PRIMS Full-text transcription (HTML)
[I][II]
Staatengeſchichte der neueſten Zeit.
Siebenundzwanzigſter Band.
Deutſche Geſchichte im neunzehnten Jahrhundert Vierter Theil.
LeipzigVerlag von S. Hirzel. 1889.
[III]
Deutſche Geſchichte im Neunzehnten Jahrhundert
Vierter Theil. Bis zum Tode König Friedrich Wilhelms III.
LeipzigVerlag von S. Hirzel. 1889.
[IV]
[V]

Vorwort.

Um die Geſchichte der dreißiger Jahre hat ſich ein vierfacher Sagen - kreis gelagert. Die franzöſiſch-polniſchen und die nahe verwandten parti - culariſtiſch-liberalen Märchen gerathen zwar allmählich in Vergeſſenheit; die engliſch-coburgiſche Legende aber und die Legende des Literatenthums behaupten noch einen Theil ihrer alten Macht. Leicht iſt es nicht, durch dieſe Fabelwelt zu einer unbefangenen, ſchlicht deutſchen Auffaſſung der Ereigniſſe hindurchzudringen; noch ſchwieriger, die unendliche Bedingtheit alles hiſtoriſchen Lebens auch in den verworrenen Parteikämpfen dieſes Jahrzehntes zu erkennen und getreu zu ſchildern, wie Deutſchlands Ein - heit gewiß nicht durch den Liberalismus, doch ebenſo gewiß nicht ohne ihn möglich wurde, wie bald die Kronen bald die Oppoſition das nationale Leben gehemmt oder gefördert haben. So weit mein Scharfſinn reichte habe ich mich bemüht Licht und Schatten gerecht zu vertheilen.

Eine unerwartete Fülle dankenswerther vertraulicher Mittheilungen von Landsleuten aus Nord und Süd erleichterte mir die Arbeit. Außer den ſchon früher benutzten Archiven hat mir diesmal auch das Staats - archiv in Hannover mannichfache Belehrung geboten.

Die Vorwürfe, die mir in zahlreichen Briefen zukamen, habe ich ernſtlich erwogen, ohne ſie immer beherzigen zu können. Die meiſten dieſer Zuſchriften liefen darauf hinaus, daß wohl alles Uebrige zu billigen, aber die Heimath des Tadelnden ſchlecht behandelt ſei. Jakob Grimm ſagte über ſein Kurheſſen, keine deutſche Landſchaft würde von ihren Söhnen ſo leidenſchaftlich geliebt. Das Gleiche behauptet auch der Oſt - preuße und der Schleſier, der Baier und der Schwabe, der Weſtphale und der Kurſachſe von ſeinem Heimathlande. Den hohen Anſprüchen dieſer Heimathliebe kann eine Darſtellung, welche das Leben der geſammten Nation zu würdigen ſucht, wohl niemals völlig genügen.

VIVorwort.

Bei ausländiſchen Kritikern, freundlichen und feindſeligen, hat der ganze Ton meines Buchs Befremden erregt, und ich konnte nichts anders erwarten. Ich ſchreibe für Deutſche. Es mag noch viel Waſſer unſeren Rhein hinabfließen, bis die Fremden uns erlauben, von unſerem Vater - lande mit demſelben Stolze zu reden, der die nationalen Geſchichtswerke der Engländer und Franzoſen von jeher ausgezeichnet hat. Einmal doch wird man ſich im Auslande an die Geſinnungen des neuen Deutſchlands gewöhnen müſſen.

Dieſer Band ſchildert im Eingang mehrere rühmliche Erfolge, am Schluſſe zwei verhängnißvolle Fehler der preußiſchen Politik. Gleichwohl wird der Leſer, wie ich hoffe, die Erkenntniß gewinnen, daß zu Ende des Jahrzehnts die Wirrniß der deutſchen Dinge ſich zu lichten beginnt: Preußen tritt fortan ganz in den Vordergrund der vaterländiſchen Ge - ſchichte, ſein Thun und Laſſen beſtimmt die Schickſale der Nation.

Berlin, 30. November 1889.

Heinrich von Treitſchke.

[VII]

Inhalt.

Viertes Buch.

Das Eindringen des franzöſiſchen Liberalismus 1830 1840.

  • Seite
  • 1. Die Juli-Revolution und der Weltfriede3
  • Der Umſchwung in Frankreich, England, Belgien7
  • Anerkennung des Julikönigthums. Die Londoner Conferenzen35
  • Revolution in Polen und Italien56
  • Beſchwichtigung der Gegenſätze. Warſchaus Fall70
  • Antwerpen und Ancona91
  • 2. Die conſtitutionelle Bewegung in Norddeutſchland98
  • Der Aufruhr in Braunſchweig99
  • Verfaſſung und Mitregentſchaft in Kurheſſen126
  • Die ſächſiſche Verfaſſung142
  • Das hannoverſche Staatsgrundgeſetz153
  • Lornſen und die Provinzialſtände Schleswigholſteins169
  • 3. Preußens Mittelſtellung179
  • Innerer Friede. Die polniſchen Grenzwirren179
  • Die Verhandlungen über das Bundeskriegsweſen211
  • 4. Landtage und Feſte in Oberdeutſchland221
  • Oberheſſiſche Unruhen. Der badiſche Landtag von 1831221
  • Gährung in Naſſau, Württemberg, Baiern238
  • Das Hambacher Feſt247
  • 5. Wiederbefeſtigung der alten Gewalten267
  • Die Sechs Artikel267
  • Der Frankfurter Wachenſturm293
  • Theilung Luxemburgs311
  • Zuſammenkunft von Münchengrätz322
  • Neue Wiener Miniſter-Conferenzen 1834336
  • 6. Der deutſche Zollverein350
  • Kurheſſens Beitritt. Die Sponheimer Händel351
  • Beitritt des ſüddeutſchen Zollvereins364
  • Anſchluß von Sachſen und Thüringen. Die Neujahrsnacht 1834371
  • Kampf mit Oeſterreich und Hannover. Der hannöverſche Steuerverein379
  • Die Nachzügler: Baden, Naſſau, Frankfurt393
  • VIII
  • Seite
  • 7. Das Junge Deutſchland407
  • Goethe’s Tod408
  • Das ſouveräne Feuilleton419
  • Redende und bildende Künſte443
  • Hiſtoriker und Naturforſcher464
  • Die Junghegelianer. Strauß481
  • 8. Stille Jahre498
  • Die Quadrupel-Allianz und die Oſtmächte498
  • Preußiſche Zuſtände. Rheinland. Poſen541
  • Der Zollverein und die Eiſenbahnen569
  • Demagogen und Flüchtlinge598
  • Landtagsnöthe der Mittelſtaaten616
  • 9. Der welfiſche Staatsſtreich643
  • Aufhebung des Staatsgrundgeſetzes. Die Göttinger Sieben643
  • Die Selbſtvernichtung des Bundestages668
  • 10. Der Kölniſche Biſchofsſtreit683
  • Erzbiſchof Droſte-Viſchering684
  • Die ultramontane Partei704
  • Tod Friedrich Wilhelm’s des Dritten727
  • Beilagen. XVI. Baierns Politik in den Jahren 1819 f. 731
  • XVII. Canning und Deutſchland732
  • XVIII. Der Herzog von Cumberland und das Staatsgrundgeſetz733
  • XIX. Prinz Wilhelm von Preußen und Prinzeſſin Eliſe Radziwill738
  • XX. Preußen und das Bundeskriegsweſen 1831740
  • XXI. König Wilhelm von Württemberg an Miniſter Wangenheim745
  • XXII. Das Frankfurter Attentat745
  • XXIII. Stimmungen der württembergiſchen Oppoſition. 1838749
  • XXIV. Handſchreiben König Ernſt Auguſt’s752
  • XXV. Aus den Aufzeichnungen König Friedrich Wilhelm’s753

Berichtigungen.

  • S. 34, Z. 7 v. u. lies: Gent ſtatt Brügge. 68, 17 v. o. lies: eingehen ſtatt übernehmen.
  • 81, 23 v. o. lies: der Silleria ſtatt des Retablo.
  • 87, 3 v. u. lies: Russkaja Starina.
  • 103, 20 v. o. lies: Garde-Dragonern.
  • 215, 12 v. u. hinter überraſchte iſt einzuſchalten: im Jannar.
  • 245, 5 v. u. lies: bewundern.
  • 287, 6 v. o. lies: Cartwright.
  • 327. 4 v. u. iſt endlich zu ſtreichen.
  • 345, 19 v. u. lies: fehlte.
  • 393, 15 v. o. lies: ein Drittel ſtatt ein Fünftel.
  • 395, 10 v. o. lies: Baden ſtatt Baiern.
  • 557, 5 v. o. lies: Statthalters.
  • 633, 8 v. u. lies: Uebungslager.
[1]

Viertes Buch. Das Eindringen des franzöſiſchen Liberalismus. 1830 1840.

[2][3]

Erſter Abſchnitt. Die Juli-Revolution und der Weltfriede.

Das Fortwirken der Vergangenheit in der Gegenwart bewährt ſich unerbittlich auch in den Geſchicken ſolcher Völker, welche an dies hiſtoriſche Geſetz nicht glauben wollen. Durch die erſte Revolution hatten die Fran - zoſen mit ihrer Geſchichte gebrochen; ſie wähnten ihrer Vorzeit ledig zu ſein und ſahen nicht, daß Napoleon nur in vereinfachten, demokratiſchen Formen den alten centraliſirten Beamtenſtaat Richelieu’s wieder herſtellte als er dem neuen Frankreich ſeine dauernde Verfaſſung gab. Noch weniger wollten ſie im Jahre 1830 erkennen, daß die Juli-Revolution ihre welt - erſchütternden Folgen großentheils der Nachwirkung der Vergangenheit verdankte. Seit den Wiener Verträgen beſaß Frankreich weder die kriege - riſche Macht noch die geiſtigen Kräfte mehr um die Führerſtellung unter den Völkern zu beanſpruchen; der Tag von Belle Alliance hatte die Ueber - legenheit der deutſchen Waffen erwieſen, in Kunſt und Wiſſenſchaft war Deutſchland längſt zu neuen, eigenen Idealen gelangt, auch die prunkenden Redekämpfe der franzöſiſchen Volkstribunen und Tagesſchriften bewegten ſich immer noch in den ausgefahrenen Geleiſen der Ideen von 89, ſie warfen keinen ſchöpferiſchen politiſchen Gedanken in die Zeit. Aber die Erinnerungen an die hundertjährige Weltherrſchaft der franzöſiſchen Bildung, an die Propaganda der Jacobiner, an das napoleoniſche Reich blieben noch überall lebendig; auf das Heimathland der Revolution richtete ſich unverwandt die Beſorgniß der Höfe, die Hoffnung aller Unzufriedenen.

Als dort das wiederhergeſtellte legitime Königthum zuſammenſtürzte, urplötzlich, wie durch eine unabwendbare Naturgewalt, da ſchien die ge - ſammte neue Ordnung der Staatengeſellſchaft zu wanken. Ermuthigt durch Frankreichs Vorbild erhoben ſich faſt in allen Nachbarlanden die Mächte der Revolution, die Schlagworte der Menſchenrechte waren in Aller Munde. Selbſt die ſonſt fremdem Einfluß ſo unzugänglichen Briten ver - ſpürten den Zauber der demokratiſchen Ideen Frankreichs und begannen durch die Reformbill den ehrwürdigen Bau ihrer parlamentariſchen Ariſtokratie zu zerſtören. Die Franzoſen nannten ſich wieder die große Nation und wähnten, ihre Tricolore halte von Neuem den Rundgang1*4IV. 1. Die Juli-Revolution und der Weltfriede.um den Erdkreis. Achtzehn Jahre darauf ſollten ſie dann nochmals durch einen Straßenkampf den Anſtoß geben zu einer europäiſchen Be - wegung, aber auch nur den Anſtoß von außen her: Frankreichs Gedanken beherrſchten die Welt nicht mehr, die nationale Bewegung in Deutſchland und Italien verfolgte Ziele, welche mit den weltbürgerlichen Lehren der Revolution wenig gemein hatten. Nach vierzig Jahren war endlich die nachwirkende Kraft der alten Größe gänzlich gebrochen; die ernüchterte Welt ſah in dieſem Volke nicht mehr den Lichtbringer, ſondern den Friedensſtörer der Staatengeſellſchaft, die republikaniſche Schilderhebung der Pariſer im September 1870 weckte in Europa kaum noch ein Echo. Ebenſo langſam und unaufhaltſam war zwei Jahrhunderte zuvor die ſpaniſche Weltmacht von ihrer Höhe herabgeſunken. Hier wie dort wirkten die großen Erinnerungen noch gewaltig fort als die Pfeiler der Macht ſchon längſt vermorſcht waren, hier wie dort hielt ſich die Nation noch für die erſte der Welt, als mit einem Schlage, hier durch die Schlacht von Sedan, dort durch den Pyrenäiſchen Frieden die Verſchiebung der Machtverhältniſſe offenbar wurde.

Im Sommer 1830 konnten freilich nur vereinzelte ſcharfblickende Staatsmänner den beginnenden Verfall Frankreichs erkennen. Die große Woche der Pariſer veränderte die ganze Lage der Welt; ſie erſchütterte das politiſche Syſtem der legitimen Großmächte weit ſtärker als zehn Jahre früher die Revolutionen Südeuropas; ſie beſchleunigte überall die längſt ſchon begonnene Zerſtörung der alten Ständeherrſchaft. Der Unter - gang des Adels und die Herrſchaft der Bourgeoiſie in Frankreich entflammten das erſtarkte Selbſtgefühl der bürgerlichen Klaſſen zu neuen Hoffnungen und Anſprüchen. Unterdeſſen begann das zweite große Zeitalter der Entdeckungen und Erfindungen zu tagen, Wohlſtand und Verkehr nahmen einen unerhörten Aufſchwung. Die neuen Weltmächte der Großinduſtrie, der Börſe, des Judenthums traten ihre Herrſchaft an, und zugleich regte ſich ſchon der Klaſſengegenſatz von Capital und Arbeit. Die Zeit der Reſtauration ſtand mit ihrer feinen Sitte, ihren romantiſchen Träumen und ihrer andächtigen geiſtigen Arbeit, mit ihren Diplomatencongreſſen und höfiſchen Feſten dem ariſtokratiſchen alten Jahrhundert noch ſehr nahe. Erſt ſeit der Juli-Revolution, vollſtändig erſt ſeit dem Jahre 1848 zeigt die Geſittung des neunzehnten Jahrhunderts ihr eigenes Gepräge. Ein neues Geſchlecht kommt herauf, demokratiſch in Sitten und Gedanken, formlos und kurz angebunden, unerſättlich in ſeinen Anſprüchen, tief überzeugt von ſeiner eigenen Güte und noch tiefer von der Verworfenheit ſeiner Gegner, unternehmend und arbeitſam, kühn und erfinderiſch im Kampfe mit den Elementen, durch die Weite ſeines Geſichtskreiſes und die Vielſeitigkeit ſeiner Intereſſen allen früheren Zeiten überlegen, aber auch haſtig, unſtät, ohne Sammlung des Geiſtes, ohne Sicherheit der Weltanſchauung. Alles Leben der Völker drängt ſich auf den Markt5Charakter des neuen Zeitalters.hinaus. Die Wahlen und die Redeſchlachten der Parlamente, die Bera - thungen der Vereine, die großen neuen wirthſchaftlichen Unternehmungen nehmen die Kraft des Mannes in Anſpruch, im Kaffehaus und bei der Cigarre ſucht er ſeine Erholung. Der häusliche Verkehr verödet, die Frauen behaupten nicht mehr die unbeſtrittene Herrſchaft im geſelligen Leben und verſuchen dafür ſchon zuweilen mit der Männerarbeit den ungleichen Wett - kampf aufzunehmen. Die Zeitungen und die raſch ins Kraut ſchießende populäre Literatur wecken in weiten Kreiſen den Sinn für das öffentliche Leben, aber auch eine begehrliche, glaubenloſe, dünkelhafte Halbbildung; manches ſchöne Talent verflüchtigt ſich in Eintagswerken, nur wenige ſtarke Geiſter vermögen noch ſich hinauszuretten aus der unmuthigen Haſt der Zeit, in Kunſt und Forſchung Dauerndes zu ſchaffen. Der demokratiſche Charakter der Epoche ſpiegelt ſich treulich wieder in ihrer Männerkleidung, der häßlichſten, aber auch der zweckmäßigſten und be - quemſten, welche je in Europa getragen wurde. Haar - und Barttracht bleiben dem perſönlichen Belieben überlaſſen, im Uebrigen herrſcht unver - brüchlich das demokratiſche Anſtandsgeſetz, das Keinem erlaubt ſich von den Anderen zu unterſcheiden; Jedermann trägt den nämlichen ſchmutz - und miſchfarbigen, taſchenreichen Sackrock, der dem beſchäftigten Manne ſo viel Zeit erſpart; das lange Beinkleid und die Stiefeln dringen jetzt bis in den Salon, der demokratiſche Frack läßt auch hier Alle, Gäſte und Diener, vollkommen gleich erſcheinen.

Das verarmte Deutſchland vermochte dem Umſchwunge des Verkehres und der Lebensgewohnheiten nur langſam zu folgen. Um ſo mächtiger ſtrömten die politiſchen Gedanken der Franzoſen in unſer Leben ein, war ihnen doch längſt der Boden bereitet durch die radicale Literatur der zwanziger Jahre. Unabhängig von den Franzoſen, zumeiſt im Kampfe mit ihnen, hatte der deutſche Genius in den Jahren der claſſiſchen Dichtung, in den Befreiungskriegen, in den ſchönen Jugendtagen der hiſtoriſchen Wiſſen - ſchaft ſich in Wort und That ſeine Wege gefunden. Nun erfolgte ein ungeheuerer Rückſchritt; die alte Aufklärung, die ſeit Herder’s Zeiten über - wunden ſchien, kam wieder empor, und ſie trug franzöſiſche Gewänder. Jene tiefſinnige hiſtoriſche Anſchauung vom Staate, die ſich in der deutſchen Wiſſenſchaft ſtill vorbereitet, aber noch nicht durchgebildet hatte, trat in den Hintergrund. Die alte Naturrechtslehre von dem vernunftgemäßen Staate der Gleichheit, von der Unfehlbarkeit der öffentlichen Meinung, von der Staatsgewalt, die nicht regieren ſondern der Mehrheit dienen ſollte, führte das große Wort und verfiel bald in leere Phraſen, da ſie nichts Neues mehr zu ſagen wußte. Die vaterländiſche Begeiſterung der Befreiungs - kriege ward verdrängt durch einen liberalen Weltbürgerſinn, der im Namen der Freiheit die Feinde Deutſchlands im Oſten wie im Weſten verherr - lichte und das eigene Volk mit Schimpf überhäufte. Auf das geiſtvolle Kunſtverſtändniß der Romantiker folgte wieder ein flacher, mit Freiheits -6IV. 1. Die Juli-Revolution und der Weltfriede.worten prunkender Rationalismus, der, ganz in Nicolai’s Weiſe, an alle Werke des Genius den Zollſtock der Nützlichkeit, diesmal des politiſchen Nutzens, legte und die Lehrer der Nation nur nach ihrer zeitgemäßen Ge - ſinnung beurtheilte. Wüſter Radicalismus, zuchtloſe Leidenſchaft, hohler Wortſchwall und dann wieder harte Verfolgung ſchändeten das deutſche Leben.

Gleichwohl hat ſelbſt in dieſem Jahrzehnte widerwärtiger Verirrungen die ſtill wirkende Macht des nationalen Gedankens, die unſer Volk zur Einheit drängte, unwiderſtehlich gewaltet. Nach dem tiefen Schlummer der letzten Jahre war eine Aufrüttelung doch nothwendig, wenn die zähe Maſſe der deutſchen Politik wieder in Fluß kommen ſollte; und wer durfte die unerfahrenen Deutſchen ſchelten, wenn ſie, gleich allen anderen Völkern, das Land überſchätzten, das ihnen das Signal gegeben hatte? Die kleinen Volksaufläufe und Straßenkämpfe in den Reſidenzen unſeres Nordens mochten den Fremden nur wie ein kindiſches Nachſpiel der großen Woche erſcheinen; doch ihr Ergebniß war dauerhafter als das Julikönigthum der Franzoſen. Sie führten die wichtigſten der norddeutſchen Kleinſtaaten in das conſtitutionelle Lager hinüber; ſo ward der Gegenſatz von Nord und Süd gemildert, ein gemeinſamer Boden gewonnen für die politiſche Arbeit der Nation. Alle dieſe winzigen Umwälzungen waren durch ört - liche Beſchwerden veranlaßt, ſie verfolgten nur den Zweck, die altſtändiſche oder höfiſche Willkürherrſchaft in dem heimiſchen Kleinſtaate durch ein liberaleres Regiment zu verdrängen; aber die reife Frucht der partikula - riſtiſchen Revolutionen fiel der Einheitspolitik der Krone Preußen zu. Als Sachſen und Kurheſſen die in Preußen und Süddeutſchland längſt ver - wirklichten modernen Grundſätze der Staatseinheit und des gemeinen Rechtes anerkennen mußten, da wurden ſie erſt fähig mit den deutſchen Nachbarn in Zollgemeinſchaft zu treten, und nun erſt ſchloß ſich der Ring, welchen Preußens Handelsverträge um Deutſchland geſchlungen hatten. Die Siege der liberalen Parteien ermöglichten erſt die Gründung des großen Deutſchen Zollvereins, den die Mehrzahl der Liberalen leidenſchaft - lich bekämpfte; und ſeitdem blieb es ein Menſchenalter hindurch das ſelt - ſame Schickſal des deutſchen Liberalismus, daß alle großen Erfolge unſerer nationalen Politik nicht durch ihn, aber auch nicht ohne ihn errungen wurden. Der Zollverein war die größte politiſche That des Jahrzehnts, folgenreicher für Europas Zukunft als alle die vielbewunderten Partei - kämpfe in den Nachbarlanden, das letzte köſtliche Vermächtniß des alten unbeſchränkten preußiſchen Königthums an die deutſche Nation.

Auch das zerfahrene deutſche Parteileben ward durch den ſcharfen Luftzug dieſer Jahre etwas gekräftigt. Klarer, bewußter denn zuvor traten die Gegenſätze auseinander ſeit in Frankreich das Banner der Volks - ſouveränität erhoben wurde. Die Conſervativen hatten bisher, vertrauend auf ihre Machtſtellung in den Landtagen und auf die Gunſt der Höfe, den Federkrieg gegen die liberale Preſſe ſorglos den Regierungsblättern7Der Umſchwung in Deutſchland.überlaſſen; jetzt ſchaarten ſie ſich feſter zuſammen und bekämpften die Lehren der Revolution in unabhängigen Zeitſchriften. Bald darauf trat die ultramontane Partei, eine geſchloſſene, weithin über Deutſchland verzweigte Macht, mit einem Schlage auf den Kampfplatz. In der liberalen Welt wogten die Wünſche und Gedanken noch wirr durch ein - ander, aber einzelne Sätze der Parteidoctrin wurden allmählich zum Gemeingut Aller, und ſelbſt dem noch völlig unklaren Einheitsdrange der Nation zeigte ſich in weiter Ferne endlich ein erkennbares Ziel ſeit ſüddeutſche Liberale zuerſt von einem deutſchen Parlamente und von der preußiſchen Hegemonie zu reden wagten.

In ſo krankhaft erregter Zeit mußte die Dichtung verwildern. Der geſpreizte, grelle und dennoch kraftloſe Feuilletonſtil verdrängte den Adel der Form, die rohe Tendenz den künſtleriſchen Gedanken, Alles was deutſchen Herzen heilig, wurde von den literariſchen Helden des Tages beſchmutzt und verhöhnt. Doch bis zu den Höhen der deutſchen Bildung ſchlugen die ſchlammigen Wellen dieſes Radicalismus nicht empor. Eben jetzt erſchien Goethe’s letzte und tiefſinnigſte Dichtung; unbeirrt durch das Ge - ſchrei des Marktes ſchritten Böckh und Ritter, die Brüderpaare Grimm und Humboldt ihre Bahn; in Ranke’s Werken bewährte die Kunſt der Geſchichtſchreibung ihre Meiſterſchaft; Dahlmann vertiefte die liberale Parteidoctrin und befruchtete ſie mit den Ideen der hiſtoriſchen Rechts - ſchule; die Theologie wurde durch einen leidenſchaftlichen Parteikampf aufgerüttelt und gezwungen, den hiſtoriſchen Unterbau ihrer Lehren einer ſchonungsloſen Kritik zu unterwerfen; auch in den exacten Wiſſenſchaften traten junge Talente auf, den Wettlauf mit dem Auslande zu wagen. Alſo blieben auch in dieſem Jahrzehnt, das ſelber friedlos ſo viel Un - frieden ſäte, die ſchöpferiſchen Kräfte unſerer Geſchichte noch immer wirkſam.

Das Nahen einer großen Umwälzung war von einſichtigen Be - obachtern der franzöſiſchen Zuſtände längſt vorausgeſehen. Sobald König Karl X. das gemäßigte Miniſterium Martignac hatte berufen müſſen, erlangte der Liberalismus wieder die Herrſchaft über die öffentliche Meinung, und er griff um ſich mit unwiderſtehlicher Gewalt; denn eine gänzlich demokratiſirte Geſellſchaft gleicht einer Heerde, die beiden lebendigſten Kräfte des modernen franzöſiſchen Charakters, der Nationalſtolz und die ſittliche Feigheit, führen jeder augenblicklich obenauf kommenden Partei täglich neue Anhänger zu. Damals ſchon ſchrieb der preußiſche Geſandte v. Werther: Jetzt die ultramontane Partei zur Macht berufen, das heißt Frankreich einen unverzeihlichen und ungeheueren Schritt zur Re - volution hin machen laſſen; denn dieſe Partei würde, verabſcheut von der Nation und unfähig ſich am Ruder zu halten, bald gezwungen ſein, ent - weder einem ultraliberalen Miniſterium zu weichen oder dem Könige den Umſturz der gegenwärtigen Verfaſſung anzurathen. Eine ſolche That8IV. 1. Die Juli-Revolution und der Weltfriede.muß aber unfehlbar die Regierung des Königs, die Bourbonen und Frankreich ſelbſt in den Abgrund reißen. *)Werther’s Bericht, 5. Juni 1828.Jener unverzeihliche Schritt zur Revolution geſchah, und die Verblendung der liberalen Parteien trug die Schuld daran.

Großes hatte Frankreich der Herrſchaft ſeines wiederhergeſtellten Königthums zu verdanken. Wunderbar leicht wurden die Leiden der Kriegsjahre überwunden, der Volkswohlſtand und das geiſtige Leben blühten fröhlich auf, Heer und Haushalt ſtanden wieder in guter Ord - nung; die Charte blieb unangetaſtet, die conſtitutionellen Ideen ſchienen ſchon ſo feſt mit dem Volke verwachſen, daß Niebuhr noch im Sommer 1829 ſagen konnte, bei dem gegenwärtigen Zuſtande der Dinge ſei an keine Revolution mehr zu denken. Vor Kurzem noch hatte das Land drei Jahre lang die polizeiliche Aufſicht der europäiſchen Occupationstruppen ertragen müſſen, noch auf dem Aachener Congreſſe wurde ſein Miniſter von den vier Mächten wie ein Schulknabe zum Wohlverhalten ermahnt. Jetzt behauptete der Tuilerienhof wieder eine würdige, ſeiner Macht ent - ſprechende Stellung in der Staatengeſellſchaft, um ſeine Freundſchaft be - mühten ſich alle Großmächte, unter ſeiner Mitwirkung wurde die Schlacht von Navarin geſchlagen und ſchließlich, durch den Zug nach Morea, die Unabhängigkeit Griechenlands geſichert. Der Verfaſſung treu und dem königlichen Hauſe ritterlich ergeben, durfte Graf Martignac wohl auf den Beiſtand aller gemäßigten Parteien zählen, als er der Charte durch eine freiere Gemeindeverfaſſung einen feſten Unterbau zu ſchaffen unter - nahm; denn Jedermann wußte, daß König Karl ſchon dies Miniſterium nur ungern ertrug und nimmermehr den Liberalen noch weiter entgegen - kommen würde.

Trotzdem wurde das Cabinet bei den Verhandlungen über die Ge - meinderathswahlen von ſeinen natürlichen Freunden verlaſſen und zum Rücktritt genöthigt. Der letzte ehrliche Verſuch, das conſtitutionelle Frank - reich mit dem alten Herrſcherhauſe zu verſöhnen, war geſcheitert. Der Eigenſinn der Parteien trug den Sieg davon über die Gebote der Pflicht und der Klugheit. Auch die Ränkeſucht ſpielte mit, jene alte franzöſiſche Sünde, die in den höfiſchen Cabalen des alten Jahrhunderts zur Meiſter - ſchaft ausgebildet, längſt ſchon in die parlamentariſchen Sitten der neuen Zeit eingedrungen war: Graf Molé und der Vertraute des Herzogs von Orleans, General Sebaſtiani ſchürten den Widerſtand gegen Martignac, weil ſie ſelber ſeine Erbſchaft anzutreten hofften. **)Werther’s Bericht, 6. December 1828.König Karl meinte befriedigt: ich ſagte es ja, mit dieſen Leuten iſt nichts anzufangen, und betraute ſeinen Günſtling, den Fürſten Polignac, mit der Bildung des neuen Cabinets.

9Letzte Zeiten der Reſtauration.

Von Stund an änderte ſich die Lage. Der König war in den erſten Jahren ſeiner Regierung nicht unbeliebt geweſen; jetzt ſah er ſich von allen Seiten her mit Schmähungen und Verwünſchungen überhäuft. Der Schatten der Emigration ſtellte ſich trennend zwiſchen Thron und Volk. Man entſann ſich wieder, daß dieſer König und die Polignacs einſt, gleich nach dem Baſtilleſturme, zuerſt das böſe Beiſpiel der Aus - wanderung gegeben, daß ſie jahrelang gegen ihr Vaterland gekämpft, daß die Sendboten des Pavillons Marſan noch lange nach der Reſtau - ration die fremden Mächte beſtändig zur Einmiſchung in Frankreichs innere Händel aufgeſtachelt hatten. Eine furchtbare Vergeltung ſollte die beiden erſten Emigranten noch einmal für den alten Frevel des Landes - verraths züchtigen. Vergeblich verwahrte ſich Polignac in der Kammer dawider, daß man zwei feindliche Völker in der einen Nation ſchaffen, das neue Frankreich von dem alten trennen wolle. Dieſe Trennung be - ſtand ſchon längſt. Die Kluft zwiſchen der alten und der neuen Zeit that ſich ſofort wieder gähnend auf, als dieſer Mann an’s Ruder trat, der beſchränkte, ehrliche, bigotte Ultra, der einſt ſeine Verſchwörungen gegen Bonaparte mit langer Haft gebüßt und in der Einſamkeit des Kerkers ſeine hart reactionäre Geſinnung bis zum religiöſen Fanatismus geſteigert hatte. Die Blätter der Oppoſition übertrieben ſtark, als ſie nach der Juli-Revolution höhniſch bekannten, Frankreich habe fünfzehn Jahre lang Komödie geſpielt; wahr blieb doch, daß die belebende Kraft der Monarchie, die Geſinnung angeſtammter Treue, trotz aller Huldigungen für die unbeſtrittene Familie , der ungeheueren Mehrzahl der Franzoſen verloren gegangen war. Ueber den Wohlthaten der Reſtauration ver - gaß dies Volk doch nicht, daß ſein Königshaus die entſcheidenden Tage der nationalen Geſchichte im Auslande, im Lager der Feinde verlebt hatte. Den Bourbonen fehlte Alles was das Weſen der wirklichen Legitimität ausmacht: ſie konnten ſich weder auf eine große, dem ganzen Volke heilige Vergangenheit ſtützen noch mit Gelaſſenheit in die Zukunft blicken. Zudem war jetzt, da das Land ſich neu gekräftigt fühlte und die Wirren im Orient die Ausſicht auf eine europäiſche Verwicklung zu eröffnen ſchienen, die übermüthige keltiſche Kriegsluſt wieder erwacht. Vernichtung der Verträge von 1815 ſo lautete der Ruf des Tages, und die Schuld dieſer Verträge ſchrieb die von allen Parteien umſchmei - chelte und verwöhnte Nation nicht ſich ſelber und ihrer eigenen Ver - blendung zu, ſondern den Bourbonen, den Schützlingen des Auslands.

Angeſichts der allgemeinen Erbitterung war das Miniſterium Po - lignac von Haus aus unhaltbar. In dieſem Lande der Volksſouveränität konnte ſich keine Regierung mehr gegen den beſtimmten Willen der Nation auf die Dauer behaupten; ſelbſt Napoleon blieb nur ſo lange am Ruder als er glücklich war, als ſeine Siege die Eitelkeit des Volks befriedigten. Der berechtigte Haß gegen das Cabinet ward aber noch verſchärft durch10IV. 1. Die Juli-Revolution und der Weltfriede.die Macht der Doctrin. Die Selbſtgefälligkeit des neuen Jahrhunderts rühmte ſich gern, in dieſen hellen Tagen ſei die Parteibildung grund - ſätzlich geworden und darum klarer, bewußter denn je zuvor; und doch blieb der Parteikampf jetzt wie zu allen Zeiten ein Kampf um die Macht, die moderne Sitte der Aufſtellung theoretiſcher Programme erhöhte nur den Dünkel, die Unverſöhnlichkeit der Fractionen. Und ſelten hat eine hohle Doctrin ſo verderblich gewirkt wie jetzt in Frankreich die neue Lehre von dem allein wahren conſtitutionellen Staate.

In den Anfängen der Reſtauration hatten nur vereinzelte Stimmen, zumeiſt aus dem Lager der Ultras, dem Könige die verfaſſungsmäßige freie Ernennung der Miniſter zu beſtreiten gewagt. *)ſ. o. II. 120.Damals erklärte Royer-Collard, der verehrte Führer der Doctrinäre: das Königthum hört auf an dem Tage wo die Kammer ihm die Miniſter aufdrängt. Aber bald wendeten die Liberalen ihre Blicke nach England und bildeten ſich die Meinung, die Parlamentsherrſchaft der engliſchen Ariſtokratie müſſe in das demokratiſirte Frankreich übertragen werden. Thiers, der klügſte Kopf unter den Urhebern der Juli-Revolution faßte die neue Lehre zuſammen in dem Schlagworte: der König herrſcht nur, aber er regiert nicht. Nach dem Siege geſtand er unumwunden: in dem Augenblicke, da das Miniſterium Polignac gebildet wurde, erhob ſich die große Frage des Repräſentativſyſtems, die Frage, worin ſein ganzes Weſen enthalten iſt, die Frage, die über ſein Daſein oder Nichtſein entſcheidet; es war die Frage: iſt der König von der Mehrheit der Kammern unabhängig oder nicht? kann er die Miniſter außerhalb dieſer Mehrheit wählen? Und noch deutlicher fuhr er fort: Was wollten wir vor dem Juli? Die conſtitutionelle Monarchie mit einem Herrſcherhauſe, das ihre Be - dingungen anerkennen und deshalb uns den Thron verdanken ſoll.

Damit war der zweite doctrinäre Glaubensſatz der Zeit ausge - ſprochen. Die Verehrung für das todte Datum liegt in dem ſchablonen - haften Charakter der neufranzöſiſchen Bildung tief begründet. Wie die Liberalen längſt glaubten, in dem wunderbaren Jahre 1789 ſei ihre neue Freiheit urplötzlich geboren worden, und mitleidig auf jede andere Nation herabſahen, wenn ſie nicht auch ein 89 in ihren Annalen aufweiſen konnte, ſo berauſchten ſie ſich nunmehr an der neuen Heilswahrheit: Englands Freiheit ſei erſt durch die zweite Revolution von 1688 geſichert worden, folglich müſſe auch Frankreich das Zeitalter ſeiner Revolution durch ein anderes 88 abſchließen. Die Vergleichung hinkte auf beiden Füßen, denn wo war in Frankreich ein Schreckensregiment, das den Unthaten des Blutrichters Jeffreys glich? wo ein mächtiger parlamentariſcher Adel, der das Erbe des vertriebenen Königshauſes antreten konnte? Dem ober - flächlichen Doctrinarismus der Zeit genügten indeß einige äußerliche Aehn -11Der Kampf um die Parlamentsherrſchaft.lichkeiten, die allerdings in die Sinne fielen: in England wie in Frank - reich war auf die Zeit der Bürgerkriege die Herrſchaft eines genialen Tyrannen und dann, gegen den Willen des ruhmreichen Heeres, die Herſtellung des rechtmäßigen Königshauſes gefolgt; hier wie dort ward der alten, dem Erlöſchen nahen Dynaſtie unerwartet noch ein Erbe ge - boren, hier wie dort ſtand ein unzufriedener Prinz lauernd neben dem Throne. Warum ſollte nicht auch Frankreich ſich die Freuden einer zweiten Revolution gönnen? ſie hatte ja, wie Thiers gemüthlich bemerkte, nichts zu zerſtören außer der Dynaſtie!

Die Erbitterten wollten nicht ſehen, daß allein in dem unbeſtreit - baren Erbrechte des königlichen Hauſes der Ehrgeiz der Parteien ſeine letzte Schranke, die geſetzliche Freiheit ihre letzte Bürgſchaft finden konnte. Für das leichtſinnige junge Geſchlecht, das in den Schulen der neuen Univerſität herangewachſen war, hatte das Zeitalter der Revolution keine Schrecken mehr. Wie verführeriſch erſchienen die Gräuel jener Tage in Thiers gefeiertem Geſchichtswerke; ſelbſt in Mignet’s ruhiger ge - haltenem Buche über die Geſchichte der Revolution, einem Meiſterwerke gedrängter, klarer, lebendiger Erzählung, ſchwieg die Stimme des Ge - wiſſens gänzlich; Beide redeten, als ob eine räthſelhafte Schickſalsmacht die ewigen ſittlichen Geſetze des Völkerlebens fünfundzwanzig Jahre hindurch für die Franzoſen außer Kraft geſetzt hätte. So verloren ſich die liberalen Parteien in die Traumwelt einer Doctrin, die für unwiderleglich galt, ob - gleich ſie von Widerſprüchen ſtrotzte, die ſich monarchiſch nannte, obgleich ſie auf dem republikaniſchen Gedanken der Volksſouveränität ruhte. Man wähnte die Charte zu vertheidigen und beſtritt der Krone ein Recht, das ihr die Charte unzweifelhaft gewährte; man ſprach von der Unverantwort - lichkeit des Monarchen, von der Regierung ſeiner allein verantwortlichen Räthe und behielt dem Volke doch die Befugniß vor, den König zu ent - thronen falls er dem Willen der Kammern ſich nicht beugte.

Dieſer Doctrin der rechtmäßigen Revolution trat aber, ebenſo leicht - fertig und ebenſo dünkelhaft, die Doctrin der rechtmäßigen Staatsſtreiche gegenüber. Auch König Karl ſteifte ſich auf ſein natürliches Recht: er wolle, ſo vermaß er ſich, lieber Holz ſchlagen als ſeine Krone eben ſo tief wie die engliſche erniedrigen laſſen. Für den ärgſten Fall hielt ſein Polignac eine Rechtslehre bereit, die erſichtlich der jakobitiſchen Königskunſt des Hauſes Stuart nachgebildet war: da die Charte ein freies Geſchenk der königlichen Gnade ſei, ſo dürfe der Monarch jederzeit ſeine urſprüngliche Vollgewalt wieder an ſich nehmen und einzelne Sätze der Verfaſſung beſeitigen, um nachher wieder in den Weg des Geſetzes einzulenken; die Charte beſtimmte ja ſelbſt im Art. 14, daß der König die zur Sicher - heit des Staates erforderlichen Verordnungen erlaſſen ſolle; und ſchon einmal, im Jahre 1816, war das Wahlgeſetz, zur Befriedigung des Lan - des, durch eine königliche Ordonnanz einſeitig abgeändert worden. Sicher12IV. 1. Die Juli-Revolution und der Weltfriede.wie ein Nachtwandler ſchritt Polignac ſeines Weges. Bernſtorff und ſelbſt Metternich bezweifelten längſt, ob er die Ueberlegenheit des Charak - ters und des Talentes beſitze, um den ungleichen Kampf zu beſtehen; er aber meinte wirklich, nur eine Hand voll Schreier gegen ſich zu haben und betheuerte den fremden Geſandten: einer Mehrheit in der Kammer bedarf ich nicht, der Wille des Königs vermag in Frankreich Alles. *)Bernſtorff an Maltzahn, 1. Februar 1830. Berichte von Maltzahn, 26. Januar 1830, von Werther 12. Auguſt 1829 ff.So ſtand Princip gegen Princip. Der verſöhnliche Sinn, der die ſchwerfälligen conſtitutionellen Formen allein zu beleben vermag, fehlte hüben wie drüben; beide Theile verfuhren nach franzöſiſchem Herkommen ohne Offenheit und verbargen ihre letzten Abſichten.

Monatelang konnten die Miniſter unter Polignac’s unfähiger Leitung zu keinem Entſchluſſe gelangen, ſie beſorgten gemächlich ihre Verwaltungs - geſchäfte und wagten ſchlechterdings keinen tadelnswerthen Schritt. Trotz - dem verſchworen ſich die Blätter der Oppoſition, dieſem Cabinet das Re - gieren unmöglich zu machen, und ſchwelgten in wüthenden Beſchimpfungen, die von der amtlichen Zeitung ebenſo heftig erwidert wurden. Der Streit ward täglich giftiger, eben weil die Regierung noch nichts verſchuldet hatte. Bereits ſpürte man überall den Einfluß der Geſellſchaft Aide-toi, die aus Republikanern und Doctrinären gemiſcht, ſeit drei Jahren ſchon den Sturz der Bourbonen vorbereitete. In den Provinzen bildeten ſich Ver - eine, um zur Steuerverweigerung aufzufordern für den möglichen Fall, daß der König die Charte verletzen ſollte. Seit Neujahr 1830 gab dann Thiers mit einigen anderen jungen Talenten die Zeitung Le National heraus und entfaltete hier ungeſcheut das Banner der Tricolore. Eine Zeit lang hoffte Fürſt Polignac, durch Erfolge der auswärtigen Politik die Aufmerkſamkeit von den inneren Händeln abzulenken. Kaum ins Amt eingetreten legte er dem Könige einen großen Entwurf für die Neugeſtal - tung Europas vor: darnach ſollte die Türkei getheilt, der König der Nie - derlande in Konſtantinopel, der König von Sachſen in Aachen unterge - bracht, Preußen durch Sachſen und Holland vergrößert werden, Frankreich endlich ohne Schwertſtreich in den Beſitz von Belgien gelangen. Aber der Friede von Adrianopel zerſtörte die phantaſtiſchen Pläne noch bevor ſie den großen Mächten mitgetheilt waren. Nachher erhob ſich ein Streit mit dem Dey von Algier; ein freundliches Geſchick beſchied den Bourbonen, noch wenige Tage vor ihrem Sturze durch einen kühnen und geſchickten Angriff dem neuen Frankreich ſeine wichtigſte Kolonie zu erobern. Doch ſelbſt dieſer ſchöne Erfolg brachte die Nation nicht ab von dem einen Ge - danken, der ſich ihres Geiſtes bemächtigt hatte.

Als der König am 2. März die Tagung der Kammern eröffnete, er - klärte er in der Thronrede feierlich: er werde die geheiligten Rechte ſeiner13Die Juli-Ordonnanzen.Krone ungeſchmälert ſeinen Nachfolgern vermachen und ſtrafbare Umtriebe zu unterdrücken wiſſen. Er ſagte nichts was ihm nicht zuſtand, jedoch den erregten Hörern klangen ſeine Worte wie eine Drohung. Die Kammer antwortete durch eine unehrerbietige Adreſſe; ſie beſchwerte ſich über das Mißtrauen der Monarchen und ſtellte den Grundſatz auf: die fortwäh - rende Uebereinſtimmung der Anſichten der Regierung mit den Wünſchen des Volks iſt die unerläßliche Bedingung des regelmäßigen Ganges der öffentlichen Angelegenheiten. Derſelbe Royer-Collard, der vormals das parlamentariſche Regierungsſyſtem als den Tod der Monarchie bezeichnet hatte, verlas jetzt vor König Karl die Adreſſe, welche dies Syſtem für allein zuläſſig erklärte. Sofort befahl der König die Vertagung der Kam - mern. Welch ein wüſter, unaufrichtiger, gegenſtandsloſer Zank brodelte wieder einmal aus dem Hexenkeſſel der keltiſchen Leidenſchaften empor! Die Kammer verlangte von der Krone die Entlaſſung eines Cabinets, das noch nichts gethan, und der König trieb die Volksvertreter auseinander bevor ſie noch irgend einen Vorſchlag der Regierung verworfen hatten! Eben in dieſen Tagen banger Spannung ſchritt Victor Hugo’s Hernani zum erſten male über die Bretter, die formloſe Ausgeburt einer überhitzten Phantaſie; der jubelnde Beifall der Zuſchauer bekundete, daß die Nation ihrer claſſiſchen Ideale müde und auch eine literariſche Revolution im Anzug war. Im Mai erfolgte die Auflöſung der Kammer. Aus einem heftigen Wahlkampfe ging die bisherige Mehrheit, erheblich verſtärkt, als Siegerin hervor, was außer dem Könige und ſeinen Vertrauten Jeder - mann vorausgeſehen hatte. Der Miniſter aber ließ ſich nicht beirren, feſter denn je war er von ſeinem Rechte überzeugt. Er ſagte: der König würde wie ſein Bruder das Schaffot beſteigen, wenn er uns entließe! und betrieb nun erſt ernſtlich den Plan eines Staatsſtreichs. *)Werther’s Bericht, 27. Juni 1830.

Von den fremden Geſandten hielt nur noch der Nuntius Lambruschini bei dem Freunde aus. Selbſt Graf Apponyi, der bisher der apoſtoliſchen Partei ſehr nahe geſtanden, zog ſich als die Entſcheidung nahte behutſam zurück, wie vorher ſchon Lord Stewart; Werther dagegen und Pozzo di Borgo hatten ſich von vornherein zu dieſem Cabinet kein Herz faſſen wollen. Die großen Mächte verdammten alle die Haltung der Kammern, aber alle warnten auch vor der vermeſſenen Thorheit eines Verfaſſungsbruchs. **)Bernſtorff an Werther 14. Mai, Werther’s Berichte 22. Mai, 10. Juni 1830.Es war vergeblich. Am 25. Juli unterzeichnete der König die verhäng - nißvollen Ordonnanzen, die auf Grund des vieldeutigen Art. 14 der Charte das Wahlgeſetz abänderten, die Preßfreiheit ſuspendirten, die neu - gewählte Kammer auflöſten. Die Krone ſetzte ſich ſelber ins Unrecht, gab ihren Feinden den erwünſchten Vorwand als unſchuldige Vertheidiger der Verfaſſung aufzutreten. Am übernächſten Tage brach der Aufruhr14IV. 1. Die Juli-Revolution und der Weltfriede.in der Hauptſtadt los. Während die Beſitzenden, nach der unverbrüch - lichen Gewohnheit der Pariſer Bourgeoiſie, ſich in ihren Häuſern ver - ſteckten, eilten die napoleoniſchen Veteranen und die republikaniſche Jugend aus den Schulen, den Fabriken, den Werkſtätten alleſammt geſchwo - rene Feinde der Dynaſtie freudig auf die Barrikaden. Dies alte Kampfmittel aus den Straßenſchlachten der Hugenotten und der Fronde war vor drei Jahren wieder in Gebrauch gelangt und wurde wie alle die anderen Wunder neufranzöſiſcher Freiheit von den Nachbarvölkern gelehrig aufgenommen, ſo daß in den nächſten zwei Jahrzehnten faſt jede Hauptſtadt des Feſtlandes ſich einmal mindeſtens den Genuß eines Barrikadenkampfes vergönnte.

Am erſten Tage des Aufſtandes erklang noch der Ruf: es lebe die Charte; am zweiten hieß es ſchon: nieder mit den Bourbonen, es lebe die Freiheit, die Republik oder auch Napoleon II. ; dreifarbige Fahnen wehten überall, und zugleich begann der dem franzöſiſchen Gemüthe ſo wohlthuende Kampf gegen Stein und Erz, die königlichen Lilien wurden wo ſie ſich nur zeigten herausgehauen, abgeriſſen, beſudelt, verbrannt. Nach drei Tagen gaben die ſchlecht geführten und nicht ganz zuverläſſigen Truppen das Spiel verloren. Ein maßloſes Selbſtgefühl ſchwellte den Siegern die Herzen. Wie überſchwänglich war, alle dieſe Jahre hindurch, die Heldenthat der Baſtilleſtürmer geprieſen worden, die feige Nieder - metzelung einer Handvoll Invaliden durch eine Pöbelmaſſe. Diesmal hatte das Pariſer Volk wirklich einen ſchweren Kampf ſiegreich durchgefochten, mit Muth und Ausdauer, und nicht ohne ritterliche Hochherzigkeit; denn die Ausbrüche grauſamer Wuth, an denen ſich beſonders die Verwilderung der Gaſſenjugend offenbarte, blieben doch vereinzelt. Nun war dies Frank - reich wieder das gelobte Land der Freiheit, berechtigt, durch die Propaganda ſeiner Revolution die dankbaren Völker zu beherrſchen und zu beglücken. Irgend einen beſtimmten Plan für die Zukunft hegten die Sieger der Juliſchlacht freilich eben ſo wenig wie der greiſe Lafayette, der zum Be - fehlshaber der wiederhergeſtellten Nationalgarde erhoben, ſich wieder ſelbſt - gefällig auf den Wellen der Volksgunſt wiegte und wieder lediglich die hohlen Kraftworte ſeiner alten Menſchenrechte zu wiederholen wußte. Nur der Haß gegen die Bourbonen, nur eine unklare revolutionäre Leidenſchaft hatte dieſe jungen Radicalen auf die Barrikaden geführt.

Sofort nach der Entſcheidung traten aber die Führer der parlamen - tariſchen Oppoſition aus ihren Schlupfwinkeln hervor; die aufgelöſte Kam - mer verſammelte ſich eigenmächtig, um den Straßenkämpfern die Frucht ihres Sieges zu entwinden. Der König verweilte unterdeſſen auf den Schlöſſern in der Umgegend der Hauptſtadt; völlig entmuthigt nahm er nunmehr (30. Juli) die Ordonnanzen zurück und verſuchte ein gemäßigtes Cabinet zu bilden. Wenn unter den monarchiſchen Parteien noch einige Treue und Entſchloſſenheit lebte, ſo konnte nach dieſem Eingeſtändniß des15Die große Woche der Pariſer.begangenen Unrechts die legitime und conſtitutionelle Ordnung auf lange hinaus geſichert werden. Aber Treue fand ſich nirgends, klarer Entſchluß nur bei den Männern, welche die Revolution von 1688 zu wiederholen gedachten. Das vergoſſene Blut ſchrie um Sühne, der wilden Rachgier ſchien die Regierung dieſes Königs fortan unmöglich. Da wagten Thiers, Mignet und ihre Freunde zuerſt, in Flugblättern die Krone für den Herzog Ludwig Philipp von Orleans zu verlangen. Hinter ihnen ſtand ein Un - heil verkündender Name, der alte, von den Bourbonen undankbar zurück - geſetzte Talleyrand; mit ſeiner untrüglichen Spürkraft ahnte er ſchon den Umſchlag des Wetters und ſtand unbedenklich bereit, ſeine Segel wieder von günſtigem Fahrwinde ſchwellen zu laſſen.

Herzog Ludwig Philipp hatte ſich ſo lange die Wage noch ſchwankte im Parke von Neuilly verborgen gehalten und nur durch ſeine Schweſter Madame Adelaide, den einzigen Mann der Familie Orleans, mit den Sendboten ſeiner Anhänger unterhandeln laſſen. Schwankend zwiſchen Angſt und Begehrlichkeit ließ er ſich endlich bereden in die Stadt zu kom - men. Dort übernahm er das Reichsverweſeramt, das ihm die Kammern antrugen und erſchien mit der dreifarbigen Fahne in der Hand auf der alten Heimſtätte der Pariſer Aufſtände, auf dem Altane des Rathhauſes, wo er den General Lafayette vor allem Volk umarmte. Nachher gab der Held zweier Welten dem neuen Gewalthaber ſeinen Segen mit dem großen Worte: nunmehr iſt der Thron von republikaniſchen Einrichtungen um - geben. Dem Könige gingen nun endlich die Augen auf; er ernannte den Herzog von Orleans auch ſeinerſeits zum Generalſtatthalter des König - reichs. Schon Tags darauf, am 2. Auguſt, verzichtete er für ſich und den Dauphin auf die Krone; zugleich befahl er dem Generalſtatthalter, die Thronbeſteigung ſeines Enkels Heinrich V. zu verkündigen und die erforderlichen Anordnungen für die Zeit der Minderjährigkeit des jungen Königs zu treffen. Ludwig Philipp aber unterſchlug dieſen Befehl; er theilte der Kammer nur die Abdankung des Königs und des Dauphins mit. Von Heinrich V. ſagte er kein Wort; die harmloſen Leute ſollten glauben, daß die Bourbonen ihr Thronrecht aufgegeben hätten.

So erſchlich er ſich die Krone durch ſchlechte Künſte und verrieth ſeine Vettern, minder ruchlos vielleicht aber ganz ebenſo unritterlich wie einſt ſein Vater den ſechzehnten Ludwig verrathen hatte. Furcht und Ehrgeiz, die beiden beherrſchenden Kräfte ſeines Charakters, wirkten diesmal zu - ſammen; denn übernahm er nach ſeiner Fürſtenpflicht die Statthalter - ſchaft für den jungen König Heinrich V., ſo konnte der Haß, der auf dem Namen der Bourbonen laſtete, leicht auch ihn ſelber und das Haus Orleans vernichten.

Mit reißender Schnelligkeit eilte nun das Ränkeſpiel dem Schluſſe zu; ſchon am 7. Auguſt wurde das Bürgerkönigthum Ludwig Philipp’s förmlich eingeſetzt. Währenddem führte der entthronte König ſelber den16IV. 1. Die Juli-Revolution und der Weltfriede.Leichenzug der alten Monarchie feierlich zum Lande hinaus; langſam, in kurzen Tagereiſen zog er, umgeben von dem königlichen Hauſe und einer Schaar getreuer Truppen, nach Cherbourg, um dann in England eine Zuflucht zu ſuchen. Unbekümmert um ihre Eide traten Heer und Be - amtenthum ſofort in das Lager der Sieger über. Nur in der Vendee flammte die alte legitimiſtiſche Kampfluſt noch einmal auf. Die anderen Provinzen fügten ſich ohne Widerſtand; ſie waren längſt an die Dictatur der Hauptſtadt gewöhnt, und ſie fühlten, daß die Revolution in Wahr - heit lediglich die Spitze des Staates umgeſtaltet hatte. Sein Weſen, das napoleoniſche Präfecturſyſtem blieb unverändert; nur die Kurbel der un - geheuren Verwaltungsmaſchine wurde jetzt von anderen Händen bewegt: von den Händen der wohlhabenden Mittelklaſſe, die ihr Uebergewicht in der Kammer gewandt ausbeutete um eine bürgerliche Klaſſenherrſchaft zu begründen, wie ſie ſo unbeſchränkt noch in keinem Großſtaate der Geſchichte beſtanden hatte. Die goldenen Tage der Bourgeoiſie brachen an. Die Demokratiſirung der Geſellſchaft brachte den Franzoſen nicht, wie ihre Doc - trinäre ſo oft geweiſſagt, die Herrſchaft des Talents, ſondern die Herrſchaft des Geldbeutels. Die Charte wurde ſofort zum Vortheil der neuen herr - ſchenden Klaſſe umgeſtaltet, obgleich die Liberalen doch behaupteten für die Aufrechterhaltung der Charte gefochten zu haben. Mit der legitimen Krone fiel auch die adliche Pairskammer hinweg; jedes politiſche Recht ward an einen hohen Cenſus geknüpft und damit jeder Unzufriedene gezwungen ſeinen Widerſpruch zuletzt gegen das Eigenthum ſelber zu richten. Dank dem Wahlgeſetze, Dank der Dreiſtigkeit amtlicher Wahlbeſtechung und Wahl - beherrſchung gelangten fortan faſt nur noch die Mitglieder der herrſchen - den Klaſſe in die Kammer; das parlamentariſche Leben verflachte ſich, die Beredſamkeit ward matter; der Parteikampf verlor Sinn und Inhalt, er bewegte ſich nur noch um die Frage, welchen der ehrgeizigen Fractions - führer die Miniſterſeſſel zufallen ſollten. Ebenſo hart und hochmüthig wie einſt der alte Ritteradel ſchaute dies pays légal des neuen Geldadels auf die breiten Maſſen des Volks hernieder und ſchmähte ſie als die gefähr - lichen Klaſſen.

Der vierte Stand aber hatte ſchon einmal, in den Tagen des Con - vents, Frankreich beherrſcht und jetzt wieder durch ſeinen Barrikadenkampf das alte Königthum geſtürzt; er hegte ein frühreifes Selbſtgefühl und unauslöſchlichen Groll gegen die escamoteurs de juillet, gegen die Reichen, die ihm das Heft aus der Hand gewunden hatten. Bedrückt und ver - wahrloſt konnte er nichts hoffen von einer Klaſſenherrſchaft, die das Elend der kleinen Leute nicht einmal bemerken wollte, und erwartete ſein Heil von den hochtönenden Verheißungen der neuen ſocialiſtiſchen und com - muniſtiſchen Lehren. Blutige Arbeiteraufſtände in Paris und Lyon bekun - deten bald, welche Fülle des Jammers und des Haſſes in dieſen Niede - rungen der Geſellſchaft angeſammelt lag.

17Das Bürgerkönigthum.

Die Regierung der Bourgeoiſie war wie jede Geldherrſchaft friedfertig, und ſie entſtammte doch einer Revolution, deren treibende Kraft in dem ſtreitbaren Radicalismus lag. Erſt unter dieſem friedlichen Bürgerkönig - thum hat der kriegeriſche Uebermuth der Franzoſen ſeine höchſte Ausbildung und auch, nach einem glücklichen Luſtſpiel Scribe’s, den neuen Namen des Chauvinismus empfangen. Alle Völker der Welt brachten dem Helden - volke der großen Woche wetteifernd ihre Huldigungen dar; ſo einſtimmig war ſelbſt der Baſtilleſturm nie geprieſen worden. Wie hätten dieſe Weihrauchswolken den Franzoſen nicht das Hirn bethören ſollen? Die große Mehrheit der Nation glaubte im Ernſt, daß ihr als dem aus - erwählten Volke nicht blos das Recht des Aufſtands, ſondern auch das Recht des Krieges ohne jede Beſchränkung zuſtehe; denn rings an ihren Grenzen wohnten Sklaven, die von ihr die Befreiung erhofften; Frank - reichs Eroberungszüge galten immer nur dem Siege der Idee, ſie ließen, wie der Nil den befruchtenden Schlamm, überall den Segen der Geſittung und der Freiheit zurück; der junge Stamm des revolutionären Königs - hauſes mußte mit Blut gedüngt werden damit er feſtwurzele, und jedes Volk ſollte es als eine Wohlthat dankbar hinnehmen, wenn die Franzoſen ihm ſein Herzblut für einen ſo erhabenen Zweck abzapften. So klang es tauſendſtimmig durch die Preſſe, in ehrlicher Begeiſterung.

Das neue künſtliche Königthum aber, das alle dieſe gefährlichen Lei - denſchaften und ſocialen Gegenſätze bändigen ſollte, war von Haus aus mit dem Fluche der Halbheit, der Unwahrheit geſchlagen. Der Bürger - könig verdankte ſeinen Thron weder dem hiſtoriſchen Rechte, noch wie Napoleon der gewaltigen demokratiſchen Macht der allgemeinen Volksab - ſtimmung, ſondern dem Beſchluſſe einer Kammer von zweifelhafter Geſetz - lichkeit. Als rechtmäßiger Statthalter König Heinrich’s V. konnte Ludwig Philipp gegen die fremden Mächte eine ſtolze, Frankreichs würdige Sprache führen; als König mußte er den Makel des Kronenraubes beſtändig ent - ſchuldigen und verſtecken, ohne doch den revolutionären Urſprung ſeiner Gewalt geradeswegs zu verleugnen. Er nannte ſich nicht Philipp VII., denn er war nicht ein rechtmäßiger Nachfolger König Philipp’s VI. ; aber auch nicht Philipp I., denn er wollte nicht ſchlechthin als Uſurpator er - ſcheinen; alſo Ludwig Philipp, und nicht König von Frankreich, ſondern König der Franzoſen. Dieſer Titel wurde von der geſammten liberalen Welt als ein abſonderliches Kennzeichen conſtitutioneller Glückſeligkeit be - wundert, obwohl ſich auch Friedrich der Große auf ſeinen Münzen ſtets Borussorum rex genannt hatte; ſelbſt den Ausdruck Unterthan , der doch genau das Nämliche bedeutete wie der allein erlaubte Name des Staats - bürgers, wollte der revolutionäre Hochmuth nicht mehr hören.

Die Orleans mußten ſich den Schein der Legitimität zu wahren ſuchen; ihre Hofblätter verſicherten nicht ohne Grund, Ludwig Philipp habe den Thron beſtiegen weil er ein Bourbone ſei. Aber ebenſo hart -Treitſchke, Deutſche Geſchichte. IV. 218IV. 1. Die Juli-Revolution und der Weltfriede.näckig betheuerten die Radicalen, die Vertreter des ſouveränen Volks hätten den König frei gewählt obgleich er ein Bourbone ſei; und in der That hatte er die Volksſouveränität anerkannt und feierlich ausgeſprochen, daß er einen Vertrag, un pacte d’alliance mit der Nation geſchloſſen habe. Die neu - geſtaltete Verfaſſung redete nach altem Brauche noch von der Erblichkeit der Krone; doch nachdem von den vier letzten Monarchen Frankreichs nur einer friedlich auf ſeinem Throne geſtorben war, hatte dieſe Vorſchrift blos noch den Werth einer Redensart, und zum Ueberfluß wurde die Charte ausdrücklich dem Muthe und der Vaterlandsliebe der Nationalgarde und aller franzöſiſchen Bürger anvertraut das will ſagen: dieſer König war verantwortlich und konnte von Rechtswegen entthront werden falls das ſouveräne Volk die Charte für verletzt hielt. Er beſaß die höchſte Gewalt nur auf Wohlverhalten, trotz des monarchiſchen Prunkes der ihn umgab; darum nannte Odilon Barrot den Bürgerkönig die beſte der Republiken.

In ſo ſchiefer Stellung konnte ſelbſt ein Fürſt von ſchlichtem Grad - ſinn und reinem Namen dem Rufe der Zweizüngigkeit kaum entgehen; wie viel weniger dieſer vielgewandte Orleans, an deſſen Hauſe noch der ſchlimme Leumund des nichtswürdigen Regenten und des Bürgers Philipp Egalité haftete. Ludwig Philipp war in den Grundſätzen der wiſſens - ſtolzen Aufklärung erzogen und hatte nachher als General der Republik an der Schlacht von Jemappes theilgenommen. Als er dann auswanderte, da fügte es ſein gutes Glück, daß er trotz wiederholter Bemühungen doch keinen Einlaß in die Heere der Verbündeten erhielt; ſo konnte er ſich mit einigem Scheine ſpäterhin rühmen niemals im Lager der Feinde Frank - reichs gefochten zu haben. In den Jahren der Verbannung ſammelte er auf weiten Wanderfahrten eine mannichfaltige Welt - und Menſchenkennt - niß, aber er entwuchs auch gänzlich den Ueberlieferungen des königlichen Hauſes. Der Stolz des franzöſiſchen Prinzen blieb ihm ebenſo fremd wie das dynaſtiſche Pflichtgefühl; die Macht der Geſchichte, das tauſend - jährige Recht der Capetinger erweckte in dieſer trockenen Seele gar keine Ehrfurcht. Sobald die Stunde der Rückkehr ſchlug, war er als ſorgſamer Hausvater zunächſt darauf bedacht, das ungeheuere Hausvermögen der Orleans, das gutentheils aus den Miethen der Spielhöllen im Palais Royal entſtanden war, zurückzugewinnen und ſeiner Familie auf alle Fälle ein ruhiges Hausweſen zu ſichern. Darum wendete er ſich im Jahre 1821 insgeheim an Eugen Beauharnais und ließ ihm einen gegenſeitigen Ver - trag vorſchlagen, kraft deſſen Jeder von Beiden, falls ihn bei einer neuen Revolution das Glück begünſtigte, dem Anderen ungeſtörten Aufenthalt in Frankreich verſprechen ſollte; der Napoleonide zeigte ſich jedoch ritter - licher als der Bourbone, er lehnte ab, weil er gegebenen Falls nur die Herrſchaft Napoleon’s II. ausrufen, alſo keine bindende Zuſage geben könne. *)An dieſen Vorfall, deſſen auch Du Caſſe (Mémoires du prince Eugène, X, 285)

19Ludwig Philipp.

Da der Herzog mit ſeiner ganzen Weltanſchauung dem neuen Frank - reich angehörte, ſo täuſchte er ſich nicht über die gefährdete Lage der alten Dynaſtie, und ſchon nach den hundert Tagen erwog man in diplomati - ſchen Kreiſen die Möglichkeit ſeiner Thronbeſteigung. Die jüngere Linie des königlichen Hauſes bildete wieder den Mittelpunkt der Oppoſition, wie es im Geſchlechte der Capetinger ſeit Jahrhunderten üblich war; liberale Börſenmänner, Abgeordnete, Schriftſteller verkehrten im Palais Royal, und P. L. Courier feierte den Herzog als den einzigen nationalen und liberalen Prinzen von Geblüt. In weitere Kreiſe drang ſein Ruhm erſt, als er ſeine Söhne gut bürgerlich in einem Pariſer Lyceum unterrichten ließ. So lange es Monarchien gab war die Welt bisher der Meinung geweſen, daß Fürſten einer anderen Erziehung bedürfen als Unterthanen, weil ſie im Leben Anderes leiſten ſollen. Der Gleichheitseifer des libe - ralen Bürgerthums ſetzte ſich indeß über die Lehren der Erfahrung leicht - füßig hinweg und pries den volksfreundlichen Sinn des Herzogs, obgleich ſeine Prinzen den beſten Segen der öffentlichen Erziehung, den vollkom - men freien Wetteifer der jugendlichen Köpfe und Fäuſte, ſelbſtverſtändlich niemals kennen lernten und an Hochmuth ihren Standesgenoſſen nichts nachgaben. Als Ludwig Philipp zagend die Krone an ſich nahm, da be - drückte ihn die frevelhafte Rechtsverletzung nur wenig; dem aufgeklärten, durchaus ungläubigen Sohne Philipp Egalité’s fiel es nicht allzu ſchwer, die Linie der königlichen Vorurtheile zu durchbrechen , wie ſein getreuer Thiers ſagte. Um ſo ernſtlicher beunruhigte ihn die Sorge um die Zu - kunft ſeiner Familie. Sein Eigenthum mußte, nach dem alten, ſtets un - verbrüchlich eingehaltenen Hausgeſetze der Capetinger, im Augenblicke der Thronbeſteigung von Rechtswegen an die Krone fallen. Der Bürgerkönig aber bekundete ſogleich den kaufmänniſchen Charakter ſeines Regiments, indem er dieſen ſtolzen königlichen Rechtsſatz mit der Gewandtheit eines Börſenſpielers umging: unmittelbar bevor er die Königswürde annahm, trat er ſein Vermögen ſeinen Kindern ab und behielt ſich nur die Nutz - nießung vor, die er denn auch mit Hilfe der befreundeten Bankfirmen ſehr wirkſam handhabte. Gleichwohl empfand er täglich den Fluch der Uſurpation; ich ſage Ihnen, wiederholte er beſtändig, meine Kinder wer - den kein Brot zum Eſſen haben.

Um ſich zu halten durfte er anfangs perſönliche Demüthigungen und demagogiſche Schliche nicht verſchmähen. Er verſtand ſich dazu, die Lilien ſelbſt aus ſeinem Familienwappen zu entfernen, er ließ den Wortſchwall ſeiner ſüßen Reden unaufhaltſam ſpielen und verbeugte ſich auf den Pa - raden verbindlich vor dem ſouveränen Volke. Bei zweifelhaftem Wetter*)gedenkt, erinnerte Hortenſia Bonaparte die Höfe, als Ludwig Philipp den Nachkommen Eugen’s den belgiſchen Thron ſtreitig machte (Schreiben Hortenſia’s an die Herzogin Auguſte v. Leuchtenberg, Rom 27. Jan. 1831, den Cabinetten von Wien und Berlin mit - getheilt Febr. 1831).2*20IV. 1. Die Juli-Revolution und der Weltfriede.ging er zu Fuß durch die Straßen, in ſauberer Bürgerkleidung, den Cylin - der über dem feiſten birnenförmigen Bankiersgeſichte und der wohlgebürſteten Lockenperrücke, und ſpannte, wenn der Regen eintrat, höflich ſeinen Schirm auf um einen überraſchten Bourgeois am Arme nach Hauſe zu geleiten. Nachher, da er ſich auf dem Throne ſicherer fühlte, mußte er die ehr - geizigen Parteiführer der Kammer gegen einander ausſpielen, damit unter dem Scheine der Parlamentsherrſchaft ſein perſönliches Regiment gewahrt blieb. Er bemühte ſich eifrig, ſeinem Hauſe die Gleichberechtigung mit den legitimen Höfen zu verſchaffen, und zügelte den kriegeriſchen Ueber - muth der Nation weil jeder Krieg die Revolution von Neuem zu entfeſſeln drohte; doch zugleich benutzte er die Gefahr der Revolution als ein Schreck - mittel um auf die großen Mächte zu drücken und allerhand kleine anmaß - liche Anſprüche Frankreichs durchzuſetzen. So hielt er ſich lange obenauf, ſeiner Mäßigung verdankten die Franzoſen viele Jahre blühenden Wohl - ſtandes; aber ſeine Regierung blieb immer nur ein unfruchtbarer Kampf ums Daſein, ſie brachte dem Lande niemals einen neuen politiſchen Ge - danken, ſie bereitete durch die ſündliche Vernachläſſigung der arbeitenden Maſſen die ſchweren ſocialen Kämpfe der Zukunft vor.

An dieſer Revolution war nichts zu bewundern außer dem perſönlichen Muthe der Barrikadenkämpfer. Mindeſtens ebenſo ſchwer wie die Ver - meſſenheit König Karl’s wog die Schuld der liberalen Parteien. Sie hatten das gemäßigte Miniſterium Martignac geſtürzt und durch eine gehäſſige Oppoſition den König in eine ſolche Lage gebracht, daß er nur noch wählen konnte zwiſchen dem Staatsſtreiche und der förmlichen Anerkennung der Parlamentsherrſchaft. Als dann der Verfaſſungsbruch durch die Abdan - kung des Königs geſühnt war, da wagten ſie nicht einmal den Verſuch das Thronrecht der Dynaſtie zu retten. Die Briten beriefen ſich, als ſie die Stuarts vertrieben, auf den unanfechtbaren Rechtsſatz, daß ein Papiſt nicht König von England, nicht Oberhaupt der anglikaniſchen Staatskirche ſein durfte. Gegen die Regierung Heinrich’s V. ſprach ſchlech - terdings kein Rechtsgrund, ſondern nur der blinde Haß der Nation und die modiſche leichtfertige Doctrin, welche Mignet zuſammenfaßte in dem Satze: nach einer Revolution muß auch der Thron ebenſo neu werden wie alle übrigen Inſtitutionen. Alſo ward das letzte ſchwache Band, das noch das neue mit dem alten Frankreich verkettete, unbedachtſam zerriſſen. Die Juli-Revolution ſchloß nicht das Zeitalter der Revolutionen, wie ihre Urheber frohlockten, ſie eröffnete vielmehr die Bahn für eine unab - ſehbare Reihe neuer bürgerlicher Kämpfe; darum war ſie, menſchlich in Vielem entſchuldbar, durch ihre politiſche Wirkung die verderblichſte der franzöſiſchen Revolutionen unſeres Jahrhunderts. Doch wie hätten die Zeitgenoſſen alle dieſe Folgen ahnen können? Am richtigſten urtheilten vielleicht die preußiſchen Generale und eine kleine Anzahl von beſonnenen Conſervativen in Deutſchland. Die Liberalen aller Länder hielten ſich21Katholiken-Emancipation in England.an den Augenſchein, ſie ſahen in dem Pariſer Straßenkampfe nur die hochherzige, berechtigte Nothwehr gegen den Verfaſſungsbruch, und da der Name: Verfaſſung zur Zeit überall einen unwiderſtehlichen Zauber auf die Gemüther ausübte, das hiſtoriſche Recht der Dynaſtien aber von der herrſchenden Doctrin ſehr geringſchätzig behandelt wurde, ſo bemerkte man die ſchwere Rechtsverletzung kaum und freute ſich unbefangen des Heldenthums der großen Woche. Durch die Herrſchaft der franzöſiſchen Bourgeoiſie erhielt der Kampf, welchen in vielen Nachbarlanden die Mittel - klaſſen ſchon längſt gegen die Ueberreſte der feudalen Geſellſchaftsordnung führten, eine mächtige Unterſtützung; und ſo geſchah es, daß eine Be - wegung, die in Frankreich ſelbſt faſt nur Unheil zeitigte, mittelbar in anderen Ländern, und nicht zuletzt in Deutſchland, einen nothwendigen, heilſamen Umſchwung des politiſchen Lebens förderte.

Einen überraſchend ſtarken Widerhall fanden die Pariſer Ereigniſſe in dem Lande, das vordem der erſten franzöſiſchen Revolution am zäheſten widerſtanden hatte. Seit Canning ſich von dem Bunde der Oſt - mächte losgeſagt, war auch Englands parlamentariſches Leben wieder in friſcheren Zug gekommen: durch Huskiſſon wurden die harten Zollgeſetze etwas gemildert, Canning ſelbſt näherte ſich kurz vor ſeinem Tode der erſtarkenden Partei der Whigs. Die öffentliche Meinung wendete ſich wieder jenen Reformplänen zu, welche einſt Pitt in ſeinen hoffnungsvollen erſten Jahren entworfen, aber dann in der Bedrängniß der Kriegszeiten vertagt hatte. Während der langen Jahre, da die Staaten des Feſtlands durch den aufgeklärten Abſolutismus oder durch die Revolution neu ge - ſtaltet wurden, hatte England ſeine beſte Kraft verbraucht für die Begrün - dung ſeines Kolonialreichs und ſeine innere Geſetzgebung faſt ganz ins Stocken gerathen laſſen. Jetzt erkannte die Nation endlich, wie viel ver - ſäumt war, und ſo übermächtig drängte ſich das Bedürfniß der Neuerung auf, daß mehrere der kühnſten Reformen der nächſten Jahrzehnte durch ſtreng conſervative Staatsmänner vollzogen wurden. So gleich die erſte, die Emancipation der Katholiken, das Werk Wellington’s und Peel’s (1829). Selbſt dieſe Torys fühlten, daß bei längerem Zaudern der Bürgerkrieg, vielleicht der Abfall des ſchändlich mißhandelten Irlands drohte, daß der uralte, ſoeben durch O’Connell’s flammende Reden wieder mächtig ange - fachte Haß der katholiſchen Kelten durch eine That der Gerechtigkeit be - ſchwichtigt werden mußte.

Die maßvolle Reform holte nur nach was Deutſchland ſchon längſt, die übrigen Staaten des Feſtlands ſeit den napoleoniſchen Tagen er - reicht hatten. Die Herrſchaft der Ariſtokratie war aber mit den Vor - rechten der Staatskirche feſt verflochten. Wie im zwölften Jahrhundert der Streit mit der römiſchen Kirche die Vollgewalt der Normannenkönige zuerſt geſchwächt und der reichsſtändiſchen Bewegung des folgenden Jahr - hunderts die Bahn gebrochen hatte, ſo erſchütterte jetzt der erſte Stoß22IV. 1. Die Juli-Revolution und der Weltfriede.gegen die anglikaniſche Kirche zugleich die Machtſtellung des parlamenta - riſchen Adels und öffnete die Breſche für den Einzug eines demokratiſchen Zeitalters. Laut und lauter erklang ſofort der Ruf nach Reform des Parlaments. Noch einmal, aber in völlig veränderter Geſtalt zeigte ſich der für Englands Geſchichte ſo folgenreiche landſchaftliche Gegenſatz des Südoſtens und des Nordweſtens. Wie oft hatten in früheren Jahrhun - derten die Mächte der Bewegung in den Ebenen des Südoſtens ihr Lager aufgeſchlagen; ſeitdem war das Bergland des Nordweſtens längſt aus ſeiner Abgeſchiedenheit herausgetreten, hier lagen die Bergwerke und die Fabrik - ſtädte des neuen Englands, hier begannen ſich die alten ſocialen Macht - verhältniſſe gänzlich zu verſchieben, da das Landvolk unaufhaltſam in die Städte ſtrömte, und gebieteriſch forderten die mächtig aufblühenden großen Gewerbsplätze ihren Antheil am Parlamente, während die verfaulten Wahl - flecken des Südoſtens mehr und mehr verödeten. Als im Sommer 1830 die Neuwahlen begannen, hatte ſoeben Wilhelm IV. den Thron beſtiegen, der Matroſenkönig, wie das Volk ihn nannte, ein wohlwollender, derb gemüthlicher Herr, beſchränkten Geiſtes, aber ehrlich und der Zeit nicht ſo ganz entfremdet wie vordem ſein Bruder Georg IV.

Mitten hinein in die Stürme des Wahlkampfs fielen nun zündend die Nachrichten aus Paris. Der alte Nationalhaß war mit einem male verſchwunden, Zeitungen und Volksredner wetteiferten im Lobe der großen Nation, mancher Heißſporn ſchwenkte ſeinen Hut mit den drei Farben, in Schaaren eilten die Beſitzenden nach Paris, um ſich dort mit den Nationalgardiſten zu verbrüdern und den wahrheitsgetreuen Berichten dieſer Bürgerhelden über die Wunder der großen Woche andächtig zu lauſchen. Die weltbürgerlichen Lehren des feſtländiſchen Radicalismus, die zur Zeit der erſten Revolution nur in den vereinzelten demokratiſchen Clubs der Hauptſtadt Anklang gefunden hatten, drangen nun zuerſt bis in die Maſſen des Volks; in den Arbeiterverſammlungen ward der Bruder - bund der befreiten Völker beſungen: Seht, frei iſt Frankreich ſchon! Italiens Helden droh’n. Deutſchland wird mit uns gehn, Polen ſoll auferſtehn! Radicale und Liberale fanden ſich zuſammen im Kampfe gegen die Ariſtokratie. Während Cobbet durch die fanatiſchen Aufſätze ſeines Regiſters die Maſſen aufwiegelte und ſelbſt in den Vereinen wohlhabender Londoner ſchon radicale Wünſche, ſogar die Forderung des Zwangsmandats für die Abgeordneten, laut wurden, vertraten Brougham und Jeffrey in der whiggiſtiſchen Edinburgh Review behutſamer die An - ſprüche der erſtarkten Mittelklaſſen.

Unterdeſſen erfanden die gelehrten Radicalen der Weſtminſter Review die wiſſenſchaftlichen Formeln für die Weltanſchauung des herannahenden demokratiſchen Zeitalters. Es waren die Schüler Jeremias Bentham’s, der jetzt noch am ſpäten Abend eines arbeitsreichen Lebens ſeine Saaten aufgehen ſah. Der alte Einſiedler ſtand noch immer feſt auf dem Boden23Engliſcher Radicalismus.jener alten engliſchen Aufklärungsphiloſophie, welche dann von den Fran - zoſen weitergebildet, in den Menſchenrechten des Jahres 89 ihre Vollen - dung gefunden hatte. Während die Radicalen des Feſtlandes ſelbſtgefällig wähnten auf der freien Höhe der Zeit zu ſtehen, erklärte Bentham’s be - gabteſter Schüler, der frühreife, ehrlich begeiſterte John Stuart Mill mit der ganzen Aufrichtigkeit altkluger Jugend: dies neunzehnte Jahrhundert ſei im Grunde reaktionär; durch Herder und Goethe, durch die hiſtoriſchen Rechtslehren der Deutſchen ſei der freiheitsmörderiſche Wahn verbreitet worden, daß die Staatslehre nur relative Wahrheiten finden könne, daß die Verfaſſung abhänge von der natürlichen Ungleichheit der Menſchen und dem gegebenen Machtverhältniß der ſocialen Kräfte. Darum zurück zu der alten Naturrechtslehre, deren letzte Folgerungen Niemand ſo un - erſchrocken ausgeſprochen hat wie Bentham: der Staat beſteht aus Einzel - weſen, die ihrem Nutzen nachgehen; er hat keinen eigenen Zweck, ſondern dient nur als Mittel um der größten Zahl von Menſchen das größte Wohlſein zu verſchaffen; wird er gänzlich demokratiſirt, ſo muß ſchließlich die Macht der Arbeit, der Bildung, der freien Rede den künſtlichen, nur durch äußere Umſtände bedingten Unterſchied zwiſchen den Perſonen, den Raſſen, den Geſchlechtern völlig vernichten. Solche Träume von der Allmacht einer demokratiſchen Geſetzgebung liefen freilich den politiſchen Ueberlieferungen der geſammten germaniſchen Welt ſchnurſtracks zuwider; die materialiſtiſche Weltanſchauung aber, die ihnen zu Grunde lag, war in England noch niemals wiſſenſchaftlich überwunden worden, da dieſem Volke der Baconianer der ſpeculative Tiefſinn fehlte. Ganz unvermittelt ſtand hier noch neben dem ſtrengen Kirchenglauben die Moral des platten Verſtandes, der alle ſittlichen Güter nach dem Maßſtabe der Nützlichkeit abſchätzte; und wie verlockend, wie großartig erſchien die Ausſicht auf den unendlichen Fortſchritt des materiellen Wohlbefindens, auf das ewige improvement gerade jetzt, da wirklich eine neue Epoche der Volkswirth - ſchaft begann. Eben in dieſen Tagen wurde die erſte größere Eiſenbahn, zwiſchen Mancheſter und Liverpool, eröffnet, wobei einer der Bahnbrecher der neuen Zeit, Huskiſſon, ſeinen tragiſchen Tod fand. Die Leiſtungen der Dampfmaſchinen übertrafen jede Erwartung, aber auch das Maſſen - elend der Großinduſtrie bekundete ſich ſchon in ſtürmiſchen Arbeitsein - ſtellungen.

Das ganze Land gerieth in Bewegung, und aus dem Wahlkampfe ging die Oppoſition ſiegreich hervor. Schon im November trat Wellington, der diesmal dem Strome nicht folgen wollte, vom Ruder zurück, und noch ehe das Jahr zu Ende ging, bildete Lord Grey ein neues Cabinet aus Whigs und einigen Freunden Canning’s. Nunmehr brachte der junge Lord John Ruſſell ſeine Reformbill ein.

Aber noch ein volles Jahr hindurch tobte in der Preſſe und den Vereinen, auf Märkten und Straßen ein leidenſchaftlicher Kampf, bis24IV. 1. Die Juli-Revolution und der Weltfriede.endlich das Unterhaus, nochmals aufgelöſt und neu gewählt, ſeine Zu - ſtimmung gab; den Widerſtand der Lords brach der König ſelbſt, indem er die Gegner perſönlich auffordern ließ, der entſcheidenden Sitzung fern zu bleiben, denn durch einen Pairſchub fürchtete er das tief herabge - würdigte Anſehen des Oberhauſes ganz zu zerſtören. Alſo ward durch eine unwiderſtehliche Volksbewegung die Neugeſtaltung des Unterhauſes durchgeſetzt (1832). Die Reformbill gewährte blos das Unerläßliche: ſie verdoppelte die Zahl der Wähler, was nach den Unterlaſſungsſünden ſo vieler Jahre nicht unbeſcheiden ſchien, ſie beſeitigte nur die gänzlich verrotteten Wahlflecken und gab den neuen Gewerbs - und Handelsplätzen eine den wirklichen Machtverhältniſſen noch keineswegs entſprechende Ver - tretung.

Was Wunder, daß dieſe friedliche Neuerung gerade von den ge - mäßigten Liberalen des Feſtlandes als ein neuer Beweis engliſcher Erbweisheit geprieſen wurde; ſelbſt Dahlmann ſah in der Reform ledig - lich eine heilſame Reinigung der beſtehenden Verfaſſungsorgane, da er mit ſeinem Montesquieu das Unterhaus für das demokratiſche Gegen - gewicht des Oberhauſes hielt. Nur einzelne ſcharfblickende Conſervative unterſchätzten nicht die Bedeutung des großen Umſchwungs. In einem geiſtvollen Aufſatze der Preußiſchen Staatszeitung ſagte Hegel voraus, dieſe Reform werde die Macht der alten parlamentariſchen Ariſtokratie in ihren Grundfeſten erſchüttern, und der Erfolg gab ihm Recht. Bis - her wurde nur ein Viertel der Commoners frei gewählt, die andern ver - dankten ihre Sitze alleſammt der Gunſt der Grundherren und des Cabi - nets. Von nun an gaben in der Hälfte der Wahlbezirke die Mittelklaſſen den Ausſchlag, und obwohl der Adel die gewohnten Künſte der Wahl - beherrſchung auch jetzt noch in zeitgemäßen Formen und mit großem Erfolge ſpielen ließ, ſo wurde doch das Haus der Gemeinen allmählich, was es unter den Welfen nie geweſen war, eine Volksvertretung. Un - aufhaltſam aber ſank die Macht des Oberhauſes, denn die Lords hatten bisher einen großen Theil ihres Einfluſſes unmerklich, durch die Be - herrſchung der Volkswahlen und der Abſtimmungen des Unterhauſes ausgeübt. Den verrotteten Wahlflecken verdankte das alte Haus der Gemeinen den friſchen Nachwuchs ſeiner jugendlichen Staatsmänner; fortan war der Eintritt erſchwert; an der Seltenheit der Talente, an dem Sinken der Beredſamkeit ließ ſich bald erkennen, daß die großen Tage des engliſchen Parlamentarismus zu Ende gingen.

Neben den altgeſchichtlichen Namen der Whigs und Torys kamen bereits die unbeſtimmten feſtländiſchen Bezeichnungen: Liberale und Con - ſervative in Gebrauch; denn die beiden alten erblichen Adelsparteien zer - ſplitterten ſich bald nach franzöſiſcher Weiſe in ſechs Fractionen, kleine Meinungs - und Intereſſengruppen, die nur mühſam unter einen Hut gebracht wurden. Der Führer dieſes neuen Unterhauſes gebot nicht mehr25Die Reformbill.wie einſt die beiden Pitt mit dem Anſehen des Feldherrn über eine ge - ſchloſſene Phalanx befreundeter und verſchwägerter Standesgenoſſen; er mußte die neue Gentry der Kaufherren und Fabrikanten, der Bank - und Eiſenbahndirektoren, die ſich jetzt neben den alten Grundadel drängte, durch Schmeichelei gewinnen, jedem wirthſchaftlichen, kirchlichen, örtlichen Anſpruch eine Befriedigung, jedem Wunſche eine Erfüllung verheißen, er mußte bald ſich leiten laſſen, bald unter dem Scheine der Nachgiebigkeit ſelber leiten. Hatte das Unterhaus früherhin in ſeinem Standesſtolze ſich der Nation oft entfremdet, ſo war nunmehr jedem Einfall, jeder Laune der öffentlichen Meinung Thür und Thor geöffnet; die namenloſen frei - willigen Staatsmänner der Zeitungen, zumal der Times, erlangten eine ungeheure Macht, und nicht ſelten geſchah es ſchon, daß die Commoners, eingeſchüchtert durch den Lärm der Preſſe, für Maßregeln, die ſie miß - billigten, ſtimmten. Die vordem ſo träge Geſetzgebung arbeitete ſchnell, oft leichtfertig. Raſch nach einander wurde die Civilliſte der Krone von den Staatsausgaben abgeſondert, das Handelsmonopol der oſtindiſchen Compagnie aufgehoben, die Sklaverei in den Kolonien beſeitigt, die neue Londoner Univerſität neben den beiden alten ariſtokratiſchen Hochſchulen als Corporation anerkannt, die verfallene ſtädtiſche Verwaltung durch eine liberale, aber gedankenloſe Städteordnung umgeſtaltet. Und ſo ſtark war der demokratiſche Zug der Zeit, daß ſelbſt dies Haus, das noch immer faſt ausſchließlich aus Reichen und Hochgeborenen beſtand, den miß - handelten Maſſen des Volkes ſeine Sorgfalt zuwenden mußte: im Jahre 1833 erſchien das erſte, noch ſehr zahme Geſetz zur Regelung des Fabrik - weſens, auch für den ſündlich verwahrloſten Volksunterricht ward ein kleiner Staatsbeitrag ausgeworfen.

Der Lärm der Gaſſen verſtummte, ſeit die Reformbill geſiegt hatte, doch die Arbeiter ſammelten ſich in der Stille um das neue Banner der Socialreform; zugleich erhob ſich der Ruf nach Befreiung des Handels. Die politiſchen Radicalen hingegen forderten Erweiterung des Stimmrechts, weil die Reformbill die Grenzen des Wahlrechts willkürlich gezogen hatte, und die geheime Abſtimmung, das Ballot. Die altengliſche Rechtsanſicht, die in dem Wahlrechte ſtets eine ernſte Bürgerpflicht, nicht eine Befugniß des ſouveränen Einzelmenſchen geſehen hatte, gerieth in Vergeſſenheit; die Todſünde demokratiſcher Zeiten, die Furcht vor perſönlicher Verantwortung, ſchmückte ſich mit dem Namen des Freiſinns. Mit den demokratiſchen Ideen drangen aber auch die bureaukratiſchen Verwaltungsformen des Feſtlands in den Inſelſtaat hinüber. Da die ſchwerfälligen Formen der alten Selbſtverwaltung der Friedensrichter und Lordlieutenants für den verwickelten Verkehr der modernen Geſellſchaft nicht mehr ausreichten und der Geldadel der neuen Gentry die ſchweren Pflichten des perſönlichen Dienſtes für Staat und Gemeinde verabſcheute, ſo wurde das vernach - läſſigte Armenweſen des Landes einem großen, ſtreng bureaukratiſch ein -26IV. 1. Die Juli-Revolution und der Weltfriede.gerichteten Armenamte untergeordnet; die neue Armenverwaltung übertraf die alte durch techniſche Geſchicklichkeit, jedoch ſie lag ausſchließlich in der Hand beſoldeter Beamten, den Ortsausſchüſſen blieb nur das bequeme Recht des Wählens. Zum Jubel der Radicalen ward alſo der erſte, entſcheidende Stoß geführt wider den alten feſten Unterbau der parlamen - tariſchen Ariſtokratie, das Selfgovernment der Grafſchaften, und bald be - mächtigte ſich die neue Bureaukratie auch anderer Zweige der Verwaltung.

An beiden Ufern des Canals rühmte man ſich ſeines Bürgerkönigs und der gemeinſamen Freiheit. In der That begannen die Briten aus ihrem ſtolzen ariſtokratiſchen Sonderleben herauszutreten, ihr neues Unterhaus wurde von allen Kinderkrankheiten des jungen feſtländiſchen Parlamentarismus heimgeſucht. In dem unberechenbaren Spiele der Frac - tionen gaben die geſchworenen Feinde der Reichseinheit, die Iren ſchon zuweilen den Ausſchlag; die Miniſterwechſel, dreizehn in fünfunddreißig Jahren, folgten ſich faſt ſo ſchnell wie in Frankreich. Freilich beſtand in England, da das Erbrecht und die Unverantwortlichkeit ſeiner macht - loſen Krone unbeſtritten blieb, noch immer eine ehrliche parlamentariſche Regierung, während der illegitime König der Franzoſen mit ſeinem Kopfe einſtehen mußte und folglich auch trotz der conſtitutionellen Formen ein perſönliches Regiment führte.

Das innerſte Weſen dieſer Uebergangszeit verkörperte ſich in dem Talleyrand des Parlamentarismus, dem vielgewandten Staatsmanne, der, Ariſtokrat durch Geburt und Neigung, fortan mit demagogiſcher Meiſter - ſchaft die auswärtige Politik Englands leitete. Lord Palmerſton ſtammte aus einem uralten angelſächſiſchen Geſchlechte, das ſchon lange vor der normanniſchen Eroberung geglänzt hatte; in neuerer Zeit war das Haus der Temple immer eine Zierde der Whigpartei geweſen. Der junge Viscount Henry aber trat unbedenklich zu den Torys über, weil die Whigs in jenen napoleoniſchen Tagen nicht auf die Macht hoffen konnten. Mit zweiundzwanzig Jahren war er Lord der Admiralität, zwei Jahre darauf ſchon Sekretär für den Krieg, und lebte ſich mit ſeiner eifrigen, wenn auch unpünktlichen Arbeitſamkeit bald ſo ganz in die Geſchäfte ein, daß er die Amtsthätigkeit nicht mehr miſſen konnte. Er wurde der dauer - hafteſte aller engliſchen Miniſter; von den achtundfünfzig Lebensjahren, die ihm nach ſeinem Eintritt ins Amt noch beſchieden waren, hat er achtund - vierzig auf den Miniſterbänken zugebracht. In den Jahren, da er die Heere gegen Napoleon ausrüſten half, ſammelte er früh eine reiche diplo - matiſche Erfahrung, und ſchon in ſeiner erſten größeren Parlamentsrede verkündete er dreiſt den leitenden Gedanken ſeines politiſchen Lebens: er rechtfertigte den Zug der Flotte gegen Kopenhagen mit den einfachen Worten, in dieſem Falle ſei das Naturrecht ſtärker als das Völkerrecht , folglich dürfe England um ſeiner Selbſterhaltung willen mitten im Frieden einen kleinen Nachbarſtaat räuberiſch überfallen. Der augenblickliche27Palmerſton.Vortheil, das expedient, wie er es gern nannte, entſchuldigte jeden Bruch der Treue und des Rechts. Durch und durch Politiker, ohne Sinn für die Kunſt und die idealen Mächte des Menſchenlebens, aber auch frei von Selbſtüberſchätzung und Gefühlsſeligkeit, folgte er ſtets ſeinem an - geborenen praktiſchen Inſtinkte; Grundſätze und Doctrinen beirrten ihn ſo wenig wie Gewiſſensbedenken. Er wußte, daß er ſeinen Weg machen würde, wenn er nur immer im Sattel bliebe; ruhig ſchlug er ein hohes Amt aus, dem er ſich noch nicht gewachſen fühlte, und ohne Murren nahm er nachher lange vorlieb mit einer Stellung zweiten Ranges, ob - gleich er ſchon Größeres erwartet hatte.

Auf die Dauer konnte ihm der Erfolg doch nicht fehlen; denn von frühauf war er der Liebling der Salons, die Geſchäfte hinderten ihn nicht fröhlich zu leben und leben zu laſſen, an jedem Sport der vornehmen Geſellſchaft eifrig theilzunehmen. Er verlachte das ſcheinheilige Weſen ſeiner Standesgenoſſen und geſtand mit wohlthuender Aufrichtigkeit zu, wie ſehr ihm die Weiber und alle Freuden dieſer Welt wohlgefielen; noch im Alter hörte er ſich gern bei ſeinem Schmeichelnamen Lord Cupid rufen. Wenn er in tiefer Nacht elaſtiſchen Schrittes aus einer langen Sitzung des Unterhauſes heim wanderte, immer mit einer Blume im Munde oder im Knopfloch, den Regenſchirm geſchultert, den hohen Hut weit auf den Hinterkopf hinaufgeſchoben, dann freuten ſich ſeine Lands - leute dieſes Bildes altengliſcher Lebensfriſche. Sein ganzes Weſen athmete fröhliches Behagen; der ſtarke viereckige angelſächſiſche Kopf mit den ver - ſchmitzten, weit vom Naſenbein abſtehenden Augen erinnerte zugleich an die Kraft der Dogge und an die Liſt des Fuchſes. Seinen Hinterſaſſen war er ein gütiger Grundherr, die Vettern und Freunde verſorgte er nach engliſchem Adelsbrauche mit fetten Pfründen, doch niemals hat er einem Unfähigen abſichtlich ein wichtiges Amt anvertraut. Wenn ihm ein Gegner den Weg kreuzte, ſo nahm Palmerſton unfehlbar früher oder ſpäter ſeine Vergeltung; dann aber vergaß er ſchnell, nachtragender Haß blieb dem Leichtlebigen fremd. Ihm fehlte die Größe und die Tiefe einer urſprüng - lichen, gedankenmächtigen Natur. Seine Stärke lag in dem feinen Spürſinn, der jeden Wechſel der Volksſtimmung vorauswitterte, und je länger er am Ruder ſtand um ſo genauer lernten er und ſeine Briten einander verſtehen, bis er ihnen ſchließlich als der vollkommene Vertreter des nationalen Geiſtes erſchien.

Fremde Völker kannte er nicht und er wollte ſie nicht kennen; nur für Italien, wo er einige Jugendjahre verlebt hatte, und für den leichten Ton der Pariſer Salons hegte er einige Vorliebe. Ueber die Deutſchen urtheilte er ſo, wie es die Torys alle aus Canning’s giftigen Schmäh - gedichten in der Antijacobiniſchen Review gelernt hatten,*)ſ. Beilage 17. er ſah in ihnen28IV. 1. Die Juli-Revolution und der Weltfriede.ein Sklavenvolk von politiſchen Kindern, von zuchtloſen Freigeiſtern und gelehrten Narren. Um ſo unbefangener konnte er alſo in ſeinen Parla - mentsreden die lockenden Töne der nationalen Selbſtverherrlichung an - ſchlagen, und er lernte bald, daß britiſche Hörer dieſe Kunſt demago - giſcher Schmeichelei ſelten zu plump finden. Im Sommer 1813, während in Preußen das Volk in Waffen aufſtand, pries Palmerſton die unver - gleichlichen Vorzüge des engliſchen Söldnerweſens und verſicherte den befrie - digten Gemeinen: auf ein ſolches Heer von geworbenen Freiwilligen könne der Feldherr ſicherer zählen, als auf eine Bande von Sklaven, die mit Gewalt aus ihren Häuſern geriſſen werden. Späterhin verherrlichte er ſogar die neunſchwänzige Katze als ein Kleinod britiſcher Freiheit: der ganze Unterſchied zwiſchen dem engliſchen und den feſtländiſchen Heeren laufe doch lediglich darauf hinaus, daß hier ohne Unterſuchung, in Alt - England aber nach einem Spruche des Kriegsgerichts geprügelt werde!

Die reactionären Doctrinen des Wiener Hofes konnten dem Realiſten nicht zuſagen, obwohl er ſich hütete deßhalb mit Lord Caſtlereagh zu brechen. Mit aufrichtiger Freude ſchloß er ſich dann an Canning an, als dieſer die alte engliſche Intereſſenpolitik wieder zu Ehren brachte. Aus dem Miniſterium Wellington trat er mit den anderen Canningiten bald wieder aus; er fühlte, dies Cabinet müſſe an dem Felſen der öffentlichen Meinung ſcheitern , und täuſchte ſich auch nicht über den nahenden Zu - ſammenbruch des bourboniſchen Thrones. Zwei Jahre lang blieb er nunmehr in den Reihen der Oppoſition und bereitete durch freiſinnige Gemeinplätze die kühne Schwenkung vor, die ihn zu den Whigs hinüber - führen ſollte. In der Natur ſo ließ er ſich vernehmen giebt es nur eine bewegende Kraft, den Geiſt; in menſchlichen Dingen iſt dieſe Kraft die Meinung, in politiſchen Dingen iſt es die öffentliche Meinung und jene Staatsmänner, welche es verſtehen, ſich der Leidenſchaften, der Intereſſen, der Meinungen der Menſchen zu bemächtigen, erlangen eine unverhältnißmäßige Macht. Ob der Staatsmann nicht auch verpflichtet ſei, die irrende öffentliche Meinung zu belehren, den Vorurtheilen der Volksvertretung mit zornigen Brauen zu trotzen? ſolche Fragen hat er ſich niemals vorgelegt. Als er nun nach der Juli-Revolution in das Reformcabinet der Whigs eintrat und das auswärtige Amt aus Lord Aberdeen’s zaghaften Händen übernahm, lenkte er ſofort wieder in die Bahnen der Handelspolitik Canning’s ein. Er konnte nicht wie die beiden Pitt durch den Schwung einer großen Seele, nicht wie Canning durch das getragene Pathos kunſtvoller Rede das Haus begeiſtern; der neue Par - lamentarismus verlangte nach einem Virtuoſen der Mittelmäßigkeit. Palmerſton wirkte durch das unfehlbare Mittel des nationalen Selbſt - lobes, durch kleine dialektiſche Taſchenſpielerkünſte, durch Zeitungsredens - arten, die einem Jeden einleuchteten und Jedem das Nachdenken erſparten; die Gegner fertigte er mit ſchnöden Witzen ab, nach Umſtänden auch durch29Die liberalen Weſtmächte.eine wohl angebrachte Grobheit, die den unſchuldigen Leuten wie der unwillkürliche Gefühlsausbruch eines Biedermannes klang, und immer blieb den Hörern der Eindruck, als ob ſie tief in die Falten ſeines treuen Herzens hineingeblickt hätten.

Schon auf den Bänken der Oppoſition hatte er mit dem Lächeln des Augurs die ſchmeichelhafte Behauptung ausgeſprochen, jedes Mitglied des Unterhauſes könne ſich ein ſachverſtändiges Urtheil über die aus - wärtige Politik bilden, wenn dieſe nur ganz ehrlich und offen verfahre. Demgemäß betrieb er als Miniſter eifrig die Anfertigung kunſtvoller Blaubücher, die von Allem etwas, von dem Weſentlichen nichts erzählten, ſo daß jeder Leſer der Times ſich fortan rühmen durfte die europäiſche Politik des volksthümlichen Staatsmannes von Grund aus zu kennen. Gleich Canning wollte Palmerſton den Weltfrieden erhalten, um den britiſchen Handel nicht zu verderben; doch gleich ſeinem Meiſter wünſchte er ebenſo aufrichtig, daß immer eine ſanfte Kriegsgefahr über dem Feſt - lande ſchwebte, damit England freie Hand behielt ſein Kolonialreich zu erweitern und die Märkte der ganzen Welt zu beſetzen. Vor Allem galt es, die beiden gefährlichſten Nebenbuhler, Frankreich und Rußland aus - einander zu halten, und der Geſchäftsverſtand des bekehrten Torys ent - deckte ſogleich, wie leicht ſich dies Ziel erreichen ließ, wenn man die politiſchen Leidenſchaften des Tages gewandt ausbeutete. Richtig zubereitet konnte die liberale Phraſe für Alt-England ein ebenſo nützlicher und zu - dem weniger koſtſpieliger Ausfuhrartikel werden wie Kohlen, Eiſen und Kattun. Wenn England ſich an den neuen franzöſiſchen Gewalthaber anſchloß, um ihn zu ſtützen und zugleich im Zaume zu halten, wenn dieſe entente cordiale der Weſtmächte der aufgeregten Zeit beſtändig als ein Bund der Freiheit gegen den Despotismus, des Lichtes gegen die Finſterniß angeprieſen wurde, ſo war eine ehrliche Verſtändigung zwiſchen Frankreich und den conſervativen Oſtmächten unmöglich.

Dank der Tendenzpolitik Metternich’s beſtand in der Welt ſchon ſeit Jahren der Wahn, daß die Parteiung der Staatengeſellſchaft nicht durch die Weltſtellung und die auswärtigen Intereſſen der Mächte be - ſtimmt würde, ſondern, wie einſt im Zeitalter der Religionskriege, allein durch ihre inneren Zuſtände. Palmerſton’s Nüchternheit hat an dies Märchen der Parteileidenſchaft nie geglaubt; er wußte wohl, daß die Verfaſſungskämpfe der Gegenwart bei Weitem nicht ſo tief in die Macht - verhältniſſe Europas eingriffen wie einſt die kirchlichen Gegenſätze. Jedoch er bemächtigte ſich des allgemein verbreiteten Wahnes und verkündete ungeſcheut: dies ſelbſtgenügſame Inſelreich, das ſich in Jahrhunderten niemals um die Verfaſſung der Nachbarlande gekümmert hatte, ſei der natürliche Bundesgenoſſe aller conſtitutionellen Staaten. Mit dem Rede - ſchwall eines Marktſchreiers verherrlichte er die Trefflichkeit, die unver - gängliche Dauer dieſes auf die beſten Grundſätze der menſchlichen Natur,30IV. 1. Die Juli-Revolution und der Weltfriede.auf die aufgeklärteſten Grundſätze der Staatskunſt begründeten Bundes der Weſtmächte, und die alleinſeligmachende Kraft jener constitutional rights, die ein Segen ſind für die Völker und ein Aergerniß für ihre Nachbarn: wenn nur erſt die Formen da ſind, findet ſich allmählich der Geiſt hinein! Die hohlſten Schlagworte des feſtländiſchen Libera - lismus waren ihm willkommen, wenn ſie ihm zur Verleumdung der abſoluten Kronen dienen konnten. Er war einſt im Miniſterrathe ſelber bei den diplomatiſchen Verhandlungen des Jahres 1813 thätig geweſen und ſchämte ſich doch nicht dem Parlamente das Zeitungsmärchen zu wiederholen: damals ſeien die Völker, aufgeweckt durch den Zauberklang conſtitutio - neller Rechte, freiwillig unter die Waffen getreten und dann von ihren Despoten betrogen worden. Palmerſton hatte ſich das Loos der Schau - ſpieler Samuel Johnſon’s erwählt: er lebte, um zu gefallen und mußte gefallen, um zu leben; und ſchwer war es nicht, die tiefe Unkenntniß feſtländiſcher Dinge, welche die Briten jederzeit auszeichnete, nach Be - lieben zu mißbrauchen. Das Unterhaus lauſchte entzückt, wenn der liebenswürdige Schalk ihm erzählte, wie weit Preußen und das geknechtete Oſteuropa hinter den freien Spaniern und Portugieſen zurückſtänden; denn die große ſpaniſche Nation verſucht, wenn auch nur von fern (though at a distance), dem ſtolzen Beiſpiel dieſes Landes nachzu - eifern!

So trat denn dem legitimiſtiſchen Doctrinarismus der Hofburg eine demagogiſche Tendenzpolitik entgegen, die ebenſo gemeinſchädlich und noch um Vieles unredlicher war; denn Metternich fürchtete ſich wirklich vor der Revolution, während Palmerſton mit ſeinen conſtitutionellen Kraft - worten nur argliſtig ſpielte. Die erſten Erfolge dieſer ſeltſamen Staats - kunſt waren glänzend. Es gelang ihr in der That, den Continent der - maßen in Unruhe zu halten, daß England unterdeſſen ſein Weltreich ungeſtört ausbauen konnte. Es gelang ihr auch, die Parteien des Feſt - landes durch das beharrlich wiederholte dünkelhafte Selbſtlob der libe - ralen Weſtmächte völlig zu bethören; Europa zerfiel, zu ſeinem Unheil aber zu Englands Vortheil, zehn Jahre hindurch in die zwei Heerlager der conſtitutionellen und der abſoluten Kronen, die Liberalen begrüßten ihren old Pam und das wiedergeborene Frankreich als die Schirmherren der Freiheit, während die Staatsmänner der Oſtmächte das diplomatiſche Allerweltsſchwefelholz, den Lord Feuerbrand, verwünſchten.

Den Staaten wie den Männern wird die Mitwelt ſelten gerecht; immer ſind einzelne Staaten beſſer, andere ſchlechter als ihr Ruf. Zu jenen zählen die jungen Mächte, welche die öffentliche Meinung Europas noch nicht beherrſchen und das Recht ihres Daſeins erſt zu erweiſen haben; zu dieſen die alten Mächte, vornehmlich England, das bei der Enthüllung ſeiner diplomatiſchen Geſchichte nur verlieren kann und darum auch die Schätze ſeiner Archive ängſtlicher als irgend ein anderer Staat31Die Vereinigten Niederlande.behütet. Ein wunderbares Glück geſtattete dieſer Inſel, ihren großartigen Kampf um die Beherrſchung der Meere unter ſo günſtigen Umſtänden zu führen, daß ſie erſt das europäiſche Gleichgewicht, dann die allgemeine Völkerfreiheit zu vertheidigen ſchien. Der von Palmerſton angekündigte Bund Englands und aller freien Völker blieb viele Jahre lang ein unum - ſtößlicher Glaubensſatz des Liberalismus. Nach und nach begann die Welt doch zu bemerken, daß dieſe Politik, die ſo gern mit ihren unüberwindlichen Flotten prahlte, nur gegen die Schwachen und Willenloſen Muth zeigte, vor den Starken behutſam die Segel ſtrich. Dann fühlte man auch, wie wenig Ernſt hinter den Freiheitsreden des Briten lag, wie unfähig er war gerade die friſcheſte Kraft des neuen Völkerlebens, das erſtarkende Deutſchland zu verſtehen, wie kleinſinnig er das natürliche Wachsthum der Mitte Europas zu hemmen ſuchte. Endlich ward der maßloſe engliſche Hochmuth dem Stolze aller Nachbarn unerträglich, ſeit Palmerſton den Briten ſein civis Romanus sum zurief und damit alle anderen Nationen als Barbaren neben dem einzigen Culturvolke bezeichnete; ein ungeheurer Haß ſammelte ſich allmählich auf dem Feſtlande an, Englands einſt hochgefeierte Staatskunſt verfiel dem allgemeinen Mißtrauen, zuletzt der Verachtung. Als Palmerſton ſtarb kurz bevor die Sieger von König - grätz die ganze Rechnung ſeines Lebens mit einem bluthrothen Zuge durchſtrichen da war ſein England kaum mehr eine europäiſche Groß - macht; der Staat war hinausgewachſen aus dem alten Welttheil, er wahrte nur noch ſeine orientaliſchen und transatlantiſchen Intereſſen, in den Händeln des Feſtlands zählte ſeine Stimme nicht mit.

So langſam nahte die Vergeltung. In jenen Tagen, da Lord Palmerſton in das auswärtige Amt eintrat, voll Thatkraft und Lebens - luſt, unermüdlich und unergründlich, treu ſeinem Wappenſpruche flecti non frangi, gehoben von der Gunſt der liberalen Tagesmeinung, da er - ſchien er dem Wiener Hofe mit Recht als ein gewaltiger Feind. Mit den diplomatiſchen Schreckbildern der liberalen Peſt, des jacobiniſchen Krebſes und der revolutionären Feuersbrunſt war dieſem Meiſter der parlamentariſchen Redensart nicht beizukommen.

Unter allen den Erſchütterungen, welche der Juli-Revolution folgten, bedrohte keine den Weltfrieden ſo unmittelbar wie die Erhebung der Bel - gier gegen die holländiſche Herrſchaft. Bisher war trotz ſo mancher Wirren doch mindeſtens der Länderbeſtand der neuen Staatengeſellſchaft unverändert geblieben denn für Griechenland und die Türkei galten die Wiener Verträge nicht: jetzt ward er plötzlich an ſeiner verwund - barſten Stelle zerſtört. Das vielgerühmte, von den Diplomaten der großen Allianz im Wetteifer gehegte und verſtärkte Bollwerk des euro - päiſchen Gleichgewichts, das neue Königreich der Vereinigten Niederlande brach bei der erſten Prüfung morſch zuſammen, nicht ohne die Mitſchuld ſeiner Regierung, doch vornehmlich durch die unheilbare Schwäche einer32IV. 1. Die Juli-Revolution und der Weltfriede.verfehlten, künſtlichen Staatsbildung. Ihrer ſtolzen Geſchichte froh, konnten die Holländer in dem belgiſchen Lande, das ſeit den Tagen Philipp’s II. immer fremden Herrſchern gehorcht hatte, nur einen Gebietszuwachs ihres wiederhergeſtellten nationalen Staates ſehen, wie es die europäiſchen Ver - träge auch ausdrücklich ausſprachen. Durch die Begehrlichkeit des Hauſes Oranien und ſeiner engliſchen Gönner war aber der Zuwachs ſtärker ge - worden als das Hauptland ſelber: drei und eine Viertel Million Belgier ſtanden zwei Millionen Holländern gegenüber, und ſie wußten wohl, daß einſt Südniederland unter dem glücklichen Scepter Kaiſer Karl’s V. den Kern der vereinigten Siebzehn Provinzen gebildet hatte. Und was war ihnen nachher, ſeit die ſieben Provinzen des Nordens ſich aus der Ge - meinſchaft des alten Geſammtſtaates losriſſen, von dieſen feindlichen Brü - dern Alles geboten worden: erſt maßen ſie ſich mit den nordiſchen Nachbarn in einem langen blutigen Kampfe, denn der achtzigjährige Krieg der Hol - länder war doch größtentheils ein Bürgerkrieg zwiſchen den beiden Hälften Niederlands; endlich beſiegt, mußten ſie dann ertragen, wie ihnen die Schelde geſperrt, der indiſche Handel verboten, die Feſtungen durch hol - ländiſche Garniſonen beſetzt wurden.

Ungleich ſtärker als dieſe bitteren politiſchen Erinnerungen wirkte der Glaubenshaß. Nicht umſonſt führten die belgiſchen Landſchaften im Volksmunde den Namen der katholiſchen Niederlande, nicht umſonſt waren ihre Geiſtlichen zwei Jahrhunderte hindurch mit Spaniens fanatiſcher Cleriſei eng verbündet geweſen. Hier auf dem claſſiſchen Boden der Reli - gionskriege walteten die kirchlichen Gegenſätze ſtets ſo mächtig, daß die Stammesunterſchiede daneben faſt verſchwanden. Wie ſcharf ſich auch die ſchweren Flamen von den heißblütigen Wallonen unterſchieden, den holländiſchen Ketzern gegenüber hielten ſie doch zuſammen als eine gläubige Heerde. In Frankreich wie in England waren Liberale und Radicale die Urheber der Umgeſtaltung; in den Niederlanden ging die Revolution von den Ultramontanen aus, denen der Liberalismus nur das Hilfs - heer ſtellte. Kaum hatte Frankreich, unter Verwünſchungen wider die Jeſuiten, ſein ſtreng kirchliches altes Königshaus entthront, ſo erhob ſich in Belgien ein Aufruhr, der, den Pariſer Julikämpfen zugleich ver - wandt und feindlich, die Straßenſchlachten wie die liberalen Schlagworte der Franzoſen ſich zum Muſter nahm um am letzten Ende der römiſchen Kirche einen glänzenden Triumph zu bereiten. Ganz ebenſo ſeltſam hatte einſt die Empörung der brabantiſchen Patrioten gegen Kaiſer Joſeph II. ſich mit der erſten franzöſiſchen Revolution verflochten.

Ein Gefühl der Gemeinſchaft konnte ſich zwiſchen den beiden feind - lichen Landeshälften von vornherein nicht bilden. Schon die Verfaſſung des neuen Königreichs wurde, weil ſie die Gleichberechtigung der Be - kenntniſſe vorſchrieb, von der großen Mehrheit der belgiſchen Notabeln verworfen und nur durch einen häßlichen Betrug von der holländiſchen33Holländer und Belgier.Krone eigenmächtig eingeführt. Da beide Landestheile durch die gleiche Stimmenzahl in den Generalſtaaten vertreten waren, die Holländer mit dem Stolze des Herrenvolkes einmüthig zuſammenhielten, unter den bel - giſchen Stimmen aber immer einzelne den Winken der Regierung folgten, ſo wurde die belgiſche Mehrheit von der holländiſchen Minderheit regel - mäßig überſtimmt. Holländer bekleideten weitaus die meiſten wichtigen Stellen im Staatsdienſt; alle Oberbehörden, ſogar die Verwaltung der den Holländern ganz unbekannten Bergwerke erhielten ihren Sitz in Holland. Durch rückſichtsloſe Einführung der holländiſchen Staatsſprache verdarb man ſich ſogar unbedachtſam die köſtliche Gelegenheit, dies Land der ewigen Sprachenkämpfe friedlich zu germaniſiren, den flamiſchen Dialekt, der dem holländiſchen ſo nahe ſtand, zur Würde einer Schriftſprache zu erheben. Den alten ſtürmiſchen Freiheitstrotz der Genter und der Brüggelinge hatten die Jahrhunderte der Fremdherrſchaft längſt gezähmt; aber ge - blieben war den Belgiern ein ſtörriſches Mißtrauen gegen jede Regierung. Wie ſollten ſie ſich auch ein Herz faſſen zu dieſem Könige Wilhelm I., der, vom Wirbel bis zur Zehe ein proteſtantiſcher Holländer, mit dem Dünkel ſeines harten Verſtandes auf den Aberglauben ſeiner katholiſchen Unterthanen herabſchaute und zudem, unbekümmert um die moderne Lehre von der Verantwortlichkeit der Miniſter, nach der Weiſe ſeiner oraniſchen Vorfahren perſönlich regierte?

Das wohlhabende Bürgerthum hielt ſich lange ſtill, da der Wohl - ſtand wuchs und der belgiſche Gewerbfleiß in den holländiſchen Kolonien lohnenden Abſatz fand. Zuerſt regte ſich der Widerſtand unter dem Adel und den Geiſtlichen; dann folgten die von ihren Pfarrherren geleiteten Maſſen. Die Führer der Clericalen blickten hoffend nach Frankreich hinüber, nach der Congregation des Pavillons Marſan. Der König aber führte, wenig wähleriſch in den Mitteln, einen geheimen Krieg gegen die Bourbonen, er begünſtigte unter der Hand die Anſchläge der franzöſiſchen Unzufriedenen, er gewährte ihren Flüchtlingen jahrelang in Brüſſel eine Freiſtatt und bewirkte alſo, daß der belgiſche Liberalismus durch dieſe Gäſte ganz mit franzöſiſchen Gedanken durchtränkt wurde. Der Haß gegen die Holländer beförderte zugleich die franzöſiſche Bildung und die Macht der Kirche. Der ſcharf bureaukratiſchen Kirchenpolitik des Königs trat der Clerus mit offenbarer Unbotmäßigkeit entgegen; wieder wie in Kaiſer Joſeph’s Tagen klagte er über Glaubensdruck weil die Staatsge - walt ein geiſtliches Seminar in Löwen errichtet hatte. Den maßloſen Anklagen der Ultramontanen antworteten in der amtlichen Preſſe der berüchtigte Libry-Bagnano und ſeine Genoſſen mit einer Roheit, die ein katholiſches Volk empören mußte.

Endlich, in denſelben verhängnißſchweren Tagen, da das Miniſterium Martignac zuſammenſtürzte, ſprach der O’Connell Belgiens, Louis de Potter das entſcheidende Wort: Union der Liberalen und der Katholiken. Treitſchke, Deutſche Geſchichte. IV. 334IV. 1. Die Juli-Revolution und der Weltfriede.Der hatte bisher joſephiniſchen Grundſätzen gehuldigt und die Regierung nur mit politiſchen Flugſchriften bekämpft, aber bald einſehen müſſen, daß ſein letzter Zweck, die Unabhängigkeit Belgiens, nur mit Hilfe der Kirche erreicht werden konnte. Preßfreiheit, Schwurgerichte, Verantwort - lichkeit der Miniſter, freier Gebrauch der franzöſiſchen Sprache, aber auch Freiheit des Unterrichts das will ſagen: Unterwerfung der Volksſchule unter die Kirche ſo lautete das Programm der Neuverbündeten. Ein Sturm von Petitionen rüttelte an den Thoren der Generalſtaaten. Als der König über den monſtröſen Bund der beiden Parteien und ihr infames Betragen ſchalt, verſchworen ſich die Heißſporne nach altem Geuſenbrauche, treu bis zur Infamie bei ihrem Banner auszuharren.

In ſolcher Gährung ward das Land von der Juli-Revolution über - raſcht. Am 25. Auguſt erklangen die feurigen Aufruhrlieder der Stummen von Portici im Brüſſeler Theater, in der nämlichen Nacht brach die Em - pörung aus, eine rohe, noch zielloſe Pöbelbewegung; aber nicht lange, ſo flatterte auf dem gothiſchen Thurme des Rathhauſes ſchon die dreifarbige Fahne von Brabant. Ueberall im Lande züngelte der Aufruhr empor; franzöſiſche Agenten, Offiziere, Soldaten ſchloſſen ſich den Aufſtändiſchen an. Dem holländiſchen Heere fehlte die feſte Leitung; der König ſelber begann zu fühlen, daß die Verwaltung der beiden Landeshälften getrennt werden mußte, und verhandelte darüber mit den Generalſtaaten. Da wurden ſeine Truppen, vier Wochen nach dem erſten Aufruhr, durch einen dreitägigen wilden Straßenkampf von den Brüſſelern gezwungen, die Hauptſtadt zu räumen. Seitdem riß im Heere die Fahnenflucht ein, die Belgier verließen ihre Regimenter, hüben und drüben flammte der alte Stammeshaß furchtbar auf. Die Vermittlungsverſuche des ehrgeizigen Prinzen von Oranien verfingen nicht mehr, und als am 27. Oktober die Holländer in der Antwerpener Citadelle die Scheldeſtadt, zur Strafe für einen verrätheriſchen Angriff, mit ihren Bomben einäſcherten, da war die Trennung entſchieden. Unter den Trümmern von Antwerpen ward das Vereinigte Königreich begraben. In den Regierungsausſchüſſen der Aufſtändiſchen ſaßen die Führer der beiden verbündeten Parteien, der ultramontane Fanatiker Felix von Merode ſo gut wie der geiſtreiche junge liberale Staatsmann van de Weyer. Doch wie wirr auch die Meinungen noch durcheinander flutheten, ein ſtarkes Selbſtgefühl war in beiden Par - teien lebendig. Im Rauſche des Sieges entſann man ſich wieder jener ſtolzen Tage, da die Rolandsglocke von Brügge Victorie in Vlaander - land geläutet hatte; der einſt von Mirabeau ausgeſprochene Gedanke eines ſelbſtändigen belgiſchen Staates gewann von Tag zu Tag neue Anhänger.

Die zur Hilfe herbeigeeilten Franzoſen und ihr Anhang erwarteten zuverſichtlich den Anſchluß Belgiens an das freie Frankreich. Die geſammte radicale Preſſe von Paris blies in daſſelbe Horn, und der gefeierte Redner des Chauvinismus, General Lamarque erklärte kurzab: das Geſetz des35Revolution in Brüſſel.Convents vom Jahre IV der Republik, das die belgiſchen Departements mit Frankreich vereinigt hat, beſteht noch immer zu Recht. Die Mehr - heit der Belgier wies dieſe Anſchläge weit von ſich. Darum wurden auch die republikaniſchen Pläne, mit denen de Potter ſich trug, kurzerhand abgelehnt; denn nur mit Frankreichs Hilfe, nur durch einen Weltkrieg konnte ſich vielleicht die Republik behaupten, nur unter dem Schutze einer monarchiſchen Verfaſſung durften die Belgier auf die Zuſtimmung der großen Mächte hoffen. Schon zu Anfang Novembers faßte der neube - rufene nationale Congreß die verſtändigen, durch die Lage der Dinge ge - botenen Beſchlüſſe: Unabhängigkeit, Monarchie, Losſagung vom Hauſe Oranien.

So errang ſich dies mehr durch die kirchliche Geſinnung als durch das Bewußtſein politiſcher Gemeinſchaft zuſammengehaltene kleine Volk das Recht der Selbſtbeſtimmung. Die liberale Welt hatte anfangs dem Aufſtande mißtrauiſch zugeſehen, da ſein Urſprung unklar war und der belgiſche Pöbel ſich in argen Roheiten erging. Nach dem blutigen Brüſſeler Straßenkampfe ſchlug das Urtheil gänzlich um. Auch Brüſſel hat ſeine drei Tage und ſeine drei Farben! ſchrieb frohlockend Ed. Gans, und ſeine Geſinnungsgenoſſen in der liberalen deutſchen Preſſe entdeckten mit wachſender Bewunderung Zug für Zug immer neue Aehnlichkeiten zwiſchen Belgien und dem Muſterlande der Freiheit: ſie nannten de Potter den belgiſchen Lafayette, Jouvenel’s Brabançonne die belgiſche Marſeillaiſe. Drei Farben, drei Tage, Lafayette, Marſeillaiſe was brauchte ein Volk mehr um glücklich zu ſein? und wer außer den entmenſchten Schergen der Tyrannei konnte jetzt noch beſtreiten, daß die Sonne über Europa im Weſten aufging?

Die ſo lange niedergehaltenen Parteien der deutſchen Oppoſition athmeten fröhlich auf, als die erſte Kunde von der großen Woche über den Rhein drang. Heinrich Heine nahm der radicalen Jugend das Wort von den Lippen, da er in übermüthigem Jubel die Pariſer Zeitungen als in Papier gewickelte Sonnenſtrahlen begrüßte: Lafayette, die dreifarbige Fahne, die Marſeillaiſe fort iſt meine Sehnſucht nach Ruhe. Ich weiß jetzt wieder was ich will, was ich ſoll, was ich muß. Ich bin der Sohn der Revolution und greife wieder zu den gefeiten Waffen, worüber meine Mutter ihren Zauberſegen ausgeſprochen. Blumen, Blumen! Ich will mein Haupt bekränzen zum Todeskampf. Ich bin ganz Freude und Geſang, ganz Schwert und Flamme! Mächtig wie die Freude im libe - ralen Lager war der Schrecken an den großen Höfen. Mit wachſender Be - ſorgniß waren ſie ſämmtlich den vermeſſenen Unternehmungen Polignac’s gefolgt; eine ſo furchtbare Erſchütterung, die das ganze mühſame Friedens - werk der Wiener Verträge wieder in Frage ſtellte, kam ihnen doch allen3*36IV. 1. Die Juli-Revolution und der Weltfriede.unerwartet. König Friedrich Wilhelm hatte nach ſeiner Gewohnheit den Juli im Bade zu Teplitz verbracht und dort Metternich’s Beſuch empfangen. Trotz der Reibungen am Bundestage und trotz des geheimen Krieges der Hofburg wider die preußiſchen Zollvereinspläne hegte er keinen Groll gegen Oeſterreich; nach wie vor ſah er in der großen Allianz die Bürg - ſchaft des Völkerfriedens, er hoffte dies ſeit dem orientaliſchen Kriege ganz aus den Fugen gegangene Bündniß von Neuem zu befeſtigen und nament - lich das gute Einvernehmen zwiſchen den beiden verfeindeten Kaiſermächten wieder herzuſtellen. Da auch Metternich ſehnlich wünſchte aus ſeiner ſelbſtverſchuldeten Vereinſamung herauszugelangen, ſo ergab ſich eine vollkommene Uebereinſtimmung der Anſichten, und der Oeſterreicher geſtand nachher: bei dieſer Unterredung hätte er zuweilen glauben können, daß er ſich im Cabinet des Kaiſers Franz befände. *)Brockhauſen’s Bericht, 11. Auguſt 1830.

Als der König, von Teplitz heimkehrend, an ſeinem Geburtstage (3. Auguſt) den ſächſiſchen Hof in Pillnitz beſuchen wollte, ereilte ihn der Feldjäger mit den erſten Nachrichten aus Paris. Am ſelben Abend noch hielt er in dem nahen Landhauſe ſeines Geſandten Jordan eine erſte Berathung mit Wittgenſtein und Witzleben, und erklärte hier ſchon nachdrücklich, daß er zwar jeden Angriff der Franzoſen kräftig zurückweiſen, aber in Frankreichs innere Händel ſich nicht einmiſchen werde. So auf - richtig er auch den Sturz des legitimen Bourbonenhauſes beklagte, ſeine Friedensliebe, ſein nüchterner Verſtand, ſein landesväterliches Pflichtgefühl ſträubten ſich wider den Gedanken eines Weltkrieges, deſſen Gefahren unzweifelhaft zunächſt auf Preußen fallen mußten. Schon in Troppau und Laibach hatte er behutſam Alles was ſeinen Staat belaſten konnte von der Hand gewieſen;**)ſ. o. III. 181. wie ſollte er ſich jetzt in die Abenteuer eines neuen Champagnefeldzugs ſtürzen? Ich habe, ſo ſagte er oft, in meiner Jugend die Gräuel der Revolution geſehen und will mein Alter in ehren - vollem Frieden verleben. Die unberechenbare Macht der neuen Revolution hoffte er dann am ſicherſten in Schranken zu halten, wenn der große Vierbund ihr mit einmüthigen Beſchlüſſen gegenüberträte.

Damit die vier Mächte freie Hand und genügende Zeit für ihre Ver - abredungen behielten, wollte er alſo den diplomatiſchen Verkehr mit Frank - reich vorläufig einſtellen und beauftragte ſeinen Geſandten Werther (7. Aug.), nach Verſtändigung mit den Bevollmächtigten der drei anderen Großmächte Paris zu verlaſſen. Als aber Werther ſeine Amtsgenoſſen zur Berathung verſammelte, da zeigte ſich ſofort, daß der Vierbund nicht mehr beſtand. England ging ſeines eigenen Weges; ſein Geſandter erklärte, er habe Be - fehl unter allen Umſtänden zu bleiben. Alle drei riethen dem Preußen, zunächſt weitere Weiſungen abzuwarten, da die letzte durch die Ereigniſſe37Preußens friedliche Haltung.überholt worden ſei. *)Werther’s Bericht 17. Auguſt 1830 nebſt Protokoll über die Berathung der vier Geſandten.Mittlerweile hatte die Revolution ihr Ziel erreicht, der neue Thron war aufgerichtet, und die Geſandten ſchilderten in ihren Berichten das Geſchehene übereinſtimmend als eine unabwendbare Noth - wendigkeit. Sie waren zumeiſt auch perſönlich erbittert gegen Polignac, der über ſeinen Staatsſtreichsplänen die Geſchäfte des Auswärtigen Amts ganz vernachläſſigt, nur mit Apponyi und dem Nuntius Lambruschini Umgang gepflogen hatte. Alle aber beugten ſich vor der vollendeten That - ſache; der anſteckenden Kraft jenes allgemeinen, urplötzlichen Geſinnungs - wechſels, welcher die Revolutionen in Frankreich ſo furchtbar macht, konnte ſich Niemand ganz entziehen. Alle Monarchiſten, ſchrieb Werther ſchon am 5. Auguſt, wünſchen dringend, daß die vier Mächte ſich zu der neuen Krone freundlich ſtellen; ſonſt bricht die Republik, die Anarchie herein. **)Werther’s Bericht, 5. Auguſt 1830.

Ueber den großen Rechtsbruch tröſtete man ſich mit der Erwägung, daß die Orleans doch dem alten Capetingerhauſe angehörten und mithin ſo lautete der neue Verlegenheitsausdruck ſich mindeſtens einer Quaſi-Legitimität rühmen dürften; die Unterſchlagung, welche dem neuen Herrſcher zum Throne verhalf, ward in der ſtürmiſchen Unruhe dieſer erſten Tage kaum bemerkt. Ludwig Philipp aber erging ſich in brünſti - gen, unzweifelhaft aufrichtigen Betheuerungen ſeiner Liebe zum Frieden, zur bürgerlichen Ordnung: der Krieg, wiederholte er beſtändig, wäre die Republik, die Propaganda, der allgemeine Umſturz. Sein Miniſter des Auswärtigen, Graf Molé ſchrieb an Werther: Wir mußten Frankreich retten und, ich darf es hinzufügen, Europa vor einer großen Erſchütterung bewahren. Inmitten des Kampfes wurde die dreifarbige Fahne aufge - zogen. Aber ſeit ſie wieder das Banner Frankreichs geworden, entfaltet ſich dieſe glorreiche Fahne nur noch als ein Sinnbild der Mäßigung und Vertheidigung, der Erhaltung und des Friedens. Ihre Regierung wird anerkennen, welche Ueberwindung es S. Majeſtät gekoſtet hat Sich zur Beſteigung eines Thrones zu entſchließen, der doch um des allge - meinen Wohles willen nur von Ihm eingenommen werden durfte. ***)Molé an Werther, 12. Auguſt 1830.Nach Alledem ließ König Friedrich Wilhelm in Wien erklären, er ſei ſeinen Unterthanen ſchuldig das peinliche Opfer ſeiner Grundſätze und Gefühle zu bringen ; indeß hoffte er noch immer auf ein gemeinſames Vorgehen des Vierbundes und ſchlug daher den drei befreundeten Mächten vor, daß ſie durch gleichlautende Erklärungen die neue franzöſiſche Regierung anerkennen, aber zugleich von ihr die Aufrechterhaltung der Verträge, des Beſitzſtandes, des Friedens förmlich verlangen ſollten. †)Brockhauſen’s Berichte 11. 18. 23. Auguſt. Ancillon, Weiſung an die Geſandt - ſchaften 14. Auguſt 1830.

38IV. 1. Die Juli-Revolution und der Weltfriede.

Die Hofburg zeigte ſich kaum weniger friedfertig als das preußiſche Cabinet; ihre Nachgiebigkeit entſprang dem Bewußtſein der Schwäche. Welche ſchweren Enttäuſchungen brachte dies wilde Jahr dem alternden Staatskanzler! Am 4. Februar hatten die drei Schutzmächte auf der Londoner Conferenz beſchloſſen, das meuteriſche Griechenland ſolle ein unabhängiges, tributfreies Königreich werden. Und nun die Nachricht von dem Sturze der bourboniſchen Regierung, deren guten und äußerſt kräftig erwieſenen Willen Metternich noch zwei Tage zuvor warm belobt hatte! Der in dem Pariſer Bundesvertrage und dem geheimen Aachener Protokoll*)ſ. o. II. 471. vorhergeſehene Kriegsfall war nunmehr unzweifelhaft gegeben, wenn anders man die Verträge ſtreng auslegte. Wollte Metternich nicht Alles verleugnen, was er ſeit fünfzehn Jahren unabläſſig der Welt gepre - digt hatte, ſo mußte er jetzt die legitimen Mächte auffordern zum Kampfe gegen die Revolution, die ſich in Frankreich drohender, gefährlicher erhob als weiland in Neapel, in Piemont, in Spanien. Und doch wagte er nicht einmal ſich auf jene Verträge zu berufen. Die Geſchichte war dar - über hinweggeſchritten; der Hochmuth, der ſich erdreiſtet hatte dem ewigen Werden der Menſchheit ein Halt zuzurufen, zeigte ſich in ſeiner ganzen Blöße. Unter allen großen Mächten war Oeſterreich am wenigſten auf einen Krieg vorbereitet. Selbſt die beſchämenden Erfahrungen des orien - taliſchen Krieges hatten dieſen Hof nicht aus ſeiner Trägheit aufgerüttelt. Das Heer befand ſich noch immer in ebenſo elendem Zuſtande wie der Staatshaushalt. Die Zahl der Mannſchaften unter der Fahne blieb weit hinter dem Friedensfuße zurück; die Artillerie brauchte zwei Monate um auszurücken, denn von den Geſchützen waren kaum fünfzig beſpannt; nur die Reiterei, etwa 40000 Pferde ſtark, behauptete noch ihren alten Ruf. Dazu viele überalte Generale und Stabsoffiziere; ſogar ſiebzigjährige Hauptleute waren nicht ſelten, da der ſparſame Kaiſer Franz Abſchieds - geſuche faſt ebenſo ungern bewilligte wie ſein bairiſcher Schwager. Die Offiziere fühlten ſich gedrückt durch den geiſtlos pedantiſchen Dienſt und auch in der Geſellſchaft zurückgeſetzt, denn bei Hofe wie in