv zu benennen.
Positiv oder negativ zu sein, ist daher blos ein äusserliches, sozusagen grammatikalisches Merkmal des Namens, welchem in seiner Bedeutung kein bestimmtes Merkmal entspricht, ein logischer Gehalt überhaupt nicht zu - kommt, unter Umständen aber wol ein psychologischer.
Nur die Beziehung, der Gegensatz zwischen dem durch eine Be - jahung und dem durch deren Verneinung gebildeten Namen fällt wirk - lich dem Bereich der Logik anheim, und mit diesem Gegensatz werden wir uns auch noch eingehend zu beschäftigen haben. (Genaueres hierüber und über die auf diesen Punkt bezüglichen Kontroversen siehe in der siebenten und achten Vorlesung.)
Einen Stein kann man als „ nicht-sehend “, dagegen nicht wol als „ blind “bezeichnen. Demgemäss noch gewisse unter den für negativ angesehenen Namen als „ privative “hinzustellen — wie „ blind “, „ taub “, „ lahm “etc. — hat nur dann Sinn und ist nur motivirbar, wenn uns eine bestimmte Gattung vorschwebt, zu der ein so prädizirtes Individuum gehört. Entbehrt das In - dividuum nur eines Merkmals, welches seinesgleichen (den andern Indivi - duen ebendieser Gattung) in der Regel (von rechtswegen, im „ normalen “Zustande) zukommt, so legen wir jenem das „ privative “Prädikat oder At - tribut bei. Wegen der einerseits willkürlichen, andrerseits so komplizirten Voraussetzungen (denn was hat wol als „ normal “zu gelten?), auf welchen solche Distinktion beruht, ist dieselbe aber für die elementare Logik von ganz untergeordnetem Interesse.
ξ2) Dagegen lässt eine wirkliche Einteilung der Namen sich gründen auf ihre Unterscheidung als absolute (nicht-relative) und rela - tive. Ein „ relativer “Name ist ein solcher, welcher einem Dinge auf Grund des Umstands beigelegt wird, dass es in einer bestimmten Art von Beziehung (Relation) zu einem oder mehreren andern Dingen steht — ein Name also, bei dessen Deutung das Vorhandensein auch dieser letzteren Dinge eine Voraussetzung oder Unterstellung bildet.
Z. B. „ Ursache, Wirkung, Grund, Folge, Entfernung, Vater, Sohn, ähn - lich, gleich, unähnlich, verschieden “sind lauter relative Namen.
Nichts kann als eine „ Ursache “bezeichnet werden, es sei denn als Ursache von etwas (anderem), welches seine „ Wirkung “zu nennen sein wird. Niemand kann Vater heissen, er sei denn Vater von Kindern. „ Ent - fernung “hat keinen Sinn für sich, sondern nur als Entfernung zweier Punkte, Körper oder Dinge im Raume von einander.
Wenn in der Parodie des „ Tannhäuser “, welche die Breslauer Studenten -77Einleitung.verbindung Silesia geschaffen, auf die Bemerkung des Landgrafen, der den Tannhäuser aus der Ferne herankommen sieht:
der Dichter den Adjutanten wohldienernd sagen lässt:
so beruht der Witz, resp. die Komik, auf der Verwendung eines relativen Namens, als ob er ein absoluter wäre.
Jene andern Dinge heissen die „ Korrelate “, ihre Namen die nomina correlativa zu dem, was das nomen relativum bezeichnet; alle mit - einander sind die „ Beziehungsglieder “, membra relationis, und die be - stimmte Art der zwischen beiderlei Objekten bestehend zu denkenden Beziehung heisst das „ fundamentum relationis “.
Das letztere ist oft sehr verwickelter Art, wie bei „ Gläubiger “, „ Schuld - ner “, noch mehr bei „ Ankläger “(Kläger), wo das eine Korrelat der „ Ver - klagte “(Beklagte), ein zweites Korrelat das „ Delikt “, Vergehen, sein würde, dessen der letztere vom ersten beschuldigt wird (resp. die eingeklagte Schuld - forderung oder Entschädigungssumme), ein drittes Korrelat der Gerichtshof, das „ Forum “, vor welchem die Klage anhängig gemacht wird, und endlich ein viertes Korrelat — sofern es nicht durch die vorerwähnten bereits be - dingt erscheint und dann nicht mitzuzählen wäre — die Gesetzesbestimmungen, der „ Kodex “und Paragraph, auf die sich die Klage beruft.
Das angeführte Beispiel exemplifizirt ein „ mehrfaches Relativum “(multi - ple oder plural relative) im Gegensatz zu dem häufigsten Falle, dem des „ zweifachen “(dual relative), wie es z. B. „ Wirkung “mit ihrem Korrelate, der „ Ursache “, darstellen würde.
Auch Abstrakta, wie „ Gestalt “, „ Schönheit “etc. können hienach schon als duale Relative aufgefasst werden (sofern zu fragen ist: wessen?), wobei allerdings in Bezug auf „ Schönheit “, wie üblich, übersehen wäre, dass eigentlich der Geschmack des Publikums oder desjenigen, der dieselbe be - urteilt, anerkennt, als ein drittes Glied in die Beziehung eingeht.
Indem wir uns hier mit einer blossen Worterklärung begnügten, verweisen wir in Bezug auf Weiteres und Genaueres auf die letzten Vorlesungen in unserm Buche (24. Vorl.).
ο2) Mit obigem sind unsre Betrachtungen über Namen vorerst zu Ende gekommen, und dürfte es sich darnach empfehlen, die Haupt - ergebnisse übersichtlich zu rekapituliren. Es konnten unterschieden und einander gegenübergestellt werden:
| a) univoke, d. h. einsinnige (wo nicht unsinnige) | und äquivoke oder doppel - und mchrsinnige |
Namen — desgleichen auch schon Wörter oder Zeichen überhaupt. 78Einleitung.Nicht mehrsinnig zu sein war die fundamentale an das Zeichen zu stellende Anforderung, die auf die Forderung der Konsequenz in seinem Gebrauche hinauslief.
Die Wörter zerfielen in
| b) kategorematische oder Namen | und synkategorematische oder Nichtnamen. |
Die Namen waren entweder
| c) | Eigennamen | oder | Gemeinnamen |
— jener ein Individuum unter den Objekten des Denkens, dieser (dis - tributiv) eine Klasse von Individuen bezeichnend — und es bildete dies die für die Logik fundamentale Unterscheidung, mit deren Be - sprechung wir uns auf längere Zeit zur Not schon hätten be - gnügen können.
Die Unterscheidung von
| d) | Einzelnamen | und | Kollektivnamen |
liess sich indessen kaum anders als wie grammatikalisch oder psycho - logisch rechtfertigen, indem ausser dem Nichts (0), der Eins, dem Punkt und dem Augenblick so ziemlich alles Benennbare unter irgend einem Gesichtspunkt als ein Kollektivname hingestellt werden durfte. — Ebenso war von den einander gegenübergestellten
| e) | positiven | und | negativen |
Namen nur der Gegensatz zwischen beiden logisch begründbar. — Dagegen erschien jeweils
| f) | abstrakt | oder | konkret |
und (bei Gemeinnamen) eventuell auch gemischt „ abstrakt-konkreter “Natur zu sein als ein in der Bedeutung des Namens selbst begrün - detes Merkmal, auf das zu achten jedoch für die Logik weniger in's Gewicht fallen möchte, als für die Philosophie überhaupt.
Endlich war die Einteilung der Namen in
| g) | absolute | und | relative |
wieder eine durchaus belangreiche — wozu unter den Gemeinnamen auch wiederum solche von „ gemischtem “Charakter denkbar wären (indem die Individuen, welche der Gemeinname umfasst, auch teils durch absolute, teils durch relative Namen charakterisirt sein könnten).
Es ist gelegentlich von Wert, sich bei der Verwendung von Namen über diese Verhältnisse Rechenschaft zu geben und darauf bezügliche Fragen vorzulegen.
79Einleitung.Recht instruktiv und zu richtiger Anwendung vorstehender Unter - scheidungen erziehend ist ein logisches Gesellschaftsspiel: das Ratspiel, bei welchem, unter zeitweiliger Entfernung eines Mitspielenden, sich die übrige Gesellschaft über irgend ein Benennbares, jenem zum Erraten aufzugebendes Objekt des Denkens einigt. Der Ratende hat der Reihe nach an jeden Ein - geweihten eine beliebige Frage in Bezug auf das zu erratende Objekt zu stellen, die aber nur mit „ Ja “oder mit „ Nein “— und im Zweifelsfalle mit „ Ja-nein “— beantwortet werden darf und korrekt zu beantworten ist; das Fragen mag so lange im Ring herum fortgesetzt werden, bis die Lösung erfolgt, das aufgegebene Objekt vom Ratenden bei seinem Namen genannt, oder aber der Versuch des Ratens aufgegeben wird. Fragen über die Buchstaben und Silben, die den Namen zusammensetzen, sind ausgeschlossen.
Das Spiel gibt oft die überraschendsten Aufschlüsse über die logische und intellektuelle Verfassung einzelner von den beteiligten Persönlichkeiten, und durch die nach erfolgtem Raten häufig sich anspinnende Diskussion als Erläuterung oder Rechtfertigung für gegebene Antworten, sowie durch die zuweilen schon im Laufe desselben mittelst Protests aus der Gesellschaft erfolgende Remedur für eine unrichtig erfolgende Antwort des Einzelnen gibt es vielfach Anregung zur Klärung der Begriffe.
Es können nicht nur individuelle Gegenstände aus der materiellen Welt aufgegeben werden, bei denen die Kategorieen der Zeit und des Ortes meist rasch auf die Spur zu helfen pflegen, sondern auch allgemein gefasste, mittelst Gemeinnamens dargestellte, Objekte — wie z. B. „ Schwefelhölzer “. Bei einiger logischen Schulung der Teilnehmer pflegen selbst Abstrakta als Gemeinnamen, wie z. B. „ der Sommer “, „ Wahrscheinlichkeit “, „ der Prädesti - nationsglaube “, „ ein Missverständniss “und dergl. unschwer geraten zu werden. Als überraschend reichhaltig erweisen sich die Kategorieen des Zweckes bei den Erzeugnissen menschlicher Kunst.
Bedingung für die Lösbarkeit der Aufgabe ist die Einsinnigkeit des zum Raten Aufgegebenen: es muss, falls dessen Name ein doppelsinnig ge - bräuchlicher sein sollte, die Gesellschaft sich zuvor über eine bestimmte unter seinen Bedeutungen als die hier dem Namen beizulegende geeinigt haben.
Natürlich wird in praxi auch bei dem Ratenden eine Kenntniss von der Existenz des betreffenden Objektes oder wenigstens von seinesgleichen, vorauszusetzen sein. Wer nie von dem neuentdeckten Metall Germanium, vom Neptunsmond Oberon oder von der dunklen (sehr lichtschwachen) Neben - sonne des Sirius, vom Sehpurpur, von dem kopflosen Wirbeltier des mittel - ländischen Meeres, dem Fisch Amphioxus etc. gehört hat, wird solche nicht wol zu raten im stande sein. Und auch bei denjenigen, welchen es obliegt, die Antworten zu geben, muss eine hinlängliche Bekanntschaft mit den Eigen - schaften und Ingredienzien, mit dem ganzen Wesen des Ratobjektes vorliegen.
π2) Nachdem wir die Notwendigkeit erkannt, dass der sprachen - bildende Geist neben Eigennamen auch Gemeinnamen schaffe, drängt sich uns als nächste die Frage auf: welche Dinge wir denn je mit dem - selben Gemeinnamen belehnen sollen?
Behufs ihrer Beantwortung müssen wir uns berufen auf das mensch - liche Unterscheidungsvermögen, ein Vermögen, ohne welches ja kein Studium, keine Wissenschaft, kein Erkennen denkbar erschiene:
Wir sind im stande, Verschiedenes zu unterscheiden und an ähnlichen Dingen Gleichheiten wahrzunehmen.
Die Gleichheit, Übereinstimmung (agreement) findet immer nur in einer gewissen Hinsicht statt und ist mit Verschiedenheiten (differences), — in anderer Hinsicht — verknüpft, ohne welche uns die miteinander verglichenen Dinge gar nicht als mehrere Dinge erscheinen könnten, sondern identisch, einerlei, einunddasselbe (oder das nämliche), nur ein Ding zu nennen sein würden.
Teile oder Elemente der Vorstellung eines — nötigenfalls vollständig, auch mit allen seinen Beziehungen zu noch andern Dingen — gedachten Dinges, in welchen es mit andern Dingen übereinstimmen oder auch von sol - chen differiren kann, nannten wir Merkmale desselben (genauer gesagt: jeweils das solchen Vorstellungselementen zugrunde liegend gedachte Wirkliche).
Insofern wir häufig ein Ding nicht vollständig auszudenken fähig, müssen wir natürlich neben „ bekannten “auch „ unbekannte “Merkmale in der Regel zugeben.
Es sei hier nochmals in Erinnerung gebracht, dass (hienach) dem Namen „ Merkmal “eine möglichst allgemeine Bedeutung unterzulegen ist; es handelt sich dabei durchaus nicht blos um „ Eigenschaften “(oder aber „ Thätigkeiten “), die dem Dinge selber, auch wenn es isolirt betrachtet wird, notwendig oder zufällig zukommen (innewohnen), vielmehr kann das Merk - mal auch begründet sein in einer „ Beziehung “, einem Verhältnisse, einer Stellungnahme, welche andere Dinge zu dem gedachten einnehmen. Nicht nur gilt uns der Wellenschlag als ein Merkmal des Meeres, sondern es gilt uns auch der Preis, die Käuflichkeit als Merkmal einer Waare. Schon dass er mir, oder einem Andern, mir nicht, (als Eigentum) gehört, dass er mir gefällt, und dergl. ist als Merkmal eines Gegenstandes hinzustellen, und auch die Abwesenheit bestimmter Merkmalgruppen kann selbst wieder als Merkmal gelten, z. B. als Merkmal einer gewissen Bergspitze, dass noch kein menschlicher Fuss sie je betreten — einerlei auch, ob etwa ein ein - wörteriger Name dafür vorhanden ist, oder nicht (Merkmal der Jungfräu - lichkeit oder Unberührtheit des Gipfels, der „ Unerstiegenheit “?). Vergl. hiezu besonders § 15. Dass aber z. B. eine Person A um den Tod einer andern B trauert, lässt sich begreiflicherweise — ohne weiteres — nicht81Einleitung.wol ein Merkmal einer dritten Person (oder Sache) C nennen. Im Merk - mal muss eine Bezugnahme auf das Ding zu erblicken sein, sobald wir dieses ausdenken.
Wir pflegen nun jeweils solche Dinge mit demselben Gemeinnamen zu benennen, welche dadurch, dass sie einander in Hinsicht bestimmter Merkmale gleichen, sich uns sozusagen von selber zur Belehnung mit dem gleichen Namen empfehlen.
ϱ2) Schon als Vorbedingung und weiterhin im Verlauf dieses Be - nennungsprozesses sowie bei dem Gebrauch des dadurch geschaffenen Gemeinnamens treten allemal die übereinstimmenden Merkmale jener Dinge in den Vordergrund der Aufmerksamkeit, denn sie gerade bilden das Band zwischen den wechselnden Vorstellungen der individuell ver - schiedenen Dinge, welche der Gemeinname umfasst, und dem sich gleichbleibenden Namen. Es wird (in Kant's Ausdrucksweise) auf jene übereinstimmenden Merkmale „ reflektirt “.
Mit dem Gemeinnamen „ teuer “(teures Ding) z. B. werden wir ver - schiedene Gegenstände nur dann bezeichnen, wenn wir auf die Höhe ihres Preises achten, mit dem Gemeinnamen „ rund “nur solche, bei denen auf ihre Gestalt wir unser Augenmerk richten und deren Übereinstimmung mit der Kugelgestalt wahrnehmen. Etc.
Infolgedessen aber spielt sich ab, vollzieht sich im Geiste ein eigentümlicher psychologischer Vorgang, welcher darin gipfelt, dass wir mit dem Gemeinnamen einen „ Begriff “verbinden.
Die übereinstimmenden Merkmale der Dinge, die wir mit dem - selben Gemeinnamen bezeichnen, verstärken sich gegenseitig im Be - wusstsein, werden als wiederholt vorgestellte intensiver gedacht, wo - gegen deren nicht übereinstimmende Merkmale im Bewusstsein zu - rücktreten.
In unserm Hirn mag diesem Vorgang ein Prozess entsprechen, welcher treffend verglichen worden ist mit der Vertiefung einer Furche des Ackers, wie sie durch wiederholtes Pflügen entlang derselben bewirkt wird. Schopenhauer1 zieht zum Vergleiche heran: die durch wiederholte und andauernde Umbiegung längs derselben Kanten sich ausbildende Neigung eines Tuches, sich in bestimmter Faltung zu legen. Bei der unzweifel - haften Feinheit der uns grösstenteils noch unbekannten Vorgänge im Ge - hirne, welche die Denkhandlungen begleiten und deren Erforschung der Physiologie obliegt, sind jedoch beide Vergleiche nur als sehr rohe An - näherungen aufzufassen, als ein blosser Notbehelf zu nehmen.
Beneke fasst obigen Verstärkungsprozess als eine Anziehung des Gleichartigen (in unserm Geiste) auf.
σ2) Es kann diese Wirkung noch mit bewusster Absicht gesteigert werden kraft eines andern Vermögens des Menschengeistes (auf dasSchröder, Algebra der Logik. 682Einleitung.wir nebenher Bezug zu nehmen schon wiederholt Veranlassung fanden) nämlich des Abstraktionsvermögens:
Wir sind im stande, auf gewisse Merkmale eines gedachten Dinges, m. a. W. in irgendwelchen Elementen unsrer Vorstellung von dem - selben, die Aufmerksamkeit zu konzentriren, dieselben in das Feld der Aufmerksamkeit zu rücken und daselbst mehr oder minder vollkommen zu isoliren, indem wir von andern Merkmalen absehen oder „ abstrahiren “, d. h. die den letztern entsprechenden Vorstellungselemente im Be - wusstsein zurücktreten, eventuell sie völlig aus demselben schwinden lassen.
Solch 'bewusste Steigerung des durch den Gemeinnamen schon unbe - wusst eingeleiteten Abstraktionsprozesses wird — aus Gründen der Arbeits - teilung — besonders in den Wissenschaften praktizirt; in diesen pflegt der Geist durch reichliche Übung eine förmliche Virtuosität zu erlangen, von den (für die Untersuchung) unwesentlichen Merkmalen der Dinge abzu - sehen, alle Nebenumstände jeweils zu vernachlässigen, dieselben zum Be - huf seiner eigenen Entlastung zu ignoriren und so befreit dann seine volle Kraft dem Wesentlichen zuzuwenden.
Durch die Abstraktion überhaupt werden Vorstellungselemente so - weit isolirt, dass sie auch allein, in gleicher Isolirtheit, reproduzirt zu werden vermögen. Dadurch erlangen resp. erhöhen wir die Fähigkeit, dieselben allgemein zu verwenden, nämlich sowol, mit neuen Vorstel - lungselementen sie zu verknüpfen, als auch in andern Vorstellungs - komplexen als diejenigen waren, aus welchen sie abstrahirt*)Die Ausdrücke „ etwas abstrahiren “und „ von etwas abstrahiren “sind wohl zu unterscheiden. Ersteres ist gleichbedeutend mit „ darauf reflektiren “, letz - teres mit „ davon absehen “. wurden, sie (genauer ihresgleichen) wiederzuerkennen. Vergl. Sigwart1.
Nachdem wir z. B. vom Schnee das Merkmal der Weisse, weisser Farbe entnahmen, auslösten, abstrahirten, werden wir das gleiche Merkmal in der vorgestellten Nebelwolke, dem Kochsalz, der Gypsfigur, Papier etc. wiederfinden, und würde sich auch jemand eine weisse Maus z. B. vor - stellen können, der niemals eine solche gesehen. — Den Anlass zum Vollzug dieser Abstraktion aber bot die Erfahrung, dass es verschiedene weisse Gegenstände gibt, und die Wahrnehmung dessen, worin sie unter sich über - einstimmen und sich von den nicht weissen unterscheiden. Als auf ein anderes Beispiel sei noch hingewiesen auf das Merkmal der „ Kugelgestalt “beim Ball, der Seifenblase etc. und auf das Merkmal der „ Gestalt “über - haupt, welches wir bei der Melodie, bei einer nach geographischer Länge und Breite bestimmten Himmelsgegend etc. vermissen (als nicht vorhan - den erkennen), nachdem es durch Abstraktion aus der Anschauung räum - licher Dinge von bestimmter Begrenzung gewonnen worden.
Die Abstraktion kann schon an der Einzelvorstellung (repraesen -83Einleitung.tatio singularis) ausgeübt, ihr Verfahren schon auf das Individuum angewendet werden.
Logisch betrachtet ist es gleichgültig für das Ergebniss eines Abstraktionsprozesses, ob man denselben nur einmal, oder öfters, voll - zogen habe, ob an einem oder an unzähligen Objekten. Psychologisch aber macht solches einen sehr beträchtlichen Unterschied aus, und es dürfte fraglich sein, ob nicht in dieser Hinsicht es geradezu als eine Vorbedingung für die Möglichkeit des Abstraktionsvollzuges hinzustellen ist, dass wir erst der individuellen Verschiedenheit der durch Abstrak - tion zu sondernden Merkmale inne geworden seien dadurch, dass durch Vergleichung verschiedener Objekte wir die Übereinstimmung der einen neben der Verschiedenheit der andern wahrgenommen.
τ2) Wir versuchten vorstehend genetisch auseinanderzusetzen, auf welche Weise wir dazu gelangen, uns einen Begriff, notio, conceptus, conception zu bilden von den durch einen Gemeinnamen dargestellten Dingen.
Der Begriff ist das — in gewissem Sinne unvollendet, ein „ Ideal “bleibende — Resultat des eben (unter ϱ2 und σ2) geschilderten Pro - zesses.
Sein „ Wesen “(essentia), oder, wie man auch sagt, seinen „ In - halt “(complexus, intent) bilden eben die gemeinsamen Merkmale der mit dem Gemeinnamen bezeichneten Dinge, und zwar seinen „ faktischen “Inhalt diejenigen der letztern, auf welche bei seiner Bildung reflektirt wurde, seinen „ idealen “Inhalt aber die sämtlichen gemeinsamen Merk - male überhaupt, welche als solche erkannt werden könnten, die es aber vielleicht niemals vollständig auszudenken möglich.
Im Gegensatz zu diesem Inhalte wird die Gesamtheit, Klasse der unter dem Gemeinnamen (distributiv) zusammengefassten Individuen bezeichnet als der „ Umfang “(ambitus, sphaera, extent) des zugehörigen Begriffes.
Beispielsweise sind im Begriffe „ materielle Substanz “als dessen In - halt zusammengefasst die Merkmale: ausgedehnt und von bestimmter Raum - erfüllung zu sein, d. i. sich irgendwo im Raume zu befinden, die Merkmale der Beweglichkeit, Undurchdringlichkeit, Trägheit und Schwere, überhaupt die Eigenschaft, der Sitz von Kräften zu sein, dazu von unzerstörbarer und unerschaff barer Masse, also der Masse nach geschätzt, von ewiger Fort - dauer zu sein, das Merkmal, eine Temperatur zu besitzen, und anderes mehr. Seinen Umfang macht alles das zusammen aus, was überhaupt Materie heisst: jeder Körper, jeder Teil eines solchen und jede Gruppe von Körpern im Weltall.
υ2) Gemäss der hervorgehobenen zwiefachen Hinsicht — nach6*84Einleitung.Inhalt und Umfang — in welcher Begriffe betrachtet werden können, sind auch zwei Möglichkeiten denkbar, einen Begriff zu bestimmen.
Dies kann nämlich einerseits geschehen durch Angabe seines Um - fanges — sogenannte Einteilung, Divisio (n), resp. Partition*)In Bezug auf den Namen „ Partition “ist der Gebrauch unter den Logikern ein schwankender. Viele wollen darunter nur die Angabe der „ Teile “eines Dinges verstanden wissen (z. B. bei der Orange die von Schale, Fleisch und Ker - nen), wogegen Ueberweg1 pag. 106 auch die Angabe der „ Merkmale (über - haupt) “, indess nur eines Einzeldinges — vergl. nachher ψ2) — als „ Partition “hinstellt. Ich würde oben diese letztere Bezeichnung der gebräuchlicheren „ Divi - sion “vorziehen, in Anbetracht, dass mir für jene „ Aufzählung der Teile “ein ein - wörteriger Name überhaupt nicht Bedürfniss erscheint, dass ferner Ueberweg's „ Partition “(hier) als ein besondrer Fall der „ Definition “hinzustellen ist, der eines aparten von „ Definition “verschiedenen Namens ebenfalls nicht bedarf, sodass zu - nächst der Name „ Partition “zu beliebiger Verwendung frei wird, in Anbetracht endlich, dass wir uns genötigt sehen werden, den Namen „ Division “(sowie das Divisionszeichen) in einem von dem obigen gänzlich verschiedenen Sinne später - hin zu gebrauchen, womit dann also eine Doppelsinnigkeit mehr in die Wissen - schaft der Logik Eingang fände, die nach unserm Vorschlag vermieden wird. des Be - griffes, und andrerseits durch Angabe seines Inhaltes, das ist Begriffs - erklärung, Definition, auch Beschreibung.
So würden wir z. B. durch Aufzählung sämtlicher Planeten eine Um - fangsangabe (Division, Partition) des Begriffes „ Planet “vollziehen — man würde dazu erst im stande sein, wenn schon alle Planeten bekannt wären. Ebenso aber thun wir dies auch dadurch, dass wir sagen, die Klasse der Planeten zerfalle in die drei Unterklassen der inneren Planeten, der Erde und der äusseren Planeten.
Die Umfangsangabe des grammatikalischen Begriffes „ Satz “(sentence) wird geleistet durch den Hinweis, dass der Satz entweder ein Fragesatz (sentence interrogative) oder ein Ausrufungssatz (sentence ejaculative), oder eine Wunschäusserung (sentence optative), oder eine Bitte (sentence roga - tive), ein Befehl (sentence imperative) oder endlich eine Aussage (sentence indicative, statement, lat. enunciatio — ein Urteil, judgement, judicium) sein wird, m. a. W. dass die genannten Gebilde zusammen alles das ausmachen, was man einen „ Satz “nennen kann.
Das Entsprechende leisten wir für den Begriff der „ einfachen Farbe “(im Gegensatz zur Mischfarbe), wenn wir sagen, sie sei entweder rot, orange, gelb, grün, blau oder violet mit allen Abstufungen und Übergängen, wie sie das Spektrum eines weissglühenden festen Körpers zeigt.
So mögen wir ferner den Umfang des Begriffs „ Wirbeltier “kund geben durch den Hinweis darauf, dass mit Einschluss des Amphioxus die Fische, sowie die Reptilien, Vögel und Säugetiere zusammen die Wirbeltiere aus - machen.
Der Ausspruch: „ Die Affekte sind: Liebe, Hass, Freude, Kummer, Hoffnung, Furcht, Humor (!) und Zorn “gibt eine Aufzählung (oder Ein - teilung des Begriffs) der Affekte.
85Einleitung.Die Einteilung kann geradezu auf eine „ Klassifikation “hinaus - laufen, sofern man nämlich bei ihr nicht (oder nicht durchaus) auf die Individuen selbst zurückgeht, sondern dabei sich auf gewisse Unter - klassen als dem Umfange nach schon bekannte Begriffe (die sog. „ Einteilungsglieder “, membra divisionis) beruft. Durch an sie gestellte wissenschaftliche Anforderungen wird indess der Begriff der „ Klassi - fikation “noch weiter eingeengt.
Fortgesetzte Einteilung auch der zunächst sich darbietenden Unter - klassen oder Teilungsglieder führt in letzter Instanz (zuguterletzt) immer auf die Individuen als etwas (dem „ Umfange “nach) „ nicht “weiter „ Teilbares “(zurück).
Umfasst — wie in der grossen Mehrzahl der Fälle — der Um - fang eines Begriffes unbegrenzt viele Individuen, ist deren Klasse eine offenc, so lässt sich dieser Umfang niemals erschöpfend angeben da - durch, dass man auf die Individuen selbst zurückgeht; vielmehr sieht man sich alsdann genötigt, zur Umfangsangabe auch solche Unter - klassen heranzuziehen, die selbst wieder offene sind, und entweder als schon bekannte vorauszusetzen sind, oder, wenn sie erklärt werden sollen, dies nur vermittelst Inhaltsangabe, Definition eines ihnen zu - gehörigen Begriffes zu werden vermögen. Bekannt wiederum konnten zwar die Individuen einer beliebig grossen Menge noch einzeln, der unbegrenzte Rest jedoch ebenfalls nur durch Innewerdung ihres begriff - lichen Inhalts geworden sein.
Exempel: Die unbegrenzte Reihe der Individuen, welche wir „ natür - liche Zahlen “nennen, lässt sich zwar beliebig weit, doch niemals fertig aufzählen. Irgendeinmal muss die begriffliche Bestimmung derselben ein - treten, und am besten geschieht dies gleich von vornherein; man wird sie „ definiren “als „ Summen von Einern “, d. i. als die Ergebnisse eines Ver - fahrens, durch welches hinter 1 fort und fort + 1 angehängt wird.
Ebenso lassen sich die Punkte, die innerhalb einer gegebenen Ellipse liegen, nur durch ebendies Merkmal, oder auf eine darauf zurückkommende Weise, sie lassen nur begrifflich sich allesamt bestimmen.
Die Umfangsangabe erscheint darum als das unvollkommnere der beiden Mittel, einen Begriff zu bestimmen. Zudem überlässt sie uns noch ungelöst die Aufgabe, erst den Komplex der in allen unter den Begriff fallenden Individuen übereinstimmenden Merkmale ausfindig zu machen, zu entdecken, durch deren Verknüpftsein dieselben von allen nicht unter diesen Begriff fallenden Individuen unterscheidbar sind. Sie lässt somit das Wesen des Begriffes unerörtert, lässt uns den Reifen vermissen, der gleichsam als Fassdauben die Individuen erst zusammenhält.
86Einleitung.Auch ist noch ein Umstand zu beachten: Wenn wir die Bestimmung eines Begriffs durch Umfangsangabe versuchen, so erscheint die Auswahl der Objekte des Denkens, die als seine Individuen hinzustellen sind, von vornherein in unser Belieben gestellt. Wie immer man auch solche Aus - wahl treffen mag, so lässt sich in dem Zufall, der unsre subjektive Will - kür lenkt und sie gerade auf diese und auf keine andern Objekte als die zu Individuen zu erhebenden (vielleicht auf's Gerathewohl, at random) ver - fallen lässt, in der That ein ebendiesen und nur diesen Individuen gemein - sames Merkmal erblicken, in gewissem Sinne also auch von einem „ Be - griffe “reden, welcher der so gebildeten Klasse von willkürlich zusammen - gelesenen Objekten zugeordnet wäre.
Indessen leuchtet ein, dass solchermassen künstlich geschaffenen, „ er - künstelten “Begriffen ein wissenschaftlicher Wert in der Regel nicht zu - kommen wird. Ein solcher wird wol nur solchen Begriffen zuzusprechen sein, die entweder entsprungen sind aus der Erkenntniss übereinstimmen - der Merkmale an gegebenen Objekten, die diesen unabhängig von subjek - tiver Laune notwendig oder faktisch zukommen, oder welche dadurch, dass sie ein gegebenes, ein bestimmt angebbares Merkmal enthalten, eben dienen sollen Objekte unsres Denkens zu bestimmen.
Wenn schon sie allerdings missbraucht werden könnte, so wird es gleichwol nicht ratsam erscheinen, der Freiheit der Begriffsbildung irgend welche Schranken von vornherein aufzuerlegen. Vergl. γ3).
φ2) Die Begriffserklärung, Definition*)Wir sprechen hier nur von der (allein als haltbar zu erkennenden) „ Nomi - naldefinition “der schulmässigen Logik und betrachten das unklare Ideal der sog. „ Realdefinition “als durch die Ausführungen von Mill, Sigwart und Andern abgethan., zu der wir nach obigem zum Behufe der Begriffsbestimmungen greifen werden, sieht sich vor eine andere Schwierigkeit gestellt.
Zunächst lassen die Merkmale, welche den unter einen Begriff fallenden („ zu seiner Kategorie gehörigen “) Individuen „ gemeinsam “sind, und welche in ihrer Verbindung dessen idealen Inhalt ausmachen, sich überhaupt nie vollständig aufzählen. Der volle Inhalt des Be - griffs lässt nie sich fertig „ beschreiben “. Denn wieviele Merkmale man auch schon berücksichtigt haben mag, so werden sich stets noch neue gemeinsame Merkmale angeben lassen, auf welche noch nicht geachtet worden ist. (vergl. nachherige Beispiele.)
Die Definition verzichtet daher in der That auf die unmittelbare Angabe des ganzen Begriffsinhaltes. Sie begnügt sich, direkt, explicite, nur einen Teil desselben, den Rest aber blos mittelbar, implicite anzu - geben, indem sie unter den übereinstimmenden Merkmalen eine gewisse Gruppe hervorhebt von solchen Merkmalen, welche die übrigen alle involviren, mitbedingen, nach sich ziehen, zur Folge haben — sei es87Einleitung.auf Grund logischer Denknotwendigkeit allein, sei es auch mit denk - notwendiger Bezugnahme auf die anerkannten Grundsätze einer wissen - schaftlichen Doktrin, wie die Naturgesetze, Rechtsnormen und dergl.
Diese in der Definition hervorgehobenen Merkmale können als charakteristische oder „ wesentliche “Merkmale des Begriffes (notae essen - tiales) hingestellt werden; doch ist nicht zu übersehen oder zu ver - gessen, dass die Bedeutung dieses Namens ein willkürliches Moment in sich schliesst, indem schon Beispiele darthun, dass für denselben Begriff als für ihn charakteristische sehr verschiedene Merkmalgruppen erwählt werden können.
Ein Beispiel zur Erläuterung dieser allgemeinen Bemerkungen: Wir mögen den Kreis (aufgefasst als Kreislinie) regelrecht definiren als eine geschlossene, ebene Kurve, deren sämtliche Punkte von einem bestimmten Punkt (etwa ebendieser ihrer Ebene, dem alsdann sogenannten „ Mittel - punkte “) gleichweit abstehen. [Etwas kürzer gefasst könnte die Definition auch lauten: „ Kreis “ist der „ geometrische Ort “— d. i. die Gesamtheit der möglichen Lagen — eines („ desjenigen “) Punktes in einer Ebene, wel - cher konstanten Abstand hat von einem festen Punkt in dieser Ebene.]
Auf Grund der geometrischen Axiome folgt alsdann denknotwendig der Satz von der Gleichheit aller Peripheriewinkel, welche auf demselben Bogen stehn, im Kreise. Dieser Satz thut aber weiter nichts, als: auf ein weiteres Merkmal, welches allen Kreisen gemeinsam ist, aufmerksam machen, solches konstatiren. Und zwar würde hier sogar sich beweisen lassen, dass dieses Merkmal (wenn auf gewisse Art formulirt) unter allen ebenen Kurven nur einem Kreise zukommen kann, weshalb man dasselbe auch be - nutzen könnte um eine gültige, jedoch von der vorigen gänzlich verschiedene Definition des Kreises aufzustellen.
Ebenso hätten wir aber auch definiren können „ Kreis sei eine solche ebene (geschlossene) Kurve zu nennen, welche bei gegebenem oder nicht zu überschreitendem Umfange den grösstmöglichen Flächeninhalt hat. Dar - aus folgt dann schon logisch allein (wenigstens, falls zugegeben wird, dass der vorigen Definition allemal ein wirklicher Kreis entspricht, ohne Be - rufung auf weitere geometrische Axiome), dass diese Kurve auch bei ge - gebenem Flächeninhalt den kleinstmöglichen Umfang haben muss — was folglich ebensogut zu einer Definition des Kreises hätte mitverwendet wer - den können.
Offenbar sind es Gruppen von zum Teil recht verschiedenen Merk - malen — wir brauchen sie nicht in einzelner Aufzählung zu wiederholen — die in diesen verschiedenen Definitionen als wesentliche Merkmale des Kreises hingestellt wurden. Die einen ziehen aber schon die andern auf Grund der geometrischen Doktrin nach sich.
Den idealen Begriff des Kreises würde jemand erst dann besitzen, wenn alle möglichen für alle Kreise übereinstimmenden Eigenschaften und Relationen (Thätigkeiten fehlen hier) seinem Geiste gegenwärtig wären, in seinem Bewusstsein vereinigt würden. Derselbe müsste darnach alle (unter anderm auch alle geometrischen) Sätze, die überhaupt als von jedem Kreise88Einleitung.gültig ausgesagt werden könnten (auch in Bezug auf seinen Schnitt, seine Berührungen mit andern seinesgleichen sowie mit irgend welchen Kurven und Figuren, auch in Bezug auf Scharen von seinesgleichen, die Kreis - schnitte der Flächen etc., nicht zu vergessen seiner Gleichung und analy - tischen Eigenschaften in jedem Koordinatensysteme) schon kennen. Nun lässt sich aber die Möglichkeit nicht leugnen, dass fort und fort neue und allgemeingültige Sätze vom Kreise entdeckt werden. Den idealen Begriff des Kreises besitzt sonach niemand, sondern es ist seine Verwirklichung ein Ziel, auf das die Wissenschaft erst hinarbeitet.
Ein altbekanntes Beispiel, wie man in Bezug auf die Auswahl der als „ wesentliche “zur Begriffsbestimmung ausreichenden Merkmale sich versehen kann, liefert Platon's Definition des Menschen als eines zwei - beinigen Tiers ohne Federn, welche dessen Schüler Diogenes durch einen gerupften Hahn persiflirte. Bezug sollte bei jener Definition genommen sein auf die anerkannten Thatsachen der Naturgeschichte.
Für einen gegebenen Begriff hat demnach der Ausdruck „ die wesentlichen Merkmale “keinen bestimmten Sinn, sofern damit nicht auf eine bereits getroffene Auswahl hingewiesen wird; man kann viel - mehr von vornherein nur reden von „ einer “Gruppe charakteristischer Merkmale.
Aus dem Gesagten geht hervor, dass eine Definition (auf extra - logischem Gebiete) überhaupt nur innerhalb des Rahmens einer be - stimmten Wissenschaft eines bestimmten Sinnes teilhaftig sein wird — indem sie eben auf die Grundsätze, Axiome einer solchen stillschweigend Bezug nimmt.
Z. B. durch die oben gegebene Begriffserklärung des Kreises würde dieser Begriff in andrer Weise und als ein andrer bestimmt, wenn dabei auf die Axiome etwa einer nicht-euklidischen Geometrie Bezug genommen werden sollte — anstatt, wie dies oben stillschweigend geschah — auf die der Euklidischen. Es mag sogar der Fall eintreten, dass verschiedene unter den gleichberechtigt zu nennenden, weil einander gegenseitig bedingenden Definitionen des Kreises dort in der That wesentlich verschiedene Begriffe bestimmen, einander nicht mehr gegenseitig zur Folge haben.
Unter allen Umständen aber stützt und beruft sich die Begriffs - bestimmung mittelst Definition ganz unvermeidlich (mit) auf die Ge - setze des denknotwendigen Folgerns; sie setzt die deduktive Logik be - reits voraus.
χ2) Nun stehen zunächst uns nur diejenigen Begriffe zur Ver - fügung, die mit den fertigen Gemeinnamen der Sprache verknüpft sind und so uns gegeben erscheinen. Diese mögen jeweils durch beigegebene Erläuterungen von jedem Doppelsinn gereinigt, vor solchem fernerhin bewahrt werden, sodass wir mit ihnen einen unveränderlichen und scharfbestimmten Vorstellungsinhalt (vorbehaltlich dessen durch die89Einleitung.fortschreitende Erkenntniss bedingten Zuwachses) verknüpfen. Zur Auf - stellung aller ferneren Begriffe von unbegrenzt allgemeiner Anwend - barkeit steht uns dann, wie gezeigt, nur das Mittel der Definition zur Verfügung, bei dessen Anwendung allemal die Logik schon voraus - gesetzt werden musste.
Dieser Umstand legt mir erstmalig eine Bemerkung nahe, für die ich noch anderweitige und ausschlaggebende Gründe in's Feld zu führen haben werde. Schon im Hinblick darauf scheint mir nämlich das Be - streben: die Logik selbst als eine Logik des Begriffsinhaltes darzu - stellen, wie es seit Jahrtausenden vorwiegend zu verwirklichen gesucht worden, ein Hysteron-proteron zu sein; es wird damit, wie mich dünkt, das unterste zu oberst gekehrt, genauer: das oberste zu unterst.
Es würde mir bedauerlich erscheinen, es würde ja zu einem Zirkel nötigen, wenn die Grundgesetze folgerichtigen Denkens sich nicht darlegen liessen, ohne diesen subtilsten und schwierigsten Teil der Logik, wenn man will auch den höchsten, schon vorauszusetzen, als welcher die Lehre von den Inhalten der Begriffe (den Endzielen der Wissenschaft überhaupt) scheint hingestellt werden zu müssen.
In der That aber zeigt schon in ihrer bisherigen Entwickelung — wie F. A. Lange1 pag. 147 hervorhebt — die Logik eine zunehmende Tendenz, von einer Lehre des Inhalts eine solche des Umfangs zu werden. Der letztern, deren konsequente Durchführung von diesem scharfsinnigen Autor bislang vermisst wird, weissagt derselbe eine „ Zukunft “— mit reicher Entfaltung.
Wir versuchen hier, die Verwirklichung dieser Voraussagung mit an - zubahnen. Wenn wir auch die verschiedenen Seiten der Frage noch ein - gehend beleuchten werden, so sei es doch hier schon ausgesprochen, dass wir die Logik als Lehre von den Urteilen und Schlüssen rein nur als eine „ Logik des Umfanges “darstellen werden — desgleichen zunächst auch die Lehre von den Begriffen. Damit glauben wir auch den leichtesten Weg einzuschlagen, auf welchem sich mit gegebenen Kräften am weitesten wird kommen lassen.
ψ2) Auch das individuelle oder Einzelding wird als „ Begriff “mit zugelassen; es ist der Komplex aller seiner Merkmale, durch deren eigenartige Verbindung miteinander es sich von allen andern Objekten des Denkens unterscheidet und so als ein vollkommen bestimmtes sich darstellt. In ihm und mit ihm selbst fällt Inhalt und Umfang seines Begriffes in eins zusammen.
Durch diese Einziehung des Einzeldinges unter die (bisher nur als „ allgemeine “betrachteten) „ Begriffe “erweitern wir die Auffassung, die wir mit dem Worte „ Begriff “verbinden. Wir geben damit kund, dass uns als das Charakteristische beim Begriffe (als das Wesen vom Begriff des Begriffes) nur eben das erscheint, dass unter seinem Namen90Einleitung.eine bestimmtc von allen andern unterscheidbare Merkmalgruppe, ein be - stimmter Vorstellungsgehalt*)Ich glaube mich darin in Übereinstimmung mit Sigwart zu befinden — vergl. 1 pag. 270. Doch möchte ich, im Hinblick auf das Unvollendetbleiben der Begriffe nach der Seite ihres idealen Inhaltes, seiner Forderung der „ festen Be - grenzung “die obige der Bestimmtheit vorziehen. — in eigenartiger Verknüpfung**)Dieser Zusatz ist eigentlich überflüssig, indem die Art und Weise, wie Merkmale miteinander verknüpft auftreten, selbst schon unter die Merkmale ein - gerechnet werden mag. Die „ sichere Unterscheidung “eines Begriffs von allen an - dern wird notwendig mit ihm selbst gegeben sein, sobald nur sein Inhalt hin - reichend entwickelt. — zusammengefasst und in unabänderlich konstanter Weise diesem Namen zugeordnet werde.
Mit Sigwart (l. c.) betrachten wir als „ das Ziel der Begriffs - bildung im logischen Sinne eine für alle Denkenden gleiche Ordnung ihres mannigfaltigen Vorstellungsgehaltes und damit die allseitige plan - mässige Vollendung dessen, was die Sprache überall schon mit un - bewusster Vernunft begonnen hat “.
In und mit dem Begriff wird in der That verglichen: es wird Über - einstimmendes zusammengefasst und Nichtübereinstimmendes ausein - andergehalten. Und die Wahrnehmung aller Verschiedenheiten sowie die aller Übereinstimmungen (auch nach der Seite der Relationen, wie Grund und Folge, Ursache und Wirkung) wird die Erkenntniss des Weltganzen zusammensetzen.
Die Wissenschaft aber geht darauf aus, nicht nur logisch voll - kommene, sondern auch die zweckmässigsten Begriffe zu gewinnen, mit Hülfe deren und ihrer Bezeichnung die grösstmögliche Einfachheit und Abkürzung unsres Wissens zu erreichen ist und die wertvollsten und umfassendsten allgemeinen Urteile ermöglicht werden. (Vergl. Sigwart1 p. 272 u. 273.)
ω2) Kehren wir nochmals zu unsrer Betrachtung der Definition zurück. Bei der Erklärung eines Begriffs mittelst Definition konnte es sich nicht um die Angabe eines einzigen Merkmals als des „ wesent - lichen “handeln. Es müsste sonst das zu Erklärende mit Demjenigen, wodurch es erklärt werden soll, sich dem idealen Vorstellungsgehalte nach schon von vornherein decken und würde ein völlig identisches Urteil resultiren, wie z. B. „ Weiss heisst etwas Weisses “, „ Wahrheit ist, was wahr ist “; es könnte höchstens die Erläuterung des Sinns eines Wortes vermittelst eines damit synonymen vorliegen, wie etwa91Einleitung.„ Rotation ist eine Drehung “, „ Zweifel ist Ungewisssein “und dergl. — was aber niemand als eine Definition gelten lässt.
Als charakteristisch kann immer nur eine Mehrheit, Gruppe, ein System von (allermindestens zwei) angebbaren Merkmalen in Betracht kommen — welche dem Begriffsinhalte angehören, in ihm enthal - ten sind.
Würde eines von diesen Merkmalen durch die übrigen von selbst bedingt “(in dem schon erläuterten Sinne), so wäre seine Anführung überflüssig; dasselbe ist dann aus der Definition — behufs deren Ver - einfachung — fortzulassen; dann sind ja schon die übrigen Merkmale zur Bestimmung des Begriffes ausreichend.
Jedes von diesen Merkmalen wird nun aber, ausser in dem zu definirenden, auch noch selbständig oder in andern Begriffen auftreten, denn wenn ein solches jenem ausschliesslich angehörte, so würde es allein schon für den zu definirenden Begriff charakteristisch sein, zur Bestimmung desselben ausreichen; die Angabe der übrigen Merkmale könnte alsdann unterbleiben und kämen wir auf den oben schon als ausgeschlossen erkannten Fall zurück.
Die in der Definition je als „ wesentliche “verwendeten Merkmale müssen also, je für sich, gleichwie einen „ engeren “Inhalt, so einen „ weiteren “Umfang haben; sie werden dem zu definirenden „ über - geordnete “oder mit ihm verglichen „ höhere “Begriffe sein.
Von diesen Begriffen oder wesentlichen Einzelmerkmalen pflegt man irgend einen — gewöhnlich den durch ein Substantiv dargestellten — als „ genus proximum “, d. i. als die dem zu definirenden („ Art “-) Begriffe nächst übergeordnete „ Gattung “zu bezeichnen, und sagt von dieser, dass sie durch die noch ferner hinzutretenden Merkmale ein - geschränkt, noch näher bestimmt, „ determinirt “werde.
Jedes neu hinzutretende Merkmal muss in der That, gleichwie es den faktischen durch die bisherigen Merkmale ausgedrückten Vorstel - lungsinhalt vermehrt, so auch den (möglichen) Umfang des von letzterm bestimmten Begriffes wirklich verringern, ansonst es ja von diesen bereits thatsächlich mitbedingt sein und darum seine Erwähnung über - flüssig erscheinen würde.
Diese in der Definition zu dem genus proximum noch hinzu - tretenden Merkmale werden demgemäss als „ differentiae specificae “be - zeichnet, weil sich durch ihren Komplex, sowie auch schon durch jedes einzelne von ihnen der zu definirende Begriff als eine Unterart des genus proximum von andern Arten dieser Gattung spezifisch unter - scheidet.
92Einleitung.So erscheint bei unsrer (ersten) Definition des Kreises der Begriff „ Kurve “(oder Linie) als nächst übergeordnete Gattung. Dieser ist von weiterem Umfange und dürftigerem Inhalte als der Begriff „ Kreis “selbst. Der Kreis erscheint als eine „ Art “unter der „ Gattung “der Kurven. Als spezifische Unterschiede treten in unsrer Definition drei Merkmale zu dem Begriff der Kurve hinzu, nämlich das Merkmal „ geschlossen “zu sein, „ eben “zu sein und „ gleichen Abstand ihrer Punkte vom Mittelpunkte zu haben “.
Liessen wir das erste fort, so würde die Definition auch jeden Kreis - bogen umfassen (resp. als einen „ Kreis “hinstellen), ja — bei hinreichend allgemeiner Fassung des Begriffs „ Kurve “— auch jedes System von Bögen und vielleicht isolirten Punkten derselben Kreislinie.
Durch Weglassung auch des zweiten Merkmals der Ebenheit bekämen wir einen Begriff, unter dessen Umfang ausser den Kreisen und Kreis - bögen auch jeder Linienzug auf einer Kugelfläche fallen würde — der auf eine starre Kugel (als mathematische Linie) geschriebene Namenszug des geehrten Lesers zum Beispiel. Etc.
Was Kurve, was eben, was geschlossen ist, was gleichen Abstand seiner Punkte von einem nämlichen Punkte hat, das sind lauter höhere oder dem des Kreises übergeordnete Begriffe.
Wenn sonach die Definition eines Begriffes nur vermittelst anderer, demselben übergeordneter oder höherer Begriffe geleistet zu werden vermag, so wird man bei fortgesetzter Bestimmung auch dieser und der folgenden Begriffe mittelst Definition schliesslich bei solchen Be - griffen anlangen und innehalten müssen, welche als die allgemeinsten, dem Umfange nach weitesten oder höchsten, einer Definition nicht weiter fähig sind, da sich zu ihnen höhere Begriffe (ausser dem einen allumfassenden des „ Etwas “) nicht mehr angeben lassen (resp. im Begriffsvorrat der Sprache nicht vorfinden).
Solche selbst nicht definirbare, aber zur Definition anderer ver - wendbare Begriffe nennt man „ Urbegriffe “oder „ Kategorieen “. Die - selben werden dann einfach als von Anfang bekannt, nämlich mit der Sprache selbst gegeben vorauszusetzen sein.
Welches sind nun aber jene Kategorieen, die zum Aufbau aller andern Begriffe ausreichen würden?
Ein erster — nach der zutreffenden Kritik von Mill und Andern noch ziemlich misslungener — Versuch zur Aufstellung einer Kate - gorieentafel ist bekanntlich von Aristoteles gemacht. Auch haben Kant, Mill selbst, Peirce1c, Sigwart und Andere schon bessere Vor - schläge für das ganze Gebiet oder für einzelne Teilgebiete des Denkens zu machen gewagt. Ich hoffe einleuchtend zu machen, dass und warum derartige Versuche als verfrühte zur Zeit noch nicht zum Ziele führen können.
93Einleitung.α3) Immerhin ist uns mit Obigem das Ideal erwachsen, unser gesamtes Begriffssystem zu einem wissenschaftlich streng gegliederten zu gestalten, indem wir die Begriffe alle aus möglichst wenigen Ur - oder Grundbegriffen vermittelst möglichst weniger Grundoperationen (zu denen die Determination gehören wird) systematisch aufbauen. [Die Begriffe dieser Operationen werden selbst zum Teil den Urbegriffen in gewissem Sinne zuzuzählen sein].
Nachdem erkannt ist, wie viel der menschliche Geist dem Zeichen verdankt, dürfen wir die Möglichkeit nicht ungenutzt lassen, das Zeichen noch weiter auszubilden. Es bietet sich die Aufgabe dar, durch an - gemessene, adäquate Gestaltung des Zeichens Zeichen und Sache durch - weg in gesetzmässiges Entsprechen zu bringen, oder (mit den Worten Trendelenburg's) die Gestaltung des Zeichens und den Inhalt des Begriffs in unmittelbare Berührung zu bringen, indem wir statt des in der Sprache gerade vorhandenen Wortes solche Zeichen ersinnen, welche die im Begriff unterschiedenen und zusammengefassten Merk - male unterscheidend und zusammenfassend darstellen.
Auf einzelnen Gebieten hat die Wissenschaft aus eigenem Bedürfniss schon Anfänge einer solchen Begriffsschrift hervorgebracht. Das Verfahren, durch welches mit unsern Ziffern die nach dem zehnteiligen Gesetz fort - schreitende Zahlenbildung ausgedrückt wird (vergl. ζ2), ist ein hervor - ragendes Beispiel dazu, an welchem es sich (in der Arithmetik und höheren Rechnung) deutlich zeigt, wie mit dem zutreffenden Zeichen die Herrschaft über die Sache, die Einsicht und Kunst des Menschen in unübersehbarer Wirkung zunimmt. Mit dem „ notwendigen “, d. h. gemäss der Forderung höchster Angemessenheit als solches sich aufdrängenden Zeichen muss sich die Erkenntniss der bezeichneten Gebiete notwendig weiter und weiter er - schliessen.
Eine solche Bezeichnung wird, wenn sie auf das ganze Feld der Gegenstände des Denkens ausgedehnt zu werden vermag, im Gegensatz gegen das dem Inhalte der Vorstellungen mehr oder weniger gleich - gültige Zeichen des Wortes, eine charakteristische Sprache der Begriffe, „ Begriffsschrift “, und im Gegensatz gegen die besonderen Sprachen der Völker eine allgemeine Sprache der Sache (Pasigraphie) sein (ibid.). Hiermit sind wir angelangt bei dem Gedanken einer philosophisch wissenschaftlichen Universalsprache.
Derselbe war zuerst von Des Cartes erfasst, dann von Leibniz vertieft; doch blieben die beiderseits gemachten Vorschläge mehr Umriss und Versprechen, als Ausführung und Leistung. Ich folge mit den hierauf bezüglichen Bemerkungen wieder Trendelenburg (l. c.). Cartesius (Episto - lae I, 111 in der Amsterdamer Ausgabe von 1682, p. 353 sqq.) verlangt, dass eine ähnliche Ordnung unter den Ideen, welche möglich sind, her -94Einleitung.gestellt werde, wie es eine natürliche Ordnung unter den Zahlen gibt. Und wie jemand in einem Tage lernen kann, in einer unbekannten Sprache alle Zahlen in's unendliche zu benennen und zu schreiben, obwol sie mit unzähligen verschiedenen Wörtern bezeichnet werden, so könne ähnliches mit den übrigen zum Ausdruck der menschlichen Gedanken notwendigen Wörtern geschehen. Die Erfindung einer solchen Sprache hänge von der wahren Philosophie ab*)Man sieht hier schon den grossen Unterschied, welcher besteht zwischen dem logischen Ideal der „ Pasigraphie “und dem linguistischen einer „ Weltsprache “, wie es heutzutage die Volapükisten anstreben. Gleichwie die Letzteren es thun, so bezweckten auch die erwähnten vorangegangenen Versuche blos, eine Ver - ständigung zu erzielen zwischen Solchen, die in der Sprache einander fremd sind. Durch die allerdings nicht gering anzuschlagende Beseitigung aller Unregelmässig - keiten vereinfachen sie zwar erheblich die Grammatik, übernehmen aber ohne weiteres fast alle sonstigen logischen Unvollkommenheiten unsrer faktischen Kultur - sprachen, schliessen an diese sich als an etwas schlechthin Gegebenes an.Solcher vorgängigen Versuche führt schon Trendelenburg uns eine ziem - liche Anzahl (beiläufig fünfe, von Kircher, Becher, Dalgarn, Wilkins und Trede) an. Das ohne Jahreszahl, Druckort und Namen des Verfassers unter dem Titel: „ Vorschläge einer notwendigen Sprachlehre “um 1811 erschienene Werk von Ludwig Benedikt Trede, welches den Grundgedanken des Volapük schon vollständig (indess wol weniger einfach) in seiner Art verwirklicht, konnte ich von der Königlichen Bibliothek zu Berlin entleihen. Einer noch umfassenderen; denn ohne diese sei es unmöglich, alle Ideen der Menschen aufzuzählen oder zu ordnen und so zu unterscheiden, dass sie deutlich und einfach wären. Erst wenn man deutlich entwickelt hätte, welches die einfachen Vorstellungen, und aus welchen Elementen die Ge - danken zusammengesetzt sind, und wenn dies in der Welt anerkannt worden: so lasse sich eine allgemeine Sprache hoffen, welche leicht zu lernen, aus - zusprechen und zu schreiben wäre und welche überdies, was die Haupt - sache, unsre Urteilskraft fördern würde, indem sie alles so deutlich und unterschieden darstellte, dass eine Täuschung unmöglich würde, während umgekehrt unsre Wörter nur verworrene Bedeutungen haben, an welche sich der menschliche Geist so lange Zeit gewöhnt hat, dass er fast nichts vollkommen einsehe. Cartesius setzt hinzu, dass er eine solche Sprache und die Wissenschaft*), von welcher sie abhängt, für möglich halte; mit ihrer hülfe werde dann ein Bauer über die Wahrheit der Dinge besser urteilen, als jetzt ein Philosoph. Aber man solle nicht hoffen, sie je zu erleben, denn das setze grosse Veränderungen voraus und es sei dazu not - wendig, dass sich die Welt in's Paradies verwandle.
Leibniz indessen hatte kühneren Mut, obwol er die vorangegangenen Versuche*) und ihr Vergebliches kennt.
Des Letztern (nicht von ihm herausgegebenen) Aufsätze über die Pasi - graphie sind betitelt: historia et commendatio linguae characteristicae uni - versalis quae simul sit ars inveniendi et judicandi, desgl. dialogus de con - nexione inter res et verba et veritatis realitate (1677).
Schon die Namen, welche Leibniz dem Unternehmen gibt, kündigen seine Bedeutung an. Bald nennt er es lingua characteristica universalis95Einleitung.oder das Alphabet der menschlichen Gedanken, bald hingegen calculus philo - sophicus oder calculus ratiocinator. [In jenem Briefe vom Jahre 1714 nennt er es spécieuse générale — ein Name, welcher an die Verwandtschaft mit der geometrischen Analysis erinnert, da diese, seit Vieta Buchstaben als allgemeine Zeichen von Grössen in sie einführte, analysis speciosa hiess.] Diese Namen zeigten schon das Ziel, das Leibniz vor Augen hatte: es war eine adäquate und allgemeine Bezeichnung des Wesens der Begriffe durch eine solche Zergliederung in ihre Elemente, dass dadurch eine Be - handlung derselben durch Rechnung möglich werden sollte; sein Unter - nehmen, sagt Leibniz, müsse zustande kommen characteribus et calculo als eine combinatoria characteristica.
Von den Prinzipien her hofft er Befestigung der Erkenntniss, Ver - hütung des Widerspruchs, Ausschluss des Streites (man werde, wo solcher droht, einfach sagen: Lasst uns friedlich die Sache berechnen!). Leibniz erwartet einen Einblick und eine Übersicht, durch welche mitten in der sich ausdehnenden Masse der Erkenntniss dennoch die Wissenschaften sich abkürzen, und insbesondere hofft er durch die Einsicht in die einfachen Elemente und deren Verbindungsweisen auch fortschreitende Erkenntniss des Besonderen, Entdeckungen und Erfindungen.
Die Verwirklichung des gedachten Ideals einer wissenschaftlichen Klassifikation und systematischen Bezeichnung alles Benennbaren muss aber nach dem oben von uns Angeführten zur Voraussetzung haben: die vollendete Kenntniss der die Begriffselemente zu verknüpfen be - stimmten Grundoperationen und die Bekanntschaft mit deren Gesetzen. Diese Vorarbeit hat die Logik zu leisten, und solange sie — wie der - malen — unvollendet ist, können Versuche erwähnter Art von Erfolg nicht gekrönt sein.
Vorher schon Kategorieentafeln aufzustellen scheint mir kaum ver - dienstlicher, als der Hinweis auf einen Haufen Steine als auf die Bausteine zu einem wundervollen Baue, dessen Plan jedoch noch niemand gesehen hat, und bei welchem auch das Bindemittel, der Kitt zum Zusammenhalten der Steine, vergessen ist.
Jene die Begriffe verknüpfenden Operationen werden wir hier in der That erst zu studiren haben.
Und ihre Gesetze werden wir in bestimmten Grenzen vollständig erforschen, aber allerdings zunächst nur für die elementarsten Ver -*)Reihe derartiger Versuche gedenkt Herr Guntram Schultheiss in einem Auf - satze über „ Künstliche und natürliche Weltsprachen “in Westermann's Monats - heften vom Sept. 1886, p. 796 ‥ 807.Des Raimundus Lullius „ Summulae logicales “war hierbei nicht Er - wähnung zu thun. — Dass Herrn Frege's „ Begriffsschrift “1 diesen ihren Namen nicht verdient, sondern etwa als eine in der That logische (wenn auch nicht zweckmässigste) Urteilsschrift zu bezeichnen wäre, glaube ich in meiner Rezension4 dargethan zu haben.96Einleitung.richtungen des Denkens, wie sie als solche sich darbieten. Dieser erste Teil der Logik ist der Klassenkalkul — von Peirce als die Logik der Dinge hingestellt, welchen „ absolute “Namen zukommen (vergl. ξ2).
An die schwankenden Gebräuche der Wortsprache werden wir dabei den Maasstab eines vollkommen konsequenten Bezeichnungs - systems anlegen. Mit letzterem werden wir dann auch im stande sein, die Verknüpfungen und Beziehungen, die zwischen Urteilen möglich sind, erschöpfend wiederzugeben, sodass als ein zweiter Teil der Logik der Aussagenkalkul erscheint, der sich zu einem hohen Grade von Vollendung bereits entwickelt zeigt.
Erst mit dem völligen Ausbau eines dritten (und schwierigsten) Teiles könnte aber die Disziplin der Logik den Anspruch erheben die obenerwähnte Vorarbeit für die dereinstige wahre Philosophie geleistet zu haben. Das wäre die Logik der unter „ relativem “Namen zu be - greifenden Gedankendinge: die Logik der Beziehungen überhaupt und ihrer verschiedenen Kategorieen. Diesen Teil unsrer Disziplin müssen wir dermalen grossenteils noch unfertig lassen.
β3) Wir haben von π2) ab versucht, den Begriff des „ Begriffes “zu entwickeln.
In einer so fundamentalen Frage, über welche die Philosophen schon seit Jahrtausenden geschrieben und wo deren Lehrmeinungen so himmelweit auseinandergehen, scheint nun aber doch ein kritischer Rückblick noch angezeigt zu sein.
Wir gingen bei unsrer Betrachtung von dem für den Begriff (als Einzelding oder aber allgemeinen Begriff) bereits vorhanden gedachten Namen (Eigennamen resp. Gemeinnamen) aus.
Die Annahme, dass der fragliche Begriff einen Namen habe, kann nicht wol als eine Beschränkung für die Allgemeinheit unsrer Be - trachtungen angesehen werden, wofern nur nicht etwa gefordert wird, dass der Name von Anfang bereits unter den einwörterigen figurire. Denn was auch Gegenstand des Denkens werden mag, es lässt sich doch mit Worten angeben, beschreiben. Und diese Beschreibung stellt uns einen (eventuell eben vielwörterigen) Namen für das Beschriebene vor. So oft wir übrigens einen neuen Begriff gewinnen, empfinden wir alsbald das Bedürfniss nach einem angemessenen (auch angemessen kurzen) Namen für denselben, und diesem Bedürfniss könnte nötigen - falls selbst durch einen einwörterigen Namen — mittelst Einführung eines solchen — immer genügt werden.
97Einleitung.Es sollte jedenfalls mit unsrer Erörterung nicht behauptet sein, dass die Bildung des Worts dem Begriffe notwendig oder thatsächlich vorangehe.
Wenigstens die Aneignung des Wortes vonseiten des jugendlichen Menschen bei der Erlernung seiner Muttersprache mag in der That nicht selten derjenigen des zugeordneten Begriffes voraufgehen. Auch vermöchte die Wissenschaft wol Beispiele aufzuweisen, wo die Kombination von Worten — z. B. in der Form als „ Nicht-a “, nachdem ein Begriff von a bereits vorgelegen — den ersten Anstoss zur Bildung eines Begriffes gab.
Jedoch lassen auch Belege sich erbringen für Fälle, wo die umgekehrte Succession erkennbar ist. Auf p. 177 seiner Schrift1 erinnert J. Keller an das von Steinthal erwähnte Kind, das jedesmal, wenn es einen Fremden mit Papa anredete, den Kopf dazu schüttelte. „ Es befand sich auf dem Stadium seiner Begriffsentwickelung, wo der allgemeine Begriff Mann, den es mit dem Worte Papa verband, sich zu spalten anfing in Mann im all - gemeinen und in den Begriff, den Kinder späterhin mit Papa verbinden. “ Wie in diesem Falle, so dürfte auch bei dem Zuwachs an Begriffen, den die Wissenschaften liefern, die geistige Erfassung des Begriffes der wort - bildenden Namengebung zumeist vorangehen.
Die ganze Frage mögen wir indess der Psychologie, Sprachwissenschaft und Pädagogik überlassen.
Worauf wir hier sicher fussen zu dürfen glaubten, ist nur: dass die Begriffsbildung mit der Namengebung, der Schöpfung und Fort - entwickelung der Sprache, notwendig handinhand geht.
γ3) Schwerlich dürfte unsre Darlegung beanstandet, sie möchte wol als zutreffend zugestanden werden in Bezug auf die sogenannten „ empirischen “Begriffe.
Begriffe, die ihren Ursprung der Wahrnehmung, Erfahrung ver - danken, entstehn zweifellos auf die angegebene Weise. Und zwar braucht die Wahrnehmung nicht gerade eine sog. „ äussere “zu sein, die auf dem Sinneseindruck beruht. *)Vergl. γ) Fussnote. Auch diese „ äussere “Wahrnehmung läuft übrigens wesentlich auf eine „ innere “hinaus, indem es nicht das Auge ist, das sieht, sondern der Geist, das Ich, in dessen Bewusstsein die Sinnesbotschaft auf - genommen wird.Auch durch „ innere “Wahr - nehmung und Erfahrung gewinnen wir Begriffe in ganz analoger Weise. So mögen wir bei der Farbe und dem Ton auf das gemein - same Merkmal des „ Sinneseindrucks “reflektiren**)Mit Absicht führe ich dies Beispiel an, um auf die Unhaltbarkeit und Willkür hinzuweisen, welche in der üblichen Erklärung „ disparater “Begriffe liegt., wir mögen von den Phantasiegebilden, Absichten, Stimmungen und Gedanken das Merkmal der „ Unsinnlichkeit “abstrahiren.
Schröder, Algebra der Logik. 798Einleitung.Eine andere Frage ist indess, ob wirklich alle Begriffe so, durch Reflexion auf die gemeinsamen Merkmale, in's Dasein treten und treten müssen.
Neben dem geschilderten Prozesse der „ unmittelbaren “Begriffs - bildung scheint mir in der That eine Möglichkeit auch „ mittel - barer “konstruktiver Bildung von Begriffen zugestanden werden zu müssen.
Der Begriff der „ Unmöglichkeit “z. B. (den auch Keller hervorhebt) ist sicher nicht empirisch durch Reflexion auf die gemeinsamen Merkmale von allem „ Unmöglichen “entstanden, weil solches überhaupt nicht Gegen - stand einer Erfahrung werden konnte. Allerdings hegt auch dieser Be - griff eine Mannigfaltigkeit von Vorstellungsverbindungen und Gedanken ein, und grenzt sie gegen die übrigen ab, denen wir aus logischen oder (solchen und) physikalischen Gründen die „ Möglichkeit “zusprechen. Und es wäre noch immerhin denkbar, dass auch hier durch Reflexion auf ein gemeinsames Merkmal an eben jenen Gedankendingen der Begriff entstan - den wäre, in Anbetracht, dass „ Unmöglichkeit “ja in der That nicht von Dingen der Aussenwelt, sondern nur von einer Kombination von Erkennt - nisselementen in unserm Geiste prädizirt werden kann.
Ob solches aber die wirkliche und notwendige Entstehung des Be - griffs der „ Unmöglichkeit “darstellt, scheint eine schwierige Frage zu sein.
Zuzugeben ist wol, dass wir in Gestalt der „ Verknüpfung “(Kom - bination) und „ Trennung “(Separation) und — als eine Modifikation der letztern — insbesondre in Form der „ Verneinung “(Negation), von durch Abstraktion gewonnenen Vorstellungselementen oder Merkmalen auch das Vermögen besitzen, Begriffe mittelbar zu konstruiren, sodass Reflexion und Abstraktion nicht als die einzigen Quellen der Begriffs - entwickelung hingestellt werden dürfen.
Auch die Begriffe des „ Dings an sich “und der „ Wahrheit “, der „ Vollkommenheit “, des „ Ideals “, der „ Freiheit “, und andere, könnten ähn - lich dem vorausgeschickten Beispiel verwendet werden, solche Bemerkung anzuregen.
Die angeführten Beispiele genügen wol, um auf die Schwierig - keiten einer allgemeinen Theorie der Begriffsbildung und der Erklärung seines Wesens hinzuweisen.
Ungeachtet der mehrtausendjährigen Arbeit sind über eine solche die Philosophen auch noch nicht einig geworden.
Es befehden sich die Schulen der „ Nominalisten “, der „ Realisten “und der „ Konzeptualisten “und wenn auch ziemlich unverkennbar geworden ist, dass jene erstern mit der Einseitigkeit ihrer Auffassung sich nicht im Rechte befinden, so können wir uns doch auch auf eine allgemein aner - kannte Theorie noch nicht berufen.
Ebenso gehen die Ansichten noch weit auseinander über das Wesen der „ allgemeinen Vorstellung “(repraesentatio generalis sive universalis) als99Einleitung.Desjenigen, was darunter vorgestellt wird, wenn der Name einer Klasse fällt, z. B. wenn von „ einem Baume “gesprochen wird — im Gegensatz zu der Einzelvorstellung (repraesentatio singularis, wie „ dieser Baum hier “) und im etwaigen Gegensatz zum Begriff „ Baum “. Die Identität solcher Allgemeinvorstellung mit dem zugehörigen Begriffe wird teils behauptet, teils bestritten.
Auf solchem unsichern und vielumstrittenen Fundamente nun das Gebäude einer Wissenschaft errichten zu wollen, die, wie die Logik, den Anspruch erhebt, nur absolut sichere, weil denknotwendige und evidente Wahrheiten aufzustellen, scheint mir kein wissenschaftliches Verfahren. Die Logik von vornherein als eine solche des Begriffsin - haltes zu errichten möchte eher wol dem Versuche gleichen, das Dach vor dem Hause zu bauen.
Eine „ Logik des Umfanges “in erster Linie anzustreben, darin bestärkt mich auch die Überlegung: dass (gerade wenigstens von dem Standpunkte, den manche Verfechter einer solchen „ des Inhaltes “einnehmen) viele Be - griffe dem Inhalte nach überhaupt nicht existiren, die gleichwol eines (be - grifflich!) scharfumgrenzten Umfanges sich erfreuen.
So die meisten ursprünglich durch Negation gewonnenen Begriffe, wie etwa „ Nichtmensch “— indem es, wie Lotze witzig bemerkt, für den menschlichen Geist eine ewig unlösbare Aufgabe bleibt, von allem, was nicht ein Mensch ist, also „ von Dreieek, Wehmut und Schwefelsäure “die gemeinsamen Merkmale zu abstrahiren und zum Begriff des „ Nicht-men - schen “zusammenzufassen!
Dem Umfange nach existirt aber dieser Begriff doch unzweifelhaft (wenn man auch mit Lotze gegen die Zweckmässigkeit und den wissen - schaftlichen Wert seiner Aufstellung zu Felde ziehen mag), sintemal kein individuelles Objekt des Denkens bekannt ist, über welches wir irgend im Zweifel sein könnten, ob demselben das Prädikat, ein „ Mensch “zu sein, zu oder abzusprechen wäre — vorausgesetzt nur, dass man sich über ge - wisse Fragen des Doppelsinns, z. B. den Embryo, den Leichnam betreffend, geeinigt, nämlich den Begriff „ Mensch “selbst erst gehörig präzisirt hat.
Und die Lotze'sche Argumentation1 pag. 58 würde mutatis mutan - dis ebensogut auf „ einander nicht schneidende Kurven “anwendbar sein, wo seine sonstigen Einwendungen wegfielen. Auch hier würde es wol unmöglich sein, ein „ positives “gemeinsames Merkmal zu abstrahiren. Ein „ negatives “aber, genauer: die Abwesenheit eines bestimmten (anerkannten) Merkmals, will Lotze eben nicht als Merkmal gelten lassen. Vergl. hiezu § 16.
Von seinem Standpunkte aus, auf den ich mich soeben stellte, um ihn mit seinen eigenen Gründen zu widerlegen, hätte also auch dieser letz - tere Begriff keinen Inhalt und existirte doch unzweifelhaft seinem Umfange nach, als Klasse; und als solcher wäre er auch (schlechthin oder in ander - weitig noch enger begrenzter Auffassung) für die Geometrie ganz un - entbehrlich.
Von einer Logik des Inhaltes müssten (darnach also) ganz un - entbehrliche Begriffe ausgeschlossen bleiben und hätte solche keinen7*100Einleitung.Anspruch darauf, mit ihren Gesetzen unser ganzes Denken zu um - fassen, oder die erforderliche Allgemeinheit zu besitzen.
Übrigens steht es auch gar nicht so schlimm um die Einseitig - keit eines Studiums der blossen Begriffsumfänge (ohne Rücksicht auf den Inhalt der zugehörigen Begriffe) — aus dem Grunde, weil sich zeigen wird, dass bestimmten Umfangsverhältnissen der Begriffe (wo solche vorhanden) allemal die „ umgekehrten “Verhältnisse zwischen ihren Inhalten parallel gehen, z. B. einer Überordnung hier eine Unter - ordnung dort.
Es wird also das eine zwar unbehelligt vom andern dennoch grossenteils zugleich mit ihm erledigt. Und die Frage: ob Logik des Inhalts oder des Umfangs? müsste darnach sogar für irrelevant er - klärt werden, hätte sich nicht jene durch die Anforderung, u. a. immer nur begrifflich bestimmte Subjektklassen zu bilden, ganz übermässig eingeschränkt gesehen, und wäre sie nicht in Reaktion gegen solche Einengung notgedrungen allemal über ihre Grenzen hinaus getreten, und — inkonsequent geworden! [Konsequenterweise könnte z. B. die Logik des Inhalts partikulare Urteile überhaupt nicht bilden — es sei denn als identische oder „ nichtssagende “Urteile — vergl. die Aus - führungen am Schlusse des § 44.]
Was eine „ Klasse “ist, scheint auch viel leichter zu begreifen, als der Komplex der psychologischen Motive, welche zu ihrer Aufstellung Veranlassung bieten könnten. Stellte man letztere, d. i. eben den „ In - halt “des zugeordneten Begriffes (falls anerkannt werden mag, dass es einen solchen gibt) in den Vordergrund der Betrachtung und be - gänne, dergleichen Motive selbst aufzuzählen, so vermöchte niemand vorab zu ersehen, ob nicht die Wissenschaft noch ganz andere Motive zur Klassenbildung dereinst aufdrängen wird, als diejenigen sind, die man heutzutage als einen regelrechten Begriff konstituirend gelten lassen will. Wie schon unter v2) angedeutet und in Einstimmung mit Dedekind1 pag. 2, Fussnote können wir es nicht als berechtigt an - erkennen, dass man der Freiheit der Begriffsbildung irgend welche Schranken von vornherein auferlege.
Gerade indem sie die Klasse als eine möglicherweise auch ganz willkürlich zusammengesetzte — um nicht zu sagen „ zusammengewür - felte “— in's Auge fasst, wird die Logik der Klassen, unter denen von selbst auch die Umfänge aller Begriffe mit figuriren, eine wesentlich höhere Allgemeinheit erzielen als jede Logik, welche von vornherein nur von den Inhalten der Begriffe handeln will.
Das letzte Wort über die Frage dürfte der Erfolg zu sprechen101Einleitung.haben; und hier scheinen mir zunächst die jahrtausendlangen Be - mühungen, von der Betrachtung des Begriffsinhaltes aus die Logik in ein gesund fortschreitendes Wachstum zu bringen, gescheitert.
Schlagender dürfte dies kaum zu konstatiren sein, als es von einem der heftigsten Gegner der Umfangslogik selbst geschieht, nämlich von Prantl, indem dieser in der Vorrede zum 4ten Bande seines Riesenwerkes1 als den Hauptgewinn seiner eingehenden Studien über die Logik-Erzeugnisse von mehrern der neueren und neuesten Jahrhunderte mit drastischen Worten den hinstellt, dass Andere all' den Wust nun nicht mehr durchzulesen brauchen! Sollte da die Disziplin nicht fortgesetzt doch auf dem Holzwege gewesen sein?
δ3) Ich möchte hiernächst noch einem Vorurteile entgegentreten, welches der Aufstellung einer „ Logik des Umfanges “entgegensteht.
Es ist besonders in Deutschland bei geistreichen Philosophen Mode geworden — und neuerdings in verstärktem Maasse*)Es würden sich eine Menge Citate beibringen lassen; ich halte mich aber durch das „ nomina sunt odiosa “gerechtfertigt, wenn ich möglichst davon ab - stehe, solche Beispiele anzuführen, die vielleicht als eine persönliche Invektive aufgefasst werden könnten. Selbstverständlich indess sind zu obigem auch erfreuliche Ausnahmen zu koustatiren. — die Versinnlichung von Begriffsumfängen durch die Euler'schen Kreise (vergl. § 3) eine dürre oder öde zu nennen, überhaupt von der Be - trachtung der Umfangsverhältnisse als von etwas Trockenem, Lang - weiligen oder Unfruchtbaren mit einer gewissen Geringschätzung zu sprechen, und vollends einen auf diese Betrachtung gegründeten Kalkul als einen toten Formalismus oder leeren Schematismus zu qualifiziren, solchen von vornherein zu verdammen.
Die Frage, ob dem wirklich so ist, scheint mir von ganz kapi - taler Bedeutung zu sein und es besonders im Interesse der deutschen Philosophie zu liegen, dass derselben auf den Grund gegangen werde.
Bei dem Versuche, dies zu thun, wende ich mich nicht an Diejenigen, die (vielleicht mehr oder minder bewusst) solche Äusserungen im Grunde blos als einen Deckmantel, eine scheinbare Rechtfertigung für ihre Bequem - lichkeit benutzen, zufolge deren sie die Mühe scheuen, welche es unver - meidlich kostet, in den Geist einer konsequent aufgebauten, exakten Wissen - schaft einzudringen, die Herrschaft über einen Kalkul sich zu erringen. Diese würden, weil ihnen die Überzeugung unwillkommen, auch schwerlich zu überzeugen sein.
Denjenigen aber, die unbeeinflusst von solch 'persönlichem Motive auf - richtig meinen, dass die Sache sich also verhalte, möchte ich folgende Be - trachtung nahe legen.
Bringen wir uns einmal zum Bewusstsein, was denn eigentlich102Einleitung.vor sich geht beim Zählen (der Einheiten einer Menge). — Wenn ich z. B. die Herrn, die hier auf einer Bank vor mir sitzen, zähle, so bilde ich einen jeden derselben einfach mit einem Striche (1) ab. Da - mit das entstandene Bild — sagen wir 11111 — nicht als eilftausend - einhunderteilf gelesen werde, verbinde ich die Striche (Einer) mit dem Zeichen plus. Ich erhalte so ein Schema: 1 + 1 + 1 + 1 + 1 und ist es für die Zwecke unsrer Betrachtung nebensächlich, dass für dasselbe auch ein einfacheres Zeichen: 5, nebst zugehörigem Namen eingeführt ist.
Im Grunde ist es also eine äusserst rohe Art von Abbildung, die wir beim Zählen vornehmen (die Abbildung der Einheiten oder Indi - viduen der Menge blos nach ihrer „ Häufigkeit “oder „ Anzahl “) — eine Abbildung, die hinsichtlich ihres Gehaltes bei weitem nicht heran - reicht an diejenige, welche der Stift des Zeichners, die Kamera des Photographen, der Pinsel des Malers hervorzubringen vermöchte, von dem Meissel des Bildhauers zu geschweigen, durch welche ja nicht blos die Anzahl, sondern vielleicht die ganze äussere Erscheinung, ja allerhand charakteristische Eigentümlichkeiten der Haltung und der geistige Ausdruck der Gesichtszüge der abgebildeten Persönlichkeiten zur Darstellung kämen. Noch weniger kümmern wir uns bei unserm Abbildungsverfahren um diejenigen Verhältnisse, die den Menschen am meisten vom Menschen zu interessiren pflegen. Von den Anlagen, Kenntnissen und Fertigkeiten, von dem ganzen Charakter der abge - bildeten Personen — nicht zu reden von ihren Vermögensverhält - nissen (!), die ja von andrer Seite auch wiederum der Darstellung durch Zahlen zugänglich wären — wird einfach abstrahirt. Von der Abstammung und sozialen Stellung, von der Vorgeschichte eines Jeden, seinen Aussichten für die Zukunft … von allem, was das Wesen seiner Persönlichkeit ausmacht, wird abgesehen; es wird, sofern es auch be - kannt sein sollte, beim Zählen gelöscht, ignorirt.
Welcher gemüt - und phantasievolle Denker möchte sich angesichts dessen nicht versucht fühlen etwa zu sagen: „ Natürlich haben auch die Zahlenverhältnisse ihren Wert; aber wo man diesen bedürfen wird, ist er nicht so schwierig zu ermitteln, um sich seiner nicht nebenher augenblicklich zu bemächtigen; einen Hauptgesichtspunkt für die Be - trachtung der Dinge aus ihren Zahlenverhältnissen zu machen halte ich für ebenso unfruchtbar (irrig) als langweilig “*)Vergleiche einen analogen Ausspruch Lotze's in Bezug auf die begriff -!
103Einleitung.Langweilig, trocken, dürr etc.? — Vielleicht ja! — Man kann es auch heute noch niemand verwehren, die Arithmetik (als die Wissen - schaft, die sich mit den Zahlenverhältnissen beschäftigt) langweilig zu finden. Es thun dies aber zumeist nur Solche, die entweder einen recht schlechten Elementarunterricht genossen oder sich überhaupt nicht der Mühe unterzogen haben, dieselbe kennen zu lernen.
Unfruchtbar? — Nein! — Es dürfte doch heutzutage wol niemand mehr es wagen, die Analysis und Mathematik, die Lehre von Zahl (und Maass), die messende und rechnende Physik, der Unfruchtbarkeit zu zeihen.
Und dennoch bleibt die Thatsache der Rohheit unsres Abbildungs - verfahrens, welches bei jedem Zählen allemal bethätigt wird, bestehen; dennoch ist die ungeheure Dürftigkeit, welche auch der Ermittelung metrischer Beziehungen notwendig anhaftet, ganz unverkennbar, und selbst die Geometrie, indem sie noch die „ gestaltlichen Verhältnisse “der Dinge in den Bereich ihrer Betrachtung zieht, ist doch unleugbar einseitig, sieht von den allerinteressantesten Eigenschaften der raum - erfüllenden Substanz armselig ab.
Wie sind dabei nun die grossartigen Erfolge zu begreifen, die in einer (die Unterbrechungen eingerechnet) allerdings mehrtausendjährigen Geschichte gerade jene Wissenschaften thatsächlich errungen haben (und mit der Zeit nur immer reichlicher zu verwirklichen scheinen), welche sich die Erforschung der Gesetze der Dinge nach Zahl und Maass zur Aufgabe stellten?
Die Antwort gibt das alte Gleichniss von dem Bündel Pfeile, welches allen Versuchen, dasselbe zu zerbrechen, als Ganzes wider - stand und sich erst Demjenigen ergab, der dasselbe auflöste, die Pfeile einzeln zu knicken:
Die Schwierigkeiten, welche dem Fortschritt der Erkenntniss ent - gegenstehen, sind auch nur einzeln zu überkommen, und gerade in ihrer Einseitigkeit, in der durch sie verwirklichten Teilung der Arbeit liegt das Verdienst und die Kraft der erwähnten Disziplinen.
In ebendiesem Sinne dürfen wir auch die unsrer Logik der Um - fangsverhältnisse zur Last gelegte Einseitigkeit als einen Vorzug der - selben in Anspruch nehmen. Indem die ältere Logik solche Einseitig - keit verschmähte, ist sie in den jahrtausenden verhältnissmässig stehen geblieben, das Sprichwort illustrirend: qui trop embrasse, mal étreint. *)lichen Umfangsverhältnisse, den wir in § 15 citiren. Das Wort „ unfruchtbar “fällt an andrer Stelle.104Einleitung.Versuchen wir — es ist hohe Zeit — es jetzt einmal ernstlich mit solcher Einseitigkeit und gehen über den Vorwurf der Dürftigkeit, die ja allerdings in gewissem Sinne mit solcher naturnotwendig verknüpft ist, sich aber durch intensivere Entwickelung in ihrem eigenen Be - reiche, durch grossen, ja ungeahnten, Reichtum der Entfaltung in andrer Hinsicht ausgleicht, zur Tagesordnung über.
Nicht übergehen dürfen wir jedoch diese Frage:
War es denn aber auch wahr, dass die Zahlenverhältnisse der Dinge gar „ nicht so schwierig zu ermitteln seien, um sich ihrer (im Bedarfsfalle) nicht nebenher augenblicklich zu bemächtigen? “ Sind nicht vielmehr in der That Generationen scharfsinniger Forscher in uner - müdlicher Arbeit fort und fort in Anspruch genommen, nur um dieser Zahlenverhältnisse sich immer mehr zu bemächtigen?
Und was zeigt sich nun auch in Bezug auf die Begriffsumfänge beim Vordringen auf unserm „ einseitigen “Pfade?
Es zeigt sich, dass schon diese „ dürftigen “Umfangsverhältnisse durchaus nicht so einfach zu übersehen sind, wie man anfangs sich einbilden mochte, ferner dass selbst bedeutende Philosophen in Fehler darin verfallen sind, und dass sich schwierige Probleme zur Lösung darbieten. Wer letzteres mit Aussicht auf Erfolg bestreiten wollte, der müsste wol erst einmal die in diesem Buch als noch ungelöst signalisirten Probleme lösen!
Ganz Zutreffendes über die vorliegende Frage sagt F. A. Lange auf p. 18 seiner citirten Schrift1, wo er Ueberweg's Stellungnahme gegen die schematisirende formale Logik geisselt. Der sehr beachtenswerte Passus lautet:
„ Wie nahe übrigens Ueberweg in Folge seines ungemeinen Scharf - sinns, seinem eigenen erkenntnisstheoretischen Vorurteil zum Trotz, an die richtige Auffassung der logischen Technik streifte, zeigt eine zum § 84 (S. 234) gehörige Anmerkung, welche speziell gegen die geringschätzige Art gerichtet ist, in der Hoppe (logik, Paderborn 1868) von dem » Denken nach dem Schema « redet im Gegensatz zu einem angeblichen Denken nach dem Begriff. Hier sagt Ueberweg wörtlich: » Mit gleichem Recht könnte man die mathematisch-mechanische Betrachtung als einseitig und willkür - lich schelten, wenn sie untersucht, was aus gewissen einfachen Voraus - setzungen folgt und dabei von andern Datis absieht, von denen jene in der Wirklichkeit nicht abgesondert vorzukommen pflegen, wenn sie z. B. die Bahn und die Stelle des Falls eines irgendwie geworfenen Körpers nur auf Grund der Gravitation und der Beharrung berechnet, ohne den Miteinfluss des Luftwiderstandes zu erwägen, sodass anscheinend die konkrete An - schauung das Resultat genauer zu bestimmen und über die Rechnung zu triumphiren vermag; wollte aber die mathematische Mechanik jenes ab - straktive Verfahren nicht üben, so würde sie die Bewegungsgesetze über -105Einleitung.haupt nicht zu erkennen vermögen und die Wissenschaft würde aufgehoben sein. « Es folgt die in der That schlagende Anwendung auf die Logik. Wer in ähnlicher Weise das abstrakte Verfahren der Logik von der Rea - lität aus korrigiren will, » hebt durch dieses Verfahren nicht eine falsche Logik zugunsten einer bessern, sondern die Möglichkeit einer methodisch fortschreitenden logischen Erkenntniss der Denkgesetze selbst auf. « “
Erst nach beendeter Untersuchung über das, was aus den Umfangs - verhältnissen der Begriffe schon allein folgt, wird die wissenschaftliche Theorie des Denkens auch andere Momente mit in Betracht ziehen dürfen. Wer freilich sich an ein gerade vorliegendes Beispiel hält und solches ander - weitige Wissen, den nicht auf Umfangsverhältnisse bezüglichen Gehalt des - selben, mit hinzunimmt, kann wol ein volleres Resultat zu besitzen glauben und auf den Logiker herabsehen, der sich mit dem dürftigen Schema des Umfangsverhältnisses plage. Allein Der wird auch stets am Beispiel hängen bleiben und sich ohne die Reflexion auf diese Verhältnisse, welche durch das Abstrahiren von allem übrigen bedingt ist, niemals zur Er - kenntniss des allgemeinen Denkgesetzes erheben (vergl. Ueberweg l. c. mutatis mutandis).
So wird es auch Demjenigen, der ein Gemälde nach den Regeln der Perspektive beurteilt, nicht zu verargen sein, wenn er die Abstufungen der Farbentöne und die dem Bilde zugrunde liegende Idee des Künstlers dabei ausser Acht lässt. Soll das Bild gut sein, so muss vor allem die „ dürf - tige “Zeichnung, die wieder übermalt wird, jenen Gesetzen genügen. (Vergl. De Morgan5 p. 83.)
Wenn gar aber Lotze seine Logik mit dem Wunsche schliesst, dass die deutsche Philosophie zu dem Versuche sich immer wieder erheben werde „ den Weltlauf zu verstehen und ihn nicht blos zu be - rechnen “, so ist zu sagen: könnten wir ihn nur erst berechnen! dann würden wir gewiss ihn auch „ verstehen “, soweit überhaupt ein Ver - ständniss auf Erden erzielbar.
ε3) Den Begriffen wird ihre Bildungsweise vorgeschrieben durch das „ Urteil “. Durch das Urteil wird ausnahmslos einem Subjekte ein Prädikat beigelegt, zugeschrieben oder aber abgesprochen.
Für die komplizirteren Fälle, in welchen das Urteil sich aus Teilsätzen zusammensetzt, die durch Konjunktionen verbunden sind, behalten wir uns vor, dies in der Theorie erst genauer darzulegen; in solchen ist das Sub - jekt selbst ein Urteil, eine Aussage. In den einfacheren Fällen treten zu - meist anderweitige Objekte des Denkens als Subjekt auf.
Dies Subjekt ist entweder ein Einzelding — und als solches ohne - hin ein Begriff — oder es ist eine Klasse von Einzeldingen, und auch diese erscheint gewöhnlich zusammengehalten und bestimmt durch das Band eines ihre Individuen verknüpfenden Begriffes. Das Urteil be - jaht dann, oder verneint, das Prädikat von allen Individuen dieser Klasse und damit zugleich von ihrem Begriffe.
106Einleitung.Soferne das Urteil anerkannt, zur Uberzeugung erhoben, adoptirt wird — und dies zu werden ist der letzte, der Endzweck aller Urteile, welcher nur vorübergehend durch den mittelbaren Zweck einer blos provisorischen Annahme des Urteils verdrängt zu werden vermag — erfüllt es alsdann folgende Mission, Bestimmung.
Sofern es bejahte, begründet es hinfort, wird es zum Ausgangs - punkt für — eine Gewöhnung des Geistes, die Merkmalgruppe des Subjektbegriffes (und damit zugleich eines jeden seiner Individuen) stetsfort zu verknüpfen mit den Merkmalen des Prädikatbegriffes, die letztere geradezu in den Subjektbegriff selbst aufzunehmen und als einen integrirenden Bestandteil seines Inhaltes mit diesem zu ver - schmelzen.
War solche mentale Gewöhnung schon ehe das Urteil fiel vor - handen, so erscheint dasselbe als überflüssig, oder es dient doch nur dazu, gedachte Gewöhnung zum Bewusstsein zu bringen, in diesem wieder aufzufrischen und zu festigen.
Sofern das Urteil verneinte, beugt es jedenfalls der genannten durch - gängigen Verknüpfung vor.
Im übrigen lässt der Sinn und die Tragweite der sog. „ verneinenden “Urteile verschiedene Auffassungen zu (als negativ prädizirende oder aber negative), in Bezug auf welche ich mich in Gegensatz zu Sigwart werde stellen müssen. Die Kontroversen können nicht kurzerhand vorweg abge - macht werden und ist in ihrem Betreff auf die Theorie (7te Vorlesung) zu verweisen. Es wird sich zeigen, dass, was wir — um den streitigen Fragen hier noch auszuweichen — nunmehr im Hinblick auf die bejahenden Urteile sagen werden, sich auch auf die „ verneinenden “übertragen lässt.
Das Prädikat ist selbst ein Begriff. Und dieser ist, wenn nicht mit dem Subjektsbegriffe „ identisch “, so allemal ein „ höherer “Begriff, die Prädikatklasse dann der Subjektklasse „ übergeordnet “.
Psychologisch jedoch ist es nicht erforderlich das Prädikat über - haupt als eine Klasse zu denken.
Wenn ich z. B. sage (cf. Mill2 pag. 113, 117) „ Schnee ist weiss “, so will ich dies von irgend welchem, von allem Schnee gesagt haben, und ist es richtig, dass aller Schnee enthalten ist in der Klasse der „ weiss “zu nennenden Dinge. Thatsächlich brauche ich aber bei jener Aussage an sonst nichts Weisses zu denken und will ich in der That damit nur kund - geben, dass in meiner Vorstellung vom Schnee das Merkmal der „ Weisse “ein Element bildet, dass er mir die Empfindung erregt, die (durch Ab - straktion von irgend welchen weissen Dingen gewonnen) als die Vorstellung von „ weiss “ein isolirter und bleibender Besitz meines Geistes geworden ist. Die analoge Betrachtung in Bezug auf den Satz: „ Blut ist nicht weiss (sondern rot) “durchzuführen überlassen wir dem Leser.
Wir heben dies ausdrücklich hervor, um uns gegen den Vorwurf107Einleitung.zu verwahren, als ob wir den Umstand übersehen hätten, wenn wir späterhin aus Gründen wissenschaftlicher Zweckmässigkeit auf das Verhältniss zwischen der Subjekt - und der Prädikatklasse vorwiegend reflektiren, die beiden Begriffe gleichwol nach ihren Umfangsbeziehungen ins Auge fassen.
Aus alledem wird zunächst ersichtlich sein, wie die Urteile be - zwecken, auf die (definitive) Gestaltung der Begriffe hinzuarbeiten und einzuwirken.
Ich will nunmehr noch den Gedankengang Herrn Charles S. Peirce's darlegen, durch welchen er in der Einleitung zu seiner grundlegenden Arbeit5 das Wesen der Urteile und auch der Schlüsse von einer neuen Seite beleuchtet. Damit werden wir dann auch auf die Frage nach dem Wesen der Folgerichtigkeit der letztern zurück - kommen. Indem ich hinsichtlich des Wortlautes auf pag. 15 sqq. der Peirce'schen Schrift verweise, darf ich mich seiner Betrachtungsweise in freier Reproduktion anschliessen und mir auch kritische Zwischen - und Zusatzbemerkungen gestatten.
ζ3) Denken — sagt Peirce ungefähr — Denken als Gehirnthätig - keit („ cerebration “) ist ohne Zweifel den allgemeinen Gesetzen der Nerventhätigkeit (nervous action) unterworfen.
Es erscheint darum gerechtfertigt, zunächst einmal die letztere im allgemeinen zu betrachten.
Wenn eine Gruppe von Nerven gereizt (erregt, stimulirt) wird, so werden die Nervenknoten (Ganglien), mit denen die Gruppe im engsten Zusammenhange steht, — und schliesslich das Centralorgan des Geistes selbst — in einen Zustand der Thätigkeit versetzt, wel - cher seinerseits nicht selten Bewegungen des Körpers veranlasst. *)Man denke z. B. an das Hinblicken auf eine auffallende (Licht -) Erschei - nung im Gesichtsfelde, an das Blinzeln, Ausweichen bei drohendem Stoss, das Schlagen nach dem Insekt bei Mosquitostich und dergleichen.Wenn der Reiz (the stimulation) fortdauert, verbreitet sich die Er - regung (irritation) von Ganglion zu Ganglion, gewöhnlich dabei an - wachsend. Bald auch beginnen die zuerst erregten (excitirten) Nerven Ermüdung zu zeigen, und so ist aus doppeltem Grunde die körperliche Thätigkeit von einer wechselnden Art. Wenn die Reizung beseitigt wird, hört auch meist die Erregung rasch auf.
Aus diesen Thatsachen geht hervor, dass wenn ein Nerv affizirt wird — solange bis die Stimulation unangenehm wirkt — die Reflex - thätigkeit, wenn sie nicht von vornherein von solcher Art ist, den108Einleitung.Reiz zu beseitigen, ihren Charakter wieder und wieder verändern wird, bis der Reiz beseitigt ist, und darnach erst wird diese Thätigkeit aufhören.
Nun haben alle Lebensprozesse eine Tendenz und die Fähigkeit durch Wiederholung (repetition) leichter zu werden — innerhalb ge - wisser Grenzen wenigstens, deren Überschreitung als Übermüdung, Überanstrengung, beziehungsweise Altersabnahme und - schwäche zu bezeichnen wäre. Längs was immer für einem Pfade eine nervöse Entladung (a nervous discharge) einmal gegangen ist, längs ebendieses Pfades wird eine neue der vorigen gleichartige Entladung um so leichter und wahrscheinlicher wieder stattfinden. Es beruht auf dieser allbekannten Thatsache der Nutzen und Erfolg der Übung.
Demgemäss wenn eine Nervenerregung wiederholt wird, so sind alle die verschiedenen Thätigkeiten, welche bei vorhergegangenen ähn - lichen Veranlassungen stattgefunden haben, in der günstigeren Lage, auch jetzt wieder stattzufinden, und zwar werden diejenigen am ehesten wieder eintreten, welche am häufigsten stattgefunden haben bei jenen vorausgegangenen Veranlassungen. Nun mögen die verschiedenen Handlungen, welche die Reizung nicht beseitigten, vorher manchmal ausgeführt worden sein und manchmal nicht; aber diejenige That, welche die Reizung beseitigt, muss am häufigsten ausgeführt worden sein, weil die Einwirkung in der Regel fortgedauert haben wird bis sie vollzogen wurde. *)Es dürfte fraglich erscheinen, ob wirklich der angeführte Grund der aus - schlaggebende ist, ob nicht vielmehr das Residuum, welches die vorangegangnen Erlebnisse, in Gestalt der Erinnerung an die früher erfolgreich gewesene Thätig - keit, im Geist und seinem Organe hinterlassen, dabei wesentlich mitwirkt (unter der Konkurrenz einer Gewohnheit, als vergeblich Erkanntes nicht wieder zu versuchen).Darum muss eine starke Gewöhnung daran, der gegebenen Reizung auf diese besondre Weise zu begegnen, rasch sich ausbilden.
Eine so erworbene Gewohnheit kann auch als eine Disposition, eine Anlage zu ihrer Ebenfallserwerbung weiter vererbt werden — sagt Peirce ungefähr; dies dürfte jedoch als eine von der Physiologie noch nicht völlig entschiedene Frage zu bezeichnen sein und wird bekanntlich solches von einer Autorität wie die des Herrn Weismann entschiedenst bestritten.
η3) Zu unsern wichtigsten Gewohnheiten gehören diejenigen, kraft deren gewisse Klassen von Antrieben oder Reizungen uns zuerst in eine blos geistige, physiologisch betrachtet, blos cerebrale oder Hirn - thätigkeit versetzen.
109Einleitung.Der Anblick eines hübschen Gegenstandes z. B. mag den Wunsch er - zeugen, denselben zu besitzen, welcher in dem Vorsatz gipfelt, bei nächster Gelegenheit sich seinesgleichen zu kaufen.
Sehr oft aber ist es auch nicht eine äussere Empfindung, ein Sinneseindruck (an outward sensation), welcher den Gedankengang in Fluss bringt (which starts the train of thought), sondern die Reizung, statt „ peripherisch “zu sein, ist „ visceral “(aus den Eingeweiden, aus dem Innern des Leibes stammend).
So wenigstens Peirce. Für diese für ihn charakteristische Ausdrucks - weise scheint mir aber eine Modifikation wünschenswert zu sein. Gemein - hin möchte man wol die eigentlich oder im engeren Sinne „ visceralen “Reize — wie Hunger, Geschlechtstrieb, Kopfweh — mitsamt den periphe - rischen Sinneseindrücken als physische Antriebe gegenüberstellen den psy - chischen, von denen Peirce nunmehr reden will, im Hinblick wenigstens auf die Hirnthätigkeit, die sie begleitet.
Solche Antriebe zu Denkhandlungen oder wirklichen Thaten, wie sie als Hass, Liebe, Furcht etc. und namentlich, durch den Stand unsrer Ein - sicht bedingt, als Beweggründe (Motive) mannigfachster Art, wie Eigen - nutz, Selbstsucht, Pflichtgefühl, Gemeinsinn, in unserm Bewusstsein existiren, zu den „ visceralen “(vielleicht Unterabteilung der grosshirnig-cerebralen) Reizungen zu rechnen, dürfte doch etwas gewagt erscheinen und überhaupt nur angängig sein, sofern man einseitig lediglich die Zustände oder Vor - gänge in's Auge fasst, welche im (als „ wirklich “supponirten) Nervensystem den Bewusstseinsvorgängen — nach heutigem Stand der Physiologie — parallel gehen. Hierauf allerdings hat Peirce von vornherein schon hin - gewiesen durch die Bemerkung, dass er das Denken (nur) „ as cerebration “betrachten wolle. Nunmehr fährt er fort:
In solchem Falle hat die Thätigkeit in der Hauptsache denselben Charakter: eine innere Thätigkeit beseitigt die innere Reizung. Eine vorgestellte Konjunktur von Umständen veranlasst uns dazu, eine ge - eignete Richtschnur des Handelns (line of action) vorzustellen.
Man findet, dass solche Vorkommnisse, auch wenn keine äussere Handlung eintritt, doch in hohem Maasse dazu beitragen, dass in uns eine Neigung, Gewohnheit sich ausbilde, wirklich auf die vorgestellte Weise zu handeln, wenn die vorgestellte Gelegenheit annähernd eintritt.
Eine cerebrale Gewöhnung (Gewohnheit? — „ cerebral habit “) der höchsten Art, welche für eine unabsehbare Reihe von Gelegenheiten bestimmen wird, sowol, was wir in Gedanken, als was wir in Wirk - lichkeit thun, wird ein „ Glaube “genannt.
Peirce sagt durchweg „ belief “, nicht Überzeugung, conviction, oder Meinung, Ansicht, opinion, view. Wegen der Schwierigkeit, die spezifisch religiöse Nebenbedeutung („ faith “), mit welcher (im Deutschen) das Wort „ Glaube “behaftet erscheint, nicht unnötig in den Vordergrund treten zu110Einleitung.lassen, würde ich das Wort „ Überzeugung “vorziehen, wenn nicht dieses seinerseits wieder eine zu enge Bedeutung hätte, indem es auf ein schon ganz feststehendes, über jedes Zweifeln erhabenes Glauben hinzuweisen pflegt. Das Wort „ ein Glaube “soll hier nur irgend etwas, was jemand eben glaubt, bezeichnen.
Bringen wir es uns zum Bewusstsein, dass wir eine spezielle Gewöhnung (specified habit) dieser Art haben, so vollziehen wir ein „ Urteil “(judgment).
Unter Umständen möchte ich vorziehn zu sagen: … dass wir sie er - werben, sie begründen oder fortan haben werden. Indessen hat Herrn Peirce's Ausdrucksweise hier den Vorzug, für alle Fälle wenigstens zuzu - treffen, wenn sie dafür auch nicht alles erschöpfen dürfte, was im Urteil liegen kann.
Zum Beispiel: schliessen wir uns dem Urteil an: „ der Mars ist von intelligenten Wesen bewohnt “(wie dies neuerdings sehr wahrscheinlich geworden ist), so konstatiren wir (für uns und Diejenigen, die wir etwa durch den Hinweis auf die schnurgeraden Kanäle von Sciaparelli's areo - graphischer Karte ebendavon überzeugen oder überreden) — eventuell be - beginnen und festigen, gewinnen wir damit eine Gewohnheit, die Oberfläche jenes (die Erde an Alter wol weit übertreffenden) Planeten belebt zu denken mit Wesen, die auf die Umgestaltung dieser Oberfläche, ja auf die Konfiguration des Festlandes dortselbst zweckbewusst und mit erfolg - reicher Technik einwirkten. —
Es tritt, wie mir scheint, auf diesem, dem intellektuellen Gebiete die merkwürdige Thatsache hervor, dass oft ein Augenblick schon genügt (ein Augenblick, nämlich, des „ Einleuchtens “), um die allerfestesten und uner - schütterlichsten Gewohnheiten sich anzueignen, Gewohnheiten, die nicht selten mit äusserster Zähigkeit für's ganze Leben festgehalten werden.
Die Kraft, mit welcher eine Überzeugung so als eine Denkgewohnheit festgehalten wird, pflegt mehr oder minder vollkommen die reichliche Übung zu ersetzen, die sonst — auf dem Gebiet der äusseren körperlichen Thätig - keiten wenigstens und auch bei vorwiegend mechanischem Auswendiglernen — unerlässlich scheint zur Erwerbung und Festigung einer Gewohnheit. Die Intensität dieser Kraft erscheint mitbedingt durch den Grad der Evi - denz; sie steigert sich nach Maassgabe, je deutlicher wir (einmal oder zu immer wiederholten malen) das im Urteil Gedachte als ein durch objektive Notwendigkeit zu denken Gebotenes zu erkennen glauben. Bei den un - mittelbar einleuchtenden, „ analytischen “oder selbstverständlichen Wahr - heiten ist die Tyrannei dieser Gewohnheit eine so grosse, dass man von vorn - herein gar nicht anders kann, als derselben huldigen. Der Begriff der Gewohnheit erhält in solchem Falle einen volleren Inhalt als gewöhnlich, den reichsten wol, der überhaupt ihm zukommen kann: sie artet in einen Grenzfall aus und fällt geradezu zusammen mit einem absoluten Zwange (der „ Denknotwendigkeit “).
Eine Denkgewohnheit kann natürlich auch verhältnissmässig unwichtig und kurzlebig sein. Wer z. B. urteilt: „ ich bin hungrig “, manifestirt damit eine Gewohnheit, sich, sooft er an seinen gegenwärtigen Zustand zurück -111Einleitung.denken mag, von Hungergefühl befallen zu denken — eine Gewohnheit indess, die meistens wieder verloren gehen wird, sobald darnach Sättigung stattgefunden.
In den meisten Fällen möchte das, was Peirce hier als das Bewusst - werden und den Anfang einer Denkgewohnheit hinstellt, vielleicht treffender als das Innewerden einer permanenten Neigung (wo nicht subjektiven Not - wendigkeit) des Denkens bezeichnet werden. Doch mögen wir — nach dem Billigkeitsanspruche „ sit venia verbo “— das Wort „ Gewohnheit “immerhin cum grano salis beibehalten.
ϑ3) Eine Glaubensgewohnheit (belief-habit) kann in ihrer Ent - wickelung damit beginnen, noch unentschieden, schwankend und schwach zu sein; sie vermag jedoch unbeschränkt zu werden: schärfer aus - geprägt, stärker und von weiterer Sphäre der Wirksamkeit — Peirce lässt sie anfangs unbestimmt, mit Besonderheiten behaftet und dürftig (vague, special and meagre) sein, hernach präziser, allgemeiner und vollständiger (more full) werden.
Der Vorgang dieser Entwickelung, soweit er im Bewusstsein (in imagination) stattfindet, heisst Denken (thought).
Urteile werden gebildet, und unter dem Einfluss einer Glaubens - gewohnheit erzeugen sie oft ein neues Urteil, welches als ein Zuwachs zu dem Glauben erscheint. Ein solcher Vorgang wird Schliessen (an inference) genannt.
Das oder die vorangegangenen Urteile heissen die Voraussetzungen oder Prämissen, das nachfolgende Urteil der Schluss, die Konklusion.
Die Gewohnheit des Denkens, welche den Übergang von den ersten zu der letzten vermittelte und bestimmte, wenn als Satz formu - lirt zum Bewusstsein gebracht, heisst das „ leitende Prinzip “(the lea - ding principle) des Schliessens. (Beispiele weiter unten.)
Während aber dieser Prozess des Schliessens oder die spontane Entwickelung von Überzeugungen (des „ Glaubens “) fast beständig in uns vorgeht, erzeugen auch neue peripherische Reizungen immerfort neue Glaubensgewohnheiten.
Für unsre Kulturepoche glaube ich als einen höchst wesentlichen Teil dieser neuen Anregungen die durch Beispiel, Unterricht, Wort, Schrift, Druck und Bild bewirkte Mitteilung resp. Übertragung der Ansichten und Überzeugungen andrer Menschen, von Sachverständigen, Fachgenossen etc. doch ganz besonders hervorheben zu sollen.
So wird der Glaube (das Glauben) zum Teil durch frühere Über - zeugungen bestimmt, zum Teil durch neue Wahrnehmungen.
Herrscht nun aber eine Gesetzmässigkeit in allen diesen Wand - lungen?
112Einleitung.Die Forschung besteht darauf (maintains), dass dies der Fall ist, nämlich dass sie alle hinsteuern auf ein Endziel (gerichtet, angepasst sind, are ‥ adapted to an end), nämlich das: den Glauben mit der Zeit gewissen vorbestimmten Erkenntnissen entgegenzuführen (that of carrying belief, in the long run, toward certain predestinate conclu - sions), welche die nämlichen sind für alle Menschen und welche bleiben.
Dies ist der „ Glaube “(the faith) des Forschers.
Auf dieser stillschweigend angenommenen Thatsache beruhen alle Maximen des Überlegens (maxims of reasoning) und auf Grund der - selben wird das, was zuletzt geglaubt werden muss, unabhängig sein von dem, was bisher geglaubt worden ist, und wird den Charakter der Wahrheit (reality) haben.
Kommt diese Wahrheit auch für den Einzelnen vielfach noch nicht zum Durchbruch, so wird sie doch (mehr und mehr auf jedem Gebiete) einst ihre Herrschaft entfalten für das Geschlecht. Der Glaube an ihre Erkennbarkeit, an ihren endlichen und definitiven (endgültigen) Sieg oder Triumph, liegt ganz gewiss der Forschung zugrunde und an der Verwirk - lichung dieses Ideals mitzuarbeiten schwebt jedem Forscher vor.
Diesen Glauben nimmt nun Peirce auch für den Logiker in Anspruch (dem Wortlaute nach sogar nur für diesen) und sagt:
Wenn darum eine gegebene Gewohnheit des Folgerns (a given habit, considered as determining an inference) von solcher Art ist, dass sie auf das gemeinsame Endziel hinwirkt (is of such a sort, as to tend toward the final result), so ist sie korrekt und andernfalles nicht. So zerfallen die Schlussfolgerungen (inferences become divisible) in gültige (the valid) und in ungültige (the invalid), und daraus schöpft die Logik ihre Existenzberechtigung.
Man sieht, dass hier Peirce dem Ergebnisse der Erkenntnisstheorie sozusagen teleologisch vorgreift.
Da nun diese Auffassung der Folgerichtigkeit die Ergänzung, deren sie bedürftig erscheint, durch Sigwart bereits gefunden hat — vergl. unter A der Einleitung die Absätze β) und ξ … ι) — so glauben wir der Auseinandersetzung nach dieser Richtung nichts mehr hinzufügen zu sollen.
ι3) Das Eigentümliche und Verdienstliche an dieser den Kern der Sache jedenfalls nahe streifenden Auseinandersetzung von Peirce scheint mir zu sein: die nachdrückliche Hervorhebung des Moments der Gewohnheit in Bezug auf das Urteilen (mit Überzeugung, das Glauben) sowol, wie auf das Folgern oder Schliessen.
Ein spezielles, individuelles Handeln kann niemals selbst als eine Gewohnheit bezeichnet werden; es kann, als ein einmaliges, höchstens zum Ausgangspunkt für eine solche werden oder ein Ausfluss einer113Einleitung.solchen sein. Gewohnheit (und Neigung, Disposition) ist etwas Gemein - sames, übereinstimmend Wirkendes in einer ganzen Klasse von Hand - lungen (die, sofern sie auch bei verschiedenen handelnden Personen verglichen werden, sogar unbegrenzt, eine offene Klasse sein mag und in Bezug auf den Einzelnen die gleiche Bezeichnung nur insofern nicht verdienen wird, als das Leben desselben eine unbegrenzte Menge von Handlungen überhaupt nicht in sich fassen kann); die Gewohn - heit ist immer von einem mehr oder weniger allgemeinen Charakter.
Eine Gewohnheit veranlasst uns, unter ähnlichen Umständen auch immer ähnlich zu handeln, d. h. unter Umständen, die einander in einer bestimmten Hinsicht gleichen, stets Handlungen zu vollziehen, die wiederum in bestimmter (vielleicht in einer ganz andern) Hinsicht einander gleichen. Die zeitliche Succession der übereinstimmenden Merkmale jener Umstände und dieser Handlungen, wenn aus einem physiologischen Grunde erfolgend (und zugleich vielleicht durch ein psychologisches Motiv verursacht), macht das Wesen der Gewohn - heit aus.
In den verschiedenen Fällen, in denen „ dieselbe “Gewohnheit wirk - sam ist, werden darnach die „ spezifischen Differenzen “zwischen den Gruppen jener Umstände sowol als auch zwischen diesen Handlungen nebensächlich, ohne Belang sein.
Gelingt es, die übereinstimmenden Merkmale (eventuell auch nur „ wesentliche “von diesen Merkmalen) jener Umstände und dieser Hand - lungen in Zeichen darzustellen, bei denen jene spezifischen Differenzen unausgedrückt bleiben, offen gelassen werden — m. a. W. vermögen wir nur den „ Begriff “der Umstände, unter welchen gedachte Gewohn - heit wirkt, und den „ Begriff “der Handlungen, die sie dann hervor - ruft, darzustellen, so werden wir ein Schema für die Gewohnheit er - halten: sooft Umstände (von den Merkmalen) A eintreten, thun wir B (vollziehen eine Handlung von den Merkmalen B).
Jede Gewohnheit muss so ein allgemeines Schema haben.
Als Umstände haben wir jetzt hauptsächlich Zustände des Bewusst - seins und zwar besonders Meinungen, als Handlungen ebenso vorzugs - weise Denkhandlungen, die Bildung neuer Meinungen im Auge.
Es wurde erkannt, dass solche Meinungen wesentlich selbst schon Gewohnheiten im Denken sind oder zu solchen werden.
ϰ3) Aus solchen, den „ Prämissen “p kann sich eine neue Denk - gewohnheit und Meinung entwickeln: die „ Konklusion “c. (Vergleiche wieder Peirce l. c.)
Schröder, Algebra der Logik. 8114Einleitung.„ Es gilt p, ergo gilt auch c “, oder abgekürzt: „ p, ergo c “ist darum das Schema jeder Folgerung.
Die Konjunktion „ ergo, folglich, also (therefore) “ist das Zeichen des Schliessens (sign of illation).
Der Übergang von der Prämisse (oder dem System der Prämissen, set of premises) p zu der Konklusion c findet beim Schliessen statt gemäss einer in uns wirksamen Denkgewohnheit oder Regel.
Obwol diese das Folgern beherrschende oder „ leitende “Gewohn - heit gewöhnlich nicht vom Bewusstsein objektivirt wird (is not present to the mind), sind wir uns doch bewusst, nach einem allgemeinen Prinzip (on „ some “general principle) zu schliessen.
Alle Schlussfolgerungen, welche ebendiese Denkgewohnheit be - stimmen würde sobald nur die geeigneten (d. i. die unter den ersten Teil ihres Schemas fallenden) Prämissen zugelassen wären (when once the proper premises were admitted), bilden eine Klasse. Und die Denkgewohnheit ist vom Standpunkt der Logik eine gute zu nennen, wenn sie niemals (oder im Falle eines Schlusses nach der Wahr - scheinlichkeit, in case of probable inference, selten) von einer wahren Prämisse zu einer falschen Konklusion führen würde; andernfalles ist sie verwerflich (logically bad). M. a. W. Jeder denkbare Fall der Wirksamkeit einer guten Gewohnheit des Schliessens würde entweder ein solcher sein, in welchem die Prämisse falsch, oder ein solcher, in welchem die Konklusion wahr ist. Wogegen, wenn eine solche Ge - wohnheit schlecht ist, Fälle denkbar sein würden, in welchen die Prämisse wahr ist, während die Konklusion falsch bleibt.
Wir sahen, dass eine jede Gewohnheit ein allgemeines Schema haben muss. Dies gilt mithin auch von einer Denkgewohnheit, welche beim Folgern wirksam ist, das Ziehen von Schlüssen beherrscht: die - selbe wird sich allemal durch einen Satz darstellen lassen, dass ein Urteil (proposition) C von einer gewissen allgemeinen Form, welches in einer bestimmten Beziehung steht zu einem Urteil (oder einer Gruppe von Urteilen) P von ebenfalls allgemeinem oder schematischem Ausdruck, wahr sein muss, sobald dieses letztere wahr ist.
Ein solcher Satz ist dann das „ leitende Prinzip “der Klasse von Schlussfolgerungen, deren Gültigkeit (validity) es in sich schliesst (implies).
Wird der Schluss erstmalig gezogen, so pflegt (wie schon an - gedeutet) das leitende Prinzip, solchergestalt formulirt, dem Geiste115Einleitung.nicht gegenwärtig zu sein. Aber die Gewohnheit, deren Schema es darstellt, ist in einer solchen Weise wirksam, dass bei Vergegen - wärtigung (upon contemplating) der angenommenen (believed) Prä - missen durch eine Art Intuition (Wahrnehmung, perception) auch die Konklusion für wahr erachtet wird.
Mit diesen Worten „ by a sort of perception “beruft sich auch Peirce auf das von Sigwart mit Recht stärker hervorgehobene, ja in den Vorder - grund gestellte Bewusstsein der objektiven Denknotwendigkeit oder Gefühl der Evidenz.
Wenn hernach die Schlussfolgerung einer logischen Kritik unter - worfen wird, so vollziehen wir eine neue Schlussfolgerung, deren eine Prämisse jenes leitende Prinzip der vorigen ist (gemäss welcher Ur - teile, die in bestimmter Beziehung zu einander stehen, geeignet er - scheinen, Prämisse und Konklusion eines gültigen Schlusses zu sein), während die andere Prämisse eine Thatsache der Wahrnehmung (ob - servation) ist, nämlich der Beobachtung, dass die genannte (gegebene) Beziehung wirklich besteht zwischen der Prämisse und der Konklusion der in Frage (under criticism) stehenden Schlussfolgerung, dass m. a. W. das Schema jenes leitenden Prinzips im vorliegenden Falle zutrifft, und woraus dann geschlossen wird, dass diese Folgerung berechtigt, gültig war.
Ein Beispiel, an das wir noch weitere Unterscheidungen anknüpfen, mag dies verdeutlichen. Wir wählen hier das folgende (obzwar sehr abgedroschene, weil fast in allen Schriften über Logik einmal erwähnte):
| Cajus ist ein Mensch, | a ist ein b, |
| ergo: Cajus ist sterblich. | ergo: a ist c. |
Das rechts dem Schlusse beigefügte „ Schema “desselben zeigt, dass ihm (so wie er zunächst sich darstellt) logische Gültigkeit nicht zukommen kann. Es kann nicht eine (gute) Denkgewohnheit uns von einer Prämisse der Form „ a ist ein b “hinüberleiten zu einer Kon - klusion „ a ist c “.
Dass vielmehr eine solche Gewohnheit, falls sie überhaupt bestünde, eine schlechte sein müsste, wäre leicht an beliebigen Beispielen darzuthun: indem wir dem a dieselbe Bedeutung „ Cajus “, dem b die „ Mensch “wie in dem Beispiel belassen, brauchen wir etwa nur dem c die Bedeutung „ un - sterblich “(oder „ vollkommen “und anderes) beizulegen, um die Haltlosig - keit des Schlusses zu erkennen. Die Folgerung wäre alsdann eine solche, deren Prämisse wir als richtig, deren Konklusion wir aber als falsch (mit einer gewissen Denknotwendigkeit) anerkennen müssen.
Gleichwol lässt sich die obige Konklusion sowol, als die Prämisse,8*116Einleitung.für richtig erklären, und die Schlussfolgerung besitzt darum das, was man die „ extralogische Gültigkeit “derselben nennen könnte: sie ist „ materiell “(aber nicht „ formell “) richtig.
Von der angeführten Prämisse allein konnte, wie gezeigt, eine Denknotwendigkeit die Konklusion hier nicht liefern. Da diese letztere aber richtig ist, so kann es dennoch eine gute Denkgewohnheit ge - wesen sein, die zu ihr hinführte (auch eine, die vom Gefühl der Denk - notwendigkeit begleitet sein mag), aber dann von andern Prämissen aus, nämlich von einer Gruppe solcher, die aus der angegebenen durch geeignete Ergänzung, Vermehrung hervorgehen.
Thatsächlich wirkte bei obigem Schlusse noch etwas, eine Denk - gewohnheit, mit, die uns zur richtigen Konklusion leitete, indessen als Prämisse unausgesprochen blieb. Man kann den Schluss gelten lassen als einen unvollständigen, als ein sog. „ Enthymem “. *)Es gibt auch Grenzfälle von Enthymemen, wo dieser Name sich als nicht mehr angemessen beanstanden lässt. Solche treten ein, wenn die ausdrücklich angeführte Prämisse (oder eine derselben) sogar als völlig belanglos, überflüssig zu erkennen ist, wenn man etwa die sämtlichen wirklich wirksamen Prämissen mit Stillschweigen übergangen findet. So z. B. bei dem auch „ materiell “wenigstens richtigen „ Schlusse “(?): Vorgestern regnete es irgendwo ergo: geht morgen die Sonne auf. Die wirksamen Prämissen dieses Enthymems — falls man es noch so nennen will — würden etwa sein: Jeden Tag geht (in unsern Breiten) die Sonne auf; Morgen ist auch ein Tag. — Man wird in solchem Falle sagen, dass das Wort „ ergo “am unrechten Platze sei, und gar kein Schluss vorliege, sondern nur eine Reihe von ausser Zusammenhang stehenden Behauptungen.
In Enthymemen wird im gemeinen Leben sehr häufig geschlossen, wobei dem Verfahren die Tendenz der Abkürzung und die Höflichkeit zu - grunde liegt, bei dem Hörer, dem man die erforderliche mentale Ergänzung des Schlusses zuschiebt, auch selbstthätige denkende Mitwirkung voraus - zusetzen.
Bringen wir uns dieses (anfänglich eventuell unbewusst gebliebene) Agens zum Bewusstsein, so finden wir, dass es die Überzeugung war, dass alle Menschen sterblich seien.
Dieser Glaube, selbst eine Denkgewohnheit, wird von Peirce geradezu als das „ leitende Prinzip “des vorliegenden Enthymems hin - gestellt — mit einer gewissen Berechtigung vielleicht, obwol nicht in dem sonst üblichen Sinne.
Fügen wir denselben ausdrücklich, als Urteil gefasst, der bis -117Einleitung.herigen Prämisse hinzu, reihen wir dieses Urteil in unsre Prämissen ein, so lautet der Schluss nunmehr:
| Alle Menschen sind sterblich, Cajus ist ein Mensch, |
|
| ergo: Cajus ist sterblich. | ergo C): a ist c. |
Der so vervollständigte Schluss besitzt nunmehr auch logische Gültigkeit; er ist auch „ formell richtig “und zur Bekräftigung dessen vermögen wir uns nur darauf zu berufen, dass auch sein allgemeines Schema (unmittelbar) einleuchtet. Aus diesem Grunde ist der Schluss nunmehr auch ein „ vollständiger “(a complete argument).
Bringen wir uns noch das „ leitende Prinzip “dieses Schlusses zum Bewusstsein, so werden wir, die Aufgabe etwa von der psychologischen Seite angreifend, vielleicht finden, dass es die Überzeugung ist: dass ein Merkmal des Merkmals eines Dinges auch ein Merkmal dieses Dinges selbst sein müsse. Wir haben dann den Schluss: Nota notae est nota rei ipsius, Sterblichkeit ist ein Merkmal der Menschennatur, welche Merkmal des Cajus ist, ergo: Sterblichkeit ist ein Merkmal des Cajus.
Aber dieses selbe Prinzip des „ nota notae etc. “ist wiederum wirksam beim Ziehen dieser letzteren Schlussfolgerung, sodass dieselbe durchaus nicht vollständiger ist als die vorhergehende. Auch hat sie das gleiche Schema wie diese.
Die in diesem Schema niedergelegte (formulirte, in dasselbe ein - gekleidete) Denkgewohnheit mögen wir als das leitende Prinzip selbst hinstellen.
Das Schema des Schlusses erhält man, indem man die Namen der speziellen Dinge, von welchen die Schlussfolgerung spricht, durch Symbole von allgemeiner Bedeutung, Buchstaben, ersetzt, für diese aber alle Beziehungen, welche die Schlussglieder (Prämissen und Konklusion) von jenen Dingen ausdrücklich voraussetzten oder behaupteten, ent - sprechend zum Ausdruck bringt.
Aus obigen Betrachtungen erhellte auch, dass man, um eine viel - leicht materiell richtige Schlussfolgerung als eine dennoch unberech - tigte zu erkennen, sie als logisch ungültig nachzuweisen, nur zu ihrem Schema ein Beispiel zu finden braucht, in welchem die Prämissen als richtig anzuerkennen sind, während die Konklusion sich als falsch er - weist. Auch bei solcher Anerkennung wird an das Gefühl der Evi - denz appellirt. (Vergl. hiezu eine in § 12 gegebene Illustration.)
Kürzer auch mag man direkt jene Namen durch irgend welche andere ersetzen, für die zwar die Prämissen noch zutreffen, die Kon - klusion aber nicht mehr zutreffen würde.
118Einleitung.Der Mangel oder das Ausbleiben des Gefühles der Evidenz genügt ohne weiteres in der Regel noch nicht zu obigem Zwecke, dem Un - gültigkeitsnachweise für eine gegebene Schlussfolgerung — in An - betracht dass man schon bei logisch berechtigten Schlüssen in ver - wickelteren Fällen oft langer Schlussreihen, erst mühsamer Zwischen - überlegungen bedarf, um das Gefühl von der Evidenz der Folgerung, die Überzeugung von ihrer Denknotwendigkeit zu gewinnen.
λ3) Ich habe noch zu erklären, weshalb hier die Logik als eine Algebra dargestellt und in dieser Darstellung berechtigt erscheint, sich im Gegensatz zu andern Behandlungsweisen vorzugsweise das Epitheton einer „ exakten “Logik beizulegen.
In dem Bestreben, die Grundgesetze folgerichtigen Denkens zum Bewusstsein zu bringen und denselben einen allgemeinen, zugleich möglichst einfachen Ausdruck zu geben, hat sich die Logik ursprünglich enge an die Wortsprache angelehnt. Sie musste dieses thun, da ein anderes Mittel des Gedankenausdrucks zunächst überhaupt nicht zu - gebote stand, und sie wird auch in Zukunft fortfahren müssen, bis zu einem gewissen Grade diesen Anschluss zu suchen, nicht nur, weil sie sich dem Anfänger gegenüber stets in der gleichen Lage befindet, sondern auch, weil überhaupt in absehbarer Zeit die Wortsprache immerhin das Hauptmittel des Gedankenausdrucks sowie eine Haupt - form des Gedankenvollzuges bleiben wird. Auch wir werden mit dieser Anlehnung zu beginnen haben (1. Vorlesung).
Nachdem nun aber in Gestalt von so vielen andern Disziplineu das Beispiel vorlag, wie förderlich es ist, sich für bestimmte Unter - suchungsgebiete je eine eigene Zeichensprache zu schaffen und die fundamentalen Sätze dieser Disziplinen, unter Benutzung von Buch - staben als Symbolen, in allgemeine Formeln einzukleiden, hat nach einer langen Zeit verhältnissmässig unfruchtbarer Stagnation auch die Logik einen frischen Aufschwung genommen und sich in schon ziem - lich zahlreichen neueren Bearbeitungen*)Vergl. das Literaturverzeichniss am Schlusse. zu einer eigenen Buchstaben - rechnung, einer Algebra der Logik entwickelt.
In dieser finden nun die Gesetze des folgerichtigen Denkens ihren denkbar schärfsten, kürzesten und übersichtlichsten Ausdruck, in ihr stellen sie sich in der konzisesten und knappsten Gestalt dar. Zugleich befreit uns die neue Zeichensprache von all' den Fesseln, in welche durch die Macht der Gewohnheit die Wortsprache den Menschengeist119Einleitung.geschlagen. Zufolge dieser Vorzüge ist die rechnerische Behandlung der Logik in der Lage, mancherlei Lücken der älteren blos verbalen Behandlungen nachzuweisen und auszufüllen, zuweilen auch Fehler derselben zu berichtigen, darunter solche von grösserer Tragweite, von fundamentaler Bedeutung.
Jener enge Anschluss an die Wortsprache hat nämlich für die älteren Behandlungen der logischen Disziplin erhebliche Gefahren ge - bracht, denen sie auch grossenteils zum Opfer fielen. Auch die ge - bildetsten Kultursprachen haben ja als die Produkte einer von zahl - losen Zufälligkeiten beeinflussten Entwickelung viele und gewichtige Mängel, bestehend vor allem in der Übereinstimmung der üblichen sprachlichen Einkleidungsformen für wesentlich verschiedene Gedanken - beziehungen. Mit der dadurch so oft, ja regelmässig bewirkten Ver - hüllung des wahren Sachverhältnisses war es nahe gelegt, dieses selbst zu verkennen, seinen Unterschied von andern, mittelst gleicher Wort - verbindung ausgedrückten zu übersehen — wogegen andrerseits an die Verschiedenheiten zugebote stehender verbaler Ausdrucksformen manch überflüssige Distinktionen geknüpft werden mochten. Der Zweideutig - keiten und Unbestimmtheiten zufolge schwankenden Gebrauches, der unsymmetrischen Einkleidung so vieler symmetrischen Verhältnisse, sowie der empfindlichen Abwesenheit von angemessen kurzen Ausdrucks - formen für manche wesentliche und charakteristisch häufig wieder - kehrende Beziehungen nicht zu gedenken.
Man wird hiefür in dem Buche als solche gekennzeichnete Belege genugsam finden.
Die rechnerische Behandlung der logischen Materie — zuerst von Leibniz1 angeregt, dann auch von Lambert2…5 und Ploucquet1 ver - folgt, ist in dem grundlegenden Werke „ Laws of thought “zum ersten - mal durch George Boole4 zu einem in seiner Art nahezu voll - ständigen, auch auf die Lösung von Problemen zugespitzten Systeme ausgebildet worden.
Nahezu vollständig allerdings nur innerhalb jenes schon erwähnten Gebietes, welches, von Peirce als die „ logic of absolute terms “bezeichnet, sich weiterhin von selbst schärfer charakterisiren wird. Wie schon an - gedeutet, beschäftigt sich diese Disziplin nur mit den alleräusserlichsten logischen Aufgaben, welche auch den Tummelplatz der alten Logik bilden, sofern diese etwa in der Lehre von den Syllogismen gipfelte. Naturgemäss muss indess die Erledigung dieser Aufgaben allen feineren Untersuchungen aus der Logik der Beziehungen überhaupt, es muss der „ logic of relatives “die elementarere Disziplin vorangehen, so wie etwa die Geometrie der Mechanik und diese der Elasticitätslehre voraufzugehen hat.
120Einleitung.Die Anlehnung an das Vorbild eines bereits bekannten Kalkuls, als welcher sich derjenige der arithmetischen vier Spezies naturgemäss in den Vordergrund drängte, hat allerdings auch seinerseits diesem ob zwar genialen und bewunderungswürdigen Systeme gewisse Ubel - stände aufgeprägt, von welchen es jedoch rasch genug durch neuere Bearbeiter gereinigt worden ist.
μ3) Nun aber schien diese neuere Darstellung des gewichtigsten Inhaltsstoffes der (alten) Logik in einer eigenen Zeichensprache, in der Form eines Kalkuls, dem Althergebrachten ganz unvermittelt, schroff gegenüberzustehen. War sie doch auch nicht aus diesem un - mittelbar herausgewachsen, sondern hatte sozusagen einen selbständigen Ursprung: Mathematiker zumeist, nicht Berufsphilosophen, hatten sie aufgebaut.
Kein Wunder, dass dieselbe im andern Lager ungemessenes Be - fremden*)Jenem durch das Vermissen einer Brücke vom Einen zum Andern bedingten Befremden hat beispielsweise Hermann Lotze1 in der „ Anmerkung über logischen Calcül “, durch welche sich die zweite Auflage seiner Logik von der ersten unter - scheidet, in drastischer Weise Ausdruck gegeben — vergl. die Schlussworte seiner „ Anmerkung “. erregte, verständnissvollem Entgegenkommen oft nicht be - gegnete, vielmehr manch 'abfällige Beurteilung erfuhr, namentlich ab - seiten Solcher, die überhaupt keinen Kalkul beherrschen.
Zuzugeben ist, dass ein Übergang von dem älteren zum neueren Systeme grösstenteils fehlte, und berechtigt war wenigstens das Ver - langen, dass die Grundlagen des Kalkuls aus den Prinzipien der alten Logik abgeleitet und bewiesen würden — wohlbemerkt: soferne dieses möglich ist — ein Punkt, auf den ich zurückzukommen habe.
Die vermisste Brücke geschlagen zu haben ist nun das Verdienst der grundlegenden Arbeit5 in Bd. III des American Journ. des Herrn Charles S. Peirce, zu welcher ihm, wie er sagt, Betrachtungen von Augustus de Morgan die Anregung gegeben haben.
Dasjenige vor allem, was uns in dieser Arbeit an Errungenschaften gesichert ist, desgleichen auch, was alsdann noch — und zum Teile unter seiner Leitung — Herrn Peirce's Schüler hinzugefügt haben, besonders in1, 1 Miss Ladd und Herr Mitchell — dieses zunächst habe ich mich bestrebt, in systematischer Darstellung zu einem wissen - schaftlichen Systeme zu vereinigen.
Dass mir dabei nicht blos eine reproduzirende Thätigkeit zufiel, sondern ich auch kritisch und sichtend, lückenergänzend und schliesslich an dem121Einleitung.Gebäude weiterbauend eingreifen durfte, wird schon ein flüchtiger Ver - gleich zeigen.
v3) Einen Unterschied zwischen der hier angestrebten und den früheren Behandlungsweisen der Logik möchte ich noch hervorheben, ohne jemand damit nahe treten zu wollen.
Suchen wir — was keine leichte Aufgabe ist — die vorgängigen Darstellungen der verbalen Logik zu überblicken, so scheinen dieselben uns stets nur aufzutreten mit einem schon in sich abgeschlossenen, einem fertigen Bestande von Lehren.
Für das richtige Verständniss, mitunter für ganz eigenartige Auf - fassung und Anordnung, für angemessene Wertschätzung und An - wendung ebendieser stereotypen Lehren plädiren solche Werke mit grossem Scharfsinn, oft gewandter Dialektik und mehr oder minder Verdienst und Glück. Mit grossem Verdienst auch pflegen sie den Leser einzuführen in die vorhandenen Streitfragen oder Kontroversen, unhaltbare Ansichten widerlegend, veraltende Distinktionen über Bord werfend und neue einführend, auch einen Einblick in die historischen Wandlungen philosophischer Anschauungsweisen eröffnend. Bald von der allgemein philosophischen und metaphysischen, bald mehr von der psychologischen Seite tragen sie wol Schätzenswertes zu einem Auf - bau der Logik bei.
Was ich aber bei all diesem Anerkennenswerten vermisse ist, dass dabei mir nirgends zutage zu treten scheint, was denn etwa weiter noch zu thun und anzustreben wäre! In fühlbarem Gegensatze zu andern wirklichen Wissenschaften scheint mit der gegebenen Doktrin das Gebäude der logischen Disziplin allemal schon ganz vollendet da - zustehen. —
Dagegen wird bei der rechnerischen Behandlung eine unbegrenzte Fülle ganz bestimmter Probleme sich zur Lösung darbieten: auch die Logik erscheint hier alsbald als eine Wissenschaft, die unbegrenzter Weiterentwickelung fähig, und ganz deutlich wird man, denke ich, die Punkte erkennen, wo zunächst die Hebel anzusetzen sind, an welchen fernere Arbeit einzusetzen haben wird, um ein weiteres Fortschreiten zu verwirklichen. —
Die Frage, wie nun wol das Verhältniss der verbalen zur rech - nenden Disziplin aufgefasst werden soll, möchte ich dahin beantworten:
Herr Venn1 ist der Ansicht, dass diese nicht bestimmt sei, jene zu verdrängen, sondern vielmehr als ein gewissermassen höherer Teil auf sie zu folgen habe. Hievon bin ich nicht allzuweit entfernt, nur122Einleitung.meine ich, dass diese überdies — auf Grund eben ihrer vollkommnen Konsequenz — von maassgebendem Einfluss auf die künftige Gestaltung jener werden sollte, im Sinne einer Annäherung, ihrer Anbequemung an sie.
Bei der Fülle von der verbalen Logik fremden, ja unzugänglichen Themata von Untersuchungen, auf die wir hier einzugehen haben, mussten naturgemäss manche verdienstliche Betrachtungen jener hier unberücksichtigt bleiben oder konnten solche nur flüchtig gestreift werden. Sollte in der That Alles, was mir anderwärts von Wert erscheint, hier aufgenommen sein, so müsste ich das Volum des Buches vermehrfacht haben. Es kann deshalb nur wünschenswert genannt werden, dass der Studirende sich auch in der sonstigen zeitgenössischen Logikliteratur thunlichst umsehe, wozu ihm die Literaturangaben in unserm Verzeichnisse sowol als in gelegentlichen Noten Anregung geben und behülflich sein mögen.
ξ3) Zum Schluss der Einleitung noch einige Worte über Wert und Nutzen der Logik überhaupt und damit auch der vorliegenden Studien.
Schon die Logik von Port-Royal1 bemerkt, dass nichts schätzens - werter sei, als der gesunde Verstand und ein zutreffendes Urteil (le bon sens et la justesse de l'esprit) in der Unterscheidung dessen was wahr und was falsch ist. Während alle andern Eigenschaften des Geistes nur beschränkte Anwendungsgebiete besitzen, sei die Genauig - keit der Urteilsfunktion (l'exactitude de la raison) allgemein von Nutzen in allen Lagen und Verrichtungen des Lebens; denn nicht nur in den Wissenschaften, sondern auch bei der grossen Mehrzahl der Gegenstände (sujets), von denen die Menschen reden, und der Geschäfte, die sie treiben, sei es schwierig und von grösster Wichtigkeit, die Wahrheit vom Irrtum zu scheiden — eine Aufgabe, die dem Verstand obliege. Man solle deshalb vor allem darauf bedacht nehmen, die eigne Urteilskraft zu entwickeln (de former son jugement). Gewöhn - lich bediene man sich des Verstandes als des Mittels, sich der Wissen - schaften zu bemächtigen, aber man solle eher sich der Wissenschaften als eines Werkzeugs zur Vervollkommnung des Verstandes bedienen, da die Schärfe des letztern ohne Vergleich wertvoller sei als alle auch von den verlässigsten Wissenschaften erschlossenen Kenntnisse.
Und treffend hebt Mill hervor, dass bei weitem der grösste Teil unsres Wissens (allgemeinen sowol wie des besonderen) offenbar aus Folgerungen besteht. Folgerungen zu ziehen sei das grosse Geschäft des Lebens genannt worden. Ein jeder habe täglich, alle Augenblick,123Einleitung.Thatsachen zu prüfen, welche er nicht direkt beobachtet hat (und zwar nicht zu dem allgemeinen Zweck der Vermehrung seines Wissens, son - dern weil die Thatsachen selbst für seine Interessen und Obliegen - heiten von Belang sind). Alle haben gewisse Thatsachen zu bestimmen, sie aus gegebenen Wahrnehmungen oder Data zu schliessen, und dar - aufhin gewisse Regeln (vorschriftsmässig oder nach freiem Ermessen) anzuwenden, und je nachdem sie dies gut oder übel thun, erfüllen sie gut oder schlecht die Pflichten ihres Berufs. Die logik zeige nun aber, welche Beziehungen stattfinden müssen zwischen den Daten und dem was aus ihnen geschlossen oder durch sie bewiesen wer - den kann. Darnach müsse sich in der Wissenschaft sowol, wie bei Führung seiner Geschäfte, ein jeder richten, bei Strafe, falsche Fol - gerungen zu ziehen, welche nicht in der Realität der Dinge be - gründet sind.
„ Wenn es Regeln gibt, nach welchen sich jeder Verstand in einem jedem Falle, in welchem er richtig geschlossen hat, wissentlich oder unwissentlich richtet, so scheint es kaum nötig, zu erörtern, ob es wahrscheinlicher ist, dass Einer diese Regeln beobachten wird, wenn er sie kennt, als wenn er sie nicht kennt. “
Eine Wissenschaft könne ohne Zweifel auf eine gewisse Höhe gebracht werden ohne die Anwendung einer andern Logik als der - jenigen, welche alle Menschen, die einen gesunden Verstand besitzen, im Verlauf ihrer Studien empirisch erlangen. Es gebe aber eine ge - wisse Grenze sowol in Bezug auf das, was die Mechaniker ohne die Grundsätze der Mechanik, als auf das, was die Denker ohne die Grund - sätze der Logik zu leisten vermögen. Wenn mehrere der schwieri - geren Wissenschaften noch in einem so mangelhaften Zustand sind, dass in ihnen nicht allein so wenig bewiesen wird, sondern auch der Streit über das wenige „ Bewiesene “nicht enden zu wollen scheint, so liege der Grund vielleicht darin, dass die logischen Begriffe der Men - schen noch nicht jenen Grad von Ausbildung („ Ausdehnung “) und Ge - nauigkeit erlangt haben, welcher für die Beurteilung der einschlägigen Beweise erforderlich ist …
So sehr wir diesen hier im Auszuge wiedergegebenen Ausführungen zustimmen, so möchten wir doch eine andere Rücksichtnahme in den Vordergrund stellen. Wir wünschen die logische Forschung überhaupt nicht vom utilitarischen, geschweige denn von einem kurzsichtig oder engherzig — um nicht zu sagen „ bornirt “— utilitarischen Standpunkte aus beurteilt zu sehen. So verdiente aber ein Standpunkt genannt zu werden, der das Streben nach Zutageförderung und Erkenntniss der124Einleitung.Wahrheit nur dann als berechtigt anerkennte, wenn dieselbe einen unmittelbaren oder zum voraus schon erkennbaren Nutzen verspricht.
Wir wünschen, dass die Logik unter dem wissenschaftlichen Ge - sichtspunkte betrachtet werde. Höher als jede Aussicht auf etwaigen Nutzen der Disziplin steht uns ihr absoluter Wert als Selbstzweck — „ Wert “als im Gegensatz zur „ Nützlichkeit “— steht uns die Erfor - schung der für richtiges Schliessen maassgebenden Denkgesetze um ihrer selbst willen. Und welches edlere Ziel könnte sich der Intellekt auch setzen, als das: sich selbst zu erkennen! — somit die altehrwürdige Mahnung des Thales, das γνῶϑι σεαυτόν des Weisen von Milet ver - wirklichend.
Nebenbei halten wir ja solches Forschen nach der Wahrheit um ihrer selbst willen auch für diejenige Taktik, die den Forderungen eines vernünftigen, weil hinreichend weit ausschauenden Utilitarismus am besten gerecht werden muss.
Die Geschichte der Wissenschaften zeigt es zur Genüge, wie erst durch dieses freie Walten des Erkenntnisstriebes, durch das reine, von allen Rücksichten des Eigennutzes, ja Nutzerfolges, losgelöste Streben nach Wahrheit, d. i. die Bethätigung eben des wissenschaftlichen Geistes, die allergrössten Entdeckungen ermöglicht wurden.
Wären z. B. nicht Jahrhunderte lang in diesem Geiste die Gesetze jener rätselhaften Kraft erforscht worden, mit welcher geriebener Bern - stein, Harz etc. leichte Körper wie Korkstückchen, Papierschnitzel anzieht, wären sie nicht, wie gesagt, ohne jede Aussicht auf praktische Verwend - barkeit um ihrer selbst willen studirt worden, so würde auch die Ent - deckung des elektrischen Telegraphen unmöglich gewesen sein; als aber jene so „ unpraktisch “sich anlassenden Forschungen weit genug gediehen waren, lag dieselbe auf einmal so nahe, dass Mehrere darauf verfielen, war die Entdeckung — unbeschadet des Verdienstes Derer, welche wirklich die letzten Schritte vollführten — schon fast von selbst da.
Eine von diesem Geist beseelte Forschung möchten wir als die Hochpraxis bezeichnen gegenüber der nur auf greifbar praktischen Nutzen ausgehenden Niederpraxis. Hier vor allem dürfte es am Platze sein —, wie der volkstümliche Ausdruck fordert: „ den grossen Glauben zu haben und nicht die grosse Eselsmeinung. “.
So trivial die obige Wahrheit in den Kreisen, die sich mit ernster Forschung abgeben, im allgemeinen glücklicherweise ist, ist sie doch gerade vonseiten Derer, welche die Logik zu kritisiren liebten, nicht hinlänglich gewürdigt, oft ganz ausser Augen gesetzt worden.
Wir zweifeln nicht, dass jene allgemeine Erfahrungsthatsache, welche als ein Gesetz aus der Geschichte der gesamten Wissenschaften hervorleuchtet, sich einst auch bei der Logik bewahrheiten wird, wo -125Einleitung.fern diese nur erst in den richtigen Bahnen — wofern sie nur über - haupt einmal — fortschreitet, und nehmen wir das Vorrecht der gänz - lich uninteressirten Forschung, das andern Wissenschaften zugestanden ist, auch für sie in Anspruch.
Gleich andern Wissenschaften dürfte auch die Logik einst ganz Un - geahntes verwirklichen und herbeiführen, dass nebenher in überraschender Weise auch unabsehbare Vorteile erzielt werden. Um nur auf eines hin - zudeuten, so sind seit ihrem jüngsten Aufschwunge bereits drei „ logical machines “neuerdings aufgebaut, die allerdings den ihnen beigelegten Namen noch kaum zu verdienen scheinen, die nämlich mit ihrer Leistungsfähigkeit sich noch auf einer sehr rudimentären Stufe befindlich zeigen — wie etwa der Papin'sche Topf gegenüber der Dampfmaschine. In der That aber vermag doch Niemand vorauszusehen, ob nicht schon bald eine „ Denk - maschine “konstruirbar wird, analog oder vollkommner wie die Rechen - maschine, welche dem Menschen einen sehr beträchtlichen Teil ermüdender Denkarbeit fortan abnehmen wird, gleichwie die Dampfmaschine es mit der physischen Arbeit erfolgreich thut.
Freilich darf man die Ernte nicht schon während der Aussaat fordern, und am wenigsten da, wo Bäume gepflanzt werden.
Hauptmittel des Gedankenausdrucks und eine Hauptform des Ge - dankenvollzuges ist, wie schon gesagt, die Sprache.
Untersuchungen über die Gesetze des Denkens werden wir des - halb naturgemäss damit beginnen, dass wir deren einfachste Bildungen in's Auge fassen. Rein äusserlich betrachtet wären dies allerdings Buchstaben, Silben und Worte — die Ergebnisse eines an den sprach - lichen Gebilden vorgenommenen und möglichst weit getriebenen Zer - gliederungsprozesses. In wesentlicher Hinsicht sind es Sätze, welche Aussagen, Urteile, Behauptungen darstellen.
Alles*)Vergl. Sigwart1 p. 9 sq. auf das Erkennen gerichtete Denken vollendet sich näm - lich in Urteilen, die als Sätze innerlich gedacht oder äusserlich aus - gesprochen, in Worte gefasst werden. In Urteilen endigt jede prak - tische Überlegung über Zwecke und Mittel, gipfelt jede Übereinkunft, um sie dreht sich jeder Streit. In die Form von Urteilen kleidet sich der Irrtum, in ihnen auch wird die Erkenntniss der Wahrheit nieder - gelegt; in Urteilen schliesst sich jede Überzeugung ab. Und nur in - sofern sich eine individuelle Überzeugung im Satze ausspricht, kann sie Gegenstand gemeinsamer Betrachtung werden und auf die Aner - kennung vonseiten Aller Anspruch erhebeu. Alle andern sprachlichen Gebilde kommen nur in Betracht als Bestandteile oder Elemente des Satzes, alle andern Geistesthätigkeiten nur als Bedingungen oder Vor - bereitungen, als Begleiterscheinungen und Wirkungen des Urteils.
Beginnen wir sonach damit, die Urteile in's Auge zu fassen, wie sie die Wortsprache als Sätze formulirt! Es muss sich uns hierbei empfehlen, unter Beiseitelassung der zusammengesetzteren, zunächst uns an die einfachsten Arten der Urteile zu halten. Als solche er - scheinen die sogenannten „ kategorischen “Urteile, welche sich dar - stellen in Form eines Satzes, der mit einem „ Subjekt “ein „ Prädikat “verknüpft.
Wie aus der Grammatik bekannt, ist das Subjekt Dasjenige, wor -127§ 1. Subsumtion.über etwas ausgesagt wird, das Prädikat Dasjenige, was von dem Subjekte ausgesagt wird. Die Verbindung zwischen beiden wird sehr häufig durch ein Hülfszeitwort, die „ Kopula “: „ ist “, vermittelt.
Am besten wrden wir unsre Betrachtungen sogleich an ein paar Beispiele anknüpfen und erst nachher zusehen, inwiefern den Bemerkungen, zu welchen uns diese Beispiele Veranlassung geben, allgemeinere Gültigkeit zukommt.
Kategorische Urteile einfachster Art sind beispielsweise die in der Chemie als richtig anerkannten Sätze: „ (Alles) Gold ist Metall. “— „ (Alles) Kochsalz ist Chlornatrium. “—
An diese schon lassen die für unsre Disziplin fundamentalen Aus - einandersetzungen sich auf das leichteste knüpfen.
Beide Aussagen haben die nämliche Kopula. Als ihre, wie gesagt übereinstimmende, Kopula erscheint die dritte Person singularis des Hülfszeitworts, verbum auxiliare „ sein “, nämlich: das Wörtchen „ ist “, welches, hier wie dort, das zu seiner Linken befindliche Subjekt mit dem rechts von ihm stehenden Prädikate verknüpft.
Gleichwol erscheint die Beziehung, welche zwischen dem Subjekt der Aussage und ihrem Prädikat thatsächlich besteht, in dem ersten Beispiel als eine wesentlich andere, wie in dem zweiten, insofern um - gekehrt Metall nicht immer Gold, dagegen alles Chlornatrium auch Koch - salz ist. Diese Verschiedenheit ist in den obigen Aussagen augen - scheinlich nicht zum Ausdruck gebracht.
Will man genauer, als jene Aussagen es thun, die thatsächliche Beziehung zwischen dem Subjekte und dem Prädikate hiernächst ver - mittelst eines Beziehungszeichens darstellen, so muss man für das erste Beispiel ein anderes Zeichen wählen, als für das zweite. Man schreibe etwa:
| Gold ⊂ Metall. | Kochsalz = Chlornatrium. |
Das zweite Zeichen, =, ist entlehnt den (übrigen) mathematischen Disziplinen und namentlich schon der Arithmetik; es ist das bekannte „ Gleichheitszeichen “. Während dasselbe aber anderwärts oft nur be - nutzt wird, um Übereinstimmung, Gleichheit in einer bestimmten Hin - sicht auszudrücken, z. B. Gleichheit hinsichtlich des Inhaltes oder Flächenmaasses bei zwei verschiedenen vielleicht auch verschieden ge - stalteten Flächen, soll dieses Zeichen in gegenwärtiger Schrift stets in der (inhaltlich) weitest gehenden (dem Umfang nach „ engsten “) Be - deutung aufgefasst werden, welche ihm überhaupt beigelegt zu werden vermag. Es soll uns nämlich die Übereinstimmung in jeder Hinsicht,128Erste Vorlesung.die vollkommne Übereinstimmung, Einerleiheit oder Identität zwischen den Bedeutungen der durch dasselbe verknüpften Namen, Zeichen oder Ausdrücke darstellen. Es kann daher das Zeichen = hier als „ einer - lei mit “, oder, wenn man will, auch als „ identisch “gelesen werden; indessen verschlägt es nichts, wenn wir uns bequemer der allgemeinen Übung anschliessen, dasselbe einfach als „ gleich “zu lesen.
Für der Mathematik ferner stehende Leser sei ein für allemal be - merkt, dass man eine Behauptung der Form a = b eine „ Gleichung “nennt, und zwar werden im Deutschen die durch das Zeichen = getrennten sowol als verknüpften Ausdrücke schlechtweg als die beiden „ Seiten “der Gleichung bezeichnet; so ist a die „ linke “, b die „ rechte Seite “der vorstehenden Gleichung (englisch: lefthand resp. right - hand member, französisch: premier und second membre, etc.).
Nach dem Gesagten wird eine Gleichung, wie a = b, uns aus - drücken, dass ihre beiden Seiten a und b lediglich Namen für einund - dasselbe Objekt des Denkens sind. Und zwar sind es hier für das Nämliche verschiedene Namen. Dieser Umstand jedoch ist nebensäch - lich, indem auch in Gleichungen, wie a = a, die beiderseitigen Namen in einen einzigen werden zusammenfallen können. Es kommt bei der Gleichsetzung oder Identischsprechung, Identitätsbehauptung, nicht auf den Klang der Namen, nicht auf das Aussehen der etwaigen Aus - drücke, sondern ganz allein auf die Bedeutung derselben an.
Daneben mag auch die psychologische Wirkung der Namen eine ver - schiedene sein; sie mögen an verschiedene Merkmale von Dem, was sie bezeichnen, zuerst erinnern, und wie in dem angeführten Beispiele: „ Koch - salz = Chlornatrium “den Hörer oder Leser veranlassen, sich Dasjenige, was sie bedeuten sollen, von verschiedenen Seiten vorzustellen, indem sie je mit eigentümlichen Vorstellungselementen an das Vorzustellende anknüpfen, diese sozusagen in den Vordergrund stellend. Achtet man hier in der That auf die Art, wie die Namen „ Kochsalz “und „ Chlornatrium “zusammen - gesetzt sind, so wird durch den erstern überhaupt nicht an chemische Be - standteile, sondern nur an die Verwendung des Salzes zum Kochen erinnert, dagegen durch den letzteren blos hervorgehoben, dass das Vorzustellende die chemische Verbindung der Elemente Chlor und Natriummetall sei. Das eine Merkmal aber: durchaus von der Beschaffenheit des gewöhnlichen zum Kochen verwendeten Salzes zu sein, ist von dem andern Merkmal: aus Chlor und Natrium zu bestehen, nach heutigem Stand der chemischen Er kenntniss unmöglich zu trennen, vielmehr damit unweigerlich zu verknüpfen, und so ist es immerhin dasselbe, was beide Namen bezeichnen.
Diesen ihren „ logischen Gehalt “, ihre volle und eigentliche Bedeutung, von ihrem „ psychologischen “Gehalt zu unterscheiden werden wir bei Namen sowol als auch bei Urteilen hier häufig Veranlassung haben.
129§ 1. Subsumtion.Gleichwie die Klassen der Dinge, welche für Kochsalz, und welche für Chlornatrium erklärt werden müssen, ganz und gar einerlei sind, so sind es auch die zugehörigen „ Begriffe “Kochsalz und Chlornatrium. Dieselben haben nicht nur einerlei „ Umfang “, sondern auch denselben „ Inhalt “, identisch dieselben Merkmale.
Das andere Zeichen ⊂ lese man: „ untergeordnet “, auch, wenn man will: „ subordinirt “. Es heisse das Unterordnungszeichen und eine Be - hauptung, wie a ⊂ b eine „ Unterordnung “(subordinatio). Das Zeichen ist ähnlich gestaltet, gewissermassen nachgebildet dem (einen) „ Ungleichheitszeichen “der Arithmetik, nämlich dem Zeichen < für „ kleiner (als) “. Bekanntlich kann dieses rückwärts als „ grösser “, >, gelesen werden und wird da - durch leicht mit seiner Bedeutung dem Gedächtnisse eingeprägt — einerlei, ob vorwärts oder rückwärts gelesen — dass man sich merkt: das Zeichen breite sich immer vom kleineren zum grösseren Werte hin aus, oder spitze sich vom grösseren Wert gegen den kleineren hin zu. Analog wird auch unser Unterordnungszeichen rückwärts, d. i ‥ wenn man wiederum von links nach rechts lesen will, in der umge - kehrten Stellung, ⊃, gelesen, als „ übergeordnet “(superordinirt) zu deuten sein. Die obige Unterordnung darf (mit andern Worten) auch rück - wärts angeschrieben werden als eine „ Überordnung “(superordinatio): b ⊃ a, und wird dieser Ausspruch genau dasselbe besagen, wie der vorige.
Einer Verwechselung der Zeichen für „ über “- und „ untergeord - net “beugt die Bemerkung vor, dass auch hier das Zeichen seine Arme oder Zweige jeweils vom engeren zum weiteren Begriff, von der weniger umfassenden Klasse nach der umfassenderen hin (welche die andere in sich schliesst, also — in einem gewissen, späterhin noch näher er - läuterten Sinne — vom Teil zum Ganzen), somit ebenfalls vom Klei - neren zum Grösseren hin divergirend ausbreitet, wogegen in dem ent - gegengesetzten Sinne, vom weiteren zum engeren Begriff hin, das Zeichen sich zuspitzt (genauer gesagt: spitzrundet), seine Zweige immer enger zusammenlaufen, konvergiren, um sich am „ Scheitel “des Zeichens zu vereinigen. Die kleinere Klasse, der engere Begriff, steht sonach immer am Scheitel des Zeichens.
Hienach erscheinen auch die Über - und Unterordnungszeichen als leicht zu merkende, als „ mnemonische “.
Von den beiden Begriffen „ Gold “und „ Metall “wird in der ThatSchröder, Algebra der Logik. 9130Erste Vorlesung.jener der „ engere “, dieser der „ weitere “genannt. Diese Benennung ist schon von der älteren Logik eingeführt und zwar augenscheinlich im Hinblick, nicht auf den „ Inhalt “, sondern auf den „ Umfang “der ge - nannten Begriffe.
Der „ Umfang “des Begriffes „ Gold “setzt sich zusammen aus allem Dem, was Gold ist; ihn bildet die Klasse aller der Substanzen oder Dinge, welche als Gold zu erklären sind. Ebenso bildet die Klasse aller der Dinge oder Substanzen, welche Metall zu nennen wären, kurz gesagt: die ganze Klasse der Metalle, den sogenannten „ Umfang “des Begriffes „ Metall “. Die erstere Klasse ist in der zweiten enthalten, welche daneben auch noch Anderes enthält, z. B. die Klasse der als Silber zu bezeichnenden Substanzen, etc. Jene ist wirklich ein Teil von dieser. Die Klasse „ Gold “ist, neben noch Anderem, ganz ent - halten in der Klasse „ Metall “— dies ist also die Beziehung, welche die Unterordnung „ Gold ⊂ Metall “auszudrücken bestimmt ist.
Umgekehrt aber, wie deren „ Umfänge “die Klassen, verhalten sich die „ Inhalte “der beiden Begriffe.
Der „ Inhalt “oder das Wesen des Begriffes Metall setzt sich zu - sammen aus denjenigen Merkmalen, welche allen Metallen gemeinsam sind und, insgesamt, nur diesen zukommen. Dahin gehören erstlich diejenigen Eigenschaften, welche den materiellen Substanzen überhaupt innewohnen, eventuell für sie charakteristisch sind, als da sind: die Eigenschaft der Raumerfüllung, die Eigenschaft, träge, schwer zu sein, von konstanter Masse, etc. Und zweitens gehören dazu solche Merkmale, welche die Metalle von Nichtmetallen unterscheiden, z. B. die Eigenschaft „ gute “Leiter der Elektrizität zu sein, eine geringe spezifische Wärme zu besitzen, im festen oder flüssigen Zustande das Licht in jener eigentümlichen Weise zurückzuwerfen, welche als „ Metall - glanz “bezeichnet und in der Theorie der Metallreflexion von der Optik schärfer präzisirt wird, u. a. m.
Alle diese Merkmale des Begriffes „ Metall “kommen nun auch dem Begriff „ Gold “zu, und dazu noch manche andere, durch welche — zum Teil — das Gold sich von andern Metallen unterscheidet, z. B. das dem Golde eigentümliche hohe spezifische Gewicht, die Eigenschaft, im reflektirten Lichte gelb, im durchgehenden Licht aquamarinblau zu erscheinen, seine Duktilität, gewisse chemische Verwandtschaften und anderes mehr.
Dem „ Inhalte “nach betrachtet ist nun der übergeordnete und weitere Begriff in dem untergeordneten, dem engeren mit enthalten. Der erstere erscheint geradezu als ein Teil des letzteren.
131§ 1. Subsumtion.Im Hinblick auf diesen Inhalt der Begriffe, d. i. ihr eigentliches Wesen, müsste man also die Beziehung zwischen Gold und Metall gerade umgekehrt, wie oben, schreiben, in Gestalt von: Inhalt des Begriffes Gold ⊃ Inhalt des Begriffes Metall — so wenigstens, wenn man die geschilderte mnemonische Interpretation des Beziehungszeichens beibehalten will.
Statt ⊃ das frühere Zeichen ⊂ hier beizubehalten wäre nur angängig, wenn man diesem eine andere (ebenfalls mnemonische) Deutung geben, dasselbe nämlich dahin auslegen wollte, als ob mittelst desselben das an seinem Scheitel stehende Objekt sozusagen den Versuch machte, den An - spruch erhöbe, (mit den ausgebreiteten Armen des Zeichens) das andere Objekt zu umfassen, dasselbe in sich einzuschliessen. Diese Einschliessung als eine vollendete auch äusserlich zur Darstellung zu bringen, indem man etwa den Namen des eingeschlossenen Objektes in den des einschliessenden hineinsetzte, ist aus typographischen Gründen nicht angängig.
Die in unserm Beispiel bestehende Beziehung zwischen Gold und Metall, die wir also im Hinblick auf die zugehörigen „ Klassen “oder „ Umfänge “der gleichnamigen Begriffe vermittelst der Formel Gold ⊂ Metall darzustellen fortfahren, ist wesentlich dieselbe Beziehung, welche über - haupt zwischen einer „ Art “und der ihr übergeordneten „ Gattung “be - steht, desgleichen zwischen einem „ Individuum “und einer „ Art “, zu der dies Individuum nebst noch andern Individuen gehörte. Es ist im allgemeinen:
die Art ⊂ ihrer Gattung, das Individuum ⊂ seiner Art, die Gattung ⊃ einer ihrer Arten, die Art ⊃ einem ihrer Individuen.
Bei Art und Gattung ist der engere oder Artbegriff zugleich der inhaltsreichere, der weitere oder Gattungsbegriff aber der inhaltsärmere. Und dasselbe lässt sich auch aufrecht erhalten in Bezug auf ein „ In - dividuum “und die demselben übergeordnete „ Art “, indem man ja unter dem „ Begriffe “des gedachten Individuums nichts anderes als dessen (Einzel -) Vorstellung selbst versteht, nämlich die Gesamtheit aller seiner Merkmale. Als Beispiel sei angeführt: „ Die Erde ist ein Planet “, was mit Erde ⊂ Planet darzustellen ist. Wieder enthält der „ Begriff “der „ Erde “neben vielen eigentümlichen Merkmalen auch alle Merkmale des Begriffes „ Planet “.
Nachdem wir nun für unsre beiden Musterbeispiele, die „ typischen “Exempel von kategorischen Urteilen auf S. 127, den Unterschied, Gegen - satz hervorgehoben, welcher in den Beziehungen zwischen Subjekt und Prädikat bei ihnen zutage tritt, und uns diese Beziehungen in ihrer9*132Erste Vorlesung.Eigenart klar zum Bewusstsein gebracht haben, haben wir die Fähig - keit erworben, sind wir vorbereitet, die wahre Bedeutung der Kopula „ ist “(oder „ sind “) zu erfassen, und uns nach einem geeigneten Be - ziehungszeichen zur Darstellung derselben umzusehen.
Die Kopula „ ist “wird bald die eine, bald die andere der beiden Beziehungen ausdrücken, die wir mittelst der Zeichen ⊂ und = dar - gestellt haben. Zu ihrer Darstellung wird sich darum ein aus den beiden letzten zusammengesetztes Zeichen ⋹ als ein ohne weiteres, sozusagen nunmehr von selbst, verständliches und dem Gedächtniss sich einprägendes vor allen andern empfehlen. Ausführlichst wird dieses Zeichen als „ untergeordnet oder gleich “zu lesen sein. Und so - ferne sich herausstellen wird, dass den an unsern Beispielen gemachten Wahruehmungen allgemeine Gültigkeit zukommt, können wir sagen:
Das kategorische Urteil drückt immer aus, dass das Subjekt (der Subjektbegriff) dem Prädikate (Prädikatbegriffe) entweder untergeordnet oder aber mit ihm identisch sei. Es wird demnach ursprünglich oder von hause aus: Subjekt ⋹ Prädikat die gemeinsame Form aller kategorischen Urteile sein. *)Zufolge der später zu vollziehenden Einfübrung, Adjungirung des Begriffs des „ Nichts “wird die Wirksamkeit obiger Bemerkung für unsre Disziplin nach - träglich eingeschränkt, sodass nicht alle Urteile in jener typischen Form der Sub - sumtion ihren angemessenen Ansdruck im Kalkul werden finden können.
Indem wir nachher an dem Leitfaden ihres sprachlichen Aus - drucks die verschiedenen Arten kategorischer Aussagen möglichst voll - ständig durchgehen, werden wir in der That sehen, dass sich diese Behauptung durchaus bewahrheitet, dass die erwähnte Auffassung sich wenigstens unbeschadet des logischen Gehaltes der betreffenden Urteile überall anbringen, allgemein durchführen lässt — allerdings nicht selten bedingt durch eine Abänderung des „ psychologischen Gehaltes “der betreffenden Urteile, sowie auf Kosten der Eleganz ihres sprach - lichen Ausdruckes, unter Verletzung, mitunter auch, des Sprachgefühles, in einer Weise, die wol in der That den Eindruck, erkünstelt zu sein, hervorbringen kann. Lässt aber dadurch sich nur bewirken, dass alle Urteile in einer gemeinsamen Form erscheinen, und so einer allgemeinen Behandlung zugänglich werden, so ist durch die Erzielung solch 'un - absehbaren Vorteils doch der gedachte modus procedendi vollauf ge - rechtfertigt.
Eine Behauptung der Form 10) a ⋹ b133§ 1. Subsumtion.werden wir eine Subsumtion (Einordnung) nennen, das Zeichen ⋹ das Subsumtionszeichen. Dasselbe könnte auch das Zeichen der „ eventuellen (oder fakultativen) Unterordnung “genannt werden, wo das Beiwort „ eventuell “darauf anspielt und in der That lediglich darauf hindeuten soll, dass die Unterordnung auch in (identische) Gleichheit ausarten kann — im Gegensatz zu dem Zeichen ⊂ der wirklichen oder defini - tiven Unterordnung, „ der Unterordnung “schlechtweg.
Die linke Seite a der obigen Subsumtion heisst auch der Unter - begriff oder terminus minor derselben, die rechte Seite b ihr Oberbegriff oder terminus major. [Nebenbei bemerkt sind das Benennungen, die ganz ebenso auch bei der Unterordnung a ⊂ b anwendbar erscheinen.] Ich werde indess diesen Benennungen in der Regel die einfacheren „ Subjekt “und „ Prädikat “selbst vorziehen, und zwar auch auf einem solchen Felde der Anwendung von Subsumtionen, welches mit diesen der Grammatik (spezieller der Satzlehre oder Syntax) entlehnten Ge - bilden anscheinend nichts zu thun hat, z. B. wenn wir später unter a und b in 10) uns „ Gebiete einer Mannigfaltigkeit “vorzustellen haben.
Wir konnten in unsern typischen Exempeln die Subsumtion 10) in Worten durch den Satz darstellen: „ a ist b “oder auch „ alles a ist b “. Bei der ersteren Fassung muss man bleiben, wenn das Subjekt a — der Einzelvorstellung entsprechend — ein In - dividuum bedeutet, das ist also bei den sogenannten „ singulären “Urteilen. Z. B. „ Mars ist Planet “, was logisch dasselbe sagt, wie: „ Der Mars ist ein Planet “.
Je nach dem sprachlichen Ausdruck des Subjektes werden aber für die Kopula mitunter auch andere Formen, wie z. B. die Plural - form „ sind “zu wählen sein. So namentlich, wenn es sich um Arten und Gattungen handelt, z. B. „ (Alle) Säugetiere sind Wirbeltiere “. „ (Alle) Zweihufer sind Wiederkäuer “. An diesen als den wol häufigeren Fall wollen wir uns bei den nächsten Besprechungen vorzugsweise halten.
Gegenüber den einfachen Zeichen ⊂ und = drückt das zusammen - gesetztere Zeichen ⋹ (wie schon Peirce betont) gleichwol die einfachere Beziehung aus. In der That die Subsumtion 10) a ⋹ b sagt weniger, wie die Unterordnung, resp. Gleichung
| 20) | a ⊂ b, | 30) | a = b. |
134Erste Vorlesung.Die Subsumtion lässt nämlich die umgekehrte Beziehung, in welcher b zu a steht, offen. In Worten ist der Inhalt der Aussage 20) oder 30) je nur durch zwei Sätze wiederzugeben, nämlich etwa: 20) Alle a sind b, aber nicht alle b sind a, und 30) Alle a sind b, desgleichen alle b sind a. Offenbar schliessen diese beiden Beziehungen einander aus; sie können niemals beide zugleich wahr sein, indem die letztern Sätze rechts ein - ander (kontradiktorisch) widersprechen.
Dagegen gibt 10) den einfachen Satz wieder: „ Alle a sind b “. Gemessen nach ihrer Ausdrucksfähigkeit vermittelst der Wortsprache ist also in der That die Subsumtion 10) die einfachste von allen drei Aussagen.
Die Subsumtion 10) konstatirt, stellt fest, dass irgend einer der bei - den Fälle 20), 30) vorliege, und dann selbstverständlich nicht der andere.
Der erstere 20) von diesen beiden Fällen ist weitaus der häufigere. Bezüglich des letzteren 30) sei zunächst nur hervorgehoben, dass namentlich bei allen Urteilen, die als Begriffserklärungen, Definitionen hingestellt werden, beabsichtigt ist, dass diese als auch umgekehrt gültige verstanden werden.
Z. B. wenn wir definitionsweise sagen: „ Die (Jede) Kugelfläche ist eine Fläche, deren sämtliche Punkte gleichen Abstand haben von einem bestimmten Punkte (dem sog. Mittelpunkte) “, so ist damit gemeint, dass auch umgekehrt jede Fläche mit konstantem Abstand ihrer Punkte von einem bestimmten Punkt eine Kugelfläche (zu nennen) sei. Sagen wir ebenso: „ Gerade Zahlen sind ohne Rest durch 2 teilbare Zahlen “, so muss auch der Ausspruch gelten: „ Ohne Rest durch 2 teilbare Zahlen sind gerade Zahlen “. —
Welcher von den Fällen 20) und 30) bei der Subsumtion 10) vor - liege, ist manchmal unbestimmt, manchmal zwar bestimmt, aber nicht bekannt, meistens ohne Belang.
Freilich, wenn es zweifellos ist, welcher von den Fällen 20), 30) vorliegt, so hat die Aussage 10) a ⋹ b einen eigentümlichen Charakter, den man durch einen Ausspruch wie: „ Paris liegt an der Seine oder an der Leine “illustriren könnte.
Ein solcher Ausspruch mag vielleicht albern erscheinen, doch ist er unzweifelhaft richtig oder korrekt zu nennen! Paris liegt allerdings, wie jedermann weiss, nicht (wie Hannover) an der Leine, sondern es liegt an der Seine. Jemand, der obigen Ausspruch thäte, würde dem - nach eine Unwissenheit fingiren, die man ihm kaum zutrauen möchte,135§ 1. Subsumtion.er könnte sich dadurch den Vorwurf einer gewissen Unredlichkeit, Verstellung zuziehn. Für den Hörer aber, der etwa nicht schon von vornherein sachlich orientirt wäre, der seine Information über die Lage von Paris erst aus der obigen Aussage schöpfen müsste, würde diese Aussage ein irre führendes psychologisches Moment enthalten. Und dennoch: Weniger zu sagen als man weiss, ist erlaubt; und aus der Fülle der verfügbaren Kenntnisse Dasjenige hervorzuheben, was für einen bestimmten Zweck verwertbar ist, und demgemäss Anderes un - benutzt zu lassen, ist allgemeine Praxis in den Wissenschaften. Ge - schah dies in dem citirten Ausspruch zwecklos, so hat es hier, bei 10) zu geschehen zu dem Zwecke, den verschiedenen möglichen Fällen, die wir unter 20) und 30) aufgezählt haben, eine einheitliche Behand - lung angedeihen zu lassen, wie denn auch die Wortsprache faktisch für sie alle der nämlichen Kopula „ ist “oder „ sind “sich bedient.
Noch eines kommt hinzu, den obigen (Paris betreffenden) Aus - spruch in jeder andern als der logischen Hinsicht als verwerflich er - scheinen zu lassen: es ist der Umstand, dass es hier einen grösseren Aufwand von Worten erforderte, dass es umständlicher war, die in dem Ausspruch gegebene unvollständige Information zu liefern, als es ge - wesen wäre (in Gestalt des Ausspruchs: „ Paris liegt an der Seine “) die vollständigere Information zu geben.
Die gleiche Ausstellung wird man — anscheinend — uns auch später machen können, wenn wir in einer Subsumtion a ⋹ b das Zeichen ⋹ als „ untergeordnet oder gleich “lesen, während wir in einem Falle sehr wohl wissen, dass wirkliche Unterordnung, in einem andern Falle vielleicht, dass eigentlich Gleichheit stattfindet!
Hier wird eben nicht ausser Acht zu lassen sein, dass es sich für uns, indem wir „ untergeordnet oder gleich “sagten, in erster Linie um eine genaue Darstellung, um charakteristische Wiedergabe des Sinnes der Kopula handelte. Das ist freilich umständlicher, als nur „ untergeordnet “oder aber blos „ gleich “zu sagen. Die Wortsprache aber hat für ⋹ den kürzeren Ausdruck „ ist “, wofern sie nicht — noch kürzer — dies Beziehungszeichen gänzlich unübersetzt lässt, wie z. B. die russische Sprache, zuweilen auch die lateinische (vergl. „ ars longa “, etc.).
Überhaupt haben wir bereits gesehen, dass — im Gegensatz zu vorigem abschreckenden Beispiele — die unvollständigere Information 10) den weitaus kürzeren sprachlichen Ausdruck in der That besitzt. Dies aber gilt für alle Kultursprachen und ist darum nicht etwa blos für einen zufälligen Umstand, eine Äusserlichkeit der betreffenden136Erste Vorlesung.Sprachen zu halten, sondern sicherlich tief begründet in der Natur des menschlichen Intellektes. Die Subsumtion 10) — können wir sagen — drückt blos einen Gedanken aus; die vollständigere Informa - tion 20) resp. 30) aber je deren zwei, und indem wir uns statt dieser letzteren mit diesem ersteren begnügen, lassen wir den einen davon fallen, sehen wir ab, abstrahiren wir von demselben.
Das Subsumtionszeichen ⋹ wird also, gegenüber den Zeichen ⊂ und =, als das ursprünglichere hinzustellen sein. Auf ihm werden wir darum auch das ganze Gebäude des ersten und umfassendsten, des elementaren Teiles der exakten Logik aufrichten.
Übrigens je nach den verschiedenen Anwendungsgebieten des Sub - sumtionszeichens und - begriffes werden wir dafür noch mannigfache sprachliche Ausdrucksformen gewinnen. Will man ein kurzes Wort für dieses Zeichen haben, welches auf allen Gebieten passt, so lese man es etwa als „ eingeordnet “, oder „ sub “, spreche also 10) als „ a sub b “.
Ein Hauptvorzug dieses unbestimmteren (die Alternative zwischen = und ⊂ stellenden) Zeichens ⋹ tritt in der Wissenschaft zutage, wo man sehr viel mit allgemeinen Sätzen oder Aussagen (auch For - meln) und Gesetzen zu thun hat, wo es gerade wesentlich auf die Ge - winnung solcher ankommt. Von der unbegrenzten Menge der Fälle, welche solch 'ein allgemeines Urteil a ⋹ b unter sich begreift, findet da oft bei den einen Gleichheit, bei den andern Unterordnung statt, und wird eine Zusammenfassung aller dieser Fälle in ein einheitliches Gesetz gerade eben nur durch das Subsumtionszeichen ermöglicht. Es kommt m. a. W. zumeist vor, dass bei einundderselben Subsumtion 10) die Frage, ob der Fall 20) oder der 30) vorliege, gar nicht allgemein, prinzipiell entschieden werden kann, sondern sich bald in dem einen, bald in dem andern Sinne entscheidet. Um hiezu ein einfachstes Bei - spiel zu geben, werden wir diese Verhältnisse an den Quadratwurzeln der Arithmetik sogleich im Kontext erläutern.
Im Anschluss an das Vorstehende möchte ich auch noch rechtfertigen, weshalb ich nicht, wie manche der neueren Autoren über Logik, für ⊂ das Kleinerzeichen < selbst verwende, und demgemäss auch das Subsum - tionszeichen nicht durch das in der Mathematik schon gebräuchliche Zeichen ≦ für „ kleiner oder gleich “darstelle, vielmehr besondre Zeichen für diese Beziehungen wählte.
Den Ausschlag hiefür gab die Erwägung, dass letztere Zeichen be - stimmt sind und geeignet sein sollen, in der Arithmetik selbst auch neben den Ungleichheitszeichen verwendet zu werden. Es lassen schon die Ele - mente der reinen Mathematik in manchen ihrer Abschnitte sich ohne das Unterordnungs - und namentlich das Subsumtionszeichen nicht korrekt dar -137§ 1. Subsumtion.stellen, woferne man bei ihrer Begründung nicht ungebührlich lange auf die Anwendung einer knappen Zeichensprache verzichten und mit verbalen Umschreibungen sich behelfen will. Und mit fortschreitender Entwickelung der mathematischen Wissenschaft werden, bin ich überzeugt, diese Zeichen daselbst immer unentbehrlicher werden.
Namentlich tritt dies schon längst bereits da zutage, wo man mit „ vieldeutigen “Zahlenausdrücken zu thun bekommt, das ist, im Elementar - unterricht, erstmalig bei der Quadratwurzelausziehung. Diese ist eine (im allgemeinen) zweideutige Operation, und bekannt ist, wie zuweilen Lehrer sowol als Bücher, indem sie z. B. in einem Atem schreiben: 〈…〉 = 3 und daneben auch 〈…〉 = — 3, den Anfänger (nach dem Satze, dass wenn zwei Grössen einer dritten gleich sind, sie auch unter sich gleich sein müssen) zu dem Fehlschlusse verleiten: + 3 = — 3. In mehr versteckter Form, geschickt verhüllt, liegt dieses Verfahren einer Reihe von arithmetischen Paradoxen zugrunde, welche den Anfänger zu verblüffen pflegen.
Der Fehler liegt in dem unberechtigten Gebrauche des Gleichheitszeichens. Schreibt man freilich: „ Silber = Metall “und (mit demselben Rechte) „ Metall = Gold “, so gelangt man auch zu dem Schlusse: „ Silber = Gold “! In Bezug auf diesen Gebrauch herrscht in der zeitgenössischen Mathematik noch eine gewisse Nachlässigkeit, hervorgegangen aus der Übertreibung einer sonst in dieser Disziplin als so überaus fruchtbar bewährten Sparsam - keit, der Sparsamkeit mit Zeichen, welche hier zu einem Geizen mit solchen ausartet. Es beruht darauf die Möglichkeit zahlreicher „ Paradoxa “, das ist deduktiver Ableitung, scheinbaren Beweises von Widersprüchen und augen - scheinlich falschen, absurden Ergebnissen auf Grund der schulmässigen Sätze und Regeln, indem eben diese nicht korrekt gewesen.
Um die Sache korrekt zu behandeln muss man zunächst die als eine mehrdeutige verstandene, die „ volldeutige “Quadratwurzel von der eindeutig zu verstehenden auch in der Bezeichnung sorgfältig unterscheiden. Jene wird auch der allgemeine oder „ Generalwert “, diese der Prinzipal - oder „ Hauptwert “der Wurzel genannt. Der Generalwert ist aber meist eigentlich gar kein Wert (so wie z. B. ein Handschuh auch kein Schuh ist), vielmehr ist er eine ganze Klasse von Werten. Nach Cauchy's Vorschlag kann man ihn durch Anwendung einer sich sonst als „ überflüssig “charakte - risirenden Klammer (vergl. Anhang 2) in Gestalt von 〈…〉 vor dem letzteren, dem Hauptwert 〈…〉 , auszeichnen, und verwendet man, noch besser, für ihn ein doppeltes Wurzelzeichen , welches ebenso an den Anfangs - buchstaben des Wortes „ Wurzel “, wie das gewöhnliche oder einfache Wurzel - zeichen √ an den des Wortes „ radix “erinnert.
Wir verstehen demnach unter 〈…〉 die Klasse oder Gattung, welche sich zusammensetzt aus allen den Zahlen, deren Quadrat gleich a ist — im Gegensatz zu 〈…〉 , welches uns eine bestimmte von diesen Zahlen re - präsentiren wird.
Es ist z. B. die volldeutige Quadratwurzel, Vollwurzel, aus 32 oder 9 die von den beiden Werten 3 und — 3 gebildete Gattung von Zahlen: 〈…〉 , oder kürzer ausgedrückt:  9 = ± 3. 138Erste Vorlesung.Und wollen wir blos ausdrücken, dass 3 einer (der eine) von diesen beiden Werten ist, ein andermal vielleicht, dass — 3 ein solcher (der andere) ist, so ist es nur mehr zulässig, hiefür zu schreiben: 〈…〉 und 〈…〉 — Behauptunge, die jetzt, weil sie korrekt sind, nicht mehr zu obigem Fehlschlusse verleiten können.
In diesem sowie in fast allen andern Beispielen derselben Art, die wir bilden mögen, besteht zwischen der volldeutigen Quadratwurzel und irgend einem ihrer Werte wirklich die Beziehung der Unterordnung, näm - lich die Unterordnung des Individuums unter eine umfassendere Klasse, zu der es gehört. Will man nun aber diese Wahrnehmung generalisiren, die - selbe für eine ganz beliebige Zahl a aussprechen, so darf man gleichwol nicht sagen, es sei 〈…〉 und 〈…〉 , aus dem Grunde, weil diese Aussagen eine Ausnahme erleiden würden, nämlich für a = 0 falsch werden. Da + 0 und — 0 einerlei sind, so hat, wenn unter a die Null verstanden wird, auch die volldeutige Quadrat - wurzel aus a nur mehr einen Wert, den Wert 0; die als ihr „ General - wert “zu bezeichnende Klasse schrumpft hier in ein einziges Zahlindividuum zusammen (sie ist diesmal ausnahmsweise auch wirklich ein „ Wert “) und es ist: 〈…〉 , gleich, aber nicht untergeordnet.
Allgemein, für jede beliebige Zahl a, gilt daher weder die Unter - ordnung, noch die Gleichung, sondern in der That nur die Subsumtion: 〈…〉 und ebenso 〈…〉 .
Und ähnlich ist auch bei den höheren Wurzeln in der Buchstaben - rechnung das Subsumtionszeichen anzuwenden der Allgemeingültigkeit zuliebe.
Allerdings wählt die Mathematik von den eventuell beiden unter die Klasse 〈…〉 fallenden Werten frühzeitig den einen als den sogenannten Hauptwert aus und zwar — bei positivem Radicanden, im Gebiete der reellen Zahlen — den positiven, den sie schlechtweg mit 〈…〉 bezeichnet, sodass z. B. 3 = 〈…〉 der Hauptwert und — 3 = — 〈…〉 der Nebenwert der Quadratwurzel aus 9 sein wird. Und indem sie fortan vorzugsweise mit diesen eindeutigen oder Hauptwerten operirt, das Rechnen mit viel - deutigen Ausdrücken nach Möglichkeit vermeidet, flieht die Mathematik so - zusagen die Gelegenheiten, wo sie ein spezifisch logisches Beziehungszeichen anwenden müsste. Ähnlich, wie in diesen ersten und einfachsten Fällen, verfährt die Mathematik auch später wieder bei den mehrdeutigen ana - lytischen Elementarfunktionen, d. i. den logarithmischen, cyklometrischen und allgemeinen Potenzfunktionen: sie wendet sich möglichst bald von deren Generalwerten ab und den eindeutigen Zweigen dieser Funktionen als den erwählten Hauptwerten derselben zu, hauptsächlich wol, um nicht einen komplizirteren Zeichenapparat, nämlich noch andere als die drei Zeichen139§ 1. Subsumtion.der Grössenvergleichung (=, >, <) verwenden zu müssen, dergleichen in der That bis jetzt auch keines ganz allgemein rezipirt erscheint.
Aber nicht nur zur Darstellung der Beziehungen zwischen vieldeutigen Zahlenausdrücken sollte eigentlich das Subsumtionszeichen allgemeinere Ver - wendung finden, sondern auch noch auf zahlreichen anderen Untersuchungs - gebieten, wo sich einstweilen noch jeder Autor seine eigene bisweilen recht schwerfällige Terminologie schafft behufs Darstellung von Beziehungen, die einfach als eine „ Einordnung “zu charakterisiren wären. *)Ich will in dieser Richtung wenigstens auf Einiges aufmerksam machen und wende mich damit vorzugsweise an Mathematiker: Herrn George Cantor's berühmte Untersuchungen über die Mannigfaltigkeitslehre beschäftigen sich mit Beziehungen zwischen Punktmengen, bei denen die Subsumtion eine wesentliche Rolle spielt und durch entsprechende Verwendung ihres Zeichens sich erhebliche Vorteile im Sinne knapper Darstellung erzielen lassen würden. Ebenso könnten die epochemachenden Untersuchungen von Dedekind über allgemeine Zahlen - theorie3 (Supplement XI) sowie die Anwendungen der dort eingeführten Begriffe auf die Theorie der algebraischen Funktionen, wie sie Dedekind und Weber in ihrer Abhandlung in Bd. 92 des Crelle'schen Journals gegeben haben, wol über - sichtlicher dargestellt werden, wenn statt des Begriffs der Teilbarkeit stets der der Einordnung und das Subsumtionszeichen benutzt würde. Dabei würde auch der für das Studium störende Umstand vermieden, dass bei Moduln der Teiler dem Geteilten übergeordnet ist — ein Umstand, auf welchen ich durch Herrn Lüroth aufmerksam gemacht worden. Nicht minder dürfte dieses Zeichen bei der Begründung von Herrn Schubert's genialem Kalkül der abzählenden Geo - metrie mit Vorteil zu verwenden sein, sowie auf andern Gebieten mehr.
Wählten wir nun für die Unterordnung das Zeichen < selbst, so würden zahlreiche Missverständnisse ebendadurch nahe gelegt werden. Wir können auch bei Zahlengattungen A und B, also bei vieldeutigen Aus - drücken, das Zeichen < in seinem ursprünglichen Sinne verwenden, um mittelst der Relation A < B auszudrücken, dass jede Zahl der Gattung A kleiner sei als jede Zahl der Gattung B. Doch wenn wir auch absehen wollen von der Zulässigkeit dieser immerhin seltnereu Verwendungsweise, so sieht man doch den in einer Formel beiderseits stehenden Ausdrücken nicht immer an, ob sie uns einen oder ob sie mehrere Werte repräsentiren sollen, wo doch im ersteren Falle das Zeichen < eine ganz andere Deutung zu erhalten hätte. Bei allen allgemeinen Untersuchungen über Zahlen - klassen, vieldeutige Ausdrücke, muss man vielmehr als Grenz - oder De - generationsfälle auch diejenigen besondern Fälle mit unterlaufen lassen, wo die vieldeutigen in eindeutige Ausdrücke ausarten, wo die Klassen auf je ein Individuum zusammenschrumpfen. Zwischen zwei Zahlindividuen, eindeutigen Zahlzeichen, ist die eigentliche Unterordnung unmöglich, un - denkbar, denn das zweite Individuum müsste dann eine Klasse sein, die ausser dem ersten noch andere Individuen enthält im Widerspruch zu der Annahme, dass sie nur eines enthalte, nämlich eine „ singuläre “Klasse sei. Sind A und B dergestalt eindeutige Zahlzeichen, so könnte die Subsum - tion A ⋹ B, in der Gestalt der Relation A ≦ B geschrieben, doch nur als Gleichung gelten, es müsste dann A = B selbst sein. Als Behauptung140Erste Vorlesung.hingestellt, würde jene Relation dann allerdings noch richtig bleiben, jedoch weniger sagen, wenn man das Zeichen < in ≦, statt als „ untergeordnet “, nun als „ kleiner “interpretirte. Sooft aber solche Relation A ≦ B als Vor - aussetzung hinzustellen wäre, müssten die beiden fraglichen Interpretationen von < einen Unterschied geben: es wäre im erstern Falle die Annahme „ A kleiner als B “durch die Relation ausgeschlossen, im zweiten aber zu - gelassen. Und anderes mehr.
Unstreitig wird es also praktischer sein, für die Unterordnung ein von dem Zeichen < verschiedenes Zeichen zu wählen. Wenn nun dieses fragliche Zeichen mit Rücksicht auf die Anforderung, dass dasselbe beim Vor - und Rückwärtslesen muemonisch interpretirbar sei, ebenfalls zwei divergirende Äste besitzen soll, so müssen dieselben gekrümmt genommen werden, und bleibt (bei Wahrung der Symmetrie des Zeichens in vertikaler Richtung, d. i. um die horizontale Axe) gewissermassen nur die Möglich - keit übrig, dasselbe dem von uns gewählten Parabel - (oder Hyperbel) bogen ähnlich zu gestalten — in Anbetracht, dass ein Zeichen wie ≺ bereits vergeben erscheint, nämlich nach Paul Du Bois Reymond's Vor - schlag eine eigentümliche Verwendung zur Darstellung infinitärer Beziehungen bereits gefunden hat und auch am besten findet.
Man könnte höchstens noch unserm Zeichen anstatt des Scheitels eine Ecke geben: ⊂, wodurch es sich aber weniger deutlich von dem Zeichen < abheben würde — ein Punkt indess, über den ich mit niemand streiten will. [Verwendeten wir statt des Parabelbogens einen Kreisbogen, so würde dadurch ein oft störender Parallelismus mit etwaigen Klammerhaken der hinter das Zeichen tretenden Ausdrücke bewirkt werden.]
Das Zeichen ⋹ wurde 1873 von mir eingeführt1. Umfassende An - wendungen von den durch dasselbe ausgedrückten Beziehungen der Sub - sumtion möchten wol l. c. zum ersten mal auf (sozusagen) extralogischem Gebiete gemacht sein. Ich habe jenes mit noch einem andern Zeichen, auf das wir einzugehen haben werden, daselbst verwendet, um ein geschmeidiges Rechnen mit vieldeutigen Zahlenausdrücken auszubilden, Prinzipien und Methoden für solches zu entwickeln.
Herr Peirce verwendet dafür das in Amerika bereits ziemlich ein - gebürgerte Zeichen ⤙, welches allerdings drei Jahre früher von ihm eingeführt worden ist; doch haben vor ihm auch Augustus De Morgan und Andere sich schon be - sondrer von den angeführten differirender Zeichen für die gedachte Be - ziehung bedient.
Ich meine, dass nicht Rücksichten auf die mehr oder weniger zufällige Priorität eines Bezeichnungsvorschlages, sondern lediglich sachliche Zweck - mässigkeitsrücksichten den Ausschlag dafür geben sollten, welcher Vorschlag etwa allgemein anzunehmen wäre. In dieser Beziehung könnte ich schon die vorstehende Auseinandersetzung für sich selbst reden lassen. Besonders möchte ich jedoch noch darauf aufmerksam machen, dass ein vorgeschlagenes Beziehungszeichen nicht blos für sich allein in Betracht zu ziehen ist, sondern141§ 2. Darstellbarkeit der Urteile als Subsumtionsurteile.auch als ein Glied eines vollständigen Systems von Zeichen für sämtliche logischen Grundbeziehungen. Sollten letztere — immerhin, wie wir sehen werden, zehn, oder, wenn man die vor - und rückwärts verschieden aus - sehenden gesondert zählt, vierzehn an Zahl — überhaupt planmässig, ratio - nell bezeichnet werden — und dies erscheint bei ihrer grossen Anzahl durchaus wünschenswert — so wird sich zeigen lassen, dass mein Vorschlag nicht nur zweckentsprechend, sondern auch fast der einzige ist, der thunlich erscheint. Vergl. die spätere Besprechung der sämtlichen Zeichen in § 34 sq.
Jedenfalls dürfte sich's empfehlen, auf die Gestaltung neu einzuführender Zeichen eine grosse Sorgfalt zu verwenden. Denn ist ein ungeschickt ge - wähltes Zeichen einmal wirklich eingebürgert, so möchte wol eine Abhülfe kaum minder schwierig durchzuführen sein, als etwa der Plan, den Schienen - weg, Fahrdamm einer unzweckmässig gelegten Eisenbahnlinie wieder in fruchtbares Ackerland zu verwandeln!
Ich schliesse diesen Exkurs mit der Anführung eines in der Über - setzung von mir etwas gemilderten Ausspruchs von A. De Morgan, nach Peirce's von mir geteilter Ansicht, eines der scharfsinnigsten Logiker, die existirten. Derselbe stellt am Schlusse seines Syllabus3 die beiden folgenden Thatsachen einander gegenüber.
Erstens: die Logik ist die einzige Disziplin, welche seit dem Wieder - aufleben der Wissenschaften (since the revival of letters) keine entsprechenden Fortschritte gemacht hat.
Zweitens: die Logik, ganz allein, hat keinen Zuwachs an Zeichen (symbols) hervorgebracht.
Er sagt geradezu „ keine Fortschritte “, was bekanntlich auch Kant mit aller Schärfe behauptet.
Es erübrigt uns noch, nachzusehen, inwiefern jedes Urteil als ein „ Subsumtionsurteil “angesehen werden kann. Zunächst wenigstens wird dies für die kategorischen Urteile zu zeigen sein.
Für nicht-kategorische, nämlich die aus verschiedenen Teilsätzen mittelst Konjunktionen — wie: „ wenn ‥, so ‥ “, „ entweder ‥, oder “, „ weder ‥, noch “, „ nicht nur ‥, sondern auch ‥ “, „ folglich “, „ weil “, und andere — zusammengesetzten Urteile kann erst im Lauf der Entwickelung unsrer Theorie nach und nach dargethan werden, dass und auf welche Weise sie ihrem logischen Gehalte nach vollständig darstellbar sind mit Hülfe des Subsumtionszeichens selbst oder auch anderer Zeichen, deren Bedeutung jedoch auf den Subsumtionsbegriff zurückführbar ist, welche sich in der That aus dem letztern ableiten, auf Grund desselben definiren lassen.
Als „ Ding “oder Objekt des Denkens, von welchem in einem Satze etwas ausgesagt wird, und welches demnach dessen „ Subjekt “bildet, kann auch ein selber als Satz formulirtes Urteil auftreten und ebenso kann dasjenige, was von jenem prädizirt wird, bestehen in der Hervor -142Erste Vorlesung.hebung einer Beziehung, in der ein zweites Urteil zu jenem ersten steht. Dergleichen Urteile, welche anstatt von beliebigen andern Dingen zunächst selbst wieder nur von Urteilen handeln, nehmen in der Lehre von den Urteilen eine bevorzugte, eine Sonderstellung ein.
Dahin gehören vor allem die sog. „ hypothetischen “(vergl. § 28) und die „ disjunktiven “Urteile (vergl. § 15 und 31), ferner aber auch Urteile, welche, indem sie z. B. Verba wie „ können “oder „ müssen “, oder Adverbia, wie „ vielleicht “etc. enthalten, auf die Möglichkeit oder Notwendigkeit der Zulassung eines gewissen Urteils hinweisen, im Grunde also auch nur von diesem selbst etwas unmittelbar prädiziren, erst mittelbar auch über die Dinge aussagen, welche dieses Urteil betrifft (vergl. § 54); endlich gehören dahin die im Sinne Sigwart's aufgefassten „ verneinenden “Urteile (Urteils - verneinungen — vergl. § 15 und 31).
Alle solchen Urteile werden von Boole sekundäre oder Urteile der zweiten Klasse genannt und gegenübergestellt den primären oder Urteilen der ersten Klasse (zu denen im allgemeinen die kategorischen gehören), welche nämlich nicht implicite erst von Urteilen sondern sogleich von den Dingen selbst handeln. Als die einfacheren haben wir vorerst nur diese letzteren zu betrachten.
Auch für die kategorischen Urteile müssen wir jedoch im Hinblick auf den fast unerschöpflichen Reichtum der Wortsprache und ihrer Ausdrucksmöglichkeiten darauf verzichten, die Aufgabe der Erbringung fraglichen Nachweises hier mit dem Anspruch auf formelle Vollständig - keit zu lösen. Wir begnügen uns — und dies dürfte auch genügen — an der Hand einiger Beispiele nur für die vornehmsten Ausdrucks - formen der Sprache zu erläutern und Anleitung zu geben, in welcher Weise die Darstellung zu vollziehen ist.
Besonders kommt es dabei uns noch darauf an, das Verfahren auch gegen unbillige Beurteilung in Schutz zu nehmen.
Im Urteil gibt sich ausser dem, was wir seinen „ logischen Gehalt “nennen, oft ein gutes Teil von Stimmung, Gefühl und Absicht, Streben des Redenden kund und ruft Verwandtes (oder auch Entgegengesetztes) hervor in dem, der es vernimmt. Je nach der Form seiner sprach - lichen Einkleidung bleibt dabei oft mancherlei „ zwischen den Zeilen zu lesen “(vergl. des Dichters: „ Was er weise verschweigt, zeigt mir den Meister des Stils “sowie das geflügelte Wort: „ Man merkt die Absicht und man wird verstimmt “u. a.). Es legt der Satz häufig Neben - gedanken nahe, auf deren Gestaltung schon die Art und Weise seiner Betonung von grossem Einfluss sein kann; gewisse Gedanken bereitet der Satz vor zu leichterer Erweckung, wofern er sie nicht selbst schon völlig wachruft, für andere präjudizirt er hemmend und vorbeugend. 143§ 2. Darstellbarkeit der Urteile als Subsumtionsurteile.Man wird z. B. dessen inne, wenn man im nächsten besten (Frage) - Satze die Emphase, den Nachdruck der Reihe nach auf's erste oder aber zweite u. s. w. bis letzte Wort legt.
Z. B. „ ‥ Wenn Sie den Mut haben! “ „ Hat er die Lisette geheiratet? “ Etc.
Ich will dabei nicht reden von Fällen, wo die Betonung geradezu den Sinn des Satzes selbst verändert, wie der bekannte Ausspruch: „ von der Seite kannt 'ich dich noch nicht “dies erfuhr, als ein schlechter Schau - spieler mit der Betonung: „ von der Seite kannt' ich dich noch nicht “den - selben deklamirte. Ich will nur reden von den Wirkungen des Satzes, die unbeschadet seines logischen Gehaltes nebenher gehen können. So sagt z. B. der Ausdruck „ Meine Wenigkeit “logisch nicht mehr als „ ich “; ersterer aber hat einen Beigeschmack von affektirter Bescheidenheit. Etc.
Von einem mitunter ganz beträchtlichen Teil dieses lebendigen Inhaltes, des „ psychologischen Gehalts “des Urteils sieht ohnehin die Logik ab — nicht nur die unsrige, die Logik des Umfanges, sondern die Logik überhaupt. Diese kümmert sich um das Urteil nur insofern, als es mit dem, was es ausdrücklich ausspricht, wahr oder falsch ist, resp. durch die Konsequenz zu denken geboten oder weiteres zu denken nötigend.
Wie aber der „ logische Gehalt “des Urteils hienach nur als ein Aus - zug, ein Excerpt aus dessen sprachlich angedeutetem Gehalte erscheint, so verhält sich wol auch schon dieser zu dem ihm zugrunde liegenden Gedanken und mag der Dichter (Victor v. Scheffel) recht haben, wenn er sagt:
Dieser Auffassung gemäss soll nun auch nicht behauptet sein, dass durch die beabsichtigte Darstellung eines Urteils als Subsumtion dasselbe etwa nach seiner psychologischen Natur genauer dargelegt, dass es damit in irgend einer andern als eben nur der logischen Hinsicht angemessener oder besser dargestellt werde!
Als Beispiel betrachte man das Urteil: „ Die Wanderheuschrecken haben ihre Ohren an den Waden “. Wir bestehen darauf, dass dieses logisch äquivalent ist mit dem Satze: „ Die Klasse der Wanderheu - schrecken ist enthalten in der Klasse der Geschöpfe (Wesen oder über - haupt „ Dinge “), welche (ihre) Ohren (Gehörorgane) an (den) Waden tragen “. Keineswegs jedoch soll damit etwa unterstellt oder für die Auffassung plädirt werden, als ob der Hörer in seinem Geiste bereits vorgebildet habe die Vorstellung einer Klasse von Wesen, die das Gehörorgan an der unteren Hälfte der Extremitäten besitzen, und dass er nun, nachdem er durch das Urteil von der Thatsache in Kenntniss144Erste Vorlesung.gesetzt ist, in diese vorrätige Klasse auch einfach diejenige der Wander - heuschrecken „ einordne “.
Im Gegenteil: die Thatsache wird wol den meisten Lesern über - raschend und neu sein, so wie es z. B. auch in weiteren Kreisen un - bekannt sein mag, dass eine Krebsart, Mysis, das Gehörorgan sogar an den Schwanzflossen trägt. Ein solches Urteil wird uns nicht schon im Besitz der Prädikatklasse antreffen, sondern uns höchstens Veran - lassung werden, dass wir eine solche Klasse erst aufstellen. Wesent - lich wird jenes Urteil nur unsern Begriff von den Wanderheuschrecken berichtigen oder vervollständigen, uns nötigend, diese Tiere, während wir bislang bei ihnen an Gehörorgane vielleicht niemals gedacht haben, fortan mit Trommelfellen, Tympanums, zu beiden Seiten jedes Schien - beins*)Diese Ausdrucksweise ist begreiflich eine anthropomorphistische. Bei Insekten, Heuschrecken von „ Waden “zu reden ist jedoch in der Zoologie rezipirt. ausgestattet zu denken.
Auch der sprachliche Ausdruck unsrer als Beispiel gewählten Aus - sage ist durch die Umschreibung nur schwerfälliger geworden. Un - streitig aber gibt diese Umschreibung doch die nämliche Information wie die ursprüngliche Aussage, und ihr Vorzug besteht darin, dass sie die Beziehung zwischen dem Subjekt - und dem Prädikatbegriffe rein nach deren Umfangsverhältnisse darstellt, wodurch diese Beziehung in der auf das Subsumtionszeichen gegründeten Zeichensprache, in Gestalt von a ⋹ b, nunmehr ausdrückbar wird. Und die Vorteile solcher Aus - drucksweise — wo immer es sich um logische Fragen handelt — werden im weiteren Verfolg unsrer Theorie genugsam zutage treten.
Ähnliche Bemerkungen, wie an das Vorhergegangene, würden nun auch mutatis mutandis an manche der nachfolgend anzuführenden Bei - spiele sich anknüpfen lassen; indess werden wir nicht mehr ausdrück - lich darauf hinweisen.
Eines aber sei hier noch hervorgehoben: in Bezug auf verneinende Urteile.
Es ist geltend gemacht worden, die durch eine Verneinung geforderte permanente Sonderung, Auseinanderhaltung oder Trennung von Merkmalen sei so wesentlich verschieden von der durch ein be - jahendes Urteil angeregten Verknüpfung solcher, dass es keinen Wert habe, beide Operationen unter demselben Gesichtspunkt zu betrachten, unter ein gemeinsames Schema sie zu bringen. Dies aber dürfte doch absprechend, vorschnell geurteilt sein.
Sagen wir z. B. „ das Wasser sei nicht zusammendrückbar (inkompres -145§ 2. Darstellbarkeit der Urteile als Subsumtionsurteile.sibel) “, so fordern wir psychologisch, dass die Vorstellung, das Merkmal der Zusammendrückbarkeit, wie es elastischen und namentlich elastisch flüssigen Körpern zukommt, ausgeschieden werde aus dem Begriff des Wassers, falls es etwa irrtümlich in denselben aufgenommen worden sein sollte, und andernfalles, dass diese Vorstellung seiner Bildung wenigstens fern bleibe, dass sie nicht in die Vorstellung des Wassers eingehe.
Nun lässt auch dieses Urteil als eine Subsumtion sich ansehen, be - sagend, dass die Klasse der als „ (flüssiges) Wasser “zu bezeichnenden Dinge enthalten sei in, gehöre zu der Klasse der nicht zusammendrückbaren Sub - stanzen oder Dinge.
Diese Umformung des Urteils geschieht auch hier der logischen Technik zuliebe und sie hat den gleichen Wert wie in den übrigen Fällen; sie wird erforderlich sobald man auf die Umfangsbeziehungen zwischen dem Subjekt - und dem Prädikatbegriffe reflektiren will (und zwar, wie man später sehen wird, einerlei, ob man als letzteren das Merkmal der Zusammendrückbarkeit oder aber das der Inkompressibilität gelten lassen mag).
Und solcher Reflexion kann ein wissenschaftlicher Wert ebenso - wenig abgesprochen werden, als etwa der einseitigen Hervorhebung der chemischen Zusammensetzung (oder vielleicht der Gewichtsverhält - nisse) von Substanzen, deren eine aus den andern als eine Verbindung hervorgeht.
Des weiteren wären hiezu noch die unter δ3) der Einleitung an - gestellten Betrachtungen heranzuziehen.
Man wird finden, dass, wer da gegen das Verfahren der Logik des Umfanges eifert, allemal dabei aus der Rolle des Logikers eigent - lich herausfällt, nämlich anstatt daran festzuhalten, dass es dieser um normative Bestimmungen, um einen Kanon des Denkens zu thun sein muss, sich (unbewusst) auf den Standpunkt stellt, als ob es vielmehr ankäme auf eine naturwissenschaftliche Analyse der psychologischen Vorgänge beim wirklichen Denken. Namentlich hat die exakte Logik oft Veranlassung, sich von der Sprachform zu befreien; „ denn wie sehr auch die letztere — sagt treffend Fr. A. Lange1 p. 94 — sich dem natürlichen und gewöhnlichen Denken anschmiegt, so ist es doch nicht Sache der Logik, dieser Natürlichkeit zu huldigen, sondern viel - mehr zu scheiden und klar zu stellen, was wirklich logisch ist in den Gebilden der Sprache und was nicht. “
Nach diesen Vorbemerkungen können wir unsrer eigentlichen Auf - gabe, die nun erhebliche Schwierigkeiten nicht weiter darbietet, jetzt näher treten.
Zunächst gibt es Fälle, wo die Subsumtion (auch) nicht den vollen (logischen) Inhalt des kategorischen Urteils wiedergibt.
Schröder, Algebra der Logik. 10146Erste Vorlesung.Dies tritt dann ein, wenn in dem Urteil ein Fingerzeig enthalten ist, ob die Kopula Unterordnung oder ob sie Gleichheit bedeutet, wenn das Urteil selbst die eine von diesen beiden Interpretationen ausschliesst. Sagen wir z. B.
„ 1001 ist eine von den durch 11 und 13 teilbaren Zahlen “, oder auch:
„ Santorin ist eine von den zahlreichen Inseln im griechischen Archipel “, so erscheint zwischen Subjekt und Prädikat die Beziehung der identischen Gleichheit ausgeschlossen, und drückt das Urteil eine wirkliche Unter - ordnung aus. Es wird hier eben im Urteil selbst das Prädikat als eine Mehrheit von Individuen gegenüber dem als eine Minderheit (vorhin sogar als nur ein Individuum) sich darstellenden Subjekte hingestellt.
Sehen wir dagegen das Prädikat mit dem bestimmten Artikel verbunden (der allerdings, wie schon erwähnt, in manchen Sprachen, wie im Lateinischen und Russischen fehlt), oder wird — was wesentlich auf dasselbe hinaus - kommt — das Prädikat mit dem hinweisenden Fürwort (pronomen demon - strativum) „ der -, die -, dasjenige “(im Plural „ diejenigen “) eingeleitet, so beansprucht und erhält die Kopula die assertorische Kraft des Gleichheits - zeichens, versichert die Identität zwischen Subjekt und Prädikat und schliesst die Unterordnung aus. Z. B.
Hierher gehören auch die Fälle, wo das Prädikat ein Eigenname ist, also nicht — wie es sonst als die Regel erscheint — einen allgemeinen Begriff, sondern etwas Individuelles, ein spezielles Objekt des Denkens be - zeichnet, z. B.
In dieser besondern Art von „ singulären “Urteilen drückt die Kopula ebenfalls die Identität des Subjektes mit dem Prädikate aus.
Dasselbe gilt von Aussagen wie „ 2 mal 2 ist 4 “, wo das Prädikat ein Zahlenindividuum ist und die Kopula die Versicherung der arithmetischen Gleichheit zwischen Subjekt und Prädikat gibt, die hier übrigens mit der identischen Gleichheit in gewissem Sinne zusammenfällt (sofern es üblich ist, alle einander gleichen Zahlen durch ein einziges den Zahlenort mar - kirendes Zahlenindividuum vertreten zu lassen).
Zu den hiermit gekennzeichneten Fällen treten noch solche von spe - ziellerem Charakter hinzu, die man passend als die „ Grenzfälle “bezeichnen kann, wo nämlich „ nichts “oder „ etwas “resp. „ alles “als Subjekt, be - ziehungsweise Prädikat auftritt (wie z. B. bei dem Satze: „ dies ist alles “). Diese werden wir erst in einer späteren Vorlesung (§ 9) berücksichtigen.
Wird das Subjekt mit a, das Prädikat mit b bezeichnet, so ist a ⊂ b der volle Sinn der Aussagen ersterer und a = b derjenige der Aussagen letzterer Art. In beiden Fällen gilt also gewiss die Subsumtion a ⋹ b147§ 2. Darstellbarkeit der Urteile als Subsumtionsurteile.und drückt wenigstens einen Teil des (logischen) Inhalts unsrer Urteile richtig aus.
Zu derselben muss aber, um die Urteile vollständig wiederzugeben, noch etwas hinzugefügt werden, und zwar in dem zweiten, dem Falle der Gleichheit a = b, wo eben das Urteil auch umgekehrt gilt, invertibel oder reziprokabel erscheint, ist zu der Subsumtion a ⋹ b noch eine zweite Sub - sumtion b ⋹ a hinzuzusetzen.
Was zu der Subsumtion a ⋹ b noch anzumerken ist, damit die Unter - ordnung a ⊂ b vollständigen Ausdruck finde, werden wir erst sehr viel später in's Auge fassen (17. Vorlesung.).
Es gehören eben die angeführten Fälle, wenngleich sie in grammati - kalischer Hinsicht, d. i. schlechtweg, zu den einfachen Urteilen zählen mögen, doch zu den „ in logischer Hinsicht zusammengesetzten “(so wenigstens vom elementarsten Standpunkte aus betrachtet).
Verweilen wir nur mehr bei den auch im engsten Sinne „ ein - fachen “Urteilen — das sind diejenigen, in welchen die Frage nach der Umkehrbarkeit des Urteils unbeantwortet gelassen ist — bei welchen also es offen bleibt, ob das durch Vertauschung von Subjekt und Prädikat sich ergebende Urteil gilt oder nicht gilt, nämlich dieser Umstand — wenn auch vielleicht nebenher bekannt oder aus der Sache ersichtlich — doch in dem Urteil selbst nicht ausgedrückt erscheint.
Hier — behaupteten wir — kann man immer Subjekt und Prädi - kat als Klassen auffassen und den logischen Gehalt des Urteils da - durch vollkommen wiedergeben, dass man es interpretirt als die Ver - sicherung (Assertion): Die Subjektklasse ist ganz enthalten in der Prädikatklasse. Man wird demnach auch sprachlich durch geeignete Umschreibung — ohne dadurch den logischen Gehalt des Urteils zu alteriren — die Kopula immer auf das Wörtchen „ ist “hinausspielen können.
Hiezu ist es freilich erforderlich, den Begriff der „ Klasse “nicht allzu enge zu fassen.
An schwach besuchten Schulanstalten kann es vorkommen, dass eine Schülerklasse auch einmal nur einen Schüler besitzt, vielleicht sogar gar keinen. Analog diesem schon im gemeinen Leben vor - kommenden Präcedenzfalle werden wir hier das Wort „ Klasse “immer in solchem Sinne nehmen, so weit fassen, dass auch der Fall zugelassen erscheint, wo die Klasse nur ein Individuum enthält, sich auf ein solches beschränkt, in ein solches gewissermassen zusammenzieht. Sogar dem „ Nichts “als dem Fall einer gar kein Individuum ent - haltenden oder leeren Klasse werden wir späterhin seinen Platz unter den Klassen einräumen.
Im übrigen wollen wir, was unter einer „ Klasse “und was unter einem „ Individuum “zu verstehen sei, zunächst nicht weiter erörtern. 10*148Erste Vorlesung.Jedermann versteht, was gemeint ist, wenn man spricht von der Klasse der Säugetiere, einer Klasse, von der jedes einzelne Säugetier ein Indi - viduum vorstellt, oder von der Klasse der Dinge, welche diese oder jene Eigenschaften besitzen. Zum Überfluss mögen hierzu die Betrach - tungen unter δ2) und ν2) der Einleitung nachgesehen werden:
Wir sind im stande irgend welche Objekte des Denkens als „ Indi - viduen “zu einer „ Klasse “zu vereinigen („ zusammenzufassen “).
Allein nur (scheint es) einander (unmittelbar) widersprechende Sätze, je mit der Überzeugung von ihrer Richtigkeit verbunden, machen hie - von eine Ausnahme. Kann auch jeder, für sich, für wahr gehalten werden, z. B. der Satz: „ Der Mond ist bewohnt “, sowie der Satz: „ Der Mond ist unbewohnt “, so können sie doch nicht zusammengefasst werden zu einer „ Klasse von Wahrheiten “.
Und auch ein Individuum mögen wir bezeichnen als eine Klasse, welche eben nur dieses Individuum selbst enthält. Ein jedes Gedanken - ding kann zu solchem Individuum gestempelt werden.
Dem wissenschaftlichen Begriff des Individuums werden wir indess gelegentlich noch näher treten (22. Vorlesung).
Auch jene Klasse aber, die selber eine Menge von Individuen umfasst, kann wieder als ein Gedankending und demgemäss auch als ein „ Individuum “(im weiteren Sinne, z. B. „ relativ “in Bezug auf höhere Klassen) hingestellt werden. Wenn wir jedoch von einem Individuum „ im absoluten (engeren) Sinne “reden, so verstehen wir darunter ein Objekt des Denkens, dessen Name als ein Eigenname und nicht als ein Gemeinname gehandhabt wird (vergl. den Teil B unsrer Einleitung).
Nach dem Gesagten kann das Subjekt des Urteils, wenn es ein Haupt - wort ist, ohne weiteres als eine Klasse aufgefasst werden, desgleichen, wenn dieses Hauptwort etwa durch Beiwörter oder Relativsätze näher be - stimmt, determinirt erscheint.
Dasselbe ist der Fall, wenn das Subjekt aus mehreren durch Kon - junktionen, wie „ und “, „ oder “, „ sowie “etc. verbundenen Substantiven oder Nomina besteht. Z. B. „ Gold und Silber sind Edelmetalle “heisst: Jede als Gold oder Silber sich erweisende Substanz ist ein Edelmetall; die Klasse jener Substanzen ist enthalten in der Klasse dieser, der Edelmetalle. Den logischen Gehalt der meisten Konjunktionen werden wir übrigens noch zum Gegenstand eines speziellen Studiums machen, und ist zu empfehlen, dass man namentlich die Betrachtung von Sätzen wie: „ Entweder a oder b ist c “, „ Weder a noch b ist c “vorerst zurückstelle. Zur Stelle auf diese einzugehen würde später nur zu Wiederholungen uns nötigen.
Nachdem unter ξ1) der Einleitung der Gebrauch von Wörtern in der „ suppositio nominalis “ausgeschlossen worden, konnte als Subjekt des Urteils149§ 2. Darstellbarkeit der Urteile als Subsumtionsurteile.nur mehr auftreten ein Hauptwort, Pronomen, oder Verbum; auch kann das Subjekt durch einen Relativsatz vertreten sein.
Von Verben wird häufig die Infinitivform auch substantivisch gebraucht und kann als Subjekt eines Satzes stehen, wie z. B. in „ Schwimmen ist eine Kunst “, wo „ Schwimmen “auch durch „ das Schwimmen “ersetzbar ist — im Englischen steht die Partizipialform „ swimming “, im Französischen das Hauptwort „ la nage “. Offenbar wird hier etwas ausgesagt von einer Klasse menschlicher Thätigkeiten resp. Fertigkeiten, nämlich vom Schwimmen; von ihr wird behauptet, dass sie enthalten sei in der Klasse derer, die „ eine Kunst “sind, d. i. eigens erlernt und durch Übung gefestigt werden müssen von Jedem, der sie erlangen will. Vergl. auch „ Tadeln ist leicht, schwerer ist Besser-machen “; d. i. (die Thätigkeit des) Tadeln (s) gehört zu der Klasse der „ leicht “auszuübenden Thätigkeiten, in diesem dem übertragenen Sinne überhaupt zur Klasse der „ leichten Dinge “. Man sieht an diesem Beispiele, wie die Einschaltung eines solchen im Urteil selbst gar nicht erwähnten Hülfsbegriffes, hier desjenigen der „ Thätigkeit “, erforderlich werden kann, um dem Doppelsinn des Prädikatnamens zu steuern, einer falschen Deutung desselben vorzubeugen. Im letzten Teil des Satzes geht das Prädikat dem Subjekte voran: Etwas besser machen (als es gemacht worden ist) ist ent - halten in der Klasse der Thätigkeiten (resp. Dinge), welche schwerer sind (im übertragenen Sinne) als das Aussprechen eines Tadels über die erfolgte Ausführung. Etc.
Desgleichen kommen im Deutschen als Subjekt von Sätzen auch Verba vor im Partizip, wie in: „ Vorgethan und nachbedacht hat Manchen in gross Leid gebracht “. In diesem Sprüchwort ist das Subjekt offenbar die Klasse der Fälle, in welchen ein Mensch erst nach impulsivem Handeln über dieses nachdachte. Es ist von dieser Klasse behauptet, dass sie ent - halten sei in der Klasse derjenigen Handlungen, die ihrem Urheber grosses Leid brachten — aber, müssen wir hinzufügen, nicht ganz, sondern nur zu einem ansehnlichen Teile, denn durch das unbestimmte, hier als Pronomen stehende Zahlwort „ Manchen “ist das Urteil obendrein zu einem „ parti - kularen “gestempelt, so wie es and erwärts auch durch den Beisatz von Adverbien, wie „ manchmal, bisweilen, oft, häufig, selten, nicht immer “etc. zum Prädikate zu geschehen pflegt. Die eigentliche Subjektklasse ist hier jener unbestimmte Teil der angeführten Klasse.
Auch in den Fällen, wo ein Relativsatz das Subjekt des Satzes ver - tritt, wird nun der Leser leicht das Urteil nach dem Umfangsverhältnisse vom Subjekt - und Prädikatbegriffe analysiren. Die Beispiele: „ Was uns im innersten erregt, pflegt bleibenden Eindruck zu hinterlassen “, sowie Schiller's „ Was kein Verstand der Verständigen sieht, das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt “mögen dazu anregen. Beide sind „ partikulare “Urteile, worauf im ersten Satze das Verbum „ pflegt “hinweist: Subjektklasse wird hier sein der grössere Teil der Erlebnisse, welche eine tiefgehende Emotion verur - sachen. Das zweite Urteil ist allerdings nicht der Form nach als parti - kular anzusehen, sondern nur im Sinne des Dichters, wofern man demselben nicht eine viel zu weit gehende Behauptung in den Mund legen will.
Abgesehen von Fällen der erwähnten Arten haben wir es beim Sub - jekt nur mehr mit einem Hauptwort oder aber Fürworte zu thun.
150Erste Vorlesung.Dass ersteres eine Klasse vorstellt, wurde bereits dargethan. Es sind hiezu nur noch ein paar Bemerkungen angezeigt im Hinblick auf dessen etwaige Begleitworte.
Ausser Adjektiven und Relativsätzen können mit dem Hauptwort auch noch verbunden sein irgendwelche Zahlwörter (numeralia). Z. B. „ 4 Birnen und 3 Äpfel liegen auf dem Tische “, „ Der dritte und der fünfte Mann soll vortreten “, etc. Nun dann kennzeichnet sich das Subjekt ohne weiteres als eine Klasse (sogar im engsten Sinn dieses Wortes).
Ähnlich verhält es sich, wenn sogenannte unbestimmte Zahlwörter (numeralia indefinita) mit dem Hauptworte verbunden sind. Solche sind z. B. „ einige (etliche), manche, mehrere, viele, wenige, häufige, die meisten, gewisse “, etc.; und die Anwendung dieser stempelt, wie schon unter χ2) der Einleitung erwähnt, das Urteil zu einem sog. „ besondern “oder „ parti - kularen “— im Gegensatz zum „ allgemeinen “oder „ universalen “Urteile, in welchem das Subjekt als Ganzes angeführt oder von dem unbestimmten Zahlwort „ alle “, in der Singularform vom adjektivischen Pronomen „ jeder “, „ irgend ein “begleitet erscheint.
Sagen wir: „ Einige Menschen sind klug “, so ist das Subjekt eine Klasse, bestehend aus einer unbestimmten Anzahl, aus „ einigen “Menschen und diese Klasse wird hingestellt als ganz enthalten in der Klasse der „ klugen “Wesen. Bezeichneten wir die erstere Klasse mit a', die letztere mit b, so hätten wir auch hier eine Subsumtion: a' ⋹ b.
Wenn wir nun ferner die Klasse der nicht-klugen (eventuell unklugen) Wesen mit b1 bezeichnen, so dürfen wir aber das ebenfalls richtige Urteil „ Einige Menschen sind nicht klug “jetzt durchaus nicht mit a' ⋹ b1 dar - stellen, weil das Subjekt dieser letzteren Aussage, obwol in Worten gleich - lautend, homonym benannt, doch ein ganz anderes ist, als das der vorigen. Hierdurch würde nämlich ein Doppelsinn des Symboles a' geschaffen; das - selbe würde der fundamentalen in der Wissenschaft an jedes Zeichen zu stellenden Anforderung der Einsinnigkeit [vergl. σ1 ‥ χ1) der Einleitung] nicht mehr genügen — und in der That wird es für unsre Zeichensprache noch viel verfänglicher erscheinen als in der Wortsprache, Verschiedenes mit dem gleichen Zeichen in einer Untersuchung zu benennen. Hier müssten wir also für das Subjekt der zweiten Aussage ein neues Zeichen a' 'wählen, dieselbe durch eine Subsumtion a'' ⋹ b1 darstellen, um Verwechselungen der beiden Subjekte vorzubeugen, welche ja in einundderselben Betrachtung auch nebeneinander vorkommen könnten, vielleicht zusammen aufzutreten bestimmt sind.
Wie jene beiden partikularen Urteile darzustellen sind, wenn a die Klasse der Menschen überhaupt und b, wie oben, die Klasse der klugen Wesen bedeutet, dies wird in spätern Untersuchungen eingehend dargelegt werden.
Einstweilen genüge die Einsicht, dass auch die partikularen Aussagen im Grunde nichts Anderes als Subsumtionsurteile sind. Indessen sei gleich hier schon angeführt, dass in Bezug auf sie die Fussnote auf S. 132 zutreffen wird.
Ist das als Subjekt figurirende Hauptwort mit einem adjektivischen Pronomen verbunden, wie dem besitzanzeigenden (pr. possessivum) in „ Sein Haus “‥ oder dem hinweisenden, wie „ Diese (Jene) Arbeiter “…, so dient dies auch nur zur näheren Bestimmung der Klasse.
151§ 2. Darstellbarkeit der Urteile als Subsumtionsurteile.Anders dagegen, wenn der sog. verneinende Artikel „ kein “mit dem Subjekt verknüpft erscheint. Sagen wir „ Kein Mensch ist vollkommen “, so ist durchaus nicht etwa Subjekt des Satzes „ Kein Mensch “und Prädikat desselben „ vollkommen “. Vielmehr ist der Satz, bevor er als Subsumtion gedeutet werden kann, erst umzuschreiben in den logisch damit äquiva - lenten: „ Jeder Mensch ist nicht-vollkommen “oder „ Alle Menschen sind un - vollkommen “, dessen Subjekt die ganze Klasse der Menschen und dessen Prädikat die Klasse der unvollkommenen Dinge oder Wesen bedeutet. Wie vorhin ein „ partikular “, so haben wir hier ein „ universell verneinendes “Urteil vor uns, und bis zur systematischen Behandlung der verneinenden Urteile überhaupt können wir uns mit der Erkenntniss begnügen, dass sie unter dem Gesichtspunkt der Umfangsbeziehungen ebenfalls blos auf Sub - sumtionen hinauslaufen.
Tritt ein substantivisch gebrauchtes Pronomen als Subjekt eines Urteils auf, so kann dasselbe als ein „ bezugnehmendes “(word of reference) stehen, wie „ es “, „ dasselbe “(das vorher genannte Ding) und ist dann lediglich Stellvertreter eines bestimmten nomen's, welches auch statt seiner wieder - holt werden könnte; es war dann im buchstäblichen Sinne ein pro-nomen.
Jenes kann aber auch ein persönliches Fürwort (pronomen personale) sein, in welchem Falle es ganz selbständig, ohne Bezugnahme auf vorher Erwähntes, auftreten mag als: „ Ich, du (Sie), er, sie, es, wir, ihr (Sie), sie. “ Hier kann die Kopula „ bin, bist, seid, sind “auch immer leicht auf „ ist “hinausgespielt werden, indem man statt „ ich bin “… doch sagen kann, „ der (resp. die) Redende, Sprecher, Verfasser, etc. ist “‥ und statt „ du bist “‥ als logisch vollkommen äquivalent sich sagen lässt: „ Der (oder die) Angeredete, Adressat, etc. ist “‥; „ wir sind “… heisst ja in des Wortes engster Bedeutung gewöhnlich nur: „ die Klasse der Personen, welche besteht aus dem Redenden und den Angeredeten, ist “‥, im weiteren Sinne: „ die Klasse der bereits erwähnten oder als bekannt vorauszusetzenden Personen mit Einschluss des Redenden oder als redend Dargestellten ist “‥; ebenso „ Ihr seid “‥ heisst: „ die Klasse der angeredeten Personen ist “‥ Etc.
Auch das unbestimmte persönliche Fürwort „ man “bezeichnet als Sub - jekt (und es steht nur als solches) doch nur eine gewisse Klasse von Per - sonen, desgleichen „ jemand “, „ jedermann “. Bei „ niemand “ist, analog wie dies in Bezug auf das ihm äquivalente „ kein Mensch “implicite schon aus - einandergesetzt wurde, die Verneinung zum Prädikat zu schlagen; für „ nie - mand weiss ob ‥ “ist als logisch äquivalent zu setzen „ jedermann ist dar - über unwissend, ob ‥ “. Etc. Auf Urteile, als deren Subjekt „ nichts “erscheint, kommen wir noch ausführlich zu sprechen.
Eine Bemerkung fordert endlich die dritte Person singularis des Neu - trums der persönlichen Fürwörter heraus, nämlich das Wörtchen „ es “, welches häufig als Subjekt von Urteilen auftritt. Das ist der Fall in den sogenannten impersonalen Urteilen.
Als eine wichtige Unterabteilung dieser letztern müssen wir zunächst die sog. „ Existenzialurteile “hervorheben, wie „ Es gibt (il y a, there are) … z. B. Metalle, die auf dem Wasser schwimmen “. Auch solche Urteile wür - den als Subsumtionsurteile sich ansehen lassen; z. B. das angeführte wäre zu deuten als: Gewisse Vorstellungen von Metallen die auf dem Wasser152Erste Vorlesung.schwimmen, sind enthalten in der Klasse derjenigen Vorstellungen, denen (als das Vorgestellte) Wirkliches entspricht. Der Klasse gedachter Dinge, denen Realität zukommt, welche existiren, wird auch hier eine Subjektklasse eingeordnet. Die Existenzialurteile gehören jedoch wieder zu denen, für welche die Fussnote auf S. 132 Platz greift, weshalb zu ihrer Einkleidung doch in unsrer Technik zu andern Mitteln wird gegriffen werden müssen und wir mit besondrer Sorgfalt auf dieselben zurückzukommen haben. Der vorstehenden Betrachtung kommt daher eine praktische Tragweite nicht zu sondern nur ein theoretischer Wert, sofern sie beiträgt vollends zu er - härten, dass wirklich alles Urteilen sich in Subsumtionen bewegt.
In vielen Fällen vertritt das Wörtchen „ es “blos provisorisch das Subjekt, welches dann ausführlicher hinter dem Prädikate beschrieben wird; z. B. „ es weht ein heftiger Wind “oder „ es ist bequem, Andere für sich arbeiten zu lassen “; so auch bei „ es ist leicht … “, „ es ist nützlich ‥ “. Etc.
Auch bei den impersonalen Urteilen im engsten Sinne des Worts, wie „ es regnet, donnert, blitzt “… „ es riecht nach Moschus “, „ es ist vier Uhr (Nachmittags) “etc. wird der Leser unschwer die Subjekt - und zugehörige Prädikatklasse ausfindig machen. So im ersten Beispiel: der gegenwärtige Zustand der Atmosphäre am hiesigen Platze ordnet sich ein in die Klasse der Zustände, die wir als Regen (wetter) bezeichnen; ein Geruch nach Moschus (etwas diesen Geruch Hervorrufendes) ist vorhanden in der uns umgebenden Luft (Existenzialurteil); der gegenwärtige Augenblick ist iden - tisch mit dem durch die Zeitbestimmung 4 Uhr Nachm. der hiesigen Ortszeit charakterisirten Momente. Und so weiter.
Nachdem wir so die wichtigsten Formen sprachlichen Ausdrucks durch - gegangen haben, welche beim Subjekt eines Urteils vorkommen mögen, er - übrigt es, ein gleiches in Bezug auf das Prädikat desselben zu thun.
Ist das Prädikat ein Substantiv mit oder ohne determinirende Neben - bestimmungen, oder auch ein Aggregat von solchen (mittelst Konjunktionen verbundenen), so liegt keine Schwierigkeit vor, sich den Umfang des Prä - dikatbegriffes oder die Prädikatklasse zum Bewusstsein zu bringen.
Desgleichen haben wir dazu wiederholt schon Anleitung gegeben für den Fall, wo das Prädikat ein Adjektivum ist — wie denn der Satz „ die Erde ist rund “nichts anderes aussagt als: die Erde gehört zu der Klasse der als „ rund “zu bezeichnenden Dinge, sie ist „ Etwas rundes “, ein rundes Ding. Nach diesem Vorbild konnte überhaupt ein Adjektivum allemal in die substantivische Form sogleich umgesetzt werden; die Adjektiva stehen den Substantiven am nächsten, erscheinen nur grammatikalisch von solchen verschieden. In der Thatsache allerdings, dass sie ihrer logischen Gleich - wertigkeit mit Substantiven ungeachtet, doch nicht allgemein wie diese als Subjekt eines Urteils stehen können, offenbart sich eine psychologische Eigentümlichkeit der Wortsprache — wie denn z. B. Mill hervorhebt, dass man nicht sagen könne: „ rund ist leicht zu bewegen “. *)Vereinzelte Ausnahmen kommen in Sprüchwörtern vor, wie: Allzuscharf macht schartig, u. a.— Obige Sub - stantivirung des Adjektivs ist auch gleichermassen ausführbar, in was immer für einem Grad oder Vergleichungsmodus dasselbe steht, einerlei ob im153§ 2. Darstellbarkeit der Urteile als Subsumtionsurteile.Positiv, Komparativ oder Superlativ. Auch Beispiele zu den letzteren Fällen wird man schon unter den vorstehend betrachteten finden.
Statt durch die vom Hülfszeitwort „ sein “abgeleitete Kopula mit dem Subjekt des Urteils verknüpft zu sein, ist das Prädikat desselben in den allermeisten Fällen mit einem Verbum konstruirt, und oft besteht es nur aus einem solchen.
Einerlei ob dieses Verbum transitiv — vielleicht ein reflexivum — oder intransitiv ist, ob es im Aktivum oder Passivum steht, auch einerlei in welchem Tempus, ob in einem Präteritum, im Präsens oder im Futu - rum, stets wird sich — sei es vermittelst einer Partizipialkonstruktion, sei es durch Zuhülfenahme eines Relativsatzes — das Urteil durch ein anderes vom selben logischen Gehalt umschreiben lassen, in welchem die Kopula „ ist “steht und das Prädikat als eine Klasse hervortritt, der die Subjekt - klasse sich einordnet. Es würde ermüdend sein, dies für alle Fälle durch - zusprechen, die sich in grammatikalischer Hinsicht irgend unterscheiden lassen, und werden ein paar Beispiele genügen.
„ Die Erde dreht sich “sagt das nämliche wie „ die Erde ist sich drehend (Etwas sich drehendes), sie ist in Rotation befindlich, enthalten in der Klasse der Körper oder Dinge, welche sich im Zustande der Drehung befinden “.
Der Satz „ Caesar wurde ermordet “passt sich nicht minder unserem allgemeinen Schema der kategorischen Urteile an, indem er besagt: die (singuläre) Klasse, bestehend aus dem einen Individuum (der bekannten histo - rischen Person des römischen Imperators) Caesar, ist enthalten in der Klasse der Personen, welche ermordet wurden.
„ Am 9. August 1896 wird eine totale Sonnenfinsterniss stattfinden “stellt sich bei Reflexion auf die Umfangsbeziehungen als das Subsumtions - urteil dar: „ Eine totale Sonnenfinsterniss ist enthalten in der Klasse der Ereignisse (Dinge), welche am 9. August 1896 stattfinden (werden) “. *)Es sei darauf aufmerksam gemacht, dass bei genauer Angabe eines Zeit - punktes oder eines Zeitraums, einer Epoche, ein unterscheidender Gebrauch der Temporalformen beim Verbum überflüssig wird, wie denn auch die Sprache meist das Präsens in solchen Fällen beibehält.In dieser Fassung erscheint indess das Urteil als ein „ unbestimmtes “, und es gibt sich in der Verbindung des Subjektbegriffes „ totale Sonnenfinster - niss “mit dem unbestimmten Artikel „ Eine “zu erkennen, dass das Urteil eigentlich ein „ Existenzialurteil “ist. Man könnte in der That mit der - selben logischen Tragweite auch sagen: „ Es gibt eine … Sonnenfinsterniss, welche auf den ‥ Aug. 1896 fällt “. Am angemessensten würde darnach (abermals als Subsumtion) das Urteil dahin zu interpretiren sein: Die Vor - stellung einer auf den 9. Aug. 1896 fallenden Sonnenfinsterniss gehört zu (ist enthalten in) der Klasse derjenigen Vorstellungen, denen Wirk - liches entspricht. Analog möge der Leser das Urteil interpretiren: „ In die Jahre 1870 und 71 fällt ein deutsch-französischer Krieg “.
Auch der abgekürzte Gefechtsbericht: „ Tote 20, Verwundete 100 “kann so einerseits als Existenzialurteil dargestellt werden; doch lässt er andrerseits auch sich als das umkehrbare Urteil deuten: Die Anzahl der bei jenem Gefechte (tot) Gebliebenen ist (einerlei mit, gleich) 20 u. s. w.
154Erste VorlesungDas in dem Rufe: „ Feuer! “niedergelegte Urteil dürfte ebenfalls wesent - lich als Existenzialurteil anzusehen sein. Und anderes mehr.
Dagegen würde das schon in B der Einleitung erwähnte Urteil: „ der Pegasus ist geflügelt “, sich logisch decken mit der Subsumtion: „ die (er - dichtete) Vorstellung vom (Dichterrosse) Pegasus ist enthalten in der Klasse der Vorstellungen von solchen Dingen (Wesen), welche als geflügelt zu bezeichnen “.
In der Regel geht in unsern Kultursprachen das Subjekt dem Prädi - kate voran, doch haben wir bereits auf Fälle hingewiesen, wo das Subjekt provisorisch nur durch „ es “vertreten erscheint, um ausführlichst hinter dem Prädikate beschrieben zu werden. Dahin gehörten auch die meisten Existenzialurteile, cf. „ Es war einmal ein König … “etc.
Fälle der umgekehrten Stellung beider Satzglieder kommen auch ausser - dem vor, jedoch verhältnissmässig selten, so namentlich bei anschaulich lebendigen Schilderungen vorwiegend sinnlichen Charakters — wie denn noch auf sinnlicher Stufe stehende Sprachen, z. B. Das Hebräische, das Verbum besonders gerne voranstellen (Sigwart), so auch im gemütlichen Erzählerton und in poetischen Wendungen. Vergl. z. B. „ Unaufhörlich donnerten die Lawinen, rollte der Donner, knatterte das Kleingewehrfeuer; unausgesetzt schien die Sonne “, „ Unaufhaltsam schreitet fort die Zeit “, etc. Der Satz: „ In Südafrika lebt das Erdferkel “kennzeichnet durch diese Stel - lung sich als ein partikulares Urteil und hat darum eine andere logische Tragweite, als der Satz: „ Das Erdferkel lebt in Südafrika “, welcher uni - versal, und falsch zu nennen wäre, da diese Tiere auch in Senegambien vorkommen.
Es muss dem Sprachgefühl des Lesers überlassen werden, allemal (auch bei der umgekehrten Stellung) das Subjekt ausfindig zu machen, dasselbe nebst dem Prädikate zu erkennen. — Man übe sich, etwa an Sentenzen, wie: „ Diejenigen verzeihen nie, die das Unrecht zugefügt haben “(They never pardon, who have done the wrong, Jevons), oder Goethe's: „ Was wir verstehen können wir nicht tadeln “etc., desgleichen an irgend - welchen Sätzen, wie „ Ich fühle mich jetzt besser “; „ So hat er gesagt “(= Das eben Vernommene ist übereinstimmend mit dem, was er, damals, gesagt hat — De Morgan); „ Hans ist allein zuhause “(= die Klasse der zuhause befindlichen Personen ist identisch der singulären Klasse „ Hans “) — die beiden letzten, wie man sieht, umkehrbare Urteile. Etc. —
Es ist darüber gestritten worden, ob ein Urteil wie „ dieser Hund ist ein laufender “genau denselben Gehalt habe wie das Urteil „ dieser Hund läuft “. Solange man uns nicht einen Hund zeigen kann, der ein „ soeben laufender “ist und dennoch nicht „ läuft “— oder umgekehrt — darf uns die ganze Frage als eine höchstens dem psychologischen gebiet angehörige hier gleichgültig bleiben.
Wir versuchten vorstehend darzuthun, dass in der That und in welcher Weise ein jedes Urteil, soferne man die Umfangsbeziehung zwischen Subjekt - und Prädikatbegriff in's Auge fasst, hinausläuft auf und darzustellen ist als eine Subsumtion. Gelang es, dies für die Urteils - bildungen in der deutschen Sprache einleuchtend zu machen, so dürfen155§ 3. Euler's Diagramme.wir dasselbe auch für jede Sprache in Anspruch nehmen, in Anbetracht dass, was in irgend einer, sich auch in deutscher Sprache adäquat wird ausdrücken lassen.
Zweck der ganzen Auseinandersetzung war nur der: von vorn - herein einen Einblick zu eröffnen in das weite ja allumspannende Feld der Anwendungen, welche eine auf das Studium der Subsumtion ge - gründete Disziplin zulassen wird, in die Allgemeinheit und Tragweite, auf welche solche Disziplin Anspruch hat, die ihr zukommen muss. Was etwa in diesen Betrachtungen noch unvollendet geblieben ist, das wird sich zumeist in spätern Spezialstudien erledigen.
Die Beziehung der Subsumtion, mit deren logischem Gehalt und sprachlicher Einkleidung wir uns bisher beschäftigten, ist fähig, räum - lich oder geometrisch veranschaulicht zu werden auf eine Weise, welche für das Studium der Logik ungemein förderlich ist. Seit Leonhard Euler1 in seinen „ Briefen an eine deutsche Prinzessin “von gedachter Versinnlichungsweise (der zwischen Begriffsumfängen oder Klassen über - haupt — und so namentlich auch zwischen Subjekt und Prädikat — bestehenden Beziehungen) einen populären Gebrauch gemacht hat, ist dieselbe wol in allen Werken über Logik benutzt oder wenigstens auf sie Bezug genommen. Auch wir wollen fortan uns jene Beziehungen versinnlichen vermittelst der „ Euler'schen*)Wir behalten diese Bezeichnung bei, obwol sich Vorläufer gefunden haben: bei Weise1 und in Gestalt von Winkeln oder Dreiecken schon bei Vives1 — vergl. Ueberweg1 p. 239 und Fr. A. Lange1 p. 10. — Diagramme “.
Zu dem Ende ordnen wir in Gedanken den zu betrachtenden Be - griffsumfängen oder Klassen gewisse räumliche Gebiete „ Sphären “(„ Begriffssphären “) oder auch Flächen, z. B. Kreisflächen in der Ebene der Zeichnung, zu, lassen diese und jene einander gegenseitig eindeutig entsprechen, oder bilden jene durch diese gewissermassen ab.
Um zunächst zu unsern typischen Beispielen von kategorischen Urteilen auf S. 127 zurückzukehren, so mag die Kreisfläche a die Klasse „ Gold “, die Kreisfläche b die Klasse „ Metall “vorstellen.
Alsdann verdeutlicht die Fig. 1 die Beziehung: a ⊂ b, in welcher beide Klas - sen zu einander stehen; man erblickt die Klasse a als einen blossen Teil der Klasse b, sieht, dass sie ganz in der letzteren ent -
156Erste Vorlesung.halten ist, dass aber diese letztere noch über sie hinausragt (b „ over - laps “a) und demnach b auch noch anderes ausser a (wie ja z. B. die Klasse „ Silber “) enthalten wird.
Stellen wir uns dagegen durch Kreisflächen a und b die Klassen „ Kochsalz “und „ Chlornatrium “dar, so wird die zwischen beiden Klassen bestehende Beziehung: a = b versinnlicht durch die Fig. 2, in welcher beide Kreise ersichtlich in einen einzigen zusammenfallen.
Die Subsumtion a ⋹ b aber, welche, wie wir sahen, den Sinn des kategorischen Urteils „ a ist b “im allgemeinen wiedergibt, wird zu ver - anschaulichen sein durch den Hinweis darauf, dass von den beiden durch die Fig. 1 und die Fig. 2 dargestellten Fällen irgend einer (der eine oder aber der andere) stattfinde.
Man kann sich — im ersten Falle — geradezu die Kreisfläche a mit allen Goldteilchen, „ Goldatomen “der Welt belegt denken, sodass jeder Punkt dieser Fläche der Träger eines Goldatomes ist, und den a umgebenden ringförmigen Teil der Kreisfläche b mit den Atomen aller übrigen Metalle (ausser Gold), die sich im Weltall vorfinden. Und analog könnte man — im zweiten Falle — mit den „ Kochsalzmole - külen “verfahren.
Wir könnten — im ersten Falle — sagen: man denke sich die Kreis - fläche a ganz einfach „ vergoldet “, wenn nicht bei der „ Vergoldung “im Sinne der atomistischen Hypothese den Goldatomen gewisse Abstände vor - geschrieben wären, die sie nicht zu unterschreiten vermögen, über die hin - aus sie einander sich nicht nähern können, sodass wir sie auf der kleinen Fläche füglich nicht alle unterzubringen vermöchten. Emanzipiren wir uns aber von der Forderung, solche durch die Temperatur und Dichte des Ver - goldungsmaterials, eventuell die Grösse der Atome bestimmte Abstände einzuhalten, so steht der geforderten ideellen Zuordnung nichts mehr im Wege, da wir ja über unbegrenzt viele mathematische Punkte in der Kreis - fläche a verfügen, welche eine Mannigfaltigkeit „ der zweiten Art “im Sinne Georg Cantor's bilden. *Die Ausführbarkeit gedachter Zuordnung würde sich nach des letzteru Untersuchungen über die „ Mannigfaltigkeitslehre “streng mathematisch beweisen lassen, wie viel Gold und Metall es auch im Weltall geben mag, ja, wenn der ganze Raum damit erfüllt wäre. Man kann nach den einschlägigen Untersuchungs - ergebnissen (Borchardt's Journal Bd. 84) den ganzen Raum schon auf einer be - grenzten Linie oder Strecke ein-eindeutig abbilden, so, dass jedem Punkt des einen immer ein Punkt und nur ein Punkt der andern, und umgekehrt, entspricht. Vergl. hiezu auch Arbeiten von J. Lüroth, E. Jürgens, u. A.
Wir gehen aber sofort noch einen erheblichen Schritt weiter, über die bisherige Praxis der Verwendung Euler'scher Diagramme hinaus, indem wir die Beziehungen zwischen „ Sphären “oder Punktgebieten des157§ 3. Identischer Kalkul mit Gebieten einer Mannigfaltigkeit.Raumes auch an sich studiren, losgelöst von deren vorhin charakteri - sirten illustrativen Zwecken, also ohne Rücksicht darauf, dass uns diese Gebiete Klassen oder Begriffe versinnlichen sollten.
Wir lassen so der eigentlichen Logik eine Hülfsdisziplin vorauf - gehen oder auch mit ihr parallel einhergehen, deren Sätze jederzeit durch die Anschauung kontrolirt werden können und welche von rein mathematischem Charakter ist. In ihr werden die Regeln aufgestellt und bewiesen für eine eigentümliche Buchstabenrechnung, welche pas - send zu bezeichnen sein dürfte als
Als gegeben denken wir uns hier eine Mannigfaltigkeit von Ele - menten — etwa die Mannigfaltigkeit der Punkte in der Fläche der Schultafel (oder die der Felder auf einem Bogen karrirten Papiers).
Diese Mannigfaltigkeit halten wir im Felde unsrer Aufmerksam - keit fest und kümmern uns nicht um die Dinge ausserhalb derselben. Die Natur dieser Mannigfaltigkeit sowie die Art ihrer Elemente sei von vornherein in unser Belieben gestellt; die Betrachtungen sollen allgemeine sein und werden (mit einem gewissen, später zu erwähnen - den Vorbehalt) Gültigkeit beanspruchen für jede denkbare Mannigfal - keit von irgendwelchen Elementen. Anstatt der bereits hervorgehobenen beiden Beispiele könnten wir namentlich auch nehmen: die Mannig - faltigkeit der Punkte des Raums überhaupt; desgleichen die (bekannt - lich vierdimensionale) Mannigfaltigkeit aller im Raume denkbaren Ge - raden; oder auch blos diejenige der Punkte einer bestimmten (sei es begrenzten, sei es unbegrenzten) geraden Linie; ferner auch die Mannig - faltigkeit der Zeitpunkte eines bestimmten Zeitraums, einer Epoche, wo nicht der Zeit überhaupt, und so weiter, u. s. w. Zur unmittel - baren Veranschaulichung ihrer Teile qualifizirt sich am besten das schon hervorgehobene Paradigma der Vorderfläche der Schultafel, die wir ja mit den in sie einzutragenden Figuren auch jeden Augenblick im Text hier abbilden zu können in der Lage sind. Ich werde aus didaktischen Gründen — um nicht immer abstrakt (blos von Ele - menten, von Mannigfaltigkeit, etc.) zu reden — diese spezielle Mannig - faltigkeit hier in den Vordergrund stellen, sie die „ bevorzugte “Mannig - faltigkeit nennen.
Irgend eine Zusammenstellung von Elementen der Mannigfaltig - keit nennen wir ein Gebiet der letzteren. Solches Gebiet kann — in unserem „ bevorzugten “Falle — aus beliebig vielen getrennten Teilen, als da sind: isolirte Punkte, Linien und Flächen, bestehen, eine ganz158Erste Vorlesung.beliebige „ Figur “in der Tafelebene bilden; doch muss bei Linien - stücken und Flächen jeweils ausgemacht sein, ob auch deren End - punkte resp. Grenzlinien, Konturen mit zu dem Gebiet gehören sollen, oder nicht. Praktisch aber, behufs Illustration der allgemeinen Sätze unsres Kalkuls, werden wir in der Regel die Gebiete möglichst einfach durch zusammenhängende Flächen, etwa nach Art der Euler'schen Diagramme durch Kreisflächen (wo nicht das Gegenteil bemerkt wird, unter Einschluss von deren Peripherie) uns darstellen.
Buchstaben, wie a, b, c, … mögen künftighin solche Gebiete be - deuten, aber diese selber, und nicht etwa (wie es sonst wol in der Mathematik üblich ist) deren Maasszahlen oder Flächeninhalte, von dergleichen in diesem Buche überhaupt nicht die Rede sein wird.
Mit einziger Ausnahme, vielleicht, der geometria situs, der syntheti - schen oder Geometrie der Lage herrscht in der Mathematik der Gebrauch vor, unter den Buchstaben jeweils Zahlen zu verstehen, und zwar zumeist die Maasszahlen von Grössen (eventuell auch die aus Paaren solcher zu - sammengesetzten „ komplexen “Zahlen).
Von einer Grösse ihre Maasszahl zu abstrahiren ist — auch nachdem man mit der Maass-Einheit schon Bekanntschaft gemacht hat — noch ein ziemlich komplizirter Prozess. Ich erinnere an die Schwierigkeiten, welche schon die Aufstellung des Begriffs der Länge einer krummen Linie, sowie des Flächeninhaltes, desgl. des Voluminhaltes einer irgendwie begrenzten ebenen oder körperlichen Figur im elementaren Unterricht bietet — ganz zu geschweigen von den Schwierigkeiten der Messung selber.
Sich unter dem buchstaben anstatt der gemessenen Grösse, z. B. Fläche selbst, deren Maasszahl vorzustellen ist gar nicht das Naturgemässe, vielmehr etwas Erkünsteltes. Es darf in Erinnerung gebracht werden, dass die Gewöhnung daran erst in der Schule mühsam anerzogen wird. Wenn z. B. von den Schülern eine Mischungsaufgabe, betreffend Wasser und Wein, gerechnet wird, so wird der Lehrer leichtlich auf die Frage, was x hier bedeute?, vom Schüler die Antwort erhalten: „ x bedeutet das Wasser “— statt richtig: die Anzahl Liter des zur Mischung zu verwendenden Wassers. Manche Schüler müssen wiederholt und hartnäckig darauf hin - gewiesen werden, dass unter den Buchstaben keineswegs die Dinge selbst, sondern deren Anzahl, beziehungsweise Maasszahlen, zu verstehen seien.
Es kann daher nicht wol als eine ungebührliche Zumutung an den Mathematiker bezeichnet werden, von dieser so mühsam erworbenen Ange - wöhnung zeitweilig — für den gegenwärtigen Kalkul — sich frei zu machen und wieder zurückzukehren zu dem urwüchsigen Verfahren, welches (an - statt ihrer Maasszahlen) die Dinge selbst benennt und bezeichnet — zumal auch hiefür Präcedenzfälle in der Mathematik schon genugsam vorliegen: wie denn z. B. in der Lehre von Kongruenz, Ähnlichkeit und Projektivität der Figuren unter einem Dreieck A B C auch durchaus nicht verstanden wird die Maasszahl von dessen Fläche, vielmehr in der That das Dreieck selber, u. a. m.
Immerhin dürfte gerade den vorwiegend mathematisch geschulten Leser159§ 3. Identischer Kalkul mit Gebieten einer Mannigfaltigkeit.es anfänglich eine bewusste Anstrengung kosten, hier, wo es unumgänglich ist, isch zu emanzipiren von jener Gewöhnung, mit den uns Flächen dar - stellenden Buchstaben in Verbindung zu bringen die Vorstellung von metri schen Relationen.
Jedes spezielle Gebiet, das wir so unter einem Buchstaben a ver - stehen mögen, nennen wir einen „ Wert “(valor, value) des letztern.
Als erste Beziehung, welche zwischen zwei Gebieten a und b be - stehen kann, fassen wir nun im identischen Kalkul die Beziehung der Subsumtion: a ⋹ b in's Auge, die uns ausdrücken wird, dass das Gebiet a (das „ Subjekt - gebiet “) sich dem Gebiete b (dem „ Prädikatgebiet “) einordne, dass a in b enthalten sei — so wie es, nebenbei gesagt, die Alternative zwischen den Figuren 1 und 2 veranschaulicht.
Den Sinn ebendieser Beziehung setzen wir einzig und allein als bekannt voraus.
Alle andern Begriffe und Beziehungen, die wir noch in den Be - reich des identischen Kalkuls hereinzuziehen haben, werden ausschliess - lich aus Beziehungen dieser Sorte, aus „ Subsumtionen “aufgebaut, so - dass wir ungeachtet seiner später vollzogenen Erweiterungen und scheinbar grösseren Tragweite doch sagen können, der identische Kalkul beruhe einfach und ganz auf dem Studium der Subsumtionen.
Wir werden die Gesetze dieses Kalkuls zunächst (unter Beihülfe der Wortsprache) in der allgemeinen Form mathematischer Beweisführung begründen, für welche seinerzeit die Geometrie des Euklides muster - gültig geworden ist, um hernach in einem Rückblicke zu erkennen, dass bei den Schlüssen ebendieser Beweisführung nur die Prinzipien dieses Kalkuls selber angewendet worden sind.
Niemand, der für Reinheit der Methode und Konsequenz des Ver - fahrens Sinn besitzt, wird sich dem Eindruck der Schönheit und mathe - matischen Eleganz des damit geschaffenen wissenschaftlichen Systems verschliessen können. Freilich wird man, um diesen Eindruck ganz ungetrübt zu gewinnen, möglichst abzusehen haben von allem Beiwerk der hiernächst zu entwickelnden Theorie.
Das Beiwerk ist zu einem Teile ein kritisches, insofern uns obliegen wird, die gewählten Bezeichnungsweisen, die das Fundament der Zeichen - sprache bilden, zu motiviren, sie zu rechtfertigen gegen etwaige Ausstel - lungen von mathematischer nicht minder, wie von philosophischer Seite. Überhaupt werden wir auf vorauszusehende Einwände sowol, wie auf ent - gegenstehende Lehrmeinungen philosophischer Systeme und Ausführungen namhafter Mitarbeiter und Philosophen oft Rücksicht zu nehmen, solche nötigenfalls zu widerlegen haben. Und die Eigenart unsrer Behandlungs -160Erste Vorlesung.weise der logischen Materie bildet gerade hiefür eine beträchtliche Er - schwerung. Zufolge der verbindenden Stellung, die sie zwischen Philosophie einer - und Mathematik andrerseits einzunehmen bestimmt ist, werden wir in der That auf zwei — wie schon im Vorwort erwähnt — fast allzu verschieden disponirte Leserkreise stetsfort bedacht zu nehmen haben.
Die Hauptmasse aber des mit der Theorie des identischen Gebietekal - kuls hier zu verflechtenden Beiwerks wird von sachlicher Art sein, nämlich aus Nutzanwendungen des Kalkuls für die Zwecke der Logik selbst zu bestehen haben. Von diesen finden wir für gut, einen (ersten) Teil wenig - stens gleich neben der Theorie einherlaufen zu lassen, und zwar den Teil, welcher abzielt auf die Verwertung des Kalkuls behufs Einkleidung in seine Zeichensprache zunächst derjenigen Beziehungen, welche zwischen Klassen oder Begriffsumfängen die Wortsprache auszudrücken vermag.
Begriffe und Sätze oder Formeln des „ identischen “Kalkuls (be - ziehungsweise des damit verwandten logischen, vergl. die sechste Vor - lesung) werden (überhaupt) die verschiedenartigsten Anwendungen zulassen, Anwendungen, die sich lediglich unterscheiden durch die Deutungsweise, Interpretation der hier als allgemeine Symbole ver - wendeten Buchstaben, und demgemäss auch der sie verknüpfenden Operations - und Beziehungszeichen. Wir werden namentlich unter den Buchstaben verstehen können:
— kurzum, bei geeigneter Auslegung der Zeichen so ziemlich alles Denkmögliche.
Wenn demnach als Vorwurf, Thema der deduktiven Logik ge - meinhin bezeichnet wird die Lehre von den Begriffen, Urteilen und Schlüssen, so wird zu sehen sein, dass auch auf diese Objekte unsre Hülfsdisziplin des identischen Kalkuls sich mitbezieht. Sie wird sich auf dieselben direkt übertragen lassen, indem man einfach einen Wechsel in der Deutung der Zeichen vollzieht.
Wie schon angedeutet, würde unsre Darstellung des identischen Kalkuls an Übersichtlichkeit allerdings gewinnen, wenn wir ihn zu - nächst nur als reinen Gebietekalkul, lediglich unter dem Gesichtspunkte161§ 3. Identischer Kalkul mit Gebieten einer Mannigfaltigkeit.α), entwickelten und uns dabei aller Seitenblicke auf seine ander - weitigen Anwendungen zunächst enthielten. Dieser Vorteil würde in - dess erkauft durch eine Reihe von, in meinem Dafürhalten schwer - wiegenden pädagogischen Nachteilen: man würde, vor allem, gar lange nicht abzusehen vermögen, zu was überhaupt die Betrachtungen gut sind, und weshalb sie angestellt werden. Zudem handelt es sich doch auch darum, den deutschen Leserkreis erst einigermassen heranzu - ziehen zu dem Gebrauch dieses Kalkuls, zu welchem ja Übungsbücher oder Aufgabensammlungen im Deutschen noch nicht existiren, wo - gegen in der englischen Literatur bereits manche Werke diesen Cha - rakter in beträchtlichem Umfange ausgeprägt zeigen. Jede Illustration aber von theoretischen Sätzen durch Beispiele auf einem Anwendungs - felde muss hier den Wert einer Übung im Gebrauch der zu erlernen - den Zeichensprache noch nebenher besitzen.
Aus diesen Gründen erscheint es mir als höchst wünschenswert bei der Entwickelung der Theorie des identischen Kalkuls sogleich ein Anwendungsgebiet von einigermassen praktischer Natur zur Verfügung zu haben, und wähle ich als das nächstliegende das Anwendungsfeld β), dasjenige Gebiet also, welches ja den Ausgangspunkt unsrer Be - trachtungen von vornherein gebildet hat, und die Idee zur Gründung einer selbständigen Hülfsdisziplin auf dem Felde α) erst seinerseits anregte.
Auf dieses Anwendungsfeld β) werden wir, nunmehr von α) aus - gehend, hinübergeleitet durch die Bemerkung, den Hinweis darauf: dass die „ Elemente “unsrer Mannigfaltigkeit auch sogenannte „ Indi - viduen “sein können, wo dann die „ Gebiete “dieser Mannigfaltigkeit zu bezeichnen sein werden als Systeme, und wenn man will als „ Klassen “von solchen Individuen. Als dergleichen „ Individuen “mögen irgendwelche Objekte des Denkens, sofern sie überhaupt in Gedanken isolirbar sind, zunächst hingestellt werden, und die ganze Mannigfaltig - keit wird dabei erscheinen als eine all' jenen Klassen übergeordnete allgemeinere oder umfassendere Klasse, wofern sie nicht etwa als die Mannigfaltigkeit des Denkbaren überhaupt sich wird ansehen lassen.
Anmerkung. Nächst dem Anwendungsfelde β) des identischen Kal - kuls — das ist dem mit dem „ Gebietekalkul “α) auf das engste verwandten „ Klassenkalkul “— ist als das wichtigste dessen Anwendungsfeld δ) her - vorzuheben, das ist der „ Aussagenkalkul “(von McColl als „ calculus of equivalent statements “bezeichnet). Müssen wir doch all' unsre Über - legungen und Beweise vollziehen in Gestalt einer Reihenfolge von Aussagen!
Um dessen, was wir dabei thun, jeweils vollkommen inne zu werden, über einen jeden unsrer Schritte uns klarste Rechenschaft abzulegen, wirdSchröder, Algebra der Logik. 11162Erste Vorlesung.es darum ratsam sein, auf das Anwendungsfeld δ) schon frühzeitig zu achten, gelegentlich auch auf dieses einen Seitenblick zu werfen. Syste - matisch wird ja auf dasselbe allerdings erst später, mit Band 2 erst ein - zugehen sein. Aus dem angedeuteten didaktischen Grunde aber sei vor - greifend schon hier bemerkt, dass im Aussagenkalkul einer Subsumtion a ⋹ b die Bedeutung zukommen wird: Wann die Aussage a gilt, gilt auch die Aussage b, jene zieht diese nach sich, m. a. W.: Aus a folgt b.
Die wichtigste Rolle muss naturgemäss solchen Klassen zufallen, welche als der „ Umfang “von (gewissen, denselben zugeordneten) Be - griffen bestimmt erscheinen. Doch ist wie bereits unter γ3) der Einlei - tung betont, die Rechnung mit Klassen noch umfassender als die Rech - nung mit Begriffsumfängen, sofern man jeweils zu vorübergehenden Zwecken, ja sogar in völlig willkürlicher Auswahl, auch die allerhete - rogensten Dinge in eine Klasse wird zusammengefasst denken dürfen.
Die Benennung als „ Umfang “eines Begriffes, welche wir von der scholastischen Logik überkommen haben, um die Klasse oder Gesamt - heit aller derjenigen Individuen zu bezeichnen, welche „ zu der Kate - gorie des betreffenden Begriffes gehören “, diese Benennung erscheint — im Hinblick schon auf deren Versinnlichung mittelst Euler'scher Diagramme — als eine ziemlich unglücklich gewählte. Es sind ja keineswegs die „ Umfänge “oder Peripherieen der Euler'schen Kreise, es sind nicht die Konturen der Flächengebiete, welche uns im iden - tischen Kalkul die „ Begriffsumfänge “zu versinnlichen haben, sondern allemal diese Kreisflächen selber resp. die Flächengebiete mit allem was sie in sich enthalten. Viel passender hiefür erscheint das eng - lische „ extent “, welches ganz wohl mit „ Ausdehnung “oder „ Erstreckung “des Begriffes im Deutschen wiedergegeben werden könnte. Doch sind wir nicht in der Lage, eine Jahrhunderte alte und ganz allgemein acceptirte logische Terminologie umstossen zu können, und müssen uns damit begnügen, auf das Verfängliche der Benennung einmal hier aufmerksam gemacht zu haben.
Noch ist zu betonen, dass wir bei den Anwendungen der Theorie auf Klassen immer nur scharfumgrenzte oder, wie man sagen kann „ wohldefinirte “Klassen im Auge haben werden.
Es wird vorausgesetzt, dass in Bezug auf kein Ding oder irgend mögliches Objekt des Denkens einem Zweifel Raum gelassen sei, ob es zu der gedachten Klasse gehöre oder nicht.
Dies ist zunächst der Fall, sobald die Individuen der Klasse sich vollständig haben aufzählen lassen.
Häufig aber werden die (zu betrachtenden) Klassen „ offene “sein, Klassen von einer unbegrenzten Individuenzahl, deren Individuen also163§ 3. Identischer Kalkul mit Gebieten einer Mannigfaltigkeit.überhaupt nie vollständig aufgezählt zu werden vermögen — wie z. B. die Klasse der Linien oder Kurven — eventuell auch Klassen, deren Individuen zum Teil noch ungewiss im Schoosse der Zukunft ruhen — wie z. B. die Klasse der Menschen u. a. m.
In solchen Fällen müssen wir voraussetzen, dass wenigstens ein Prinzip in uns wirksam sei, welches in Bezug auf jedes einzelne in den Bereich unsres Denkens jemals fallende Objekt, in Bezug auf alles, was fähig ist, von uns vorgestellt (oder was noch mehr sagt, von uns gedacht) zu werden, unzweifelhaft entscheidet und uns mit Notwendig - keit dahin drängt, dirigirt, entweder, es zu der Klasse zu rechnen, oder aber, es von ihr auszuschliessen.
In Gestalt des „ Begriffes “haben wir ja mit einem derartigen Prinzipe, das solches auch zu leisten fähig, schon in C der Einleitung Bekanntschaft gemacht. Indessen sei es ausdrücklich bemerkt, dass Natur und Wirkungsweise gedachten Prinzips hiernächst uns gleich - gültig lässt. Gerade darin, dass wir es dahingestellt sein lassen, auf welche Weise die vorauszusetzende Abgrenzung unsrer Klassen zu - stande kommen mag, erblicken wir einen Hauptvorzug der hier be - folgten Methode. Auf diesem Umstand gerade beruht, wie wir meinen, der elementare und fundamentale Charakter der hier entwickelten Theorie.
Das oben ausgesprochene Kriterium für die Wohldefinirtheit einer Klasse scheint übrigens noch eines einschränkenden Zusatzes zu be - dürfen in Gestalt des Vorbehaltes, dass die in Frage kommenden Ob - jekte hinlänglich bekannt seien.
Sobald z. B. wir eine Zahl kennen, ist jeder Zweifel ausgeschlossen, ob sie zur Klasse der ganzen Zahlen gehörig oder nicht; wir mögen die Klasse der ganzen Zahlen als Exempel einer wohldefinirten Klasse hinstellen ganz unbeschadet dessen, dass wir z. B. nicht wissen, ob das Atomgewicht des Schwefels (auf Wasserstoff als Einheit bezogen) zu derselben gehört oder nicht (vergl. die Stass'schen Atomzahlbe - stimmungen), da uns eben diese Zahl zur Zeit nicht hinlänglich sicher bekannt sein dürfte.
Auch mit diesem Vorbehalte bildet die genannte Voraussetzung ein Ideal in den Zuständen unsres Denkens, welches nur selten von der Wirklichkeit daselbst erreicht wird.
Es braucht in dieser Beziehung nur an die Schwierigkeiten erinnert zu werden, welche die Abgrenzung zwischen Pflanzen - und Tierreich bei den niederen Organismen der Naturwissenschaft bereitet, oder auch — um ein noch frappanteres Beispiel zu wählen — an die Schwierigkeiten, welchen die neuere gegen Fälschung der Nahrungs - und Genussmittel gerichtete Gesetzgebung bei dem Versuche begegnet ist, die Begriffe von Brod, Wurst,11*164Erste Vorlesung.von Wein und Bier festzustellen, den Umfang derselben unzweifelhaft ab - zugrenzen. Gleichwie diese Umgrenzung erfolgte mittelst Angabe der In - gredienzien, welche zur Bereitung jener Lebensmittel verwendet sein dürfen, so werden auch im allgemeinen gewisse Merkmale, die wir aus dem vollen Inhalte des zugehörigen Begriffs als die „ wesentlichen “hervorheben, das wirksame Prinzip zur gesuchten Abgrenzung liefern.
Faktisch ist in der That die Abgrenzung der Klassen, welche die Sprache mit Gemeinnamen darstellt, zumeist eine schwankende. Nicht nur bleiben Fälle denkbar, welche bei der Abgrenzung unberücksichtigt gelassen sind, und in Bezug auf welche schon Derjenige, der den Gemeinnamen gebraucht, sich im Unklaren darüber befindet, ob sie einzurechnen oder auszuschliessen seien (womit dieses auch für Alle strittig, unentschieden bleibt), sondern die Abgrenzung ist auch oft im subjektiven Gebrauch bei einundderselben Persönlichkeit eine wechselnde, richtet sich nach dem Gedankenkreise, in dem man sich eben bewegt, und verändert sich mit dem Untersuchungsfelde, auf das man den Gemeinnamen anwendet.
So schliesst z. B. in der Naturgeschichte die Klasse der Tiere die - jenige der Menschen in sich ein, wogegen in der Sprache des gewöhn - lichen Lebens und gesellschaftlichen Verkehrs sie dieselbe ausschliesst. So begrenzen wir auch die Klasse „ Mensch “sicherlich enger, wenn wir sagen: „ Alle Menschen sind sterblich “, als wenn wir sagen: „ Dieser Mensch ist todt “, „ der Arzt hat einen Menschen secirt “und dergl. Es hätte doch ge - wiss keinen Sinn, einen Leichnam noch als „ sterblich “zu bezeichnen!
Ausserdem aber wird, wenn erst die Paläontologie noch erfolg - reicher in eine graue Vorzeit eindringt, der Lamarck - Darwin'schen Entwickelungslehre einst die Aufgabe zufallen, die Grenze zwischen Zwei - und Vierhänder, eventuell Vierfüsser noch schärfer zu ziehen, so wie sie durch die Entdeckung des Archäopterix und der mit Zähnen bewaffneten fossilen Vögel Nordamerikas (Hesperornis, Ichthyornis etc.) bereits in die Lage versetzt wurde, genauer scheiden zu müssen, was zur Klasse der Vögel und was zu derjenigen der (Flug -) Eidechsen hinfort gehören solle.
Mit der Voraussetzung wohldefinirter Klassen vollzieht die Logik eine ganz ähnliche Idealisirung der Wirklichkeit, wie z. B. die Mechanik es thut, indem sie absolut starre, oder aber vollkommen tropfbar flüssige in - kompressible oder endlich vollkommen elastisch flüssige (gasförmige) Körper fingirt. Indessen ist mit ihrem Ideal die Logik insofern in einer günsti - geren Stellung, wie die Mechanik, als es der letztern nicht möglich ist, z. B. Körper herzustellen, welche dem Zustand der absoluten Starrheit be - liebig nahe kommen. Wogegen es doch wenigstens in unserm Vermögen liegt, für uns selbst und Andere die Klassen, von welchen die Rede sein soll, mittelst Besinnung darüber, resp. in freier Übereinkunft mittelst ein - gehender Verständigung in jeder wünschbaren Schärfe abzugrenzen. Es geschieht ja nicht immer, doch kann es nötigenfalls geschehen.
Auf dieses Ideal der Logik, dass man auf wohldefinirte Klassen sich berufen könne, arbeiten zudem Gesetzgebung und Wissenschaften — eine jede auf ihrem Gebiete — mit grosser Macht hin. Dasselbe ist gerade auf letzterem Felde, welches zur Anwendung unsrer Dis -165§ 3. Identischer Kalkul mit Gebieten einer Mannigfaltigkeit.ziplin in erster Linie in Betracht kommt, im weitesten Umfange ver - wirklicht, und bildet es in der That eine unerlässliche Voraussetzung für alles exakte Denken. Auch bleibt es unbenommen, die Abgren - zung in Frage kommender Klassen von Dingen zunächst nur provi - sorisch zu vollziehen, und falls sich aus den Ergebnissen angestellter Untersuchungen auf Grund exakten Denkens Beweggründe dazu ergeben sollten, diese Abgrenzung nachträglich abzuändern, zu modifiziren.
Verstehen wir unter b die Klasse der Studirenden auf deutschen Uni - versitäten im laufenden Studienjahre, so ist diese Klasse eine wohldefinirte. Hier entscheidet nämlich die ordnungsmässig vollzogene Immatrikulation. In dieser Klasse b ist enthalten diejenige der Studirenden der Universität Leipzig vom selben Jahrgange, welche mit a bezeichnet werden möge. Es ist dann a ⋹ b. Denkt man sich in die Felder auf einer hinreichend fein karrirten Seite eines Bogens Papier die Namen sämtlicher Studenten der Klasse b eingetragen, und zwar jeden Namen gesondert in ein eigenes Feld, so werden diejenigen Felder, welche die Namen von Studenten der Klasse a enthalten, einen gewissen Komplex bilden — man kann durch geeignete Aus - wahl der zur Eintragung der letzteren zu ver wendenden Felder, durch Zusammen - legen dieser Felder bewirken, dass er einfach zusammenhängend erscheint — und es wird nun die Beziehung zwischen den Felderkomplexen, in welche die Individuen der Klassen a und b eingetragen sind, der Fig. 1 wesentlich gleichen, nämlich mit ihr darin übereinstimmen, dass der Komplex a als ein Teil des Komplexes b erscheint, in letzterem enthalten ist. Indem jedes Feld er - scheint als der „ Träger “eines einzelnen Individuums, einem solchen „ zu - geordnet “ist, prägt sich die Beziehung a ⋹ b zwischen den Klassen a und b hier anschaulich aus, sie wird im wahren Sinne des Wortes sichtbar.
Es ist für das Folgende von der höchsten Wichtigkeit, dass man sich die Punktgebiete oder Flächen, die wir im identischen Kalkul betrachten werden, und die Klassen, von welchen behufs Illustration oder Anwendung des Kalkuls die Rede sein wird, in der geschilderten Weise auf einander bezogen denke. Wir glaubten, um allseitiges Ver - ständniss zu erzielen, auch ein Beispiel mit begrenzter Individuenzahl der Klassen vorführen zu müssen. Man wähle bei unbegrenzter Indi - viduenzahl (mathematische) Punkte, bei begrenzter etwa Felder zur Darstellung der in Betracht kommenden Individuen. Indess steht im letztern Falle nichts im Wege, die Felder sich auch in getrennte, etwa besonders markirte Punkte zusammenziehen zu lassen.
Nach diesen (im Grossen und Ganzen auch motivirten) Vorbe - merkungen gehen wir zur systematischen Darstellung der Theorie über.
Es kommt uns dabei auch sehr auf Erzielung einer guten Über - sicht an, welche wir durch scharfe Sonderung und konsequente Chiff - rirung ihrer verschiedenen Momente zu erzielen hoffen.
„ Definitionen “, Begriffserklärungen chiffriren wir (wenn überhaupt,166Erste Vorlesung.so) je mit arabischen Ziffern in vollständiger aber einfacher Klammer, wie (1), (2) und so weiter.
„ Postulate “ebenso, jedoch mit doppelter Einklammerung wie ((1)), ((2)), ‥
„ Prinzipien “oder „ Axiome “mit römischen Ziffern, wie I, II, etc.,
„ Theoreme “, Lehrsätze wieder mit arabischen Zahlen aber nur ein - seitiger (rechtseitiger) Einschliessung, mit „ Halbklammer “, wie 1), 2), 3), ‥
Es wird der Logik gemeinhin zugemutet, dass sie auch erkläre, was unter Definition, Postulat, Axiom und Theorem zu verstehen sei, dass sie also namentlich auch auf die Erfordernisse einer guten Definition näher eingehe, desgleichen auf die Anforderungen, die an den Beweis (die „ Demon - stration “) zu stellen, durch welchen das Theorem als ein solches nach - gewiesen werden muss, durch welchen es von einer blossen Behauptung zum Lehrsatz erst erhoben wird.
Ähnlich gehört auch die Charakterisirung der „ Aufgabe “des „ Pro - blems “, nebst den Anforderungen an ihre „ Lösung “(solutio) und deren „ Determination “noch zu den Obliegenheiten der gewöhnlichen Logik.
Es erscheint jedoch durch die Anlage, den Plan des ganzen Buches geboten, dass wir uns an dieser Stelle auf diese Fragen nicht einlassen, vielmehr uns mit dem Hinweis begnügen, dass die fraglichen Begriffe, so - weit sie nicht ohnehin schon Gemeingut sind, einstweilen wenigstens syn - thetisch erworben, herangebildet werden können an dem Material der auf - zustellenden und als solche hingestellten speziellen Definitionen, an der grossen Zahl von mustergültig bewiesenen Theoremen, etc.
Es wird sich ein „ Dualismus “(eine „ Reziprozität “) durch die ganze Disziplin ziehen, indem die auf die Operationsstufe der Addition sich beziehenden Sätze sozusagen „ Pendants “, symmetrische Gegenstücke bilden zu den auf die Stufe der Multiplikation bezüglichen (vergl. § 14). Wir chiffriren die „ einander dual entsprechenden “Sätze jeweils mit der gleichen Nummer, jedoch unterschieden durch das Suffixum + resp. ×. Auch stellen wir solche Sätze meistens in den beiden Spalten (Kolum - nen) links und rechts von einem die Druckseite in der Mitte brechenden Vertikalstriche (dem „ Mittelstriche “) einander symmetrisch gegenüber.
Die analoge Übung besteht bekanntlich schon längst in der Geometrie der Lage, wo in den reziproken oder zu einander polaren Sätzen z. B. Raumpunkt und Ebene ihre Rollen tauschen, während die Gerade verharrt.
Es bedarf wol kaum des Hinweises, dass (hier wie dort) in ver - schiedenen Kolumnen oder Spalten aufgeführte Voraussetzungen oder Behauptungen, wenn sie auch im selben Niveau, auf einer Zeile stehen, doch niemals Bezug auf einander haben sollen: sie sollen nicht etwa gleichzeitig gelten, behauptet oder angenommen werden. Vielmehr hat man auf einmal immer nur den Text von einer Spalte allein, zu - sammen mit den etwa quer durchgehenden Zeilen zu lesen.
167§ 3. Identischer Kalkul mit Gebieten einer Mannigfaltigkeit.Ohne Suffixum werden nur die „ zu sich selbst dualen “Sätze chiffrirt erscheinen.
Als für die Theorie vorerst unwesentlich — indess behufs etwaiger Nebenbemerkungen vorausgeschickt zu wünschen — lasse ich zur Zeit unchiffrirt die
(Definition). Unter einer Aussage von der Form: b  a (sprich: b übergeordnet oder gleich a, b super a) soll ganz das nämliche verstanden werden, wie wenn man sagt, dass a ⋹ b sei. Eine Subsumtion kann hienach auch rückwärts gelesen werden, in - dem man nur das Subsumtionszeichen als Supersumtionszeichen inter - pretirt, resp. „ umkehrt “.
Kraft dieser Definition vermögen wir auch den (verhältnissmässig sel - tenen) Fällen gerecht zu werden, in welchen die Wortsprache das Prädikat dem Subjekte voranzustellen liebt — auf welche bereits in § 2 hingewiesen wurde: auch dergleichen Urteile mögen wir jetzt unmittelbar in die For - melsprache übertragen, ohne dass wir erst genötigt wären, eine Umstellung der beiden Satzglieder dabei vorzunehmen.
Ökonomisch und von Wert wird solche Möglichkeit sich besonders dann erweisen, wenn etwa der natürliche Gedankenverlauf dahin geführt hat, das Prädikat zuerst, vor dem Subjekte, zu beschreiben und wenn diese Schilderung sowie auch der Ausdruck gedachten Prädikates in den Sym - bolen unsrer Formelsprache einigermassen komplizirt erscheint, weit - läufig ist. Wollte man in solchem Falle das Subjekt in die gewöhnliche typische oder normale Stellung zum Prädikate bringen, so wäre man ge - nötigt, die umständliche Beschreibung, den komplizirten Namen oder Aus - druck des letzteren (hinter dem Subjekte, nachdem er vor demselben zuerst gefallen ist) zu wiederholen, was mühsam und langweilig sein kann. Die Wortsprache vermag sich dem durch den Gebrauch eines hinweisenden Für - worts zu entziehen, indem sie auf das Prädikat als auf jenes oder dieses eben beschriebene Ding zurückverweist. In der Formelsprache könnten wir allenfalls solcher lästigen umständlichen Wiederholung dadurch auch aus dem Wege gehen, dass wir sofort, nachdem der komplizirte Name des Prä - dikats erstmalig vollendet ist, ein einfaches Buchstabensymbol als Abkür - zung für denselben, als Name ad hoc oder Hülfsbezeichnung für dieses Prä - dikat einführten, sodass dessen Wiederholung dann keine Umstände mehr verursacht. Doch kann auch dies schon eine Nötigung zu unbequemen Weiterungen (wie Überladung der Untersuchung mit Zeichen u. a.) in sich schliessen, und bleibt das einfachste Auskunftsmittel jedenfalls das anmit geschaffene: die Beziehung des Subjekts zum Prädikate in der umgekehrten Ordnung als eine rückwärts gelesene Subsumtion oder „ Supersumtion “dann zum Ausdruck zu bringen.
In die systematische Darstellung unsrer Disziplin werden wir das Supersumtionszeichen  erst in § 34 aufnehmen.
An die Spitze haben wir zwei Grundsätze zu stellen, welche nicht auf noch einfachere Sätze zurückführbar erscheinen und schlechthin zugegeben werden müssen.
Prinzip I. a ⋹ a.
Da das Subsumtionszeichen ⋹ der Kopula „ ist “entspricht, so heisst dies in Worten: „ a ist a “.
Diese Aussage muss als eine gültige anerkannt werden, was immer für eine Bedeutung dem a auch beigelegt werden mag. Z. B. „ Gold ist Gold “. „ Weiss ist weiss “, etc. Dergleichen Sätze sind von nie - mand bestrittene Wahrheiten, deren Äusserung höchstens ihrer Selbst - verständlichkeit halber Anstoss erregen kann.
Demgemäss trägt auch die obige Subsumtion I den Charakter einer allgemeingültigen, einer „ Formel “. Dieselbe, oder ihren Ausdruck in Worten, nennen wir den Satz der Identität, principium identitatis.
Unter diesem Namen hat schon die alte Logik den Satz gekannt und als ersten Grundsatz angenommen.
Bedeutet a ein Punktgebiet (z. B. eine Fläche) aus unsrer Mannig - faltigkeit (der Fläche der Schultafel), so sagt der Satz I aus: a ist in sich selbst enthalten, ist ein Teil von a; a ist untergeordnet oder identisch gleich a.
In der That liegt von den beiden Fällen, welche wir in der Ein - leitung unter dem Subsumtionszeichen als mögliche zusammengefasst haben, hier, wo beide Seiten der Subsumtion das nämliche Gebiet vor - stellen, ganz zuverlässig der eine vor, aber allerdings nie der erste, sondern immer nur der zweite Fall: a ist niemals*)Diese Behauptung, welche allerdings sofort einleuchtet, wird sich auf einem späteren Standpunkte auch beweisen lassen. untergeordnet dem a, sondern stets identisch gleich a.
169§ 4. Erste Grundlagen: Prinzip I.Die Aussage a ⋹ a hat daher etwas von jenem irreführenden Charakter, den wir bereits auf S. 134 sq. besprochen und durch ein Bei - spiel illustrirt haben; und auf den ersten Blick würde das nachher von uns bewiesene Theorem 1), nämlich die Gleichung a = a, als der angemessenere Ausdruck des Satzes der Identität erscheinen. Dem - ungeachtet müssen wir doch bei der obigen Fassung I dieses Prinzips beharren aus zwei Gründen.
Erstens hatten wir es ja angezeigt gefunden, von den drei Zeichen ⋹, ⊂ und = das erstere oder Subsumtionszeichen als das ursprüng - liche hinzustellen, auf dessen wohlerfasste Bedeutung das ganze Gebüude der Algebra der Logik zu gründen sei. Von den beiden andern Zeichen wurde bisher nur ganz beiläufig gesprochen, nämlich lediglich, um die äusserliche Bildungsweise oder Zusammensetzung des Subsumtions - zeichens zu motiviren. Das Zeichen = werden wird erst nachher, mittelst Definition (1), als ein wesentliches fortan legitim zu ver - wendendes Beziehungszeichen in das System unsrer Disziplin einführen, und das Zeichen ⊂ noch sehr viel später. Auf unserm gegenwärtigen Standpunkte sind wir also noch gar nicht berechtigt, resp. in der Lage, von identischer Gleichheit zu reden.
Zweitens — und dieser Grund ist der ausschlaggebende — müssen wir trachten möglichst wenig Behauptetes als unbeweisbaren Grund - satz hinzustellen. Sagen wir aber von einem ausgewanderten Freunde z. B., er sei nach Südamerika gegangen, so sagen wir offenbar mehr über ihn aus, als wenn wir blos melden, er sei nach Amerika (d. i. Nord -, Süd - oder Mittelamerika) gegangen. Und ebenso enthält die Aus - sage: „ a ist identisch gleich a “eine weitergehende Information über die Beziehung des a zu sich selber, als die Aussage: „ a ist unter - geordnet oder identisch gleich a “, m. a. W. „ a ist entweder nur ein Teil oder aber das Ganze von a “.
Um also möglichst wenig Unbewiesenes vorauszusetzen, werden wir die letztere Alternative zunächst offen lassen, nur den letzten Satz als Grundsatz hinstellen. Wir werden für den Augenblick so thun, als ob wir nicht wüssten, welcher von den beiden Fällen eintritt, um dergestalt zu erkennen, dass auch dann schon mit zwingenden Gründen sich darthun lässt, dass es der letztere Fall ist, welcher zutrifft.
Für den systematischen Aufbau unsrer Disziplin sind vorstehende Betrachtungen durchaus nicht wesentlich; ich habe mit denselben nur beabsichtigt, die Beweggründe unsres Zuwerkegehens klar zu legen, so - mit auch einer missverständlichen Beurteilung desselben zuvorzukommen. 170Zweite Vorlesung.Für die Theorie ist es vollkommen ausreichend, das Prinzip I rundweg als ein solches hinzustellen.
Anmerkung zu I. Aus didaktischen Gründen will ich ebenso, einst - weilen vorgreifend, bemerken, dass, als ein Prinzip des „ Aussagenkalkuls “gedeutet, der Satz I der Identität uns die Erlaubniss garantiren wird, eine als wahr anerkannte Behauptung bei beliebiger Gelegenheit zu wiederholen. Dieselbe muss dann immer wieder als wahr anerkannt werden. Wenn a gilt, so gilt a. Von dieser Freiheit werden wir im Text fortgesetzt Ge - brauch machen. (Vergl. § 31.)
Prinzip II. Wenn a ⋹ b und zugleich b ⋹ c ist, so ist auch a ⋹ c.
Stellen a, b, c Gebiete — etwa Kreisflächen — vor, so mag dieser Satz durch die Figur erläutert werden:
Indessen bringt solche Figur noch Besonder - heiten (besondre Umstände) zum Ausdruck, die in dem Satze nicht gefordert, nur zugelassen, die in ihm offen gelassen sind. Der Fig. 3 liegt näm - lich die Annahme zugrunde, dass die eventuellen Unterordnungen, von welchen im Satze die Rede ist, wirkliche, definitive Unterordnung seien. Da das Zusammenfallen zweier Kreise, von denen der eine im andern enthalten ist, immerhin als ein ver - hältnissmässig seltener Zufall erscheint, so mag man den in der Figur 3 zur Darstellung gebrachten Fall als den „ allgemeineren “bezeichnen (und zwar in Hinsicht jedes Paares von aufeinanderfolgenden Kreisen, welches man in's Auge fassen möge).
Um auch die andern im Prinzip II mit inbegriffenen Fälle zu er - halten, braucht man sich nur noch vorzustellen, dass von den drei Kreisen, nämlich dem innersten a, dem mittleren b und dem äusseren c, irgend zwei successive auch zusammenfallen dürfen — eine Deckung,
die sich in einfachster Weise hinbringen lässt, entweder indem man einen äusseren Kreis zusammenschrumpfen lässt zu dem nächsten in ihm enthaltenen Kreis, oder auch indem man den inneren Kreis sich ausbreiten lässt bis zur völligen Ausfüllung des nächsten ihn um -171§ 4. Erste Grundlagen: Prinzip I und II.schliessenden Kreises. Es können so auch alle drei Kreise in einen einzigen zusammenfallen, und erhalten wir eigentlich noch vorstehende drei Figuren (Fig. 4 ‥ 6), welche mit Fig. 3 zusammen den Satz II erst vollständig veranschaulichen.
Wir werden bei der Veranschaulichung von Sätzen und Aufgaben uns künftig zumeist nur an den „ allgemeinen “Fall halten und uns mit der Darstellung der Fälle spezielleren Charakters durch Figuren nicht aufhalten, vielmehr die besonderen Ausartungen, die „ Degenera - tionsfälle “sich ebenfalls zu veranschaulichen jeweils dem Leser über - lassen — soferne solches überhaupt noch wünschenswert erscheint.
In verwickelteren Untersuchungen — beim Auftreten zahlreicher Gebietssymbole — wird es ohnehin unthunlich, jene Möglichkeiten immer vollständig durchzugehen. Alsdann aber bleibt der Argwohn zulässig, es möchte in einem der übergangenen Spezialfälle die Sache sich doch wesentlich anders verhalten, als in dem allgemeineren Falle behauptet und dargestellt worden. Hieraus erhellt, dass aus der An - schauung nicht in gleichem Maasse die Überzeugung von der Gewiss - heit unsrer allgemeinen Untersuchungsergebnisse zu schöpfen ist, wie sie sich erreichen lassen wird durch die streng analytische Methode, deren wir uns fast immer, jedenfalls in wesentlichen Fragen ganz aus - schliesslich bedienen. Kann doch in der That für die Umgrenzung eines Gebiets die Figur immer nur ein Beispiel darstellen, während unsre Gebiete irgendwie beschaffen sein, auch aus isolirten Punkten, Linien und getrennten Flächenstücken sollen bestehen dürfen! Mag also auch anfangs — bei unsern grundlegenden Betrachtungen — die Anschauung oft rasch vorauseilen dem durch das Folgende illustrirten modus procedendi, nämlich dem vorsichtigen und zuweilen mühsamen Verfahren des von der Anschauung losgelösten streng deduktiven Schliessens, so wird sie doch später sicher hinter diesem Verfahren zurückbleiben; sie wird ihm bald nachhinken und zuletzt es aufgeben müssen, dasselbe einzuholen. Bei dem Aufbau unsres Lehrgebäudes soll darum die Anschauung nur nebensächliche Verwendung finden, illustrationsweise, um den abstrakten logischen Prozeduren einen Vor - stellungsinhalt zu geben; sie soll darin überhaupt nur eine didaktische, erziehende, pädagogische Rolle spielen.
Hier freilich müssen wir uns noch auf dieselbe stützen, um das Prinzip II annehmbar erscheinen zu lassen: Wenn ein Gebiet in einem zweiten und dieses in einem dritten enthalten ist, fällt es uns unmöglich, uns vorzustellen, dass das erste nicht in dem dritten enthalten wäre; das Gegenteil vielmehr ist unmittelbar „ intuitiv “. Auf die Heraus -172Zweite Vorlesung.forderung drei solche Gebiete a, b, c nachzuweisen, bei denen die vorausgesetzten Einordnungen des a in b und des b in c zutreffen, die behauptete Einordnung des a in c aber sich nicht bewahrheitet, wird niemand sich stellen können.
Das Prinzip II gibt uns ein Schema an die Hand, nach welchem von (zwei) bekannten Wahrheiten zu einer neuen (dritten) Wahrheit fortgeschritten, nach welchem aus zwei Aussagen eine dritte abgeleitet werden kann, welche allemal, wenn jenen beiden Wahrheit zukommt, notwendig ebenfalls wahr sein muss. Nach unsern einleitenden Be - trachtungen haben wir einen solchen Prozess als eine Schlussfolgerung, als deduktives Schliessen (inference, illatio) zu bezeichnen.
Die Voraussetzungen, aus denen gefolgert wird, die „ Prämissen “sind hier die beiden Subsumtionen a ⋹ b und b ⋹ c; der „ Schluss “(genauer: „ Schlusssatz “), die „ Konklusion “heisst a ⋹ c.
Der Schluss (als Folgerung verstanden) ist nicht nur gemein - verbindlich für alle Intelligenzen, sondern auch „ allgemeingültig “, nämlich unabhängig von der Materie des Denkens: Sein Schema ist allgemein, indem der Schluss Geltung beansprucht, was auch immer für Bedeutungen den Buchstabensymbolen a, b, c in jenem Schema (durchweg) untergelegt werden mögen. Vorläufig werden wir das Schema auf Gebiete unsrer Mannigfaltigkeit, sodann auch auf Klassen von irgendwelchen Objekten des Denkens anzuwenden haben.
Der Satz II selbst ist — hier im System für uns — das erste Beispiel eines deduktiven Schlusses, und zwar ist er in der That einer — abermals der erste — von den sogenannten Vernunftschlüssen oder „ Syllogismen “der alten Logik, in deren Studium — kann man fast sagen — diese Disziplin gipfelte. Derselbe führt daselbst den — etwas geschmacklosen — Namen Barbara und wird auch als das „ dictum de omni (et de nullo) “bezeichnet.
„ Quidquid de omnibus valet, valet etiam de quibusdam et de singulis (quidquid de nullo valet, nec de quibusdam valet, nec de singulis) “ist der Wortlaut dieses „ dictum “.
Was von allen gilt, das gilt auch von einigen und von den einzelnen (Was von keinem gilt, das gilt weder von einigen noch von den einzelnen) — scilicet Individuen.
Wir werden die Syllogismen auch in diesem Werke vollständig (und kritisch) durchnehmen, und mag deshalb in Bezug auf Einiges, was über den Syllogismus Barbara noch zu sagen wäre, auf die 20. Vorlesung verwiesen werden.
Zur Stelle sei nur noch bemerkt, dass das Gebiet b, welches in173§ 4. Erste Grundlagen: Prinzip II.der Konklusion gar nicht vorkommt, dagegen in jeder der beiden Prä - missen einmal vertreten ist, als das Mittelglied (terminus medius) des Syllogismus bezeichnet zu werden pflegt; dasselbe wird durch die Schlussfolgerung ausgemerzt oder „ eliminirt “. Von den beiden Prä - missen heisst diejenige (a ⋹ b), welche das Subjekt a der Konklusion enthält, auch der Untersatz (propositio minor), die andere (b ⋹ c), welche das Prädikat c der Konklusion enthält, der Obersatz (propositio major) des Syllogismus.
Wie schon gesagt, ist der Satz II ein allgemeiner Schluss, welcher, weil die Bedeutung der in ihm vorkommenden Glieder a, b, c in unser Belieben gestellt ist, das Vorbild abgibt für eine unbegrenzte Menge nach seinem Schema auszuführender Schlüsse.
Um rein mechanisch die Konklusion a ⋹ c aus den Prämissen abzuleiten, bieten sich zwei Wege dar: Man mag in dem Untersatze a ⋹ b das Prädikat b auslöschen, und an seine Stelle schreiben das Glied c, welches in dem Obersatz jenem übergeordnet erscheint. Oder man kann auch in dem Obersatz b ⋹ c das Subjekt b ersetzen durch dasjenige Subjekt a, welches in dem Untersatz demselben untergeordnet erklärt ist. Hienach können wir die beabsichtigte Anwendungsweise des Schema's II in Worten wie folgt formuliren:
In einer Subsumtion (einem Urteil) kann an Stelle des Subjekts jedes Subjekt dieses Subjektes, sowie an Stelle des Prädikats jedes Prädi - kat dieses Prädikates eingesetzt (substituirt) werden.
Es wurde in II der Untersatz vor (eventuell über) dem Obersatz ausgesprochen („ Goclenische “Anordnung der Prämissen). Auch wenn umgekehrt der Obersatz vor (resp. über) den Untersatz gestellt ist („ Aristotelische “Anordnung), muss man geübt sein, den Schluss zu ziehen: Aus b ⋹ c und a ⋹ b folgt ebenfalls a ⋹ c.
Denn nach Prinzip I, für Aussagen in Anspruch genommen (vergl. Anmerkung zu I) kann man auch die zweite Prämisse vor der ersten lesen und die (für uns) ursprüngliche Anordnung der Prämissen her - stellen.
Die Goclenische Anordnung empfiehlt sich (hier) in der That als die zur Erreichung des Schlusses bequemere, zur Vorbereitung der Schlussfolgerung geeignetere; sie erscheint als die natürliche für die Logik des Umfanges. Die Wahl der umgekehrten Folge erklärt sich bei Aristoteles aus dem Umstand, dass er statt der Umfänge eben die Inhalte der Begriffe in's Auge fasste, wo dann die Stellung: „ c ist174Zweite Vorlesung.Merkmal des b, b Merkmal des a, ergo c auch Merkmal des a “als die natürlichere erscheint.
Auch wenn a, b, c Klassen vorstellen, musste der Satz II all - gemeine Geltung haben. Hiezu ein paar Beispiele. Es ist: Gold ⋹ Edelmetall, Edelmetall ⋹ Chemisches Element, folglich auch: Gold ⋹ Chemisches Element. Luft ist ein Körper. Alle Körper sind schwer. Ergo: die Luft ist schwer. (Lotze.) Pferd ⋹ Säugetier; Säugetier ⋹ Wirbeltier; ergo: Pferd ⋹ Wirbeltier.
Beiläufig sei noch bemerkt, dass ein Schluss nach dem Schema II auch häufig als ein Schluss a fortiori bezeichnet wird; namentlich ist dies berechtigt, wenn (wie dies meist der Fall) die Subsumtionen in den Prämissen wirkliche Unterordnung bedeuten — in Analogie zu dem Schluss der Arithmetik von a < b und b < c auf a < c. Wenn jedes Pferd ein Säugetier und jedes Säugetier ein Wirbeltier ist, so muss — können wir sagen — um so mehr auch jedes Pferd ein Wirbel - tier sein. —
Drücken wir — um bei unsern Beispielen zu bleiben — dies etwa so aus, indem wir nunmehr auch auf den Inhalt der den Klassen zu - geordneten Begriffe achten, dass wir sagen: Den Pferden kommen die - jenigen Merkmale zu, die allen Säugetieren gemeinsam sind; die Säuge - tiere aber besitzen alle für die Wirbeltiere gemeinsamen Merkmale, und folglich müssen den Pferden auch die Merkmale der Wirbeltiere zu eigen sein, so wird verständlich, weshalb die überlieferte Logik (Kant) dem Prinzip II auch den Ausdruck geben konnte: „ nota notae est nota rei (repugnans notae repugnat rei) “: jedes Merkmal des Merkmals (einer Sache) ist auch ein Merkmal der (eben dieser) Sache. Die in dem Beispiel in Frage kommenden Merkmale sind (kurz zu - sammengefasst) bezüglich die, Säugetier zu sein und Wirbeltier zu sein.
So auch ist, Materie zu sein, stoffliche Qualität, ein Merkmal der Luft, und schwer zu sein, Schwere, ein Merkmal der stofflichen Natur, „ Stofflichkeit “(sit venia verbo!), folglich auch Schwere ein Merkmal der Luft. —
Nun drängt sich freilich wol einem Jeden, der einen solchen Syl - logismus in's Auge fasst, eine Bemerkung auf, die ich zunächst für unser Beispiel aussprechen will, nämlich: dass man gar nicht wissen könne, dass alle Säugetiere Wirbeltiere seien, ohne bereits zu wissen, dass auch die Pferde Wirbeltiere sind.
Ebenso kann man auch nicht wissen, dass ein Gebiet b ganz, mit175§ 4. Erste Grundlagen: Prinzip II.allen seinen Teilen, in einem Gebiet c enthalten ist, ohne zugleich zu wissen, dass auch der Teil a des Gebietes b in c enthalten ist.
Die Bemerkung also ist naheliegend, dass die Schlussfolgerung uns keine wesentlich neue Erkenntniss liefert, keine, die wir — im Besitze der Prämissen befindlich — nicht eigentlich schon besessen hätten.
Diese Bemerkung ist richtig und unbestritten: es findet durch deduktives Schliessen eigentlich keine Vermehrung des Erkenntniss - materials statt; die Deduktion gibt über nichts Aufschluss, was nicht in den Prämissen, auf die sie sich stützt, im Grunde schon enthalten wäre, und es kann der Syllogismus II als das einfachste Beispiel, als der Urtypus deduktiven Schliessens, als der er sich hinstellen lässt, gerade am allerbesten benutzt werden, um über das Wesen der de - duktiven Methode Klarheit zu verbreiten.
Eines aber, dem wir entgegentreten müssen, das ist die Versuchung (der auch manche Philosophen erlegen sind), auf diesen Umstand eine Geringschätzung der deduktiven Methode zu basiren.
Gleichwie es schwierig sein möchte*)Wenn ich mir gestatten darf, ein schon anderwärts von mir gebrauchtes Bild zu wiederholen., Demjenigen, der eben erst das Alphabet erlernt, einen angemessenen Begriff beizubringen von der Grossartigkeit der Literatur, die ihm durch dasselbe erschlossen wird, so dürfte es auch schwer halten, einem Anfänger, welcher etwa noch keine einzige deduktive Disziplin beherrscht, eine zutreffende Vor - stellung beizubringen von der Kraft und dem Wert der deduktiven Methode. Ich würde mich einem solchen gegenüber eines Gleichnisses bedienen: Der Maschinenbauer muss auch das Eisen, aus dem er seine Maschinenteile herstellt, schon haben; es findet bei dem Bau der Maschine keine Vermehrung dieses Materials statt, vielmehr geht ein nicht unbeträchtlicher Teil desselben dabei unproduktiv verloren. Und ferner wird auch bei der Benutzung der fertig gestellten Maschine keine Arbeit durch dieselbe geschaffen, sondern nur ein bereits verfüg - barer Arbeitsvorrat — abermals unter Verlusten — in neue wertvollere Formen umgesetzt.
Analog dem ersten, wie auch dem zweiten Teil dieses Gleichnisses, hebt nun allerdings die deduktive Methode aus dem vorhandenen Material oder Vorrat von Erkenntnissen nur Einzelnes hervor, aber allerdings gerade dasjenige, was für bestimmte Erkenntnisszwecke von Wert ist, für die Fortführung der Untersuchung von Interesse erscheint. Sie begrenzt dieses Einzelne in bestimmte Formen und bringt es, von176Zweite Vorlesung.dem Übrigen getrennt, zum Bewusstsein, bietet es isolirt der Aufmerk - samkeit, der Beachtung dar, und hält es zu weiterer Verwendung dis - ponibel. Mitunter richtet sie auch das Ganze in neue zu anderweitiger Förderung der Erkenntniss geeignetere Formen her.
Sie zieht — um ein anderes Bild zu gebrauchen — die im Schachte freilich bereits vorhanden gewesenen Edelsteine an das Tageslicht, gibt ihnen Schliff und Fassung.
Dass diese Deduktion aber eine Kunst ist, welche in den meisten Fällen gar nicht so nahe liegt, deren Methode oft nicht leicht zu entdecken, zeigen fast alle Untersuchungen aus dem Gebiete der reinen und angewandten Mathematik, ebenso die komplizirteren Aufgaben in gegenwärtiger Schrift.
Um es zur Stelle durch ein Beispiel darzuthun, welches keine Vor - kenntnisse erfordert, lege ich dem Leser eine ganz einfache Aufgabe (aus der allgemeinen Theorie der Verknüpfung) vor.
Es mögen a, b, c beliebige Elemente einer Mannigfaltigkeit und a b das Resultat einer Verknüpfung von a mit b bedeuten, von der wir au - nehmen, dass sie jeweils wieder ein bestimmtes Element derselben Mannig - faltigkeit liefere; m. a. W. es sollen irgend zwei Elemente, in bestimmter Folge genommen, sich immer „ eindeutig “zu einem dritten verknüpfen lassen. Die Knüpfung sei auch „ eindeutig umkehrbar “, d. h. wenn a allein, oder b allein, durch ein anderes Element ersetzt, geändert wird, so soll auch a b sich ändern.
Wenn nun die Knüpfung z. B. das Gesetz befolgt, dass allgemein immer (a b) (b c) = a c ist, so soll die Frage entschieden werden, ob a b = b a durchaus zu gelten habe (die Knüpfung „ kommutativ “sein müsse), oder aber, ob nicht vielleicht in besondern Fällen ein Knüpfungsergebniss a b von dem b a verschieden sein könne?
Jene Frage ist zu bejahen (die letztere zu verneinen), sie wäre da - gegen, wenn das Gesetz der Knüpfung ein wenig anders, nämlich (a b) (b c) = c a gelautet hätte, zu verneinen.
Diese Antwort auf die gestellte Frage steckt bei der ersten sowol als bei der etwas abgeänderten zweiten Aufgabe ebenfalls ganz und gar schon in den Prämissen, aber doch ziemlich verhüllt. Man versuche doch einmal, sie aus den Prämissen herauszuschälen! Ich will dies hier unterlassen, da die Betrachtung in eine andere (in gewissem Sinne speziellere) Disziplin gehört. —
Ich bemerke nur noch, dass man unter den „ Elementen “sich auch Zahlen z. B. vorstellen darf, und das Knüpfungsergebniss a b dann — im mathematischen Sinne — irgend eine „ Funktion “f (a, b) der zwei Argu - mente a und b bedeuten wird, die eindeutig umkebrbar sein muss. Erfüllt diese nun die Funktionalgleichung (und es gibt solche Funktionen): f {f (a, b), f (b, c)} = f (a, c), so wird sie auch „ symmetrisch “sein, nämlich f (a, b) = f (b, a) für alle Werte von a und b sein müssen. —
Wie oft nicht finden wir aber — ganz ähnlich wie bei der vorliegenden177§ 4. Erste Grundlagen: Prinzip II.Aufgabe — uns in der Lage, dass wir gar nicht wissen, was alles in unserm Wissen schon enthalten ist, dass wir nicht sofort abzusehen ver - mögen, ob ein Bestimmtes darin liegt oder nicht, und es im ersten Falle eine schwere Arbeit kostet, dasselbe herauszuholen!
Es ist dieser Umstand die Folge von dem Vorhandensein allgemeiner Erkenntnisse, in Gestalt von welchen ja gegenüber dem direkten Erkennen auch das mittelbare oder indirekte Erfassen von Wahrheit zur Thatsache wird.
Wer den Wert der Deduktion überhaupt oder der Syllogistik ins - besondere aus dem Grunde bestreitet, weil dabei ein Verlust, ein Preis - geben von, Verzichten auf, Opfer an Erkenntnissmaterial stattfindet, gebraucht durchaus kein stichhaltigeres Argument oder Beweismittel, als jemand, der den Nutzen der Maschine leugnen wollte, weil sie vom verfügbaren Arbeitsvorrat einen Teil als Nebeneffekt verloren gehen lässt — oder auch den Wert der Bildhauerkunst wegen des durch sie herbeigeführten Verlustes an Marmor! Es hat auch die Gestalt, in der wir Erkenntnisse isoliren, ihren selbständigen Wert.
Um die Wertschätzung der Deduktion dem Anfänger gegenüber zu retten, resp. diese gegen die auf sie erfolgten Angriffe zu ver - teidigen, heben Mill und Wundt1 (p. 285 sq.) — an Stelle des vor - stehend von mir in den Vordergrund gestellten Grundes — als ein ebenfalls nicht zu übersehendes Moment mit Recht hervor, dass man bei jenen auf eine Geringschätzung hinauslaufenden Einwänden von der verkehrten Vorstellung ausgeht, ein allgemeiner Satz lasse sich nur auf diejenigen Fälle anwenden, aus welchen er abstrahirt worden ist. Die fruchtbringendste Anwendung unsres Syllogismus besteht aber gerade darin, dass wir ihn auf solche Fälle anwenden, die zur Auf - stellung der (in der Regel wol induktorisch gewonnenen, vielleicht auch axiomatisch-hypothetisch aufgestellten) allgemeinen Prämisse nicht ge - dient haben.
Ein gut gewähltes Beispiel hiezu bringt Ueberweg in Gestalt des Schlusses: Was das Pendel verlängert verlangsamt (ceteris paribus, unter sonst gleichen Umständen) den Gang desselben. Wärme (genauer: Temperatursteigerung, Erwärmung) verlängert das Pendel. Also ver - langsamt sie seinen Gang. Der Obersatz konnte in der theoretischen Physik durch Rechnung abgeleitet sein, und brauchte also nicht not - wendig ohne Vermittelung des Untersatzes schon den Schlusssatz als Spezialfall in sich zu enthalten (cf. Fr. A. Lange1 p. 89).
Im Grunde auch wird ja bei dem induktiven Verfahren, es wird selbst in den Erfahrungswissenschaften immer nur von besonderen Fällen auf den besonderen Fall geschlossen. Schon das einmal sich gebrannt habende Kind scheut ein zweites mal das Feuer, noch ehe es sich zuSchröder, Algebra der Logik. 12178Zweite Vorlesung.dem allgemeinen Urteil erhoben, dass die Berührung mit Feuer brennenden Schmerz verursacht. Und jener Art des Schliessens vom Besondern auf's Besondre — des „ Analogieschlusses “— ist schon das Tier fähig; auch der „ asinus ad lapidem non bis offendit eundem “, selbst der Esel stösst nicht zwei mal an denselben Stein. Mit dem allgemeinen Satze aber, wie ihn der Induktionsschluss liefert, erhebt sich der menschliche Intellekt über den des Tieres. Dieser Satz ist das wirksamste und sicherste Mittel, aus bisherigen Erfahrungen für weitere Fälle Nutzen zu ziehen, dieselben zu verwerten. Derselbe ent - lastet das Gedächtniss von der Anforderung, die Einzelwahrnehmungen selbst (in ihrer vielleicht grossen Anzahl) mit all' ihren Nebenumständen und Details zu behalten; er gewährt die Erleichterung, gestattet, alles Nebensächliche zu vergessen; indem durch ihn diese Einzelwahr - nehmungen gleichsam summarisch gebucht, nur das Facit aus den - selben gezogen wird, bildet er die bequemste Form, dieselben zur Nutzanwendung auf weitere Einzelfälle in der Erinnerung aufzuspeichern und im Geiste zurecht zu legen. Er bildet dann die Vermittelung, das Band, die Brücke, über die von jenen vielleicht schon im Gedächt - niss gelöschten zu diesen neuen Fällen der Subsumtionsschluss uns hinüberführt.
Den Satz „ Alle Menschen sind sterblich “auf die bereits gestorbenen Menschen anzuwenden würde freilich ein ziemlich unnützes Beginnen sein. Aber wenden wir nicht diesen Satz (als Obersatz in Verbindung mit dem Untersatze „ N. N. ist ein Mensch “und der Konklusion: „ ergo ist N. N. sterblich “) fortwährend an auf uns und unsre noch lebenden Mitmenschen? Und wie anders würde es in der Welt aussehen, wenn nicht unsre ganze Lebensführung unter der Herrschaft dieses Syllogis - mus stünde? Dass man kein Logiker zu sein braucht, um ihn zu machen, nimmt ihm nichts von seiner Wichtigkeit. (Wundt l. c.)
Oft auch handelt es sich darum mit Hülfe der Konklusion fest - zustellen, ob eine Prämisse zulässig ist — wie dies schon S. 11 an - gedeutet wurde — eine Prämisse, die zunächst noch einen provisorischen oder hypothetischen Charakter hat. Der Chemiker z. B., der eine Sub - stanz zu verbrennen versucht, um zu ermitteln, ob sie organischen Ursprungs sei, steht unter der Herrschaft eines Syllogismus, dessen Obersatz lautet: „ Alle organischen Körper sind verbrennlich “, dessen Untersatz: „ Diese Substanz ist organisch “aber erst durch das that - sächliche Eintreffen oder Nichteintreffen des Schlusses: „ Diese Sub - stanz ist verbrennlich “als eine zulässige (und dann noch weiter zu verfolgende, vollends ausser Zweifel zu setzende) oder aber als eine179§ 4. Erste Grundlagen: Prinzip II.fortan zu verwerfende Hypothese erkannt wird (vergl. Wundt ibidem).
Wesentlich sind es übrigens andere Formen des Syllogismus (als der bisher besprochene einfache Subsumtionsschluss II), welche in dieser Hin - sicht in Betracht kommen, weshalb die weitere Ausführung der angeregten Bemerkung auf die 20. Vorlesung zu versparen wäre.
Es gibt auch scheinbare Ausnahmen zu dem Prinzip II. Ohne die Vollständigkeit der Aufzählung garantiren zu wollen, bemerke ich deren von dreierlei Art. Als mehr nur auf ein Spiel mit Worten hinauslaufend will ich dieselben im Nebentexte behandeln.
Zur Verdeutlichung der ersten Art von solchen Ausnahmen diene das Beispiel (aus Jevons6):
„ Hans ist kein Narr. Kein Narr eignet sich zur Bekleidung hoher Staatsämter. Ergo: Hans eignet sich zur Bekleidung hoher Staatsämter. “
Was hier als Mittelbegriff erscheint hat den verbalen Ausdruck „ kein Narr “. Wir haben aber schon in § 2 hervorgehoben, dass „ kein-a “über - haupt nicht eine Klasse ist. Das wahre Subjekt des scheinbaren Ober - satzes bildet die Klasse: „ Jeder Narr “, sein Prädikat: „ ist ungeeignet zur Bekleidung hoher Staatsämter “. Was ferner als Untersatz erscheint, würde für die Zwecke der Logik korrekter darzustellen sein, sei es in Gestalt von: Hans » ist nicht « ein Narr, als die Verneinung des Satzes: Hans ist ein Narr, sei es als negativ prädizirendes Urteil in Gestalt von: Hans ist (ein) Nicht-Narr (d. h. bei gesundem Verstande). Welche von diesen beiden Auffassungen maassgebend sein solle für das verneinende Urteil, bildet eine bekannte Streitfrage unter den Philosophen, zu der wir erst in § 15 Stellung nehmen werden. Jedenfalls aber wird der Schluss nach Schema II hiemit hinfällig; derselbe fällt auch nicht etwa unter das Schema irgend eines andern gültigen Syllogismus. Bei der zweiten Auffassung sieht man augenblicklich, dass gar kein Mittelglied vorhanden. Hier ist die Klasse „ Narr “Subjekt des einen, die Klasse „ Nicht-Narr “Prädikat des andern Satzes und statt dreien gehen also vier Glieder in die Prämissen ein (so - genannnte „ quaternio terminorum “).
Auch eben hierauf, auf die „ fallacia falsi medii “, den ‚ Trugschluss “(das „ Sophisma “) oder „ Fehlschluss “(die „ Paralogie “, den ‚ Paralogismus) des falschen Mittelgliedes — Trugschluss oder Fehlschluss, je nach der Absichtlichkeit oder Unabsichtlichkeit des unrichtigen Verfahrens — läuft auch die zweite der gedachten scheinbaren Ausnahmen hinaus.
Z. B. Aus dem Untersatz: „ Rappen sind Pferde “und dem Obersatz: „ Pferde sind auf dem Rennplatze “, folgt nicht mit Denknotwendigkeit der Schluss: „ Rappen sind auf dem Rennplatze “.
Denn während der Untersatz dasselbe besagt, wie „ Alle Rappen sind Pferde “, m. a. W. die (ganze) Klasse der Rappen ist enthalten in der Klasse der Pferde, während also der Untersatz ein wirklich „ universales “Urteil ist, trifft solches bei dem vermeintlichen Obersatze nicht zu. Vielmehr ist der Sinn dieses in der That unvollständigen Ausspruches eigentlich nur der: „ Gewisse (oder Einige) Pferde sind auf dem Rennplatze “, und dieser12*180Zweite Vorlesung.Sinn würde ihm auch nur zukommen, wenn er selbst ausdrücklich gelautet hätte: „ Alle Pferde sind auf dem Rennplatze “, indem unter „ alle Pferde “dann doch wieder nur diejenigen eines gewissen Besitzers, einer bestimmten Gruppe gemeint sein konnten, nicht aber die Klasse der Pferde überhaupt. Der angebliche Obersatz ist in Wahrheit ein „ partikulares “Urteil.
Im vorliegenden Beispiele entsprang der Fehler aus der Unvollständig - keit des Ausdrucks, der durch seine Lückenhaftigkeit bedingten Ungenauig - keit desselben, wodurch das (unzulänglich beschriebene) Subjekt des zweiten Satzes dem Namen nach zur Deckung kam mit dem Prädikat des ersten. Dergleichen „ elliptische “Redeweisen, welche man in der Wortsprache be - quemlichkeitshalber sich ungemein häufig gestattet, sind die Hauptquelle für die logischen Paradoxa, d. h. die scheinbaren Widersprüche zur Theorie des exakten Denkens.
Die leicht in's Endlose zu vermehrenden Beispiele zeigen, dass Nach - lässigkeit im Ausdruck für das exakte Denken seine Gefahren birgt, und dass man sich, unbekümmert um den Sinn, mechanisch, nach den Schemata oder Prinzipien des Kalkuls behuf Schliessens zuwerke zu gehen, erst ge - statten darf, wenn die Prämissen in der Zeichensprache des Kalkuls bereits ihren vollständigen und angemessenen Ausdruck gefunden haben.
Indessen, auch wenn die Prämissen im Geiste der Wortsprache beide korrekt ausgedrückt erscheinen, kann man noch zufolge einer (alsdann also berechtigt zu nennenden) Doppelsinnigkeit des Mittelbegriffs in den Fehler der fallacia falsi medii verfallen.
Dies werde illustrirt durch: Einige Herren sind Grundbesitzer. Herr Meier, Herr Müller, Herr Schmidt und Herr Schulze sind einige Herren. Ergo sind dieselben Grundbesitzer.
Das Mittelglied „ einige Herren “hat im (hier vorangestellten) Ober - satze eine möglicherweise ganz andere Bedeutung als im (darauf folgenden) Untersatze.
Allgemein merke man: das Mittelglied b des Syllogismus II darf nicht blos durch einen sprachlichen Ausdruck von der Form „ einige x “gegeben erscheinen; solche Beschreibung würde nicht genügen, um die Bedeutung desselben unzweideutig zu erklären.
Diese Unbestimmtheit entspringt aber nicht allein aus derjenigen des angewendeten „ unbestimmten Zahlwortes “: „ einige “, sondern sie ist schon durch die Anwendung eines Zahlwortes überhaupt bedingt.
Sagten wir: A, B und C sind drei Personen. Drei Personen sind an dem Morde beteiligt. Ergo sind A, B und C an dem Morde beteiligt — so wäre es ja ein vollkommen bestimmtes Zahlwort „ drei “, welches zur Charakterisirung des Pseudo Mittelgliedes mit verwendet worden. Und doch kann der Schluss nicht verbindlich sein, solange nicht als Subjekt des Obersatzes: „ Diese selben drei Personen “zu setzen ist.
Die Verbindung eines Zahlwortes mit einem substantivischen Begriffe ist nicht ausreichend, ist unzulänglich, um eine wohldefinirte Klasse unzwei - deutig zu erklären. Dieselbe kann daher auch keinen Mittelbegriff liefern, der als solcher anzuerkennen wäre.
[Man könnte freilich auch: „ drei Personen “als eine wohldefinirte Klasse hinstellen, welche dann zu umfassen hätte jedes erdenkliche Tripel,181§ 4. Erste Grundlagen: Prinzip II.jede Zusammenstellung von irgend dreien Personen aus der Vergangenheit, Gegenwart wie Zukunft des Menschengeschlechtes. Diese Klasse ist es aber nicht, von der die Wortsprache auszusagen beabsichtigt, sobald schlecht - weg von drei Personen die Rede ist; sie meint dabei immer „ gewisse drei Personen “, d. i. nur ein nicht näher bestimmtes Individuum der vorhin be - schriebenen Klasse.]
Das Nämliche was vorhin für das Beispiel der Zahl drei durchgesprochen ist, würde sich auch auf die Zahl eins[übertragen] lassen, da wo sie als der „ unbestimmte Artikel “: „ ein “mit einem Substantiv verknüpft wird.
Um Fehlschlüsse der erläuterten Art, wie sie aus dem Doppelsinn des Mittelgliedes entspringen, zu vermeiden, lege man sich jeweils die Frage vor, ob unbeschadet der Gültigkeit der Prämissen das fragliche Mittelglied im Obersatze auch wirklich genau in demselben Sinne (als dasselbe) ver - standen werden dürfe und müsse, wie im Untersatze.
Im Anschluss an die letzten Betrachtungen des Nebentextes kon - statiren wir übrigens eine wichtige Verhaltungsmassregel, deren Be - folgung sich die Wortsprache keineswegs stets zur Richtschnur nimmt, wogegen die exakte Logik sich vor der verbalen durch ihre Befolgung hervorthun muss. Es ist der Grundsatz, die Maxime: Verschiedenes niemals mit demselben Zeichen darzustellen im Laufe einer Untersuchung — ein Grundsatz, der als die Forderung der Einsinnigkeit aller etwa verwendeten Zeichen schon in B der Einleitung seine Rechtfertigung fand.
Die Unerlässlichkeit dieser Vorschrift kann eben durch das Prinzip II dargethan werden.
Sind a, b, c Gebiete oder Klassen derart, dass etwa a ⋹ b ist, so gibt es auch immer ein solches x, dass x ⋹ c ist (man braucht z. B. unter x sich nur c selber vorzustellen kraft I). Erlaubten wir uns nun etwa, das x (welches im allgemeinen von b verschieden ist) ebenfalls mit dem Namen b zu belehnen, so erhielten wir zu Prämissen a ⋹ b und b ⋹ c und kämen folgerichtig gemäss II zu dem Schlusse: a ⋹ c — als einer Folgerung aus der einzigen Annahme a ⋹ b, bei ganz beliebigem c! Und die fallacia falsi medii wäre fertig und legitimirt.
Dass die Verwendung einunddesselben Zeichens als Name für ver - schiedene Denkobjekte (im Zusammenhange einer Überlegung) wie im vorstehenden Beispiel sich immer rächen muss, lässt sich allerdings nicht beweisen. Um aber die konsequente Durchführung unsrer Prin - zipien unbehelligt von allen nebenrücksichten zu ermöglichen, dürfen wir uns auch einer solchen Gefahr nicht aussetzen. Es muss demnach für den Kalkul wie für die exakte Logik maassgebend sein, dass man immer nur Identisches mit demselben Buchstaben benenne, oder die Bedeutung eines Zeichens, so wie sie einmal festgesetzt worden, un - verbrüchlich festhalte, bis die Untersuchung über das damit Be - zeichnete zum Abschluss gekommen. Es ist darauf zu halten ver -182Zweite Vorlesung.pflichtet, wer immer dem dictum des „ quidquid valet etc. “allgemeine Geltung zuerkennen will.
Als eine Nutzanwendung hievon bemerkten wir schon in § 2 S. 150, dass wenn ein Ausdruck wie „ einige b “in verschiedenen Sätzen vorkommt, diese Klasse nicht immer mit demselben Zeichen b', sondern allemal wieder mit einem neuen b' ', b'' ', etc. im allgemeinen darzustellen sein wird. Und ähnliches gilt, wo „ ein b “als Subjekt eines „ unbestimmten “Urteils auf - tritt. Der identische Kalkul wird ja übrigens zur Darstellung partikularer sowol als unbestimmter Urteile, über bessere als dieses provisorische Aus - kunftsmittel späterhin verfügen.
Eine dritte Art von scheinbaren Ausnahmen zu Prinzip II möge ver - deutlicht werden an dem Beispiele von Jevons:
Alle Werke (Schriften, Stücke) Shakespeare's können (von einer Person) nicht in einem Tage durchgelesen werden. Hamlet ist ein Werk von Shakespeare. Ergo kann Hamlet nicht in einem Tage durchgelesen werden. Für eine deutsche Schule mag man Goethe's Iphigenie als Para - digma vorziehen.
Der Untersatz und Schluss kann nicht bemängelt werden, wofern es mit dem Obersatze seine Richtigkeit hat.
Das Subjekt dieses — oben vorangestellten — Satzes: „ Alle Werke ‥ “steht hier nicht „ distributiv “als eine Klasse, sondern „ kollektiv “als eine Menge; es steht für „ die Gesamtheit der Werke “, für „ alle Werke zusam - mengenommen “(cuncti, nicht omnes) und wäre besser durch „ Sämtliche Werke “auszudrücken gewesen.
Das Urteil ist gar kein generelles (abgesehen von der Unbestimmtheit der durchlesenden Person); es ist kein im engeren Sinne „ universales “. Ein „ universales “(im weiteren Sinne, schlechtweg) kann es nur genannt wer - den, insofern es ein „ singulares “Urteil ist und die singularen Urteile mit zu den universalen gerechnet werden.
Wofern der Untersatz nicht gerade Identität zwischen seinem Subjekt und seinem Prädikate aufweist, wird er — wie dies oben der Fall — eine wirkliche Unterordnung dieses Subjekts unter die Klasse seines Prädikat - begriffes ausdrücken. Sein Prädikat muss dann also ein allgemeiner oder Gattungsbegriff sein. Dieses Prädikat des Untersatzes muss aber, als der Mittelbegriff, zugleich Subjekt des Obersatzes sein (wenn anders ein Subsum - tionsschluss nach dem Schema II sich soll anbringen lassen) — was oben nicht zutrifft; und deshalb war der Schluss hinfällig.
Es sind also blos Unvollkommenheiten unsrer modernen Sprachen gewesen, die zu den Fehlschlüssen verleitet haben und damit Aus - nahmen zum Prinzip II zu begründen schienen.
Zusatz zu II. Die Ausdehnung des Satzes II auf mehr als zwei als Prämissen angenommene Subsumtionen, welche sich so anordnen lassen, dass bis zur letzten hin das Prädikat einer jeden mit dem Sub - jekt der auf sie folgenden übereinstimmt, ist naheliegend. Wenn a ⋹ b, b ⋹ c und c ⋹ d, so folgt auch a ⋹ d und so weiter.
Der Beweis ist auf Grund von II selbst — durch mehrmalige An -183§ 4. Erste Grundlagen: Prinzip II.wendung ebendieses Prinzips — zu leisten. So folgt hier aus den beiden ersten Prämissen nach II schon, dass a ⋹ c sein muss, und hieraus in Verbindung mit der dritten Prämisse c ⋹ d folgt abermals nach II, dass a ⋹ d sein muss, wie behauptet worden.
Wir haben damit das Verständniss der einfachsten Form des von der alten Logik sogenannten Kettenschlusses (sorites) gewonnen.
Anmerkung 1 zu Prinzip II.
Auf dem Anwendungsfelde δ) des § 3, d. i. im „ Aussagenkalkul “— vergleiche die Anmerkung auf S. 161 sq. — wird dem Prinzip II die Bedeu - tung zukommen: Wenn c aus b folgt und b aus a folgt, so folgt auch c aus a — unter a, b, c irgend welche Annahmen oder Behauptungen, irgend welche „ Aussagen “(Urteile) verstanden.
Wir werden von diesem „ Prinzip “bei den Beweisen unsrer theoreme fortgesetzt — und, als von etwas Selbstverständlichem, stillschweigend Ge - brauch machen. Damit aber der Leser alsdann auch dessen inne werde, sei hier im voraus schon darauf aufmerksam gemacht.
Unter den Prinzipien des Gebietekalkuls aber darf solches „ Prinzip “offenbar nicht aufgezählt werden, da es ersichtlich oder wenigstens an - scheinend gar nicht von Gebieten handelt. Jedenfalls in der that betrifft es nicht die Gebiete unsrer hier „ bevorzugten “Mannigfaltigkeit.
Anmerkung 2 zu Prinzip II.
Ähnlich wie mit dem letzten verhält es sich mit noch einem Grund - satze, den wir fortgesetzt bei unsern Schlussfolgerungen im Gebietekalkul bethätigen werden.
In die fundamentalen Sätze und Formeln des Kalkuls gehen Buch - staben ein als allgemeine Symbole, in solcher Weise, dass denselben aus der Mannigfaltigkeit unsrer Gebiete je ein beliebiges als „ Wert “oder Be - deutung soll untergelegt werden dürfen.
Der Grundsatz, den wir meinen, ist nun dieser: Jedes allgemeine Sym - bol (dessen Bedeutung unsrer Mannigfaltigkeit angehört) darf durch jedes beliebige (andre) Symbol (dessen Bedeutung derselben Mannigfaltigkeit an - gehört) durchweg ersetzt werden — einerlei ob das letztere wiederum als ein (natürlich ebenso) „ allgemeines “aufgefasst wird, oder ob es beliebt wird, dessen Bedeutung irgendwelche Beschränkungen aufzuerlegen, oder ob endlich dasselbe ein ganz spezielles Gebiet bezeichnet.
Auch von dieser Erlaubniss machen wir demnächst fortgesetzt Ge - brauch; wir substituiren bei den Beweisführungen — geradeso, wie es auch in der Mathematik geschieht — alle Augenblick für ein allgemeines (Ge - biete -, Klassen -, oder Aussagen -) Symbol irgend ein anderes. Aber nicht nur bei den fundamentalen, sondern auch bei den mittelst Beweises auf diese zurückgeführten, den aus ihnen gefolgerten oder abgeleiteten Sätzen, in den „ Theoremen “.
Bei den Definitionen und Postulaten sowie den Axiomen oder „ Prin - zipien “— bei allem was willkürlich ausgemacht, allgemein angenommen, konventionell festgesetzt wird — konstatirt obiger Grundsatz lediglich Das - jenige, was im Begriffe des „ allgemeinen “Symbols liegt. Eine in Betreff sol -184Zweite Vorlesung.cher Symbole getroffene Übereinkunft soll ja immer den Sinn haben, dass sie zu gelten habe, was immer für besondre (sogenannte „ Werte “) oder wiederum allgemeine Symbole für die Buchstaben in ihr substituirt wer - den, und dasselbe gilt auch in Betreff solcher Sätze oder Behauptungen, die man übereinkommt, ohne jeden Beweis als allgemeingültige schlechtweg zu adoptiren.
Dagegen für die aus solchen Grundlagen als Folgerungen abgeleiteten Theoreme die gleiche Erlaubniss in Anspruch zu nehmen ist nicht mehr blos durch den Sinn der Worte verbürgt, sondern erscheint als ein wirk - liches Prinzip, wenn auch zunächst nicht als ein dem Gebietekalkul eigen - tümliches.
Auch die Berechtigung zu diesem Verfahren wird aber sich nicht als Ausfluss, Wirkung eines ganz neuen Prinzipes, sondern lediglich als eine Bethätigung unsres Prinzips II selber, und zwar auf dem Anwendungsfelde ε) des § 3 späterhin erkennen lassen.
Nunmehr verleiben wir auch das Gleichheitszeichen dem Lehr - gebäude der Algebra der Logik ein, indem wir auf den als allein be - kannt vorausgesetzten Begriff der Subsumtion eine Begriffserklärung der durch jenes Zeichen auszudrückenden Beziehung gründen.
Definition (1) der identischen Gleichheit (Identität).
Dass ein Ausspruch von dieser Form a = b eine Gleichung, a die linke, b die rechte Seite derselben genannt wird, haben wir schon S. 128 angeführt.
Da Vorstehendes eine Definition ist, so muss (wie schon auf S. 134 hervorgehoben wurde) die Festsetzung auch umgekehrt gelten: Es kann die Gleichung a = b nichts anderes aussagen, als dass die vorerwähnten Subsumtionen gleichzeitig bestehen, m. a. W.: (1) ''. {Wenn a = b gilt, so muss a ⋹ b und b ⋹ a sein. Wollten wir die beiden Teile (1) 'und (1)' 'der Definition (1) aus - drücklich auf einmal aussprechen, so wäre in (1)' die Partikel „ so “durch „ immer dann und nur dann “zu ersetzen gewesen.
Zusatz zu Def. (1). Weil alsdann (nach I, für Aussagen in An - spruch genommen — vergl. die Anmerkung zu Prinzip I) b ⋹ a