PRIMS Full-text transcription (HTML)
Rahel.
Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde.
ſtill und bewegt. (Hyperion.)
Zweiter Theil.
Berlin,1834.Bei Duncker und Humblot.
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An Varnhagen, in Prag.

Lieber Varnhagen! Ich habe dich heute ſehr lieb! Wenn du wüßteſt bei welchem Geſchrei zu Gott, ich deiner heute ge - dachte, dich wünſchte: dein ganzer Werth, dein beſtes Sein mir gegenwärtig ward! Doch dies ein andermal; ich bin zu fatiguirt!

An dich dacht ich; an dich wollt ich mich lehnen, in deinen Armen dieſe Thränen weinen; dies ſchreien. Ich erwarte ſehnlichſt deine Antwort. Es iſt 12 Nachts. Ich ſchreibe jetzt nur, um dich inſtändigſt zu bitten, eh er nach Wien verſchwindet, dem Hrn. von Noſtitz ja ſeinen Traum von Prinz Louis und Schillers Geiſterſeher abzufragen, und ihn genau aufzuſchreiben! Auch laß dir Louis’s Tod genau erzählen, und ſchreib ihn auch auf. Mir erzählte er beides göttlich: ſo naiv, ſo darſtellend, ſo unbewußt ſchön: ſo natür - lich; mahn ihn an, daß er’s wieder ſo mache: aber ſag ihm nicht, zu welchem Zwecke. Er liebt es gewiß nicht. Ich fand ihn ſehr zu ſeinem Vortheil verändert. Einfache, angenehme, kriegeriſche Haltung; wahrhaft einfach, angenehm. Unſchul -II. 12dig, liebenswürdig, und ſo herzlich als ſchicklich gegen mich, und erforderlich gegen den Reſt. Wir ſprachen innig von un - ſerm geliebten Freund, Noſtitz wie ich’s nur wünſchen konnte. Grüß ihn ſehr von mir, als einer großen Wohlwollenden. Marwitz konnt ich gar nicht genug von ihm erzählen: der quälte mich eben ſo, in einem Briefe, dir dieſen noch heute zu ſchreiben: da ich einmal das Projekt, du ſollteſt Tod und Traum aufſchreiben, hatte laut werden laſſen. Leb ſehr wohl. Wie ein Phönix gehſt du heute aus meiner Leidenſchaft her - vor! Schreib mir: und trau mir!

Noch Eins! Wolf war ſehr geſchmeichelt von deiner Re - zenſion: und es ſchien ihm ſehr leid zu ſein, daß das Blatt [Öſterreichiſcher Beobachter] hier nicht geleſen wird. Wie hat er denn das ſo ſchnell dort?! O! er hat ſchon Niebuhr, und Goethens Leben. J! ſo! Nun Goethens Leben hat man wohl. Er hat alles. Kurz, er war überaus char - mirt. Gleich den Abend drauf als ich dir ſchrieb, kam er. Lebe wohl! Ich erliege ſonſt. Künftig, liebes Kind, ſchreib ich dir, wie du dich artig haben mußt, wenn du bei mir lebſt: und mich nicht Einmal ärgern mußt. Weil es gar nicht - thig iſt, und ich es nicht ertragen kann: meine Geſundheit meine ich, die iſt ſo ſchwach, daß ſie der Reſt des Reſtes iſt, von allem, was ich beſitzen ſollte, und je beſaß. Adieu. Ant - wort. Gewiß kommt in dieſen Tagen dein Brief. Adieu.

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An Alexander von der Marwitz, in Potsdam.

Unpaß genug! und es iſt eine ausgemachte Sache, daß Sie mich noch todt martern: denn mitten in dieſen Zuſtänden bin ich auf nichts befliſſen, als Ihnen alles zu erzählen, über alles genaue Rechenſchaft zu geben. Dabei ſteht kein Augen - blick ſtill, und es folgen Ereigniſſe und Gedanken. Damit nun auch für Sie eine zu verſtehende Folge möglich werde, wie es außen und innen übereinander ging, ſo will ich die Dinge der Zeit nach vortragen, wie ſie übereinander gingen. Ein großer Zwang für mich: die ich am affizirteſten vom Letzten bin: und noch mehr von der Furcht, es Ihnen in der Lebendigkeit, die dies beſonders heiſcht, und in welcher es vorging, nicht darſtellen zu können. Als Sie ankamen, fan - den Sie mich ſehr perplex, Sie ſahen, glaub ich, es nicht ganz. Auch dies, die Urſache davon ſollen Sie erfahren: aber erſt ganz am Ende dieſes Briefes.

Ich erwartete einen Menſchen, mit dem ich etwas ab - machen wollte, welches meine ganze Seele unter ſeiner[Ge - walt] hatte: dabei Sie wiſſen, was, und auch wohl wie hatte ich Ihnen geſchrieben, wollte Ihnen noch ſchreiben, und dachte in dieſer Seelenklemme in taktloſen Zwiſchenräumen an Sie und an das, was ich Ihnen noch ſagen wollte. Hauptſächlich war Eines davon dies: daß man, als Unſinni - ger, ſein Leben in Schmutz, Unſinn, Dürre, Sand und Wuſt, in wahnſinnigen Thorheiten, hinrinnen läßt, nicht beachtend,1 *4daß kein Tropfen zweimal fließt, der Diebſtahl an uns ſelbſt geſchieht und gräßlicher Mord iſt. Bloß weil wir ewig Ap - probation haben wollen, aus der wir uns nichts machen, und nicht tapfer genug ſind, menſchlich Antlitz nicht zu fürchten, und dreiſt zu ſagen, was wir möchten, wünſchen und begeh - ren. Nichts iſt heilig und wahr, und unmittelbare Gottes - gabe, als ächte Neigung; ewig aber wird die bekämpft, für anerkanntes Nichts. Das Fremdeſte laſſen wir uns aufbür - den, und ſo kommen wir uns ſelbſt abhänden. Ich ſelbſt, wie ſelten bin ich, komme ich zu Sinnen! Hören Sie, wie ich darauf kam. Ich liebe Sie gewiß; nie aber werde ich wieder zu der Sehnſucht kommen, die ich voriges Frühjahr erlitt, als das neue Jahr grad aus Erd und Himmel brach, und Sie wegreiſten. Ich erlebte eine Welt ich ſchrieb es Ihnen, was aber wär es geworden, hätte ich Sie nur vier Tage länger behalten!! Ich verging faſt in Sehnſucht und Bedürfniß, es mit Ihnen zu ſehen. Ich Elende, Niedrige, würdig des Lumpenlebens, das ich führe! Gott ſieht jetzt mein innerſtes Herz und dieſe Thränen! Niedrige, Feige, die ich war! Hatte ich den Muth, Sie bleiben zu laſ - ſen? Nie werden Sie mir das wieder werden, was Sie da - mals waren grade durch die Reihe Leben, das wir geführt hatten, durch den Gang der Geſpräche, die Blüthen der Stim - mung und des Frühlings! Was hätte es Ihrem für alle Ewigkeit fertigen Bruder geſchadet, wenn Sie vier Tage ſpä - ter nach Friedersdorf gekommen wären, was Ihnen, wenn Sie mich ſo hätten beglücken können! Laſſen Sie ſich das für Ihre eigene Perſon zur ewigen Warnung dienen. Be -5 zwingen Sie keine Stimmung, keine Gefühlsblüthe! Sie werden nachher verzweifeln; in der kargen Ausübung der unnahrhaften Verſtändigkeit. Unterſuchen Sie ſich immer genau: und fürchten Sie Weisheit, die nicht aus dem Her - zen ſcheint.

Nur Neigung, nur Herzenswünſche! Kann ich ihnen nicht leben, bin ich dazu zu elend, zu verworfen, zu heruntergeriſ - ſen und mißhandelt, ſo will ich ſie von nun an in mir er - gründen, und ſie anbeten! Gottes ſtarker Wille iſt das im Herzen im dunklen, blutwogenden , der keinen Namen bei uns hat, deßwegen täuſchen wir uns, bis es todt iſt. Sie haben mich gefaßter gefunden die letzten Tage. Was iſt es anders, als daß ich zu meiner Neigung wieder hinabgeſtiegen war, über die ich mich erheben, zerſtreuen wollte. Glücklich bin ich fürwahr nicht von ihr gemacht; noch ſanft, noch nur menſchenverſtändlich behandelt; und doch erhalt ich mich nur ſelbſt, wenn auch in herbem Zuſtand, wenn ich mich ihr hin - gebe, mich ihrer ganz erinnere, und nicht Sinnen und Herz ihre Güter vertauſchen will.

Ich bin krank geworden, ſeit einem Ärger, den ich ge - habt: ich kann durchaus nichts mehr ertragen! Nun ſollte ich an dieſe Zeilen fügen, wie ich vorgeſtern und geſtern Abend zugebracht; vergebens! Sie ſollen es haben, aber in einem künftigen Brief. Dieſer ſoll weg wie er iſt; damit er bald ankommt. Morgen ſchreibe ich Ihnen die beiden Abende. In dieſem will ich Ihnen noch ſagen, was kürzer iſt, wozu keine Laune gehört, und was mehr in meine heutigen ſchmerzhaften Gedanken paßt.

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Es fehlte mir noch, daß Sie ſo in Ihrem Innern mit Varnhagen ſtehen! Alſo wenn der kommt, welches auch Sie ſchon für mich wünſchten, hab ich dieſem Bruche mit zuzu - ſehen, der ſich in jedem Augenblick fühlen wird! Zum Glück, daß nichts in der Art mich ſchreckt, weil ich auf nichts mehr hoffe: keine Zeit erwarte, die ausgeputzt ſo kommt, wie wir, wie ich ſie beſtelle. Dies iſt mein Glück, ſonſt müßt ich ver - zweifeln. Varnhagen iſt alſo mein Freund, der mich am meiſten liebt; für deſſen ganze Lebenseinrichtung ich Bedin - gung bin: und es iſt nicht genug, daß ich ihn ganz kenne und fühle: nehme und ertrage; ich muß nun, Wog auf Wog unter, Klippen an mit ihm durch, und all unſre Freunde le - gen die ganze Laſt ganz auf mich. Sie trägt ſo viel, ſo gut, warum nicht auch dies! Dies ſagt ſich niemand; aber ſo geſchieht’s, weil ich Ambos bin, Verzeihen Sie! Ich bin zu krank heute, jetzt! Auch ſchicke ich nun dieſen Brief nicht ab, bis das Folgende ſteht. Adieu!

Im Bette, Sie müſſen Geduld haben, mein lieber Freund, und bedenken, daß Sie es ſind. Sehen Sie mich an wie eine Krankheit des menſchlichen Geſchlechts, es giebt ſolche Menſchen, in der Reihe der geboren wordenen und werden - den; auf die ſich Widerſprechendes ladet, und ſie biegen und brechen; wie es in einem Menſchenleben Momente giebt, mit denen es eben ſo geht, und die man kranke nennt und fühlt. die auch nichts anders ſind, als Träger der Verwirrung, des nicht Aufgegangenen für die geſammten Organiſationen die -7 ſes Lebens, dieſer Erde. Verzeihen Sie mir ja dieſen Brief wie er hier ſteht! Ich möchte um keinen Preis, was ich oben von Ihnen zu fordern ſchien, und dachte ſchon ſo, als nur die Züge aus meiner Feder waren, ja als ich ſie noch machte , daß Sie mich ſchonten, für mich litten, ſchafften und mach - ten: alsdann wären Sie ja auch Ambos; und dafür ſoll Gott uns behüten. Ihnen aber die beiden Abende, Dienstag und Mittwoch zu beſchreiben, dazu bin ich zu ſchwach: zu erſchöpft endlich, zu irritirt; alles dies rein der Körper. Wie es mit meiner Seele iſt, weiß wenigſtens ich nicht: die ſcheint in der That von Unſterblichem gemacht zu ſein. Hören Sie aber von anderem, wenn es möglich iſt dergleichen zu beſchrei - ben, auszudrücken, ja ſich ſelbſt anders, als unwillkürlich, zu wiederholen.

An Varnhagen, in Prag.

Ich habe zuletzt Clemens Brentano’s Brief geleſen, alſo fange ich von ihm an. Der Brief gefällt mir ſehr, und ich habe mich in ihm nicht geirrt. O! hätte ich doch ewig mei - nen wahren Blick über Menſchen befolgt, ewig dem Ausſpruch gefolgt, der mit ſo unumſtößlicher Wahrheit mitten in meiner Seele über jeden mir Vorkommenden zu mir herauftönen will. Ich finde eine unausſprechliche Milde und Biegſamkeit in die - ſem Briefe: und ich muß dir wieder ſagen, eine außerordent - liche Ähnlichkeit mit mir darin. Auffallend, und ſehr unver -8 muthet war mir gleich die Handſchrift; nie hätte ich ſie von ihm ſo erwartet. Ganz wie von einer Frau, ich kenne tauſend ſolche. Mich intereſſirt ſein Gemüthe ſo, und mich dünkt ich kenne es ſo ſehr, daß ich für mein Leben gerne wiſſen möchte, womit du ihn ſo gekränkt haſt. Auch ſehr meine Art mich auszudrücken, dieſe Stelle. Wenn ich ihm doch die heilende Entſchuldigung unter deiner Geſtalt hätte machen können! ich hätte ihm unendlich geſchmeichelt, ſeinem Herzen; ich hätte es verſtanden, wie man es machen muß. Du ſchriebeſt mir ja, er wäre nach Wien, und ſo ſagte ich hier auch immer aus. Mir iſt die Geſchichte oder Anekdote, woraus er ſein Stück ſchreibt, wie das Meiſte, was ich geleſen habe, nicht gegen - wärtig; und du ſprichſt mir davon wie zu einer Mad. Staël, die alles an den Fingern herzuzählen weiß; du ſchreibſt gut über ſeine Art zu ſchreiben; ich aber wünſche nun ſchon von ihm eine ſtrengere Manier; du weißt, ich will die Schriftſtel - ler ſchreitend; und immer mehr Herr ihrer eigenen Manier. Von mir hat ſich Herr Clemens, wie ich von einem Öſterrei - cher in ſeiner Naivetät erfahren habe, wieder plaiſant geäu - ßert; was er geſagt hatte, wollte mir der Menſch gleich nicht erzählen, als er ſah, mit welchem gar nicht zurückgehaltenen Begehren ich haſtig danach fragte, und das Ganze wieder be - ſchönigen. Ich that das gleich ſelbſt: und erfuhr auch nicht was er geſagt hat: frug auch nicht zu welcher Zeit. Es är - gert mich nur in ſo weit, als es der etwanigen Bekanntſchaft zwiſchen ihm und mir in Weg tritt, weil es doch eine vorge - faßte Meinung verkündigt, die ihn darüber ganz nachläſſig - oder abgeneigt dazu machen muß: ich fürchte mich aber gar9 nicht, daß wenn ich ihm nahe käme, ihn nicht durchaus zu ge - winnen: ich weiß was er ſich an Menſchen wünſchen muß; und ich habe den großen Vortheil über ihn, daß ich wohl ihn, er aber nicht mich geleſen hat. Daß er aber nicht beſonnen genug iſt, lieber über eine ausgezeichnete Perſon, die er nicht kennt, nichts zu ſagen und zu meinen, das verdrießt mich am meiſten; und daß ſein Innres, ſein Schickſal und das ſeiner Freunde, ihn nicht dazu beſtimmen, grade das Gegentheil von gemeinen, rohen, weitſchichtigen Urtheilen zu denken; wie ich es mit ihnen mache. Das gilt auch von dem Frauenzimmer, von der ich dir neulich ſchrieb; die mich gut, mehr als noch rein menſchlich, behandelte nach dem Eindrucke, den ich ihr machte, ehe ſie wußte, wer ich war; und als ſie es erfuhr, nicht ſchön ſich über mich äußerte, und ich ſchäme mich zu ſa - gen, nicht wahr; ich aber umgekehrt, hatte alles mögliche Ungünſtige von ihr gehört, glaubte nichts, weil meiner Vor - ſtellung die Perſon fehlte, auf die alles ankommt: ich ſah ſie, und eine übernatürliche Liebe berührte mein Herz; die ich aus Beſcheidenheit, gegen ſie, darin feſt hielt. Sie hat unaus - ſprechlich dadurch bei mir verloren. Denn alles erlaube ich einer Solchen, aber ordinair ſein, nicht. Dies lies ihm alles. Warum lobſt du mich auch ſo ſehr! Lieber! dann kann man dich natürlich leicht ärgern und mich attakiren. Ich liebe es aber doch! Lieb und lobe mich nur! kommen doch ſchlechte Menſchen durch falſches Lob empor; ſo müſſen beſſere, da man ihnen keine Stelle vergönnt, auch durch übertriebenes gehalten werden. Adieu für heute, es wird ganz dunkel, und ich will eſſen. Adieu Lieber!

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Das Komiſchſte in der Welt iſt, daß ich ganz überleſen, und unbedacht geleſen hatte, daß Clemens ſchreibt: Da wir ja auch über Rahel, Fouqué, Arnim, und Grimm, und mich ſelbſt anderer Meinung ſind ꝛc. ich alſo eine Art Rolle in dem Streit, und in den vorgelegten Verſöhnungspunkten habe! Wenn du es nun für unſchicklich und arrogant ſcheinend an - ſiehſt, theile ihm das Obige nicht mit: arrogant, weil es ſo ſehr unperſönlich war. Ich habe erſt jetzt ſeinen Brief noch Einmal geleſen; und was ich ſchrieb, bezog ſich auf Sonſti - ges. Vorzüglich aber war alles darauf gemünzt, daß ich ihm gut bin. Wie erkenne ich dich an den Zitaten, wo du ihm peinlich warſt! bei ſolchen Dingen kannſt du auch zur Pein werden! Ich würde gar Abends nicht ſchreiben, ſollte der Brief morgen nicht auf die Poſt, und ich für einen letzten Tag immer Störungen, von Menſchen, Geſchäften, Aufträgen, und Kränklichkeit fürchte. Du mußt gar nicht recht nachrech - nen, wie ſchnell ein Brief geht oder nicht, wenn du ſagen kannſt in deiner Seele, R. ſchreibt ſo lange nicht. Nun leſe ich deinen Kritzelbrief bei Lichte noch Einmal, und dann will ich antworten. Fettig Papier und eine Gräuelfeder habe ich!

Lieber Varnhagen! Wenn du Goethen ſchreibſt, laſſ ihm nur rechte Zeit, und ihn durch wahre Beſcheidenheit ſehen, wie hoch du ſeinen weiſen gütigen Brief ſchätzeſt. Marwitz hat mir ganz göttlich drüber geſchrieben, und kann die Güte, den Ton des Briefs nicht genug bewundern. Der iſt unſer Konfident. Was der von Goethe alles ſchreibt und ſagt, möchte ich ihm auch ſpediren. Ich für mein Theil, bin11 ganz beſchämt und geſtört, daß ich ihn nicht mehr ſo heimlich liebe; und daſtehe wie Andere. Heimlich aber wird es ewig bleiben; denn ich ſelbſt, kann es nicht ſo herausſpinnen aus dem Herzen, und weiß ich, was er noch ſchreibt und thut? was ich noch erfahre? Volumes hätte ich dir zu ſagen, wenn ich dir mittheilen könnte, wie verblüfft ſein Leben ſie wieder macht; wie ſie auf mich fallen, auf mich: und was ich manch - mal glücklich redneriſch erſchöpfend antworten kann, wie ich manchmal königlich ſchweige, zur höchſten Konfuſion der Re - denden, nicht weil ich ſchweigen will, weil ich ſchweigen muß: und ſie ſehen es. Manchmal gelingt es mir, mit zwei Wor - ten an Stellen im Buche ſelbſt zu verweiſen; Überleſen Sie doch nicht, welchen Rath Ihnen Goethe ſelbſt giebt, den Ge - ſichtspunkt, den er für ſolche Biographieen angiebt, daß er die Zeit ſchildert in bewußter meiſterhafter Unſchuld: zeigt und ſagt, wie ſich ein Menſch in und an ihr entwickelt, entwicklen kann und muß. So frug mich Graf Egloffſtein eigends in einem dazu angeſtellten Beſuch: Was denken Sie von Goe - the’s Leben? Erſt wollt ich nicht reden; er brachte mich doch dahin. Ich konnte ihm in ſehr klaren, bündigen nicht meine Force Worten eine ordentliche Erklärung vor - tragen; er lächelte häufig, meines guten Sprechens, der für ihn neuen Gedanken, und ſagte, ganz ehrlich und froh am Ende: Sie haben Recht, nun weiß ich, was er meint. Der muß mir nun in die Leſekabinette, und das Caſino und ſeine tauſend Geſellſchaften. Vornehmen thue ich mir dergleichen bei - nah nie; aber es fiel mir doch nachher ein. O! wie babyloniſch iſt die Welt; Clemens hat Recht: wo ich ein Dolmetſcher ſein12 muß! Siehſt du, daß ich Recht habe, Bentheim ſo zu lieben? Auch auf mich haben die bibliſchen Stellen den größten Ein - druck gemacht, als die reinſte beauté. Wie erhaben, wie abgezogen: das reifſte Beſchauen und Begründen aller Ge - ſchichte, mit dem unbefangenſten, kindlichſten Auffaſſen ge - paart! Wie göttlich! Mein alter Spruch: widerſprechende Eigenſchaften, in Harmonie gebracht, machen den großen Mann. Das Buch hat aber das größte Aufſehen gemacht, und hat die größten Verehrer, wüthendſten Anhänger. Wolf ſagt, zweitauſend Exemplare wären gleich weggeweſen. Schede bracht es mir ehrlich; die vergöttern es.

Es tutet 12 Uhr. Noch ein Wort. Varnhagen! ich ſehe dir ernſt in die Augen; und ſchmeichle dir ſehr jetzt! Miß - verſtehe meine Worte nicht, die ohne Ton und Blick hier ſte - hen! Vergiß nicht, daß deine Freiheit mir das Wichtigſte iſt, und ſein muß nicht aus Pflicht etwa verſtanden und daß es ganz von dir abhängt, daß auch deine Nähe mich ſehr glücklich macht. Nur laß mich zu Oſtern deine Pläne wiſſen. Gute Nacht!

Es war grade ſo wie ich es befürchtet heute, mit den Störungen, die langweiligſten, gräßlichſten, und doch unver - mutheten, mich überfallenden Familienbeſuche, und Frauenbe - ſuche, ich bin ganz erſtorben. Gnädiger Gott! dergleichen ertrag ich nicht mehr. Daß Joſephine P. ſo beſchränkt iſt, weiß ich ſehr wohl: dies allein machte, daß ich nicht gleich, als ich ſie kannte, bei ihr blieb. Nicht allein ich will mich abſolut mit höchſter Einſicht nicht beſchränken; und hätte ich13 eine dahin neigende Natur, ſo würde ich mich zum Gegentheil zwingen; ſondern, ich kann mich nicht beſchränken, und könnte dieſe meine Natur nicht bezwingen. Lieber, ich habe alle meine Papiere durchſucht, und kann keine Gedichte von dir finden. Ich möchte vergehen! aber machen kann ich doch keine!

Ich denke ich ſoll wahnſinnig werden für Glück, wie Goethe immer in die hohe Kammer geht, die Gewitter ab - zuwarten . In meiner tiefſten Kindheit that ich das auch ſchon, und noch berückſichtige ich alle Quartiere danach, ob man zu einem Gewitter viel Himmel ſieht. Jetzt hab ich Elende auch das nicht. Worauf dies aber alles in einem Menſchen deutet, das weiß ich; und ſeine Konſtitution kenne ich auch. Erinnerſt du dich des Gewitters in Charlottenburg, wo du mit Markus und Bribes ankamſt? da fürchtete ſich die Schwägerin, und ich wurde ganz grauſam: ich haſſe die Leute, die ſich vor Gewitter fürchten. Adieu! Noſtitz wird über Ber - lin quer-ein ſchimpfen. Rechne ab. Lebe wohl!

An Varnhagen, in Prag.

Lieber V. Ich werde dir auf alles nur kürzlichſt antworten, alles dir nur flüchtig mittheilen. Ich kann das Schreiben nicht ertragen: leſen aber kann ich noch gar nicht: es nimmt mir beſonders davon ein leiſer Verſuch ganze Nächte, und Aus - gehen durch die Kälte daſſelbe; ich bin wohl öfters ganz ver -14 zweifelt, klage aber aus dem reinſten, tiefgefühlteſten, ſtärkſten Ekel nicht mehr: bin auch ſeit geſtern, ohne alle Urſache, au - ßer, daß ich in einigen Tagen der[Zerſtreuungen] wegen, die mir meines Bruders junge Ehe abzwingt, gar nicht zu leſen verſucht habe, körperlich vergnügt, wegen zwei Nächten Schlafs. Vorgeſtern hatte ich die Familien, Hamburger Fremde, Minna Spazier, die ich oft und gerne ſehe, Fouqué und Marwitz zum Thee. Wolf, der Minna kennen lernen wollte, ließ mir ſpät abſagen. Marwitz war ſeit Freitag bis geſtern in Erb - geſchäften hier. Wir ſprachen uns ganz klar.

Ich kenne ſehr wohl dieſe Art von Beweisführung, und Aufbauung von Syſtemen; jeden beliebigen Punkt in der Natur kann man ſich wählen, und daherum den Reſt des Univerſums ſpielen und ſich bewegen laſſen: geſchieht dies aber befangen und eigenſinnig, ſo mag der Erfinder noch ſo geiſt - reich ſein, er wird närriſch, und riskirt es zu bleiben. Ein großartiges Verfolgen aller nur zu erfindenden Syſteme, ein ſolches Losſagen davon, ein ſtarkes Ergeben in alle Möglich - keiten, die ein höherer Geiſt in ſeinen Händen hält, ein na - türliches Anerkennen der Dinge, die für uns ſind, ein ehrliches Verfahren in den Tiefen unſers eignen Geiſtes, dies dünkt mich iſt fromm, und gottgefällig; und gefällig allen ſeinen Geſandten und Geweihten. Basta!

Frau von Fouqué ſah ich zweimal, einen Mittag ſie unverhofft, weil ſie mich Einmal verfehlt, und keine andere Zeit mehr hatte, mit ihren Töchtern bei mir, Marwitz blieb auch, Hanne hatte ich für Clara genöthigt. Frau von Fouqué iſt ganz liebenswürdig. Äußerſt wahr in allem. Ganz15 natürlich: und freundſchaftlich und gut mit mir. Sie hat unſer Aller höchſten Beifall. Heute Morgen iſt Robert mit ihnen nach Nennhauſen gereiſt. Sie frug mich nach dir, und nach deiner Uniform, und meinte, ſie müßte dir ſehr gut ſtehen. Sie iſt in allem ſo gütig und unbefangen, als wie ſie dies ſagte.

Geſtern ſchickte mir Schleierm. was ich dir hier einlege. Alſo der iſt gut mir dir. Wenn du kommſt, Lieber, ich bitte dich, mache nur alle Leute wieder gut und keine neue böſe; es iſt mir unerträglich; und in jedem Briefe werd ich dich darum bitten müſſen. Ich bin gar keine Zänke und Scenen gewohnt; und eine gewiſſe Tagesruhe und Ebenheit iſt der ganze Reſt menſchlichen Glücks, was ich beſitze; dies und perſönliche Unabhängigkeit, ſehr von meiner Börſe, aber von keinem Menſchen beſchränkt. Ich bitte dich um Gottes willen! raube und ſtöre mir dies Letzte nicht!! Und warum auch dies, Varnhagen? Du haſt grade alle Mittel, dich bei Men - ſchen angenehm zu machen und dies wird deiner Lage nach noch beſonders nöthig und bei mir auch: wollteſt du das nicht? Ich bin mit Marwitz und Andern ganze Tage, und ganz vertraut: und nie entſteht eine Scene; und keiner als du macht mir ſolchen Vorwurf: und mit dir zanken ſich ſo Viele. Auch weißt du’s ſehr gut. Du liebſt mich ja! Laß mich’s empfinden! Leids iſt mir bei allen Himmeln genug geſchehen! Mich loben und lieben von neuem, trotz meiner äußerſt beſchränkten Lage, alle Klaſſen von Menſchen meiner Geſelligkeit wegen: ſie iſt nichts als Güte: und die wollteſt du nicht fühlen? ſie uns läugnen? Nein: du wirſt beſſer ſein!

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Nun möcht ich dir am Ende des Bogens gerne für alle deine Liebesworte danken; ich habe dir eben in dieſem Briefe nicht geſchmeichelt; ſei verſichert, ich fühle ein jedes, und nehme es in’s Herz auf, wie es aus deinem kommt: das iſt die Hauptſache; und ſo wird auch kein Betragen an mir vor - beigleiten. Du biſt noch über niemanden ſo tief und klar - ſehend geweſen, als über Clemens Brentano, und ſo wohlbe - redt und worttreffend: ich meine nicht allein in deinem letzten Briefe; ich fand’s ſchon früherhin, vergaß aber öfters es dir zu ſagen. Sei wahr gegen ihn und ſanft. Seine Schweſter ſollte die vorige Woche eintreffen, ich weiß nicht, ob ſie ge - kommen iſt. Fichte, mein lieber Herr und Meiſter, hat mich durch Fouqué grüßen laſſen, und mir Vorwürfe machen laſ - ſen, daß ich ihn nicht ſehe: mir ſehr erwünſcht: aber ich kann nicht in die Kälte gehen; ſie iſt jetzt erſt ſtreng. Grüß und pflege Joſephinen: es iſt ganz ſo wie du von ihr ſagſt.

An Varnhagen, in Prag.

Ich bin allein, ohne leſen zu können, ſeit drei Ta - gen geht es etwas und ohne Menſchen ertragen zu kön - nen: unzufrieden mit den Geſchwiſtern. Ohne Luft, Muſik, Augen-Weide, oder nur-Punkt. Ohne Hoffnung für irgend ein Glück, oder Amüſement; den Sommer fürchtend: und ganz in einem großen Meer, von zahlloſen Tropfen des Mißlingens. Ohne Narrheit, ohne eine jene Welt. Denn17Denn dieſe iſt mir eben ſo gut eine jene. Kurz! in der lang - weiligſten Verzweiflung! Es dauert zu lange; zur Probe, zur Buße, zu was es ſei. Für ein edles Geſchöpf. Auf dies Leben hoff ich nicht mehr. Ich kenne nichts Elenderes, als ſo bis ſechzig hinan zu warten; mit Hoffnung. Mir geht’s ja Schritt vor Schritt ſchlechter durch jedes événement durch! Und kein Freund: kein Menſch kann mir nur ſagen, thun Sie dies, oder das: es iſt nichts zu thun. Es geht ihr gut genug, denken ſie dumpf, nicht deutlich: die mich am we - nigſten haſſen. Freunde laſſen es geſchehen. Erſchöſſ ich mich: wunderten ſie ſich, wie über Kleiſt. Dieſe Begräbniß - feier, mich nicht zu wundern, habe ich ihm wenigſtens ge - halten!

Du biſt der Einzige auf der Erde, der mir begegnet biſt, der da fühlt und weiß, bei dem es immer rege iſt, wie über - natürlich ſchlecht es mir geht. Wie keine Antwort auf alle Anforderungen des Lebens meiner Natur kam. Nie. Davon biſt du ergriffen, und das iſt ein großer Theil deiner Liebe zu mir. Für dein Aug allein, iſt das ſchreckliche Schauſpiel da!

Hätteſt du mich ſelbſt gemordet, und ein Bewußtſein ſchwämme noch auf der Erde, ſo würde ich dich dafür wieder mit Liebe erfaſſen müſſen, wie jetzt. Das wollt ich dir längſt gerne ausdrücken; und jetzt iſt’s Schuldigkeit; und es geht oft, und immer, lieblicher in mir her, als ich’s jetzt in Krankheit und aller und jeder Betrübniß aufſetze. Das weißt du auch; und dieſe Wurzel trug dir Liebeszweige, und auch manche Blüthe. War es Eitelkeit, ſo nahm meine Eitelkeit den Weg, auf dem ich dachte: er wird mich anders, als die an -II. 218dern Frauen behandeln; Neigung ſcheint ihn zu mir zu füh - ren; und keine war ihm noch, von denen er begegnete, ge - wachſen. Ich ſtehe auch als Freund hoch über allen bei dir.

So irrſt du auch, mein lieber Freund, und ſagſt dir durchaus die Wahrheit nicht, wenn du dir und mir vorſagſt: Man lebt unwachſam in die Jugendjahre hinein, und ſieht ſich unerwartet zum Böſewicht geworden aus einem guten Kinde. Ein Kind iſt ein unentwickelt unberührtes Ding, und immer gut, weil ſein Toben gegen Tiſche, Stühle und Spiel - zeug geht, welches man ihm preisgiebt, und welche Zerſtörung man ihm nicht anrechnet; ſo iſt’s nicht ſchlecht, im Mangel der Begriffe höchſtens! Aber die Jugendjahre ſind die tugend - ſamſten, ſchönſten, aufflammendſten; ich verzeihe grade der Jugend nichts Schlechtes. Das iſt gewiß ein faules Pro - dukt: wo die höchſte Gährung nur Schlamm erzeugt. Leicht - ſinnig kann tobende Jugend wohl ſein, aber nur gegen ſich ſelbſt. Ja, eine edle glaubt gar nicht, daß man Andere beeinträchtigen, verletzen kann. Erſt ſpät, wenn man ſelbſt dahin iſt; von Stößen und Wunden, und nirgend mehr Raum finden kann, noch Stelle zum Bleiben, iſt es möglich, daß man endlich ſich entſchließt, ſich Platz zu machen, und ſollten auch Andere doch Verwundete und Verwunder eine Narbe davon tragen: und doch vergeht mancher Edle, ehe er ſelbſt die wahre Jugend durch ſolche Handlung von ſich ab - ſtreift. Wenn ich Staatsgeſetze zu geben hätte: ſo ſchützte Tollheit keinen Verbrecher vor Todesſtrafe, wenn ſich ſeine Tollheit mit dem Verbrechen, worauf jene ſteht, anhöbe; wenn er ſich ſelbſt verletzt, kann er nach dem Tollhauſe.

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Glaube mich nicht ſchwach: ich habe Frevelmuth genug in mir, um weiter zu leben, Beſonnenheit genug, um in Thä - tigkeiten zu beſtehen, für die mir kein Gemüth und kein Geiſt bleibt! So ſchreibſt du mir im letzten Brief; nicht geden - kend der Worte, die den von Clemens begleiteten: Ich ſtehe hoch über meinen Fehlern. So, mein ſehr Lieber, denk ich von dir: und habe es dir ſchon öfter geſagt: Das iſt ein gebildeter Menſch, der ſeine Anlagen bezwingt, wenn Natur nicht gnädig gegen ihn war; der ſie nur in ſich einſieht; ſie ermeſſend behandlen, iſt einen Schritt weiter. So ungefähr ſagte ich. Du ſtehſt als der Gebildetſten Einer mit deiner Einſicht hoch über deinen Naturfehlern. Theurer Freund! haſſe ſie immer, nenne ſie dir, bekämpfe ſie. Du liebſt ja das Schöne ſo in Andern, biſt ſo gerecht, ſo tapfer in der Aufweiſung und Schätzung ihrer Gaben; mach dich ſelbſt urbar, wo Dürre gelaſſen iſt, und laß dich von deinen Freun - den hinwiederum lieben: du weißt, welches Glück, welcher alles heilender, weicher Zuſtand dies iſt.

Lieber Guter! dein Brief an Goethe über mich ängſtigt mich ordentlich. Freilich, Lieber, wird er ihm die Jugend und Liebe wohl anſehen. Du ſprichſt von meinem Talent !? hab ich ein namhaftes Talent? das, das Leben zu faſſen; und manchmal barock, in komiſch - oder tragiſcher Hülle, es zu nennen was ich ſah. Mein Unglück ſag ich ja ſchon lange iſt zu meiner Schmach eins ohne Titel; darum wird mir auch nie geholfen. Ich bin eine Falſchgeborne, und ſollte eine Hochgeborne, eine ſchöne Hülle für meinen innren wohl ergie - bigen Grund ſein! Eher hätteſt du ihm von meinen wirklich2 *20vielen Verbindungen und Bekanntſchaften ſprechen ſollen. Darauf zielten auch ſeine Fragen; und er merkte es wohl, der Merker par excellence, daß es eine ſolche Perſon ſein müſſe. Doch wie es ſei! Und ſieht er mich je, ſo wird er ſchon wiſſen, was Gebratenes an mir iſt. Adieu. Indeſſen!

Lebwohl!

An Varnhagen, in Prag.

Heute vor dem Finſterwerden gab man mir deinen Brief, wo der über mich geſchriebene an die Gräfin Pachta drin lag. Mit großen Liebespulſen antwortete mein Innerſtes auf jedes deiner Liebesworte, und Sehnſucht, der Wunſch dich zu ſprechen, bildete ſich in meiner Seele. Gewiß ſah ich dich mein in einem gewiſſen Sinn auf ewig, und ſo antwortete ich auch dir. Ich freute mich, daß mein Montag abgegan - gener Brief dir jede Antwort auf den heutigen eigentlich ſchon im voraus brachte. Mit einem ſchwer aus dem Herzen drin - genden Seufzer ſah ich den an Joſephine an, ſtand der zu gebeugten Seele, des Körpers wegen an, ihn zu leſen, und gedrängt von mir ſelbſt, that ich’s doch. Ach lieber Freund, in welch Geſchrei zu Gott, und Herzpochen für Schmerz, fiel ich nach dem Leſen. Alles weiß ich: jedes hab ich wohl ſelbſt hundertmal in verſchiedenen Briefen, wo von mir endlich alles ſteht, ſelbſt geſagt. Aber wie gräuelhaft, wie rettungs - los, wenn es auch von außen, wie Mauren, ausgeſprochen21 von fremdem Geiſt, uns entgegentritt. Ach, warum mußteſt du mich auch jetzt ſchon ſo ſtark halten, daß heute dieſer Brief kam. Ich fühlte mich eben ſo krank, daß ich es nicht mehr zu ſcheiden wußte, wer den andern erſt ſo gemacht hatte, Ge - danke oder Körper; aber durch lange Tage und Nächte durch, hatte ich mir die ſchärfſte, genauſte, unumſtößlichſte Rechen - ſchaft noch Einmal gegeben, wo die wahre Wendung meines Weſens geſchah, welche mein ganzes Schickſal gründen mußte: denn eine gewaltſame, nicht liebliche iſt vorgefallen; und Karakter bildet Schickſal, Naturingredienzien ſo oder ſo ge - ſtellt. Ereigniß, und Gründe, erwog ich noch Einmal! und ach! zu was als humilité ich kann das deutſche Wort nicht finden zu Verzweiflung der Edlen, konnte dies führen. Und wie zu einem Chore kam dein Brief die Tragödie voll - kommen zu machen. Laß es dir nicht leid ſein, auch viel Liebe habe ich darin erfahren; und mein noch lebendes Herz hat ſie wohl, ja ganz erkannt. Ärgeres noch, als in deinem pa - négyrique ſteht, ſagt ſich die arme ausgeſetzte Rahel! Dies können die Menſchen glauben, du weißt es; wenn Großes, Beſonderes in ihr iſt, ſo iſt es das; ſie weiß, was in ihrem Kreiſe iſt, und ſieht und ſagt ſich das Härteſte, wie wohl ſel - ten ein Menſch dies auf der Erde that. Und ſo kann ich ſagen, mein Schmerz und mein Verluſt iſt unendlich; darum verſtehe ich auch alle andern Schmerzen, darum iſt auch der Verdruß immer ſo groß, wenn du, der Einzige, dem ich ſo bekannt bin, der Engel, den mir Gott mit Troſt in meine Zeit ſchickte, wenn der abſpringt, und mich ärgern mag, oder, welches eins iſt, ſich ſelbſt mit einemmale fehlt! Aus die -22 ſem Geſichtspunkt, mein geliebter Freund, verzeih mir! Freilich muß ich mit dir ſtrenger und härter ſein, als mit Allen: von dir ganz allein fordert und erwartet ich; und thu es noch.

Dies alles, trotz meines Kopfes, meiner hinzufallenden Müdigkeit, mußt ich dir noch heute ſagen. Sonſt verliere ich die Worte, die tiefſte Stimmung wieder. Als ich ganz müde und todt, lag, und Minna Spazier erwartete, heute fürchtete ich ſollte ihr Geheimrath Wolf zitiren laſſen, kam meine älteſte Nichte, die blieb bis jetzt. Nach 10 Robert. Ich weinte langſam immer fort, in des Mädchens Gegenwart, nämlich mein Herz und meine Augen. Doch ſprach ich oft, und reichlich, und unterhaltend: wenn ich manchmal ganz ſchweigen muß, iſt das das Höchſte. Minna kam Gottlob nicht, und ſo konnt ich Wolf auch weglaſſen. Schlaf recht wohl! Die blinden rohen Leute! mir geſchähe das bei einem Trommler mit einem Bart nicht, wenn er meine Seele hätte! mich unweiblich zu finden: iſt das weiblich, ſich auf Menſchen und Schickſal ohne Wahl wie auf ein Lot - terbette zu werfen, und da nach gut Glück faulen, oder Kour annehmen? Große Natur, allmächtiger Gott! wie erlaubſt du deinen Menſchen ſich zu verſperren! ganz klein, ganz klein! Nun fällt’s mir erſt wieder ein! Dein Brief an Joſephinen ließ mir mich wieder ſehen, wie eine Todte, ein Geiſt ohne Blut und Leben, der neben ſeinem an, noch wandelt. Schrecklich! Und doch, großer Gott! große Natur! iſt es Gottlob! anders noch, als ich, und irgend je - mand zu faſſen, in einen Begriff, als wir es auszuſprechen23 vermögen! Sonſt wär ich ja auch wohl, in Gottes Gnade, ſchon todt hingeſchlagen. Gute Nacht!

Ich habe eine ſchlechte Nacht gehabt, nicht möglich ein - zuſchlafen: am Morgen, wo ich denn immer einſchlafe, ſtellten ſich Hähne vor mein Fenſter, und wetteiferten in ihrem abominablen Geſchrei auf’s genauſte. Am Ende ließ ich ſie wegjagen. So iſt’s auf den Straßen unſerer edlen Stadt. Hühnerhorden! Dann ſchlief ich noch ein wenig. Ich ſehe ſehr deteriorirt aus. Natürlich! Krank, keine Luft, keine Zerſtreuung keiner Art. Sonſt, wie ich die Behülfliche mit meinen ewig geringen Mittlen ſein konnte, ging alles: aber an wen kann, ſoll ich mich wenden! Auch iſt meine ganze Geſellſchaft zerſtört, zerſtreut, todt, arm. Dabei, bei dieſem Knappen, bin ich Dankbarkeit ſchuldig, und zur Laſt; denen, die ich meiden möchte unter den beſten Bedingungen; was ich am meiſten fürchtete, wogegen ich fünfzehn Jahre rang, muß ich bis auf den Boden leeren. Es ſind nun ſechs Wochen, daß ich ganz zu Hauſe bin wie oft und lang vorher! und nichts geht bei mir vor, als kleine unange - nehme Häuslichkeiten: und ich habe keine andere Senſation von außen, als die ich mir ſelbſt gebe! Entſchuldige alſo mein endliches Zuſammenbrechen. Du haſt ganz außerordent - lich das reine, unbefangene, kraftvolle Zuhören und Auffaſſen von Joſephine in deinem Briefe ausdrücken können! Dieſe Schönheit der Seele, die nur ein Zeichen von andern Schön - heiten iſt, gewann ihr meine ehrende Liebe mit zuerſt. Ach!24 und was will die; ſie war ſchön, und edelgeboren! Bei Gott dem Richter! Mein Herz und meine Seele ſind eben ſo ſchön und ſo viel werth. Worin hält ſie ſich wohl für weib - licher? von ihr ärgert mich der grobe gemeine Irrthum für ſie! Anmuth, Lieber, hatte ich nie mehr; dir muß es aber ſo ſcheinen: denn du biſt wirklich der Menſch, bei dem ich anfing: ſollte von Liebe die Rede ſein, auch zu fordern. In der Erſcheinung war ich’s nie, graziös. Aber die Grazie des Herzens, die aber nicht durchdringt, hab ich noch. Wann findet man das nicht? Wo fehlt es? hat es einen ungerech - ten Pulsſchlag gegen irgend eine Kreatur! will ich für mich beſonders mehr? Nicht für alle Menſchen, und Thiere faſt, daſſelbe? Bin ich nicht immer gut; nur aus der Folter gelaſſen, weich? Mittheilend, theilnehmend, in jeder Minute? Hülfreich, edel und gut! wie’s Goethe gebeut. O! Gott!

Nun bin ich nicht mehr allein. Moritz iſt gekommen mit Erneſtine und der Schwiegermutter. Ich bin überzeugt, daß Hr. von Knorr eben ſo delikat für dich war, als er für ſich ſelbſt würde geweſen ſein, alſo bin ich über deine Angelegen - heit ruhig. Mad. Paczkowska hat hier nicht die Leipziger Rollen, ſondern die Orſina, Maria Stuart, und in dem ver - bannten Amor, ohne Beifall geſpielt: das will aber gar nichts gegen ſie ſagen: weil ſie hier nur ihre Alten mit den alten Fehlern dulden. Ich war krank, und geh gar nicht in’s The - ater. Dies für Mad. Brede! Grüße doch den Gr. Bentheim recht beſonders von mir, ich denke ſehr oft an ihn mit großer Neigung. Hr. Geheimrath Wolf hat mir Woltmanns Über - ſetzung vom Tacitus gegeben. Das geht zu weit! Ich ſchäme25 mich, daß man dies in unſrer Litteratur finden wird, und wundere mich zum Tod, daß ein Buchhändler es angenommen hat. Neumann ſehe ich nicht mehr. Frau von Fouqué hat mir mit Robert geſchrieben, der fünf Wochen bei ihnen war. Ich werde ihr antworten. Das Briefchen iſt gut, tüchtig, und wahrhaft. Viele Empfehlungen an Hrn. von Noſtitz! Vor - geſtern ſpielte die Longhi. Sie gefiel nicht: das Publikum ſagt, ſie reißt die Harfe. Wenn es Recht hat, nenne ich es das Publikum.

Adieu. R. R.

An Alexander von der Marwitz, in Potsdam.

Allgegenwärt’ger Balſam allheilender Natur. Auch dem menſchlichen Geiſte muß ſo etwas beigegeben ſein; ein ſeliges Vergeſſen, ein nur auf ein Maß Zeit gegebenes Faſſen des Unheils; und auch ich habe ſchon öfters empfunden die Unzu - länglichkeit in mir des Verzweiflens und Unglückaufnehmens. Denn ſo eben wollt ich losſchreien über der Franzoſen Ver - geßlichkeit! Sie machen, ſo lange die Revolution währt, und beſonders die in Frankreich, und in ihren Büchren ſeit der Zeit, als hätte es dergleichen noch gar nicht gegeben. Und was war dieſe Revolution gegen Karls VI Regierung! Chauf - feurs, Septembriſeurs, Verräther, an Bürgern und König, gab’s aus allen Klaſſen; Mord, Mordenlaſſen, falſche Eide, wozu die Religion und ihre erſten Diener in Anſpruch und zu Zeugen genommen waren, war Tagesſitte. Frankreich26 iſt das bewunderungswürdigſte Land! Erſtlich, begreife ich nicht, wo in einer ganzen ſolchen Zeit nur eine Ernte, eine Ausſaat, eine Fabrikation zu Stande kam; und dann, wie in wenigen ruhigen Regierungsjahren ſich eine ſo freundlich feine Sitte bilden konnte, die das Muſter der übrigen Erde wurde. Das ſind wahrlich ächte Menſchen; ſehr bös, ſehr vergeßlich, und leichtſinnig; ſehr religions - und ehrbedürftig, geſchickt und zerſtörend, geiſtreich und roh; und ganz unbe - greiflich. Und ſolche unbegreifliche Unſinne gehen vor! oder iſt das nur der Verfaſſer der Memoiren? Welch entſetzliches Aufheben wird von Johanns von Burgund Ermordung ge - macht, als wenn er ein unſchuldig Täubchen wäre, und der Herzog von Orleans von ſeinem Girren umgefallen wäre? Als Johann den vor, oder hinter, kurz beim Ausgang einer Kirche morden ließ, und es drei Tage nachher ſelbſt ge - ſtand, geſchah nichts; als kriegen, welches immer ſeinen Gang hatte; und als Mörder, Mörder eines königlichen Prinzen, eines Verwandten, war nicht von ihm die Rede. Wiſſen Sie, was ich bemerke, woraus großentheils das Unglück der Zeiten beſteht? Daß eine immer in die andere greift; und nicht die neue in die alte, ſondern die alte noch in die neue. Frank - reichs Unglück, zum Exempel, hätte damals gar nicht ſo wach - ſen können, wären nicht ſo viele feſte Schlöſſer dort, ſo viele kleine Gebiete, ſo verflochtene Herrſchaften vorhanden gewe - ſen; und der Sinn und die Meinung all der Beſitzer davon: daß ſie theils eigenmächtig und wehrſtändig ſind, und theils das Recht haben einen Lehnsherrn nach Belieben zu wählen. Von den Vilains war nur beiläufig die Rede, und das durch27 die frömmſten weiſeſten Leute, deren immer nur wenige ſein können. Was ich hier geſagt habe, heißt nur mit andern Worten: Schade, und Jammer! daß der Geiſt unſerm Aus - üben auf Erden immer vor iſt; welches ſich ewig von neuem zu unſerer Qual und Schmerz wiedererzeugt. Ich kann gar nicht raiſonniren, wie Sie ſehen; weil ich immer bis zum Erd - ball, der Menſchen Geiſt, und dem lieben Gott komme; und dann an dem Berg ſtehe: und ein Raiſonnement ſoll ſchreiten. Aber ich wollte meinem Geſchichtsprofeſſor mich doch auch Ein - mal produziren: und ihm zeigen, daß ich mir Gedanken bei Leſung derſelben mache; welches mir mit Gedächtniß noch ſchwerer gelänge. Nun warte ich auf einen Brief von Ih - nen! bis mir etwas einfällt.

Wer weiß, ob man mich ſo lange allein laſſen wird, bis ich Ihnen ein paar Zeilen werde geſchrieben haben! Sie ſe - hen, Undankbarſter, wann dieſer Brief angefangen iſt. Sie ſind ſtumm, und ſchicken mir auch kein Buch; und nun muß ich mit meinem Leſen warten. Dazwiſchen leſe ich, wenn ſie mich nicht ſtören, ein altes Buch, den Streit von Mendels - ſohn und Jacobi betreffend, den ein gradgeſinnter, vernunft - rechter Menſch darlegt; Mendelsſohn hat Unrecht. Dieſer letztere aber hat, welches dabeigebunden iſt, die Schrift eines engliſchen Juden [Manaſſeh Ben Israel] überſetzt, und eine Vorrede dazu geſchrieben, die meine Bewunderung ausmacht, ſo elegant und beſonnen iſt ſie geſchrieben; auch das Buch könnte, nein, ſollte, den jetzigen Überſetzern ein Muſter abge -28 ben. Des Juden Buch betrifft ſeines Volkes Zuſtand in Eu - ropa, und die Auseinanderſetzung der Gründe an die engliſche Regierung, aus welchen ſie ſie bei ſich aufnehmen ſollte: es iſt im Original engliſch; der Verfaſſer lebte zu Cromwells Zeit in Amſterdam, und bekam die Erlaubniß, nach England hin - über zu gehen. Er ſchreibt einen ſehr ſchönen Brief an einen vornehmen Engländer. (Ich, die unter Friedrich Wilhelm von Preußen lebt, ſchrieb vorgeſtern einen großen original-deut - ſchen Brief an Frau von Fouqué; welches mich abhielt, dem Ritter von der Marwitz, meinem Freunde, zu ſchreiben.) Unter einem Uſurpator, wie man’s nennt, regt ſich die Menſchheit, es ſei unter (entre heißt dies unter ) welchen ſcheuslichen Larven und Geſtalten es wolle, immer; dünkt mich. Könnt ich doch Einmal ganz ausſprechen, wie die Geſchichte vor mei - nem Geiſte liegt. Iſt es nicht Jammer und Schade, daß ich die Geſchichte nicht weiß, wie Sie? Nein! ſo viel, wie bei und an mir, iſt lange nicht verwahrloſt worden! Sind Sie noch zerſtreut, lieber Hamlet? Hamlet, wegen: Zweifle, ob die Wahrheit lüge ꝛc.

Die Menſchen zu einer Höhe zwingen, und haben, wo ſie ſich nicht halten können, iſt wahrlich ſchülerhaft. Aber nichts iſt ſchwerer wieder mit aus der Welt zu nehmen, als der Drang nach Bewunderung, Liebe, Wohlwollen; die Reich - und Weichherzigen übereilen ſich dieſe Schätze auszuſchütten; und nur ſehr wenige, auch mit Maß und großer Stärke, zu jenen Gaben, Begabte, ſind weiſe vor dem großen Defizit. Ich bin es mit und während (!) der größten Einſicht nicht. Da ſteh ich wieder! Feſt hatt ich mir vorgenommen, nicht29 mehr von mir zu ſprechen: wie von einem ausgegangenen Baum: an deſſen Stelle endlich neue Pflanzungen kommen müſſen. Mein Geiſt lebt aber noch: und wie ſoll ſich der an - ders nennen, als: ich? Mit mir ſteht es höchſt elend. Meine innerſte Geſundheit ſcheint erſchüttert; und außer meinen Ge - ſchwiſtern merken’s alle Menſchen an meiner ganzen Haltung und Weiſe; auch ich fühle es, auf alle Weiſe, von der ſtum - pfeſten Eitelloſigkeit, bis zum konvulſiven Schmerz Schrei der Thränen , und in wahrer Verzweiflung bin ich, wenn ich glaube, ich würde nicht wieder geſund, und ſo hingepeitſcht bis in’s taube, ſtumme Grab: ohne Geſundheits gefühl vor - her; jedoch lodert mein Geiſt immer von neuem wieder auf, als ſchüttete man große Behälter voll Schwefel auf eine Flamme; der ſie zu dämpfen ſcheint, und furchtbar nährt. Dies kann ich denn den Freunden nicht, nicht einmal jeder Umgebung, verbergen. Immer noch Einmal überdenke ich das Überdachte, kombinire es zu andern Gegenſtänden des Denkens, und es muß paſſen. Theils bin ich dazu gezwungen; theils geht das in meinem Kopf wie in einem Gebiete vor, wo ich nur das Hinſehen habe; wie große Vegetationen, die ſich die atmoſphäriſchen Kräfte unter einander ſelbſt verleihen, in dem einmaligen zum Leben gezauberten Daſein! Mein unſchuldig - ſter, und auch leidenloſeſter, faſt amüſanter Moment iſt, wenn ich ganz neugierig werde, wie das noch mit mir und allem werden wird.

Ich war auch in der Komödie, wo ich das Opferfeſt habe ſpielen ſehen. Dies iſt doch die größte Marter, die man ſich anthun kann: ſich durch ſchmerzbringende Töne, und Verkehrt -30 heiten, ſtillſitzend, und zur Bewunderung einer Maſſe von Menſchen, die doch alle acht Groſchen haben, beweiſen zu laſ - ſen, wie entfernt unſere Nation von aller Kunſt iſt; durch zehnfach mißverſtandene Ausübung einer, die die meiſten ge - braucht, und, wie jede von ihnen, alle in ſich begreift; einer Kunſt, die den Menſchen ſo natürlich iſt, daß ſie durch eine Schule von verrenkten Ein - und Anſichten erſt aus ihnen muß ausgerottet werden: von welcher Schule wie ſelten gelingt dergleichen! Rebenſtein ein lebendiges Ideal iſt; zur ſicht - baren Glorie des großen Meiſters. Amen! Ich brauche Luft! denn ich ſchöpfte nicht Athem vor Disguſt. Leben Sie wohl! Und ver - dienen Sie ſolche lange Briefe durch eben ſo lange.

R. R.

Aus Alexanders von der Marwitz Erinnerungsblättern.

Rahel erzählte, wie ſie, während des albernſten Geſprächs Anderer, die tiefſten, göttlichſten Gedanken gehabt habe. Nein, Marwitz, ſagte ſie, und es flog mir wie ein Strom, über den lauter ſolche Zweige liegen, broussailles, und die Andern mer - ken ihn gar nicht, weil ſie nur das Grüne ſehn.

Und wir ſprachen wie der Wind, der hoch über die Erde weggeht, und die Erde merkt es gar nicht ſagte ſie ein an - dermal von einem leidenſchaftlichen Geſpräch, daß ſie in Ge - genwart inſipider Menſchen geführt hatte.

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Von der Staĕl ſagte Rahel: die nichts hat, als einen mich inkommodirenden Sturmwind. Es iſt nichts Stilles in ihr.

Ich erinnerte ſie an die Stelle in Schleiermachers Weih - nachtsfeier, wo die Kleine die Muſik findet: ( Ach Muſik, große Muſik, Muſik für mein ganzes Leben! Kinder, ihr ſollt ſingen! ) O Gott, gnädiger Gott! rief ſie ganz lei - denſchaftlich aus, wie kannſt du ſo etwas erlauben von dei - nem geiſtreichen Prieſter! Wir lachten.

Von Schleiermachers Kritik der Ethik: Es iſt wie eine Fabrik von Hämmern, die das Höchſte arbeiten, aber ſelbſt nicht das Höchſte ſind.

Von der Orangerie im Maxiſchen Garten, einem finſtern, inwendig verfallenen ſchmutzigen Loche mit großen trüben Fen - ſtern: Das ſei die Reſidenz des Gottes der Spinnen; da hauſe er, ganz hypochondriſch, von allen Göttern entfernt und mit ihnen verzürnt.

Wir redeten von den unbequemen öſterreichiſchen Wurſt - wagen, und wie lächerlich es an dem alten Ligne ſei, daß er, um den jungen zu ſpielen, darauf herum fahre. Der, ſagte Rahel, ſollte ſich lieber Probe tragen laſſen auf einer Bahre, um zu ſehen, ob ſeine Leiche es auch aushalten und nicht etwa wieder lebendig werden würde. Denſelben, in einer gewiſſen Uniform, nannte ſie den Polizeikönig.

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An Frau von Fouqué, in Nennhauſen.

Eh Sie mir noch geſchrieben haben, hätte ich Ihnen ſchrei - ben können: und bei mir iſt es gewiß, daß wir uns ſehr verſtehen würden; ſich zu verſtehen iſt ja das urgenteſte und menſchlichſte Bedürfniß der Menſchen; woran ſie zwar ſo häufig, aber doch nur durch ein paar Urſachen verhindert werden. Sie wollen entweder aus kleineren Abſichten, in denen ſie ſich verlieren, lügen; oder ſie ſind unverſtändig, und die feinen Spitzen der Sinne, woraus der Sinn beſteht, feh - len ihnen. Sie, liebe Frau von Fouqué, erſcheinen mir wahrhaft und verſtändig; und die innigſte Freundſchaft un - ter uns würde mir weniger auffallen, als ein Stillſtand in unſerer Bekanntſchaft. Dieſe Meinung flößten Sie mir gleich ein, und jedesmal, daß ich Sie ſah, wurde ich darüber ſiche - rer. Um ſo mehr aber möchte ich Ihnen danken für Ihre An - rede, und für die Art derſelben; läßt man nicht oft das Köſt - lichſte, zumeiſt für uns Beſtimmte, aus abgeſtumpftem Muth, endlicher Läſſigkeit, und immer zunehmender äußerer Zer - ſtreuung ſeitab liegen; und greift nach unwerthen Dingen, an die man die Tage und Kräfte in Unmuth und Feigheit, hingiebt! Mein Dank, daß Sie mir geſchrieben haben, muß ſich als Bewunderung äußern, daß es Ihnen möglich war, auf Anforderung eines Andern einen ſo weichen, lieben, na - türlichen Brief zu ſchreiben! Mich dünkt, ich hätte es nicht vermocht. Künftig aber, Liebe, ſchicken Sie mir nie wiedereinen33einen offenen Brief; mir iſt, als entflöge den Zeilen geiſtiger Duft, wenn meine Augen nicht die erſten ſind, die ſie leſen: mein Vorurtheil geht ſo weit, daß ich mir ein Gewiſſen dar - aus mache, einem Freund, wie es doch manchmal kommt, eine Stelle zu zeigen, ehe ich einen Brief zu ſeinem Herrn ſchicke. Glauben Sie es, liebe Frau von Fouqué, ich war ſehr ſaiſirt, bei der Stelle in Ihrem Briefe, die Sie einen Schrei nennen, und noch ehe Sie ſie ſo nannten. Was verſtehen Sie darunter: Ich habe mich unzähligemal verloren? War Ihr Herz veräußert? Oder konnten Sie ſich lange vor Ih - rem innren Gerichte nicht vorfinden? Aber ich finde mich wieder. Das iſt gut, aber macht nicht gut. (Dies der Schrei.) Iſt meine zweite Frage Ihr Fall, ſo glaube ich, das Wiederfinden macht auch gut.

An ſich arbeiten; klar machen, was uns verwirrt und drückt; und wären es die größten Schmerzen, zum größten Bankrutt führend, heißt ja gut ſein: Faſern und Nerven, Wünſche in uns, können wir doch nicht ausſtreichen: und ſoll - ten dieſe allein nicht heilig ſein, nicht mit der Scheu der Frömmigkeit betrachtet, behandelt werden, als andere Werke und Feſtſtellungen der Natur, ja als der tiefe Hang, das große Bedürfniß, recht zu thun, in uns? Ich fühle ganz, daß es nur Ein unerträgliches Übel giebt: wenn man dies Be - dürfniß nicht befriedigt hat, und das Gewiſſen krank iſt. Na - türlich, dies iſt das uns gelaſſene Gebiet; und wir quälten, hätten wir die Mittel, an ſie zu kommen, wie wir ſie bei uns ſelbſt haben, Andere eben ſo, bis wir hätten, was wir vermiſſen, und was uns recht und ſchön in jedem Falle dünkt. II. 334Kann man aber mehr thun, als ſich ändern, reinigen, beſſern? Hat man Macht über geſchehene Dinge? Gäbe man nicht Leben und Glück, um manches wieder herzuſtellen? Gehört das mit zur unreinen That, oder vielmehr, zu dem verwirrten Willen dabei? Antworten Sie mir hierauf, Liebſte! beſonders was Sie unter verloren verſtehn.

Sie dieſen Sommer zu beſuchen, gehört unter die Lieb - linge meiner möglichen Ideale! Freilich könnten wir viel zu - ſammen ſehen, aus uns hervorholen, ſprechen, ſpazirengehen, und ſo gewiß durch einander lernen! Im Freien, von Ge - meinem abgewandt, neben Geſcheidten zu ſein, kann eine Se - ligkeit ſein; und angemeldet hätte ich mich, hätten Sie mich nicht bald eingeladen. Hören Sie aber, ich will es aufrichtig ſagen, was mich abhält. Nichts würde mich abhalten, wäre in Ihrem Dorf ein Wirths - oder anderes Haus, wo ich mich einmiethen könnte. Beſuchte ich Sie nur allein, nur Frau von Fouqué, ſo ginge alles an: aber ſo würde ich mich im - mer als Gaſt der andern Herrſchaften auch fühlen, und mich gewiß gut benehmen, aber den Gedanken nicht verlieren, was haben die von dir, und was ſollen die von dir denken! Ich habe kein Talent, als mein Daſein, und damit können Sie nur zufrieden ſein: bin nichts, und ohne agrément. Dann habe ich keine beſonders jetzt ſchußfeſte Geſundheit; und bin leidend und ganz unbrauchbar, wenn ich gewiſſe Bequemlich - keiten miſſen ſoll, als mein Mädchen, die ich wahrlich zur Gefundheits-Toilette gebrauche: ich bin ferner zu manchen Ta - gesſtunden ganz unfähig, unter Menſchen zu bleiben; wo aber grade die Hausgeſellſchaft vielleicht die Gegenwart ihrer Gäſte35 verlangte. Nun bin ich nicht ſo hinfällig, daß ich nicht trotz dieſen Bedürfniſſen leben und bleiben könnte, aber auf keine angenehme Weiſe für mich: und in einem Vergnügen, in einer Freude, je n’aime pas à pâtir, zu vermiſſen, geſtört zu ſein. Sie verſtehen das Leben; ich füge kein Wort hinzu.

Es iſt mir gewiß lieb, meinen Bruder ſo gut bei Ihnen zu wiſſen: und es gehört mit zu den vorzüglichſten Gütern auf der Welt für ihn, daß er Sie Freundin, und Ihr Haus als ein ihm wohlwollendes ſich nennen kann. Mein innerſtes Herz gönnt es ihm! Und ſo zag ich faſt, ein Wort über ſein Stück zu ſagen, welches von Ihrem großmüthigen Urtheil ſo weit überflügelt wird! Ich kann mit zwei Worten ſagen: Die Behandlung des Stücks entſpricht dem energiſchen Plan, der kräftigen Konzeption deſſelben nicht. Für mich ein das Ganze überſchreiender Mißton; weil er aus der tiefſten Tiefe des Ganzen, ja des ganzen Seins des Dichters, herauf tönt. Die Geſpräche ſind matt für dieſe Situationen: bei nah kein allgemeingültiger Spruch, die Leiden und Leidenſchaft ſo gern, als ewige Sentenzen für die Verhältniſſe ausſtößt, die ſie hemmen, drücken, und eigentlich hervorbringen! u. ſ. w. Was Sie davon rühmen, bleibt doch wahr; aber mit dem, was ihm fehlt, hätte es ein zerreißender Geſang bleiben kön - nen, über einen von der Geſchichte hervorgebrachten Mißſtand, den künftige Zeiten noch immer hätten verſtehen und nach - ſingen müſſen, und wären ſie längſt ſchon in neuen Verwir - rungen befangen. Wie wir noch von Sklaven ſingen, und ganz verſtehen, was das bei alten Völkern hieß, und zu - wege bringen mußte! Dies der Wahrheit zum Opfer;3 *36ungern taſt ich Robert in dieſem Stücke, bei Ihnen an! Über Geiſtesprodukte, Kunſtgegenſtände, iſt es mir unmöglich zu ſprechen, und meine Meinung zu verſtecken; dieſen Ge - ſchöpfen giebt der Urtheilende das Urtheil mit Leben: ſie kön - nen, mein ich, nicht beſtehen, zur Exiſtenz kommen, kann das Urtheil ſie nicht durchlaſſen. So lange Robert weg war, war ich krank, und konnte nicht ſchreiben. Haben Sie die Gnade, dies Hrn. von Fouqué mit vielem Dank von mir, und die liebſten Grüße zu ſagen. Noch bin ich ſchwach, und das Schrei - ben wird mir ſchwer: aus dieſer Urſach muß mir auch Frau von Fouqué verzeihen, daß ich nicht gleich antwortete. Sonſt ſchreib ich wohl gerne, oder vielmehr lange, wenn ich anfange. Wie hier ſteht! Geſtern Abend war den halben Abend von Fouqué’s die Rede bei mir; Mad. Spazier war bei mir, und die frug Roberten auf’s Blut über dieſes Paar aus: ich fiel ihm oft in die Rede, und dozirte mit.

Mit Marwitz ſprech ich ſehr oft von Frau von Fouqué: der iſt eine ſcharfe Acciſe, oder vielmehr eine ſehr großartige, auf einfache Art organiſirte. Lobt und preiſt Sie ſehr, und läßt Sie breit durch: jedesmal für mich eine neue Fete. Ich empfehle mich auf’s beſte dem Fräulein Clara; ich wäre gewiß auf den Ball gekommen, konnte aber kein Billet bekommen, und war ſchon zu krank-ſchwer, um Himmel und Hölle um - zukehren.

Sie antworten mir bald?! les mains jointes!

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An Alexander von der Marwitz, in Potsdam.

Sittliche Menſchen, die keine Narren ſind, geſtellt wie wir (das bischen Modifikation rechne ich nicht), werden rein vom Tod berührt. Ich habe mich längſt gewundert, keinen ſolchen Brief von Ihnen zu erhalten; die Gründe dieſes Wun - ders und meiner Behauptung, ſind zu oft, zu lange darge - legt in allen meinen Briefen an Sie! Grau in Grau. Dies ſind meine Worte ſchon vor Jahren an Varnhagen. So ſollen die friſcheſten, bibliſchten, ich meine frömmſten, le - bendigſten, Gemüther ausdauren müſſen? Mir mir iſt es nur noch ſchrecklicher! Sie wiſſen, wo ich mit meinem Verge - hen, meinem Verzweiflen hielt: nun hat gränzenloſe Angſt, und Sorge den Fuß auf mich geſetzt. Angſt vor Exceſſen von denen welche, einige, vorfallen; und Sorge, wie ich es nur beſtreiten ſoll. Dieſe beiden niedrigſten Affekte, oder was es ſonſt iſt, ſteht meine Seele, wie ſie iſt, lebendig nicht aus; ſie ſchrollt in Unthätigkeit zurück, und dies nur fühl ich. Die edlern Klagen, das gerechte Vermiſſen, ſchweigen; und wenn ich auch jetzt für Ruhe, Glück und Seligkeit dem Himmel verpfände, ſo weiß ich von allem doch wie es iſt. Wie mir iſt, iſt keinem Gefangenen, und keinem König im übelſten Zuſtand; entwickelt, dies nur mündlich! Ich habe einen Kom - miſſair und einen Bedienten als Einquartierung; der Herr aber durch das größte Ungefähr wohnt wo anders! Reines Glück, welches ſich in jeder Viertelſtunde ändern kann. 38Ich ſehe niemand, gehe nicht aus: und fürchte mich unver - nünftig. Sie haben mir vortrefflich geſchrieben: und das Ge - fühl darüber wend ich dazu an, daß es mir wenigſtens die Kraft geben ſoll einen Brief zu ſchreiben, wenn auch nicht zu antworten. Ja mein theurer Mitmenſch! mehr noch als zufälliger Freund Sie drücken es aus, wie man über Gott nicht ſprechen kann. Wenn der Begriff eines ſolchen Daſeins nicht die Gränze des unſrigen iſt, was iſt er denn! Eine gränzenloſe Unterwerfung muß es ſein jedesmal, von etwas Unendlichem erzeugt, was in uns vorgeht, was wir auffaſ - ſen! Schneidende Meſſer ſind es mir, wenn ſie ſo dreiſt weg von Gott ſprechen, wie von einem Amtsrath; und grade den Stummen, Übererfüllten, von ihm (ihm!) abwendig glau - ben. Dieſe Empfindungen machen mir auch jetzt wieder in der Bibel alle Reden und Geſetze in der Wüſte. Ich werde mei - ner Nation ganz abgewandt; wenn ich auch Moſes die Ge - rechtigkeit muß widerfahren laſſen, daß er’s mit ſechsmalhun - derttauſend Jungvolk nöthig hatte. Gräßlich geſchrieben und vorgetragen iſt es gewiß. Nur bis nach Joſephs Geſchichte iſt es ſchön; ſo weit ich bin.

Ich brachte dieſe Woche Schl. einen Theil von Heinrich Kleiſts Erzählungen wieder, und wollte von ihm ein Buch, und griff Spinoza. Ich leſe ihn. Den habe ich mir zeitle - bens anders gedacht. Ich verſtehe ihn ſehr gut. Fichte iſt viel ſchwerer. Es iſt ſonderbar; mir kommt immer vor, als ſagten alle Philoſophen daſſelbe; wenn ſie nicht ſeicht ſind. Sie machen ſich andere Terminologieen, die man ehrlich, gleich annehmen kann; und den Unterſchied find ich nur darin, daß39 ſich ein jeder bei einem andern Nichtwiſſen beruhigt; entweder aus einem ſolchen ſeine Deduktion anfängt, oder ſie dahin - führt, oder, weniger ſtreng, es mit drunter laufen läßt. Spi - noza gefällt mir ſehr; er denkt ſehr ehrlich, und kommt bis zum tiefſten Abſoluteſten und drückt es aus; und hat den ſchönen Karakter des Denkers; unperſönlich, mild, ſtill; in der Tiefe beſchäftigt, und davon geſchickt. Von den Gemüths - bewegungen ennuyirt mich; weil das Wichtige im vom Geiſte ſchon vorkommt, und wie ſich’s weiter fortbewegt mir und uns Allen genug bekannt iſt; den abſtrakten, einſamen Mann aber unterhielt, wie es ſcheint. So viel ich von Spi - noza! Ich lieb ihn aber ſehr, den Mann. Wiſſen Sie, was Fauſt Gretchen antwortet, als ſie ihn frägt: Glaubſt du an Gott? Das ſchönſte Gebet! Welch ſchöne Gebete ſtrömten ſchon durch eine Seele, die dies antwortet; wie wälzte da der Geiſt ſchon Gedanken empor! Über ch haben Sie Recht. Ich bin es überzeugt; Sie haben ihn göttlich beſchrieben; wie unſchuldig, wie ehrlich, und wie wirklich geſehen: das erfindet man noch ſchwerer, als man’s ſieht. Das Abſpeiſen, neumo - diſcher Art, mit dem Glaubensweſen, iſt meiner tiefſten Seele zuwider. Einzeln ſteht dieſer Behelf: auf keinem Grund und Boden erwachſen; nicht auf Güte, nicht auf keuſchem Auffaſſen der Geſchichte, nicht auf Enthuſiasmus des göttlich - ſten Exempels, nicht auf kinderhaftem Glauben an das, was Eltern und Lehrer meinen und lehren; auf ſchlechte Weiſe, wie Theater und Galerien beſucht werden, hauſen ſie und dis - putiren, und verſchanzen ſie ſich gegen les ennuis (den gro - ßen Verdruß ) in’s neuerfundene Glaubensweſen hinein und40 herum! Und kaum paßt dies zur Wahrheit, die Sie mir von ch loben; und die ich glaube. Sie lieb ich doppelt wegen Ihrem Brief, und Ihren Gebeten darin. Es giebt nichts anders! Wer nicht in der Welt wie in einem Tempel um - hergeht, der wird in ihr keinen finden.

Ich kann Ihnen nichts ſchreiben, als: tröſten Sie mich! Machen Sie mir Hoffnung zu Sommer, zu Luft, zu Grünem! Zu anderm, als ich ſehe, was mich ganz erdrückt. Leben Sie wohl! Varnhagen hat mir wieder einen Liebesbrief geſchrieben, mit einer Einlage von Hrn. von No - ſtitz an mich; recht artig in jeder Art. Antworten konnt ich dem aus Unſeligkeit nicht. Varnhagen nur wenig, damit er nicht denkt, ich ſei böſe. Was ihm Graf Golz geantwortet hat, weiß ich nicht, da Neumann ſeit zehn Tagen bei Fouqué iſt, und erſt morgen wiederkommen ſoll. Ich wünſche Sie wohl zu ſehen! aber nicht zum Zeugen meiner Angſt. Kom - men Sie! Adieu! Ach! wär ich auf einem ſchönen, ruhigen Berg, und ſähe glückliche Familien!

Adieu! R. R.

Schl. fragte mich gleich höchſt freundlich nach Ihnen; pour me plaire, glaub ich.

An Alexander von der Marwitz, in Potsdam.

Vorgeſtern Abend, lieber Marwitz, erhielt ich ein Schrei - ben von Hrn. von Klewiz, worin mir geſagt wurde, ich würde nach dem Drang der Umſtände (?) geſchont werden, und41 ſollte künftig nur einen employés oder Offizier zur Einquar - tierung haben. Von Hrn. Br. iſt weiter nichts erfolgt, dies halte ich aber für eine Folge. Dies endlich danke ich Ihnen! Ich war ſo ganz durchdrungen, wie Sie es nur ſein können, von dem Opfer, welches Sie mir durch die Ihrem Sein ganz unangemeſſenen und widerſprechenden Schritte auf dem Bureau brachten. Aber ich habe es gefordert, und ließ es mir bringen; weil Sie anders in meiner Seele ſtehen ſollen, als all die, die ich wie Weihnachtspuppen in meinem Geiſte anſehe, denen nur ich, und ſie mir nie leiſten. Jetzt iſt auch eine Zukunft: und ich will nicht mit allen Verſprechungen und Erfüllungen bis über das Grab hinausgeſchoben ſein! Ich leiſte was ich vermag auch gleich, und ſtets: und meine Liebe und Achtung iſt eine fruchtbringende; ſo ſollen meine Freunde auch ſein. Sie ſind ſo gut wie ich: oder keine. Zu lange bin ich ver - ächtlich ſchonend mit Schund umgegangen: mit wem ich ſo rede, wie mit Ihnen, der muß ſein können, wie ich. Es ward mir ſo ſchwer als Ihnen, Sie dahingehen zu laſſen dies glauben Sie! aber lieber war mir alles, als auch Sie in mir anzuklagen, und fahren zu laſſen! Sie werden nicht fin - den, daß ich von einer Kleinigkeit eine zu große Wichtigkeit mache: es iſt keine Kleinigkeit, was uns plagen kann: und es iſt keine Kleinigkeit, ob der, den wir als Freund behandlen, uns von dieſer Plage rettet, wenn er kann, oder nicht. Des Lebens Baum iſt friſch und grün, und will manchmal mit der Scheere beſchnitten, mit Thätigkeit behandelt, mit dem Meſſer geputzt ſein. Apropos! der Mahler Müller hat mir göttliche Augenblicke erweckt, herbe häufige Thränen gekoſtet. 42Ich errieth, daß er aus einer ſchönen lieben Gegend iſt: und ſo war es auch. Er iſt aus Kreuznach, und hat eine Ode an dieſen Ort in Proſa gerichtet, die mich wie eine Fontaine hat weinen machen. Der liebt ſein Vaterland. Weil er ſieht, weil er ſeine Mutter, ſeine Schweſtern liebt.

Ich bin geſtört durch Nettchen. Vorgeſtern war Götter - wetter: ich ging am Schiffbauerdamm und Weidendamm, kurz an allen großen Plätzen der Stadt umher, und dachte an Sie. Geſtern war ich im Thiergarten, und wollte Ihnen Kaprifo - lium pflücken und mitſchicken, und nachher vergaß ich’s doch. Adieu. Leſen Sie alles von Müller, und kommen Sie bald. Gehen Sie viel? Ich denke immer an Wetter, Wolken, Wald, Luft; und bete darum.

An Mariane Meyer, in Dyhrufurt.

Meine liebe Kouſine! Mittwoch erhielt ich Ihren Brief aus Dyhrnfurt; und nur heute geht erſt eine Poſt dahin; Sie ſehen alſo, daß ich Ihren Wunſch eine ſchriftliche Nach - richt von mir zu haben, verſtehe wie Sie ihn hegen, und mich gleich anſchicke, und freue, daß ich den wenigſtens befriedigen kann. Von Ihnen, liebe Mariane, habe ich erſt erfahren müſſen, daß Ihre Schweſter nicht mehr lebt: ich habe ſie nur wenig gekannt; es betrübt mich aber für Sie recht ſehr, und iſt mir auch traurig, daß Freunde, Verwandte und Bekannte um mich her hinſterben: welches ſeit einigen Jahren mir zu43 häufig geſchieht! Den Verluſt meiner Mutter fühle ich alle Tage herber, anſtatt daß dies Andenken ſich mildern ſollte. Man wird mit dem Alter nur geſchickter, mit dem Alter ſich zu verbinden; es glimpflich zu behandlen, es einzuſehen, was es vermißt, was man ihm leiſten ſollte, und was es ausge - ſtanden hat! Manchmal denke ich, meine Sehnſucht nach meiner Mutter, und die Reue ihr nicht mehr gedient zu ha - ben, das Vermiſſen ihrer, bei dem von andern wünſchenswer - then Dingen, iſt eine gerechte, verdiente Strafe, für die doch zu große Zerſtreuung über mein Verhältniß zu ihr! ob - gleich ich mir keine beſtimmten Fehler gegen ſie habe zu Schul - den kommen laſſen. Reue, Schmerz, Gram, Vermiſſen, alles muß dazu dienen, uns frömmer, ſtiller, und nachdenklicher über alle Dinge des Lebens und der Welt zu machen; bei mir iſt es wenigſtens der Fall; daß, ſeitdem ich gar keine Hoff - nungen mehr für die Schönheiten des Lebens, und das Theuerſte verloren, und habe hingeben müſſen, ich nicht ſo ſtechendes Unglück, als ſonſt fühle, und ruhiger die ſchönen Gegenſtände der Natur anſehe und in mir aufnehmen kann. Ich erzähle Ihnen das, liebe Kouſine, weil auch Sie hart mit dem Glück zu kämpfen haben; und dieſe Betrachtung, und mein Exem - pel, Sie vielleicht ehr auf den Weg, den mein Geiſt genom - men hat, führen kann! Denken Sie feſt an Gott, Liebe! den man in großem Unglück findet; ich weiß es! und daß wir nichts ſelbſt machen, und veranſtalten können; wie wun - derbar unſer ganzes Daſein, und unſer Tod iſt; daß die Höch - ſten auf der Erde allem unter worfen ſind, was uns und den Geringſten martert. Daß Sonne, Luft, Freiheit; Erquik -44 kung an allem Guten und Schönen, uns doch bleibt, ſelbſt in der Lage, worin wir nun Einmal ſind. Ich wenigſtens war ſchon ſo höchſt unglücklich, durch Leidenſchaft, Umſtände, Men - ſchen, Kränkung, Sorge; ſo höchſt elend durch ſchwere lange Krankheiten, daß ich gelernt habe in jedem Unfall gleich das ganze Leben zu beſchauen, und aufzugeben. Sie haben ge - wiß in Ihren Leiden oft gedacht, o! wie glücklich iſt Rahel und deren Geſchwiſter gegen mich! und o! Gott! wie tief elend war ich wohl grade dann! und auch jetzt; was ich ge - wünſcht, gehofft, nach dem ich ſchon Unglück genug das Leben hindurch ringen mußte, dem muß ich entſagen; das iſt mir verſagt, für ewig! Jetzt lebe ich allein; eingezogen, ohne Geſellſchaft beinah; weil ich ſie nicht bewirthen kann, und mich nach meinen Decken ſehr ſtrecken muß! Ich bin in einer weitläufigen großen Stadt, und kann nicht einmal ſpa - ziren gehen, weil ich es allein, wollt ich auch ſo weit gehen, nicht kann, und beinah nie Geſellſchaft dazu habe: und ſie auch beinah vermeide, weil dies koſtſpielig iſt, wenn man nicht auf dem Lande lebt: zu einer Sommerwohnung habe ich kein Geld! Dies iſt meine größte Beraubung! Ich liebe das Freie gränzenlos; dies iſt jetzt meine Leidenſchaft. Ich bin einge - geſperrt. Dabei hatte ich ſchwere Sorge, Angſt und Koſten, mit Einquartierung, und habe ſie noch. Meine jüngern Brü - der ſind verreiſt, mein älteſter wohnt mit den Seinen im Thier - garten, wo ich wegen Mangel an Begleitung höchſt ſelten hinkomme. In die Komödie geh ich manchmal in neun Mo - naten nicht; aus obenbenannten Urſachen, und weil ſie mir nicht mehr ſo gefällt als ſonſt. Dieſen Winter war ich ſechs45 Wochen recht krank, dieſen Sommer vor zwei Jahren jetzt zwei Jahr drei Monat auf den Tod; vielerlei Übel, be - ſonders vier Wochen einen heftigen Bruſtkrampf. Jetzt bin ich recht geſund, und äußerſt vergnügt davon und darüber; und wenn ich mit meinem Mädchen unter freiem Himmel ſpa - ziren gehe welches ich mich in der Stadt unterſtehe oder ſpät an meinem Fenſter ohne Licht den Himmel beſchaue, oft glücklich: glücklich in dem Gedanken, daß ich das in Ge - ſundheit habe, und mich doch Keiner quält; oder ſtören darf; da denk ich denn an allerhand! Ich ſchreibe Ihnen dies alles, damit Sie ein Bild meines Lebens haben; und ein Exempel, welches Sie ſonſt vielleicht beneidet nämlich meine Lage zur Ruhe führen möge: ich kenne Elend, und Un - glück! darin hat man ſie nicht, aber ſehr nöthig! Wenn Sie mir wieder ſchreiben, laſſen Sie mich auch wiſſen, wie Sie leben, wohnen, und ſind; ob Sie ein Kind bei ſich ha - ben; womit Sie ſich beſchäftigen, ob Sie viel im Freien ſind, dem Felde nah; ob Sie angenehme ordentliche Bekanntſchaf - ten im Orte haben. Ich leſe viel; und habe liebe edle Freunde; viele ſind todt; und die meiſten abweſend. Nur Einer lebt in Potsdam, den ich dann und wann ſehe. Die Muſik habe ich wegen Krankheiten ſehr vernachläſſiigen müſ - ſen; und weil ich nur ein Klavier, und kein Fortepiano habe! doch kann ich noch ſpielen. Ich ſehe nicht kränklich aus: ſon - dern belebt und friſch. Die Natur hatte es gut mit mir im Sinn. Das Glück aber nahm es ihr übel; ſo wurde ich ge - drängt in der Welt, und überlebte meinen Untergang. Ich wohne neben meinem älteſten Bruder an, und ſehe die viel. 46 Schreiben Sie mir auch von den Kindern Ihrer Schweſter; wir bekommen von Magdeburg keine Nachricht. Glauben Sie nicht, liebe Kouſine, daß wenn ich etwas für Sie hätte, ich mich erſt würde anreden laſſen um es Ihnen zu ſchicken. Aber Sie haben doch Recht, mich angeſprochen zu haben, und ich danke Ihnen aus Herzensgrunde für Ihr ſchönes Zutrauen! Weil ich mir in Jahren kein Zeug machen laſſe, ſo habe ich auch im Augenblick nichts, was ich Ihnen ſchicken kann: auch keine Mittel, daß Sie ſich etwas anſchaffen könnten. Aber es ſchadet doch nichts! ich will ſchon ſorgen und allerlei An - ſtalt treffen, daß Sie nächſtens etwas erhalten! Leben Sie wohl, ſchreiben Sie mir, wann die Luſt Ihnen ankommt: und verlaſſen Sie ſich wenigſtens auf meine Geſinnung, wenn mir auch die Mittel fehlen, ſie Ihnen thätlich zu bezeigen! Ihre treue Kouſine Rahel. Meine Addreſſe iſt: Mlle. Rahel Ro - bert, Behrenſtraße No. 48. Weiter nichts.

An Alexander von der Marwitz, in Potsdam.

Um fünf Uhr, lieber Freund, erhielt ich Ihren Brief von Sonnabend. Ich zog mich grade an; lief gleich nach der Stadt wo ich bis jetzt bleiben mußte übermorgen ſoll ich Beſcheid haben: da nichts gleich geht, und immer einige Bedingungen obwalten. Gott! was habe ich heute ſchon für Menſchen geſprochen, für Verhältniſſe berührt, für drük - kendes, klemmendes, darbendes Unglück nahe geſehn! Was47 erſpähe, was erfrage ich auch alles, wie iſt die Welt! Welche Schickſale. Welche ſtille, ungerühmte Größe, Religion im höchſten Sinn, lebt in Weibern, die ich in grasbewachſenen, vergeſſenen Höfen fand. Wie iſt alles anders, als es von den berühmteſt Klügſten ausgeſchrieen, gedruckt, geleſen und geglaubt wird!!! Gott weiß nur die Bewandtniſſe, die inneren Herzensbeweggründe; und manche von ihm herabgelaſſene, wahrhafte, unbetrügliche, einfache gute Menſchen. Mich hat er auch dazu erwählt. Der furchtbringendſte Frevel wär es, wenn es nicht wahr wäre, und ich es ſagte. Aber alle Tage werde ich frömmer und innerlicher; und reinige mich mehr. Und was ſah ich für Wolkenſpiele! Wie find ich durch ein Wunder Gottes, einen neuen Sinn, neue Sinne möchte ich ſagen, das Feld in der leibhaftigen Stadt?! Wie ſah ſie jetzt eben erſt aus! Ich komme von der Spandauerſtraße über die lange Brücke durch das Schloß über den Opernplatz. So klingts nach nichts; wie war’s aber, wie ſah’s aus? Wie war ich? Was hatte ich beſorgt? Welche Herzensbewegungen gehabt? In welchen Stimmungen bin ich mitten in Ber - lin, in der Stadt, in der gleichgültigen Frevelſtadt, wie jede iſt. Wie dankbar, wie hoffnungsreich für’s innere Leben, und alle Exiſtenz dadurch: dabei las ich Athalie und Eſther von Racine; mit ganz anderem Sinn, mit der größten Er - hebung! O! könnte man ſeine Seele ſeinen Freunden zum Genuß und Gebrauch ſchicken! Könnt ich Sie froh machen! Manche ungewohnte Angſt und Sorge, ich weiß es, ſchleicht um Ihr Herz. Ach! daß ein jeder ſeines leiden muß; und Liebe, die ſo viel iſt, und hilft, ſo wenig helfen kann! Adieu! 48Donnerstag reiſt Minna; welch Schickſal hat die! Ich er - warte ſie, ſie will ſich bei mir ausruhen, und etwas eſſen. Adieu! Wir werden noch Freude haben, wenn nicht großes Unglück kommt.

Jung-Stillings Leben hat mich durchaus an Retif’s de la Bretonne Leben erinnert. Beide ſind geiſtvoll genug, um daß ihnen ihre eigene Wolluſt ein nothwendig zu löſendes Problem ward. Auf Retif’s Seele waren die überſtarken Sinne, und eine ſolche ſaftvolle Geſundheit wie Saiten aufge - zogen; und durch dieſer Schwingungen Getön vermochte ſein Geiſt erſt Rechenſchaft zu fordern, und abzulegen; woran ihn eine große Gabe ſittlicher Anlagen mahnte: darum ſprechen wir von ihm, und darum mußte er ſchreiben. Die Wollüſtig - keit Stillings iſt ſchwächlicherer Art; und vergeht wie man verlaufen ſagt ſich mehr, weil ſie in ein einfach reiner Ge - biet übergreift, wo ſie gar nicht anzutreffen ſein ſoll. Er thut ſich gut mit Religion, und iſt mit Wolluſt fromm. Er hat aber den Vorzug vor Retif, daß in dem Gebiete der Forſchun - gen über dieſes Lebens und unſeres Geiſtes Gränzen er mit Einfällen begabt iſt; die er zu durchdenken wohl vermag. Das iſt ſeine gehaltvolle, denkende, anreizende Seite; auch bleibt er auf dieſer ehrlich, welches die größre Hälfte ſeines Lebens verdient ſehr anziehend zu machen, wie ſie es auch thut. Mehr zu Ende hat er zu viel Wohlgefallen und Gewohnheit genom - men an der Mittheilung der wichtigſten und heiligſten ſeiner innren Begegniſſe; er denkt nur an Mittheilen, an die Wir -kung49kung davon; und da er dies nicht deutlich weiß noch ausdrückt, ſondern ſeine früheren Zuſtände auszudrücken glaubt, ſo ſcheint er unwahr zu werden, da wo er ſich zu irren anfängt: inter - eſſirt aber in der That nicht mehr ſo ſehr, als im Anfang, und der Art nach ganz und gar nicht mehr.

Nün will ich meine fünf Träume aufſchreiben, in der Folge, wie ſie mir träumten. Vor zehn Jahren hörte ich auf, den erſten zu träumen, der mir wohl ſechs Jahre bald öfter bald ſeltener träumte. Ich befand mich immer in einem vor - nehmen bewohnten Palaſt, vor deſſen Fenſtern gleich ein groß - artiger Garten begann; eine mäßige Terraſſe vor dem Ge - bäude, und dann gleich große Linden und Kaſtanienbäume auf einem beinah unregelmäßigen Platze, der zu Gängen, Teichen, Laubgängen und dem Gewöhnlichen in ſolchen Gär - ten führte. Die Zimmer des Gebäudes waren immer erhellt, offen, und die Bewegung einer großen Aufwartung darin; ſo ſah ich immer eine ganze Reihe geöffnet vor mir da; in deren letztem eigentlich die Geſellſchaft der vornehmſten Per - ſonen war, wovon ich jedoch keinen Einzelnen mir denken konnte, obgleich ich ſie alle kannte, zu ihnen gehörte, und zu ihnen hin ſollte. Dies aber, ungeachtet die Thüren offen waren, und ich wohl ihre Rücken, an einem großen Spiel - tiſche wie eine Bank ſah, konnte nie geſchehen. Mich hinderte ein Unvermögen, eine Lähmung, die in der Luft der Zimmer und in der Erhellung zu liegen ſchien; ich dachte mir dieſe Hemmung nie im Ganzen, und glaubte nur jedesmal vonII. 450andern Zufälligkeiten gehindert zu ſein; und gedachte auch jedesmal zu meiner Geſellſchaft zu kommen. Jedesmal aber, wenn ich noch ſechs bis acht Zimmer von ihr entfernt war, ſtellte ſich ein Thier in dem Zimmer ein, wo ich war, welchem ich keinen Namen geben konnte, weil ſeines Gleichen nicht in der Welt war; von der Größe eines dünneren Schafes, als Schafe gewöhnlich ſind; rein und weiß wie unbetaſteter Schnee; halb Schaf, halb Ziege, mit einer Art von Angola - Haaren; bei der Schnauze röthlich wie der reinlichſte, rei - zendſte Marmor, Aurorfarbe, die Pfoten eben ſo. Dieſes Thier war mein Bekannter; ich wußte nicht, woher: es liebte mich unendlich; und wußte es mir zu ſagen, und zu zeigen: ich mußte es behandeln wie einen Menſchen. Es drückte mir mit ſeinen Pfoten die Hände, und das ging mir jedesmal bis in’s Herz; es ſah mich ſo voll Liebe an, wie ich mich nicht erinnere eine größere in eines Menſchen Auge geſehen zu haben; am gewöhnlichſten nahm es mich bei der Hand, und da ich immer zur Geſellſchaft wollte, ſo durchſchritten wir die Zimmer, ohne jemals hinzukommen; das Thier ſuchte mich zärtlich, und als hätte es wichtige Urſachen, davon abzuhal - ten; weil ich aber hinwollte, ſo ging es in Liebe gezwungen immer mit. Nicht ſelten auf die ſonderbarſte Weiſe; die Pfoten nämlich bis zum zweiten Gelenk unter den Dielen; durch die ich auch nach einer andern Etage hinunter ſehen konnte, und die doch feſt waren; manchmal ging auch ich ſo mit dem Thiere; bald im Erdgeſchoß, bald eine Treppe hoch, meiſt unten. Die Bedienten merkten gar nicht auf uns, obgleich ſie uns ſahen; ich nannte dieſen liebenden Liebling mein Thier;51 und wenn ich eher da war, ſo fragte ich nach ihm: denn es übte auch auf mich eine große Gewalt aus, und ich erinnere mich nicht in meinem ganzen Leben wachend eine ſo den Sinnen nach ſtarke Empfindung gefühlt zu haben, als mir der bloße Händedruck dieſes Thieres machte. Dies aber war es nicht allein, was meine Anhänglichkeit ausmachte; ſondern ein herzüberſtrömendes Mitleid; und daß ich ganz allein wußte, daß das Thier leiben, ſprechen konnte, und eine menſch - liche Seele hatte. Beſonders aber hielt mich noch etwas Ge - heimes: welches zum Theil auch darin beſtand, daß keiner mein Thier ſah oder beachtete, als ich; daß es ſich an keinen wandte; daß es ein tiefes vielbedeutendes Geheimniß zu ver - ſchweigen ſchien, und daß ich nicht ungefähr wußte, wo es war und hinging, wenn ich es nicht ſah. Doch befremdeten und beunruhigten mich dieſe Dinge alle nicht Einmal bis zur Frage an mich ſelbſt; und im Ganzen feſſelte mich des Thie - res Liebe, und ſein anſcheinendes Leiden davon, und daß ich es durch meine bloße Gegenwart ſo überirdiſch glücklich machte, welches es mir immer zu zeigen wußte. Manchmal nur, wenn es mich ſo bei der Hand führte, und ich ſie ihm innig zärtlich wiederdrückte und wir uns in die Augen ſahen, ſo erſchreckte mich der Gedanke plötzlich: Wie kannſt du einem Thiere ſolche Liebkoſungen erzeigen: es iſt ja ein Thier! Es blieb aber beim Alten; dieſe Auftritte wiederholten ſich mit kleinen Abwechſelungen immer wieder: nämlich immer in neuen Träumen: in demſelben Lokal. Es kam aber, daß ich lange dieſen Traum nicht gehabt hatte; und als er mir das erſtemal wieder träumte, ſo war alles da, das Schloß, die4 *52Zimmer, die Bedienten, der Garten, die Geſellſchaft; ich wollte auch wieder hin; nur war etwas mehr Bewegung, und eine Art Unruh in den Zimmern, ohne ſonſtige Störung noch Un - ordnung; ich ſah mein Thier auch nicht; welches, wie mich dünkte, mir ſchon ſehr oft gefehlt hatte, eine lange Zeit her; ohne mich beſonders zu kränken noch zu befremden, obgleich ich mit den Dienern des Hauſes davon geſprochen hatte. Weil die unruhige Bewegung mich noch mehr ſtörte, als die ge - wöhnliche Gewalt, die mich vom letzten Zimmer abhielt, ſo trat ich de plain pied aus großen Glasfenſtern auf die Ter - raſſe, die ſich bald in den Platz mit Bäumen ohne weitere Gränze verlor; dort waren zwiſchen den alten Bäumen hin und her helle Laternen auf großen Pfählen angezündet; ich betrachtete müßig die erleuchteten Fenſter des Schloſſes, und das prächtig beſchienene große Laub der Bäume: die Diener liefen häufiger und mehr als ſonſt hin und wieder; ſie beach - teten mich nicht, ich ſie nicht. Mit einemmale ſehe ich dicht an einem großen Baumſtamm, halb auf ſeiner ſtarken Wur - zel, mein Thier zuſammengekrümmt, mit verſtecktem Kopf, auf dem Bauch ſchlafend liegen: es war ganz ſchwarz mit bor - ſtigem Haar: Mein Thier! ſchrei ich, mein Thier iſt wieder da; zu den Bedienten, die mit Geräthen in den Händen und Servietten über den Schultern, in ihren Gängen bloß ge - hemmt, aber nicht ganz nahe tretend, ſtehen bleiben. Es ſchläft, ſag ich; und tippe es mit der Fußſpitze an, um es ein wenig zu rütteln: in demſelben Augenblick ſchlägt es aber über ſich um, fällt auseinander, und liegt platt da als Fell; die rauche Seite auf der Erde, trocken und rein. Es iſt ein53 Fell, es war alſo todt! rufe ich. Der Traum ſchwindet; und nie hab ich wieder von dem ſchwarzen noch dem weißen Thier geträumt.

In meinem dritten Traum befand ich mich auf einem äußerſten Bollwerke einer ſehr anſehnlichen Feſtung, welches ſich in breiter, flacher, ſandiger Ebne weit von dem Orte ab hinausſtreckte. Es war heller lichter Mittag; und das Wetter an dieſem Tage einer von den zu hellen Sonnenſcheinen, die eine Art von Verzweiflen hervorbringen, weil ſie nichts Er - quickliches haben, durch keine nahrhafte Luft dringen, oder auf Gegenſtände fallen, die auch beruhigenden, ergrünten Schatten werfen könnten. Dieſes Wetter wirkte um ſo mehr, als die ganze Gegend aus dürrer, vegetationsloſer, ſandſteiniger Erde, die ſich in wirklichem Sande verlief, beſtand; holperig und uneben; wie Orte ausſehen, wo man Sand gräbt. Dieſer zu helle und alles zu hell machende Sonnenſchein reizte mir Augen und Nerven nur zu ſehr auf; und ängſtigte mich ſchon auf eine eigne Weiſe. Man ſah auf der unſeligen Fläche nichts; und der Eindruck davon war, als ob die Sonne zor - nig durcheilte, dieſen nichtswürdigen Ort nicht gar umgehen zu können! So ſtand ich dicht mit der Bruſt am Rande dieſer alten Schanze denn ſie war beſchädigt, wie vieles umher von einem ganzen Volke hinter mir gedrängt; dieſe Menſchen waren alle wie Athenienſer angezogen, F. ſtand neben mir, mit bloßem Haupte, wie ſie gekleidet, aber in roſenfarbenem Taffent; ohne im geringſten lächerlich auszu - ſehen. Ich ſollte von dieſer Schanze, die die letzte der ganzen Feſtung war, hinunter geworfen werden; tief hinab; unter54 Steine, kalkige Sandgruben, und ganz verfallene Feſtungs - ſtücke und Schutt. Das Volk verlangte es; und ſchrie zu F., der ihr König war, er möchte Ja ſagen! Er ſtand grauſam verbiſſen da, und ſah nach der Tiefe: man ſchrie ſtärker und heftiger, und forderte ſein Ja; immer dichter an mir; ſie faßten, mit den Augen auf F., an meine Kleider; ich ſuchte ihm in die Augen zu ſehen, und ſchrie immer: Du wirſt doch nicht Ja ſagen? Er ſtand unbeweglich verlegen da; verlegen gegen das Volk, noch nicht Ja geſagt zu haben. Du wirſt doch nicht Ja ſagen? ſchrie ich wieder; das Volk ſchrie auch: und er. Ja! ſagte er. Man ergriff mich, ſtürzte mich über den Wall; von Stein fiel ich zu Stein, und als ich nach der letzten Tiefe kommen ſollte, erwachte ich.

Und wußte in tiefſter Seele wohl, wie F. gegen mich war. Auch machte mir der Traum ganz den Eindruck, als ob die Geſchichte wahr geweſen wäre: ich war ſtill; aber ich hatte mich nicht geirrt.

Fünfter Traum. Dieſen ſchrieb ich Marwitz gleich den Morgen nachher, als er mir geträumt hatte, weil ich ihn nicht vergeſſen wollte, und er mich ſehr affizirt hatte.

Ich glaube, ich werde wohl eingewilligt haben, dieſen Jammerweg des Lebens zu gehn, und als Menſch menſchliche Geſchicke zu erfahren; oder es mag ein Höherer, mit tieferer Einſicht, weil er es für mich als gut erkannte, dieſe Einwilli - gung für mich gegeben haben; genug, die Einwilligung denke ich mir immer, und dieſer Gedanke nur kann mich tröſten für55 allen erlittenen, ſonſt unvergeltbaren, Schmerz. Vielleicht war es nur ſo möglich, die Perſönlichkeit zu gewinnen, und den Keim künftiger Erhebungen in gedeihlichern Exiſtenzen; wenn es auch nur das wäre, was die unſelige Menſchheit bedeuten ſoll, daß der bewußtloſe im Ganzen der Gottheit aufgelöſet geweſene Lichtpunkt als Menſchenſeele in das ſelbſt - ſtändige Daſein eines eigenen Ganzen göttlich hinüberginge! O gewiß iſt es auf dieſe Weiſe; höher konnten meine Gedan - ken nicht klimmen am Rande aller Wiſſenſchaft, und keine Weisheit wurde mir bekannt, die höher gedrungen ſei.

An Alexander von der Marwitz, in Potsdam.

Hätte ich vorgeſtern Zeit gehabt, Ihnen zu antworten, ſo hätten Sie einen ſehr guten Brief bekommen; ich hatte ihn ſchon fertig im Kopfe. Jetzt eben hat man mir wieder die Stimmung und Faſſung geraubt, als ich Ihren Brief noch Einmal las, das Papier auf dem Tiſch lag, und ich grad hinging. Mir kam ein Billet von Behrenhorſt, ein Brief von Mad. Spazier aus Strelitz, ein Billet von einem unglückli - chen jungen Menſchen. Auf das erſte mußte ich antworten, den Brief konnt ich vor Kleinheit nicht ausleſen, das letzte nimmt mich ein. Vorher war ich bei meiner Kranken, der Por - tugieſin, mit dem Arzt, und beſorgte Küche, und Wirthſchaft dort, für den ganzen Tag. Es geht ihr ſehr beſſer.

Brutus alſo ſagt mir, daß wir uns ſo bald nicht ſehen56 werden! (Brutus ſagt zum Caſſius bei Shakeſpeare: Sehn wir uns wieder, nun ſo lächeln wir, und darauf: Wo nicht, iſt wahrlich wohlgethan dies Scheiden. ) Wenn das Feld meiner Seele zu böſen Ahndungen umgeackert wäre, ſo könn - ten mich die Sprüche dieſer Römer ſorgen machen und trau - rig machen; wie ſie unendlich, ganz unergründlich ſchön ſind, erhaben, edel, und freundlich traurig! Aber ich bin zu ſehr beſchäftigt; habe zu viel zu thun, wovon Gutes entſteht, oder Schlechtes abgewehrt wird, um nach dem Nachhall und Anklang, die dieſer Spruch in jenen Gängen meiner Seele aufruft, lange hin zu hören: und von neuem bewundre ich nur Shakeſpeare davon wieder; der den Macbeth dem Arzt, der ihm den Tod der Lady ankündigt, als ſchon alles verlo - ren iſt, und er ſich zum letztenmal harniſcht, antworten läßt: Sie hätte ein andermal ſterben ſollen!

Ich will mich bemühen: auf Ihren Brief zu antworten. Wenn ich ſagte, Angſt und Sorge beſchleichen Ihr Herz: ſo meint ich auch nur Angſt, daß Sie für Gemeines zu ſorgen haben, und mit ihm handhaben müſſen; und daß, eben weil Sie dies auch aus großer Neuheit nicht können, die Sorge darum größer anwachſe, als ihre Natur es mit ſich bringe. Ich ging ſo weit, zu glauben, daß Ihnen Berlin durch den Aufenthalt des unglücklichen Mädchens, deſſen Sie ſich für Ihren Freund jetzt annehmen müſſen, etwas verhaßt würde, und nicht mehr als ein Luſtort und eine Freiſtatt erſcheinen würde, wo man müſſige Zeit zur Erholung zuzubringen liebt. Für’s Erſte nur, verſteht ſich. Ihr Brief iſt einer der ſchönſten, die ich von Ihnen habe: Ihr darſtellendes mahleriſches Talent57 war darin recht wach; ſo haben Sie mir die Mutine ſo ſoll ſie heißen und die Mutter überaus treffend geſchildert. Ich ſage Ihnen frei heraus, ich war doch überraſcht von ihr. Sie war ſo verdrießlich und ſtellte ſich ſo roh dar, daß es mich auch in der Klaſſe, worin ſie gehört, und ich ſie ver - muthen konnte, frappirte! Wie ich Ihnen ſchon ſchrieb, ſie war ängſtlich, und bei ihr wurde dies zum höchſten Maulen, ſo daß ſie nicht einmal hübſch war, was mich am meiſten wunderte. Mein Reden, mein Zureden, meine Aufnahme, das artige Haus, in das ſie kommen ſoll, die anſtändige Wirthin, brachten ſie zu ſich ſelbſt; und es kamen Sonnenſcheine von Jugend und Hübſchheit über ſie. Doch über den geſtrigen Abend, und über die Perſon mündlich. Viel etwas Wichti - geres! Das Mädchen iſt einmal fertig auf der Welt wie ſie da iſt. Was ſich mit ihr zugetragen, iſt geſchehen; und dar - um ganz gut. Jedes Ereigniß iſt roh, und nur das, was wir daraus bilden; dies im menſchlichſten Vereine, des Geiſtes, der Einſicht, und des beſten Willens zu thun, ſei unſer Werk! Ich bin der Meinung, daß die neun dunklen Monate, die ein Kind mit ſeiner Mutter zuzubringen hat, vom größten Ein - fluß auf ſein ganzes Werden ſind; da das Kind meines wer - den ſoll, und Sie verſprochen haben ihm Verſorger zu ſein, ſo habe ich ſehr darauf beſtanden, daß es, auch noch blind, ſchon in edlen, freundlichen, für die Mutter gewiß erhebenden Umgebungen umhergetragen werde; und daß beſſere Sitte, und Laune, ihm mit Gewalt, durch und in das Blut einge - flößt werden! und aus dieſer großen Rückſicht eine Mehraus - gabe nicht geſcheut. Nun haben Sie noch zu thun; denn58 der Menſch iſt ſterblich in jedem Alter und zu jeder Stunde mir ſind junge Freunde und Bekannte genug geſtorben! ein Teſtament zu machen nach allen Formen und Rechten, worin Sie beſtimmen, wie es mit dem Kinde gehalten ſein ſoll, was es verzehren, und beſitzen ſoll. Beſäße ich nur et - was, ſo würde ich ſo dringend wenigſtens nicht ſein. Aber Sie wiſſen, ich habe kaum für mich ſelbſt: und ſtürbe ich, ſo wäre das Geſchöpf eine arme Waiſe. Nehmen will ich es mit Freuden; koſten ſoll es Sie natürlich nur, was es braucht; dafür erkaufen Sie ihm auch mich zur Mutter. Wie wir alle Details zu verabreden haben, findet ſich noch. Sind Sie meiner Meinung? Auch die ganz erſte Jugend, Umgebung, und Behandlung halte ich für ſo wichtig.

Gerlach leibt und lebt vor mir, wie Sie ihn beſchreiben: mit den glücklichſten Worten. Voß auch!

Von meiner Portugieſin mündlich! Der Süden ſcheint mir von den Göttern, im Norden aber nur, zugedacht: ſo mit allem etwas! Ein adlich Herz in einer widrigen Lage; eine ſchöne Seele hinter meiner Maske; großen Sinn, und kein Talent; aber all dieſen Mißlaut beſchwichtigt durch eine reine Himmelsgabe: eine ewig innere Muſik, und in der Tiefe nichts Verzerrtes, ein reiner Tempel meine Kinderſeele! Wie komme ich auf mich? und nicht unfreigebig!

Leſen Sie dies kleine Büchelchen, Dore hat es für ſechs Pfennige von einem Jungen gekauft; ich las es geſtern vor dem Zubettegehen, und weinte die herzlichſten Thränen darü - ber; ſagen Sie, ob es Ihnen auch ſo vorkömmt. Daß man dem Kinde viel vorgeredet hatte, ſehe ich auch; doch iſt’s ein59 Segen, und wunderbar; denn wahr iſt dies. Adieu, Ant - wort! Und wenn Sie krank ſind, will ich’s wiſſen: die Frau ſagte Sie unpaß; das paßt mir zu allen Stimmungen, die durch Ihren Brief gehen. Ich ſehe heute noch die Mutine.

R. R.

An Frau von Grotthuß, in Dresden.

Dein Brief war einer der ſchönſten: nämlich auch von deinen! ſo reif, daß er ſüß war; ſo fertig, ſo ſanft; und ſo alles und das Beſte vorausſetzend! Lange hat mir nichts ſo gefallen, mich nichts ſo gefreut! Lies auch Fernow’s Leben von Mad. Schopenhauer, gegen die ich unbekannter - weiſe ein Vorurtheil hatte: die ich aber in dem Buche ein - fach, wahrhaft, ohne alle Prahlerei genügend, und durchaus für eine kunſtfertige, bis zur höchſten glatteſten Einfachheit geſteigerte Schreiberin erkenne. Je m’ineline profondément, et avec le plus grand plaisir! Weißt du nichts von Goethe? Marwitz iſt in Potsdam. Grüß du den Mahler Friedrich von mir; ich war im vorigen Herbſt mit Marwitz bei ihm. Unſer Theater exiſtirt nicht für mich. Siboni hat mich nicht be - zaubert. Er ſingt nach verſchiedenen Manieren, und keiner Schule; ohne Leidenſchaft, noch irgend eine Stimmung oder Tiefe. Kurz, er und ſeines Gleichen ſind von und für’s Pu - blikum Gemachte; kein Arbeiten der Natur bei ihrer Geburt; keine ernſte Muſe, kein Lächelblick irgend einer Grazie!

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Was du mir von deinen Gelübden ſagſt, verſtehe ich ganz. Hält man dergleichen nicht, ſo würde man toll. Nicht aus Gewiſſen; aber weil ſonſt nichts mehr wahr wäre.

Lies auch Möſers von Osnabrück patriotiſche Phantaſien; ſeine osnabrückiſche Geſchichte, ihre Vorrede; vermiſchte Schrif - ten von ihm, und darin über den Werth der wohlgewogenen Neigungen . Seite 14 und 22 beſonders. Göttlicher Mann! Kein Neuer.

Auch du müßteſt von Luft und Umſtänden geſund ge - ſchmeichelt werden! Adieu. Gott ſchütze dich! Schreibe ja ſehr bald!

R. R.

An Ludwig Robert, in Poſen.

Ich habe mehr als Pflicht erfüllt: ich habe die Räuber, ſage die Räuber geſehen, und Kora von Kotzebue! Daß letz - teres Stück wie es daſteht gegeben wird, macht den Sitten der Deutſchen ächte Schande; daß es überhaupt gegeben wird, zeigt von der groben Rohheit des größeren Publikums unſe - rer Nation; daß Kotzebue es machte, von der Stümperhaf - tigkeit ſeiner Begriffe und der völligen Plattheit ſeiner Ge - ſinnungen, denn auf Einer Stufe ſtehen ſie darin gar nicht. Den keuſchen Iffland, im Aufſtellen des Schicklichen und im Bemühen der Geſchmacksreinigung, verſteh ich hierin nicht. Unſere Schauſpieler verdienen wirklich ein ſittenreinigendes Wollſpinnen, weil ſie dieſe leeren unanſtändigen Grobheiten61 mit Wohlgefallen ſpielten; in ihrem Sinne, als wäre es Shakſpeariſcher Witz; und hervorkehrten, wohl ärger noch, als es der Verfaſſer konzipirte, und ſich recht drin wälzten, ohne doch eine nur verſtändliche Perſönlichkeit hervorzubrin - gen, ſondern bloße Bretterunart, und ſonſt gar nichts. Eßlair müßte ſolche Aufführungen tilgen helfen; und nicht ſie beför - dern, veranlaſſen. Auch war es denn leider ganz leer zu mei - nem Schrecke: obgleich er ungeſehen dies verdiente. Er ſieht trotz eines ſchlechtern Anzugs, als wir hier zu ſehen ge - wöhnt ſind, nicht wie ein Hiſtrion, ſondern wie ein Menſch aus; mit beweglichem regſamen Blick und Mienenſpiel, läng - lich geſchnittenen Augen, die er auch wohlgeübt zu gebrau - chen weiß; wie er überhaupt die Bretter kennt, und unend - lich viel geſpielt hat, und Beifall gewohnt iſt. Er hat eine hohe Hervengeſtalt, und muß Halbgötter und phantaſtiſche Menſchen ſehr ſchön darſtellen; eine Stimme wie ich ſie nie hörte, mit einer ſo umfaſſenden, in allen Tönen einnehmenden Skala. (Als er geſtern Morgen einen Augenblick bei mir geweſen, und wegging, ſagte Dore: Ein hübſcher Mann! Ja! Und er hat ſo was Sanftmüthiges an ſich. Sie wußte es nicht zu nennen, und meinte nur die Götterſtimme.) Eine Nüance von Vornehmheit fehlt ihm, jetzt-zeitiger möcht ich ſie nennen, die man, wenigſtens ich, nach den erſten fünf Bewegungen vermißte. Schöne Füße für ſo große Geſtalt, die jedoch nicht hinderlich erſcheint; und gar kein eitles Spiel für Publikum; ſo iſt er öfters mit dem Rücken gegen die Zu - ſchauer gekehrt, welches mir ſehr wohlgefällt, ich immer wünſche, und nicht begreife warum darin die Schauſpieler ſo viel be -62 denklicher, aber nicht genug, als die Tänzer ſind; in jedem Moment wird doch in keiner Rolle geſprochen, und da thut eine lebhafte natürliche Wendung des Menſchen ſehr gut, und belebt Schauſpieler und Zuſchauer. Es kommen ihm nicht Einfälle genug in’s Gemüth, alſo fallen ihm nicht genug Nüancen des Vortrags ein; und daher iſt er der Meinung zu oft ſich in den Affekt ſetzen zu müſſen, in welchem man gar nicht anders kann als ſchreien, dies iſt die Urſache, warum er dies zu oft, und daher öfters ohne richtigen Grund noch treffende Wirkung, thut; bei Leibe aber nicht für’s grö - bere Parterre und deſſen groben Beifall, ſondern aus reinem Irrthum und Mangel, aber doch verführt von der zu willi - gen, alles leiſtenden Stimme, die ihm ſchon ſo herrlichen Bei - fall ſchaffte, und Zeit ihres Lebens ſchaffen muß. In ſeinen beſten Momenten erinnert er an Fleck und an Talma, wie dieſer auch in ſeinen beſten an Fleck. Abſtrakte Mienen, des ſich ſammelnden Gemüths, oder des Wendens der Seele zu Himmel und Schickſal, haben ſie alle drei ſehr gleich. Er ſpielt ſehr deutſch, und doch wie Einer, der die Franzoſen ge - ſehen, erwogen und benutzt hat; dies in ſeinen theatraliſchen Bewegungen, die er gehöriger Weiſe al fresco nimmt; aber bei weitem nicht mannigfaltig und witzig genug: wie denn Witz ihm in allem, was er auch gut leiſtet, am meiſten fehlt. Dabei ſpielt er nach Stimmung und Eingebung; und aus großer Routine auch mit Überlegung, womit er ſich klug genug unterſtützt, wenn er ſich ſchwächeren Herzens fühlt. So gab er die Räuber. In der Stelle, wo er die groben Ermahnun - gen des Mönchs anzuhören hat, ſah er mit ſchwarzem, vorn63 aufgeklappten, mit rothen Federn in die Stirn gedrückten Hute, gradauf ſtehend auf eine paſſende Streitaxt gelehnt, außerordentlich gut, und menſchlich, und edel, lebendig zuhö - rend aus; wie ein wirklicher Menſch, und hochartig. Auch antwortete er in edelgefaßtem Schmerz dem Mönche ſehr ſchön in den abgebrochenen Reden. Als er ſich erſchießen wollte, ſpielte er meiſterhaft; eindringend verſtändig, verloren forſchend, und unglücklich; mit den paſſendſten Gebärden; ſo gelungen als möglich. Auch erſtach er das Mädchen ſo außer - ordentlich als es nur möglich iſt; wie Fleck, wenn er ſo etwas gut machte. Auch kann er ſehr ſchön ohne Worte sangloti - ren, il n’y a point de mot dans notre langue; Schluchzen al - lein iſt es nicht, Wimmern und Schluchzen. Noch machte er manches ſchön; ich rede vom Schönſten. Ja! noch Eins! Er las den Brief des Vaters gleich zu Anfang göttlich, und war in dem Zimmer zu Hauſe, wie nur große Schauſpieler, wie Menſchen in ihren Zimmern, Helden. Er wurde den Abend ſehr beklatſcht und herausgerufen: und es war jenes Klatſchen in der Luft, welches ganz allein nach gutem Spiel erfolgt, und nicht von der Menge der Hände abhängt. Vor - geſtern ſpielte er Rolla bei leerem Hauſe; mit der Fähigkeit, die du ihm nun kennſt; nahm aber die Rolle, eine Nüance oder ein paar, franzöſiſcher; und die Rolle, ſage ich, lie - ferte ihm nicht jene Momente, in denen er mir völligen Bei - fall ablocken konnte. Er wurde wieder herausgerufen. Übri - gens habe ich das Publikum noch nie gerechter gefunden; wo ſie konnten, ehrten ſie den fremden Künſtler; wo ſie muß -64 ten, zeigten ſie ihren völligſten Beifall unbefangen gern, und wahrlich ſie ſchienen’s beide Abende auch ganz zu verſtehn.

Eßlair macht einen ſo lieben Eindruck als Menſch, und zeigt den in ſeinem ganzen Vortrag ſo, daß man ihn perſön - lich lieben muß: dafür war ich ihm ſchon mit meinem ganzen Herzen dankbar. Sein kleiner Beſuch hat ihn in meiner Gunſt beſtätigt. Er hat etwas liebenswürdig Gütiges. Rauch - taback roch ich, dies gehört diesmal zur fehlenden Nüance von feinſter Welt. Er behauptet keine Zeit zu haben; er eilte ſo, daß ich beinah nichts mit ihm ſprechen konnte, als von deinen regrets, zu einer Probe vom Tell, der heute ge - geben wird; hier die Austheilung. Leb wohl! Ich bin zu müde: ich habe einen kranken Kopf, und nur meine Theater - leidenſchaft und du konnten mich ſchreiben machen.

N. S. Er brachte mir einen Brief von J. S. Meine ganze Liebe wallt zu Flecks Grabe. Die Propheten, Dichter und Künſtler, die Gottgeſandten, ſollten doch ſo lange die Welt ſteht, leben, und nicht ſich deteriorirend altern, wie wir Gemeinſten, Elendeſten. Ich bin heute völlig elend; in allem! Eßlair bleibt nur bis den 14. Die Bethmann, die ich nach der Probe ſprach, kann nicht genug erzählen, wie herrlich er in Theſeus iſt, und wie über alle Maßen vortrefflich in der Beichte; ſie ſagt, darin ſtellte er den Theſeus auf den Kopf. Grad umgekehrt!

Als Mirabeau in Berlin war, ſah ich ihn, in bürgerli - chem Anzug, ganz das Anſehn habend, wie die damaligenHof -65Hofleute ſeiner Nation; in einfacher Kleidung, die, obſchon vornehmer Geſellſchaftsrock, oder gar Kourkleidung, doch ſchon ſehr nach dem nachherigen engliſchen Anzug hinneigte: er trug ein leicht gekrauſt gepudertes Toupet, Haarbeutel, Schuhe und Strümpfe, und dazu paſſende Kleider; ohne Gold, Silber, noch Stickerei. Er hatte dunkle, lebhafte Augen, die mit ſtar - ken Augenbraunen dennoch weich blickten; war pockennarbig, und breiter, aber nicht feiſter Geſtalt; er hatte das Anſehen, wie Einer, der viel, und mit Vielen gelebt hat; auch bewegte er ſich mehr, als die Leute von ſeiner Klaſſe pflegen: denn er hatte nichts Kompaſſirtes; er zeigte ſich in den gleichgültig - ſten, und kleinſten Bewegungen ſeiner Perſon, als ſehr thätig, und als Einer, der alles ſelbſt unterſucht, kennen lernt, und ergründet; ſo gebrauchte er ſeine Lorgnette, und ich möchte ſagen ſein ganzes Ich. Er ging in die deutſche Komödie, in die Kouliſſen: und brachte täglich ſeine Briefe ſelbſt auf die Poſt, wo ich ihn zu halben und ganzen Stunden verweilen ſah, während eine Dame und ſein achtjähriger Sohn ihn im Wagen erwarteten. Mein Vater zeigte ihn mir als Nichts, als den Grafen Mirabeau; ich wußte gar nichts von ihm: und um ſo zuverläſſiger traue ich meinem damaligen Urtheil: er machte einen guten Eindruck auf mich: obgleich er mir alt, und nicht niedlich und hübſch vorkam; weil ich faſt ein Kind war, und nur blonde ſchlanke Menſchen liebte. Weiter weiß ich mich nichts zu erinnren: er ſah auch aus, als Einer, der viel gelitten und diskutirt hatte.

II. 566

Nach einer fürchterlichen, aber weichen Nacht; mit ſehr beſtürmtem, mißhandeltem Herzen. Meine unſeligen Gedan - ken! Das hellere Wiſſen lief Sturm dagegen, und es war keine Gnade; ſie ließen es nicht in Ruh. Um vier Uhr wacht ich noch: und krank fühl ich mein Herz noch jetzt. Wie ſollte es auch kommen! Wer ſchmeichelt ihm wohl! Welcher Umſtand; wer thut ihm gut! Vieles hat mir der Himmel in meiner Noth gelaſſen, dieſen Strahl ſeiner allmächtigen Sonne hat er mir noch nie zukommen laſſen! Soll ich wirklich ſo ſterben? Wie ich verſtehe ein Herz zu heilen, zu ſchonen! Man könnte dies anders nennen: ſtill!

Eigentlich wollt ich dies niederſchreiben. Wie finde ich Goethe groß in den Worten, die der Prinz im Triumph der Empfindſamkeit ſagt: O ihr Götter! ſchickt mir ein neues un - bekanntes Glück aus den Weiten der Welt! Wie ſchlagen dieſe wenigen Worte bis nach den zwei äußerſten Enden des Menſchen hin. Ganz zertrümmert iſt das Gemüth des Prinzen; nichts da - von hat er ſich vorbehalten; alles ehrlich eingeſetzt; das Schick - ſal konnte ihm, und nahm ihm, alles in der Puppe: ohne Herz, fühlt er nur dies kann er noch fühlen kann er nicht le - ben! Er hat keine Hoffnung; in der ganzen bekannten Welt iſt ihm nichts geblieben, eine zu bilden; ſein Inbegriff iſt hin! Der Geiſt iſt ihm noch übrig geblieben; mit dem hält er noch alles für möglich; eine neue Welt, die er nicht erfinden kann; mit dieſem Geiſte ſetzte er der Götter Macht voraus; ſein Herz muß von ihrer Güte haben, weiter leben; und ſo fleht er ſie im gefühlten Untergang an.

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Sonderbar iſt’s! Die Andern glauben auch Liebe beſchrei - ben zu können; und ſind noch recht ſtolz darauf, wenn ſie ſie, wie ſie es neunen, nicht als Leidenſchaft gefühlt haben: ſie meinen, dann ging es um ſo beſſer haben ſie ſich aus Goethe’s Definition eines Dichters im Meiſter herausſtudirt. Mit geſtampften Lumpen, Galläpfeln und Gänſekielen hof - fen ſie herauszuwürfeln die furchtbar-großen und doch trö - ſtenden Orakelſprüche, die aus dem Tempel nur kommen, den die Natur ſich ſelbſt geſchaffen hat, in dem Herzen der gelungen - ſten Menſchen! Nie! ihr ſtolz glücklichen Wüſtlinge, die ihr noch immer ein Reſtchen für euch zurückbehaltet! Ihr Armen! deren Sinn nichts ganz trifft.

Novalis ſagt: die Liebe iſt eine ewige Wiederholung. Sie iſt die größte Überzeugung, ſage ich. Unüberwindlich iſt Auge, Ohr und Gefühl überzeugt; unüberwindlich unſer Herz von dem Gegenſtande, den wir lieben; unüberwindlich der Eindruck; und iſt die Überzeugung zu überwinden, ſo lieben wir nicht mehr. Daher lieben nur Menſchen; hohe überzeu - gungsfähige Geſchöpfe. Mittheilen, beweiſen, läßt ſie ſich nicht. Jeder liebt allein, wie man allein betet.

Thekla iſt ganz und gar nur die tragiſche Gurli. Beide ohne Knochen, Muskeln und Mark; ganz ohne menſchliche Anatomie; ſo bewegen ſie ſich auch, wo gar keine menſchlichen Glieder ſind. Mir aber zum Erſtaunen mit dem Beifall des ganzen deutſchen Publikums! Eben fällt mir aber nach langen Jahren Wunderns ein, daß ſich die Leute eben daran ergötzen, dieſe bei natürlicher Gliederung nicht hervorzubringenden Be -5 *68wegungen zu ſehn; und bei dieſem ihrer Moral ſchmei - chelnden Schauſpiele der geſunden menſchlichen Organiſation vergeſſen. Vergeſſenheit, die täglich in Anſtalten des noth - wendigſten Heils und des Ergötzens anzutreffen iſt.

An Alexander von der Marwitz, in Potsdam.

Geſtern Morgen war ich bei der W., weil ſie vor - geſtern Morgen bei mir war, ohne mich zu treffen. Sie führte mich in ihr Kabinet; nach einigem Redewechſel, und einer Be - ſtellung über eingeladene Gäſte, nach welchem ich ſah, daß ſie mich nun nicht einladen würde, ſagt ich ihr in der größten Herzensmilde, mit dem hochblickendſten Geiſte, ob ſie gedenke T. zu ſehen; worauf ſie mir Ja antwortete; und worauf ich ſie bat, ſie möchte ihm nun die Beſtellung machen, die Sie vergeſſen haben; von Ihnen jedoch erwähnt ich hierbei nichts. Ich ſah über dieſe Nichteinladung weg, wie über alle: und wie über die, welche mir ſchon aus dieſem Hauſe zu Theil geworden ſind. Ich ſagte ihr bald, ich würde ihr meine Träume bringen und leſen: ſie war beſchämt, innig und dankbar; und frug mich, wie ſie nur dergleichen bei mir ver - diene, mit wahrhafteſter Beſcheidenheit, Stocken, und innrer Bewegung: auch Ihnen hätte ſie ſchon daſſelbe geſagt. Ich bedeute ihr, wie ſie bei mir ſtehen muß; auch nicht aus der Haut, und wir umarmten uns. Dann ſagt ich ihr, warum69 ich ihr meine Briefe nicht gerne zeigen möchte: ſie ſah es ganz ein; blieb aber dabei, bei ihr ſchade auch dies nicht, was ich angeführt hatte.

Wir ſprachen ſtundenlang weitläufigſt; ich ſetzte ihr B. ’s niedrig rohes Betragen gegen mich auseinander, das der K., der M., wie ich ſie ſchone, was ich thue, was ſie thun und ſind; ſie giebt mir alles zu, und fügt noch zu. Ich ſage ihr, wie ſchonend, wie nie faits nennend, ich verführe: wie unhei - lig grob ſie mit Vermuthungen umgingen. Ich empörte mich ohne empört zu ſein, des Menſchenunrechts wegen, wel - ches man mir unermüdet bis am Rande der Gruft zufügt: daß Rohheit, Unvernunft, und karge Gaben, von all dieſen das Gegentheil mißhandeln, mit dem Applaus der Menge; mit der Zulaſſung meiner Freunde. Denn nun fiel mir ein, daß auch eben dieſe W. mich doch zu bitten und bei den eben für närriſch und unſittlich Erklärten beim Thee durchzuführen den Muth nicht hätte! Direkt ſagt ich nichts: aber ich be - hauptete, gegen meinen erſten Freund würd ich ein Schäuer - mädchen durchführen, hielt ich ſie für edler und ſittlicher als ihn: (und ich habe es gethan; kürzlich). Endlich hörte dies Geſpräch, bis an all ſeine benachbarten Gränzen geführt, auf: und wir ſprachen von Ihnen; ungefähr wie ſonſt. Ich mußte der W. verſprechen, Mittwochs und Sonnabends Vormittag zu kommen: dann wären die Kinder weg: ich verſprach zu mor - gen mit den Träumen zu kommen. Sie zweifelte noch Ein - mal, rührender noch, wie ſo ſie mir was ſei, ich ihr ſo etwas zeigen wollte: dankte mir freudig und überſchwänglich! und nachdem ſie mir die Kinder gezeigt hatte, und nach tauſend70 Freundlichkeiten, ging ich. Auf der Straße aber fiel es mir auf’s Herz, mich nicht immer von neuem mißhandlen zu laſſen. Ich will nicht. Mir falle auch ein edles Opfer. Von der W. grade will ich es nicht leiden. Von niemand mehr. Die M., die B., die K., die nichtgeachteten, kann ſie bitten? Mich ſoll ſie bitten. Dies iſt mein letzter Ausſpruch. Mor - gen gehe ich nicht zu ihr; ich laſſe ihr abſagen. Ich kann endlich jeden miſſen: mich hat das Leben nicht vernichtet: mich hat es wirklich und wahrhaft umgeſchmiedet auf ſeinem feurigen Ambos. Auch kann dies ein jeder; mich wieder miſ - ſen. Glück auf! ich bin’s zufrieden. Voll bleibt die Welt. Mir überkömmt ſo ſo viel Witz, Laune, Ideen, Leben, Zärt - lichkeit nicht; mein ſparſames Futter beſcheert mir jeder Hof. Dieſe Worte ſtehen alle hart neben einander; ich merke es ſelbſt. Schieben Sie den Anſchein darauf: daß Sie von allen meinen Entſchlüſſen den Grund und die Gründe kennen: daß ich heute abſolut nicht mit der Feder ſchreiben kann: und alſo jedes Wort zu ſparen ſuche, Nervenzittern, und das größte Echauffement habe.

Zu meinem letzten Brief an Sie, Lieber, habe ich wohl gefühlt, muß ich einen Nachtrag machen. Dies war ein Brief, wo ich Ihnen mein Herz aufklappte; und weiter nichts. Wo ich Ihnen mein Bewußtſein aufſchlug, daß Sie wie ich Ge - genwart und Vergangenheit ſchauen möchten! damit Sie ſich faſſen! und für mich, ertragen, was ich ertragen muß. Denn unmittelbar hatten Sie nichts zu ertragen; Sie wollte ich bereiten, Sie ſchonen, damit Sie mich ſchonen, und verſtän - den, und mir das Leben nicht ſaurer machten. Helfen ſollen71 Freunde. Denn verſtehen ſollen Sie; und gütig wollen. So helfe ich jedesmal. Wie leiſe fühle ich was häßlich iſt; wie übergehe ich’s! und weiß das Beſſere herauszuhe - ben, und zur Freude und Bequemlichkeit, zur Schonung her - auszulegen. Es liefert uns die Erde nichts rein; iſt es der Wille, ſo iſt es ſchon viel. Wir irren uns Alle, und verwir - ren uns, im Ergreifen; retten wir das Bewußtſein, ſo iſt das viel! das Leben wird Ihnen an Ihnen ſelbſt nur dies wieder - holt zeigen. So ſein Sie auch nachſichtig und einſichtig gegen mich. Wer hat einen Freund aufzuweiſen, wie ich, der, aus den innerſten Urſachen beſtimmt, ſein Leben nur mit mir zu - bringen will; nur an meiner Seite das beſte Glück finden kann! Dies Gut iſt ſelten. Es iſt nicht rein: aber es reinigt ſich jeden Tag: das bin ich ſicher, und erlebe es. Was kann mir noch geboten werden? oder wer bietet mir etwas. Meine Klagen aber, wenn ich verletzt bin, müſſen in Ihren Schooß fallen; aber ſie müſſen darin nicht erblühen; mir zu neuem Leid. Wie tief vergrabe ich Ihre? Sie denken der Wind hat ſie entführt.

Nicht Sie, nicht ich, nicht die Götter ohne Wunder, können mein Schickſal erneuen: dies muß ich ausſpielen. Die Blume iſt zerdrückt auf dieſer Pflanze, dies vergeſſen Sie nicht. Ihr Laub macht Illuſion. Beſonders erwarte ich die Hülfe, die Nachſicht wenigſtens, die Schonung, die ich leiſte. (Ich bin äußerſt geſtört; äußerſt echauffirt.) Soll ich den Troſt, mich beklagen zu dürfen, entbehren? damit nicht noch größere Spannungen für mich erwachſen? O! nein. Sein wir menſchlich! Schonen wir uns! Heute aber ehr ich Sie72 über alles, und ſage Ihnen grade was ich verlange. Sie wiſ - ſen, wie ſchwer mir das wird.

Adieu. R. R.

An Alexander von der Marwitz, in Potsdam.

Ihr ſehr freundlicher lieber Brief kann mich nur bewegen zu ſchreiben: geantwortet habe ich Ihnen eigentlich ſchon vor - aus, in dem, den ich Ihnen ſchickte. Nehmen Sie ſich mit rauchenden Zimmern u. dgl. ſehr in Acht: es verdirbt einem ganze Nächte, und im Rückſchlag par ricochet ganze Tage; und genau genommen iſt doch nichts ärger, allein recht arg, als wenn wir uns ſelbſt fehlen: die Feſtigkeit, die der richtig ſpielende Körper giebt, iſt auf der Stelle Luxus; wenn man es auch nur als höchſte Nothwendigkeit anſchlagen will. Alle dieſe Weisheit iſt mir geſtern überkommen (und ich pre - dige ſie nur in Folge großer Narrheit und Unachtſamkeit von meiner Seite!), da ich in mildem Wetter, bei hell gelockertem Himmel, nach vielem Verdruß, allein ſpaziren ging. Zwar natürlich nur in der Stadt: aber doch im Rondel oder wie es heißt am Potsdammer Thor, da ſah ich viel Himmel; die Luft iſt da ländlich; es war ſtill. Und wie böſe Hüllen fiel es von mir, all das Fremde, von der Lage mir Aufgezau - berte, und ich wurde auch ſtill. Weil mir die Luft behagte, ich geſund war, und ſie mich geſund machte. (Zweimal bin ich ſchon geſtört worden: dann kann man nicht ſchreiben.) Der Verdruß war von der Art, daß er ganz von meiner Lage73 herkam, und die wieder in all ihren Punkten, und alſo auch in den empfindlichſten, wovon es die andern mit wurden, be - rührte. Ganz unleidlich! Und das Unleidlichſte der Lage iſt, daß ich ſie nicht, und nie zu ändern vermag. Nun beden - ken Sie mich, und meine Faſern, und was ich in mir trage und weiß, und ſtellen Sie Ihre Berechnung an! Dies Schwere all wurde mir leicht, weil mein Blut richtig fließen, meine Nerven richtig vibriren konnten; und ich ſo mit Elementen, Farben, Licht, und Erde in einen augenblicklich richtigen Zu - ſammenhang, und Wechſelwirkung kam. Ich genoß es lau - ſchend, beinah verwundert; und dann machte ich dem Himmel Vorſtellungen, mir dies wenige, Natürliche zu laſſen; und klagte auch gegen ihn. So floß mein Tag, von Stadt und Hausweſen geſtört, noch ziemlich geſund aus mir heraus, an mir vorbei. Die Nacht aber mußte ich ſchrecklich an Ner - ven leiden; nun kommt das Ende dieſes Werks, womit ich es begonnen, und was ich beweiſen wollte; weil mein Zimmer ſchon den zweiten Abend, für die Nacht zu heiß war, welches ich nicht vertragen kann, und wogegen ſich mein Blut mit nach dem Kopf ſteigen, wehrt. Was dies iſt, wiſſen Sie. Es artete in Nervendröhnen, und in dem ganzen Hofſtaat der Nervenübel aus. Wir wollen uns alſo ſehr, ſehr! vor fal - ſchen Zimmern hüten. Amen.

Sie wiſſen, daß ich ſo ſehr, als Sie, denke, daß die W. das Beſte werth iſt, weil ſie’s verſteht. Ich frage Sie auch, ob ich ſie hoch gehalten habe von je, und in Liebe geſchaut. Ob ich eine Königin ehrerbietiger, zarter, und zärtlicher zu behandlen nur vermöchte? Ich frage aber auch, in was ich74 mich, ohne Stupidität oder Heuchelei, unter ſie ſtellen ſoll? Alſo, müßte mir dieſelbe Zartheit und Ehrenhaltung zuflie - ßen. Solche Anforderung aber iſt ſtumm im tiefen Herzen gekauert da, ſtumm wie dieſe dunkle Tiefe ſelbſt; und würde nie von Worten herauf gezwungen werden, als Forderung; weil ſie nur als Dank an das nichts ſchonende Licht mag; wenn ich ſie nicht vertheidigen müßte dieſe Forderung! Ver - theidigen muß ich ſie, weil ſie ſollizitiren ſoll, was ihr Weſen ſelbſt bewirken ſollte. Unſchuldig iſt hier nichts anders als unwiſſend. Über gewiſſe Dinge, wiſſen Sie im tiefſten Her - zen, darf man nicht unwiſſend ſein. Warum ſollte ich jeman - den mich ſchätzen lehren, und mich dann von ihm ſchätzen laſ - ſen? und daſſelbe, mit Liebe und zartem Zuvorkommen und Errathen! Da habe ich’s bequemer, ich ſchätze mich ſelbſt, und liebe Andere: wo ſie mir’s erlauben. Daß man ſich durch Thätlichkeiten die Achtung angedeihen läßt, die man nöthig hat zum äußern Sein; dies kann man wohl gegen gleichgül - tige Leute, in Äußerlichkeiten, äußerlich üben. Aber wo Liebe, Überzeugung, Zartherzigkeit und Approbation wirken ſollen, kann und mag ich nicht in Menſchenherzen willkürlich operi - ren. Sie verſtehen es genug, das Schönſte als Herzensfluthen anzunehmen, und dies ſei mir und ihnen genug, wenn es noch ſo kommen mag! Sie wiſſen es: ich brauche nicht zu ver - ſichern; ich habe genug in Liebe geleiſtet: eine Heilige wär ich zu anderer Zeit! Wem gönnt mein Herz nicht alles, und jede Eigenſchaft? wer ſieht, wer ſpürt ſie eher aus, und ver - kündigt ſie? Wer iſt gerechter, unperſönlicher? Wer ewig be - reit zum beſten Leben und Leiſten? Wer ſcheidender, und75 menſchlicher? Wer zärtlicher gegen alles was fühlt, und zu fühlen ſcheint? Wer Gott erkennender in jedem Augenblick? Wo ich einen Zug von dieſen Genannten ſehe, beugt ſich mein Herz und meine Kniee: das wiſſen Sie: wo ich es reicher, vereinigter fände, als bei mir, würd ich in jublende Anbe - tung verfallen! Sie wiſſen es! Des Überſchätzens aber, bin ich ganz müde, d. h. ganz unfähig geworden. Taſſo ſagt ( Nur die Galeerenſklaven kennen ſich, die eng geſchmiede - ten ) wie es mit dem Überſchätzen iſt: wenn man ſelbſt nur Gerechtigkeit noch verlangt ſo bin ich wenigſtens dann mag man dieſe auch nur leiſten. Nicht im Behandlen, und in der Nachſicht, und im Leiſten; aber im Beurtheilen deſſen, was geleiſtet wird.

Ich bin es ſehr zufrieden, daß Sie der W. meine Briefe zeigen: und empfinde ganz die Ehre, die Sie mir in Ihrem Herzen erzeigen, in meinem. Ich will ihr auch die Träume zeigen. Von T. s Fête aber, kann ich nicht ſprechen. Das können Sie thun. Wenn Sie wollen! und hiermit erzeige ich Ihnen wieder die größte Ehre, die aus meinem Herzen kom - men kann. Auch das wiſſen Sie, Marwitz: am ſchwerſten in der Welt, wird mir, von einem Menſchen zu fordern, wovon ich denke, daß er’s mir ungefordert hätte leiſten ſollen. Sa - gen und Fordern ſind hier eins; und diesmal hab ich nur ge - ſagt, was ich hätte fordern können: nämlich, was ich in Ihrer Stelle würde gethan haben vergeſſen hätte ich’s auch nicht ; aber ich will gar nicht, daß Sie es thun: denn ſa - gen Sie mir, was ſollte ich damit in der Ausübung beabſich - tigen! Nun fragen Sie, ob ich Sie noch liebe, wie ſonſt! 76Wie ſonſt nicht: denn ich bin anders, und habe manchen Schmiedeſchlag auch ſeit der Zeit erlitten. Ich liebe Sie, wie es mein Weſen mit ſich bringt; und mein ganzes Herz iſt ge - rührt und getroffen von Ihrem Zutraun: welches ich Ihnen ganz erwiedere: ganz. Denn wie betrübt und erſchwert, und verunreinigt iſt dies Herz, wenn ich Einmal denken muß: dies faßt er nicht, noch nicht; dies mußt du noch zurückbehalten! Oder wenn es gar denkt: hier wärſt du aufmerkſamer, lieben - der! Verſtehen Sie dies: und Sie werden mich nicht mehr fragen. Aber fragen Sie mich in alle Ewigkeit; ich will in alle Ewigkeit antworten. Dies iſt der eigentlichſte Umgang; ja, der mit ſich ſelbſt. Mehr als mir ſelbſt kann ich Ihnen nicht bieten; und eben das biete ich Ihnen in allen Stücken. Faſerkind! Mein Kind, mit Faſern.

Gerlach kann Ihnen von geſtern Abend erzählen. Hanne, Varnhagen, und Kalckreuth, waren da; den mußt ich anneh - men. Gerlach bringt Ihnen dieſen Brief: er gefällt mir noch. Gott grüße und ſchütze Sie! Gedenken Sie meiner in Liebe.

R. R.

An Guſtav von Brinckmann, in Stockholm.

Morgens um 10. Uhr bei beſchneiten Straßen, in der Behrenſtraße, ſchräg dem Kaſino gegenüber, gleicher Erde, No. 48.

Laſſen Sie dieſes Blatt ein Morgenbillet werden, da es unmöglich, ohne meine Seele auf das Papier zu bringen und77 meinen Körper zu vernichten, ein Brief werden kann. Zu viel Zeit, mit allem was ſie bringen kann, iſt verfloſſen; zu viel Neues, Verwirrtes, Großes iſt geſchehen, ſperrt den Rachen über uns auf; als daß die größte innre Klarheit, das deut - lichſte Bewußtſein was ich kann und will, in ewigen Krie - gen gegen mich ſelbſt, als Beute errungen, mir nur irgend genieß - oder nutzbar wäre. Denken Sie ſich mich reifer, fort - geſchrittener, erdrückter, aber eben wie ſonſt; und ließe man mir Luft, vergnügt und kindiſch. Geſund, mäßig. In ange - nehmen Verhältniſſen, gar nicht. Furcht, über die Maßen. Vor jeder Zukunft. Dies von mir! Die Nachſchrift von mir iſt das, daß ich heute vielleicht am wenigſten bereitet, und ge - macht bin nur irgend zu ſchreiben, und am allerwenigſten Ih - nen, der mir alles Alte zur höchſten Paralyſirung des ſpäter Ereigneten, zurückruft; und dem ich es doch plötzlich und in allen ſeinen Details gleich übergeben möchte. General Neip - perg aber, den ich nur von Anſehn kenne, und der meine Exi - ſtenz nicht weiß, wird für gute Worte dieſen Brief mitnehmen. Schon längſt verwahrt ich Ihnen inliegendes Zeitungsblatt; es gehört zur Sammlung Ihrer Todesanzeigen, und wird viel - leicht an die Spitze derſelben kommen. Mich hat es unend - lich unterhalten, und zum Lachen gebracht. Ich bin weder böſe, noch erſtaunt, daß Sie nicht ſchreiben: man kann nur viel und mit Annehmlichkeit ſchreiben, wenn man denſelben Vor - mittag Antwort haben kann. Daß wir dieſelben ſind, brau - chen wir uns nicht zu verſichern; oder es wäre gar nicht wahr. Geſtern Abend trank ich Thee bei Schleiermachers, deſſen Frau meine liebe Freundin iſt, mit Gräfin Voß und Hrn. von Mar -78 witz. Mein Intimer. Er iſt in Potsdam bei der Kammer, und oft in Berlin. Gräfin Boß war ſehr liebenswürdig, ganz einfach, und recht hübſch; ich liebe ſie noch immer ſehr. Die ſagte eben, daß der General Neipperg noch hier ſei, nämlich noch bis dieſen Abend bleibe, daß ſie Ihnen ein Wort ge - ſchrieben hätte: und nun thue ich’s auch. Zeigen Sie auch gütigſt Frau von Sparre die Zeitung, und ſagen ihr, ihre Schweſter hätte mir alles beſtellt: ſie wäre mir ein Troſtge - danke in Schweden, daß ſie dort iſt. Frau von Staël muß Ihnen doch viel Vergnügen machen! und viel Rennens! Von Gentz habe ich vorige Woche, durch Gräfin Voß, ſeit Jahren einen liebenswürdigen kindiſchen Brief erhalten. Ich bin eingenommen von ihm wie ſonſt. Humboldt haßt mich jetzt wieder: er war das letztemal in Berlin, ohne mich zu ſehen. Die Herz lebt und ſieht aus wie ſonſt. Chriſtel war dieſen Sommer hier, mit den alten Augen, der alten Miene, der alten Indolenz, der alten Unſchuld und Verſchmitztheit. Wir ſprachen viel von Ihnen: auch geſtern drei Viertel des Abends. Ich wohne allein, meine Mutter iſt im Oktober drei Jahr todt. Schlimm für mich! Meine Schweſter hat nur das eine Kind; und ich ſah ſie auch in der Zeit nicht wieder. Hannchen iſt eine große Demoiſelle, Fanny geht noch in die Schule. Gute, brave Kinder. Meine Brüder ſind alle in Berlin, der jüngſte verheirathet mit einer Demoiſelle aus Po - len. Sie iſt artig, gut, und unſchuldig. Erzogen wie die hieſigen Mädchen. Leben Sie wohl! Und arbeiten Sie dran, wenn erſt der Regen dieſes Gewitters riechen wird, nach Deutſchland zu kommen. Sollte ich von den Erſchlagenen79 ſein, ſo denken Sie, es kam ihr nicht unerwartet, ſie hatte namenloſe Furcht; ohne Ausſicht auf Freuden. Gott ſchütze uns! Sehen Sie meine Stimmung in dieſem Morgenbillet? Adieu! R. R. Robert heiße ich jetzt. Noch eins! Die Beth - mann iſt wohl, und wird älter; und hat noch ein großes Publikum.

An Frau von Fouqué, in Nennhauſen.

Einige Tage vor Ihrer Abreiſe hatte ich gehört, Sie würden diesmal längere Zeit in der Stadt bleiben, der Kriegs - umſtände wegen. Da wollt ich’s für mich abwarten; mit ei - nemmale aber waren Sie weg! Meine Klagen Ihnen nach; wovon Sie hier nur wenig hören; das werden Sie auch wohl wiſſen, und an dieſen Worten, die hier ſtehen, und den be - ſten, die Ihnen ſelbſt oft im Herzen bleiben müſſen, abmeſ - ſen. Beſonderes ſteht mir in dieſem Augenblick nicht vor der Seele, was ich Ihnen zu ſagen hätte; aber unendlich viel könnten wir mit einander ſprechen, gingen wir nur miteinan - der ſpaziren, träfen wir uns abends vor dem Sopha, und lebten wir die verſchwendeten Wochen neben einander! Viel - leicht wird Friede aus der Erſchöpfung des Krieges; und ein Sommer für Menſchen daraus, nicht einer für Krie - ger und Bekriegte; und vielleicht fällt alsdann ein Tröpfchen klaren Segens auch auf mich, und ich kann Sie beſuchen! Sie ſehen, liebe fromme Karoline, ich bin hier nicht ſo fromm80 als Sie! Wer kann Gott nachrechnen! Menſchen, und ihr Glück ſind Beſtandtheile des großen Alls, warum ſollten ſie zu einem glücklich-Organiſchen nach der größten Zerrüttung und Trennung ſich nicht auch wieder zuſammen finden; zu neuen weitern Beziehungen? Wie viel aber hier untergeht, zeigen die Begebenheiten aller Zeiten: jedes Menſchen! Gewiß ſein, daß ein vielfältigerer höherer Geiſt aus heilbrin - genden guten Gründen Recht dazu hat, iſt meine einzige Re - ligion. Es iſt mir auferlegt; muß ich denken; iſt es doch viel, daß ich ſo viel weiß; und Klarheit und Verſtändniß in einem höheren Weſen zu hoffen vermag. Anfang der Gnade! Vergeht uns oft dieſer Strahl, ſo verzweiflen wir; aber ganz können wir nicht verzweiflen, ſo wenig, als durch unſere ei - gene Gedanken aufhören zu ſein. Müſſen wir doch unſer ganzes Daſein als ein Wunder annehmen; ergeben wir uns ohne Richten über den Lauf deſſelben; und richten wir immer von neuem uns ſelbſt; unſer Beſtimmen. Aber alle Buße ſei Reinigung, Stärkung, Feinerung, Beſſerung; Reue vor der That; und fleißige Unſchuld nach jeder. Gräuelthaten begehen nur kranke Tolle, arme unglückliche, bedaurungs - würdige Menſchen. Mich beugt übrigens der Krieg ſehr. Hab ich innen alle Zerſtörung erleben müſſen, und hat mir mein Herr die Einſicht in allen Jammer, und auch die Kin - derfähigkeit für alles Liebliche, Freudige und Lebenswerthe ge - laſſen; ſo hatte ich nur noch äußere Zerſtörung zu befürchten: ich erlebe ſie; und fühle es herb, ganz herb: nicht aber was mich perſönlich betrifft, beugt mich ganz; aber der Beweis, daß wir noch inmitten des Roheſten leben, daß verwundenderKrieg,81Krieg, und tolles Nehmen und Wehren bis zu unſern Schwel - len kommen kann, daß wir vor den Wilden nichts voraus haben; Bücher, gebildete Reden, wohlthätiges Sein aparte daliegt, und nicht in unſern großen Verfaſſungen mit inbe - griffen ſteht, daß wir allem ausgeſetzt ſind, und nur prahlend uns aufmuntern, wenn wir unſere Meinungen und Religionen über alle andere ſetzen: das macht mich ganz perplex und beugt mich. Freilich war irgendwo Krieg, ſo lang ich lebe; das Nahe dringt ſich einem aber am meiſten auf; und die ganze Erde iſt ja jetzt in der Anſteckung. Vier kluge Gedan - ken, kann eine ganze Nachkommenſchaft einmal über uns und unſern Zuſtand hervorbringen, dieſe Nachkommenſchaft beſteht denn aus drei oder vier Hiſtorikern und einer kleinen Zahl ſie Faſſender! Dies iſt meines Bedünkens für die Menſchen - geſammtheit daraus zu erbeuten.

Noch haben wir ruhige Abende! in einem ſolchen las ich geſtern Tiecks Phantaſus. Daraus habe ich ganz etwas Neues erfahren, daß man die klügſten, ja feinſten Dinge ſa - gen kann, und über jede Gebühr langweilig dabei ſein kann. Dialogen ſind ſchon das Schwerſte, wie mich dünkt, und nur Shakeſpeare, Goethe und Jean Paul in den Flegeljahren ſind welche gelungen: dieſes fortfließende Leben, mit ſeinen unend - lichen Vorausſetzungen, durch die kleinſten aber beſtimmendſten Züge kenntlich gemacht: gelingt nur dem lebhafteſten, gründ - lichſten, leichteſten Bemerker, wenn er die Gabe des Beurthei - lens während der Vertheilung derſelben in ſeinen Werken auf’s höchſte beſitzt. Nun kommt Tieck mit roh zuſammen - geſtoppelten Reden und Gegenreden ohne alle Situation, alsII. 682die willkürlichſte, die mir weder Ort, noch Menſchen, noch Lage zeigt; dieſe armen Phantasmagoren gehen in eben ſol - chen Gegenden ſpaziren, und reden mich wahrlich todt. Der einzige Troſt iſt, wenn man nach ihren allſeitigen langen Be - hauptungen, von denen Tieck ſelbſt nicht weiß, ob ſie Scherz oder Ernſt ſein ſollen, und wem er Recht giebt, Athem ſchöpft und ſich gratulirt, nicht auch ſolche geſchwätzige Tage mit den Herren und Damen verleben zu müſſen! Ich müßte toll wer - den in den Sälen, Gärten, bei den Waſſerfällen und Brun - nen; bei den lebloſen Scherzen! Hübſch iſt, was der Kranke von ſeinen Lektüren erzählt! Jetzt ſind ſie auf dem Gute, und wollen ſich einander vorleſen. Tieck muß phantaſiren in ſeiner eigenen Perſon, und komiſch und ernſt ſein dürfen. Ein Stück Leben darf er nicht in ein Buch faſſen wie Goethe, wo das noch mit hinein geht, von welchem er nicht ſpricht! Adieu. Schreiben Sie mir nicht mehr Ihre ergebene, Karoline sans phrase iſt beſſer. Ihre R. R. Über Tieck könnte ich noch lange ſprechen, aber die Feder iſt müde. Tauſend Grüße den Kindern Mariens Knäuel liegt noch bei mir. Hrn. von Fou - qué hab ich nur als Geiſt vorbeiſchweben ſehen. Vielleicht kommt auch mit dem Frieden Muße für uns Beide!

An Varnhagen, in Hamburg.

Vor zwei Stunden, jetzt iſt 1 Uhr, trat der Hr. von Ca - nitz bei mir herein, und überreichte mir deinen lieben Brief. 83Glück auf! daß die erſten Schritte auf deiner neuen Bahn angenehm und erquickend ſind! Dafür will ich gern ſchon einen großen Theil meiner Angſt und Sorge anrechnen. Das Lügen geht nicht: ſonſt verſchwieg ich es; mein Herz iſt noch nicht befeſtigt. Doch bin ich Gottlob hierin dumm, und will darüber ſchweigen. Wittgenſteins Proklamationen und Auf - rufe gefallen mir über alle Maßen; weil er ſeinen Feind zu ehren weiß, die Nation ſchont, und nicht ſchimpft; wie jene, die wir ſeit Jahren deßhalb tadlen. So redlich muß man auftreten; fühlen, daß man nur ſo aufzutreten braucht; und, will man der Deutſchen Karakter hervortreten laſſen, dieſe geziemende edle Seite hervorkehren! Es iſt mit wahrer Kunſt aus dem Herzen geholt, was man zu jedermans Verſtändniß ſagen muß, daß es wieder in’s Herz gehe! Jede Ironie, jede Prahlerei weit zurückgelaſſen! Sorge, was an dir iſt, mit da - für, daß auch das, was von euren Heeren ausgeht, edel, ein - fach, gefaßt und ernſt ſei. Und nimm mir dies nicht übel! Ich bin ſo ganz durchdrungen und überzeugt davon, daß, wo Prahlerei, hohles Reden und Ironie ſitzt, nichts anderes Gutes ſitzen kann, daß ich mit Sichel und Harke den ganzen Tag ausrauten gehn möchte: da wir alles Gute, ganz gutgemeinte Wackere und Reine ſo ſehr nöthig haben! Dieſen Morgen iſt Marwitz abgegangen: bis heute hielten ihn ein paar Kamme - raden auf; ſonſt wäre er geſtern gegangen: doch weiß ich nicht, ob er allein iſt, oder mit ihnen: länger wollt er nicht warten. Seine Truppe iſt voraus. Geſtern war ich bis halb vier mit ihm bei Bouché wo wir zuletzt waren die Tauben, die zwei wiegenden Pappeln, die Sonne, die Blumen, alles war6 *84da, meine Gedanken an dich, mein Verlaſſen auf dich, alles, aber anſtatt deiner, Entfernung, mit allen ihren Ungewißheiten. Wiſſe aber, um dich perſönlich, und auch um niemand, äng - ſtige ich mich nicht. Aber den Himmel beſtürme ich mit Ge - bet und Thränen, nämlich es werden immer Thränen, für uns Alle. Nicht, daß ich patriotiſcher als perſönlich wäre: du weißt, ich verſtehe nur den Gedanken: Alle, durch den: jeden; aber da jeder geht, und es jeden trifft, faſſe ich nichts Cinzelnes mehr: und auch hauptſächlich! für Einen, für dich, für mich, kann ich mir ein Glück, ein Entkommen denken; für ein Gan - zes aber nur, weiſe Führung: oder, bibliſchen, unmittelbaren Gottesſchutz.

Frau von Fouqué iſt noch hier, hat mir aber nichts ſa - gen laſſen: ich ihr wieder nichts. Marwitz iſt ganz entzückt, daß ich ſtolz bin, wie er’s nennt: mir iſt es ganz egal! So explizirt ich’s ihm; und ſo verſtand er’s auch. Heute ſchickte mir ein General mit einer Botenfrau aus Köpenick einen dicken durchſtochenen Brief: die Frau ſagte, es ſei ein franzöſiſcher General, und ich war ſehr betreten. Der Brief war von Barnekow aus Jaroslaw vom 14. Oktober, der Ge - neral ein preußiſcher mit einem franzöſiſchen Namen, worauf ſich die Frau nicht beſinnen konnte. Der Brief iſt ganz aus ſeinem liebenswürdigen Herzen geſtrömt, und eben ſo ange - nehm, und zum Lachen. Das Schreiben tödtet mich; ich will ihm doch morgen ſchreiben. Hr. von Canitz, den ich nur einen Augenblick geſehen habe, ſcheint ſehr artig zu ſein; ich konnt ihm gar nichts dergleichen erzeigen, weil er morgen früh ab - reiſt und ſeine Zeit gewiß beſſer braucht. Beſtelle ihm dies85 und meinen Dank! Viele Glücksgrüße an Hrn. von Pfuel: ich danke ihm noch, daß er mich in dem Trouble beſucht hat. Empfehle mich auch dem Obriſten! Marwitz frug mich immer, ob mich die ganze Stadt nicht um ſeinen Beſuch beneidet hat. Ich ſagte ihm, er wiſſe, wie geſchieden ich von der Stadt lebte, aber die ich ſprach, hatten alle zu mir kommen wollen. In Hamburg muß ja presse bei ihm ſein. Wir leſen ſie immer, die Zeitungsartikel, wo Tettenborn vorkommt.

Alles Neue von hier erfährſt du durch Hrn. von Canitz. Auch iſt nichts; als der Ausmarſch der Preußen. Das Wetter iſt fortdauernd herrlich: Sonne und erfriſchende Luft. Nur ſind mir alle Orte, außer Bouché, verbittert. Nach Spandau hin richte ich weder Blick noch Schritt. Da verſtehe ich den Thiergarten, und ſeine Spree drunter. O! theurer, ſchöner, verkannter Friede! Doch Glück auf! Euch ermuntert, er - muthigt, erfriſcht der Kampf. Ich hoffe! baue auf dich. Liebe dich; und grüße dich mit treuem Herzen.

An Varnhagen, in Hamburg.

Deine Briefe ſind jetzt meine einzige Freude! Dies iſt wohl der beſte Dank, lieber Auguſt? Nicht wahr? Geſtern brachte Einer, der nicht einen Augenblick wartete, mir einen Brief von dir, mit dem Stück Amtsblatt und zwei Zeitungen. Ich freue mich, daß unſere Meinungen über Wittgenſteins Proklamationen ſich begegneten! Du weißt, ich möchte86 gerne die Nation geſchont wiſſen. Weil es klug und heilſam von uns wäre; und gerecht hauptſächlich: es gingen Andere als ſie ſelbſt vorwärts, und ſie war nicht die einzig bezwun - gene. Wir Deutſchen müſſen uns nur mit dem ächteſten Schmuck ſchmücken; das iſt Gerechtigkeit, Mäßigung, Recht - lichkeit und Geſetzmäßigkeit. Welches letztere ich, Gott ſei ewig gelobt, auch allenthalben zu meines Herzens Stärkung wahrnehme! Feure nah und ferne, wie du nur kannſt, zu die - ſer ſtärkenden alleinheilbringenden Ordnungsmäßigkeit und Rechtsanerkennung und Übung an! Ich bin ein Nichts: und Kraft und Stimme ſpar ich dazu keinen Tag, bei keinem Menſchen, bei keiner Gelegenheit; wenn ein jeder ſo thut und wirkt, ſo werden Alle beſſer; und daß dies geſchehe, dazu ſei unſer langes Elend, und unſer herbes Streiten uns gut! daß wir nicht nur ein ſtarkes, derbes, ſondern auch ein gutes gott - gefälliges Muſtervolk werden! Mich dünkt bei den Deutſchen zu bemerken, daß ihnen das Irren und ſich Aufblaſen nicht ganz natürlich und bequem iſt; ſie haben nur Grazie in der ſtrengen Ausübung von dem, was ſie für wahr und recht er - kennen; ſo hab ich bemerkt, daß man die heterogenſt Geſinn - ten wenn nicht nichtswürdige Abſichten ſie leiten, das Gift, zur Menſchenſünde auf der ganzen Erde ausgeſtreut, mit wohlgemeinter, redlich ausgedachter Wahrheit bald überzeugt. So konnt ich geſtern gleich zum erſtenmale den Profeſſor Z., der gewiß ganz andere Gedankenſphären durch - geht und gegangen iſt, als ich, zu dieſen meinen dir bekannten Meinungen bald überführen; und auf eine ſehr naive, nicht mich lobende Art gab er mir dies zu erkennen. Minna S.87 hatte ihm ein paar Zeilen, mich kennen zu lernen, mitgegeben. Ich glaub es iſt ein braver, wahrhafter Menſch. Etwas rustre: du weißt, ich liebe das nicht: mit ihm aber bin ich doch zufrieden. Noch dazu, ich wußte, er iſt ein neumodiſch Deutſcher: ſeine Geſinnung ſcheint mir aber ſehr redlich, und naiv.

Ich habe gräßlichen Büchermangel: gar kein Buch: da nahm ich geſtern ſpät die Bibel. Herr Jeſus Verrath und Tod las ich; und weinte ſehr. Ich kann es mir ſo lebhaft denken; und wie er wußte, daß ihn Petrus verrathen mußte; ſo natürlich: gewiß wahr! und wie Petrus ſelbſt weinte, als der Hahn zum zweitenmal krähte. Es gefiel mir ſehr! Das Evangelium Johannis las ich heute etwas: das find ich wieder ſchön. Mir gefallen nur jetzt ganz großartige, groß - gezeichnete bibliſche Karaktere; alles wird mir zu klein. Nur Eingebungen, Patriarchen, wie ſie Goethe uns auffriſcht, und deren einfach großes Zuſammenſein mit den Gegenſtänden der Natur, und nicht dem frikaſſirt Römiſchen, Römiſchmodernen, gefällt mir noch einigermaßen. Neulich konnt ich dies Mar - witz ſehr gut und kurz ſagen.

An Varnhagen, in Hamburg.

12 Uhr Mittags, bei ſchönſtem, hellſten Sonnen - ſchein, erquickender Luft.

Ich bin in allem deiner Meinung, und auch ganz des Sinnes, das Leben eher zu verlieren, als ein ſolches88 zu erhalten, in welchem man nicht mit aller Ehre weiter - leben kann. So waren auch meine Erinnerungsworte ge - meint; und in dieſer Vorausſetzung werden es auch alle die ſein, die ich noch je ſprechen kann. Dies, mein Freund, ver - giß mir nie. Vorige Woche mußte Moritz ſein Loos zur Landwehr ziehen wann man nach dieſen Looſen gehen muß, erfährt man noch nicht heute, auf dem Schützenplatze, immer dem Alter nach, zog Ludwig, und da wurde den Zie - henden von éinem Polizeibeamten ein Sieg bei Lüneburg ver - leſen gegen General Morand, wovon ihr nun auch wiſſen müßt. Kein Wort von meiner Erſchütterung bei ſolchen Dingen. Du kennſt meine Spannung, mein heftig-elaſtiſch Herz. So kündigte man uns vorgeſtern eine falſche Nach - richt von einer Kaufmanns-Reſſource ausgehend von einem Siege bei Deſſau an; der dachte mir das Leben zu ko - ſten; weil er zu groß war; ich ihn nicht glaubte, und ihn glauben mußte, der Art des Erzählens nach; dieſe zweifäl - tigen Bewegungen des Herzens ſetzten mich in die gefährlichſte krampfhafteſte Spannung; und weil es bei Deſſau war, wo wir Anno 6. die Brücke zu zerſtören, aus Noth, ver - gaßen, und da alles herüber kam!! Hier ſchicke ich dir Frau von ** ihren Aufruf. Gott im Himmel! ſie wußte abſolut nichts, als daß ſie einen ſchreiben wollte; und das Wenige, was ſie noch zuſammenfand, verging ihr in der Schwatzhaftigkeit des Schreibens; das ganze Wollen ging auf in ein litterariſch Aufgehetztſein; nicht anders iſt ein Ra - dotiren Herumirren zu nennen in allen neueren Schrift - ſtellermeinungen, und neumodiſchen aber eben darum alt -89 modiſchen, weil es dergleichen gar nicht mehr giebt für irgend vornehme Köpfe, und große einfache Seelen Stimmungen, die an und für ſich ſchon ganz unächt, aus keiner ſtarken Quelle, ſeichte, dünne, vom erſten Luftzug vernichtete Pfühl - chen und Rinnen ſind! Indem ſie die franzöſiſche Sprache anfällt, war ſie nicht einmal beſonnen und geſchickt genug, ihre von franzöſiſchen Worten rein zu halten: ſogar den platteſten Beurtheilern giebt ſie ſich bloß. Es iſt mir höchſte Anſtren - gung, das Ganze zu beurtheilen, da es wohl Theile, aber eben zu keinem Ganzen ſich fügende ſind; daß wir Deutſche heißen und ſind, iſt eine Zufälligkeit; und die Aufblaſerei, dies ſo groß hervortreten laſſen zu wollen, wird mit einem Zerplatzen dieſer Thorheit endigen. Jedes zu Verſtand ge - kommene Volk ſoll brav ſein; und die Freiheit haben, es zu ſein. Im erſten Gebote müſſen das natürlich Männer und Weiber, beide Geſchlechter in ihrer Art, ſein; der zweite Fall zerfällt in zwei andere; entweder man hat die Freiheit ſchon, oder ſoll ſie erringen; das letzte thun nur Männer, und den Weibern bleibt, zu erſetzen, ergänzen, heilen, wo jene zerſtö - ren und verwunden müſſen. Dies muß jedes europäiſche, chriſtliche, Gott in ſich ſelbſt erkennende Volk; und jedes ſol - ches muß dies allen andern Völkern gönnen und wünſchen: und nicht ſich prahleriſch allein dazu ernennen, ausſchreien und brüſten. In ſolcher demüthigen, gerechten Stimmung allein, die eine heilige iſt wo jede Schüchternheit und Scham wegfallen muß, und kann darf ſich eine Frau, weil es jede dürfte, erkühnen, laut das heißt, gedruckt oder im Tempel zu ihren Schweſtern zu ſprechen! Wie ein90 Gebet und Gelübde muß ſo etwas aus der Seele ſtrömen; dann wird man nicht alle Mythologien der Welt ſpuken laſ - ſen, ſondern vom Nächſten, was vorgeht und geſchehen muß, für alles Volk, welches wenig weiß, aber immer verſteht was recht iſt, wenn man’s ihm ausſpricht, verſtändlich, eindring - lich und nützlich ſein. Dies wollte doch Frau von ** gewiß: und wie weit entlief ſie den Kraftmitteln zu dieſem Zwecke! Als im Anfang durch einige Herren der Stadt bei mir zuerſt erſonnen war, daß Frauen hier ein Lazareth ſtiften ſoll - ten, wozu wir dreißig Vorſteherinnen aus allen Ständen und Religionen gewählt hatten, welche die Prinzeſſinnen um ihr Präſidium bitten ſollten, faßte ich das ab, was dieſe dreißig in die Zeitungen ſollten ſetzen laſſen. Zwar nur den Anfang von vier Seiten, wie die hier ſind; Graf Eglöffſtein, Mar - witz und Ludwig und ich arbeiteten es dann bei mir um: dies war anders. Ich ſchicke dir dieſen Anfang nächſtens. Heute iſt mein Kopf zu erhitzt, ihn abzuſchreiben. Ein Kon - ſeil von Herren hat eine Änderung hineingebracht, die mir nicht gefällt. Geld kommt aber viel zuſammen.

An Varnhagen, in Hamburg.

Dienstag Morgen 11 Uhr, bei kühlem ſtürmiſchen Wetter, welches, ich fürchte, den Blüthen ſchadet, die ſchon heraus ſind; obgleich nicht die meiſten.

Dieſen Morgen muß ich noch nach Hemden laufen, die Markus giebt: ich muß es, weil ich mich keine Mühe.91 kein Klätern, keinen Weg, keine Anrede, und Rede mit ge - meinen Leuten verdrießen laſſe: weil ich denke, je ſchneller die Hülfe, deſto mehr iſt ſie Hülfe: weil ich weiß, was krank ſchmachten iſt; und keine Wäſche anziehen können, eben ſo halte, als keine anzuziehen haben. Unſer großes Lazareth war in einem ſchrecklichen Zuſtand!! Wegen unordentlicher Einrichtung und Deprädation. Kaum erfuhr es aber die Stadt, ſo war ein General-Aufſtand. Jeder ſchrie, lief, und gab. Ich ſchrieb Markus, dieſer Böhm, Böhm dem Civilgouverneur, die ſchnellſten Einſammlungen kamen in drei Tagen zuſammen; vom neuen Lazareth wurde alles hingeſchickt; alle Ärzte ſam - melten, fuhren mit großen Geldbeuteln: Wäſche aller Art, Betten, wurden nach ihren Häuſern geſchickt, Eſſen, wo immer hundert fünf und zwanzig Frauen kochen ließen; keine ſchlief, ruhte mehr. Mir hat’s einen großen Theil Geſundheit ge - koſtet; aber ich bin geſund, und kann ſehr laufen. Geſtern lief ich darum von der Dreifaltigkeitskirche bis in die Lands - berger Straße, heute wieder dahin. Ich ſchreibe dies mit Thrä - nen in den Augen, und mit Entzücken über unſere Stadt.

Die Juden geben, was ſie nur beſitzen: an die wandt ich mein Geſchrei zuerſt. Die Herz iſt unendlich thätig: ich ſporne ſie noch mehr. Nein, wie freut mich die Stadt! Kommt ſie doch zu ſich ſelbſt; thut ſie endlich wohl, wie es Jeſus meint; und wie es mich peinigt, daß es nicht geſchieht. Welche Wehmuthswunden hat mir dies Lazareth geſchlagen! Reil nimmt ſich der Sache jetzt an; ich will heute noch mit Böhm ſprechen: ich habe keine Ruhe! Der Deutſche Beobachter findet hier den größten Beifall: und ich behalte ihn niemals! 92Alle Herren der Stadt leſen ihn. Was du darin geſchrieben haſt, freut mich in der Seele. Behalten wir Herz, das innerſte Wollen, und unſer Urtheil rein, und heißen wir meinetwegen Vandalen, Irokeſen! Lieber guter Auguſt! in jetziger blutigen Zeit iſt es gewiß recht nöthig, gieb dir rechte Mühe, du kannſt alles, und ſchreibe ein Wort über Lazarethe! Nicht wegen unſerer letzten Kataſtrophe allein. Schon lange drückt mir eine Reil’ſche Ausſage, und mehr was ich von Lieferanten erfahren habe, das Herz! Reil ſagte nämlich, als die Frauen hier ihr Lazareth errichten wollten, es helfe alles nichts, wenn ſie nicht ſelbſt wirthſchafteten, und der ganzen Ökonomie und Pflege vorſtehen wollten; in keinem Lazareth in der Welt be - kämen die Kranken, was ſie ſollten. Der muß es erfahren haben. Sag es recht populär, recht eindringlich, welche gräß - lichſte Sünde eine Betrügerei an Kranken ſei! daß jede Stadt, die den Namen verdienen will, eine Kirche in ihren Mauern haben, an göttliche und menſchliche Gerechtigkeit Anſpruch haben will, daß ſie ihr geſchähe, die beſten verehr - teſten Bürger aus ihrer Mitte dazu hergeben muß, ſolche Werke zu unternehmen und ihnen vorzuſtehen; daß kein Lie - ferant und kein Inſpektor reich werden kann. Nenne unſere Stadt ja nicht: aber ſage, in den beſtgeſinnten und vornehm - ſten gingen noch Gräuel darin vor; alſo muß ganz Deutſch - land, ja die Welt ſich gefallen laſſen, Ermahnungen darüber zu hören; und durch die That ſie beherzigen. Lieber Auguſt, wie dehnt ſich alles! Wann kommt man zum Leben; lauter Bereitung, du biſt ſchon mittendrin, und legſt nur zu - recht: ich aber viel habe ich erlebt, und bin an Höheres93 gewieſen, das iſt auch viel und groß, wenn auch nicht leicht und angenehm. Du ſchreibſt mir hierüber ſehr richtig, theurer Freund! Ach wir wiſſen alles! Wir wollen aber fleißig und ſtark bleiben. Das Leben iſt eine Arbeit, die man auf - bekömmt; und eine davon beſteht darin, es verſtehen, ertragen und ergreifen zu lernen; es nicht zu ſchätzen, weil es im All - gemeinen und einzeln unſicher iſt; und es ſehr zu ſchätzen, weil es eine Probe zu einer Exiſtenz iſt, und alles was wir kennen, und womit wir das Mögliche errathen. Gott gebe meinen geliebten Landsleuten Muth und Beſcheidenheit. Unſer armes Land leidet entſetzlich. Jeder Kerl geht mir in die Seele! Bauerndörfer! Aber ſie benehmen ſich wirklich noch gut! Alles hat Muth, Willen, und hilft in jeder Art. Auf der Gaſſe kann man’s hören, bei jeden Vorübergehenden, das Papier iſt zu klein zu allen Anekdoten! Jünglinge ver - zweifeln, die nicht mit ſollen; übernehmen drei, vier Poſten und Stellen für ihre Brüder, und ſagen, ſie überleben die Schmach doch nicht!

An Varnhagen, in Hamburg.

Heller, warmer Sonnenſchein, und doch Wolken und Wölkchen am Himmel. Lerchen in den Straßen übertönen alles jetzt. Blüthen ſtrotzen vor Friſche und Ju - gend des Moments.

Endlich geht Egloffſtein und Moritz! Ich konnte vor Müdigkeit nicht mehr weiter leben; weil ich in drei Nächten94 auch nicht geſchlafen habe. Zwei Tage waren ſehr ſchöne, muntere Koſacken in unſerem Viertel, die Oſtern hatten, und nicht wenig tobten. Sie ſangen und ſchrieen, und pochten an den Häuſern bis 2 Uhr nachts, und um 5 ſtellten ſie ſich ſchon unter meinem Fenſter, wo ſie ihre Pferde anbanden. Meine Scheiben glaubte ich entzwei: ließ aber doch die Laden bis 9 Uhr zu, wo ſie abritten. Dieſe Nacht um halb 4 ein Ko - boldslärm im Hauſe; um 5 höre ich einen Wagen: ich, zu krank nachzuſehn, klingele Dore, und laſſe nachſehn, weil ich denke, es iſt ein Arzt, den man geholt hat. Es iſt der Mieths - fuhrmann von drüben, und ſie fahren mit allen Vorräthen nach Spandau, wo heute Berlin hin zieht: denn es iſt über. Heute zogen ſie aus: ſiebentauſend Gewehre, viele hundert Zentner Pulver, hundertfünfzig Stück großes und kleines Ge - ſchütz. Ein Baurath, der wegen der Dämme ſchon geſtern drau - ßen war, hat meinen Brüdern verſichert, ſolch ein Zerſchießen geſchähe nur ſelten. Noch wenige Fuß, und alles Pulver, Spandau, Stadt, Beſatzung, Menſchen, und vielleicht Bela - gerer, wären in der Luft geweſen. Drum zogen ſie ab: und darum wurde es bewilligt. Ein Kapitain Ludwig ſoll Wun - der gethan haben, und einer der erſten Artilleriſten ſein. Nur ſechszig haben wir Todte und Verwundete zuſammen. Reil hat zwölf im Klinikum; Einer davon ſtirbt nur. Mit zer - hacktem Blei ſchoſſen ſie heraus! das ſoll Unrecht ſein. Man ſieht’s an den Wunden. Drei Tage wurde es doch nur be - lagert. Meine Seligkeit kannſt du dir denken, daß der Gräuel aus iſt. Wie habe ich Gott gedankt!! Ich habe die Mädchen beſchenkt. Line Kleid, Dore Tuch; eins meiner95 beſten, für ſie ein unerreichbares, ein türkiſch Shawl. Könnt ich nur auch Gutes thun, da dieſes Gräßliche noch ſo glimpf - lich ging. Unſere brave unterrichtete Artillerie von Span - dau wird anderweitig gebraucht. Mir iſt Gott ſo gnädig jetzt: und ach! nur ſelten fühlt’s mein Herz einen Moment. Der erwägende Richter hat mein Nothgebet, mein Geſchrei - meine windende Angſt wegen Spandau erhört! Ich habe ſo viel Glück und Gnade. Ach! Ach! und bin ſo unruhig, ſo unſelig! Aber ſei ruhig! Daß du vergnügt, muthig, ru - hig, glücklich biſt, iſt mir alles; giebt mir Muth, den einzi - gen Muthſtrahl durch’s Herz! Ich ſchrieb gleich an Niebuhr, und ſchickte ihm deinen Artikel und Schlegels Schrift, die er mir, wenn er ſie ſchon kenne, wiederſchicken ſoll, was er noch nicht gethan hat. Heute Morgen bekam ich durch den Poſtboten einen Brief von dir, mit der Nachricht von den übergegangenen fünfzig Sachſen. Ich denke darüber wie du. Wenn du erlaubſt, ſo ſchicke ich dem Zeitungsbureau, und nicht Hrn. Niebuhr, dieſe Nachrichten. Der gefällt mir durch - aus nicht. Geſtern Abend las ich zum erſtenmale ſein Blatt. Wie hart. Wie verblindet. Wie hetzend! Nur Saragoſſa und Moskau! Die Welt mag untergehn, wenn nur ein wichtiger unwichtiger Geſchichtsparagraph daraus er - ſteht. So hart und ungefügt und unverſtändlich iſt auch ſein Stil. Wie ehre ich dagegen Heeresgoräth ! Religion iſt Vokal, und Geſchichte Konſonant: und wie klar, wie ver - ſtändlich iſt das Stück Geſchichte darin vorgetragen! wie nir - gend. Und die milde, ganz edle, nicht aufgepuſterte Bücher - geſinnung! Jenem lieſt man an, daß er ſich die Welt weiß96 auf ſchwarz zuſammengeleſen hat. Pfui! Ich freue mich deiner Freunde, und Freude darüber. Hrn. von Noſtitz die freund - lichſten Grüße! Er ſoll an unſern Freund denken, der nicht mehr iſt. Ich bin zu müde. Geſtern war ich dreimal bei Woltmanns, weil das dumme Dienſtmädchen zweimal ſagte, er ſei aus: dann ſchrieb ſie mir: und es verhielt ſich ſo, daß er ſeit ſieben Wochen ganz zu Bett an Gicht in der Hüfte liegt, und ſeit neun Monaten nicht aus war. Sie ſind ſehr dankbar: ſie hat mir heute bei dieſem Briefe ſehr lieb geſchrie - ben; thu das Mögliche: ſie hoffen wenig! Ich werde ſie manchmal beſuchen: ſie wohnen, wo Johannes Müller wohnte, im George’ſchen Garten. Höre die ſchöne Anekdote! Eine Geſellſchaft Frauen machte auch in Breslau eine Sammlung für unſere Sache: alle gaben; ein Mädchen war dabei, die gab nichts; ſie konnte auch nichts geben, alle wußten’s auch; ſie hatte nichts. Sie geht aber weg, und kommt mit drei harten Thalern wieder, die ſie giebt: alle wundern ſich. Weg waren ihre Haare, die ihr ſonſt einmal ein Haarkräusler ab - kaufen wollte, und dem ſie ſie nun gelaſſen hatte. Augen - blicklich kaufte die Geſellſchaft die Haare zurück, die ſchönen, langen, blonden; ließ Ringe davon machen, und die werden wieder für unſere Sache verkauft. Der Geheimrath Crelinger hat ein Dutzend mit hieher gebracht, die theuer verkauft wer - den. Es iſt nicht viel, ſeine Haare zu geben: und doch iſt die Geſchichte ſo hübſch. Der Emotion wegen, die das Mäd - chen, die Frauen, gewiß hatten, und des lieben Willens und unſerer Emotion wegen. Nicht wahr? laß ſie drucken. Goethe iſt, wie du in Niebuhrs Zeitung leſen wirſt, in Dres -den:97den: Gott ſei gelobt in Ewigkeit. Was mag der denken! Manches denk ich mir. Die Sonne duckt: heute gehe ich zu Kommandanten-Bouché. Mlle. Schmalz reiſt morgen zu der hohen Geſellſchaft nach Dresden, auf drei Wochen. So ſchließt ſich das Lebensintereſſe ſelbſt an den Tod. Man ſagt ſo eben, Niebuhr habe den Befehl, nach Dresden zu kommen.

An Varnhagen, in Hamburg.

Hier ſitze ich, lieber Auguſt, in einem himmliſchen Ge - birgskeſſel, in einem an Bergen angeklebten Badeorte, mit den idealiſcheſten Spazirgängen; nicht im Bade ſelbſt, ſondern auf dem Markte wohnend. Alle Berliner ſind in Breslau. Ich zog es vor, hier im ſtillen Winkel an der Gränze wohl - feil im Sommerleben zu ſitzen. Gott, Auguſt! könnt ich dieſe Gegend, dieſe Einſiedler-Ruhe, dieſe Schlünde, Ge - birgsgewäſſer, dieſe Blüthen und dieſe Grasmatten, ohne Angſt für alles was ich liebe, genießen. Mit dir. Wie könnten wir uns hier von der verkehrten Lage, von der drük - kenden Sorge, von den leeren Gängen, vom verkehrten Da - ſein erholen! Der Frühling, die Stille, das Feld, will mir die Gedanken an Preußens, an Berlins Zuſtand, an den un - natürlichen Krieg wegwehen; und mein Gewiſſen drückt ſie mir wieder an’s Herz! Mit Vorwürfen zugleich, daß ich noch leben und genießen will! So ſah ich hierherzu kein friedlich Dorf, kein Schloß, keinen Garten, kein wohlbeſtelltes Land: ohneII. 798ſchwere Belaſtung des Herzens und ſchmerzliche Thränengebete. Ich traute mich nicht, mich zu freuen! O! die ganze Natur iſt ſtill: und der kleinlich wüthende Menſch, ohne direkten Willen, ſtört ſie, und den Frieden! Eins iſt gewiß, Auguſt: iſt nur Friede, bleibſt du nur leben, und wir haben auch noch ſo wenig: in einem Thal wie hier, können wir reichlich und glücklich mit einander leben.

An Erneſtine Robert, in Brünn.

Geſtern, liebe Erneſtine! erhielt ich erſt einen Brief aus Reinerz, der neun Tage unterwegs war, von Markus, der mir auch Ihren von Troppau mitbrachte. Ich bin ſeit vier - zehn Tagen hier: ſehr gut aufgenommen die Details habe ich zu oft ſchreiben müſſen ſeit ich hier bin, ohne nur in der Welt zu wiſſen ob auch die Briefe ankommen. Sie erlaſſen ſie mir alſo heute , aber in welcher Seelenverfaſſung, - gen Sie beurtheilen! Vom Lande, von Geldquellen, von Nach - richten, von Freunden abgeſchnitten: ohne Heimath (denn ein Quartier habe ich überhaupt nicht), und ohne zu wiſſen, ob ſie ſich wieder herſtellt. Spät erſt erfuhr ich durch Reiſende, wo Markus war zwei Poſten von Reinerz, wo er nun wieder iſt und durchaus konnte ich nicht ergründen wo Sie geblieben waren; erſt vor acht Tagen erfuhr ich es. Stellen Sie ſich alſo vor, wie mich Ihr Brief freut! ich hatte ihn nicht eine Viertelſtunde, als mir Louis, mein Bruder, einen von99 Moritz zu Hauſe brachte mit der Einlage für Sie. Ein Rei - ſender, der über Dresden in drei Tagen von Berlin hierherge - kommen iſt, hat ihn mitgebracht. Dort iſt alles jetzt ruhig, und ſehr anſehnliche Truppen von uns dort. Ich glaube Ih - nen, daß es Sie nicht freut nach Wien zu gehen; mich erfreut auch nichts, und ängſtigt der Aufenthalt im fremden Lande, ſchon in pekuniairer Hinſicht genug! Wie finden Sie das theure Kupfer und Papier? Alles in der Welt koſtet einen Gulden. Ich bin aber ſehr getröſtet für Sie, daß Sie bei den Ihrigen ſind: und daß beſonders Mama bei Ihnen iſt, und nun gar noch Papa kommt, mit ſeinen Konnexionen. Es wird Ihnen beſſer gehen, als Sie es erwarten konnten; ſehen Sie doch alles! und Sie werden in Wien in gute Konnexionen kommen. Erlaubte es das Geld, ſo machte ich Ihnen dort meine Aufwartung. Aber bis nach Wien bringe ich es nie, ich komme immer nur bis nach Prag. Aber Prag iſt wun - derſchön! Solch ein Schloß! ſolch eine Stadt um das Schloß her, giebt es wohl nur ſelten in der ganzen Welt. Das The - ater iſt ſehr gut welches ich frei habe und faſt täglich be - ſuche. Man zieht ſich ſehr gut an hier, die Frauen nämlich; viel und reicher Adel, Palläſte, und das auch in den engſten Gaſſen, die von altem großen Reichthum zeigen: die ſchönſten Spazirgänge. Dies die Stadt an ſich; und ſehr groß. Ich wohne bei einer lieben Frau; ſehr gut. Gr. Bentheim thut alles mögliche Gute an mir. Varnhagens geweſener Oberſt. Ich weiß noch nicht, wann ich es ſicher genug zum Reiſen halten werde. Übertölplen Sie ſich damit auch nicht. Die andern Berliner ſind nach meinem Begriff zu voreilig nach7 *100Hauſe gegangen. In dieſer Zeit hat der Furchtſame Recht, das haben Sie geſehen. Der Ausgang kann auch oft für die Dreiſten ſprechen, man muß aber den Augenblick, wo der Ent - ſchluß genommen werden mußte, nicht aus den Augen verlie - ren!

Tauſend Grüße an Alle die ſich für mich intereſſiren, die Schweſtern und Mama beſonders. Hätte ich doch den lieben Barnekow geſehen! iſt er denn nicht lahm an ſeinem Fuß? ich habe ihm ſeit dem Februar nicht antworten können, oder gar Oktober. Schreiben Sie mir von Wien. Adieu liebſtes Kind, antworten Sie uns.

R.

An Varnhagen, in Lauenburg.

Lieber Auguſt, der vierte Brief von hier! Alles mit Ge - legenheiten. In der Hoffnung, daß du ſie bekommſt. Aber nun bei Gott! kann ich nicht mehr daſſelbe ſchreiben! Und doch im kurzen! Mittwoch waren es zwei Wochen, daß ich mit meinem zweiten Bruder hierher kam. Mad. Brede hat mich aufgenommen; bei der wohne ich. Louis wohnt auch im ſelben Hauſe. Quartier, nichts iſt hier zu bezahlen. Die Stadt voll Landsleute. Ich ſchrieb deinen Freunden von der letzten Poſt hierher. Ihnen verdank ich Aſyl und Leben hier. Tieck iſt hier, und wir ſehen ihn täglich; ſehr lieb und freund - lich. Auch er iſt ſehr zufrieden mit dem Theater, und hat die Brede in Franziska vortrefflich gefunden, und es ihr heute101 geſagt. Goethe kommt her. Lämels haben ihm Quartier ge - miethet. Liebichs ſehe ich oft: ſie ſind äußerſt gut.

Vorgeſtern erſt! Auguſt, erhielt ich über Reinerz (neun Tage gingen die Briefe von dort hierher) deinen Brief aus Hamburg vom 27. Mai! Gottlob! Aber ſeitdem! Alles Liebe aus meiner Seele habe ich dir ſchon geſchrieben. Wo ich hin muß, weiß ich noch nicht. Für’s Erſte bleib ich im Schutz deiner Freunde. Alles dank ich dir mit freudigem Stolz. Die Möglichkeit der Reiſe, die Aufnahme. Der Obriſt liebt dich: er denkt immer, du kommſt her, wenn du mich hier weißt.

Schreibe mir nichts Öffentliches. Nur von uns. Einzi - ger Freund. Du bleibſt mir leben! Was ſollt ich noch viel auf der Welt ohne dich! Du haſt mich nun ganz erobert; et par droit de conquête et par droit de naissance; bei Gott, ich wäre todt ohne dich! So eben bat ich Auguſten, dir ein wenig von Tieck, ſich, dem Theater, und ihrer Laufbahn zu ſprechen. Tieck und unſere Geſpräche werden ihr ſehr wohl thun. Denk dir, daß er ihr Wort für Wort ſagte, was ich ihr geſagt hatte; z. B. nach Franziska, ſie ſollte Lady Mac - beth ſpielen!? Ha? und ſo alles Wunderbarſte. Siehe! ich ſpreche von Fremden! und denke ſo viel an uns, bin ſo erfüllt davon; ſo ganz noch im Gefühl von dem Krieg! Aber ich kann nicht aus Aufgeregtheit drüber ſchreiben. Auch habe ich dir zu viel geſchrieben. Lebe wohl. Gott ſchütze uns! Ich danke dir für alle Liebe! und trage ſie und dich zärtlich und immer erſchüttert in meinem Herzen dafür! Lieber Au - guſt. Bleibe nur muthig; und ſo lange ich lebe meiner gewiß!

R. R.

102

Grüße Marwitz millionenmal: ſeine Schwägerin iſt hier, und hat mich nach ihm fragen laſſen. Ach! nun kommen nicht mehr häufige Briefe von dir! Adieu! adieu!

An Varnhagen, in Mecklenburg.

Vormittags 10 Uhr. Helle brennende Sonnenhitze; mein Fenſter gegen Morgen.

Als ich geſtern deine Briefe geleſen hatte, mußt ich gleich nach dem Landhauſe, die Schildwache genannt, fahren, ich nahm Papier mit, und wollte dir dort ſchreiben: die Hitze, die Sonne, die Menſchen, mein körperlicher Zuſtand, alles ſtörte mich. Nach Tiſch kam eine Unzahl Menſchen. Das Schwarzenbergiſche Hauptquartier ſteht in der Nähe, und ſeine Suite ſitzt bei Liebich; recht lebſelige, artige, angenehme Leute; und was noch viel mehr iſt, launige, luſtige Leute. Ein Hr. von Böhm, der komplet artig und fein, und freundli - chen Herzens iſt, und keine Grade der Artigkeit äußert, ſondern den Orden nicht getheilt hat; artige Behandlung fließt aus ihm aus, weil er artig iſt; vielleicht kennſt du ihn, er war mit Fürſt Schwarzenberg in Paris; ſieht Barnekow etwas ähnlich. Dann ein Graf Karl Cl. M. ein ſchöner junger Mann; dem ich erſt Unrecht that, weil es nicht meine Schön - heit iſt; der ungeheuer natürlich iſt, und keine Art von Prä - tenſion hat; der für ſein Alter bewundernswürdig abgeſchliffen iſt, ohne nur im Geringſten an Jugendlichkeit zu verlieren; eine menſchliche Artigkeit in ſich trägt, die in Argloſigkeit. 103Wohlwollen und Aufmerkſamkeit auf alle menſchliche Äuße - rungen beſteht. Er äußert ſich viel, und iſt doch leiſe; er er - zählt ſogar ohne vortretend zu ſein, nicht einmal mit der Stimme. Er ſcheint viel Sprachen zu ſprechen, und ſpricht auch unſere ganz richtig, und eine Liebhaberei an ſolcher Richtigkeit, und Erwägung ihrer aller zu haben. Ein ange - nehmer, wohl zu leben und zu leidender Mann; der ſich ſo - gar den Grafen ſehr abgerieben hat, und ſich weit edler und werkthätiger dahinaus bewegt hat aus dem Grafen. Dann noch drei junge Leute, die alle natürlich ſind, und nicht gemein. Manche äußerten ſich noch nicht. Nun mein Favorit, ein Herr von den Namen werde ich ſpäter ge - nauer und richtiger ſchreiben können. Ein überaus luſtiger, lebhafter Menſch, braun, glattes Haar; etwas wohlbeleibt, voller Laune; kann er nichts thun und hervorbringen, ſo macht er aus Ungeduld Grimaſſen; tappt und neckt alle Kam - meraden; nimmt aber mit derſelben guten Laune wieder ein, und läßt ſich ad absurdum führen. Graf Cl. iſt immer ganz ernſthaft und demonſtrirend gegen ihn. Du fühlſt, bei mei - ner Lebhaftigkeit und Ungeduld mußt ich, trotz ich mir aus richtiger Behutſamkeit das Gegentheil vorgenommen hatte, mit dem Mann etwas verwandter werden: denn er zwang mir plötzliches Lachen ab: das näherte wieder ihn unbewußt; auch hat er die gute und faſt[immer] launigen Witzigen feh - lende Eigenſchaft, auf Anderer Einfälle gleich zu horchen: ſo iſt er zwar wie erſchrocken über Repliken oder Witz und Scherz, der nicht von ihm kommt, und repetirt ihn in dem Schreck ſehr poſſierlich, aber würdigt ihn mit der größten104 Gutmüthigkeit, und macht gleich einen friſchen, und, gelingt ihm keiner, daraus etwas. Als wir ſpäter im Bauer - garten ſpaziren gingen, wo die Kühe weideten, und ich mich fürchtete, fragte mich Graf Cl. ganz theilnehmend, ob und warum ich mich denn ſo ſehr fürchtete? Und da antwortete ich in meiner Angſt: Warum ſoll ich mich denn vor dum - men Leuten mit Hörnern nicht fürchten? Das konnten die beiden gar nicht vergeſſen und verlachen. Heute ſollt ich wieder bei Liebichs diniren. Tieck iſt ſchon dieſen Morgen hinaus und darum wollte man mich gerne mit Schle - gels Überſetzung des Macbeth, der ſoll nächſtens gegeben wer - den, und Tieck ſpricht nun darüber, wie er und Shakeſpeare es meinen. Tieck wäre nie zu Liebichs und zur Brede ohne mich gekommen; aber du weißt, was ich im Menſchenvolk zu verbinden verſtehe; wie viel Bindendes die Menſchen in ſich tragen, und was nur zuſammengewickelt daliegt; ich vermag es zu entwicklen, zu entwirren: und Prag wird in ſeinem Theater eine Veränderung erleiden. Dies auch nur ſchreib ich, weil es dich amüſirt! Mich intereſſirt ganz etwas an - deres! Unſer Zuſammenſein. Ruhe, Wohnung, Feld, Geſell - ſchaft; Thätigkeit, Angemeſſenes für dich im Frieden. Meine geliebten Freunde wieder zu haben!

105

An Gentz, in Prag.

Wer tief aufbrauſende Wellen eines ganzen Meeres, von ſonnenleerem Firmament überdunkelt, beſchreiben könnte!

So ſehe ich mein Herz unter mir; keine Sonne, keine Hellung des Geiſtes will hinableuchten, ſeit ich Sie ſah: ſeit ich Sie hier weiß eigentlich. Jede Leidenſchaft; jeder noch ſo fromm ergriffene Wahn, jeder einſeitige Naturhang des Her - zens muß vergehen ich kenne alle durch Zeit; und zer - ſtören ſie nicht das Herz, das Leben ſelbſt, ſo geht dies neu hervor; wenn auch nach tauſend Jahren.

Was ſoll ich aber zu meinem Herzen, zu mir ſelbſt, zu meinem Geiſte ſagen, in dem namen loſen Bewußtſein, daß ich die elf Jahr hätte müſſen unter Ihren Augen leben; ja! daß es ſo damit iſt, wie mit Seelenaugen, die ich wiederbe - kommen habe; und mir nun vorrechne, daß ich im ſchwarzen Dunkel die ganze Zeit mich allein gequält habe. Glauben Sie an keine Übertreibung! Sie ſollten von meinem Leben wiſſen, alles geſehen haben: wer giebt Freuden und Schmerz, Gedanken und Ereigniſſe, friſch aus der Seele gebrochen, einer ſo langen Zeit, zurück. Wie ein Irrender ging ich geſtern unter den wohlbekannten, mir freundlichen Menſchen umher: wie über meinem Haupte gingen ihre Worte an mir vorbei; ich antwortete wie ſonſt, ſie waren zufrieden: ich meinte, es antwortete ein Anderer für mich, aus göttlicher Zaubergnade. Habe ich doch gar nicht gewußt, daß ſolche Schmerzen in106 meinem auf ewig beruhigten See, in meinem Herzen noch möglich ſind! Es ſind auch nicht Schmerzen: ein Wogen, das Wogen eines Weltmeers; worüber, man ſieht es, man nie Herr wird. Ich ſeh’s, die Natur iſt unendlich! und immer anders unendlich, als der gewitzigſte, beſcheidenſte Geiſt es ſich zu denken vermag. Was ſoll mir die Zeit erſetzen; dieſe Zeit? Und doch glaub ich das Umnögliche, das Unbegreif - liche: Gott kann ſie mir erſetzen. Ich nehme ein Jenes-Leben darum an; mein tiefſter Ernſt, den ich auszuſprechen er - bebe. Ich ſcherzte nicht geſtern, als ich in der Menſchen Ge - genwart ſagte: Gott müſſe eine große Urſache zu unſerer Tren - nung haben. Sie, Gentz, fühlen dies alles nicht ſo, ſind da - von nicht ſo überzeugt: und ich weiß auch ganz, wie ich Ih - nen erſcheine: Sie lieben mich nur, dieſen Brief, und alle meine Briefe, wie Sie den entzückten Taſſo liebten, begegne - ten Sie ihm in jenen Gärten gekrönt. Ich bin entzückt, ſagt er, mit ſeiner irren Krone: und ſieht rein. Ihnen ging es äußerlich beſſer in der langen Zeit, und mit nennbareren Maßen waren Sie beſchäftigt, hatten Sie zu thun. Aber unſere Trennung war doch eben ſolch Unglück für Sie, als für mich: ewig wird mir dieſe Überzeugung bleiben; und nur mit dieſem Bewußtſein enden; Sie können ſie nur bekommen mit jedem Tage, den ich bei Ihnen lebte! zuſammen mit Ih - nen erlebte. Können Sie ſich den Wahnſinn von Unmuth, Schreck, und ſich für die Ewigkeit aufwindender wie Schlan - genthiere Verzweiflung, über meinen Stand, über meine Lage denken, die mich daran verhindern? Nein. Glauben Sie, daß ich noch irgend eine Ambition habe, als die mir zu107 Genüſſen dienen ſoll? Ich bin ganz ſo weit darin, als Sie. Erinnern Sie ſich an meinen Brief, den ich Ihnen über Prin - zeß Louis ſchrieb; und an mein Blaſirt . Wenn es mög - lich iſt, ſollen Sie doch wiſſen, wie es in ein paar Haupt - punkten um meine arme Seele ſteht. Sie ſollen auch wiſſen, daß Ihre Lieblinge gewiß die meinigen ſein werden: ge - wiſſer, als meine Ihre und daß, wenn ich geſagt habe: ich müſſe mit einem Menſchen alles ſprechen können, ich ge - meint habe: wenn ihm auch nicht alles einfällt, er doch alles gleich verſtehen und in die Familien ſeines Wiſſens aufneh - men muß, was ich ihm nur irgend Neues oder Unerhörtes ſagen kann. Und ſeine ganze Klugheit, ſein ganzer Geiſt muß darin beſtehen, dahin gehen, alle Härten, alle Härte zu verlieren, zu haſſen, zu vermeiden. Härte im Umgang: und für das, was ſie frivol nennen, Gründe zu finden, und zu haben; und Einſicht dafür. Denn es iſt nicht frivol. Es giebt auch nichts Eiteles; als Herzensdürre; Kopfhärte, Ar - muth, Naturarmuth. Gott! wie klein, wie unwürdig beſchäf - tigt komme ich mir vor, daß ich mich erſt legitimiren muß! Lebten wir zuſammen, ſo liebten Sie mich nur, und könn - ten nicht ohne mich leben. Dann wollt ich Ihnen noch ſa - gen, daß Sie mich allerdings benachrichtigen laſſen, wenn ich Sie ſehen ſoll: daß Sie aber, wenn Sie einmal eine kleine Zeit haben, unverhofft kommen: mein Mädchen weiß immer wo ich bin; und Sie ſchicken mir, wo ich auch ſein mag, gleich einen Wagen, (Iſt es denn nicht ſchrecklich genug!) wenn Metternich wieder nach Brandeis fährt, wie geſtern. Den ganzen Tag ſchrieb ich Ihnen geſtern, und anderes, als108 hier ſteht. Alſo! Sie ſind zufrieden mit mir. Ich bin ganz beglückt, daß wir auch in den großen Umriſſen gleich denken: ſo entfernt, und ſo gleich. Sie werden noch erſt ſehen! und dächten Sie auch total anders; mit Ihnen wäre das doch gleich: auch dies gleich. (Meine Feder kleckſt. Eine Ver - zweiflung!) Fragen Sie doch wo möglich Humboldt aus, was er wider mich hat: wenn man nur erſt das weiß. Grüß Sie Gott! und lenke etwas für mich!

R. R.

An Erneſtine Robert, in Wien.

Den 10. o! lieber Waffenſtillſtand, du Surrogat des Frie - dens! was wird nun werden?

Doch hören Sie meine Geſchichte! ſo muß ein jeder mit der ſeinigen kommen, und die größten Welthändel ſind nichts anders, als Bündel ſolcher Geſchichten. Hören Sie! Als ich Ihnen das letztemal ſchrieb, wo ich von Moritz aus Breslau einen Brief erhalten hatte, worin er mir mit dem nächſten Poſttage Geld von dort hierher verſprach, ſchrieb ich Ihnen ſchnell, unter Bedingungen, das ab, was ich mir von Ihnen beſchrieben hatte. Vorgeſtern Sonntag war der Tag, an welchem meine Anweiſung von Breslau kommen ſollte, und weder ſie, noch ein Brief von Moritz ſind mir von dort gekommen. Ich aber ſtehe auf dem Sprung nach Brünn, denn Truppen, Lazarethe, Gefechte ꝛc., warte ich mit meinem Willen nirgend mehr ab. Alſo bitte ich Sie nun mir in jedem Falle zu ſchicken, was ſie mir zugedacht haben, weil ich mich, wie109 Sie ſehen, jetzt nur auf Sie verlaſſen kann. Ich glaube in der That, ſie ſind Alle verrückt geworden: denn denken Sie ſich, Varnhagen, der ein Fels iſt wie ich ſelbſt, ſchreibt mir aus Berlin (wo er zwei Tage mit Tettenborn war, der den Kron - prinzen von Schweden komplimentirte) über dieſe Sachen ganz verkehrt. Um toll zu werden! und das alles in Zeiten, wo die Länder alle Augenblick geſperrt werden können! Von hier nach Wien bleibt es noch lange offen, alſo ſchicken Sie mir nur auf jeden Fall, weil alle andern Fälle unſicher ſind. Mein Herz iſt in Thränen über Ihren Brief. Nicht daß Sie mir ſo willig ſchicken wollen; aber über die Art wie Sie es mir ſagen. Sie haben ſich an mir eine Freundin für’s Leben verſchafft, nicht weil Sie meine Schwägerin ſind, weil ich Ihre liebe ehrliche Natur liebe: ſondern weil Sie meine einzuſehen ſcheinen, weil Sie mir nicht nur gut ſind, wenn ſie Ihnen wohlthut und gefällt, ſondern weil Sie ein feſtes rechtſchaffe - nes Herz haben: und auch wollen, daß es mir gut gehe: und mir darin zu helfen feſt geſonnen ſind. Wem ich aber in meiner Seele dankbare Freundſchaft widmen und zugeſtehen muß, der kann auf mein Blut rechnen! ſo furchtſam Sie mich kennen. Sie haben alſo auch eine ewige Freundin in der Familie: und keinen Hund! keine Unthätige, und noch keine Verlaſſene, und das bloß wegen Ihrer Worte bei der That. Ob ich wahr bin, wiſſen Sie!

Sehen Sie, daß X. das Schweinehündchen, ein Schweine - hund iſt? glauben Sie, Erneſtine, wenn ich dezidirt ſage, einer iſt gottverlaſſen, ſo muß ſich der Herr erſt wieder mit einer neuen Seele ſeiner erbarmen, ehe er etwas taugt. Einen ganzen Men -110 ſchen zu verwerfen iſt eine große Sünde; wie ſelten hören Sie d. g. von mir, im Gegentheil, zeitlebens ward ich angefeindet, und blamirt getadelt iſt nicht das Wort, weil ich nie unbedingt verwerfen will, und des Menſchen Natur bemüht bin, in ihm aufzufinden, den Punkt, aus dem er handelt, und nicht die zerſtückelten Handlungen zur Richtſchnur und Maßſtab nehmen wollte. Aber innerlich ganz eitle, unwahre Menſchen bis in den Kern, die ſich ſelbſt eine Lüge ſind, und obstinat dieſe den Geſcheidteſten, mit allen kleinlichen Rän - ken, und wirklicher Gewaltthätigkeit aufdringen wollen, ſind wahrhaft verwerflich, und mir unbezwingbar verhaßt. Be - wahren Sie dieſe Definition des Schweinhundes! Sie kön - nen ſie auch Brentano leſen. Mit Schweinhündchen und allem! Morgen reiſt Hr. von Humboldt nach Wien. Laſ - ſen Sie ſich erkundigen, ob ſie meinen Brief hat. Ihre amü - ſiren mich ungemein, ſo entſetzlich natürlich. Louis will Er - neſtinen einen großen Brief ſchreiben. Viel Schönes an Mama und die guten Schweſtern Margot und Louiſon. Eure Gegen - füßlerin von Jeanne d’Arc die furchterfüllteſte R. R.

An M. Th. Robert, in Breslau.

Jetzt muß man ſich oft ſchreiben, ſonſt weiß man nicht, wo man geblieben iſt. Ich habe nun Geld für die Verwun - deten und ein wahres preußiſches Bureau bei mir. Hemden, Socken, Eſſen, Geld, wird hier ausgetheilt und verſchickt. Die111 Scenen könnt ihr euch denken. Ich habe ſchon das Glück gehabt, drei anſtändigen Preußen ganz wieder zur Exiſtenz zu helfen: und viele Gemeine gelindert. Geſtern bringt mir Tieck einen Enkel des Staatsraths Albrecht aus Berlin, der hier krank war, nichts hat: und fort will und muß; dem ſchieße ich vor aus meiner Kaſſe und er giebt mir in - liegende Anweiſung an dieſen Großvater, die ich dich zu be - ſorgen und mir den Inhalt zu ſpediren bitte, weil ich’s auch ferner für Andre brauche! Als ich eben geſtern um 4 mit Tieck und dem jungen Jäger verhandle, rechne, zahle ꝛc., geht meine Thüre auf, und Marwitz ſteht vor mir! den Arm in einer Binde: etwas mager, übrigens wohl. Acht Wunden hat er. Bei Koßwig unweit Deſſau wurde ihm das Pferd todtgeſchoſ - ſen: es fiel ihm auf einen Schenkel, er konnte nicht hervor: ſeine Truppe zog aus: Polen fielen über ihn, ſtachen ihn mit der Lanze, ſchlugen ihn mit Kolben, daß ihm der Degen ent - ſank; hieben ihm auf den Kopf eine große Wunde; drei in den rechten Arm, und noch dergleichen; ein polniſcher Obriſt - lieutenant rettete ihn Skrzynecki, dem thue man Gutes, wo er zu finden iſt rettete ihn da hervor, bot ihm ſeine Börſe an: gefangen war er aber; ſo führte man ihn nach Wittenberg, wo er immer eingeſperrt mit achtzig auf’s abſcheu - lichſte war, auch in Leipzig, und ſo herum; er hatte kein Eh - renwort gegeben: und entkam nach langen Avantüren im großen Regen damals in der Nacht. Deutſche halfen ihm: ſo kam er durch ein Stück Baiern, das Weimariſche, und Sachſen, geſtern hier an: ſteigt im Erzherzog Karl ab, und kommt zu mir. Wohnt auch wieder bei Rahlchen, denn Frau112 von Reimann hat ihm ein Zimmer eingeräumt, wie für ihren Bruder. Ich bin bei Engeln! Achtmal war ſie und ihre Bonne gewiß oben, um immer zu fragen, ob alles recht iſt. Sie hat ihn mit großer Mühe anſtatt eines Andern genommen; thut alles. Bei welchen Leuten bin ich! Und wie ſchützt und ſegnet mich Gott, daß ich Gutes thun kann in dieſer Noth. Jetzt ſind drei Mädchen von Frau von Reimann, eins von Auguſten, und Dore und die Jungfer von Frau von Lämel, die es ihnen zuweiſt, nach St. Nikolas, wo ſolche Noth war, daß ſie geſtern das Kloſter anſtecken wollten, um lieber zu ſterben. Da ſchicke ich wohl für Hundert Eſſen; und für Zwan - zig Hemden hin. Morgen wieder. Leinwand, Socken, muß ich kaufen, Marwitz Briefe ſchreiben sous la dictée, an Tſcher - nitſcheff u. ſ. w. habe an Frau von Humboldt nach Wien ge - ſchrieben, an Varnhagen; war bei Lämels das Komtoir ſollteſt du ſehen: die heitere Ordnung, und Schnell - und Höf - lichkeit, habe hundert Menſchen, Soldaten, geſprochen, ab - gewartet, und alſo nur die Zeit euch zu grüßen. Ich bin ge - ſund: und lobe Gott. Was ſagt ihr zu Marwitz Glück! Das Beſte habe ich vergeſſen. Ein Pole ſetzt ihm, wie er liegt, das Gewehr vor die Stirn, drückt los, und es ſchießt doch nicht: und nun iſt er vor wie nach bei Rahlchen wie zu Hauſe. Adieu, adieu! Grüßt den Onkel, und ſagt ihm, ich wäre jetzt eine preußiſche Chevere-Frau. Marwitz ſtört mich aus Un - geduld. Auguſte ſitzt auch da. Adieu Kinder!

R. R.

An113

An Erneſtine Robert, in Wien.

Seit Sie mir die Anweiſung geſchickt haben, Liebe, habe ich Ihnen ſchon zweimal geſchrieben: den letzten Sonntag hat mir auch Moritz Geld aus Breslau geſchickt; worauf ich ihm gleich den Montag ſchrieb. Nun habe ich vorgeſtern wieder einen Brief von Ihnen erhalten, in welchem Sie mir ſagen, daß Sie nach Baden fahren, und mich in Brünn zu ſehen gedenken. Noch weiß ich nicht, ob ich dahin muß, ich warte das Gefecht hier erſt ab. Markus ſchreibt mir vor ein paar Tagen, als wäre Moritz noch in Breslau, und ginge vielleicht nach Brünn? Ich kann Ihnen nicht eher ſchreiben, bis Sie mir von einem feſten Ort und einer feſten Stelle ſchreiben; und auch nicht was Clemens über Sie geſchrieben hat. Auguſte grüßt Sie, Sie ſollen nicht nach Brünn, ſondern nach Prag kommen. Geſtern habe ich tauſend bekannte Preußen geſehen, geſprochen, viele unbekannte, unſern König in fremdem Freun - des - Land geſehen, und große, große Erſchütterung erlebt! mündlich von dieſem ſchönen, großen, wenn auch in Gottes Beſchluß nur einzelnen Tag. Sonne, Wetter, Kanonen, Rauch, Volk, Geſchrei, der Kaiſer mit Fritz in Einem Wagen; die Nation für uns! Adieu, adieu, ich bin noch zu erſchüttert, und ach! fürchte jenes Talent, und die einmalige Konſtella - tion. Adieu, adieu, man ſchlägt ſich vielleicht ſchon an Spree und Elbe. Napoleon ſoll nach Luckau, eilf Meilen von Ber - lin, aus Dresden gehen. Adieu! Gott befohlen wir Alle!

R. R.

II. 8114

An Joſeph von Pilat, in Prag.

Wenn Sie Gentz ſchreiben, liebſter Pilat, ſo ſagen Sie ihm doch in aller Rechtſchaffenen Namen und mit allem or - dentlichen Lobe den Dank, den er verdient. Das Manifeſt iſt eine Staatsſchrift vom allererſten Rang: überhaupt iſt gewiß ſelten etwas mit ſolcher Klarheit des Bewußtſeins und ſolcher moraliſchen candeur geſchrieben worden. Es iſt eine Erſchei - nung, die in der Geſchichte der diplomatiſchen Beredſamkeit eben ſo ſehr Epoche macht, als das darin dargeſtellte Verfah - ren in der Geſchichte der Diplomatie.

Wenn die Urheber noch einen Augenblick an der Wieder - herſtellung der Freiheit von Europa zweiflen, ſo wiſſen ſie nicht, was ſie gethan und geſchrieben haben. So hoch ſteht über alle Begeiſtrung, allen Enthuſiasmus, ſelbſt über alles Genie und Talent, die Geſinnung: und über alle Macht und alle Fülle, die Ordnung und das Maß. Dieſe Geſin - nung und dieſes Maß iſt aus den Ruinen einer halben Welt hervorgegangen, und noch immer nicht wohlfeil erkauft: das iſt unſer Sieg.

Ich bin nicht zum Loben aufgelegt, aber dies iſt mir zu ſtark. Und wie ſind beiher die Stein’s, die Arndt’s be - ſeitigt!

115

An Varnhagen, in Mecklenburg.

Wenn ich die Feder in die Hand nehme, ſo geht die wahre Agitation erſt an; das kennſt du! du legſt mir die harten flüchtigen Phraſen auch gewiß einzig auf der ganzen Welt gut aus. Der Obriſt, und der Hauptmann Marais, leben! denn warum ſollſt du nicht gleich erfahren, wonach du bangſt! Von unſern Schrecken, von den Nachrichten, ächten und falſchen, Anblicken und Anſtalten, kein Wort. Kurz es iſt Krieg zu ſehen. Gottes harte Strafe. Vandamme iſt geſtern hier durch gebracht. Auch hierüber kein Wort, weil man jetzt nicht weiß, in weſſen Hände ein Brief fällt. Ruſſen führten ihn, man glaubt nach ihrem Lande. Und du? du? Seit dem 31. Juli keine Nachricht von euch! Das iſt nichts Gut’s. Wo ſeid ihr? Gott im Himmel! du findeſt ja ſonſt immer Gelegenheit zu ſchreiben: aber denke nur nicht, daß ich mich ſchon zu ſehr ängſtige: nein, ich hoffe viel auf verlorengegan - gene Briefe; ich kenne Umſtände, und Kriegsumſtände; auch kann ich keine Angſt in meiner Seele finden, die dem Zuſtande, worin du ſein kannſt, angemeſſen wäre. Gnädiger Gott, ſeit ich die unzähligen Verwundeten ſehe! doch behielt ich Kräfte zu laufen, zu ſprechen, zu ſchreiben für ſie. Das Publikum iſt noch nicht ſo gewitzigt, als bei uns: die unbequeme Stadt pretirt nicht dazu. Die Frauen im Einzelnen fangen an, ſich die Verwundeten auszubitten, ihnen einſtweilen Eſſen und Hülfe auf die Gaſſen zu ſenden; ich habe eine göttliche Haus -8 *116wirthin, Frau von Reimann, die thut viel. Ach! Auguſt, könnt ich hoffen! Nach einer guten Schlacht fürcht ich dop - pelt. Und Böhmen, und Prag, wie es liegt, wenn man’s anſieht, iſt fürchterlich; und wo ſoll man hin? ohne vieles Geld. Doch würd ich fliehen: im Annäherungsfall: möge der mächtige Gott uns bewahren! der ſchon einen ſandte: und welchen!

Frau von Humboldt hat mir einen lieben himmliſchen Brief geantwortet: ich ſchickt ihn dir, wenn ich ihn riskiren wollte. Es iſt viel and ich drin. Sie betet für dich; will dich nicht mit Schreiben plagen: iſt ſehr mild; ja weiſe. Auch iſt ſie in einer weiſen Lage: immer ſicher und geborgen, es gehe wie es will. Sie hat einen Brief vom April von dir; ich ſoll dich grüßen. Schreibe ihr. Er, Humboldt, iſt ſeit geſtern von Wien zurück, und geht nach dem Hauptquartier. Von Gentz möcht ich dir gerne ſchreiben, kann aber nicht; er thut mir Artigkeiten, wie Graf Metternich ſie mir thäte, wenn ich ihn fünfzehnmal geſehen hätte, wie ich ihn zweimal in Geſellſchaft ſah; glaubt, er bringt mir ein Opfer, wenn er von der Kleinſeite zu mir fährt, alle acht, vierzehn Tage. Antwortet mir auf jedes Billet: hat ein Bedürfniß, welches er befriedigt, wenn er mich ſieht, mir alles zu ſagen was ihn intereſſirt. Fragt mich nach ichts. Kurz, hat kein. Gedächtniß im Herzen. Kennt keine Welt mehr, als die aus Koterien vornehmer Leute beſteht; kennt alſo das wahre Ge - wicht nach Zeit und Gewicht auch davon nicht. Mit Einem Wort, ich erlebe Wunder durch ihn; daß in dieſer Zeit, bei dieſer Gefahr, bei dieſen Verwundeten mir noch etwas117 das Herz atterriren kann, il ne cesse pas de m’atterrer le coeur. Die Naturgaben, die Eigenſchaften, um derentwillen ich ihn lieben muß, liebte, und liebe, die hat er noch; leben aber könnt ich nur mit ihm, wenn ich eine Herzogin wäre: oder mit ſeinen umging: ſonſt giebt er’s gar nicht zu. Ahn - det aber dies alles nicht; ſondern hält es für Geſchäfte. Auch verſteht er durchaus nicht was ich ſage und ſchreibe. Er nennt mich ſogar, räthſelhaft; pikant pikant???!!! weil ihm die eilf Jahre hindurch, die ich ihn im liebenden Herzen hätſchelte und verwahrte, die Grundbewegungen, Äu - ßerungen und Geſichtspunkte der Menſchheit abhänden gekom - men ſind! Du kannſt dir meinen dumpfen, ſtumpfen namen - loſen Schmerz darüber, zu dem ich nicht einmal Zeit habe, gar nicht denken! Weil ich den wirklich zu lieb hatte! Und, du ſtarre wieder, über mich: noch habe. Mündlich alles im größten Detail. So viel nur noch! Man ſpricht oft in der Welt: Stände härten den Menſchen ab, und nennt Ärzte, Wucherer, Soldaten, Advokaten; dies konnte ich nie ganz zugeben in mir, und fand es auch gar nicht; weder in dem Erlebten; noch im Weſen dieſer Stände gegründet. Aber Di - plomaten iſt das Gräßlichſte in der menſchlichen Geſellſchaft! (Der Stand. Nicht jene Männer, die den ſchufen, durch ihr Lebens - und Geſchichtstalent.) Diplomaten werden hart durch Weichlichkeit; und dies geſchieht dem Henker nicht ein - mal. Viſiten werden Pflichten; Anzüge, Kartenſpiel, das müßigſte Klatſchen Geſchäfte; wichtige. Keine Meinung haben, und ſie nur dadurch nicht äußern, welches die ausge - breitetſte, ſündhafteſte Krankheit des Pöbels (welcher gemeint118 iſt, weiß man) iſt, wird Klugheit, Betragen genannt; und wird eine wahre Verhärtung der Seelenorgane. So haben ſie eine eigne Phraſeologie im Reden, wie in den Depeſchen; in Deutſchland ein Diplomaten-Franzöſiſch, welches ſich fort - erbt, und ich vor ſechszehn, achtzehn Jahren ſchon hörte; aber kein Franzoſe mehr ſpricht. Das hält ſo äußerlich, wie die Equipagen und Manſchetten, zuſammen; und Ein Willen in der Welt, oder aufgehäufte Noth, trümmert all den Lug zuſammen; der Gräuel ſpricht ſich aus gräßlichen, wirklichen Wunden hervor; Krieg überſchüttet Europa; aber wer iſt ge - ſichert? Dieſe Kerle mit Manſchetten! Und dies wiſſen ſie, ſonſt nichts. Glaube es; es iſt nicht zu grell, was ich ſage; der lebendige Satan ſollt es ihnen zeigen. Denn ſie verletzen alles; die Geſellſchaft im Großen; und jedes Herz im Ein - zelnen. Dies wird einmal von der Welt gewußt werden; wie jetzt: daß Prozeſſe viel koſten, Advokaten davon reich werden: im Krieg geplündert wird u. ſ. w. Glaub es: es kommt zur Sprache. Ein genialer Regent kann es machen: plötzlich.

Lieber Auguſt, wo biſt du! Ach ſoll ich mich beklagen, da es ſo in der Welt hergeht? Lebe wohl! Gott, nur Gott kann uns ſchützen. Hoffſt du? denkſt du, daß wir uns im Frieden ſehen? Nur keinen ſchrecklichen Tod, und alles wie Gott will. Ich bin manchmal ruhig.

Morgens im Bette! Lieber theurer Auguſt, geſtern brachte mir Dore im Triumph deinen Brief vom 13. Auguſt aus Boi - tzenburg nach der Färberinſel, wo ich um nichts von Wunden119 zu ſehen hingegangen war; und am tobenden Waſſer ſaß, Gott weiß wie! Dein Brief iſt trübe, Auguſt! Recht! ſchreibe mir wie dir iſt! dies soulagement mußt du haben. Freilich haben wir keine Ausſichten. Meine habe ich alle als Ge - lübde vor Gottes unergründliche Rathſchlüſſe niedergelegt. Schütze er mein Aug vor Gräuel; und erlöſe die Welt vom Krieg. Ich habe große Ambition; weil ich zu den Beſten ge - höre, und dazu auch einen guten Platz brauche: aber ſie bleibe gekränkt, nur Friede den Menſchen, den Bauern, den Städten, Heilung den Wunden: und ich will nichts mehr. Durſtend bleibe mein Herz, gekränkt ich. Nun haſt du mein ſtillſtes tiefſtes Innere. Mehr zu opfern hab ich nicht Kraft: zu Wunden bin ich zu ſchwach: dieſe Stärke habe ich nicht. Ich fürchte, es iſt eine Sünde dies zu ſchreiben! Ja, ja!

Gentz hat mir eben ein freundliches Billet mit einem Pa - ket Extrablätter geſchickt, und einen Brief von Adam Müller, den ich gleich zurückſchicken mußte. Geſtern ſchon wollt ich noch dran ſchreiben: Gentz iſt ſehr wahr; kindiſch bis zum Küſſen! und ungeheuer aufrichtig mit mir. Aber doch iſt alles, wie ich ſagte. Ich habe noch gräßliche Furcht. Man ſagt, bei Töplitz müſſe es zu einer Schlacht kommen. Denk dir! Adieu.

An Varnhagen, in Mecklenburg.

Heute leider kann ich dir nur flüchtig ſchreiben, mein Auguſt: ein Schickſal: denn ich wollte dir beſſer, ſüßer ſchrei -120 ben! Aber mein Leben zu wiſſen, iſt dir genug: da iſt das, was ich dir, du mir biſt, drin enthalten. Höre alſo, was zum Theil ich dir in jenem Brief ſchon ſchrieb. Wir haben nach der Affaire von Dresden hier unendliche Verwundete: von den drei, und der feindlichen Nation. Dieſe Jammerſöhne lagen vorige Woche auf Wagen in den engen Gaſſen gedrängt, und theils in den Straßen ſelbſt, unter Platzregen da! Dieſe Zeit vergeſſe ich nie. Auf ſo viele war die Regierung nicht gefaßt, man hätte glauben ſollen auf nichts! Die Einwohner thaten wie in bibliſchen Zeiten alles! man verband, man ſpeiſte ſie in den Gaſſen, in den Hausfluren. Judenmädchen waren berühmt darin: eine Weiſemutter verband dreihundert in einem Tage: kurz das Unmögliche geſchah. Der Jammer war aber nicht zu ſteuern. Wir, Auguſte Brede, meine edele Hauswirthin Frau von Reimann, und ich, thaten, gaben, was wir konnten, ließen kochen, ſchickten Wäſche, Charpie: die Frauen Prags waren gut: ich lief zur Gräfin Moritz Brühl, und bat ſie, ihre Verwandten zu bitten; ſie verſprachs. Ich ſchrieb gleich Frau von Humboldt einen dringenden Brief, und Lea Mendelsſohn, Bartholdy’s Schweſter, eben dahin. Vorgeſtern ſchickte mir Karoline hundertdreißig Gulden; nun kaufe ich Hemden, Socken, laſſe kochen, ſchieße reichern Ver - wundeten vor; kurz, bei mir iſt ein kleines Bureau: meine intimen Frauen helfen mir wie Engel: ich habe eine Menge Leute an der Hand: von jeder Klaſſe. Du kennſt meine Art bekannt zu werden, zu ſein. (Göttlich ſchrieb mir Karoline; der ich auch ſchon geantwortet; ich habe gar keine Zeit ſie wird mir mehr ſchicken, dies war nur, was ſie und die121 Kinder bei der Hand hatten. Ja, ſie müſſen von dort: ſie haben die Fahnen, die Adler, wir die Verwundeten!) Alſo Gott hat mir gelächelt: ich helfe etwas. Als nun geſtern Nachmittag Tieck mir eben einen jungen Landsmann gebracht hatte, dem ich gegen Aſſignation vorſchieße, geht die Thüre auf, und Marwitz ſteht da. Weiter nichts! Den Arm in einer Binde, ruppig: kurz, er lebt; iſt der Alte; iſt geſund; hat acht Wunden. Sein Pferd fiel auf ihn und quetſchte ihn. Polen fielen über ihn, gaben ihm Kolbenſtöße, wovon ihm der Degen entſank: ein Anderer nahm ihn, und gab ihm drei Hiebe in Hand und Arm, Einer einen Lanzenſtich, ein Andrer ſetzte ihm das Gewehr vor den Kopf, ſchoß ab, aber es ging nicht: der Oberſt der Polen kam und rettete ihm das Leben: gefangen war er aber; und iſt nun durch tauſend Avantü - ren entkommen: und kommt durch vielerlei Länder hier her. (Mit einem Stück Kommißbrot in einem groben Schnupftuch eingewickelt: einen zerriſſenen Bauerkittel hatte er an: jetzt trägt er einen Rock von Robert und deſſen Wäſche; wir ſchaf - fen ihm alles an.) Frau von Reimann hat ihm vor andern Militairs ein Zimmer eingeräumt: und alſo wohnt er bei uns, und ißt bei mir. Er iſt einfach, gut, wahr, ſtill; mild wie immer. Ohne alles Vorurtheil über irgend ein Vorgefalle - nes. Beſonders erſchrocken habe ich mich nicht. (Eben tritt Marwitz herein, und will mir Briefe diktiren an ſeinen Ge - neral ꝛc. auch habe ich hier mittendrin an einen Wundarzt geſchrieben: auch war ein Goldſchmidt dazwiſchen hier. Du ſiehſt! Leinwand muß ich kaufen. Eſſen kochen laſſen, ab - theilen, hinbeſorgen, mich anziehen. Nach Breslau ſchreiben!) 122Lebe wohl! künftig beſſer und mehr! Ach Auguſt! Nun fürcht ich für dich: und hoffe auch wieder, wegen Marwitzens Glück bei dem Unglück: bei Koßwig wurde er gefangen. Obriſtlieu - tenant Skrzynecki ausgeſprochen Skirſchinetzki; dies darum; wenn er euch in Noth aufſtößt, daß ihr ihn ſehr gut behan - delt, und dabei ſagt warum, bot Marwitz gleich ſeine Börſe an ꝛc. auch der Obriſt Szymanowski. Leb wohl, ich habe nicht mehr Zeit. Gott, was iſt von Furcht, Angſt und Erſchütterung in dieſen Kriegestagen in meiner Seele vorgegangen. Gott ſchütze uns! dich! unſere arme Länder, alle Leidende. Nun iſt der Wundarzt da. Leb wohl! und denkſt du an mich; ſo denke, ſie ſorgt, ſie betet, ſie hofft ſogar für dich!

Deine R.

An Varnhagen, in Lüneburg.

Seit dem 29. Auguſt ſaß ich und hatte keinen Brief von dir, treuer, lieber, theurer Freund: als geſtern Gott meinen Gedanken ein Ende machte, und ich, als es ſchon finſter war und wir noch kein Licht hatten, zwei erhielt, einer war von deiner Hand. Damit hatte ich genug. Ich ſtürzte zu Augu - ſten, und beinah hätte ich ihn gar nicht geleſen, ich beſah ihn nur. Die regelmäßige kleine Schrift war geſund da! Ich ging in mein Zimmer ihn zu leſen. O! mein Freund, wie ſoll ich dir deine Liebe lohnen! Aber ich werde doch! wenn wir zuſammen ſind. Ich kniete nieder, wollte Gott danken, und123 weinte nur: da ſtörte mich Dore, die mir Kleider zum Anzie - hen brachte man gab denn das geht ſeinen Gang die Veſtalin. Mir waren ſie ganz egal, ich hatte nun meinen Brief. Etwas Troſt hatte ich ſchon vorher: denn vorgeſtern erhielt ich grade von Frau von Humboldt einen Brief, in dem ſie mir meldete, Graf Wallmoden habe der Prinzeß von Ho - henzollern (gebornen Kurland) geſchrieben, du lebeſt. Das war wohl Troſt, da den Zeitungen nach dreißig Offiziere ſei - nes Korps geblieben waren: aber die wenigen Worte der Freundin machten mir neue Beſorgniß: da Wallmoden nur geſchrieben hatte, du lebeſt, und weiter nichts: und daß er grade von dir und nur dies geſchrieben hatte, ließ mich auch auf ſchwere Verwundung denken. Nun iſt dein Brief wieder über vierzehn Tage alt, und ich mache mir doch Gedanken. Aber ſei nur ruhig: ich ängſtige mich über Feld, wie du weißt, nicht beſonders, ſondern momentweiſe nur ſehr ſelten: ich kann meine Beſorgniß nicht in Zeit und Ort placiren, und das hin - dert mich beinah ganz an der Angſt. So habe ich mich auch nicht für Marwitz ängſtigen können, bevor er ankam. Ich habe dir ſchon den letzten Donnerstag vor vierzehn Tagen ge - ſchrieben, daß er den Tag vorher plötzlich in meine Stube tritt, als ich eben einem kleinen Jäger Geld zahle, den mir Tieck gebracht hatte. Marwitz war bei Koßwig gefangen worden: ſein Pferd fiel todt auf ihn, und ſo hieben ihn polniſche In - fanteriſten, Hiebe an den Kopf, drei an der rechten Hand, einen Lanzenſtich; kurz acht Wunden: ſie ſind bereits alle heil, er ganz geſund, kann aber die Hand nicht gebrauchen, und wird nur mit der Zeit mit ihr ſchreiben können, wie der Arzt124 ſagt, und er nicht weiß noch ahndet: ich aber gleich ſah und fürchtete. Ich habe dir ſchon in zwei Briefen ſeine Ankunft und alles beſchrieben. Er wohnt bei unſerer Hauswirthin, die ihn gleich aus Rahel - und Preußen-Liebe nahm, hat es en prince, und ißt bei uns. Ich und ein Stücker ſechs bis acht weibliche Domeſtiken warten ihm auf. Und da dacht ich im - mer, wo iſt Auguſt, wer pflegt den? Marwitz echappirte nach vielen Avantüren und Fatiguen: mager kam er an und etwas ſchwach. Die iſt noch hier, und bekümmert ſich gar nicht um ihn: er meint, das müſſe ſo ſein, wie mein Bekümmern.

Du weißt, denn ich ſchrieb es nach Lenzen, dies iſt der dritte Brief dorthin; daß ich über tauſend Gulden für die Ver - wundeten von Frau von Humboldt Eingeſammeltes erhalten habe: ſo ſchrieb ich dorthin, als ſie zu Tauſenden in Platzre - gen auf den Straßen lagen!!! Eilftauſend kamen in etwas mehr als einer Woche. Von allen Nationen, die fechten. Jetzt gehen die Anſtalten beſſer. Von Bartholdy erhielt ich geſtern dreihundert Gulden; alſo habe ich viel zu thun: ich gebe Hemden, Socken, Eſſen, Geld. Muß ſprechen, kaufen, ſchreiben, Rechnung führen. Und dieſer Ort iſt der unbequemſte der Welt. Alle Preußen wenden ſich an mich: ich ſoll Söhne, Vettern, Nachbarn von allen Landsleuten finden, und helfen. Oft kann ich es, oft finde ich ſie nicht. Seit voriger Woche iſt auch der hier angekommen, nach deſſen Umgang du allein dich ſehnteſt [Williſen]: er entſprang, und iſt glücklich durch die feindlichen Armeen gekommen. Auch er liebt dich ſehr; und kennt dich: ich liebe ihn, er iſt ſtill und brav, und weiß125 mehr als er zeigt; er iſt alle Tage mit uns, bringt ſeine Zeit bei Marwitz und uns zu, equipirt ſich nur hier, und geht zur preußiſchen Armee, wo er Dienſte hat im zweiten weſtpreußi - ſchen Regiment. Vielleicht wir arbeiten dran kommt er noch in deines Obriſten geweſenen deutſche Legion, die der hier errichtet; wir erwarten ihn jeden Augenblick. Du kannſt dir unſer Glück denken: da er ſchön im Feuer war, und ſelbſt eine Standarte bei Kulm genommen hat. Er iſt ſehr in Gnaden, und wohl ſchon in dieſem Augenblick Gene - ral. Sieh ich ennuyire mich ſo, dies alles zu ſchreiben, weil ich es in der erſten Efferveszenz ſchon ſo oft nach allen Rich - tungen hin ſchrieb. Sei alſo zufrieden, mein guter geliebter Auguſt! du mußt oft gefühlt haben, wer an dich denkt, dich liebt, ſchmeichelt und tröſtet! Könnten wir wohl dieſen Krieg gewinnen? und in Ruhe uns ſehen! Alle hoffen; ich fürchte noch; und denke, Napoleon muß noch etwas Außerordent - liches thun.

Freilich hatte ich auch hier große Angſt, und Qualen aller Art: doch, kann ich bei Auguſten wohnen bleiben, und der Feind erlaubt’s, ſo bleib ich den Winter hier. Wo ſoll ich hin? Zu Hauſe mag ich nicht, da habe ich die Qualen mit einem Quartier und Einquartierung, und keinen Genuß; weil ich mir das Einzige, ein chez moi, erſt bilden und an - quälen muß, ohne Mittel. In Breslau nur Unbehagen und ſchlechte Familienverhältniſſe. Alſo bleibe ich, erlaubt’s Na - poleon, bis du mich holen kannſt!!! Moritz iſt mit Frau und Kind in Poſen. Markus noch in Breslau; er ſchreibt mir geſtern, er ſei mit dem Onkel ſehr zufrieden: alſo be -126 kommt er gewiß von ihm! Ich einen Quark: auch nehme ich gar keine Rückſichten mehr auf all das. Gott muß mich frei machen: oder ich ſterbe als morgenländiſche Sklavin. Wenn du nur Geld hätteſt, ich meine für jetzt, für dich!

Ich bin hier ſehr wirkſam, und menſchenumgebener als je, d. h. nicht geſellſchaftlich, ſondern geſchäftlich und wohl - thätig. Ich ſpende alles ſelbſt, damit kein Unterſchleif ge - ſchieht: ſonſt könnt ich mir ein Renommée machen und es kommoder haben. Bartholdy’s Gulden ſind für die Preu - ßen: das andere theile ich ehrlich: und verwundete Feinde, ſind es nicht mehr! und wie ſoll es unſern Gefangenen dort gehen! Kann ich auf franzöſiſche Herzen rechnen, wenn mein’s nichts taugt? Ich habe ſo einen Plan im Herzen, alle europäiſche Frauen aufzufordern, daß ſie den Krieg nie - mals mitmachen wollen; und gemeinſam allen Leidenden hel - fen wollen: dann könnten wir doch ruhig ſein, von einer Seite; wir Frauen mein ich. Sollte ſo etwas nicht gehen? Doch zu viel that ich den Fremden nicht; und ſage ihnen meiſt dabei, ich wüßte wohl, wie ſie als Sieger gehandelt hätten: ſie ſollten wiſſen, wie wir ſind; nicht dumm, nur mitleidig; ſo ſollten ſie auch ſein. Aber wie ſehen die Ar - men aus: oft weine ich: ſie haben Mütter wie wir, die ſich todt weinten, wenn ſie ſie ſähen. Auguſte und unſere Wir - thin haben viel gethan, und thuen noch.

Ich habe hier lauter Avantüren. Vorige Woche begegnet mir ganz im Schummrigen mit Marwitz ein Bettler im größ - ten Koth und Gedränge; er hält mir immer ein Papier ent - gegen. Wer iſt das, frage ich Marwitz, was will der? 127Kurz, es iſt Urquijo. Er iſt in des Staatskanzlers Gefolge: hat den Monat 60 Thaler, die er nicht nehmen will, ſagt er. Seine Nation will nichts von ihm wiſſen, ſagte mir Bartholdy und Graf Bombelles. Militair will er nicht ſein: er ſoll hier für uns die Verwundeten fortſchaffen helfen. Ein ſchöner Schaffer! Er ſpricht keine Sprache. Er beſucht mich dann und wann. Ich habe ihn erſt ſchlecht behandlen müſſen. Weil er mir ſagte, er ſei drei Tage in Berlin geweſen, und habe mich dort beſuchen wollen. Parceque vous étiez dans le mal - heur , ſagte ich ihm ſogar. Dann will er mich beſuchen. Jetzt laß ich ihn mehr gehen. Gut bin ich ihm auch. Du weißt alles. Das, das, Varnhagen, iſt meine Wonne und meine Liebe zu dir. O! bleib mir! bleib leben!

Eben war wieder ein Jäger bei mir, der wollte einen an - dern Jäger Cantian, Bartholdy’s Wirthsſohn, ſuchen; ſo geht’s den ganzen Tag. Wie bei einem Kommiſſair; auch bin ich mit den preußiſchen in Verbindung. Ich bin ganz freudig, den Soldaten dienen zu können: Gott muß ich danken; und thue es gewiß: ich ſchäme mich oft des Glücks; warum kann ich ihnen dienen, und ſie nicht mir? wer bin ich? Ich kann ſie nicht mehr zählen und erkennen, denen ich ſchon alles Gutes gethan habe! Alſo doch Ein mal eine Für - ſtin! Ach du ſollteſt unſere Preußen ſehen! Die Beſcheiden - heit! die Wunden! das, denken ſie, muß nur ſo ſein! Ein Hemde wollen ſie nie nehmen, und wiederkommen zur Wohl - that nie! Ach wie kann ich ſo viel annehmen! ſagt der Gemeinſte, wie thun Sie ſo viel an mir! Ich bedeute ihnen dann, daß ich nur ein Kommiſſionair bin, und von128 wem es kommt. Alle Menſchen wollen auch hier nur Preu - ßen haben. Ich weine; wir thun das Mögliche: und ſind auch beliebt. Haſt du von Berlin gehört? Reiche Leute kön - nen keine Verwundete bekommen! ſie ſind vergriffen: jeder nimmt welche. Das Unmögliche geſchieht dort. Mad. Haller, die ſagen ließ, ſie habe noch Raum für ſechs, ließ man zur Antwort wiſſen: für Geld wäre keiner mehr zu haben! Ich weine ſehr. O! Gott! lenke das eine Herz! laß das Gute hervorgehen! keinen Krieg! Friede! Wohlthat! Adieu Auguſt!

Denk dir, an Graf Pachta, der böhmiſcher Gardiſt beim Kai - ſer iſt, ſchreibe ich aus Dankbarkeit Berichte über die Auffüh - rungen der neuerrichteten Oper; Frau von Humboldt Berichte über uns, die Verwundeten, Neues u. ſ. w. ; Gentz, oft, hier; Markus, Neues, und oft und viel. Billete in der Stadt ohne Zahl, Rechnungen und Aufnotiren den ganzen Tag, die Sol - daten, Geſchäfte, Einkaufen. Menſchen zur Hülfe menagiren. Marwitz dreimal verbinden, alles reichen, thun, helfen. Spre - chen u. ſ. w. Alſo ſei zufrieden! Dem General Tetten - born tauſend Glück und Segen, und Pfuel viel Schönes. Graf Clamm-Gallas grüßt den General, den Obriſtlieutenant und dich ſchon lange auf’s ſchönſte. Tieck, der morgen reiſt, legt dieſen Brief in Breslau auf die Poſt. Nein! ſo hat noch nie ein Brief von Treu und Ehrlichkeit geathmet, als dein letzter: nicht allein gegen mich, gegen alle Menſchen. Wie komiſch mußte mir deine Nachricht über Marwitz ſein: da er bei uns iſt. Er hat keinen Orden. Tieck las ihm geſtern bei Niebuhr den Hamlet vor, hingegen. Letztern, nicht Ham - let, Niebuhr ſah ich hier auf der Brücke; er mißfiel mirſo,129ſo, und Tieck wollte ihn für hübſch ausgeben, daß ich ihn, und Alle mit mir, Venus nenne. Marwitz, der einmal em - pört vor Allen zu mir ſagte: Soll ich noch mehr Ihr Sklave ſein? heißt ſchlechtweg Sklave. Weil es zu komiſch war, als er es ſagte, ich fiel auch gleich in konvulſiviſchem Lachen auf eine Sophalehne, gleich um. Nämlich er iſt ganz despotiſch, und ſo, daß er nur komiſch iſt. Williſen durchaus lieb und geſcheidt. Als deinen Freund lieb ich ihn noch be - ſonders; und thu ihm alles Liebes, was ich weiß. Wann werd ich dich pflegen? Schreibe wenn du kannſt. Gott mache dich glücklich!

Deine R.

An M. Th. Robert, in Breslau.

Donnerstag kam die ſchleſiſche Poſt nicht an gewiß des Moraſtes wegen, denn dieſer Regen! Ob ſie heute kommt, weiß ich nicht; ich will geſchwind ſchreiben, eh mein Fieberanfall kommt. Denkt euch meinen Verdruß: Graf Bernſtorff hat mich über eine Stunde mit dem Fiacker geſucht, ohne mein Quartier finden zu können; und den folgenden Tag eben ſo! Geſtern ließ er mir nach ſeiner Abreiſe ſeine regrets darüber durch Gentz ſagen, der drei und eine halbe Stunde geſtern Abend vor meinem Bette ich mußte endlich liegen, weil das eklige Fieber unregelmäßig wurde beichtete über alle Gegenſtände ſeiner Seele, und ſeines Wiſſens. Die - nen haben wir nicht. Mit Baiern ſoll es auch noch nicht rich -II. 9130tig ſein; im Fieber, und ſeines heftigen Sprechens wegen, vergaß ich Gentz zu fragen. Geſtern, ſagt er, und die Welt, müſſen entſcheidende Schläge vorgefallen ſein. Des Ge - nerals Bentheim Adjutant kam geſtern ſpät von Marienberg; wo unſre hieſige Armee hinaus war, ohne einen Feind zu fin - den. Der Moraſt aber iſt über alle menſchliche Kräfte, nach dieſem Regen hier, im Gebirge. Marienberg iſt ganz an der ſächſiſchen Gränze. Aber wo iſt Napoleon? wo will er ſich ſchlagen? Er hat dem öſterreichiſchen Kaiſer einen Brief ge - ſchickt durch General Flahault, den Sohn der Mutter, die Romane ſchreibt; in dem er den Frieden anbietet: nämlich Unterhandlungen; dieſen Brief, den ich geleſen habe, finde ſelbſt ich ſchwach. Man hat ihm edel, gehalten, und gut geantwortet: daß man die Gefahren eines Krieges, der alles zu Grunde richten kann, lieber zu laufen geſonnen ſei, als einen Frieden einzugehen, der auf Grundlagen gebaut ſein müßte, die neue Leiden über die Länder bringen müßten; und auf arme Formen, Ausreden und Kleinigkeiten hat man gar nicht geantwortet. Beides habe ich geleſen. (Die Jäger und Soldaten beſtürmen mich ſchon jetzt, vor meinem Bette; ge - ſtern war ein Bureau davor eingerichtet: es muß geſchehen.) Geſtern habe ich durch Marwitz den Geheimen Staatsrath Niebuhr an den König wegen der unſeligen Verpflegung ſchrei - ben laſſen. Ein Geheimniß. Wie findet ihr dies? Wenn heute Neues kommt, will ich’s noch hier dran ſetzen. Ich äng - ſtige mich! Nichts tröſtet mich ein wenig, als der wirklich ſehr ſchwache Brief; den ich endlich einmal ſchwächer finde, als es Gentz und die Andern thun. Adieu indeß!

131

Noch hübſcher! Mit der Donnerstag’ſchen Poſt habe ich keinen Brief: und die heutige iſt nicht gekommen. Neues von der Armee weiß ich bis heute noch nicht. 5 Uhr.

An Varnhagen, in Lüneburg.

Wo ich auch den Winter, wenn es der Feind erlaubt, bleibe. Wo ſoll ich hin? Wo iſt Heimath? Warum ſoll ich in moraſtigen Gebirgsgegenden reiſen? Hier behält man mich willig und bequem; das habe ich hinlänglich unterſucht. Ich habe Einſicht in das Glück, Auguſtens Karakter ge - funden zu haben, der nichts Unangenehmes hat, und tauſend Angenehmes, und zum Nahleben geboren iſt; und das Glück, den Verwundeten aller Nationen helfen zu können. Über dreizehn - hundert Gulden habe ich dazu! Frau von Humboldt ſchickte mir über tauſend, Bartholdy neulich dreihundert; ich habe von jener durch den Geſandten Bernſtoff, der mich zwei Tage vergeblich mit dem Fiacker nach Gentzens dummer Beſchreibung ſuchte, und mich denn am Ende nur durch den konnte grüßen laſſen, noch ſechs Dukaten, von Bartholdy’s Schweſter hundertundvierzehn Gulden empfangen, und Hoffnung aus der Hauptſtadt dieſes Lan - des noch mehr zu erhalten. Ich bin mit unſerm Kommiſſariat und unſern Stabschirurgen in Verbindung; habe eine Unzahl Charpie, Binden, Lappen, Socken, Hemden; laſſe kochen in mehreren Vierteln der Stadt; ſehe zu dreißig, vierzig Jäger9 *132und Soldaten des Tages ſelbſt; beſpreche, belaufe alles: und mache mit der mir vertrauten Summe das Mögliche! Da - her traue ich es auch niemanden als mir ſelbſt an, und zu; und verſchmähe, es öffentlichen Behörden einzuliefern, und öffentlichen Dank, den ich für Bequemlichkeit und nicht pflicht - gebotene göttliche Menſchendienſte bekäme. Zeit aber, Lieber, behalte ich gar nicht. Die Korreſpondenz, die Rechnungfüh - rung, die Addreſſen, Quittungen, Gänge, Beſprechungen: kurz mein Beginnen verzweigt ſich zu einem großen Geſchäft. Und ich melde dir’s, weil’s dich freut. Meine Landsleute ſuchen Rath, Hülfe, Troſt: ja und Gott erlaubt mir, klein, und Nichts, und gering geboren, und verarmt, wie ich bin, es ihnen zu geben. An Konnexionen fehlt es mir nicht. Dieſe breite äußere und tiefe innere Beſchäftigung hält mich hin. Ich ſchäme mich, daß mir Gott das Glück zuſchickt, helfen zu können! und wenn ich mich ſchäme, daß ihr euch alle ſchlagt, ſo tröſte ich mich wieder, über meine Bequemlichkeit indeß, damit, daß ich auch thue im Helfen und Heilen. Ich tröſte mit Worten, Jäger und Soldaten, ſo gut und eindringend, und einfach, daß ſehr Leidende ſchon oft plötzliche Freude lächel - ten von meinem bloßen Worte, und es fuhr, wie Sonnenblick über düſteres Gewölk, über ihr Geſicht. Mich beſuchen die Konvaleszenten. Und göttlich beträgt ſich unſer Volk: unſer junges auch; welches ich vor dem Ausmarſch tapfer glaubte: nun ſind ſie’s mit Wunden: und wollen und gehen zum Heere zurück: und wie einfach, wie bewußtlos, und beſcheiden! Ich weine! Nicht Einen Rodomont fand ich. Du kennſt meine Kritik! mein Mißtrauen auf uns. Seit ſechs Tagen133 hatte ich katarrhaliſches Fieber: ich kurirte mich ſelbſt: mußte den dritten zu Bette bleiben; hatte mein Bureau vor dem Bette etablirt: und alles trat davor hin; Ruhe hatte ich doch nicht. Soll ich Jäger und Soldaten troſtlos abreiſen laſſen? Gott bewahre. Ich hatte auch immer wieder Kräfte. Wie kann man ſeine Pflicht nicht thun. Ich verſtehe es nicht. Wenn ich eine ordentliche Beſorgung hätte! O! ich verſtehe es, wie Friedrich der Zweite lebte. Ruhig, thätig, gewiſſen - haft; und dann Königlich, in Kunſt und ſtillem Genuß.

In meinem frühern Brief ſteht ſchon, daß Marwitz über - morgen vor vier Wochen hier plötzlich ankam; er iſt wohl; die Hand beſſert ſich: er ſitzt ſtill am Fenſter, und lieſt Plato. Er wird wohl nun bald reiſen. Wunder und Zeichen hätte ich dir von ihm zu berichten, traut ich ſie einem Briefe an.

Geſtern Morgen gehe ich die Wohnſtube durch nach Au - guſtens Schlafzimmer von dem meinen zum Kaffee, vor ihr Bette weil mein Ofen noch blakt; und ich in der Unpäß - lichkeit weder dies, noch die offnen Fenſter ertragen konnte . Ich erzähle ihr gleich Folgendes. Gut habe ich geſchlafen, bin aber mit Kopfſchmerzen aufgewacht; die auch ſchon verge - hen: die Köchin klappte wieder ſo draußen; es ärgert mich recht; denn eben träumt mir, Frau von Humboldt ich nannte ſie wirklich ſchickt mir ein länglich Paket, worauf Varnhagens Hand iſt; es hat nur einen umgewickelten loſen Umſchlag; und noch ein ordentlich Kouvert, auf etwas fließendem Pa -134 pier, wieder von ſeiner Hand meine Addreſſe; und dabei ge - ſchrieben: Inliegend die gedruckte Inſtitution. Eben als ich’s nun erbrechen will, tobt die dumme Köchin! Wir haben noch lange unſere erſte Taſſe Kaffee nicht aus, ſo tritt Dore herein mit einem länglichen Brief von Gentz, wo deiner mit den gedruckten Zeitungen drin liegt; ein Billet von ihm, und dein Brief an ihn! Sag, was iſt das, daß ich ſo oft träume was geſchieht; nur ein wenig konfuſe, als hätte mein innrer Sinn nur noch nicht Kraft genug. Als ich es Auguſten er - zählte, und auch vorher, war ich ganz überzeugt, dergleichen zu erhalten. Gentz ſchrieb mir bloß, wie ich mich befinde, und nichts von dir. Ich antwortete nicht: weil ich, ohne daß er’s weiß, geſpannt mit ihm bin. Sonſt ſchmeichelte ich ihn mit und in Antworten aus meinem Herzen: dies merkte er nicht. Er ſoll das Gegentheil ſchon merken. Deinen Brief an ihn finde ich vortrefflich! er hat mich ſehr gefreut. Der wahre Ton! und um ſo mehr gefreut, da er mir deine weltliche Haltung immer mehr beweiſt; darum ſie mir ſo be - ſonders verbürgt, da du das, was ich über ihn geſchrieben habe, ſchon erhalten hatteſt; doch noch ſo gerecht über das warſt, was er hat drucken laſſen: es ihm in ſo ganz gemäßen, anſtehenden Ausdrücken zu ſagen vermochteſt, worin ich die wahre Würdigung von dem gerecht-exagerirten Anerkennen wohl zu unterſcheiden wußte.

Wie verliebt ich in ſicheres Urtheil und haar-richtiges Betragen ſein kann, weißt du; aber nicht, wem alles !!! den größten Geſchäftsleuten Europa’s, hier hab ich’s erfah - ren, weil ich alle Details weiß dies abgeht! Ein wenig135 Glück! und es muß uns gut gehen. Glück liebt aber Lotter - buben: und ſucht ſie ſich fleckweiſe aus, wenn es keine ganze findet: wo Einer einen faulen Fleck hat, ſteht das Glück ihm bei: und du ſiehſt’s, ich beleidige es immer: jetzt wieder. So richtig geſehen ſchriebſt du mir auch einmal über Pfuel; ich vergeſſe es nicht. So hat mich auch dein Sein nach der Affaire gefreut! Ich kann es ſehr faſſen, wie du dachteſt, die Andern bluteten für dich mit! Bedenke, daß du auch ſchon für ſie bluteteſt. Gott ſtärke und ſegne deinen General Tet - tenborn! für ſein liebes mildes Betragen gegen Feinde und Verwundete! Sag ihm, ich grüße ihn jetzt mit Thränen in den Augen, und hätte ſchon in Berlin gewußt, daß er ſich nur bisweilen rauh ſtellt. So wollte er auch ſchon ſeinen franzöſiſchen gefangenen Wundarzt von Hamburg nach Hauſe laſſen u. m. dgl. Ich kenne ihn ſchon; an einem Wort, einem Ton, einem Blick. Seelen entgehen mir nicht. Im Guten wie im Schlechten.

Dabei hat Gentz das größte, ungemeſſenſte Bedürfniß mir alles zu ſagen was er weiß; und beſonders was ihn betrifft. Wie dumm, wie ſtumpf aus Dummheit, und wie dumm aus Stumpfheit, gar kein Intereſſe an mir zu nehmen! Nein, Herz, das geht dir nicht durch! Sein Herz mein ich.

Was ſoll ich aber zu deinem lieben Brief an mich ſa - gen!? Lieber! dies, daß meine ganze Seele ihn erkennt, jedes Wort, jede Äußerung von dir. Dir nur traut. Dich allein nur ächt gegen mich gefunden hat, und findet: und dir nur traut; traut alles zu ſagen: in deiner Gegenwart alles zu ſein. Wo uns auch Gaben, Natur trennt; verbindet uns136 Freundſchaft, Einſicht, Nachſicht, Gerechtigkeit, Treue, Ehrlich - keit, wahre Bildung. Geh! die Andern all geben nicht treu aus, wie ich: ſehen nicht klar überall: können alſo nicht gerecht ſein.

Ich ſcheue mich auch nicht, dir unaufhörlich von meinen Soldaten zu ſprechen. So viel Jäger und Soldaten wie heute hier waren! und wie die ſich freuen! und wie wohl - thätig unſer ganzes Haus iſt! Einen fieberkranken Preußen nimmt bei jedem Acceß ein Kaffeeſchenk unten im Hauſe auf; ich kleide ihn heute warm. Kurz, mein ganzer Tag iſt ein Feſt des Gutes-thun. Mitten in dem Unglück ich ſolch ein Glück! Du weißt: ich liebe den Krieg nicht, als Beſchluß: wer weiß, was er beſchließt in der allgemeinen Verderbniß! Frei von Feinden, weiß ich, muß das Land ſein; höheres, anderes ſehe ich nicht in dieſem Kriege: und gleich, als Alle rüſten halfen, dacht ich: Sieg oder Schmach; Verletzte, Ver - wundete bringt er unfehlbar: denen hilf! Und ſo thue ich auch. Und Gott hat Großes an mir gethan; die ſich Monate lang zwölf Thaler abſparen mußte, wenn ſie ſie geben wollte: nun ſpende ich im fremden Lande, wo unſre Jugend, und unſere Soldaten verwundet dürftig ſind, Hunderte! Dies bezahlt mir unſere Schmach von ſonſt Tilſit meine gränzenloſe jetzige Angſt, die du geſehen, und vieles Übel und perſönliches Leid, Ich bin von Gott nach Auguſtenburg geſandt, denk ich. Adieu für heute, es wird dunkel. Morgen noch ein Wort. Ich umarme dich! In dieſem Augenblick geſchieht dir gewiß nichts!

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In der Zeitung, die ihr ausgebt, gefiel mir das über Moreau’s Tod; und das ſehr gut. Auch ich war’s ſchon zu - frieden, obgleich der Schreck mir wahrlich beinah die erſte Ohnmacht zugezogen hatte, und einer von denen hier war, die mir am meiſten ſchadeten, daß er ſtarb: aber die bas - sesse mit der Amputation hätte er nicht erleben ſollen. In ſolchen Dingen kann man ſeine Meinung, ſeinen Schmerz und ſeine Verzweiflung nur zu Gottes Füßen legen! Ich bin noch außer mir darüber. Wird auch das Volk, dem eure Zeitung umſonſt vertheilt wird, die Sprache verſtehen? O! ich möchte es darin in gemeinen Worten, zum Guten, zum Wohlthun, zur Geduld, zur Milde, zum hoffnungsvollen Har - ren, zur Verträglichkeit ermahnen: wie ich es wohl manchmal kann. Möchte ihm anempfehlen, nur immer das Allernächſte recht zu thun, gleich gut. Den Weibern beſonders, dem über - wundenen Feind zu helfen; und ihm zu ſagen, ſie ſollen es auch ſo machen; und zu Hauſe erzählen; und im Felde nicht vergeſſen!

An M. Th. Robert, in Berlin.

Dieſen Brief wird dir Hr. Abr. Mendelsſohn mitnehmen, mit dem ich hier ſehr liirt war, und deſſen freundſchaftliches Benehmen ich wie das von Bartholdy nicht genug loben kann. Vorgeſtern nach der Siegesnachricht ſchrieb ich euch. Ich bin138 noch betorkelt. Die Spannung, die Angſt für Berlin, und meine Schwäche vorher, war zu groß. Der Sieg iſt, wie ihr nun eben ſo früh erfahrt, noch kompleter. Gott ſchütze vor ivresse, arrogance und Sünde; im Gefolge des Glücks! Denk dir! ſicher bin ich noch nicht. Ergötzt euch daran; und meßt meine Vergangenheit danach ab. Fanny hat wohl immer gar nicht recht verſtanden, wovon die Rede iſt: und immer noch verſtanden, wir ſind geſchlagen: ſolche Relation iſt ſchwer, Fanny! mir macht ſie auch Mühe. Grüßt millionen - mal Mad. Magnus. Was macht die Rampe? Iſt wieder eine große Pute auf dem Hof? Prampirt Albert? Mad. Brede ſpricht noch immer von ihm; und grüßt ſeine Mutter, die ſie bitten läßt, ſie nicht zu vergeſſen, bis ſie nach Berlin kommt. Grüßt doch den tapfern Böhm vielemal; und ſagt ihm, in Prag hätte ich erfahren, daß ich eigentlich zu keinem Arzt Zutrauen hätte, als zu ihm; da ich zwei geſcheidte, Dr. Czer - mack und Dr. Krombholz kenne, und mich auf ihn (und Gott) von weitem verließ. Urquijo ſpricht alle Tage von ihm. Er ſoll ſich Motion machen, und nicht ſo ſtolz ſein; ſonſt wird er zu dick. Von dem Jubel, der Illumination in und außer dem Theater, von Roberts Stück, welches den größten Bei - fall hatte, und wirklich ſehr hübſch war, nichts! Man ſang, man ſchrie! ꝛc. Es kommt ein Kourier im Stück vor, der über eine Viertelſtunde die wirkliche Relation vorlas, die die Be - hörden bis zum Theater zurückhielten! alſo eine Volksver - ſammlung im ächten Stil! Das Stück war äußerſt lebendig, und paſſend. Ja! mein Bruder wird berühmt! Bei Blü - chers Siegen wurde am meiſten applaudirt: bei Poniatowski139 hielten ſie gleich inne recht! Ein todter edler Krieger! ſollen die nicht frei ſein wollen? ſie hatten in der Ge - ſchwindigkeit angefangen. Unſer König mußte hochleben, die Kaiſer, auch der Baier, alles. Alles mit der gehörigen Gra - dation; wir Preußen konnten zufrieden ſein. Es freute ſehr das Volk, daß Alexander ſo fleißig ſelbſt dabei war. Doch iſt das Volk etwas feſte hier; noch nicht losgefahren. Gott laſſe ſie dabei: der Feind nur macht allert. Ob nun die Für - ſten wohl werden gelernt haben, was Eintracht iſt? Auf eine Zeit, verſteht ſich: denn was iſt von Menſchen, und könnte bleiben? Mein eigentliches Herz darf ich in keinem Brief aus - ſchütten. Friede will ich: und jeden Sohn bei ſeiner Mutter; Feinde und Freunde ihre. Tauenzien wird ſich doch nicht är - gern, nicht dabei geweſen zu ſein? Friſche Truppen werden gut thun. Ohme, gratulire ihm von mir. Sage mir um Gottes willen, Hans! warum antwortet mir Erneſtine nicht? Sie ſchrieb mir von Wien: Montag reiſe ich; ich ſchrieb ihr ſo, daß ſie den Brief noch Sonntag erhielt: und nun hör und ſehe ich nichts mehr von ihr. Wenn ſie auch den Brief nicht erhalten hätte? doch muß man ihn ihr nachgeſchickt haben! Sie war ganz zärtlich gegen mich, und muß mir ſchreiben! Alle Menſchen ſind in der Veſtalin. Ich ſitze zu Hauſe, und ſchreibe: bei Tage ſtört man mich. Ich habe Li - ne’n und Dorens Eltern geſchrieben. Iſt es wahr, daß der franzoſenhaſſende, deutſchthümelnde Schauſpieler an Ketten tanzt? wenigſtens müßte es wahr ſein. Manche müſſen nun immer dümmer, viele noch affektirter, noch deutſcher werden! Weit davon iſt gut vor dem Schuß! Schuß heißt auch, einen140 Schuß von Narrheit haben. Kinder! wo iſt die Gräfin Schla - brendorf? ſchickt mir ihre Addreſſe! Daß ihr Tieck noch ge - ſprochen, und meinen dicken Brief habt, freut mich; ich weiß es durch Schall. Gott, wie werden ſich die Menſchen freuen! Was ſagt Moritz? Ich bin auch perplex. Heute hieß es, Na - poleon ſei gefangen: da beſoffen ſich die Menſchen proviſo - riſch, aber es iſt noch nichts. Lebet halt wohl, und gedenkt mein! Grüße doch Einer auf der Börſe Hrn. Heilborn: nun kann er ja frei und frank nach München reiſen. Von Louis Robert werdet ihr Wunder und Zeichen hören! Ja, ja! Alle kommen vorwärts. Ja, ja! Von Varnhagen weiß ich ſeit dem 25. September nichts! Ich bin in Gottes Hand; und muß ſtill ſein. Marwitz iſt noch hier, und mein lieber Sohn, was ſoll ich thun. Mariane Saaling hat mir vier Dutzend Socken von Wien geſchickt. Ich halte noch immer einige hun - dert Gulden bei Rath; doch nun geht’s aus: die Fluth war zu groß. Adieu, adieu! R. R. Lapin lapinirt nun wohl auf Deuwelhole? Nun geht alles. Es iſt ein Glück, wenn Jope nicht Staatsrath wird. Erkundigt euch, wer Jope iſt. Ihr denkt wohl, ich bin vergnügt? Erlöſt. Mündlich einmal Perſönlichkeiten. Schreibt mir Neues, oder ihr ſollt mal ſehen! Die größten Details muß ich haben. Faule Bälge! Mad. Mendelsſohn ſchreibt alles. Ganz Berlins Söhne waren bei mir, als Jäger verkleidet. Das war wie Moritz. Was macht die Böheim?

Nun reiſt Mendelsſohn erſt morgen, nach der Poſt. Ich bin ſchon wieder unpaß. Hatte die Nacht einen ſchlimmen141 Hals mit Zubehör, und heute Abend ſtarkes Kopfweh. Alles geht ſeinen Gang dabei. Ich habe heute wieder zweihundert Gulden bekommen für mein Geſchäft, welches immer größer durch allſeitige Aufträge wird; und auch Socken u. dgl. aus Wien. Von euch habe ich nur vom 8. Oktober aus Bres - lau Brief.

An Varnhagen, in Bremen.

Den 1. dieſes Monats brachte mir Urquijo deinen Brief aus Bremen, lieber Freund! den wahrlich lang erſehnten. Du lebſt, und haſt alle deine Glieder. Wenn ich nur das immer erſt erfahre! Du Armer! als du mir ſchriebſt, wußteſt du noch nichts von Leipzig. Gott erhörte unſer Gebet: und verwirrte den Geiſt unſres großen Feindes. Wie wirſt du dich gefreut haben! O Auguſt! daß wir jetzt in dieſem be - wegten Strom von Empfindungen und blitzenden Gedanken getrennt leben müſſen. Bei mir verliert man unendlich viel, weil bei mir alles ſo ſpontané iſt: ich ſchütte das nun alles in Reden, Briefen die ich einmal ſchreiben muß und Billets Andern hin; die es nun und nimmermehr ſo in ſich aufnehmen, als du: es aber wohl für ihr Gut in der ganz nächſten Stunde erklären; nicht als Diebe, aber als arme, verwirrte Verſchwender: und es auch oft ganz überhören und überſehen. Und dir grade, da du ſo weit biſt, da ich dir in wichtigen Momenten grade nicht ſchreibe, ſag ich am142 wenigſten. Bei mir platzt alles heraus! Und laß mich nur ſo, Lieber! Wir werden wieder zuſammen ſein, und neues Leben entzündet ſich immer wieder: ſo lange ſie ſteht, die Natur. Ich habe nun ſchon über dritthalbtauſend Gulden für meine Soldaten, und viele Geſchäfte. Dies nimmt mir alle Zeit und vielen Sinn. Mendelsſohn läßt in’s Unendliche hier Jäger durch mich kleiden.

Den 31. erhielt ich einen Brief von Frau von Humboldt, die mir ſehr oft auch durch General Bentheim, der vor acht Tagen angekommen iſt, und den ſie ſehr ſchätzt und liebt (ich habe ihr geantwortet, Gott hat ihn hübſch gemacht und menſchlich, für Menſchen, die es ſehen können) ſchreibt, mit einem Billete von Frau von Wolzogen, die hier ange - kommen war, und mich beſuchen wollte: Frau von Humboldt meinte, ſie würde länger hier bleiben, und empfahl ſie mir mit großer Liebe, für ſie und für mich. Ich ſah die Frau bei ſich, weil ſie unpaß wurde. Eine durchlebte, gütige, ge - faßte, erſchütterte Frau. Sie reiſte geſtern im Gefolge der Prinzeſſin nach Weimar, um der Armee näher zu ſein, mit ihrem angſtvoll gefaßten Herzen, ſie hat einen Sohn bei Blü - cher. Sie hat mich mit einem großen Glücke überraſcht. Sie ſagte mir mit einemmale: Ich habe Briefe von Ihnen gele - ſen, die ſehr ſchön ſind! Ich dachte, an Frau von Hum - boldt: ſie ſetzte hinzu: über Goethe; es hat ihn unendlich gefreut; es iſt ihm ſo nöthig, er wird ſo häufig mißverſtan - den, ſo vielfältig nicht gut berührt, ſo ungefähr ſprach ſie es hat ihm außerordentlich wohlgethan. Ich ſagte143 ihr, daß ich ihn vergöttre, und ich, die keine Silbe, zum erſtenmale, von ihm hat, repetire mir ihn, den großen Ge - ſchichtsmann, im Kopf, bei jedem Schmerz, bei jedem Ereigniß: und lieb ihn Punkt vor Punkt mein ganzes Herz durch und durch, von neuem! dieſen König der Deutſchen! der blinden, unglücklichen, die ein Jahrhundert nach ſeinem Tod erwachen werden. Ich vergöttre dieſen begabten Weiſen; agitirten äch - ten Herzensmenſchen! daß er mir im ganzen Leben beige - ſtanden! Sie ſagte mir: man hätte ihr vertraut, das kann in Weimar nur Goethe ſein die Briefe ſeien von mir, ſie wolle es auch verſchweigen; ich ſagte, es ſei nicht nöthig, denn da Goethe es wiſſe, könne es die ganze Welt wiſſen. Denk dir alſo mein inneres ſtilles Glück, daß ich meinen Herrn, meinen größten Liebling gefreut habe! Ach! und das iſt es nicht: bei Gott nicht! denn wüßt ich Einen, der ihn mehr liebt, verehrt, bewundert, anbetet; von der Natur beſſer aus - geworfen iſt, als ich, ihn in jedem Punkt mit ſeiner aufzufaſ - ſen; aus jedem Punkt alle andern zu verſtehen; jedes Wort, jede Silbe, jedes Ach zu deuten weiß: ſeinem Leben dadurch wie zugeſehen hat, immer mit ihm einverſtanden und zufrie - den war: ſo wollt ich ewig, ewig ignorirt bleiben; und ihm den zuſchieben. O! gäbe es eine Fürſtin, eine Kaiſerin, die ſo für ſeine Verehrung geboren wäre, faſt wollt ich ihr mein Herz und meine Einſicht geben: leihen gewiß oft! Marwitz, mit dem ich hier über alles die knetendſten, herrlichſten Ge - ſpräche führe, ſagt auch: kein Menſch liebe ihn mehr als ich. Weil ich ſagte, ich möchte gern einen Menſchen ſehen, der144 ihn mehr verſteht und liebt. Und doch iſt es möglich, wenn ich’s auch nicht denken kann: drum möcht ich’s ſehen.

An Varnhagen, in Bremen.

Ich kann ja weiter gar nichts, lieber Auguſt, als dich recht anſehen und dich umarmen für deine Briefe! Geſtern er war ſchon vorgeſtern hier erhielt ich deinen vom 7. No - vember. So waren wir denn Alle zugleich krank! Noch die ganze Zeit paßte ich nicht ſo auf einen Brief: und keiner kam mir unverhoffter, als der ſchnell gegangene, geſtern! Nun wollt ich dir den ganzen Tag heute ſchreiben, aber ſie litten’s nicht: Vormittag beſuchte mich der ruſſiſche Kommandant Ba - ron Rehbinder; nachmittags Graf Reichenbach, der preußiſche. Frau von Pereira ſchrieb mir dringend, Mariane Saaling: ich mußte antworten; mit dem preußiſchen Kommandanten hatte ich zu verhandlen: denn nun, Auguſt, geht’s in’s Spaß - hafte über: alles wendet ſich an mich. Behörden. Vielen ſoll ich geben; die Oberſtburggräfin giebt mir; und ſo in’s Unendliche! Schreiben; Zählen, Kombiniren, Menagiren, No - tiren, und Enkriren in alles. Dabei bin ich noch ſehr kon - valeszent.

Auguſt! wir thun nichts, als präpariren: ich bin wahrlich (nach dem allem, was ich habe durchgehen müſſen: denn was ſuchte ich wohl falſch, was präparirte ich, was konnte ich wohl vermeiden mit aller Klugheit!) zu alt dazu; und ſo durchlit -ten,145ten, daß ich oft in Verzweiflung, oft ſtupid bin. In meiner ganzen Lage hält ſich noch bis jetzt, und hier jeder an mich; und durch mich! Nur du hilfſt mir. Verzeih! Wie ſollte dieſer Brief anders werden; das glaubſt du gar nicht! Erſt wollt ich dir ſagen, wie herrlich es iſt, wenn einem der Freund ſchreibt, grade was man ihm ſchreiben wollte; ſchon ſeit meh - reren Poſttagen wollte ich dir ſagen trotz dem, was ich das letztemal über Geld äußerte; und du wirſt ſchon ſehen, daß das zuſammengeht, und, daß meine Lage nur immer, meine Denkungsart auseinander zerrt , wie Recht du haſt: man muß das Pekuniaire zu verachten wiſſen; nur dann kann man’s ergreifen: und jedem Punkt applaudire ich in deiner Aufführung; und wir ſehen nun ganz mit den nämlichen Augen. Dadurch, lieber Auguſt, daß du erkennſt, was du etwa von mir haſt und nicht wie alle Andern, im ver - blindeten Gebrauch meiner Schätze, arm bleibſt, ſtellſt du dich ganz zu meiner lebhafteſten Freude über mich: denn, was du beſitzeſt, vermag ich mir nie anzueignen. Daß du Rückſicht in deinen geſchichtlichen Schriften auf mich nimmſt, freut mich auch; das thut den Schriften gewiß ſehr gut. Ich ſehe, ich liebe Wahrheit; bin einfach, ſtreng; aber weich; habe keine Reſultate vorher im Aug und Geiſt; und bin immer be - reit unſchuldig aufzufaſſen. Denkſt du alſo nur an einen ſol - chen Menſchen; ſo müſſen bei deinen übrigen Talenten, und Gewandtheiten, ſchon leſenswerthe Dinge, in dieſer von Lügen zuſammengebackenen litterariſchen und großen Welt, heraus - kommen. Gott! wie ganz ſtupid, und nichtig; durch Dünkel zuſammengekittet wird Deutſchland! Ein irres wirres Nach -II. 10146ſprechen ſummt aus jedem Kopf um die andern umher, und betäubt ſie, bis zum Betrunkenſein in Eitelkeit. Aber wie freut mich das, daß du mir ſchreibſt, du nähmeſt auf die - ſes Land Rückſicht! du kommſt mir ja in allem zuvor, in allem entgegen! Wie äußerſt angenehm war mir vorgeſtern dein Zeitungsſtück: ich ſiegelte es auf der Stelle mit einigen Worten ein, und ſchickte es Gentz. Hier ſeine Antwort. Denk dir, ich habe nur den Namen Metternich geſehen, das Blatt weiter nicht geleſen, und es ſogleich Gentz geſchickt; die Schnelligkeit iſt in dergleichen alles. Über Öſterreich und Preußen denk ich wie du; freilich haben ſie beide verſchiedene, und ausſchließende Eigenſchaften. Marianen Saaling und Frau von Pereira ſchrieb ich geſtern Abend zuſammen, ein Meiſterſtück; aber ganz geſchwinde, wie dies. Marwitz geht mit dieſem Monat, ſagt er. Ich ſage ihm ſehr die Wahrheit; es mag veranlaßt ſein wie es will; dieſe nimmt er immer an. Er amüſirt mich gar nicht. Adieu! Ich bin zu müde! Viel - leicht morgen noch ein Wort!

Es iſt nichts vorgefallen, als daß ich Unglückliche viel ſchreiben mußte: weil ein Herr mir Depeſchen mit nach Berlin nehmen will, mir iſt ein Jäger geſtorben, das muß ich re - feriren!!! und Mendelsſohn tauſend Geldgeſchäfte und Rech - nungen berichten: er kleidete durch mich noch beſonders Jäger hier: und giebt, weil ich ſie ihm gebe, und mit Vergnügen dieſer Familie ausrichte, viele Aufträge. Ich kann aber alles von ihm haben. Und für Freunde auch. Gentz war geſtern147 Abend bei mir: recht gut; aber er müßte erſt wieder kurze Zeit unter eben ſo Klugen leben, als er iſt: die Salons haben ihn engourdirt. Er braucht ein weniges ſich zu entroſten. Wir ſprachen viel. Das Stück in der Zeitung, worin Mett. vor - kommt, iſt nicht in ſo ſchönem Ton geſchrieben, als Ausſicht der Gegenwart. Es thut mir leid. Glaube nur, dies Land hier will glimpflich bei den größten Schlachten bleiben: und Alle ſöhnen ſich aus: nur Partikuliers bleiben dann ſitzen, und werden aufgeopfert. Dies alles unmaßgeblich, und nur zur Erinnerung! Du biſt übrigens überzeugt, daß wenn ich die Sache an ſich, ganz richtig, edel, und erſprießlich für Alle hielte; mich keine Rückſicht ihr abſpenſtig machte. Das böſe Prinzip aber, iſt anderweitig zu finden, und zu verfolgen: und mit einem gelaſſenen, nicht ironiſchen Ton, wie du ihn ſchon gefunden haſt. Nicht wahr? Nun muß ich mich ge - ſchwind anziehen; es iſt gefroren, ich will auch endlich ausgehen. Williſen hat an Marwitz geſchrieben aus einem Orte des Reichs, den der nicht kennt: lauter kriegriſche Dinge. Ich ſchicke ein Stück der Addreſſe mit, die vor mir liegt. Zur Ergötzung. Viele Grüße, und die herzlichſte Umarmung! Dan - zig ſoll über ſein! Adieu!

So wie kein Dichter ſich ausdenken kann, was beſſer, mannigfaltiger und ſonderbarer wäre, als was ſich wirklich in der Welt entwickelt und zuträgt; und nur der den beſten Roman machen kann, welcher Kraft genug hat, das was ge - ſchieht zu ſehen, und in ſeiner Seele auseinander zu halten:10 *148eben ſo ſind unſere tief natürlichſten Wünſche roh; und gräuel - haſt entwickelte ſich ihre Erfüllung für uns; nur das, was Gott wirklich zuläßt, iſt in allen Beziehungen heilſam für uns, weil wir uns ihm entgegen bilden können. Mir iſt dies ſchmerzhaft geſchehen und, klar geworden. Wem dies glimpf - lich begegnet, der hat Glück.

Die Menſchen verſtehen einander nicht. Sie lieben ſich zu ungleichen Stunden; möchte ich noch hinzuſetzen.

An Varnhagen, in Holſtein.

Die Gemüthsbewegungen waren dieſen Sommer zu ſtark für mich. Angſt, Sorge, Ärger, Mitleid. Und was ich hier ſah!!! Nie ſah ich ſo den Krieg. Im September war ich ſchon krank, und wollte doch die Soldaten nicht weggehen laſſen, alſo ging ich immer auf den Flur zu ihnen mit Fie - ber: zuletzt ließ ich ſie ſchaarenweiſe vor mein Bette kommen; es war au fort ihrer Leiden. Ein Schuft wäre ich geweſen, hätte ich nichts davon leiden wollen. Ich wußte es ſehr gut, ich fühlte wie es mir ſchadete, aber es iſt mir noch eine Wonne! Ich mache mir ſo bei jeder guten Suppe, bei jedem guten Biſſen ein Gewiſſen. Nun ſind wir hier ruhig: aber in ganz Deutſchland, in Holland, überall hiebt und ſchießt man in Menſchen, in weiches, ſchmerzfähiges Fleiſch, Adern und Gebein. Man nimmt, darbt, mißhandelt! Ach von meinen Jägern, die149 den ganzen Tag bei mir ſind, weiß ich jedes Detail. Da biſt du drunter! gegen den böſen Davouſt. Und doch wollt ich nicht, du wärſt zu Hauſe. Ich kenne einen ſehr braven Jäger L. aus Lübeck. Sein Vater iſt dort Uhrmacher, und urſprüng - lich ein Genfer. Kannſt du den Mann wiſſen laſſen, daß ſein ehrlicher braver Sohn hier bei mir iſt, ſo thue es. Der preußiſche Generalchirurgus hier hat ihn mir aus einem ſchwe - ren Nervenfieber geriſſen. Marwitz lief immer zu dem Arzt. Kurz, er iſt durch; und erblüht mir recht wieder unter den Augen. Ich equipire ihn ganz. Und mache ihm während ſeiner Geneſung jeden Tag eine kleine Freude. Auch iſt er viel bei uns, und dieſe Diſtinktion und mütterliche Freund - lichkeit ſtärkt und freut ihn am meiſten. Kann ich mir irgend etwas unter einem muthigen, braven, gut gearteten deutſchen Jüngling denken, ſo iſt er’s. Dabei iſt er in Berlin erzogen, ein Erz-Preuße, und Berlin ſein Leben, Ich tadle ihn wacker, und lehre ihn die Welt ſchonen, lieben und anſehen. Wir Preußen werden vergöttert: und in Tapferkeit, Betragen und Sitte angeſtaunt. Wie ich zum Guten und zur Beſcheiden - heit ermahne, kannſt du denken! Ich möchte ſagen, ſehr lieber Freund, ich folge dir! ſo gleich denke ich über alles mit dir: ſo freue ich mich über jedes Thun von dir, ſo billige ich in tiefſter Seele jedes Wort, jeden deiner Ausdrücke! Beinah habe ich dir nichts zu ſchreiben. Man lobt mich in Wien, Breslau und hier ſehr. Dies aber bloß, weil ich das Glück hatte, für die Soldaten etwas zu erlangen; die Thätigkeit hätte mir niemand ohne das Gelingen berechnet. Es freut mich, ausgeſtoßen wie ich war, ohne Vermögen, Stand, Ju -150 gend, Namen, Talente, zu ſehen, daß ich doch meinen Platz in der Welt finden kann. Deinen Beſitz, deine Hülfe rechne ich oben an: aber warum liebſt du mich? bloß weil ich recht - ſchaffen bin, und das Andern gönne und thätig ſchaffe, was ich ſelbſt gerne will. A. Mendelsſohn beträgt ſich gegen mich ganz ausgezeichnet freundſchaftlich, thätig und zuvor - kommend, und hat ſich als wahrer Freund und eigentlicher Bruder gegen mich bezeigt, indem er mir de but en blanc hier einen Kredit machte; weil ihm einfiel, es könne mir angenehm ſein! er hat das letzte Geſchäft mit einer Pünktlichkeit und Ausrechnung zu meinem Vortheil beſorgt, als wäre ich eine Königin, deren Gunſt er ſich ſchaffen wollte. Außerdem beträgt er ſich in dieſem Krieg, und betrug ſich hier in Prag, wie der größte Weltpatriot: man kann nicht edler. Auch hat er nun eine Freundin an mir, und einen Freund an dir.

Lies doch, wenn du das Buch findeſt welches ich erſt ſechs Wochen in Verachtung bei mir liegen ließ De - lille’s Gedicht sur l’imagination. Ganz Frankreich in ſeiner Geſellſchaftlichkeit überſieht man wieder darin, und einen Ab - grund von Verwirrung, Grazie und Weisheit, die ihm über - kommen iſt, und die in ihm gewachſen iſt. Darum empfehle ich’s aber nicht, ſondern ſeiner ſehr ſchönen Anmerkungen wegen, die ein Anderer dazu im neueſten geſchmackvollſten Franzöſiſch geſchrieben hat; ſo geſchmackvoll, avec tant de goût, daß ſie beinahe fromm ſind. Nur über die Königin Louis quatorze der Fürſt von Ligne ſagte: Catherine le151 Grand; daß Ludwig XVI. weiblich benannt werden dürfe, ſiehe in den Mémoires de St. Simon iſt der Mann platt und grob wie ſein Volk; ſonſt iſt es der reinſte, liebens - würdigſte Emigrant. So muß man alle nennen, die mit Ge - walt Gedanken wegdrängen und verwerfen, weil ſie ihre Lieb - lings-Feſtſetzungen durch ihre Reſultate zu Grunde richten würden. In dieſen Anmerkungen iſt ein vortreffliches Stück über la Norvège aus einer Reiſe; und noch eins aus Winckel - mann: beides meiſterhaft überſetzt. Noch leſe ich Troxlers Verſuche in der organiſchen Phyſik. Da iſt S. 206 und 7 etwas Göttliches über den Willen. Doch dazu haſt du keine Zeit. Auch Delille nur, wenn du ihn findeſt.

Die zwei karakteriſtiſchten Grundzüge in mir ſind die: daß alle Kartenſpiele mich durchaus und von je her bis zur größten Stupidität ennuyiren; und daß ich trotz der beſchädi - gendſten, zerſtörendſten Liebe, nie im Einzeln eiferſüchtig ſein konnte. Genau wußte ich, was ich dem Geliebten galt; und was ich ihm, da ich mich und ihn kannte, gelten konnte. Was kümmerten mich alſo die Details: die Art der möglichen Un - treue u. ſ. w.

Bei jedem Menſchen wären ſolche Grundzüge, zum Ver - ſtändniß ſeiner, aufzufinden. Dieſe beiden bei mir z. B. zei - gen doch offenbar; erſtlich, von welcher Beſchaffenheit mein Geiſt iſt: zweitens, daß ohnerachtet der größten Leidenſchaft, dieſer Geiſt, ſo wie er nun einmal iſt, nicht getrübt, verwirrt werden konnte: denn ſeinem einmaligen Ausſpruche lebte ich152 nach; und im größten Gemüthsaufruhr machte ich ihm doch keine neue Frage, wo er mir ſchon Einmal geantwortet hatte. Große Indizien zur Beurtheilung eines Menſchen.

An Frau von Humboldt, in Wien.

Vorgeſtern früh iſt Gentz abgereiſt; zwei Tage vor ſeiner Abreiſe nahm er Abſchied bei mir, und ſagte im Weg - gehn: Verzeihen Sie mir alles, was ich Ihnen hier gethan habe! Ohne alle Veranlaſſung, wir ſprachen von nichts Perſönlichem. Mein Lächeln war beinah ein Lachen: ich ſagte Ja; er wiederholte die Bitte mit denſelben Worten, und küßte mir die Hand, und ſagte noch: Und bleiben Sie mir auch etwas gut? ſo in dem Ton von bitte bitte! Ich ſagte ganz unbefangen, und frei und äußerſt wild denn im Augenblick kann ich immer alles: und habe die größte, ja unwillkürliche Gewalt über mich: in dem Augenblick, dem erſten, wie geſagt ja liebevoll und freundlich: Daraus machen Sie ſich ja gar nichts? O ja! O ja! Er küßte mir wieder die Hand, und ging. Haſt du davon eine Idee? Zu wiſſen, daß man einen ſchlecht behandelt hat, und hof - fen, er wird es vergeben? Doch ich werde nie eine Vorſtellung einer Seele haben, die ihre Lebenserſcheinungen nicht in ihrem Herzen niederlegt; in der alles wie Dekorationen nur vor der Stirn hin und hergeſchoben wird. Wie ſie beſtehen, und nur weiter leben, zuſammenhalten, iſt mir eben ſolch Räthſel. 153Kurz, worin das Herz dumm iſt, darin iſt man ſelbſt dumm. Und glaube mir, Freundin, mein Herz iſt anders; und ſo ver - ſtehe ich auch, immer von neuem, dieſe Sorte nicht; trotz des Wiſſens und Erkennens. Darin aber, daß ich ihm vergebe, hat er ſich geirrt. Das ſchrieb ich ihm auch, und ließ es ihm von ſeinem Kammerdiener im erſten Nachtlager abgeben, lieben würde ich ihn, weil ich ihn geliebt hätte. So iſt’s auch; und bleibt’s Es war ein ſehr ſchöner Brief; den er auch nicht verſtehen wird, wie ich ihn verſtehe; aber ich habe ihn aus Bedürfniß geſchrieben, und aus Rechtfertigung. Ich will damit gerechtfertigt wiſſen die Möglichkeit der Behand - lung, die ich auch nun für ihn im Herzen trage. Mir iſt, zu applaudiren und Liebe zu geſtehn, zu äußern, wenn ich ſie fühle, wie dem im tiefſten Italien Gebornen Bedürfniß: und eine Äußerung, die immer da iſt, ehe ich ſie bedenke, zähme, ordne. Ändert aber ein Freund mit Gewalt mein Herz gegen ihn, ſo iſt’s mir’s unerträglich, und Laſt, wie die größte Lüge, der größte Betrug, bis er dies weiß. Darum allein auch bedarf ich nie der Rache, kann ich mich nicht rächen, und habe mich nie gerochen. Mich dünkt immer, wenn ich jemanden nicht mehr liebe wie ſonſt, ihm nichts zutraue, ihm abdingen muß, ſo iſt die ganze Rache in Erfüllung: und ich habe ihm alles genommen, alles angethan. Hier haſt du mein tiefſtes Herz: einen Theil davon, den ich noch nie aus - ſprach. Ich ſchrieb Gentz mit großer Liebe, noch ganz ver - liebt; aber wie atterrirt wäre ich, ſchriebe mir Einer ſo, dar - auf vermuthete ich alles, was ſich nur ereignen will. Dir wandelt Gentz, ſagſt du mir, nur wie ein Traum der154 Jugend. Wenn es wahr iſt, daß ich alt bin, ſo habe ich meine Jugend mit herübergenommen: mir wandelt nichts wie ein Traum von daher. Wachenden Herzens ergriff ich dort; wo ſollte der Traum herkommen? Ja, eine jede Härte mei - nes Vaters, jeder Mord eines Jugendmomentes, kränkt mich noch, und tiefer und verſtändiger, und verzweiflungsvoller als damals. Was iſt unſer Leben, wenn darum Daſeinsmomente ihre Wichtigkeit und Wirklichkeit verlieren ſollen, weil ſie in der Vergangenheit liegen? Wie könnten wir dann nur Ge - genwart, Zukunft, Wünſche, Schätzenswerthes faſſen? Auch in der Vergangenheit wird dir Gentz auch nur ein Traum geweſen ſein: und dann iſt es richtig, und gut. Ich bin auf Gott, auf Ewigkeit geſtellt; wie du es für mich wünſcheſt. Kenne aber Gott nur in und durch ſeine Welt; Frevel, Lüge wäre es von mir, anders zu ſagen; und die Ewigkeit liegt bei mir nicht nur in der Zukunft; jetzt iſt auch ein Moment Gottes. Aber gottergeben bin ich: grade da, wo ich nichts mehr faſſe und begreife. Dies, und Verwirrung, und Verſa - gung fühlen, iſt der ganze Schmerz im Leben; dieſen, als Schmerz, und doch willig annehmen, iſt alles was ich kann. Die Natur des Daſeins aber, die mir Gott gab, kann nur er, nicht ich, ändern. Klarer und klarer werden mir auch meine Gegenſtände des Denkens. Kannſt du ruhiger ſcheinen, ſo bedenke, daß dir mehr in der Welt gelungen iſt; und mir außer dem Athmen, und Denken, und Beſſerwerden, das na - türlichſte Daſein ſtets verſagt iſt. Das halte der Teufel mit Grazie aus! Verzeihe mir! auch dieſen Brief, dieſe Re - pliken, und dieſes gros mot!

155

Habe die Güte Fräulein Saaling beifolgende Quittung zukommen zu laſſen. Ich hatte noch Socken und Schuhe, und ich fragte öſterreichiſche Offizierfrauen meine Nachba - rinnen , wo ich dies und anderes am beſten hinzuſchicken habe; ſie antworteten mir, ſie und ich wir wollten es ſelbſt übernehmen, und einzelnen Bedürftigen vertheilen, das ſei am beſten und ſicherſten. So thaten wir. Vor fünf Tagen hat mich die Frau Oberſtburggräfin zu ſich zitiren laſſen: gewiß wegen der Hemden. Ich darf aber nicht ausgehen. Nun ſchrieb ich der Baronin Heer ein oſtenſibles Billet, damit die Soldaten nicht auf meine Krankheit zu warten hätten. Die Baronin ließ mir ſagen, ſie würde kommen, war aber noch nicht da. Referire dies gütigſt den Arnſtein’ſchen Damen. Und wie unfähig ich zu ſchreiben war. Bei Gott es war wahr! Für Goethe küſſ ich dir die Hand. Dieſen Gott laſ - ſen ſie nicht ungeſchoren! Ich will’s verſchweigen, wie Gentz ſich darüber als Maulwurf, blinder, wühlender, anderthalb - ſinniger äußerte. Lebe wohl, Theure! dich zu ſehen, iſt meine ganze Hoffnung jetzt.

An Erneſtine Robert.

Es wäre liebenswürdig, gerecht, und äußerſt erfreulich für mich, liebes Erneſtinchen, wenn Sie mir ſchrieben; und nicht warteten bis ich Wicht Ihnen ſchreibe! hören Sie, wem ich alles ſchreiben muß. Nach Hauſe, damit Ihr alle von mir156 wiſſet, und um mein Herz auszuſchütten. Varnhagen große Briefe, ſeiner Ruhe wegen; Ludwig Robert, Bartholdy, Men - delsſohn, mit dem ich Dinge abzumachen habe; Frau von Humboldt, Mariane Saaling, Frau von Percira, auch ge - ſchäftlich und der Verbindung wegen; der Kouſine in Breslau: eine Menge Briefe in der Stadt, und andere für kranke Freunde. Von den andern Dingen, meiner Krankheit ꝛc. will ich gar nicht ſprechen: noch davon, daß mir in allen Zeiten das Mechaniſche des Schreibens Angſt und Blut koſtet! wie z. B. ſitz ich jetzt in der mir zu heißen Krankenſtube Auguſtens, die mit Fieber in ihrem Bette liegt, und welches mich ſehr an - ſtrengt. Dabei, liebes Erneſtinchen, ſind die Briefe, die ich nach Berlin ſchreibe, ja auch alle für Sie! wenn ich etwas Apartes Ihnen zu melden habe, oder mitzutheilen, zu vertrauen, werde ich es gewiß thun. Als Sie mir nicht ſchrieben, dachte ich Sie ſeien böſe auf mich, das können Sie doch von mir nicht denken! iſt es aber hübſch, daß Sie mir von Ihrer Reiſe, Ihrer Ankunft, von Moritz Abweſenheit, über die ich mich doch ängſtigen mußte, nicht ſchrieben; über Ferdinand muß ich von allen Seiten hören nur von Ihnen nicht?! das muß man der Schwägerin laſſen, ſie iſt entzückt von ihm! Überhaupt, fühlte ſie von Anfang an für den Jungen ſo, wie ſie nie mehr für eins von ihren Kindern fühlte. Solch neidloſer Kinderan - theil iſt mir bei keiner Mutter noch für fremde Kinder vorge - kommen: Wohlthaten an fremde Kinder ſind nicht ſo ſelten, als Vorliebe und Bewunderung für ſie. Sie haben mir auch nicht einmal von Ihren Landsleuten geſchrieben, die Sie ſehen, die ſich bei uns befinden oder nur äußerſt wenig und keine157 Details, mir, von der Sie wiſſen, wie die Polen bei mir ſtehen; wie ich die Einzelnen goutire, und die Nation in Geiſt und Herz beſchütze, ihr Recht gebe. Schreiben Sie mir dies alles! von Ihrem Quartier wußte ich ſeit Moritz in Breslau war; aber Sie ſollten überraſcht werden: und ich half negativ daran. Sehen Sie, ich habe nicht das Glück, daß wir nah wohnen; ich mußte mich todt laufen und todt ärgern. Nun bin ich weg, und die Einzige, die ihre Foyers hat verlaſſen müſſen. Konnte ich ein Quartier und Quartierte behalten? Wo werde ich wohl hinkommen? wenn ich nach Hauſe komme! doch davon nichts. Ich bin dankbar, daß ich flüchten konnte, daß ich hier ein Dach habe, daß ich geſund bin: d. h. kein Nervenfieber; daß ich wieder helfen, und Troſt ſein konnte, und bei Gott im Himmel! daß Sie in dieſe weite, breite, ſchöne Straße hineingucken können, und allem Angenehmen der Stadt endlich nah ſind! Schreiben Sie mir, ich bitte, genau wie Sie die Zimmer bewohnen, denn ich kenne das Quartier ſehr genau, und wie Sie leben, mit wem Sie Mit - tags ſpaziren gehen. Alles! ob Sie Verdruß haben: was Mama, die Schweſtern machen, was Ihnen Moritz mitge - bracht; und wie Sie mit den Haaren gehen, alles. Ob Sie mich wirklich vermiſſen! Ehrlich aber, und was Moritz zu Napoleon bei Leipzig und hinter dem Rhein geſagt hat. Ich bin noch nicht ſicher. Trieb man ihn, kann er uns treiben! die letzten aufrühriſchen Reden des Senats ſind mit vieler Kunſt aus Lüge und Wahrheit gemacht, und wunderſchön überſetzt in hieſiger Zeitung. Meine Zettel an Markus, meine Briefe, meine Gedichte, ſind alle auch an Sie. Ludwig Ro -158 berts Briefe werden Sie ſehr amüſiren, mich auch. Ich ſchreibe ihm ſehr ſchöne Antworten. An Ihrem Brief werde ich ſehen ob Sie mir gut ſind! bin ich Ihnen gut? Noch weit mehr! denn das iſt von Natur: und Sie wiſſen’s lange. Aber ich rechne auf Sie wie auf eine Freundin: das iſt übertrieben viel, ſehr viel!! das thue ich beinahe nicht mehr. Ich bin immer auf Ihrer Seite, bei allen Fällen des Lebens. Leben Sie wohl, und machen Sie ſich Vergnügen, und grüßen Sie alle Polen! Küſſen Sie Ferdinand und Moritz.

Ihre R. R.

Hier hab ich herausgegrübelt: Schickſal und Glück ſind mir nicht gut; Gott und Natur lieben mich aber.

Wenn mir Gott Menſchen ſchickt, bei mir iſt kein Athemzug, kein Pulsſchlag, kein Blick verloren. Drum bin ich ſo außer mir, wenn mir die Nächſten fehlen. Eltern, Ge - ſchwiſter, Geliebte! Weil ich an Gottes reinem Altar jedes niederlegen würde; im friſchen reinen Herzen hintragen!

An A. Mendelsſohn-Bartholdy, in Berlin.

Sollten Sie es wohl denken, lieber M., daß ich nicht ſchreiben kann, weil ich ein ſchlimmes Bein habe? Das Sitzen, welches zum Schreiben nöthig iſt, kann ich ohne Schmerz nicht exekutiren. Rheumatism hab ich im rechten Bein. Das iſt159 meine letzte Widrigkeit Kalamität drückt mir ganz was anders aus. Von Auguſtens Krankheit wird Ihnen mein Bru - der mitgetheilt haben. Wir haben hier wirklich Widrigkeit im Hauſe. Cher ami, je sens que ma lettre va se ressen - tir de l’état de ma jambe; ich muß immer ſo abgebrochene, ungeborene Phraſen ſchreiben, wenn ich inkommodirt bin; rech - nen Sie das ja ab! Es gefällt mir raſend von Ihnen, daß Sie meinen Koffer nicht aufmachen wollten; obgleich ich Sie darum gebeten hatte. Eine innere Diskretion, die ſich nicht auf äußere Bedingungen bezieht, als: Verſprechen, Erlaubniß, und dergleichen, iſt eine Zartheit, die ich ſehr liebe. Wiſſen Sie, wie ich Zärtlichkeit definirte? Witz der Liebe. So iſt Zartheit Gefühl mit Geiſt. Nicht anders! Punktum. Mir machen 1814 auch noch Sörgchens. Machen Sie mir aber keine Furcht, Lieber! Ich denke immer ſo, haben wir ihn ge - trieben, warum ſoll er uns nicht treiben. Und dann können noch andere Mißhelligkeiten kommen, die er wieder benutzt: doch bin ich noch ziemlich ruhig. Auch von dem jungen Can - tian habe ich einen ſehr hübſchen zweckmäßigen kurzen Brief heute mit Ihrem zugleich vom 2. Januar bekommen. Ich freue mich recht ſehr ſeines Avancements, weil er’s verdient: er iſt die Ordnung, Beſcheidenheit, in Ausgaben und allem, ſelbſt; ein wohlerhaltener Junge. Wie wird ſich der Vater gefreut haben. Sein Sie ſo gütig, ſie zu grüßen: ich weiß nicht, wo ich hin ſchreiben ſoll, wenn ich ihm auch antworten will. H. ’s Bruder kannte ich nicht: habe aber von gemein - ſchaftlichen Freunden ſehr viel Gutes und Rühmliches von ihm gehört; sauf le respect pour le ciel hätte wohl ein Anderer160 für ihn ſterben können. Doch was verſtehen die Menſchen? die noch die einzigen ſind, die ſich auf der Erde etwas ein - bilden! Jetzt einen jungen Sohn oder Bruder an einem Ner - venfieber zu verlieren, iſt noch ärgerlich dabei; und H. be - daure ich ſehr, da ſie ihn ſo liebte! Ihnen gratulire zu den guten Rötheln der Kinder, wie Mad. M., die ſich doch ge - nug geängſtigt haben wird! Alſo waren wir zu gleicher Zeit vor Krankenbetten. Nun ſind Sie das wieder los. Was wird nun kommen? Schöner Troſt! Es iſt mir ſo entfahren. Von Bartholdy hatte vor einiger Zeit einen ſehr geſcheidten, reifen, geiſtreichen Brief, den Tag vor ſeiner Abreiſe von Frank - furt geſchrieben; aber er muß kein Vergnügen haben, denn der Brief iſt nicht vergnügt. Er ſchreibt auch in ſo trocknen abgebrochenen Sätzen, und hat kein wehes Bein wie ich. - ren Sie Muſik? Ich habe, ſeit Sie weg ſind, nur das große Loos von Iſouard gehört; wofür ich bin; gute, unterhaltende dramatiſche Muſik: ſo iſt das Stück auch an ſich gut. Nicht ſolcher neumodiſcher, Mozart überbietender und daher nur überſchreiender Lärm. Eine Mlle. Brandt aus Frankfurt ge - fällt hier ſehr; ich ſah ſie in Aſchenprödel. Singt, nicht ſchlecht unterrichtet, wie alle Süddeutſchen: aber das R durch den Hals anſtatt mit der Zunge. Spielt nicht ſchlecht; in Einem Moment außerordentlich, wo ſie die Roſe bekommt; tiefſinnig möchte man ſagen; wenn dem nicht andere zu ſehr widerſprächen, aus aller modiſchen nicht bedachten Tradition, Momente widriger Naivetät und eben ſolcher Schweſterliebe u. ſ. w. So aber muß ich denken, es ſei von dem angeflo - genen Kunſtſommer, der wie der andere in der Luft umherfliegt,161fliegt, und ſich auf ſchuldige und unſchuldige Kunſtreibende ſetzt; denn jeder Akteur ſpielt manchmal außerordentlich. Den Fandango tanzte ſie außerordentlich gut und graziös für eine Sängerin und Aktrice, ſie iſt beides. Sie gurli’te auch dieſe Woche. Aber das thu ihr der T ! Medea gab Mad. Schröder aus Hamburg hier. Die Stelle mit den Unterirdi - ſchen groß! Das Ganze gut; mit zu wenig Einfällen für ihre große Gaben, und ihre Übung. Eine Götterſtimme: in der Tiefe gehalten, wie die Franzöſinnen. Sie ſpielte doch im Ganzen ſo, daß ich erſtaunt war ſie außer dem Theater zu ſehen, ſo viel kleiner war ſie da. Weiter habe ich nichts gehört, nichts geſehen. Außer meine Leute im Hauſe. Nichts. Marwitz iſt beim Generalſtab der Blücherſchen Armee, und geht als erſter Generalſtabsoffizier zur erſten Brigade des Yorck’ſchen Korps; ſo ſchreibt er mir vom 19. December in einem unleſerlichen Brief angefangen in Wiesbaden nein, nein! er endigt auch da. Theilen Sie das gütigſt den Mei - nigen mit! Wie alles Allgemeine. Nun hören Sie aber das, lieber Engliſcher! Sie müſſen mir eine Aſſignation an Deſ - ſauer ſchicken, weil ich wohl weiß, was ich für die vier Jäger von Ihnen bekomme, was Hr. L. Ihnen für ſeinen Stiefſohn gezahlt hat, aber nicht was ich in Florin für C. bekomme, weil ich von deſſen Rechnung keine Abſchrift genommen habe. Ein ſchlechter Geſchäftsmann? Ja! Ich finde es auch. Sie haben die Rechnungen gewiß. Mad. H. hat Ihnen den Brief geſchickt, worin ſie exakt mit unſern Händen lagen, mit C. ’s und meiner. Apropos! So eben habe ich in einem Kalender für Damen wieder etwas von Jean Paul geleſen. HübſchII. 11162und häßlich, wie alle ſeine jetzigen Ausleerungen. Etwas über die Schönheit des Sterbens in der Jugend. Und einen Traum von einem Schlachtfelde; der iſt etwas nicht geſtogen nicht geflogen; und es wittert nicht ſein ſonſtiger, ſondern der neumodiſche Heiligenſchein drin. Schöne Stellen hat auch der; mehr noch ſchöngebrauchte Worte. Laſſen Sie dies H. leſen, es wird ſie freuen. Ich dachte gleich an ſie, und an alle Mütter und Schweſtern. Leben Sie wohl! Schreiben Sie mir; und Neues, und was Sie denken, es macht mir Ver - gnügen. Schicken Sie mir die Aſſignation, ich brauche Gul - den; ich habe mein ander Geld verwahrt. Schönes an Mama: und tauſend Freundliches an Lea. Ihre Rahel. Urquijo wird Sie beſuchen und grüßen.

An Erneſtine Robert, in Berlin.

Dieſen Abend, als man ſchon Licht hatte, gab mir Dore Ihren Brief. Sehen Sie, Erneſtinchen, daß Sie auch krank waren? Ich dachte es gleich, an Nette ihren wenigen Wor - ten: Erneſtine iſt unpaß: Robert nicht in Berlin, ich ſo viel bei ihr, als möglich; aber ich traute es mir nicht zu ſagen, weil ſie ſonſt ſagen, ich bin ſo apprehenſiv. Nehmen Sie ſich nur ja in Acht, ſchonen Sie ſich noch lange, und ſtellen Sie ſich gegen ſich ſelbſt noch ſchwach, wenn Sie’s auch nicht ſind. Ich ſchreibe heute nur, weil ich in dem Briefe, den Urquijo mitnahm, ſo klagte, und nun in zwei Poſten nicht geſchrieben163 habe; und weil Sie mir geſchrieben haben. Erwarten Sie ſich aber kein geſcheidtes Wort, und auch nur wenige. Liebe Freundin, ich habe Schmerzen, bei denen ich ſchreien und weinen muß. Ich kann nicht gut liegen, auch nich ſitzen, das noch am wenigſten, und gehe mit Beſchwerden, ein ſolch rheumatiſches Bein habe ich von der Hüfte an. Ich muß es mit Seifenſpiritus einreiben, und baden, mitten im ſtrengſten Winter, zwei Treppen hoch, wo ich keinen Keſſel habe, in ei - nem fremden Hauſe! kurz, Gott will es; ſo wie ich keine Schmerzen habe, bin ich vergnügt. Aber meine Nerven leiden zu ſehr davon. Ich ſehe und höre natürlich nichts. Und keinen Menſchen. Auguſte iſt noch ſehr ſchwach, freute ſich wie ich über Ihren Brief, findet ihn deliziös und unterhaltend; ſagt: wenn ich ſie nur alle erſt einmal geſehen hätte! und will mit Gewalt morgen Don Juan, den der Kapellmeiſter Karl Maria Weber zu ſeinem Benefiz hat, hören. Mlle. Brandt ſpielt Zerline, und Mad. Schröder ihr Mann aus Hamburg von denen beiden ich Mendelsſ. ſchrieb den Don Juan. Ich Unſel’ge kann nicht hin. Ihr Logis freut mich ungemein, ſo möge meiner lieben Erneſtine alles gelin - gen! als ich Ihren Brief ſah und las, wußt ich erſt wieder, wie lieb ich Sie habe. Wahrlich wie eine Schweſter, für die man gewöhnt iſt von Kindheit an zu ſorgen: und die man von Natur gut leiden kann. Wie kommen die beiden Mäd - chen zu S ? das wundert mich mehr, als daß ſie ſich der präzipitirten Einladung fügten! Die Erde iſt ſo dunkel, nur die Hälfte der Zeit erluſtigt und beſchienen, der Menſch ſo vergnügungsluſtig eingerichtet, daß ich es ihnen nicht verdenke,11 *164nur müſſen ſie’s mit der gehörigen Verachtung gegen die ver - achtenden Wirthe gethan haben. Und ihnen es bei einer an - dern Gelegenheit durch einen unerwarteten refus zeigen, daß ſie diesmal aus Laune gekommen ſind, ſonſt kommt man in die Klaſſe der Leute, die man behandeln kann, wie man will. Doch zu einem launenhaften Betragen gehört viel Karakter, Feſtigkeit, und Erwägung der Welt, die man bis zum Ekel kennen muß. Solche Dinge kann man weder erwarten noch fordern, und ich ſpreche auch nur zu Ihrem und meinem Amü - ſement davon. Man kann ſich betragen wie man will, summa summarum handelt man nach ſeinem Karakter, das iſt: nach dem Reſultat der Summa, und Zuſammenſetzung ſeiner ein - maligen Eigenſchaften; und verdient irgend etwas, oder Einer wohl vor andern, daß die ſo abgewogen und abgezirkelt ſind, daß bei jeder Äußerung derſelben ein Muſterbild für ächt Menſchliches herauskommt? Die Menſchenmaſſe bewegt ſich wie die Ingredienzen der Atmoſpähre nach ewigen Geſetzen, d. h. wie ſie können; im Ganzen iſt es Wetter: und aus rei - nem Eigennutz nennt man eines ſchlecht, das andere gut. Sie Sie ſind alle unendlich! Amüſire ich Sie? Vous me faites jaser, vous m’inspirez par votre prédilection, qui seule est in - dulgente! Nur durch Nachſicht kann einer den andern ver - ſtehen, erſt muß man es wollen; ſonſt kann man alles, jede Behauptung, jedes Phantaſiren nach einem Punkte hinſchieben, von dem aus es Unſinn wird. Ferdinand macht mir gar viel Vergnügen! Alſo er geht! und ſchmeichelt; er wird reüſſi - ren, denn er gefällt ſchon. Das iſt die Hauptſache und das himmliſche Pathengeſchenk der Natur. Singen Sie? ſpielen165 Sie fleißig? heute bekommt Ihr meine Briefe durch Urquijo. Daß Sie mir Line verwahren, freut mich übernatürlich! und daß ſie reinlich iſt. Als ich dieſen Brief anfing, und mich dazu ſetzte, hatte ich Schmerz und ſchrie, jetzt iſt’s ein wenig ſtill. Weber phantaſirt durch eine vermauerte Thüre himm - liſch neben mir an. Brentano hat mich ungefähr vor ſechs Wochen durch jemand, dem er hier ſchrieb, grüßen laſſen, ſonſt weiß ich nichts von ihm. Ich habe ihm den Handel aufge - ſagt: und muß da ich ihm von Natur gut war, leider! ſehen, daß wenigſtens ich nicht mit ihm leben kann. Eine gewiſſe ſittliche Sicherheit brauche ich, ſo vagabund mein Geiſt ſich auch zu betragen, das heißt zu ſehen vermag; und geſel - lige Artigkeit, die mit einemmale bei ihm ganz ausgehen kann, Beurtheilen Sie, ob ich ſonſt Prätenſionen habe, die man nicht dulden kann! ich habe die Serie ſeiner Briefe, und will ſie Ihnen einmal zeigen, ob ſie ſo auf einander folgen konnten?!! Er konſtituirt mich z. B. als ſeine erſte Freundin; und in einem Briefe drauf, ſpricht er mir jede menſchliche Eigen - ſchaft ab, und radotirt ſo daß ich vielleicht nur fünf - mal in meinem Leben ſo gelacht habe, als über dieſen Brief. Nichts deſto weniger war ich ſehr empört. Jetzt iſt er mir ganz gleichgültig: der ganze Krieg, alle Bleſſirte ka - men mir dazwiſchen: und ganz andere perfide Freunde. Dieſer Sommer war mein letzter; nun läuft alles, meines Herzens Maß vorbei. Es iſt voll: und ich bin heiterer, als da es ſich füllte: nur die Börſe ge iſt zu leer! denn ich bin dahinter, auf einem Schiff muß man Equipage ha - ben, und ein Brechmittel von einem guten Koch einneh -166 men. Grüßen Sie alles! Moritz muß mir mehr ſchreiben! jede Zeile amüſirt mich, dann ſchreibe ich wieder und auch amüſant. Ihre R. R. Frau von Sparre tauſend Schönes!

An Frau von Grotthuß, in Dresden.

Arme liebe theure Freundin! Und in welchem Zuſtand traf dein Brief mich! Auch heute werde ich dir nur in den kürzeſt abgebrochnen Perioden das Nothwendigſte ſchreiben. Wiſſe alſo kurz! Ich bin nach tauſend Noth, Angſt, Krän - kungen, Mühe und Sorgen, endlich den 9. Mai 1813. aus Berlin dem Landſturm entflohn; ohne Schutz. Kam den vierten Tag nach Breslau, wo ich vier Tage blieb, und von dort nach Reinerz getrieben wurde, von dort wieder weg mußte, und direkt hierher fuhr; die Gräfin Pachta war zwanzig Meilen von hier auf einem Gute, und antwortete mir alſo nach Reinerz, nur als ich ſchon weg war: als ich die letzte Poſt von hier war, mit ganz Preußen, erfuhr ich, daß man hier kein Unterkommen fände, und ſah es auch ſchon unter - wegs. Ich ſchickte dem Grafen Bentheim einen Boten hier - her, und ſprach ihn um ſeinen Schutz an, meine Seele hatte ſich ſchon längſt an dieſe Flucht denkend nur auf ihn verlaſſen , er verlieh ihn mir ganz, und ich ſtieg bei einer Freundin von ihm ab. Dieſe beiden waren für mich wie Geſchwiſter. Alle alte Freunde nichts. Auch hier erlebte ich noch große Angſt, große Noth. Und die größten Evene -167 ments für mich. Tauſend und tauſend Menſchen konnte ich helfen, beiſtehen, ſchützen, unterſtützen, tröſten. Unſer ganzes Land ſah ich hier. Es ſchwoll mein Herz. Perſönlich ver - lor ich alte, ſechszehnjährige Freunde, die ich in eilf Jahren nicht geſehen hatte, die Pachta drunter, die nicht kam, und noch nicht hier iſt. So kam die Kulmer Schlacht; unſere von Platzregen begoſſenen Straßen waren mit unbehauſten Verwundeten bedeckt. Meine Landsleute! Ich ſtürzte auf meine Knie und ſchrie zu Gott. Er gab mir einen Brief nach Wien ein, und Geld, unzählige Kleidungsſtücke und Wäſche erhielt ich. Frauen ſtanden mir hier bei: und ich ließ kochen; und half. So lange bis ich unpaß wurde, dies aber der Verwundeten, Darbenden wegen nicht achten konnte; ich wurde kränker, mußte mich im Oktober legen: arbeitete doch: ſtand wieder auf, ward immer kränker: die Agitation dazu; alle Preußen kamen zu mir, jeder ſchnitt mir in’s Herz. So ging’s, mit tauſend Ereigniſſen, die nur zum Erzählen ſind, vermiſcht. So kam December; da wurde meine freundliche Wirthin heftig und gefährlich krank: ich wartete ſie, ſelbſt krank: ſechs Wochen quälte ich mich mit Wirthſchaft und allem, wie du bei Grotthuß. Ich wurde immer kränker: den letzten Montag vor ſechs Wochen ſtürzt ich zu Bette, wo ich noch liege. Auch nur mündlich! Wie von meinen Gebeten, Gelübden, wie ſie Gott annahm und erhörte. Dir darf ich mit Gottes Erlaubniß ſo etwas er - zählen. Dies iſt meine ganze Liebe zu dir. Offenbart ſich uns des Allmächtigen Willen ſo hart? Amen! Er weiß es: ich bin ganz ergeben: und denke mir wahrlich Gutes aus168 während unverſtändlichen Leiden und Schmerzen; damit auch ſchon jetzt für mein Bewußtſein welches daraus entſtehe. Anders weiß ich Gott nicht zu dienen; mich nicht aus der Verzweiflung zu ziehen: von den ſchweren, ſchlechtern, wirk - lich nur Nebenmomenten, wag ich dich nicht zu unterhalten: die ſind keine Reſultate, keine Stufen meiner Ausbildung, ſondern die harten Knorren darauf. Hier haſt du deine Freun - din ganz in Skitze. Den 4. Oktober kam Gr. Bentheim von Kulm zurück, und errichtete hier als General die deutſche Legion; bis vor kurzem. Der war mein Troſt. Er behan - delte mich, wie einen Brüder behandeln ſollten. Bis den Oktober war Ludwig Robert hier, den ich von Reinerz aus mitgenommen hatte, und der jetzt mit dem Grafen Goloffkin ganz brillant in Stuttgart lebt. Varnhagen iſt ruſſiſcher Hauptmann, beim General Tettenborn; lebt nur in mir: und ſagt’s der ganzen Welt. Wie er’s mir zeigt und ſagt, ſollſt du aus ſeinen Briefen ſehen, von mir hören; und wie er ſich geändert hat, und vervollkommnet, ſelbſt beurtheilen. Läßt mir Gott dies Glück, einen ſolchen Freund zu behalten; ſo darf ich nicht mehr klagen, wenn auch nur ein Viertel noch von mir lebt. Schreib mir, was du beginnſt. Und was Goethe vornimmt. Denn dieſen Schutz der Erde auch nur noch Einmal mit meinen Augen zu erreichen, heilt mich, ich weiß es. Und etwas Troſt muß ich jetzt haben, ſonſt ſterbe ich wahr und wahrhaftig. Zu viel kam, zu viel hinter einander. Seit zwanzig Jahren crescendo, und dissime. Geſtern ſchrieb mir Frau von Humboldt, ſie bliebe nur bis zum Mai in Wien, und machte dann eine Reiſe, oder ginge nach einem169 Bade. Ich frage ſie, wohin. Vielleicht ließe ſich dies alles mit deinem Aufenthalt kombiniren. Du fragteſt mich, Liebe, nach einer Stiftung bei uns, von der auch ich nichts weiß; zu gleicher Zeit ſagteſt du mir auch, du wolleſt dir etwas ab - ſparen, und es den Landsleuten reichen laſſen. Kannſt du etwas geben, ſo gieb es Einer, die ich dir vorſchlagen werde, und wenn du es nach meinen Worten eben ſo rechtmäßig findeſt, als ich. Es iſt die *. Ihr Unglück geht in’s Große; nur ihr Karakter, und meine Verehrung für ſie, mag es über - ſteigen. Sie leidet reell durch den raſenden Krieg, wie ein Verwundeter, wie ein Geplünderter. Ich füge dir nichts mehr hinzu, als daß ihr ganzes Schickſal ein hiſtoriſches, nicht ab zuwendendes, altteſtamentariſches, ja der Fluch iſt, dem die Kinder ſeiner Anhänger vergeblich auf allen Erd - punkten entfliehen!

An M. Th. Robert, in Berlin.

So eben erhalte ich euren Brief vom 23. Januar in Ant - wort auf meinen mit Urquijo. Ich bin noch krank mit ſpa - niſchen Fliegen in meinem Bett: wie, mag ich und kann ich nicht ſchildern; ohne den Gebrauch meines Beins. Und jetzt ſehr alterirt von eurem Brief. Gott! gebe, daß T. bezahlt, und ich das bezahlen kann, was ich ſeit Mama’s Tod brauchte. So dacht ich mir’s nicht. Sie ſich auch nicht. Ich will jede aufgeſetzte Quittung für das, was ich erhielr, ausſtellen, und170 zahlen, ſo wie ich nur kann. Gott iſt mein Zeuge, daß nicht jetzt, ſondern immer dies mein heimlichſtes Gebet iſt. Ich erliege dieſer Art zu nehmen. Daß macht für dieſen Januar die Summe von die ich bekomme. Wenn mir niemand in der Fremde etwas voraus ſchicken will. Quittungen will ich geben. Auch gab ich ſie jeden Monat bis zu meiner Flucht hierher. Schütze Gott euch vor dem, was ich erfahre! Und preßt mir hohes Leid und herbe, harte Krankheit jetzt den Brief aus, der ſonſt mein Herz heimlich beizt, ſo verzeiht es meinem großen Elend. Mir pufft das Herz nur ſo! Keiner von euch hat mich zum Fall der Noth nur irgend hier em - pfohlen. Hans ſchreibt mir ganz kalt, ich ſolle künftig nur Moritz ſelbſt ſchreiben, er gäbe konfuſe Antworten. Das glaub ich wohl. Für einen Dritten kann man wohl beſſer ſprechen; aber niemand will thätig ſein. Ich ſpräche gewiß für jeden von euch. Ich weiß auch, daß ihr meint, ihr meint es gut; und tadelt mich, wenn ich es nicht ſo finde. Auch iſt es viel, für geben, was Moritz giebt: doch wurde untern andern Um - ſtänden ſo abgeſchloſſen: und ich in der größten Proſperität hätte mich ewig für verpflichtet gehalten.

Die Torgauer Erklärung habe ich ſchon zweimal mit dei - nem Namen in dem Wiener Beobachter geleſen. Auch mir wird’s noch gut gehen; oder Gott läßt mich wirklich abho - len. Ich war ſehr krank, und bin es noch. Glaube nicht, daß Geld verlegenheit aus mir ſpricht. Nein! Abrah. Men - delsſohn hat mir ungefordert einen Kredit gemacht. Aber Wohlwollen und zarte Sorgfalt von den angebornen Freun - den thut wohl; und Fahrläſſigkeit weh.

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Lebt wohl. Mein Kopf erträgt in der unbequemen Lage das Schreiben nicht: ich kann mich nicht rühren. Frau von Sp. werde ich antworten, wenn ich wieder geſund bin. Ich habe nichts aus ihrem erſten Brief ſchief genommen: ſie irrt ſich. Meine Antwort war auch ſanft, ſie ſoll ſie nur ſo le - ſen. Warum antwortet mir Erneſtine nicht, der ich noch nach Urquijo geſchrieben habe, oder mit ihm, eins von beiden? Adieu! Mein Arzt!

R. R.

Eben hat mir mein Arzt eine neue Einreibung angekün - digt, nach der ein Ausſchlag kommen wird. Noch beſſer! Ängſtigt euch nur nicht, das Härteſte hab ich wohl ausgehal - ten. Ich bin ſchon wieder gefaßter. Habe aber Mörderzeiten.

Adieu.

Obgleich tauſend Dinge mich umgeben, die alle mit Un - geduld mich abrufen vom Schreiben, obgleich tauſend andere ſich vordrängen, und gleich zuerſt geſchrieben ſein wollen, ob - gleich ich ſeit Freitag von unſerer gewonnenen Schlacht in Frankreich weiß, ſo daß ich ganz mich und alles Leid ver - gaß: ſo laß uns doch zuerſt von unſerm verehrten Lehrer und Freund ſprechen, dem ich Ehre und Leben in die Hand gege - ben haben würde, ohne noch hinzuſehen; dem ich das tauſend - mal in die Augen hineindachte, und nie ſagte, welches ich jetzt grimmig bereue, weil einem Menſchen von andern edeln, den - kenden, nichts Höheres werden kann, und wozu ich Elende nie den Muth hatte! Laß uns von Fichte ſprechen! Deutſchland hat ſein eines Auge zugethan; wie ein Einäugi -172 ger zittere ich nun erſt für das andere! Ich nenne keinen; wie die Griechen die Furien umgehen, und wahre Herzens - angſt es immer thut! Nun kann ja Unverſtand, Lüge, Irr - thum auf dem ganzen Grund und Boden der Erde umher - wuchern, und wie üppiges, ungeſteuertes Unkraut ihr alle Kräfte nehmen und ſich aneignen; keiner rottet es mehr aus; pflanzt, befördert, macht ihm Platz, ſäet ihn aus, den reinen nährenden Waizen, der Geſchlecht zu Geſchlecht verbeſſernd zu geleiten vermag! Fichte kann umfallen und faulen! Das iſt nicht Zauber? Krank wie ich war, fand ich es vorgeſtern unvermuthet in der hieſigen Zeitung aus Berliner Blättern. Ich weiß nicht, ich war beſchämter, als erſchrocken; ſo gede - müthigt! faſt beſchämt, daß ich leben geblieben, und dann wieder eine wahre Furcht vor dem Tode empfindend. Wenn Fichte ſterben muß, dann iſt niemand ſicher; mich dünkte immer, Leben ſchützt vor dem Tode: wer lebte mehr als der? Todt iſt er aber nicht, gewiß nicht! Fichte konnte alſo nicht erleben, daß ſich die Länder vom Krieg erholten, Zäune wieder aufgebaut würden, dem Bauer geholfen, den Geſetzen nachgeholfen, daß die Schulen ſich wieder herſtellten und füll - ten, daß gewitzigte Staatsleute ihnen von den Fürſten Schutz verſchafften! daß Geſetze erfunden und ausgetheilt würden, daß die Denker frei, ohne den Augenblick zu ſchaden, ſie Volk und Regenten zur Geiſtesprüfung vorlegen dürften; dies ſelbſt ein Glück, zu aller Zukunft Glück! Der Mann, der dies, und alſo Deutſches, was allein ſo genannt werden dürſte, nur einzig und allein beabſichtigte, mißverſtanden von den meiſten Mitlebenden! Alſo auch er ſoll nicht aufgehn ſehn, was er173 aus den dunkeln Schluchten, im Schweiße ſeines Angeſichts, in dem ganzen Aufwand ſeiner Seelenkraft hervortrieb? Leſſing! Leſſing liegt auch; von wenigen nur nicht vergeſſen; und mußte kämpfen um das, was jetzt platt in jeder Zeitung ſtehen darf, um das, was ſolcher Gemeinplatz geworden iſt, daß ſie den Erfinder vergeſſen, und es in ſtupider Albernheit nur ihm nachſprechen dürfen! Und was würde er jetzt wie - der den Andern vorſprechen! Wie würde er ſie über ihren Dünkel abkappen; ſie polemiſch, lebendig überführen, ihnen zur rechten Minute Völker und Geſchichte vorrücken, in die blinde Aufgeblaſenheit Löcher reißen, und ihnen die Ausſicht für That und Sache öffnen und frei machen, mit Ernſt und Spott. Dieſer Mann mußte ſich mit einem Goeze abringen, und Schutt wegräumen, der damals feſt und gerade ſtand wie unſere Gebäude. So auch Racine und Voltaire und all die Andern, die ſie jetzt verachten wollen, weil ſie die Zeit nicht faſſen, in der jene leben mußten. Racine mußte große Kränkungen erleben, große Korreſpondenzen führen, weil ſein Sohn Manſchetten angehabt hatte, und in einer gewiſſen Schule darum nicht mehr geduldet werden ſollte, und mußte dieſen jungen Menſchen deßhalb ſchelten, und ſich anklagen und entſchuldigen! Eine vornehme Dame wurde krank, und von ihrer Tochter verfolgt, weil dieſe rechtgläubig, und die Mutter es nicht war! Mit Gewalt ſchickte man einem Dich - ter, welcher krank wurde, die Sakramente! Und dieſe Leute ſollten davon ſprechen und ſchreiben, was jetzt vorgeht? Die Religion der Jetzigen iſt prahleriſcher, als der Abſcheu jener vor den nur herrſchenden Ceremonien derſelben. Leſſing,174 Fichte! und ihr Ehrlichen alle, möget ihr unſere Fortſchritte ſehen, und uns mit euren ſtarken Geiſtern ſegnen! So denke ich mir Heilige, begabt von Gott, geliebt von ihm, ihm treu. Selig ſei unſer ehrlicher Lehrer!

An M. Th. Robert, in Berlin.

Ich nehme den Zeitpunkt des Morgens wahr, um dir heute gleich mit der ſchleſiſchen Poſt anzuzeigen, daß ich ge - ſtern als die ſächſiſche Poſt längſt weg war deinen Brief mit dem Kreditbrief erhalten habe; davon nachher. Natürlich habe ich Gicht: und das von der beſten Sorte. Einſt erzähle ich wie es war; für jetzt nur dies als Zeichen. Der alte Arzt, als er da war, ſagte in meiner Gegenwart zu Auguſten ganz in Mitleid aufgelöſt: Ich kenne den Schmerz; ich ſpielte mal mit Kinsky dem vor einem Jahre geſtürzten Fürſten und noch fünf Militairs (und nannte ſie alle), bückte mich, und bekam den Schmerz im Kreuz aber, alſo nur Kourbatüre, konnte nicht wieder auf: und man macht ſolche Geſichter, glauben Sie’s, daß davon bloß in der Angſt alle die ſechs Männer wegliefen, weil ſie beſtimmt glaub - ten, ich verſcheide. Die Beiden, die mich hielten, wein - ten aus Nervenzuſtand in den Winklen, wenn ein Acceß bei mir vorüber war. Drei Lager mit Betten waren in meiner Stube gemacht; und ich kam doch häufig auf die Erde. ꝛc. ꝛc. !!! und du glaubſt, es iſt Gicht? Alle Ärzte,175 die mich beſuchen, ſtellen dieſelben Fragen an: nämlich, nach den Bewegungen, die ich machen kann: weil es zu häu - fig iſt, daß man gelähmt bleibt: dennoch iſt es nur Rheuma - tism: weil Gicht nicht einmal immer ſchmerzt, aber im gan - zen Körper iſt, und lähmt. Wie bei Tieck. Die Einreibung hat allerdings den Ausſchlag eine Art Pocken, denkt euch bewirkt, aber als Soulagement nur, nicht als Radikalkur. Alle Tage ſtehe ich zu Tiſche auf, und gehe bis an die Thüre, dann dauert das Eſſen und das Sitzen wohl drei Viertelſtun - den: dann gehe ich oder laß mich zu Bette tragen: und dann, ſchwör ich euch, fühle ich ſolche Müdigkeit und Anſtrengung, ſolche zerbrochene Glieder, und ſolche Wonne, als wenn ich von einer zweitägigen Jagdparthie wiederkäme. Jedoch bin ich froh und beſſere mich. Schreiben nur kann ich ſchwer, des Schwitzens wegen, welches oft nachher fünf, ſechs, ja mehrere Stunden anhält: und mich dann ſo ſehr erkältlich macht, weil mir dabei oder nachher die Glieder verklammen. Mein Arzt giebt mir die zweckmäßigſten glücklichſten Mittel; er ſieht klar meine ganze Natur ein. Ein übermenſchliches Glück. Heute iſt das hellſte, kälteſte, knurprichſte Winterwetter! Allerhand Bälle, wo ich geladen bin, im Faſching. So in vier Wochen worde ich wohl ausfahren, wenn’s Wetter ſchön iſt. Seit September war ich dreimal aus! Schrecklich. So etwas muß man erlebt haben. Nun nur noch ein Anekdötchen, und dann nichts mehr vom Körper. Mit welchem Zittern und Mühe ich in das Bad hinein und heraus komme, habe ich euch geſchrieben. Mittwoch bin ich denn auch eben mit Mühe hinein gehoben; natürlich nichts zum Herausſteigen gewärmt176 noch bereit; ich will mich eben niederſetzen, die Beine das kranke ſind drin, Dore und das andere Mädchen ſchreien, ſtürzen zurück, kurz der Boden der Wanne ſtürzt ein: und elf bis zwölf Eimer Waſſer in mein Zimmer: ich wurde nicht ohnmächtig, und ſchrie: tragt mich nach dem Bett! Die Mäd - chen aber waren es, und ließen mich ſtehen: endlich trug mich doch die eine. Aber das Zimmer ſchwamm, und ſie ſchrieen nur wie die weißen Geſpenſter: Herr Jeſus! Ich ließ mir die grüne Decke umſchlagen, und durch ein kaltes Zimmer mich in Auguſtens Bette tragen durch die herbei geſchrieene Haus - meiſterin; in Auguſtens Zimmer war es ganz kalt, die Fen - ſter offen, mitten im Reinemachen: ſie in der Probe. Alle Wärmſteine wurden gebracht: und ſo lag ich denn in Gott gefaßt, ob ich wieder einen Rückfall haben ſollte. Beordern mußte alles noch ich, Dore war ganz naß, und hatte den Zit - terkrampf (noch um 7 Abends), das andere Mädchen zu Kräm - pfen geneigt, ſtumm und ſteif! Als ich ſo lag, kam unver - hofft mein Arzt. Unterſagte mir den Gebrauch der Arzenei für den Tag, weil bei der Agitation an kein Mittel zu den - ken ſei! ſo etwas hatte er nie gehört! (Freilich, wenn ein Anderer krank, und ich geſund geweſen wäre, ſo wäre es unmöglich geweſen. ) Gott erhörte aber mein wirklich in Verzweiflung ergebenes Gebet, es ſchadete mir gar nichts. Aber die Gefahr!

Meine ganze Seele freut ſich, Markus, daß du mir die Hoffnung giebſt, daß ich die Vorſchüſſe werde bezahlen kön - nen. Denn meine ganze Seele war vom Gegentheil immer - weg heimlich gedrückt. Ich habe auch ein gutes Gewiſſen,das177das iſt die innre Luft, in der die Seele athmen oder erſticken muß. Zum Leben gehört aber mehr, als Athmen. Schulden machen, ſich arm werden ſehen: ſich einſchränken müſſen nicht begränzen ſondern ordentlich einſchränken müſſen: iſt nicht plaiſant. Ich glaube dir, daß du Theil daran nimmſt und dich auch für deine Rechnung freuſt, daß die ſtockende Erbſchaft ſich löſt. Einzurichten weiß ich mich, das darf ich dreiſt ſagen. Ich werde von dem Kredit nur alle Monat ſo viel nehmen, als ungefähr machen. Was meine Krank - heit koſtete, will ich von dem Gelde wechslen, was ich noch du weißt von wem habe; und welches ich zur Flucht noch immer aufbewahrte, und zur Reiſe. Nicht einen Pfennig hab ich unnöthig ausgegeben: aber die Krankheit wird gewiß nah an dreihundert Thaler koſten; das ſehe ich ſchon jetzt. Ich ſchreibe wie immer jeden Pfennig auf. Meinen Breslauer Hut habe ich noch; zum Winter ſchwarz gefärbt, aber noch nicht aufgehabt!!! Einen ſchwarzen Wattenrock habe ich zur Krankheit im Hauſe haben müſſen, die allernöthigſten Schuh und Handſchuh. Sonſt nichts. Aber oblique Ausgaben hat man immer. Und auch hier behauptet jeder, ich ſei reich; bei meiner Ruppigkeit.

Nicht hoffen können kommt nicht von Leidenſchaftlich - keit; ſondern ob einem im Leben etwas gelungen iſt oder nicht; und von Einſicht, ob einem auf gradem Wege ohne Zuthun des reinen Glücks etwas gelingen kann. Unfähig - keit der Natur hindert daran nicht, ſondern ander Poſitives. Ein Glück iſt es; zu hoffen. Aber die Menſchen z. B., die immer hoffen was ſie wünſchen, ſind mir bei ihrem GlückII. 12178zuwider: meine Niedergeſchlagenheit darin aber, iſt, von einer andern Art, auch ſehr häßlich; noch dazu, als Geburt lan - gen Mißlingens. In Krankheiten z. B., worin ich immer noch Glück hatte: bin ich nichts weniger als hoffnungslos.

Daß Moritz zufrieden iſt, freut mich, weil das nichts an - ders heißt, als er verdient Geld. Er muß gewinnen, um einige Ruhe zu haben: beſitzen reicht ihm nicht hin, und beſäße er auch ſo viel, daß er ſich monatlich ſeinen Verdienſt davon nehmen könnte. Erneſtine hat mir nicht geſchrieben, ſie iſt doch wohl? Ludwig iſt geſund. Dir, Hans, kann ich heute nur flüchtig danken. Du denkſt nicht beſſer von dir, als ich: ſo viel wiſſe. Künftig ſchreibe ich dir. Heute bin ich zu echauffirt. Dein Brief freute mich, und ich weinte. Hanne, dir dank ich deine Zeilen auch. Ja! ihr hättet mir auch einen Theil der Schmerzen abgenommen. Ich euch, Gott iſt Zeuge, auch. Laßt die Bauer wiſſen, daß ich jetzt nicht ſchrei - ben kann. Und wo möglich alle Bekannte; den Onkel. Ich glaube, daß Fanny geſund iſt: aber ſchreibe, wenn auch nur ein Wort! Ihr könnt mir nach ſolchen Leiden die Angſt nicht verdenken: und alle Menſchen ſind hier heſtig krank; einer nach dem andern. Und ſterben: wie Blüthen abfallen, zahllos. Ich weiß längſt von Grapengießer: und Allen, die geſtorben ſind. Hans, dir ſchreib ich nächſtens ganz genau. Kinder, wenn wir nur in Frankreich keine Bataille verlieren! Varnhagen iſt durch Bremen nach Bonn. Hab ich ſchon geſchrieben, daß er den Schwertorden hat? ich glaube. Adieu, adieu. Mein Kopf fängt an. Friede und Freude ſage ich auch. Grüßt Erneſtinen und Nette. Und küſſe einer Fer -179 dinand, du Hans, Kinderfreund! Grüße Mendelsſohn. Laß dir doch von Hitzig oder Prinzeß Radziwill das Stück der Tettenborn’ſchen Feldlager-Zeitung geben, worin ſeine Erhe - bung zum Bremer Bürger ſteht.

Das iſt noch hübſcher! Ich endige, womit ich, bei Gott, anfangen wollte. Dir für deinen Troſt, deine Exaktitüde, für deine Verſprechungen und für deine Sendung zu danken!

Die brandenburgiſche Phyſionomie drückt keinesweges Inhumanität aus. Sondern eine gewiſſe Klarheit ich weiß ſonſt das grade Gegentheil, ja beinah, die Unmöglichkeit der Narrheit, nicht zu benennen , die aber überhaupt zu we - nig kräftig und poſitiv genährt iſt, als daß man ſie nicht mit Nüchternheit verwechslen könnte; weil nicht alle unſere Landsleute auch den Zuſatz in ſich, und ihren Geſichtsausdruck tragen, der von der Liebhaberei an Spaß nicht Scherz Ironie, und ein wenig zum Narren haben zeugt. Der Haupt - ausdruck eines ächt brandenburgiſchen Geſichts iſt immer der, daß man ihm nichts weiß machen kann. Und alle Caglioſtro’s ſind auch in unſerm Lande geſcheitert, vom fernſten Weſten und Süden konnten ſie bis nach Petersburg wirken, blenden, gewinnen: in Berlin ließ man ſie nüchtern durch. Die große Ebne; nie eine phantaſienährende Berg - oder See-Ausſicht, oder Nachricht; die dazu paſſende proteſtantiſche Religion; die kluge, ehrliche, in jedem Sinn ökonomiſche Fürſtenreihe; die ſaftloſen Nahrungsmittel, die Mäßigkeit ſelbſt in dem Genuß12 *180derer, die der Sandboden wohl zuerſt diktirte, ſind ſchon die bekannten Urſachen.

Jetzt fällt mir oft ein zu ſagen: Ich mag nicht von ihm ſprechen, ich bin böſe auf ihn, und kann ihm nur Gerechtig - keit widerfahren laſſen.

Warum ſollt ich nicht natürlich ſein? Ich wüßte nichts Beſſeres und Mannigfaltigeres zu affektiren!

An Varnhagen, in der Champagne.

Mein Brief von geſtern an dich war wieder ſo gut, als gelogen; obgleich er mit der höchſten Wahrhaftigkeit geſchrie - ben war. Weil er das Ende verſchiedener Stimmungen und Gedanken ausdrückte, die mir ſeit einer ſehr kurzen Zeit ſchon alt geworden waren; weil ich aus Schwäche nicht ausführ - lich werden konnte, mir jetzt häufige und helle Gedanken kom - men, aber noch ſchneller als ſonſt verſchwinden, und mir nur wie ein Wetter ihre Reſultate als Frucht zurücklaſſen. Ich bin ſo geplagt von Gedanken, Vorſtellungen und Einfällen, daß ich mir Blätter bereitet habe, um ſie wo möglich gleich hinzuſchreiben; für dich und mich: dies hier als erſtes zu Er - gänzung des geſtrigen Briefes. Er klang accurat, als ſie ich nur aufgebracht gegen dieſen und jenen, die mir denn Alle,181 und alles, was man mit ihnen vorhaben kann, klar gemacht hätten. So war es wohl auch: denn obwohl ich in einem durchdringenden Blick eine nicht irre zu machende Überzeu - gung von den Menſchen habe, als zuſammenhängendſte Na - turgabe aller meiner Eigenſchaften, ſo kann ich mich in gröb - lichem Irrthum befinden, ohne mich über diejenigen, ſo zu ſagen, die ich vor mir habe, zu irren. Weil ich mich zu der raſenden Willkür, einen einzelnen, groben, gemeinen Fall an - zunehmen, den Menſchen, welchen ich grade vor mir habe, ihn ausführen zu laſſen, nicht entſchließe. Ich will nicht ſa - gen, entſchließen kann: nicht entſchließen mag. Ich beſchimpfe, verunreinige dadurch mich ſelbſt! Was einer fähig iſt, weiß niemand beſſer als ich: niemand geſchwinder. Dieſe Pe - netration alſo, und jene Entſchlußloſigkeit, machen nun, daß ich auch eine doppelte Behandlung für die Menſchen habe: eine voller Betragen und Vorausſetzung procédé auf gut Deutſch äußerlich; und eine richtende, ſtrenge verachtende oder vergötternde, innen. Leicht kann ein jeder mich inkon - ſequent, feig, biegſam und furchtſam wieder auf Deutſch: lâche finden, und glauben, die beſſere Überzeugung komme bei mir nur vor - oder nachher, und der Augenblick könne mir Leidenſchaftlichkeit über Sinn und Verſtand werfen. Mit nichten; nie hab ich einen klareren, immer gleich ſo klaren, Menſchen gefunden. Da aber bei mir ganz kleine Züge über den ganzen innern menſchlichen Kernwerth für alle Ewigkeit, d. h. ſo lang des Menſchen Komplexion dauert, entſcheiden, ſo wird es ja unmöglich, daß ich ihm zeige, wofür ich ihn halte, was ich von dieſem beſtimmten Umſtand, in welchem wir182 uns befinden, denke!! Sie müßten mich für raſend halten; oder ich müßte ſie vergehen ſehn, als ſich ſelbſt verdammendes Unding. Drum bleibt mir ſchweigen, ſchonen, ärgern, meiden, betrachten, zerſtreuen, gebrauchen, ungeſchickt wüthig ſein, und noch obenein mich mit großer Geläufigkeit tadeln zu laſſen, von ordentlichen Thieren! Dir konnt ich die Wahrheit ſagen: Einmal war es möglich; und daraus entſtand unſere Freund - ſchaft. Freundſchaft, welch ein Wort!

An M. Th. Robert, in Berlin.

Hier iſt ein Brief von Ludwig Robert, den ich dieſen Mit - tag erhielt wahrſcheinlich war er ſchon vorgeſtern hier ich will ihn nicht allein zu euch gehen laſſen, damit ihr nichts denkt. Sonſt hätte ich wohl noch nicht geſchrieben; da ihr ſo lange nicht antwortet, und vielleicht die heftige Korreſpondenz nicht mögt. Jedoch konnt ich auch nicht: denn in dem Zu - ſtand von Geneſung, in welchem ich nur wenige Stunden des Tages aufzubleiben vermochte, befiel mich ein Schnupfen ſol - cher Art, daß ich jeden Gebrauch der Mittel unterlaſſen mußte, zehn Tage zu Bette bleiben, bei ganz verhängten Fenſtern, und katarrhaliſchem Fieber und Schwitzmittlen, gräßlichen Nervenattaken, und ſieben, ſieben! Migrainen, von welchen man allein krank bleiben kann. Das linke Auge war davon äußerlich roth und geſchwollen! Einen Tag mußt ich mir’s mit der Hand von 5 Uhr Abends bis 5 Uhr Morgens hal -183 ten!!! Dies letzte hat mich mehr erblaßt, vermagert, geſchwächt, als die andern acht Wochen Liegen. Von geſtern lieg ich nun neun Wochen. Seit geſtern gehe ich angepanzert umher. Schnaube wie ein Beſeſſener. Mein Bein iſt nur ziemlich, und leidet bei der allgemeinen Schwäche; befehlen werde ich ihm wohl nie wieder können, es wird wohl mein Herr bleiben. Nun wißt ihr wieder Übles von mir! Es iſt nicht meine Schuld, und bei Gott! ich gäbe es gerne weg. C’est trop fort! Das Gute dabei iſt aber das: daß wenn ich nur eine Stunde, eine halbe, eine Viertelſtunde, nerven - und peinfrei bin, ich von der luſtigſten, bonmotiſirendſten, heiterſten Gemüthsſtimmung bin. Voller Gedanken und innerer Bewe - gung. Am liebſten bleib ich mit Doren allein; und fühl ich mich nur eine Minute frei, ſo lachen wir aux éclats. Ich weiß immer Stoff zu Scherz und Witz aus meinem Zuſtand zu nehmen, beſonders dient mir die Luſt allein bleiben zu wol - len dazu. Ein Beſuch iſt mir ein Gräuel und die Andern denken’s nicht! weil ich keinen ertragen kann. Ich leſe nun ſchon vierzehn Tage auch nicht; nur ſeit heute erſt wieder das göttliche Extrablatt, welches mir ſo gleich es erſchienen meine Wirthin ſchickte. Das weite Rheims faßt kaum die Zahl der Gäſte! Graf Luckner kam bald nachher vor mein Bett heut iſt mir nicht ſo wohl mir berichten, Graf Reichen - bach, unſer Kommandant, ließe mich grüßen, der habe hier bei dem Kommandirenden einen Kourier ankommen ſehen, der die gewonnene Schlacht bei Soiſſons von Blücher gegen Napoleon meldete, welche Nachricht Fürſt Schwarzenberg dem Komman - direnden Gouverneur hier auf die Addreſſe geſchrieben184 habe. Das hat mich ſehr erheitert. Roberts Brief mich auch ungemein gefreut! Ich werde ihm ſehr zum Selbſtvertrauen und zur Thätigkeit zureden.

Von Varnhagen weiß ich ſeit dem 17. Februar nichts, da war er in Trier. Nur von euch erfahre ich nichts. Von Moritz träumte ich dieſen Morgen ſehr ſchwer, bis ich aus Angſt erwachte. Lebt Nette? Sie, ihr, und Mendelsſohn und Erneſtine antworten nicht. Ich ſchrieb euch den 9. Fe - bruar, den 11. mit einem Robert’ſchen Brief, den 20. mit der Breslauer Poſt, den 26. an Erneſtinen, den 27. wieder ein Wort mit Roberts Brief. Was machen die Kinder, Hans? Alle? Habt ihr. Mad. Staëls Buch? ich nicht. Schickt es mir in Franzöſiſch mit Weber! Goethe giebt ein ganz neues heraus. Iſt der dritte Theil ſeines Lebens da? Lebt wohl!

Eure R. R.

So wie man manchen Menſchen niedlich, hübſch oder angenehm finden muß, wenn man auch keinen einzigen Zug in ſeinem Geſichte, oder kein Glied an ſeinem Körper als richtig angeben kann, ſo hat T. durchaus etwas unangenehm Unanſehnliches, ohne daß man beſonders auffallende Diffor - mitäten im Einzelnen gleich entdeckte. Sie weiß das ganz genau; und der Eindruck, den ſie von jeher machte, hat auf ihre Art ſich darzuſtellen, und auf ihre ſowohl alleroberfläch - lichſte und leiſeſte, als auch heftigſte und tiefſte Äußerung den beſtimmteſten Einfluß: dieſe Art der Darſtellung ihrer ſelbſt185 nimmt man aber (mit hinlänglichem Rechte zwar auch) für ihren Karakter; der aber in des Herzens Mitte ſich recht eigentlich geflüchtet hat, gegen die rohe, flache Vorausſetzung, und von der ihr ſelbſt nur zu mißfälligen Erſcheinung ihrer ſelbſt. Zum Beiſpiel iſt ihr mit das Gräßlichſte: Verlegen - heit; für ſie oder für Andre beinah gleich; und in den aller - peinlichſten, unerträglichſten Augenblicken einer ſolchen zeigt ſie ſich immer dreiſt, thätig und mit Geiſtesgegenwart; und kein Menſch erahndet auch nur bei ſolchen Gelegenheiten, wie ihr ungefähr iſt. Sie loben ſie immer wegen ihrer Uner - ſchütterlichkeit, oder wie ſie es ſonſt nennen: wenn ſie ſich aus Schamhaftigkeit aufopfert, und ganze Hiebe im Herzen bluten läßt, ohne nur ſich hinzuwenden, oder einen Wehlaut daraus hervor zu laſſen. O! Maske, Maske! Du biſt keine Maske; wer kann dich loswerden, wenn du eine Mitgift biſt! Masken durchzuſehen, iſt eine wahre Wohlthat für das Men - ſchengeſchlecht. Dieſe Wohlthat übt T. im höchſten Sinn und viel in der Welt.

Zwei unausſprechliche Fehler hab ich aber: und die kennt niemand. O! könnt ich ſie darſtellen, wie ich ſie kenne! Jede Eigenſchaft wird einer, die man nicht regieren kann. Es iſt mir nie gelungen, und ich verzweifle nun auch ganz dran. Drum beicht ich ſie gern. Ja, denk dir, es exiſtiren zwei Abbildungen von mir, ein Basrelief von Tiecks frühſter Arbeit, und das Bild, welches bei meinem Bruder hängt; beide find ich ſehr ähnlich: und es ſind die widerwärtigſten Geſichter für mich, die ich kenne. Bloß, weil ich jene Eigen - ſchaften bis zum langgezogenen Fehler darin ſehe. Auch in186 noch zwei andern Menſchen ihren Geſichtern die ſehr hübſch ſind kenne ich ſie, nur im leiſeſten Grad, und doch ſind ſie ſchon Karikatur. Beide Perſonen haben auch dieſe Züge im Karakter. Die beiden Eigenſchaften aber ſind: eine zu große Dankbarkeit, und zu viel Rückſicht für menſchlich An - geſicht . Eher kann ich nach dem eignen Herzen mit der Hand faſſen, und es verletzen, als ein Angeſicht kränken, und ein gekränktes ſehen. Und zu dankbar bin ich, weil es mir zu ſchlecht ging, und ich gleich an lauter Leiſten und Vergel - ten denke; auch weil nur ich immer leiſtete, dies letzte iſt ganz leidenſchaftlich und mechaniſch zugleich geworden. Dies alles kommt daher: weil die holde, freigebige, ſorgloſe Natur mir eins der feinſten und ſtarkorganiſirteſten Herzen gegeben hat, die auf der Erde ſind; weil ich keine perſönliche Liebenswür - digkeit habe, und man es alſo nicht ſieht: weil auch mein rauher, ſtrenger, heftiger, launenhafter, genialiſcher, faſt tol - ler Vater es überſah und es brach, brach. Mir jedes Talent zur That zerbrach, ohne ſolchen Karakter ſchwächen zu kön - nen. Nun arbeitet dieſer ewig verkehrt, wie eine Pflanze, die nach der Erde hinein treibt: die ſchönſten Eigenſchaften wer - den die widrigſten. Du wirſt es ganz verſtehen! Ich wäre ein ſehr, für Aller Augen, verkrüppeltes Geſchöpf geworden, läge nicht großartige Betrachtung der Natur aller Dinge in mir, und jenes Vergeſſen der Perſönlichkeit, ohne welches die genialiſchſten Menſchen auf der Erde, und in jeder Wiſſen - ſchaft, keine wären. Dies iſt der einzige Leichtſinn, den mir der doch gütige Gott mitgegeben; und die einzige Grazie in meiner ganzen Natur. Zugleich mein Glück, die Sphäre187 meines Gebets jeder Erhebung mein eigentlichſtes Da - ſein, die expanſive Möglichkeit zu fernern Exiſtenzen, das höchſte Leben, welches zu anderm Leben hinauf glimmt und flammt. Und denk dir, Freund, dies war der Sinn, in dem ich dir geſtern ſchrieb: Die Geſellſchaft könne mich für ein Müllerweib anſehen, nur um deinetwillen hätte ich noch für mich Ambition; und nicht Zorn über dies oder jenes Ereig - niß. Die Geſellſchaft war mir von je die Hälfte des Lebens. Weil ich richtig fühlte, was ſie ſein ſollte: der ſich bewußte, behagliche Verein im Genuß und Weiterbringen alles menſch - lich ſchon Geleiſteten. Durch keinen Kampf aber muß man in ſolchen Bildungskreis, wo Natur und Geiſtesausbeute ſich durchdrungen haben, gelangen! Wie zu keinem Glück! Den Kampf alſo bin ich ſatt; weil ich ihn nicht zu führen ver - ſtehe; weil ich ihn verachte, mit dem Schickſal, welches mich dazu verdammen konnte.

Keine Beſchreibung von dem, was man in der nun ſchon zum hundertſtenmale zerſtückelten Geſellſchaftswelt finden kann, die doch nur bis jetzt ein zerhacktes Gemeng der griechiſchen, römiſchen und bibliſchen bleibt. Es iſt kein großartiger Ur - ſprung darin, der ſich an eine Lokalnatur lehnte, die einem richtig von den Religionen-Erfindern geſehen! von Gott überliefert wird! Wir ſind Alle wie Frühlings - gebirgswaſſer, welches erſt ablaufen muß. Kein Meer, kein Strom, kein Quell. Leben genug iſt in einem ſolchen Waſſer auch! das weiß ich. Wenn ich oder du nicht mitwirken kön - nen, das heißt Gutes vom Tag für den Tag eine Ein - richtung dazu iſt beinah nicht vorhanden, ſo ergötzt mich188 die große Welt gar nicht ſo! Noch dazu jetzt, in ihrer Ar - muth und Zerſtörung. Was hab ich an getäfelten Zimmern voll Menſchen, für welche die Natur, die Natur keines Din - ges, keine innere Erhellung, kein Wunder der Nerven, noch des Geiſtes noch des Herzens exiſtirt!! Und zu dem Ennui, welches mir nur der Ehrgeiz Mittel zu einem Zwecke erträglich machen kann, und ſein Spiel und ſeine Spannungen, zu dem ſollt ich mich noch ohne Zweck hin - arbeiten wollen? Dies kann ich nicht mehr! ich ſehe ſie ja noch immer, dann und wann, und kenne ſie Alle. Iſt man darin, à la bonne heure! Es iſt Bewegung wie alle. Nur nicht vorzugsweiſe. Dies wollt ich dir geſtern ſagen. Und wie hab ich dir ganz etwas anders geſtern ausge - drückt!

Noch Eins! Wo nicht von Natur verhandelt, wird, durch Sehen und Hören, Auseinanderſetzen; Muſik, Bildnerei irgend einer Art vorkommt, da halt ich’s gar nicht mehr aus. In der Länge zur Frequenz nicht.

Auch iſt es T. ganz und gar nicht ſchmeichelhaft, wenn Einer nach und nach von ihr eingenommen wird; dies iſt ihr ſo bekannt, ſo gewiß, wie den großen berühmten Schönheiten mit Unrecht ihre Eroberungen und Anbeter. Schon ihrem Freund Gualtieri, wenn ihr der ſagte: Sie ſind ordentlich hübſch, wenn man Sie lange anſieht, oder was er ſonſt der - gleichen hervorbrachte, antwortete ſie: Ja, ja, wie Azor,189 man gewöhnt ſich daran. Dann wollte der außer ſich ge - rathen. Die Beiden waren komiſch zuſammen.

Die Geſchichte der Madame de la Pommeraye in Dide - rot’s Jaques le Fataliste iſt für mich viel tragiſcher, als die von Romeo und Julia im Shakeſpeare. In jener iſt gar kein zufälliges Unglück, welches ſich zu dem der Liebe noch erſt geſellen müßte. Die Frau muß ihr größtes Leid erleben, worein ſie nicht willigen will; ſie ſchafft ſich Rache, die ihr gelingt, ſie drückt ſie feſt auf das ſchmerzende Herz. Vergeb - lich! dem Feinde iſt Glück in der Liebe zugedacht, er findet es in der Schande, die ſie ihm bereitete, weil ein Gott ihn ſegnete, aber von ihr ſich wendet, und allein muß ſie bleiben, mit dem Schaden für’s Leben. Das hat Diderot ſehr richtig gefühlt, und auch er allein nur, meines Wiſſens dargeſtellt. Das iſt nicht tragiſch, was andere Moraliſten zeigen; wie man ſich ſelbſt ſchadet, was man vermeiden könnte, wie man ſich Unglück zuzieht, wie man mit den Göttern wählen ſollte und nicht ohne ſie, wie innerer Friede ſchätzenswerther als ander Gewünſchtes ſei. Tragiſch iſt das, was wir durchaus nicht verſtehen, worein wir uns ergeben müſſen; welches keine Klugheit, keine Weisheit zerſtören noch vermeiden kann; wohin unſere innerſte Natur uns treibt, reißt, lockt, unvermeidlich führt und hält; wenn dies uns zerſtört, und wir mit der Frage ſitzen bleiben: Warum? warum mir das, warum ich dazu ge - macht? und aller Geiſt und alle Kraft nur dient, die Zerſtö - rung zu faſſen, zu fühlen, oder ſich über ſie zu zerſtreuen.

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Sollte Goethe mit Bedacht im Wilhelm Meiſter alle die - jenigen, denen die Liebe das ganze Leben in ſich aufnahm, haben ſterben laſſen? Sperata, Mariane, Mignon, Aurelie, der Harfenſpieler?

Und ſollte er die beiden Texte zu dem Buche in dem Buche kennen? die des ganzen Werkes Keim ſind, aus dem es nur Goethe’s Geiſt, wie Sonne, hervortrieb? die Be - merkung nämlich, daß jeder Fluß, jeder Berg genommen ſei auf der Erde, und dann das, was Meiſter Aurelien, vor oder nach ſeiner Verwundung an der Hand, ſagt: O wie ſonderbar iſt es, daß dem Menſchen nicht allein das Unmög - liche, ſondern auch ſo manches Mögliche verſagt iſt! Dieſes Netz von Witz, in dem uns die Götter hier gefangen halten, in welchem wir errathen, toben, arbeiten, beten müſſen, und durchſchauen und durchgreifen können. Für möglich halten wir manches; das was nicht iſt, iſt unmöglich; wenn wir das immer wüßten und dächten, thäten wir nichts; und kein Buch würde wohl geſchrieben mit ſeinen Vorausſetzungen, Bildern Beweiſen und Erörterungen.

Darum finde ich auch in Goethe’s Taſſo das tragiſcheſte Ereigniß. Ganz ſeiner innerſten Natur zuwider, muß er ſich am Ende an den halten, der ihm das Abſcheulichſte iſt; im Kampfe mit der Seligkeit ſeines Herzens überwunden, ſie fahren laſſen; und endlich, um das Vernünftige zu ergreifen, die Seele nach der unnatürlichſten Lage hinrenken; und ſo das Herz in fremden, rauhen Gehegen ausſtrömen laſſen, wel - ches geboren war, nach ſeinen ſelbſt erkornen Himmeln zu191 ſtrömen. Solcher Todtſchlag bleibt ein ewiger Schmerz: iſt nicht zu bekämpfen, nicht zu ändern, und einzig tragiſch.

Shakeſpeare ſagt: So ſoll ich denn mit fremden Augen in die Glückſeligkeit ſchauen! Wie vor einer ausgehungerten Stadt, können einem ſehr Unglücklichen alle möglichen Lebens - mittel vor dem Herzen vorbeiziehen, und kein Korn, kein Tropfen Nahrung hinein kommen; er ſieht den Reichthum, und nimmt Theil an der erquickenden Fülle der Andern, und feſte Thore verſchließen auf ewig ſein Herz. Einem ſolchen beneidet und tadelt man oft noch Eitelkeit: ach! und er ver - mag gar nicht eitel zu ſein, im Grunde!

Holde, reiche, milde, troſtvolle Natur, nimm ihn auf in deinen unendlichen Schooß! verwehe ihm Menſchenſpur aus dem geängſtigten, mißbrauchten, von ihm ſelbſt mißbrauchten und mißverſtandenen Herzen: verleibe ihn ein in dein Geſund - heitsathmen, vereinige ihn mit Element und Wetter! daß er, ſelbſt geſund, durchſonnte Atmoſphäre athme, einſauge, em - pfinde, und mit ihr einverſtanden ſei, durch frei bewegten Organismus der Glieder, und ſeines Geiſtes; daß er kein Verhältniß, nur ein Sein fühle, und eine frohe Welt empfinde!

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An M. Th. Robert, in Berlin.

Morgen, liebe Freunde, werden es acht Tage, daß ich euren mich erfreuenden Brief, mit Roſe ihrem darin, und einen beſondern von Moritz und Erneſtinen erhielt. Die Poſt nach euch war ſchon weg, und auch Sonnabend vermocht ich nicht zu antworten. Denn denkt euch, Kinder; ich lag im heftigſten Fieber, ja lebensgefährlich an einer Halsentzündung. Was Erſticken auf der Bruſt heißt, weiß ich gewiß; im Halſe iſt es wegen der Verbindung mit dem Kopfe noch ängſtlicher dem Gefühle nach und mein Erbrechen! Ich wußte gar nicht, daß hier ſolche Epidemie herrſche: den 24. und 25. März war ich etwas ausgefahren. Stellte aber jedoch dieſe Fahrten aus manchen Gründen, und beſonders weil ich die Fatigue nicht ertragen konnte, da ich bis dahin nur ſtundenweiſe aus dem Bette geweſen war, gleich wieder ein: brauchte zwei Tage, mich von Gliederſchmerzen und der Verwirrung zu er - holen. Den 28. drückt es mich etwas im Hals. Drei Nächte bring ich ſehr übel zu: ich zitire meinen Arzt. Kurz! muß Bäder ſchwitzen; genieße nichts; muß ſechs Tage am Halſe warme Kräuterumſchläge nehmen!!! ſtehe ſchrecklich aus! werde die letzten Tage ſo entkräftet, daß ich um einen Trop - fen Wein oder Kaffee bitte: bringe ſie ohnmächtig zu! Der Arzt verſagt es ſtreng; und ſagt: ſo müſſen Sie her - unter kommen: das iſt ja die Art der Heilung. Kurz, genug! Eine neue horreur! Die vorletzte Nacht ſchlief ich zum erſten -mal193mal ohne Umſchlag und Gurgelei: heute lag ich ſo; aber ſchlief nicht: und fühle es ſehr! Alſo viermal habe ich hier ſchon Fieber gehabt. Im Oktober das erſte: und ſeit dem 17. Ja - nuar bin ich nur wenige Tage, ja nur Stunden aus dem Bette. Denn bei meiner großen Attake hatte ich auch welches: man verheimlichte es nur. Bei meinem Halsübel hatte ich das noch obenein, daß Dore es auch, nur ſchwächer, hatte, und ich in dieſer Noth die noch ſchonen ſollte: wo ewig Einer einem erſticken helfen muß, und ein kühler Umſchlag den Tod bringt: ꝛc. Nun iſt der Hals wieder gut; und ich wie - der Einmal zum Ausfahren ſchreitend. Ich ſtehe viel aus. Verſtehe aber mein Übel. Ich ſehe ein: daß wenn die heftigen katarrhaliſchen Zufälle nicht ſo hintereinander gekommen - ren, der bis zur Gicht faſt verhärtete Rheumatismus ſich nie gelöſt hätte. Harte, ſchwere, entkräftende Heilart. Gott ſchickt es mir. Ich hatte zu viel Verdruß, gar keine Freude: ſo lange Jahre: ich ſagte es immer zu Varnhagen. Sterben ſollte ich nicht; ob ich gleich zweimal, auch den Ausſagen nach, gefährlich war: nur tüchtig leiden, und erſchwächt wer - den: ich kann nicht dafür! Und wenn ihr mir gut ſeid, will ich auch noch für uns und mich leben.

Nun, Ohmeken, will ich deinen Brief Punkt vor Punkt beantworten: der mein Herz ſo heilte auf meinem Kranken - Jammerlager im ſchrecklichſten Fieber, Krampf - und Stickmo - ment. O! Äußert euch gut gegen mich! Ich bin einmal leidenſchaftlich, und nicht nur, wie ich ſehe, in der Liebe, wie man’s nennt: in allen Affektionen: ja ich beſtehe und (jetzt eben iſt die Eſtafette gekommen, daß der Kronprinz vonII. 13194Würtemberg und Fürſt Schwarzenberg in Paris find. Das iſt für Jena, und weil Napoleon aus unſern Schloßfenſtern ſah; ich zittre und weine; ehr ruhte er nicht, bis man in Blut hinwatete!) glaube, der Menſch beſteht nur aus Affekten: und dreiſt kann ich euch Allen die Frage machen: kennt ihr mich nur für mich bewegt, beſorgt und thätig? Wem von euch ſein Intereſſe geht mir nicht durch und durch in’s Herz? Hans! zittre und weine ich nicht ſo heftig, als für mich, wenn du mir einen Unfall von dir mittheilſt? beweintet ihr heftiger Paulinchen als ich? Knie und bet und ſchrei ich nicht zu Gott, wenn ihr krank ſeid, als wenn ich’s ſelbſt bin? Pflegt ich euch nicht Alle, ſeit meinem neunten Jahr! Robert zu Einem Jahr! Theil ich euch nicht alles mit? Ruhe ich ehr, eh ihr Intellektuelles, Angenehmes, Geſelliges, alles habt, was ich nur erreichen konnte, hab ich je ich, nicht immer wir geſagt, und Gott weiß, wie ewig gedacht! Ich bin kein ſtockiger Selbſtler: ein freudiger, empfindlicher Lebensverbrei - ter! Und viele Fehler müßt ihr, könnt ihr ſolchem Freund zu Gute halten! Alſo freute mich euer letzter Brief unge - mein! heilte gleich das Herz mir, für Vergangenheit, Ge - genwart, und für noch ſo furchtbare Zukunft. Weil er freund - lich und gütig war!

Es iſt ja prächtig, Hans, daß du dich doch dieſen Win - ter beſſer befindeſt! Aber von einer Badereiſe ſcheint ihr ab - gekommen zu ſein: darauf hoffte ich. Und euch irgendwo zu treffen, obgleich ich noch nicht weiß, wo ich hin muß. Scheue das Geld nicht, Ohme! Man hat es doch nachher nicht: und leben und geſund leben, iſt das Meiſte. Der Kinder ihr195 Wohlſein iſt meine Haupſache: lernen ſie auch noch Italiä - niſch? Hanne’s Hals muß noch mehr geſchont werden; leicht zieht ſich nach ſolchem Orte eine Schwäche.

Schon ſehr oft, lieber Ohme, dachte ich daran, daß die Litteratur bei euch ſchmachten würde; und beſorgte es; mir geht’s ja eben ſo, wenn Marwitz, Varnhagen und ſolche nicht da ſind: die ganze Litteratur iſt eine Mittheilung in’s Große getrieben: und kann nur durch Mittheilung begünſtigt, ver - breitet werden! Wir wollen ſchon wieder dafür ſorgen. Graf Luckner wird dir eine Broſchüre von mir bringen in acht Tagen etwa Considérations politiques sur l’Europe. Ro - bert antwortet mir Einmal darauf in einem ſeiner Briefe. Ein Emigrant (Maiſonfort), der ruſſiſcher Legationsſekretair in London iſt, hat ſie verfaßt. Ich errieth natürlich den Emi - granten. Aber wie modifizirt auch dieſe unmodifikabelſte Men - ſchenart iſt, ſollſt du draus ſehen: und wie göttlich, geſchmack - voll, judiziös, und harmoniſch, und wahlreich man dieſe Sprache in neuſter Zeit zu ſchreiben vermag: und wie komplet ahn - dungslos dafür A. W. Schlegel iſt: der ſeine politiſchen Nach - ſchwätzungen auch glaubt in dieſer Sprache abfaſſen zu kön - nen! Er iſt nun in ſeiner völligen Ausbildung ganz arm und irr geworden.

Du ſagſt mir, Kunſt, Konzerte, Theater, alles würde von dir vernachläſſigt. Was kann ich erſt ſagen: die ich nur Flanell, Schweiß, Trank, Betten, Tropfen ꝛc. ſeit ſo viel Zeit zu allem Umgang habe! Gott will es: und begabt mich auch dabei, daß ich noch nicht vertrockne. Aber mein Körper natürlich, deteriorirt ſich; und das krepirt mich ſehr. Die gril -13 *196lirte Loge freut mich ſehr. Du wirſt aber gewiß nicht glau - ben, daß ich mich ſo innig über das Glück freue, daß du Iff - lands Schuldenweſen arrangiren konnteſt! Nun kann doch der Menſch in Ruhe krank ſein; und beſſer werden. Daran nehme ich den größten Antheil noch beſonders, weil er wohlthätig iſt. Wiſſe nur: ſo verhaßt mir der Krieg iſt; wegen ſeiner Gräuel, wegen meiner perſönlichen Furcht; und weil er meinem Herzen ſo weh thut; ſo iſt er es mir doch gewiß zur Hälfte ganz darum, weil er die Erde in Un - ordnung bringt, welche mir das Entſetzlichſte, ja nicht zu Faſ - ſende iſt! daß er alles ſtört, jedes Hausweſen in’s Tiefſte; je - des Geregelte, jeden Plan, jedes Geordnete. Dies thun Schul - den auch: und ich verabſcheue ſie! Es muß dir große Freude machen, dem kranken neuen Freund darin mit deinem Talent haben helfen zu können. Nur begreife ich nicht, warum er die joyaux nicht längſt opferte: und ob ihm das Haus wenn es das im Thiergarten iſt nicht zugleich die Ruhe und Behaglichkeit ſeiner Exiſtenz nimmt. Erkläre mir das. Mit der Pedrillo haſt du auch ſehr Recht: wir ſind es ihrer Mutter ewig ſchuldig, uns allen ihren Kindern als thätige Freunde zu beweiſen Feinden bleibt es, nur gerecht zu ſein, und zu kritiſiren es iſt ſchändlich, wenn man vergeſ - ſen kann, daß, ſei es auch noch ſo lange, man einen Men - ſchen Tag und Nacht, und grade zu Noth hat können zuver - ſichtlich rufen laſſen. Solche Hülfe in der Familie, bei allen Krankheiten, leiſtete uns die Eigenſatz, jahrelang; anſtatt Mama, der dies Talent abging. Ich vergeſſe es ihr nie! Auch in Mad. Bethmann wollen wir, wie du ſagſt, die Ver -197 gangenheit ehren, (was iſt der Menſch, ohne ſeine Geſchichte? Produkt der Natur, und nichts Perſönliches) und ein Phäno - men der Natur, in Unbeſonnenheit, die ſie edel, auch gegen ſich ſelbſt, genug übt; bei vielen leichten, lieben Eigenſchaften.

Wundere dich nicht etwa, Ohme, wenn ich ſage, meine Krankheit koſtet dreihundert Thaler. Bedenke, Monate im Bette. Vier Wochen gehoben; wozu ich Menſchen hal - ten mußte. Bedenke die Bäder, die Apotheke, den Arzt. Die tauſend weggeſchmiſſenen Mittel, Weine, Eßwaaren. Eine ganze Garderobe von Flanell habe ich mir anſchaffen müſ - ſen. Mein Bettzeug, was ich mithabe, reißt. Meine Wäſche: ich konnte nie fünfzig oder vierzig Thaler nehmen, und mir welche kaufen; Ausſteuer hatt ich nie; und wenn es dich ſkandaliſirte, mich äußerlich ſchlecht einhergehen zu ſehen, ſo weißt du doch nicht wie es ſeit vielen Jahren mit der inn - ren Garderobe ausſah: hier nun ging meine Leibwäſche ganz auseinander: und endlich hab ich welche kaufen müſſen. Wem ſagt man dergleichen? Strümpfe mußt ich auch ha - ben: jeden Gang muß ich bezahlen, und noch Gott danken, daß ich gefällige Leute im Hauſe habe: man durfte mich ja nicht allein laſſen: erſt ſeit geſtern bin ich allein: und heute Nacht kommt Dore erſt aus meinem Zimmer, nebenan. Denk dir die Strafe für mich, bis jetzt!!! Auf Federbetten lag ich auch. Und das Holz! Tag und Nacht mußte ge - heizt werden, wegen der Dinge, die warm vorhanden ſein mußten, und weil es die Ärzte befahlen und ewig erinner - ten. Ich habe euch ja gar nichts erzählt! Das Zeug mußte mir ja vom Leibe geſchnitten werden! Eine ſpaniſche Fliege198 lag drei Tage und drei Nächte, ohne daß man nachſehen konnte, und war verrückt, und dicker Flanell auf die Wunde gerutſcht; und doch mußt ich liegen bleiben! Dies nicht, mich zu vertheidigen: denn ich weiß es, Lieber, du klagſt mich nicht an, aber um es zu erklären. Ich habe alles aufgeſchrie - ben: und ich darf es wohl ſagen, nur mir konnt es möglich ſein, meine Rechnungen noch zu führen! Dicke Schnupftücher habe ich mir auch kaufen müſſen, die paar battiſtenen konn - ten in der Krankheit nicht dienen.

Ach lieber Ohme! du freuſt dich ſo mit Roſens Brief! Freilich freut mich die Nachricht! Aber daß die Arme ſeit zwölf Jahren immer dieſelben Briefe ſchreibt, am Klima lei - det, und Geſellſchaft und die Geſchwiſter vermißt, zerdrückt mir das Herz. Louis freut mich ſehr; daß er etwas lernt.

Lieber treuer Hans, dir danke ich! Ich ſage immer zu Auguſten, nur Einem Menſchen in der Welt traue ich über Komödien und Muſik, die ich nicht höre, und das iſt meine älteſte Schwägerin. Was mache ich mir aus einer Oper, die man der Ballete wegen ſehen kann: doch daß ſie unterhielt, iſt ſchon viel. Dir, den Kindern, Erneſtinen, Moritz, werde ich Allen künftig ſchreiben: leſ’t unterdeſſen dieſen Brief. Ich bin zu ſchwach. Erneſtine nenne ich nicht wieder ordentlich, bis ſie mir das Zahnpulver-Rezept beilegt! Moritz, warum vorenthältſt du mir das Vergnügen, Briefe von dir zu haben, da niemand ſie ſo bewundert als ich! Hier iſt einer von Ro - bert! Kinder! Ihr habt ihm die Blätter, die ihr ihm von mir ſchicken ſollt, nicht geſchickt. Nun muß ich noch Robert199 zu morgen ſchreiben. Künftig euch, liebe Kinder. Ich erliege.

Adieu! R. R.

Nun gratulire ich dir und Allen, die wahren herzlichen Antheil an der Welt wahrem Wohl nehmen! Ich gönne un - ſerm König für ſeine Kränkungen, daß auch er eingezogen iſt, in das Herz des monſtruöſen Reichs, das alle andere in ſeiner holden leichten Glaubhaftigkeit zu verſchlucken und tre - ten zu können meinen mußte. Es muß jeder franzöſiſche Sol - dat, jeder Franzoſe wiſſen, daß man auch zu ihm kommen kann, das wird ſie höflich im Herzen machen; und uns den Kopf oben halten lehren für eine Zeit. Daß nur Einer ge - opfert wird, und auf den aller Haß gegoſſen, aus den vergall - ten Herzen der Menſchen, und daß man mit der lieben Nation ſich wieder befreundet, und ſie lieben darf, freut mich. Dann bitte ich zu Gott, und hoffe es auch, daß es gut ſei, was geſchieht!! Luſt mußten wir haben, das iſt ſchon ausgemacht! Das Größte ſchon jetzt, iſt mir das; daß Napoleon ſich zum Kaiſer machte; und nicht ruhte bis er’s nicht mehr war. Al - les er ſelbſt. Wer hätte ihn angetaſter! Man muß es nicht vergeſſen! Kaiſer - und Königstöchter hatte er. Eng - land hinter ſeinem Meere ſogar, unterſtützte noch vor weni - gen Monaten der Bourbons Proklamationen nicht. Der Mann hat ganz allein wie Macbeth fünf Akte geſpielt: ſeine Zauberſchweſtern kennt man noch nicht.

Hier wurde mit Lärm und Geſchrei das Bulletin im Schau - ſpiel abgeleſen. Der Oberſtburggraf ließ gleich Liebich holen,200 die ſchickten zu mir. Ich ſah und hörte natürlich nichts da - von. Was wird bei uns für ein Lärm ſein; und der Sachſe im Schloß! Heute fahre ich wieder mal aus. Adieu!

Von Varnhagen weiß ich ſeit dem 17. Februar nichts, da ſchrieb er aus Trier. Wie findeſt du das. Auch herzſtärkend.

Sage auch Abr. Mendelsſohn, ich werde ihm antworten. Doktor Veit ging mir in die Seele! mein erſter Freund.

Heil! Heil! Was ſagt Moritz! Ich bin zweideutig?

An M. Th. Robert, in Berlin.

Ich werde erſt ſehen, wie ich dieſen Brief geſchwinde nach Berlin bekomme, da ich geſtern den von Robert, als die Poſt ſchon weg war, erhielt. Er will eine Empfehlung für den Staatsrath Küſter, wie du ſiehſt. Liebſter Markus! verſäume es nicht. Vetter iſt ſehr gut mit Küſters. Kircheiſen. Alſo muß es Geheimr. Schmidt machen. Auch Schack kann es durch Gräfin Golz. Beſorge es bald, lieber Freund! weil es zu ein großer Verdruß für Robert wäre, wenn Küſter ſo ankäme! Eigentlich müßt er ihn kennen von Golzens, und den Orten, wo er invitirt war, und nicht hinging. Das kommt davon, wenn man nichts kultivirt: ich habe ihn genug erinnert. Wie baten ihn die Damen in meiner Gegenwart. Wie einen Schiller!

Lieben Freunde! Welchen vergnügten Brief wollt ich euch heute, nämlich das erſtemal ſchreiben! Im Frieden,201 im Frühling, in meiner unglaublichen Beſſerung! Seit Dienstag gehe, und fahre ich täglich aus. Ach und Hans! dich, wollt ich zum Muth ermahnen, den ich habe. Ich gehe mit zwei Händen am Geländer gehalten wie ein Kind in der Laufbank, doch allein die Treppe hinab. War bei Liebichs auf der Schildwacht, die auf einem Berg liegt; ſie gingen durch den Garten herab: ich einen Stufenberg ganz allein ohne Furcht, das zweitemal als ich aus war!! habe Schmer - zen, und Inkommoditäten, Schwächen, Schweiße; Fröſte, Un - behaglichkeiten aller Art; und achte ſie nicht! Ermunterte, und ergötzte alle Leute; bis geſtern. Da erfuhr ich, daß in der Zeitung geſtanden habe, Tettenborn und ſein Adjutant ſeien verwundet; der General leicht, jener ſchwer am Kopf. Ich las in der Halsentzündung zwei Zeitungen nicht; in de - nen ſtand es: damals wär ich geſtorben; ſie lagen neben mir, ich vermochte ſie aus Fieber nicht zu leſen! Nun hat die Welt den Frieden; ich nicht. Gott reicht es mir; ich bin ſtill. Aber ſchreiben kann ich nicht. Seid nicht beſorgt! ich erhalte, und tröſte mich, da es noch nicht gewiß iſt. Seit dem 17. Februar weiß ich nichts von ihm. Adieu. Gott richtet es ein: ſonſt hätte ich ja jetzt in dieſem Falle ſterben können. Ich gehe in der Unruhe heute in Fanchon.

Adieu, adieu. Rahel.

Mit Graf Luckner kommen Zeitungen, Bulletins, Komö - dienzettel, Reden, alles!

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An den General von Tettenborn, in Paris.

Lieber General! ich bitte Sie um Gottes willen, im Na - men alles desjenigen, was Sie intereſſirt, ſchreiben Sie mir ein Wort hierher, oder laſſen Sie mir ein Wort hierher über Varnhagen ſchreiben! Seit dem 17. Februar, wo ich den letz - ten Brief von ihm aus Trier bekam, weiß ich nichts von ihm: ſelbſt ſeit fünf Monaten krank zu Hauſe, war ich vorgeſtern zum erſtenmal im Theater, wo mir Graf Chriſtel Clamm, als ich nach Ihnen fragte, gradraus ſagte, Sie und Ihr Adjutant ſeien verwundet: als er mein Erſtarren ſah; machte er einen Scherz daraus, welchem letztern ich Glauben beimaß, denn ich hatte alle Zeitungen geleſen, und der Graf erzählte es aus einer Zeitung, worin er’s vor vierzehn Tagen geleſen habe. Ich erzählte meinen Schreck einer unvorſichtigen Frau: die mir ſagte, es habe allerdings in der Zeitung geſtanden: und nun beſtätigen, nach meinen Erkundigungen, es Viele! Ich lag zuletzt an einer Halsentzündung, und habe zwei Zei - tungen nicht leſen können; darin muß es geſtanden haben: im Gegentheil, ich las, Gen. Tettenborn ſei in Chalons ein - gerückt, wo ihm die Bürger die Thore geöffnet! Wie es auch ſei; von Ihnen erwarte ich, daß Sie mich ſo ſchnell als mög - lich die ganze Wahrheit wiſſen laſſen. Ich bin auf alles ge - faßt. Lebt mein Freund, und kann er hören, ſo laſſen Sie ihn wiſſen, daß ich ruhig bin, und für mich ſorgen will: und vor dem Ausmarſch wußte, was der Krieg iſt: und ihm nicht203 würde gerathen haben zu Hauſe zu bleiben. Wenn er nur nicht gefangen, in keinem Lazareth iſt! Ich füge kein Wort hinzu, lieber Baron, daß ich kein übriges geſchrieben habe: ich habe an den Menſchen in Ihnen geſchrieben, den mich Varnhagen ganz kennen und ſchätzen lehrte. Sie ſagt man nur ſehr leicht verwundet. Ihre ergebene R. Robert.

Addreſſiren Sie an Liebich.

An M. Th. Robert, in Berlin.

Geſtern, meine liebe Geſchwiſter, ſchickt ich euch einen Brief von Robert; den ich vorgeſtern ſpät bekam, als die ſächſiſche Poſt ſchon weg war, mit der ſchleſiſchen: ich be - fürchte aber er möchte lange unterwegs ſein, und ſchreibe lie - ber heute wieder; weil Robert in dem Brief etwas verlangt: und ich auch geſtern wieder ſpät euren vom 12. April er - hielt, mit dem von der Schl. Der Staatsrath Küſter kommt nämlich als unſer Geſandter nach Stuttgart, und da will Ro - bert, daß er ihn kenne, von ihm wiſſe. Nun könnte er den Mann ſehr gut kennen, wenn er in die Geſellſchaften gegan - gen wäre, die ihn haben wollten. Auch mußt er ihn von Golzens her kennen. Vetter iſt ſehr gut mit Küſters. Kirch - eiſen auch. Alſo muß Schmidt und Vetter ſprechen: und wo - möglich machen, daß Küſter einen Brief an Robert mitnimmt. Küſter iſt ein ſehr lebſeliger Mann. Schack kann es auch machen: Gräfin Golz koſtet’s ein Wort; Frau von Crayen204 auch. Er ſoll nur vorher wiſſen, was Robert dort iſt, und wen er vor ſich hat. Beſorge es ja! Ohme. Auch hat Ro - bert mir vor wenigen Tagen inliegenden Brief geſchickt, den ich geſtern im Trouble einzulegen vergaß. In der Nürnberger Zeitung ſtand vor zwölf Tagen, General Tettenborn ſei leicht, und ſein Adjutant am Kopf verwundet. Seit vorgeſtern weiß ich den Zeitungsartikel gewiß. Ich habe in ganz Prag, in der ganzen Welt, an alle Grafen, Fürſten, Geſandten, und Prinzeſſinen um Nachricht geſchrieben ſeit geſtern. Verlangt alſo nichts von mir! Und ſeid ruhig über mich. Geſtern Abend fing die Schl. ihren Brief ſo an: Bin ich die Erſte, die Ihnen die Schreckenspoſt ſagt? ich las nicht weiter; wollte nichts hören! Auguſte ſchrie: es iſt nur Marwitz!!! Nur! denkt euch mein Unglück. Nur. Der iſt wieder bleſ - ſirt, gefangen und vermißt. Seit dem 14. Februar; ſein Schwager ſchrieb’s der Schweſter, und Leopold Gerlach ſchrieb’s auch. Ich weiß ſeit dem 17. Februar nichts von Varnhagen. Wenn ihr alſo Erbarmen habt, ſo ſchreibt Frau von Fouqué ich kann’s nicht mehr, nach Nennhauſen bei Rathenau, ob Obriſt Pfuel nichts geſchrieben hat. Wiſſen muß ich doch, wo er geblieben iſt: ob er lebt, ob er leidet. Das iſt kein Geliebter, den man wiederbekommt, das iſt ein einziger Freund in der Welt. Ich kann es beweiſen. Ein Gemahl. Noch glaub ich es nicht.

Ich war geſtern in Fanchon; heute ausgefahren. Gehen kann ich leider nicht. Mein einziger Troſt ſonſt in Unglück und Angſt. Wie lief ich, als Mama todt war, die Ruſſen in Berlin, vor den Thoren ꝛc. Wenn ich ein wenig, welches205 ich vorgeſtern und vorvorgeſtern that, viel gehe, wird mein Bein arg. Ach wie beſſerte ich mich, wenn es Gott mir in dem Frieden und Frühling erlaubte! Soll jeder deutſche Krieg mir ſolche Freunde koſten? Keiner weiß es; ich wußte es ſelbſt micht, erfahre es erſt jetzt, wie Louis mich liebte, und mein Freund war; und geworden wäre mit dem Alter. O! Kinder! Ich ſtöre euch den Frieden! den goldenen, gött - lichen, für welchen ich die Erde Gottes küßte! wie für mein Ausgehen! Erkundigt euch erſt bei Hitzig, ob Frau von Pfuel nicht in Berlin iſt; oder bei Fouqué’s: Hitzig weiß alles von der Familie. Iſt es euch unangenehm, ſo ſchreibt auch Hitzig. Nur ich vermag ihm nicht mehr zu ſchreiben. Nach Wien, Paris, Stuttgart, allenthalben hab ich ſchon heute ge - ſchrieben. Laßt Radziwill fragen, ob er nichts von Tettenborn weiß: fragt alle Menſchen! Vielleicht wenn ihr dieſen Brief bekommt, bin ich ſchon beruhigt, und habe einen. Äng - ſtigt euch nicht. Auf der Erde vergeht alles. Und ich ertrage Irdiſches. Ich bin gefaßt. Scherze oft. Dir, Hans, dank ich für deine ehrliche herzliche Freude über unſern Sieg, die du mir mittheilteſt[!]Und daß du in’s Freie fuhrſt, Gott zu danken. O! ich vergeſſe das Glück nicht. Daß die Völker ſich erkennen lernen: wie es Robert ſchön ausdrückt. Unſer König in Paris; ſieht er’s doch, und der Kronprinz; und lernt Länder kennen, und erwägen. Und der Franzoſe wird nicht nur ein Nehmer; welches der Fall geworden wäre: und lernt die ſtrengern, eckigern Nachbarn ſchätzen und kennen. Und wehren lernen ſich die Nationen: zuſammenhalten die Deut - ſchen; hochhalten die Fürſten ihre Völker, thätig lieben dieſe206 ihre Fürſten. O! ich fühle alles in meiner Noth. Gott ſchickt ſie mir. Ich küſſe das Kreuz. Er hat gewiß Recht. Lebt wohl. Grüßt die Kinder und Alle! Jetzt kann ich niemanden ſchreiben, das müſſen Alle einſehen. Ihr hört poſttäglich von von mir. Ich gehe aus, lebe, ſchlafe. Adieu! Fanny, l’aea - démicienne, je te félicite. Daß Jette ſang, freute mich ſehr. Verwahrt mir ja Roberts Briefe.

R. R.

An M. Th. Robert, in Berlin.

Liebe Geſchwiſter, bloß um euch über mich zu beruhigen: ich habe wohl nun zwanzig Briefe in der Welt herum ge - ſchrieben, viermal an General Tettenborn und an Obriſt Pfuel. Ich bin ziemlich geſund, ſchlafe aus Angſt; gehe aus, in die Luft; nehme Bäder. Die mir der Arzt, weil es nun gewittert hat, wieder unterſagt hat. Ich kann nie recht zu den Bädern kommen. Auch hat er mir heute Töplitz verordnet. Ach! diesmal mein Gräuel!!! Mit Dore allein. Beſucht mich ja! Kommt auch hin! Seit vorgeſtern hab ich einen Schim - mer von Hoffnung. Graf Clamm-Gallas hat vom 7. einen Brief von Paris mit allem Neuen; was ihr wißt; und der Nachricht, daß Tettenborn dort unverwundet iſt: nun hoffe ich auch für Varnhagen. Aber Marwitz. Das bleibt. Aber das war nicht möglich! mit einem Arm hinzugehen, mit dem man nicht fechten und kein Pferd regieren kann. Morgen früh geht die Poſt. Ich grüße euch. Grüßt ihr Mad. Men -207 delsſohn; nächſtens werd ich ihr ſchreiben; ich vermuthe, der Mann iſt ſchon weg: er ſchrieb mir neulich, er würde reiſen. Seid ruhig über mich. Ich bin es oft. Adieu! adieu! R. R.

Clamm ſtürzte nur, mir es zu ſagen!

Was ſagt Moritz! C’est beaucoup pour un simple soldat , gefällt mir ſehr. Der Senat auch noch. Die Ereig - niſſe ſind durchaus größer als die Menſchen diesmal.

An M. Th. Robert, in Berlin.

Liebe Kinder! ich bin erlöſt! Varnhagen war den 12. bei Pilat in Paris zu Beſuch: von welchem mir Gentz geſtern ein Stück Brief mitſchickte, worauf es ſtand. Dieſes Stück Brief iſt meine Friedensfahne. Nun fehlt noch Marwitz. Aber ich hoffe. Der kommt wieder ganz durchlöchert an Körper und Wäſche zu mir. Nun muß ich allenthalben den Allarm ein - ſtellen und hinſchreiben. Beſonders an Frau von Humboldt, die mir alle Tage ſchrieb, ſelbſt krank iſt, und keinen Brief vom Sohn hat, der bei Montmartre war! Gentz iſt ganz glücklich, mir die Nachricht geben zu können: und hat mir einen der merkwürdigſten Briefe dieſer Zeit geſchrieben; den man aber nicht herumſchicken kann! Freut euch mit mir! Geſtern war ich an Magenſtichen zu Bette: das feuchte kühle Wetter nach dem Gewitter muß einen rheumatiſchen Nervenkranken erſchüttern. Adieu! Wenn ich aus könnte im208 Regen, führ ich, die Erde küſſen! Nun hab ich auch Frie - den. Gott ſchütz euch. Schreibt!

R. R.

An M. Th. Robert, in Berlin.

Geſtern Nachmittag, liebe Kinder, brachte man mir drei Briefe, einen von euch vom 24., einen von der Baronin Grott - huß, einen von Varnhagen. Der war den 10. geſchrieben, aus Villeneuve bei Sens der letzte Ort iſt einige Poſten von Paris; ich bin durch alſo einundzwanzig Tage ging er. Tettenborns Truppe hat das Unendliche gelitten Avant - garde abgeſchnitten unter aufrühriſchen Bauern: in der Unmöglichkeit zu ſchreiben; zu den nächſten Korps einen Brief zu ſchicken mußten ſie hundert, und auch mehr Reiter zur Be - gleitung geben ꝛc. ꝛc. Kurz, es iſt Frieden; und unſere Pferde kommen wieder. Der letzte Pöbel! und der König kann ſich ſo leidenſchaftlich damit nicht freuen. Jetzt noch wein ich. Denn nun kann ich’s ſagen. Dies war mir eins der Dinge, die mich am meiſten kränkten: erſtlich, weil es immer zu ſehen war; zweitens, weil es kein Kunſtwerk war, nicht aus Eitelkeit von unſerm jetzigen König aufgeſtellt, und der Mann es uns zum Poſſen, zur Kränkung that: weil wir mux - ten in Berlin. Und dann! wie oft hab ich in der gelben Stube Winters des Abends auf meinen Knieen gelegen, mit dem Kopf auf dem Stuhl, und Gott gebeten, er ſoll dem - nig Magdeburg wieder geben! Unſere größte Elbſtadt,unſer209unſer kultivirteſter Fluß. Kurz, tauſend Gedanken verband ich damit, die hier zu weitläufig ſind. Nun fehlt Marwitz noch; aber ich hoffe. Ich werde noch an mehr Menſchen ſchrei - ben. Und denke dir, Markus! (Hier hat mich Graf Luckner eine ſtarke halbe Stunde geſtört, und mir alle Gedanken ge - nommen) Varnhagen ſchreibt mir damals wollt er erſt nach Paris gehen er ginge mit ſeinem General nach Mann - heim; dorthin ſollt ich ihm ſchreiben. Vielleicht komme ich auch noch in Roberts Nähe; Mannheim iſt gar nicht weit von Stuttgart, und warme Bäder, in Baden, nah bei; die Tettenborn gebrauchen will, und muß. Roberts Brief, den ich vorgeſtern erhielt, hat ſehr ſchöne Stellen. Beſonders, daß die Geſchichte ein Drama aufführt. Daß ich mich fürchte, daß wir eine Nation werden, habe ich ihm ſchon lange ge - ſchrieben; und daß die vollkommenſte, von dem größten Ge - ſetzerfinder gemacht, wozu er Gott ſelbſt gebrauchte, ein be - ſchränkter Gedanke war, alſo endlich in der Idee, und ein Unglück wirken mußte: Moſes war aber ſo groß, daß er in der Ausübung wieder unendlich war, und ſein Gebäude den andern Nationen unmöglich zu zerſtören war; weil er auch noch dabei göttliche, auf die ganze Menſchheit ſich bezie - hende Eingebungen hatte. Und wer kann ſich zu dem Hel - den vergleichen! Von Kraft! tiefen, reichen, umfaſſenden Ge - danken! und einer Thatkraft! die das Ideal von menſch - licher bis jetzt macht; und welche Elemente fand der vor, und welche Alle nach ihm! Man kann dreiſt ſagen, durch ihn. Er mußte auf den beſchränkten Einfall kommen, der damals kein beſchränkter war. Ich muß doch meinen GeſchwiſternII. 14210auch meine Geſchichtsgedanken zur Schau ſtellen! Tralalala! Jetzt ſind durchaus die Evenements größer, als die Menſchen. Politik giebt’s nicht: Elemente davon ſind da; und mit denen entwicklen ſich die Menſchen mit, wie mit dem wirklichen Wet - ter in der Atmoſphäre, welches ſie auch nicht machen können, und die ſich ſtufenweiſe ändert in Jahrhunderten, wie alles in der Natur ſich ausbildet, und perfektibel iſt, und wird. Amen! Ich kann euch nicht mehr ſchreiben. Ich muß Bentheim, Auguſten, Robert, Varnhagen, Gentz, der Humboldt, Tetten - born, der ganzen Welt ſchreiben. Manche wollen wiſſen, was ich denke jetzt!!! So geht’s Denkern! Ich weiß aber doch nicht, was ich denken ſoll von vielen Dingen. Geſtern hat Mattauſch Karl Moor geſpielt: ich ſah ihn nicht; die Kälte war groß, und ich blieb zu Hauſe. In der Jungfrau werde ich ihn ſehen. Bayer ſpielt den Baſtard viel beſſer. Mattauſch wurde herausgerufen, und iſt hier ſehr beliebt. Warum habt ihr mir nichts mit ihm geſchickt! Hans! ſchicke mir Bettzeug, und Servietten. In einem großen Kaſten im Souterrain ſteht die Wäſche, Line hat den Schlüſſel.

Tettenborn hat mich ſehr dringend und angenehm ein - geladen. Ich warte noch auf mehr Briefe. Sei verſichert, Hans! kein Genuß in Kunſt, Luft, Wetter, und Wohlleben, kann mir ein ungeſtörter ſein, woran ich dich, woran ich euch nicht Theil nehmen ſehe. Ich möchte auch Moritz ſprechen hören. Napoleon möchte ich ſehen. Ich haſſe ihn noch nicht. Aber ſie laſſen ihm zu viel Spielraum. Wer von Marwitz hört, ſchreibt dem andern.

211

An Auguſte Brede, in Frankfurt a. M.

Kaltes, trübes, feuchtes, windiges Regenwetter obenein.

Holder Karakter! Ich wäre raſend geworden, wenn ſie mich nach einer andern Station gefahren hätten. Aber See - len, wie Sie, geſchieht und entwickelt ſich alles leichter, weil ſie alles leichter, auch loſer, nehmen; aber ſehen Sie auch Ein - mal mein Geſicht, und Ihres! Wenn die Natur und was iſt die Natur? Alles; von Anbeginn an: Kleinigkeiten! ſolche Dekrete ausſpricht, dann wehre ſich mal Einer; oder beſſere ſich! Was hätte ich nicht gleich beim erſten Deichſel - bruch für verdeichſelte Brüche geſehen! und für Dukaten im Geiſte ſchwinden! Eins bitt ich mir aus, Traute! Sie ſollen mir nämlich im äußerſten Detail trauen! über Ihre Angelegenheiten haben Sie holt die Gnod! mich immer ſehr au fait zu ſetzen; ſonſt ſitz ich und zerbreche mir immerweg den Kopf mit den größten Sorgen. Die grünen Bohnen, den Spargel, habe ich Ihnen auch mit einigem Nachrechnen beneidet; hier weiß ich vom Frühling nichts, als daß Schnee Koth geworden iſt: und die Wirthinnen ſchreien, es ſei nichts zu haben in der Jahreszeit, und der Theurung. Einmal ko - ſtet das ſchmutzige Papiergeld viel, einmal weniger: noch im - mer ſo! Wunde auf; Wunde zu; das iſt all eins! Wenn ich Wunde ſage, mein ich als Moderner ſo verſtümmelt ſind gegen die Antiken Janustempel. (Warum ſchreib ich Ihnen heute ſo ſonderbar, außer meinem gewöhnlichen 14 *212Stil; dies iſt auch meiner; halb in Robert ſeinem? Weil ich Sie, und mich Arme, gerne ermuntern, und beſonders die ſchwarzen Dünſte aus dem ſchwarzen Herzen nicht will an’s Licht ſteigen laſſen; und weil mir Karl Maria von Weber dieſen Mittag einen ſehr ſchönen Brief vom Herzog von Go - tha, in dieſem Stil geſchrieben, vorgeleſen hat. Der Stil ſelbſt iſt eine Manier, ein Gewandel, welches ein Launiſt an -, aus - und abziehen kann; aber weh einem Andern, der ſich in dergleichen Garderobe verwickelt! Denken Sie ſich, mit Laune, allerlei komiſche Auswickelungen aus ſolchem Kleider - haufen; Zufälle und Geſchichten, mit und unter denen das ge - ſchieht! Ich habe ſo eben dies Gewand anſtändig zwar noch, aber voll Überdruß, weit weggelegt.

Es war ſehr ehrlich von Ihnen, liebe Guſte, mir von Nürnberg zu ſchreiben: wie in Balſam eingetaucht, wirkte der liebe unſchuldige Brief mit ſeiner Phyſionomie auf mich. Er ſah aus wie Sie; und ſchien auch Ihnen Bedürfniß zu ſein. Das freut mich. Vorgeſtern Abend nach den Verwandtſchaften und dem neuen Ballet erhielt ich ihn. Eliſa Valberg wurde von der Schröder nämlich die Fürſtin ſehr ſchön ge - ſpielt; ſehr ſchön: auch gut angezogen; außer daß ſie, als ſie zum Gemahl kömmt, nicht einmal Handſchuh in der Hand hatte; welches mich Schwächling die ſehr gut geſpielte Scene hindurch ſtörte. Einen Zuſatz von ganz moderner Prinzenar - tigkeit (mit - artigkeit mein ich - haftigkeit; nicht die Artigkeit) und Zartheit hätte ich dem Spiel noch gewünſcht: denken Sie aber ja nicht, daß das auffallend war, oder ganz fehlte! Mattauſch hat einen gewiſſen Wackel beim Schreiten durch213 die zu große Körperſchwere erhalten, der das geübteſte Auge, beſonders in der Rolle, erfordert, um zu ſehen, daß er ſie ganz Prinz ſpielte: ſo modern und gut erzogen als möglich, mit all der Behaglichkeit, in dem Zurückhalten, welche ſolche Erziehung und ſolch ein Leben nur geben kann. Er war ſo tauſchend in ſeinem Benehmen, daß er mich in die größte Rührung und Emotion verſetzte, ſo ähnlich war es dem all unſerer Prinzen; und wegen der Herzlichkeit der Rolle, und den Verlegenheiten, die ſie in der Stellung des Fürſten gegen den rechtlichen Gouverneur mit ſich führt, Prinz Louis Situa - tion und Betragen ſo ähnlich, daß ich zu vergehen glaubte. Er war ganz wie unſere Prinzen angezogen, und auch in der Körperhaltung wie ſie!! Er ſpielte tauſendmal beſſer als ſonſt, und mit täuſchender Eingebung und Natur. Nur die Jugendlichkeit mißte man: und das ich, in deren Phantaſie ſie ſchwerer ſchwindet; und das nur, weil er an ſeinem Ver - fall ſchuld iſt. Durch Tabackrauchen, und verbürgertes, ver - nachläſſigtes, unelegantes Leben außer der Bühne. Nichts macht alt, als das Einwilligen darin, Vernachläſſigung der Jugend; und Mangel an ewiger Eleganz: man kann nicht nur Abends um 6 ein Künſtler ſein Volk! man muß es den ganzen Tag ſein; beſonders wenn wir die Kunſt in unſerer eignen Perſon vortragen ſollen. Große Gage! große Gage! wie in Frankreich, in England, und unter dem - nige Friedrich dem Zweiten!! Liebich ſpielte ſehr gut: leider aber wußte ich diesmal jedes Wort noch von Fleck; wie er’s in der ganzen Liebenswürdigkeit ſeiner perſönlichen Blüthe vortrug! Refüſirt! ſchrie der Gott! wie ein Engel. Und214 erblaßte; in Blick und Mienen. Göttlich! Mad. Brunetti war weiß mit roſenrothem Atlasband; und ſpielte weiß mit roſenrothem Atlasband: wie immer. Mad. Liebich gut; doch auch die Döbbelin ehmals beſſer, nüanziger; gekränkter. Das Ganze war aber ſehr gut, und durchaus unterhaltend, für mich iſt das viel; wiſſen Sie. Schröder, als Verlobter der Roſenrothen, ſo gränzen los ſchlecht, daß er durchaus ein In - termezzo war. Wie Einer von einer ſolchen Winkelgeſellſchaft, die ſich in Klüften aufhält; wo auch Bäder ſind: und wo man vorbei reiſt, wenn man nach Pyrmont, Aachen, oder derglei - chen, fährt! und als wäre er einſt Springer geweſen: und hätte da immer die Zwiſchenreden gehalten. Wie konnte die Schröder daneben nur ſpielen! Geſtern ſpielte ſie im Vehm - gericht die Verbrecherin. Wundergöttlich: die ſanften Stellen aber nach-ti-gall-te ſie gedehnt, leiſe und rührig ab! welcher tiefer, finſterer, grober Irrthum! Ihr Talent und ihre Eingebungen ſind aber ſo ſtark, daß ſie ſich mitten in ſolchen langweiligen Momenten, mit den ſchönſten Ausbrüchen von Spiel, Ton, und Einfällen, ſelbſt unterbrach. Pübliküm - chen wußte von allem nicht; applaudirte, rief heraus; dafür iſt’s nicht bezahlt, aber es bezahlt. Sie war erſt in grauem Sammt, mit Schwarz und Weiß beſetzt; dann ein grautaft - nes Nachtkleid, und Nachthaare herunter; dann weiß: mit einem Wittwen-Kopfputz mit drei Spitzen im Geſicht und einem Muſſelinſchleier herab. Die Mad. Löwe erſt wie eine rothe Kartendame angezogen: dann Battiſtmuſſelin, ganz weiß, altdeutſch, gut gemacht. Doch demoiſellig: ſehr vermagert. Geſpielt wie jede Rolle: und ungeheuer gegen die Schröder215 abgeprallt. Nämlich, auch für das dunkle Gefühl des Par - terre’s etwas auf Puppe reduzirt; durch jene wirklich gewal - tig Ausgeſtattete. Sie hatte bloß altdeutſche Lockenfülle, aus einem altdeutſchen Scheitel um ſie her fallende, zum Kopfputz. Bin ich ehrlich? Oh das macht müde! Wie ich dazu kam, das Gräuelſtück von Stupidität zu ſehen? Bayer invitirte mich bei Mad. Liebich; und da that ich’s aus Artigkeit. Meine Schwäche! Es gereut mich wegen der Schröder nicht. Nun geh ich in Grünbaums Benefiz, die Schweizerdirne! Adieu! ich erliege! Soll ich ein Theaterblatt ſchreiben? Das fehlte mir! Es iſt Winterwetter. Heute Don Juan. Adieu!

An Varnhagen, in Paris.

Ich bin auch froh, Auguſt du ſchreibſt, ich ſoll es nun auch ſein, daß alle meine Angſt und Sorge vergebens war: und wie oft ſagte ich zu Gott, ich will mich ängſtigen, nur ſoll es umſonſt ſein! daß du lebſt, und daß dein Tod nicht eins von den ſich rührenden Sandkörnchen war, denen es von Anbeginn der Welt befohlen, zugedacht war, herab zu kräuſeln bei den Bewegungen der Erdbälle, ihren unſichtbaren Entwickelungen und Gedeihen! Hin hätte ich’s nehmen müſ - ſen, wie Marwitzens Tod, und alles Unglück, und alles, was einem verſagt wird. Aber ein abgenommenes Unglück iſt doch nur, als wäre einem ein Todeskrampf von der Bruſt genom - men; deren ich hinlänglich empfunden habe! Man betet216 während dem, als hätte man um nichts zu bitten, als das: und Gott weiß ſehr gut, daß es ſo ſein muß, und nachher wieder anders. In weitere Kreiſe dringt das feine, in allem unbegreifliche Leben, als da, wo es auszuſtrömen ſcheint, und dem Gefühle, und allen Sinnen nach, die Bedingung ſeines eigenen Daſeins ausmacht. (Die Phraſe iſt nicht wie von mir; zu gut. )

Gegen Morgen hatte mir geträumt, ich ſtünde mit Mar - witz vor Krauſens Haus in Berlin, wo wegen Revüe viele Offiziere wohnten, deren Pferde und Reitknechte vor der Thür waren; ſie an den vielen Fenſtern: ich ſah nicht hin, ſondern war nur über Marwitz verwundert, und noch mehr über alle Todte, die ich liebte, und die da lebten. Mama, Veit, Gual - tieri, Selle, Herz, und viele mehr. Ich frage immer Mar - witz über die Andern, weil ich mich ſchäme über ihn zu fra - gen: die leben ja alle noch? alſo ſie waren nicht todt? und ſo vielemale: er ſagt immer nur in einem langen ver - legenen, halb dummen, unartikulirten Ton: Hm? Hm! Während des Fragens ſchlag ich die Augen in die Höhe; und Prinz Louis ſteht hoch am offenen Fenſter, in Generals - kleidern, und gepudert: ich grüße ihn, weil die Menſchen da ſind, wie einen Prinzen; er grüßt, und nickt mir freundlich, wie immer im Leben: und etwas ironiſch: und diesmal, als wüßt er, daß ich mich wundere; und er wiſſe es beſſer; und lächle über mich. Ich halte alle ihre Todesnachrichten für einen Irrthum, und glaube an ihr Leben. Als ich in’s Haus trete, bin ich in geräumigen, ziemlich dunkeln Wirthszimmern, wo alle Verſtorbenen ſind: ich frage Mama, die mir nicht217 antwortet: ich ſehe Herz, und freue mich; er ſieht geſund und blühend aus, und freut ſich auch; auch friſirt. Ich ſehe Selle! Ach Herr Jeſus, ſag ich, das iſt ein Glück! Ich habe ſchreck - lichen Rheumatism; was ſoll ich thun? Schwefelbäder! ſchreit er gleich heftig, und als habe er keine Zeit: Nein, ſage ich, man hat mir Töplitz verordnet: Ich weiß; ſagte er, Schwefelbäder! Ich habe nicht die Gicht, wie ſonſt, ganz anders! Ich weiß alles, ſagt er, ich weiß es. Schwe - felbäder! Nun iſt’s in mir feſter, dieſe zu nehmen, als allen Ärzten zu folgen. Ich habe jetzt keinen. Ich glaube vielleicht nur an drei in der Welt, die ich nicht kenne; und an Einen über mich. Was da für Gaben zu gehören!! Gott hat mir dieſen Traum geſchickt. Du kennſt meine Träume. Im Schlaf bin ich wacher. Auch hat er mir ein Troſtge - fühl hinterlaſſen; als hätte ich die geſehen, als ſollte ich meine Todten ſehen! Wahrlich zu viel Matadors ſind mir für mein Alter entwandt. Wir wollen zuſammen ſterben. Auch leben: genug! du kommſt und holſt mich, gewiß.

Wenn ich nur wüßte, wie lange du noch im unſeligen Paris bleibſt! Denk! Endlich gefällt auch mir Frankreich nicht. Seine Liebenswürdigkeit und Geſelligkeit iſt zu ſehr, zu lange, für zu lange zerrüttet; welches ſonſt ſein ganzer namenloſer Reiz war; unſeliges Vorvolk! (wie Vortrab!) Nur in ein - zelnen Franzoſen findet man noch, was ihm ſonſt als De - pot eines Theils der kollektiven Perſon Franzoſe mit ſich herumzutragen gegeben war. Frau von Staël radotirt in ihrem Buche de l’Allemagne. Über die Eheſcheidung iſt ſie platt und dumm, und ſich ſelbſt aus Angſt und Furcht ungetreu,218 bis zur Empörung. Solle! hab ich ihr neben an geſchrieben. Wenn jemand, der Deutſchland nicht kennt, ihr Buch Buch! loſe, ſich ſelbſt aus der Regierung geſprungene Ge - danken; Gedanken! Bemerkungen, Apperçu’s; Lektüre, die nicht wieder als Blut zu Blut aufgenommen ward lieſt, ſo muß er’s für ein finſtres, kaltes Rauchloch halten, wo traurige Fantasmagoren umhergehen, die Gott zur Ehr - lichkeit verdammt hat; und wo dann und mann Einer ſitzt und verzaubert meditirt: auch hat ſie noch im Großen ſolche Zauberneſter als unſere Univerſitäten beſchrieben: ſo traurig ſie ſelbſt iſt: die Frau ohne Sinne und ohne Muſik. Macht ſie nicht, als ob Frankreich das luſtiglichſte Land für Augen, Ohr und Fell wäre, und lauter griechiſche Tempel zu Woh - nungen hätte! Man friert wie bei uns: und unſer Wetter iſt eben ſo gut. Unſere Dörfer tauſendmal ſchöner ich kenne nichts troſtloſeres, als die ſteinernen, laub - und blumenloſen Dörfer Frankreichs im Norden! Und wenn ſie ihre olle Fran - çaiſen tanzen, ſehen ſie ja ſo erbärmlich aus, als ob ſie dazu angehalten würden. Der lieben Staël ihr Buch iſt für mich nichts anders, als ein lyriſcher Seufzer, nicht die Kon - verſation in Paris machen zu können; und die wichtigſten Gegenſtände derſelben wie ſie wohl umfaßten, berührten ſind ihr erſt durch dieſes Medium etwas. Für die Bau - ern z. B. gut ſprechen, iſt noch ſchöner, als wirklich und gleich gut wirken. Bedauert hab ich ſie auch ſehr; und gleich lieb gehabt. Weil ich ſie auch lieb habe; das heißt, beſinne ich mich doch, bedaure; ſie hat zu wenig großartige Gaben: eine gewiſſe Verſtandes-inquiétude, zu welcher ſie zum Glück,219 noch Verſtand und Wort-Imagination genug hat! Wie ſolche Menſchen reiſen: ſolche reiche Leute aus der Geſellſchaft; ſolche Litteratorinnen; die Franzöſiſch wiſſen, und denen man’s allenthalben entgegenſpricht! Die Arme! Nichts hat ſie ge - ſehn, und gehört, und vernommen.

An M. Th. Robert, in Berlin.

Vorgeſtern las ich in dem Wiener Beobachter Tauenziens ganzen Einzug in Magdeburg im größten Detail; ich weinte nicht, ich erſtickte faſt; ſchluchzte und ſchrie; und weine wieder. Gott nur weiß, wie ich um Magdeburg bat: und ob ich je eine niederbeugendere Kränkung für mich ſelbſt empfun - den habe, als bei dem Verluſt dieſer Provinz, die uns als Reichsfürſt mit dem gebildeten Strom Europa’s in Verbindung ſetzte. Ich meine nicht den Rhein: ſondern den Strom von Verſtändniß, Bildung, und ſittlichen Gedanken, der mitten durch Europa ſtrömt; (und manches ausſpülen, wegreißen muß, wird, kann: und gethan hat. )

Wenn dir die Reiſe nützlich war, muß ich mich noch mehr freuen! Sage mir aber nun auch ein wenig deutlicher du wirſt einſehen, wie ſehr es mich intereſſiren muß , ob du von eingegangenen Intereſſen Moritz ſeine Auslagen für un - ſere Maſſe, oder durch Kapitalien bezahlt haſt (zu welcher Zahlung ich in jedem Fall gratulire); und ob du dir auch in gleichem Maße abbezahlt haſt. Es kann mir nicht gleich -220 gültig ſein, ob unſer Kapital immer kleiner wird: beſonders da ich noch habe Privatſchulden machen müſſen, die ich Mo - ritz in jedem Fall entrichten muß und will. Es wird doch Einmal zur Sprache kommen; wie viel Louis und mir bleibt; und was wir dann verzehren können. Es kann euch Beide nicht ſo intereſſiren: weil ihr euch ein anderweitiges Kapital verdient habt, und mit dem nun wieder verdient. Mir aber in meinem Zuſtand und Alter muß es wichtig ſein: beſonders auch noch dadurch, daß dieſe garſtige Lage noch das mit ſich führt, daß ſie mir für mein bloßes Lebenkönnen welches ich ſonſt geſichert halten konnte Dankverbindlichkeiten auf - legt; die nur bei der höchſten Zuſtimmung der Geſinnungen ihr Unangenehmes ganz verlieren: und bei großer Sicherheit des Karakters die ich habe, und leiſte; weil ein Wort ein Heiligthum bei mir iſt: und dies meine Denkungsart modelt; und nicht dieſe etwa in ihren Veränderungen das Wort, und Liebe, die aus Billigung ſtammt. Du wirſt mir meine Fragen alſo nicht verdenken, ſondern ſie mir beantworten; wie ich dir für die erſt gegebene Nachricht danke! Sei auch ſo gut, mir zu ſagen, wie viel Geld du für die tauſend Gul - den gezahlt haſt, die ich hier entnommen habe. Damit ich weiß, wie viel Geld ich gebraucht habe. Man bekömmt hier durchaus und in manchem weniger, nicht mehr für ſolchen Gulden einen Werth von acht Groſchen Kourant, in allen Dingen. Ich muß mich einrichten.

Noch muß ich hier wie ein Narre ſitzen, und den Sommer verfließen laſſen. Nach Töplitz gehe ich nicht allein: dort ſind Vieh und Menſchen ſo ſchlecht begraben, daß Krankhei -221 ten ausbrechen müſſen. Dieſen kann ich mich in meinem Zu - ſtand auch ſchon der Beſorglichkeit nicht durchaus nicht allein mit Dore ausſetzen! Einer Krankheit müßte ich jetzt er - liegen. Auch wenn Dore nur einfiele, wäre ſchon das größte Unglück für mich: in einem angreifenden Bade, welches ich vor drei Jahren ſchon nicht mehr ohne die größten Beſchwer - den und Nachwehen ertragen konnte. Hauptmann John, der ſolideſte Mann, der Bentheims Adjutant hier war, ſagte mir vor fünf Tagen die ſchöne Nachricht von Töplitz, und bezeich - nete mir ganz unſchuldig die Örter, wo ich hin ſpaziren kann: und die, wo nicht! Alſo muß ich hier ſitzen, und mich abbo - ßen. Mit Varnhagen, wenn wir nicht wo anders hingehen, wage ich es! dann werde ich ſehen wie es iſt: und ſchreib ich, ihr könnt kommen, ſo müßt ihr. Fanny und Hanne, quält ſehr! Es geht. Fanny, überlege was du ſagſt! Rei - ſeluſt gebüßt ? ſagſt du? Ja! abgebüßt. Nennſt du dies rei - ſen? ſolche Mörderflucht: unter ſolchen innren näheren, und äußern ferneren Umſtänden? ſolchen angſtvollen, ſchreckli - chen, Schmerzensaufenthalt, nach Kulm: was ich da ſah, und thun mußte! und gleich nachher ſolche gottverfluchte Krankheit, von der ich mich gar nicht erholen kann! Das iſt gereiſt? und das ſoll mir die Reiſeluſt heilen! Genug, wenn dies ſie mir nicht auf ewig vergällt! Aber ich ſcheide in der größten Leidenſchaft gut: dies iſt nicht gereiſt! Rei - ſen iſt: bequem, und ruhig, über Freunde und Habe, mit einer troſtreichen Börſe, von einem ſchönen Ort zum an - dern ziehen; und die ruhig betrachten, und erwägen, und wahrhaft drin leben: nicht leiden, rechnen, warten, Gram,222 Angſt und Schmach haben. Punktum. Mein einziger Troſt war, den Ort, in dem ich dies litt, nicht Heimath nennen zu dürfen: denn geſchieht einem dergleichen zu Hauſe, was ſoll man dann denken und ſagen! Hannken! du kannſt mir ſo ſelten ſchreiben, als du willſt, ich bin zufrieden: ich werde ſchon ſchreiben was ich weiß. Ich war recht ärgerlich, daß ihr Alle ſo lange nicht geſchrieben hattet, und freute mich doch ganz raſend über euren Brief vom 4. Juni, den ich geſtern erhielt! Aber mir ſoll jedes verbittert werden: denn mit eu - rem Brief zugleich bekam ich einen von Williſen aus Tirle - mont; eine Poſt von Brüſſel, wo ich wegen Wagenbruch ei - nen Tag lag: worin er mir Marwitz Tod für gewiß meldet. Eine Flintenkugel traf ihn den 11. Februar bei Montmirail grade vor der Stirn; er ſtarb ohne Schmerz, ſchreibt er, wei - ter aber nichts. Nicht wo er begraben iſt; nicht ob er dabei war. Recht ärgerlich! Er iſt außer ſich, und kann vor Weh nicht. Ich ſchweige. Ich kann mich über nichts mehr aus - drücken; z. B. wenn einer ſtirbt wie Marwitz ſo ſeh ich nicht nur die Perſon, oder die Art ihres Todes, ſondern den Tod: und mich ſchwindelt überhaupt: und ich weiß nicht, ob ich noch lebe: und Millionen ganz abſtrakter, nicht für die Feder zu leiſtender Gedanken! Kurz, ich erſchrak geſtern ſo von neuem, daß ich ganz zerſtört bin. Jeder Freund von Marwitz fühlt ſeinen Tod nach Maß ſeines eigenen Werthes, und der guten Eigenſchaften, die da machten, daß er ſeine be - griff, und ſah. Keiner kannte ſeine Lücken beſſer als ich: keiner war vielſeitiger und intimer ſein Freund. Genug, Gott223 hat den, und Louis, etwas früh der kothigen unverſtändlichen Erde entrückt. Der Reſt iſt Schweigen!

Das glaube ich, Ohme, daß du Magdeburg verändert gefunden! und grade auf die Weiſe, wie du’s mir erzählſt. Die Welt iſt mit dem Frieden nicht zufrieden! Alle Klaſſen der deutſchen Welt! Das iſt hart. Der Brief in der Zeitung der im Wiener Beobachter ſtand an die Freiwilligen, iſt gekniffen, und dürre. Auch haben ſie’s ſchlecht!

Den Einzug, oder vielmehr in der Zeit deſſelben möcht ich wohl zu Hauſe ſein: damit ich doch auch eine Freude habe. Vielleicht komme ich auf acht Tage nach Berlin. Viel - leicht! Weil ich noch gar nichts weiß. Lieber Ohme, Geld ſchicke mir nicht ehr, bis ich etwas fordere. Meiner Rechnung nach kann ich erſt zum Monat September wieder das für jeden Monat beſtimmte erhalten. Bendemanns waren drei Tage hier, und bei mir. Kein angeſehener Landsmann geht mir hier vorbei. Tralalala. Es ſind ſehr liebe Leute, die mir wohl etwas hierher gebracht hätten. Eben wollte ich euch ſchreiben, daß Mlle Bauer unter ſehr guten Bedingungen zur alten Mad. Haller, bloß ihr die Wirthſchaft zu führen, und vorzuleſen, hätte kommen können. Eine wahre Verſorgung in der reichen, rechtlichen, ſplendiden Familie! Wenn’s bei M. nicht außerordentlich iſt, laßt ſie wechslen, und arrangirt’s, durch die Hofräthin Herz z. B., M. Friedländer, Hartung. Grüßt ſie ſehr. Erneſtine iſt wohl böſe? Alle Briefe ſind an ſie und Moritz mit. So viel kann ich nicht ſchreiben; ſie müſſen mir ſchreiben. Auguſte iſt in Frankfurt a. M. Seht ihren lie - benswürdigen Karakter aus dieſem Zettel, den ich mitſchicke.

224

Gentz empfiehlt mir ſo eben, wie noch nie etwas; nennt es Jeſaias, Dante, Shakeſpeare; den Rheiniſchen Merkur, von Nro. 40. bis zum 10. Juni. Lies es alſo ja! Seine Geſin - nungen nennt er’s; aber beſſer ausgedrückt. Kurz, das größte Lob! Humboldt geht nach dem Wiener Kongreß als Geſandter nach Paris. Sage es aber niemand.

Wenn ich nach Töplitz gehe, und ihr nicht dahin kommt, werde ich es als den größten Bruch anſehen. Einmal kann man ſich ſelbſt wohl etwas zu Gefallen thun. Gehe ich nach dem Rhein, ſo geht ihr dahin! Und bringt mir meine Sachen mit. Das fällt mir erſt jetzt ein!

Was ich von dem Mißvergnügen über den Frieden ſchreibe, ſchreibt man mir aus allen Enden Deutſchlands; und ſagt hier jeder, und alle Klaſſen. Nur die Berliner nicht. Auch Gentz ſpricht ſo, und ſein empfohlenes Blatt. Antwortet hier her. Roberts Beſchäftigtſein treibt ihn zur Beſchäftigung. Drum trieb ich auf einen Stand in der Welt: ſolche Leute, wie wir, können nicht Juden ſein! Wenn nur der Jakobſohn für ſein vieles Geld keine Judenreform bei uns macht! Ich fürchte es von dem eitlen !

An Frau von Grotthuß, in Dresden.

Haſt du denn meinen Brief vom 25. Mai, den ich dir durch Graf Luckners Kammerdiener ſchickte, nicht erhalten? Wenn du bloß nicht geantwortet haſt, weil wenig darauf zuantwor -225antworten war, und weil ich in dieſem Brief noch nicht be - ſtimmen konnte, wo ich hingehe, ſo bin ich zufrieden. Nur halte dich nicht wieder verdrießliches Unheil ab! Ich bin noch in derſelben Klemme: und ſehe nun die unveränderliche Kon - ſtellation meines Geſchicks ein. Kaiſer auf, Kaiſer ab; Bür - gererhöhung, Adelglanz; die Welt mag ſich geſtalten wie ſie will; bei jedem Wälzen, bei jedem Sturz, bleib ich bei mei - nen Sandkörnchen liegen, auch ein ſolches; und vergeblich iſt mein Streben, und mein Verzweiflen! Nicht einmal ich än - dere mich; meine Natur, bleibt auch dieſelbe: und ſo ſitze ich noch hier und boße mich zur Konvaleszenz. Seit dem 29. Mai habe ich aus Paris keinen Brief von Varnhagen; in dem ver - heißt er mir zu kommen, und ihm nach Mannheim zu ſchrei - ben poste restante: mein ſiebenter Brief liegt nun dort, und er kommt nicht, und antwortet auch nicht. Sogar Mad. Brede, die mir jeden Poſttag ſchrieb: und nun in Mannheim iſt, ſchreibt mir ſeit dem 27. auch nicht mehr. Dieſe Bos - heit rechne ich dem Schickſal an, wie einem Menſchen!! Ge - nug von mir Widerwärtigen! man wird es vollkommen von Widerwärtigkeiten, die ganz ohne répit auf einen regnen. Auch hätte ich dir ganz gewiß nicht geſchrieben, ſanfte Sara! ſanft und freundlich nenn ich dich jetzt, weil ich mir un - bewußt während dem Schreiben dein Geſicht vorgeſtellt hatte, und dein bloßes Zuhören, mein mich an dich in Gedanken Wenden, mich ſchon beſänftigte. Holde ſchöne Gabe Gottes! Aber ich konnte ohne andere Veranlaſſung, als mich ſelbſt, mich doch nicht entſchließen dir zu ſchreiben. Vorgeſtern eröffnete mir der ſtändiſche Schauſpieldirektor Liebich, als derII. 15226einzigen Vertrauten in der Sache, die nun kommt, Folgendes. Er würde Goethen ſchreiben: und ihn bitten und ihm vortra - gen, daß er für geſammte deutſche Bühnen ein Stück ſchriebe, welches den 18. Oktober auf all unſern Bühnen zugleich auf - geführt würde: und ſo alle Jahr den achtzehnten, und im ganzen Jahr ſonſt keinen Tag. Mir ſchauderten gleich die Backen, und Thränen ſtanden mir in den Augen. Aber wie ſagte dies der Mann, mit welcher Einfachheit, Ehrlichkeit, Anſpruchsloſigkeit, und wie durchdrungen: und was fügte er hinzu! Ich will keinen Ruhm davon, ſagte er, aber wem! kann man’s zumuthen, als Goethen! und ſprach ſo, wie man’s nicht wiederholen kann. Ich genieße der Ehre, daß, wenn man Goethen huldigt, man es mir vertraut! Denk dir, Grotta mir zittert das Herz dieſen Augenblick in Thrä - nen wenn man in ganz Deutſchland, in derſelben Stunde Goethens Worte, ſeine Meinungen, ſeine Gedanken ſpricht: alle Beſſern unſerer ganzen Völkerſchaft verſammelt ſind, ihm zuzuhören, von ihm zu lernen was ſie zu denken haben; und er uns zur That ſchafft was Ereigniß war! Die Welt iſt nicht mehr ſo roh, daß die Thaten ſie geſtalten und ſie den - ken lehrten; dies müſſen unſere beſten Denker und Dichter thun: die Edelſten der Nationen! Wie ſie es ſchon thaten (Hermann und Dorothea nur zu nennen!!!). An unſere Dichter, an unſere Weiſen knüpft ſich alles Zuſammenhängende an, die Thaten ſelbſt, langſam: wie Trophäen großen friſchen Bäumen angehangen werden: ſie müſſen ihre ganze Zierde doch aus der Natur nehmen; und hier erſt iſt verſtändlicher Akt, was vorher Ringen der Begebenheiten war. Liebe227 Grotta! Rede ihm zu, daß er’s thue, daß er’s nicht ab - ſchlage. Wenn es ihm auch Mühe macht: und einen Ent - ſchluß koſtet. Es iſt das erſtemal in meinem Leben, daß ich denke: Goethe ſoll, mag eine Mühe haben. Denke dir, ge - liebte Freundin, wenn ganz Deutſchland denkt: jetzt hört ganz Deutſchland dieſes Stück, ſchaudert, bebt, horcht, und klatſcht, und jubelt, und weint mit uns! Ich falle auf die Erde und weine! Wir haben ja keine Forums, keine Märkte, keine Rednerbühnen, nichts Öffentliches; nichts Unzerſtückeltes iſt uns überkommen, wir ſchaffen ja nur ab, und nichts! Aber als Naturnothwendigkeit für alle in Völker verſammelte Men - ſchen ſteigt den Regierungen ſelbſt unbewußt die Schauſpiel - bühne als ein ſolcher Mittelpunkt unbemerkt und ungelockt empor. Verkündigt man uns nicht Siege von ihr herab, dankt man Helden nicht von ihr herab? ſammelt ſie nicht ganz allein die Menge, darauf ſtill zu horchen, was ſie - ren, erfahren, lernen und bedenken ſoll? Nein, es iſt Goe - thens, unſers erhabenen Lehrers ganz würdig! Vertrete Lie - bich bei ihm. Er war ſehr kleinmüthig; aber wie zu einer Pflicht feſt entſchloſſen, ihn anzugehen, ſchon gefaßt in Trau - rigkeit wie man es iſt auf eine abſchlägige Antwort. Gedrückt ſagte er: Ich habe dann das Meinige gethan. Keinen Würdigern weiß ich nicht! Einem Andern kann man dies doch nicht anfordern. Ich ermunterte ihn! Ich habe eine Freundin, ſagte ich, der iſt Goethe ſehr hold und zuge - than, und der vertraut er: der werde ich die Sache vortra - gen; die ſoll ſie unterſtützen und ihn bitten!! Nun, glück - ſelige Grotta, von der man dies ſagen kann, thu es auch! 15 *228Sprich deine Sprache! Aber thue es gleich. Ich habe Liebich bewogen, ſeinen Brief bis zum nächſten Dienstag zu - rückzuhalten, dann iſt wieder ſächſiſcher Poſttag; damit dei - ner, zum allerwenigſten, zugleich mit ſeinem kommt, oder gar früher: und damit Goethe ihm nicht in der Geſchwindigkeit, eh deiner kommt, ein Nein ſchreibt. Wie auf deine Ehrlich - keit, verlaſſe ich mich darauf, daß du, wenn du nicht ſterbend biſt, gleich und ſo ſchreibſt, wie du kannſt: eindringend, daß, bis er’s thut! Wie wird’s ihm die Kaiſerin, ſeine Freun - din, danken! Ganz Deutſchland beglückt er; es flammt von neuem auf! Soll ich dir noch hinzufügen, daß Liebich der einfachſte, braveſte, gütigſte, wohlthätigſte Menſch iſt? und in manchen Fächern ſeiner Kunſt unübertrefflich: voller guten Willen, und ohne Vorurtheil? Dir dieſen Mann dank - bar zu machen, muß dich auch freuen! Wenn es Goethe an - nimmt, und es iſt ſo weit, daß es Goethe erlaubt, will Lie - bich ein gedrucktes Zirkular an alle Bühnen ergehen laſſen. Grotta, du mußt! Adieu, Liebe! Schreibe; und antworte mir. Empfiehl mich deinem Gemahl!

R. R.

Anmerk. Goethe empfing die beiden Briefe. Er ſchrieb an Liebich dieſe Antwort:
1

Für den an mich ergangenen ſehr ehrenvollen Antrag hab ich alle Urſache, meinen lebhafteſten Dank abzuſtatten, wobei mir ſehr angenehm iſt, daß ich Ihren Wünſchen, wo nicht unmittelbar, doch mittelbar ent - gegen zu kommen im Stande bin.

Es hat nämlich vor einigen Monaten die angeſehene Generaldirektion des Berliner Theaters von mir ein Feſtſpiel verlangt, zur Feier der An - kunft ihres Königs und ſeiner höchſten Gäſte. Ich habe dieſe Gelegenheit benutzt, um alles zur Sprache und Darſtellung zu bringen, was in den229 Gemüthern ſeit ſo vielen Jahren vorging, und was ſich nun in dieſen letzten Zeiten ſo glücklich entfaltet hat. Mein Bemühen, nichts zurückzu - laſſen, was man fordern und erwarten könnte, hat jenes Stück zu einer ſolchen Vollſtändigkeit gebracht, daß ich, wenn ich ein neues fertigen ſollte, mich nur wiederholen müßte.

Mein ſtiller Wunſch, dieſe Arbeit nicht nur für Berlin, ſondern für das ganze Vaterland, nicht nur für den Augenblick, ſondern auch für die Zukunft unternommen zu haben, ſcheint ſich durch Ihren Antrag der Er - füllung zu nähern.

Jenes Drama iſt dergeſtalt eingerichtet, daß ganz reine Rezitation, Rezitation mit melodramatiſcher Begleitung, Rezitativ, Kavatine, Arie, Duett, Terzett und Chor mit einander abwechſeln, ſo daß die vorzüglich - ſten Schauſpieler ſowohl als die Sänger darin ihre Talente entwickeln können. Hr. Kapellmeiſter Weber arbeitet an der dazu nöthigen Kompo - ſition, welche, nach den mir bekannt gewordenen Muſterſtücken, von gro - ßer und ſchöner Wirkung ſein muß.

Das Stück wird gleich nach der Aufführung gedruckt erſcheinen, und Sie werden alsdann ſelbſt urtheilen, ob es werth ſei, ein Sekularſtück zu werden, und ob es Ihren Wünſchen entſpreche. Haben Sie alsdann die Gefälligkeit, mir ganz offen Ihre Meinung zu ſagen, und erhalten mir bis dahin Ihr freundliches Andenken. Ergebenſt

Goethe.

An Karoline von Woltmann, in Prag.

Ich wollte Ihnen einen langen ich kann keinen kurzen machen detaillirten Brief ſchreiben; der ſollte ſo anfangen: Ich mag Varnhagens ſchönes Schreiben nicht verſchampfiren, liebe Berliner, theure Ojeſer Freunde! und ſo würde er fortge - floſſen ſein und Ihnen geſagt haben, wie ich hier nicht ſchreiben kann; und dabei erzählt haben, wie es hier iſt: wie ich es finde, wie es mir geht, was ich denke, und wie ich an Sie gedacht habe. Alles war zu dieſem gewiß angenehmen, denn er wäre treu230 und wahr geworden, Brief zuſammen gelegt, als mich plötz - lichſt ein Halskrampf überfällt, den ich ſeit vier Wochen un - gefähr kenne, aber nie in dem Grad gefühlt habe. Es ſpannt ſich dabei die Hals - und Kopfhaut, und zwingt mich zu einem ſtickenden Erbrechen. Der Anfall war ſo ſtark, daß mir noch die Glieder und Beine zittern; und ich wie der größte Narre weinen mußte, als man eben aus dicken Böllern von einem Berge hinter meinem Haus den Frieden herab ſchoß, ſo ange - griffen war ich Eſel in dem Augenblick. Nämlich, ſo wirkte das Knallen. Hier iſt es göttlich, liebe Kinder! und wenn Sie irgend können, Herr von Woltmann, ſo kommen Sie her. Man ſteht hier nichts aus von der Geſellſchaft; man kennt ſie nicht; und ſieht ſie kaum von weitem ſchwindlen: hören Sie’s, liebe Karoline? Das Thal iſt ſchöner als je! Vom Krieg, keine Spur! Außer, daß mancher Platz unge - mein verſchönert iſt, ſo, daß ich dachte, Fürſt Clary habe es machen laſſen; ſo ſchön haben die Truppen von ungefähr aus - gehauen. Geſtern war ich bis am Fuße des Geiersberges, in drei Dörfern, wo der Krieg recht eigentlich wüthete. Ja! ſuch ihn mal Einer! Nicht zu finden! Nichts davon zu fin - den. In Mariaſchein im Wirthshauſe geſtand’s die Wirthin ſelbſt, deren Haus ein geweſenes Kloſter eingenommen von den Alliirten eigentlich Preußen und befeſtigt war, daß alles ſchon wieder gut ſei. Auch war ich in den ber - gigen Waldgängen, wo das eigentliche Gemetzel war; les fleurs s’en moquent. Nüſſe, Hambutten, Kornblumen; blaue, violette, weiße, alle Sorten; Eichen, Buchen, Kamillen, und die tauſend Kräuter, wühlen wachſend und nichts eingedenk231 empor; ſchöner, reicher, üppiger, ſtiller, als ſonſt; i m goldig - ſten Wetter; welches auf dies Götterthal, um ihm abwechſelnd die nicht zu faſſenden Geſtalten und Scheine zu verleihen, her - unter ſtrömt. In Prag hatte ich doch keinen Herrn und kei - nen Bedienten? hier hab ich beides. Varnhagen (hier ruft man mich mit Gewalt in’s Bad.) (Nun bin ich aus dem Bade; und war ſchon wieder geſtört, als ich zu ſchreiben an - geſetzt hatte), der zwei Tage nach mir hier ankam, hat einen Bedienten mitgebracht, und da der Herr ſo gütig gegen mich iſt, ſo iſt der Diener entweder davon verführt, oder er verſtellt ſich aus Furcht und Reſpekt, und bedient mich. Es iſt ein Pariſer, und ſeines Handwerks ein Schneider, ein Burſch von zwanzig oder ſo viel Jahren. O! wie ſtellt der mir wieder die gute Sitte des ganzen Volks dar! den Beſitz, den es von ſeiner Sprache genommen hat, den Erſten des Landes gleich; kurz, das Gute von Frankreich, ſo wie es geht und ſteht. Eben ſo hab ich hier Geheimraths-Familien von uns geſehen und andere Adliche unſeres Landes (welches ſo ſehr mit mei - nem Herzen verwachſen iſt, daß der Anblick des Letzten deſſel - ben mir Thränen in die Augen pumpt), die mich recht mit Schreck erfüllten und ſtutzig machten; ſo ſehr, und ſo leicht entwöhnt man ſich deren ſtupiden, trocknen, ſteifen, ſteinernen, und doch ganz hohlen Stolz, auf die nichtigſte Einbildung: bei der ſie ſelbſt ſich in keiner Art etwas Reelles denken, ge - gründet. Einen neuen Krieg ſah ich vollkommen fertig aus denen grade hervorbrechen. Ein Johanniter beſonders mit zwei brummenden Damen, gingen ganz wüthig geſtern in dem Hauptgang des Gartens umher, bloß weil ſie noch nicht wuß -232 ten, ob die Menſchen-Rudel, die ſie da ſahen, wohl Geſell - ſchaft ſeien; d. h. Grafe, Barone. Nun ſieht man auch ſo - genannte Gebildete: die ſind wieder ſo bieder daß man’s ſchon den Männern an den neuen ruſſiſch-kriegspreußiſchen Mützen anſieht, und den Frauen an dem naiv-kinderhaften, häuslich-bürgerlichen altdeutſch-puffenreichen Anzug; den ſie keineswegs vermiſchen, wohl aber zugleich an ſich tragen; mit einer Haltung, die dies gerne in Ordnung halten möchte, das Strickzeug und die tugendhafte Treue beſorgt, und doch dem Geiſt ſo viel Spielraum läßt, die Gegend und Neues über - haupt in ſo weit in die Seele zu laſſen, als eine geiſtreiche Erzählung für die Zuhausgebliebenen erfordert, und natürliche gute Neugierde ſucht. Die machten mich ſehr herunter; und meine Erwartung für Berlin auch. Ich kenne nicht Einen, nicht Eine davon perſönlich; ich habe ſie nur ſo ſchwindlen und ſitzen ſehen. Varnhagen hat aber ſchon mit ihnen geſpeiſt und geſchnackt. Eine Breslauer Elegante iſt hier, die ich von Berlin kenne, die mich ſehr liebt: und die ſehr ſchöne Eigen - ſchaften hat. Auch eine Equipage: mit der leb ich im Freien. Auch ſehe ich des Major Selby Frau und Schwägerin, der hier in Garniſon iſt, und die ich von hier und Prag kenne; er iſt ein Däne, gebildet. Sie ſind artige hübſche Blumen; die Frau derb, voller Unſchuld: ſchön gegen Mann und Kind: dann ſprech ich noch flüchtig mit Offizieren, ſonſt weiß ich von keiner lebendigen Seele. Ich wohne ſehr gut. Zwei Zimmer nach einem Platz; Varnh. zwei hintere nach dem Garten: der voller Roſen, ganz aufgeräumt iſt, und nach einem Berge führt, und nach den Schloß - und andern Gärten hinſieht. 233Den Bädern im Fürſtenhauſe bin ich gegenüber, welches auch einen ſchönen Garten, der nach dem Felde geht, hat. Wo ich gehe und ſtehe, bequeme angenehme Spazirorte! Dies alles für Woltmann. Theurer als in Prag iſt hier außer dem Quar - tier nichts, vieles wohlfeiler. Kolonial - und andere Waaren. Mein Kreuz ſchon beinah ganz beſſer; das Bein, vom gehab - ten Schmerz nur affizirt, noch nicht. Berge ſteige ich ſchon wie ein Tyroler. Mir half ſogar ein hoher, den ich unver - ſehens dieſe Woche erklimmen mußte und auch wieder herab, äußerſt; nämlich das Kreuz befreien; alles für Sie, Herr von Woltmann, damit Sie ſich die Effekte des Badens ausmahlen. Nun muß ich zu Tiſche. Das Eſſen iſt recht gut und gar nicht theuer, nur die Suppe laſſ ich, und muß man laſſen, ſelbſt kochen. Adieu, à tantôt! (Nun nach Tiſche; nach Schlaf, und einem Beſuch, von meiner Eleganten.) Kommen Sie denn nicht hierher? Ich möchte Sie gar gerne bereden. Es iſt zu herrlich hier, und die Quelle zu geſund. Nur das Quar - tier und die Reiſekoſten brauchten Sie; bedenken, berechnen Sie’s! Varnhagen hatte Ihnen vorige Woche, in demſelben Sinne einen Brief geſchrieben, und ihn kaſſirt, weil er glaubte, er ſei zu arrogant; ich redete es ihm aus; und mit einemmale hatte er wieder dieſen Brief geſchrieben, der nun mit meinem, oder meiner mit ſeinem, abgeht. Nehmen Sie unſere anhäng - liche Geſinnung, auf der beſten Meinung erwachſen, und alſo auch voller Zuverſicht, gut auf. Und gebe der Lenker der Um - ſtände, daß unſere Wünſche für Sie in Erfüllung gehen. Es geſchehe aber wie da wolle, ſo wollen wir nicht aufhören un - unterbrochen bemüht zu ſein, das Beſte an und für die Beſten234 zu fördern. Sei auch das Chaos der Welt wirklich ſo groß, als es mir ſcheint, oder ſchon eine gebildete Epoche; dieſe gu - ten Bemühungen können und müſſen ſie nur weiter fördern, und darin kann auch der Unbedeutendſte, die formloſeſte Per - ſon helfen; drum will ich es mir nicht entgehen, und das Ge - gentheil zu Schulden kommen laſſen. Bei Ihnen nun gar, wo es nichts, als der Ausdruck, das Wirken, des leidenſchaft - lichſten Wohlwollens iſt; im Einklang der beſten Meinung von Ihnen; und eine wahre Bewunderung für Karolinens unſchuldige Tugenden, die ſie gar nicht kennt! Leben Sie recht wohl. Antworten Sie mir bald. Im goldenen Löwen. Und laſſen Sie mich wiſſen, wie ſich Woltmann befindet, und ob, und daß Sie kommen.

Rahel Robert.

An M. Th. Robert, in Berlin.

Lieber Markus, deinen dicken Brief hab ich erhalten, vo - rige Woche, und bis jetzt wegen Zufälligkeiten, worunter eine Alteration von einem Kerl im Garten mit ihrer Folge, als Unpäßlichkeit die wieder weg iſt auch ihren Theil hat. Ich muß dir ja recht ſehr, ſchon als Redakteur, und das als berichtigendem danken; ſo viel Litteratur, Nachrichten, und Berichtigungen ſchickteſt du mir! Ich danke dir beſonders für die gute, und gütige Beſorgung des empfohlenen Buchs [Deutſchlands Zukunft, von Kohlrauſch] an den Herrn Doktor von Tauenzien! Mich freute es ungemein, wenn unſer König235 das Buch leſen ſollte: der Doktor und ſeine Freunde leſen es doch in jedem Fall: berichte mir, was er drüber ſagt. Em - pfehle es meinerſeits A. Mendelsſohn, mit wenigſtens acht Schock Grüßen an ihn und Lea; er ſoll es ja Bartholdy’n geben, oder empfehlen: und der dem Staatskanzler. Thue es auch, Brüderchen!!! Hab ich dir auch von Thibaut’s Buch geſprochen? Profeſſor in Heidelberg? Über die Noth - wendigkeit ein allgemeines Recht in Deutſchland zu haben. Noch wichtiger: und etwas für dich. Ein reifes, alſo ein ſehr kleines Buch: eine Eſſenz von Gelehrſamkeit, zum Schluk - ken für Ungelehrte. Empfiehl es ja! dem Geh. Rath Schmidt z. B. für Kircheiſen; nicht daß er dies grade beförderte: aber als Nieswurz zum Hellſehen, Ermuntern, und Erholen. Kurz, ſprich viel davon.

Allerdings iſt Kohlrauſch ein Jünger Fichtens. In ſo fern es die Ehrlichen, Graden, Denkenden alle ſind, die da nur entwicklen können, was er für die Menſchheit wollte, was er ihnen, als die Aufgabe und das Sein eines Gelehrten, vor - legte. Sonſt weiß ich nichts von ſeinem Zuſammenhang mit dem Hochſeligen!

Ich habe den größten Antheil genommen an deiner Äu - ßerung über H’s Erwähnung des Baron W. Es iſt ein Ver - druß, wenn uns Einer alles untereinander matſcht; und dies nur eigentlich aus Faulheit geſchiehet, um ſich in ſich ſelbſt die Dinge nicht mit deutlichen Gedanken auseinander zu hal - ten, und, hat man davon zu reden, es nicht mit Worten zu thun. Man wird ſo mit der Zeit immer unfähiger dazu, wenn man auch von Natur eine präziſe Einſicht erhalten hat; und236 die Andern, Beſſern, erkennen einen nicht an, als Mitwirken - den, haben nichts mit einem zu ſchaffen, weil ſie ſich, wie Tanten und Väter aus Liebe und in Liebe thun, nicht die Mühe geben, einen zu errathen: und mit einemmale ge - hört man zu einer minder guten Klaſſe intellektueller Menſchen: und das nicht, weil einen die Natur ſo ſtellte bei welcher Stellung einem immer wohl ſein kann ſondern weil man träge, und daher ungeſchickt geworden iſt; und ſich dann mit ſeinen beſſern Anlagen auch unbehaglich fühlt. Wie oft hab ich H’s Verſtand und Gaben, und beſſeres Sein, grade bei den Beſten vertheidigen müſſen!

Hier iſt auch ein Brief von Robert. Sehr gut! Wenn wir ihn tadlen, thut es mir weh, und ich möcht ihn loben. Loben wir ihn, muß ich’s bedingen. Genug heute; aber er iſt ein Dichter: und ich keiner; weil ich nie ſeicht bin. Ein Frevel?! dem Klange nach; erklärt, nicht. Keine Zeit! Mord-Echauffement! Schöne Sachen ſchreibt R. Ich könnte ihm gleich ſchmeichlen, ihn ſtreichlen; er hat lange Ant - wort von mir, und Varnhagen. Sie ſchrieben ſich. Es rumo - ren alle Deutſche. Was ich in R’s Briefe roth anſtreiche, ge - fällt mir ſehr: wo ſchlängliche Striche ſind, approbire ich ihn nicht.

An Frau von Grotthuß, in Tharant.

Vergiß es aber nicht! Alles kann ſich ändern: und Wunder geſchehen wirklich noch immer. In Hülfe: in neu237 angeſponnenem Leben haben wir es ja Beide oft erfahren. Es kommen gewiß Augenblicke, wo du dem Gebet und dem gött - lichen unmittelbaren Wunderſchutz näher ſein wirſt: auf dieſe hoffe mit Zuverſicht. Dies iſt das einzig Erhabene, Reelle, und wie ein Licht laſſen ſie völlige Finſterniß in dem Schreck - lichſten nicht zu. Troſt giebt es nicht: ſonſt gäbe es kein Un - glück: aber mit dieſen Gedanken richt ich mich ſelbſt in ſchlim - men Fällen auf, und drücke ſie feſt an mein Herz.

Noch kann ich wegen Varnhagens Verhältniſſen nicht beſtimmen, wann ich nach Dresden komme; aber in jedem Fall ſehe ich dich. Auch ich wüßte gern, wo ich bleibe: obzwar ich weiß: daß, außer bei Eis und Bären, oder unter der Linie bei Vampyren, es allenthalben gut und ſchlecht iſt, und der Kampf nie aufhört: noch dazu jetzt, wo es keine Hauptſtadt, keine Hauptnation, keine Haupt-Großewelt mehr giebt, nur Gährungsſtoff, Fragen ohne Antworten, Frieden ohne großen Gewinn in der Stelle von jenen. Aber alte hei - miſche Gewöhnung hat mich heimiſch gemacht; und ſelbſt die früſtrirte abgeſchnittene Neugier, allgemein Geſittetes in ſchö - nen feſten Formen irgendwo finden zu können! Mein lieber mich liebender, ehrlicher, fleißiger Freund muß mir Halt und Erſatz ſein: und wir ſind es uns auch: auf Erden ſcheint mir nichts gewiß, und ein großes Gut, wie durch Zauberglück, ganz außer meinem Schickſal und Bewerben erhalten, am we - nigſten! Mich dünkt, ich bin auf alles gefaßt. Wir ſind ſehr fleißig; nämlich Varnhagen und Woltmanns, die mit uns auf demſelben Flur wohnen; ſie ſchreiben viel, und leſen viel, haben viel Bücher und Zeitungen, da leſe und hör und238 red ich dann ein wenig mit: ſo viel es die warme Quelle geſtattet., Wir machen die ruhigſten, heiterſten Spazirgänge, und ich bin ſtolz, wenn ſie ſich an der Gegend erfreuen: als hätte ich ſie gemacht oder entdeckt, oder hielte ſie ſo zum Ge - nuß der Freunde in Licht, Schatten, Duft, Grün und Kräu - terlaub! Es geht mir alles durch die Seele dabei, liebe Grotta, die Welt, die Vergangenheit, meine; die Möglichkeiten, welt - liche und geiſtige; der Menſchen Naturen, die ich kenne und kannte; tauſend und tauſend Dinge. Und die Liebe, die Ver - ehrung, die Segenanwünſchung für Goethe umgeben dies, durchdringen es, wie ſeine einmalige Atmoſphäre. Und im Ganzen kann ich von mir ſagen, wie Hamlet von Polonius, daß er ſonſt ein geſchwätziger, unruhiger Knabe war, und jetzt ein geſetzter Kerl. Da ſo todt an der Treppe. Doch ärgere, boße, freue, agitire ich mich noch: nur nicht ſo lange als ſonſt: und erfahre nichts Neues dadurch.

An Varnhagen, in Hamburg.

Alexander Lippe iſt nicht hier: ſein Bruder aber kam ſtatt ſeiner, und behandelt mich mit der größten Vorliebe und Ehr - furcht; und möchte mir alle ſeine Zeit widmen. Dies ſpricht ſehr für dieſe Familie: und ſtellt ſie auf eine andere Stufe, als wo die unſeres gebliebenen Freundes ſteht. Er ſprach auch viel von dir, und mit höchſter Achtung, und grüßt dich. Ich empfahl ihm Thibaut, er las ihn gleich, weil er ihn un -239 ter ſeinen Broſchüren hatte; Kohlrauſch will er ſich ſchaffen. Heute will ich nach Tharant, Abſchied von der Grotthuß zu nehmen.

Von den ſchen Geſchichten kein Wort weiter! Die Eiferſucht, die Konfuſion, die Lügen: eklen mich bis zum Er - ſtarren: ich bin erſchrocken, daß es ſo etwas giebt, und man in ſolcher Säuerei die Namen und Worte gebraucht, die bei uns die Zeichen des reinſten Lebens ſind: ich ſchäme mich, dergleichen zu hören, und fühle mich wie beſchmutzt: und kann dem Allmächtigen gar nicht genug mit erhabenem und reinen Herzen danken, ich meine, mein Herz iſt hier gar nicht erhaben und rein genug zum Dank, zu dieſem Dank , für das Glück deines Beſitzes, dich gefunden zu haben; nur wiſſen kann ich es! O Auguſt, welch ein Glücksfall. Solch einen Freund, dem man alles ſagen, alles zeigen kann. Dies war mein Ideal. Du beſitzeſt es auch. Im hohen Grade bei mir. Dies iſt meine ganze Schönheit, muß ſie vorſtellen.

Viel Menſchen allenthalben; Staat und Putz; und das Ganze ruppig, wie alles nach dem Krieg. Die Brühl’ſche Terraſſe hat durch die Repnin’ſche Treppe ſehr gewonnen. Es macht Repnin Ehre, jetzt gleich zu verbeſſern und ver - ſchönern. Komm es künftig wie es wolle! Über den ge - ſprengten Bogen der Brücke weinte ich. Ein organiſches, mühevolles Werk der Kunſt, des Wohlſtandes, des Fleißes und des Friedens zu ſchänden! bezeugt eine Gräuelzeit; und iſt ſo roh, daß man ſich fürchtet, und geſpannt wird, ihr ſo nah zu leben: und ſie noch auf den Hacken zu haben! Was mich faßt, ſpannt mich, dann muß ich weinen. Auch habe240 ich vorgeſtern die Batterie geſehen, von welcher Moreau er - ſchoſſen wurde, und auch den Ort, wo es geſchah, und alle Schlachtfelder. Pfui! Chriſten! und ſie ſchmieren wieder ſo etwas im Kongreß zuſammen.

An Varnhagen, in Hamburg.

Tieck kam geſtern Abend nach dem Theater: wir hat - ten ſchon Thee getrunken; er trank noch einmal, erholte ſich nach und nach von der Erſchöpfung des Ennui’s, er hatte das Ballet Arlekins Geburt, wo hier! nichts vor, nichts nachgegeben wird, ſeinen Kindern zu Gefallen ausgehalten. Bald kamen wir in die natürlichſten, munterſten, prätenſions - loſeſten Geſpräche, worin die Mädchen gar nicht hinderten; ich lag hinter dem Lichtſchirm: weil ich ſehr vom Schreiben, Gehen und Leben fatiguirt war. Er iſt ein köſtlich einfacher, verſatiler Menſch. Ich ſprach ihm viel von dir, und wie du dich ärgern würdeſt ihn zu verſäumen; und mit welchem Recht. Wir hatten ſehr ſchöne Geſpräche über das Lügen, und die Lüge: er iſt ungemein wahr, und ſo naiv, als ob er von Glas wäre, ſo läßt er ſeine innren Unterſuchungen ſehen, wenn er einmal auf dieſe Punkte gebracht werden kann, in den einfachſten Bürgerworten, die ſich, wie die vornehmſten Leute, gut ſtellen, und ganz mild und einfach einander behandeln, ganz einfach. Er ſpricht oft ſchwer: klagt oft darüber; und noch geſtern: daß er ſich ſo leicht ver -nichtet241nichtet fühlte; durch Ennui; welches ihm den Abend bei X. geſchehen war ich ſah es; weil ich ihn kenne, und lachte ſo, daß ich mir das Tuch vorhalten mußte, weil es die an - dern Damen nicht ahndeten, in ihrem breiten Daſein, ohne Unterfutter! Wir ſprachen von Schlegels. Er ſehr wahr, tief, mild; weltlich, komiſch, beichtend. Wir aßen; er, Ba - bette und ich; wir hatten die behaglichſten Geſpräche dabei; das Mädchen amüſirte ſich mit; er erheiterte ſich ganz. Da haſt du den Abend, führ ihn aus. Er war ſehr gut: nur gönnt ich ihn mir nicht: da du es nicht hörteſt. Tieck ſaß zwiſchen Babette und mir. Da! nun ſehen Sie den berühmten Dichter Tieck an! ſagte ich dem Kinde. Er nahm es ſehr gut: und es wurde kein Mißton; auch war das Mäd - chen ganz lieb und beſcheiden. Adieu, adieu!

An Karl von Redtel, in Potsdam.

Nur zwei Worte, um Ihnen zu danken, und Ihnen zu ſagen, daß nicht allein die Gewährung meiner Bitte mir in Ihrem Briefe ſo ungemein tröſtend und erfreuend war, welche mir Ruhe gegeben hat (Sie empfinden ganz was das heißt), ſondern, daß ich Sie den Alten finde! Daß Sie Ihr voriges Leben nicht aufgeben, es nicht mit dem Schwamm auswiſchen: und jeden Tag eine neue Geſchichte zu leben anfangen wol - len; das wollen ja beinah die Meiſten; und ich bin gefaßt, einen jeden der meinigen bei dieſem Siſyphus-Geſchäft zuII. 16242treffen; aber nur um ſo lebendiger iſt meine Freude, um ſo befriedigter meine Seele, wenn ich einen Freund geſund und jung wiederfinde (auf den ſich die neugefundenen Freunde wie er ſelbſt, verlaſſen können; und wo ſie und er ſich nähren, vom Alten, und daran erwachſen; anſtatt mit loſen Trenn - fäden an Loſes geheftet zu ſein!). Nur wir ſelbſt machen uns alt; dadurch, wenn wir alle Tage eine andere Jugend leben wollen; anſtatt daß jeder Tag, als neuer ſchon von ſelbſt eine friſche, für die nächſten Tage und das ganze Leben wird. Alſo ſein Sie hochbegrüßt in meinem alten, antiken Herzen, das nie altfränkſch wird, und werden ſoll, weil das das Nächſte nicht anäfft und nachäfft. Sie kommen alſo, Lieber! Sie ſind mir diesmal tauſendfältig willkommen! Vergeſſen Sie in der Zwiſchenzeit ja nicht meine Sache zu betreiben!! Jeder Andere, der darin zu thun hat, ver - gißt es gewiß, da es keinen als Sie intereſſirt! Und bringen Sie mir mein Lebens-Urtheil in Ihren Händen mit. Wie ſonſt, und für immer, Ihre alte

R. Robert.

Noch iſt Tieck hier: kommen Sie bald! Ein ſehr un - ſchuldiger, lieber Engel.

Meine Addreſſe wiſſen Sie. Ich wohne Behrenſtraße No. 45. gleicher Erde. Bei meinem Bruder Moritz. Alſo wenn Sie ſchreiben, addreſſiren Sie an den. Sie kom - men aber!

243

An Varnhagen, in Wien.

Alle Truppen und Prinzeſſinnen und Menſchen auf dem Exerzirplatz betend! Ich auch habe genug aus dem überflie - ßenden Herzen geweint für mich allein, ſeit dem 16., wo es ſich engagirte; daß der Gräuel ein Ende, die ſtockende Angſt ein Ende hat, daß unſere Truppen in der Sonne fröhlich und affektirt blinken; daß du in Sicherheit biſt! In Sicher - heit! Weiß ich, ob du die Reiſe gut überſtanden haſt? Seit geſtern erſt weiß ich, daß du gleich bei deiner Ankunft in Frankfurt mit dem General wieder abgereiſt biſt. Gott! die vielen Nächte hintereinander! Was dabei für beide gewonnen ſein kann, weiß ich natürlich nicht. Für dich, daß du, wie du mit Recht wünſchteſt, mit Tettenborn in Wien ankommen konnteſt; und alſo auch das für mich. Ich reiſe nun über - morgen, Donnerstag. Das Wetter iſt ſchön. Aſſing, der eben hier war, und auch Donnerstag nach Hamburg reiſt, und dich ſehr grüßt, verſichert mich es würde ſo bleiben, da keine Mond - veränderung einfällt: und es Anno 11. beim Kometen eben ſo war. Was machſt du denn? Bedauere die elende Rahel, der es immer chiffonnirt gehen muß, daß ſie ohne Nachricht von dir mitten im Frieden ſein muß. Glaube, daß ich mein Glück erkenne und ganz durchdenke und empfinde; daß ich auf den Knieen bin, nicht kränker geworden zu ſein; daß ich weiß, das Winden und Kämpfen hört für niemanden auf, daß unſer Übereinſtimmen in allem der Grund all unſeres16 *244Glücks iſt, und daß es ſich darauf in jedem Fall gründen wird, ich meine erbauen, denn gegründet iſt es. (Das Tromm - len macht mich toll.) Aber Ungewißheit haſſe ich ſo! und die wird mir ſeit undenklicher Zeit reichlich gereicht. Und wieder; denn obgleich ich abreiſen muß, ſo weiß ich doch nicht wie weit. Doch wie Gott will! Ich denke auch fleißig, und im - mer innerlich, an die größeren Gedanken. Du kennſt ſie: ſie fließen mir reichlich zu. Präparire mir, was du kannſt, in Wien; aber im Ganzen nimm nicht zu viel Rückſicht auf mich. Bereue deine Heirath nicht; (Scherz, wenn du denkſt, daß es Ernſt iſt) wenn ich dich jetzt inkommodire. Die Fêten in der Zeitung ſind mir ſehr eklich; ich bin froh ſie zu ver - ſäumen. Herzogin Sagan giebt auch Soupers in den Zei - tungen? Von Dresden und Prag ſchreibe ich dir. Gott wenn ich nur nicht in Prag ſitzen bleibe! das iſt mein Einzi - ges! Morgen ſind drei Stücke, zwei von Kotzebue, ein Ballet von Telle. Lauter Rückkehren: Kotzebue’s Gedanke beim er - ſten iſt witzig; die hundertjährige Eiche; da geht’s Anno 1914 vor. Da könnte man unendlich komiſche und tiefſinnige Dinge herauslaſſen, wenn ſie einem einfielen, und man dürfte. Lebe wohl! Gedenke mein! Gedenke, wie ich dich liebe und dich kenne. Wäre ich nur erſt zum Ausruhen, zum Troſt, zur Überlegung, zu meinem Troſt bei dir! Heute iſt Ferdinands Geburtstag: er hat die ganze Stube voll Spielzeug und Ko - laken, wie er ſie nennt. Es herrſcht ein ungeheurer, aber auch ſehr ſchöner Kuchen im Hauſe: ſolcher wie bei unſerer Hochzeit Hochzeit! zum Thee war, da ward deiner ge - dacht, und auch immer in allen guten Gelegenheiten. Gott245 erhalte dich! Lebe wohl. Deine R. V. werde ich jetzt dir ſchreiben.

An Erneſtine Robert, in Berlin.

Iſt das nicht das größte Meerwunder, in Wien zu ſein und gar nichts zu ſchreiben zu haben?! Wenn ich nicht die allgemeinen Gedanken-Schleuſen öffnen mag, welches ich nicht will, der Überſchwemmung wegen; und der Unverdaulichkeiten, die in Steinen und andern Materialien mit herausſtürzten! hörten Sie, Erneſtinchen, was ich Abends auf meinem Kana - pee doziren muß: muß, weil’s mir ſo herauskommt! Die Franzöſin iſt ganz vernichtigt. Mit der Phyſionomie anzu - fangen: ſpricht das gedanken - und beziehungsloſeſte Zeug, ja jede Frage z. B. nach der Geſundheit der Nichte, wenn ſie ſie ſieht, iſt zerſtreut, ganz herzlos, ganz ſinnlos, durch Blick, Ton und Wendung des Körpers. Dies alles ohne das min - deſte Ohr für alles was in der Welt geſchieht, ohne allen Takt, mit krummer Haltung, die ihr zur Natürlichkeit helfen ſoll, der ſie ewig anliegt; als wäre die Natürlichkeit ein Mann im Amt, der ihr einen Titel verſchaffen ſoll. Die Andre zieht ſich an wie ſonſt: ſieht ſo ſchlimm aus, daß, hätte ich es gleich geſehen, ich ihr mehr geantwortet hätte. Es iſt mir aber lieb, daß ich es nicht gleich ſah. Wien iſt wie alle gro - ßen Städte gut: wenn man Geld hat: da ich mittelmäßiges habe, und einen außerordentlichen Freund, die Welt ganz246 kenne; d. h. das was man von ihr zu erwarten hat. Ich bin ganz zufrieden. Wie geht es Ihnen und Ferdinand? bongue bongue? Ich küſſe den Bengel. Babette, ſein Sie fleißig, die Jugend kommt nicht zweimal. Was ziehen Sie heute an? Erneſtinchen, grüßen Sie alle Markus’ens, dies auch für ſie. Moritz iſt ſehr vergnügt. Varnhagen hat den Katarrh und grüßt ungeheuer: und hat eine ſehr liebe Frau, die heißt Rahel, und iſt ihm treu. Ein komiſches Stück vor - trefflich geſpielt haben wir unter gräßlichem Lachen geſehen.

Ihre R.

An Karoline von Woltmann, in Prag.

Ich habe Varnhagens Kupferſtich, ſeinen Brief nämlich, verſchampfiren wollen, mit meinen Ruthen verderben wollen, aber der Stich war zu ſchön. Gott grüß Sie ſchön, rufe ich Ihnen zu! Aber ich möchte gerne wiſſen, ob nach vor dem Ojeſer-Thor , oder nach dem dickhäuſrigen edlen großartigen Prag. Nämlich, Wien iſt nicht hübſch, ſoll das heißen. Eine engſtraßige Feſtungsſtadt, die ſo wenig zur Reſidenz oder Ka - pitale geſchaffen iſt, wie ich wollte ich ſagen, wie Leipzig brauche ich nur zu ſagen, denn mit Leipzig hat es die ſpre - chendſte Ähnlichkeit bis auf die Naſen, welche die Erker ſind, die Wien fehlen. Die vielen Laden ausgeputzt wie die ſchön - ſten Pariſer fehlen nicht; warum aber die Fiaker dort ganz und gar fehlen, weiß ich nun: ſie ſind alle hier: und das zum247 größten Unglück, weil ihnen abſolut der Platz fehlt, nun wol - len ſie den erjagen; und ſpielen Platzabjagen, oder quatre - coins, wobei die armen Pferde, die von nichts wiſſen, jedesmal ihre Hüftchen zu meinem größten Zittern und Schreck preis - geben müſſen, die, und ein Graf Münſter, dem man zwei Rippen, und ein armer Jäger, dem man beide Beine zerfah - ren, müſſen alles büßen. Ein Kaiſerlicher Wagen wollte auch mich den zweiten Tag als ich hier war umfahren; mein Fia - ker (der Wagen nämlich) floh in die Höhe und that ſich nichts, ſondern ſtieß mich nur, der Kutſcher ſchimpfte Halunke! hatte aber eben ſo viel Ambition und Schuld gehabt, als der Kai - ſerliche. Nichts Großartiges im Äußern hat mich hier noch wie ſo vieles in Prag frappirt, Ihnen, werthe lauſchende Ka - roline, würde es dagegen gar nicht gefallen. Im Kaſperle - Theater ſind konſommirte Schauſpieler: bei den andern habe ich noch nichts durchaus bewundert. In Geſellſchaft war ich wenig, doch habe ich welche geſehen: und unzählige Menſchen. Alle Geſellſchaften in Europa, die welche ſind, ſind ſich gleich, und mir lieb, d. h. egal lieb. Öffentliches haben wir ja gar nichts: und dies iſt ein frikaſſirter Erſatz davon, wie das meiſte Jetzige in meinen Augen. Oder gab es vor alten Zeiten, trotz der Berichte, Geſchichten, Gedichte und Bewunderung, auch nichts? ich habe ſtarke Ahndung und nimmt ſich’s nur gut in Liedern aus, was die litten, die thaten? Schreiben kann ich gar nicht: denn ich weiß nichts: es iſt mir hier in der erſten Unruh vergangen. Bald komme ich in Ruh; und ärnte ich da nur das Mindeſte, ſo ſollen Sie friſche Garben haben. Mit dem Kongreß geht’s wie im Damſpiel, wenn248 einer bis zur Gabel gekommen iſt: ziehſt du ſo, ſo zieh ich ſo! und ziehſt du ſo, ſo zieh ich ſo! Sachſen Polen! So ſteht das Spiel, ſo lang ich hier bin: und auch ich kann mir einbilden ich bin klug daraus. Die Andern thun dies alle. Adieu! Liebe Ojeſer. Wir ſehen uns wieder!

R.

An Varnhagen, in Wien.

Eines harten Mannes Erb, oder ſelbſt ein ſolcher Mann, Oder beides auch zugleich, iſt, wer Reichthum ſammlen kann.

Dies ſagt der mir ſehr liebe Logau; und wie paßt es, wie iſt es der Text, der ganze Inhalt unſeres Geſprächs! Ich habe dir meine Seele gezeigt; wie ſie nach meinem beſten Be - ſinnen iſt: denn ſo iſt ſie doch eigentlich, und nicht in wogen - dem partiellen Bewußtſein über die Erſcheinungen der Dinge, ſondern ihrer ſelbſt, dem Bleibendſten in ihr. Ich habe dir alſo nur einen Moment zeigen können von dem, was in mir, wenn auch nicht immer, doch meiſt, und ſtets dunkel vorgeht und arbeitet. Verzeihe es mir alſo, wenn ich dich bitte, mir kein türkiſch Schal zu kaufen! Ob ich ſolche Schabracke habe, oder nicht! Im Gegentheil! Mein Stolz, meine Eitelkeit beſteht darin, und ſchon längſt, keines zu haben. Kann ich’s bezahlen, ſo brauche ich keins; und es iſt ſchön keines zu haben: kann ich es nicht bezahlen, ſo iſt es recht und richtig keines zu haben. Und endlich, die Summe Gel - des iſt für uns und in jetzigen Momenten immer hübſcher, als ein prahlender Lumpen auf den Schultern. Auch wenn ich249 prahle, möchte ich es größer! Es liegt mir gar nichts dran: und es ſoll dir auch nichts dran liegen. Gute Nacht, Lieber! Gehen wir beide hierin mit Herr Jeſus!

R.

An M. Th. Robert, in Berlin.

Varnhagen ſitzt neben mir, und muß noch zum Kourier vieles fertig machen, läßt dich daher nur mit dieſem grüßen, dir danken, dich verſichern, er würde es nachholen. Noch ſind wir im Stifte; übermorgen ziehen wir aus. Aus einer von mir geliebten Straße nach einem ſtillen Platz, zwei Trep - pen hoch gute Treppen hier gleicher Erde. Heute Abend fahr ich zu Fanny Arnſtein, wo ich geſtern die Aſſem - blee verſäumte; meine Geſundheit leidet zu ſehr von der nicht zu athmenden Hitze der gedrängten Menge; und jedesmal rekrutirt ſich mein Huſten auf ſechs Tage wenigſtens. Gentz ſchrieb mir wieder ab, weil die Damen, die er zu mir gebeten hatte, Tableaux bei Hofe machen mußten: er ließ mir die Wahl, ohne die Gräfinnen Bernſtorff und Fuchs mit ihm zu ſpeiſen, oder den Montag mit ihnen. Ich wählte das letztere: ſchon weil die Sache doch wenigſtens verſchoben iſt ich liebe faſt nichts mehr, was Anſtalt koſtet! und weil ich grade die beiden Damen als Matadore der Liebenswür - digkeit ſehen will: Gentz errieth dies. Gräfin Fuchs iſt der Gräfin Plettenberg Schweſter (die bei uns in Berlin war), und alle meine Herren ſind in ſie verliebt. Gräfin Bernſtoff250 iſt Graf Chriſtian Bernſtorffs Frau, von der ich einen ſo rei - zend unſchuldigen Brief geſehen habe, und ſo gründlich und eigenmächtig geſcheidt, daß ſie mir ganz merkwürdig iſt. (Nicht wahr, ihr liebt dieſe Geſchwätzigkeit?) Vorgeſtern ſah ich die Zauberflöte, an der Wien. Fragt Moritz als Zeugen! Ich ſchwöre es, ich hörte aus dem bloßen Vortrag her, Me - lodien in dieſem Werke, die ich, doch auch nicht unmuſika - liſch, nie erahndet hätte auf den Stellen, wo ſie hervorbra - chen; dergleichen vermuthend, weil ich gehört, was Righini aus muſikaliſchen Phraſen und Figuren durch accelerirte oder angehaltene Noten, für welches keine muſikaliſche Zeichen exi - ſtiren, herauszog, war ich einzig hingegangen. Dekorationen, Anordnung und Pracht ſtehen bei weitem unſerer Aufführung dieſes Stückes nach. Die Königin der Nacht kam aus ei - nem großen Monde geſtiegen, der in eben als Wolken herabgelaſſener Leinwand herunter rollen mußte; ſie kam aus ihm wie aus einer großen Thüre gelaſſen und alt heraus, mit einer Krone von Silberpapier, woran Monde und der - gleichen von reinem Blech zitterten. Sie ſang die unſinnigen Arien mit einer alten Stimme, die ſo dezidirt auftrat, daß man hörte, daß ſie ſich in der Art Geſang ſonſt mit Recht habe bewundern laſſen, und in dieſem Nachreſpekt ſchonten ſie auch die Zuhörer. Mad. Roſenbaum heißt ſie; über fünfzig; aber ſie iſt die erſte Perſon, die mich gelehrt hat, was staccato iſt. Kein Unſinn: zu welchem es alle Sänger, die es nicht erfunden, und dazu geboren ſind, machen. Denke dir, daß dieſe Frau noch dieſen höchſten Ton trifft, und mit einer gemäßigten, beſonnenen Gewalt anſchlägt, daß er durch -251 aus wie von einem breiten Inſtrumente klingt, und in Angſt und Weh und Zorn künſtleriſch erzeugt ſcheint. So etwas iſt ſehr ſchön, bewundernswürdig und lehrreich. So lehrte mich der italiäniſche Klavierſpieler Lodi zuerſt, auf einem zerbrochenen Klaviere in Töplitz (vor vielen Jahren), was Mozart und alle neuere Komponiſten mit Oktavſpringen auf dieſem Inſtrument ſagen wollen: er zeigte mir, daß das ſchnelle Greifen mit Einer Hand von der Oktav zur andern den anhaltenden Ton eines geſtrichenen Saiteninſtru - ments hervorbringen ſollte; und brachte ihn jedesmal durch Schnelle und ander Geſchick hervor. Wenige Menſchen ahn - den nur in der Technik der Muſik ein Werkzeug zu derglei - chen Abſichten; und laſſen ſich das mißlungene, und als nichts Bedeutende lebenslang gedankenlos als etwas aufdringen. Mir gehts anders: ich tadle es, bis ich’s verſtehe. Alle Orcheſter hier gehen ſanft, ſinnig und richtig, und ihre Stärke beſteht nicht im Reißen, wie die der beiden Weber; des dün - nen in Prag, und des dicken bei uns. Überhaupt auf fal - ſchern Muſikwegen iſt keine Stadt in Deutſchland, als Ber - lin; und, wie natürlich, in einem feſten Dünkel darüber be - fangen: weil es Mühe und lärmende Anſtrengung nicht ſpart. Weber, Zelter, Iffland, tragen große Schuld; und des ſeli - gen Righini Überdruß und Nachgiebigkeit aus Applaudiſſe - mentsſucht.

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An M. Th. Robert, in Berlin.

Geſtern erhielt ich euren Brief mit dem Kourier, und will auch gleich heute antworten, weil morgen wieder zu euch einer abgeht. Ich haſſe, und immer mehr, alles was nicht die Umſtände als natürlich erlauben; weil nie daraus etwas Gut - gegliedertes, Mildes wird, und ſchon ein verrenktes Streben voraus ſetzt, wozu einem die ganze Welt nicht günſtig iſt, ſonſt hätte man’s nicht nöthig. Gott und die Welt mein ich. Ich denke über die Verſorgung wie du, und ſorge natürlich mit; aber da ich der Menſchen Verkehr und Zuſtände nun ein - mal nach meiner Weiſe kenne und ſehe, ſo denk ich auch hin - wiederum, obgleich ſich die Kinder aus den erſten Banden ſehnen müſſen und mögen, neue Lagen und Verhältniſſe dun - kel und wogenhaft ſich vorſtellen; ſo bleibt eben dieſe Mög - lichkeits-Zeit, meiner ganzen Einſicht nach, ihre beſte; ihre vornehmſte, adlichſte, und horizontvollſte; und eben deßwegen reichſte, weil ſie ihnen noch gewährt hinauszuſchauen! ich bin alſo vergnügt, wenn ſie Gefährten, Handlungsraum fin - den und gewinnen; und bin ſehr vergnügt, wenn ſie’s noch lange in Schutz erwarten; verſtehen ſie ihre Lage auch nicht ganz, ſo fühlen ſie ſie doch wie Jugend, und Geſundheit: und denen brauch ich das Wort nicht zu reden, nur zu ſeufzen mit allen Gebornen, daß ſie unwiederbringlich ſind, und nur rückwärts geſchaut werden können.

Die Konferenzen dauren fort: einer ſpricht ſo, der andere253 ſo: aber definitiv iſt nichts ausgemacht, nämlich abgeſchloſſen. Ganz Sachſen bekommen wir nicht. Mir iſt es lieb, wenn es jetzt nicht geſchieht, da doch und es iſt auch mechaniſch genommen nicht gleich möglich zu machen in Deutſchland eine Menge Dinge im Gewirr bleiben werden, ſo würde man, nähmen wir jetzt S., bei allen nur möglichen Widerwärtig - keiten nach jeder Seite, uns nur die Schuld geben: iſt es wahr, daß S. und Pr. in Deutſchland zuſammen gehören müſſen, ſo wird ſich das beim erſten Ereigniß doch ergeben. Krieg haſſe ich, und die Deutſchen unter ſich werden ihn auch wohl nicht anfangen; weil das Gefühl zu ſehr dagegen iſt; und ſie nicht gern thätlich ſind: d. h. ſchwer anfangen zu ſtechen, morden, hauen. Aber es wird wohl bei andern Na - tionen losbrechen, nicht ſo bald: dann nehmen wir Theil, und entzweien uns mittelbar. So weit iſt unſer Land mei - nes Bedünkens in der Einheit und Einigkeit gekommen. Durch dieſe werden wir unter Eine Regierung kommen, anſtatt daß die andern zur Einigkeit durch die Einheit ihrer Regierung gekommen ſind. So denk ich. So liegt die Sache: ma - chen kann man wenig: die Natur der großen Dinge, als Länder und Völker, iſt an ſich ſittlich, wenn man ihr nach - giebt. Alſo jetzt bleibt Friede. Theile es nur Moritz mit; und die klügſten Leute behaupten, Öſterreich und Preußen müſſen gut bleiben. (Ich bin jetzt entſetzlich durch den ruſ - ſiſchen Obriſten Noſtitz geſtört.) Läßt denn Ludwig nicht ſeine fertigen Geſänge drucken? Gott! ich bin blau auf den Backen vor Röthe und Echauffement, ſo haben mich Varnha - gen und Noſtitz geſtört! Schrecklich! nicht eine Minute!!! 254 Lebe wohl, den Kindern ſchreibe ich ein Wort. Ich grüße Nettchen und alle Hausfreunde.

An Moritz Robert, in Berlin.

Du haſt Recht, das iſt noch die beſte Verdrießlichkeit, von der man genau den Grund weiß: der liegt wenigſtens oben auf, iſt nicht ſehr verwickelt und kann vergehen. Laß dir von Markus mittheilen, was ich darüber ſage, daß kein Krieg wird, laß dir auch von den Kindern mittheilen, was ich ihnen ſchrieb, und du wirſt ſehen daß ich heute wegen Störung nicht mehr ſchreiben kann, trotz des beſten Vorſatzes, und einem ſchönen Brief, der ſchon im Kopfe fertig war. Einer unſerer Bekann - ten, den auch du kennſt, hat hier der Regierung einen Plan zu einer Bank, wozu ſie nur die Erlaubniß geben ſoll, einge - reicht und hat Konferenzen mit allen Banquiers auf miniſte - riellen Befehl; es iſt ein Geheimniß, und er erzählt’s nur uns. Bollmann wird die größten Geſchäfte nach Amerika mit Queckſilber machen, welches hier aufgehäuft liegt. Nimmt man ſein Projekt an, ſo kommt hier wieder Silbergeld. Man kajolirt ihn ſehr. Hier ſchicke ich dir einen kleinen Zeitungs - artikel, der dich ſehr erſchrecken wird. Erneſtine muß ſich in Acht nehmen, ich grüße ſie. Frau von Mink fragte nach dir. Frau von Stägemann hat dich beim Manne gelobt; kultivire ſie, ſie haben ſo kluge Kinder. Er war mein Troſt Dienstag bei Arnſteins, wo ſie Wachsfiguren in einer Hitze vorſtell -255 ten!! und ich nichts in der Welt dadurch ſah. Ich gehe we - nig hin. Mir nicht ſo! bei Gott! Den Weihnachten ver - geſſe ich ihnen nicht. Grüße Oppenheims; ich werde ihnen einmal ſchreiben, daß ihnen Hören und Sehen, und Wien ver - gehen ſoll. Ich zerbreche mir immer den Kopf, wo ich in Berlin wohnen werde. Einmal muß ich doch hin. Dein Brief unterhielt mich, weil ich ihn einſah. Ernſt, Stimmung, Lage, Handſchrift, alles. Manches mit dieſem eben ſo. Adieu adieu. R. Laß nur Ferdinand noch nichts lernen, und ärgert ihn in nichts. Er wird doch unglücklich, wenn er größer wird. Was macht denn der Heuchler? Was macht Babette? ärgert ſie ſich noch? Heute hat unſer König beim Kanzler geſpeiſt. Varnhagen mit Stägemann. Adieu.

An Moritz und Erneſtine Robert, in Berlin.

Bloß ein paar Worte! Hier iſt der Beobachter: ſo ſol - len wir nun denken; Lampe-Gentz ſchreibt’s uns vor: von ihm iſt die tiefſinnig-religiöſe Betrachtung über die vorgeſtern ſtattgefundene Leichenfeier. Denkt euch darüber was ihr könnt: ich ſehe Emigranten-Arme darin, die die Welt wie ein Rad in ſeinem Lauf zurückhalten und auf die alte Stelle, wo es ihnen gefiel, zurückführen möchten. Der Reſt iſt Schweigen , denn tief in der Natur der Dinge, die Einmal für uns da ſind, liegt dies Schwanken, Wogen, Meinen, Toben, Halten, Schreiten. Das Feſt in der Kirche ſelbſt, in der Stephans -256 kirche, die ſchön iſt, und zum Sinnen und Beten ſtimmt, koſtete 40,000 Franken; die Dekoration war aber mesquine, dem Eindruck nach, den ſie machte, weil ſie unzuſammenhän - gend und nicht für das Gebäude paſſend war. Wappen, Stücke Tuch, die wie breite Schärpen herabhingen, und an der großen ſilbrigen, nicht ſilbernen, Krone Frankreichs oben befeſtigt. Manche Bänke beſchlagen, manche nicht; eine trauernde Religion mit einem Kreuze im Arm, und einer Mi - nerven-Büſte zur Seite (?)! Noch eine Statue, die das Te - ſtament Ludwigs XVI vorſtellte, von Holz, worüber begypste Gewänder geworfen waren. Recht gut! aber für ein Abend - feſt in einem Garten!!! kurz beinahe ſo ſchlecht, als Türen - ne’s Begräbniß, als er nach dem Pantheon gebracht wurde, welches ich in Paris ſah. Es waren Billette ausgegeben. Ich hatte eins zu einem guten Sitz, von Graf Flemming, aber ich ging der Kälte, des Wartens und Gedränges wegen nicht hin: ſondern nachher, um die Kirche zu ſehen. Die Muſik ſoll auch gar nichts getaugt haben. Geſtern Mittag war dann endlich die große Schlittenfahrt: mir glaubt, und keiner Zeitung. Himmliſche, kommode, halbe Wagen, nicht nach der neuen ſchlechten Mode, die nicht deſtoweniger, ſondern, deſtomehr ſehr elegant ausſahen, auf ſehr guten Schlittengeſtellen; übermäßig beharniſchte Pferde mit entſetzlich beglockten Decken; verguldet und verſilbert nach Luſt! und Kaiſerlich; ungefähr bei jedem ſechs reich galonirte Bedienten mit dreieckigen - ten, die Vorreiter ſein ſollten: nicht knallten. In jedem ein Herr und eine Dame. Die Damen in allerlei kouleurten Pel - zen und Hüten; aber alle von Einer faiseuse, alſo beinahgleich.257gleich. Nur die Nichte unſerer Königin, Thereſe Eſterhazy, war anders und beſſer: ein Häubchen von Krepp mit Gold; und einen ſolchen Hut, weiß befedert, und paſſend, niedlich und aufgeklappt, drüber oder dran, und blau in Sammt. Schön! Lady Caſtlereagh (nicht hübſch, nicht jung, aber ko - loſſal) in Gelb mit einem raſenden Schal drüber. Julie Zichy, kirſchbraun, ſehr ſchön, eine Brünette, unſerer Königin ähnlich. Gräfin Fuchs, ponceau. Alle ſehr geſchmückt, dies war das Schönſte. Dreimal ſah ich ſie bei Tage am nämlichen Fenſter äußerſt bequem mit einem Perſpektiv. Die Vorreiter waren auch in verſchiedenen Farben. Die Herren in Uniform. Der König ſehr gut: und die hübſcheſte Dame. Das Volk ſchrie ihn ſehr an: ich glaube von ungefähr. Es freute mich doch. Den Vicekönig Eugen, mit einer roſa ſehr ſchönen Gräfin Appony, ſchrie es auch an. Aus der Schlittenfahrt iſt der noch nicht heraus. An Ludwigs XIV. Hof trauerten ſie um Cromwell, ſchreibt Mlle. de Montpenſier, die Kouſine Ludwigs ſelbſt. Es war alles ſchon da, es liegt bloß am ſchlechten Gedächtniß.

An Moritz Robert, in Berlin.

Vor einer Stunde erhielt ich durch einen Geheimrath S. einen Brief von dir und Ohme, worin ihr mir von einem Brief von mir den 15. datirt ſprecht. Liebe Kinder! habt ihr denn ſeit vierzehn Tagen nicht mehr Briefe? Ich ſchreibe mit je -II. 17258dem Kourier, d. h. die Woche dreimal. Dein Brief hat mich ſehr unterhalten: und vornehmlich die Aufzählung der Witzi - gen; und daß die Generale ausgehauen werden ſollen, in Marmor! Heute habe ich nichts zu ſchreiben: Neues giebt es wieder nichts. Geſtern war Sonntag, und ich bei Arn - ſteins, wo alle Menſchen, außer Stägemann, Otterſtedt und Varnhagen, der nicht mehr hin geht, waren. Viele Da - men, und alle Herren; ich amüſorr mich, weil man nur ſo viel ſprach, und zu ſprechen braucht, als man will, Leute ſieht und hört, die nicht ſchreien und diskutiren, und ſich in der Artigkeit halten, die wohlthut und mir durchaus nöthig iſt; für Nervenleib, und Seelenüberdruß. Das Gegentheil macht mich ganz erliegen. Neben der Ephraim und einer Baro - nin Oertzen aus Mecklenburg ſaß ich, dann bei Frau von Arn - ſtein, und der Portugieſin de Caſtro. Ich fuhr mit Hedemann, der mich beſuchen wollte, hin: und mit Bollmann, der mit mir zu Hauſe wollte, her. Auch habe ich, trotz allem Sträu - ben, vorgeſtern freundſchaftlich bei Eskeles geſpeiſt: da war es auch hübſch: wenig Menſchen; der Dr. Buchholz aus - beck mit ſeiner ſehr hübſchen Frau, Pilat, Carpani, ein Baron Kollenbach, ein ſtummer Komikus wenn er ſpricht; Eskeles: den ich ſehr liebe, weil ihm ſeine Klugheit bis aus den Poren dringt, er ißt, er ſchweigt, er lacht klug: er ſagt lauter Selbſt - gedachtes, Originales. Ja! er amüſirt mich in gewiſſem Sinn hier beſſer, als alle andere Leute; weil er ganz altväteriſch geblieben iſt, mit geiſtigen Gaben, und ein reiches Leben über ihn weggegangen iſt, welches er ganz nach ſeiner Art bearbei - tet hat, und lauter Originales davon ausgiebt, mit der aisance259 des gelebteſten Menſchen auf gut altteſtamentliche Weiſe. In die Komödie gehe ich nicht mehr. Heute kommt Auguſte in Prag an, bleibt bis zum 10. Beſorge ja alles!!! Erne - ſtinen habe ich ja geſchrieben, und grüße ſie. Ich weiß heute nichts Beſonderes. Obgleich de Ligne bei den Vätern iſt, ſo kann der Kongreß nicht aus dem Walzen in’s Gehen kommen. Major von Hedemann wollte geſtern wetten, in ſechs Wochen ſeien ſie zu Hauſe: aber ich glaube keinem Men - ſchen mehr: weil alle jetzt nichts wiſſen. Zerboni ſah ich geſtern; ein ausgearbeitetes Amtsgeſicht; im Ganzen ein alt - berliniſch-koloniſtiſcher thatreger Mann; in Sprache und al - lem: aber friedrichzweitiſch. Noch Eins, Ohme! Schicke mir um Gottes willen mehr Thee. Hier iſt keiner zu haben für Millionen, und mit einemmale iſt der Kongreß doch aus! Ich ſchreibe alles auf, was du auslegſt. Adieu! Erneſtine! Sie haben Recht: keine Fête zu Hauſe! ohne Haushof - meiſter; ſetz ich hinzu.

Von den Theatern hier ſind nur die komiſchen gut. Geſang viel weiter als bei uns; ſchon weil er auf einem ganz andern Wege iſt, und erlernt und beurtheilt wird. Die Adamberger ſo, eine rechte Aktrice (ſie ſpielte Minna, Minna, ſage Minna!), falſchen Ton, falſchen Scherz, falſche vornehme Haltung, und nicht ein bischen friſch, wel - ches ich wenigſtens dachte. Einen Grüner haben ſie hier mit der ſchönſten Stimme, dem geſammeltſten Furienweſen,17 *260welches ihm auch aus brauchbaren Augen leuchtet, von Natur großartige Bewegungen und konzentrirtes Daſtehen, Daſein; kurz, der Sammlung und Aufmerkſamkeit auch in geringen Stücken erweckt. Den möcht ich mitnehmen, oder mitſchicken. Ich habe nun den dritten unausſtehlichen Aſchenprödel geſehen! Ich glaube, die ganze Geſchichte iſt nicht wahr! Nun weiß ich, was ein Kongreß iſt: eine große Geſellſchaft, die vor lauter Amüſement nicht ſcheiden kann. Das iſt doch gewiß Neues. Und ohne Spaß! Es muß recht ſchwer ſein, einen Kongreß zu halten und zu enden! Eine Welt einzu - richten! dies machte ja Hamlet ſchon melancholiſch. Nun wollen wir einmal ſehen, ob ein Held, ein Seevolks-Held ſie nicht überwinden kann! Ob ſie Wellington widerſtehen wird! Fr. Schlegel ſchimpft auf Goethe. Dafür bleibt er wo er iſt, und wird dumm.

An Moritz Robert, in Berlin.

Das geizige Ende deines Briefes hat mich geſtern außerordentlich lachen gemacht, und noch jetzt, obgleich ich, beim Himmel! nicht ſo ſehr lächerlich geſtimmt bin: ich will es dir hierherſetzen, es wird dir gewiß auch komiſch vorkommen; ich ſah die harpagoniſcheſte Scene dabei, von Molieren par des Molières ſelbſt geſpielt. Höre nur! Hier geht alles wie du es ſiehſt! Ich bin mit dem Gange der Sachen (ohne mich zu berufen) (!!!) zufrieden. Das mag denn261 auch wohl an meinen wenigen Prätenſionen liegen, und daran liegen, daß ich unzufrieden mit mir bin. Höre nur dieſes Bedingen und Wenden des ſchon Bedingten! So bin ich leider auch, und nur darum kein gemeinſter Harpagon, weil mein Geiſt, mein Urtheil über mich ſelbſt die Oberhand, oder das letzte Wort behält. Denn was iſt wohl anders Geiz, Kargheit der Handlungsweiſe, als ein ungroßmüthiges ewiges Erwägen des ſchon Erwägten; und dem Glücke mit ſeinen Satrapen, den Umſtänden, gar keinen Kredit, am allerwenig - ſten einen ſorgloſen geben wollen, den allein es verlangt, und wofür allein es Intereſſen ſpendet. Aber das mag der Fürſt der Hölle wie Friedrich Schlegel in ſeinen neueſten Vor - leſungen höflich den Teufel nennt können; moi je suis payée pour être de la méfiance la plus outrée gegen die Für - ſtin der Erde! (will ich nun die antike Fortuna aus Rück - wirkung nennen.) Du haſt Recht, Bruder Harpagon; ich weiß es nun, wir bleiben Harpagone: und daß wir noch etwas komiſch ſind, können ſie uns nicht genug danken, und gar nicht nachmachen: weil dazu eine andere Natur zum gemeinen Leben gehört, als man eine hat, und die beſ - ſere den Pagliaſſo, und den Tiefſinn, den Hochſinn und den Unſinn übernimmt; Jean Paul, Shakeſpeare, Hamlet mit Einem Wort!

Der Beſen im Zauberlehrling. Der Meiſter muß kom - men! Kennt ihr einen? Ich fürchte jeden. Was ſagt ihr zu den Spaniern, wie die die Indianer behandlen! Das ſoll262 ich erleben! Eine Tochter Friedrichs. Die Welt kommt noch ſo zurück, daß wenn man nicht bald ſtirbt, ſo lernt man noch Richelieu den Erſten kennen, die Schlange; und Adam, und die ganze erſte Societät.

Ich habe ſeit einiger Zeit viel über das Lügen nachge - dacht. Es wirkt doch viel nach außen, und von außen nach innen. Könnten ſehr geiſtreiche, geiſtvoll ergründende, wahr - hafte Menſchen mit einem ſtarken Karakter das Lügen ſtudi - ren, und dann wie andere erlernte Dinge mit Fertigkeit aus - üben, es müßte zu koloſſalen Wirkungen führen: der Wahrheit würde angſt und bang, ſie ſtünde ganz klein, als Seufzer, als regret, als Angeführter in der Welt da, und flüchtete ganz in die dunkle innere; ſo reell könnte das Lügen im Großen, Planmäßigen aufſtehn. Große Zeit und fanatiſche Anhänger könnten nur ſchwer dagegen ſiegen. Meine Meinung hier iſt nur ſehr roh vorgetragen: die Klugen werden ſie ſchon ergänzen. Die Lügner unſerer Zeit pfuſchen nur, wie groß ſie auch ihr Spiel ausdehnen wollen, ſie haben keine Wahr - heit in der Seele, und haben die Lüge nicht ſtudirt.

Ich muß Ihnen Einiges von unſerm geſtrigen Abend erzählen!

T. ſagte vom Adel, er komme ihr vor, als ob jetzt je - mand in den wohlgepflaſterten Straßen, in den belebten, han - delsreichen Städten umhergehn wollte mit Tigerfell und Keule263 behauptend er ſei Herkules, er wolle uns ſchützen und retten, und verlange dafür göttliche Ehre. Herr, würde man ihm ſagen, es iſt nicht Ein wildes Thier hier, lauter Laden und Speicher, und ſichere Häuſer; ziehen Sie ſich aus, nehmen Sie auch ein Gewerbe, oder beluſtigen Sie uns durch Kunſt und Gaſtmähler.

An Moritz Robert, in Berlin.

Ich hatte mir heute ſchon alles, was man ſeit geſtern über Napoleon weiß, im Kopfe zurecht gelegt um es dir zu berichten, aber ich fand es in Ordnung und Kürze im heuti - gen Beobachter, den ich morgen hier beilegen werde. Der Fürſt, der ihm begegnete, iſt der Prinz von Monaco. Der iſt es auch, der einen Kourier hieher aus Turin ſandte. Napoleon war aber nicht niedergeſchlagen, ſondern ſo aufgeregt wie bei ſeiner Schlittenfahrt von Moskau nach Frankreich. Er fragte holprig und poltrig den Fürſten, ob er keine Bewegungen in Frankreich und in Paris, woher der kam, geſehen: und wollte es nicht glauben, daß dort alles ruhig ſei: vous ne savez donc rien! meinte er! und erzählte, der Kongreß hier, ſei in Unfrie - den auseinander. Der Prinz von Monaco wurde nach Na - poleons Bivack gebracht, wo der hauſte, weil ihm das kleine Fort abgeſchlagen wurde. Dieſe Sache müſſen wir nun ab - warten: Dienstag kommt eine Poſt hieher. Vielleicht habt ihr über Paris und früher Nachrichten, weil man ſeit geſtern hier264 weiß, daß ſie dort vom Telegraphen[unterrichtet] ſind. Peſchier’s Kompagnon, Fries und Andere ſchieben ihre Reiſe nach Frank - reich wenigſtens poſttagweiſe auf. Monaco weiß aber wirk - lich nichts: Napoleon hat Recht. Ich habe geſtern einen Brief aus Paris, den ein reicher Geſchäftsmann, der große Verbin - dung in Frankreich hat, ein Reichsländer, vom 28. datirt ge - ſehen, wo man natürlich Napoleons Einbruch noch nicht er - wähnte. Der klang aber nicht nach nichts! Sondern nach den größten Bewegungen gegen die Jetzigen; mit großen De - tails, Namen, Bewegung, Straßen, alles genannt. Ich glaube, man wird ſich den Napoleon’ſchen Lärm zu Nutze machen, wie man ſich jeden erſten zu Nutze gemacht hätte. Hier ſpricht man von einer Proklamation, welche die Alliirten gegen Na - poleon und alle die, welche ihn hegen oder ſchützen, werden ergehen laſſen, und die ganz den Schutz der Bourbons ver - künden ſoll. Eine ſolche könnte mich ſehr unſelig machen. Dieſe Nation muß man allein laſſen, und nicht wieder zu ei - nem Ganzen ſetzen, wie vor zwanzig Jahren; da meinen Brie - fen nach, die Armee ohnehin brennt, irgendwo hin zu fal - len; und ſtark nach Belgien trachtet. Sollten wir ſelbſt Poch - kränze zu der unſeligen Entzündung liefern? die nun weit und breit Kombuſtibles findet! ich bin mir alles von dem Rath, der waltet, gewärtig: und halte es, ganz im Gegen - theil der Andern, für ein Unglück, daß die Regenten noch hier zuſammen ſind; jeder müßte feſt ſein Land behaupten, und möge Deutſchland noch immerhin verſchiedene Namen tragen. Ich fürchte, es wird zu ſchnell eine zweite Generation Ein Deutſch - land erleben! und, wie es die Leute prophezeihen, Deutſchland265 Eins und Frankreich getheilt werden. Von dieſer traurigen, für mich alte Generation höchſt trüben Betrachtung muß ich natürlich auf Friſch kommen! Gott, wie hat mich das betrübt, erſchüttert, erſchreckt, und nachdenklich gemacht! Und es war doch ſo natürlich! Er ſo alt; er mußte ſterben. Aber ſo ſtirbt man: ſo ſtirbt man ſelbſt! Alles was wir intim und jugendlich kannten, geht ab, nimmt ab; ſtirbt. Und wenn nun erſt Einer von uns Geſchwiſtern ſterben wird! Ein Glück, daß ich erſt dran muß! So ſind die Eltern, meine Wurzel, mein Stamm, an dem ich haftete, hin; ich dorre im Wipfel, fallen aber Äſte neben mir, ſo iſt es aus! Ich fühle mich heute ſo ſchwer; fühle überhaupt das Alter; nämlich die ewigen Zerrüttungen der Lagen und Verhältniſſe; die Tren - nungen, die Kränklichkeit, die Entfernung der Jugendgenoſſen, der habitués, den Tod der Kernfreunde, der muntern. Und da ich Ruhe haben ſollte, und müßte, die Erſchütterung der Staaten, und Stätten!!! Ich kann weinen. Humboldt, Gentz, die Pachta, Wieſel, ſind hier! Aber wie leben wir mit einander? Natürlich lache ich, ſpreche ich, ſehe ich Leute, lerne welche kennen: erwäge und ſchätze mein Verhältniß mit Varnhagen, und bin als hätte man mir den beſten Rath ge - geben. So habe ich mich geſtern Abend in einer gewöhnlichen Soirée bei Arnſteins recht gut amüſirt; mit Frau von Arnſtein, mit einer guten Franzöſin, mit Frau von Ephr., mit manchem Sehen und Hören, und bei Tiſche lachten wir! Heute Mor - gen war ich mit der Arnſtein in einem brillanten Konzert, wo ein junger Mann eine Oper von den Kennern unterſuchen ließ, die er gemacht hatte (die Oper, nicht die Kenner, hatte er gemacht). 266Sie beſtand aus Reminiszenzen. Nachmittag ſah ich einen Augenblick Bentheims Schweſter; geſtern war ich ſpaziren im ſchönſten Wetter, wo ich Menſchen ſah und ſprach, morgen bin ich bei Eskeles. Alſo beklage mich nicht! So iſt’s aber. Wien behagt mir mehr im Frühling, und muß ich bleiben, mit Kruſemarck, gewiß noch beſſer. Doch gehe ich auch gern weg. Kurz, wie es kommt: meine Familie, und die Kinder, und die alten Bekannten, liebe ich, und brauche ich.

An M. Th. Robert, in Berlin.

Ich wollte ſo eben mich befleißigen, euch Wort vor Wort die Nachrichten nachzuerzählen, die geſtern der Staatskanzler ſich befliß, den Frauen, vier, die vor Tiſche auf und am Ka - napee ſaßen, zur Unterhaltung mitzutheilen; ſie ſtehen aber alle buchſtäblich, wie er ſie ſagte, im heutigen Beobachter. Alſo lies nur. Sie ſchienen mir auch geſtern nichts zu bedeu - ten (da ich ſie ohnehin ſchon vorher wußte), als eine große aménité des Fürſten. Der Aufſatz über der acht Mächte De - klaration, womit heute der Beobachter anfängt, gehört nicht zu des Kanzlers Erzählungen, iſt von Gentz, und unendlich ſchwach. Die Erfindung: die Ausführung nicht minder. (De par tous les diables, möchte man anheben!) Was hat er die Mächte zu entſchuldigen, und zu kommentiren: und eine klare Sache zu erklären; und wem zu erklären. Oder iſt ſie nicht recht klar? die ganze Maßregel iſt ſo ſehr richtig, daß267 ſie beinah unnöthig war, und aus der Pariſer Konvention ſchon hervorgeht. Was befallen ihn für Zweifel? an der Sache oder am Publikum. Es giebt der ganzen Sache, mei - nem Gefühle nach, ein unſicheres Anſehen; und ſollte ihr ein ſicheres geben. Warum nennen ſie Napoleon Rebell? dies kann nur ein Unterthan ſein. Er war auf Elba niemandem unterthan. In ſolchen Proklamationen ſollte kein unrichtiges Wort ſtehen. Die richtigen ſind ganz hinlänglich. Europa will Ruhe; und wird ſie im Nothfall mit Krieg erkaufen; voilà le fait, qui doit être fait etc. Von Paris hat unſer Golz nur allein einen Kourier mit den Nachrichten geſchickt, die nun hier umlaufen und im Beobachter ſtehen. Die An - dern haben keine. Talleyrand mag ſie nicht mittheilen, vielleicht.

Beim Kanzler ſpeiſten geſtern zweiunddreißig Perſonen, vier Damen mit mir. Der Kanzler macht auf die rein menſchlichſte Art die Honneurs, und ſo ſehr wie ein guter Mann, daß wenigſtens Gemüther wie ich, ihn lieben müſ - ſen; und gleich mit ihm bekannt werden. Er dauerte mich ſchmerzhaft unter den Zweiunddreißig, wie der ſelige Onkel. Aber er ſteht hoch in Betragen und Sein, und der gebildet - ſten Lebensart. Ich kann mit Tauben nicht ſprechen: ſo viel meine Unfähigkeit es zuließ, that ich’s doch: auf die unge - zwungenſte Weiſe. Es iſt ein Mitleid! Weil er ſehr Kon - verſation liebt, und weit hinhorchte, wo Humboldt neben Varn - hagen ſchrie und lachte. Auf der andern Seite hatte Varnha - gen Stägemann, Schöler, Grolman, Bartholdy. Graf Flem - ming ganz unten. Kein Rang, kein Stand. Jahn, auf den268 ich ſo neugierig war, war mit krottirten Stieflen, einer Mütze, und ohne Halstuch da, im alten Überrock. Humboldt ließ ihn ſich von Varnhagen vorſtellen. Radziwill, Alle waren ſehr gut mit ihm. Er ſaß ganz unten. Miniſter Bülow, mein andrer Nachbar, mußte mir ihn zeigen. Denk dir, Markus! Ich ſprach mit Bülow und noch Einem über den Fall zwi - ſchen den Hamburgern und Berliner Kaufleuten; und war gegen den Dritten, der da meinte, es ſei nicht klar, daß die Hamburger zu zahlen hätten: da der Fall ein Rechtsfall war, konnte ich nicht ſchweigen; und Bülow ſagte immer: Ich bin Ihrer Meinung. Nicht weil es der Miniſter ſagte, ſon - dern weil ich mitſprach, erzähle ich dir’s. Bülow hat einem Hamburger Advokaten ſein Gutachten abgefordert, dies ſprach für meine Meinung. Bülow iſt ein hübſcher, guter, angeneh - mer, einfacher Mann: es fiel ihm aber auch nicht ein, daß er Finanzminiſter ſei, und er ſprach in einem Sinne, als: er, ich, und der Dritte, wir hätten Meinungen über eine gewiſſe Sache!!! Es war wohl hübſch und menſchlich, ich vermißte aber eine Nüance; den Nerv, den das Amt haben ſoll. Jahn iſt auf eignen Impuls hergekommen. Er will Zulage: zwölfhundert Thaler hat er jetzt. Er grüßte mich vom Kon - ſiſtorialrath Nolte, der habe ihm von mir geſagt. Er hat ein Betragen und Sein von der angewöhnten Genialität, die Hagemeiſter ſchon vor ſechszehn, achtzehn Jahren hatte; kraftgenieich; er erinnert auch an ihn, wenn man ihn ſieht. Noch kenne ich ihn gar nicht: ich werde ſehen. Humboldt ver - ſicherte mich, wie Don Juan, nach Tiſche ſeiner Liebe. Er liebe mich immer: ſehen könne er mich nur nicht, weil ich269 immer alles thäte, was er nicht leiden könnte: er will mir ein Diné geben (Diné! Ihr ſeht, ich bin todt; und nicht im Himmel). Das wäre was für Erneſtinchen! Ich ſoll die Per - ſonen nennen; alſo als Königin. Ich ſagte, er ſoll mich we - niger lieben, und mich beſuchen: dann wolle ich die Perſonen nennen. Ich mußte fort. So blieb’s.

Der Kanzler examinirte mich ſehr. Wie ein kluger Mann; der das Theater liebt. Solche Leute ſehen ganz anders an: vom Sehen lieben ſie das Theater. Nicht wahr, Hans?

Die ſchwarze Dame hatte in Geſtalt eines Malteſerkreu - zes ein dunkelbraun emaillirtes mit Granaten beſetztes an der linken Bruſt, ich denke es iſt ein Orden! auch war es einer: Wir ſie die Frauen haben ihn errichtet zur Feier der Einnahme von Paris; und keck tragen ſie ihn an ſchwarzen Schleifen; er hat auch auf Blau in der Mitte eine goldbuch - ſtabige Inſchrift, aber nur ein Wort, ich las es nicht: ich wurde geſtört. Kurz, die Provinz hat ihre Freuden; und iſt nicht blöde, wenn ſie ſich einmal fühlt.

(Varnhagen lieſt jetzt eure Briefe an meinem Tiſch, ein göttlich Kind aus unſerm Hauſe ſteht daran; es iſt Mord - lärm und Lachen bei uns!)

Daß die Bethmann ſich freundſchaftlich für Auguſten be - nimmt, vergeſſe ich ihr zeitlebens nicht! Lebt wohl! und ſchreibt. Du auch, Ohme. Robert iſt vogelfrei: die haben wohl Federn, aber zum Fliegen, wie die Dichter. Nicht wahr? Robert! Moritz, mein Treuer, dich grüße ich, und Erneſtine! Auguſte lobt ſehr bongue bongue. Ich küſſe den Eſel. Neues giebt es nicht. Adieu, adieu!

R.

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An M. Th. Robert, in Berlin.

Hier ſind die Beobachter; doch rath ich euch, nicht buch - ſtäblich daran zu halten. In dem heutigen fehlt eine dritte Proklamation Napoleons, worin er Talleyrand, Marmont und Augereau in die Acht erklärt, und worin er ſagt, er würde den Franzoſen alles geben, was man ihnen verſprochen aber nicht gehalten, Ruhe, Sieg, Sicherheit, Freiheit ꝛc. Nun, lieber Markus und Moritz, folgt mir, wenn ihr es bewerkſtel - ligen könnt, folgt dem Poltron! Ruhe kommt nicht; ſchmei - chelt euch nicht: wenigſtens in den erſten Zeiten nicht, und es iſt beſſer, an Intereſſen und Verdienſt zu verlieren, als ſein Gut. Alexander ſagte letzten Freitag Abend bei einem Sou - per bei Graf Stackelberg nach den ſchlechtern Nachrichten fol - gendes, welches wir von einer Gaſtin des Soupers wiſſen: La France n’est plus à sauver, il faut prévenir les suites; le roi ira en Belgique, Mad. d’Angoulême est à Bordeaux; ce que sont devenus les princes, on ne le sait pas. Die Sache iſt die: Napoleon iſt in Lyon, und die Soldaten erklären ſich für ihn. Der Kourier, der vorgeſtern Abend kam, ſagte, er könne nun nicht mehr zurück, weil Metz ſich erklärt habe: mit Straßburg iſt’s noch ungewiß. Lefebvre-Desnouettes iſt von Metz aufgebrochen, für ihn. Im Elſaß und Lothringen hat man die dreifarbige Kokarde genommen. Den heutigen Beob - achter find ich beinah komiſch: der und die wollen Hamlets Mutter zur Tugend zwingen, zeigen aber die Bilder verkehrt271 vor: Das war euer Gemahl, und dies iſt euer Gemahl. Ich will euch und niemand vorurtheilen: nur bitte ich euch, fürchtet euch ein wenig mit mir, und nehmt eure Maßreglen; Ruhe wird nicht. Fürchteſt du dich noch? Ja, ſo lange er lebt! antwortete ich. Ja! weil ich die Sachen kenne, und ſehe!! Über euch aber bin ich böſe. Alle Menſchen haben Briefe und Nachrichten und Geſinnungen von Hauſe, nur ich nicht. In ſolchen Augenblicken ſchreibt man doch wohl ein Wort: wär’s auch nur von dem perſönlichen Ein - druck, von der eignen Stimmung. Ich, bei Gott! ſchreibe auch nicht leicht, und bequem hier, in großer Störung, und unpaß genug, verſäume ich’s je, euch eine Nachricht zu geben? Denkt ihr, mir liegt nicht an Zuhauſe? und Allen hier! Der König freut ſich ſehr über die Bereitwilligkeit ſeiner Berliner. Nun wieder die alte Rahel. Es marſchirt, ſchießt, plündert, tobt ſchon wieder. Im Konzert ſprach ich Radziwill, alle Menſchen aller Nationen, Geſandten, alles. Sie waren ſehr konſternirt: aber Einer ſchob’s auf den Andern: und jeder, als wenn er nie gerathen oder gewußt hätte!

An M. Th. Robert, in Berlin.

Welche Zeit! Wenn der hypochondriſchte Poltron Recht behält! Heute ſind alle Menſchen, Männer und Frauen, Alle, die ſonſt Muth haben, viel erſchrockener als ich? die Klugen von den verſchiedenſten Partheien: nur die Schlaffen und Per -272 fiden ſind gutes Muthes und voller Thorheit in Plaͤnen und Anſicht des franzöſiſchen Landes; die Umſichtigen geſtehen frei heraus, daß ſie gar nicht mehr ſehen, was daraus wer - den kann. Hier, wo man ganz Deutſchland beieinander ſieht, ſieht man recht, wie auseinander es iſt. Kein Bonmot! Gott behüte und bewahre! Kurz, die Menſchen ſind ſo, als ob Wien belagert würde. Napoleon hat dem Kaiſer Franz geſchrieben, er ſolle die andern Mächte dahin bewegen, daß kein Blut vergoſſen wird, er würde ſich ſtreng an die Verträge halten. Marie Louiſe iſt noch in Schönbrunn. Baiern wollte keine öſterreichiſchen Truppen durch ſein Land laſſen, bis man ihm noch zwei Städte bewilligte; geſtern ge - ſchah es; aber vier Tage Marſch ſind verloren. So ungefähr ſteht alles ungefähr. Seit dem 20. iſt er in Paris; sans coup férir. Der König iſt in Lille. Dieſe Nachricht iſt nach Straß - burg mit dem Telegraphen gekommen, und dieſe Nacht mit einem badenſchen Kourier hierher. Ich bin mit zwei Herren, die ſehr ſchreien über Ehrgefühl und von idealiſcher Exi - ſtenz , und Napoleon , und Infamie und Vorurtheil . Adieu, ſie machen mich tell.

Bis gegen 12 mußt ich noch immer von dem Evenement und allen ſeinen möglichen Folgen hören. Das Reſultat, was jeder Menſch leider faſſen kann, iſt eine weit um ſich grei - fende und tief gewurzelte Verwirrung. Wir Verbündeten bis jetzt! können gar den Krieg nicht plötzlich machen; und ſoll ein tiefer, ernſthafter werden, ſo wird der Dinge ent -wicklen,273wicklen, die es nicht minder ſind. Machen gar Manche ihren beſondern Frieden und ihre Bedingungen mit Napoleon, ſo iſt es auch, und gleich ſehr arg. Man fürchtet alles. Andere führen wieder ſolche Emigrantengeſpräche, daß man vor Un - geduld und Unwillen und aus Furcht vor den abſcheulichen Folgen raſend werden möchte. Alles untereinander muß man hören. So viel Behauptungen, Muthmaßungen, Lügenge - ſchichten, Verheimlichungen und Verläugnungen, Pläne, und Vorſtellungsweiſen, kluge und erzdumme Anekdoten. Kin - der, wie iſt euch? ich bin viel ruhiger, als ihr glauben ſolltet. Tief betrübt mich und erfüllt mich ganz vor allem, daß ich Varnhagen ſo ſehr erſchüttert ſehe mich zu verlaſſen; und daß ihm die Trennung und die Ungewißheit mindeſtens ſo hart angeht als mir. Hätte ich das nicht vor Augen, ſo würd ich wohl meine Beſorgniſſe und aufgethürmte Verdrüſſe aller Art, die davon entſtehen müſſen, hervorkriegen aus der See - len Grund. Mir imponirt aber immer ganz außerordent - lich, wenn mein Gemüth ein Geſchäft für Andere hat. Muß nur etwas geſchehen: wird nur eine Thätigkeit in Anſpruch genommen, ſo habe ich für eine Weile Kräfte. Dieſe Thätig - keit beſteht nun darin, mich für Varnhagen zu beſchäftigen mit der reinſten und höchſten Freundſchaft, und großer Liebe: die er von mir wie niemand erwirbt, durch eine Liebe, und ein Betragen, welches ich zu beſchreiben mich faſt ſchämen muß. Seid alſo auch gefaßt. Seit dem vorigen Krieg bin ich’s mehr: wie man ſich’s denkt, kommt’s nie: und bei je - dem Sonnenumlauf, weiß man nicht wie, und nicht ob man ſie wiederſieht. Es iſt eine Zerſtreuung, daß man an gewöhn -II. 18274lichen Tagen ſo ruhig iſt. Kann man doch alle Tage an tödtlichen verrückten Schmerzen danieder liegen, wie ich ſchon oft in der Hölle Rachen; und der tiefſte Friede, keine erfun - dene Wiſſenſchaft, keine Freundesliebe kann helfen. Wenn ich ſo dieſen ganzen Winter, und das Jahr über, unzufrieden ſein wollte, und im Bette war: nun! dacht ich, es iſt doch Friede. Vergiß es nicht. Im ganzen Lande wird nicht gemordet, ge - plündert, geſchoſſen. Ich dachte wohl, Napoleon kommt wie - der: aber wenn ſchon Trouble iſt; etwa in Frankreich oder Italien. Auch dacht ich jetzt: er wird die Oberhand behal - ten; aber fechten müſſen; etwas! Er iſt ſchon wieder bei der Hand, und ſchont nichts; und die Welt muß ſich beſinnen und berückſichtigen: ſie, wir, haben viele Intereſſen, und er eins. Und alle andere Kolliſion: all die alten Unordnun - gen, Vexationen, Mißbräuche, Irrthümer, an die nun all ge - ſtoßen und gerührt wird. Baſta! Es kommt alles anders. Es ſtrömt Frühling vom Himmel, die Erde gebiert, und eine große Obwaltung iſt, die wir nie berechnen können. Ich ſollte mit Arnſteins im ſchönſten Frühlingswetter ausfahren, aber ich traue mich noch nicht, wegen der Einreibungen, die doch noch Flanell, Wärme, Ruhe und dgl. verlangen. Vielleicht laſſ ich mich den Abend hintragen, im Seſſel. Frau von Ephraim war alle Tage bei mir. Habt ihr das Logis im Thiergarten? Ich denke ja. Ich bleibe, wenn nicht außerordentliche Fälle kommen, für’s erſte hier. Auch werden die Herren nicht ſo bald aufbrechen. Nach Töplitz allein, habe ich vierundfünfzig Meilen. Und etablirter, als hier, bin ich ja vor der Hand nirgend. Auch geb ich’s gar nicht auf, daß wir uns im Laufe275 des Sommers noch ſehen. Daran könnt ihr am beſten mei - nen Muth, das heißt, mein Hoffen ſehen. Adieu, adieu!

Rahel.

An M. Th. Robert, in Berlin.

(Schon ganz ermüdet von Warten, Beſuchen, Geſchrei, und Varnhagens Balgen mit meinem Kinde hier aus dem Hauſe. Seit 7 wenigſtens will ich ſchon ſchreiben, ohne dazu kommen zu können. Graf Löwenhjelm war unter andern auch hier. Nun fängt der Brief erſt an.) Geſtern endlich erhielt ich ei - nen Brief von Roſe, vom 20. März. Einen lieben Brief: der ſie mir ganz aus der Seelen Winkel hervorrief, und die ganze Sehnſucht, die man nur nach jüngern Geſchwiſtern fühlt, denen man zur Hälfte Mutter war, und die man in der Jugend, alſo halb verloren hat, weckte! Wo erhielt ich dieſen Brief! Nachmittags 4 Uhr, im ſchönſten Sonnenſchein, in Schönbrunn, mitten im botaniſchen Garten, der merkwür - dig iſt! wo ich mit Varnh. und dem Kinde grade war, und wohin uns Dore nachkam auf einem Bauerwagen Zeiſel - wagen hier genannt, char-à-bancs; dieſe meine Schwe - ſterliebe, und Sehnſucht, und Erinnrung blieb nun die Farbe meines ganzen Gemüthszuſtands für den Nachmittag: ich dachte mir Antworten für ſie aus, Pläne, Wünſche, und war wirklich über das, was mich umgab, mehr zerſtreut. Sorge um ſie und Wehmuth über das Unwiederbringliche ſtrich18 *276auch durch mein Gemüth; und doch war mir nicht übel, ſo innerlich und ſtark bewegt zu ſein, als ich noch etwa ein paar Stunden ſo zu Hauſe war, die Nacht über (des Schlafes un - erachtet) ſo blieb, aber dieſen Morgen einen plötzlichen Ge - müthswechſel erleben mußte, durch deinen Brief. Deinen vom 28. März. Es thut mir unausſprechlich leid, jetzt nicht zu Hauſe zu ſein! Und das diesmal nicht meintwegen, ſon - dern deintwegen. Nicht, daß ich nicht weiß, daß, indem ich dein Schreiben leſe, du ſchon zwanzigmal gefaßt biſt, und der Sache, und der Überraſchung face machſt. Aber es iſt beſſer, ſeine Trabanten in ſolcher Zeit, wo noch neunundneunzig ſolche Momente kommen werden, um ſich zu haben: hundert - mal eine Sache wiederholen zu können, jeden Einfall mit - theilen zu können, jeden dummen Plan, Hoffnung, Beſorgniß, Ärger, Ein - und Anſicht: und gewiß zu wiſſen, die kennen mich, finden nichts dumm, das Kluge klug; und ſagen mir auch jede Regung, jeden Einfall. Und man überlegt und lebt, und zerſtreut ſich wirklich beſſer. Ich wußte, man würde ſich da, wo man noch hofft, ſehr erſchrecken; und dieſe Spannung, dies zu erwarten, hab ich ganz für mich ausgeſtanden. Aber, in dieſer Zeit! geb ich zweihundert Thaler Kourant weg, wenn ich dich jetzt auf zwei Tage hier haben könnte. Erſtlich, iſt es der Feder nicht anzutrauen: zweitens, müßte man in Details gehen, die ſie nicht leiſten kann, um Belag für den Ausdruck der ſchärfſten Überzeugung mitzugeben: So geht es nicht. Das diſſoluteſte, auseinandergeſprengteſte, falſch - fleißige, und ohne Beiſpiel müſſige Leben; wo einem jeden der Geſichtspunkt fehlt, ja, und der vergeht, den er hatte: dabei277 will ſich keiner in der Tagesordnung ſeiner Vergnügungen und Liebſchaften ſtören laſſen: und Importuns, impertinente Fremdlinge, können ſich zu Geſchäften aufdringen. Jeder denkt von jeder Sache, der Andere wird oder könne es ja wohl machen, und was auch mißlingt, ſchiebt es wirklich jeder auf Alle, und Alle auf jeden. Das kann nicht dauren; und wenn es nicht mehr ſo halten wird, wird man fragen warum? Ich prävenire dich mit dem größten Bedacht, damit dir der Schlag nicht wie aus den Wolken kommt; und du auch nicht denkſt, dieſer oder jener, oder dies oder jenes, habe es hervorgelockt. Nein, es machen es Alle, weil ſie nichts machen, und die unangewandten Kräfte und Bedürfniſſe ſich auf eine Seite hinneigen werden, hingepreßt werden, wo ſie das Schiff werden umſchlagen machen. Kein Warnen, kein Ermahnen, kein zu verſtehen geben, hilft. Jeder ſieht’s allenfalls für den Andern ſo an: ſich mag er aber doch nicht ſtören, in der dikaſteriſchen Hoffnung, ſein Tagesle - ben wird doch wenigſtens ſo fort gehen. Um dir nichts Är - geres zu ſagen, was noch Manche bewegen mag! Ich ſagte auch heute zu Varnhagen: es iſt als ob jemand mit dem Körper bis an die Füße zum Fenſter hinaus hinge, noch iſt er nicht unten, ich ſehe es aber, er muß ſtürzen, er geht nicht zurück. Er gab mir Recht. Ja, jeder, der nur irgend menſch - lichen Kopf hat, und hier unterrichtet iſt, ſagt ganz daſſelbe und nichts anders. Dies, lieber Ohme, muß ich dir ſchreiben, weil ich zu geärgert bin, zu erfüllt davon! Doch aber könnt ich in einem Brief davon ſchweigen; wenn ich’s nicht für perfide hielt, meine innerſte Meinung dir nicht mitzutheilen, die mir278 immer zur Kehle hinaus will: und wenn ich nicht in der That dich vorbereiten wollte. Nicht allein wegen der Geſchäfte, ſon - dern bei Gott! um dein Gemüth und deine Geſundheit, die unerwartet zu erſchüttert werden möchte! So wie ich es ſage, und wie ich es mir ausdenken kann, wird es nicht kom - men. Sondern, denkt man ſich es heftig und plötzlich, kömmt es allmählig; denkt man es ſich allmählig und geſchmeidiger, kommt es unverhofft, wie der von Elba, und ſtört die Welt unter - einander; anſtatt zu kommen, wie ich es mir dachte, wenn die erſte Störung begonnen wäre. Das Alte, alte Ruhe, und das, was man ſich ausdachte, darauf nur gleich verzichtet! Unendliche Lügen und falſche Nachrichten wird man hören, die ſich dann anders verhalten, und wieder einrichten: unend - lich unerwartete Dinge werden täglich hervorbrechen. Und ich bin ſo perplex als irgend Einer, und ſuche mich auch nur mit all dieſem in meiner Seele, und gewiß vergeblich! vorzubereiten!

Übrigens ſei guten Muths! Auch dies kann wunder - bar und gelinde abgehen: für kluge, ſtille, brave Leute, Dies, und mehr Wunder noch hoffe ſogar ich! Neues iſt nicht. Ludwig XVIII. iſt in Brügge. In Lille rieth man ihm weg - zugehen, weil man die dreifarbige Kokarde aufſteckte. Man ſagt, der Vieekönig Eugen ſei in ruſſiſchen Dienſten. Im Prater fuhr er heute mit Millionen Menſchen und allen an - dern Souverains umher. Auch die ſah ich nicht, weil ich zu einer frühern Stunde mit Frau von Arnſtein fuhr; die ſehr meiner Geſellſchaft bedarf. Sie iſt mehr als außer ſich über dies Ereigniß. Ganz früh war die Ephraim bei mir, mich nur zu bitten mitzufahren. Bis jetzt erhält dies meinen Muth279 noch, daß der Krieg noch nicht iſt, und daß ich ſo ſehr den Andern nöthig, und wirklich tröſtlich bin. Varnhagens Gegen - wart, und immer gleiche Anſicht des Totalzuſtandes unter - ſtützt mich ſehr, meine Konvaleszenz, und mein Leichtſinn, den der Frühling mir unwiderſtehlich einflößt. Nämlich, ich bin noch zerſtreut über das Herannahende! Und zu viele Men - ſchen glauben nicht an Krieg: obgleich wir Preußen uns dazu tummlen, ohne abzureiſen! Übrigens beziehe ich mich auch, wie du auf deinen erſten, ſo auf meinen erſten Brief nach Na - poleons Erſcheinung. Ich denke noch ſo, man muß die Fran - zoſen nicht national machen. Und bin ganz überzeugt, es gehen große Krümmungen in Frankreich los.

Ich bin froh, daß ich geſund bin, nämlich von dieſem Übel ſo geſchwind frei. Ich fühle noch, daß ich’s hatte. Wenn einem nun ſo etwas zukommt! Überhaupt. Wie von Glatt - eis iſt das Leben. Glatt, kalt, unten Waſſer, im Waſſer Tod.

Iſt denn Louis böſe mit mir? Dich lieber Hans grüße ich recht ſehr! Ich denke an die Geſundheit, und dann iſt alles iſt mir ein Spiel, ein Scherz! Ich genieße den Früh - ling! Thue dies ja! dies iſt gewiß Profit. Muntert Einer den Andern auf zu Genuß; Genuß! Und anders kommt alles. Du ſollſt ſehen es geht in Frankreich los, und dann bleiben wir draußen. Treuer Moritz, ſchreibe! Erneſtine, gehen Sie in die Luft, laſſen Sie ſich nicht toll machen!

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An M. Th. Robert, in Berlin.

Auch werden ſich die Menſchen wieder aus der erſten nothwendigen stupeur erholen: reell iſt doch noch nichts ver - loren, und die Meinung. die den Kredit macht, muß ſich wie - der ausgleichen. Unendlich weh thun mir grade all die Mit - telleute: und unſäglich A! Aber ich bitte euch, fahrt nur fort mir immer alles zu ſchreiben. Man iſt weit ruhiger, wenn man auch Unangenehmes hört, wenigſtens zu glauben, man weiß alles, als nicht trauen zu dürfen, und mit ſeinen Ge - danken, wie an der Roulette, nur hin und her zu rollen, und zu ſchlagen; ohne in’s Unendliche noch beruhigt ſtill ſein zu können. Ich weiß gar nicht, wie ich mich bei Gott bedanken ſoll, daß ihr nicht verwickelt ſeid. So iſt doch die alte häß - liche hemmende Familienvorſicht zu ſolchen Zeiten gut! Ver - ſäumt nur den Frühling nicht! und ſtärkt jetzt doppelt Seele und Körper in der Luft. Es wird alles anders! Hier iſt eine große Stagnation und Stille; die ich mir nie für Politik, oder Richelieu’ſche Verſchwiegenheit aufbinden laſſe. (Hr. Whitbread antwortete auf er müſſe das nicht au pied de la lettre nehmen , Ich kenne die Miniſter zu gut, um je etwas, was ſie ſagen, au pied de la lettre zu neh - men. ) Es iſt Verlegenheit, oder irgend eine Verwicklung dahinter. Verlegenheit, da man die Bourbons nicht wieder anbieten will, oder kann, wie laut geſagt wird: und nun noch keinen Titel und keine Art hat, mit den Franzoſen zu ſpre -281 chen, was ſie denn wollen. Was ſagſt du zur Proklama - tion von Sack (- grob)? Goethe hat Recht, der Name wirkt ein. In Italien war gegen Murat ſchon ein Vorpoſten - gefecht. Man ſagt, auch dieſer Krieg wird nur eine Demon - ſtration im Großen bleiben und eine Art Ableiter ſein. Doch niemand weiß etwas ſchon Geſtaltetes. General Vincent, der von Paris kommt, ſagt, man ſoll ſich keine Illuſion machen, Napoleon habe zweimalhundertundzehntauſend Mann: An - dere behaupten, das ſei unmöglich. In Truppenzahl traue ich aber Napoleon nicht. Dieſes nicht kann man deuten wie man will; ich meine, er hat Truppen; wenn er ſie nicht innen braucht.

Alle Menſchen ſind ſo geſpannt und herunter: und ſo unſäglich dumm. So lange Varnhagen noch da iſt, ich keine Soldaten ſehe, geht’s mit mir noch an. Lebt wohl und ſchreibt. Geſtern ich ſehr gut bei der Arnſtein. Aber kein anderes Wort, als den geſchimpft, Armee, Murat, Fran - zoſen u. ſ. w. Mir ein Gräuel!

An M. Th. Robert, in Berlin.

Leſet nur die drei letzten Beobachter, die ich hier beilege, und ihr werdet die Stagnation ſehen, in welcher die Geſchäfte gefangen ſind. Mir ſcheint es ſo, ich bleibe dabei, man weiß keinen Titel zu finden, unter welchem man die franzöſiſche Nation bekriegen will, weil die Bourbons fehlen. Baiern aber282 auch marſchirt tüchtig; ſchreibt Tettenborn, der in München iſt. Und es ſtrömt genug nach dem Rhein; iſt recht viel dort, ſo wird es wohl überlaufen und man wird losſchlagen. Siehſt du, Ohme, daß ich nicht ſo ſchlecht ſehe, wo es auf ſehen an - kommt; vor einigen Poſttagen ſchrieb ich: Wenn nur unſere Truppen nicht agiren, ohne den Befehl dazu abzuwarten! und dies thun gar nun Civiliſten. Sack hat die ſchärfſten, bündigſten, beſtimmteſten, drohendſten Verweiſe wegen ſeinen Proklamationen bekommen: und gleich nachher, macht er neue! So iſt’s mit einer Sache. Ich erzähle aber dergleichen nicht mehr. Dies glaubt man nur, wenn man es ſiehet.

Deine Nachrichten ſind erfreulicher! Ich muß immer Oppoſitions-Nachrichten geben! Freilich wird der Grüne einen harten verlegnen Stand haben: aber auf ſeinem letzten Loch pfeift er noch nicht; Geld geben ihm die Meerkatzen, Frau Rückenau, und eine Menge Verwandte und Kriegsgeſellen noch: vor der Hand: auch iſt die Armee nicht ſo von der Nation zu trennen. Man muß bedenken, woraus alle Armeen beſte - hen. Doch werden ihm von innen die Tatzen diesmal gehal - ten. Bricht aber ein entſchiedener großer Krieg aus, ſo haben ſie ihn als Capitaine nöthig, und er gewinnt militairiſche Macht. So muß ich ſagen, ſo ſehe ich, ſo denke ich: und ich müßte mich imbeciler ſtellen; als ich bin, wenn ich anders ſprechen ſollte. Ich überſehe nicht, vieler deutſcher Völker Muth, nicht unſern beſonders, der ganz allein uns einen Standpunkt in der Welt giebt, und wo auch wirklich die an - dern hinſchauen; nicht die ganz andere Lage der Dinge, als die in der Zeit des vorigen Kriegs, wo noch kein Franzoſe283 nach Frankreich gejagt war, kein Ruſſe und Deutſcher in ihrem Lande. Sie das nicht kannten, wir das nicht wußten. Aber ſchlimm, abſcheulich, daß wir jetzt nicht ein Volk ſind; wie ſie. Die Sprache, das Sprechen allein, macht es nicht: man muß wiſſen, daß man unter einer Regierung, unter denſelben Geſetzen ſteht, und aus einer Kaſſe lebt; und, daß nicht nach Sieg und Krieg, der Bettelſtreit und die Gränz Einrich - tung, und Mein und Dein wieder losgeht. So denk ich, es mag auch kommen wie es will. Deutſchland iſt nur das Deutſchland, wovon man jetzt ſpricht, wenn es unter Einem Hut lebt. Dies allein macht Frankreich zu etwas, gegen uns über. Hätte die katholiſche Maria Thereſia nicht unſern Friedrich heirathen können? Blüthen wären das jetzt, was nun in Kanonen, Pulver und Wunden, und Gräuel aufgeht! Alle Straßen wären gebaut, alle Haiden urbar. Mit Gott kann der Menſch nicht denken: in den muß er ſich ergeben; als Menſchen wiſſen wir, weiß ich, wäre der Gräuel nicht nöthig. Wenn man längſt die Religion welches doch kommen wird, und zeitenweiſe, im Krieg, wo Noth iſt, ſchon geſchieht als ein innerliches Gewiſſensreich anſehen wird, welches einen Andern gar nichts angeht.

Hier iſt ein Staub, wovon ihr trotz der Berlinerei keine Vorſtellung habt: dabei regnet es abſolut nicht! Vorgeſtern fuhr ich vom Augarten nach dem Theater an der Wien, Ro - chus Pumpernickel zum erſtenmal geſehen ungefähr ſo weit wie vom Königsthor nach dem Unterbaum, da ſah man die entgegenkommenden Wagen nicht: und geſtern blieb ich wegen Augenweh zu Hauſe. Dabei Diné’s. Sie thun’s hier284 nicht anders. Morgen bei Bentheims Schweſter; heute fürcht ich mich ſchon.

Schreibe nur immer! Ich höre gar zu gerne von euch zu Hauſe! und wie dir iſt. Es freut mich ungeheuer, daß ihr in den Thiergarten zieht; für’s erſte, nur gelebt!

An M. Th. Robert, in Berlin.

Wie wandelt ſich denn alles ſo von einem Tage zum andern, fragſt du! Wärſt du nur einen Tag hier! ſprächeſt nur zehn bedeutende Leute aller Länder, und du würdeſt ſehen, daß ein gehöriges Maß von Einſicht dazu gehört, einen kol - lektiven Begriff von dieſen Wellen zu faſſen, und Geiſt, um ſie endlich Meer zu nennen. Ja! es wandelt alles, weil nur die geſammte Schwerkraft der Dinge langſam etwas ſchafft, rückt und geſtaltet, denn nur ſie dringt durch ein Geſetz nach einem Ziel; kein anderes herrſcht. So weit iſt es mit der alten großen ſtehenden Lüge gekommen, daß keiner ein Allge - meines mit ſeinen Augen erſieht, und jeder glaubt, in dieſem ſchwindelnden Erblinden für ſeine Perſon, d. h. auch nur den nächſten Augenblick, handeln zu können, alſo zu müſſen. Die Häupter merken dumpf, daß ſie nur mit einer leeren Form hanthieren, können aber das Weſen nicht finden, warum es handelt, und welches in ſeinem ewigen Leben naturmäßig fort - agirt. So hält ſich jeder an das ihm allernächſte, kleine oder große Ereigniß, knüpft da ſeine Plane und Handlungen an,285 die ſich aber alle geſammt nach einem andern Punkte hinnei - gend bewegen, der ein unſichtbarer iſt, und in deſſen Bahn die Schwankungen in allen Richtungen gerade noch Raum haben. Dies iſt das Schwanken, nach dem du fragſt, keiner hat ganz Schuld, es iſt die alte Geſchichte, die ſich als Lüge von ihrem Boden wegſchob, leben zu können wähnte: Lokale. mechaniſche Wahrheit, Früchte des Daſeienden, nahm ihre Stelle ein, und wird ſie weit weg drängen, als Dünger. In dieſer Lüge umſtrickt waren auch wir geboren, und auch wir leiden nach Maß unſerer Geſchichte, die wir im Entſtehn gleich mitbilden müſſen, und im Maß unſerer Theilnahme an der Lüge, zu der wir nicht Klarheit und Streitkraft genug hatten, ſie zu bekämpfen. Mit Wir meine ich: ich und du, und keiner ausgenommen. Vielleicht der Einſiedler in Reinerz. Es wundert mich nicht, daß es Menſchen giebt, die den alten Weltſchaden für unheilbar anſehn, lachen, wenn ſie nicht weinen müſſen, und zum Gebrauch nehmen, was ihnen nur irgend ein Narr laſſen will, ſie irgend kriegen können. Unheilbar iſt er für uns zeitliche Weſen, da er ſo lange dauert. Iſt die Harmonie (und der Drang dazu) der Gedanken eines Menſchen rege und ſtark genug, alles, was in Auge und Ohr dringt, zu übertönen, ſo lebt er mehr innen, und hat die Ewigkeit, die beſteht in Unabhängigkeit, und nicht in Zeitenreihe. Dieſe zwei Welten bewegen dieſe Welt. Man hat, was man iſt; was man iſt, hat man bekommen. Frömmer kann man nicht ſein. Leiden thut man alles, denn man leidet ſich ſelbſt.

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An Moritz Robert, in Berlin.

Möritzken! du biſt ’n ehrlicher Kerl! Geſtern erhielt ich zwei Briefe von dir vom 6. und 8., heute iſt Freitag und der 14. April: aber ich bin zu echauffirt nach Theodors Brief, den du auch leſen mußt, um dir auch zu ſchreiben. Ich danke dir, daß du mir den Schreck über den engländiſchen S. erſpa - ren wollteſt. Es iſt der dritte Menſch, der an einer ſich ſelbſt eingetrichterten Meinung ſtirbt, von meinen Bekannten. Fin - kenſtein aus Ärger über die Franzoſen, aus denen er ſich gar nichts machte. Prinz Louis im Kriege, aus dem er ſich auch nichts machte; wie ihm der Haß gegen Napoleon unnatürlich war. Marwitz, der auch gar nicht acharnirt war, und mir es ſagte. Das wird die Nachwelt nicht glauben, auch ſehe ich Geſchichte nicht dahin in’s Geſichte, wo es die meiſten ſetzen, da hat ſie’s nicht. Der Brief war mir ſehr wichtig und unter - haltend. In dieſer Zeit, aus Antwerpen. Wenn dich nur deine Laune nicht verläßt! ſchmeichle ihr ja! Erneſtinen und Babetten danke ich! Ich liebe ſolche Details, Babettchen, wie Sie mir geben! wie können Sie mich gelehrt nennen? haben Sie denn den Fiſch und den Salat ſchon vergeſſen, den wir mit Tieck in Eintracht verzehrten? bin ich nicht immer un - ſchuldig und gut geweſen? führe ich mich nicht wie ein Kind bei Joſty auf? iſt meine Chokolade nicht gut? warum ſchim - pfen Sie mich? was habt ihr denn für Hüte? ich noch mei - nen aus Berlin, außer einem von blauem Levantine, den287 Moritz kennt, mit zwei weißen Roſen und zwei Knoſpen. Varnhagen ſchickt nach dem Briefe, und grüßt als treuer Schwager. Bald könnt ihr ihn ausfragen. Wo bleiben Sie den Sommer, Erneſtinchen? Erinnert bongue bongue an mich. Künftig mehr.

R.

An Varnhagen, in Berlin.

So müde ich auch bin, ſo ſoll doch dieſer Tag nicht hin - gehen, ohne daß ich etwas für dich aufſchreibe, herzgeliebter Freund, an den ich ſo viel denke. Eben geht Wieſel weg: der mir treu Geſellſchaft leiſten wollte; und mir unendlich viel vordozirte; aber alles ſehr gut gemeint, alſo nahm ich’s wie - der ſehr gut auf. Mit ihm, Dore und Katti war ich zu Wa - gen im Augarten, dann zu Fuß in der Brigitten-Au bis im Jägerhaus, wo wir keinen Kaffee bekamen; weil kein Schmet - ten da war, und ſo gingen wir den weiten Weg, bis hierher; weil wir auch keinen Fiaker trafen. Gott! welch ein Abend! Mit Mondesſichel, Auroraluft, violetten Bergen, lachenden Häuſern, Baumespracht; Venusſternen. An dich dacht ich: an wen du denkſt wußt ich. Die Kühlung grüßt ich, ihr dankt ich für dich! Und ſehnender, vernichteter ging ich ein - her, als ich es nur irgend vorher ſah! Wie ein ausgenom - menes Neſt iſt es mir im Herzen, und doch ſo feſt zwiſchen den Rippen. Doch ſei getroſt. Deine Liebe zieht meine ſo aus dem Herzen dir nach; und es iſt ein Glück, das ſollſt du288 fühlen, und ich fühle es auch! Theurer, geliebter, treuer Freund! Du ſollſt es nicht bereuen. Liebe nur! oder liebe nicht; ich ſtehe dir immer zur Seite, (das heißt, ich werde dir in allen Fällen zur Seite ſtehen). Noch fährſt du! die Nacht iſt gut; ſei ſie dir gnädig, mit Sicherheit; und Ruhe in der Seele! Als du weg warſt, wollt ich mich ſehr ängſtigen: ich legte mich hin: ſchlief einen Augenblick ein, er - wachte eifrig, und wie im Schreck: zog mich an, und da Jo - hann immer nicht kam, wollte ich noch Einmal zu dir, als ich aber eben fertig wurde, kam doch Johann. Ich grüße dich!!! Möge Gott dich ſegnen auf Schritt und Tritt: ich weine dazu! Aber wir wollen uns nicht weich machen. Und lieber froh ſein, daß wir uns haben!!! Schlaf wohl! ein - zig geliebter, treuer Freund, ich ſehe dir in die Augen, bitte Gott für dich! Adieu, adieu! für heute; habe die beſte Nacht!

Wenn du mich jetzt ſehen ſollteſt! Du ſchalteſt mich ſchon, daß ich ohne Intereſſe lebe. Nun weiß ich gar nicht, was ich machen ſoll. Aber das wird ſich geben! Du fehlſt mir nur ſo plötzlich; und es bezog ſich hier alles auf dich. Schon geſtern war Wien wie ausgekehrt. Ich war dieſen Vormittag, nachdem ich angezogen war, der Hitze wegen in deinem Zimmer und las. Es iſt ganz aufgeräumt, das Bette gemacht. O! wie wüſt! wirklich todt ſieht ſo etwas aus! doch blieb ich drin, und war ruhig; und las ſehr Schönes von Saint-Martin. Gott was kann der Menſch alles den - ken, in ſeinem beengten Kreiſe! das iſt unendlich, die Kom -bina -289binationen, die ihm da erlaubt ſind; dieſe Enge grade der Witz, wo er als Feder, die heraus will, thätig gemacht iſt. Und wie hohl und nichts in ſich begreifend iſt dieſer Vergleich wieder: wie fällt die todte Feder als kalter unbekannter zur unverſtändlichen Ruhe gefallener Stahl hin! nimmt man ſie da hinaus. Was hat der Menſch für ſchöne reiche Ein - fälle, die als Wunder in ſeine Seele fallen, und in andern Seelen auch leben, weiter leben, und beleben. Was vermag man alles zu denken: was fällt einem alles nicht ein! Da - rum fürcht ich mich auch vor einem Uhrwerk, und ſeinem Zif - ferblatt.

Es wurde mir doch ein bischen zu kühl, und da ging ich wieder vor, um zu leſen, da lief mir gleich Katti nach, mit allen ihren Mucken, Kareſſen, Prätenſionen und Geplaudere. Sie ſagte unter andern: Nun iſt die[Frau] allein!! nun kann ßie nit ſpüllen! Dann kam Dore, und rief ihr zu: der Herr iſt hinten; ſie möchte hinter gehen. Sie glaubte es nicht: und ſagte auch nein: aber ſie war doch ganz verwirrt von freudigem Schreck; und ſchrie und lief zaudrend, und ſagte trotzig, und hoffend, ſie wolle Joohann fragen, der würde es ihr ſchon ſagen. Ich war hinten doch ganz ruhig! du fährſt ja unter günſtigen Umſtänden; und ſeit ich gehört habe, ihr habt Kirſchen, Orangen, Punſch, Wein, alles bei euch, in dem ganzen Wagen, bin ich ganz ruhig. Auch geht eine fri - ſche kühlende Luft, und gegen die Sonne biſt du geſchützt. Die Nacht war etwas dunkel. Du biſt ja aber ſo viel ſchon gereiſt, und haſt zwei Kriege überſtanden, und Gefahr iſt al - lerwärts, und allemal, alſo ſind das nur Redensarten der Ge -II. 19290danken, Thätigkeiten der Liebe. Fürchte nur nicht, daß ich mein Leben mit Schreiben zubringen werde: du wirſt wohl noch oft über’s Gegentheil jammern: jetzt aber kann ich’s grade gut; es erlaubens die Zeit und die Nerven: und wenigſtens zu erſt, ſollſt du noch alles wiſſen; du denkſt ja auch beſtän - dig an mich, weiß ich. Liebe Guſte, frage doch Nettchen, ob ſie nicht, Gott behüte und bewahre! die zehn Paar Schuh, die ſie mir bei Schmidt beſtellen ſollte, hierher geſchickt hat; denn ich habe nichts erhalten! Und erkundige dich ja nach Line, und wie es ihr geht, und was ſie zu verzehren hat; und ſchenke ihr etwas. Sie war ſo lange, und ſo jung, und ſo in meiner Noth bei mir, daß dies ein Glück für ſie ſein ſoll, will Gott haben; und es muß ihr auch gut gehen, wenn es mir gut geht. Auf meine Heirath hoffte ſie! Und ſie hat doch viel mit mir ausgehalten; ſonſt war ich ungeſtüm, und jung, und ohne die jetzige Schonung. Dies alles ſage ich, weil ich’s von der Seele los ſein will: du bedarfſt nur ein Wort. Adieu, liebe Guſte! du ſollſt mal ſehen, wie ſchön wir uns wiederſehen! Ich ſehe dich an, als wärſt du da! Ach wie lange dauert’s, eh du dieſen Brief kriegſt!

Nun war ich wieder mit Wieſel und Johann bei den Sattlern umher, von 6 Uhr an. Dann ging ich über die Glaris mit W. nach der Baſtei, wo wir uns die Leute beſa - hen, ruhig in Mond - und Laternenſchein ſaßen, zu Hauſe gingen Kaffee trinken, und als das geſchehen war, und ich etwas Gutes über Burgsdorf und über das Lügen geſagt hatte,291 beſchloß ich die séance mit einem: je ne dirai pas mieux de la soirée, und er ging. Ich ſagte nämlich, man könne ſo viel lügen, als man wolle, nur ſich ſelbſt nichts vorlügen u. dgl. Nun weißt du’s!

Aus einem Tagebuch.

Wunderſchönes Wetter: nicht zu heiß, und nicht zu kühl, ſehr erfriſchend. Ich nahm um 11 Uhr mein erſtes Bad: es that mir ſehr wohl; ich befand mich den ganzen Tag beſſer, und huſtete nur äußerſt wenig. Nach dem Eſſen und der siesta fuhren wir nach dem Schloß der Frau von B. Eine Götterfahrt! in einem weiten Thale, den Schneeberg mit ſei - nen Brüdern immer zur Rechten, links ein weites Thal, mit entfernten Bergen, das ganze Spiel der heitern, nicht bren - nenden Sonne, kurz, ein ſo poſitiv ſchönes, wohlthuendes Wet - ter, wie es nur vor einem Regentag iſt; wir ſahen die Frau von B. nicht, aber ihre Kinder im herrlichen Garten, der ringsum weit ſehen kann, mit ſeinem guten Schatten, ſchönen Bäumen, vielen Roſen, Feigen, Blumen und ſeinem Schloſſe; frei und ſicher daliegt; vorher ein rechter Edelhof mit Schafen die Menge, Pächtersleuten, und Zugbrücke; zum vertraulich - ſten Nachbar der Schneeberg, im breiten Thal in gehöriger Entfernung: ſchöne Sitze, und heimathlicher Aufenthalt. Die Fahrt zurück war auch gut; Baden groß genug, mit Gebäu - den, Kaffeehäuſern, Fiakern u. dgl. gut verſehen. Die Spa -19 *292zirgänger fleißig. Der Abend wie gewünſcht; der Mond ſah hinein, und tröſtete und erhellte auch noch! Den Abend tran - ken wir Kaffee, und Mad. de Prie war da, rechte gute Unter - haltung, wir ſpeiſten auch noch munter; und nach Tiſch ging ich mit Frau von Münk im Park; ſolchen goldigen, Geſund - heit ausſtrömenden Mondabend ſchenkt das Jahr nur ſelten!! Himmel, Gänge, Häuſer, Laub, alles war ſo zufrieden, daß es wieder wohlthat, und glänzende, helle Ruhe ſpendete; ohne Geräuſch und Tageshitze. Ich regrettirte heftig die Lieben! und ſeufzte nach Heimath; doch genoß ich’s ganz; den Au - genblick, mit großem Bewußtſein. Der Himmel ließ wirklich Geſundheit herab; ich dachte nicht daran, aber heute, den Tag nachher, iſt richtig der Himmel bewölkt, nämlich ganz grau. In unſern Gegenden iſt das ſo: in Berlin auch. Ich ſchlief gut bis 8. Wenn mir doch alle Bäder ſo bekämen! Ich war lange krank.

Gebadet; nachher etwas in den Park mit Frau von Ephr. Nach Tiſche nach dem göttlichen, zu wenig berühmten Hele - nenthal. Durch lauter bebaute, äußerſt angenehme Garten - anlagen, Landbeſitzungen, Oſterien, und Dorfhäuſer, kein - ſter Fleck bis hin: das ganze nahgelegen, dem kleinen Bach - ſtrom entlang, Felſen zur Linken; gegen Abend zu. Wir fuhren in zwei Wagen. Frau von Arnſtein nahm einen Mann mit einem Dudelſack, der im Thale vor ihr auf dem Steinen - Steg vorſchritt. Beſäet waren die ſchönen bequemen Gänge aufwärts und im Ebenen mit artigen bunten Spazirgängern293 deren Wagen an einem Einbug des Waſſers und Felſens hielten. Heerden gingen unter der Brücke durch den ſteinigen Fluß, Ziegen klimmten oben auf den Höhen, die Sonne flammte, dunkel und hell über Baumlaub, Sträuchern, Gras, Felſen, Berge. Mädchen ſangen komiſche Lieder zu Harfen. Frau von Ephr. war außer ſich, mich das alles ſehen zu laſ - ſen. Ich ging etwas. Wir fuhren nach Hauſe; gingen noch in den Park im ſchönen Mond. Ich erhielt einen Brief von Auguſt.

Sehr ſchwüles Wetter. Es kam ein ſtarkes Gewitter mit beſonders heftigem Regen. Herzog Serra-Capriola von Nea - pel angekommen. Er war natürlich, und unterhaltend von ſeiner Reiſe. Als die Sonne unterging, wurde es ſehr win - dig; zur Nacht kam noch heftigerer Wind. Dieſen Tag machte ich die Bemerkung: daß, wenn man jemand heftig tadelt, alle ſeine Fehler, und ſein ganzes Unrecht eingeſteht; und nach ei - nem ſolchen noch ſo harten Geſtändniß ſagt: ich liebe ihn doch! ſo liebt man ihn wirklich: und er verdient’s, weil er es zuwege bringt. Fängt man aber etwa ſo an: Ich bin doch F. ſehr gut, oder: ich bete doch die M. an, aber das muß ich von ihm ſagen, oder: dieſen Fehler hat ſie: ſo iſt es ausgemacht, daß dieſe Perſon nicht zugiebt, daß man ſie liebt, man mag es verhehlen oder beſchönigen wollen, wie man will; und man hat wieder Recht, nur nicht im Abläugnen gegen ſich ſelbſt. Frau von L. wohnt ſehr hübſch und[] doch mit einer ländlichen Ausſicht: ſie hat ihren alten Vater bei ſich. Mama wohnte nie auf dem Lande: ich wünſchte ſie noch.

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Kaltes windiges Wetter mit Regenſchauer. Gebadet, nicht beſonders befunden. Von unſerm Vorpoſtengefecht gehört. Ich faßte den Gedanken, daß wieder Krieg ſein ſoll, nicht, war ſchrecklich ergriffen und verdutzt. Wir gingen Simſon ſehen in’s Theater. Man gab es nicht ſchlecht. Das Sujet drang tiefer in meine Seele, machte mich reger, als irgend etwas hier in den ganzen neun Tagen. Es war mir lieb. Baden hat von den Bädern, die ich kenne, das beſte Theater: auch der Saal iſt ſchön, das Publikum vornehm.

Gräßliches Wetter. Diner mit Kalenberg, Herzog Serra - Capriola und dem Spanier Labrador, den ſie zu ſehr fètiren. Er iſt wie viele Südländer, wenn ſie etwas geſcheidt ſind: das kennen ſie nicht. Der Andre iſt beſſer und einfacher. Wir fuhren nach St. Helena in einem wahren Sturmwind, ich meinte, es würde ſchneen. Wir trafen ganz Wien in Helena, im Thale war es beſſer. Wir fuhren nach; Gräfin Dietrich - ſtein, Frau von Mink und ich gingen in Johann von Wie - ſelburg, eine komiſche Oper, Jean de Paris traveſtirt. Gut gegeben. Elegantes Publikum. Als wir nach Hauſe kamen, war die Nachricht von Blüchers und Wellingtons Schlacht da. Gottlob, daß es nicht das Gegentheil iſt! Aber wie ſchreck - lich in unwillkürlichen halb gelogenen Zuſtänden, die mir jede Faſer erſchütterten, fühlte ich den ganzen vorigen Krieg. Und vermißte dich ſehr. Marquiſe Prie, Graf Keller, Alle blieben zu Tiſch. Tauſend Beſuche kamen und gingen, die Freude295 zu bringen. Was wird ſie bringen? Ich ſchlief nicht; der Abend war hübſch. Ich aber nicht.

An Varnhagen, in Berlin.

Geſtern, als wir aus dem Helenenthal nach Hauſe kamen, fand ich deinen lieben, liebenden Brief aus Prag vom Don - nerstag. Freitag bin ich hierher gezogen, Freitag warſt du in Töplitz. Du dachteſt bei allem an mich. Ich geſtern, in dem barocken und doch wohnigen Felsthal, mit allen ſeinen Augen - ſpielen, an dich! O! eine ſolche Wohnung, wie es da ganz ſtädtiſch und bequem giebt, in Ruhe und Beſchäftigung, muß eine Seligkeit ſein. Doch bin ich ſehr zufrieden, dies alles hier auf ſo eine heitere bequeme Art zu genießen. Wir gingen gleich nach dem Ankommen in den Götterſtegen umher, wo viele Leute waren, Ziegen klimmten, Hornvieh durch Stein - bäche ſchritt, Dudelſäcke ſpielten, Sängerinnen zu Harfen jo - delten, Griechen umherzogen; dicht am Bach, der die Berge zum Thale trennt, tranken wir in einem Wirthshauſe Kaffee, Ich ſah nur die Gegenſtände. Die Geſellſchaft gut und un - befangen, und ihre ganze Prätenſion nur an das Thal. Die Damen außer ſich, mir die Schönheiten zu zeigen! Frau von Arnſtein noch tauſendmal beſſer, als in der Stadt; auch nicht der entfernteſte Gedanke von Prätenſion an ihre hausgenöſſi - ſchen Gäſte, die die völligſte Freiheit und nur das Gute ge - nießen, was das bequeme Haus mit ſich bringt mit ſeinen296 zahlreichen Dienern und Pferden. Sie wollen hier nichts, als ſich und die Gäſte unterhalten ohne Ängſtlichkeit. Die ſchöne Gebirgspromenade vor der Thür, wo wir auch noch bis zum Souper kommode gemacht im Mond uns er - friſchten. Jettchen, Mariane, Frau von Münk und ich. Frau von Ephraim thut alles Mögliche mir zu Gefallen. Jettchen, Mariane, ſind eben ſo viele Freundinnen. Ich habe Bücher für Alle; es exiſtirt ein Papiertauſch, ein Bonmotstauſch; man erzählt ſich die ernſtern Anliegen, mit Einem Wort, das beſte angenehmſte Vernehmen. Arnſtein ſelbſt iſt munter, artig, und ſehr gut zu leben. Meine zwei Bäder unſchädlich ſei das Rühmen!! haben meinem Huſten ſehr wohlgethan. Ja, Guſte, ich habe große, viel Urſach zufrieden zu ſein. Von ſeinem Gemahl ſolche Liebesbriefe zu bekommen, die einen ſo bewegen, denen man ſo mit der beſten Sehnſucht aus ungetrübtem Herzen danken und erwiedren kann, iſt wohl ein Glück zum Knieen; Knieen, wie Taſſo, der ſie verdient, und doch nur als Gnade ſich die ſeltene Krone aufſetzen läßt. Die Krone, die eigentlich nur erforderliche Bekleidung, nöthige Be - deckung, ja eigentliche Vollendung jedes richtigen geſunden Hauptes ſein müßte, ſein können ſollte, und nicht iſt, ſo ſelten iſt, und ſeltener, als die paar Königskronen! Ich nehme es ganz in mir auf; die Himmelsſendung! So nahm ich auch das Unglück hin; als reines Unglück; ganz geſchmeckt: nicht geheimlicht noch entſtellt, oder verſtellt; oder mit ſchiefer Hel - denkraft. Ich drückt es an mein Herz, in mein Herz; und verzehrte es. Aus der unverſtändlichen Welt, hinaus ſollte es: es brach an meiner Perſon, an meiner Bruſt, ich nahm297 es in das Blut meiner Seele auf: weg iſt es von der Erde, aus der Welt; und mußte noch zum Guten dienen. Gott ich dank dir! für dieſe Erhellung, für dieſe Meinung, nach dem unleidlichen Schmerz, nach dem Verſchmachten beim Ver - ſagen. Ich war wieder unverhofft in dem göttlichen Hele - nenthal. Vera’s reiſen morgen nach Rom er läßt ſich dir empfehlen , die kamen hier Abſchied nehmen, und da ward ihnen dies noch geſchwind gezeigt. Ein ſchöneres ſpazireinge - richtetes Thal ſah ich nie. Es iſt göttlich, mehr als man davon ſagt. Gott wie iſt es ſchön hier, und wie denk ich an dich und die ältſte Schwägerin! Sag es ihr.

An Varnhagen, in Berlin.

Vorvorgeſtern erhielten wir hier die Nachricht des erſten Gefechtes, wo wir, Zieten, zurückgedrängt wurden: ich bin kein Narr mehr, und weiß was das heißt. Wie Adam vom Tod hörte, muß ihm ſo Muthe geweſen ſein, als mir. Ich wußte nicht, daß es Krieg gab, denn ich glaubte, es bliebe Friede; noch. Der ganze vorige Krieg ſtand auf den Beinen in mir auf. Kurz, ich bin geſund, fahre aus, eſſe. Genug von mir Magd, Nichts!!! Vorgeſtern Abend erfuhren wir hier von unſerm Sieg. Damit ihr wiſſet, wie man’s hier weiß, ſchicke ich das Extrablatt: und ſo ſteht’s eben in dem geſtri - gen Beobachter. Noch rühmlicher für die Preußen in der Wiener Zeitung. Alle hier loben uns ſehr. Blücher ſelbſt298 ſchrieb gleich nach der Schlacht, es zittern ihm alle Glieder! Freut ihr euch? Bei dieſer Frage wein ich, Gott! dies wieder! Und die Erſchütterung: der Dank! Ach wie hart waren wir dran. Was[gewinnen] wir? Wo iſt er: was wird er nun beginnen, wen anfallen? Schreibe mir jeder, der’s erfahren kann, ob Williſen lebt. Er war Adjutant bei Hünerbein. Bis hieher ſchrieb ich, als ich zum Bade mußte. Nun iſt alles möglich, nun kann alles kommen: hofft auf alles: ich habe geſchwommen. Das Bad iſt nämlich ein großer Saal voll Waſſer, wo mir das Waſſer über den Kopf geht. Nach uns hatten die Prinzeſſinnen von Kurland ihre Stunde, heute ließen ſie uns um unſere bitten, und es kam ſo, daß wir mit der Herzogin Sagan zuſammen bade - ten. Sie freute ſich ſehr mich wiederzuſehen von vor acht - zehn Jahren in Töplitz, oder ſechszehn, ſie ſchwimmt excel - lent, und ſo redete ſie mir ſo lange zu, bis ich mich von ihr ſchwimmend herumtragen ließ; mit einer großen Blaſe, die einen ſehr angenehm trägt. Es iſt ein großes Vergnügen. Nun wird ſie immer früher kommen: und wir ſchwimmen. Sie iſt ſehr ſchön, und ich amüſire mich ſehr. Auch erfährt man alle Neuigkeiten. Sie wird uns gleich Blüchers Brief ſchicken. Auguſt! wenn das Gentz wüßte! Dies war ſeine größte ter - reur in Prag. Der immer dachte, er müßte mich vor lauter Verläugnen in die Erde ſtecken, vor dem Verſcheiden, bloß wegen Herzogin Sagan.

Heute muß ich die Herzogin allein laſſen; ſie verſprach mir geſtern, früh zu kommen. Es würde mir großes Vergnü -299 gen machen, mit ihr zu baden, weil ich ſie von Kindheit an perſönlich ſehr liebe; und ſie mich ſchwimmen lehrt, welches ein göttliches Vergnügen iſt. Nun kann ich die Bäder nicht ertragen: alſo kann ich das Vergnügen auch nicht haben. (Aber welches andere hab ich!) Dies alles war Datum. Nun kommt von meinem Glück, und Vergnügen! Geſtern erhielt ich deinen erſten Brief aus Berlin. Ich ſchäme mich vor Gott, Auguſt, ſolche Briefe zu bekommen. Es freut ſich unſer Herz, und unſere Seele, wenn wir erkannt, anerkannt, und geliebt werden: aber ſo Großes verdien ich nicht. Wenn du mich recht lieb haſt, ſo habe ich lange mein Theil; du liebſt was du ſchätzeſt, Wahrheit, Natur; Unſchuld im Sehen, Streben, und Meinen; und einige urſprüngliche Gaben; und meine Geſchichte, denn das ſind wir ſelbſt. Aber ſo ſehr, herz geliebter Freund, mußt du mich nicht beſchämen! dich liebt ich in dem Brief, und in dem Lob und Ruhm. Dich. Einen, der ſo etwas in ſeine Seele ſchließen kann, in ſein Herz kann übergehen laſſen, in ſein Daſein aufnehmen kann. Du weißt warum, und wie ich dich liebe, du haſt es mir ſelbſt geſchrie - ben: und beſſer will ich von ſolchen Briefen werden. Ich bin nicht von ſchlechtem Teige; mich bringt ſolch Lob zu mir ſelbſt; führt mich zur Unterſuchung, meines Werthes; und dem, was ich leiſten kann, und macht mich wirklich beſſer, weil es mich aufmerkſam, rege, und fleißig macht: allert in vormaliger Sprache. Ganz über allen Ausdruck freut es mich, daß ich dir nach unſerer Verheirathung güter ſein kann, als vorher. Sonſt konnt ich doch noch vergnügt in dem Ge - danken, mit einem Plane ſein, der mich von dir entfernt ge -300 halten hätte. Jetzt nicht mehr. Zu beſtimmt war unſer Zu - ſammenſein, zu gut das Leben mit einander; zu groß dein Verluſt; und alſo der meinige: zu allgemein und tief und lange unſere Mittheilungen; zu groß die Erlaubniß dazu, und die Sicherheit darin; und der Beſchluß der Seele. Du verſtehſt mich. Ich bin wie verloren: ohne wahre Mitthei - lung; es ſieht keiner die Dinge hier wie wir. Meine Weiber ſind recht gut; aber bei weitem nicht bei mir. Ich höre alle Tage Graf Keller, General *, Fürſt **, und die ganze Welt ſprechen. Die gehen von Punkten aus, wo ich nie hin - komme. Ich kenne alles von zu Hauſe: und regrettire es nicht: regrettire nur, daß dies zu Hauſe iſt. Ich kenne alles aus jenem Kreiſe, von dem du mir ſchreibſt: nur, daß ſie ſich ſo gar nichts aus mir machen, rückt ſich mir immer aus den Seelenaugen. Weil ſie wahrhaft von mir genährt ſind, und ich es ſo gut, als ſie, vergeſſe; und weil eben dann, Äußerungen, aus dieſem Lande, Früchte dieſes Erdreichs, wie von ſelbſt, eine Verſchwendung von Liebe vorausſetzen, wie mit ſich bringen; und ſo täuſch ich mich, glücklich und be - lohnt, meiſt ſelbſt: und wenn ich mich nicht täuſche, ſeh ich’s ein; und da mag der Teufel nicht vergeben. So ſoll es ſein. Was wir ſind, wiſſen wir nicht: wie wir ſind, iſt uns gege - ben; wären wir nicht gut, zum Guten, ſo müßten wir uns ſo machen; die Hölle iſt ganz überflüſſig. Du ſprichſt ſehr ſchön von Menſchen, und Naturſchickſal! bei mir iſt kein Wort verloren. Gehörig empört kann ich auch ſein; das weißt du: beſonders wenn mir die Elendigkeit grade ſchadet, und eine große Rolle ſpielt. Katti habe ich ſeit Wien nicht ge -301 ſehen; das Haus iſt ſo voll, daß ich ſie nur werde kommen laſſen, wenn Arnſteins wieder auf dem Garten wohnen.

Eine Sündfluth von Regen; auch heute bade ich nicht. Geſtern Abend von 8 bis bald 9 ging ich, als nur eine Art Pauſe im Wetter <