Ehrwürdige gewichtvolle Stimmen fordern laut und dringend eine öffentliche Herausgabe dieſes Buches, das als „ ein Buch des Andenkens für Freunde “bisher nur im Stillen ausgetheilt wurde. Dieſe Bezeichnung darf indeß auch jetzt, da jenem Verlangen nachgegeben wird, im vollen Sinne fortdauern; denn noch immer ſind es weſentlich die Freunde, für welche der neue Abdruck Statt findet, nur daß den im Leben gekannten jetzt auch die nach dem Scheiden erworbenen und künftigen ſich anſchließen. Hiernach iſt auch der Geſichtspunkt feſtzuhalten, nach welchem ſowohl die erſte Auswahl des Mitgetheilten, als auch deſſen jetzige Vermehrung, bei - nah auf das Dreifache des früheren Umfanges, ſich be - ſtimmen mußte. Die Perſönlichkeit ſelbſt, ihr Karakter, ihr Schickſal, ihr Sinn und ihre Begegniſſe, ſind vor allen andern Gegenſtänden dem Antheil und der Zunei - gung der Leſer lieb und wichtig geworden, und jedes Blatt, welches dieſe Beziehung hatte, durfte zuläſſig undIV willkommen ſcheinen, wenn auch der Stoff, in welchem und vermittelſt deſſen ſie hervortrat, bisweilen ſonſt ge - ringfügig oder auch ungewöhnlich dünken konnte. So war auch oft Lob und Tadel weniger ſeines Gegenſtan - des wegen, als um ſeiner Geſtalt und Geſinnung willen, aufzunehmen, und in dieſem Betreff durfte kleinliche Scheu ſo wenig als eitle Abſicht hier vorwalten. Manches lag auf dem Wege, war nicht zu umgehen; ſo wurde denn darüber hingeſchritten; und länger als nöthig dabei ſte - hen zu bleiben, wäre die Schuld des Leſers. — Der Wiederabdruck machte die Berichtigung und Ergänzung mancher Stellen möglich, wo vorher nur ungenaue Ab - ſchriften und Auszüge gedient hatten, nunmehr aber die Urſchriften zur Hand waren. Freilich bleiben auch jetzt noch immer Auslaſſungen und Lücken genug, indem vieles Geſchriebene verloren oder noch nicht eingeſammelt, anderes mit Abſicht zurückbehalten iſt; aber die Möglichkeit voll - ſtändiger Mittheilung wird hier durch Erforderniſſe be - dingt, denen nur in einer größeren Zahl von Bänden und erſt in vielen Jahren zu entſprechen ſein dürfte.
Berlin, im December 1833.
Rahel Antonie Friederike Varnhagen von Enſe, geborne Rahel Levin, nachher unter dem Familiennamen Robert be - kannt, wurde geboren zu Berlin, am erſten Pfingſtfeiertage des Jahres 1771. Sie ſtarb daſelbſt am 7. März des Jah - res 1833, noch nicht zweiundſechszig Jahr alt, und erſt im neunzehnten unſrer durch die tiefſte und feſteſte Liebe geknüpf - ten Vereinigung.
Welches einzige Glück, welchen edlen Schatz und reichen Troſt ich mit der ewig theuren Gattin verloren, iſt den Freun - den wohlbekannt; meine Trauer braucht es ihnen nicht zu ſa - gen; ſie fühlen meinen Verluſt in demjenigen mit, der auch ſie ſelbſt, in mannigfacher Abſtufung und Richtung, aber ge - wiß Alle zu ſchmerzlich hoher Würdigung, durch dieſes Schei - den betroffen hat. Und wenn auch der volle Reichthum die - ſes von Geiſt und Liebe beſeelten Gemüthes nicht unmittelbar jedem Auge ganz entfaltet lag, ſo bekennen doch Alle, die auch nur Momente dieſes in Wohlwollen und Wahrheits - eifer ſtets erregten Lebens angeſchaut, daß ſie von dieſer Er - ſcheinung einen ſeltenen und ahndungsvollen Eindruck der eigenthümlichſten Kraft und Anmuth empfangen haben, der jeder freigebigſten Vorausſetzung Raum giebt, und Alle mit - fühlend unſrer Wehklage beiſtimmen läßt.
I. 12Von vielen Seiten, aus einem weiten Kreiſe edler Freunde und trauter Bekannten, werde ich dringend aufgefordert, ihrem treuen und beeiferten Antheil einige Nachrichten über die letz - ten Zeiten der geliebten Freundin zu geben, und auch vielfach wird von Nahen und Entfernten der lebhafte Wunſch ausge - ſprochen, dieſer Gabe zugleich eine Auswahl denkwürdiger Zeugniſſe von der Geiſtes - und Sinnesart hinzuzufügen, durch welche die Dahingeſchiedene ihnen ſo bedeutend und werth geworden.
Zur Erfüllung beider Wünſche drängt mich das eigne Herz, wiewohl ich vorausempfinde, daß ich dieſem am wenig - ſten werde genügen können. Da, wo ein Lebensglück erlo - ſchen iſt, ein würdiges Andenken aufzurichten, bedarf es andrer Stimmungen und Kräfte, als mir jetzt vergönnt ſind.
Indeß will ich gern auch das, was der Augenblick er - laubt, dem freundlichen Verlangen entgegenbringen. Es wird noch immer eine reiche Darbietung ſein, wenngleich ſie mir in Verhältniß zu dem, was zu ſagen und zu geben wäre, arm erſcheint. Aus einem unendlichen Vorrath von Briefen, Tagebüchern, Denkblättern und Aufzeichnungen aller Art, die ich von Rahels Hand beſitze, will ich einige Proben liefern, die zwar kein Ganzes ſein können, aber doch auf ein ſolches hindeuten. Man wird aus ihnen wenigſtens ermeſſen, was in dieſer Art einem künftigen Zeitpunkt einſt vollſtändiger auf - zuſchließen vorbehalten bleibt. Eben ſo viel und vielleicht mehr noch, als ich beſitze, liegt in der Welt weit umher zer - ſtreut, welches ich möglichſt einzuſammeln, oder doch ſorgfäl - tiger Aufbewahrung zu empfehlen wünſche!
3Die Auswahl ſelbſt werde ich bei den Freunden nicht erſt rechtfertigen dürfen. Nur Freunden aber iſt dieſe Mit - theilung beſtimmt. Wer ſie als Unbekannter und Fremder empfängt, möge den Inhalt aufnehmen, wie den eines gefun - denen Briefes, der an ihn zwar nicht geſchrieben iſt, aber grade deßhalb von ihm billig und beſcheiden behandelt zu werden hofft. Wiſſentlich habe ich kein Blatt gewählt, das für Le - bende verletzend ſein könnte; daß nicht jeder Tadel als ſolcher es ſein müſſe, verſteht ſich von ſelbſt. Die nicht ausgeſpro - chenen Namen wolle man nicht deßhalb immer auf lebende oder ſehr bekannte Perſonen beziehen; das Errathen würde zu - weilen um des Gegentheils willen ſchwer ſein; öfters iſt auch die Beſcheidenheit der Andeutung gar nicht auf Verhüllung abgeſehn. In Betreff Rahels ſelbſt glaubte ich ihre eigne Wahrheitsliebe und Aufrichtigkeit zur Richtſchnur nehmen zu müſſen; ſie hat aus ihrem Leben und ihren Anſichten und Empfindungen nie ein Geheimniß gemacht, und in keinem Fall anders ſcheinen wollen, als ſie wirklich war; auch kann ſie in der That bei allen Edeln und Unbefangenen nur ge - winnen, je vollſtändiger der Grund ihres Innern erkannt wird, der den Begegniſſen und Aufgaben des Lebens ein ſo fruchtbarer Boden ſein mußte. Der Mangel der Vollſtändig - keit in dieſen Darlegungen könnte das einzige ſein, was die Mittheilungen vereinzelter Bekenntniſſe für jetzt noch bedenk - lich machen dürfte, wenn in dem Sinn und Geiſte derer, welche hier nicht nur als geneigte, ſondern auch als vertraute Leſer gedacht werden, nicht die ſicherſte Gewähr der Beruhi - gung läge.
1 *4Dem gewünſchten Bericht über die letzten Zeiten und den ſeligen Heimgang meiner geliebten Rahel habe ich einige Blätter vorangehen laſſen, welche mein früheſtes Begegnen und Bekanntwerden mit ihr in kurzen Zügen ſchildern; ſie gehören einer Reihe von Denkblättern über mein eignes Le - ben an, und lagen ſchon eine längere Zeit fertiggeſchrieben, ohne daß jedoch die theure Freundin, der ſonſt alles unver - züglich mitzutheilen mir Bedürfniß und Gewohnheit war, ſie geleſen hätte. Ich hoffe auch mit dieſen Blättern mir den Dank der Freunde zu verdienen, wiewohl ſie nur ein ſchwa - cher Verſuch ſind, den Eindruck eines Weſens zu ſchildern, welches vollkommen vor Augen zu ſtellen doch jede Schrift und jede Kunſt unzulänglich bleibt, vielmehr das unwieder - bringlich dahingeſchwundene Leben ſelbſt auf die Erde zurück - kehren müßte! —
„ Hier iſt nun auch eines perſönlichen Erſcheinens zu ge - denken, deſſen erſter Eindruck mir in jener Zeit wurde. Eines Abends, da ich den zum Thee Verſammelten nus Wieland einiges vorlas, wurde Beſuch gemeldet, und bei dem Namen entſtand ſogleich die Art von Bewegung, welche ſich der Er - wartung von Ungewöhnlichem und Günſtigem verknüpft. Es war Rahel Levin — oder Robert, denn auch den letztern Na - men führte ſie ſchon damals. Oft ſchon hatte ich ſie nennen5 hören, von den verſchiedenſten Seiten her, und immer mit einem ſo beſondern Reize der Bezeichnung, daß ich mir dabei nur das außerordentlichſte, mit keinem andern zu vergleichende Weſen denken mußte. Was von ihr inſonderheit Graf Lippe und Frau von Boye mir geſagt, deutete auf ein energiſches Zuſammenſein von Geiſt und Natur in urſprünglichſter, rein - ſter Kraft und Form. Auch wenn man einigen Tadel gegen ſie verſuchte, mußte ich im Gegentheil oft das größte Lob daraus nehmen. Man hatte von einer grade jetzt waltenden Leidenſchaft viel geſprochen, die, nach den Erzählungen, an Größe und Erhebung und Unglück alles von Dichtern Beſun - gene übertraf. Ich ſah in geſpannter Aufregung, den Andern zum Lächeln, dem nahen Eintritt der Angekündigten entge - gen. Es erſchien eine leichte, graziöſe Geſtalt, klein aber kräf - tig von Wuchs, von zarten und vollen Gliedern, Fuß und Hand auffallend klein; das Antlitz, von reichem, ſchwarzen Haar umfloſſen, verkündigte geiſtiges Übergewicht, die ſchnel - len und doch feſten dunkeln Blicke ließen zweifeln, ob ſie mehr gäben oder aufnähmen, ein leidender Ausdruck lieh den klaren Geſichtszügen eine ſanfte Anmuth. Sie bewegte ſich in dunkler Kleidung faſt ſchattenartig, aber frei und ſicher, und ihre Begrüßung war ſo bequem als gütig. Was mich aber am überraſchendſten traf, war die klangvolle, weiche, aus der innerſten Seele herauftönende Stimme, und das wunder - barſte Sprechen, das mir noch vorgekommen war. In leich - ten, anſpruchsloſen Äußerungen der eigenthümlichſten Geiſtes - art und Laune verbanden ſich Naivetät und Witz, Schärfe und Lieblichkeit, und allem war zugleich eine tiefe Wahrheit6 wie von Eiſen eingegoſſen, ſo daß auch der Stärkſte gleich fühlte, an dem von ihr Ausgeſprochenen nicht ſo leicht etwas umbiegen oder abbrechen zu können. Eine wohlthätige Wärme menſchlicher Güte und Theilnahme ließ hinwieder auch den Geringſten gern an dieſer Gegenwart ſich erfreuen. Doch kam dies alles nur wie ſchnelle Sonnenblicke hervor, zum völ - ligen Entfalten und Verweilen war diesmal kein Raum. Kleine Neckereien mit Graf Lippe, der kürzlich bei ihr nicht war angenommen worden, und deßhalb böſe thun wollte, er - ſchöpften ſich bald; der ganze Beſuch war überhaupt nur kurz - und ich wüßte mich eigentlich keines beſtimmten Wortes zu erinnern, in welchem etwas ausgeprägt Geiſtreiches, Paradoxes oder Schlagendes ſich zur Bewahrung dargeboten hätte, aber die unwiderſtehliche Einwirkung des ganzen Weſens empfand ich tief, und blieb davon ſo erfüllt, daß ich nach der baldigen Entfernung des merkwürdigen Beſuchs einzig von ihm reden und ihm nachſinnen mußte, Man ſcherzte darüber, und weil der Scherz faſt verdrießlich wurde, ſo trotzt’ ich ihm deſto eif - riger durch Niederſchreiben eines Gedichts, das den empfange - nen Eindruck begeiſtert ſchildern wollte, und das ich die Drei - ſtigkeit hatte, eben weil man ſie mir bezweifelte, am andern Tage vrrſiegelt abzuſchicken, ohne daß ich weiterhin etwas von der Sache gehört, oder ihr nachgefragt hätte, Rahel Levin ſelbſt wiederzuſehen, war mir darauf Jahre lang nicht beſchieden. Ihr Namen aber blieb mir als ein ungeſchwäch - ter Zauber in der Seele, nur ahndete ich auf keine Weiſe, daß mit jenem frühen Begegnen und jenen vorlauten Zeilen ein erſter Ring gefügt worden, an welchem viele folgende ſich7 einſt anreihen und die entſcheidenſte Wendung und die dau - erndſte Vereinigung meines Lebens geknüpft ſein ſollte. “—
„ Unter den mancherlei Perſonen, die wir in dieſem Kreiſe oft beziehungsreich nennen oder ſchildern hörten, waren die angeſehenſten Männer und die merkwürdigſten Frauen, mit welchen jedes edle Intereſſe unſrer Bildung ſich verknüpft fand. Kein Name jedoch war vielfältiger und bedeutender genannt, als der von Rahel Levin; das Verlangen, ſie ken - nen zu lernen, wurde deßhalb oftmals rege. Die Dame des Hauſes, wo wir zuſammen kamen, ſprach von ihr immer als von etwas Einzigem, Unvergleichbaren, und wenn auch in das ſtrömende Lob hin und wieder einiger Tadel einfloß, z. B. daß zuweilen mehr Bedacht auf äußern Schein und mehr Einklang, wenn auch nur verſtellter, mit der gewöhnli - chen Welt zu wünſchen wäre, ſo hatte ſie es doch in keiner Weiſe hehl, daß ſie vor ihr ſonſt in jeder weſentlichen Be - ziehung ſich beuge und ihr unterordne. Wenn eine Frau, die ſelber ſo gebildet, ſo kenntnißreich, ſo fein und ſittig vor un - ſern Augen ſtand, daß ſie uns für alles Frauenweſen faſt ein höchſtes Muſter zu ſein ſchien, in ſolcher Weiſe von einer an - dern ſprach, und ſie unbedingt über jede Vergleichung erhob, ſo war das freilich ſehr auffallend, und Harſcher insbeſondere drang darauf, jene möchte ihre Freundin einmal mit uns zu - ſammen einladen, wo er denn doch die Vergleichung zu Gun - ſten der erſtern ausfallen zu ſehen im voraus entſchloſſen war,8 und dies offen genug bekannte. Der Beſuch wurde verabredet, Rahel erſchien, aber nur auf eine Stunde, da ſie nicht ganz wohl war, und alſo wenig dazu geſtimmt, den etwas befan - genen Zuſchnitt der kleinen Geſellſchaft abzuändern. Harſcher gewann ihr keine Aufmerkſamkeit ab, und als S. kam, und gkeich erfreut und ermuntert ſich neben ſie ſetzte, und mit ihr in lebhaftes Geſpräch einging, wurde jede andre Anknüpfung unmöglich. Wir waren nicht wenig erſtaunt, ſowohl im Scherzen als im Ernſte S. nur in zweiter Rolle zu ſehen, indem er willig jede Unterordnung anzunehmen ſchien, und wirklich ein paarmal wie geſchlagen verſtummte, oder doch gar ſehr zu kurz kam. Als nach raſchem Verlauf eines ſelt - ſamen Geſprächs ihr Wagen ihr gemeldet wurde, und ſie mit dem Verſprechen künftigen längeren Beſuches ſich wegbegab, bot S. mit Beeiferung ſich zum Begleiter an, brachte ſie zu ihrem Wagen, und konnte, als er zurückgekehrt war, ihres Rühmens kein Ende finden; mehr aber, als die Worte, zeugte ſeine Stimmung für den guten Eindruck, denn ſie blieb aufge - weckt und gekräftigt für den ganzen Abend. Für uns war das ein doppeltes Phänomen, wir hatten ihn noch niemals unter - geordnet, und ſeit langer Zeit nicht ſo belebt geſehen. Die Dame des Hauſes ſuchte vergebens bei Harſcher den Dank für ihre bereitwillige Veranſtaltung, er war mißvergnügt, daß al - les gleichſam nur für S. geweſen, und dann verſchwunden war, ihn ärgerte ſogar deſſen fortdauernde Munterkeit, und gern hätte er die ganze Erſcheinung verneint oder verkleinert, deren Übergewicht er doch zu fühlen genöthigt, und deren vollen Werth zu ahnden er gewiß fähig war. Ich theilte ſeine Miß -9 empfindung, allein in ganz anderm Bezuge, denn ich wünſchte ſehnlich, mit dieſem wunderbaren Weſen näher bekannt zu werden, gegen welches die andern ſo ſchnell verblaßten, und ſchon ſah ich insgeheim mich mit ihm einverſtandener und zu - ſammengehöriger, als mit allen dieſen. “
— „ Unter den Zuhörern Fichte’s, der ſeine Reden an die deutſche Nation damals hielt, fand ich Ludwig Robert, mit dem ich die faſt abgebrochene Bekanntſchaft erneuerte, auch ſeine Schweſter Rahel ſah ich mit ihm regelmäßig eintreffen, und ich widmete ihrer anziehenden Erſcheinung die lebhafteſte Aufmerkſamkeit, wobei doch ein ſo nah und leicht unter ſol - chen Umſtänden ſich ereignendes Anknüpfen des Geſprächs diesmal durch Eigenſinn des Zufalls unterbleiben ſollte. “— —
„ In dieſer Stimmung, ſo vorbereitet, ſo empfänglich, reif und bedürftig in Geiſt und Gemüth für neuen Reiz und neuen Troſt, begegnete ich eines Nachmittags in noch ſchneeigem Frühligswetter unter den Linden Rahel; ihre Begleiterin war mir wohlbekannt, ich redete dieſe an, und indem ich eine Strecke mitging, ergab ſich, ſo unbefangen als erwünſcht, auch ein Ge - ſpräch mit Rahel ſelbſt. Ich fand mich außerordentlich angezo - gen, und bot all meinen Witz auf, um die ſchöne Gelegenheit nicht ungenutzt vergehen zu laſſen; ich wußte unter andern eines10 ihrer eigenthümlich ausdrucksvollen Worte, das auf Umwegen bis zu mir gelangt war, mit Bedeutung ſo hinzuwerfen, daß darin halb eine ſchmeichelhafte Aufmerkſamkeit, halb ein nek - kender Angriff lag. Sie bemerkte beides, ſah mich durchdrin - gend an, gleichſam mein Unterſtehen an mir ſelber abzumeſ - ſen, und erwiederte dann, ſie könne es wohl vertragen, daß man ſie citire, aber nicht füglich zugeben, daß es falſch ge - ſchehe; ſie hatte in der That einiges in der Äußerung, welche als die ihrige gegeben war, zu berichtigen. Ich entſchuldigte mich, daß ich die Ächtheit deſſen, was ich leider ſo weit von ſeinem Urſprunge nach Gunſt des Zufalls auffangen müſſe, nicht verbürgen könne, und die Folge meiner artigen Wen - dung war der Rath, mich lieber ſelbſt bei der Quelle ſolcher Äußerungen einzufinden. Gleich in den nächſten Tagen machte ich von dieſer Erlaubniß den erſehnten Gebrauch. Rahel wohnte damals in der Jägerſtraße, der Seehandlung ſchräg gegenüber, in Obhut und Fürſorge der trefflichen Mutter, de - ren altwürdiges und reichliches Hausweſen den ſchönſten ge - ſelligen Verhältniſſen von jeher offen ſtand. Zuweilen hatte ich, um Ludwig Robert zu beſuchen, dieſe Wohnung betreten; mit wie aufgeregten Erwartungen und Geſinnungen, und zu welch andern Geiſteseinflüſſen, betrat ich ſie jetzt! “—
„ In einzelnen Menſchen, oder in einer Gemeinſamkeit zuſammengehöriger, und einander ſich ergänzender und über - tragender Perſönlichkeiten, war mir ſchon einigemal das Heil widerfahren, mich durch das bloße Lebensbegegniß, ohne müh - ſames Streben und Verdienſt, ohne Pein der Allmähligkeit, ſondern im Schwunge des vollen Glückes, und gleichſam11 durch Einen Ruck, auf ein erhöhtes Lebensfeld verſetzt zu ſehen, wo ſchon die Luft, die ich athmete, die Sinneseindrücke, die mir zukamen, das lebendige Spiel der umgebenden Ele - mente, mir ein neues Daſein erſchloſſen und mich einer neuen Bildung theilhaft machten, wo dann weiterhin wohl Eifer und Mühe folgerecht und nachhaltig mitwirkten, und den Gewinn ordnen und bewahren konnten, ihn ſelbſt aber nim - mermehr hervorzubringen vermocht hätten. Solcher geſteiger - ten Lebensſtufen zählte ich bis dahin hauptſächlich drei, das erſte Andringen allgemeinen geiſtigen Lebens im Beginn mei - ner Studien zu Berlin, das Freiwerden eines ſich ſelbſt be - ſtimmenden und lebensthätigen Daſtehens, und die kräftigende Weihe der akademiſchen Herrlichkeit zu Halle. Jetzt kam, acht Jahre nach jener erſten, die vierte Stufe hinzu, durch das Bekanntwerden mit Rahel; ein Wiederaufnehmen, ein Zuſam - menfaſſen und ein Abſchließen aller früheren, ja der ganzen Erlebungsweiſe, — denn wie viel Neues, Großes und Uner - wartetes auch ferner mir in einem wechſelvollen Leben be - gegnet iſt, wie mancherlei Gutes und Liebes ſich mir ent - wickelt und angeeignet hat, ſo iſt doch in dieſen vierundzwan - zig Jahren, die ich ſeit jenem Zeitpunkte zähle, mir kein Begegniß, keine innere noch äußere Lebenserfahrung mir wie - dergekehrt, die ich jener genannten anreihen, und mit ihr und den vorhergegangenen in gleichen Werth ſtellen könnte. So iſt mir noch heute*)Geſchrieben im Sommer 1832. Rahel das Neueſte und Friſcheſte mei - nes ganzen Lebens, und indem ich aufzeichnen will, von wel -12 chen Umſtänden und Stimmungen unſer beginnendes Ver - hältniß begleitet war, darf ich den warmen und zarten Hauch jener ſchönen Tage in meiner Vorſtellung nicht erſt künſtlich hervorrufen, denn ich fühle ihn und freue mich ſeiner noch wie damals, aber zu fürchten hab’ ich gleichwohl, daß meine Schilderung ſich durch die Bekümmerniß verdüſtert, welche, während ich dieſes ſchreibe, meiner Seele in vielfacher Sorge um die geliebte, von ſtürmiſchen Leiden hart befallene Freun - din angſtvoll auferlegt iſt! Welch tröſtlichſter Rückblick wird hier zum ſchmerzlichſten gewandelt! “—
„ Ich darf hier keine Schilderung meiner geliebten Rahel verſuchen; ſie ganz zu kennen und zu würdigen, kann ich niemanden zumuthen, der nicht in anhaltender Fortdauer und in allen Beziehungen ihr vertrauter Lebensgenoſſe war; denn ſelbſt ihre Briefe, wie reich und eigenthümlich auch die Quel - len ihres Geiſtes und Gemüthes dort ſprudeln, geben nur ein unvollkommenes Bild von ihrem Weſen, deſſen Hauptſache grade die urſprüngliche, unmittelbare Lebendigkeit iſt, wo alles ganz anders ausſieht, leuchtet und ſchattet, erregt und fortreißt, begütigt und verſöhnt, als irgend Bericht oder Dar - ſtellung wiederzugeben vermag. Ich will nur unternehmen, in kurzen Zügen den Eindruck zu bezeichnen, welchen dies Weſen damals auf mich machte. “
„ Zuvörderſt kann ich ſagen, daß ich in ihrer Gegenwart das volle Gefühl hatte, einen ächten Menſchen, dies herrliche Gottesgeſchöpf in ſeinem reinſten und vollſtändigſten Typus vor Augen zu haben, überall Natur und Geiſt in friſchem Wechſelhauche, überall organiſches Gebild, zuckende Faſer,13 mitlebender Zuſammenhang für die ganze Natur, überall ori - ginale und naive Geiſtes - und Sinnesäußerungen, großartig durch Unſchuld und durch Klugheit, und dabei in Worten wie in Handlungen die raſcheſte, gewandteſte, zutreffendſte Gegenwart. Dies alles war durchwärmt von der reinſten Güte, der ſchönſten, ſtets regen und thätigen Menſchenliebe, der lebhafteſten Theilnahme für fremdes Wohl und Weh. Die Vorzüge menſchlicher Erſcheinung, die mir bisher einzeln begegnet waren, fand ich hier beiſammen, Geiſt und Witz, Tiefſinn und Wahrheitsliebe, Einbildungskraft und Laune, verbunden zu einer Folge von raſchen, leiſen, graziöſen Lebens - bewegungen, welche, gleich Goethe’s Worten, ganz dicht an der Sache ſich halten, ja dieſe ſelber ſind, und mit der ganzen Macht ihres tiefſten Gehaltes augenblicklich wirken. Neben allem Großen und Scharfen quoll aber auch immerfort die weibliche Milde und Anmuth hervor, welche beſonders den Augen und dem edlen Munde den lieblichſten Ausdruck gab, ohne den ſtarken der gewaltigſten Leidenſchaft und des hef - tigſtens Aufwallens zu verhindern. “
„ Ob man ſich in dieſer Miſchung von entgegenſtehenden Gaben und ſtreitigen Elementen, wie ich ſie anzudeuten ver - ſucht habe, ſogleich zurechtfinden wird, bezweifle ich faſt. Mir wenigſtens war es beſchieden, erſt vermittelſt mancher Ungewißheit und manches Irrthums auf die rechte Bahn zu kommen, indem ich nur in Einem auf der Stelle beſtimmt und auf immer feſt war, daß mir der außerordentlichſte und werthvollſte Gegenſtand vor Augen ſei. Irgend ein Vor - urtheil, wie das mißfällige Gerede der Leute aus den ver -14 ſchiedenſten Kreiſen und Standpunkten ſeit ſo langer Zeit mir wohl hätte aufbürden mögen, hatte ich nicht, auch wäre das - ſelbe an ihrer Gegenwart ſogleich zerſchellt; der ſchlichte, na - türliche Empfang, die harmloſe Klarheit und das anſpruchs - loſe Wohlbehagen des anfänglich nur auf Gleichgültigkeiten fallenden Geſprächs, mußten jede mitgebrachte Spannung auf - löſen, und nach und nach erhob ſich dagegen eine neue, die ganz dem Augenblicke ſelber angehörte, und ſchon darin be - gründet lag, daß jedes Wort, rein und lauter wie der friſche Quell aus dem Felſen, auch dem Gleichgültigſten einen Reiz des Lebens, einen Karakter von Wahrheit und Urſprünglich - keit gab, welche durch die bloße Berührung jedes Gewöhnliche zu Ungewöhnlichem verwandelten. Ich empfand auf dieſe Weiſe eine neue Atmoſphäre, die mich wie Poeſie anwehte, und zwar durch das Gegentheil deſſen, was gemeinhin ſo heißt, durch Wirklichkeit anſtatt der Täuſchung, durch Ächtheit an - ſtatt des Scheins. Es konnte jedoch nicht fehlen, daß unſer Geſpräch, dem nach allen Seiten ſo viele Wege vollkommen vorbereitet waren, ſehr bald auf bedeutendere Dinge überging - und endlich ganz in Beziehungen des innern Lebens verweilte, zu welchen Bücher, Perſonen und Verhältniſſe, die jeder von ſeiner Seite kannte, und auch dem andern bekannt wußte, den ergiebigen Stoff nicht mangeln ließen. Wir ſprachen von Friedrich Schlegel, von Tieck, von Frau von Staël, von Goethe, theils in litterariſcher, theils in geſellſchaftlicher Hin - ſicht, und unſre eigne Sinnesweiſe konnte ſich an dieſen be - deutenden Anknüpfungspunkten ſehr gut entfalten und un -15 gewöhnliche Bekenntniſſe mit vieler Freiheit wagen, ohne die Zurückhaltung einer erſten Bekanntſchaft zu überſchreiten. “
„ Nicht gar zu lange waren wir allein geblieben, ſo fand ſich andre Geſellſchaft ein. — — Die Geſellſchaft war un - gemein belebt, in größter Freiheit und Behaglichkeit; jeder gab ſich als das, was er ſein konnte; es war kein Grund noch Hoffnung des Gelingens, hier einen Schein zu heucheln; die Unbefangenheit und gute Laune Rahels, ihr Geiſt der Wahrheit und des Geltenlaſſens, walteten ungeſtört; — — alles ging leicht und harmlos dahin; jeder zu herbe Ernſt wurde von Witz und Scherz aufgefangen, die ihrerſeits wieder, bevor ſie ausarten konnten, von Wahrheit und Verſtand er - griffen wurden, und ſo blieb alles belebt zugleich und ge - mäßigt; ein wiederholter Anflug von Muſik, wozu das offne Fortepiano einlud, — Rahel war ſinnvolle Kennerin und in früherer Zeit fertige Meiſterin, — vollendete das Ganze, und man trennte ſich noch bei guter Zeit, in erhöhter und klarer Stimmung, die ich für mich allein dann unter dem reinen Sternenhimmel noch eine Weile nachgenoß, indem ich ver - gebens in meinen bisherigen Erinnerungen einen ähnlichen Abend ſuchte. “
„ Wenige Tage nur ließ meine Ungeduld einem wieder - holten Beſuche vorangehen, und ſchon mit dieſem wuchs das Vertrauen ſo ſchnell, daß ich nun täglich zu kommen mich berechtigt hielt. Ich war begierig, dieſe neuen Anſchauungen zu verfolgen, dieſen eigenthümlichen Wahrheiten und groß - artigen Aufſchlüſſen, welche ſich mit jedem Schritte glänzender vor mir ausbreiteten, noch näher zu treten, und dieſe neuen,16 von Einſicht durchſtrömten Empfindungen zu genießen, deren ich gewahr wurde. Unendlich reizend und fruchtbar war dieſe Erſtlingszeit eines begeiſterten Umganges, in welchem auch ich die beſten Güter zum Tauſche brachte, die ich beſaß, und in - ſofern kaum geringere, als ich empfing. Hier fand ich das Wunder anzuſtaunen, daß Rahel, in gleichem Maße, als Andre ſich zu verſtellen ſuchen, ihr wahres Innere zu enthüllen ſtrebte, von ihren Begegniſſen, Leiden, Wünſchen und Erwar - tungen, mochten ihr dieſelben auch zum Nachtheil auszulegen ſein, ja ihr ſelber als Gebrechen und Fehl erſcheinen, mit eben ſolcher Unbefangenheit und tiefen Wahrheit ſprach, als hätte ſie nur Günſtiges und Schmeichelhaftes anzuführen, ſich nur der ſchönſten Glückesfülle zu rühmen gehabt. Dieſe Aufrich - tigkeit, derengleichen ich nie in einem andern Menſchen wieder - geſehen habe, und deren ſogar J. J. Rouſſeau nur in ſchrift - licher Mittheilung fähig geweſen zu ſein ſcheint, konnte mich ſogar einigermaßen bedenklich und irre machen, indem oft ſcharfe Härten aus den leidenſchaftlichen Bekenntniſſen hervor - ſprühten, und in dem Erlebten, wie in dem darüber Gedachten ein eignes Element aufwogte, das als gewaltſam und ſcho - nungslos leicht Mißempfindungen weckte, beſonders wenn man vorausſetzte, daß, nach der gewöhnlichen Weiſe, auch hier neben dem Ausgeſprochenen noch Verſchwiegenes im Hinter - grunde liege. Dies war aber hier der Fall keineswegs; Rahel ſagte in Betreff ihrer ſelbſt rückſichtslos die ganze Wahrheit, und würde auch die beſchämendſte und nach - theiligſte, wäre eine ſolche vorhanden geweſen, demjenigen nicht verhehlt haben, der im Bezeigen edlen Vertrauens undein -17einſichtiger Theilnahme ſie darum befragt hätte. Sie glaubte, indem ſie wahr ſei, niemals ſich etwas zu vergeben, noch durch Verſchweigen etwas zu gewinnen, und ein ſolches höch - ſtes, ausgleichendes, verſöhnendes Intereſſe für die Mitthei - lung der Wahrheit, welches ſie empfand, ſetzte ſie für deren Würdigung auch bei Andern ſtets, wiewohl leider meiſt fälſch - lich, immer aufs neue voraus. Ich ſah nun Rahel nach und nach in ihrem ganzen Lebens - und Umgangskreiſe. Hier mußte mir nun ſofort ein unermeßlicher Abſtand klar werden, der zwiſchen ihr und ihrer Umgebung lag. Sie ſtand in der Mitte eines großen Kreiſes gänzlich allein; nicht verſtanden, nicht anerkannt, nicht gehegt, nicht geliebt, wie ſie es be - durfte und verdiente, ſondern gleichgültig außer Acht gelaſſen, oder auch eigenſüchtig benutzt und mißbraucht, wenn die Ge - legenheit ſich anbot; ihre außerordentlichen Gaben, ſofern ſie als Thatſachen auch äußerlich hervortraten, konnte man ihr nicht abſprechen, eigenthümliche Denk - und Sinnesart, Ge - müthskraft, Geiſt, Witz und Laune mußte man ihr zugeſtehen, aber leicht glaubten die Andern davon wenigſtens ebenſoviel zu haben, und noch dazu die größere Beſonnenheit und Ruhe, wofür ſie ſich die nüchterne Selbſtſucht und theilnahmsloſe Mattigkeit anrechneten. Mit dem, was Rahel ihnen groß - müthig lieh und als Almoſen ſpendete, glaubten ſie ihr über - legen zu ſein. Von der Flamme edler Begeiſterung, von dem Triebe menſchlich-reinen Mitgefühls, von dem heiligen Dienſte der Wahrheit, welche Rahels Inneres erfüllten, ihre Eigen - ſchaften beſeelten und bewegten, von dieſem innern Weſen wußten die Meiſten nichts. Sie ſelbſt aber ſetzte alles, wasI 218in ihr war, bei Allen voraus, nahm jeden Funken von Gabe und Willen, von Sinn und Leiſten, mit höchſter Anerkennung, mit entzückter Güte auf, und konnte es nicht begreifen, wenn die weitern Äußerungen und Handlungen dann mit dem ſo günſtig Gedeuteten nur allzu bald nicht mehr übereinſtimmen wollten. Aus dieſem Gegenſatz und Irrthum entſtanden na - türlich viele Unrichtigkeiten und Nachtheile, deren Folgen ſich ſpäterhin traurig genug darſtellten; die Sache ſelbſt aber war mir ſchon damals deutlich, und ich wollte mein Einſehen nicht einmal ſehr verhehlen. Ich glaubte Iphigenien unter den Barbaren in Tauris aufzufinden, und fühlte mich nun um ſo ſtärker zu ihr hingezogen, als ich mir bewußt war, ihr einen Erſatz anbieten zu können, ihr eine Gebühr darbringen zu dürfen, die ihr nur allzu oft verſagt wurde. “
„ Unſer Vertrauen wuchs mit jedem Tage. Gar zu gern theilte ich alles mit, was ich als wichtigſten und daher auch in mancher Art geheimſten Ertrag meines bisherigen Lebens wußte, und dem ich keine edlere Stätte finden konnte, keine, wo ein ſo lebhafter, einſichtsvoller und wahrheitfriſcher Sinn ihm entgegengekommen wäre. Weit entfernt, Billigung für alles zu finden, vernahm ich manchen Tadel, und andres Miß - fallen konnt’ ich auch unausgeſprochen errathen; nur fühlte ich wohl, daß die Theilnahme für mich dabei nicht litt, ſon - dern eher wuchs, und bei dieſem Gewinn konnte mir alles Übrige nichts anhaben. Auch wurde ich mir ſelbſt gleichſam entrückt in der gewaltigen Anziehung der außerordentlichen Gebilde, welche zum Austauſche ſich vor mir ausbreiteten. Mir war vergönnt, in das reichſte Leben zu blicken, wie nur19 der Mund der Wahrheit und die Hand der Darſtellung das - ſelbe aus der nahen Vergangenheit herauf zu beſchwören ver - mochten. Das Leben war reich in ſeinen äußern Verhältniſſen, unendlich reicher aber durch ſeinen innern Gehalt, dem jene ſich gänzlich unterordneten. Prinz Louis Ferdinand, der ge - niale, heldiſche Menſch, den ſein hoher Standpunkt leider mehr für ſeine Fehler, als für ſeine großen und ſchönen Eigen - ſchaften, begünſtigte, hatte hier ſeine reinſten Empfindungen, ſein innigſtes Streben und Denken, ſeine edelſten Erhebungen, im Genuß einer geiſtesregen gemüthvollen Freundſchaft ge - nährt, einer Freundſchaft, deren ſtarkem Vertrauen ebenſo ſein politiſches Sinnen wie ſeine verliebte Leidenſchaft und jede Wendung des bedrängten Geiſtes und Herzens ſich erſchließen durfte, des Antheils gewiß, wie ſonſt nur die mitergriffene Neigung ihn hervorzubringen pflegt. Männer, wie Gentz und Friedrich Schlegel und beide Humboldt, waren dieſem Kreiſe beeifert zugethan, bald um Blüthen und Früchte von daher zu ſammeln, bald um deren zu bringen, und immer ihren beſten Beifall hier zu finden. Graf Tilly, Guſtav von Brinckmann, Hans Genelli, von Burgsdorf, Major von Gual - tieri, Ludwig und Friedrich Tieck, Graf Caſa-Valencia, Fürſt Reuß, Navarro, und ſo viele andre Diplomaten, Militairs, Gelehrten und Künſtler, hatten ſich eingefunden, und mit höherem Sinn und erregtem Bedürfniß geiſtigen Behagens ſich angeſchloſſen und einheimiſch gemacht. Von ausgezeich - neten Frauen wären viele zu nennen, aus den verſchiedenſten Lebensſphären, doch ſämmtlich darin gleich, daß kein ſchein - ſamer und müſſiger, ſondern irgend ein ächter und wahrer2 *20Bezug dem Verhältniſſe zum Grunde lag. Eine herrliche Bildergalerie, durch welche ich unter lebenſprühenden Erklä - rungen geleitet wurde! Die Bilder nämlich allein waren noch gegenwärtig, der Kreis ſelber jetzt durch die Zeitverhältniſſe völlig aufgelöſt, nachdem ſchon die einzelnen Menſchengeſchicke durch Tod, Entfernung und andre Wandelbarkeit die dichten Reihen gelockert hatten. “
„ Aber nicht nur dieſe reiche Sammlung bedeutender Bild - niſſe wurde mir gezeigt, ſondern noch ein andrer Schatz auf - geſchloſſen, der das antheilvolle Gemüth ungleich ſtärker an - ſprach. Rahel gehörte zu den ſeltenen Weſen, denen die Natur und das Geſchick die Gabe zu lieben nicht verſagt hatten. Was dazu gehörte, was daraus entſtehen mußte, wenn die Weihe der höchſten Empfindung dieſen Geiſt und dieſen Sinn vereinend ergriff, ſie emporzuheben, ſie zu zer - ſchmettern, das konnte ein Dichtungskundiger ahnden; doch übertrafen die Einblicke, die mir wurden, alles was ich zu ahnden fähig geweſen war. Die Gluth der Leidenſchaft hatte hier überſchwänglich die edelſte Nahrung gefunden und auf - gezehrt; andres Leid und andrer Untergang erſchien dagegen gering und kaum noch mitleidswerth. Die Briefe und Tage - blätter, welche mir aus einziger Gunſt des Vertrauens zum Leſen gegeben wurden, enthielten eine Lebensfülle, an welche das, was von Goethe und Rouſſeau in dieſer Art bekannt iſt, nur ſelten hinanreicht; ſo mögen die Briefe an Frau von Houdetot geweſen ſein, deren Rouſſeau ſelbſt als unvergleich - bar mit allem andern erwähnt, ein ſolches Feuer der Wirk - lichkeit mag auch in ihnen gebrannt haben! Dieſe Papiere,21 nachdem ſie lange in meiner Verwahrung geweſen, ſind leider im Jahre 1813 verloren und wahrſcheinlich vernichtet worden, bis auf wenige, die kein genügendes Bild geben. Es ſcheint, als ſolle dergleichen nicht zum litterariſchen Denkmal werden, ſondern heimgehen mit den Perſonen, denen es unmittelbar gehörte. Nächte lang ſaß ich über dieſen Blättern, ich lernte kennen, wovon ich früher keinen Begriff gehabt, oder vielmehr, was in meiner Ahndung geſchlummert, wurde mir zur wachen Anſchauung. Nur das dünkte mich ein Traum, daß ich zu dieſen Schriften gekommen war, und an ſolchem Daſein ſo nahen Antheil gewann. “
„ Die Fülle und Kraft perſönlicher Lebensentwicklung wa - ren mit der Schönheit und Erhebung dichteriſchen und philo - ſophiſchen Geiſtlebens in engem Bündniſſe, ſie bewegten ſich beiderſeits in bezugvoller Übereinſtimmung. Schon ſehr früh, weit früher, als irgend eine litterariſche Meinung der Art ſich gebildet hatte, war Rahel von Goethe’s Außerordentlichkeit getroffen, von der Macht ſeines Genius eingenommen und bezaubert worden, hatte ihn über jede Vergleichung hinaus - geſtellt, ihn für den höchſten, den einzigen Dichter erklärt, ihn als ihren Gewährsmann und Beſtätiger in allen Einſich - ten und Urtheilen des Lebens enthuſiaſtiſch angeprieſen. Jetzt erſcheint das ſehr leicht und natürlich, und niemand will Goe - the’s hohes Hervorragen verneinen, denn ſogar im Bemühen ſie einzuſchränken giebt man die Bejahung zu, allein damals, wo der künftige Heros noch in der Menge der Schriftſteller mitging, und an Rang und Ruhm ganz Andre weit voran - ſtanden, wo die Nation über den Gehalt und ſogar über die22 Form der geiſtigen Erzeugniſſe noch ſehr im Trüben urtheilte, und meiſt an kleinlichen Nebenſachen und äußerlichen Über - einkommniſſen hing, damals war es kein Geringes, mit ge - ſundem Sinn und Herzen aus dem Gewirr von Täuſchungen und Überſchätzungen ſogleich das Ächte und Wahre heraus - zufühlen und mit freiem Muthe zu bekennen. Die Liebe und Verehrung für Goethe war durch Rahel im Kreiſe ihrer Freunde längſt zu einer Art von Kultus gediehen, nach allen Seiten ſein leuchtendes, bekräftigendes Wort eingeſchlagen, ſein Name zur höchſten Beglaubigung geweiht, ehe die beiden Schlegel und ihre Anhänger, ſchon berührt und ergriffen von jenem Kultus, dieſe Richtung in der Litteratur feſtzuſtellen unter - nahmen. Gedenkenswerth erſcheint es, daß, während dieſe Männer ihre Anbetung doch nicht ohne einige Abſicht auf Ertrag und Lohn ausübten, Rahel ihrerſeits dabei mit völli - gem Selbſtvergeſſen verfuhr; ſie hatte Goethe’n im Karlsbade perſönlich kennen gelernt, und er mit Aufmerkſamkeit und Antheil ihres Umgangs gepflogen, wie auch noch ſpäterhin deſſelben mit Hochſchätzung gedacht, ohne daß ſie im gering - ſten eine Verbindung feſtgehalten, einen Briefwechſel veran - laßt hätte, im Gegentheil, ſie erwähnte wenig der Perſon, deſto beeiferter aber des Genius, und nicht die zufällige Be - kanntſchaft, ſondern die weſentliche, die das Leſen ſeiner Schriften gab, genoß und zeigte ſie mit Stolz und Freude. In der Philoſophie ſtand ihr gleicherweiſe der edle Fichte voran, für deſſen Geiſteskarakter ſie ſtets in gleicher Vereh - rung blieb, wenn auch ſein Geiſtesgehalt bei weitem nicht alles abſchloß, was ihr Gedankenflug forderte oder geſtalten23 mochte. Friedrich Schlegel, Novalis, Schleiermacher, ja ſelbſt Schelling und Steffens, waren ihr theils perſönlich, theils den Schriften nach bekannt und werth. In der Muſik waren ihre Lieblinge Gluck, Mozart und Righini; die italiäniſche Schule im Geſang, und nebenher auch im Tanze, allem andern vor - ausgeltend. Und damit dem Schätzen und Lieben auch der Gegenſatz des Mißachtens und Verwerfens nicht fehlte, ſo waren ihr eben ſo früh und ſo entſchieden, wie jene im Gu - ten, die damals beliebten Bühnenherrſcher Kotzebue und Iff - land im Schlechten bemerkt, lange vorher, ehe noch die zum Bewußtſein erwachende litterariſche Kritik ihre muthigen An - griffe gegen dieſe Götzen der Menge gerichtet hatte. Na - mentlich klagte ſie, daß Iffland, abgerechnet ſein großes per - ſönliches Talent, das doch dem ächten Genius eines Fleck nicht zu vergleichen war, durch ſein wachſendes Anſehen und Einwirken die Bühne und Schauſpielkunſt in Berlin auf weithinaus zu Grunde richte, in’s Gemeine und Manierirte hinabziehe, und der leitenden Behörde, wie ſelbſt dem Publi - kum, die falſcheſten Maximen und Urtheile einflöße und ver - härte. Dieſe Polemik hat Wurzel gefaßt, und ſich in der Folge durch namhafte Autoritäten ausgebreitet, doch lange nicht ſo ſehr, daß nicht noch heutiges Tages das Verdienſt der richtigen Vorausſetzung durch vielfältigen Augenſchein lei - der bewährt ſtünde. “— — —
„ Ich war nicht ſobald in dieſen neuen Lebensſtrom ein - gegangen, als ich ſchon eilte, auch meinen Freunden eifrigen Bericht zu geben, ihnen Schritt für Schritt den neuen Ge - winn aufzuzeigen, und ihnen alles zu gönnen, was ſie davon24 ſich anzueignen Fähigkeit und Neigung haben möchten. Sie ließen anfangs manchen Zweifel und Unglauben ſpielen, der mich ſcherzend verwirren ſollte, mußten aber bald den Ernſt meiner Überzeugung erkennen, und ſich zuletzt der durch hun - dert unabweisliche Zeugniſſe ſprechenden Geiſtesmacht beugen. Eine Freundin war verwundert und wollte nicht begreifen, wie Rahel und ich uns auf die Dauer verſtehen könnten, meinte jedoch lächelnd, intereſſant und original würde ich nach - her nicht leicht eine Frau mehr finden. Ein hartnäckiger Wi - derſacher blieb mir Harſcher, wiewohl ich grade ihm die ein - dringlichſten und häufigſten Mittheilungen machte. Er war ſehr fähig anzuerkennen und zu bewundern, und zeigte ſich oft ganz hingeriſſen von tiefen und reichen Einzelnheiten, die ich ihm berichtete, ſo daß er die Andern ſchalt und beſchämte, welche bei ihm Tadel und Widerſpruch gehofft hatten, und es gab wohl Fälle, wo er ſtaunend ausrief: „ Hier iſt alle Tiefe der Schleiermacher’ſchen Ethik, was ſag’ ich? hier iſt mehr als Schleiermacher, denn hier iſt die Wiſſenſchaft in Form des Lebens ſelbſt! “ Doch dergleichen Entflammung dauerte nicht lange, ſondern gab unvermerkt wieder einem Mißwollen und einer Übellaune Raum, welche tief in ſeinem Gemüthe lagen, und gegen ein ſo freies und geſundes Weſen, wie ſich in Rahel darſtellte, um ſo bitterer ausbrachen, als dies mit ſeinem krankhaften und zerknitterten im hellſten Gegenſatze war. Er konnte etwas ſo Selbſtſtändiges, aus dem Ganzen Lebendes, und, ohne Kunſt und Anſtrengung, Wahrheit und Schönheit Produzirendes ſchlechterdings nicht vertragen, ja eine Art Neid und Eiferſucht ergriff ihn, und er wandte al -25 les an, um mich von dem neuen Verhältniſſe wieder abzu - ziehen. Er ſelbſt folgte mir zwar zu Rahel, erfuhr die lieb - reichſte Aufnahme, genoß der belebendſten Geſpräche, und konnte des Staunens und Betrachtens kein Ende finden; al - lein grade das verdroß ihn wieder, er wollte ſich nicht über - boten ſehen, und blieb wieder weg, weil er den Zauber, wie er ſagte, nicht wollte Herr über ſich werden laſſen. Seine ernſtlichen Erörterungen aber, ſeine ſpöttiſchen Launen, und was er ſonſt verſuchte, nichts hatte diesmal die geringſte Ge - walt auf mich, er ſah es ſelber ein, und ließ mich meiner Wege gehen, zufrieden, daß ich neben der neuen Hinneigung auch unſrem alten Verhältniſſe nach wie vor die treuſte Be - fliſſenheit widmete, und mich nach dieſer Seite ebenſowenig wie nach jener irre machen ließ. “— — —
„ Rahel bezog im Laufe des Sommers eine ländliche Wohnung in Charlottenburg, und ich ließ mir angelegen ſein, ſie dort ſo oft als möglich zu beſuchen. Meine Arbeiten drängte ich zuſammen auf den früheren Theil des Tages, meinen ſon - ſtigen Umgang ſchränkte ich mehr und mehr ein, und wenn der Nachmittag mir noch nicht frei wurde, ſo ließ ich ſelbſt den dunkelnden Abend mich nicht abhalten, die Stunde Weges zu Wagen oder zu Fuß eilig zu durchmeſſen, um den meiſt drangvollen Tag in der labendſten Erholung zu beſchließen. Die größere Einſamkeit, in welcher ich die Freundin hier ſah, gab unſerm Geſpräch und ganzen Zuſammenſein einen freieren Gang und reicheren Ertrag; der heimliche Schattenplatz vor der Thüre des kleinen Hauſes in der abgelegenen Schloßſtraße, die kühlen Spaziergänge, in den duftenden Gartenwegen,26 durch die breiten bäumereichen Straßen des damals überaus ſtillen Ortes, längs des Ufers der Spree und über die Brücke, dieſe Reize der Örtlichkeit, oft noch erhöht durch die Pracht des Mond - und Sternenhimmels, ſind mir in der Erinnerung unauflöslich verwebt mit den erhebendſten Geiſtesflügen und den zarteſten Schwingungen des erregten Gemüths, welches denn doch zugleich leidenſchaftlichen Spannungen und geſelli - gem Widerſtreite genugſam eröffnet blieb, und daher von ſen - timentaler Verweichlichung gar nicht bedroht war. “— — —
„ Theils mit ſich ſelber als mächtiger Gegenwart erfüllt, theils zur unbeſtimmten Zukunft gewaltſam hinausſtrebend, war die ſchöne Sommerzeit verfloſſen, und während der Fe - rien mußten die Entſcheidungen ausgeführt werden, welche wir gefaßt hatten. Jemehr der Zeitpunkt der Trennung heran - nahte, deſto inniger fühlten Rahel und ich den Werth und das Glück unſrer Verbindung. Wir ſuchten den Schmerz durch Geiſtesſtärke zu verſcheuchen, aber mitten in aller Freu - digkeit, daß wir noch zuſammen ein Glück empfanden, dem auch die Trennung ſein Weſen laſſen mußte, überſchlich uns die trauervollſte Wehmuth. Es ſchien Thorheit, Wahnſinn, daß wir uns trennten, und doch blieben die gefaßten Vorſätze unverändert, und durchaus einwilligend ſtimmte Rahel mir bei. Wir hatten den Muth, uns zu trennen, geſtärkt durch die Kraft des Zuſammenſeins. Meine Lebensentwicklung war noch unvollſtändig ſogar in ihren Umriſſen, deren Geſtalt ſich abſchließen, ſich nach vielen Seiten über viele Lücken hin er - gänzen mußte. Wie hätte ich bleiben ſollen, in welcher Stel - lung, in welcher Richtung? Der ſtrebenden Thätigkeit hätte27 kein Glück mich entſagen laſſen, im ruhigen Genuſſe weicher Tage wäre ich nur unglücklicher geweſen. Ich mußte fort, um als ein Andrer wiederzukommen, und mußte immer wieder fort, bis nach genugſamen Kämpfen und Stürmen das innere Leben ſich zu dem äußern in gehöriges Verhältniß gebracht hatte. Ich fühlte dieſe unwiderſtehliche Nothwendig - keit, ohne derſelben klar bewußt zu ſein, und alle entgegenge - ſetzten Verſuche mußten mißlingen, bis die rechte Zeit gekom - men war. Der gewonnene Schatz aber blieb mir fortan ge - wiß, der Wechſel des Lebens und die Vielgeſtalt der Welt vermochten über ihn nichts; auch wußten wir beide dies mit ſtärkſter Gewißheit, und in der hiedurch gewährten Herzens - freudigkeit erſchien ſelbſt die Trennung nur als Nebenſache, die ſich nur jetzt nicht ändern ließe, künftig aber unfehlbar weichen werde. Bis zuletzt nahmen zerſtreuende Thätigkeiten uns in An - ſpruch. — — Als die Tage des Scheidens nun wirklich eintraten, ich mir vorſtellen mußte, daß ich dieſe Augen bald nicht mehr ſe - hen, dieſe Hand nicht mehr küſſen, dieſe Stimme nicht mehr hören ſollte, da mußt’ ich gleichwohl verzagen, und das nahe Bild der verlaſſen zurückbleibenden Freundin brachte mich zur Verzweif - lung, aus der nur die Gelübde des Wiederſehens ſich um ſo ſtärker emporhoben, und einigen Troſt gewährten. “— — —
Ich war damals vierundzwanzig Jahr alt, Rahel um mehr als die Hälfte dieſer Jahre älter, und dieſer Umſtand, welcher unſre ganze Lebensſtellung weit auseinander zu rücken ſchien, hätte dies vielleicht wirklich vermocht, wäre er in ſich28 ſelber wahr geweſen. Allein er beſtand nur als Zufälliges, und war in allem Weſentlichen aufgehoben und vernichtet. Dieſes edle Leben, dem ſchon ſo mannigfache Weltanſchauung geworden, ein ſo großer Reichthum von Glücks - und Leidens - looſen zugetheilt geweſen, dieſes Leben erſchien unzerſtörbar jung und kräftig, nicht nur von Seiten des mächtigen Gei - ſtes, der in freier Höhe über den Tageswogen ſchwebte, ſon - dern auch das Herz, die Sinne, die Adern, das ganze leibliche Daſein, waren wie in friſche Klarheit getaucht, und die reinſte, erquickendſte Gegenwart ſtand herrſchend mitteninne zwiſchen erfüllter Vergangenheit und hoffnungsreicher Zukunft. Eine dauernde Vereinigung mußte uns jedoch damals noch verſagt ſein. Meine Univerſitätsjahre waren noch nicht abgelaufen, der Verſuch in das bürgerliche Leben einzutreten durfte nicht unterbleiben, und kaum an der Schwelle von dieſem ſah ich mich durch innere Unruhe und den Drang der Zeiten zu dem mannigfachſten Wechſel der Verhältniſſe fortgeriſſen. Zwei - maliger Kriegsdienſt, Reiſen, Zerſtreuung in glänzender Welt, Lockungen des Ehrgeizes, Neigungen und Mißverſtändniſſe, zu welchen die langwierige Entfernung Anlaß geben wollte, nichts konnte jemals in meinem Innern das feſte Band berüh - ren, das mich mit Rahel verknüpft hielt, die tiefe Überzeu - gung, daß ich mein Lebensglück gefunden wiſſe, erſchüttern, und das unermüdete Hinſtreben zu dieſem Ziel auch nur einen Augenblick ſchwächen. Sechs Jahre vergingen auf dieſe Weiſe, nur unterbrochen durch kurze Zeiten des Wiederſehens, in wel - chen die Vorſätze und Hoffnungen ſich neu beſtärkten. End - lich, nach erfolgtem Umſchwunge der allgemeinen Verhältniſſe,29 nach erlangtem Sieg und Frieden des deutſchen Vaterlandes, von Paris, wo ich ſchwer krank gelegen, unter glücklichen Zei - chen heimkehrend, konnte ich aller Hemmungen frei, die ge - liebte Freundin in Böhmen wiederfinden, den ſchönſten Som - mer mit ihr verleben, und darauf in Berlin, am 27. Septem - ber 1814, mein Lebensloos für immer dem ihren anſchließen.
Die neunzehnjährige Zeit unſres ſodann wenig unter - brochenen, zu ſtets erneutem Bewußtſein des Glückes erhobe - nen und an innerer Entwicklung reichen Zuſammenlebens zu ſchildern, darf ich vielleicht in ſpäterer Zeit, wenn die Fort - ſetzung der begonnenen Denkſchriften mich wieder anziehen kann, mit geſtärkten Kräften zu unternehmen hoffen. Hier liegt mir nur noch ob, den viel zu frühen Ausgang dieſer entſchwundenen Zeit zu betrachten, und von den letzten Krank - heits - und Gemüthszuſtänden der dahingeſchiedenen Freundin näheren Bericht zu geben.
Rahels Organiſation war von der Natur kräftig und ſtark angelegt, dieſer Anlage jedoch im Beginne ſchon auch widerſprochen worden. Die Mutter brachte, nach vielen zu frühzeitigen Niederkunften, ſie als das erſte lebende Kind zur Welt, welches aber ſo klein und zart war, und ſo ſchwach ſchien, daß man daſſelbe in Baumwolle gehüllt eine Zeit lang in einer Schachtel aufbewahrte.
Die Kinderjahre vergingen unter vielerlei Krankheitslei - den, welche vielleicht durch zweckmäßige Behandlung und an - gemeſſene Lebenseinrichtung damals zu beſeitigen geweſen wä -30 ren, aber unter entgegengeſetzten Umſtänden ſich befeſtigten, und die Grundlage vieler ſpäteren Krankheiten wurden. Eine außerordentlich frühe Entwickelung der Gemüths - und Geiſtes - kräfte begleitete den raſchen Gang der körperlichen Ausbil - dung. Die reizbarſten Nerven, die feinſte Empfindlichkeit für alle Verhältniſſe der Luft und des Wetters, die leiſeſte und ſchärfſte Thätigkeit der Sinne, die erregbarſte Theilnahme des Herzens, alles wirkte vereint, um dieſe Organiſation den un - berechenbarſten Einflüſſen zu überliefern, mit welchen ſie fort - während zu ringen hatte.
Dennoch erhob ſich unter allem Widerſtreite der Umſtände eine im Ganzen kräftige und geſunde Jugend. Dieſelben Gaben, welche empfänglich machten, wirkten auch lebhaft zu - rück; die geiſtige Lebenskraft war überall ſo ſtärkend gegen - wärtig, daß bei ſolcher Hülfe die Natur auch die größten Bürden nur leicht zu tragen ſchien. Einzelne bedeutende Krankheiten, von eigenthümlicher Geſtalt und Heftigkeit, wichen neubelebtem Wohlſein, und die hergeſtellten Kräfte durf - ten getroſt mit neuen Tagereihen neue Schickungen aufnehmen.
Erſt in ſpäteren Jahren, nach vielen Stürmen und Lei - den, die dem feinen und zarten Gewebe dieſes Körpers, in welchem die Seele ſchon immer ſchweſterlich aushalf, aber ihrerſeits eine Stütze nicht wiederfand, endlich vielfache Be - ſchädigung gebracht hatten, mußte die Geſundheit ein Gegen - ſtand ernſtlicher und ununterbrochener Sorgfalt werden; die jedoch durch williges Selbſtvergeſſen, wo es galt für Andre thätig und liebreich zu ſein, ſo wie durch unvermeidliche neue Erſchütterungen, nur allzu oft geſtört wurde.
31In den letzten vier Jahren beſonders erkrankte Rahel mehrmals ernſtlich. Die Herſtellung gelang meiſt nur auf kürzere Zeit. Rheumatiſche und gichtiſche Schmerzen, dann Beklemmungen und krampfhafte Anfälle der Bruſt, bildeten ſich zu ſtehenden Übeln aus, die nur ſelten ganz unterdrückt ſchienen. Die Zwiſchenzeiten des Beſſerbefindens, in welchen ſie mit großer Schnellkraft bis zu einem gewiſſen Grade ſich zu erholen pflegte, wurden nach und nach kürzer, die Erho - lung ſelbſt unvollkommener. Für Andre war noch oft genug die völlige Täuſchung einer wahren Geneſung möglich; ſie ſelbſt auch gab willig den ſchönen Hoffnungen Gehör, die ſich ihr nahten, und mochte gern den guten Augenblick feſthalten, um frohen Muthes aller vergangenen und drohenden Leiden zu vergeſſen, wie ſie denn auch niemals ängſtlichen und düſtern Vorſtellungen über ihren eignen Zuſtand nachhing. Allein ſie kannte dieſen beſſer, als ſie es ſagte, oder als ſie dafür, wenn ſie es ſagte, Glauben fand; denn dieſer gute Willen, dieſe freundliche Regſamkeit, dieſer heitre Eifer, die jeder guten Stunde ſogleich wieder entquollen, mußten immer neue Zuverſicht gewähren. So wie nur eine menſchliche Ge - genwart ſie in Anſpruch nahm, eine Geiſtesregung, ein Ge - müthsantheil ſie ergriff, eine wenn auch noch ſo gering ſchei - nende Beſchäftigung ihr oblag, ein wohlwollendes, oft kaum gefordertes, und vielleicht unerkanntes, aber von ihrem Herzen gebotenes und in der Sache richtiges Leiſten ihr eröffnet war: ſogleich erſchien ſie geſund und ſtark, und ihr inneres Leben bedeckte durch überſtrömende Liebe den zunehmenden Verfall des äußern.
32Die Krankheitsleiden warfen ſich hauptſächlich auf die Nächte, in deren einſamer Stille ſie großentheils verborgen blieben, und in ganzem Umfange nur der treuen Pflegerin Dore bekannt wurden. Heftige Anfälle von Bruſtkrämpfen, welche bei ſchnellſter und wirkſamſter Hülfe doch nur lang - ſam wichen, und immer große Schwäche zurückließen, waren nur die Steigerung eines Zuſtandes, der mehr oder minder ſchon als der gewöhnliche gelten mußte.
Die Aufregungen der Zeit, die Unruhen, welche ausbrachen oder drohten, die furchtbare Krankheit aus dem Orient, die Schreck - bilder, in denen ihr Herannahen angekündigt wurde, die Sor - gen, Theilnahmen und Mühen, welche ihr Erſcheinen auferlegte, endlich die Trennung von dem theuern Bruder Ludwig Robert, der einen entfernten Aufenthalt wählte, um für ſeine Thätig - keit friedliche Ruhe und Muße zu finden, alles dieſes mußte die ſchon vielfach angeſtrengten, und immer auf’s neue nur allzu bereitwilligen Kräfte in übergroße Spannung ſetzen.
Im Sommer 1832 überſtand Rahel unter den größten Leiden eine Krankheit, welche jederzeit als eine mit Lebensge - fahr verbundene erachtet wird, und die zu überſtehen man ihrer ſo anhaltend beſtürmten Organiſation kaum noch zu - traute. Sie überſtand dieſelbe jedoch wunderbar, und die hie - bei ſichtbar gewordene Lebenskraft erſchien uns als ein gün - ſtiges Zeichen, daß ihr noch eine ganze Reihe von Jahren beſtimmt ſein könne. Allein nach einiger Zeit ſchon fanden ſich die alten Krankheitszuſtände wieder ein, und die wirk - liche Schwäche wurde um ſo auffallender, als ſie auf den Anſchein gewonnener Stärke folgte. Große Widerwärtigkei -ten,33ten, deren ihr leicht und tief erregtes Gemüth oft von Andern ungeahndete oder doch unbegriffene zu tragen hatte, der ihr lange verhehlte, aber endlich eröffnete Trauerfall, daß in der Ferne der geliebte Bruder, und nach kurzer Friſt auch deſſen Gattin, unerwartet durch Krankheit dahingerafft worden, die Zerſtörung ſo manches Wunſches und Troſtes: dies alles ver - eint, war ein zu gewaltſamer Angriff, dem ſie nicht meht verhältnißmäßigen Widerſtand entgegenzuſtellen hatte.
Der Winter brachte, wie gewöhnlich, manche Verſchlim - merung, und beſchränkte mehr und mehr die Thätigkeit und den Antheil, den ſie, mehr noch für Andre als für ſich ſelbſt, an den Darbietungen des Tages zu nehmen pflegte. Selte - ner fuhr ſie aus, in das Theater gar nicht mehr, zu Beſuchen nur bei beſonderein Anlaß und als kurze Erſcheinung, die letztenmale, am 20. und 21. Januar, in den Thiergarten, um Luft und Sonne zu genießen. Gar oft mußte ſie auch der gewohnten Geſelligkeit häuslicher Abende entſagen, oder die Unterhaltung abbrechen und ſich zurückziehen, um in ſtiller Ruhe ihre Leiden abzuwarten oder neue Kräfte zu gewinnen. Kehrte ſie dann zurück, ſo wollte ſie des Über - ſtandenen nicht mehr gedenken, nahm das gehemmte Geſpräch heiter wieder auf, und zeigte, wie in den beſten Tagen, den liebenswürdigſten Eifer, in allen Richtungen Gutes und Er - freuliches hervorzurufen.
Wenn ſie nur ihre gewöhnlichen Beſchwerden hatte, ſuchte ſie es mir häufig zu verbergen, und Schmerz und Leid im Stillen für ſich abzumachen. In heftigeren Anfällen aber war das nicht möglich, ſie wünſchte dann auch meinen Bei -I. 334ſtand, und begehrte, man ſollte ihr zureden und ſie tröſten. Doch nur ſelten vermochte man das; ſie ſelbſt vielmehr erhob ſich zu dem höchſten Troſte, ſprach die ſchönſten Empfindungen und reichſten Ahndungen aus, und freute ſich dankbar gegen Gott, daß ſie doch gute Gedanken habe, tröſtliche, erquickende Vorſtellungen, ein offenes Herz, ein reines Vertrauen. So ſagte ſie zu mir eines Morgens, nach einer ſchrecklichen Nacht, mit dem ſo eindringenden Ton ihrer liebevollen Stimme: „ O ich bin doch ganz vergnügt, ich bin ja Gottes Geſchöpf, er weiß von mir, und ich werde ſchon noch einſehen, wie es mir gut und nöthig war, ſo zu leiden; ich ſoll gewiß etwas dadurch lernen, jeder Schmerz wird in der gewonnenen Ein - ſicht zur Freude werden, jedes Leid als Glorie daliegen! Und bin ich nicht ſchon jetzt glücklich in dieſem Vertrauen, und in all der Liebe, die ich habe und finde? “
Ihre häusliche Geſelligkeit war ſchon längere Zeit auf einen kleinen Kreis erwünſchter Perſonen beſchränkt, der ſo - wohl altbewährte, ſeit zwanzig und dreißig Jahren ihr un - verändert gebliebene Freunde, als auch jüngere und noch ganz neue Bekanntſchaften umfaßte. Sie wußte den verſchieden - artigſten Eigenſchaften einen ſchicklichen Spielraum, jedem richtigen Anſpruch eine billige Befriedigung zu verſchaffen, und auch für ſich ſelbſt jederzeit eine ſolche zu gewinnen. Alles Ächte, Gute und Liebliche, das ihr begegnete, war ihr gleich ein Entzücken. So war es ein tiefer und froher Ein - druck, den ſie noch in den letzten Wochen durch die Bekannt - ſchaft mit einer edlen und liebenswürdigen Dame empfing, in welcher ſie beſtätigt fand, was ſchon der Namen ihr ver -35 heißen hatte; dann darf ich des innigen Glückes gedenken, welches ſie eines Abends genoß, da die theure Schwägerin Erneſtine Robert nicht ermüdete, mit ſeelenvoller Stimme ihr die ſchönſten Geſänge vorzutragen, nicht ahndend, daß dies die letzte Freude ſolcher Art ſein würde, deren die leidenſchaft - liche Muſikfreundin hier genießen ſollte! Rahel durfte noch öftere Wiederholung dieſes Genuſſes hoffen, ſie war noch thä - tig, dieſe zu beſprechen, zu bereiten. Allein grade in dieſer Zeit griffen die Krankheitsbeſchwerden ſtärker und ſtärker in ihre Tage und Stunden ein, und ſie mußte mit Betrübniß ſich eingeſtehen, daß ſie immer weniger Verfügung darüber habe, immer andaurender von ihren Leiden abhängig werde.
Rahel fühlte wohl, daß ihre Lage ſich nicht günſtig ver - änderte. Die Schranken der Arzneikunde waren ihr nur zu wohl bekannt, als daß ſie hätte von daher unbedingt Hülfe erwarten wollen; in früheren Zeiten hatten berühmte Ärzte viel bei ihr verſehen, ſich gröblich geirrt, und wenn ihr dieſe Beſorgniß jetzt auch fern lag, und ſie in entſcheidenden Au - genblicken nie Mangel an Vertrauen zeigte, ſo mußte ſie doch das Gefühl, welches ſie von ihrer Krankheit hatte, mit den Äußerungen, welche ſie darüber vernahm, in weitem Abſtande finden. Sie mochte kaum noch auf Heilung rechnen. Aber Zeiten der Erholung, längere, wiederholte Friſten, und ſelbſt Jahre eines ſolchen Wechſels, durften ihr zuweilen möglich ſcheinen, und ſie hörte nicht ſelten in dieſem Sinne die be - ſtimmteſten Hoffnungen ausſprechen. Beſcheidene Plane, die ſie mit einer lieben Freundin für den Sommer lange voraus als angenehme Heimlichkeit verabredet hatte, ſchwebten er -3 *36freuend vor ihrer Seele, und es machte ihr Vergnügen, in vertraulichen Augenblicken davon zu ſprechen, wobei ſie doch zugleich mit Ergebung alles den Umſtänden unterwerfen wollte. Allein auch Vorſtellungen ganz andrer Art, beſchäftigten ſie, und meiſtentheils war ihr Gemüth zu geiſtigen Richtungen hingewandt.
Zu allen Zeiten, in der Jugend wie im Alter, in ganz geſunden, wie in kranken Tagen, waren die höchſten Aufgaben des Menſchen, die Thatſachen der geiſtigen Welt, und die Empfindungen und Ahndungen eines hohen Zuſammenhanges, für Rahel die liebſten Gegenſtände der Betrachtung, der immer wiederkehrende Inhalt des Geſprächs. In Heiterkeit und mit Laune, wie mit Ernſt und in Erhebung, ſprach ſie oft vom Tode, auch dem eignen, den ſie nicht fürchtete, ſondern mit faſt neugieriger Forſchung anzuſchauen pflegte. Bei täglichen Anläſſen, in unerwarteten Ausbrüchen, heißen Gebeten, und tiefen, eigenthümlichen Gedankenblitzen, zeigte ſich ihr gott - ergebener, ſtarker Sinn nach dieſer Richtung offen und frei hingewandt. Wir waren es gewohnt, Gegenſtände und Be - ziehungen dieſer Art täglich und ſtündlich von ihr angeregt und erörtert zu ſehen. Allein wir mußten zu dieſer Zeit bald gewahr werden, daß die Richtung zu dem Unſichtbaren in Rahel nicht nur entſchiedener vorwaltete, ſondern auch in ih - ren Äußerungen eine durchaus erhöhte, perſönlichere Bedeu - tung empfing.
In ſolcher Weiſe ſprach ſie eines Tages unter andern mit heitrer Innigkeit von einem ſchönen Traum, der ihr von Kindheit an tröſtlich geweſen. „ In meinem ſiebenten Jahre “, ſagte ſie,37 „ träumte mir einmal, ich ſähe den lieben Gott ganz nahe, er hatte ſich über mir ausgebreitet, und ſein Mantel war der ganze Himmel; auf einer Ecke dieſes Mantels durfte ich ruhen, und lag in beglücktem Frieden zum Entſchlummern da. Seit - dem kehrte mir dieſer Traum durch mein ganzes Leben immer wieder, und in den ſchlimmſten Zeiten war mir dieſelbe Vor - ſtellung auch im Wachen gegenwärtig, und ein himmliſcher Troſt: ich durfte mich zu den Füßen Gottes auf eine Ecke ſeines Mantels legen, und da jeder Sorge frei werden; er erlaubte es. “ Wie oft noch in der Folge hörte ich ſie dann mit dem ihr ganz eigenen, rührenden Stimmenlaute bei und nach den angſtvollſten Leiden vertrauend ſagen: „ Ich lege mich auf Gottes Mantel, er erlaubt es. Wenn ich auch leide, ich bin doch glücklich, Gott iſt ja bei mir, ich bin in ſeiner Hand, und er weiß alles am beſten, was mir gut iſt, und warum es ſo ſein muß! “ Die erhabenſten Gedanken und die lieblichſten Kindervorſtellungen waren ihr von jeher in gleichem Maße angehörig und mit einander verknüpft.
Auch in Betreff naher und ferner Perſonen zeigten Rahels Äußerungen eine erhöhte Innigkeit, jedes liebreiche und herz - liche Verhältniß wurde ihr angelegener, jedes herbe und widrige entrückter oder milder. Verſöhnung lag in ihr zu allen Zeiten ſchon immer für alles Geſchehene bereit, ihr guter Wille war ſchon begnügt, wenn nur der Andre ſein Unrecht zu vergeſſen ſchien; jetzt wollte ſie für alles und jedes wechſelſeitige Ver - zeihung ausgeſprochen wiſſen. Beſtätigt und geſegnet aber ſollte ihr jedes Wahre und Gute ſein, und ſie verhehlte es nicht, daß jedes ächte Gebild ihres Lebens, jede wahre und38 tiefe Verknüpfung mit geliebten Menſchen, ihr die Andeutung und Bürgſchaft eines hier nicht auszuforſchenden, weſentliche - ren Zuſammenhanges ſei.
Sie hatte mitten in ihren Leiden auf dieſe Weiſe glück - liche Stunden, in den beſſern Zwiſchenräumen auch fortwäh - rend die freudigſten Geiſtesgenüſſe. Die Sprüche von Ange - lus Sileſius waren ihr faſt immer zur Hand; in Fichte’s Staatslehre ſuchte ſie manches ihr Wichtige, z. B. über den Karakter der Franzoſen, zu nochmaligem Betrachten wieder auf; in Wilhelm Meiſters Wanderjahren las ſie hin und wie - der mit ernſtem Nachdenken, und ſchrieb noch einige Bemer - kungen darüber; daneben erfreute ſich ihr antheilvoller Sinn auch an den wohlgeſchriebenen Theaterberichten der franzöſi - ſchen Zeitungen, ſo wie an manchen andern Aufſätzen der Ta - gesblätter, wie ſie denn von jeher für jedes Talent der ſchö - nen, gediegenen und treffenden Darſtellung eine leidenſchaft - liche Bewunderung hatte. Ein paarmal fügte es ſich, daß ich ihr, was ſie ſonſt nicht liebte noch vertragen konnte, man - ches vorlas, kürzere Sachen von Goethe, auch aus Angelus Sileſius, was ſie in wahre Freudigkeit, ja in Entzücken ver - ſetzte, und ſie drückte ihre Befriedigung beſonders auch dar - über aus, daß ſie alles dies auf ſolche Weiſe von mir jetzt höre, und ſich unſrer Gemeinſchaft und Einigkeit dabei ſo innig bewußt ſein könne.
In dieſer Zeit war der Herzog von Lucca nach Berlin gekommen, und mit ihm ſein Leibarzt. Dr. von Necher, dem in der homöopathiſchen Heilkunſt die glücklichſten Erfolge zu - geſchrieben wurden. Eine verehrte Freundin, ſo ausgezeichnet39 durch Geiſt wie durch wohlwollenden Eifer, drang in Rahel, dieſe Gelegenheit nicht zu verſäumen, und den trefflichen, menſchenfreundlichen, ganz uneigennützig jedem Hülfeſuchenden zugänglichen Arzt über ihre Krankheit zu Rath zu ziehen, oder wenigſtens ſeine Bekanntſchaft zu machen. Nach einigen Erörterungen wurde vorläufig nur das letztere feſtgeſtellt, und mittlerweile der Werth der neuen Heilmethode, ſo wie das Vertrauen, welches ſie fordern dürfe, mannigfach beſprochen.
Am 16ten Februar empfing Rahel den erſten Beſuch des Dr. von Necher, welchen Frau von Arnim (geb. Bren - tano) bei ihr einführte. Seine Perſönlichkeit machte einen durchaus vortheilhaften Eindruck, der ſich durch ſeine Reden und ſein Benehmen mit jedem Augenblick verſtärkte. Seine lebhafte Theilnahme, ſeine umſichtigen Fragen, ſein kluges Beobachten, und die feſte Beſtimmtheit deſſen, was er ſagte, waren dem Gemüth eben ſo wohlthätig, als ſie dem Geiſte Vertrauen einflößten. Nach anderthalbſtündigem Geſpräch war die Kranke aus eigenem Antriebe ſchon ganz entſchieden, unter der Leitung dieſes Arztes die neue Heilart zu verſuchen. Weil jedoch die Wirkung der bisher genommenen Arzneien erſt ganz aufgehört haben ſollte, bevor die homöopathiſchen Mittel gebraucht würden, ſo mußte der Beginn der Kur noch um fünf Tage aufgeſchoben bleiben; nur wurden die nach den Grundſätzen der Homöopathie nicht zuläſſigen Nahrungs - und Reizmittel ſchon jetzt ſorgfältig entfernt.
Der Arzt hatte die Kranke in günſtigen Augenblicken ge - ſehen, ſie war angeregt, freudig faſt, und in ihrem Vertrauen daher um ſo raſcher und kräftiger; auch gab er in der That40 anfangs gute Hoffnung, nicht zwar eines völligen Geneſens, aber doch eines zu gewinnenden Zuſtandes bedeutender Linde - rung, in welchem noch eine ganze Reihe guter Jahre hinge - hen könnten. In den folgenden Tagen, bei wiederholtem For - ſchen und Prüfen, mußte dieſe Hoffnung freilich um vieles herabgeſetzt werden, doch wurde ſie im Ganzen nicht aufgege - ben, und ſpäterhin, bei erneuten günſtigen Zeichen, ſogar wieder erhöht. Dr. von Necher kam nun täglich, und mei - ſtens mehr als Einmal, wobei das Vertrauen zu ſeiner Hülfe, ſo wie der gute Eindruck ſeiner Gegenwart nur immer zu - nahmen. Da jedoch ſeine Anweſenheit in Berlin von unge - wiſſer Dauer war, ſo brachte er ſchon jetzt auch den hieſigen homöopathiſchen Arzt, Dr. Stüler, mit, der die angefangene Kur weiterhin fortſetzen ſollte.
Die neue Lebensordnung wurde für Rahel dadurch be - ſchwerlich und hart, daß alle gewohnten Reize und Erquickun - gen, welche ihren ſelten ganz ruhenden Leiden eine wenn auch nur vorübergehende Linderung oder Ablenkung zu bewirken pflegten, jetzt unterſagt waren. In Vertrauen und Geduld fügte ſie ſich dieſen Entbehrungen aller Art, empfand ſie aber ſchmerzlich, und es war uns oft jammervoll, ſie den Wunſch nach irgend einem gewohnten Labſal, zugleich ſelbſt aber auch deſſen Verneinung ausſprechen zu hören. Als nach begonne - ner Kur eine allgemeine Aufregung der Beſchwerden eintrat, und dieſe zum Theil auch den genommenen Mitteln zuzu - ſchreiben ſchien, wurde jene Entbehrung nur noch peinlicher, und die Kranke konnte dann, in ihrer geängſteten Unruhe, für die kein linderndes Eingreifen Statt fand, zuweilen den41 mißmuthigen Seufzer nicht unterdrücken, daß ſie dieſe Kur, wenn man ihr deren harten Verlauf vorausgeſagt hätte, ſchwerlich würde unternommen haben. Ihr Vertrauen zu dem Arzte und ſeiner eifrigen Bemühung blieb indeß unerſchüttert daſſelbe, und ſie betrauerte nur ſein damals befürchtetes baldi - ges Fortreiſen.
Die Nächte waren ſchlimm; ſie wurden meiſt ſchlaflos und oft unter großen Beängſtigungen und harten Anfällen hingebracht, und dieſe Leiden gingen auch ſchon mehr und mehr in die Tagesſtunden über. Rahel fühlte ſich ernſtlich krank und im Innerſten gebeugt; ſie ſagte einmal insgeheim zu Doro, die ihr vom Sommer ſprach: „ Ach, wenn du wüß - teſt, was ich denke! … ich denke, ich komme nicht über den März hinaus. “ Allein in andern Augenblicken faßte ſie doch wieder Muth, dachte mit Vergnügen an die kommende beſſere Jahreszeit, nahm ſich zuſammen, war in alter Weiſe thätig und theilnehmend, ordnete mit gewohnter Pünktlichkeit und arbeitſamem Fleiß wirthſchaftliche Rechnungen, ſorgte mit Überlegung und Vorausſicht für Nothleidende, die ſie als ihr zugewieſene anſehen wollte, und war wie immer liebevoll be - dacht, mehreren Perſonen ihres näheren Bereichs Angenehmes und Gefälliges zu erweiſen, ihnen kleine Geſchenke zu berei - ten, freundliche Mittheilungen zu machen, wie es grade der Sinn oder die Umſtände fügten.
Am 1. März hatte ſie zum zweitenmal homöopathiſche Arznei empfangen, und den Tag ſehr unruhig, unter wechſeln - den Leiden hingebracht. In der Nacht zum 2. ſteigerten42 ſich dieſe zu einem ſo furchtbaren Bruſtkrampfe, wie bisher noch keiner geweſen war. Sie glaubte zu ſterben, und litt einige Stunden lang ganz unſäglich. Doch unter dem ſorg - ſamen Beiſtande des herbeigeholten Dr. Stüler gewann ſie nach und nach etwas Linderung, der Anfall wich, und es blieb ein Zuſtand übrig, der zwar noch immer Aufregung zeigte, aber endlich doch eine Lage zum Ruhen und ſogar, wiewohl bei fortdauernd angeſtrengtem Athemholen, einigen Schlaf erlaubte.
Die folgenden Tage und Nächte rangen mit vielem Un - gemach; die Spannung ſtieg nicht, minderte ſich aber auch nicht genug; eine leidliche Lage, die ſich nach vielen Mühen auf Augenblicke gewinnen ließ, wurde nur allzuſchnell wieder durch Beklemmungen geſtört. Die Kräfte verhielten ſich da - bei noch über Erwarten gut; wir ſprachen ihr wiederholt un - ſer tröſtendes Erſtaunen aus, wie viel ihre urſprünglich ſtarke Natur auszuhalten vermöge, und wie ſchnell ihr Körper, gleich dem Gemüth, wieder in alter Faſſung ſei, ſobald ihm nur ein Augenblick dazu freigegeben werde. Sie ſtimmte wohl in dieſe Meinung ein, aber ſah deßhalb ihren Zuſtand für nicht weniger bedenklich an, und fürchtete beſonders die Wie - derkehr des Anfalls, deſſen ſchreckliche Angſt und Qual ihr ſchaudervoll im Sinne lag.
Die liebevollen Worte, die ſie während dieſer Zeit im - mer an uns richtete, die troſtreichen Rückblicke, welche ſie auf die Vergangenheit warf, und die gerührten Erhebungen, in denen ihr[tiefſtes] Herz aufwogte, vermag ich nicht im Ein -43 zelnen zu wiederholen. Wir genoſſen in dieſer trüben Zeit Stunden des reinſten Entzückens, der innigſten Verſtändigung, und fühlten die volle Gewißheit eines unzerſtörbar begründe - ten, wechſelſeitigen Angehörens. Merkwürdig ſind auch die folgenden Worte, die ich gleich am 2. März, unmittelbar und genau, wie ſie von Rahel geſprochen waren, mir auf - ſchreiben mußte: „ Welche Geſchichte! — rief ſie mit tie - fer Bewegung aus, — eine aus Ägypten und Paläſtina Geflüchtete bin ich hier, und finde Hülfe, Liebe und Pflege von euch! Dir, lieber Auguſt, war ich zugeſandt, durch dieſe Führung Gottes, und du mir! Mit erhabenem Entzücken denk’ ich an dieſen meinen Urſprung und dieſen ganzen Zu - ſammenhang des Geſchickes, durch welches die älteſten Erin - nerungen des Menſchengeſchlechts mit der neueſten Lage der Dinge, die weiteſten Zeit - und Raumfernen verbunden ſind. Was ſo lange Zeit meines Lebens mir die größte Schmach, das herbſte Leid und Unglück war, eine Jüdin geboren zu ſein, um keinen Preis möcht’ ich das jetzt miſſen. Wird es mir nicht eben ſo mit dieſen Krankheitsleiden gehen, werd’ ich einſt nicht eben ſo mich freudig an ihnen erheben, ſie um kei - nen Preis miſſen wollen? O lieber Auguſt, welche tröſtliche Einſicht, welch bedeutendes Gleichniß! Auf dieſem Wege wol - len wir fortgehen! “ Und darauf ſagte ſie unter vielen Thrä - nen: „ Lieber Auguſt, mein Herz iſt im Innerſten erquickt; ich habe an Jeſus gedacht, und über ſein Leiden geweint; ich habe gefühlt, zum erſtenmal es ſo gefühlt, daß er mein Bru - der iſt. Und Maria, was hat die gelitten! Sie ſah den ge -44 liebten Sohn leiden, und erlag nicht, ſie ſtand am Kreuze! Das hätte ich nicht gekonnt, ſo ſtark wäre ich nicht geweſen. Verzeihe mir es Gott, ich bekenne es, wie ſchwach ich bin. “
Am 5. März war in keiner Hinſicht eine Verſchlimme - rung merkbar; im Gegentheil, es zeigte ſich auf Rücken und Schultern ein Ausſchlag, demjenigen ähnlich, durch den ſchon in früheren Jahren ein gefahrvoller Zuſtand ſich zum glück - lichen Ausgange gewendet hatte. Wir konnten neue Hoffnung faſſen, der Arzt bezeigte ſeine große Zufriedenheit, Rahel lä - chelte freundlich ob den guten Verheißungen, ſie fand das Le - ben wünſchenswerth, und ohne die höheren Gedankenreihen, in denen ſie ergeben und getroſt weilte, zu verlaſſen, wandte ſie von daher den Blick auch mit Liebe den nächſten Darbie - tungen des Tages zu. Ein ſchöner Fliederbaum, den ihr im vorigen Sommer die von ihr ſehr geliebte Gräfin von Yorck geſchenkt hatte, trieb unerwartet in dieſen Tagen junge Knos - pen; man brachte ihn vor das Bette der Kranken, die ihn tiefathmend und entzückt betrachtete, und das zarte Grün wie - derholt küßte; das erſte für ſie und das letzte dieſes neuen Frühjahrs! Ihre Sanftmuth und Hingebung in dieſen Tagen war unausſprechlich. „ Wir wollen einander alles verzeihen, “ſagte ſie mehrmals, und: „ Wir ſchleppen einander wechſel - ſeitig mit, ihr mich, ich euch; “ferner: „ Im Himmel ſehen wir uns Alle wieder. “ Als Dore einmal von ihr ſprach, und dabei die gewöhnliche Benennung „ gnädige Frau “anwandte, rief ſie wohlbehaglich, und als ob ſie ſich von einer Laſt be - freite: „ Ach was! es hat ſich aus gegnädigefraut! nennt mich45 Rahel. “ Sie ſprach dies nicht in dem Sinn eines nahen Ab - ſchiedes, ſondern in dem eines Aufgebens von Schein und Tand, wie ihr auch für das Weiterleben zu Muthe ſei und bleiben ſolle. Eine ſolche erhöhte Stimmung zeigte ſich über - haupt in der faſt wehmüthigen Herzlichkeit, welche ſie ihren Nächſten und den Freunden bewies, deren Beſuch ſie empfing. Die Gegenwart ihres jüngſten und nur noch einzigen Bruders Moritz Robert, den ſie immer beſonders geliebt hatte, war ihr jedesmal ein erquickender Troſt; um ihn aufzumuntern, ver - ſicherte ſie ihm freundlich, es gehe ihr gar nicht ſchlecht, und wenn er ſie vorwärts niedergebeugt ſitzend fände, ſo ſei das bloß, weil es ihr ſo für den Augenblick bequem ſei; ſie könne ſich recht wohl grade halten, aber habe nur jetzt keinen Grund es zu thun. Auch erfreute ſie der Anblick des lieben Nichten - Kindes Eliſe, das noch auf Augenblicke zum Beſuch an ihr Bette kam. Theure Freunde und Freundinnen nahten ihr grüßend und heilwünſchend, unter dieſen noch am Abend der Fürſt und die Fürſtin von Carolath, die am andern Morgen abreiſen wollten.
Der 6. März kam heran, die Beſchwerden waten groß - die Entbehrung jedes Labſals ungemein peinlich, das Verlan - gen nach Erquickung und Ruhe ſprach ſich in geſteigerten Klagen aus. Die fleißigen Beſuche des Dr. von Necher, der mehrmals im Tage wiederkam, und immer neuen Aufſchub ſeiner Abreiſe verkündigte, erfreuten ſie jedesmal. Sie nahm auch an dieſem Tage noch jeden gewohnten Antheil an allem, was vorging und geſprochen wurde, und die ungeſchwächte46 Belebung ihres Herzens bewies ſich auch in den ſchmerzlichſten Ausrufungen über die Herzogin von Berry, in deren Geſchick ſie nur die Tiefe des Leidens ſehen wollte, zu welchem der Menſch gebeugt werden könne. Sie verlangte alles zu wiſſen, was die Zeitungen von der unglücklichen Fürſtin meldeten, und hörte nicht auf, ſie zu bedauern.
Ein Verſuch aufzuſtehen und einige Schritte im Zimmer zu machen, zeigte noch reichliche Kräfte, und ſie ſelbſt wie auch wir Andern hatten davon einen guten Eindruck. Über - haupt ſtimmten die Verſicherungen der Ärzte, auch nicht-homöo - pathiſcher, ſämmtlich darin überein, daß eine dringende Gefahr jetzt nicht vorhanden, der ganze Zuſtand aber und ſeine fernere Entwicklung dennoch mit größter Beſorgniß zu betrachten ſei. Bald aber wurde bemerkt, daß der Ausſchlag ſich an Umfang und Stärke gemindert zeige; doch ſchien ein freiwillig einge - tretener Schweiß ihn wieder hervorzutreiben, und die Unter - haltung dieſes Schweißes wurde angelegentlich empfohlen. Die Ärzte hatten Rahel zu Mittag beſucht; der Bruder eben - falls, die Schwägerin kam gegen Abend, und auch der Bruder wollte wiederkommen, wurde aber durch die Nachricht abge - halten, es habe ſich nicht verſchlimmert, und man wünſche die Kranke ruhen zu laſſen. Sie fragte einigemal nach ihm, weil er ihr geſagt hatte, daß er noch wiederkommen würde, doch hatte ihre Erwartung, ihn zu ſehen, durchaus nichts Un - gewöhnliches. Mit einem Gruße des Arztes, der neuen Auf - ſchub ſeiner Abreiſe melden ließ, kam noch am ſpäten Abend Frau von Arnim, verweilte einen Augenblick am Fuße von47 Rahels Bette, und wurde von ihr mit den Worten angeredet, ſie komme ſtets als ein „ minister of heaven,” dann aber wie - der mit Dank und Freundlichkeit entlaſſen.
Beim Eintritt der Nacht, und als der Schweiß aufgehört hatte, empfand Rahel ein unwiderſtehliches Bedürfniß, ſich umzukleiden; da ſie es ſich nicht ausreden ließ, ſo geſchah es, aber mit größter Vorſicht. Sie ſelbſt war dabei lebhaft thä - tig, und bezeigte eine außerordentliche Befriedigung, dies er - langt und vollbracht zu haben. Sie fühlte ſich höchſt erquickt, und hoffte nun auch eine Lage zu finden, in der ſie etwas ſchlummern könnte. Sie ſagte mir deßhalb gute Nacht, und hieß mich gleichfalls ſchlafen gehen. Auch Dore ſollte ſich niederlegen und ſchlafen, die aber nicht geneigt war noch Zeit hatte, dieſer Weiſung zu folgen.
Es mochte nach Mitternacht ſein, und ich lag noch wach, als Dore mich rief, ich möchte kommen, es ſei ſehr ſchlimm. Seit dem Augenblicke, daß ich weggegangen war, hatte Rahel, anſtatt die gehoffte Ruhe zu finden, mit ſtets anwachſenden Beſchwerden zu ringen gehabt, die jetzt in völligen Bruſt - krampf übergegangen waren. Ich fand ſie in einem Zuſtande, der wenig geringer ſchien, als der vor ſechs Tagen. Die für ſolchen Fall, den man zwar nicht wahrſcheinlich, aber doch möglich erachtet hatte, dagelaſſenen Mittel wurden eifrig an - gewandt, allein diesmal mit minderem Erfolg. Der ſchreck - liche Kampf dauerte fort, und die theure Leidende, in Dore’s Armen ſich windend, rief mehrmals, der Andrang gegen die Bruſt ſei nicht auszuhalten, es ſtoße ihr das Herz ab; fürch -48 terlich rang dabei das Athemholen. Nachdem ſie geklagt, duß es ihr auch den Kopf angreife, daß ſie darin wie eine Wolke fühle, lehnte ſie ſich zurück; eine Täuſchung, daß Lin - derung eintrete, blitzte nur auf, um für immer zu erlöſchen, die Augen waren gebrochen, der Mund verzogen, die Glieder gelähmt! In dieſem Zuſtande fanden ſie die herbeigerufenen Ärzte; ſie verſuchten ihr noch einige Mittel einzuflößen, allein der Nervenſchlag, der ſie getroffen hatte, machte jede Hülfe vergeblich. Nach anderthalb Stunden bewußtloſen Daliegens, während deſſen nur noch die Bruſt ſich in gewaltſamen Zügen regte, hauchte dies edle Leben den letzten Athem aus. Der Anblick, den ich kniend an ihrem Bette faſt leblos aufnahm, drückte ſich glühend für ewig in mein Herz!
Wir ſtarrten betäubt die entſetzliche Gewißheit an. Das oft genug Befürchtete hatte uns dennoch grauſam überraſcht; nicht in dieſer Woche, nicht an dieſem Tage, ſelbſt in der letzten Stunde noch nicht, hatten wir dieſe Wendung erwarten dürfen, denn bevor der Nervenſchlag hinzutrat, war kein Zei - chen ſchlimmer und bedenklicher, als bei den vor ſechs Tagen erlittenen Zufällen, die denn doch, wenn auch nach hartem Kampfe, wieder nachgelaſſen hatten. So entſchwand uns die Theure ohne Wort und Blick des Abſchieds, aber auch, wir dürfen es hoffen, ohne Gefühl des letzten Kampfes und ohne Bewußtſein des Scheidens!
Eine ſeltne Theilnahme in allen Klaſſen wurde durch die Nachricht dieſes Trauerfalles erregt, in den höchſten wie in den unterſten Kreiſen zeigte ſich tiefes, herzliches Bedauernund49und würdigende Anerkennung. Die edlen Eigenſchaften der unverſiegbaren Güte, des einſichtigen Wohlthuns und eines allgemein erfreuenden Benehmens, wurden auch von den Leu - ten des niedrigſten Standes herzlich geprieſen, denen die reichen Gaben des Geiſtes als ſolche nicht erkennbar ſein konnten. Der weite Kreis der Freunde, der älteſten wie der jüngſten, Alle ſtimmten beeifert in dem klagevollen Bekennt - niß überein, daß ihnen ein reichſtes und bedeutendſtes Le - bensbild, ein höchſtes Ziel, zu welchem ſich Gedanken und Erinnerungen immer neu vertrauend hingezogen fanden, da - hingeſunken ſei.
Die Beſtattung erfolgte am 14. März in einem Grab - gewölbe auf dem Kirchhofe vor dem halliſchen Thore, wo der Prediger Dr. Marheineke das Andenken der Entſchlafenen durch eine würdige und inhaltvolle Rede feierte, und damit die erhabenen Tröſtungen des geiſtlichen Wortes vereinigte.
Eine Frau, die nicht durch Stand und Namen, noch durch Schönheit und glänzende Verhältniſſe, die Blicke der Welt hat auf ſich ziehen, noch durch ſchriftſtelleriſche oder künſtle - riſche Verdienſte berühmt werden können, ſondern einzig durch das unbefangene gleichmäßige Walten einer in ſich ſtets wah - ren, und dabei gütigen und erweckenden Perſönlichkeit, durch ihr einfaches tägliches Leben, auf die umgebende Welt gewirkt, und dabei gleichwohl den Beſten ihrer Zeit gleichgeſtanden, überall ſo tiefen und eigenthümlichen Eindruck gemacht, und eine ſo beharrliche Aufmerkſamkeit und zuneigungsvolle Ach - tung, ja eine ſo allgemeine Wohlgeſinnung erworben, eineI. 450ſolche Frau wird zu allen Zeiten als eine ſeltne und werthe Erſcheinung gelten dürfen.
Mögen die nachfolgenden Blätter durch ihre treuen Züge den Freunden das ganze Lebensbild glücklich erneuen helfen!
Berlin, im April 1833.K. A. Varnhagen von Enſe.
Lieber Markus. Meiner Rechnung nach biſt du mir eine Antwort ſchuldig; ich hätte dir auch nicht geſchrieben, wenn ich dich nicht um etwas bitten, fragen und beſchwören wollte. Donnerstag ſind Papa und Mama hier angekommen. (Bei dieſem Wort bekomme ich deinen Brief. — Ich bitte dich noch Einmal, bedenk’ uns und die Folgen; ſei nur aufmerk - ſamer! —) Ich gab Mama gleich einen Brief, den die Dienstags-Breslauer-Poſt mitgebracht hat, verſteht ſich heim - lich; der Inhalt dieſes Briefs iſt: etwas von unſren Geſchich - ten: und dann eine Klage über dich (genau was es iſt, hat er nicht geſchrieben) und die Bitte, dich zu ermahnen; ſonſt müßt’ er es Papaen melden. Du kannſt dir denken, was das auf unſre gedrückte Mutter für Eindruck machen muß. Be - queme dich, ich bitte dich um Gottes willen, nur noch eine kurze Zeit: ſoll ich dir ſchreiben, daß ſich Alle bequemen müſ - ſen, und alle die Moral und vernünftige Sachen, die du mir unzähligemal ſelbſt geſagt haſt? und die du wirklich fühlſt, denn ich kenne dich, obgleich du der ganzen Welt dunkel biſt. Verſtand haſt du; und ein gutes Herz auch; an was kann4 *52es dir fehlen. Unſer Zuſtand muß dir nur nicht lebhaft genug mehr ſein; denk dir, wenn Klage an Papa kommt, ob nicht alles Leiden auf Mama zurückkommt: „ Nun hat er uns alles verſchüttet, ich habe es wohl vorher geſagt, zu allem laſſ’ ich mich überreden, du biſt an allem ſchuld; “ſiehſt du, auf Mama kommt alle Schuld; und noch unzählige Sachen, die du dir nicht denken kannſt — die du dir denken mußt. Bedenk’ nur uns, was wir leiden müſſen: du kannſt es nicht faſſen, denn ich kann es nachher immer nicht nach der Reihe denken; und du willſt dich nicht ein bischen ſchicken. Du wirſt auch ſagen, Mama hat mich hergeſprengt (denn ich kenne deine raſche Art zu denken); wie war es zuletzt bei uns? Du weißt es ſelbſt. Ihre Herzensmeinung war gewiß dabei gut; und hat ſie doch gefehlt,? ſo mußt du es, mußt du es gut machen, durch eine kurze Geduld wieder gut machen. Unſre Mutter iſt ſchwach, ſie hat viel gelitten, muß noch viel leiden, ſtürbe ſie uns, ſo wäre dem Verſtand nach gewiß der Tod auch für uns das Beſte, ich wenigſtens würde ihn wäh - len. — Laß dich nicht von meinem Brief ängſtigen, du weißt ich bin etwas ängſtlich. Ich beſchwöre dich, brauch nur deine Vernunft. Fehlet es dir an etwas, mach mich zu deiner Ver - trauten, Geld oder alles andre in der Art ſollſt du haben. Wir können überhaupt glücklich leben, wenn wir hinkommen, und du uns auch Freude machſt. Du haſt ein gutes Herz — du haſt das meinige ganz geſehen; und kannſt auch glau - ben, daß ich dich liebe.
Grüß die Gad, Betty und Zadig; mit der Gad haſt du Recht, ich werde ihr ſchreiben: mach die Gad und Betty be -53 kannt, ſie verdienen es beide (die Gad in Ehren), ich kenne ſo ein gewiſſes kleines Vorurtheil —. Grüß die Gad nochmahl.
Anmerk. Der frühſte von Rahels Briefen unter den bewahrt ge - bliebenen. Als Sechszehnjährige drückt ſie darin ſchon den Karakter, die Stellung und Stimmung, ſo wie die Wirkungsweiſe ihres ganzen Le - bens aus.
So eben hab’ ich Ihren Brief ausgeleſen.
Wüßt’ ich nur wieder auch Ihnen was recht Angeneh - mes zu ſchreiben, was Sie auch ſo intereſſirt! Sie glauben gar nicht, wie gern ich mich bedanken möchte! Das Einzige, was ich thun kann, iſt Ihnen gleich zu antworten, damit Sie ſo den ganzen völligen Eindruck ſehen; und das thu’ ich auch, während daß meine Schwägerin ſich friſiren läßt, denn, iſt die fertig, ſo muß ich daran. Wir fahren zu Bouché, die Hyazinthen ſollen ſchon im Freien blühen. Wiſſen Sie nur, ich weiß recht, was Sie an mir gethan haben, erſtlich das ſchreckliche Anſehen und Beſehen (wovon Sie aber, glau - ben Sie mir, auch Ihren Nutzen haben werden) und das Be - ſchreiben ohne alle Beſchreibung; ich weiß es, glauben Sie mir ich weiß es, wie es unterwegs iſt, jede Minute iſt ver - rückt, alles macht Mühe, die Zeit hätten Sie prächtig anwen - den können, es wird ſo ſchwer, Details zu beſchreiben, wenn man ſie auch noch ſo gut geſehen hat, im Gegentheil, darum nur um ſo viel ſchwerer. Alſo den ganzen Brief, und alles was drin ſteht, haben Sie mir zu Gefallen gethan, gemacht54 und gedacht: bloß mir ein Vergnügen, eine Satisfaktion zu geben. Mehr kann ich nicht thun; ich thu’ Ihnen wieder einmal ſo was. Denn ich weiß gewiß einmal etwas, das Sie gern wiſſen wollen, und kann es gut beſchreiben, und will es thun, ich opfere Ihnen gern die Zeit. Glauben thu’ ich Ihnen alles, auf ein Haar. —
Sie wiſſen doch ſonſt immer gern ſo genau was ich denke; und das iſt auch ein Vergnügen zu wiſſen, wenn man Leute fände, die einem das ſagten, dann könnte man klug werden. Ich will Ihnen aber diesmal über Ihren Brief alles ſo ſagen, Sie ſollen Ihre Freude dran haben. Ich fange mit einer gräßlichen Thorheit an, zeig’ Ihnen alſo mein Innerſtes; ich habe nicht geglaubt, daß Goethe ſo ſubaltern antik (Sie ſe - hen, ich weiß kein Wort) angezogen geht, denn ein Menſch, der alles weiß, weiß auch dies, und warum ſollt’ er ſich nicht ein bischen apprivoiſirter kleiden, noch dazu da er am Hofe lebt und in den neueſten Geſellſchaften iſt, das käme ganz natürlicherweiſe von ſelbſt, ſo wie ich jetzt glauben muß, er geht mit Bedacht anders, und das begreif’ ich nicht. Nun iſt es aber wohl noch ganz anders, er mag aus Bequemlich - keit ſo gehen, mag lange nicht nach ſo etwas geſehen haben, mag ſo etwas ſeinen Leuten überlaſſen; und dann, er weiß nur alles, und er mag ſo ſein. Was Sie mir übrigens ſchrei - ben, iſt mir gar nicht aufgefallen, die Leute machen einen immer irr, und wenn die einen nicht zurechtweiſen wollten, wäre man ſchon längſt klug. Natürlich hat man ſich ihn ungefähr ſo denken müſſen, und warum ſollt’ er anders ſein,55 wer hat ein größeres Privilegium zum Mies-ſein, als er? Aber da kommen die gleich mit ihren Querſachen von Stolz und anderem Dummen, kurz ſo dumm, als ſie ſelbſt ſind. Das linke Hand antrauen verſteh’ ich auch nicht; vielleicht hat die Perſon gewollt, und überhaupt verſteh’ ich den Werth und die Wirkung dieſer Ceremonie nicht. Ignorance, mais tout de bon. Ich glaube Ihnen in allem ganz, und glau - ben Sie mir, ich habe Ihnen die Mühe der ringsum abge - hauenen Vorurtheile aller Art wohl angeleſen; Sie haben ſo einfach nur erzählt, was da war, wie in Goethe’s Karne - val. Das iſt eine erſchreckliche Mühe, ich weiß es, weil man da nur thut, was man ſchon gethan hat, was das einzige iſt, was man thun muß, ſehen, und ehe man vorurtheilt und ſich etwa verurtheilt; das muß ein jeder thun, und dies noch einmal zu thun iſt ſehr langweilend. Sie haben mir die prächtigſte Satisfaktion ſeit langer Zeit gegeben (nun frag’ ich gar keinen mehr darüber aus), und fragen noch lange, ob Sie ſo fortfahren ſollen: Herr Gott! das wäre zu viel, ſo exakt brauchen Sie nicht zu ſein, ich will ſchon ver - ſtehen, aber hören Sie ja nicht auf, alles zu beſehen, und unmenſchlich zu fragen, das iſt das Wahre.
Wie können Sie aber nur ſo grauſam ſein, und mich ermahnen, ich ſolle oder müſſe das alles ſehen! Wiſſen Sie denn nicht, daß ich vergehe, ganz vergehe, wie etwas, das aufhört: iſt es einem ordentlichen Menſchen möglich, Berlins Pflaſter ſich für die Welt ausgeben zu laſſen (dies abſcheu - liche, windige Klima nur! ſeit vorgeſtern hat’s zum erſten - male geregnet, und heut’ iſt gut Wetter) und kann ein Frauen -56 zimmer dafür, wenn es auch ein Menſch iſt? Wenn meine Mutter gutmüthig und hart genug geweſen wäre, und ſie hätte nur ahnden können, wie ich werden würde, ſo hätte ſie mich bei meinem erſten Schrei in hieſigem Staub erſticken ſollen. Ein ohnmächtiges Weſen, dem es für nichts gerechnet wird, nun ſo zu Hauſe zu ſitzen, und das Himmel und Erde, Menſchen und Vieh wider ſich hätte, wenn es weg wollte, (und das Gedanken hat, wie ein anderer Menſch) und richtig zu Hauſe bleiben muß, das, wenn’s mouvements macht, die merklich ſind, Vorwürfe aller Art verſchlucken muß, die man ihm mit raison macht; weil es wirklich nicht raison iſt zu ſchütteln, denn fallen die Gläſer, die Spinnrocken, die Flore, die Nähzeuge weg, ſo haut alles ein. (Jettchen war eben hier, die und die Veit ſind auch enchantirt von Ihnen — mais vraiment enchantées, — ſie goutiren ganz die Sim - plizität, die Mühe und Aufmerkſamkeit, und daß keine Frage übrig bleibt). Hören Sie aber nur um Gottes willen nicht auf, mir beſonders von der Schönheit der Örter zu ſchreiben, und bleiben Sie (überhaupt) ſich gleich, wo möglich!
Was Sie mir von Wieland mittheilen, war mir nicht weniger äußerlich angenehm, und noch mehr über meine Er - wartung hübſch, was er hübſch über ſeine jetzigen Geſchriften (nicht Schriften und nicht Geſchreibe) ſagt, Bravo! und wie er angezogen geht, recht prälatenartig außer Ornat; und dann ſeine Geduld alles zu ſehen gefällt mir auch, recht Wielan - diſch; ſchön weiß er gewiß iſt ſchön, indeſſen klebt es aller Orten, nehme man’s wo es ſitzt, was man zu Hauſe hat, hat man feſt; und alt iſt er auch, was ſoll er machen, ſo ein57 ſachtes Amuſement! — Von Herder müſſen Sie der Ungenüg - ſamen doch noch etwas ſchreiben, wann Sie wollen und wie Sie wollen.
Es iſt mir als ſähe ich das doch alles noch einmal, es wird mir nie einkommen, daß ich ein Schlemihl und eine Jüdin bin, da es mir nach den langen Jahren und dem vielen Den - ken darüber nicht bekannt wird, ſo werd’ ich’s auch nie recht wiſſen. Darum „ naſcht auch der Klang der Mordaxt nicht an meiner Wurzel “, darum leb’ ich noch. Das hab’ ich Ihnen doch noch alles nicht geſagt, darum ſchreib’ ich’s Ih - nen, daß Sie Vergnügen daran haben ſollen. Lieber Veit, ſchicken Sie mir doch Ihre Adreſſe, ich möcht’ Ihnen gern auf meine eigene Hand ſchreiben, das Einlegen iſt mir fatal. Er - breche man immer unſere Briefe, die verſteht doch kein Menſch, und Intereſſe hat’s für kein Weſen (wenn Sie ſie erſt gele - ſen haben).
Was ſoll ich Ihnen von uns, von hier ſchreiben. Wir ſprechen nicht einmal davon. Glauben Sie nicht, daß das Verachtung ſein ſoll; was nur halbwege iſt und vorgeht, ſollen Sie wiſſen. Jetzt iſt aber wirklich gar nichts, nichts in der Stadt, und nichts bei uns. Meine Familie grüßt Sie und Mad. Liman auch, die haben mit goutirt. Herrn Simon Veit dank ich’ für ſeine Theilnahme. Ein andermal reiſ’ ich mit Ihnen, Herr Veit, und mach’ mir aus der ganzen Welt nichts, aber im Ernſt. Vorgeſtern war Jonas den ganzen Tag bei mir, ich hab’ ihn mit zu Hauſe genommen; ich bin oft bei Mad. Veit, ſie und ich nehmen den größten Antheil an Ihrem Vergnügen. Haben Sie’s doch, wenn wir’s nicht58 haben können. Mad. Veit geht faſt gar nicht aus und ſtillt beſtändig, befindet ſich aber à merveille! Jonas war wirklich charmant, und iſt es immer, wenn ſie ihn nicht verderben. Adieu, Herr Veit.
Leben Sie wohl, lieber Veit, und haben Sie recht Ver - gnügen, denn Sie haben’s für mich mit, weil ich welches da - von habe. Wann kommen Sie wieder — wie iſt das, ſo etwas will ich wiſſen. — — Vielen Dank. —
Apropos, lieber Veit, ich habe mir für vier Groſchen ein halb Buch fein Papier gekauft, und ſchneide mir mit Ihrem Federmeſſer die Feder ſelbſt. Imaginez.
Heute, Herr von Brinckmann, hab’ ich Ihren Brief mit den Verſen erhalten, ihn geleſen, auf den Brunnen gegangen, der Fr. geleſen, zu Haus gegangen, und nun die Verſe gele - ſen, mit denen ich dieſen Augenblick fertig bin; ich hab’ ver - geſſen, welche Sie für die beſten halten, und Ihren Brief hab’ ich nicht. (Ich verſprech’ Ihnen, es ſoll ſie keiner als höchſtens die Fr. leſen.) Ich denke alſo in meinem Sinn, die an den Grafen Hatzfeldt und die von der Roſe ſind die be - ſten; doch kann ich mich ſehr irren, Sie wiſſen, Geſchriebnes leſ’ ich das erſtemal ſehr flüchtig. Der Brief aber, den Sie in meinem Sinn und Namen gedichtet haben, iſt meiſterhaft — und ſo würd’ ich die Dinge gewiß ausdrücken, wenn ich im Stande wär, manche zu denken, die Sie, ich weiß es wohl,59 nicht ohne Bedacht geſchrieben haben; ſoll ich ſagen par déli - catesse? — Welt — finesse — oder ſo etwas — oder — weil Sie doch nicht ganz aus ſich herausgehen wollten — denn mich hätten Sie gewiß noch beſſer attrappiren können, ich will nicht „ erreichen “ſchreiben. Sie haben aber Recht, wo ſollt’ ich die Art des Danks her kriegen, für dieſen gro - ßen Brief und für dieſe vielen Verſe; und Sie wollten mir’s dadurch erleichtren, daß ich auch eine faſt angemeßne Klage gegen Sie führen kann, darum beſchenken Sie mich, und be - ſchuldigen mich in ein - und demſelben Athem, daß ich dieſes Geſchenk nicht werth wäre, denn hieße das eigentlich nicht, nicht werth ſein, wenn ich’s nicht verſtünde, wider Willen Ihre Briefe geleſen hätte, und mich nicht ſo damit freute, als man ſoll, und ich wohl kann? Wir ſind alſo quitt; Sie haben mich außerordentlich beſchenkt, und ich weiß es und bedanke mich ſo ſehr als ich kann; mehr kann ich nicht thun, um mich meiner Dankbarkeit zu entledigen, ich müßte Ihnen denn das Geſchenk und den guten Willen zurückgeben können. So lang ich nur das Gedächtniß behalte, wird es ein regret für mich bleiben, daß Sie nicht hier ſind, denn mir vor ſichtlichen Au - gen etwas Gutes entziehen laſſen, iſt bei mir unverſchmerzlich, ja ich ſeh’s was Sie hier thäten, und Sie können nicht her kommen; dieſe Umſtände können ſich nie wieder treffen, und ich weiß deutlich, was es geweſen wäre, was ich mir nicht denken kann, und was ich verloren habe. Ihnen die ganze Urſache detaillant zu ſchreiben, wäre zu weitläufig, und (was halt’ ich nicht für riskant) in einem Brief vielleicht zu riskant. Ich muß mich alſo drüber wegſetzen.
Ich komme wieder vom Brunnen, und kann Ihnen in dieſem Brief nicht mehr viel ſchreiben, denn ich höre, die Poſt geht heut ab; und heut ſind meine Menſchen gekom - men, mit denen ich ſehr beſchäftigt bin, doch muß ich Ihnen noch ſagen, was ich ſeit geſtern ſchon weiß, daß ich mich näm - lich nicht geirrt habe, denn der Herr hat geſtern bei Tiſch, wo ich nicht war, deutlich erzählt, er könne mich nicht leiden. (Sie kennen mein Schickſal, was ich alles erfahre; alſo hab’ ich auch das erfahren, und dem Erzähler verſprochen, daß es ein Geheimniß bleiben ſoll; Sie wiſſen alſo, was Sie zu thun haben. ) — Ein andermal, mein lieber Herr von Brinckmann, ſchreib’ ich Ihnen was Beſſres — als eine leidige Geſchichte; doch kann Ihnen mein Brief nicht gleichgültig ſein, Sie wer - den’s ihm ſchon anſehen, wie er gemeint iſt, und die offenher - zige Zutraulichkeit iſt auch was werth. Leben Sie wohl. Daß Ariſtokraten liebenswürdig ſind, daran hab’ ich nie ge - zweifelt, ſie müßten denn abſcheulich ſein. Es thut mir leid, daß ich die hübſche Frau nicht geſehen habe. Vive l’esprit! wie ſchmacht’ ich eigentlich. Wenn es möglich iſt, grüßen Sie den Herrn von Humboldt recht ſehr von mir. Natürlich hab’ ich Unglück, ſie nicht kennen zu lernen. Adieu, ich muß diniren.
Alles grüßt Sie. R. L.
Sie wiſſen mich und Ihre Handſchrift nie zu beurtheilen; hätt’ ich noch ein Wort nicht leſen können! ſelbſt die mytho -61 logiſchen Wörter waren mir deutlich; ſo wiſſen Sie auch nie, wann ich zu Hauſe bin, kommen hundertmal, wenn ich aus bin, und nicht Einmal, bin ich zu Hauſe, das gilt von geſtern; wenn Sie nicht engagirt waren, da ſaß ich zu Haus, und hoffte ordentlich Sie zu ſehen. Sie können einen mit den abſcheulichſten Wörtern ausſöhnen, mit Und, was verbindet dieſes Wort nicht manchmal! nur zu nehmen: Mad. die und die und ihr Mann, und tauſend Etcetera. Und glauben Sie denn, daß ich ganz dumm bin, mir dabei zu ſchreiben, die Beiden in den Gedichten wären nicht Eine Perſon, ich wäre alſo dumm genug zu glauben, es könne eine und die - ſelbe ſein — ſo ſchöne Gedichte und ſo ſchlechte Vermuthun - gen, ſo beleidigt — und ſich noch bedanken zu müſſen — wie ich muß.
Ich hab’ es wohl gedacht, daß Sie krank ſind, und war auch mehr als Einmal im Begriff, Sie zu fragen, dann kam’s mir wieder ſo anmaßend vor, Sie zu fragen, ich glaubte es mal wieder nicht, und wurde auch gar verhindert. Sie ſind in einem abſcheulichen Zuſtand! nicht eſſen, leſen, ſchla - fen können, und mir hilft all Ihre gute Laune und Witz nicht, ich weiß, daß Sie doch ausſtehen. Müſſen denn ſolche Menſchen auch Zahnweh haben? ich denke, die wiſſen doch genug von ihrer Exiſtenz. Ich weiß, das Ärgerniß wird Ih - nen von dem, was ich Ihnen ſage, nicht bleiben; Sie werden62 lieber ſo recht völlig an die Schönheit denken bleiben. Ihr Billet bekam ich heute Morgen, wie die Baranius bei mei - ner Schwägerin war, aber Sie kamen nicht, und hätten tau - ſendmal mehr Vergnügen gehabt, als das Billet. Nein, wie ſie ſchön war! noch hab’ ich Kopfſchmerzen davon, ſo paradox das klingt; es war das kleine Zimmer, und unſer ganzes Haus und Mad. Liman und Scholz und ich und meine Mutter drängten ſich ihr nah, ich am nächſten, und achtete Hitze und gelinde Kopfſchmerzen nicht, aber das Plaiſir zu ſehr, und das vermehrte ſie bis halb zwei Uhr, daß ſie ging. Und da reden die dummen Menſchen noch lange ſchlecht davon, als wenn dies Drängen nicht eben ſo natürlich, als das Luftſchöpfen wäre, und anders thut ſie doch nichts, als ſie läßt ſich drängen. Sie verſtehen’s nur gar nicht, Ehre verdient ſo etwas, opfern müßten ſie; und bei dem Reden drängen ſie, und bei dem Drängen reden ſie. Die Schiefge - zauberten, uns zur Laſt Verkehrten! Mich ſollen ſie nicht wegkriegen. Sie war ſo ſchön! und erzählte ſo was Schönes, wozu man nicht dumm ſein kann, und wohl Gefühl haben muß; und die hübſche Art! Wenn ich Sie ſehe, will ich’s Ihnen wieder erzählen. Meine Mutter ſagte ihr, daß ſie ſchön ſei, ſie bat ſie nämlich mit Tournüre, einen großen Hut - ſtrich raufzuſchlagen! und andren Menſchen verdenkt man das. Wenn ich nur ein Haus allein ausmachte, es ſollte gewiß ein neck’ſches ſein, nichts als Schönes ſollte man drin ſehen; und fragen Sie noch, ob Sie eine geſchmackvolle Ge - ſellſchaft drin fänden! Schonen Sie ſich nur, und kommen Sie derweile in mein paſſables, wo manchmal was drin63 vorfällt, und wo ein tüchtiger guter Wille wohnt, und Ihnen nicht unſichtbar iſt. Wenn ich ein Mann wäre, würd’ ich Sie beſuchen; rühmen Sie die Einrichtungen, wenn ſie kön - nen, ich kann nicht. Damit ein ſchlechtes Mädchen nicht dumm handeln kann, ſoll ein gutes eingeſchränkt ſein? Gut ausgedacht! Adieu, damit wir ohne bittre Galle ſcheiden, den - ken wir an die ſchöne Baranius.
Adieu. R. L.
— Aber darin haben Sie groß Recht, man kann nicht mit wenig genug Menſchen über Dinge ſprechen, und über nicht wenig genug Dinge mit dieſen. Freilich werden wir uns verändern, ich gewiß; und wenn nichts geſchieht, ſo werde ich dreiſter, ſicherer, feſter, und, ſo Gott will, wohl durchgreifen - der, und will Minerva, härter gegen meine eigene Weichlich - keit, und immer gefaßt ohne Störung auf allgemeine Ge - meinheit und Schlechtigkeit, ſtark genug, einen Guten oder etwas Gutes einmal unter dem verbreiteten Gewimmel von Schlechten leiden zu laſſen! Amen! wie Timon im Shakes - peare! — Nichts bleibt. Und iſt man nicht veränderlich, ſo muß man ſich ſo machen. Ich war die ganze Zeit her neu - gierig, wann ich wohl und wie ich wieder das erſte Ver - gnügen haben würde; geſtern hatt’ ich’s; O! Schade; daß ich’s Ihnen nicht vorſtellen kann! ich weiß es, und ich laſſ’ es doch nicht! Ich habe die Marchetti geſtern kennen lernen;64 ſie hat mir vorgeſungen; ſie iſt eine einzig liebenswürdige Frau; jede Bewegung iſt ein Reiz, ein Zauber, ein Wahn - witz zum Lachen und zum Weinen. Zum Glück ſeh’ ich nun ihre Blicke immerfort, und geſtern hatt’ ich immer die Angſt, ich würde ſie nicht behalten. Der Geſang; dieſes Girren, der Ausdruck; es giebt nur Einen Ausdruck! Dieſe Güte und Lieblichkeit, o wahrer Zauber! anerkannter, wirklicher; das heißt Paſſion, das heißen Geſchenke von den Göttern; das heißt Muſik; das heißt Schönheit. Empfinden Sie’s, ſo iſt es gut für Sie, ſo können Sie es auch einmal genießen, wenn Sie ihm begegnen. Geſchrieben habe ich nur für mich!
— Nun will ich Ihnen genau ſagen, was ich von mei - nem unrichtigen Schreiben weiß, ohne mich im geringſten ent - ſchuldigen zu wollen; weil ich mich durch ihre Frage gar nicht angeklagt fühle. Ich mag mir wirklich noch ſo viel vornehmen, auf die Orthographie, während ich leſe, Acht zu geben, ſo geſchieht’s faſt niemals; und bringe ich es einmal gleich anfangs beim Leſen dahin, ſo leſe ich gar nicht, ſon - dern ſehe nun nur wieder, wie die Wörter geſchrieben ſind; deſſen werde ich gar bald überdrüſſig, und leſe wieder; das iſt nun entſetzlich traurig für mich, und jeder Geringſte kann daher mehr lernen als ich, und es wäre entſetzlich, wenn mir nicht der Ausweg zum Troſt übrig gelaſſen wäre, daß ich der ſchlechten Seite meines Kopfes gar nicht Schuld geben kann,und65und daß es grade die gute iſt, die mir dieſen Streich ſpielt. Es iſt wahr, daß ich immer an das Weſentliche denke, wovon ich leſe, und daß ich alle Mittel dazu nur ſo ſchnell als mög - lich brauche, und ſie dann vergeſſe; ich ordne mir alles, was ich höre und leſe, zu einem Ganzen, und werd’ ich in dieſem Geſchäft auch oft an Dinge erinnert, die hier nicht eigentlich hingehören, ſo lege ich auch die geſchwind an ihren Ort, und packe weiter, aber ohne jemals an die Mittel zu denken, die ich nun einmal habe und auswendig weiß. Daher lerne ich nichts, und daher kann ich auch ſehr ſchwer jemand etwas lehren; Alle, die mir Unterricht geben, fangen an, mir etwas herzupredigen, das immer aus einem Geſichtspunkt genommen iſt, woraus ich dieſe Sache nicht nehme; nun ſprechen ſie Stunden lang ohne allen Zuſammenhang für mich, ich höre aber doch mit der größten Anſtrengung zu, denn unter allen dieſen Dingen ſagen ſie doch etwas, das ich ſchon längſt ein - mal gern habe wiſſen wollen, und was ich in meinem Kram brauchen kann; ſo iſt mir’s noch mit allen Meiſtern gegan - gen, und ſo verſtehe ich erſt jetzt, was ſie mir ſonſt geſagt, und ich noch behalten habe; wie ich nie Antworten in der Art verſtehe, wozu ich die Fragen nicht gemacht habe, und ſo ein Meiſter ſagt einem Antworten dutzendweiſe hinter ein - ander her, und die ſoll man behalten! Ich glaube aber nicht wie Sie, daß ich, wenn ich franzöſiſch ſchriebe, weniger Fehler machte. — Es iſt mir recht innerlich lieb, daß Sie jetzt fleißig ſind; Kenntniſſe ſind die einzige Macht, die man ſich ver - ſchaffen kann, wenn man ſie nicht hat, Macht iſt Kraft, und Kraft iſt alles; findet man denn einmal am Ende, daßI. 566alle unſere Spekulationen ein in nichts zerfließendes Blend - werk waren, ſo bleiben uns dann die wirklichen, brauchbaren Kenntniſſe, die uns Andern vor - oder nachſtehen machen, und die ſchon an und für ſich genug gewähren, um auch noch unſer Vergnügen daraus zu machen. — Ich bin der erſte Ignorant der Welt! der dabei ſo viel auf Kenntniß hält, und nicht aus erſchrockener Unwiſſenheit, wie die andern, nein, ich weiß was es auf ſich hat. Nun kann mir nichts in der Welt mehr helfen, und ich muß mich ſo aufbrauchen, kann auch an wenig andern Menſchen Troſt finden, und wenn ſie auch von Kenntniſſen ſtrotzten, denn was ſind ſie dabei dumm, weitläufig und pedantiſch! Glauben Sie aber ja nicht, daß ich die einzige Zierde meiner Unwiſſenheit, die Sorgloſigkeit darüber, dieſe einzige Liebenswürdigkeit, verloren habe. — Apropos! wenn ich franzöſiſch ſchreibe, fällt mir ſchlechterdings kein deutſches Wort ein.
Man kann auch eſſen ohne Zähne, ſtarke Bouillons, Weinſuppen, Kompots u. ſ. w. Wenn Sie nur ganz dieſel - ben Tropfen haben, als der Eigenſatz ihre ſind, ich bilde mir ein, ſie müſſen Ihnen helfen. Halten Sie ſich nur wirklich, beim Schreiben muß man ſich ſo bücken, und das macht ärgere Zahnſchmerzen, ich kenne das alles ſehr gut. Ich weiß gar nicht, wie Sie das meinen, wenn Sie ſich für den Antheil bedanken, den ich an Ihnen nehme, ſoll man an Schmer -67 zen keinen Antheil nehmen, wo man wie von ſeiner Exiſtenz überzeugt iſt, daß man nicht helfen kann, und alſo auch gar keinen Troſt finden kann, da bleibt einem doch nichts, als Antheil, den man ſich nicht erwehren kann, und der alſo nichts verdient. Was ſagen Sie zu meiner moraliſch-philoſophiſch - ennuyanten Abhandlung? Sie iſt mir wirklich mir ſelbſt ſo rausgeplatzt, und ſoll gar für Sie nicht ſein, ſchenken Sie ſie mir. Sie haben wohl gar keine Geſellſchaft? — und die wäre Ihnen grad ſehr gut, dabei könnten Sie gradeſitzen, und brauchten ſich nicht tödtlich zu ennuyiren; beim Schrei - ben und Leſen ſitzen Sie krumm und echauffiren ſich; oder ſind Sie lieber allein, wenn Sie krank ſind? Ich bin ſo. Wenn nicht ein förmliches „ Es ſchickt ſich “in der Welt her - umliefe und den Ton angäbe, ſo wäre ich jetzt bei Ihnen und früge Sie das, und ich würde gleich ſehen, ob ich Sie ennu - yöre, und da liefe ich weg. So iſt’s — einer nach dem an - dern purzelt auf die Welt; ändert nichts drin, wenigſtens nichts, was er gern will, und geht wieder ab. Iſt die Be - merkung traurig, trivial, oder alt, — wahr iſt ſie, buchſtäb - lich wahr, und ihre Ewigkeit macht ihre Wahrheit aus, drum iſt ſie traurig, alt und trivial. Adieu. Machen Sie ſich nur nicht zu ſchwach. Eſſen Sie wo möglich etwas.
— Ich darf Ihnen doch etwas erzählen? — denn mein Brief wird wieder recht lang. Dieſen Mittag bei Tiſche nahm5 *68Theodor die Kinder in großes Verhör, weil er wirklich eine große Unart gefunden hatte, nämlich unſern Namen oben in meinem Flur auf die Wand geſchmiert. Röschen ſagte frei und lachend: ich war es nicht, Ludwig eben ſo: ich auch nicht; nur Moritz läugnete, der ſagte nämlich, ich habe ja gar kein Bleiſtift, und dabei blieb er, das antwortete er wohl ſechszehn - bis ſiebenzehnmal, auf alle Fragen, die nun in die Kreuz und Quer, wie ein wirkliches Verhör, und mit Ver - ſtand ihn ängſtigend, von allen Seiten hin und her gethan wurden; ſeine Farbe zeugte wider ihn, aber ſelbſt das Roth - werden unterdrückte er und blieb recht hübſch dabei: „ ich habe ja kein Bleiſtift. “ Er hatte es nun endlich ſo gut wie ge - ſtanden, und obgleich ein Flor von Spaß über der ganzen Geſchichte war, ſo wollten ſie ihn doch zum völligſten Ge - ſtändniß ängſtigen, ſo ſagt’ ich: „ Nun, geſtehen kann er’s doch nun nicht, genug, daß er’s geläugnet hat, “das gefiel mir ſehr. Kaum hatt’ ich die Worte gehört, ſo mußt’ ich ſelbſt entſetzlich lachen. Sagen Sie mir, wie kann ich ſelbſt lachen, ich dachte ſie doch erſt, ehe ich ſie ſagte? Nun ja, der Klang! Es gingen noch ſehr hübſche Dinge bei der Geſchichte vor; zuletzt, wie er’s denn nun wirklich geſtanden hatte, ſo ſagte Mama: „ Man läugnet nicht, man ſagt lieber, ich war’s, und ich habe nicht gewußt, daß es unrecht iſt, nun werd’ ich’s nicht mehr thun; “darauf ſagte er ganz bieder: „ Ich habe erſt ſehen wollen, ob’s ſo geht. “ Überhaupt hat er recht hübſch geläugnet, Sie hätten’s ſehen ſollen. Ich habe dabei viel gedacht, auch mäßigte ich das Verhör ſo viel als möglich, und bei meiner ganzen Mühe, ein dickes Gewand69 drüber zu halten, brachten ſie es doch dahin, mir es zu Flor zu zerreiben; denn dieſes Läugnen gefiel mir nicht, denn der Junge (wie ein Kind) war ſeiner Sache nicht gewiß, und das große Crime, das man ihm immer entgegenwälzte, erſchreckte ihn alle Augenblicke von neuem, ſo gut er ſich auch faßte, und dieſer Schreck und dieſe Verlegenheit haben immer eine ſehr ſchlechte Wirkung im Karakter, und darum war’s mir auch ſo höchſt peinlich mitanzuſehn, ich gab mir alle Mühe, dieſes unbedachtſame Verhör, ſoviel als möglich war, in ein Exercice des Ausredens zu verwandeln, mit öffentlicher Bewilligung: um ſo mehr wurd’ ich faſt mißverſtanden, aber es ging noch toll genug, Theodor ahndete ſo ziemlich. Warum verbietet man den Kindern ſo ausdrücklich Läugnen und Ausreden? die man (zwar leider! — aber doch) braucht! man erzieht ſie ja für den Tummel der Welt, und nicht für einen poſiti - ven Himmel, der ein rothes Herz und ungeflecktes Gewiſſen genau belohnt? Warum lehrt man ſie nicht Lügen, Läugnen und Ausreden ſagen, als ein nothwendiges Übel, und zeigt es ihnen dabei wie andere ſchwere Arbeit, die man ſchon von ſelbſt wegläßt, wenn man’s nicht nöthig hat, und ſich zarte Hände ſchont; ſo würde man denn ſein Gewiſſen ſchon pfle - gen. Fürchterliche Moral! Bei mancher gebildeten Inquiſi - tion könnte mein Renommee wenigſtens langſam gebra - ten werden. Und das wäre nicht einmal das Schlimmſte, ſie hat auch hier das Anſchn von Thorheit und Dummheit, denn ſie ſcheint unausführbar; im genaueſten Verſtande der Worte wohl, das fühl’ ich ſo gut, als jemand, der’s hört, aber daß man ſie Kindern begreiflich machen kann, ohne ſie70 zu predigen, und ſie ihnen predigen kann, ohne ſie ihnen lieb zu machen, und grade als Predigt ſie ihnen nützlich ohne ſchön vorzuſtellen, alles durch Handlungen und Widerwillen am rechten Ort gezeigt, das glaub’ ich doch; bis Sie oder einer mir das Gegentheil beweiſen. —
— Von Homer — o weh! denn es iſt ordentlich ein Schmerz, ſo ſchön kommt mir die Odyſſee vor! — Wie die Griechen von den Menſchen ſprechen — wie ſie immer alles Letzte zuſammenfaſſen und es ganz gemein ſagen, damit es ganz groß iſt und edel klingt — ſie faſſen immer alles, ſo wie es iſt, und betrachten und erzählen’s nur; den Menſchen thun die Götter alles; das Fatum iſt über die Götter; eine Macht erlegt die andere, und ſie erzählen wie ſie’s leiden, Haben Sie bemerkt, daß Homer, ſo oft er von Waſſer re - det, immer groß iſt, wie Goethe wenn er von den Sternen redet? Dem ſeine Sternreden ſind Ihnen gewiß nicht ſo ge - genwärtig, wie mir: in Iphigenie Oreſt, in den kleinen Ge - dichten „ an Lida, “und noch unendlich oft in ſeinen beſten und geringeren Sachen. —
Dieſe Minute hab’ ich Ihren ſcharmanten Brief ausge - leſen; er iſt ſo ſcharmant, daß er die Angſt, die er mir machte,71 überwog. Sie werden ſich wohl wundern, daß ich mich äng - ſtige, und wiſſen wohl gar nicht, daß ich an Krankheit und hausbacknem Übel rechten Theil nehmen kann — beſonders hat mich diesmal Ihr Brief Zeile vor Zeile geängſtigt, weil ich weiß, daß jede Silbe, ſo wie Sie mir Ihren Zuſtand be - ſchreiben, äußerſt ſchädlich iſt; und dabei muß ich immer den - ken, Sie thun es meinetwegen, und konnt’ es gar nicht mehr ändern: Sie haben Ihren Zweck über die Maßen erreicht, und haben ſich wichtig bei mir bis zur Angſt gemacht; ich weiß, wie vieles Sie mir auch hierauf wieder ſagen können, daß Sie das durch Krankheit nicht gewollt, nicht gebraucht hätten, und tauſend ähnliche Etcetera’s. Ich hab’ aber doch Recht; denn nähmens Sie’s auch ſo, ſo hätt’ ich mich erſt gerächt, und Sie hätten nur die Strafe, die noch gar gegen das Ver - brechen, deſſen Sie ſich ſchuldig machen, nichts iſt, daß Sie ſich wirklich ſtellen, als hätten Sie verſtanden, ich will mich wichtig machen; ich hab’ Ihnen ja deutlich geſagt (aber habe zu wahr geſprochen — um geglaubt zu werden), daß ich nur darum ſagte, es ſei viel, daß ich ſchreibe, damit Sie das wenige (wie ohne dieſe Erklärung natürlich geweſen wäre) nicht für nichts halten ſollen; das war wahr; und es wär’ Ihnen beſſer zu Muthe, wenn Sie es ſimpel geglaubt hätten. Nach dieſem Zank fällt mir gleich ein, Sie recht inſtändigſt zu bitten, Ihre neuſten Platitüden nicht obwalten zu laſſen, ſondern eine ganz alte auf meine Spezialverordnung in Ge - brauch zu nehmen, nämlich ernſtlich und zärtlich für Ihre Geſundheit zu ſorgen; und eine ernſte, nie zum Spaß aufge - legte Freundin, die ich mit hier habe, und die mich nie ver -72 läßt, und oft quält, läßt Ihnen mit einem gewiſſen Blick, mit dem ſie auf des Schickſals Befehl die Göttin der Wahr - heit bei ihrer Geburt beſchenken mußte, und deſſen Sie ſich erinnern werden, ſagen. Sie möchten, wenn Sie leben oder glücklich ſein wollten, Ihrem Erbfeind, Ihrem Ehrgeiz ſich aus den Klauen winden, denn ſo wie er Sie damit ſtrei - chelt, ſo wird er Sie noch zerfleiſchen, nicht verzehren, aber verderben, ganz ſchwach, und alſo ganz elend machen; Sie ſollen ſich Ihrem Geſandten für ſo krank ausgeben, als Sie ſind; und ſich nicht ſchwacherweiſe mit der kitzlenden Idee hinhalten, daß obgleich Sie die ganze Platitüde der pedanti - ſchen Erfüllung der Pflicht bewitzlen, Sie ſie doch erfüllen, und ſich die Schreier und Vertheidiger derſelben auf die edelſte Art vom Leibe halten. Ich bin dieſe Freundin; das Ennui, nicht das Schreiben der Ehiffren, wird Ihnen noch die Auszehrung machen, wenn Sie ſich nicht gehörig krank angeben werden: mehr ſag’ ich nicht. Nun will ich Ihnen eine kleine Schadloshaltung für all dieſe Schelte (und was noch ſchlimmer iſt, für all dieſe Wahrheiten) geben. Tadel, hat wenig Macht über mich; mit Lob aber bin ich zu fangen, und es hat nicht wenig Antheil an dieſem Brief, welches Sie mir in Ihrem letzten gaben, daß Sie es ſo rühmen, und ſich ſo mit freuen, daß ich Ihnen ſchrieb (etwas hat auch Ihre Krankheit gethan). Wie gefällt Ihnen dieſe Schwäche!? Ihre Bosheit wird ein hübſches Diné davon haben. Ich ſeh’ es ſchon, Sie wollen Mariens und meine Bekanntſchaft nicht haben: denn Sie haben das einzige Mittel erwählt, um mich abzuſchrecken, und ſchildren ſie mir als verſchloſſen — Sie73 wiſſen, wie ich das haſſe: Sie wollen dieſe Bekanntſchaft nicht, ich muß es glauben, denn ſonſt hätten Sie’s mir ver - ſchweigen müſſen, wenn ſie verſchloſſen wäre. Ich werde ihr keine Avancen machen, und träf’ ich ſie in allen Bädern der Welt zugleich, und in ſonſt noch geſelligen Paradieſen: einer Verſchloſſenen muß das lieb ſein, und als Ihre Freun - din kann ich mich nicht enthalten, ihr die Cour zu machen. Leben Sie wohl, mein lieber Brinckmann. Mittwoch ſeh’ ich Sie, da will ich ſo dankbar ſein, als ich kann, um wenig - ſtens dem vielen, was Sie für mich gethan haben, mit ruhi - gem Gewiſſen in die Augen zu ſehen. Ihre göttlich geſchrie - bene Stadtgeſchichte hab’ ich goutirt, das iſt bei der der beſte Dank. Adieu. Grüßen Sie Mayers.
Vor einer Viertelſtunde war ich noch im Bette, um mich zu trocknen, da bekam ich Ihren erſten Brief, jetzt beantworte ich ihn noch während dem ſchönſten Bade-Schwindel; das zur Strafe Ihres ſtummen Charlotten - und Chiffres-Lebens: denn ſo oft Sie geſchrieben hätten, ſo oft hätt’ ich geantwor - tet. Wie denn der Menſch auf alles verfällt — und ich be - ſonders alles möglich glaube — ſo — dacht’ ich ſogar, Sie wären böſe; — ich ſchloß alſo, und ſchloß falſch: ſchon ſieben Meilen machen, daß man nicht ſehen kann, ſchließen muß, und alſo leicht und oft falſch ſchließt; und doch will man aus der Welt klug werden. Ich hoffe bald ganz dumm dar -74 aus zu werden; und dann werd’ ich wohl beſſer ſehen. Sie wollen ein Freund ſein?! zärtlich, und auf Ihrer Freunde Geſundheit bedacht, ſind Sie in keinem Fall: wie können Sie mich während einer angreifenden Kur, mit einer ſolchen Arbeit beladen — zu unterſuchen, ob Sie verliebt ſind. Ja, Sie ſind es. Da haben Sie Ihren Schreck. Denn ſo ſehr Sie die Gottloſigkeit ſtudiren, ſo ſehr erſchrecken Sie ſich doch; was man ſtudirt, iſt kein frei Geſchenk der Götter, iſt nicht mit uns geboren, das erlernen wir nie: bringen es wohl wei - ter drin, haben vor den Dummen viel voraus, aber vor uns ſelbſt nichts; laſterhaft muß man auch geboren ſein, und die Tugend muß man ſtudiren, dann iſt’s was, dann liebt man ohne Schreck, dann handelt man: und fragt Jahre nach - her, in müßigen, unbeſetzten, langweiligen Stunden ſich ſelbſt, ob man geliebt hat. Dahin bringen Sie’s nie: alſo lieben Sie; Laſter-Studenten, die lieben was ſie liebenswür - dig finden, und wär’ in ihrer Bruſt auch nur ein Fleckchen leer um ein Grübchen zu lieben, viel weniger denn, wenn ihr guter Geſchmack da oft aufräumt, und es überhaupt geräumig iſt wie in aller Bruſt, wo nur gewöhnlich zu viel umherſteht: alſo lieben Sie.
Glauben Sie nicht, daß ich das von heute her weiß, aber ich wußte nur nicht, daß Sie da noch Zweifel begegnen würden, wo ſie mir ſelbſt die freiſte reinſte Ausſicht geſtatte - ten; hier im Bade hatte ich mir die Mühe des Unterſuchens nicht gemacht, nachgeſehen habe ich noch einmal, und dieſelbe Summa Liebe herausgebracht wie in Berlin. Dumm bin ich nicht geworden; wenn ſtudirende Laien das Laſter lieben, ſo75 hat das nie was zu ſagen; und beſonders hat das auf Ihre und ihre Handlungen keinen Einfluß, und das iſt doch die Hauptſache. Beſſer oder ſchlechter iſt man doch nicht; quälen kann man ſich allenfalls ſelbſt ein bischen, und wie man das in der Liebe doch eigentlich nicht weggeben kann, ſind Sie doch fein genug zu wiſſen (um mich des Worts zärtlich nicht ohne Noth zu bedienen) alſo — ergo! ſchadet uns Studenten die Verrücktheit — der Liebe — nichts! außer was ſie uns ſo ſchadet, und das iſt wirklich Kleinigkeit gegen das Ver - gnügen, etwas ſo beſonders liebenswürdig zu finden. Sein Sie getroſt auf Mariens Hierſein; Sie vergeſſen mich immer (anſtatt ſich), werd’ ich denn die Liebenswürdige aus den andren nicht herausfinden; und glaub’ ich Ihnen denn nicht! weiß ich denn nicht, daß Sie ſich umſonſt nicht intereſſiren; und wenn ich auch für diesmal nichts ſähe, ich doch noch im - mer was vorausſetzte! Ich weiß aber recht, wie Ihnen zu Muthe iſt, und will diesmal Ihre Furcht nicht ſchelten, die Sie diesmal nicht vor mir haben, nur vor jedem andren mehr hätten, der ſchon einmal ſo viel weiß als ich. Sehen Sie, ich verſteh’ wahrhaftig ſo was, und wenn ich recht in’s Wahrheit ſagen herein komme, ſo mach’ ich mir ſelbſt Kom - plimente; das thu ich aber doch nur, wenn es mir recht auf - liegt jemanden beruhigt zu wiſſen, wo man es in der Welt faſt nie ſein kann, und wo es wahre Wonne iſt es zu ſein. Par parenthese dünkt mich, das iſt Freundſchaft; man iſt doch noch immer dran, ſie zu definiren.
Frau von Ha. gefällt mir recht gut, Schönheit kann ihr niemand abſtreiten; beſonders iſt ſie gegen mich ſehr artig76 und gefällt mir darum nur deſto beſſer, ſie war mit Mad. Kircheiſen bei uns und hat verſprochen wieder zu kommen, auch werd’ ich ſie wieder beſuchen. Herr von Poch hat Recht, die Geſellſchaft abominabel zu finden, er ſah ſie ſchon mit ſolchen Blicken d’un aimable an, daß ſie zehnmahl ſtädtiſcher, galanter, feiner und verachtender ihrerſeits hätte ſein können, um daß er ſie doch ſo gefunden hätte; mich feſſelt ſie auch bis auf einige Ausnahmen nicht, aber ſie könnte den Herrn von Poch ſchmieden, ohne daß ſie mich nur mehr anzöge: doch leb’ ich recht artig mit den Leuten hier, denn ſie ſind ſehr gütig gegen mich; und Sie wiſſen, wie ich auf antwor - ten halte, und was ich für ein geſelliger Hund neben meiner Tadelſucht bin.
Stünde mir doch die Sprache ſo zu Gebote, wie ich die Fähigkeit habe, in meinem Kopf alles ſchnell und zu meinem Gebrauch zu verarbeiten, was ich erfahre; ſo weiß ich, würd’ Ihnen das genügen, was ich Ihnen über Johanna zu ſagen wüßte. Für’s erſte aber glauben Sie nicht, daß ich wie ein Prahler lüge; ſonſt finden Sie keinen Zuſammenhang in dem, was ich ſage, und meine Mühe, und vielleicht ein hübſcher Augenblick für Sie, geht verloren. Johanna kommt mir wie - der ſo vor als vorhin, und ändert ſich in meinen Augen nach und vor den verſchiedenen Erzählungen nicht. Ein feines, gebildetes, verſtändiges Frauenzimmer wird nicht platt und nicht dumm: kann aber ſchwach, und unſelbſtſtändig ſein, und iſt’s gewöhnlich; iſt man das, ſo ſind unzählige Modi - fikationen möglich, wohin denn auch alle die gehören, worin uns Johanna wochweiſe erſcheint; je feiner ein Frauenzimmer77 iſt, je ſchneller findet ſie ſich in alles, worein ſie ſich finden muß, das iſt eine ſchöne Eigenſchaft; und ein völlig liebens - würdiges Geſchöpf muß dabei noch Kourage und Selbſtſtän - digkeit dabei haben, um nicht auch jedesmal zu werden, was ſie ſcheinen muß, und auch nicht jedesmal zu ſcheinen, was ſie ſcheinen ſoll. So find’ ich denn noch immer Prätenſion und nicht Abſicht (die ich auch ohne Noth nicht liebe), wie ſie Ihnen jetzt glauben machen will, in ihrem Betragen; ſollte ſie nicht klug genug ſein und Geſchmack genug haben, daß, wenn man ihr die Wahrheit an den Hals ſetzt, auch die ihre aus ſich zur einzigen anpaſſenden Gegenwehr hervorzuſuchen, und endlich Vergnügen dran zu finden, die Bürde von Lug von ſich zu werfen, obgleich ſie die Laſt erſt hernach fühlt, die ſie ſich auflud. Freilich wollte ſie repräſentiren, und mußte ſie repräſentiren, aber wollen, wo man nicht muß, gefällt mir nicht; daher billige ich ihr Betragen gegen Fr., obgleich ich muthiger und grader zu Werke ginge, und finde ihr Glück - ſeligkeits-Prahlen weniger hübſch, weil ich glaube, daß ſie’s gar nicht nöthig hatte: ſie wird aber wohl immer ſo lebhaft und Beifall zu lieben zu angewohnt ſein, um ſich dieſen Troſt von Unbequemlichkeit und Zeitverluſt je recht vom Halſe zu ſchaffen. Ich kann mir denken, daß ſie jetzt ſehr liebenswür - dig, angenehm, und witzig, iſt; kommt da noch eine Doſis Aufrichtigkeit hinzu, ſo kann es hinreißen. Mich würde es gewiß einnehmen und mir ſehr gefallen, denn ich hab’ ſie lie - benswürdig und hingebend gedacht, noch wie ſie mich ſchätzte und ſonſt nichts that; goutirt ſie denn nicht, weiß ſie nicht alles? wo Kourage fehlt, hätt’ ich ſie: es thut mir alſo aller -78 dings ſehr leid, Johanna nicht zu ſehen: und ſie verliert auch.
Stieglitz iſt, auch wie ich glaube, ſo wie Sie ſagen, und wenn ein ſolcher Karakter Einfluß hat, ſo wiſſen Sie wie er ihn hat; da er ohnehin die Welt mit ihren Heeren von Ordnungen in ſeinen Reihen für ſich hat, und Muth dazu gehört, ſich mit fremder Macht neben dieſe Reihen zu ſtellen, denn mit Vortreten richtet man nichts aus; obgleich man ſich — Noth am Mann — auch dahin muß (wenig - ſtens mit einem, mit dem ich mein Leben zubringen will, denn es iſt doch beſſer einmal zu ſtreiten, als ewig zu fin - giren) ſtellen können. Was die erhabenen Klatſcher anbe - trifft; ſo ſind ſie mir ihrer Erhabenheit halber noch gleich - gültiger, als andre Klatſcher, weil ich ſo was nie anders als mit völliger Gleichgültigkeit verachte; ſo, daß ich mir nicht einmal die Mühe geben kann, die es erfordert, um aus dem Geklatſche klug zu werden: glauben Sie ja nicht, daß das nur Worte ſind, Sie würden dabei verlieren, wenn auch nur Wahrheit. Unausſtehlicher ſind mir aber doch kluge Klatſcher mehr als dumme, und es kömmt mir darum an denen häßli - cher vor, weil es mir ſcheint, bei jenen muß ein gemeiner pli im Gemüthe noch hervorbringen, was bei dieſen nur der ge - meine Verſtand, und Leere und Langeweile und Unüberlegt - heit thut. Eins hab’ ich vergeſſen: ich haſſe wie Sie Koket - terie ohne Kourage; ich für mein Theil zieh die Menſchen auch öffentlich vor, die ich auszeichne, aus Furcht und Kühn - heit, weil ich denke: warum denn nicht? nicht meine beſſre Wahl ſo gut als ihre ſchlechte? und aus Furcht, ich könne79 mich nicht gut verſtellen; und eine größere Avanie kenne ich nicht.
Denſelben Tag, wo ich den großen Brief von Ihnen be - kam, erhielt ich auch einen von der Freundin, den ich Ihnen, ſobald ich Sie ſehe, zeigen werde. Ich warnte ſie, ſich nur in irgend etwas einzulaſſen, und beſonders, ſich nicht irre ma - chen zu laſſen; fand ſie aber feſter, gefaßter, geſcheidter, und vernünftiger, als je, und auch, als ich je glaubte, daß ſie ſein könne; ſie nahm alles vom erſten Augenblick an wie wir — das werden Sie aus ihrem Brief ſehen — nur ſchmerzte ſie Johanna noch ein wenig, und das kann ich nicht mal für Schwäche rechnen — denn — glauben Sie mir einmal auf parole d’honneur d’une femme véridique! — es ſchmerzt uns mehr, eine Frau aufzugeben, als einen Mann. Den glauben wir nie ſicher zu haben — wenn wir ihn auch mehr lieben — dem ſagen und zeigen wir nie ſo alles — wenn er auch mehr über uns ſchaltet — und am Ende — .. iſt Zu - trauen, und das Rechnen auf einen Menſchen, doch das Meiſte, was wir geben können. Es vergißt ſich alles — wenn auch erſt wieder in einem neuen Engagement —, aber ein verän - derter Freund, ein nie verſtandenes und doch oft angenom - menes Zutrauen kann nie wieder in uns aufgenommen wer - den, und bleibt uns ſehr empfindlich, und wenn man’s auch viel vergißt, ſo oft man dran denkt, thut’s leid, und man denkt „ ſchade! “, wenn’s weiter nichts iſt. — —
80Nun von etwas, was mich überraſcht, entzückt hat, wo - von ich ganz eingenommen bin: von Herrn von Ha. Was iſt das für ein prächtiger Mann! warum rühmt den keiner: und nicht mehr? Was ſoll ich ihn loben! Kurz, Sie wiſſen doch, daß mir kein Mann mit ſeiner Frau gefällt? Er ge - fällt mir. Und nun halt’ ich’s für möglich, zu heirathen. Er iſt fein und natürlich, ſimpel und voller Tournüre, hell - ſehend und voller Gutmüthigkeit. Und was ich ſo ſehr liebe, umgänglich; und hübſch. Mündlich will ich ihn erſt recht loben. Frau von Ha., die ich doch ſchon kannte, hat unendlich bei mir gewonnen, ſie ſpricht viel beſſer und hat viel mehr Verſtand als ich dachte, iſt ſimpel und recht aimable, hat kleine Frauenzimmerſachen an ſich, die ſie (im Gegentheil) ſehr gut kleiden, und die ſie an ſich hätte, wenn gar kein ander Frauenzimmer exiſtirte, iſt manchmal ein bischen ſchwach, aber auch ſo hingebend dabei, daß man ſich gleich drin ver - lieben kann; und iſt beſonders mit Ha. ſo hübſch und be - ſcheiden, daß es eine Weide zu ſehen iſt; ſie iſt wunder - hübſch, und ſo zuthulich und angenehm gegen Frauenzimmer, als man’s nur verlangen kann; und ich finde ſie beſonders natürlich, und darum bin ich ihr auch herzlich gut. Marie hab’ ich nicht können kennen lernen, obgleich ſie ſehr artig gegen mich war, und ich ſogar einmal bei Tiſche neben ihr ſaß, weil ſie mir Platz machte; ſie kommt mir noch ſo vor wie ſonſt, und ich glaube Ihnen alſo noch. Sie ſchien mir ein bischen ängſtlich an ihre Kotterie gefeſſelt, und iſt man immer mit vielen und ſehr Bekannten, ſo iſt das für einen Dritten um ſo ſchwerer etwas zu erfahren oder nah zu kom -men;81men; auch hat ihr ganzer Maintien für mich was ängſtliches, und iſt er nicht zurückſchreckend und anſteckend, ſo dämmt er doch die Bekanntſchafts-Schritte unvermeidlich zurück. Eine jede fremde Mlle. hätt’ ich nicht anders als ſehr artig nennen müſſen, wenn ſie mich ſo wie Marie behandelt hätte, von der aber mußt’ ich wohl um Ihrentwillen mehr Unterſuchung we - nigſtens, und auch Annäherung erwartet haben, denn es fiel mir deutlich auf, die nicht zu finden, um ſo mehr, da ſie mir Frau von Ha. zeigt, wie mich dünkt. — Ich hab mich recht gefreut, daß Sie mit meinem erſten Brief ſo zufrieden waren: apropos, freilich haben Sie recht, daß die Männer (und ich ſage bei allen) bei den Damen mit gewiſſer impertinence (ich kann jetzt auf kein ſchicklich Wort kommen, und ſchrieb das; ich hab’ Ihren Brief nicht bei der Hand) weiter kommen, als durch das erfüllteſte Herz, und den vollſten Kopf; mündlich darüber wann und ſo viel Sie wollen. Bald komm’ ich nach Haus, in’s weite, breite, ſtaubige, helle, leere Berlin. Leben Sie wohl, und ſein Sie mit dem Brief zufrieden. Ich bin ſehr müde. Adieu.
Mit welchen Worten ſoll ich das ſagen, was ich dir gern mit einem einzigen Schrei mittheilen möchte! Der erſte ſüße Augenblick iſt der Brief von euch, den ich jetzt Morgens um 8 ſchon habe, und gleich beantworte. — Vier Tage bin ich über Wüſten, Felder und Sand zerſtoßen worden, um michI. 682dieſen Schornſteinen gegenüber, dieſem regnigten Höfchen gegen - über zu befinden, und euch zu ſchreiben; ich, die ich euch immer ſpreche! Das hat mir aber auch niemand geſagt! Selbſt die Gegenden der Reiſe find’ ich höchſtens gleichgültig, und gar nicht hübſch, dies Wort laſſ’ ich nur höchſtens von Berlin nach Kroſſen gelten. Hier ſitz’ ich, und tauſend Felder, Wälder, Dör - fer und Pflaſter ſind zwiſchen uns, und die Sandkörner, und all das Gelebe und Gewebe! Nicht ein Wort hab’ ich unter - wegs gedacht! Kurz, eine Reiſe gemacht! daß ich Mama’n ſchon annoncirt habe, ſo reiſ’ ich nicht zurück! Ein Huhn, ein armes kleines Huhn iſt doch ein kleines Ding, ißt lauter kleine Körner in der größten Geſchwindigkeit, aber es hat bei Gott! kein Körnchen aufnehmen können, derweile der gräß - liche Reiſegeſellſchafter ſchwieg! aber ich bin auch bald ge - ſtorben! was die Welt von ihm ſagt, iſt zu wenig, iſt nichts! Dieſe Eigenliebe, Eigenanbetung, durch vier lange Tage durch, hielt ich für unmöglich, und werde ſie wieder für unmöglich halten, ſobald ich dieſen Menſchen werde vergeſ - ſen haben! Dieſe alten Geſchichten, von Mama auf’s un - begreiflichſte unterſtützt, von alten unintereſſanten Menſchen, und Geſchichten, die ich ſchon kenne, dieſe triviale entſetzliche Moral — „ die Beſtrafung folgt dem Laſter; ich behaupte es, “par exemple dieſes! — dieſes ewige Gerede, dieſes Nahſitzen, dieſes Bewundern, daß er ſo wenig Schnupftücher trotz des Schnupftabacks brauche, dieſe Gemeinheiten, dieſes Bepatſchen aller Lebensmittel, die ich ihm nicht geſchwind genug aus den Händen reißen konnte, und alſo nur in den Wirthshäuſern, was ich mir allein konnte geben laſſen, ge -83 nießen konnte, dieſer Ekel, dieſes aber - und abermal ewige Geſpreche von ſich, und wie er’s macht und jedes macht, und ſeine Krankheit, und ſein Nießen in beide Hände, und ſein gar nicht ſchlafen! — Denken konnt’ ich auch nicht; denn auf den Fuß, gar nichts zu ſprechen, ſetzt’ ich mich, eh’ wir aus dem Thor kamen (ſo ging’s ſchon in der Stadt), und faſt immer mit dem Geſichte aus dem Fenſter, aber das litt er nicht, denn, wenn er erzählte, (erinnert euch wann er er - zählte), ſo ſagte er: „ Hören Sie zu, Sie mögen zuhören “, und faßte mich dazu an! — alſo mußt’ ich ihn anſehen, um das nicht zu hören und zu leiden. Geſtern macht’ ich aber die Augen zu, und, ſo meinen ſie hab’ ich den ganzen Tag geſchlafen. Eine Freude hab’ ich aber doch! die völlige Ge - wißheit, daß ich Konvulſionen nie bekommen kann; es muß phyſiſch unmöglich bei mir ſein. Bedauert mich! bedauert mich! Ich ſag euch das, die das Mitleid ſo haßt. Ich mein’ auch nicht, bedauert mich, ich meine, bewundert mein Loos!!! — alles kommt mir zu. Kaum komm’ ich vom Bade, ich Schwache! ſo folgt eine ſolche Reiſe; ich treffe eine neu etablirte Schul, eine neu etablirte Equipage, wovon der Stall unter uns iſt, mit einem wilden Pferd, das an einer Kette liegt, und die ganze Nacht ſo ſtampft, als wolle man ein Haus niederreißen; wenigſtens wie ſie gegen Jordans über eins einriſſen, ging’s eben ſo. Dies thu’ ich alles Mama zu Gefallen. Vor Frei - enwalde war ich krank, und das ſoll mich erholen! Und was bin ich nicht von jeher für ein Schlemihl; mit dem muß ich reiſen, mit dem niemand reiſt, und dann nimmt ſie noch un - verhofft zur Fête Röschen mit; damit vier ſind: das iſt6 *84aber alles nichts. Wie mir Louis entgegenkommt, iſt das Erſte, was ich höre, daß die Gad nach Kaliſch iſt, und in drei Wochen wiederkommt! Das iſt ſchlecht, und davon ſchweig’ ich. Wetter hat Er mir gut gemacht, lauter temps couvert und Regen; aber bloß um mich beim Leben zu erhalten, denn ſonſt wär’ ich ganz gewiß in einer Ohnmacht wenn auch nicht geſtorben, doch ſo geworden, daß ich ſchlechterdings auf die Art nicht weiter gefahren wäre. Nun bliebe mir Theater; das iſt nicht hier, ſondern in Grüneberg und kommt Septem - ber wieder.
Nun ſoll das Gute kommen! Die Tante will mit uns nach dem Gebirge und Grüneberg reiſen. —
In einem öffentlichen Garten zur Stadt Paris ſprach ich den Geheimrath Levaux, der von Wien kam, und Wunder von Frau von Arnſtein erzählte, von ihrem Haus, Prinzen, Miniſter, Grafen, Geſandten, Garten, ſpät eſſen, und alles was wir ſchon von Wien wiſſen. Die Sebottendorf ſcheint nichts von ihres Mannes Wunde zu wiſſen, ſie ſoll liebens - würdig wie immer ſein. — Die Herren gingen in den Billard - ſaal, ich blieb mit den Frauen zurück, die unausſtehlichſten, die ich kenne, ich war bei dieſen Thieren angeſchmiedet, denn es regnete; ſie haben mich auch den Nachmittag bald um meinen Verſtand ennuyirt, ich vergeſſ’ es nicht! —
Die Stadt kann man ordentlich ſehr ſchön nennen, ſo viel hübſche Straßen, und ſo ſehr hübſche Gebäude und Häu - ſer findet man häufig in den andren, ganz in unſrem Ge - ſchmack; auch groß find’ ich die Stadt, und man hat ihr im - mer Unrecht gethan. — Heut’ fahren wir nach einem der ge -85 ringſten Klöſter, wie man ſagt; und ich finde, daß es ein enormes Gebäude iſt; ich will ſie alle ſehen; Mad. Gaspari wird mich hinführen, wenn ich zurückkomme, und dazu will ſie mir bei den Jeſuiten eine Muſik von Mozart beſtellen, die er zur Meſſe und auf Gebete komponirte, die der Kaiſer Joſeph in’s Deutſche überſetzen ließ: kurz, wenn man hier nichts ſieht, als Kirchen und Klöſter, ſo hat man eine der größten Merkwürdigkeiten geſehen, wenigſtens wir, die wir von ſo was nichts wiſſen, und ſogar wenig glaubten: nun brenne ich erſt vor Begier, Italien, das ſorgloſe, katholiſche, muſikaliſche Italien zu ſehen. Alſo ennuyire ich mich hier nicht; auf die Jeſuiten freue ich mich gar todt. Der Gottes - dienſt iſt ſchön und angenehm, denn es iſt ewige Muſik, Gemählde, ſchöne Gebäude, Gerüche, und hübſche Koſtume; die Lebensart aber in dem Frauenkloſter für mich ſchrecklich, par exemple alle Zimmer dieſer Mädchen ſtehen offen, ganz egale Möbel und egal ſchlechte Betten, auch die der Äbtiſſin Baroneß Mutius, welche ſehr artig iſt; ſie pflegen Kranke, und heißen Eliſabether; jeder Orden iſt verſchieden in Lebensart und Regeln; dieſe ſehen Männer, ich ſelbſt ſah welche bei ih - nen: ausgehen dürfen ſie nicht: und möblirt ſind ſie nicht ſplen - did, ſie dürfen nicht einmal. Aber von der Ordnung, Aufge - räumtheit und Reinlichkeit hab’ ich immer nur geträumt, und ſie heute gefunden. Dieſe Jungfren ſind Gärtner, Apotheker, laſſen Ader, backen Brot, kurz thun alles; auffallend ſind mir ihre grobe Mannshände geweſen, wovon ich auch nicht eine Ausnahme fand, und noch mehr ihr Mannsgang, den eine jede hat, nämlich ganz ſo, als wenn Berger eine Paterrolle86 ſpielt; viele ſind nicht religiös, aber die es ſind, beten und ſingen auch nur in Gedanken, und amüſiren ſich, hab’ ich be - merkt; wenn einer luſtig wird, kniet er nieder und ſieht das erſte beſte Bild an, welche jeden Fleck bedecken; kurz, für je - mand, der ſich nicht wie wir amüſirt, iſt nichts amüſanters als die katholiſche Religion; die Nonnen ſind tolerant und ſehr artig, ſie ließen (nämlich die Äbtiſſin) viele Empfehlun - gen an den Onkel machen, und invitirten mich wieder; alſo wußten ſie, wer ich bin. Unvermuthet hab’ ich euch faſt alles über dieſen Katholizismus geſagt; ich ſchreibe en courrier, und glaube jeden Augenblick, man wird den Brief zur Poſt wegnehmen. — Ihr habt recht geſchwinde Nachricht von mir. Ich werde noch recht klug: und das Gebirge nun noch! Adieu.
R. L.
Wenn Bieſt und Konſorten nicht wären, hätt’ ich mich geſtern königlich amüſirt; ich bin ganz mit Breslau ausge - ſöhnt, ſo hübſch find’ ich die meiſten Gebäude, denn die Stadt wäre ſchön, wenn nicht manche Gebäude in den ſchö - nen Straßen ſtörten, und manche Straßen in der ſchönen Stadt; die Gärten ſind ſchön, die Menſchen auf einem guten Ton, alle dieſe Gärten und Plätze für’s Publikum eingerich - tet, dieſe Menſchen zum Vergnügen geſtimmt, und Equipagen ſicht man weit über die Proportion als bei uns, die alle jagen, erſtlich iſt es Ton, zweitens haben ſie einen Boden wie87 der im Charlottenburger Garten, und geſunde Pferde, und zum Überfluß vor allen Thoren Chauſſee. Als ich geſtern aus dem Kloſter kam, ging ich, nachdem ich euch geſchrieben hatte, zur Sina; ſie wohnt nah’ an einem ſchönen Markt, wo ſie hinſehen kann, in einer guten Straße, in einem Hauſe ſo groß wie Herzens, im größten Stil gebaut; die Hälfte der zweiten Etage bewohnt ſie, der Kommandeur von Friedrich die andre, unten zwei andre Familien, wovon eine Präſident von Danckelman iſt, zwei Schildwachen vorm Hauſe: ſie iſt ganz ordentlich wie ich’s meine eingerichtet, ſehr propre und intelligent, iſt recht gut möblirt, ganz modern und ſim - pel, und ein Zimmer mit Mahagoni, Bronze, und comme il faut; große Zimmer und große Ordnung und Propretät wäre ſchon genug. Sie iſt ſehr glücklich, liebt ihren Mann, und hat mir mit Thränen geſagt, ſie glaube immer dieſen Men - ſchen gar nicht werth zu ſein; und wie ich ſie geſtern mit ihm ſah, fand ich auch das beſtätigt, daß ſie mit ihm ſo glücklich iſt, ſie kann, und ſpricht alles vor ihm, daß ſie ſich in ihrer Denkart nicht von ihm geniren ließe u. ſ. w. Sie kann ſich ihrer Liebe zu ihm ſo wenig enthalten, daß ſie oft in Liebkoſungen ausbricht — die ich doch ſonſt und immer gar nicht leiden kann — die ſich bei ihr aber hübſch, natür - lich, lebhaft, unſchuldig und kindiſch machen: denn es ſieht immer aus, als dächte ſie: wenn ich dich nicht hätte, wäre ich doch in Breslau verloren! ich verdien’ dich nicht, du biſt zu gut, Gott wie freu’ ich mich mit meinem Glück, bin ich wirklich noch ſo glücklich! kurz ſie liebt und herzt ihn ſo, wie ſie uns ſonſt liebte, denn er iſt ihr alles. Genug ich bin88 zufrieden, denn ſie iſt froh. Dieſen Morgen kommt ſie zu mir, überhaupt werd’ ich heute nach meinem Sinn ausgehen können, weil die Tante zu morgen packt, und mir dieſe Frei - heit ſchon annoncirt hat, und ich ſchon gepackt habe.
Eben hat mich unſer Soldat Ludwig unterbrochen, mit dem ich eine himmliſche ſentimentale franzöſiſche Konverſation hatte; wie der Franzöſiſch ſpricht, und wie die Soldaten ge - bildet reden! ſo was iſt nicht zu ſchreiben, Il est bien mal - heureux, et tant charmé de trouver de braves gens de Ber - lin, il ne peut pas exprimer le plaisir sensible et les senti - mens viß, — et comme nous serons la dupe des Polonais — et ses larmes de joie; kurz, das Franzöſiſch, und die Rührung!
Geſtern nach Tiſch fuhren wir nach dem Dorfe Schanz aus einem ſchönen Thore auf der prächtigſten Chauſſee, die durch die ſchönſten Felder führt, an deren Ende du das Ge - birge immerweg ſiehſt, und wo man, wie Sonntags in Leipzig vorm Thor, nichts als Equipagen, Reiter und Spazirer ſieht. Auf dem Wege nach dieſem Dorfe liegt ein neu angelegtes Wirthshaus, was jetzt Mode iſt, und vorigen Sonntag durch Konzert und Menſchen eingeweiht wurde, ein ſchönes Gebäude, mit Billard, Raum und aller Bequemlichkeit, ein neuer Gar - ten, das Ganze auf dem Felde, im Hof ſtanden fünfzehn bis zwanzig Wagen, eine Menge Reitpferde, wir gingen hinein, fanden viel Menſchen, ungefähr die Klaſſe wie Sonntag im Winter beim Hofjäger, ſahen uns um, und fuhren weiter nach Schanz. Das iſt ein Pavillon mit Billard und Zubehör an einem Dorfe; dieſer Pavillon ſteht in einem halb regel - halb unregelmäßigen Garten, der ſehr ſchön iſt! Dieſer Garten89 iſt mit einem Leipziger Roſenthal in größtem Stil umge - ben, wo Weidenalleen und Wieſen mit Gängen und Felder und Wälder, und wieder Wieſen und Gänge, die ſchönſten Spazirgänge machen, ohne an Größe und Natur zu verlie - ren, ein Boden wie die Stuben, und man geht wie auf lau - ter Terraſſen. Wieder ſo viel Menſchen, und alle mögliche Erfriſchungen, und Kuchen, und was ihr wollt; die Tante kennt jeden Menſchen, und jeder Menſch ſie. Von da nach einem Garten Weiße, wieder ſo viel Menſchen; der Garten nicht groß, doch führt die Hauptallee auf’s Feld, und ge - währt wieder den Berghorizont. Darin war ein Chor guter Muſiker, und zwei junge Leute, Studenten von den Jeſuiten, ſangen nicht übel Duo’s aus allen Opern, mitten im Garten, welches hier ſehr gebräuchlich iſt; Diskant und Tenor, ein Fremder gab ihnen ein Duo, und ſie ſangen’s vom Blatte. In dieſem Garten ſprach ich den kleinen Unruh, der immer aus den Wolken fallen wollte, mich zu ſehen, ſeinen Augen nicht traute u. dgl., wir freuten uns ſehr, und hofften uns wiederzuſehen. Von da nach Paris, wo uns der Onkel er - wartete, der da Kränzchen mit den Erſten der Stadt hatte. Das laſſ’ ich mir, bis ich mein Gebirg’ geſehen habe, nur ge - fallen. In dieſem Garten ſind alle Offiziere von uns und hier: im Garten und in den nahen Sälen ſpeiſten Leute, wie bei Richards, es war alſo helle und große Promenade; manche Leute ſah ich überall, wie bei uns; die Muſik war mitten im Garten als es finſter war mit Licht etablirt, und drum herum ich mit Louis und Röschen, und die Menſchen; es wurde ſehr munter, die Offiziere ließen Walzer ſpielen, und walzten90 untereinander mit Degen und Pfeifen. Der Onkel ging frü - her von ſeinem Tiſch und nahm den größten Antheil an die - ſer Freude; er kennt und iſt gekannt vom größten Stutzer bis zum faltigen Etatsminiſter; die Offiziere hatten ihre Degen abgenommen, und tanzten prächtig, offizierig, unſre und die hieſigen; einige ſind unſre Nachbarn, alle artig und beſchei - den. Das Ding nahm ein Ende, und wir holten Bieſt und Konſorten aus dem Kabinet, und fuhren nach Hauſe, zu Bette. Denkt euch, das wirklich himmliſche Schanz muß ich allein goutiren, wie wird’s mir mit meinem Gebirg gehen! Wehe! Wehe! Wehe! ſagt die Döbbelin in Kora: Wehe! Wehe! Wehe! heul’ ich ihr nach. Geſtern ging ich immer eine halbe Meile vorauf, und ließ mich doch nicht beſtändig ſtören, und zur Reiſe hab’ ich mir ſchon ausgebeten, ſoll man mich nicht viel fragen; und ſagen. Wir nehmen Rekommandatio - nen an alle merkwürdige Menſchen und Klöſter mit, die auf unſrer Tour liegen. Wie klug werde ich werden! Ich bin auch ſchon horndumm von dem Zuhauſebleiben geworden. Wenn ich vom Gebirg komme, ſehe ich alle Merkwürdigkeiten Breslau’s ich habe die Beſchreibung, und finde Schleſien und dieſe Stadt äußerſt intereſſant. Ihr müßt das einmal ſehen, Kinder. —
Nun ganz geſchwinde noch zwei Worte. Geſtern Mor - gen war die Sina und Herr Gad bei mir; mein freier Tag iſt mir aber nicht gelungen, ich ging nämlich nach Tiſch zur Sina, und gegen Abend fuhren ſie mit mir nach Morgenau, es wurde aber windig, und wir kehrten durch und um das91 hübſche Thor nach ſeinem Hauſe zurück; für mich iſt ein ſchö - nes Haus und Straße ſchon ein Genuß, und aus dem meinen zu exiſtiren, doppelter. — Jetzt bin ich fix und fertig angezo - gen, um in Wagen zu ſteigen; wir erwarten eure Briefe, wo - rauf ich gar nicht — wegen Zeitmangel — antworten werde, denn, ſind ſie erbrochen, ſo reiſen wir weg. Es iſt ſonderbar, von einem fremden Orte wegzureiſen, um wiederzukommen; aber hübſch; „ man grämt ſich nicht, man ſchämt ſich nicht, “und packt alles ganz kommode, weil man alles bei der Hand hat, und ſchon en train iſt. Jetzt muß ich hinunter. Lebt wohl. Wehe! Wehe! Wehe! was muß ich allein ſehen! und ärger als allein.
Adieu. R. L.
Nichts! Nichts! — — kann ich euch ſchreiben von dem, was ich heute geſehen habe, — — einen realiſirten Wieland, mit allem was ich mir noch von einem ſchönen Schloß dachte, Fürſtenſtein, das dem Grafen Hohberg gehört, hab’ ich geſehen; eine Meile von hier. Gott ſollte mich aber behüten, es euch beſchreiben zu wollen. Er! wird mir günſtig! denn nicht allein ich habe das erſte Wetter, ſondern ich habe das enorme Glück, intereſſante Menſchen zu finden, die ſich für mich in - tereſſiren. Heute zum Exempel zeigte mir Schloß und Garten ein Menſch, Doktor Hinze, Arzt des Grafen. Keine Details, Kinder! Ich kenne ganz euren Ärger, aber ich kann nicht, bei Gott ich kann nicht. Wir logiren hier bei göttlichen Leu -92 ten, die uns von einem Vergnügen zum andren und nicht zu Athem kommen laſſen, und wie kann man Unbeſchreibliches beſchreiben, höchſtens! höchſtens erzählen! höchſtens? nein gar nicht, ganz und gar nicht. Aber, ſo wahr mir Gott helfen ſoll, ſo wahr ich das Glück immer ſuche, kurz, ſo wahr ich exiſtire, daß ich meine alten Polypſchmerzen gehabt habe, or - dentliche Herzſchmerzen — aus wahrem, kochenden, inn - ren Verdruß, euch das nicht zu zeigen; euch; es allein ſehen zu müſſen! Das verſchmerz’ ich nie; nie; nie. Alſo giebt’s kein Glück; wenn ich mir eins bei den Haaren her ziehe, ſoll ich’s noch ohne euch genießen?! ich verſchmerz’ es nicht. Und, glücklich will ich nicht ſein, wenn ich nicht jetzt Herz - ſchmerzen habe, indem ich’s mich nur erinnre, daß ich’s allein geſehen habe! Jetzt iſt 8 Uhr Abends. Morgen früh reiſen wir nach Kloſter Grüſſau; ein ſehr berühmtes, in einer wun - derbar ſchönen Gegend. Wenn ich zu Hauſe komme, mach’ ich eine Reiſebeſchreibung, jetzt kann ich euch aber nichts ſagen, notiren thu’ ich aber jeden Schritt, und erzähl’ euch auf’s ausführlichſte. Lebt wohl, meine einzigen armen Kinder!
Markus, vergiß Profeſſor Meyer nicht. Grüß die Unzel - mann tauſend - und tauſendmal; nun weiß ich, daß ſie da iſt, und nicht, was ſie macht!
In kurzem geh’ ich in alle Geſellſchaften, ſehe Gegend, Klöſter, Kirchen, Städte, logire bei Privatleuten und bin wun - derbar aufgenommen, wo ich nur den Namen des Onkels nenne: „ und ich ſelbſt bin höflich, und ſie iſt hübſch. “ Ihr wißt, ich prahle nicht, und finde nichts leicht hübſch; hier iſt’s groß, und die Aufnahme ſelten. Gott ſchütze euch! wer weiß,93 wie lang’ ich nun nicht ſchreibe. Heute war’s ganz wie Wie - land, bis auf die Orangenwälder. Grüßt Navarro, und viele - vielemal Briuckmann, der dieſen Brief leſen ſoll. Die Steine bei Wallenberg hab’ ich geſtern geſehen, Erzählung — Be - ſchreibung — lächerlich!! Auf mich machte es einen lächerlichen Eindruck, ich mußte lachen. Denkt euch noch eine Welt; aber von Steinen: und ihr ſeid fertig. Drei Meilen Berge und Wald; aber von Steinen. Pfui, pfui, ich beſchreibe! Aber ſo iſt’s wirklich. — Par parenthèse reiſe ich mit Zöllner’s Reiſen in Schleſien, und ſchlage nach was ich geſehen habe, und was ich ſehen ſoll. Nun werd’ ich klug; nun wird’s. Darum mußt’ ich lachen, wie ich die Steinen-Welt ſah, es fiel mir immer ein: nun hat Er eine aus Steinen; wahrhaf - tig. Ich wohne bei wunderbar guten Leuten hier ſeit Mitt - woch Mittag, da kamen wir von Schweidnitz her; ich war im Kränzchen der Stadt gleich ſelben Abend; artige, wohl - angezogene Leute, Alle Equipagen. Auch im Bade Altwaſſer war ich heute. Von Grüſſau geht’s weiter, vierzehn Tage wird uns die Reiſe wohl noch koſten, das rechne ich ſchon. —
Adieu, Kinder, Adieu!
Stellt euch vor, liebe Kinder, was mir paſſirt. Übermor - gen ſind es volle vierzehn Tage, daß ich mit Unholden, ſchmutzi - gen Unholden, wovon ihr keinen Begriff habt, wie zur Fracht des Tages zwei Meilen, höchſtens drei, herumziehe; und Diens -94 tag, nicht übermorgen, komm’ ich erſt nach Breslau, wohin ich mich ſehne — nun könnt ihr euch denken: Geſtern Mor - gen um 10 Uhr reiſten wir von Hirſchberg ab, wo wir dritte - halb Tage in einem Wirthshaus vorm Thor lagen, ohne einen Menſchen zu ſehen, und ſchlecht Wetter en compagnie ab - warten mußten. Zwei Komödien ſahen wir zu meiner Ret - tung dort, und der Wirth hatte ein Klavier, ſonſt wäre dort meine heilige Grabſtätte geworden; nun wird wohl dieſes Dorf den Ruhm erlangen; denn ich halt’ es nicht aus. Ge - ſtern um 6 Uhr Abends gelangten wir auf bergigten, ſteinig - ten Dorfnebenwegen, unter Platzregen und Wind, bis auf die Knochen naß, hier an; auf einem Edelhof, der vielfältig ſchöne Ausſichten hat, die aber faſt bis jetzt noch alle vernebelt lie - gen, obgleich die Sonne ſo weit über die Wolken geſiegt hat, daß ſie ſie doch müſſen durchblicken laſſen, aber dies iſt erſt der erſte Moment. Dieſes Gut gehört dem Herrn Kriegsrath Balde. Keine Beſchreibung, de grâce! Seine Tochter, eine nicht ununterrichtete Frau, Wittwe eines Kriegsraths, empfängt uns, nachdem er uns in ein enormes Haus geführt hat, an der Treppe, mit einem weißatlasnen Rock, der ein Florfalbala hat, das ſo hoch geht, daß man nur den wenigſten Theil vom Rocke ſieht, und einer karmoiſin tuchenen Levite; ein ſchwar - zer Florhut von agreabler Façon, worauf eine weiße Aſter - guirlande reſidirt, bemüht ſich umſonſt eine großquaſtige Friſur zu bedecken, die hinten ein langer langer Cadogan ſchließt. Nichtsdeſtoweniger ſiehſt du hier viel Silber, nichts als Bou - gies, den beſten Tiſch, Wein und Deſſert, Koch, Jäger, Schrei - ber, Verwalter, enorme Zimmer, und wenn man zu Tiſche95 geht, werden beide Battants aufgemacht. Schrecklicher Dis - kurs; und drei Stunden bei Tiſch. Was mich rettet, iſt die große Unterrichtung des Kriegsraths, der Schleſien, nicht al - lein theoretiſch, ſondern auch praktiſch, und nicht allein prak - tiſch, ſondern auch wie ein unterrichteter Mann bis auf jeden Nagel kennt, und es mittheilt, und weil er ſieht, daß ich auf - merkſam zuhöre, mir mittheilt: ich wünſchte immer, Begriffe vom Landweſen zu haben, ich bekomme ſie durch dieſen Mann ſo ziemlichermaßen, auch von der Landesverfaſſung. Ihr wißt, ich habe das Talent, auch wenn ich in übler Situation, ſo viel herauszuziehen, als nur möglich, alſo thu’ ich’s.
Ich hab’ es doch ſo weit gebracht, daß wir dieſen Mittag von Falkenhain um 2 Uhr abreiſten, und vier Meilen bis hier - her machten; morgen fahren wir acht Meilen bis Breslau hinein. Wir hatten das angenehmſte Wetter von der Welt, nach einer kleinen Stunde kamen wir endlich aus dem Ge - birge in’s Land herunter; das war kein kleiner Genuß für mich — die ſchöne Welt einmal wieder en gros zu ſehen. Denn Gebirge ſei ſo ſchön es will, und gefalle mir auch noch ſo gut, indem ich’s ſehe, wenn ich in’s Land komme, wird mir doch wohl. Wir hatten vier Löwen von Pferden vom Kriegs - rath bis hierher, und ich amüſirte mich ſehr mit dieſen vier Meilen; ich ſprach kein Wort, und ſogar Konſorten waren erſchöpft nach ihrer Art. — Bei unſrer Wirthin (wie in jedem ſchleſiſchen Wirthshaus) iſt ein Fortepiano, worauf ein Junge von eilf Jahren recht artig ſpielte, und ſeine Schweſter von zwölf Jahr auch, ich ließ ſie ſpielen, und bat mir die Erlaub -96 niß aus, auch zu ſpielen. Da exercirt’ ich denn bis jetzt 9 Uhr, die Andern ſpielen Piquet, und ich habe noch Zeit euch meine Geſchichte zu ſchreiben. Ich mache mir kein Gewiſſen draus, euch dieſen Brief voll unmuthigen Inhalts zu ſchicken; erſtlich iſt das Leben ſo; zweitens iſt’s meine wahrhafte Geſchichte, des Gemüths und der Begebenheiten. Lieber Hans, ich will dich noch angelegentlich bitten, Linen anzubefehlen ꝛc. Nun werd’ ich bald hinaufgehen müſſen, denn ich ſchreibe bei mei - ner Wirthin, unter dem originalſten, gar nicht ungeſcheidten Geſpräch der Kinder und einer Frau. Adieu. Man trägt das Eſſen ſchon hinauf. Morgen Abend leſ’ ich eure Briefe, ich freu’ mich recht darauf. Adieu.
Zum zweitenmale mußt’ ich geſtern Abend die Breslauer Thürme anſtatt der unſrigen ſehen! wie verzehrt einen Unge - duld nicht —! Wir hatten ein Wetter! als hätt’ es Apoll zu einer Landfête ſentimental beſtellt, das genoß ich denn den ganzen Tag, und athmete noch Geſundheit zum Vorrath ein. (Apropos, ich bin ſehr geſund, ſogar mein Fuß iſt ganz beſſer.) Wie ward mir aber, wieder in dieſe enge Straße einzukriechen und in dieſes Haus; ich, die ich Luft für das erſte Requiſit halte, und vierzehn Tage lauter Feldluft geathmet hatte! mir wurde ſo angſt und bange, daß ich mich eine Stunde lang vor der Thür aufhielt. — Aus ganz Polen flüchtet hier alles her; geſtern ſollen die polniſchen Wagen den ganzen Tag wie ein Leichenzug hereingezogen ſein: und die Mad. Kobiſch hat ſchon dem Miniſter geſagt, ſie würde den Vornehmſten ihr ſchönes Haus anbieten, welches er ſehr genehmigte, — ſogeht’s97geht’s uns Preußen jetzt: für mich ſind das Stiche in’s Herz. Wenn’s Glück gut geht, muß ich noch flüchten. Eben be - komme ich noch heute ein Briefchen von dir, Hans, ſchönen Dank! Alſo iſt die Unzelmann wirklich aufgetreten, bravo, bravissimo! — Brinckmann fängt nun an, eben ſo ſchlecht zu werden, als ſeine Grundſätze, denn daß er mir nicht ſchreibt, iſt doch unerhört! oder iſt er bloß glücklich? ich frag’s ihn ſelbſt. Navarro hat mir einen ſo melankoliſchen, deſolanten Brief geſchrieben, daß ich ihm heute gar nicht antworte viel - leicht. — Was du mir von ihm ſchreibſt, Franz, goutir’ ich, und wußt’ ich vorher.
Jetzt hab’ ich Ihren Brief erhalten, ausgeleſen, und ant - worte ſchon. Nur göttliche Weſen, wie Furien, Merkure, Amors und dgl. können Schuld ſein, wenn Sie mir nicht ſchreiben: das dacht’ ich auch, eh’ ich Ihren Brief bekam. Entſchuldigen Sie ſich doch nicht wegen Sentiments, Witz, Wortſpielen und ſo etwas, Sie wiſſen, wie ich das liebe: alſo nie wieder. Ich nehme Theil an Ihrem Zuſtand, denn ich kenne ihn, mich hat er bis zur Abſtumpfung geplagt; ſchmerz - haft iſt er, aber nicht gefährlich für Unſereinen, leider iſt aber auch „ ſchmerzhaft ohne Gefahr “kein Troſt; für uns unambitiöſe Philoſophen! Eiferſüchtig ſind Sie nicht, mein Lieber: man kann es bloß nicht aushalten! wenn einer ein Gut veraaſ’t, was wir königlich verwirthen wollten, undI. 798glaubt, es gehöre ihm, weil er Geld genug hat es zu kaufen, und tugendhaft genug iſt es nicht zu ſtehlen, weil er den Aus - putz dran ſchätzt, es verdient, und weil er ſich näher an der Schüſſel befindet, es klug zu machen glaubt, daß es ihm präſentirt wird: freilich iſt das nicht auszuhalten! ich kenne es! Und wenn einem weiter nichts paſſirte, ſo müßte man klug werden, und auf das Syſtem „ vom Recht “kommen. Lieben thun Sie aber; das ſagte ich lang: das iſt kein Un - glück, daß Sie aber lieben können, iſt eins: und was ſagen wir zu einem Unglück?! Daß aber die Heirath geſchehen wird, iſt ſchrecklich!!! ſchrecklich; und, wie ich glaube, nur zu gewiß. Denn es iſt ja ganz unſinnig. Das mein’ ich im Ernſt, und nicht aus Bosheit. Iſt denn nicht der ärgſte Unſinn vernünftig angezogen, reſpektabel behandelt, und am ſicherſten für uns andren Armen ausgeführt! Wir wollen aber doch nicht tauſchen, und uns mit uns freuen. Wie! ſind wir auch manchmal; und ſo werden wir ſein, ſobald ich wie - derkomme. Laſſen Sie ſich immer meine Briefe mittheilen, ſie ſind auch für Sie. Leben Sie wohl; vielleicht ſchreib’ ich morgen noch ein Wort. Meinen Beifall haben Ihre Verſe. Analog, man muß den deutſchen Ramlers doch ſagen, was ſie thun ſollten.
Ihre R. L.
— Der Onkel, der alles hervorſucht, um mich zu amüſiren, und deſſen Prinzip es iſt, daß man alles ſehen muß, ſchlug99 vor, was er in fünfzehn Jahren nicht gethan hat, mich auf einen jüdiſchen Hochzeitball zu führen, wohin wir eigentlich Alle gebeten waren, aber wohin nur unſer junges Haus ging. Ich ging aus Neugierde; jüdiſch, eng u. ſ. w. — die Aufnahme. als käme der Großſultan in ein lang verlaſſenes Serail, mich beſchämte das: Hitze zum Sticken. Belohnt wurde ich aber durch eine beauté, die ich dort ſah, eine beauté! Gad ſeine Schwägerin von fünfzehn Jahr, mündlich die Beſchreibung; viele Hübſche waren auch noch; überhaupt ſieht man hier viele hübſche Hände.
— Du aber, Franz, deſeſperirſt mich! ſchreibſt mir von Reichardt. Soll ich vergehen? von weitem. Und dann Goethe. Warum kömmt ſo was Leuten zu, die nicht ſo für Freude und Genuß zitterten! Wenn’s eine giebt, ſo giebt’s eine, die ich nicht verſteh’, einſeh’ und begreife: nein, es giebt keine Gerech - tigkeit! und von mir fordert man alles. Ich vergeh’ aus Schmach: Reichardt kann ich nicht einmal begegnen! — Der Onkel ſieht jetzt gar keine Leute, weil ihm der Kopf mit Po - len verrückt iſt, hat er mir jetzt eben ſelbſt geſagt, und giebt darum auch das einzige Souper nicht, was er geben wollte, wenn nicht heute noch gute Nachrichten kommen. Die Polen emigriren noch immer ſtark hierher. Ich lerne alſo keinen Menſchen kennen. Auch aus einer Reiſe nach Dyhrnfurt wird nichts deßhalb. Ich habe das ſchönſte guignon: und blieb’ ich mir ſelbſt nicht, wär’ ich dumm wie ein Ochſe. Sagt einmal, Kinder, wie das iſt: Brinckmann hat mir noch auf das Ringchen nicht geantwortet; und Navarro ſchreibt mir7 *100zwar geſtern, aber es iſt keine Antwort auf den Brief, den ich bei euch einlegte: und Lady Herz antwortet mir gar nicht. — Lebt wohl! Grüßt die ſchönen Menſchen, beſonders die Unzel - mann. Auch Gualtieri vielmal. —
Mit einer Art von Angſtthau auf der Stirne ſetz’ ich mich diesmal hin Ihnen zu ſchreiben — denn ich will wieder ſo aufrichtig ſein, daß es eine Schande iſt; und Ihnen meine Meinung über zwei Rezenſionen ſagen, die ellenlang werden wird; und wozu ich noch keine Worte habe. Vorige Woche habe ich die berühmte Schiller’ſche Rezenſion über Matthiſ - ſons Gedichte geleſen — die ich eigentlich Ideen über die Dichtkunſt nennen würde — (lachen Sie mich nicht aus). O Laokoon, o Leſſing! hab’ ich nur denken können. Wenn der was Allgemeines ſagte, ſo beſtimmte er was, ſetzte er was feſt, (freilich hat er ſich zu todt geärgert!) — wenn der rezenſirte, tadelte er, wenn er tadelte, gab er die Urſachen an. Ich habe die Rezenſion nicht mehr zur Hand, ich kann Ihnen alſo keine Stellen mehr anführen, über die ich etwas wußte, als ich ſie las. Man macht ſo viel Lärm von dieſer Rezen - ſion, und als ob ſie ſo ſchwer wäre; ich habe eben keine ſo hagelneue Ideen darin geſunden. Die Vergleichung der Dicht - kunſt mit der Mahlerei, und alſo auch die fernere Anwen - dung des Landſchaftsmahlers und Geſchichtsmahlers, iſt mir gar nicht aufgefallen, und iſt, dünkt mich, hundertmal in Leſ -101 ſing vorgekommen; den wollen ſie mit aller Gewalt vergeſ - ſen; weil ſeine Rezenſionen (denn viele ſeiner Werke, und beſonders Laokoon, kommen mir wie Rezenſionen der Künſte vor) nicht ſo ſentimental waren, und er nicht immer das Genie rezenſirte, analyſirte, das hohe Menſchliche herausſuchte, und bewies, daß das Genie ein Genie iſt, — ſondern das Kunſtwerk vornahm, aufſtellte, mit Gründen tadelte, oder für das alte Lob welche zeigte, den Forderungen ſichere Gränzen ſteckte, und mit richtendem Blick und euthuſiaſtiſchem Bei - fall das Genie ſie erreichen ſah, und ſeine Genialität in Ruhe ließ.
Glauben Sie nur nicht, ich ſähe nicht ein, daß eine jetzige Rezenſion anders ausfallen muß, als eine vor zehn oder zwölf Jahren — die immer viel bedeuten, und die letzten beſonders —, und daß die jetzigen guten, wie die früheren, ſo verſchieden ſie ſein mögen, doch immer nur anders modifi - zirte Äußerungen ein - und deſſelben Genies ſind; oder daß ich mir gewiſſe Dinge, die man jetzt ſehr in Anſchlag nimmt, und ſie in die Penſion der Vernunft giebt, und ſie mit der in der ernſteſten Geſellſchaft gehen läßt, ohne über deren Sen - timentalität mitleidig zu rümpfen, — nicht deutlich genug ge - macht habe, und alſo nicht folgen kann, wenn man davon ſpricht: o nein! Ich habe das verſtanden, was ich geleſen habe, und mit dieſer letzten Phraſis noch niemals gelogen. Aber auch was Wieland einmal ſo feſt baute, fängt ſchon bei ſeinem Leben an, Breſchen zu bekommen (ſo wüthend iſt man jetzt, alle Gebäude zu zerſtören, um ihren Grund zu unterſuchen). — „ Doch neue Bahnen ſich zu brechen, heißt in102 ein Neſt gelehrter Weſpen ſtechen, “das leiden jetzt die Weſ - pen eher, als mit falſchen Fußtritten in alten Bahnen die Kreuz und Quer ſpaziren zu gehn, und andern Leuten weis machen zu wollen, man hätte die Bahn neu gemacht. Nicht daß Schiller das wollte, das will Schiller gewiß nicht; warum iſt er aber nicht deutlich, und fängt da an, wo Leſſing aufgehört hat, und nimmt es dann ganz anders und wie er will, und neu, und wie man’s jetzt nehmen muß; was ſchwankt er herum, und ſetzt nichts feſt. Er hat freilich definirt was die Dichtkunſt iſt, aber doch nur Eine Art, und man iſt doch in vielen andern noch immer Dichter. Er ſagt einmal, ich weiß es wohl, man könnte wohl Gemählde vorſtellen, aber man müßte dann auch zeigen, daß man es als das, was man Menſch nennt, thut, der das Gemählde nur immer als ein Stück ſeiner Situation betrachtet, und als Mittel gebraucht, ſeine Empfindungen damit zu äußern, und dem Gemählde ſelbſt durch die Art der Zuſammenſtellung ſeine eigene Phyſio - nomie aufdrückt — Sie haben die Rezenſion geleſen, und werden mich ſchon verſtehn: Sie ſehen, ich habe nur den Sinn behalten, und auch iſt das mehr mein alter eigner; es wäre Jammerſchade, wenn ich nicht beſſer dächte, als ich mich ausdrücke —, thäte man das nicht, ſo wäre man ein mecha - niſcher Kopiſt, oder Erzähler; nun ja, das dünkt mich iſt alt genug; aber auch bloß Erzählen iſt manchmal dichteriſch, und bloß Kopiren das dichteriſcheſte in einem Werk; zu rechter Zeit nur das zu thun iſt groß, und fordert eben ſo tiefe Menſchenkenntniß, als Empfindungen und Ideen in die Be - ſchreibung einer Landſchaft zu bringen. Sehen Sie, ſo giebt’s103 noch tauſend Branchen, die er hätte ausführen und ohne ſie einzuſchränken unter eine Regel bringen können; dann hätt’ er über die Dichtkunſt geſchrieben: Sie werden ſagen, in ei - ner Rezenſion geht das nicht an; gut. Hat er aber rezen - ſirt? gar nicht. Er hat ein paar Gedichte angeführt, wo er den hübſchen Gang derſelben, als Beſchreibung lebloſer Gegenſtände, aushebt, und den Versbau lobt; ja hören Sie wenn das nicht drin wäre, ſo wären ſie auch ſchlecht, und wie alle Frühlinge in allen Kalendern. Da er doch geſucht hat, ihn zu loben, ſo wundert mich erſtaunt, daß er nicht andere Dinger dieſer Sammlung genommen hat, als „ die Elfen “und noch einige, deren Namen mir nicht einfallen will. Soll ich das für neu halten, daß er ſagt, der Dichter müſſe nicht zu ſubjektiv zu Werke gehen, und ſich mehr an den ob - jektiven allgemeinen Eindruck der Dinge halten, die man na - türliche Empfindungen nennt; weil es nothwendig iſt, daß man viele Deutſche, — was ſag’ ich viele? Legionen! — von neuem daran erinnern muß, daß ſie nicht von ihrem Birn - baum, ihrer Charlotte, und endlich ihren ſeichten unver - ſtändlichen Empfindungen ſprechen ſollen? — Die Meinung, daß ein Dichter, wenn er ſimple einfache Verhältniſſe oder Naturerſcheinungen ſchildern will, es nicht thun ſoll als ein Menſch, der ſich nicht feinere und verwebtere hat denken kön - nen ſondern als ein Menſch, der ſie nicht hat finden können, in der wirklichen Welt (ich weiß Schillers Worte nicht; ich glaub’ er ſagt praktiſches Vermögen) und zu dem Einfachen wie durch das Fegfeuer gereinigt zurückkömmt, halt’ ich auch nur wie verſteckten Tadel; wie das bischen Rezenſion über -104 haupt; die überhaupt nur eine ergriffene Gelegenheit iſt, Ge - danken vorzutragen, die man (je unreifer ſie ſind) nicht mehr gut findet bei ſich zu tragen, und eine Probe ſind, die man ſich ſelbſt ablegt, nach den neuen Syſtemen die Dinge zu nehmen. Denn ſonſt kann dieſe letzte Regel nur unerzogenen Menſchen gelten, daß die keinen Geſchmack haben iſt ausge - macht, daß zu dem ſittliches Gefühl, zu dieſem Vernunftprü - fung unſrer eignen Empfindungen gehört, eben ſo; und daß man ihnen keinen einſchwätzen wird, noch gewiſſer. Und daß die nicht verſtehen was Schiller ſagt, noch gewiſſer; jemehr die - ſer letzte Gedanke neu ſein und auf viele andre Dinge ange - wendet werden könnte. En effigie käm’ ich in der Litteratur - zeitung, oder andern ſolchen Orten, vor, wenn ich nicht das erbärmlichſte Nichts wäre, und man um dieſen Brief wüßte; als das ſchamloſeſte Geſchöpf würd’ ich von Partikuliers bei - der Geſchlechter verabſcheut, wenn andere Leute, als Gelehrte, darum wüßten: aber auch Sie bitte ich, mich, noch jetzt we - nigſtens nicht, für zügellos arrogant zu halten, bis Sie meine Meinung über die zweite Rezenſion geleſen haben, von der ich eben ſo aufrichtig reden will; ſonſt müßten Sie dann ſchweigen, weil Sie nicht wüßten, womit Sie mich vergleichen ſollten. Die Rezenſion über den Gartenkalender hab’ ich noch nicht geleſen, weil ich mir geſtern von Hrn. von Brinckmann einen Pack Litteraturzeitungen geben ließ, und wie ich ſie die Nacht durch - ſuche, keine Gartenkalender-Rezenſion, ſondern eine über Wol - demar von Hrn. von Humboldt finde, von der ich mich ſchon lange abſchrecken ließ, weil ſie dieſelbe für zu ſchwer aus - ſchrieen, und ich beſcheiden-dumm es glaubte (es verleitet doch105 nichts mehr zur Dummheit als Beſcheidenheit, das iſt ausge - macht), aber da ich ſie einmal in Händen hatte, ſo bracht’ ich ſie auch vor die Augen. Ja wirklich dann würd’ ich mich ſchämen, wenn ich die nicht verſtünde, und ſie mir ein - mal einer erklären könnte; nicht daß ſie leicht wäre, ich ge - ſtehe ſelbſt, man muß ſchon über die Dinge, von denen er ſpricht, gedacht haben, um zu verſtehen, was er ſagt, aber eben, darüber nicht gedacht zu haben, würd’ ich mich ſchä - men: als ſittliche Frau ſchämen; ich glaube das iſt alles, was man darüber ſagen ſollte. Eine Frau iſt wirklich ſo elend, als ihr partage (ich weiß nun kein Wort) zu ſein ſcheint, wenn ſie nicht einmal weiß, warum es ſo ſcheint, und was ſie vermag und nicht vermögen ſoll, um es nicht ſo zu machen als es ſcheint; ſie iſt wirklich elend, wenn ſie nicht wenigſtens Hrn. von Humboldt ſchnell verſteht, wenn er auch Dinge ſagt, die ſie niemals würde geſagt haben: gewußt muß ſie ſie haben, oder ſie iſt wirklich als eine Unterklaſſe, wofür ſie viele halten, zu bedauern; und iſt wirklich ſo elend, als alle elende Menſchen, die nicht beſſer ſein können als ihre ſchlechte Lage. Sogar geſchrieben ſcheint mir dieſe Rezenſion leicht, — mir, der die einfachſte Geſchichte manchmal ſchwer zu verſtehen wird, die niemals Worte hat etwas auszudrücken, und die der Andern ſchwer verſteht, — wegen ihrer Präziſion, Beſtimmtheit, und großen Zuſammen - hangs. — Weh mir, mit was für Menſchen iſt man umge - ben Hören Sie! für ſo dumm habe ich ſie alle doch nicht gehalten. Für einen außerordentlich philoſophiſchen Kopf lie - ßen ſie Humboldt immer gelten, und rühmten ihn, und erho -106 ben ihn! aber die Menſchenkenntniß wollten ſie ihm abſpre - chen. Hat er denn nie mit ihnen geſprochen, wie er in dieſer Rezenſion geſchrieben hat? oder haben ſie ihn total nicht verſtanden! Sonſt müßten ſie ja nur all ihr bischen Wunder vor ſeiner Menſchenkenntniß niedergelegt haben, und hätten den philoſophiſchen Kopf ganz vergeſſen müſſen: nicht als ob er ihn bei dieſer wunderbaren Rezenſion vergeſſen hätte, im Gegentheil, er hat darin beſtimmt, was Menſchenkenntniß iſt; er hat ſie als eine Kunſt ſo zu ſagen zergliedert und feſt - geſetzt, und weil die nun einmal ſich an Moralität und Menſchheit lehnt, dieſe zu Regeln gemacht, wie Schönheit bei Kunſt, und auch die Regel wieder als Schönheit und natür - liche Konſequenz zergliedert und befeſtigt. Kurz, der weiß das Beſte nicht, der dieſe Rezenſion nicht verſteht, und wer ſie nicht über allen Ausdruck bewundert, verſteht ſie nicht. Nun nennen ſie mich anmaßend, und wie Sie wollen! — aber noch nicht, das Beſte kommt noch! Sie werden doch nun gewiß glauben, ich nehme mein Urtheil über Woldemar zurück? Stellen Sie ſich vor: nein! Ich will einräumen und muß glauben, auch Jacobi habe alles das über ſein Buch ge - dacht, was Hr. von Humboldt drüber ſagt: ſo kann ich da - mit noch nicht zufrieden ſein, und mache eben, was beim Re - zenſenten das übermäßigſte Lob iſt, beim Verfaſſer zum Tadel. Ein Roman iſt doch immer ein Kunſtwerk des Genie’s, worin man alles das wohl finden muß, was Humboldt ſagt, und was man auch in jeder Schilderung menſchlicher Situationen findet, wenn ſie mit Wahrheit geſchildert und nicht von ge - meinen Menſchen genommen ſind. Hr. von Humboldt hätte107 über jeden nicht ſchlechten Roman dieſe außerordentliche Re - zenſion machen und das drüber denken können; aber Jacobi muß das nicht denken, wenn er ſchreibt, und das dünkt mich las ich in ſeinem Buche; ich fand immer die Feſtſetzung eines Syſtems darin, und nicht außerordentliche Karaktere, die mich es finden ließen, wenn ich ſie unterſuchte; es kam mir immer vor, als theilte er mir einen Plan mit, wie er ein Buch machen wollte, und darum konnt’ ich nie Genie darin finden; Sinn, Menſchenkenntniß, Philoſophie immer, und im zweiten Theil vermißt’ ich auch die. Ein Genie muß Vorfälle der Natur ergreifen und zuſammenzuſtellen wiſſen, und mit drun - ter andeuten, was es ſelbſt darüber denkt, oder auch nicht, ſo muß man, wenn man ſelbſt nachdenkt, allgemeine Regeln darin auffinden können, oder als Wahrnehmungen drin fin - den; ein Kunſtwerk muß mir aber nicht immer ſagen, was es will, es muß es gleich zeigen. Darin unterſcheidet ſich die Rezenſion von dem Werke ſelbſt, das ſie rezenſirt, und Jaco - bi’s Werk kommt mir nur vor, wie eine Skizze zu Hrn. von Humboldt’s Rezenſion, und es ſollte doch der Text ſein. Ein guter Rathgeber müßte Jacobi einem neuen Goethe oder Rouſſeau in ihrer Jugend ſein. Man muß wohl etwas zu beweiſen im Sinne haben, wenn man einen Roman ſchreibt, aber man muß noch jung genug in ſich ſein es nur zu füh - len, und es nicht ewig analyſirt auf der Zunge tragen; ſonſt wird’s eine Lehre, wie man beweiſen ſoll, und nicht ein le - bendiges aus der Natur gegriffenes Exempel für den Beweis. Darum ſcheint mir Hrn. von Humboldt’s Rezenſion ſo voller tiefen zerlegten Inhalts, der hier Genie iſt, weil er unter -108 ſuchen ſoll, und in Jacobi’s Roman ſelbſt keins. Schreiben Sie mir ja genau Ihre Meinung hierüber: und ſprechen Sie einmal mit klugen Leuten darüber; denn daß was Kluges her - aus kommen kann, glaub’ ich wohl. Nun will ich einmal mit Humboldt ſelbſt den zweiten Theil des Woldemar durch - gehen, (ich habe die Litteraturzeitung noch). Daß er immer ſagt, Jacobi habe nur Fingerzeige gegeben, das find’ ich nicht: mir hat er deutlich und vernehmlich beſtändig geſprochen. „ Etwas Zartes, wie das ſtille Bündniß zweier Herzen, ſcheut jede, auch die leiſeſte Berührung, “ſagt Humboldt wahr; aber ein Herz, wo ein guter Kopf drauf ſitzt, läßt ſich doch von fremder Berührung nicht irre machen. „ Nur aus ſich ſelbſt will es hervorgehen, nur in unentweihter Einſamkeit will es ſich entwickeln, und die Hand, die ſich ihm naht, kann es zer - nichten, ehe ſie es berührt. “ Ich glaube, eine profane Hand kann es nie berühren, und nie den Einfall haben es berühren zu wollen, denn die ahndet es gar nicht. Können ſich denn nicht ein Paar geſcheidte Menſchen verheirathen, wenn ſie auch wiſſen, daß ſie nicht zum Heirathen ſind, und fortleben vor wie nach, ohne daß es die Andern merken; und findet eine Henriette, daß Woldemar eine Alwina haben muß, kann ſie ſie ihm nicht ohne Lärm und sans façon geben? Wer wird dem Romane die einzelnen ſchönen Züge abläugnen, aber zum Bewundern ſind ſie mir zu bekannt, und in meiner Welt zu oft zugekommen. „ Und eine gewiſſe Befreundung mit Din - gen dieſer Erde iſt ſüßer, als die Weiſen denken, “führt Hr. von Humboldt an. Ja, das hat Rouſſeau in der Heloiſe, Goethe im Werther und Taſſo, tauſendmal bewieſen, und109 nicht gepredigt; der Franzoſe läßt die Dame den Salat mit den Fingern rühren, und viel mehr dgl. und Goethe läßt die Damen Taſſo’n Kleider ſticken und wählen, und ihn nur deſto beſſer darum lieben, und Werthern entzückt Brot ſchneiden ſehen, tauſend Dinge für die Kinder machen u. ſ. w. Hätte doch Hr. von Humboldt eins von dieſen Werken vorgenom - men, ſo hätte man zwei Genie’s zu gleicher Zeit bewundern und verſtehen lernen, und das größte menſchliche Vergnügen gehabt, ein Genie das andere bewundern zu ſehn. „ Nach - theilige Stadtgerüchte “müſſen eine Henriette auch nicht einen Augenblick (und können auch gar nicht, wie ſie uns Jacobi ſchildert) verleiten, Woldemar in Unruhe zu ſtürzen, den ſie kennt, und dem ſie ſich lange in ſich aufgeopfert hat („ ſtill ſich widmete “ſagt Goethe in Erwin und Elmire, das könn - ten Sie doch nicht wiſſen). Das auf dem Sterbebette des Vaters gegebene Gelübde iſt nicht außer der Natur, tritt aber, wie Hr. von Humboldt ſelbſt anmerkt, hier affektirt auf: hat ſie’s aber gegeben, warum iſt ſie mit Woldemar nicht auf dem Fuß, daß ſie’s ihm ſagen kann, oder hält es wofür es iſt, für ein Freundſchaftsſtück an einen nicht mehr zu ändern - den, ſterbenden, angſtvollen Vater! Und warum kann es Wol - demar nicht gelaſſen hören? Sie ſind alſo beide noch nicht fertig! Hätte Hr. von Humboldt doch über fertige Menſchen ſo geſprochen, die durch äußere Umſtände ſo in Verlegenheit ſind, und wo man nicht jeden Augenblick denken muß: könnt’ ich ihnen nur die Augen öffnen: und lieber mitfühlen muß, wie ſchrecklich es manchmal zu leben iſt, und daß dann von Verzweiflung nichts retten kann, als eben das, was die Trauer110 macht; daß man beſſer iſt, als wofür man muß gehalten wer - den: das wäre göttlich geweſen! Warum hat er Taſſo nicht genommen; da ſind ſie geſittet, und können ſich doch nicht helfen. Die Lage, daß Woldemar und Henriette zu liirt ſind um ſich zu heirathen oder zu lieben (das erſtere geht noch weit eher an), iſt mir nicht beſonders und nicht neu; wie mir denn auch alles, was Hr. von Humboldt noch ſehr Schönes von Sinnlichkeit, Moral und überhaupt Allgemeines ſagt, ſehr verſtändlich, deutlich und begreiflich ſcheint. Auch die Einleitung zur Rezenſion hab’ ich verſtanden: und gleich und ſehr leicht. Wundern Sie ſich nur nicht: und glauben Sie’s nur. Morgen werd’ ich Ihr kleines Briefchen beantworten, heute bin ich zu müde. Ich bleibe alſo bis jetzt dabei, im zweiten Theil werden ſie plötzlich toll; ich hatte das Buch ganz vergeſſen, und nur mein Urtheil darüber behalten. Hum - boldt hat’s recht aufgefriſcht. Die Rezenſion iſt was Erſtes! Dabei bleibts; göttlich! —
Ich kann mich von den Rezenſionen gar nicht wieder trennen! Sie iſt doch außerordentlich, die des Woldemar! Sie haben keinen Begriff, wie mir die gefällt. So zuſam - mengegriffen, was man beurtheilen ſoll, und dann, wie man’s beurtheilen ſoll. Ich will endlich nur einmal aufhören; aber ſo hab’ ich mir lange gewünſcht möchte man einmal die Men - ſchen nehmen: und nun kommt ein Humboldt und thut’s, ſo ein Humboldt, den man kennt. Nein, dieſe Satisfaktion iſt zu groß. Sie müſſen nur wiſſen, daß ich bei der Matthiſ -111 ſon’ſchen Rezenſion nicht reines Gemüths war: denn man hatte mir vorher ſo viel geſagt, und beſonders ſie ſo enorm ſchwer ausgegeben, daß ich in Ärger verfiel ſie zu finden wie ſie iſt. Ich weiß ſelbſt, daß ſie Hr. von Humboldt ſo ſehr gut fand, und die eine Idee ſo beſonders, „ daß der Menſch dahin zurückkommen müſſe, aber nicht ſtehen bleiben, von wo aus ihn die Natur ſchickt; “das alles hat mich anſtatt ein - zunehmen, nur noch krippſcher gemacht. Kennen Sie gar kei - nen ordentlichen Menſchen in Jena? Reden Sie doch einmal mit einem von der Rezenſion, und als ob Sie meiner Mei - nung wären (den Hals wird’s Ihnen doch nicht koſten), und hören Sie, ob alle Menſchen Sie für unſinnig halten, und ob ich’s auch thun muß! Denn zu denken, vielleicht biſt du verrückt, iſt ſchrecklich; weiß ich’s gewiß, ſo reformir’ ich mich. — —
Ich ſoll Ihnen ein Wort über den Hrn. von Humboldt ſchreiben; ich weiß keins, das werden ſie doch deutlich aus den vorigen Blättern ſehen. Und wenn ich ſagte, verlaſſen Sie ſich nicht zu ſehr auf ihn, ſo meint’ ich, verlaſſen Sie ſich nicht zu ſehr auf ſich und das Verhältniß, das zwiſchen Ihnen beiden ſein kann, und ſein Sie immer fein, zurückhal - tend, artig (im Syſtemſinne, lieber Jünger), und was er ſich erlaubt (im Urtheil hauptſächlich), erlauben Sie ſich nicht: und diesmal war es zu „ ſorgliche Freundſchaft “, was aus mir ſprach. —
Ich fühle mit Ihnen; das heißt, ich nehme Antheil und bedaure Sie, daß Sie ungeſellig leben müſſen. — Ich be - ſchwöre Sie aber auch, bei allen Seelen aller ſeligen größten112 Generale, unſren Friedrich an der Spitze, benutzen Sie dieſes Herzeleid, wie die Spitze meiner Beſchwörung ſo oft thut, und brauchen Sie eine défaite, wo die Welt und Sie ſich verloren glauben, ſich unverſehens aufzuraffen, über den An - blick von Kadaver und Ermattung zu ſiegen, und durch Muth und Fleiß alles zu erſetzen, was Sie verloren gaben, um er - müdet, aber mit Sieg gekrönt und ruhig, den Genuß Ihrer ſchweren Thaten erwartend, in Ihre Hauptſtadt einzuziehen. Was bleibt einem anders übrig, als recht viel zu wiſſen! Erſt heut und geſtern hab’ ich raſend werden wollen (und will noch), daß ich nichts weiß, und nichts lernen kann, denn ich fühle, was das für ein Geſchick ſein muß, das einem das giebt. Und dann muß man doch jetzt recht viel wiſſen, ſonſt weiß man gar nichts. —
Ihre Leidenſchaft für unſren Briefwechſel iſt ganz recht - mäßig, und im höchſten Grade auf das Gefühl der Würdig - keit gegründet; und wenn die äußern Umſtände etwas thun, ſo mögen ſie (o! ich werde mich entſetzlich ausdrücken, ich kann aber nicht anders) Ihnen nur gleichſam größeren Raum geben, in dem Sie ſich ſo recht über dieſen Briefwechſel freuen; daß, da Sie doch alles Genuſſes (ich muß das Wort brau - chen) beraubt ſind, ſie Ihnen doch dieſen, den Sie mit Leiden - ſchaft lieben, haben laſſen müſſen, und noch ſelbſt dazu haben thun müſſen, ihn zu erhöhen. — —
Zuletzt, wenn man’s auch gar nicht mehr bedarf, kommt alles in Gleichgewicht, alſo auch wohl ich, mit der dankbaren Welt, und ihr Urtheil über mich, und alles was ich wohlkönnte113könnte mit ihr zu theilen haben. Mir gefällt (ich fahre hier fort in Ihrem Brief, wie Sie’s gethan haben, obgleich ich keine Folge einſeh) dieſe ungleiche Miſchung von Aufrichtig - keit und Zurückhaltung, die unter uns obwaltet, daher bin ich nicht neugierig zu ſehen wann ſie ſich wird in Gleichge - wicht ’geſetzt haben; denn ich halte es nicht für unmöglich, aber dann würde es mir nicht ſo gut gefallen, ſtell’ ich mir vor; ungeachtet ich weder für, noch dagegen, mit Willen etwas thun werde: und überhaupt kommt ſie mir nicht ſo problematiſch vor. —
Nun kommt wieder Woldemar. Ja freilich hab’ ich Humboldts Rezenſion geleſen: ja, ſie iſt „ ein Kunſtwerk “, das war das Wort. Nun es iſt mir doch lieb, daß ſich un - ſere Urtheile begegneten: urtheilen Sie über dieſe beiden Ur - theile, ich will Ihnen nicht vorgreifen, um ſo mehr da ich ſchon weiß was ich denken ſoll. Die Ideen in Woldemar, obgleich ſie mir in Zuſammenhang mit Jacobi’s übrigen Werken nicht geläufig ſind, waren mir recht faßlich und kei - neswegs unbekannt; um ſo mehr, da er ſelbſt deutlich genug davon vorſpricht. Ich fühle ganz wie lächerlich es klingt, aber um wahr zu ſein muß ich’s diesmal ſagen, nur ganz Unkundigen (wie Humboldt ſagt) können ſie entgangen ſein. Sie haben übrigens mein Entzücken über dieſe Rezen - ſion zu Gedanken überſetzt: und wenn ich mich mir ſelbſt deutlich machen will, leſ’ ich die kleine Stelle in ihrem Brief drüber. Die Lieblingsidee, der man darin auf die Spur kom - men kann, iſt, glaub’ ich, was die wahre Bewunderung ein - fordert. — Herrn von Brinckmann will ich ſo gut als mirI. 8114Gerechtigkeit widerfahren laſſen; er hatte ſich zwar geirrt, und mir ſtatt der Gartenrezenſion eine theologiſche gelaſſen, aber die Humboldt’ſche gab er mir mit Bedacht. — —
Hören Sie, mit der Delikateſſe bin ich ſehr liirt, und um Ihnen nur eine confidence zu machen, ſie hat meine ganze Liebe; und ich bin ſo paſſionirt, daß ich auch meinen ſcharfen Augen nicht traue, und ſie nicht von der Hand laſſe. Und noch ganz beſonders darum, weil mich das vor vielen Begegnungen ſchützt, denen ich mit einer andern Paſſion ausgeſetzt ſein würde, die ich ſchlechterdings nicht vertra - gen kann.
Thümmel kann machen was er will; ich habe auch den erſten Theil geleſen, und wenn Sie den zweiten werden ge - leſen haben, werd’ ich’s auch thun. Warum wird man nicht affektirt ſein, wenn man ſonſt nichts in ſich findet; und warum wird Affektation nicht verhindern das zu finden, was ſonſt noch da ſein kann? —
Es iſt etwas Gleichgültiges, aber Sie werden doch An - theil nehmen, wenn ich Ihnen erzähle, daß ich vorige Woche in himmliſchem Wetter zwei Tage mit den Geſchwiſtern, dem jungen Ehpaar, mehreren Damen und zwei Engländern in zwei Wagen in Potsdam war, alles geſehen habe und gött - lich gefunden, beſonders eine Ausſicht vom Belvedere aus, über Potsdam, Sansſouci, Palais und alles, und wohl ein paar Meilen in die Runde Spree und Havel vereinigt, und ein enormes Vergnügen nach meiner Art gehabt habe. Übri - gens hab’ ich ganz prächtig Konverſation mit den Engländern machen können, die ihre Sprache ſprachen, und ich franzö -115 ſiſch. Mit meinem Engliſch geht’s wunderſchlecht, drum ſchweig’ ich ſo ſehr.
Graf Bernſtorff war hier: er hat mich nur grüßen laſſen, und ich hab’ ihn nur im Wagen geſehen. Das verſchmerz’ ich nicht. Kann ich mich nun empfehlen? —
Sie und Hauptmann Cuhn halten mich für ignoranter, als ich bin; ich kann nur wiſſen, ob das viel iſt, denn alle andren Leute glauben mir nicht, daß ich nichts weiß. Die Reihe des nicht verſtanden werdens iſt noch lange nicht an Ihnen; ich habe Sie ſehr wohl verſtanden, Sie meinten, ich ſei nicht immer die rechte Levin, manchmal die falſche, eine andre; verſtanden hab’ ich Sie, aber Recht geb’ ich Ihnen nicht; manchmal bin ich wohl anders, aber dann bin ich erſt die Rechte, nämlich die wahre, wenn ich ſo aus Grund mei - nes Herzens ſpreche (wozu ich ein wenig ärgerlich ſein muß), dann halten Sie mich für falſch: dann bin ich die ächte. Übrigens aber will ich gar nicht läugnen, daß ich Sie wohl nicht mag verſtanden haben; aber mißverſtanden hab’ ich Sie gewiß nicht, und ich bitte Sie ein - für allemal, das nie zu fürchten, denn ich weiß immer, daß Sie etwas Gutes meinen, wenn ich auch nicht gleich weiß was: diesmal wußt’ ich’s auch nicht recht, aber ich merkte gleich (ich ſchwör’ es Ihnen), daß Sie nicht deutlich waren, und daß ich auch nicht recht verſtand, und dabei wußt’ ich doch wohl, was Sie meinten,8 *116und habe Sie gar nicht mißverſtanden. Ich werd’ Ihnen nicht ſagen, daß Sie mir glauben ſollen, weil mir diesmal wirklich am guten Willen weniger liegt, als daß Sie über - zeugt ſein ſollen, die Gründe dazu, bin ich gewiß, finden Sie von ſelbſt, wenn Sie mich gelaſſen erwägen. Was Sie mir über den Woldemar und über die Wahrheit ſagen, wünſch’ ich könnte gedruckt, und von den Menſchen verſtanden wer - den; trotz Ihrem eigennützigen Wunſch, ſie möchten dumm bleiben, damit man Briefe ſchreiben kann. Überhaupt aber iſt Ihr heutiges Billet von allen, die ich von Ihnen geſehen habe, das erſte — und gefällt mir über die Maßen; alles was Sie von allgemeinen Wahrheiten drin ſagen, iſt einzig; und was Sie mir beſonders ſagen, prächtig, ganz wahr und mit einer candeur und Naivetät ausgedrückt — die ich noch gar nicht bei Ihnen gefunden habe, obſchon Sie oft Wahr - heiten geſchrieben haben — die mir für die Wahrheit und Güte derſelben bürgt. Wir haben uns heute in die Wahrheit eingelaſſen, wenn wir aber bedenken, daß es doch nicht die Tugend iſt, ſo wird ſie uns wie eine Göttin vorkommen, und in dieſer Eil können wir ihr wohl ein bischen die Kour ma - chen, wenn wir beſonders bedenken, daß man durch ſie hinter alle Untugenden kommen kann, und ſie entdeckt; was Sie beſonders von ihr geſchrieben haben, kann ich nur bejahen, um einigermaßen etwas Ihnen Würdiges zu thun; welches ich auch aus Grund meines Herzens, Verſtandes und den Winkeln all meines Lebens thu.
Adieu. R. L.
„ Außer meinem Leben könnt Ihr mir nichts nehmen, was mir gleichgültiger iſt, “antwortet Hamlet dem Olden - holm, als der ihm ſagt: „ Ich will Abſchied von Euch nehmen, gnädigſter Herr. “ So etwas ungefähr hab’ ich Luſt Ihnen zu antworten, darauf daß Sie mein Urtheil Humboldten ge - zeigt haben; denn auf nichts in der Welt hab’ ich weniger Anſpruch zu machen, als auf ein litterariſches („ um dieſes armſelige Wort beizubehalten, “ſagt Oldenholm zu ſeiner Tochter, als ſie ihm von Hamlet’s Zuneigung ſprach) gutes oder rechtes Urtheil. Alſo nichts kann mir ſchmeichelhafter ſein, als wenn man ein ſolches von mir billigt, und auch nichts gleichgültiger, als wenn man ein ſolches von mir zeigt. Wenn ich aber dieſes Zeigen für ſo wichtig, als Sie es tha - ten, gehalten hätte, ſo würde ich’s im Leben nicht gethan haben, denn was in der Welt hätte von der andern Seite den Kalkül richtig machen können, wenn Sie bei mir wirklich ſo viel verloren hätten, als ſie ſich einbilderiſch vorſtellten? Mein Urtheil „ war ſo richtig und gründlich, daß es ſo viel Würdige als möglich wiſſen mußten, “gut! aber ſo erforder - lich ſcheint mir das doch nicht, um ſo viel auf’s Spiel zu ſetzen. Sie haben aber auch gewiß dabei gewußt, wie ich’s nehmen kann; und darum nur thaten Sie’s. Genug davon: denn ich finde, man kann mit einem Briefe, worin ein Urtheil über ein Kunſtwerk ſteht, machen was man will; und alles118 Perſönliche fällt weg, wenn es ein Mädchen geſchrieben hat, wo man das, was einem nicht darin gefallen mag, auf die leichteſte und rechtmäßigſte Art, als Ignoranz von ihrer Seite, verwerfen kann. Was aber in der That nicht hübſch war, iſt, daß Sie mich deßhalb ſo lange auf einen Brief haben warten laſſen! Wie komm’ ich dazu! Warum laſſen Sie mich warten, wenn Sie Luſt haben meine Briefe zu zeigen, und warum ſpeiſen Sie mich nun mit einem ſolchen ab? denn auch daran, daß Sie den Tag ſo wenig Zeit haben, ſo kurz und obenhin ſein mußten, hat Ihr langes Warten Schuld; hätten Sie mir den Tag ſchreiben zu müſſen geglaubt? Iſt das mein Lohn! Sie! mit Gerechtigkeit und Empfindung. Ach, ich ſehe wohl, ich ſtehe zu hoch bei Ihnen; Sie verken - nen mich. Ich bin eitel. Es iſt bei Gott wahr, glauben Sie mir, Und ſchreiben Sie mir genau, wenn auch nicht ausführlich, was Sie Humboldten gezeigt haben; und was Sie Exklamation nennen, Ich will es wiſſen, hören Sie! Wie oft langweil’ ich mich Ihnen zu Gefallen? Noch eins! wenn er ſich nicht gewundert hat, ſo hat er ſich auch nur vor Ihren Augen gefreut; denn, iſt das Urtheil gut und richtig, wie es neu und original gewiß iſt, er hat nicht ge - wußt, daß ein ſolches mein ſein kann, und mußte ſich ge - wundert haben, Hat er denn über Woldemar eingeſtimmt? So hat er ja der ganzen Welt Pulver vorgeſtreut, die es ver - dient! Sie antworten mir über nichts, und ſo ſehr gut über das bischen, worüber Sie antworten; ſehen Sie alſo, was Sie für ein wenig Gerechtigkeit empfindender, wenig wohlthuender Menſch ſind! — Eine eigene Art haben der119 Herr Veit mir Briefe abzuzwingen. Sie beweiſen immer, daß Sie in Todesangſt wären, wenn ich nicht ſchriebe: was kenn’ ich Schrecklicheres als Angſt, ich ſchreibe alſo. Und das Einmal wie das andere. Nun, nun, man treibt’s wie es geht: würd’ es mal anders gehn, Sie trieben’s anders. Das iſt keine Kunſt. Was hab’ ich in der langen Zeit den - ken ſollen? Freilich hatt’ ich keinen Urtheilsſpruch von Ihnen zu erwarten, der auf Tod und Leben von ſo viel Schönem und Edlen ging; aber ich konnte mich doch auch ſogar äng - ſtigen, denn was konnt’ es ſein! Daß ich den einzigen Fall, der wirklich war, nicht rathen konnte, müſſen Sie gewußt haben. Warten Sie nicht wieder ſo lange, und ſchreiben Sie mir nicht wieder ſo wenig Antwort: und nun iſt Friede. Klug haben Sie auch gehandelt; da Sie ſich doch ſchon ver - leiten ließen, werthe Weſen (Sie wiſſen doch, welches Wort ich nicht brauchen darf? künftig mach’ ich ein Quadrat bei ſolcher Gelegenheit) auf’s Spiel zu ſetzen: auch hab’ ich, und hätt’ ich auch ohne Ihr Erinnern, kein Wort von Ihnen als Buße angeſehn; und Ihr procédé gefällt mir; obgleich ich die Sache bei der Meinung, die Sie davon hatten, nicht würde gethan haben.
Mein lieber Herr, thun Sie mir auch was zu Gefallen, und ſagen Sie mir (wahr), wie es ſich machte, daß Sie mit Hrn. von Humboldt von mir und meinen Briefen ſpre - chen konnten: das alles will ich genau wiſſen! — Heute hab’ ich Ihren Brief in der Taſche und nicht neben mir, es liegen zu viel Bücher auf dem Tiſch; ich ſchreib’ alſo, was mir ein - fällt. Ich geh’ noch in die Komödie, brenne ſchon Licht, und120 bin noch nicht friſirt, es iſt vier Uhr, oder ſo was. — Ich finde es nicht ſo ſonderbar, daß Sie mich um Rath fragen, ob Sie ſich die preußiſchen Staaten, oder auch Deutſch - land, verſchlagen ſollen; oder nur ſo, wie mir denn das Rath - fragen überhaupt vorkömmt. Und auch darin denke ich über Sie beſonders; denn ein Menſch, der gar glauben kann, daß eine Frage ſtattfindet, wenn die Rede von einer Aufopferung iſt, die ein halbes Jahr betrifft, das doch in keinem Fall ohne Fleiß verloren geht, in Vergleich von immerwäh - render, wahrſcheinlicher Verſagung ſeiner, unſerer, Staa - ten: der muß fragen; worauf denn ich antworte: Sie gehen ohne alle weitere Überlegung nach Halle. Nicht, als könnt’ ich Sie mir jemals als einen Doktor vorſtellen, ſo wie man doch alles in Gedanken kann, oder als ob ich’s jemals gethan hätte; aber Sie müſſen’s doch immer ſein können, und auch bei uns. Ich kann mir gar nicht denken, daß Sie etwas Beſtimmtes ſein können: auf dieſe Weiſe ein Amt oder Stand, gleicht mir ſo ſehr einer Einſchränkung, als eine Heirath; und wie weit eher begegnet man nicht einem verſtändigen Mann oder einer ſolchen Frau, als einem ſolchen Amt oder Stand! „ Man muß aber leben! “hallt es vom Schilde aller Vernünftigen wieder, worauf ich jetzt ſchlug, ich weiß es; „ daher aber die ſchlechten Ehen, “hau’ ich wieder zu; „ wie iſt es zu ändern? “hallt es wieder; das weiß ich nicht, ich ſag’ auch nur, es iſt ſchlecht. —
Apropos! Keinem Menſchen antwort’ ich mehr auf ſo etwas; nicht aus Eigenſinn oder Vorſatz, nein, weil ich nicht121 kann, und auch über die gewöhnlichſten Dinge nicht mehr Rede ſtehen kann, niemals weiß wo ich wohl anfangen ſollte, und was ich ſo eigentlich zu vertheidigen habe. Sie haben mir noch ein Stück zur Erklärung der Mißverſtändniſſe der Leute über mich geliefert: ja ja, ſie mögen gewiß Recht haben, aber — erſtlich ſchaden ſie mir und helfen ſie mir gar nicht, Freude hab’ ich von keinem, und wär’ ich — wo - für ſie ſich ausgeben, ſo würden ſie mir in meiner Gegen - wart nicht beſſer begegnen, als ſie thun, denn ich muß es nur ſagen, in meiner Gegenwart genieße ich die größte Ach - tung, und welcher Menſch hat nicht die Hälfte der Andern wider ſich! Mir alſo kann, muß, mit einer ſehr kleinen Zahl für mich ſehr genügen, ſogar überflüſſig, wenn ich als er - bärmliches Mädchen bedenke, wie die für mich ſein müſſen. Abſcheulichkeiten (im Sinn der Leute) erinnere ich mich ſchlech - terdings nicht geſagt zu haben; ſogar in individuellen Ge - ſchichten geb’ ich immer dem Unrecht, der mit mir ſpricht — darüber muß ſich die Honnetetät freuen; freilich erinnere ich mich oft vertheidigt zu haben, was die unbegreifenden Stümper alle thun — mehr oder weniger, mit erſtaunten Abtheilungen und Modifikationen — das iſt aber alles meine rechte Schuld nicht: ſie könnens mir gar nicht vergeſſen, daß ich zu meinen vierzehn Jahren witzig war, ſie fürchten mich, weil ſie mich für klug halten (ihr gewöhnlich Wort); ſie wiſſen aber nicht, daß ich einen verſtändigen Gedanken im Kopf habe; aber ein paar Bonmots ſind ihnen von mir zu Ohren gekommen, die meiſtens Tadel überzogen, und nun iſt ihnen jeder Blick aus meinen unglücklich tiefliegenden Augen zu -122 wider und verdächtig; und was dieſem Haß den rechten Schwung giebt, und ihn, ſo unbedeutend ich bin, friſch erhält, iſt, daß ſie mich keiner Grobheit zeihen, und mir keinen ſchlechten Streich nacherzählen können, und doch ſehen, daß ich mir nichts aus ihnen mache. Das ärgert von einem jeden, und das vergiebt man nicht. Sein Sie verſichert, ich bin kein närriſcher Phantaſt, dem das ſchmeichelt; — wenn ich’s än - dern könnte, thät’ ich’s: ich büße aber, und dabei iſt denn nichts zu thun, als zu büßen. Meine Buße beſteht in Ennui; daß man mir oft nicht traut in Ernſt und Spaß; daß man mich ins Geſicht und hinter meinem Rücken anklagt, ohne daß ich mich vertheidigen kann, weil ich immer nichts zu verthei - digen weiß; daß ich ſehr oft in Verlegenheit komme, nicht in Verlegenheit kommen zu können; daß ein jeder Narr denkt, er erfüllt ſeine Pflichten — wie ſie ihre Seichtigkeit nennen, gewöhnliche Dinge in hundert Abtheilungen zu thun, was man mit Einmal konnte, und tauſend ekelhafte, wäſſerige Etcetera’s; daß ſie mich verſchreien, und mir trauen, denn ſie machen mich zu ihrem Confident. Das muß ich ausſtehn. Weiter aber nichts. Keine Kränkung, keine Erniedrigung, keinen vergeblichen Wunſch: aber ſtören thun ſie mich auch; denn, das iſt wahr, ſie erſchweren mir oft die Schritte, die ich mache, durch unzeitiges Lob, welches faſt noch ärger iſt, als ihr plumper unſinniger Tadel, welche Epithete ihrem Lobe noch weit mehr gehören. Und das iſt der ſchlimmſte Effekt dieſes Defekts meiner Renommee; denn nur eigentlich ein kleines Pünktchen auf dieſer wirft all den Schatten, der mich ſo viele Konfuſion erleben läßt. Und dieſes Pünktchen, das123 iſt wahr, würde mir, ſollte ich mal meine jetzige Gegend ver - laſſen müſſen, dieſe ſchwere Abreiſe einzig erleichtern. Denn ich geſteh es, einmal friſch wo anzukommen, wo mich noch keine geborne Bekannte kennen, ſollte mir ſehr wohl thun! Und ich goutire des Herrn von Humboldt Lebensweiſe mit einem großen Seufzer; den ich ſeufze: und denn doch, er - haben über Gram und Schmerz, weiter lebe; wie ich kann. — — Ich bin in vielen Fällen unvermuthet gelaſſen und ge - duldig, und hab’ auch erlangt mir vieles abzugewöhnen, was ich nicht an mir leiden konnte; aber darin hab’ ich noch kein Sandkorn breit über mich gewonnen, nicht eine unwiderſteh - liche Leidenſchaft zu haben, auf verkehrte Fragen — und be - ſonders, und faſt nur, wenn ſie mich betreffen — immer verkehrte Antworten zu geben, und wär’s auch nur durch Miene, durch ein enthaltenes oder gezwungenes Lächeln, kurz durch ein Nichts, ich muß ſie geben. Nie fällt’s mir ein, und iſt mein Vergnügen gar nicht, jemand zum Narren zu halten (wie man ſo ſagt), ſo ſehr man mich deſſen beſchuldigt und von mir fürchtet, aber wenn mir ſo einer — wie ſie denn manchmal unwiderſtehlich thun — in’s Garn läuft, dann geſchieht’s mir wohl, daß ich ihn, der Unglaublichkeit wegen, noch ein bischen beſſer umwinde, auch dünkts mich immer eben ſo unhöflich ihn zurückzuführen. Das kann ich im ganzen Ernſt aus Höflichkeit nicht; und ganz unange - facht bei komiſchen Gelegenheiten bin ich immer noch nicht, Iſt das Verbrechen? Was thun die Andern? Wie ſchweig’ ich! Mir kann in der Welt nichts vortheilhafter ſein, als eine Belohnung; und ich habe nicht einmal das Glück daran124 zu glauben, — Vergeltung mein’ ich eigentlich. Man ver - fährt wirklich von mancher Seite grauſam mit mir; obgleich ich nur daran denke, wenn ich’s ſchreibe, und in der That wenig von dem bedarf, was man mir geben könnte. Ich habe mich darum unterfangen ſo ausführlich gegen Sie von mir zu ſein, weil ich die Meinung habe, es ſei von einem jeden Menſchen intereſſant, Wahrheit von ihm über ſich zu hören; und bei Ihnen iſt das gar ein goût particulier. Ich wurde zu dieſer Weitſchweifigkeit durch die Stelle Ihres Briefs und mich ſelbſt verleitet. Sollte man niemals thun, wozu man Hang hat! Nun, ſo wäre das Gegentheil auch das ein - zige, was einem übrig bliebe. Aus dem Fenſter ſtürzen.
Sie haben mich auch gefragt, wie ich lebe. Wiſſen Sie’s noch nicht? Bei allem was heilig iſt und bei meiner Ehre, „ es iſt des An - und Ausziehens nicht werth, der Morgen weckt zu neuen Freuden nicht, und der Abend läßt keine Luſt zum Hoffen übrig. “— Manche ganze Woche bin ich zu Hauſe. Geſtört immer. Geben Sie mir keinen Rath! — Das kann mir nicht gefallen; daß aber die Zeit ſo ſtille ſtehen möchte, wünſch’ ich doch: denn nun kann’s nur ärger kom - men — wenn nicht Fortuna große Looſe herunter ſchickt; und ob ich gewöhnt bin, die von ihr zu erwarten, iſt gar keine Frage — mündlich könnt’ ich Ihnen das alles detailliren. Ich wünſche keinen neuen Sommer, keinen neuen Winter, nichts wünſch’ ich als ich mehr. Denn voriges Jahr wünſcht’ ich nur zu reiſen, weil ich krank war; aber jetzt bin ich ſeit acht Wo -125 chen geſund, und bedarf alſo das auch nicht mehr; als ich möcht’ ich auch nicht reiſen. Nichts wünſch’ ich jetzt, als mich zu verändern, äußerlich und innerlich, ich bin nicht gut, gefalle mir nicht, und bin mich überdrüſſig; dazu werd’ ich aber nicht gelangen, und ich muß ſo bleiben, ſo gut als mein Geſicht; älter können wir beide wohl werden, ſonſt aber nichts. Die Konfuſion nimmt überhand; ich bin mit keinem Menſchen über keine Sache mehr einig: ich mache ſie immer noch größer, denn wenn wir uns nicht verſtehen, laß ich’s dabei, und ſage aus Hang und Paſſion meine Sache weiter, jene auch, und dann iſt’s das Höchſte; ſchweigen thu’ ich zu eben der unrechten Zeit. Dabei ſeh’ ich doch viel Menſchen, und erfahre alles, denn grade wo ich hin komme, ſind Alle. Kein Vergnügen oder irgend eine Satisfaktion hab’ ich gar nicht, und nie be - gegn’ ich oder hör’ ich was Intereſſantes; dabei muß ich mich noch für glücklich halten, daß es mir nicht noch ärger geht, wie es doch gar zu gut könnte. Auch fürcht’ ich jede Ver - änderung. Ich bleib’ auch immer mager: von Beaumarchais Narren muß ich doch nicht ſein, die „ dabei (bei Langerweile) fett werden “können.
Wenn Sie der Brief nicht amüſirt, ſo iſt das ſehr na - türlich, zwei amüſiren ſich nie zugleich: und da Sie doch nun ſo friſch wiſſen, daß ich mir nicht helfen kann, ſo werden Sie’s mir weniger übel nehmen, daß ich Ihnen nicht helfen kann; ich kann Ihnen nicht helfen. Sie werden dieſe Klagen ſo nicht verſtehen, ich müßt’ Ihnen das alles ſagen und zu verſtehen geben. Ich fühle, daß es ſo kein Menſch verſteht, und ſich weit was Schöneres darunter vorſtellt; und es iſt126 gemein; von meiner Seite meine ich, ich verlange gemeine Sachen; die man aber haben muß. Nun nehme ich Ihren Brief, und ſeh’ was noch zu antworten iſt. Apropos, das fällt mir ein; Livländern bin ich gut, ſie haben immer blaue Augen, ſind blond, haben gute Zähne, gehen reinlich, und haben ſchöne Sprache. Bravo wenn das iſt! — Nun nehm’ ich Ihren Brief. — Ach Gott was finde ich da! Warum ich mich Ihrer annehme? Ich bin ſo wahr mit Ihnen; weil — Ihnen nichts gut thut, als die Wahrheit; weil Sie eine Art von Geiſt haben — ich weiß es noch nicht zu nennen — der, wenn es auch Örter giebt, wo er nicht hingeblickt hat, doch wenn man ihn hinwendet, gleich recht ſieht, und ſeine ganze vorige, wie jetzige und künftige Exiſtenz mit dem Licht erhellt, was er jetzt erblickt — nun, das in Worte zu bringen iſt mir recht ſchwer geworden; Sie werden’s merken — warum ſoll mir das nicht gefallen? Urtheilen Sie ſelbſt, ob ſo ein Menſch ein vorzüglicher iſt! Übrigens ſind alle andere Menſchen, mit denen ich liirt bin, mir ſo gleich; das iſt mir gar nicht geſund; aber Sie können mir Gegenunterricht von ſo vielen Seiten her geben, und das iſt mir recht. Und dann! — brin - gen Sie immer alles in’s Reine, was ich denke und ſage — und verſtehen faſt immer das Reine gleich davon, und das iſt mir nothwendig. Weiter weiß ich jetzt nichts. Über die Miſchung von Aufrichtigkeit und Zurückhaltung müſſen Sie mir mal ſchreiben; denn ich weiß nicht, was Sie meinen, und will es gerne wiſſen: diesmal haben Sie ſich geirrt. Über die Delikateſſe ſchreiben Sie ganz vortrefflich: wenn ich es geſchrieben hätte, wäre es gar nichts geweſen, aber daß127 Sie es wiſſen iſt viel: das kommt wieder nur vom richtigen Denken; meine Krankheit iſt’s, alſo muß ich die ſchäd - lichen Effekte wohl kennen, bei Ihnen iſt es reines Denken. Daran laborir’ ich eben; darin möcht’ ich mich ändern. Ver - geblich! ich ſuche mein Glück nicht in Ruhe, ohne Ruhe kann ich aber ſchlechterdings nicht glücklich ſein, und kann ich nicht glücklich ſein, ſo muß ich doch ruhig ſein. Leben Sie wohl! Antwort!
Nehmen Sie dieſen Brief nicht zu ernſt; ich hätte ganz anders ſchreiben können, dabei es eben ſo wäre. Die vielen Kleckſe ſind für mich ſo ſehr ſchokant als für Sie: aber in ganz Berlin ſchenkt und ſchneidet mir kein Menſch eine Feder; mit gekauften kann ich nicht ſchreiben; ſchneiden kann ich keine; ich will’s mir aber von der Unzelmann lehren laſſen, die es ſehr gut kann.
Diesmal wiſſen Sie gewiß nicht, was in dem Briefe ſteht, eh’ Sie ihn erbrechen.
Mit einemmale will ich Sie wenigſtens über mich ganz einig machen. Je suis tout aussi malade, tout aussi bête, et amou .... — je ne peux pas écrire ce mot — jugez, si je suis affairée. Aber .... — ich ſchweige. Wenn Sie ſich, si vous ne vous moquez pas; ſo iſt das der ascendant, den ich über Sie habe. Ich verberge Ihnen meine bêterie, wenn ich ſchwach bin bleib’ ich im Bette: und das giebt mir128 Stärke. Übrigens ſuchen Sie, mein Herr, mir den ascendant ſchon abzulauern: daß Sie ſich ſo ſehr ſchwach gegen mich ſtellen, mich ſo hoch über ſich ſetzen; dadurch machen Sie mich zum Idole, und ſich zum lebenden Menſchen, dem es unter andern auch wohl thut, ſich zu ſammlen, zu bewundren, zu fürchten, zu beten. Iſt nun der kleine Hausgott nicht von Gold oder Marmor, und glaubt in ſeiner gehirnloſen Bruſt ſeiner eignen Anbetung, ſo wird er ſein eigner — und noch Andrer Narr. Ich habe mich, in der großen allgemeinen Weltnoth, einem Gotte ganz gewidmet; und ſo oft ich noch gerettet worden bin, ſo iſt es der, der mich gerettet hat, die Wahrheit. Auch von Ihnen ſoll ſie mich diesmal retten: denn ſie iſt’s, die mich zwingt, und mir zuredet, aufrichtig gegen Sie zu ſein. Dieſe Aufrichtigkeit muß Sie beruhigen, befriedigen und verſtummen machen. Oder ich bin wirklich werth, in einem Kapellchen zu ſtehen, und die Augen vor mei - ner eignen Glorie zu ſchließen. Votre amie la plus bête.
R. L.
Falſch, grundfalſch — angenommen Sie hätten mehr als Sie wiſſen daraus gelernt — daß Sie aus dieſem Buch et - was hätten erfahren können, was Sie nicht wüßten; es müßte denn Geſchichte ſein. Falſch, grundfalſch, daß ich die vier Bände nicht durchleſen werde; denn ich werde gewiß etwas daraus lernen. Falſch, grundfalſch, daß Sie nicht glaubenan129an Ihrer eigenen Empfindung irre gemacht zu werden; wenn der Gott in mir, etwa es wollte. Würden Sie ſich jetzt ſchon mit Trotz waffnen, wenn Sie nicht einem ſchweren Kampfe entgegen ſähen? Erkennen Sie Vernunft nicht für das ſchwere Geſchütz, und iſt Trotz dagegen gebrauchen nicht die Flagge der Unvernunft?
Sie müſſen aber beſtraft werden; denn Sie ſprachen von Wehren, eh’ ich an Angreifen dachte und nur eine Miene machte. Dieſer Aufſtand muß beſtraft werden; und ich will mich auf folgende Weiſe rächen: Ich habe das Buch noch nicht geleſen, ich kann es alſo hübſch oder häßlich finden, das ſind zwei Fälle; der erſte würde Sie ein bischen mit ihm vereini - gen — was Sie doch nicht mehr als gerne thun — und be - ruhigen; dieſer Genuß ſoll Ihnen nun nicht werden, oder viel - mehr, Sie ſollen nie erfahren, ob Sie ihn gehabt haben. Daher will ich mich auch vorher beſtimmen wie Sie, und vorher ſagen, daß mir das Buch gefällt, und in aller Ewig - keit dabei bleiben; weil es Ihnen gefallen hat. Sie ſehen, ich kehre Ihren Trotz um, und beſtrafe Sie nach Götterart, durch — Willfährigkeit in Ihren böſen Willen. Aber Bernſtorff ganz allein ſoll erfahren — dem ſchreib’ ich’s — wenn’s mir nicht gefällt, denn den kann ich Ihnen nicht auf Ihrer Seite laſſen.
Sie meinen doch, es iſt groß, daß Sie mir das Buch ge - ſchickt haben? keineswegs; erſtens fanden Sie’s heute, dann haben Sie gar ſo große Furcht nicht, und letztens haben Sie durch Ihr kühnes Billet allem Verdruß vorgebogen, den ich Ihnen etwa machen konnte. Aber an Bosheit kommt manI. 9130ſeinem Meiſter nie gleich: die iſt ein Talent, und unerſchöpf - lich wie ein ſolches.
Wenn man einen Menſchen als Freund anſieht, ſo hat er nichts davon, als daß man ihn eben ſo ſchlecht, unhöflich, und hart behandelt, als ſich ſelbſt; aber auch keinen andern wieder ſo — finden Sie ein Wort — ſüß iſt mir zu ſchlecht, und ein anders weiß ich doch nicht. Es war Ihnen äußerſt unangenehm, ſo lang nichts von mir zu hören; das hab’ ich jeden Tag gefühlt, jeden Tag Briefe an Sie komponirt, und doch nicht geſchrieben. Ich bin Ihnen eine angenehme Empfin - dung ſchuldig — ſie löſchen die unangenehmen, die man hatte, nicht aus, aber ſie verdrängen doch neue; ich bin überzeugt — ich warte auch umſonſt — und noch — auf einen Brief, und kurz ich kenne das — es war mir eben ſo unangenehm, Ih - nen keinen Brief zu ſchicken, als es Ihnen war, keinen von mir zu bekommen. Sie geſtehen mir hierin viel zu: glauben mir alſo gern, und können doch nicht; Sie werden nachden - kend, und wollen’s finden. Ich will Ihnen helfen, ich will mich deutlich machen. Der Grad der Unannehmlichkeit war ſich gleich, die Art ſehr verſchieden. Aber ziehen Sie ein böſes Gewiſſen vor? Ein böſes Gewiſſen war’s zwar nicht; denn ich konnte Ihnen wahrlich nicht ſchreiben, und doch wußt’ ich, daß mit vieler Mühe und vieler Zeit, ich wohl könnte. Ich will Sie einmal tief in meine Seele ſchauen und nichts darin131 erblicken laſſen, wie mich ſelbſt (wie iſt hier nicht anſtatt „ als “; ich erblicke auch nichts, ſoll es heißen); denn wahr - haftig mir ſelbſt macht’s Mühe mich deutlich zu denken. Die Haupturſache, warum ich nicht ſchrieb, ſind Meiſter, die Horen, und die Meſſe; über die erſten kann man — außer Bücher — nicht ſchreiben, — und mit niemand möcht’ ich lie - ber darüber ſprechen, als mit Ihnen, — und die Meſſe wollt’ ich als nichts Ungewiſſes berühren; weil das bei mir Hölle, Teufel, und alle ſchlechten Erfindungen der Dinge ſind, die alles erfunden haben, und die wälze ich ſo leicht nicht auf einen Andern.
Sehen Sie, daß ich nichts thun kann; bei dem Wort „ Andern “trat die Liman und Weſſely in die Stube, und aus war das Schreiben. Mama will mich nicht nach Leipzig mitnehmen; ſie will nur in einem halben Wagen fahren; — kurz die Einrichtung der paar Umſtände, unter denen ich keuche, iſt ſo, daß auf alles, nur auf mich keine, Rückſicht ge - nommen wird; obgleich man manchmal, wenn ich in Agonie par exemple liege, ſolche Mienen macht. Ich bin krank. Nun ſag’ ich’s ſelbſt; und kann gar nicht wieder geſund werden, als durch Pflege. Niemand lebt, der mich pflegen würde, alſo muß ich’s ſelbſt thun, und wie mit Gewalt. Denken Sie ſich die Pflege! denn ich bin krank durch gêne, durch Zwang, ſo lange ich lebe; ich lebe wider meine Neigung, wenn ich auch nur immer dagegen handeln ſeh. Ich verſtell mich, artig bin ich, daß man vernünftig ſein muß, weiß ich; aber9 *132ich bin zu klein das auszuhalten, zu klein, ich will nicht rechnen, daß ich keinen empfindlichern, reizbareren Menſchen kenne, und der immer in Einer Unannehmlichkeit tauſend em - pfindet, weil er die Karaktere kennt, die ſie ihm ſpielen, und immer denkt und kombinirt; ich bin zu klein, denn nur ein ſolcher kleiner Körper hielt das nicht aus. Mein ewiges Ver - ſtellen, meine Vernünftigkeit, mein einziges Nachgeben, wel - ches ich ſelbſt nicht mehr merke, und meine Einſicht, verzeh - ren mich, ich halt’ es nicht mehr aus; und nichts, niemand kann mir helfen. Einmal kann man ſo etwas ſagen, erklä - ren, demonſtriren; ich bin nicht zu delikat; ich hab’s gethan, zwanzigmal gethan: indem ich rede, ſcheint manche unbehülf - liche Miene mich zu verſtehen; aber vergeblich! hör’ ich auf, und handle — weil ich Vernunft erwarte — weiter, ſo iſt’s wieder vorbei. Meine Hülfe will geahndet ſein, und im gan - zen Hauſe ahnd’ ich nur; und da kann ich nicht heraus; weil die Welt eingerichtet iſt. Ich bin krank: und muß mir ſelbſt helfen. Ausruhen will ich mich auf’m Lande; ich ziehe acht Meilen von hier bei Zehdenik mit irgend einer Freundin oder meiner Line allein, ſo bald als möglich, und fange die andre Woche ſchon hier zu baden an, bade dort, geh’ im Juli nach Freienwalde, dann wieder zurück nach Zehdenik, und bleibe, ſo lange man’s auf’m Lande aushalten kann. Baden will ich ein ganzes Jahr. Ausruhen muß ich mich; hier töd - ten ſie mich; und erſt recht, wenn ſie ſich’s einfallen laſſen, mir helfen zu wollen.
— Ich geh’ faſt gar nicht aus; weil keine Luft mir gut genug iſt, alle Geſellſchaft wo ich hinkommen kann, ver -133 haßt, die Komödie eklig iſt, und das Konzert auch. In Ge - ſellſchaft bekomm’ ich unmittelbar vom Zuhören Ennui’s - und Anſtrengungs-Schmerzen, im Theater daſſelbe, und vom Zug, im Konzert daſſelbe; zu Haus von Leſen, Schreiben oder was ich thue, wobei der Körper nur zehn Minuten lang in Einer Richtung ſein muß: zu dicke, zu dünne, zu warme, zu kalte Luft, und jeder Affekt, macht mir ein Erbrechen, wie jeder Schmerz, der nur ein bischen ſolide wird. Dabei vergeh’ ich für Überdruß, — nun das halt’ Einer aus! Die Reizbarkeit und Empfindlichkeit kann nicht höher ſteigen. Und doch! — Ich geh’ auf’s Land. „ Der Erde näher, den erdgebornen Rieſen gleich. “ Dann hatt’ ich Ihnen ſo viel auf Ihre drei Briefe zu antworten, und das iſt Mühe; und ohne das wollt’ ich nicht; denn was ſollten Sie ohne dieſes Detail denken; und Ihnen das zu geben, ſtrengt mich nicht wenig an, jeder Gedanke und das Schreiben. Nun verdammen Sie mich. Glauben Sie mir — verrückt bin ich nicht — ich fehle nicht gemein; es iſt immer ein unumſtößlicher Berg die Urſach, wenn man ihn auch nicht ſieht: ich fehle nicht gemein. Ich habe ſolche Phantaſie; als wenn ein außerirdiſch Weſen, wie ich in dieſe Welt getrieben wurde, mir beim Eingang dieſe Worte mit einem Dolch in’s Herz geſtoßen hätte: „ Ja, habe Empfin - dung, ſieh die Welt, wie ſie Wenige ſehen, ſei groß und edel, ein ewiges Denken kann ich dir auch nicht nehmen, Eins hat man aber vergeſſen; ſei eine Jüdin! “und nun iſt mein gan - zes Leben eine Verblutung; mich ruhig halten, kann es fri - ſten; jede Bewegung, ſie zu ſtillen, neuer Tod; und Unbeweg - lichkeit mir nur im Tod ſelbſt möglich. Dieſe Raſerei iſt134 wahr, iſt zu überſetzen. Lächlen Sie, oder fühlen Sie Thrä - nen aus Mitleid, ich kann Ihnen jedes Übel, jedes Unheil, jeden Verdruß, da herleiten: und mich dekontenancirt’s nicht, lächerlich in eines Andern Augen zu ſein. Dieſe Meinung iſt mein Weſen; und das muß ich Ihnen klar beweiſen, eh’ ich ſterbe. Die Satisfaktion kann ich mir nicht verſagen. Ich will mir in Ihrem Namen antworten, und die Vernunft aus Ihrem Munde reden laſſen. „ In, “würden Sie ſagen, „ es iſt Ihnen das größte Unglück widerfahren, was Sie nur tref - fen konnte, Sie ſind lahm: aber hören Sie, ſehen Sie, ſchmek - ken Sie, wenn Sie immer Ihren Fuß betrachten, ſo ſind Sie’s ja ſelbſt, die ſich lahm machen. “ Ja, wenn ich aus der Welt leben könnte, ohne Sitten, ohne Verhältniſſe, fleißig in einem Dorf. Ja, würde der Lahme ſagen, wenn ich nicht zu gehen nöthig hätte; ich habe aber nicht zu leben, und jeder Schritt, den ich machen will, und nicht kann, erinnert mich nicht an die allgemeinen Übel der Menſchen, gegen die ich gehen will, ſondern ich fühle mein beſonder Unglück noch, und doppelt und zehnfach, und eins erhöht mir immer das andere. Wie häßlich bin ich nicht dabei; iſt denn die Welt klug, ſagt man denn: „ Der Arme iſt lahm, bringen wir dem Armen das ent - gegen, ach wie ſchwer muß ihm jeder Tritt werden, man ſieht’s! “ Nein; ſie achten ſeine Tritte nicht, weil ſie ſie nicht machen, ſie finden ſie häßlich, weil ſie ſie ſehen, und bringen ihm nichts entgegen, weil ihnen ſeine Mühe nichts ſchadet, und ihre eigne ihnen entſetzlich iſt. Und der Lahme, zu gehen gezwungen, ſollte nicht unglücklich ſein? Hab’ ich je ein lah - mes Gleichniß geſehen, ſo iſt es dieſes; es hinkt ſo, daß man135 mein Unglück nicht im geringſten daraus erſehen würde, wenn man’s nicht kennt.
Nun will ich Ihre Briefe ſuchen, und ſehen, worauf ich antworten muß. Eben hab’ ich dem Hrn. von Brinckmann abſagen laſſen: „ es iſt mir unmöglich. “ Der vom 5. Januar ſoll den Anfang machen. Tauſend, tauſend Dank für Fichte’s Buch, das war der Pflug, der mich urbar zu den Horen machte; die intereſſiren mich jetzt am allermeiſten; ich verſteh’ ſie ganz, mit den Menſchen muß man nicht darüber reden; und auch geradezu ſage ich, wie ſie, ich verſteh’ oder leſe ſie nicht; und ihre Gemeinnützigkeit ſagt die erſte Epiſtel, das Erſte in der Welt, alles, und niemand kann noch etwas ſagen. Die wird am wenigſten verſtanden, und die Men - ſchen halten ſich an die Ankündigung, weil die das Einzige iſt, was ſie faſſen können, und dabei ſchreien ſie! meine Ohren vertauben. Leute, die von jeher für fein paſſirt ha - ben, verſtehen ſie auch nicht. „ Wie kann man Empfindun - gen erklären, in Syſteme faſſen, “iſt ihr letzter Grund, den ſie denken, und was ſich darauf bauen läßt, ſagen ſie. Wahre Dankbarkeit für Ihre Nachricht von den Horen! nur immer ſo! „ Solche Schläge. “ Das kann ich Ihnen nicht erſetzen. Dieſen Brief muß ich Ihnen mündlich und ausführ - lich beantworten; Sie ſprechen darin von meinem Karakter, ich gebe Ihnen gern Auskunft darüber, weil Sie’s als ein Ganzes faſſen. Alſo ſeh’ ich nicht ein, woher der gemeine Menſchenverſtand zu ſeiner Meinung gekommen iſt? Sie glauben’s ſelbſt nicht. Aus Schwäche und Schwächen Gitter zu machen: ich fühle mich ſtark, und bin ſchamlos genug, es136 mir manchmal merken zu laſſen, es nicht verbergen zu können. Bei Gott! ſo geht’s mit jeder Gabe; ſie ſei Fehler oder Ver - dienſt — in unſerm Geenge — und da ziemt ſich nichts als Mitleid und Nachſicht, und weil man doch Billigkeit — nach Menſchenverſtand — fordern kann, ſo fordr’ ich’s. Kühn bin ich, ja — das wiſſen Sie am beſten — wenn ich mich auch vor einem Puthahn fürchte: fürcht’ ich doch, wie die Meiſten, nicht ein Gewitter. —
Wiſſen Sie was? Beſuchen Sie mich auf meinem Lande; da wollen wir alles abmachen. Ohne daß es jemand weiß. Ich läugne es jedem, dem, der’s geſehen hat. Sie ſind aber nicht kühn. Wenn’s am Reiſegeld liegt, das will ich Ihnen dort wiedergeben. Ich habe öfters auch keins. Kurz, das findet ſich noch. Scholz wird mich dort beſuchen, und Hr. von Oertel, ſonſt mag ich keinen, und es kommt auch niemand, es iſt zu weit ausgeſucht. Scholz iſt in Wien mit Hrn. von Carmer, dem Sohn des Großkanzlers, ſechs bis acht Wochen. —
Das was mich am meiſten von einem Menſchen ſchmeich - len kann, haben Sie mir über meinen Ihnen vorenthaltenen Brief geſagt. „ Bin ich nicht werth, — ſagen Sie zum Ge - präge alles Guten zuletzt, — ihn zu leſen, oder halten Urſa - chen Sie ab, die Gewicht haben, ſo würd’ ich ihn auch gar nicht richtig nehmen, — (Sie ſetzen meine Überzeugung über Ihre, das hofft man gar nicht, und verdient es nie; „ ich hofft’ es, ich verdient’ es nicht. “haben Sie mir einmal vordekla - mirt) — nicht recht verſtehen, und wozu ſollte er mir dann? nur laſſen Sie ihn leben. “ Bei mir ſind die Perlen nicht137 vor die Säue geworfen: ich verſteh’ wohl was gut iſt, und mir Gutes zu thun, iſt ein Vergnügen. Bei Dankbarkeit denkt man nichts; ich läugne ſie auch immer: empfinden und verſtehen bis auf’s geringſte Undchen, was einer thut, das wäre Dankbarkeit, und iſt ſo ſelten zu finden, wie Apolls Schönheit, und auch von der wird geſagt, ſie exiſtirt nicht. — Ich finde den erſten Theil von Hume nicht unintereſſant, grade wie ein Volk entſteht, weiß ich gern, und daraus denk’ ich mir ſeine Art und Weiſe, die es noch hat; und durch ſein Land und ſeine Lage; das ſpätere Setzen eines Volks iſt ſich gleicher; ſind die Menſchen civiliſirt, ſo ſehen ſie ſich immer ähnlicher; und die ſpätere Geſchichte will ich nur wiſſen, weil ſie andere Leute wiſſen, und ſie einmal exiſtirt, über die denk’ ich nicht ſo viel. —
Ich ſchreib’ Ihnen gleich Antwort, weil ſie dann immer beſſer wird, als wenn ich erſt warte, und weil ich Ihnen den andern Monat gar nicht ſchreiben werde wegen Freienwalde. Vorgeſtern nahm ich hier das letzte Bad; weil ich es vor Schwäche nicht aushalte. Sie werden das an meiner alterir - ten Handſchrift bemerken können. Die Verſe an den alten Mann ſind ohne allen Vergleich beſſer als die andern, — ich ſpreche hier wie’s mir vorkömmt, — ſie ſind ein Ganzes, Ein Gedanke, und auch der Ton, in dem ſie gehen, gefällt mir beſſer als der andere. — Daß Sie für Latrobe nichts Beſſe -138 res gemacht haben, thut mir leid; er wird’s verſtehen. Wenn Sie etwa meiner Meinung ſind, ſo thun Sie mir den Ge - fallen und ſagen es ihm ſelbſt; wenn Sie ſich auch par hazard aus Ihrer poetiſchen Ehre nichts machen. Ich bitte mir auch ein Wort über dieſe Meinung von Ihnen aus. Dieſen La - trobe habe ich geſehen. Im Theater. Er geht ohne Puder, und iſt kurzſichtig; ſieht melancholiſch aus; und trug einen braunen Rock. Obgleich ich mich ſeiner Züge ſchlechterdings nicht mehr erinnern kann, ſo weiß ich das noch. Ich hörte von ihm, durch Jettchen glaub’ ich, die durch Zelter; bei Faſch auf der Akademie war er auch. Man ſprach als in - tereſſant von ihm; weil ſie aber nie wiſſen, was hübſch und intereſſant iſt, ſo war ich ſchon dickhäutig, und gab gar nicht Acht auf ihn, und wo ſollt’ ich ihn auch ſehen? ich kannt’ ihn nicht. Geſchehen iſt geſchehen, darüber denk’ ich immer wie ein großer Mann; das heißt, ich bekümmre mich um meinen Verdruß nicht. Er muß kein Barbar ſein, denn Apoll will ihm wohl, und er wußte ſich ihn günſtig zu machen; er muß ein vorzüglicher, gebildeter Engländer ſein, weil er (die Schwä - chen kann man wohl nicht gut ſagen) die Stärken ſeiner Nation einſieht; er muß ein Menſch ſein, weil ihn Goethe liebt. Meine Etcetera’s können Sie ſich nun ſchon denken.
Bis zu der vierten Hore glaubte ich, und glaubte auch zu finden, daß Goethe die Unterhaltungen ſchriebe. Dieſe letzte Advokatengeſchichte hat mich aber dekontenancirt, daß ich in mir dieſen Glauben ſchlechterdings ausſtrich. Sollen die ganzen Unterhaltungen etwas Ganzes ſein, nun ſo muß ich mir dieſe Geſchichte als die Rede eines Duinmen in einem139 Roman oder in einer Komödie gefallen laſſen, für mich iſt ſie nicht, ich finde ſie unerträglich, ſo recht wie vom Boccaccio. Weiter hab’ ich darüber nichts zu ſagen; außer daß der Leſer immer verliert, wenn man ihm ein Werk biſſenweiſe zu - ſteckt. Vor der Geſchichte war’s hübſch in derſelben Hore. Sie wiſſen, im Bürgergeneral erkannt’ ich Goethen an Einem Worte. Über Meiſter werd’ ich mich wohl hüten etwas zu ſagen: weil ich nicht kann. Wenn wir ihn zuſammen läſen, ſollten Sie ihn gewiß anders finden als jetzt. Noch hab’ ich kein Wort darüber geſagt — ich kann nun faſt gar nicht mehr reden, — denn die Leute verſtehen ihn einem immer in die Ohren hinein. Auch ich finde die Ähnlichkeit mit Aurelien; und zuletzt nicht. Mit Jettchen aber noch weit weniger. Von der ihrem Karakter liegt die wilde Handlung mit dem Dolche zu weit, und auch von ihrem Geiſte, denn ſie ſetzt Phantaſie voraus, mich trennt aber nichts davon als meine Denkungs - art. Wenn ich einmal ganz glücklich geweſen wäre, wie Aurelie, und mich in dieſem Glück bis zu einem Kinde ver - geſſen hätte, ſo könnt’ ich nie wieder ſo unglücklich werden. Was will man denn? Der Augenblick der Reife kann nicht dauern; und ganz könnt’ ich mich nie in dem Menſchen ge - irrt haben, dem ich mich ſchenkte. So ſicher fahr’ ich Jaſon in meinem Wolkenwagen. Sollt’ ich ihn aber für ſchmelzbar halten, ſo iſt auch kein Freund vor einem ſolchen Riß mit dem Dolche ſicher. Ich wette, der Geſichtspunkt iſt Ihnen neu. Er iſt es auch, denn ich lege den Kopf unter die Guillotine, wenn ihn Ihnen noch Eine zeigt, Einer unmöglich! So denk’ ich aber überhaupt über weiblich Glück; drum ſagt’ ich’s. 140Und ſonſt wäre ja auch meine Unähnlichkeit mit Aurelien nicht zu verſtehen. Nun giebt’s noch viele Interims-Glücke, die muß man gebrauchen wie man kann. Wie alles in der Welt. „ Sehe jeder wie er’s treibe, ſehe jeder wo er bleibe, und wer ſteht, daß er nicht falle. “ Iſt man aber gefallen, ſetze ich hinzu, und ſei’s eine Mamſell, ſo ſtehe man mit An - ſtand und Freimuth auf, und ſuche ſich zu heilen, wenn man nicht todt iſt. Ich ſpreche darum über alles mit Ihnen en gros, weil Sie, umgekehrt wie gewöhnlich die Menſchen, daraus leicht die einzelnen Fälle verſtehen, da die Andern durch viele einzelne erſt etwas Ganzes faſſen. — In Aurelien habe ich oft meine eigenen Worte gefunden, und noch mehr in dem aus Leſſing Abgeſchriebenen. Das ſtreichen Sie aus, denn da könnte mich immer einer für abereitel (aberwitzig) hal - ten. Ich kenne Jettchens Gedanken vom Meiſter nicht. Ja ich wäre ordentlich in dem Buche vorgekommen (wie Sie ſagen: „ Ob das Verluſt wäre! “). Wenn er auch alles er - funden hat, Aurelien auch, die Reden von ihr hat er einmal gehört, das weiß ich, das glaub’ ich. Es ſagt’s ja die Prinzeſſin im Taſſo auch; nur aus einem andern Ton. Wie groß iſt das! Gehört hat er’s aber. Die Frauen laß ich mir nicht abſtreiten. Entweder, man denkt ſo etwas als Frau, oder man hört’s von einer Frau. Zu erfinden iſt das nicht. Alles andere nur Menſchenmögliche geſteh’ ich ihm zu. Das weiß ich aber als ich. Im Grunde gefällt mir der erſte Theil von Meiſter beſſer; im Grunde ſollte man von keinem Werke ſprechen, welches nach und nach erſcheint, und keins ſo herausgeben.
141— Warum wollten Sie verlegen, kalt oder anders ſein als ſonſt, wenn Sie mich ſehen? Mich dünkt es iſt alles noch ſo wie es war. Überhaupt erinnere ich mich nie, ob etwas vor einer Epoche, in der wir uns geſehen, oder nachher vor - gegangen iſt. Ich behalte nur das Total, wie ich mit einem Menſchen ſtehe, und wie er iſt. Iſt es aber bei Ihnen anders, und Sie könnten wirklich verlegen ſein, ſo ſein Sie höflich. Das iſt meiſt nützlich, und nie ſchädlich. — Warum wollten Sie niemanden einen Brief ganz von mir zeigen? mir würd’ es gleich ſein, nichts davon darf ſcheuen geſehen zu werden. Wollten Sie etwa die Wahrheiten, die ich Ihnen manchmal ſage, oder die Art, wie wir mit einander ſind, nicht ſehen laſſen? Ich verſteh das nicht. Könnt’ ich mich nur den Menſchen aufſchließen wie man einen Schrank öffnet, und, mit Einer Bewegung, geordnet die Dinge in Fächern zeigen! Sie würden gewiß zufrieden ſein; und, ſobald ſie’s ſehen, auch verſtehen. Warum wollten Sie nicht einen Brief ganz von mir zeigen, und lieber alle verbrennen? Ich kann mir gar keine Urſache denken. Beſinnen Sie ſich nur auf die Wahrheit, ſie iſt manchmal ſchwer zu finden. Ich glaube nicht, daß Jettchen Ihre Muthmaßungen übel nehmen würde.
Daß Schummel ſo ein Buch ſchreiben kann, iſt mir doch nicht aufgefallen, obgleich ich ihn nur Einmal ſah, und er witzig, ſcharmant war, und mir ſehr gefiel. Er ſchien mir aber gleich der Sklave ſeiner Art und Erzählungsweiſe zu ſein, und mehr, daß er ihr, als daß ſie ihm zu Gebote ſtehe. Zum Glück hat ihn noch eine gute Art attrapirt, ſonſt wär’ er unerträglich; daß er aber in jeder andern Bahn, in die er142 ſich wagt, leicht fade werden kann, ſcheint mir in der Regel. — Wozu dieſer Ausfall auf Schummel! — Das Gedicht von Goethe auf die Knappſchaft zu Tarnowitz iſt himmliſch. Ja, ja, Redlichkeit iſt das Wort, das ich meine, die und Verſtand, die bahnen manchen Weg. Redlichkeit iſt Wahrheit; und nur ein Narr liebt ſie nicht. Und wie himmliſch, „ helfen “ſagt er, ja helfen thun ſie auch nur. Die Welt findet man fertig wie ſie iſt. Die Wege muß man ſuchen. Noch Eins! wie göttlich paßt dies alles im Allgemeinen, mit jedem Wort und wie ganz für den Fall und die Knappſchaft, ſogar ſelbſt für die moraliſch-verſtändlich: und wie ſchön, umgekehrt, ſieht man erſt bei einer zweiten Überſicht, daß es auch für dieſen einzelnen Fall anpaſſend gilt. Es iſt ein wirkliches Gedicht, dieſe Zeilen, jedes Wort iſt dichteriſch, es iſt ein Ganzes und iſt eine allgemeine Wahrheit. Es fängt ſo fragend, ſo phan - taſtiſch an, und ſchließt ſo bündig; und die Wahrheit iſt ſo grabend, und ſo tief wie ein Bergwerk ſelbſt. Kurz, mir ſcheint’s ſehr poetiſch: und ſo orakelartig, wie die Dichter ſprechen ſollten. In dieſen Zeilen hat er auch wieder die ſtille Natur, und die bewegte Welt, und dann die Wahl, die einem bleibt, berührt. Mehr giebt’s doch nicht. Ein wahrer Dichter muß an die äußerſten Enden greifen — bezeichnet er den Taſſo ſelbſt; den hab’ ich ſtudirt, wie er Hamlet — und, dieſe bei jedem kleinen einzelnen Fall immer natürlich berüh - ren, iſt ein großer Dichter. Ich bin ſchon wieder in Goethe hineingekommen: dann muß man mir vieles verzeihen. Ich werd’ Ihnen ſchon einmal ſagen wie ſo. In einem Briefe143 klänge mir das zu ſchön. Sie kennen doch von der Art Ge - ſichter, die zu ſchön ſind? —
Wenn Sie etwas von einem Auflauf, es ſei aus welcher Zeitung, oder von dem erſten Menſchen hören, der hier war, ſo glauben Sie nichts, als daß betrunkene Schneidergeſellen Händel mit einem Scheerenſchleifer in der engen Lappſtraße am dritten Feiertag ſuchten und bekamen, weil er vor ſeiner Thüre ſchliff; er wehrte ſich, es miſchten ſich nach und nach alle Schneider und Geſellen jeder Zunft darein, demolirten ſein kleines Häuschen, eh’ Polizei und Hülfe kam, widerſetz - ten ſich der Wache, die ſehr verdoppelt wurde, ihnen aber nichts thun durfte, weil man nicht Muth ſie zu reizen hatte. Den andern Tag hat man den aber von Potsdam bekommen, und nun ſitzen die meiſten ſchon, ſollen hängen und allerhand. Es wurde ausgetrommelt, ſich nicht zu attruppiren, das war vorgeſtern; den zweiten Tag wurde Lärm geſchlagen um die Soldaten zu verſammeln, und die neugierige müßige Menge auseinander zu treiben, und unter die Kerle gehauen und ge - ſchoſſen wie nichts Gut’s. Leider einen Tag zu ſpät. Sie forderten immer ihre Gefangnen heraus, wer das that wurde ſogleich ſelbſt einer. Kein Straßenjunge giebt ihnen Recht: und jeden ärgert als geſitteten Preußen die dumme Ge - ſchichte; außer die witzigen Unholde in der Geſellſchaft; die verhaßten! —
Es iſt recht und billig und klug und gut, wenn ich Ihnen ſchreibe, wenn ich mich auch nicht für das Buch gehörig be - danken kann; erkenntlich werd’ ich mich doch gewiß für Sie zeigen, indem ich nur ſo ſchreibe. Was iſt intereſſanter als ein neuer Menſch!? alſo Hr. von Burgsdorf zuerſt. Ich danke Ihnen; für die Idee, mir ſeine Bekanntſchaft machen zu wol - len. Sagen Sie ihm, wir kennten uns ſchon. Goethe wäre der Vereinigungspunkt für alles was Menſch heißen kann, und will; ich hoffte aber, unſre nähere Bekanntſchaft würde ſich noch weiter zu meinem Vergnügen, und gewiß mit kei - ner Unannehmlichkeit für ihn ausbreiten. Ich kenne aber Burgsdorf übrigens; und weiß von ſeinen Freundſchaften u. ſ. w. — Erwarten Sie ſich nur die unzuſammenhängendſten Fragen, und ja keinen Brief. — Es ſchreibt mir niemand. Denn ich ſoll immer die Beſte bleiben, ich mag’s ſo ſchlecht machen, als ich will. Weil ich aus Grundſatz, aus Regime, aus Plan — einmal nicht ſchreibe, ſo ſchreiben ſie mir Alle wieder nicht. So machen ſie mir’s immer: ſie thun, was ich mit Urſache thue, ohne Urſache: und aller Tadel fällt auf mich zurück; und alle Vertheidigungen bleiben ſie rüſtig ge - nug zu behalten, und zu gebrauchen. Glauben Sie nicht, daß ich mir übrigens etwas daraus mache; denn was könnte ich erfahren. Die Zwei, die mir allenfalls was ſchreiben könnten, ſchreiben mir nie; Jettchen und die Veit: und alles andre — von Geſchichten, Intereſſe, Verſtand, und alles was mirange -145angenehm ſein kann — haben Sie mir in den zwei Brie - fen zukommen laſſen. Es war alſo nur dem Schickſal ein Vorwurf ohne Leidenſchaft.
Lieber B. wie gefall’ ich Ihnen mit meinem neuen Karak - ter? Sie werden doch wohl wiſſen, daß es kein neuer iſt. Sich es wenigſtens erinnren. Denn immer hab’ ich Ihnen geſagt, ich lebe nur derweile ſo, ich thu’ noch einmal ganz was anders. Dies — iſt noch gar nichts. Das leiſeſte Präludium. — Apropos, ſagen Sie doch Burgsdorf, daß ich sauvage bin, und daß man alles mit mir ſprechen kann, da - mit wir das eklige Bekanntwerden übergehen, und gleich à notre aise ſind —. Die Frau, bei der ich eigentlich hier ge - blieben bin, iſt offenbar eine der erſten. Sogar mit Einem Fuß auf wildem Boden, — und kann ſie ſich nicht entſchlie - ßen, den andern nachzuheben, ſo iſt’s, daß er auf lieblichſtem Gefild unter den duftendſten wohlthätigſten Blumen ſteht, von denen es jeder milden Seele hart ſcheint davon zu wei - chen, und ſich in der lichtleeren, ſchmeichelloſen Weite zu ver - fangen, wohin auch mein Muth mich nicht hätte treiben kön - nen, wenn die Wahrheit mich nicht hingeſtoßen hätte.
Bis hierher konnt’ ich die lange, lange Zeit nur ſchrei - ben, und dieſes Büchelchen ſchrieb ich geſtern. Dieſe Frau alſo wäre fertig, wenn — ſie ganz unglücklich geweſen wäre. (Verſtehen? Sie mich? O! nur diesmal, denn diesmal kann ich nicht erklären.) Nicht daß ſie Vorurtheile des Standes, oder irgend einer Art, oder Rückfälle hätte! alle häßlichenI. 10146hat ſie abgelegt, aber in die ſchönen, rücklings-bigoten iſt ſie noch verliebt; und mit Verliebten iſt nicht zu traitiren, wiſſen Sie wohl — und ich kann’s am wenigſten. Hingegen — iſt ſie aber, eine der liebenswürdigſten Kreaturen, blond, blau - äugig, mit Phyſionomie, Wuchs, Grazie, Karakter, Ausdruck, kurz, wenn ſie länger in Berlin bliebe, als zwei Tage, ſo wären Sie den unbequemſten Gaſt, das ſogenannte Herz, auf einmal los.
Denken Sie ſich — wie ich hier lebe; (um dieſe Gräfin Pachta bin ich hiergeblieben, und um zu brauchen, um Luft, Geſundheit, um viele kleine Urſachen — Goethe ſagt, im Götz, jedes Ding hat ein paar Urſachen —) ich wohne aber nicht bei ihr, ſondern neben ihr an, ganz allein mit einem Mäd - chen, eſſe Mittag und Abend allein, kurz, bin Wind und Wel - len überlaſſen: und komme mir doch nicht verlaſſener als zu Hauſe vor. So verlaſſen ſchein’ ich mir immer. Iſt es Glück, iſt es Unglück: ich weiß es ſelbſt nicht. Ich will’s indeſſen für Glück halten — da man doch alle Tage unglücklich wer - den kann, ſo iſt doch beſſer, man iſt’s vorher. Überhaupt ſollte man ordentlich meinen, ich ſei jetzt glücklich; und ich kann doch nur nicht mehr wünſchen; und weiß es giebt kein Glück, will lieber einmal dumm, als in Schmerzensgefühl le - ben, mich wieder geſund werden laſſen, und neue Ideen ſamm - len. Das iſt alles. Ich weiß nicht, es iſt als wär’ vor vie - len Jahren etwas in mir zerbrochen worden, woran ich nun ſelbſt eine boshafte Freude hätte, daß man es doch nun nicht mehr zerbrechen kann, und nicht daran zerren, ſchlagen; obgleich es nun ein Ort geworden iſt, wo ich ſelbſt nicht mehr147 hinkommen kann. (Und iſt ein ſolcher Ort in einem, ſo kann man gleich nicht glücklich ſein.) Ich kann mich auf nichts mehr beſinnen; und gelingen mir Kleinigkeiten nicht, ſo muß ich im Augenblick mir ſo eine Raiſon darüber machen, daß es kein Anderer glaubt, und ich mich darüber erſchrecke. Glauben Sie nicht, daß ich im Enthuſiasm ſpreche und etwas vergeſſe; nein, ich denke wohl an Goethe. Ich weiß, daß wenig Menſchen ſo deutlich und dunkel Glück fühlen kön - nen, — ich weiß nur nicht mehr was welches iſt — aber we - niger hat mich das rohe — Vollgefühl — laſſen Sie mich dieſes Wort brauchen — ihn zu ſehen und zu genießen, be - glücken können, — denken Sie ſich dieſes Leider! nach ſol - chen Wünſchen — als der vernünftige Gedanke, nun biſt du doch auch einmal glücklich, du haſt doch auch Glück, ſo iſt das lange Leben doch durch einen Punkt für dich. Denn es iſt ſchrecklich ſich für die einzige alles verunglückende Krea - tur halten zu müſſen: und das that ich, denn außer das iſt mir meines Wiſſens nie etwas geglückt. Nun hab’ ich noch dabei die Idee, daß jedes und alle Dinge eigentlich zu etwas Gutem geſchehen — wenn es auch erſt in Ewigkei - ten dazu wird — Thorheit iſt das gradezu nicht, denn ich kann auch anders denken — das iſt aber immer die Haupt - ſache, um die es ganz ſo und nicht anders geſchieht, und dann hat’s noch durch Harmonie guten Einfluß auf alle Ne - bendinge. Die Hauptſache ſchien aber, diesmal, ich mir. Denn was konnte einem ſenſationfähigen Geſchöpf lieber ſein, alſo wozu Goethe’s Reiſe noch beſſer, daher bin ich die Beſte, diesmal, und um mich iſt dieſe Wunderbarkeit geſchehen —10 *148wie denn jedes Evenement eine iſt, weil es ſo und nicht an - ders geſchieht — ich mußte mich Dienstag entſchließen, Mitt - woch nach Karlsbad zu gehen, mußte plötzlich einen neuen Karakter bekommen, ſtarkes Hüftweh einen Tag vorher; Goe - the, der in eilf Jahren nicht in Karlsbad war, mußt’ auch denken, und hinreiſen, in dieſen kleinen Berg-Einſchuß, wo ich grade bin, und die Welt iſt ſo breit, ſo groß. Und das iſt nicht Wunder? das iſt nicht Glück? Zwar — heut, könn - ten Sie glauben, ſag’ ich Ihnen alle meine Thorheiten — ich habe immer eine Idee. Nämlich ich kann mir eigentlich gar nicht erklären, was Bewegung iſt. Wenn ich nach etwas lange, greif’ ich es, und nehme es. Ja das iſt gut; aber wie iſt das. Nun denk’ ich mir immer, alles hat Wirkung, was nur ſo exiſtirt und geſchieht: und Wünſche ſollten keine ha - ben? Ich denke mir immer, Wünſche mit Sinn, gute Wün - ſche, von den wahr-innigen, wo man ſo denkt ſie müßten Sterne herabziehen, und die ganze Welt wäre doch eigentlich dazu eingerichtet, müßten auch was zuwege bringen können. Ich denke mir, ſie gehören ſo in die Harmonie der Dinge, daß ſie auch wirken. Denn obgleich nichts recht iſt, ſo ſieht man doch, in dem Wirrwarr der krummen Linien, die gra - den, die ſie machen ſollten. Und mich dünkt, beharrliche Wün - ſche können auch etwas. Oder war das nicht eigentlich das größte Recht, daß ich Goethe ſah. Wer ſoll ihn denn ſehen, immer ſeine Wäſcherin, und Hausknechte, und vornehme Leute, und Menſchen, die über den Urſprung der Steine und über Recht ſchreiben und ꝛc. ? Ich danke Ihnen auch wie ich ſoll, und wie Sie’s nur wünſchen können, für den An -149 theil! Es iſt mir lieb, daß Ihnen mein Bruder den Brief mitgetheilt hat. Ich bedaure Sie innigſt, und wie ein Sach - verſtändiger, wegen der Zähne — den Kopf ſollt’ ich lieber ſagen, wo haben Sie den gehabt — und der Perücke; es iſt ſchrecklich! Vergeſſen Sie ja den Fuß nicht, um G — willen ziehen Sie nicht aus, und wenn Sie’s möglich machen können, ſo laſſen Sie dieſe Perücke auch nicht in Ihr Haus ziehen. Beobachten Sie vor allen Dingen, äußerſt wenig mit dieſem Redoutablen zu ſprechen, das garantirt Sie doch wenigſtens vor der Hand, auf keinen eigentlichen Fuß mit ihm zu kommen. Und dann amüſiren Sie ihn auch nicht. Überlegen Sie’s nur, es iſt von allen Seiten gut. Geht’s aber gar nicht, ſo komm’ ich Ihnen zu Hülfe, und heirathe ihn. Iſt Humboldt noch in Berlin? Und Ihr Nachbar iſt weg. Schade! Das kommt vom Spekuliren! Die Gräfin Pachta iſt eine Freundin des ſauvagen Hrn. von Heß, Ihrem Freund aus Hamburg. Endes oder nach Auguſt komm’ ich wieder. Das wird auch gut und ſchlecht ſein, jetzt iſt es auch gut und ſchlecht. Meinen Freund Gualtieri hab’ ich noch hier. Leben Sie wohl! Ich bin’s übrigens. Apropos, es iſt eine ſehr junge, hübſche, liebenswürdige Schwägerin von dem Men - ſchen Bernſtorff hier. Meyers kommen in ein paar Tagen, hat mir die Bernſtorff geſagt. Adieu.
Ihre R.
Leben Sie wohl, Und halten Sie es nur für viel, daß ich Ihnen bei kaltem Blute, heute, die Scharteke ab -150 ſchicke. Wenn Sie ſie erſt werden dechiffrirt haben — und können Sie nicht, ſo thu’ ich’s mündlich — ſo wird es Sie doch amüſiren. Ich frankire den Brief nicht, weil er beſſer ankömmt.
Mich dünkt ich hab’ Ihnen den konfuſeſten Brief von der Welt geſchrieben: und dieſen nachſchicken, könnte nicht ſchaden. Wie es kam, wiſſen Sie; die Zeit war zu kurz: und indem ich ſchrieb, wußt’ ich, daß ich etwas anderes ſa - gen wollte, und ließ die Feder immer laufen, aus Mattigkeit, damit Sie doch nur etwas bekämen. Ich beſinne mich auch nach der Zeit auf das, was ich Ihnen geſchrieben hatte; ſo glücklich kömmt es mir doch eben nicht vor. Im Gegen - theil. Mich dünkt, ich freue mich ſo ſehr, nicht unglücklich zu ſein, daß ein Blinder müßte ſehen können, daß ich gar nicht glücklich ſein kann. Ich meine das leidende Glück. Wobei man leidet, nichts thut. Das iſt Glück; und zu dem hab’ ich ſogar die Fähigkeit verloren. Auch ſprachen Sie von dem ruhigen. — Aus eben der Urſache iſt’s ja, daß ich mich gar nicht blindlings von einem Menſchen kann einnehmen laſſen; darum bet’ ich ja nicht an. Sie wiſſen ja, daß ich alles ſehe — wie ich Ihnen in der Komödie ſagte — denn ſonſt wär’ ich ja in Goethe verliebt, und ich bet’ ihn ja nur an. — Das „ Nur “iſt hier kein Unſinn. — Ich hab’ in mei - nem vorigen Briefe geſagt, daß ich zu gut wüßte, was bei151 manchen Gelegenheiten im Menſchen vorgehen könnte, um daß ich mich je zieren würde, aber ich hab’ es ſo geſagt, daß Sie mich mißverſtehen müſſen. Ich meinte es in der Art: daß ich nie etwas übel deute oder nehme, weil es Andere thun, und man es bei der Gelegenheit zu thun pflegt, oder ſich hier effarouchiren müßte; ſondern ich ſei gewöhnt alles zu unterſuchen, was in mir vorgeht, wie es wohl bei Andern kann gegangen ſein, was ich von ihnen wahrnehme; und wie ich das wiederum am beſten nehmen könnte. Wie könnt’ ich alſo wild aufflattern, wo die Rede nur unter vernünftigen Menſchen iſt, und von vernünftigen Dingen, und grade mit meinem eignen Flüchten das einzige Geräuſch, den einzigen Sturm erregen, der hier möglich iſt. Sie ſind anders wie ich. Was iſt denn nun da? Iſt es nicht genug, daß wir in ſo vielen Dingen gleich denken, uns immer ſchnell berichti - gen können, ſollen ſie noch gleich in uns vorgehen? Das geht nicht; wie geſagt. Die Ordnung wäre zu groß, und dann ſchien’s als wäre die Welt darum da. Und ich ſehe auch den Grund dieſer Unmöglichkeit zu gut, zu deutlich ein, als daß ſie mich mehr aufbringen ſollte: im Gegentheil, ich hab’ uns von jeher für zu verſchieden gemacht gefunden, als daß ich unſere jetzige Übereinſtimmung nur hätte hoffen dürfen, denn mir ſcheint’s doch, als gingen die Dinge in uns ganz anders, ſehr verſchieden, wo nicht umgekehrt, übereinander. Die Re - ſultate werden oft gleich das Ende. Daher dünkt mich iſt unſre Freundſchaft ein wahrer Triumph — der einzig genieß - bare für mich — das Produkt zweier vereinigt vernünftigen Weſen, die, ſie mögen weichen und wandeln, ſich unbezwei -152 felt bei der Wahrheit wiedertreffen, wohin ſie immer kehren, die ſie immer im Ernſte ſuchen. Unterſuchen Sie einmal die ėklatanteſte Liebe — was man ſo nennt — was iſt denn die? Augenblickliches Übereinſtimmen — meiſtens bei einer Irrung gegründet, fortgeſetzt, beſiegelt, und verſchwunden — was ſie denn für recht himmliſch und mit Wuth feſt halten, je weni - ger Grund ſie wider die Unzuverläſſigkeit deſſelben aufzufin - den ahnden. Nicht daß ich die Liebe von dem ganzen Wahr - heitsboden wegzuräſonniren dächte! (Gott behüte, ich bin einer der größten Sklaven und Anhänger des himmliſchen Kindes), nein; ſie findet nur bei gewiſſen Freundſchaften — ich habe kein ander Wort — nicht Statt, und mit denen zuſammen iſt ſie zwar die größte Idee für Menſchen und ihre Verhält - niſſe; hingegen iſt ſie mir bis jetzt ’auch nur als ſolche be - gegnet. Ich komme mir recht vor wie ein irrer Menſch; dem man ſeine Tollheit ausreden will, man ſchwatzt, man beweiſt, er verſteht, giebt Recht, und beweiſt zuletzt, wieder daraus, ſeine eigne Behauptung. So bin ich auch; denn eben wollt’ ich Sie fragen, hab’ ich nun nicht Recht, daß ich liebe wo ich kann oder muß, und meine Freunde wieder beſonders betreibe? Kurz! Was liebt man? Das Schöne und Gute. Wo liebt man’s? Wo man’s findet. Wann liebt man’s? Wenn man’s findet. Alſo ſeitenweiſe, ſeitenweiſe: wie uns die ganze Welt erſcheint; mein Fehler iſt es nicht; es mag ein Zuſammen - hang in ihr ſein, uns erſcheint aber auch nicht der rechte. Und daß mir dieſe Wahrheit als der einzige erſcheint, den ich finden kann, macht, daß ich nicht kann. Und nun iſt die Tollheit aus. Nun ſtreiten Sie noch einmal von vorne!
153Sagen Sie einmal, lieber Veit, iſt Ihnen wohl ſchon ein ungebildeter Menſch in meiner Art vorgekommen? Mir noch nicht. Andere, die etwas nicht wiſſen, denen iſt auch dieſe Unwiſſenheit unbekannt, und die ganze Sache, die es betrifft; bei mir aber ganz anders; ich kenne die Unwiſſenheit, die Sache, mich, die Mittel, und bleibe doch wie ich war. Mir fällt das bei dieſem konfuſen Brief wieder ein, wo Sie mir gewiß die Gedanken noch heraus klauben werden, worum ich Sie auch bitten wollte. Wie kann man ſo genau, ſo pünkt - lich, ſo gründlich, ſo äſthetiſch möcht’ ich faſt ſagen, wiſſen was ſchön geſchrieben iſt, und ſich ſelbſt nicht beſſern: ſogar mein Geſchmack, mein Urtheil beſſert ſich, und ich ſpreche ſchlechter, als die geringſte Frau, die drei Friedrichs von Sieg - fried geleſen hat. Jeder kann beſſer ſchreiben und reden, mit viel dümmern Gedanken, Ich fühl’ das alle Tage; und zu - letzt ärgert’s mich doch. Wenigſtens möcht’ ich die Urſache begreifen, da mir die Einſicht nicht fehlt. Ich goutire jedes „ Und “, „ Wohl “, „ Denn “, das mindeſte Wörtchen; weiß ſo ſchön den Unterſchied bei Dichtern zu finden und bei Schrift - ſtellern, weiß ſie zu karakteriſiren, zu klaſſifiziren, viel beſſer als Andere; und ich glätte mich doch nicht aus, beſſere mich nicht. Ich weiß genau, wenn ich einmal einen Perioden gut geſchrieben habe, aber das hilft mir nichts. Sprechen thu’ ich gar wie eine Rotüriere. Wenn ich nicht noch origi - nelle Gedanken hätte, müßten die Unwiſſendſten ſagen, ich ſei’s. —
— Geſtern früh ſchickt mir der Prinz de Ligne für Sie dieſe Verſe hier, und die ich vortrefflich finde; genug ich gou - tire ſie ohne ſie loben zu können, wie mir das immer geht. Aber es freut mich, Ihnen Einmal in meinem Leben mehr als ſchlecht abgefaßte Dankſagungen ſchicken zu können. Ich habe dieſe Verſe und die Ihrigen jedem hier gezeigt, der es werth iſt. Die Gräfin Pachta findet ſie außerordentlich. Zeigen Sie ſie wenigſtens Mad. Liman und meiner Familie, und dem Prinzen Louis, weil er alles goutirt.
Es iſt mir leid, Burgsdorf nicht in Berlin zu finden, und noch mehr, die Bekanntſchaft der Frau von Humboldt zu verſäumen. — Ich bin außer mir vor Freude, daß Mad. V. Frieden geſchloſſen hat. Gottlob! ſo wird man doch wieder einen Menſchen ſehen; der allein denkt, handelt, fühlt; und den die Andern eigenſinnig nennen. Wenn’s ihr nur gut geht! denn ich kann mir gar nicht denken, daß die Urſachen, die ſie in Berlin quälten, zur Hölle zurück ſein ſollten. —
Ich hab’ einen Grafen Einſiedel kennen lernen, der mit Ihnen auf der Schule war, in Italien gereiſt iſt, und jetzt in Dresden iſt, wo ich ihn ſehen werde. Von hier iſt er ſchon lange weg. Er gefällt mir; er verſteht Muſik, und liebt Wahrheit.
Wollen Sie wohl einen Gedanken, den ich hatte — Sie haben mir dies ſchon ſo lange proponirt — in hochtrabende155 Verſe oder Reime bringen? ohne Reime, glaub’ ich, wär’s noch hübſcher. Es war nämlich vorgeſtern Illumination hier, und wir ſaßen an Einem Ufer des Teichs, um ſie am andern zu ſehen. Ich aber, anſtatt die Lampen anzuſehen, ſah flei - ßig in’s Waſſer und an den Himmel; und da ſtand oben ein heller ſchöner Stern, hoch und unbeweglich. Im Waſſer war er auch ſchön, aber er rührte ſich mit dem Winde, wechſelte oft ſeine Form, und war manchen Augenblick trüb. Da fiel mir ein, ſo ſei’s mit den Menſchen; man beurtheile ſie weit von ſich ab, in ihren Verhältniſſen, da müſſen ſie ſich regen und bewegen, haben keine Form, und ſcheinen trübe. Indeß man ſie eigentlich gar nicht ſieht, die feſt ſtehen müſſen wie der Stern, wir ſehen nur immer ein windiges bewegtes Waſ - ſer, und heben den Kopf nicht in die Höh. Mir gefällt der Gedanke: und daß er mir eingefallen iſt, dafür kann ich nicht.
Wenn Sie dieſen Brief haben, können Sie mir keinen mehr ſchreiben, der mich trifft. Ich bin nicht ganz geſund — das hofft’ ich nicht einmal — aber ich bin viel beſſer; und tanze unter andern wie eine Pikniks-Mamſell. Geſtern erſt wieder tüchtig; und Sonntag auch, und künftigen wieder, und ſo immerfort. Ein Schmerz iſt es aber doch, alles ſo allein zu genießen, zu ſehen, zu hören! wie ich! Ich thu’ es zwar nicht — aber — doch. Ein ganzes Leben hab’ ich allein ge - lebt. Ja, wenn ich nie einen Berliner wiederſähe, ging’s auch an; aber ſo — fehlt ihnen nun das alles. Adieu. Viel - leicht ſchreib’ ich morgen, wenn es Zeit iſt, noch ein Wort.
156R. L.
Apropos, le prince de Ligne a dit quelque chose de moi en prose, qui me flatte infiniment plus que tous ses vers; c’était à l’occasion de l’illumination, pour laquelle il m’avait promis de venir me prendre à huit heures, mais il restait à un thé jusqu’à neuf heures, et lorsqu’on lui disait qu’il oubli - ait sa promesse etc. il dit: „ Ah! je la connais si hien, que je lui voudrais manquer tous les jours! “ Il a aussi dit que je suis la meilleure amie. Donc il ne faut plus en douter. —
Dieſen Moment erhalt ich Ihren Brief, komm’ aus dem Bade, und die Poſt will auch ſchon weg. Übermorgen reiſe ich nach Dresden; den 17. komm’ ich zu Haus. Da find’ ich erſt die Briefe, die nach Berlin gegangen ſind. Die Stelle „ ſie ſchwuren ſich, entzückt, doch unſchuldsvoll, im Antlitz des keuſchen Monds, was man nicht ſchwören ſoll, “iſt von Wie - land; darum Verſe tout faits. Zur Gräfin Pachta können Sie immer gradezu, meinen und Ihren Namen nennen. — Mit uns, lieber V., bleibt’s beim Alten; das heißt, es wird immer beſſer. Sie haben Recht.
Kammen Sie nun, Harn! Das, dünkt mich, iſt der ſchönſte Brief. — Sie kommen aber unverändert und unüber - legt, nach wie vor, nach Berlin, Horn! Sorgen laſſen Sie mich.
Sie haben mich glücklich gemacht, meine Herren! Mit Goethe. „ Ich hofft’ es, ich verdient’ es nicht. “ Beinah157 möcht’ ich ſagen, ich faſſ’ es nicht. Nämlich, ich wundere mich ſo. Wie ſo kann er wiſſen, daß ich Empfindung habe!? Niemanden hab’ ich mich in meinem Leben weniger in irgend einer Art zeigen können, als ihm. Durch Zeitumſtände; und Menſchen; liebe Menſchen. Doch ſchweigen wir davon. Wie von allem Redewerthen. Er iſt Goethe. Und was ihm ſcheint und er ſagt, iſt wahr. Von mir ſelbſt glaub’ ich ihm. Ich ſeh ihn ſchon einmal wieder, das andere Kurjahr. Wenn Sie ihn, vor Berlin, ſehen, Horn, ſo grüßen Sie ihn, von dem Menſchen, der ihn immer angebetet, vergöttert hätte, auch wenn ihn niemand rühmte, verſtünde, bewunderte. Und wenn er ſich wunderte, daß ein gemäßigtes Mädchen ihm eine anſcheinende Extravagance ſagen ließe; ſo ſollt’ er’s nicht thun, und lieber bewundern, daß ſie ihn ſo reſpektirte, daß es einen Reſpekt gäbe, der ſie allein zurückhielte, es ihm nicht zu ſagen. Sagen Sie ihm, es wäre nicht Affektation, ſondern Pflaumenweichheit! Überhaupt könnt’ ich nicht dafür, daß die Andern alles affektirten, was ich im Ernſt meine. Hab’ ich Recht? Ja, ja, ich bet’ ihn an. —
Anmerk. Veit hatte an Rahel geſchrieben:
— „ Den zweiten Tag nach unſrer Ankunft war Ball, und Goethe kam mir entgegen, mit den Worten: „ Nun, wie geht’s Ihnen denn, lie - ber Herr Veit? Sie haben ſich hierher gemacht; ſehr recht. Wo kommen Sie denn jetzt her “u. ſ. w. Als ich ihm hierauf geantwortet hatte, und ihm ſagte, daß ich in Töplitz acht Tage geweſen, und hingereiſt wäre, um Sie zu ſprechen: „ Ja da haben Sie wohl recht gethan, verſetzte er, wenn Sie ſie in langer Zeit nicht geſehn hatten; freilich — Ja es iſt ein Mäd - chen von außerordentlichem Verſtand, die immer denkt, und von Empfin - dungen — wo findet man das? Es iſt etwas Soltenes. O wir waren auch beſtändig zuſammen, wir haben ſehr freundſchaftlich und vertrau -158 lich mit einander gelebt. “ Zu Horn, der ſich ihm von ſelbſt präſentirte, hat er geſagt, Sie hätten ſtärkere[Empfindungen], als er je beobachtet hätte, und dabei die Kraft ſie in jedem Augenblick zu unterdrücken; und noch mehr, (ich war nicht zugegen). “— —
Horn hatte ſo berichtet:
— „ Wenn es uns auch gleichgültig iſt die Meinung der Menge von uns zu erfahren, ſo iſt es uns deſto intereſſanter, die Meinung eines lie - benswürdigen und geliebten Menſchen zu hören; hier iſt ſie! — Ich ſagte — ich weiß nicht mehr was, und wüßte ich es auch, wär’s doch hier un - bedeutend — darauf antwortete Goethe: „ In, es iſt ein liebevolles Mäd - chen; ſie iſt ſtark in jeder ihrer Empfindungen, und doch leicht in jeder Äußerung; jenes giebt ihr eine hohe Bedeutung, dies macht ſie angenehm; jenes macht, daß wir an ihr die große Originalität bewundern, und dies, daß dieſe Originalität liebenswürdig wird, daß ſie uns gefällt. Es iſt nicht zu läugnen, es giebt viele wenigſtens original ſcheinende Menſchen in der Welt; aber was ſichert uns dafür, daß es nicht bloßer Schein iſt? daß das, was wir für Eingebungen eines höberen Geiſtes zu halten ge - neigt ſind, nicht bloß Wirkung einer vorübergehenden Laune iſt? — Nicht ſo iſt es bei ihr; — ſie iſt, ſo weit ich ſie kenne, in jedem Augenblicke ſich gleich, immer in einer eigenen Art bewegt, und doch ruhig, — kurz, ſie iſt was ich eine ſchöne Seele nennen möchte; man fühlt ſich, je näher man ſie kennen lernt, deſto mehr angezogen, und lieblich gehalten. “— Dies war’s, was ich Ihnen ſo gern ſelbſt ſagen wollte; nehmen Sie es, wie es iſt; ich habe ſeine Worte, wo mein Gedächtniß mich nicht verließ, beibehalten. — Meinen ſchönſten Werth habe ich hingegeben; ich muß, wenn es mir möglich iſt, noch einmal zu Goethe nach Weimar um Worte köſtlichen Sinnes zu ſammeln, um die Weisheit in ihrer liebenswürdig - ſten Geſtalt noch viel aus ſeinem Munde zu hören. Wie hat ſich meine Meinung von ihm geändert, ſeit ich im Karlsbad war; ſchon deßwegen iſt es mir lieb, da geweſen zu ſein. — Wir ſprachen weiter, und kamen auf Ihre große Liebe zu ihm als Dichter: „ Es iſt mir doppelt lieb, ſagte er, denn es iſt bei ihr keine allgemeine Idee; ſie hat ſich jedes Einzelne deutlich gemacht. Eine allgemeine Idee beweiſt größtentheils, daß wir unſre Würdigung des Dichters aus der Meinung Anderer nehmen; haben wir uns aber jedes Einzelne deutlich gemacht, ſo zeigt das natürlich, daß wir ſelbſt rein empfunden und deutlich gedacht haben. “—
Ich lebe in allem Betracht, lieber Brinckmann, denn ich leide ſo ziemlich, bin unpäßlich und habe chagrin; aber es ſchadet nichts. Meine Wunderäugige ſah ich geſtern zur Probe, und wenn ich mich von einem Gang-Spaziren werde erholt haben, ſo will ich ſie beſuchen. Es iſt ſchrecklich! ich bekomme wieder eine neue Paſſion für dieſe Frau. Das fehlt mir noch. „ Schrecklich dacht’ ich’s mir, und ſchrecklicher iſt’s noch geworden. “ Taſſo. Ich hörte viel von ihr, aber nicht das Rechte, aber ich verzeih’ es; denn ich würd’ es auch nicht ſagen können.
Wiſſen Sie, was das Komiſchte iſt, durch ſie, die mir doch fremd ſein ſollte, fühl’ ich mich Humboldt verwandter. Es giebt alſo Zauber; denn es iſt erlaubt, das ſo zu nennen, was man ſich nicht deutlich machen kann. Folgen Sie nur meinem Beiſpiel, ruhen Sie ſich, und dann gehen Sie in Geſellſchaft.
Lieber Brinckmann, mir zittern die Hände, alſo kann ich Ihnen nur ſagen, daß die Frau von Ha. nur vierzehn Tage hier war, wovon ich ſie acht ſah, dann ging ſie wieder auf vierzehn nach Töplitz. Sie ſagte mir in Karlsbad, daß Ma - riane mit dem Bruder und der Schwägerin auch hieher kom -160 men wollen, und grämte ſich, ſie nicht erwarten zu können. Sie ſind aber noch nicht hier. Ich glaub nicht, daß ſie kom - men. — Ich grüße Sie freundlich und danke Ihnen, ſchreiben kann ich nur nicht. Sagen Sie Frau von Humboldt daſſelbe; und daß ihr Brief rein und unerfleht und unerwartet — für mich — wie ein Glück gekommen wäre. Denn ich hätte nicht geglaubt, daß ſie mich ſo lieb hätte: und freue mich immer - meg damit. Sagen Sie ihr, daß auch ich ſo etwas nicht umſonſt ſage und wenn es nicht wahr iſt. Seit vorgeſtern hab’ ich Burgsdorf. — Mit den erſten Kräften, die zum Schreiben hinlänglich ſind, ſchreib’ ich der Humboldt. Adieu.
Wie geht’s Ihnen denn, lieber Veit? Ich — finde mich ſo nach und nach wieder, und beſſer. Sogleich ruf’ ich Sie an. Sie ſind mir wohl gar böſe? Thun Sie das nicht: ich bin und bleibe Galeerenſklave. Ich habe viel in Karlsbad von der Kur gelitten; ſie hat mir doch aber ſo gut gethan, daß ſie mich ſogar geſtärkt hat. C’est tout dire von Karls - bad; nun weiß ich aber genau, was ich auf immer von meiner Krankheit zu denken habe, und auch zu thun. Von heut an bleib’ ich noch wenigſtens fünf Wochen hier. Hier bin ich gern; ſogar das Wetter iſt immer rein und heiter hier. Schreiben macht mir noch einigen Schwindel und Dröh - nen. Leben Sie wohl! werd’ ich jemals geſcheidt, und beſchäf - tige mich wieder, ſo ſollen Sie gewiß hören, wie, Auch wennmir161mir ſonſt etwas begegnet. Die Gräfin Pachta iſt nicht hier, ſie beſuchte mich aber in Karlsbad, und ſprach viel von Ih - nen. Die Bernard aus Breslau iſt aber hier, und mit der Liman bin ich hier; und dann iſt Herr von Burgsdorf — ich kann mein Freund ſagen, und hoffen, daß ich es werth bin — hier, ein Märker von Berlin. Das iſt der helle Punkt in meiner hieſigen Exiſtenz. Nicht grad der, den Schiller meint, aber der helle Punkt auf einem Gegenſtand, der den andern Schatten und Lichtern ihre Richtung bedeutet. Haben Sie meinen Brief bekommen, den ich Ihnen vor meiner Ab - reiſe ſchrieb? Werden Sie mir ſchreiben? Wie iſt Ihnen denn jetzt, was machen Sie denn dieſen Sommer? Hören Sie nichts von Latrobe? Sie ſollten doch. Ich wollt’ Ihnen ſchon lange ſchreiben, aber ich war immer zu ſchwach, krank, und ange - griffen. Sein Sie alſo mit dieſem Brief, wie er auch iſt, zu - frieden. Denn Sie können es ſein. Sie glauben mir doch noch? Entſchuldigung ſoll dies nicht ſein: denn Sie hätten mir wohl ſchreiben können, aber auch nicht Anklage. Viel - leicht liegt ſogar zu Hauſe ein Brief von Ihnen. Adieu! Bis ich nicht ſterbe, verändere ich mich doch nicht. Und doch bin ich ſehr verändert. Meiſter muß ja nun bald kommen. Wie leſ’ ich hier den Taſſo! mit Burgsdorf; wie find’ ich mich hier nach und nach, und Goethe. Adieu. Ich will doch meinen Namen ſchreiben; vielleicht erkennen Sie den Brief nicht. Es iſt Spaß.
R. L.
(R. Robert iſt meine Addreſſe.)
Ich habe der Liman dieſen Brief mitgeben wollen; aber wie man denn noch immer ſchlechter iſt, als ſeine Vorſätze, ſo iſt es nicht geſchehen. Früher bekommen Sie ihn aber, als durch die Liman, denn ſie kömmt den Mittwoch nach meiner Rechnung an, und dieſen Brief haben Sie Dienstag. Ich wollte Ihnen aber gerne die gute Senſation machen, daß Ih - nen eine gute Freundin von einer andern einen Brief mit - bringen ſollte, der ein Einſchluß von einem Manne iſt, der Sie gewiß recht ſchätzt. Prinz de Ligne hat mir vorgeſtern dieſen Brief und Billet überſandt. Geſtern war er auch bei mir, vermuthlich um noch etwas darüber zu ſagen, mein Bad verhinderte mich aber, ihn anzunehmen. Was Sie ihm ſchick - ten, hat mir ſehr gefallen: ihm auch, denn den Morgen dar - auf hatte ich ſchon die Antwort. Übrigens ſind Sie in ſeinen Werken mit gedruckt, ich ſah’s in einem Theil davon, den ich hier durchblätterte, ich komme auch darin vor. Nämlich ſo, er hat doch voriges Jahr manches an Sie und mich addreſ - ſirt, worauf Sie antworteten, Ihre Antworten alſo und ſeine Anreden ſind der Folge nach gedruckt. Es nimmt ſich ordent - lich aus, als wenn wir ſchon geſtorben wären. Sie werden doch vermuthlich etwas von mir wiſſen wollen? Nun, ich befinde mich ſo ziemlich beſſer, lebe ſtill, diät und häuslich, und ruhig mit Mariane, Mad. Bernard (die Kluge aus Bres - lau) und Burgsdorf, der Sie tauſendmal lieber hat, als Sie163 denken und ich dachte, und den ich millionenmal lieber habe als vorher. Heute iſt die Liman weggereiſt, und nun ſind wir ſogar ſchon fleißig; er iſt zu Haus und lieſt, und ich ſchreibe für’s erſte Ihnen. — Dieſen Winter will ich gerne fleißig ſein, und mich danach einrichten. So ſtark fühl’ ich mich doch ſchon. Leben Sie wohl, und ſchonen Sie ſich, als ob ich Sie öfterer und mündlich ermahnte; bald ſeh’ ich Sie! Adieu!
Jettchen grüß’ ich überherzlich, und wünſche ganz eigent - lich, ſie den Winter viel zu ſehen.
Was iſt Ihnen, Lieber? Warum antworten Sie mir nicht? Sind Sie verſtockt? Ich meine nicht, wie ein Sün - der; wie eine Quelle, wie ein Schmerz im Herzen, meine ich. Sind Sie abgekommen von der Stimmung, in der Sie an mich denken, in welcher Sie mir ſchreiben? Ich bedaure Sie; und kann doch nichts anderes vermuthen. Ich habe Ihnen zwei Briefe geſchrieben, einen in der Mitte — ungefähr — vorigen Monats, und den andern von Berlin. Warum! antworten Sie mir nicht? Vielleicht kommen die Briefe ſchlecht an: ich addreſſire ſie noch immer an den Profeſſor Klügel. Dieſen wird Ihnen Mlle. Mariane Meyer geben; vielleicht, daß die ſchöne Überbringerin wirkt, für mich meine ich, daß Sie mir dann ſchreiben. Wiſſen Sie mir nichts mehr zu ſagen, da ich Ihnen nicht ſchreibe? Wiſſen Sie nicht, daß11 *164ich nicht konnte? Ich hab’ es Ihnen ja geſagt. Und müſſen Sie eben ſo ſchlecht ſein, als ich! — — oder iſt es wahr, und möglich, daß Sie unzufrieden mir mir ſind — aus wer weiß welcher Urſach — können Sie es dennoch, irgend jemand beſſer ſagen, mich gerechter, für Sie, ſoulagirender, bei irgend einem Weſen als bei mir ſelbſt verklagen? — Schweigen Sie aber, wie es wohl kömmt, eben weil man angefangen hat zu ſchweigen, ſo iſt das auch ſehr unrecht. War Ihnen nicht ſonſt wohl, fühlten Sie ſich nicht aufgelöſt, wenn Sie zu mir ſprachen? Und ſollte man ſich das wohl verſagen, oder vernachläſſigen?
Ich weiß noch nicht, ob ich Mlle. Meyer dieſen Brief gebe, oder ihn auf die Poſt lege, damit Sie ihn noch früher, in Halle, bekommen. Sein Sie gütig gegen ſie; ſie muß Ih - nen als eine gute Freundin von mir, und als ein artiges, feines, liebenswürdiges Mädchen, angenehm ſein. Sie wird ſich an Sie, in Leipzig, wegen manches wenden, als z. B. Beygangs Anſtalt zu ſehn u. dgl. Zeigen Sie ihr was Sie ſonſt Gutes und Hübſches können. Sie wird Ihnen eine Idylle von Goethe zeigen, welche im künftigen Muſenalma - nach ſtehen wird, von der ich nicht ſchweige, weil ich will, ſondern weil ich muß. Ich werde — doch noch — alle Tage empfindlicher: und Goethe, und ich, ſind ſo konfundirt in mir, daß ich mit ſeinen Worten empfinde — ſo falſch es iſt — nicht einmal denke: ja, ja, es geht noch immer crescendo: der weiß es, was ich meine, er kann alles ſagen. Es iſt ein Gott! Leſen Sie die Idylle. Glauben Sie nicht, daß ich wegen der Idylle ſo friſch raſe. Nein, Iphigenie laſen165 wir geſtern, und Taſſo vorher; wie die Iphigenie iſt! Nun gontire ich ſie erſt recht. Millionenmal hab’ ich an Sie dabei denken müſſen, alles was ich auswendig wußte, wußte ich von Ihnen, („ Frei athmen macht das Leben nicht allein “u. ſ. w.) und dabei dacht’ ich wieder, wenn er das wüßte, müßte er ſich doch freuen. Herr von Burgsdorf las ſie mir, wenn Sie Mariane ſehen, fragen Sie ſorgfältig, ob er in Leipzig iſt, und gehen Sie grad zu ihm, oder an ihn heran; ſagen Sie: ich bin Veit, wenn Mariane nicht à portée iſt Sie zu präſentiren: er will Sie auch kennen. Es wird Sie nie gereuen, und immer freuen. Auch von Markus oder Rös - chen können Sie ſich vorſtellen laſſen, oder — ſind die unbe - hülflich, unwillig, oder ungeſchickt — ſich ihn bloß zeigen laſſen. Mama kennt ihn auch, Feu auch. Alle zum Zeigen, und Ausfragen. Sie wiſſen, ich kann ſehr umſtändlich ſein, quoique je manque quelquefois de me trouver mal d’une Um - ſtändlichkeit. Wie gern käm’ ich nach Leipzig! Unabhängig davon, daß ich die Idee habe, daß Goethe wohl dahin geht; und was heißt hier unabhängig! Kann man gewiſſe Dinge trennen? Aber ich bin arm; ich haſſe dieſe Ohnmacht! und doch „ übt ſie meine Geduld, wie ein Freund. “ Morgen früh reiſ’ ich zur Gräfin Pachta nach Prag. Ich mache, zum er - ſtenmal, einen von den Streichen, die Sie mir immer wün - ſchen; und vielleicht, billigten Sie dieſen doch nicht. Aber ich will auch nichts von Billigkeit wiſſen, ſie hat mich zum Grabe gereift, ſoll mich aber mit meinem Willen nicht be - graben helfen. Ich bin — wie ich war, lieber Veit, nur aus - gebildeter, wenn Sie wollen. Ja ich habe viel gewonnen166 ſeit dem Winter. Ja, ja. Das hören Sie gerne; am liebſten von mir. Ich weiß es. Laſſen Sie mich auch etwas von ſich wiſſen. Stehen bleiben, können Sie doch nicht. Gethan, gelernt, geleſen, hab’ ich nichts, nichts, gar nichts. R. L. Adieu.
Apropos. Profeſſor Beck und einen Schweizer Heß hab’ ich kennen lernen. Der Erſte kann Ihnen bunte Dinge von mir ſagen. Ich äſtimirte ihn aus Stimmung ſo wenig und nichts, damals, daß ich ihm die reine Wahrheit ſagte. Er könnte ſie in ein wenig Länge wohl goutiren. Kennen Sie Richardſon? einen Engländer, der auch in Halle ſtudirt. —
Es iſt doch prächtig, ſich ſo ganz tief in Norden ſo einen Bernſtorff zu halten, der, was ich nicht ſagen kann, ſo einzig gut vorträgt, obgleich ich’s denke; und der, was man nur ganz dunkel weiß, einen ſo deutlich denken macht. Ja, ſo mein’ ich’s accurat, wie Bernſtorff; dabei weiß ich aber auch, daß Sie ſich nicht werden helfen können, und wenn Sie’s auch ſelbſt geweſen wären, der den B — ſchen Brief geſchrie - ben hätte: den ich — und ich glaube auch er — mehr wie eine Abhandlung als wie ein Stärkungsmittel anſah. Troſt iſt er in allem Fall; denn die Theilnahme, die Menſchlichkeit, die Bildung, die Gefaßtheit, und leider die Leiden, leuchten aus jedem Worte; und einen Bernſtorff zu haben, der ſolche Worte zu uns ſpricht, iſt viel.
167Iſt ein Raub! den man dem blinden verrätheriſchen Schickſal gemacht hat; ein unwiederbringlicher. Den aber zu genießen, und eine M —, wie Sie ſie ſich einbilden, müßte ja einen Menſchen unſinnig machen; ſo etwas erträgt man nicht. Glauben Sie nicht, daß ich hier Figuren rede; mein innigſter Glaube iſt, daß man eigentliches völliges Glück nicht aushielte: ich wenigſtens fühle ſo was, und unglücklich fühlt’ ich mich ſchon oft. Mit Unglück wird man aber nie fertig, bei Glück iſt es aber ſo ganz aus; und das, glaub’ ich, erträgt man nicht. Können Sie aber glücklich werden, ſo wagen Sie’s nur doch: ich verzweifle gar nicht daran. Sie wiſſen, Ihre Lage kam mir gleich, und kömmt mir noch nicht ſo verzweifelt vor. Wenn nur M — ihre Kraft anwen - den will, und daran können Sie doch nicht zweifeln: ganz können Sie ſich nicht geirrt und getäuſcht haben. Sie haben mich gar ſehr durch das Buch, und unausſprechlich durch den Brief verpflichtet. Wie werd’ ich denn einen ſolchen Brief fordern! Aber eine größere Fète, als mir alles vom Grafen Kalkreuth zu ſagen und von Bernſtorff zu zeigen, können Sie mir nicht machen.
— Den vierten Band des Meiſter hab’ ich längſt ge - leſen; mein Bruder bracht’ ihn von Leipzig mit; und ich kann nun ungebundene Bücher leſen. Auch den Almanach hatte ich gleich bei meiner Ankunft, auf ſehr kurze Zeit von Hum -168 boldt (welcher Montag nach Halle reiſt), und habe nur ein - mal die Xenien und alles von Goethe durchleſen können. Vom Meiſter zu ſprechen iſt noch nicht genug, den muß man zuſammen leſen; das Schreiben haſſ’ ich wirklich mehr als jemals. Wie er über Kunſt, Muſik und Theater ſpricht, S. 409 — 411. Überhaupt, die Satisfaktionen, die ich darin erlebe, gehen doch weit; ſie müſſen’s im Leſen merken. Aber Sie haben mich lange nicht geſehen; und ich habe mich ſehr verändert. Wie er ſagt, die Leute nehmen immer bei Kunſt - werken u. dgl. ihr Gewiſſen und andere armſelige Bedürfniſſe mit! Sehen Sie, daß Mignon die intereſſanteſte iſt? Das Zucken vom Munde nach der linken Seite nahm mich gleich ein. Wie lieb iſt’s mir, daß ſie ſtarb; und an ihrem eigenen Herzen! Hingegen haſſ’ ich die Thereſe cordialement. Warum iſt ſie nicht mit einer Perücke geboren? Da wäre ja der Ver - walter gleich fertig geweſen. Geſehen hab’ ich ſie nun frei - lich nicht: alſo hübſch, ſehr hübſch kann ſie geweſen ſein — und ein Lothario, kann zuletzt alles, beſonders wenn er ehrlich wird, oder iſt. Daß Wilhelm die nicht bekommen hat, hat mir ordentlich die Bruſt befreit. Wie meiſterhaft iſt es von Goethe, ſeine Perſonnagen ſo kennbar zu beſchreiben und ſpre - chen zu laſſen, und nie ſeine feine, gebildete Sprache zu ver - läugnen! Wie meiſterhaft iſt Laertes, mit welchem tiefen und leichten Blick in den gewöhnlichſten Menſchen, durch ein paar Züge und Urſachen dargeſtellt. Friedrich aber, im letzten Theile, den hat er ſprechen hören, das erfindet auch er nicht. Wie er denn überhaupt oft gehorcht haben muß: und das Vertrauen aller Arten von Menſchen muß zu beſitzen gewußt169 haben. Neben ſeinem einzigen Sehen. Das bin ich über - zeugt. Ich habe freilich alle Theile noch einmal geleſen, in Töplitz, auf dem Geiersberg, in Dresden und in allen Wirths - häuſern und in Berlin. —
Nun ohne Spaß; das heißt deutſch. Sie vermuthen es gewiß gar nicht mehr von mir, lieber Brinckmann, was Sie mir für eine große Freude mit dem Schlegel machen, welche ſchöne ganz einzeln ſtehende Hoffnung Sie mir durch ihn er - wecken: aber noch weniger, und gar nicht, daß ich ſeine Re - zenſion geleſen habe. Das iſt ein Kopf, worin Operationen geſchehen; in den andern regt ſich’s, und fällt auch wieder, und die Veränderungen ſind eben ſo viel Ungefähre. Wenn ich ihn nur werde kennen lernen; ich meine, wenn ich nur etwas für ihn bin. Iſt er herablaſſend? Jung iſt er zwar; aber ſo klug! il sera — comme nous — „ triste comme s’il savait tout,” und wird nichts mehr wiſſen wollen. Ich laſſ’ Sie aber für meine Aufnahme ſorgen; und will ihn ſchlechterdings nur durch Sie kennen lernen. Ich bedarf wirklich etwas, was mich freut und erhebt; ich habe ſo lange in Finſterniß ge - lebt, daß meine ſtarken Augen im Hellen nicht ſehen, nur thranen.
Gräfin Engſtröm ſeh’ ich mehr, und ſehr affable; ſie ge - fällt mir auch immer beſſer; ſie hat ſehr Recht, in ihren Mann verliebt zu ſein, denn angenehmer und komplaiſanter iſt leicht170 keiner. Hymen vergaß ihm, von Amor anders beſchäftigt oder beſtochen, die Binde abzureißen, er ging unter die Ab - gefertigten, und ſie bleibt ihm für’s Leben; und qu’il est aimé celui qui rend aimable. Mit meinem Lieben iſt’s eigentlich nichts, auf Glauben — denn der Verräther reicht mir nur dünne Binden, und den Andern keine für mich. Adieu, lieber Brinckmann, mündlich werde ich Ihnen manches Intereſſante erzählen, fragen Sie mich nur aus. — Wir kommen leider bald; die ſchönen! wohlbekannten Mauern machen mir bange. Adieu.
Ich halte es für Recht, wenn Einer nach dem Andern ein bischen ſieht. Was machen Sie denn, haben Sie Mi - graine oder Schweden? Man hat Sie in unſerm Hauſe nicht geſehen, und Ihre Geliebteſten wiſſen nichts von Ihnen; ich bin ſeit dem Sonnabend hier, und melde mich alſo. Es iſt mir um ſo lieber, daß ich geſtern Hrn. Fr. Schlegel habe ken - nen lernen, nun kann ich Sie wieder zu mir bitten. Sonſt ſah’s immer aus, als ſollten Sie mir den bringen, die andern Leute ſind doch ſo. Sein Äußeres gefällt mir; Sie wiſſen doch noch, daß das Äußere eines Menſchen der Text von allem iſt, was ſich über ihn ſagen läßt? Ich hab’ ihn gebeten, Sie zu mir zu bringen; warten Sie das nicht ab! Auch heute geh’ ich erſt gegen 6 Uhr ſpaziren, und dahin, wo einer will.
R. L.
Ich kann mir das große Vergnügen machen, dich mit einer hellglänzenden, gutkleidenden, goldenen, ziemlich langen Kette zu beſchenken. Ich ſchicke ſie dir, damit du ſie früher haſt, und trägſt, und damit das Vergnügen mich zu ſehen und die Kette zu bekommen, nicht wie Dinte und Waſſer zuſammen fließt; in dir meine ich; jedes wird reiner und ſtärker: und es kann Einer dem Andern nicht genug Genüſſe verſchaffen. Es wird dich um ſo mehr freuen, da ſie von mir kommt, da dir niemand dergleichen ſchenkt, und niemand es ſo mit Wonne thun kann; und ich bis jetzt noch nie im Stande war, der - gleichen zu thun. Sage nur, ich hätte ſie mit noch einer an - dern geſchenkt bekommen. Ich habe ſie eingetauſcht; entre nous für den Ring. Sage Hans viel Zärtliches von mir! Heute habe ich die Bonnets bekommen, ich danke ſo ſchön als ſie ſind. Schreibt Otterſtedt niemanden? Mir nicht. Möllen - dorf ſoll nur kommen, der ſoll ſchön haben! Walter (Gual - tieri) iſt noch böſe?! der ſoll wieder ſchöne Dinge geſchwatzt haben! Sag’ ihm, wie ſo er noch Geld heraus haben wollte? „ Pourquoi n’y-a-t-il plus rien de commun entre nous?” N’y-a-t-il plus rien de commun entre nous, Walter? ne me répondez pas, car je ne vous écris pas; je ne veux point de réponse, j’ai voulu avoir une lettre. So gemein ſind Sie noch, daß Sie gegrüßt ſein wollen? Sie verdienen nicht, daß ich Ihnen ſchreibe, was de Ligne von Ihnen ſagt. Hab’ ich nie172 verdient, daß Sie meinetwegen Ihre Faulheit — die ich ehre — überwinden? Wenn Sie mich auch nur ſo geſcholten haben, wie Sie thaten. Ich verſtehe nur meine unbegreifliche Lang - muth nicht, Ihnen zu ſchreiben. — Leben Sie wohl; Sie ſind unglücklich genug, daß ich nicht bei Ihnen bin; wenn Sie ſich auch nichts aus mir machen.
Adieu Röschen. Küß Mama die Hände; reiſt ſie wohl noch mit mir nach Zehdenik, wenn ich zu rechter Zeit komme? Meinen faulen Markus — er hat Recht — grüß’ ich auch; und meine abgöttiſche Hanne. Die ſoll was Schönes[kriegen]. Moritz ſoll ſich waſchen, es iſt gewiß nöthig. Achard macht ſich doch etwas aus einem Gruß. Ich grüß’ ihn. Der Schul - zen ſchicke ich die Ohrringe.
Sie werden Addreſſe, Format, Hand, nichts mehr erken - nen; und es ſind Ihre zwei Lieblinge, die Ihnen ſchreiben. Lindner und ich. Wie liebt er Sie! verliebt iſt er noch immer. Vorige Woche trat er zu mir in’s Zimmer; unſer zweites Wort war Veit, und dabei blieb’s. Ich machte gleich den Vorſchlag zu ſchreiben, er that es gleich, ich jetzt. Wie ſchmerzlich, mein Freund, vermiſſen wir Sie! Wir ha - ben uns immer lieber, und denken dadurch ein Drittes her - vorzubringen, und das ſind Sie. Wie gegenwärtig ſind Sie uns auch! wie ſind unſere Gedanken immer bei Ihnen; ach! ſo gewiß, und Sie fühlen’s doch nicht, bis Sie dieſen Brief173 leſen. Wir wiſſen, daß Sie ohne uns nicht recht glücklich ſein können. Wir ſind’s auch nicht. Lindner hat mir Ihren letzten Brief vorgeleſen! — iſt es nicht ſo gut, als ob Sie ihn mir geſchrieben haben? Es gefiel mir, daß Sie mir nicht ſchrieben. Schreiben ſoll man ſich auch! Ich war gewiß von Ihnen. Waren Sie’s denn von mir auch? Nein. Sie ken - nen die ganze Seele nicht, die lieber in ihre Vernichtung, in die ſchrecklichſte Exiſtenz willigen würde, als darein, daß es ihr möglich ſein ſollte, ehrenvolle Dinge — ſo muß ich ſie nennen — zu vergeſſen. Ich bin wie ich war, Veit. Sie können mir grade in die Augen ſehen, und Sie werden ſie beſſer finden. Lindner ſagt’s auch. Ich bin auch beſſer. Über - zeugter von dem, was in mir war: überzeugt, daß es unum - ſtößlich iſt, und zufrieden damit. Ich putze es aus, ich pflege es, ich liebe es. Schmerz? — iſt zufällig, könnte auch eben ſo gut Freude ſein. Darum ertrag’ ich ihn mit Thränen, aber willig; nicht allein, ich kann nicht, ich mag auch nicht mehr tauſchen. Er macht mich nicht mehr mißvergnügt, er macht mich klar und macht mich ſtark. Und vieles ſchmerzt auch nicht mehr. Sie würden zufrieden mit mir ſein in jedem Be - tracht. Die ganze Scala meiner Seele giebt reine Töne an, obgleich man ſchrecklich! mit den Saiten umgegangen iſt, Glauben Sie, ſchrecklich; ſogar zum Erzählen wär’s ſchreck - lich Man iſt entweder dem Wahnwitz, oder dem Tod, oder der Geneſung ausgeſetzt; mir ſind die beiden erſten nicht wi - derfahren. Ich bin beſſer, kann ich auch nicht ſagen; ich bin jenſeits, möcht’ ich ſagen. Verſtehn Sie? Vom Schickſal be - ſchimpft, aber nicht mehr beſchimpfbar. Unglück iſt Schimpf174 vom Schickſal. „ Er komme und ſage mir es noch einmal, “ſagt Gräfin Orſina. Ich bin wie ich war, und nie, nie! ſol - len Sie mich verändert finden; und fänden Sie mich im Toll - hauſe eine papierne Krone auf dem Haupte, erſchrecken Sie nicht, Sie finden die Freundin wieder. Die Freundin alles Guten, die Liebe, das Streben darnach; ganz aufgelöſt, zer - ſtört, nicht wieder müßten Sie mich finden, um mich anders zu finden.
Geglückt iſt mir nichts, ſeit ich Sie nicht ſah. Ich bin noch in derſelben Lage. Im Gegentheil, drei Freundinnen, worin ich die Humboldt mitzähle, ſind mir entkommen, zu denen ich flüchten wollte; die eine heirathet einen ſchwediſchen Baron, meine Freundin in Prag hat eine ernſte Verbindung, die ihr jede Empfindung und Zeit einnimmt. Ich bin oft ohne Unterſtützung, aber nicht allein; Sie wiſſen, wie ich aus dem Menſchen ſpinne: aber ohne Freund, kurz, ohne jemand, der mich ganz erräth. Lindner war mir ſo lieb! Ich hatte mich ſo ſchnell an ihn gewöhnt; ich muß ihn wieder ver - lieren! ich treib’ ihn ſogar. Er hat eine Verbindung. — Veit, jetzt ſollten Sie mich ſehen! jetzt weiß ich erſt wahr zu ſein! und das iſt noch gar nichts gegen die Idee, die ich davon habe. Das quält mich[oft]; es gehört Geſchicklichkeit, Ver - ſtand dazu, wahr zu ſein. „ Nur die Galeerenſklaven kennen ſich. “ Goethe und das Leben iſt mir noch immer Eins; ich arbeite mich in beide hinein.
Sein Sie gutes Muths; wir ſehen uns gewiß, wir leben gewiß noch mit einander. Wer nur gelaſſen iſt, und dem’s nur auf ein paar Jahre nicht ankömmt! Uns, mir, muß die175 Gelegenheit auch noch kommen: und am Ende will ich, das iſt die beſte Gelegenheit. Ein bischen ſpäter kann man wol - len. Sein Sie vergnügt! Sie haben Freunde! — nach Ihrer Definition; Sie ſind ein Freund und geliebt. Mir ſind viele Menſchen von Gehalt und guten Eigenſchaften aufgeſtoßen: einer hat dieſe, einer jene, aber keiner „ widerſprechende gute “(ich zitire Sie), alſo kein großer Mann. Vivent! die Ju - gendfreunde! Sie! und wir!
Lindner gedeihet in meiner Gegenwart, er ſagt’s ſelbſt, und ich hab’ ihn ſehr lieb! Nicht wahr? Sie freuen ſich? Er iſt nur meinetwegen hiergeblieben, und ich habe ihn ſo aufge - nommen — wie ich aufgenommen ſein will. Mit wahrer Liebe. Übermorgen, Sonnabend, reiſt er. Im Winter kommt er wieder. Dies und die Opern ſind meine einzigſte Freude für den ſchwarzen Winter; für den Sommer hab’ ich auch nichts. Gar nichts. Adieu! weiter nichts. Wie viel gute all - gemeine Dinge, die ſich auf uns beziehen, ſag’ ich Lindner.
Beſſer kann ich Lindnern nicht ſchreiben: und anders gar nicht. Wenn ich nicht wahr ſein ſoll, kann ich gar nichts ſein. Und Sie machten mir bang in Ihrem Brief: als be - fürchteten Sie, ich würde ihm ein ſchädlich Wort zufließen laſſen. Sie haben auch Recht: ich bin auch gefährlich. Wer ſich nicht herab ſtimmen kann, iſt gefährlich und ſchädlich. Ich habe gar keine Zeit: und meine Stimmung raubt mir was ich hätte. Mein Brief wollte auch nicht ſo ganz Ant - wort werden; und wären Sie nicht, lieber Veit, ſo wär’s gar keine geworden. Sie haben aber Recht, Lieber. Ich bin Ihnen recht gut, weil Sie Lindnern ſo gut ſind. Da haben176 Sie ſich eine eigne Stätte in meinem Herzen erbaut. Von unſern Affairen künftig. Latrobe war zweimal bei mir. Er gefällt mir ſo —! daß ich ihm austérité und krauſe Haare verzeihe. So lächerlich dies klingt, ſo viel will es ſagen. Ob ich ihn ſatisfaiſire, weiß ich nicht. Ich glaub’ es nicht. Er hat zu viel von mir gehört, und hört zu wenig von mir. Er kommt zu ſelten. Kurz, er iſt wie ich: und darum kommen wir nicht zuſammen. Zu fein, zu ſkrupulös. Ich lieb’ ihn ſehr. Er ſieht ſchon aus wie ein Menſch. Ich vertraute ihm à diserétion. Ich muß mit Mama weg. Sie nimmt mich mit nach der Stadt. Adieu. Sonnabend das Weitere.
R. L.
Ein échantillon von einem Brief, den Sie bekommen ſol - len, mein lieber Freund, iſt das nur. Auf jede Zeile in Ih - ren drei Briefen werde ich Ihnen antworten; und ſo, daß Sie zufrieden ſein ſollen; Sie hätten dieſe Antwort ſchon, aber Friedrich Schlegeln fiel einmal vor ein paar Wochen ein, Sie ſeien von Paris nach Stockholm geſchickt, alſo war - tete ich noch; und nun war die Stimmung und der im Kopf komponirte Brief verloren. Sie ſollen aber, bei allen Höllen - plagen ſei’s geſchworen! (die wir hier genießen) nichts ver - lieren: Sie bekommen in ein paar Wochen einen furchtbar langen Brief: aus dem Sie ſehen ſollen, daß Sie ſich nicht mit mir wie mit dem Ci-devant unterhalten, daß Sie nichtnur177nur aus ſich ſelbſt den ſchönen Purpur ſpinnen, daß ihm auch die helle Sonne der wahrſten Freundſchaft entgegenſtrahlt, Alſo in dieſem Briefe keine Antwort. Nur eine Leidenſchaft, die ſpornendſte unter allen, ſei befriedigt; der Zorn. Mlle. X —! —! —!!! —! —!!!? die bildet ſich ein (denn das thut ſie, wenn ſie ſo albern tadelt und lobt), man hätte ſie hier bewundern müſſen. Foi de marchande de mode ou de coiffeuse (die ich jeden Augenblick ſein könnte), die letzte fran - zöſiſche Aktrice ging in Pyrmont vor zwei Jahren eben ſo gut als Mlle. X — angezogen. Nichts hat ſie herge - bracht, was neu wäre; jede Kaufmannsfrau in Hamburg, wo alle vierzehn Tage ein franzöſiſch Schiff ankömmt, geht ohne Vergleich hübſcher: mit Schals wollten es die Demoi - ſelles durchſetzen; die man in allen Gattungen und aus allen Theilen der Welt hier zum Ekel hat. Kurz, ſie waren hier nichts. Wiſſen Sie was ich ihnen abſah? wofür ich ſie hielt? (woran ich keinem Zweifel den Eingang bei mir laſſe, und käme er von Ihnen! daß es in der ganzen Welt welche giebt, wo nur ein Konvent oder ein Hof iſt,) für Pikniks-Mamſells aus Paris. Wiſſen Sie was das iſt? qui n’entrevoient la bonne société qu’au bal, die eifrig die Moden nachmachen, aber ſie ſich doch nur immer um die rechte Minute zu ſpät zuſammenſtopplen können. Die ſprechen von Paradiesvogel? Von Hackenſchuh? — Im Theater war ich ſeit drei Monaten dreimal; ich abhorrire es. Daß ich gar keiner von den blin - den Grazienfindern der Unzelmann bin, wiſſen ſie zu gut; ſie ſtarrte aber letzthin in Don Carlos für Juwelen — keine Clairon kann prächtiger, und keine Hamilton geſchmackvollerI. 12178neuer ſein; und Alle eifern ihr nach. Keine Frage! der größte Theil der Juwelen war ihr von einer vornehmen Freundin geliehen; den andern ſchafft ſie ſich alle Jahr nach dem Benefiz zum Einkaufspreiß an. Ich laß mir nichts weiß machen: ich glaube (und wenn ich auch in Paris wäre: und, was noch weit mehr iſt ich glaube in Berlin) nichts von Paris, was über den Einkaufspreiß wäre, der über der Taxe iſt, die ich mir einmal nach der Aufnahme aller Welt - waaren gemacht habe. Wenn ich ſehe, ehapeau bas! den Himmel glaub’ ich; wenn ich ihn ſehe: und das Sehen ſoll mich vor Beſchränktheit, vor Unglauben ſchützen. Ich vergehe hier vor Überdruß, Zorn, Froſt und Langerweile! — Sagen Sie der Humboldt, ſie müßte das für mich thun. Ich hätte jetzt in der ganzen Welt keinen Wunſch, der befriedigt werden könnte, als den, ſie en miniature gemahlt zn haben, Sie ſoll es mir ſchicken. Sagen Sie ihr, es wäre eigenlich ſchrecklich, daß ich wüßte, daß Sie wiederkäme: denn ſonſt wär’ ich ſchon verzweifelt, und das wäre beſſer. Verzweifelt bin ich wohl: aber ich laufe doch nicht weg. Ich bin doch nicht raſend. Fragen Sie doch meine Humboldt, ob ihr Herr von Elsner keinen Brief von mir gebracht hat. Sie ſoll ihn fordern laſ - ſen. Fürchten Sie ſich, Brinckmann! ich werde Ihnen über das Heirathskapitel ernſte Antwort ſchreiben: den Spaß ha - ben Sie alle von mir. Adieu! Schlegel grüßt, er wird Ih - nen ſchreiben. Ich leſe Humboldts Buch; bin aber noch im Anfang: mir kann er gar nicht weitläufig genug ſchreiben. Nun werden Sie doch nicht noch ſtreiten? Müßten es doch nur alle Diebe leſen, die dichten wollen in Proſa oder Verſen,179 ſo wär’ man ſie los: und die Xenien würden lauter artige erwachſene Oden. Wahrſcheinlich werden Sie hören (als Diplomatiker), daß Reuß eine gefährliche Lungenentzündung hat; ſeit geſtern, wo eine Kriſis war, iſt Hoffnung. Es iſt fatal! Ich kann Andere ausliefern. Er hält ſich aber, wie’s ſcheint, an die Qualität, nicht an die Quantität.
Brief über Brief bekomme ich, mein guter lieber Brinck - mann, und Sie denken, ich antworte Ihnen nicht! Nein, wir haben Ihnen einen großen Brief durch Geheimrath Ephraim geſchickt. Den ſcheinen Sie aber nicht bekommen zu haben. Ihnen, mein Freund, ſollt’ ich von Allen, die ich kenne, am erſten ſchreiben; Sie machen ſich am allermeiſten daraus. Sie ſind durchdrungen von Artigkeit, und fühlen’s auch ſchon als ſolche am meiſten. Artigkeit bleibt’s immer; und wenn man auch ſeinem geliebteſten Freund Dinge, die einen wirklich drük - ken, ſchreibt. In der Entfernung ſich noch ſo mechaniſch mit ihm abgeben wollen, es bleibt immer viel. Darum, mein lie - ber Brinckmann, rechne ich’s Ihnen auch ſo hoch an, daß Sie ſchreiben: nur überhaupt ſchreiben, und dann mir, die es ſo eavalièrement zu empfangen ſcheint; und es ganz anders empfängt. Ich verſichere Sie — und mit Bedacht — Ihre meiſten Korreſpondenten rabattiren vom Werth Ihrer Briefe, weil Sie ſo Vielen ſchreiben und ſo oft, und bei mir ſteigen ſie, umgekehrt, dadurch im Preiß. Es iſt, als wollte man ſich12 *180nicht geſchmeichelt fühlen oder freuen, wenn ich lache, weil ich viel lache: es iſt ein großer Unterſchied in dieſem Lachen; und ſo weiß ich ihn auch in Ihrem Schreiben zu machen. Ich lache, weil ich einmal gutmüthig, richtig — epiſch geſtimmt bin (hab’ ich von Humboldt gelernt) — weil ich reizbar bin, und nie auf meine momentane Stimmung verſeſſen — wie man ſehr gewöhnlich ſpricht — bin. Sie ſchreiben, weil Sie gutmüthig, voller Egards, Einfälle, und in tauſend Rapports mit den Menſchen ſind, die alle Faulheit überwiegen, die Sie auch noch, wenn’s auf’s Rühmen und Meſſen ankömmt, mit der Horde von Letzten gemein haben; und worauf ſie ſich etwas einbilden. Genug von ihnen! aber nicht zu viel: denn das wollt’ ich Ihnen ſagen. Es liegen ſechs Briefe von Ih - nen auf meinem Tiſche. Ich diſtingire ganz allein den großen, wo von Mad. Staël die Rede iſt. Was in dem ſteht, ſchrei - ben Sie nur mir! Mein lieber Freund! geht es Ihnen ſchlecht? Mir auch! (Ich wollte Ihre Briefe wieder durchleſen, aber ich habe die Kraft nicht; ſie liegen alle neben mir.) Ich werde aus dem Gedächtniß ſchreiben. Es geht mir ſchlecht! und ich weiß nicht, wie es mir ohne den Gedanken gehen würde, daß die Humboldt wiederkommt. Raſend werde ich nicht, und umbringen thu’ ich mich auch nicht; aber ich ſterbe aus lan - gueur und das thu’ ich jetzt auch. Heirathen ſagen Sie. Ich kann nicht heirathen; denn ich kann nicht lügen. (Denken Sie nicht, daß ich mir etwas darauf einbilde: ich kann nicht, wie man die Flöte nicht ſpielen kann.) Sonſt thät’ ich’s jetzt. Ich würde mir zur tâche und zum Lebensplan machen, einen Mann glücklich zu machen, der mich aus allen ſeinen Kräften181 liebt, und den meine Gegenwart ſchon beglückt. Aber ich kann mir keine Äußerung der Liebe für ihn abgewinnen: und es geht alſo nicht. Es iſt ein braver, rechtlicher, geſcheidter Menſch, ohne Vorurtheile — aber meine fehlen ihm — er denkt, man liebt, ſieht ſich betrogen, und nimmt einen kon - venablern, der einem en gros alles anbietet, was man ver - nünftig fordern kann, und von dem man mehr, als er je ein Weib lieben konnte, geliebt iſt. Es iſt ein kluger, und ein nobler Mann; was weiß er aber alles nicht! — ich wäre fremd bei ihm; und er heimiſch bei mir. Das täuſcht ihn auch; und das verführte ihn. Das ängſtigt und ſchmerzt mich auch, ich hätte ihn nicht heimiſch ſollen werden laſſen. Kaum aber — ich weiß das auch — kann ich das wehren. Noch auf eine Manier kann ich heirathen, wenn ich dem Menſchen faſt gleichgültig bin, und er alle ſeine Freiheit behält, und mir ſeine Perſon gefällt, Das fühl’ ich, und weiß ich deutlich. Vorurtheile muß er ſchon einmal nicht haben, ſonſt halt’ ich’s nicht aus. Tugendhaft will ich gern ſein: das bin ich jetzt auch — und bin zu nichts anderm gemacht — nur zum Lü - gen muß mich ein dummer Mann nicht zwingen können, und ich mich ſtellen müſſen, als ob ich ihn ehrte. Reden muß ich können, was ich will: und mein Läſtern muß er lieben; und wenn ich ihn ehren könnte! was ich ehren nenne!! — ich glaube, ich weiß nicht — ich wäre noch glücklicher, als durch die Liebe. Nun hab’ ich Ihnen auch geſagt, was Sie längſt wiſſen: und das Diplom des Freundes ſchriftlich aus - gefertigt. Das wollt’ ich; das verdient der Staël-Brief, wo auch Sie mich ſo beſonders auszeichnen. (Ich leſe ihn nicht,182 aber ich weiß.) Sie ſchreiben mir darin, (ich leſe ihn doch!) Sie ſchreiben mir, Sie lieben mich in der Entfernung inniger und treuer, ich glaub’ es Ihnen. Sie haben auch eine von den in ſich wahren Menſchen gefunden, die es nie aufhören können zu ſein, und die ein ſcharfer Verſtand über ſich ſelbſt erhellt, und ihnen Rechenſchaft ablegt; das ſind Freunde: das haben Sie erkannt, und für ewig. Kein Wuſt, kein Mißver - ſtand konnte da nicht ſtören, kein Roſt anſetzen. Auch ich wußte es immer. Und oft was Kälte ſchien, war Stolz — heißt Freude — und sécurité. Ich ſchicke Ihnen das erſte Blättchen dieſes Briefes mit, das mich ſo rührte, und ſchmeichelte — Sie ſchicken mir es gleich wieder — ſchmei - chelte, ſag’ ich, die Schönheiten der Natur ſchmeicheln uns auch; ich verſtehe unter Schmeichlen nichts Falſches. Jeder reine Genuß ſchmeichelt, iſt eine Schmeichelei des Schickſals; wel - ches uns eben ſo gut alles verſagen kann. Verſtehen Sie mich? wenn ich mich gehen laſſe, werde ich unverſtändlich. Ich beantworte nun Strophe nach Strophe Ihren Brief — ich antworte eigentlich ſchon den ganzen Winter in mir —; Brinckmann, Sie ſchreiben mir meiſterhaft über die Staël, und eine Ungeduld ergreift mich, daß ich’s nicht kann drucken laſſen. Zwar würden es dann auch die Letzten leſen, aber die Erſten auch. Ich habe Sie ganz verſtanden, glauben Sie mir’s! Lehren Sie ſie deutſch. Sagen Sie ihr, ſie hätte au fond de l’Allemagne eine innige Anbeterin; ſie wäre mir in der unglücklichſten Epoche meines Lebens wie ein Gott zu Hülfe gekommen; la terre m’avait manquée sous mes pieds, da hätt’ ich dies in ihrem Buche sur les passions geleſen, wel -183 ches Sie mir gaben: „ à vingt-cinq ans la terre nous semble manquer sous nos pieds, “unſre Freunde, unſer Geliebter ver - läßt uns — „ wir müßten unſer Glück in Lieben finden, das könne uns niemand rauben, “wie ich das las, kannt’ ich ſie, und gelobte ihr Liebe. Es giebt kein Glück: es giebt nur Sieg, und Plaiſir. Hierin hat man ewig zu wählen, oder vielmehr nur die Natur, ob ſie uns eine blonde oder brünette Seele mitgiebt. Sagen Sie ihr, ſie ſoll mich nicht verachten, weil ich ein Frauenzimmer bin: auch bei mir hätte es ſchwer gehalten, ſie gelten zu laſſen. Sagen Sie ihr, ich kenne ſie wahrſcheinlich beſſer, als irgend jemand, mit dem ſie je liirt war. Sie wiſſen, was bei mir Goethe iſt. Alles, mein gan - zes innres Leben, und er, — iſt Eins bei mir. Aber ich glaube nicht, daß ihr Goethe geholfen hätte; freilich wenn ſie ihn verſtanden hätte, ſo hätte ſie das andere auch gewußt, und ein Probirſtein iſt er, ausbilden thut man ſich durch ihn, der Stern im Leben iſt er, aber ohne ihn muß man alles ſein. Vielleicht wenn ſie eine Deutſche wäre. Im Grunde — muß man alles von ſelbſt ſein. Ihr Staël-Brief endigt, ich ſoll manchmal mit unſern Freunden von Ihnen ſprechen — wenn ich Ihnen nun ſage, daß alle Abend — wenigſtens — die Rede von Ihnen iſt; daß wir Ihrer bald leichter, bald ern - ſter, und immer mit Liebe gedenken. Die Liman, meine Schwe - ſter, alle ſind wir Ihnen gut! Sie leben immer unter uns: ach! und wir hoffen, Sie kommen wieder. Wenden Sie alles an! Selbſt meine Mutter, wenn ſie mir vorrechnet, ich habe alle Freunde verloren, kömmt Brinckmann an die Spitze. Wo ſollten Sie uns auch nicht einfallen; wer ergriff alles leichter,184 durchſah es beſſer, und war voll ſchonenderer Rückſichten, und wahrer Höflichkeit, wem ſtand beſſer ſeine Laune zu Gebot, ſelbſt im Schmerz! Ich leſe Ihren zweiten Brief; der mit dem Staël-Brief zuſammen kam. Darin ſchreiben Sie mir, Sie ſind verwaiſt, traurig und muthlos, und ſetzen hinzu: „ Ich fühle, daß ich dieſe Klagen eigentlich bloß in den Schooß einer ſchwachen gutmüthigen Freundin ausſchütten ſollte — Sie ſind freilich nicht ſchwach, aber Sie ſind außerordent - lich geſcheidt und das iſt beinah das Nämliche. “ Auch begehren Sie keinen Troſt u. ſ. w. Wie können Sie mir das ſchreiben? Kennen Sie mich nicht? Ich zeige eine harte, rohe Außenſeite, weil ich es ſonſt nicht aushielt’, und die Andern mit. Wenn ich meine Wunden zur Schau tragen ſollte, wie die Andren — ihre Ritze —, es wäre eine Schlachtbank. O! glauben Sie nicht, daß das, was ich Ihnen ſage, über - trieben iſt. Darum bin ich nur ſo erſchrocken, wenn mir et - was widerfährt, weil es auf ewig iſt. Ein zartes Gemüth beleidigen, heißt es verderben. Wem ſollen Sie ſonſt etwas ſagen, als mir! dazu bin ich gemacht. Schon oft dünkte mich, wenn ich mir nichts mehr denken konnte, und ich denk’ es eigentlich; darum hab’ ich nur eine ſolche Seele wie ich habe, darum widerfuhr, bis auf die geringſte Kleinigkeit, mir alles ſo, und nicht anders, damit ich verſtehen ſoll, was jeder fühlt, und was jedem fehlt, das iſt der einzige Menſchentroſt, der andre kömmt von Gott! von der ganzen Welt, in aller ihrer Ausdehnung und Bewegung. Um keine Gabe will ich geachtet ſein, keinen Vorzug will ich genießen, alles iſt ein Talent, aber dies iſt ein ſelbſterrungenes, eine einzige Gabe!185 um dieſe müßte man mich auszeichnen, ehren; ich liebe mich darum. Und alles tadelt mich darum. Ich trage dies leicht; aber verächtlich iſt es mir. Darum appuyire ich darauf, wenn man mich verkennt. Ich bin zu reich, um zu prahlen (pour étaler), und aus wahrer Beſcheidenheit thu’ ich’s nicht; ſie ſind mir alle zu arm, und ich ſollte noch Koſtbarkeiten zei - gen? „ Frech wohl bin ich geworden, ihr Götter wißt, und wißt nicht allein, daß ich auch fromm bin und treu. “ Das ſei mein Epitaph. Wenn wir uns nicht wiederſehen, oder wenn wir uns auch wiederſehen, ſehen Sie dieſen Brief als mein Teſtament an. Er iſt mit einer Wahrheit geſchrieben, wie man auf dem Todtenbette ſpricht — vielleicht glauben Sie aus Furcht, Gott behüte! — weil man’s da nicht mehr der Mühe werth hält unwahr zu ſein. Zeigen Sie der Hum - boldt dieſen Brief, wenn Sie wollen. Sie ſchreiben mir fer - ner, Sie wären „ kindiſch “und „ toll mit Methode “? nun toller, kindiſcher, kurz ärger als ich ſelbſt, iſt nichts. Ich bilde mich aber ſehr; ich will nicht mehr mit Gewalt glücklich ſein; und weiß, wie ſo ſich widerſprechende Dinge nicht vereinigen laſſen, als das äußere und das innere Glück; nur eine harte Wahl bleibt dem Menſchen, und das iſt, selon moi, ſein freier Wille, von dem man ſo viel ſpricht. Bei Manchen geht das nun freilich zuſammen, und auf Augenblicke immer nur, und ſähen ſie ganz genau nach, nie. Meine Fähigkeiten ſind immer noch nicht angegriffen, und daher bin ich immer noch gut, epiſch geſtimmt. Je suis rassie, aber, traurig! und bei guter Laune, höchſt verwundet; und über dies und über mich ſelbſt erhaben. Daraus werden Sie klug; ich bin’s. 186Ich ſchreibe ſo garſtig. Das hält mich auch zu ſchreiben ab, wenn es mir darauf ankömmt, das zu ſagen, was ich will.
Bald bin ich hier allein, ohne Bekannte. Mariane iſt weg, die Fließ geht in vierzehn Tagen. Die Unzelmann iſt auf einige Monat nach Wien. Jettchen geht auch in vierzehn Tagen dahin. Gualtieri kommt nicht mehr — ein Mißver - ſtändniß mit meinem Bruder —. Genelli ſeh’ ich ſehr wenig. Die Grotthuß verreiſt. Was ich thu’, weiß ich nicht; entweder ich geh nach Prag, wenn die Pachta will, woran ich zweifle — dies mündlich, im Winter in Paris —, oder ich geh’ nach Pyrmont, oder mit Schlegels, die nach vierzehn Tagen hierher kommen auf einen Monat, nach Jena. Alles iſt unbeſtimmt bei mir, und ich will ſehr diesmal auf die innre Stimme lau - ſchen. Kommen Humboldts wieder nach Paris, ſo komm’ ich zum Winter hin, wenn ich bei ihr wohnen kann. Freuen Sie ſich alſo. Das iſt alles, was ich von Plänen im Leibe führe; das ſind meine Lebenspläne. Das gefällt mir ſchon! und was ich habe, wirklich beſitze, macht mich freudetrunken. Meine Freiheit iſt im Grunde groß. Nichts ſetzt ihr eine Gränze, als mein Vermögen, und wer fände die nicht endlich. Wiſſen Sie, wie viel Geld ich mir jetzt wünſche, außer „ das viele “? So viel, ein Findelhaus zu errichten. Dann nähm’ ich mir Kinder heraus, die mir wohlgefielen, zum Erziehen; und das wären meine. Adieu mon ami! Sein Sie nicht zu dankbar, lieber Brinckmann, und leben Sie wohl! Jetzt geht der Frühling an. Die Sonne ſcheint recht, Adieu! Es grüßt alles was lebt, — Schlegel, den Schlechten, kann ich nicht zum Schreiben bekommen. Dieſer Brief iſt den 9. und187 10. März geſchrieben, und ſoll den 11. abgehen. Burgsdorf muß mir das ſchicken, was ich in dem kleinen Brief fordere, der in Ihrem liegt: und der auch morgen erſt abgeht.
— Jetzt iſt acht Uhr, deine Fanny und meine Hanne haben jetzt eben, zum Geburtstag der erſtern, Schokolade mit Kuchen, anſtatt Kaffee und Semmel, mit einer Glückſeligkeit und Redſeligkeit hinter geſogen und gewürgt, deren auch nur wenig Kinder fähig ſind; bedenk’, ob ich ſie dir auf jedem Ball in Pyrmont und bei jedem Vorfall im Leben wünſche. Ich ſaß mit meiner auf einem Stuhl, deine hatte die Schulz auf ihrem Schooß; ſie hat Handſchuh und Fußſchuh von Mama bekommen, und von mir und Hanne wird zum Nach - mittag eine Puppe fabrizirt, der Vater bringt des Mittags etwas, und ſo wird der ganze Tag gebähren, und ein wah - rer Geburtstag ſein. Überhaupt! wenn du dich mit der Sehn - ſucht abfinden kannſt, ſo kannſt du ganz ruhig ſein. Für die Putten wird unausſprechlich geſorgt: du kennſt meine Lei - denſchaft zu ihnen, ſie ſind ewig bei mir: ihr Fleiſch wird beiderſeits feſter, auch bleichen ſie; meine ſchläft mit der Kou - ſine in der gelben Stube, ich im Saal, die Thüre offen. Um neun Uhr eſſen wir, mit dem letzten Biſſen geht meine zu Bett, Line bleibt bei ihr, bis ich komme. Für Erkältung, Deutſch, Artigkeit und Lektion, wird nach Möglichkeit geſorgt. Ich thue weiter gar nichts, denn ich leſe nicht einmal mehr,188 um mich zu ſtärken; und die Putten, obgleich ſie einen matt genug machen können, ſind mir doch Heilkraft. — Die Furcht vor dem Bär iſt weg, nachdem ſie durch Vetter auf’s äußerſte gekommen war, den ich aber im ſtrengſten Sinn des Worts geſchlagen habe; — ſie mußte immer ſelbſt brummen, und ich bramm ſo lange, bis es ihr keinen Eindruck mehr machte. Auch iſt ſie nun durch mich von des Bären Abreiſe überzeugt, und daß er keine Treppen ſteigen kann. — (Nun iſt Nachmittag: nichts greift mich ſo an, als Schreiben). Von der Köchin hat ſie einige Bouquets von kleinen rothen Be - ſingen bekommen, die ſie mir ganz in Erſtarrung zeigte, Dann fuhr ſie mit der Schulz und mir die Morgenpromenade nach Hoppe, an dem ſie einen herrlichen Spielkammeraden hatte; beſonders unermüdet. Dann kam der Vater nach Hauſe, und brachte, zu abermaliger Erſtarrung, einen Fächer und Schärpe; Hanne kauft jetzt für vier Groſchen ein! — Deine ſpringt vor Tiſche mit Einmal vom Sopha; „ Rahle! ich will dir was zu eſſen holen. “ Ich vergeſſe das, weil ſie gar zu viel thut und ſagt. Eine ganze Weile nachher, kommt ſie: „ Da! Da! “ich ſehe immer nichts. Was bringt ſie? Ein Erdbeerchen, und das muß ich eſſen. Ja, lieber Hans! Warum kann ich jetzt nicht mein Glück in deinen Buſen weinen! Daß wir jetzt getrennt ſind! — Über’s Jahr vielleicht bin ich ſelbſt Mutter. Nun heirathet ein jeder Menſch — lachen muß ich auch; aber es iſt wahr! Ringe ſind gewechſelt; ich habe ſein Bild. Schneller entſtand keine Liebe; ſoll ich es Sympathie nennen? — oder wie willſt du es nennen? — wie ich heißen werde? ſogar der Name iſt ſchön. Einen Tag189 ſah ich ihn, den zweiten ſchenkt er mit einen Ring, vorgeſtern ich ihm einen, geſtern ſchickt er mir ſein Bild: muß er mich nun nicht den Sonntag heirathen? Umarme mich! — Jeder Brief von dir iſt mir eine ächte Freude. Du denkſt es dir in deiner biedern Seele gewiß gar nicht ſo. Wir wollen auch recht geſund werden! Philoſophinnen ſind wir doch ſchon; dazu Geld, und man riskirt bei der etwanigen Unſterblichkeit nichts. Meine Geſundheit iſt artig ſeit vier Tagen. — —
Kein Brief, lieber Brinckmann! Bitten, Beſtellungen, kurz eine Art von Geſchäften; folglich Ennui. Vor ein paar Mo - naten wollt’ ich Ihnen einen Brief von Mad. Unzelmann ſchicken; man ließ mir aber ſagen; Sie ſeien auf der Reiſe von Paris nach Stockholm. Da gab ich ihn wieder zurück. In dieſen kann ich ihn nun nicht einlegen. Vor einem Mo - nat ungefähr war Mariane Pollet hier, die von Karlsbad kam, ſie kam unvermuthet mit Boye’s zu mir. Gleich wa - ren wir intim. Ich hab’ ihr ſo gut gefallen, als ſie mir. Sie verſteht das Leben: und das iſt alles was man fordern kann; fehle ihr auch übrigens was da wolle. Sie macht es einem leicht und angenehm, iſt voller Verſtand; was red’ ich! Sie kennen ſie. Ich lieb’ ſie ordentlich. So voll Leben, das ganze Weſen voll Phyſionomie! und kein ſtörendes Vorurtheil. Kurz, recht liebenswürdig. Sie ſchickt Ihnen einliegenden Zettel. Sie war nur drei Tage hier; wir ſahen uns beſtändig; und190 es iſt mir, als kennt’ ich ſie von Kindheit an. Wir haben auch manche Parthie mit einander verabredet. Die Veit läßt Ihnen ſagen, wie ſo Sie ſie mit Einmal außer Ihrem Karak - ter behandlen, und ihr auf einen Brief, wo welche von Schle - gel, Schleiermacher, eingeſchloſſen waren, nicht antworten. Sie will mir nicht glauben, und behauptet, Sie müßten ihn bekommen haben. Friedrich Schlegel iſt ſchon in Jena, und Mad. Veit reiſt die andere Woche mit meiner Mutter nach Leipzig, von wo ſie die Schlegels nach Jena holen, und wo ſie den Winter mit ihrem jüngſten Sohn bleibt. — „ Die Nacht — ſie mußte ſich erhellen. “ Ich bin noch mittenin. Auch ſollen Sie von mir kein Wort hören; ſo elend geht es mir. Ich glaubte das Leben, den Schmerz zu kennen: aber dieſen Sommer hab’ ich ihn erſt erfahren. Nun — zweifl’ ich auch nicht mehr, nun kann es immer ärger werden! Ich bin aber nicht ſo elend, wie ſonſt: ich habe mehr Muth; und ſollte mir auch nur eine Hand zu retten übrig bleiben. Ich rette ſie; und da mich dieſe Leiden, dieſes Verlaſſenſein nicht ſtupid gemacht hat, bloß zerriſſen, ohne zu tödten — nun! ſo iſt man ja wohl gemacht um dies zu leiden, und ſo zu werden, wie ich werde. Von mir alſo nichts. Darum ſchrieb ich auch ſo lang nicht; hätt’ ich auch noch immer nicht geſchrieben — von der Pachta in dieſem Briefe auch nicht. Nächſtens ſchick’ ich Ihnen eine Kopie von einer Antwort, die ſie mir dieſen Frühling auf Ihren vorletzten Brief ſchickte, und worauf ich das Päckchen mit Ihren Gedichten zurück - gehalten habe! Glauben Sie! es war recht. Der Unver - ſtand war geſchwollen bis zu einer Tollheit. Was macht meine191 Humboldt? von der ich nicht einmal weiß, wo ſie iſt!!!! Sa - gen Sie mir etwas!
Nun kommt die Bitte und die Hauptſache in meinem Brief. Beſorgen Sie ſie, als wenn ſie ganz für mich wäre! obgleich ſie für Gualtieri iſt. — — Thun Sie das für Ihre Freundin.
Ihre R. L.
Was ich nicht bekommen habe, kann ich vergeſſen; was mir aber geſchehen iſt, kann ich ich nicht vergeſſen; behüt Gott jeden, dies zu verſtehen!
Jedes gewaltſame und plötzliche Aufhören iſt mir unan - genehm; weil wir etwas Unausgeführtes vor Augen und in der Seele behalten, welchem wir ſpäter oder früher auch wie - der ſo begegnen. Wenn aber das Leben eher aufhört, als es ausgeht, ſo iſt das ſchön; denn da bleibt umgekehrt etwas Ganzes zurück, und nicht etwas Trauriges oder Ekelhaftes.
Man kann mit den[Empfindungen], wie mit andern Gü - tern, ſchlecht haushalten. Man kann durch eine geſchäftige Einbildungskraft ſo dem natürlichen Ausbruch der Ideen vor - greifen, daß, wenn die Zukunft als Gegenwart erſcheint, man nur eine Vergangenheit zu wiederholen hat, und befremdet iſt, ſich gelaſſen bei Dingen zu finden, die man als das Ent - ſetzlichſte gefürchtet hat. Das pflegt man abgeſtumpft zu nen - nen; und es iſt doch nur das eigentlichſte Unglück.
192Wenn man nur immer die Geſchicklichkeit hätte, wahr ſein zu können, ſo wäre es nicht möglich, ſich je ſchämen zu dürfen; denn man hat ſich entweder etwas zu geſtehen, was man ändern, oder was man nicht ändern kann. Aber man irrt ſich, wenn man glaubt, daß man nicht immer wahr ſein dürfe; man hat entweder nur keine Aufmerkſamkeit darauf, keine Geſchicklichkeit die Wahrheit zu finden, oder am öfter - ſten keine Gegenwart des Geiſtes, ſie zu ſagen; ſo lügt man; denn ſie nachzuholen, dazu gehört ſchon eine heroiſche Tugend, und Fleiß.
Billigkeit, Haß und Vorliebe, wird geübt; aber keine Gerechtigkeit. —
Man lernt ſpät lügen, und ſpät die Wahrheit ſagen.
Wir hätten uns brauchbar für uns ſelbſt gemacht, wenn wir über das, was rohe Sache in uns iſt, einen uneinge - ſchränkten Willen hätten; und das, was Willen iſt, zur un - biegſamen Sache machten. Der Menſch muß ſich zur Wand, zu etwas Undurchdringlichem, ganz nach ſeiner Willkür machen können, damit er mit den Sachen und mit den Menſchen, die ſich als Sachen aufwerfen, kämpfen kann.
So lange wir nicht auch das Unrecht, welches uns ge - ſchieht und uns die kühlen brennenden Thränen auspreßt, auch für Recht halten, ſind wir noch in der dickſten Finſter - niß, ohne Dämmerung.
Wenn193Wenn wir nicht albern wären; würden wir unſinnig. Mittagzeit — Abendeſſen — Gutenmorgenſagen, — die al - berne Regelmäßigkeit ſchützt uns. Wer hat es nicht gefühlt, daß ihn Müdigkeit vor Raſerei ſchützt: aber nicht allein, weil man dann entſchlafen muß, denn ich glaube, wenn ſelbſt die Einrichtung der Natur ſo wäre, daß wir keinen Schlaf be - dürften, es wäre nicht hinlänglich. Wir müſſen wiſſen, daß wir ſchlafen werden, das ſchützt uns.
Die niederträchtigen Menſchen ſind die, welche, was ſie in ſich loben, nicht auch in Andern ehren.
Wer zu ſchönen verſteht, der kann auch kränken: wer aber kränkt, verſteht nicht auch zu ſchonen.
Der Dichter unterſcheidet ſich auf dieſe Weiſe vom Lügner: daß der erſte eine Lüge nicht ohne Wahrheit erzählt, und der zweite eine Wahrheit nicht ohne Lüge erzählen kann.
Es giebt Leute mit ſchönen Fähigkeiten, aber von gerin - ger Denkungsart.
Das darf den Werth meiner Gaben nicht herabſetzen, daß ich ſie mit Liebe gebe! Nur bei gemeinen Seelen ſtumpft dies die Luſt des Empfangens ab. Und auch nur eine ge - meine Seele arbeitet dem klug entgegen; wer ſich durch Klug -I. 13194heit kalt erliſtet, was ihn frei überſtrömen ſoll, dem fehlt wohl das Einzige, was Geſcheidte von der Klugheit abhält! — Lieber verzweifle ich.
Man iſt nie mit einem Menſchen zuſammen, als wenn man allein mit ihm iſt. — Ich gehe noch weiter, — man iſt es nie eigentlicher, als wenn man an ihn in ſeiner Abweſen - heit denkt, und ſich vorſtellt, was man ihm ſagen will.
Es gehört mit zu den Kenntniſſen, wie man das Leben behandeln ſollte, zu wiſſen, daß man Berechnungen anſtellen ſoll, wo das Herz und ein edles Gemüth ſich ſträubt zu rech - nen: und daß man es wagt, ſich dem Zufall zu ergeben, wo alles berechnet werden könnte.
Wenn ich mich verrechnet und folglich geirrt habe, und es iſt mit Scharfſinn geſchehen, ſo bin ich zufrieden. Hab’ ich aber richtig vermuthet, und der Ausgang giebt mir Recht, ſo kann ich zufrieden ſein, und wenn ich noch ſo dumm zu Werke gegangen bin.
Darum ſcheut man ſich, und nicht genug, manthes aus - zuſprechen, weil man es gleichſam in die Welt, aus der über - ſinnlichen, hineinhebt: und für die Wirkung nicht mehr ſtehen kann. Das fühlt der Dümmſte oft, und der Kluge iſt oft nicht klug genug, auf dieſes Gefühl zu lauſchen.
Es iſt aber auch nicht gut, auch nur das Geringſte zu195 verſchweigen: und wenn man alles ſagen könnte, wäre alles beſſer. Auf dieſe Vollkommenheit müßte ſich jedes Individuum üben, wie die Menſchheit ſie erwarten muß.
In der geringſten Stube iſt ein Roman, wenn man nur die Herzen kennt.
Was heißt das, Satisfaktion haben? Die hat man immer, wenn man mit ſich in Ordnung iſt; das heißt aber nur das Nothwendige nicht vermiſſen; daß auch Andere mir genügen, iſt allein der ſchöne Überfluß, der glücklich macht.
Giebt es Wunder, ſo ſind es die in unſrer eigenen Bruſt; was wir nicht kennen, nennen wir ſo. Wie überraſcht, wenn auch nicht beſchämt, wenn uns die Begeiſterung wird, ſie zu gewahren!
Da eine willkürliche Einrichtung Statt haben konnte, ſo iſt es kein Vorurtheil, daß ein Weib nicht Liebe bekennen darf. Der Liebe Verdammniß zum Sterben, iſt Verſchmä - hung. Bei einem Weibe kann ſie das Gewand von Keuſch - heit und Schüchternheit nehmen, bei einem Manne ſteht ſie gewandlos, tödtend da.
Symptome der Liebe giebt’s. Wenn man folgende Pe - riode von Mad. Genlis ganz auf ſich anwenden kann: „ Mais13 *196je n’ai plus ni caractère ni volonté! insensé, faible et mépri - sable, je n’attends rien de vous, et sans but comme sans espérance je cède malgré moi au charme irrésistible que je trouve à vous aimer; “ſo kennt man eins. Das andere iſt, wenn einem jede körperliche Berührung, außer der des ge - liebten Gegenſtandes, unwillkürlich und unwiderſtehlich ekelt.
Die ganze Welt iſt eigentlich ein tragiſcher Embarras.
Einen gepackten Reiſewagen und einen Dolch ſollte ein jeder haben; daß, wenn er ſich fühlt, er gleich abreiſen kann.
Es gelingt einem beinah nie eine Sache, von der es einem nicht nachher leid thut, daß ſie einem gelungen iſt; und es mißlingt keine, daß es einen nicht nachher freute.
Düngen Sie mit Verzweiflung, — aber ſie muß ächt ſein, — und Sie werden vortreffliche Ärnte haben.
Lieber! Brinckmann. Sehen Sie mich in Thränen geba - det zu Ihren Füßen; und nicht leiden, daß Sie nach Schwe - den gehn. Ich bin ja bei Ihnen. Gott! macht denn das alles aus, daß ich nicht reiſen kann. O! Sie würden gewiß gleich um ein Merkliches beſſer, wenn ich nur hinein träte. Ach Gott ach Gott! jedes Wort, fürcht’ ich, ſchadet Ihnen,197 welches ich ſchreibe: O! ſchrecklicher Zuſtand! den kannt’ ich bis jetzt nur aus Büchern. Alles, alles ſoll ich kennen lernen. — Lieber! beſter! Freund, laſſen Sie ſich nicht von meinen Brie - fen affiziren! — Ich bin ſelbſt in der Bruſt — wie es Jean Paul neunt — ſo! krank, daß ich nicht anders ſprechen kann. Auch ich war viel mediziniſch krank und bin ſo zerriſſen, daß nur Thränen kommen und Thränen-Worte, ſein Sie gefaß - ter, laſſen Sie ſich — ich beſchwöre Sie! — nicht ſo ſehr durch mich rühren. Sehen Sie mich zu Ihren Füßen, und mit der größten phyſiſchen Gewalt nicht leiden, daß Sie reiſen. Müſſen?!! — welche Gewalt, welche politiſche Rückſicht kann Sie, wenn Sie ſich ſo fühlen, noch zurückhal - ten. Sterben Sie nicht an Pflicht; die nicht anerkannt wird. Sein Sie nicht ſo eitel-grauſam gegen Ihre Freunde, ge - gen mich. O! könnt’ ich Sie bewegen! Haben Sie kein Geld? auf den Augenblick? Ich will es gleich ſchaffen. Nehmen Sie die Summe indeß von Mad. Sieveking. Ich will hoffen — und bin überzeugt, Sie ſehen hierin nicht mehr etwa, als einen guten Morgengruß — und nicht einmal rühren darf es Sie; ſonſt bin ich gar verloren. Markus Herz kurirt alle Brüſte, und eben jetzt wieder den jungen Gilly, den alle andere Ärzte ver - loren gaben. Und ich kurire Sie gewiß. Und ſchon in ſo ſchwachen, abgeſpannten Stunden mich bei ſich zu haben, muß Ihnen alles ſein. Nur wenn die Humboldt um Sie wäre, das könnte mich tröſten; und ſo als wenn ich es wäre, wäre es doch lange nicht. Ich ſchreibe meiner Schwägrin: die ſoll Sie zwingen, und wenn Sie ſich nicht zwingen laſſen, Mad. Sieveking, die wird Sie doch nicht behalten wollen, um daß198 ſie Sie pflegen kann?! So lange haben Sie gemacht — innen gelitten — ich weiß wie — und außen gearbeitet, ge - ſpaßt und geſchrieben, geleſen und gedichtet, bis Sie keine Kräfte mehr haben, Ich ſtürbe gern. Erſt geſtern Nacht war ich krank, und ungewohnt-krank, ich hoffte gleich: „ Ach viel - leicht iſt dies der Tod. “— ich ward den Tag über beſſer, und den Abend bekam ich Ihren Brief.
Wenn ich Sie verlöre, verlör’ ich einen großen Theil von mir ſelbſt. Denn eine Seite kennen Sie in mir, die niemand kennt außer Sie — nennen kann ich ſie nicht, nicht einmal bezeichnen in dieſem Augenblick — und die muß erkannt wer - den, ſonſt iſt ſie todt. Ich vermag gar nichts anders zu ſchrei - ben, als kommen Sie. Kommen Sie. Und reiſen Sie nur in keinem Fall nach Schweden: denn nach Hamburg kann ich doch noch kommen. Aber kommen Sie hierher, hierher!!! Leben Sie wohl; mir iſt ſo wüſt und kränklich, daß ich weni - ger als je, vernünftig und zweckmäßig zu ſein vermag. Ich glaube, ich habe gar keinen Kopf mehr. Über den Pachta - Brief hab’ ich nichts und will ich nicht antworten. Kommen Sie hierher! nur hierher. — Unſre Luft iſt ganz gut für die Bruſt, der Staub iſt zu vermeiden. Kommen Sie, kommen Sie. Ich wiederhole dies wie ich die Augen aufſchlage. Sie kommen. Sie laſſen ſich erbitten. Es giebt kein Müſſen von der Art.
Lieber Brinckmann, ſchreiben Sie mir nicht! Niemanden! Nichts, gar nichts! Sie ſchreiben mir: „ Meine beſte Freun - din “, und Sie wiſſen doch nicht gewiß, daß das wahr iſt. Keine hat mehr Penetration in Herzen (nicht im Herzen, in Herze mein’ ich); es kann alſo keine andere ſein: und eine gewiſſe Ähnlichkeit haben wir, die noch über Alle erheben muß. Es iſt nicht Stolz. Brinckmann, man iſt nicht ſtolz mit Thränen in den Augen. Prof. Herz meint, das Moos könne ſehr ſchädlich ſein. Wie in Acht müſſen Sie ſich neh - men! Waſſerfenchel, meint Herz, ſollen Sie brauchen. Schik - ken Sie die Relation; aber daß Sie ſie nur nicht ſchrei - ben!!! Auch beim Diktiren, Nachrichtgeben, und beſonders Erzählen vom alten Zuſtand in Paris, echauffiren Sie ſich nicht! Schicken Sie die Relation ſobald als möglich zu mei - nem Bruder; die Kaufleute ſchicken jetzt oft Eſtafetten, da kann ſie mit gehen; wonicht, ſo legt er ſie auf die Poſt. Je ehr ſie hier iſt, je ehr haben Sie Verhaltungsbefehl. Sehen Sie ihn als einen ſolchen an. Vom Rezept meint Herz, es ſei äußerſt, äußerſt gleichgültig. Wie hat mich dies ſchon be - ruhigt. Wie lange gedenken Sie denn noch in Hamburg zu bleiben? — Wiſſen Sie, daß ich jetzt ſehr liirt mit der Gräfin Schlabrendorf bin, Graf Kalckreuths Schweſter? Sie iſt aber ſeit einem Monat bei ihrem Bruder zu Siegersdorf. Sie ken - nen ſie. Alſo nichts mehr. Ein Öl der Seele fehlt ihr: die derben Eigenſchaften hat ſie beinah alle; und eine außer -200 ordentliche, man darf — das heißt was anders, als man kann — ihr alles ſagen. Man kann ihr alles erklä - ren. Errathen — Errathen —! iſt freilich nur mein Glück. Doch geht’s gut. Wiſſen Sie, wer jetzt noch meine Bekannt - ſchaft gemacht hat? Prinz Louis. Den find’ ich gründlich lie - benswürdig. Er hat mich gefragt, ob er mich öfter beſuchen dürfe, und ich nahm ihm das Verſprechen ab. Solche Be - kanntſchaft ſoll er noch nicht genoſſen haben. Ordentliche Dachſtuben-Wahrheit wird er hören. Bis jetzt kannt’ er nur Mariane, aber die iſt getauft, und Prinzeß, und Frau von Eibenberg; was will das ſagen?! Noch kenn’ ich einen Mann, der mir ſehr gefällt, einen Kouſin von Chriſtian, er iſt bei un - ſerm auswärtigen Departement, und reiſt zu Chriſtian, Sie werden ihn alſo ſehen. Sprechen Sie von mir und grüßen ihn recht freundlich. Gehen Sie auch zu Mad. Brun, geb. Münter, danken Sie ihr, nämlich ſagen Sie ihr, ich hätt’ es nicht für möglich gehalten, daß ſie noch meiner gedenkt, und freute mich ſtalz wie ein Kind, daß ſie mich durch Mlle. Ja - cobi hat grüßen laſſen. Ich war ihr ſehr gut: ſo verſchieden wir ſein mögen — ſie hat einen ſtillen Hinterhalt in der Seele, der immer mein Freund iſt, wenn’s der Menſch auch nicht weiß. Vielleicht ſchreib’ ich ihr; ſie war immer zutraulich zu mir: und komm’ ich nach Kopenhagen — wie alles möglich iſt — ſo iſt ſie meine Freundin, und ich geh’ und wende mich gleich an ſie. Liberal iſt ſie ſo! — Mein neuer Bernſtorff iſt nicht wie wir; Sie werden ſchon ſehen. Aber ich lieb’ ihn. Nicht zu ſein, wie wir, und doch zu ſein wie er, iſt an - betungswürdig. Sprechen Sie ihm von mir: ich will gern,201 er ſoll mehr Gutes von mir wiſſen, als er weiß. Ich hab’ Ihnen von dieſen weltlichen Dingen geſchrieben; um Ihnen davon zu ſchreiben, und uns au courant des Lebens zu ſetzen; das geht ſeinen Gang fort; wir mögen in uns hegen, was wir wollen. Apropos, Jean Paul iſt hier. Noch hab’ ich ihn nicht geſehen. Ich will ihn ſehen; aber ich muß ihn nicht ſehen. Einen nur mußt’ ich ſehen. Ich muß mir den Richter immer ſchmutzig denken! — weil er keinen Geſchmack hat. Denken Sie nur nicht, daß ich ihn nicht liebe. Au contraire, dieſen Winter lacht’ und weint’ ich nur mit ihm. Adieu! und — wär’s wohl möglich, daß ich mit meiner, grad’ meiner Laune den Richter nicht goutirte? Adieu. Leben Sie recht wohl!
Alles grüßt. Nun iſt’s als hätte man einen Pfropf her - ausgezogen, und die Liebe kommt ſtromweiſe.
Beſter Freund, ich fange indeß hierauf an zu ſchreiben, weil ich noch kein Papier habe. Dieſes Blättchen von Herz hat er hier bei mir geſchrieben; was er mir ſagen wollte, ward während des Sagens zu weitläufig, und da ergriff er dieſe Manier. Wa er keine Vorurtheile hat, iſt er ordentlich göttlich, und liebenswürdig - vernünftig und gelaſſen. Folgen Sie ihm ja diesmal. Zufrieden, Lieber? Eine Laſt iſt mir vom Herzen — aber zufrieden? — ſo iſt man, ich fühle — gleich wieder eine neue. Schreiben Sie nur nicht, lie -202 ber Engel! Jedes Wort, was ich ſehe, koſtet mich einen ſchweren Odemzug. „ Gute Küche “. Wenn ſie nur für Sie gut iſt; ach wie vielerlei Sorgen hab’ ich! — Sie ſtrengen ſich doch an, — gute Pflege — wie dankbar, wie beredt ſind Sie nicht gewiß dafür! — Es bleibt doch immer ein fremdes Haus. Nur bei mir dürften Sie keine Emotions haben. Ich wüßte ſchon alles zu machen. Sie kennen mich wahrhaftig noch nicht; praktiſch. Was iſt zu thun — leiden, wie immer. Muß Sie denn Ihr König zu einer beſtimmten Zeit ſprechen? Könn - ten Sie nicht fordern, ſich hier bei einem berühmten Arzte und Freund kuriren zu wollen, und dann die Rede ſtehen und jeden Auftrag fördern? Ach Brinckmann! ich fürchte Ihre Leidenſchaft in dieſen Zeiten, wo man weder Geliebten noch König, Vaterland oder Republick treu iſt, es innerlich religiös ſein zu wollen, opfern Sie alles — ſich und uns, auf. Leben Sie, oder ſterben Sie! Handlen Sie nach Ihrem Innerſten: daher kommt nur Glück. Aber wiſſen Sie, daß es mir nicht entgeht: „ Verbiete du dem Seidenwurm zu ſpinnen. “ Taſſo.
Lieber Brinckmann! denken Sie ſich meinen Verdruß, wie ich das Formular vom Gebrauch des Guajac gar nicht im Bref finde: künftige Poſt ſollen Sie’s haben. Herz iſt grade heut im Thiergarten. Ich weiß nichts neues zu bitten! — Schreiben Sie nicht, will ich nur ſagen; nicht mehr:203 kommen Sie vor Schweden. — Wie befinden Sie ſich? ſchwebt mir auf den Lippen, — Was hilft mir alles, Sie bleiben Seidenwurm, ich auch ein Wurm. So ſind wir Alle Würmer. Glücklich ſind die, die da ſpinnen. Spinnen thu’ ich redlich; und was das rühmlichſte, das köſtlichſte, das glück - lichſte iſt, noch an dem erſten ſelben Faden. Das ſind die Erwählten, die ſo wurmartig ſind. — Sonntag war Jean Paul bei mir: ich war launig — ich hatte grad acht ſehr lau - nige Tage, voller kurioſer Ausdrücke und Bonmots — nicht er. Das war gut. Er hat überaus etwas Beruhigendes an ſich. Vor dem könnt’ ich mich gar nicht ſchämen. Nie hat ein Menſch ſo ganz anders ausgeſehen, als ich ihn mir denken mußte. Keine Ahndung vom Komiſchen. Er ſieht ſcharfſinnig. und die Stirn von Gedanken wie von Kuglen zerſchoſſen aus. Er ſpricht ſo ernſt, ſanft, und gelaſſen, und geordnet, hört ſo gern — ſüß möcht’ ich ſagen — und väterlich zu — daß ich nie geglaubt hätte, es ſei Richter. Und blond iſt er! „ Sie ſind es nicht! “möcht’ ich immer zu ihm ſagen. Das reizt mich nur noch mehr: denn nun iſt er Richter, und hat die neuen rührenden Eigenſchaften noch obenein. „ Die wenig - ſten Menſchen ſind etwas werth, außer die wenigen, die eben Richters ſind. “ Er ſagt: „ Die wenigſten Menſchen haben Geld (Geld!) außer eben dieſe wenigen. “ Die ſind auch immer noch beſſer, als man ſie ſchon kennt. Er hat mir heute ein kleines, aber Jean-Paul’ſches Billet geſchrieben — es iſt auch Brinckmann’ſch, Sie ſollen gleich hören; wir ſag - ten’s Alle — es war eine Antwort, ich mußt’ ihm ſchreiben: denn Fleck wollte Antwort haben, welchen Tag er Wallenſtein204 ſehen will; er hat Fleck noch nicht geſehen, — pensez! Ich habe das Glück, die Glorie, für mich, meinen Fleck Rich - tern zu zeigen: in meine Loge geht er. Iffland hat er ge - ſehen; bei einem Haar hätte Deutſchland den für den Erſten geleſen. Das durft’ ich nicht zugeben. Er wollte ſchon weg - reiſen. Aber — er bleibt — um Fleck, auf mein Treiben. Ich halte es in der That für wichtig, ſolch einen Mann au fait zu ſetzen. Ich ſchreib’ Ihnen das Billet zum Amüſement ab; in der Gewißheit, daß ich Ihr Ehrenwort habe, daß Sie es niemanden ſagen und zeigen; alle Menſchen ſind zu plump; und prahlen damit, und prahlen weiter; ich kann nicht leiden, wenn man eine Seele wie Richters — denn die lieben wir — wie ein ausländiſch Thier behandelt, welches man herum promenirt: — „ Berlin — und die Schauſpieler — und die zwei Stücke — und Ihre gütige Verwendung gefal - len mir ſo ſehr, daß ich Freitags und Montags, und — wenn Gott die Schöpfung von Haydn noch Einmal ſchafft — ſo gar Dienstags hier bin, Ich dank’ Ihnen recht innig, daß Sie meine Bitte zu der Ihrigen gemacht haben. “ Das war ein Freundſchaftsſtück. Adieu! Nicht wahr, man muß nur in Berlin bleiben; hier kommt noch alles her, Bonaparte mit al - len Franzoſen, bin ich überzeugt: Pyramiden und Berge mit, wenn man nur bis darauf zu warten verſteht. Ich geh doch bald weg. Anderwärts müſſen ſie auch etwas haben. Adieu! Wenn Sie kämen!!! und nachher mit dem König ſprächen. Wir hören beide nicht auf zu ſpinnen.
Vor einer Stunde kam L. noch ganz unerwartet, denn er ſollte ſeiner Ausſage nach, ſchon dieſe Nacht gereiſt ſein. Ich hätte gewünſcht, ihm mehr zu gefallen, und mehr mit ihm zu leben: beides ging nicht. Doch lebten wir nicht deßhalb wenig miteinander, weil ich ihm nicht gefiel, ſondern, ich gefiel ihm nicht, weil wir zu wenig miteinander lebten. Ich erkannt’ ihn gleich, und unwiderruflich für edel; du hatteſt mir ihn auf eine Art bezeichnet, wie ich zu thun pflege, wenn ich will, daß Zeit geſpart werden, und alles gleich richtig ſein ſoll: er war offen gegen mich, und behandelte mich auch wie einen Edlen. Nichts beſticht, nichts fordert mich mehr auf, nichts gewinnt mich ſchneller, nichts reizt mich ſo. Ich trat ihm mit offnen Armen und Herzen entgegen: ich wollt’ ihm all meine Zeit, ſeines ganzen Hierſeins, widmen; am meiſten um ihn ſchnell das Beſte von Berlin genießen zu laſſen. Seine Zeit war aber anders beſetzt. Er hatte andere Wünſche; legte ſich Pflichten auf — war ſein eigner Lohnlakai — ließ ſich Zeit auf alle Art ſtehlen: und ich ſah’ ihn kaum. Alle Ver - ſprechen ſchienen ihm heilig, außer die mir gegebenen: und ich konnte nie unterſcheiden, ob er ſie mir nicht ganz feſt gege - ben; oder ob er ſie mir nur nachher ſo auslegte. Mir ſchien das Erſte: aber ich glaubte ihm, weil ich nie ſo etwas weiß; und es auch am Ende gleich iſt, ob er nicht feſt verſprach, oder nicht feſt hielt. In beiden Fällen will man nicht zu206 gern: „ Wer viel erwägt, ſucht Gründe nicht zu wollen. “ Leſſing. Und das war mir das Wichtigſte. Lieber L.! ich klage Sie nicht an. Es iſt bloß Geſchichte und meine Ent - ſchuldigung. Denn Geſchichte, wie Sie ſie erzählen können und müſſen, würdeſt du mir, Freundin, übel deuten müſſen. Dies Ganze that mir etwas weh: dies will ich nicht mehr leiden, und da wollt’ ich mich zwingen; und zwang mich. Da ſah es aus, als hätt’ ich Launen, und als ſei ich hart. Dies benehme du L’n. Im Gegentheil! es weint alles in mir: alles verwundet mich jetzt; und Thränen entquillen auch jetzt den Augen. Ich bleibe nur noch wenige Wochen hier, was ſollte mir eine kurze und innige Bekanntſchaft?! — Ich machte die Ausnahme für dich und ihn, und — es ging nicht; die Zeit, in der es vorgehen ſollte, ſchenkt’ er mir nicht einmal. O! Gott ſo tief hat es mich nicht gekränkt: ich ſchob ihn gleich zu den Andern; wo es nicht ging. Am Ende haſt du, oder vielmehr doch ich mich geirrt. Ich glaubte, da er dich liebt, würde ihm mein Umgang der liebſte ſein. So ließeſt du mich ihn erwarten. Er liebt dich: und deine Familie iſt ihm das Liebſte, auch gut! Ich habe noch den Fehler: wenn ich einen Edlen finde, ſo dichte ich ihm gleich alle andern Geiſteseigenſchaften hin zu, die ich habe und liebe; und da irrt man ſich, die Menſchen haben dann ge - wöhnlich grad andere. Sag’ ihm nur, er ſoll ſtolz ſein, und das lieben, was ihm muß mißfallen haben; das war grade der Pack Liebe und Wohlwollen und gute Meinung, die ſo auf ihn los fiel. Ich gedenke es jetzt nicht viel mehr ſo zu machen: und ein Graf, und ein Menſch mehr Bekanntſchaft,207 bei mir, iſt jetzt für mich gar nichts. Jeder andere Fremde hätte mich auch gar nicht affiziren können. Nur dein L. der ſich mir gleich als edel ankündigte; dem ich einmal — wie eine Karpe den Rachen aufſperrt zum Biſſen — gute Zeit machen wollte. Dies ſei meine Entſchuldigung! Ich bin noch mehr zu entſchuldigen; der Menſch gefiel mir in ihm, aber — doch genug! ich bin ihm gut, ſehr gut; und habe die beſte Meinung von ihm. Es iſt mir ein Troſt, ihn für dich in Stralſund zu wiſſen. Bleibt doch beide nicht dort!
Ich reiſe nun mit der Schlabrendorf. Siehſt du, ich, die nie wollte, habe weichen müſſen. Ich muß alles, was ich kenne, was ich liebe, was mich ärgert und kränkt, reizt und freut, verlaſſen! — Um nichts. In keiner Hoffnung. Es iſt eine Art Tod. Das Schmerzliche davon iſt es: das Schreck - liche und Erhabene davon hat es nur nicht. Sterben muß ich: aber todt werd’ ich nicht ſein. Ich weiß die Sache geht wei - ter. Nun! es giebt geborne Krieger und geborne Gärtner, ich muß zur Schlacht! — und als Gemeiner — ſtill den Kanonenkuglen entgegen ſtehen. Wem ich gehorche, weiß ich nicht; aber geſchoben werd’ ich, nicht kommandirt. — Alles geht hier auseinander. K’n ſchreib’ ich nicht mehr und er mir auch nicht. Ich habe wie Poſa verloren. Und möchte doch nicht zu den Menſchen gehören, die nicht ſich auf das Spiel ſetzen. Alle, die ich hier liebte, haben mich mißhandelt. Sie wiſſen’s nicht: ich ſag’ es nicht; drum geh’ ich. Glaube nur nicht, daß ich hoffe, dort würd’ ich würdig empfangen: Gott bewahre! Die Komödie geht von neuem los; lieben muß ich. Nur bei dieſer Truppe durft’ ich nicht mehr bleiben. In’s208 Unwürdige darf’s doch nicht übergehen? Adieu! Bedauer mich nicht! du wirſt doch nicht klug daraus. Die Vagabunden ha - ben die häuslichſte Seele: das glaub! Wenn ich etwas Be - ſonderes thu’, glaub mit dem Pöbel nicht: ich habe mich ver - ändert; ich war lange dazu fähig, es ſei auch noch ſo alltäglich (das Übrige würde mir ſchon ausgelegt werden) oder beſonders. Adieu! — Und ſterb’ ich — ſuch’ alle meine Briefe — durch Liſt etwa — von allen meinen Freunden und Bekannten zu bekommen (und K’n ſag’, ich befehl’ es ihm als eine Todte und Getödtete — nicht juſt von ihm — daß er ſie gebe) — und ordne ſie mit Brinckmann. Es wird eine Original-Geſchichte und poetiſch. Adieu! Grüß Luiſe. Ich glaube L. liebt ſie. Giebt das bloß Thränen, oder Traue?
Dies, Freundin, bind’ ich dir als eine Pflicht auf. Ich will es. Das darf man doch von einer Freundin fordern. Leb’ wohl! — Beim Schlimmſten aber — beim Tode ſelbſt — laſſ’ uns denken — daß wir zu den Edelſten gehörten, und mit offnen Augen lebten. Adieu, liebe Freundin. Verſichre dich doch endlich meiner Liebe! Adieu! —
Wie kömmſt du darauf, meine liebe Freundin, nicht zu wiſſen, daß ich von deiner Treue und Liebe überzeugt bin?! — Jeder Menſch trägt ſein Schickſal in ſich: das ſind Wünſche, nach Dingen, ohne die wir nicht weiter leben können. So, mußteſt du fort; und mich verlaſſen; oder vielmehr aus denAugen209Augen laſſen. Ich habe nie aufgehört auf dich zu rechnen. — Wenn ich mich geäußert habe, du verſtehſt mich nicht; ſo meint’ ich, du könneſt wahrſcheinlich nicht faſſen, daß ich treu bin, und untreu ſein muß; — daß ich untreu bin, und treu ſein muß: und daß, wenn du auch das begriffſt, du doch nicht den daraus entſpringenden Handlungen in ihren Modi - ſikationen, von meiner großwelligen! und kleinwelligen Seele getragen, immer leicht folgen kannſt; daher ſagt’ ich: mißbil - lige und beurtheile mich nicht, wenn ich dir auch verändert ſcheine: ſein werd’ ich es nur als blaſſe Hülle zwiſchen Brettern.
Heute iſt Donnerstag, ich reiſe Mittwoch; — das ganze Herz im tiefſten Grunde, voll Liebe für alles was ich liebte: was beſchloſſen iſt, iſt nicht wieder anzuſetzen, wie ein abge - hauener Kopf — mein Schmerz iſt daher nicht mehr von Spit - zen, ſondern drückend, und dumpf; und in der Bruſt iſt mir wie ein gedämpftes Trommeln — wie ich aber, während S[c]e - nen und die Nacht im Bette, einſah und beſchloß, daß ich gehen mußte; o! da war ich außer mir! und jeder Schmerz, und jede Beleidigung, und jede Kränkung, und alle verfloſſe - nen Jahre tobten losgelaſſen in mir. Ich habe etwas Schreck - liches erlebt; eben weil es mich nicht umbrachte. Daß man die Unſchuld und ihr Bewußtſein nicht zuſammen haben kann!! Das iſt das Unheilige in der Welt — ich nenne Unſchuld, wenn man das rechte Unglück nicht kennt: dieſe Bekanntſchaft infamirt: ich laſſ’ es mir nicht ausreden! Man iſt kein reines Geſchöpf der Natur mehr, kein Geſchwiſter der ſtillen Gegen - ſtände mehr; wenn man einmal aus Schmerz, Erniedrigung,I. 14210zuſammengeängſtet, in Verzweiflung gern ſeine Exiſtenz gegeben hätte, um nicht ſchmerzfähig zu ſein: wenn man al - les, die ganze Natur, für grauſam gehalten hat. Nun hab’ ich zwei Anſichten der Welt — wehe! — und die mir am natürlichſten iſt, die natürliche, iſt eine künſtliche geworden! Wehe! wehe! O! verſtehſt du das?! Wie viel Frauen kön - nen wohl dadurch unglücklich werden? und die dummen Dir - nen ſprechen alle. Dabei, ſteh’ ich der Welt — man ſagt ſonſt umgekehrt, „ die Welt mir “— noch offen: die ganze Skala ſteht da; und läßt ſich reiner angeben, vielfältiger, williger, als bei irgend einem Geſchöpf, das ich kenne.
Grüße L.! ſag’ ihm, ich erbete auch Glück für ihn: er irre ſich: beurtheilen könne er mich durch Studiren nicht. Ich könne noch glücklich ſein.
Ich verliere dieſen Winter an Berlin den ſchönſten Auf - enthalt in der mir bekannten Welt. Humboldts, Burgsdorf, du und noch ein Freund und Jean Paul Friedrich Richter kommen nach Berlin, um zu wohnen. Zeig Richtern, aber nur er wiſſe das, meinen vorigen und dieſen Brief. Er hat gewünſcht, Briefe von mir zu ſehen. Zeig ihm auch luſtige. Er ſoll mich mehr kennen, ich wünſche es, weil es mir wohl - thut und ſchmeichelt: und weil er mich kennen ſoll; ſo et - was iſt ihm noch nicht vorgekommen; er mußt’ es ſich aus - denken. Ich zeig ihm das, wie ein Spektakel, wie die Mar - chetti. (Wenn er denkt, ich präparire und affektire, ſo irrt er plump.) Ich hätte es gern gleich gethan, aber es iſt ſchwerer, als ein Komödienbillet nehmen; und auch jetzt ſieht er nur eine Dekoration. Nichts von Luſtſpielen, Balleten, und den211 vielen Etcetera. Sag ihm, er ſoll nach dem Tadel von mir nicht hören, und beſonders nicht nach dem Lob meiner Freunde; die faſſen ſchlecht. Meine Geſchwiſter könne er anhören; da würd’ er finden, wie unbeſiegbar brav ich bin, und ce que les Français appellent égale. Das kontraſtirt mit meinen andern Eigenſchaften, und es weiß es kein Fremder. Bei Hans kannſt du ihn kennen lernen — das heißt du mußt. Er iſt gütig, und ganz für uns. Du kannſt auch gradezu ihn bitten laſ - ſen, oder bei ihm vorfahren. Ich bin ſo liirt mit ihm, daß dich dieſer Brief ganz legitimirt.
Deinen Brief hab’ ich erhalten: und bin ſehr froh, daß du froh biſt! Alſo du haſt Glück. (Hätteſt du all dies, welches mir fehlt; wie ungeheuer!) Freilich Glück. Und wenn es dir auch nur geſchienen hätte, als könnteſt du einen fro - hen Schritt in’s Leben thun, ſo iſt auch dies ſeltener Gewinn, und wenn du ihn zu faſſen verſtehſt, wie jeder Genuß, nicht wieder zu verlieren. Um wie viel glücklicher aber biſt du, Roſe, wenn es dir möglich wird, im Leben einen Mann zu beglücken — wie du glaubſt — die Zauberkraft von den Göttern verliehen zu haben, beinah jeden Schmerz — durch Berührung! — von einem Weſen, was leiden kann, zu verſcheu - chen. So iſt’s wenn man von einem Manne, der einer iſt, geliebt wird, und ihm mit treuer Seele gerne dient — alles14 *212für ihn thun kann was er wünſcht, ohne Zwang und mit Belohnung. Ein hohes Glück; und doch noch nicht das größte; wie viel Glück giebt’s! — Wenn man nun ſelbſt liebt. Das faſſ’ ich kaum; und darum giebt’s dies auch nicht. Ich gratulire dir! Ich ſchreibe nicht gerne; du ſiehſt es wohl: ich werde ſehr traurig: denn ich bin’s. Und in Paris hab’ ich dies bis zu einem Grade der Gewißheit erfahren, die kei - nen Zuſatz erlaubt, und bedarf. Darum ſchreib’ ich auch nicht. Sag’ das den Geſchwiſtern, Hans, und Vetter. Es iſt keine von den Traurigkeiten, die wieder vergeht; die wie ein durch Wolken gebrochener Schein eine Gegend angenehm-melan - choliſch verdunkelt und erhellt. Nein, die Gegend ſelbſt iſt zerſtört, und meine ewige himmliſche Laune kann nur Son - nenblicke darauf werfen. Sie bleibt die Traurigkeit, die Ein - ſicht, der Ernſt; es iſt vorbei. Hier war es lange dunkel, und kein Sturm, ich hab’ es geſehen. Auch wußt’ ich es vor - her. Die Reiſe nach Paris war nur der letzte Pulsſchlag ei - nes friſchen Herzens; nun bin ich hier, nun iſt es aus. Ich bin äußerlich wie ich war, beinah eben ſo angenehm, wie du mich kennſt, und werd’ auch beinah eben ſo bleiben. Die - ſer Brief iſt eine Art Geſchäftsbrief, wie du ſehen wirſt. So wie ich jetzt lebe, bin ich — und vorzüglich für den Winter (wozu Detail) mit tauſend Unbequemlichkeiten, und für meine Revenüen viel zu theuer, und ſind Humboldts weg, viel zu wüſt und unintereſſant — hier ziemlich ſchlecht. Es iſt mir alſo lieb, und ſehr lieb, wenn du früher nach Amſterdam rei - ſeſt. Im März oder April reiſen Humboldts, dann will ich einen Mann zur Geſellſchaft ſuchen, um nach Amſterdam zu213 kommen, und mit Mama zu Hauſe reiſen. Sag’ ihr das. Hier bin ich viel zu arm mit meinem Geld — wenn ich nicht bis zum Sommer eine ganz andere Einrichtung finde: welches ich gar nicht glaube. (Denn mir geht es einmal nicht gut: und die infamſte Eingeſchränk[t]heit erleb’ ich noch oben - ein.) Bitte Mama, ſie möchte mir wo möglich mit einem Pariſer Kaufmann einen Muff ſchicken; es wird hier ſehr kalt, ich habe keinen, und ſie ſind hier ſehr theuer. Von Pelz ſoll er ſein, warm, das iſt alles. Schickte ſie doch den Brüdern auch immer etwas. Schreib’ mir präciſe Antwort wegen deiner — und nun auch meiner Reiſe. Über die Nie - derlande reiſ’ ich unter keiner Bedingung nach Hauſe: ich müßte denn mit Humboldts zu gleicher Zeit über Frankfurt gehen. Meine Reiſe war das Schrecklichſte und Wunderbarſte mit, welches ich je ausſtand: denn es iſt wieder nicht zum Nacherzählen, weil es niemand glaubt. Die Wege und noch jemand waren ſchrecklich geworden: jeder Menſch kann mir dies bezeugen. Aber in der Ausübung! — Aber wel - chen Karakter zeigte ich, und welche Erfahrung: bis 60 deutſche Meilen von Berlin antwortete ich gar nicht. Dies in Amſterdam mündlich. Von Paris auch nichts: ihr ſollt ſchon alles erfahren. Der Ort iſt ungeheuer; unter jedem Geſichtspunkt, und für mich, die übrige polizirte Welt kon - zentrirt. Eben ſo modern, angefüllt mit allen geweſenen Zeitaltern, die es zerbrochen und ſchwankend, zum allgemeinen Zergehen — wenn nicht Zerplatzen —, in ſich hält. Es läßt ſich nichts Einzelnes mehr darüber ſagen. Wie über die Welt ſelbſt; das Wiederſprechendſte. was Leute — die zu Hauſe214 kommen etwa — darüber ſagen können, iſt alles wahr. Den Zuſammenhang könnte nur ein großer Mann finden, der der Welt ihr Schickſal vorzurechnen vermag. Was ich weiß, ſollt ihr mündlich hören; es kann nichts Großes, nichts Gan - zes ſein: aber es wird nichts Altes und Gewöhnliches ſein. Das Theater tröſtet mich noch weniger, als ich glaubte. Adieu. Hanne iſt mein ganzes Leben, und komm’ ich wieder, beſtimmt ſie mich.
Erſt vorgeſtern, Roſe, bekam ich deinen Brief vom 16. Ok - tober aus Leipzig. O! ſchreibt doch durch keine Freunde; die Poſt, bei allen ihren Fehlern, iſt für Briefe der beſte. Keinen Muff hab’ ich nicht gehört noch geſehn, auch ſchreibſt du mir nicht, wo er wohl zu langen wäre.
Du haſt gute Opinion von meiner Laune: ſie iſt jetzt nicht zu Hauſe, wenn ſie wiederkömmt, wird ſie dir einmal danken. Du weißt gar nicht wie glücklich du biſt, daß du glücklich biſt. Könnt’ ich’s dich mit meiner Unglücks-Seele koſten laſſen! Aber genießt irgend ein Weſen die Unſchuld? wird man der Jugend gewahr? gedeihet viel Liebe auf Er - den? Und — beſteht nicht das Glück aus den drei Dingen? Doch haſt du noch Bewußtſein genug. Genieße: freue dich. Reiße an dich, was du kannſt; empfinde den Beſitz. Dies kann dich ſogar gegen Verluſt jeder Art ſtählen. Und ſag’ mir oft, ſobald es dir nur gemüthlich und thunlich iſt, daß215 dir wohl iſt. Ich werde gewiß nach Amſterdam kommen, es ſind fünf oder ſechs Tagereiſen von Paris. Die Pläne, die man alſo darauf zu machen hat, müſſen tief im Gewölbe der Bruſt bleiben, und nur wirken, und geſchehen, zu - gleich. —
— Du haſt Recht, Roſe, daß du mit dem meiſten Ein - kauf bis Amſterdam warten willſt; es iſt da alles zu haben; und es wird dir in jeder Rückſicht leichter, dir dort zu ver - ſchaffen was du magſt. Trakaſſire alſo Mama’n gar nicht; erſpare ihr jeden Ärger; und laß ſie bei der Meinung, wenn ſie etwa wenig giebt, es ſei viel. Stell dich ſo an, damit ſie’s nicht einmal merkt. Es kann dir doch, da du glück - lich biſt, auf ſolche Kleinigkeit nicht ankommen?! — und bei Mama’n iſt es die erſte Sache, die ihr rein gelingt, das weißt du ſelbſt; verbittre ſie ihr alſo nicht. Laß dir ſogar in Am - ſterdam nicht alles machen, denn ich will die neuſten Moden von Paris mit dorthin bringen, und das wird weit ſchöner ſein. Wenn du mir nur ein bischen Geld dazu ſchicken kannſt, welches dir doch leicht ſein muß: denn jetzt biſt du viel reicher als ich. Erkundige dich dann auch genau, was in Holland Kontrebande iſt oder nicht. Hab die Güte für mich, und bitte die Bernard, ſie möchte mir einen Brief an Mad. Genlis ſchicken, den ich ſelbſt abgeben muß: ich will ſo gerne hinge - hen! und der dumme Lombard führt mich von Einem Tag zum andern herum. Ich muß hin! Sag’ ihr das. Ich thue ihr ſonſt nie wieder etwas zu Gefallen. Und ſo bald als möglich. —
Ihr ſeid doch Alle von Natur ſo ſchlecht, als ich’s mir vornehmen muß, wenn ich’s ſein will. Vorzüglich du, Roſe! Welche Stimmung, welcher Zuſtand, welche Beſchäftigung kann dich abhalten, mir zu ſchreiben. Ich kenne ſie alle; Zeit haſt du genug. Du ſollſt mir ja keine unterhaltende Briefe ſchreiben, wozu eine gewiſſe Luſt und Stimmung gehört: aber eine Antwort auf zwei dringende Briefe, wovon einer nach Leipzig an dich war, und der andere ſpäter an Mama nach Berlin; von welchen beiden ich ihre richtige Ankunft hin - länglich weiß, durch einen Brief von dir durch Geheimrath Ephraim. (der wohl an fünf Wochen ging) und einen zwei - zeiligen von Markus hierher, worin er mich bedeutet, künfti - gen Poſttag „ würden mir Alle ſchreiben. “ Und ſo ſoll ich noch zur Stunde etwas ſehen: weder einen Brief noch eine Antwort auf irgend eine dringende Frage. Denn mir ſind ſie dringend, die Fragen, die ich machte. Wie oft! hab’ ich nicht das betrieben, was euch dringend war!? Und was denkt ſich Mama? Sie kann ja dreiſt, ja oder nein antworten. Wenigſtens ſchickt mir nur alles, was ich wiſſen ſoll, grad mit der Poſt. Denn Freundſchafts-Briefe laufen fünf Wochen: ich bezahle lieber zwei, drei Livres.
Heute vor acht Tagen iſt Burgsdorf weggereiſt, der hat einen langen und auch wohl amüſanten Brief für euch; vier - zehn Tage bleibt er auf ſeiner Reiſe, er nimmt den Brief mit nach Ziebingen, und dann ſchickt er ihn euch. Eilf Tage geht217 dieſer, übermorgen geht er ab; alſo könnt ihr berechnen. Treib Markus an, daß der gleich mit S. ſpricht, wenn Burgs - dorfs Brief kömmt, aber eh dieſer Brief da iſt, ſag’ ihm nichts: denn ſonſt denkt er was er bei S. ausüben ſoll! und es iſt gar nichts. Wie kannſt du ſo ſchlecht ſein, und mir gar nichts von Hanne ſchreiben; ob du ſie oft ſiehſt, und wie das iſt. Hanne verbittert mir recht das Leben. Wenn ich die hier hätte, wollt’ ich glücklich ſein. Und wie könnte, und würde ſie hier lernen! J! Nun! auf dieſer Erde gelingt mir nichts. Dreimal, mit heute, hat mir von Fanny geträumt, und heute von Hanne und Fanny! Wenn ſie mir nur Fanny nicht in die Schule ſchicken, derweile ich weg bin! Wenn ich die Kin - der hätte, und genug, nur genug, nicht viel Geld, ging ich nie hier weg. Aber — das mündlich, was ich beabſichtige, will, und betreiben werde. Tanzt denn Hanne noch? Fran - zöſiſch lernt ſie in Berlin nicht: und andere Dinge auch nicht; das kenne ich beſſer! ich hab’ auch auf die Manier nichts gelernt. Hält ſie die Schultern noch ſo hoch? Kommt ſie oft zu Mama? Wie iſt’s mit ihrem Zähne-Wechſeln? Sag’ doch der Mutter, ſie ſoll immerweg den Zahnarzt nachſehen laſſen, der ihr die Zähne auszieht: hier thun das alle Menſchen, was haben ſie aber für Zähne! Trabt die L. noch ſo in der Welt herum? Gott! was könnte ſich nicht ehr verändern! Sieht es jetzt menſchlich bei der Bernard aus? ſie hat doch wenigſtens ordentlich Meuble? Kommt Walter auch zu euch? Weißt du? den hab’ ich ordentlich, lieb. Ich muß für ihn ſorgen, an ihn denken, und ihn lieb haben. Ja! er iſt ſo empfindlich! außer mir, hab’ ich noch nie ſolche einen218 empfindlichen Menſchen geſehen. Und glaub mir nur, wenn er wirklich einen Zug zu mir hatte, ſo war es der; wenn er es auch nicht wußte. Werden die Menſchen ſehr alt? wie ſteht’s mit den Haaren, und den Falten: bei mir prosperirt beides; ich werde grauſam häßlich: und von nichts! — Ach ja, doch! aber nicht von Ärger oder Motion, körperlicher oder anderer Art, aber von ſonſt, und ganz inwendig.
Was macht und ſpielt Fleck? Seht ihr den großen Phi - loſoph und Dichter? Und was macht der abgedroſchene Schlingel, der polisson Moritz? Sitzt ſeine Weſte und ſein Zeug noch ſo ſchlecht, verliert er noch all ſeine Handſchuh, iſt er luſtig und witzig? ſchreib mir doch einmal etwas von ihm! Und — geht unſer Dichter noch in bloßen Füßen und dem Schanzlöper bis zu Mittag, und in den Mittag? wächſt und ſeilt ſich ſein Gedicht? lieſt er? ſpricht Moritz noch ſolch ſchönes Deutſch? und — —!!! — iſt Mama jetzt glücklich, klein und allein zu leben? oder hat ſie Verdruß von der Ecke her? befindet ſie ſich gut? Lebt Muhme Sara noch? und hat ſie Freude an deinem Brautwerden erlebt? Gieb doch! ſo lange du in Berlin biſt, der Blumenfrau etwas; dann komm’ ich wieder; und ſag’ ihr das. Denn ſterben — thut ſchon einmal kein Armer.
— Ich bitte dich, Roſe, thu dein Mögliches, daß, wenn Vandeul aus Polen zurück kömmt, daß man ihn zu ſchickli - chen Gelegenheiten bei Markus bittet (lies dies nur Hans), denn du haſt keine Vorſtellung, wie ſeine Mutter mich be - handelt! Mach’ ihn wo möglich mit der Boye bekannt: das iſt ein Amüſement. Sag’ ihr, ſie ſoll mir einen etwas219 umſtändlichen Brief über ſich, Berlin, und all unſre Bekann - ten, und Relationen, und Nebendinge ſchreiben. Von mir, ſprecht keinem, und — ich bitte euch, laßt rathen — ſagt es nicht — ich käme gar nicht wieder. Hört ihr? gar nicht. Gott wie haſſ’ ich hier alles was ich ſonſt haſſen ſollte. Nun! wenn ihr mich wiederſeht. Ein Blaſebalg aus einer Grob - ſchmidt-Schmiede iſt nichts! gegen mich.
Maimon todt! (es ſteht auch hier ziemlich lahm in der Zeitung) und Selle, hat weg müſſen! et son épouse? Was macht und wo iſt Prinz Louis? das will ich auch wiſ - ſen. Wie gehen die Opern? wie nimmt’s die Marchetti? Nichts ärgert mich mehr, als das Geprahle, was die Zim - merleute und die Deutſchen alles werden in die Blätter nach der Aufführung der Oper ihres deutſchen Freundes wer - den ſetzen laſſen; und hinter dem dichtriſchen Righini ſeiner ſteht beinah immer nichts. Moritz, brauch doch meine Per - rücke zur Redoute. Adieu!
Rahel.
Bunim, die Schulzen, die kleine Köchin und beſonders Achard zu grüßen.
Was geſchieht dem Thätigen, Hülfreichen? Ein kleiner Dank, und neue Laſt; neue Aufträge. Unſere Gemüthsart iſt der Kannevaß zu unſerm ganzen Leben: deines muß alſo ein Dienen, ein Beſorgen ſein und bleiben, und ein bischen Verwirren — nebenher. Aber, liebe Freundin, bei mir —220 biſt du die Einzige, der man dies ganz verzeihen kann. Sei nicht böſe, und höre! Du erblickſt weder Ohrringe noch Halsband! Erſtlich iſt nichts Neues in der Art Mode, als das Alte, — wenn es nicht ſolche Leute ſind, denen man gar nichts nachmachen kann, und die das Elendeſte tragen, was wir ſchon getragen haben; ſo tragen ſie lauter brillantene Reifen in den Ohren, die wir auch ſchon lange kennen, die aber wirklich immer hübſch bleiben werden. Zweitens haſt du mir keinen Preis beſtimmt, und nur wohlfeil geſagt, wohlfeil iſt relativ. Drittens kann man dergleichen nicht in einem Brief ſchicken. — Moden und alle Nachrichten, mein Närrchen, bekömmſt du, ehe du dieſen Brief zu Geſichte bekömmſt. Ich bilde mir nicht wenig darauf ein, dich ohne Sporn ſo thätig beſorgt zu haben; und dein großes Gemüth beruhigt zu ha - ben. Glaub’ aber nur ohne Spaß, daß ich ſelbſt eine Mode - biene bin; und keine Ruhe habe, bis ich euch gehörig koſtu - mirt weiß. Vielleicht hab’ ich zu mandiren vergeſſen, daß man zu den wattirten Spencern wattirte Röcke von eben dem Zeuge trägt (nur Taffent), und wenig Überröcke. Man trägt ſehr viel ſchwarzen Krepp auf dem Kopf, und auch ſchwarze Krepp-Roben, die Schleppe kann aber in der That nicht an - ders als ungeheuer lang ſein, es iſt ſonſt wirklich wie eine alte Robe. Um den Krepp auf dem Kopf macht man weiße Perlchen oder ſchwarzen Schmelz. Zu Krepp-Roben weiße Schuh ohne Spitzen, zu ſchwarzen Taffent-Roben ſchwarze Strümpfe und Schuh, zu braunen braune. Die Hemdchen, wie wir ſie auch haben, über den Roben, und mit einem förmlichen Hemdeknopf oder Handknopf, wie die Männer221 trugen — jede Mama hat ſolche — oben am Halſe durch zwei Knopflöcher zu. Die Schärpen etwas breiter. Alles was weiße Seide iſt, muß ſehr geblaut ſein, ſonſt iſt es gar nicht frais; ſowohl weißer Taffent zu Unter - und Oberklei - der, als Taffent - und Atlasband. Es ſieht auch gut zu Ro - bengarnirung und Unterkleidern aus, der Muſſelin wird weiß davon, und es iſt frais. Nun weiß ich aber auch nichts mehr! — als dir Aufträge zu geben. (Theile alle Moden Hans gleich mit.) Tauſend, tauſend Dank, daß du dir Soſt - manns Briefe aushändigen läßt; lies ſie, ſiegle ſie ein, mache meine Aufſchrift drauf, und gieb ſie meiner Mutter. Du wirſt aus dieſen Briefen ſehen, daß ich in keinem Verhältniß mit ihm war. Es iſt mir bürgend für meine Bildung, daß ich vor ſeinem Tode eben ſo als jetzt „ Friede mit ihm! “dachte. Er wollte mich ſprechen, und machte dazu bei der Bernard von weitem Manöver, eh er wegreiſte; das konnte ich freilich nicht: aber weil ich ihn krank und unruhig wußte, ließ ich ihm die Hoffnung dazu nach ſeiner Reiſe nicht benehmen; damit ihm das Bad anſchlagen könne in völliger Ruhe. Das ſagt’ ich der Bernard alles dazu. Verſöhnter als im Leben bin ich aber auch nicht; ein verwirrter harter Mann war er; ob er’s jetzt gleich nicht mehr iſt. Eins begreife ich nicht, wie man gegen Todte ungroßmüthig ſein kann, wie die Alten — Barbaren —, die ſie als Leichname herumſchleppten u. dgl. Der Tod iſt uns Allen ſo gemein — und iſt eine ſolche harte Pauſe! — daß er uns mit Gewalt, die ganze Menſchheit vor die Augen rückt; und wie kann man dann noch, kleine Rache oder irgend etwas Kleines wollen! (Auch dieſen Artikel ſoll222 Hans und Roſe ganz ſehen.) Einliegenden Brief an Burgs - dorf lieſt du Richtern, ſiegelſt ihn gleich zu, und ſchickſt ihn gleich ab, es liegt Burgsdorf und mir ſehr viel daran. Du ſprichſt nie! von dem Brief, und ſagſt Richtern daſſelbe. Ich laſſ’ ihn ihm leſen, weil ich ihn grad ſchrieb, als ſeiner kam, und ich leicht von mir nichts Beſſers ſagen könnte: wenigſtens in der Geſchwindigkeit, und unter Kinderlärm, Nähterin, Vi - ſiten, Geldbezahlen, und ſo etwas, geſchrieben, daß der ganze Brief beinah eine Ellipſe iſt; ſo möcht’ er das nur nicht kraß nehmen, was ich von Geheimrath Meyers Vorurtheilen ſchrieb; ſondern ich meine nur, daß die Judenmeinung überhaupt den Tinten der andern Meinungen Schatten und Farben liehe, und plumpe Lügen über mich glaubhaft anſtriche: und mehr dergleichen Lücken in meinem Briefe. Adieu. Grüße deinen Mann und deine Mutter recht ſehr von mir; aber ſprich nicht von mir! Übermorgen ſchreib’ ich nach Hauſe. Humboldts grüßen dich: ſie beſonders, weil du ihre Augen ſonſt lobteſt. Grüß Brinckmann. —
Es iſt beinah 7 Abends, ich bin ganz allein, (eine Strümpfe ſtopfende Line rechne ich nicht.) Es regnet. Meine Seele läßt ſich heute vielleicht — was ſag’ ich vielleicht, gewiß — weniger beſchreiben als je. Das ſei aber geſagt! — daß ich heute gegen — wie ſoll ich es nennen? — alles was mir begegnet iſt, eine Unverſöhnlichkeit hege, die, wenn ſie nicht auf dem223 höchſten Grade iſt, doch nie auf einem höheren Grade war! Ich ſehe ordentlich hübſch davon aus! Nach meinem Sinn. Etwas Zuſammengenommenes, lieb-Gewiſſes in meinem Ge - ſicht, was ich mir gar nicht kenne; ſo gewiß iſt es, daß Ein - heit und Energie hübſch macht. Ich bin dabei ruhig: und habe in meiner Tiefe eine Art Amüſement, welches ſonſt nur ein äußeres Spektakel verſchafft; und ich möchte ſagen, alle Stimmungen zugleich. Mehr läßt ſich aber gar nicht ſagen: denn welches ruhiges Gedränge! — alle Empfindun - gen meines vorigen Lebens — und kennen wir mehr von un - ſerm ganzen Sein? — gehen wie Banco’s Geſchlecht vorüber. Doch das noch! das Ganze giebt mir eine Helden ſtimmung und Muthwillen. Ich wollte, heute käme es dem Menſchen - geſchlecht auf eine Wahrheit an — ich glaubte dem Tod ſelbſt nicht — und ſagte ſie ihm. Dabei kann ich wenig antworten, und bin bis zur Rührung traurig. — Ich las deinen Brief noch Einmal, und will dir, mir nichts dir nichts — comme si de rien n’était iſt beſſer — antworten, Erſtlich muß ich einen Irrthum löſen. Wenn ich ſchrieb, „ quäle Mama nicht mit der Ausſteuer, “und was ich noch alles Mildrendes und Ausführliches hinzuſetzte, ſo meint’ ich nur, und konnte nur meinen, daß du diejenigen Dispüte und Verdrüſſe vermeiden möchteſt, die ohne eine ſtarke raison, die noch eine ſtärkere zur Unterlage hat, beinah, oder gar nicht, mit Mamaen, bei ſolchen Expeditionen, zu vermei - den ſind: und die ich auch nicht würde haben vermeiden kön - nen. Ich hielt dich weder für jünger, noch für eitler, noch für ungroßmüthiger, als du biſt. Nur wollte ich Mamaen224 auf wenige von deinen Unkoſten, als ein bischen übertriebene Vorſicht, Reſignation u. dgl., eine Freude unvermiſcht erhal - ten, deren Reinheit dir leichter unbefleckt ſcheinen kann, wegen mehr Unbekanntſchaft mit ihrem vorigen Leben, als mir zu haben erlaubt, und möglich iſt; und — weil ich ein - mal den Einfall hatte; und nicht ganz gewiß war, du möchteſt ihn auch haben. Hiervon ſo viel; weil es ſchien, ich kenne dich nicht, und ich thue dir Unrecht. Deine Geſund - heit iſt das Erſte, was reparirt werden muß: aber erſt in Amſterdam. Es ſcheint mir wichtig: weil meine ganze Krank - heit eben ſo — aus Geſundheit anfing. Ich möchte euch gerne Alle von meinen Üblen retten! Angſt und rege Zweifel heben Menſchen wie wir, die nicht leichtſinnig ſind, bei allen eigentlichen Unternehmungen: ſieh alſo dem bischen Beklem - mung wie einem alten Feind in die Augen; und ſie weicht wie ein ſolcher, oder ängſtigt dich wenigſtens nur wie ein körperliches Übel, und mehr nicht. Die Titel der Dinge ſind das Fürchterlichſte! wer ſagt dir, daß du heiratheſt? die dummen Leute meinen es. Je mehr dir Karl gefällt, je mehr er dich liebt, je weniger iſt es wahr. (Karl?!) Auch gehſt du nicht von uns — denn geht man nicht immer von einem Ort zum andern? — weil es gar nicht ausgemacht iſt, wie lange du bleibſt. Denn nichts iſt ausgemacht. Mein An - blick wird dich ſtärken. Und wiſſe nur Eins! Es giebt nach dem Unglück noch etwas. (Das iſt der ärgſte Fall.) Das kann man aber vorher nicht wiſſen. Könnt’ ich dir doch ein Gefühl, eine Gabe mittheilen! Wollteſt du heirathen? Karl? hatteſt du Gründe dazu? Nun! dieſe Gründe daurenewig;225ewig; wenn auch der Augenblick vorüber iſt. Daß aber dieſe Gründe und der Augenblick nicht zuſammen dauren: macht die ganze Menſchlich - und Endlichkeit aus. Willſt du kein Menſch ſein? Recht. Bring dich um. Bei mir iſt’s um - gekehrt; was recht endlich, und recht menſchlich iſt, beruhigt mich; und ganz. Sprich viel mit mir; dies und meine Ant - worten werden dir wohlthun, und dich löſen. Es iſt ſüß, und voll Troſt, in der öden Welt, zu einem Gemüthe reden zu dürfen, welches jeden Schmerz kennt; und mit einer Zunge vernehmlich antwortet, — eine Art Beſcheid —, daß man nicht allein herum irrt, und nicht unerhörte! Leiden (ganz neue) zu beſtehen hat. Dieſen Troſt, und keinen an - dern! können ſich die Menſchen gewähren, wenn ſie Freunde ſein wollen. Ich möcht’ ihn dir gerne ſchaffen, weil ich ihn nicht hatte. Ich danke dir für alle freundliche Äußerungen und alles Lob, das du mir ertheilſt, es freut mich! Grüß Friedel. Ich möchte dem geſunden Menſchen hier manches zeigen. Er denkt, er hat mich vergeſſen: und es iſt gar nicht wahr; er wird einmal ſehen, wenn er mich wiederſieht, wie ich ihm auf’s Herz fallen werde; mich vergißt man nur in meiner Abweſenheit. Doktor Markuſe mache ich tauſend Kom - plimente!!! ich denke oft an ihn. Sein kinderliebendes Ge - müthe ſteht mir auch von weitem vor: und wenn ich wieder - komme, ſoll er einer von den Wenigen ſein. Die gemeinen Bengels will ich aber alle gar nicht gekannt haben. Es thut mir leid, daß in der B. nicht mehr Harmonie für’s Äußere iſt: ſie hat große Eigenſchaften; hätte ſie ſie doch nicht in ordinaire, und flitterſtaat-ähnliche Verhältniſſe geſperrt! fürI. 15226mich, leider! ich lieb ſie aber. Sie iſt brav bis zur Thätig - keit, — aber auch alles Übrige bis zur Thätigkeit. Hundert Komplimente an Mama! ich danke ihr auf’s durchdrungenſte für ihren freundlichen Brief! Sag’ nur! ich wäre ihr erſtes Kind, und würde auch wohl ihr letztes ſein; — aber in ein paar Jahren würden die Leute die Mutter nur an meiner Ehrerbietung und Kindliebesäußerungen unterſcheiden können. Den Lotteriezettel haſſ’ ich aber nach wie vor. Ich habe noch immer die größte Forderung an Fortuna, und zeitlebens laſſ’ ich ſie nicht los. Adieu! Ludwig ſchreib’ ich noch. Mo - ritz grüß’ ich wenn er will.
Adieu. R. L.
Der Menſch als Menſch iſt ſelbſt ein Werk der Kunſt, und ſein ganzes Weſen beſteht darin, daß Bewußtſein und Nicht-Bewußtſein gehörig in ihm wechſeln. Darum liebe ich Goethe ſo! und habe mir erlaubt zu ſagen, der Dichter als Künſtler müſſe alle ſeine Stimmung am Ende brauchen, wie der Bildhauer ſeinen Marmor — und gewiſſermaßen ent - heiligt auch der Dichter ſich immer: ſo lange er ſelbſt lei - dend fühlt, wird er nicht Dichter, und er wird ſchlecht Dichter, wenn er leidend fühlt; dies wechſelt bei dem großen Goethe ja in ſolcher Präziſion, daß er ewige Thränen der Bewunderung erregt: und iſt Bewunderung nicht die eigentlichſte Rührung? und das andere nur Mitleid? Warum lieben Sie denn die harmoniſche Ausbildung unſerer Anlagen über alles! und wollen ſie im Gefühl nicht erlauben? — warum ſoll der Dichter am Ende nur ſelbſt eine lyriſche Stimmung ſein227 ſollen? in einer Stimmung kann keine Harmonie ſein. Daß dieſer Menſch überhaupt Dichter ſein muß, iſt Zwangs genug: das Übrige muß frei geſchehen, darin übt dieſer Künſtler der Menſchheit überhaupt nach, und dies allein, dieſer Wechſel nur macht ihn zum Dichter! Und in welcher rührenden Voll - kommenheit Goethe! Dies mein refrain für die Ewigkeit. So iſt’s auch mit der Liebe, die auch bei weitem nicht ſo na - türlich iſt, als man ſie verſchreit; erſt fühl’ ich, daß ich lieben kann, dann, will ich lieben, dann, muß ich lieben. Dies konſtituirt eine große Leidenſchaft — etwas rein Menſchliches — derſelbe Wechſel. Der ſie ſchildern kann, iſt ein Dichter, der ſie fühlt, ein Liebender, der ſie erklärt, ihre Beſtandtheile bis zum möglichſten Bewußtſein auflöſet, ein Philoſoph. Wie oft werden ekelhaft in einem Menſchen und in der Beur - theilung eines Menſchen dieſe drei Dinge verwechſelt.
Sie wundern ſich, daß ich zu Gott beten kann? Geht unſer Nachdenken über uns ſelbſt doch oft ſo weit, daß wir keinen Beweis für unſere Exiſtenz haben, und wir müſſen uns fühlen: heißt das nicht, uns ſelbſt anbeten? Wenn das Be - dürfniß auf’s höchſte geſtiegen iſt, ſo fühlen wir Gott, und dann beten wir! Auch hierin iſt der Wechſel; hier am Ende der Dinge, für uns, ſchmerzhaft und groß, aber immer der - ſelbe: erkennen müſſen wir ihn, wenn auch nicht in jedem Augenblick fühlen. Das iſt kein Menſch, der ſich nicht oft ganz fühlt; das iſt kein denkender Menſch, der nicht dem Wechſel von Bewußtſein und Nicht-Bewußtſein nachſpäht: und das nennt Ihr Schiller den Bruch. Aus dieſem Bruch geht unſer Arbeiten an, unſer Leben, bewußt oder unbewußt,15 *228dieſen aufzulöſen. Ob wir damit zufrieden ſein wollen, wiſſen wir nicht: denn das iſt unſere Gränze, und es geſchieht nur mit halbem Bewußtſein, wenn wir unzufrieden ſind; ſind wir ohne Bewußtſein zufrieden, ſo iſt das religiös; ſind wir’s mit Bewußtſein nach dem Nachdenken, ſo würd’ ich’s fromm nennen.
Es iſt mir lieb, daß Lemos glücklich wird. Es iſt doch der Berliner? Ich ſah gar kein Ende für ihn ab. Das ſollte ich aber öfter thun; dann käme manches Ende mehr! — Die Mutter ſpricht wohl mehr davon, als daß ſie eigentlich glück - lich iſt. Sag’ ihr doch ein Wort der Gratulation von mir. Sage auch Mamaen, ich hätte Hans eine Liſte der vorzuneh - menden Reparaturen auf meinem Dachquartier geſchickt, die möchte ſie doch die Gnade haben zu beherzigen. Hans ſelbſt ſage, ich ließe ſie bitten, den Kindern die Haare mit huile antique zu beſtreichen; man thut dies mit einem kleinen Pin - ſel ſehr bequem. Beſonders Hanne ihre; damit ſie ohne ſteif und kraus machendes Waſſer rein werden und bleiben; Fanny ihre ſind noch die ſchönen, feinen, lockigen Erſtlinge. Ich ſchicke ihr bei der erſten Gelegenheit neues Öl: das ſag’ ich nicht aus Gemeinheit; aber weil ich juſt von Öl ſpreche. Sag’ ihr auch: ſie würde mich unendlich verbinden! Fanny nicht vor meiner Zurückkunſt in die Schule zu ſchicken. Sie iſt noch ſo lieblich und jung! ich möchte ſie gerne noch ganz kinderich229 und frei wieder ſehen. Von Neuigkeiten ſchreib’ ich nie etwas; und es ſoll mich auch niemand danach fragen. Weil ſie alle die Zeitungen enthalten; ich keine weiß, keine wiſſen will, und keine über meine Zunge und Feder kommen ſoll. Wir haben noch immer das ſanfteſte Sommerwetter, und in den Tuilerien kann man gleich gehen, wenn es nur nicht regnet. Denk dir! ich habe keinen Menſchen um in die Thea - ter zu gehen: und es ſind hier alle Tage einige zwanzig. Manchen Tag weiß ich nicht, was in allen zwanzig gegeben wird, als z. B. heute. Zu Hauſe hab’ ich Menſchen, und keine Stücke, und hier umgekehrt. Ich laß mir aber alles in Geduld, wirklich in Geduld gefallen. Ich werde hier einen Brief an Burgsdorf beilegen, den wirſt du gleich auf die Poſt ſchicken. Wenn ich morgen vom Schreiben nicht zu fatiguirt ſein werde — denn zu morgen Abend muß alles zu Lombard — ſo ſchreib’ ich dir auch noch, Ludwig! Dein Brief war wunderhübſch, und hat mich ſehr amüſirt und gefreut: ſpäter oder früher werd’ ich dir ſuchen eben ſolchen zu ſchreiben. Nette grüß ich ganz erſchrecklich! ſag’ ihr, ſie ginge mir gar nicht aus den Gedanken, und alles was ich für mich bedächte, bedächte ich immer für ſie mit. Sag’ ihr: „ Und die Nacht, ſie muß ſich erhellen. “ Sagt Goethe. So lange ich lebe, hätte ſie eine Freundin, deren Freundſchaft gewiß nicht mehr allzulange müßig bleiben wird. Kurz, ich denke ernſtlich drauf, ihr das Leben zu erleichtern; ſie möchte mir hierauf nicht ant - worten: es verſteht ſich ganz von ſelbſt: und nur ihrer ver - zweifelten Lage willen wiederhol’ ich es auch nur hier. Adieu, liebe Kinder.
R. L.
Was die Menſchen ſo unnatürlich, und eigentlich recht menſchlich unglücklich macht, iſt, daß man ſich nicht entſchlie - ßen mag, nicht glücklich zu ſein; ſind wir aber einmal bis dahin gehetzt, ſo tritt plötzlich das Alter ein. Unſer Be - ſtreben iſt nicht mehr nach dem Unendlichen, wir theilen das Leben; und nehmen, wie man zu ſagen pflegt, den Augenblick mit. Thränen, Glanz und Wuth haben ein Ende; wir wer - den ſtarr, freundlich, und haben Falten.
Das Alter kommt plötzlich, und nicht nach und nach, wie man denkt; wie jedes Erkenntniß.
— In eins, drei, fünf Jahren werden Sie’s bereuen, nicht hier geblieben zu ſein; denn es ordnet ſich alles wieder, und das Vergnügen hat man obenein. Jetzt in Ihrer vernünftigen Apathie des vermeinten Überdruſſes werden Sie freilich nicht das Glück und die Kraft haben, mich und die Reue zu fühlen: und Sie haben alle Zeit, zu glauben ich verſtehe Sie nicht, und klüger hätte man’s nicht machen können. Ich bin ein anderer Geſelle. Sie in meiner Lage, unter den Umſtänden, wie ich ſie ſah, und mit denen ich kämpfte, wären Sie todt geblieben. Ich lebe. Das völligſte Leben, mit Bewußtſein. Als Magd muß mir jedes geweſene Unglück dienen. Ein bischen äußeres Glück, und ich bin die glücklichſte Kreatur. Laſſen Sie ſich von meinem Bruder und von meiner Schwä -231 gerin all meine Briefe zeigen, auch von Roſe, und Sie wer - den meine Geneſung erkennen. —
So lange man nicht das Leben liebt, geht noch alles an.
Wie kann das Leben gut ſein, da man wie in einem un - ſichern Schiffe vor den ſchönſten Ufern vorbeifliegt, und nur in Eil und durch Geſchicklichkeit ſich Blumen und Schätze er - reißt, an dürren Klippen aber wider Willen feſtgebannt wird, oder zerſchmettert!
Das würdigſte Glück auf Erden iſt, in mancher Berau - bung immer zu leben: das geſchieht nur ausgezeichneten Men - ſchen, nämlich ſolchen, die das kennen, was göttlich wäre; beſitzen kann es niemand. Unſere Wünſche ſind unſere Seele, der Genuß iſt endlich, und allein das Wirkliche. Und wir ſollten uns und allem, was leben muß, den Wechſel und jede Thorheit nicht geſtatten? Anfangen muß anderes: beſin - nen muß man ſich auch. Eine Thräne zwiſchen einem Genuſſe und dem andern bleibt dem Zarten als Leitfaden und Zeichen des Himmels auf der Erde.
Wie wir ſelbſt ſind, ſchließen wir ja auch nur. Wir müſſen ja Momente zuſammennehmen, und das Paſſendſte als etwas Ganzes anſehn.
Geſtern, liebe Roſe, iſt der Hr. von Bielfeld ab von hier nach Amſterdam gereiſt, dem ich ein Billet gegeben, worin ich dir ein wenig aus dem Herzen ſchrieb. Er wird in einigen Wochen ankommen: ſo lange kann ich nicht warten. Laß dir ſagen, mein Kind! — daß ich wieder traurig, ganz traurig bin. Und warum nicht! fehlt mir nicht, trotz den ungeheuren Gaben und Geſchenken, jede Spitze des Glücks? Müſſen „ ſie nicht alle verweſen, die Wünſche im Herzen? “ Wird mir wohl Einer frei und ſchön; geht je ein geheimer Wunſch und das Glück zuſammen? mißräth mir nicht alles? Hab’ ich nicht nur etwas, weil ich’s wie eine Art raſender Prieſter mir erreiße; erreiße ich gerne? Habe ich nicht die ruhigſte, ſpielendſte Seele? Habe ich auch nur das Geringſte, wenn ich ruhig bleibe, und ſpielen möchte? Fehlt mir nicht immer der Glanz, und die Spitze der Dinge; ſo daß ich das, was ich habe, ſchätze, und gewiß erkenne, doch nicht genießen — nicht genießen, wie man genießet — kann! Hilft das Über - täuben mit ſich, das Läugnen und Lügen mit Andern, hilft all mein reicher, freier, ergiebiger Geiſt! Iſt man nicht eben ſo arm ohne des Glücks Hülfe, als ohne Gaben der Natur? kann ich mir wohl ſogar noch rein wünſchen — mit Aufge - bung alles andern — bei Hanne’n zu ſein? biſt du nicht weg? verlier ich nicht alles; und muß es Glück nennen! O! trag es wer es will! ich bin, und mag ſo groß nicht ſein. Könnt’ ich wollen, ſo wär’ ich. (Bartholdy und noch ein233 junger Deutſcher leſen ſachte bei mir, ich ſchreibe und weine.) Es iſt noch härter, vom Glück, als von der Natur verlaſſen zu ſein. Denn ich behaupte, die Andern fühlen’s nicht. Was einem von innen fehlt, kann man nicht fühlen; was iſt der dumpfe Mangel gegen einen lichten, klaren, ſchmerzenden. Ich werde dir meine ganze Reiſe, meinen ganzen Aufenthalt, alles erzählen, und du wirſt mir wieder gar nicht Unrecht geben können. Seit deinem letzten Briefe bin ich ſehr geſchlagen. Fort biſt du! Keine Roſe tritt mehr mit treuem Schritt und Gemüth zu mir, die mich ganz, meine Schmerzen ganz, ganz kennt. Wenn ich krank an Leib oder Seele bin, allein — al - lein —, du trittſt nicht mehr zu mir, dein Zimmer leer, ganz leer, auf immer leer. Um ein Glück zu probiren. Ach Gott! — und probiren — kann ich — auch nicht einmal. Mir geht’s gut!! Der Garten, in dem wir mal in der Lindenſtraße zuſammen mit Hanne und Feu — es war ſehr ſchön! — waren, ſoll Roſe heißen; mit Hanne und Hans will ich manch - mal hingehen; weiter ſoll es kein Menſch wiſſen. Hans re - grettirt dich ſehr, und empfindet ſehr gut. Weißt du noch die Nacht, als das vorletzemal Fink wegreiſte? wie du oben ſchla - fen mußteſt, und dann bei mir bleiben; in ſolchen Zuſtand — doch nicht durch ſolche Urſach — kann ich leicht wieder kom - men; und, liebe Roſe, was mag dir bevorſtehen! doch nein, du heißt Roſe, haſt blaue Augen, und ein ganz ander Leben, als ich mit meinen Sternen, Namen und Augen. Aus iſt’s in der Welt mit mir, ich weiß es, und vermag es nicht zu fühlen, ich trag’ ein rothes Herz, wie Andere, und hab’ ein dunkles, troſtloſes, häßliches Schickſal. Aber es heißt234 nicht: nicht Schickſal, nicht Armuth, nicht ſo dergleichen. Aber! —
Wie iſt dir? ſchreib’ mir bald! du haſt weinen müſſen! Vielleicht hab’ ich dir das Herz beſchwert, aber ich kann nicht dafür. Biſt du glücklich, ſo ſchadet’s dir nicht, und biſt du unglücklich, ſo hilfts. Stell dir vor! ich habe etwas enge Handſchuh, die ich während dem Schreiben ausziehen mußte: nun habe ich bemerkt, daß meine Hände während dem ſo gelb geworden ſind wie die Gelbſucht: ſo! affizir ich mich, — ich ging auch hinaus, und brach mich etwas. Kennſt du ſo et - was, außer mich? Sag einmal! wenn ich glücklich wäre? Wie iſt dir? gefällt dir dein Haus, deine Zimmer, ſeine Lage, dein Tiſch. Fühlſt du dich verheirathet? Mama iſt wohl ganz froh. Ich weiß gar nicht, wann ich komme; ich käme ſehr ungern mit der Gräfin, und werde wohl müſſen. Und wie ängſtige ich mich vor Berlin. Da bin ich wieder einge - ſperrt. Dabei freue ich mich auf Berlin; Hanne, die Zimmer — und die fürchte ich auch, und wie — und denn der Winter, alle Augenblicke der Winter! —
Grüße eine millionmal Mama! — und ſage ihr, ich gra - tulire ihr gewiß von Herzen! — um ſo mehr, da ich ihr nie eine Freude machen konnte — Gott wollte es nicht —, aber ich in ihrer Stelle würde großes Mitleid mit ſolchem Kinde haben. Doch ſoll ſie nicht traurig über mich ſein! ich erkenne alles was ſie für mich thut, und danke ihr mit der größten Rührung: es iſt um ſo mehr, da ſie nicht ſo denkt, wie ich, und es doch thut. Sag’ ihr nur, ich hätte das Schickſal der Nationen und der größten Männer vor Augen, die gehen235 auch ſo auf den Wogen der ganzen Welt auf und unter: und mir kämen ſchon von je her alle Menſchen wie Früh - lingsblüthen vor, die der frühe Wind abweht, untereinander wirrt; keine weiß wie ſie fällt; die wenigſten tragen Früchte, die Jahrszeit geht ihren Gang; die Menſchen ſehen es ganz für ihre Rechnung an, und haben meiſt genug zu leben. Sag das alles Mamaen. Gott ſtärke dich. Ich erwarte Briefe von Markus; danach, und nach Wetter und Wegen, richtet ſich meine Reiſe. Hier blühen alle Bäume, und dabei iſt kein wohlthätiges Frühlingswetter wie bei uns. Überhaupt iſt vie - les häßlicher von der Natur, und übrigens. Mündlich. Adieu!
R. L.
Du wirſt ſehen, meine liebe Citoyenne, wann dieſer Brief geſchrieben iſt: er lag zum Abgehen, als ich geſtern, den 15., deinen aus Amſterdam bekam. Er ging alſo nur fünf Tage, und ſehr ſchnell. Du haſt mir ſo wenig geſchrieben: und Mama ſchreibt: „ du wärſt gewiß glücklich, wenn dir Gott Geſundheit ſchenkt. “ Iſt das nur façon de parler, oder biſt du unpaß? Du ſchreibſt, du habeſt noch kein Theater geſehen, und Ludwig ſchreibt wieder, er hat eines geſehen. Das reim’ ich mir alles zuſammen. Du biſt doch nicht unpaß, von der Reiſe, Heirath, Agitation und alles zuſammen? Fang ſo etwas nicht an! Ich muß dir nur ſagen, ich habe keine ge - ſunde Stunde. Ich bin gar nicht krank, geh beſtändig aus: aber auch nicht ein Ahndungsgefühl von Ge - ſundheit. Immer Gliederſchmerzen, Mattigkeit und Schläf - rigkeit. Wie oft! geh’ ich nicht nach Plaiſirs, bloß weil ich nicht kann, und mich (ich mich) zu fatiguirt fühle; com -236 ment trouvez-vous cela? Ich ſeh ſchon ein, ſo früh, um mit Mamaen zu Hauſe reiſen zu können, kann ich nicht kommen; hélas! aber, glaub’ mir, ich könnte ein langes hélas ſagen, und es wäre das richtigſte Accompagnement für mein Leben als Text. Die Wege ſind zu ſchlecht, — frag’ alle Men - ſchen, in Amſterdam wird man’s auch wiſſen —, und die Tage zu kurz, ich kann dieſe Fatiguen mit der Gräfin — mit der ich nun reiſen muß — nicht wagen. Um zu kommen, will ich aber all meine Kräfte anſtrengen: ich muß doch ſehen, wo du geblieben biſt. Ein andermal geben wir uns Alle rendez-vous in Paris: das fordere nur in der erſten Liebe von deinem Mann; Markus hat es mir ſchon verſprochen; und von ſelbſt. Ich küſſe Mama hunderttauſendmal die Hände: und danke ihr für alles, auch für die Mühe, daß ſie mir ſchreibt. Haben Sie nicht recht an mich gedacht, Mama, wie Roſe’ns Hochzeit war? So geht’s. Bchandlen Sie mich wie ein Jüngſtes, die pflegen die Lieblinge zu ſein, ich will es mir gefallen laſſen. Nun ſehen Sie doch das ſo lang ge - wünſchte Meer; wie ich Paris! ſo geht’s. Dabei bleib’ ich, wie ſo’n alter Narr. Können Sie nichts in der Lotterie ge - winnen? Probiren Sie’s einmal in Amſterdam.
Ich habe auch Brief von Hauſe. Da iſt alles wohl. Ich habe hier Armide von Gluck auf’s infamſte, und Merope von Voltaire auch ſehr ſchlecht geſehen, weil ſie großes Un - glück, wie’s die Alten ſchilderten, gar nicht kennen. Die Rau - court iſt wie Fleck, und ſpielte natürlich doch oft gut, aber im Ganzen vergriffen. Und das Übrige himmel ſchreiend. Es ſitzt eine erzfranzöſiſche Dame bei mir, und lieſt derweile,237 eine Freundin der Gräfin; vorher ſchrieb ich mit einem Kou - rier an Markus, da war Bokelmann, ein hübſcher, junger, gebildeter und bildungsluſtiger Hamburger, bei mir, der von hier nach Cadix zu ſeiner Schweſter geht, und Wieſels, und Bartholdy und Gropius, kurz, die Menſchen nehmen hier, wie bei mir, kein Ende. Die Gräfin und Hrn. von Rothkirch vergaß ich.
Ludwig, du freuſt mich in die Seele hinein. Du haſt die gehörige Leidenſchaft für den Fiſchhalter und ſei - nesgleichen. Freilich! alles mein’ ich eben ſo! Dein Brief macht mir Amſterdam anſchaulicher, als du denken kannſt. Und du würdeſt mir gewiß eben ſo unpartheiiſch und unbe - fangen einen Ort beſchreiben können, als ich euch Paris. Alſo mit den Juden ſteht’s hier ſo ſchlecht?! Es liegt doch an ihnen. Denn ich verſichre dich, ich ſage hier allen Leuten, daß ich eine bin; ch bien! le même empressement. Aber nur ein Berliner Jude kann die gehörige Verachtung und Lebens - art im Leibe haben; ich ſage nicht: hat ſie. Ich verſichre dich, ordentlich eine Art contenance giebt’s einem auch hier, aus Berlin zu ſein und Jude, wenigſtens mir; ich weiß darüber Anekdoten. Lebt wohl, die Dame kann nicht ewig leſen.
R. L.
Was hat denn Walter und Alle zu Roſens Reiſe geſagt? Schreibt mir bald! Line grüßt und gratulirt, Tage und halbe Nächte durch. Die Humboldt nimmt den größten Antheil.
Veit, das iſt nicht wahr! aber Sie irren ſich bloß. Als ich noch in Berlin war, konnt’ ich mir, und hatte ich mir ſchon ausgerechnet, wenn du in Paris biſt, ſchreibſt du Veit; und was iſt natürlicher oder vielmehr gewöhnlicher, als daß ich’s doch nicht that. (Die gewöhnliche Faulheit und Nach - läſſigkeit iſt’s doch nicht.) Aber ſeitdem ich alle Tage, auf Wieſen, in Feld und Zimmern, beſtändig, und wie ich mag, von Ihnen ſpreche, wäre es ſündlich, mein Freund, nicht auch zu Ihnen zu ſprechen; und alle dieſe herzlichen (herz - liche treue Meinung, ſagt Goethe) Gedanken, wie Götterdank, bloß im Herzen zu behalten, oder ſo umſonſt auffliegen zu laſſen. Daß man Liebe zu Schüſſen und Wunden vergleicht, iſt einfacher, als man denkt; man fühlt ſie bloß, das iſt ihr Weſen; und da bleibt einem denn nichts, als das Vergleichen. So hat Bokelmann meine ganze Liebe zu Ihnen aufgeregt: und ich fühle ſie wirklich wie einen alten Schaden; wie ich mir Wunden mit verhaltenen Kugeln denken muß, und wie ich wirklich oft alte Krankheiten erregt fühle. Glauben Sie denn, daß irgend etwas Wichtiges, Geſcheidtes, Gutes, ſo vor mir vorüber gehen kann, wie bei andern Leuten — wie Wolken über dem Waſſer, wäre zu hübſch geweſen, um es hier anzuwenden. — Unmöglich! das iſt mein einziger Werth, durch den ich mich als ich erkenne, und von Andern unterſcheide. Das thun Sie auch! Ich bitte Sie, trauen Sie mir ganz; Sie verlören ſonſt zu viel dabei! Eins ſein Sie239 noch gewiß — und wie ſollte ich dabei ſchlechter werden? — es hat noch immer keines Menſchen Meinung, in keiner Sache, unter keinen Umſtänden, Einfluß auf meine Gedanken, und hat es bis jetzt niemand gehabt. Das kann ich mit der hei - ligſten Unterſuchung verſichern! Damit müſſen Sie zufrie - den ſein: und mich ewig lieben. Ich bin auch von Ihnen ſo überzeugt, wie von mir ſelbſt. Nur ſehen möcht’ ich Sie wieder! Sie mich auch? ganz beſonders gern? Sie ſollten. Könnt’ ich Ihnen nur gegenwärtig werden, wie Sie mir!
Wiſſen Sie denn etwas von Bokelmann? Wiſſen Sie denn, daß er viel von Ihnen weiß? Weiſen Sie dieſe Fra - gen ganz von ſich ab, wenn ich Unrecht habe, ich nehme ſie denn auch zurück: ſie gründen ſich nur noch auf mein Über - gewicht und meine Autorität, die ich ſonſt in ſolchen Stücken über Sie hatte; und zum Theil — doch das fällt mir jetzt erſt ein — darauf, daß Sie ihn nicht zu mir ſchickten. Doch dazu mögen Sie tauſend Urſachen gehabt haben: und es iſt auch ohnehin ſo beſſer. Ich lernte ihn von ungefähr beſſer kennen, und Sie waren der Vermittler. Auch glaub’ ich ſteif und feſt, gewiſſe Menſchen müſſen ſich kennen lernen; nicht allein, wenn ſie zuſammen ſind; ſondern die Umſtände müſ - ſen ſie zuſammen beſorgen. Mein Aberglaube! Sie werden, mit ſcharfem Geiſte und geordneten Worten, genau zu be - ſtimmen wiſſen, welch ein himmelweiter Unterſchied zwiſchen unſern Anlagen und unſerer Ausbildung iſt; ich weiß es, auch ohne es ſagen zu können, oder ſagen zu mögen — abfragen könnt’ ich mir’s meiſterhaft laſſen —, und doch kann ich vor - trefflich mit Bokelmann leben: er hat ein ſolch liebenswürdi -240 ges, braves Gemüthe, welches man immer trifft, daß er einen ſelbſt erſt wieder daran erinnert, daß man brav iſt; ſo etwas durchaus Unbeſudeltes und Edles, ſo etwas Unangetaſtetes, daß auch kein Irrthum jugendlicher Unwiſſenheit oder Be - ſchränktheit bei ihm iſt, ſondern alles Reinheit und Geſund - heit. Und meinem Alter iſt nichts beſſer, als ſeine Jugend. Urtheilen Sie, ob ich ihn liebe. Wenn wir nicht Einer Meinung ſind, ſo kommen wir gleich auf den Punkt, wo wir eigent - lich ſcheiden, und wir ſcheiden in Frieden und mit Bedacht: welch einen Vorzug, welchen hellen, unbefangenen und regſa - men Geiſt ſetzt das voraus. Sie wiſſen, wie ich das Gegentheil haſſe; und wie man damit in dieſem Jammerthal zu kämpfen hat! — oder, wie das vielmehr der ächteſte, eigentlichſte Jammer in dieſem beliebten, mir beliebten Erdenthale iſt. Ich kann mir nicht vorwerfen, daß ich das Schlechte nur haſſe: ich liebe das Gute, was ich finde, mit der leidenſchaftlichſten, tiefſten Verehrung, mit dem deutlichſten Bewußtſein; — und das iſt mein Glück! — meine Schönheit, die mir der Him - mel gab, das Geſchenk der Götter! Ich darf nicht einmal murren. Veit! Sie haben zu Bokelmann geſagt, „ unſer Verhältniß ſei Ihnen das liebſte geweſen, und es ſei doch auch nichts. “ Nein! mein Galeerenſklave, das iſt nicht wahr! Oft mag es ſeine Grazie verloren haben; ſeine Würde und ſeine Ewigkeit — bis Sie mir ein anderes Wort ſchaffen — nie! Und wie wir beſſer werden, wird es auch beſſer. Ich werde wirklich beſſer: alſo bin ich es von Ihnen überzeugt, und alles iſt gut. Nur der Zweifel kann uns dieſes Glück rauben! ich leid’ es nicht: und ich zweifle nie. Iſt das er -haben,241haben, ſo bin ich es. So, denk’ ich mir, iſt Religion; man bedarf ſie, und dann hat man ſie gleich. Wer braucht Ge - ſchichte: brauchen wir Beweiſe? Wir wollen Stifter ſein, mö - gen uns Andere nachglauben. Dabei bleibt’s; ich kann Sie zwingen: ich fühl’s und ich thu’ es. Ich werde die erſte Gelegenheit ergreifen, nach Hamburg zu kommen; das ſein Sie gewiß. Ihrenthalben. Und ich ergreife jetzt gut. Ich bin verwundet nach Frankreich gereiſt, und kehre gefaßt zurück. Wer ohne Panzer ſeinen Buſen in der harten Welt umher - trägt, der muß verwundet werden; das wußt’ ich nur nicht: der Schreck iſt das Meiſte, und wenn man das Bluten noch für Sterben hält. Wunden werden immer kommen, aber nicht unerwartet. „ Er komme, und ſage es mir zum zweiten - male, “ſagt Gräfin Orſina.
Ich ſchrieb mir letzthin in ein kleines Büchelchen: „ Lange exiſtiren die guten Dinge, ehe ſie ihr Renommee haben, und lange exiſtirt ihr Renommee, wenn ſie nicht mehr ſind. “ Das iſt alles, was ich Ihnen über Paris ſagen möchte. Lange, dünkt mich, iſt es und kann es nicht mehr Paris ſein; nach - dem ſeit Jahrhunderten ganz Deutſchland Paris geworden iſt. Denn mir kömmt Paris vor wie ein zuſammengedrängtes Deutſchland, und wenig verſchieden. Das könnt’ ich ſehr ausſpinnen: ein andermal! thun Sie’s ſelbſt; derweile. Eine Nation, die Vaudeville’s haben kann, kann keine Muſik haben. Die große Oper iſt tragiſch, und das Tragiſche hat viel von der Oper. Ich bin unpartheiiſch: das würden Sie mir bei jedem einzelnen Urtheil zugeſtehen; aber für unbe - dingtes Lob zu deutſch. Daraus machen Sie nun, was SieI. 16242wollen! Steif, bornirt u. ſ. w. wie Sie wollen! Vielleicht ſchick’ oder bring’ ich Ihnen noch einmal etwas über Paris, dann können Sie berichtigen und ſtreiten. Adieu. Antworten Sie mir. Es iſt 12 Uhr nachts, wenigſtens. —
Den Abend vor Vorgeſtern brachte mir Mendelsſohn den ſo ſehnlichſt erwarteten Brief von Ihnen, in dem Sie mir ſagen, daß Sie bis den 12. Mai warten wollen; und ſagte mir gleich dabei, erſt morgen ginge eine Poſt, morgen Mit - tag, nach Amſterdam. Hier iſt meine kategoriſche Antwort. Ich reiſe den erſten Mai. Sollten aber, mich unvorher - zuſehende Umſtände abhalten, ſo erfahren Sie es vor dem 10. Mai, heilig. Die Gräfin — und bis jetzt hab’ ich kei - nen andern Begleiter, macht mir viel zu ſchaffen! Sie will mit der Diligence. Es giebt keinen Preis, um welchen ich das thäte. (Urſachen mündlich.) Nun will ſie immer ſo er - ſchrecklich wohlfeil, mit Einſpännern und ſo dergleichen, rei - ſen. Ihren Wagen hat ſie mit Möllendorf nach Berlin ge - ſchickt, alſo haben wir keinen. Kurz! ich weiß nur, daß ich kommen will, und noch gar nicht wie. Über Hals und Kopf aufpacken, iſt auch nicht angenehm. Doch komm’ ich. Roſe! wenn du hier wärſt, was wollt’ ich dir zeigen. Es iſt ein Menſch. Was ſagt ihr zu der politiſchen Begebenheit? Mir kömmt die Welt jetzt accurat vor wie ein Spektakel, wo zu viel Menſchen ſind. An einem Ende fangen ſie ſich an zu243 drängen: lange me[r]kt’s der entgegengeſetzte Winkel nicht, ſieht zu; am Ende hebt und drängt ſich’s doch dort auch. So geht’s jetzt in Deutſchland. Wer weiß, wie’s noch Allen geht! Wenn auch eine Konſequenz in dieſem Gedränge zu finden ſein mag; Menſchen-Pläne ſind’s doch lange nicht mehr. Und die Ausreden der anſcheinend Gewalthabenden kann ich auch nicht leiden. Den Brief an Bürger Schimmelpennink werd’ ich wohl nicht abgeben: er wohnt ſchon auf dem Lande; ſie ſind ſehr elegant: und ich bin weniger als je geneigt, mir eine Ehre anthun zu laſſen; denn ſo iſt ja noch die Welt, daß nur ein äußerer und kein innerer Karakter ſchützt vor angethaner Ehre. Hab’ ich aber eine Gelegenheit, ſo geh’ ich doch aus Ehrerbietung für den citoyen Aſſer hin. Der Brief iſt immer gut, und ich danke! und ſag’ es für ähn - liche Fälle, daß es gut iſt: die Wahl zu haben iſt immer ſchön. Iſt der Bruder Schimmelpennink nur ein halber Menſch, ſo ſag’s ihm gradezu. Mach dir das Vergnügen. Erkennſt du, welche Leidenſchaft in meiner Bruſt herrſcht; welche es iſt? Roſe, ich danke. Dein Logis macht mich ſehr traurig, denn welche Lücken ſetzt das noch außer ſeiner eige - nen Schlechtigkeit voraus. Was muß man für Wähne im Kopfe haben, und für eine Art von Lebensart, um zu den - ken, man kann das einer Wohlerzognen anbieten. Ich weiß auch, du wirſt dir mit und durch Karl alles ändern. Aber wozu kämpfen. Doch biſt du übertrieben glücklich! — und du ſiehſt ein, ich — muß viele Zimmer haben, um mein Sorgen-Haupt zu placiren, et pour promener mon coeur foulé. „ Un coeur est comme un pied, “ſagt Walter. Wer -16 *244den ſie mir wohl Hanne von Pyrmont zu Hauſe laſſen? Hätt’ ich nur mehr Geld. Ich freue mich übertrieben auf mein Logis!!! ſag das Mamaen. Auf das und die Kinder; Wal - ter will ich über alle Vorſtellung gut behandlen und vorzie - hen (ein neuer ſechſter Aktus! —) und weiter nichts. Leſen? — daß alles zittert. Verſtehſt du den ſechſten Akt gar nicht? o! ja! ich erkläre ihn mit zwei Worten, einer Miene und einem Blick mündlich. Roſe! Vetter kommt her: und ich reiſe weg. Ich mache mir nichts draus. Das gehört zur Ausbil - dung meiner Phyſionomie, das fehlte mir. Biſt du zufrieden? ich hätte hier nichts von ihm. Als Verdruß. Toll müßt’ ich ſein; und toll bin ich nicht. Wenn ich toll ſein will, hab’ ich andere Mittel. Adieu! Arnſteins kommen auch. Antwort, Kinder! Die Humboldt grüßt. Grüß Bielfeld, wenn du ihn ſiehſt.
Auch die Beſtgeſinnteſten haben keinen Troſt für einander, das weiß ich Schmerzensreiche gewiß: aber frappiren kann man ſich, und das hilft. So höre denn! was jede Dumpf - heit, jeden Schmerz, jedes andere Wunder in dir[ſuspendiren] muß; — und hoffe. Denn du wirſt hoffen können. Dein Brief hat mich glücklich gefunden. Darum ſchreib’ ich gleich. Damit dir gleichſam aus einer Gruft von Glück geantwortet wird; wo man ſonſt nur, unbekannt das Unglück hört. Als ſich dein Brief mit dem heilig-innigen Wunſch endigte, er245 möchte mich in einer glücklichen Stimmung treffen, drückt’ ich die Hand, die ich hielt, und zeigte mit Triumph der Freundin die Zei - len. Niedlich bezeigt ſich das Glück nicht gegen mich, aber groß; denn übermorgen reiſt ſie, weit, und auf unbeſtimmt. Auf’s Leben iſt nichts beſtimmt, als der Fund. Und ſo hoffe auch du! „ Die Nacht, ſie muß ſich erhellen. “ Und wenn ſich nichts ändert, ſo ändert ſich unſere Stimmung. Es giebt ein Verzweiflen, in welchem man nichts fordert; und es giebt auch eine Liebeſtimmung — möcht’ ich’s nennen — in der man auch nichts fordert. Ich kenne beides. Roſenblätter ſtreut einmal das Glück nicht vor einem, erlaubt es einem aber die Augen zu öffnen, — ſo eile man ſich, das für viel zu erken - nen, und ſauge das Liebliche recht ein. Iſt es recht lieblich, ſo will man’s nicht beſitzen, man will es blühen ſehen. Am Ende ſind alle unſre Thränen und herbſten Leiden doch nur um den Beſitz; und man kann nie etwas anders beſitzen, als die Fähigkeit zu genießen; die bringt freilich den Wunſch des Beſitzes ganz einfach mit ſich: nun ſo wünſche doch, und gieb dich zufrieden; mehr iſt das Leben nicht. Tadlen kannſt du’s wie du willſt: ich tadle gewiß mit: hingegen iſt’s nicht zum Bleiben eingerichtet, das beweiſt mir nicht allein der Tod, ſondern alles Unvollkommene, und unſer ſchmerzhaftes, trei - bendes Schwanken am meiſten. Tadle das Leben; aber die Schmerzen haben, haben noch das meiſte. Mach dich bekannt mit ihnen, es ſind auch gute Freunde, und was flüſtern ſie nicht alles; jede Freude. Vielleicht kennt man ſie nur ſo. Schreibe mir, meine Treue, wenn dich das tröſtet. Ich nehme jedes Wort auf. Weine, weine oft. Ich hab’ auch geweint. 246Aber ich bin entbunden von meinem alten Wahn: ich klage weder mich, noch meinen Freund an. Helden ſind wir nicht; er war’s in einer Art nicht, ich in der andern nicht. Doch laſſ’ ich mir meinen Vorzug. —
Wir werden uns wiederſehen, und es wird dir wohl wer - den. Ich werde dir allerhand Troſt in die Seele leben, und das thut am beſten. Du biſt müſſig in einen Gegenſtand verloren. Ich finde dich vertieft, aber nicht lebendig, nicht vegetativ. Vielleicht bin ich rauh; aber denke hin und her, das thut gut: und — liebe wenn du mußt. Thu was du kannſt; ich auch. Ich bleib dir treu, das iſt auch viel. Wann kommſt du nach Berlin? Den 1. Mai reiſe ich nach Amſter - dam, da bleib’ ich eine quinzaine, dann mit Mama zu Hauſe; wo ich mit Prätenſion wegreiſte, und ohne Forderung wieder - komme; ich werde ſie Alle beſſer finden, — ſie mich vielleicht auch —, und gütiger bin ich gewiß! Und dann meine Hanne! die Bücher, die ganze Welt, die ich aufgenommen habe, und noch aufnehmen muß. —
Antworte mir. Grüß Boye; Luiſe, und hundertmal Lippe! Sag, bei mir iſt nichts verloren, ich wollte ſchon noch himm - liſch gut gegen ihn ſein. Vernachläſſigen könnte man mich nur in der Zeit, aber nicht in der That. Und wenn ich wirk - lich etwas für ihn wäre, ſo würde er mich immer finden. Hübſch wär’ es, wenn du mir ein karakteriſirendes Wort über deinen Freund geſchrieben hätteſt! Laß Charlotte Rantzau, von der ich jetzt hier viel rede, laß die niedlich-liebenswürdige, durch Lippe von mir grüßen.
247Deine R. L.
Moden giebt’s keine neue. Theater ſchlecht. Alles mir ſo bekannt wie’s Berliner. Was thuſt du dieſen Sommer? Humboldts reiſen den letzten Mai nach Erfurt, Jena u. ſ. w. und zum Winter nach Tegel. —
Man karakteriſirt jetzt häufig Dichter und Gedichte, und ſehr oft ſteht der Name Goethe an der Spitze, am Ende und in der Mitte. Die ſeine Werke in Rangordnung bringen wollen, nennen bald dieſes, bald jenes erſt, bald erklären ſie den Goethe aus dem einen, bald aus andern ſtückweiſe, und ſcheinen ſo hin und her zu rathen, aus welchem er wohl ganz zu erkennen ſei? Warum ſtellen ſie nicht Einmal die ſimple Frage auf: Aus welchem von ſeinen Werken könnte man wohl ſchließen, ob er wohl alle übrige gemacht haben könne? Iſt dieſe Frage zu beantworten, ſo hätte man den Anfang jener Rangordnung gleich gefunden, und ſie könnte ihren Fortgang nehmen. Ich würde Taſſo auf dieſe Frage nennen. Und jeder, der etwas nennt, müßte Gründe angeben.
So lange das Recht noch auf der Seite der Tollheit iſt, ſo wagt man noch immer etwas, ſich unter die Ungebildeten zu miſchen.
Ein bis zum Nebel trübes Wetter ließ Regen fallen, der die Straßen, wie’s im Frühling pflegt, noch nicht ganz ſchwärzte,248 und zweifeln, ob es zum April ginge, oder der Tag wirklich zum Oktober gehört.
Es giebt recht wenig Menſchen, die Einfälle haben.
Die Andern plagen einen aber abſcheulich mit ihrem bis - chen Armuth.
Des wirklichen Unglücks ſchämt man ſich.
Und man kann es eigentlich daran erkennen.
Von Menſchen kommt kein Glück. Da erwartet man es nur.
Mit Graf Voß und mir hat es ſich plötzlich verändert. Ich lieb’ ihn nun, weil er ein unbekanntes tendre für mich hat; für mich. Erſtlich, lieb’ ich die Leute, die ein tendre ha - ben können, und dann, die wieder beſonders, die ein unbe - kanntes haben können; und noch beſonders, die, die eins für mich haben können. Ich bin ſo nichts, wenn man mich nicht lange kennt, daß die ſchon etwas bei mir gelten, die mich nur von Anſehen haſſen. Welches Mitleid muß er in der Seele tragen, welcher Aufmerkſamkeit muß er fähig ſein, für mich249 ein tendre haben zu können! Ich bedarf keines „ Laſters “bei der Art Menſchen — und wie Sie ihn beſchreiben. Ich bin aber ſchon längſt mit ihm ausgeſöhnt: ſeit ich weiß, daß ihn Luiſe liebt; ich glaubte, ſie hätte ihn nur geheirathet. In Schlegels Kollegium hoff’ ich ihn kennen zu lernen; das iſt eine natürliche Art. Ich dank’ Ihnen, daß Sie bis zur Thätigkeit an mich denken. Ich freue mich, den Jacobi’ſchen Kalender zu leſen. Sie werden Freude an meinem Goutiren haben. Mlle. Reimarus muß äußerſt geiſtvoll und lebhaft ſein; was ich noch von ihr geleſen habe, iſt ſprechend ähnlich. Nämlich: von guten Portraiten kann man die Ähnlichkeit er - kennen, wenn man die Menſchen, die ſie darſtellen, auch nicht geſehen hat. Aus ihren Worten erkennt man ein ganzes le - bendiges, ihr gehöriges Leben. Ich lieb ſie von weitem. Ich dank’ Ihnen für die Stelle; für die Mühe, und für den Ge - danken. Werden Sie mich beſuchen? Morgen bin ich bei Mad. S — mit unſerm Iſter-Mädchen — ſo nenn’ ich ſie — wenn man mir nicht abſagt. Leben Sie wohl! Ich bin ſeit ein paar Tagen, und beſonders ſeit heute, auf verdrießliche Stellen in mir geſtoßen. Manchmal merkt man ordentlich, was man aufgiebt. Adieu.
Anmerk. Der Ausdruck „ Laſter “ſcheint hier, wie auch in an - dern Stellen, nach ſcherzhafter Übereinkunft grade den ſittlichen Geiſt in ſeiner genialen Freiheit zu bedeuten, wo die beſchränkte Gewöhnlichkeit ihn nicht mehr faßt, und wohl gar als ſein Gegentheil bezeichnet. S. Philoſophiſche Anſichten, von G. von Brinckmann. S. 204. ff.
Den Abend als ich Sie zuletzt ſah, dacht’ ich gleich, daß ich den andern Morgen ein Billet von Ihnen erhalten würde: ich nahm mir vor, es nicht zu leſen. So lag es bis jetzt bei mir. Vergeſſen hab’ ich’s nicht; jetzt aber erſt fiel mir ein: es kann ja aber etwas darin ſtehen, worauf er denken kann du ſeiſt verrückt wenn du nicht antworteſt. Und ſo erbrach ich Ihr Billet.
Ich werde in der erſten Stunde, wo ich Zeit habe, Ihre Briefe zuſammen ſuchen: einige werden fehlen, die hab’ ich in der Geſchwindigkeit zerriſſen, als ſie Einmal jemand bei mir leſen wollte, der die Art hat, alles leſen zu wollen. Daß ich Ihnen ſchreibe, iſt die Folgung des ſchönſten, leiſeſten Rufs in mir: ich will keine Art von Dank, Sie ſollen es bloß nicht für hoheitliche verſtockte Rechtlichkeit halten. Auch geb’ ich Ihnen Ihre Briefe nicht aus gleichgültiger Rechtlichkeit: ſon - dern, weil ich weiß, daß unter manchen Umſtänden, nur der Schreiber Briefe verſteht, und dann gebühren ſie ihm. Damit ſag’ ich auch nicht, daß ich ſie nicht verſtanden habe.
Nun ſag’ ich Ihnen aber, daß man Sie lieben (muß, wenn man Sie kennt) kann, aber umgehen kann man noch nicht mit Ihnen. Wenigſtens nicht in Geſellſchaft. Dies vor der Hand nicht zu thun, hatte ich mir feſt vorgenommen.
Wollen Sie morgen Vormittag um 12 Uhr zu mir kom - men, ſo will ich mit Ihnen ſprechen. Mir ganz allein251 iſt es vorbehalten, mich über alles rechtfertigen zu können, wenn ich will.
Ich will, weil ich kann: weil ich kann, brauchte ich nicht. Aber Sie brauchen es; und in dieſem Sinne, aus dieſer Ur - ſach brauch ich’s auch. Dies iſt der Ruf in mir, und noch um einen leiſeren folg’ ich dieſem Rufe.
Adieu! R. L.
Vorgeſtern Abend aßen Markus’ens bei uns und Chriſtel — die jetzt während einer Spiel-Reiſe alle Abend kömmt — Mama prätendirte de but en blanc, ſie ſollten den andern Mittag mit den Kindern bei uns eſſen: Fragen, die geſcha - hen, blieben unbefruchtet. Chriſtel invitirte ſich, Mama nahm ſie mit einer Feſteslaune an. Geſtern Morgen ſteh’ ich auf, und geh’ in einem mild-himmelumzogenen Wetter in Geſchäf - ten aus; Line predigt mir während dem Anziehen vor, Mama habe Marktorte, und Sardellenſalat, und „ ließen —! in der rothen Stube decken. “ Ich verſchwobe! Ich ſage: „ Ach Gott! es wird Purim ſein, “denn den Hahn hatt’ ich ſchon den Abend geahndet. Poin du tout — ſag’ ich, als Epiker, — „ Ne, der iſt erſt in vierzehn Tagen. “ Meine Konjekturen und Gedanken gingen mir aus: ich that daſſelbe. Als ich ganz zuletzt zur Unzelmann komme, erzähle ich ihr die Bege - benheit, und die Marktorte, verſprech’ ihr davon; ſie kann auch nichts ergründen, ich behaupte es muß ein anniversaire ſein, etwa eine ſilberne Hochzeit, oder Papa’s ſeliger Geburts -252 tag; und ſo eil’ ich, weil es ſchon ſpät war, gedankenſchwer nach Haus. „ Vorne ſind ſie Alle. “erklang’s ſchon in der Entrée.
In der Rothen; Mama, Chriſtel, Markus’ens, die Kinder. Ein zierlicher Tiſch, mit Symmetrie, von zwei Sardellen - Saläten, Pflaumen - und Artiſchocken-Kompötten, kurz Sym - metrie; und Servietten ohne Tournüre, nämlich unerzogen aus der Waſchfrauen Hand. Ich verſchwobe! „ Alle Wetter! “ſag’ ich, „ was iſt das! das iſt nicht umſonſt! heraus mit der Sprache, Mama, oder Sie überleben den Tag nicht! “ Und ſo ſah ich, und Alle furchtſam, nach den ſilbernen Schwertern. Wie Mama das Meſſer an der Kehle hat, lächelt ſie, wird freundlich, und ſagt: „ Nun, ihr Narren, heut vorm Jahr war Roſe ihre Hochzeit! und da konnt’ ich euch nicht trakti - ren, darum thu’ ich es heut. “— „ God save great George the sister! “ſang alles los, und ſchwamm in Thränen. Da kam die Suppe. Sie mußte aber warten; ſie, die nie ohne eini - ges Gewitter erkalten darf; denn Ludwig war abgeſchickt, Wal - ter zu holen; und der Einfall kam aus Mama. Nun, sister, beurtheile, ob ſie deinen wirklichen Hochzeitstag magnanimer geſtimmt war. Auch die Suppe war ſtill; ſchloß jeden Rauch in ſich, und bewahrte ihre Kröpfchens warm, bis die Jungens angewaltert kamen. Nachher zittrendes Rindfleiſch mit Auſter - ſauce, die Kompötte, der Hahn, die Marktorte, „ Bier, Wein, Waſſer und Brot, “beſchreibt Fanny immer. Nach Tiſch in tiefen verſunken; und was ächt Levin’ſch iſt, kein Menſch hat auch nur eine Geſundheit proponirt — heute fällt’s mir erſt ein — ſtatt deſſen ſchlug ich vor und erbot mich, Roſen253 den Tag und ſeine Begebenheit zu beſchreiben. Du lachſt, und weinſt; ich weiß es. Moritz iſt nun auch bei dir ange - kommen; und alles iſt gut, bis zur künftigen Generation! Es wachen aber die Götter über uns. „ Die ich kenne, ge - winnen nicht, “ſagt Vetter, das unterſchreib’ ich auch mit mei - nem Namen, ſetzte aber vorher noch: „ und verlieren nicht ſehr! werden nicht guillotinirt, kriegen keine Krebsſchäden etc.!!! Gott ſegne euch! Die Soirée blüht mehr als je. Keinen Eſel haben wir noch nicht, Gentz müßt’ es wegen dem lieblichen und anerkannt geliebten Karakter ſein. Aber „ unſer Eſel “iſt und bleibt weg. Jeder grüßt und fragt, Nette, Boye, Chriſtel, die Humboldt, Vetter, alles; Moritz und Roſe. Ich grüße Karl. Roſe, ſchick mir ſolches ſilbern Band übergoldet wie die Nordholländerinnen tragen, und Haken dazu!
Bunim und die Kouſine ſangen mit. — Ich will ſolche Haken — drei Stück — die in’s Geſicht gehen. Du weißt ſchon, Roſe!
So viel Sie hier ſehen werden lieber Veit, kann ich wie - der ſchreiben: und auch wohl mehr. Von meiner Krankheit dereinſt mündlich. Wenn es wahr iſt, daß Sie mich lieb haben, ſo ſchicken Sie unverzüglich, gleich, auf der Stelle, er mag ſein wo er will, Bokelmann dieſen Brief. Er ſoll mir auf der Stelle antworten. Ich muß wiſ - ſen, wo er iſt und ob er hierher kömmt. Ich bleibe den gan -254 zen Sommer hier, und ohne großes Ereigniß auch dieſen Winter. Ich bin noch ſchwach: fahre aber ſchon einen Mo - nat aus. Ich bin ohne Freund, und beinah ohne Herz.
Nie hat mir ein Menſch beſſer gefallen, als Stieglitz. Wie er in’s Zimmer trat, liebt’ ich ihn. Dem vertraut ich mich ohne Verabredung; und die bedarf’s auch bei ihm nicht. Dieſer Ernſt, dieſe Sanftmuth, dies ſchöne Geſicht. Ich bin recht glücklich, daß ich ihn kenne. Er ſah mich in der größ - ten turpitude, ſo häßlich! Nein, ſolch ſchönes Gemüthe! Ich halte es für ein Unglück, daß er nach Taurien ging; doch iſt es gut, denn ein verheiratheter Menſch ſollte wenigſtens die Fakultät ſeines ganzen Herzens veräußert haben, und alle übrige dazu anwenden, und in dieſem Fall müßte er dann doch wenigſtens ein ſchlechtes Gewiſſen haben. Ich will nicht hoffen, daß Sie, auch Sie, dieſe Strenge überraſcht; plump, wie es die Menſchen meinen, die ich haſſe, wenn ſie von Pflicht, Gewiſſen, Recht u. ſ. w. ſprechen, kann ich es nicht meinen. Alſo Stieglitz iſt verloren. „ Wie ſonderbar iſt es doch, daß dem Menſchen nicht allein das Unmögliche, ſondern auch ſo manches Mögliche verſagt iſt. “ Meiſter zu Aurelie. Das ſchönſte Diktum! ganz aus dem Herzen und gradezu den Geiſt anſprechend: denn nur der menſchliche Geiſt macht den amüſanten Unterſchied von möglich und unmöglich.
Sie kann ich alſo nur in Hamburg ſehen. Nun! die Tage bringen alles. Hat man Ihnen geſagt, wie ich Sie liebe? wie gegenwärtig Sie mir ſind? Schlechte Menſchen werden das Gute überdrüſſig, das Schlechte gewohnt; ich — nun auch Gottlob zu ſagen — ich, Gottlob!! bin immer wie -255 der bis in’s tiefſte Herz frappirt. Und jetzt bin ich ſo weit, daß mir das für manches äußere Glück ſteht; es äußere ſich in Schmerz oder Glück.
Als ich nach Frankreich reiſte, glaubte ich nicht wiederzu - kommen, und ſiegelte jedes Menſchen Briefe ein, und machte ſeine Aufſchrift. Als ich wiederkam, ging ich auf einen Bo - den, der an meine Wohnung gränzte, und fand einen einzel - nen Brief, von einem Portugieſen Navarro, und ein Stück Band, wovon ich Ihnen die Hälfte geſchickt habe. Auf dem Schloßplatz ſah ich Sie zuerſt, einen weißen Strohhut hatte ich auf, der mit einem Gaze-Tuch zu beiden Backen herunter gebunden war, und dies Band war darauf. Verwahrt hatte ich’s nicht; aber der Zufall, ich erkannt’ es gleich. Sie ſind der einzige Menſch, bei dem ich weiß was ich an hatte, als ich ihn zuerſt ſah. Verliebt war ich nie in Sie: nun traue einer auf Zeichen. Adieu! Schicken Sie, Liebſter, Beſter, gleich gleich! Bokelmann den Brief. Nichts iſt mir wichti - ger! Ich habe alle ſeine doch nun geleſen. Schreiben Sie mir gleich, Bokelmann, ich bitte Sie.
R. L.
Werden Sie antworten, Veit? Schicken Sie mir Ihre Addreſſe noch einmal. Künftig einmal einen ganzen Brief über Stieglitz.
— Nun weiß ich es. Die Erde iſt ein ſchlechter Pla - net, ſagt Fr. Schlegel. — Lebte man doch in einem gütigen256 Klima, wäre ſtark, um fleißig zu ſein! weiter giebt’s nichts. Alles andere wird und muß immer erbärmlich werden. Zu falſch, zu künſtlich, oder zu ſehr der Nothdurſt iſt es aufge - ſtellt. —
— Warum ſoll man nicht außer ſich ſein? Das ſind ſchöne Parentheſen im Leben, die weder uns noch Andern ge - hören: ſchöne nenn’ ich ſie; weil ſie uns eine Freiheit geben, die wir und die uns bei geſundem Verſtande niemand ein - räumen würde. Würde ein Menſch ſich entſchließen, ein Nervenfieber zu nehmen? und doch kann es uns das Leben retten. Es kommt aber von ſelbſt. —
— Ich liebe den Zorn; übe ihn, aber protegire ihn auch. Drei Dinge nur ſind nie im Stande mich zu affiziren, näm - lich, wenn man mir ſagt, ich ſei gemein, affektirt, oder dumm. Die drei glaub’ ich niemals; und bin ich nicht ſehr ſchlechter Laune, ſo muß ich immer darüber lachen. —
Deine Drohungen nur, und das lebhafte Vergnügen, von einer Art Statthalter, wie du biſt, aus meinem verwirrten Po - ris Nachricht zu bekommen, können mich nur bewegen, die ſchreckliche Handlung, die zerſtörende für mich, des Schreibens zu begehen. Laß dir aber geſagt ſein! und faſſe es mit Ver - ſtändigkeit auf; daß du von geforderten Briefen von mir gar nichts haſt. Vorgehen thut hier nichts; und das Alte faßt mich ſo mit Ekel, daß jeder Gaſt mich aushauen würdeund257und aus meinem Zimmer ſchmeißen, wenn nur eine Glas - ſcheibe vor meinem Herzen wäre. So ohne Liebe für ſie war ich nie. Wo dies hinführt, kann ich auch gar nicht berechnen. Wenn mir Dinge für dich einfallen, oder es geht irgend etwas vor, ſo ſchwör’ ich bei der Seine! — meinem Styx — du erfährſt es von mir! Die Unzelmann nimmt Ende dieſes Monats Iphigenie von Goethe zum Benefiz. Schwertſtreiche gehen mir ſchon jetzt durch’s Herz, dies laut ausgehaucht mit dem beſoffenen Publikum zu hören; und! wie wird das wer - den. Thoas, Lapin-Iffland; Oreſt, Mattauſch; Pylades, Be - ſchort; Arkas, Labes. Die Schick ſchnappt nach Luft, ſingt und lebt wie immer. Ich werde ihr deine Briefe ſpediren. Sag Friedrich Schlegel, er müſſe mir antworten! ſonſt war ich im Lycée de Paris! Grüß die Pobeheim, und mach’ ihr verſtändlich, warum ich nicht ſchreibe: und wie Schreiben nichts iſt; nur Leben. Und wie ich daher auch ſuche wieder zu kommen. Sie ſoll Schlabrendorf an mich erinnern, und ihm ſagen, der Italiäner habe mir kürzlich aus Mailand geſchrieben, wo er Humboldts geſprochen hat. Löwen - hjelm grüß’ ich ſehr! wo wohnt der? — Du wohnſt gut; doch die Honoré wäre beſſer. — Wo wohnt Otterſtedt? Woh - nen iſt ein großes renseignement. Wo wohnt Friedrich? In’s Theater geh’ ich gar nicht mehr. Publikum, Haus, Stücke, Schauſpieler, drückt mich in’s elendeſte Leben hinab; und reine Marter würde mir die Kälte des Hauſes, die viel kälter iſt, als der regnigte dunkle Winter bis jetzt. Aus geh’ ich auch nicht, außer Sonntag und Mittwoch zu Wilhelm Schlegel in die Vorleſung. — Suche Franzoſen kennen zuI. 17258lernen. Aber keine rekommandirte; auch keine gefährliche: liebliche von der zweiten Klaffe; die iſt die erſte. Warum ſchreibſt du nichts von Beanvilliers? Mit meiner Eßluſt und Kunde geht’s crescendo. Die Raucourt wie die Gardel muß man ſich erſt einſehen; wie eintanzen z. B. — Betrachte die erſte mehr als Maske. Und bei der Gardel muß man ordent - lich fleißig im Zuſehen ſein. Die Herzogin von Kurland iſt hier und die Pignatelli.
R. L.
Die Pobeh. ſoll mir ſagen laſſen, daß ſie noch ſo glück - lich iſt. Und ſie ſollte Einmal bedenken, wer jetzt alles in Paris bei ihr wäre, und unter welchen Umſtänden. Ob einen das nicht berechtigte, an die ganze Mythologie zu glauben! —
Es giebt geiſtreiche Menſchen, die mögen thun was ſie wollen, es iſt mir alles lieb; es giebt auch ehrliche Leute, bei denen es mir ſo iſt. Aber ſolchen begegne ich nur äußerſt ſelten.
Wenn ein Menſch das, was er ehren und ſchonen ſollte, mißbraucht, Schwäche oder Vernunft eines Andern: das bringt auf; wird aber ein Menſch aufgebracht, ſo macht das kalt, und man kann es wie ein ſchönes Gewitter beobachten.
Die dunkelſten Sachen, und alles was wir je geleſen ha - ben, werden an uns wahr, wie die trivialſten Sprichwörter.
259Wenn ich mir ihn denke, ſo treten die Thränen mir in’s Auge: alle andere Menſchen liebe ich nur mit meinen Kräf - ten; er lehrt mich mit den ſeinen lieben. Und ich weiß auch gar nicht, wie ſehr ich noch werde lieben müſſen. Wie oft dacht’ ich ſchon, mehr trägt dein Weſen nicht: und das We - ſen änderte ſich. Mein Dichter!
Negerhandel, Krieg, Ehe! — und ſie wundern ſich, und flicken.
Die Menſchen, die die kleinen Gefälligkeiten des Lebens nicht deutlich fordern, von denen denkt man leicht, daß ſie ſie gar nicht bedürfen, vermiſſen, und zu genießen verſtehen. Hieraus laſſen ſich Klugheitsregeln zum Gebrauch ziehen.
Das Fühlen iſt etwas Feineres, als das Denken: das Denken hat das Vermögen ſich ſelbſt zu erklären, das Fühlen kann das nicht, und iſt unſere Gränze, dieſe Gränze ſind wir ſelbſt; es weiß nur, daß es exiſtirt. Mit Gränzen ließe ſich alles definiren; und die Gränze, die das nicht mehr erlaubt, umſchließt unſer eigenes Weſen, und iſt folglich ein Theil deſſelben.
Was iſt das für ein ordinairer Mann! Wenn der nicht zu gleicher Zeit mit uns lebte, würde kein Menſch von ihm ſprechen.
Sie iſt eine von den Perſonen, die, wenn ſie einmal eine andere Querſtraße gehen, ſich gleich fürchten und nicht mehr wiſſen, ob ſie auch noch gut ſind!
„ Dieſe Lücke, dieſe Lücke! “ Werther. Verſtehen Sie’s recht tragiſch, wie Sie wollen; wenn Sie weiter leben, biegt ſich’s doch bis zum Komiſchen hinab. Weinen kann man ja doch.
Denken iſt Graben, und mit einem Senkblei meſſen. Viele Menſchen haben keine Kräfte zum Graben, auch andere keinen Muth und Gewohnheit, das Blei in’s Tiefe ſinken zu laſſen.
Schlechte Skribenten. Wer wird ſich denn dadurch, daß ſie ſich drucken laſſen, zu ihrem Umgang zwingen laſſen!
Das iſt ja eine miſerable Perſon, die nichts von ſich ſelbſt weiß; die nie bis zu dem Punkte gekommen iſt, wo ſie ſich entſchuldigen kann, und ſich doch entſchuldigt.
Alſo außer leidend, krank? Hr. Rehberg hat es mir geſtern geſagt. Auch ich war krank: und ich leide!
Vor ungefähr zehn Tagen war Pauline bei mir vor dem261 Bette, und hat mir ihre Geſchichte erzählt: eine Stelle war darin für mich, wie ſie es ſagte, ſo erſchütternd, daß ich or - dentlich einen Krampf bekam, und ſie zu reden aufhören wollte. Viel gelobte ich mir dabei. Und auch ich bin ganz ver - kannt und verloren dadurch. Verloren. Dieſes ganze Le - ben iſt mir entriſſen, wenn ich auch den Himmel in mir trage! Denken Sie wie, und was ich gelobt!!!! —
Nur Gutes will ich glauben: immer helfen.
Vergeſſen Sie den geſtrigen Tag nicht; es war ein un - glücklicher für mich; für eine würdige Freundin.
Wenn Sie geſund ſind, beſuchen Sie mich! Ob ich heute in die Oper gehe, weiß ich noch nicht: vor - und nachher bin ich zu Hauſe.
Was machen Sie? reden Sie!
Kömmt Krankheit und Leiden bei Ihnen zuſammen? Kann Ihnen Sprechen augenblickliche Erleichterung geben? Sprechen wir! —
Anmerk. Um dieſe Zeit erſchien in Brinckmanns Gedichten eine von ihm ſchon früher an Rahel gerichtete Elegie, welche man wegen ihres zarten und bezeichnungsvollen Ausdrucks gern hier wiederſinden wird.
Gedichte von Karl Guſtav von Brinckmann. Erſtes Bänd - chen. Berlin, bei Sander 1804. S. 92. ff,
— Dieſe ganze Lehre iſt in einem Seelenzuſtand entſtan - den und erfunden, der nicht dauren kann; ſie iſt der Moment der Weihe der Verläugnung und Wiedergeburt; das neue Leben iſt alſo im Tode zu finden, worauf ſie ſich bezieht, und wir fangen mit ihr an. Sie iſt eigentlich die Religion, die aufs aller Heiligſte getrieben in jeder Seele allein ausbre - chen und wirken und leben, und eigentlich nicht mitgetheilt werden ſollte.
Zuſammen auszuüben und zur Prachtreligion iſt ſie nicht zu machen. Weil ſie aber Verläugnung und Aufopferung heiſchte, verbreitete ſie ſich wie eine Leidenſchaft über die Erde; ſo iſt ſie würdig und ſchön in den Herzen, wo ſie263 herrſcht wie Leidenſchaft: aber angewandt auf Staat und Leben verkehrt und Jahrtauſende hemmend, und ſo allgemein und tief eingedrungen, daß ſie auch da wirkt, wo man ſie gar nicht zu finden glaubt und nicht ahnden ſollte. Dabei dauert ſie zu lange; wie jeder Zuſtand der Menſchheit, für einen einzelnen Menſchen. Sie iſt auf die natürlichſte Weiſe in ihren Wirkungen ihrer Natur widerſprechend: denn das Leben quillt wieder hervor, und ſie ſtrebt Tod-erzielend nach dem Himmel.
Mich dünkt, daß die kleinſte bis zur größten bürgerlichen Einrichtung dies ausdrückt, man mag damit bezwecken wollen was man will. Sie hat die Natur — die Erde — umgeſtal - tet, auf der wir hauſen, und kann ſich gar nicht ſelbſt auf - reiben, weil ſie ſich nun wirklich, endlich auf etwas Wirkliches bezieht: und eine Erdrevolution kann uns nur aus dieſem dauernden Übergangszuſtand retten. Nur in Ermattung kann ſie von ſelbſt gerathen. Worin ſie denn bereits iſt: und kei - nem Zuſtand ſteht dieſe weniger an, als dem enthuſiaſtiſch leidenſchaftlichen, exaltirten.
So werden mir wenigſtens gar ſehr viele Erbärmlichkeiten klar, die man die neumodiſchen nennen könnte, wenn es nicht fremdartig wäre ganze Zeitalter unter dieſen Begriff zu brin - gen, auf dieſe Weiſe zu bezeichnen.
— Ich habe Paulinen alles auf’s allerverſtändlichſte er - klärt; weil ſie mich grade, mit wiederholten Fragen nerven264 krank marterte: ich verabſcheue Fragen, von denen ich glaube, daß man ſie ſich ſelbſt beantworten ſollte: und Pau - line iſt ganz kindiſch im Wiederholen jeder Art. Mein Tod! —
Wenn ich „ kleinen Kreis “ſagte, ſo meine ich damit die große Welt. Von Tilly, D —, Caſa-Valencia kann ich nicht reden wollen.
Ihr heutiges Billet zeig’ ich Paulinen nicht. Was ſie wiſſen ſollte, weiß ſie. — Griechiſch find’ ich ſie gar nicht: Sie wiſſen, daß ſie mir lieb iſt. Aber nichts drückt mir ſo Berlin auf! Und ich behaupte ſogar, nur ein eingefleiſchter Berliner vermag ſie ganz aufzufaſſen, obgleich es nicht drei thun. Dies hab’ ich ihr oft ſelbſt geſagt: manches an - dere aber nicht. —
Mit dem man ſein Leben verleben möchte, dem kann man nicht ſchreiben! Welchen Gedanken, welches Anfath - men, möchte man ihm nicht ſagen, nicht zeigen? der könnte unſer Zeuge ſein, unſere Exiſtenz bekräftigen! Und in zurück - geſcheuchter, trüber, faſt unerkannter Angſt verſchwenden wir artig die Tage, laſſen uns friſch darauf los vernünftig nennen, und ſind wahnſinnig aus Zagheit. Das Staaten - leben — Leben iſt zu umfaſſend — iſt aber ſo angethan, daß auch das ganz recht iſt; man kommt zu ſeinen Reſultaten, aber in lauter Entbehren, ausgeſchloſſen aus dem Paradieſe,265 wo man ſich Luft, Speiſe und Gefährten ſelbſt ſuchen darf: das friſche geſunde, ſich nie trügende Herz wird Begierde ge - nannt, nach einer Art von Kinderſtube, Kerker oder Tollhaus verwieſen: und ſo gehen wir grau durch Städte nach dem Kirchhof. Gott, wie komm’ ich darauf! Ich will es Ihnen ſagen. Ich fühle eine ganze Thränenfluth in der Bruſt über dem Herzen; und jedes erinnert mich an alles. Nichts er - ſcheint mir mehr einzeln: ich fühle mich ganz gefangen, und mein Geiſt iſt reger, als je. Mit dem höhern Leben tröſt’ ich mich nicht! Ein ſchönes Erdenleben würde das nicht ausſchließen. Es erhöht und ſchärft jeder Augenblick mir das immer inniger tiefe Gefühl des unzufaſſenden Verluſtes! unſere Organe ſind zu endlich, es zu faſſen; und höhere Weſen haben gewiß eine Trauer über uns, deren wir unfähig ſind, und die ich wie errechne! — das Kälteſte, das Wenigſte, was Menſchenkinder können — der große Schmerz, der große Verluſt, die Unmöglichkeit, ſich aus der vorgefundenen Ver - wirrung anders, als ſterbend, abſcheidend, trennend, verein - zelt, zu ſcheiden, macht den Tod ja nur möglich. Verſtehen Sie dies ſo umfaſſend, als Sie können: in Bezug auf Men - ſchenverkehr, auf die tiefſten Anlagen und Bedürfniſſe des Herzens, auf die Natur, die wir einſtweilen die todte nennen, auf jede Organiſation. Sie ſehen, ich weiß es wohl, warum Sie mir nicht ſchreiben. Sie haben ein großes Glück. Seiner Geſchichte nach, wovon man die letzte unverſtandene Ankunft der Erſcheinung chance nennt, und ſeinem innern unendlichen Werthe nach! Welche Freundin haben Sie gewählt, gefun - den und empfunden! Ich verſtehe einen Menſchen, Sie ganz. 266Vermag es, wie doppelt organiſirt ihm meine Seele zu leihen, und habe die gewaltige Kraft, mich zu verdoppeln ohne mich zu verwirren. Ich bin ſo einzig, als die größte Erſcheinung dieſer Erde. Der größte Künſtler, Philoſoph, oder Dichter, iſt nicht über mir. Wir ſind vom ſelben Element. Im ſelben Rang, und gehören zuſammen. Und der den andern aus - ſchließen wollte, ſchließt nur ſich aus. Mir aber war das Leben angewieſen; und ich blieb im Keim, bis zu meinem Jahrhundert, und bin von außen ganz verſchüttet, drum ſag’ ich’s ſelbſt. Damit ein Abbild die Exiſtenz beſchließt. Auch iſt der Schmerz, wie ich ihn kenne, auch ein Leben; und ich denke, ich bin eins von den Gebilden, die die Menſch - heit werfen ſoll, und dann nicht mehr braucht, und nicht mehr kann. Mich kann niemand tröſten: ſolch weiſen Mann giebt’s nicht: ich bin mein Troſt; nun giebt es noch das Glück! das iſt aber wie beleidigt von mir: und ich fühle auch, ich beleidige es. Das Glück definir’ ich Ihnen ein andermal. So ungefähr ſteht’s mit mir. Lebten Sie in Einer Stadt mit mir, Sie hätten einen unendlichen Genuß! Sie können ſich das ewige Erblühen meines Lebens gar nicht denken. Aber Sie müßten ſich die Strenge gefallen laſſen, mich nur zu ſehen, wann ich will. Sterben Sie nur nicht! das hängt ganz von Ihnen ab. Ich will mich gewiß nicht ſo vergeſſen. Ein Menſch wie wir kann nur aus inadvertance ſterben; das fühl’ ich auf’s lebhafteſte. Auch giebt es eine andere Art, das Leben zu erhalten; es giebt Tropfen auf andern Sternen, die allein hinlänglich ſind, ein von Erde geſponnenes Leben zu erhalten; den Umſchwung, die Nahrung, des begriffenern,267 gröbern Lebens, u. ſ. w.!!! Sein Sie nicht ängſtlich! ich bin gewöhnlich gelaſſener. Wenn ich aber an Menſchen ſchreibe, geſchieht es mir, daß der ſchwer erfüllte Horizont meiner Seele los gewittert. Himmliſche Menſchen lieben Gewitter. Auch ein Grund, warum ich das Schreiben ſcheue. — —
Wenn Jemand ſagte: „ Sie glauben wohl, es iſt ſo etwas Leichtes originell zu ſein! Nein, man muß ſich viel Mühe geben; und es koſtet ein ganzes Leben voll Anſtrengung “, ſo würde man ihn nur für verrückt halten, und gar keine Frage mehr anſtellen. Und doch wäre die Behauptung ganz wahr, und dabei ganz ſimpel. Originell wäre gewiß jeder Menſch, und müßte es ſein; wenn die Menſchen nicht bei - nahe immer ganz unverzehrte Sprüche in ihren Kopf an - nähmen, und auch ſo wieder hinaus ließen. Wer ſich ehrlich fragt, und ſich aufrichtig antwortet, iſt mit allem, was ihm im Leben vorkommt, immerfort beſchäftigt, und erfindet un - abläſſig, es ſei auch noch ſo[oft] und lange vor ihm erfunden worden. Es gehört Ehrlichkeit zum Denken, und es giebt gewiß beinah ſo wenig abſolute Stumpfköpfe, als Genies. Einem imbécile fehlt das Vermögen im Kopfe zum Denken; und einem Genie wird dies ſo leicht durch das glückliche Zu - ſammentreffen und Zuſammenſtimmen ſeiner Eigenſchaften, daß es beinahe iſt, als nähme ein anderes Weſen dieſe Ope - ration in ihm vor. Imbéciles wären gewiß immer originell;268 es giebt aber faſt keinen reinen; ſie haben meiſt noch Ver - ſtand genug, unehrlich zu ſein.
Nun weiß ich mit einemmale, warum es mich ſo empört, wenn ein Menſch, was ihm ungeſund iſt, immer wieder ge - nießt; nicht allein, weil es von der unangenehmſten Wirkung und thieriſch iſt; ſondern weil es nicht einmal thieriſch iſt; die Thiere wiſſen, was ihnen heilſam iſt, und vermeiden das Gegentheil. Es heißt die Vernunft ſelbſt auf eine thieriſche Weiſe gebrauchen, dieſes natürliche Gefühl zu übertäuben und nicht zu achten.
Die meiſten Leute wiſſen gar nicht, was das iſt: Schätzen und Verehren. Sie bedienen ſich aber doch ſehr häufig des Ausdrucks — und Einer macht den Andern immer irrer; aber ganz behaglich im Irren. Abſcheulich. —
Es ſchwert beinah auf jedem Menſchen eine Verdammniß; ſie begreifen ſie aber nicht; ſie fühlen ſie beinah nicht. Ich kenne meine, und es thut mir nicht leid. Unheilbar!
Wenn es einem lange ſchlecht geht, mit Einem Worte, in einem gewiſſen Alter, wird man ganz blaſirt über Schlechtes — wie ich neulich zu P. ſagte, — das ſind aber ſchlechte Leute, die es über Gutes werden. —
269Antwort.
„ Ich hab’ Unrecht, denn ich kann nicht beweiſen, daß ich Recht habe. Und das iſt ja ſehr Unrecht. “
Karltge, mein Alter! ich bitte bleib hübſch zu Hauſe! denn ich bin’s wie meines Lebens gewiß, ihr habt ſeit Freitag eine Landparthie, das Wetter iſt umgeſchlagen. Euch, liebe Kinder, hilft’s nichts, und der Welt ſchadet es! Es kann ſo ernſt bis zur Hungersnoth werden! Die Minute, wo ihr in Amſterdam wart, wurde das göttlichſte Wetter! ohne Spaß, Kinder!
Denk dir, Roſe, mir träumt heute Nacht, Louis kommt wieder an! Ich ganz wie außer mir küſſ’ ihn immer, und ſage: „ Gott wie iſt das? iſt die Mutter hier? ſo etwas pflegt ja gar nicht zu geſchehen, wie kommt ihr wieder, ſprich Louis, rede du mit mir, Gott, Gott! ſo etwas Gutes iſt gewiß ein Traum, ſprich du mit mir, faß mich an, damit ich’s weiß “: ſo ängſtige ich mich, bis du auch hinein kommſt; ich ſage dir daſſelbe; du erzählſt mir, ihr ſeid gleich wieder umgekehrt wegen Toby. „ Wollt’ es denn der Vater? “ſag’ ich; — Nein! aber wir thaten’s doch. — „ Faß mich an, es iſt gewiß ein Traum! “ Du beruhigeſt mich aber; und ich glaube zu leben. So quäl’ ich mich viele Stunden. Und ich verſichere dich, der Traum war garſtig und quält mich noch! Denn270 du ſahſt immer ſo aus, als wüßteſt du doch heimlich, es ſei ein Traum, und du wollteſt es mir nur nicht ſagen. Wie ein Geiſt aus einer andern Welt ſahſt du aus, der recht viel verſchweigt und trägt, und du ſahſt doch aus wie du. Und dann bin ich auch betrübt, daß ſo etwas immer nur ein Traum iſt: und daß man es im Traum ſchon nicht mehr glaubt. Das kommt alles von Karltge’s zärtlichem Brief! Es iſt ganz natürlich, Karl, daß du mich liebſt. Ich liebe dich auch; — und frag Roſe, ob das bei ſo bewandten Umſtänden nicht raſend viel iſt — und nur auf dieſe einzige Weiſe kann ein Menſch etwas von dem andern wiſſen; die ſich nicht lieben, exiſtiren nicht für einander. Über’s Jahr beſuch’ ich dich! Wenn ich nicht regieren muß; oder auf dem Miſt liege! Iſt das nicht das beſte Zeichen? die beſte Schmeichelrede? Dein uller Brief hat mich recht gefreut! Weil er mit Trieb geſchrieben war; das kann ich gleich ſehen. Roſe! Scholz iſt im Haag Chargé d’affaires; und außer ſich, dich zu ſehen. Fahre alſo um Gottes willen hin. Und laß ihn gleich holen! ich verſichere dich, er iſt brav. Schicke Karl gleich hin. Zeigt ihm dieſen Brief. Antworten kann ich nicht gleich. Ich bin bos — nicht bös — mit der Welt. Was machen denn deine olle Underbrucks, Luitzi? „ In einem Thal, wo junge Hirreten! “du Eſel! Liebe Erdbeere, red’ ihm meine Worte vor! Scholz ſoll den Jungen küſſen. Kinder ſchreibt mir von Dedem, was er für Hoffnungen, für ein Schickſal hat, und ob er „ bos “mit euch iſt. Sag Scholz, ich dank’ ihm für den Brief, weil er mir Freude macht. Gott, wie kann er nicht wiſſen, daß er in Paris an mich denken muß. Kommt nicht271 alles Franzöſiſche, Großſtädtiſche in ihm von mir her? Lec - türe, auswärtiges Departement, Very’s? Alles. Adieu! Ich lebe wie ein Schuft; ganz allein. Tilly kommt nur, wenn er ganz in Verzweiflung iſt; und will ich ſpaziren gehen, iſt’s des Abends mit Feu. Werd’ ich’s aushalten? Nein! „ Nein, nein, nein! mein ſtolzer Sinn erliegt! “ Bravour-Aria aus der ſchönen Arſene. Ich mißhandle wirklich nun die Jungens! und wen à la tête? Vetter. Ich irre mich nie! nur hör’ ich auf des tiefen Herzens Widerſpruch nicht: und zehn Jahr nachher muß ich ihm doch folgen. Adieu, grüßt Papa und Alle.
Quaſt, der mir klagen kommt, grüßt herzlich, und beklagt ſich, nur ſo in Pauſch und Bogen gegrüßt zu ſein! Die Kin - der ſind wohl; die Grüße werd’ ich beſtellen. Da beſuch ich immer, damit ſie mich nicht beſuchen; allein ſein hat Gold im Munde! Wer kennt die Morgenſtunde, vielleicht die Leute, wo die Zitronen blühen. Ich bin ganz luſtig?! gewiß von vielem Waſchen, ſonſt wüßt’ ich nicht! Der Fiſch im Waſſer? ‒ ‒ alſo doch ein wahr Wort! Das Sprichwort, — bête! Adieu.
Frau von Genlis ſagt vom Eintritt der jungen Leute in die Welt, daß nur Narren das Vergnügen der Geſellſchaften, Schauſpiele und Bälle darin ſähen; aber ſinnige junge Per - ſonen ſollten dieſe merkwürdige Epoche — époque mémorable, — wo ſie aus dem Innern ihrer Familie in die Klaſſe der Bürger — eitoyens — aufgenommen würden, um einen Ring272 in der großen Kette zu bilden, aus einem andern Geſichts - punkte anſehen. Sie ſpricht in dieſem Kinderbuche, welches ſie den kleinen La Bruyere nennt, und worin ſie mit ganz fertigen Sätzen aus der Geſellſchaft würfelt, mit kleinen Per - ſonen von ſieben, acht, bis fünfzehn Jahren. Denen ſpricht ſie von Staat, citoyens, von Verbannungen — worunter ſie Miniſter und Ausgewanderte meint —, vom Zuſtand der Reue und dem Troſte des Alters, von Ämtern und verlorenen Freuden vor; als ob das klügſte Kind nicht noch weniger zu einem von allen Seiten ſchon beleidigten Menſchen zu machen wäre, als ein dümmeres! Kann man ſich wohl verſtehen, wenn man nicht dieſelben Dinge erlebt hat? und gehören dazu nicht innere Fähigkeiten und äußere Ereigniſſe in der Zeit, die ein Fünfzehnjähriger nicht gehabt hat? Mit dem Eintritt in die Welt meint ſie aber auch weiter nichts, als die Einführung in die Geſellſchaftsſäle. —
Sie ſagt auch: „ Tous les sentiments qu’il est impos - sible de conserver toute sa vie, ne viennent point de l’ame.” Es giebt auch Menſchen, die nicht während ihres ganzen Le - bens die Seele ganz behalten: und ſo iſt ihr auch das An - denken und die Ideen der Liebe vergangen. —
„ Schwache und begränzte Menſchen ſind ganz nothwen - dig oft undankbar. “ Es giebt wirklich ſchwache Herzen; wie Köpfe. Undankbar iſt nicht, wenn man nicht dankt: undank - bar iſt, wenn man annimmt, was man nicht leiſten würde. —
„ Il n’y a guère que les secrets cachés par l’amour pro - pre, qui soient exactement gardés.” Wahr! aber auch die, die uns zu viel in Andrer Augen ſchmeicheln würden. —
Seit der Zeit ‒ ‒ ‒ Es gelangt keine Freude zu meinem Herzen; wie ein Geſpenſt ſteht er unten, und drückt es mit Rieſengewalt zu; und nur Schmerzen kommen dahin; dies Geſpenſt, dies verzerrte Bild, ich lieb’ es! Sagen Sie mir, wann wird dieſer Wahnſinn, dieſer gräßliche Schmerz en - den! Wodurch? Sonntag, den 15. September 1805. Eben wie 1804.
— — Sie ſind mir lieb, folglich auch der Brief: aber welche Mühe haben Sie ſich gegeben! Nicht allein, ſo viel, ſo klein geſchrieben zu haben; — aber den Egoismus heraus zu ſtöbern! Wenn Sie ſchon auf’s Allgemeinſte gehen wollen, es giebt noch etwas Allgemeineres, als ihn! Laſſen wir dies! — Können Sie mir gut ſein, liebe Freundin? Ja! Weil ich Ihnen gut ſein kann, keine von uns ſtumpf oder zunichte iſt. Gut! Ich bin eigenthümlich? Bin ich dies mit Bewußtſein und Geiſt, ſo werd’ ich jede Eigenthümlichkeit ehren, und eine ſchöne ſchätzen und pflegen. Das kann uns aber nicht ver - hindern, uns mit Gründen ſo ernſt zu bekriegen, bis eine jede von uns in das Gebiet gedrängt iſt, wo andere Waffen gel - ten. Dies iſt geiſtiger Umgang, ohne den ich — eigentlich nicht umgehen kann! Dies wird ſich bei uns ſchon machen, dafür laſſ’ ich uns beide ſorgen; — wie ich es überall liebe, viel vorauszuſetzen! — Machen Sie ſich keine zu große IdeeI. 18274von mir; ſonſt können Sie mich nicht lieben! Denken Sie, wenn Sie wollen, alles Gute von mir, das Sie zu denken fähig ſind; nur denken Sie ſich nicht nichts — und überlaſſen es meinen etwanigen Fähigkeiten, dies auszufüllen. Ich habe Sterbliche, die ich bis zur Vergötterung liebe; aber es ſind nur mir bekannte, geſteigerte, geordnete, glückliche Eigenſchaf - ten in ihnen, nicht dunkle Unbeſtimmtheiten, die mir dieſen Troſt, dieſe Wonne gewähren. —
Die vier eitelſten Menſchen, die ich gekannt habe, ſind Frau von Gr., Doktor Böhm, Major von Gu., und Graf Tilly. Doch müſſen Frau von Gr. und Doktor Böhm an der Spitze ſtehen, weil die beiden ganz ausdrücklich ſich ſelbſt etwas vorlügen, und offenbar nun bereits ſeit dreißig Jahren Schmeichelviſiten an ſich ſelbſt ablegen. Sie möchten vor Glück und Süßigkeit untergehn! wiederholen ſich ewig; kön - nen ſich ganze[Geſchichten] einbilden; geben ſich Kenntniſſe, die ſie nicht haben, verſagen ſich keine Gabe, kurz, machen ſich ohne Umſtände glücklich; und haben nur — auch keinen ächten, — einen falſchen Ärger, wenn ſie ja einmal bemerken, daß Einer wohl anders über ſie meinte, als ſie ſelbſt; da es ſie aber in ihrer Meinung und in ihrer großen behaglichen Lüge nicht ſehr ſtört, ſo rügen ſie es bloß wie eine Erdrei - ſtung, die geahndet werden müßte, als eine in der Geſellſchaft eingeſchlichene Unordnung, die ſie nur ſcheinbar ergreift: denn auch Geſellſchaft an und für ſich intereſſirt ſie nicht, und nur im oberflächlichſten augenblicklichſten Bezuge auf ſie ſelbſt. 275Sie ſind beide unbedingt die größten Narren, die ich kenne! Mir aber doch bemerkenswürdig; weil die erſtere ſogar eine Anlage, wenn man ſo ſagen dürfte, zur edlen Seele hat; von überekelhafter Süßigkeit gegen ſich ſelbſt aber, in ſchlaffer, nicht derber Gemeinheit aufgelöſt; kurz, eine offenbare När - rin, ſo daß man ſich ihrer ſchämen muß, und nur als ein Geſellſchaftsheld ihre beſſern Eigenſchaften nennen kann, in förmlicher Verhandlung, und von den Dümmſten und Klüg - ſten beſtritten. Doktor Böhm hatte Anlagen zum Verſtand; bei ihm geht aber die Vertheidigung ſeiner Behaglichkeit bis zur gewaltſamſten Härte; womit er die Verkehrtheit verbin - det, ſich auf Ehrlichkeit ſo viel einzubilden, daß der größte Sänger z. B. mit dieſem Maß von Einbildung auf ſein Talent ein unerträglicher Narr wäre. Er ſieht in der ganzen menſchlichen Geſellſchaft nichts — als ſich ſelbſt auf einem Thron von Arzneien, und die übrigen Sterblichen im Staub! Der iſt ordentlich blind. Noch iſt es ſonderbar, daß beide aus einer und derſelben gebildeten Stadt Deutſchlands ſind, dort unter ſehr günſtig ſcheinenden Umſtänden erzogen wur - den, und Gelegenheit hatten, Europa kennen zu lernen. Sie ſind Eines Alters, und haben dieſelben Geſellſchaften geſehn; ſie verachten ſich einander ſehr. —
Dann kommt Major von Gu., der mit Gewalt eitel war, aus dem klarſten Bewußtſein; der den Moment der Negation für ſich nicht ertragen wollte; der es ſich deutlich geſagt hatte; der alle Menſchen, und ſich ſelbſt an der Spitze, zur Huldigung zwang; der überall der merkwürdigſte war. Von dem ich oft gedacht habe, und ſagen muß, er war eines18 *276höheren Grades von Schmerz fähig, als alle mir bekannte Menſchen, mich mit eingerechnet; denn er ertrug ihn ſchlech - terdings nicht. Stellte ihm ſein Geiſt und ſein Körper die Dinge auf die Weiſe, und ſo erhöht, oder forderte ſeine Seele ſchärfer und mächtiger ihr Wohlſein: genug, er erzwang’s in äußern Bedingungen jedesmal. Daher war er gewaltthätig und ſo auch in ſeiner Eitelkeit. Er ſelbſt war nie ſein Narr; die Mitſpielenden mußten es aber ſein: Verführung, Über - redung, Gewalt, Überzeugung, galten ihm nicht gleich, muß - ten ihm aber dienen helfen. So konnte er närriſch ſcheinen, ohne es zu ſein. Weinen, ſich rächen, drohen, ſeicht leben, zwingen, klügeln, ſich anſtrengen, ſchmeicheln — natürlich nicht lange; alles konnte und gebrauchte er, nichts war ihm zu groß, nichts zu klein, um den Moment des Zurücktretens zu vermeiden. Von eigenem Geiſte getrieben, ſtellte er ſich wohl ſelbſt zurück; und beurtheilen konnte er ſich ſehr gut, wenn es wieder auf Urtheil ankam. Niemals hat jemand das Schöne ſeines Gemüths weniger in Umlauf geſetzt, es ſelbſt weniger beſichtelt! Seine Moralität fühlte er immer fertig; er wollte aber mit vieler Gewalt und ununter - brochener Anſtrengung auch ein Aſyl in der Welt für ſein beſſeres Sein; er war durchaus kein Dulder; und ſo ergriffen von dem Gefühl, welches ihm dies verbot, ſo durchdrungen von der Einſicht, daß der Moment auch eine Zukunft iſt, daß er mir oft aus dem tiefſten Geiſte ſagte: „ Ja! das Würm - chen, ſehen Sie’s kriechen, es hat ſeinen Moment, er iſt alles. Es lebt wie ich; es iſt an ſeiner Stelle, niemand kann da ſein! “— und ſo ſprach er von niederſchlagenden Scenen —277 deren Nichtigkeit er ſchärfer als irgend ein Menſch wußte — „ der Moment iſt doch da! in dieſem Moment iſt des Kerls Vortreten etwas; denn ich fühl’s ja; ich habe ja den ſchlech - ten Moment. “ Einen ſolchen Moment zu vernichten, wandte er alles an. Dies war ſeine Eitelkeit. —
Nun kommt Graf Tilly. Der iſt komiſch und ſchlecht, denn er hat Reue, und iſt unſicher über ſich; bei eben ſo an - haltender und heftiger, aber mehr beſchränkter Gewaltthätig - keit, weil er dabei ſo außerordentlich viel, nicht allein auf Andrer Äußerung über ihn und Behandlung ſeiner, wie alle Eitlen, giebt, ſondern ſogar auch ſein beſſeres Urtheil ſehr leicht, und faſt immer, dem ihren nachſtellt: dies bringt nun alle Augenblicke die ausgelaſſenſte, gewaltthätigſte Anmaßung zum Vorſchein, die plötzlich an Kinderzweifeln über alle ge - ſellige Gegenſtände bricht, und ihn von dem empörteſten und empörendſt ausgelaſſenen Zorn in die ungewiſſeſte Beſtürzung und lächerlichſte Ungewißheit ſchleudert; dies in den geringſten Kleinigkeiten, die ſeinem beweglichen treffenden Verſtande, und ſeiner immer fertigen und glücklichen Gabe ſich auszudrücken, bei weitem nicht gewachſen ſind. Ich glaube, die gegen ſeine übrigen Gaben unverhältnißmäßig große Gabe zu ſprechen war davon ein verſteckter Grund. Er war leicht von ſeinen und auch Anderer Behauptungen beſtochen und überwältigt, wenn ſie nur gut und in einem gewiſſen Zuſammenhange ge - ſtellt waren, und handelte ganze Lebenszeiten hindurch nach einem ſolchen Ausſpruche, ohne daß er mit ſeiner Überzeugung und ſeinem Gewiſſen Eins geweſen oder geworden wäre. So ward er tugendhafte und religiöſe Vorſtellungen ſeiner Er -278 ziehung und ſeines Familienlebens nie los: und ſein Leben war halb lächerlich halb ſchrecklich anzuſehn: für ihn gewiß meiſt eine innere Angſt und Marter, von Mitteln der Eitel - keit zur augenblicklichen Ruhe gebracht: ein ſchwankender Zu - ſtand, zu welchem auch Geburt, Schönheit und Geiſtesgaben ihm wirkten, und alte verderbte Erziehung, die ſonſt häufiger mit großen Vorſtellungen und Achtung der Religion und Sitte zuſammenging. Er war ein Exempel ehemaliger ver - kohrter Franzoſenwelt und Erziehung. Er genoß alle ihre Vortheile, und erlag ihren tiefen Fehlern. —
Das Widerſpiel zu den vier Eitlen iſt T., welche mit Wahrheit in einem Briefe an eine Freundin von ſich ſelbſt ſagte: „ Wenn ich in der Nähe von Fürſten wäre und mit ihnen lebte, würde ich für die niedrigſte Schmeichlerin gehal - ten werden! Weil ich jedes Menſchen Perſönlichkeit umgehe, und bei der größten Meinungsunabhängigkeit nur immer aus allgemeingeltenden Gründen widerſpreche, ein ſolcher Wider - ſpruch wird gar nicht bemerkt, ſo ſehr er auch wirkt; Beifall und Lab ſuche ich aber ſo perſönlich zu machen, als möglich. Dieſes Verfahren, welches unbegreiflich unbemerkt bleibt, würde bei hohen Perſonen ſehr auffallen. Meine beſten Freunde, wenn ſie dies leſen, werden mir nicht beipflichten, ſondern meinen, ich lobe mich ungeheuer aus Vorliebe; ich aber bin überzeugt, daß dies Geſagte die ſtrengſte, in jedem Tage zu erprobende Wahrheit iſt, und bin gar nicht beſchämt. “
Sie wohnen auf Ehre und Seligkeit zu weit! Ich mag mich noch ſo ſehr zwingen, es kommt doch heraus. Eh’ ich nun zu Ihnen käme, verginge mehr, als eine Viertelſtunde, kurz, die Zeit verginge auf dem Wege. Von heute iſt aber gar die Rede nicht: denn heute verbietet es das Wetter. Davon haben Sie gar keine Idee! von dieſer ſchädlichen — man fühlt’s — Rauhigkeit. Ich nenne das ein Unwetter, denn es iſt eigentlich keines: ſo war es vor allem Wetter, eine Ungeburt aller Beſtandtheile zu einem Wetter — ich glaube ordentliche Nationen kennen das gar nicht — die ſchon organiſirte Weſen vernichten. Dies wird Ihnen alles wie Hyperbeln zum Scherz gemacht däuchten — Gott bewahre! Es ſind lauter Schmerzen und Unbehagen, die mein Körper ſo deutlich leidet, daß es nur ein Schattenriß iſt von dem, was ich von dieſem grauen Unhold ausſtehe; der mir Leben und Freude nimmt, und mich verhindert auch nur ohne Unge - mach über den Flur zu gehen, geſchweige ein Fenſter aufzu - machen, oder die Straße zu betreten. Glauben Sie nicht, daß mir etwas Beſonderes begegnet iſt. Nein! Ich habe nur manchmal das edle Bedürfniß, unſer Klima in allen ſeinen Gräueln auszuſprechen; und dann dünk’ ich mich beſſer; und bin zufrieden mir bewieſen zu haben, daß ich ein beſſeres ver - ſtünde. Tiefer Ernſt iſt es mir aber, und leiden thue ich auch. — Ich ſchicke Ihnen ein wenig vinaigre des quatre voleurs. Er iſt mild und aufweckend, und hat durchaus nicht das280 Überreizende der andern Mittel aus ſeiner Klaſſe. Sein Sie nicht zu dankbar. Ich kenne Sie. Mich macht eine zu holde Aufnahme meiner Selbſt, und was ich thue, ganz perplex. Antworten Sie nicht! —
Oft leſ’ ich in dieſem Buche; und dann iſt mir, als wär’ ich todt, und ein Anderer lieſt es. — Jahre lang quält man ſich, um ein kleines, kleines Reſultätchen endlich hervorzubrin - gen. Dies iſt die Beute! möcht’ ich ſagen. Die Mühe aber iſt ſie; die Anſtrengung, das ehrliche Beſtreben, nicht zu ruhen, bis wir die kleine Beute finden. Wahrlich ſchwach iſt unſer Geiſt und faul; witklich! Kindheit: mit Licht und Sonnen - ſchein werden wir ermuntert und gelockt. Was wir finden, ſei uns eins. Daß wir finden, iſt der Punkt.
So ekle ich mich auch, das Meiſte, wenn es mir ſchon Einmal entfahren iſt, zu ſagen oder in gutgeſetzten Worten aufzuſchreiben. Mich dünkt, es iſt ſo wenig; und es wird zu nichts, zu kalt, wenn man’s erſt ſchreibt, und gar denkt, ich will es ſchreiben. Darum kann ich auch gar nicht ſchreiben, obgleich ich ſolche Liebhaberei an ſchöner Sprache und gutem Ausdruck habe. Oft möcht’ ich lieber ändern, was Andere ge - ſagt haben: da dünkt mich wenigſtens nicht dabei, ich ver - derbe meine redliche Gedanken.
Auch kommt’s mir vor, hätt’ ich eine Stimmung ausge - drückt, in Proſa, oder Verſen, ich könnte ſie nun nie wieder281 haben, nie mehr mit Ehren von ihr ſprechen: ich hätte ihr in das zarte Geſicht geſchlagen. Und es iſt nicht Faulheit und Unwiſſenheit allein, die mich ſo unfähig erhalten.
Dichter aber führen große Gebäude auf; die formen die Welt, die ſie finden, ab; und ſie laufen ganz heimlich mit durch. Ein Nachkomme ſoll ſie mal errathen, beweinen, zu ihnen ſich wenden. Kaum ein Zeitgenoſſe!
Menſchen ohne Kontenance ſind eiferſüchtig, — nicht bloß, daß ſie die Eiferſucht zeigen, weil ihnen die Kunſt, ſie zu verbergen, fehlt. — Man iſt nicht eiferſüchtig, wo man liebt: aber allda, wo man geliebt ſein will, oder geglaubt hat es zu ſein. — Auch ein Reſultat von heute, welches mich viel koſtet ... nicht Eiferſucht — aber lange Zeit: und viel Den - ken. Denn das begriff ich gar nicht.
Sinken Sie nicht! Ich fürchte es immer, und wenn ich auch nur Einen Tag nicht komme. Mich hält die alte Feſtung wieder ab! das iſt nicht zum Durchſetzen.
Geſtern blieb ich ganz allein: und ſchrieb den ganzen Abend; was Sie wiſſen, und Geſchäfte; und dann las ich die Zeitung, hatte Kopfweh, und ging zu Bette. Wenn Men - ſchen zu mir kommen, ſo merk’ ich, daß, ſo traurig ich eigent - lich ſein kann, und ſo wenig Erfreuliches ich mir eigentlich zu rekapituliren und zu erwarten habe, ich doch recht gerne282 allein bin. Ich dachte viel an Sie, und war ſo aufgebracht über Ihres, als über Meines; und aufgebrachter über Ihres. Ich erkläre Ihnen das. Waren Sie allein?
Heute — ſchrieb ich wahrhaftig wieder den Morgen: und auch an Moritz, den ich grüßte und Ihrer Beſſerung ver - ſicherte. Ich habe auch geſtern einen Brief von ihm gehabt, worin er mir die Hoffnung giebt, daß wir uns dieſen Winter noch ſehn werden. Aber nur die Hoffnung — und die kenn’ ich ſchon!
Antworten Sie mir nicht! ich fühle es jetzt, Federkritzeln iſt tödtlich. Ich dachte, als ich das Papier zurechtlegte, ich würde Ihnen einen recht tröſtlichen Zettel ſchreiben; er iſt nicht ſo geworden. Heute thäte mir nur gêne gut: in Ermange - lung des Rechten! Tra la la la! das Rechte —!
„ Vorüber, ihr Schafe, vorüber! “— — —
Nun ja! — Aber auch der Winter vorüber! und wir Muth, das Geringe gering zu achten! „ Nichts iſt erbärmli - cher, als ein Menſch zwiſchen zwei Meinungen “ſagt auch der Dichter mit ſehr ſchönen Worten im Clavigo, deren ich mich jetzt nicht erinnre.
So wollen wir nicht ſein; den Tod ſelbſt will ich mir, hab’ ich mir durch Muth abgewehrt: Sie müſſen mit her - über! Morgen ſeh’ ich Sie! Grüßen Sie ſehr Mad. J., und bewillkommen Sie das Glückskind! Und fragen Sie den Grafen aus!
Glauben Sie, Liebe, daß ich den Brief, den ich letzthin bei Ihnen ſiegelte, abgeſchickt habe? Gott bewahre! keinen Muth! — Sie kennen mich nur ſtark: wüßten Sie auch, wie zäh’ ich bin, wahrhaftig! ſchwach dünkt mich noch zu edel. —
Ich begreife es nicht! ich bin mit meinem Geiſte nicht ſtill geſtanden; aber mit meinem Herzklopfen ſeit achtzehn Monaten. Ich bereue es nicht. Ob ich dieſes oder anderes hätte — die „ Witterung des Glücks “bleibt aus! da gebär - det man ſich, wie man kann; das heißt, man weint und weint nicht. Alles in der Welt, nur nicht „ ſich tröſten “; mich dünkt, Schmerzen ſind die Rückſeite des höchſten Glük - kes, und mit mächtigem Herzen mag ich es feſthalten, und wenn es auch mir nur verkehrt begegnen konnte. Sinken Sie nicht!! Daß ich Sie morgen harmoniſch in Ihren Zügen finde! ausgeſchlafen! muthig zum Sommer! und Nichtigkeiten gar nicht achtend finde. Wie jung ſind Sie! Wie groß die Welt! — — Sie, Sie können ſich ja noch immer etwas Schöneres denken, als das, was Ihnen begegnete: vielleicht begegnet Ihnen noch etwas Schöneres, als Sie ſich denken können! — Denken Sie ſich!!! —
Das Kind Pauline iſt bei mir ſeit fünf Uhr. Wie eine Klapperroſe ſieht ſie aus; lärmt und ſpielt mit Sand. Meine284 einzige Erfriſchung! Ein Kinder-Umgang hat auch den Vor - zug, beinahe nichts Menſchliches an ſich zu haben; wie ein Stück Garten erfreut’s — und beſſer — und läßt einen ruhig.
Hier iſt das Büchelchen. (Die Weihnachtsfeier.) Wenn Sie auf den Abend kommen — Kouriere abgerechnet — ſo können Sie’s ſchon ausgeleſen haben. Ich weiß mir etwas damit, es Ihnen zu ſchicken: erſtlich, weil ein eigentlichſtes Vergnügen (von Liebe an Litteratur, an Freundſchaft, Neuem und Bewunderung zuſammengeſetzt) ich Ihnen zuerſt machen kann: da dies Ihre Pflicht gegen mich ſein ſollte; und zwei - tens, weil ich glaube, Sie werden nun gerührt ſich bei Jo - hannes etwas Mühe geben, mir Adams Vorleſung zu ſchaffen!
Wenn Sie mir nicht abſagen laſſen, erwarte ich Sie: Sie geniren ſich aber nicht. Damit wir alle drei Vergnügen haben.
R. L.
Karakter iſt das aus den Verhältniſſen aller Eigenſchaf - ten eines Menſchen oder Werkes u. ſ. w. und durch ihre ein - mal geſetzte und gegebene Zuſammenſtellung nothwendige Re - ſultat; in der Handlungsweiſe, Erſcheinung u. ſ. w. Mich dünkt, nichts anders iſt Karakter, im weiteſten. allgemeinſten Urſinne des Worts. Man kann gewiß dieſe Erklärung noch bündiger faſſen, das fühle ich ſogar ſelbſt; aber auf einen285 andern Grundfuß wohl nicht ſtellen. Definitionen, meine Freude!
Mich darf meine Freundin beleidigen — behandeln wie ſie will. Darf man nicht mit ſich umgehen wie man will? Aber in andern Dingen bin ich ſo ſtreng mit ihr, als ich nur mit mir ſelbſt bin.
J. Wie inkonſequent ſind Sie! Erinnern Sie ſich gar nicht mehr, wie Sie ſonſt ſprachen?
R. Sie meinen, daß ich alles vergab! Jetzt will ich plötzlich einen Preis auf mein Ich ſetzen. Zeigen Sie meine Briefe, worin ich anders ſprach; und ſagen Sie: So hat ſie ſich verändert! —
Wer mir glaubt, dem nur kann ich die Wahrheit ſagen.
Wenn ich nicht ſo geſund bin, und ſolches Wetter iſt, daß ich des Morgens kommen kann, ſo bleib ich dreiſt weg. Was hilft ſolches Viſiten-Geſitze. Ich mache das zur Hand - lung, Viſiten-geſitzen. Iſt wohl dabei an Sprechen, Denken, Mittheilen, Blicken beinah, zu denken? Sahen Sie den grän - zenloſen Ennui des Einen? die Ungewißheit und Mattigkeit des Mahlers? der mir ſonſt unwiderſprechlich die Cour macht — nicht die man einer Frau, ſondern die man einer Fürſtin286 oder Künſtlerin macht. Auch muß jeder Blick von mir, jede Inflexion des ganzen Körpers und der Stimme ein voller und genauer Ausdruck deſſen geweſen ſein, was in mir vor - ging. Denn mit dem Alter, mit jedem halben Tag, werd’ ich der Verſtellung unfähiger. Und o! wie richtig das. Mein ewiges Denken macht mir alles ſchneller klar als ſonſt, und in mir graben hat mich empfindlicher gemacht, als die frei - gebige Natur ſelbſt es beabſichtigte. Hoffnungsloſigkeit macht mich auch rückſichtsloſer; Unrecht dulden auflehnender; Man - gel an Laune launiger, wenn ich einen Reſt davon verſpüre; und endlich die Schlechtigkeit — die eines ſchlechten Apfels der noch nicht reifen wollte, mit verfaulten Kernen, anſtatt geſundem Innern — ſtrafluſtig. So, und noch tauſendfach anders, fühlte ich mich; und ſo ſchien ich dem Mahler in’s Geſicht wie die Sonne, die wohl den Blödeſten blendet, ohne daß er ein Wort von ihr je zu expliciren vermag! Gott, wenn Sie doch einmal ausgingen! zu mir, und wir zuſammen aus. Machen Sie ſich einmal auf! Sie können ſich ſonſt ganz einliegen. Glauben Sie denn, daß ich nicht ganz herunter bin? Würde ich ſonſt ein Wort der Klage bei Ihnen vor - laſſen? Ich glaube nun endlich, bei Gott! ich ertrag es nicht länger! Lebhafter wird mir alle Tage, was geſchehen iſt. Und andre Menſchen ſagen, man tröſtet ſich! Ich bin ſo empfindlich bis zur Empörung! Und auf dieſe Weiſe är - gerte mich auch geſtern E.! Nicht daß ſeine Verdutztheit nicht jedem erſchienen wäre wie ich’s Ihnen mündlich — weil es ſchriftlich die Dinte nicht werth iſt! — erzählen werde; aber ſonſt, — Gott, ſonſt! — achtete ich auf ſo etwas gar nicht,287 ſo offen ſchien mir noch die Welt! Jetzt weiß ich, es wer - den nur Dienstage und Mittwoche; und in denen will ich alles richten und ſchlichten! Und jedes beleidigt mich; nicht weil es von dieſem oder jenem kommt, ſondern weil ich zu viel beleidigt bin. „ Le coeur foulé.” Wahrhaftig ich hätte anders gemacht ſein ſollen zu dem, was ich vorſtelle. — Die - ſen halt’ ich für einen Troſtbrief; herbe Klagen verſcheuchen unſre eignen, ins tiefe Herz: und hülfreich werden wir dem Andern, und können wir auch nicht helfen, ſo iſt es Diverſion und macht verſtutzt!
Heute Abend bleib’ ich zu Hauſe; ich will den Huſten nicht böſe machen, ſoll ich mich davon auch noch plagen laſ - ſen, und mir Wochen rauben! Sie ſollen aber ungefähr wiſ - ſen, was ich mache. Der Graf Tilly hat mir geſchrieben, er wolle zu mir kommen; er ſpricht ungeheuer gut. Das zeig’ ich Ihnen einmal durch ſeine Briefe. Er inkommodirt mich nicht, ſagt mir alles, ich bin ihm ein Sprechſaal, er mir eine Art von Lebenaufführer; das hat etwas von Freundſchaft, ohne daß auch der geringſte Akkord vorzukommen braucht, und es iſt tauſendmal beſſer, als vieles Verfehlte. Dabei hat er die größte Lebensart, und bei dem unerzogenen Krob, wel - ches man hier überall ſieht, iſt das ein wahrer Wieſenflor, ein Sopha, eine Gondel für die Seele. Ich finde, die ſelbſt ſo derb und ungeübt-hart ſcheint, daß unſre Geſellſchaften ſo grob als unſre Stücke ſind. Mir ein wahres ununterbro - chenes Leiden. Ich will Ihnen das kleine Billet abſchreiben, welches mir Tilly heute ſchickte. „ Que je sache, chère petite, si vous passez la soirée chez vous? Il me semble qu’il y a288 dix ans que nous nous sommes vûs pour la dernière fois, d’un autre côté je crois que c’est hier, ce que je souhaite c’est que se soit aujourd’hui.” Sehen Sie die Ungeduld, die Wenigkeit, die Natürlichkeit, das gute Schreiben! Der richtige Ausdruck in den wenigen Zeilen des ganzen Verhältniſſes, die Sorgloſigkeit! Ich beſinne mich nicht mehr genau auf die Worte meines Billets; es war aber eben ſo klein! — Wie finden Sie mich mit Abſchreiben und Erzählen? Und mein Händchen? Adieu! Sein Sie gutes Muthes! Bin ich morgen — ach Gott nein! morgen Vormittag geh’ ich zu Fichte. Aber ich werde doch zu kommen ſuchen. Sinken Sie nicht! das fehlte mir noch! —
Liebe beſte Freundin, es iſt auf Ehre ein Leid! daß ich nicht kommen kann. Aber das Wetter iſt Mord, und mein Katarrh auf der größten Höhe. Ich habe die Ausſicht, allein zu bleiben, und bin weniger als je geſchickt dazu. Jetzt die - ſen Augenblick geht Egl. aus meinem Zimmer, es mag beinah halb 6 ſein. Als ich mich mehr aus Verdruß, und weil es die Stunde iſt, zum Schlaf niedergelegt hatte, und „ ſich die Knoten der ſtrengen Gedanken zu löſen anfingen “klopft et - was an mein zweites Zimmer, ich, überzeugt, daß zu dieſer Stunde niemand, aber auch niemand zu mir kommen kann, denke, es iſt neben an, und bleibe liegen; man klinkt die Thüre auf, und Egl. ſteht da. Aus dem Schlaf macht’ ichmir289mir nichts, alſo war es mir recht lieb. Er ſprach aber ſehr untereinander: und — wie richtig hab’ ich geſehn — die ganze Paſtete — dies infame Wort iſt hier das beſte — kam zum Vorſchein, wie ich es den erſten Tag explizirte, was er unter Genie verſtanden hatte. Eine Art monſtruöſes Geſchöpf, wie es eigentlich keins giebt. Abtheilungen, die trivialen, von Verſtand und Güte — — kurz, ich erlaß Ihnen die Details, nur wiſſen Sie, er meinte ich mache mir nichts aus Güte, — nur aus — Unding! — Verſtand. Es wird Sie mit anſchei - nendem Recht wundern, daß ich mir — deren Herz es wie eine friſche Quelle immer weit wegſtößt — plötzlich aus frem - dem Urtheil etwas mache! Ich will es Ihnen erklären. Wäre es ein Eindruck, den ich gemacht hätte, ich nähme es hin! So iſt es aber ein kleines Syſtem von Vormeinungen, die ſich Egl. über mich gemacht hat, ehe er je einen Ton von mir vernahm, und nun, daß ich ihm offen, wie einem jeden, die dreimal, die ich ihn etwa ſah, entgegen kam, und freund - licher als Vielen; vernimmt er mich ſelbſt nicht: und weiß daher weniger von mir, als vorher, weil er noch dazu den - ken kann: „ ich kenne ſie ja! “ Und die längſt verrauchte Dummheit fremder Ignoranten ſchadet, oder hindert mich in einem neuen, mir angenehmen Umgang. O! geſegnet, tau - ſendmal geſegnet, liebe Sinne! Mit euch vernimmt man ſelbſt! Gott! ſoll ich denn ewig Schutt räumen, den Andere mir laſſen? Was iſt es garſtig, ſich immer erſt legitimiren zu müſſen! darum iſt es ja nur ſo widerwärtig, eine Jü - din zu ſein!!
Überhaupt bin ich jetzt, wiſſen Sie, empfindlich! und esI. 19290kränkt mich doppelt, daß Mißverſtändniſſe über mich eine Folge einer ausgezeichneten Offenheit und eines edlen Trotzes ſind; den ich nie aufgebe, und hielten mich alle Erdbewoh - ner für einen Schinderknecht. Mich gut zeigen kommt mir vor, wie mich glücklich ſtellen, oder Agonie läugnen!
Gott Gott! Könnte ich dieſen Abend Sie in mein Zim - mer haben? Erſtlich wären Sie geſund; und ich bliebe mit Ruhe zu Hauſe und wir wären beieinander. Bald hätt’ ich es vergeſſen: Egl. hat mir aufgetragen Sie zu grüßen, er lobte Sie ſehr. Sie ſind liebenswürdig, er achtet Sie, und ich ſoll Sie umarmen. Das thu’ ich mit dem höchſten Wohl - wollen! Dies Wort bedeutet diesmal mehr, als Sie meinen: es iſt Liebe mit Zufriedenheit gepaart! Ich bin ganz froh mit dem wie Sie ſind: das wo wünſch’ ich Ihnen heilſamer! Bedenken Sie Ihre Jugend; und den Reichthum der Welt! Der Winter, die Nacht, die trüben Gedanken, die Schmerzen, alles wird vom Leben verzehrt! Schlechtes Geräthe von der Götterflamme. Morgen ſehen Sie mich, und machten Mar - beths Hexen das Wetter!
Lieber Ludwig! Geſtern erhielt ich deinen Brief über die Hochzeit. Ich finde dieſen Brief außerordentlich ſchön. Diable! du ſchreibſt urplötzlich ſchöne Briefe! Auch mir geht’s „ wie’n Mühlrad rum “wenn ich die Welt, ihren Zuſtand, und der Leute wollendes nicht Wollen mit anſehe! — und ich empfand291 dies ſtark beim bloßen Leſen deines Briefes; — das Tragiſche, Hochtraurige dabei iſt; daß ein Einzelner — ſo lange er dies bleibt — particulier — an dieſem Schwindeltanz Theil neh - men muß: er iſt mittendrin, nicht drüber, er athmet die Luft, ſie drehen ihn: und das Höchſte, wozu er kommt, iſt, ſich zu ſagen: ich athme infame Luft, und ſie drehen mich! Darum mein hoher Drang, meine anbetende Liebe für die ſparſam der Erde Abgelaſſene, für die Wenige, die durch eine reine bornirte Anſicht ſo viel Kraft in ſich erhalten: durch einen ungeſtörten Willen, und Wollen, der Welt ihre Ge - ſchichte auf Jahrhunderte vorzuſchreiben. Dieſer Wille mag Irrthum ſein; vom Geiſt erleuchtet oder nicht! — dies bringt mich auf Luther; und Luther, und alles, was geſchieht, was ich lebe und athme, auf dies. Vorgeſtern ſah ich das Stück. Den Anfang verſäumte ich. Ich bin über dieſes Stück kei - nes Menſchen Meinung. Die ganze Welt hat es vor mir geſehen, und wieder durchaus nicht gefaßt. Zeitungen leſe ich nicht. Bogenvoll ſah ich aber gedruckt darüber liegen. Die werd’ ich dir ſchicken: denn die Berliner Zeitung iſt voll davon. Julius von Voß ſoll uns ein Leſſing ſein! Mich zwingt kei - ner durch drucken laſſen zum Umgang mit ihm. Warum du die Bogen leſen willſt, iſt mir unbegreiflich. Elegante[Zeitun - gen], weißt du, leſe ich auch nicht! Habe ich die Mode geſehen ſo iſt das alles. Doch werd’ ich ſie dir zu ſchicken ſuchen. Gott, wie kannſt du das leſen wollen! Sobald es gedruckt iſt, ſchicke ich es dir; und ſollte es mir der Poſt ſein! Heute iſt mir das Herz zugeſchnappt: und dann habe ich zu nichts Ver - ſtand. Ich erlebte dieſer Tage Kränkungen; und will durch -19 *292aus weg! Ich ſuche mir mit der größten Anſtrengung Geſell - ſchaft nach Böhmen. Goethe kommt ganz gewiß nach Karls - bad, einen Sonnenblick muß meine Seele jetzt haben, ich werde ſonſt wahnſinnig. Kann ich nach Böhmen nicht, ſo reiſ’ ich mit der vorhandenen Gelegenheit nach Amſterdam und von dort nach Paris. Auf eine oder die andere Art. Schreib mir alſo gleich, wie lange du noch bleibſt!!
In dieſer Stimmung, ſiehſt du, kann ich keine Rezenſion über Luther ſchreiben. Ich habe und hatte aber eine göttliche im Kopf. So viel voraus! So viel Glück hat ein Deutſcher noch nie gehabt, einen Punkt zu finden, woraus ſich das erſte, einzige und das beſte deutſche Nationalſtück machen ließ. Dieſer Punkt iſt Luther. Er, Deutſchland, Deutſchlands Exiſtenz, ſeine Litteratur, ſein fragender Sinn, und ſeine wirk - liche Geſchichte, die aus des Landes Karakter hervorgeht, und durch Luthers ſtarken Ruf und Auftreten begann, und da ſich erſt von allen andern Völkern trennte: iſt Eins! Begreife, welch ein Stück ſich davon machen laſſen kann! Niemand konnte dieſen Vorwurf verderben: — ich hätte müſſen ein gutes Stück draus machen, — Werner hat viel verfehlt; viel geleiſtet; nichts verdorben. Er zeigt Geiſt: aber nur einen. Auch haben ihm die Neuern ſein wirkliches Talent behaucht. Ich hoffe der reine Spiegel läßt ſich noch abwiſchen. Ich hoffe ihm das ſelbſt zu ſagen. Nun nichts mehr: über Chriſtenheit und Religion weiß ich noch manches; und in wie fern ſie auftreten kann. In jedem Fall iſt es ein ganz anderes Stück - chen, als die gute und auch beliebte Jungfer Orleans! Dies Sujet meinte Schiller; und das Mädchen griff er. So denk293 ich. Dein Vorſchlag, mir und der Guten, ſo zu ſagen, zu - gleich zu ſchreiben, widerſteht mir. Fühl doch, daß du un - möglich mit der Geiſtesvigueur, und Freiheit, und Scherz, in allem Ernſt und Kürze über jede Sache an ſie ſchreiben kannſt, als an mich! und daß unwillkürlich dadurch der Brief ſchon anders wird: obgleich deinem geſtrigen nichts anzumerken iſt. Glaubſt du denn nicht, daß ich auch deine Briefe aufbewah - ren würde? und über Staaten, Völker, und Litteratur, ſogar Racen, das iſt ja alles für mich. Doch wie du willſt.
— Liebe Freundin! Laſſen Sie große Herzen für ſich mitgelitten haben; entzünden ſolche Geiſter das Licht des Ihrigen früher! Haben Sie nur den Willen ſich zu heilen — es iſt wie eine Wunde: auch ſie entzündet fieberhaft jedes Lebensprinzip, — verbannen Sie, wenn es nur möglich iſt, das Willkürliche, wahrhaft Leidenſchaftliche! Hören Sie auf Goethe — mit Thränen ſchreibe ich den Namen dieſes Vermittlers in Erinnerung großer Drangſale, — der es im Meiſter deutlich ſagt, daß die Jugend zu viel Kräfte zu haben glaubt, und ſie aus Willkür dem verlorenen Gute wie nachwirft. Er ſagt es anders. Leſen Sie es nach, liebe Tochter, wie man die Bibel im Unglück lieſt: wo Meiſter Marianen verliert, im erſten Bande ſteht es; er wird krank, und Goethe ſchließt ein Kapitel damit; es iſt eine Götter - ſtelle, ein Wolkenſpruch über dieſen Drang der Jugend. 294Sträuben Sie, in der Ehrlichkeit Ihres Herzens, ſich nicht gegen Farbe und Geſtalt; wenden Sie keinen Reiz von ſich! Doppelte Natur trägt der Menſch in ſich; wo ihn das Schick - ſal krönt, darf er ſie beide gebrauchen; der Augenblick, mit ſeinen ſichtbaren wandelnden Schätzen, iſt ein freudiger Spie - gel für ihn; und er darf auch dann wagen, ſein Herz einer Ewigkeit zu überlaſſen: beachtet aber das Schickſal uns nicht, ſo dürfen wir unſer Weſen trennen! Thun Sie’s jetzt. Laſ - ſen Sie Geiſt und Sinne ſpielen: halten Sie ſich nicht mit Gewalt an einen ſchon entflohenen Gegenſtand, der das Ge - bilde Ihres eigenen Verlangens war! — Des Menſchen Geiſt iſt unendlich, ſein Herz unzerſtörbar. Da Sie weiter leben müſſen, leben Sie wirklich! Daß Welt und Luft und Leben und Geſtalt auf Sie eindringe! Nur gefalle Ihnen nichts im Schmerze; er vergeht doch; und dann iſt Jugend, Schönheit und Geſundheit weg, und man hat ehrlicher und unehrlicher Weiſe ſich ſelbſt etwas aufgeführt. — Sie aber, Liebe, müſſen wahrhaftig gegen die Empfindlichkeit ar - beiten; verdrießlich müſſen doch Ihre Freunde ſein dürfen! es nicht verbergen dürfen, iſt großer Troſt — wo nicht der ein - zige! Wie wollen Sie Ihren Freunden denn ernſt ſchützend beitreten? — Im Ganzen beſſern Sie ſich! An der Seele zimmert jeder ordentliche Menſch ſo lange er lebt. Faſſen Sie ſich in dieſer Arbeit, und zerſtören Sie nicht mit jugend - licher Überkraft alles von neuem. —
— Sein Sie nicht ſo ängſtlich! Selbſt phyſiſchen Schmerz halte ich für Verwirrung, in die wir nicht einzudringen ver - mögen: und es iſt nicht gleich, ob uns dieſe das Leid macht, oder etwas andres, weil unſer ewig bewegter Geiſt, unſere Arbeit, unſer Schmerz ſelbſt, ſie unfehlbar auflöſen müſſen. Alles kann ſich nicht allein ändern, alles ändert ſich ganz gewiß; von heut zu morgen, ganz unvermuthet. Die größte Veränderung kommt auch von innen heraus: in uns geht ſie vor, und wie plötzlich; wie eine Blume ſich erſchließt, immer in einem Moment; ſieht die Welt auch den Prozeß vorher, jene ſelbſt erathmet Licht nur mit einemmale. Kleinere Vor - fälle aber ſind beinahe immer eins, wie ſie kommen; und auch ſelbſt muß man ſie ſich nach geſchehener That zurechte legen, und mit Kunſt und Gewalt Honig aus ihnen ziehen. Wer vermag die zu berechnen! Ich ſpreche heute aus voller Seele! denn auch mir iſt viel Mißwachs vorgekommen, und nicht ganz von der geringſten Art. Aber den ganzen gehäſſigen Eindruck, den er mir macht, nehm’ ich dazu hin, um mir zu ſagen und zu zeigen, wie ich mir nichts mehr weiß machen laſſe, wie jedes Ding nur droht, und weder freut noch ſchadet, und jedes Ereigniß erſt durch die, welche es gebiert, fertig wird, und man die künftigen Geſchlechter beider Welten nicht kennt; nicht weiß, neben wem im Gedränge man Tod oder Leben findet! Klarheit im Geiſte, reiner und wo möglich ſtar -296 ker Wille, iſt unſere Äufgabe und unſer einziges Glück; zu dem übrigen können wir lachen, beten, weinen. — —
Alles was in den franzöſiſchen Romanen vorkommt, geht noch gar nicht über den Kreis hinaus, in welchem „ die Män - ner noch roh ſind, und folglich die Weiber noch affektirt ſein müſſen. “ Oder beide ſind monſtruös verderbt — das berühmte Buch von Laclos — d. h. in Albernheit ſich verlierend; wie Gurli in Naivetät; und Thekla, auf Maximen ſchreitend, zum Nichts hin trabt, wankt, und ſtolpert! Dieſe beiden letzten ſind durchaus Pendants; und ſchlechtere Mahler, die aber nach dem Leben mahlten, haben beſſere gemacht.
Es war mir recht angenehm, ſo ſchnell zu erfahren, daß mein großer Brief euch richtig und unverſehrt überkommen iſt. — Die erwähnte Sache verſtehe ich wirklich gar nicht, außer ſehr im Großen, wie ein gut organiſirter Kopf alles verſtehen muß. Im Detail hangen dieſe Menſchen, wie jede Volks - klaſſe in jedem Lande, zu ſehr von der jedesmaligen Verfaſ - ſung deſſelben, worin ſie ſich befinden, ab: um daß ich ihre zeitliche und örtliche Zuſtände ſollte beurtheilen können. Es iſt mir aber in der Seele lieb, wenn etwas Gutes für die holländiſchen Juden bewirkt wird; ihre Zahl iſt groß; und297 die Fähigkeit, und das Recht, ſich zu propagiren, haben ſie auch; und ſchon das Gute, welches man einem Menſchen angedeihen läßt, iſt unberechenbar. Nur wünſche ich, man möge ihnen wahrhaft nützen können: bis jetzt gelang dies noch mit dieſer zerriſſenen, verwahrloſten, und noch mehr als alles dies verdient verachteten Nation nicht!
Glaube nicht, Roſe, daß mich irgend eine Trägheit oder Rückſicht abhalten kann, an D. zu ſchreiben, als die tiefſte und gründlichſte Überzeugung, daß er ſich gar nichts aus mir macht: und ich höchſtens ihm en personne, ihm gegenüber ſtehend, ein Achthaben auf mich abdrängen könnte. Du irrſt, alte Roſe! und verwechſelſt mein tiefes Eindringen in die Gemüther der Menſchen, und mein ſchnelles Auffaſſen ihrer Eigenheiten, mit dem Eindruck, welchen ich auf die Men - ſchen mache. Ich verſichere dich, ich bin belehrt worden, daß er über negativ weg ſteht; und ordentlich nicht gut zu nennen iſt. Auch ich war lange unſchuldig darin; und glaubte, harmlos wie ich bin, und bis zur Feigheit nachgiebig, wären ſie mir gut; indeß ſie mich nur gebrauchten: der Menſch will gereizt ſein; ſo bin ich ſelbſt; aber gar nicht reizend. Bewunderns würdiges und Rührendes giebt es wenig; und noch Wenigere, die gerührt werden können, oder zu verehren verſtünden. — Laß den Zorn gegen Ludwig ſinken; und bedenke, daß alle Levin’s ſehr nachläſſig ſind; — ich begreife, daß nach einem freundlich innigen Zuſammenſein ſolches Schweigen empört; und auch ich war ſchon oft gegen jeden zornig — bin wie Polonius im Hamlet, der immer klug predigt, und dumm handelt. — Ich wollte aber gern, ihr ge -298 brauchtet Ludwig etwas mit Gewalt; trotz ſeiner Läſſigkeit und eurer Aufgebrachtheit. Jetzt kommt es auf nützen an!
Mama und Alle ſind ſehr wohl. Ich ſchrieb nur heute, damit auch ihr eine ſchnelle Antwort erhaltet: da ich doch ſehe, daß es geht. Markus iſt in Breslau. Adieu. Schreibt mir nur bald wieder!
R. L.
Es giebt ein Farbenſpiel — ich will es ſo nennen, — in unſerer Bruſt, das ſo zart iſt, daß, ſobald wir es ausſprechen wollen, es zur Lüge wird; ich ſehe die Worte, wenn ſie ſich aus meinem Herzen gearbeitet haben, wie in der Luft vor mir ſchweben; und ſie bilden eine Lüge; ich ſuche andere, die Zeit geht vorüber; und auch wären ſie nicht beſſer geworden! Dieſe Scheu hält mich ab, zu ſprechen. — Eine Empfindung iſt ſchön; ſo lange ſie nicht zur Geſchichte wird: mit dem Leben ſelbſt iſt es ſo! Zu leben, die volle Empfindung der Exiſtenz: iſt ſchön; und im Abhaspeln wie wochenartig, und daher ſchmerzhaft — die hohe freie Seele ſoll Bedingungen ertragen. —
— So „ heiter “bin ich auch zuvor geweſen. Und iſt ein wenig weniger Gleichgewicht jetzt in meinem Vergnügt - ſein, ſo kommt es daher, daß ich mich ſtark bei Schwäche fühle; und mich gefaßt auf alles finde. Ich war indignirt, Sinn und Verſtand noch verpfändet zu wiſſen, ohne Reiz;299 und ohne wirkliche Erſcheinung, aus Krankhaftigkeit, Mangel, Stierheit. Kurz, ich freue mich etwas, daß auch nur ein bischen Vegetation auf einem Orte zu ſehen iſt, den ich ſeit fünf (und mehreren Jahren eigentlich —) als den Schauplatz von Verwüſtungen kenne; von dem ich leben ſoll, mein Herz. Aber dieſer kleine Bosheits-Troſt, läßt und giebt er mir nicht auch den Rückblick auf ewige und erneute Trauer? Davon wollt’ ich ſchweigen.
Mit dem Schickſal bin ich nicht „ ausgeſöhnter: “ich denke ſchon länger, es giebt keins. Es giebt ein Univer - ſum, in dem entwicklen wir uns; und es iſt ganz gleich, wel - ches Schickſal wir haben, wenn wir zu Sinne gekommen ſind; die Entwickelung iſt unſer Schickſal. Kein Zahnweh! und der Reſt ſind wir alles ſelbſt. —
Es iſt ſchon ſtockfinſtre Nacht, mit Licht und allem, und noch nicht gar lange, daß mir Ihr Brief überreicht wurde. Da es zum Kommen zu ſpät iſt, ſo will ich Ihnen doch durch einige Zeilen, und wo möglich Punkt für Punkt, antworten. Ja, ich bitte Sie, liebe Freundin, denken Sie „ an die weni - gen Wochen, da ich zufrieden mit Ihnen war. “ Nicht deß - halb, weil ich zufrieden mit Ihnen war, ſondern, weil Sie vergnügt waren, mich in die Seele hinein freuten; weil jene Zeit Ihnen Bürge iſt, daß Sie, daß man vergnügt ſein kann, wenn man nicht körperliche Leiden hat; das andere Trauer300 durch Unterſuchung, Überlegung, Zerſtreuung — welches alles in der Zeit geſchieht, darum nennen’s die Menſchen „ mit der Zeit “— vergehen muß. Hätte ich nur das letztemal mit Ihnen ausſprechen können! aber ich glaube, obgleich ich noch zwei ſehr gute Dinge zu ſagen hatte, daß es ſo gut wie ge - ſchehen iſt. Sie haben es geendigt! „ Kein Zug, der dem Urbilde gleich käme, “ſagen Sie ja, den Göttern gelobt, ſelbſt! Sein Sie getroſt, arme Leidenerwählte! Solche Gedanken hat man nie umſonſt! Ja, ja, es ſind die herbſten Leiden! einen ſolchen ſelbſtgeſchaffenen Gegenſtand zu lieben, der einem nur das bischen Eindruck verleiht, und einen ſolchen Gegen - ſtand nicht mehr zu lieben! Alles gleich. Alles Schmerz, Verneinung. Dieſe iſt der reinſte Schmerz. Aber nun alle andern ſcheuslichen Gemüthsbewegungen, welche daraus ent - ſpringen! O welcher innerliche Jammer, welche Noth! wel - cher wahre Krieg mit allen ſeinen Folgen und Gefolge, in der tiefſten Ähnlichkeit. Wer kennt dies beſſer als ich. Aber unendliche Kraft ſoll man dagegen anwenden; ich bin zernichtet, und ich rathe noch zur Vernichtung; alles iſt beſſer als ein Spott ſeiner ſelbſt ſein, und ein ſelbſtgeſchaffenes Werk anzuſchmachten. Todtes erlangt man nie! man kann es nicht beſitzen. Auch ſo ſcharf braucht es nicht immer her - zugehn, und man ſtößt unverhofft auf ſanftere Mittel; nur ſcheuen ſoll man auch Verzweiflung nicht, die unbekannt iſt. — Sie ſagen gut: „ Ich werde gar nichts gethan haben, und es wird mit einemmale alles fertig da ſtehn; “ſo iſt es immer, alles, ich behaupte ja, auch das Alter, kommt plötzlich, — das Fertigwerden iſt nur immer ein Moment! Nun ſetz’ ich301 noch hinzu: Und wanken und erſchrecken Sie doch nicht, wenn Sie auch oft glauben werden fertig zu ſein, und plötz - lich die ganze Krankheit wieder fühlen! Sehnſucht iſt’s als - dann: und dieſe ein Zeichen des Lebens. Mehr als das Leben kennen wir ja ohnehin nicht; das ſind wir; das haben wir; und daraus kann immer etwas Schönes werden. Und wie wunderbar! Fühlen Sie ſich nur einmal! Rechnen Sie das bischen Liebeselend nicht. Die Elenden ſind elend! —
Sie werden geneſen! Laſſen Sie ſich auch nicht irre machen, wenn ich nicht immer freundlich ſein kann: ich kann es bei meiner innern Verfaſſung, bei gewiſſen Verwirrungen, nicht; auch Krankheit! Und wenn ich in dieſem Briefe ge - hemmt ſpreche, ſo iſt’s weil auch ich an mir hämmere, und ein paar ſchlimme Wachnächte in meinem Bette mit meinem Herzen verbracht habe; und zum Theil wie zu mir ſelbſt ſprach. Sie ſehn, wie freundlich und geſprächig ich gleich werde, wenn Sie geſund werden wollen. Die Welt iſt ſo voll! Ihr Herz thätig: wo ſollte Armuth, Noth in Armuth, herkommen, mit geſunden Sinnen, und dem Muthe, ſich jede Wahrheit zu ſagen! —
Als ich heute an die Worte in Ihren erſten Zeilen kam: „ Haben Sie etwas wider mich, “lachte ich, es war mehr als lächeln! — Mir iſt nicht eingefallen, daß ich böſe ſein könnte! Das müſſen Sie auch aus meinem letzten Billet geſehen haben. 302Die Menſchen, die mich beleidigen können, haben mich ſchon vorher beleidigt, eh’ ſie’s thaten. Sie werden mich nicht beleidigen, darum können Sie mich nicht beleidi - gen. Egl. aber z. B. mag machen was er will, er beleidigt mich immer, denn er hat mich beleidigt, und er muß mich beleidigen, weil er einmal dieſen Punkt getroffen hat; und ſo Mehrere! —
Sie haben übrigens in allem Recht, was Sie ſagten. Nichts iſt odiöſer, als ſich hinter Ignoranz verſtecken, weil es zärtlich gegen ſich ſelbſt und roh gegen die Andern und eine ungeſchickte Lüge iſt, und dieſe Kompoſition die ſchlechteſte Art von Nichtswürdigkeit iſt.
Wenn ich die Leute, nicht die Menſchen, gut behandle, ſo iſt das, weil ich mich nicht zu allen Zeiten ſo grob zu machen vermag, als es zu ihnen ſtimmte, und weil mein Zorn gedämpft wird von der Furcht, die ſie mir einflößen, und die ganz dieſelbe iſt, die ich vor wilden Hunden habe. Meine Verachtung aber iſt gewiß die ächteſte! —
Ich komme ſo bald zu Ihnen, als ich kann. Sobald ich wieder ganz beſſer bin, und der Fußboden trocken. Mor - gen in jedem Fall.
Ich lernte, daß es Klarheit und Glück in, und durch uns ſelbſt giebt: dies kann wieder kommen, wenn es ginge; und das Bewußtſein davon kann mir nichts rauben. Auch für Andre muß es Troſt ſein, ein Herz voll ſchlecht behandelter Liebe, die alle Leidenſchaft werden mußte, im ſchönen Port303 ſeines eigenen innern Landes angekommen zu ſehen. Sie müſſen auch dahin! „ Dahin! dahin! “wie Goethe ſagt. Dies iſt das Land. —
Liebe iſt ſo ganz das Innere alles Lebens, daß ein simu - lacre davon auch noch die beſten Wünſche in Anſpruch nimmt, und ewigen Antheil erhält. —
Nun hab’ ich auch erfunden, was ich am meiſten haſſe: Pedanterei; ſie ſetzt ganz nothwendig Leere voraus: und hält ſich deßhalb feſt an Formen. Iſt ſie von der beſſern Art, ſo thut ſie dies im halben Gefühl dieſer Leere mit Rechtſchaffen - heit; iſt ſie aber von der ſchlechten, ſo thut ſie es mit Stolz und Prahlerei, nicht ahndend und zugebend, daß etwas an - deres exiſtire. Es kann alſo nichts Unleidlicheres geben, als dieſe Stupidität im völligen Marſch begriffen zu ſehen: wie Narrheit, anmaßend und langweilig: gar nicht zum Er - tragen! Was mich aber empört, iſt dieſe Klaſſe, die mit Prä - tenſion ſittlich!!! ſind. Dies hebt alles auf; gradezu auf, was nur ſo genannt werden kann, — und nichts anderes; ich kann es zum Himmel ſchwören, iſt meiner Seele ſo zu - wider!
Es iſt mir nicht möglich ein ſo ordinair gedachtes und ſo wenig wohlklingend geſchriebenes Buch, als Bruno, zu304 leſen. Ich kann nicht errathen, von wem es iſt: aber un - möglich von Schelling. Seiner Verbindung wegen; und weil, wenn man in eine Wiſſenſchaft gedrungen iſt, und mit den meiſten Litteratoren der Zeit ſtreitet — ſie alſo kennt — nichts dergleichen zu Papiere ſetzen kann. Ich las alſo den meiſter - haft geſchriebenen Roman weiter, ſtudirte Franzoſen und Fran - zöſiſch. Dachte noch Einmal viel über Geſellſchaft, Erziehung: den Unplan derſelben. Über Sitte, Lügen, Verehrung